— ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ₰ Ieih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei itckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3— 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 4 Sef.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. u—„— u. 11— 82 17— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Vingris' Wunden ſind geheilt, ſeine Beulen ſind verſchwunden und auf ſeinem Geſichte behaupten wie⸗ der die tiefen Spuren, welche eine Blatternepidemie vor Jahren darauf zurückgelaſſen, ſiegreich die Allein⸗ herrſchaft. Auch der entwürdigte Livreerock iſt durch einen neuen erſetzt worden, und mit gewiſſenhaftem Ernſte wie einſt füllen die breiten Schultern und das ernſte Antlitz des Portiers wieder den viereckigen Raum des Wasiſtas aus, wenn die Glocke am Por⸗ 1* — tal der Mondélions gezogen wird, oder ein Wagen vor demſelben hält. Aber nicht ſo leicht ſind die Spuren jenes ſchreck⸗ lichen Tages hinweggewiſcht von Winkelried Stierliſte⸗ cher's Innerem. Noch immer hat er den Zuſammenhang jener ſchrecklichen Ereigniſſe nicht entdeckt, welche vier⸗ undzwanzig Stunden lang ihr grauſes Spiel mit ihm getrieben, noch immer fühlt er außer und über ſich jene dunkle Ahnung einer gewaltigen Gefahr, die jeden Augenblick über ihn hereinbrechen kann. Der erſte Gang Vingris“, nachdem er ſein Schmer⸗ zenslager verlaſſen konnte, war nach der Schenke des Verſchwörers Beaupas geweſen. Er näherte ſich ihr nur vorſichtig und bei hellem Tageslichte, aber ſchon von weitem ſah er, daß ſie verſchloſſen war. Er kehrte zu verſchiedenen Stunden an verſchiedenen Tagen wie⸗ der, ſie blieb verſchloſſen. Das Haus war wie aus⸗ geſtorben. Da eines Morgens ſah Vingris eine alte Magd, die, wie er ſich erinnerte, ſchon früher im Hauſe geweſen war. Er ging auf ſie zu und gab ſchüchtern den Wunſch nach einem Glaſe Wein zu erkennen. Die Magd ſah ihn mit mürriſcher Verwunderung an. Ein großes Unglück laſtet immer etwas auch auf den trägſten Gemüthern, die damit wenn auch nur in die äußerlichſte Berührung kommen. 5 „Hier iſt doch die Weinſtube von Père Beaupas?“ fügte Vingris hinzu und hielt ſich ſorgſam außerhalb des Beſenbereichs der mürriſchen Alten. Die Alte faßte ihren Beſen mit beiden Händen am obern Ende und ſtützte ſich darauf. „Weinſtube? Hier trinkt blos der Herr Curator jede Woche, wenn er nachſieht, mit ſeinen Freunden ein halbes Faß leer und macht mich für das verant⸗ wortlich, was er ſelber ſtiehlt. Das iſt die einzige Weinſtube hier.“ „Der Hexr Curator, wer iſt das?“ „Ein Mann, der immer Durſt hat und den das Gericht dazu aufgeſtellt hat, daß dem armen Herrn Beaupas der Wein nicht ſauer werde.“ „Und Herr Beaupas, wo iſt der?“ „In Charenton, im Narrenhaus!“ murrte die Alte ärgerlich.„Er bildet ſich immer ein, er müſſe den Kaiſer umbringen, ſonſt werde er umgebracht; er hat den Burgunder zu gern getrunken und das Zeitungs⸗ leſen hat ihn vollends um den Verſtand gebracht ſagen ſie.“ Damit kehrte ſie mit ihrem ſchmuzigen Beſen über den rieſigen glänzenden Stiefel des Portiers. Dieſer merkte nichts davon und blieb mit offenem Munde ſtehen. 7 „Im Narrenhaus?“ „Ja, wohin Ihr auch zu gehören ſcheint, Ihr langer Müßiggänger, der Ihr eine alte Frau ihre Ar⸗ beit nicht ruhig verrichten laſſen könnt. Weg da, Ihr Schnüffler, ſonſt fahre ich Euch mit meinem Beſen über die hübſchen Treſſen! Warum wißt Ihr nicht, was das ganze Viertel weiß? Ihr wollt mich am Ende nur ausſpioniren. Euch hat wohl der Curator geſchickt.“ Die ſchmuzige Hexe erhob drohend den Beſen. Der Portier wich beſtürzt zurück. „Im Narrenhaus!“ murmelte er und griff an ſeine eigene Stirn, als wolle er ſich überzeugen, ob dort noch Alles in Ordnung ſei. Am Ende war er ſelber ein Narr und befand ſich nicht in der Rue du Faubourg St.⸗Honoré, ſondern in Charenton, und das, was er für einen grünen goldbordirten Rock hielt, war eigentlich eine Narrenjacke und das Thor, das er öff⸗ nete und wieder ſchloß, nicht die Pforte des Mondé⸗ lion'ſchen Palaſtes, ſondern vielleicht die Tiſchſchublade ſeiner Narrenzelle. Schwitzend vor Angſt kam Vingris nach Hauſe. Das Thor, das er betaſtete, die gewohn⸗ ten Gegenſtände ſeiner Loge, die er zählte, beruhigten ihn wieder etwas über den eigenen Geiſteszuſtand. Aber alle Zweifel waren noch nicht geſchwunden. Aus keinem andern Grunde, als weil die Gewohnheit ihn 17 ſeine Umgebung noch nie ſo genau hatte betrachten laſſen, erſchien ihm heute doch Alles etwas anders. Dorthin ſtellte er den Lederſtuhl gewöhnlich nicht. Und ſein Vater, der Oberſenn von der Braunalm, lächelte heute ganz ſonderbar und traurig von der Wand her⸗ unter. Vingris' vom Krankenlager noch etwas ge⸗ ſchwächte Nerven trieben ihm wieder ſiedendheiß das Blut nach den Schläfen. Da ſchellte es. Die Glocke dröhnte ſchauerlich im Thorgang wieder. So hatte er ſie nie gehört. Die Narrenglocke! tönte es durch Vingris' Inneres. Aber mechaniſch ging er an das Wasiſtas und zog die Schnur. Der Baron kam zu Fuß nach Hauſe. Sein Geſicht war finſter und er hatte den Hut tief in die Stirn gedrückt. Vingris' Gehirn durchzuckte es wie ein Blitz; der Baron allein konnte ſeine Zweifel löſen, der Baron wußte Alles— die Angſt vor ſich ſelber beſiegte in Vin⸗ gris die Schüchternheit vor ſeinem Herrn, raſch ver⸗ ließ er die Loge und lief ihm nach. „Herr Baron!“ rief er leiſe, als er ihn im Hofe erreicht hatte. Mondelion, erſtaunt über das ſeltſame Benehmen des ſonſt ſo beſcheidenen Dieners, blieb ſtehen. „Was gibt's?“ „Herr Baron, verzeihen Sie, aber ich ſelber werde nicht mehr klug. Sie wiſſen— Sie haben, wie es mir vorkommt, mich ſelber geholt damals— es war eine ganz ſchreckliche Geſchichte, und doch weiß ich nicht recht, ob ſie wahr iſt, Herr Baron! Sagen Sie mir aufrichtig, warum bin ich eingeſperrt geweſen?“ Der Baron erblickte in dem Benehmen Vingris' eine Wiederkehr jener Albernheiten, deren Opfer er ge⸗ worden war, und rief ärgerlich: „Weil Du ein Narr biſt!“ „Weil Du ein Narr biſt!“ Wie ein Donnerſchlag fielen dieſe Worte dem unglücklichen Vingris aufs Haupt. Der Baron hatte es ſelbſt geſagt, er konnte nicht mehr daran zweifeln. Vingris ſchlich ſich in ſeine Loge zurück, warf ſeine ganze ungeſchlachte Geſtalt der Länge nach aufs Bett und weinte herzbrechend um den eigenen Verſtand. Nach und nach, als Vingris ſich mehr und mehr erholte von den Folgen ſeiner Leiden, legten ſich dieſe Paroxysmen einer krankhaften Phantaſie, aber ganz verſchwanden die Zweifel nicht, die er über ſei⸗ nen Geiſteszuſtand hatte. Er controlirte ſein eigenes 3 Denken und Handeln mit peinlichſter Genauigkeit, aber dieſe doppelte geiſtige Thätigkeit, welche einen kräfti⸗ 9 gern Geiſt allmälig zum Wanken gebracht hätte, alterirte natürlich in einem hohen Grade wieder ſeine ge⸗ wöhnliche Denk- und Handlungsweiſe. Er ertappte ſich gewiſſenhaft auf dieſen Unregelmäßigkeiten und folgerte daraus einen neuen Beweis für ſeinen be⸗ jammernswerthen Zuſtand. So war aus dem ent⸗ ſchiedenen, pflichtgetreuen Vingris allmälig ein men⸗ ſchenſcheuer Träumer geworden, der ſich immer ängſt⸗ licher in das Innere ſeiner Loge zurückzog und der Stunde entgegengrübelte, wo die ſchreckliche geheim⸗ nißvolle Gefahr und damit zugleich die Offenbarung ſeines traurigen geiſtigen Zuſtandes über ihn herein⸗ brechen werde. Der Herr des Hauſes hatte keinen Blick für das von Tag zu Tag verſtörtere Ausſehen ſeines Portiers. Die übrige Dienerſchaft verwunderte ſich anfangs über 3 1 das ſeltſame Benehmen des Thürhüters, da derſelbe aber ſeinen Obliegenheiten gewiſſenhaft nachkam, ſo war kein Grund vorhanden, ſich über ihn zu beklagen, und zu vertraulichen Mittheilungen war das Geſicht des Barons ſeit der plötzlichen Abreiſe ſeiner Mutter nach dem Süden durchaus nicht einladend. In der That hatte die alte Baronin ihren Sohn nicht wiedergeſehen ſeit der Stunde, da er ſie verließ, um dem Mädchen aus dem lateiniſchen Viertel ſeine Hand anzubieten. Die alte Dame hatte einige unent⸗ behrliche Kleidungsſtücke eingepackt und war mit ihrer Kammerfrau nach dem Bahnhofe gefahren. Ihrem Sohn ließ ſie einige Zeilen zurück, worin ſie ihm ihre Abreiſe nach einem ihrer Güter ohne weitere Bemer⸗ kung meldete und ihn bat, ihre Koffer packen und be⸗ förderlichſt nachſenden zu laſſen. Der Umſtand, daß die Baronin ihren Sohn um die Nachſendung einiger Möbel bat, die ihr beſonders bequem waren, ließ da⸗ rauf ſchließen, daß ſie ſehr lange, vielleicht für immer dem Hotel Mondélion fern zu bleiben gedachte. Der Brief war in ernſt⸗freundlichem Tone geſchrieben und erwähnte mit keinem Worte die Angelegenheit, welche ſich plötzlich zwiſchen Mutter und Sohn geſtellt. Aber René Mondélion las zwiſchen den Zeilen— ſeine Mutter wollte keinen Theil haben an einer Werbung, welche ihre Grundſätze zurückwieſen, ſie liebte ihren Sohn trotz alledem zu ſehr, um der Gattin ſeiner ſonderbaren Wahl die Thür zu verſchließen, und empfangen konnte ſie dieſelbe nicht, wenigſtens vorerſt nicht. Deshalb war ſie gegangen. René hatte damals mit bitterem Lächeln auf den Brief geblickt, deſſen ſtumme Sprache er ſo gut ver⸗ ſtand. Seine Mutter war gegangen, plötzlich, ohne ihrem Sohne die Hand zu reichen, weil ſie nicht zwei⸗ 11 ſelte, das Geſchöpf der Niedrigkeit werde mit Jubel die Hand ergreifen, welche der reiche Edelmann ihr entgegenſtreckte, um ſie aus dem Schmuz des Lebens empor an ſeine Seite zu heben. Und ſiehe da, die ſtolze Tochter der Armuth ſtieß dieſe Hand zurück. Wie mußte die ſtolze adlige Matrone ſtaunen, wenn ſie dies vernahm! Aber ſie vernahm es nicht. René Mondélion hatte einen Theil von der unbeugſamen Sinnesart ſeiner Mutter geerbt. Seine Mutter hatte ihm durch ihren freundlichen, aber gemeſſenen Brief angedeutet, daß ſie ſich künftig wie Fremde gegenüberſtehen wollten in allen, ſelbſt den theuerſten Angelegenheiten, ſeine Mutter wollte ſich das Recht vorbehalten, die Frau ihres Soh⸗ nes zu empfangen oder durch einen Diener über die Treppen ihres Schloſſes becomplimentiren zu laſſen, wie eine Fremde, ſeine Mutter ſagte ſich los von Allem, was über ihres Sohnes engſte Perſönlichkeit hinaus⸗ ging, dabei ſollte es bleiben. Es hätte wie das Ein⸗ geſtehen eines Unrechts klingen müſſen, wie der flehende Ruf eines unmündigen Kindes nach den Lieb⸗ koſungen ſeiner Erzeugerin, wenn er ſeiner Mutter mitgetheilt, daß die Manſardenbewohnerin vom andern Ufer der Seine die Verbindung mit einer der älteſten Familien Frankreichs zurückgewieſen. Allerdings lag in 42 der Weigerung Louiſon's auch eine bittere Demüthi⸗ gung für die adelsſtolze Matrone, aber René wollte ſeine Mutter auch nicht demüthigen; ſie hatte die Tren⸗ nung vollzogen, nicht er— es ſollte dabei bleiben. Finſter und verſchloſſen lebte der Baron nun da⸗ hin, Wochen, Monate. Sein kalter ſtrenger Blick ſchien Jedermann, der in ſeine Nähe kam, verantwortlich zu machen für die Wunde, die ſeinem Stolz und ſeinem Herzen beigebracht worden war. René Mondélion zuckte verächtlich die Achſeln über die Vorurtheile des Standes, dem er angehörte, und die er doch ſelber ſo lang getheilt, und ſein Auge blitzte auf vor Haß, wenn ihm in irgend einer Aeußerung des öffentlichen Lebens ein Funke jenes Plebejerſtolzes begegnete, der ihn an dem ſeltſamen Weſen, das er liebte, einſt ſo beglückt und nun ſo elend machte. Immer wieder kehrten ſeine Gedanken zurück zu jener entſcheidenden Stunde, da das herrliche Weſen ſich mit der ganzen Kraft der Leidenſchaft ihm an die Bruſt geworfen: Nimm mich, ich bin Dein! So ſehr er ſich mühte, die Weigerung Louiſon's als die Ver⸗ irrung eines überſpannten, in der Phraſenſeligkeit un⸗ ſeres demokratiſirenden Zeitalters erkrankten Frauen⸗ gehirns zu belächeln, ein Seufzer drang zwiſchen den ſpöttiſch herabgedrückten Lippen hervor, in das düſtere ———— 13 Auge ſtahl ſich eine Thräne, er wurde die Erinne⸗ rung an jene Stunde nicht los, die Sehnſucht nach der Komödiantin vor ſich ſelber, wie er Louiſon ſeit⸗ dem gar oft im Zorn genannt, verfolgte ihn überall hin, in ſein Arbeitszimmer im ſtillſten Theile des Hotels, über die Boulevards, wo er vergeſſen wollte, in die Clubs, wo er las und— zum erſten Mal in ſei⸗ nem Leben— ſpielte. Jeder laute Tritt, der die ein⸗ ſamen Corridore des Hotels erdröhnen machte, zauberte ihm Louiſon als ſtolze Gebieterin dieſer Räume vor die Augen, die Stille, die ihn umgab, erdrückte ihn mit ihrer dumpfen Sehnſucht. Baron Mondélion war ſo weit gekommen, daß er ſogar einen Gedanken nicht mehr ganz zu bannen vermochte, der immer mächtiger auf ihn eindrang, immer verführeriſcher ihn umflüſterte. Wenn er ſie nicht als Frau beſitzen konnte, warum verſchmähte er ſie als Geliebte? Seiner Grundſätze wegen? Bah, wer kümmerte ſich hier in dem vergol⸗ deten Babel um Grundſätze! Weil er ſie ehrlich liebte? Durch dieſe Liebe war ſie jetzt vielleicht ſo elend wie er.. Die erſten Sturmvögel des Krieges flatterten auf. Aus den Pöbelhaufen, welche den geſetzgebenden Kör⸗ per umlagerten, ertönten bereits die erſten gellenden Rufe:„A Berlin! A Berlin!“ Nelke die Roſette der Ehrenlegion, aber unverdroſſen haranguirte er das gaffende Volk und erzählte ihm wunderbare Geſchichten von den frechen Preuden, und zum Schluß ſchwang er ſeinen fuchſigen Cylinderhut. „A Berlin! A Berlin!“ Und die Haufen wälzten ſich durch die Straßen und heulten:„A Berlin!“ René Mondelion erhob überraſcht ſein leidenſchaft⸗ lich erregtes Antlitz, als der Ruf zum erſten Mal an ſein Ohr drang. Verwirrt griff er zu den Blättern, in denen, wie man ſagt, jeder Pulsſchlag der Gegen⸗ wart ſein Echo findet, in ſtürmiſcher Phraſe fand er hier denſelben frenetiſchen Ruf:„A Berlin! Matt verhallten daneben die warnenden Rufe ei⸗ ner verſchwindenden Minderheit. Fortgeriſſen von der Aufregung aller ſtürzte Mondélion nach dem geſetzgebenden Körper. Er kam eben recht, um zu hören, wie das bacchantiſche Ge⸗ heul feiler Volksvertreter die Kaſſandraſtimme des greiſen Thiers übertönte. „A Berlin!“ René Mondélion ging durch die von Menſchen flutenden Straßen. An den Schaufenſtern ſtand es Vater Barbé war in voller Thätigkeit; zwar vertrat in ſeinem Knopfloch noch immer die rothe 1 —— . 8“ ———————— 15 mit tauſend Lichtern, Freunde drückten ſich mit dem neuen Gruße die Hand und die Dirnen flüſterten mit verlockenden Augen:„A Berlin!“ René Mondélion war Franzoſe, ſeine Wangen erglühten, ſeine Augen öffneten ſich weit und voll Feuer, ſtolz wölbte ſich ſeine Bruſt und ſeine feinge⸗ ſchnittenen Naſenflügel zitterten. Er war jetzt nicht Denker, nicht Orleaniſt, er er⸗ innerte ſich kaum mehr, daß er noch keine höhere Au⸗ torität gekannt hatte als die Lehren des greiſen Ge⸗ ſchichtſchreibers der Revolution, voll und ganz über⸗ ließ er ſich der gewaltigen Strömung, die ihn um⸗ brauſte, und als im Tuileriengarten die kaiſerliche Muſik die Marſeillaiſe ſpielte und das Volk jauchzend dazu ſang, hob auch er den Hut in die Höhe und rief Arm in Arm mit dem Blouſenmann, der neben ihm ſtand: „A Berlin!“. Noch an demſelben Tage hatte Baron Mondélion ſeine Militärpapiere auf dem Kriegsminiſterium nieder⸗ gelegt, ſeine Perſon zur Verfügung geſtellt und ſeiner Mutter dies telegraphiſch mitgetheilt. Die Depeſche ſchloß mit den ſiegesgewiſſen Worten:„A Berlin!“ Wohl durchzuckte Mondélion's Denken ein paar⸗ mal mit einer Art Schmerz die Frage: Warum? Weil ein großes Volk beleidigt worden iſt und 16 Sühne will! antwortete ſich Mondélion ſelber mit ſtolzerhobenem Haupt. Aber— Gleichviel, Frankreich hat anch d das Recht, ungerecht zu ſein. Die Regierung hatte nur zu wählen zwiſchen Re⸗ volution und Krieg, ſie ſetzte das Heil der Nation an die eigene Exiſtenz. Ein Schurke, wer jetzt von Parteien ſpricht. Frankreich iſt groß und einig— à Berlin!“ So ungefähr lautete die kurze Debatte, welche vor Mondélion die pedantiſche Logik von ehemals und der Enthuſiasmus von heute führten. Und von der Straße herauf ertönte es:„A Berlin!“ Auf Vingris übte die allgemeine Aufregung eine faſt beruhigende Wirkung. Er hatte es ja gewußt, daß etwas Außergewöhnliches vorgehen müſſe. Er wunderte ſich daher auch nicht im geringſten, als er plötzlich, zum zweiten Male ſeit ſeiner Dienſt⸗ zeit, wieder einem Miethwagen öffnen mußte. Er ver⸗ zog auch keine Miene, als er die alte Baronin aus⸗ ſteigen und ſeinen Herrn mit ausgebuteten Armen die Treppe heruntereilen ſah. Keines Wortes mächtig ſank die Baronin an die Bruſt ihres Sohnes. Es war zum erſten Mal, daß zwiſchen Mutter 127 und Sohn eine ſolche Scene vor der Dienerſchaft ſtattfand— Vingris wunderte ſich nicht. Wußte er ja nicht einmal, ob alles das, was er ſah, wahr ſei oder nur ein Trugbild ſeiner aus den Schranken gerathenen Phantaſie. Der Baron führte ſeine Mutter am Arm die Treppe hinauf. Im Zimmer, das die Matrone einſt eingenommen, unter dem Bilde des Maire von Paris ſtanden ſie ſich einige Sekunden ſtumm gegenüber. „Ich wußte, daß Du ſo handeln würdeſt, René!“ begann endlich die Matrone.„Die erhabene Zeit un⸗ ſerer Väter, welche Frankreich geſchaffen haben, kehrt wieder. Du haſt Dich ihrer würdig gezeigt. Ich habe auf der Reiſe hierher geweint vor Rührung über den Jubel, dem ich überall begegnete. O ich Verblendete, die ich Frankreich für verweichlicht und verkommen hielt, mächtig und ſtolz wie je ſteht es da, furchtbar in ſeinem Zorn, und es wird ſiegen.“ „Ja, es wird ſiegen, Mutter!“ ſagte René mit blitzenden Augen. „Es wird ſiegen“, wiederholte die Matrone,„und geläutert aus ſeiner Blut⸗ und Flammentaufe hervor⸗ gehen. Eine ſolche Zeit tilgt alle Gegenſätze aus, René! Der Bauer wird ein Held wie der Ritter mit v. Schlägel, Nach uns die Sü ndͤflut. IV. 2 18 den goldenen Sporen, und derjenige, über deſſen Wiege ſich die Spangen einer Fürſtenkrone wölbten, hat nur ein Leben, um es dem Vaterlande zu weihen, wie der Geringſte.“ Die Matrone betrachtete forſchend die ſchärfern Züge ihres Sohnes, über ihr Antlitz zuckte es ein paar⸗ mal ſchmerzlich. René ſah zu Boden. „Eine ſolche Zeit ſchlingt ein Band um das, was ſich am fernſten ſtand, René! Du ſollſt nicht leiden, während Du Dich fürs Vaterland opferſt,— bringe mir Deine Braut!“ Die Matrone hatte die letzten Worte leiſer ge⸗ ſprochen, als ob ſie ihr trotzdem ſchwer würden. René ſchüttelte den Kopf. „Ich habe keine Braut, Mutter!“ „Und jenes Mädchen?“ „Wäre vielleicht die Geliebte des Arbeiters Mon⸗ délion geworden, verſchmäht es aber, die Gattin des Barons zu ſein.“ Die welken Wangen der alten Dame ergrühten wie von tiefer Beſchämung. „So! Das iſt eigenthümlich, einte ſolche Selbſtlo⸗ ſigkeit iſt ſelten. Du leideſt, armes Kind—“ Mondelion's Lippen zuckten und ſeine Augen er⸗ hielten einen feuchten Schimmer. 19 „Ich will es nicht leugnen, Mutter, ich litt; noch nie im Leben hatte ſich ein Wunſch ſo ſehr mit mei⸗ nem ganzen Sein verkörpert. Ich fürchte ſogar, es iſt auch ein wenig Egoismus dabei, wenn ich in dieſen Krieg ziehe; ich muß um jeden Preis jenem Zuſtande machtloſen Sehnens entfliehen, der mich entnervt und aufreibt, ich muß mir ſelber zu entfliehen ſuchen.“ Mit dem Ausdruck der innigſten Liebe hafteten die ſonſt ſo ſtrengen Blicke der Matrone auf dem zuckenden Antlitz ihres Kindes. „Ich möchte Dir helfen, Kind, um jeden Preis. Das Alles dauert zu lange für eine Laune. Solche Tage der allgemeinen Erhebung, des vollen Jubels eines großen Volkes lehren uns, daß Manches eitel iſt, an dem wir bisher gehalten. Ich möchte Dir helfen, René.“ René führte die Hand ſeiner Mutter an die Lippen. „Mir iſt nicht zu helfen, Mutter. Einen Augen⸗ blick wollte ich die Makelloſigkeit eines ganzen Lebens, Grundſätze, mit denen ich zu ſterben gedachte, opfern um das, was Glück heißt. Es iſt vorüber; die große Zeit, die angebrochen iſt, hat mich vor mir ſelber gerettet.“ 98 3 René Mondélion verſuchte zu lächeln. Er ver⸗ mochte es nicht. Die feſt zuſammengepreßten Lippen der Matrone 2*¾* “““ ſuchten gewaltſam das Schluchzen zurückzuhalten, deſſen Stöße ihre hohe Geſtalt erſchütterten. „Nein, nein“, ſagte ſie dann,„ſo darfſt Du nicht fort. Wenn Du ſo von mir ſcheideſt, ſehe ich Dich nicht wieder, und ich will mein einziges Kind wieder haben, hörſt Du? Du darfſt Dich opfern, wenn es das Vater⸗ land von Dir verlangt, aber Du darfſt den Tod nicht ſuchen, René, Du biſt der letzte Deines Namens.“ Sie faßte das Haupt des Sohnes mit beiden Händen und küßte es convulſiviſch. René Mondélion ſchaute ſeine Mutter eigenthüm⸗ lich lächelnd an. Sie verſtand, was dieſe in Thränen ſchwimmenden Augen ſagen wollten. „Ja, ja, Du haſt Recht“, ſagte die Matrone haſtig.„Es wäre gleichgültig, ob Du ein paar Jahre länger leben würdeſt, Du wärſt ja doch der letzte. Das darf nicht ſein. Ich hatte keine Ahnung von der Kraft einer echten Mannesliebe; Dein Vater war gut, aber ſchwach und liebte mich, weil man ihm be⸗ fahl, mich zu lieben. Verzeihe mir, ich verſtand Dich nicht, aber ſei ruhig, ich werde es wieder gut machen, ich werde Dir helfen. Du ſollſt nicht der letzte Deines Namens ſein, ich will noch Enkel auf meinen Knieen ſchaukeln, die mit dem Lorbeer ihres Vaters ſpielen. Laß den Staatswagen anſpannen, René, ich 21 werde ſelbſt gehen und die Braut in Deine Arme führen. Geh!“ Mit glänzenden Augen und glühenden Wangen chaute Mondeélion auf ſeine Mutter. Dann wieder enkte er das umdüſterte Antlitz. „Bleiben Sie, Mutter, erſparen Sie ſich eine Täuſchung. Louiſon hat Recht, wir müſſen ewig ge⸗ trennt bleiben.“ „Nein, dieſe Gefahr des Vaterlandes verſöhnt und vereinigt Alles.“ „Sie wird nicht kommen, Mutter.“ „Sie wird kommen!“ lächelte die Matrone und ſchellte ihrer Kammerfrau. Dann verließ ſie das Zimmer. René Mondélion ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken, ein Schauer überrieſelte ihn und er ſeufzte: „Sie wird nicht kommen!“ ſ ſ Zweites Kapitel. Das Caſino d'Or. Das Caſino d'Or hatte zwei Eingänge, einen von der Paſſage des Panoramas, den andern von der Rue Vivienne. Dieſe Eingänge waren ſehr einfach und verſchwanden des Abends faſt ganz zwiſchen den hellbeleuchteten Magazinen zu beiden Seiten. Man konnte eintreten, ohne befürchten zu müſſen, aufzufallen, und war, kaum daß man den Fuß auf die Straße ſetzte, von der Menſchenmenge verſchlungen, welche ſich durch die Paſſage oder in der nach der Börſe führen⸗ den Straße drängte. Man mußte genau Nummer oder Lage der betreffenden Eingänge wiſſen, um die Thüren zu finden, welche zu dieſem eleganteſten Ver⸗ ſammlungsort der Elite der Pariſer Demimonde führten. Jedermann wußte von der Exiſtenz dieſes Caſinos, 23 man erzählte ſich die abenteuerlichſten Geſchichten von dem orientaliſchen Luxus, mit dem die Ball⸗ und Ge⸗ ſellſchaftsräume ausgeſtattet waren, einige Romane der geleſenſten Pariſer Schriftſteller verlegten dorthin den Schauplatz ihrer pikanteſten Scenen, machten aus dem Caſino d'Or den Knotenpunkt ihrer intereſſanteſten Ver⸗ wicklungen. Jeden Tag erſchien in einem der kleinen Journale eine andere mehr oder weniger gut erfundene Anekdote über das Caſino d'Or, doch merkwürdigerweiſe hörte man nie eine glaubwürdige Perſon behaup⸗ ten, ſie ſei dort geweſen. Das Caſino d'Or hatte keine Statuten, kein geſchriebenes Wort legte es dem Beſu⸗ chenden nur die allergeringſte Verpflichtung auf, es gab nicht einmal beſondere Geſellſchaftstage— das Ca⸗ ſino d'Or war vielleicht die freieſte Inſtitution der Welt, wenn man ſo nennen kann, was, durch den Zufall entſtanden, die goldene Freiſtätte für Alles bildete, was Sitte und Rückſicht aus der Oeffentlichkeit ver⸗ bannten. Das Caſino d'Or hatte urſprünglich aus einigen Zimmern beſtanden, in denen einige Cavaliere und hervorragende Börſenleute, welche Rückſichten für ihren Ruf zu nehmen hatten, manchmal in der Woche ſou⸗ pirten. Die Geſellſchaft war größer geworden, der ge⸗ fällige Wirth, der wohl ſeine Rechnung gefunden ha⸗ ben mochte bei den discreten Soupers, vergrößerte die Räume, legte ein Muſik⸗ und Leſezimmer an. Endlich hatte er die ganze Beletage des Hauſes für ſeine Gäſte eingerichtet. Von Jahr zu Jahr wurden Verſchöne⸗ rungen angebracht und endlich war das Caſino d'Or der geheimnißvolle Zauberort, von deſſen Wundern ſich Alles erzählte, den aber Keiner, der ihn betreten, anders als ſtumm verließ. „Beſuchen Sie das Caſino d'Or?“ fragt die empor⸗ ſtrebende jugendliche Griſette den Elegant, der ſie in die Welt einführen will. Der Elegant verſichert klein⸗ laut, daß er Freunde habe, welche ihm verſprochen, ihn nächſtens dorthin mitzunehmen. Die angehende Weltdame hängt das Köpfchen und ihr Blick iſt merk⸗ lich kälter, ſie iſt Pariſerin genug, um zu wiſſen, daß man in das Caſino d'Or nicht ſo leicht eingeführt wird. Das geheimnißvolle Band, das ſich um alle Be⸗ ſucher des Caſino d'Or ſchlang, war nichts Anderes als jener discrete gute Ton, welcher nichts anerkannte als die gewandte, gefällige Form, der das galante Ver⸗ brechen zuließ, vor deſſen Richterſtuhl aber auch nicht die kleinſte Lächerlichkeit Gnade fand und wäre ſie mit den letzten Blutstropfen eines brechenden Herzens ge⸗ ſühnt worden. Renommage galt mit Recht als ſchlechter Ge⸗ V 25 ſchmack. Da die Protectoren des Caſino d'Or zu der Quinteſſenz deſſen gehörten, was man für comme il faut hielt, und hinwiederum nur Damen und Herren vom feinſten Pli einführten, ſo blieb das Caſino ſo ziemlich frei von Allem, was nicht auf der Höhe des Lebens und der Zeit ſtand; und wenn vwilklich Jemand durch Zufall oder Neugier in die goldene Ver⸗ ſammlung gelangt war, der nicht dahin paßte, er zog ſich alsbald freiwillig zurück. Nicht daß man unartig gegen ſolche Perſonen geweſen wäre, keineswegs, das Caſino d'Or war eine der wenigen Geſellſchaften in Paris, wo es nie einen lauten Skandal gegeben hatte, trotzdem daß man dort hoch ſpielte und die Maitreſſen wechſelte wie die Handſchuhe, aber der gute Ton hat zur Ausführung ſeiner Verbannungsurtheile eben Waf⸗ fen an der Hand, gegen die auch das ſtumpfeſte Ge⸗ müth für die Länge nicht unverwundbar bleibt. Auch zu Miß Pinkerton war der Name dieſer Geſellſchaft gedrungen. Die Schneiderin, welche ihr ein neues Kleid brachte, hatte, um die gewöhnlich ſehr ſchwer zufriedenzuſtellende Miß in gute Laune zu verſetzen, die Bemerkung fallen laſſen: „Madame werden mit dieſem Kleide Aufſehen machen im Caſino d'Or.“ Miß Pinkerton, welche zwiſchen zwei einander ge⸗ 26 genübergerückten Ankleideſpiegeln ſtand und das Mei⸗ ſterwerk von Wattirungskunſt betrachtete, das ſie am Leibe trug, drehte mit Leichtigkeit ihren langen Hals, daß ſie über die rechte Schulter die Profillinien von Bruſt und Rücken zugleich ſehen konnte. In die Be⸗ trachtung ihrer in grünen Atlas gehüllten, ſechs Schuh langen Reize vertieft, hatte ſie die Frage der Schnei⸗ derin überhört. Da mußte etwas ihre Mißbilligung im höchſten Grade erregt haben, denn mit kreiſchender Stimme und ziegelrothem Geſicht rief ſie: „Mademoiſelle, wie können Sie es wagen, mir dieſes Kleid zu bringen! Wie kommen Sie dazu, die Schulterblätter zu wattiren, als ob ich einen Höcker hätte? Und meine Tallle iſt ſo dick wie die einer Bäue⸗ rin. Ich bin ſehr gut gewachſen, ſehr ſchlank.“ „Eben deshalb“, replicirte die Schneiderin, indem ſie die Falten über dem allerdings auffallend vortre⸗ tenden Leib ihrer Clientin glatt ſtrich,„eben deshalb. Schlank trägt man nicht mehr und dieſe Wattirung an den Schultern gibt jene etwas vorwärts geneigte, mädchenhaft ſchüchterne Haltung, welche jetzt ſo ſehr beliebt iſt. Sie werden ſelbſt begreifen, daß dadurch die untere Hälfte des Körpers zu ſehr zurücktreten würde, und dem wird durch dieſe Wattirung à la mère abgeholfen. Ich ſage Ihnen, gerade Ihre Figur iſt 27 für dieſen Schnitt wie geſchaffen. Der Schnitt iſt noch nicht acht Tage alt, wir konnten bis jetzt noch weni⸗ gen der Beſtellungen darauf genügen. Ich ſage Ihnen, Ihr Anzug iſt ein Muſter ſeiner Gattung. Sie ſind gewiß eine der erſten Damen, welche ſchon das neue Muſter tragen. Für Jedermann hätten wir es auch nicht ſo raſch gemacht. Aber wir wiſſen, daß Sie uns Ehre machen und unſer Geſchäft würdig repräſentiren. Sie müſſen dieſes Kleid zuerſt ins Caſino d'Or anziehen. Sie werden ſehen, keine einzige Dame dort hat ſchon den neuen Schnitt.“ Miß Pinkerton blickte unſchlüſſig in den Spiegel. Sie ſah abſcheulich aus. Ihre Geſtalt hatte bis jetzt wenigſtens den Vorzug gehabt, daß ſie groß und ge⸗ rade war. Geſchmückt mit dieſer neueſten Errungenſchaft der tyranniſchen Mode, mit dem hohen Rücken, dem vorgedrückten Leib und dem nach unten ſich verengen⸗ den Rock, hatte ſie einige Aehnlichkeit mit einer rieſigen, auf den Schwanz geſtellten grünen Raupe. Was nun Miß Pinkerton vor vielen andern Dingen abging, war Schönheitsſinn. Ihr Mangel an Takt wurde nur noch überboten durch ihre Geſchmack⸗ und Urtheils⸗ loſigkeit in Dingen der Toilette. So kam es, daß ihr, je länger ſie in den Spiegel ſchaute, der neue Anzug immer weniger abſchreckend vorkam; ſie ſetzte prüfend 28 bald einen, bald den andern ihrer großen platten Füße unter dem engen Rock, der ihre Waden umſpannte, vor, und nach Verlauf von einigen Minuten fand ſie, daß ſie in dieſem Anzug in der That jenes ſchüchterne, mäd⸗ chenhafte Air beſitze, von dem die Schneiderin eben geſprochen. Mylord liebte das Mädchenhafte, Hin⸗ gebende— ſie wollte ihn bezaubern in dem neuen Anzug. „Wie viel ſoll das Kleid koſten?“ Die Schneiderin reichte verbindlich die Rechnung. Miß Eliſa riß die runden Aeuglein weit auf. „Fünfhundert Francs! Aber das iſt unverſchämt, Sie ſind verrückt, ich werde das nicht bezahlen.“ „Wenn Sie ſich überzeugt haben, daß wir Sie vor unſerer ganzen übrigen Kundſchaft bedient haben, werden Sie ſicher ſogar noch ein kleines Geſchenk für Ihre ergebenſte Dienerin beilegen. Im Caſino d'Or—“ „Caſino d'Or— wuas wuollen Sie immer mit Ca⸗ ſino d'Or?“ fragte Miß Eliſa, die zu ihren übrigen Qualitäten auch noch geizig war, grob.„Ich kenne nicht Caſino d'Or, bin nie geweſen im Caſino d'Or.“ Die Kleidermacherin lächelte ungläubig. „Ich weiß, die Damen ſprechen nicht gern davon, aber gegen mich iſt eine ſolche Verſchwiegenheit nicht am Platze. Wer ſollte denn im Caſino d'Or ſein, wenn nicht die eleganteſten Damen.“ 29 „Aber wuo iſt das Caſino d'Or?“ vief Miß Pin⸗ kerton ungeduldig. Die Schneiderin lächelte ungläubig. „Sie ſcherzen, Sie wiſſen beſſer als ich Nummer zwei in der Rue Vivienne. Ich hätte es gern einmal geſehen, es ſoll ein wahres Wunder ſein, aber unſer⸗ eins hat natürlich keiͤen Zutritt. Wenn ich ſo ſchön wäre wie Mylady—“ Die Miß iſchut das Somplimont ungefähr ſo, wie eine Gans ein zu dickes Erbſenkorn hinunter⸗ würgt. Die Schneiderin hatte ihr plötzlich eine weite und lachende Ausſicht eröffnet.„Mylady“ hatte ſie geſagt. Miß Pinkerton hatte noch nie hieran gedacht, ihre Gedanken hatten ſich noch immer um das Ver⸗ mächtniß gedreht, das ihr durch den lächerlichen Aus⸗ gang jenes Duells entgangen war; ſie beſchloß, daß Mylord ſie heirathen müſſe. In dieſes geheimnißvolle Caſino d'Or, das nicht zu kennen ſie ſich vor ihrer Nähterin ſchämen mußte, hatten wahrſcheinlich nur verheirathete Damen Zutritt. Sie wollte auch ins Caſino d'Or, noch heute. Stolz zog ſie ihre Börſe— eine Mylady durfte nicht knauſerig ſein— und bezahlte die fünfhundert Franes, der Schneiderin ſchenkte ſie großmüthig fünf Livres. Dann rauſchte ſie in der Toilette à la 30 mère mädchenhaft ſchüchtern in die Gemächer My⸗ lords. Sie traf Mylord im Frühſtückszimmer auf dem Schaukelſtuhl, eine neue Reitpeitſche, mit der er ge⸗ ſpielt, zwiſchen den Schenkeln und eine rieſige engliſche Zeitung vor dem Geſichte. Dann und wann ſtreckte er auf⸗ geregt eins der beiden mächtigen Beine aus und zog es wieder an ſich. „Mylord!