— 77 S— Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gieſsen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 77 —,—— „ franz. od. engl. 2, 2„ Kach uns die Sündſlut! Roman aus Frankreichs jüngſter Vergangenheit von Max von Schlägel. 1 Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1872. II. Der Abenteurer. v. Schlägel, Nach nns die Sündflut. II. Erſtes Kapitel. Verlaſſen. „Es wäre Ihnen alſo ſchrecklich, meine Geliebte zu heißen?“ ſagte Baron Mondélion leiſe zu Louiſon, als er ſie und ihren Bruder nach Hauſe fuhr. Sie befanden ſich bereits jenſeits der Seine, die Straßen, durch welche ſie fuhren, waren ſtill und ver⸗ ödet. Nur manchmal hörte man den Geſang eines heimkehrenden Studenten. Jean Jaccard ſaß mit auf die Bruſt geſenktem Haupte und dann und wann einen tiefen Seufzer ausſtoßend in der Ecke des Wagens. Der Baron ſprach in ſcherzhaftem Ton, aber dieſer Ton gelang ihm nicht recht. Es kam Louiſon faſt vor, als ob ſeine Stimme zittere. Von der ſchlechten Beleuchtung des Quartiers drang ein matter Schimmer in den Wagen, bei dem 1* 4 man kaum die Geſichter der darin ſitzenden Perſonen von dem dunklen Hintergrunde unterſcheiden konnte. Der Baron wartete lange vergeblich auf Ant⸗ wort. Da warf die beleuchtete große Glaskugel einer Pharmacie einen grünen Schein wie von bengaliſchem Feuer in den vorbeieilenden Wagen. Wie der Blitz war die grelle Beleuchtung ver⸗ ſchwunden und das Dunkel war noch dichter als vor⸗ her, aber einen Moment hatte Louiſon die Augen des „Barons weit offen und mit der ſchmerzlichſten Ent⸗ täuſchung auf ſich gerichtet geſehen. Ehe der Baron die Blicke abwenden konnte, war ſein Antlitz in die Dunkelheit zurückgeſunken. Aber Louiſon's Stimme bebte jetzt in ihren tiefſten, ergreifendſten Tönen zu ihm herüber: „Ihre Geliebte? Nein. Schrecklich war mir nur, daß jene Leute mich ſo nannten und was ſie darun⸗ ter verſtanden.“ „Sie haben Recht; auch ich würde unter meiner Geliebten etwas Anderes verſtehen.“ „Ich weiß es.“ Louiſon zuckte zuſammen, als ſie dieſe Worte ge⸗ ſagt, ſie fühlte ihre Hand ergriffen und einen gtüban den Kuß darauf. 5 „Sie haben Recht, Louiſon!“ flüſterte es.„Sie könnten blos die Geliebte deſſen ſein, den Sie lieben.“ Jean Jaccard regte ſich. Louiſon zog ihre Hand faſt heftig aus der des Barons und drückte ſich weit im Wagen zurück. Sie hatte an ihre Mutter gedacht. „Nini!“ ſagte Jean Jaccard und ſeine Hand ſuchte im Dunkel nach der der Gefährtin. „Sobald wir an Ihrer Wohnung angelangt ſind, werde ich meinen Wagen zurückſenden, um ſie abzu⸗ holen“, ſagte Mondélion. 2 „Warum iſt ſie nicht hier?“ 1 Der Baron gerieth in Verlegenheit. „Sie war etwas erſchreckt durch Ihre Aufre⸗ gung“, ſagte er ausweigend,„und zog es daher vor, noch eine halbe Stunde in der Geſellſchaft zuzu⸗ bringen.“ Man hörte, wie Louiſon ſich raſch aufrichtete. Ihre Stimme klang faſt zornig, als ſie ſagte: „Es iſt Zeit, Jean, daß Du die Feſſeln abſtreifſt, welches jenes werthloſe Geſchöpf um Dich geſchlungen; eine Stunde unter geputzten Menſchen und glänzenden Lichtern reichte hin, um ſie die Liebe und Aufopferung von Jahren vergeſſen zu laſſen. Ich habe das Gefühl, daß ſie nicht wiederkommen wird, Jean!“ „Dann werde ich ſie holen“, rief Jean Jaccard. „Fahren Sie mich zurück—“ „Bruder!“ ſagte Louiſon tief und ernſt mit dem Ausdruck eines unwiderruflichen Entſchluſſes,„Du weißt, ich bin nicht eigenſüchtig, ich habe ohne Klage, ohne Groll mich allen Thorheiten unterworfen, Die Du für Nini begannſt. Ich that es gern, ſolange ich glaubte, daß ſie zu Deinem Glück nothwendig ſei. Wie Du hielt ich Nini blos für thöricht, nicht für ſchlecht, heute jedoch hat ſie uns öffentlich verleugnet in einer Geſellſchaft von Narren und Schurken. Es würde mir das Herz brechen, wenn ich mich von dem einzigen Menſchen, dem ich angehöre, abwenden müßte, aber ich müßte Dich verachten, Jean Jaccard, wenn Du Dich nicht von Nini losſagteſt. Wähle zwiſchen ihr und Deiner Schweſter!“ Mondélion's Herz zog ſich ſchmerzlich zuſammen. Derſelbe Mund, aus dem er ſo eben die erſten entzücken⸗ den Laute jungfräulicher Liebe vernommen, ſtellte jetzt in ſcharfen, entſchiedenen Worten dem ſchwachen Bru⸗ der die ſchmerzlichſte Alternative. Es war ihm, als ſei er ſelber um Monate älter und zögere vor einer gewaltigen Entſcheidung, und Louiſon, die ihn noch eben mit lächelndem Munde ge⸗ küßt, ſtehe mit ſtarrem Antlitz vor ihm und ſage mit 4 — 7 derſelben ſcharfen, entſchiedenen Stimme:„Wähle!“ Es kam ihm auf einmal vor, als ſei dieſes ſchöne düſtere Weſen das Unglück ſeines Lebens. Jean Jaccard hatte lange geſchwiegen, wie nie⸗ dergeſchmettert von den Worten der Schweſter, dann ſagte er leiſe und traurig: „Du haſt nie einen Mann geliebt, Schweſter— Du haſt keine Ahnung von dem Gefühl, das mich an Nini Berton kettet. Ich liebe Dich, wie nur ein Bruder ſeine Schweſter lieben kann, aber ſtelle mir nicht dieſ Wahl— nicht dieſe Wahl.“ „Du entſcheideſt Dich ſonſt für Nini Berton!“ er⸗ gänzte Louiſon ruhig.„Mag es ſo ſein, ich kann meinen Entſchluß nicht ändern.“ Jean Jaccard ſchwieg. „Ihr Bruder leidet!“ ſagte Mondélion. „Ich leide nicht weniger“, entgegnete Louiſon,„aber höher als Alles ſteht mir die Achtung vor mir ſelber. Wollte ich länger ſchweigend der Entwürdigung meines Bruders zuſehen, ſo wäre ich nicht mehr werth als Nini.“ Der Wagen hielt. Sie waren vor dem nun ge⸗ ſchloſſenen Laden des Pore Androlet angelangt. Mondélion half Louiſon beim Ausſteigen. Seine Verbeugung war gemeſſen und ernſt und er drückte die ſchmale Hand nicht, welche ſich auf die ſeine ſtützte. Die Laterne am Hauſe Androlet's beleuchtete die Geſichter der drei Perſonen. Mondélion war traurig, Louiſon finſter und entſchloſſen, Jean Jaccard wandte ſich faſt flehend an den Baron: „Ich will Sie begleiten, und wenn Sie zu Hauſe ſind, hole ich Nini ab.“ „Wenn ich das Recht habe, Ihnen einen Rath zu geben, ſo iſt es der, mit Ihrer Schweſter ſich nach Hauſe zu begeben. Sie könnten dem Grafen Agenoux wieder begegnen und das wäre nicht gut für Sie.“ „Wenn ich ihn wiedertreffe, ermorde ich ihn“, knirſchte der Student. „Ein Grund mehr, daß ich Sie bitte, von Ihrem Wunſche abzuſtehen. Durch meinen Wagen hat Fräu⸗ lein Berton Gelegenheit, in einer Stunde bei Ihnen zu ſein, und wenn ſie nicht zurückzukehren wünſcht, ſo hätten Sie wohl ſchwerlich das Herz, ſie zu nö⸗ thigen.“ „Nein, nein! Aber wo will ſie bleiben?“ Mondelion zuckte die Achſeln. Vei allem Mitleid für den Gemüthszuſtand des Studenten fühlte er doch, daß er ſich nicht weiter auf dieſe Angelegenheit ein⸗ laſſen dürfe, wenn er ſich nicht ſelbſt in den Mucgen Lauiſon's tiefer ſtellen wollte. — —— 9 Die Verbeugung, mit der er von den Geſchwiſtern Abſchied nahm, war daher etwas förmlicher als bis⸗ her, ſodaß Louiſon innerlich zuſammenzuckte. Sie ſah noch einige Sekunden dem enteilenden Wagen nach, und mit finſter gebuſchten Brauen und feſtgeſchloſſenen Lippen murmelte ſie: „Er verachtet uns und ſchlägt ſich für mich!“ Die beiden Geſchwiſter ſprachen nichts mehr mit⸗ ſammen, als ſie allein waren. Jean Jaccard legte ſich weit aus dem Fenſter der Manſarde und lauſchte auf das Geräuſch des Wagens, welcher Nini Berton zu⸗ rückbringen ſollte. Manchmal fuhr er auf und reckte ſich in die Höhe, die leiſe zitternden Fäuſte auf den Fenſterſims geſtützt. Dann ließ er ſich wieder mit einem ſchweren Seufzer auf die Brüſtung ſinken. Das Rollen des Wagens, das ihn aufgerüttelt, entfernte ſich. Louiſon hatte die Lampe angezündet und ſaß regungslos davor; ihre Augen, mit denen ſie in die Flamme ſchaute, waren ſtarr und weit offen und ihr Geſicht bewegungslos. Nur manchmal, wenn ein Wind⸗ ſtoß in den wirren Haaren des Studenten wühlte, flackerte die Flamme und ein Schimmer von Leben irrte trügeriſch über das ſtärre Antlitz des Mädchens. Dann bewegten ſich wohl auch ihre Lippen: „Er verachtet uns und ſchlägt ſich für mich!“ So ſaßen ſie, bis der Morgen emporſtieg über den Dächern von Paris und das graue neblige Licht der Dämmerung, unfähig, ſelber zu leuchten, die flackernde Flamme der Lampe matt und gelb erſchei⸗ nen ließ. Das Haupt Jean Jaccard's war vornüber geſun⸗ ken, manchmal erſchütterte ein leiſer Schauer ſeinen Körper. Louiſon ſchaute noch immer in das erblaſſende Licht, das vor ihr ſtand. „Er verachtet uns und ſchlägt ſich für mich!“ Ein kühler Windſtoß drang durch das Fenſter, die Lampe erloſch qualmend. Jean Jaccard fuhr auf. Mit wirrem Zlick ſah er um ſich. Dann malte ſich in ſeinsn Zügen ver⸗ zweifelte Angſt. „Sie kommt nicht!“ Die Angſt wechſelte mit einer wilden Energie. Er wandte ſich zur Thür. Da ſtand ſeine Schweſter auf und trat vor ihn hin. Der Student blieb ſtehen und ſchlug die Augen nieder vor dem Blick der Schweſter. „Es iſt thöricht, ein unwürdiges Weib zu lieben, aber es iſt verächtlich, ſich ihm aufzudrängen.“ 11 „Nini liebt mich, wenn auch auf ihre Weiſe— es kann ihr ein Unfall zugeſtoßen ſein—“ Louiſon ſchüttelte mit einem bittern Lächeln den Kopf und ſagte ſanfter: „Bleib’, Jean! Ich habe Nini ſeit geſtern beobach⸗ tet— Du fändeſt ſie höchſtens als die Geliebte eines Andern.“ Lange lauſchte Jean Jaccard, als klinge das, was er höre, an das Ohr eines Tauben. Er ſah Nini in Longchamps, er erinnerte ſich jedes Lächelns, jeder Geberde von geſtern, über ſein Geſicht zuckte es, ſeine Lippen bebten und mit krampfhaftem Schluchzen ſank er an die Bruſt der Schweſter. Auch Louiſon's Züge wurden weicher. Sie ſchlang die Arme um des Bruders Nacken und flüſterte: „Armer Bruder! Ich bin ſo elend wie Du!“ Zweites Kapitel. Jules Bandean. Die Treppe ächzte unter dem Tritt mehrerer Män⸗ ner. Man pochte. Die Geſchwiſter erhoben die blaſſen Geſichter erwartungsvoll nach der Thür. In Jean's Augen leuchtete ein ſchwacher Hoffnungsſchimmer. Zwei junge Leute traten ein. Der eine war ein ſchmächtiger, ſchwarzhaariger Burſche mit liederlichem Studentenanzug, ein cyniſches Lächeln auf dem bleichen, frivolen Geſicht, der andere ein derber, unterſetzter Blouſenmann mit rohen Zügen und plumpen Geber⸗ den. Das unliebenswürdige Ausſehen des letztern wurde noch erhöht durch die kurz geſchorenen feuer⸗ rothen Haare, welche borſtig rings von dem run⸗ den Schädel abſtanden und die gewaltigen Ohren in ihrer ganzen Größe ſehen ließen. Die Stirn war 13 kurz und breit und trat mit ihrem untern Theil weit über die kleinen, aber verſtändigen Augen vor, dicke Lippen mit einem ſtarken röthlichen, gleich den Haaren kurzgeſchorenen Schnurrbart und eine breite Naſe mit gewaltigen Nüſtern vervollſtändigten die nichts weniger als einnehmende Erſcheinung des jun⸗ gen Menſchen. Der Abſcheu, mit dem Jean Jaccard bei ſeinem Anblick zurückprallte, konnte jedoch unmöglich dieſen Aeußerlichkeiten allein gelten. „Jules Bandeau!“ Der rothhaarige Blouſenmann blieb ſcheinbar gleich⸗ gültig beim Anblick des Widerwillens, der ſich auf dem Geſichte Jean Jaccard's und ſeiner Schweſter aus⸗ drückte. Er erhob die mit dichten Sommerſproſſen be⸗ deckte Hand bis zur Höhe der Bruſt und brachte ſie dann mit einer Bewegung, die ihm ſehr geläufig ſchien, langſam von rechts nach links. Jean Jaccard erſchrak und ſchaute den Blouſen⸗ mann einen Augenblick überraſcht an. Dann wandte er ſich an ſeine Schweſter: „Sei ſo freundlich, Louiſon, uns einige Zeit allein zu laſſen. Reymond und Jules Bandeau haben mit mir zu reden.“ 4 Louiſon betrachtete der Reihe nach die drei ſchweig⸗ 14 ſamen jungen Leute. Dann nahm ſie ihr dürftiges Tuch um die Schultern und ſetzte ihr Hütchen auf. Reymond, deſſen Bewegungen trotz ſeines lieder⸗ lichen Ausſehens nicht ohne Eleganz waren, ſprang hinzu, um ihr zu helfen. Louiſon konnte ſich nicht enthalten, leiſe zu fragen: „Was will Jules Bandeau bei uns?“ Reymond ſenkte ſchweigend das Haupt. „Wir haben Jeanneton geſehen!“ fuhr Louiſon nach einer Pauſe fort. Ein flüchtiges Roth ſtieg in die abgelebten Wan⸗ gen des Studenten, er erhob die müden, halbgeſchloſſe⸗ nen Augenlider mit vaguer Neugier. „So? Sah ſie gut aus?“ „Sie hatte reiche Kleider und rothe Wangen und glänzende Augen, aber dennoch glaube ich, daß ſie ſehr elend iſt.“ Reymond ſchüttelte den Kopf, als ob das eine ganz lächerliche Ungereimtheit ſei. „Bah! Wer täglich Auſtern eſſen und Bordeaux trinken kann, iſt nie elend.“ Louiſon ſah faſt erſchreckt auf den Studenten. „Und das höre ich von Euch, Reymond, dem Schwärmer, dem Dichter?“ Reymond fuhr ſich mit der zarten Hand über die — — ———— 15 Stirn, als wecke Louiſon eine Menge läſtiger Ge⸗ danken in ihm auf. „Laßt das, Louiſon! Ich habe die ſentimentalen Albernheiten abgethan— ſie ſind eine Krankheit, die jeder einmal durchmachen muß. Macht's wie ich, Louiſon, lebt Euch ſo angenehm als möglich zu Tode, das iſt das Geſcheidteſte. Ich will Euch Compagnie halten, wenn Ihr wollt.“ Louiſon zürnte nicht, ſie ſchüttelte nur ſtaunend über das, was ſie hörte, den Kopf. „Euer Geiſt befindet ſich in einer traurigen Ver⸗ irrung, Reymond!“ Der Student lachte. „Geiſt— Verirrung! Ihr ſprecht wie ein Mitglied des Inſtituts, Louiſon Jaccard. Das, was Ihr Geiſt nennt, iſt nur eine häßliche Warze des Gehirns, aber groß genug, um die Natur auf den Kopf zu ſtellen. Ich kannte einen ganz trockenen, nüchternen Kerl, wel⸗ cher, ſeit er im Quartier latin wohnte, nichts that als eſſen, trinken und, rittlings auf einem Rohrſtuhl des Cafés ſitzend, den Mädchen nachſtarren mit ſeinen ſtie⸗ ren, gläſernen Augen. Nie hörte ich von ihm eine andere geiſtvolle Bemerkung, als daß er ſich eine Por⸗ tion Fleiſch oder Getränke beſtellte, oder ſich nach der oder jener Frau erkundigte, die vorüberging. Es war 16 ein Bauernjunge aus der Bretagne und ſollte Theolo⸗ gie ſtudiren. Er kam nie dazu, denn eine Gehirn⸗ krankheit, die Folge ſeines Lebens, machte ihm den Garaus. Während der Phantaſien ſeiner Krankheit improviſirte der blöde gefräßige Burſche die ſchönſten Gedichte in bretagniſcher Mundart. Fragt Euern Bru⸗ der Jean, der kannte ihn. Ich habe das poetiſche Fieber hinter mir, und wenn dieſe Canaillen von Men⸗ ſchen nicht die tolle Einrichtung getroffen hätten, daß man einen reichen Vater gehabt haben oder ſich zuerſt halb todt arbeiten muß, um angenehm zu leben, ſo würde ich alle meine Tage in vollkommener Zufrieden⸗ heit in der Cremerie St.⸗Jacob und der Braſſerie de la Fontaine Racine zubringen.“ Louiſon, im Begriff zu gehen, ſah nachdenklich zu Boden. „Und doch hörte ich Euch vor wenigen Tagen noch begeiſterte Worte ſprechen von Freiheit und Gleich⸗ heit. Wenn Ihr wirklich ſo materiell dächtet, wie Ihr redet—— „Ich denke ſo“, ſagte Reymond leiſer,„aber ich weiß auch, daß ich keinen Hund unter dem Ofen her⸗ vorlocken würde, wenn ich Jedem ins Geſicht ſagen würde: Du biſt eine Canaille und ich bin eine Ca⸗ naille, wir ſind beide erbärmliche Tröpfe, die genießen 17 möchten, ohne zu arbeiten, und deshalb wollen wir uns zuſammenthun, um einer dritten Canaille, die mehr hat als wir, das Ihrige zu nehmen und gut davon zu leben. Nachdem wir ſo lange auf uns herumtreten ließen, wollen wir einmal auf den Köpfen der Geſell⸗ ſchaft Cancan tanzen. Wenn ich ſo ſagen würde, Louiſon Jaccard, die moraliſirende Canaille würde es nicht hören wollen; die meiſten Schurken ſind ſchwachköpfig genug, vor ſich und Andern ſich für ausgezeichnete Kerle auszugeben. Und am Ende, was iſt gut und ſchlecht? Wenn er ſo eine hübſche dröhnende Phraſe hört, bläht ſich jeder Hundedieb zum Helden Achilles auf. Sobald wir ſie nur erſt drinnen haben in dem großen Durcheinander— wenn einmal die neue Dreh⸗ kanone unſeres großen Kaiſers zwiſchen ſeine lieben Pariſer kracht, wenn ſie nur die Wahl haben, ge⸗ ſpießt von den Prätorianern oder niederkartätſcht zu werden aus einer Haußmann'ſchen Kaſerne, dann wird ſie ſchon Courage kriegen, die gute Canaille, und wiſſen, was ſie will.“ Reymond hatte den Kopf zurückgeworfen, ſeine frühverwelkten Wangen glühten, ſeine beiden Mund⸗ winkel waren tief herabgezogen und ſeine Augen leuch⸗ teten, als wolle er die Stube in Brand ſtecken, in der ſie ſich befanden. Louiſon reichte ihm die Hand. v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. II. 2 18 „Wenn Ihr das Alles glaubt, was Ihr da ſagt, Rey⸗ mond, ſo hat Jeanneton einen Mord an Euch be⸗ gangen.“ Reymond ſchaute ſinnend vor ſich nieder und ver⸗ gaß Louiſon's Gruß zu erwidern. Er ſtand noch, als ſich ſchon die Thür hinter ihr geſchloſſen, dann lachte er heiſer in ſich hinein und wandte ſich um. Zwiſchen Jean Jaccard und Jules Bandeau hatte inzwiſchen folgende Unterhaltung ſtattgefunden: „Ihr macht mir das Zeichen des Meiſters, Jules Bandeau, und die Geſetze des Bundes zwingen mich daher zu unbedingter Unterwerfung. Ihr begreift, daß Ihr ohne das nicht hättet wagen dürfen, über meine Schwelle zu kommen.“ Jean Jaccard hatte mit leiſer, zornbebender Stimme geſprochen. Jules Bandeau blieb ruhig, faſt gleichgültig. „Ich begreife“, ſagte er.„Der Teufel gibt einem einzigen Wort oft eine Tragweite, daß Entſchuldigung oder Reue ſich wie Hohn dagegen ausnimmt. Doch hätt' ich als Junge Euch nicht für einen angehenden Afterariſtokraten gehalten, von allen die ſchlimmſten, ich hätte Euch damals in Ruhe gelaſſen. Es hat mir eitdem oft zu ſchaffen gemacht, was daraus entſtanden. Doch gleichviel, Ihr braucht mich darum nicht weniger 19 zu haſſen, und wenn unſer Bund und jeder von uns beiden einmal ſeine Schuldigkeit gethan hat, ſo dürft Ihr mir, wenn's Euch beliebt und wenn Ihr ſtärker ſeid als ich, den Schädel einſchlagen, als hätten wir uns niemals gegenübergeſtanden als Meiſter und Geſelle.“ „So ſei es!“ ſagte Jean Jaccard erregt, wies auf einen Stuhl und ſetzte ſich ſelber.„Und nun ſagt mir, was Euch zu mir führt, aber raſch, denn Ihr begreift, daß die Anweſenheit Jules Bandeau's in dieſem Zim⸗ mer die Luft nicht beſſer macht.“ Jules Bandeau's Geſicht gehörte nicht zu jenen beweglichen Phyſiognomien, auf denen ſich die innere Bewegung leicht abſpiegelt, dennoch zuckte es über ſeine plumpen Züge wie Schmerz und ſeine gewöhnlich roſtbraune Farbe wurde grau. Es koſtete ihm auch Mühe zu ſprechen, ſeine Rede ſtockte mehrmals und kam erſt nach und nach in den rechten Fluß. „Ich werde Euch nicht lange läſtig fallen mit meiner Anweſenheit, Jean Jaccard— ich will mich ſo kurz als möglich faſſen. Ihr wißt, daß der Bund, dem wir angehören, täglich an. Ausdehnung gewinnt, ein erfreuliches Zeichen, daß die Unzufriedenheit mit den unwürdigen und unvernünftigen Zuſtänden, in denen 9 20 wir uns befinden, zunimmt. Leider aber nimmt mit der Verallgemeinung des Bundes auch eine gewiſſe Sentimentalität und Aengſtlichkeit überhand, welche in jeder Sitzung ein anderes Statut einführt, um den wahren energiſchen Freunden der Freiheit die Hände zu binden. Werdet nicht ungeduldig, Jean Jaccard! Ihr wißt das ſo gut wie ich, aber ich muß es der Vollſtändigkeit halber vorausſchicken. Erſt in einer der letzten Sitzungen hat man den politiſchen Mord verdammt und den bewaffneten Aufſtand nur in den äußerſten Fällen, wenn alle friedlichen Mittel erſchöpft ſind, für zuläſſig erklärt. Section Belleville und La Vilette waren dagegen, aber ſie ſind überſtimmt wor⸗ den durch die andern Sectionen und die des Quartier latin. Ein ſolcher Beſchluß heißt unſerm Bund die Spitze abbrechen und ihn zu einem Werkzeug der Ty⸗ rannei machen.“— Jules Bandeau ſchwieg einen Augenblick. Jean Jaccard hatte aufmerkſam zugehört und ein paarmal zerſtreut mit dem Kopfe genickt. „Betreffs des zweiten Punktes ſprach ich in der Sectionsſetzung ganz in Eurem Sinne; gegen den politiſchen Meuchelmord habe auch ich geſtimmt.“ Jules Bandeau ſchüttelte ärgerlich den borſtigen Kopf.— 8 3 21 „Sonderbar! Während dieſe corſiſchen Diebe uns in Cayenne und Lambeſſa umkommen laſſen ohne jedes Urtheil, während Tauſende in den Zellen von Mazas und St.⸗Pélagie vergeblich ihren Proceß erwartend ſtarben, während man am zweiten December durch betrunkene Soldaten unſere Väter, Mütter und Schweſtern niederſchießen ließ, haben wir eine zarte Scheu vor dem Meuchelmord. Ich ſage Euch, wir würden die Beſtien, die uns plündern und nach Gutdünken ſchinden und ermorden, ebenſo freudig über den Haufen ſchießen wie irgend ein anderes Raubthier, wenn wir nicht zu feig dazu wären. Ja, wir ſind feig, Jean Jaccard, ſonſt hätten wir uns jenes blutigen Charlatans längſt entledigt.“ Jean Jaccard nickte mit dem Kopfe. „Ihr habt Recht, Jules Bandeau—“ „Wenn ich Recht habe, warum ſtimmtet auch Ihr für jenen Beſchluß? Man ſagte mir, Eure Stimme gelte viel in der Section des lateiniſchen Viertels.“ Jean Jaccard lächelte mit einem ſeltſamen Lächeln. „Ich war glücklich, Jules Bandeau, und darum hatte ich ein Recht, feig zu ſein.“ „Und Ihr ſeid es nicht mehr?“ — 22 „Heute würde ich für eine luſtige Jagd auf die Wölfe ſtimmen, welche unſer armes Frankreich zerflei⸗ ſchen, und gäbe es keine andere Waffe, mit Gift und Dolch.“ Jules Bandeau ſtand freudig auf und legte ſeine breite Hand auf Jaccard's Schulter. „Seid der Unſere! Entſchloſſene Männer von Belleville und La Vilette haben ſich zuſammengethan, um einen beſondern Bund zu bilden, den Bund der Henker, wie wir uns ohne alle Schönrednerei heißen. Wir brauchen in jeder Section höchſtens drei Mann, aber dieſe drei müſſen ſich mit dem Gedanken vertraut machen, möglicherweiſe unter der Gulllotine zu enden. Reymond, der erſte, der uns beigetreten, hat Euch empfohlen als ein Herz von Feuer und eine Hand von Stahl— Ihr ſeid Arzt und könnt uns nützen— wollt Ihr Euch ganz und iahallalds der gerechten Sache weihen?“ Reymond hatte, ſeit Louiſon gegangen, ſich auf die Ecke von Jaccard's Studirtiſch geſetzt und mit den Füßen ſchlenkernd zugehört. Jetzt trat er vor. „Du mußt den Schwindel mitmachen, Jean; ich habe mich ganz entſetzlich gelangweilt, bevor ich den Schwur abgelegt, die ganze Familie Bonaparte umzu⸗ bringen. Ich habe mir aber auch Monſieur Duſautoy, 23 den kaiſerlichen Leibſchneider, ausbedungen, welcher mir, als ich noch Geld hatte, ganz unverſchämt borgte und mich, ſeit ich arm bin, allwöchentlich auspfänden läßt. Jetzt gieße ich Revolverkugeln, ſchleife Dolche und ſtelle mir vor, was Herr Duſautoy für Sprünge machen wird, wenn ich ihm mit meinem Arſenal auf den Leib rücke. Auch den Inhaber der Braſſerie in der Rue Allemande, der mir nichts mehr verabfogt, hatte ich notirt, der Kerl iſt aber unverſchämt genug, ſich Republikaner zu heißen— ich wette, er iſt ein Mou⸗ chard— ich überwache ihn daher aufs genaueſte. Du mußt der Geſellſchaft beitreten, Jean, es iſt zum Todtlachen. Das netteſte Contingent hat Belleville geliefert, neben unſerem dickköpfigen Mechaniker Jules Bandeau noch den Vater Roberto, den ich immer für verrückt hielt, der aber durch die Ausſicht, Louis Bo⸗ naparte auf einem Scheiterhaufen von Zeitungspapier verbrennen zu dürfen, ganz vernünftig geworden iſt; dann einen Kerl aus dem Süden, den ehemaligen Koch eines kleinen Reſtaurants, welcher behauptet, zur Blut⸗ rache an den Napoleoniden verpflichtet zu ſein, weil er eimal dem armen Victor Noir ein rohes Beefſteak zu⸗ bereitet habe. Aber die Narren ſind uns Narren eben recht, denn ein vernünftiger Menſch will doch nicht um jeden Preis gutlllotinirt ſein.“ 24 Während Jules Bandeau ziemlich gleichgültig das Geſchwätz des Studenten anhörte, runzelte Jean Jac⸗ card die Stirn. „Zu einem Poſſenſpiel gebe ich mich nicht her, Reymond.“ „Laßt ihn reden, Jules Jaccard“, entgegnete Ban⸗ deau;„ſein Herz iſt mehr werth als ſeine Zunge; er wird auch mit einem Scherz die Bombe werfen, wenn der Zeitpunkt gekommen iſt, und mit einer Zote die Guillotine beſteigen.“ „Gleich jenem royaliſtiſchen Dichter, dem unſere frommen Väter, die Jakobiner, die Poeſie ſammt dem Kopfe abſchlugen, würde ich ausrufen: Und dennoch hatte ich etwas hier!“ Statt aber nach der Stirn zu deuten, wie Ché⸗ nier, den er citirte, machte Reymond eine ſehr unan⸗ ſtändige Bewegung nach rückwärts. Jean Jaccard wendete ſich geekelt ab. „Habt Ihr im Quartier latin ſchon Euren drit⸗ ten Henker gefunden? Ihr ſagtet doch, die Zahl in jeder Section ſei drei.“ „Nein.“ „So empfehle ich Euch Paul Mervin, den Erfin⸗ der. Reymond kennt ihn, er wohnt im Souterrain dieſes Hauſes gegen den Hof hinaus. Um ſeine Er⸗ 25 ſtickungsbombe zu probiren, würde er mit Wonne No⸗ tredame in die Luft ſprengen.“ Reymond ſchüttelte den Kopf. „Paul Mervin iſt verrückter, als ſelbſt wir ihn brauchen können.“ „Aber ſein Gehirn iſt ſo fruchtbar an Abſcheuli⸗ chem, daß ich mich manchmal vor ihm entſetzte; er hat Methode in ſeinem Wahnſinn und iſt mir unbedingt ergeben. Sagt ihm, ich ſchicke Euch, laßt Euch von ſeinen Erfindungen erzählen und verſprecht ihm, daß er ſie gegen den Kaiſer ſelber anwenden dürfe, und er iſt mit Leib und Seele der Eure.“ Jules Bandeau ſtand auf. „Gut, wir zählen auf Euch, Jean Jaccard, bei unſerer morgigen Zuſammenkunft. „Wo?“ „Bei dem Weinhändler Beaupas an der Ecke der Chauſſée d'Antin und Rue du Faubourg St.⸗Honoré; Quartier latin und die Arbeiterviertel ſind zu ſehr überwacht gegenwärtig, wir mußten eine anſtändige Straße wählen.“ „Beaupas? Beaupas 8* Ein kleiner drolliger Kauz mit engliſchem Cylinder, ſpitzem Geſicht und albernen Manieren?“ 4 „In ſeinem Laden trägt er ein Lederkäppchen; es 26 wird aber wohl derſelbe ſein— er iſt ein Freund des Pere Roberto, der für ihn bürgt.“ „Père Roberto! Es iſt derſelbe! Gehört der Weinhändler zu Euch? Er ſcheint mir ziemlich unzu⸗ verläſſig; vorgeſtern ſchwärmte er für einen Baron, weil er deſſen Reitknecht kennt, die Mouchards prü⸗ gelten ihn und da wurde er Orleaniſt, an demſelben Tage noch Republikaner, wie es ſcheint.“ Jules Baudeau verzog ſeine breiten Lippen auf eine Art, welche zeigte, daß mehr Witz und Menſchen⸗ kenntniß hinter dem plumpen Geſicht ſteckte, als man ihm auf den erſten Augenblick zutraute. „Ich ſah den Mann ſelbſt. Er iſt einer der ſicherſten. Er war ſo lange nichts, daß ihm ganz wohl iſt, einmal Verſchwörer zu ſein.“ „Aber er wird ſich auf irgend eine Weiſe damit brüſten wollen und darin liegt die Gefahr“, meinte Reymond. Jules Bandeau ſchüttelte den Kopf. „Wir haben ihm mitgetheilt, daß die Geſetze des neuen Bundes ſelbſt den Verrath aus Unvorſicht mit dem Tode beſtrafen. Das wird ihn ſtumm machen. Und glücklicherweiſe iſt er in ſeinem ganzen Viertel ſo ſehr als Renommiſt bekannt, daß man ihm nicht glau⸗ ben würde, auch wenn er plauderte. Zudem hat er 27 eine blinde Ergebenheit für Vater Roberto, der unter uns das närriſche Weſen ganz ablegt, unter deſſen Schutz er in der Oeffentlichkeit für uns arbeitet.— Alſo Ihr kommt? Um elf Uhr iſt die Verſamm⸗ lungsſtunde. Ihr legt Beaupas die rechte Hand auf die linke Schulter und verlangt ein Glas Wein. Nach⸗ dem Ihr es getrunken, geht Ihr fort, ſtatt aber durch die Hausthür zu gehen, wendet Ihr Euch links nach dem Keller, das Uebrige wird Pere Beaupas beſorgen. Sollten wir uns zufällig treffen, wir kennen uns nicht.“ 4 8 Jules Bandeau ging. Reymond blieb einen Au⸗ genblick ſtehen und ſah Jean Jaccard mit einem Ge⸗ ſichte an, in dem Spott und Trauer ganz ſonderbar um die Herrſchaft kämpften. „Verzeihe!“ ſagte er.„Ich hätte Dich eigentlich von dieſem Hexenkeſſel von Recht und Verbrechen, von Narrethei und geſundem Menſchenverſtande fernhalten ſollen. Wenn ich es nicht that, ſo geſchah es aus dem Grunde, um einen vernünftigen Menſchen in meiner Nähe zu wiſſen. Jetzt reut es mich. Wenn Dich ein Unfall träfe bei dem blutigen Poſſenſpiel, ich könnte mir's nicht vergeben. Du biſt glücklich, Du verlierſt mehr als ich.“ 8 Kein Zug von Frivolität lag mehr in dem Ge⸗ 28 ſichte des Studenten und ſeine Augen ruhten melan⸗ choliſch auf dem Freunde. „Sei unbeſorgt!“ ſagte Jean Jaccard.„Ich bin elender als Du, denn ich habe nicht einmal Deinen Witz, um des eigenen Elendes zu ſpotten. Euer Bund, ſo toll er ſein mag, kommt mir eben recht, das zer⸗ brochene Spielzeug zu erſetzen, an das ich großes Kind mein ganzes Herz gehängt.“ „Was ſagſt Du? Auch Nini?“ Jean Jaccard zuckte die Achſeln. „Denkt unzweifelhaft in den Armen irgend eines Ariſtokraten über die koſtbare Zeit nach, die ſie in der Manſarde Jean Jaccard's verloren.“ Reymond ſah zu Boden und trommelte mit dem Fuße. „Auch Nini! Hm! Das iſt drollig, ſehr drollig!“ Und je öfter ſich Reymond ſagte, es ſei drollig, deſto unwiderſtehlicher wurde ſeine Heiterkeit, bis er endlich dem Freunde mit lautem Lachen um den Hals fiel.„Es iſt zum Todtlachen! Ueberall dieſelben Nar⸗ ren! Gräme Dich nicht, Jaccard! Die Mädchen ſind tauſendmal geſcheidter als wir. Sie verlaſſen uns, weil ſie anderswo beſſer zu eſſen bekommen, und wir wollen Bonaparte den Hals abſchneiden, weil ſie uns verlaſſen. Es iſt zum Todtlachen!