E Die Ritter der Gegenwart. Eine Hokgeſchichte von Max v. Schlägel. Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1874. — Erſtes Kapitel. Das Pferd des Königs. Hellglänzend und kühn wie der Glückstraum eines/ jungen Gottes ſteigt es empor aus dem dichtumbuſch⸗ ten dunkelgrünen Ufer des ſmaragdnen Sees, Schloß Fels, der Lieblingsaufenthalt des jungen Fürſten, der die Romantik längſt entſchwundener Tage ins nüch⸗ terne Leben des Jahrhunderts trug. Leiſe ſchaukeln die tiefhängenden Zweige der 4. Trauerweiden auf der kryſtallhellen Flut, regungslos liegt der kleine zierliche Dampfer des Königs in ſeiner dichtumlaubten Bucht; nur die Fähnlein des Maſtes antworten auf das leiſe Flüſtern der hohen Bäume hier und da durch eine traumhafte Bewegung. In dichten Falten, wie von der eigenen Schwere müde, hängt die große Flagge am Rieſenſchaft des höchſten v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. I. 1 2 Thurmes, zu deſſen ſchlanken Schultern die älteſten Bäume des Parks ſehnſüchtig aus ihrer Tiefe empor⸗ ſtreben. Der Fürſt iſt im Schloß, das bedeutet die auf⸗ gezogene Königsflagge, das ſagt das in ſeiner grünen Bucht ruhende Boot, aus deſſen zierlichem Schlot zarte Rauchwolken faſt ſenkrecht in die laue Sommerluft emporſteigen, um bald in dem weißen Dufte zu ver⸗ ſchwimmen, der ſich über die ganze Gegend ſpannt, über die zierlichen Villen des andern Ufers, über das ferne, hehr und ernſt in das Bild hineinragende Hoch⸗ gebirge mit ſeinen dunklen Vorbergen, ſeinen über ein⸗ ander gethürmten Felſenbauten und den roſig ange⸗ hauchten Gletſchern. Der König iſt im Schloß, darauf deutet auch das lebendige Treiben in den Hofräumen, das ſagt der Galaanzug einiger dienſtthuenden Beamten des Mar⸗ ſtalls, welche, in der Mitte des großen Reithofes ſtehend, ſich in jenem gleichgültigen, halbblaſirten Tone unterhalten, wie ihn das müßige und doch auf das genaueſte geregelte Leben bei Hofe faſt nothwendig erzeugt. „SIch glaube nicht, daß unſer allerhöchſter Herr den Sultan bei den Manövern ſchon wird reiten kön⸗ nen“, ſetzte einer der Beamten das begonnene Geſpräch . 3 leichthin fort.„Ich zweifle ſogar, daß Sultan ſich je an das Schießen gewöhnen wird; heute in der Reit ſchule ſprang er mit mir faſt über das Thor weg und war gar nicht mehr zu beruhigen.“ „Durch das Schießen auf der Reitſchule wird das auch nicht beſſer werden, Herr Oberbereiter! Durch das Echo des geſchloſſenen Raums wirkt jeder Piſto⸗ lenſchuß wie eine Kanonenſalve, und ich ſehe voraus, daß es demnächſt Mühe koſten wird, Sultan auch nur in die Nähe der Manège zu bringen.“ Der junge Mann, welcher das geſagt hatte, konnte kaum zwanzig Jahre alt ſein; ſeine Geſtalt erreichte kaum die Mittelgröße, dennoch aber zeigten der dunkel⸗ blaue Leibrock mit den goldenen Knöpfen, die blendend weißen Beinkleider, welche in hohen glänzenden Kano⸗ nenſtiefeln ſteckten, ebenſo zierliche als kräftige Man⸗ nesformen. Seltſam ſtand zu dieſem kleinen, aber völlig aus⸗ gebildeten, männlich kräftigen Körper ein jugendliches Antlitz von faſt mädchenhafter Zartheit, an deſſen Ober⸗ lippe ein weicher, weißblonder Flaum ſich kaum von der Pfirſichblütenfarbe der Haut abhob. Dem ent⸗ ſprach die übrige Bildung des jungen Geſichtes edel, friſch und keck, und doch von einer Delicateſſe der Li⸗ nien, als habe die Natur ſich ſorgfältig gehütet, einem 1* der Züge ein ſchärferes Gepräge zu geben, als es die leichte Anmuth dieſes lieblichen Kindergeſichtes ertragen konnte. Seltſam auch ſtanden zu dieſem Antlitz der mächtige quergeſetzte Schiffhut, die Verſchnürung am Arm und die großen ſilbernen Sporen an den Füßen, welche andeuteten, daß der hübſche Knabe bereits trotz ſeiner Jugend den Rang eines königlichen Bereiters einnahm. Das Seltſamſte jedoch war der beſtimmte kurze Ton der jugendlichen Stimme, mit welcher der junge Mann zu ſeinen Amtsgenoſſen ſprach, welche alle älter als er oder ſeine Vorgeſetzten waren. Auffallend war es auch, daß der Oberbereiter und die übrigen Umſtehen⸗ den die Kritik ihres jugendlichen Genoſſen hinnahmen, als ſei er völlig dazu berechtigt; nur auf dem ver⸗ gilbten, frühverlebten Geſicht eines hagern Stallmeiſters zeigte ſich eine leichte gallichte Färbung. Der junge Bereiter bemerkte das nicht und fuhr unbefangen fort: „Majeſtät will den Sultan doch bei den Manö⸗ vern reiten— warum dreſſirt man ihn nicht im Freien? Was nützt es, wenn das Thier ſich wirklich daran gewöhnt hat, daß man täglich zwiſchen den Pilaren eine Piſtole abfeuert und ihm dann eine Handvoll —— 5 Zucker gibt? Er wird dennoch erſchrecken, wenn es plötzlich hinter jedem Buſche hervorblitzt und kracht!“ Der hagere Stallmeiſter, welcher ſchon einigemal das Gewicht ſeines Körpers ungeduldig von einem der dünnen Beine auf das andere gebracht und mit dem grünſeidenen Büſchel ſeiner langen Reitgerte Fi⸗ guren auf den beſtaubten Lack ſeiner hohen Stiefel gezeichnet hatte, blickte mit einem hämiſchen Lächeln auf, als er ſagte:„Wir können hier unmöglich ver⸗ langen, daß man uns ein Separatmanöver aufführt, um Sultan im Freien zu dreſſiren; der Oberſtſtallmeiſter ſtellt uns kein Armeecorps zur Verfügung!“ Das Geſicht des jungen Bereiters färbte ſich bei dieſem unverkennbaren Hohne hellroth bis an die Stirn⸗ locken, welche zwiſchen Dreimaſter und Ohr hervor⸗ quollen; das blaue Auge wurde einen Schatten dunkler, die Naſenflügel ſpannten ſich, und der fein und ener⸗ giſch gezeichnete Mund hob ſich in leichter, trotziger Wölbung. „Um Sultan an das Schießen im Freien zu ge⸗ wöhnen, iſt kein Armeecorps nöthig, ſondern nur ein Menſch, der das Pferd reitet und in jeder Gangart von Zeit zu Zeit eine Piſtole abfeuert. Hat ſich das Thier erſt gewöhnt, das Schießen von ſeinem eigenen 6 Rücken zu hören, ſo wird es ſich ſehr bald um alles Geräuſch ringsum nicht mehr kümmern.“ Auf den Geſichtern der Bereiter zeigte ſich das lebhafteſte Staunen; der Stallmeiſter zuckte wegwerfend die ſpitzen Schultern, als werde es ihm ſchwer, auf das kindiſche Gerede einzugehen. „Und darf man wiſſen, wem von uns Sie die Chre zugedacht haben, ſich den Hals zu brechen? Sie wiſſen doch, daß Sultan ſich die letzte Woche dreimal überſchlagen hat. Wünſchen Sie vielleicht einen un⸗ angenehmen Vorgeſetzten los zu ſein?“ Ein herausfordernder Blitz aus dem dunklen Auge des jungen Mannes antwortete. Seine Bruſt wölbte ſich, die kleine, mit dem Stulphandſchuh bekleidete Fauſt umklammerte dicht unter dem ſchweren Bleiknopf die Ordonnanzpeitſche, als ſolle das elaſtiſche Gewebe von Draht und Darmſaiten zerquetſcht werden. Dann ſtieß er mit zorniger Kurzathmigkeit faſt verächtlich hervor:. „Es iſt nicht meine Gewohnheit, Rathſchläge zu geben, die ich nicht ſelber zu befolgen bereit wäre! Geben Sie mir den Sultan, ich habe keine Angſt um meinen Hals. Ich habe mich noch niemals geweigert, ein Pferd zu reiten. Sie haben kein Recht, zu ſagen, ——;— — 7 daß ich feig ſei! Jetzt will ich den Sultan reiten— hören Sie, Herr Stallmeiſter— ich will!“ Das war allerdings nicht das Benehmen eines kaum aus der Elevenſchule hervorgegangenen Bereiters gegen ſeinen directen Vorgeſetzten, das war mehr die trotzige Sprache eines jungen verwöhnten Prinzen gegen ſeine Cavaliere. So wenig das den Andern aufzufallen ſchien, der Stallmeiſter mochte dieſen Ton herausfühlen, denn ſein Geſicht wurde citronengelb vor Aerger und er machte eine nicht ganz glückliche Anſtrengung, den Bereiter mit zurückweiſender Kälte anzuſehen. „Als mein Untergebener haben Sie nichts zu wollen, ſondern nur gehorſamſt zu bitten. Auch muß ich Ihnen nachdrücklichſt unterſagen, im Dienſt etwas Anderes ſein zu wollen als der königliche Bereiter Johann Helmberg! Was Sie aus ſich und was der Flügeladjutant Seiner Majeſtät aus Ihnen macht, das geht mich nichts an, in meiner Beamtenliſte ſind Sie der Bereiter Johann Helmberg!“ Der junge Mann war ſehr blaß und ruhig ge⸗ worden; ein Zug voll tiefen, bittern Wehs zog ſeine feinen Mundwinkel abwärts, aber ein eiſiger Blick voll hochmüthiger Ablehnung traf den aufgebrachten Vorgeſetzten. —-— — ————ꝛ—ꝛ—x—ꝛꝛ——— „Herr Stallmeiſter, wir ſind jetzt nicht im Dienſt, und es handelt ſich nicht um den Flügeladjutanten, ſondern um das Pferd unſeres allerhöchſten Herrn. Ich habe mich Ihnen zur Verfügung geſtellt, um Sultan an das Schießen zu gewöhnen, nicht, um von Ih⸗ nen eine Beſtätigung meines Namens zu erhalten, Herr Stallmeiſter Niederhuber!“ Der Stallmeiſter war eine zu gewöhnliche Be⸗ dientenſeele, als daß er ſich dem Eindruck hätte ganz entziehen können, den die verächtlich zurückweiſende Ruhe des jungen Mannes auf ihn machte. Auch mochte das Intereſſe des Flügeladjutanten an ſeinem Unter⸗ gebenen doch nicht ſo wirkungslos, wie er glauben machen wollte, an ihm vorübergegangen ſein; denn eine gewiſſe Beklommenheit ſtritt bereits erfolgreich mit ſeinem Zorn, und ſeine Stimme klang weniger ſicher, als er antwortete: „Ja, ja, ich weiß, Sie haben immer eine ſo ſpitz⸗ findige Weiſe, ſich auszudrücken; Sie möchten uns gern bei jedem Worte fühlen laſſen, daß wir eigentlich weniger ſind, als Sie.“ Ein leichter Schatten flog über die Stirn des Jünglings, während der trotzige Zug um ſeinen Mund ſich löſte. — 9 „Sie ſagten doch eben, ich ſei der Bereiter Johann Helmberg!“ „Das wohl; der ſind Sie auch, aber Sie wollen höher hinaus!“ Die Stimme des Stallmeiſters klang faſt weiner⸗ lich gutmüthig; der klare prüfende Blick ſeines jungen Untergebenen lag voll auf ihm. „Ich will dereinſt Stallmeiſter werden, wie Sie, und mir das Vertrauen Seiner Majeſtät erwerben, weiter will ich nichts.“ Ein tiefer Seufzer ziſchte halbzer⸗ malmt zwiſchen den kleinen blauweißen Zähnen des Bereiters Johann Helmberg hervor, als habe ihn dieſe Aeußerung einen hohen Entſchluß gekoſtet. Der Stallmeiſter ſtreckte die Hand aus und warf ſich protectormäßig in die Bruſt. „Das iſt ſchön von Ihnen, Helmberg, daß Sie vernünftig ſind. Es wäre Ihnen eigentlich gar nicht zu verdenken, wenn Sie anders wären— eigenthüm⸗ liche Verhältniſe— Sie thun, wie geſagt, am beſten, wenn Sie ſich an Ihre Kameraden halten; zwar nur bürgerlich Blut oder die Söhne von Be⸗ amten, aber doch königliche Diener— laſſen Sie ſich nichts in den Kopf ſetzen, Helmberg! Noble Bekannt⸗ ſchaften ſind oft ein Unglück für einen jungen Mann!“ Der Bereiter Helmberg erinnerte ſich, wie aufge⸗ — 8——— —„— 10 blaſen der Stallmeiſter ſich ſpreizte, wenn der windigſte Kammerjunker ihn eines Wortes würdigte, wie ſehr er ſich bei jeder Gelegenheit devot unverſchämt in die Nähe der hoffähigen Chargen drängte, und die Ver⸗ ſöhnlichkeit, die einen Augenblick aus ſeinen blauen Augen leuchtete, verſchwand wieder zum Theil. Auch ſchien ihm der Gegenſtand des Geſprächs höchſt pein⸗ 4 lich, und wohl Minuten lang hielt der Stallmeiſter ſeine Hand ausgeſtreckt in der Luft, Helmberg ergriff ſie nicht. „Ich hatte gebeten, daß Sie mir den Sultan zu⸗ theilen möchten, Herr Stallmeiſter!“ Die ausgeſtreckte Hand des letztern ballte ſich; die Haut, die ſich ihm knapp über Naſe und Backen⸗ knochen ſpannte, zog ſich um den Mund in hundert feine Fältchen zuſammen, und in den braunen ſtechen⸗ den Augen lauerte unverſöhnlicher Haß. „Das kann ich einem ſo jungen Bereiter nicht ſo zugeſtehen“, polterte er dann;„es ſind ältere, verdienſtvollere Leute da! Ich kann Ihnen den Sul⸗ tan nur zutheilen, wenn Seine Excellenz der Herr Oberſt⸗ ſtallmeiſter ſeine Einwilligung gegeben. Der Herr Oberſtſtallmeiſter ſind ſeit geſtern in Fels— gehen Sie zu Excellenz!“ 3„ Bereiter Helmberg war zuſammengezuckt, als habe 41 er einen Peitſchenhieb empfangen. Mit bleichem Ge⸗ ſichte und leiſe zitternden Lippen ſtarrte er den Stall⸗ meiſter an, als begehre dieſer etwas Schreckliches von ihm. Dann ſchoß wieder hellrothes Blut in das junge Antlitz, ein Blick voll verächtlichen Haſſes traf den mißgünſtigen Vorgeſetzten, und unter dem weißen Flaum des Schnurrbartes, zwiſchen den kleinen Zähnen hervor ziſchte es: „Gut, Herr Stallmeiſter, ich werde zu Seiner Excellenz gehen; ich habe vor Niemand die Augen nie⸗ derzuſchlagen, ich fürchte Niemand. Ich wußte nicht, daß Excellenz ihre neue Stellung ſchon angetreten haben. Ich werde ſogleich gehen.“ Es war nicht ſchwer, den Kampf wahrzunehmen, der während dieſer raſch hervorgeſtoßenen Worte in der Bruſt des jungen Mannes tobte und deſſen Gründe alle Umſtehenden wohl zu kennen ſchienen. Die Blicke der einen ruhten mit kaum verhohlener Schadenfreude, die des Oberbereiters mit unverkenn⸗ barer Theilnahme auf Johann Helmberg, der ſich be⸗ reits halb zum Gehen gewandt hatte. Die Stimme des Stallmeiſters hielt ihn noch einmal zurück⸗ „Es iſt gegen das Dienſtreglement, daß Sie allein Ihre Bitte vortragen; ich werde Sie begleiten und Sie Seiner Excellenz vorſtellen.“ — 12 Das Geſicht Niederhuber's ſah aus, als ob er hier⸗ mit die letzte entſcheidende Karte ausſpiele, und ein häßliches Lächeln zog die ſteifgedrehte Spitze ſeines Schnurrbartes tiefer. Helmberg antwortete nicht. Sein Geſicht war ſtarr und bleich, und nur eine Handbewegung, wie ſie ein unter ſeine Mörder gerathener entthronter Fürſt nicht reſignirter und ſtolzer zur Verfügung gehabt hätte, lud den Stallmeiſter ein, mitzugehen. Schweigend ſchritten die beiden auf das Haupt⸗ thor des linken Schloßflügels zu. Dann ſtiegen ſie auf kniſternden Strohmatten die breiten Steintreppen em⸗ por und ſchritten den langen Corridor entlang, deſſen Fenſter auf den Hof hinabſahen, während von der an⸗ dern Seite eine Reihe von Thüren einmündete, an welchen ovale Tafeln den Sitz verſchiedener Hofämter verkündeten. Die Zwiſchenräume von einer Thür zur andern waren ausgefüllt durch alte Portraits in kaum noch erkennbaren Farben. Hier und da blickte aus der um⸗ rahmten Finſterniß ein bläulicher Frauenarm hervor, ein weißer Bart, eine Perrücke, eine rieſenhafte Krauſe oder ein Papier mit großem Siegel, das der längſt Verſtorbene in der geharniſchten Rechten hielt. Schweigend ſchritten die beiden Beamten des könig⸗ 13 lichen Marſtalls an der Front dieſes nachgedunkelten Generalſtabs der Vergangenheit hinunter. Je weiter ſie in dem endloſen Corridor kamen, deſto feſter und elaſtiſcher wurden die Schritte des jungen Helmberg, aber immer zögernder und unſchlüſſiger die Bewegun⸗ gen ſeines Begleiters. Das zarte Antlitz des erſteren war leicht geröthet, ſein blaues Auge offen und feurig, der Mund geſchwellt von jenem kecken, freudigen Trotz, der den gewöhnlichen Zug dieſes frühreifen Kindergeſichtes auszumachen ſchien. Endlich blieb Helmberg, der die Schilder an den Thüren mit raſchem Blick gemuſtert, vor einer derſelben ſtehen, wo in einfachen engliſchen Buchſtaben auf weißem Porzellan zu leſen ſtand: Königliches Oberſtſtallmeiſter⸗ amt. Niederhuber war ſehr unruhig geworden, und als Helmberg ohne Zaudern pochen wollte, hielt er ihn am Arm zurück.. „Sie können mich auchshier erwarten, ich will Excellenz Ihre Angelegenheit vortragen. Am Ende könnte ich die Sache auch auf mich allein nehmen, da Excellenz ſich die Beamten noch nicht hat vorſtellen laſſen und überhaupt noch nicht officiell Dienſt thut. Wie Sie wollen, Helmberg! Wenn Sie weniger empfindlich und hochfahrend ſein wollten, ich würde Ihnen gewiß alles Unangenehme erſparen, auch dieſen Beſuch bei Ihrem— bei Graf Helmberg— gewiß, das würde ich!“ Noch immer hielt der Stallmeiſter ſeinen Unter⸗ gebenen am Aermel zurück, an der verſchloſſenen Thür zu pochen. Dieſer ließ über die rechte Schulter weg einen eiskalten Blick an ſeinem um Vieles größeren Vorgeſetzten hinabgleiten und ſagte: „Ich danke Ihnen, Herr Stallmeiſter! Einmal müßte ich Seiner Excellenz ja doch vorgeſtellt werden, und ich bin Ihnen dankbar, weil Sie mir Gelegenheit geben, daß es hier geſchieht. Wenn es Ihnen alſo nicht unangenehm iſt—“ Johann Helmberg erhob langſam die Rechte und blickte fragend auf den Stallmeiſter. „Mir?“ ſagte dieſer brutal.„Ich thue meinen Dienſt, ich kenne nur meinen Dienſt, keine noblen Verwandtſchaften, ich thue blos meine Pflicht. Klopfen Sie immerhin— ich habe mich nicht zu geniren.“ Johann Helmberg hatte bereits die zierliche, in einen blendend weißen Stulphandſchuh gekleidete Fauſt erhoben und mit leichtgebogenem Zeigefinger beſcheiden, aber hörbar die Thür des Oberſtſtallmeiſters berührt. 15 Ein lautes„Herein!“ erſchallte; zögernd, ein ſüß⸗ lich verlegenes Lächeln auf dem Geſicht und ſich fort⸗ während verbeugend, trat der Stallmeiſter ein. In ruhiger, militäriſch achtungsvoller Haltung folgte ihm der Bereiter. Das Geſicht des jungen Helmberg war ſehr bleich und erſchien es noch mehr durch das gedämpfte grün⸗ liche Licht, das gebrochen durch die großen Bäume des Parks in die hohen Bogenfenſter fiel und die ele⸗ gante Unordnung der interimiſtiſchen Dienſtwohnung des neu ernannten Oberſtſtallmeiſters halb in geheim⸗ nißvolle Schatten hüllte. Einzelne Lichtflecken ſchwankten an der vielfach übertünchten Stuccatur der Wände und ſpielten mit der abgebröckelten Vergoldung und den rothen verblaß⸗ ten Damaſtbezügen der Stühle und Sophas. Da⸗ zwiſchen lagen geöffnete elegante Reiſekoffer, aus denen der Inhalt auf den Boden quoll. Ueber den hohen Stuhllehnen hingen glänzende Uniformen; träumeriſch lehnte ein Degen an der Roſette einer Portière und ein hoher Reiterſtiefel lag in der Mitte des Zimmers. Das ſternförmige ſtachelige Rädchen eines Silberſporns ruhte auf dem zerknickten Rande eines mit einem weib⸗ lichen Rococobildniß geſchmückten Handſchuhkaſtens, aus welchem ein paar lederne Fingerhülſen hervorſahen, ſo 16 roſenroth und ſchmal, daß ſie unmöglich beſtimmt ſein konnten, die nicht unſchöne, aber immerhin männlich kräftige Fauſt des Oberſtſtallmeiſters zu bekleiden. Dieſer verharrte nach dem Eintritt der beiden Marſtallbeamten einige Minuten, wie es ſchien, in ſprachloſer Verwunderung in ſeiner vorigen Stellung, das heißt, liegend auf dem Sopha, deſſen ſtilvolle, aber etwas unbequeme Gothik er durch einige unter Kopf und Rücken geſchobene Pelze und Mäntel einem modernen Bedürfniß entſprechender geſtaltet hatte. Der Oberſtſtallmeiſter trug einen Schlafrock von leichtem blauem Plüſch, der ſeine Geſtalt faſt vollſtän⸗ dig einhüllte, bis auf den unterſten Theil der weißen Kaſchmirbeinkleider mit breiten goldenen Galons, wie ſie von den höchſten Hofchargen zu Gala und Vor⸗ ſtellungen getragen wurden; ein eleganter Lackſtiefel ruhte auf der geſchnitzten Lehne und der zierliche Stahl⸗ ſporn des andern bohrte ſich tief in den rothen Da⸗ maſt des Sophas. Der Oberſtſtallmeiſter war noch jung, kaum dreißig Jahre; ſein von blonden kurzgeſchnittenen Haa⸗ ren umrahmtes rundes Geſicht war vielleicht etwas zu voll und zu lebhaft gefärbt, die kaum über Mittel⸗ höhe reichende Geſtalt zu kräftig, um mit allem Rechte für ſchön zu gelten; die Schnellkraft jedoch, mit 1 17 . welcher der Graf ſich auf die Füße ſtellte, und die graziöſe Sicherheit, womit er ſeinen Beſuchern entge⸗ gentrat, der gutmüthig ſpöttiſche Unwille, der ſich in ſeinem offenen Geſichte ausprägte, gaben ſeiner Er⸗ ſcheinung etwas ſo Warmes und Unmittelbares, daß der polternde Ton, in welchem er die folgenden Worte ſprach, kaum einſchüchtern oder verletzen konnte. „Was wollen Sie? Womit kann ich dienen? Habe kaum Zeit gehabt, mich bei meinem allerhöchſten Herrn zu melden; wollte eben eine Viertelſtunde ausruhen. Was wollen Sie denn?“ So polterte es ſoldatiſch gutmüthig, hofmänniſch, derb durch einander aus dem Munde des Mannes im blauen Schlafrock, während die Cigarre, die er auf die Tiſchdecke gelegt hatte, ruhig weiter glimmte, ſo⸗ daß ſich der Brandgeruch des Teppichs bereits in den blauen Duft des echten Havannablattes miſchte. Stallmeiſter Niederhuber's magerer Körper wand ſich vor Devotion. „Excellenz, in einer Sache von Wichtigkeit wagte ich nicht mehr ſelbſtſtändig zu entſcheiden, ſeit ich wußte— „Was wußten Sie? Woher wußten Sie? Nichts wußten Sie! Hatten Sie eine dienſtliche Meldung, v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. I. 4 2 —-— daß hier.“ „Excellenz fuhren geſtern in den Hof. Wer kennt Eure Excellenz nicht?“ ſtotterte der Stallmeiſter. „Aber wer ſagt Ihnen, daß ich Sie kenne, daß ich Sie kennen will? Wer ſind Sie? Was wollen Sie? Sie ſtehen ſchon eine halbe Stunde vor mir und ich weiß noch nicht, was Sie wollen.“ Johann Helmberg ſchien nichts von den Worten des Oberſtſtallmeiſters zu vernehmen; mit weit offenen Augen ſchaute er in das von gutmüthigem Aerger flammende Antlitz des Grafen und ſchien ſich jeden Zug deſſelben für immer ins Gedächtniß prägen zu wollen. Eine gewiſſe Aehnlichkeit zwiſchen dem Grafen und dem Bereiter war unverkennbar und fiel jetzt dem Stallmeiſter Niederhuber ſchwer aufs Herz. Wenn er auch immer kleiner von Geſtalt blieb, ſo wie der Graf mußte der kleine Bereiter Johann Helmberg in zehn Jahren ausſehen. „Excellenz“, begann ſtotternd Niederhuber,„da es ſich um eine Frage von Wichtigkeit handelt, nämlich„varuin, ob unſer jüngſter Bereiter Helm⸗ berg—⸗ 25 leiſe und ſchüchtern auch der Name ausge⸗ ſprochen ward, der Graf hatte ihn gehört. ich hier ſei? Nein! Alſo war ich nicht 19 „Helmberg? Wo iſt der Bereiter Helmberg? Iſt er in Fels?“ Der Graf ſchien ſehr überraſcht, verlegen und halb unterdrückt malte ſich eine tiefe Bewegung noch zum Theil auf ſeinem friſchen, leichtſinnigen Antlitz. Johann Helmberg war vorgetreten in das volle Licht; mit tiefem Ernſt, aber mit der vollendet⸗ ſten Ritterlichkeit verbeugte er ſich vor ſeinem Vor⸗ geſetzten. „Der Bereiter Helmberg, Excellenz, bin ich.“ Die Blicke des Grafen irrten einen Augenblick unſicher über die kleine Geſtalt; auf dem Antlitz Jo⸗ hann's blieben ſie etwas mißtrauiſch haften. Der ſtolze, faſt abweiſende Zug darauf und die ſtreng dienſtliche Haltung des jungen Mannes ſchienen die bitteren Worte zurückzuhalten, welche die breite Bruſt des Oberſtſtall⸗ meiſters bereits ſchwellten; der beinahe verächtliche Hohn, welcher ſeine vollen Lippen krümmte, verſchwand allmälig wieder, und nur der Hofmann blieb übrig, der ſich in kühler Herablaſſung vor dem jungen Be⸗ amten verbeugte. „Ah, Sie ſind Herr Helmberg? Wir ſahen uns früher nie, ſoviel ich weiß. Ich hatte keine Ahnung, daß Sie mit dem König hierher kamen. Verzeihen Sie deshalb meine Ueberraſchung von vorhin— ſie galt 9*½ 20 nicht Ihnen, gewiß nicht— Ihnen bin ich gern ge⸗ fällig. Sagen Sie mir nur, was ich für Sie thun kann.“ Die leichthin geſprochenen Worte des Grafen hat⸗ ten etwas von dem Klang der flüchtigen Schritte eines Wanderers, der über die ſchwache Brücke eines Ab⸗ grundes raſch hinwegzueilen ſucht, eines Abgrundes, in den er nicht zu blicken wagt. Tiefer Ernſt war auf dem jugendfriſchen, lebensfrohen Geſicht eingekehrt. Johann Helmberg war regungslos ſtehen geblie⸗ ben.„Es war nicht meine Schuld, die mich Excellenz ſo überraſchend vor die Augen führte— ich bat um eine ganz gewöhnliche Vergünſtigung, die ſonſt der Herr Stallmeiſter ſtets ſelbſt gewährt hat. Diesmal hielt derſelbe es für nothwendig, daß ich dieſe Bitte an Eure Excellenz ſtelle. Mein Vorgeſetzter ließ mir nur die Wahl zwiſchen einem unmännlichen Zurückweichen oder der Beläſtigung Eurer Excellenz. Ich habe vor Niemand die Augen niederzuſchlagen; ich konnte mich dem allgemeinen Geſpötte nicht ausſetzen.“ Der Graf hatte mit immer lebhafterem Intereſſe zugehört. Seine Hand zuckte ein paar Mal, als wolle er ſie dem jungen Manne reichen, die warme Färbung kehrte auf ſein Antlitz zurück, und die höfliche Ruhe war erkünſtelt, mit der er dann fragte: 21 „Und worin beſtand die Vergünſtigung, zu deren Gewährung der Herr Stallmeiſter meine perſönliche Einwilligung für nöthig hielt?“ „Ich bat, die Dreſſur des arabiſchen Hengſtes Sultan vollenden zu dürfen, den Seine Majeſtät bei den Manövern reiten will.“ Die graublauen Augen des Grafen lagen einen Moment mit forſchender Strenge auf dem Stallmeiſter, der immer tiefer in die weiten Schäfte ſeiner hohen Stiefel zu verſinken ſchien. „Dann entſpringt dieſer Beſuch allerdings einem nicht gerechtfertigten Uebereifer dieſes Herrn. Ich habe von Ihrer außergewöhnlichen Bravour als Reiter ge⸗ hört, Helmberg, und da die Sache denn doch einmal vor meine Entſcheidung gebracht iſt, ſo glaube ich meine Amtsthätigkeit nicht beſſer aufnehmen zu können, als indem ich Ihren Wunſch gewähre.“ Aus dieſen Worten klang nur noch die rückſichts⸗ vollſte Güte; der Graf ſchien ſorgfältig Alles vermeiden zu wollen, was einer Protection gleichkam und den Jüngling beleidigen konnte. Kalt und befehlend jedoch waren die Worte, mit denen er ſich an Niederhuber wendete: „Soviel ich weiß, hat einer der Herren mir all⸗ morgendlich den Rapport zu bringen?“ ——— 22 Der Befragte, froh, aus ſeinem ihn erdrückenden Schweigen erlöſt zu werden, trat eifrig einen Schritt vor. „Unter Excellenz Fürſt Thun, Dero Vorgänger, war es immer der erſte Stallmeiſter— ich— wel⸗ cher—“ „Beſtehen darüber Beſtimmungen, oder ſteht es mir frei, den rapportirenden Beamten ſelbſt zu wählen?“ „Excellenz, Beſtimmungen darüber kenne ich nicht; Excellenz Fürſt Thun ſchenkten mir die Gnade—“ Der Graf winkte kühl mit der Hand. „Ich danke Ihnen für die Aufklärung. Da ich alſo keine der beſtehenden Vorſchriften damit verletze, ſo wünſche ich, daß mir künftig der Rapport durch Herrn Bereiter Helmberg gebracht werde.“ Kraftlos, durch den Schrecken gelähmt, ſank das Kinn des Stallmeiſters unter dem ſteifgedrehten Schnurr⸗ bart nach abwärts; feuriges Roth ſchoß über das Geſicht Johann's, der eine Bewegung machte, als wolle er die Hand des Grafen ergreifen und an die Lippen drücken. Dieſer erklärte mit einer ruhigen Verbeugung die Audienz für geſchloſſen.— Das gutmüthige Lächeln, mit dem er Helmberg betrachtete, ſchien zu ſagen: Ich war Dir eine Genug⸗ 23 thuung ſchuldig, unglücklicher Knabe, und Du ſollſt ſie erhalten! Die beiden Beamten gingen. Der Graf folgte ihnen mit den Blicken und ſchaute noch immer auf die Thür, nachdem ſie ſich längſt hinter Helmberg ge⸗ ſchloſſen hatte. Dann trat er ans Fenſter. Die Sonne war hinabgegangen hinter dem Park, deſſen grüne Dämmerung dichter und räthſelhaft zu den Bogenfenſtern hereinſchaute. Breite, wohlgepflegte Sandwege, ergraute Statuen und morſche Vaſen un⸗ terbrachen da und dort das Meer von Blättern und Zweigen. Der Graf ſchaute hinunter, ohne zu wiſſen, was er ſah; eine Bewegung, wie er ſie nie gekannt, zitterte über ſein gutmüthiges Geſicht, und nachdenklich und mit ganz eigenthümlichem Ausdruck murmelte er vor ſich hin:„Mein Bruder!“ Zweites Kapitel. Modernes Nittelalter. Johann Helmberg war an der Seite des Stall⸗ meiſters nach dem Hofe zurückgekehrt. Die Bereiter waren nicht mehr anweſend, ſondern hatten ſich zum Abenddienſt in die Stallungen zurückgezogen. Auch Niederhuber und Johann Helmberg folgten ihnen dahin. Dieſe Ställe mit den Marmorſäulen und polirten Barren, den blanken Heuraufen und der am Rande zierlich geflochtenen goldgelben Streu, den vielen Thieren der edelſten Raſſen, die ſtampfend und ſchnau⸗ bend ihres Futters harrten, den kräftigen Leuten in den blau und weiß geſtreiften Stalljacken, welche ſich ſchweigend um ſie beſchäftigten, und den Bereitern und Stalloffizieren, welche prüfend, hier und da einen leiſen 25 Tadel ausſprechend oder einen ruhigen Befehl gebend, langſam auf und nieder wandelten, das Alles bot zuſammen ein lebendiges Bild nicht ohne alle Anmuth. Auch Helmberg, welcher bisher bleich und von den Vorgängen der letzten Stunden ſichtlich noch tief erregt einhergeſchritten war, empfand etwas von dem Reiz, den der Umgang mit einem der edelſten Thiere der Schöpfung auf jugendliche Gemüther ganz unleug⸗ bar beſitzt. Militäriſch grüßend blieb er vor ſeinem Vorge⸗ ſetzten ſtehen, um ſich zu verabſchieden und nach der ihm zugetheilten Stallabtheilung zu eilen. Niederhuber, der bis jetzt geſchwiegen, ſah ihn mit einem lauernden Blicke an. „Wohin wollen Sie?