“ hauchte Miß Eliſa, indem ſie mädchen⸗ haft ſchüchtern näher wankte und ſich mit der Senti⸗ mentalität eines Circumflexes über den Geliebten beugte. Der Lord ſtieß, ohne einen Blick von der Zeitung zu verwenden, ein verwundertes Grunzen aus. „Oh, oh, das iſt ſehr unglaublich! Dieſe Deutſchen müſſen haben verloren den Verſtand. Das will machen Krieg, ohne zu fragen England? Oh, das iſt ſehr ſon⸗ derbar.“ Vergeblich bemühte ſich Miß Pinkerton, die Auf⸗ merkſamkeit des Lords auf ſich und ihre Toilette zu ziehen. Lord Watkins fand die Dinge, die er in der Zeitung las, zu ſonderbar, als daß er Zeit gehabt hätte, ſich um etwas Anderes zu kümmern. Nach ſeiner Anſicht gab es nach den Engländern nur eine Nation, die der Beachtung werth war, die Franzoſen. Es be⸗ ſtand zwar ein lächerlich großer Unterſchied zwiſchen 31 beiden Völkern, die Franzoſen waren nicht viel mehr werth, als ſich über ſie luſtig zu machen, aber ſie lie⸗ ferten doch die beſten Köche, machten ganz anſtändige Kleider, ihr Paris war eine ganz angenehme Stadt und endlich waren ſie mit den Engländern in die Krim marſchirt und in der Nähe geweſen, als dieſe den Redan geſtürmt und bei Inkerman die Hälfte ihrer Reiterei verloren hatten. Die Deutſchen dagegen, welche gar keine Köche beſitzen ſollten, deren Kleider die am ſchlechteſten gemachten in Europa waren, hatten bis jetzt in Lord Watkins po⸗ litiſchem Calcul nie mitgezählt. Sie waren allerdings einmal gleich den Ruſſen von dem Schimmer Welling⸗ ton'ſchen Ruhms angeſtrahlt worden, man hatte ſich aber ſchon lange nicht mehr mit ihnen beſchäftigt, ſie waren in letzter Zeit dem Lord nur als gewandte Kellner gegenüber getreten, die allerdings ihren Dienſt beſſer verrichteten als andere, aber als Parias der Geſell⸗ ſchaft eben nicht in Betracht kamen. Auch der Ban⸗ quier des Lords, dem dieſer ſeine Zufriedenheit nicht verſagen konnte, führte einen deutſchen Namen; da er aber faſt ebenſo gut engliſch ſprach wie Mylord ſelber— andere Leute hätten vielleicht gefunden, beſſer— ſo konnt er doch nur ein Engländer ſein. Auch von dem Krieg in Deutſchland und von den Umwälzungen, die auf 32 dem Continente in letzter Zeit vor ſich gegangen wa⸗ ren, hatte Mylord gehört und geleſen, aber er hatte ſich wenig darum bekümmert, daß einige kleine Völker auf dem Feſtlande ſich gegenſeitig todtſchlugen. Daß die tauſend Erforderniſſe des täglichen Lebens, welche durch ſeine Hand gingen, nicht von den Händen deut⸗ ſcher Arbeiter herrührten, wußte Mylord ſchon deshalb ſehr genau, weil alle dieſe Dinge mit franzöſiſcher Eti⸗ kette und zu franzöſiſchen Preiſen verkauft wurden. „Das iſt ſehr ſonderbar!“ wiederholte Mylord, als er von der Scene in Ems und der Abweiſung Benedetti's las, und als ihm die engliſchen Correſpon⸗ denzen jeden Zweifel benahmen, daß der kleine König von Preußen in ſeiner Haltung gegenüber Frankreich jedenfalls von England nicht beſtärkt worden war. Miß Pinkerton, welche außerengliſcher Weltgeſchichte gegenüber ſogar noch einen beſchränktern Stand⸗ punkt einnahm als Mylord, indem ſie ſich gewöhnlich nur um Londoner Stadtklatſch bekümmerte, Miß Pin⸗ kerton fand es ſehr beunruhigend, ihren Freund durch Zeitungsnachrichten alſo zerſtreut zu finden, und hielt es daher für angemeſſen, eine Stellung ſchmerzlicher Zurückhaltung anzunehmen, woran ſie die Wattirung der Schulterblätter des neuen Kleides jedoch weſentlich hinderte. 33 Ein tiefer Seufzer, der einem Tauben vernehm⸗ bar geweſen wäre, veranlaßte endlich den Lord empor⸗ zublicken. Er legte die Hand auf einen Fauteuil ihm zur Seite. „Ah, Miß Eliſa, ſetzen Sie ſich hierher, ich will Ihnen vorleſen eine ſehr große Neuigkeit, welche iſt ſehr intereſting für jeden Engländer.“ Miß Eliſa blieb ſtehen und hatte endlich durch entſprechende Anſtrengungen vermocht, ein Geräuſch hervorzubringen, welches ähnlich klang wie Schluchzen Der Lord ſtand gerührt auf und reichte ihr die Hand.. „O, Sie müſſen nicht weinen, Miß Eliſa. Eng⸗ land wird ſich nicht gefallen laſſen dieſe Beleidigung; wenn Frankreich geſchlagen hat dieſe frechen Deutſchen, wird auch England Rechenſchaft fordern, well!“ Die Miß ſchluchzte noch ergreifender. „O es iſt entſetzlich, Mylord, was ich oft leide; verzeihen Sie mir, aber ich habe es lange genug ſtumm ertragen, es bricht mir das Herz.“ „O, o!“ ſtöhnte Mylord, welcher nie wußte, was er bei heftigen Gefühlsäußerungen Anderer für ein Geſicht machen ſollte, und ſtreichelte Miß Eliſa's magere Wangen.„O! ich habe gar nicht gewußt, daß Sie ſich ſo ſehr intereſſiren für Politik.“ v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. IV. 34 Miß Eliſa hörte vor Ueberraſchung auf zu ſtöhnen. „Für Politik? O nein, Mylord, ich kümmere mich um nichts als um meine Liebe und meine Leiden. O, ich bin ſehr unglücklich, Mylord!“ „Unglücklich? Haben Sie geſehen einen hübſchen Schmuck, der Ihnen gefällt? Haben Sie Schulden? Hier iſt der Schlüſſel zu meiner Kaſſe.“ Miß Eliſa ſchüttelte melancholiſch das Haupt, daß die langen Locken wie Perpendikel hin und her ſchwankten. „Ich danke. Mylord geben mir mehr, als ich be⸗ darf; ich bin eine gute Wirthſchafterin, wie Sie wiſſen.“ „Aber was wuollen Sie dann?“ „Mylord, ich leide entſetzlich, keinen Augenblick habe ich Ruhe vor dem Gedanken, daß ich Sie lang⸗ weilen, daß Sie mich verlaſſen könnten.“ „Aber Sie langweilen mich nicht, Sie ſorgen im⸗ mer für Zerſtreuung.“ „Das ſagen Sie heute, morgen gefällt Ihnen eine Andere.“ Mylord ſuchte nun ſeinerſeits ein beleidigtes Ge⸗ ſicht zu machen, fühlte ſich in ſeinem Gewiſſen aber keineswegs ganz ruhig. „O⸗ C, Sie gefallen mir immer.“ „Alle Welt verachtet mich.“ „Wer iſt alle Welt, die Sie verachtet? Ich gebe Ohrfeigen aller Welt.“ Miß Eliſa lächelte wehmüthig. „O Mylord, mit Gewalt bringen Sie nicht die geſunde Vernunft der Leute zum Schweigen, welche ihnen ſagt: Wenn er ſie liebte, würde er ſie nicht in der ſchmachvollen Stellung laſſen, in der ſie ſich be⸗ findet.“ „Schmachvolle Stellung?“ „O ja, erinnern Sie ſich an jenes junge Mädchen, Mylord.“ Mylord erröthete und ſchwieg. „Die Leute ſagen ſich richtig, wenn ich etwas An⸗ deres wäre als Ihr Zeitvertreib, Mylord, würden Sie mich der Mißachtung der Welt nicht länger ausſetzen, ſondern—“ „Sondern?“ „Mich zu Ihrer Frau machen, Mylord.“ Durch die Energie, mit der Mylord Mund und Augen öffnete, verlängerte ſich ſein Antlitz mindeſtens um zwei Zoll. Daran hatte er in der That noch nicht gedacht. Unter den Watkins herrſchte eine merkwür⸗ dige Familienähnlichkeit. Die männlichen Mitglieder der Familie waren alle ſommerſproſſig und rothhaarig, bis ſie grau wurden. Die Frauen trugen alle die Schmacht⸗ 3 36 locken auf der rechten Seite und klagten übereinſtim⸗ mend über kalte Füße, weshalb ſie ſich ſämmtlich durch die ſolideſten Gummiſchuhe in England auszeichneten. Vor Lord Watkin's Geiſt zogen dieſe honorabeln An⸗ verwandten alle vorüber in dieſem Augenblick, er ſah die Spitzen der rothen Cotelettbärte gekräuſelt vor Zorn, die waſſerblauen Augen ſtierten ihn entſetzt an, die Schmacht⸗ locken hingen wie naſſe Hanfſtricke über die Schultern der Damen und ihre großen Gummiſchuhe wateten in einem Meer von Thränuen. „O, o“, ſtieß der Lord mühſam hervor,„ich liebe Sie ſehr, Miß Eliſa, auf Ehre, ich liebe Sie ſehr. Ich will Ihnen geben jährlich tauſend Pfund mehr für Ihre Toilette, aber daß Sie werden Lady Watkins, das geht nicht.“ Miß Eliſa wechſelte die Farbe und trat ſtolz einen Schritt zurück. „Ich hatte Recht, Sir, Sie ſchämen ſich meiner.“ „Oh no!“ rief Mylord,„aber ich habe Rückſichten zu nehmen; die Anſchauungen meiner Familie—“ Miß Eliſa hörte es an dem Tone ihres Geliebten, daß dies einer der wenigen Punkte ſei, worin er feſt war. Sie hielt es daher an der Zeit, einzulenken, und ſagte bitter lächelnd: „Sie haben in Paris keine Verwandten, Sir, und 37 wärden ſich auch hier ſchämen, mich in anſtändige Ge⸗ ſellſchaft zu führen.“ „Ueberallhin, wohin Sie wollen.“ „Würden Sie mich in das Caſino d'Or mitneh⸗ men?“ Das Geſicht Mylords bewies, daß er den Ort nicht kannte. „Oh yes, überall, wohin Sie wünſchen!“ rief Mylord froh, ſo leichten Kaufes loszukommen. „Aber im Caſino d'Or verkehren nur die feinſte Welt und verheirathete Frauen.“ „O“, rief Mylord, ſich in die Bruſt werfend, „meine Geliebte iſt ebenſo viel wie eine franzöſiſche Her⸗ zogin— wir werden gehen in das Caſino d'Or.“ „Heute noch?“ „Wann Sie wollen. Wo iſt das Caſino d'Or?“ „Rue Vivienne Nummer zwei.“ „Well, wir werden heute Abend fahren Rue Vi⸗ vienne Nummer zwei.“ „Aber ich glaube, man muß in das Caſino d'Or eingeführt ſein.“ „Lord Watkins hat nicht nöthig, ſich irgendwo eiführen zu laſſen. Wir werden fahren.“ Und ſie fuhren. Die Miß ſprach nicht mehr von der deirath, aber ſie war weit entfernt davon, die 38 Idee aufzugeben; wenn der Lord nicht anders mürbe zu machen war, ſo that vielleicht ein Skandal die er⸗ wünſchte Wirkung. Der Wagen hielt an der Ecke der Rue Vivienne und des Boulevard Montmartre. Der Lord hob Miß Pinkerton aus dem Wagen und verſchwand mit ihr in dem Thorgang von Nummer zwei. Die Treppen waren nicht mehr erleuchtet als die der meiſten Privathäuſer dieſes Viertels, die Teppiche jedoch, mit denen ſie belegt, ſo weich und dicht, daß jeder Schritt unhörbar wurde. Eine angelehnte Doppelthür führte in eine ge⸗ räumige Garderobe, welche mit den eleganteſten Ball⸗ entrées, Capuchons, Ueberröcken und andern Kleidungs⸗ ſtücken angefültt war. Ein Diener, deſſen Livree von Goldborten ſtrotzte, trat vor und war den Eintretenden beim Auskleiden behülflich. Dceen Lord hätte ſein Verſprechen ſchier gereut und er brauchte ſehr lange, um ſeine Handſchuhe zuzuknöpfen. Auch die Miß zögerte etwas vor dem Spiegel, wo ſie die letzte Hand an ihre Toilette legte. Der Diener öffnete zwei gewaltige Flügelthürn und das Paar trat ein. Es war ein prächtiger Raum, in den ſie gelag⸗ ten; ſpiegelglatt warf das Parquet des Fußbodenf den 39 Glanz der gewaltigen Luſtres zurück, welche von der Decke herabhingen. Letztere war bekleidet mit weißer und vergoldeter Stukkaturarbeit, und rieſige Platten von rothem Marmor reichten, von goldenen Säulen unterbrochen, bis zu den rothſammtenen Bänken, welche rings an den Wänden auf goldenen Füßen ruhten. In der Mitte dieſes Saales ſtanden zwei Damen, die eine in weißem Atlas, die andere in einer rothen Wolke von Flor und Spitzen; ſie waren beide von blendender Schönheit, die eine eine ſchlanke hohe Blon⸗ dine, die andere mit ſchwarzem Haar und glühenden Augen wohl eine Südländerin. Der Lord blieb mit offenem Munde ſtehen, die Miß zog ihn vorüber. Für verheirathete Frauen ka⸗ men ihr die beiden Damen faſt zu hübſch vor. Ein unſichtbares Orcheſter begann in vollen rau⸗ ſchenden Tönen eine Offenbach'ſche Quadrille. An den Thüren zu beiden Seiten zeigten ſich einige wei⸗ tere glänzende Damentoiletten und ein paar ari⸗ ſtokratiſche Geſichter auf tadelloſen Cols ſchauten über volle und üppige Schultern. Einige der Da⸗ men wendeten ſich mit neckiſchen Mienen um, die Herren ſchienen eine heitere, aber ablehnende Ant⸗ nort zu geben. Man liebte in dieſen Räumen das anſtrengende Vergnügen des Tanzes nicht, wie es ſchien. Auch die beiden Damen in der Mitte des Mar⸗ morſaals plauderten weiter und ſchienen während der ganzen erſten Figur die Offenbach'ſche Quadrille nicht zu hören. „Machen wir einen Spaziergang!“ ſagte die Blonde zur Schwarzen und die beiden Arme ſchoben ſich in einander; der eine war blendend weiß wie Alabaſter und der andere lag darauf, an Farbe gleich einer kaum erblühten indiſchen Roſe. „Alſo Arthur will ſich verheirathen“, begann die Blonde wieder und ein übermüthiges Lächeln krümmte ihre ſchmalen Lippen.„Das iſt vielleicht die letzte, aber auch die größte ſeiner Thorheiten. Und was fängſt Du nun an, arme Wittwe?“ „Ich, ich ſuche mich zu zerſtreuen— ich liebte Ar⸗ thur aufrichtig.“ „So!“ entgegnete die Blonde mit einem unver⸗ kennbaren Ausdruck von Spott.„Was Du vorhin in der Niſche ſo angelegentlich mit Hector von Treville verhandelteſt, war wohl Deine aufrichtige Liebe zu Ar⸗ thur? Du lachteſt vor Verzweiflung.“ „Aber, Madelon, Du tröſteſt Dich ja auch darüber, daß Dein Senator nun ſchon zwei M⸗ 41 nate den glutäugigen Damen Madrids den Hof macht.“ Die Blonde ſah der Schwarzen überraſcht ins Geſicht. „Aber, meine liebe Kleine, ich habe auch nie be⸗ hauptet, daß ich ihn liebe.“ „Auch ihm gegenüber nicht?“ „Nein doch.“ „Und er iſt damit zufrieden?“ Madelon zog die ſchönen Schultern etwas in die Höhe. „Im Ganzen, ja, denn er ſieht ein, daß ich Recht habe. Manchmal im Anfang unſerer Bekanntſchaft hatte er einige lyriſche Anwandlungen und ich ſollte ihm alles Mögliche ſchwören, ſo zum Beiſpiel, daß ich nie einen Andern liebe, daß ich ſterbe, wenn ihn der Schlag treffe, wozu er einige Anlage hatte; ich lachte ihn natürlich aus und ſpäter hatte er dergleichen drol⸗ lige Einfälle nur noch, wenn er zu viel Chablis ge⸗ trunken hatte. Er trinkt Chablis ſehr gern.“ Die erſte Figur der Quadrille war aus. Die Muſik, wie ärgerlich darüber, ſo wenig Wirkung auf die Anweſenden auszuüben, begann mit erneuter Ener⸗ gie die folgenden Takte. „Armer Senator!“ ſeufzte die Schwarze ironiſch und unwillkürlich machte ihr Oberkörper dem Takte der Melodie folgend eine kecke Bewegung nach rückwärts, ihre Augen leuchteten und ihre Zähne blitzten. „Glücklicher Hector!“ ſeufzte die blonde Madelon, indem ſie ſentimental den zarten Kopf zur Seite neigte und mit dem unſichtbaren Fuß die gigantiſche Schleppe zurückwarf. Dann legte ſie mit einem bacchantiſchen Lachen den Kopf zurück, daß die blonden Haare in langen Wellen über ihren Rücken floſſen und über der herrlich geformten Bruſt die Nähte des Kleides zu platzen drohten, eine zierliche Fußſpitze wurde ſichtbar und es begann nun ein Pas des deux, wie ihn das Publikum ſo ſchön und ſchrankenlos wohl nie von den beiden Ballatricen geſehen. Die Zuſchauer unter der Thür waren bewun⸗ dernd näher getreten und auch der Lord ſtand mit offenem Munde und glotzenden Augen unter ihnen. Vergeblich zog Miß Pinkerton an ſeinem Aermel, ver⸗ geblich flüſterte ſie ihm zu, er hörte und fühlte nichts. Endlich war die Quadrille zu Ende. Mit einem„En avant!“ voll Glut und Leidenſchaft waren die beiden Tänzerinnen auf einander zugeraſt, mit dem letzten Takte hatte ſich Madelon ſo raſch und geſchickt niedergelaſſen, daß ihr Kleid ſich rings um ſie ausbreitete wie die Blätter einer ungeheuren Blume, und in Wirbelwinds⸗ 6 43 eile ſich drehend, ſauſte die kleine Schwarze um den lebenden Mittelpunkt des Kreiſes. Noch einen Augen⸗ blick und ſie ſaß in ſüßer Ermattung hingegoſſen auf dem Schooß der Freundin, daß ſich die Falten ihrer beiden Kleider wollüſtig vermiſchten. Ein lautes allgemeines„Ah!“ ein leiſeres„Brava!“ wurde hörbar, lachend ſprangen die muntern Kinder des Ballets wieder auf die unruhigen Beine. „Das war ſehr ſchön!“ ſagte der Lord im Tone der tiefſten Ueberzeugung und ſtieß einen gewaltigen Seufzer aus. „Es war ſchamlos, widerwärtig!“ ziſchte Miß Eliſa, indem ſie den widerſtrebenden Lord wegzog. „Die beiden Frauen waren ganz unanſtändig decoletirt!“ „Oh no“, replicirte der Lord eifrig.„Ich finde, daß, wenn man hat einen ſo ſchönen Nacken und ſo gut tanzt, iſt man es nie genug.“ Trotz aller Wattirung verlor Miß Pinkerton den Reſt ihrer mädchenhaft ſchüchternen Haltung. „Ich bin nicht Ihre Gattin, Mylord“, ſagte ſie im Tone tiefſter ſittlicher Entrüſtung,„aber ich würde eher ſterben, als mich ſo aufführen, und das ſind die Frauen der erſten Cavaliere!“ „Frauen der erſten Cavaliere? Oh no, Miß, das ſind zwei Tänzerinnen von der Opéra comique, ich 44 habe ſie ſehr oft geſehen— ſie ſind ſehr ſchön in Tri⸗ cots— Mademoiſelle Madelon hat das hübſcheſte Bein in Paris, oh yes.“ Miß Pinkerton wurde blau vor Ueberraſchung. Das Wort Tricot, das ſie erſchreckt nachſtammeln wollte, blieb ihr in der Kehle ſtecken. „Tänzerinnen? Fi donc! Und Sie ſagten mir, Mylord, im Caſino d'Or verkehrten nur die Damen der höchſten Ariſtokratie?“ Unter dem„O“, welches Mylord ausſtieß, beſchrie⸗ ben ſeine Lippen eine faſt kreisrunde Oeffnung. „O, Miß Cliſa, Sie ſcheinen nicht mehr zu be⸗ ſitzen Ihre vollſtändige Vernunft— Sie haben verlangt, Sie zu führen nach Caſino d'Or. Ich danke Ihnen. Es iſt ſehr hübſch hier, ſehr unterhaltend, very fine.“ Die Farbe der Miß wechſelte ins Grüne— in der That, ſie hatte den Lord hierher gebracht. Die Schnei⸗ derin, die ſie Mylady betitelt hatte, war an Allem ſchuld. Sorgfältig hatte ſie bis jetzt Mylord ſelbſt vom Theater fern gehalten, damit im Dunſtkreis ihrer Liebe jeder Wunſch, der darüber hinausreichte, all⸗ mälig erſterbe. Und dieſe abſcheuliche Schneiderin ver⸗ nichtete mit einem Schlag das Werk von Jahren. Der Saal füllte ſich mmer mehr und Paris ſchien ſei⸗ nen ganzen Reichthum an ſchönen Frauen hierher geſchickt 45 zu haben. Sie gingen mit einander plaudernd oder am Arm ihrer Cavaliere über das glänzende Parquet. Die Augen Mylords wurden immer größer und ſeine Ge⸗ ſichtsfarbe immer dunkler. Da erinnerte ſich Miß Pinkerton zur rechten Zeit, daß ſie die einzige Dame war, welche das neue Klei⸗ dermuſter trug. Mochten andere weißere Nacken und glänzendere Augen haben, die gewölbten mädchenhaft ſchüchternen Schulterblätter und die Wattirung à la mère hatte ſie allein. MNiit einer Art grimmen Behagens erfüllte ſie der Gedanke, den Kampf mit dieſen blendenden Geſtalten aufzunehmen und ſie zu beſiegen durch ihren Ge⸗ ſchmack. Sie drückte ihre ſpitzen Ellbogen feſter auf My⸗ lords Arm. „Sehen Sie mich an, Mylord.“ Der Lord that, wie ihm geheißen. Der Ausdruck ſeines Geſichts war bei dieſer Gelegenheit nichts we⸗ niger als geiſtreich. „Finden Sie mich nicht verändert?“ fuhr Miß Pinkerton fort, da ihr die Langſamkeit nicht unbekannt war, mit welcher das Gehirn Seiner Lordſchaft arbei⸗ tete, und ſie ihm etwas auf die Spur ihrer neuen Reize helfen wollte. 46 Mylord ließ den Blick unſtät an der Geſtalt ſei⸗ ner Geliebten hinabgleiten. „O!“ ſagte Mylord mit blödem Lächeln, dann ſtockte er wieder. „Nun, was ſehen Sie?“ fragte Miß Eliſa freundlich. „O“, wiederholte der Lord,„ich ſehe, daß Sie haben heute ſehr viel gegeſſen.“ Mylord erſchrak vor dem Blick des tödtlichſten Haſſes, der ihm aus den Augen ſeiner Geliebten ent⸗ gegenblitzte. Schweigend nahm Miß Pinkerton wieder ſeinen Arm und ließ ſich führen, wohin er wollte. Es war in der That eine ſeltſame Geſell chaft, welche ſie durchſchritten. Neben meiſt ſehr ſchönen, im⸗ mer aber auffallenden und intereſſanten Weibern tauchte jeden Augenblick ein Kopf auf, der die Aufmerkſamkeit Mylords ſchon ein andermal auf ſich gezogen hatte. Dort jener hübſche blaſſe Menſch von höchſtens fünf⸗ undzwanzig Jahren mit dem dunklen glühenden Auge und dem ſeltſamen verächtlichen Zug um die frühver⸗ blaßten Lippen, deſſen langſam geſprochenen Worten eben zwei wunderhübſche Kinder von kaum ſechzehn Jahren lauſchen, iſt eine in Paris ganz bekannte Per⸗ ſönlichkeit, der Marquis von Denterre, der ſchon mit zwanzig Jahren die Genüſſe eines ganzen Lebens durch⸗ gekoſtet und nach dem Tode ſeiner jungen Frau und 5 1 47 ſeines Kindes den Schwur gethan hat, ſich binnen zehn Jahren todtzuleben und von ſeinem ungeheuren Reich⸗ thum ſeinen Verwandten keinen Heller zu hinterlaſſen. Er hat noch fünf Jahre Zeit zur Erfüllung ſeiner lo⸗ benswerthen Aufgabe aber wie er ſo die etwas zit⸗ ternde Hand erhebt, um einen Diamant vom Finger zu ſtreichen, den eine der kleinen Damen, die vor ihm ſtehen, ſich gewünſcht hatte, und ein leiſes trockenes Hüſteln den eleganten Körper erſchüttert, fühlt man, er wird mit ſeinem Leben und ſeinem Gelde noch früher fertig. Neben dem jovialen Antlitz des Abgeordneten, das auf der Rednerbühne des geſetzgebenden Körpers in ſtrafendem Zorn erglühte, wenn er die Gründe der ſteten Abnahme der Bevölkerungszahl ſeines geliebten Vaterlandes nachwies, fällt aus dickem, blaſſem Ge⸗ ſicht der Blick des Börſenbeherrſchers auf ein paar herrliche Schultern, ſo ungefähr wie auf ein zweifel⸗ haftes Papier, das ſich mit großer Reclame einführt. Ein brennender Blick aus den Augen, die zu jenen Schultern gehören, und das Papier wird cotirt. Jenem merkwürdigen Adlerprofil auf der hohen weißen Cravatte begegnet man an den Schaufenſtern aller Muſikalienhändler; es iſt ein berühmter Componiſt, der hier die Anregung zu ſeinen genialſten und aus⸗ 48 gelaſſenſten Melodien findet. Jedes Alter, jeder Stand iſt hier vertreten. Mylord, wie er ſich ziemlich rückſichtslos durch die Menge Bahn bricht, während die Miß an ſeinem Arm ſich die Geſichter der Leute auf zwei Zoll Ent⸗ fernung ziemlich rückſichtslos betrachtet, erregt einiges Aufſehen. Leiſe fragt einer den andern. Ein leichtes Achſelzucken iſt die Antwort. Man wendet ſich an eine hübſche, aber nicht mehr ganz junge Dame. Man ſagt ihr vielleicht, ſie kenne die Skandalchronik von ganz Paris, ſie müſſe auch dieſe beiden ſeltſamen Vögel ken⸗ nen. Madame betrachtet ſich das eigenthümliche Paar ſehr lange, aber vergeblich, dann, um mit ihrem Witz zugleich ihre Kenntniß der franzöſiſchen Literatur zu beweiſen, antwortet ſie mit tiefem Ernſte: „Monsieur le roi et Madame la reine d' Yvetot.“ Ein Lächeln— man iſt discret in dieſen Räumen, man lacht nicht laut— ein Lächeln pflanzt ſich von Ge⸗ ſicht zu Geſicht fort. Aber es iſt ein Lächeln, das tödtet. Ein Schimmer davon hat Miß Pinkerton geſtreift und ſie erbebt bis tief ins Herz und blickt verächtlich auf den Lord. Es war unzweifelhaft er, der dieſe 5 Heiterkeit hervorrief, mit ſeinem braunen Frack, ſeinen meergrünen Beinkleidern, der weißen Weſte und den roſtgelben Handſchuhen. Miß Pinkerton fand, daß 4 3 49 der Lord wirklich entſetzlich ausſah, wie er auf den ungeheuren Lackſchuhen durch den Saal ſegelte. Das Lächeln ringsumher war auch ein Lächeln des Be⸗ dauerns für ſie, die ſchöne Ausländerin, an der jeder Zoll Geiſt und Geſchmack ſprühte, es war Bedauern, daß ſie am Arm eines ſolchen Ungeheuers hing. Miß Pinkerton war nicht undankbar für den Ausdruck von wohlwollendem Bedauern, dem ſie auf allen Geſichtern begegnete, ſie nickte mit dem Kopfe, daß ſie denſelben verſtanden habe, und lächelte ebenfalls. Der Lord bog in die Thür links ein und die Miß konnte daher die Zeichen von Sympathie nicht mehr wahrnehmen, welche ihre ausdrucksvolle Mimik unter den Zunächſtſtehenden hervorrief. Links vom Tanzſaal lagen die Spielſäle. In ganz Paris wurde auf das Hazardſpiel gefahndet und unter dem Deckmantel der Moralität ſchlug die Po⸗ lizei mit roher Fauſt Thüren ein, wo infolge des dringendſten politiſchen Verdachtes ein kaiſerlicher Commiſſar nie anzuklopfen wagte. Im Caſino d'Or dagegen hatten Rouge et noir, Trente et duarante, Lansquenet und wie ſie alle heißen, jene kabbaliſtiſchen Formeln des Zufalls, eine niemals an⸗ getaſtete Freiſtatt. Bei offenen Thüren, auf einem Noulettetiſch von ſolideſter Bauart, konnte man hier v Schlägel, Nach uns die Sundflut. IV. 4 50 ungehindert von den Protectoren des Gemeinwohls die Bedingungen ſeiner Exiſtenz, wie ſie durch die Ue⸗ berfeinerung der Geſellſchaft herausgebildet worden war, auf einer Nadelſpitze balanciren. Am Schwanz des Ringes angekommen, der den circulus vitiosus dieſer Geſellſchaft bildete, über den ſie nicht mehr hinausſah, drückte die buntbemalte Narrenſchelle einer grotesken Kartenfigur Manchem die Piſtole in die Hand, an der ein leidlich kluges Gehirn zerplatzte; man ziſchelte davon im Caſino d'Or, dann ſchwieg man davon— aus Takt— und ſpielte wei⸗ ter. Einige Oppoſitionsblätter machten anſtößige Be⸗ merkungen, ſie wurden confiscirt und ihre Redacteure kamen vor die ſechste Abtheilung, welche für das freie Wort daſſelbe war, was der mediceiſche Thurm im Louvre einſt für junge Fremde. Die Spielſäle befanden ſich in einem eigenthüm⸗ lichen, aber ſehr zweckmäßigen Halbdunkel. Die Lampen reichten herab bis einige Fuß über den Spieltiſchen und ihr Licht war noch überdies durch grüne Schirme auf den Raum beſchränkt, wo der blinde Gott ſich mit grauſer Neckerei da zwiſchen zwei Kartenblättern ver⸗ barg, dort auf einer winzigen Kugel von einer Num⸗ mer zur andern rollte, von einem zerſtörten Schickſal zum andern. 51 Nur die Geſichter der den Kampfplatz zunächſt Umgebenden waren geiſterhaft beleuchtet, ſodaß man jede Zuckung der zum Zerreißen angeſpannten Ner⸗ ven verfolgen konnte, dann verlor ſich die Zuſchauer⸗ menge immer mehr ins Dunkel, deſſen hinterſten Raum auf den ſammtenen Ruheſophas und Bänken einige Paare einnahmen, welche dem Licht entflohen waren und hier, wo die Augen aller nur auf das be⸗ leuchtete grüne Tuch und auf das in der Mitte ſich drehende Rad gerichtet waren, ſich am geborgen⸗ ſten fühlten. Man hörte nichts als die eintönigen Rufe des Banquiers:„Faites votre jeu!— Le jeu est fait!— Rien ne va plus ¹“, die Rechen der Croupiers, welche die Verluſte einzogen, und das helle Klingen der Goldmün⸗ zen, wenn ſie in hohem Bogen mit einer nie fehlenden Präciſion dem Gewinner zuflogen. Sonſt war Alles ſtill. Was ſich auf den ſammte⸗ nen Bänken küßte, that es ſtumm. Manchmal ſtreckte ſich eine ringgeſchmückte Hand mit einer feinen Manſchette oder ein nackter Arm über die Köpfe derer, die zuerſt gekommen waren, und erſchien einen Augenblick, während er einen Napoleon oder eine Rolle Gold auf eine der ſeltſamen Figuren oder Zahlen legte, hell beleuchtet. Die Spieler am Tiſch ſahen nicht, welche Reize, die 44 Damen nicht, welche Brillanten da wenige Linien von ihnen vorüberhuſchten, und raſch waren Arme und Bril⸗ lanten wieder verſchwunden, und nur hier und da leuch⸗ tete ein raſches Blitzen, ein beunruhigender weißer Schimmer aus der Dunkelheit. Unverwandt war die Aufmerkſamkeit der um den grünen Tiſch Sitzenden dem Spiele zugewandt. Nur Léonie Lebrun, welche mit der ihr eigenthümlichen fa⸗ taliſtiſchen Denkart nun ſchon drei Abende Napoleon um Napoleon, Rolle um Rolle auf Douze premiers ſetzte, ohne daß ſie nur ein einziges Mal kamen, ver⸗ lor mit dem Gelde nicht zugleich die Laune. Mit einer unnachahmlichen Bewegung wandte ſie ſich nach En⸗ tretout um, der hinter ihrem Stuhl dem Spiel zuſchaute, und ſagte verlegen lächelnd wie ein Kind, das den ſtrengen Blick ſeiner Mutter fürchtet: „Ich habe Alles verloren, Alfred!“ „Es waren zwanzigtauſend Francs, Léonie“, gab Entretout halb ſcherzend, halb vorwurfsvoll zur Ant⸗ wort und brachte ſeine Hände auf beiden Seiten flach gegen die Bruſt, um zu prüfen, wo er ſein Por⸗ tefeuille ſtecken habe. „Ich kann wahrhaftig nichts dafür, Alfred. Kein Menſch konnte annehmen, daß Douze premiers, welche ſonſt ſo gut ſind, in drei Abenden kein einziges Mal — —2—— 53 kommen würden. In den nächſten Umdrehungen müſ⸗ ſen ſie aber kommen, Alfred— gewiß!“ „Faites votre jeu, Messieurs!“ klang die eintönige Stimme des Banquiers herüber. Léonie Lebrun's graziöſer Körper zitterte vor Auf⸗ regung. „Schnell, ſchnell, Alfred!“ ſagte ſie, indem ſie, ohne die Blicke von der Tafel zu verwenden, die Hand nach rückwärts ſtreckte. Alfred Entretout legte ſein banknotengefülltes Portefeuille hinein. Léonie riß es auf und warf eine Tauſendfrancs⸗ note auf den Tiſch. Die Banknote war nicht ſchwer genug und flog nicht weit. „Douze premiers!“ rief Léonie aufgeregt. Der Croupier brachte die Note an ihre Stelle. „Le jeu est fait.“ Das Rad wurde gedreht, die Kugel der Schwingung entgegengeworfen—„Rien ne va plus.“ Entretout hörte eine leiſe Stimme hinter ſich: „Herr Graf!“ Er wandte ſich um. Vor ihm ſtand Unterſuchungsrichter Lazire, der ſeine tiefſte Verbeugung machte. „Entſchuldigen Sie, daß ich Sie hier ſtöre, aber „ 34 824◻ „ ich wagte es nicht, Ihnen einen Beſuch zu machen in einer Angelegenheit von ſo discreter Natur.“ „Ohne Umſtände, mein Herr! Womit kann ich dienen?“ 3 „Ich heiße de Laxire und bin Unterſuchungsrichter. Ich hatte die Ehre, dem Herrn Grafen vorgeſtellt zu werden auf dem letzten Tuilerienball.“ „Ich erinnere mich ſehr genau“, antwortete En⸗ tretout mit einem leiſen Anflug von Ungeduld, denn Léonie hatte wieder verloren und duplirte nun ihre Sätze. „Ich bin gegenwärtig mit der Unterſuchung eines Menſchen betraut, der vorgibt Sie zu kennen, Herr Graf— es iſt ein notoriſcher Schwindler.“ 3 „Der mich kennt?“ fragte der Graf mit kühlem, abweiſendem Lächeln.„Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß ich in der Wahl meiner Geſellſchaft immer ſehr vorſichtig war.“ Heerr von Lazire wurde ſehr unruhig. „Ich möchte um Alles in der Welt nicht den Schein einer Zudringlichkeit auf mich laden, am wenig⸗ ſten Ihnen gegenüber, Herr Graf, nur das lebhafteſte Intereſſe für Sie—“ Der Graf klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden— auf Douze premiers ſtand eine Note von zehntauſend Francs. „Der Angeklagte nennt ſich Stanowsky und hat Sie als Entlaſtungszeugen für ſeine ſchmuzigen Hän⸗ del verlangt. Kennen Sie ihn? Aber auch wenn Sie ihn nicht kennen, werden Sie nach den geſetzlichen Beſtim⸗ mungen der Zeugenſchaft ſich ſchwer entſchlagen können.“ Graf Entretout's Fuß hielt ſtill und er ſchaute Herrn von Lazire mit dem Ausdruck unangenehmſter Ueberraſchung ins Geſicht. „Stanowsky? Allerdings, ich kann nicht leugnen, ich ließ mich verleiten, ſogar eine Einladung anzuneh⸗ men, ich kenne ihn, wie ihn tauſend Andere kennen, er war ſehr ſchlau, und ein Betrüger, ſagen Sie? Das iſt fatal. Sie ſehen doch ſelbſt ein, daß ich nicht als Zeuge in einem Skandalproceß erſcheinen und meine Redeübungen im Petit Journal leſen kann. Das paßt ſo wenig zu meinen Anſchauungen.“ „Deshalb eben“, erwiderte Lazire mit ſtolzer Be⸗ ſcheidenheit,„habe ich gewagt, mich dem Herrn Grafen wiederholt in Erinnerung zu bringen. Wenn man Je⸗ mand aufrichtig ergeben iſt, ſo iſt man manchmal, um ihm zu dienen, gezwungen, ſogar eine Unbeſcheiden⸗ heit zu begehen. Die Angelegenheit iſt nun ſchon Mo⸗ nate lang in meinen Händen, ſeit Monaten ſitzt Sta⸗ nowsky ohne Unterſuchung in Mazas, nachdem er mir im erſten Verhör die Alternative geſtellt, mehrere der hervorragendſten Perſönlichkeiten in ſeine widerwärtigen Händel zu mengen. Ich habe bereits eine Mahnung des Tribunals in dieſer Angelegenheit bekommen und kann ſie nicht länger todtſchweigen. Was zur Ab⸗ wendung des Skandals geſchehen kann, muß ſogleich geſchehen.“ Graf Entretout ſchaute vor ſich auf den Boden nieder. Eine Hand hatte er auf die Lehne des Stuhls ſeiner Geliebten geſtützt und ihre Finger bewegten ſich anruhig. „Ja, allerdings“, ſagte er,„der Skandal darf nicht vor ſich gehen. So wenig die Geſchichte zu po⸗ litiſcher Reclame ſich eignet, gäbe ſie den Oppoſitions⸗ blättern erwünſchte Gelegenheit zu pikanten Streiflich⸗ tern. Das muß vermieden werden. Ich liebe der⸗ gleichen nicht. Wenn der Kaiſer nur nicht ſo ſehr in Anſpruch genommen wäre durch dieſe ſpaniſche Thron⸗ candidatur! Ich bin nicht für den Krieg, denn er iſt etwas Häßliches, aber er wird ſich wohl kaum ver⸗ meiden laſſen. Hm! Hm!“ „Ich glaube, ein Brief des Grafen Entretout an den Chef der Criminalabtheilung würde genügen.“ „Glauben Sie? Nun ja, den will ich morgen ſchreiben. Ich werde nicht vergeſſen hervorzuheben, daß ich bei erſter Gelegenheit den Kaiſer auf Ihr takt⸗ 57 volles und zeitgemäßes Benehmen aufmerkſam machen werde.“ Herr von Lazire verneigte ſich tief. „Was ich that, geſchah ohne jede Rückſicht auf perſönliche Vortheile.