“ Noch auf der Treppe lachte Reymond. Er lachte dem dicken Androlet ins Geſicht, der an der Hinter⸗ thür ſeines Ladens ſtand und noch immer dem ſelt⸗ ſamen Blouſenmann nachſah, welcher in der Wohnung Paul Mervin's verſchwand. Reymond lachte noch, als er ſich dem ſtieren Blick des Erfinders gegenüber befand. Drittes Kapitel. Der Lord und die Miß. Louiſon war auf die Straße gegangen mit dem unbeſtimmten Gefühl, daß ſie etwas vorhabe, ohne eigentlich zu wiſſen was. Wie mit brennenden Buch⸗ ſtaben ſtand es immer wieder vor ihrer ſtolzen Seele, daß René Mondeélion ſie verachte und ſich dennoch für ſie ſchlagen wolle. Wirre Gedanken ſchoſſen ihr durch den Kopf; bald kam es ihr vor, als ob ſie zu ihm müſſe, ihn um den Grund ſeines ſeltſamen Abſchiedes zu befragen, dann wieder war ihr, als ob ſie eher ſterben, als ihm nochmals unter die Augen treten könne. Und dennoch, er wollte ſich ja ihretwegen ſchlagen! Wenn ihm ein Unfall widerfuhr, wenn er getödtet wurde! Louiſon wurde bleich und ihr Schritt und Athem ſtockten, als ſie daran dachte. Ihr Stolz war gebro⸗ 31 chen. Und ſelbſt wenn er am Leben blieb, er ver— achtete ſie wohl nur um ihres Bruders und um Nini's willen und darum, daß ſie ſo lange das unwürdige Verhältniß geduldet. Gleichviel, er hatte ſich, kaum daß eine flüchtige Neigung in ſeinem Herzen aufgekommen, mit Ekel von der unſaubern Sippe gewendet und über ſich ſelber gelächelt. Es iſt ſchrecklich, einem Menſchen verpflichtet zu ſein, der uns verachtet. Louiſon ſtand ſchaudernd ſtill. Vielleicht ver⸗ achtete er ſie auch um ihrer Mutter willen. Mit raſchen Schritten eilte ſie dann dahin. Ein paar Thränen, die erſtarrt ſchienen, wie ihr Geſicht, ſtanden in ihren Augen. Sie wollte ja nichts von ihm, keine Liebe, nicht den flüchtigſten Gedanken, nur ſollte er ſie nicht verachten, dazu hatte er kein Recht. Louiſon gedachte des ſtrengen Blicks, des kalten, gemeſſenen Abſchieds, als Jean Jaccard der Einſiedle⸗ rin in der Faubourg St.⸗Honoré ſeine ſittlichen An⸗ ſchauungen ins Geſicht warf. Sie hätte am andern Tage nicht zu Stanowsky gehen ſollen! Sie wäre auch nicht gegangen, wenn Mondélion nicht faſt ge⸗ fleht hätte, als er ſie abzuholen kam. Aber dann hätte ſie der Engländerin nicht jene heftige Antwort geben ſollen. Die Engländerin! Louiſon ſtockte. Die konnte 32 vielleicht helfen. Der Lord hatte ja eigentlich nichts verlangt, als daß ſie der Miß abbitte. Wenn ſie es that, vielleicht ſchlug ſich der Lord nicht! Sie wollte zu ihr. Aber wo wohnte ſie? Louiſon hatte ſich bei der Erregung des Abends nicht einmal ihren Namen gemerkt. Aber ſie wußte den des Lords, ſie wußte, daß er Mitglied des Jockeyclubs ſei, alſo mußte der Portier dieſer Geſellſchaft ſeine Wohnung wiſſen. Der Lord konnte ihr gewiß die Wohnung ſeiner Geliebten ſagen. Jean hatte ihr einmal das Palais des Jockey⸗ elubs als eine der luxuriöſeſten Höhlen der Ariſto⸗ kratie gezeigt. Es lag auf dem Boulevard der Ita⸗ liener— dorthin wendete ſie ihre Schritte. Die Studenten gingen eben zu den Hörſälen. Viele, vorzüglich die Mediciner, kannten ſie. Sie grüß⸗ ten freundlich und achtungsvoll. Louiſon's Stimmung wurde weicher, die beiden ſtarren Thränen löſten ſich und rannen langſam über ihre Wangen herab. Sie kam über den Pont des Arts, welcher zwiſchen dem Louvre und dem Inſtitut de France über die Seine führt... Graue Dünſte lagen noch in einiger Entfernung von der Brücke über dem Waſſer und man ſah die zunächſtliegenden Brücken nur wie durch einen Schleier. - 33 Sie ging ein Stück an der Seine hin und über den Carrouſelplatz in den Tuilerien. Die Centgarden zogen eben auf Wache, eine Menge Gaffer umdrängte ſie. Am Thor des Tulleriengar⸗ tens ſtand ein Turco. Als ſie vorüberging, warf der kaffeebraune Jüng⸗ ling Louiſon eine Kußhand zu. Louiſon bemerkte es nicht; einige Gamins riefen ihr nach, daß Monſieur Abdallah ſie zu ſprechen wünſche. Der Turco grinſte. Louiſon ging ſchneller. Einige Elegants, welche früh aufgeſtanden waren, gingen an ihr vorüber und faßten ſie ſcharf ins Auge und der eine ließ einen ziſchenden Laut vernehmen. Louiſon eilte weiter, die Clegants ſchauten ihr lachend nach. Sonſt hatte Louiſon Aehnliches nicht bemerkt oder nicht lange darüber nachgedacht. Heute kam es ihr vor, als ob alle Welt ſie verachte. Sie ging durch die Rue de la Paix und ſtand endlich vor dem impoſanten Hotel des Jockeyclubs. Wenn Mondélion oder Stanowsky ihr begegnete! Es war jedoch noch früh am Tage, die elegante Welt ward erſt um eilf Uhr ſichtbar, das beruhigte ſie. Raſch entſchloſſen trat ſie in den Vorraum des Hotels. Verſchiedene Inſchriften über den Thüren wieſen den v. Schlägel, Nach nns die Sündflut. II 3 34 Weg zu den verſchiedenen Bedienſteten des Hauſes, eine breite Marmortreppe führte zu den Geſellſchafts⸗ räumen. Alles hier unten war zu dieſer Stunde todt und ernſt und kühl. Auf einer der Thüren ſtand mit goldenen Lettern geſchrieben: Wohnung des Portiers. Louiſon näherte ſich dieſer Thüre und pochte. Nur ein ſehr vernehmliches Schnarchen antwor⸗ tete ihr. Louiſon pochte noch einmal. Das Kniſtern eines weichen Lehnſtuhls ließ ſich vernehmen, dann das Aechzen eines Erwachenden und endlich ſtand mit ſchlaftrunkenen Augen, aber ſervilem Lächeln der in weiße Strümpfe, Hellblau und Silber gekleidete Pförtner vor ihr. Beim Anblick einer Dame wurde ſein von einer ſchwarzen Perrücke umrahmtes Angeſicht, weiß und glatt wie ein vierzigmal gewaſchener Glacéhandſchuh, noch glätter und auf den polirten Wangen erſchien ein leichtes Roſenroth. „Womit kann ich dienen, verehrungswürdiges Fräulein?“ Ein unwillkürlicher Schauer ließ Louiſon einige Schritte zurücktreten. — 35 „Ich wünſchte die Wohnung des Lord Watkins zu wiſſen.“ „Des Lord Watkins? Ja, die kann ich Ihnen ganz genau ſagen. Doch nein, ich erinnere mich nicht mehr der Nummer. Wollen Sie nicht eintreten, mein Fräulein?“ Die kalten gläſernen Augen des Domeſtiken glit⸗ ten über das junge Mädchen hin und hatten in einem Augenblick die kleinſte Einzelheit ihres ärmlichen An⸗ zugs erſpäht. Das Lächeln des Portiers ward dreiſter, ſo guter Franzoſe er war, er ſuchte die engliſche Be⸗ tonung des Franzöſiſchen nachzuahmen. „Ich danke Ihnen, mein Herr. Ich werde Ihren Beſcheid hier erwarten.“ „Wie Sie wollen, meine Schöne!“ entgegnete der Thürſteher etwas beleidigt und verſchwand. Nach kurzer Zeit kam er wieder. „Seine Lordſchaft wohnen Avenue Courſeuil drei⸗ zehn, ganz nahe an den Elyſeiſchen Feldern. Er hat das Hotel für zehn Jahre gemiethet und hält ſich um dieſe Zeit gewöhnlich im Garten auf. Jawohl, Sie wer⸗ den Seine Lordſchaft jetzt im Garten treffen. Sagen Sie dem Concierge nur, ich hätte Ihnen geſagt, Seine Lordſchaft wären im Garten.“ „Ich danke Ihnen.“ 36 Louiſon wollte gehen. Der Portier trat ihr in den Weg. „Wenn Sie noch andere Adreſſen zu wiſſen wün⸗ ſchen außer der des Lords, meine Schöne, da iſt zum Beiſpiel der Herzog von Beaufort. Sie brauchen blos zu ſagen, daß ich Sie ſchicke, wohnt—“ Louiſon wurde dunkelroth im Geſichte und ſuchte an dem Portier vorbeizukommen. „Ich habe blos die eine Adreſſe nöthig, ich danke Ihnen“, ſagte ſie mit großer Beſtimmtheit. „Seine Herrlichkeit der Herr Herzog ſind ein ſehr galanter und edelmüthiger Cavalier; ſchon manche junge Dame war mir dankbar.“ Der Portier ſuchte Louiſon mit ſeiner weißen ab⸗ geſtorbenen Hand unterm Kinn zu faſſen. Sie richtete ſich hoch auf und heftete ihre dunklen Augen voller Glut auf ihn. „Elender!“ Der hellblaue Thürſteher prallte zurück, Louiſon ſchritt raſch durch das Thor. Auf der Straße angelangt, hatte ſie Mühe, die Thränen des Zorns und der Scham zurückzuhalten, die ſich ihr in die Augen drängten. „Es iſt erbärmlich“, knirſchte ſie;„weil mein Körper nicht mit bunten koſtbaren Lappen be⸗ —— ä 37 hängt iſt, glaubt jeder Elende mich beleidigen zu dürfen!“ Louiſon wendete ſich nach der Avenue Courſeuil und Nummer dreizehn. Hier hatte ihr Stolz vorerſt keine neue Probe zu beſtehen. Ein verunglückter Jockey, dem Lord Watkins die Wache über ſeine Perſon und ſein Eigen⸗ thum anvertraut hatte und der ſeinen Dienſt mit um ſo größerem Ernſte verſah, je weniger er durch ſeine Kenntniß der franzöſiſchen Sprache auf die Zerſtreu⸗ ungen des modernen Babel aufmerkſam gemacht wurde, kam hinkend an die Thür und glotzte Louiſon mit hinaufgezogenen Augenbrauen ins Geſicht, trotzdem er ſchon lange ihren Wunſch vernommen. Da ertönte aus den obern Räumen des Hauſes ein piſtolenſchuß⸗ ähnlicher Knall, der Portier verſchwand mit einer Raſch⸗ heit, die man ihm nicht zugetraut hätte, und Louiſon ſtand mit tiefem Schrecken vor ihrem eigenen Entſchluß. Seine Lordſchaft nahmen eben in Geſellſchaft von Miß Pinkerton ein ſehr reichhaltiges Frühſtück ein, beſtehend aus Thee, Butterbrod, Schinken, Poulard, kaltem Hummer, Porter, Pale⸗Ale, und ein paar Flaſchen Moët, welche ihre grünen Schellackhäupter aus den Eiskübeln neben dem Kamin hervorſtreckten, ſchie⸗ nen anzudeuten, daß man auch manchmal den flüchti⸗ gern Genüſſen Frankreichs huldige. — k —mõmÿõÿõÿõÿõÿõÿõ õõõÿõÿäõ“ — 38 Nach dem Genuß der zweiten Schnitte kalten Roſt⸗ beefs hatte Miß Pinkerton einen unwiderſtehlichen Drang in ſich gefühlt, dem Feuer ihrer Seele in dem hübſchen Liede„Il bacio“ Flügel zu verleihen, ſie ſang, ſo gut man eben ohne Stimme, ohne Kenntniß des Italieniſchen und mit vollem Magen italieniſche Lieder ſingt, und der Lord war faſt zu Thränen ge⸗ rührt, denn er hatte einmal zu demſelben Marſch im Circus Renz einen arabiſchen Schimmelhengſt vorfüh⸗ ren ſehen, der ſeine höchſte Bewunderung erregt. Der Lord war heute in beſonders weicher Stim⸗ mung, denn vor einer halben Stunde war Graf En⸗ tretout bei ihm geweſen und hatte mit ihm die Be⸗ dingungen des für den andern Morgen feſtgeſetzten Duells verabredet: Piſtolen, zehn Schritt Barrière, Boulog⸗ ner Holz. Um den Ueberlebenden vor der Verfolgung durch das Geſetz ſicher zu ſtellen, ſollte jeder eine Er⸗ klärung bei ſich tragen, daß er ſich tödten werde, und die Leiche ſollte dann in der Nähe des Kampfplatzes zurückgelaſſen werden. Alle jene läſtigen Verabredun⸗ gen vor einem Duell, welche auf das kälteſte Gemüth nicht ohne Eindruck bleiben, hatte der Lord durch den in ſolchen Dingen ſehr gewiſſenhaften und wohl auch etwas boshaften Grafen über ſich ergehen laſſen müſſen 4 und war dadurch allmälig in jene lyriſche Stimmung 1 39 gerathen, welche bei dem Geſang der Miß und der Erin⸗ nerung an den Schimmel völlig zum Durchbruch kam. „Miß Eliſa“, ſagte er, indem er vor ſeiner Ge⸗ liebten ſtehen blieb und vor Rührung ſchnaubte,„ich habe Ihnen zehntauſend Pfund Renten vermacht, für den Fall, daß mich dieſer Mondélion niederſchießt.“ Die Miß faßte die Hand, die auf ihrem Nacken lag, und führte ſie an die Lippen. „Wenn Mylord ſterben, lebe ich auch nicht mehr lange— was ſollen mir da die zehntauſend Livres! Aber ich bin gerührt durch die Selbſtvergeſſenheit, mit welcher Mylord ſich in dieſer ernſten Stunde all den läſtigen Formalitäten unterzogen hat.“ Mylord ſchaute halb gerührt, halb überraſcht auf die Schülerin des Conſervatoriums herab. „Formalitäten? Oh no! Ich habe nur geſchrie⸗ ben auf ein Blatt Papier, daß Sie im Fall meines Todes bekommen aus meinem Vermögen eine Rente von zehntauſend Pfund. Lord Watkins braucht keine Formalität, goddam!“ Miß Pinkerton lächelte melancholiſch. „Laſſen wir das ſchmerzliche Thema, Mylord! Da ich Sie nicht überleben würde, könnte ich von Ihrer Güte ja doch ſchwerlich Gebrauch machen, auch wenn ſie rechtsgültig wäre.“ 40 Der Lord wurde immer aufgeregter. „Rechtsgültig? Ich ſage Ihnen, theure Miß, meine Unterſchrift und mein Siegel gelten ſoviel wie die eines Peers.“ Miß Pinkerton ſtand auf und legte ihren Arm um den Nacken ihres Beſchützers. „Ich flehe Sie an, Mylord, verlaſſen wir dies Thema! Sie thun meinem Herzen das bitterſte Unrecht an, wenn Sie von Geſchenken ſprechen in dieſem Augenblick.“ Der Lord ſtreichelte ihr die Wangen. „Aber ich will wiſſen die Formalität.“ „Nun denn“, ſagte Miß Pinkerton, als koſte ſie dieſe Erklärung einen großen Entſchluß,„die Schen⸗ kung muß, um rechtsgültig zu ſein, im Beiſein eines Notars vollzogen werden, der die Echtheit der beider⸗ ſeitigen Unterſchriften beſtätigt; ich erkläre Ihnen jedoch im voraus, daß ich dieſelbe nicht annehme, nie, nie werde ich durch Ihren Tod mich reich machen laſſen.“ Und die lange Miß hielt die Hände vors Geſicht und vergoß wirkliche naſſe Thränen. Mylord ſperrte einige Zeit den Mund auf, dann, nachdem er vollſtändig begriffen, ging er auf ein Geſtell zu, an dem alle Sorten von Reitpeitſchen in ſchönſter Ordnung hingen, von der Hetzpeitſche, deren leder⸗ 41 geflochtener Strick einen ungehorſamen Windhund auf zehn Schritte weit traf, bis zur feinen Gerte aus Fiſch⸗ bein oder Draht. Das Geſtell war umringt von allen möglichen Reitrequiſiten, welche wie Trophäen geordnet waren, Preiſe, welche der Lord bei den verſchiedenen Rennen, die er mitgemacht, gewonnen hatte. Da war der leichteſte engliſche Sattel, den das Sattlerhandwerk je hervorgebracht, neben einem echten ungariſchen Juckergeſchirr aus geflochtenem Leder, wel⸗ ches die Pferde vor den Mücken ſchützen ſoll, ein reichverzierter arabiſcher Sattel neben dem mit glän⸗ zenden Meſſingplatten belegten Dachsfell, womit man in manchen Gebirgsgegenden die Wagenpferde ſchmückt. Dazwiſchen hingen Abbildungen in Farbendruck und Lithographie der verſchiedenen Pferderaſſen herum. Auch Oelgemälde von zweifelhaftem Werth, Scenen aus der Welt des Stalles und der Reitbahn darſtellend, waren darunter. Das Piano der Miß, welches neben dem Kamin leinen beſchränkten Platz gefunden, nahm ſich ſonderbar genug aus in dieſem ſportsmänniſchen Muſeum. Der Lord nahm von dem Peitſchengeſtell eine mäßig lange Hetzpeitſche, prüfte ſie einige Sekunden in der Hand und trat dann zum Fenſter.— Er öffnete es. Ein ziemlich ſtarker Stallgeruch 42 miſchte ſich mit dem Juftenparfüm, von dem das Zimmer geſchwängert war. Der Lord hob die Peitſche nicht ſehr hoch, und mit einer Sicherheit, welche ſeine langjährige Uebung in Handhabung derſelben bewies, brachte er einen betäubenden Knall hervor, bei dem Eliſa, welche eben begonnen hatte auszuſehen, als träume ſie von nun entſchwundenem Glück, daß ſelbſt die mit den Gewohnheiten des Lords vertraute Miß erſchrocken aus ihrer ſchönſten Stellung emporfuhr. Der Lord horchte eine Weile mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit; die Miß mochte ſich erinnern, daß es, um für ſchön zu gelten, unrathſam ſei, einen Mund voll falſcher Zähne vor Erſtaunen weit aufzuſperren, und ſtellte ſich in bittender Stellung hinter Mylord. Es war der Miß nichts Neues, daß der Lord ſich der Peitſche bediente zu demſelben Zwecke, welchen bei andern Menſchen ein Timbre oder eine Glocke erfüllt; ſo ſtark wie heute hatte ſie ihn jedoch noch niemals knallen hören. Und der Lord, obwohl die Miß ſanft abwehrend ihre langen Finger auf den Aermel ſeines grünen Hausrocks legte, der die Mitte hielt zwiſchen Stalljacke und Reitfrack, knallte noch einmal und zwar mit ſol⸗ cher Vehemenz, daß die Miß einige Schritte zurück⸗ taumelte und der Portier athemlos hereinhinkte. 43 Zum dritten Mal erhob der Lord die Peitſche, aber mit einer für den breiten Yorkſhireman⸗Dialekt ganz unglaublichen Schnelligkeit meldete der Diener, daß eine Dame ihn aufgehalten habe, die Seine Lord⸗ ſchaft zu ſprechen wünſche. „Eine ſehr ſchöne Dame!“ fügte der Portier ver⸗ zweiflungsvoll hinzu, als der Lord die Peitſche noch immer nicht ſenkte. Miß Pinkerton hielt in ihrem Taumeln inne und ſtand wie eine Säule, ihr Mund blieb mit einer Toll⸗ kühnheit offen, daß man darin ganz deutlich die Grenze zwiſchen Natur und Kunſt unterſcheiden konnte. Das war in dieſen Räumen noch nicht erlebt worden, ſeit Miß Pinkerton darin das Blumenſcepter führte, daß eine Dame ſich melden ließ und noch dazu eine ſchöne! Denn der Lord war— ſeine Freunde ſpöttelten, er ſei es nur infolge ſeines Phlegmas— gleichviel, er war treu. Und in dem Augenblick, da er im Begriff ſtand, ihr zehntauſend Livres Renten zu vermachen im Falle ſeines Todes, die er ihr wahrſcheinlich auch ſchenkte in der Freude ſeines Herzens, wenn er am Leben blieb, ließ ſich eine Dame melden, die ſelbſt dem ſtumpfſin⸗ nigen Tom den Ausruf auf die Lippen drängte, daß ſie ſchön ſei. Die ganze erſchrecklich lange Zeit, die ſie bei ihrem 44 rohen, einfältigen Landsmann zugebracht, zog an ihr vorüber, ſie fühlte auf einmal wieder das erdrückende Gewicht von zehn langen Jahren voll der niedrigſten Schmeichelei und der ausdauerndſten Geduld, ſie war dem goldenen Ziel endlich nahe, an dem angelangt ſie dem adligen Stallknecht die Feſſeln vor die Füße werfen und ihm den Rücken wenden konnte, um endlich aufzuath⸗ men und zu leben, und ol wie hatte ſie leben wollen— ihre langen ſchmalen Lippen zogen ſich wollüſtig zurück über das prächtig gearbeitete Gebiß und ihre kleinen Augen funkelten grünlich— eine Spanne weit von ihrer Hand hing der goldene Preis— da ließ ſich dieſe ge⸗ heimnißvolle Schönheit bei Lord Watkins melden. Der Lord war nicht weniger erſtaunt als die Miß. Es war die erſte derartige Meldung, die er empfing. Seine Ueberraſchung jedoch äußerte ſich auf ganz ſonderbare Weiſe. Der Lord wurde noch röther als ſonſt, verdrehte die Augen, wankte mit dem Ober⸗ körper hin und her, murmelte ein Goddam! nach dem andern und ließ die Hetzpeitſche ganz entmuthigt zu Boden ſinken. Endlich hatte er ſich ſo weit gefaßt, um Tom ſagen zu können, die Dame möge ihn in dem Salon erwarten.. Da trat die Miß an ſeine Seite, faßte ſeinen 45 Arm und ſah ihm mit dem Ausdruck maßloſen Zorns ins Geſicht. Der Lord hatte ſie noch nie ſo häßlich geſehen. Wie ſie ſo daſtand in ihrem ſchwarzen Kleide mit den ſcharlachrothen Aufſchlägen, die Augen ſchil⸗ lernd, das magere Geſicht in häßliche Falten gelegt, das vorſtehende blendend weiße Gebiß entblößt von den dünnen blauen Lippen, faßte ihn eine Art abergläu⸗ biſchen Entſetzens vor dem Weibe, welches nun jahre⸗ lang ſeinen albernſten Launen geſchmeichelt und ſeine gewöhnlichſten Einfälle als unübertrefflich geiſtreich be⸗ lacht, das ſich immer demüthig vor ſeiner Hoheit gebeugt hatte und nur von dem huldvollen Blick ſeines blöden Auges zu leben ſchien. Jetzt ſtand ſie vor ihm wie eine entfeſſelte Furie und knirſchte gebieteriſch: „Hierher ſoll ſie!“ Verwundert ſchaute Tom, verblüfft und mecha⸗ niſch ſtotterte der Lord: Nein! Hierher ſoll ſie!“ Nachdem Tom das Zimmer verlaſſen, trat die Miß dicht vor den Lord und ſchaute ihm ins Geſicht. „Alſo ſo belohnen Sie die ſchrankenloſe Hinge⸗ bung eines Weibes, das Ihnen ſeine Jugend, ſeine Familie, ſeinen Ruf, das Ihnen Alles geopfert?“ 46 Als die Miß ſo vor ihm ſtand in der vollen Ent⸗ rüſtung gekränkter Treue und Unſchuld, zog vor der Erinnerung des Lords nun allerdings ein nichts weni⸗ ger als reizendes Bild vorüber von einer herabgekom⸗ menen Muſikerfamilie, deren Oberhaupt die vergeblichen Anſtrengungen Mylords, auf der Geige ſpielen zu lernen, mit mehr Eifer als Talent für einen Schilling die Stunde unterſtützt hatte. Der Lord hatte auch einen ziemlich ſchmuzigen Handel noch nicht vergeſſen, demgemäß Papa Muſic⸗Teacher gegen Baarerlag von tauſend Pfund geſtattete, daß die lange Miß den Lord nach Paris begleiten und dort auf Koſten Mylords das Conſervatorium für Muſik beſuchen dürfe. Der Lord erinnerte ſich auch flüchtig der Behauptung eini⸗ ger ſeiner Freunde, welche vorgaben, Miß Eliſa Pin⸗ kerton in einer Kneipe zweifelhafteſten Charakters zwei⸗ deutige Lieder ſingen gehört zu haben, zu denen ihres Vaters Geige ſie begleitete. Aber das niederſchmetternde Faetum des Beſuchs einer ſchönen Dame wirkte noch immer ſo lähmend auf die Gehirnthätigkeit und die Sprachbänder Mylords, daß er nichts zu Stande brachte als den Anſchein einer grenzenloſen Verlegen⸗ heit, welche auch bei Perſonen, die noch weniger als die Miß bei der Angelegenheit betheiligt waren, den Glauben hervorrufen konnte, ſein Gewiſſen ſei nicht ganz ruhig. — 47 Die Miß ihrerſeits war, ſeit die ſchöne Nebenbuh⸗ lerin gemeldet worden, weit davon entfernt, Komödie zu ſpielen. Mag das Weib den Mann, der es beſitzt, auch noch ſo gründlich verabſcheuen, ſelten wird es mit kaltem Blute zuſehen, wie eine Andere ſich in ſeine Rechte theilt. Dazu kam bei Miß Eliſa noch die durch die Worte des Lords zum höchſten Grade aufge⸗ ſtachelte Habgier, die Verzweiflung über den drohenden Verluſt. All das brachte ſie dazu, den Lord in dieſem Augenblick für den abſcheulichſten Verbrecher und ſich für das allermißbrauchteſte, verrathenſte Geſchöpf der ganzen Welt zu halten. Die Thür öffnete ſich und herein trat Louiſon Jaccard, die Perle des lateiniſchen Viertels. Die Verblüffung des Lords und die Wuth der Miß beim Anblick Louiſon's wurden nur überboten durch das Erſtaunen Louiſon's, als ſie die Miß mit geballten Fäuſten auf ſich eindringen und plötzlich wie vom Zlitz gerührt ſtehen bleiben ſah. Auch der Lord mit der Hetzpeitſche nahm ſich ſonderbar genug aus. Immerhin jedoch ward Louiſon durch die Anwe⸗ ſenheit der Miß von einem Theil des beengenden Ge⸗ fühls befreit, mit dem ſie hergekommen war. Sie hatte ſich vorgenommen, um Mondélion's willen den ſtolzen Nacken tief zu beugen, aber wie ſie jetzt grüßte, ſo ſehr 48 ſie ſich mühte, ihr ſchönes Haupt ſenkte ſich nur we⸗ nig und ſie gab, als ſie die grünen Augen der Miß mit beleidigender Schärfe auf ſich haften fühlte, un⸗ willkürlich den Blick zurück. Die Miß krümmte ſich faſt vor Wuth. „Nicht wahr, Sie haben nicht erwartet, mich hier zu treffen?“ ziſchte ſie. „In der That, nein!“ antwortete Louiſon.„Aber ich hatte die Abſicht, dieſen Herrn um Ihre Adreſſe zu bitten.“ „Ah, Sie verhöhnen mich noch, nachdem Sie mich geſtern auf das brutalſte beleidigt.“ Die ganze Natur Louiſon's war in gewaltiger Aufregung, aber der Gedanke: er darf ſich nicht für dich ſchlagen, kämpfte das aufwallende Blut ſiegreich nieder. „Wegen unſeres geſtrigen Mißverſtändniſſes komme ich eben.“ „So! Ohne Zweifel, um Mylord, den Sie wohl ſchon von früher kennen, noch eindringlicher auf den zarten Unterſchied von Maitreſſen und denen, die es werden wollen, aufmerkſam zu machen.“ Louiſon erröthete tief. „In der That, ich verſtehe Sie nicht.“ Der Reſt von Mannesſinn und Ritterlichkeit, über 49 den der Lord zu verfügen hatte, regte ſich. Mit einem raſchen Entſchluß ſtellte er ſich vor ſeine Geliebte. „Schweigen Sie! Ich befehle Ihnen zu ſchwei⸗ gen! Wenn wir ſind beleidigt worden geſtern von der Miß, ſo iſt das kein Grund zu beleidigen die Miß, wenn ſie kommt zu uns. Sie ſcheinen nicht zu kennen altengliſche Gaſtfreundſchaft, Miß Eliſa! Und um ein Ende zu machen mit dieſer albernen Geſchichte, gebe ich Ihnen mein Wort als Gentleman, daß ich die Miß geſtern zum erſten Mal geſehen habe, obſchon es mir gar nicht unangenehm geweſen wäre, ſie ſchon früher zu kennen und Ihnen wirklichen Grund zur Eiferſucht zu geben, my very dear Miss!“ Nach dieſen raſch geſprochenen Worten holte der Lord einen Fauteuil, ſtellte ihn ziemlich ungeſchickt hinter Louiſon und ſchob für ſich ſelbſt einen Schaukelſtuhl herbei. Die Miß ließ er mit mehr Gerechtigkeit als geſelligem Takt ſtehen. Louiſon blieb aufrecht, das hinderte aber nicht, daß der Lord, den inmitten einer ſchönen und einer eifer⸗ ſüchtigen Frau eine ganz ſultaniſche Stimmung über⸗ kam, ſich in den Schaukelſtuhl niederließ, die Beine übereinander ſchlug und die Schnur der Hetzpeitſche, die er noch immer in der Hand hielt, frielend durch die gewaltigen Finger zog. v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. II. 4 50 „Alſo“, ſagte er huldreich,„wupmit kann Ihnen dienen, ſchöne Miß?“ Es bedurfte der ganzen Wunderkraft des Wortes: „Er ſchlägt ſich für dich“, um zu bewirken, daß Loui⸗ ſon die Blicke Mylords, der ſeine gerötheten Augen mit unzweideutiger Bewunderung auf ſie gerichtet hielt, geduldig hinnahm und ruhig antwortete: „Wie ich Ihnen bereits erklärt, mein Herr, kam ich aus keinem andern Grunde zu Ihnen, als Sie nach der Wohnung dieſer Dame zu fragen, welche ich wegen meines geſtrigen Benehmens um Vergebung bitten wollte. Man hatte uns geſagt, wir würden keine größere Geſeliſchaft antreffen— ich war überraſcht, ge⸗ ärgert— Louifon konnte nicht weiter ſprechen⸗ Sie erhob ſich raſch, ergriff die Hand der Miß und führte ſie innerlich ſchaudernd an die Lippen. Die Miß kannte den Lord gut genug, um in ſein Wort nicht den ge⸗ ringſten Zweifel zu ſetzen, und wenn ſie auch noch nicht ganz im Klaren war über die Abſichten Louiſon's und das Benehmen Mylords abſcheulich fand, ſo be⸗ gann ſie doch für ihre eigene Stellung zu zittern und hielt es für nothwendig, einzulenken. Nicht ohne Ein⸗ fluß blieb auch das Opfer, das Louiſon durch den SHandkuß ihrer Eitelkeit brachte. 51 Sie hörte daher mit gnädiger Herablaſſung die Entſchuldigung des Mädchens. „Ich bin vollkommen zufrieden geſtellt, Mademoi⸗ ſelle; vielleicht trage ich ja ſelbſt einige Schuld, da ich ein vielleicht noch junges und verborgenes Verhältniß unvorſichtig berührte.“ Louiſon zuckte zuſammen, aber ſie faßte ſich. „Ich danke Ihnen für Ihre Nachſicht, Madamel Abber ich habe noch eine Bitte. Infolge meiner Thor⸗ heit entſtand Streit zwiſchen Mylord und dem Baron Mondélion, heftige Worte wurden gewechſelt; ſoviel ich von den Sitten gewiſſer Geſellſchaftskreiſe weiß, 8 führen ſolche Zerwürfniſſe meiſtens zum Zweikampf. Wenn ſich die beiden Herren meinetwegen—“ „Meinetwegen, Mademoiſelle!“ „Infolge meiner Thorheit, wollte ich ſagen, ſchlü⸗ gen, ich wäre in Verzweiflung.“ Und Louiſon weinte in der That. Der Lord, welcher bereits vor einigen Minuten angefangen hatte, ſich langſam zu ſchaukeln, ſetzte ſein Sitzinſtrument in immer raſchere Bewegung und ſ chwang, ohne jedoch die Schnur loszulaſſen, den Stock der Hetz⸗ peitſche durch die Luft. „Ich wollte Sie bitten“, fuhr Louiſon fort, ſchluch⸗ zend über die Demüthigung, die ſie ſich auferlegte, „1 „allen Ihren Einfluß bei Monſieur aufzubieten, daß er ſich nicht ſchlägt.“ Wie kam es, daß Miß Pinkerton plötzlich wieder an die zehntauſend Pfund Rente und an den Notar dachte? War ſie grauſam genug, den Tod Mylords zu wünſchen, da er ſie bereicherte? Sie wäre entſetzt zurückgeſchaudert, wenn ſie vor ſich ſelbſt einen ſolchen Gedanken klar ausgeſprochen hätte, aber dennoch hatte ſie bei der Bitte Louiſon’s ein gewiſſes Gefühl von Enttäuſchung und übler Laune, das ſie ſchwer verber⸗ gen konnte— die Wege des Geiſtes ſind labyrinthiſch und verworren, wenn er einmal durch das Thor der Heu⸗ chelei und Habſucht eingegangen iſt. Der Lord hatte bei der Bitte Louiſon's ſeinen Schaukelſtuhl auf der Stelle parirt, die Hetzpeitſche ſinken laſſen und den Kopf lauſchend emporgeſtreckt. „Und wuelches ſind die Gründe zu Ihrer Bitte? Würden Sie ſehr betrübt ſein durch den Tod eines von uns beiden?“ Die Combinationsgabe Mylords war ziemlich ſchwach und die eiferſüchtigen Anſchuldigungen Miß Eli⸗ ſa's waren für ihn im Grunde ſo wenig verletzend gewe⸗ ſen, daß er ſich nicht mehr über die Vorſtellung hinaus⸗ fand, die ſchöne Franzöſin ſei ſterblich in ihn verliebt. Ihr geſtriges Auftreten gegen Miß Eliſa war unzwei⸗ 53 felhaft aus Eiferſucht hervorgegangen, wie auch die ganz unerklärliche Grobheit des Barons Mondélion nur derſelben Quelle zuzuſchreiben war. Der Lord hatte ſelten über einen Gegenſtand ſo reiflich nachgedacht, ganz natürlich war es daher, daß er an einem Reſul⸗ tat nicht mehr rüttelte, das für ihn ſo ungemein ſchmeichelhaft war. Ja, es war über jeden Zweifel erhaben, Louiſon Jaccard liebte ihn abgöttiſch. Sie hatte ſich ſelbſt vor der verhaßten Nebenbuhlerin ge⸗ demüthigt, ihn zu bewegen, daß er ſein theures Leben keiner Gefahr ausſetze. Er begann bei dieſen Gedanken vor Wonne wie⸗ der zu ſchaukeln wie nie und wickelte ſich die Peitſchen⸗ ſchnur mit einer Energie um das linke Handgelenk, daß die Hand blau anſchwoll. Und als nun vollends Louiſon mit bebender Stimme antwortete:„Ich würde verzweifeln, die Ur⸗ ſache eines ſolchen Unglücks zu ſein“, da wünſchte der Lord Miß Eliſa zu allen Teufeln und drehte Louiſon ein paar Augen zu, daß dieſe in der Befürchtung, ſie habe es mit einem Geiſteskranken zu thun, einen Schritt zurückwich. Der Lord fühlte das Bedürfniß, ſich der Miß als ganzer Teufelskerl zu zeigen, und ſuchte ſich ein mög⸗ lichſt furchtbares Ausſehen zu geben; er warf ſich in —— 54 die Bruſt, runzelte die Stirn, wühlte mit dem Peit⸗ ſchenſtock in ſeinem Backenbart. „Unmöglich!“ ſagte er dann.„Baron Mondélion hat mich tief beleidigt, einer von uns muß auf dem Platze bleiben. Alles iſt beſtimmt— ich weiche keinen Schritt zurück, die Watkins weichen nie zurück, nie!“ Louiſon erbleichte. Der Lord deutete das in dem für ihn günſtigſten Sinne. „Und wiſſen Sie nicht, Monſieur“, begann Louiſon wieder,„daß bei den Vorurtheilen unſerer Geſellſchaft mehr Muth dazu gehört, ein Duell auszuſchlagen, als es anzunehmen?“ Der Lord ſaß mit weitoffenem Munde da. Das ging offenbar über ſein Begriffsvermögen. „Wie meinen Sie?“ „Ich meine“, fuhr Louiſon eifrig fort,„daß die meiſten Menſchen Sklaven der öffentlichen Meinung ſind, daß ſie ſich lieber einer momentanen Lebensge⸗ fahr als der Geringſchätzung ihrer Freunde ausſetzen, daß neun Zehntel aller derer, die ſich ſchlagen, jenen Soldaten gleichen, welche ſich wie Tiger auf den Feind ſtürzen, weil ſie wiſſen, daß, wenn ſie umkehrten, ihre eigenen Kanonen unter ſie feuern würden. Es gäbe wenige Duelle, wenn es nicht eine öffentliche Meinung gäbe, die ſie verlangt.“ 4 “ 59 Der Lord begriff allmälig. Er bemühte ſich nicht, ſein Staunen vor dem Geiſte des jungen Mädchens zu verbergen, welches in dieſem Falle doch weiter nichts gethan hatte, als daß es die Theorien ſeines Bruders wiederholte. „Alſo Sie glauben, daß der Mann, der ſich nicht ſchlägt, ſehr viel Muth hat?“ ſuchte der Lord Louiſon's Worte nichts weniger als geſchickt zuſammenzufaſſen. „Würden Sie hochachten einen ſolchen Mann, der ſich nicht ſchlagen wuill?“ „Unter Umſtänden, wie die Ihrigen ſind, würde ich ihn verehren mein Leben lang“, rief Louiſon, fort⸗ geriſſen von der Hoffnung, ihr Ziel zu erreichen. Der Lord warf die Hetzpeitſche in die Ecke und ſtreckte ihr die Hand hin.