“ „Nach meiner Abtheilung!“ war Johann's ruhige Antwort. „Sie haben keine Abtheilung mehr! Sie ſind zum Dienſt bei dem Oberſtſtallmeiſter befohlen; Sie ſtehen nicht mehr unter meinem Commando!“ Johann ſah darin nur wieder eine Abſicht, ihm Verlegenheiten zu bereiten und ſeine Stellung zu einer unhaltbaren zu machen, und entgegnete: „Da ich aber unter Ihrem Befehl Sultan reiten ſoll— 26 „Unter meinem Befehl?“ rief Niederhuber mit geheucheltem Erſtaunen.„Ich habe nichts damit zu thun, wie Sie Sultan dreſſiren. Das Pferd iſt Ihnen von Excellenz zugetheilt— ich werde ihm Futter ge⸗ ben und es putzen laſſen; das Uebrige iſt Ihre Sache. Ich werde mich täglich um neun Uhr bei Ihnen einfinden, um Rapport zu erſtatten, und werde überhaupt jede Meldung an Sie machen. Excellenz Oberſtſtallmeiſter will ja blos den Herrn Bereiter bei ſich ſehen. Das iſt nach dem Reglement zwar nicht ganz in der Ordnung, aber es iſt ja natürlich, daß Excellenz gegen einen ſo nahen Verwandten—“ Das zornige Geſicht, die faſt aus den Höhlen tretenden Augen des jungen Bereiters, ſowie die in ſeiner Hand zuckende Peitſche ließen den Stallmeiſter ſeine Rede nicht vollenden, und die brutalen Worte, mit denen er ihm den Rücken wandte, ſuchten vergeb⸗ lich die Furcht zu verhüllen, die bei der drohenden Haltung ſeines Untergebenen Niederhuber's Wangen das Anſehen einer welken Citrone gab. „Machen Sie, was Sie wollen! Reiten Sie den Sultan oder nicht, Sie ſind allein dafür verantwort⸗ lich! Wir wollen ſehen, was daraus wird; lange ſoll die Herrlichkeit nicht dauern!“ Johann Helmberg ſtand einen Augenblick in tiefer 27 Rathloſigkeit; dann blitzte es freudig auf in ſeinen Zügen. Es gab ja doch einen Menſchen, der ihm wohlwollte und der die Macht hatte, ihn zu ſchützen — ſein Bruder. Unter gewöhnlichen Verhältniſſen war es nicht Sitte, daß die königlichen Pferde noch nach dem Abend⸗ ſtall von ihren Abrichtern geritten wurden. Es be⸗ durfte dazu einer beſondern Erlaubniß— Johann Helmberg wollte den Stallmeiſter beim Worte nehmen. Vor dieſem Menſchen durfte er nicht ſchüchtern er⸗ ſcheinen. Ruhig trat er an den Stand, wo der Ber⸗ berhengſt eben mit den roſenfarbenen ſchnaubenden Nüſtern den letzten Reſt des duftenden Heus herunter⸗ holte, das zwiſchen den glänzenden Metallſtäben der Raufe herabhing. So mit dem hocherhobenen Kopf, den zurückgeleg⸗ ten Ohren, den gutmüthigen großen Augen und den ſcharrenden Beinen war Sultan ein edles herrliches Thier, und es war verzeihlich, daß ein ſo junges Ge⸗ müth wie das Johann's einen Augenblick alles Andere vergaß in dieſem Anblick und ihm mit der Hand ko⸗ ſend über den Rücken ſtrich. Tief bog der Eiſenſchim⸗ mel das Kreuz ein bei dieſer Berührung, weit vor ſtemmten ſich die Füße und in hohem Bogen wallte der reiche Schweif. Der graziöſe Hals des Thieres 28 bog ſich nach rückwärts und neckiſch ſuchten die blaß⸗ rothen Lippen den Bereiter zu erreichen. „Wo iſt Chriſtian?“ fragte dieſer, indem er ſich nach dem alten Stallwärter umwandte, der wohlge⸗ fällig zuſah. Dieſer machte ein ſehr verlegenes Ge⸗ ſicht, als theile er ſeinem jungen Vorgeſetzten ungern eine peinliche Nachricht mit. „Nun?“ „Da Sie's denn durchaus wiſſen wollen, Herr Baron, der Herr Stallmeiſter Niederhuber hat den Chriſtian vorhin, gerade als er in den Stall trat, mit groben Worten fortgeſchickt; es ſei gegen das Reg⸗ lement, daß ſich Privatdiener in den königlichen Stäl⸗ len herumtreiben, der Herr Baron ſeien auch nicht mehr wie die Andern— weniger vielleicht; und als der Chriſtian ſagte, daß er ſeinen jungen Herrn Baron nicht beleidigen laſſe, hat der Stallmeiſter ge⸗ ſagt, Sie ſeien gar kein Baron, ſondern nur ſo ein wilder, wie ja der Holzapfel auch ein Apfel ſei, aber doch auf keinen ordentlichen Tiſch komme, ſondern—"“ „Sondern?“ fragte Helmberg ſehr blaß und ruhig, und aller Jugendmuth war aus ſeinem Geſicht verſchwunden.— „In den Schweinetrog!“ vollendete der ge⸗ ſchwätzige Alte, daß Helm berg zuſammenzuckte.„Das ————— 29 dürfen Sie ſich nicht gefallen laſſen, Herr Baron! Als ob Sie nicht auch der Sohn von einem Baron und einer Gräfin wären.“ Helmberg antwortete nicht. Er blickte nach den hoch gelegenen flachen Bogenfenſtern des Stalles; es war wohl noch zwei Stunden lang Tag. Dann nahm er den Schulſattel aus weißem ge⸗ ſtepptem Hirſchleder von ſeinem Ständer und legte ihn Sultan auf den Rücken, der ſich in erwartungs⸗ voller Freude bewegte. „Bring eine von den großen Reitſchulpiſtolen und blinde Patronen für ſechs Schüſſe!“ gebot Helmberg. Der Stallwärter blieb ſtehen. „Auf der Reitſchule iſt es nach Sonnenuntergang faſt dunkel, und dann wird ſich Sultan vor dem Schießen noch mehr fürchten“, meinte der Stallwärter. „Ich werde im Freien ſchießen; bring' die Piſtole!“ gebot Johann Helmberg ernſt, aber gütig, und kopfſchüttelnd ging der Alte. Als er wiederkam, war Sultan durch den Be⸗ reiter ſchon vollſtändig geſattelt und gezäumt und ſtand mit dem Kopf auswärts an den Zügeln befeſtigt zwiſchen den Standſäulen. Ein paar Stallwärter hatten ihm das Satteln abnehmen wollen, allein ihre Dienſte waren zurückge⸗ wieſen worden. Helmberg's bitteres Lächeln ſchien ſagen zu wollen: Ich bin ja auch nichts Beſſeres als die Andern. 5 In einiger Entfernung ſtand beobachtend der Stallmeiſter Niederhuber. Ein ſchadenfrohes Lächeln flog über ſeine Züge, als er Helmberg Vorbereitungen treffen ſah, noch zu vorgerückter Zeit mit Sultan ab⸗ zureiten. Je auffallender und unüberlegter der junge Mann handelte, deſto näher war er ſeinem Fall— das ungefähr lag in den Zügen des Stallmeiſters, als Helmberg, nachdem er die Piſtole am Sattel befeſtigt hatte, das feurige Roß des Königs beſtieg und durch das Stallthor ritt. Helmberg fühlte, daß ihm alle ſeine Collegen nachſahen, auch hielt er es für geeig⸗ neter, die erſte Hitze des edlen Renners vertoben zu laſſen, ehe er ernſtere Anforderungen an denſelben ſtellte. In geſtrecken Galopp jagte er daher über den Hof und bog in das Thor ein, durch welches das grüne Dunkel des Parks geheimnißvoll hereinſah. Es war ein eigenthümliches Bild, die zierlich ge⸗ drungene Geſtalt Johann's auf dem edlen und zugleich gewaltigen Thiere, welches man für den hochgewachſe⸗ nen jugendlichen König beſtimmt hatte, und das der kleine Reiter dennoch mit vollendeter Meiſterſchaft re⸗ gierte. In langem gleichmäßigem Sprung jagte der 31 Berberhengſt durch die breiten, von uralten Bäumen umſäumten Wege des Parkes. Rechts und links öff⸗ neten ſich von Zeit zu Zeit ſchmalere Gänge in dem dichten Gebüſch und verdämmerten raſch wieder in den tieferen Schatten des Spätnachmittags. An einſamen Rondels flog er vorüber, von ver⸗ ſchnittenen Hecken labyrinthiſch umgeben, dann wieder ſchaute eine einſame Gärtnerwohnung lieblich zwiſchen Gewächshäuſern und Blumenbeeten hervor. Jetzt ward es frei und offen vor dem Blick, grüne Wieſen tauchten auf— ein See, ruhig glänzend, wie geſchliffenes Metall, des Himmels ſanfte Abendbläue ſpiegelnd. Ein Schwanenhaus auf Tropfſteinfelſen drin, und ernſte Schwäne zogen ihre Kreiſe. Grüne, heimlich ſüße Waldesdämmerung ringsum, und dort am andern Ufer ſteht ein Pavillon, wie aus dem Garten von Verſailles hierher Mſetzt. Das Schlößchen war bewohnt. Johann Helm⸗ berg kannte es wohl. Der Oberceremonienmeiſter Graf von Tegernheim wohnte darin mit ſeiner Fami⸗ lie, ſo oft die Anweſenheit des Königs es nöthig machte, daß der Graf die Reſidenz verließ. Andere hohe Hofchargen pflegten dem unverheira⸗ theten König allein zu folgen und ihre Familien in der Reſidenz zu laſſen. Allein Graf Tegernheim that das nicht. So unentbehrlich er dem Hofe war, ſo unentbehrlich war ihm ſelbſt ſein Hof: ſeine Familie. Er war ſehr klug und manchmal ſogar geiſtreich, er brauchte Menſchen, die ihm zuhörten und ihn be⸗ 3 wunderten, und ein pflichtgeduldiges, ſtets bereites Auditorium fand er bei der Sterilität der Hofkreiſe blos in ſeiner Familie. Johann Helmberg wußte, daß der redſelige Graf Tegernheim mit ſeiner Frau und Comteſſe Erneſtine in jenem Pavillon über dem See wohnte; aber eine neue Erſcheinung lenkte ihn von ſeinen eigenen trüben Gedanken ab. Vor der Schnörkeltreppe des Pavillons ſtand ein kleiner, mit vier ſchwarzen Ponies beſpannter Korb⸗ wagen. Ein winziger Jockey in rother ſilberbordirter Livree hatte alle Hände voll zu thun, die kleinen un⸗ geduldigen Pferde in Ordnung zu halten. Weder der Graf, noch die Gräfin, noch Comteſſe Erneſtine waren je in einem ähnlichen Wagen gefahren. Johann Helmberg müßte nicht zwanzig Jahre alt und Pferdeenthuſiaſt geweſen ſein, wenn er nicht den Umweg um den Teich gemacht hätte, um die niedlichen zottigen Thierchen und das kleine Fuhrwerk näher zu betrachten. Da trat aus einem der ſchmalen Wege, die vom 33 Schloß herführten, ein hoher ſchlanker Herr. Derſelbe war etwa zweiunddreißig Jahre alt, trug Civilklei⸗ dung und hatte auf den erſten Anblick das Ausſehen eines Hofmannes oder höheren Militärs. Seine Be⸗ wegungen waren ſicher; eine überlegene, faſt ſpöttiſche Ruhe lag in ſeinem abgeſpannten Geſicht, welches faſt allein durch das dunkle Haar, die ſchwarzen Augen und den weit am Kinn herabreichenden Schnurrbart etwas Leben erhielt, übrigens ein Geſicht, das man hätte ſchön nennen können, wenn ſeine fahle Bläſſe und blaſirte Unbeweglichkeit nicht unwillkürlich einen fatalen und fremdartigen Eindruck hervorgerufen hätten. Die Kreuzung der Wege brachte es mit ſich, daß der Fußgänger einen Augenblick warten mußte, um den Reiter vorüber zu laſſen. Er that das, wie der moderne Ariſtokrat, den Zufall oder Laune unter das Publikum der Trottoirs führt, nicht die fragliche Unterordnung des Plebejers ertrotzt, ſondern ſteif und ruhig wartet, bis der Mann vorüber iſt, um vor der unzukömmlichen Berührung ſich zu ſichern. Der kurze Galopp, in dem Johann Helmberg an dem Herrn vorüberflog, war nicht raſch genug, daß des Bereiters Auge nicht einen Moment lang voll auf v Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. I. 3 der hohen feinen Geſtalt hätte ruhen können. Das vom raſchen Ritt erhitzte Geſicht des Jünglings wurde bleicher, als da ihn Niederhuber zu dem Beſuch bei dem Oberſtſtallmeiſter zwang. Den Oberſtſtallmeiſter hatte er nie zuvor geſehen, aber ſein Geſicht und Benehmen hatten alle Befangen⸗ heit ſchwinden gemacht, und er gedachte des hochge⸗ ſtellten Bruders nur noch mit dem Gefühle grenzen⸗ loſer Hingebung. Den Mann, deſſen Antlitz er jetzt, umrahmt von den dichten Hecken des Parkweges, vor ſich ſah, mit demonſtrativer Ruhe und Gleichgültigkeit wartend, bis kein Stäubchen, aufgewirbelt von den Hufen des vorübereilenden Pferdes, ſeinen elegan⸗ ten Geſellſchaftsanzug mehr erreichen konnte, dieſen Mann kannte er; er hatte ihn nur einmal geſehen, und dennoch war ſein Bild in des Jünglings Erinne⸗ rung eingegraben; dieſer Mann war es, der ihn und ſeine Mutter gleich Heimatloſen und Verbrechern aus dem Hauſe ſeines greiſen Vaters fortgetrieben, der Richter und Schergen aufgeboten hatte gegen Va⸗ ter und Bruder! Mit unauslöſchlichen Farben hatte ſich das Bild von damals in Johann's Seele gebrannt: ſeine bleiche Mutter mit den feinen ſtolzen Zügen, um de⸗ ren ſchmale Lippen ſtumme Worte des bitterſten Wehs 8⁴ 1 8 35 zuckten; der alte Freiherr mit den blauen blitzen⸗ den Augen und dem weißen Bart, der mit zitternder Fauſt an ſeiner Linken nach dem Schwerte ſuchte, das er ſchon vor Jahrzehnten für immer niedergelegt; der halb verlegene und doch wichtig thuende Commiſ⸗ ſar in Amtskleidung, der die Entſcheidung Seiner Ma⸗ jeſtät vorlas, welche dahin lautete: daß die ver⸗ wittwete Gräfin Helmberg und ihr unmündiger ille⸗ gitimer Sohn Johann Helmberg binnen vierund⸗ zwanzig Stunden Schloß Tondern zu verlaſſen und ſich zu fernerem Aufenthalt in ihrer Heimat, der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt***, bei den dortigen Behörden zu melden hätten. Da trat der ehr⸗ würdige Kaplan des Schloſſes vor, ſein gutmüthi⸗ ges Kindergeſicht drückte tiefe Entrüſtung aus, ſeine weißen Haare ſträubten ſich, die ſchwarzen Augen⸗ brauen, die dem alten Geſicht etwas ſeltſam Lebendi⸗ ges gaben, zuckten, und er rief den Zorn Gottes herab über die Gewaltthätigen, die zu trennen ſuchten, was Gott ſelbſt durch eins ſeiner heiligen Sacramente zuſammengegeben. Darauf zog d ben hervor, in welchem die Ehe des Freiherrn von Tondern mit der verwittweten Gräfin Helmberg für ungültig erklärt und der Prieſter, der die Einſegnung er Commiſſar ein anderes Schrei⸗ —— tes entſetzt wurde, da es erwieſen ſei, daß ſchon zu Lebzeiten ſeiner nunmehr verſtorbenen Ehefrau der Freiherr von Tondern mit der verwittweten Gräſin Helmberg ein ſträfliches Verhältniß unterhalten habe. Ein ſolches Verhältniß aber mache nach den Ge⸗ ſetzen der katholiſchen Kirche eine ſpätere Eheſchließung unmöglich und der trauende Prieſter habe daher gegen Amt und Gewiſſen gehandelt, als er die Einſegnung vorgenommen. Und mit einer Verbeugung und ehr⸗ furchtsleiſer Stimme las der Beamte am Schluß des Actenſtückes den Namen der höchſten Inſtanz, des regierenden Königs. Der alte Freiherr war wie ein verwundeter Löwe zuſammengezuckt, als das königliche Reſcript die Chre der Frau vernichtete, die wortlos mit ſtolzer, reiner Stirn neben ihm ſtand und die Hand ihres Sohnes immer heftiger preßte. Dann hob der ritterliche Greis, ſeiner nicht mehr mächtig, die zitternde Rechte und machte ein paar haſtige Schritte gegen den Mann, der mit dem Commiſſar erſchienen war und der mit düſterem Lächeln und dem Blick eines Verdammten dem herzbrechenden Schauſpiel zuſah. „Du biſt der Baſtard, Du!“ ſchrie der Freiherr. Kaum röthete ſich das gelblich blaſſe Antlitz des ohne landesherrliche Erlaubniß vollzogen, ſeines Am⸗ —ͤ oooo 37 jungen Mannes, und mit ruhiger, klangloſer Stimme ſagte er:„Ich bin der Freiherr Angelo von Tondern auf Tondern, der einzige legitime Sohn des Freiherrn Hermann von Tondern nach der eben verleſenen Ent⸗ ſcheidung Seiner Majeſtät!“ Der Arm des Freiherrn ſank herab und er neigte das vor Zorn zuckende Antlitz. „Seiner Majeſtät!“ ſagte er halblaut.„Ich bin kein Rebell, um mich den Befehlen Seiner Maje⸗ ſtät zu widerſetzen, aber es war nicht gütig, zu zer⸗ reißen, was ſein weiſer Vater geduldet hatte, der mich ſeinen Freund nannte; es war nicht gütig von meinem jungen allergnädigſten Herrn, eine glückliche Familie zu zerſtören.“ „Es bleibt Ihnen ja unbenommen, durch eine Immediateingabe an Seine Majeſtät um Aufſchub oder Milderung der allerhöchſten Entſchließung nach⸗ zuſuchen.“ Da wurde das Antlitz des Freiherrn purpurroth und er warf den Kopf in den Nacken. „Ich danke Ihnen mein Herr!“ ſagte er mit ſtolzer, höflicher Zurückweiſung.„Ich werde mich nicht dem Ausſpruch meines Landesherrn widerſetzen, ich werde nicht rebelliren gegen den allerhöchſten Befehl⸗ den ein unnatürliches Kind gegen ſein eigenes Blut zu Hülfe gerufen hat, aber um Gnade bitten— nein! Der königliche Ausſpruch verurtheilt mich und diejenigen, die ich auf Erden am liebſten habe, zur Schmach; die königliche Gnade kann uns die Ehre nicht wiedergeben.“ Hermann von Tondern wandte ſich in heftiger Bewegung an die hohe bleiche Frau an ſeiner Seite, die erſtarrt und thränenlos der Scene beigewohnt, und ergriff ihre Hand. „Mein Weib, Du haſt es gehört, was ſie ſagen, daß das Band, welches uns zwanzig Jahre lang vereinigte, zerriſſen ſei, daß es ein Verbrechen war, wie wir dieſe lange Zeit treu und redlich zuſammen⸗ hielten, wie ſelten zwei Menſchen. Ein Jüngling, der geſtern den Thron beſtiegen, entſcheidet mit einem Federzuge eine Frage, welche ſeinem Vater, meinem erlauchten Freunde, manche Stunde der Sorge bereitet. Wie dem auch ſei, wir müſſen gehorchen; ſie kön⸗ nen uns von einander ſcheiden; aber zur Unehre kön⸗ nen ſie uns nicht verdammen, ſolange wir ſelber uns nicht untreu werden, Clotilde!“ Und der Freiherr, unfähig, den immer heftiger werdenden Stößen ſeiner eigenen Bruſt zu widerſtehen, neigte das Haupt nieder zur Schulter der Gattin und —— 39 ſuchte mit der bebenden Hand das blonde lockige Haupt des Knaben. Dann hörte der blonde Knabe die ſanfte Stimme ſeiner Mutter, die ruhig und ohne zu beben zu ihm niederklang. „Ich kenne keine andern Befehle als Deine, Hermann! Von dem Tage an, da Du mich aus den Händen des Wahnſinnigen befreiteſt, den Gottes und meiner Eltern Wille mir zum Gatten und Herrn ge⸗ geben, iſt meine Seele Dein volles unbeſchränktes Eigenthum! Verfüge über mich und Deinen Sohn, befiehl, was ich thun ſoll; ich werde Dich nicht um Gründe fragen, ich werde ohne Klage Alles für Dich erdulden— ſelbſt die Trennung von Dir!“ Die beiden hohen Geſtalten lehnten aneinander, ſtolz und rein und edel, als wollten ſie zuſammenſtehen für eine Ewigkeit. Und der Knabe, deſſen Hand die Mutter preßte und in deſſen blonden Locken die kalten zitternden Finger des Vaters wühlten, war Johann Helmberg, den man bis zu jenem Tage den jungen Freiherrn Hans von Tondern genannt hatte. Und jener Mann, den ſchon damals die Phan⸗ taſie des Knaben als den Urheber aller Schrecken an⸗ ſah, die er erſt nach und nach zu faſſen vermochte, trat ihm heute nach ſechs Jahren zum erſten Male wieder aus jenem Parkweg entgegen mit der blaſirten Ruhe von damals, mit demſelben gelangweilten Spott um die etwas volleren Lippen— nur älter und ernſter war er geworden. Und Johann Helmberg dachte an ſeine angebetete Mutter, die in einer ſtillen Straße der Reſidenz in nonnenhafter Zurückgezogenheit ihr einförmiges Leben führte, und an den gebeugten Greis, der ſie in langen Zwiſchenräumen in ihrer Verborgen⸗ heit beſuchte und ſich ſeinen Vater nannte. Er dachte an das hohe, weithin ſichtbare Schloß, das ſie hatten verlaſſen müſſen, und den herrlichen grünen Wald, in dem es lag, an all die Diener, die ihn ihren jungen Herrn genannt, während jetzt— Johann Helmberg's weiße Zähne knirſchten, er war im Begriff, das Pferd zu wenden, und unwillkür⸗ lich ſuchten ſeine Hände nach der mitgenommenen Pi⸗ ſtole. Auch das Antlitz des Freiherrn Angelo von Ton⸗ dern verlor etwas von ſeiner Ruhe; ſeine Augen ſchloſſen ſich halb, wie um die Züge des Vorüberrei⸗ tenden beſſer zu erkennen. 4 In dieſem Augenblick machte das edle Thier einen mächtigen Sprung zur Seite, bis faſt an den Rand des Teiches, daß die Schwäne ziſchend die ſchneeigen 41 Flügel hoben: in vollſter Carrière kamen die vier zot⸗ tigen Ponies angebrauſt; zwei Damen ſaßen in dem kleinen Wagen, von denen Johann Helmberg nur die eine kannte— es war die gefeiertſte Dame des Hofes, Gräfin Erneſtine von Tegernheim. Ihr zur Seite, kaum bis an die ſchmalen, ſchön abfallenden Schultern der Gräfin reichend, ſaß, die Zügel der vier Pferdchen feſt und ſicher in der Linken, die lange ungariſche Peitſche mit rother Schnur in der Rechten, ein kleines, wunderliebliches Geſchöpf von kaum ſechzehn Jahren. Das feine, ovale Geſichtchen war lebhaft gefärbt, die braunen Augen blitzten vor Mun⸗ terkeit, und dann und wann kam ein die Pferde an⸗ feuernder Zuruf hell und übermüthig zwiſchen den rothen Lippen und den ſchimmernden Zähnchen hervor. Bei jedem ſolchen Ruf reckte der kleine Jockey, der auf dem Hinterſitz mit gekreuzten Armen ſaß, den dünnen Hals in die Höhe, die Ponies legten die Ohren zurück und rannten noch unſinniger, und Gräfin Erneſtinens Mundwinkel zogen ſich ein wenig tiefer herab, als ſei das laute übermüthige Treiben, von dem ſie körperlich mit fortgeriſſen wurde, etwas ihrer ernſten, gemeſſenen Gemüthsart nicht ganz Zuſagendes, als ſei ſie jedoch zu apathiſch, um ſelbſt der tollen Fahrt ein Ende zu machen.* 42 Im Fluge ging es zwiſchen Tondern und Helm⸗ berg hindurch. Tondern zog elegant den Hut und blieb achtungsvoll ſtehen. Gräfin Erneſtine dankte mit einem leichten Kopf⸗ neigen, der mißvergnügte Zug um die Mundwinkel wurde ſchärfer; ſie glaubte das feine Lächeln verſtan⸗ den zu haben, mit welchem Tondern das jugendliche Treiben beobachtet hatte; ſie fühlte ſich gedemüthigt und überblickt, und faſt befehlend legte ſie die Hand auf den Arm ihrer jüngeren Gefährtin. „Es iſt jetzt genug des Uebermuthes, Eva! Wir ſind nicht mehr zwölf Jahre alt und befinden uns nicht auf Euern Gütern in Böhmen, ſondern im Schloßgarten zu Fels.“ Die Verantwortlichkeit für die Glieder der ihr Anvertrauten hatte Eva indeß Zeit genug gelaſſen, um ſich Herrn Johann Helmberg ſehr genau zu betrachten, welcher die größte Mühe hatte, ſein erſchrecktes Thier zu beruhigen, das ihn immer näher an den Rand des Waſſers brachte. Auch er wäre wohl früher wieder vollſtändig Herr ſeines Pferdes geworden, wenn er nicht mit weit offenen Augen noch immer in die Staub: wolke geſtarrt hätte, die das fortſauſende Viergeſpann zwiſchen ihm und dem Freiherrn von Tondern zurück⸗ gelaſſen hatte. — 43 Eva hatte faſt erſchreckt emporgeſchaut, als ſie die Hand Erneſtinens auf ihrem Arm gefühlt und ihre ſtrengen Worte vernommen. Ihr Geſichtsausdruck war plötzlich ein ganz anderer, faſt trauriger; raſch zügelte ſie ihre Pferde zu einem mäßigen Trab und ſagte dann: „Ja, Du haſt Recht, Erneſtine, vier Jahre iſt eine lange Zeit— man kann recht alt werden in⸗ deſſen.“ Gräfin Erneſtine ſchwieg und ſchaute kalt und trübe zu der Straße nieder, auf der die Ponies nun langſam dahintrabten. Es ſchien auch ihr, als könne man in vier Jahren ſehr alt werden. Als die Staubwolke ſich verzogen hatte, die Jo⸗ hann Helmberg von dem Freiherrn Angelo von Ton⸗ don trennte, war der letztere verſchwunden. Er war auf demſelben Wege zurückgekehrt, nachdem er Erne⸗ ſtinen, der ſein Beſuch hatte gelten ſollen, begegnet war. Dem Grafen Tegernheim Gelegenheit zu einer geiſtreichen Stilübung zu geben, hatte er keine Luſt, und die Gräfin war ihm unheimlich; ihm war, wenn ſie die kalten grauen Augen auf ihn richtete, als durchſchaue ſie ihn bis in die Tiefen ſeiner Seele. Wie hülfeſuchend wandte er ſich dann oft von ihren harten, ſteinernen Zügen zu dem belebten Mie⸗ nenſpiel ihres Gemahls, um bei deſſen geiſtreicher Abſichtsloſigkeit das Fröſteln zu überwinden, das ihn in der Geſellſchaft der Frau von Tegernheim ſtets überlief. — Drittes Kapitel. Das Lumpenhäuſel. Dieſer Name ſtammte noch aus der Zeit, wo Schmuggler⸗ und Diebsbanden in den Grenzgegenden ſüdlich von der Reſidenz ihr von der vorſchreitenden Macht der geſetzlichen Ordnung noch nicht eingedämm⸗ tes freies Handwerk trieben, aus einer Zeit, wo un⸗ durchdringliche Forſten ſich meilenweit landeinwärts und bis an den See erſtreckten, nur unterbrochen von kleinen Dörfern, deren armſelige Bewohner ſich nicht träumen ließen, daß an dem Geſtade, wo ſie in aus⸗ gehöhlten Eichenſtämmen ihrem Fiſchfang nachgingen, einſt ein königliches Luſtſchloß ſeine Zinnen und Flag⸗ gen hoch in die laue Sommerluft erheben werde. Und dennoch hatte das Wirthshaus am Rande des Parks, da wo dieſer in die noch immer anſehn⸗ lichen Wälder der Umgegend einmündete, ſeinen Namen behalten, trotzdem ſchon längſt„Gaſthof zum Bären“ in goldenen Lettern über der Hausthür praugte. Die Schmuggler⸗ und Diebsbanden früherer Jahrhunderte gehörten freilich der Ueberlieferung an, dafür aber bot das Lumpenhäuſel ſeit Jahrzehnten den leichtlebigen Elementen des königlichen Haushaltes einen willkom⸗ menen, der directen Beobachtung ihrer Oberen ent⸗ zogenen Tummelplatz. Dazu geſellten ſich die weniger an die Hausordnung der Sommerreſidenz gebundene Dienerſchaft des königlichen Gefolges, der Hofchargen und Cavaliere, die Jäger und Lakaien einiger benach⸗ barten hochadeligen Güter; und auch einige Privat⸗ förſter, Oekonomen und reichere Bauern erfuhren Dul⸗ dung, wenn ſie ihre Silberzwanziger und Gulden auf der immer belebten Kegelbahn opferten. In den letzten Tagen war die Kegelbahn beſonders beſucht geweſen. Mehrere Hofchargen und Cavaliere der Nachbarſchaft waren angelangt und hatten im königlichen Schloß oder in den Villen ringsum Quar⸗ tier genommen, und aus deren unbeſchäftigter Diener⸗ ſchaft rekrutirten ſich die Gäſte im Lumpenhäuſel ſtets aufs neue. So tönte auch an dem Abende, da Johann Helm⸗ berg das Pferd des Königs nach den entlegeneren 47 Theilen des Parkes ritt, um es an das Schießen zu gewöhnen, das dumpfe Rollen der Kugeln, das helle Geklapper der fallenden Kegel, das wüſte Geſchrei der erregten Spieler weithin durch die uralten Stämme des Waldes, der ſich von den Grenzen des königlichen Parkes noch immer weit landeinwärts ausbreitete. In dichten Reihen ſtanden ſie da um das Tritt⸗ bret der Kegelbahn verſammelt und traten der Reihe nach vor, um ihre Kugel abzugeben. Zuerſt kam ein glattraſirter behäbiger Lakai mit weißen Strümpfen und glänzendem, ſelbſtzufriedenem Antlitz, als ſei er keinen Augenblick in Zweifel, welche Ehre er der Geſellſchaft anthue, indem er an ihrem Spiele Theil nehme; er wählte langſam die Münze in dem langen ſeidenen Beutel und warf ſie zu den übrigen, die nach Spiel⸗ und Landesſitte auf dem hölzernen Trittbret umherlagen. Dann ſuchte er ſich umſtändlich die Kugel aus, die ſeiner Hand am beſten paßte, wog ſie ſorgfältig auf und ab, ließ ſich dann beim Wurf ins Knie und verharrte ſchließlich mit vorgebeugtem Leibe, bis das Klappern der Kegeln bewies, daß die Kugel an ihrem Ziele angelangt ſei. „Ein Schuſter!“ rief der Kegeljunge herein, zum Zeichen, daß der Lakai drei Kegel in Form eines Dreiecks niedergelegt habe. Der Lakai zuckte die Achſeln und ging zurück, als ſei dieſer plebejiſche Zuruf einer weiteren Aufmerkſam⸗ keit nicht zu würdigen, und auf den Kampfplatz trat ein langer herrſchaftlicher Jäger in einem Stutzfrack, grau mit Grün, die ſchmal zulaufende Interimsmütze mit der Spielhahnfeder keck über dem renommiſttiſchen backenbärtigen Geſicht. Weithin flog die Kugel, von dem kräftigen Arm des Jägers geſchleudert, zahlreich raſſelten die fallenden Kegel. „Sieben!“ ertönte die jugendliche Stimme von draußen. Der lange Leibjäger ſchob die Mütze noch mehr aufs Ohr und blieb auf dem Platz, als wolle er den ſehen, der ſich erdreiſte, noch mehr zu ſchieben. Da taumelte ein Burſche in den Vordergrund, den der niedere ſchwarze Caſtorhut mit den goldenen Trod⸗ deln, die Sammtjacke mit den blanken Silberzwan⸗ zigern ſtatt der Knöpfe und die glänzenden, bis ans Knie reichenden Stiefeln als einen Bauersſohn aus der Umgegend kennzeichneten. Vergeblich ſuchte der Burſche in dem grünen Leder⸗ beutel nach Geld; auch ſeine Taſchen beherbergten kein Silberſtück mehr, und rathlos ſtand er einen Augen⸗ blick da und ſchaute in das höhniſche Geſicht des Jägers, der die auf dem Boden verſtreuten Einſätze 49 ſchon als ſein rechtmäßiges Eigenthum zu betrachten ſchien. Da drängte ſich eben eine ſchlanke braune Dirne durch die Zuſchauer, um die leeren Steinkrüge friſch zu füllen, die auf den rohbehauenen Gartentiſchen umherſtanden. Der halb trunkene Bauer wandte ſich nach ihr um. „Reſl, leih' mir'n paar Zwanziger— morgen kriegſt ſo viel Guld'n wieder.“ Das Mädchen ſchien willens, in die große Leder⸗ taſche zu greifen, welche ihr zum Zeichen ihrer Würde an der Seite hing, als ein bezeichnender Blick des Leibjägers ſie traf. Ihre Hand blieb in der Taſche, ſie ſah den Burſchen verächtlich an und ſagte: „Hab' kein Geld für Dich, Kuglerſepp, denn morg'n weißt Du doch nix mehr von dem, was D' heut g'ſagt haſt. Geh heim und leg' Dich nieder, das is Dir gſunder.