Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei. Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3„—„ 3„—„ 4„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ³ ——— 6 öͤſͤſͤſͤͤͤ Vach uns die Fündſlut! RKoman aus TFrankreichs jüngſter Vergangenheit von Max von 5chlägel. Erſter Band. —— e—— Leipzig, New-Vork, Ernſt Julius Günther.. L. W. Schmidt. 1872 J. Der Löwe des lateiniſchen Viertels. Erſtes Kapitel. Das Cavalier⸗Rennen in Longchamps. Tous les deux, Si tu veux, Nous irons, o ma belle, Dans le bois parfumé De la fleur nouvelle Jean Jaccard beugte ſich ſchmeichelnd nieder zur blonden Nini Berton, die an ſeinem Arm ging. Es war auf dem Fußwege zwiſchen der großen Fahrſtraße und den Seen des Boulogner Waldes. Nini Berton antwortete nicht. Zwiſchen den Equi⸗ pagen und Miethwagen flog eben eine elegante Poſt an ihnen vorbei hinunter gegen Longchamps. Gleich⸗ mäßig hoben und ſenkten ſich die ſcharlachbekleideten Oberkörper der beiden Poſtillone, welche die Sattel⸗ 1 ½ pferde ritten, mächtig griffen die vier engliſchen Hell⸗ braunen aus, einzelne Steine ächzten unter den hart⸗ geſchmiedeten Reifen der Räder, die neuen Patentaxen brummten und der Firniß des prächtigen dunkelbrau⸗ nen Phaöëtons glänzte in der Sonne. Drinnen ſaß nachläſſig in die weißgrauen Polſter zurückgelehnt ein einzelner Herr. Er ſchaute nicht rechts, nicht links und kümmerte ſich weder um die mehr oder minder elegan⸗ ten Privatwagen und Droſchken, die er hinter ſich ließ, noch um die„gute Bürgerſchaft“ der Stadt Paris, die ſich auf den Fußwegen drängte und welcher er für einige Augenblicke Luft und Sonne nahmm. Nini Berton ſchaute dem Wagen nach, bis die hüpfenden Silbertroddeln der Jockeymützen und der regungsloſe Cylinderhut nicht mehr ſichtb r dann zog ſie mit einer ärgerlichen Bewegung ihren Arm aus dem Jean Jaccard's, wiſchte ſich den Staub von der nicht mehr ganz modiſchen Mantille aus ſchwar⸗ zer Seide und ſagte mit einem etwas verächtlichen Aufwerfen des Mundes: „Da haſt Du Deine Frühlingsblumen, Jean! Es iſt eine Thorheit, zu Fuß nach Longchamps gehen zu wollen mit Damen!“ Und damit wiſchte ſie weiter, bis das letzte ſicht⸗ bare Staubkörnchen von der Mantille verſchwunden —=—— — —— — 5 war. Die Hand, welche bei dieſer Beſchäftigung ſicht⸗ bar wurde, war zierlich und ſchmal und von faſt durchſichtiger Weiße. Nini Berton's Geſicht mit der zarten weißen und rothen Farbe, mit dem kecken Stumpf⸗ näschen und den blaßblauen Augen mußte in Paris auffallen. Man ſuchte auf dieſem reizenden Rococo⸗ geſichtchen unwillkürlich die Schminkpfläſterchen und auf dem hellblonden Haar den Puderſtaub des vori⸗ gen Jahrhunderts. Ihre Wangen jedoch zeigten jetzt nur die geſteigerte Röthe des Unmuths und das kokette Köpfchen war bedeckt von dem ärmlichen, mühſam zu⸗ ſammengeſtoppelten Putz der Griſette. Jean Jaccard, der an ihrer Seite ging, war Stu⸗ dent, das bewies der Schnitt des engen Rocks und der 1 der, die er trug, und die Form der ſchwarzen Sammtmütze, welche ſein gelocktes ſchwarzes Haar bedeckte. Seine Geſtalt war mittelgroß, beweg⸗ lich und kräftig und ſein Geſicht hatte jenen energi⸗ ſchen und zugleich weichen Ausdruck, jene lebhafte bräunliche Färbung, wie ſie manche franzöſiſche Ge⸗ ſichter ſo ſehr anſprechend machen. Bei den Worten Nini's hatten ſich die dunklen Augen Jean Jaccard's weit und ſchmerzlich geöffnet, über ſein Geſicht zuckte es ein paarmal, ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich und mit den Zähnen faßte er den dünnen ſchwarzen Schnurr⸗ bart, der ſeine Oberlippe beſchattete. Eine Antwort ſchien ihm ſchwer, als ſei er tief verletzt, doch endlich ſagte er mild und mit leiſem Vorwurf: „Du wollteſt heute nach Longchamps, nicht ich, Nini! Und wenn wir nicht fahren, ſo geſchieht es darum, weil wir morgen unſere Miethe zu bezahlen haben.“ Nini ſah den Geliebten nicht an.„Kann ich da⸗ für“, ſagte ſie achſelzuckend,„wenn ich immer vergeſſe, daß Du— daß wir arm ſind?“ „Nini! 12 8 3 Es lag eine ſolche ewhende Miſchung von Zorn und Schmerz in der Stimme Jean Jaccard's, daß Nini Berton neugierig zu ihm emporſah. Sie ſchaute in ein paar thränengefüllte Augen. Unwilktrlic nahm ſie wieder Jaccard's Arm. Ein leerer Miethwagen fuhr vorbei. Der Stu⸗ dent rief ihn an. „Was thuſt Du?“ fragte Nini. „Ich erfülle Deine Wünſche, Nini! Wo iſt Louiſon?“ Die Erwartete tauchte aus der Menge auf. Es war ein Mädchen von achtzehn Jahren und von un⸗ verkennbarer Aehnlichkeit mit Jean Jaccard. Ihr An⸗ ——— — — 4 zug ſah faſt noch ärmlicher aus als der Nini's, denn Louiſon hatte keins der Schleifchen und Bänderchen daran angebracht, mit denen die Geliebte des Bruders den ihrigen verſchönte. Sie blickte erſtaunt auf den Wagen. Jean Jaccard verſtand den traurigen, vorwurfs⸗ vollen Blick der Schweſter. „Ich werde morgen mit Androlet reden!“ ſagte er entſchuldigend. „Ich fürchte, es wird diesmal ohne Erfolg ſein“, antwortete die Schweſter mit ihrem vollen ſanften Organ,„und Du wirſt morgen unter den Rohhei⸗ ten des groben Krämers mehr leiden, als Du heute Vergnügen haſt.“ Jean Jaccard half der Schweſter ſchweigend in den Wagen, wo Nini Berton bereits mit aller ihr zu Gebote ſtehenden Grazie ſich zurechtgeſetzt hatte. Louiſon nahm neben der Geliebten des Bruders Platz mit einem Blicke, welcher bewies, daß ihr die wahre Urſache von ihres Bruders Verſchwendung nicht un⸗ bekannt war. Nini Berton hatte zu viel Intereſſe an ihrer neuen Umgebung, den Inſaſſen der vorüberfahrenden Wagen, den glänzenden Toiletten und den bunten Livreen, als 2 daß ſie lange über Jean Jaccard und ſeinen Gemüths⸗ zuſtand hätte nachdenken können. „Warum bliebſt Du ſo weit zurück, Louiſon?“ 8 fragte Jean Jaccard, dem es Bedürfniß ſchien, ſich an dem ruhigen, warmen Blick der Schweſter zu erho⸗ len von der Gleichgültigkeit der Geliebten. „Ich betrachtete mir da unten auf dem See die zwei Schwäne und dachte darüber nach, wie es doch in der übrigen Natur ganz anders ſei als bei uns Menſchen. Die beiden edlen Thiere waren auf den erſten Blick zu unterſcheiden von dem Schwarm der Enten und Gänſe rings herum, und hätte man den andern tauſend falſche bunte Federn angelegt, die Schwäne waren doch die Königinnen des Sees. Hier oben aber— mit demſelben glatten Geſicht, in der⸗ ſelben Geſtalt begegnet uns Hoheit und Gemeines, und jeder geputzte Laffe glaubt uns mit unverſchämten Blicken begaffen zu dürfen, wenn wir nicht wie die Andern in theure Stoffe gekleidet ſind und uns unſerer eigenen jungen Beine bedienen, um vorwärts zu kom⸗ ——— K men.“ 6 Ein Zug verächtlicher Bitterkeit machte das Ge⸗ ſicht des jungen Mädchens um Jahre älter. Jean Jaccard warf einen Blick auf das Antlitz Nini's; die Heiterkeit, mit der ſich die Geliebte das — n 9 bunte Leben ringsum anſah, ſtrahlte auch auf ſein Ge⸗ ſicht zurück und mit freundlichem Spott wendete er ſich wieder zur Schweſter. „Es iſt allerdings empörend, daß nicht Jeder auf den erſten Blick gleich Louiſon Jaccard erkennt, ge⸗ nannt die Perle des lateiniſchen Viertels.“ Louiſon wurde noch ernſter. „Laß das, Jean“, ſagte ſie.„Du weißt, daß ich auf die Ueberſpanntheiten Deiner Freunde nicht allzu⸗ viel gebe, obſchon ſie mir immerhin lieber ſind als dieſe höhniſche Verachtung alles ſcheinbar niedriger Stehen⸗ den, der ich hier auf allen Geſichtern begegne.“ „Sieh dort die elegante Dame im Domowagen! Und die reizende Toilette! Das iſt Jeanette, Rey⸗ mond's kleine Frau! Sie iſt reizend!“ Die Blicke der Geſchwiſter folgten der ausgeſtreck⸗ ten Hand Nini's und ſahen allerdings eine pompöſe Roſaſeidenrobe in dem von einem reitenden Poſtillon geführten Wagen dahinfliegen. Auf der Seidenrobe wiegte ſich ein blühendes Köpfchen unter einem Hut von Brüſſeler Spitzen. „Nicht wahr, Janneton iſt reizend? Ein ſolcher Wagen koſtet für heute mindeſtens zweihundert Franes!“ gab Nini Berton aufs neue ihrem Entzücken Aus⸗ druck. „Ich finde ſie abſcheulich!“ ſagte Louiſon mit faſt hartem Ausdruck und der ſtrenge Zug um ihren Mund wurde noch ſchärfer. Nini Berton ſchaute erſtaunt auf Louiſon, aber bereits nahmen neue Erſcheinungen ihr bewegliches Gemüth in Anſpruch. „Armer Reymond!“ murmelte Jean Jaccard. Die kleine Geſellſchaft war indeſſen an den Gren⸗ zen der kleinen Ebene von Longchamps angekommen, wo das Wettrennen ſtattfand. Eine Barriére hielt den Andrang der Menge zu⸗ rück und nur an ein paar ſchmalen Pforten wurden Fußgänger und Wagen und Reiter gegen Entrée ein⸗ gelaſſen. „Wollen wir uns das Rennen zu Fuß beſehen? Das Entrée für einen Wagen koſtet zwanzig Francs“, ſagte Jean Jaccard faſt ängſtlich, indem er ſich mehr zu Nini als zu ſeiner Schweſter wendete. Louiſon hatte ſich bereits von ihrem Sitz erhoben, um auszuſteigen. Nini Berton blieb mit ſchmollendem Geſicht ſitzen. „Zu Fuße ſieht man nichts vom Rennen und die Miethe können wir ja doch nicht mehr bezahlen!“ ſagte ſie. „Alſo vorwärts!“ rief Jean Jaccard und warf —— 11 einen Napoleon auf den Tiſch des Billeteurs; dann rollte der Wagen unhörbar dahin auf dem grünen Raſen der Rennbahn. Nini Berton lächelte. Wie war Jean In Facrard glück⸗ lich! Seine Schweſter ſelbſt mußte ſich an ſeinem Glücke freuen und die Härte um ihren Mund löſte ſich. Es war ziemlich früh und man konnte ſich einen guten Platz wählen neben dem etwa vierundzwanzig Schuh breiten waſſergefüllten Graben, der nebſt einer davor angelegten vierthalb Schuh hohen Hecke das letzte Hinderniß bildete, das die Cavaliere zu nehmen hatten. Die drei Bewohner des Quartier Latin ſtellten ſich im Wagen auf und ſahen über die Köpfe der Menge hinweg, wie ſich allmälig die Tribünen und dann die Kaiſertribüne füllten, und ſchwach drang zu ihnen herüber das Hoch, mit dem die Anhänger des Kai⸗ ſerreichs die Ankunft des franzöſiſchen Herrſcherpaares begrüßten. Es war im Frühling des verhängniß⸗ vollen Jahres 1870, und immer kühner erhob die Unzufriedenheit ihr Haupt im geſetzgebenden Körper und im Volke. Auch Jean Jaccard runzelte die Stirn bei den Hochrufen, die zu ihm herüberdrangen, und ſtampfte mit dem Fuße. „Man ſollte ihnen die Zunge ausreißen, den fei⸗ len Schurken 18 Louiſon nickte beſtätigend mit dem Kopfe. Nini Berton ſchaute ſpöttiſch auf die Beiden. „Ich weiß nicht, was Ihr immer gegen den Kaiſer habt“, ſagte ſie;„ich liebe ihn, denn er ſorgt immer für etwas Neues in Paris.“ „Ja, ja, Du haſt Recht, Nini!“ ſagte Jean Jac⸗ card mit einem Lächeln, wie man einem Kinde Recht gibt.„Dein Kindermund ſpricht das ganze Geheimniß dieſer Herrſchaft aus! Brod und Spiele! Was will dieſes ſklaviſche Volk mehr!“ „George Reymond ſagte neulich, er rechne auf den Tag, wo das Brod mangle!“ bemerkte Louiſon nach⸗ denklich und richtete ihre ſchwarzen Augen auf die Rennbahn, wo eben die Cavaliere abritten, um im Schritt die ganze Bahn zu durchmeſſen. Die Muſikbanden ſpielten rauſchende Weiſen, das Volk jubelte beim Anblick einzelner Reiter und Pferde. Langſam kamen ſie einher, mühſam die feurigen Thiere zügelnd, die jüngſten und reichſten Cavaliere Frank⸗ reichs, die Mitglieder des Jockeyclubs, hervorragende junge Offiziere des Kaiſerreichs, alle in der kleidſamen Renntracht. Der Wind blähte die bunten Atlasblouſen auf, die ſie trugen, und die gleichfarbigen Mützen; die — —. 13 kräftigen Schenkel in weißen Lederhoſen und Stiefeln mit gelben Kappen klammerten ſich feſt an den Sattel, und nachläſſig die Stöße der ungeduldigen Renner auffangend, bogen ſich die Körper der Reiter in elegan⸗ ten Bewegungen vor⸗ und rückwärts. Sie kamen ziemlich weit von dem Wagen Jean Jaccard's vorbei, ſie ritten in dem äußerſten Kranze der ſchneckenförmigen Rennbahn, die ſie bald zu durch⸗ fliegen hatten, dennoch bezeichnete das Volk faſt jedes einzelne Pferd, jeden einzelnen Reiter. „Da iſt der Rappe des Herzogs von Beaufort, der beim letzten Derby⸗Rennen in England alle Englän⸗ der ſchlug! Welches Feuer! Welcher Gang! Ein Hoch für Beaufort, der Frankreich dieſen Sieg verſchafft! Hoch! Hoch! Hoch!“ „Da, der Braune mit dem karmoiſinrothen Reiter iſt der Blitz des Oberſten Daguerre; Kapitän Melville, dem er zuletzt gehörte, brach ſich den Hals damit in Vincennes vor einem Jahre.“ „Das iſt einmal ein ungeduldiger Teufel, dieſer Schimmel, ſieht aus, als käme er eben aus dem Stalle eines arabiſchen Scheikhs. Der Reiter muß feſt ſitzen, der dieſen Sprüngen gewachſen ſein will. Bravo! Ah, das iſt der alte Duprel von den Chaſſeurs d'Afrique! Parbleu, verteufelt ſchöne Pferde rennen 14 heute! Das iſt ein Engländer, der Gelbe auf dem langbeinigen Fuchs! Wie der Inglishman droben ſitzt und wie langweilig ſein Fuchs daherſtolpert!“ „Lord Watkins hat indeſſen gute Pferde!“ „Kann nichts mehr ausrichten, Bürger! England 4 iſt längſt von uns überholt.“ „Solange wir blos Landgeſtüte haben und vom Staate nicht mehr für die Pferdezucht geſchieht als bis jetzt—“ „Landsmann, Sie ſprechen albern! Brauche ich den Staat, um ein guter Franzoſe zu ſein? Nein, ein franzöſiſches Pferd braucht weder Staat noch Zucht, 4 um das erſte Pferd der Welt zu ſein.“ Ein lautes Gelächter der Zuhörer war die Urſache, daß einige Pferde und ihre Reiter ohne Kritik vor⸗ überkamen. „Ah dieſer da! Der grüne Atlas der Blouſe ſieht abſcheulich aus! Der Schecke iſt jedoch nicht ohne! Aber zu ruhig! Nicht das rechte Feuer! Sonderbar, Pferd und Reiter ſind mir ganz unbekannt“, ſagte der lauteſte der Sprecher, eine mächtige, in einen engen, ſchäbigen Ueberrock gezwängte Geſtalt mit fuch⸗ ſigem Cylinder von St.⸗Helenaform und mächtigem Napoleonsbart. Eine feuerrothe Nelke, welche in ei⸗ 15 niger Entfernung der Roſette der Ehrenlegion täuſchend ähnlich ſah, zierte ſein ſchadhaftes Knopfloch. Er hatte ſich auf eine Erhöhung geſtellt, deren Natur wegen der dichtgedrängten Menge nicht zu erkennen war, und lei⸗ tete von dort aus die öffentliche Meinung. „Aber ich kenne ihn!“ ſchrie eine dumme Stimme aus der Menge, und ein Cylinder von ganz ereentriſch enger engliſcher Form ſtreckte ſich um einige Zoll höher. „Es iſt mein Landsmann, der Baron Renné von Mondélion aus der Franche⸗Comté. Der Herr Baron iſt ein prächtiger Reiter und das Pferd iſt ſo gut als eins—“ „Bah“, ſagte der Redner mit der Nelke,„die Mondélions ſind Orleaniſten und ihre Pferde ſind Poſtmähren neben den feurigen Rennern des Kaiſer⸗ reichs. Der Schecke des Landjunkers ſieht aus wie eine weiße Kuh, die ſich im Dünger der Franche⸗Comté gewälzt.“. Die Menge lachte. Der engliſche Cylinderhut machte ganz ungeduldige Sprünge und die dünne Stimme kreiſchte: „Nein! Nein! Das Pferd des Herrn Barons hat ſchon irgendwo einen Preis gewonnen. Die Mondélions ziehen nur Schecken auf ihren Gütern, ich weiß es von dem Stallknecht des Herrn Barons, der immer ſein 16 Glas Mäcon bei mir trinkt, und grün mit Gold iſt die Wappenfarbe der Mondélions. Ich bin Michel Beaupas, der Weinhändler an der Ecke der Chauſſée d'Antin und der Rue du Faubourg St.⸗Honoré.“ „Ah! Ihr ſeid Michel Beaupas, der Weinhänd⸗ ler an der Ecke der Chauſſée d'Antin und der Rue du Faubourg St.⸗Honoréè! Ah! Und Ihr kennt den Reitknecht des Herrn von Mondélion! Das iſt merkwürdig! Aus welcher Zwetſchengegend iſt Euer Mäacon?⸗ Alles lachte. Der engliſche Cylinderhut drehte ſich wüthend um ſeine eigene Achſe. „Ihr wollt Euch über mich luſtig machen, ſcheint es — Ihr ſeid ein garſtiger Mouchard, Ihr! Man kennt Euch gut genug, Vater Barbé! Weil Niemand Euch mehr als Unterhändler traut, dient Ihr der Polizei!“ rief die dünne, kreiſchende Stimme des Weinhändlers. Niemand lachte. Der Mann mit der Nelke wurde „ganz gelb im waſſerſüchtigen Geſicht und ließ einen kurzen gellenden Pfiff ertönen— man wußte nicht recht, ob vor Wuth, oder um Jemand zu rufen. Sonderbar war es, daß ein paar Kerle in der Nähe des Weinhändlers nur auf dieſes Zeichen gewartet zu haben ſchienen, um über den armen Michel Beaupas herzufallen, ihm mit einem„Nieder mit den Orleaniſten!“ 17 den engliſchen Cylinder formlos an den Kopf zu trei⸗ ben und fürchterlich auf ihn loszuſchlagen. Der Freund des Reitknechts des Herrn von Mon⸗ délion aus der Franchecomté wurde immer kleiner und kleiner unter den auf ihn niederfallenden Fäuſten, die Stimme, womit er unaufhörlich betheuerte, daß es ge⸗ gen jedes Völkerrecht ſei, daß zwei einen Einzigen an⸗ griffen, wurde immer dünner und dünner und erſtarb endlich ganz. Da tauchte eine rieſige Geſtalt mit wei⸗ bem, wallendem Barte aus der Menge und ſtürzte ſich mit wie im Wahnſinn glühenden Augen auf die bei⸗ den Blouſenmänner, welche den armen Weinhändle ſo übel tractirten. Der neue Ankömmling mit ſeinem hagern, kno⸗ chigen Geſicht, ſeinem zerzauſten Patriarchenbart, ſeinen wilden, rollenden Augen und haſtigen, thierähnlichen Bewegungen hätte ſchon in ganz gewöhnlicher Kleidung Aufſehen erregt, die Seltſamkeit ſeines Ausſehens wurde jedoch erhöht durch die Journaltitel und Ca⸗ ricaturen, mit denen ſein Anzug, ja ſelbſt ſein Hut über und über verklebt war. „Aux armes, citoyens! Formez vos bataillons!“ rief er, indem er mit jeder Hand einen der Strolche am Kragen packte, ſo leicht, als wären ſie Kinder, in der Luft ſchüttelte und dann unter die Menge warf. v. Schlägel. Nach uns die Sündfluth. I. „Formez vos bataillons!“ ſchrie der orleaniſtiſche Weinhändler außer ſich, den Schluß der damals noch ſo verpönten Marſeillaiſe wiederholend und ſich kampf⸗ bereit neben ſeinen ſeltſamen Retter ſtellend. Aber Vater Barbé und ſeine Freunde, welche be⸗ merken mochten, daß die allgemeine Stimmung nicht mehr zu ihren Gunſten war, verſchwanden. „Die neueſte Laterne! Le Gaulois! Le Rappel! Einen Sou per Stück! Kauft, meine lieben Mitbürger! Eine Liſte und Beſchreibung der Cavaliere und Pferde, welche heute rennen— zwei Sou!“ Es war dieſelbe weithinſchallende tiefe Baßſtimme, welche noch eben die Schlußworte der Marſeillaiſe ge⸗ ſungen hatte und nun die Namen und Preiſe der be⸗ kannteſten Oppoſitionsblätter unter die Menge rief. „Vater Roberto!“ ſagte Louiſon zu ihrem Bruder, der bisher mit geballten Fäuſten und gefurchter Stirne dem brutalen Schauſpiel zugeſehen. „Der Narr vom zweiten December!“ rief es aus der Menge. Der Zeitungshändler heftete ſeine unruhigen Au⸗ gen auf den Sprecher. „Ihr täuſcht Euch, Bürger!“ ſagte er halblaut und flüſternd, als ſollten es die Andern nicht hören, und ſich nach Art der Wahnſinnigen mißtrauiſch umſehend. 19 „Ihr täuſcht Euch! Der Narr vom zweiten December bin nicht ich, ſondern, Ihr werdet es ſehen, ein An⸗ derer! Mir hat der zweite December blos meine zwei Jungen gekoſtet, prächtige Kerle von fünfzehn und achtzehn Jahren, voll Feuer und echte Franzoſen— dem Andern koſtet er den Kopf. Hahaha!“ Die ziemlich zuſammenhängenden Worte des Wahn⸗ ſinnigen endeten in einem convulſiviſchen Gelächter, das dann wieder in den eintönigen Ruf:„La Lan- ternée von Henri Rochefort— zehn Centimes! Le Gaulois! Le Reveil!“ überging. „Der arme Vater Roberto! Er redet ſich um den Hals!“ flüſterte Louiſon. „Sei unbeſorgt!“ antwortete Jean Jaccard.„Der Regierung liegt offenbar daran, Alles zu vermeiden, was das Volk aufregen könnte. Vater Roberto iſt durch ſeinen Zuſtand und ſeine Popularität hinlänglich geſchützt. So unbequem er iſt, die Polizei ſcheint ihn nothgedrungen zu dulden, ſonſt hätten ſich die agents provocateurs wahrſcheinlich nicht ſo ruhig entfernt.“ „Dieſer Vater Barbé iſt?“ „Der heruntergekommene Inhaber eines öffentli⸗ chen Schreibbureaus in der Cité. Früher ein brennrother Republikaner, kam er wegen einiger zu gewagten Spe⸗ culationen mit der Obrigkeit in Conflict, und nach ſechs 24 20 Wochen verließ er die Gefängniſſe der Präfectur als“ der Mann, den Du geſehen. Er wollte ſich auch bei⸗ uns im Quartier Latin einführen, war aber bald er⸗ kannt und mußte ſein Glück anderswo verſuchen. Man behauptet Beweiſe zu haben, daß er in intimen Beziehun⸗ gen zum Polizeiminiſter ſteht, ſeit neuerer Zeit trinkt er jedoch und iſt wohl nicht mehr zu viel Anderem zu gebrauchen, denn als Claqueur des Kaiſerreichs.“ Nini Berton hatte der ganzen Scene wenig Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt, die ſchimmernden Toiletten und Decorationen der Tribünen intereſſirten ſie weit mehr. Eine Bewegung wie das Wogen des Meeres bemächtigte ſich der Menge. „Man beginnt! Sie reiten ab! Der Herzog von Beaufort führt ſie!“ ertönte es links und rechts. In der That ſah man, wie die Reiter anfangs in kurzem, dann in geſtrecktem Galopp zwiſchen den Tribünen hervorkamen. Der Rappe des Herzogs von Beaufort galoppirte in langen, graziöſen Sprüngen etwa eine Pferdeslänge vor den andern, hierauf kam der dichtere Haufe der Reiter, dann Lord Watkins, der die Heftigkeit ſeines Fuchſes gewaltſam bändigte, und endlich der Baron Mondelion, der ſeinen Schecken im— kurzen verſammelten Reitſchulgalopp den übrigen nach⸗ ritt. Die Farbe des Pferdes, weiß mit großen, unre⸗ 3 21. gelmäßigen braunen Flecken, war in der That mehr auffallend als ſchön, die zugleich kräftigen und elegan⸗ ten Formen des Thieres entſchädigten jedoch einiger⸗ maßen dafür, nur waren ſie faſt zu kräftig gegenüber den feingegliederten Beinen und den langen gebogenen Hälſen der übrigen Renner. Die Schreier, welche über die Farbe und die etwas derbern Gliedmaßen des Schecken ſich nicht beruhigen konnten, wußten nicht, daß derſelbe der echt nationalen Raſſe der Limouſins angehörte, welche von franzöſi⸗ ſchen Pferdeliebhabern als Vollblut ausgegeben wird, von arabiſchen Hengſten und berberiſchen Stuten ab⸗ ſtammen ſoll und mit dem andaluſiſchen Pferd nahe verwandt ſcheint. Dem Reiter in der grünen Blouſe ſchien es ſelber mehr darum zu thun, ſein Pferd in einem hübſchen verſammelten Reitſchulgalopp vorzuführen, als um das Wettrennen ſelber, er ſaß leicht und graziös und doch ohne die Nonchalance des Lords im Sattel, und fuhr dann und wann mit der freien Hand am Hals des Pferdes hin, das in die Zügel ſchäumend ſein gleich⸗ mäßiges Tempo nicht unterbrach. Der Rappe des Kerzogs von Beaufort war am erſten Hinderniß, einem etwa zehn Schuh breiten trocke⸗ nen Graben, angelanßt und flog mit einem Satze hin⸗ 22 über. Die übrigen Pferde folgten ohne Schwierigkeit, blos der Fuchs des Lords und der limouſiner Schecke erregten den Hohn des Publikums, erſterer, weil er vor und nach dem Sprunge gewaltig ausſchlug, letz⸗ terer, weil er die Beine nicht höher hob als zu einem gewöhnlichen Galoppſprung, was den nach Effecten lüſternen Zuſchauern wenig behagte. Nach dem Graben kam eine etwa drei Fuß hohe Mauer, welche der Rappe des Herzogs von Beaufort mit gleicher Eleganz, der Fuchs mit gleicher Ungezo⸗ genheit und der Limouſiner mit demſelben Phlegma nahmen. Unter den übrigen Pferden und Reitern war bereits einige Unruhe bemerkbar, jedoch überließ man dem Rappen des Herzogs noch immer die Spitze und Baron Mondelion bildete die Nachhut. Nachdem man ſich an das eigenthümliche Grün der Blouſe gewöhnt hatte, war der Baron von Mon⸗ délion kein häßlicher Mann. Seine Figur konnte kaum iber Mittelgröße haben und ſchien faſt ſchmächtig, aber die in den engen Reithoſen ſtark hervortretende Muskulatur der Beine und die breiten Schultern ga⸗ ben der Geſtalt des Reiters den Ausdruck einer Be⸗ bendigkeit und Kraft, unter welcher das gewaltige Thier nur als ein willenloſes Werkzeug erſchien. Das nagere, ſchmale Geſicht des Reiters hatte jenen kühnen 8 Schnitt, durch welchen die Natur beſonders energiſche Charaktere, die nur ihrem Willen unterthan ſind, zu kennzeichnen pflegt; ein dunkelblonder Schnurrbart er⸗ höhte das ſoldatiſche Aeußere des jungen Edelmanns der Franche⸗Comts. Endlich verſchwand auch er gleich den andern Reitern hinter den undurchdringlichen Barrièren von Menſchen, welche die Rennbahn umlagerten. Jetzt be⸗ gannen die Wetten. „Ein Faß Macon auf den Herrn Baron Mon dé⸗ lion!“ rief der kleine Weinhändler Beaupas und blähte ſich auf, als ob er allein ſeine Widerſacher in die Flucht geſchlagen.„So ein orleaniſtiſches Pferd und ein Cavalier des Juſtemilieu thut's zehn bonapartiſti⸗ ſchen Rennern voraus!“ Unter den Fäuſten ſeiner Angreifer hatte der kleine Weinhändler, der ſonſt den Kaiſer leben ließ, ſo oft man wollte, auf einmal entdeckt, daß er ein ganz wüthender Orleaniſt und geſchworener Feind der Napoleoniden ſei. „Drei Napoleons gegen Euer Faß Macon“, rief ein Blouſenmann mit ſüdlichem Profil, indem er in den Taſchen ſeiner weiten Pantalons klimperte. Der Bourgeois aus der Chauſſée d'Antin ſah die fragwürdige Geſtalt verächtlich an. 4 * „Ihr ſeht mir gerade aus, als ob Ihr ſechzig Francs zu verlieren hättet, Freund!“. „Seid nicht anmaßend, Bürger Weinhändler!“ ſagte der Südfranzoſe und ſtreckte auf der flachen Hand drei blitzende Goldſtücke aus. Der Weinhändler näherte ſein Geſicht den Gold⸗ ſtücken, indem er ſich behutſam außerhalb des Be⸗ reichs der Hand hielt. „Das ſind ja Spielmarken! Das ſind Jetons! Ihr ſeid ein Betrüger!“ rief Vater Beaupas entrüſtet. Der Blouſenmann lachte, daß es ihn ſchüttelte. „Aber guter Vater, weiß ich denn, ob Euer Faß Mäcon nicht ein Faß voll Fuſel iſt?“ Das Gelächter der Umſtehenden belohnte dieſen derben Spaß. Die Reiter kamen zurück; ſie hatten zum erſten Mal die Bahn umritten und ſprengten nun auf einen wohl fünf Fuß hohen Erdaufwurf zu, der ſo wenig breit war, daß ein Pferd dort kaum Fuß faſſen konnte und ſofort wieder abſpringen mußte. Die Reihenfolge hatte ſich etwas geändert. Der Rappe des Herzogs von Beaufort ſprang noch immer in langen Sprüngen voraus, aber der Fuchs des Lord Watkins war ihm dicht auf den Ferſen und man ſah, daß der Rappe alle Kraft aufbieten mußte, um den erſten Platz zu behaupten. Hinter ihnen kam in lan⸗ gen, gemeſſenen Sprüngen der limouſiner Schecke. Père Beaupas jubelte. „Ich gewinne die drei Napoleons“, rief er. „Noch nicht, aber ich deponire ſie zum voraus, zürger!“ ſagte der Blouſenmann, ſich ihm nähernd. „Nicht ſo nahe, nicht ſo nahe!“ rief der Bourgeois zurückweichend. Der Baron Mondeélion ſchien ſeinen Schecken noch immer zurückzuhalten. Feſt und aufrecht ſaß er zu Pferde, wie in Stahl gegoſſen, ſeine Wangen waren geröthet, ſeine hellbraunen Augen leuchteten dunkel. Der Rappe des Herzogs von Beaufort erſchien auf dem Erdwürfel und ſprang herab. Ein tauſend⸗ facher Schrei erſchütterte die gleich der Brandung an die Barrière prallende Menge. Der Rappe des Herzogs von Beaufort war zu ſteil abwärts geſprungen, die ſchon etwas gebrauchten Vorderfüße waren eingeknickt. Auf den Knieen, zitternd, lag das edle Roß da und etwa ſechs Schritt davon entfernt auf dem Rücken, ſcheinbar leblos, der im hohen Bogenflug hinweggeſchleuderte Reiter. Der Rappe raffte ſich wieder auf, der Fuchs des Lords war nach einem gewaltigen Sprung an ihm vorübergeraſt. —x:;:Y-———;— Jetzt hob der Schecke Mondélion's die Vorde beine in die Luft. Louiſon erbleichte, aber ſogleich ſchoß wieder flammend Roth in ihre Wangen. Gleich einer Gemſe mit zuſammengerückten Beinen ſtand der Li⸗ mouſiner auf dem Würfel, aufrecht uud ruhig ſaß ſein Reiter. Jetzt ſah man, wie der Baron die Zügel hob, ein Sporenſtoß— und wie ein weißer Blitz fuhr der Schecke weit hinaus in die Luft und fiel mit gleichen Füßen auf die Erde nieder. Dann eilte er in gewal⸗ tigen Sätzen dem Fuchs des Engländers nach unter dem Beifallsgeſchrei der Menge. Nur noch wenige der Renner kamen über das Hinderniß. Die meiſten Pferde refüſirten. Eins warf im Unmuth ſeinen Reiter ab und jagte in toller Flucht rückwärts, während ſein Reiter, die Hände auf die Hüfte preſſend, ſich ſeitwärts ſchleppte. Man führte den eingefangenen Rappen des Her⸗ zogs aus der Bahn. Galonirte Diener trugen ſeinen ohnmächtigen Reiter. Der Rappe ſchritt traurig da⸗ hin, als fühle er, daß es mit ſeinem Ruhm vorüber ſei für immer. Die Reiter kamen jetzt ſchneller zurück als das vorige Mal. Der Limouſiner nahm die Mauer, die ihm im Wege ſtand, ohne Widerſtreben, der Fuchs ſtutzte, und das verſchaffte dem Schecken einen kurzen 27 Vorſprung. Der Fuchs holte den Limouſiner durch ſeine gewaltigen Sprünge auf flachem Boden wieder ein. Die Zahl der übrigen Reiter war um einige verringert. Der letzte Umritt der eine halbe engliſche Meile langen Bahn dauerte kaum vier Minuten. Immer näher brauſten der Limouſiner und der Fuchs des Engländers; der Fuchs hatte die Naſe faſt am Boden und ſein Reiter vornübergebeugt lag faſt auf dem Sattel, der Limouſiner ſtreckte die aufgeſperrten Naſen⸗ flügel in die Luft und jeder ſeiner Sprünge war eine gewaltige Langade. Mit aufrechtem Oberkörper und lächelnd im Voll⸗ gefühl der berauſchenden Bewegung ſaß der Baron der Franche⸗Comté. Jetzt waren ſie am Graben mit der Hecke, faſt in einer Linie flogen die beiden Pferde drüber, nur ſprang der Fuchs flacher und den Schecken erblickte man einen Augenblick hoch in der Luft. Das Jubelgeſchrei des Volkes ſtockte— der Fuchs galoppirte weiter, der Limouſiner und ſein grüner Reiter wälzten ſich jenſeits des Hinderniſſes in einer Wolke von Staub. Jetzt raffte ſich der Limouſiner auf, ſein Reiter ſaß noch ſtaubbedeckt im Sattel, aber allmälig ſank er zur Seite und in die Arme des Studenten Jean — —— — — 28 Jaccard, der ihn durch die ſich öffnende Menge nach ſeinem Wagen trug. Wie ein Hund blieb der Schecke ſtehen und ſchaute ſeinem Herrn nach. Louiſon ſchaute bleich auf die lebloſe, auf den Wagenkiſſen ausgeſtreckte Geſtalt und das bleiche kühn⸗ geſchnittene Geſicht. Mit kundiger Hand betaſtete Fean Jaccard den Körper des Geſtürzten; als er den Arm anfaßte, ſtöhnte der Verunglückte und ſchlug die Au⸗ gen auf. „Nichts von Bedeutung!“ ſagte Jean Jaccard. „Nichts als ein ausgefallener Ellbogen und ein wenig Betäubung!“ Louiſon bewegte die Lippen, als murmle ſie ein Gebet. Der Kranke verſuchte zu lächeln. Er hatte Alles verſtanden. Sein Blick wanderte manchmal verwun⸗ dert von dem Geſichte Louiſon's zu dem von Nini Berton, welche ſich beängſtigt und übler Laune in eine Ecke drückte. „Das Beſte in ſolchen Fällen iſt“, fuhr Jean Jaccard fort, als er merkte, daß ſein Patient ihn ver⸗ ſtand“, den Arm ſofort wieder einzurichten, denn bis ein Rennbahnarzt zur Stelle iſt, kann die Geſchwulſt und Entzündung ſehr zugenommen haben. Wollen Sie ſich mir anvertrauen?“ 29 Der Kranke nickte mit dem Kopfe und ſchaute auf Louiſon. Dieſe ſchlug den Blick zu Boden. „Komm, Louiſon!“ rief Jean Jaccard.„Du haſt mir ja ſchon öfter beigeſtanden und biſt kräftig genug. Nimm den Herrn an beiden Schultern.“ Bleich und mit zitternden Händen that Louiſon, wie ihr befohlen. Jean Jaccard ergriff den kranken Arm und zog mit aller Kraft. Das Geſicht des Barons verzerrte ſich etwas vor Schmerz, aber der Ellbogen ſchnappte in ſeine vorige Stellung. „So“, ſagte Jean Jaccard aufathmend,„jetzt habe ich nichts mehr zu verordnen als Ruhe und kalte Umſchläge um den Arm. Iſt Ihr Wagen in der Nähe?“ „Ich habe ihn erſt um vier Uhr beſtellt“, ant⸗ wortete Mondélion mit matter Stimme. „Es wird jetzt kaum mehr als drei ſein“, ſagte Jean Jaccard erröthend, da er ſich erinnerte, daß ſeine Uhr ſchon längſt für die Launen Nini's nach Mont de Piété gewandert war.„So lange können Sie un⸗ möglich hier bleiben. Darf ich Ihnen unſern Wagen anbieten, um Sie nach Hauſe zu fahren?“ Nini ſchmollte und Louiſon wendete ſich ab. 30 „Wenn Sie Ihre liebreiche Pflege fortſetzen und bei mir diniren wollen, gewiß“, ſagte der Baron mit einem Blick auf Louiſon, den Jean Jaccard nicht be⸗ merkte.„Das Rennen iſt ohnehin zu Ende.“ Einige ſchwache ceremonielle Hochrufe zeigten an, daß der Engländer als der erſte am Ziel angekom⸗ men war. „Der Preis hätte eigentlich Ihnen gebührt, Herr von Mondélion!“ ſagte Jaccard. „Sie kennen mich?“ „Sie waren vorhin der Zankapfel der Menge und man ſuchte Sie als Orleaniſten auszugeben“, ſagte Jean Jaccard, wie es ſchien, nicht ohne Abſicht. „Ich bin Franzoſe“, ſagte Mondélion ernſt,„und infolge deſſen Feind jeder Regierung, die mein Va⸗ terland zu Grunde richtet.“ Die Blicke der beiden Männer begegneten ſich, ſie gaben ſich die Hand. „Wie kommt es, daß Sie hier mitreiten?