* „Ihr Leben lang? Topp, ich ſchlage mich nicht! Mein Wort als Gentleman, das mehr werth iſt als das von zehn Franzoſen, ich werde haben den Muth, mich nicht zu ſchlagen!“ In der Freude ihres Herzens legte Louiſon ihre kleine Hand in die braune Tage Mylords. O, ich danke Ihnen unendlich!“ Der Lord führte die Hand an ſeine Lippen. Miß Pinkerton hatte dem ganzen Auftritt in nicht ſehr angenehmer Stimmung beigewohnt. Die Reue 56 über alle die Thorheiten, die ſie begangen, miſchte ſich mit dem Aerger über Louiſon's ſich immer mehr ent⸗ faltende Liebenswürdigkeit, der auch ſie ſich nicht ganz verſchließen konnte. Sie hätte das freche Geſchöpf, wie ſie Louiſon innerlich nannte, mit Wonne erwür⸗ gen und dem Tölpel, der ihr in ſo ſichtbarer Weiſe den Hof machte, die entſtellte Leiche vor die Füße werfen können, aber ſie näherte ſich mit einem Lächeln der ſchönen Feindin und bemächtigte ſich ihrer Hand, als Lord Watkins ſie eben zum zweiten Mal an die Lippen führen wollte. Die Blicke Mylords drückten deutlich den Wunſch aus, daß Miß Eliſa bei allen Teufeln ſein möchte. „O wie danke ich Ihnen“, rief die Miß,„daß Sie meinen theuren und verehrten Beſchützer verhindert haben, ſein Leben einer Gefahr auszuſetzen.“ Der Lord wurde ſehr ärgerlich. „Oh no! Sie haben falſch verſtanden, Miß. Es gehört mehr Muth dazu—“ „Ich weiß“, ſagte die Miß demüthig,„und ich ſegne dieſen Muth, der Ihr tapferes Herz vor der Kugel des Feindes bewahrt. Ich als liebendes Weib ſehe nur dieſe Seite.“ Der Lord wurde immer unruhiger. AAber ich muß Sie bitten, auch zu ſehen eine an⸗ 57 dere, wenn ich nicht ſoll glauben, daß Sie mich wollen ärgern, und wenn ich nicht ſoll zurückverlangen mein Wuord von der Mademoiſelle.“ Louiſon ſchüttelte mit einem ganz unbeſchreiblichen Ausdruck von Glück ihr ſchönes Haupt. „Ihr Wort gilt mehr als das von zehn Franzo⸗ ſen, haben Sie geſagt, Mylord; man gibt ein ſo werth⸗ volles Wort nicht ſo leicht zurück. Erlauben Sie, daß ich mich entferne.“ „Ich kann es Ihnen nicht übel nehmen, wenn Sie nicht bleiben wollen!“ ſagte Mylord mit einem bezeich⸗ nenden Blick auf die Miß.„Ich hoffe, daß es nicht das letzte Mal iſt, daß wuir uns ſehen.“ Louiſon machte eine tiefe Verbeugung, zuerſt der Miß, dann Lord Watkins und ging nach der Thür. Die Freude hatte ihren Bewegungen eine Grazie und Elaſticität gegeben, die ihnen ſonſt abging. Der Lord ſprang herzu, um ihr zu öffnen, und ſuchte die Miß durch einen drohenden Blick zurück⸗ zuhalten. Aber Louiſon trat raſch an die Seite der Miß, legte ihren Arm in den der Engländerin und ſchritt mit ihr zur Thür. Im Vorübergehen ſah ſie den Lord noch einmal mit ihren tiefen ſchwarzen Augen dankbar an, daß er 58 vor Entzücken gar nicht wußte, was er für ein Geſicht machen ſollte. „Ich begreife!“ murmelte er, zurückbleibend, wäh⸗ rend die Miß mit einem Lächeln auf den Lippen, aber Gift im Herzen Louiſon bis zur Treppe führte. Der Lord lächelte in ſich hinein. „Die iſt geſcheidt genug, um mir bald wieder in den Weg zu kommen.“ Er ſtellte ſich vor den Spiegel und drehte ſich lächelnd die Spitzen ſeines Backen⸗ bartes. Dort traf ihn Miß Cliſa, als ſie eintrat. Der Lord wendete ſich gleichgültig ab und trommelte pfei⸗ fend an den Fenſterſcheiben. Miß Eliſa warf ſich, ohne von ihm Notiz zu neh⸗ men, in einen Fauteuil, und dem Lord war es, als höre er leiſes unterdrücktes Schluchzen. Der Lord hörte auf zu pfeifen, trommelte aber weiter— eine ſolche Erregung ſeiner Geliebten ſchmei⸗ chelte ihm um ſo mehr, je weniger er daran ge⸗ wöhnt war. Das Weinen der Miß wurde immer lauter und endlich brach ſie in herzbrechendes Schluchzen aus. Deer Lord hörte auch auf zu trommeln und wandte ſich um. Wie geiſtesabweſend lag die Miß mit halb⸗ geſchloſſenen Augen im Lehnſtuhl und krampfhafte Stöße 59 erſchütterten dann und wann ihren Körper. Eine ihre Flechten hing entfeſſelt um ihren gelben Hals, der oberſte Knopf ihres Kleides hatte ſich gelöſt und ein Hemd mit feiner Stickerei ſah hervor. Zwiſchen dem Schluchzen hörte der Lord einzelne gemurmelte Worte. „O, ich habe ihn geliebt— unſaglich— o, dieſer Schmerz! Er liebt eine Andere— o, ich ſterbe.“ Dem Lord wurde es ganz ſonderbar zu Muthe, eine ſolche wahnſinnige Zuneigung hatte er bei Miß Eliſa denn doch nicht vorausgeſetzt. Er trat zu ihr hin und rief, ſo zärtlich er konnte:„Eliſa!“ Eliſa hörte nichts. Nur ihr Schluchzen wurde leiſer und die Stöße, die ihren Körper erſchütterten, wurden weniger heftig, ihr Kleid hatte ſich verrückt und ein ziemlich großer Fuß mit einem Stück weißen Strumpfes wurde ſichtbar. Miß Eliſa murmelte: „O wie habe ich ihn geliebt! Mein Leben hätte ich für ihn hingegeben— und er liebt eine Andere!“ Das Schluchzen drohte in verſtärktem Maße wie⸗ derzukehren, der Lord ſank überwältigt vor dem Fau⸗ teuil nieder und ergriff ihre Bände „Eliſa—“ 8 Eliſa boing wie ſchlaftrunken die ruſfe Augen auf. 60 „Verzeihen Sie mir, Eliſa— ich liebe nur Sie!“ Eliſa ſchlang mit einem Wonneſchrei die langen Arme um Mylords Hals und flüſterte: „Vergeben Sie mir! Es war blos das Uebermaß der Liebe, welches mich all die Thorheiten ſprechen ließ. Ich würde den Verſtand verlieren, wenn Sie eine Andere liebten.“ Der Lord fühlte das tiefe Aufathmen von Cliſa's Buſen an ſeiner Wange, die falſche Flechte berührte koſend ſeine Stirn und im wonnigen Bewußtſein einer ſolchen Liebe drückte er ſeine Lippen auf Miß Eliſa's Schlüſſelbein. Viertes Kapitel. Zwei Frauen. Nini Berton rieb ſich ſchlaftrunken die Lider ihrer blauen Augen und ſchaute faſt beſtürzt empor zu dem faltigen Betthimmel aus blauer Seide, unter dem ſie lag. Nur ein leiſer Schimmer des Tags drang durch eine ſchmale Ritze des Vorhangs, und eine Uhr mit ſilberhellem Ton ſchlug zehn— Nini erſchrak— es war ihr ſo wirr im Köpfchen, ängſtlich kletterte ihr Geiſt zurück von Erinnerung zu Erinnerung. Ja, er hatte ihr zu Füßen gelegen, der ſtolze, reiche Mann, der vierſpännig ins Bois fuhr und ſeinen Freunden koſt⸗ bare Mahlzeiten gab, er hatte ihre Hände geküßt und geſtreichelt und hatte ſich neben ſie geſetzt und ſeinen Arm um ihren Nacken gelegt und ſie leiſe an ſich ge⸗ zogen und geküßt, o, ſo ganz anders geküßt als Jean 62 Jaccard, der ihr immer faſt die Lippen wund gedrückt— ſo zart, ſo ſonderbar! Er hatte auch Vieles zu ihr geredet, von dem ſie wenig mehr wußte, aber es klang ſo hübſch! So hatte Jean Jaccard nie zu ihr geſprochen. Bei Jean hatte ſie immer ſchwören müſſen, daß ſie ihn liebe, und er hatte ſie mit ſeinen großen rollenden Augen oft wirklich erſchreckt. Vor Stanowsky erſchrak ſie nicht, er verlangte auch nicht, daß ſie ihm ewige Treue ſchwören, und drohte ihr nicht mit dem Tode, wenn ſie dieſelbe bräche, nichts von alledem, er ſchien nur ihr gefällig ſein zu wollen. Das Kleid, das der unge⸗ ſchickte Jean Jaccard gekauft, paßte nicht gut, ihr neuer Freund ſah ſogleich, daß es ihr über den Nacken zu eng war, und löſte eigenhändig die beengenden Heftel, er küßte ſie dabei auch leicht auf den Nacken und ſagte ihr, daß ſie einen ſehr ſchönen Nacken habe. Das hatte ihr der dumme Jean niemals geſagt, ſo oft er ſie auch geküßt. Trotzdem ſie ihren Fuß verbarg, ſo ſehr ſie konnte, ihr neuer Freund ſah dennoch, daß die Schuhe, die ſie trug, viel zu groß ſeien für ihr wundernied⸗ liches Füßchen, ja, genau ſo ſagte er. Er holte ein paar reizende Pantöffelchen aus einem Schrank, roth mit eingeſtickten Goldblumen, das Erbſtück einer verſtorbe⸗ nen Schweſter, wie er ſagte, denn an der weißſeidenen Fütterung ſah man, daß ſie bereits einmal getragen 63 waren. Ihr Freund zog ihr, ſo ſehr ſie ſich wehrte, denn Nini erinnerte ſich, daß ſie ſehr grobe Strümpfe an⸗ habe, die plumpen Schuhe aus, er verſtand es recht gut, mit den Schnüren umzugehen, gerade als habe er ſchon öfter Schuhe ausgezogen— wahrſcheinlich ſeiner Schweſter. 3 Er ſchüttelte auch den Kopf über die groben Strümpfe und ſagte ihr, daß es ein Verbrechen ſei, wenn ſie andere als ſeidene trage. Er fragte ſie, ob er auch die häßlichen Strümpfe wegnehmen dürfe; Nini wehrte ſich aus Leibeskräften und meinte, die Mühe, die er ſich gebe, ſei zu groß, ihr Freund aber lächelte und behauptete, er thue das gern. Im Nu hatte er die groben Bänder gelöſt, mit denen die häßlichen Strümpfe zugebunden waren, und einen Kuß auf Nini's Fuß ge⸗ drückt. Das hatte Jean nie gethan. Er hatte nie an ihre Füße gedacht und ſie hatte doch die kleinſten Füße, die er je geſehen, behauptete ihr neuer Freund. Sie dürfe nur noch Schuhe vom erſten Schuhmacher tra⸗ gen, ſechzig Francs das Paar. Dieſer Schuhmacher werde ihren Fuß zuerſt modelliren und nach dieſem Modell die Schuhe anfertigen, auch ſeidene Strümpfe werde ſie tragen und wunderſchöne Strumpfbänder habe er geſehen, roth mit Schließen aus lauter Perlen, dieſe werde er kaufen. Die Pantöffelchen der Schweſter 64 paßten wie angegoſſen. Wie gut er war! Die hinter⸗ laſſenen Pantoffel ſeiner noblen Schweſter gab er ihr. Nini wollte ihrem neuen Freunde die Hand küſſen, er aber hob ſie auf ſeinen Schooß und küßte ſie auf den Mund— da— was war das? Nini ward ſo ſonder⸗ bar zu Muthe wie nie, ihre Augen umſchleierten ſich, obwohl ſie ganz glücklich war, ihr Herz pochte zum Zerſpringen, ſie legte ihr bleiches Köpfchen an die Schulter ihres neuen Freundes und ſchloß die Augen vor dem hellen Glanz der Lichter. Als ſie dieſelben wieder öffnete, brannte nur noch die kleine roſenfarbene Lampe, welche von der Decke hing, und ſie lag allein unter dem Betthimmel von blauer Seide. Stanowsky hatte ſie verlaſſen, um zur Gennon zicaneehnen Das ſilberne Glöcklein der Uhr ſchlug ein Viertel auf eff Nini richtete ſich auf und ſchob die Vorhänge zurück, um ſich zu überzeugen, ob nicht Alles ein Traum geweſen ſei. Das helle Tageslicht fiel herein und auf einen Stuhl neben dem Bett, und darauf lag ein präch⸗ tiger Schlafrock aus türkiſcher Seide und Untergewän⸗ der aus Seide und Kaſchmir und dem feinſten Battiſt, und die Pantöffelchen ſtanden unter dem Stuhl und über der Lehne hingen ſeidene Strümpfe und die Per⸗ lenſtrumpfbänder. Nini ſchrie faſt auf vor Freude, als 65 ſie dieſelben in die Hand nahm. Und ſie nahm die koſtbaren Dinge alle zu ſich aufs Bett und wühlte nach Herzensluſt darin herum.— Dem Bette gegenüber ſtand ein Ankleideſpiegel— Nini erblickte ihr Geſichtlein umgeben von den blauen Falten des ſeidenen Vorhangs, der neue Schlafrock ſank von dem Bett herab wie eine koſtbare Decke, und ihr Fuß, der ſich eben jetzt ſchüchtern hervorwagte— ja, der neue Freund hatte Recht, als er ihn ſchön genannt. Dummer Jean Jaccard, der ihr nie geſagt, daß ſie einen ſchönen Fuß habe! Nur bleich war ſie, ſehr bleich, und ihre Augen lagen zwiſchen tiefen blauen Rändern. So bleich hatte ſie nur einmal ausgeſehen als die Geliebte Jean Jaccard's, und Jean Jaccard hatte ſie beſorgt betrachtet und ſie auf beide Wangen ge⸗ küßt und es längere Zeit vermieden, mit ihr allein zu ſein oder ſie zu küſſen. Sie hatte das nicht recht ver⸗ ſtanden. Auch ihr neuer Freund hatte ſie lange betrach⸗ tet, bevor er zur Geſellſchaft zurückkehrte, auch er hatte gelächelt, aber mit einem ganz eigenthümlichen Lächeln, wie ſie es an Jean nie geſehen; es ſchien ihm Freude zu machen, ſie ſo blaß zu ſehen, und ein Gefühl won⸗ niger Erſchlaffung hatte manchmal ihren Körper durch⸗ ſchauert, wenn ſie aus dem unruhigen Schlummer er⸗ wachte. Es war Alles ganz anders als bei Jean Jaccard. v. Schlägel, Nach nus die Sündflut. II. 5 66 Der Silberglockenton der Uhr ſchlug halb elf. Nini glaubte ein Geräuſch im Nebenzimmer zu hören, ſie ſprang raſch auf und hüllte ſich in den türkiſchen Schlafrock und ihre nackten Füßchen ſchlüpften in die Pantoffel der Schweſter. Ihre langen blonden Haare fielen in aufgelöſten Wellen auf ihre Schultern. Nini Berton lächelte in ſich hinein— ihr neuer Freund hatte ſie aufgebunden und mit ſeinen Händen darin gewühlt und ſie um ſeinen Hals geſchlungen, als wolle er ſich damit erdroſſeln. Das hatte Jean Jaccard nie gethan. In der That, es kam Jemand die Wendeltreppe herauf. Nini Berton lauſchte mit vorgebeugtem Leibe, wie ein aufgeſcheuchtes Reh, und dabei ſchielte ſie ſeit⸗ wärts in den Spiegel, wie ſie ſich ausnehme. Daran hatte ſie, wenn Jean Jaccard kam, nie gedacht. Und ſie ſah ſchön aus. Das koſtbare Kleidungs⸗ ſtück floß in langen weichen Falten von den ſchlanken Gliedern, die lange Schleppe hatte ſich ein paarmal um ihre Füße gelegt wie eine bunte Schlange und ſie ſelber ſtand da ſtrahlend vor Wonne, eine den Wogen der Niedrigkeit und Entbehrung entſtiegene Venus Ana⸗ dyomene. Die Thür ging auf und Stanowsky trat ein. Seine elegante Geſtalt war in einen Anzug ge⸗ hüllt, der die Mitte hielt zwiſchen Beſuchs⸗ und Pro⸗ menadenanzug, und der Schnitt des weitoffenen brau⸗ 5 nen Rockes war ſo vollkommen und paſſend, daß man ſofort die Scheere des erſten Modeſchneiders daran er⸗ kannte. Die mattgelben Handſchuhe und die glanzloſen Stiefel aus feinſtem Ziegenleder ſaßen untadelhaft, und der hellgraue Cylinderhut, den Stanowsky in der Hand hielt, konnte wohl eben erſt aus dem Magazin von Pinaud hervorgegangen ſein. Stanowsky ſah ſehr glücklich aus. Er war ſo eben im Leſezimmer des Hotels mit dem Hoſpodar Krago⸗ ratſch zuſammengetroffen und dieſer hatte ihm mitgetheilt, er ſei im Begriff auszufahren und ſich Pferde für ſei⸗ nen künftigen Stall anzuſehen. Stanowsky hatte nicht gezögert, den Alten zu warnen vor gewiſſen Pferde⸗ händlern und ihren Betrügereien und ihm den rothen Fränkel ſo im Vorübergehen als einen klugen Geſchäfts⸗ mann zu nennen, der ſich ſeine Kunden zu erhalten ſuche und ſie deshalb faſt immer, wenn auch theuer, mit guten Pferden verſehe. Der einfache Alte, welcher ſich in dem Leben der großen Stadt etwas hülflos vorkam, hatte den Rath mit ſeiner gewöhnlichen pompöſen Herzlichkeit en atgegen⸗ genommen und Stanowsky nochmals gebeten, in ſeiner Abweſenheit ſeine Töchter zu beſchützen. Stanowsky hatte alſo allen Grund, zufrieden zu ſein. Der rothe Fränkel, wenn er auf dieſe Art von 5* dem guten Willen und dem Einfluß Stanowsky's auf ſeine Freunde überzeugt ward, würde ſich hüten, einen ſo werthvollen Bundesgenoſſen vorerſt zu compromit⸗ tiren. Mit der ihm eigenthümlichen Elaſticität des Geiſtes hatte Stanowsky auf dieſen erſten Erfolg eine Reihe weiterer aufgebaut, und Nini Berton erntete die Früchte dieſer hoffnungsvollen Stimmung. Ihr neuer Freund fuhr von einem der Magazine, wo er Credit hatte, zum andern, wählte für Nini das Eleganteſte und Neueſte an Schmuckgegenſtänden und Shawls, das er zu finden vermochte, und ſetzte alle Ge⸗ werke, die ſich mit der Bekleidung eines weiblichen Körpers beſchäftigen, in Bewegung. In der That hörte man im Vorzimmer gegen den großen Corridor hinaus ein Geräuſch wie von der Anweſenheit mehrerer Menſchen. War Nini aufs neue überraſcht von der Eleganz ihres Freundes, ſo haftete das Auge Stanowsky's mit Bewunderung an Geſtalt und Antlitz Nini's. Er nahm ihre Hand, um ſie zu küſſen; einem unwillkürlichen Drange folgend, reichte ſie ihm erröthend die Lippen. Mit einer Art wilden Jubels ſchloß ſie Stanowsky in die Arme. Ihr ſchlanker, geſchmeidiger Körper ſchmiegte ſich wollüſtig an ihn. Dann drängte Stanowsky die Geliebte ſanft von V— 3 7 — 69 ſich und öffnete die Thür. Und herein trat die Mo⸗ diſtin mit Schachteln, der Junge des Juweliers mit ledernen Etuis, welche ganz ſo ausſahen, als ob ſie Ohrringe, Armbänder und Aehnliches enthielten. Sie gaben ihre Schätze ab und entfernten ſich wieder. Nini Berton wühlte in koſtbaren Spitzen und be⸗ rauſchte ihr Auge an Schmuckgegenſtänden, wie ſie dieſelben nie im Traume geſehen. Stanowsky lächelte und ging, nachdem er Nini Berton mitgetheilt, daß ſie den ganzen Vormittag vollauf zu thun haben werde, um Schneider, Schuh⸗ macher und Modiſten zu empfangen und alle die Waa⸗ ren, welche aus den Magazinen noch anlangen würden. Stanowsky ging. Der Morgen war prächtig. Er verließ zu Fuß das Hotel und wendete ſich nach der Place de la Concorde und den Elyſeiſchen Feldern. Er mußte dem rothen Fränkel die Abſicht des Hospodars melden. Er traf den Roßkamm eben damit beſchäftigt, ſich ein edles Pferd vorführen zu laſſen, welches von einem der Pferdewärter am Huf verletzt worden war. Das Thier ging ſtark lahm, und der rothe Frän⸗ kel war außer ſich vor Zorn. Mit geballten Fäuſten trat er auf den Pferdewärter zu und ſchrie ihm die greulichſten Verwünſchungen ins Geſicht. 70 Lange hörte ihn der Mann geduldig und demü⸗ hig an. Als Fränkel jedoch ſchrie, er wünſche, daß er lahm ſein möge ſein ganzes Leben lang, da wallte das Blut des etwas abergläubiſchen Knechtes auf und er ſagte in deutſcher Sprache zu ſeinem Herrn, er habe kein Recht, ihn wegen des Unfalls ſo ſchlecht zu be⸗ handeln, denn er habe ihm ja auch damals falſches Zeugniß geben müſſen, als Fränkel angeklagt geweſen, die Rotzkrankheit in ſeinen Ställen verheimlicht und weiter verbreitet zu haben.„Hätte ich nicht geſchworen darauf“, ſchloß der Knecht,„daß unſere Pferde erſt zwei Tage ſpäter erkrankt ſind, Sie hätten Ihr ganzes Vermögen eingebüßt, Herr Fränkel!“ Der rothe Pferdehändler wurde ganz gelb im Ge⸗ ſichte und ſchwieg. Dann ſchaute er Stanowsky lauernd ins Geſicht. „Haben Sie gehört, was der Lügner da ſchwatzte?“ „Der Mann ſpricht Dialekt— ich verſtand ihn nicht.“ Fränkel war mit dieſer Erklärung nur halb zu⸗ frieden. Sein Antlitz heiterte ſich jedoch wieder auf, als ihm Stanowsky mittheilte, daß Kragoratſch heute zu ihm kommen werde. „Und der Fürſt gedenkt viele Pferde zu kau⸗ fen?“ —— 471 „Er ſprach von zwanzig— zwölf Wagenpferde und acht Reitpferde.“ Die Augen des rothen Fränkel wurden immer größer. Er verbeugte ſich tief, aber nicht ohne alle Ironie. „Ich danke Ihnen für Ihre Empfehlung. Ich werde derſelben Ehre zu machen ſuchen.“ Stanowsky nickte zerſtreut. „Daran liegt mir nun weniger. Führen Sie den einfältigen Alten an, ſo ſehr Sie können. Aber wenn das Geſchäft gemacht iſt, würde ich Sie in Ihrem eigenen Intereſſe erſuchen, mir für einige Wochen zehn⸗ tauſend Francs zu leihen.“ Der rothe Fränkel konnte ſich eines Ausrufs auf⸗ richtigen Staunens nicht enthalten. „Zehntauſend Francs? Sind Sie toll?“ „Nichts weniger als das“, ſagte Stanowsky kalt⸗ blütig.„Ich denke nur, Ihnen den Beweis geliefert zu haben, daß ich Ihnen nützen kann, ſolange ich meine Stellung in der Geſellſchaft behaupte. Das kann ich aber nur, ſolange ich gut lebe, ſchöne Pferde und Weiber, das heißt mit andern Worten: Geld habe. Gegenwärtig fehlt mir nur das Geld.“ Fränkel ſah mit einiger Unruhe in das Geſicht. Stanowsky's, als befürchte er, hier einem noch ge⸗ wiegtern Schurken gegenüber zu ſtehen, als er ſel⸗ ber war. b „Hab' ich Ihnen nicht gegeben Credit für zwan⸗ zigtauſend Francs? Wenn Sie mir hätten bezahlt* die zwanzigtauſend—“ „Wenn ich das gekonnt hätte, ſo hätte ich nicht nöthig, die Hälfte der Summe von Ihnen zu leihen.“ „Hm! Hm! Wenn Sie mir nur noch den Mon⸗ délion gebracht hätten!“ „Gegen den muß ich morgen dem Lord Watkins ſekundiren, der ſich mit ihm wegen der kleinen Damen, die neulich bei mir waren, ſchlagen will. Wenn Mon⸗ délion am Leben bleibt, werde ich wieder eine An⸗ näherung verſuchen, ſchon meinetwegen, weil ich ihm ſchuldig bin. Fällt er, ſo bringe ich Ihnen Sir Watkins.“. Das Staunen und die Unruhe Fränkel's wurden immer größer. „Wenn Sie mir bringen auch den Lord, ſo wollen wir weiter reden wegen der zehntauſend Francs.“ Ein Reitknecht kam aus dem Wohnhauſe und nahm den rothen Fränkel beiſeite. Fränkel nickte ein paarmal mit dem Kopfe und wandte ſich dann wieder an Stanowsky. „Madame Fränkel, welcher ich Ihren Wunſch, ihr —— —— 73 vorgeſtellt zu werden, mitgetheilt habe, hat uns vom Fenſter aus mitſammen plaudern ſehen und läßt Sie bitten, bei ihr vorzuſprechen, da ſie eben jetzt ganz ungenirt iſt.“ Der rothe Fränkel war mit dieſer Unterbrechung ſehr zufrieden, denn ſie erfüllte den doppelten Zweck, eine weitere Unterhaltung über die zehntauſend Francs abzuſchneiden und Stanowsky abzuhalten, Krago⸗ ratſch aufzuſuchen und möglicherweiſe das erwartete Geſchäft zu vereiteln. Nicht in beſter Laune folgte der Abenteurer dem Roßkamm über die teppichbelegten Marmortreppen in das obere Stockwerk. So elegant die Einrichtung des Salons war, der Stallgeruch drang doch in alle Räume, und ſo zierlich der rothe Fränkel über die Teppiche zu tänzeln ſuchte, ſeine Beine behielten doch ihre an den Knieen ganz bedenkliche Neigung nach auswärts. Herr Fränkel ſchien mit Abſicht ſeinen Gaſt um das ganze Quadrat des Hauſes hernmzuführen, ſtatt ihn ſofort vor das Antlitz ſeiner geiſtreichen Ehehälfte zu bringen. Stanowsky mußte erſt den rothen, den blauen, den grünen Salon bewundern, mußte im Kai⸗ ſerſalon, einem mit der lebensgroßen Statue des Kai⸗ ſers geſchmückten und mit Vergoldungen überladenen Raum, geduldig zuhören, wie der Papagei unarticu⸗ lirte Laute ausſtieß, die Herr Fränkel mit: Je vous salue, Madame! überſetzte und ganz erſchrecklich dazu lachte.* Stanowsky drückte natürlich ſeine Bewunderung über die Talente des grünen Vogels aus und meinte, derſelbe habe einen beſſern Accent als mancher Sprach⸗ lehrer. Der Roßkamm lächelte geſchmeichelt und flüſterte vertraulich: 3 „Ein ſolider Kaufmann ſollte das nicht ſagen, aber der Vogel koſtet mich zehn Napoleon. Welch ein Moment war es aber auch, als Madame Fränkel an ihrem Namenstag früh in den Salon trat und aus lauter gelben Roſen— gelb iſt nämlich ihre Lieb⸗ lingsfarbe— der Vogel heraus ſchrie: Je vous salue, Madame. Ich ſage Ihnen, Frau Fränkel hat geweint vor Freude!“ „Schöne Frauen ſind am ſchönſten, wenn ſie weinen“, ſagte Stanowsky, um nur etwas zu ſagen. Herr Fränkel blieb ſtehen und erfaßte Stanows⸗ ky's Arm zum Zeichen des innigſten Einverſtändniſſes. 3 „Da haben Sie Recht! Ich bin entzückt, wenn Madame weint! Und ſie weint ſehr oft, ſie nennt das eine ganz unausſprechliche Sehnſucht, die manch⸗ mal über ſie komme. Erſt geſtern ſagte ich zu ihr: 75 O Leonore, ſagt ich, ach wie biſt Du ſchön, wenn Du weinſt! Geh, weine ein bischen! Und ſie weinte, ſie ſagte, meine Zärtlichkeit mache ſie traurig— ſie iſt ein geiſtreiches Weib! Sie weint aus Zärtlichkeit, das iſt noch nicht dageweſen.“ Sie waren inzwiſchen wieder in der Ecke des Vierecks angelangt, von der ſie ausgegangen waren, und Herr Fränkel, auf die geſchloſſene Thür zeigend, ſagte leiſe: „Da drinnen iſt ſie.“ Und da drinnen war ſie. Ceremoniös öffnete Fränkel die Thür, wie der Portier des Invalidendoms das Thor zum Grab Napoleon's I., und blieb ſtehen, bis Stanowsky eingetreten war. Frau Fränkel's mächtige Geſtalt, angethan mit einem kirſchrothen Kleide aus Moirée antique, rauſchte ihnen entgegen. In der Hand hielt ſie ein ebenfalls roth eingebundenes Buch, auf deſſen Deckel mit großen Goldbuchſtaben zu leſen ſtand: Poeſien von Alphonſe von Lamartine. Gegenſeitige Verneigungen fanden ſtatt, Frau Fränkel wies auf einen Stuhl und ſank wieder in ihren Fauteuil, den ſie eben verlaſſen hatte. Herr Fränkel ging auf ſeine Gemahlin zu und küßte ihr die Hand Sie ließ es geſchehen und legte dann ihren fetten Arm wieder auf den Rand eines Korbs voll tropiſcher Pflan⸗ zen, wo er vordem geruht. „Madame Fränkel beſchäftigt ſich immer mit Litera⸗ tur“, ſagte der glückliche Roßkamm ſtolz, da Stanowsky das ſchöne rothe Buch nicht zu bemerken ſchien;„jetzt lieſt ſie wieder die Anekdoten von Herrn von Lamartine.“ Die geiſtreiche Frau lehnte ſich entſetzt zurück. „Aber Sie ſind doch zu zerſtreut, Charles! Ich leſe nie Anekdoten, und Herr von Lamartine hat nie ſolche gedichtet. Was ich hier habe, ſind die„Contemplations“ unſeres verſtorbenen Freundes.“ „Verzeihe“, ſagte Herr Charles Fränkel etwas be⸗ troffen und ſuchte mit einem Scherz über ſeine Ver⸗ legenheit hinwegzukommen.„Herr von Lamartine ge⸗ hörte zu unſern ſpeciellen Freunden und machte Frau Fränkel ein wenig den Hof.“ Die ſchöne Frau machte ein Geſicht voll geſchmei⸗ chelter Verlegenheit. „O, Sie übertreiben, Charles.“ „O, ich weiß es noch ganz genau“, beſtand Herr Fränkel eifrig.„Es war vor einem Jahr, wir ſprachen eben über die beiden großen Rappen— Herr von Lamar⸗ tine liebte die Rappen ungemein— da kommt meine Frau über den Hof und ſieht Herrn von Lamartine. „Eben leſ' ich Ihren Gabriel“, ſagt ſie—“ —— 77 „Rafael!“ verbeſſerte Madame Fränkel faſt entrüſtet. „Verzeihe, mir ſteckt immer Gabriel im Kopf, Du weißt doch, der lange Irländer, der dem Abdallah ein Auge ausſtach mit der Gabel, denke Dir! Doch das erzähl' ich nachher. Nun alſo, meine Frau tritt auf Herrn von Lamartine zu und ſagt ihm:„Eben bin ich mit ihrem Rafael fertig, er iſt mir aus der Seele ge⸗ ſchrieben, Baron!“ Da ſah ſie der alte Herr an mit einem Blick, ſo groß, geſagt hat er nichts, aber wenn er Dich nochmals ſo angeſehen hätte, ſo hätt ich ihm wahrhaftig geſagt: Alle Achtung vor Ihnen, Herr Ba⸗ ron, und daß Sie ſo ſchöne Bücher ſchreiben, aber meine Frau iſt meine Frau und die brauchen Sie nicht ſo anzu⸗ ſehen, als wollten Sie ſie gleichmit den Augen verſchlingen.“ „Sie übertreiben, Charles!“ wiederholte Frau Frän⸗ kel erröthend.„Ich habe wohl bemerkt, daß ihn mein Beifall ſehr freudig überraſchte, er gab auch keine Ant⸗ wort, wahrſcheinlich aus tiefer Bewegung, aber er wußte ſehr gut, wen er vor ſich hatte, und kein drei⸗ ſter Gedanke miſchte ſich in die Harmonie unſerer See⸗ len. Es gibt geiſtige Bündniſſe, welche die glücklichſte Ehe nicht ſtören.“ Herr Fränkel wiegte den Kopf von einer Seite zur andern. ⸗ „Na, na, ſind auch von Fleiſch und Blut, wenn ſie bei einer ſchönen Frau ſind, dieſe Herrn Poeten. Können Madame Fränkel bewundern, ſoviel ſie wollen, meinetwegen auch correſpondiren und Gedanken aus⸗ tauſchen, aber par distance; hab' nicht gern ſo große Augen auf meine Frau gerichtet und hör' nicht gern: Ach! und: O! und: Wie ſchön ſind Sie, Madame Frän⸗ kel! in meine eigenen Ohren.“ Ein Diener trat raſch ein und ſagte etwas leiſe zu Herrn Fränkel. Stanowsky glaubte das Ende von dem Namen ſeines walachiſchen Freundes zu verneh⸗ men. Der Roßkamm war in einer fieberhaften Unruhe, wie etwa ein Jäger, wenn ein Wild ſeinem Stande naht. Er zögerte offenbar, ob er Stanowsky Mitthei⸗ lung von der Ankunft des Hospodar machen ſolle. Er zog vor, es zu unterlaſſen. „Meinen Rock mit dem Orden pour le mérite“, rief er dem Diener zu und empfahl ſich raſch, ſeinen Abgang mit Geſchäften entſchuldigend. Stanowsky und die„ſchöne Frau“ waren allein. Stanowsky war nicht blöde, aber als er auf die mit prätentiöſer Nachläſſigkeit in den Fauteuil zurückgelehnte fette Geſtalt und das auf dem rothen Geſichte ſchimmernde ſüßliche Lächeln und die in ſeelenvollem Schmachten halb⸗ geſchloſſenen Aeuglein blickte, wurde er etwas befangen. „O dieſe Männer!“ ſeufzte Eleonore.„Das Leben —— — 79 macht ſie rauh und gefühllos, ſie verſtehen nicht mehr das einfachſte Gefühl eines Frauenherzens, das noch nicht ganz in der Alltäglichkeit untergegangen iſt. O ich bin ſehr unglücklich!“ Und Eleonore ließ die kurze Stirn auf die fette Hand ſinken und ſeufzte herzbrechend. Stanowsky, dem es bis jetzt noch nicht gelungen war, bei dem Geplapper Charles' auch nur ein Wort anzubringen, warf der Frau des Pferdehändlers einen raſchen Blick zu— er hatte ſie im Verdacht, mit ihm Komödie zu ſpielen. So kurz und raſch dieſer Blick war, Frau Cleo⸗ nore Fränkel legte in ihre kleinen verſchwollenen Aeug⸗ lein die ganze Glut ihrer poetiſchen Seele. Ein unmerkliches Lächeln zuckte über das Geſicht des Abenteurers, er ließ ſeine großen Augen brennend auf denen Eleonorens haften. „Und Sie finden kein anderes Echo für Ihre ver⸗ einſamte Bruſt als die ſtummen Werke todter Dichter?“ Die Geſichtsfarbe Eleonorens wurde bei jedem Worte ihres Gaſtes um einen Grad dunkler, ihre Blicke blieben wie gebannt an denen Stanowsky's haf⸗ ten, wie die Augen einer Truthenne an denen der Schlange, die ſie verſchlingen. will. Ihre Hand, welche langſam von der Stirn herabſank, zitterte. „Wa— was meinen Sie damit?“ „Ich meine“, ſagte Stanowsky und erhob ſich und ſtützte ſeine feine weiße Hand leicht auf den Rand des Blumentiſches,„ich meine, daß Jeder, der Sie kennt, die tiefſte Sehnſucht fühlen muß, in ſtummer Anbe⸗ tung den holden Seufzern Ihrer Bruſt zu lauſchen.“ Auch Eleonore erhob ſich. Es war faſt unver⸗ meidlich, daß ſie ſich ebenfalls auf den Rand des Blumentiſches ſtützte und daß ihre Hand dabei die Stanowsky's leicht berührte. Sie ſuchte dieſe Berüh⸗ rung nicht zu fliehen. „Sie ſind Dichter“, rief ſie. Stanowsky ſchlug die Augen nieder. „Seit einer Viertelſtunde.“ Stanowsky hatte die ringbedeckten Finger Eleo⸗ norens einen nach dem andern von dem Rande des Blumentiſches losgelöſt, den ſie mit leiſem Beben um⸗ klammert hielt. Als er die Hand ganz in der ſeinen hielt, führte er ſie ſanft an die Lippen. Eleonore duldete es mit einem tiefen Seufzer. Noch einmal ſenkte Stanowsky ſeine Blicke tief in die Augen Eleonorens, dann, wie von einer unüberwindlichen Bewegung erfaßt, ſchlang er ſeinen Arm um ihren Leib und drückte ſeine Lippen auf die ihrigen. 81 Eleonore ſtreckte beide Hände aus. „Um des Himmels willen, was thun Sie?“ „Meine Seele iſt der Widerhall deſſen, was Dein Herz mir entgegenſchlug vom erſten Augenblick an.“ Eleonore lehnte ſich leiſe ſchauernd mit geſchloſſe⸗ nen Augen an Stanowsky's Bruſt und flüſterte: „Ja, Du haſt Recht, ich kann nicht anders und doch, wie tief bin ich geſunken! Ich bin ein ſchlechtes, treuloſes Weib.