“ Trotz ſeines Rauſches ſchnellte es dem Burſchen den Kopf in die Höhe und er rief mit unſicherer, zor⸗ niger Stimme: „Was? Dem Kuglerſepp leiht man keinen Zwan⸗ ziger mehr zum Spiel'n, wenn er ſchon ein Hunderter dran gſetzt hat? Hollah, ſaubere Reſ'l, mit dem Heimgehn wird's noch nix— ausraub'n laßt ſich v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. I. 4 werd'n!“ der Kuglerſepp net, da hab'n wir auch noch Zwan⸗ ziger.“ Und dabei riß der Burſche einen der Knöpfe von ſeinem Spenſer, daß der Sammt in Fetzen herunter⸗ hing, und warf das Geldſtück zu den andern. „Hollah, Bub, aufgepaßt“, rief er,„der Sepp will ſeinen Hunderter wieder hab'n!“ Und die Kugel rollte hinaus, ſtieß ſich aber wirkungslos an den Bre⸗ tern der Umfaſſung. „Sakra!“ knirſchte der Kuglerſepp und wandte ſein hübſches Geſicht nach dem Leibjäger,„muß au noch eine Kugl verleg'n. Was koſt's, wenn ich noch⸗ mal ſchieb'n darf? Alles, was noch an meinem Janker hängt, ſetz' ich!“ Deer Leibjäger ließ prüfend die Blicke hinunter⸗ gleiten an den fünfzehn Silberknöpfen des Kuglerſepp, dann ſagte er mit hämiſchem Lächeln: „Für die fünfzehn Zwanziger darfſt noch mal ſchieb'n.“ Der Kuglerſepp riß einen der Knöpfe um den andern herunter, daß große Stücke ſeiner Sammtjacke daran hängen blieben, und warf ſie auf den lockern Breterboden. „Aber jetzt paßt auf! Alle neune miüſſſen's 51 Das Glück ſchien jedoch dem hübſchen Bauer⸗ burſchen für heute hartnäckig den Rücken zu kehren— kaum zwei Kegel fielen. Mit einem heiſeren kurzen Lachen bückte ſich der Jäger, um die verſtreuten Silbermünzen aufzuleſen. Der Kuglerſepp biß bleich und verzweifelt an ſeinem Schnurrbart. „Halt!“ rief da eine kecke, friſche Stimme, und ein blonder hübſcher Reitknecht mit gelben Kappen⸗ ſtiefeln, weißer Hirſchlederhoſe, ſilbergrautuchener Jacke und roth und weiß geſtreifter Weſte drängte ſich vor. „Schämt Ihr Euch net, einem ˙s Geld abzunehmen, der ſchon den ganzen Tag trinkt und kein'n Kegel mehr vom andern unterſcheiden kann? Wenn Ihr ein' Schneid' habt, ſo laßt mich für den Kuglerſepp ein⸗ tret'n!“ Mit blöden Augen ſchaute der betrunkene Sepp auf den Sprecher. „Ich hab' g'wonnen, ich mag nimmer!“ rief der lange Jäger.. Da trat der Reitknecht vor ihn hin und ſah ihm mit jenem trotzigen, übermüthigen Spott ins Geſicht, wie er mancherorten ein Erbtheil der ſüddeutſchen Bauern ausmacht. „Alſo mit ein'm, der kein' Rauſch hat, trau'ſt Dir net, Grüner?“ Und dabei warf der ſtämmige Reitknecht einige Banknoten auf den Boden und trat mit dem beſporn⸗ ten Stiefel darauf, damit ſie nicht wegflögen. „No, gilt's, Grüner?“ Man konnte nicht wohl unterſcheiden, ob es die vertrauliche Anſpielung auf ſein Dienſtkleid war, oder die Furcht, das eben Gewonnene zu verlieren, was den Jäger zögern ließ, die angebotene Fortſetzung des Spiels zu acceptiren. Er ſagte mürriſch und ablehnend: „Ich ſpiel' mit Keinem, den ich net kenn“.“ „Ich bin herrſchaftlicher Diener wie Du und noch dazu einer, der's net nöthig hat. Wenn ich hätt' daheim bleib'n woll'n und net die Welt ſehn, ich 1 lachet Euch alle aus. Mein Vater hat mehr Küh, als Deine Herrſchaft vielleicht Roſſ' hat, net, Kugler⸗ ſepp? Sag', kennſt mich net, Sepp? Sind wir net aus einem Dorf?“ 3 Der Kuglerſepp nickte müde mit dem bierſchweren Haupt. „Mein’' Hunderter möcht' ich wieder!“ „Sollſt'n hab'n, wenn der da net's Couragi ver⸗ lor'n hat!“ ſagte der Reitknecht und klopfte dem Burſchen auf die Schulter.„Ich will nix von dem 53 Sündengeld; aber ich kann's net ſehn, wenn ſie einen ſo grad' ausraub'’n!“ „So ſchieb'“, rief der Jäger aufgebracht.„Wolln wir halt ſehn, ob Du eine ſolche Kugel führſt, wie Du n freches Maul haſt. Aber nur ein'n Schub! Wenn Du mich net hinſchiebſt, iſt das Spiel aus!“ „Ein'n Schub“, ſagte der Reitknecht lächelnd, ſtreifte mit der Linken den Aermel ſeiner Jacke zurück und ſuchte ſich am Ende der ſchrägen Rinne, wo die Kugeln herabrollend gegen ein dickes Lederpolſter prall⸗ ten, ein für ſeine Hand paſſendes Projectil aus. Endlich hatte er ein ſolches gefunden, prüfte durch verſchiedene Drehungen die Unzweideutigkeit ſeiner Rundung und ließ ſich etwas in die Kniee. „Noch'n Guld'n extra?“ wandte er ſich ſpöttiſch zu dem Jäger. „Meinetwegen!“ rief der letztere wüthend, auf deſſen Antlitz die Furcht vor dem möglichen Verluſt mit der ihm eigenen Renommiſterei den widerwärtigſten Kampf führte. Der Reitknecht legte die Kugel auf den Kopf und griff in die Taſche, um den gewetteten Gulden heraus⸗ zuholen, dann nahm er ſie wieder auf, zielte genau und warf. Weithin tönte das Poltern der Kugel, die Kegel raſſelten. „Alle neune!“ erklang von draußen die unreife Stimme des Aufſetzers. Alles hatte ſich herzugedrängt. Die Geübteren hatten ſchon bei der Stellung und dem Auflegen des Reitknechts ſchnüffelnd die Naſen in die Luft geſtreckt; ſie waren der Kugel gefolgt, wie ſie in flachem Bogen den Eckkegel ſtreifte und die übrigen gleichſam nieder⸗ mähte, und ein lautes„Ah!“ war der officiellen An⸗ kündigung des Kegelbuben vorausgeeilt. Der Reitknecht begann indeß mit größter Gemüths⸗ ruhe die verſchiedenen Silbermünzen aufzuleſen, die um ihn herumlagen. Manchmal ſchielte er ſpöttiſch empor zu ſeinem beſiegten Rivalen, der gelb vor Aer⸗ ger daneben ſtand und deſſen ziemlich gewöhnliches, aber nicht unſchönes Geſicht jetzt geradezu häßlich ausſah. Die Wuth des„Grünen“ erreichte ihren Höhe⸗ punkt. „Das iſt nicht mit rechten Dingen zugegangen!“ ſchrie er, indem er ſich zwiſchen die Geldſtücke ſtellte, um den Reitknecht am ferneren Aufleſen derſelben zu verhindern.„Ich hab' noch nie alle neune auf einmal fallen ſehen auf der Bahn; der Kegelbub' war im Einverſtändniß— das war kein ehrlich Spiel!“ „Hollah!“ brauſte der Reitknecht auf und vergaß 1 55 den Silberregen zu ſeinen Füßen,„ich ſpiel' nicht für mich, ſondern für den Sepp, unſeres Nachbars Sohn. Ich hab' noch Kein'n betrog'n, noch kein'n Kegelbub'n abg'ſchmiert— das laſſ' ich mir net ſag'n, Du Grün⸗ ſpecht!“ Die Art, wie ſich der junge Reitknecht vor den Jäger ſtellte, hatte unleugbar etwas Händelſüchtiges, zugleich gewiſſermaßen etwas Unſicheres an ſich; denn in den Klaſſen, welcher die beiden Streitenden ange⸗ hörten, pflegte man den Vorwurf der Uebervortheilung im Spiel gewöhnlich nicht als eine tödtliche Beleidigung aufzufaſſen. „Ja, wer biſt Du denn eigentlich?“ fragte der Jäger, indem er ſich in die Bruſt warf. „Ich bin der Chriſtian Wallauer aus Amſee“, ſchrie der Reitknecht;„mein Vater hat Haus und Hof und dem Sepp ſein Vater iſt unſer Nachbar. Ich braucht net z' dienen, wenn ich net wollt' Gelt, Sepp?“ Der Kuglerſepp, welcher aus der Lautheit der Stimmen ſchließen mochte, daß nun der Augenblick des Dreinſchlagens gekommen ſei, ſtellte ſich wankend neben ſeinen Nachbarsſohn. Um den Jäger ſchaarte ſich die bunte Reihe ſeiner farbig gekleideten Genoſſen. Nur der dicke glänzende Hoflakai glaubte es ſeiner Würde ſchuldig zu ſein, ſich demonſtrativ zu entfernen, nachdem er noch vor⸗ her auf die Verſicherung des Grünen, daß das Spiel nicht mit rechten Dingen zugegangen, ſeine ſämmtlichen Einſätze vom Boden genommen und ein⸗ geſteckt hatte. So ſtanden ſich die beiden Parteien kampfbereit gegenüber; der Kuglerſepp hatte ſich bereits eines lee⸗ ren Kruges bemächtigt und ſchrie:„Mein’ Hunderter will ich!“ „Wir ſind herrſchaftliche Diener, aber keine Bauern“, rief da der Jäger. „Ich bin auch ein herrſchaftlicher Diener“, repli⸗ cirte der Chriſtian Wallauer ſtolz,„ſo gut wie ein Anderer!“ „Hat einer von Euch ſchon was g'ſehn und ghört von dem da?“ wandte ſich der Jäger um. Niemand kannte den Chriſtian Wallauer von Amſee. 3 Dieſer wurde blutroth im Geſicht und ſtampfte auf den Boden. „Ich bin der Reitknecht des Herrn Baron von Helmberg!“. „Baron Helmberg?“ fragte der Jäger wieder. „Kennt Jemand von den Herrn Bedienten einen Baran 57 Helmberg? Ich bin mit meiner Herrſchaft ſchon oft zum Oberſtſtallmeiſter Grafen Helmberg gefahren. Der Herr Wallauer weiß, wie's ſcheint, nicht einmal, ob ſein Herr Graf oder Baron iſt.“ Der Jäger lachte brutal und ein lautes Gelächter der Umſtehenden folgte auf die Ungeheuerlichkeit, daß ein Reitknecht nicht wiſſe, ob ſein Herr und Gebieter Graf oder Baron ſei. Der Bauersſohn und Reitknecht Chriſtian Wal⸗ lauer beſaß ſichtlich ein hohes Selbſtgefühl und Zu⸗ trauen in die Würde ſeiner Herrſchaft. Die allgemeine Munterkeit konnte ihn daher nur höchlichſt aufbringen. „Was iſt da zu lachen?“ rief er.„Ich weiß wohl, was ich ſage, und wenn mein Herr auch kein Baron Helmberg iſt, ſo iſt er doch ein Baron Tondern, we⸗ nigſtens hat er früher ſo geheißen. Meines Vaters Aecker ſtoßen dicht an die Grenzen der Gutsherrſchaft, und mein Vater hat es nie begreifen können, daß der junge Baron zwölf Jahre lang Herr von Tondern geheißen hat und dann plötzlich in Helmberg umgetauft worden iſt.“ In dieſem Augenblick ſchallten vom Park her einige Piſtolenſchüſſe; der Grüne wandte ſich gewohn⸗ heitsgemäß um. Dann ließ er einen langen Pfiff er⸗ tönen, als wiſſe er jetzt genug, warf ſich in die Bruſt, 58 ſetzte die Mütze noch ſchiefer in die vollen borſtigen Haare, ſtemmte die Fäuſte in die Seiten und rief: „Hui! Daher weht der Wind? Alſo bei dem Helm⸗ berg biſt Du! Und den heißt Du Baron und noch dazu Baron von Tondern! Jetzt begreif' ich Alles! Und ein ſolcher Menſch getraut ſich mit ehrlichen adeligen Bedienten Kegel zu ſpielen und ſie noch dazu zu be⸗ trügen?“ „Du Lump!“ ſchrie Chriſtian aufs Aeußerſte ge⸗ bracht und wollte vorſtürzen. Die Reſ' als officieller Friedensengel hielt ihn an der Jacke zurück. „Weißt Du, zu wem Du das ſagſt, Du Spitzbub?“ rief jetzt der lange Jäger und griff nach ſeinem Hirſch⸗ fänger, der zwiſchen den Reben am Gartenzaun hing. „Ich bin der Jäger vom jungen Baron von Tondern, vom Freiherrn Angelo von Tondern, vom einzigen jungen Tondern, den's gibt. Alle Andern ſind Lum⸗ pen und Erbſchaftsſchleicher, Dein Herr und ſeine Mutter, und wenn der Alte ſich noch rührt, ſo nimmt man ihm noch Alles und ſetzt ihn ſelber ins Loch, ihn und ſeine Zuhälterin, die ſaubere Gräfin, und Deinen Herrn, den jungen Baron, den—“ Der Jäger konnte nicht enden; zu gleicher Zeit, als ein neuer Piſtolenſchuß vom Park herüberklang, fiel Chriſtian's Fauſt mit ihrer ganzen Wucht dem 59 langen Jäger ins Geſicht, und der Kuglerſepp packte einen Silberdiener mit Schnallenſchuhen und weißen Strümpfen am Halſe und brüllte: „Mein' Hunderter will ich!“ Der Grüne hatte mit wuthbleichem Geſicht und weit vortretenden Augen ſeinen Hirſchfänger gezogen; Chriſtian aber war ihm mit einem Satze an den Leib geſprungen und verſuchte ihn zu Boden zu werfen; kürzer, aber ſtämmiger gebaut als ſein Gegner, brachte er dieſen auch zu Fall; der Grüne kam zu unterſt zu liegen, aber er hielt ſeinen Gegner umklammert und ſuchte einen Arm frei zu bekommen, um von ſeiner entblößten Waffe, die er noch immer in der Fauſt hielt, Gebrauch zu machen. Die Freunde des Jägers benutzten dieſe Gelegenheit, ſich am Kampfe zu bethei⸗ ligen, und hieben mit Stühlen und Flaſchen auf den taumelnden Kuglerſepp und den auf ſeinem Gegner liegenden Chriſtian los. Dieſer blutete bereits aus mehreren Kopfwunden; aber wie eine gute Dogge, die ſich in ihr Opfer ver⸗ biſſen hat, hielt er den Gegner feſt, und der Kugler⸗ ſepp ſchnürte den Hals des Bedienten immer feſter, daß derſelbe blau im Geſichte wurde, und ſchrie: „Mein' Hunderter will ich!“ 8 Währenddeſſen erſchienen über dem Gartenzaun, der die Kegelbahn von der Außenwelt ſchied, die be⸗ weglichen Ohren eines Pferdes und der Oberkörper eines jugendlichen Reiters. Dem Jäger war es inzwiſchen mit Hülfe ſeiner Freunde und einer gewaltigen Anſtrengung gelungen, auf die Füße zu kommen; erſtere riſſen ihn von Chri⸗ ſtian los und wuthſchäumend erhob er die breite kurze Klinge über dem Haupte des Gegners. „Jeſus, Maria und Joſeph!“ ſtammelte ſchreckens⸗ bleich der Chriſtian, als er, durch ſechs Fäuſte von hinten gefaßt, die blanke Waffe über ſeinem Haupte ſah. Da hörte man ganz nahe das Schnauben eines Pferdes; der Eingang der Geißblattlaube, in der die gewaltthätige Scene ſpielte und die gegen die Kegelbahn hin offen war, verdunkelte ſich durch die Umriſſe einer kleinen kräftigen Geſtalt, klirrend fiel der Hirſch⸗ fänger des Jägers zu Boden und er ſelbſt ſank in die Kniee, von dem Piſtolenſchaft des Bereiters Helm⸗ berg in das freche Geſicht getroffen. Die erhobenen Stühle ſanken herab, die Fäuſte der Bedienten löſten ſich von dem Kuglerſepp, der noch immer nach ſeinem Hunderter ſchrie, und von Chriſtian, der ſchnell auf die Füße ſprang. Er wollte die Hand ſeines Herrn ergreifen; aber dieſer wies mit einer 64 Strenge, die dem jugendlichen Geſicht ſeltſam ſtand, nach der Thür. „Das hätte ich nicht erwartet, Chriſtian, als ich auf das Geſchrei näher ritt, daß ich Dich unter einer Bande betrunkener Spieler raufend finden würde!“ „Und mir war's, als wär' mir der Erzengel Gabriel ſelber erſchienen, wie ich Sie g'ſehn hab', Herr Baron! Die hätten mich ganz g'wiß derſchlag'n, wenn Sie net kommen wär'n.“ „Das wird Dir ſchon noch einmal begegnen bei Deiner Händelſucht, Chriſtian“, ſagte der Bereiter mit freundlichem Vorwurf;„der Zufall führt mich nicht immer zu Deiner Hülfe herbei.“ „O Herr Baron“, entgegnete Chriſtian traurig und vorwurfsvoll,„meine meiſten Händel hab' ich ja wegen Ihnen, weil die Leut' immer ſag'n, Sie ſind kein Baron, und ich weiß doch g'wiß, daß Sie einer g'weſen ſind; und wenn man's einmal gweſen is, hat mein Vater g'ſagt, kann man auch net aufhören, einer zu ſein, wenn man net g'ſtohl'n oder umbracht hat; nachher freilich wird einem der Baron g'nommen. Weil Sie aber net gſtohl'n oder umbracht haben—“ Johann Helmberg ſchwieg lange, und als er antwortete, war ſein Geſicht nicht mehr das eines jungen Mannes, ſo bleich und trübe ſah es aus mit der gerunzelten Stirn und den herabgezogenen Lippen. „Allerdings bin ich mir keines Verbrechens be⸗ wußt“, ſagte er dann traurig,„aber dennoch ſprechen die Leute die Wahrheit, Chriſtian; ich bin kein Baron, und Du thuſt Unrecht, darüber Streit anzufangen.“ Chriſtian ſchwieg eſtaunt und mürriſch. Sie waren vor den Wirthsgarten getreten. Aus demſelben herüber ertönte das wüſte drohende Geſchrei und Schimpfen der Zurückbleibenden, das ſich nun gefahr⸗ los an dem Kuglerſepp zu entſchädigen ſuchte. Unter der Thür ſtand die Reſl, eine große, ſchlanke, ſchwarzhaarige Dirne mit gelblich blaſſer Hautfarbe und von jenem knochigen, energiſchen Typus, wie man ihm unter den niederen Volksklaſſen Süd⸗ deutſchlands häufig begegnet. Sie beſah ſich die Her⸗ austretenden mehr aufmerkſam als unbefangen mit ihren großen dunklen Augen und ſtellte ſich keck vor den kleinen Bereiter. „Alſo Ihr ſeid das jüngſte Frücht'l des Heryn von Tondern? Das iſt recht, daß ich Euch auch einmal zu Gſſicht bekomme; g'hört hab' ich ſchon genug von Euch und der Frau Gräfin; und zugſchlag'n habt'’s, daß es grad' eine Freud' war. Ich kann die ſchneidigen Burſchen leid'n.“ 63 Johann Helmberg's blaſſes Geſicht wurde mit dunkler Röthe übergoſſen, als ob der freche Blick der Dirne es körperlich verletzte. „Armes Bürſch'l“, fuhr die Reſ'l wie bedauernd fort, den Jüngling, dem ſie halb den Weg verſperrt hatte, nachdenklich betrachtend,„ſo'n junges Blut und hat ſchon ſo viele Feind'!“ Es lag eine Art von zudringlicher Ueberlegenheit in dem Weſen der jungen, nicht reizloſen Dirne, daß Alles, was Johann Helmberg an keuſchem Stolz und ariſtokratiſcher Zurückhaltung beſaß, ſich hoch in ihm aufbäumte. Der Jüngling betrachtete das kecke Ge⸗ ſchöpf mit kaltem, zurückweiſendem Blick und ſagte: „Ich habe Euer Beileid nicht verlangt, und Ihr würdet mir einen Gefallen thun, wenn Ihr mich gehen ließet.“ „Hoho!“ lachte die Kellnerin geärgert und höh⸗ niſch,„Ihr habt den rechten Ton! Euch hört man's an, daß Ihr einen adligen Vater und eine hochadlige Mutter habt. Aber es iſt Keiner ſo gering, daß er nicht ſchaden oder nützen kann; vielleicht auch die Reſ'l nicht; wenn man ihr ein gutes Wort gibt, ſo kann ſie viel erzähl'n.“ „Ich bitte Euch nur um das Eine, daß Ihr uns gehen laßt“, wiederholte Johann Helmberg ernſt und —— ——— 64 ablehnend, da die hohe Geſtalt Reſ'ls mit in die Hüf⸗ ten geſtemmten Armen noch immer den Ausgang ver⸗ ſperrte. Die Reſ'l preßte die rothen Lippen zuſammen bei dieſer unzweideutigen Zurechtweiſung und trat zur Seite. „So, junger Herr! Alſo die Reſ'l iſt Ihnen zu ſchlecht, auch wenn ihr Vater zehn Jahr lang bei dem Herrn von Tondern Kammerdiener gweſ'n iſt! Der Herr Baron hat ihn auf allen Reiſen mitg'nommen, auch in Welſchland, von wo der Herr Baron die Frau Baronin mitgebracht hat, die immer geſprochen hat wie die Dudelſackpfeifer, die oft mit allen möglichen aus⸗ ländiſchen Viechern zu uns rauskommen. Ja, die Reſ'l könnt' viel verzähl'n, was ihr der Vater g'ſagt hat von der ſonderbar'n Heirath. Mein Vater hat mir Alles anvertraut, bevor er g'ſtorb'n iſt. Man⸗ cher, den man Baron heißt, iſt keiner und der Andre bleibt'n elender Schlucker, weil er zu hochmüthig iſt und ſeine guten Freund' net erkennt. Sie werden's mal bereun, junger Herr, daß Sie gegen die Reſ'l ſo ſtolz g'weſ'n ſind; die Reſ' iſt vielleicht die Ein⸗ zigſt, die Ihnen Ihren guten Namen wiedergeben kann.“ Aufs äußerſte e pört, ſeine Geſchichte aus dem 65 Munde eines Schenkmädchens wieder zu hören, ſchaffte ſich Johann Helmberg energiſch Bahn. „Ich danke Euch! Wenn Ihr das wirklich könntet, ich würde darauf verzichten.“ Helmberg und Chriſtian hatten das Freie gewon⸗ nen. Ein freches Lachen der Reſ'l ſchallte ihnen nach. Ohne darauf zu achten, hatte ſich der Bereiter raſch umgeblickt. „Sultan— wo iſt Sultan?“ rief er dann, und das glühende Roth, das die Bemerkungen der Kellnerin auf ſein Antlitz gebracht, wich einer plötzlichen Todten⸗ bläſſe.„Ich hatte die Zügel dort am Zaun befeſtigt“, fuhr er beſtürzt fort, indem er, von Chriſtian gefolgt, haſtig den Rand des Grabens entlang ging. „Da hängen ſie noch!“ ſagte der Reitknecht mit einem ganz verzweifelten Geſicht, indem er auf die abgeriſſenen Zügel zeigte, deren Enden noch immer um den Gartenzaun geſchlungen waren. Rathlos ſtand der junge Bereiter da. Der Raſen war von den Hufen des Pferdes zerſtampft; durch das Abſpringen ſeines Reiters und den ungewohnten Lärm erſchreckt, hatte es ſich gewaltſam losgeriſſen. Helmberg's Lippen zuckten— Alles war nun aus! Mit den kühnſten Hoffnungen war er ausge⸗ ritten, und alles Schlimme, was ihm unterwegs be⸗ v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. I. 5 66 gegnete, hatte ſchon die Macht über ſeine Seele ver⸗ loren, ſobald es vorüber war: Sultan hatte nach den erſten Sprüngen kaum noch gezuckt, wenn ſein Reiter die ſchwere Piſtole losgeſchoſſen. Die eigenthümlich demüthigende Lage, in welcher Helmberg ſich befand, hatte ſeinen Ehrgeiz in Allem, was zu ſeinem Beruf gehörte, aufs höchſte geſteigert; er hatte, nachdem er ſeine Prophezeiungen wahr ge⸗ macht, das edle Thier, das er ritt, mit Zärtlichkeit geliebkoſt, und ſtolze Träume wachten in ihm auf, in denen er ſeine Mutter und ſich aus eigener Kraft wieder zu Ehren brachte; und ſonderbarer Weiſe miſchte ſich in dieſe Träume immer wieder das Bild des jungen Mädchens mit den flatternden braunen Locken, vor deren wild dahinbrauſendem Viergeſpann Sultan faſt in den Schwanenteich geſprungen wäre. Mit der Slucht des Pferdes, das wahrſcheinlich Schaden ge⸗ nommen und im günſtigſten Falle aufgefangen und, an ſeinem Schulſattel kenntlich, in den königlichen Marſtall abgeliefert wurde, zerfloß das Alles in end⸗ loſe Schmach. Niemand würde ihm die ſeltſame Geſchichte glau⸗ ben, und wenn auch— konnte er ſie erzählen? Er mußte es ruhig auf ſich nehmen, für einen nichts⸗ nutzigen Prahlhans zu gelten, und ſein edelmüthiger — 2... 3 67 neugewonnener Bruder mußte ihn fallen laſſen, raſcher, als er ihn emporgehoben. Chriſtian unterbrach dieſen traurigen Gedankengang, indem er aus den Hufſpuren auf der Wieſe ſchloß, daß Sultan ſeinen Weg gegen den Park hin genommen habe. Schweigend ſetzten ſich die beiden in Bewegung. Der Park war bald erreicht; die Spuren Sultan's endeten an der Fahrſtraße unter hundert andern. Jetzt hieß es aufs Gerathewohl eine Richtung einſchlagen. Chriſtian ſchloß ſehr richtig weiter, daß das Pferd inſtinktmäßig ſeinem Stalle ſich zugewendet habe. An Allem verzweifelnd, ging Johann Helmberg vorwärts. Er kam ſich vor wie ein Feigling, der in der Schlacht ſchmählich Reißaus genommen und nun zur Schmach, von den Kameraden verhöhnt, neben der Colonne im Staub der Straße gehen muß. Der Abend brach herein; in der Allee wurde es immer dunkler und damit vermehrte ſich die Hoff⸗ nungsloſigkeit der Verfolgung, wenn Sultan nicht zu ſeinem Stall zurückgekehrt war, eine Möglichkeit, vor der es Helmberg ſchauderte. Da ſah er am Ende der breiten Allee, an der Stelle, wo die Straßen des Parks ſtrahlenförmig in ein Rondel mündeten, etwas ſehr Seltſames. Scharf und ſchattenartig gegen den Abendhimmel 5 68 abgegrenzt, von dem ein Stück glühendes Roth ſich über die Lichtung ſpannte, hielt das Viergeſpann, welches vor etwa einer Stunde an Helmberg vorüber⸗ gebrauſt war. Und daneben, von dem kleinen dünnen Groom nur mühſam an den Zügelenden zurückgehalten, ſtand mit vorgeſtemmten Beinen und gebogenem Schweif Sultan, der wohl eben erſt mit dem ſeinesgleichen angeborenen Hange zur Geſelligkeit ſich an die Ponies angeſchloſſen hatte und nun, durch das Raſſeln der Räder erſchreckt, ſich gegen jede Weiterbeförderung nach Kräften ſträubte. Das ſtarke feurige Thier hatte den kleinen Groom, der hartnäckig feſthielt, faſt über die Rücklehne ſeines Sitzes gezogen, ſodaß er ſich nur noch durch krampf⸗ haftes Anklammern der linken Hand im Zuſammen⸗ hang mit dem Wagen zu halten im Stande war. Die Ponies dagegen, den ungewohnten Widerſtand ſpürend, weigerten ſich anzuziehen und drehten ſich bockend und ſpringend zur Seite, bis der Wagen quer auf der Straße ſtand und in das dichte Buſchwerk des Parks zu fahren drohte, ſobald Sultan ſeinen Widerſtand aufgab oder durch ſeine und der ſchwarzen Ponies Anſtrengungen der hartnäckige Groom glücklich entzweigeriſſen war. 69 Jöohann Helmberg und Chriſtian waren im Abend⸗ ſchatten der Bäume raſch näher gekommen; das ſcharfe Auge der Gräfin Erneſtine hatte ſie bemerkt. „Es kommen Leute!“ ſagte ſie kurz und ſtreng. „Laß das Pferd los, Andre!“ „Nein!“ rief Eva eifrig und hieb auf ihre Ponies, deren ſchwarze Rücken auf und nieder wogten.„Du hältſt das Pferd feſt, Andre! Es gehört dem jungen Manne, dem wir vorhin begegneten; es iſt aus dem königlichen Marſtall— es iſt ein werthvolles Pferd— wir haben nicht das Recht, den jungen Mann in . Strafe zu bringen.“ .„Aber Du haſt ebenſo wenig das Recht, uns vor V den Leuten, die dort kommen, lächerlich zu machen! Das iſt unpaſſend, das iſt unweiblich, Eva!“ Che Eva auf die ſcharfen Worte Erneſtinens ant⸗ worten konnte, war bereits Chriſtian auf Sultan zu⸗ geſprungen, hatte ihn kurz unter der Kinnkette an den ¹ Zügeln gepackt und mit der andern Hand den be⸗ 1 freiten Groom auf ſeinen Sitz zurückgeſchoben. In⸗ deſſen trat der kleine Bereiter mit vollendetem Anſtand an die Vorderſeite des Wagens, hob elegant ſeinen ungeheuren Schiffhut und ſtotterte: „Sie haben mir einen unſchätzbaren Dienſt er⸗ wieſen, mein gnädiges Fräulein; darf ich—“ —.—— 70 Er durfte nichts weiter ſagen, denn eine klare und ſcharfe Stimme ſprach: „Wollen wir uns hier auch noch den Galanterien des Stallperſonals ausſetzen, Eva? Vorwärts!“ Auch über Eva war etwas gekommen wie plötz⸗ liche Angſt, als ſie die zierliche Geſtalt des Bereiters vor ſich ſtehen ſah und ſeine vor Erregung zitternde Stimme hörte. Sie neigte flüchtig das lockige Köpfchen, ließ die lange Peitſche den Ponies um die Ohren pfeifen, wen⸗ dete in elegantem Bogen wieder auf die Mitte der Straße zurück, und fort ging's im raſcheſten Trab,. daß Sultan ſich noch nicht über das Erſtaunliche be⸗. ruhigen konnte, als ſchon der kleine Bereiter lange wieder auf ſeinem elaſtiſchen Rücken ſaß. Eva ſah ſtarr auf ihre Pferde während der wei⸗ teren Fahrt; vielleicht machte die zunehmende Dunkel⸗ heit doppelte Aufmerkſamkeit zur Pflicht, vielleicht auch wollte ſie ein Geſpräch mit Erneſtinen ſo lange als möglich hinausſchieben. 6. Aber auch Erneſtine ſprach nichts; nur als Eva vor dem Dienſtpavillon ihrer Eltern hielt und ein Diener in königlicher Livree die Schnörkeltreppe her⸗ unterkam, um beim Ausſteigen behülflich zu ſein, ſagte ſie leiſe, aber ſehr beſtimmt zu ihrer Begleiterin: — 71 „Ich werde nicht wieder mit Dir ausfahren, Eva!