“ „Ich bin fremd hier— Paris iſt die Seele Frank⸗ reichs. Ein unbekannter Mann iſt ein ohnmächtiger Mann.“ Der Verwundete ſchien der Ruhe zu bedürfen. „Wo wohnen Sie?“ „Faubourg St.⸗Honoré, Nummer—“ 31 Jean Jaccard gab dem Kutſcher die Adreſſe. Nini's Antlitz hatte ſich wieder aufgeheitert, als ſie von dem ſie erwartenden Diner vernommen. Da hörte man rufen: „Mondélion! Wo iſt der Baron Mondelion?“ Nini öffnete die Augen groß und weit. Die vier⸗ ſpännige Poſt, die ſie im Bois de Boulogne ſo ſehr bewundert, fuhr ziemlich rückſichtslos durch die ſich zerſtreuende Menge. Neben dem frühern Inſaſſen hatte ein beleibter Herr mit glattraſirtem Geſicht und weißer Cravatte Platz genommen, in deſſen Knopfloch die Roſette der Chrenlegion prangte. Mondelion richtete ſich auf. „Ah, Stanowsky!“ ſagte er halblaut. Die Poſt hielt neben Jean Jaccard's Wagen. „Sie ſind geſtürzt, armer Freund, einige Schritte vor dem ruhmreichen Ziel!“ rief Stanowsky mit ge⸗ zierter, etwas fremdländiſcher Betonung und ſüßlichem Weſen, wie es vielen gebildeten Slawen eigen iſt.„Ich habe mich beeilt, den berühmten kaiſerlichen Profeſſor an der mediciniſchen Schule, Monſieur Herbiot, zu Ihnen zu bringen, damit er Ihnen beiſtehe. Mein Wagen ſteht zur Verfügung.“ Stanowsky war ein Mann von etwa ſechsund⸗ 32 dreißig Jahren in ſehr ſorgfältig gewähltem Anzug; zierlich geordnet lag jedes einzelne Haar ſeiner vor⸗ wärts gekämmten Friſur und ſeines kleinen Schnurr⸗ und Backenbarts an ſeinem nicht unſchönen, aber bis zur Todtenkopfähnlichkeit abgemagerten Geſicht. Die etwas ſchiefſtehenden ſanften braunen Augen ruhten mit wohlwollendem Ausdruck auf Mondélion. Ein beſtändiges Lächeln lag auf den blutloſen Lippen Sta⸗ nowsky's. Der kaiſerliche Profeſſor machte Miene auszu⸗ ſteigen. Mondélion winkte ablehnend mit der Hand. „Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, Herr Profeſſor, und auch Ihnen, Stanowsky, aber ſchon die allergewöhnlichſte Höflichkeit gebietet mir, unter der Pflege des Herrn hier zu bleiben, der mir die erſte und nothwendigſte Hülfe geleiſtet hat.“ Der Profeſſor ſetzte ein goldenes Binocle an die Naſe. „Wenn ich nicht irre, iſt dieſer Herr“, ſagte er hochmüthig und langſam,„Herr— Herr— Jaccard, der nur wenige meiner Vorleſungen beſucht.—“ „Aber den Arm dieſes Herrn ganz vortrefklich wieder eingerichtet hat“, unterbrach ihn Jean Jaccard im aufwallenden Studentenübermuth.„Sie ſehen, wie 33 viel ich in den wenigen Vorleſungen gekernt habe, die ich meiner Armuth wegen von Ihnen hören konnte.“ Der Profeſſor ſetzte ſich verblüfft. „Und Sie wollen auch in dieſem elenden Fiaker nach Hauſe fahren?“ fragte Stanowsky herüber. „Ja, denn dieſer Fiaker war der erſte, der mich aufnahm, als ich hülflos am Boden lag. Wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, ſo leihen Sie mir einen Ueberrock und eine Mütze.“ Die verlangten Gegenſtände wurden hinübergereicht. „Danke!“ ſagte Mondeélion.„Und jetzt vorwärts, meine Freunde, wenn's gefällig iſt.“ Der Fiaker fuhr ab. Höflich grüßte Baron Mon⸗ délion die beiden Herren. Höhniſch becomplimentirte der Student ſeinen Profeſſor. Stanowsky's ſchmale Augen waren einen Moment lang auf dem friſchen Geſichtchen Nini's haften geblie⸗ ben, die ihn aufmerkſam anſah. Er warf Nini unbemerkt eine Kußhand zu. Sie lächelte. „Jetzt haben wir den wahren Grund der Heilung Mondélion's“, rief Stanowsky, dem Profeſſor auf die Schulter klopfend.„Seh' einmal einer den Duckmäu⸗ ſer an! Spielt immer den Cato und fährt mit den v. Schlägel. Nach uns die Sündfluth. I. 3 34 niedlichſten Griſetten von der Welt nach Hauſe! Haha!“ Der Profeſſor lachte gezwungen mit. Indeſſen rollte der Fiaker gegen die Faubourg St.⸗Honoré. Louiſon neigte ſich zum Ohr des Bruders. Jean Jaccard wurde nachdenklich. „Was gibt's?“ fragte Baron Mondelion freundlich. „Meine Schweſter“, gab Jean Jaccard zu Ant⸗ wort,„meinte, wir könnten nicht in unſerm gegen⸗ wärtigen Anzug Ihrer Einladung Folge leiſten.“ Nondélion ließ ſein hellbraunes Auge einen Mo⸗ ment voll auf Louiſon ruhen. „Aber helfen konntet Ihr mir in dieſem Anzug! Seid unbeſorgt, meine Freunde! Ich bin ein ſchlich⸗ ter Landedelmann, aber ich lebe lange genug in Paris, um die ſchlichte Haube, die ein ſchönes Geſicht ziert, als eines jungen Mädchens koſtbarſten Schmuck an⸗ zuſehen.“ Louiſon ſah den Baron überraſcht an. Das wa⸗ ren ja ihre eigenen Gedanken! Nini machte ein Ge⸗ ſicht, als habe der Baron eine große Dummheit geſagt. Der Wagen rollte weiter. Zweites Kapitel. Nach uns die Sündflut! Der Wagen war in der Avenue der Kaiſerin an⸗ gelangt und befand ſich mitten unter dem Gewühl der von Longchamps zurückkehrenden Equipagen. Nini Berton hatte vollauf zu thun, ſich keine der glänzen⸗ den Toiletten entgehen zu laſſen, welche an ihr vor⸗ überflogen. Louiſon ſchaute mit leerem Blick auf das Getreibe, als denke ſie an etwas ganz Anderes. In der That dachte ſie darüber nach, wie es komme, daß ein junger, ſchöner und anſcheinend ſehr reicher Edelmann dieſelben Anſchauungen haben könne wie Louiſon, die Schweſter Jean Jaccard's. Derr junge Mediciner hatte ſich mit ſeinem Patienten in eine ſehr ernſte Unterhaltung eingelaſſen über die 38 36 traurige Lage des Vaterlandes, und waren auch ihre Anſchauungen über die Form der Rettung getheilt, ſah auch der Student das Heil Frankreichs nur in der Re⸗ publik und der Edelmann nur in einer ehrlichen mo⸗ narchiſchen Regierung, ſo kamen ſie doch darin über⸗ ein, daß das Land nur gerettet werden könne durch den Sturz der gegenwärtigen Regierung. Jean Jaccard war eine enthuſiaſtiſche, offene Na⸗ ur, er hätte es für eine Feigheit gehalten, vor irgend. Jemand ſeine Anſchauungen zu verbergen; Mondélion, äußerlich kälter und zurückhaltender, vielleicht auch klüger, hatte ſehr bald erkannt, wie wenig ſeine ſonſtige ſtolze und abweiſende Vorſicht dieſer Feuerſeele gegen⸗ über angebracht ſei, und fand ſogar einen eigenthüm⸗ lichen Genuß darin, zum erſten Mal nach langer Zeit einem andern Weſen als ſeiner alten Mutter ſeinen Groll und ſeine Wünſche anzuvertrauen. Mit beredten Worten ſprachen die beiden Männer von dem Tage, an dem das Volk Gericht halten werde über den meineidigen Uſurpator und ſein Heer von Schmarotzern und Intri⸗ ganten. Der Student malte mit glühenden Farben das Reich der Glückſeligkeit, der Freiheit und des Friedens, das dann anbrechen werde. Der Edelmann ſchwieg ſchon lange und ſchaute 37 vor ſich nieder. Die Kluft von den alten zu den neuen Zuſtänden, die der Student jubelnd überſprang, lag finſter klaffend vor dem bedächtigern Geiſte des Barons; er kannte die Welt und die ſich widerſtreitenden Inte⸗ reſſen und Leidenſchaften beſſer, und wenn er auch nicht herzlos genug war, den Zuſtänden der Welt, in der er lebte, den Rücken zuzuwenden und weder Hand noch Wort zu ihrer Beſſerung zu erheben, ſo hatte ihn die Geſchichte Frankreichs und das Studium ſeiner gegen⸗ wärtigen Elemente doch belehrt, daß die Zeit, welche auf politiſche Umwälzungen gewöhnlich folgt, eine wüſte und traurige iſt, und leiſe murmelte er die fin⸗ ſtern Worte vor ſich hin:„Nach uns die Sündflut!“ „Nach uns die Sündflut!“ wiederholte er und ließ ſeinen Blick über die bunte Menge gleiten, welche die elyſäiſchen Felder bedeckte. Eben fuhr der Kaiſer heim. Eugenie, ſtrahlend von Huld und Diamanten, grüßte rechts und links, der zum Herrſcher Frankreichs beſtimmte Knabe ſchaute apathiſch und faſt geängſtigt auf die Menge. Eine Escadron arabiſcher Reiter in weißen fliegenden Bur⸗ nuſſen folgte dem Wagen, die Centgarden in ihren glänzenden Uniformen ſprengten voraus zwiſchen dem Induſtriepalaſt und dem Circus- der Kaiſerin, zwiſchen Cafés chantants und ruſſiſchen Schaukeln, zwiſchen ver⸗ goldetem Pöbel und Loretten. Tauſendſtimmig ertönte: „Es lebe der Kaiſer!“ Aber unter den entblößten Häup⸗ tern der Menge ſah man viele Hüte, welche ſich nicht ſenken wollten, und zwiſchen die Hochrufe miſchten ſich einzelne ſcharfe Töne, wie gellendes Pfeifen. Der Student ſchob die Mütze ins Genick und hob den Kopf wie ein Jagdhund, der einen Laut vernommen. Ein Schimmer der Freude flog über das ernſte ſchöne Geſicht Louiſon's. Der Baron ſchaute mit einem bit⸗ tern Lächeln auf die kaiſerliche Equipage und die jubelnde Menge. Nach uns die Sündflut! Da tönte neben ihnen das Geſchelle einer Poſt. Nini Berton wandte ſchnell den Kopf. Munter trabten die vier engliſchen Braunen Stanowsky's neben ihrem Wagen, die Fuchsſchwänze, womit ihr Kopfgeſchirr ver⸗ ziert war, tanzten. Stanowsky war allein. Er fuhr hart neben den Wagen und rief: „Baron!“ 3 Mißmuthig wandte ſich Mondélion nach ſeinem Bekannten um. Dieſer beugte ſich mit ſeinem freund⸗ lichſten Lächeln herüber und ſagte halblaut: „Ich hätte vielleicht beſſer gethan, Ihnen ſtatt neines Wagens meine Wohnung anzubieten. Sie wollen ohne Zweifel dieſe Herren und Damen bewirthen; Ihr —, — Zuſtand erlaubt Ihnen wohl nicht, ein Reſtaurant zu wählen, und in Ihrer Wohnung—“ „Ich pflege meine Freunde ſtets in meiner eigenen Wohnung zu bewirthen, Stanowsky“, gab Mondeélion trocken zur Antwort. „Und dürfte Ihre gnädigſte Frau Mutter nicht An⸗ ſtand nehmen—ℳ fuhr der gefällige Freund flüſternd fort. „Meine Freunde zu empfangen? Wie kommen Sie dazu, meine gute Mutter der Ungaſtlichkeit zu beſchul⸗ digen?“ fragte Mondélion ſcharf und ſchaute dem ge⸗ fälligen Herrn halb ſpöttiſch, halb unwillig ins Geſicht. „Ei bewahre! Das fällt mir nicht ein! Ich dachte indeß, da auch Damen in der Geſellſchaft ſind—“ „So glauben Sie dieſelben in Ihrer Junggeſellen⸗ wohnung im Grand Höôtel du Louvre unter Kellnern und Maitreſſen anſtändiger aufgehoben als bei meiner alten Mutter?“ Die Poſtillone Stanowsky's hatten Mühe, ihre Pferde ſoweit anzuhalten, daß ſie in gleichem Schritt blieben mit dem Miethwagen der Compagnie impériale. Eine leichte Röthe zeigte ſich auf den abgeblaßten Wangen des Lebemannes. „Ich glaubte eben“, ſagte er,„da die Damen nicht der Geſellſchaft angehören—“ Er vollendete ſeinen Satz nicht. Der Seitenblick, den er zur Erläuterung ſeiner Worte auf Nini Berlon und Louiſon geworfen, war von erſterer kokett erwidert worden, hatte jedoch auf Louiſon's Wangen ein tiefes Erröthen hervorgebracht. Mit einem nicht mißzuverſtehenden Blick ant⸗ wortete der Baron: „Sie werden meiner Mutter und mir geftatten. unſere Geſellſchaft ſelbſt zu wählen.“ Stanowsky biß ſich auf die ſchmalen, blutleeren Lippen. „Ich ſehe, Sie haben heute Ihren unangenehmen Tagl!“ ſagte er.„Und an ſolchen Tagen wäre es ver⸗ geblich, Ihnen beweiſen zu wollen, wie ſehr man Sie hochſchätzt, Baron! Um Ihnen aber darzuthun, wie ſehr ich die Wahl Ihrer Geſellſchaft billige, bitte ich Sie, mir zu erlauben, daß ich Ihre Freunde einlade, morgen mit mir zu diniren; für die Abweſenheit der Kellner und Maitreſſen werde ich Sorgetragen. Darf ich?“ Baron Mondeélion machte eine Kopfbewegung, un⸗ gefähr als wenn er ſich einer läſtigen Fliege zu er⸗ wehren hätte, dann ſagte er achſelzuckend: „Ich habe hier weder eine Erlaubniß zu geben, noch zu verweigern. Wenden Sie ſich an meine Freunde ſelbſt.“ Jean Jaccard hatte es bis jetzt ſorgfältig ver⸗ 41 mieden, auch nur ein Wort von dem leiſe geführten Geſpräch aufzufangen. Stanowsky jedoch geſiel ihm nicht und er war ſehr überraſcht, nun in der ver⸗ bindlichſten Art von ihm angeſprochen zu werden. „Die Freunde meiner Freunde ſind meine Freunde!“ begann Stanowsky ſeine Rede mit einer bekannten franzöſiſchen Phraſe einzuleiten.„Sie haben ſich um René ſehr verdient gemacht; der Wunſch iſt daher na⸗ türlich, daß auch ich an der angenehmen Bekanntſchaft, die der Baron gemacht, Theil nehmen möchte. Würden Sie mir's daher geſtatten, Sie für morgen zu einem kleinen Diner unter uns einzuladen?“ Die Augen Nini's leuchteten und richteten ſich faſt flehend auf den Geliebten, Louiſon machte ein über⸗ raſchtes, mehr als abweiſendes Geſicht. Jean Jaccard's Blicke irrten unſchlüſſig und verlegen von der Schweſter zur Geliebten. Die flehenden Augen Nini's ſiegten wie immer. „Ich bin in der That überraſcht, aber ich nehme an.“ „Nein“, ſagte Louiſon beſtimmt,„ich komme nicht!“ „Und warum, mein Fräulein?“ fragte Stanowsky. „Es wird Ihnen als Mann von Welt genug ſein, wenn ich für Ihre Einladung danke!“ ſagte Louiſon mit einer Würde, daß der Weltmann ſie betroffen anſchaute. Baron Mondélion betrachtete bewundernd das ſchöne ſtolze Mädchen in den ärmlichen Kleidern. Jean Jaccard war wieder unſchlüſſig und Nini Berton ſchaute finſter zu Boden. Der Baron überſah mit einem Blick die Situation. Er beugte ſich zu Louiſon. „Ihr Bruder und Ihre Freundin wollen, ſcheint es, auf die Einladung Ihretwegen verzichten. Es thäte mir leid, wenn durch die Freundlichkeit, die Sie mir bewieſen, ein Mißton in Ihren kleinen Kreis kommen ſollte. Werden Sie auch nicht gehen, wenn ich Ihnen Begleitung und Schutz anbiete?“ Die Stimme des Barons war tief und mild. Louiſon fühlte ſich eigenthümlich bewegt bei dem Klang dieſer angenehmen, eindringlichen Stimme und ſchlug die Augen zu Boden. „Ich gehe!“ Nun, dann iſt ja Alles gut!“ ſcherzte Stanowsky, offenbar froh, nicht vollſtändig Fiasco gemacht zu haben. „Alſo auf Wiederſehen morgen Abend im Hôtel du Louvre!“ „Auf Wiederſehen!“ ſagte Mondélion, mit dem Kopfe nickend. Jean Jaccard zog den Hut. Nini 43 Berton grüßte fortwährend mit dem Kopf und lächelte. Louiſon machte eine ſtolze Verbeugung. Mondélion ſah der Poſt, welche ſich raſch über den Place de la Concorde gegen die Rivoliſtraße entfernte, mit ſpöttiſchem Ernſte nach. Nach uns die Sündflut! Drittes Kapitel. Vingris. Die franzöſiſche Ariſtokratie hat es vor jeder an⸗ dern verſtanden, ſich mitten in einer großen Stadt abzuſchließen vom Gewühl des Volks und Alltagslebens. Auch das Hotel der Mondélions war durch eine hohe Mauer geſchützt vor jedem neugierigen Blick; nur ein hohes, ſchön gearbeitetes Thor vermittelte den Verkehr mit der Außenwelt, indem es dann und wann ſeine ge⸗ waltigen Flügel öffnete, um ein von zwei kräftigen li⸗ mouſiner Schecken im ſchärfſten Trab gezogenes Coupé hinaus oder herein zu laſſen. Aber auch dann wäre es Jedermann, ſelbſt dem neugierigen Weinhändler Beaupas von der Ecke der Chauſſée d'Antin nicht mög⸗ lich geweſen, mehr als einen flüchtigen Blick zu werfen auf einen reinlichen, mit weißem Sande beſtreuten Hof, 45 ein zweiſtöckiges Haus mit blitzenden Spiegelfenſtern und gedeckter Auffahrt, neben dem rechts und links die grünen Bäume eines Gartens freundlich über die Bronzegitter lugten. Von der Mauer bis zu dem Gitter erſtreckten ſich zwei längliche niedere Gebäude, welche wohl Stall und Remiſe waren, denn es trieb ſich davor ein ſehr lan⸗ ger Groom in geſtreifter Leinwandjacke herum, wel⸗ cher ſehnſüchtig durch die entſtandene Oeffnung auf die Straße ſchaute. Mehr hätte ſelbſt der neugierige Vater Beaupas nicht ſehen können, denn hinter dem abgehen⸗ den oder ankommenden Wagen ſchloſſen ſich die ge⸗ waltigen Thorflügel ſogleich wieder, und wäre er noch länger ſtehen geblieben, ſo hätte ſich vielleicht das „Wasiſtas“, wie die Franzoſen das kleine Fenſterchen neben dem Portal nennen, geöffnet, und das derbe Ge⸗ ſicht des Schweizerportiers wäre erſchienen mit ſammt einem Stück des grünen goldbordirten Kragens und hätte ihn in nicht eben freundlicher Form eingeladen, ſich ſeines Weges zu ſcheren. Herr Beaupas hätte dem mürri⸗ ſchen Thürhüter dann ohne Zweifel verſichert, daß auch er für das Haus Orléans lebe und ſterbe, und ſich auf ſeine Freundſchaft mit dem Reitknecht des Herrn Ba⸗ rons berufen und den Herrn Baron ſelber für den beſten Reiter der Welt erklärt. Das hätte ihm aber um — 2 4 7 2 —— 46 ſo weniger geholfen, als der Schweizer ſehr wenig Franzöſiſch und noch weniger von franzöſiſcher Politik verſtand. Die ſchweizeriſchen Thürhüter ſind ebenſo ſehr Modeſache in Paris, wie es ſpäter die ſchwarzen Ammen waren. Die Thürhüter ſollten verſtehen und verſtanden werden und die Kinder ſollten civiliſirte Triebe und Neigungen bekommen, aber Schweizer und Negerinnen waren einmal Mode. Schweizer Vingris— ſo war in einem Moment guter Laune der für franzöſiſche Zungen allzu ſchwie⸗ rige Namen Winkelried Stierliſtecher vom Baron ab⸗ gekürzt und umgeändert worden— Vingris betrachtete ſich durch ſein„Wasiſtas“ ſehr lange den vor dem Thor haltenden Miethwagen und die darin ſitzende Geſellſchaft; mit offenem Munde ſtarrte er auf den Baron, der trotz der ziemlich ſtarken Hitze in einen fremden Mantel gehüllt ankam und ihm barſch zurief, das Thor zu öffnen. Seit Vingris in des Barons Dienſten ſtand, hatte noch kein Miethwagen die Grenze des Hotels überſchritten und ſelbſt der Arzt, welcher wöchentlich zweimal die Baronin beſuchte, ließ ſein weniger elegantes Coupé beſcheiden an der nächſten Straßenecke halten. Der Baron Mondélion war von der Natur mit einem energiſchen und aufbrauſenden Temperament be⸗ ———“ 5— gabt. Er hatte jedoch frühzeitig gelernt, ſich zu be⸗ herrſchen, und die meiſten Dinge und Ereigniſſe, denen er in ſeinem jetzigen Leben begegnete, erſchienen ihm nicht wichtig genug, ſeine Entrüſtung oder Verwunderung wachzurufen. Blos wenn ſein Zartgefühl und ſein Edelmuth in 2 Mitleidenſchaft kamen, wenn er zum Beiſpiel Perſonen beleidigen ſah, an denen er, wenn auch nur flüchtig, Intereſſe genommen hatte, da loderte ſein zurückge⸗ drängtes und halbverkühltes Temperament zur vollen Kraft empor. Mühſam hatte der Baron ſich Stanowsky gegen⸗ über zurückgehalten, als dieſer ſich mit klebriger Zu⸗ dringlichkeit eine Taktloſigkeit nach der andern gegen ſeine Freunde hatte zu Schulden kommen laſſen; die Urſache der für ſolche Fälle beiſpielloſen Geduld des Barons war nur darin zu ſuchen, daß er Stanowsky am Tage vorher eine bedeutende Geldſumme geliehen hatte. Ein Verhältniß, welches jede minder edle Natur rückſichtslos gemacht hätte, verſchloß dem Baron den Mund. Es war daher nur menſchlich, daß ſein Zorn um ſo gewaltiger losbrach, als er zwei Minuten vor dem Thor ſeines eigenen Hotels warten mußte, bis Herr Winkelried Stierliſtecher ſeine Muſterung der ſonderbaren Geſellſchaft, in der er ſeinen Herrn ſah, beendet hatte. 48 Bereits hatten ſich auch nach Pariſer Gewohnheit einige Bummler und Neugierige um den Wagen ver⸗ ſammelt, welche ſich ziemlich ungenirt ihr Erſtaunen mittheilten, was die kleine Geſellſchaft vor dem noblen Hotel zu ſchaffen habe. „Sie haben ſich getäuſcht, mein Freund!“ rief eine modiſch gekleidete, aber vom Leben hart mitge⸗ nommene Geſtalt dem Kutſcher zu.„Dieſe Damen wohnen in der Rue des Martyrs Nummer ſechzig— nicht wahr, meine kleinen Damen?“ Die Rue des Martyrs iſt wie das ganze Viertel Breda bekannt durch die große Anzahl leichtfertiger Frauen, welche dort wohnen. Auch die angeführte Nummer ſechzig mochte ihre beſondere Bedeutung haben. „Man hat ſich über Sie luſtig gemacht, meine Herren und Damen!“ rief ein Anderer, der ſich eben⸗ falls gern auf Koſten ſeiner Mitbürger unterhielt und Jean Jaccard an ſeinem Anzug als Studenten erkannt hatte.„Der Prado liegt hinter dem Luxembourg und iſt erſt von elf Uhr an geöffnet.“ Der Prado oder auch Cloſerie des Lilas war der berüchtigte Tanzplatz der Studenten und ihrer„Frauen.“ „Die Dame des Hauſes läßt lange auf ſich war⸗ ten, bis ſie die Herrſchaften empfängt“, bemerkte ein 49 junger Menſch mit ganz abſonderlichem Haarwuchs, ohne Zweifel ein Garçon Coiffeur. Sowohl Jean Jaccard als der Baron wußten, daß es nicht gerathen war, auf dieſe Gloſſen Antwort zu geben. Louiſon ſaß unbeweglich und ein verächtliches Verziehen ihres Mundes ſchien zu ſagen, daß dieſer Vorfall nur wieder zeige, wie ſehr ſie Recht habe, wenn ſie dieſe ganze Canaille ſo recht gründlich verachte. Nini Berton ſchien weniger Gefühl für das De⸗ müthigende ihrer Lage zu beſitzen. Sie kam vom Wett⸗ rennen, ſaß in einem Wagen an der Seite eines Ba⸗ rons und ſollte heute und morgen in ſehr eleganter Geſellſchaft ſpeiſen— das war vollſtändig genug, um ihr einen Grad momentanen Selbſtgefühls beizubringen, der ihr die Aufmerkſamkeit des Publikums faſt wie eine ihrer Nobleſſe dargebrachte Huldigung erſcheinen ließ. Sie drehte ihr Näschen kolett von einer Seite zur andern und war im Begriff, mit ausgeſuchter Vor⸗ nehmheit den Umſtehenden zuzulächeln, hätte ſie nicht ein Blick voll tiefſten Unwillens, der aus Jean Jac⸗ card's ſchwarzen Augen brennend auf ſie fiel, belehrt, daß Andere ihre Lage weniger befriedigend fanden. Der Baron war indeſſen in großer Erregung, v. Schlägel, Nach uns die Sündfluth. I. 4 welche durch den Schmerz ſeiner Verletzung noch ge⸗ ſteigert wurde, an das Fenſterchen des Portiers ge⸗ treten und hatte es, als ihn dieſer noch immer, als ſehe er ein Geſpenſt, anglotzte, mit einem Schlage der geſunden Fauſt zertrümmert. „Das Thor auf, Tölpel!“ ſchrie er dem erſchreck⸗ ten Winkelried ins Geſicht. „Gnädiger Herr“, ſtotterte deeſer,„ich wußte nicht, daß auch Miethwagen—“ Der Baron ſtampfte mit dem Fuße und machte durch das zerſtörte Fenſter einen Griff nach dem gold⸗ bordirten Kragen ſeines Dieners. „Das Thor auf!“ knirſchte Mondélion mit vor Wuth erſtickter Stimme.„Und von heute an biſt Du entlaſſen.“ Das Geſicht des Portiers verſchwand aus der Loge, die beiden Thorflügel öffneten ſich und zum großen Erſtaunen des Publikums fuhr die Droſchke in den herrſchaftlichen Hof. Trotz der Ungnade ſeines Herrn, trotz der ange⸗ drohten Entlaſſung war es für den Pförtner Vingris eine Beruhigung, als er ſah, wie Jean Jaccard den Wagen bezahlte; ſchleunigſt öffnete er wieder das ihm anver⸗ traute Thor und für den cordialen Abſchiedsgruß des Miethkutſchers hatte ſein breites, blatternarbiges Geſicht nur den Ausdruck der eiſigſten Verachtung. Als die 51 Ankömmlinge dann die breite Marmortreppe hinauf⸗ geſtiegen waren, vertilgte Vingris im Verein mit dem Groom die Spuren, welche das plebejiſche Geſpann in dem weichen Sande des herrſchaftlichen Hofes zurück⸗ gelaſſen. Dann zog er mit manchem Seufzer ſeine ſchöne grüne, reich mit Gold beſetzte Livree aus, ſtellte den hohen Stab mit dem großen Metallknopf und den reichen Schnüren, das Zeichen ſeiner Würde, in die Ecke, hängte den mächtigen Schiffhut darüber und ſtand nun in ſeinem halbbäuriſchen Anzug aus kaffeebraunem Tuche, den er aus der Heimat mitgebracht, da, har⸗ rend, bis er von ſeinem Herrn ſeinen Lohn und die Beſtätigung ſeines Abſchieds erhalte. Das breite, blat⸗ ternarbige Geſicht Winkelried's zuckte ganz ſeltſam, als er die Photographien ſeiner Verwandtſchaft, die er rings an den Wänden der Portierloge aufgehängt gehabt und die ihn in den vielen einſamen Stunden ſeines Lebens ſo oft in die Heimat zurückverſetzt, ein Bild nach dem andern, von den Nägeln nahm und ſäuberlich zwiſchen die Hobelſpäne verpackte, welche ſie ſchon auf der großen Reiſe nach Paris beſchützt hatten. Vorzüglich ſeinen Vater, den Martin Stierli⸗ ſtecher, Oberſenn auf der Braunalm des Kloſters Ein⸗ ſiedeln, betrachtete er lange und gerührt. Es war ein ſtattlicher Hirt mit rundem Lederkäppchen und rother 4* 52 Weſte, hatte dieſelben zwinkernden Augen, die gleichen impertinent hervorſtehenden ſchmalen Lippen, daſſelbe kleine zurücktretende Kinn und dieſelbe ungeheure Naſe wie Winkelried. Als Winkelried Abſchied nahm, um als„Schweizer“ in die Dienſte eines ſüdfranzöſiſchen Kloſters zu treten, hatte ihm ſein Vater dieſe Photo⸗ graphie überreicht, die ein durchreiſender Künſtler mit einem ganz verzweifelten Apparate und mit Aufwen⸗ dung ſeiner ganzen Retouchirkunſt angefertigt. Vor⸗ züglich die grellrothe Jacke war von überraſchender Aehnlichkeit, und in Ermangelung von Goldfarbe prangte der aus Meſſing geſchlagene Stier auf dem breiten Ledergurt des Oberſennen im ſchönſten Citronengelb. Selbſt die ſchwere Buchsbaumpfeife war nicht vergeſſen, aus welcher der emporſtrebende Winkelried ſo oft heimlich geraucht, auch der runde Löffel an ſilberner Kette nicht, die jeder rechte Senn als Ohrgehänge trägt, und als Hinter⸗ grund hatte der Künſtler einen grasgrünen Berg hinge⸗ malt, wie Winkelried in ſeinem Leben noch keinen geſehen. Dieſe grüne Pyramide, an welcher die heimatlichen Kühe im ſchönſten Maikäferbraun herumkrochen, bewegte noch tiefer als Vaters Pfeife, Milchlöffel und meſſingener Stier alle ſanftern Gefühle in Winkelried Stierliſtecher's Bruſt und Thräne um Thräne rann über ſein breites Geſicht, rauh und uneben wie der Boden ſeiner Heimat. 53 All die denkwürdigen Begebenheiten durch die er ſich vom Kuhſtall des ſchweizeriſchen Kloſters bis zum Pförtner des erzbiſchöflichen Palais in Paris auf⸗ geſchwungen, zogen an ſeiner thränenfeuchten Erinnerung vorüber, nochmals dachte er über die große Frage nach, ob er im Rechte geweſen ſei, dem erzbiſchöflichen Secretär den Eintritt zu verweigern, als dieſer mit einem Herrn in Mannskleidern des Nachts anfuhr, ſothanem Herrn aber, als er aus dem Wagen ſtieg, ein langer rabenſchwarzer Zopf auf die Schulter herab⸗ fiel. Er hatte damals den Zopf ganz genau geſehen, ſo genau wie nur je den ſilbernen Melklöffel und den meſſingenen Stier, und ſeine Vorſchriften geboten ihm auf das ſtrengſte, unter keinen Umſtänden ein weib⸗ liches Weſen zur Nachtzeit über die Schwelle des Palaſtes zu laſſen, gleichviel in welcher Kleidung oder in weſſen Auftrag es komme. Der hochwürdige Secretär jedoch hatte am andern Tag den Pförtner einen Trunkenbold genannt, der ſeinen hochadligen Neffen für eine Dirne gehalten und ſammt ihm von des Hotels Thür gewieſen, und Winkelried war ent⸗ laſſen worden. Um dieſe Zeit hatte der Baron Mon⸗ délion ſein Pariſer Hotel in Stand geſetzt und ſeine Dienerſchaft completirt, und aus dem Pförtner des Erzbiſchofs war Vingris geworden. Wir wollen Vingris ungeſtört ſeine Vergleiche zwiſchen einſt und jetzt anſtellen laſſen und der kleinen Geſellſchaft über die Marmortreppen des Hotels nach den Salons der Mondèélions folgen. Viertes Kapitel. Familie Jaccard. Louiſon war verſtimmt. Das heftige Benehmen des Barons gegen ſeinen Untergebenen hatte ihr miß⸗ fallen. Der Baron ſchien überhaupt ein Anderer, ſeit er den Fuß über die eigene Schwelle geſetzt. Er lag, ſoweit es ſein wunder Arm erlaubte, mit vollendetem Anſtand den Pflichten des Wirths ob, er nahm den beiden Mädchen Tuch und Sonnenſchirm ab, führte Louiſon am Arm zu einem Fauteuil und that Alles, was ſie hätte vergeſſen laſſen können, daß ſie nicht als die Trägerin eines hochadeligen Namens in ſeidener Schlepprobe durch dieſe Räume rauſchte. Aber eben das war es, was dem ſtrengen Sinn Louiſon'’s nicht behagte, ſo glücklich es die eitle Nini Berton machte. Als Bavon Mondélion im Wagen jene Bemerkung 56 in Betreff ihres Anzugs gemacht, war es ihr plötzlich geweſen, als ſtehe in voller ſtrahlender Glorie ein gan⸗ zer Mann vor ihr da, achtungswerther ſelbſt als ihr Bruder, auf deſſen vortrefflichſten Eigenſchaften die faſt willenloſe Abhängigkeit von Nini Berton wie ein düſte⸗ rer Schatten lag. Als Mondélion aus Rüelſicht für Nini's Wünſche und Jean's Gefühle ſich erbot, mit ihr die Einladung eines Mannes anzunehmen, der ihm ſichtlich läſtig war, hatte ſie ſeine Gutmüthigkeit bewundert, ſeinen Zorn gegen den Portier hatte ſie verſtanden, aber nicht mehr ſein tyranniſches Auftre⸗ ten gegen den ſaumſeligen Diener, und als er ſie jetzt mit umſtändlichſter Galanterie in ſeinen glänzenden Räumen empfing, kam es ihr vor, als treibe er ſein frivoles Faſtnachtsſpiel mit ihnen, als wolle er der Armuth zeigen, daß er, der hochgeborene Sohn eines vielangegriffenen Standes, denn doch in Allem und Jedem beſſer ſei als jene, die ſeine Privilegien antaſte⸗ ten, daß ſeine erhabene Götterlaune ihn ſogar bewege, die in Staub und Noth des Werktagslebens Dahinkrie⸗ chenden für einen Augenblick an ſeine Seite zu ſetzen, damit ihnen die Dunkelheit ihres Daſeins um ſo düſte⸗ rer erſcheine, wenn ſie dahin zurückſänken. Louiſon Jaccard hatte ein Recht, bitter zu ſein. Ihr Vater André Jaccard war ein vielbeſchäftigter 5, Arzt im Quartier latin geweſen. Gemüthsmenſch, wie er war, hatte er es nicht über ſich vermocht, die Umge⸗ bung zu verlaſſen, wo er als Student ſo glücklich ge⸗ weſen, er fand auch eine überreiche Praxis und ſein Ruf ſtieg von Jahr zu Jahr. Aber um ſelber reich zu werden, muß ein Arzt reiche Patienten haben. Und dieſe waren im Quartier latin nicht zu finden. So rannte der vielbeſchäftigte Arzt fünfzehn Jahre lang von einen Kranken zum andern, ließ ſich ohne Murren jede Nacht einigemal aus dem Bette holen und verdiente nicht genug, um mit ſeiner Frau, der Griſette, die ſchon als Student ſein Schickſal getheilt, und den beiden Kindern, die ſie ihm geboren, ohne Sorgen zu leben. André Jaccard betrieb auch die Politik mit dem Herzen. Ein eifriger Theilnehmer der Julirevolution, entging er beim Staatsſtreich, der ſo viele Exiſtenzen gebrochen, mit ge⸗ nauer Noth der Deportation, aber der Untergang ſeiner politiſchen Ideale, der Tod und die Verbannung der liebſten ſeiner Freunde vollendeten, was Arbeit und Sorge begonnen. André Jaccard, ein noch junger Mann, ward ſchwach und hinfällig wie ein Greis; er ſuchte die ſchwindenden Lebensgeiſter wach zu rütteln und griff, ſo ſehr er Arzt war, zu dem verderblichen Abſynth. Während der künſtlichen Aufregung, in die er dadurch manchmal verſetzt ward, leiſtete er dann und wann Bewun⸗ —— 58 derungswürdiges in ſeinem Berufe, aber endlich ver⸗ mochte auch ein faſt beſtändiger Rauſch nicht die Stumpfheit zu heben, die ſich immer bleierner auf ſein Gehirn legte; er trank und trank und ſtarb im Säu⸗ ferwahnſinn, eins mehr zu den Opfern, welche politiſche Leidenſchaft unmündigen Völkern abfordert. Frau Jaccard war, als der Doctor ſtarb, noch eine junge Frau, ſogar ſehr hübſch, wie die Leute ſag⸗ ten; ſie weinte ſehr, als ihr Mann ſtarb, und war ihm auch eine getreue Gattin geweſen, ſolange er lebte. Aber Niemand iſt ſtark über das Maß der eigenen Kraft. Frau Jaccard mit ihren Kindern war in Noth, die 4 neuerwachende Lebensluſt der Wittwe that das Ihrige. Die Doctorin lebte plötzlich, ohne daß man genau wußte, woher die Mittel kamen, mit einem gewiſſen Luxus, ihre Kinder kleidete ſie wie die Kinder reicher Leute. Die Kinder glaubten an den Onkel, der ſie unterſtützte, ohne daß ſie ihn jemals zu Geſicht bekamen, und waren 3 glücklich. Da kam eines Tages Jean Jaccard, er war damals ſechzehn Jahre alt, aus der Schule heim mit verſtörtem Angeſicht und die ſchwarzen Locken hingen ihm verwirrt auf die bleiche Stirn. Ein Mitſchüler, mit dem er Streit gehabt und der zufällig zu den ärmern gehörte, hatte ihm vorgeworfen, Jean's feiner Rock ſei gekauft von der Schande ſeiner Mutter. Jean ———— 59 hatte den Frechen an der Gurgel gefaßt und hätte ihn ſchier erwürgt, wenn die Mitſchüler die Kämpfenden nicht getrennt hätten. Aber über die Köpfe derjenigen, die ihn vor den Fäuſten Jaccard's beſchützten, ragten die ſtruppigen rothen Haare Jules Bandeau's hervor, ſein grobknochiges Geſicht verzerrte ſich ganz abſcheulich vor Wuth und Hohn. „Zehntauſend Franes jährlich bezahlt der Graf Age⸗ noux der Wittwe Jaccard für ihre Liebe. Geh nach der Faubourg St.⸗Germain Nummer hundertund⸗ drei, tugendhafter Sohn, dort fährt täglich um drei Uhr ein Miethwagen vor, eine verſchleierte Dame ſteigt aus und kommt nach einigen Stunden wieder zurück. Die Dame iſt Niemand anders als Deine Mutter, Jean Jaccard! Jean Jaccard fühlte etwas wie Schwindel— genau um dieſe Zeit ging ſeine Mutter faſt täglich für einige Stunden fort— er hatte nicht die Kraft mehr, auf Jules Bandeau einzudringen, höhniſch oder mit ſtolzer Zurück⸗ weiſung ſah er die Blicke ſeiner Mitſchüler auf ſich gerichtet und taumelte fort. Er traf ſeine Mutter völlig angekleidet für ihre tägliche Promenade, er ſtudirte zum erſten Mal mit einer grauſen Neugier ihr Geſicht, ob ſie ſchön ſei. Ein Stich fuhr ihm durchs Herz, die fünfunddreißigjährige 60 Frau hätte ſich kühn für zehn Jahre jünger ausgeben können. Ihre Kleidung war von eleganter Einfachheit und hob noch die friſche Weiblichkeit ihrer Züge. Wittwe Jaccard betrachtete erſtaunt das entſtellte Antlitz ihres Sohnes. „Was fehlt Dir, Jeans“ fragte ſie unruhig, denn nach ihrer Weiſe liebte ſie ihre Kinder. Der ſanfte Ton ihrer Stimme traf Jean ins H Er weinte und faßte ihre Hand. „Bleib' hier, Mutter! Geh nicht fort, nur heute nicht.