“ Graf Entretout lächelte. „Ich bin davon überzeugt, Herr von Lazire— ein Grund mehr, die Aufmerkſamkeit Ihrer Vorgeſetzten auf einen ſo geiſtreichen und uneigennützigen Beamten zu lenken.“ Graf Entretout ſtreckte die Hand aus. Herr von Lazire berührte ſie leicht und ehrfurchtsvoll. Dann kehrte Graf Entretout ans obere, Herr von Lazire ans untere Ende des Spieltiſches zurück. Eben hatte der Banquier zur Erneuerung der Sätze aufgefordert. Léonie Lebrun regte ſich nicht und ſah bleich und mit verlegenem Lächeln auf den Geliebten. „Denke Dir, Alfred, die Douze premiers ſind noch nicht gekommen.“ Und die ſchönen Finger Léonie's ſpielten mit dem leeren Portefeuille. Léonie war ungemein reizend in ihrer Verlegenheit. Schüchtern wie ein ſchuldbewußtes Kind erwartete ſie ihre Strafpredigt. Graf Entretout winkte einer ziemlich beleibten Ge⸗ ſtalt, die mit glattraſirtem Geſicht, weißer Cravatte und tadelloſer Balltoilette im Hintergrunde ſtand. Es war der Beſitzer des Caſino d'Or. Geräuſchlos kam er näher. „Geben Sie Madame Lebrun hunderttauſend Francs.“ Ohne Zögern, ohne Erſtaunen, ebenſo als ob En⸗ tretout ihm eine Hundertfrancsnote zum Wechſeln ge⸗ geben, griff der beleibte Mann im Frack in die Taſche und holte ſeine Brieftaſche heraus. Dann trat er be⸗ ſcheiden an den Roulettetiſch und zählte hundert Stück Tauſendfrancsnoten auf das grüne Tuch. Léonie's Augen leuchteten und ihre Wangen rötheten ſich. „Faites votre jeu!“ Herr von Lazire war inzwiſchen am untern Ende des grünen Tiſches angekommen. Da ſaß eine Dame in karmoiſinrothem Sammt mit lebhaften Geberden und blitzenden Augen. Es war Jeanne Duterey. Ihre Blicke waren ſtarr auf einen Haufen von Napoleons gerichtet, welche auf impair ſtanden. Ihre Wangen waren bleich und ihre Lippen bebten. „Faites votre jeu, Messieurs!“ „Es iſt eine Thorheit, Jeanne, nochmals ſtehen zu laſſen. Ziehen Sie Ihren Gewinn ein!“ Jeanne ſchien die Worte des jungen Mannes nicht zu hören. Regungslos ſtarrte ſie auf den Haufen Gold. —— ————yy—, —— 59 „Le jeu est fait. Rien ne va plus!“ Das Rad, von einer geſchickten Fingerbewegung des Croupiers in Bewegung geſetzt, raſte um ſeine eigene Achſe, daß Farben und Nummern verſchwanden, die dagegen rollende Kugel gab einen unheimlich klingenden Laut. Das Rad ging langſamer, hörbar fiel die Kugel ein. Das Rad ſtand. „Vingt cin— douze derniers— rouge— impair erklang die eintönige Stimme des Banquiers, die Rechen ſetzten ſich in Bewegung, um die Verluſte einzuziehen, in hohem Bogen flog ein Regen von Napoleons auf Impair, daß die goldene Pyramide ſich immer höher wölbte. Jeanne Duterey ſaß einen Moment ſtarr da. Herr von Lazire flüſterte ihr erregt zu: „Ziehen Sie ein, Jeanne, und beginnen Sie wieder mit einem Napoleon.“ Jeanne Duterey nickte mechaniſch mit dem Kopfe und breitete ein zierliches Taſchentuch vor ſich auf den grünen Tiſch; dahinein kehrte ſie mit dem Rechen das Gold. Ihre Augen leuchteten. Das Tuch knüpfte ſie ſorgſam zuſammen— der gelbe Schimmer des Goldes war ſichtbar durch das Gewebe.. „Sie ſpielen nicht mehr, Jeanne?“ fragte Lazire. ſec 1 60 Jeanne ſtand auf. Sie ſchüttelte den Kopf. „Wohin wollen Sie, Jeanne?“ fragte Lazire be⸗ fremdet. „Nach Hauſe.“ „Ich werde den Wagen vorfahren laſſen.“ „Zu mir nach Hauſe,“ ſagte Jeanne mit Nach⸗ druck. Dann, als erinnere ſie ſich an etwas ungern Ver⸗ geſſenes, griff ſie in ihr Goldbündel und holte eine Hand voll Goldſtücke heraus. „Zweihundert Francs haben Sie mir geliehen, nicht wahr? Ich danke.“ „Jeanne!“ rief Lazire. Jeanne hielt die Hand mit dem Golde ausge⸗ ſtreckt. „Nehmen Sie, mein Herr! Wenn Sie mich beſitzen wollten, durften Sie mich nicht gewinnen laſſen; blos der Hunger trieb mich auf die Straße— hierher. Alles zu Hauſe hungert, Reymond, Jean, Louiſon; Androlet iſt lange fertig mit dem, was er hat. Nehmen Sie! Adieu, ich habe Eile.“ „Das iſt Deine Liebe, Jeanne?“ fragte Lazire ver⸗ ſtört und trat ihr in den Weg. Jeanne Duterey lachte laut auf und ſuchte an ihm vorüber zu kommen. „Wenn man Hunger hat, liebt man Jeden, der 61 uns füttert, aber nur ſo lange, bis man ſatt iſt. Weg da— Reymond iſt auch hungrig!“ Die Ränder von Lazire's Augenlidern färbten ſich röthlich, ſeine Wangen zeigten rothe runde Flecke. Seiner nicht mächtig ergriff er Jeanne bei dem Arm, in welchem ſie das Bündel trug. Jeanne wand ſich unter dem durch die Wuth ge⸗ ſtählten nervöſen Griff des Richters und ſah hülfe⸗ ſuchend um ſich; da erblickte ſie Lord Watkins, der, Miß Pinkerton am Arm, auf die ſeltſame Scene blickte. Jeanne Duterey erkannte den Lord wieder. „Mylord, beſchützen Sie mich.“ Trotzdem ſich Miß Pinkerton mit der Schwere ihres ganzen Knochenbaus an Mylords linken Arm klammerte, trat dieſer vor und faßte mit eiſernem Griff das Handgelenk des Richters. „Wenn Sie nicht loslaſſen Madame, werd' ich Ihnen geben Fauſtſchlag Nummer fünf zwiſchen die beiden Augen, wie ich ihn gelernt von William Reeder, wuas hat überwunden alle amerikaniſche Boxmen.“ Ueberraſcht ließ Herr von Lazire los. Jeanne Duterey ſchlüpfte durch die Menge. „Mein Herr!“ ziſchte Lazire.„Sie ſollen mir Rechenſchaft geben.“ Mylord ſchüttelte den Kopf. „Oh no, Sir! Hab' jetzt keine Zeit, habe mich ge⸗ meldet zur International⸗Ambulance⸗Society, um zu beobachten die Wirkungen der Mitrailleuſe auf das Deutſche, was will machen Krieg ohne England.“ Das für dieſe Räume ungewöhnlich laute Sprechen der beiden Herren hatte einen Kreis von Zuhörern her⸗ beigerufen. Auch Graf Entretout näherte ſich. Herr von Lazire hielt es daher für gerathen, das Geſpräch abzu⸗ brechen und unter die Menge zurückzutreten. Mit einer Verbeugung näherte ſich der Wirth dem Lord. „Darf ich um den Namen des Herrn bitten, der Madame und Monſieur eingeführt hat?“ Der Lord ſah den Wirth mit hochmüthigem Er⸗ ſtaunen an. „O, ich habe nicht nöthig, eingeführt zu werden von Jemand, wenn ich einer Geſellſchaft gebe die Ehre, ſie zu beſuchen. Sie kennen mich nicht? Es iſt ſehr dumm von Ihnen, nicht zu kennen den Lord Watkins. Ich bin Lord Watkins.“ Der Wirth zuckte die Achſeln. „Ich bedaure ungemein, daß die Rückſicht für meine Gäſte es mir die Pflicht macht, keine Ausnahme zu geſtatten von den Regeln, welche ihre Wünſche mir auferlegt haben.“ —— 63 „Und ich ſage Ihnen, daß Sie und Ihre Gäſte ſind ſehr unverſchämt. Ich werde bleiben und will ſehen den, der mir befiehlt, zu verlaſſen die Geſellſchaft.“ Der Wirth zuckte die Achſeln, verbeugte ſich vor dem Lord und ſagte einigen der zunächſtſtehenden Herren einige Worte; dieſe nickten lächelnd mit dem Kopf, ſpra⸗ chen mit andern, und als ſich Lord Watkins umſah, befand er ſich allein im Saal. Die Thüren zu den Nebenſälen hatten ſich geſchloſſen. Weit und bezeich⸗ nend offen ſtand nur der Ausgang, durch den der Lord und die Miß gekommen waren. Die noch eben brillante Beleuchtung des Raums brannte immer dunkler und drohte ganz zu erlöſchen. Wüthend ſtürzte Mylord nach der Thür des Spielſaals. Sie war verſchloſſen. Hinter der gegenüberliegenden Thür ertönte Muſik und Gelächter. Die letzten Gasflammen waren erloſchen. Mylord und Miß tappten ſich zum Ausgang. In der Garde⸗ robe ſprang der Diener mit den Kleidern herbei. Be⸗ reits hatte Mylord ausgeholt, um ihn den Schlag Nummer fünf zwiſchen die Augen zu geben, die erhobene Hand ſank jedoch herab, er zog ſeine Brieftaſche und warf ein Tauſendfrancsbillet auf den Tiſch. „Sagen Sie Ihrem Herrn, daß wir haben be⸗ zahlt unſer Entrée im Caſino d'Or.“ Drittes Kapitel. Ein Tag in Mazas. Vor allen Kerkern der Welt hat das Zellengefäng⸗ niß Mazas den Ruf, daß noch nie ein Gefangener dar⸗ aus entftohen ſei. Mazas iſt in Kreuzform gebaut, ſodaß die vier Flügel des Gebäudes in einem gemein⸗ ſamen Rondel zuſammenlaufen. Jeden dieſer Flügel theilt ein gewaltiger Corridor, welcher bis zum Dach des Gebäudes reicht und von oben ſein Licht erhält. An den beiden Seiten des Corridors liegen in vier Stockwerken über einander die Zellen der Gefangenen. Jedes Stockwerk iſt mit einer Gallerie verſehen und eiſerne Treppen führen von einer dieſer Gallerien zur andern. So wird es möglich, von dem kleinen höl⸗ zernen Pavillon aus, der den Mittelpunkt bildet, nöthi⸗ genfalls die Thüren von zwölfhundert Zellen im Auge —y 65 zu behalten. Jede Gallerie jedoch hat einige Aufſeher zu ihrer beſondern Ueberwachung. Hier und da öffnet ein Wärter eine der Zellen und die graugekleidete Ge⸗ ſtalt eines Gefangenen bewegt ſich im Laufſchritt nach einem der Ausgänge. Da keiner der Gefangenen den andern zu Geſicht bekommen darf, ſo muß ſich jeder, wenn er die Zelle verläßt, im Laufſchritt bewegen. Die dunkelblauen Geſtalten einiger Aufſeher, welche den Cor⸗ ridor entlang aufgeſtellt ſind, bezeichnen den Weg, den der Gefangene zu nehmen hat. Dieſer Weg führt nach einem der fächerartig angelegten Spaziergänge, welche die Humanität unſerer Zeit ſelbſt dem von der Geſell⸗ ſchaft Ausgeſtoßenen gewähren zu müſſen glaubt. Dieſe Spaziergänge, welche natürlicherweiſe noch ſorgfäl⸗ tiger überwacht werden als die Zellen, haben in Mazas etwas unſaglich Trübſeliges. Sie liegen in den ein⸗ ſpringenden Winkeln des Gebäudes und beſtehen aus einem hölzernen zwölfeckigen Pavillon, von dem wie die Speichen eines Rades auslaufende Mauern eine An⸗ zahl keilförmiger Räume abtheilen, deren Thüren in das Erdgeſchoß des Pavillons münden und deren Periphe⸗ rie von einem ſtarken eiſernen Gitter gebildet iſt. Außer⸗ halb dieſes Gitters macht ein Aufſeher die Runde, während von der Plattform des Pavillons eine andere Wache ſämmtliche Zellen einſehen kann. Dieſer Mann auf der d Schlägel, Nach uns die Sändflut IV. 5 5 15 mmłõõGaGaGaGaGaͤaͤaͤͤͤͤͤͤͤaͤaaͤſͤſaſſſſſ 66 Plattform hätte, wenn er Phyſiognomiker wäre, hier Gelegenheit zu den ausgiebigſten Studien. Wegen des Gitters, das jedes der Dreiecke abſchließt, ſind dieſelben den Käfigen einer Menagerie nicht unähnlich, und etwas Thierähnliches haben auch die Geberden der meiſten Menſchen, die darin täglich eine Stunde eingeſchloſſen ſind. Mit beiden Fäuſten hält eine rieſige Geſtalt in blauer, ſtellenweiſe, vorzüglich an den Armen geſchwärzter Blouſe die Eiſenſtäbe umfaßt; noch vor wenigen Tagen hatten ſich dreimal ſo ſtarke Eiſenſchienen unter ſeinen wuchtigen Hammerſchlägen gebogen, da kam einer der Meiſter der Fabrik, ein Schleicher, der ihn drückte, wo er konnte, und fuhr ihn ohne jeden Grund hart an, ein Streit entſtand und der Hammer des Schmieds fiel, ſtatt auf das Eiſen, zerſchmetternd nieder auf den dum⸗ men Schädel des gehäſſigen Kerls. Man ſagte ihm, der Meiſter ſei todt, und ſchleppte ihn hierher, ohne » ihn nur Abſchied nehmen zu laſſen von Weib und Kind, und jetzt, wo er ſo daſtand an dem Gitter und hinauf⸗ ſchaute an der haushohen Mauer, hinter welcher dicker Qualm in die Luft ſtieg und eine Locomotive pfiff, da packte es ihn mit wilder Wuth und er rüttelte an den Stäben, daß ſie in ihren ſteinernen Bettungen ſich rühr⸗ ten. Und der Wächter ging vorüber und verwies ihm ——— 9— 67 das mit barſcher Stimme, und mit blutunterlaufenen Augen ſtarrte der Schmied den blaugekleideten Knirps an, den ein Fauſtſchlag von ihm zu Boden geſchmettert hätte und der hier ſein Herr und Wächter war. Durch die Mauer von dem Schmied getrennt, die Hände tief in den Taſchen ſeiner Pantalons, den Rücken gekrümmt und das ſchlaue Geſicht weit vorgeſtreckt, ging mit raſchen Schritten Charles Bertholet auf und nie⸗ der. Sein Schritt war viel leichter und elaſtiſcher als im Depot der Präfectur, denn er hatte die ſchweren Holzſchuhe mit ein paar reglementmäßigen Gefängniß⸗ pantoffeln von ungeſchwärztem Leder vertauſcht, die er, manchmal ſtehen bleibend, wohlgefällig betrachtete. Dann wieder ſetzte er ſeinen hüpfenden Spaziergang fort, indem er manchmal in ſich hineinlachte, als ob ihm etwas recht Luſtiges eingefallen ſei. Der Mann in der nächſten Abtheilung bewegte ſich im Gegenſatz zu Charles ſehr langſam mit nach⸗ denkend geſenktem Haupte, und wenn er alle fünf Schritte ſtehen blieb, ſo geſchah es nicht, um ſein ziemlich defectes Schuhwerk zu betrachten, ſondern um ein paar Worte in das Taſchenbuch einzutragen, das er offen in der Hand hielt. Manchmal auch nahm er die weiß be⸗ worfenen Wände zu Hülfe, ſchrieb dort etwas hin, ſtrich es wieder aus, zählte v vor ſich hin, ſchüttelte ärgerlich 5* 68 den Kopf oder nickte zufrieden damit. Es war Mr. Werner, der Dichter zahlloſer Kirchenlieder, der ſelbſt hier, unbeirrt durch alle Verfolgungen einer verblendeten Welt, ſeinem innerſten Berufe treu blieb. Im nächſten Dreieck ſchlenderte Stanowsky auf und ab. Er hatte feſt auf ſeine Freilaſſung gerechnet und ſein Transport nach Mazas hatte ihn betäubt wie ein Fauſtſchlag vor die Stirn. Man ſchob ihn in einen großen fenſterloſen Wagen, der viele Aehnlichkeit mit einem Fourgon hatte und mit vier Percherons beſpannt war. Der Wagen war in zwei Hälften ge⸗ theilt durch einen ſchmalen Corridor, in welchem ein Gefängnißbeamter mit blanker Waffe ſtand und die verſchloſſenen Thüren im Auge behielt, hinter welchen jeder der Gefangenen einzeln in einen Raum eingeſperrt war, der nur für einen ſitzenden Menſchen hinreichte. Im ſchärfſten Trab raſte dieſes wandelnde Gefängniß mit ſeiner menſchlichen Waare beladen durch die Straßen von Paris, und mit blöder Neugier ſchaute Stanowsky empor durch das vergitterte Luftloch an der Decke nach den Dachſimſen, welche hier und da ſichtbar wurden und aus deren Geſtaltung er zu errathen ſuchte, in welcher Straße ſie ſich befänden. Dann folgten die Formalitäten bei der Aufnahme in Mazas, er erhielt ſeine Zelle; nach einigen Wochen hatte er ſich das ziem⸗ —— 69 lich einfache Gefängnißreglement vollſtändig zu eigen gemacht. 4 Man hatte ihm, da er noch nicht verurtheilt war, ſeine eigenen Kleider gelaſſen und er trug ſie auch jetz noch, dieſelben, worin er bei den Töchtern des Hospo⸗ dars ſeine letzte Viſite gemacht hatte. Die feinen Stoffe ſahen jetzt erbärmlicher aus als grobe Gewänder in demſelben Grade der Abnutzung. Die dünnen Beinklei⸗ der von heller Modefarbe hingen befleckt und faltig über den abgeſprungenen Lack der Fußbekleidung. Die Farbe des braunen Ueberziehers, den Stanowsky über dem Hemde vermittelſt eines defecten Hoſenträgers um die Taille feſtgeſchnürt hatte, war verſchoſſen und ſcheckig. Rock und Weſte hatte der Gefangene längſt durch die Vermittelung eines Gefangenwärters verkauft, um ſich etwas Geld zu verſchaffen, denn die Macht dieſes all⸗ mächtigen Verkehrsmittels reicht ſelbſt in die Gefäng⸗ niſſe. Von dem Erlös ſeiner Kleidungsſtücke kaufte ſich Stanowsky Wein. Wie ein Hohn auf die glatten glänzenden Formen der Geſellſchaft nahm ſich Sta⸗ nowsky's Cylinderhut aus, verſtäubt und rauh ſtarrten die ſeidenen Haare nach allen Himmelsrichtungen und ſtimmten harmoniſch zu den ſtarken Bartſtoppeln, welche das eingefallene Geſicht des einſt ſo eleganten Mannes bedeckten. 70 Manchmal blieb Stanowsky ſtehen, eine raſche Röthe bedeckte ſein bleiches Geſicht. Er blickte wild um ſich— der Gefangenwärter ging außen am Gitter vorbei, Stanowsky's Haupt ſenkte ſich und ſeine noch eben ſtolz emporgeſtreckte Geſtalt ſank wieder in die Bruſt, in einer Stunde war Eſſenszeit und er hatte Hunger. Wenn man ihn ſo aufgebracht ſah, wurde ihm viel⸗ leicht das Eſſen entzogen; er blickte auch ängſtlich auf⸗ wärts nach dem Pavillon, wo der zweite Wärter her⸗ umging. Dieſer befand ſich auf der andern Seite und nur der Rand ſeiner Mütze war ſichtbar. Ein Schauer ſchüttelte Stanowsky's Körper. Er hatte Froſt, trotz des glühenden Julitags. Das Blut wird nicht wärmer in den Gefängniſſen. Da öffnete ſich die Thür an der Spitze des Dreiecks. „Nummer ſechs.“ Stanowsky erſchrak. Nach dem Stand der Sonne wußte er, daß es noch nicht Zeit war, in die Zelle zurückzukehren. Er ſtarrte in das derbe, gutmüthige Geſicht des Gefangenwärters. „Iſt mein Proceß wieder aufgenommen?“ fragte er athemlos. „Ich weiß nichts davon, aber heute iſt Sonntag und wegen der Meſſe und Predigt müſſen die Gefange⸗ nen früher herein.“ ————. ——⁊—— 71 „Aber ich bin Proteſtant.“ „Bei uns gibt's keine Ausnahme. Machen Sie keine Umſtände, Nummer ſechs, ſonſt werde ich böſe.“ „Sonſt werde ich böſe“, die Drohung übte ihre Wir⸗ kung. Der Gefangenwärter beſorgte ihm dann viel⸗ leicht keinen Wein mehr und verkürzte ihm bei der Be⸗ rechnung ſeiner Arbeit den Erlös. Ja, Stanowsky arbeitete auch, ſeit das Geld für Rock und Weſte in Wein und andern Verbeſſerungen der Nahrung auf⸗ gezehrt war. Er arbeitete, das heißt, er reihte ver⸗ mittelſt einer eiſernen Maſchine Stecknadeln auf dünnes farbiges Papier. Vielleicht befeſtigte eine frühere Ge⸗ liebte Stanowsky's bereits ihren Flitterſtaat mit einer der Nadeln, welche Stanowsky hier den Bogen für zwei Centimes aufreihte. Stanowsky verließ daher ſein Spazierdreieck, trat in das Erdgeſchoß des Pavillons und bewegte ſich dann im Laufſchritt durch den ſchmalen, von hohen Mauern eingefaßten Gang, der nach dem Flügel von Mazas führte, den er bewohnte. Genau in dem Moment, wo der Bewohner der Zelle ſieben in derſelben verſchwand, bog er in den Flügel ein und eine Sekunde darauf ſchloß ſich hinter ihm die Thür von Nummer ſechs. Es war eine leichte hölzerne Thür, welche den etwa ſechs Schuh in der Breite, zehn in der Länge 72 haltenden Raum vom Corridor abſchloß. Ein Schieber geſtattet das Hereinreichen der Nahrungsmittel, ohne daß man die Thür zu öffnen braucht; ein Guckloch, welches von außen geöffnet werden kann, geſtattet den. Beamten, den Inſaſſen der Zelle jeden Augenblick zu beobachten. Die Thüren reichen nur bis etwa eine Hand breit über den Boden, um die Reinigung zu er⸗ leichtern, und die ganze Einrichtung deutet mehr auf das Princip einer ſteten Beaufſichtigung der Gefange⸗ nen als auf das Beſtreben hin, ſie durch Mauern und Schlöſſer möglichſt ſicher einzuſchließen. Die Ein⸗ richtung der Zellen iſt auf das Nothwendigſte beſchränkt. Auf einem Bret in der Ecke neben der Thür ſtehen zuſammengerollt Matratze und Decke. An eiſernen Klammern, welche in den Wänden angebracht ſind, wird des Abends eine Art Hängematte quer über den Raum geſpannt in einer Höhe von zwei Fuß über dem Ziegelboden, auf dieſe Hängematte kommt die Matratze zu liegen, auf welcher der Gefangene der Trübſal des nächſten Tages entgegenſchlummert. Ein Stuhl und ein Tiſch, über deſſen Mitte in der Wand eine Gasröhre angebracht iſt, vollenden die Ausrüſtung des Zimmers. Ein Fenſter, ſo hoch, daß es der Gefangene nicht erreichen kann, gibt Licht und Luft und Troſt⸗ ſprüche aus Silvio Pellico's„Gefangenſchaft“, welche — 73— gedruckt an der Wand hängen, ſorgen auch für die moraliſchen Bedürfniſſe der Eingeſchloſſenen. Von ſeinem kurzen Spaziergang erſchöpft, läßt ſich Stanowsky auf den Stuhl nieder. Ein ſeltſames Geräuſch wird hörbar, zuerſt ferner und dann immer näher, es gleicht dem Raſſeln von tauſend Ketten und dröhnt ſchauerlich durch den Corridor. Immer näher kommt's, immer gewaltiger dröhnt's, jetzt iſt es an Stanowsky's Thür, ſie öffnet ſich, der Gefangene ſtürzt darauf zu, aber ſie iſt nur ſo weit offen, daß er hinausſehen kann, der Riegel eines kunſt⸗ voll conſtruirten Revolverſchloſſes ſperrt ihm den Weg. Und er ſchaut hinaus, zuerſt ſtarr und höhniſch, dann wird der Ausdruck ſeines Geſichts immer ſanfter. Anfangs leiſe, dann immer ſchwellender und er⸗ habener dringen die Töne einer Orgel herein in die enge kahle Zelle, der Prieſter erhebt ſeinen Geſang, des Miniſtranten Schelle tönt dazwiſchen. Stanowsky kann den Prieſter ſehen in ſeinen ge⸗ ſtickten Gewändern, wie er ſich am Altar hin und her bewegt, jetzt erhebt er ſegnend die Hände, unwillkürlich beugt der Gefangene das Haupt. Er hatte ſich nicht viel um religiöſe Dinge bekümmert ſein Leben lang, aber jetzt iſt ihm, als ob er einen Augenblick losgelöſt ge⸗ weſen ſei von den Qualen der Erde, zum erſten Mal 74 hatte er eine leiſe Ahnung von dem Troſte des Gebets. Gleich einem Rottenfeuer fielen die Revolverſchlöſſer wieder ein und ſinnend ſchlich Stanowsky an ſeinen Stuhl und ſchaute vor ſich nieder. Er hatte nicht lange Ruhe. Die Maſchinerie des gewaltigen Gefängniſſes arbeitet ohne Unterbrechung. Schwere Wagen rollten den Corridor entlang. Räder und Flaſchenzüge ſtöhnten, der kleine viereckige Laden an Stanowsky's Zellenthür öffnete ſich und eine Blechſchüſſel, welche ſeine Mahlzeit enthielt, wurde hereingeſtellt. Stanowsky verſchlang mit Heißhunger das Boh⸗ nengericht, das man ihm gereicht. Dann ging er an die Arbeit. Mit peinlicher Genauigkeit klemmte er das Papier in die eiſerne Zange, welche am Tiſch befeſtigt war und ſteckte dann die Nadeln in die für ſie be⸗ ſtimmten Löcher. Manchmal ſtand er auf von ſeiner Arbeit und machte ein paar heftige Schritte durch den engen Raum, dann ſetzte er ſich wieder; mit tagelanger angeſtrengter Arbeit vermochte er kaum ſich ſeinen Bedarf an Wein zu verdienen. So wurde es Abend, langſam brach ſich die Dunkel⸗ heit Bahn durch das hochliegende Fenſter. Lange noch behielt das vergitterte Viereck einen trügeriſchen gelben Schein. Da raſſelte es wieder den Corridor entlang. — 1 —— 75 Das Schiebfenſter der Zelle öffnete ſich. „Allumez!“ hieß es und der Gefangene ſprang auf, um nach dem hereingereichten Zündholz zu greifen, da zu gleicher Zeit draußen der Hahn der Gasröhre auf⸗ gedreht wurde. Einen Moment nachher flackerte luſtig die Gasflamme und leuchtete durch den Raum und unverdroſſen nahm der Inſaſſe der Zelle Nummer ſechs ſeine Arbeit wieder auf und reihte Stecknadel an Steck⸗ nadel in das farbige Papier. Ein anderes Commando drang in die Einſamkeit. Jeder Gefangene hatte ſich ſelber ſein Lager zu bereiten. Stanowsky ſtand auf, nahm die Gurten aus der Ecke und befeſtigte ſie an den eiſernen Klammern in der Wand, dann legte er die Matratze darüber und die Decke darauf, dann ging er wieder an ſeine Arbeit. Da er⸗ loſch plötzlich die Gasflamme und dunkel war es in der Zelle. Nur ein gelber viereckiger Fleck bezeichnete die Stelle, wo das Fenſter war. Der Gefangene legte ſich nieder. Es war noch früh und er konnte nicht einſchlafen. Wirre Bilder gaukelten vor ſeiner aufgeregten Phantaſie, dazwiſchen dröhnte der eintönige Schritt des wachhabenden Ge⸗ fangenwärters im Corridor. Endlich verſtummte auch dieſer und leiſe kam es hervor aus den Wänden und raſchelte in den Papieren, die am Boden lagen, und pfiff und quiekte und raufte ſich um die Stückchen Brod, die Stanowsky für ſeine nächtlichen Gäſte hatte ab⸗ ſichtlich fallen laſſen.— Es war die einzige Unterhaltung des Gefangenen, dieſe nächtliche Mäuſeverſammlung, und mit einer Art grauſer Luſtigkeit richtete er ſich vom Lager auf und lauſchte auf das ſeltſame Getümmel und Gehuſche auf dem Backſteinboden.. Aber auch von draußen näherte es ſich leiſe, das Schiebfenſterchen an der Thür öffnete ſich und über das Lager des Gefangenen hinweg ſprang ein unheimliches Thier, das Mäuſeconcert war zu Ende und nur noch einer der muntern nächtlichen Gäſte quiekte ſterbend unter den Krallen einer rieſigen Gefängnißkatze. Es war ruhig bis Mitternacht. Dann begann es rechts erſt leiſe, dann immer ſtärker in regelmäßigen Zwiſchenräumen zu klopfen, es tönte faſt wie eine des Klangs beraubte menſchliche Stimme, weckend, fragend. Und von der andern Seite antwortete man. Bald⸗ raſcher, bald langſamer klang das Pochen; Stanowsky glaubte den Sinn des ſeltſamen Zwiegeſprächs zu ahnen, obwohl ihm die Zeichen der Verſtändigung fremd waren; ſie ſprachen von der großen bewegten Welt da draußen, von dem, was ſie einſt geweſen, von den goldenen Freu⸗ den der Freiheit und wie es hier ſo eng, ſo ſchaurig eng. — 77 Stanowsky warf die Decke von ſich und ſprang auf. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Zellenthür und zwei Gefangenwärter traten ein. „Es iſt verboten, durch die Wände mit den übri⸗ gen Gefangenen zu correſpondiren. Hier iſt geklopft worden.“ „Hier nicht.“ „Warum ſind Sie dann auf?“ „Es war mir zu heiß!“ „Späße! Wenn Sie nicht geklopft haben, wer war es dann? Sie werden mit Entziehung der Koſt beſtraft, wenn Sie nicht antworten.“ 4 „Es waren die Gefangenen rechts und links.“ Die Gefangenwärter verließen den Angeber und drangen polternd in die Nebenzellen. Die Bewohner betheuerten ihre Unſchuld, aber ohne Barmherzigkeit wurden ſie in engern Gewahrſam geſchleppt. Dann war es ruhig bis zum Morgen. Das Zeichen zum Aufſtehen ertönte. Ermattet erhob ſich Stanowsky und rollte ſein Lager zuſammen. Der erſte Schein der Dämmerung fiel in die Zelle. Der Gefangenwärter erſchien. Stanowsky lieferte ihm die Arbeit des vorigen Tages ab. „Es wird wohl keine Zeit mehr ſein, ſie zu 78 berechnen, wird wohl das Letzte ſein, was Sie ar⸗ beiten.“ Stanowsky erſchrak. Er ſollte alſo wohl die Ver⸗ günſtigungen verlieren, die den Unterſuchungsgefange⸗ nen zu Theil wurden, er ſollte alſo wohl heute abge⸗ urtheilt werden. Ein Schüttelfroſt packte ihn; er hatte bis jetzt eine Art Troſt daraus geſchöpft, daß er ſeine eigene Kleidung und nicht die graue Tracht der Verurtheilten trug. Er ſtarrte dem Gefangenmärker n mit angſtvoll ge⸗ öffneten Augen ins Geſicht. „Nun, nun“, begütigte dieſer gutmüthig lächelnd, „es geht Ihnen noch nicht ans Leben. Es ſcheint, Sie haben hohe Protection.“ Stanowsky hielt ſich an der Wand, um nicht zu taumeln. „Ja, ja“, fuhr der Schließer fort, immer mit einer Art roher pſychologiſchen Neugier, wie ſie dieſen Leuten zu eigen wird, Stanowsky's Erregung beobachtend, „Sie wurden uns übergeben als ein ganz gefährlicher Menſch, der ſicher ſeine acht Jahr wegbekommen werde, und jetzt—“ Der Gefangenwärter hielt inne. „Und jetzt?“ Stanowsky harrte mit offenem Munde und blauen 79 Lippen und in ſeinen Augen glomm es, über ſein Ge⸗ ſicht zitterte es bereits wie die Ahnung der Freiheit. „Sie müſſen hohe Protection haben!“ wiederholte der Schließer.„Allwöchentlich wurden beim Director Erkundigungen eingezogen über Sie— von ſeiten einer hohen Dame, wie man ſagte. Und jetzt iſt auch die Anklage gegen Sie ins Waſſer gefallen— Sie ſind frei!“ . Mit ausgebreiteten Armen ſtand Stanowsky da, ſein Geſicht zuckte wie in Schmerz während ſein Mund lachte; er ſank auf den Stuhl nieder, legte den Kopf auf den Tiſch und weinte. — Viertes Kapitel. Ein. Modearzt. Doctor Herbiot ſaß allein in ſeinem ſtattlichen Con⸗ ſultationsſaal. Zwei mächtige Schreibpulte ſtanden zur Rechten und zur Linken der mächtigen Flügelthüren, die großen Bogenfenſter waren nur mit weißen Vor⸗ hängen verſehen, wie in einem Hörſaal. Dieſe Vorhänge waren ſorgfältig zugezogen, hinderten aber nicht, daß der Raum ſo hell erleuchtet war wie ſelten ein Pariſer Zimmer. Weiß und ſorgfältig abgeſtäubt ſchauten die Büſten berühmter Aerzte älterer und neuerer Zeit her⸗ unter auf ihren hoffnungsvollen Nachfolger, welcher in Frack und weißer Cravatte, die Roſe der Chren⸗ legion am Knopfloch, in einem Fauteuil lehnte und in einem mächtigen, in Schweinsleder gebundenen Folianten las. Außer fünf andern Fauteuils waren noch mehrere ——— ſeltſam geſtaltete Möbel im Gemach, deren Beſtimmung blos ein Mediciner auf den erſten Blick errathen konnte; an den Wänden war eine kleine, ſehr gelehrt ausſehende Handbibliothek angebracht und verſchiedene ſonderbar geſtaltete chirurgiſche Inſtrumente blickten drohend von ihren Geſtellen herunter. Das Merkwürdigſte aber waren eine Anzahl Goldſtücke von verſchiedenem Werthe, doch keins geringer als zwanzig Francs, welche auf dem Tiſch lagen, der zwiſchen den beiden mächtigen Pulten in der Mitte ſtand. Wäre der Tiſch nicht mit einem langherabfallenden grünen Tuch bedeckt und mit einer ſehr eleganten Uhr belaſtet geweſen, ſo hätte er mit ſeinen vielen Goldmünzen ſehr leicht den Eindruck einer Art von Opferaltar machen können, um ſo mehr, da die ganze Ausſtattung des Zimmers eine gewiſſe Ehrfurcht herauszufordern ſchien. Wenn Profeſſor Herbiot von ſeinem ſchweinsleder⸗ nen Bande emporſah, ſo geſchah es nur, um einen Blick auf jenen Tiſch zu werfen, als wolle er die Schlachtordnung der dort aufgefahrenen Goldmünzen noch einmal prüfen, und von dort wanderte ſein Blick gewöhnlich in den Spiegel. Auch ſeine Toilette war untadelhaft und das ernſte, würdige Geſicht, das ein glattraſirtes Doppelkinn über die weiße Cravatte herab⸗ hängen ließ, konnte ſeinen Eindruck nicht verfehlen. d. Schlägel, Nach uns die Sündflut. IV. 3 6 82 Da öffnete ſich geräuſchlos die Thür und auf den Fußſpitzen trat eine Geſtalt herein, welche im erſten Augenblick eine überraſchende Aehnlichkeit mit dem Profeſſor zur Schau trug. Bei näherer Betrachtung hätte man jedoch bemerkt, daß das Geſicht nicht ganz ſo glatt raſirt und ſalbungsvoll erhaben, ſondern ein ſehr ehrerbietiges war, und daß Cravatte und Frack aus merklich gröberem Stoff beſtanden, daß die Bruſt⸗ falten ſeines Hemdes ohne Jabots und ſeine Stiefel nicht lackirt, daß ſeine Hände und Füße größer waren als die des Profeſſors und daß endlich, um den getreuen Die⸗ ner Florentin endgültig von ſeinem Herrn und Meiſter zu unterſcheiden, an ſeinem Knopfloch die rothe Roſe der Ehrenlegion, ſowie überhaupt alles Roth mangelte. Florentin trat mit leiſen Schritten auf ſeinen Herrn zu und blieb dann, als wage er nicht, ihn zu ſtören, in ehrfürchtiger Bewunderung ſtehen. Pprofeſſor Herbiot las eine Weile weiter, als ſei er zu ſehr in ſeine Lectüre vertieft, um die Anweſen⸗ heit des Dieners zu gewahren, dann blickte er zer⸗ ſtreut auf. „Was gibt's, Florentin?“ „Es ſind bereits dreißig Perſonen im Warteſaal.“ „Melde mir, wenn es fünfzig ſind, Florentin, und ſage ihnen einſtweilen, ich ſei plötzlich zu einer Con⸗ —— 83 ſultation über den Geſundheitszuſtand einer ſehr hohen Perſönlichkeit zugezogen worden. Laſſe durchleuchten, Florentin, daß ich mich anfangs geweigert hätte, meine Beſuchsſtunden nicht einzuhalten, daß man aber auf mein Beiſein gedrungen und daß die Stellung des hohen Patienten eine längere Weigerung unmöglich gemacht habe. Du verſtehſt, Florentin.“ „Ganz wohl, Herr Profeſſor, dann kann aber höchſtens ein Drittel heute abſolvirt werden.“ „Thut nichts, ſie kommen morgen wieder und erzählen überall, daß ſie heute nicht vorkommen konnten.“ „Ganz wohl, Herr Profeſſor, aber dann kommt es am Ende in die Zeitung, daß der Kaiſer krank ſei, und er muß doch jetzt geſund ſein.“ „Thut nichts, Florentin, dann wird es übermor⸗ gen dementirt, aber mein Name wird morgen von Hunderttauſenden geleſen.“ Hm, das iſt richtig!“ ſagte Florentin verſtändniß⸗ innig.„Sie müſſen alſo noch ein paar Stunden da draußen ſchwitzen, die armen Kerle! Doch eine Ausnahme könnten Sie machen, Herr Profeſſor. Da iſt draußen ſo ein bleiches Frauenzimmer, das ſehr krank zu ſein ſcheint; ſie iſt im kleinen Empfangsſaal.“ „Hat ſie Dir die üblichen fünf Francs Trinkgeld gegeben?“ 6* 84 Florentin nickte. Sein Geſicht ſagte deutlich, ohne die fünf Francs ſchaffe er Alles unerbittlich in den großen Saal. „Das arme Frauenzimmer ſcheint wirklich ſehr krank“, begann Florentin wieder mit einer ſo mitlei⸗ digen Stimme, daß ſein Herr ihn forſchend anblickte, ob er nicht etwa zehn Francs ſtatt der üblichen fünf erhalten. „Wie ſieht die Dame aus?“ „Sehr jung, über durch Krankheit ſehr herunter⸗ gekommen.“ Profeſſor Herbiot winkte ſeinem Diener ärgerlich zu ſchweigen. „Nicht das! Scheint ſie wohlhabend?“ Florentin zuckte die Achſeln. „Die Kleider ſcheinen urſprünglich reich, aber etwas abgetragen. Als ſie mir die zehn— fünf Francs gab, ſah ich übrigens in ihrer Börſe noch etwa vierzig.“ „Gut, ſie kann kommen.