“ Dieſe antwortete nicht, ſie blickte wortlos auf den ſchlummernden Teich, der nur noch mit mattem, geheim⸗ nißvollem Leuchten den ſchwindenden Abendſchein wiedergab; dann und wann ſpiegelte er auch den Phos⸗ phorſchimmer eines Leuchtkäfers zurück, an dem dunkle Fledermäuſe geſpenſtiſch vorbeihuſchten. Ringsum träum⸗ ten die hohen uralten Bäume, und ihre Kronen hoben ſich wellig und rund vom Nachthimmel ab, aus deſſen zunehmender Dunkelheit da und dort ein Stern ſchüch⸗ tern hervorblickte. Eva zog ihre Börſe und gab Andre ein Geſchenk, das in der unſichern Beleuchtung ausſah, als wäre es Gold. Ihr war, als hätte ihr der kleine Groom einen großen Dienſt erwieſen. Dann nahm ſie ihre lange Schleppe auf, warf noch einen freundlichen Blick auf ihre Ponies, welche von Andre eben in weitem Bogen und im Schritt nach der hintern Seite des Pavillons gelenkt wurden, und ſtieg dann ſeufzend die Schnörkel⸗ treppe empor bis zu der ergrauten Baluſtrade, hinter der ein galonirter Diener würdevoll die beiden Flügel einer ungeheuern, von innen erleuchteten Glasthür öffnete. Viertes Kapitel. Um ein Abentener. Der Morgen, welcher durch die verblaßten rothen Gardinen des Oberſtſtallmeiſters hereinſah, war trübe und regneriſch. Das Laub der Bäume hing ſchwer und glänzend nieder; auf den Wegen hatten ſich große Pfützen gebildet und die ſteinernen Dianen und Apollos ſchauten graugefleckt und naß zum Erbarmen von ihren triefenden Sockeln. Der Oberſtſtallmeiſter Graf von Helmberg war ſehr übler Laune. Das Wetter hinderte ihn zu reiten oder in ſeinem Jagdwagen auszufahren, und obwohl er ſich erſt vor wenigen Monaten ein elegantes Coupé modernſter Art hatte bauen laſſen und ein paar präch⸗ tige Halbblutſtuten dazu aus England verſchrieben, ſo war es bis jetzt von Niemand benutzt worden, als — —— ——— 73 von der Soubrette am Stadttheater, Meta Ring, den muntern Liebling des Publikums und des Grafen 6 Helmberg inſonderheit. Wollte alſo letzterer dieſe Hinneigung zur dar⸗ ſtellenden Kunſt nicht vor der ganzen Stadt offenkun⸗ dig werden laſſen, ſo konnte er ein ſo auffallendes Geſpann vorerſt nicht benutzen, mit dem die blonde kokette Meta zur Promenadenzeit höchſt oſtenſibel durch die belebteſten Straßen der Hauptſtadt zu fahren liebte. So ließ der Graf das neue Coupé unbenutzt, das ſchöne Halbblut im Stall und die Theaterhabitués in ihrer Ungewißheit, wer wohl der verſchwenderiſche Protector ſein möge, welcher dem blonden Kobold das auserleſene Geſpann zur Verfügung geſtellt. Der Oberſtſtallmeiſter wäre heute ſehr gern in die Stadt gefahren, wenn er einen geſchloſſenen Wagen zur Verfügung gehabt, und würde er einen Dienſt⸗ wagen genommen haben, ſo hätte es nothwendig auf⸗ fallen müſſen. Auch hätte er ſich der Discretion eines königlichen Kutſchers nicht anvertrauen mögen; er konnte doch unmöglich mit einer raſſelnden Hofcarroſſe vor Meta's Wohnung vorfahren. Die Hofhaltung des unverheiratheten Fürſten konnte an und für ſich wenig geſellſchaftliche Erholungen bieten. Der König ſelbſt bei ſeiner träumeriſchen, — ————jj 74 früh verbitterten Gemüthsart, die ihn oft wochenlang nur in Begleitung eines Dieners zu Pferde im wilde⸗ ſten Gebirge umherſchweifen ließ, ermunterte das ge⸗ ſellige Leben an ſeinem Hofe nicht. Er verhielt ſich ſogar ziemlich ablehnend gegen alle Beſtrebungen, ihn zu unterhalten, welche er nicht ſelbſt veranlaßt hatte. Zuweilen, an ſchönen Abenden, überraſchend ſelbſt für den größeren Theil der Dienerſchaft, flammte der Park plötzlich auf von Tauſenden von Lichtern; un⸗ ſichtbare Muſikcorps ſpielten rauſchende Weiſen und buntbeleuchtete Nachen zogen am Ufer auf und ab. Der kleine Dampfer allein arbeitete ſich unbeleuchtet durch das Gewirr von Laternen und Kähnen hinaus in den dunkelflimmernden See, wohin nur leiſe die Muſik noch reichte und wo für das Auge die hellen Kähne wie durch einander ſchwirrende Funken erſchienen. Dann trat das herrliche Schloß von bengaliſchen Flammen erleuchtet plötzlich aus der Dunkelheit hervor, weithin ſichtbar und feenhaft glänzend bis zur höchſten Zinne, bis in den zierlichſten Fenſterbogen, daß alle Lampen des Parks und der Kähne dagegen verblaßten. Und der Schimmer reichte weithin über den See bis zu dem zierlichen Dampfer, und dort ſtand eine hohe ſchlanke Geſtalt mit bleichem Geſicht und großen dunkeln Augen, die Arme gekreuzt, und blickte bald 75 nach der erleuchteten Burg, bald nach dem fernen Ge⸗ birge, über deſſen nur zart angedeuteten Linien die Mondesſichel leiſe dahinſchwebte. Dann plötzlich war Alles wieder dunkel und ſtill, und ſtill blieb es für Wochen, Monate, und oft wußte die nächſte Umgebung kaum, wo der junge König weilte. Kam zu dieſer Stille dann noch ein Regentag, ſo wird man die üble Laune des Grafen Ulrich von Helmberg begreifen. Auch der franzöſiſche Roman, den er hin und wieder mit einer verzweifelten Anſtrengung, ſich zu amüſiren, vornahm, vermochte ihn nicht zu feſſeln. Alles, was ihm darin von Liebe und Liebesabenteuern geſagt wurde, erſchien ihm ſchal gegen ſein eigenes Leben; er hatte Tolleres erlebt und die geheimen Wünſche ſeines Herzens waren ſchöner. Er dachte an die Familie des Grafen Tegernheim, der er noch keinen Beſuch gemacht hatte, ſeit er hier war, und eine glühende Röthe ſtieg in ſein Geſicht. Er hatte Erneſtine geliebt und gewußt, daß ſie ihn liebte— die Güter ihres Vaters und die ſeinigen grenzten an einander— von den Eltern war der im⸗ mer innigere Verkehr der jungen Leute mit lächelndem Wohlwollen betrachtet worden. Sie galten als Ver⸗ 76 lobte und ſie hielten ſich ſelber faſt dafür, obwohl nie ein Wort von Liebe über ihre Lippen gekommen war; zu Pferde und zu Wagen machten ſie oft tagelange Ausflüge in die Gegend, blos in Begleitung eines Dieners; Niemand ſah Arges darin; denn ſie wollten ſich ja nächſtens heirathen. Da erhielt Graf Ulrich— es war kurz nach der Thronbeſteigung des jungen Königs, und man hatte das Beſtreben, dieſen mit jüngeren, lebensluſtigen Cavalieren zu umgeben— plötzlich das Diplom als Kammerjunker und die Andeutung, daß es Seine Maje⸗ ſtät nicht ungern ſehen würde, den letzten Sproſſen einer der älteſten Familien des Landes an ſeinem Hofe zu haben. Obwohl ſich Graf Ulrich die Bewirthſchaftung ſeiner ausgedehnten Güter als Lebenszweck geſtellt hatte, konnte er einer ſo ſchmeichelhaften Aufforderung doch nur Folge leiſten, zudem mußte es günſtig auf ſeine künftige Stellung im Lande einwirken, wenn er ein paar Jahre am Hofe zugebracht hatte. Außer⸗ dem— und dies förderte wohl am meiſten den raſchen Entſchluß des jungen Landedelmanns— war dem Grafen von Tegernheim, der im ganzen Lande als geiſtreicher Mann bekannt war und wolhlgelitten von dem verſtorbenen König, das Lberceremonienmeiſter⸗ 77 amt am Hofe des jungen Königs angetragen wor⸗ den. Graf Tegernheim, der ſich längſt nach einem größeren Publikum für die ſtete geiſtſprühende Arbeit ſeines Gehirns geſehnt, hatte angenommen, unter dem Vorbehalt, daß man ihn ſeine ziemlich verwickelten und nicht von allen ſeinen Nachbarn günſtig beurtheilten Gutsverhältniſſe zuerſt in Ordnung bringen laſſe. Es konnte noch unbeſtimmte Zeit dauern, bis der Oberceremonienmeiſter ſeine Stellung antrat; dem Kammerjunker, der, wie allgemein bekannt, zuverläſſige Beamte hatte und ſelber wenig Erfahrung in der Ver⸗ waltung, ſtand ein ſolcher Verzögerungsgrund nicht zu Gebote. Er nahm Abſchied von Erneſtinen. „Auf Wiederſehen in der Reſidenz!“ ſagte er be⸗ deutſam und hielt ihre Hand, die ſie ihm nicht ent⸗ zog. „Auf Wiederſehen, Ulrich!“ hatte ſie ihm geant⸗ wortet und zum erſten Mal das leidige„Vetter“ weg⸗ gelaſſen, durch das ſie im Verkehr mit ihrem jungen Nachbar bis jetzt über die eigenen und etwaige Be⸗ denken Anderer hinwegzukommen verſucht hatte. Und Ulrich hatte ſich niedergebeugt und üöie Hand an ſeine Lippen gezogen. 78 Es dauerte lange, bis der Oberceremonienmeiſter ſeine Verhältniſſe geordnet hatte— faſt ein Jahr. Kammerjunker Graf Helmberg hatte Geſchmack gefunden an dem Leben der Reſidenz; die Cavallerie⸗ offiziere waren eine ſtets vergnügungsbereite Geſell⸗ ſchaft; er hatte gelernt, mit Anſtand Geld auszugeben, und die Bekanntſchaft von Fräulein Meta Ring ge⸗ macht. Erneſtine hatte er nicht vergeſſen, aber er war ehrlich genug, ſich einzugeſtehen, daß ihm ihr Andenken immer einige unangenehme Augenblicke verurſachte. Und das ſtörte ihn in ſeinen Vergnügungen; er nahm ſich daher vor, nicht mehr an ſie zu denken. Da beſuchte ihn eines Mittags Graf Tegernheim. Der Graf war ein Mann von Welt, der es ſei⸗ nem künftigen Schwiegerſohn nicht übel nahm, daß 5 ſeine Beſpannung und ſein Wagen in der Reſidenz muſtergültig waren und daß er Ballet und Stadttheater protegirte. Man war ja ſelber einmal jung geweſen! Das war unzweifelhaft ſehr klug von dem Ober⸗ ceremonienmeiſter, aber es war unklug von ihm, dieſen Ton gegen den Kammerjunker anzuſchlagen. Etwas weniger Toleranz hätte den Grafen Helm⸗ berg vielleicht wieder zu Erneſtinens Füßen geführt und Meta Ring in die Arme des Banquiers, der bisher 79 ſeine Galanterien und Diamanten vergeblich an ſie verſchwendete. Daß Graf Tegernheim ſo leicht über Dinge weg⸗ ging, die er nicht umhin konnte zu wiſſen, verdroß den jungen Lebemann, der die Ehrlichkeit des Landjunkers im Gewühl der Reſidenz noch nicht abgeſtreift hatte. Man wollte ihn heirathen um jeden Preis; auch auf Erneſtinens edle Geſtalt fiel ein Schimmer jener fatalen Toleranz. So kam es, daß Graf Ulrich ſeinen Beſuch bei Tegernheims immer weiter hinausſchob und ihn end⸗ lich an einem Tage machte, wo ihm die ganze Familie zu Wagen in den Anlagen der Reſidenz begegnet war. Es war nur natürlich, daß Graf Tegernheim von dem Beſuch keine Notiz nahm. Als der König Schloß Fels bezog, meldete Graf Ulrich ſich nicht zum Dienſt, ſondern blieb in der Reſidenz. Wenige Wochen darauf wurde er durch das Patent als Oberſtſtallmeiſter überraſcht. So war er nun in Fels, wohnte kaum dreihun⸗ dert Schritte von Erneſtinen entfernt und konnte nicht ohne verlegenes Bangen daran denken, wie ſich ſein geſellſchaftliches Verhältniß zur Familie Tegernheim geſtalten werde. Er ſprang auf und maß einige Male ungeduldig das Zimmer. Da ſtieß er mit dem Fuß an einen der Koffer, welche ungefähr in derſelben Verfaſſung wie geſtern am Boden umherlagen. Etwas wie Zornröthe ſtieg in das Geſicht des Grafen und er ſchellte heftig ſeinem Diener. Der Kammerdiener, ein klug ausſehender Burſche in moderner Civilkleidung, erſchien. „Warum ſind dieſe Koffer noch nicht ausgepackt und beiſeite geſchafft?“ herrſchte der Graf ihn an. „Es iſt ein wahres Hürdenrennen, wenn ich von einem Ende des Zimmers zum andern will! Warum läßt Du Dich ſeit geſtern nicht ſehen? Wo ſteckſt Du?“ Der Kammerdiener, weit entfernt, außer Faſſung zu gerathen, wartete ruhig, bis die zornigen Worte des Grafen über ihn dahingebrauſt waren; dann ſagte er gelaſſen: „Excellenz haben mich geſtern mit einem Bouquet zu Fräulein Meta geſchickt.“ „Nun, was weiter? Braucht man zwei Tage, um in die Stadt und wieder zurückzukommen?“ Auch dieſe Frage machte auf die Gelaſſenheit des Dieners nicht den geringſten Eindruck. „Fräulein Meta geruhten mir einige Aufträge zu ertheilen. Ein Kaufmann, bei welchem Excellenz Klei⸗ derſtoffe für Fräulein Meta ausgewählt, wollte die⸗ 8¹ ſelben nur an einen Diener Eurer Excellenz abgeben; ferner hatte das Fräulein im Schaufenſter des Juweliers Schnellborn einen Schmuck beobachtet, den ſie in ihrer Wohnung zu beſichtigen wünſchte. Auch hatte Fräu⸗ ein Meta Beſorgniß, daß abends, da ſie in einem neuen Stück auftreten wollte, einige Herren pfeifen möchten, welche ſie nicht bei ſich hatte empfangen wollen. Fräulein Meta gab mir daher fünfzig Billets und be⸗ fahl mir, ſie an meine Freunde zu vertheilen und mit ihnen abends ins Theater zu kommen, um Jeden niederzuklatſchen, der ein Zeichen des Mißfallens gäbe, überhaupt ſo viel zu klatſchen, als wir aushalten könnten. Es war ſchwierig“, fügte der Vertraute mit nicht ohne Humor geſpielter ſtolzer Beſcheidenheit bei, „ſo in einem Nachmittage fünfzig anſtändige Leute ſei⸗ ner Bekanntſchaft zuſammenzubringen. Ich mußte auch zu Kutſchern und Pferdewärtern meine Zuflucht nehmen. Die letzteren hatten das Gute, daß ſie ſich doppelt ge⸗ ſchmeichelt fühlten und das Dreifache klatſchten. Da⸗ zwiſchen, bis das Theater begann, hatte ich noch einige Gänge zur Friſeuſe, zur Putzmacherin, zur Schneiderin zu machen, Blumen zu kaufen, die wir von der Gallerie aus werfen ſollten.“ Graf Ulrich hatte dieſe ganze Litanei, welche der Kammerdiener mit unerſchütterlichem Phlegma ableierte, v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. I. 6 82 mit verlegener Ruhe angehört; nur die Spitze ſeines Lackſtiefels klopfte ungeduldig auf den Boden. „Nun, und nach dem Theater? Die ganze Nacht kannſt Du doch unmöglich geklatſcht haben!“ „Vor Schluß des Theaters ließ Fräulein Meta mich hinter die Couliſſen rufen und war ſehr erfreut, daß wir ſo viel geklatſcht hatten, und meinte, es wäre ſchicklich, wenn ich meine fünfzig Kameraden zu einem laſe Wein führte.“ Der Graf fing nun endlich doch an, überraſcht zu werden. Die Freigebigkeit Meta's ſchien ihm in Hinſicht auf ihre Gageverhältniſſe und ſelbſt zu ſeiner Freigebigkeit etwas außerordentlich. „Meta regalirte fünfzig Menſchen?“ Der Kammerdiener ſchaute mit gutgeſpielter Ueber⸗ raſchung auf. „Fräulein Meta befahl mir, das kleine Feſt im halben Mond zu halten, Sie wiſſen, in der Nähe des Stadttheaters, wo wir immer unſere Pferde ein⸗ ſtellen. Der Wirth dürfte wohl die Sache auf die Rechnung Eurer Exeellenz ſetzen.“ In dem Grafen kämpften Gutmüthigkeit und Ent⸗ rüſtung über die unſinnigen Einfälle ſeines Lieblings einen ſchweren Kampf und endlich rief er: 8„Ja, ſeid Ihr denn beide des Teufels, Baptiſt? 83 Morgen erzählt ſich die ganze Stadt, daß ich fünfzig Mann zum Applaudiren ins Theater geſchickt und ihnen dann ein Souper im halben Mond gegeben habe!“— Das unerſchütterliche Geſicht Baptiſt's bewies, daß er alles das ſehr wohl für möglich halte. Je mehr ſich Graf Ulrich alle Verlegenheiten ver⸗ gegenwärtigte, die ihm aus der Sache entſtehen konn⸗ ten, deſto höher ſteigerte ſich ſein Zorn gegen den be⸗ reitwilligen Vollſtrecker von Fräulein Meta's Befehlen. Scheinbar ruhig fuhr er in ſeinem Verhör fort: „Nun, und nach dem Souper?“ „Da Fräulein Meta befohlen, daß die Leute trinken ſollten, ſoviel ſie möchten, dauerte die Feſtlichkeit bis gegen Morgen und als Wirth war ich verpflichtet zu bleiben.“ „Das verſteht ſich!“ ſagte der Graf mit verbiſſe⸗ nem Ingrimm.„Und ſpäter? Hattet Ihr dann auch noch die Theaterproben zu beſuchen? Es iſt jetzt faſt Mittag und Du ſiehſt aus, als wäreſt Du eben erſt Zurückgekommen.“ „Später ging ich noch einmal zu Fräulein Meta und fragte, ob ſie etwas an den Herrn Grafen zu be⸗ ſtellen hätte. Da bat ſie mich, gehen—“ zum Juwelier zu Baptiſt ſtockte und ſah den Grafen wie prüfend an, ob er ihm noch mehr bieten könne. „Um den Schmuck zurückzutragen?“ „Nein, Herr Graf, um ihm zu ſagen, daß er Collier und Armband anfertige, welche genau zu dem Schmuck paſſen. Dann gab Fräulein Meta mir dieſen Brief, um ihn dem Herrn Grafen zu bringen!“ Der Zorn des Grafen hatte gerade ſeinen Höhe⸗ punkt erreicht und Alles deutete darauf hin, daß ein jäher Ausbruch erfolgen werde, als Baptiſt mit dem zartgefalteten roſenrothen Billet den Ideengang des jungen Hofmannes kreuzte. Graf Ulrich drehte das Billet einige Male zwiſchen den Fingern, und je mehr er das parfümirte roſen⸗ farbene Couvert betrachtete, deſto ſanfter wurde auch die Röthe ſeines Geſichts. Endlich erbrach er es und las: „Mein Held, mein Centaur! Man hatte Cabalen gegen Ihre Geliebte geſchmiedet; man wollte ſie öffent⸗ lich verhöhnen laſſen, weil keine noch ſo glänzenden Anerbietungen ſie in ihrer Treue gegen Sie wankend machen konnten. Ich glaubte daher Ihrer Zuſtimmung ſicher zu ſein, wenn ich über die mir bekannte Groß⸗ muth meines Halbgottes verfügte, um einen Sieg zu erringen, der mir ohne die Verruchtheit eiferſüchtiger ——. „ —— 85 Menſchen ſicher war. O, was hab' ich dieſen Men⸗ ſchen gethan, daß ſie mich zwingen, zum erſten Mal in meinem Leben zu ſolchen Mitteln zu greifen! Die Welt begreift eben eine ſo tiefe wahre Zuneigung nicht, wie ich ſie für Ulrich hege, für meinen Ulrich, meinen Helden! Möchten ihn dieſe Zeilen überzeugen können, wie ſehr ſich nach ihm ſehnt ſeine Meta.“ Als der Graf den Brief zu Ende geleſen, waren die letzten Spuren übler Laune aus ſeinem gutmüthigen Antlitz verſchwunden. Ja, dafür zeigte ſich darauf ein Lächeln geſchmeichelter Eitelkeit, welches er vergeblich zu unterdrücken ſuchte und das mehr als vieles Andere Zeugniß gab, wie ſein Herz trotz alledem eine gewiſſe Friſche und Naivetät bewahrt hatte. Baptiſt war die Veränderung im Geſichte ſeines Herrn nicht entgangen. In den verſchmitzten Augen des Kammerdieners leuchtete es wie Spott; aber im reumüthigem Tone ſagte er: „Ich werde mich durch Fräulein Meta gewiß nicht mehr von der Erfüllung meiner Dienſtpflichten zurückhalten laſſen— gewiß nicht!“ Der Graf war im Begriff auszurufen:„Was fällt Dir denn ein? Zehn Donnerwetter über Dich, wenn Du nicht Alles thuſt, was das reizende Geſchöpf 86 von Dir verlangt!“ Aber zu rechter Zeit mochte er ſich erinnern, daß ein ſolcher Wankelmuth ihn in der Achtung ſeines Dieners nicht heben könne, und er ſagte daher leichthin: „Fräulein Meta hat mir Alles erklärt, ſie wird auch ferner die Aufträge verantworten, die ſie Dir gibt. Du mußt daher zuvorkommend gegen ſie ſein, hörſt Du?“ Baptiſt verbarg mit einer tiefen Verbeugung das ſchlaue Lächeln, das ſeine Lippen verzog. „Und“, fuhr Graf Ulrich fort und kam vor dem eigenen Diener in Verlegenheit wie ein Schüler,„habt Ihr Eure Schuldigkeit im Theater gethan?“ „Alles niedergeklatſcht!“ antwortete Baptiſt.„Wenn nur der Vorhang aufging und Fräulein Meta erſchien, ingen wir an zu klatſchen und hörten nicht eher auf, ſie wieder zu ſprechen anfing. Und wenn ſie auf⸗ hörte, fingen wir wieder an, daß man von den Andern kaum ein Wort verſtehen konnte und die Leute neben uns öfter„Ruhig!“ ſchrieen. Das machte uns nicht irre. Sie ſpielte aber auch ſehr ſchön, Fräulein Metau, fuhr Baptiſt, der nun in Fluß gerathen war, überzeugungsinnig fort;„wie ſie die Gräfin machte, nein, ich ſag Ihnen, Herr Graf, rein zum Todtlachen! Eine Frau neben mir ſchluchzte ganz jämmerlich! Ich hab' mich aber auch zuſammengenommen, als ich den großen Blumenſtrauß warf, und habe ſie wunderſchön getroffen!“ „Wie ſo?“ fragte Graf Ulrich unruhig. „Grade an den Kopf“, triumphirte Baptiſt im Tone hohen Selbſtgefühls. „Du biſt ein Eſel!“ Baptiſt ſchien tief verletzt. „Fräulein Meta war ganz zufrieden mit mir“, ſagte er wehmüthig,„und hat das Bouquet ſogleich aufgehoben und daran gerochen und ſich gegen mich verbeugt.“ Es war ſchwer zu erkennen, ob die Einfalt Bap⸗ tiſt's geſpielt war, oder ob er beim Blumenwerfen wirklich die Grenze ſeines Witzes erreicht hatte. Graf Ulrich hatte keine Luſt, das Geſpräch in dieſer Richtung fortzuführen, um ſo mehr, als die Be⸗ merkung Baptiſt's, daß Meta die Gräfin zum Todt⸗ lachen geſpielt habe, ihn ſchon veranlaßt hatte, den 8 Diener mit leiſem Mißtrauen anzuſehen. Vielleicht hatte Baptiſt dieſen Blick bemerkt und glaubte, um das Vertrauen ſeines Herrn wiederherzuſtellen, ſich jene Einfalt ſchuldig zu ſein. „Ich möchte in die Stadt fahren, Baptiſt.“ „Soll ich anſpannen laſſen, Excellenz?“ „Die Sache iſt nur, daß ich in meinem Coupé nicht fahren mag, es hat eine zu auffallende Farbe.“ Wieder ſteckte Baptiſt den Kopf in ſeinen Rock⸗ kragen, als ob er genau wiſſe, warum dem Grafen auf einmal die Farbe ſeines Coupés nicht mehr gefiel, und die Einfalt ſeiner nun folgenden Antwort mußte darauf berechnet ſein, den Grafen wenigſtens nicht an ſeiner Chrlichkeit zweifeln zu laſſen. „Man könnte dem Wagen ja eine andere Farbe geben.“ „In einer Viertelſtunde?“ Baptiſt ſah dem Grafen mit gutgeſpieltem Er⸗ ſtaunen ins Geſicht. „Bei dem Wetter dürfte der Wagen allerdings nicht ſo raſch trocknen, auch braucht der Lackirer ſeine vvierzehn Tage—“ „Aber ich will heute fahren, hörſt Du nicht?“ rief Graf Ulrich und ſtampfte ärgerlich mit dem Fuß auf den Boden. Baptiſt glaubte nun den Grafen hinlänglich von ſeiner Unentbehrlichkeit überzeugt zu haben und meinte ſinnend: „Excellenz müßten dann eben in einem andern Wagen fahren. Einen Hofwagen werden Excellenz wohl nicht nehmen wollen?“ 89 „Gut, daß Du das wenigſtens einſiehſt“, ſeufzte Graf Ulrich;„Du biſt heute ſchauderhaft langſam von Begriffen!“ „Man müßte dann von einem der anweſenden Cavaliere einen Wagen entlehnen“, fuhr Baptiſt fort, als könne man nur Schritt für Schritt zur Löſung der wichtigen Aufgabe gelangen;„zum Beiſpiel von Excellenz Graf Tegernheim.“ Baptiſt warf einen lauernden Blick auf ſeinen Herrn. Dieſer zuckte flüchtig zuſammen. „Das geht nicht“, ſagte er, und ein düſterer Schatten lag auf ſeinem Geſicht. „Auch Herr Baron von Tondern habt ein ſehr ſchönes Coupé—“ „Angelo von Tondern! Richtig, der hat zwei ge⸗ ſchloſſene Wagen hier, der könnte mir den einen ge⸗ ben! Angenehm iſt mir die Sache nicht, aber es bleibt keine Wahl. Geh hinüber, Baptiſt, ich werde Dir ein Billet mitgeben. Wo iſt Papier und Schreibzeug?“ Baptiſt wühlte eine Weile in einem der unausge⸗ packten Koffer und brachte endlich das Gewünſchte zum Vorſchein. Der Graf hatte ſein Billet raſch vollendet und Baptiſt ging. Als die Thür ſich hinter dem Diener geſchloſſen ——— ſſſ hatte, machte der Graf eine Bewegung, als ob er ihn zurückrufen wolle. Er kannte den Baron Angelo von Tondern ganz gut; ſie waren zuſammen in der Pagerie geweſen, und das Drama, welches ſich zwiſchen den Familien Helm⸗ berg und Tondern abſpielte, hatte ja die älteſten Spröß⸗ linge beider Familien vernünftiger Weiſe einander nicht gegenüberſtellen können; Graf Helmberg war, wohl auch infolge der immer unverkennbareren Spal⸗ tung zwiſchen ſeinen Eltern, ſchon frühzeitig aus dem Vaterhauſe in jene adelige Anſtalt gegeben worden. Er erinnerte ſich aus ſeinen Kinderjahren, ſeine Mutter ſehr geliebt zu haben; dann war ihm plötzlich verboten worden, nach ihr zu fragen. Erſt ſpäter, als er zum Jüngling heranreifte, erfuhr er, ſoviel für ihn paßte, auch davon, daß Angelo von Tondern ſeinen Proceß gewonnen und ein Verhältniß zerſtört habe, das durch die Milde und Freundſchaft des verſtorbenen Königs für einzelne Familienglieder und durch die Verjährung faſt zum Recht geworden ſchien. Alle Welt gab Angelo von Tondern Recht, auch Graf Ulrich that es; er hatte ja nur ſein ihm zuge⸗ höriges Erbe vertheidigt gegen Eindringlinge, gegen die Kinder von— Graf Ulrich zuckte zuſammen— ſie war ja doch ſeine Mutter! Ihr ernſtes, mildes A 91 Bild ſchwebte oft aus fernen Kindertagen herüber und ſprach zu ihm im Traum; und wenn er erwachte, war er traurig, weil er keine Mutter hatte.. Und dann erſchien es ihm plötzlich, als ob er Angelo von Tondern haſſen müſſe. Auch als der Freiherr einmal zu ihm gekommen war und ihn zur Abgabe einer Erklärung aufgefordert hatte, daß er ſeine Mutter nicht als rechtlich getraut mit Hermann von Tondern anſehe, hatte Graf Ulrich ſich entſchieden geweigert, das Schriftſtück zu unterzeichnen und die Schulgenoſſen waren höflich, aber gemeſſen von einander geſchieden. Die Angelegenheit war nie wieder zwiſchen den beiden jungen Männern berührt worden, aber es war doch unverkennbar, daß ſie ſich nicht ſuchten. Und jetzt hatte Graf Ulrich in einem Augenblick der Uebereilung, blos weil ihm einige Stunden im Boudoir von Fräulein Meta Ring kurzweiliger er⸗ ſchienen als ein Regentag in Fels, denſelben Mann um eine wenn auch noch ſo kleine Gefälligkeit erſucht, an deren Gewährung nicht zu zweifeln war und die ihm doch eine gewiſſe Verbindlichkeit gegen den un⸗ ſympathiſchen Jugendfreund auferlegte. Graf Ulrich war ſehr unzufrieden mit ſich ſelbſt. Dies Gefühl ſteigerte ſich bis zum Unmuth, als Bap⸗ tiſt wiederkam und den Freiherrn von Tondern mel⸗ dete, der ihm auf dem Fuße folge. Baron Angelo ſchien es in der That eiliger zu— haben, als es durch ſeine gewöhnliche blaſirte Ruhe begründet war, dem Grafen Helmberg ſeine Bereit⸗ willigkeit auszudrücken, ihm in Allem und Jedem zu* Dienſten zu ſein, was der Graf nur wünſchen konnte. Die Begrüßung des letzteren gegen den Jugend⸗ freund war daher etwas befangen. Der Freiherr von Tondern ſchien es nicht zu bemerken. In ſeiner ruhigen Weiſe, aber mit ausgeſtreckter Hand ging er auf den verlegenen Grafen zu und ließ. ſich auch dadurch nicht irre machen, daß Helmberg die. dargebotene Hand nicht ſogleich ergriff. „Wie freut es mich, Ulrich, daß Du Dich meiner noch erinnerſt!“ ſagte der Freiherr, und wenn auch ſein Geſicht dieſelbe Unbeweglichkeit beibehielt, ſo lagen doch ſeine großen ſchwarzen Augen mit einem ganz eigenthümlichen beobachtenden Ausdruck auf dem Ju⸗ gendfreunde, und ſeine Stimme hatte einen tiefen, weichen Klang angenommen, der wohl bei Leuten, die 4. den Baron nicht näher kannten, für Herzlichkeit gelten konnte.. Dieſe überlegene Freundlichkeit war es wohl auch, die Helmberg zwang, die dargebotene Hand zu ergreifen. 93 Angelo hielt Ulrich's Hand feſt. „Gut, daß mir der Zufall Gelegenheit gibt, mich Dir zu nähern und Dir zu ſagen, wie leid mir unſere gegenſeitige Entfremdung geweſen iſt. Und doch ging die Sache, um die es ſich handelte, uns perſönlich nicht das Allergeringſte an. Es war auch ſeinerzeit Unrecht von mir, Dich zur Parteinahme veranlaſſen zu wollen; um ſo mehr freute es mich, als Du mich heute um einen kleinen Dienſt erſuchteſt, und mir dadurch bewieſen haſt, daß wir wieder die Alten ſind.“ Das hatte nun Graf Ulrich ganz und gar nicht beweiſen wollen; aber er mußte ſich geſtehen, daß man ſeine Bitte ſo auffaſſen könne, wenn man wolle. Er verbeugte ſich daher ſchweigend, ſchob mit dem Fuße einen der Koffer aus dem Wege, welche ſeinem Beſucher im Wege ſtanden und deutete auf das rothe Kanapee. Er ſelbſt nahm einen Stuhl. „Der gewünſchte Wagen wird ſo eben in Stand geſetzt“, fuhr Angelo in leichtem Tone fort, indem er ſich niederließ, ſeinen Hut neben ſich auf den Bo⸗ den ſtellte und ſich ſeiner tadelloſen rehfarbenen Handſchuhe entledigte, um das Schweigen des Grafen ignoriren zu können.„Wie geſagt, es freut mich unendlich, daß Du Dich in dieſer Sache an mich ge⸗ wandt haſt!“ „Die Wahl war allerdings nicht groß“, bemerkte Graf Ulrich aufrichtiger als höflich, indem er Baptiſt ein Zeichen der Entlaſſung gab und ſich niederließ, „und deshalb erweiſen Sie— erweiſeſt Du mir eine Gefälligkeit, Tondern!“ Der Freiherr lächelte ruhig und verbindlich zu dem zweifelhaften Compliment. „Ich bin nun einmal darauf capricirt, in der Sache einen Beweis unſerer wiedererwachenden Ka⸗ meradſchaft zu ſehen, Ulrich; Du hätteſt von Dei⸗ nem ehemaligen Gutsnachbar Tegernheim jedenfalls einen eleganteren Wagen bekommen, wenn Du Dich an ihn gewendet.“ Raſch erhob Graf Ulrich ſein Geſicht; das ver⸗ legene Lächeln war daraus verſchwunden und ſeine hellen großen Augen ruhten einen Moment lang arg⸗ wöhniſch auf dem Antlitz ſeines ehemaligen Schulge⸗ noſſen. Er konnte nur den ruhigen Ausdruck freundlicher Gutmüthigkeit darauf entdecken. Das entwaffnete ihn. Graf Ulrich that nicht gern den Menſchen Unrecht, lieber, wenn auch unbe⸗ wußt, ſich ſelbſt; er glaubte dem Jugendfreund daher eine größere Offenheit ſchuldig zu ſein. „Seit ich Helmberg verlaſſen, komme ich nicht mehr zu ihnen.“ Damit hielt er dieſen Gegenſtand für erledigt; darin irrte er ſich aber. Das ſcheinbar lebhafteſte Er⸗ ſtaunen malte ſich in den Zügen Angelo's. „Du kommſt nicht mehr zu Tegernheims? Aber man ſagte doch ſeiner Zeit, Erneſtine ſei Deine Braut?“ Graf Ulrich ſtand unruhig auf. Der Gedanke, daß Erneſtine durch ihn ins Gerede gebracht worden ſei, beunruhigte ihn lebhaft. „Wir waren nie verlobt!“ ſagte er eifrig, mit purpurrothem Geſicht.„Erneſtine hat mich nie an⸗ ders behandelt denn als Jugendfreund; von Heirath oder Verlobung oder auch nur von Liebe war niemals die Rede zwiſchen uns!“ Angelo ließ den Grafen, der erregt auf und ab ſchritt, nicht aus den Augen. Ein überlegener Spott zuckte um ſeine Lippen, der aber augenblicklich eine freundliche Färbung erhielt, als Ulrich ſich umwandte. „Du wehrſt Dich ſo kräftig dagegen, der Bräu⸗ tigam der ſchönen und geiſtreichen Erneſtine zu ſein, daß maͤn annehmen könnte, Du habeſt die Rechte einer andern Geliebten gegen jene Gerüchte zu vertheidigen.“ „Ich habe keine Geliebte!“ ſagte der Graf kurz; aber das erſchien ihm wieder wie die Verleugnung . 8 96 eines Weſens, das ihn hochhielt, und er fügte bei: „Wenigſtens keine ſolche, die ich heirathen will.“ Angelo von Tondern nickte. „Du thuſt recht, Dich zu zerſtreuen“, ſagte er leichthin und ſpielte mit den ſeidenen Franſen der Sophalehne.„Ich wollte, ich beſäße noch Dein Intereſſe an derlei Abenteuern; der fatale Proceß, zu dem mich mein Vater gezwungen, hat mir alle Lebens⸗ freude geraubt. Doch Du haſt Recht. Der Glück⸗ liche hat ja immer Recht.“ Der ſchwermüthige, entſagende Ton, in dem Ba⸗ ron Tondern dies ſagte, war mehr als alles Andere geeignet, eine Zurückhaltung zum Weichen zu bringen, welche dem ganzen Weſen des Grafen innerlich fremd war. Es entſprach ganz ſeiner ſonſtigen ritterlichen Offenheit, daß er antwortete: „Ich ſehe die Verbindung, von der ich ſpreche, allerdings für etwas mehr an als eine gewöhnliche Zerſtreuung, wenigſtens hat Meta mir erſt kürzlich wieder eine Uneigennützigkeit und Anhänglichkeit be⸗ wieſen, die ſie hoch über andere Frauen ihres Standes erhebt.“ Graf Ulrich dachte an den Brief, den er vor einer Stunde bekommen und der ſeinem harmloſen 9/ Gemüth für den unmittelbaren Gefühlsausbruch eines für ihn glühenden Weiberherzens galt.— „Meta?“ wiederholte der Baron und öffnete die Lider, die gewöhnlich ſeine Augen halb bedeckten. „Meta Ring?⸗ †„Dieſelbe!“ ſagte Graf Helmberg und blieb in faſt herausfordernder Erwartung ſtehen.„Kennſt Du die Dame?⸗ Die Augenlider des Barons „Von meinem S er leichthin.„Auf der ſcheinung.“ 3 Ulrich ſchwieg. Er wußte, daß Meta au halb der Bühne reizend war. „Fräulein Meta alſo verdanke ich das Vergnügen, (Ddir nach Jahren wieder die Hand zu drücken?“ perrſitz aus, weiter nicht!“ ſagte Bühne iſt ſie eine reizende Er⸗ ch außer⸗ meinte ¹ der Baron mit einem leiſen, etwas unheimlichen cachen. „Ich will es nicht leugnen; der Wunſch, ſie zu N beſuchen, veranlaßte nich, Dich um Deinen Wagen zu bitten.“ „Und Du willſt das M Angelo plötzlich und rich achtend auf den Grafen. *. Schlägel, ädchen heirathen?