“ Ein leiſes Erröthen überflog die Wangen der Wittwe. „Sei nicht thöricht, Jean! Ich muß, ich habe Ge⸗ ſchäfte mit dem Onkel.“ Jean Jaccard's Augen hefteten ſich forſchend auf den verlegenen Blick der Mutter. „Es ziemt ſich, daß wir auch einmal dem Onkel Dank ſagen für ſeine großen Wohlthaten— nimm mich und Louiſon mit!“ Frau Jaccard wurde immer verwirrter unter dem durchdringenden Blick ihres Sohnes. Louiſon, die kaum zur Jungfrau heranreifende Louiſon, horchte mit angſt⸗ voll geöffneten Augen der ſeltſamen Unterredung. „Das geht nicht, Jean“, ſtotterte Frau Jaccard; — 61 „der Onkel iſt ein eigenthümlicher Mann, ein Sonder⸗ ling, er würde Euren Beſuch,ohne daß er ihn verlangt hat, für ſehr zudringlich anſehen.“ „So!“— Jean Jaccard ſah ſeine Mutter noch einmal mit einem langen Blick an; ſie rüſtete ſich zum Fortgehen, aber ihre Bewegungen waren unſicher und ſie wagte ihrem Sohne nicht ins Geſicht zu ſehen. Endlich war ſie fertig. 4 „Adieu, Kinder!“ „Gib mir Geld, Mutter!“ ſagte Jean Jaccard. Frau Jaccard griff eifrig in die Taſche und gab Jean einen Napoleon. Jean Jaccard ſchauderte beim Anblick des blitzen⸗ den Goldſtücks und ſchob es zurück. „Ich habe mich geirrt, Mutter, ich habe nichts nöthig.“ „Du biſt ſonderbar, Jean!“ ſagte Frau Jaccard und wollte ihren Sohn küſſen. Jean wendete ſich ab. Frau Jaccard ging. Jean nahm ſeine Mütze und wollte ihr folgen, Louiſon hielt ihn zurück. „Jean, ich flehe Dich an, ſage mir, was hier vorgeht.“ ⸗ Jean küßte die Schweſter auf die Stirn. 62 „Später, Louiſon, jetzt laß mich gehen. Ich komme bald wieder.“ 8 Und er ging. Mit wenigen Sätzen war er die drei Treppen unten; er ſah ſeine Mutter um die Ecke ver⸗ ſchwinden; ſie ſah ſich nicht um, ſie hatte ſo viel zu denken, daß ſie nicht daran dachte, ihr Sohn könne ihr folgen. Dieſer lief mit raſender Eile ihr nach. Er ſah ſie einen geſchloſſenen Miethwagen beſteigen. Jean hatte kein Geld, einen andern zu nehmen. Er rannte dem raſch fahrenden Wagen nach und ſchwang ſich hinten auf. Ein Vorübergehender machte den Kutſcher auf den un⸗ berechtigten Paſſagier aufmerkſam. Ein paar derbe Peitſchenhiebe ziſchten über das Dach des Wagens und trafen Jean Jaccard's Geſicht. Er zuckte zuſammen, aber er blieb. Der Kutſcher glaubte, daß der überzählige Paſſagier ſich entfernt. Der Wagen rollte nach der Fau⸗ bourg St.⸗Germain. Bereits waren ſie bei Nummer hun⸗ dert. Jean ſprang herunter und verbarg ſich in dem tiefen Portal eines herrſchaftlichen Hauſes. Er ſah, wie der Wagen hielt bei Nummer einhundertunddrei. Es war ein elegantes Haus, nach moderner Weiſe gebaut, mit zwei Einfahrten an beiden Seiten und einem marmor⸗ nen Treppenaufgang in der Mitte. Vor dieſem hielt der Wagen. Frau Jaccard, als ſie ausſtieg, war tief verſchleiert. Sie reichte dem Kutſcher Geld— es mußte 63 viel ſein, denn er zog den Hut. Die Thür öffnete ſich, noch ehe ſie geſchellt, und ſie verſchwand. Jean Jac⸗ card näherte ſich der Thür. Hinter dem Wasiſtas glänzte ein rothes Portierangeſicht, das ihm Vertrauen einflößte. Er klopfte. Das Fenſterchen öffnete ſich. „Möchten Sie mir nicht ſagen, wem das prächtige Haus gehört, mein Herr?“ Der Portier warf ſich in die Bruſt.„Seiner Ex⸗ cellenz dem Herrn Grafen Camille von Agenoux“ Jean hielt ſich an der Brüſtung des Fenſterchens. „Danke! Und kommt die ſchöne Dame, welche eben vorfuhr, alle Tage?“ Es konnte nur der ſechzehnjährigen Einfalt Jean's einfallen, an den Portier eines hochadligen Hauſes eine ähnliche Frage zu ſtellen. Der Portier bediente ihn auch gehörig. „Willſt Du machen, daß Du fortkommſt, frecher Schlingel!“ rief der Thürhüter und griff nach einer langen Peitſche, die neben dem Fenſter hing. Jean zog ſich wieder unter den Thorweg des be⸗ nachbarten Hauſes zurück. Er wartete lange hier— drei Stunden. Endlich öffnete ſich wieder die Thür des Hotels, 64 und einen raſchen Blick die Straße auf⸗ und abwärts werfend, eilte Frau Jaccard die Treppen herab. Sie wendete ſich mit raſchen Schritten nach dem nächſten Droſchkenhalteplatz. In dem Augenblick, da ſie an ihrem Gohn vorüber kam, trat dieſer vor ſie hin und riß ihr a dichten Schleier vom Geſicht. Frau Jaccard ſchaute in das gräßlich entſtellte Antlitz ihres Sohnes, ſie hatte nicht den Muth, ſtehen zu bleiben, ſondern eilte raſch davon. Jean Jaccard ging langſam nach Hauſe. Er fand nur Louiſon in großer Aufregung, ſeine Mutter war noch nicht zurückgekommen. Ein Schauer überrieſelte Jean Jaccard und ſein Zorn wich der Beſorgniß— er hatte ſeine Mutter ja doch unendlich lieb. Er war mit dem Entſchluſſe heimgekommen, ſich vor ihren Au⸗ gen die Kleider der Schande vom Leibe zu reißen und, mit dem Nothdürftigſten bekleidet, hinauszuziehen auf die Straße und für ſie zu arbeiten. Wie lange Jean auch wartete, ſeine Mutter kam nicht. Loui⸗ ſon drang in den Bruder, zu reden. Er antwortete ur:„Später!“ Es wurde Nacht. Frau Jaccard kam nicht zurück. Jean war in entſetzlicher Angſt. Mit dem erſten Morgen⸗ grauen machte er ſich auf, die Mutter zu ſuchen. Der rothe Jules Bandeau, der Graf Agenoux war vergeſſen. 65 Seine Schweſter begleitete ihn. Ohne Raſt irrten ſie von Straße zu Straße. Paris in der Morgen⸗ dämmerung mit ſeinen geſchloſſenen Läden und ſchlüpf⸗ rigen Straßen macht einen troſtloſen Eindruck. Hier und da an einem Thorweg hält ein Wagen; der Kut⸗ ſcher läßt den Kopf ſchlaftrunken auf die Bruſt ſinken. Eine Schaar von Nachtſchwärmern, elegantes Geſindel, in deren ſchmuzigen Stiefeln ſich das erſte Licht des Tages nicht mehr ſpiegelt, und einige Dirnen umringen die beiden Kinder und ſuchen mit ihnen ihre Späße zu treiben. Jean Jaccard ballt die jungen Fäuſte und unter Gelächter läßt man ſie ziehen. Ein Chiffonnier durchſtört emſig die Goſſen mit ſeinem Haken. Eben ſchlug eine nahe Glocke vier; er lauſcht mürriſch und redet mit ſich ſelber und ſchlägt dann ſeinen Haken wüthend in einen Haufen Kehricht. Er war um zwei Stunden zu früh aufgeſtanden, und wenn er jetzt zurückkehrte zu der Schlafſtelle, wo ihrer Hunderte für einen Sou nächtlich beiſammen lagen, fand er ſeine Stelle jedenfalls ſchon beſetzt. Die Geſchwiſter waren bei den Hallen angekom⸗ men. Hier war bereits reges Leben. Die Gemüſehänd⸗ ler, welche ihre Waaren mit der unterirdiſchen Bahn allnächtlich in die Stadt führten, legten dieſelben zum v. Schlägel, Nach uns die Sündfluth. I. 5 ——— 66 Verkaufe zurecht, einzelne Käufer hatten ſich bereits eingefunden, und halb berauſchte Trunkenbolde ſuchten das Brennen der entzündeten Kehlen mit dem friſchen Obſt zu kühlen.— Einzelne Blumenverkäuferinnen kehrten mit abge⸗ ſpannten Geſichtern von den öffentlichen Bällen heim. Da blieb Jean ſtehen; es fiel ihm ein, daß ſie ihre Mutter jetzt wohl ſchwerlich auf der Straße fänden— ein Geſicht wurde blutroth.„Komm!“ ſagte er zu ſeiner Schweſter und zog dieſe fort nach der Rue du Faubourg St.⸗Germain. Der behäbige Portier des Hotels Agenoux war ſehr entrüſtet, als er ſo früh ein leiſes, aber andauerndes Klopfen an ſeinem Fenſter⸗ chen vernahm. Er ließ die frühen Zudringlichen noch eine Weile klopfen und wälzte ſich dann zum Fenſter. Wie groß war ſein Erſtaunen, als er den„Schlingel“ von geſtern erkannte! Er machte eine Bewegung nach der Peitſche an der Wand. Aber das flehende Geſicht der Kinder gebot dem Thürhüter Einhalt und er öffnete das Fenſter. Auch waren die Geſchwiſter gut gekleidet und ſchienen anſtändiger Leute Kinder. „Sie erinnern ſich, daß geſtern eine Frau hier geweſen iſt“, begann Jean,„eine junge hübſche Frau“, fügte er erröthend hinzu,„Frau Jaccard. Sie kommt alle Tage— Sie erinnern ſich gewiß, mein Herr!“ 67 „Gewiß, mein Herr!“ wiederholte Louiſon. Der Pförtner war durch den flehenden Geſichts⸗ ausdruck der Kinder faſt weich geworden. Aber er zuckte die Achſeln. „Sie ſollten wiſſen, junger Mann, daß ein Por⸗ tier kein Gedächtniß hat für weibliche Beſuche, die ſein Herr empfängt. Ihr ſagt mir, daß eine hübſche, junge Frau hier geweſen iſt— möglich—“ „Sie war hier— iſt ſie wiedergekommen?“ „Möglich, ich weiß davon nichts.“ Jean Jaccard erhob flehend die gefalteten Hände. Louiſon folgte ſeinem Beiſpiel. „Die Frau, die wir ſuchen, iſt unſere Mutter! Wir fürchten, es iſt ihr ein Unglück zugeſtoßen, ſie kam zum erſten Mal heute Nacht nicht nach Hauſe.“ Der Portier prallte zurück. „Eure Mutter? Die Dame, die immer— hm, hm! Ich habe Niemand des Nachts eingelaſſen und Excellenz hat ihre eigenen Schlüſſel. Eure Mutter— hm! Arme Kinder! Ich will den Herrn Grafen fra⸗ gen.“ „Ach thun Sie das!“ Der Portier warf noch einen Zlick tiefen Be⸗ dauerns auf die Kinder und ging. Er kam bald wie⸗ 5* —— — 8 68 der. Sein Geſicht ſagte, daß er vom Grafen hart angelaſſen worden war. Er zuckte die Achſeln. „Der Herr Graf kennt weder Eure Mutter, noch eine Frau Jaccard, noch empfängt er überhaupt Frauen. Ich kenne ſie daher auch nicht, ich weiß nicht, ob Eure Mutter hier war, aber wenn Ihr einem alten Mann, der ſelber Kinder hat, Glauben ſchenken wollt, ſie be⸗ findet ſich nicht hier und war auch heute Nacht nicht da.“ Schweigend entfernten ſich die Geſchwiſter. „Arme Kinder!“ murmelte der alte Mann. Die Kinder gingen weiter— ſtundenlang. Wo eine weibliche Geſtalt aus einer Thür in den bereitſtehen⸗ den Wagen ſchlüpfte, glaubte Jean, es müſſe ſeine Mutter ſein, und ſtürzte darauf zu. Vergeblich. Nur fremde Larven mit in Unordnung gerathener Schminke und ſchlecht gekämmten Haaren ſchauten ihm entgegen. Es war ſchon acht Uhr Morgens, als die Kinder über die Place de la Concorde gingen. Obwohl das elegante Paris erſt um neun Uhr aufſteht, waren doch ſchon viel Leute auf den Straßen. Ein Haufen Men⸗ ſchen drängte ſich am Quai. Wenn in Paris an irgend einem Orte etwas Ungewöhnliches geſchieht, ſcheinen die Neugierigen aus dem Straßenpflaſter zu wachſen. Ein paar Boote bemühten ſich, einen Leich⸗ nam heraufzuſchaffen, der an einem Pfeiler der Seine⸗ 69 brücke hängen geblieben war. Das Waſſer ſtaute ſich an dem Pfeiler und überflutete manchmal die dunkle Geſtalt, daß ſie ganz unſichtbar war. Dann wieder ſah man einen weiblichen Oberkörper in dunkler Klei⸗ dung und lange ſchwarze Haare, welche das ganze Ge⸗ ſicht bedeckten. Die Männer in den Booten, welche es der Strö⸗ mung wegen nicht wagen durften, ihre Fahrzeuge ober⸗ halb der Pfeiler zu bringen, bemühten ſich, mit langen Haken den Körper loszumachen und an ſich zu ziehen. Lange wollte ihnen das nicht gelingen, endlich löſte 1 ſich die ſchwarze Geſtalt und zog die Stangen etwas nach ſich unter den Brückenbogen. Dann war es mög⸗ lich, ſie an eins der Boote zu bringen und hineinzu⸗ heben. Die Leiche war anſcheinend ſtarr und ſchwer, denn die Leute brauchten lange, um ſie ins Boot zu ſchaffen. Endlich lag ſie ausgeſtreckt auf dem Boden eines der Schiffe und die Kähne bewegten ſich ſchwer⸗ fällig gegen das Ufer. Die Kinder hatten mit ſtumpfer Neugier dem 8 Schauſpiel zugeſehen. Die am Ufer Stehenden theilten einander ihre Vermuthungen mit, ob die Frau durch Selbſtmord oder Verbrechen oder durch Unglück geendet habe. In letzter Zeit hatten ſich die Verbrechen an Frauen ſehr gemehrt. Einige vornehme Loretten waren 60 von anſcheinend ſehr eleganten Herrn während einer der jüngſtvergangenen Nächte ins Bois de Boulogne gelockt und dort ihrer ſämmtlichen Schmuckſachen be⸗ raubt worden. Auch in der Morgue waren die Leich⸗ name zweier Männer ausgeſtellt, die man aus der Seine gefiſcht hatte, den einen mit einer breiten Stichwunde auf der Bruſt, den andern mit eingeſchlagenem Schädel. „Sie ſahen entſetzlich aus, dieſe blauen, aufgeſchwoll⸗ nen Körper“, ſagte eine geputzte Dame und ſchüttelte ſich.„Mich bringt man nie mehr in meinem Leben in die Morgue.“ „Man kann auf nichts ſchwören, Gräfin!“ erwi⸗ derte mit heiſerem Lachen eine abgegriffene Geſtalt mit zerdrücktem Cylinder und Kleidern, die wohl ein Vier⸗ teljahr nicht gebürſtet waren, indem er die rothberän⸗ derten Augen ſpöttiſch auf die zweideutige weibliche Geſtalt heftete.„Sie können ja einmal aus unglück⸗ icher Liebe ſich ins Waſſer ſtürzen!“— Ein wieherndes Gelächter belohnte dieſen Spaß und ein Blouſenmann rief: „Ich gehe nur nach der Morgue, wenn ich einen Appetit verſpüre, der mit meiner Kaſſe nicht im Ein⸗ klang ſteht. Ich ſehe mir fünf Minuten die Ertrunke⸗ ꝛzen an und ich habe mein Dejeuner erſpart; eine Zebensregel, die Sie in einigen Jahren auch wer⸗ ,— 71 den brauchen können, Gräfin, wenn Chateau des Fleurs und Mabile nur noch ſchöne Erinnerungen für Sie ſind.“ „Aufgepaßt! Platz da für die naſſe Dame!“ hieß es jatzt und der Haufen drängte zurück, um den Ein⸗ gang der Quaitreppe frei zu machen. Bis jetzt hatten die Kinder dem Schauſpiel zuge⸗ ſehen, ohne daran zu denken, daß die Ertrunkene ihre Mutter ſein könne. „Sieh doch nur das braune Taffetkleid!“ ſagte Jean.„Ein ähnliches hat unſere Mutter an.“ Inzwiſchen hatten die Träger die Leiche abgeſetzt. „Ah, das war eine Dame von Welt! Sie hat eine prächtige, mit Diamanten beſetzte Uhr!“ rief der Blouſenmann und drängte ſich möglichſt nahe an die Leiche. Die Dame hatte ihre Uhr, alſo war ſie nicht er⸗ mordet worden, darüber war der Haufe einig. Sie war alſo entweder verunglückt oder hatte ſich ſelbſt getödtet. Die allgemeine Anſicht neigte ſich zu Erſte⸗ vem. Solange man eine brlllantenbeſetzte Uhr hat, bringt man ſich nicht um, argumentirte der Pöbel. Bei Nennung der diamantenbeſetzten Uhr zuckte Jean Jaccard zuſammen. Seine Mutter hatte auch eine ſolche Uhr, ein Weihnachtsgeſchenk des„Onkels“. — —— * 8 ——— 11— Aber Jean ſagte nichts. Er blieb regungslos ſtehen, bis die Leiche vorübergeführt wurde. Da ſtürzte Loui⸗ ſon mit einem lauten Schrei vorwärts und auf die Todte. Sie ſtrich ihr die langen naſſen Haare aus dem Geſicht und die Bänder des braunen Hutes, die daran klebten— ein bleiches, ſtarres Geſicht mit weit⸗ offenen Augen wurde ſichtbar. Jean blieb ſtehen und ſchluchzte, daß es ſeinen ganzen Körper erſchütterte. Frau Jaccard lag ſtarr und ſtumm vor ihrem ſech⸗ zehnjährigen Richter. Sie hatte es geſühnt, daß ſie ihre Kinder nicht darben ſehen konnte und mit dreißig Jahren Wittwe war. Entfernte Verwandte nahmen ſich der Kinder an. Louiſon fertigte Stickereien, Jean, der ſeinen Vater ſchon als Knabe vielſeitig unterſtützt, verdiente ſich Einiges, indem er Freunden und Berufsgenoſſen deſſelben bei Operationen chirurgiſche Handleiſtungen bot. So war er beim letzten Jahre ſeiner Studien angelangt, die ihm nur durch den rückſichtsloſen Geiz des Profeſſors Herbiot verkümmert wurden. Er und Louiſon bewohn⸗ ten ein paar Manſardenſtübchen in der Rue Jacobe. Jean, die elaſtiſchere Natur, hatte ſich, ſo aufrichtig ſein Schmerz und ſeine Reue waren, im Verhältniß zur Schwere des Unglücks, das ſie betroffen, und zur „Neigung für ſeine Mutter ſchnell erholt und arbeitete 73 mit Ernſt und Ausdauer an ſeiner Ausbildung. Auf Louiſon's Gemüth hatte der Tod ihrer Mutter einen düſtern Schatten geworfen, der ihrem ganzen Charak⸗ ter etwas Finſteres, Aſcetiſches gab, das nur ſelten einem Lichtſtrahl der Freude wich. Dabei war ſie un⸗ endlich gut und liebte ihren Bruder abgöttiſch, betrübte den leichtlebigen Studenten jedoch oft durch ihre Inte⸗ reſſeloſigkeit an Allem, was ihm Vergnügen machte, und ihre bittern Urtheile über Vieles, zu dem Jean mit Bewunderung emporſah.) Da kam— es war jetzt ein Jahr her— eine neue Umwälzung in das Familienleben der beiden Geſchwiſter. Louiſon war noch ſpät an einem kalten Septem⸗ berabend über die Jenabrücke gegangen und hatte dort ein kaum bekleidetes junges Mädchen angetroffen, das durch einen Stadtſergeanten unbarmherzig von den den halbrunden ſteinernen Bänken hinweggejagt wurde, welche an der Seite der Brücke angebracht ſind und auf denen das Mädchen, wie es ſchien, die Nacht hatte zubringen wollen. Nini Berton, denn dieſe war die Obdachloſe, weinte bitterlich und vor Froſt ſchlugen ihr die Zähne an einander. Louiſon ſprach mit ihr und erfuhr, daß ſie von ihrer Mutter plötzlich ver⸗ laſſen⸗ und von dem Hauswirth, nachdem er alle ihre Effecten behalten, auf die Straße geſetzt worden war. 74 Ihren Vater habe ſie nie gekannt, ihre Mutter aber nenne man Jeanne Berton. Solange ihre Mutter geſund geweſen ſei, hätten ſie immer genug zu leben gehabt, ſeit die Mutter aber krank geworden, ſei es immer mehr zurückgegangen; ihre Mutter habe ihr als einer unnützen Eſſerin öfter die Thür gewieſen und ſei endlich am Tage, als die Miethe zu zahlen war, verſchwunden. „Und warum haſt Du nichts gearbeitet, um Dei⸗ ner Mutter zu helfen?“ fragte Louiſon. Nini Berton ſah dem jungen Mädchen erſtaunt ins Geſicht. „Ich weiß nichts zu arbeiten.“ Louiſon nahm das hülfloſe Ding mit ſich nach Hauſe. Aus dem Entbehrlichen der beiden vorhandenen Betten wurde ein Lager auf dem Boden bereitet. Jean belobte ſeine Schweſter für ihr gutes Herz und Nini Berton blieb von einem Tag zum andern. Die Einkünfte der Geſchwiſter waren knapp und es war nur billig, daß Nini Berton arbeitete. Loui⸗ ſon unterrichtete ſie in einfachen Handarbeiten, mußte ſich aber bald überzeugen, daß Nini wenig Sinn für irgend eine Thätigkeit hatte. Sie hatte die Flucht der Mutter und den Abend auf der Brücke bereits voll⸗ ſtändig vergeſſen, ließ ſich von ihren Freunden Nah⸗ 75 rung und Wohnung geben, als ob das ſo ſein müßte, und dachte gar nicht daran, daß jene Mühe hatten, ſich ſelber durchzubringen. Louiſon gab Nini Berton zuerſt ſchonend, dann eindringlicher einige Andeutungen über ihre Lage und ihr gegenſeitiges Verhältniß. Nini hörte aufmerkſam zu und fragte dann, ob denn Louiſon und ihr Bruder niemals eine Landpartie machten. Sie gehe für ihr Leben gern aufs Land. Sie ſei einmal mit ihrer Mut⸗ ter in Asnières geweſen und da habe es ihr vortreff⸗ lich gefallen. Ob ſie nicht einmal nach Asniéres gehen wollten? Seufzend wendete ſich Louiſon ab von dem urtheils⸗ loſen, eigenſüchtigen Geſchöpf und fragte ihren Bruder, was ſie thun ſolle. Nini Berton war bereits über einen Monat im Hauſe. Louiſon erſtaunte über die heftige Ant⸗ wort, welche ſie zum erſten Mal in ihrem einträchtigen Zuſammenleben von ihrem Bruder erhielt. Jean Jac⸗ card nannte Nini Berton ein liebenswürdiges, uner⸗ fahrenes Kind, für das zu arbeiten und zu entbehren ihm ein wahrer Genuß ſei, in deren unbefangenem Da⸗ hinleben er einen neuen Reiz finde für ſein eigenes geplagtes Daſein. Er klagte die Schweſter der verwerf⸗ lichſten Eigenſucht an, die das hülfloſe Kind wie⸗ der ſchutzlos in die Welt hinausſtoßen wolle, weil es 76 nicht ſo viel Talent für die Handhabung von Stick⸗ rahmen und Nadel beſitze wie ſeine ernſte und fleißige Schweſter. Louiſon wußte ſelbſt noch nichts von dem, was man Liebe zwiſchen Jüngling und Mädchen heißt, aber mit dem Inſtinkt des Weibes ahnte ſie die wahre Lage. Sie kam daher auf den Gegenſtand nicht mehr zurück und behandelte Nini Berton wie bisher mit ruhiger, wohlwollender Rückſicht. Nini Berton, ſeit ſie weniger zu ungewohnter Arbeit angehalten wurde, entwickelte dafür eine kindliche Heiterkeit und Laune, welche ſelbſt auf Louiſon's ernſte Lippen dann und wann ein Lächeln zauberte. Eines Tages war Nini mit Jean Jaccard allein und plauderte mit ihm in der ihr eigenen bunten und unzuſammenhängenden Weiſe und zerbröckelte, ohne an die Armuth ihrer Freunde zu denken, rückſichtslos ein Brödchen, um einige Sperlinge zu füttern, welche ihre Freigebigkeit auf die Dachrinne vor der Manſarde ge⸗ lockt hatte. In drolligem Uebermuth ahmte ſie mit ihrem blon⸗ den Köpfchen die muntern Bewegungen ihrer kleinen Günſtlinge nach und lachte wie toll dabei. Da ſah ſie plötzlich Jean Jaccard's Augen weit offen mit ſelt⸗ ſamem Ausdruck auf ſich gerichtet. Sein Geſicht war 76 bleich und ſeine Unterlippe bebte, als ob er weinen wollte. Nini Berton ſah ihn mit offenem Mun de an. Da ſtürzte Jean Jaccard ihr zu Füßen mit einer Leid enſchaftlichkeit, daß die Sperlinge erſchreckt davon⸗ flatterten, und faßte ihre Hände und verbarg ſein Ge⸗ ſicht in ihrem Schooß, und dann erhob er es wieder und ſtammelte, daß er ſie ganz grenz enlos liebe und daß er nicht mehr leben wolle, wenn ſie ihn nicht wie⸗ der liebe. Nini Berton kam das ſeltſame Benehmen Jean Jaccard's eigentlich recht luſtig vor. Sie ſchlug ihn auf die Hände, lächelte ihm zu und nickte mit dem blon⸗ den Köpfchen, als ob ſie noch immer mit den Sperlingen ſpräche. Jean Jaccard ſprang jubelnd auf und bedeckte ihr Geſicht mit unzähligen Küſſen. Nini Berton ſträubte ſich nicht, ſie lachte und küßte ihn wieder. Es hatte ſie noch Niemand ſo lieb gehabt wie Jean Jaccard und ſie fand es ſehr angenehm, ſich ſo oft küſſen zu laſſen. Ob ſie Jean Jaccard liebe, anders denn als luſtigen Geſellſchafter und gütigen Freund, Nini Ber⸗ ton war es nicht eingefallen, dieſe Frage an ſich zu ſtellen. Als Louiſon nach Hauſe kam, ſah ſie ihren Bru⸗ der mit leuchtenden Augen und glückſeligem Antlitz ——————.— neben Nini auf der ſchlechtgepolſterten Bank ſitzen, welche die Stelle eines Sophas vertrat. Nini Berton lächelte der Freundin entgegen, wie ſie ungefähr gelä⸗ chelt haben würde, wenn ſie einen der Sperlinge vor dem Fenſter gefangen und bei ihrer Ankunft gezeigt hätte. Jean Jaccard legte den Arm um Nini's Nacken und ſagte:„Mein Weib!“ Louiſon erſchrak, ſie wußte nicht recht warum, dann ging ſie auf Nini Berton zu und küßte ſie. Von nun an waren die Rollen gewechſelt in Jean Jaccard's Manſarde. Alles drehte ſich von nun an um Nini Berton und ihre Wünſche. Louiſon fügte ſich mit bewunderungswürdigem Takt der neuen Ordnung der Dinge, nur manchmal, wenn Jean Jaccard und Nini Berton ausgegangen waren, weinte ſie. Das ge⸗ ſchah nicht aus verletzter Eitelkeit, daß ſie nicht mehr die erſte Stelle einnahm in dem Herzen des Bruders, ſie verſtand Jean recht wohl und konnte es begreifen, daß ſein leidenſchaftliches Gemüth nur Platz für ein Weſen hatte und daß er dies Weſen nicht liebte, ſon⸗ dern vergötterte. War ja früher ihre eigene jungfräu⸗ liche Seele manchmal beängſtigt zurückgewichen vor den wilden Ausbrüchen leidenſchaftlicher Zärtlichkeit, welche Jean an ſeine Schweſter verſchwendete, wenn irgend etwas ihn betrübt oder erfreut hatte. 79 Während Louiſon früher Jean's innigſte Vertraute geweſen, exiſtirte ſie im Anfang ſeines Verhältniſſes mit Nini Berton nicht mehr für ihren Bruder. Spä⸗ ter ſtellte ſich das alte Verhältniß zum Theil wieder her, aber aus Gründen, welche Louiſon faſt noch mehr betrübten als die vorherige Zurückſetzung. Nini Ber⸗ ton, ſo hübſch ſie war, ſo entzückend ſie ſcherzen konnte, ſo magnetiſch ſie Alles mitriß in Momenten über⸗ müthigen Taumels, ſie hatte keinen Blick, kein Ver⸗ ſtändniß für die Gefühle Anderer, und jener ſeeliſche Taſtſinn, mit dem zarter beſaitete Naturen ſo harmo⸗ niſch hineinklingen in das Leben Anderer, ging ihr ab. Sie war ein ſchönes, tolles, übermüthiges und herzloſes Kind. Sie verletzte Andere, nicht weil ſie verletzen wollte, ſondern wie ein Kind den Käfer ſpießt und ſich an ſeinem tollen Zappeln freut, weil ſie nicht wußte, was Andern wohl oder wehe that. Die meiſten Dinge verloren ſehr bald ihren Reiz für ſie— ſchon lange füt⸗ terte ſie die Sperlinge nicht mehr. Anfangs hatte ſie ſich unbändig darüber gefreut, wenn Jenn mit ihr * abends über die Boulevards ging und in einer Cre⸗ 6 merie ein paar Sous verzehrte. Bald war ihr das nicht mehr genug. Die glänzenden Reſtaurants weckten ihre Neugier, die ſchimmernden Luxusgegenſtände in den Magazins, die Toiletten der andern Frauen zeigten 80 ihr, wie arm ſie ſelber ſei, und mit größter Abſichts⸗ loſigkeit machte ſie gegen ihren Geliebten Bemerkungen und äußerte Wünſche, die ihm ins Herz ſcehnitten. Vergeblich ſuchte Jean ihr darzuthun, daß man auch ohne all den Tand, den die elegante Welt nöthig habe, recht glücklich ſein könne, wenn man ſich liebe, Nini Berton ſchaute ihm ſpöttiſch ins Geſicht, als habe er eine große Dummheit geſagt. Wie die Liebe ein ſeide⸗ nes Kleid oder ein Diamantencollier erſetzen könne, war ihr höchſt unklar, um ſo mehr, da ſie noch nie darüber nachgedacht, ob ſie Jean liebe oder nicht. Der Stu⸗ dent erfüllte, ſoweit er konnte, ihre Wünſche, küßte ſie, führte ſie ſpazieren, und das ließ ſie ſich ſehr gern ge⸗ fallen, aber ſie war ihm öfter faſt böſe, daß er nicht ſo viel ausgeben konnte wie die andern hübſchen und gutgekleideten Leute, die ihnen auf ihren Spaziergängen begegneten. Für ſeine Beſtrebungen, Hoffnungen und Sorgen, für die Mühen und Freuden ſeines Berufs fand Jean bei Nini Berton keinen Antheil, ernſtere Geſpräche langweilten ſie, und Jean's Erfolge freuten ſie nur, wenn er von ſeiner Begleitung befreundeter Aerzte einige blinkende Napoleons mit nach Hauſe brachte. Nini wußte, daß es jetzt für ein paar Tage wieder an ein Genießen und Einkaufen ging, als ob vierzig * 1 1 5 1 81 oder ſechzig Franken eine unerſchöpfliche Summe wären, 3 und Nini war heiter und liebenswürdig wie nie, und Jean Jaccard war glücklich, weil er ſie froh ſah— und im Momente des Glücks glaubt man ja immer an deſſen Dauer. Aber waren dann die frohen Tage um, und kehrte die Noth wieder ein in der Manſarde der Rue Jacobe, ſo kam auch Nini Berton's üble Laune wieder und ſie grübelte aufs neue über die einzige Frage nach, die ſie überhaupt beſchäftigte, warum Jean Jaccard nicht reich ſei. In ſolchen Momenten geſchah es dann, daß Jean Jaccard ſich ſeiner Schweſter wieder näherte, und ſie gab ihm Troſt und Antwort, als ob er ſie nie ver⸗ nachläſſigt hätte. Sie hütete ſich wohl, ein Urtheil über die Geliebte ihres Bruders abzugeben, und Jean Jaccard beklagte ſich über Nini Berton nicht, aber dennoch klang durch alle ſeine Worte die leiſe Ahnung, daß er trotz ſeiner Armuth unendlich glücklich ſein könnte, wenn Nini Berton anders wäre. Kamen dann wieder frohere Zeiten, ſcheuchte die heitere Sonne der Umgebung von Paris, das Gaslicht der Boulevards die einzige düſtere Frage aus Nini Berton's blondem Köpflein, ſo trat die Vertraute von Sorge und Unglück wieder zurück in ihr beſcheidenes v. Schlägel, Nach uns die Sündfluth. I. 6 Dunkel und Louiſon ließ ſich ſelten beſtimmen, durch ihre Theilnahme an Vergnügungen die Ausgaben ihres Bruders zu vermehren. Blos zum Rennen nach Longchamps war ſie mit⸗ gegangen, da ſie am andern Tag ihrem groben Haus⸗ wirth die Miethe zu zahlen hatten und da ſie hoffte, vielleicht durch ihre Begleitung den koſtſpieligen Launen Nini's ein Gegengewicht zu bieten. Louiſon liebte es nicht, ſich öffentlich zu zeigen, ſie kam von ſolchen Ver⸗ gnügungen immer noch verbitterter nach Hauſe, als ſie vorher geweſen, und während Nini Berton vor Ver⸗ gnügen ſaſt außer ſich kam, wenn man ſie betrachtete, erſchien Louiſon Jaccard jeder dreiſte Blick auf ihr Geſicht wie frecher Spott. Wir waren Zeuge, wie vergeblich Louiſon's leiſe Mahnungen geweſen waren, und jetzt befand ſie ſich wie durch Zauberei in einem ariſtokratiſchen Hotel, in Räumen, wie ſie dieſelben nie geſehen, und befand ſich einem jener eleganten Männer gegenüber, die ſie bisher durch ihre Sitten ſo ſehr empört hatten wenn ſie ihnen begegnete. Und dieſer Mann war ſo ganz anders als alle andern, und dennoch ſagte jede ſeiner Bewegungen, daß er zu ihnen gehörte bis zur kleinſten Faſer ſeines eleganten Renncoſtüms. Jedes galante Wort ſchien ihr eine Demüthigung, ſeine ritterliche Zuvorkommenheit ——— verletzte ſie, und dennoch folgte ihr Blick wie gebannt den einfachen, ungeſuchten Bewegungen und blieb träu⸗ meriſch an der ſchlanken Geſtalt haften, daß ſie erſchreckt über ſich ſelber jäh zuſammenfuhr. Baron Mondélion war ein Ariſtokrat durch und durch, das hörte man mit jedem Wort, ſah man an jeder Bewegung, einer von jener Raſſe, von welcher ihr Vater geſagt, daß ſie Millionen Mitmenſchen er⸗ barmungslos ſchlachten würde, wenn ihr Blut nöthig wäre, um ihre Kinder darin zu baden und ihnen da⸗ durch eine zartere Hautfarbe zu verſchaffen. Louiſon hatte unter der Sammtpfote der Galan⸗ terie die Krallen des Tigers gewahrt, ſie hatte den tyranniſchen Trotz auflodern ſehen, den dieſe anſchei⸗ nend ſo ruhige und klare Bruſt in ihren Tiefen barg. Da dachte ſie an den armen Portier, der ihret⸗ wegen ſeinen Dienſt verlieren ſollte. Jean theilte dem Baron die Betrübniß ſeiner Schweſter mit. „Wenn Sie ſich für ihn intereſſiren, bleibt er“ ſagte der Baron galant. Louiſon lächelte bitter. Die Wohlfahrt eines Men⸗ ſchen als Preis für eine flüchtige Galanterie! ————y—— Fünftes Kapitel. Die Einſiedlerin im Faubourg St.⸗Honoré. Herr von Mondélion hatte dem harrenden Diener leiſe ſeine Aufträge für den Abend gegeben und wandte ſich jetzt wieder an Jean Jaccard. „Ich bitte mich bei den Damen zu entſchuldigen, wenn ich hier und da von jeder Form Umgang nehmen und Sie zum Beiſpiel jetzt einige Sekunden allein laſſen muß, um meine Mutter von Ihrer Ankunft zu unter⸗ richten. Ich kann das unmöglich durch einen Diener beſorgen laſſen.“ Louiſon war ſehr unangenehm berührt und auch Nini Berton machte ein faſt beſtürztes Geſichtlein. Jean Jaccard gab den Empfindungen ſeiner An⸗ gehörigen Ausdruck. „Es iſt ſehr edel von Ihnen, Baron, daß Sie in⸗ folge der kleinen Dienſte, die wir Ihnen zu leiſten Gelegenheit hatten, ſo ganz zu vergeſſen ſcheinen, welche Kluft nach den hergebrachten Begriffen der Geſellſchaft zwiſchen uns liegt, und Sie werden einſehen, daß es für uns peinlich wäre, bei Ihrer Frau Mutter eine Ueberraſchung hervorzurufen.“ „Seien Sie unbeſorgt, meine Freunde“, ſagte Baron Mondélion und lächelte mit jenem Lächeln ſouveränen Wohlwollens, das alle Dämonen des Stol⸗ zes und des Widerſpruchs in Louiſon's Bruſt wach rief.„Seien Sie unbeſorgt; betrachten Sie mich als den Bürger Mondélion, dem die Familie Bonaparte neun Zehntel ſeines Einkommens geraubt, und meine Mutter als eine echte Pariſerin alten Schlages, welche ihre Vaterſtadt ſo ſehr liebt, daß ſie behauptet, der Name Pariſer ſchon ſei ein Adelsdiplom in Frankreich und der Welt. Freilich kennt ſie das jetzige Paris, wie es unter dem famoſen Kaiſerreich geworden iſt, nur vom Hörenſagen, denn ſie ſelbſt hat ſeit etwa achtzehn Jah⸗ ren den Fuß nur noch üher die Schwelle ihres Hotels geſetzt, wenn ſie Paris verließ; ſie zürnt ihren Pari⸗ ſern, wie man lieben Kindern zürnt, aber ſie hat noch immer Vertrauen zu ihnen und hält ſie nur für miß⸗ leitet, nicht für geſunken. Meine Mutter wird ſich freuen, von Ihnen zu erfahren, daß es auch unter der jüngern Generation Leute gibt, welche ſich durch das glänzende Abenteurerthum nicht blenden laſſen, ſondern ihrem Vaterlande treu geblieben ſind.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ der Ba⸗ ron das Zimmer. Eine erwartungsvolle Pauſe ent⸗ ſtand. Die Kinder des Quartier latin hatten voll⸗ ſtändig Muße, ſich den mäßig großen Salon zu be⸗ trachten, in dem ſie ſich befanden. Derſelbe war ſehr eigenthümlich ausgeſchmückt. Man ſah darin nur zwei Farben, grün und Gold Eine prächtig gearbeitete grüne Tapete, mit Goldblu⸗ men durchwirkt, deckte die Wände, die Möbel waren mit grünem Seidendamaſt überzogen und ihre Holz⸗ theile vergoldet. Grüne Vorhänge aus gleichem Stoff fielen faltenreich aus mächtigen Kronen, welche ſie zuſammenhielten, und ließen das Licht nur gedämpft und wohlthuend eindringen. Selbſt der Teppich, der den Boden bedeckte, war grün und mit goldenen Fäden durchzogen, worauf aber die Augen Jean Jaccard's am längſten ruhten, das war die vergoldete Statuette des Bürgerkönigs Louis Philipp. Daneben waren kleiner die Büſten der Prinzen des Hauſes Orleans angebracht. Jean Jaccard lächelte bitter. „Ihren Fetiſch müſſen ſie immer haben, dieſe Ari⸗ ſtokraten“, wandte er ſich an Louiſon, die ebenfalls mit Aufmerkſamkeit die goldenen Puppen betrachtete.