“ Florentin verſchwand, Profeſſor Herbiot ging ei⸗ nigemal, den Athem anhaltend, raſch durchs Zimmer Es war dies ein bei ſeiner Leibesdicke keineswegs un⸗ gefährliches Experiment, aber er erreichte dadurch, daß er erhitzt ausſah, als ſei er ehen raſch die Treppe heraufgegangen. 85 Die Thür öffnete ſich und die Dame trat ein. Es war Nini Berton, aber kaum noch ein Schatten von ehedem. Tief in dunklen Höhlen lagen die matten blauen Augen, das einſt ſo kecke Stumpfnäschen ragte bleich zwiſchen gelben eingefallenen Wangen hervor. Die vordem ſo blühenden Lippen zogen ſich farblos und ſchmal über die noch immer ſchönen Zähne zurück, welche zu dem früh gealterten Geſichte nicht mehr recht paßten. Faltig und viel zu weit geworden hingen die Kleider um die abgemagerte Geſtalt, ſie waren an einigen Stellen enger gemacht, und das ſichtbare Be⸗ ſtreben, den verblichenen Lappen noch immer einen ge⸗ wiſſen Schein von Nettigkeit und Eleganz zu geben, hatte etwas ungemein Rührendes. Dieſer Inſtinkt, ſich zu ſchmücken, dieſer Trieb, zu gefallen, war neben Nini's weißen Zähnen und großen Augen das Einzige, was ihr aus beſſern Tagen übrig geblieben war, denn auch ihre ſchönen blonden Haare mit dem etwas ſpröden lockigen Schwung waren ſehr dünn geworden und ihre kleinen Hände erſchienen, ihrer Rundung und ihrer Farbe beraubt, lange nicht mehr ſo zierlich als ehedem Welk ſpannte ſich die gelbliche Haut um die Gelenke, welche viel größer erſchienen als ſonſt. Das Alles war höchſt einfach gekommen. Die erſten Wochen ihrer Bekanntſchaft mit Herrn von Lazire war 86 Nini toller und reizender als je geweſen und der junge leicht erregbare Beamte befand ſich in einem beſtändigen Taumel; dann kam jene Periode der Erſchöpfung, wo die aufs äußerſte angeſpannten Nerven plötzlich den Dienſt verſagen, wo der überſättigte Schwelger ſich ab⸗ wendet von der goldenen Schale, aus der er noch eben mit Entzücken geſchlürft. Er wagt es ſich nicht zu ge⸗ ſtehen, noch hallen die jüngſt genoſſenen Freuden nach in der buhleriſchen Phantaſie, wenn Mund und Auge längſt nichts mehr von ihnen wiſſen, aber immer höher ſteigt herauf das ſeltſame Gefühl der Wunſchloſigkeit, die Sehnſucht nach Ruhe legt ſich bleiern auf die Seele, und von da iſt nicht mehr weit zu jenem Ueberdruß, der ſich mit noch umflorten Augen bereits wieder nach neuen Reizmitteln für die erſchlafften Sinne umſchaut— „man muß ſich friſch erhalten“. Auch Nini Berton war zu jung und lebensluſtig, um an etwas Anderes zu denken als an das, was ihr im Augenblick gefiel, was ſie für den Augenblick wünſchte. Sie überließ ſich der nimmer ſatten Aufregung, deren Atmoſphäre Herr von Lazire um ſie verbreitete, ohne Rückhalt, ihr Verſtand war zu kurz, um über ihre Wünſche hinauszuſehen, ſie war keine haushälteriſche Natur, weder mit ihrer Geſundheit noch mit ihrem Gelde, Beides nahm ab, ohne daß ſie es fühlte, eine —— 87 Zeit lang erſetzte auch bei ihr eine gewiſſe krankhafte Erregung die Energie der Natur, aber bald ſank auch das dahin, und ihr kleines Gehirn, unfähig, den eigenen Zuſtand zu überblicken, hatte nur Platz für einen dumpfen Groll gegen Herrn von Lazire, der anders war als ſonſt. Sie ſchmollte und verlor dadurch ihren eigenthümlichſten Reiz, der Lazire am längſten gefeſſelt. Ihre Natur war zu einſilbig, um auch dann anzuziehen, wenn ihr der kindliche Uebermuth, der ſie faſt ſtets umgab, abging. Von der Erinnerung an Nini's hübſche Augenblicke zehren in Stunden, wo ſie unausſtehlich war, konnte blos die Erfahrungsloſigkeit und ſchwär⸗ meriſche Innigkeit Jean Jaccar's, nicht aber die ver⸗ wöhnte Laune Arthur Lazire's. In ſolchen Stimmungen, wie die war, in der Herr von Lazire Nini oft verließ, begegnet man ge⸗ wöhnlich Geſtalten, welche auffallen, das heißt, man begegnete ähnlichen ſchon früher, aber man ſieht ſie erſt jetzt genau genug an, um ſie anziehend zu finden— Geſtalten, welche uns viel begehrenswerther erſcheinen als Alles, was wir je beſeſſen. In einer ſolchen Stimmung ſah Arthur Lazire die üppige Jeanne Duterey. Jeanne Duterey hatte eben das Haus Pore An⸗ drolet's verlaſſen, und trug möglichſt verſteckt ein Paquet 88 Kleider unter dem dünnen Shawl. Pere Androlet hatte gegeben, ſolange er hatte, aber Reymond und Jeanne verſtanden es, auch mit dem Gelde Anderer fertig zu werden. Schon ſeit Wochen hatten es ſich die Kunden des Krämers Androlet abgewöhnt, bei dem ſtets be⸗ trunkenen Ladenjungen eines unſichtbaren Meiſters nach etwas zu fragen— Pore Androlet hatte vollauf zu thun, um den ſtets ſich ſteigernden Wünſchen Reymond's zu genügen, der alle Tage eine andere Vergnügung er⸗ dacht hatte, zu der Pére Androlet das Geld herſchaffen mußte. Pore Androlet gehorchte, und als er kein baa⸗ res Geld mehr hatte, borgte er— es ward ihm das nicht ſchwer als Hausbeſitzer der Rue Jacobe— und war der Tollſte von der tollen Geſellſchaft, die Reymond um ſich verſammelt hatte. Die ironiſche Verehrung, welche ihm die liederlichſten Burſchen des Quartier latin er⸗ wieſen, gefiel ihm, und als Präſident der Bacchanalien, welche in ſeinem Hauſe an der Tagesordnung waren, war er der Wüthendſten einer, wenn es, vorläufig noch in Worten, der privilegirten Geſellſchaft an den Kra⸗ gen ging. Endlich wußte es das ganze Viertel, wie es mit Pere Androlet ſtand, und ſeine ehemaligen Freunde borg⸗ ten ihm keinen Franc mehr. Solange er den Studenten das Fell über die Ohren zog und ſich mit ſeinesgleichen —— 89 betrank, war er ein anſtändiger Mann, ſeit er aber mit den Studenten, ſtatt ſie zu ſchinden, ſoff und theilte, war er ein Lump. Bald wollten ſelbſt die Juden nichts mehr mit ihm zu thun haben und das Drängen der Gläubiger mehrte ſich von Tag zu Tag. Man hatte den dicken Krämer Androlet an der Seite der verrufen⸗ ſten Studenten und Dirnen des Quartier latin vier⸗ ſpännig im Bois de Boulogne herumfahren ſehen, da galt es Eile, wenn man noch etwas von dem Seinigen erhaſchen wollte. So kam es, daß Poère Androlet ſchon an den Rand des Bankrotts gedrängt war, ohne daß ſeine Paſſiven noch den Werth ſeines Hauſes überſtie⸗ gen. Die aufgeleſenen ſocialdemokratiſchen Phraſen, mit denen er ſeinen Drängern antwortete, waren eben⸗ falls nicht geeignet, das Zutrauen der Leute wieder zu erwecken. Bald war der Executor ein nur noch wenig überraſchender Beſuch in Père Androlet's Hauſe und das Haus ſelber ſchützten bis jetzt nur noch die eingetragenen Hypotheken, alſo wieder die Schulden ſelber. Reymond und Jeanne Duterey hatten aus den verſchiedenen Razzias das Mobiliar ihrer Zimmer da⸗ durch gerettet, daß ſie angaben, es ſei ihr Eigenthum. Pore Androlet konnte es nicht wagen, nur ein Stück davon in ſeine Wohnung zu bringen, ſondern zog es 90 vor, den zu erwartenden Executoren die kahlen Wände ſeiner Wohnung zu zeigen und im Wohnzimmer ſeiner Schützlinge auf einem defecten Kanapee zu wohnen. Auch dieſes Kanapee, die Betten und alles Ent⸗ behrliche wanderten endlich nach Mont de Piété; man hatte einige mottenzerfreſſene Teppiche, welche man weder im Temple noch im Pfandhaus nehmen wollte, auf den Boden gebreitet und ſchlief dort von einem Rauſch zum andern. Was ſollte man ſich lange Sorgen machen, der jüngſte Tag der Geſellſchaft war nicht mehr fern, und hei— wie wollte man dann leben! Aber eſſen wollte man denn doch, auch die Gur⸗ gel war verwöhnt und brannte wie Feuer, wenn man ſie nicht mit Brennendem kühlte. Reymond und Jeanne hatten den Poère Androlet keineswegs ſyſtematiſch ge⸗ plündert, auch ſie gaben ohne Murren das Letzte, was ſie hatten, für den Taumel eines Tages. Jeanne trug ihre letzten Kleider, ihren letzten Schmuck ins Pfand⸗ haus oder, wenn man etwas dort nicht nehmen wollte, zum Temple, die Juden gaben immer noch etwas dafür. Auf einem dieſer Gänge— ſie wollte ein ſchon lich defectes Kleid verkaufen das ihr im Mont de Piété und im Temple zurückgewieſen wurde— begegnete ihr Richter Lazire. Jeanne Duterey kannte die Welt gut genug, um zu wiſſen, daß der Herr, der ——— 91 ſo conſequent an ihrer Seite, bald vor⸗ bald rückwärts ging, ihre Bekanntſchaft zu machen ſuchte. Ehe Jeanne Duterey nach dem Geſichte des Mannes ſah, der neben ihr ging und leiſe zu ihr ſprach, ließ ſie den Blick an ſeiner Geſtalt hinabgleiten— der Mann ſchien wohlhabend und konnte ſie und Reymond vor dem Hunger retten. An den jüngſten Tag, den Reymond täglich prophezeite, glaubte Jeanne nicht ſo feſt wie die Andern. Der Herr lud Jeanne Duterey ein, mit ihm zu diniren, ſie willigte ein. Sie hatte ſchon einige Tage gehungert, um Reymond das letzte Stück Brod, den letzten Schluck Wein zu geben. Jeanne Duterey war keine von den Naturen, die ſich ſo leicht tödten, ſie machte der Einladung des Herrn von Lazire alle Ehre und wurde ſogar recht munter. Der Champagner prickelte in ihren Adern, ſie empfand ein grauſames Vergnügen dabei, die Phantaſie des Mannes ihr gegen⸗ über, deſſen Leidenſchaft ſeine ganze gebrechliche Natur beherrſchte, zu den tollſten Sprüngen herauszufordern. Er ſchwor ihr, daß noch nie ein Weib einen ſo gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht wie ſie. Jeanne Duterey warf ſich auf die Polſter des Divans zurück und lachte, daß das Kleid über ihrem Buſen zu ſpringen drohte, und ihre Augen ſprühten. Richter Lazire war an jenem Abend von Nini 92 gekommen, er kehrte nicht mehr dahin zurück. Nach Art aller unbeſtändigen Menſchen verſchob er es von einem Tag zum andern, Nini über ſeine nunmehrige Geſinnung aufzuklären. Auch Madame Chavandrier ſetzte er nicht in Kenntniß, daß ſein Verhältniß mit Nini aufgehört habe zu beſtehen, er befürchtete die Rechnung, welche Madame Chavandrier ihm für ihre guten Dienſte machen werde trotz Allem, was er ihr für Nini gegeben, und ſuchte, ſchwach wie er war, den formellen Bruch hinauszuſchieben. In der That war Jeanne Duterey's Liebe theuer, ſehr theuer. Nini Berton hatte lange nicht daran geglaubt, daß Arthur Lazire ſie wirklich verlaſſen habe; er war ihr in der letzten Zeit oft recht langweilig geworden, ſie war daher recht froh, als er einige Tage nicht kam. Nur die ſeltſamen Reden und die böſen Blicke der Madame Chavandrier ängſtigten ſie zuweilen. Endlich eines Morgens, nach einer Nacht voll beängſtigender Träume, wurde ihr durch Heloiſe eine wenigſtens zehn Seiten lange Rechnung der Madame Chavandrier ge⸗ bracht. Sie traute ihren Augen nicht, als ſie die Un⸗ ſumme las, die ſie Madame Chavandrier ſchuldig ſein ſollte. Ein zweiter Zettel theilte ihr mit, daß ſie die Rech⸗ nung zu berichtigen oder ſofort das Haus zu verlaſſen habe. Nini nahm ihr Schickſal keineswegs geduldig 4 — 93 hin wie die ſentimental⸗langweilige Heloiſe, ſie kämpfte aufs äußerſte mit ihrer Verderberin den Kampf um jeden bunten Lappen, den ſie beſaß. Frau Chavandrier, welche geglaubt hatte, leichtes Spiel zu haben mit dem jungen unerfahrenen Ding, ſchwoll vor Zorn auf wie eine Kröte, als ſie dem unerwarteten Widerſtand be⸗ gegnete und ſich ſogar genöthigt ſah, das formelle Recht, wie Herr von Lazire geſagt haben würde, zu Hülfe zu nehmen. Nini ſtarrte betäubt den Beamten an, welcher ihr nach oberflächlicher Vergleichung ihrer Habſeligkeiten mit der Rechnung der Madame Chavandrier gebot, mit Zurücklaſſung derſelben das Haus ihrer bisherigen Beſchützerin ſofort zu verlaſſen. Die Berufung auf Herrn von Lazire und ihr Verhält⸗ niß zu ihm hatte bei dem discreten Polizeimann nur zur Folge, daß ſie ihm auf die Präfectur folgen mußte, wo ihr Name in ein großes Buch eingeſchrieben und ihr eine Karte ausgeſtellt wurde mit der Weiſung, ſich allwöchentlich in der Wohnung eines Arztes, deſſen Adreſſe ihr genau bezeichnet ward, einzufinden, bei Vermeidung der Internirung in der Beſſerungsanſtalt St.⸗Lazare. Nini hatte, ſo. wenig Combinationsgabe ſie beſaß, Verſtändniß genug für die Thatſache, um nach und nach zu begreifen, daß ſie recht⸗ und ſchutzlos 94 daſtand mitten in einer Geſellſchaft, die ſie ausſtieß; ein rückſichtsloſer Trotz verdrängte den letzten Reſt ihrer kindlichen Heiterkeit, und mit einem heiſern Lachen betrat ſie den unheimlichen Weg, vor dem Moral und Aeſthetik die Augen ſchließen und der doch in ſeinen tauſend Verſchlingungen unſer geſellſchaftliches Leben unterwühlt, der, einmal betreten, nimmermehr zurück⸗ führt zu dem, was man geweſen. Die Feder kann Nini Berton auf dieſen Weg nicht folgen, nur am Ende deſſelben begegnen wir ihr wieder im Conſul⸗ tationszimmer des Profeſſors Herbiot. Ein eigenthümliches, halb verächtliches, halb ver⸗ trauliches Lächeln glitt über Nini Berton's Züge, als ſie den Geſellſchafter Stanowsky's von jenem Tage vor ſich ſah, der für ſie ſo verhängnißvoll geworden war. Bei dieſem Lächeln verbreiteten ſich hundert feine Fältchen über Nini Berton's blutloſe, vergilbte Haut. Auch dem Profeſſor war es, als habe er das Mäd⸗ chen ſchon einmal geſehen, er wußte aber in der That. nicht mehr, wo, und da auch ſein Leben reich war an kleinen pikanten Abenteuern, bei denen er die Pedanterie der Geſellſchaft und die Heuchelei, die ſie ihm aufge⸗ zwungen, für Augenblicke abgeſtreift hatte, ſo drückte ſich auf ſeinen Zügen der unbehagliche Zweifel aus, ob dieſer ſeltſamen Beſucherin gegenüber ſein gewöhnlicher 3 1 3 1 95 ſalbungsvoller Ernſt am Platze ſei oder ob er ſich damit einfach lächerlich mache. Nini Berton klärte den Profeſſor ſofort auf. „Ich habe Sie ſchon einmal mit Etienne Stanowsky geſehen“, ſagte ſie mit jenem directen Tone, wie er nur Frauen eigen iſt, die viel mit Männern verkehrt haben. Die gewöhnliche Conſultationsmiene kehrte auf das Geſicht des Profeſſors zurück. Auch er erinnerte ſich jetzt. Herr von Lazire hatte dafür geſorgt, daß auch Profeſſor Herbiot von dem Skandal, in den er faſt verwickelt worden wäre und von ſeinen guten Dienſten unterrichtet war, und der Name Stanowsky erweckte in dem Profeſſor die peinliche Erinnerung an die ein⸗ zige falſche Stellung, in die er, der lebenskluge und berühmte Mann, verſetzt worden war. Sein Auge ward daher ſcharf wie das eines Po⸗ lizeibeamten und ſeine Stimme klang kalt und ab⸗ weiſend. „Ich kenne Sie nicht. Ich erinnere mich nicht, Sie je geſehen zu haben. Was wollen Sie?“ Eine flüchtige Röthe trat in die Wangen Nini's, aber ſie ſah dem Profeſſor mit jenem kecken Hohn ins Geſicht, vor dem es keine Sitte, keine Autorität gibt. Die Achſeln zuckend erwiderte ſie: „Ich will nichts geſchenkt von Euch. Ich habe 96 Geld. Ich bin krank und wenn ich zu meinem Arzt gehe, ſchickt der mich ins Krankenhaus. Dorthin mag ich nicht. Man nennt Sie einen berühmten Arzt für derlei. Ich möchte wieder geſund werden.“ Wieder erröthete ſie, aber als ſie Herbiot genauer anſah, bemerkte er, daß jenes Roth aus vielen kleinen rothen Flecken beſtand, die unter der Haut hindurch⸗ ſchimmerten. Schweigend wies Profeſſor Herbiot auf die Thür des Nebenzimmers. Nini trat ein. Der Profeſſor folgte ihr und ſchloß die Thür. Als ſich letztere wieder öffnete, trug Nini ein kleines beſchriebenes Recept in der Hand, das ſie ſorg⸗ fältig feſthielt. „Aber nur, wenn Sie das Recept in der Phar⸗ macie Arvot machen laſſen, kann ich für den Erfolg garantiren“, ſagte Profeſſor Herbiot nachdrucksvoll. Ganz Paris, mit Ausnahme der Clienten des Profeſſors, wußte, daß die genannte Pharmacie eigent⸗ lich ihm gehörte und daß Arvot nur ſein Untergebe⸗ ner war. Nini nickte. „Und ich werde gewiß wieder geſund werden?“ „Wenn Sie genau nach meinen Vorſchriften han⸗ deln, ſtehe ich für den Erfolg der Kur.“ —— 97 Etwas wie Hoffnung verklärte einen Augenblick Nini's Geſicht. Dann zog ſie eine defecte Börſe. „Was habe ich zu bezahlen?“ Mit einer unnachahmlichen Bewegung der Hand wies Profeſſor Herbiot auf den grünen Tiſch, wo die Goldſtücke aufmarſchirt waren. „Nach Belieben.“ Nini erſchrak. Das kleinſte der dort liegenden Goldſtücke betrug zwanzig Francs. Sie hatte außer einem Napoleon nur noch zehn Francs in Gold und ſechs in Silber. Mit zitternder Hand und Thränen in den Angen legte ſie den Napoleon zu ſeinen Genoſſen auf den grünen Tiſch. „Und ich werde ganz gewiß geſund?“ fragte ſie wieder und ihre Stimme bebte leiſe. In dieſem Augenblick trat Florentin ein, zum Zeichen, daß die fünfzig voll ſeien. Der Profeſſor wies mit einer nicht mißzuverſtehen⸗ den Geberde nach einer Seitenthür. „Ich glaube Ihnen das Nöthige mitgetheilt zu haben— meine Zeit drängt, im Warteſalon harren fünf⸗ zig Perſonen meines Rathes.“ Nini Berton ging. Sie konnte jetzt, ohne Aufſehen zu verurſachen, durch die belebten Straßen wandeln. v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. IV. 7 98 Niemand ſah ſich auch nur flüchtig nach dem abgema⸗ gerten Geſicht und der unſcheinbaren Toilette um. Unangefochten gelangte Nini Berton in die Phar⸗ macie Arvot. Der junge Menſch, der dort bediente, lächelte verſtändnißinnig, als er das Recept las. Dann nahm er von einem Geſtelle eins der vielen blauen Paquete, welche dort hochaufgeſchichtet lagen. „Ein Paquet indianiſche Regenerationspaſtillen, acht⸗ zehn Francs“, ſagte er eintönig, indem er das Paquet in ein Papier einſchlug. Nini Berton hielt ſich wankend am Ladentiſch. „Ich habe nur ſechzehn Francs!“ murmelte ſie tonlos, indem ſie ihre Baarſchaft auf den Tiſch zählte. Während ſie ſo troſtlos auf ihre ungenügende Baar⸗ ſchaft herunterblickte, fiel ihr Auge auf die goldene Tuchnadel, die ihren Shawl zuſammenhielt. „Ich komme gleich wieder“, ſagte ſie zu dem Com⸗ mis, der ihr theilnahmlos gegenüberſtand, und eilte davon. Sie kam bald wieder. Ihr Shawl ward nun von einer gewöhnlichen Nadel zuſammengehalten, aber ihre Augen glänzten vor Befriedigung und ein Schim⸗ mer ehemaliger Fröhlichkeit ſtrahlte auf ihren Wan⸗ gen. Sie legte noch zwei Francs zu dem übrigen Gelde, nahm ihr Paquet und verließ die Pharmacie, die Börſe leer, das Herz voll Hoffnung und in —— — 9— 99 der Hand die werthloſe Miſchung von einigen gewöhn⸗ lichen Theeſorten mit Zucker und ſchlechter Chocolade. Als ſie in eine der mit der Rue des Martyrs parallel laufenden kleinen Straßen des Quartiers Breda einbog, blieb ſie plötzlich ſtehen. Herr von Lazire mit einer Dame am Arme ging an ihr vorüber. Herr von Lazire ſah ſehr mager und krank aus und die Dame an ſeinem Arme mit der ſonderbaren überjugendlichen Toilette und dem bemal⸗ ten Geſicht war Heloiſe. Sie blickte ſchwärmeriſch dem wiedergewonnenen Geliebten ins Geſicht, als wolle ſie ihm zum hundert⸗ ſten Mal ſagen, daß es nur ihr ausdauerndes zärt⸗ liches Herz geweſen ſei, das alle Proben überdauert und ſich ihn endlich wiedergewonnen habe. Fünftes Kapitel. Am Abgrund. Die Geſchwiſter Jaccard hatten es mit einer Art ſtumpfer Gleichgültigkeit geſchehen laſſen, daß Reymond und Jeanneton den bekehrten Pore Androlet ſo raſch als möglich ruinirten. Sie waren nicht hinunterge⸗ ſtiegen zu ihnen, aber wenn Reymond und ſeine luſtige Geſellſchaft herauffamen in die Manſarde, um hier ihre tolle Wirthſchaft fortzuſetzen, ſo hatten ihnen die Geſchwiſter nicht gewehrt. Stumm und regungslos wie Niobe ſaß Louiſon auf ihrem Stuhl am Fenſter und ein ſeltſames düſteres Lächeln zuckte über ihr Ge⸗ ſicht bei den weltumſtürzenden Phraſen, die ſie zu hören bekam. Sie hatte René Mondelion nichts vorzuwerfen; er hatte gegen ſie ſo ehrlich gehandelt, wie kein Anderer ſeiner Standesgenoſſen es gethan haben würde, er liebte 101 ſie tief und aufrichtig, und dennoch verzieh ſie ihm nicht, daß er ſie ſo unſaglich elend gemacht, daß ſie ihn noch immer liebte, trotz aller Verſuche, dieſe Liebe ſich aus dem Herzen zu reißen. Statt ſeiner haßte ſie die ganze Raſſe, der er angehörte und die ihn zu dem gemacht, was er war, und mit grauſamem Jubel hörte ſie täglich von dem Cancan der Anarchie, den die wilde Bande, von der ſie umgeben war, auf dem enthaupteten Rumpfe der Geſellſchaft tanzen wollte. Nur manchmal, wenn ſie ihre perſönliche Würde durch eine der zügelloſen Reden beleidigt glaubte, flammte es unwillig auf aus ihren großen Augen, und keiner von denjenigen, der das Funkeln dieſer Blicke geſehen, wagte zum zweiten Mal es herauszufordern. Jean Jaccard war in letzter Zeit wenig mehr zu Hauſe; die Pariſer Section der Internationale hatte ihn zu ihrem Secretär erwählt und er hatte gegenwärtig, da das Kriegsgeſchrei ſelbſt die klarſten Köpfe betäubte, genug zu thun, um im Vereine mit dem Mann von London den jungen, aus allen Fugen drängenden Verein zuſam⸗ menzuhalten. Es war dem Mann von London gelun⸗ gen, den Studenten zu überzeugen, daß die Probleme, welche die Menſchheit in nächſter Zukunft zu löſen haben werde, durch einen ſiegreich geführten Krieg des Kaiſerreichs nur hinausgeſchoben werden könnten, daß 7 102 die Internationale daher die Verpflichtung habe, ſtreng darüber zu wachen, daß aus ihren Reihen der Kriegs⸗ zug der Tyrannen gegen einander nicht verſtärkt werde. Die Kämpfer der Menſchheit müßten kampfbereit und geduldig einer Gelegenheit zum Eingreifen harren, die bei dem bevorſtehenden Völkerkrieg nicht ausbleiben könne. Jean Jaccard's klarer Verſtand ſah das ein, daß die Verwirklichung ſeiner Principien von dieſem Kampfe nicht zu erhoffen war, daß ein Sieg ſeines Vaterlandes im Gegentheile dem Despotismus das end⸗ gültige Siegel der Legitimität aufdrücken müſſe; nach einem harten Kampf mit ſich ſelber hatte er daher mit allen Reſten eines herkömmlichen Patriotismus abge⸗ ſchloſſen. So glaubte er. Jede vorüberz ziehende Sol⸗ datencolonne jedoch, jeder Schrei des Enthuſiasmus, der zu ihm drang, durchzuckte ihn wie der Vorwurf eines Verbrechens. Die überzeugendſte Doctrin verdrängt nicht an einem Tage, was die erſten zwanzig Jahre des Lebens in ein empfängliches Jünglingsherz ge⸗ pflanzt haben. Auch Jean's Vater war zuerſt Fran⸗ zoſe, dann erſt Republikaner geweſen, und wenn man ihm von dem Untergang des franzöſiſchen Na⸗ mens in einer ſocialiſtiſchen Univerſalrepublik geſpro⸗ chen, er hätte ſich entſetzt auf die Seite der franzöſiſchen Regierung geſtellt, wie immer ſie auch ſein mochte, ——————— - . 103 und an der Seite der ihm bis zum Tod verhaßten Ariſtokraten und Pfaffen wäre er gegen den gemein⸗ ſamen Feind, das Ausland, marſchirt. Auch Jean Jaccard hatte zwanzig Jahre lang das Nämliche ge⸗ glaubt wie ſein Vater, aber ſechs Wochen reichten hin, um ihm zu beweiſen, daß der Begriff Vaterland ein Vorurtheil und daß nur die Menſchheit werth ſei, für ſie zu kämpfen, ſich für ſie zu opfern. Und dennoch zuckte er zuſammen, wenn ein Gaſſenjunge ihm ſein „A Berlin!“ ins Ohr ſchrie, dennoch erröthete er und eilte raſch vorüber, wenn eine Straßenenthuſiaſtin des Krieges dem jungen hübſchen Studenten mit einem „A bas les Prussiens!“ die kleine Hand hinſtreckte. Und als er heute einer Artilleriecolonne begegnete, deren Mannſchaft mit bekränzten Käppis nach dem Bahnhof marſchirte, während eine johlende Menge, die Marſeil⸗ laiſe ſingend, mit einherzog, ſo ſchlich er ſich mit zu Boden geſchlagenen Augen ſcheu vorbei und glaubte jeden Augenblick den Ruf Feigling zu vernehmen. Den jungen Medicinern, welche im letzten Jahre ſtudirten und ſich als Militärärzte verwenden laſſen wollten, wurde die Prüfung erlaſſen. Die meiſten Collegen Jean Jaccard's eilten zu den Fahnen, er meldete ſich nicht. Man ſuchte ihn zu beſtimmen, der allgemeinen Bewegung ſich anzuſchließen, man beſpöttelte, man ver⸗ 104 achtete ihn zuletzt, umſonſt. Jean Jaccard blieb dem Verſprechen treu, das er in die Hände des Mannes von London niedergelegt, und blieb. Von all dem aber laſtete ein dumpfer Druck auf ſeinem Geiſte. Auch heute ſaß er in finſterem Brüten auf der hölzernen Bank vor dem Tiſche, die gefurchte jugendliche Stirne in die ab⸗ gemagerte Hand geſtützt und dann und wann ſcheu und unſtät aufblickend, wenn das Rollen von Kanonen und die kriegeriſchen Märſche der Muſikbanden über die Dächer drangen. Wenn ier ſo halb zornig, halb ſehn⸗ ſüchtig nach dem Fenſter ſchaute, wo Louiſon ſaß und den dunklen Stimmen ihres Innern lauſchte, erſchienen die Linien ſeines Geſichts ſcharf und um ein Jahrzehnt gealtert und in ſeinen Augen flackerte das Feuer einer düſtern Energie. In eine Ecke gedrückt ſaß Père Androlet, der hier Schutz ſuchte vor Gläubigern und Executoren. Unverwandt und ſtier, wie ein ſterbender Hund ſeinen Herrn, glotzte der bankrotte Krämer Louiſon an. Seine Augenlider waren geſchwollen, ſein noch vor kurzem waſſerſüchtig aufgedunſenes Geſicht begann zuſammenzufallen und die welken Wangen hingen weit herab. Die Executoren hatten Poère Androlet nur einen alten abgetragenen Ladenanzug gelaſſen, deſſen Beine und Aermel ihm viel zu kurz waren und ſich bei 105 bei ſeiner kauernden Stellung noch mehr zurückzogen. Louiſon hatte keinen Blick für das Elend, das, wenn ſie es auch nicht verſchuldet hatte, doch ihr Werk war. 3 Die Manſardentreppe knarrte unter dem Tritt eines Heraufſteigenden. Pere Androlet kauerte ſich in ſeiner Ecke noch mehr zuſammen, als fürchte er die Ankunft eines neuen Bedrängers, wendete aber den Blick nicht einen Augenblick von Louiſon, als ſei ſie die Schutzgöttin, deren Anblick ihn von allen Bedräng⸗ niſſen erlöſe. Die Thür that ſich auf und Reymond ſtolperte berein, unter jedem Arm eine Literflaſche voll Rothwein. Er ſetzte die beiden Flaſchen mit Nachdruck auf den Tiſch, gerade vor Jean, daß dieſer unwillig den Kopf erhob. Reymond ſah verhältnißmäßig noch immer elegan⸗ ter aus als ſein Beſchützer Androlet, ſeine Kleidung war, wenn auch ſehr vernachläſſigt, von neueſtem Schnitt und gutem Stoffe.„Das hat Mühe gekoſtet“, ſagte er und blies einen tiefen Seufzer von ſich und 5 ſeine etwas ſchwerfällige Zunge zeugte von den Wir⸗ kungen bereits genoſſenen Weins.„Das hat Mühe ge⸗ koſtet, bis mir der verdammte Schlauch von Wein⸗ händler die beiden Liter gab. Zuerſt, um ihn ſicher zu machen, beſtellte ich mir ganz großſchnäuzig ein Glas 106 zu acht Sous und klapperte mit meinen Schlüſſeln in der Hoſentaſche. Der Giftmiſcher hatte jedoch die Lection von letzthin— Ihr wißt, wo er eine bleierne Gedenk⸗ münze an die Induſtrieausſtellung für ein Fünffranesſtück nahm und mich ſicher wegen Falſchmünzerei verklagt hätte, wenn ihm vor dem Spott nicht bange geweſen wäre— das hatte er noch nicht vergeſſen, wie es ſcheint, und gab mir ſchon höchſt mißtrauiſch mein Glas Wein. Dann fragte ich, was zwei Liter von ſeinem beſten koſteten. Der Kerl ſuchte ſich nun zu rächen für die Induſtrieausſtellung und forderte für die Flaſche dritthalb Francs. Dabei hielt er ſie fortwährend in der Hand, daß ich ſie nicht, wie ich im Sinn hatte, nehmen und einen kleinen Wettlauf mit ihm machen konnte. Was war alſo da zu machen?“ Und Reymond blickte ſich mit trüben Augen von einem zum andern um, den Grad der Spannung zu beobachten, bis zu welchem er die Aufmerkſamkeit ſeiner Zuhörer geſteigert. „Was war alſo da zu machen? Poͤre Androlet, ſchneidet kein ſo unſaglich dummes Geſicht! Eure Fratze iſt nur erträglich, wenn ſie lacht, mit dieſer Todten⸗ gräbergrimaſſe aber iſt ſie unausſtehlich. Ich glaub' Euch aufs Wort, daß Ihr dem Kerl, der ausſieht wie der ausgetrocknete Schlauch einer Feuerſpritze, die 107 zwei Liter in Ewigkeit nicht wegbugſirt hättet, obwohl Ihr ſo gute Freunde wart, daß er Euch ſchon dreimal den Executor ſchickte. Wenn Ihr was Geniales erleben wollt, müßt Ihr zu Paul Mervin und zu mir kommen. Den Induſtriethaler hat er mir auch gegeben. Er iſt der Gedanke, ich die That, er der Kopf, ich der Arm. Seht!“ Reymond ſtreifte den Aermel ſeines Rockes empor, ein nicht mehr ganz tadelloſes Hemde wurde ſichtbar und in der Höhe des Ellbogens befeſtigt eine ſchwarze Schnur, deren Ende bis etwa eine Handbreit an das Fauſtgelenk reichte und in einem Fünffrancs⸗ ſtück von ziemlich bleiernem Glanze endigte. Rey⸗ mond dehnte die Schnur aus, daß er den Thaler in die Hand bekam, zog den Aermel über die ganze Ma⸗ ſchinerie, legte den Thaler auf den Tiſch und hob die Hand auf. Mit dem Wegnehmen der Hand war auch der Thaler in der Höhlung des Aermels verſchwunden. Reymond lachte und Pore Androlet bewies durch einige unheimlich hervorgeſtoßene Töne, daß er ſich verpflichtet hielt, mitzulachen. „Bravo, alter Kaffeeſack!“ rief Reymond und wankte auf Androlet zu, ſetzte ſich auf ſeinen Schooß und ſchlang einen Arm um ſeinen Hals.„Bravo! Ihr hättet Euch ſchon längſt den Hals abgeſchnitten vor Langerweile, 108 wenn ich nicht bei Euch wäre. Nun gut, ich ſprach zu meinem Freund Weinhändler ſo laut, daß es alle in der Kneipe hören mußten:„Da habt Ihr fünf Livres für Euren Eſſig, alter Gauner, und daß Ihr mir nicht wie⸗ der behauptet, das Geld ſei falſch, ſonſt ſchlag' ich Euch die Knochen im Leibe zuſammen, hört Ihr?“ Der alte Bleizuckerfabrikant ſtreckte ſeine ſchmuzige Klaue aus, langſam und bedächtig legte ich den Thaler hinein, daß es alle ſehen konnten, und nahm mit der andern Hand die beiden Liter beim Kragen— der häßliche Kerl ließ die Flaſchen los. Ihr hättet aber den Randal hören ſollen, der jetzt losging. Der Giftmiſcher behaup⸗ tete, ich habe ihm nichts gegeben, und wollte ſeinen Wein wieder. Ich ſtreckte meine Hand empor und rief alle Anweſenden zu Zeugen an, daß ich ihm fünf Franes gegeben, und ſchwur, ihm die beiden Liter eher am Kopf zu zerſchlagen, als ſie zurückzugeben. Die meiſten, die den Fünflivre geſehen hatten, nahmen für mich Partei, andere, die ihn auch geſehen, aber bei dem Harpagon in der Kreide ſtanden, waren gegen mich. Die Geſchichte wurde immer toller, bis ſie ſich gegenſeitig bei der Gurgel hatten; ich benutzte dieſen Moment, um mich aus dem Staube zu machen, und glaube, ſie prügeln ſich noch. Es iſt zu toll.“ Und Reymond lachte wieder und Pore Androlet's —————— ——— 109 ſeltſames Grunzen bewies, daß nuch er ſich bemühte, luſtig zu ſein.⸗ Jean Jaccard hatte mit einem finſtern Stirn⸗ runzeln zugehört. Seine Mundwinkel zogen ſich immer tiefer herab und ſeine Blicke hefteten ſich immer zor⸗ niger auf den angetrunkenen Studenten. Er ſchob die Flaſchen, die Reymond vor ihn hin⸗ geſtellt, ſo heftig von ſich, daß eine davon umfiel, über den Tiſch rollte und klirrend auf dem Boden zerſprang. Der rothe Inhalt verbreitete ſich wie eine Blutlache über die unebenen Dielen. 4 Louiſon und Pore Androlet waren erſchreckt auf⸗ geſprungen. Die innere Unzufriedenheit, die Jean Jac⸗ card quälte, hatte ſich gewaltſam Bahn gebrochen und zürnend ſtand der Student vor ſeinem liederlichen Ge⸗ noſſen. „Wie Du ſagſt, es iſt zu toll! Damit Du nicht einen Augenblick nüchtern zu werden brauchſt, hetzeſt Du uns zuletzt die Criminalpolizei auf den Hals. Es gibt auch für die Liederlichkeit eine Grenze, wo ſie aufhört und Schurkerei wird.“ Reymond's erhitztes Geſicht wurde todtenblaß. Sichtbar ſchwanden die Nebel des Rauſches von ſeinem Ge⸗ hirn. Er war gewöhnt, daß Jean Jaccard zu ſeinen zwei⸗ deutigſten Streichen ein duldungsvolles Schweigen hatte. — 1˙0 „Und das ſagſt Du mir, Jean, Du, der Socialiſt, der mit feuriger Zunge die Vernichtung aller Privi⸗ legien predigt? Du nennſt mich einen Schurken, weil ich der Zukunft etwas vorgreife ünd dem verächtlichſten Giftmiſcher zwei Flaſchen Wein abnehme, ohne nach einem lächerlichen Vorurtheil ein rundes weißes Stück Metall dafür in ſeine Hand zu legen, während der Kerl doch nicht das geringſte Recht hat, auch nur eine Flaſche mehr zu beſitzen, als wir trinken können? Sind das Deine Principien?“ Jean Jaccard war etwas ruhiger geworden. „Es möchte heute wohl vergebliche Mühe ſein, mit Dir über Principien und ihre Conſequenzen zu ſtreiten; geh ſchlafen und ſchicke mir Jeanneton, ich werde ihr ſagen, was ich Euch mitzutheilen habe.