“ fragte tete ſeine Blicke ſchnell beob⸗ Die Ritter der Gegenwart. 7 hatten ſich wieder geſenkt. 98 Dieſer wurde zuerſt purpurroth, dann blaß; end⸗ lich ſtotterte er: „Das iſt allerdings unmöglich, gegen jedes Her⸗ kommen, das erwartet ſie ſelbſt nicht.“ Angelo zuckte die Achſeln, erhob ſich und legte väterlich freundlich dem Jugendgenoſſen die Hand auf die Schulter. „Sei ſicher, Deine Freundin erwartet es, wenn ſie Dich ſo liebt, wie Du von ihr geliebt zu ſein glaubſt, mit Recht; ohne Zweifel! Gegen alles Her⸗ kommen iſt die Sache in neueſter Zeit gerade nicht mehr; der Theaterſport fordert von Zeit zu Zeit ſeine Opfer, wie jeder andere, und wie es den Reiz einer Steeplechaſe nur erhöhen kann, daß ſich der und jener dabei ſchon den Hals gebrochen, ſo muß es auch dann und wann vorkommen, daß man eine Schauſpielerin heirathet; Fürſten ſind Dir darin ſchon mit gutem Beiſpiel vorangegangen.“ Graf Ulrich war ernſt geblieben. „Ich werde ihnen jedenfalls nicht folgen; ſoll mich aber nicht abhalten, Meta zu beſchützen— ſelbſt gegen den Spott meiner Freunde.“ Die Stimme des Grafen zeigte noch deutlicher als ſeine Worte, daß es eine Gefahr war, das Ge⸗ das ſpräch in dieſer Richtung fortzuſetzen. Baron Angelo 99 tete Drohung nicht zu bemerken und begann wieder mit jenem Ton einſchmeichelnder Trauer, der ſchon einmal ſeine Wirkung auf Ulrich geübt hatte: „Wie geſagt, ich beklage es tief, daß jenes düſtere Familiengeſchick, das auf mir laſtet, mir alles Ver⸗ ſtändniß geraubt hat für die lichteren Seiten des Le⸗ bens. Wenn man zum Kampf gegen ſeinen eigenen Vater gezwungen iſt—“ Baron Angelo ſtockte. Diesmal hatte der elegiſche Ton ſeine Wirkung gänzlich auf den Grafen verfehlt. Der ſchlecht verborgene Spott Angelo's über ſein Ver⸗ hältniß zu Meta hatte das ganze Mißtrauen, deſſen der Graf fähig war, emporgerüttelt, und damit er⸗ wachte auch die volle urſprüngliche Energie Ulrich's, die ſchon ſo oft durch ſeine Gutmüthigkeit durchkreuzt und gelähmt worden war. Ueberraſcht hörte Tondern nun die faſt heftigen ungeſchminkten Worte des jungen Mannes, der ihm eben wie ein Fähnrich von ſeinen Liebſchaften erzählt hatte. „Jenes Familiengeſchick iſt meines Wiſſens erſt durch Dich düſter geworden. Nach dem Tode meines Vaters galten der Deinige und meine Mutter für Mann und Frau. Ich war es dem Andenken meines 7*½ ſchien jedoch die unzweideutig an ſeine Adreſſe gerich⸗ Vaters ſchuldig, mich meiner Mutter nicht zu nähern; aber die Sache ſchien mir ſo, wie ſie einmal ſtand, am beſten. Ich war tief betrübt, als ich hörte, daß Du die Hülfe des Geſetzes gegen Deinen eigenen Va⸗ ter angerufen habeſt, weil dieſer ſeinem nachgeborenen Sohne ein Gut zuwenden wollte, das zu ſeinem Allo⸗ dialvermögen gehörte. Noch mehr entſetzte ich mich, als ich von Dir ſelbſt erfuhr, daß Du die Legitimität Deines Bruders antaſten wollteſt. Ich habe Dir da⸗ mals ſchon geſagt, daß ich nichts gemein haben wolle mit dieſer Angelegenheit, wenn mich auch die Pietät für das Andenken meines Erzeugers abhielt, auf die Seite Deiner Gegner zu treten!“ Alle angenommene Blaſirtheit ſchwand aus dem Antlitz Angelv's. Mit düſter funkelnden Augen, gelb⸗ lich⸗bleicher Farbe und zuckenden Mundwinkeln ſtand er da und ſeine Fäuſte ſchloſſen ſich feſt. „Und dennoch wirſt Du Dich entſcheiden müſſen, Ulrich!“ ſagte er leiſe, und unheimlich leuchtete es in ſeinem gewöhnlich halb erloſchenen Blick.„Mein Va⸗ ter macht aufs neue gewaltige Anſtrengungen; er hat den Beichtvater, der jene Trauung vollzogen, nach Rom zum Papſt geſchickt, um von Seiner Heiligkeit die An⸗ erkennung der für ungültig erklärten Ehe zu erwirken. Auch Majeſtät ſoll durch ſeinen Flügeladjutanten gegen 101 mich geſtimmt werden. Du haſt Dich bis jetzt neutral verhalten; Deine Stimme wird den Ausſchlag geben, Du wirſt Dich erklären müſſen, Ulrich! Und dann zweifle ich nicht an Dir; denn der Kampf, den ich bis jetzt ſiegreich gekämpft habe, galt der Makelloſigkeit unſeres Stammbaums, der Ehre unſerer Familie!“ Stolz und ablehnend erhob Graf Ulrich die Hand,. als wolle er auch äußerlich die Scheidewand zwiſchen ſich und dem Jugendfreunde ziehen, die er innerlich fühlte. „Ich muß auf Deine Bemühungen für die Makel⸗ loſigkeit meines Stammbaums, für die Ehre meiner Familie verzichten. Daß Du Frau und Sohn Deines Vaters aus ſeinem Hauſe triebſt, das wird mir nie ſympathiſch ſein; aber es läßt ſich darüber ſtreiten, ob Du im Recht warſt. Im Recht iſt ja immer der, dem man Recht giebt. Daß Du aber Glück und Familie Deines Vaters erſt dann zerſtörteſt, als es ſich für Dich um die Schmälerung Deines Erbes han⸗ delte das werde ich nie verſtehen. Mir würde das Schwert aus der Hand fallen, wenn man denken könnte, ich hätte es aus Eigennutz gezogen, und darum kann Deine Sache auch nicht die meine ſein, hörſt Du, nie!“ Hoch aufgerichtet ſtand der junge Graf/ alle Schwäche und unſchlüſſigkeit war aus ſeiner Haltung verſchwunden; mühſam nur vermochte Angelo von Tondern ſeine mit Zorn und Angſt gemiſchte Ent⸗ täuſchung unter ſeinem gleichgültig hochmüthigen Lä⸗ cheln zu verbergen. Da erſchien Baptiſt in der Thür und machte dem Grafen leiſe eine Meldung. Dieſer warf einen übermüthigen Blick auf Angelo und fragte mit ſchwer verhehlter Ironie: „Du erlaubſt mir doch, Tondern, daß ich in Dei⸗ ner Gegenwart meinen Rapport entgegennehme?“ „Ich will Deine koſtbare Zeit nicht länger in An⸗ ſpruch nehmen, Helmberg—“ In dieſem Augenblick öffnete Baptiſt die Thür, und im Dienſtanzug, die Rapportacten in der Hand, trat der Bereiter Johann Helmberg in das Zimmer. Als er Angelo's anſichtig wurde, blieb er wie gebannt ſtehen; ſeine Augen wurden immer größer und ſein Antlitz immer bleicher. Aber das war nur von kurzer Dauer. Dann ging Johann Helmberg, ohne von dem Mitanweſenden Notiz zu nehmen, auf ſeinen Vorgeſetzten zu und las mit ruhiger, klarer Stimme den Rapport; aber die Hände, die das Papier hielten, zitterten. Nachdem der junge Bereiter geendet, blieb er in 24 103 aufrechter Haltung vor dem Oberſtſtallmeiſter ſtehen, deſſen Befehle erwartend. Dieſer ſah ihm bewegt in das bleiche, trotzige Geſicht, dann fragte er: „Wie läßt ſich Sultan an?“ Die Wangen des Jünglings rötheten ſich. „Vortrefflich, Excellenz; er ſchüttelt kaum mehr die Ohren beim Schießen.“ „Das iſt brav!— Das Leben iſt nicht ſehr munter in Fels— langweilen Sie ſich nicht?“ „Nein, wenn ich dienſtfrei bin, gehe ich in die Stadt.“ „Was thun Sie dort?“ Die Augen der beiden Brüder begegneten ſich. Es ſchien Johann feig, die Wahrheit nicht zu ſagen. „Ich beſuche meine Mutter, Excellenz.“ Raſch ergriff der Oberſtſtallmeiſter die Hand ſei⸗ nes Untergebenen und ſchüttelte ſie herzlich. „Auch das iſt brav von Ihnen! Wenn Sie wieder zu Ihrer guten Mutter kommen, ſagen Sie ihr, daß ich mich ihr empfehlen laſſe!“ Die Augen des jungen Bereiters füllten ſich mit Thränen; er ſchien willens, die Hand des Grafen an ſeine Lippen zu führen; dieſer entzog ſie ihm und nickte freundlich zum Zeichen des Abſchieds. — Der Bereiter verneigte ſich tief und ging. Angelo von Tondern hatte den jungen Mann nicht aus den Augen gelaſſen, und ſein brennender Blick ſchien dem Halbbruder durch die Thür nach⸗ ſchauen zu wollen, nachdem ſich dieſe längſt hinter ihm geſchloſſen. „Wer war der junge Menſch?“ fragte er dann haſtig und verzichtete auf jeden Verſuch, ſeine Aufre⸗ gung zu verbergen.„Mir iſt, als ſähe ich ſein Ge⸗ ſicht nicht zum erſten Mal.“ „Das iſt ſchon möglich“, entgegnete trocken Graf Helmberg und kreuzte die Arme,„denn der junge Mann iſt unſer Bruder.“ Steif und kurz verneigte ſich Angelo von Tondern und verließ das Zimmer. Der Graf erwiderte den Gruß, ohne die verſchränkten Arme zu löſen, ohne den Jugendfreund und Halbbruder zur Thür zu geleiten. Als Tondern verſchwunden war, erſchien Baptiſt mit der Meldung, daß der Wagen des Barons vorge⸗ fahren ſei. „Laß ihn wieder zurückfahren und die Pferde vor mein eigenes Coupé ſpannen.“ „Aber es hat noch dieſelbe Farbe wie vor zwei Stunden“, wandte Baptiſt ein. „Gleichviel, ich fahre damit“, ſagte Graf Ulrich 105 lächelnd; dann fügte er wie im Selbſtgeſpräch hinzu: „Wenn wir Thorheiten begangen haben, ſoll uns der Muth nicht fehlen, ſie zu geſtehen, ſonſt fügen wir zur Thorheit die Feigheit!“ — Fünftes Kapitel. Eine Dame von Welt. Der Salon der Gräfin⸗Mutter von Tegernheim, den man durchſchreiten mußte, um zu dem Empfangs⸗ zimmer ihrer Tochter zu gelangen, war, ſoweit es der beſchränkte Raum geſtattete, ein Muſterſalon. Er hatte gelbe Portièren und Gardinen, vergoldete Stühle und blitzende Kronleuchter, Porphyrſäulen und Büſten be⸗ rühmter Männer, tropiſche Gewächſe und Oelgemälde und einen Bechſtein'ſchen Monſtreflügel. Angelo von Tondern hatte ſich in dieſem Salon nicht aufgehalten, ſondern war raſch zu dem Empfangs⸗ zimmer von Gräfin Erneſtine geeilt. Das war nun allerdings gegen die herrſchende Etikette, daß eine, fünfundzwanzigjährige, unverheira⸗ thete Dame ohne Beiſein ihrer Mutter Beſuche empfing. 107 Aber Gräfin Erneſtine iſt auch kein Weſen nach der Schablone; die Bezeichnung„Mädchen“ würde ſchon gar nicht auf ſie anzuwenden ſein; denn das würde eine Unterordnung unter die Autorität der ver⸗ heiratheten Frau andeuten, welcher ſich die geiſtreiche und im beſſeren Sinne des Wortes emancipirte Grafin Erneſtine nie zu fügen gehabt hatte. Zn ſtolz, um nur die Möglichkeit eines Tadels oder einer Verleumdung zuzulaſſen, hatte ſie ſeit ihrem Eintritt in die Welt des Hofes ſich raſch zur geiſtigen Beherrſcherin ihres Kreiſes emporgeſchwungen; und wenn auch manche mit den Gewohnheiten der Reſidenz vertraute Dame ſich überraſcht dem„Fräulein“ vor⸗ ſtellen ließ, ſo verlor ſich dieſe Befremdung raſch bei dem vollendeten Takt Erneſtinens, vorzüglich aber bei der Einſicht, daß der Comteſſe ſelber am wenigſten an der Stellung lag, zu der man ſie emporgehoben. Erneſtinens Empfangszimmer unterſchied ſich we⸗ ſentlich von dem Salon ihrer hochgräflichen Mutter. Es war ein Raum von zwanzig Cubikſchuh; in das einzige Fenſter fällt das Licht zwiſchen weißen und roſenrothen Gardinen herein und malt ſchwankend ein blaßrothes halbgeöffnetes Zelt auf die gegenüberliegende Wand mit der weißen Sammttapete. Ein Feuer kniſtert im Kamin, ſo leiſe, daß nur 5 — ꝗᷣ-—— 108 dann und wann ein matter Blitz im dunkelrothen Glas⸗ boden des Luſtre funkelt und ein irrer Schimmer die vergoldeten Stäbe des Kamins entlang klettert. Unzählige Nippes ſtehen auf den ſchlanken Eta⸗ geren von röthlichem Mahagoni; der träumeriſche zer⸗ ſtreute Blick irrt von einer bizarren Form zur andern, um endlich auszuruhen in ſtaunender Wonne auf einer weiblichen Geſtalt, welche in einem Morgenrock von matter, ſehr hellbrauner Seide an den roſenrothen Polſtern eines Divans lehnt, den vom zurückfallenden weiten Aermel halbentblößten Arm geſtützt auf ein kunſtvoll geſchnitztes Tiſchchen. Dieſer Arm, welcher immer wieder die halbge⸗ ſchloſſenen Augen Angelv's auf ſich zog, brachte die Converſation endlich thatſächlich ins Stocken. Das war um ſo wunderbarer, als Tondern erſt vor einer Stunde dem Oberſtſtallmeiſter erklärt hatte, daß ſein Familien⸗ geſchick zu ſchwer auf ihm laſte, um ihm überhaupt noch Empfindung zu laſſen für die Freuden der Welt. Noch vor wenigen Minuten ſogar, als er durch die belaubten Bäume des Parks auf den Pavillon des Oberceremonienmeiſters zuſchritt, hatte ſich Angelo von Tondern ganz ernſthaft gefragt, ob er Erneſtine wohl liebe. Ein hämiſches Lächeln war dabei über ſein Ge⸗ 109 ſicht geblitzt— wen hatte er nicht ſchon geliebt in dem Zeitraum von zehn Jahren!— glühend, ſkeptiſch, frivol, alle Phaſen dieſer viel beſungenen Leidenſchaft hatte er durchgemacht. Es erſchien ihm wie ein blöder Scherz, wenn ihm das verbrauchte Wort da und dort wieder begegnete; deſſenungeachtet wollte er heute Erne⸗ ſtinen von Tegernheim eine Liebeserklärung machen. Er hatte ſchon lange daran gedacht— heute war er dazu entſchloſſen. Er erinnerte ſich, daß ſie nicht reich ſei; ihr geiſt⸗ reicher Vater war ſogar trotz ſeines bedeutenden Güter⸗ ſtandes nicht unbedenklich verſchuldet; ſeine Stellung bei Hofe und der Aufwand, zu dem er gewiſſermaßen verpflichtet war, trugen nicht dazu bei, ſeine Güter zu entlaſten. Baron Tondern war nicht habſüchtig; aber er liebte den Reichthum als Mittel zur Macht, und Macht ſchien ſeinem blaſirten Gemüth allein werth, um ſich darum die Anſtrengung des Lebens zu geſtatten. Als er damals gegen ſeine eigene Familie den Kampf geführt, geſchah dies nicht ſo eigentlich wegen des Beſitzes eines einzelnen Gutes, als weil er in der Abtretung deſſelben nur den Anfang einer gänzlichen Abtretung des Allodialvermögens an den jüngeren Sohn ſah und damit die Verlegung des Schwerge⸗ wichts der Familie vom älteren Sohn auf den jün⸗ geren. Sein Vater hatte den Kampf für Frau und Sohn wieder aufgenommen; mächtige Gönner ſtanden ihm zur Seite; ſelbſt Ulrich von Helmberg, welchen, wie Angelo die Sache anſah, Natur und Einſicht an ſeine Seite ſtellen mußten, ergriff Partei für die Ausge⸗ ſtoßenen. Angelo erinnerte ſich recht gut, daß es nur ſeine eigene beredte Darſtellung vor dem jungen, kaum zur Regierung gelangten Monarchen geweſen war, welche endlich den Sieg davongetragen hatte über den Ein⸗ fluß ſeines Vaters. Es war hier an dem Schwanen⸗ teich, an deſſen Ufern er wie heute dahinſchritt. Da war ihm der junge König begegnet und hatte ihn ge⸗ fragt, warum er ſo trüb ausſehe und ob er etwas für ihn thun könne. Angelo von Tondern war da⸗ mals jünger und friſcher; er hatte mit der ganzen Beredtſamkeit der Entrüſtung den ungetreuen Vater angeklagt und den König mit fortgeriſſen. Die Jugend nimmt ja ſo gern für die Jugend Partei, und ein Richter von zwanzig Jahren iſt mit der Entſcheidung ſchnell bereit. Angelo von Tondern hatte, denn er war auch Diplomat von Fach, ſeit jener Zeit immer als Attaché 1 2 111 bei der oder jener Geſandtſchaft geweilt; zuletzt war er zum Legationsſecretär bei der Berliner Geſandſchaft ernannt worden. Seit Jahren zum erſten Mal fand er wieder Ge⸗ legenheit, vor den König zu treten, bei dem er einſt ſo beliebt geweſen war. Aus dem königlichen Jüng⸗ ling war ein Herrſcher geworden, ruhig und unnahbar, in den gemeſſenen Schranken eines ſtrengen Ceremo⸗ niels ſich bewegend, da jedes Verlaſſen deſſelben von den Parteien ausgebeutet wurde. Der König fragte um Verſchiedenes, nach den Eindrücken, die er an dem und jenem Hofe empfangen, nach dem Befinden eines oder des andern verdienten Diplomaten, nach den perſönlichen Angelegenheiten An⸗ gelo's; nach dem, was dieſem am nächſten lag, fragte der König nicht; und ſo düſter und kraus Angelo die Stirn in Falten zog, der junge Fürſt kannte die Men⸗ ſchen bereits zu gut, als daß er ſich um den Ausdruck ihrer Geſichter bekümmern mochte. Und als Angelo, aller Audienzetikette zuwider, von ſeinen Familienangelegenheiten ſprach, die ihm den Aufenthalt in der Heimat ſo drückend machten, und daß ſein heiliges Recht als einziger Erbe derer von Tondern aufs neue in Frage geſtellt werden würde, das doch durch die Entſcheidung Seiner Majeſtät 112 ſelber über jeden Zweifel erhoben worden ſei, da blickte ihn die Majeſtät kalt und gleichgültig an und ſagte: „Wir haben von der Sache gehört; die Meinun⸗ gen unſerer Räthe ſind getheilt. Es ſcheinen neue Thatſachen in den Vordergrund getreten zu ſein, die eine Wiederaufnahme der Streitfrage erlaubten und forderten. Wir werden Uns nochmals eingehend mit der Ange⸗ legenheit beſchäftigen und ſie entſcheiden, wie es Unſer Gewiſſen von Uns verlangt.“ Damit hatte der König Tondern die Hand zum Kuſſe gereicht und der Freiherr war entlaſſen. Der König war gegen ihn eingenommen worden, das war ſicher. Wenn ſein Vater ſiegte, ſo blieb er zwar noch immer der Erſtgeborene und hatte das Erbrecht auf das Stammſchloß und eine anſtändige Revenue; das bedeutende Allodialvermögen jedoch, auf deſſen Ant⸗ wartſchaft hin er ſchon zehn Jahre lang wie ein klei⸗ ner Fürſt gelebt, wurde jedenfalls dem jüngeren Bru⸗ der zugewandt und der reiche Angelo von Tondern ward zum Kinderſpott, dem jeder Wucherer ſein„Mene Tekel“ zurief. Da hatte er daran gedacht, Erneſtine zu ſeiner Frau zu machen. Der junge König bewunderte ihren —-— 113 Geiſt, hatte eine hohe Meinung von den Talenten ihres Vaters; wenn ſie Baronin on Tondern wurde, ſo gehörte Angelo bei Hofe zu den einflußreichſten Perſonen. Allerdings hatten ihm hergebrichte Vorurtheile des Gemüths und Charakters eine Menge Einwürfe gemacht; in zehn Minuten hatte Tondern ſie alle be⸗ ſeitigt. Um was heiratheten die Männer nicht? Um einen ſchönen Arm, ein Paar glühende Augen, einen ſüß plaudernden Mund, eine epochemachende Tour⸗ nüre, eine ſiegreiche Koketterie, um Geld und Gut; und faſt alle ſchwatzten von Liebe und von Uebereinſtim⸗ mung ihrer Seelen! Angelo geſtand ſich mit eyniſcher Offenheit, daß er in Comteſſe Tegernheim nichts heirathen wolle als eine paſſable Repräſentationsfigur für ſein Haus und das Ohr des Königs. uUm ſo wunderbarer, daß Angelo durch Erne⸗ ſtinens Arm ſo ſehr aus der Faſſung gebracht ward, als er ihr in dem wunderlieblichen Empfangszimmer gegenüberſaß. Der gewandte Mann ſtockte im geiſtreichſten Fluß ſeiner pikanten Rede; die feinen Sarkasmen und Li⸗ ſterungen, in denen er Meiſter war, verloren ihr Salz und klangen ſchwerfällig und verworren, bis ſie den v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. 8 4 „,1 kurzen Weg vom Hirn bis zu den Lippen zurückgelegt hatten, wenn eine Bewegung Erneſtinens voll unge⸗ gwungener Grazie dem Aermel einen andern Falten⸗ wurf, dem Arm eine andere Stellung gab. Das Unttill arliche iſt ja der höchſte Triumph der Kunſt, wie Kunſt und Geiſt die Höhe der Natur ſind im Ring des Ewigſchönen, in dem ſich die Phan⸗ taſie des Diplomaten träumend verlor, trotz aller Lebensklugheit und Berechnung, die er ſich angedichtet. Der junge Greis mit den blaſirten Zügen, die gewöhnlich nur ein kaum ſichtbares Lächeln überlege⸗ nen Spottes haben für jeden lyriſchen Aufſchwung, Herr von Tondern, welcher neben der Selbſtſucht nur noch den„Geſchmack“ als berechtigten Factor im mo⸗ dernen Gemüthsleben anerkennt, derſelbe Mann kann den Blick nicht abwenden von dieſem Arm mit ſeinen zierlichen roſenrothen Gelenken, der ſich geheimnißvoll im lichtgrauen Futter des Aermels verliert. Er atts ſeine Meiſterin gefunden! Eine helle Röthe ſteigt in ſein ſonſt ſo bleiches Geſicht und verwirrt ſucht ſein Blick den Boden. Aber die Gewinde des Teppichs führen denſelben zu einem dunkelbraunen Maroquinſtiefelchen von kaum zwei Zoll Breite, deſſen Spitze in raſchen mißlaunigen Schlägen den Teppich klopft. — 415 Jetzt, als ob die feinen Nerven des Füßchens fühlten, daß es beobachtet werde, zieht es ſich zurück und der Blick des Diplomaten folgt verlegen den blauen Atlasverzierungen des braunen Kleides, auf⸗ wärts an der herrlichen ſchlanken Geſtalt, an den ſinn⸗ verwirrenden Falten des Kleides, den weichen Wellen der Glieder bis in das blaſſe ruhige Geſicht, wo eben jetzt ein Lächeln thront, das aber nicht Kraft genug hat, die Winkel des feingeſchnittenen Mundes zu heben, die geſenkt bleiben wie immer und dem jugendlichen Geſicht für gewöhnlich eine ſo rührende Miſchung von Bitterkeit und Trauer geben. Auch jetzt iſt der Ge⸗ ſichtsausdruck Erneſtinens kaum ein heiterer zu nennen. „Nun, mein lieber Tondern? Warum unterbrachen Sie ſich? Sie wollten mir eine Aufklärung geben, was man gemeiniglich unter dem Wort Liebe verſteht; Sie werden geſtehen, immerhin ein intereſſantes The⸗ ma für ein Mädchen von fünfundzwanzig Jahren. Nun, Sie ſchweigen? Sie ſind nicht höflich! Und ich habe Sie ſo hübſch wegen Ihrer Beförderung be⸗ glückwünſcht!“ „Vielleicht weil ſie mich von hier fortführt“, ſtot⸗ terte Tondern. Vielleicht“, lächelte die Gräfin mit einem unüber⸗ ſetzbaren Zug von Schlauheit; und die roſigen Finger, . 8⸗ welche ſich zerſtreut an den Aermel geklammert, lie⸗ ßen dieſen los und zeigten den Arm in ſeiner vollen blendenden Schönheit. „Es erſcheint mir wie ein Frevel“, fuhr Tondern fort, deſſen Verſuche, heiter zu ſein, immer wieder un⸗ ter dem unwillkürlichen Zucken ſeiner erregten Züge ſchwanden,„es'iſt ein Frevel, da eine kalte Be⸗ griffsbeſtimmung zu verſuchen, wo man die Nähe des Gottes allmächtig fühlt.“ Einen Moment heftete Gräfin Erneſtine ihr ruhi⸗ ges braunes Auge voll auf den ihr gegenüber ſitzenden Mann, der mit ſeinem Klapphut ſpielte und verlegen wie ein Schüler vor ſich niederſah. Ihr Antlitz war blaß und ernſt und ihre Stimme klang faſt hart und abweiſend: „So! Dann will ich eine Erklärung verſuchen, Herr Baron! Die Liebe, die ſelbſtlos und höchſte Selbſtſucht doch ſich wie der Schleier der ſchaunige⸗ borenen Göttin um zwei Weſen ſchlingt und beide zu gleicher Zeit und gleich beglückt, iſt eine Erfindung der Dichter, weiter nichts. Außer den Dichtern gibt es noch unglücklich angelegte, maßloſe oder unſelbſt⸗ ſtändige Menſchen, welche ſtets aus ſich herausdrän⸗ gen, deren Phantaſie, um nicht Herz zu ſagen, ſtets einer Stütze außer ſich ſelbſt bedarf. Dieſe putzen ſich —— das nächſte beſte Geſchöpf, ſei es ſo gut oder ſo werth⸗ los, wie es wolle, zum Götzen heraus mit dem, was ihnen und blos ihnen allein gehört, bis das in der Gewohnheit erkaltete Herz keinen Schmuck mehr zu verſchenken hat und Götze und Götzendiener ſich an⸗ gähnen in unſaglicher Langweile. Das iſt die Liebe oder was man ſo nennt!“ Gräfin Erneſtine ſchwieg. Ihr Geſicht ſah aus, als zähle es dreißig Jahre; die Mundwinkel lagen tiefer als je. Der Arm war der Länge nach auf dem Tiſchchen ausgeſtreckt; der braune Aermel war darüber gefallen und bedeckte ihn. Die ganze Geſtalt ſchien in ſich zuſammengebrochen. Tondern ſchaute faſt erſchreckt auf ſie. Die Rol⸗ len waren getauſcht. Es war ihm plötzlich, als hänge das Glück ſeines Lebens daran, dieſes ſchöne, liebrei⸗ zende Weſen mit dem erkalteten Herzen wieder aufzu⸗ erwecken zu nie endender Seligkeit. Und doch war er gekommen, blos um im Kampf gegen ſeinen Vater eine Bundesgenoſſin und das Ohr des Königs zu gewinnen. Auch ſeine Stunde war da. Er liebte Erne⸗ ſtine. „Und von jenem ſich ſelbſt Vergeſſen im Glück des Andern, von jenem innigen Doppelleben zweier 118 Seelen, wo eine ſich an die andere ſchmiegt und an ihr ſich feſtklammert, ſei es auch in Täuſchung über ihren Werth— was iſt Werth anders, als was man dazu macht?— von dieſer Liebe haben Sie nichts geahnt?“ Baron Tondern war aufgeſprungen und ſtand eine Zeit lang mit verſchlungenen Händen wie be⸗ ſchwörend vor der jungen Dame. Dann machte er einige Schritte unruhig durch das Zimmer. „Das iſt nicht wahr! Das iſt nicht Ihr Ernſt! Solche Anſchauungen ſind unnatürlich, ſind— ver⸗ zeihen Sie mir— abſurd bei einem ſo jungen Weſen ohne Erfahrung.“ Ein faſt idealer Schimmer lag über den bleichen Zügen des Barons; vielleicht zum erſten Mal in zehn Jahren ſprach er derb und aufrichtig die Wahrheit Die Liebe hatte ihn ſo ſprechen gelehrt. Und Alles, was er ſonſt gedacht und geplant, hatte er glücklich vergeſſen. Die Gräfin ſchaute klar und kühl in den Wetter⸗ ſchein der Leidenſchaft. „Man macht die Erfahrungen nicht blos an ſich allein, Tondern! Uebrigens haben Sie mich nicht zu Ende gehört, Baron. Es gibt ja Weſen, für welche es auch die Liebe gibt, die Liebe, proprement dit. —-—— 119 Vielleicht habe auch ich zu jenen Weſen gehört— was wiſſen Sie davon! Vielleicht habe auch ich mir meinen Götzen mit dem Flittergold der eigenen Seele ausgeſchmückt, und raſcher, als es ſonſt geſchieht, iſt jener Schmuck entführt. Vielleicht lag das einzig an mir. Gleichviel, es kommt ja ſchließlich auf daſſelbe hinaus, ob man unglücklich iſt, oder ſich dazu träumt, ob man ſich in Seligkeiten hineinlügt; nur ſelbſt⸗ gefällige glückliche Narren machen einen Unterſchied. Aber ich habe einen andern Factor gefunden, der Alles ausgleicht— den Verſtand. Er wird mir keine glücklichen Täuſchungen geſtatten, aber er wird mich auch nicht elend machen. Und das gelehrige Herz wird ſich endlich auch überreden laſſen, den Mann, den der Verſtand ihm vorſchlägt—“ „Zu lieben?“ fragte Tondern, und ſein Athem ſtockte. „Das nicht, aber zu heirathen.“ Baron Tondern ſtand lange, ſeiner Bewegung nicht mehr mächtig, vor Erneſtinen. „Sie wiſſen“, begann er endlich wieder langſam und mit Betonung,„daß ich, ſeit ich Sie geſehen, kein höheres Glück erſehne, als Ihr Gatte zu werden.“ Er log, aber er glaubte die eigene Lüge; es ſchien ihm unmöglich, daß er Erneſtine nicht immer geliebt habe. „Ich will es Ihnen glauben, da Sie mir's ſagen.“ „Darf ich hoffen, daß Ihr Verſtand meinen Wün⸗ ſchen bei Ihrem Herzen zu Hülfe kommen werde?“ Der Freiherr kniete nieder und führte die Hand der Comteſſe, die bleich und ſchlaff herabhing, an ſeine Lippen. Ihr Geſicht glich in dieſem Augenblick dem einer Sterbenden, und die andere Hand preßte ſie ans Herz, als ob es ſie ſchmerze. Tondern bemerkte es nicht; als er ſich erhob, hatten ihre Züge ſchon wieder den gewohnten ruhigen Ausdruck angenommen. „Sie werden nach Berlin gehen; das Leben in Berlin nennt ſich geiſtig belebter als bei uns“, nahm die Comteſſe in ruhigem Geſellſchaftston das Geſpräch wieder auf, als wolle ſie mit dem Verſtande die ſchwüle Atmoſphäre zerſtreuen, welche die Unterhal⸗ tung von vorhin in dem zierlichen Raum zurückgelaſſen hatte.„Und ſoviel ich ſelbſt während meines dor⸗ tigen Aufenthaltes mit Papa kennen lernte, hat man auch ein Recht dazu, wenn man dem disciplinirten, auf Zweck und Repräſentation dreſſirten Geiſt vor der ſogenannten Genialität den Vortritt laſſen will. Sie werden dort ſelten zündende frappante Ideen, neue Anſchauungen zu hören bekommen, aber es wer⸗ —.— 121 den Ihnen viel weniger geradezu albern redende Men⸗ ſchen begegnen, und ſelten macht ſich dort die mittel⸗ mäßige Subjectivität ſo unangenehm breit auf Koſten Anderer als in Süddeutſchland. Dem Süddeut⸗ ſchen ſind die eigene Perſon, die eigenen Anſchauungen, die eigenen Erlebniſſe das intereſſanteſte Thema; er ſpricht, wo es angeht, zumeiſt von ſich, mit viel Hu⸗ mor und Geiſt zuweilen, aber doch von ſich; der Nord⸗ deutſche ſpricht über einen Gegenſtand, den er für beide Theile gleich intereſſant hält.“ Vollkommen ohne Faſſung ſaß Angelo vor der Dame, die ſo eben die höchſten Probleme des menſch⸗ lichen Herzens berührt und mit bebender Stimme ihm die Ausſicht auf ihre Hand gewährt hatte und nun ruhig, ſicher und ſcharf von den geſellſchaftlichen Unter⸗ ſchieden Nord⸗ und Süddeutſchlands reden konnte. „Und dennoch iſt bei uns die norddeutſche Art ſich zu geben nicht beliebt“, kam der Baron glücklich mit ſeiner Redensart zu Stande, als er die Augen der Gräfin kalt und wie ſpöttiſch auf ſich ruhen fühlte. „Das iſt nur natürlich“, fuhr die Comteſſe in demſelben kühlen Tone fort.„Da der Norddeutſche im Verkehr viel ſachlicher iſt und weniger an ſich denkt, ſo iſt es ihm, auch wenn in dem betreffenden Fall der Einzelne geiſtig niedriger ſteht, verhältnißmäßig leicht, unſere Landsleute zu überſehen und ihnen mit der Sache die Ausführung über die Perſon zu kreuzen. Das erſcheint nun dem Süddeutſchen arrogant, kalt, gemüthsdürr; die ſüddeutſche Gemüthlichkeit, die dem kalten Witz ſo viele Blößen bietet, fühlt ſich unſicher, empfindlich gegenüber einer gewiſſen, wenn auch noch ſo ſterilen Schlagfertigkeit, zu welcher die norddeutſche Geſellſchaft traditionell erzogen iſt. Und im Allge⸗ meinen findet man im Norden mehr Erziehung.