“ Stanowsky lachte. „Dein Gatte gehört zu einer andern Gattung von Weſen als Du. Es iſt nur natürlich, daß Dein Herz in jene Himmel der Poeſie und Liebe flüchtet, wohin es gehört.“ Stanowsky küßte ihre Augen, ein teufliſches Lächeln lag auf ſeinem Geſicht. „Du haſt Recht“, murmelte ſie,„er hat mich nie verſtanden, nie verdient!“ „Aber ich verſtehe, ich verdiene Dich!“ „Ja, Du, Etienne! Ich bin Dein, ganz Dein!“ „Woher weißt Du meinen Namen, Eleonore?“ „Er hat ihn mir geſagt— o Himmel! Er hat mir auch geſagt, die Weiber beteten Dich an— was hab' ich gethan! Ich ſtürbe, wenn Du mich verließeſt.“ „Ich weiß nicht, wer mich anbetet, ich weiß nur, daß ich Dich anbete, Dich allein.“ v. Schlägel, Nach nns die Sündflut. II. 6 Eleonore erhob die Augen entzückt zur Stuben⸗ decke und wiederholte: „Mich allein!“ Stanowsky hatte von Zeit zu Zeit über die Schul⸗ tern der Geliebten einen Blick in den Hof geworfen, wo Charles Fränkel dem Hospodar ein Pferd nach dem andern vorführen ließ. Durch Pfeffer und an⸗ dere Reizmittel angeregt, mit emporgeſtreckten Köpfen, fliegenden Mähnen, hocherhobenen Schweifen, von der Fauſt der Stallknechte mühſam zurückgehalten, um⸗ kreiſten den greiſen Kragoratſch die Pferde, welche im Stall vielleicht ſo lammfromm und geduldig waren wie die Pferde der Compagnie impériale des voitures. Eine Anzahl dieſer Vierfüßler in allen Farben und Größen ſtanden ſchon abſeits und hoben ſchnau⸗ bend die Köpfe bei dem Parademarſch ihrer Collegen. Jetzt eben ſah der Hospodar zur Uhr und empfahl ſich. Während die Pferde in den Stall zurückgeführt wurden, begleitete der rothe Fränkel den Walachen mit tiefen Bücklingen an das Thor, wo der Hotel⸗ wagen hielt. Dann kam Fränkel ſchmunzelnd und ſich die Hände reibend auf das Wohnhaus zu. „Fränkel kommt— wo und wann kann ich Dich treffen„z — 83 Mit leidenſchaftlicher Glut drückte Stanowsky die dicke Geſtalt Eleonorens an ſich. Eleonore verbarg ihr Geſicht in den Händen. „O ſchone meiner! Ich bin ein ſchlechtes Weib.“ „Du liebſt mich nicht.“ „Unſaglich!“ „Du biſt feig!“ „Ich habe Muth zu Allem. Morgen Abend acht Uhr erwarte mich am Eingang des Tuileriengar⸗ tens. Ich werde dicht verſchleiert ſein, aber ſtark hu⸗ ſten, wenn ich durch das Thor gehe.“ „Sei ſicher, meine Seele fühlt Deine Nähe. Noch einen Kuß.“. Es war zu ſpät, bereits trat Herr Fränkel ein, der vergebens die Freude zu verbergen ſuchte, die ſein Geſicht purpurn überdeckte. Der Orden pour le mérite, deſſen Band von rother Farbe iſt, wie das Band der Ehrenlegion, nur ſchmäler, prangte noch an ſeinem Rocke. „Fürſt Kragoratſch war hier?“ fragte Stanowsky, um Gleonore Zeit zu laſſen, ſich zu erholen. Dieſe Sorge war überflüſſig, denn die Freundin Lamartine's ſaß bereits wieder in ihrer melancholiſch ſinnenden Haltung im Fauteuil, wie ihr Gatte ſie ver⸗ laſſen. „Allerdings, der Fürſt hat auch etwas gekauft.“ „Sehr viel, wie ich ſah.“ „Gewiß, aber es waren auch lauter preiswürdige Pferde.“ „Wie hoch beläuft ſich das Geſchäft?“ „Vorläufig auf die Kleinigkeit von ſechzigtauſend Francs; er will noch mehr kaufen.“ Fränkel biß ſich auf die Lippen, noch ehe er das letzte Wort ganz ausgeſprochen hatte. „So, er will noch mehr kaufen“, ſagte Stanowsky gedehnt.„Ich habe die Ehre, mich der gnädigen Frau zu empfehlen.“— Fränkel wurde ſehr unruhig. „Wollen Sie nicht noch einen hübſchen Rappen anſehen, den ich Ihnen billig laſſen könnte? Magni⸗ fiques Pferd, producirt ſich prächtig, müßte, von Ihnen geritten, Aufſehen machen im Bois.“ „Ich danke!“ antwortete Stanowsky kühl.„Ich habe bereits zu viel Pferde für meinen Etat.“ „So bleiben Sie noch ein wenig bei Madame Fränkel. Ihr ſcheint Euch ja prächtig mit Lamartine unterhalten zu haben, hat Ihnen ohne Zweifel eine ſeiner Komödien vorgeleſen, meine Frau, lieſt prächtig vor, geht mir durch und durch, wenn ſie ſo mit Gefühl vorlieſt.“ Stanowsky warf Madame Fränkel einen bezeich⸗ „ 85⁵ nenden Blick zu. Cleonore ſtieß einen reſignirten Seuf⸗ zer aus. Stanowsky verbeugte ſich. „Ich darf Madame nicht länger ermüden und möchte auch in der That noch meinen walachiſchen Freund vor dem Mittagstiſch ſprechen.“ Der Schlag war gut gezielt und ſaß. Herr Frän⸗ kel bemühte ſich vergeblich, die Wuth zu verbergen, welche grünlich aus ſeinen Augen ſchillerte. Er empfahl ſich gleichfalls bei ſeiner Gattin, welche des Geliebten üble Laune als einen neuen Beweis ihrer gegenſeitigen Seelenharmonie aufgefaßt hatte, und be⸗ gleitete Stanowsky die Treppe hinunter. Unten an⸗ gelangt, ergriff er den Aermel Stanowsky's und zog leiſe daran. „Hören Sie, Stanowsky!“ ſagte er mit leiſer ziſchender Stimme.„Sie wollen mir faule Geſchichten machen, weil ich meinen zwanzigtauſend Francs nicht will nachwerfen noch andere zehntauſend. Ich habe es gut gemeint mit Ihnen, ich hab' wollen warten gutmüthig auf mein Geld und Ihnen laſſen Ihre Freiheit und Ihren redlichen Namen. Wenn Sie mich aber dumm machen wollen, dann red' ich anders.“ Stanowsky zuckte die Achſeln und ſah dem Pferde⸗ händler ruhig lächelnd in das unverſchämte Geſicht. „Die Sache liegt einfach, beſter Fränkel! Ich 86 brauche die zehntauſend Francs und weiß ſie nirgends zu bekommen als bei Ihnen— ich habe eine neue Ge⸗ liebte, ein Weſen, für das ich jede Thorheit begehen würde, ein engelſchönes Geſchöpf.“ „Was geht mich Ihre Geliebte an! Sie bekommen die zehntauſend Francs nicht.“ Stanowsky faßte den Rock des Pferdehändlers gerade an der Stelle, wo das rothe Band pour le mérite hing. 3 „Ich werde ſie bekommen, Fränkel!“ „Nein, ich laſſe Sie heute noch arretiren!“ Fränkel ſtampfte wüthend mit dem Fuße, es war ihm Ernſt. Stanowsky lächelte freundlich und hielt immer noch das Knopfloch von des Pferdehändlers Rock feſt. „Aber nicht, bevor ich mit Ihrem deutſchen Stall⸗ knecht, Sie wiſſen, der den Braunen in den Huf ge⸗ ſtochen, beim nächſten Weinhändler eine Flaſche ge⸗ trunken.“ Der rothe Fränkel riß die Augen auf und ſeine Zähne knirſchten hörbar. Sein Geſicht war erdfahl. Er fühlte, daß er vor ſeinem Meiſter ſtehe. Er fühlte die Nothwendigkeit, ſich zu ſammeln. „Warten Sie hier, bis ich wiederkomme!“ ſagte er zu Stanowsky. „ 87 Stanowsky ſah ihm lauernd nach. Es war ihm doch nicht ſo ganz wohl bei der Sache, er dachte an den Bogen, der, zu ſtraff geſpannt, bricht, und an ſeine eigene Lebensregel, daß man beim klügſten Menſchen auch mit andern Eigenſchaften als ſeiner Klugheit zu rechnen habe. Seine Beklemmung wich, als er nach einiger Zeit Fränkel mit ganz cordialem Geſichte wiederkommen ſah. Fränkel hatte ein verſchloſſenes Couvert in der Hand. „Laſſen wir jetzt das unnütze leidenſchaftliche Ge⸗ rede und arbeiten einander tüchtig in die Hand; wir können einander zu viel nützen, als daß wir nicht Narren wären, wenn wir uns gegenſeitig ſchadeten. Hier, ich hab' geſprochen mit meine rFrau und ſie hat eingelegt ein gutes Wort für Sie, und ich will Ihnen leihen fünftauſend Francs auf vier Wochen, ſechs Procent. Dafür müſſen Sie mir aber auch noch brin⸗ gen den Mondélion oder, wenn der todtgeſchoſſen wird, den Lord, und wenn ſie am Leben bleiben, alle beide.“ „Ich will's verſuchen, aber ich ſagte Ihnen doch, ich brauche zehntauſend.“ „Kann nicht, hab' nicht mehr im Hauſe „Ich nehme auch Wechſel. Zögernd griff Fränkel in die Taſche und holte ein zweites Couvert hervor. 88 „Da, da haben Sie dieſelben aber—“ Er erhob drohend den Finger. Stanowsky zuckte die Achſeln. „Sie begreifen, ich will gern mit Ihnen arbeiten, aber nicht blos für Sie.“ Mit einer tiefen Verbeugung entließ der rothe Fränkel ſeinen Alliirten. Der Blick, mit dem er ihm nachſah, war nicht ganz ſo feindſelig, als man es nach der vorausgegangenen Unterredung hätte erwarten ſollen. „Madame Fränkel ſagt, dieſer Stanowsky ſei ein ausgezeichneter Menſch und ich ſolle ſeine Freundſchaft ſuchen. Madame Fränkel iſt eine geiſtreiche Frau. Kannſt Du nicht geben zehntauſend Francs, wenn er Dich läßt gewinnen hunderttauſend mit ſeine Liebens⸗ würdigkeit? Du mußt groß ſein, Fränkel! hat ſie geſagt.“ Derart waren die Worte, welche Fränkel in ſei⸗ nen rothen Bart murmelte. Indeſſen ſchaute Eleonore mit feuchten Augen in die tropiſchen Blumentöpfe. „Jede Thorheit könnt' er für mich begehen, hat er zu meinem Mann geſagt, ein engelſchönes Geſchöpf hat er mich genannt. Es iſt ein himmliſcher Menſch! Und wie er mich liebt!“ G Fünftes Kapitel. Heißes Blut. . Mit ſtolz erhobenem Haupte und blitzendem Auge ſchritt Stanowsky durch die Menge, welche die Champs Elyſées füllte. Er hatte die Kette geſprengt, welche der rothe Fränkel um ihn geſchlungen, er hatte ihn be⸗ ſiegt und brauchte nur ſeine vielen Bekanntſchaften un⸗ ter reichen jungen Leuten auszunutzen oder neue zu machen und ſie Fränkel vorzuführen, um ſich ſelber eine immer fließende Goldquelle zu eröffnen. Er ent⸗ warf bereits ſeinen Feldzugsplan und dachte an einige . junge lebensluſtige Kaufleute, welche unter ſeiner Leitung hatten in das Leben treten wollen, die er aber bisher den noblern Bekannten des Jockeyclubs geopfert hatte. Es konnte auffallen und ihn compromittiren, wenn er ſeine Thätigkeit auf die Cavaliere allein be⸗ 90 ſchränkte. Er mußte deshalb verſchiedene Operations⸗ felder ſich eröffnen. Stanowsky lächelte. Er hatte ſich auch gerächt. Er hatte den verhaßten, verachteten Feind an der Stelle getroffen, wo er am tiefſten verwundbar war. Fränkel, der bei den vielen gewinnſüchtigen Com⸗ binationen, welche ſein Hirn beſchäftigten, keine Zeit hatte zu Vergleichen zwiſchen den Vorzügen ſeiner Gat⸗ tin und denen anderer Frauen, fühlte ſich überglücklich im Beſitz ihrer derben Reize, und da ihm ſelber jede Erhebung über die unterſte, materiellſte Ablagerungs⸗ ſchicht des geſellſchaftlichen Lebensproceſſes abging, er⸗ blickte er in der ſchwammigen Sentimentalität ſeiner Che⸗ hälfte die Quinteſſenz alles deſſen, was andere Menſchen als Geiſt und Gemüth bezeichneten und ſchätzten. Stanowsky betrachtete die raſche Hingebung des ſinnlichen Weibes keinen Moment lang als etwas Anderes als das, was ſie war, der rein phyſiſche Gäh⸗ rungsproceß eines ungeſund begehrlichen Naturells, das ſeine ſchwülen Anfälle vor ſich und Andern für poe⸗ tiſche Empfindungen ausgab und mit den zuſammenge⸗ leſenen Phraſen ſentimentaler Dichter aufputzte. Die Prachtliebe Stanowsky's allein ſchon, die ihn bereits früh von Schwindelei zu Schwindelei, von Ver⸗ brechen zu Verbrechen trieb, würde hinreichen, ihn von vornherein nicht als gewöhnlichen Menſchen erſcheinen 91 zu laſſen, auch eine gewiſſe wilde Ritterlichkeit war ſeiner Natur urſprünglich nicht fremd, und nur mit tiefem Ekel hatte er das Weib geküßt und umarmt, das ſich ihm beim erſten Beſuch ſofort in die Arme warf. Aber der rothe Fränkel war der Menſch, der ihn am meiſten gedemüthigt, den er am meiſten gehaßt noch im Leben. Allen andern Verfolgungen hatte er ſich zu entziehen gewußt, noch bevor ſie begon⸗ nen hatten, dieſer niedrige Kerl, deſſen vorzüglichſte Lebensaufgabe darin beſtand, ſeinen Vierfüßlern falſche Altersmarken in die Zähne zu brennen und lahme Pferde als geſund auszugeben, dieſe im Leben des Stalls ſelbſt zur Beſtie gewordene Canaille wollte ihn feſthalten mit eiſernen Krallen und ſich dienſtbar machen. Stanowsky überwand das häßlichſte Gefühl, das ein Mann haben kann, den Ekel vor einem Weibe, und ging auf die Intrigue ein, welche in Eleonorens Buſen bereits heraufgedämmert war, ſeit ſie zum erſten Mal Stanowsky's breite Schultern und muskulöſe Beine geſehen und ſeit ihr der Gatte erzählt, daß er ein großer Schwindler, aber von den Weibern begehrt ſei wie kein Cavalier. Auch Nini war Stanowsky zugefallen wie eine reife Frucht, aber er hatte vom erſten Moment an dieſes Geſchöpf durchſchaut mit ſeiner harmloſen Treuloſigkeit, ſeinem kindlichen Egoismus. Nini hatte nichts als ihre Geſtalt, nichts von dem, was wir Seele oder Gemüth heißen, ſie wußte nichts von einer tiefen Anhänglichkeit an Perſonen, aber in ihrer wilden flatterhaften Naive⸗ tät war ſie doch unendlich poetiſch für den, der nichts Anderes von ihr verlangte, als was ſie geben konnte. Stanowsky ſuchte ſich durch die Erinnerung an Nini das widerwärtige Bild der verliebten Jüdin zu ver⸗ drängen. Aber es war ihm doch, als wenn Nini's etwas einſilbige Natur dem am reizendſten erſcheinen müſſe, der ſie erſt begehre. Seine Phantaſie wanderte weiter zu zwei ſchönen Frauengeſtalten, unentweiht, wie die höchſten Gipfel des Balkan, zwei Herzen, tief, urſprünglich und kindlich zugleich, daß es Stanowsky oft überkam, als begehe er ſchon dadurch ein Verbrechen, daß er von ihnen geliebt werde. Liebte er eine der beiden Schweſtern? Stanowsky lächelte über dieſe Frage in dem Augen⸗ blick, da er ſie ſtellte; liebte er ſie beide? Er verfiel in tiefes Sinnen. In der That, es war ihm nicht leicht, an eine von ihnen allein zu denken. Das Bild der blühendern Leopolda verblaßte zum zartern Ausdruck der ſchwärmeriſchen Anna, die tiefen ſchwarzen Sam⸗ metaugen Anna's funkelten mit der kecken Lebensluſt der energiſcheren Schweſter. „— 93 Sollte er eine von ihnen heirathen? Der Hospodar liebte ihn wie einen Sohn, die Töchter beteten ihn an, Leopolda ſchien täglich auf einen Antrag zu warten. Der Hospodar war reich, alle Noth war zu Ende. Unwillkürlich blieb Stanowsky ſtehen und ſeine Stirn runzelte ſich. Kragoratſch und ſeine Töchter hielten ihn für einen Edelmann, für reich. Am Reich⸗ thum hielten ſie wohl nicht, das wußte er, vielleicht ſiegte Leopolda's Liebe ſogar über ihre Standesvor⸗ urtheile. Eine Heirath brachte Auseinanderſetzungen mit ſich über Heimat und Familie. Wenn Leopolda ſelbſt den ehrlichen Pferdehirten nicht verlaſſen hätte, war es denkbar, daß ſie, die Stolze, die Reine, die Lüge und Verbrechen nur als dunkle Sage kannte, angehörig einer Welt und einem Geſchlecht, die nichts mit ihr gemein hatten, den ungetreuen Verwalter, den ent⸗ larvten Betrüger noch lieben werde? In ähnlichen Gedanken kam Stanowsky in ſeiner Wohnung an. Er trat bei Nini ein, noch immer be⸗ ſchäftigt mit der Frage, ob Leopolda ihn noch lieben würde, wenn ſie ihn kenne. Er ſah ihre überraſcht und ſchreckenvoll geöffneten Augen, es waren aber nicht ihre Augen, ſondern die ihrer Schweſter; gerade ſo hatte Anna geblickt, als er vor acht Tagen vor ihren Augen über eine Barrière der Avenue der Kai⸗ 94 ſerin hatte ſetzen wollen und dabei mit dem Pferde ge⸗ ſtürzt war. Toller Spuk! Nini ſchlug den Zerſtreuten auf die Hände und ſprang lachend um ihn herum. Sie hatte von den ihr geſchenkten Kleidungsſtücken das Grellſte und Bunteſte angezogen, hatte alle Schmuckſachen an ihren Leib ge⸗ hängt, die ſie dort anbringen konnte, zu einem Ballkleid von roſenfarbener Seide mit einem weißen Spitzenüber⸗ wurf trug ſie einen Promenadenhut à la Tirolienne mit einem Buſch Hahnenfedern, zu einem Perlenhals⸗ band eine Broche von Brillanten und einen ſchwarz emaillirten Armreif. „Wir wollen aufs Land fahren; auf dem Lande iſt es ſo ſchön, nicht wahr— wie heißt Du?“ „Etienne.“ „Nicht wahr, Etienne? Hübſcher Name das! Du läßt Deinen Wagen anſpannen mit den vier Pferden und den zwei Reitern und dann fahren wir aufs Land über die Champs Elyſées und das Bois— durch das Bois möchte ich um jeden Preis. Kommt man auch aufs Land, wenn man durchs Bois fährt?“ „Gewiß, gewiß, Kind; leider wirſt Du aber heute noch zu Hauſe bleiben müſſen. Ich habe Geſchäfte, Du haſt mit dem Ordnen Deiner neuen Garderobe vollauf zu ———— 95 thun; auch iſt es gut, wenn Du noch etwas im Ver⸗ borgenen bleibſt, des verrückten Studenten halber.“ Nini ſchmollte ein wenig und brach in der Zer⸗ ſtreuung ein Stück von der durchbrochenen Arbeit des koſtbaren Perlmutterfächers ab, mit dem ſie ſpielte. Stanowsky ſah jetzt erſt den ſonderbaren Anzug Nini's und lächelte. „Und ſo könnteſt Du auch ein andermal nicht ausfahren.“ „Warum nicht?“ fragte Nini ſchnippiſch. „Weil, nun weil man eben in Ballrobe und Federbarett nicht ausfährt.“ Nini war im Begriff, allerübelſter Laune zu werden. „Warum haſt Du mir denn alle die ſchönen Klei⸗ der geſchenkt, wenn ich ſie nicht anziehen ſoll?“ „Du ſollſt ſie ja anziehen, beſte Nini, nur zur ge⸗ hörigen Zeit und am rechten Ort.“ „Und ich ſoll immer hier eingeſperrt ſein?“ „Ich werde Dir in einer Stunde mein Coupé ein⸗ ſpannen und Dich ſpazieren fahren laſſen, nur mußt Du mir verſprechen, das braune Kleid dort anzuziehen und dieſes Peplum.“ Nini patſchte vor Freuden in die Hände. „Und ich fahre mit den vier Pferden und den zwei rothen Reitern.“ 96 ſchloſſen und wird blos von einem Pferde gezogen. Die eleganteſten kleinen Damen fahren nicht anders.“ „Aber ich will vierſpännig fahren, wie Du.“ Das Geſicht Stanowsky's wurde ſehr kalt und finſter. „Es geht nicht, Nini.“ „Ja, ich will aber.“ „Du langweilſt mich mit Deinem Eigenſinn. Das Coupé ſteht zu Deiner Verfügung, mein Kutſcher er⸗ hält jedoch den Befehl, nicht zu halten, und da Herr Jaccard jedenfalls Dich ſuchen wird, ſo iſt es nur in Deinem eigenen Intereſſe, Dich nicht allzuſehr zu zeigen.“ Nini weinte. Sich zu zeigen, das war ihr ja eben die Hauptſache, und wenn ſie Jean Jaccard geſehen hätte in ihrem neuen Glanz, deſto beſſer, dann hätte ſie ihm ein recht hochmüthiges Mäulchen machen können, weil er ſo ſchlecht an ihr gehandelt. Jean Jaccard— bei ihm hatte ſie ſchließlich doch immer ihren Willen durchgeſetzt— ſie ſah von der Seite nach Stanowsky hin, wie er ſich gleichgültig für ihren Schmerz mit einem der zierlichen Schuhe beſchäftigte, welche für ſie angekommen waren. Wenn ſie mit Jean Jaccard Streit gehabt, ſo war „Das nicht, mein Coupé iſt im Gegentheil ge⸗ —— ——y——— 97 dieſer immer ganz verſtört und machte die tollſten Ge⸗ ſichter, bis ſie wieder gut war. Der nicht, der ſchien immer Recht haben zu wollen. „Adieu, Nini.“ „Soll ich auch allein eſſen?“ „Daran wirſt Du Dich allerdings gewöhnen müſſen, ich eſſe an der Tafel des Hotels.“ „Und warum— 3 Nini hatte fragen wollen:„Warum ich nicht?“ Der gutmüthig ſpöttiſche Blick Stanowsky's jedoch ſchnitt ihr die Frage im Munde ab. Es war ihr, als zöge ſich ihr Herz ſchmerzlich zu⸗ ſammen. Es war eben anders als bei Jean Jaccard. „Gut“, ſagte ſie,„aber ich will Champagner trinken, eine ganze Flaſche.“ „Dann mußt Du jedenfalls auf das Ausfahren verzichten.“ Nini ſtampfte mit dem kleinen Fuße. Stanowsky verbeugte ſich lächelnd und ging. Nini warf ihm einen bitterböſen Blick zu und eine kleine roſenrothe Zunge erſchien zwiſchen den blendenden Zähnen. Stanowsky lachte noch auf der Treppe. Er aß wirklich an der großen Tafel des Hotels. Er nahm einen der bevorzugteſten Plätze ein und machte täglich v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. II. 7 neue intereſſante Bekanntſchaften. Stanowsky hatte viel geſehen und war ein ſehr liebenswürdiger Tiſch⸗ nachbar. Deshalb ſetzte man mit Vorliebe ausgezeich⸗ nete Fremde neben ihn. Heute jedoch war der Fürſt, wie ihn auch die Kellner flüſternd nannten— Stanowsky ſelbſt hatte ſich verbeten, anders als Monſieur angeredet zu werden— ſehr einſilbig. Er würdigte die Meiſterwerke der fran⸗ zöſiſchen Küche keines Blicks und unberührt wander⸗ ten die auserleſenſten culinariſchen Genüſſe zu ſeinen Nachbarn. Noch vor dem Deſſert brach er auf. Seine Ge⸗ danken weilten heute mit ſeltener Ausdauer bei Leo⸗ polda und etwas wie Sehnſucht hob manchmal ſeine Bruſt. Er blickte zur Uhr. Es war noch faſt zu früh, der Hospodar und ſeine Töchter, welche auf ihren Zim⸗ mern dinirten, konnten kaum gegeſſen haben. Sta⸗ nowsky ſuchte ſich im Leſezimmer einen Platz, von dem aus er die große Treppe beobachten konnte. Mit ganz eigenthümlicher Befriedigung ſah er den Hotelwagen vorfahren, und nach einiger Zeit ſtieg der Hospodar ein. Das Antlitz des alten Mannes war umwölkt, ſein Gang weniger ſicher als ſonſt. Sonſt hatte Stanowsky des gutmüthigen, pathetiſchen Alten nur immer mit 99 einem halben Lächeln gedacht, heute beunruhigte ihn das traurige Geſicht des Hospodars, als hänge von dem Runzeln oder der Heiterkeit dieſer Stirn Glück oder Elend ſeines Lebens ab. Der Wagen fuhr ab und Stanowsky ſprang mit raſchen Sätzen die Treppe hinauf. Schweigend öffnete der walachiſche Diener, den der Hospodar mitgebracht, die Thür des Salons, als habe er den Auftrag ge⸗ habt, ihn zu erwarten. In dem Salon ſtand Leopolda. Ihre walachiſche Dienerin verſchwand, als Stanowsky eintrat. Alles das war ſo ſonderbar, ſo verſchieden von ſonſt, daß Stanowsky innerlich erbebte. Leopolda war ſehr erregt. Mit einer Heftigkeit, die ihrem heitern Weſen ſonſt fremd war, trat ſie auf Stanowsky zu und gab ihm die Hand. Stanowsky athmete auf. Leopolda war in ſchwarze Seide gekleidet, und die ſeltſame Erregung, in der ſie ſich befand, ließ ſie Stanowsky doppelt reizend er⸗ ſcheinen. Ihre heftigen Bewegungen zeigten die ganze Kraft ihres üppigen Baues, und immer größer und mächtiger wurden Stanowsky's Augen, als ſie ihn mit hochwogendem Buſen nach dem Sopha führte. Sie hielt ſeine Hand feſt, ſelbſt als ſie ſchon ſaßen. „Gut, daß Sie kommen, Iſtvan!“ ſagte Leopolda haſtig.„Ich mußte Sie ſprechen, bevor Sie meine 7*½ Schweſter geſehen. Meine Schweſter iſt krank und liegt in ihrem Zimmer wie eine geknickte Blume; ſie wird immer krank, wenn man ihr nicht zu Willen iſt, ſie tyranniſirt uns mit ihrer Krankheit—o ſie iſt ſehr häß⸗ lich, Iſtvan!“ Stanowsky war ſo ſehr an die Eintracht der bei⸗ den Schweſtern gewöhnt, daß ihn dieſe heftige Anklage Leopolda's ſtaunen machte. Leopolda mochte das in ſeinen Augen leſen und fügte hinzu: „Ich habe bis jetzt immer nachgegeben, ich habe mich geopfert, ich hatte keinen Willen mehr, aber diesmal will ſie mir das Herz aus der Bruſt reißen— ich haſſe ſie!“ Die Augen Leopolda's blitzten und ihre zarten Fäuſte ballten ſich. Stanowsky ſchaute mit einer Art wilder Sympathie in das leidenſchaftlich erregte Geſicht der Walachin. „Vertrauen Sie mir Ihren Schmerz an, Leopolda!“ ſagte er ſanft.„Sie können ihn keinem ergebenern Freunde mittheilen.“ „Ja, ich weiß es“, ſagte Leopolda.„Was man auch ſagen mag, Sie ſind mir treu, Ihr Herz, Ihre Zunge verleugnen nicht, was mir Ihre Blicke und Ihr Hände⸗ druck tauſendmal geſagt haben.“ „Gewiß nicht, Leopolda!“ 4 4 1 101 Ein unarticulirter Laut entrang ſich der Bruſt Leopolda's. Mit einer Glut, vor der Stanowsky faſt erſchrak, warf ſich die Fürſtin vor ihm nieder und drückte ihr brennendes Geſicht in ſeine Hände. „O, ich wußte es!“ jubelte ſie und ihre Stimme arbeitete ſich halberſtickt empor aus den Tiefen eines vor Wonne faſt brechenden Herzens.„Ich wußte es, daß Du mich liebſt und nicht das ſchwache, eigenſüchtige Weſen, das ſich meine Schweſter nennt. Du kannſt nur ein ganzes Weib lieben, Iſtvan, nicht ein Zwitter⸗ ding zwiſchen Kind und Nonne.“ Dieſe Entwicklung war Etienne Stanowsky zu raſch gekommen. Faſt beſtürzt ſchaute er auf das vor ihm knieende Weib, das noch immer ſeine Hände ge⸗ faßt hielt und mit wahnwitziger Hingebung zu ihm emporſah. „Fürſtin!“ Stanowsky ſuchte ſie zu ſich emporzuziehen. Den Oberkörper zurückgelehnt, die Augen funkelnd, die Zähne entblößt von den purpurnen Lippen, kniete ſie vor ihm und vereitelte alle ſeine Anſtrengungen. „Nenne mich Leopolda! Nenne mich Dein Weib!“ preßte ſie hervor.„Komm zu mir!“ Stanowsky ſah herunter auf das knieende Mädchen, das ſchwarze glänzende Kleid legte ſich in ſinnverwirren⸗ 102 den Falten um ihren Leib, in ſtürmiſchen Athemzügen wogte ihm eine blendend weiße Bruſt entgegen. „Leopolda—“ Er neigte ſich nieder, um ihren Mund zu küſſen, ſie warf die Arme um ſeinen Hals und riß ihn zu ſich nieder. „Mein!“ ſagte Leopolda und ſtrich ihm das Haar von der glühenden Stirn.„Jetzt kann Dich mir Nie⸗ mand mehr nehmen, Niemand! Anna kann Dich jetzt mit ihren Madonnenaugen anſchmachten, ſoviel ſie will, ich lache dazu.“ „Ich bin überzeugt“, ſagte Stanowsky und führte die Hand Leopolda's an ſeine Lippen,„Anna hat mich ſo wenig begehrt als ich ſie.“ „Da irrſt Du“, ſagte Leopolda beſtimmt.„Ich kann jetzt ruhig davon ſprechen, denn Du biſt ja mein, vor Gott und vor den Geſetzen meines Landes. Mein Vater kann mich verſtoßen, ermorden, aber lebend kann er mich nicht mehr von Deiner Seite reißen. Ich hätte vielleicht noch länger geſchwiegen, hätte zugeſehen, wie ſie Dir die Liebe ins Herz zu girren ſuchte mit ihrer ſanften melodiſchen Stimme, mit ihren träumeriſchen Augen, aber heute, plötzlich bei Tiſche, als unſer Vater uns fragte, ob wir keinen Wunſch hätten und ich mir ein recht wildes, tolles Pferd wünſchte, wie ich zu Hauſe eins hatte, da ſchlug ſie ihre ſanften Augen zu Boden — ᷣ-— 103 und ſagte erröthend:„Ich habe andere Wünſche als Leopolda, ich wünſche, daß Du mir den Mann ſchenkſt, nach dem meine Seele begehrt.“ Mir fuhr's wie ein Lanzenſtich durch die Bruſt. Mein Vater hat ſie immer bevorzugt, weil ſie der verſtorbenen Mutter gleicht und ihm mehr ſchmeicheln kann als ich. Er verſtand ſie ſogleich und ſagte:„Du biſt die Aeltere von beiden, nach dem fürſtlichen Brauch unſerer Familie ſoll die ältere Tochter zuerſt freien. Ich weiß, daß Du einen tapfern und reichen Edelmann im Herzen trägſt, der unſerm Stamme neue Kraft verleihen wird; wenn er um Dich freit, ſo werde ich Dich in ſeine Armenlegen und Euch ſegnen.“ So ſagte mein Vater. Mein ge⸗ quältes Herz ſchrie auf. Erſt jetzt wußte ich, wie ſehr ich Dich liebte, Iſtvan. Ich ſagte, daß es nicht ſicher ſei, wen Du liebteſt. Der Fürſt erſchrak, aber die Thränen Anna's ſtimmten ihn weich, der Trotz, mit dem ich meine Liebe vextheidigte, machten ihn zornig. Er ſagte mir, er habe niemals bemerkt, daß Du mich bevorzugt habeſt vor der Schweſter, und er werde an den Traditionen unſerer Familie feſthalten. Ich ſagte ihm, dieſe Vorurtheile gälten nichts in dem Lande, wo wir uns befinden, ſeien veraltet und dumm, und dumm diejenigen, welche das Glück⸗ ihrer Kinder ihnen opfern wollten. Da war der Fürſt ſehr verletzt und ſagte mir, ich wolle der Schweſter den Geliebten ſtehlen.„Und ſelbſt wenn Dich unſer edler Freund liebt“, ſagte er, „dieſe Ehe würde das Herz Deiner Schweſter brechen, die aus zarterem Stoffe iſt als Du, und darum werde ich niemals darein willigen.“ Damit ging er. O was hab' ich gelitten, bis Du kamſt! Anna ſank ihrer Ge⸗ wohnheit nach krank und matt darnieder und nahm dadurch das Herz meines Vaters noch mehr gegen mich ein. Gleichviel, jetzt können ſie Dich mir nicht mehr nehmen“, rief Leopolda in düſterem Jubel und ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals,„jetzt biſt Du mein!“ Wie kam's, daß Stanowsky die Liebkoſungen Leo⸗ polda's nicht mehr erwiderte, daß ſeine wilde Natur nicht mehr einſtimmte in den dämoniſchen Jubel der Fürſtin? Er hatte doch nur an Leopolda gedacht, bis er hierher kam, und jetzt beſaß er ſie ſo vollkommen, wie er in ſeinen kühnſten Träumen es nicht gehofft, das ent⸗ zückende Weib klammerte ſich an ihn, wie eine Ver⸗ dammte ſich anklammert an den Fuß des Engels, der ſie zu einem Lande ewiger Freude emporträgt, und Etienne Stanowsky träumte von den ſehnſuchts⸗ vollen Augen und der ſanften Stimme Anna's. Welk und verblaßt entfiel die kaum gepflückte Blume ſeiner Hand. z 105 „Wann willſt Du bei meinem Vater mich zum Weib begehren, Iſtvan?“ fragte Leopolda. Stanowsky fuhr empor. „Morgen— wann Du wilſſt, Leopolda!“ Leopolda überlegte. „Ich halte es für beſſer, noch ein wenig zu war⸗ ten. Seit ich weiß, daß Du mein biſt, gilt mir auch die Liebe meines Vaters wieder etwas. Er iſt gut und wird ſich bald beruhigen; wenn wir morgen vor ihn hinträten, würde er uns wahrſcheinlich fluchen—“ Leopolda's Stimme wurde unſicher—„auch könnte eine allzu rauhe Enttäuſchung der zarten Geſundheit Anna's vielleicht wirklich ſchaden. Du mußt ſie nach und nach auf das Bittere vorbereiten, auf einmal wäre es zu hart. Es iſt wohl blos eine krankhafte Laune von ihr, Du kannſt ſie nach und nach kuriren, indem Du ihren Einbildungen keine neue Nahrung gibſt. Wir haben ja Zeit, Du biſt ja mein!“ Stanowsky ſah ſinnend vor ſich nieder und ſeine Hand ſpielte zerſtreut mit einer der rabenſchwarzen Flechten, welche auf Leopolda's Nacken niederhingen. Leopolda lächelte vor ſich hin mit dem ruhigen Lächeln eines glücklichen Weibes. „Doch jetzt mußt Du zu Anna gehen. Es könnte ihr auffallen, daß Du ſo lange nicht kommſt. Geh!“ 106 Leopolda ſtand auf. „Und Du gehſt nicht mit mir?“ fragte Stanowsky. Leopolda ſchüttelte den Kopf. „Heute nicht, ich könnte mein Glück nicht ver⸗ bergen.“ „Und biſt Du nicht eiferſüchtig?“ Leopolda ſah ihn erſtaunt an und ſchüttelte den Kopf. „Nein, Du biſt ja mein Gatte.“ „Und wenn der Gatte Dich verriethe?“ Die Augen der Walachin blitzten zornig auf. „Rede nicht thöricht, Iſtvan! Ich würde Dich er⸗ morden!“ 7 Stephan Stanowsky warf den Kopf in den Nacken, ſeine Lippen zuckten unmerklich und ſeine Augen er⸗ widerten faſt trotzig den zornigen Blick Leopolda's. Doch nur einen Augenblick, dann ſenkte ſich ſein Antlitz zu dem der Geliebten, er küßte ſie und ſagte: „Ich fürchte den Tod nicht, aber das Leben iſt ſüß bei Dir! Sein Glück verräth man nicht!“ Lautlos ging er über die weichen Teppiche einiger Zimmer und ſtand an der Thür von Anna’s Gemach. Die Dämmerung war inzwiſchen angebrochen und die Gaslampen warfen ihr Licht trübroth durch die herabgelaſſenen Vorhänge.. 107 Fürſtin Anna lag, wie ihre Schweſter ſchwarz gekleidet, ausgeſtreckt auf einer Chaiſelongue und ent⸗ blätterte langſam eine weiße Roſe, welche ſie aus dem Bouquet, das vor ihr auf einem kleinen Tiſchchen ſtand, gezogen. Stanowsky trat ein. War es der Widerſchein des ſeltſamen Lichts, das Anna ſo bleich machte, oder war ſie es wirklich? Anna wandte langſam die großen Augen nach dem Eintretenden und fuhr fort die Blume zu zerpflücken. „Guten Abend, Fürſtin Anna!