„Und ſei es ſelbſt der Krämerkönig, der nicht einmal den Muth hatte, mit ſeiner Krone unterzugehen.“ „Sie hängen ihren ſelbſtgeſchaffenen Götzen an und erelären ſie für allmächtig und laſſen ſich von ihnen Brief und Siegel darauf geben, daß ſie mehr werth ſind als andere. Sie dienen, um zu herrſchen. So ſagte unſer Vater.“ „Unſer Vater!“ wiederholte Jean Jaccard ſinnend. „Er würde ſich wundern, wenn er uns hier ſehen könnte.“ Louiſon fuhr fort: „Kinder, würde er ſagen, geht ſchnell hinweg, und wenn Ihr draußen ſeid, ſo ſchüttelt Eure Kleider aus und räuspert Euch— es könnte ein Körnchen von dem goldenen Staub in Eure Kehle gerathen ſein und Euch das Herz vergiften; denn der Freund⸗ ſchaft der Ariſtokraten ſich erfreuen können nur Be⸗ diente, Komödianten—“ Louiſon ſtockte. „Und Kuppler!“ vollendete Jean Jaccard; dann ſah er aufmerkſam in das Geſicht ſeiner Schweſter.„Genau ſo hat er geſagt, als ich ihm erzählte, daß einer mei⸗ ner Mitſchüler, ein Vicomte, mich zu ſich eingeladen rll— ÿy, habe. Und er hatte Recht!“ fügte Jean Jaccard düſter hinzu. Er dachte an ſeine Mutter. Nach einer Weile hob er wieder das ſchwarze Lockenhaupt. „Und weshalb eigentlich ſind wir hier?“ „Weil wir ſchönen Worten nicht widerſtehen kön⸗ nen“, ſagte Louiſon in der Weiſe ihres Vaters,„weil wir ſchon zu viel von dem goldenen Staube verſchluckt haben und weil unſere Seele krank iſt. Wir rechnen es trotz alledem dieſen Leuten als Verdienſt an, wenn ſie ihre ſchlimmen Eigenſchaften nur einen Augenblick verbergen. Mir kommt es vor, als ob der Baron ſeiner hochadligen Mutter ein paar Bewohner des lateiniſchen Viertels vorſtellen will, wie man etwa ein paar Bewohner Neuſeelands herzeigt.“ Jean Jaccard nickte. „Du magſt Recht haben, Louiſon!“ ſagte er. „Es fiel mir ſchon auf, daß er aus einer an und für ſich ſo natürlichen und geringen Hülfeleiſtung wie die unſerige ſo viel Aufhebens machte. Es ſcheint ihn über⸗ raſcht zu haben, bei Leuten ſo niedern Standes den allergewöhnlichſten Edelmuth anzutreffen. Ich möchte es vorziehen, das Hotel noch vor der ange⸗ drohten Beaugen ſcheinigung durch ſämmtliche Fami⸗ lienmitglieder zu verlaſſen. Wenn Mondeélion ein 89 Mann von Herz iſt, wird er uns verſtehen, wenn nicht, ſo kann uns nichts daran liegen, was er von uns denkt.“ Jean Jaccard wandte ſich an Nini, welche ſich jedes Stück der Einrichtung genau betrachtet hatte und eben vor dem rieſigen Trumeau ſtand, der ihr die eigene zierliche Geſtalt getreu zurückſtrahlte. „Nini, wir wollen gehen!“ ſagte der Student. Nini war außer ſich vor Staunen. „Aber wir ſollen ja der Mutter des Barons vor⸗ geſtellt werden und hier diniren!“ rief ſie und blickte von der Seite in den prächtigen Spiegel. „Wir werden Beides nicht thun, Nini!“ ſagte Jean Jaccard mit einem Anflug von Beſtimmtheit. „Eine Auszeichnung für eine ganz natürliche Dienſt⸗ leiſtung verdienen wir nicht und als Gegenſtand für bloße Neugierde zu dienen, biſt hoffentlich auch Du zu ſtolz.“ Nini ſchüttelte verwundert das blonde Köpfchen. „Ich verſtehe Dich nicht, Jean; ich finde, daß der Baron ein ſehr liebenswürdiger Mann iſt, und ich möchte bleiben.“ „Du verſtehſt mich ſehr oft nicht, Nini“, ſagte Jean Jaccard bitter.„Weun Du meine Bitten ſo gering achteſt; ſo befehle ich Dir: komm!“ Louiſon's Augen leuchteten auf— zum erſten Mal hörte ſie ihren Bruder gegen die Geliebte alſo ſprechen. Ihr Herz jubelte. Er hatte alle Männlichkeit noch nicht verloren. Die Geſchwiſter wandten ſich zur Thür, durch die ſie gekommen. Nini folgte mit ihrem trotzigſten Ge⸗ ſichtlein. Da öffnete ſich dieſe Thür, und eine hochgewachſene, etwa ſechzigjährige Dame trat herein. Ihr Antlitz zeigte eine unverkennbare Aehnlichkeit mit dem Baron Mondelion, nur waren ihre in zwei einfachen Rollen an beiden Schläfen aufgewickelten Haare ſilberweiß und der Ausdruck von Strenge, den Louiſon nur ein⸗ mal flüchtig auf dem Geſichte Mondélion's beobachtet, bildete, ſo ſchien es, einen ändigen Zug im Geſichte ſeiner Mutter. Die alte Frau ließ ihre ſcharfen grauen Augen einen Augenblick auf Jean Jaccard ruhen, länger auf Louiſon. Auch Louiſon's Züge, ſchon gewöhnlich — unjugendlich ernſt, hatten in der ungewohnten Lage an Härte zugenommen und ſie ſtand der alten Frau gegenüber mit faſt ſtarrem Geſichtsausdruck und ihre dunkelleuchtenden tiefſchwarzen Augen begegneten feſt und ſtolz denen der Greiſin. Zögernd wandte die Baronin den Blick ab von dem ſchönen jungen Mäd⸗ — 91 chen mit dem düſtern Antlitz und ſchaute auf Nini. Nini Berton machte ihren ſchönſten Knix. Die alte Dame nickte leicht mit dem Kopf und wandte ſich an Louiſon, für die ſie ſich beſonders zu intereſſiren ſchien. 4 „Seien Sie mir willkommen! Sie haben meinem Sohne einen erheblichen Dienſt geleiſtet, ich danke Ihnen!“ Louiſon erwiderte die Begrüßung der Baronin höflich. „Ich kann Ihren Dank für mich nicht annehmen, Frau Baronin! Wenn Ihr Herr Sohn meinem Bruder Dank ſchuldig zu ſein glaubt für einen Dienſt, zu dem er als angehender Arzt und als Menſch gewiſſer⸗ maßen verpflichtet war, ſo kann ich es faſt nur einem Zufall zuſchreiben, daß auch wir, meine Freundin und ich, hierher gelangt ſind, da wir mit der ganzen — Angelegenheit ſo viel wie nichts zu thun hatten.“ Die harten Züge der Baronin milderten ſich. „Mein Sohn hat mir erzählt, Sie hätten bei dem Einrichten ſeines Arms thätigen Antheil genommen.“ Louiſon erröthete. „Ich habe meinen Bruder unterſtützt, weiter nichts!“ ſagte ſie faſt abweiſend. Nochmals ließ die alte Dame ihren Blick forſchend auf dem ernſten, klugen Geſichte des jungen Mädchens haften; ſie ſchien durch ihre Forſchung zufriedengeſtelt und ſagte gütig: „Mein Sohn hat Ihre Hülfeleiſtung auch nichts Anderem zugeſchrieben als Ihrer Menſchlichkeit und Ihrer Gefälligkeit gegen Ihren Bruder. Mein Sohn iſt nicht eitel, aber er iſt eine ſehr dankbare Natur und vergißt niemals auch nur den kleinſten Dienſt, den man ihm einmal geleiſtet hat. Für heute läßt er ſich bei den jungen Damen entſchuldigen, daß er nicht das Amt des Wirthes verwalten kann, wie es ihm eigentlich zukäme. Allein ſein Arm beginnt ihn wie⸗ der zu ſchmerzen und auch etwas Fieber hat ſich ein⸗ geſtellt. René hat mir daher ſeine Obliegenheiten als Wirth überlaſſen müſſen und bittet nur Herrn Jaccard, ſich für einige Minuten in ſein Zimmer zu begeben und die begonnene Behandlung fortzuſetzen.“ Jean Jaccard wurde etwas befangen. „Sehr gern“, ſagte er,„will ich dem Herrn Baron auch weiter zu Dienſten ſein, allein ich möchte Sie nochmals darauf aufmerkſam machen, Madame, daß ich nur Student der Medicin, nicht promovirter Arzt bin und daher Ihrem Hausarzt nicht vorgreifen möchte. Daß ich Ihrem Herrn Sohn zu Hülfe eilte, als ich ihn ſtürzen ſah, und das mir nothwendig Scheinende vornahm, war natürlich; weniger entſchuld⸗ 93 bar wäre es jedoch, wollte ich dem Herrn Baron aus jenem Zufall die Verpflichtung aufdrängen—“ Die alte Dame ſchien immer zufriedener zu werden bei jeder neuen Abweiſung, welche ſie erhielt. „Sie drängen ſich uns nicht auf, wir bitten Sie darum, Ihre Behandlung meines Sohnes fortzuſetzen. Zu einer Zeit, da von dem ſiegreichen Abenteurerthum die heiligſten Rechte nicht, mehr geſchont werden, müſſen Sie uns auch erlauben, weniger nach Ihrem Doctorexamen zu fragen als nach Ihrer uns be⸗ wieſenen Tüchtigkeit. Mit einem Hausarzt kommen Sie ſchon deshalb nicht in Conflict, weil wir bis jetzt keinem jener gravitätiſchen Herren den Zutritt in unſer Haus geſtattet haben, welche für ihre Spions⸗ dienſte in adligen Häuſern mit dem rothen Bande ge⸗ ſchmückt werden.“ Jean Jaccard lachte. Er dachte an Herbiot und empfahl ſich. Vor der Thür erwartete ihn ein Diener, der ihn in des Barons Zimmer brachte. Als Louiſon hörte, daß der Baron nicht wieder⸗ kommen werde, hellten ſich ihre Züge ſichtlich auf. Der Baronin entging das nicht und ebenſo wenig, daß ſich Nini Berton ſichtlich langweilte und mit Mühe ein Gähnen unterdrückte. „Nun erzählen Sie mir, wie es in Paris aus⸗ ſieht, in meinem lieben Paris, das ſo ſchön und groß iſt trotz ſeines Unglücks und ſeiner Sünden!“ Die Baronin führte bei dieſen Worten Louiſon zu einem Fauteuil, während ſie ſelbſt auf einem Sopha Platz nahm und mit einer leichten Handbe⸗ wegung Nini Berton einen Stuhl anwies. „Erzählen Sie mir von Paris!“ wiederholte die alte Dame mit der ganzen Liebenswürdigkeit einer Franzöſin. „Es iſt noch nicht lange, daß Sie wieder in Paris wohnen, Madame?“ fragte Louiſon ihrerſeits. „Ich begreife, daß Ihnen meine Bitte ſeltſam klingen muß“, ſagte die alte Dame.„Nun ja, ich wohne allerdings ſeit achtzehn Jahren wieder in Paris. Ich liebe Paris— ich glaube nicht, daß es einen Ort der Welt gibt, wo alle Bedingungen menſchlichen Glücks vereinigt ſind wie hier; ſelbſt mein Gatte, obwohl aus der Provinz gebürtig, fühlte den Zauber der herr⸗ lichen Stadt. Obwohl es faſt eine Ueberlieferung der Mondelions iſt, die Familie Orleans zu lieben und mit Theilnahme ihren Geſchicken zu folgen, ſo ver⸗ ziehen wir Paris ſelbſt die Julirevolution und blieben. Erſt das Verbrechen des zweiten December vertrieb uns. Die Bonoparte rächten ſich für unſere Flucht und die vieler anderer Familien, indem ſie neun Zehntel unſerer Güter unter nichtsſagenden Vorwänden con⸗ fiscirten, um dadurch unſere Macht zu ſchwächen. Mein Gemahl überlebte den Staatsſtreich nur wenige Jahre. Nach ſeinem Tode trieb mich eine unendliche Sehnſucht wieder hierher zurück. Mein Sohn war ſchon früh in eeine der beſten Militärſchulen des Auslands getreten, nichts hinderte mich alſo, meinen Wünſchen zu folgen. In tiefſter Verborgenheit— aus Furcht vor der bonapartiſtiſchen Angeberei wagte ich nicht einmal unſer Hotel hier zu bewohnen— lebte ich hier, bis mein Sohn aus der Fremde zurückkam. Die wenigen Jahre, die ich entfernt von meiner Vaterſtadt zubrachte, dachte ich mir Paris ſtumm, trauernd, und wie einen ſchweigenden Vulkan dem Tag der Rache entgegenglühend. Ich fand Paris fröhlich, ausgelaſſen wie immer, knieend vor demſelben Despoten, der es noch eben mit ſeiner Verbrecherfauſt niedergeworfen, jubelnd bei den Feſten, die er der gott⸗ und würde⸗ loſen Menge gab. Da trauerte ich und wollte gehen. Aber ich hatte dieſe Stadt zu lieb dazu— ich konnte ſie nicht verlaſſen. Ich fand einen Ausweg. Ich brauchte ja nicht in die Oeffentlichkeit zu gehen. Die berauſchende Luft dieſes millionenfältigen Lebens drang ja doch zu mir herein, ſeine Brandung ſchlug melodiſch an mein einſam Ohr, ohne daß ich die Orgien des 96 goldenen Pöbels mitzufeiern, in den ſchmuzigen Schaum der kryſtallenen Woge zu tauchen brauchte. So lebe ich nun ſeit achtzehn Jahren, eine Einſiedlerin in der großen Stadt, und wenn ich ausfuhr, ſo trug mich mein Wagen im raſcheſten Lauf vor die Stadt auf die nächſte Bahnſtation nach dem Süden, wo ich jähr⸗ lich einige Zeit bei meinem Sohn zubrachte. Auch als die Zeiten ruhiger wurden und mein Sohn hierher zog und das Hotel der Mondelions reſtaurirt wurde, hat das wenig an meiner Lebensweiſe geändert. Was einſt Entſchluß war, iſt jetzt Gewohnheit. Ich ſehe außer meinem Sohn und unſern Dienern ſe Niemand das zweite Kaiſerreich hat ja der Lockungen viele, mit denen es die edelſten Herzen vergiftet, jeder dritte Menſch iſt ein Spion. So habe ich mich nun ſeit Jahren ſelbſt zur Einſamkeit verurtheilt und daher wohl ein Recht zu fragen: Wie ſteht es in Paris?“ Louiſon hatte mit dem lebendigſten Intereſſe den Worten der alten Dame gelauſcht. Manchmal, wenn ein Wort beſonders lebendigsan ihre verwandte Seele ſchlug, beugte ſie ſich mit halboffenem Munde vor und ihre Augen leuchteten. Bei den letzten Worten der Greiſin war ſie in tiefes Nachdenken verſunken. Sie hob auch nicht den Kopf, als die Baronin ihre Frage wiederholte. und der Luſt verſchleudert, und doch iſt wieder Würd' 97 „Es iſt wohl wie immer“, ſagte ſie dann lang⸗ ſam und als zöge ihr eigenes Leben mit all ſeinen Kümmerniſſen und Demüthigungen an ihrem Geiſt vorüber.„Der Reiche verachtet den Armen, der mühe⸗ loſe Gewinn die ehrliche Arbeit, die Menſchen kümmern ſich nichts um das, was ſie ſind, ſondern nur um das, was ſie ſcheinen, und ſelbſt das höchſte Ziel der Armuth iſt es, mit Flitterkram, den ſie den Reichen nachgeäfft, die eigene Blöße künſtlich zu verbergen.“ Die alte Frau ſchüttelte den Kopf. 4„So war es nicht immer. Dieſe Herrſchaft der Täuſchung iſt erſt mit dem Reich des zweiten December über uns gekommen. Mir wenigſtens kommt es im Vergleich mit dieſer Zeit vor, als hätten wir früher nur eine große Familie gebildet, einen ſchlichten, traulichen Haushalt, wo einer den andern genau kannte und nach Verdienſt ſchätzte, wo jeder ſeine Pflicht kaunte und ſie bewußt vollführte, zufrieden mit dem, whes ihm dgs Schicfal, die Gefelſchaft oder das eigene Talent gab. Jetzt ſehe ich ein tolles Jagen nach Ge⸗ winn, deſſen man nicht froh wird, denn der Gewinn, in Fieberhaſt errungen, wird im Taumel der Ehrſucht und Amt nichts Anderes als der Weg zum Gold, und die Freude, die ſie darum erkaufen, verrathen ſie um v. Schlägel, Nach uns die Sündflut! I. 7 * 98 des Goldes willen. Begreife das, wer kann! Mir kommt es manchmal vor, als beſtände dieſe Stadt aus Legi⸗ onen Wahnſinniger, die mit bacchantiſchen Sprüngen in ein Meer taumeln und in den letzten Zuckungen noch die goldenen Becher feſthalten, aus denen ſie eben die berauſchenden Züge gethan. Nirgends mehr ein Halt, kein Gedanke, der die Taumelnden aufrichtet, kein leuchtender Himmelsfunke in dieſer troſtloſen Oede, in dieſem entſetzlichen Taumeln und Siechen. Wer will da rathen? Wer kann da helfen?“ Die Matrone ſchien vergeſſen zu haben, zu wem ſie ſprach; mit leuchtenden Augen ſaß ſie da, ihre Wangen glühten und die Hand hatte ſie beſchwörend ausgeſtreckt wie eine Sibylle. Nini Berton ſchaute ängſtlich auf das ſeltſame Bild und rückte unruhig auf ihrem Stuhle, Louiſon ſah träumend vor ſich nieder und ihre Lippen bewegten ſich, als ſpreche ſie lautlos:„Wer kann da helfen?“ „Die Freiheit!“. Es war Jean Jaccard, der leiſe eingetreten war und dieſe Antwort gegeben hatte. Die Matrone ſchien es kaum zu bemerken, daß ſie nun mit Jean Jaccard ſtatt ſeiner Schweſter ſprach. „Die Freiheit! Ein ſchönes, ſtolzes Wort! Seit die * 99 erſte Creatur die Feſſeln der Materie ſprengte, ſeit die Pflanze emporwuchs zum Himmel, das Thier ſich los⸗ löſte zum ganzen Leben, zur Bewegung, und der Menſch ahnungsvoll in die dunklen Tiefen der eigenen Bruſt ſchaute, wie ein ewiger Seufzer durchzitterte Himmel und Erde das Wort Freiheit! Aber was ſoll uns dieſes Himmelswort hier, wo die Gewalt durch die Täuſchung herrſcht, wo Keiner frei ſein, ſondern Jeder über dem Andern ſtehen will, wo die Geſellſchaft aus⸗ einanderdrängte, wie die Fugen eines auf den Felſen gerathenen Schiffes, wenn nicht ein größerer Eigennutz, ein gewaltigeres Laſter als die Laſter aller die mor⸗ ſchen Balken zuſammenhielte. Was ſoll uns da die Freiheit? Es iſt die Freiheit, den Schwächern in die Tiefe zu treten, um ſich zu retten, es ſind die wildeſten Triebe der Thiernatur im Menſchen entfeſſelt, es iſt die Freiheit der Gewalt, des Verbrechens. Freiheit iſt ein hohles Wort in einer Geſellſchaft, wo Jeder ſich beſſer dünkt als der Andere.“ Die adlige Matrone heftete ihre Augen auf den Studenten, als erwarte ſie eine Antwort. „Die Freiheit iſt undenkbar ohne die Gleichheit“, ſagte Jean Jaccard. Die alte Dame nickte ein paarmal lebhaft mit dem Kopf 2 100 „Ja, ja ich kenne es, dieſes Wort, ich hörte es in den Julitagen aus Hunderttauſenden von heiſern Kehlen, und als die Volkshaufen in unſer Hotel drangen und unſere Möbel zerſchlugen und unſer Leben be⸗ drohten, da ſchrieen ſie es auch: Nieder mit den Ariſto⸗ kraten! Freiheit und Gleichheit! Und als ſie Hand an das Bild meines Vaters legten, der einſt Maire von Paris geweſen, und es herabſtürzen wollten, da trat ich vor ſie hin und ſagte: Gleichheit? Wenn wir ein⸗ ander gleich ſein ſollen, müſſen wir uns gegenſeitig achten, ich aber werde Euch verachten in Ewigkeit, wenn Ihr das Bild meines ehrwürdigen Vaters be⸗ ſudelt! Ich weiß nicht, ob ſie mich verſtanden, aber ſie zogen ſich zurück. Die Gleichheit iſt gegenſeitige Achtung, iſt Harmonie, von einer Geſellſchaft aber, der vor ſich ſelber ekelt, können Sie nicht verlangen, daß einer den Andern achten ſoll.“ „Auf den Fahnen der Revolution werden Sie mmer noch ein drittes Wort geleſen haben, welches gleichbedeutend iſt mit dem, was Sie Harmonie oder gegenſeitige Achtung nennen: Freiheit, Gleichheit, Brü⸗ derlichkeit, die gemeinſamen Rechte aller!“ „Jawohl“, rief die Baronin,„eine Brüderlichkeit, die der Welt eingeimpft wird mit Pulver und Blei, eine Gleichheit, die keinen andern Maßſtab hat als —ͤ——— —— — 101 Rohheit und Entbehrung. Die Rechte aller— und ſind die mildern Sitten, die beſſern Gewohnheiten, zu denen ſich unſere Familien von Geſchlecht zu Geſchlecht fortgebildet haben, ſind das nicht auch meine Rechte? Ebenſo viel werth als der brutale Hunger? Ich habe nicht mehr die glühenden Leidenſchaften der Jugend, mein Blut iſt abgekühlt durch Leid und Erfahrung, aber dennoch würde ich zu Grunde gehen, wenn man mir die geiſtige Nahrung entzöge, die mich friſch er⸗ hält, und ich ſoll mir allein vom Hunger die Norm dictiren laſſen, unter der ich leben darf? Nie und nimmer! Ich bin ein Weib, aber wenn dieſe Alles aus⸗ gleichende Sündflut wiederkehren ſollte, ich werde kämpfen und mein Sohn auch, ich weiß es. Ich will Ihnen nun meinen Spruch ſagen, Herr Jaccard: Freiheit, zu erwerben und zu beſitzen, Gleichheit aller ehrlichen Leute, Brüderlichkeit unter denen, die ſich nicht von Natur aus zurückſtoßen, wie Vogel und Reptil, wie niedrig und erhaben.“ Der Student ſah mit ſeinen großen träumenden Augen auf das erregte Geſicht der alten Dame, ſein Blick war traurig, als wollte er ſagen:„Euch und Euresgleichen iſt nicht mehr zu helfen.“ Ein Lakai in grüner goldverzierter Livree trat geräuſchlos ein und meldete, daß ſervirt ſei. 102 Die Baronin nahm den Arm Jean Jaccard's und die jungen Damen folgten. Die Dämmerung war inzwiſchen angebrochen und im Speiſezimmer brannten bereits die Lichter. Nini Berton prallte zurück vor all dem Glanze, den ſie ſah. Sie glaubte ſich faſt in ein Märchen⸗ land verſetzt, ſo wunderbar glitzerten die kryſtallenen Tafelaufſätze und ſilbernen Geſchirre, und das Linnen ſah aus, als wäre es von Seide. Auch das Speiſe⸗ zimmer war nach der Lieblingsfarbe der Mondélions grün, nur viel heller als der Empfangsſalon gehalten; die Möbel waren hier ſämmtlich aus Poliſanderholz gearbeitet. Mit einer Munterkeit, welche man ihrem Alter nicht hätte zutrauen ſollen, machte Frau von Mondélion die Honneurs. Jean Jaccard konnte nicht umhin zu bemerken, wie ſich Louiſon mit ruhigem Takte benahm, während Nini Berton durch Mißgriffe aller Art, durch unzeitiges Kichern und ihre immer zunehmende Ver⸗ legenheit ihm einmal übers andere das Blut in die Wangen jagte. Und doch verachtete er die bevorzugten Sitten der ſogenannten höhern Geſellſchaft von Grund ſeiner Seele! Die Baronin erhob ihr Keuſialglas und ſtreckte es ihrem Gaſt entgegen. 103 „Auf die Geneſung meines Sohnes und die Gleich⸗ heit aller guten Menſchen!“ Jean Jaccard leerte ſein Glas. „Möge der Herr Baron ſeinem Vaterlande in dem Grade nützen, als er es liebt!“ „Das gebe Gott!“ ſagte die Baronin.„Und meinen zweiten Toaſt erwidern Sie nicht, Herr Jaccard?“ „Nein, denn wir ſollen uns kein Richteramt an⸗ maßen über gut und bös. Ich beanſpruche die Gleich⸗ heit auch für diejenigen, die man gemeiniglich böſe nennt, denn ihr Daſein iſt ihre Berechtigung und ihre Neigungen wurzeln ebenſo unausrottbar in der menſch⸗ lichen Natur wie die unſern.“ Die Baronin wurde ernſt. „Aber eben darum gibt es keinen Frieden zwiſchen uns. Wir ſehen die Menſchheit in zwei Lager getheilt, in ſolche, die ſich immer höher emporarbeiten zu einem würdigern, freiern Daſein, und in ſolche, welche immer tiefer zurückſinken in die Materie. Mit einem Schlage wollen dieſe nun erobern, was ſie infolge ganz na⸗ türlicher Vorgänge und Geſetze nie beſeſſen haben, und jene ganze über ihnen thronende Welt herunterreißen zu ſich. Die Strömungen ſind da, der Zuſammenſtoß iſt unvermeidlich, weh aber denen, welche unterliegen!“ 104 „Sie ſterben Zfür die Menſchheit, Madame!“ ſagte Jean Jaccard freudig ernſt.„Auch wir Söhne des Volks haben unſere Ueberlieferungen, und trotzdem wir wiſſen, daß wir in allen Revolutionen dieſes Jahr⸗ hunderts nichts Anderes ſein können als der blutige Gährungsſtoff für die Erinnerung künftiger Geſchlechter, wir werfen uns mit einem Jubelruf hinein in das große Reinigungsfeuer der Menſchheit und mit dem Bewußtſein, daß unſere Sache einmal ſiegen mnße i weil ſie die Sache der Menſchheit iſt.“ Ihre Pflichten als Wirthin gaben der Baronin die erwünſchte Gelegenheit, das Thema fallen zu laſſen. Als ſie wieder ſprach, erkundigte ſie ſich liebreich nach den Privatverhältniſſen der Geſchwiſter. Einfach gab Louiſon Antwort und das Geſpräch ſetzte ſich in un⸗ befangenſter Weiſe fort, bis Louiſon zum Aufbruch mahnte. „Und in welchem verwandtſchaftlichen Verhält⸗ niß ſteht dieſe junge Dame zu Ihnen?“ fragte die Ba⸗ ronin, zu Louiſon gewendet, indem ſie auf Nini deutete. Louiſon erröthete und ſchwieg. Jean Jaccard ſah der Baronin feſt ins Geſicht. „Dieſes junge Mädchen iſt meine Frau!“ „Ihre Frau? So jung— und Sie Student?“ rief die Baronin. 105 Jean Jaccard zuckte die Achſeln. „Das Programm der neuen Zeit kennt auch keine geſchlechtliche Tyrannei, wie es die Ehe iſt.“ Ernſt und gemeſſen begleitete die Baronin ihre Gäſte zur Thür. 3 ——— 4— — ſſſſſſſſ Sechstes Kapitel. . Pdre Androlet. Jean Jaccard war am andern Morgen mit jenem wirren Gefühl in Kopf und Herzen erwacht, welches man nach einem ereignißvollen Tage gewöhnlich hat. Während Louiſon im Hinterzimmer mit der Ausbeſſerung einiger Kleidungsſtücke beſchäftigt war und Nini Berton ſchlief, ſuchte Jean Jaccard in dem äußern Zimmer zu ſtudi⸗ 4 ren. Wenigſtens lag ein großes Buch aufgeſchlagen 6 vor ihm, worin verſchiedene Verbandmethoden abge⸗ bildet und mit einem erläuternden Text verſehen waren. Jean Jaccard war ſehr bleich und ſehr unruhig und hatte heute offenbar keinen Kopf für ſein Studium. Oefter fuhr er ſich mit der Hand über die heiße Stirn— er hatte heute Nacht zum erſten Mal ernſtlich darüber ————— ſamkeit neigend, den Gegenſatz von Nini Berton's nachgedacht, ob Nini Berton die faſt willenloſe Hin⸗ gebung auch verdiene, die er ihr bewies. Er hatte ſich gequält, indem er ſich alle Züge von Herzloſigkeit ins Gedächtniß rief, welche Nini Berton ſich gegen ihn hatte zu Schulden kommen laſſen, und hatte ſich end⸗ lich geſagt, daß jede Art ſo, wie ſie ſei, auch gut ſei, und daß es wohl eine innere Verwandtſchaft ihrer beiden Naturen ſein müſſe, welche ſie trotz aller äußern Ver⸗ ſchiedenheit ſo ſehr an einander feſſele. Auch hatte ja Nini Berton noch gar keine Gelegenheit gehabt, zu be⸗ weiſen, ob ſie eine edle, aufopfernde Natur ſei, denn große Ereigniſſe waren noch nicht an ſie herangetreten, und wenn ſie keine zimperliche Empfindung für das Detail des Lebens beſaß, ſo bewies ſie nur, daß ſie nicht ſentimental war wie Louiſon. Wie Louiſon! War denn Louiſon ſentimental? Bis jetzt war Jean Jaccard mit ihrer Art doch recht zufrieden geweſen! Aber ſie war auch ſeine Schweſter, nicht ſeine Geliebte; wäre ſie Letzteres geweſen, wer weiß, ob er ein Gemüth, in dem jeder Lufthauch des Lebens einen gewaltig grollenden Sturm erregte, ob er dieſe ſtete Centnerlaſt der Empfindung hätte ertragen können. Jean Jaccard kam zu dem Schluß, daß ſeine eigene Natur, gleich jener der Schweſter allzuſehr zur Empfind⸗ 108 ſpröderem Weſen brauche,„um nicht in lauter Rühr⸗ ſeligkeit zu verſimpeln“. Als Jean Jaccard dieſe Entdeckung gemacht, leuchtete ſein ganzes Angeſicht. Obwohl es ſchon neun Uhr war, hatte die Frühlingsſonne doch eben erſt die Dunſtmaſſen durchbrochen, welche über der gewaltigen Stadt lagerten. Sie machte einen grämlichen Verſuch, einige rauchgeſchwärzte Kamine auf einem dem Fenſter des Studenten gegenüberliegenden Dach zu vergolden, und ſpiegelte ſich dann mit um ſo größerem Wohlge⸗ fallen in den blank geputzten Fenſterſcheiben der Manſarde Mit voller Klarheit fiel ſie auf das medi⸗ ciniſche Werk und das Geſicht Jean Jaccard's und auf das ſonderbare Mittelding zwiſchen Sopha und Bett, welches dem Fenſter gegenüber ſtand und Loui⸗ ſon des Nachts als Lager, am Tage Nini Berton als Ehrenſitz bei den Mahlzeiten diente. Jean Jaccard lächelte wieder. Dieſe Fenſterſcheiben hatte Nini Berton ſo ſpiegelblank geputzt, jenen Kattun⸗ vorhang über dem Schlafſopha hatte ſie angebracht. „Ja“, ſagte ſich Jean Jaccard und ſchaute ſtrahlen⸗ den Blicks auf die ſonnenbeglänzten Dächer der Nach⸗ barhäuſer,„ſie hat ungleich mehr Schönheitsgefühl und Sinn für häusliche Behaglichkeit als meine träumeriſche Schweſter; ich habe Recht, ſie zu lieben.“ — —— 109 Die Sonne beleuchtete immer mehr von dem Kattunvorhang des Schlafſophas, dann einen wackligen Stuhl und eine baufällige Kommode, dann hatte ſie den Spiegel gefunden, der an der Wand hing, und trieb ihr neckiſches Spiel mit ihm. Ein Sonnenflecken, den der Spiegel zurückwarf, legte ſich ſpöttiſch auf Jean Jaccard's ſchwarzes Haupthaar, als wollte er Klarheit bringen in dieſen träumeriſchen Kopf, und Jean Jaccard war es, als ſagte ihm Jemand leiſe ins Ohr:„Ja⸗ wohl haſt Du Recht, ſie zu lieben, aber nicht wegen des nothwendigen Gegenſatzes ihrer ſpröden Natur zu Deiner weichen und aller andern Gründe, die Du herausgeklügelt, nicht wegen ihrer häuslichen Eigen⸗ ſchaften, denn reinlich iſt auch jedes Kätzlein, ſondern Du haſt Recht, ſie zu lieben, weil ſie hübſch iſt. Die ſchöne, heitere Form wird ja immer den Sieg davontragen über die tiefſinnigſten Probleme von Hirn und Herzen.“ Jean Jaccard fuhr auf. Ein ſchwerer Tritt ließ ſich auf der Treppe vernehmen. Das war ohne Zweifel Pore Androlet, der verruchte Hauswirth, der wucheriſche Krämer, der kam, um den Miethzins einzufordern, der geſtern zum großen Theil in die Taſche des Droſchken⸗ führers und in die Kaſſe des Jockeyclubs gewandert war. Pere Androlet! In dieſem Namen vereinigte ſich für Jean Jaccard Alles, was es auf Erden Demüthi⸗ gendes gab. Dank den vortrefflichen Eigenſchaften Nini Berton's, die er ſich ſo eben vordemonſtrirt, war er dem Poère Androlet immer ſchuldig, mochte er auch noch ſo gewaltige Anſtrengungen machen, ſich aus ſeiner Sklaverei zu befreien. Père Androlet maß ihn dafür ſtets mit den unverſchämteſten Blicken und wartete vor ſeinem Laden mit Baſiliskenaugen auf eine Be⸗ grüßung, ſo oft der Student nach Hauſe kam oder ausging. Jean Jaccard war ſtolz; wegen dieſer ſtolzen, unabhängigen Gemüthsart war er von ſeinen Kame⸗ raden der Löwe des lateiniſchen Viertels getauft worden. Und der Löwe beugte ſich, ſo oft er kam und ging, demüthig vor Pere Androlet, dem brutalen Krämer. Eigenthum war Diebſtahl, Kapital Verbrechen, und mit entblößtem Haupte und ſtotternder Stimme bat Jean Jaccard den tyranniſchen Hauswirth, ihm einen Theil der vor wenigen Tagen bezahlten Miethe wieder zu leihen, wenn Nini Berton ſchmollte, weil er ſie nicht nach dem Prado führen konnte. Dann ſchob Pore Androlet den gewaltigen Leib hinter dem Ladentiſch zurecht, gab dem Studenten einige gute Lehren, er ſolle lieber in einem guten Geſchäft Ausgeher werden, wenn er mit der Medicin nicht genug verdiene, das ſei ein ehrliches Geſchäft und nähre ſeinen Mann. Er ſelber ſei auch einmal Ausgeher geweſen und habe 111 ſich ſo viel verdient, um endlich einen eigenen Laden aufzumachen und ein einflußreicher Mann in ſeinem Viertel zu werden. Er kenne viele ehemalige Studenten, die es mit der Zeit zu ganz paſſablen Gewürzkrämern gebracht hätten, freilich nicht jeder ſo weit wie er, Pore Androlet, aber man könne auch leben, wenn man weniger reich und angeſehen ſei als Monſieur Xavier Androlet in der Rue Jacobe Nummer dreißig.„Aber vor allem“, ſchloß Pore Androlet jedesmal ſeine Vorle⸗ ſung,„ſchaffen Sie ſich die Perſon vom Hals— Sie wiſſen ſchon, wen ich meine. Gegen Ihre Schweſter habe ich nichts, aber daß einer, der blos ſtudirt und nichts verdient, auch noch Jemand anders ernährt, will mir nicht in den Sinn. Ich bin vierzig Jahre alt geworden und habe keine Frau nöthig gehabt.“ Das war immer die härteſte Stelle in der Rede des Vater Androlet, die ſich ſonſt in der Hauptſache gleich blieb. Die Stundung des Rückſtandes oder das Darlehn wurde dann als Lohn für das geduldige Anhören ſei⸗ ner Beredtſamkeit von Pore Androlet in der Regel gewährt. In den letzten Monaten jedoch war die Vergnügungsſucht Nini's in einer Weiſe geſtiegen, daß Pere Androlet gar nichts mehr erhielt. Dazu kam die aufgeregte Zeit, deren Strömung Jean Jaccard und ſeine Schweſter ſich voll und ganz überließen, und Pore 112 Androlet mußte es zuletzt noch mit anſehen, wie der Student, den er wie einen halben Leibeigenen betrachtet hatte, ſtolz erhobenen Hauptes und verächtlichen Blicks an ſeinem Laden vorüberging. Nini Berton, welcher die ungünſtige Meinung des Krämers über ihre eigene Perſon nicht unbekannt ge⸗ blieben war, gab ihrer Ungnade manchmal noch deut⸗ lichern Ausdruck, indem ſie dem Hausherrn ſo im Vor⸗ übergehen eine allerliebſte Grimaſſe ſchnitt, wodurch das ohnehin ſchon ziemlich farbige Geſicht des dicken Krä⸗ mers vor Wuth ein ganz ſchlagflüſſiges Ausſehen erhielt. Schon zu ganz gewöhnlichen Zeiten kann ein Verhältniß wie das zwiſchen Jean Jaccard und Pere Androlet unmöglich ein freundſchaftliches genannt werden. Vorzüglich der Student konnte ſelbſt früher dem Krämer die Demüthigungen nie vergeſſen, die er ihn hatte anhören laſſen. Unter dem Einfluß der politiſchen Phraſe, mit der ſich damals die Jugend Frankreichs wieder zu berauſchen begann, arteten die Gefühle Jean Jaccard's gegen ſeinen Hausherrn ge⸗ radezu in Haß aus, er ſah in dem dicken Krämer die ſcheußlichſte Verkörperung des habſüchtigen Spießbürger⸗ thums, während Pere Androlet im Grunde nicht ſchlechter, im Gegentheil beſſer war als die meiſten ſeiner Standesgenoſſen und vorzüglich gegen Jean — Jaccard ſich nicht habgieriger gezeigt hatte als andere Hauseigenthümer, welche die ſchlechte Gewohnheit be⸗ ſitzen, Miethe zu verlangen. Pere Androlet, ſeit es auf der Treppe zwiſchen ihm und dem Studenten zu einem heftigen Rencontre gekommen war, litt ſichtbar unter dieſem Verhältniß und man kann mit Recht fragen, warum er ſeine Miether nicht einfach aus dem Hauſe warf. Um dies zu erklären, müſſen wir einen Blick in die geheimſten Tiefen eines Krämerherzens werfen. Pore Androlet, der ſich mit Stolz rühmte, daß er bis zu ſeinem gegen⸗ wärtigen vierzigſten Jahre die Weiber habe entbehren können, ertrug die mordbrenneriſchen Ausfälle des Studenten gegen das Kapital im Allgemeinen und ſeine Inſolenzen gegen ſeinen Gläubiger im Beſondern, Pore Androlet ſchloß die Augen bei den herausfordernd⸗ ſten Grimaſſen Nini's um Louiſon's Willen.. Ja, Herr Androlet, der Hageſtolze, welcher vierzig Jahre lang die Weiber verabſcheut hatte und ebenſo ſtolz darauf war wie auf ſeinen Kram und ſein An⸗ ſehen unter ſeinen Nachbarn, Pore Androlet, der, um ſich zu beweiben, hätte wählen können unter den Krämers⸗ töchtern und Wittwen zehn Straßen in der Runde, dachte an nichts weiter mehr als die ernſte Schweſter des windigen Studenten. Pere Androlet hatte genug v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. I. 8 Selbſterkenntniß und Charakter, um ſich wegen dieſer Schwäche vor ſich ſelber zu ſchämen, in der Cremerie, wo er des Abends verkehrte, noch viel wüthender als bisher auf das ganze weibliche Geſchlecht loszuziehen— was half's! Wenn Louiſon mit ihren ruhigen, etwas langen und männlichen Schritten gleich ihrem Bruder, ohne von ihm Notiz zu nehmen, an ſeinem Laden vor⸗ überſchritt, den ärmlichen Shawl feſt um die ſchönge⸗ bauten Schultern gezogen und ernſt vor ſich hinſchauend, da konnte es Herrn Xavier Androlet wohl manchmal paſſiren, daß er ſeinen Kunden Pfeffer ſtatt Schnupf⸗ tabak verabreichte und auf einen Fünf⸗Livrethaler ſechs Franken herausgab. Und des Nachts, nachdem er in der Cremerie recht weidlich über die Weiber losgezogen, führte ihm ein neckiſcher Traum Louiſon Jaccard wieder vor die ſchlafbefangenen Sinne, angethan mit einer blauen, an einem Ende aufgeſchlagenen Schürze, ähnlich wie ſie Androlet ſelber trug, nur kleiner und zierlicher, und die Schweſter des Studenten gab mit ihrem ernſten Geſicht den Kunden Schnupftabak und Lorbeerblätter und hielt mit ihrem Blick die Gaſſen⸗ jungen in Schranken, welche ſich an den Obſtkörben herumdrückten, und ein kleiner dicker Kerl, der dem Pore Androlet ſprechend ähnlich ſah und eine ganz ähn⸗ liche Schürze hatte wie Papa und Mama, ritt auf 115 ſeinem Knie. Wenn Pore Androlet dann erwachte, weil die Sonne ihm auf die dicke Naſenſpitze fiel und die erſten Kunden an der Thür polterten, war ihm, als habe er ſehr ſchlecht geſchlafen und als ſei die Unver⸗ ſchämtheit des Studenten ſchließlich nicht mehr zum Aushalten. Da eben geht er vorbei, die Mütze keck auf dem Ohr, die Hände in den Taſchen der weiten Hoſen, als wären ſie voller Thaler. Père Androlet kommt es vor, als ſchaue er ſpöttiſch in den Laden herein— die Cigarre im Mund, die Cigarre! Herr Androlet hebt ſchnüffelnd ſeine Naſe empor— die Cigarre war nicht einmal ſchlecht. Père Androlet läßt die Geldſchublade offen ſtehen vor den gierigen Augen einer ganz ver⸗ dächtigen alten Hexe und ſtürzt hinaus und pflanzt ſeinen blaurothen Kopf vor dem Studenten auf. „Man raucht Cigarren zu fünf Sou das Stück und bezahlt ſeine Miethe nicht? Wann bekomme ich mein Geld? 3 Jean Jaccard hatte die Cigarre von einem der Aerzte erhalten, bei denen er beſchäftigt war. Ueber⸗ dies war er guter Laune, denn Nini Berton hatte ihn beim Abſchied geküßt und ihm geſagt:„Komm bald wieder!