“ Gräfin Erneſtine ſeufzte auf, als ob ſie mühſam ein Gähnen unterdrückte. „Das Alles gefällt mir beſſer, als jene Herzens⸗ güte und Romantik, die an ſich ſelbſt nicht glaubt. Sie dürfen ſich Glück wünſchen, Baron, daß Sie ge⸗ rade nach Berlin kommen! Es war ja auch noch eine andere Perſönlichkeit beim Könige in Vorſchlag ge⸗ bracht, wenn ich recht unterrichtet bin?“ Tondern hatte ſeine Faſſung wiedererlangt. „Man hat Ihnen die Wahrheit geſagt, Gräfin“, antwortete er, die Blicke feſt auf ſie gerichtet, als wolle er jedes Zucken ihres Herzens erſpähen;„Ulrich von Helmberg hat jedoch abgelehnt, aus politiſchen Gründen, wie er ſagt.“ „Aus politiſchen Gründen? Sie betonen das ſo ſonderbar, Baron, als wüßten Sie andere?“ „Helmberg erzählt ſie mit echt ſüddeutſcher Ge⸗ müthlichkeit Jedermann, der ſie hören will, ſo ſehr privater Natur ſie auch ſind.“. „Sie haben eine ganz außerordentliche Gabe, un⸗ ſere weibliche Neugier aufs höchſte zu ſpannen, Ton⸗ dern!“ ſcherzte Gräfin Erneſtine mit faſt unheimlicher Heiterkeit. „Nun ja“, ſagte Tondern, und in ſeinem halbge⸗ ſchloſſenen müden Blick ſchimmerte etwas wie Schaden⸗ freude, ſich jetzt für die politiſch⸗ſociale Vorleſung rächen zu können, mit der ſeine Aufwallung, die erſte ſeit Jahren, gedämpft worden war.„Nun ja! Helm⸗ berg will eben in der Nähe der hübſchen Schauſpie⸗ lerin bleiben, die ihn vollſtändig in Feſſeln geſchlagen hat. Denn Fräulein Meta Ring hat ihre Gründe, nicht nach Berlin zu wollen, wo ſie einmal wegen einiger zu kühnen Attaquen auf die Börſe eines hoch⸗ geſtellten jungen Mannes ausgewieſen wurde. In⸗ folge deſſen ſchlägt ihr getreuer Ritter die Sendung nach Berlin und damit ſeine ganze künftige Carrière in den Wind; denn das Oberſtſtallmeiſteramt iſt ver⸗ lorene Zeit, ein Ruhepoſten, auf dem ein junger Cava⸗ lier nichts lernt, als was er kennt, und nichts wird, als was er längſt geweſen iſt.“ Die Spitze traf; Erneſtine hatte das raſche Wort verlernt; ſie ſah nachdenklich vor ſich nieder und ſagte: „Der Graf von Helmberg handelt ſehr unklug und wenig ſeinem Stande angemeſſen.“ „So ſtreng möchte ich nicht ſein, Gräfin! Jedem ſteht es in ſolchen Dingen frei, ſeinem eigenen Kopfe zu folgen, und ſei dieſer ſo ſonderbar als möglich ein⸗ gerichtet, ſolange er Niemand verpflichtet iſt und nur ſich ſelber ſchadet.“ „Solange er Niemand verpflichtet iſt und nur ſich ſelber ſchadet!“ wiederholte Erneſtine wie im Selbſtgeſpräch und als habe ſie die Anweſenheit des Mannes längſt vergeſſen, der ihr, Wuth im Herzen, mit zuſammengepreßten Lippen und lauernden Blicken gegenüber ſaß. Dann erhob ſie raſch das feine Ge⸗ ſicht.„Im andern Falle wäre er ein Knabe, ein Erbärmlicher, nicht wahr?“ Düſter und in ſich zuſammengekauert ſaß der Baron. „Vielleicht! Jedenfalls würde er nicht einmal Ihren Zorn verdienen.“ „Meinen Zorn? Wer ſpricht von mir? Warum ſprechen wir überhaupt ſo viel von Helmberg?“ „Sie ſind es, Gräfin, welche von ihm redet— ich gebe Antwort.“ ———— 125 „Ja, ja, Sie haben Recht! Sie wiſſen, wir ſind Gutsnachbarn; wir verkehrten viel. Es macht immer einen fatalen Eindruck, wenn man hört, daß Jugend⸗ freunde in ſchlechte Geſellſchaft gerathen ſind. Er war heiter und froh, wenn er zu uns kam, nur etwas zu lebhaft; nichts im Zimmer war vor ſeiner Unruhe ſicher. Einmal warf er Mamas große Etagère um in ſeiner Haſt, daß faſt alle die japaneſiſchen Seltenheiten zerbrachen, die darauf ſtanden. Von jener Zeit an fühlte ich immer eine gewiſſe Beängſtigung, wenn er mit haſtigen Schritten und klirrenden Sporen durch unſern Salon dröhnte. Außer ſich konnte er aber gerathen, wenn wir ſeine neueſten Lieblingsdichter nicht geleſen hatten.“ In die haſtige, verlegene Unſicherheit, mit der Er⸗ neſtine alles das ſagte, miſchte ſich etwas von dem urſprünglichen Reiz jener Erinnerungen; denn wäh⸗ rend ihre Lippen ſich ob der polternden Idealität ihres Jugendfreundes verächtlich herabzogen, rötheten ſich die Wangen leicht und in ihren Augen blitzte ein flüchti⸗ ger Strahl jenes ausgelaſſenen Jugendmuthes, in dem ſie einſt mit„Nachbar Ulrich“ über Gräben und Hecken geſprungen war. „Jene Eindrücke müſſen ſehr mächtig geweſen da ſie Ihnen jetzt noch ſo lebhaft gegenwärtig ſein, 126 ſind“, ſagte Angelo von Tondern traurig; aber in ſei⸗ nem Herzen kochte bitterer Groll gegen den einſtigen Pagen, der immer den Vorrang vor ihm hatte und 4 ihm überall und in Allem entgegentrat. V Erneſtine machte eine Bewegung, als habe ſie einen läſtigen Alp abzuſchütteln; ihre braunen Locken zitterten, ihr Mund lächelte. „Bah, Tondern! Der einzige Eindruck, den er mir zurückgelaſſen hat, iſt der, daß ich alles Zerbrech⸗ liche hübſch beiſeite räumen würde, wenn ich wüßte, daß er käme!“ „Nicht vorlaſſen wäre einfacher“, meinte Baron Tondern ernſt. 6 „Nicht vorlaſſen? Nein! Dann würde alle Welt glauben, mein Herz ſei jenes Zerbrechliche!“ Tondern lachte, aber es kam ihm nicht recht von Herzen. Auch entſprachen Erneſtinens Züge nicht ganz ihren Worten. „Warum lachen Sie?“ „Weil Sie ſo geiſtreich ſpotten Erneſtine ſah ihn faſt erſchreckt an. „Spotte ich? Ja, in der That, ich ſpotte! Und dennoch iſt mir's unangenehm, wenn Sie lachen und nicht gut von ihm reden, Tondern. Wir bleiben ewig Kinder! Ulrich war Ihr Freund!“ 1 . „Auch der Ihre, Gräfin.“ „Gewiß! Warum ſoll ich's auch verbergen, daß ich's weiß? Wer könnte auch Ihnen etwas ver⸗ bergen, Tondern! Der Graf erzählte es nicht Jeder⸗ mann, der es hören wollte, wie ſehr er mich verehre, wie jetzt— wie jetzt von— wie heißt doch die Dame?— von Demoiſelle Ring. Wie die alten Ritter weihte er ſich meinem Dienſt und Schutz; alle Gedichte, die er geleſen, trug er mir vor mit einem Pathos, vor dem die Hallen zitterten. O, das war etwas ganz Anderes als Ihre hypokritiſche Galanterie, Tondern, die ſich bisher immer den Rückzug offen hielt, um jedem Refus auszuweichen!“ „Um zu vermeiden, mich lächerlich zu machen, Comteſſe! Meine Worte ſind weniger pathetiſch, aber echter! Ihr Verſtand wird das nur billigen!“ Erneſtine ſtand auf und reichte dem Baron die Hand. „Mein Verſtand! Es iſt freundlich von Ihnen, daß Sie mich daran erinnert haben! Das Pathos übt immer eine gewiſſe Macht aus auf das Unbewußte in uns, ſelbſt in der Erinnerung!“ „Und auf die goldenen Flitter des Herzens“, kreuzte Tondern das halbe Geſtändniß Erneſtinens. „Mit Ihrer Hülfe wird es mir vielleicht gelingen, dieſe Flitter in die gewöhnliche gangbare Münze des Lebens umzuprägen. Ich brauche einen klugen Mann, Tondern. Und Sie ſind klug, faſt ſo ſehr wie meine Mutter, und meine Mutter iſt ſehr klug!“ Erneſtine ſeufzte tief auf und ließ ihre Hand lange in der ihres Verlobten, ohne Beben, ohne Zucken— ſchmal, bewegungslos und kalt. „Bin ich ſicher, Excellenz Ihre gnädigſte Frau Mutter nicht zu ſtören, wenn ich ihr morgen meine Aufwartung mache?“ „Meine Mutter wird ſich freuen, Sie zu empfan⸗ gen. Sie war ſchon der Herold Ihrer Vorzüge, lange bevor ich mir ſelber klar war. Sie hat eine hohe Achtung vor Ihren Fähigkeiten.“ „Sehr gütig! Ich bitte, Excellenz darauf vorzu⸗ bereiten, daß ich Sie morgen bitten werde, mich als Dero gehorſamen Sohn betrachten zu dürfen.“ „Sie dürfen es 4— Baron Tondern beugte ſich noch einmal auf Er⸗ neſtinens Hand, um ſie zu küſſen; dann ging er, ſeiner Sache ſicher, aber ſeines Glückes nicht froh. Erneſtine blieb allein. Nach Art der Bräute hätte ſie zu ihrer Mutter eilen und ihr die freudige Botſchaft mittheilen ſollen. Erneſtine dachte, dazu ſei morgen noch Zeit, eine „ —— 4 429 Stunde bevor der Baron kommen würde. Ihre Mut⸗ ter hatte dieſe Verbindung gewollt; von ihr war kein Widerſpruch zu erwarten. Der Vater Erneſtinens wußte von nichts. Nur ſeiner Gedankenwelt und dem höheren Anekdotenklatſch der„Geſellſchaft“ lebend, verlangte er von ſeiner Fami⸗ lie in der Regel nichts, als daß ſie ihm zuhöre. Wollte die Gräfin oder Erneſtine etwas ernſtlich mit ihm berathen, ſo hatte er gewöhnlich ſo weit von der Sache abſchweifende, unmöglich auszuführende Ideen, daß Gattin und Tochter aus ſtillſchweigender Ueber⸗ einkunft ihn in allen Fällen, wo er ſchaden konnte, einfach aus dem Spiele ließen, bis ſie mit einem fait accompli vor ihn hintreten konnten. Dieſes ließ er ſich anfangs überraſcht gefallen, bis er am zweiten Tage entdeckte, daß ja die Idee eigentlich von ihm ausgegangen und nur noch am Detail der Ausfüh⸗ rung da und dort etwas auszuſetzen ſei. Am drit⸗ ten Tage endlich hatte ſich der Oberceremonienmeiſter Initiative und Ausführung mit allen ihren Details glücklich angeeignet; er ſah darin eine neue Beſtä⸗ tigung ſeines niemals angezweifelten Eſprit, und ſein Entzücken erreichte den Höhepunkt. Daher kam es, daß der geiſtreiche Mann auch nicht für ſtimmberechtigt angeſehen wurde, als es fich um die Wahl eines v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. I. 9 — — Bräutigams für ſeine Tochter handelte. Verwandelte Graf Tegernheim ja die Situation ſo vollſtändig, daß er dann und wann im engſten Familienkreiſe den Gra⸗ fen Ulrich in ganz unzweideutiger Beziehung erwähnte, was das unbewegliche Antlitz der alten Gräfin noch ſteinerner machte und um Erneſtinens Lippen einen bitteren Zug legte, von dem man nicht wußte, ob er dem Schmerz oder dem Zorn angehöre. Erneſtine hatte alſo keine Eile, das wichtige Er⸗ eigniß zu verkünden; Couſine Eva war ausgefahren, ganz allein und ſchmollend, nachdem ſie die Comteſſe mit Thränen in den Augen um Vergebung angefleht und ihr vergeblich verſprochen, nur im allerkürzeſten Galopp zu fahren; und ſeit lange waren die wilden Hufſchläge der Ponies in den Wegen des Parks ver⸗ hallt. Und wäre Eva auch dageweſen, Erneſtine hätte ſie doch nicht zu ihrer Vertrauten gemacht; ein glühen⸗ des Roth ſchoß ſogar über ihr Geſicht, wenn ſie daran dachte, daß Couſine Eva früher oder ſpäter doch er⸗ fahren mußte, daß und mit wem ſie Braut ſei. Mit langſamem, ſchleppendem Schritte ging Erne⸗ ſtine zu ihrer Etagére und kramte unter den hundert niedlichen Sachen, die dort ſtanden. Da kamen japa⸗ neſiſche Spielereien zum Vorſchein: ein Käſtchen von — 134 ſeltenem Holz, mit glänzenden Steinen und Gold kunſt⸗ voll eingelegt; aber der Deckel war zerſprungen und hatte einen Theil ſeiner Blumen verloren; der Fächer, den ſie jetzt ergriff, war an mehreren Stellen geknickt, und als ſie die zierlich geſchwungene, mit ja⸗ paneſiſcher Schrift bemalte Vaſe ergriff, fiel ein loſe befeſtigtes Stück daraus klirrend zu Boden. Erneſtine ließ es liegen, und das Andere wan⸗ derte ins Feuer, daß die Flamme hoch aufſprühte. Es waren die letzten Erinnerungen an die umge⸗ ſtürzte Etagère ihrer Mutter. Dann trat ſie an ihr kleines, an roth und ſi ber⸗ nen Schnüren hängendes Bücherbret, wo in prächti⸗ gen Einbänden die Diamantausgaben ſalonfähiger Dichter ſtanden. Sie griff nach einem derſelben; es war Graf Moritz Strachwitz. Sie ſchlug das ziemlich abgegrif⸗ fene Büchlein auf. Ganz vorn in der Ecke ſtand ver⸗ gilbt, doch mit feſter derber Junkerhand: Graf Ulrich Helmberg. Das Buch bebte in Erneſtinens Hand. Haſtig blätterte ſie weiter; aber man entflieht ihnen nicht, den Geiſtern deſſen, was man geweſen. Bei einem verblaßten grünen Bande hielt ſie inne dort ſtand des ritterlichen Poeten vielleicht ſchönſtes Lied, das ſie ſo . 9* -————— 5—, 6 — 132 oft mit dem donnernden Pathos einer zwanzigjährigen Stimme gehört! Mein altes Roß, Mein Spielgenoſſ', Was ſiehſt du mich wiehernd an? Deine Sehne wie lahm! Meine Seele wie zahm! Wir reiten nicht mehr hindann. Du ſchüttelſt das Haupt, Deine Nüſter ſchnaubt— Ich glaube, du träumſt, Kamerad! Wir fliegen zuſamm' Ueber'n Bergeskamm Den alten geliebten Pfad. Ein knarrendes Thor— Du ſcharrſt davor, Deine ſchäumende Stange tropft— Ein rauſchend Gewand, Eine weiße Hand, Die den funkelnden Hals dir klopft. Es ſtäubt der Kies— Schlaf' ſüß— ſchlaf' ſüß! Und hinaus in die blauende Nacht— Ueber'n thauigen Rain Im Mondenſchein Dahin mit Macht, mit Macht! 133 Verhängt den Zaum— Im Herzen den Traum, Auf der Lippe den letzten Kuß— Dumpfſchallender Huf Und Wachtelruf Und fern ein rauſchender Fluß. Der Nachtwind haucht, Das Mondlicht taucht In das ſilberne wogende Korn. Voll blüht der Mohn Und mit ſchläfrigem Ton Flüſtert der Hagedorn. Einen letzten Blick Zurück, zurück Auf der Liebſten ſchlafendes Haus. Mein Kamerad, Wie ſchad', wie ſchad'— Das Alles, Alles iſt aus. Mein Kamerad! Den geliebten Pfad, Den hat verwehet der Schnee— Und das Thor verbaut, Und verloren die Braut, Und mein Herz ſo weh— ſo weh! Nur mühſam hatte Erneſtine die letzten Zeilen entziffert— die Verſe verſchwammen in Thränen. Unwillig ſchüttelte ſie den Kopf und mit trotzigem Lachen warf ſie das Buch ins Feuer. Die Blätter bauſchten ſich ächzend auf; die goldgepreßten Deckel falteten ſich von ſelbſt auseinander, wie die Fittige eines in Todesqual verendenden Lebens, und hoch⸗ auflodernd ſchlug die Flamme darüber zuſammen. Dann ſank ſie und erloſch; ein Häuflein dunkler Aſche war noch übrig, auf dem die rothen Funken fiebernd irrten, im Sterben noch von dem, was einſt ihr theuer, ein zitternd wehmuthsvolles Abſchiedswinken. Erneſtine ſtand vor dem Kamin und ſah hinein, bis der letzte der Funken erloſchen war. Dann ſank ſie bleich in einen Fauteuil, und wie die Stimme Ul⸗ rich's drang's durch ihre traumbefangenen Sinne, ſo leiſe und todestraurig: Wie ſchad'— wie ſchad'— Das Alles, Alles iſt aus. Sechstes Kapitel. Das dunkle Geſchenk. Angelo von Tondern war zu Hauſe angelangt. Zum erſten Mal kannte er jetzt die Liebe, wie er nie daran geglaubt. Als er zu Erneſtinen ging, hatte er ſich in ihr nichts gewinnen wollen als ein williges Werk⸗ zeug für ſeine Pläne, eine Waffe gegen Vater und Bruder. Nun, da er von ihr zurückkehrte, war ſie der Zweck ſeines dunklen Lebens geworden; mit wilder Angſt dachte er an die Möglichkeit, daß die Entſchei⸗ dung des Königs vielleicht zu früh und gegen ihn er⸗ folgen und ihn an den Rand des Elends brin⸗ gen könne, das ihn auch von Erneſtinen trennen mußte. Seine zahlreichen Gläubiger waren bis jetzt nur durch die Erwartung, daß er alleiniger Erbe ſeines Vaters werde, zurückgehalten worden, ihm Verlegenheiten zu 136 bereiten; denn wenn er auch Majoratsherr blieb, ſo reichten ſeine Einkünfte in zwanzig Jahren kaum zur Bezahlung deſſen hin, was er in einem raſch verbrauch⸗ ten verſchwenderiſchen Jugendleben ausgegeben. Und er mußte auf demſelben Fuß weiter leben, wollte er nicht einen Theil ſeines Einfluſſes verlieren und damit eine ſeiner ſchärfſten Vertheidigungswaffen aus der Hand geben. Kam es ſo weit, ſo konnte der geſell⸗ ſchaftlich Entehrte auch ſeine diplomatiſche Stellung nicht mehr einnehmen. Er gab ſich keinen Augenblick einer Täuſchung hin, daß Erneſtine, welche nach eige⸗ nem Geſtändniß blos durch Verſtandesrückſichten bewo⸗ gen ward, ihn zu heirathen, ihm nicht folgen werde in Schmach und Elend. Und er wollte ſie beſitzen; mit der ganzen Kraft ſeiner finſtern Seele klammerte er ſich an dieſe Leiden⸗ ſchaft an, die erſt ſeit wenigen Stunden zu ſeiner Erkenntniß gelangt war; nun bekämpfte er Vater und Bruder um Erneſtinens willen. Bis jetzt hatte er kalt und rückſichtslos ſeinen Weg verfolgt, trotzdem er über das Glück und die Ehre ſeiner Familie führte; aber er hatte dieſe nicht gehaßt— jetzt haßte er ſie. Immer heftiger wurde ſeine Angſt und mit ihr ſein Zorn; er dachte an die letzten abweiſenden —— — 137 Worte des Königs, an einige Andeutungen, die er vernommen, wonach ſein Vater um eine Audienz nachge⸗ ſucht habe, die ihm gewährt worden ſei, und dazu kam das Gefühl, daß er dem jungen König damals die Angelegenheit in manchen Einzelnheiten falſch dar⸗ geſtellt habe. Angelo, dem ſeine Ruhe und Kälte bis jetzt in dem Streite mit ſeinem Vater ein ſo großes Ueberge⸗ wicht gegeben hatte, war plötzlich unſtät und ſchwan⸗ kend geworden. Siedend heiß und ſich überſtürzend ſtürmten ihm die Pläne zum Gehirn, und dazwiſchen miſchte die wiedererwachte Phantaſie des verwöhnten Mannes ihre Träume von Pracht und Luſt an der Seite Erneſtinens; die Begier ſtachelte den Haß und die Furcht trieb ihn zu immer tolleren Sprüngen. Angelo von Tondern hatte, ſo wenig er ſich zu be⸗ herrſchen vermochte, ein dumpfes Urtheil über ſeinen eigenen Zuſtand, und das ängſtigte ihn wieder, denn er fühlte, ſeine Sache war verloren, wenn er den Kopf verlor. In dieſer Stimmung trat er in die Wohnung, welche er in einem der das Schloß umgebenden halb⸗ bäueriſchen Logirhäuſer genommen. Seine Fenſter gingen auf den See, der dunkel⸗ grün und regungslos zwiſchen reichbelaubten Hügeln träumte, über denen die zackige Gebirgskette duftig ver⸗ dämmerte— ein Bild, wohl würdig, ſich ganz darein zu verſenken, wie es der lange Burſche zu thun ſchien, der in grauer, grünverſchnürter Jägeruniform am Fenſter ſtand, die eine Hand geballt am Sims, mit den braunen Fingern der andern am Horngriff ſeines Hirſchfängers ſpielend. Als der Mann ſich beim Eintritt des Barons umwendete, bewies der Ausdruck ſeines Geſichts, daß er eher an alles Andere, nur nicht an den ſtillen Frie⸗ den dieſer herrlichen Landſchaft gedacht hatte. Es war der Grüne, wie ihn der Chriſtian Wallauer beim Kegelſpiel getauft, Thomas Grund⸗ ner, der Leibjäger, der, wie ſein Herr, nicht gern ver⸗ lor und die Beweiſe davon in Geſtalt einer blutrün⸗ ſtigen blauen Geſchwulſt deutlich auf der Stirn trug. Der Burſche, der ſeit Jahren ſeinen Herrn auf deſſen Reiſen begleitet hatte, um viele ſeiner Geheim⸗ niſſe wußte und ſich daher etwas erlauben durfte, blieb mürriſch in der Mitte des Zimmers ſtehen, nach⸗ dem der Baron eingetreten war und ſich finſter in die Ecke des ſchlechten Sophas geworfen hatte. Nach einer Weile blickte Angelo auf. „Was machſt Du da?“ Und als Thomas mürriſch ſchwieg, begann ſein Herr wieder mit einem ſcharfen 139 mißmuthigen Blick:„Wie ſiehſt Du aus! Haſt Du wieder einmal gerauft? Hier in Fels kann ich keinen Skandal brauchen, hörſt Du!“ Der Grüne blickte trotzig auf und fragte: „Gibt's noch einen jungen Herrn von Tondern?“ Baron Angelo zuckte zuſammen. „Du biſt unverſchämt, Thomas! Wie kommſt Du zu dieſer Frage?“ „Ich will Ihnen Alles erzählen, Herr Baron, nur ſagen Sie mir, ob es noch einen jüngeren Herrn von Tondern gibt?“ „Nein.“ „So hab' ich doch Recht gehabt!“ ſeufzte der Tho⸗ mas tief auf.„Jetzt kann ich's ja ſagen. Einer, den ſie den Bruder meines gnädigſten Herrn g'heiß'n hab'n, hat mich hinterrücks niederg'ſchlag'n, weil ich net glitt'n hab', daß man ſagt, es gäb' zwei junge Herrn von Tondern.“ Angelo wurde aufmerkſam; bleich und erregt rich⸗ tete er ſich in der Sophaecke auf. „Wer hat Dich niedergeſchlagen?“ „Ein königlicher Bereiter, Johann Helmberg, den ſie den Bruder des Herrn Baron und auch einen Herrn Baron heißen.“ Die Lippen Angelo's preßten ſich zuſaummen. „So? Und wie trug ſich die Sache zu?“ „Nun, wie wird's gweſ'n ſein!“ erzählte Thomas, den Ernſt ſeines Herrn mißverſtehend, achſelzuckend und mit unſicherer Stimme.„Wir hab'n Kegel g'ſchoben und ich hab' ſie alle hing'ſchoben g'habt; da is auf einmal ein Reitknecht kommen, den keiner von den Herren Bedienten gekannt hat, und der hat's große Wort gführt und auch mitſpielen wollen; ich bin dumm g'nug geweſ'n und hab's gelitten und—“ „Haſt verloren!“ bemerkte der Baron, vergeblich bemüht, unter einem wegwerfenden Ton das fieber⸗ hafte Intereſſe zu verbergen, welches ihm das Aben⸗ teuer ſeines Jägers einflößte. „Ja, aber es is ſicher nicht mit rechten Dingen zugangen! Man ſchiebt net mir nix dir nix alle neune, wenn hundert Gulden ſtehen. Das is net in der Ordung!“ „So! Das iſt mir gleichgültig, Thomas! Ich wollte wiſſen, wie Du zu der Beule kamſt.“ .„Verzeihen's, ich bin ſchon dabei“, fuhr der Jäger, ſeine Hitze mäßigend, fort.„Wie der herg'lauf'ne Stallknecht mich ſo mir nix dir nix um die hundert Gul⸗ den hat bringen woll'n mit Betrug, da bin ich halt auch fuchtig word'n und hab' ihm g'ſagt: Ja, wer biſt Du denn eigentlich, du? Und da hat er mir *—— „—— + —— „ 141 geantwort't: Der Bediente vom jungen Herrn von Ton⸗ dern. Da hab' ich ihm g'ſagt, daß es blos einen jungen Herrn von Tondern gibt und daß der mein Herr is, und da hat der Lump gleich zug'ſchlagen. Wie ich ihn ſo grad' rechi beim Kravatt'l Fhabt hab', da is auf einmal— Thomas ſtockte und ſah unſchlüſſig auf ſeinen Herrn. „Weiter!“ mahnte dieſer. „Da is auf einmal ein kleines Many'l über'n Zaun g'ſprung'n und hat mich mit einer großmächtig'n Piſtol'n niederg'ſchlag'n, daß ich Hör'n und Sehn ver⸗ lor'n hab! Und wie ich wieder aufg'wacht bin, da ſind's fortg'weſ'n, und die Reſ'l, die Kellnerin, hat mir g'ſagt, daß ſie noch recht grlacht hab'n über mich und meinen Herrn Baron.“ Thomas ſchwieg und wartete auf eine Antwort ſeines Herrn. Als dieſer nur bleich und finſter lächelnd vor ſich niederſah, mißverſtand Thomas die Lage aber⸗ mals und ſtotterte unſicher hervor: „Ich hätt' mich g'wiß net ſo niederſchlag'n laſſ', wie n Ochs an der Schlachtbank, wenn's net der Bru⸗ der vom Herrn Baron g'weſ'n wär'“ Angelo von Tondern hob ſehr raſch den Kopf und blickte ſeinen Jäger bezeichnend an. „Ich habe keinen Bruder!“ Eine düſtere Freude zuckte über das Geſicht des Jägers, welches bei weiblichen Weſen ſeiner Klaſſe für ſchön galt und das doch mit den kleinen Augen, der breitzulaufenden Naſe und dem ſtarken Munde von Rechtswegen ſehr gemein und roh zu nennen war. „Wenn ich das g'wußt hätt'!“ ſeufzte der Jäger ingrimmig und griff nach ſeinem Hirſchfänger, noch immer ungewiß, wie ſein Herr es meine. Dieſer ſah ihm aufmerkſam und ernſt in die Augen. „Du weißt es jetzt, Thomas.“ Der Baron war ſehr bleich und unruhig geworden in ſeiner Sophaecke; er wechſelte mehrmals die Farbe und in ſeinen Augen glühte ein unheimliches Feuer, vor dem der Jäger die kleinen Augen zwinkernd ſchloß.. „Der Herr Baron“, begann Thomas endlich wie⸗ der mit unſicherem, erregtem Ton, als leide er an Athemnoth,„der Herr Baron können's net leid'n, wenn man ſagt, es gäb' noch einen jungen Herrn von Tondern—“ Die Blicke des Barons blieben gleich denen einer Schlange, die ihr Opfer beherrſcht, auf den zwinkern⸗ den Augen des Jägers haften. 143 „Allerdings iſt mir das nicht angenehm.“ Die Aufregung des Jägers wurde immer größer. „Wiſſen's, Herr Baron, daß ich früher einem Jeden den Hirſchfänger im Leib umgkehrt hätt', der ſo mit mir umgang'n wär'?“ Die Augen des Barons funkelten wie die eines Raubthieres; ſchnaubend und ungeſtüm blickte der Jäger im Zimmer umher. „Ich glaub' es und kann Dir nicht Unrecht geben“, ſagte der Baron. Thomas wiſchte ſich mit der braunen Hand den Schweiß von der Stirn. Dann fragte er mit ſtocken⸗ der, tonloſer Stimme: „Der Herr Baron können Ihren— will ſagen den Bereiter auch nicht leiden?“ „Ich habe ihn lange nicht geſehen“, ſagte der Baron mit erkünſtelter Gleichgültigkeit;„aber es kann mir nicht angenehm ſein, daß er ſich für meinen Bruder ausgibt und mit mir mein Eigenthum und meinen Namen theilen will.“ „Der ſchlechte Kerl!“ ſagte Thomas mit mehr Ueberzeugung als Höflichkeit. Dann fügte er lauernd hinzu:„Da wär's ja viel beſſer für meinen Herrn, der Kerl wär' todt!“ Wieder ſchoß ein verſengender Blick aus den —————— — 144 Augen des Barons; diesmal hielt der Leibjäger ihn aus. „Das wäre allerdings beſſer“, entgegnete der Baron dumpf. Der Jäger ſchwieg eine Weile und lachte ein paar⸗ mal halblaut und höhniſch vor ſich hin; ſeine harten langen Finger öffneten und ſchloſſen ſich krampfhaft. Der Freiherr war tief in Gedanken verſunken, aber es waren unheimliche Gedanken, die über ſein Antlitz zuckten, und manchmal ſchien er innerlich zu erſchrecken. Der Jäger unterbrach zuerſt das Schweigen. Er ſah ſich ſcheu um und ſeine Stimme klang flüſternd, als fürchte er gehört zu werden. „Nächſte Woch' ſoll es große Feſtlichkeiten geb'n in Fels, hab' ich von'nem Hoflakai g'hört, mit dem ich immer Kegel ſpiel. Auch eine große Sauhatz woll'n ſ halten im Wald, wo Alles der wilden Sau nachreit't über Stock und Stein. Weil nicht g'nug Cavalier' da ſind, ſo hat der ⸗König befohlen, daß alle Bereiter rothe Fräck anziehn und mitreit'n ſoll'n. Und Alles, was ein G'wehr trag'n kann, ſoll hohe gelbe Stiefel und grüne Röck' anthun und große Dreiſpitz' und Per⸗ rückn aufſetzen und die Jägerburſchen vorſtell'n, wie ſie vor alters g'weſ'n ſin, und alle Bauern aus der 145 Gegend ſoll'n treib'n. Ich hab' den Lakai bittet, daß er mir auch ſo ein altväteriſches Jägergewand'l und eine Perrück'e gibt und mich mitthun laßt, wenn's der Herr Baron erlaub'n. Das wird ein ſchönes Wirrwarr geb'n, wenn da Alles durcheinand der Sau nachrennt; da könnt' gar leicht einem Jägerbub'n das G'wehr losgehn und einen von den Rothen treffen, recht leicht!“ Ein leiſer, immer heftiger werdender Froſt ſchüt⸗ telte den Körper des Barons bei der Rede ſeines Jägers. Dicht vor ihm ſtand der Verſucher, tief und ſchwer athmend unter der Wucht des eigenen finſtern Plans— die Sache war verführeriſch ein⸗ fach; das wilde Gewühl der Jagd warf Alles durch⸗ einander; der von dem Drängen des Jägers durchs Gebüſch unverſehens aufgezogene Hahn ſchnappte nie⸗ der, der Schuß ging los und traf den Reiter, der zur Seite ritt. Wer hatte geſehen, daß der Kolben unmerklich zur Seite gedrückt und dem Rohr die Rich⸗ tung gegeben wurde nach dem rothen Rock? Es war eben ein Unglück, wie ſich leider auf der Jagd ſo viele ereignen, und der läſtige Eindringling war für immer beſeitigt, lag bleich und todt im Graſe. Und wenn man den unvorſichtigen Schützen wirklich faßte, weil er vorher mit dem Baſtard Streit gehabt v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. I. 10 146 — Thomas Grundner war kein Schwätzer, wo es ſein Leben galt; und wenn er ſchwach wurde, was konnte er gegen ſeinen Herrn ausſagen? Der Baron hatte ſein Zittern überwunden; er war zwar noch ſehr bleich und ſeine Augen ſchienen. größer geworden, doch feſt und ſicher ſtand er auf. „Ich gebe Dir gern die Erlaubniß, an dem Spiel Theil zu nehmen“, ſagte er freundlich. Dann trat er an einen mit grünen Vorhängen geſchloſſenen Schrank, der ſeine Jagdgeräthſchaften barg, die jeder Cavalier in die ſprichwörtliche Einſamkeit von Fels mitbrachte. Der Baron hob ein Gewehr heraus von alter⸗ thümlicher Arbeit, mit ſtark geſchweiftem, dünnem Kolben und Lauf und Schaft mit Gold und Perlmutter reich eingelegt. Des Leibjägers Augen blitzten, als er das koſt⸗ bare Erbſtück ſah, das der Baron mit großen Koſten nach neueſtem Syſtem hatte umändern laſſen, daß es jetzt ſchoß wie die modernſte Waffe. „Das Gewehr mag gut zu dem dreieckigen Hut und zur Perrücke paſſen“, ſagte er mit einem bezeich⸗ nenden Lächeln;„ich ſchenke es Dir. Ich weiß⸗ Deine Hand iſt ſicher, doch merke, man darf bei dieſer Waffe nie überſehen, daß der Abzug ungeheuer 5 147 leicht; das Streifen eines Blattes am Drücker— und der Schuß geht los! Das könnte leicht ein Unglück geben, Thomas! Alſo ſei vorſichtig!“ Mit einem breiten, düſtern Grinſen des Einver⸗ ſtändniſſes ſtreckte der Leibjäger die Hand aus, der Baron hielt noch immer die koſtbare Waffe feſt und ſagte: „Es war früher Dein Wunſch, nach Amerika auszuwandern, Thomas. Ich hielt Dich damals zurück. Ich habe meine Meinung geändert; da drüben machſt Du vielleicht Dein Glück; ich habe kein Recht, Dich daran zu hindern. Du haſt mir treu gedient; wenn Du noch auswandern willſt, ſollſt Du von mir ſo viel erhalten, daß Du Dir drüben ein hübſches Ackergut erſtehen kannſt.