“ Reymond ſenkte das Haupt. „Jeanneton? Jeanneton? Sie iſt ſchon acht Tage nicht nach Hauſe gekommen. Es iſt ihr wahrſcheinlich wieder zu ſchmal geworden bei uns und ſie hat fettere Weide geſucht. Es iſt ja gleichgültig. Sei daher ver⸗ nünftig, Jean Jaccard, auch Du wirſt dazu kommen, einen beſtändigen Rauſch für den angemeſſenſten inenſch⸗ lichen Zuſtand zu halten. Die Welt iſt zu erbärmlich.“ „Sie iſt nur dann erbärmlich, wenn wir ſelbſt es ſind, Reymond!“ ſagte Jean Jaccard mit tiefem Ernſte. 111 Louiſon hatte wie aus tiefem Schlaf erweckt dem Geſpräch gelauſcht. Jetzt trat ſie vor und legte ihre Hand leicht auf die Schulter des Bruders, als wolle ſie das bekräftigen, was er ſagte. Da flog die Thür auf, und noch in ihrem Anzug von dieſer Nacht, mit in Unordnung gerathenen Haa⸗ ren und den Reſten der Schminke auf den Wangen taumelte Jeanne Duterey ins Zimmer. „Jean!“ rief ſie mit heiſerer Stimme lachend und warf ihr Bündel mit den Goldſtücken auf den Tiſch, daß der Knoten ſich lockerte und einige Napoleons klingend über den Boden rollten,„Du ſprichſt wie ein Pfaffe, und Reymond ſteht da, als ſei ihm, ſeit ich ihn ver⸗ laſſen, der Wein über den Kopf ſtatt durch den Hals gegoſſen worden. Laßt die Grillen, Kinder! Da drunten ſchreien ſie wie die Beſtien vor Vergnügen, weil ihnen der Kaiſer, der ſie ſchon zwanzig Jahre ſchindet, nun noch von den preußiſchen Bajonetten den Bauch aufſchlitzen laſſen will, alſo haben wir auch ein Recht, auf unſere Art zu crepiren. Sei ruhig, Reymond, alberner Junge, Du haſt jetzt wieder für ein Vierteljahr zu leben, Du und Ihr alle hier. Greift zu, dort liegt die wahre Philoſophie des Lebens, und wenn's einmal über die Reichen hergeht, da haben Reymond und ich unſere Rollen ſchon getheilt. Er revidirt die Weinkeller, aber 112 nur nach dem älteſten Gewächs, und ich ſchneide die Matratzen auf, um die Kaſſen herauszuholen. Nun, was ſchaut Ihr mich alle ſo an? Bin ich ein Geſpenſt? Wenn Ihr mich die halbe Nacht da unten klopfen laßt, ohne aufzumachen, und mich zwingt, den Sonnenauf⸗ gang im Bois in einer Droſchke zu erwarten, dann kann ich unmöglich anders ausſehen. Ich hatte meine guten Gründe, nicht nach meinem Interimsquartier zurückzukehren. Der Kutſcher war ein ehrlicher Kerl, er hätte mich ohne jede Anſtrengung plündern können, ſo feſt ſchlief ich. Er wagte mich nicht zu wecken, be⸗ hauptete der Schlaukopf, und ſo ſchlief ich bis vor einer Stunde und erwachte wie gerädert. Das Nachtlager war das ſchlechteſte und theuerſte, das ich jemals hatte— der ehrliche Kerl verlangte fünfzig Francs für die Nacht. Nun, was iſt's? Louiſon, Jean. Jaccard, Reymond! Seid Ihr denn ſtumm geworden durch mei⸗ nen Anblick?“ Nachdem ſich Jeanneton die Geſichter ihrer Freunde der Reihe nach angeſehen, fiel ihr Blick auf Pére An⸗ drolet, deſſen ſtumpfes Auge von Louiſon bisweilen nach dem goldgefüllten Taſchentuch irrte, das auf dem Tiſche lag. „Und auch Ihr, Vater Androlet, verzieht keine Miene, als ob das Geld nicht ebenſo gut das Eure 113 wäre wie das unſere. Ihr habt bis jetzt mit uns ge⸗ kheilt, jetzt theilen wir mit Euch. Während die Andern ſich todtſchießen laſſen, wollen wir ihnen zeigen, daß uns das Leben doppelt gefällt. Nun, Louiſon, was habt Ihr? Was bedeutet das verächtliche Geſicht, Jean Jaccard? Was habt Ihr? Aber ſo redet doch!“ Jean Jaccard hatte, während Jeanneton, noch trunken von der Aufregung der Nacht, zu ihnen ſprach, das leiſe Zittern von Louiſon's Hand auf ſeiner Schul⸗ ter geſpürt und ſich umwendend in ihr vor Schmerz und Abſcheu zuckendes Geſicht geſchaut. Jetzt, als Jeanneton ſchwieg, als ſelbſt Père Androlet unter dem Druck des unheimlichen Augenblicks das Antworten vergaß und Reymond umſonſt mit ſeinem gewöhnlichen fri⸗ volen Lächeln den Ernſt zu bannen ſuchte, unter dem ſeine Züge widerwillig erſtarrten, fragte Jean Jaccard leiſe und vorwurfsvoll: Und woher habt Ihr denn das viele Geld, Jeanne Duterey?“ Jeanneton ſchaute den Studenten verblüfft an, dann brach ſie in ein ſchallendes Gelächter aus. „Ja, ſoll denn die Komödie den ganzen Tag dauern, Jean? Woher ich das Geld habe? Ich hab's gewonnen im Spiel mit dem Gelde eines hübſchen blonden Herrchens, das eigentlich gar nicht verdiente, v Schlägel, Nach uns die Sündflut IV. 8 3 114 daß ich es mit offenem Munde ſtehen ließ, nachdem ich das Geld gewonnen hatte, und wieder zu Reymond lief. Seid Ihr nun zufrieden? Sei fröhlich, Louiſon! Dein Bruder hat heute üble Laune— kein Wunder, wenn einem der Kopf brummt bei dem Tumult in der Stadt. Ich will mich umkleiden und dann fahren wir zuſammen aus, um ein neues Kleid für Dich zu kaufen. Das Deine iſt faſt nicht mehr zu flicken, ar⸗ mes Ding. Woher ich das Geld habe! Nicht wahr Reymond, danach fragen wir beide nicht mehr, darüber ſind wir hinaus!“ Der leichte Ton, in dem ſie dies ſagen wollte, gelang ihr nicht mehr ganz. Auch Reymond's Stimme war unſicher, als er ſagte: „Jeanneton hat Recht. Ehre und Treue ſind hübſche reinliche Toilettenartikel für die Reichen, für den Armen werden ſie zum Halseiſen, und es wäre eine Thorheit, daran zu Grunde zu gehen. Jeanneton hat Recht!“ Jeanne Duterey machte eine Bewegung, um ſich Louiſon zu nähern. „Sei vernünftig, Louiſon!“ Louiſon ſtreckte abwehrend die Hand aus und wendete das Antlitz zur Seite. 115 Jeanne Duterey blieb ſtehen, und das verlegene Roth, das ihr Geſicht noch eben überdeckt hatte, flüch⸗ tete ſich tief zwiſchen die bläulichen Lippen, und nur in unregelmäßigen halbverwiſchten Flecken blieb die für das Gaslicht berechnete Zinnoberſchminke auf den Wangen zurück. „Ah, ſo iſts gemeint! Die tugendhaften Geſchwiſter Jaccard halten ſich auf einmal zu gut für uns! Hat ſich etwa wieder der huͤbſche Baron in der Nachbar⸗ ſchaft gezeigt, um den die ſchöne Louiſon ſchon Mo⸗ nate lang ſeufzt? Dann allerdings muß man mit un⸗ bequemen Freunden aufräumen, damit die ariſtokratiſche Naſe nichts von ihrem plebejiſchen Parfüm verſpürt und damit der goldene Vogel länger bleibt als das letzte Mal. Verdreht Eure Augen nicht ſo gewaltig, ſtolzer Bruder, und thut nicht ſo zimperlich, zartes Ariſtokratenliebchen, Père Androlet, der arme verliebte Narr hat geplaudert; fünfhundert Francs bezahlt man einem Studenten der Medicin nicht für ein paar kalte Umſchläge, und wenn man ſo ſehr auf Ehre capricirt iſt, nimmt man ſie nicht ſo dankbar an. Ihr braucht mein Geld nicht, ich will's glauben, aber ich rathe Euch, haltet diesmal Euer Barönchen feſter und melkt es tüchtiger als das erſte Mal. Jeanne Duterey wünſcht Euch alles Glück dazu und wird Euch dabei 8* 116 nicht ſtören. Komm, Reymond! Kommt, Vater Andro⸗ let, auch Ihr ſeid hier überflüſſig!“ Louiſon ſchaute noch ſtarr auf die Thür, nachdem ſie ſich ſchon lange hinter Jeanne Duterey und den Andern geſchloſſen. Dann wendete ſie ſich gegen ihren Bruder. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und hre Stimme klang dumpf und tonlos. „Iſt es wahr, Jean, was ſie eben geſagt haben, daß für den Armen nichts übrig bleibt als die Schande? Daß Ehre und Treue für uns eine lächerliche An⸗ maßung ſind? Daß das reinſte, erhabenſte Gefühl ſich verzerrt in Elend und Gemeinheit, wenn man arm iſt? Daß der Niedere nicht ehrlich ſein kann?“ Jean Jaccard ſtand eine Weile, ohne zu antworten. Sein Geiſt bewegte ſich in einer andern Richtung. „Ich glaube, wir ſind zu hart geweſen gegen Jeanne und Reymond. Sie ſind ja nur das, was ſie naturgemäß werden mußten. Jeanne ſprach im Zorn, ſie glaubt nicht, was ſie zu Dir ſagte. Ob ſie Recht haben, daß Ehre und Treue für den Armen eine lächer⸗ liche Anmaßung ſeien? Gewiß haben ſie Recht. So⸗ lange die Pflichten und Rechte für die Menſchen nicht die gleichen ſind, gibt es keine Ehre, ſolange der Eine im Ueberfluß ſchwelgt, der Andere hungert, iſt Treue ein Wahnſinn.“ — . 414 Langſam löſten ſich Louiſon's Hände von dem Arm des Bruders, den ſie wie hülfeſuchend umklam⸗ mert hatte. Jean Jaccard fuhr der Schweſter beruhi⸗ gend über das einfach geſcheitelte dunkelglänzende Haar. Sie wehrte die Liebkoſung trübe lächelnd ab. „Du beweiſt mir am Ende noch, daß Geſchwi⸗ ſterliebe eine Thorheit und daß für ſeine Ueberzeugun⸗ gen ſich zu opfern eine Lächerlichkeit ſei, für die uns Niemand dankt.“ „Man thut nie, was man will, ſondern ſtets, was man muß. Es gibt für die große Maſſe der Menſchen keine Entſchlüſſe und Neigungen, ſeudein Gewohnheit und Nothwendigkeit. Ich ſelbſt— „Du ſelbſt?“ fragte Louiſon angſtvoll. „Wir ſelbſt“, ſagte Jean Jaccard langſam und ſinnend,„würden auf Seite der Unterdrücker ſtehen und uns vielleicht um einer Erbſchaft willen haſſen, wenn wir zufällig die Kinder reicher Leute und nicht die Waiſen André Jaccard's und unſerer Mutter wären. Nimm Dir daher die heftigen Worte Jeanne Duterey's nicht ſo ſehr zu Herzen und ſuche das Leben zu ertragen, ſo gut es geht.“ Jean Jaccard nahm ſeine Mütze und wollte gehen. Da trat ſeine Schweſter mit zuckenden Lippen ihm in den Weg. Langſam liefen ein paar Thränen 118 aus ihren glühenden Augen. Louiſon faßte den Arm des Bruders und ſagte mit unheimlich leiſer, drohender Stimme: „Aber ich will dies Leben nicht ertragen, hörſt Du? Ich will nicht. Ich fürchte das Elend. Ich will es nicht dulden, wenn es zugleich die Schande iſt. Ich will es nicht, hörſt Du?“ „Komm zur Ruhe, Louiſon, und hoffe mit mir auf den großen Tag, welcher auf den Trümmern des Beſtehenden der Menſchheit eine neue goldene Zukunft bringt. Dann können wir jubelnd leben oder uns opfern für alle und zeigen, daß wir nichts gemein haben mit jenen, welche Alles opfern für Genuß und Taumel eines Tages. Der Tag iſt nicht mehr fern, Louiſon.“ 3 Louiſon ſchüttelte finſter den Kopf. „Ich warte ſchon zu lange auf ihn. Dieſer Hoff⸗ nung habe ich das Theuerſte geopfert. Ich hätte auch das Elend lautlos hingenommen, aber wenn das Elend zugleich Gemeinheit und Schande iſt— ich kann nicht, ich kann nicht.“ Louiſon war auf einen Stuhl geſunken und hatte mit zuckenden Händen die Lehne umfaßt. Ihr Körper bebte leiſe wie von Fieberfroſt geſchüttelt. „Ich kann nicht, ich kann nicht“, flüſterte ſie leiſe. 1¹9 Jean Jaccard ſtand rathlos neben ſeiner Schwe⸗ ſter. Sein verdüſtertes Gemüth fand keinen Ausweg, keinen Troſt, und zur Lüge war er zu ehrlich, und den⸗ noch wagte er Louiſon in dieſem Zuſtande nicht zu verlaſſen. Wie Louiſon eben, ſo hatte ihn einſt ſeine Mutter angeblickt, damals, als ſie vom Grafen Agenoux kam und ihr der Sohn den Schleier vom Geſicht riß, ſo hatten ihn die großen Augen verzweiflungsvoll an⸗ geſtarrt, die er nur wieder ſehen ſollte weit offen und gläſern und trübe wie das Waſſer der Seine, das eine Nacht lang über ſie dahingerollt. Da klopfte es an die Manſardenthür, zuerſt leiſe, dann ſtärker. Ohne einen Laut von ſich zu geben, ſchaute der Student auf, als ſei es etwas höchſt Sonderbares, daß es noch Jemand auf der Welt gäbe, der zu ihm komme. 4 Endlich öffnete ſich die Thür von ſelbſt, und eine hohe Frauengeſtalt trat ein, wie ſie dieſe Räume wohl noch nie empfangen hatten. Es war die Baronin⸗ Mondélion; vor der Thür erblickte man mit abgezoge⸗ nem Hut einen Bedienten in großer Livree, grün und mit Gold. Auch die Mutter René's hatte, zum erſten Mal ſeit dem Staatsſtreich, große Toilette gemacht, und die imponirende Würde ihrer Geſtalt ward noch 1 120 erhöht durch das Schleppkleid von ſchwarzem Moirée 3 antique, das in ſchweren Falten ihr nachrauſchte, und durch den Mantel von dunkelglänzenden Spitzen, deren dichtes labyrinthiſches Gewebe, jeder Bewegung des Kör⸗ pers ſich anſchließend, von ihren Schultern herabwallte. Ein Hut von Stuartform mit auf die Stirn herein⸗ gebogener Spitze umrahmte die weißen Haare und das ehrwürdig ſchöne Geſicht der alten Frau, welche, den befangenen Gruß des Studenten mit einem leichten Kopfnicken erwidernd, auf Louiſon zuſchritt. Jean Jaccard hatte die alte Dame erkannt und bemühte ſich vergebens, ſeine Schweſter aus der Lethargie aufzurütteln, in der ſie ſich befand. Erſt beim Klang der Stimme der Baronin erhob Louiſon ihr ver⸗ ſtörtes Geſicht, über das einige ihrer rabenſchwarzen Haare verwirrt hereinhingen. Verſtört ſtarrte ſie die Baronin an, die ſich theilnehmend zu ihr niederbeugte. „Sie haben Kummer, mein armes Kind! Was fehlt Ihnen? Vielleicht ſteht es in meiner Macht, Ihnen zu helfen.“ Mit geſenktem Haupte ſaß Louiſon und überließ ihre Hand der alten Dame, die ſo gütig zu ihr ſprach, wie außer ihrem Vater und René noch nie ein Menſch zu ihr geſprochen. Aber ſie ſchüttelte langſam den Kopf. 121 „Mir iſt nicht mehr zu helfen.“ Das Auge der Greiſin richtete ſich ſchärfer auf das verzweifelnde Mädchen und eine leichte Unruhe lag auf ihren Zügen. Dann wandte ſie ſich an den Studenten. „Ich kenne den Grund des Kummers Ihrer Schwe⸗ ſter nicht und bin daher nicht in der Lage, ſie zu tröſten. Doch ich vermiſſe ein anderes Glied Ihrer Familie, deſſen Bekanntſchaft ich zugleich mit der Ihrigen machte. Sie nannten damals die junge Dame Ihre Frau.“ Jean Jaccard hatte allmälig ſeine Faſſung und ſeine gewöhnliche beſcheiden nachläſſige Ruhe wiedergefunden. Auch Louiſon richtete ſich langſam auf und fing an mit ängſtlichem Intereſſe der Unterhaltung zu lauſchen. „Jenes Mädchen“, ſagte Jean Jaccard einfach und ſeine Stimme bebte nur wenig und ſein Auge blieb trocken,„jenes Mädchen hat uns verlaſſen!“ Ueber das Antlitz der alten Dame glänzte es wie Zufriedenheit. Dann begann ſie wieder: „Und— Sie verzeihen meine Zudringlichkeit, ſie entſpringt den beſten Beweggründen— iſt jenes Mädchen nicht erſetzt worden?“ Das Wohlwollen, das in der Stimme der alten Dame klang, ließ Jean Jaccard das Indiscrete ihrer Frage nicht beachten. 122 „Nein, Madame! Ich habe nicht einmal an dieſe Möglichkeit gedacht. Vielleicht weil ich durch Beſtrebungen ernſterer Art zu ſehr in Anſpruch genommen bin, viel⸗ leicht aus einem andern Grunde. Wer kennt ſich ſelbſt gut genug, um das beſtimmen zu können!“ Die alte Dame ſah den Studenten feſt, aber freund⸗ lich an. Seine einfachen melancholiſchen Antworten gefielen ihr ſichtlich. „Ich entließ Sie etwas froſtig, als Sie vor Mo⸗ naten bei mir waren. Ich rechnete Sie zu den über⸗ modernen Menſchen, welche vor der eigenen Schwäche anbetend niederfallen, weil ſie zu feig ſind, ſie zu be⸗ kämpfen und welche den Schmuz, in den ſie ſelbſt ver⸗ ſunken ſind, der ganzen Welt ins Geſicht ſpritzen möchten. Ich ſehe, ich habe mich getäuſcht, und ich freue mich darüber. Schon der Umſtand, daß jenem Verhältniß kein zweites gefolgt iſt, beweiſt mir, daß ich es zu hart beurtheilt habe. Ich kenne die Ziele nicht, welche Ihrer Jugend die Liebe ſo raſch erſetzen konnten, ich will ſie auch nicht wiſſen, denn ich würde ſie, nach unſerm damaligen Geſpräch zu ſchließen, wohl ſchwer⸗ lich billigen, welcher Art ſie aber auch ſein mögen, der Menſch, welcher in jungen Jahren bei heiß wallen⸗ dem Blut ſchon fähig iſt, ſeine Neigungen und Ge⸗ wohnheiten idealen Anforderungen unterzuordnen, an 123 die er glaubt, ein ſolcher Menſch verdient unſere Ach⸗ tung. Herr Jaccard, es thut mir leid, Sie damals falſch beurtheilt zu haben, geben Sie mir Ihre Hand.“ Jean Jaccard konnte ſich des Eindrucks nicht er⸗ wehren, den dieſe Miſchung von Liebenswürdigkeit und Hoheit, die der alten Dame zu Gebote ſtand, auf ihn machte. Zögernd gab er ſeine Hand. Die alte Dame ergriff ſie freimüthig. „Sehen Sie mich nicht ſo mißtrauiſch an, Herr Jaccard. Ich will Sie nicht zum Proſelyten der Ari⸗ ſtokratie machen, am wenigſten im gegenwärtigen Augenblicke, wo das gemeinſame Vaterland keine Par⸗ teien und Rangunterſchiede kennt, ſondern blos Kinder, um es zu vertheidigen. Wenn Sie, und ich zweifle nicht, daß Sie bereits Ihre mediciniſchen Kenntniſſe dem Vaterlande zur Verfügung geſtellt haben, auf dem Schlachtfelde einen Verwundeten finden, der Ihrer Hülfe bedarf, es wird Ihnen gleichgültig ſein, ob es der Sohn einer Ariſtokratin oder eines Tagelöhner⸗ weibes iſt, Sie werden ihm helfen.“ Die Stimme der alten Dame zitter e, ſie dachte an René. Eine glühende Röthe bedeckte das Antlitz Jean Jaccard's. Etwas wie Trotz wölbte ſeine Lippen und mit niedergeſchlagenen Augen antwortete er: 124 „Sie irren in Ihrer Vorausſetzung, daß ich mich zum Militärdienſt gemeldet. Der bevorſtehende Krieg iſt viel mehr gegen die Freiheit des eigenen Volkes als gegen das Ausland gerichtet, und wenn auch, die Intereſſen aller Völker ſind ſolidariſch, es gibt blos einen gerechten heiligen Krieg, den gegen die gemein⸗ ſamen Unterdrücker.“ Die Baronin ſchaute dem jungen Mann eine Weile ſprachlos ins Geſicht, dann ſagte ſie, und in ihrer Stimme klang die Ueberraſchung nach, mit wel⸗ cher die Erklärung des Studenten ſie erfüllt: „In der That, darauf war ich nicht vorbereitet, Herr Jaccard! Ich wußte, daß die Jugend Frank⸗ reichs ſich gegenwärtig in den ſeltſamſten Verirrungen gefällt, aber daß es eine Anſchauung gibt, welche den Sieg des eigenen Vaterlandes nicht wünſcht, wenn es in den Kampf zieht gegen einen mächtigen Feind, der ſchon einmal unſere Fluren zertreten und ſeine Roſſe in der Seine getränkt, daß man ſich für den Verbündeten eines fremden Volkes erklärt, während deſſen Geſchoſſe ſchon auf Freund und Bruder gerichtet ſind, das wußte ich noch nicht, das iſt mir neu. Be⸗ antworten Sie mir nur noch eine Frage, Herr Jaccard, und dann will ich mich zufrieden geben: Sind Sie Franzo ſe?“ —— 125 Das Feuer der Entrüſtung, mit dem die alte Dame ſprach, hatte auch dem Studenten ſeine Sicher⸗ heit wiedergegeben. „Ich bin Franzoſe, wie Sie ſagen, aber erſt in zweiter Linie, vor allem Andern bin ich Menſch und daher ſtehen mir auch die Intereſſen der Menſchheit höher als die der Nation.“ Die alte Dame antwortete beruhigter, aber aus ihrer Stimme klang eine ſchmerzliche Bitterkeit. „Sie begreifen, Herr Jaccard, daß eine Mutter, welche im Begriff iſt, das einzige Kind, das ihr der Himmel gegeben, und in ihm zugleich den einzigen Ver⸗ wandten und Freund, hinausziehen zu laſſen in einen mörderiſchen Kampf für die Ehre des Vaterlandes, ſich nicht in demſelben Moment um die Rechte der Menſchheit mit Ihnen zanken kann. Nur eins kann ich nicht verſchweigen, was mir immer in dieſer Zeit und auch hier wieder entgegentritt, das Beſtreben, von den nächſten Anforderungen, die den vollen und ganzen Menſchen brauchen, ſich feig loszuſagen und hochmüthig in das Allgemeine, Nebelhafte zu flüchten, das nur in der Phraſe ſeine hohle Verkörperung findet. Ich entlaſſe mein einziges Kind mit der Ueberzeugung, daß, wer treu zu ſeinem eigenen Volke ſteht in der Stunde der Gefahr, auch den Dank der ganzen Welt verdient, indem er ihr die Ueberzeugung gibt, daß Heldenſinn und Mannestugend noch nicht ganz aus ihr geſchwunden.“ Jean Jaccard ſchien breiter und höher zu werden, ſtolz blitzten ſeine Augen bei der Anſchuldigung, welche ihm die Greiſin entgegenſchleuderte. „Wir werden eines Tages zeigen“, ſagte er,„daß wir den Muth haben, mit unſern Ueberzeugungen unterzugehen, wenn wir uns auch nicht, durch den all⸗ gemeinen Taumel verblendet, in einen blutigen Krieg hetzen laſſen, um einem gekrönten Verbrecher über par⸗ lamentariſche Verlegenheiten hinwegzuhelfen.“ Die Baronin hörte bereits nicht mehr, was der Student ſprach. Sie hielt die Hand Louiſon's, welche aufrecht vor ihr ſtand und ihr ins Geſicht ſchaute. „René— Ihr Sohn geht auch in dieſen Krieg, von dem ſie alle ſagen, daß er ſchrecklich ſein werde?“ Der ſtolze, verächtliche Unmuth, der noch eben das Geſicht der Baronin überdeckt, machte einem trau⸗ rig⸗freundlichen Lächeln Platz, als ſie die Seelenangſt des eben noch in verzweifelte Apathie verſunkenen Mädchens gewahrte. Sie ſtreichelte faſt koſend die Hand Louiſon's, die ſie ergriffen hatte. „Ei, ſieh da, da ſind wir ja lebendig! Ich habe, ſcheint es, die Zauberformel ausgeſprochen, die den 12* Bann von Ihrem Herzen nahm, Mademoiſelle. Ja, auch mein Sohn hat zum Schwert gegriffen beim erſten Trompetenſtoß, auch er wird hingehen, um das belei⸗ digte und bedrohte Vaterland zu ſchützen und zu rächen, ohne Murren, ohne Phraſe, einfach, weil er es für ſeine Pflicht hält, wie für die eines jeden Franzoſen, der die Waffen tragen kann. Sie ſcheinen Antheil an René zu nehmen. Iſt es ſo?“ Louiſon ſenkte erglühend das Haupt. „Es iſt ſo.“ „Sie würden ihn wohl betrauern, wenn— wenn er fiele?“ Louiſon nickte ein paarmal wie zerſtreut mit dem Kopfe, dann rollten ein paar Thränen langſam herab und ihre Bewegung nicht länger beherrſchend ſank ſie ſchluchzend in die ausgebreiteten Arme der Baronin. Die Baronin küßte ſie auf die hohe edelgeformte Stirn. „Seien Sie ruhig, Kind! Ich komme ja, um Sie in ſeine Arme zu führen, ich weiß es ja, daß Sie ſei⸗ ner würdig geblieben ſind trotz alledem; auch er hat unſaglich gelitten. Warum wollten Sie ihm nicht an⸗ gehören, als er ſelbſt gegen den Willen ſeiner Mutter Sie als ſein Weib heimzuführen verlangte?“ Louiſon ſchlug die naſſen Augen zur Baronin auf. „Ich wollte ihm ja angehören, ich wollte ihm nur nichts danken.“ „Wenn man ſo liebt wie Ihr beide, dann gibt man nur. Und jetzt? Wollen Sie mir folgen zu ihm oder ziehen Sie noch immer Ihren Stolz und Ihre Armuth dem Geliebten vor?“ Mit ängſtlicher Scheu ſchüttelte Louiſon das Haupt und ſchmiegte ſich feſter an die alte Dame. „Nein, nein! Man hat mir geſagt, daß Elend und Schande untrennbar ſeien, daß der Arme keine Ehre habe. Ich fürchte das Elend. Ich wollte den Morgen nicht erleben.“ „Kind, Du frevelſt. Und René, der ſich ſelber faſt verloren hat um Deinetwillen, ſeiner gedachteſt Du nicht?“ „O immer!“ flüſterte Louiſon.„Ich glaube, das Elend, das die Schande iſt, kam mir blos deshalb ſo entſetzlich vor, weil es mich für immer von ihm trennte.“ „So komm!“ ſagte die alte Dame erregt und auf ihren Wangen glühte das Roth der Jugend.„Komm! Ich habe ihm verſprochen, daß er nicht mit gebrochenem Herzen in den heiligen Kampf ziehen ſoll.“ Die Baronin wendete ſich, noch immer Louiſon an der Hand haltend, die ihr willenlos gehorchte, zur 129 Thür. Da fiel ihr Blick auf den Studenten, der ſtumm und ohne ein äußeres Zeichen von Bewegung der ganzen Scene gelauſcht hatte. „Sie werden wohl nichts einzuwenden haben, err Jaccard, wenn ich Ihre Schweſter unter meine . J Obhut nehme, bis ſie die Gattin meines Soh⸗ nes iſt.“ Jean Jaccard ſchwieg eine Zeit lang und ſchien nachzudenken. Dann trat er raſch auf ſeine Schweſter zu und küßte ſie. „Geh“, ſagte er traurig.„Niemand entgeht jener eiſernen Nothwendigkeit, die er in der eigenen Bruſt herumträgt. Dieſer Schritt ſtößt Alles um, was unſer Vater und ich bisher geglaubt und gehofft. Ich hätte Dich lieber als das Weib eines Arbeiters, als die Ge⸗ liebte eines Studenten geſehen, denn als die Braut eines Ariſtokraten, doch geh! Du kannſt das Elend nicht ertragen, ſo wenig wie Deine Mutter.“ „Jean!“ „Ich tadle Dich nicht. Jeder thut ja nur, was er muß, und ich möchte Dich nicht an mein Schickſal feſſeln, auch wenn ich könnte; ich habe auch nicht mehr den Muth, den Tag der Entſcheidung ſo heiß herbei⸗ zuſehnen als bisher. Doch wie dem ſei, wir wiſſen ja nichts von dem, was kommen mag— drum geh! Sei v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. IV. 9 130 oder träume Dich glücklich, ſolange Du kannſt, es iſt ja nur der Wechſel, der ewig derſelbe bleibt.“ Jean faßte das Haupt ſeiner Schweſter mit beiden Händen und küßte es mehrmals. „Suche Deinen Bruder zu vergeſſen und mit ihm Alles, was geweſen!“ „Niemals, Jean!“ „Glaube mir, es iſt beſſer ſo. Geh!“ Die Baronin, durch dieſe Scene unwillkürlich be⸗ wegt, zog Louiſon zur Thür, welche ſich raſch hinter den beiden Frauen ſchloß. Jean blieb lange in derſelben Stellung und ſah nach der Thür, durch welche die Schweſter verſchwun⸗ den war. Als das Geräuſch des wegfahrenden Wagens zu ihm heraufdrang, zuckte er zuſammen. „Allein!“ murmelte er.„Es iſt etwas Sonder⸗ bares allein zu ſein. Der Zufall ſpielt tollere Komö⸗ dien als die Porte St.⸗Martin— die Tochter André Jaccard's die Frau eines Barons, die ſich auf ver⸗ goldeten Stühlen ſpreizt und mit zwei Lakaien hinten⸗ auf ins Bois fährt. Es iſt zu ſonderbar, als daß etwas Gutes daraus entſtehen könnte, ſie wird elender werden, als das Elend der Manſarde ſie gemacht, meine arme Louiſon. Es darf nicht ſein, ich leide es nicht, daß ſie ihr das Herz vergiften.“ 4— 4— 131 Jean Jaccard ſtürzte nach der Thür, auf halbem Weg hielt er inne. „Laß ſie! Sie hält ſich ja für glücklich, und ein Moment Glück, auch wenn man danach doppelt elend wird, iſt beſſer als dieſe lange troſtloſe Oede, wo vor und hinter uns nichts liegt als kaltes dunkles Elend. Mögen ſie ihr das Herz umwenden, daß ſie keine Er⸗ innerung mehr hat für die Vergangenheit und über ihre glänzenden Säle nicht mehr hinausſieht, ich will mich zur Seite ſchleichen, wenn ihre goldene Carroſſe an mir vorüberfährt, ſie ſoll durch mich keinen Augen⸗ blick daran erinnert werden, daß ſie nicht in Purpur und Seide geboren iſt.“ Jean Jaccard ſank wie müde auf einen Stuhl. Da öffnete ſich leiſe die Thür und den Kopf ängſtlich vorſtreckend ſchlich Pére Androlet herein. „Sie iſt fort!“ flüſterte er, als fürchte er den Wänden des von ihr verlaſſenen Heiligthums ein Echo zu entlocken.„Sie iſt fort. Ich wußte es, daß ſie fort iſt, ich ſah ſie ja einſteigen. Die große ſeidene Frau und der goldene Diener halfen ihr dabei, und ſie hat mich nicht einmal angeſehen, trotzdem ich dicht dabei ſtand.'s war wohl eine Fürſtin, die ſie geholt hat. Bſt!“ Pere Androlet riß die Augen weit auf und ließ einen langen unheimlichen Ziſchlaut vernehmen. 9* „Holla! Es waren ja dieſelben gefleckten Pferde wie damals und der Diener hatte denſelben Rock an. Sie iſt bei ihm, ſie kommt nicht wieder.“ Jean Jaccard nickte. „Armer Androlet, ſie kommt nicht wieder!“ Die Augen Pore Androlet's rollten wild und er ſprang wie ein Tiger auf Jean Jaccard zu und packte ihn mit ſeiner welken Fauſt an der Bruſt. „Du Hund, warum haſt Du ſie fortgelaſſen? Hole ſie wieder oder ich erwürge Dich!“ Jean ſprang auf und ſchleuderte den Wüthenden von ſich, der nun ſchäumend im Zimmer auf und nie⸗ der rannte. „Ihr habt mich betrogen, alle, alle. Ihr habt ge⸗ ſagt, ich ſoll Revolutionär, ich ſoll ein Lump werden, dann gehört ſie mir, und jetzt habt Ihr ſie an die Ari⸗ ſtokraten verkauft und habt mein Hab und Gut auf⸗ gefreſſen. Ihr meineidigen Schurken, Ihr Diebe, ich zeige Euch an, ich bringe Euch aufs Schaffot, Dich, Louiſon, Reymond, alle! Ihr habt den Kaiſer umbringen wollen, jetzt bringt man Euch um. Alle ſollen es hören, wie Ihr den armen Pore Androlet betrogen habt, alle.“ Und Pore Androlet ſtürzte zum Fenſter und ſchrie: „Mörder! Diebe! Feuer!“ Die Augenbrauen Jean Jaccard's hatten ſich zu⸗ 133 ſammengezogen, um ſeine bleichen Lippen lag eine fin⸗ ſtere Entſchloſſenheit. Mit raſchem Schritt trat er hinter Pére Androlet, der ſchon das Fenſter aufgeriſſen hatte, und ſtreckte ihn mit einem ſichern Fauſtſchlag auf den Wirbel zu Boden. Stöhnend brach der dicke Krämer zuſammen. Jean Jaccard beobachtete eine Weile mitleidig das blntunterlaufene Geſicht des Betäubten, dann holte er aus dem Nebenzimmer eine Kanne mit Waſſer und be⸗ ſpritzte Père Androlet's Geſicht. Der dicke Krämer ſchlug die Augen auf und blickte verwirrt um ſich. Sein Geſicht war ſehr bleich ge⸗ worden. Allmälig ſchien er ſich des Vorgefallenen zu erinnern, fing leiſe zu ſchluchzen an und drückte ſein naſſes Geſicht an Jaccard's Hand. „Ich thue Euch nichts. Nur noch einmal möchte ich ſie wiederſehen. Verſprich mir, Jean, daß ich ſie noch einmal ſehen darf, noch einmal.“ Der verliebte Krämer ſchluchzte herzbrechend, und Thränen ſtanden auch in den Augen Jean Jaccard's. Sechstes Kapitel. Hunger. Das kleine Pförtchen an der Seite des gewaltigen Thors von Mazas hatte ſich hinter Stanowsky ge⸗ ſchloſſen. Das Gefängniß hatte ihn auf höhern Be⸗ fehl aus ſeinen Regiſtern geſtrichen und ohne Commen⸗ tar, ohne Erklärung war er einfach in Freiheit geſetzt und der Geſellſchaft, die ihn ausgeſtoßen, wiedergegeben worden. Geblendet von dem freien Himmelslichte, das auf ihn eindrang, berauſcht von der Luft, die um ſeine Wangen ſtrich, taumelte Stanowsky durch die Avenue von Mazas und ſtand endlich auf der Place du Trone. Ein reges Leben herrſchte an der Barrière; mit klingen⸗ dem Spiel marſchirte Regiment um Regiment von Vincennes herein. Das Volk in Holzſchuhen und Blouſe — 135 das dieſes Viertel bewohnt, kam herbeigeſtrömt; hohl⸗ wangige Weiber mit ſchwarzen glühenden Augen hoben halbnackte Säuglinge hoch über die Köpfe, vierzehn⸗ jährige Gamins mit allen Spuren frühreifen Laſters auf der ſchmuzigen Stirn pfiffen grell in die Finger, und die Soldaten ſchwenkten die Käppis:„A Berlin! A Berlin!“ An den Fenſtern der Soldatenkneipen mit den großen Hausnummern, welche St.⸗Mandé bilden, er⸗ ſchienen grellroth bemalte Frauengeſichter in weißen über die Maßen ausgeſchnittenen Kleidern und ſchrieen: „A Berlin!“ Und der afrikaniſche Tirailleur fletſchte die weißen Zähne zwiſchen den wulſtigen Lippen und warf eine Kußhand hinüber nach der Stätte ſeiner Freuden und ſchrie:„A Berlin, a Berlin! Vive Madame la France!“ Stanowsky, der ſich noch kaum an Licht und Luft gewöhnt, ſah ſich plötzlich von Geſtalten umgeben, vor denen ſelbſt der eben aus dem Gefängniß entlaſſene Gefangene zurückbebte. Geſtalten, wie man ihnen ſonſt nur am Napoleonstag begegnet oder wie ſie zur Zeit der Opernbälle die Eingänge der Paſſage de P Opéra umlagern und auf die Masken Jagd machen, waren heute aus den ſchmuzigen Löchern und Winkeln, in die nie ein Poliziſt ſich wagt, gelockt worden durch den 136 Ruf:„A Berlin! A Berlin!“ und wälzten ſich brül⸗ lend an der Seite der Truppen durch die Straßen. Stanowsky wurde mitgeriſſen. Mehrmals fühlte er fremde Hände in ſeinen Taſchen. Er bemühte ſich nicht, den Dieb zu greifen. Alles, was er irgendwie hatte entbehren können, war zu Geld gemacht. „A Berlin!“ Vor der Kaſerne, wo ein Regiment aufmarſchirte, kam der Haufe, der den kaum befreiten Gefangenen mitſchleppte, zum Stehen. Stanowsky zweifelte an der eigenen Vernunft bei den tollen Reden rings umher. In die Zellen von Mazas, wo es den Wärtern bei Dienſt⸗ entlaſſung verboten iſt, den Gefangenen politiſche Nach⸗ richten mitzutheilen, war die Kunde vom Kriege mit Deutſchland nicht gedrungen. „Was bedeutet denn dies Alles?“ wendete er ſich an ſeinen Nachbar. Der Anwohner der Barrière du Trone ſah ihn mißtrauiſch über die Schulter an. „Ihr wollt mich foppen, Bürger. Ihr wißt ſo gut wie ich, daß wir Krieg haben.“ „Krieg? Mit wem?“ fragte Stanowsky mit auf⸗ richtigem Erſtaunen. Der Bürger von St.⸗Mandé ließ ein lautes Uff! vernehmen und wendete ſich an die Umſtehenden. —— 134 „Hört, meine Kinder! Da iſt ein Kauz, der nicht weiß, daß Badinguet dem König von Preußen den Krieg erklärt hat, weil der Kronprinz von Preußen ſpaniſcher König werden ſoll. Als ob Spanien nicht franzöſiſche Provinz wäre von alters her.“ „Ah bah!“ ſagte ein Anderer,„das weiß ja jetzt Jedermann. Der Kauz iſt ein Narr oder ein Mouchard.“ Einige Fäuſte erhoben ſich drohend. „Ruhe, Bürger!“ rief da der, an den ſich Sta⸗ nowsky zuerſt gewendet und der ſich deshalb verpflich⸗ tet hielt, die Protectorrolle zu übernehmen.„Zur Stunde, woo die große Nation einig iſt in ihrem Zorn, gibt es keine Mouchards. Badinguet hat ſie alle nach Preußen vorangeſchickt. O er iſt ſchlau! Man wird es ſehen.“ Die drohende Gefahr war von dem Haupte Sta⸗ nowsky's abgewendet. Er drückte ſich durch die Menge und ſuchte eine ſtillere Seitengaſſe auf. „Alſo Krieg mit Preußen!