“ Er blies alſo den Rauch der prächtigen Cigarre dem liebestollen Poère Androlet ins Geſicht und ſagte: 116 „Wann Du bezahlt wirſt, guter Vater? Am Tage der großen Abrechnung, wenn die Zahltiſche von 1789 wieder aufgerichtet werden an der Place de la Concorde.“ Der Student beſchrieb mit dem nicht brennenden Ende ſeiner Cigarre einen Halbcirkel in der Höhe des Kehlkopfs, daß Herr Androlet entſetzt zurückprallte. Doch er faßte ſich ſogleich wieder. Der Student wollte fort, Androlet hielt ihn am Rockſchooß. „Und ich ſage Ihm, wenn ich bis zum erſten meine Miethe nicht habe, Er Mordbrenner, ſo werfe ich ihn aus dem Hauſe, und dann kann er meinet⸗ wegen auf der Place de la Concorde warten, bis er mir die Kehle abſchneiden darf!“ Lachend ging Jean Jaccard ſeines Wegs, aber er fühlte, daß Poère Androlet diesmal Ernſt machen würde. Und da er ſelber einige gelinde Zweifel hegte, ob der Tag der großen Abrechnung ſchon ſo nahe ſei und vor der Hand der Code Napoléon einer ver⸗ brecheriſchen Minorität noch ganz fluchwürdige Rechte einräumte, ſo machte er verdoppelte Anſtrengungen, die nöthige Summe zuſammenzubringen. Wir haben geſehen, wie dieſelbe vom Wettrennen in Longchamps an einem Nachmittag verſchlungen ward⸗ Louiſon mußte unſäglich gelitten haben an jenem Tage, denn mit dem ſcharfen Inſtinkte, der ihr in — ſolchen Fällen eigen, hatte ſie Père Androlet's Blicke bemerkt und ahnte etwas von dem, was in dem ſchwammigen Buſen des dicken Krämers vorging; ihr Stolz bäumte ſich empor bei dem Gedanken, die Ur⸗ ſache zu ſein, daß der brutale Menſch nicht gegen ſie vorgehe, und dennoch wieder ſcheute ſie ſich davor, ihrem Bruder nur mit einer Silbe mitzutheilen, was ſie be⸗ obachtet. Pore Androlet ſchien entſchloſſen. Sie ſollten aus dem Hauſe, alle, auch Louiſon, er wollte ſie nicht mehr ſehen; dann wurde Alles wieder gut. Es iſt dies einer der unentwirrbarſten Widerſprüche des menſchlichen Herzens: in dem Moment, da er faſt toll war vor Liebe zu ihr, wollte Pore Androlet die Ge⸗ liebte verderben. Die zu ihrem Gipfelpunkt geſteigerte Leidenſchaft ſpringt ins Extrem über, um nach außen wirkſam zu werden. Pore Androlet, zu ſchüchtern ſelbſt, ſich Louiſon nur irgendwie zu nähern, fand eine grauſe Wolluſt in dem Gedanken, ſie ſeine Macht fühlen zu laſſen.. Es war beſchloſſen, er wollte ſie vernichten, ſo ſehr ein Hausherr vernichten kann. Poère Androlet würdigte ſeine drei Hausbewohner keines Blickes mehr. Er ertrug die herausforderndſten Blicke Jean Jaccard's, ſelbſt die Grimaſſen Nini Berton's mit marmorner Ruhe; ſo oft Louiſon vorbeiging, wendete er ſogar die Augen ab. Aber er ſah ſie doch, ernſt und ſchön, in ihren ſchlichtgekämmten rabenſchwarzen Haaren, die Roſen der Jugend auf den Wangen und um Mund und Stirn die Strenge der Matrone. Er ſah ſie noch mit ihren entſchiedenen Schritten dahinſchreiten, unem⸗ pfindlich für die Blicke der Gaffer, lange nachdem ſie ſchon um die nächſte Ecke verſchwunden war. Man hat ſchon viel über das Weſen der Liebe geſprochen; der Eine erklärt ſie für das Grundgeſetz der Schöpfung— ich laſſe es gelten— der Andere für Einbildung— mag es ſein— ſicher iſt nur, daß unſerm Pore Androlet das Grundgeſetz der Schöpfung ſo ſehr über den Kopf gewachſen war, daß er dreimal ſoviel Spirituoſen vertilgte als ſonſt, ſein Geſchäft vernach⸗ läſſigte, gegen die Kunden grob wurde und des Nachts mit den Fäuſten an die Wand ſchlug und dann wie⸗ der weinte wie ein Verrückter. Siebentes Kapitel. Der Erfinder. Den hübſchen Kopf hoch erhoben, die Brauen ge⸗ buſcht und die Fauſt geballt über ſeinem Handbuch der Chirurgie, erwartete Jean Jaccard ſeinen Quäler. Der ſchwere Schritt ſtieg höher und höher, dröh⸗ nend kam er den Corridor entlang, die Thür öff⸗ nete ſich. „Seid mir willkommen, Paul Mervin.“ Der Student war aufgeſprungen und ſtreckte dem 5 Ankömmling warm die Hand entgegen. Dieſer, an einen ſo freundlichen Empfang offen⸗ bar nicht gewöhnt, brachte die Gegenſtände, mit denen er beladen war, ſämmtlich in die linke Hand und ſtreckte die ſchwielige Rechte aus, die etwas zitterte. Sein großes blaßblaues Auge, in dem ein ſelt⸗ ſames Feuer leuchtete, irrte unſtät im Zimmer umher, das breite, knochige Antlitz bedeckte ſich mit einer flüch⸗ tigen Röthe. Mit den haſtigen Bewegungen eines Fie⸗ berkranken fuhr er ſich durch das dünne blonde Haar. „Gut, daß Ihr allein ſeid, Jean Jaccard!“ ſagte Paul Merwin und legte ſeine Geräthſchaften auf den Tiſch, der dem Studenten als Studittiſch diente.„Ich will Euch meine neueſten Erfindungen mittheilen.“ „Iſt die Flugmaſchine ſchon fertig?“ fragte Jean Jaccard freundlich, und in ſeiner Stimme lag tiefes Mitleid. Ein düſterer Schatten flog über Paul Mervin's wohl fünfzigjähriges Antlitz; er ſchüttelte traurig den Kopf. „Nein, ich habe keinen Kapitaliſten gefunden und auf meine Vorſtellungen an alle europäiſchen Kabinette habe ich keine Antwort erhalten.“ „Armer Mervin!“ „Aber jetzt“, fuhr Mervin fort, und in ſeinen Au⸗ gen funkelte es,„jetzt habe ich zwei Erfindungen ge⸗ macht, die alle meine übrigen ans Licht ziehen müſſen, meine Kartätſchkugel und mein verbeſſertes Chaſſepot. Ich habe von beiden Erfindungen dem Miniſterium be⸗ reits Mittheilung gemacht— natürlich habe ich das Geheimniß nicht aus der Hand gegeben. Ein Krieg oder eine Revolution ſteht vor der Thür— man muß 121 die Vorzüge meiner Erfindungen einſehen. Ihr ſeid mein treuer Freund in der Noth geweſen, habt Paul Mervin oft Euern letzten Franc gegeben, wenn er ſein Genie nicht vermodern laſſen wollte im Dienſte der täglichen Lohnarbeit— Ihr ſollt mit mir groß wer⸗ den, mit mir ſteigen.“ Mit traurigem Lächeln ſchaute Jean Jaccard auf den Protector im Bettlergewand mit zerriſſenen Ellbogen und geplatzten Schuhen, deren Riſſe mit Bindfaden zu⸗ ſammengezogen waren, während eine außer Dienſt geſetzte Militärcravatte den Mangel eines Hemdes zu verdecken beſtimmt war. Gütig ſagte Jean Jaccard:„Zeigt mir, was Ihr gemacht habt, Paul Mervin!“ „Ja, vor Euch hab' ich kein Geheimniß, Jean, Ihr ſeid ein treuer, verſchwiegener Freund! Aber nur Euch zeig' ich's, nur Euch! Bei keinem Andern würd' ich's wagen. Aber ſeid auch verſchwiegen! Im Nu hat ſo etwas ein Anderer ausgebeutet und der, welcher es er⸗ funden, ſtirbt im Elend. Seid vorſichtig für Euren Freund Mervin!“ 8* Mit unheimlicher Haſt wickelte Paul Mervin ſeine Paquete auseinander; da kamen die verſchiedenſten Dinge zum Vorſchein: Theile von Gewehrſchlöſſern, ausge⸗ höhlte Kolben, Kugelgießer, Geſchoſſe für Kleingewehr und eine Unmaſſe von ſonderbar geformten Metall⸗ ſtücken, Federn und Schrauben, deren Beſtimmung man unmöglich errathen konnte. Paul Mervin kramte mit ſichtbarer Wonne in all dem Zeug herum und brachte endlich eine eiſerne Kugel⸗ form zum Vorſchein. Er öffnete ſie und hielt ſie trium⸗ phirend dem Studenten unter die Naſe. „Seht Ihr?“ „Ja, ich ſehe eine cylindriſche Höhlung mit koni⸗ ſcher Spitze, die Form eines einfachen Spitzgeſchoſſes“, ſagte der Student. Paul Mervin lachte in ſich hinein, als ſei die Einfalt ſeines jungen Freundes ungemein beluſtigend. „Wartet!“ Er holte ein ſonderbar gefaltetes Stückchen Papier aus der Taſche, ſtrich und ordnete es ſorgfältig mit den Fingern und legte es dann in die Kugelform. „Nun, was ſeht Ihr jetzt, Jean Jaccard?“ „Denſelben Hohlraum, durch radienförmige Papier⸗ blättchen in verſchiedene Fächer getheilt.“ „Das iſt die Kartätſchkugel von Paul Mervin!“ ſagte der Erfinder ſtolz, und ſeine breite, aber einge⸗ ſunkene Bruſt hob ſich.„Seht, das hineingegoſſene Blei wird durch die Papierblätter in ſechs längliche Theile getheilt. In eine gute Patrone eingeſchloſſen —— 123 und ſorgfältig geladen bleiben die Theile beiſammen, bis das Geſchoß abgefeuert iſt und der Luftwiderſtand es trennt. Dann fliegen die einzelnen Theile nach rechts und links auseinander und ſtreuen Tod und Verderben in die Reihen der Feinde. Aus einer Kugel werden ſechs, ein Schütze gilt ſechs, eine Armee von hundert⸗ tauſend Mann ſchlägt eine halbe Million, es muß ein wahres Maſſacre ſein, ſage ich Euch, Jean Jaccard! Und“, fügte Paul Mervin leiſer hinzu, und in ſeinen Augen leuchtete eine grauſige Wonne,„die Wunden, welche dieſe dreikantigen Bleiſtücke reißen, heilen nicht, Jean Jaccard, und Ihr Herren Chirurgen werdet Eure Pflaſter und Lancetten vergeblich dagegen anwenden, vergeblich—“ Selbſt Jean Jaccard, der den Mann kannte, fühlte ſich unangenehm berührt durch die diaboliſche Freude, welche über das Geſicht des Erfinders zuckte. Er ſagte daher ziemlich trocken: „Ich bin nicht ſachverſtändig genug, um über den praktiſchen Werth Eurer Erfindung abzuurtheilen, Mer⸗ vin, aber ich habe in den Zeitungen von einer inter⸗ nationalen Convention geleſen, der auch Frankreich beigetreten iſt und welche im Intereſſe der Humanität ähnliche Geſchoſſe für das Infanteriegewehr bei künf⸗ tigen Kriegen ausſchließt. Damit dürfte wohl über 124 Eure Erfindung der Stab gebrochen ſein, Paul Mervin!“ Betroffen ſah Mervin dem Freund ins Geſicht. „Aber eine ſolche Convention iſt unklug, iſt ein politiſcher Fehler!“ rief er. Jean Jaccard zuckte die Achſeln. „Mag ſein; wir haben ſchon viele politiſche Fehler begangen. Nicht ein Fehler darf mehr begangen wer⸗ den, ſagte neulich der alte Thiers im geſetzgebenden Körper. Aber die Convention iſt Thatſache, die Ein⸗ ladung ging von Rußland aus.“ „Ja, die Koſaken!“ lächelte Paul Mervin bitter. „Sie möchten noch einmal über unſer ſchönes Frank⸗ reich herfallen. Sie fürchten das franzöſiſche Genie, den Geiſt franzöſiſcher Erfindung— die Tröpfe! Und unſere Regierung verräth uns!“ Jean Jaccard fing an, ſich zu langweilen. „Und Cure andere Erfindung, Paul Mervin?“ Mit der Elaſticität, die ſolchen Naturen eigen, richtete ſich das auf die Bruſt geſunkene Haupt des Erfinders wieder empor. Mit ſeiner vorigen Haſt kramte er in ſeinen Eiſenſtücken und brachte Schwanzſchraube und Schloß eines Hinterladers zum Vorſchein. „Mein verbeſſertes Chaſſepot!“ ſagte er mit ruhiger Würde, indem er den Hahn ſpannte.„Ihr werdet wiſſen, 3——— ———— 125 Jaccard, daß das Chaſſepotgewehr definitiv für die franzöſiſche Armee angenommen worden iſt und in un⸗ geheuren Maſſen fabricirt wird. Die Conſtruction leidet aber an einem großen Fehler, der das ganze Ge⸗ wehr unbrauchbar macht; bei längerem Schießen nämlich ſetzt der Kanal, durch den die Nadel ſchlägt, Brand an und die Nadel kann nicht mehr durch und das Ge⸗ wehr verſagt und muß auseinandergenommen werden, um es zu reinigen. Ihr ſeid nicht Soldat, Jean, aber Ihr begreift, das geht nicht während der Schlacht, dar⸗ um werden wir unfehlbar geſchlagen werden, und die Regierung weiß es, aber ſie will ihren Fehler nicht eingeſtehen. Am Kriegsminiſterium iſt man in Ver⸗ zweiflung, ſage ich Euch, Jean Jaccard! Da kommt nun Paul Mervin mit ſeiner Erfindung und rettet das Mi⸗ niſterium, rettet den Kaiſer, rettet Frankreich! Und wodurch? Staunt! Ihr habt noch nichts ſo Einfaches geſehen, aber die größten Erfindungen ſind die einfach⸗ ſten— Ei des Columbus; den directen Weg findet nur das Genie, die Thorheit dreht ſich im Kreiſe. Seht!“ Paul Mervin hob ſeinen Gewehrtheil empor und hielt Jean Jaccard das kleine ſchwarze Loch vors Ge⸗ ſicht, beſtimmt, die Zündnadel durchzulaſſen. „Seht Ihr dieſen hellen, ſchmalen Reif? Das iſt Platina. Ihr begreift noch nicht? Nun ja, Ihr ſeid 126 ja auch nicht Sachverſtändiger. Eiſen oxydirt, daher der Brand, Platina oxydirt nicht, daher füttere ich das Loch mit Platina.“ Jean Jaccard ſchüttelte traurig den Kopf. „Ihr möchtet Recht haben, Paul Mervin, wenn es das Pulver wäre, welches die Oeffnung verſchleimt und die Nadel am Hindurchkommen hindert.“ Nun allerdings iſt es das Pulver!“ rief Paul Mervin heftig.„Der Unteroffizier der Vincenner Jä⸗ ger, dem es gelungen war, ſich ein Muſtergewehr zu verſchaffen und dem ich es für achtzig Francs abge⸗ kauft, weiß es doch gewiß!“ Jean Jaccard ſtand auf und ging, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab. „Ich möchte euch nicht betrüben, Paul Mervin, aber ich möchte Euch auch nicht die Unwahrheit ſagen. Ein Offizier der Gewehrfabrik, mit dem ich neulich zu⸗ ſammentraf, behauptete, das Verſagen des Chaſſepots bei längerem Schießen rühre von dem Kautſchukblätt⸗ chen her, mit welchem die Zündpille der Patrone des ungefährlichern Transports wegen geſchützt ſei. Der Offizier meinte, wenn die Nadel einmal heiß ſei durch öfteres Schießen, bleibe immer mehr von dem Gummi, das ſie zu durchſchlagen habe, an ihr hängen, und dieſe klebrige Maſſe ſei es, welche ſchließlich ihre freie Be⸗ 4 4 — —= ————- 127 wegung hindere. Ich weiß nicht, ob der Mann Recht hat“, fügte Jean Jaccard zögernd hinzu, als er den niederſchmetternden Eindruck bemerkte, den ſeine Mit⸗ theilung auf den Erfinder hervorbrachte,„aber wenn er Recht hat, ſo werdet Ihr einſehen, daß gegen ge⸗ ſchmolzenes Gummi auch Eure Platinafütterung wir⸗ kungslos iſt und nichts übrig bleibt, als die Zündpillen der Chaſſepotpatronen, die der Teufel hole, mit einem weniger klebrigen Schutzmittel zu verſehen.“ Mit ſtarren, weitoffenen Augen ſchaute Paul Mer⸗ vin auf den Studenten, der ihm alles das zögernd und im Tone des Bedauerns mittheilte. Er war Techniker genug, daß ihm die Erklärungsart von Jean Jaccard's Gewährsmann augenblicklich einleuchtete. Aber damit war auch monatelanges Sinnen, wochenlange Arbeit vernichtet, das letzte Geld, welches Paul Mervin, der einſt reiche Büchſenmacher vom Boulevard der Italie⸗ ner, hatte aufbringen können, war nutzlos verſchwendet, und mit ſeinen Träumen brach er ſelbſt zuſammen. Zuſammengekauert ſaß er auf dem Stuhl, den ihm Jean Jaccard hingeſchoben, die Hände krampfhaft gefaltet, die Augen ſtier auf den Boden gerichtet, und ein lautloſes inneres Schluchzen erſchütterte den einſt rieſigen, aber durch Elend und geiſtige Unruhe zum Skelett abgezehrten Körper. 128 Jean Jaccard blieb ſtehen und legte Paul Mervin die Hand auf die Schulter. „Laßt Euch's nicht ſo ſehr zu Herzen gehen, Paul Mervin! Je beſſer Eure Erfindung war, deſto mehr diente ſie den Schergen des Kaiſerreichs, die Söhne der Freiheit niederzuſchmettern, denn nicht mit dem Aus⸗ land wird die Herrſchaft der Cocotten, Mouchards und Börſenſchwindler den Kampf zu beſtehen haben, ſon⸗ dern mit uns, mit Frankreich, mit Paris. Ich kann Euch nicht ſagen, wann ſie kommt, die große Revolu⸗ tion, die noch unbarmherziger werden wird als die vor achtzig Jahren, ob morgen, ob in einer Woche, ob ſpäter, aber die Lunte glüht, Paul Mervin, um an das offene Pulverfaß gelegt zu werden. Du oder ich, wird es heißen in dieſem großen Kampf für Menſchen⸗ würde und Freiheit, und dann ſeid froh, Paul Mervin, wenn ihr keinen der Soldaten der Freiheit auf dem Gewiſſen habt!“ Paul Mervin hatte auf die erſten Worte Jean Jaccard's kaum geachtet, dann allmälig hatte er den Kopf erhoben und, in ſeiner kauernden Stellung ver⸗ harrend, mit vorgeſtrecktem Halſe gelauſcht. Sein apa⸗ thiſches Geſicht wurde belebter, ſeine ſtarren Augen be⸗ kamen ihr früheres fieberiſches Feuer. Er faßte Jean Jaccard am Arm. 129 „Ja, Ihr habt Recht, Jean! Die große Revolution muß uns allen helfen. Ich hörte ſchon da und dort davon, die Arbeiter in Belleville und St.⸗Antoine ſind ſchwierig und wollen losſchlagen, ſelbſt ein Theil der Bourgeois iſt unzufrieden, ſeit ſie durch die Pereire um ihr Geld gekommen ſind und von Hausmann aus ihrem eigenen Häuſern geworfen werden. Im Quar⸗ tier latin—“ „Wir warten nur auf das Signal!“ rief Jean Jaccard. Paul Mervin ſaß noch immer und hielt den Arm Jaccard's. „Hört, Jean! Mir kommt etwas in den Sinn. Nach dem Orſini'ſchen Attentat, da ging mir etwas durch den Sinn, ich weiß nicht, war's mein guter Geiſt oder der Teufel, der mir's eingab. Ich probirt's— ich hatte damals noch meine prächtige Werkſtatt und mein Labo⸗ ratorium— ich wäre beinahe crepirt bei dem Verſuch und mein Haus ſtank noch vierzehn Tage lang. Jean Jac⸗ card“— Paul Mervin zog den Studenten am Arm zu ſich hernieder und ſeine Rede war nur noch ein heiſeres Flüſtern—„Orſini und Pieri waren Stüm⸗ per. So eine Bombe, wenn ſie platzt, iſt der Zu⸗ fall; ſie tödtet vielleicht zwanzig Unſchuldige, die fünf⸗ zehn Schritte weid weg ſind, und der, dem ſie gilt, v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. I. 9 0 130 bleibt ungeſchoren und wenn man ihm die Bombe vor die Füße wirft. So ein Sprengſtück Eiſen iſt ein un⸗ vernünftiges dummes Ding, Jean Jaccard.“ Paul Mervin hatte ſich wieder aufgerichtet und heftete ſeine Augen mit faſt blutdürſtigem Ausdruck auf das Geſicht des Studenten. „Habt Ihr nie von Erſtickungsbomben gehört, Jean Jaccard? Bomben, die eine Atmoſphäre um ſich verbreiten, in der Niemand leben kann? Ohne Zweifel trifft es dann auch viele Unſchuldige, harmloſe Gaffer, die nichts denken, aber fünfzehn Schritt in der Runde iſt dann auch Alles todt, Alles!“ Die Stimme Paul Mervin's klang zuletzt nur noch wie das Krächzen eines hungrigen Geiers, das Weiß ſeiner Augen bekam einen röthlichen Schimmer und die Hand, welche den Arm Jean Jaccard's um⸗ ſchloſſen hielt, zitterte heftig. Mit einem unüberwindlichen Gefühl des Grauens machte ſich Jean Jaccard los und ſtreckte abwehrend die Hand aus. „Behaltet Euer Geheimniß, Paul Mervin! Wir wollen den ehrlichen Kampf, wir ſind keine Mörder!“ —,— Achtes Kapitel. Fünfhundert Franes. Eine Pauſe entſtand. Paul Mexrvin betrachtete zerſtreut alle die nutzloſen Geräthſchaften, die vor ihm auf dem Tiſch ausgebreitet lagen und an die er den beſten Theil ſeines Lebens gewendet. Jean Jaccard ging erregt im Zimmer auf und ab. Da blieb er ſtehen und ſchaute nach der Thür. Ein ſchwerer, polternder Schritt ließ ſich draußen ver⸗ nehmen. Eine derbe Fauſt griff an die Klinke und in der geöffneten Thür erſchien Péère Androlet. Er hatte ſich ſehr ſchön angezogen, ſeine Sonntagskleider, mit denen er der Meſſe und Hochzeiten und Kindtaufen beiwohnte. Seine borſtigen Haare waren mit einer Unmaſſe von Pommade möglichſt glatt an den Kopf ge⸗ ſtrichen, deſſen Fülle und Röthe dadurch noch mehr 9. 132 hervortrat. Ein erſchrecklich ſteifer Hemdkragen war von einer blau⸗weiß⸗rothen Cravatte umwunden, um die patriotiſchen Geſinnungen des Herrn Xavier Androlet darzuthun; darunter mündeten zwei Reihen gefältelter Jabots in eine ſchwarze Sammtweſte mit einem einge⸗ wirkten goldenen Muſter, welches ganz ausſah, als wären es Bienen, eine zweite Huldigung an die gegen⸗ wärtige Regierung. Ein kaffeebrauner glänzender Tuch⸗ rock, ein ſchwarzes Beinkleid und glänzend gewichſte Stiefel von der Form eines Elephantenfußes voll⸗ endeten den Anzug des Krämers, und eine dicke gol⸗ dene Uhrkette und ein halb Dutzend auf die dicken Wurſtfinger geſteckte Ringe zeugten für die Wohl⸗ habenheit, wenn auch nicht für den Geſchmack deſſen, der ſie trug. Wenn man Herrn Androlet gefragt hätte, warum er ſich denn heute an einem Werktag ſo feſtlich ange⸗ kleidet habe, da ja doch das paſſendſte Coſtüm zum Hinauswerfen zahlungsunfähiger Miether Hemdärmel ſeien, ſo wäre er die Antwort wahrſcheinlich ſchuldig geblieben und die lebhafte Färbung ſeines bartloſen Geſichts hätte ſich zu dem für ſolche Fälle üblichen Blau⸗ roth geſteigert. Gewiß iſt, daß er ſich nach ſeinem Eintritt ins Zimmer umſah, als ſuche er Jemand, und dann mit — 2— 133 vernichtender Miene gegen Jean Jaccard und Paul Mervin vorging. „Ei, da treff' ich ja die ganze Hautevolée meiner Miether beiſammen. Wollte gleich zu Ihnen kommen, mein ſauberer Herr Mervin, wenn ich mit dieſem flot⸗ ten Herrn fertig war. Nur dageblieben, Herr Erfinder“, rief Herr Androlet barſch, als Paul Mervin ſich ſcheu zur Thür ſchleichen wollte,„nur dageblieben! Warum haben Sie mir die Stangen an meiner Ladenthür nicht gemacht, wie ich Ihnen geſagt? Ich hätte es an Ihrem Conto abgerechnet. Warum?“ Paul Mervin, der mit Wonne den Gedanken in ſeinem Gehirn umherwälzte, Straßen voller Menſchen mit einer Erſtickungsbombe in ein Leichenfeld zu ver⸗ wandeln, trat ſchüchtern rückwärts vor den grimmig leuchtenden Aeuglein, die ihn aus geſchwollenen Lidern zornig anglotzten, und vor der dünnen brutalen Fett⸗ ſtimme, die ihn anſchrie. „Mein beſter Androlet, ich habe vergeſſen, wahr⸗ haftig, ich habe vergeſſen— meine angeſtrengte Thätig⸗ keit, meine Erfindungen—“ Herr Androlet war halb beſänftigt, als er ſeinen Leibeigenen, als den er auch Paul Mervin betrachtete, ſich aufs Flehen verlegen ſah, und entgegnete daher in milderem Tone: „Wenn Sie einmal in ihrem Leben ein Laden⸗ ſchloß reparirt haben, ſo iſt das mehr werth als alle Ihre Erfindungen. Wie ſteht’s mit der Miethe?“ „Meine Erfindungen müſſen vom Miniſterium end⸗ lich gewürdigt werden, Androlet“, ſagte Paul Mervin, deſſen geſchwächter Geiſt trotz der vorhergehenden Un⸗ terhaltung mit Jean Jaccard mechaniſch zu der ſtehen⸗ den Antwort zurückkehrte, die der Erfinder drängenden Gläubigern zu geben pflegte. Es war zum erſten Mal, daß Pore Androlet, um ſeine Miethe zu fordern, bis in die Wohnung Jean Jaccard's gedrungen war. Obwohl Jean es diesmal ſicher erwartet, ſo war er doch empört darüber, als er ſeine Befürchtung verwirklicht ſah. Noch mehr verletzte ihn die rohe Weiſe, in der Pore Androlet mit dem bedauerungswürdigen Paul Mervin ſprach. „Tollheiten!“ rief jetzt Pere Androlet mit rohem Lachen.„Das Miniſterium betrachtet Euch als den Nar⸗ ren, der Ihr ſeid, und ich verdiente mit Euch nach Cha⸗ renton zu wandern, wenn ich Euer Gefaſel für Geld nehmen wollte.“ Die Geduld Paul Mervin's ſchien zu Ende, ſeine Fäuſte ballten und ſeine Augen rötheten ſich. Da trat Jean Jaccard zwiſchen die Beiden. „Bürger Androlet!“ ſagte er, und in ſeinem jungen —— Geſicht lag eine Entſchiedenheit, deren Eindruck ſich der Krämer nicht ganz entziehen konnte,„Bürger Androlet, Ihr vergeßt, daß Ihr in meiner Wohnung ſeid und daß es mich nichts kümmern kann, was Ihr mit Paul Mervin zu verhandeln habt.“ Umſonſt ſuchten die verſchwommenen Aeuglein des Krämers den ernſten, feſt auf ſie gerichteten Blick des Studenten auszuhalten. Sie ſenkten ſich unwillkürlich vor der Macht der höhern Intelligenz, des ſtärkern Willens. Androlet ſchäumte vor Wuth. „Ihre Wohnung!“ ſchrie er, daß die kreiſchende Stimme überſchnappte.„Im Hemde werf' ich Euch auf die Straße, lockerer Bube, Euch und Eure Dämchen, wenn ich nicht augenblicklich mein Geld erhalte.“ Jean Jaccard wurde todtenbleich. Mit rollenden Augen und bebenden Lippen ſtand er da, und ſchwer und langſam ſenkte ſich ſeine Hand nach einem der wuch⸗ tigen Eiſentheile, welche Paul Mervin auf dem Tiſch ausgebreitet hatte. Die andere Hand wies gebieteriſch nach der Thür. „Wenn Du mich beſchimpfſt, elender Krämer, ich gebe Dir keine Antwort, aber meine Schweſter, meine Nini—“ Keiner Bewegung mächtig ſtarrte Poère Androlet auf das mächtige Gewehrſtück, das über ſeinem pomma⸗ 136 diſirten Haupte ſchwebte, bereit, jeden Augenblick darauf niederzufallen und es zu zerſchmettern. Der verbeſſerte Mechanismus des Chaſſepotgeweh⸗ res fiel nicht herunter auf Herrn Androlet's Haupt. Die Thür des Nebenzimmers hatte ſich geöffnet und mit ihrem düſtern Ernſt trat Louiſon heraus. Nini Berton hatte jede Grimaſſe verlernt und drückte ſich ſcheu hinter die Thür. Die blonden Haare, die wirr um das erſchreckte Geſichtlein hingen, bewieſen, daß ſie eben erſt das Lager verlaſſen. Jean Jaccard war aufs höchſte erſtaunt, als er ſeine ſo ernſte und wortkarge Schweſter vor Pôre An⸗ drolet hintreten ſah und ſie ſprechen hörte. „Sie haben ein Recht, das zu fordern, was wir Ihnen ſchuldig ſind, Androlet, aber Sie haben kein Recht, uns zu beſchimpfen, weil wir arm ſind und nicht weiter als an den kommenden Tag denken. Wir werden Ihr Haus noch heute verlaſſen und all das Unſerige wird zurückbleiben. Machen Sie ſich bezahlt, ſo gut Sie können, und ſollte Ihre Forderung damit nicht ausgeglichen ſein, binnen vier Wochen erhalten Sie den Reſt. Dafür bürge ich Ihnen, Louiſon Jaccard. Jetzt gehen Sie!“ Laut weinend klammerte ſich Nini Berton im Neben⸗ zimmer an den wenigen Putz, den ſie ihr eigen nannte. — 137 Das Hemd war ihr herabgeſunken von einer Schulter und ließ reizende Formen gewahren. Jean Jaccard ergriff Louiſon am Arm. „Was redeſt, was thuſt Du, Louiſon?“ „Ich befreie uns alle aus einer unwürdigen Lage. Lieber laſſe ich mich jede Nacht durch die Stadtſergean⸗ ten von einer Bank zur andern hetzen, als daß ich die Tyrannei dieſes brutalen Menſchen länger ertrage.“ Herr Xavier Androlet bot einen merkwürdigen An⸗ blick. Zorn und Weinen, Haß und Liebe, alle guten und ſchlimmen Leidenſchaften des menſchlichen Herzens ſchienen ſich ſein dickes Antlitz zum Kampfplatz auser⸗ ſehen zu haben. Er ſchloß die Augen bald feſt, bald öffnete er ſie krampfhaft, ſeine Lippen bewegten ſich, als ſchlucke er fortwährend, und aus ſeiner Bruſt, die ſich hob und ſenkte, kam dann und wann ein gurgelnder Laut, wie beginnendes Weinen. „Nein, Fräulein Louiſon“, begann er endlich,„ich bin nicht ſchlecht, gewiß nicht, ich bin gut, wenn man zu mir gut iſt. Aber Ihr Bruder verachtet mich, Sie verachten mich und Mademoiſelle Nini zeigt mir die Zunge, wenn ſie mich ſieht. War letzthin die Polizei bei mir und hat gefragt nach Monſieur Jean, der in einem Club aufrühreriſche Reden geführt haben ſolle, nach ſeinem Umgang, nach ſeinen Verhältniſſen, und 138 hätte ihn wahrſcheinlich gleich mitgenommen, wenn ich ein ungünſtiges Urtheil abgegeben hätte; aber ich ſagte, er ſei ein ſolider junger Mann, ſehe faſt Nie⸗ mand bei ſich, bezahle Alles pünktlich und habe die Rede gewiß nur gehalten, weil er den Wein nicht ge⸗ wohnt ſei. Die Präfecturbeamten kannten mich als ruhigen, anſtändigen Bürger und ſchenkten meinen Wor⸗ ten Glauben. Ja, Fräulein Louiſon“— die Stimme Androlet's war inzwiſchen in vollendetes Schluchzen übergegangen—„ja, Fräulein Louiſon, ohne mich ſäße Herr Jean ſchon ſeit acht Tagen in Mazas.“ „Das war ſchön von Euch, Androlet“, ſagte Loui⸗ ſon;„um ſo weniger dürfen wir Eure Güte mißbrauchen und Euch einer Gefahr ausſetzen. Wir werden noch heute gehen.“ „Nein, nein!“ rief Androlet.„Ich ſchenke Ihnen das Geld, nur ſehen Sie mich nicht ſo verächtlich an, ich kann das nicht ertragen. Ich kann ja nichts dafür, daß es ſo toll geworden iſt in meinem Kopf und daß ich Jedermann umbringen möchte, wenn Sie an mei⸗ nem Laden vorübergehen, ohne mich anzuſehen.“ Pore Androlet wäre ohne Zweifel fortgefahren in den intereſſanten Enthüllungen ſeines Seelenzuſtandes, die er ſchluchzend zum Beſten gab, es pochte jedoch ſo ver⸗ nehmlich an die Thür, daß der Ton ſelbſt durch Herrn — — Frage zu leſen. 139 Androlet's Rührungsparoxysmus an ſein Trommelfell gelangte. Auf ein ziemlich barſches„Herein!“ des Studenten öffnete ſich die Thür und ein Diener in grüner goldbetreßter Uniform fragte nach Herrn Jaccard. „Hier bin ich!“ ſagte Jean erſtaunt. Der Diener überreichte ſchweigend einen Brief und empfahl ſich. Pore Androlet hatte auf den Diener geſchaut, als ob er ein Geſpenſt ſähe. Seit er das Haus beſaß, war weder zu ihm noch einem ſeiner Miether ein Liv⸗ reediener gekommen, und dieſer windige Student— An⸗ drolet's Verſtand drehte ſich im Kreiſe. Er ſollte ſich noch mehr drehen. Jean Jaccard hatte den Brief zu Ende geleſen, nahm mehrere Papiere heraus, die ganz ausſahen wie Hundert⸗Franeſcheine und reichte eins davon Androlet. „Machen Sie ſich bezahlt, Père Androlet“, ſagte er heiter,„und im Uebrigen wollen wir gute Freunde bleiben.“ Androlet ſtreckte abwehrend die Hand aus und ſchaute mit einer Art abergläubiſchen Staunens in das heitere Geſicht des Studenten. Auch in Louiſon's Geſicht war eine faſt unwillige 140 Mit einem raſch übergeworfenen Tuch und das Stumpfnäschen neugierig in der Luft, trippelte Nini heran. Paul Mervin prüfte, ob Jean an ſeinem Mecha⸗ nismus nichts zerbrochen habe. „Ich will kein Geld“, keuchte Androlet. „Nur unter dieſer Bedingung bleiben wir in Ihrem Hauſe“, ſagte Jean Jaccard. Androlet nahm zögernd die Banknote, dann warf er einen unbeſchreiblichen Blick auf Louiſon und ver⸗ ſchwand. Man hörte ihn mit unſichern Tritten die Treppen hinunterpoltern. „Woher kommt das Geld?“ fragte Louiſon faſt ſtreng. „Von Mondélion. Lies!“ Er reichte ihr den Brief. Sie ſah ſchöne feſte Buchſtaben auf elegantem Papier und las: „Mein junger Freund! Ihre Anordnungen haben Wunder gewirkt. Mein Arm iſt faſt geheilt und nur ein wenig Steifheit iſt zurückgeblieben. Ich danke Ihnen nochmals für Ihre energiſche und ſchnelle Hülfe. Sie waren nicht liebenswürdig genug, mir Ihre Adreſſe zurückzulaſſen. Ich mußte deshalb die Präfectur zu Rathe ziehen, um Ihnen beifolgend fünfhundert Francs als Honorar für Ihre glückliche Kur zu überſenden. Als Mediciner werden Sie wiſſen, daß das kein Ge⸗ ſchenk iſt, das ich Ihnen zu bieten wage, ſondern kaum ſo viel, als ſich manche Ihrer weniger glücklichen Col⸗ legen für die gleichen Bemühungen von mir bezahlen laſſen würden. Ich benutze dieſe Gelegenheit, um Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß ich mich erboten habe, mit Ihnen und Ihren geſchätzten Angehörigen bei meinem Bekannten Stanowsky zu diniren, und werde um ſieben Uhr bei Ihnen vorfahren, um Sie abzuholen. Machen Sie ſich zum freundlichen Vermittler meiner ausgezeichneten Grüüße an Ihre Fräulein Schweſter. Ihr ſehr ergebener Diener Mondeélion.“ Louiſon war ſehr bleich geworden. „Nun, ſo freue Dich doch, Louiſon“, rief Jean Jaccard, während Nini ſchon mit einer Hundert⸗Franc⸗ Note im Zimmer umhertanzte.„Es iſt anſtändig bezahlt, aber nur bezahlt!“ fügte er hinzu, als ob er die Zwei⸗ fel der Schweſter begriffe. „Mag ſein“, ſagte Louiſon ſinnend,„aber ich möchte heute Abend lieber zu Hauſe bleiben.“ „Das kannſt Du nicht, Du haſt die Einladung Mondeélions angenommen. Ich werde ſofort Anzüge für Dich und Nini kaufen.“ „Für mich nicht!“ rief Louiſon raſch.„Ich werde 142 mitkommen, weil ich es verſprochen habe, aber nur deshalb und gekleidet wie immer.