“ Der lange Thomas nickte und prüfte dann mit ſeinen braunen harten Fingern das Gewehr; er dankte nicht— Herr und Diener hatten ſich verſtanden. —— Siebentes Kapitel. Sie iſt dumm. Selten hatte Erneſtine aus dem Munde ihrer Mutter ein herzliches Wort vernommen; Schweigen war das Höchſte geweſen, was ſie hatte erreichen kön⸗ nen. Als ſie ihrer Mutter jedoch anzeigte, daß der Freiherr von Tondern kommen werde, um in aller Form um ihre Hand anzuhalten, die ſie ihm zugeſagt, da betrachtete die alte Gräfin von Tegernheim einige Augenblicke aufmerkſam das Antlitz ihrer Toch⸗ ter; dann ſchloß ſie dieſelbe ceremoniös in die Arme und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. „Daran erkenn' ich mein kluges, liebes Kind! Ich bin über Dein Geſchick beruhigt, Erneſtine! Ton⸗ dern iſt ein Mann, der weiß, was er will, und ſeinen Weg rückſichtslos verfolgt, kein ſentimentaler Narr, 149 der heute vergißt, was er geſtern gewollt, und den Jeder wenden kann, dem etwas daran liegt! Tondern kennt die Welt und darum auch den Werth einer klu⸗ gen Frau, wie Du zu werden verſprichſt, Erneſtine. Ihr ſeid beide klug und werdet Euch in einander fin⸗ den, und das iſt mehr werth als alle andern Thor⸗ heiten, mit denen man das Verhältniß zwiſchen Mann und Frau gewöhnlich aufputzen möchte. Zudem wird Tondern Carrière machen, und der König, der ſchon einmal für ihn Partei genommen, wird ihn auch fernerhin nicht fallen laſſen.“ „Der König“, murmelte Erneſtine und ſtarrte vor ſich hin. „Er wird ihn nicht fallen laſſen“, wiederholte die alte Gräfin bedeutſam,„und wäre es auch nur, weil er Dein Mann iſt— die Augen einer Mutter ſehen ſcharf.“ „Mutter!“ rief Erneſtine unwillig und ihr Geſicht flammte.„Was ſagen Sie da? Als ſich der König auf dem Kammerball ſo lange mit mir unterhielt, ſprachen wir von Muſik, von Literatur; der König traf vielleicht bei mir auf Neigungen in dieſen Kunſt⸗ richtungen, wie er ſie ſelber hat; er vergaß einen Augenblick, daß hundert Augen mich neidiſch betrach⸗ teten, daß hundert Ohren nach einem Wort von den 150 allerhöchſten Lippen lechzten, weil er das Intereſſe für ſein Lieblingsthema bei einem andern Menſchen wiederfand. Weiter war es gewiß nichts, Mutter!“ „Gutes Kind“, ſagte die alte hohe Dame faſt mitleidig und ihre welke, ringgeſchmückte Hand legte ſich wie koſend an die Wange der Tochter, daß dieſe vor der kalten Berührung erſchreckt zuſammenſchauerte, „gutes Kind, weiter ſoll es ja auch nichts geweſen ſein; aber es war genug, daß Majeſtät Dich nicht wieder vergißt, nachdem Du Dich einmal über das Niveau erhoben haſt, welches täglich ſein Auge inter⸗ eſſelos und ermüdet ſtreift. Wenn man erſt von ihnen gekannt iſt, hat man die erſte Stufe erklommen zu der Fürſten Gunſt!“ Erneſtine ſah ihre Mutter ernſt und bleich und mit großen Augen an. „Man ſagt, der junge König ſei ein edler Mann; ich ſelbſt weiß nichts Anderes von ihm als hochſinnige Worte. Dennoch glaube ich, daß mich, das Mädchen, ſeine beſondere Gunſt nicht heben würde in der Ach⸗ tung derer, an deren Achtung allein mir liegt.“ Die Herzlichkeit, die wie Spätſommerglanz auf kahler Flur das⸗harte Antlitz der alten Gräfin eine Weile überſchimmert, ſchwand, und grau und ſchmal trat das kantige Profil der Excellenz hochmüthig vor 151 zwiſchen dem ſchlichten grauen Scheitel und den vio⸗ letten Bändern ihrer Haube. „und wenn Du ſelbſt eines Königs Gunſt ver⸗ ſchmähſt, dem Dein Vater mit Ehrfurcht dient, ſo weiß doch Dein Mann vielleicht ſie mehr zu ſchätzen.“ „Mein Mann!“ Ein Fieberfroſt ſchüttelte Erneſtinens hohe, ſchmäch⸗ tige Geſtalt, als ſei der kühle Regenwind, der draußen in den Wipfeln des Parks ſein Weſen trieb, hereinge⸗ drungen durch die Doppelthür, die auf des Hauſes Marmortreppen führte und die ein galonirter Diener eben öffnete. „Merci, mon ami!“ tönte Eva's muntere Stimme herein, bei deren Klang der ſtrenge Zug im Antlitz der alten Gräfin herb und faſt unverſöhnlich wurde. In der weit geöffneten Thür erſchien Eva. Sie trug ein ſchwarzes Reitkleid, deſſen Schleppe faſt ſo lang war, wie ihre eigene kleine Geſtalt hoch; ein niedriger Cylinderhut mit blauem Schleier ſaß keck auf ihren reichen Locken, und in der mit eimem langen Stulphandſchuh bekleideten Rechten hielt ſie eine Reit⸗ peitſche. Die zierliche, vom Handſchuh entblößte Linke hob das Reitkleid vorn ein wenig, um das Gehen zu erleichtern. „Chere nièce“, begann die alte Dame und er⸗ hob ſo hochmüthig und verweiſend das Geſicht, daß Eva unwillkürlich im raſchen Sturmſchritt ihrer kleinen Füße inne hielt,„chère nièce! Sie finden uns hier in Geſellſchaftstoilette im Salon; wenn Sie uns die Ehre Ihrer Geſellſchaft erweiſen wollen, ſo möchte ich Sie einladen, auf Ihren Zimmern vorerſt Toilette zu machen. Sie können doch unmöglich mit Herren⸗ hut und Reitgerte hier Beſuche empfangen wollen!“ Eva hatte ſtehend die Rede ihrer Tante angehört, dann ſchüttelte ſie lächelnd den Lockenkopf. „Beruhigen Sie ſich, liebe Tante! Ich habe nicht die leiſeſte Abſicht, mit Ihnen hier gemeinſchaftlich Staatsviſiten zu empfangen oder für jeden der Sa⸗ lons eine andere Robe anzuziehen. Ich werde mid Ihrer gnädigſten Erlaubniß ſogleich wieder fortreiten; mein Pferd wird ſchon unten herumgeführt. Ich bin überhaupt nur gekommen, um Erneſtine einen Haupt⸗ ſpaß zu erzählen.— Denke Dir, Erneſtine, gerade an derſelben Stelle, wo wir geſtern das hübſche Pferd des jungen Bereiters fingen, begegnete ich— nun rathe, wem!“ Erneſtine war in peinlichſter Verlegenheit. Die ſcharfen Augen ihrer Mutter wurden immer größer vor Verwunderung. „Denke Dir“, fuhr Eva fort,„an derſelben Stelle 153 begegnete ich heute dem kleinen Bereiter und er ritt wieder den großen Schimmel, aber ausgezeichnet, ſage ich Dir; man ſollte gar nicht glauben, daß ein ſo kleiner Menſch ein ſo großes Pferd ſo gut reiten kann. Und was glaubſt Du! er kannte mich wieder und grüßte, ſo tief, daß die Spitze ſeines großen Schiff⸗ huts faſt ſeinen Steigbügel berührte. Und noch Je⸗ mand war dabei, auf einem wunderbaren Goldfuchs, und der, nämlich der Jemand, guißir auch; aber den nenn' ich Dir nicht.“ Evchen, die mit gerötheten Wangen und blitzenden Augen dieſe ihre Erlebniſſe mittheilte, trat ganz nahe an ihre Couſine heran und flüſterte laut genug, daß die Tante es noch hören konnte: „Der Uly war's, der hier Oberſtſtallmeiſter ge⸗ worden iſt, wahrſcheinlich um in Deiner Nähe zu ſein; und er kannte mich ebenfalls wieder und grüßte ebenſo tief wie der kleine Bereiter. Uly kann noch nicht lange hier ſein, ſonſt wäre ich ihm ſicher ſchon einmal be⸗ gegnet; denke nur, der liebe, gute, fröhliche Uly iſt hier, und gerade ſo ſieht er aus wie damals in Te⸗ gernheim, wo Ihr Euch immer vor mir verſtecktet. Weißt Du noch, wie Ihr in die hohle Eiche krocht und mich weinend davor ſtehen ließt, wohl eine Vier⸗ telſtunde lang? Grade ſo ſieht er aus, nur ſtärker iſt 154 er geworden; in der Eiche hättet Ihr beide wohl nicht mehr Platz; und brauner iſt er, nicht mehr ſo weiß und roth wie damals, und ſein Schnurrbart iſt länger geworden. Lachen kann er aber auch nicht mehr wie ſonſt, er hätte doch lachen und auf mich zureiten ſollen, als er mich ſah, und mich fragen, wie es Dir geht. Aber er ſchien ſogar zu erſchrecken und ſchaute ſo furcht⸗ bar traurig drein— ſo traurig! Ich hätte ihn gern gefragt, was ihm fehle. Aber er grüßte mich ſo reſpektvoll, als wenn ich meine eigene Großmutter wäre, und ritt mit dem Bereiter vorüber. Und weißt Du, der ſah ihm ähnlich wie ein jüngerer Bruder. Der gute Uly muß einen großen Kummer haben, Er⸗ neſtine!“ Eva hatte im Eifer ihrer Rede und im ſprudeln⸗ den Feuer ihres Naturells die Mitanweſenheit der al⸗ ten Gräfin vergeſſen und ſo laut geſprochen und ge⸗ lacht, als habe ſie die frohe Begegnung mit Uly auch noch einigen Nebenzimmern mitzutheilen. Erneſtine war immer bleicher und erregter ge⸗ worden und hielt ſich zitternd an der goldenen Lehne eines hohen Seſſels. Das Geſicht ihrer Mutter ward immer finſterer und kälter. „Ich verſtehe Dich nicht!“ flüſterte Erneſtine. „Aber ich verſtehe das Fräulein von Wodny und 155 halte es für höchſt unpaſſend, über den Gruß eines Fremden in Entzücken zu gerathen.“ „Aber Uly—“ ſtotterte Eva hocherröthend, denn die außergewöhnliche Härte in den Worten ihrer Tante und daß dieſe zum erſten Mal ſie Fräulein von Wodny betitelte, machten ſie doch tief betroffen. „Wenn ich die unpaſſend vertrauliche Abkürzung recht verſtehe, ſo meinen Sie den Grafen Ulrich von Helmberg. Nun ja, der Herr Graf iſt uns ein Frem⸗ der; ſeine Conduite iſt eine derartige, daß wir ihn ſeit Jahren nicht mehr empfangen.“ „Aber du mein Gott!“ jammerte Eva mit einem reizend conſternirten Geſichtchen und faltete die Hände über der Reitpeitſche,„was hat denn der arme Uly verbrochen?“ „Seine Aufführung iſt eine derartige, daß eine junge Dame von Stande ſich nicht einmal danach er⸗ kundigt; und um alles Weitere abzuſchneiden, theile ich Fräulein von Wodny mit, daß meine Tochter mit meiner Einwilligung geſtern dem Herrn von n Tondenn ihre Hand verſprochen hat.“ Die Verlegenheit Eva's wich dem zornigen Auf⸗ ruhr, den dieſe Nachricht in ihr hervorrief, daß die ganze kleine Geſtalt darunter erbebte. „Den Tondern, den bleichen, finſtern Geſellen ſollſt Du zum Manne nehmen, Erneſtine? Der nur ein hä⸗ miſches Lächeln hat, wo Andere ſich von Herzen freuen? Das iſt nicht Euer Ernſt! Tondern iſt kein guter Menſch! Das darf nicht ſein!“ „Fräulein von Wodny denkt es zu hindern?“ fragte die alte Gräfin mit verächtlichem Hohn. Eva's kleine Geſtalt reckte ſich ſtolz in die Höhe. „Ja, wenn das Wort einer treuen Freundin noch etwas über Erneſtine vermag! Ich habe es ſchon lange gewußt, daß Du den Uly liebſt, Erneſtine; die Verzweiflung, in der ich Dich damals nach ſeinem Abſchied überraſchte, hat es mir hinreichend beſtätigt. Und Du liebſt ihn noch, was er auch gethan haben mag, und wirklich Schlechtes kann das nicht ſein— Du liebſt ihn noch, ſonſt ſtändeſt Du nicht da, ſo bleich und zitternd! Ich verſtehe nichts vom Heirathen, aber ich denke, die Ehe muß etwas Schreckliches ſein, wenn man ſich nicht gern hat. Erneſtine, Du liebſt den Uly, ich ſeh es an Deinen Augen, und er liebt Dich auch, warum war er ſonſt ſo traurig?— Hei⸗ rathe den Herrn von Tondern nicht, Erneſtine!“ Es war eine lange ſchwüle Pauſe, die nun ent⸗ ſtand. Wie lebensmüde ſtützte ſich Erneſtinens hohe ſchlanke Geſtalt mit den beiden vollen alabaſterweißen 15 Armen auf die Lehne des Stuhls, faſt erdrückt von ihrem Schickſal, unfähig ſelbſt zu Thränen. Draußen vor den hohen Rundbogenfenſtern hatte ſich der Himmel mit dunklen tiefhängenden Gewitter⸗ wolken überzogen, die pfeilſchnell über den von den Bäumen des Parks engbegrenzten Horizont dahin⸗ flogen. Da ertönte wieder die kalte, abweiſende Stimme der alten Gräfin, während dann und wann ein Wind⸗ ſtoß an den hohen Fenſtern rüttelte: „Wir haben Sie angehört, Fräulein von Wodny, obwohl wir das Recht hatten, Ihnen Schweigen zu gebieten. Wir wollten erfahren, wie weit Sie gehen würden in Ihren für Ihr Alter wie für Ihre Stel⸗ lung zu älteren und wohlwollenden Verwandten gleich unpaſſenden Auslaſſungen. Jetzt jedoch haben wir die Verpflichtung, Ihnen zu ſagen, Fräulein von Wodny, daß Ihre Jahre und Ihre Fähigkeiten nicht ausreichen, einen ernſten und gediegenen Mann wie Herrn von Tondern oder die Gefühle Ihrer älteren Couſine zu beurtheilen. Wir erwarten daher, daß Sie uns zu dem Ihnen mitgetheilten freudigen Ereigniß gebührend beglückwünſchen und ſodann in der beſcheidenen Zu⸗ rückhaltung verbleiben, wie dieſelbe für Fräulein von Wodyny ihrer Couſine gegenüber angemeſſen iſt!“ Nach dieſer im ſchneidendſten Tone gehaltenen Straf⸗ predigt blieb Eva von Wodny eine Weile, keiner Ant⸗ wort mächtig, ſtehen, als ſei dicht vor ihr einer der Blitze niedergefahren, deren ferner Donner draußen grollte und deren fahler Widerſchein zuweilen durch den trüben Tag des Zimmers zuckte. Da hörte man vor den Portièren des Salons eine lebhaft erregte Stimme in lautem Tone ſagen: „Aber ich behaupte, daß alle Jalouſien auf der Weſtſeite des Pavillons geſchloſſen werden müſſen, alſo auch die des Salons. Das Gewitter wird fürch⸗ terlich werden; noch nie ſtand das Barometer ſo tief. Alſo vorwärts ohne Widerrede! Ich will nicht wieder eine Ueberſchwemmung haben wie das letzte Mal!“ Und gefolgt von einer Anzahl betreßter Lakaien ſtürmte ein kleiner, hagerer Herr mit weißen Haaren und lebhaft gefärbtem, bartloſem Antlitz ins Zimmer, mit einer langen vergoldeten Stange bewaffnet, die einmal eine Flagge getragen hatte und jetzt wahr⸗ ſcheinlich dazu dienen ſollte, entferntere Jalouſiehaken, welche ſich etwa widerſpenſtig zeigen ſollten, zu öffnen. Der kleine Herr trug die in Süddeutſchland faſt in allen Ständen eingebürgerte grünbeſetzte Jagdjoppe, von der die gelben Nankingbeinkleider ſammt gleich⸗ A 8 159 farbiger Weſte ſonderbar genug abſtachen; in der un⸗ bewaffneten Hand trug er eine Art Filzhelm von an⸗ tiker Geſtalt und unförmlicher Größe, da er außer dem Kopf, für den er beſtimmt war, auch noch verſchiedene raumfordernde Vorrichtungen für die Circulation der Luft bergen mußte. Als der ſo ausgeſtattete kleine Herr ſich plötzlich dem ſtrengen Antlitz der Gräfin gegenüber befand, blieb er verlegen ſtehen, und ſeine Züge drückten et⸗ was von den unbehaglichen Gefühlen eines bei uner⸗ laubter Beſchäftigung ertappten Kindes aus. Die Ex⸗ cellenz nahm jedoch vorerſt keine Notiz von ihm, ſon⸗ dern blickte über ihn weg nach dem ebenfalls nicht mehr jugendlichen Lakaien, der dem alten Herrn zu⸗ nächſt gefolgt war. Der Diener, ſo lang und derbknochig er war, blieb blaß und mit aufgeſperrten Augen auf der Stelle, wo er ſtand, und ſuchte in ſeiner Seelen⸗ angſt die ſtrenge Frage zu beantworten, welche er in den Blicken der Gräfin las, noch ehe ſie laut gewor⸗ den war. „Excellenz befahlen mir zu ſchweigen, als ich an⸗ zudeuten wagte, daß es unnöthig ſei, die Jalouſien des Salons zu ſchließen, da das böſe Wetter ja wie gewöhnlich von Nordheim komme.“ Der Lakai brach kurz ab und ſein Mund blieb —ͤ——— 1–––‧ 160 weit offen vor Schreck; denn das leiſe Kichern eines jüngeren Genoſſen brachte ihm in Erinnerung, daß ja die Gräfin ſelber eine geborene von Nordheim ſei. Die Excellenz hielt ſich jedoch bei dem unbeabſich⸗ tigten Wortſpiel nicht auf. „Hat Er Seiner Excellenz nicht gemeldet, daß wir bitten laſſen, uns zur Mittagsſtunde die Chre ſeiner Geſellſchaft zu geben, um gemeinſchaftlich mit mir und ſeiner Tochter den Beſuch des Herrn von Tondern entgegenzunehmen?“ „Genau wie Eure Excellenz befohlen haben, wurde Seiner Excellenz die Botſchaft berichtet; aber“, fuhr der Diener, unſicher, wie weit er gehen dürfe, mit einem unbehaglichen Seitenblick nach dem Grafen fort,„Seine Excellenz ſcheinen die Sache vergeſſen zu haben, und als ich gehorſamſt daran erinnern wollte, hörten mich Dieſelben gar nicht an, ſondern befahlen mir bei Dienſtentlaſſung die Läden des Salons zu ſchließen, wo, wie ich doch wußte, die hohen Damen den Herrn Baron von Tondern erwarteten.“ Der alte Herr mit den weißen Haaren hatte, während derart über ihn verhandelt wurde, allmälig ſich von ſeiner Ueberraſchung erholt und etwas wie Unmuth und Beſchämung verdrängte die letzte Verlegenheit von ſeinem ehrwürdigen und klugen Greiſenangeſicht. 46¹1 Gebieteriſch ſtreckte er ſeine goldene Stange aus, und die Diener, welche dieſen Blick kannten, zogen ſich ſcheu zurück. Selbſt der Lakai, welcher ſo eifrig ge⸗ weſen war, ſich auf Koſten ſeines Herrn vor ſeiner Gebieterin zu entlaſten, wartete die Fortſetzung des Verhörs nicht ab, ſondern ſuchte ſich durch ſchleunige Entfernung in Vergeſſenheit zu bringen. Der Graf wandte mit ſchmerzlichem Vorwurf ſein Antlitz ſeiner Gemahlin zu und ſagte ruhig und ernſt: „Es ziemt ſich nicht, Mathilde, daß Du mit den Dienern über das Verhalten Deines Mannes ver⸗ handelſt!“ Ein leichtes Roth, welches das einförmige Grau ihrer Geſichtsfarbe belebte, zeigte, daß die Gräfin für den Tadel ihres Mannes ſehr empfindlich war. „Ich konnte nicht vorausſetzen“, antwortete ſie mit erregter Stimme,„daß Sie die Bitten Ihrer Ge⸗ mahlin in der nächſten Viertelſtunde vergeſſen haben würden. Es ſchien mir unmöglich, zu glauben, daß Eurer Excellenz beleidigende Zerſtreutheit nicht einmal der wichtigen Familienangelegenheit weichen würde, als welche der Beſuch des Herrn von Tondern anzu⸗ ſehen iſt.“ „Herr von Tondern?“ fragte der Graf unmuthig. „Was hat Herr von Tondern mit unſerer Familie zu . Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. I. 11 162 thun? Und wenn ich die Sache auch nicht vergeſſen hätte, ich wäre doch nicht gekommen, Herrn von Ton⸗ dern zu empfangen. Ich liebe ihn nicht; es iſt mir unheimlich in ſeiner Nähe; ich habe ihn bisher gedul⸗ det, weil Du ihn protegirteſt; aber ich athme jedes⸗ mal freier, wenn ſich die Thür hinter dem widerwär⸗ tigen Geſellen geſchloſſen hat, in dem kein Funke Tem⸗ perament und Kraft mehr ſteckt und der Jedermann blos lauernd reden läßt, als habe er einen Criminal⸗ act aufzunehmen! Empfangt Ihr ihn, ſoviel Ihr wollt, ich will nichts dabei zu thun haben!“ Mit leuchtendem Antlitz hatte Eva von Wodny die manchmal unterbrochene Rede des Grafen ange⸗ hört; jetzt trat ſie auf den alten Herrn zu und ergriff mit beiden Händen ſeinen Arm, da ihr die Stange nicht erlaubte, ſeine Hand zu faſſen. „Und denke Dir, dieſen abſcheulichen Menſchen ſoll die Erneſtine heirathen!“ Der Graf blickte verwirrt um ſich. „Die Erneſtine? Den Tondern? Aber das will ja Niemand.“ „Als ihre Mutter und Erneſtine ſelbſt“, ſagte die alte Gräfin, indem ſie ihre Tochter bei der Hand nahm und vor ihren Gemahl trat.„Nachdem ſich Herr von Tondern Erneſtinen gegenüber geſtern erklärt —ᷣ—ᷣ—OOA—Q—C—ʒ—ʒ—ÿQẽꝑ—⅛⁷ꝓ3—yy ‧ 163 und ſie ihm geſtattet hatte, bei ihren Eltern um ſie zu werben, habe ich heute Morgen vergebliche Anſtren⸗ gungen gemacht, Sie zu ſprechen. Es hätte Ihrer Gemahlin wenig angeſtanden, Ihnen perſönlich in die Treibhäuſer und Anpflanzungen der königlichen Gärten zu folgen, und die Nachforſchungen der Diener nach Eurer Excellenz waren erfolglos. So mußten wir, wenn auch mit ſchwerem Herzen, das wichtige Ereigniß an Sie herantreten laſſen, ohne Ihr Vaterherz hebüi⸗ rend darauf vorbereiten zu können!“ Der Graf hatte ſtumm und nur ein paar Mal einen raſchen Blick auf Erneſtine werfend dem phraſenreichen Vortrag zugehört, mit welchem ihn ſeine Gattin bei ähnlichen Gelegenheiten moraliſch zu erdrücken pflegte. Dann ſchüttelte er energiſch den Kopf und trat auf ſeine Tochter zu. „Aber, Erneſtine, das iſt doch nicht wahr? Das iſt ja nicht möglich! Du und Tondern! Das edelſte, zartfühlendſte Weſen und dieſer hartgeſottene Schleicher, der Mutter und Bruder aus ſeines Vaters Hauſe ver⸗ treiben konnte! Du liebſt ihn nicht, Du kannſt ihn nicht lieben; denn Du haſt mir einſt unter heißen Thränen vertraut, daß Du nie einen Andern zum Mann nehmen würdeſt als—“ „Vater!“ rief Erneſtine flehend. 164 „Als unſern Nachbar Ulrich!“ fuhr der Graf un⸗ beirrt fort.„Wohl hätte ich Manches anders gewünſcht an ihm; er hat uns, die wir ihm nur Freundſchaft erwieſen, ohne Grund verletzt; aber das wird ſich ausgleichen; er iſt kaum zwei Tage hier und wird ſicher bald die erſten Schritte zur Verſöhnung thun. Es müßte mich Alles trügen, wenn er nicht CEure ge⸗ genſeitigen Jugendbeziehungen ebenſo hoch hielte wie Du.“ Die Gräfin Tegernheim hatte mit zuſammenge⸗ preßten Lippen zugehört und ihr Auge bald prüfend auf ihrer Tochter, bald verächtlich auf ihrem Gatten ruhen laſſen; jetzt ſagte ſie mit ſchneidender Kälte: „Von ſeiner Pietät für Jugenderinnerungen hat Graf Ulrich, wie mir berichtet wird, erſt geſtern wieder den Beweis geliefert, da er in dem Wagen einer Schauſpielerin, die er protegirt, durch die beleb⸗ teſten Straßen der Reſidenz fuhr. Man ſagt, er wolle ſie heirathen. Vielleicht, wenn die Tänzerin oder was ſie ſonſt iſt, ihm einen Korb gibt, erinnert er ſich an ſeine Jugendbeziehungen.“ Schon nahm Erneſtine keinen ſichtbaren Antheil mehr an dem, was über ſie verhandelt wurde; bleich und apathiſch ſtand ſie da und ſchaute wie verwundert auf Eva, welche ganz verzweifelt ſchluchzte. Der Graf ſenkte das weiße Haupt. „Ja, ja, das iſt unwürdig, ſehr unwürdig, ohne Zweifel! Aber wenn es nicht Nachbar Ulrich iſt, muß es denn durchaus der Tondern ſein?“. Die alte Gräfin öffnete weit und bezeichnend die ſcharfen grauen Augen und ſagte ruhig: „Seit wir Erneſtinens Zukunft nicht mehr ſicher ſtellen können, haben wir auch nicht mehr das Recht, ihre Wahl zu tadeln. Sie wiſſen ſelbſt, mein Gemahl, daß durch Ihre Zerſtreuungen ein großer Theil un⸗ ſeres Vermögens verloren gegangen iſt.“ Ueber das Antlitz des alten Mannes zuckte es, als ob er weinen wolle; dann ermannte er ſich noch einmal und ſah der Gräfin voll und faſt ehrfurchtge⸗ bietend ins Geſicht. „Ich hätte jener Zerſtreuungen wohl nie be⸗ durft, Gräfin, wenn Sie mir je etwas Anderes gewe⸗ ſen wären als mein Commandeur!“ Die Gräfin zuckte zuſammen. Graf Tegernheim ſchritt aufrecht und langſam nach der Thür. Eva hatte zu weinen aufgehört. Aber ihr Antlitz zeigte noch die Spuren der Thränen und mit den naſſen Augen ſchaute ſie in kindlichem Ernſt empor zu Erne⸗ ſtinen und der alten Gräfin. — „Ich verſtehe Euch nicht, aber mir iſt, als müßte ich mich vor Euch fürchten.“ Und raſch ſchritt auch ſie dem Ausgang zu. Die alte Gräfin wandte ſich an ihre Tochter und ihre ſchmalen Lippen zogen ſich tief herab. „Es iſt eigenthümlich, wie ſehr die Wodny dege⸗ nerirt ſind— Eva iſt dumm!“ Der Diener, welcher ehrfurchtsvoll zur Seite ge⸗ treten war, als Eva den Salon verließ, meldete jetzt mit lauter Stimme: „Der Herr Baron von Tondern!“ Achtes Kapitel. Der Morgen eines Königs. Wohl der ſchönſte der Parkwege führte vom Schloß aus dicht am Ufer des Sees hin, in der Richtung nach Süden, und ſetzte ſich dann vielleicht noch eine Stunde weit in gut fahrbarem Zuſtande fort, bis er in einem ſchmalen Reitweg endete, welcher in vielen Windungen zum Park zurückführte. Selten hörte man hier den Hufſchlag eines Pfer⸗ des und nie das Aechzen eines Wagenrades; ſolange der König in Fels weilte, war der Park für Wagen und Reiter geſchloſſen, und während ſeines Aufent⸗ halts hatte der junge Fürſt ſich den Weg am Strande zu ſeinen Morgenſpaziergängen vorbehalten und zu die⸗ ſem Zweck abſperren laſſen. Hier wandelte der junge, zur Einſamkeit geneigte Monarch faſt täglich, wenn er im Schloſſe wohnte, in früher Morgenſtunde, nur von einem ſeiner Adjutan⸗ ten oder Cavaliere begleitet, langſam auf und ab, im Anſchauen der herrlichen Natur verſunken, die ihn um⸗ gab, mit ſeinem Begleiter plaudernd oder den ſeltſamen Gedanken lauſchend, die aus dem Herzen eines Jüng⸗ lings aufſteigen mußten, dem ſchon ſo früh die Macht gegeben war über ein Stück der Welt, die hier ſo hehr und glänzend vor ihm lag und, wo ſie für das Auge der Sterblichen endete, in erhabenen For⸗ men zum Himmel ſtieg. Ein letzter roſiger Hauch des Morgenglühens lag auf den blauen Zacken und weißen Gletſchern, die das Südende des Sees begrenzten; hell plätſcherten die grünen Wellen, vom friſchen Oſt bewegt, ans Ufer und ernſt gaben die dunklen Blätterkronen mächtiger Bäume Antwort, während ihre knorrigen Wurzeln, die ſie grämlich ins Waſſer ſtreckten, mit jedem Wellen⸗ ſchlage von neckiſchen Nereiden geküßt wurden. Als hellgrüne Dämmerung zitterte das Licht in dem breiten Laubgang und umſäumte magiſch die hohe ſchlanke Geſtalt des Königs und die eines kleineren Herrn, der ihm zur Seite ſchritt. Sowohl der König als ſein Begleiter erſchienen in einfacher bürgerlicher Kleidung, in hohem Hut, 169 ſchwarzem Rock und hellerem Beinkleid. Sie blieben manchmal infolge einer plötzlichen Frage oder eines raſchen Blickes des Königs über den See in der Mitte des Weges ſtehen, um nach einer kurzen Pauſe ihren Weg weiter fortzuſetzen.. Der Gegenſtand des Geſprächs und die Schönheit des Morgens ſchienen den König gleichermaßen zu feſſeln; denn das Stillſtehen wiederholte ſich immer häufiger und manchmal, wenn er ſchwieg und Flügel⸗ adjutant von Bär annahm, daß der König das begon⸗ nene Thema habe fallen laſſen, wurde er durch eine neue Frage belehrt, daß das Intereſſe der Majeſtät an der berührten Angelegenheit nichts weniger als er⸗ loſchen ſei.„Was Sie mir da ſagen, mein lieber Major“, ſprach der König und nahm nach einem Blick über den lichten See und nach den Landhäuſern des gegenüberliegenden Ufers tiefſinnig und in vorgebeugter Haltung ſeinen Spaziergang wieder auf,„was Sie mir da ſagen, hat unſtreitig eine gewiſſe Berechtigung! Es gibt keine abſolute Gerechtigkeit innerhalb des Rahmens menſchlicher Einrichtungen und Unvollkom⸗ menheiten. Wenn wir den Dingen und Zuſtänden folgen wollten bis an die Grenze ihrer Entſtehung, wie viel Unvernunft und Unrecht hätten wir da aus⸗ zurotten! Wir befänden uns in einem ſteten Kampfe, in einer ſteten Neubildung, in der kein Organismus ſeines Daſeins ſo eigentlich recht froh würde. Schon früh hat man die gebieteriſche Nothwendigkeit einge⸗ ſehen, da eine Grenze zu ziehen, wo der Unterſuchung von Recht und Unrecht ein Halt geboten iſt durch das einfache unleugbare Gewicht des Beſtehenden. Das mag willkürlich ſein, vielleicht hart und manches wirklich Wahre und Gute ſchädigen; aber dieſe Praxis, von den älteſten Geſetzbüchern anerkannt, in unſere religiöſen Anſchauungen ſelbſt übergegangen, iſt nothwendig, will man nicht einen Zuſtand der Auflöſung und Unſicher⸗ heit begünſtigen, an welchem jetzt von Vielen ſo eifrig gearbeitet wird und, es iſt meine innerſte Ueberzeu⸗ gung, nicht zum Beſten der Menſchheit!“ Der König blieb ſtehen, legte die Hand aufs Herz und fuhr mit weicherer Stimme fort: „Auch mich berührt es ſchmerzlich, daß es gerade mein oberſtes Richteramt ſein mußte, welches eine, wie Sie ſagen, bis dahin glückliche Familie in Trauer und Unehre verſetzt, einen hoffnungsvollen Jüngling des Namens und Titels beraubte, den er von Kindheit an geführt; aber meine königliche Entſcheidung in dieſer Sache iſt getroffen und ich bin es der mir von Gott verliehenen Macht und Würde ſchuldig, daran feſtzu⸗ halten.“ Das männliche, gutmüthige Geſicht des Adjutanten beſchattete ſich mit ernſter Trauer. „Eure Majeſtät mögen glauben“, ſagte er dann mit leiſer tiefer Stimme,„daß ich mit meinem letzten Blutstropfen für Höchſtdero Macht und Würde kämpfen würde, wann und von wem ſie immer in Frage ge⸗ ſtellt werden ſollten; aber ich kann nicht glauben, daß das königliche Richteramt dadurch erhabener und ſtrah⸗ lender werde, daß es gegen Recht und Edelſinn ent⸗ ſcheidet, weil es einmal der kecken Unredlichkeit möglich geweſen war, Eurer Majeſtät Urtheil irre zu leiten.“ Erſchreckt ſtand der Adjutant vor dem kühnen Wort, das er geſprochen; es konnte nicht mehr zurück⸗ gerufen werden. Der ruhig nachdenkende Ausdruck auf dem Ge⸗ ſicht des jungen Königs war einer ernſten Ueberraſchung gewichen. Der Major fühlte, daß er nur einen Schritt von der königlichen Ungnade entfernt ſei und daß ein Stirnrunzeln, eine Handbewegung ſeines allerhöch⸗ ſten Herrn ihn für immer aus deſſen Nähe verbannen könne.. Und der Major liebte ſeinen jungen Fürſten, wie er deſſen Vater geliebt, der den talentvollen, aber un⸗ bekannten Artillerieoffizier, nachdem dieſer ihm eine werthvolle militärwiſſenſchaftliche Arbeit überreicht, auf der Stelle zu ſeinem Adjutanten ernannt und in den Adelſtand erhoben hatte. Unſicher fügte Major von Bär hinzu: „Verzeihung, Majeſtät, daß ein langjähriges Hof⸗ leben nicht im Stande war, mir den Fehler der Aufrichtigkeit abzugewöhnen!“ Der Schimmer eines Lächelns zuckte bei dieſer ſonderbaren Entſchuldigung über das Geſicht des jun⸗ gen Monarchen. „Sie bleiben doch immer derſelbe, Major! Haben Sie Geduld mit mir. Ich werde mich wohl mit der Zeit in Sie fügen lernen!