“ „Seid gegrüßt, Iſtvan Stanowsky!“ Anna wies auf einen Stuhl am Fußende ihres Lagers und nahm ihre Beſchäftigung wieder auf. Stanowsky ward ſeltſam erregt. Er hatte erwartet, eine Weinende zu finden, die ihre Schweſter mit den heftigſten Anklagen überſchüttete und ihn verzweiflungs⸗ voll um ſeine Liebe anflehte, und fand ein bleiches Kind, das mit einer Blume ſpielte. „Sie zerpflücken die Blumen, die ich Ihnen vor wenigen Stunden geſchenkt habe“, begann Stanowsky mit trauriger Stimme. „Die Sie uns geſchickt, Iſtvan, meiner Schweſter und mir, vielleicht ihr allein. Dieſe Blumen ſind welk bis morgen, ſie ſterben— ſo oder ſo, das iſt ja gleich. 108 Doch Sie haben Recht, Iſtvan, es iſt grauſam mit Nadelſtichen zu tödten,—“ Sie riß die noch übrigen Blätter auf einmal vom Stengel und warf die zerriſſene Blume auf den Teppich. „Man reißt uns ja auch alle Blätter des Glücks auf einmal vom kaum erſchloſſenen Herzen. Ich will gegen die Blume nicht härter ſein, als man gegen mich iſt, mag ſie auf einmal ſterben.“ „Und muß ſie ſterben?“ fragte Stanowsky, der den Sinn des wirren Bildes zu verſtehen glaubte. „Die Blume kann nicht leben ohne Sonne, das Herz nicht ohne Liebe.“ „Darum ſollte es auch nicht ſo leicht auf ſeine Liebe verzichten.“ Etienne Stanowsky hatte das geſagt, ohne darüber nachzudenken, unwillkürklich, unaufhaltſam waren ihm die Worte auf die Lippen getreten. Eine ſonderbare Verwandlung war mit Phm vor⸗ gegangen. Leopolda, das wilde, energiſche Weib, das ihre Liebe vertheidigte, wie eine Löwin ihr Junges, das ohne Bedenken ihre Ehre hinwarf, um ſich dafür den Mann einzutauſchen, den ſie liebte, Stanowsky dachte an ſie nur noch wie an eine wilde, ſelbſtſüchtige Tyran⸗ nin, die ihn und den ſanften traurigen Engel, der vor ihm lag, für immer zu trennen ſuchte. Es war ihm jetzt, —— 109 als ſei er gekommen als glühender Werber um die Hand Anna's, und die unnatürliche Schweſter ſei da⸗ zwiiſchen getreten, um ihn mit Gewalt an ihre Bruſt zu reißen. Bei den letzten Worten Iſtvan's hatte Fürſtin Anna die Augen weit geöffnet und ihr zarter Körper zuckte unter ſeiner Hülle von Seide, wie von leiſem Froſt. Sie erſchien Etienne Stanowsky unendlich rei⸗ zend in ihrer entſagenden Ruhe und eine ihm ſelber ganz unbekannte Sehnſucht erfaßte ihn nach der Liebe dieſes zarten Weſens. „Scherzen Sie nicht, Iſtvan! Ich weiß ja, daß Sie meine Schweſter lieben; ſie iſt eine ſtolze, ſtarke Seele und liebt Sie abgöttiſch; eine Stunde Einſamkeit hat mir geſagt, daß ich ſchwaches hinfälliges Geſchöpf den Kampf mit ihr nicht aufnehmen könne und dürfe. Ich habe verzichtet— beſchwören Sie nicht noch einmal den Sturm herauf, dem ich ein zweites Mal erliegen würde.“ Unbeweglich lag Fürſtin Anna da, nur ihre Augen wurden immer größer und ſtrahlten mit immer ſelt⸗ ſamerem Glanze. Iſtvan ſchaute ſtarr in dieſe Augen. Ihm war, als ob ihr Glanz in ſeinem Gehirn die Gedanken aus⸗ löſche und in ſeiner Bruſt nur noch einen einzigen 110 Wunſch zurücklaſſe, der ihm erſtickend nach der Kehle ſtieg— den Beſitz dieſes Weibes. Er faßte die neben dem Lager herabhängende Hand Anna's, dieſelbe, welche vorhin die Blume zerpflückt, und legte ſie an die linke Seite ſeiner Bruſt. Sein Herz ſchlug zum Zerſpringen. Es war, als ob die Wärme dieſes wilden ſtürmen⸗ den Blutes ſich der bleichen Frauengeſtalt mittheile. Immer glänzender und dunkler wurden ihre Augen, ihr Geſicht überzog ſich mit einer gleichmäßigen Röthe, ihre Lippen wurden purpurn. Ihr Körper zitterte un⸗ ter dem Pochen eines Herzens, das ihn mit ſeinen Schlägen zu zertrümmern drohte. Langſam hob ſie ſich und näherte ihre purpurnen Lippen denen Stanowsky'’s. Immer feſter preßten ſie ſich auf die ſeinen, die wunderbaren Augen glänzten und die zwei Herzen pochten an einander mit dröhnen⸗ den Schlägen. Im Nebenzimmer hörte man Geräuſch. Stanowsky erſchrak. Ein Gefühl wie Furcht trieb das matte Pochen ſeines Herzens wieder zu ſchnellern Schlägen. „Wir müſſen vorſichtig ſein, wenn wir uns nicht ſelbſt aus unſerm Himmel verbannen wollen. Ungeduld und voreiliges Geſtändniß kann Alles verderben.“ ·- Himmel nichts.“ mich nie vergeſſen könne, den ich küßte. Ich habe Dich Stanowsky hatte ein Gefühl, als ob er vor ſich ſelber immer kleiner und erbärmlicher werde. Anna ſchüttelte lächelnd das zarte Haupt. „Sei unbeſorgt, mein Glück iſt ſo gewaltig, daß ich daran ſterben kann, aber es durch Worte nicht ent⸗ weihen werde.“„Die Engel erzählen auch von ihrem 8 „Wir werden reden, aber ſpäter.“ „Warum?“ „Um unſerm Glücke Dauer zu verſchaffen.“ „Dauer? Warſt Du, biſt Du nicht mein? Glaubſt Du, es werde mir nicht immer ſein, als wenn Dein Mund auf meinem ruhte, Dein Herz an meinem ſchlüge? Und Du— meine Amme weiſſagte mir, daß der Mann geküßt, Iſtvan!“ Der Hospodar trat ein und umarmte Stanowsky väterlich. Hinter ihrem Vater erſchien ruhig und ſtolz — Leopolda. Stanowsky ſchlug die Augen nieder. Bei ſeinen ſchwärzeſten Handlungen hatte er nie den Glauben an ſich verloren. Mit grimmigem Hohn hatte er die Welt und eine Geſellſchaft verachtet, deren Geſetze und Einrichtungen ſich ſeinen maßloſen Begie den entgegenſtellten. 412 Mit der Wildheit eines Raubthiers hatte er ſich aufgebäumt gegen eine Ordnung, welche ihn an die letzten Speichen des Räderwerks feſſeln wollte, auf deſſen ſammtnen Pfühlen die Bevorzugten der Erde durch das Leben fuhren, ſtolz herabblickend auf den Schmuz und das Elend, welches die goldenen Hufe ihrer Pferde traten. Mit der Schlauheit der Schlange und der Behendigkeit der Tigerkatze hatte er den Göttern dieſer Erde hier und da einen bunten Fetzen ihrer Pracht geſtohlen, hatte ſich ſorgſam darein gehüllt, um die Nacktheit ſeiner Geburt und die ſchmuzigen Flecken ſeines Lebens dar⸗ unter zu verbergen, und hatte ſich auf den goldenen Wagen der Pracht und der Freude geſchwungen, und die Götter hatten geglaubt, er ſei einer der Ihrigen. Er hatte über ſie gelacht, während er ſich vor ihnen neigte, und war ſich größer erſchienen als ſie alle. Heute zum erſten Mal im Sturm und Drang ſeines Lebens verachtete er ſich ſelbſt. Er ſagte ſich, daß er unerwartet auf den Gipfel ſeines Glücks gehoben, von ſeinen feilen Sinnen verrathen und herabgeſtürzt worden ſei in die Tiefe, vielleicht für immer. Vor ihm ſtand ein ſchönes ſtolzes Weib, das ihn mit glücklichen Augen an⸗ ſah, neben ihm zuckte eine gebrechliche Schwärmerin uter der Erinnerung an ſeine Küſſe— er ſtand finſter d voll Ekel vor der eigenen That. Sechstes Kapitel. Jeanne Onterey. Jean Jaccard konnte nicht mehr allein ſein. Als Jules Bandeau und Reymond ihn verlaſſen, ging auch er, ohne die Rückkunft Louiſon's abzuwarten. Er ſchlen⸗ derte, die Hände in den Taſchen, an den Gittern der mediciniſchen Schule vorüber. Er dachte nicht daran, daß er nach dem in Frankreich herrſchenden Collegien⸗ zwang um dieſe Zeit in die Hörſäle gehörte trotzdem daß viele ſeiner Bekannten an ihm vorbeigingen und ihn grüßten. Der Bekannteſte erſchien ihm heute, als habe er ihn lange nicht geſehen, und er mußte ſich auf den Namen von Leuten beſinnen, mit denen er auf Du und Du ſtand. Endlich ſprach ihn einer an. „Es iſt Zeit, Jaccard, wenn Du noch etwas von der Section ſehen willſt. Wir haben heute einen präch⸗ v. Schlägel, Rach nns die Sündflut. II. 8 114 tigen Cadaver, ein kaum ſechzehnjähriges Mädchen aus der Morgue. Sie ſcheint im dritten Monate gu⸗ ter Hoffnung und hat ſich ertränkt, wahrſcheinlich als ſie ihren Zuſtand ihrer Familie nicht länger verbergen konnte. Profeſſor Janville wird einen Vortrag über Geburtshülfe mit der Section verbinden. Nun, Du koinmſt nicht? Jean Jaccard hatte zerſtreut zugehört. „Und Ihr wollt ſie wieder lebendig machen?“ Der Student ſah Jean erſtaunt an und ſagte lachend: „Im Gegentheil, wir wollen ſie zerſchneiden.“ „Zerſchneiden“, ſagte Jean mit einem traurigen Lächeln,„ja, darin beſteht Eure Kunſt; zuſammen⸗ ſetzen, ganz und lebendig machen könnt Ihr nichts mehr, und wenn ich Euch ſage: Setzt mir ein anderes Herz in die Bruſt, denn das meine iſt öde und ausgetrock⸗ net und ich kann nicht mehr leben damit, ſo lacht Ihr mir ins Geſicht und ſcheltet mich einen Narren. Schneidet alſo nur immer zu, und je hübſcher und fetter der Cadaver, den Ihr zerfleiſcht, deſto größer das Vergnügen. Wohl bekomm's!“ Jean Jaccard ließ den erſtaunten jungen Mann ſtehen und ging in der Richtung nach der Seine weiter. 415 Er ging am Waſſer hinab und ſchaute theilnahm⸗ los auf die Schätze, welche die Antiquare auf der wohl ſechs Schuh breiten Steinbrüſtung des Quais ausge⸗ legt hatten. Ein paar Bummler ſtanden vor einer Sammlung von Kupfermünzen, welche aus der Zeit Julius Cä⸗ ſar's heraufreichte bis zu ſeinem Biographen. Jean Jaccard nahm ein Zweiſousſtück mit dem dicken Ant⸗ litz Ludwig's XVI. heraus und betrachtete es. Der fette Hals war mit einem ſcharfen Inſtrument durchſchnitten. Jean Jaccard lächelte. Er legte die Münze wieder zurück und ſein Auge irrte weiter bis zum Bildniß Louis Napoleon's. Das neue Kupfer glänzte wie Gold. „Und warum iſt der noch nicht guillotinirt?“ fragte Jean Jaccard den Antiquar, ein dürres, ſpitz⸗ näſiges Männlein in einem langen ſchmierigen Rock und einer meſſingnen Brille mit großen runden Gläſern. Der Alte grinſte freundlich. „Im Quartier latin ſähe man es wohl gern, wenn man dem Kaiſer eines Tages den Kopf ab⸗ ſchlüge, nicht wahr?“ Jean Jaocard nickte lächelnd ein paarmal mit dem Kopfe, dann näherte er ſeinen Mund dem Ohre des alten Kerls und fügte bei: 8*¾ 116 „Und alle Mouchards hängte!“ Der Alte fuhr zurück, wie von einer Schlange gebiſſen, und wurde ganz erdfahl im Geſicht. Nachdem Jean einige Schritte weg war, fing der Alte läſterlich zu ſchimpfen an. Jean Jaccard lachte in ſich hinein. Er ging weiter, über die Brücke beim Inſtitut, dieſelbe, über welche vor einigen Stunden ſeine Schwe⸗ ſter gegangen war. Der Nebel war inzwiſchen von der Sonne verſcheucht worden, man ſah rechts und links die Brücken mit den vielen Menſchen und Wagen, die ſich darauf drängten, unten auf der Seine lagen die Badeſchiffe und ſchwammen die Dampfer. Jean Jaccard ſpürte Hunger. Seine Schweſter und er hatten heute das Frühſtücken vergeſſen. Er trat in eine in der Nähe des Palais royal ge⸗ legene Cremerie, und ließ ſich eine Schüſſel Choco⸗ lade und ein paar Eier geben. Wenn ihm daran gelegen geweſen wäre, hätte Jean Jaccard hier recht intereſſante Beobachtungen machen können. Die Cremerie lag an einer der kurzen Verbindungs⸗ ſtraßen der Rue Rivoli mit der Rue St.⸗ Honoré und ihrer billigen Küche wurde zuweilen von Leuten der Vorzug gegeben, welche gewohnt waren, in den beſten Hotels zu eſſen. Hier verkehrte die alternde 117 Lorette, deren Einnahme prekär wurde, trotzdem ſie durch Schminke und Toilette die mangelnde Jugend zu erſetzen ſuchte, die femme entretenue, welche auf das Wiedererſcheinen ihres verſchwundenen Ruſſen wartete, der verſchwenderiſche Engländer, deſſen Wech⸗ ſel um einige Wochen zu früh aufgezehrt war, der herabgekommene Ariſtokrat, der die tadelloſen Hand⸗ ſchuhe und die eleganten Kleider mit den bitterſten Ent⸗ behrungen bezahlte. Sie aßen hier ſtill und anſpruchslos ihre Eier auf der Platte um zwei Sou und der Kell⸗ ner ſackte ſchweigend die Zeche von fünfzehn oder zwanzig Centimes ein, ohne auf ein Trinkgeld zu warten. Jean Jaccard ſaß hier ohne Jemand zu be⸗ achten, ohne etwas zu genießen. Die Speiſen, die er beſtellt, blieben unberührt. Der Kellner ſchaute ihn jedesmal, wenn er an ihm vorüberging, fragend an, denn das Lokal war verſchiedene Male gedrückt voll geweſen und es war nicht billig, für fünf Sous ſo lange den Raum einer Perſon in Anſpruch zu nehmen. Jean Jaccard hatte nichts davon geſehen, er hatte auch nicht bemerkt, daß ſich eine hübſche junge Dame neben ihn geſetzt hatte und ihn über ihre Chocolade hinweg bald mitleidig, bald ſpöttiſch anſah. Sie räusperte ſich, er hörte nichts, ſie ſtieß ihn 7 118 an den Fuß, er bemerkte es nicht, ſie nahm das Salz⸗ faß direct unter ſeiner Naſe weg und ſagte dazu:„Sie erlauben!“ er nickte blos mit dem Kopfe; endlich ward es ihr zu bunt, und ihr friſches Geſicht ſo nahe an das Jean Jaccard's bringend, als es ihre Anweſenheit an einem öffentlichen Orte zuließ, ſagte ſie: „Sie haben ein ſehr kurzes Gedächtniß für Ihre Freunde, Jean Jaccard!“ Der Student blickte auf wie aus tiefen Träu⸗ men— erſt nachdem ſein Blick unſtät durch den Saäl geirrt, ſchien er zu begreifen, daß die Perſon, die zu ihm geſprochen, dicht neben ihm ſaß. Er ſchaute ihr ſtarr ins Geſicht. „Nun, Jean“, lachte die Dame,„bin ich denn ſo häßlich geworden ſeit geſtern Abend, daß Ihr mich nicht wiedererkennt?“ „Jeanneton Reymond“, ſagte Jaccard. „Dieſelbe“, lächelte Jeanne Duterey,„die als reuige Magdalene zu ihrem Gatten zurückkehren möchte, wenn ſie ihn nur fände. Ich war natürlich in ſeiner Woh⸗ nung, er hat ſie aber geſtern verlaſſen müſſen aus dem erbärmlichen Grunde, weil er die Miethe nicht bezahlte; ich ging nach der Braſſerie, wo er verkehrte, man prä⸗ ſentirte mir nur eine große Rechnung, die er hinter⸗ laſſen. Ich bezahlte ſie, wußte aber nicht mehr als —— ———— zuvor. Ich laufe den ganzen Morgen im Quartier latin herum, frage jeden ſeiner Freunde nach ihn, ſetze mich allen möglichen Abenteuern und Zumuthungen aus und bin ſchließlich ſo klug als zuvor. Wenn es mir ſo viel Schwierigkeiten verurſacht hätte, ihn zu verlaſſen, wie es mühevoll iſt, ihn wiederzufin den, bei Jeanne d'Arc, meiner Patronin, ich wäre bei ihm ge⸗ blieben.“— Jean Jaccard hatte es offenbar ſehr große Mühe gemacht, den raſchen Worten der leichtlebigen Freundin zu folgen. Allmälig ſchien jedoch ihre Rede an In⸗ tereſſe für ihn zu gewinnen, er lauſchte ihr mit Auf⸗ merkſamkeit und ließ ſeine großen Augen mit ganz ſeltſamem Ausdruck auf ihr haften. „Alſo Ihr ſucht Reymond auf, um bei ihm zu bleiben, Jeanne? Ihr hattet es alſo wohl ſchlechter als bei ihm?“ Jeanneton ſchüttelte den Kopf. „Ich hatte meinen eigenen Wagen, eine prächtig eingerichtete Wohnung, koſtbare Kleider und einen alten Galan, mit dem ich treiben konnte, was ich wollte. Aber, Jean Jaccard, ich war dem Elend um mich herum davongelaufen, jetzt hatte ich das Elend in mir. Nichts half dagegen, weder die Meſſen, in die mich mein frommer Liebhaber ſchickte, noch der Cham⸗ 8 120 pagner, in dem ich mich zu ſeinem Entſetzen betrank, und geſtern, als ich Euch ſah, da brach mir faſt das — Herz vor Sehnſucht nach meinem liederlichen Reymond, und als ich erfuhr, daß mein alter augenverdrehender Sünder auch ſchuld ſei an dem Tod Eurer armen Mutter, da konnt' ich's nicht mehr aushalten in ſei⸗ ner Nähe, ich fuhr nach Hauſe, packte zuſammen, was raſch wegzubringen war, und fuhr ins Quartier latin. Das Uebrige wißt Ihr.“ 5 „Sonderbar!“ ſagte Jean Jaccard nachdenklich. Er erhob ſeinen Kopf.„Und glaubt Ihr, daß auch Nini wiederkommen werde?“ Jean Jaccard hielt den Athem an und ſtudirte mit einer Aengſtlichkeit die Züge Jeanneton's, wie ein Todkranker das Geſicht des Arztes. Jeanneton blickte ihn flüchtig an und ſchaute dann zur Seite. Dieſe großen, fragend auf ſie gerichteten Augen thaten ihr in der Seele weh. Sie zuckte die Achſeln und ſagte leiſe: „Nini hatte weniger Grund, unzufrieden zu ſein, als ich. Ihr habt ihr Alles zum Opfer gebracht, wäh⸗ G G rend Reymond mich darben ließ und in einer Nacht verjubelte, wovon wir Wochen hätten leben können. Ihr habt Nini von der Straße aufgeleſen, als ſie fror und hungerte, ich lief aus der warmen Stube mei⸗ — 121 ner Aeltern zu Reymond— Ihr ſeht, das iſt Alles nicht gleich. Nini hatte Grund, Euch dankbar zu ſein, ich hatte Urſache, mich zu beklagen. Ich wußte auch bis vor einer Stunde nicht, daß Nini Euch verlaſſen. Es iſt da ſchwer, ein Urtheil zu fällen, Jean Jaccard. Ich habe geſtern Nini ſelbſt geſagt, ſie ſei thöricht— ich glaube, der Ausdruck war zu mild, ihr Herz iſt hart, und deshalb glaube ich auch nicht, daß ſie wieder⸗ kommt. Und käme ſie, ich müßte Euch verachten, Jean, wenn Ihr ſie nicht ſpazieren ſchicktet.“ Nach dieſer populären Wendung betrachtete ſich Jeanneton wieder ihr Gegenüber. Jean war wie in ſich zuſammengebrochen. Jeanneton legte tröſtend ihre Hand auf ſeinen Arm. „Laßt Euch's nicht ſo nahe gehen, Jean! Nini iſt Euch nicht werth. Vor einer Stunde begegnete ſie mir in einem ſehr eleganten Wagen. Sie dankte mir nicht, als ich ſie grüßte, obwohl ſie mich ſehen mußte.“ Jean Jaccard hatte ſich hoch emporgereckt. „Wo ſaht Ihr ſie?“ „In den Elyſeiſchen Feldern.“ Jean Jaccard ſtand auf. „Lebt wohl, Jeanneton!“ „Wohin wollt Ihr?“ „Ich will ſie ſuchen.“ 122 „Armer Freund! Sie wird Euch ſo wenig wieder⸗ erkennen als mich.“ V„Gleichviel, ich will ſie ſehen.“ 1„Sagt mir doch wenigſtens, wo ich Reymond treffe.“. „Wartet heute Nacht nach zwölf Uhr an der Ecke der Chauſſée d'Antin und der Rue du Faubourg St.⸗ Honoré.“ „Ein ſonderbares Stelldichein— doch gut, ich werde kommen.“ 1 Siebentes Kapitel. Nini's Debüt als Weltdame. Nini's Zorn hatte ſich, nachdem Etienne Sta⸗ nowsky ſie verlaſſen, ſehr bald gelegt. Sie ſollte ja fahren, in einer Kutſche, über die ſie ganz allein ge⸗ bot; vier Pferde und ein offener Wagen wären aller⸗ dings hübſcher geweſen, aber ſie hatte ja auch ſchon ſehr feine Damen mit einem Pferde fahren ſehen, und ein hübſches junges Geſicht nahm ſich zwiſchen den dunklen Fenſterrahmen eines Coupés gar nicht ſo übel aus. Nini's gute Laune wurde noch geſteigert, als ſie auf ihrer Toilette eine ſehr niedliche Börſe vorfand, durch deren ſeidene Maſchen eine ganze Menge von Goldſtücken hervorblinkten. Sie zählte und traute 124 ihren Augen kaum— es waren volle zweihundert Francs. Während ſie ſo zählte, fiel ihr Blick in den Spiegel. Sie war doch zu hübſch in ihrem gegen⸗ wärtigen Anzuge! Das braune Kleid, welches ſie nach dem Befehle Stanowsky's anziehen ſollte, war zwar von ſchwerem Seidenſtoff, aber es war viel zu ein⸗ fach und traurig. Was that's, wenn ſie das andere anbehielt! Stanowsky war ja nicht anweſend, und wenn er auch die Stirn runzelte und mit den ſchwar⸗ zen Augen blitzte, wenn ſie wiederkam, ſo half ihm das nicht mehr viel. Nini hatte kaum dinirt, als ihr gemeldet wurde, der Wagen ſei vorgefahren. Nini war wieder übler Laune. Sie hatte Champagner verlangt und man antwortete ihr, der Herr Fürſt habe aus Geſundheits⸗ rückſichten für Madame verboten, derſelben andere Ge⸗ tränke als ein kleines Fläſchchen rothen Wein zu ſerviren.. Nini machte dem Kammermädchen, welches ſie mit großer Schweigſamkeit ſervirte, ein bitterböſes Ge⸗ ſicht und trank den Rothwein. Die Güte deſſelben war nicht zu leugnen; ſo oft ſie mit Jean Jaccard in den Reſtaurationen dritten Ranges, wo er ver⸗ kehrte, Sekt getrunken hatte, hatte ſie ſich am andern 425 Tage jedesmal unwohl gefühlt. Aber es war doch empörend von ihrem neuen Freund, ihr das Getränk vorzuenthalten, wenn ſie davon wollte. Bereits däm⸗ merten leiſe Rachegedanken in ihrem Innern. Die Meldung des Mädchens, daß der Wagen vorgefahren ſei, gab den Gedanken Nini's für den Augenblick eine andere Richtung. Das Kammermädchen führte ſie eine ſchmale Hintertreppe hinab. Das war nun gar nicht nach Nini's Geſchmack. „Warum nehmen wir nicht den Weg über die große Treppe?“ „Der Herr Fürſt hat den Wagen an der kleinn Pforte des Hotels vorfahren laſſen.“— Die kleine Pforte des Hotels mündete in eine ſchmale finſtere Seitengaſſe der Rue Rivoli. Ohne von einer Menſchenſeele außer dem Kutſcher und dem Mädchen geſehen zu werden, ſtieg Nini ein. Kaum war der Schlag zu, ſo ſauſte der Wagen auch mit einer Schnelligkeit um die Ecke und durch die Rue Rivoli, daß es Nini ſchwindelte. Sie flog an den Leuten vorbei, daß ſie kaum die Geſichter derſelben zu unterſcheiden vermochte, über die Place de la Concorde, durch die Elyſeiſchen Felder. Das war nun aber ganz und gar nicht nach dem Ge⸗ 126 ſchmacke Nini's. Sie wollte ſehen und vor allem ge⸗ ſehen werden. Sie zog an der Schnur, welche mit dem Kutſcher in Verbindung ſtand— ſie wußte, daß die für denſelben das Zeichen zum Halten war. Der Kutſcher neigte jedoch nur den Kopf gegen das Fenſter herab. „Langſamer!“ rief Nini. Der Kutſcher ſchüttelte den Kopf und nahm das vorige Tempo wieder auf. Nini war außer ſich vor Zorn. Sie war alſo in der That eine Gefangene. Sie ſtampfte mit den klei⸗ nen Füßen auf den Boden und zog an der Schnur, ſo ſtark ſie vermochte. Wieder näherte der Kutſcher, dem man den Pa⸗ riſer aus jedem Zug ſeines ironiſchen Geſichts anſah, ſeinen Kopf dem Fenſter. „Langſamer ſollen Sie fahren!“ Der Roſſelenker zuckte die Achſeln. „Befehl des Fürſten, ſchnell zu fahren.“ Damit machte er Miene, als ob er den Braunen wieder wolle ausgreifen laſſen. Nini war nahe daran, zu verzweifeln. Da dachte ſie an ihre Börſe. Es befanden ſich auch einige Fünffrankenſtücke in Gold darin. Sie langte eins dem Kutſcher hinaus, der es ruhig in die 127 Taſche gleiten ließ und ſo langſam fuhr, als es im Trab nur möglich war. Auch fuhr der Wagen jetzt ganz dicht an den Fußweg rechts heran, ſo daß Nini den Leuten auf zwei Schritt ins Geſicht ſah. Die Art, wie ſie den Oberkörper aus dem Fenſter legte, war auch außerordentlich genug und erregte billiges Er⸗ ſtaunen. Nini war hoch erfreut über das Aufſehen, das ſie machte, und lächelte und drehte das Köpflein, bald nahm ſie ihren Shawl um, bald wieder ab, dann legte ſie, um ihre feinen Handſchuhe bewundern zu laſſen, die Pfötchen auf die Brüſtung des Fenſters, wie ein Aefflein die Stangen ſeines Käfigs umklammert. Sie näherten ſich dem Triumphbogen. In der Nähe deſſelben iſt die eine Seite der Elyſeiſchen Felder mit einer Anzahl Cafés geſchmückt, welche meiſt von Bummlern, Fremden und Loretten beſucht werden, um hier die elegante Welt defiliren zu laſſen. Dieſe nur einen Stock hohen Cafès mit ihren offenen, luftigen Räumen, welche ihre gelben Stühle und Tiſchchen aus Eiſengeflecht weit in das Trottoir hereinſchieben, nehmen ſich verlockend genug aus und verfehlten auch ihre Wirkung auf das vergnügungs⸗ ſüchtige Gemüth Nini's nicht. Die Dämmerung war inzwiſchen hereingebrochen, 128 und die innern Räume der Cafés ſtrahlten von hun⸗ dert Gasflammen, deren Licht, von unzähligen Spie⸗ geln zurückgeworfen, verklärend auf die Geſichter von ein paar alternden Mädchen in pompöſen Toiletten fiel und den abgeblaßten Phyſignomien der Lebemänner, die ſich zu ihnen geſellt, ein flüchtiges Leben gab. Ei⸗ nige junge Leute mit gemeinen Geſichtern, dicken Uhr⸗ ketten von Talmigold und grellbunten, vorzüglich rothen Cravatten ſpielten an einem andern Tiſche ſehr geräuſchvoll Domino und wechſelten hier und da Blicke und Zeichen mit den Frauen. Die übrigen Gäſte ſaßen im Freien, wo es in der beginnenden Dämmerung eben anfing intereſſant zu werden. Nini riß dem Kutſcher mit der Schnur faſt den Arm aus. Der erſchreckte Roſſelenker fuhr Schritt! und fragte nach Nini's Begehren. „Ich wünſche hier auszuſteigen und etwas zu ge⸗ nießen.“ „Der Herr Fürſt hat befohlen—“ Nini kannte bereits die Zauberformel, um ſich dieſes Kutſcherherz willfährig zu machen. Ein Zehnfrankenſtück wanderte in die unergründ⸗ liche Taſche des Livreerocks. Mochte es einzig der Macht dieſer zehn Francs zuzuſchreiben ſein, mochte der Kutſcher mit dem Inſtinkt der Domeſtiken für die 129 Angelegenheiten ihrer Herrſchaft eine Ahnung von den wirklichen Verhältniſſen ſeines Herrn beſitzen, genug, der Wagen hielt genau an der Thüre des Cafés. Erregt die Ankunft eines„eigenen“ Wagens ſchon immer etwas Intereſſe bei denen, die zu Fuße gehen, ſo mußte ſich das noch ſteigern durch die Schönheit der Toilette und die auffallenden Manieren der Dame, welche denſelben verließ. Nini durchſchritt mit ſtolz erhobenem Federhut die Reihen der Bummler und Frauen, welche den Ein⸗ gang belagert hielten, und nahm die Bemerkungen, die ſie zu hören bekam, trotz des ſchallenden Gelächters, das jedesmal darauf erfolgte, für ebenſo viele Aus⸗ brüche grenzenloſer Bewunderung. „Die Bälle der großen Oper ſiud eiſt wieder in acht Monaten, Madame!“ „Das iſt wohl die Fee aus dem Stück: Die Teufelspillen, welches heute zum fünfhundertſten Mal an der Porte St.⸗ Martin gegeben wird?“ „Ihr irrt Euch, es iſt die neue Vorleſerin Eu⸗ geniens, die ihr die Königin von England zum Ge⸗ ſchenk gemacht.“ „Sprechen wir nicht von Politik! Die Kleine ſieht aus wie eine deutſche Prinzeſſin— ah, ich hab's, es iſt die wirkliche Großherzogin von Gerolſtein in Perſon.“ v. Schlägel, Nach nns die Suündflut. II. 9 130 „Das Schwert ihres Vaters ſcheint ſie vergeſſen zu haben.“ Und einige rauhe Stimmen erhoben ſich, um die Bravourarie der Mademoiſelle Schneider zu gröhlen Indeſſen war Nini in die beleuchteten Räume getreten und hatte an einem Marmortiſch unter der Lampe Platz genommen, welche am hellſten brannte. Alles wandte ſich nach ihr um. Die Herren und Damen unterbrachen ihr Geſpräch, die Dominoſteine auf dem Tiſch der jungen Leute hörten auf zu klappern. Ein Kellner präſentirte ſich und fragte nach Nini's Begehren. „Eine Flaſche Champagner!“ antwortete Nini. Der Kellner war etwas überraſcht, hatte ſich aber mit der dieſer Menſchenklaſſe innewohnenden Geiſtes⸗ gegenwart raſch wieder erholt. „Von welcher Marke, Madame?“ Nini hatte ſich nie um die Etiketten der Weine bekümmert, die ſie mit Jean Jaccard trank. „Vom beſten!“ antwortete ſie mit großer Entſchie⸗ denheit. Der Kellner lächelte unmerklich, verſchwand und kehrte nach einiger Zeit wieder; aus dem Eiskübel ſchaute der entkorkte Hals der Flaſche. Er ſetzte den Kübel vor Nini auf den Tiſch. Die 131 Frauen kicherten und die Herren mit den bunten Cra⸗ vatten unterhielten ſich leiſe. „Wie viel Gläſer?“ fragte der Kellner. „Eins— nein, zwei. Sie werden eins davon ge⸗ füllt meinem Kutſcher bringen.“ „Dieſe Sorgfalt iſt wirklich rührend. Der glück⸗ liche Kutſcher!“ ertönte es vom Tiſch, wo die Frauen ſaßen. Derjenige der jungen Leute, welcher eine brenn⸗ rothe Cravatte trug, warf einer der Frauen am an⸗ dern Tiſch einen bezeichnenden Blick zu, näherte ſich Nini und machte eine tiefe Verbeugung. Nini nickte ſehr herablaſſend mit dem Köpflein „So allein, Madame?“ begann der junge Menſch, der mit ſeinem glattraſirten Geſicht und den geſtickten Bruſtfalten ſeines Hemdes einem Kellner außer Dienſt aufs Haar ähnlich ſah. „Der Fürſt hat heute keine Zeit, mich zu begleiten“, ſagte Nini, ungemein gehoben durch die Bemerkung, daß alle Anweſenden ihr zuhörten, und machte ihr no⸗ belſtes Geſicht. „Hört Ihr's?“ rief einer der Spaßmacher von draußen, welcher Nini bis an den Eingang des Cafés gefolgt war.„Es iſt wirklich die Großherzogin von Gerolſtein, ſie ſagt es ſelber.“ 9* 132 „Es iſt eine der Frauen des Vicekönigs von Aegypten, die er bei ſeiner Abreiſe vergeſſen hat.“ „Der Fürſt betet Sie gewiß an!“ fuhr der junge Menſch fort und zog mit eleganter Nachläſſigkeit ei⸗ nen Stuhl unter dem Tiſch hervor. Nini lächelte kokett und nippte an ihrem Glaſe. „Sie ſind auf jeden Fall eine Ausländerin, eine Ruſſin.“ Nini ſchüttelte den Kopf. Der junge Mann ſetzte ſich. „Eine Engländerin.“ „Ich bin eine Pariſerin!“ entgegnete Nini dem ſcheinbar hoch Erſtaunten. „Eine Pariſerin! Aber Sie ſprechen das Fran⸗ zöſiſche wie eine Fremdel“ Dieſe Bemerkung rief wieder allgemeine Heiterkeit hervor, denn Nini's Dialekt, der faſt aus lauter Con⸗ ſonanten beſtand, gab die deutlichſten Aufſchlüſſe über ihren Geburtsort. Der Kellner näherte ſich. „Soll ich noch ein Glas bringen?“ Der junge Menſch erhob ſich zur Hälfte. „O nein, nein, ich bin blos gekommen, um Ma⸗ dame meine Bewunderung für Ihre Schönheit aus⸗ zudrücken.“ „Wenn Sie mir Geſellſchaft leiſten wollen“, ſagte 133 Nini, welche, um ihre Kenntniß der Sitten der höhern Geſellſchaft zu beweiſen, einige Gläſer raſch hinterein⸗ ander auf einen Zug geleert hatte mit einer präten⸗ tiöſen Handbewegung. „Ich würde mich glücklich ſchätzen, aber meine Freunde würden es mir übel nehmen, wenn ich ſie ſo plötzlich verließe. Sie wiſſen, man gilt nicht gern als unhöflich.“ Nini geſiel das achtungsvolle Benehmen des jungen Mannes. „So laſſen Sie Ihre Freunde hierher kommen“, ſagte ſie, um hinter der Höflichkeit deſſelben nicht zu⸗ rückzubleiben.„Kellner, noch mehr Gläſer und eine zweite Flaſche!“ „Wenn Sie erlauben, meine Freunde werden ſich glücklich ſchätzen.“ Die Freunde ließen ſich auch in der That nicht bitten, und im nächſten Augenblick war Nini von einer Anzahl von Geſichtern umringt, wie ihnen jeder an⸗ ſtändige Pariſer von weitem ausweicht. Der mit der rothen Cravatte ſaß neben ihr. Die Gläſer wurden gefüllt. „Brr!“ machte der mit der rothen Cravatte, in⸗ dem er dem Kellner einen Blick des Einverſtändniſſes zuwarf.„Wie können Sie es wagen, Sie Schlingel, 134 einer Fürſtin ſolchen Wein vorzuſetzen? Sagen Sie Ihrem ſchuftigen Herrn, daß ich ſein Café nie mehr betrete, wenn die Fürſtin nicht mit allen Rückſichten behandelt wird. Bringen Sie zwei Flaſchen Moët et Chandon crêmant rosée und kalt, hören Sie? Es iſt Ihnen doch recht, Fürſtin?“ wandte ſich der einfluß⸗ reiche Jüngling an Nini, während der Kellner ſchon davongeſprungen war. „Gewiß, gewiß!“ ſagte Nini, deren Geſichtsfarbe etwas höher geworden war und deren Zunge ſich et⸗ was ſchwerer zu bewegen begann.„Ich bin keine Fürſtin“, fügte ſie dann hinzu. „Aber Sie ſind ohne Zweifel auf dem Wege, es zu werden!