“ Sie ging ins Nebenzimmer; den Brief Mondélion's hatte ſie in der Zerſtreutheit zu ſich geſteckt. Da ſah Jean Jaccard auf Paul Mervin, der im Augenblick todt für alles Andere an ſeinem Gewehrver⸗ ſchluß hantierte. „Paul Mervin!“ Der Erfinder blickte auf. „Woher habt Ihr das Geld für die Chaſſepotver⸗ beſſerung genommen?“ Paul Mervin wurde verlegen. „SIch habe unſere Betten und Kleidungsſtücke mei⸗ ner Frau und was ſonſt zu entbehren war, nach Mont de Piété gebracht.“ „So! Und Euer Weib ſchläft am Boden?“ „Ich war neulich in einem Club, und da bewies einer haarklein, daß die Familie ein Unſinn ſei und daß wir keine Verpflichtung haben für die Weiber, die mit uns leben.“ „Der Mann hat Recht“, ſagte Jean Jaccard ernſt, „aber ſolange dieſe Grundſätze nicht anerkannt und allgemein zur Geltung gebracht ſind, hat der Einzelne nicht das Recht, die Seinigen verhungern zu laſſen. Verſteht Ihr, Paul Mervin? Nehmt dieſe hundert Francs 143 holt Eure Betten aus dem Leihhaus und verſprecht mir, daß Ihr nichts erfinden wollt, bis Ihr Euch und Euerm Weib für vierzehn Tage Lebensmittel gekauft habt.“ „Ich verſpreche es, und wie zahl ich's zurück?“ Jean Jaccard klopfte dem Freunde heiter auf die Schulter. „Wir machen vielleicht doch noch ein Geſchäft mit den Erſtickungsbomben. Dann rechnen wir ab.“ Nini ſchmollte. Es ſchien ihr eine unverzeihliche Verſchwendung, hundert Francs wegzuſchenken. „Jetzt gehen wir ein Kleid kaufen“, ſagte Jaccard, als Mervin fort war. Nini lachte. Neuntes Kapitel. Der rothe Fränkel. Ungefähr um dieſelbe Stunde, als Jean Jaccard den Brief Mondeélion's erhielt, ſtand an dem Rondel, wo die Straße des Faubourgs St.⸗Honoré in die elyſäiſchen Felder mündet, ein Mann, der ſich ange⸗ legentlich die zu Pferd und zu Wagen prome⸗ nirende elegante Welt betrachtete, welche die wenigen Stunden zwiſchen Frühſtück und Dejeuner zu benutzen pflegt, um ſich hier ein Stelldichein„unter ſich“ zu geben. Es iſt nicht ein Corſo mit einem Aufwand von glän⸗ zenden Staatstoiletten, wie nachmittags im„Bois“, ſondern eine Art Matinée, welche an keine Repräſen⸗ tationsrückſicht gebunden ungeſchmälert der„Laune“ angehört. Der junge Herr vom Hofe, der des Nach⸗ 3 145 miſtags nur in ſchwarzer Kleidung, ernſt in ſeine Kaleſche zurückgelehnt, ins„Bois“ fährt, während Kutſcher und Bedienter in voller Livree vorn auf ſitzen, kommt hierher, gekleidet in die allerneueſten Er⸗ rungenſchaften des Jockeyclubs, auf einem amerikaniſchen Cabriolet auf rieſigen Rädern mit unſichtbaren Spei⸗ chen, deſſen winziger Sitz es ganz räthſelhaft erſcheinen läßt, wie darauf der kutſchirende Cavalier und der roſenroth gekleidete Groom Platz finden. Die an⸗ weſenden Damen wiſſen nicht, worauf ſie zuerſt ihre Lorgnetten richten ſollen, auf den neuen Phantaſiehut, welchen der Jockeyklub gewählt, oder auf die Geſchick⸗ lichkeit des Grafen Entretout als Roſſelenker, auf den ganz beiſpiellos dünnen Groom, auf das amerikaniſche Cabriolet oder auf den engliſchen Braunen, den Graf Entretout heute zum erſten Mal fährt und der in Momenten, da ihm ſein Lenker die Zügel läßt, ei⸗ nen ganz unglaublichen Trab entwickelt. Aber ſchon wird die Aufmerkſamkeit der hübſchen Damen getheilt. Stanowsky oder Fürſt Stanowsky, wie er ſehr oft geheißen wird, kommt auf einem präch⸗ tigen Berberhengſt im kurzen Galopp zu Graf Entre⸗ tout heran. Stanowsky trägt eine Art ungariſches Nationalcoſtüm, Huſarenſtiefel, Barett und eine ver⸗ brämte Jacke. Er ritt ſehr gut. v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. I. 10 ———ÿ——— 146 Der Mann, der am Rondel ſteht und Alles zu beobachten ſcheint, lächelt ironiſch. Er ſieht, wie Graf Entretout etwas froſtig den vertraulichen Gruß des„Fürſten“ erwidert. „Beſter Graf, wollen Sie heute Abend bei mir diniren?“ „Ich danke Ihnen, ich bin verſagt.“ Aber Stanowsky läßt ſich nicht ſo leicht abweiſen. „Das iſt ſchade, Entretout! Und wenn es noch zu ändern wäre, Sie ſollten kommen.“ „Was haben Sie denn eigentlich ſo Merkwürdiges?“ fragte Graf Entretout und erhob ſein ſchönes, aber abgelebtes und blaſirtes Geſicht etwas neugierig zu dem Reiter. „Einen ausgezeichneten Spaß! Denken Sie ſich, Mondeélion, der nie an einer heitern Geſellſchaft Theil nahm, den noch Keiner mit einer Frau ſah, mein Freund Mondélion iſt geſtern an der Seite zweier wunder⸗ niedlichen Griſetten in einem Miethwagen nach Hauſe gefahren, und die Mädchen haben ſogar bei ihm dinirt.“ Das iſt allerdings merkwürdig!“ ſagte Entretout mit einem faſt unmerklichen Lächeln, denn er war nicht unempfänglich für ein pikantes Hiſtörchen.„Aber Mondelion fiel ſich doch geſtern den Arm aus!“ „Das hatte, wie mir ſcheinen wollte, die Bekannt⸗ 147 ſchaft vermittelt! Ein junger Menſch, der in der Ge⸗ ſellſchaft der kleinen Damen war und ſich für einen Mediciner ausgab, quackſalberte an unſerm Freunde herum und war ſogar ſehr ungezogen gegen Profeſſor Herbiot, der in meinem Wagen kam, um Mondelion beizuſpringen. Ich brachte nun Mondeélion dadurch in die Enge, daß ich die Damen und ihren zweideutigen Cavalier einlud, heute Abend bei mir zu eſſen; nur eine der Damen machte ſcheinbar Einwände, da erbot ſich Mondélion, der ganz toll ſein muß, ſie zu begleiten. Weiter wollte ich nichts. Statt mit mir allein zu eſſen, wird Mondélion mit ſeiner Geſellſchaft eine kleine Zahl guter Freunde mit ihren kleinen Frauen finden, er wird einſehen lernen, wie lächerlich es iſt, uns gegenüber den Duckmäuſer zu machen, und wir haben ihn dem Leben gewonnen.“ Graf Entretout lachte vor ſich hin. Die Intrigue gefiel ihm offenbar. „Soweit ich von Mondélion hörte wird er den Scherz übel nehmen.“ „Ah bah!“ lachte Stanowsky.„Meine Freunde ſind alle zufällig gekommen, und wenn ihn auch die Engländer, bei denen er ja Oberſt geweſen ſein ſoll, verdorben haben, ſo hat er Welt genug, um mitzu⸗ lachen. Nun, ſind Sie von der Partie, Graf?“ 10* 148 Der Graf ſchaute noch eine Weile nachdenkend und mit verſchmitztem Lächeln auf ſeine in roſtgelbes Leder gekleideten Fäuſte, mit denen er die Zügel hielt, und ſagte dann: „Meinetwegen. Ich werde es einrichten können. Wer iſt anweſend?“ „Agenoux, Abbé Guérin, Sie wiſſen doch, der frühere erzbiſchöfliche Secretär, der wegen der Indis⸗ cretion des Schweizers ſeine Stellung verlor und nun der Beichtvater aller ſchönen Damen von Paris iſt, Lord Watkins und meine Wenigkeit. Die Damen kann ich nicht mit Sicherheit namhaft machen, da ich nicht weiß, welche Veränderungen ſeit unſerm letzten Diner in den Privatbeziehungen meiner Freunde vorgegangen ſind.“ „Alſo man kommt mit Damen?“ fragte Entretout zerſtreut. Er dachte offenbar ſchon an Anderes. „Meine beſcheidene Junggeſellenwohnung wird ſich glücklich ſchätzen, Nadame Léonie Lebrun zu empfangen“, ſagte der Ungar galant. „Sehr gütig. Wir wollen ſehen. Léonie iſt ein tolles Ding und liebt dergleichen entlarvte Unſchulden. Doch noch eins, was ich Sie fragen wollte, Stanowsky“— der Graf ließ ſeinen Braunen faſt auf der Stelle traben— „iſt es wahr, daß in dem Hotel Mondélion mit dem — 149 An denken der Familie Orleans ein förmlicher Cultus getrieben wird?“ Stanowsky erröthete. Er hätte geſtehen müſſen, daß der Baron bei ſeinen zahlreichen Viſiten niemals zu Hauſe war. Er ſagte daher nur: „Ich habe nichts dergleichen bemerkt, auch ſpricht der Baron nie von Politik.“ „Ich weiß es“, ſagte Entretout gleichgültig. „Dieſe Schweigſamkeit mag wohl auch der Grund ſein, daß man Mondelion die ſeltſamſten Märchen andichtet. Es iſt im Grunde ja auch ganz einerlei— Jeder nach ſeinem Geſchmack.“ Der Graf ließ, Qhanvdan freundlich grüßend, ſeinen Traber ausgreifen, und Stanowsky ritt ſchnell eine Volte, um die Raſchheit dieſes Abſchieds zu ver⸗ heimlichen. In einigen Sprüngen ſeines Hengſtes befand ſich der„Fürſt“ bei dem Mann am Rondel, der den vorbei⸗ fahrenden Grafen Entretout devoteſt gegrüßt hatte. „Guten Morgen, Fränkel!“ rief der Ungar zutraulich. „Sie machen ein Geſicht, als ob Sie ſchon gute Ge⸗ ſchäfte gemacht hätten heute!“ „Im Gegentheil, ich denke über meine ſchlechten nach.“ Der Mann hatte bei dem vertraulichen Zuruf des — * 150 Cavaliers ein keineswegs freundliches Geſicht gemacht, kaum mit dem Kopfe genickt und die Hände nicht aus den Taſchen ſeiner Beinkleider entfernt. Der Mann war klein, hatte eine trotz ihrer Magerkeit plumpe Ge⸗ ſtalt, trug ſich nach der neueſten Mode, ohne dadurch ein elegantes Aeußeres zu bekommen, beſaß einen langen rothen Backenbart, welcher durch das raſirte Kinn in zwei Hälften getheilt wurde, und ein ſommer⸗ ſproſſiges Geſicht, welches im erſten Augenblick den Eindruck machte, daß der Beſitzer hebräiſcher Abkunft ſein müſſe. Und dennoch hatte der rothe Fränkel, wie das pferdehandelnde Paris den berüchtigten Roß⸗ kamm nannte, nicht etwa eine größere oder krummere Naſe oder dickere Lippen als andere Leute, ſondern der jüdiſche Typus ſeines Geſichts trat vorzüglich dann hervor, wenn Fränkel Jemand ſo recht un⸗ verſchämt anglotzte, wie eben jetzt den„Fürſten“ Stanowsky. Bekanntlich muß jedes Mitglied des Jockeyelubs eine beſtimmte, ziemlich hohe Revenue nachweiſen, be⸗ vor es mit der Aufnahme in den Verein zugleich die Erlaubniß ſich zu ruiniren erhält. Es wäre nun in⸗ tereſſant zur Beurtheilung jener Nachweiſe geweſen, das Benehmen des rothen Fränkels gegen verſchiedene der vorüber fahrenden oder reitenden Cavaliere zu be⸗ obachten. So tief wie den Grafen Entretout, der für einen der reichſten Herren des Hofs galt, grüßte Fränkel Niemand mehr, am häufigſten vertreten war der Austauſch cordialer Begrüßungen zum Zeichen, daß man ſich gegenſeitig kannte und nach Gebühr ſchätzte. Manche ſehr freundliche Grüße beachtete der rothe Fränkel gar nicht, und nur wenn die Grüßer vorbei waren, warf er ihnen einen lauernden, bitter⸗ böſen Blick nach, ähnlich dem, womit die Katze nach ihrem ſchuldloſen Opfer langt. Stanowsky fühlte ſich etwas unbehaglich bei der mürriſchen Antwort und dem darauf folgenden Schwei⸗ gen des Pferdehändlers. Der Berberhengſt beugte ſich ſchnoppernd zu der Hand des Pferdehändlers nieder, der ihm ſchmeichelnd über die Nüſtern fuhr. Stanowsky hielt das für eine Aufmunterung, die Unterhaltung wieder anzuknüpfen. „Der Hengſt geht gut“, ſagte er,„aber meine Freunde finden ihn etwas theuer.“ Der rothe Fränkel ſchien aufmerkſam eiſten hüb⸗ ſchen Phaëton zu betrachten, der eben vorüberfuhr. Kutſcher und Diener trugen weiße Livree, eine elegante Dame in Schwarz ſaß darin, mit rothen, auf die Schultern herabfallenden Haaren und einem ſchönen, aber geiſterbleichen Antlitz. Der Pferdehändler verneigte ſich tief und auch Stanowsky grüßte leicht. „Léonie Lebrun!“ begann Stanowsky wieder.„Sie und Entretout werden heute Abend bei mir eſſen. Es iſt ſonderbar“, fügte er hinzu, als er bemerkte, daß ihm der Pferdehändler einen prüfenden Blick zuwarf,„daß Entretout es duldet, daß ſie mit ihm zugleich hier iſt.“ Der rothe Fränkel zuckte die Achſeln. „Wer kann ihm was wollen? Graf Entretout iſt reich. Wenn man Geld hat, kann man ſich was erlauben!“ Der Pferdehändler ſagte das mit ſolch verächt⸗ lichem Nachdruck, daß Stanowsky die Nutzanwendung auf ſich ſelber nicht entgehen konnte. Stanowsky fühlte, daß es gegen ſeine Intereſſen wäre, ſich noch weiter zu demüthigen, er langte daher kurz an ſeine Mütze und wollte weiter reiten. Das war nun aber wieder nicht im Intereſſe des rothen Fränkel. „Wer ißt denn heute Abend noch bei Ihnen?“ fragte er, als habe er den Abſchiedsgruß Stanowsky's nicht bemerkt. Stanowsky, der ſein Pferd bereits gewendet, drehte ſich halb im Sattel um. „Graf Agenoux, Lord Watkins, Abbé Gusrin, ein ſehr beliebter Prieſter, und noch ein Cavalier, den Sie wohl ſchwerlich kennen, ein Baron Mondeélion.“ Der rothe Fränkel hatte mit einer Befriedigung, die er nicht ganz verbergen konnte, die erſten Namen gehört, bei Erwähnung des Barons Mondélion wurde er lebhaft. „Mondélion, iſt das nicht der aus dem Süden, der mit ſeinem Schecken geſtern faſt den Preis ge⸗ wonnen hätte, der die Caprice hat, lauter Schecken zu reiten und zu fahren, und ſogar ein eigenes Geſtüt dieſer ſonderbaren Paſſion wegen?“ „Und der Ihnen deshalb nie ins Garn laufen wird, beſter Fränkel“, lachte Stanowsky.„Der Berber ſei um die Hälfte zu theuer, ſagte mir mein Freund Mondélion!“ Die ganze vorige Impertinenz kehrte auf das Ge⸗ ſicht des Pferdehändlers zurück. „Wenn Baron Mondelion bei mir ein Pferd kauft, bekommt er es billiger!“ Der Schlag war zu direct und fühlbar geführt, als daß Stanowsky nicht hätte zornig aufbrauſen ſollen. ◻ In der That wurde ſein gelbliches Geſicht dunkelroth, ſeine elegante Geſtalt ſtreckte ſich, und ſeine Schenkel ſchloſſen ſich ſo feſt an den Berber, daß dieſer ſich bäumte. „Was wollen Sie damit ſagen 29 Der Pferdehändler blieb ruhig, die Hände in den Taſchen, ſtehen. „Schreien Sie nicht ſo“, ſagte er mit unver⸗ ſchämter Kaltblütigkeit,„ſonſt bemerken die Leute, daß Sie mir ſchuldig ſind; das verdirbt Ihren Credit und gereicht mir zum Nachtheil, denn man hält mich für einen ſchlechten Geſchäftsmann, weil ich Ihnen geborgt, und borgt Ihnen nichts mehr.“ Der Ungar umfaßte knirſchend ſeine Reitpeitſche. „Fränkel“, ſagte er leiſe,„ſchlagen Sie einen andern Ton gegen mich an, denn bei mir geht Alles nur bis an eine gewiſſe Grenze, dann aber ſcheue ich keinen Skandal.“ Die hervortretenden Augen und die bleichen Lippen des Ungarn gaben ſeinen Worten eine ſo lebhafte Be⸗ ſtätigung, daß Fränkel es für gut fand, einzulenken. Er ſagte daher etwas weniger grob, aber noch im⸗ mer imperinent genug: „Kommen Sie mit mir in mein Haus! Da läßt ſich beſſer reden als hier.“ Die Equipagen und Reiter waren weniger zahl⸗ reich geworden und hier und da miſchte ſich ein Mieth⸗ 4 155⁵ wagen, deſſen Inſaſſen bereits dinirt hatten, zwiſchen die Nachzügler der Eleganz. Der Pferdehäudler wandte ihnen hochmüthig den Rücken. „Warten Sie einen Augenblick!“ ſagte da plötzlich Stanowsky und deutete auf eine langſam daherfah⸗ rende Kaleſche.„Ich muß noch raſch jenen Damen guten Tag ſagen.“ „Das iſt ein Wagen vom Grand Hötel du Louvre“, murmelte der Pferdehändler und begann dann die bei⸗ den Damen und den alten Herrn zu muſtern, welche die Gaſthofkaleſche inne hatten. Der alte Herr, der rechts auf dem Rückſitze ſaß, hatte ein recht würdiges, patriarchaliſches Ausſehen; ein langer weißer Bart umrahmte ein energiſches, ſchö⸗ es Greiſenantlitz und viele Ordensbänder verzierten Knopflöcher des einfachen ſchwarzen Rocks, den ralte Herr trug. Die Damen erregten erſt in zwei⸗ ter Linie die Aufmerkſamkeit des rothen Fränkel, und dennoch hätte ſich der Blick eines jeden andern Sterblichen zuerſt auf ſie gelenkt. Die beiden Damen hatten eine merkwürdige Aehnlichkeit, welche durch die bis in die geringſte Einzelheit gleiche Kleidung noch erhöht wurde. Nur bei ſehr genauer Betrachtung entdeckte man, daß die eine der Damen ein etwas runderes, 156 lebensfriſcheres Geſicht hatte als die andere, und dieſer Unterſchied ſchien ſich auch auf die Geſtalten auszu⸗ dehnen, denn während der einen der Schweſtern das blaue Seidenkleid, das ſie trug, feſt um den vollen, üppigen Oberkörper ſchloß, bildete es bei ihrem reizen⸗ den Gegenüber in der Gegend der Bruſt und der Schulter einige Falten und Einſenkungen, welche auf einen ſchmächtigern Bau ſchließen ließen. So rein auch in jedem der weißen klaren Geſichter die ernſten Formen des griechiſchen Profils wiedergegeben waren, ſo erſchienen die Züge beider doch wieder als völlig andere, ſobald ſie der leiſeſten Empfindung Ausdruck zu geben hatten. So ſtrahlte aus den Augen der einen Dame, als jetzt Stanowsky heranſprengte, eine aufrichtige Freude, und mit einem Lächeln wie Sonnenſchein an heitern Sommertagen ſtreckte ſie ihm die Hand entgegen. Nur ein Widerſchein dieſes Lächelns erſchien auf den Zügen der zartern Geſtalt, aber während das Antlitz der Schweſter ſeine ſchöne klare Weiße unverändert beibe⸗ hielt, ſchimmerte es unter der Marmorhaut des ſchma⸗ lern Geſichts, als ſeien einige Tropfen warmen rothen Blutes auf eine milchweiße Schale gegoſſen worden und flöſſen nun langſam auseinander. Das zartere der Mädchen ſtreckte ihre Hand nicht aus, wie die Schweſter, es ließ dieſelbe ruhig auf dem Schoos liegen, aber dieſe ſchmale Hand, auf der man gleich einem Geäſte von Saphiren die hellblauen Adern durch die Haut ſchimmern ſah, zitterte. Auch der Alte ſchien eine große Freude zu haben, Stanowsky zu begegnen, er erhob grüßend den nach oben zu ſich verengenden Cylinderhut mit breiter Krempe, wie er damals von ältern Herren getragen wurde. Stanowsky in ſeiner kleidſamen Nationaltracht auf dem eiſengrauen Berberſchimmel, wie er ſo in mächtigen Sätzen über die breite Fahrſtraße ſprengte, war in der That eine ſchöne männliche Erſcheinung. Die Magerkeit ſeines Geſichts wurde weniger bemerk⸗ bar durch die Röthe, welche ihm der ſchnelle Ritt in die Wangen jagte, ſein Auge, das gewöhnlich blaſirt und ſtier in die Welt ſchaute, war weit und dunkel offen, ſeine gewöhnlich ſorgfältig gekämmten Haare waren ſehr zu ihrem Vortheil etwas in Verwirrung gerathen und kräuſelten ſich an ſeinen Schläfen zu na⸗ türlichen Locken, ſeine breiten Schultern wurden durch den Schnürrock noch mehr hervorgehoben, und an den Schenkeln, die ſich feſt um den engliſchen Sattel leg⸗ ten, trat die ſchlanke Muskulatur vortheilhaft hervor. Mit einem unſichtbaren Ruck der Zügel brachte der Ungar den Eiſenſchimmel zum Stehen. Auf einen herriſchen Ruf des alten Herrn ſtanden die Pferde des Hotelwagens. Stanowsky beugte ſich tief im Sattel nieder, bis er die noch immer ausgeſtreckte Hand Leopolda's errei⸗ chen konnte, und drückte ſie an die Lippen. Leopolda lachte ihn an mit ihren weißen Zähnen, ein verhei⸗ ßungsvolles Bild aufblühenden Lebens. Stanowsky wendete ſich an die andere der jungen Damen, welche, noch immer die zarten Roſen auf den Wangen, mit melancholiſchem Lächeln daſaß. Auch ſie reichte ihm jetzt mit einem innigen Blick ihre Hand. „Sie haben heute keine Zeit gefunden, uns guten Morgen zu ſagen, Iſtvan?“ ſagte ſie mit einer Stimme, die wie leiſes Weinen klang. Der Alte ſchüttelte nun ſeinerſeits die Hand des Reiters. „Ein junger Magnat hat auch noch andere Pflich⸗ ten, als ſchönen Damen die Hand zu küſſen!“ ſagte der alte Herr mit gutmüthigem Verweis. Stanowsky fühlte ſich der unendlichen Sanftmuth Anna's gegenüber verwirrt. „Der Hospodar hat Unrecht“ ſagte er mit der Ueberſchwänglichkeit der Slawen.„Es gäbe keinen ſchönern Dienſt, als immer zu den Augen ſchöner 159 Frauen anbetend emporzublicken, wenn man wüßte, daß ſie dieſe Anbetung auch erlauben.“ Stanowsky's dunkle Blicke hefteten ſich eindring⸗ lich auf Fürſtin Anna's halbverſchleierte Augen und das Roth ihrer Wangen wurde dunkler. Fürſtin Anna bemerkte es nicht, daß Stanowsky im Vorbei⸗ ſtreifen und nicht vergeblich Leopolda's lachendes Antlitz ſuchte. Fürſtin Anna ſprach wieder; in ihren ſchwarzen Augen lag eine ſeltſame Glut, ihre Stimme klang weniger ſanft, unruhig, zuckend. „Fürſt Iſtvan weiß ſehr wohl, daß wir bitten, nicht erlauben.“ „Wir erlauben Monſieur Stanowsky“, fügte Leo⸗ polda lebhaft hinzu,„morgen Nachmittag uns zu be⸗ ſuchen und uns ſeine Spazierfahrt nach dem Bois zu opfern; unſer Wagen iſt noch nicht fertig und in der Kutſche des Hotels können wir unmöglich fahren.“ „Nicht blos deshalb“, unterbrach Anna verwei⸗ ſend;„wir bitten Iſtvan zu kommen, weil wir gern iin ſeiner Geſellſchaft ſind, weil wir ihn lieben.“ Leopolda wollte nicht zu ſich kommen vor Lachen. „Das nenne ich originell, eine Liebeserklärung im Namen zweier Damen vormittags elf Uhr in den Champs Elyſées.“ 160 „Du weißt wohl, wie ich's meine, Schweſter“, ſagte Anna traurig. „In der That, Anna hat Recht!“ fiel jetzt der alte Hospodar ein.„Wir gehören derſelben hochherzi⸗ gen, ritterlichen Raſſe an, Stanowsky und wir. Ihr habt Recht, ihn zu lieben, Kinder! Ich ſelber habe ihn gern, wie meinen Sohn. Ich habe morgen Ge⸗ ſchäfte, er möge in Abweſenheit des Vaters die Töch⸗ ter beſchützen!“ Der alte walachiſche Herr drückte noch einmal warm die Hand Stanowsky's und der Wagen fuhr fort. Stanowsky verbeugte ſich, die Hand militäriſch grüßend am Barett, bis auf den Sattel, drehte dann ſein Pferd und ſprengte wieder ans Trottoir, wo der rothe Fränkel noch immer ihn beobachtend ſtand. „Entſchuldigen Sie, daß ich Sie ſo lange warten ließ“, ſagte Stanowsky leicht;„der Hospodar Krago⸗ ratſch gehört zu meinen beſten Freunden.“ „Und die Töchter nicht minder, wie es ſcheint!“ warf der rothe Fränkel geſellig ein.„Die Herrſchaften wohnen im Grand Hötel du Louvre, wie ich an dem Wagen ſah.“ „Ihre Zimmer ſind dicht neben den meinigen.“ „So!“ Der Pferdehändler ſchielte nach Stanowsky herüber. — 461 „Sie gedenken ſich bleibend in Paris niederzu⸗ 3 laſſen, haben bereits ein Hotel im Faubourg St.⸗Ho⸗ 8 noré gekauft, und der große Sattler in der Rue Lafitte 4 arbeitet gegenwärtig nur für ſie.“ „Haben ſie ſchon Pferde?“ fragte der rothe Fränkel raſch.. „Soviel ich weiß, nein“, antwortete Stanowsky mit feinem Lächeln. Der rothe Fränkel fühlte, daß er ſich eine Blöße gegeben. Er fuhr daher fort: 1 „Mit dieſen Ungarn und Walachen und was 3 daran hängt, iſt kein Geſchäft zu machen; weil bei ihnen ſo ein mageres ſchwaches Ding, das ſie Pferd 1 nennen, in großen Heerden herumläuft, wollen ſie für anſtändiges„Haar“ nichts ausgeben.“ „Das ſcheint mir nun auf meine Freunde weni⸗ ger zu paſſen“, ſagte Stanowsky gleichgültig.„Sie ſind durch ihre faſt ſouveräne Stellung in ihrer Heimat und ihren fabelhaften Reichthum gewiſſermaßen der Mittelpunkt aller Slawen in Paris und zu einem gro⸗ 4 ßen Aufwand verpflichtet.“ „Sie können dem alten Herrn meinen Stall ja einmal zeigen.“ „Gern!“ Stanowsky ritt durch ein großes Thor in den v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. I. 11 162 Hof des Pferdemäklers. Zur Rechten und Linken er⸗ ſtreckten ſich geräumige Stallungen, eine Seite des Vierecks wurde von dem Wohnhaus, die andere von einer großen gedeckten Reitbahn eingenommen, aus welcher Commando und Peitſchenknallen der Abrichter heraustönten. Einige Stallknechte in geſtreiften Jacken ſtreckten die Köpfe über die Thorbrüſtung, um die ihnen anvertrauten Pferde rechtzeitig vorzuführen. Der Hof ſelbſt, in dem eben ein hübſcher Phaëton von einem Kutſcher in dunkler Livree herumgefahren wurde, war mit weißem Sande beſtreut und die ganze Atmoſphäre geſchwängert mit den Dünſten von Stall und Mandge. Das Wohnhaus hatte eine hübſche, mit einem Glasdach gedeckte Anfahrtreppe. Eben erſchien darauf ein Livreediener und rief dem Kutſcher des Phaëtons. Im Nu ſtand der Wagen an der Treppe. In ein hellgelbes Atlaskleid gehüllt, einen mit den theuerſten Blumen überladenen Hut auf dem Kopfe, rauſchte eine kleine dicke Frauengeſtalt über die Stufen herab. Sie fächerte ſich aus Leibeskräften, ſelbſt in dem Augenblick, als zwei Diener ſie in den Wagen hoben, und ſie hatte es nöthig, denn der Schweiß rann ihr in großen Tropfen über das nicht häßliche, aber unglaublich fette Geſicht. —— 163 Endlich ſaß ſie. Die gelbe Robe füllte die drei leeren Sitze gewiſſenhaft aus. Die Pferde zogen an und der rothe Fränkel machte, den Hut in der Hand, eine ſo tiefe Verbeugung, daß Stanowsky unwillkür⸗ lich ſeinem Beiſpiel folgte. Das dicke Ungeheuer wiegte ſich graziös, aber nicht ohne Anſtrengung nach vorwärts und warf dem Ungar über ihren Fächer einen koketten Blick zu. „Das iſt meine Frau!“ ſagte der rothe Fränkel und richtete ſeine Blicke triumphirend auf den Ca⸗ valier. „Nicht möglich— Sie haben eine recht ſtattliche Frau!“ verbeſſerte Stanowsky ſich. „Ja, es ſagt's alle Welt, drum kann ich's ohne Unbeſcheidenheit auch ſagen,'siſt eine ſchöne Frau!“ ergänzte Herr Fränkel, der in dieſem Punkte ſterblich war, mit ſtrahlendem Antlitz. „Sie müſſen mich Madame einmal vorſtellen“, ſagte Stanowsky. „Werd' Madame Fränkel Ihren Wunſch mitthei len. Hat gegenwärtig entſetzlich viel Beſuche zu ma⸗ chen und zu empfangen, kann ſich gar nicht erwehren der Huldigungen der großen Welt. Alles will ſie haben, Alles will genießen ihren Geiſt, denn ſie iſt ſehr geiſtreich, ja; ſehr geiſtreich, hat neulich in der 11* 164 Geſellſchaft der Marquiſe Grodny den famoſen Witz gemacht auf den König von Preußen, daß der Re⸗ dacteur vom Figaro iſt gekommen, ſie zu bitten, ob er nicht drucken dürfe den Witz in die Zeitung. Ja, hat ſie geſagt, aber incognito. Hat er ihn gedruckt in⸗ cognito und hat gemacht ein gutes Geſchäft. Kennen Sie den Witz? Nicht? Werd'n Ihnen erzählen. Haben ſie geſprochen politiſch miteinander und haben aufge⸗ ſtellt die dumme Frage, wer größer ſei, Napoleon I. oder der König von Preußen. Hat meine Frau flott⸗ weg geſagt, der König von Preußen. Sind nun die Hofdamen alle über ſie hergefallen und haben geſchrien: Warum, warum, Frau Fränkel? Frau Fränkel is ſo gut ein Titel wie Marquiſe oder Baronin. Darum, hat Frau Fränkel geſagt und hat ſo recht geiſtreich in ſich hinein gelacht, wie es ihre Gewohnheit is, darum, weil der Napolion der kleine Korporal iſt und der Wilhelm der große. Haben ſie da alle gelacht und der Kaiſer, dem ſie's erzählt haben, hat auch gelacht.“ Stanowsky lachte pflichtſchuldigſt auch. Der rothe Fränkel ſah ihn mit Protectormiene an. 8 „Werd' Frau Fränkel ſagen, daß Sie wünſchen ihr Ihre Aufwartung zu machen. Doch jetzt zu Ge⸗ ſchäften!“ — — — 165 Es gelang dem glücklichen Gatten der geiſtreichen Frau nicht ganz der ernſte Ton, den er anzunehmen ſuchte, aber er fuhr fort: „Sie haben mir geſagt, daß Sie mir wollen be⸗ zahlen am erſten zwanzigtauſend Franes für den Viererzug, hab' Ihnen blos deshalb am dreißigſten ge⸗ geben den Schimmel— heut' iſt der zweite. Wollen Sie mir zahlen die zwanzigtauſend Francs?“ „Beſter Fränkel—“ „Und nicht einmal gekommen ſind Sie und haben geſagt: Fränkel, ſo und ſo, haben Sie Geduld! Man iſt ja kein ungebildeter Menſch, man läßt ja mit ſich reden.“ „Lieber Fränkel, ich erwarte mit jeder Poſt meine ungariſchen Revenuen.“ Die kalte, abweiſende Energie von vorhin trat wieder auf das Geſicht des Pferdehändlers. „Hören Sie, Stanowsky, wenn ich red' gut und nachſichtig mit Ihnen, müſſen Sie mich nicht beleidigen und dumm machen. Wenn ich will warten auf Ihre ungariſche Revenue, ſo kann ich werden ſo alt wie Methuſalem und hab' noch nichts. Reden wir ver⸗ nünftig!“ „Aber ich verſichere Ihnen—“ „Verſichern Sie lieber nichts und hören Sie mich 166 ruhig an. Hab' einen Schwager in Peſth, der kennt ganz Ungarn, wie ſeine Taſche, aber einen Fürſten Stanowsky und ſeine Beſitzungen kennt er nicht. Und in den Liſten der ungariſchen Adligen und Grundbe⸗ ſitzer iſt er auch nicht zu finden.“ Der Schlag war zu wuchtig, als daß ſich Sta⸗ nowsky ſogleich davon hätte erholen können. Bleich und mit geſenktem Haupte ſaß er da und blickte mit leeren Augen auf einen Horizont voll Schmach und Elend. Der rothe Fränkel ließ ſeine Mittheilung eine Weile wirken, dann fuhr er fort: „Nun, ich ſagt' Ihnen ja, ich bin ein gebildeter Mann. Wenn Sie haben kein Geld, ſo haben Sie doch angeſehene Freunde, werthvolle Bekanntſchaften.“ Stanowsky athmete auf, aber ſein Ausſehen war verändert. Er fühlte, daß er vor dem rothen Fränkel ſeine bisherige Rolle ausgeſpielt hatte und daß eine neue beginnen müſſe. „Wie wär's, wenn Entretout bezahlte?“ Stanowsky ſchüttelte den Kopf. „Entretout iſt reich, aber Léonie braucht mehr, als er ihr geben kann.“ „Lord Watkins“, fuhr der Pferdehändler fort, ohne durch dieſen erſten Widerſpruch entmuthigt zu werden. — 8 “ 167 „Verlor geſtern fünfmalhunderttauſend Francs in Wetten.“ „Mon— wie heißt er? Der mit dem Schecken.“ „Mondelion bin ich bereits eine bedeutende Summe ſchuldig.“ „Da ſteht es allerdings faul!“ meinte der Pferde⸗ händler ſinnend, doch plötzlich erhob er den Kopf. „Der Hospodar! Der Kröſus aus der Walachei! Heirathen Sie eine der Töchter.“ Stanowsky lächelte cyniſch. „Eine ohne die andere iſt ſchwierig!“ Der rothe Fränkel grinſte. „Verſtehe! Dann führen Sie beide aufs Eis und drohen dem Alten mit Skandal.“ Selbſt Stanowsky prallte innerlich zurück vor der bodenloſen Gemeinheit dieſes Menſchen. Doch das cyniſche Lächeln verließ ſeine Lippen nicht. „Das Alles braucht Zeit, beſter Fränkel.“ Der rothe Fränkel ſann nach. „Hab' Ihnen gegeben Pferde, will Ihnen auch geben Zeit. Werden nicht lange brauchen, die beiden blauen Dämchen ſind reif, hab's geſehen. Heirath oder Skandal iſt mir gleich, will Ihnen geben acht Tage.“ „Zu wenig.“ „Will Ihnen geben vierzehn.“ „Nicht möglich ſo ſchnell!“ „Nun ja, vier Wochen. Dabei bleibt's. Aber machen Sie mir keine unſaubern Geſchichten. Hab' Leute, die mir wohlwollen, überall, im Hotel du Louvre, auf den Boulevards, auf den Pahznhüſene Ein unredlicher Stritt und Sie ſitzen in Mazas.“ Stanowsky ſchwieg. So begann der rothe Fränkel nach einer Kunſt⸗ pauſe wieder:„Die Geſchäfte ſind abgethan. Jetzt kön⸗ nen wir wieder als Freunde reden. Ihr künftiger Schwiegervater wird ſich amüſiren, wenn er meinen Stall ſieht, und für ein paar Hochzeitspferde will ich ſorgen. Wann bringen Sie ihn mir?“ „Vielleicht morgen.“. „Gut, er ſoll empfangen werden, wie es einer Fürſtlichkeit geziemt. Und dieſer Mondélion— es iſt doch höchſt geſchmacklos, dieſe Vorliebe zu den Schecken!“ „Gewiß, gewiß, wie viele andere Grillen, die er hat.“ „Sie ſollten ihm Cecnnna beibringen, Sta⸗ nowsky.“ „Ich verſuche es heute Abend, ihm ſeine Zimper⸗ lichkeit in Betreff der Weiber abzugewöhnen.“ „Das iſt recht! Ein blöder Junge wird nie ein flotter Cavalier. Vielleicht reiten Sie die nächſten Tage einmal mit ihm hier vorbei. Vor dem Thor —— 169 fällt Ihnen ein, daß Sie ſich meinen norddeutſchen Rappen anſehen wollen, von dem Sie gehört, der ſo wunderbar gehen ſoll. Sie laden ihn ein mitzukommen, das Uebrige übernehme dann ich. Wollen Sie?“ „Ja.“ Eben ſprengte ein Trupp junger Cavaliere lärmend in den Hof. Stanowsky machte Miene, ſich zurückzuziehen. Der rothe Fränkel zog ſeinen Hut und machte dem Ungar eine tiefe Reverenz. Im Galopp verließ Stanowsky den Hof. „Wer war das?