“ Stanowsky's ge⸗ ſchwächtes Gehirn vermochte die Nachricht nicht ſogleich in ihrer ganzen Größe zu faſſen.„Krieg mit Preußen!“ Stanowsky dachte daran, daß er in Rußland Soldat geweſen und einige Zeit im Kaukaſus geſtanden, aber ein Fieberfroſt ſchüttelte ihn, wenn er an ſeine Deſertion von der äußerſten Vorpoſtenkette durch ganz Rußland dachte. 138 Und doch, was ſollte mit ihm geſchehen! Er war frei, das war aber auch Alles. Er hatte keinen Sou in der Taſche, keine Wohnung, ſogar das Gefangenen⸗ frühſtück hatte ihm die ſparſame Gefängnißverwaltung nicht mehr gegeben. Nachdem die erſte Ueberraſchung allmälig geſchwun⸗ den, ſpürte Stanowsky Hunger. Er war auf den Boule⸗ vards angekommen. Betrunkene Soldaten zogen Arm in Arm, die ganze Breite der Trottoirs einnehmend, einher und ſangen Lieder zum Hohne der Preußen, deren Caricaturen überall an den Schaufenſtern eine große Menſchenmenge anlockten. Die Pariſer jubelten den Soldaten zu und frater⸗ niſirten mit ihnen; es waren Vincenner Jäger, die⸗ ſelben, welche am zweiten December über dieſelben Boulevards auf unbewaffnete Spaziergänger zum Spaß Scheibe geſchoſſen. Jedermann ſuchte einen Sol⸗ daten zu bekommen, um ihn in ein Cafè oder Reſtau⸗ rant zu führen, damit der Vaterlandsvertheidiger nicht einen Moment nüchtern werde. Stanowsky dachte daran, Soldat zu werden, um ſich ſatt zu eſſen. Er verwarf den Gedanken wieder, denn man nahm ihn ſchwerlich ohne Papiere, und wenn man vernahm, daß er in Mazas geweſen, konnte er leicht wieder aufgegriffen und ins Gefängniß ge⸗ u v 139 liefert werden. Und wenn man ihn nahm, ſo bekam er auch noch nicht ſogleich zu eſſen. Es war ſchon Nachmittag und Stanowsky hatte ſich bereits ſechs Stunden auf der Straße herum⸗ getrieben. Die Zunge klebte ihm am Gaumen vor Durſt und ſein Hunger wurde zum Fieber, der ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. Stanowsky dachte daran, zu betteln. Er ſtellte ſich neben einen behäbig ausſehenden Herrn, der ſich lüſtern einen Hummer im Schaufenſter eines Reſtau⸗ rants betrachtete und die Roſette der Ehrenlegion im Knopfloch trug, und ſprach ihn an. Der dicke Herr maß ihn von oben bis unten. „Aber um des Himmels willen, Sie haben ja ganz gerade Beine und ſind ausgezeichnet gewachſen, warum werden Sie denn nicht Soldat?“ Stanowsky und der dicke Herr ſtanden ſich einen Augenblick erſtaunt gegenüber. Dann lachte Stanowsky laut und höhniſch auf und der dicke Mann ſuchte roth vor Entrüſtung das Weite. Es war Doctor Herbiot⸗ Eine ſchreckliche Verwünſchung in ungariſcher Sprache folgte ihm nach. Stanowsky hob die Fauſt, um das Fenſter ent⸗ zwei zu ſchlagen, hinter dem ihm zum Hohn das präch⸗ tigſte Wildpret, Berge von Auſtern lagen. 140 Da fiel ihm die goldene Schrift in die Augen, die das Fenſter zierte: Bonnefoy. Bonnefoy! Eine Welt von Erinnerungen ſtieg vor Stanowsky auf. Wenn die alten Kellner noch da waren, ſo kannten ſie ihn vielleicht und gaben ihm Credit. Aber wenn ſie nicht da waren— Stanowsky hatte ſchon einen Fuß über die Schwelle des Spiegel⸗ ſaals geſetzt, und der Speiſeduft, den er mit aufge⸗ ſpannten Nüſtern gierig einſog, ließ ihn nicht mehr los. Er trat ein und ſetzte ſich an einen Tiſch nahe der Thür. Lauter fremde Geſichter ſtarrten ihn ver⸗ wundert an— blos gutgekleideter Pöbel verkehrt bei Bonnefoy. Stanowsky konnte nicht mehr zurück. Er mußte eſſen. Er ſchlug die Speiſekarte auf und beſtellte mit heiſerer Stimme ein Diner wie in ſeinen beſten Tagen Die ihm unbekannten Kellner ſervirten ihm mißtrauiſch. Aber die aufgeregte Zeit brachte ſonderbare Geſtalten an die Oberfläche und ſie wagten daher nicht, laut an der Zahlungsfähigkeit des ſeltſamen Gaſtes zu zweifeln, deſſen Appetit ſie ſchaudern machte. Endlich war Stanowsky geſättigt. Mit tiefem Wohlbehagen reckte er die Glieder. Wenn er auch ſo⸗ fort wieder ins Gefängniß mußte, er hatte gegeſſen, herrlich gegeſſen, bis auf den letzten Tropfen geleert 141 ſtand eine Bouteille des ſchwerſten Burgunders vor ihm und ihr Widerſchein glühte auf ſeinen Wangen. Immer zudringlicher machten ſich die Kellner in ſeiner Nähe zu ſchaffen— Stanowsky blieb. Alle Gäſte, ſelbſt die, welche nach ihm gekommen waren, hatten das Lokal verlaſſen— Stanowsky blieb. Endlich trat der Oberkellner an Stanowsky heran und präſentirte ihm die Note— fünfundzwanzig Francs. Stanowsky griff in die Taſche, dann in eine andere— die Komödie gelang ihm ſchlecht; die Kellner, die ſich um ihn verſammelt hatten, lächelten bereits hämiſch, ehe er die Entſchuldigung ſtammeln konnte: „Ich habe mein Geld vergeſſen.“ Da wurde es lebendig unter dem Kellnervolk. Wie ein Wild, das ausbrechen will, war Stanowsky umſtellt, und unheilverkündend pflanzte ſich der Ruf: „Die Polizei! Die Polizei!“ bis in die äußern Räume fort. Stanowsky überkam auf einmal eine entſetzliche Angſt vor dem Gefängniß, dem er kaum entronnen war. Wild blickte er um ſich. Die Thür nach der Straße war verlegt durch drei Kellner und öffnete ſich überdies nach innen, aber die Thür nach den Cabi⸗ nets war offen und auch von dort gelangte man ins Freie. 142 Mit einem tigerähnlichen Satz hatte er den Ober⸗ kellner zur Seite geworfen und ſtand an der Thür. Aber bleich und bebend, als habe er ein Geſpenſt ge⸗ ſehen, taumelte er zurück. Eleonore an dem einen, ihren Shawl auf dem andern Arm, kam Herr Fränkel von den Cabinets her⸗ ab. Er ſah aus wie immer, nur ſeine Sommerſproſſen traten deutlicher hervor als früher, aber Eleonore war ein altes Weib geworden. Blöde ſtarrte ihr trübes Auge zwiſchen vergilbten Wangen hervor, ihre Unter⸗ lippe, die früher der Luſt faſt impertinent entgegen⸗ ſtrotzte, hing welk nach abwärts, und obwohl ihre Ge⸗ ſtalt viel von ihrer Fülle eingebüßt hatte, war ihr Gang matt und tappend. „Heda“, rief Herr Fränkel über die Treppe her⸗ unter,„einen Wagen für meine Frau! Einen Wagen für Frau Fränkel! Frau Fränkel will aufmerkſam be⸗ dient ſein, Ihr Schlingel!“ Eleonorens Arm zitterte bei dieſen Aufmerkſam⸗ keiten ihres Gatten. Nun ſeit Monaten aß ſie all⸗ abendlich zur ſelben Stunde in demſelben Cabinet und hörte die Lobpreiſungen ihres Gemahls über ihre Treue. Tag und Nacht mußte ſie an die ſchreckliche Stunde denken, die ihr jeden Abend bevorſtand. Sie ward faſt blödſinnig durch dieſe immer wiederkehrende ——— 143 moraliſche Marter, aber der rothe Fränkel blieb uner⸗ bittlich. Der Krieg brach über Nacht herein, es ließ ihn gleichgültig, das Pferdeaushebungsgeſetz leerte ſeine Ställe, er blieb ruhig, man ſtellte ihm die gün⸗ ſtigſten Anträge für Pferdelieferungen, er hatte keine Zeit dazu, er hatte für nichts Zeit, er lebte für nichts als für ſeine Rache. Jetzt trat ein lebhaftes Roth zwiſchen ſeinen Sommerſproſſen hervor, ſeine Augen glitzerten grün⸗ lich. Er hatte Stanowsky erblickt, den die Fauſt ei⸗ nes Kellners am zerriſſenen Sammtkragen ſeines Paletots hielt, während ein anderer auf ihn losſchlug und„Spitzbube“ ſchrie. Der rothe Pferdehändler lächelte. „Darf ich Madame Fränkel Herrn Stanowsky vorſtellen? Ein ſehr eleganter Cavalier und verehrter Kunde von mir, ausgezeichneter Reiter, hat ganz un⸗ bändiges Glück bei den Weibern— ganz unbändig!“ Madame Fränkel fiel rückwärts, daß ihr Kopf dumpf gegen die Treppe ſchlug. „Einen Wagen!“ rief Herr Fränkel nochmals. „Raſch, Ihr faulen Schlingel! Dieſer Herr iſt höflich genug, noch einen Moment zu warten, ehe Ihr ihn auf die Polizei bringt. Einen Wagen für Frau Fränkel!“ Stanowsky war in den Spiegelſaal zurückgeriſſen 144 worden und zwanzigfach ſtrahlte ihm ſein zerzauſtes Ebenbild unter den Händen der Kellner aus den Spiegeln entgegen. Da hörte er plötzlich eine ruhige helle Stimme neben ſich, die in ſanftem Ton ſagte: „Ich kenne dieſen Herrn und werde für ihn be⸗ 1 zahlen.“ Die Kellner waren unſchlüſſig und blickten ein⸗ ander an. Der Herr mit der ſanften Stimme zog eine mächtige Börſe und fragte: „Wieviel beträgt die Zeche des Herrn?“ „Fünfundzwanzig Francs!“ Stanowsky fühlte die Fauſt an ſeinem Rockkragen etwas lockerer werden. Der Herr mit der ſanften Stimme warf zwei litzende Napoleons auf die Marmorplatte des neben⸗ an ſtehenden Tiſches, daß ſie einen hellen Ton gaben. „Der Reſt iſt für Eure Mühe, meine Kinder!“ Die Fäuſte der Kellner löſten ſich von Stanowsky’s übelzugerichtetem Anzug und er betrachtete ſich ſeinen ſeltſamen Befreier. „Ich kenne den Herrn“, hatte dieſer geſagt, Sta⸗ nowsky kannte ihn nicht im geringſten. Es war ein mittelgroßer Herr in einfacher und etwas ſpießbürger⸗ 4 licher ſchwarzer Kleidung mit glattraſirtem Geſichte 145 und blonden dünnen Haaren, die ebenſo gut einem proteſtantiſchen Geiſtlichen als einem Schulvorſteher angehören konnten, und ſprach das Franzöſiſche mit et⸗ was fremdländiſchem Accent. Mit einem Wort, es war der Mann von London. „Wollen Sie mir vielleicht das Vergnügen machen, eine Flaſche Bordeaux mit mir zu trinken? Ich hoffe, daß es hier eine genießbare Sorte geben wird! Kell⸗ ner! Eine anſtändige Flaſche Bordeaux und zwei Gläſer! Aber raſch!“ Die Kellner ſchoſſen nach allen Richtungen aus einander. Als die beiden Männer an einem Ecktiſch vor der Flaſche Platz genommen hatten, mit ängſtlicher Scheu beobachtet von dem eben noch ſo aufgeregten Kellner⸗ volk, begann Stanowsky's ſeltſamer Retter ein Ge⸗ ſpräch, das ganz ſo klang wie ein Verhör. „Sie ſind im Augenblick ohne die Mittel, ſich Ihren Lebensunterhalt zu verſchaffen.“ „Wie Sie ſagen.“ „Sie ſind vielleicht auch obdachlos.“ „So iſt es.“ „Sie haben auch keine Ausſicht, daß Ihre Ver⸗ hältniſſe in nächſter Zeit ſich beſſern.“ „Keine.“ v. Schlägel, Nach uns die Sundflut. IV. 446 „Sie ſind Militär geweſen Ihrem Aeußern nach.“ „Allerdings, in Rußland.“ „Sie ſprechen die franzöſiſche Sprache rein und vollkommen, dennoch iſt ſie nicht die Ihrige.“ „In der That, ich bin Ungar.“ „Sprechen Sie noch andere Zungen?“ „Ruſſiſch, engliſch, italieniſch, deutſch.“ 1 „Jedenfalls ſchreiben Sie dieſe Sprachen ebenſo gut, wie Sie dieſelben ſprechen.“ „Noch beſſer ſogar.“ Der Mann von London hielt inne und blickte eine Sekunde ſinnend in ſein Glas, dann ſchaute er 5 raſch auf. „Wie kommt es, daß Sie bei all Ihren Kennt⸗ niſſen und zu dieſer Zeit mittel⸗ und obdachlos ſind?“ Stanowsky hatte das Gefühl, als ob dieſem Manne gegenüber eine Lüge zu ſagen eine Lächerlich⸗ keit wäre, und er antwortete daher mit einer an Cy⸗ nismus ſtreifenden Offenheit: „Ich wurde ſo eben aus Mazas entlaſſen, wo ich Schulden halber zwei Monate ſaß.“ 5 Der Mann von London lächelte. „Ah, das iſt gut— daß man Sie entließ, meine ich. Und was gedenken Sie nun zu beginnen?“ „Ich bin darüber noch nicht ſchlüſſig.“ 147 „Dann möchte ich Ihnen anbieten, in meine Dienſte zu treten. Ich bin Agent— mehrerer Handels⸗ geſellſchaften, wollen wir ſagen. Ich brauche einen Secretär, denn meine Correſpondenz nimmt immer zu. Auch Ihre militäriſchen Kenntniſſe kommen mir gerade recht, da wir mit Rußland Geſchäfte in Armeebedürf⸗ niſſen machen wollen. Ich gebe Ihnen Wohnung und fünfhundert Francs monatlich, vorläufig. Wir wiſſen ja nicht, ob wir uns gefallen. Nur mache ich Sie darauf aufmerkſam, daß ich ſehr einſam lebe. Ich liebe die Geſellſchaft und die Menſchen im Allgemeinen nicht.“ „Ich haſſe ſie“, knirſchte Stanowsky und dä⸗ moniſch zuckte es über ſein Geſicht. Der Mann von London lächelte mild. „Gut, dann paſſen wir ja zuſammen. Hier iſt meine Hand, das Geſchäft iſt abgemacht.“ Stanowsky ſchlug ein. Der Mann von London zählte Uinſtunder Francs in Gold auf den Tiſch. „Hier Ihr erſter Monatsgehalt. Wie heißen Sie?“ „Ich heiße Etienne Stanowsky.“ „An meinem Namen liegt nichts, auch behält man ihn ſchwer. Ich empfange meine Briefe ſtets unter der Adreſſe meiner Secretäre und dieſe unterzeichnen die abgehen⸗ den. Sie werden in die Geſchäfte bald eingeweiht 10* ſein, es iſt keine Hexerei. Haben Sie noch etwas zu thun? Wenn nicht, ſo will ich Ihnen Ihre Wohnung zeigen. Kellner, einen Wagen! Morgen werde ich Ih⸗ 1 nen meinen Schneider ſchicken, Herr Stanowsky. Ich 4 liebe es, meine Bedienſteten elegant zu ſehen. Sie ken⸗ nen die elegante Welt hier, nicht wahr? Dann kön⸗ nen Sie mir vielleicht manches Intereſſante erzählen.“ Stanowsky raffte die Napoleons mit zitternden Händen zuſammen. Der Mann von London lächelte. „Guten Abend, meine Freunde!“ ſagte der Mann von London gütig zu den Kellnern, die dem freigebigen Herrn ehrfurchtsvoll die Thüre öffneten. Als Stanowsky mit dem ſeltſamen Mann allein † in dem dunklen Wagen ſaß, rückte er weit ab in die Ecke. Er fühlte zum erſten Mal in ſeinem bewegten Leben etwas wie abergläubiſche Furcht. Es war ihm, als habe er für ein Stück Brod ſeine Seele verkauft. Siebentes Kapitel. Babels Auszug. 5 Es war am Tage des feierlichen Auszugs der kaiſerlichen Garden. Der Kaiſer hatte über die präch⸗ tigen Regimenter eine Revue auf dem Marsfelde abge⸗ halten, und über die Champs Elyſées, die Place de la Concorde, die Rue Rivoli, an den Tuilerien vorbei, bis zur Rue Richelieu und dann die Boulevards entlang zum Straßburger Bahnhof zogen unter dem endloſen Jubel der Bevölkerung die ſiegesgewiſſen Schaaren. Mächtige Wolken Staubes ſtiegen zum glühenden Juli⸗ himmel empor und daraus hervor tönten die berauſchen⸗ den Klänge der Marſeillaiſe, blitzten die Bajonette. 4 Halb erſtickt vom Staub, der von der Straße emporwallte, lehnte Léonie Lebrun weit aus dem Fenſter und winkte mit einem geſtickten Taſchen⸗ 150 tuch, das fünfhundert Francs gekoſtet hatte, den ſchei⸗ denden Kriegern zu. Zum erſten Mal, ſeit ſie die Geliebte des Grafen Entretout war, durfte ſie ſich öffentlich an den Fenſtern ſeines die Ecke der Rue Ri⸗ voli und Rue de la Paix bildenden Hotels zeigen, es war ja der große Tag der allgemeinen Verſöhnung, alle Vorurtheile, allen Hader übertönten die Trommel⸗ wirbel des Angriffs, die Fanfaren des Siegs. Léonie Lebrun war Franzöſin bis ins Mark ihrer zierlichen Glieder. Anfangs, noch an jenem Abende, als ſie im Caſino d'Or ihren Geliebten um zweimalhunderttauſend Francs ärmer machte, lachte ſie darüber, wenn man ihr ſagte, daß es zum Kriege kommen werde. Sie war von dem Uebergewicht ihres Vaterlandes über den Reſt der Welt ſo ſehr überzeugt, daß ſie hohe Wetten einging, die Preußen würden im letzten Augenblick, um den Krieg zu vermeiden, in alle ihnen geſtellten Bedingungen willigen. Inzwiſchen ſpielte ſie, um unnöthigerweiſe keine Zeit zu verlieren, flott weiter. Es kam anders. Loonie war überraſcht und meinte nun, Frankreich dürfe ſich jetzt auf keine Verhandlungen mehr einlaſſen. Nur wenn Preußen ſofort eine Provinz abtrete, könne man Frieden ſchließen. Léonie Lebrun ſchlug ihrem Ge⸗ liebten vor, den Kaiſer zu beſtimmen, daß er zu dieſem Zwecke die Provinz vorſchlage, in der Baden⸗Baden 451 liege. Sie hatte dort eine Saiſon zugebracht und hielt es nach Paris für den erträglichſten Ort der Welt. Dieſes Urtheil ward ihr um ſo leichter, als ſie außer Paris und dem erwähnten Bade noch an keinem andern Orte gewohnt hatte. 4 Je unbegreiflicher Léonie in ihrer liebenswürdig genialen Beſchränktheit die Verſtocktheit der Preußen erſchien, deſto nothwendiger dünkee es ihr, ſie zu züch⸗ tigen, und mit dem überſprudelndſten Enthuſiasmus eines echten pariſer Herzens that ſie das Ihrige, um den Heldenmuth der ſcheidenden Krieger zu entflammen. Graf Entretout ſtand etwas rückwärts von ihr am Fenſter. Er fühlte ſich bei all dem recht unbehag⸗ lich. Dieſe laute lärmende Oeffentlichkeit war ihm ein Greuel, aber er nahm das Alles ſchließlich hin als eine Conceſſion an die große Maſſe des Volkes, zu der man nun einmal klugheitshalber verpflichtet ſei. Er betrach⸗ tete— und darin traf ſein Quietismus mit der Skepſis ſeines politiſchen Antipoden Jean Jaccard faſt zuſam⸗ men— den ganzen Krieg als eine diplomatiſche und par⸗ lamentariſche Nothwendigkeit, um einerſeits die müßig⸗ gängeriſche Phantaſie des eigenen Volkes von gefähr⸗ lichen Spielereien abzulenken, andererſeits eine demon⸗ ſtrative Diverſion gegen die in letzter Zeit etwas unga⸗ lante ausländiſche Diplomatie zu machen. Er war 152 zwar weniger als ſeine Geliebte davon überzeugt, daß die Preußen noch vor dem Beginn des Feldzugs um Frieden bitten würden, er unterſchätzte den Gegner ſogar weniger als viele ſeiner Freunde, aber er zweifelte nicht daß man nach einer einzigen für das Kaiſerreich günſtigen Schlacht preußiſcherſeits in eine entſprechende Gebietsabtretung und eine Reorganiſation der deutſchen Verhältniſſe im Intereſſe Frankreichs willigen und da⸗ durch der unerquicklichen Aufregung ein Ende machen werde. Er verſchwieg das auch gegenüber Léonie nicht, küßte ſie aber doch für das Feuer, mit dem ſie die europäiſche Führerrolle Frankreichs vertheidigte; mit dieſer Glut auf den gewöhnlich marmorblaſſen Wangen, mit dieſem ſprühenden Glanz in den ſammtartigen Reh⸗ augen erſchien ſie ihm entzückender denn je, und um länger das Wogen ihrer herrlichen Bruſt im Sturme der Begeiſterung zu beobachten, hatte er, was kein anderer Cavalier gewagt hätte, der Geliebten ſein Hotel zur Verfügung geſtellt, um von ſeinen Fenſter aus dem Abmarſch der kaiſerlichen Garde beizuwohnen. Losonie hatte auch bereits jede Rückſicht, welche ihr die Stellung des Geliebten hätte auferlegen ſollen, im Drang des Augenblicks glücklich vergeſſen. Ihre Stimme konnte man zwar nicht hören bei dem frenetiſchen Ge⸗ ſchrei des Pöbels, das die Lüfte erfüllte, aber ihre — — 153 exaltirten Geberden ſah man und mancher Offizier ſtrich ſich beim Anblick der ſchönen begeiſterten Dame helden⸗ kühn den martialiſchen Schnurrbart, und das von einer ſechsſtündigen Parade im glühenden Sande des Mars⸗ feldes todmüde Pferd wurde zu einer Lançade ge⸗ quält. Ein ungeduldiges nervöſes Zucken flog bei der⸗ gleichen Anläſſen über das Geſicht des Grafen. Alles Aufſehen war ihm zuwider und dennoch war er eine zu ritterliche Natur, um Léonie, nachdem er ſie ein⸗ mal eingeladen, auch nur einen Augenblick zu verleugnen. Da plötzlich ſchien Léonie wieder etwas recht In⸗ tereſſantes geſehen zu haben. „Da ſieh doch, Alfred, das iſt ja der Profeſſor Herbiot. Er ſieht in ſeiner Uniform beinahe ſo komiſch aus wie damals bei dem hübſchen Duell zwiſchen dem dummen Lord und dem tugendhaften Mondélion, wo er ein ſo unſaglich dummes Geſicht machte. Alſo auch er— ich hätte ihm das nicht zugetraut.“ „Seiner Uniform nach iſt er Generalarzt“, ſagte der Graf etwas mißvergnügt,„und ſeine ganze Helden⸗ that beſteht darin, daß er ſich eine glänzende Uniform und einen nicht unbedeutenden Gehalt beigelegt hat und im Begriff iſt, den Hörſaal in der Ecole de médécine mit den Spitälern in Chalons zu vertauſchen. Das iſt Alles.“ 154 Profeſſor Herbiot, ſich mit Mühe auf dem lamm⸗ frommen Pferde haltend, blickte im Schweiße ſeines Angeſichts weder rechts noch links, er hatte genug mit ſich ſelber zu thun. Sogar die Witze der immer zun⸗ genfertigen Pariſer Straßenjugend über ſeine Beleibt⸗ heit ließen ihn ungerührt, er hatte die Nachtheile dieſer unverhältnißmäßigen Erweiterung des Zellengewebes während der ſechsſtündigen Parade bereits bitter er⸗ fahren und war im Begriff⸗ ein fanatiſcher Anhänger Banting's zu werden, den er bis jetzt immer hochmüthig verlacht hatte. „Eine Uniform müßte Dich gut kleiden, Alfred!“ ſagte Léonie plötzlich, nachdem ſie längere Zeit ſehr ſchweigſam geweſen war. Der Graf lachte ärgerlich. „Die weiten Hoſen und breiten Galons der Garde müßten ſich zu meinen dünnen Beinen etwa ähnlich eignen wie für Herbiot's Bauch das Collet. Nein, Léonie, ich ſehe höchſtens im Frack noch erträglich aus. Du weißt, ich bin der einzige Cavalier bei Hofe, den der Kaiſer mit einer Uniform verſchonen mußte; ein⸗ mal hatte ich die Kammerherrnuniform an, aber ich drohte mich für immer in die Provinz zu verbannen, wenn man mir Uniform und Charge nicht ſogleich wie⸗ der abnehme. Die Kaiſerin machte ein ungnädiges ———-——— —— 455 Geſicht, als ſie mich wieder in Civil ſah, aber der Kaiſer lachte. Vor ungefähr ſechs Wochen war ich an der Reihe, daß meine Roſette mit dem Comthurkreuz erſetzt wurde. Ich fand, daß das zu einem ſchwarzen Frack und weißer Weſte ganz pöbelhaft ſteht, und der Kaiſer ſah das ein. Es iſt unverzeihlich von Dir, Léonie, daß Du auf eine Idee kommen kannſt, deren Ungereimtheit ich ſelbſt meinem Soldatenkaiſer zu be⸗ weiſen vermochte, als er mir das Commando des Gar⸗ delanciersregiments antrug, das er in ſeiner nächſten Umgebung zu behalten wünſchte. Ich bewies dem Kaiſer, daß der Wirrwarr des ganzen Kriegs und Lagerlebens etwas meiner ganzen Natur ſo Widerſprechendes ſei, daß ich lautes Commandiren für eine ſo unzweckmäßige und brutale Anſtrengung des Kehlkopfs halte, daß ich infolge deſſen ihn und mich ſo gründlich langweilen würde, daß er mich nach vierzehn Tagen wieder nach Hauſe ſchicken müßte. Der Kaiſer war vernünftig und gütig genug, das einzuſehen, und jetzt kommſt Du, um mich zu ärgern, Léonie. Sieh da unten Lord Watkins an der Spitze der engliſchen Ambulance— für ſolche Naturen paßt der ganze Schwindel.“ In der That ritt der Lord ſo eben vorüber. Er hatte ſich unzweifelhaft ſehr zweckmäßig coſtümirt, ſah aber in ſeinem rieſigen Filzhelm von antiker Form, 156 wie ſie in Indien gegen die Glut der Sonne getragen werden, in ſeinen grauen waſſerdichten Leinwandklei⸗ dern und den Genfer Kreuzen, mit denen ſein Pferd bis zur Unförmlichkeit bedeckt war, dennoch ſonderbar genug aus. Das Publikum lachte, wo er vorüber kam. „Wer iſt denn das?“ „Das iſt der Pompier, der das Feuer löſchen muß, wenn die Fracks der alten Garde Feuer fangen.“ Léonie Lebrun, ſonſt ſo empfänglich für derlei, lachte nicht. Ein Weib, mag es ſich noch ſo wenig über die Stufe täuſchen, auf der es ſteht, will doch zum Mann emporſehen können in demjenigen, was allein den Mann macht. Alfred Entretout errieth wohl den Gedankengang Léonie's und die Gründe ihres Schweigens und ſuchte das Peinliche der Situation wegzuſcherzen. „Tröſte Dich, Léonie; morgen, wenn das Gedränge und Geſchrei vorbei iſt, wirſt Du Alles in einem andern Lichte erblicken. Ich bin eben nicht zum Helden geſchaffen, und wenn ich aus Unvorſichtigkeit etwas beginge, was die Andern für eine Heldenthat erklärten, ich würde mich ſehr beängſtigt dadurch fühlen, würde mir wie der geſchmackloſeſte Prahlhans erſcheinen. Ich bin nicht feig, gewiß nicht, mir liegt wenig an dem, was man Leben heißt, aber mehr wie den Tod haſſe ich den 156 Schmuz und die Unbequemlichkeit des Lagerlebens, das Getöſe, die Unruhe eines Feldzugs. Wenn ſie mir morgen ſechs Preußen ins Bois ſchicken, mit dem Be⸗ fehl, mich mit ihnen herumzuhauen auf Tod und Leben, bei dem guten Geſchmack aller Zeiten, ich thu's, wenn man es für nöthig hält. Aber mich zwiſchen Geſchütz⸗ karren und Ambulancen auf einer ſchmuzigen Land⸗ ſtraße herumquälen, in dem Bett eines Bauers über⸗ nachten und am andern Tag mit Jucken nicht in die Schlacht reiten, ſondern Vorpoſten inſpieiren, vielleicht noch bei dem abſcheulichſten Wetter, das iſt von einem Menſchen mit meinen Gewohnheiten wahrhaftig nicht zu verlangen.“ Graf Entretout beugte ſich faſt koſend nieder zur Schulter Léonie's. „Glaube mir, Léonie, ich thäte gern das Aeußerſte, um noch einmal das Roth auf Deine Wangen zu zau⸗ bern, das Dir vorhin ſo ausgezeichnet zu Geſichte ſtand, aber ich kann nicht. Sie werden beſſer ohne mich fertig.“ Léonie blieb ernſt. Eine endloſe Artilleriecolonne rollte vorbei. „Und wenn Jeder ſo dächte, wie Du, Alirad, wie ſtände es dann um Frankreich?“ „Ja, wenn, wenn! Wenn man alle Fragen bis 458 ins Abſurde fortſpinnt, hat ſchließlich Niemand Recht. Es denkt eben einfach nicht Jeder ſo. Andere und glück⸗ licherweiſe für meine Entbehrlichkeit ſehr Viele finden eben Geſchmack daran, ſich zugleich mit Läuſen und Pocken aus der Entfernung einer Meile in eine Pfütze kartätſchen und dann am Pore Lachaiſe in Erz gegoſſen von Kindermädchen, die nicht leſen können, anſtaunen zu laſſen. Léonie gab keine Antwort. Stumm und bleich ſchaute ſie auf die endloſen Militaircolonnen, welche vorübermarſchirten. Da plötzlich ſchien ihr Intereſſe wieder angeregt zu werden. Sie bog ſich weit aus dem Fenſter, um den ſelt⸗ ſamen Zug zu betrachten, der hinter der Colonne einherritt. Auf einem durch Form und Feuer ausgezeichneten Rappen, deſſen Geſchirr dicht mit Genfer Kreuzen be⸗ ſäet war, ſaß ein Mann in Prieſterrock und großem Hut, ein paar Reiterſtiefel mit großen Sporen an den Füßen. Auf ſeiner Bruſt an einer Kette, die mehrmals um den Hals geſchlungen war, trug er einen großen goldenen Stern und an den Fingern über den Hand⸗ ſchuhen große prachtvolle Ringe. Während der Mann mit vollkommener Sicherheit auf ſeinem feurigen Thiere ſaß und es mit einer Hand lenkte, hielt er zwei Finger der Rechten empor und drehte in kurzen Zwiſchen⸗ ₰ 159 räumen die innere Seite derſelben rechts und links. Viele Frauen bekreuzten ſich und einige fielen auf die Kniee. Neben und etwas hinter dem Mann mit dem Prieſterrock ritt ein Fahnenträger, der eine Fahne mit dem rothen Kreuz trug. Acht junge Prieſter in einer Phantaſieuniform mit Purpur und Gold folgten ihm und zwei Reitknechte mit Stulpſtiefeln ſchloſſen den Zug. „Der Feldbiſchof Guerin!“ ſagten die Leute. Léonie Lebrun war immer blaſſer geworden, je näher die ſeltſame Cavalcade kam, ihre Augen wurden immer größer und glänzender und ihr Körder zitterte leiſe wie von Froſt. Graf Alfred biß ſich auf die Lippen vor Zorn und erwiderte herausfordernd den ernſten ſtrafenden Blick, den der Prieſter zum Fenſter heraufſandte. Der Feldbiſchof hob die Hand etwas höher, als ertheile er Léonie den Segen. Léonie Lebrun bekreuzte ſich mit tiefer Andacht. Der Feldbiſchof und ſein Gefolge verſchwanden im Staub und Gewühl der Straße. Léonie Lebrun wandte ſich vom Fenſter ab, als habe ſie hier nichts mehr zu ſuchen. Ihr Blick fiel auf ihren Geliebten, der ſie erregt, faſt drohend anblickte. „Ein Charlatan, halb Dragoner, halb Pfaffe, 160 gehalten allein durch die jeſuitiſchen Neigungen der Kaiſerin!“ ſagte er faſt rauh. Léonie Lebrun zuckte kalt die ſchönen Schultern. „Abbé Guerin iſt ein Mann, der ſeiner Zeit ge⸗ wachſen iſt und die Anforderungen, die ſie an ihn ſtellt, erfüllt, gleichviel, durch welche Mittel.“ Lange und finſter ſchaute Alfred Entretout auf die Geliebte. Dann nahm er ſeinen Hut. Auf der Straße wälzte ſich nur noch die von ihrem eigenen Geſchrei trunkene Menge. So hatte Léonie den Geliebten nie geſehen. Sie hielt die Hand feſt, die er ihr zum Abſchied bot, und ſchaute ihm forſchend in das zuckende Angeſicht. „Wohin? Willſt Du mich nicht nach Hauſe bringen?“ „Später, ich muß vorher ins Kabinet des Kaiſers.“ „Ich dachte doch, Du ſeieſt bereits entlaſſen und 8 als außerordentlicher Rath dem Kabinet der Kaiſerin zugetheilt.“ „Ich habe mich anders beſonnen. Sie hat noch Jeſuiten genug, um ihr zu rathen. Ich werde den Kaiſer um ein Commando bei der Avantgarde bitten.“ „Alfred! So dlbßliche Dieſe WWandind Ich könnte mir es nie vergeben— Aus Léonie's Zügen ſprach die aufrichtigſte Angſt. 1641 Entretout küßte ſie auf die Stirn und ſagte mit melan⸗ choliſchem Lächeln: „Sei ruhig, Léonie! Schon der Anblick jenes Prieſters hat mich ſchwankend gemacht. Wenn eine Erhebung ſolche Lächerlichkeiten im Gefolge hat, ſo iſt man einer ernſten Nation gegenüber des Sieges nicht ſicher. Und wenn wir unterlägen, dann könnte ich es mir nie verzeihen, den Anforderungen nicht genügt zu haben, welche die Zeit und Léonie Lebrun an mich ſtellten.“ v. Schlägel, Rach uns die Stndflut IV. Achtes Kapitel. Schwert und Brautkranz. Die Ankunft der Baronin hatte Vingris plötzlich⸗ aus ſeinem dumpfen Brüten aufgeſchreckt und der Wirk⸗ lichkeit zurückgegeben. Vollends beruhigten ihn die po⸗ litiſchen Ereigniſſe, der patriotiſche Sturm, der alle Bedientenſeelen ergriffen hatte, über den eigenen Scharf⸗ ſinn. Er hatte ja längſt vorausgeſehen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehen müſſe. Zwar griff er noch ein paarmal bedenklich an ſein umfangreiches Haupt, als er der Baronin, welche ausfuhr wie alle andern Leute, zum erſten Mal das Thor zu dieſem Zweck öff⸗ nete, und als ſie vollends mit einem weiblichen Weſen zurückkam, welches ganz ſo ausſah wie jenes Studen⸗ tenfräulein, deren Miethkutſche ihm einſt ſo erhebliche Beſchwerden verurſacht hatte; als er dann durch die 163 Dienerſchaft die erſtaunliche Mähr hörte, daß dies die künftige Baronin ſei, ſo ſtand er lange mit ganz un⸗ glaublich dummem Geſichte da, plötzlich aber verzog ſich ſein offener Mund zu einem gewaltigen Grinſen und ſeine Augen verdrehten ſich luſtig. Er erinnerte ſich, daß da⸗ mals, als ihm wegen der Melkdirne, die ſpäter an den Blattern verſtarb, das Herz ſo ſchwer war, ſein Vater, der die Verbindung nicht für ſtandesgemäß hielt und vorausſah, daß ſein Sohn zu Großem geboren ſei, daß alſo der Oberſenn von der Braunalm in ſeinem väter⸗ lichen Zorn damals geäußert habe, ein Menſch, dem ein Frauenzimmer in den Kopf geſtiegen, ſei nicht viel geſcheidter als ein Ochſe, dem man die Glocke an den Schwanz binde. Der achtzehnjährige Winkelried Stierliſtecher, der ſchon damals in ſolchen Dingen ſehr gewiſſenhaft war, hatte, um ſich von dem Zuſtande ſei⸗ nes Innern zu überzeugen, das Ding probirt und ei⸗ nem ihm als ſehr geſetzt bekannten Stier die Glocke nicht um den Hals, ſondern am Schweife befeſtigt, und ſiehe da, das ſonſt ruhige, vernünftige Thier geber⸗ dete ſich ſo toll, daß es nicht blos die ganze Heerde in Aufruhr brachte, ſondern unfehlbar über eine ſteile Fels⸗ wand der Braunalm hinabgeſprungen wäre und den Tod gefunden hätte, wenn nicht Vingris mit Lebens⸗ gefahr dem wüthenden Thiere die alſo befeſtigte Glocke . 11* 164 wieder abgenommen hätte. Der Anblick des tollen Thieres hatte auf Winkelried einen ſolchen Eindruck gemacht, daß er von Stund an jeden Gedanken an die Melkdirne aufgab und in ſeinem ganzen nachherigen Leben alle derartigen Regungen ſeines Herzens ſtreng über⸗ wachte. Wollte er ſich wirklich einmal dabei ertappen, daß er einen derben Kindermädchen aus der Provinz nach⸗ blickte, wenn es an ſeinem Wasiſtas voruberging, ſo dachte er an den tollen Ochſen und wandte die Blicke ſtracks nach der entgegengeſetzten Seite. Der tolle Ochſe trug auch diesmal nicht unweſentlich dazu bei, ihm ſein ſeeliſches Gleichgewicht zurückzugeben. Jetzt wußte er's, nicht er, ſondern der Baron war verrückt.„Der arme Baron!