“ lächelte der Nachbar zutraulich und ſtieß Nini mit dem Knie an. Ein blödes Lächeln brach ſich mühſam Bahn auf dem Geſichte Nini's. Daran hatte ſie noch nicht ge⸗ dacht. „Ein Thronſeſſel wäre nicht zu hoch ſin ſolche Schönheit und ſolchen Geiſt.“ Der Kellner brachte die Flaſchen. „Der Kutſcher trägt mir auf, Eurer Hohheit mit⸗ zutheilen, daß es Zeit ſei, nach Hauſe zu fahren.“ „Sagen Sie dem Unverſchämten, er habe nichts zu thun, als auf die Befehle der Fürſtin zu warten.“ 135 „Bringen Sie ihm eine Flaſche Champagner!“ lallte Nini. Die laute Unterhaltung, das Gelächter der jun⸗ gen Leute, das ſeltſame Schauſpiel, daß eine Frau ein Champagnergelage zum Beſten gab, hatten allmälig die Gäſte von außen hereingelockt, und die in Nini's Geſicht und Geberden bereits ſichtbaren Wirkungen 5 des Weins erhöhten noch die Heiterkeit des dichten Kreiſes, der ſie umgab. Schon ſeit einigen Augenblicken hatte ein junger Mann, der zuerſt den vor dem Café haltenden Wagen mit dem champagnertrinkenden Kutſcher betrachtet, durch die offene Thür in die hellerleuchteten Räume geſchaut. Sein Antlitz war verſtört, ſeine Lippen waren blau und ſeine Augen drangen weit aus den Höhlen. Jetzt durchbrach er rückſichtslos den Kreis, der ſich um den Tiſch der Zecher gebildet. „Nini!“ Nini ſchaute mit ſtieren Augen auf, dann fing ſie zu lachen an, daß ſie auf dem Seſſel ſchwankte. „Ah, Jean, das iſt drollig. Du willſt auch Wein, Jean— auch trinken— komm, ſetz' Dich daher.“ „Komm fort von hier, Nini!“ ſtöhnte Jean Jaccard. Nini ſuchte ihre immer kleiner werdenden Augen gewaltſam aufzumachen und ihr nickendes Haupt ge⸗ 4 136 rade zu halten. Abwehrend ſtreckte ſie ihre unſichere Hand nach Jean aus und lallte:„Nein, Jean, ich gehe nicht mit Dir— keine ſchönen Klei⸗ der— Dachſtube— nicht Champagner— kein Wagen— mein Fürſt hat mir zweihundert Francs ge⸗ geben. Jean, komm, ich will Dir was leihen.“ Tappend ſuchte Nini in ihrer Taſche. Sie war aufgeſtanden und hielt ſich wankend am Tiſch. Sie fand die Taſche nicht. „Ich gehe zu meinem Fürſten, zu Etienne! Das iſt ein ſehr lieber Menſch! Er wartet ſchon— hihi!“ Jean Jaccard war unbeweglich ſtehen geblieben. Keine Miene ſeines bleichen Antlitzes zuckte, er hob keine Hand auf, als Nini an ihm vorüber nach der Thür wankte. 1 Da näherte ſich der Kellner mit der Rech⸗ nung. Nini ſuchte vergeblich die Zahlen zu entziffern. „Einhundertundzwanzig Francs!“ ſagte der Kellner. Nini ſchüttete den Inhalt ihrer Börſe auf einen Tiſch. Jean Jaccard ſah, wie der Kellner acht Na⸗ poleons nahm. Er ſchwieg. Er hatte nichts zu thun mit dem Geld der Schande. Nini ſackte den Reſt ein. Der Kerl mit der rothen Cravatte wollte Nini folgen. Jean Jaccard ſtellte ſich vor ihn. 137 „Zurück! Die Dame geht allein!“ „Mein Herr, wie können Sie ſich erdreiſten—“ ſchrie der Andere. Jean Jaccard ſah dem Kerl verächtlich ins Ge⸗ ſicht, zuckte die Achſeln und ſagte halblaut: „Kuppler!“ Das Bewußtſein der eigenen Erbärmlichkeit wirkt lähmend. Der Kerl ſtarrte dem Studenten noch einige Augen⸗ blicke überraſcht ins Geſicht, dann murmelte er einige unverſtändliche Drohungen und folgte ſeinen Genoſſen, die ſchon vorher in der Menge verſchwunden waren. Die Beleidigung, welche Jean Jaccard dem Kerl in der rothen Cravatte ins Geſicht warf, gilt als die tödtlichſte in Paris, ſie iſt verletzender als Schurke und Feigling; deſſenungeachtet hat das Gewerbe des Kupplers, von den Geſetzen nur läſſig verfolgt, in Paris eine ungeheure Verbreitung gewonnen. Jean Jaccard, unbekümmert darum, daß er der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerkſamkeit war, ſetzte ſich nieder.„Im Wein iſt Wahrheit!“ murmelte er vor ſich hin.„Im Wein iſt Wahrheit!“ Der Kellner ſtellte ſich dienſtbereit vor ihn hin. „Ein Glas Abſynth!“ rief Jean und fügte dann 138 halblaut hinzu, als wäre ihm Jemand nahe, mit dem er ſehr vertraut war:„Das Gift, mit dem mein Va⸗ ter alle unbequemen Gedanken tödtete.“ Jean Jaccard erhielt ſeinen Abſynth, miſchte ihn mit Sorgfalt und trank ihn aus, er beſtellte dann ein zweites, ein drittes Glas. Als er die drei Glas bezahlte, war ſeine Stimme voll wie nur je, und als er das Café verließ, war ſein Gang feſt und ſicher und auf ſeinem Geſichte lag eine ruhige Entſchloſſenheit. Er hatte abgeſchloſſen. Nini Berton gehörte für ihn zu dem, was geweſen. Achtes Kapitel. Im Keller des Poôre Beaupas. Der Student richtete ſeine Schritte nach der Rue du Faubourg St.⸗Honoré. Er dachte daran, in welch heiterer Stimmung er vor wenigen Tagen hier vor⸗ übergefahren war an der Seite des verwundeten Ba⸗ rons, trotzdem er am andern Tag den Beſuch Andro⸗ let's zu erwarten gehabt hatte. Heute war ſein Herz ruhig und todt, wie ein erloſchener Vulkan, und nur wie kalte Aſche lag darauf ein ſtiller verächtlicher Grimm gegen alles Beſtehende. Die Opfer, die Hingebung eines Jahres waren aus Nini's Erinnerung weggetilgt worden durch eine Handvoll Gold, was ein Jahr lang den einzigen Zweck, das Heiligthum eines Lebens bildete, war zwiſchen 140 geſtern und heute ſchon entweiht von der Hand eines ſatten Schwelgers. Je mehr Jean Jaccard über ſeine Vergangenheit nachdachte, deſto öfter blieb er ſtehen, wie überraſcht von der eigenen ſchmachvollen Schwäche. Berauſcht vom Wein und ſtolz auf die Huldigungen des Auswurfs der Pariſer Männerwelt, taumelte vor Jean Jaccard der Götze ſeines bisherigen Lebens und lallte mit ſchwerer Zunge:„Jean Jaccard, Du biſt ein Narr! Ich habe Dich nie geliebt, bei Deinen glühendſten Umarmungen verachtete ich Dich, weil Du arm warſt, bei Deinen wahnſinnigſten Schwüren verzog ich höhniſch den Mund, denn wie wenig waren ſie mir werth gegen eine Vari voll blanken Goldes.“ Jean Jaccard verachtete das Weib, das er geliebt, er verachtete ſich ſelber, daß er ſo lange die beſten Gefühle ſeines Herzens ihr geopfert, er ſagte ſich viel hundertmal auf ſeinem Weg zur Chauſſée d'Antin, dasß er nichts verloren, im Gegentheil ſich ſelber wiederge⸗ wonnen habe, und dennoch fühlte er heute zum erſten Mal, daß er dieſe Geſellſchaft, deren herzloſer Genuß⸗ ſucht ſeine Liebe zum Opfer gefallen war, verabſcheute. Was bis jetzt nur die Folge ſeiner demokratiſchen Er⸗ ziehung oder jugendliche Begeiſterung für die welt⸗ erlöſende Phraſe geweſen, war jetzt ein ganz perſön⸗ 1341 licher Haß geworden, der Jean Jaccard's ganze Seele erfüllte. 3 Als Jules Bandeau und George Reymond ihn heute Morgen beſuchten, hatte er ſich mit einer Art grauſer Wolluſt ihren Plänen in die Arme geworfen; um der Stimmung zu entgehen, die ihn beherrſchte, war ihm das tollſte Wagniß das liebſte— jetzt ging er nach dem Verſammlungsorte des excentriſchen Geheim⸗ undes mit klaren Anſchauungen und feſten Entſchlüſſen, der kaum zum Mann gereifte Student hatte der gan⸗ zen Geſellſchaft und allen ihren Privilegien den Fehde⸗ handſchuh hingeworfen, es galt ihm nicht mehr, ſich von ihr zu emancipiren, ihr ein Stück perſönlicher und politiſcher Freiheit nach dem andern abzuringen, der Kampf galt nicht mehr einem Herrſcher und einer Re⸗ gierungsform, die Rache des Studenten galt der gan⸗ zen verrotteten Geſellſchaft der Beſitzenden und Geehr⸗ ten, allen, die über der Noth des Lebens thronten und mit einem olympiſchen Lächeln der ſchwelgeriſchen Lippen dem Armen noch das Wenige raubten, das er ſein nannte. Nicht die Bruſt eines Herrſchers, eines einzigen zufälligen Repräſentanten der ſtaatlichen Ty⸗ rannei, der vernichtende Schlag, zu dem die Phantaſie des Studenten ausholte, mußte. Alles zugleich treffen, was der Freiheit und Gleichberechtigung aller im Wege 142 ſtand, auf einmal mußten alle Schranken zertrümmert werden, welche, um die ſybaritiſche Ruhe einer bevor⸗ zugten Minderheit zu ſtören, der Entwicklung der Menſchheit eine willkürliche und unvernünftige Rich⸗ tung gaben. Jean Jaccard's bleiches Geſtcht war ruhig und entſchloſſen, als er in den Laden des Weinhändlers Beaupas trat. Die Lokale der Weinhändler haben in ganz Paris ſo ziemlich die nämliche Phyſiognomie. Der vordere Raum iſt dem Detailverkauf über die Straße gewidmet und von einem Ladentiſch in zwei Hälften getheilt, die Ausſchmückung der Wände mit ſonderbar geformten Flaſchen und bunten Etiketten je nach der Wohlhabenheit des Quartiers und des betreffenden Inhabers eine vollſtändigere oder geringere; der hin⸗ tere oder Nebenraum für die Gäſte iſt gewöhnlich mit der Schenke vereinigt, durch einen Vorhang oder einen Holzverſchlag getrennt; in ſehr vielen Fällen, vorzüglich wenn der Weinhändler auch Auſtern führt, wie Pére Beaupas, befindet ſich eine Art von Reſtaurant im Entreſol. Die meiſten Gäſte des Herrn Beaupas ſchienen es jedoch vorzuziehen, in ſeinen untern Lokalitäten, dem Laden und einem kleinen Nebenzimmer, ihr Ge⸗ tränk zu ſich zu nehmen. Das Lokal war gedrü ll. Père Beaupas war bekannt für guten Macon und war ſtolz darauf. Herr Beaupas hatte eine Anzahl Stühle in den Keller ge⸗ ſchafft und viele ſeiner Gäſte nahmen daher in den abenteuerlichſten Stellungen auf leeren Fäſſern, Fenſter⸗ brüſtungen, ſelbſt auf Herrn Beaupas' Schenktiſch Platz. Herr Beaupas, der zu andern Zeiten eine ſolche Re⸗ ſpektloſigkeit ſehr übel genommen hätte, ſchien es nicht zu bemerken, daß ſein Freund und täglicher Gaſt, der Reitknecht des Herrn von Mondeélion, ſeine langen Beine zu jeder Seite des Faſſes herunterhängen ließ, aus welchem Père Beaupas ſeinen Gäſten einſchenkte. Vingris, der Portier, war im Begriff, ebenfalls ſeinen Schlaftrunk zu nehmen, hätte es aber— er war in Uniform— jedenfalls unter ſeiner Würde gefunden, dem Beiſpiel des Stallknechts zu folgen, war vielmehr aufrecht an der Thür ſtehen geblieben, in ſeiner gan⸗ zen hölzernen Thürhütergrazie, und führte von zwei zu zwei Minuten das Glas an den Mund, das er in der Hand hielt, welches dann genau um einen halben Zoll leerer wurde. Vingris war ein gewiſſenhafter Mann. Der Gärtner hatte ihm verſprochen, eine Viertelſtunde am Wasiſtas zu bleiben, und Vingris hatte es in⸗ 8* folge mehrjähriger Uebung dahin gebracht, ſeine all⸗ abendlichen zwei Schoppen ohne Uebereilung in der beſtimmten Zeit zu ſte nehmen. Die geradlinige Pünktlichkeit des Schweizers irrte ſich in den Zwiſchen⸗ räumen der einzelnen Schlucke, ohne daß er eine Uhr u Hülfe zu nehmen brauchte, kaum um Sekunden, und wer ihn ſo in beſtimmten Zwiſchenräumen das Glas heben und ſenken ſah, der mußte annehmen, daß er von einem Schluck zum andern zähle, wis gewiſſen⸗ hafte Hausfrauen beim Cierkochen. Vingris war eine geachtete Perſönlichkeit unter den Portiers und Bedienten der Nachbarſchaft. Man⸗ cher richtete an ihn im Vorübergehen das Wort, Vin⸗ gris gab dann auch in ſeinem gequetſchten Franzöſiſch Antwort und ein derbes Lächeln belohnte wohl dann und wann den freundlichen Zuſpruch. Aber er vergaß darum den gefälligen Gärtner und ſein Weinglas nicht. Er ſprach die zweite Hälfte eines Wortes nicht aus, wenn die Zeit, ſeinen Schluck zu nehmen, gekom⸗ men war, und ſonderbar genug klang es, wenn Vin⸗ gris mit herablaſſender Würde begonnen hatte:„Guten Abend,, das Glas anſetzte, ſeinen halben Zoll hinunter⸗ ſchluckte und dann mit einem Seufzer der Befriedigung endete:„mein Freund!“ Da plötzlich bemächtigte ſich des Schweizers eine ganz ſeltſame Unruhe. Sein Glas blieb in der Höhe ſeines goldbordirten Kragens, ohne die Reiſe nach dem blatternarbigen Geſichte zu vollenden. Die bereits er⸗ wartungsvoll zugeſpitzten Lippen öffneten ſich wieder mit dem Ausdruck großer Ueberraſchung. Der einzige Menſch, welcher, ſeit Vingris den Ehrenpoſten an dem Portal der Mondélions einnahm, in einem Miethwagen über den Hof des Hotels gefah⸗ ren war, d erſte Menſch, um deſſentwillen Vingris in Zwieſpalt gerathen war mit ſeinem Herrn, um deſſen plebejiſcher Arroganz willen er faſt den ihm liebgewordenen Dienſt hätte verlaſſen müſſen, verkehrte in demſelben Gaſthauſe wie er, wagte es vielleicht, an ſeiner Seite ein Glas Wein zu trinken. Ein ingrim⸗ miges Vergnügen zuckte über Vingris' zerklüftetes Ge⸗ ſicht, als er daran dachte, wie er den Frechen in ſeine Schranken zurückweiſen wolle, wenn er es wage, ſich ihm zu nähern. Vingris hatte keine Ahnung da⸗ von, daß es die plebejiſchen Eindringlinge geweſen waren, welche den Baron beſtimmt hatten, die bereits ausgeſprochene Entlaſſung zurückzunehmen. Es iſt auch fraglich, ob er Leuten, welche in Miethwagen zu fah⸗ ren pflegten, eine ſolche Einmiſchung in ſeine Privat⸗ angelegenheiten nicht höchſt übel genommen hätte. Als Vingris zu dem Entſchluß gekommen war, den Studenten ſeine Würde fühlen zu laſſen, wenn er eine Annäherung verſuchen ſollte, kehrte ein Thei v Schlägel, Nach uns die Sündflut. II. 10 ſeiner frühern Ruhe zurück, und er trank diesmal einen ganzen Zoll und fuhr fort, den Studenten zu beobachten. Jean Jaccard ahnte ſchon deshalb nicht im ent⸗ fernteſten, welchen Sturm des Unwillens und welche großen Entſchlüſſe er aus den Tiefen eines Por⸗ tierherzens wach rief, weil er Vingris nicht mehr kannte. Er ging daher an dem Thi nes adligen Freundes mit einer Gleichgültigkeit vorüber, welche den Schweizer noch mehr auf⸗ brachte. Jean Jaccard warf einen Blick nach der Uhr, welche hoch über Père Beaupas grünem Sammtkäpp⸗ chen an der Wand hing, zwiſchen einer bunten Eti⸗ kette, welche einen neuen Bittern als das unübertreff⸗ lichſte Lebenselixir pries, und einer Gletſcherlandſchaft, zwiſchen deren Romantik ein Schnapsgläschen mit der Aufſchrift Iva prangte. Es war zehn Uhr. Ein zweiter Blick in das Ne⸗ benzimmer überzeugte ihn, daß Niemand, den er kannte, dort anweſend war. Der Weinhändler war eben da⸗ mit beſchäftigt, Mondélion's geſtreiftem Stallknecht zu erklären, er möge ſeine Beine etwas weniger nahe an die Gläſer bringen, die er eben zu füllen hatte, als er einen leiſen Schlag auf der Schulter ſpürte und eine 147 ziemlich barſche Stimme hörte, die ein Glas Wein verlangte. Beaupas war noch zu jung als Verſchwörer, als daß er nicht bei jedem Schlag auf die Schulter, den er heute Abend erhalten, zuſammengefahren wäre und ſeinem Gegenüber mit einer Art abergläubiger Furcht ins Geſicht geſtarrt hätte. Vingris fühlte die Ueberraſchung mit. Wenn er Jemand, der nicht ein altadliges Wappen am Kut⸗ ſchenſchlag führte, mit freundſchaftlicher Hochachtung behandelte, ſo war es Pore Beaupas, ſo jung auch ihre beiderſeitige Bekanntſchaft ſein mochte. Vingris, ſonſt kein Mann, der in ernſten Dingen leichtfertig wechſelte, hatte Grund zu haben geglaubt zu der An⸗ ſicht, daß man ihm in der Weinhandlung, wo er bis jetzt verkehrt, nicht den gebührenden Reſpekt erwieſen, dazu waren noch die Gemüthsbewegungen gekommen, deren Opfer er vorgeſtern geweſen, auch hatte ſich der Stallknecht in der Miethwagengeſchichte als ein Mann von Ehre gezeigt, kurz, Vingris hatte den Lockungen des geſtreiften Gebieters über Pferdeſtall und Futter⸗ kaſten nicht länger widerſtehen können und hatte ihn an jenem Abend zu Poère Beaupas begleitet. Er kam eben an, als Pore Beaupas mit großem Pathos den Gäſten ſein Martyrium für die Familie Orleans und 10 148 den Schecken des Barons Mondélion auseinanderſetzte. Vingris, durch die Sinnesänderung des Barons ſelbſt in der dankbarſten Stimmung, hörte mit Wohlgefallen die enthuſiaſtiſche Bewunderung des Weinhändlers für die ritterlichen Eigen ſchaften ſeines Herrn, und dieſes Wohlgefallen erhöhte ſich noch merklich, als Beaupas, des Stallknechts und des Schweizers anſichtig wer⸗ dend, mit gehobener Stimme erklärte, er rechne es ſich zur Ehre, die Dienerſchaft eines des vorzüglichſten Ca⸗ valiere Frankreichs zu bewirthen. Er hatte weder Vingris noch den Stallknecht die Zeche bezahlen laſſen, auch am folgenden Tage nicht, behandelte Vingris mit ganz beſonderer Auszeichnung und theilte voll kommen deſſen Entrüſtung über die Droſchken der Compagnie impériale, und Vingris berechnete bereits bei ſich die Erſparniſſe, welche er am nächſten Löh⸗ nungstag zu Händen ſeines Vaters, des Oberſenns auf der Braunalm, nach Einſiedeln werde ſchicken können. Sein Vater händigte die Gelder dem Pater Zahl⸗ meiſter des Kloſters ein und dieſer lieh ſie den Bauern auf Zins aus, und jedes Jahr erhielt Vingris aus der Heimat ein ſchönes Stück Tuch oder Leinwand oder Leder oder ſonſt etwas Nutzbares, was der Pater Zahlmeiſter an Zinſesſtatt dem Oberſenn ge⸗ ſchenkt. 149 Die Erſparniſſe Vingris' waren nicht unbedeutend, und wenn der Weinhändler in ſeiner Verehrung der ritterlichen Eigenſchaften und des Schecken des Barons noch ein halb Jahr fortfuhr, ſo konnten ſie um ein Erhebliches geſteigert werden. Denn der Rothwein war eigentlich die Hauptausgabe Vingris' geweſen, das hatte ihm ſchon in ſeiner Jugend der Veltliner und der St.⸗Galler Oberländer angethan. Kein Wunder alſo, daß Vingris die etwas derbe Vertraulichkeit, die ſich der Droſchkenſtudent ſeinem neuen Freunde gegenüber erlaubte, ſehr verdroß, um ſo mehr, da er ſah, daß Beaupas den frechen Menſchen nicht im entfernteſten kannte. Die ängſtliche Verwirrung Beaupas' mit der er dem Studenten Wein eingoß und reichte, überzeugten VWinkelried Stierliſtecher noch mehr, daß er die Ver⸗ pflichtung habe, über dem Verehrer der Mondeélions und ihrer Portiers zu wachen, ihn vor fernern In⸗ ſulten zu beſchützen und bei dieſer Gelegenheit ſeine eigene Rechnung mit dem frechen Bürſchlein ins Reine zu bringen. Poère Beaupas bemerkte, daß der Portier ihn und den Studenten ſcharf beobachtete, dies machte ihn noch ängſtlicher, und als der Student ſein Glas ausgetrun⸗ ken und ſeine vier Sous auf den Tiſch geworfen, ver⸗ 150 ließ er mit einer Armenſündermiene das Lokal, welche das Mitgefühl des Schweizers lebhafter als je in An⸗ ſpruch nahm. Nach kurzer Zeit verließ auch der Stu⸗ dent den Laden. Winkelried Stierliſtecher trank mit einem Zug wenigſtens vier Zoll ſeines Glaſes aus und folgte dem Studenten. Leute, welche gewohnt ſind, auf teppichbelegten Treppen und Parquetboden zu wandeln, haben immer einen leiſen Schritt, gleichviel, ſeien ſie Herren oder Diener. Auch Vingris legte die breiten Sohlen ſeiner Füße ſo geräuſchlos auf die Erde, daß weder Pere Beaupah noch der Student ihn hörten. Der Student verſchwand eben im Keller, Père Beaupas machte die Thür hinter ihm zu. Das war ſeltſam. Unwillkürlich trat Winkelried tierliſtecher wieder zurück in die Schenkſtube, um von Pore Beaupas nicht bemerkt zu werden. Bald darauf erſchien auch dieſer mit verſtörtem Geſicht und ſcheuem, unſicherem Blick. Allmälig wurde Winkelried der Ver⸗ wirrung in ſeinem Kopfe etwas Meiſter. Er kam zu dem Schluß, daß zwiſchen dem verruchten Studenten und dem Weinhändler eine geheimnißvolle Verbindung herrſche, daß etwas Dunkles, Räthſelhaftes im Keller des Père Beaupas vorgehe. Dieſe Schlußfolgerung war 155 Haken und Korb fehlten, um das Quartier Mouffe⸗ tard würdig zu vertreten. Beſonders auffallend war der breitrandige weiße Hut und die rieſige Geſtalt eines Müllers, welcher wohl allwöchentlich einmal ſei⸗ nen mächtigen, von ſechs vor einander geſpannten Pfer⸗ den gezogenen Zweiräderkarren durch die Straßen von Paris lenkte. Da waren kräftige Arbeiter aus Belle⸗ ville mit energiſchen Geſichtern und geſchwärzten Hän⸗ den, der ſchmächtigere, weniger ſolide Geſelle aus dem Faubourg St.Antoine und aus La Villette, der fein⸗ gekleidete Commis der Boulevards, der die über ihm ſtehende Geſellſchaft um ſo mehr beneidete und um ſo tiefer haßte, je näher er mit ihr in Berührung kam, junge Advocaten, welche in ernſtes Schwarz gehüllt waren, als gelte es ein Plaidoyer, und welche dann und wann eine Bemerkung in ihre Taſchenbücher ſchrieben. Unter die übrigen Anweſenden zerſtreut ſaßen Jules Bandeau, Reymond, Jean Jaccard und Paul Mervin, der grimmig lächelnd vor ſich niederſtarrte und jedenfalls von einer neuen Erſtickungsbombe träumte. Neben ihm ſtand aufrecht die mit Zeitungstiteln über⸗ klebte komiſch⸗ernſte Geſtalt des Vater Roberto. Jede Spur von Geiſteszerrüttung war aus ſeinem energi⸗ ſchen Geſichte gewichen und aufmerkſam und manchmal die eine Hälfte ſeines wallenden grauen Bartes um 156 die nervige Fauſt wickelnd lauſchte er den Worten des Redners, der auf einem Stuhl ungefähr in der Mitte der Tafel ſtand und deſſen helle, klangvolle Stimme mit etwas fremdartigem Accent eben jetzt ruhig und belehrend durch den Raum tönte. Ruhig und mild wie der Ton der Worte, die er eben ſprach, war auch das Aeußere des Mannes. Er war mit jener beſchei⸗ denen Sauberkeit gekleidet, welche in unſerer Geſell⸗ ſchaft den Millionär manchmal nicht von dem geplag⸗ teſten Commis unterſcheiden läßt. Die mittelgroße, faſt ſchmächtige Geſtalt ward überragt von einem fei⸗ nen, milden, geiſtreichen Geſicht mit etwas kahlem Scheitel, welches eher einem Pfarrherrn als einem Revolutionär anzugehören ſchien. Ein beſtändiges Lä⸗ cheln ſchwebte um ſeine Lippen, ſo ernſt auch dasje⸗ nige war, was er ſagte, und er ſprach ſeine weltum⸗ ſtürzenden Doctrinen ſo ruhig und einſchmeichelnd aus, als handle es ſich darum, ſeine Zuhörer zu einem milden Beitrag für eine wohlthätige Stiftung zu gewinnen. Niemand kannte den Namen des Mannes. Man nannte ihn nur den Mann von London. Verſchie⸗ dene der Anweſenden ſchienen ihn nicht zum erſten Mal zu ſehen, und in der That war er faſt in allen politiſchen Verſammlungen, öffentlichen wie geheimen, anweſend, ohne daß man immer genau wußte, wer 157 ihn eingeführt oder wie er von der betreffenden Zu⸗ ſammenkunft gehört. Er war heute Morgen zu Jules Bandeau gekom⸗ men und hatte ihn gebeten, ihn in die Verſammlung einzuführen, welche abends in den Kellern des Wein⸗ händlers Beaupas ſtattfinden ſollte. Jules Bandeau, obwohl auch er den Mann kannte, hatte anfangs vor⸗ gegeben, von der Sache nichts zu wiſſen, der Mann von London jedoch hatte ihm mit ſeinem milden Lä⸗ cheln ſo genaue Angaben gemacht über den gegenwär⸗ tigen Stand der geheimen Geſellſchaften in Paris, er zeigte ſich ſo gut unterrichtet von Allem, was Jules Bandeau und ſeine Freunde in der letzten Zeit unter⸗ nommen, daß dieſer faſt ſchaudernd einſah, dieſem Mann und ſeinen Hülfsmitteln gegenüber ſei er völlig machtlos.„Da Ihr Alles wißt, kann ich Euch nicht verhindern zu kommen“, hatte er ſeinem unheimlichen Beſucher geſagt und dieſer hatte ſich mit der freund⸗ lichſten Miene verabſchiedet. Er war gekommen und hatte ſich, nachdem Jules Bandeau den Verſammelten den Zweck der Zuſammen⸗ kunft in energiſchen, aber etwas unklaren Worten aus⸗ einandergeſetzt hatte und von Reymond mit ein paar cyniſchen Witzen unterſtützt worden war, das Wort erbeten. 158 Er hatte den Anweſenden vor allem ſeine Freude erklärt, ſo viele energiſche Männer hier beiſammen zu treffen, welche bereit ſeien, vor keinem Wagniß zurück⸗ zuſchrecken, um ihrem Vaterlande und der Menſcheit zu nützen. Nur habe er— es ſei vielleicht ſeine eigene Schuld— nicht recht verſtanden, auf welche Weiſe dies geſchehen ſolle. Err ſchwieg und erwartete lächelnd die Antwort. Jules Bandeau gab ſie. „Dadurch, daß wir es verſuchen, das gefräßige Ungeheuer wegzuräumen, unter deſſen Gifthauch Frank⸗ reich verödet.“ Der Mann von London lächelte dankbar. „Und wenn wir Louis Napoleon durch eine Re⸗ volution oder ſonſtwie beſeitigt haben, was dann?“ „Dann gründen wir die Republik, das Reich der Freiheit!“ rief es vom untern Ende des Tiſches. „Die Republik, das Reich der Freiheit! Ganz wohl!“ lächelte der Mann von London.„Das heißt, Ihr ſchickt Eure angeſehenſten Leute, die gewöhnlich auch die reichſten ſind, Cure berühmten Advocaten in die Nationalverſammlung, um über Eure Geſchicke zu entſcheiden. Statt eines Tyrannen habt Ihr dann Hunderte, denn Herz für das Volk hat blos das Volk ſelbſt.“ 159 Einige Unruhe entſtand. Als ſie ſich gelegt hatte, rief Jean Jaccard: „Wir wollen die ſociale Republik!“ Das Geſicht des Mannes von London ward wie verklärt. „Die ſociale Republik— ſchön! Den Traum Babeuf's, das Ideal Proudhon's, die ſociale Republik — ein Paradies, wie es keine Religion herrlicher er⸗ finden konnte.“ In das milde Lächeln des Mannes von Lon⸗ don miſchte ſich etwas Spott, als er ſich umſah. „Die ſociale Republik— alſo wir achtzig werden die ſociale Republik gründen!“ „Wir werden zahlreicher werden“, rief Jean Jac⸗ card.„Wenn auch für den Moment blos die kräftigen Charaktere ſich uns anſchließen, die Dummen und die Furchtſamen kommen von ſelbſt, wenn wir ſtark ſind. Wir werden eine Organiſation ſchaffen.“ Der Mann von London hatte aufmerkſam in das ernſte Geſicht des Studenten geſchaut, der junge Mann ſchien ihm zu gefallen. Jetzt unterbrach er ihn. „Eine ſolche Organiſation, Ihr braucht ſie nicht mehr zu ſuchen, ſie beſteht bereits ſeit acht Jahren und die Zahl ihrer Mitglieder iſt zwei und eine halbe Million.“ Der Mann von London ſchien zu wachſen 160 auf ſeinem Stuhl, unter den Anweſenden entſtand er⸗ ſtauntes Gemurmel. „Die Geſellſchaft, von der ich ſpreche“, fuhr der Mann von London fort,„iſt die internationale Ge⸗ ſellſchaft der Arbeiter. Im März 1865 haben ſich alle geheimen Geſellſchaften Europas und Nord⸗ amerikas uns angeſchloſſen: die Marianne, die Brüder der Republik von Lyon und Marſeillle, die Fenier Irlands, die unzählbaren geheimen Geſell⸗ ſchaften Rußlands und Polens, die Reſte der Car⸗ bonari. Unter den Anweſenden befinden ſich zehn, elche zu uns gehören, ſie mögen an meine Seite treten.“ Neun Blouſenmänner von Belleville, offenbar Schmiede, Schloſſer oder ähnlichen Gewerken angehö⸗ rig, nebſt dem Müller drängten ſich nm den Mann von London, als gelte es ihn zu vertheidigen. Der Mann von London lächelte. „Ihr ſeht, die Internationale und ich, ihr be⸗ ſcheidener Abgeſandter, ſind nicht ganz unbekannt hier zu Land. Wir ſind jeden Augenblick bereit, fünfzig⸗ bis ſechzigtauſend unerſchrockene Kämpfer zu Eurer Verfügung zu ſtellen, wenn Ihr eine Revolution machen wollt, echte Proletarier, die nichts zu verlieren haben und ſich den Teufel daraus machen, ob ſie in einem 161 Straßengraben aus Hunger oder auf der Barikade an einer bleiernen Bohne verenden; aber wenn Euer Kampf nur dem halbinvaliden Badinguet gilt, wenn Ihr einem Prinzen von Orleans auf den Präſidentenſtuhl verhelfen wollt, damit Eure behäbigen Gewürzkrämer und Kapitaliſten recht ſorglos auf ihren Geldſäcken ſchlummern können, ſo haben wir nichts damit zu thun. Uns iſt es gleichgültig, wie der Tyrann heißt: König, Kaiſer, Ariſtokrat, Pfaff oder Fabrikherr— wir haſſen und bekämpfen ſie alle.“ „Auch wir halten die ganze gegenwärtige Geſell⸗ ſchaft für unvernünftig und verbrecheriſch“, ſagte Jean Jaccard. „Wir ſind alle gleich, wir haben alle die gleichen Rechte an die Welt!“ rief eine verliederte Geſtalt aus St.⸗Antoine und trat, die Hände in den Hoſen⸗ taſchen, vor. „Der geſchickteſte Arbeiter kann mit ſeinen Hän⸗ den nie ſo viel verdienen, als der ſkrophulöſe Junge eines Reichen mühelos erbt“, rief ein rieſiger Schmied aus La Villette und ſchlug mit der geſchwärzten Fauſt auf den Tiſch.„Wir wollen nehmen, was man uns niemals gibt.“ „Wir wollen nehmen, was man uns nicht gibt!“ dröhnte es durch den Keller. v. Schlägel, Nach nns die Sündflut. II. 11 162 Die Mitglieder der Internationalen ſchwiegen und ſtanden wie eine gutgeſchulte ſchlagfertige Truppe. Der Mann von London ließ einige Augenblicke ſein ruhiges, mildes Auge über die Anweſenden hinglei⸗ ten, dann begann er wieder, aber mit ungleich ſtärke⸗ rer Stimme, als wäre, was er bisher geſagt, nur die Einleitung zu ernſtern Worten geweſen: 3 „Eingeſchnürt von ſeiner Geburt an in die drei⸗ fachen Windeln der Familie, des Vaterlandes und der Religion, aufgezogen in der Achtung vor dem Eigen⸗ thum, wie es auch heiße, kann der Proletarier nur etwas werden, wenn er alles das vernichtet und weit von ſich wirft dieſe Ueberbleibſel früherer Barbarei. Die Internationale hat und kann nur den Zweck haben, zur Vernichtung all dieſer ungeheuerlichen Vorurtheile beizutragen. Sie ſoll, indem ſie den Arbeitern aller Länder ein gemeinſchaftliches Band gibt, einen Mittel⸗ punkt der Action, eine energiſche Leitung, ihnen zeigen, was ſie können. Nur ſie allein hat Macht genug, um die Unzufriedenen aller Länder zu lehren, in Ueberein⸗ ſtimmung zu handeln; ſie allein auch hat die Macht und das Recht, die Maſſen zu discipliniren, um ſie, wenn die Zeit gekommen, auf die Unterdrücker zu wer⸗ fen, die unter ihrer Wucht vernichtet hinſinken werden. Deshalb muß ihr Programm ſein: Aufhebung aller 163 Religionen, des Eigenthums, der Familie, der Erbſchaft, der Nation. Wenn die internationale Geſellſchaft bei allen Arbeitern den Keim dieſer Vorurtheile erſtickt hat, wird auch das Kapital todt ſein. Dann wird die Geſellſchaft auf unzerſtörbaren Grundlagen wieder aufgebaut. Dann hat der Arbeiter wirklich ein Recht an der Arbeit; dann wird das Weib frei ſein; dann hat das Kind wirklich das Recht, unter dem Schutz der Geſellſchaft zu leben. Die Träumer mögen ſich keine Mühe geben, das Syſtem zu einer Löſung zu ſu⸗ chen, welche die Gewalt allein geben kann. Die Ge⸗ walt, das iſt's, was dem Proletar eines Tages das Scepter der Welt geben wird. Nur die Gewalt kann ihn aus der Knechtſchaft der Routine und der moder⸗ nen Civiliſation erlöſen. Wenn zwei ſich feindliche Kräfte einander gegenüber ſind, ſo muß, wenn ſie ſich nicht neutraliſiren wollen, eine davon zu Grunde gehen.