“ fragte einer der jungen Herren. „Fürſt Stanowsky, einer der reichſten Cavaliere Ungarns“, antwortete der rothe Fränkel ernſt. Stanowsky war inzwiſchen in den Champs Elyſées angelangt; dieſe hatten ſich bereits wieder mit Wagen und Reitern gefüllt, die dem„Bois“ zueilten. Stanowsky ſah grimmig lächelnd auf dieſe bunte, durcheinanderſchwirrende Welt, die er vor einer Stunde wie Marionetten zu benutzen glaubte, und jetzt war er nichts mehr als ein willenloſer Antomat, ein glän⸗ zender Lockvogel in der ſchmuzigen Hand des rothen Fränkel. Stanowsky lachte wild auf und ſprengte im ge⸗ ſtreckten Galopp nach dem Hotel du Louvre. Zehntes Kapitel. Nacht in Paris. Stanowsky war allein in ſeinen Zimmern im Hotel du Louvre und ſchaute zerſtreut ſeinem Kammer⸗ diener zu, welcher einem Kellner des Hotels behülflich war, den großen verſilberten Kronleuchter anzuzünden, der von der Decke herabhing. Die Ausſtattung des Salons machte den Erbauern des Hotels alle Ehre. Kirſchrothe Möbel mit verſilberten, kunſtvoll gearbeiteten Füßen und Lehnen ſtimmten gut zu der röthlichen Ta⸗ pete mit Silberblumen, welche die Wände bedeckte. Die Harmonie, welche die Franzoſen in Einrichtung und Toilette ſo ſehr lieben und welche einen großen Theil ihres gerühmten Geſchmacks ausmacht, war hier durchgeführt bis auf den Gegenſtand der rieſigen Ge⸗ 171 mälde, welche von Silberrahmen umgeben an den Wänden hingen. Das eine ſtellte eine Nacht in den arktiſchen Regionen vor. Zwiſchen ſeltſamen, abenteuer⸗ lichen Eisgebilden lag ein überwinterndes Schiff und das Nordlicht warf ſeine Strahlen auf die phantaſtiſche Oede und malte mit dem Roth der Freude und Ge⸗ ſundheit die abgemagerten Geſichter der Männer, die hier eingehüllt in Pelze und Decken dem Frühling und der Rückkehr nach der Heimat oder einem Grab unter den Schollen entgegenharrten. Das Gegenſtück zu dieſem Bilde ſtrahlender Ver⸗ ödung war ein Landſchaftsgemälde aus der erhaben⸗ ſten Gebirgswelt. Im Alpenglühen ſtrahlen die Glet⸗ ſcher und die zackigen Felſen und werfen ihren Wider⸗ ſchein auf das glückliche Geſicht der Sennerin, die vor ihrer Hütte den Jäger erwartet, welcher, eine erlegte Gemſe auf dem Rücken, ſich am Bergſtock den ſteilen Felſenpfad herabläßt. Stanowsky ſchaute lange auf dies Bild glücklicher Einſamkeit inmitten einer befreundeten Natur. Zwar die Poeſie der Bergwelt hatte ihn nie beſonders ange⸗ zogen. Wohl hatte auch er die bekannteſten Alpen⸗ touren gemacht als Touriſt, den Bergſtock in der Hand und den Ruckſack auf dem Rücken, in eleganter Tiroler⸗ kleidung, welche ſeinem ſchlanken, kräftigen Wuchs ſo 4122 gut ließ. Aber das Weſen dieſer herrlichen Welt blieb ihm fremd. Im Erſteigen hoher Berge ſah er nur eine ſehr zweckmäßige Muskelübung, die engen Thäler mit ihren überhängenden Felſen bedrückten ſeinen Sinn und nahmen ihm den Athem, und alles Dunkle, was er ſo gern vergeſſen hätte, ſtieg wieder dräuend vor ihm auf. 3 Aber das Bild erinnerte ihn an die herrliche Frei⸗ heit, die er einſt gelebt auf weiter Pußta— Iſtvan der Cziko. Da lag er auf dem grünen kurzen Haide⸗ gras, das Geſicht dem Himmel zugewendet, neben ihm der Filzhut mit den ungeheuren Rändern und das Schaffell, deſſen Wolle im Winter nach innen gekehrt wird. Ein kühler Wind fegte über die Pußta und ſpielte mit den weiten Pluderhoſen Iſtvan's, die in Czismen mit ungeheuren Sporen ſtaken, und mit den langen Mähnen der ringsum graſenden Pferde. Und Iſtvan träumte— von was träumt der Ungar? Von Roſza Sandor, von einem Beutezug ge⸗ gen die reichen Moslem, von Beuteln von Gold und einem Reiherbuſch, der mit einer Agraffe von gleißen⸗ den Edelſteinen an ein Edelmannsbarett befeſtigt war, von einer Mahlzeit, wo es Speck in Hülle und Fülle gab, von feurigem goldgelbem Tokayer und von Treſi. Treſi! Iſtvan ſprang von der Pußta auf, faßte 173 das nächſte der bei ihm graſenden Pferde bei den Näſtern, warf ihm die Zügel über, und hinein ging's über die Pußta ohne Sattel, ohne Bügel, daß die Heerde die Köpfe erſchreckt hob und ſchnaubend durch⸗ einander rannte. Iſtvan glloppirte in den Wald. Manchmal ſetzte der Braune mit flatternden Mähnen über einen um⸗ geſtürzten Baumſtamm, dann wieder bückte ſich Iſtvan, um einem niederhängenden Zweig auszuweichen, dann wieder ging es im ſauſenden Galopp über eine grüne Wieſe, wo das Gras ſo ſaftig und grün war, als wäre hier ewiger Frühling, dann an dem Rande eines Sumpfes hin, daß die Waſſervögel erſchreckt und ſchreiend aufflogen. Da richtet ſich Iſtvan im Sattel auf und ſein gellender Ruf tönt durch die Einſamkeit, und die Sporen im Bauch des Braunen jagt er dahin. Jetzt lichtet ſich der Wald, man hört Gelächter und Geſang und Zigeuner ſpielen auf— Iſtvan ſpringt vom Roß, das von ſelber an die gefüllte Krippe läuft, und tritt in Treſi's Czarda. UInd er faßt das flinke braune Mädel und die Zigeuner ſpielen auf, und die Sporen klingen und das Röckchen fliegt und die ſchwarzen Augen blitzen und der Buſen wogt empor aus dem ſeidenen Tuch, und Iſtvan kommt erſt am andern Morgen wieder zu ſeiner 174 Heerde. Er ſucht eben ein verſprengtes Pferd, als er dem Leibhuſaren ſeines Gutsherrn begegnet. Der Leib⸗ huſar ruft ihn. Iſtvan reitet trotzig näher. Er glaubt nicht an⸗ ders, als der Gutsherr habe erfahren, daß er von der Heerde fortgeritten ſei, und er ſolle, zum erſten Mal, denn der Herr war immer gütig gegen ihn, beſtraft werden. „Iſtvan“, ſagte der Huſar gütig,„ein großes Glück ſteht Dir bevor! Dominus erinnert ſich, daß Dein Vater ſein Leben für ihn gelaſſen, als er ihn vor den Zähnen des Wolfs errettete, er will es an Dir gut machen, was er dem Vater nicht mehr danken kann, und will Dich in die Stadt bringen und machen einen gelehrten Herrn aus Dir, der trägt einen Dolman und enge Hoſen und der über dem Gute Verwalter iſt und lateiniſch ſpricht und die Czikos prügelt. Komm! Dominus fährt zur Stadt, Du ſollſt mit ihm fahren.“ Noch immer ſtand der Iſtvan da und ſchaute mit den großen ſchwarzen Augen herum, als habe er am Horizonte der unermeßlichen Pußta etwas verloren. „Was ſtehſt Du da und gaffſt? Beſteig' Dein Pferd und komm, Dominus erwartet Dich.“ Alles drehte ſich mit Iſtvan im Kreiſe, Wald und Pußta, Heerde und Huſar, Reiherfedern und enge Hoſen, ein geprügelter Cziko und— 175 „Hört, Huſar gnädiges! Ich muß noch beſuchen Treſi.“ „Brauchſt nicht, Iſtvan, findeſt in der großen Stadt Mädel viel ſchönere, mit Kleid ſo lang wie Schweif vom Pferd meiniges und mit Haut ſo weiß wie Federl, wo hat wildes Schwan unter die Flügel. Dominus erwartet Dich!“ Und Iſtvan beſtieg den Braunen, langſamer als geſtern, und ritt mit dem Huſaren dahin. Der Huſar ſtrich ſeinen langen Schnurrbart. Der Schafpelz nnd der große Hut blieben auf der Pußta liegen und die verwaiſte Heerde verſammelte ſich darum, umſchnupperte ſcheu die ſeltſamen Gegen⸗ ſtände, und aus der Czarda ſchaute Treſi immer nach der Gegend im Wald, wo die Waſſervögel ſchrieen, und Iſtvan verbeugte ſich tief, faſt bis zur Erde vor dem Gutsherrn:„Domine! Domine!“ Und man fuhr in die Stadt und Iſtvan erhielt enge Hoſen, Schnürrock und Barett und wurde in ein großes Haus geſperrt zu vielen Söhnen von Magnaten und reichen Leuten und lernte mit ihnen Lateiniſch und viele andere Sprachen und gelehrte Dinge. Und als er ausgelernt hatte, wurde er wieder nach Hauſe ge⸗ rufen und der Gutsherr war ſehr erfreut, daß Iſtvan ſo Vieles wußte und ſo ſchön ſeine Worte ſetzte, und — 176 machte ihn zum Verwalter und er durfte mit dem Gutsherrn lateiniſch reden und Schach ſpielen und konnte Czikos und Huſaren prügeln nach Herzensluſt und wurde überhaupt angeſehen wie der Sohn eines Edelmanns. Treſi fand er nicht mehr, als er mit Barett, Reiherbuſch und Schnürrock an die Czarda ritt. Sie war fortgezogen mit ihren Freunden, den Zigeunern— ſchon lange. Der Leibhuſar hatte ihr das Leben zu ſauer gemacht, weil ſie nichts von ihm wiſſen wollte⸗ So erzählte der alte Jude, der jetzt die Schenke hielt. Iſtvan fühlte zum erſten Mal in ſeinem Leben einen tiefen Schmerz. Der Huſar war todt, hatte ſich todtgetrunken— Iſtvan faßte den Juden an der Bruſt. „Wo iſt ſie hin?“ Der Jude deutete auf einen wilden Schwan, der eben mit trägem Flügelſchlag über den Wald dahin⸗ ruderte. „Fragt mich, Herr, wohin dieſer Schwan fliegt, ich kann's Euch nicht ſagen! Nehmt gnädigſt an ein Gläschen Tokayer.“ Iſtvan that es an Aufwand den Adligen gleich, deshalb mochten ſie ihn nicht. Eines Sonntags in der benachbarten Stadt wollten ſie ihn nicht tanzen laſſen mit der ſchönen Aranka, der Tochter des Richters. 177 Er ſchlug den, der es ihm wehren wollte, und mußte fliehen. Sein Dolman war zerfetzt von Meſſerſtichen. Da ließ ihn der Gutsherr rufen. „Iſtvan“, ſagte er gütig,„Du trägſt einen fei⸗ nern Dolman als ich, Dein Barett blitzt von Dia⸗ manten, an Deinen Füßen klingen ſilberne Sporen, Du machſt der Tochter des Richters koſtbare Geſchenke und für jeden Tanz gibſt Du den Zigeunern einen Silbergulden— woher nimmſt Du das Geld, Iſtvan?“ „Ich verdiene es im Handel, mit Korn und Pfer⸗ den, Domine“ „Es iſt gut, wenn Du ſo viel verdienſt, bringe mir morgen die Rechnungen und die Kaſſe, Iſtvan!“ In der Nacht ſtieg Iſtvan über die Mauer des Hofs in den nahen Wald, ſuchte ſein Pferd, das er während des Tages dort angebunden und ritt nach der Czarda Treſi's. Dort blieb er die Nacht über— am folgenden Tag ritt er weiter. Gold iſt der beſte Paf⸗ ſirſchein. Der Kronleuchter war angezündet und beleuchtete die untadelhafte Geſellſchaftstoilette des Herrn, der träumend in der Sophaecke ſaß, während dann und wann über ſein Geſicht die Erinnerung wie Wetterleuchten zuckte. Treſi! v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. I. 178 „Der Herr Abbé Guérin!“ meldete der eintretende Diener. Stanowsky ſprang auf. Das kühle, gefällige Lächeln des Weltmanns legte ſich auf ſein Geſicht und glättete die letzten träumeriſchen Falten. Der Angemeldete trat ein. Es war eine Prieſter⸗ erſcheinung, wie man ſie anderswo als in Paris ſelten, dort aber ſehr häufig antrifft. Abbé Guérin ſtand im Alter Stanowsky's, aber ſeine mittelgroße Geſtalt zeigte weder jene frühzeitige Beleibtheit, noch die aſcetiſche Magerkeit, welche katho⸗ liſchen Prieſtern in der Mitte des Lebens eigenthümlich iſt. Abbé Guérin hätte nur nöthig gehabt, den bis an die Waden reichenden Prieſterrock aus feinſtem Tuch und von eleganteſtem Schnitt gegen einen Leibrock, ſeine ſchwarzſeidenen Strümpfe gegen Pantalons, ſei⸗ nen breitrandigen Hut gegen eine profane Kopfbe⸗ deckung zu vertauſchen, um in jedem Salon als feiner und liebenswürdiger Cavalier aufzutreten. Abbé Guérin war ein ſchöner Mann; ſein Geſicht von faſt mädchenhafter Zartheit erhielt einen beſondern Reiz durch den blauen Schimmer eines ſtarken raſirten Bartes und durch ein paar mächtig große, ausdrucks⸗ volle Augen. Abbé Guérin hatte eine ſehr feine gepflegte Hand und ſeine Stimme war von ſeltenem Wohlklang. 179 „Ich bin, wie ich ſehe, der erſte hier!“ ſagte der Abbé und ſah ſich dem Anſcheine nach ſehr überraſcht um.„Ich vergeſſe immer wieder, daß Ihr Kinder der Welt eine ganz andere Lebensweiſe habt als wir An⸗ dern, die wir theilweiſe von ihren Genüſſen ausge⸗ ſchloſſen ſind.“ Der Prieſter ſagte das ſehr ernſt und mild, deſſenungeachtet riefen ſeine Worte auf dem Geſichte Stanowsky's ein feines Lächeln hervor. „So ſehr ich die frühe Ankunft Eurer Hochwürden beglückwünſche, ſo wenig möchte ich mir erlauben, die⸗ ſelbe mit mangelnder Kenntniß der Sitten der Geſell⸗ ſchaft zu erklären— Euer Hochwürden verkehren ſo viel in allen Kreiſen.“ „Ich bin Weltprieſter“, ſagte Abbé Guérin, de⸗ müthig die Augen niederſchlagend,„und wie der Miſ⸗ ſionär die rauhen Sitten der Wilden annimmt, ohne ſie zu lieben, damit er dem heiligen Evangelium leichter Eingang in ihre Herzen verſchaffe, ſo miſche auch ich mich hier und da unter die Kinder der Welt, um ihnen manchmal durch meine Gegenwart zuzurufen: Betet und thut Buße, denn der Tag des Gerichts iſt nahe!“ Die Stimme des Prieſters war zu ſolch ernſtem Pathos angeſchwollen, daß ſelbſt Stanowsky ihn prü⸗ fend anſchaute. Was bezweckte der Abbé mit ſeiner 12* frühen Ankunft und einer ſo ſalbungsvollen Con⸗ verſation? Das Geſicht Stanowsky's behielt daher den Zug freundlicher Ironie, als er ſagte: „Ich bitte für mich und die Kannibalen, die ich heute Abend eingeladen, im voraus um Ihre Abſolu⸗ tion für die Sünden, die wir in Worten oder Hand⸗ lungen begehen möchten.“ Das Geſicht des Prieſters verlor ſeinen ſalbungs⸗ vollen Ernſt und leichthin fragte er: „Wen haben Sie außer dem Baron Mondélion und den hübſchen Sünderinnen, von denen Sie mir erzählten, noch eingeladen?“ „Lord Watkins.“ „Das iſt der Engländer, welcher im Rennen den Preis gewonnen hat, aber deſſenungeachtet in den Wetten enorme Verluſte erlitt, weil er ſich verpflichtet hatte, ſchon beim zweiten Umritt alle übrigen um eine Pferdelänge zu ſchlagen?“ „Derſelbe.“ „Iſt Watkins Katholik? Es gibt in England ſehr eifrige Kinder der Kirche.“ „Soviel ich weiß, iſt Watkins Proteſtant.“ „So! Wer kommt außerdem?“ „Graf Agenoux.“ 181 Der Prieſter nickte befriedigt mit dem Kopfe. „Graf Agenoux iſt ein treuer Sohn der Kirche, ein Muſteredelmann von vortrefflichen Sitten.“ „Er wird wahrſcheinlich ſeine neue Geliebte mit⸗ bringen, eine reizende Griſette, die er im Temple oder Quartier latin aufgefunden.“ 4 Der Prieſter runzelte die Stirn. „Sicher hat der Graf ſich des verlorenen Weſens angenommen, um es auf den Weg des Heils und der Tugend zurückzuführen.“ „Möglich! Vielleicht hält er ihr zu dieſem Zweck einen hübſchen Wagen und vielleicht führt der Weg des Heils und der Tugend durchs Bois.“ „Jedenfalls macht Graf Agenoux durch ſeinen Eifer für Religion und Kirche es tauſendfach gut, wenn er in einem Punkte fehlen ſollte“, ſagte der Prieſter ernſt. Darauf war allerdings nichts zu erwidern und Stanowsky fragte daher: „Kennen Sie den Grafen Entretout, Herr Abbé?“ Der Prieſter ſchaute raſch auf. „Nur dem Namen nach; er ſoll ſehr reich ſein, ſehr zurückgezogen leben und ſehr gern geſehen ſein vom Kaiſer.“ „Ganz richtig!“ ſagte Stanowsky verbindlich lä⸗ chelnd.„Graf Entretout wird heute Abend hier ſein.“ ——— 182 Dem Prieſter gelang es kaum, eine gewiſſe Auf⸗ regung zu verbergen. „Ich kenne Entretout vom Hörenſagen als geiſt⸗ reichen Menſchen— wäre es nicht einzurichten, daß ich neben ihn zu ſitzen käme? Vielleicht auch könnten Sie Agenoux in die Nähe placiren.“ Stanowsky lächelte noch verbindlicher, als er er⸗ widerte: 5 „Eigentlich hatte ich es mir vorgenommen, meine Gäſte ſich ſetzen zu laſſen, wie es ihnen beliebt, und für meine Perſon von dem übrig bleibenden Seſſel Beſitz zu ergreifen. Da Sie es indeß anders wünſchen, werde ich Alles zu Ihrer Zufriedenheit zu ordnen ſuchen, Abbé! Nur möchte ich Sie darauf aufmerkſam machen, daß auch in Graf Entretout's Geſellſchaft ſich eine Dame befindet, die er ſchon ſeit mehreren Jahren mit Aufwand ſeiner ganzen Revenue auf den Weg der Tugend zu führen ſucht— Léonie Lebrun.“ Der Prieſter ſchaute Stanowsky ſcharf an. „Ich kenne Léonie; ſie iſt beſſer als Ihr Ruf, ſie hat im Falle ihres Todes ihr ganzes Vermögen der Kirche vermacht.“ „Das iſt allerdings kein zu verachtendes Geſchenk“, nieinte Stanowsky;„es iſt das Vermögen des nun ruinirten Herzogs von Charton und ein Theil der 183 Reichthümer des verrückten Fürſten Limidow, der durch Selbſtmord endete.“ — Der Prieſter blickte etwas mißmuthig auf den Ungar.— „Für die kurze Zeit Ihres hieſigen Aufenthalts kennen Sie die chronique scandaleuse ziemlich genau, doch wenn ich Ihnen für Paris einen guten Rath geben darf, ſo iſt es der, ſich nie für den Urſprung der Dinge allzuſehr zu intereſſiren, die Ihnen begegnen. Jedenfalls wird, ſollte Léonie Lebrun abgerufen wer⸗ den, die Kirche von dem Vermögen dieſer Dame einen beſſern Gebrauch machen,) als es der blödſinnige Her⸗ zog von Charton und der excentriſche Limidow je ver⸗ mocht hätten.“ „Si finis licitus est, etiam media licita sunt!“ ſagte Stanowsky.„Der Zweck heiligt die Mittel.“ 4 Des Prieſters Augen flammten zornig auf, als wolle er etwas erwidern, da meldete der eintretende Diener: „Madame Léonie Lebrun et Monsieur le comte d'Entretout.“ Graf Entretout führte ſeine Geliebte am Arm herein. Der Graf war im ſchwarzen Leibrock mit weißer Weſte. Madame Léonie Lebrun trug ihrer Gewohn⸗ 184 heit nach ein einfaches, enganſchließendes Kleid aus ſchwarzer Seide und als einzigen Schmuck in den Ohren zwei Brillanten, anffallend durch Größe und durch Feuer. Léonie Lebrun erwiderte cordial die Begrüßung des Wirths. Sie muſterte ihn ziemlich ungenirt und reichte ihm die Hand. „Guten Abend, Stanowsky! Ich habe ſchon viel von Ihnen gehört, ich habe Sie ſchon heute Mor⸗ gen geſehen, wenn ich nicht irre, bei dem rothen Frän⸗ kel. Sie ritten einen ſehr hübſchen Eiſenſchimmel. Sie reiten gut— ich reite auch gern. Schade, daß uns Alfred nicht eher bekannt gemacht hat, ich möchte einmal mit Ihnen reiten.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, hatte ſich Léonie mit einer lautrauſchenden graziöſen Wendung ihrer Schleppe dem Prieſter genähert, der in nachläſſig beobachtender Haltung an der weißen Alabaſterbrüſtung des Kamins lehnte. Sie ſtreckte ihm beide Hände hin. „Ei, ſieh da, mein lieber kleiner Abbé, treibt ſich in den Salons lebensluſtiger Cavaliere herum, als ob er nie im Beichtſtuhl armen Sünderinnen die ſchuld⸗ bewußte Seele zittern machte.“ Der Prieſter ergriff die beiden Hände der Dame nicht, er ſchaute ſie an mit einem mächtigen Blick ſeiner Augen kalt an. 185 großen Augen, und ſeine Stimme klang leiſe und vor⸗ wurfsvoll, als er ſagte: „Léonie Lebrun, welche einſt in der Madelaine ſtundenlang zu Gott flehte um Vergebung ihrer Sün⸗ den, ſcheint nun vollkommen genug zu ſein, um jener Erſchütterungen nicht mehr zu bedürfen.“ Die leiſen und eindringlichen Worte des Prieſters machten auf Léonie ſichtbaren Eindruck. „Nein, nein“, ſagte ſie faſt flehend,„nennen Sie mich nicht lau, ich bin es nicht. In der That, in den letzten Wochen war ich zerſtreut, ich konnte nicht die nöthige Sammlung finden, in der allein man würdig iſt, vor ſeinen Schöpfer zu treten. Ob ich Ihre Worte entbehren kann, Abbé? Ich habe ſie nöthiger als je.“ Stanowsky, der mit Entretout einige Worte der Begrüßung wechſelte, wollte es ſcheinen, als ob ſich in die Blicke des Prieſters, in die Bewegungen Léonie's etwas miſchte, was nicht allein dem Himmel angehorte. Auch Graf Entretout blickte manchmal hinüber. Jetzt trat er zu der kleinen Gruppe. „Mein Beichtvater! Alfred!“ ſtellte Léonie die Herren einander vor. Der Prieſter ſchlug die Augen nieder und ver⸗ beugte ſich tief. Der Graf ſah ihn mit halbgeſchloſſenen —yÿ——— 186 „Léonie iſt ſehr fromm. Ich liebe es, wenn die Frauen fromm ſind, es paßt das zu ihrer ganzen An⸗ lage und füllt paſſend ihre freie Zeit aus.“ Léonie ſah beſtürzt auf den Grafen, er ſchien die Abſicht zu haben, den Prieſter zu beleidigen. Dieſer hob die demüthig niedergeſchlagenen Augen und richtete ſie auf den Grafen mit einem Blick vorwurfsvoller Milde. 4 „Der Herr Graf betrachten die Religion von einer ſehr praktiſchen Seite. Wenn ſolche Anſchauungen maß⸗ gebend ſind unter den erſten Cavalieren des Kaiſer⸗ reichs, ſo kann ich mich nur wundern, daß es fran⸗ zöſiſche Truppen ſind, welche Seine Heiligkeit vor dem Angriff frecher Räuber beſchützen.“ Der Graf zuckte die Achſeln. „Die Occupation Roms— ja, man läßt ſie fort⸗ dauern, weil man einmal ſich auf die Sache eingelaſſen hat. Wenn man einen paſſenden Modus fände, man würde ſich gewiß zurückziehen. Dieſer lächerliche Zuſtand kann nicht ewig dauern.“ „Ich bin nicht eingeweiht in das Getriebe der höhern Politik“, begann der Prieſter wieder und ſeine Stimme bebte wie vor ſchwerverhaltenem Unwillen, „aber dennoch möchte ich glauben, daß die geſunde Ver⸗ nunft des Kaiſers und die Frömmigkeit der Kaiſerin — 187 mehr zur Sicherung des päpſtlichen Territoriums bei⸗ tragen haben als die von Ihnen angeführten Gründe.“ Der Graf gab ſich nicht die geringſte Mühe, den Spott zu verbergen, der über ſein geiſtreiches Geſicht zuckte. „Da haben wir's wieder, Euer letztes Reduit ſind die Weiber. Ja, ja, die Kaiſerin iſt fromm und verehrt den Papſt“— Graf Entretout machte eine Verbeugung— „Sie geſtatten den Vergleich, wie Léonie Lebrun ihren Beichtvater, aber ſie iſt fromm als Spanierin, wie Léonie als Pariſerin, und deshalb iſt ihnen beiden die Religion doch nicht viel mehr als ein Toilette⸗ artikel, den man blos deshalb ſo ſelten wechſelt, weil er ſchon einige Jahrtauſende in der Mode iſt. Wiſſen Sie ſchon, Herr Abbé, daß Léonie gegenwärtig ſehr eifrig Renan lieſt und auf dem beſten Wege iſt, Atheiſtin zu werden?“ „Alfred!“ rief Léonie flehend. Der Prieſter bebte vor Wuth. „In der That, nein! Das wußte ich nicht.“ Stanowsky horchte lächelnd auf das ſonderbare Geſpräch, und als ſich der Prieſter ziemlich brüsk ab⸗ wandte, zog ihn der Ungar leiſe auf die Seite und ſagte: 3 „Man kann unmöglich der Beichtvater der Geliebten 188 ſein und den Liebhaber zum Freund haben— darf ich Sie neben Baron Mondelion ſetzen? Er iſt zwar Orle⸗ aniſt, ſagt man, aber der ehemalige Miniſter Ludwig Philipp's iſt ja einer der eifrigſten Vertreter der welt⸗ lichen Macht Seiner Heiligkeit.“ Der Prieſter vermochte nicht ganz die Bitterkeit zu verbergen, die in ſeinem Herzen kochte. „In der That, der Kaiſer wählt ſeine Umgebung ſeltſam— in Sinnenluſt und Eitelkeit verkommene Wüſt⸗ linge, welche durch ihre Maitreſſen geleitet werden.“ „Wenn die Maitreſſen fromm genug ſind, ihr ganzes Vermögen der Kirche zu vermachen, ſo dürfte dieſe Herrſchaft nicht allzu ſündhaft gefunden werden.“ Der Abbé ſchwieg. Stanowsky richtete ſeinen Blick ſpöttiſch⸗vertraulich auf den Prieſter und fuhr fort: „Geſtehen Sie es zu, Abbé, Léonie Lebrun war im Begriff, Ihrem Einfluſſe entfremdet zu werden, Sie ſuchten ſich ihr wieder zu nähern. Sie verbanden damit noch politiſche Zwecke bei ihrem Geliebten, die ich blos vermuthe, nicht kenne. Der Plan war genial, aber zu kühn. Sie haben das Spiel verloren. Ich hätte Ihnen das vorausſagen können, wenn Sie mich zu Rathe gezogen hätten. Graf Entretont iſt ein Mann von ſel⸗ tenem Inſtinkt und von einer galanten Rückſichtsloſig⸗ keit ſondergleichen.“ 189 „Ein Unverſchämter!“ knirſchte der Prieſter.„Was Sie von Plänen ſprechen, mein beſter Stanowsky, verſtehe ich nicht.“ Stanowsky konnte ſeine Enttäuſchung nicht ganz verbergen. Dieſer Prieſter, deſſen Einfluß ſelbſt der Skandal im erzbiſchöflichen Palais und die Ungnade des Erzbiſchofs von Paris nicht zu brechen vermochten, der ſich dreiſt in eine Geſellſchaft miſchte, wo die Wogen des Vergnügens am höchſten gingen, dieſer Mann, ſo viel leuchtete Stanowsky ein, mußte durch eine Macht gehalten werden, welche höher ſtand als Erzbiſchof Darboy, und verfolgte Zwecke, welche über die einfache Miſſion eines Prieſters hinausgingen. Stanowsky ſuchte faſt mit Verletzung der geſelligen Sitten den unheimlichen Schleier zu durchdringen, der über dem ganzen Wirken des hübſchen Prieſters ausge⸗ breitet lag, um vielleicht daraus für ſein eigenes gefährde⸗ tes Daſein einen Nothanker zu machen. Vergeblich. Als Stanowsky wieder nach ihm hinſah, ſchien der Abbé tief verfunken in die Betrachtung der vom Eiſe einge⸗ ſchloſſenen, vom Nordlicht angeſtrahlten Polfahrer. Stanowsky näherte ſich dem Grafen Entretout und Léonie, welche, wie es ſchien, im ernſteſten Ge⸗ ſpräch auf einem Sopha ſaßen. „Ich hielt Dich für ſtark, Léonie; Du nannteſt 190 Deine Liebe zu mir oft Deine einzige Schwäche“, hörte Stanowsky den Grafen leiſe und eindringlich ſagen. „Du, die Charton ohne Rührung geiſtig verkommen ließ, welche die Nachricht vom Tode Limidow's mit einem Witz entgegennahm, gegen mich behaupteteſt Du nichts zu ſein als ein ſchwaches liebendes Weib. Du weißt, ich habe von dieſer Liebe nie ein Opfer verlangt, ich habe Thorheiten für Dich begangen, wie Limidow und Charton, Du hatteſt niemals nöthig, auf die ſon⸗ derbarſte Deiner Launen zu verzichten— nun ja, heute verlange ich zum erſten Mal die Gewährung einer Bitte: wende Dich ab von dem finſtern Geſellen, den wir eben geſprochen und der eine ganz ſeltſame Macht über Dich zu beſitzen ſcheint. Léonie, auch ich liebe Dich, es iſt eine Tollheit, Dir's zu geſtehen, aber wenn Du es verlangteſt, ich würde Dich ſelbſt zu meinem Weibe machen.“ Léonie hatte erſt befangen, dann gerührt dem Ge⸗ liebten zugehört. Sie ſchüttelte das wunderbar glän⸗ zende Haar, das goldig auf Schultern von jener bläu⸗ lichweißen durchſichtigen Färbung niederwallte, wie man ſie oft auf den Gemälden alter Meiſter trifft. „Alfred“, ſagte ſie weich,„wenn Du thöricht genug biſt, mir ein ſolches Anerbieten zu machen, ich bin nicht ſo eitel, es anzunehmen. Was ich bin, will 191 ich ganz ſein, der böſe Engel Limidow's und Chartons ſoll keine Scheingräfin werden, über welche ganz Paris lächelt. Ich kann ihren Fluch ertragen, aber nicht ihren Spott.“ „Du magſt Recht haben“, ſagte Entretout leiſe, „aber bring' mir das Opfer, laß von dieſen Prieſtern.“ Léonie ſchlug die Augen nieder und ihren ſchönen Körper erſchütterten leiſe Schauer. „Ich kann nicht, Alfred! Ich fürchte mich vor dem Tode. Oft des Nachts treten die Schatten Limi⸗ dow's und Charton's vor mich hin, und auch Du manch⸗ mal, als ob ich Dich ſchon ermordet hätte, und dann finde ich nur Troſt in dem Zuſpruch eines Prieſters.“ „Sonderbarer Wahn!“ „Nenn's Wahn, nenn' es, wie Du willſt, Alfred. Ich kann nicht anders. Es iſt die letzte und einzige Hoffnung, die einer verlorenen Seele übrig bleibt. Der Wahn iſt ſo alt wie die Welt und Millionen halten daran feſt, das ſchon iſt ein Troſt.“ „Und findeſt Du dieſen Troſt nirgends als bei jenem ſonderbaren Geſellen, der halb Geck, halb Prieſter iſt?“ „Keiner vermag mich ſo eindringlich zu überzeugen, daß ich nicht ganz für die Ewigkeit verloren bin, als er. Ich zittere vor dem Gedanken, daß er, durch Deine ſeltſamen Reden verletzt, ſich von mir abwendet.“ 192 Léonie Lebrun beugte ſich faſt flehend zu dem Geliebten. Wie ſie ſo, das ſchöne Haupt geſenkt, die Hände gefaltet hatte, konnte ſich ſelbſt Graf Alfred einer gewiſſen Rührung nicht erwehren. Auch Stanowsky betrachtete mit Bewunderung die herrlichen, geſchmei⸗ digen Formen des ſchönen Weibes, das in dieſer de⸗ müthigen Stellung von unendlichem Liebreiz übergoſſen ſchien. Die rothen Haare fielen etwas in das edel⸗ geformte bleiche Geſicht und lagen in phantaſtiſchen Windungen auf der entzückenden Rundung des ſchlan⸗ ken Halſes, an den mattgoldenen Wimpern der halb⸗ geſchloſſenen Augen hing eine Thräne. „Mademoiſelle Pinkerton— Lord Watkins“, mel⸗ dete der Diener. Als ſich Stanowsky umwendete, ſah er die Augen des Prieſters mit verzehrender Glut auf Léonie Lebrun gerichtet. Lord Watkins war der lange rothbärtige Brite, den wir ſchon auf ſeinem Fuchſe als Sieger in Long⸗ champs kennen gelernt haben. Er hatte das Jockey⸗ gewand mit einem Frack, einer weißen Weſte und citronengelben Beinkleidern vertauſcht und ſah aus wie ein friſchgewaſchener Pferdewärter, der einen öffentlichen Ball beſucht. Miß Pinkerton, welche prä⸗ tentiös an ſeinem Arm hing, war von Lord Watkins 193 nach Paris gebracht worden, um am dortigen Con⸗ ſervatorium für Muſik eine ganz abſcheuliche Stimme auszubilden und den Lord während der Zeit, die er außerhalb des Pferdeſtalls zubrachte, durch unver ſchämte Bemerungen über die Pariſer zu unterhalten. Miß Pinkerton war eine lange wattirte Geſtalt von etwa dreißig Jahren, trug ein braunſeidenes Kleid mit einer ganz ſeltſamen Verzierung von Stahlperlen, ſodann die beiden nationalen Schmachtlocken, die me⸗ lancholiſch auf ein paar knochige Schultern fielen, be⸗ ſaß ein rundes mageres Geſicht auf einem ſehr langen Hals, kleine, etwas ſchiefſtehende Augen, einen ziemlich breiten Mund mit ſchmalen Lippen, der ſich fortwäh⸗ rend ſpöttiſch verzog, und beſchäftigte ſich ſeit ihrem Eintritt damit, einen goldenen Zwicker, der an einer langen goldenen Kette um ihren Hals hing, auf einer Naſe zu befeſtigen, welche vermöge ihrer concaven Bau⸗ art zu jedem andern Zwecke viel eher geſchaffen ſchien und auch alle bezüglichen Bemühungen der Miß gründ⸗ lich vereitelte.. Des Lords gewöhnliches Unterhaltungsthema be⸗ ſtand darin, ſeinem Zuhörer zu erklären, daß die Fran⸗ zoſen die ſchlechteſten Reiter von der Welt ſeien, von Zucht und Behandlung der Pferde auch nicht ein Jota verſtünden und deshalb als Menſchen wie als Nation v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. I. 13 —y-— 194 einer weitern Beachtung gar nicht gewürdigt zu wer⸗ den verdienten. 7 Er hatte dies den Franzoſen ſchon ſo oft und mit ſolch naiver Grobheit ins Geſicht geſagt, daß ſie ſich endlich daran gewöhnten, ihn als ungefährlichen Spaßmacher ſeine barocken Behauptungen auskramen ließen, ihm manchmal ſogar ſcherzhaft zuſtimmten und den Lord, deſſen Eigendünkel nie zu der Vermuthung kam, daß man ſich über ihn luſtig machte, in ſeinen Urtheilen noch beſtärkten. Als daher Stanowsky mit einer tiefen Verbeugung gegen die Miß dem Lord gratulirte zu ſeinem Sieg in Longchamps, wurde der Lord ganz entrüſtet über eine ſolche Beleidigung und ſchrie: „Beglückwünſchen Sie mich, wenn ich hab' ge⸗ wuonnen beim Derbyrennen. Wenn ich wieder reite in Longchamps, werd' ich leihen ein Pferd der Compagnie impériale.“ „Well!“ ſagte die Miß, noch immer mit der Be⸗ feſtigung ihres Zwickers beſchäftigt.„Es iſt kein Ruhm, zu gewuinnen unter ſo ſchlechte Cavaliere und Reiter! „C'est malhonnéte!“ Stanowsky lächelte. Er kannte die Eigenthüm⸗ lichkeit des Lords und ſuchte die übrige Geſellſchaft zu beluſtigen, indem er dieſelbe herausforderte. 195 „Sie ſollen indeſſen doch bedeutende Summen in Wetten verloren haben, Mylord, und auch der Sieg wurde Ihnen lange ſtreitig gemacht und wäre Ihnen vielleicht ganz entgangen, wenn Baron Mondélion nicht geſtürzt wäre.“ Der Lord war betroffen und ſein ſchwerfälliges Gehirn hatte nicht gleich eine neue Renommiſterei be⸗ reit, um auf dieſe Anklage zu antworten. Miß Pinkerton hatte indeß den Zwicker ſiegreich auf der ſich verdickenden Spitze ihres Näschens auf⸗ gepflanzt und balancirte ihn mit Erfolg dadurch, daß ſie den Kopf noch arroganter als gewöhnlich zurücklegte. „O“, rief ſie, als der Lord nicht gleich mit einer Antwort bereit war,„Mylord haben mir ſchon vor dem Rennen geſagt, daß Sie werden verlieren eine be⸗ deutende Summe freiwillig, weil es wuäre eine Un⸗ redlichkeit, zu nehmen ſo leicht einen Preis, ohne zu bezahlen.“ „Xes“, fuhr der Lord fort.„Ich wuaren auch ſehr erſtaunt über dieſen Mondélion, bin aber nicht mehr erſtaunt, denn ich haben gehört, daß er iſt ein Engländer, ein engliſcher Oberſt.“ „Baron Mondelion iſt ein ſo guter Franzoſe als irgend einer; daß er zufällig ein engliſches Oberſten⸗ patent beſitzt, ändert nichts an ſeiner Nationalität.“ 13 196 „Oh yes! Aendert ſehr viel. Wenn man iſt eng⸗ liſcher Oberſt, iſt man kein Franzoſe.“ 1 „Aber das Pferd, das er ritt, iſt ein echt fran⸗ zöſiſches.“ „Pferd wuo reitet engliſcher Oberſt, iſt engliſches Pferd!“ entſchied der Lord. „Mademoiselle et Monsieur Jaccard— Maemoi-⸗ selle Berton— Monsieur le Baron Mondélion.“ Aller Augen richteten ſich auf die Thür, ſelbſt die düſtern Blicke des Prleſes wendeten ſich von Léonie ab. Stanowsky fühlte eine Beengung wie Furcht; jetzt zum erſten Mal hatte er einige Zweifel, ob Mondélion den Scherz, den er ſich mit ihm erlaubte, ſo ruhig hin⸗ nehmen werde, als er es bisher vorausgeſetzt. Louiſon Jaccard und Nini Berton traten zuerſt ein, und ſelbſt die ernſte, gefaßte Louiſon blieb faſt be⸗ ſtürzt ſtehen, als ſie ſich in einem taghell erleuchteten Salon fünf unbekannten Perſonen gegenüber befand. Aber während das Erſtaunen dem Geſichte Louiſon's wieder jenen finſtern, verachtenden Zug gab, der ihr der Welt gegenüber zu Gebote ſtand, ſpiegelte ſich die Ueberraſchung auf dem Geſichte Nini's mit ſolch drol⸗ lig naivem Ausdruck wieder, daß die ganze Geſellſchaft mit Ausnahme des Prieſters zu lächeln begann. Wäh⸗ 1974 rend Louiſon in dem einfachen, faſt nonnenhaften Kleide erſchienen war, in welchem wir ihr im Bois de Bou⸗ logne begegnet ſind, hatte Nini, nachdem ſie ihren Jean durch ein Dutzend Magazine gehetzt, für hundert⸗ undfünfzig Francs endlich ein Kleid von hellblauem Stoff erſtanden, welches von Schleifchen und Volants über und über bedeckt war und aus dem die ſchönen Schultern Nini Berton's wie indiſche Roſenknospen in einem Bouquet von Kornblumen hervorragten. Sie hatte dem niedlichen Kleid jedoch einen ganz ſonder⸗ baren thurmhohen Kopfputz beigeſellt, wie ihn ältere brünette Damen zu großer Toilette im Theater zu tragen pflegen. Unter kirſchrothen Sammtſchleifen und großen citronengelben Roſen verſchwand Nini's ſchönes blondes Haar und ein Theil ihres niedlichen Geſichtchens faſt vollſtändig. Ein paar hellgelbe Hand⸗ ſchuhe, welche ihr jedoch viel zu groß waren und ein paar Stiefeletten, auf deren hohen, ausgeſchweiften Ab⸗ ſätzen ſich Nini nur mit großer Vorſicht bewegen konnte, vollendeten einen Anzug, welcher ſelbſt dem Baron Mondeélion im erſten Augenblick ein Lächeln abgelockt hatte. Sein Zartgefühl ließ es jedoch nicht zu, irgend eine Bemerkung zu machen, denn er hatte Scharfblick genug, um die wahre Urſache von Nini's Eleganz ſofort zu errathen. —— 198 Um ſo wohlthuender berührte es den Baron, Louiſon wieder in demſelben ärmlichen Anzuge zu ſehen wie geſtern und in ihrem traurigen Geſichte zu leſen, daß ſie die Putzſucht Nini's nicht billige. Sie hatte in der That auch Alles gethan, was ſie vermocht hatte, um Nini zu veranlaſſen, wenigſtens von dem abſcheulichen Kopfputz abzuſtehen, aber Nini wollte nicht ein Blättchen, nicht eine Schleife ablaſſen von all den ſchönen Dingen, womit ſie ihre Geſtalt geſchmückt, und warf Louiſon endlich vor, ſie wolle ihr nur aus Neid die Freude verderben.