“ dachte Vingris und lächelte froh und mitlei⸗ dig zugleich. Und gerade die hatte ihm die Schelle angehängt, das lange magere Ding, das zehn⸗ mal vor ſeinem Fenſter hätte auf und ab gehen können, ohne daß er es eines Blickes gewürdigt. Da erkannte Winkelried Stierliſtecher zum erſten Mal ſo ganz die Weisheit ſeines Vaters, des Oberſenns auf der Braunalm. Einige Tage nach dem Vorgang, der Vingris wieder des vollen ungeſchmälerten Beſitzes ſeiner Ver⸗ nunft verſichert hatte, mußte er einem Offizier in vol⸗ ler glänzender Uniform, der in dem Wagen der Mon⸗ — 165 délions das Hotel verließ, das Thor öffnen. Und als Vingris ſchreckensbleich und aufs neue den beunruhi⸗ gendſten Zweifeln ausgeſetzt zum Kammerdiener ſtürzte, um zu fragen, wer doch der Offizier ſei, der hinaus⸗ gefahren, ohne durch das Thor hereingekommen zu ſein, da theilte der Kammerdiener, ſtolz auf ſeine Allwiſſenheit, dem Portier unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit das Geheimniß mit, daß der Offizier, den er durch die geſchloſſenen Fenſter des Wagens nicht erkannt hatte, ſein eigener Herr, der Baron Mondélion ſei, welcher freiwillig mit in den Krieg ziehen wolle und vom Kaiſer zum Oberſten gemacht worden ſei. Vingris hatte ſchon aufgehört, ſich zu wundern, ſonſt hätte er jedenfalls reiflich darüber nachgedacht, ob ſein Vater, der Senn von der Braunalm, einen Menſchen, der ſo viel Geld und ein ſo angenehmes Leben hatte und dennoch freiwillig mit Flinten und Kanonen auf ſich ſchießen laſſe, wohl den Wiederkäuern, die die Glocke am Halſe tragen, gleichgeſtellt haben würde. Nach all dieſen vorbereitenden Ereigniſſen machte daher die Nachricht, daß im Hotel Alles für die Hoch⸗ zeit des Barons mit der Mademoiſelle vorbereitet werde, über deren ärmliche Kleidung, als ſie ins Hotel einzog, männiglich von der Dienerſchaft des Barons erſtaunt war, keinen ſo gewaltigen Eindruck auf den Pförtner, 166 als es unter andern Verhältniſſen wohl der Fall ge⸗ weſen wäre. Er zog den Mund in die Breite und zuckte die Achſeln. Er wußte ja ſein Theil. Vingris ahnte nicht, daß ihm die ſchwerſte Ueber⸗ raſchung noch bevorſtand. Die Thore des Hotels Mondélion ſtanden weit of⸗ fen, eine gaffende Menge trieb ſich vor denſelben herum und betrachtete ſich die glänzenden Carroſſen, welche im Hofe vorfuhren. Damen in großer Toilette und elegante Herren in Uniform oder Frack ſaßen darin. Vingris hatte ſeinen Platz am Wasiſtas mit der Treppe vertauſcht, welche aus dem Hof zur Thür des Hau⸗ ſes emporführte. Dort ſtand er gravitätiſch, und Nie⸗ mand ſah es ſeinem ernſten Geſicht an, daß er den Ochſen mit der verkehrt befeſtigten Schelle nicht loswerden konnte. Nur wenn ein Wagen vorgefahren kam, dann ſprang er mit einer Gewandtheit, die an ſeine Jugend auf der Braunalm erinnerte, über die breiten Stein⸗ treppen hinunter, riß den Schlag auf, wies mit einer Handbewegung, die einem Feldherrn Ehre gemacht hätte, dem Roſſelenker ſeinen Platz an einer der beiden Sei⸗ ten des Hofes an und ſtieg dann hinter den Hinauf⸗ ſteigenden die Treppenſtufen hinan bis zur Thür. Dort 4 167 war ſein Reich zu Ende, ein Bedienter in weißen Strümpfen und Schnallenſchuhen öffnete von innen die beiden Flügel der großen Glasthür, durch die man die breiten blumenbekränzten Marmortreppen gewahrte. Ein Dutzend Wagen ſtanden bereits zu beiden Seiten des Hofes. Schon gab der Bediente von in⸗ nen das Zeichen, daß die Thorflügel auf eine Viertel⸗ ſtunde geſchloſſen werden könnten, weil die Eingeladenen ſämmtlich erſchienen wären, da raſſelte und hol⸗ perte— Vingris traute ſeinen Augen kaum— noch ein einſpänniger Miethwagen durch das Thor. Ver⸗ gebens erhob Vingris mit einer gebieteriſchen Geberde die Hand, um den Lohnkutſcher auf ſeinen Irrthum aufmerkſam zu machen, dieſer blickte dem betreßten Tyrannen mit einem Grinſen der ausgeſprochenſten Gemüthsruhe ins Geſicht, trieb mit einem ganz plebe⸗ jiſchen Schnalzen ſeine hinkende Mähre zu den äußerſten Anſtrengungen an, um in ſcharfem Trab und in einem ſchönen Bogen vorzufahren, und hielt endlich mit einem ſo kühnen Ruck, daß die Hinterhufe ſeines abgemagerten Pferdes bedenklich knirſchten und die Vorderbeine ein⸗ knickten. Ein Hü! und ein derber Riß mit den Zügeln ſtellten das Gleichgewicht des armen Thieres wieder her und mit ſeinem luſtigſten Geſicht ſchaute der Ver⸗ trauensmann der Compagnie impériale zu dem betreßten X8 168 Menſchen empor, der noch immer keine Anſtalt machte, den Schlag zu öffnen, ſondern in ſtummem Staunen auf das räthſelhafte Fuhrwerk blickte. Wohl erinnerte ſich Vingris an damals, da er wegen ſeines Staunens faſt entlaſſen worden wäre, aber heute wußte er ganz ge⸗ nau, daß der Baron nicht im Wagen ſitzen konnte, denn er war oben und empfing die Hochzeitsgäſte. Und damals war der Miethwagen doch wenigſtens noch ein Zweiſpänner. Ehe Vingris noch mit ſeinen Vergleichen von einſt und jetzt fertig geworden war, fühlte er ſich faſt umge⸗ rannt durch den Kammerdiener, der an den Schlag des einſpännigen Miethwagens ſtürzte, einem Herrn in Frack und Cylinder daraus hervorhalf, dem er ehrfurchtsvoll folgte. Vingris, noch immer auf demſelben Platz, ſchaute hin, rieb ſich die Augen, ſchaute nochmals hin, der Mann in Frack, Cylinder und weißen Handſchuhen ſtieg immer höher, der Bediente riß die Flügel der Glasthür ſo weit als möglich auf, und ebenſo weit hatte Vingris den Mund offen. Vingris war wie vom Schlage gerührt und ſeine Hände ſuchten mit ausge⸗ ſpreizten Fingern eine Stütze, um ſich zu halten. Der Eintretende war der Menſch, den Vingris von allen Sterblichen am tiefſten haßte, der Student. — 169 Wüthend wandte ſich der Kammerdiener gegen Vingris um. „Es iſt der Schwager des Oberſten, Strohkopf!“ Strohkopf— Vingris hatte keine Zeit, ſich über dieſe ungewöhnliche Bezeichnung zu verwundern. Herr von Mondeélion kam eiligſt die Treppe herunter und um⸗ armte den Studenten vor allen ſeinen Dienern. Vingris ſchloß die Augen, um dieſe unerhörte Scene nicht mit anſehen zu müſſen. Und dabei war ihm, als befinde er ſich wieder auf der Braunalm mit⸗ ten unter ſeiner Heerde, und alle Ochſen hatten die Schellen hinten hängen und ſprangen mit den ſon⸗ derbarſten Capriolen um ihn herum. „Das iſt freundlich von Dir, daß Du nun doch gekommen biſt!“ ſagte René, legte ſeinen Arm in den Jean Jaccard's und drängte ihn freundlich die Treppe hinauf.„Mit einer wahren Angſt lauſchte Louiſon auf das Rollen eines jeden Wagens, der anfuhr, und es gab mir jedesmal einen Stich ins Herz, wenn ich ſah, wie ſchmerzlich enttäuſcht ſich ihr Blick von den Eintretenden wieder abwandte. Und auch ich muß geſtehen, es hätte wie ein Schatten auf der Erfüllung meiner ſehn⸗ lichſten Wünſche gelegen, wenn Du an dieſem Tage gefehlt hätteſt.“ „Und doch wäre es vielleicht beſſer geweſen, wenn 170 ich die Kraft gehabt hätte, Louiſon's Wünſchen zu wi⸗ derſtehen“, ſagte Jean Jaccard traurig lächelnd und heftete ſeine großen Augen auf das erregte Geſicht des Schwagers.„Doch wäre es beſſer geweſen, ſchon jetzt die Trennung ſtreng durchzuführen, welche ja doch einmal eintreten muß. Alles trennt uns.“ „Düſterer Schwärmer!“ rief der Baron, mit freu⸗ digem Uebermuth den Kopf zurückwerfend.„Wer wird ſich von der Politik die natürlichſten Gefühle verküm⸗ mern laſſen!“ Jean Jaccard ſchüttelte den Kopf. „Die Politik in des Wortes einſtiger Bedeutung würde mir nie das Herz beſchweren, aber das, was uns trennt, ſind Unterſchiede, welche wir, ſelbſt wenn wir wollten, nicht hinwegwiſchen können, wenn wir nicht auf uns ſelbſt, auf alle Bedingungen unſeres Seins verzichten wollen. Und das, wir fühlen es beide, dürfen wir nicht. Frage Deine Mutter, was ſie empfand, als ich ihr ſagte, daß meine Anſchauungen mir verböten, an dieſem Kriege Theil zu nehmen. Ich ſah an ihrem Blick, daß ich ihr fremder ward durch dies Wort als der Feind, den es zu bekämpfen gilt. Und warum einen Augenblick aufrichten, was ja doch mor⸗ gen wieder zuſammenbricht, warum uns einen Augen⸗ blick an einander ſchließen, wenn uns die Wogen der 171 Zeit und der eigene Wille morgen wieder aus einander reißen?“ Auch René war ernſt geworden. „Ich geſtehe es“, ſagte er,„auch ich hätte es gern geſehen, daß Du Deine Kenntniſſe und Dein Talent dem Vaterlande weihteſt, ich zweifelte keinen Augenblick, daß Du es thun würdeſt, und ich war ſchmerzlich über⸗ raſcht, als ich Deinen Entſchluß erfuhr; aber in meinen perſönlichen Gefühlen gegen den Bruder meiner gelieb⸗ ten Louiſon hat das nichts geändert und jetzt habe ich mich an den Gedanken, daß Du zu Hauſe bleibſt, ſo ſehr gewöhnt, daß ich bereits eigennützige Pläne dar⸗ auf baue. Du wirſt und darfſt mir meine Bitte nicht verſagen. Eure Pläne, mögen ſie ſo finſter ſein, als ſie wollen, können ſich nicht gegen Frauen richten, ſeien ſie ſelbſt Weib und Mutter des gehaßteſten Ariſtokraten.“ „Gewiß nicht.“ „Nun alſo, Du mußt meine Mutter und Louiſon beſchützen, während ich im Felde bin, ihnen zur Seite ſtehen.“ Mondélion's Stimme zitterte ein wenig, als er ſagte:„Wenn ich falle. Du ſiehſt, ich nehme die Ereigniſſe, denen wir entgegengehen, nicht ſo leicht wie viele Andere; wir gehen einem ernſten, entſchloſſe⸗ nen Feind entgegen, der ſich ſchon ein halbes Jahr⸗ hundert rüſtet, um uns zu empfangen.“ Mondélion 42 ſtreckte die Hand aus.„Die Treue, mit der Du an Deinen Ueberzeugungen feſthältſt, iſt mir eine ſichere Gewähr, daß ich dasjenige, was mir am theuerſten iſt, in ſicherer Hut zurücklaſſe. Alſo ſprich, willſt Du mein Weib und meine Mutter beſchützen, während ich im Felde bin?“ „Ich will es!“ ſagte der Student feierlich und er⸗ griff die dargebotene Hand. Die Flügelthür des Empfangsſalons, vor dem der letzte Theil des Geſprächs ſtattgefunden, öffnete ſich und die anweſende Geſellſchaft und Louiſon, deren Blicke die Thür kaum verlaſſen hatten, ſeit Mondélion ihrem Bruder entgegengeeilt war, ſahen die beiden Männer— jeder bedeutend und anziehend in ſeiner Art— mit ver⸗ ſchlungenen Händen vor derſelben ſtehen. Alle Rückſichten der Etikette beiſeite ſetzend, eeilte Louiſon den Beiden entgegen und mit ausgebrei⸗ teten Armen auf den Bruder zu. Graf Gakretout, der vielleicht am meiſten von den Anweſenden Verſtändniß hatte für die Scene, trat eben⸗ falls näher. Er war ſehr bleich, aber ſein Geſicht hatte das feine Lächeln nicht verloren. Er hatte das Com⸗ mando eines Lanciersregiments erhalten, ließ ſich aber nicht bewegen, die weiße goldgeſtickte Uniform auch nur einen Tag vor dem Ausmarſch anzuziehen. Er war im 173 ſchwarzen Frack und ſeine Roſette der Chrenlegion war vielleicht die kleinſte in Paris, ein wahres Meiſterſtück der Poſamentierkunſt. Jean Jaccard trat befangen einen Schritt zurück, als Louiſon in ihrem langen Brautkleid von weißem Atlas, ein Diadem von Myrten in den ſchwarzen wallenden Locken, auf ihn zuſchritt. Daß ſeine Schweſter ſo ſchön war, hatte er nie gewußt. Es war eine ernſte, achtunggebietende Schön⸗ heit, jeder Zug und jede Geberde edel und keuſch, eine jener Erſcheinungen, deren Anblick eine unendliche ruhige Wonne ausſtrahlt und dennoch keinen Gedanken an perſönlichen Beſitz ſelbſt in dem eitelſten Herzen auf⸗ kommen läßt. Mit ſonderbarem, feuchtem Blick, als ſei alles das, was ſie erfahren in den letzten Tagen, das Ge⸗ bilde eines wirren Traums geweſen, reichte Louiſon dem Bruder die Hand und hielt ſie feſt mit einer Art Angſt, als ſei er das einzige Weſen, durch das ſie noch in Berührung lebe mit einer Welt, die ihr bekannt und vertraut war, während ſie ſich in ihrer neuen Umgebung haltlos verliere. Und dennoch war jede ihrer Bewegungen voll Adel und von einer Ungezwungenheit, als habe ſie den zierlichen, mit weißem Atlas bekleideten Fuß nie 174 auf einen rauhern Boden als Parquett und Texpiche geſtellt. „O ich danke Dir, Jean, daß Du endlich gekom⸗ men biſt!“ ſagte Louiſon und hielt die beiden Hände des Bruders feſt, als wolle ſie dieſelben nimmer los⸗ laſſen.„Das beweiſt mir, daß Du mir wieder gut biſt.“ „Ich war Dir nie böſe, Louiſon, und wenn ich Deinem Rufe bis jetzt nicht Folge leiſtete, ſo geſchah es, weil ich Dein Glück nicht durch den leiſeſten Miß⸗ ton ſtören wollte.“ „Mein Glück!“ ſagte Louiſon, als müſſe ſie ſich die Bedeutung dieſes Wortes erſt klar machen.„Mein Glück!“ René ſah ängſtlich in ihr ſinnendes Geſicht, ſie ſchlug mit einem wehmüthig freudigen Lächeln die Blicke zu ihm auf und fügte haſtig bei: „Ja, ich bin glücklich; es iſt Dein Werk, ich bin Dein Geſchöpf.“ René führte die eine Hand, die ſie ihm, ohne mit der andern die Rechte des Bruders loszulaſſen, reichte, an die Lippen. „Du betrübſt mich durch dies Wort und erinnerſt mich immer wieder daran, daß ich nicht das Recht hatte, in dem Augenblick, da mein Leben dem Vater⸗ land gehört, das Deinige an mich zu ketten. Aber ſſöſſͤſſſſ““ 4 5 f 1 die Liebe iſt eben der größte Egoismus des Herzens, wie ſie ſeine größte Kraft und Tugend iſt.“ „Der größte Egoismus des Herzens“, wiederholte Louiſon langſam und ſinnend. Graf Entretout begrüßte den Studenten und knüpfte mit ihm eine Unterhaltung über die Zeitereig⸗ niſſe an. Jean Jaccard hatte, ſo wenig er auch in der großen Welt verkehrt hatte, Takt genug, auf die leichte Weiſe des Grafen einzugehen und allen ernſtern Pointen des Geſprächs auszuweichen. Die Baronin war eingetreten, und Hand in Hand gingen ihr Louiſon und René entgegen. Die Baronin verneigte ſich mit der ihr ſtolzen Würde gegen die Ein⸗ geladenen, dann reichte ſie dem Brautpaar die Hände. „Es wird Zeit, in die Kirche zu fahren, meine Kinder!“ ſagte ſie mit bewegter Stimme.„Es freut mich“, wendete ſie ſich an Louiſon,„daß vor dem Glanze dieſes Tages die letzten Wolken von dieſem Antlitz verſchwunden ſind.“ Sie küßte Louiſon auf die Stirn und ſah darauf ſtolz um ſich, als fordere ſie diejenigen auf vorzutreten, welche etwa ihr Recht bezweifeln ſollten, diejenigen an ihre Seite zu erheben, die ihrer würdig ſeien. „Frau Baronin!“ ſtammelte Louiſon. „Deine Mutter!“ antwortete die alte Dame und 176 wendete das feuchte Auge nach dem Sohne, wie um ihn zu fragen, ob ſie nun ganz auch ſeine Mutter wieder ſei. René Mondeélion's Geſicht glänzte von einer faſt feierlichen Heiterkeit. Die Gefahren, welchen er in kur⸗ zem entgegenging, hatten ihre Schrecken für ihn verloren und voll und ganz umfaßte ſeine kräftige Männlichkeit den Augenblick, den ſeine ernſte Phantaſie ihm ſtets als den herrlichſten des Lebens dargeſtellt. Vom Hofe herauf ertönte das Raſſeln der vor⸗ fahrenden Wagen. Louiſon erbebte und ein leiſer Schauer überſtrömte ihre Geſtalt. Der Arm, den ſie dem herbeieilenden Grafen Entretout reichte, zitterte. Die alte Baronin ging auf Jean Jaccard zu. Er trat betroffen einen Schritt zurück. „Ihren Arm, mein Sohn!“ ſagte ſie freundlich. „Auch wir Andern, was wir ſind, wir ſind es ganz und ohne Rückhalt.“ Vingris hätte faſt wieder die Braut vor der ver⸗ ſchloſſenen Kutſche ſtehen laſſen, wenn nicht Graf En⸗ tretout rit einem„Eh bien?“ in Bewegung geſetzt hätte. 4 Er war von Louiſon's Erſcheinung buchſtäblich geblendet. Daß ſich ein Menſch in wenigen Tagen ſo umgeſtalten könne, das erſchien ihm ſo wunderbar, daß die alte Baronin am Arm des Studenten faſt keinen Eindruck mehr auf ihn machte. Einer der Wagen nach dem andern fuhr vor, zuletzt der Miethwagen. Jean Jaccard hatte jedoch ſchon mit der Baronin in der zweiten der vorfahren⸗ den Carroſſen Platz genommen. Verwundert ſah ſich der Kutſcher der Compagnie impériale um. Vingris wies gebieteriſch auf die Pforte. Der Kutſcher grinſte und blieb mit unerſchütterlichem Gleichmuth auf ſeinem Bock ſitzen. „Auf was warteſt Du?“ radebrechte Vingris, der die Gelegenheit für gekommen hielt, ſeinem durch die Bemerkung des Kammerdieners etwas erſchütterten An⸗ ſehen vor der übrigen Dienerſchaft wieder aufzuhelfen. „Auf den jungen Menſchen, den ich hergebracht.“ So wenig Vingris den Studenten liebte, ſo fühlte er ſich dennoch durch die deſpectirliche Art, mit der dieſer Plebejer von dem Schwager ſeines Herrn ſprach, tief beleidigt. „Der junge Herr“, ſagte er deshalb mit nachdrück⸗ licher Betonung,„iſt bereits mit der gnädigen Frau Baronin gefahren. Er iſt daher überflüſſig.“ Dem Pariſer Droſchkenkutſcher kam nichts gelegener, als den hochmüthigen Portier in der Treſſenuniform zu ärgern. Nebenbei war das Warten von jeher bei den v. Schlägel, Nach uns die Sündflut IV. 12 178 Kutſchern aller Länder die bevorzugteſte Beſchäftigung. Mit dem größten Gleichmuth machte er ſich's auf ſeinem Bock bequem, zog mehr praktiſch als graziös die Zügel unter dem einen Beine durch, brachte einen mächtigen Tabaksbeutel und eine vor Schmuz unleſerliche Zeitung aus der Taſche ſeines Rocks, nahm aus dem Beutel vier Finger voll Tabak, riß ein Stück von der Zeitung ab, und nachdem er ſich die ungeheuerlichſte aller Ci⸗ garetten gedreht, fand er Zeit, das Geſpräch mit dem grünen Portier wieder aufzunehmen, indem er ihn auf die cordialſte Weiſe um Feuer bat. „Hier wird nicht geraucht! Fort ſoll Er, Er hat nichts mehr hier zu thun, der Herr Schwager unſeres gnädigen Herrn“— Vingris erſtickte faſt an dem Titel —„ſind bereits weggefahren.“ Je wüthender Vingris wurde, deſto kälter und lakoniſcher antwortete der Plebejer. „Bereits weggefahren? Sie täuſchen ſich, beſter Freund. Wenn er weggefahren wäre, hätte er mir doch nicht ſagen können, daß ich hier auf ihn warten ſoll. Ich kenne meine Pflicht. Alſo kein Feuer? Auch gut! Dann machen wir uns ſelber welches; es brennt lang⸗ ſamer, aber eben ſohell.“ Damit zog er ein mächtiges Stück Schwamm aus der Taſche, hierauf einen ebenſo ungewöhnlichen Feuer⸗ 179 ſtein und ſchlug mit dem Rücken eines rieſigen Taſchen⸗ meſſers ſo mächtig dagegen, daß die Funken weit über den Hof flogen und ein brandiger Zundergeruch die ganze die Scene umſtehende Dienerſchaft ſchnüffeln machte. Und bald entſandte die abſcheulichſte Cigarette von franzöſiſchem Regietabak, welche die Welt geſehen, ihren Qualm zu dem viereckigen Stück Himmel empor, das Gebäude und Hofmauern ſehen ließen. Die verſammelte Dienerſchaft umſtand ſprachlos dieſe unerhörte Frechheit. Der Kammerdiener in ſchwar⸗ zem Frack und Kniehoſen fand am erſten wieder Worte. „Hier wird nicht geraucht!“ ſchrie er, daß ſeine dünne Stimme überſchnappte. Die Rauchwolke, die der Vertreter der Compagnie impériale ausſtieß, übertraf alle übrigen an Größe und Dichtigkeit. Wie verwundert ſchaute er dem ſchmuzig⸗ gelben Qualm nach, als er ſenkrecht über ihm in die Höhe ſtieg. „Hier wird nicht geraucht?“ fragte er.„Sie ſehen wohl nicht gut? Ich rauche ja!“ Da gab der Kammerdiener mit finſterer Entſchloſ⸗ ſenheit den beiden Stallknechten ein Zeichen; ſie nahmen das Droſchkenpferd an jeder Seite und führten es trotz der Geſticulationen des Kutſchers zum Thore hinaus, das ſich ſogleich hinter demſelben ſchloß. — 12* 180 Mit der Miene eines Siegers ſtieg Vingris die Treppe hinab und begab ſich in ſeine Loge. Noch einige Zeit fuhr der aus dem Hofe des Ho⸗ tels verbannte Kutſcher vor dem Portal auf und nie⸗ der, indem er ſehr bezeichnende Geberden gegen das Fenſter des Portiers machte. Ein Stadtſergent, wel⸗ cher dies beobachtete, hieß ihn ſeiner Wege fahren. Dies Zwiſchenſpiel war eben beendigt, als der Hochzeitwagen der Mondélions bereits wieder um die Ecke bog. Die Trauung hatte in der Madeleinekirche ſtattgefunden, und zwar hatte ſich dabei, da das allgemeine Intereſſe faſt ganz auf die Ausmärſche der verſchiedenen Truppenabtheilungen gerichtet war, das ſchauluſtige Pariſer Publikum weniger zahkreich eingefunden, als es ſonſt bei den Hochzeiten der Ariſtokratie der Fall war. Noch immer ſchien Louiſon, welche neben ihrem Gatten allein im Wagen ſaß, die Starrheit nicht über⸗ wunden zu haben, welche ſchon den ganzen Tag auf ihrem Geſicht und ihren Sinnen lag. Beunruhigt durch ihr Schweigen, beugte ſich Mon⸗ délion zu ihr nieder und ſagte mit ſanftem Vorwurf: „Ich gehe morgen fort, es iſt möglich, daß ich niemals wiederkehre— ſoll meine Todesſtunde nur die Erinnerung an das bleiche, vorwurfsvolle Geſicht mei⸗ nes Weibes umſchweben?“ 181 Louiſon ſchrak zuſammen, ein glühendes Roth er⸗ goß ſich über ihre Wangen, ihre Augen öffneten ſich weit und voll Glanz. „Nein, nein!“ rief ſie und ſchlang ihre Arme um fihn, wie damals, als er mit ausgebreiteten Armen in ihre Manſarde getreten war.„Auch ich brauche ja dann die Erinnerung an das höchſte Glück meines Le⸗ bens, um mir vielleicht über lange Jahre, die ich noch zu leben habe, hinüberzuhelfen.“ Einen Augenblick ruhten die beiden edlen Geſtalten dicht an einander, Alles andere um ſich her vergeſſend, und Vingris, welcher in militäriſcher Haltung neben dem weitgeöffneten Portal ſtand und auf einen halben Schuh Entfernung in den Wagen hineinſah, vergaß wieder einmal ſo ganz ſeine Würde, daß er den Mund weit aufſperrte und noch offen hatte, als der letzte der Wagen hereingefahren war. Ein Windſtoß, der ihm beim Schließen des Tho⸗ res den Mund mit Staub füllte, ſchloß denſelben end⸗ lich. Spuckend zog ſich Vingris in die Loge zurück und gedachte der Weisheit ſeines Vaters. Bald jedoch begann das Diner, und in Vingris' Loge hielt die Dienerſchaft ihr eigenes Gelegenheits⸗ gelage. Vingris ſetzte einige Zweifel in die Behaup⸗ tung, daß der Baron Dutzende von Flaſchen feinſter 182 Rothweine bei dieſer Gelegenheit an ſeine Dienerſchaft gebe, da er ihn ja ſelber einmal wegen eines vermeint⸗ lichen Rauſches hart angelaſſen hatte. Aber die Auto⸗ rität des dürren Kammerdieners und die Güte des Stoffes brachten ihn zum Schweigen. So gut konnte geſtohlener Wein nicht ſchmecken. Heute zum erſten Mal vergaß Vingris, zwiſchen den einzelnen Schlucken zu zählen, und als er durch die anbrechende Dun⸗ kelheit genöthigt wurde, Licht anzuſtecken, war es ihm nicht möglich, mit dem angebrannten Streichholz die Kerze zu finden, ſodaß der Kammerdiener kichernd und über ſeine dürren Beinchen ſtrauchelnd dem langen Portier das Geſchäft abnahm und endlich die Beleuch⸗ tung der Loge zu Stande brachte. Unter ſolchen Umſtänden war es Vingris gewiß nicht zu verargen, daß er ſogleich, nachdem er das Thor hinter dem letzten der im Hofe ſtehenden Wagen geſchloſſen hatte, ſein ſchlummertrunkenes Haupt auf das müde Ohr legte. Es war ein ſchöner Traum, den er träumte: die maikäferbraunen Rinder auf der gras⸗ grünen Pyramide, durch welche der Photograph ſeines Vaters die Herrlichkeit ſchweizeriſcher Natur verſinnlicht hatte, waren alle lebendig geworden und trugen die Glocken am Schweife. Aber wunderbarer Weiſe waren ſie alle lammfromm dabei und ſchienen ſich in der 183 ſonderbaren Tracht zu gefallen, und Vingris ſah ſich ſelber, wie er als Oberſenn auf der Braunalm herum⸗ ſpazierte, und um ſeine eigenen Ohren läutete es me⸗ lodiſch, daß er immer verſucht war, mit dem Kopf die lieblichen Tonſchwingungen nachzuahmen. Endlich drehte er ſich um und ſah, daß er einen langen mächtigen Zopf trug und daran die größte Kuhglocke von der ganzen Heerde. Und ein ſilberhelles Glöcklein an je⸗ dem Zopfende, hüpfte ihm drall und rothwangig die Melkdirne entgegen und lachte und erzählte ihm, daß ſie eigentlich gar nicht an den Blattern verſtorben ſei, wie ſie ſich geſtellt habe, ſondern ſich auss Kummer in die ſchönſte Kuh der Braunalm verwandelt habe, bis der Oberſenn todt war und ihren Winkelried die Sehn⸗ ſucht nach ihr wieder heimgeführt habe. Jetzt aber ſolle ſie nichts mehr trennen und ſie wollten nun nach Herzensluſt mit ihren Glocken läutend mit einander durchs Leben gehen und ſich nicht mehr verlaſſen. Und ſie fielen einander in die Arme und küßten ſich und die Glocke und die Glöcklein an ihren Zöpfen klingelten ganz närriſch vor Vergnügen. Da fuhr Vingris auf. Es war recht ſchade; eben hatte er den Mund geſpitzt, um den erſten Kuß auf der Melkdirne ſtrotzende Lippen zu drücken, da war eine andere Glocke gezogen worden, die gar nicht zu dem 184 melodiſchen Geläute einer jungen Liebe paßte— die Por⸗ tierglocke. Vingris ſah das Licht von Wagenlaternen am Thorweg ſchimmern, hörte die Pferde ſtampfen und vernahm das Poltern des Mondélion'ſchen Kutſchers, welcher ſich in den unehrerbietigſten Ausdrücken ſeiner Verwunderung überließ, mit dem Schwager ſeines Herrn ſo lange vor dem verſchloſſenen Thore halten zu müſſen. Vingris warf den langen Livreerock über, eilte hin⸗ aus und öffnete. Ein beißender Hieb der Peitſche traf ziſchend zwiſchen die beiden Schulterblätter des Portiers, genau dahin, wo vorhin die Glocke gehangen hatte, und der Wagen rollte von dannen. Der Kutſcher ſchlug noch immer wie wüthend auf die ſich bäumen⸗ den Pferde. Der Wagen hatte bald die noch ſehr belebten Boulevards durchſchnitten, die Seine paſſirt und hielt vor dem Hauſe Pore Androlet's. Jean Jaccard ſtieg aus und der Wagen wendete langſam um. Als Jean Jaccard in den dunklen Flur trat, ſtrauchelte er über eine menſchliche Geſtalt. Ein dum⸗ pfes Röcheln drang zu ihm herauf. Er dachte an die Verzweiflung des verliebten Krämers und der Gedanke an einen Selbſtmord ſchoß ihm jäh durchs Gehirn. 185 Als das Licht brannte, überſchimmerte ein melancholi⸗ ſches Lächeln die Züge des Studenten. Vor ihm lag Pere Androlet in der Bewußloſigkeit des Rauſches. Jean Jaccard rüttelte ihn. Der dicke Krämer ſchlug ſchwerfällig mit den Händen um ſich und lallte:„Loui⸗ ſon!“ 4 Durch die Thür, welche auf den Hof ging, ſah Jean Jaccard in der Wohnung Paul Mervin's noch Licht. Er näherte ſich dem Fenſter und ſchaute hinein. Der Erfinder ſaß vor einem flackernden Talglicht und hatte vor ſich auf dem Tiſch eine Granate von der Größe eines Menſchenkopfes; verſchiedene friſch ausge⸗ bohrte Löcher waren darin ſichtbar. In einer Ecke der Stube, wohin nur bisweilen ein flackernder Schimmer des Lichtes irrte, regte es ſich zwiſchen einem Knäuel von Lumpen und Stroh wie menſchliche Gliedmaßen und ein heiſeres Stöhnen drang manchmal durch die ſchlecht verwahrte Thür. Der Erfinder, deſſen Geſicht noch abgezehrter ge⸗ worden war, ſchaute mit weit aus den Höhlen dringen⸗ den Augen auf die Granate, die er mit den zitternden Fingern fortwährend drehte. Dabei nickte er mit dem Kopfe und lächelte. Dann nahm er eine kleine Papier⸗ düte, die auf dem TDiſch lag, ſchüttete ihren Inhalt in die Löcher und näherte hierauf das Licht der Oeff⸗ 186 nung. Eine blaue Flamme ſchlug durch die Oeffnungen, welcher ein weißer Qualm folgte, der ſogleich das Zimmer füllte. Undeutlich unterſchied Jean Jaccard noch die Geſtalt Paul Mervin's, welcher wie verzückt mit den Händen geſticulirte. Das Stöhnen wurde ganz erſchreckend. 3 Jean Jaccard riß die Thür auf und trat ein. Ein erſtickender Schwefelgeruch drang ihm entgegen. Nachdem Jean Jaccard auch das Fenſter aufge⸗ riſſen, wurde es etwas heller. „Was Teufel macht Ihr da, Mervin?“ „Ah, Ihr ſeid's, Jean!“ ſagte der Erfinder und legte den Flintenlauf zur Seite, den er wie zur Ver⸗ theidigung ergriffen hatte.„Dachte ſchon, die Polizei— glaubte ſchon, es habe mich einer geſehen, als ich die Gra⸗ nate aus dem Scheibenwall grub mit den Händen. Eine ſaure Arbeit, Jean Jaccard, hatte ſich ſechs Fuß in das Erdreich gebohrt, das Vieh! Was ich da mache? Hm, ich probire meine Erſtickungsbombe.“ „Jetzt? Wir haben jetzt gerade wenig Ausſicht auf eine Revolution. Nur wenn der Kaiſer unterliegen ſollte—“ „Er wird unterliegen!“ ſagte Paul Mervin mit großer Beſtimmtheit.„Das Miniſterium hat alle meine Erfindungen zurückgewieſen.“ 2— 187 „Ja, dann ſteht das Schickſal der Armee außer Zweifel. Aber warum, Mervin, verpeſtet Ihr denn Eure eigene Stube? Euer Weib kann offenbar dieſe Atmo⸗ ſphäre nicht ertragen.“ Mervin ſchüttelte den Kopf. „Das verſteht Ihr nicht, Jean! Schwefel reinigt die Lungen, und die Hauptſache war ja noch nicht da⸗ bei; die wird erſt dem großen klugen Kaiſer präſentirt, wenn er mit den Trümmern ſeiner Armee wieder in Paris einmarſchirt.“ Jean Jaccard war inzwiſchen an das Lager der kranken Fran getreten und ergriff ihre magere Hand, um ihr den Puls zu fühlen. „Ich verbiete Euch, Mervin, das Experiment zu wiederholen. Eure Frau iſt ſehr ſchwach und könnte daran zu Grunde gehen. Verſprecht mir, es nicht mehr zu thun.“ „Ich habe keinen Schwefel mehr“, ſeufzte Mervin. „Das iſt gut. Habt Ihr Geld, welchen zu kaufen?“ „Nein.“ „Das iſt gut. Ich werde dafür ſorgen, daß Euch diesmal die Unterſtützung der Geſellſchaft blos in Nah⸗ rungsmitteln zukommt. Ihr laßt Euer Weib verhungern.“ „Aber meine Bombe!“ jammerte Mervin. „Man wird's Euch ſagen, wenn man Eurer Bombe 188 bedarf. Bis dahin habt Ihr blos die Pflicht, vernünf⸗ tig zu werden, ſoweit Euch das möglich iſt.“ Jean Jaccard hatte entſchieden, faſt hart geſpro⸗ chen. Paul Mervin hatte ihn angehört, wie man den Worten eines Vorgeſetzten lauſcht. Jean Jaccard ging über den Hof und ſtieg die Treppe zu ſeiner Manſarde empor⸗ Der Mond, der groß und dunſtig über den Kami⸗ nen auf dem gegenüberliegenden Dache ſtand, warf ſein Licht bleich und geſpenſtiſch in die niedere Kammer. Als Jean Jaccard eintrat, regte ſich etwas auf dem Sopha, daß er befremdet einen Schritt zurücktrat und Licht machte. „Ich bin krank und möchte nicht allein ſterben, Jean“ Es war eine hohle, klangloſe Stimme, die Jean Jaccard kaum mehr erkannte. Auch die Geſtalt, welche, angethan mit ärmlichen Fetzen, vor ihm ſtand und ihn mit dem zum Todten⸗ kopf abgemagerten Geſicht anſchaute, war ihm fremd. Aber ein paar große blaue Augen blickten ihn ängſtlich und doch wieder mit dem Trotze eines Kindes, das Strafe erwartet, an. Jean kannte dieſe Augen und trat erſchrocken zurück. „Nini!“ „Ich werde wohl nicht mehr lange leben Jean“, 189 fuhr Nini in ihrer trotzig bittenden Weiſe fort,„aber es iſt hart, ſo allein zu ſterben. Da dachte ich an Dich— Du warſt beſſer als ſie alle. Wo iſt Louiſon? Sie wird mich wohl fortſchicken!“ Jean Jaccard ging auf ſeine ehemalige Geliebte zu und gab ihr die Hand. „Louiſon iſt fort, verheirathet. Du haſt Recht, daß Du gekommen biſt, Nini, das Zimmer, das Du einſt mit Louiſon getheilt haſt, iſt das Deine. Du ſollſt von nun an meine Schweſter ſein.“ Wie von einem unwillkürlichen Drange hingeriſſen, führte Nini die Hand an ihre blutleeren Lippen. „Ich hatte immer das Gefühl, daß Du mich auf⸗ nehmen würdeſt, wann und wie ich auch käme. Lange aber ſträubte ſich Alles in mir dagegen und doch machte jenes Gefühl, daß ich nie ganz verzweifelte. Ich war wohl recht undankbar gegen Dich, aber ich bin beſtraft worden. Ich werde Dir nicht mehr lange zur Laſt fallen.“ Sie ergriff das Licht, das Jean ihr reichte, und ging ins Nebenzimmer. Jean Jaccard blieb im Dunklen. Der Mond, der endlich ſeine Dunſtmaſſe durchbrach, beleuchtete die auf der Bank ausgeſtreckte Geſtalt des jungen Mannes, welche manchmal wie von unterdrücktem Schluchzen zuſammenzuckte. Neuntes Kapitel. Einpatriotiſches Stück. Ein patriotiſches Stück! Die Kriegserklärung war vor wenigen Wochen raſch und unerwartet wie eine Brandrakete am ruhigen Nachthimmel der Geſellſchaft emporgeſtiegen, eine blutige furchtbare Zeit war ur⸗ plötzlich über die Menſchheit gekommen, und der Ruhigſte ſtand bleich und bebend vor dem verſchleierten Rieſen⸗ geſpenſt des Krieges, das ein Wort, ein Federzug her⸗ aufbeſchworen. Aber während die Welt noch keines Angſtſchreies mächtig in ſtummen Schauern lag, hatte ein Lieblingsdichter der Pariſer bereits ein zeitgemäßes Stück geſchrieben, mehr noch, dieſes Stück, ganz geeig⸗ net, die trotz alledem etwas kühle Haltung des Quar⸗ tier latin zu den Zeitereigniſſen zu erwärmen, war be⸗ reits durch höhere Verwendung dem Odeon⸗Theater 191 oetroyirt, von dieſem in Scene geſetzt worden und ſollte einige Tage nach dem Ausmarſch der Truppen gegeben werden, um die Herzen der zwiſchen ihrem Patriotis⸗ mus und ihren republikaniſchen Ueberlieferungen noch ſchwankenden Bewohner des Studentenviertels zu ent⸗ flammen. Jedermann im Quartier latin wußte, daß der Abend von der Regierung zu einer großartigen Mani⸗ feſtation für den Krieg und das Kaiſerreich benutzt werden wollte und daß die noch immer ſehr zahlreichen Radicalen des Quartiers ſich zu einer Gegendemon⸗ ſtration rüſteten. Schon am Nachmittag war daher der Platz dicht mit Menſchen beſetzt. Die Mehrzahl mochte wohl aus Neugierigen beſtehen und ſich ſelbſt noch nicht klar darüber ſein, ob ſie im gegebenen Mo⸗ ment dem Kaiſerreich ein„Vive!“ oder„A bas!