“ Der Mann von London hatte alles das erzählt, er hatte die Nothwendigkeit der gewaltigſten Umwäl⸗ zung, welche die Menſchheit je erfahren, mit einer Ruhe dargethan, als ob er ſeinen Zuhörern ein hübſches chemiſches Experiment erkläre. Mit verhaltenem Athem hatten alle dem modernen Evangelium gelauſcht. Der Mann von London bemerkte den Eindruck, den er ge⸗ 11* 164 macht, und ſeine Stimme erhob ſich ſchmetternd, ſein Geſicht wurde ſtarr und finſter, und ſeine milden Augen flammten. „Bürger“, rief er indem er die Hand über den Tiſch ausſtreckte,„Ihr alle ſeid Proletarier, denen die Geſellſchaft ihre heiligſten und urſprünglichſten Rechte vorenthält— mit jeder Faſer Eures Gehirns, jeder Zuckung Eures Herzens müßt Ihr das Programm der Internationale gut heißen.“ Der Mann von London ſchwieg und mit enthu⸗ ſiaſtiſchen Rufen ſtürzten die meiſten der Anweſenden auf den Redner zu. Einige ergriffen ſeine Hände, an⸗ dere umarmten ihn und die ihn nicht erreichen konn⸗ ten, ſchwenkten ihre Mützen und Hüte. Der Mann von London ſtand ruhig wie der Fels in der Brandung. „Hört, Bürger! Was ich Euch verkündet habe, iſt nicht mein Werk. Ich bin ein Tropfen in dem großen Meer der Gleichheit, das die alte Welt über⸗ fluten ſoll. Proletarier! Der Fortſchritt und die Menſchheit zählen auf Euch. Wenn Euch die Inter⸗ nationale eines Tages zu den Waffen ruft, werdet Ihr dem blutrothen Banner folgen?“ 3 „Wir werden folgen!“ tönte es dumpf durch den Keller und erſtarb an den hinterſten Wölbungen. Soweit hatte Vingris mit offenem Mund und 165 ſchlotternden Knieen gelauſcht, als er aber von der blutrothen Fahne hörte, als ernſt und ſchauerlich wie ein Schwur das„Wir werden folgen!“ durch den Raum hallte und hinter ihm in der Treppenhöhlung ſelbſt das Echo Antwort gab, da war es mit ſeinem Muth zu Ende. Er ſah noch undeutlich, wie der Mann von London ſich auf die Schulter Jean Jac⸗ card's ſtützend vom Stuhle ſtieg, er ſah, wie die phan⸗ taſtiſche Geſtalt des Zeitungsmannes auf den Tiſch ſprang und eine Rede hielt, er hörte einen— es war Reymond— ganz unſinnig lachen— er ſtieg ſo raſch aufwärts, als koſte es ſein Leben, und hielt erſt inne, als er in ſeiner Loge angelangt war. Der Gärtner war treulich auf ſeinem Poſten ge⸗ blieben und ſchnarchte, daß der kleine Raum davon erdröhnte. Nachdem Vingris ſich einen Augenblick geſammelt hatte, kam er zu dem Entſchluß, den Gärtner noch eine Weile weiter ſchnarchen zu laſſen und das, was er ge⸗ ſehen, ſeinem Herrn zu melden. Es war nahe an Mitternacht und er fand den Baron noch wachend in ſeinem Arbeitszimmer. Der Notar hatte ihn vor einer Stunde erſt verlaſſen, denn der Baron hatte Selbſtloſigkeit genug, daß er mit dem möglichen Ende des eigenen Lebens nicht auch ſeine 166 Verpflichtungen für Familie und Welt als erloſchen anſah. Er hatte alle ſeine Angelegenheiten geord⸗ net— verſchiedene Papiere lagen vor ihm— auch ſein Teſtament. Seine Mutter war reich und brauchte wenig; er wußte, daß ſie ſeiner nicht mit Unwillen gedenken werde, wenn er den edelmüthigen Regungen ſeines Herzens gefolgt war und dem ſtolzen und ſchönen Weſen eine unabhängige Zukunft zu ſichern geſucht hatte, welches das erſte Weib geweſen war, das er hochachten gelernt hatte. Nicht daß er nicht viele Weiber ſchon ſchön, ſtolz und ſelbſt begeh⸗ renswerth gefunden, aber er wurde immer wieder daran gemahnt, daß die Hälfte von dem, was er an ihnen bewunderte, nicht ihre Natur, nicht ihr Verdienſt war, ſondern das Verdienſt der Familie und einer Geſellſchaft, die an die erſte Jugend des heranwachſen⸗ den Geſchlechts ſchon ihre bildende und pflegende Hand legt, ſchlechte Eigenſchaften zurückdrängt, gute Keime, ſo ſchwächlich ſie ſeien, zu kräftigen und zu bevorzug⸗ tem Leben zu bringen ſucht. Louiſon war ihm entgegengetreten, ohne Familie, ohne je die Erziehung einer höher ſtehenden Kaſte ge⸗ noſſen zu haben, und dennoch weit hervorragend durch Selbſtſtändigkeit und edlen Stolz über eine Umgebung, für die ſie ſich jahrelang zu opfern vermochte. Sie 167 hatte Herz genug, diejenigen zu lieben, welche ihrer nicht würdig waren, und war doch ſo harmoniſch ge⸗ artet, das Niedrige und Kleine, das jenen anklebte, von ihrem eigenen Weſen fernzuhalten. Selbſt ihre anſcheinende Härte dem Bruder gegenüber, welche den Baron einen Augenblick angefröſtelt im höchſten Herzensjubel, ſchien ihm jetzt ein Vorzug, denn ſie hatte es unzweifelhaft gethan um ſeinetwillen, weil ſie ihn liebte. Wie eine Königstochter, noch bekleidet mit den Lumpen der Bettler, die ſie einſt geraubt, während um ihre Stirn ſchon ein Schimmer glänzte, wie vom Diadem, das ihr gebührte, trat Louiſon's Bild in dieſer Stunde vor ihn hin und ſagte mit ihrem ruhigen, ſtolzen Lächeln: Ich bin mehr werth als Ihr. Jahr⸗ hunderte brauchten Eure Erzeuger, um in Euch jene Tugenden, jene mildern Sitten, jenes Selbſtgefühl großzuziehen, das Euch, mit Recht oder Unrecht, über Andere erhebt. Seht mich! Was ich bin, ich bin es durch mich ſelbſt geworden; Schulter an Schulter kann ich ſtehen mit Euren Beſten und ich habe Eurer Geſellſchaft nichts zu danken. Und Mondeélion war es, als müſſe er vor dem königlichen Weib in Lumpen auf die Kniee ſinken und zu ihr ſprechen: Liebe mich, obwohl ich weniger werth bin als Du. 168 Es iſt zweifelhaft, ob Baron Mondélion in der Beurtheilung und ſeinen Gefühlen für Louiſon bereits an dieſem Punkte angelangt geweſen wäre, wenn er ſich nicht in einigen Stunden mit dem Lord hätte ſchlagen müſſen. Wenn man im Begriff iſt, ſein Leben aufs Spiel zu ſetzen, erhalten die Dinge, die man be⸗ ſitzt, einen ganz andern Werth und auch diejenigen, die man begehrt. Vingris trat in höchſter Aufregung ein. Der Baron erhob das ſinnende Haupt von ſeinen Papieren. „Was gibts?“ „Etwas Schreckliches, Herr Baron!“ gurgelte Vin⸗ gris, der die Eigenthümlichkeit beſaß, wenn er erregt war, das Franzöſiſche mit ſeinen härteſten heimatli⸗ chen Kehllauten zu ſprechen, wodurch es für Jeder⸗ mann, der nicht daran gewöhnt war, unverſtändlich wurde.„Etwas Schreckliches! Im Keller des Wein⸗ händlers Beaupas drüben iſt die reine Räuberherberge. Von Mord und Todtſchlag haben ſie geſprochen.“ Es iſt nicht entſchieden, ob es die Aufregung über ſein Abenteuer allein war oder doch auch etwas die Wirkung des genoſſenen Weins, die den Schweizer auf ſeinen doch ziemlich großen Beinen bedenklich hin und her ſchwanken ließ. Der Baron winkte daher nur ablehnend mit der Hand und ſagte: 1 5 69 „Man ſieht, daß Du beim Weinhändler warſt— geh ſchlafen!“ Vingris machte eine erhabene Anſtrengung gerade zu ſtehen und rief verzweiflungsvoll: „Aber ſie wollen uns umbringen. Der Droſchken⸗ ſtudent iſt auch dabei.“ 3 Mondeélion wurde aufmerkſam. „Der Droſchkenſtudent, wer iſt das?“ „Der mit den beiden Frauenzimmern.“ „Jaccard? Und was iſt mit ihm?“ „Er iſt auch im Keller und von den Wüthendſten einer. Ich habe Alles gehört.“ „Jaccard? Hm! Und was haſt Du gehört?“ Vingris ſtand eine Weile mit offenem Munde da, dann ſtieß er verzweiflungsvoll hervor: „Umbringen wollen ſie Alles, die ganze Welt, den Kaiſer, die Herren Geiſtlichen, den Herrn Baron, Alles, Alles.“ 3 „Da möchten ſie viel zu thun haben!“ lächelte der Baron, aber die Sache beſchäftigte ihn mehr, als er ſich merken ließ. Nach einer Pauſe des Nachden⸗ kens fügte er bei:„Du verſtehſt das Franzöſiſche ebenſo wenig, als Du es ſprechen kannſt, Du wirſt Dir alle die Dummheiten eingebildet haben.“ „Nein, Herr Baron! Ich ſchwöre—“ 170 „Schwöre lieber nicht und geh zu Bett. Ich habe Dir Deinen Namen nicht umſonſt gegeben.“ „Und ich ſoll nicht zum Polizeicommiſſar gehen?“ Der Baron zuckte die Achſeln. „Ich verbiete Dir es nicht. Wenn Du dem Com⸗ miſſar aber nicht mehr zu erzählen weißt als mir, ſo räth er Dir jedenfalls, Dich in Zukunft nicht mehr zu betrinken. Und wenn Du vollends einen meiner Be⸗ kannten durch Dein albernes Geſchwätz compromittirſt, ſo jage ich Dich zum Teufel. Und nun gute Nacht!“ Mit dem armen Vingris drehte ſich Alles im Kreiſe. Auch er hielt wie Beaupas ſeinen Herrn für den hervorragendſten Cavalier Frankreichs und darum auch für den geſcheidteſten. Und doch hatte er Alles mit ſeinen eigenen Ohren gehört. In grenzenloſer Verwirrung zog ſich Vingris zurück. Der Baron ſtützte den Kopf in die Hand. „Jetzt erſt habe ich ein doppeltes Recht, zu han⸗ deln, wie ich gethan.“ Er verſchloß die Papiere in die einzelnen Schub⸗ fächer ſeines Pultes, ſeine Hand zitterte nicht, ſein Antlitz war ruhig, dann verließ er das Zimmer und trat in das Schlafgemach ſeiner Mutter. Das Zimmer war mit jener ſoliden Eleganz aus⸗ geſtattet, wie ſie die altadligen Häuſer Frankreichs noch immer auszeichnet. Das Bett, in dem die Matrone unter einem Himmel von grünem Damaſt ruhte, war aus Eichenholz und ein Meiſterſtück der Holzſchneide⸗ kunſt; die übrigen Geräthſchaften ſtimmten zu dem ernſten Charakter des Ortes. Eine dunkelrothe Ampel goß ihr gedämpftes Licht durch das Gemach. Die Matrone ſchlummerte ruhig, ihr Athem tönte leiſe und gleichmäßig durch den Raum. Der Baron kniete nieder und legte ſein Haupt auf den Rand des Lagers. Er ſchien zu beten. Die Matrone bewegte ſich unruhig. „Mein Sohn!“ murmelte ſie. Aber ſie erwachte nicht. René erhob ſich. Sein Geſicht war faſt heiter. Er warf noch einen Blick innigſter Liebe und tiefſter Verehrung auf die Mutter, dann begab er ſich in ſein Zimmer und ſchlief ruhig wie ſtets. Daß er im Begriff ſtand, um eines rohen Vor⸗ urtheils willen ein Leben in die Schanze zu ſchlagen, das die einzige Stütze und Freude ſeiner alten Mutter war, er machte ſich keine Vorwürfe darüber. Er war Cavalier und als ſolcher mußte er ſich mit jedem von ſeinesgleichen ſchlagen, der ihn beleidigt hatte— noblesse oblige.. 172 Inzwiſchen hatten der Mann von London und ſeine neugewonnenen Jünger den Keller des Pere Beaupas allmälig verlaſſen. Reymond war einer der letzten, welche gingen, und zwar aus dem guten Grunde, weil er bei Pore Beau⸗ pas noch eintreten und zu Nacht eſſen wollte. Pere Beaupas verabſchiedete eben den letzten ſei⸗ ner harmloſern Gäſte und war im Begriff, den Laden zu ſchließen, als Reymond ihn auf die Schul⸗ ter ſchlug. „Noch ein wenig aufgelaſſen, Bruder Verſchwörer!“ Pere Beaupas war ſeit dem ſeltſamen Benehmen Vingris' in einem nur halb zurechnungsfähigen Zuſtande; alle Augenblicke glaubte er die Häſcher eintreten zu ſehen; ſchon fühlte er die Fauſt des Henkers, der ihn zur Guillotine ſchleifte. Bei jedem der unheimli⸗ chen Gäſte, deren Schatten er durch die Hausthür ins Freie huſchen ſah, athmete er erleichtert auf. Da kam Reymond mit ſeinem tollen Gruß. Mit einer Miſchung der ſchrecklichſten Angſt und des grim⸗ migſten Haſſes ſtarrte ihm der Weinhändler ins Geſicht. „Ich kenne Euch nicht! Was wollt Ihr? Geht Eurer Wege oder ich hole die Polizei! Es lebe der Kaiſer!“ — — 173 Damit ſchlug er den eiſernen Laden ſeiner Bude zu. Reymond lachte unbändig und trommelte mit den Fäuſten an die Thür. Umſonſt. Brummend zog er ſeiner Wege. „Wenn der Kerl uns morgen nicht nach Mazas gebracht“, murmelte er vor ſich hin,„ſo geſchieht es nur darum, weil er vielleicht zu feig iſt zur Ver⸗ zweiflung.“ Er ging einige Schritte weiter. Da fiel ihm eine dunkle Geſtalt auf, welche nahe dem Schimmer einer Gaslaterne in der Brüſtung einer Thür ſtand. Es ſchien eine Frau zu ſein. Ein Vorübergehender ſprach ſie an— ſie gab keine Antwort. Das hinderte jedoch Reymond nicht, gleichfalls vor der dunklen Geſtalt ſtehen zu bleiben. „Euer Concierge ſcheint ſo ungefällig wie der meinige, kleine Mutter; er behauptet ſchon ſeit eini⸗ gen Tagen, daß ich nicht mehr bei ihm zu Hauſe ſei, ohne daß er mir eigentlich ſagt, wo ich wohne. Doch hier iſt es kalt und unruhig— kommt Mütterchen, ich weiß für Euch ein beſſeres Plätzchen!“ Die dunkle Geſtalt löſte ſich von der Mauer ab und Reymond fühlte ſich feſt von zwei weichen Armen umſchlungen. 3 „Reymond! Verzeihe mir! Ich will alle Noth 174 mit Dir ertragen, ich will betteln für Dich, wenn es nöthig iſt, nur ſtoße mich nicht von Dir!“ Der Student löſte die Hände des Mädchens von ſeinem Halſe, zog ſie näher zur Laterne und betrach⸗ tete ſie. „Jeanneton! Wahrhaftig, ſie iſt es! Alſo auch Du! Ich Dir verzeihen? Die erſten zwei Tage, nach⸗ dem Du mir davongelaufen, hätte ich Dich ermordet, wenn ich Dich gefunden hätte, den dritten entdeckte ich, daß Du eigentlich ganz klug gehandelt habeſt, und als mich unſer Wirth hinauswarf, ſah ich ein, daß Du eigentlich ganz Recht hatteſt vorher auszuziehen. Wenn ich hungerte, tröſtete ich mich mit dem Gedanken, daß Du Dich ſatt äßeſt; aber daß Du mit Deinem Geſicht obdachlos würdeſt, das dachte ich nicht, das iſt unverzeihlich von Dir.“ Jeanneton's Hände ſanken langſam herab. „Ich hatte eine prächtige Wohnung, Wagen und Pferde, konnte täglich fünfzig Franes ausgeben für meinen Tiſch— ich verließ Alles, weil ich nicht mehr ohne Dich leben mochte.“ Reymond, die Hände gewohnheitsgemäß wieder in den Hoſentaſchen, ſchaute verwundert auf das Mädchen. „Das war ſehr unklug, das war verrückt, könnte 175 man ſagen, Jeanneton! Ich habe nichts, ſeit zwei Tagen nicht einmal mehr eine Wohnung.“ „Ich gehe mit Dir! Ich will nicht beſſer leben als Du!“ „Hm! Ich hatte da ein ganz hübſches Plätzchen für die Nacht— am Quai d'Orſay— eine der Trep⸗ pen, die zur Seine hinunterführen. Dahin kommt kein Stadtſergeant und das Plätſchern der Seine an den Stufen ſingt einen in Schlummer. Aber kühl iſt es und manchmal erwacht man mit ſteifen Knochen. Kannſt es einmal verſuchen, Jeanneton, obwohl es für zwei ſchwieriger iſt, unbemerkt hinunterzuſchlüpfen, als für eins. Es iſt zu toll— Pferde, Wagen und ein Diner für fünfzig Francs täglich zu verlaſſen um meinetwillen— es iſt zum Todtlachen.“ „Lache nicht, Reymond! Du brichſt mir das Herz. Laß mich bei Dir, das iſt Alles, was ich verlange; ich will gut machen an Dir, was ich verbrochen, ſo⸗ weit es möglich iſt.“ „Verbrochen? Du? An mir?“ „Ja, ja. So ſprachſt Du ſonſt nie, ſo warſt Du nicht; es gab gewiſſe Dinge, vor denen trotz Allem Deine ſtolze Seele zurückbebte.“ „Richtig! Ich konnte es nie über mich gewinnen, von meinen Freunden Geld zu leihen, und niemals betteln: 176 Beetteln kann ich auch jetzt noch nicht. Ich hab's geſtern verſucht und hatte ſchon die Mütze ausgeſtreckt, aber wie mich der noble Herr ſo von oben herab anſah und gelang⸗ weilt in die Taſche griff, da zog's mir die Hand zurück und meine Fauſt ballte ſich und ich hätte ihm den Schädel einſchlagen, aber nichts von ihm nehmen können.“ „Gräßlich!“ murmelte Jeanneton. Reymond hatte das nicht gehört. Er ging eine Weile ſtumm neben Jeanneton her. „Höre“, ſagte er nach einer Weile,„Du haſt gewiß etwas gerettet von Deiner Herrlichkeit, ich meine, vielleicht iſt in den Taſchen Deines Kleides ſo ein ver⸗ geſſener Louisdor mitgewandert.“ „Reymond!“ „Sei nicht tragiſch, Jeanneton! Nimm das Le⸗ ben, wie es iſt. Ich habe ſechsunddreißig Stunden nichts gegeſſen— wenn man ſo lange hungert, weiß man, daß Alles, was man da von Ehre und Stolz ſpricht, baarer Unſinn iſt. Ich glaubte, meine lieben Kaiſermörder, denen ich mich angeſchloſſen, würden das Plündern ſchon in einigen Tagen anfangen, aber das ſind langweilige Tröpfe und haben ſich heute von ei⸗ nem noch langweiligern Kerl beſchwatzen laſſen, zuerſt alle Vorurtheile in der Welt auszujäten, bevor ſie losſchlagen. Das iſt alſo auch nichts“ 177 Jeanneton faßte Reymond's Arm. „Komm!“ ſagte ſie haſtig.„Ich habe Geld, Du ſollſt Dich ſatt eſſen, Maiſon dorée iſt die ganze Nacht offen.“ „Maiſon dorée!“ rief Reymond jubelnd.„Engel! Herzensſchatz! Ob ich Dir verzeihe! Ich verzeihe auch dem Kaiſer, der ganzen Welt!“ 3 Er umarmte ſie lachend. Jeanneton weinte. „Was hab' ich aus Dir gemacht!“ v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. II. 12 Neuntes Kapitel. Das Stelldichein im Vois. Es war morgens ſechs Uhr. Alfred d'Entretouz nahm, zum Ausgehen gerüſtet, in dem niedlichen Boudoir Léonie Lebrun's ſeinen Kaffee. Léonie ſaß ſinnend neben ihm in jener ſchweigenden Beſchaulichkeit, welche heute nicht, wie in der Regel, durch jene haſtigen Fragen oder Einfälle unterbrochen wurde, die in ihrer geiſtreichen Originalität einen der Hauptreize der ſchö⸗ nen Sünderin ausmachten. Manchmal ſchlüpfte ihr herrlicher Arm hervor aus der Wolke von weißen Spitzen, die ihr Morgengewand bildeten, um Alfred aus einem Kännchen von chineſiſchem Porzellan einzu⸗ gießen, dann ſchaute ſie wieder vor ſich hin. „Alfred“, begann ſie endlich, als ſei ſie beim Re⸗ ſultat ihres Nachdenkens angelangt;„ich möchte mit Dir fahren.“ —— 179 Der Graf blickte überraſcht auf. „Du ſcherzeſt.“ „Ich ſcherze nicht, ich möchte Jemand ſterben ſehen.“. „Du, die fromme, reuige Magdalena, haſt ſolche mörderiſche Wünſche?“ „Gewiß, ich habe noch nie Jemand ſterben ſehen“, fuhr Léonie Lebrun ſinnend fort, indem ſie mit ihrem gelben Maroquinpantoffel ein halbabgebranntes Scheit in das Feuer ſtieß, daß es eine Wolke von rothen Funken in das Kamin emporſandte.„Ich habe ſelbſt niemals eine Leiche geſehen, vielleicht iſt es deshalb daß ich den Tod ſo ſehr fürchte. Wenn mir das Sterben einmal in ſeiner ganzen brutalen Wahrheit entgegentritt, verliert es vielleicht ſeine Schrecken.“ Der Graf zuckte die Achſeln. „Ich wünſche nicht, daß Jemand todtgeſchoſſen wird heute; für Mondelion hege ich aufrichtige Sym⸗ pathie und der Lord iſt ein mehr thörichter als ſchlech⸗ ter Menſch. Ich wäre natürlich ſehr gern bereit, Deine Abhärtung gegen die Todesfurcht nach Kräften zu un⸗ terſtützen, wenn ſich nicht alle bisher üblichen Regeln der Anweſenheit von Frauen bei derlei Anläſſen ent⸗ gegenſtellten.“ „Höre, Alfred“, ſagte Léonie Lebrun und lehnte 12* 180 ſich ſchmeichelnd auf den Arm ihres Geliebten,„Du erinnerſt Dich, daß ich vor langer Zeit in der Comédie francaiſe auftrat, Du erinnerſt Dich wohl auch des Anzugs, in dem ich mit Dir die nächtlichen Streifereien durch den Faubourg Montmartre und das Quartier— Mouffetard unternahm— Niemand erkannte in dem flotten, blondhaarigen, cigarettenrauchenden Studenten die Dame, welche am andern Morgen mit ihrer Robe die vier Plätze ihres Phaëtons gewiſſenhaft ausfüllte und vor allen Sorten von Tabak in der Regel den tiefſten Abſcheu an den Tag legt. Du weißt noch, in dem Tanzſalon der Lumpenſammler, wo die Stadt⸗ ſergeanten den Contretanz überwachten, konnte ich mich der Zärtlichkeiten der weiblichen Jugend und der Fußtritte der Galane in Holzſchuhen kaum erwehren. Meine eigene Concierge kannte mich nicht. Was meinſt Du, wenn ich mich wie damals verkleidete und Du gäbſt mich für einen Verwandten aus der Provinz aus? Ich gebe Dir mein Wort, ich rede nur, wenn ich gefragt werde, und erlaube mir nicht die kleinſte Thor⸗ heit.“ Alfred d' Entretout dachte nach über das ſonderbare Räthſel, welches dieſes geiſtreiche übermühige Weib zum religiöſen Myſticismus trieb. Léonie legte ſchmei⸗— chelnd den Arm um ſeinen Hals. — . 181 „Nun? Ich verſpreche Dir dann auch, dieſe Woche nicht zu beichten.“ „Angenommen!“ ſagte Graf d'Entretout lachend. „Uebrigens iſt dieſes Duell ja an und für ſich eine ſolche Thorheit, daß es auf ein wenig Maskerade dabei nicht ankommt. Dieſer Mondélion und ſein Freund, der Student, ſo ſehr ich erſtern ſchätze, benahmen ſich als Beſchützer und Rächer der Unſchuld höchſt komiſch.“ „Das finde ich nicht“, ſagte Léonie Lebrun;„auch mir war ſein Auftreten ungewohnt, fremdartig, auch mir fielen ein paar wohlfeile Witze ein, als der Stu⸗ dent von dem ſchlotternden Agenoux ſeine todte Mut⸗ ter verlangte, aber ich fragte mich doch, ob nicht wir Weiber anders wären, wenn es lauter ſolche Männer gäbe.“ Graf d'Entretout unterdrückte ein leichtes Gähnen. „Langweiliger unzweifelhaft. Doch bewerkſtellige Deine Metamorphoſe, Mondélion erwartet mich um acht am Triumphbogen. Wenn es auch guter Geſchmack iſt, zu einer Taſſe Thee nicht zu früh zu kommen, ſo iſt man beim Todtſchießen wieder nicht gern der letzte. Eine drollige Welt!“ Léonie's hohe Geſtalt verſchwand aus dem Zim⸗ mer, und während ſie das Coſtüm anzog, in dem ſie einſt die Damen des Quartier Mouffetard entzückt, ⅓ — 8 5 182 vertiefte ſich Alfred d'Entretout des Weitern in ſeine Betrachtungen über die Drolligkeit der Welt und der ſonderbaren Figuren in langen Kinderröcken und ſpitzen Schnabelſchuhen, welche auf dem chineſiſchen Kaffee⸗ geſchirr Léonie's abgebildet waren. Als Léonie eintrat, war ſie in der That nicht wiederzuerkennen. Durch eine weite Sammtjacke war es ihr gelungen, die eigenthümlichſten Merkmale des weiblichen Körperbaus vollſtändig zu verbergen, eine vortrefflich gearbeitete blonde Perrücke bedeckte ihr rothes Haar und der Flaum eines angehenden Bartes war ſo geſchickt in dem braun geſchminkten Geſicht angebracht, daß Entretout nnwillkürlich zurücktrat, als ſie ihm lachend den Mund zum Kuſſe bot. Die Verkleidung war ſo täuſchend, daß der Con⸗ cierge des niedlichen Hotels verblüfft dem Grafen und ſeinem Begleiter nachſchaute und zögernd die Schnur zog, denn er erinnerte ſich doch ganz genau, daß der junge Mann durch die einzige Thür des Hauſes nicht hereingekommen ſei. Wie er gewohnt war, wollte Graf deEntretout Léonie unterſtützen, als ſie in das vor der Thür haltende Coupé ſtiegen. Mit burſchikoſer Höflichkeit lehnte Léonie das ab. Lachend ſtieg Entretout zuerſt in den Wagen. . 183 Léonie folgte. Auch Entretout's Diener, der den Schlag geöffnet hielt, erkannte ſie nicht. Léonie fuhr erſchreckt von dem Polſter empor, auf dem ſie ſich eben hatte niederlaſſen wollen. Die Hände, mit denen ſie ſich dabei geſtützt, hatten auf einen har⸗ ten, kalten Gegenſtand gegriffen. „Verzeih'!“ ſagte ihr Geliebter, indem er einen kleinen viereckigen Kaſten mit ciſelirtem Stahlbeſchlaͤge entfernte.„Baptiſte glaubte, ich führe allein, und hat den Piſtolenkaſten hierher geſtellt.“ „Den Piſtolenkaſten!“ Léonie ſchauderte und blickte auf das elegante Geräthe, das Entretout jetzt vor ſeine Füße geſtellt hatte. Sie wurde einſilbig und konnte den Blick nicht mehr wegwenden von dem quadrat⸗ förmigen Ding, aus dem in kurzem Tod und Leben hervorgehen ſollte. Ein leiſes Fröſteln überlief Léonie's Glieder und ihr Geſicht unter der braunen Schminke wurde blaß.„Der Tod iſt etwas Häßliches“, murmelte ſie,„noch mehr, er iſt etwas Ernſtes.“ Léonie dachte an den Abbé. Er ſprach ſo warm, ſo eindringlich zu ihr in der Sakriſtrei von Notre Dame des Victoires, wo das Dämmerlicht ſo geheimnißvoll hereinfiel durch die gemalten Fenſter und die Schnitzereien des Beicht⸗ ſtuhls, wo der Weihrauchduft ſich ſo ſanft betäubend auf die erregte Stirn legte, er ſprach ſo ſanft und 184 warm, daß ihr war, als dringe durch ſeine Worte die ewige Liebe des Weltenſchöpfers in ihr eigenes Herz und walle beſeligend und den Tod überwindend durch ihre Adern. Angeſichts der Werkzeuge, durch welche heute das Leben eines Menſchen in ſeiner Mitte jäh abgeſchnitten werden ſollte, trat das Geſpenſt von Tod und Vergeltung wieder erſchreckender als je vor ſie hin und eine unendliche Sehnſucht erfaßte ſie nach dem Freunde ihrer Seele, der allein dieſe Furcht für Augenblicke zu bannen vermochte. Auch Alfred war ernſter als gewöhnlich. Er hatte vor Jahren ähnliche Händel zu Dutzenden mitgemacht, er hatte ſich ſelbſt einigemal geſchlagen; ſo blaſirt er aber auch jetzt die Sache anſehen mochte, ſo ſehr er ſich zu einem Lächeln zu zwingen ſuchte, der Ernſt, der widerwärtige Ernſt, den er ſo ſehr haßte, kehrte wieder auf ſein Geſicht zurück. Er hatte nicht erwar⸗ tet, daß noch etwas ihm im Leben imponiren würde, und jetzt that es die Gefahr, der mögliche Tod zweier Menſchen, die ihn nicht das Geringſte angingen. Alfred, der im Augenblick des Sterbens mit einer witzigen Bemerkung von ſeinen Freunden Abſchied zu nehmen hoffte, verlor den Humor, weil ſich ein ſentimentaler Landjunker und ein täppiſcher Brite einer Griſette wegen ſchlagen wollten. 3. 185 Der Wagen des Grafen war inzwiſchen am Triumphbogen angelangt. Ein Coupé, deſſen Kutſcher dunkelgrüne Livree trug, wartete etwas außerhalb des Bogens, ein ebenſo gekleideter Diener ſtand am Schlag. Baron Mondelion ging auf dem Trottoir des Rondels mit auf dem Rücken gefalteten Händen langſam auf und nieder. Als er den ihm wohlbekannten Wagen des Grafen am Trottoir halten ſah, ging er daräuf zu und reichte Alfred mit freundlichem Lächeln die Hand, ohne eine Heiterkeit zu heucheln, die er nicht beſaß, aber auch ohne daß ſein Sekundant die geringſte Unruhe in ſeinem Geſichte entdecken konnte. In der That war Mondeélion nur traurig, mög⸗ licherweiſe die Welt verlaſſen zu müſſen in dem Augen⸗ blick, da ihm das Leben doppelt werthvoll erſchien, da ſo viel Wünſche und Hoffnungen ſich noch unklar zwar, aber mächtig in ſeiner Bruſt regten. Graf Alfred beeilte ſich, nicht ganz ohne Befangen⸗ heit, Mondélion um Entſchuldigung zu bitten, daß er den Bitten eines jugendlichen Verwandten nachgegeben und denſelben mitgenommen habe. „Ihr junger Freund iſt mir willkommen“, ſagte Mondeélion, während Loonie ſich tiefer in den Sitz des Wagens zurücklehnte;„ich bitte, mich bei ihm zu ent⸗ ſchuldigen, wenn ich ihm Ihre Geſellſchaft für einige 186 Minuten raube. Ich habe Sie um etwas zu bitten, Graf Entretout.“ Entretout erhob ſich, um auszuſteigen. Léonie hielt ihn am Arm. „Laß mich nicht allein, Alfred, nicht allein mit dieſen entſetzlichen Werkzeugen und meinen Erinne⸗ rungen.“ Entretout machte ſich faſt ungeduldig los. „Sei nicht thöricht, Léonie, und laß mich nicht bereuen, daß ich jeder Deiner Launen unbedingt nach⸗ gebe.“ Mit einem verzweiflungsvollen Seufzer und den Blick ſtier auf den Boden des Wagens geheftet, blieb Léonie zurück. Nachdem Entretout den Baron, der etwas voran⸗ gegangen war, erreicht hatte, begann dieſer: „Ich habe Ihnen bereits die Beweiſe gegeben, Entretout, daß ich Sie hochſchätze. Ich pflege nur Perſonen, die ich ſehr hoch achte, um einen Dienſt zu erſuchen. Ich habe noch die Bitte an Sie für den Fall, daß ich heute bleibe, dies auf ſchonende Weiſe meiner alten Mutter mitzutheilen und einem Weſen Ihren Rath und Schutz zu verleihen, deſſen Leben ich ſo gern ſelber vor allen Schwankungen und Leiden ſicher geſtellt hätte. Es iſt die junge Dame, die Sie —— . 187 geſtern kennen gelernt haben und deren Schutz mir ſchon dieſe erſte Verpflichtung auferlegt, mich heute zu ſchlagen. Für den Fall, daß die Waffen gegen mich entſcheiden, wird die junge Dame die Be⸗ ſitzerin meines verfügbaren Vermögens werden. Ich bitte Sie dann, ſoweit es Ihnen müöglich ſein wird, eine innigere Verbindung derſelben mit meiner Mutter und den achtungswerthern Schichten der Geſellſchaft anzubahnen. Ich ſtehe Ihnen mit meinem Wort als Edelmann dafür, daß das Mädchen Ihrer Theilnahme würdig iſt.“ Graf Entretout hatte mit ſeltſamen Gefühlen dieſe Eröffnung angehört. Sie war der Gipfelpunkt deſſen, was er als ſentimentale Schwärmerei bis jetzt belächelt hatte, und zum zweiten Mal heute ſchon begegnete es ihm, daß er ſich von dem, was er vollſtändig zu über⸗ ſehen glaubte, imponiren laſſen mußte— imponiren, das häßlichſte Wort, das Entretout kannte. Er reichte Mondélion die Hand. „Auch mein Wort als Edelmann, daß ich nach Kräften beſtrebt ſein werde, ein Vermächtniß ſegen⸗ bringend zu machen, das eine ſo edle Illuſion er⸗ zeugt hat.“ Rondélion drückte warm die dargebotene Hand und ſtieg in ſeinen Wagen, zu dem ihn Graf Entretout * 188 begleitet hatte. Es war nicht die Zeit, an Worten zu mäkeln, erſt im Wagen murmelte Mondélion vor ſich hin: „Illuſion? Sollte er Recht haben? Gleichviel! Ich mag nicht anders ſterben als mit ihrem reinen, ſchö⸗ nen Bild im Herzen, ohne das ich auch nicht leben könnte. Vielleicht hat der feſte Gedanke eines in der Vollkraft ſeines Lebens Sterbenden eine beſondere Macht. Ich will ihr Glück herbeiſehnen mit der gan⸗ zen Kraft meiner Seele.“ In einiger Entfernung von einander rollten die beiden Wagen raſch durch die Avenue der Kaiſerin und durch das Boulogner Wäldchen. Dort, wo ſich die Straße hinabſenkt gegen den grünen Plan von Longchamps abbogen die Wagen rechts auf den Weg, der in dem Gehölze weiter führt. Nach einiger Zeit verließen ſie auch dieſe Straße und lenkten in einen Reitweg ein, der immer tiefer in das Blätter⸗ dickicht führte. Endlich hielt der Wagen Mondeélion's, dann der des Grafen. Man ſtieg aus. Man befand ſich in einer kleinen Lichtung. In deren Mitte erhob ſich auf einer niedern Raſenböſchung eins jener aus Holz gefer⸗ tigten und mit Rinde zierlich eingedeckten Schutzdächer gegen Regen, wie man ihnen an verſchiedenen Punkten 189 des Boulogner Wäldchens begegnet. Die Wagen fuh⸗ ren eine Strecke weiter, um den Nachkommenden Platz zu machen. Graf Entretout's Diener trug den Piſtolen⸗ kaſten in die Hütte. Mondélion betrachtete ihn lange⸗ dann wendete ſich ſein Blick auf die jugendliche Geſtalt von Graf Alfred's Begleiter. Dieſe Augen hatten eine merkwürdige Aehnlichkeit mit denen einer Perſon, welche Mondélion kannte, deren er ſich aber nicht entſinnen konnte. Immer kehrten ſeine Blicke zu dem Geſichte des jungen Menſchen zurück. Léonie wendete ſich ab. Alfred gerieth in Verlegenheit. Nach kurzem Nachdenken nahm er Mondélion beiſeite. „Ich habe nicht das Recht, Sie in einem ſolchen ernſten Augenblick unwiſſentlich zum Statiſten einer Komödie zu machen, ſo harmlos ſie ſei. In einem Augenblick tadelnswerther Schwäche habe ich dem Wunſche meiner Geliebten nachgegeben, ſie in der ſelt⸗ ſamen Vermummung dem Duell beiwohnen zu laſſen. Wenn Sie es wünſchen, Mondelion, wird ſie ſofort in meinem Wagen zurückkehren. Dieſer junge Menſch iſt Léonie Lebrun. Verzeihen Sie mir, Mondeélion! Sie außer Léonie ſind der erſte Mann, dem gegen⸗ über ich es geſtehe— ich liebe dieſe Frau!