— Da hatte Louiſon geſchwiegen. Was lag ſchließlich auch an dem Urtheil des Gecken, der ſie eingeladen, und Mondélion war wohl auch nicht beſſer als die Andern. So waren ſie denn, Jean in Studentenrock und weiter Hoſe, in dem Coupé Mondeélion's fortgefahren und ſtanden nun da, angeſtarrt wie Geſchöpfe aus einer andern Welt von einer Geſellſchaft von Leuten, welche ſich mit Ausnahme des Grafen Entretout und Stanowsky's nicht die geringſte Mühe gaben, die Ueber⸗ raſchung und Neugierde zu verbergen, welche der Ein⸗ tritt der jungen Mädchen verurſachte. Während die Augen des Prieſters wie ſtrafend, die Blicke Léonie's mit dem Ausdruck gutmüthigen 199 Verſtändniſſes auf den beiden Kindern ruhten, machten der Lord und ſeine Begleiterin nicht die geringſte An⸗ ſtrengung, ihren Geſichtern einen andern Ausdruck als den des blödeſten, unverſchämteſten Staunens zu geben. Vorzüglich Miß Pinkerton trat, den widerſpenſtigen Zwicker mit der Hand vor die Augen haltend, ſo nahe an Louiſon heran, daß dieſe mit einem entrüſteten Blick zurückwich. Nini Berton wußte in ihrer Verlegenheit nichts Anderes zu thun, als ihren ſchönſten Knix zu machen, welcher ſogar auf Léonie's Lippen ein leichtes Lächeln hervorrief, Miß Pinkerton jedoch zu dem vernehmbaren Ausruf hinriß: „O, Mylord, ſehen Sie, die kleine Perſon iſt zu komiſch!“ Léonie Lebrun eilte herbei, nahm Nini Berton unter den Arm und ließ ſie neben ſich ſitzen. „Sie erlauben, mein liebes Kind!“ ſagte ſie mit echt weiblichem Takt.„Ihre Coiffüre iſt im Wagen etwas in Unordnung gerathen.“ Und damit griff ſie mit geſchickten Händen in den Kopfputz, drückte Schleifen und Blumen unbarmherzig zuſammen, zog da und dort eine blonde Locke darunter hervor und brachte in wenigen Sekunden eine wenn auch nicht geſchmackvolle, doch erträgliche Toilette zu Stande. “——— 7 5 n— = —— 200 Dann flüſterte ſie Nini Berton ins Ohr: „Wenn Sie wieder grüßen, liebe Kleine, dann neigen Sie blos ein wenig den Kopf, wir ſind nicht würdig genug für tiefe Complimente.“ Wer Léonie Lebrun in dieſem Augenblick ſah, wie ſie ſich mit dem fremden Mädchen beſchäftigte, der wußte auch, worin der Zauber lag, der Charton rui⸗ nirte, Limidow tödete und Entretout in Feſſeln ſchlug; die Franzoſen haben dafür den Ausdruck charme, den wir ſehr ungenügend mit„Liebreiz“ überſetzen. Charme iſt Grazie und Liebreiz zugleich. Aber es ſah Niemand auf Léonie Lebrun und ihren Schützling, ſondern Alles auf den Baron Mon⸗ délion, der mit dem Studenten eintrat. Ein leichtes Roth lag auf dem Geſichte des Ba⸗ rons, als er mit dem ihm eigenthümlichen raſchen Blick die Geſellſchaft überſchaut hatte. Auch Jean Jaccard ſchien überraſcht, aber er trat ein mit der burſchikoſen Nonchalance, die ihm eigen war. Stanowsky, nachdem er Louiſon und Miß Pin⸗ kerton einander vorgeſtellt hatte, was letztere zu einem gewaltigen„O, Mylord!“ veranlapte, wendete ſich mit ausgeſtreckter Hand zu Mondélion. „Beſter Freund“, flüſterte er,„nicht wahr, Sie zürnen mir nicht? Sie wiſſen, ich führe offenes Haus, 201 und gerade heute iſt es, als ob ſich alle meine Be⸗ kannten hier Rendezvous gegeben hätten, und ich habe Aeider nicht die geſellſchaftliche Unſitte, durch meine Diener ſagen zu laſſen, ich ſei nicht zu ſprechen, wenn alle meine Fenſter beleuchtet ſind.“ Mondélion kam dem Flüſtern Stanowsky's nicht entgegen und ſchien die ausgeſtreckte Hand nicht zu bemerken. „Jene Unſitte iſt indeſſen manchmal ſehr wohl⸗ thätig, um ſich läſtige Beſuche fern zu halten!“ ſagte Mondeélion ſo laut, daß Stanowsky ſich verlegen um⸗ ſah, ob Niemand ſie belauſche. Stanowsky erinnerte ſich, daß er bis jetzt den Baron vergeblich beſucht. „Die jungen Damen ſehen heute reizend aus, vor⸗ züglich die große ſchwarze!“ ſagte Stanowsky ver⸗ bindlich. Mondelion wies auf den Studenten. „Ich bitte Ihrem Entzücken gegen Herrn Jaccard hier, als dem Bruder der einen, dem Bräutigam der andern der beiden Hamen, Ausdruck zu geben!“ Damit ging Mondélion auf den Grafen Entretout zu, der bei der Annäherung des Barons ſich erhob. „Graf Entretout?“ fragte Mondélion.„Ich kenne Sie vom Bois.“ 3 202 „Leider nur vom Bois!“ ſagte Graf Entretout lächelnd.„Und warum kennen wir uns blos vom Bois, das heißt, nur von Anſehen und Namen? Sie berühren damit ſehr unumwunden eine der Miſèren unſeres geſellſchaftlichen Lebens, die Blaſirt⸗ heit. Männer von gleichem Stand und Alter ſehen ſich täglich, kennen ſich, dank der Klatſcherei gegen⸗ ſeitiger Bekannten, auf das genaueſte, ſie würden ſich vielleicht achten und lieben und ſie wiſſen das, aber keiner macht den erſten Schritt der Annäherung, mit kalten Geſichtern fährt man an einander vorbei und bleibt ſich ewig fremd.“ „Meine Annäherung mag Ihnen beweiſen, daß meine Achtung vor Ihrer Perſon nicht ganz in der geſellſchaftlichen Miſére untergegangen iſt. Ich bin zu Ihnen gekommen, trotzdem man Sie blaſirt nennt!“ „Nennt man mich ſo?“ lächelte der Graf und über ſein Geſicht flog der Uebermuth des geiſtreichen Lebemanns.„Man hat Unrecht, fragen Sie Léonie, und daß ich hier bin, mag Ihnen der beſte Beweis ſein für mein Intereſſe an dem Leben Anderer.“ Mondelion lächelte. „Einen blöden Landjunker in der Falle zu ſehen, iſt vielleicht pikant genug.“ „Nein, nein!“ rief Entretout.„Das war's nicht! 203 Wahrhaftig nicht, wenigſtens nicht allein. Vorzüglich führte mich der Wunſch hierher, Ihnen näher zu treten; wie viel ſich von der uns angeborenen Bosheit in unſere beſten Entſchlüſſe miſcht, wer mag das ent⸗ ſcheiden?“ Mondelion ſchwieg. Wenn er in die eigene Bruſt griff, ſo fühlte er, daß Entretout Recht hatte; wie wenige unſerer uneigennützigſten Beſtrebungen ſind ganz rein von ſelbſtiſchen, ja niedrigen Beweggründen! Entretout fuhr fort: „Daß wir uns nicht eher trafen, daran mag wohl auch der Umſtand Schuld haben, daß Sie wenig Geſellſchaften beſuchen, zum Beiſpiel nicht zu Hof gehen.“ Mondélion blickte mißtrauiſch auf. „In der That, das mag ſein. Ich wähle eben gern meine Geſellſchaft und überliefere mich ihr nicht aufs Ungefähr.“ Entretout ſchüttelte den Kopf, als wiſſe er recht gut, daß Mondeélion ihm nicht die Wahrheit ſage. „Man wählt am leichteſten, wenn man die Wahl hat. Man ſagt, Sie lieben den Kaiſer nicht.“ Entretout hielt den ſcharfen und etwas mißmuthigen Blick, mit dem ihn Mondélion betrachtete, ruhig aus. „Ich habe keinen Grund, ihn zu lieben, er 204 hat meiner Familie und Frankreich wenig Gutes gethan.“ „Ihrer Familie, möglich— unter den Erforderniſſen der Allgemeinheit muß der Einzelne leiden— aber Frank⸗ reich? Er hat es meiner Ueberzeugung nach gerettet. Möglich, daß er ſeine Fehler hat, ich kenne deren ſogar, ich ſchraube ſeinen Charakter und ſein Talent nicht zu der idealen Höhe ſeiner Panegyriker hinauf, aber er iſt der Mann der Situation, die er, wenn auch nicht immer zu beherrſchen, doch ſtets zu benutzen verſtand. Ich liebe ihn ferner als den intelligenten Menſchen und den dankbaren, ſtets opferbereiten Freund.“ „Als alles das kenne ich ihn eben nicht“, ſagte Mondélion.„Mir iſt es nicht bekannt, daß er Frank⸗ reich gerettet hat, ſondern ich ſehe mein Vaterland durch ihn an einen Abgrund geführt, in den es un⸗ fehlbar ſtürzen muß.“ „Wenn es nicht durch die Familie Orleans ge⸗ rettet wird“, unterbrach ihn Entretout. Baron Mondélion ſah dem Grafen ernſt ins Geſicht. 5 1 „Es iſt wahr, ich liebe die Orleans als die Gön⸗ ner meiner Familie durch viele Jahrhunderte hindurch; als ſie den Thron Frankreichs verlaſſen mußten, war ich trotz meiner Jugend tief erſchüttert, dennoch aber 205 denke ich jetzt, wenn ich eine Aenderung der Regierung wünſche, nur an mein armes mißbrauchtes Vaterland, nicht aber an die Intereſſen einer einzelnen Familie.“ „Und iſt das Wohl eines Landes von den Inter⸗ eſſen Einzelner zu trennen? Ich glaube nicht. Frank⸗ reich kann ſich momentan für Ideen begeiſtern, ſein Volk kann wunderbare Thaten und außerordentliche Frevel beginnen unter dem wehenden Banner einer unverſtandenen Phraſe, aber es kann nicht leben und gedeihen unter der Herrſchaft des reinen Princips, es braucht die ſichtbare Repräſentation der Staatsgewalt und jede beſtehende, ſo ſchlecht ſie ſei, iſt einer Um⸗ wälzung und der Schädigung aller Intereſſen, welche ſie im Gefolge führt, vorzuziehen. Ich haſſe die Re⸗ volutionen, denn ſie ſind etwas Häßliches.“ Baron Mondélion antwortete nicht, zum Zeichen, daß er das Geſpräch in dieſer Richtung nicht fort⸗ zuſetzen wünſchte. Graf Entretout reichte ihm die Hand. „Laſſen Sie uns Freunde ſein, was auch die Zu⸗ kunft bringe und nach welcher Seite hin auch unſere Be⸗ ſtrebungen auseinander gehen mögen. Darf ich Sie Léonie Lebrun vorſtellen, welche den unglücklichen Sieger von LCongchamps ſchon ſeit geſtern kennen lernen möchte?“ Mondeélion konnte nicht ausweichen, ſo ſehr er — —— — 206 Léonie Lebrun ihrem Ruf nach kannte und verab⸗ ſcheute. Léonie bemerkte die Näherkommenden nicht. Sie hatte mit Nini Berton eine Unterhaltung angeknüpft, wie man etwa mit einem Kinde ſpricht. Léonie Lebrun ſaß vorgebeugt und lauſchte mit lachendem Geſicht den Antworten des jungen Mädchens. „Und wenn nun Jean aus dem Colleg oder den Spitälern nach Hauſe kommt, was thun Sie dann?“ „Dann eſſen wir.“ „Und dann?“ „Gehen wir auf den Boulevard ſpazieren, wo die vielen Menſchen ſind, und ſchauen in die prächtigen Läden.“ „Da haben Sie dann wohl viele Wünſche?“ „Ach ja, aber—“ „Aber?“ „Wir ſind nicht reich“, ſagte Nini traurig. „Armes Kind! Reichthum macht nicht glücklich.“ „Nicht? O ich dächte doch, man müßte ſehr glück⸗ lich ſein, wenn man alle Tage ein anderes ſchönes Kleid anziehen und in einer Kutſche fahren und immer in maison dorée eſſen kann.“ „Nicht immer, mein thörichtes Mädchen; übrigens biſt Du ja ſehr hübſch gekleidet.“ 207 „Ja, das Kleid hat mir heute Jean gekauft, es koſtet einhundertfünfzig Franes; er hat heute faſt zwei⸗ hundert Francs für mich ausgegeben.“ „Ei, eil Dann liebſt Du Jean wohl recht ſehr?“ 1 „Ach ja, aber er hat nicht oft ſo viel Geld, um es für mich auszugeben.“ In dieſem Augenblick ſtellte Graf Entretout den Baron Mondelion vor. „ Sie haben uns hier ein reizendes Kind gebracht, Baron.“ In dieſem Augenblick hörte man Miß Pinkerton mit lauterer Stimme, als es die geſellſchaftlichen Ge⸗ wohnheiten eigentlich zuließen, ausrufen: O Mylord! Das iſt noch nicht dageweſen, das iſt ſehr impertinent.“ Auch Lord Watkins erhob ſeine Stimme. „O, das iſt ſehr ſtark! Das kann man ſich nicht gefallen laſſen, ich will haben Satisfaction.“ Mondélion verbeugte ſich kurz vor Léonie Lebrun und dem Grafen und wandte ſich nach der Richtung, woher die aufgeregten Stimmen Mylords und der Miß erklangen. Er ſah dort Louiſon ſtolz aufgerichtet mit glühen⸗ den Wangen und blitzenden Augen und vor ihr gelb vor Zorn wie eine ziſchende Schlange Miß Pinkerton, 208 welcher vor Erregung ſelbſt ihr Zwicker entfallen war, ohne daß ſie daran dachte, ihn wieder aufzunehmen. Hinter ihr, Mund und Augen vor Entrüſtung weit offen, ſtand der Lord und reckte ſeine Handgelenke, als ob er Louiſon demnächſt einen regelrechten Borer⸗ ſtoß zwiſchen die beiden Augen verſetzen werde. Dabei rief er fortwährend: „O, o! Das iſt ſehr unverſchämt! Ich will haben Satisfaction.“ Mit zuſammengezogener Stirn trat Mondélion näher. „Was geht hier vor, Mademoiſelle Louiſon? Kann ich Ihnen dienen?“ „Gewiß, indem Sie mich ſo ſchnell als möglich von dieſem Orte hinwegbringen, an welchen Sie mich nie hätten führen ſollen.“ Zwei große Thränen rannen langſam über Loui⸗ ſon's Wangen herab. „Hat man Sie beleidigt?“ „Man hat mich gefragt, ob ich oder Nini die Ge⸗ liebte des Barons Mondaèlion ſei; ich habe geantwortet, daß ich die Geliebte von Niemand ſei und daß ich nie meinen Fuß über die Schwelle dieſes Hotels geſetzt haben würde, wenn ich gewußt hätte, daß ich in die Geſellſchaft ſchamloſer Maitreſſen käme.“ 209 Oh, oh yes, das hat ſie geſagt, das iſt ſehr un⸗ verſchämt, ich will haben Satisfaction.“ „Sie haben noch zu mild geantwortet, Fräulein Louiſon; ich bin, wie Sie wiſſen, getäuſcht worden wie Sie und bin untröſtlich darüber, Sie in die Nähe von Leuten gebracht zu haben, welche die Gewohnheiten des Pferdeſtalls mit den Sitten der Londoner Strand⸗ kneipen vereinigen.“ Der Lord ſchob die Miß ohne Umſtände in den Hintergrund und trat vor ſie hin. „O, Pferdeſtall, Strandkneipe, wuo ſich beſäuft Matroſe mit ſchlechte Weibsbild, das iſt eine Belei⸗ digung, Sir, ſehr große Beleidigung.“ „Graf Entretout wird ohne Zweifel ſo freundlich fein, ſich mit Ihnen morgen eingehender darüber zu unterhalten, für jetzt wollen wir die widerwärtige Scene beendigen.“ Mondeélion hatte die letzten Worte engliſch geſpro⸗ chen, der Lord wurde noch röther und antwortete: „Sie meinen ein Duell? Sie ſind engliſcher Oberſt— ich ſchlage mich nicht mit einem Landsmann. Wenn Ihr Fräulein der Miß abbittet, wollen wir die Sache gut ſein laſſen.“ „Ich bin ſo wenig Ihr Landsmann, als Fräulein Jaccard Abbitte leiſten wird. Ich habe mein engliſches v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. I. 14 210 Patent ſchon ſeit längerer Zeit verkauft und bin fran⸗ zöſiſcher Edelmann. Ich achte die engliſche Nation wegen vieler vortrefflicher Eigenſchaften hoch und deshalb bedauere ich es um ſo mehr, daß Ihre Geſellſchaft meiſt ihren Abſchaum nach Paris ſendet, Leute, welche ſich ebenſo lächerlich machen, als ſie brutal und abge⸗ ſchmackt ſind.“ Der Lord wurde ſehr blaß, ſoweit dies ſeine Sommerſproſſen zuließen. „O, Sie wollen mich abſichtlich beleidigen, Sir! Ich dulde nicht, daß man mir ſagt, ich ſei Abſchaum. Sie wollen ſich mit mir ſchlagen— well, Sie ſollen ſich mit mir ſchlagen und ich werde ſuchen Sie todtzu⸗ ſchießen— das werde ich, goddam!“ Damit drehte der Lord dem Baron den Rücken, die Miß warf Louiſon noch einen hochmüthigen Blick zu und ſagte zu Mondélion: „O, Mylord iſt ein ſehr guter Schütze!“ Dann folgte ſie Mylord nach einem der Sophas. Mondélion bat Louiſon noch einen Augenblick zu verweilen und wandte ſich an Entretout, der dem ganzen Streit aufmerkſam zugehört hatte. Louiſon widerſprach nicht. Trotzdem der letzte Theil der Unterhaltung in einer ihr fremden Sprache geführt worden war, ahnte ſie den Inhalt; eine⸗furch⸗ - 211 bare Angſt trat an die Stelle ihres Zorns, ſie erin⸗ nerte ſich, daß Mondélion ja ebenſo getäuſcht worden war wie ſie ſelber und eigentlich nur aus Rückſicht für ſie und ihren Bruder ſeine Begleitung angetragen hatte. Stanowsky und ihr Bruder näherten ſich ihr. Der Student hatte heute ſehr viel Gefallen gefunden an dem jovialen, ſcheinbar freimüthigen Weſen Sta⸗ nowsky's. Dieſer hatte ſich recht vielmal entſchuldigt, daß er durch noch andere Gäſte überraſcht worden ſei, und der Student, deſſen warmer, unverfälſchter Natur jede Peinlichkeit in ſolchen Dingen fern lag, hatte ſich der wechſelnden Unterhaltung des Ungarn rück⸗ haltlos überlaſſen. Einige Complimente, welche Stanowsky über die Schönheit Nini's einfließen ließ, hatten ihm das Herz Jaccard's vollends gewonnen. Sie hatten in einem Nebenzimmer auf das Wohl der niedlichen Blondine getrunken, Jean Jaccard hatte die einfache Geſchichte Nini's erzählt und war unermüdlich in der Schilderung des eigenthümlichen Zaubers, der dieſer kindlichen Na⸗ tur innewohnte. Stanowsky hatte einigemal mit dem Kopfe ge⸗ nickt, als habe er dieſen Zauber bereits erfahren, und einigemal durch die Portière einen Blick hinausge⸗ worfen auf das niedliche Geſchöpf, welches ſich auf 4* 212 das eifrigſte mit Léonie Lebrun unterhielt und des Erzählens gar nicht müde werden konnte. Die lauten Ausrufe Lord Watkins' und ſeiner Geliebten riefen ſie in den Salon zurück. Stanowsky hörte die letzten Worte der Unterredung zwiſchen Mon⸗ délion und Watkins und ein Blick in das bleiche, ver⸗ ſtörte Geſicht Louiſon's ſagte ihm, wo er die Urſache des Streites zu ſuchen habe. Ohne den Hergang genau zu kennen, entſchuldigte er ſich bei Louiſon unzählige Male wegen des Vorge⸗ fallenen. Louiſon richtete den Blick ſtarr auf ihn. „Der Baron will ſich mit dem Lord ſchießen, nicht wahr?“ „Wenn ich anders die zwiſchen beiden gewechſelten engliſchen Worte recht verſtanden habe, ja.“ Louiſon ſah dem Abenteurer mit einer Art zor⸗ niger Angſt ins Geſicht. „Das darf nicht geſchehen! Hören Sie, das darf nicht geſchehen!“ Stanowsky zuckte mit einem ſeltſamen Lächeln die Achſeln. „Wer will zwei ebenbürtige Cavaliere hindern, ſich die Hälſe zu brechen?⸗— Mit einem ſchmerzlich verächtlichen Lächeln ſah ihn Louiſon an. 213 * „Sie haben all das Unheil angerichtet durch Ihre Doppelzüngigkeit, und jetzt ſind Sie zu feig, nur einen Finger aufzuheben zu ſeiner Abwendung.“ Das traf. Unter dem Worte„feig“ zuckte Sta⸗ nowsky zuſammen, wie unter einem Peitſchenhieb. „Ja, ich will es, gewiß, ich werde die Sache ordnen.“ 3 Ein paar Worte Mondeélion's genügten, um Graf Entretout von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu fetzen und um ſeine Zeugenſchaft bei dem Zweikampf zu bitten. Im Begriff, ſich umzuwenden, um Jean Jaccard und ſeine Schweſter zum geräuſchloſen Verlaſſen der Geſellſchaft aufzufordern, befand ſich Baron Mondélion dem Prieſter gegenüber, welcher, ſeine mächtigen Augen auf ihn richtend, mit ernſter Milde ſagte: „Mein iſt die Rache, ſagt der Herr.“ Der Baron machte eine ungeduldige Bewegung, beſaß jedoch genug von der in Frankreich üblichen oberflächlichen Courtoiſie gegen den geiſtlichen Stand, um mit einer Verbeugung zu ſagen: 3 „Leider geſtatten uns die Ehrengeſetze der Geſell⸗ ſchaft nicht immer, den erhabenen Lehren der Religion zu folgen.“ Bereits war Stanowsky an der Seite des Prieſters. „Herr Baron Mondélion— Herr Abbé Guérin.“ „Gusrin! Guérin!“ ſagte Mondélion und eine in ganz wunderbarem Franzöſiſch erzählte Geſchichte Vin⸗ gris' dämmerte wieder in ſeinem Gedächtniſſe herauf. „Sind Sie derſelbe Abbé Guérin, welcher Secre⸗ tär des Erzbiſchofs war?“ Der Prieſter erbleichte. „Derſelbe.“ „Dann danke ich für Ihren geiſtlichen Zuſpruch, Herr Abbé, ich kann ihn entbehren.“ Mit dem Ausdruck wüthenden Erſtaunens blieb der Prieſter wie angewurzelt ſtehen. Stanowsky faßte ein leiſes Grauen, als er den Blick ſah, mit dem der Prieſter dem Baron nachſchaute. „Um des Himmels Willen, was haben Sie ge⸗ than! Sie beleidigen ohne Grund einen unſerer ein⸗ flußreichſten Geiſtlichen. Wer denkt noch an jenes Abenteuer am Thore des erzbiſchöflichen Palais? Aber die Macht dieſer Leute iſt groß, Baron.“ „Gleichviel, ich werde nie den Blick niederſchlagen vor einem Heuchler. Sie werden mich und die mit mir gekommen, entſchuldigen, wenn wir eine Geſellſchaft verlaſſen, in die wir blos Störung zu bringen beſtimmt ſcheinen.“ „Nun ja, ich bedaure Ihr Scheiden tief, aber ich ſehe Ihre Gründe ein. Nur eins noch, lieber Mondélion“ ——— — — Stanowsky ſuchte die Hand des Barons zu ergrei⸗ fen—„die Sache mit Watkins muß arrangirt werden, Sie dürfen ſich nicht ſchlagen wegen einer Lappalie.“ Mondelion machte kühl ſeine Hand los und ſagte: „Es muß Ihnen überlaſſen bleiben, die Belei⸗ digung eines ehrbaren, ſchutzloſen Mädchens für eine Lappalie zu halten oder nicht, aber auch mir bitte ich die Entſcheidung darüber zuzugeſtehen, ob ich einen frechen Dummkopf züchtigen darf oder nicht. Ich⸗ver⸗ bitte mir jede Einmiſchung, Stanowsky, hören Sie, denn Sie zwingen mich dazu, Ihnen das zu ſagen; nur der Umſtand, daß ich einmal Gelegenheit hatte, Ihnen einen Dienſt zu leiſten, hat mich Ihnen gegen⸗ über zu einer Mäßigung bewogen, die ich ſonſt wohl nicht bewahrt hätte.“ Mit dieſen Worten ließ Baron Mondeélion ſeinen verblüfften Wirth ſtehen und ging auf Louiſon und Jean Jaccard zu. In dieſem Augenblicke öffneten ſich wieder die Flügelthüren des Salons und der Diener rief die Namen der letzten der Erwarteten: „Mademoiselle Jeanne Duterey, Monsieur le comte Agenoux.““ Dieſe Namen übten eine faſt elektriſche Wirkung auf die Geſchwiſter. Louiſon erhob das bleiche Haupt und ſchaute um ſich, als wolle ſie ſich überzeugen, daß nicht ein böſer Traum ſie äffe. Jean Jaccard's Hals wurde immer länger, ſeine Lippen wurden bleich und ſeine Augen ſchienen aus den Höhlen treten zu wollen. Er ging auf Stanowsky zu und faßte ihn am Arm. „Iſt das derſelbe Graf Agenoux, der im Faubourg St.⸗Eermain wohnt, einen ſehr dicken Portier hat und etwa ſechzig Jahre alt iſt?“ ſtellte er mit tonloſer, bebender Stimme ſeine Frage. Ein böſer Zug lag um den Mund Stanowsky s. „Derſelbe!“ gab er ärgerlich zur Antwort.„Es gibt blos einen Agenoux in Paris, er wird der fromme Graf genannt, iſt Legitimiſt und thut viel für die armen Loretten.“ „Es gibt blos einen in Paris“, ſagte Jean Jac⸗ ard und ſtarrte auf die offene Thür. Die Angemeldeten traten ein. Graf Agenoux war ein noch ziemlich rüſtiger alter Herr mit grauem, ſorgſam geſcheiteltem Haar und einem feinen, lächelnden Geſicht. Seine Kleidung war von ſtrengſter Einfachheit und es gehörte zu ſeinen Eigen⸗ thümlichkeiten, daß er ſelten demjenigen, mit dem er ſprach, in die Augen ſchaute, ſondern während des Geſprächs immer rechts und links ſchielte. Auch pflegte er ſich faſt beſtändig die Hände zu reiben. 217 An ſeinem Arm hing eine hübſche Brünette von kaum zwanzig Jahren, welche mit ausgeſuchtem Ge⸗ ſchmack, aber faſt nonnenhaft einfach gekleidet war, ein Anzug, zu welchem ihre kecken braunen Augen und der faſt immer lächelnde Mund ſehr wenig paßten. Auch jetzt hatte ſie mit einem Blick den Salon überſchaut, ihr lebhaftes Geſicht leuchtete vor Freude und mit dem Rufe:„Nini! Nini!“ ließ ſie den Arm des Grafen los und eilte auf die kleine Blon dine zu. Nini Berton war ſelten von einem Ereigniß über⸗ raſcht, ſie nahm die Dinge, wie ſie kamen, und ſann ſehr ſelten der Sonderbarkeit derſelben nach. Als ſie ſich jedoch bei Namen rufen hörte und die Freundin aus dem Quartier latin erblickte, konnte ſie ſich nicht enthalten, Mündchen und Augen ſo weit zu öffnen, daß ſie rund erſchienen. Dann ſchloß ſich der Mund wie⸗ der und rief halblaut im Tone des höchſten Erſtaunens: „Jeanneton Reymond!“ Lächelnd und erröthend beugte ſich Jeanneton zu dem Ohre der Freundin. „Jeanneton Reymond iſt geweſen! Seit ich mit meinem Grafen die Kirchen beſuche und alle Tage drei Meſſen anhöre und alle Wallfahrten mitmache, heiße ich Jeanne Duterey oder die fromme Jeanne— ich konnte die Miſéère nicht ertragen— und wenn ich mich nicht erſchrecklich langweilte, hätte ich es jetzt ganz gut, ſchöne Kleider und eine Kutſche und Be⸗ dienten, und dennoch wein' ich oft um mein Entreſol⸗ ſtübchen im Quartier latin.“ „Du biſt thöricht!“ ſagte Nini ernſt.„Wenn ich es ſo gut haben könnte wie Du—" Sie vollendete nicht. Auch der Abbé, der ſich dem Grafen Agenoux ſofort nach deſſen Eintritt ge⸗ nähert, brachte ſeine ſalbungsvolle Phraſe nicht zu Ende. Der Student, den Hals weit aus ſeinem Sammt⸗ rock vorgeſtreckt, das Geſicht kreideweiß und die ſchwar⸗ zen Augen weit hervorgequollen, ging langſam auf den Grafen zu, bis ſein Geſicht dicht vor dem des alten Mannes war. Den ob dieſes ſeltſamen Benehmens ſprachloſen Greis einige Sekunden unbeweglich anſtar⸗ rend, ſagte er endlich: „Kennſt Du mich?“ „In der That, ich habe nicht das Vergnügen, mein Herr!“ Jean Jaccard lächelte mit einem ganz ſeltſamen Lächeln. „Du kennſt mich nicht? Ich ſehe ihr doch ähnlich, ſagt man, ſehr ähnlich. Sieh mich genau an!“ Dabei hatte Jean Jaccard das Handgelenk des alten Herrn gefaßt und ſeine braune, an Handſchuhe 219 nie gewöhnte Fauſt zerknitterte unbarmherzig die feine Manſchette, die in tadelloſer Weiße unter dem Aermel des gräflichen Leibrocks hervorſah. Vergeblich ſuchte ſich der alte Herr zu befreien und wandte ſich endlich angſtvoll an den Abbé. „Der junge Mann ſcheint von Sinnen, rufen Sie doch den Wirth, lieber Abbé.“ Der Student ließ die Manſchette los. „Ich bin ſo vernünftig wie Du, aber ich habe ein beſſeres Gedächtniß, und Mörder ſollten doch ein gutes Gedächtniß haben.“ Stanowsky näherte ſich. „Der junge Mann iſt krank“, ſagte Agenoux mit einem bangen Vorgefühl, deſſen er ſich nicht entſchlagen konnte.— Der Student richtete ſich auf und an die Stelle des faſt wahnſinnigen Hohns auf ſeinem Geſichte trat der finſtere Ernſt des ſtrafenden Richters. „„Stellen Sie mich dem Herrn Grafen vor, wie es Sitte iſt. Ich heiße Jean Jaccard, und meine Mutter war die Wittwe Jaccard, die der fromme Graf hier mit ſeinem Gold und ſeinen Lüſten in die Seine ge⸗ trieben. Kennſt Du mich nun, Mörder?“ Der Graf prallte entſetzt zurück, ſein Geſicht hatte ſich affenähnlich verzerrt. 8 220 Mit finſterem Jubel wies Jean Jaccard auf das Geſicht des Grafen. Die ganze Geſellſchaft hatte ſich inzwiſchen um ſie verſammelt. „Seht Ihr's, ſeht Ihr das Geſicht? Glaubt Ihr's nun, daß er meine Mutter in die Seine getrieben, der graue Sünder? Mörder! Mörder!“ Jean Jaccard wollte auf den Grafen zuſtürzen. Mondélion hielt ihn zurück. „Gehen wir, hier iſt kein Platz für uns und dieſe Menſchen verſtehen Ihre Gefühle ja doch nicht.“ Stanowsky benutzte dieſen Moment, um den Gra⸗ fen ins Nebenzimmer zu ziehen und Jean Jaccard be⸗ gegnete nur den neugierigen Geſichtern der übrigen Eingeladenen. Unter dieſen ſah er auch das Antlitz Nini's, das ihn anſtarrte wie ein Geſpenſt. Jean Jaccard wollte ſie bei der Hand faſſen. „Komm, Nini! Dieſe Luft erſtickt mich. Komm!“ Entſetzt verbarg ſich Nini hinter Léonie Lebrun. „Nein, nein, ich habe Furcht vor ihm.“ Mondelion trat vor. „Folgen Sie Ihrem Beſchützer, Nini, er iſt blos aufgeregt und hat es nöthig, daß Sie ihn beruhigen.“ „Nein, er thut mir ein Leid.“ Louiſon nahm ihres Bruders Arm. 3 221 „Komm, Jean, kümmere Dich nicht um das eigen⸗ ſüchtige Geſchöpf.“ Gebrochen ließ ſich Jean Jaccard von ſeiner Schweſtev fortziehen. Mondeélion wandte ſich an Stanowsky. „In einer Stunde wird mein Wagen zurückkom⸗ men und zur Verfügung der jungen. Dame bleiben.“ Stanowsky verneigte ſich und begleitete den Baron förmlich zur Thür. 4 „Sie ſind fort!“ ſagte Stanowsky, ins Neben⸗ zimmer tretend, wo der Prieſter und Jeanneton bei dem Grafen waren. „Der junge Mann ſcheint wirklich zerrüttet!“ ſagte der Prieſter lauernd. Der Graf ließ ſeine Blicke ſcheu in dem Kreiſe neugieriger Geſichter herumwandern, der ihn umgab. Er ſchüttelte den Kopf. „Der Junge iſt nicht verrückt, Abbé“, ſagte er unterbrochen und vergeblich bemüht, ſeinem in Unord⸗ nung gerathenen Geſichte das feine Lächeln von vorhin wiederzugeben.„Das Ganze iſt eine unglückliche Ge⸗ ſchichte, an der ich ſchuldlos bin. Gewiß, es kommt alle Tage vor. Meine Beziehungen zu Wittwe Jaccard waren die reinſten; ich traf ſie in Armuth, unterſtützte ſie, wie es ſich für einen Chriſten geziemt, und brachte 222 ihre faſt ganz in dem Atheismus der Zeit unterge⸗ gangene Seele wieder auf den Weg zu Gott. Getreu der Lehre unſeres Herrn, daß die linke Hand nicht wiſſen ſolle, was die rechte thut, gebot ich Frau Jac⸗ card gegen Jedermann von meiner Unterſtützung zu ſchweigen, und ſie verſprach es. Eines Tages kam ſie ſehr beſtürzt zu mir, erzählte, daß ihr Sohn von ihrer Verbindung mit mir wiſſen und dieſelbe falſch beur⸗ theilen müſſe, denn er habe ſie mit ſeltſamen Reden und Zumuthungen ſehr geängſtigt. Ich rieth ihr Ver⸗ trauen zu Gott zu haben und ihren Sohn zum Gebet und zu Werken der Buße aufzufordern, ſtatt gegen ſeine Mutter ſtrafbaren Argwohn zu hegen, und ſie verließ mich.“ Der Graf ſtockte. Das feine Lächeln war voll⸗ ſtändig verſchwunden und die Hand, welche ſich auf die Lehne des Fauteuils ſtützte, zitterte in ihrer zer⸗ knitterten Manſchette. „Frau Jaccard kam nicht mehr. Nachts vier Uhr weckte mich der Portier und ſagte mir, daß Kinder nach einer Frau fragten. Er hatte wahrſcheinlich den Namen falſch gehört und ſagte mir einen, der mir ganz unbekannt war. Ich ſagte, ich kenne dieſe Frau nicht. Am andern Tag hörte ich, daß Frau Jaccard ertrun⸗ ken aus der Seine gezogen worden ſei. Wahrſcheinlich 223 hatte ſie ſich die ungerechten Vorwürfe ihres Sohnes mehr zu Herzen genommen als die Lehren unſerer heiligen Religion und den Tod geſucht.“ Graf Agenoux ſchwieg. Sein Geſicht war erd⸗ fahl und ſeine Unterlippe bebte. Auch die Geſellſchaft ſchwieg. Der Prieſter ſchaute ſinnend vor ſich nieder und Jeanneton rückte ihren Stuhl etwas abſeits von dem des Grafen. Da ertönte die helle Stimme Entretout's. „Und Sie, Graf Agenoux, haben ſich Ihrer Ge⸗ wohnheit nach, im Verborgenen Gutes zu thun, ohne Zweifel der armen Waiſen angenommen.“ Graf Agenoux zitterte ein wenig ſtärker. „Ich? Nein, in der That nicht; ich hätte es gern gethan, aber die Sache hatte ein ſo ärgerliches Auf⸗ ſehen gemacht, daß ich es nicht wagen konnte, mich weiter darauf einzulaſſen. Die Welt glaubt nicht mehr an wahre Chriſtenliebe.“ Jeanneton ſtand brüsk auf. „Wohin, mein Kind?“ fragte der Graf. „Nach Hauſe, ich fühle mich unwohl.“ Der Graf ſuchte ihre Hand zu faſſen. „Vergiß nicht, Deine Gedanken zu Gott zu erheben, bevor Du Dich zur Ruhe legſt. Abbé, ich bitte für dies Kind um Ihren Segen.“ 224 Jeanneton machte ihre Hände los und trat einen Schritt zurück. „Mir ſchaudert vor Euch und dem Gott, den Ihr predigt.“ Jeanneton ging zu Nini Berton. „Kommſt Du nicht?“ „Wohin?“ „Nach Hauſe, zu Jaccard!“ „Ich fürchte ihn, er iſt verrückt.“ „Was thut's? Auch Reymond iſt verrückt; aber ich habe einen wahren Heißhunger nach ihm unter die⸗ ſen klugen, frommen Leuten.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Jeanneton!“ „Mag ſein; ich wünſche Dir, daß Du mich nie verſtehſt. Leb' wohl! Ich gehe zu Reymond.“ Damit ging Jeanne Duterey. Léonie Lebrun hatte das ſeltſame Geſpräch mit traurigem Lächeln angehört. Ein Diener kam und meldete: „Der Wagen für Mademoiſelle Berton iſt vor⸗ gefahren.“ Nini erſchrak. „Fahren Sie, mein Kind!“ bat Léonie Lebrun. „Ihre Freundin hat Recht, Sie kennen dieſe Menſchen nicht. Fahren Sie nach Hauſe.“ 3 225 Willenlos und halb weinend ließ ſich Nini zur Thür drängen und in ihren Shawl hüllen. Wie betäubt ſchritt ſie die hellerleuchteten Marmor⸗ treppen des Hotels hinab. Da, auf der letzten, fühlte ſie ihre Hand gefaßt. Sie ſah ſich um und ſchaute in das erregte Ge⸗ ſicht Stanowsky's. „Wohin wollen Sie?“ 8 6„Nach Hauſe.“ „Zu Tollheit und Elend? Sie ſind nicht klug. Nini, Sie ſind zu ſchön, um von einem Narren gequält zu werden.“ „Aber wo ſoll ich bleiben?“ fragte Nini und Thränen floſſen über ihre Wangen. 3„Bei mir!“ flüſterte Stanowsky und zog ſie zur 3 Seite. 1 Eine Thür wich dem Druck ſeiner Hand, eine ſchmale Wendeltreppe führte aufwärts, und Nini Ber⸗ ton befand ſich in einem reizenden Boudoir, deſſen Wände ſelbſt mit blauem Seidendamaſt ausgeſchlagen waren. 4 Nini Berton ſchaute verblüfft durch den reizenden Raum, den eine roſenfarbene Ampel matt erhellte. „Hier ſollſt Du bleiben, reizende Nini!“ ſagte v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. I.. 15 9 h 1 Stanowsky, indem er ſich vor ihr auf die Kniee nieder⸗ ließ und ihre Hände küßte. Nini lächelte durch Thränen. Der heimkehrende Ku ſcher meldete dem Baron, daß Fräulein Berton bereits zu Fuß das Hotel habe verlaſſen gehabt, als er dort angekommen ſei. Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Inlius Günther in Leipzig. Geheimniſſe. Novellen von Karl Irenzel. 2 Bände. 8 Eleg. geheftet. Preis 2 Thlr.— 7 El paso de las animas. Roman von E. von Bibra. 2 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 1 Thli 10 Ngr. ASP — Adfes um ei ein Nichts. Roman von Georg Köberle. 3 Bände. 80. Kleg. geh. Preis Thlr. 2 15 A* — Neue Romane aus dem Verlage von Eruſt Julius Günther in Leipzig. Mütze und Krone. Roman von Herman Schmid. Zweite Auflage. 5 Bände. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. In der M . Eine Erzählung von Edmund Hoefer. Zweite Auflage. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr.— Non possumus. Roman von Fr. Kilarins. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. ſſ“— nſnſſſnfſnſſinſn unxurrern 7 8 9 10 11 12 13 14 6 17 18 19