“ bringen würde. Aber man bemerkte darunter ziemlich regel⸗ mäßig vertheilt mehrere als Mouchards und Agents provocateurs ziemlich bekannte Individuen und einige Studenten, welche als Freunde bonapartiſtiſcher Jour⸗ naliſten vervehmt waren. Die Gegenpartei war nicht müßig geblieben. Den Dienern des herrſchenden Re⸗ giments wurde es etwas unheimlich zu Muthe, als ſie zahlreiche, entſchloſſen ausſehende Männer in Blouſe und Sammtrock faſt in militäriſch regelmäßigen Ab⸗ 192 ſtänden in der Menge bemerkten. Die Polizei und ihre Freunde hatten eine ſchwierige Stellung. Sie waren von ihren Vorgeſetzten angewieſen worden, einen Zu⸗ ſammenſtoß auf jeden Fall zu vermeiden, beim Erſchei⸗ nen der Kaiſerin ſelber die Marſeillaiſe anzuſtimmen und, wenn Unruhen entſtehen ſollten, dieſelben zu einer etwas tumultuöſen Kundgebung für den Krieg zuzu⸗ ſpitzen. Die Unverſöhnlichen jedoch, deren zugleich feſte und ungreifbare Organiſation der Polizei längſt kein Geheimniß mehr war, ſchienen es diesmal, wie man aus Allem herausfühlte, auf einen Bruch abgeſehen zu haben, um zu zeigen, daß ſie noch am Leben ſeien, und mit bangen Vorgefühlen ſahen ſich die ſonſt ſo brutalen Klopffechter des Kaiſerreichs plötzlich einer Agitation gegenüber, welche eher das Beſtreben, ſich zu zeigen, als zu verbergen, zu haben ſchien und die Gelegenheit beim Schopf zu faſſen ſuchte, um mit der Polizei zuſam⸗ menzugerathen. Was den zur Friedfertigkeit verurtheilten Poliziſten entging, war ein kleines Café gegenüber dem Theater, von welchem aus die verdächtigen Geſtalten, die ſo un⸗ heimlich durch die Menge patrouillirten, ihre Signale zu erhalten ſchienen. Dort hatten zwei Herren ein Mar⸗ mortiſchchen unter die Thür ſtellen laſſen und betrach⸗ teten ſich gemächlich und dann und wann mit einander — — 193 in gleichgültigem Tone eine Bemerkung wechſelnd über ihre Taſſe hinweg das Treiben der auf und ab wogen⸗ den Menge, welche zunächſt den Wagen der Kaiſerin erwartete und ihre Hofdamen zu ſehen wünſchte. Der ſchlankere der beiden Herren war auf das modernſte gekleidet und mit allen ſonſtigen Attributen eines Stutzers verſehen. Sein rechtes Auge hielt ein goldenes Monocle mit vollendeter Meiſterſchaft, zwiſchen den Fingern ſeiner rechten Hand war ein kaum meterlanges Rohrſtöckchen in beſtändiger Bewegung, um von Zeit zu Zeit zer⸗ ſtreut an das helle, reizend gemachte Beinkleid zu klopfen, während ſein linker auf das Marmortiſchehen geſtützter Arm in einer faſt zu Ende gerauchten Cigarre aus⸗ mündete, deren Duft die vorüberſchlendernden Gamins gierig aufſogen. Nicht ganz zu der eleganten Tournüre ſtimmte ein beginnender Vollbart, der dem eigentlich ſehr magern Geſicht eine gewiſſe Fülle und Rundung gab. Wenn der Herr mit dem Monoele im Auge aufs Haar einem jungen Edelmann des Jockeyelubs glich, der ſich für den bevorſtehenden Feldzug bereits nicht inehr raſirte, ſo gehörte ſein Gegenüber zu jener großen Klaſſe der geſetzten, anſtändigen Herren, deren Aeußeres der Franzoſe manchmal ſcherzweiſe mit Bonhomme bezeichnet, deren Rollen auf der Bühne von den mittel⸗ mäßigſten Schauſpielern dargeſtellt werden und welche v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. IV. 13 194 ſich ſo ſehr gleichen, daß es manchmal nur an der Feinheit des Stoffes, den ſie tragen, oder an der Pflege der Hand zu unterſcheiden iſt, ob man einem Beherrſcher der Börſe oder einem im Stadtrath ſitzenden Bürſten⸗ binder im Sonntagsrock gegenüberſteht. Der anſtändige Herr, welcher an dem Marmortiſchchen ſaß, unterſchied ſich von der ganzen Gattung vielleicht nur durch das kalte blaugraue Auge, welches manchmal mit raſchem, durchdringendem Blick über die Menge ſtreifte, aber dann auch nur einen Augenblick; denn ſowie dieſe Augen einem andern auf ſie gerichteten Blick begegneten, ſchloſſen ſie ſich zur Hälfte und auf dem glattraſirten Antlitz lagerte wieder ein Lächeln, wie jeder Commiſ⸗ ſionsrath lächeln kann. An jenem Blick und dieſem Lächeln erkennen wir den Herrn am Marmortiſchchen wieder. Es iſt der Mann von London. Der Elegant mit dem beginnenden Vollbart ließ den Reſt der Cigarre nachläſſig zur Erde fallen. Ein Gamin ſprang gierig darnach. Der Mann von London hatte bereits ein umfang⸗ reiches Etui von Juchtenleder gezogen, um ſeinem Ge⸗ ſellſchafter eine neue Cigarre anzubieten. Das Etui veränderte jedoch ſeine Richtung und ſtreckte ſich dem hoffnungsvollen Vertreter der Pariſer Straßenjugend unter die erſtaunte Naſe. 195 „Hier, mein Freund! Laſſen Sie den Stummel liegen. Zögernd und in der halben Befürchtung, gefoppt zu werden, griff der Jüngling mit den nie gewaſchenen Fingern ſeiner Linken in die elegante Cigarrentaſche, während die Rechte mit dem erbeuteten Stummel in die Tiefen einer lebensmüden Leinwandhoſe verſank. Endlich hielt er eine dicke Regalia von der feinſten Arrbeit triumphirend vor den immer größer werdenden 8 Augen. „Das koſtet wenigſtens fünf Sous“, ſagte er, noch immer aufs höchſte erſtaunt. „Zwanzig, mein Freund!“ ſagte der Mann von London mit freundlichem Lächeln.„Wenn es von mir abhängen würde, ſollten alle guten Bürger Cigarren zu zwanzig Sous rauchen, nicht blos die Lakaien und Soldaten Badinguet's. Wollen Sie noch eine?“ Der ſchmuzige Bengel, der vorhin eines Cigarren⸗ ſtummels wegen unter den Tiſch gekrochen war, trat mit einer ablehnenden Bewegung, die nicht aller Ele⸗ ganz entbehrte, zurück. „Ich danke, Bürger! Ich bin kein Araber. Der Sohn der Faubourg St.⸗Antoine nimmt nur eine.“ Er nahm ein Streichholz vom Tiſch, brachte es am Schenkel zum Brennen und zündete ſich die Cigarre 43* ⸗ 196 an. Als ſie brannte, machte er eine Verbeugung, drückte die Mütze unternehmend aufs Ohr und ſchritt ſtolz von dannen, große Rauchwolken ausſtoßend und ein revolutionäres Lied pfeifend, welches über Nacht ent⸗ ſtanden und mit ſeinen wilden Rhythmen ganz ge⸗ ſchaffen war, um den durch die Polizei entweihten Geſang Roget de l'Jle's zu erſetzen. „Der ſchlägt heute mit der Sabatte zwei Poliziſten in die Flucht“, lächelte der Mann von London, indem Ver ſeinem Gegenüber nun die Cigarren bot. Der bärtige Stutzer ſtreckte den Arm aus, daß ſich der Rand des Aermels weit über die blendend weiße Manſchette zurückzog und die in Glacéhandſchuhe einge⸗ ſchloſſene Form der Hand in ihrer ganzen Schlankheit ſichtbar wurde. Er kam aber nicht dazu, die Cigarre anzuzünden, denn unter dem tauſendſtimmigen Ruf: „Die Kaiſerin! Platz für die Kaiſerin! flutete die Menge nach rückwärts. In der That erſchienen die Köpfe von vier Pferden, die Oberkörper von vier Lakaien und ein ſchwarzes Kutſchendach über der auf und ab wogenden Menge. Der Mann von London war auf einen Stuhl geſprungen, um den Wagen zu ſehen, und ſchwenkte ein weißes Taſchentuch in der Luft, wobei er fortwährend rief:„Es lebe die Kaiſerin! Platz für die Kaiſerin!“ 197 Als wenn dieſes weiße Taſchentuch ein Signal ge⸗ weſen wäre, änderte ſich augenblicklich die Situation. Heulend drängte ſich ein feſtgeformter Keil von Blou⸗ ſenmännern und Studenten zwiſchen die kaiſerliche Squipage und den Eingang des Theaters und vergeb⸗ lich ſuchte der Kutſcher vorwärts zu kommen. Bekannte Spottlieder wurden da und dort ange⸗ ſtimmt,„Nieder mit der Kaiſerin! Nieder mit Badin⸗ guet!“ ertönte es. Auf den Stufen des Theaters erſchien eine mäch⸗ tige Geſtalt mit langem, wehendem Bart und mit Zei⸗ tungstiteln über und über bedeckt und warf ein Flug⸗ blatt in rother Schrift unter die Menge und ſang ein wildes ſeltſames Lied, daſſelbe, das der Sohn der Fau⸗ bourg St.⸗Antoine vorhin gepfiffen. Hundert Kehlen ſtimmten ein. Dreimal riſſen die Stadtſergents den Alten von den Stufen, dreimal wurde er durch die Fäuſte der Studenten und Blouſenmänner befreit und erſchien wieder hoch über der Menge und ſang das Lied vom Barrikadentod. Die Stadtſergents und Agenten hatten ſich dicht um den Wagen der Kaiſerin geſchaart, um ihn zu ſchützen. Die Kaiſerin gab den Befehl zur Rückkehr. Unter dem Heulen und Ziſchen der Menge verſchwanden der kaiſerliche Wagen und die wenigen Chaifen, welche 198 ihm gefolgt waren. Auch die Stadtſergents zogen ſich ihren erhaltenen Befehlen gemäß zurück. Die Unver⸗ ſöhnlichen hatten den Platz behauptet. Nur in einer Ecke des Platzes ſtand ein Mann mit einer Nelke im Knopfloch und erzählte den ihn umſtehenden Gaffern von den Siegen des erſten Napoleon und wie es der Neffe jetzt ebenſo machen und an der Spitze der Armee von einem Ende der Welt zum andern marſchiren und Alles unterwerfen werde. Da plötzlich erſchien neben dem Mann mit der Nelke die groteske Geſtalt des Zeitungsmannes. Der ſang mit ſeiner dröhnenden Stimme das neue Lied vom ſchönen Barrikadentod, und in den brauſenden Tonwellen, die ſeiner Bruſt entſtrömten, ſank die heiſere Stimme Vater Barbé's unter. Poère Roberto ſang und warf ſeine gedruckten Zettel unter die Menge, und dar⸗ auf ſtand in rothen Lettern zu leſen: „Bürger von Paris, die Loſung heißt warten! Der Krieg der Tyrannen iſt nicht Euer Krieg, aber es iſt Euer Triumph, wenn ſie ſich gegenſeitig bis zur Ohnmacht zerfleiſchen. Keiner, der die Freiheit und das Volk liebt, folge dem Heerzug des Tyrannen. Alles iſt bereit— bewahrt Euch für den Tag der Ver⸗ geltung!“ Man kann dieſer Proclamation beſondere Klarheit 199 eben nicht nachrühmen, deſto größer war ihre Wirkung. So konnte man auf die allerleichteſte Weiſe zum Hel⸗ den werden. Wenn der Nachbar fragte, warum man nicht ſeinen hochherzigen Entſchlüſſen gefolgt und mit in den Krieg gezogen ſei, ſo runzelte man die Stirn und ſah ihn düſter an.„Alles iſt bereit— ich warte auf den Tag der Vergeltung.“ Einer forderte den Andern auf, ſich für den Tag der Rache aufzubewahren, damit er ſelber ſich beſſer ausnehme, wenn er zu Hauſe blieb. Es war inzwiſchen dunkel geworden und das Licht der Laternen ſiel nur noch auf einzelne Haufen, welche ſich gegenſeitig feierlich zuſchworen, dem Kriegszug des Tyrannen nicht zu folgen, ſondern ſich für den Tag der Rache aufzubewahren. Der Mann von London und ſein eleganter Be⸗ gleiter hatten ſich während des Tumultes in das kleine Café zurückgezogen, horchten auf den zunehmenden Lärm und unterhielten ſich leiſe. Eine vom Leben etwas abgegriffene Geſtalt, deren Geſicht gerade ſo ausſah wie eins von denjenigen, welche im Keller des Poͤre Beaupas zu dem Banner der Internationale geſchwo⸗ ren, machte ſich etwas abſeits an einem ärmlichen Büffet zu ſchaffen.— Da trat Jean Jaccard raſch ein. Seine Wangen waren geröthet, ſeine Augen blitzten. Seine Bruſt hob 209 ſich raſch auf und nieder, als könne er zum erſten Mal in ſeinem Leoben frei athmen. Sein Rock hing ihm an verſchiedenen Stellen zerriſſen vom Leibe. „Wir waren hart mit den Mouchards an einan⸗ der“, begann er ohne weiteres.„Aber die feigen Hunde ließen ſich prügeln und ſchlichen davon. Offenbar haben ſie Befehl, ſich ruhig zu verhalten. Jules Bandeau iſt mit ſeiner Bande vor die Tuilerien gezogen, um auch dort unſer„Nieder mit dem Kaiſerreich! Es lebe der Friede und die Revolution!“ hören zu laſſen. Es ſoll den Officiöſen nicht gelingen, das Ganze als eine ſtür⸗ miſche Kundgebung für den Krieg zu erklären. Die Kaiſerin war bleich vor Wuth, als ſie umkehren mußte. Reymond hatte ſich bis zum Wagenſchlag durchgedrängt und erkundigte ſich nach dem Befinden Badinguet's. Man verhaftete ihn nicht. Man rechnet auf die erſte Schlacht und zweifelt nicht, daß der unausbleibliche Sieg alle Welt betäuben werde.“ „Die erſte Schlacht wird eine Niederlage ſein!“ ſagte der Mann von London mit einem eigenthümlichen Lächeln. Jean Jaccard antwortete nicht. Seine Augen waren unverwandt auf den Elegant gerichtet, der am Büffet lehnte und mit aller graziöſen Nachläſſigkeit eine gewiſſe Unruhe nicht verbergen konnte. Der Mann von London mißverſtand dieſes gegen⸗ ſeitige Anſtarren und ſagte: „Ihr kennt Euch, wie es ſcheint, noch nicht; es iſt genug, wenn ich Euch ſage, daß Ihr einander vertrauen dürft. Bürger Jean, Bürger Etienne. Was Euch die Geſellſchaft ſonſt noch für tolle Namen gegeben hat, damit Ihr immer genau in das unterſte Loch des großen Stalles kriecht und Euch von oben gehörig treten laßt, daran kann Euch nichts liegen. Gebt Euch die Hand! Ihr werdet noch viel mit einander zu arbeiten haben.“ Bürger Etienne blieb unbeweglich. Der Student war vergeblich bemüht, ſich zu be⸗ herrſchen. Durch ſeine Stimme bebte der ganze Zorn, der in ſeinem Innern kochte. „Wir kennen uns bereits“, ſagte er verächtlich, „der Fürſt Stanowsky und ich. Es mag dem welter⸗ fahrenen Heuchler und Schurken vielleicht lächerlich er⸗ ſcheinen, wenn ich ihn anklage, daß er mir mit der Rechten freundſchaftlich die Hand drückte und mit der Linken die Geliebte ſtahl, daß er das unerfahrene Weſen, das ihm blindlings vertraute, hülflos in die fremde Welt hinausſtieß, bis es im Schmuz des Lebens lang⸗ ſam verfaulte. Ich will ihn nicht ins Geſicht ſchlagen, wenn er zu uns gehört, wie es der Schurke verdiente, aber dem Mörder deſſen, was mir das Theuerſte war, die Hand reichen— nie!“ Stanowsky zuckte zuſammen, als er das Wort Schurke hörte, und ſchien auf den Studenten zuſtürzen zu wollen. Der Student blieb ruhig ſtehen. Der Mann von London trat zwiſchen die Beiden. „Bürger Jean“, ſagte er ernſt und mild,„Du haſt verſprochen, Dich ganz dem erhabenen Werke der Erlöſung der Menſchheit aus Sklaverei und Elend zu weihen, Du haſt verſprochen, weit hinter Dich zu werfen jeden Gedanken an das, was Du warſt, was Du be⸗ ſaßeſt, und nur zu nähren die Glut der Rache gegen die Unterdrücker Deiner Mitmenſchen, die heilige Flamme des Zorns, die als Theil der allgewaltigen Flamme der Vernichtung einſt über unſern Drängern zuſammen⸗ ſchlagen ſoll. Das Alles haſt Du verſprochen, und ſchon die erſte Probe, die der Zufall an Dich ſtellt, findet Dich ſchwach und eigenſüchtig. Ein Mann, von dem ich Großes erwarte, wie von Dir, hat Dich einſt beleidigt, hat vielleicht das gethan, was man Unrecht nennt, und Du verweigerſt die Gemeinſchaft mit ihm, ohne zu bedenken, daß er vielleicht nichts that, als daß er willenlos und ohne Urtheil dem Strom der allge⸗ meinen Verderbniß folgte. Bürger Jean, dieſer Mann, den Du Deinen Feind nennſt, hat die Weihe erhalten, 203 welche mächtig genug iſt, ſelbſt das Brandmal von der Schulter des Galeerenſträflings zu nehmen, er gehört einem Bunde an, welcher keine Schuld anerkennt als Feigheit und Verrath an ihm ſelber. Kraft unſeres Zeichens, dem Du Gehorſam gelobt, gebiete ich Dir, ihm die Hand zu reichen.“ Jean Jaccard athmete ſchwer und tief und ſchaute finſter zu Boden. Dann ging er langſam und unſicher mit ausgeſtreckter Hand vorwärts. „Schon einmal habe ich daran gezweifelt“, ſagte er,„ob Grundſätze die rechten ſein können, welche uns Liebe und Haß zugleich aus dem Herzen reißen. Ich habe demjenigen verziehen, der ſchuld war an dem. Tode meiner Mutter, ich will auch diesmal vergeben. Ihr aber, den man den Mann von London nennt und deſſen geiſtiger Gewalt ich mich untergeordnet fühle, nehmt Euch in Acht. Die Viper verleugnet nie ihre Natur, ſie ſticht nach Allem, was über ihr iſt. Auch Ihr ſteht über ihm, jeder ehrliche ſelbſtloſe Zweck iſt größer als er, darum nehmt Euch in Acht. Und nun, Bürger Stanowsky, wollen wir miteinander arbeiten.“ Jean Jaccard ſtreckte kalt ſeine Hand hin. Stanowsky berührte ſie leicht und ein hämiſches Lächeln überflog ſein Antlitz. „Wie Ihr ſagt, wir wollen mit einander arbeiten.“ 204 „So ſei es!“ ſagte der Mann von London und verließ das Café. Die beiden Andern folgten. Ohne Gruß ging jeder der drei Männer nach einer andern Richtung. Die Zuſchauer des patriotiſchen Stücks hatten das Theater längſt verlaſſen. Auf dem Odeonplatze war es ſtill geworden. Auch kein Poliziſt ließ ſich weit und breit blicken. Da trat noch die hohe ſeltſame Ge⸗ ſtalt Père Roberto's unter den Bogen des Theaters hervor und dröhnend ſchallte ſeine Stimme durch die einſamen Straßen: Auf der zerſtörten Barrikade Lag ſterbend ein junger Held. Der Prieſter ſprach von Gott und Gnade Und von der andern Welt. „Laßt alle Erdenſorgen“, Klang's dumpf aus ſeiner Kehle, „Dentt nur ans ew'ge Morgen, An Eure arme Seele.“ Da ſchnellt im letzten Ringen Der bleiche Manu empor, Die Lippen nah' zu bringen Noch an des Prieſters Ohr. „Laßt Euer vieles Reden Von Gott und Himmelreich! Ich laſſe hier mein Eden, Das Andre gilt mir gleich. Wenn wir nur, was uns theuer, Da drüben wiederſehn, Sei's auch im Höllenfeuer, Im ew'gen Untergehn. Gewährt mir eine Bitte! Geht vor das Thor hinaus, Dort auf des Platzes Mitte, Da ſteht ein kleines Haus. Da läutet an der Glocke, Sagt, daß ich gefallen bin, Und bringet eine Locke Marie— der Tänzerin.“ Zehntes Kapitel. Die Sündflut. Regimenter auf Regimenter drängten ſich in den engen Straßen von Sedan gegen die überfüllte Citadelle. Es war am weſtlichen Thore der Stadt. Alle Waffengattungen wogten wirr durch einander her⸗ ein. Eine Ambulance, deren Pferde getödtet waren, ſtand, von Aerzten und Krankenwärtern verlaſſen, mit⸗ ten am Weg und wimmernde Stimmen flehten däraus hervor um Rettung. Eine demontirte Kanone hatte ſich dazu geſellt und zwei Artilleriſten lagen todt da⸗ neben, der eine auf dem Geſicht, der andere ſtreckte das wachsgelbe Antlitz mit den erloſchenen Augen zum rauchgeſchwärzten Himmel empor. Mehrere Häuſer in der Nähe brannten. Drüben aus dem dichten Gürtel von Rauch, der ſich auf den Höhen lagerte, blitzte es 207 hier und da dunkelroth auf, ein Sauſen wie das Ge⸗ heul eines Thieres klang in den Lüften, ein betäuben⸗ der Knall in nächſter Nähe, das Geräuſch von ein⸗ ſtürzenden Balken und bröckelndem Mauerwerk und das laute Geſchrei eines Verwundeten, der ſich den Kopf haltend zur Seite ſchleppte, während ihm das Blut zwiſchen den Fingern hervordrang. Die Mau⸗ ern ringsum ſind zerſchoſſen und der Boden iſt aufge⸗ wühlt. Die Beſchießung der von Militär vollgeſtopf⸗ ten Stadt und der in ihr Schutz ſuchenden geſchlage⸗ nen Armee hat begonnen. Immer raſcher blitzt es auf den Höhen, in immer kürzern Zwiſchenräumen ſauſen die Sprenggeſchoſſe heran. Da— das iſt ein anderer Ton, das iſt das Schwirren, mit dem die Bombe durch die Luft fliegt! Alles wirft ſich nieder oder drängt aus einander. Mitten in der Colonne fällt das eiſerne Un⸗ gethüm zu Boden, ſich tief in die Erde bohrend. Eine furchtbare Pauſe entſteht, wenigſtens eine Minute lang, hier und da hebt ängſtlich umblickend ſich ein Kopf empor. Da flammt und kracht es auf, daß die Erde bebt und die Beſinnung ſchwindet. Die Ambulance iſt um⸗ geſtürzt, neben ihr öffnet ſich ein tiefer Trichter, ein⸗ zelne Pflaſterſteine fallen krachend in die nächſten Dächer. In dem Ambulancewagen iſt es ſtill geworden, aber viele von denen, die ſich niedergeworfen, ſtehen 2 208 nicht mehr auf, einige liegen unbeweglich, andere wäl⸗ zen ſich blutend hin und her. Aus dem Wagen hervor kriecht eine lange, roth⸗ bärtige Geſtalt mit zerriſſenen Kleidern und das Gen⸗ fer Kreuz am Arme. „Damn!“ murmelte Lord Watkins und ſah ſich verblüfft um.„Ich glaube, die verdammten Deutſchen ſprengen ganz Sedan in die Luft. Ich habe verſprochen Miß Pinkerton, daß ich ſie werde machen zu Lady Watkins, wenn die deutſchen Kellner werden n ſein die Sieger. Damn! Wenn ich wieder nach Paris komme aus dem verdammten Loch, werd' ich halten mein Wort. Goddam!“ Damit kroch der Lange in einen halbzerſtörten Keller, vor jeder anſauſenden Granate ſich ſorgfältig bückend. Zwei berittene Offiziere in Generalſtabsu niform, welche ſich zu Pferde durch die Colonne drängten, beruhig⸗ ten, von Staub und Mauerwerk über und über be⸗ ſchmuzt, ihre erſchreckten Pferde und wollten vorwärts. Der Einmarſch der Regimenter war inzwiſchen durch die immer raſcher einſchlagenden Geſchoſſe in vollſtändige Panique ausgeartet. Sie hörten nicht mehr auf die Stimme ihrer Führer, viele hatten die Waffen weggeworfen. — — 209 „Zurück!“ ſchrie man den beiden Reitern zu.„Die Preußen ſchießen auf das Thor.“ „Ich rathe Ihnen, hier umzukehren“, rief der eine der Reiter, der einen feurigen Schecken ritt, ſich halb umwendend, ſeinem Begleiter zu und ſpornte den Schecken vorwärts. „Und Sie, Mondélion?“ gab Graf Entretout zu⸗ rück, gleichfalls ſeinen zitternden und ſchnaubenden Rappen vortreibend, daß er an die Seite Mondelion's kam. „Ich habe nicht im Sinn, zurückzukehren“, ſagte der Baron.„Da oben ſcheinen ſie die Schmach zur Unfähigkeit fügen und capituliren zu wollen. Seit ei⸗ ner Viertelſtunde ſchweigt das Feuer der Citadelle.“ „uUnd Sie allein wollen nicht capituliren?“ fragte Graf Entretout mit einem Anflug ſeiner einſtigen Laune. „Nein“, ſagte Mondélion entſchloſſen.„Ich kenne die Gegend genau, ich habe einige Jahre meiner Ju⸗ gend hier zugebracht. Dort drüben iſt eine wenig tiefe, aber ſehr ſteile bewaldete Einſenknng, die weit nach Weſten führt. Die Preußen haben nach dem Berichte Wimpffen's eben erſt die Einſchließung vollſtändig ge⸗ macht, ihre Aufſtellung kann daher nach jener Seite nicht tief ſein. Es iſt vielleicht möglich durchzukommen.“ v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. IV. 14 210 Graf Entretout ſah den Freund mit aufrichtiger Bewunderung an. „Das Wagniß macht Ihrem Muthe alle Ehre, Mondelion, aber es iſt, geſtatten Sie mir den Aus⸗ druck, etwas unſinnig. Was der Kaiſer mit achtzig⸗ tauſend Mann nicht wagt, wollen Sie allein ver⸗ ſuchen.“ Mondélion zuckte die Achſeln. „Der Kaiſer!“ Das Feuer der Belagerer hatte etwas nachgelaſſen, die Haſt der Truppen, in die brennende Stadt zu kommen, minderte ſich und Brigaden erwarteten un⸗ ter dem Schutz der Stadtwälle weitere Befehle. Die beiden Offiziere ritten durch das arg mitge⸗ nommene Thor nach der Ebene, die ſich davor bis zu den Hügeln erſtreckte, worauf die preußiſchen Batterien ſtanden. Sie ritten im Schritt, obwohl noch hier und da ein ſtumpfes Puffen ſich hören ließ und ziſchend eine Granate hoch über ihren Köpfen nach der Citadelle flog, um dort mit dumpfem Knall zu crepiren. „Sie meſſen wohl auch“, ſagte Entretout,„dem Kaiſer alle Schuld bei an dem, was geſchehen iſt? Es wäre eine Thorheit, zu leugnen, daß wir geſchlagen, ſehr geſchlagen ſind, daß eine Veränderung mit uns 2141 vorgegangen iſt, die uns im Augenblick ganz unfaßbar erſcheint. Und doch haben wir alle die Komödie mit uns ſelber geſpielt und ſehen erſt jetzt ein, daß es Zeit i*ſt, ſie zu enden. Der Kaiſer hat Recht, wenn er das blutige Poſſenſpiel nicht fortſetzen will. Wir haben ge⸗ zeigt, daß wir nicht mehr die Helden der erſten Re⸗ volution, und unſere Nachbarn, daß ſie nicht mehr die Klötze von ehemals ſind. Jetzt gilt es mit Anſtand, die Bank an den Glücklichern abzugeben. Die Tour iſt um.“ Eine Granate ziſchte, diesmal ſehr niedrig, an ihnen vorbei und grub ſich, ohne zu explodiren und mit einem Tone, als ob man einen Feuerbrand ins Waſſer ſtecke, in das Glacis der Stadt, an dem die beiden Reiter entlang ritten. Sie waren an den letzten Truppen vorbei und weithin ſichtbar. Entretout blickte ruhig nach der Batterie, woher die Granate gekommen und wo bereits ein neuer Blitz zwiſchen den graugelben Rauchwolken aufflammte. Bald ließ ſich auch das Sauſen des Geſchoſſes ver⸗ nehmen. Es ſchlug etwa fünfzig Schritt vor den Rei⸗ tern auf und crepirte, indem es Sand und Steine weit um ſich ſchleuderte. „Sie ſchießen auf uns!“ begann Entretout wieder und ſuchte die zitternde Haſt ſeines ſchnaubenden Thieres zu mäßigen.„Ein kleines Ziel für große Kanonen. 14* 212 Uebrigens ſchießen ſie gut. Ich will Sie daher nicht länger aufhalten, Mondélion! Ich wünſche Ihnen alles Glück. Wohin wenden Sie ſich, wenn Sie durchkommen?“ „Nach Paris. Aber warum kommen Sie nicht mit? Sie ſehen dort jenes Gehölz, das ſich ſo weit in die Ebene vorſtreckt. Es iſt von den Batterien do⸗ minirt und ſie haben es jedenfalls für unnöthig ge⸗ halten, es zu beſetzen. Ein gutes Pferd kann es er⸗ reichen, ehe die auf der Höhe Zeit gehabt haben, eine Abtheilung dahin zu entſenden. Kommen Sie mit! Ich weiß nicht, was meinem Vaterlande noch bevor⸗ ſteht, aber ich habe das Gefühl, als ob noch nicht Alles zu Ende wäre. Eine neue Zeit bricht herein. That⸗ kräftige und redliche Männer ſind dann vielleicht ſel⸗ ten. Kommen Sie mit!“ Graf Entretout hielt ſeinen Rappen an und ſchüttelte traurig den Kopf. „Sie täuſchen ſich in mir, Mondélion. Ich wäre der letzte, der in die neue Zeit paßt, auf die Sie hoffen, die ich fürchte. Ich bin der Sohn jenes Sy⸗ ſtems, das die preußiſchen Batterien eben ins Grab ſchießen— ich täuſche mich darüber nicht. Es ziemt ſich, daß ich damit von der Oberfläche verſchwinde. Sehen Sie mich nicht ſo bewegt an, ich ambitionire keinen ſogenannten Heldentod, ich werde nicht mit heraus⸗ —— 213 geriſſenen Eingeweiden in einer ſchmuzigen Ackerfurche zu enden ſuchen. Andere mögen das hübſch finden, ich fände es vom allerſchlechteſten Geſchmack. Ich werde auch den Kaiſer nicht an den Ort ſeiner Gefangenſchaft begleiten, denn ich war von jeher ein ſchlechter Höfling und fände einen gefangenen Kaiſer jedenfalls höchſt ko⸗ miſch. Ich werde den deutſchen Commandanten, der mich in Empfang nimmt, bitten, mich in einer kleinen Stadt in Pommern oder ſonſt einer ſchönen Gegend zu inter⸗ niren, wo mich ein dicker Maire wöchentlich zu Tiſche ladet und ſeinen blauäugigen ſemmelblonden Töchtern täglich franzöſiſche Converſationsſtunden dafür geben läßt. Ich werde mich von der germaniſchen Schuljugend nach Herzensluſt inſultiren laſſen und zu vergeſſen ſu⸗ chen, daß man ſich in Paris in den Straßen todt⸗ ſchlägt und hinter umgeſtürzten Omnibuſſen hervor auf jeden Menſchen ſchießt, der einen guten Rock an⸗ hat und erträglich franzöſiſch ſpricht.“ Mondoélion war ernſt, ſehr ernſt und blickte manch⸗ mal flüchtig nach den ſchweigenden Batterien des Feindes. Er wäre gern weiter geritten, aber da Entretout ganz vergeſſen zu haben ſchien, daß er ſich nicht am Boulevard der Kapuziner befand, ſondern auf einem granatendurchfurchten Schlachtfelde, und in ſeiner melancholiſch⸗kauſtiſchen Weiſe weiterplauderte, 8 214 ſo war es für Mondélion mißlich, ſeinen Begleiter daran zu mahnen, daß ſie bei einer Wiederaufnahme des Feuers den feindlichen Batterien oder einer vor⸗ geſchobenen deutſchen Schützenabtheilung weithin ſicht⸗ bar und allein auf dem offenen Plan ein willkomme⸗ nes Ziel böten. Er hätte nicht gern vor ſeinem ſkeptiſchen Freunde als ſchüchtern gegolten und ſetzte daher das Geſpräch mit der Frage fort: „Und Léonie Lebrun?“ „Würde mir ohne Zweifel nicht folgen wollen“, gab Entretout zur Antwort, während es einen Moment ſchmerzlich über ſein Geſicht zuckte.„Sie ſtellt ſich den Krieg vor, wie ſie ihn im Hippodrom und im Circus der Kaiſerin dargeſtellt ſieht, und wird es mir ohne Zweifel ſehr übel nehmen, daß ich nicht in irgend ei⸗ ner hübſchen Stellung gefallen bin, die Falten der Tricolore maleriſch um mich drapirt und ihren Namen auf den Lippen. Sie iſt Pariſerin, die reizenden Laſter und wenigen Tugenden der ſchönen Stadt der Sünden und des Glanzes ſind in ihr verkörpert; ſie kann auf keinem andern Boden leben als auf dem Asphalt der Boulevards, dem Sande des Boulogner Holzes. Auch das ſei abgethan. Unſere Herren Feinde ſind ja auch damit gründlich aufzuräumen beſchäftigt. Folgen wir ihrem Beiſpiel. Doch jetzt machen Sie, daß 215 Sie fortkommen, Freund, wenn Sie ſich nicht eines Beſſern beſonnen haben, denn dort oben wird es wieder lebendig. Sehen Sie die ſchwarzen Köpfe! Sehen Sie den Rauch: Das gilt uns.“ In der That hallte es dumpf von der Batterie herüber, die ihnen ſchon einige Grüße geſchickt. Mit finſter zuſammengezogenen Brauen, höhniſch herabge⸗ zogenen Mundwinkeln ſchaute Graf Entretout dem Ge⸗ ſchoſſe entgegen, das heulend durch die Lüfte flog. Da bäumte ſich der Rappe hoch auf, als werde er durch den feurigen Krater gehoben, der ſich unter ſeinen Füßen öffnete. Ueberſchüttet von Erde und Stei⸗ nen, taub durch den Knall und geblendet vom Feuer der platzenden Granate, ließ ſich Mondélion durch die wahnſinnigen Sprünge ſeines Schecken eine Strecke weiter tragen. Dann endlich konnte er wenden. Der Rappe hatte ſich auf die Vorderfüße aufgerichtet und verſuchte vergebens das zerſchmetterte Hinterbein nach⸗ zuſchleppen. Schwer und betäubt in regelmäßigen Be⸗ wegungen wankte der Kopf mit der weitheraushängen⸗ den Zunge an dem langen Halſe hin und her. Seitwärts auf dem Rücken, den einen Arm auf die Bruſt gepreßt, den andern weit ausgeſtreckt auf den Boden, lag die elegante Geſtalt des Grafen. Er lebte noch, obwohl bei jedem ſeiner unregelmäßigen 216 Athemzüge quoll. Bereits war Mondeélion zur Erde geſprungen und kniete neben dem Freunde, ihm das Blut vom Munde wiſchend. Mit weit vorgeſtrecktem Halſe, ängſtlich ſchnau⸗ bend und die Zügel auf der Erde ſchleppend, betrach⸗ tete der Schecke den verwundeten Gefährten. Graf Entretout ſchlug die Augen auf und ver⸗ ſuchte zu ſprechen. Mondélion näherte ſein Ohr dem Munde des Verwundeten. „Der Tod iſt nicht— ſo häßlich— als ich glaubte“, ſtöhnte Entretout.„Es geht leichter— es iſt auch ſo gut— die Zeit, die kommt, wird abſcheulich ſein. Grüßen Sie Léonie. Sagen Sie, daß ich nicht ſter⸗ ben wollte, aber als der Tod kam, ſtarb ich— weniger häßlich als viele Andere. Adieu!“ Eine Art Schluchzen drang aus der Kehle des Verwundeten, ein Blutſtrom quoll aus ſeinem Munde und floß über ſeine Wangen herab. Da hörte Mondeélion hinter ſich den Huff ſchlag eines raſend einher galoppirenden Pferdes. Er wendete ſich um und ſah auf einer rieſigen Mähre die dicke Geſtalt des Profeſſors Herbiot, welcher ſich ängſtlich am Sattel feſthielt und eine große Genfer Flagge wie die Lanze eines Ulans an ſeiner Seite befeſtigt hatte. blutiger Schaum aus ſeinem Munde „Doctor!“ ſchrie Mondélion mit äußerſter An⸗ ſtrengung ſeiner Stimme und deutete auf den Ster⸗ benden. 3 Mit zorniger Angſt ſtierte der feiſte blaſſe Reiter auf die Gruppe und jagte vorüber. Graf Entretout regte ſich nicht mehr. Seine Augen, die noch vor kurzem ſo ſpöttiſch blickten, ſchauten zwiſchen den halboffenen Lidern gläſern zum Himmel. Mondélion richtete ſich auf. Zwei Thränen floſſen langſam in ſeinen Bart. Er warf noch einen letzten Blick auf den Todten, dann zog er ſeinen Revolver, hielt ihm dem verwundeten Rappen ans Ohr und drückte los. Der Rappe brach zuſammen. Mondeélion beſtieg ſeinen fröſtelnden Schecken und jagte gegen die Waldſpitze. Von der Citadelle von Sedan wehte die weiße Fahne. Die Granate, welche Graf Entretout tödtete, war die letzte, welche die deutſchen Batterien bei Sedan abfeuerten. Ende der erſten Abtheilung. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Neue Romane aus dem Verlag von Ernſt Zulius Günther in Neipzig. Standes-Vorurtheile. Roman von Alfred Steffens. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. Die Rheiderburg. Erzählung von Tevin Schücking. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis Thlr. 1 10. Michel. Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Von Johannes Scherr. Zweite Auflage. 4 Bände. 8⁰. Geheftet. Preis 3 Thlr. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Das Vermächtniß der Millionärin. Roman von E. Waldmüller-Buboc. 3 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Künig Auguſ und ſein Goldſchmied. Roman von Franz Carion. 3 Bände. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Der große Baron. Eine Geſchichte Edmund Höfer. Zwei Bände. 160. Geheftet. 1 Thlr. 10 Ngr. —.— Neue Komane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig: Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Modelle. Humoriſtiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Das Churmhätherlein. Roman aus dem Elſaß von Auguſt BZecker. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis Thlr. 4— ** 3 ſ Tſnfffif 16 17 18 ſſſſſi ſfſff 14 15 6 7 8 9 10 11