“ Das Geſicht Mondélion's hatte anfangs einen 190 kalten Ausdruck angenommen. Nach den letzten Wor⸗ ten Entretout's war es wieder freundlicher geworden. „Ich ſtehe vielleicht im Begriff, mein Leben mit einer Handlung zu beſchließen, welche alle Welt eine Thorheit nennen wird, und habe darum nicht das Recht, die Schwächen meiner Freunde allzuhart zu beurtheilen. Ihre Geliebte iſt mir willkommen, ſo wenig ſie mir nach Allem, was ich hörte, bis jetzt ſympathiſch war, ich glaube aber, daß die Liebe eines echten Mannes ein Recht hat, das ganze Vorleben eines Weibes hinwegzuwiſchen aus ſeinem Gedächtniß, und halte eine ſolche Liebe auch für ſtark genug, eine weibliche Seele neu zu gebären.“ Graf Entretout ſtarrte träumeriſch ins Leere. Er fragte ſich, ob er dieſe Wiedergeburt zu vollbringen vermöge, und vor ſeinen traurigen Blicken ſtieg wieder die Geſtalt des eitlen Prieſters auf, deſſen Pathos allein Macht hatte über die Seele ſeiner Geliebten. Von der Seite, woher ſie gekommen, ertönte ſelte ſames Geräuſch. Und in der That war es nicht ein einfacher geſchloſſener Wagen, wie ſie bei derlei Ge⸗ legenheiten üblich ſind, welcher ſich näherte, ſondern hochrothe Livreen ſchimmerten durch die Bäume, und im geſtreckten Jagdgalopp kam Stanowsky's vierſpän⸗ nige Poſt ans dem ſchmalen Reitweg hervor. Darin 191 ſaß zum größten Erſtaunen der Wartenden außer dem Lord, Stanowsky und dem Doctor Herbiot als Duellarzt auch Miß Pinkerton, triumphirend den gol⸗ denen Zwicker auf der Naſe. Vor dem Wetterhäuschen angelangt, parirten die Poſtillone ihre Pferde ganz wunderbar auf der Stelle. Stanowsky ſprang aus dem Wagen und half der Miß zur Erde. Die beiden Herren folgten. Die Miß betrachtete ſich durch ihre Gläſer ſehr genau das Ge⸗ ſicht Mondélion's, deſſen Geſichtsfarbe immer dunkler wurde. Miß Pinkerton ſah ſich nach dem Lord um, der, die Hände in den Taſchen ſeines Jaquets, die Spitzen ſeines Backenbarts gewohnheitsgemäß weit hervor⸗ ſtrecend aus den hohen Vatermördern, daſtand und ein möglichſt unverſchämtes Geſicht zu machen ſuchte. „O Mylord! Sehen Sie einmal dieſe arme Menſch, wie ſehr er hat Furchtſamkeit. Sehen Sie, wie er blaß iſt, laſſen Sie nicht ſo lang in Ungewißheit den armen Baron. Sagen Sie ihm, daß Sie ihn nicht todtſchießen werden.“ Miß Pinkerton hatte das ſo laut geſagt, daß alle Anweſenden, alſo auch Mondélion es hören mußte. Mit blitzenden Augen trat er näher. 192 „Madame, wenn ich Furcht habe, ſo iſt es die, bei Ihrer ganz ungehörigen Anweſenheit an dieſem Orte die Mäßigung zu vergeſſen, die man Ihrem Ge⸗ ſchlechte in der Regel ſchuldet.“ Der Lord trat nun, die Miß ſehr reſpektwidrig mit dem Ellbogen in den Hintergrund arbeitend, vor. „O Sir, beleidigen Sie nicht die Miß, denn ich werde mich nicht ſchlagen für die Miß mit Ihnen. Ich werde mich überhaupt nicht ſchlagen mit Ihnen.“ Mondélion hatte bei den erſten Worten des Lords dieſem raſch den Rücken gekehrt und es, wie üblich, ſeinem Sekundanten überlaſſen wollen, ſich mit der Partei des Gegners auseinanderzuſetzen. Bei den letzten ſehr entſchieden geſprochenen Wor⸗ ten des Lords wendete er ſich um. „Entretout, belehren doch Sie den Herrn über die Duellgebräuche und ſuchen Sie aus dem Zeuge t klug zu werden.“ Sa. Alfred Entretout hatte viel länger gebraucht, von ſeinem Erſtaunen zu ſich zu kommen; er hätte ſich die Ankömmlinge, einen nach dem andern, wohl noch län⸗ ger angeſehen, wenn ihn nicht Mondélion's Worte auf⸗ gerüttelt hätten. Er wandte ſich jetzt an Lord Watkins. „In der That“, ſagte er mit mühſam unter⸗ drücktem Lachen,„geſtatten es unſere modernen Sitten 193 nicht mehr, daß beide Gegner vor dem Zweikampf noch Unterredungen pflegen, wie die homeriſchen Helden. Ich bitte alſo vor allen Dingen Ihren Sekundanten, die Entfernung der Dame zu bewirken und möchte Sie für Ihre Perſon erſuchen, ſich mit allen Mittheilun⸗ gen, die Sie vor dem Austrag der Sache noch zu machen haben, an Herrn Stanowsky oder direct an mich zu wenden.“ Lord Watkins hatte ein dunkles Gefühl, als ob er im Begriff ſei, eine komiſche Rolle zu ſpielen, er warf ſich daher in die Bruſt und declamirte mit großem Pathos die Phraſe, mit welcher ihn Louiſon endgültig beſiegt und die er ſich ſeitdem jedesmal vorgeſagt hatte, wenn ihn ſein gegebenes Verſprechen reuen wollte. „Mein Herr! Es gehört viel mehr Muth dazu, ein Duell zu verweigern, als es anzunehmen. Darum kann Miß Pinkerton auch hier bleiben, denn ich habe den Muth, mich nicht zu ſchlagen.“ Mylords Rede hatte ein halblautes Gelächter Léonie's hervorgerufen. Mondeélion fühlte, daß ein gut Theil von dem, was an der Situation Lächer⸗ liches war, auch auf ihn abfiel, er konnte ſeinen Zorn nicht mehr bemeiſtern. „Sagen Sie dem Herrn, daß es auch einen Muth der Feigheit gibt, um den ich ihn nicht beneide.“ v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. M. 13 194 Der Lord wurde purpurroth. Er geſticulirte hef⸗ tig mit den Händen und rief dann: „Mein Herr! Ich habe gegeben mein Wort, mich nicht mit Ihnen zu ſchlagen, weil ich habe bekommen für die Miß Pinkerton vollſtändige Satisfaction. Mademoiſelle, welche hat beleidigt die Miß, hat auf den Knieen Abbitte geleiſtet und geweint und geſagt, daß ſie ſelber ſich eher das Leben nehmen werde, als dulden, daß man ſich ihretwegen ſchlage. O das war ſehr rührend! Man muß haben ein Herz von Stein, um zu widerſtehen ſolchen Bitten, einer ſolchen Ver⸗ zweiflung. Ich habe gegeben mein Wort der ſchönen Dame und ich werde mir eher geben laſſen einen Schlag in das Geſicht, als mein Wort brechen, darum ſprechen Sie immerhin von Feigheit und von was Sie wollen, denn Sie können es thun ungeſtraft.“ Mylord hatte das Alles mit größtem Eifer hervor⸗ gebracht. Nach den erſten Worten ſchon hatte Mon⸗ délion aufmerkſam zugehört, ſeine Augen wurden imme größer und ſeine Lippen bebten. Dann wendete er ſich an Entretout nnd fragte leiſe und nicht ohne Verlegenheit: „Was würden Sie an meiner Stelle thun?“ Der Graf zuckte lächelnd die Achſeln und ſagte mit freundlicher Ironie: die Höhe bäumte. 195 „Ich würde heimfahren und den Vollſtrecker mei⸗ nes eigenen Teſtaments machen. Denn im Grunde genommen ſind ja die Weiber nur dazu auf der Welt, daß man ſich für ſie ruinirt.“. Mondélion gab dem Grafen die Hand, verbeugte ſich leicht vor der übrigen Geſellſchaft und ſtieg in ſein Coupé, das ſogleich davonrollte. Als Graf Entretout ſich umwandte, ſah er eine ſonderbare Scene. Léonie Lebrun ſtand in herausfordernder Stellung vor Lord Watkins und maß ihn mit ganz theatraliſcher Verachtung von oben bis unten. „Mein Herr!“ ſagte Léonie und Alfred Entretout unterſchied mühelos in ihrer Stimme den geiſtreichen Spott, deſſen ſie ſo ſehr Meiſterin war.„Mein Herr! Sie wollen ſich nicht ſchlagen mit Baron Mondélion, weil eine Dame Sie auf den Knieen für Ihr eigenes Leben gebeten— wohlan! für mich hat Sie Niemand gebeten— wollen Sie ſich gefälligſt mit mir ſchlagen?“ Der Lord ſchaute verblüffter als je auf das ſchlanke Bürſchlein, das ſich unter ſeiner Naſe impertinent in „Junger Mann!“ 3 Der ſchlanke junge Herr fuhr auf. „Mylord, das iſt eine Underſchämtheit Jeder . 136 196 Franzoſe wird mit der Weisheit von vierzig Jahren geboren.“ Der Lord war an ſeiner verletzbarſten Stelle ge⸗ troffen. „Junger Mann, Sie gehören zwar noch in die Schule— „Fertig! Erwarten Sie meinen Sekundanten, My⸗ lord!“ ſagte Léonie, ſich in die Bruſt werfend, und reichte dem Baron eine zierliche Karte. In kaum ſichtbaren Lettern ſtand dort: Léonie Lebrun. Der Lord warf einen Blick darauf, einen zweiten auf den Grafen, der ſeine Heiterkeit kaum bemeiſtern konnte. „Mein Herr, Sie werden mir geben Satisfaction für die unzeitigen Scherze Ihrer Freundin.“ Der Graf zog die Schultern hoch hinauf und ver⸗ neigte ſich verbindlich. „Mit nichten, Mylord, dazu beſitze ich in zu hohem Grade den Muth des geſunden Menſchenverſtandes.“ Er verneigte ſich nochmals, gab Léonie den Arm und verſchwand mit ihr in dem Coupé, das inzwiſchen vorgefahren war. Der Wagen rollte Leräuſchlös über den Sand des Reitwegs. „Wie kommſt Du zu der ſeltſamen Idee, Léonie?“ fragte der Graf. 197 Léonie lachte convulſiviſch. „Es ärgerte mich, daß mich dieſe Narren einen Mo⸗ ment ernſt gemacht, und ich ſuchte mich dafür zu rächen. Alles iſt Komödie Alfred, auch der Tod! Komm, wir wollen leben!“ Und ſie küßte ihn lachend. Der Lord hatte eine Weile rathlos um ſich ge⸗ ſchaut. Dann ſagte er zu Stanowsky und Herbiöt: „Wuollen die Herrn nehmen ein Frühſtück bei mir?“ „Sehr gern; zuerſt jedoch möchte ich bei einem Pferdehändler an den Champs Elyſées einen Trakehner Rappen anſehen, der ſehr gerühmt wird. Wollen wir zuerſt dorthin fahren?“ „Well!“ Zehntes Kapitel. In guter Laune. Es war vier Uhr nachmittags, als Stanowsky mit ſeinen vier Pferden von der Place de la Concorde wieder in die Rue Rivoli einbog. Er kam eben von dem Frühſtück, welches er mit Profeſſor Herbiot bei Lord Watkins eingenommen hatte. Das Frühſtück war vortrefflich geweſen— der Keller des Lords, gehörte zu den reichhaltigſten in Paris— und Stanowsky hatte ſowohl ihn als die Miß in faſt unzurechnungsfähigem Zuſtande zurückgelaſſen. Auch Herbiot ſchien etwas von ſeiner ſonſtigen Würde eingebüßt zu haben, wenigſtens er⸗ zählte er lauter pikante Abenteuer, aber ehe er in der Mitte der betreffenden Anekdote angelangt war, fiel ihm eine andere ein, welche noch zehnmal luſtiger war; — ——— 199 . er unterbrach ſich daher, um die neue Geſchichte zu be⸗ ginnen, die er zu Gunſten einer dritten ebenfalls nicht zu Ende brachte. Stanowsky hörte dem weinſeligen Doctor geduldig zu, als er ihn nach ſeiner ziemlich entfernten Wohnung fuhr, er lächelte ſogar zuweilen und fand das, was Herbiot ſagte, ausgezeichnet, denn auch er war ſehr guter Laune. Lord Watkins hatte ihn zu dem rothen Fränkel begleitet; dieſer hatte den eingebildeten Sportsmann bei ſeiner ſchwächſten Seite, der Eitelkeit auf ſeine hippo⸗ logiſchen Kenntniſſe, gepackt und mit ihm mehrere be⸗ deutende Händel zu Stande gebracht. Der rothe Fränkel hatte ſich gegen ſeinen thätigen Bundesgenoſſen ſehr huldvoll gezeigt und Stanowsky zweifelte nicht, daß er mit ſeiner nächſten Geldforderung ebenſo glücklich ſein werde als mit ſeiner geſtrigen. Auch Eleonore hatte er am Fenſter erblickt, ſie hatte ihn nicht aus den Augen verloren, und als ſie es end⸗ lich verließ, wahrſcheinlich, um den Verdacht ihres Gat⸗ ten nicht zu erregen, erſchien an ihrer Stelle der bunt⸗ ſcheckigſte und geſchmackloſeſte Blumenſtrauß, den Sta⸗ nowsky ſich je geſehen zu haben erinnerte. Alſo auch ſie war noch in ſeiner Gewalt. Stanowsky fühlte ſich ſo ruhig und ſicher wie in der glänzendſten Periode ſeines Scheinlebens. Er lehnte 200 ſich mit jener blaſirten Nachläſſigkeit in den Wagen zurück, wie wir ihm zum erſten Mal im Bois de Bou⸗ logne begegnet ſind, und ſah mit halbgeſchloſſenen Augen⸗ lidern und verächtlichem Lächeln herab auf das niedere Gewühl der Straße. Er war weniger als alle dieſe und flog angeſtaunt von allen und alle blendend an ihnen vorüber. Da— was iſt denn das für ein Zuſammenlauf vor dem Grand Hötel du Louvre? Eine ſich balgende Menge in der Mitte, ein immer anſchwellender Zu⸗ ſchauerhaufen rings herum, Wagen können nicht durch und müſſen halten, die Menge der Trottoirs vermehrt mit jedem Augenblick den Tumult, Stadtſergeanten wollen die Paſſage frei machen, aber ſie ſind machtlos gegen die menſchliche Mauer, welche Muthwille und Neugierde immer feſter ſchließt. Stanowsky, wenn er nicht Jemand überfahren wollte, ebenfalls zum Halten gezwungen, folgt mit den Blicken den ausgeſtreckten Armen der Leute, die lachend nach aufwärts deuten. Auf dem Balkon des erſten Stocks ſteht eine Dame in türkiſchem Schlafrock, welche etwas unter die Menge wirft, wahrſcheinlich Kupfermünzen, und an dem immer zunehmenden Lärm eine ganz närriſche Freude zu haben ſcheint. Ein Menſch in ſchwarzem Frack tritt zu ihr auf den Balkon und ſcheint 201 ihr Vorſtellungen zu machen. Sie lacht ihm ins Ge⸗ ſicht und fährt in ihrer Beſchäftigung fort; ſie hat wmahrſcheinlich eben ein größeres Geldſtück hinunterge⸗ worfen, denn der Tumult nimmt zu und die Polizeibeam⸗ ten treffen ernſtliche Anſtalten, die Menge zu durchbrechen. Stanowsky hatte die Dame erkannt, die ſich hier, die aufgelöſten blonden Haare zurückwerfend, vor aller Welt den unbändigſten Ausbrüchen ihrer Laune über⸗ ließ— es war Nini Berton, und der Balkon, auf dem ſie ſtand, gehörte zu ſeinen Gemächern. In einem Moment hatte Stanowsky's Geiſt alles Unheil über⸗ 3 blickt, das ihm aus dieſer Thorheit Nini's erwachſen konnte. Er dachte an ſeine Rechnung im Hotel, welche achtzigtauſend Francs nahezu erreicht hatte, an Leo⸗ polda und Anna, welche ſich nach der Urſache des Lärms erkundigen und dann ſein Verhältniß zu Nini erfahren mußten— mit finſterem, entſchloſſenem Geſicht ſtieg er aus dem Wagen und gelangte durch die kleine Pforte in der Seitengaſſe zu ſeiner Wohnung empor. Nini bemerkte Stanowsky's Eintritt erſt, als er ſie von der Balkonthür aus in leiſem, aber entſchiedenem Tone beim Namen rief.. Sie ſchien ſich eben über einen neuen Vorgang auf der Straße ungemein zu beluſtigen und winkte Stanowsky eifrig, näher zu treten. 202 „Das iſt wundervoll, Etienne, wie der Sergent de Ville und der rothe Junge jetzt an einander ſind— jetzt hat ihm der rothe Junge mit ſeinem Holzſchuh einen Tritt verſetzt— jetzt zieht der Sergent den Säbel, aber ſie ſind ſchon über ihn her und walken ihn tüchtig durch. Das iſt prächtig, Etienne— komm doch!“ In der That deutete das wilde Geſchrei, das von der Straße heraufdrang, an, daß die Scene ernſter zu werden drohte. Man konnte aus einzelnen Rufen: „A bas la police! Vive le peuple!“ entnehmen, daß die Menge gegen die Ordnungsſtifter Partei ergriffen hatte. Nini's Aufregung hatte den höchſten Grad erreicht. Sie patſchte in die Hände, applaudirte den mit den Poliziſten kämpfenden Proletariern, als ſäße ſie im Theater, und wurde ganz zornig, daß Etienne nicht vortrat, um ſich das Schauſpiel mit anzuſehen. Noch⸗ mals wandte ſie ſich um. Die Geberde und der Blick, womit Stanowsky ſie hereinrief, waren ſo unzweideutig und drohend, daß Nini unwillkürlich gehorchte. Sta⸗ nowsky's Geſicht war finſter und kalt, ſeine Stimme voll ſchneidenden Hohns, als er ſagte: „Es iſt für uns beide beſſer, Nini, wenn Du Dir ſolche Dinge künftig von der Straße aus anſiehſt, die Du eigentlich nie hätteſt verlaſſen ſollen. Ich laſſe Dir 203 eine Stunde Zeit, um Deine Sachen zu packen. Hier haſt Du fünfhundert Francs, um für die nächſte Zeit zu leben. Mein Wagen wird Dich bringen, wohin Du befiehlſt, und von heute an muß ich auf die Ehre ver⸗ zichten, Dich zu kennen.“ Nini Berton ſchaute überraſcht auf den Mann, der ſie noch vor wenigen Stunden mit Liebkoſungen überhäuft hatte und nun ſo zu ihr ſprach. Sie begriff die ganze Bedeutung ſeiner Worte erſt, als Stanowsky ſchon verſchwunden war und das Mädchen, das ſie be⸗ diente, eintrat, um Madame beim Einpacken behülflich zu ſein. Stanowsky hatte ihr einige ſeiner eigenen Koffer zur Verfügung geſtellt.. Halb betäubt ließ Nini Berton einpacken und klei⸗ dete ſich an. Faſt willenlos ließ ſie ſich und ihre Koffer in den Wagen ſchieben, der vor der kleinen Pforte des Hotels hielt. Im raſchen Trabe fuhr der Wagen weg. Erſt in der Rue Richelieu fuhr der Kutſcher— es war derſelbe, welcher ſie geſtern gefahren— langſamer und fragte, wohin. Wohin, das fiel Nini Berton einen Augenblick ſchwer aufs Herz. Sie dachte an Jaccard, dann traf ihr Blick auf die Fünfhundertfranesnote, die ſie noch immer in der Hand hielt. 204 „„Ich möchte eine hübſche Wohnung miethen.“ „Dann wird das Beſte ſein, wir leſen an den Hausthüren die Ankündigungen“, meinte der Kutſcher. Nini ſtimmte bei. Stanowsky hatte ſeltſame Empfindungen, als er durch das Gemach Nini's ſchritt, welches die ganze öde traurige Unordnung eines raſchen Verlaſſens zeigte. Jetzt, nachdem er ſie unwiderruflich weggeſchickt, nachdem die erſte Hitze verkühlt war und da man im Hauſe die Angelegenheit mit der in großen Hotels üb⸗ lichen Discretion aufzufaſſen ſchien, war es ihm erſt, als ſei das hübſche, tolle, ſelbſtſüchtige Weſen ſeinem Herzen näher getreten, als die kurze Zeit ihres Zuſam⸗ menſeins und ihre Eigenſchaften rechtfertigten. Er war im Begriff zu ſchellen und zu fragen, welche Richtung der Wagen genommen, als es mit ſilberhellem Ton halb acht ſchlug. Es war dieſelbe Uhr, welche Nini geſtern Morgen zu der kurzen Aera des Glanzes geweckt hatte. Stanowsky erinnerte ſie an ſeine Verabredung mit Cleonoren, der geiſtreichen Frau des ſchlauen Pferdehändlers, ſeines Verbündeten und Gebieters. Ein Schauder ſchüttelte Stanowsky's ſchlanke Geſtalt, er mußte ſich noch einmal alle Demü⸗ thigungen vergegenwärtigen, welche er durch den rück⸗ 205⁵ ſichtsloſen Betrüger erfahren, dann aber griff er mit feſter Hand nach ſeinem Hut, zog den Kragen ſeines Sommerpaletots hinauf, ſo hoch er vermochte, nahm aus ſeiner Schublade einen zierlichen, mit Gold einge⸗ legten Revolver, ſteckte ihn zu ſich und verließ das Hotel. Es ſchlug acht, als Stanowsky am Thore des Tuileriengartens, das gegen die Place de la Concorde mündet, anlangte. Eine ſchwarzgekleidete, dicht ver⸗ ſchleierte Geſtalt näherte ſich ihm und gab das verab⸗ redete Zeichen. Einen Moment ſpäter hing Eleonore an dem Arm Stanowsky's, dieſer rief einen vorüber⸗ fahrenden Miethwagen an, hob Eleonore hinein, ſagte dem Kutſcher ein paar Worte und verſchwand ebenfalls im Wagen, der ſich raſch in der Richtung nach den Boulevards entfernte. Auch Herr Charles Fränkel war in beſter Stim⸗ mung geweſen den ganzen Tag über; das bewies die geſteigerte Röthe ſeines Antlitzes— Herr Fränkel war durchaus kein Verächter guten Rothweins— das Behagen, mit dem er ſich die Hände rieb; er machte ſogar Witze mit ſeinem Stallperſonal, das gewöhnlich nur biſſige Bemerkungen zu hören bekam. Als daher ſeine Frau bereits um ſechs Uhr zur Marquiſe Gallenfort in der 5 Rue du Bac fuhr, um den Wagen ſchon auf der Con⸗ 206 cordiabrücke zu verlaſſen, ſagte Herr Charles Fränkel zu ſich ſelber, daß ein Geſchäftsmann wie er, der einem gewiegten Sportsmann einen ausrangirten engliſchen Renner für zwanzigtauſend Franes und ein paar däniſche Ponies für mexicaniſche Originalmuſtangs zu verkaufen vermochte, nicht dazu beſtimmt ſein könne, in Abweſenheit ſeiner poetiſchen Gattin ſich in der verein⸗ ſamten Wohnung zu langweilen; er kleidete ſich alſo möglichſt faſhionable an und beſchloß die Zeit bis zur muthmaßlichen Rückkunft ſeiner geiſtreichen Ehehälfte möglichſt angenehm zuzubringen. Zu dieſem Zwecke promenirte er die Champs Elyſées entlang, lächelte, wenn ein ihm bekannter Cavalier raſch an ihm vor⸗ übereilte, und ertappte ſich ſogar darauf, daß er hier und da einem auffallend gekleideten Dämchen über die Schulter nachſchielte. Das iſt tadelnswerth an jedem Gatten, am tadelnswertheſten an einem ſolchen, welcher eine gleich geiſtreiche und von aller Welt bewunderte Frau beſitzt, wie Herr Charles Fränkel. Aber man muß auch geſtehen, daß Cleonore ſich in den letzten zwei Tagen gegen alle Zärtlichkeiten ihres Mannes mehr als kalt erwieſen und ihn erſt heute, als infolge des guten Geſchäfts und des genoſſenen Rothweins ſeine ſchrankenloſe Bewunderung für die Gattin kein Maß mehr kannte, mit Nachdruck in die Schranken 207 jener achtungsvollen Zuneigung zurückgewieſen hatte, wie ſie ſich für Leute gezieme, deren Gefühle ſo ver⸗ ſchiedener Stoffe zu ihrer Ernährung bedürften, wie die ihrigen. Charles Fränkel war es bei dieſer unge⸗ wohnten Zurückweiſung einen Augenblick geweſen, als zerſchlüge man ihm einen Topf mit kaltem Waſſer am Kopf, dann hatte er geſchmollt, und als Eleonore fort⸗ gefahren war, hatte er eine Viertelſtunde darüber nach⸗ gedacht, daß es doch auch ſeine Beſchwerden habe, eine geiſtreiche Frau zu beſitzen, und endlich war er zu dem. Entſchluß gekommen, welcher meiſt der Anfang alltes ehelichen Unglücks iſt, ſich zu zerſtreuen. Auf die beſchriebene Weiſe beſchäftigt, hier und da einen zahlungsfähigen Kunden devot grüßend oder einem Schuldner herablaſſend zunickend, gelangte er auf 6 den Boulevard Montmartre, berühmt durch die große Anzahl ſeiner Magazine, ſeine Reſtaurants erſten und 3 zweiten Rangs mit ihren Cabinets particuliers, ihren Handſchuh⸗ und Blumenverkäuferinnen, ihren Cafés und ihren Frauen. So war er bis zu dem Reſtaurant 5 Bonnefoi gelangt, weniger berühmt durch die Güte ſeiner Speiſen als durch die Spiegel, mit denen die Wände des großen Reſtaurationslokals belegt waren, und die Discretion, mit welcher hier das Inſtitut der Cabinets de Société gehandhabt wurde. b 208 Charles Fränkel kannte das Renommée des Ortes. Sonſt war er theilnahmlos vorübergegangen, heute be⸗ trachtete er ſich das Reſtaurant mit einigem Intereſſe— ein Wagen hielt eben, ein Kellner ſprang an den Schlag, Herr Fränkel blieb ſtehen, weniger aus angeborener⸗ Höflichkeit, denn aus unbeſtimmter Neugier. Eine Dame ſtieg ziemlich ſchwerfällig aus und eilte raſch die Stufen des Reſtaurants hinauf. Sie war ſchwarz gekleidet und dicht verſchleiert. Der lange weite Mantel, den ſie trug, erlaubte nicht einmal die Form ihrer Geſtalt zu erkennen. „Der Gimpel, den die zum Mann oder Geliebten hat, muß ſehr eiferſüchtig ſein“, lächelte Fränkel,„ſonſt hätte ſie ſich nicht ſo gut verwahrt.“ Der Cavalier bezahlte den Kutſcher und folgte der Dame. Es war Stanowsky. Fränkel hob überraſcht den Kopf. Er und immer er! Seit geſtern hatte der rothe Pferdehändler nicht mehr jene huldvollen Gefühle gegen Stanowsky, wie einige Tage früher, er fürchtete ihn, und das iſt nicht weit vom Haß, in dieſem Augenblicke beneidete er ihn ſogar ein wenig. Er hatte doch ein unverſchämtes Glück bei den Frauen. Einem unwillkürlichen Antrieb folgend, trat Fränkel in den Spiegelſaal des Reſtaurants und ließ ii die Speiſekarte geben. — 209 Der Kellner harrte ſeiner Befehle. „Schade, daß es ſich nicht lohnt, für ſich allein ein Cabinet zu nehmen“, ſagte er, indem er einen ge⸗ ſtickten Zahnſtocher aus der Taſche holte und dabei wie aus Zufall ein Fünffrancsſtück in Gold fallen ließ. Der Kellner hob es auf und überreichte es. Fränkel erhob ablehnend die Hand, der Kellner ſteckte das Gold⸗ ſtück mit einer tiefen Verbeugung ein. „Ich hätte Ihre Cabinets gern einmal geſehen; man hat öfter luſtige Gäſte, die man nicht gern zu Hauſe bewirthet.“ „Unſere Cabinets ſind im Moment alle beſetzt.“ „Begreiflich, ich ſah eben ſelbſt ein allerliebſtes Pärchen hereinſchlüpfen, hahaha!“ Der Kellner fühlte ſich durch die fünf Francs ver⸗ pflichtet, mit zu lächeln. „Ja, ja, Nummer fünfzehn“, ſagte er. Fränkel nahm ein Federmeſſerchen aus der Weſten⸗ taſche, um den Zahnſtocher zu ſpitzen, bei dieſer Ge⸗ legenheit kam ihm ein Zehnfranesſtück zwiſchen die Finger, das er wie achtlos auf das Tiſchtuch fallen ließ. „Ich habe ſchon zu viel von der reizenden Ein⸗ richtung Ihres Hauſes gehört, als daß ich nicht neu⸗ gierig ſein ſollte, ſie zu ſehen. Könnte man nicht zum Beiſpiel Nummer fünfzehn ſehen, in dem v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. II. 14 —————————ò——j 210 7 Augenblick vielleicht, wo der Kellner eintritt. Ich wäre zu neugierig.“ Der Kellner nahm ſchweigend das Zehnfrancsſtück vom Tiſchtuch und ſackte es ein, ohne daß er es jedoch diesmal für nöthig hielt zu danken. Er zuckte die Achſeln. „Die Thüren ſind ſo angebracht, daß man, auch wenn ſie ſich öffnen, die darin Befindlichen nicht ſieht. Aber—“ Der Kellner ſchwieg. Herr Fränkel wartete mit offenem Munde. „Aber—“ „Was befehlen Sie zu eſſen?“ fragte der Kellner nun mit ganz unverſchämter Kaltblütigkeit. Fränkel holte ſeufzend einen Napoleon aus der Weſtentaſche und legte ihn vor ſich hin, ließ aber wie pi elend den Finger darauf. „Aber—“ „Aber es exiſtirt neben Nummer fünfzehn eine kleine Geſchirrkammer, von welcher aus man Alles ſehen kann, was in dem Cabinet vorgeht.“ Fränkel entfernte den Finger von dem Goldſtück und erhob ſich.— Der Kellner nahm das Geld und eilte voran. Fränkel ſah ſchmunzelnd in die Spiegel, die ihm 211 ſein eigen Bild unzähligemal zurückſtrahlten. Alle dieſe Herren Fränkel ſchienen ihm zuzunicken und zu lächeln: Allen Reſpekt vor Ihrer Klugheit, Herr Fränkel, Sie ſind ein ſehr gewiegter, ein ſehr vorſichtiger Mann, werth, angebetet zu werden, ſelbſt von der geiſtreichſten Frau. Jetzt bekommen Sie den lockern Vogel vielleicht wieder völlig in Ihre Gewalt; wer weiß, wer die Dame iſt, mit der er ſo geheimnißvoll ſpricht. Auch ſie iſt dann in Ihrer Gewalt. Fünfunddreißig Francs ſind viel Geld für den ſchmuzigen Kellner, aber ein Blick. in Nummer fünfzehn iſt's werth. Unſer Compliment vor Ihrem Geiſt, Herr Fränkel! Und die Herren Fränkel in den Spiegeln bückten ſich alle vor Herrn Fränkel, wie dieſer ſich ſelber bückte, um an der niedern Hinterthür des Lokals nicht mit dem Kopf anzuſtoßen. Ueber teppichbelegte, hellerleuchtete Treppen folgte der Pferdehändler dem Kellner. Hinter mehreren Thüren ſchallte fröhliches Gelächter. Der Kellner wechſelte mit einem ſeiner Genoſſen einige raſche Worte und trat dann in ein Gemach; Fränkel folgte. Der Raum war nur von dem LALicht erleuchtet, welches durch die halboffene Thür vom Gang herein⸗ drang. Er ſchien nur durch eine dünne Tapetenwand vom Nebengemach getrennt, denn Fränkel hörte deutlich 14* 242 die gedämpfte Unterhaltung zweier Stimmen, einer männlichen und einer weiblichen. Der Kellner legte ſein Geſicht an die Wand, entfernte es dann wieder und winkte Fränkel, daſſelbe zu thun. Zwei faſt unmerk⸗ bare Oeffnungen in der Tapete geſtatteten den Ueber⸗ blick über das ganze Gemach. Fränkel legte ſeine ziemlich großen Hände breit an die Wand, um ſich zu ſtützen, und näherte ſein Geſicht ſchmunzelnd der angedeuteten Oeffnung. Doch kaum hatte er einen Blick hindurch gethan, ſo zuckten die ausgeſtreckten Finger ſeiner Hände zu⸗ ſammen wie in Krämpfen und ſeinen Körper ſchüttelte es wie Fieberfroſt. Die Stimmen im Nebenzimmer wurden lauter. „Es iſt unklug, Eleonore“, ſagte die tiefere von den beiden Stimmen,„den Zwieſpalt mit Deinem Gatten auf die Spitze zu treiben. Nur Klugheit führt uns zum Ziel.“. „Etienne, was verlangſt Du von mir!“ rief die weibliche Stimme pathetiſch aus.„Als ich zum erſten Mal in Deinen Armen lag, habe ich geſchworen, ihm nie mehr etwas Anderes zu ſein als ſeine Gattin dem Namen nach. Ich werde dieſen Schwur halten.“ Der rothe Fränkel lachte auf, ſo laut und mark⸗ erſchütternd, daß ihn der Kellner beſtürzt anſchaute, 213 dann mit beiden Armen umfaßte und in der Befürch⸗ tung, von den Gäſten in Nummer fünfzehn entdeckt zu werden, von der Wand wegriß. „Mein Herr, welche Unvorſichtigkeit! Sie bringen mich um den Dienſt! Ich glaubte Ihnen eine Gefälligkeit zu erweiſen.“ 3 Der rothe Fränkel kam etwas zu ſich und fuhr ſich mit der Hand über die Stirn. Sein Geſicht war weiß wie Kalk und die Sommerſproſſen, mit denen es bedeckt war, traten häßlich hervor. Senne Augen waren tief eingeſunken. „Eine Gefälligkeit!“ ſtammelte er.„Ja, ja, es war ja ſehr luſtig, was ich geſehen, ſehr luſtig.“ Er wollte wieder an die Wand zurückkehren, der Kellner trat vor ihn hin. 3 „Ich muß Sie bitten, mein Herr, Sie ſind zu laut.“ „Zu laut!“ wiederholte Fränkel.„Ja, ſeien wir leiſer, die da drinnen ſind ja jetzt auch leiſe.“ Und er lauſchte mit vorgebeugtem Kopf. Der Kellner faßte ihn unter den Arm und drängte ihn zur Thür hinaus und die Treppe hinab. Fränkel griff unſicher in die Taſche. Er faßte einige Napoleons, einer davon entfiel ihm. Er gab auch die übrigen dem Kellner. 214 1 „Man ſoll von mir nicht ſagen, daß ich etwas ſo Luſtiges umſonſt ſehen wolle. Da!“ Der rothe Fränkel taumelte. „Befehlen Sie einen Wagen?“ „Ja, einen Wagen!“ wiederholte Fränkel mecha⸗ niſch, dann richtete er ſich hoch auf und der Ausdruck ſeines Geſichts wurde von erſchreckender Grauſamkeit. 4„Ja, einen Wagen!“ Ende des zweiten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. — Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Maun und Weib. Roman von Wilkie Collins. 1 Aus dem Engliſchen von Dr. Lehmann. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bde. 8 Eleg. geh. Preis Thlr. 4 20. Armadale. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Soott. . Autoriſirte Ausgabe. 1 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Ein tiefes Geheimniß. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Nomaden. Roman von Robert Zyr. 5 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr.— Verfloſſene Stunden. Novelle von S. Junghans. 1 Band. 80. Elegant geheftet. Preis 22 ½ Ngr. BDer neue Ibäluni. Roman von Zulius Groſſe. 2 Bände. 8o. Elegant geheftet. Einzelpreis 1 Thlr. 22 ½ Ngr. Ueue Romane aus dem Verlag von Ernſt Iulius Günther in Leipzig: Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Modelle. Humoriſtiſcher Roman A. von Winterfeld. 4 Bände. 80⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Das Thurmkätherlein. Roman aus dem Elſaß von Auguſt Becker. 4 Bände. 8o. Elegant geheftet. Preis Thlr. 4— Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Unuterkurg'n Trſtamenk. Roman Frau Henry Wood. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. 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Michel Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Von Johannes Scherr. Zweite Auflage. 4 Bände. 890. Gehelle⸗ Preis 3 Thlr. — — 4 v“ 8 8 2 8— 3 88— ſmffffſfſfſif ſiſſſſſſſſſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 16 17 18