“ ſagte er mit leiſer Ironie, indem er ſeinen Weg fortſetzte.„Man hat geſagt, es ſei das Unglück der Könige, daß ſie die Wahrheit nicht hören wollen“, fuhr der Fürſt ernſter fort, „ich möchte behaupten, es ſei das Unglück der Völker, daß den Regenten ſo ſelten die Wahrheit geſagt wird. Um ſo dankbarer müſſen wir den Wenigen ſein, welche eine ſo rühmliche Ausnahme machen wie Sie, mein beſter Major! Doch um auf die Angelegenheit der Tondern zurückzukommen, ſo haben Sie einen ſchwe⸗ ren Vorwurf gegen den jungen Freiherrn erhoben, der damals meinen Schutz angerufen hat für ſein Erb⸗ „— „Ich bin bereit, Majeſtät, jenen Vorwurf dem Herrn von Tondern ins Geſicht zu wiederholen.“ Der königliche Jüngling ſchüttelte lächelnd das Haupt bei dem jugendlichen Feuer des gereiften Offiziers. „Das wünſche ich nicht, das verbiete ich ſo⸗ gar! Die Zeit der Gottesurtheile iſt vorüber. Vertrauen Sie lieber dem Herzen Ihres Königs, Major! Erzählen Sie, was Sie zu Gunſten des Freiherrn Hermann von Tondern wiſſen, der Uns ſchon ſo viel Kummer gemacht und Unſerem Volke ſo viel Aergerniß gegeben. Und Wir verſprechen Ihnen, daß Wir ein aufmerk⸗ ſames Ohr haben wollen für Alles, was Ihnen das Intereſſe für Ihren Freund zu ſagen gebietet.“ Nachdem der Major einige Sekunden hatte vor⸗ übergehen laſſen, um abzuwarten, ob der König nichts mehr hinzuzufügen habe, begann er langſam: „Majeſtät! Ich würde nie gewagt haben, Höchſt⸗ dero Geduld ſo ſehr zu erſchöpfen, wenn es nicht die einfachſte Ehrenpflicht wäre, Zeugniß abzulegen dafür, daß Hermann von Tondern nicht ſchlecht oder niedrig handeln konnte. Es iſt Majeſtät bekannt, daß der Baron in ſeiner Jugend bei der Artillerie diente, wo er bis zum Hauptmann avancirte. Dann nahm er ſeine Entlaſſung, weil ihm ein ſo langer Urlaub, wie er ihn behufs ſeiner Reiſen verlangte, nicht gewährt werden konnte. Auch war ſein Vater ſchon ſehr alt und geſchwächt; Hermann konnte ſich nicht täuſchen, daß er einmal ſchnell zur Uebernahme ſeiner Güter berufen ſein könne, von deren Mitverwaltung ſein etwas eigenthümlicher und menſchenſcheuer Papa ihn bisher immer eiferſüchtig fern gehalten. Während des letzten Theils ſeiner Dienſtzeit und im Anfang der meinigen war ich Lieutenant in der Batterie, welche Tondern commandirte. Ich war arm, Majeſtät, ſehr arm“, fuhr der Major mit be⸗ wegter Stimme fort.„Die Stelle eines vermögens⸗ loſen Offiziers, welcher, ohne die Augen niederzuſchla⸗ gen, mit ſeinen Kameraden verkehren will und zu ſtolz iſt, ſich ſeine Mittelloſigkeit am Rock ableſen zu laſſen, iſt eine ſehr ſchwere und fordert viel mehr Selbſtverleug⸗ nung und Entſagung als ein kurzer Feldzug mit einem Quartierbillet für die kühle Erde! Dazu kam bei mir noch, daß ich eine alte Mut⸗ ter hatte, welche für meine Erziehung im Cadettenhauſe den letzten Reſt eines kleinen Vermögens geopfert und nun mit mir von meiner Lieutenantsgage lebte. Es iſt ſchwer für einen zwanzigjährigen Offizier, welcher aus der ſtrengen Disciplin einer Militärſchule kommt, ſich ganz von dem fröhlichen Leben ſeiner glücklicheren — Collegen zurückzuziehen; es gibt das einen frühen Ernſt, der auffallen muß. Hauptmann von Tondern, der mit ſeinen hellen blauen Augen Alles ſah, konnte nicht im Unklaren ſein über meine Lage. Aber er, der künftige Majo⸗ ratserbe, welcher ſeinen Offizieren wöchentlich zwei Diners gab, wußte auch, daß ich nie um eine Ver⸗ günſtigung nachgeſucht hatte und daß er mir nichts bieten durfte, ohne mich zu verletzen. Als er bemerkte, daß es mir peinlich ſei, ſeine Einladungen anzuneh⸗ men, da ich mich von allen andern gemeinſchaftlichen Vergnügungen zurückzog, unterließ er auch jene. Ich konnte ihn nicht mißverſtehen; denn er be⸗ vorzugte mich überall und entſchuldigte meine Abweſen⸗ heit bei ſeinen Feſten vor meinen Kameraden mit mei⸗ nen angeſtrengten Studien. Daß ich mich jedoch wei⸗ gerte, an ſeinen Rennen Theil zu nehmen, wollte dem eifrigen Sportsman nicht einleuchten. Endlich beſchloß ich, die Sache kurz abzuſchneiden; dieſem Manne gegen⸗ über konnte ich das.„Wenn mein Pferd fällt“, ſagte ich zu ihm,„ſo habe ich nicht die Mittel für ein an⸗ deres.“ Tondern machte mir keine generöſen Anerbie⸗ tungen, wofür ich ihm ſehr dankbar war, ſondern reichte mir die Hand, und von der Sache war nicht mehr die Rede. Da wurde meine Mutter krank und 176 es bedurfte zu ihrer Wiederherſtellung theurer Arzneien und berühmter Aerzte. Zu allem Ueberfluß ſtach der Pferdewärter mei⸗ nem braven Braunen ein Auge unrettbar aus und das Pferd wurde ausgemuſtert. Wie üblich, erhielt ich vom Regiment den Auftrag, mir binnen vierzehn Tagen ein anderes Pferd anzuſchaffen, widrigenfalls mir die Gage bis auf Weiteres entzogen würde. Meine Mutter lebte noch; ich hoffte auch, daß ſie leben bliebe— war ſie doch das einzige Weſen, das mich recht innig liebte; wenn mir aber die Gage ent⸗ zogen wurde, dann war ich mittellos und ihr war nicht mehr zu helfen. Ich hätte beim Regiment, bei Tondern um Hülfe bitten können, aber ich war zu ſtolz dazu; auch hatte das viele Unglück mich ſcheu und verwirrt gemacht. Schon lange war mir von einem Geldverleiher und einem Pferdehändler auf die zudringlichſte Weiſe Credit angeboten worden. Es wa⸗ ren zwei von jenen Vampyren, welche den jungen Offizieren das Gift der Verſchwendungsſucht einimpfen, um ſie ſpäter bis aufs Blut zu quälen. 3 Als meine Mutter wieder im Delirium raſte und das Recept des Arztes uns wieder aus der Apo⸗ theke zurückgeſchickt wurde, weil der Herr Apotheker nichts aufſchreibe— und ich hatte nichts mehr!— da 16 drückte ich in wilder Aufregung meine Mütze aufs Ohr und ging zu einem jener Menſchen. Sein Ver⸗ trauen war dadurch nur noch geſtiegen, daß ich ihn ein paar Mal barſch abgewieſen; ich erhielt, was ich wollte, Geld und ein Pferd, das ich kaum beſehen; ich unterſchrieb, was er mir vorlegte, ohne es genau zu leſen. Bis ich heimkam, konnte meine Mutter ja ſchon geſtorben ſein! So weit war es zwar da noch nicht, aber in den nächſten Tagen ſtarb ſie doch!“ Der Major ſchwieg einen Augenblick und ſchaute ſeitwärts, um vor dem König ſeine naſſen Augen zu verbergen. Auch dieſer ſchien bewegt und blickte ſtumm vor ſich hin in das grüne Blättermeer der Bäume. „Geld und Pferd brachten mir keinen Segen“, fuhr der Major reſoluter fort;„letzteres, ein völlig werthloſes Thier, wurde mir vom Regiment nicht an⸗ genommen, und der Pferdehändler zuckte die Achſeln lächelnd über meinen Unverſtand, als ich den ſchänd⸗ lichen Handel für ungültig erklärte. Ich benutzte das Geld, das ich noch beſaß, um mir aus dem Remonte⸗ ſtande des Regiments ein taugliches Roß zu verſchaf⸗ fen; das andere kaufte ein Fuhrmann für den zehnten Theil des Preiſes, den ich bezahlt.“ Ich hatte die Ueberzeugung, den Zahlungstermin auf ſechs Monate feſtgeſetzt zu haben. Wenn ich v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. 127 178 monatlich die Hälfte meiner Gage zurücklegte, konnte ich das Sündengeld erlegen. Es mußte ſein, und während dreier Monate brachte ich das für unmöglich Geltende fertig. Ich jubelte; ich war ſo ſehr an meine ſtrenge Diät gewöhnt, daß ich mit Ruhe der Zukunft entgegenſah. Da erſchien am erſten des vierten Monats mein Pferdehändler bei mir. Ich wollte ihm die Thür weiſen; aber er zeigte mir ſeinen Wechſel und forderte ſein Geld. Er hatte meine ſichtliche Verwirrung benutzt und den Termin auf drei Mo⸗ nate geſtellt; ferner den Zuſatz gemacht: daß ich zahlen werde bei meinem Chrenwort als Offizier. Auch das hatte ich damals in meiner Herzensangſt nicht beachtet. Vergebens bot ich dem Manne die Hälfte ſeiner Forderung und bat um Stundung des Reſtes; er mochte ſich inzwiſchen nach meinen Verhältniſſen erkun⸗ digt haben, auch über meine frühere Derbheit aufgebracht ſein— kurz, er blieb hart. Wenn er im Verlauf des Tages ſein Geld nicht erhalte, werde er den Wechſel am andern Morgen an das Regimentscommando ein⸗ ſenden. Dann war ich entehrt— entlaſſen. Das wußte er. Es war die verzweifeltſte Stunde meines Lebens, als der Wucherer mich verlaſſen hatte. Ich wollte mein Leben enden, da ich meine Ehre verlieren 179 ſollte. Bereits hatte ich die Piſtole geladen und das Andenken meiner Mutter angefleht, mir zu vergeben, was ich um ſie geſündigt. Da trat Hauptmann von Tondern bei mir ein. Ich war ihm ſeit dem Tode meiner Mutter etwas ausgewichen; er mochte das wohl meiner Trauer zugeſchrieben haben, und er hatte mich mit dem ihm eigenthümlichen Zartgefühl nicht weiter zu ſprechen geſucht, als es der Dienſt unum⸗ gänglich verlangte. Der Baron ſchaute in mein ver⸗ ſtörtes Antlitz, dann nahm er die geladene Piſtole vom Tiſch, ſetzte den Hahn in Ruh und hängte die Waffe an ihren Platz. Darauf überreichte er mir quittirt und halb zerriſſen meinen Ehrenſchein.„Ich habe Sie in der letzten Zeit beobachtet“, ſagte er.„Ihr Pferde⸗ bandel fiel mir auf. Heute nun fragte ein berüchtigter Roßkamm in der Kaſerne nach Ihrer Adreſſe, und zwar mit einem Geſicht, das mich das Uebrige errathen ließ. Ich folgte ihm, weil ich Unheil beſorge, wo jener Menſch ſeine Hand im Spiele hat, und traf ihn, als er Sie eben verließ. Verzeihen Sie, wenn mein Intereſſe an Ihnen mich zu einer Indiscretion ver⸗ leitete; ſie wurde mir leicht genug gemacht! Ich kaufte den Wechſel und hier iſt er. Sie können mir das Alles ſpäter bezahlen“, ſagte der Haupt⸗ mann raſch, als fürchte er noch immer, mich zu belei⸗ 12 digen. Ich glaube, ich habe ihm die Hände geküßt. Er blieb ſich treu. Er weigerte ſich nicht, das Geld zurückzunehmen; er meldete die Sache ſogar dem Regimente, da ich mich nicht beruhigen konnte, daß die Angelegenheit verheimlicht worden war. Das Re⸗ giment ertheilte mir der Form halber einen Verweis. Baron Tondern hatte es jedoch ſo eingerichtet, daß die Geſchichte für mich eher eine Art von Ovation wurde, obwohl ich heute noch nicht verſtehe, was ſo Lobenswerthes an meinem kopfloſen Leichtſinn war.“ „Aber ich verſtehe es, Major“, ſagte der König freundlich.„Und das kann meine Freude, Sie in mei⸗ ner Nähe zu haben, und das Gewicht Ihrer Fürſprache nur erhöhen!“ „O Majeſtät, ich bin noch nicht zu Ende, wenn Höchſtdieſelben mich noch weiter hören wollen!“ ant⸗ wortete der Adjutant mit jugendlicher Lebendigkeit und fuhr auf die zuſtimmende Bewegung des Königs fort: „Von der Stunde an war Tondern wieder ganz wie früher mit mir, wahrſcheinlich um mich nicht an die Affaire zu erinnern, weder zurückhaltender noch freundlicher. Aber einmal, als ich bei einem Ma⸗ növer dicht vor unſerer im Galopp daherſprengenden Batterie mit dem Pferde ſtürzte und die Räder des Geſchützes ſo zu ſagen ſchon auf mir fühlte, da ſah 181 ich plötzlich den Schimmel des Hauptmanns, der in einem großen Sprung über mich hinwegſetzte und mit dem flachen Säbel den vorderſten Pferden über die Naſe hieb, daß ſie ſeitwärts bogen. Kaum einige Zoll von meinem Kopfe knirſchten die ſchweren Räder im Sande vorbei; des Hauptmanns ſchönes Pferd war für immer ſchulterlahm. Als ich ſpäter zu verſchie⸗ denen Dienſten commandirt wurde, die mit Zulage verbunden waren, blieb Tondern zwar immer freund⸗ lich, allein er kümmerte ſich nicht mehr viel um mich. Das konnte ich mir ja gefallen laſſen. Dies, Ma⸗ jeſtät, iſt Alles, was ich aus eigener Erfahrung von Herrn von Tondern weiß. Ich kenne ihn als den zartfühlendſten, ritterlichſten Edelmann und werde nie⸗ mals glauben, daß er eine ungeſetzliche oder unwür⸗ dige Handlung begangen haben kann.“ Der Flügeladjutant ſchwieg erregt. Der König war ſehr nachdenklich geworden und ſchaute mit nicht eben unfreundlichem Geſicht vor ſich nieder. Dann hob er die großen dunklen Augen plötz⸗ lich, als wollte er deſſen geheimſte Gedanken erſpähen, zu dem Antlitz ſeines Begleiters und fragte kurz und raſch: „Und Sie hatten ſpäter keine Beziehungen zu Tondern?“ B —— „Keine, Majeſtät!“ gab der Major einfach und aufrichtig zur Antwort.„Der Freiherr nahm ſeine Entlaſſung und ging auf Reiſen. Als er zurückgekehrt war, ſah ich ihn ein paar Mal am Arm der Italienerin, die ſeine Frau geworden war. Sie war ſehr ſchön, prächtig gekleidet und machte Aufſehen— es hätte einen Beigeſchmack gehabt, wenn ich mich Tondern jetzt wieder genähert hätte. Später, nach dem Tode ſeiner erſten Frau, ließ Tondern ſich ſelten mehr in der Reſidenz ſehen; nie mehr betrat er dieſelbe, als ſeine vielfach angegriffene Verbindung mit der Gräfin Helmberg geſchloſſen wurde. Ich hatte keinen Grund, ihn aufzuſuchen, und er hatte mich wohl ſchon längſt vergeſſen. So blieben wir uns fern.“ „Der junge König ſetzte ſichtlich nicht den gering⸗ ſten Zweifel in die Wahrheitsliebe ſeines Adjutanten; dennoch ſchien es ihm ſchwer zu werden, zu glauben, daß es Menſchen gebe, die ihre eigenen Verdienſte um Andere auch dann vergeſſen, wenn letztere ihnen nützen können. „Und auch in letzter Zeit, als Freiherr von Ton⸗ dern um eine Audienz nachſuchte, erinnerte er ſich Ihrer nicht mehr?“ „Auch dann nicht, Majeſtät“, erwiderte von Bär, ſchmerzlich berührt von der Hartnäckigkeit, mit welcher der König auf ſeine Frage zurückkam.„Der Baron reichte ſein Geſuch ſchriftlich ein, und ich unterrichtete ihn ebenſo von Eurer Majeſtät Allerhöchſter Entſchließung. Er konnte meinen Namen deutlich leſen, wenn er ſich ſeiner einſtigen Großmuth erinnern wollte. Das war mein ganzer bisheriger Verkehr mit dem Frei⸗ herrn, und da Eure Majeſtät den Baron in wenigen Stunden zu empfangen geruhen, ſo dürfte ſich vor der Audienz auch keine Gelegenheit mehr zu einer ähnlichen Annäherung bieten.“ Der Major hielt inne. Er hätte hinzufügen können, daß von der Zurück⸗ haltung des Vaters nichts auf den Sohn übergegangen ſei, da er den Baron Angelo ſchon mehrfach ganz be⸗ ſtimmt hatte auf die Grenzen hinweiſen müſſen, die ihm durch ſeine Stellung im Dienſt des Königs ge⸗ zogen ſeien. Seiner offenen, ehrlichen Natur wider⸗ ſtrebte indeß zu ſehr Alles, was im entfernteſten nur einer Angeberei ähnlich ſah, und ſo zog er vor, nichts davon zu erwähnen. Der König ſchwieg nachdenklich. Nach einer Weile begann er wieder: „Ich glaube Ihnen, Major! Ich weiß, daß Sie ein Mann von Ueberzeugung ſind. Es iſt mir ſchmerz⸗ lich, daß Unſere Entſcheidung, wie immer ſie auch aus⸗ fallen mag, ſich gegen eine der Parteien wenden muß. Es iſt das ein ſehr betrübender Fall für Uns, Major, um ſo betrübender, da von Unſerer Entſchei⸗ dung die Fortexiſtenz oder der Ruin eines der älteſten Adelsgeſchlechter des Landes abhängt. Wir legen alles Gewicht auf die Fürſprache eines Uns als treu und aufrichtig bekannten, bewährten Dieners; Ihr In⸗ tereſſe an dem Manne, der Ihnen Gutes gethan hat, macht Ihrem Herzen die größte Ehre und erhöht Unſere Befriedigung, Sie in Unſerer Nähe zu wiſſen. Wir wollen die Angelegenheit reiflich erwägen und vor allem keinerlei Entſchluß faſſen, ehe wir den Freiherrn gehört haben.“ „Dann fürchte ich nicht mehr für meinen Wohl⸗ thäter!“ ſagte der Major eifrig mit jener überwallen⸗ den Edelherzigkeit, die ſeinen hervorragendſten Charak⸗ terzug ausmachte.„Tondern wird Eure Majeſtät von ſeinem Rechte überzeugen.“ „Ich wünſche es“, ſagte der König ruhig und huldvoll und bog durch das große eiſerne Parkthor nach dem Schloſſe ein. Ddie wachhabenden Leibgarden präſentirten ihre Karabiner. Der König grüßte leicht. Er war kein Freund 185 des militäriſchen Pomps, zu dem ſeine erhabene Stellung ihn ſelbſt hier verpflichtete. Der Major hielt die Hand an der Kopfbedeckung, bis er an dem letzten der ergrauten Krieger vorüber war. Neuntes Kapitel. Die Andienz. Etwa zwei Stunden nachdem der König durch das Parkthor zurückgekehrt war, ſchritt ein alter Herr an den Leibgarden vorüber nach der Hintertreppe des Schloſſes, die für Seine Majeſtät und deſſen nächſte Umgebung allein reſervirt war. Der alte Herr trug weder Uniform noch Orden, noch die Auszeichnung der königlichen Kammerherren, ſondern war einfach in Schwarz gekleidet. Sein Er⸗ ſcheinen an dieſem Orte und die ruhige Sicherheit ſeines Auftretens erregte ſo ſehr die Verwunderung der wachehaltenden Hatſchiere, daß ſie ſich erſt ent⸗ ſchloſſen, ihn aufzuhalten, nachdem er ſchon die erſten Stufen der Marmortreppe erſtiegen hatte. Auf die Frage, wohin er wolle, blieb der ſchwarz⸗ 187 gekleidete Herr ſtehen und antwortete, indem er den Cylinderhut emporhob: „Ich bin der Freiherr von Tondern und zu Sei⸗ ner Majeſtät befohlen.“ Die Hatſchiere ſtanden dieſer Antwort rathlos gegenüber. Ihre Befehle waren ſtreng; ſie durften Niemand außer der ihnen wohlbekannten Umgebung des Königs vorlaſſen, ſelbſt Generale und Miniſter wurden ſchonungslos abgewieſen, wenn ſie im Dienſt⸗ eifer die Einſamkeit des jungen Monarchen zu ſtören wagten, und dieſer alte Herr in bürgerlicher Klei⸗ dung mit dem langen, in zwei Hälften getheilten weißen Bart, dem kühnen Greiſenantlitz und den finſtern blauen Augen wollte ſo ohne weiteres an ihnen vor⸗ über und behauptete, zum König befohlen zu ſein. „Der allgemeine Eingang iſt im vordern Portal“, lautete endlich der Beſcheid, 2und dort liegt auch die Audienzliſte!“ Die finſtern Augen des alten Mannes öffneten ſich weit. „Dieſe Treppe führt direct zum Audienzſaal und zum Adjutantenzimmer!“ grollte er. „Allerdings, aber wir düufen Niemand paſſiren laſſen.“ „Auch nicht die Reichsfreiherren von Mallenau, 188 Neupurg und Tondern, welche das uralte Recht haben, daß ſie allezeit auf derſelben Treppe zu den Gemächern des Königs emporſteigen dürfen, wie dieſer ſelber?“ „Wir haben keine Inſtruction.“ „So wird der Reichsfreiherr von Tondern Ihre Pflichtverletzung auf ſich nehmen. Platz da!“ Die Haltung des alten Mannes war ſo ſtolz und achtunggebietend, ſeine Stimme ſo befehlend, daß die Wachen nicht wagten, ſich ihm in den Weg zu ſtellen. Noch ehe ſie zu dem Muthe kamen, den Frei⸗ herrn zurückzuweiſen, war dieſer in dem Gange, wel⸗ cher zu den Gemächern des Königs führte, verſchwunden. Unbeanſtandet gelangte der Freiherr in den Au⸗ dienzſaal. Zwei rieſige Hatſchiere in Galauniform mit blan⸗ ken Hellebarden, in hohen grauen Stiefeln, weißem Tuchpanzer mit goldener Sonne und ſilberſchimmern⸗ dem, löwenverziertem Helm ſtanden vor dem Eingang der nächſten Thür; ein Lakai öffnete, nachdem der. Freiherr ſeinen Namen genannt. Der alte Herr verneigte ſich leicht und ſtolz vor dem dienſtthuenden Flügeladjutanten Major von Bär, der in der Uniform und geſchmückt mit allen ſeinen Orden vor ihm ſtand und überraſcht auf die bürger⸗ 189 liche Kleidung des königlichen Kammerherrn und Offi⸗ ziers à la suite ſchaute. Dann ſagte er ſo fremd und förmlich als hätten ſie ſich nie geſehen: „Freiherr Hermann von Tondern von Seiner Majeſtät allergnädigſt zur Audienz befohlen!“ Der Major war ſeinem Wohlthäter mit ausge⸗ ſtreckter Hand entgegengeeilt. Jetzt ließ er dieſelbe ſinken und erwiderte ernſt den Gruß des unbeugſamen Mannes. „Erlauben Sie, Herr Baron, daß ich meinem Allerhöchſten Herrn von Ihrer Ankunft Meldung mache!“ Nach wenigen Minuten erſchien Major von Bär wieder und ließ die Thür zum Zimmer des Königs offen. Noch einmal ſtreifte ſein Blick ſorgenvoll die bürgerliche Kleidung des alten Edelmanns; dann deu⸗ tete er mit einer tiefen Verbeugung nach der offenen Thür. Der Freiherr von Tondern trat in einen ſäulen⸗ getragenen mittelalterlichen Saal, deſſen Wände mit Frescogemälden aus altdeutſchen Sagen reich geſchmückt waren. Ein großer halbrunder Erker ſchien weit hin⸗ auszuragen über den See; denn zwiſchen den zarten Säulen, welche die Fenſter theilten und die Capitäle ihrer ſchlanken Spitzbögen trugen, ſah man hinunter * 190 auf die metallgleich ſchimmernde Fläche des Sees und an das jenſeitige, vom Gebirge abgeſchloſſene Ufer. Unweit dieſes Erkers in kleiner Uniform, die Bruſt mit dem Stern des königlichen Hausordens geſchmückt, ſtand der junge Monarch, den einen Fuß vorgeſetzt, die Hand auf ein alterthümlich geſchnitztes Tiſchchen von Eichenholz geſtützt. Nachdem der Freiherr bis in die Mitte des Zim⸗ mers vorgetreten war und ſich dort zum zweiten Mal verbeugt hatte, verließ der König ſeine abwartende Stellung, ging dem alten Edelmann zwei Schritte ent⸗ gegen und ſtreckte die Hand aus. Der Freiherr berührte die königliche Hand leicht und beugte ſich nieder, um ſie zu küſſen. „Mein Allergnädigſter König!“ ſtammelte er, und vor der Bedeutung des Augenblicks ſchwand der finſtere Stolz ſeines Antlitzes. „Es hat lange gedauert, mein lieber Baron“, be⸗ gann der König gütig und brachte ſeine Rechte wieder an ihren vorigen Platz auf den Tiſch,„es hat lange gedauert, bis Sie Ihrem König Gelegenheit gaben, das Haupt eines der älteſten und edelſten Geſchlechter des Landes perſönlich kennen zu lernen.“ Der Freiherr hatte ſich gefaßt. Er mochte ſich der Rührung, die ihn einen Moment überwältigt hatte, 1941 ſogar ſchämen, denn weniger weich, als der huldvolle Empfang des Königs es vorausſetzen ließ, ſagte er: „Die Zeit vom Regierungsantritt Eurer Majeſtät bis heute bildet für mich eine unausgeſetzte Kette von Schmach und Elend. Ein Edelmann, deſſen häus⸗ liche Ehre vernichtet, deſſen Lebensmuth gebrochen iſt, paßt ſchlecht zu Hofe!“ Der junge Fürſt fühlte den Vorwurf, den der Freiherr in dieſer Schärfe vielleicht nicht einmal beab⸗ ſichtigt hatte; ſein ſchönes Geſicht wurde um einen Schatten kühler. „Wir erinnern Uns der Angelegenheit, von der Sie ſprechen, Baron! Unſere Entſcheidung, zu der Wir nach ſorgfältiger Prüfung der Uns vorliegenden Acten durch Unſer Gewiſſen gezwungen waren, iſt Uns ſelbſt ſehr nahe gegangen; aber Wir müßten dieſelbe auch heute beſtätigen, wenn Sie, Herr Freiherr, nicht beſſere Beweismittel für die Rechtmäßigkeit Ihrer Ehe beibringen können als damals.“ Die breite Bruſt des Freiherrn hob und ſenkte ſich raſch unter dem ſchwarzen Leibrock; es koſtete ihn ſichtlich alle Anſtrengung, die zornige und zugleich ſchmerzvolle Bewegung zu verbergen, welche die Worte des Königs in ihm hervorriefen. Es gelang ihm auch, die Antwort niederzukämpfen, 192 die ſich ihm auf die Zunge drängte und er ſagte mit ruhigem, wenn auch noch immer feſtem Ton: „Auch ich verlange nichts, als was ich für mein heiliges Recht anſehe, ein Recht, deſſen ſich jeder Bauer in ſeiner Hütte erfreut: ſein Weib zu behalten, das ihm vor Gott und den Menſchen angetraut wor⸗ den, und die Kinder, die ſie ihm geboren, ſeinen Na⸗ men tragen zu laſſen.“ Der König erhob ſehr kalt und ſtolz das Haupt. „Gerade dies Recht, das Ihr König am aller⸗ wenigſten beſtreitet, iſt nach dem Spruch der Richter durch Sie verletzt worden, Herr Freiherr!“ „Der Spruch der Richter ſtützte ſich auf falſches Zeugniß!“ „Es war das Zeugniß eines Edelmanns, den Unſer königlicher Vater hochhielt!“ erwiderte der Kö⸗ nig.„Das Wort des Grafen Helmberg, niederge⸗ legt in der Todesſtunde in ſeinem Teſtament, iſt uns nicht minder werth und gut als Ihres, Freiherr! Graf Helmberg iſt todt! Es ziemt ſich nicht, ihn der Lüge zu zeihen, da er ſich nicht mehr verantworten kann.“ „Der Lüge zeihe ich ihn nicht! Es war ein Irr⸗ thum, den kein Schwur ihm nehmen konnte! Wenn 193 Eure Majeſtät geſtatten, will ich noch einmal die ganze unglückliche Begebenheit berichten.“ Der Monarch erhob abwehrend die vom Hand⸗ ſchuh noch entblößte Rechte. „Wir kennen Ihre Darſtellung aus den Berichten und wiederholen, daß Graf Helmberg' Ihnen nicht ant⸗ worten kann, Freiherr!“ „Das heißt, die Zunge der Todten tödtet die Wahrheit der Lebenden!“ „Das heißt, daß eines Königs oberſte Pflicht iſt, die Gerechtigkeit zu ſchützen, nicht blos die Wünſche einzelner Unterthanen zu befriedigen!“ „Was ich fordern kann, iſt nur Gerechtigkeit“, ſagte der Freiherr dumpf, und mit auf die Bruſt geſenktem Haupte ſtand er gleich einem Verurtheilten. „Uns ſagte man, daß Sie um Gnade bäten, und wir erwarteten, daß Sie Uns vielleicht nach ruhiger Ueberlegung einen Weg zeigen würden, auf welchem Ihnen geholfen werden könnte, ohne die Rechte Ihres Sohnes zu ſchädigen. Wir waren bereit, Alles zu thun, was Unſer Gewiſſen Uns geſtattete, um einen bekannten Namen wiederherzuſtellen in früherer Rein⸗ heit und einen Zuſtand zu ordnen, der dem Volk kein heilſam Beiſpiel war— es blickt ja ſo gern nach den höheren Ständen im Guten und im Schlimmen. v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. I. 13 194 Sie aber kommen im Trotz und fordern Recht; ſo muß Ihr König Ihnen ſagen: das Recht iſt nicht auf Ihrer Seite, Freiherr!“ Tief bewegt hatte Hermann von Tondern den ſtrengen Worten ſeines allerhöchſten Herrn gelauſcht; nur langſam drang ſein ſchwerer Athem aus tiefſter Bruſt, und ſeine gewaltige Greiſengeſtalt erbebte manch⸗ mal, wie von innerlichem Schluchzen. Noch eine Weile kämpfte er, nicht unähnlich dem alten gefangenen Recken an der Wand neben ihm, der mit Ketten be⸗ ſchwert vor den Sieger geführt wird, dann beugte er den Nacken, ſein Antlitz ſank herab, und mit beben⸗ der, kaum vernehmlicher Stimme flüſterte er, das Knie beugend: „So bitte ich um Gnade, Majeſtät!“ Der König ſah überraſcht auf die ehrwürdige, vor ihm knieende Geſtalt; ein helles Roth färbte ſeine jugendlichen Wangen; dann ging er raſch auf den Freiherrn zu, richtete ihn mit beiden Händen auf und ſagte haſtig: „Wir bleiben Ihnen in Gnaden zugethan, Ton⸗ dern! Wir wollen vergeſſen, was die Erregung Sie ſprechen ließ; Wir wollen Alles für Sie thun, was in Unſerer Macht ſteht und was Unſer Gewiſſen er⸗ laubt.“ Verwirrt von ſeiner eigenen Schwäche ſtand der Freiherr auf. Der König machte eine leichte grüßende Handbewegung— die Audienz war geſchloſſen. Im Vorzimmer trat der Flügeladjutant von Bär erregt auf den alten Herrn zu und reichte ihm die Hand. Derſelbe ergriff ſie und drückte ſie warm. Die beiden Männer hatten ſich verſtanden. Die Hoffnungen, welche der huldvolle Abſchied des Monarchen in dem Herzen des Freiherrn erregte, kämpf⸗ ten ſiegreich mit den düſtern Schatten, welche die De⸗ müthigung auf ſeinem Antlitz zurückgelaſſen. Es galt ja Weib und Kind und nicht nur ſeinen eigenen Stolz! Dem Major war das nicht entgangen; es hatte ihn aber nur noch trauriger geſtimmt. Er kehrte an ſeinen Adjutantentiſch zurück und nahm dort ein Schrei⸗ ben in zierlichſter kalligraphiſcher Ausſtattung, welches ſo eben eingelaufen war und worin der Graf Tegern⸗ heim ſeinem allerhöchſten Herrn allerunterthänigſt und gehorſamſt die Verlobung ſeiner Tochter Erneſtine mit dem Baron Angelo von Tondern anzeigte. So fern jede Art von Intrigue auch dem geraden ehrlichen Sinn des Flügeladjutanten lag, ſo konnte er ſich doch keineswegs täuſchen über die Wirkung des Schreibens, das er dienſtlich zu eröffnen und dem König 13* 196 vorzulegen hatte. Mit langſamen Schritten, wie um das drohende Unglück vom Haupte ſeines Wohlthäters ſo lange als nur immer möglich fern zu halten, ging er nach dem Cabinet des Königs. Dieſer ſtand in aufrechter Haltung am Fenſter. Sein Antlitz, als er ſich umwandte, war heiter. Die Unterwerfung des trotzigen alten Mannes ſchien den jungen Fürſten angenehm berührt zu haben. Es war dies der Moment, wo ein beſſerer Hof⸗ mann, als Major von Bär nach ſeinem eigenen Ge⸗ ſtändniß war, ſeinem Schützling noch hätte helfen kön⸗ nen, indem er mit der Ueberreichung der Verlobungs⸗ anzeige wartete, bis Majeſtät vielleicht entſcheidend geſprochen hatte. Der einfache Soldat, welcher ſeine Exiſtenz aufs Spiel geſetzt hatte, um die letzten Augenblicke ſeiner Mutter zu erleichtern, dachte daran nicht einmal. In militäriſcher Haltung und mit einer Stimme, welcher er vergebens Feſtigkeit zu geben ſuchte, machte er ſeinem Könige von der eingelaufenen Anzeige Mel⸗ dung. Die Augen deſſelben öffneten ſich etwas weiter, und raſcher, als es in ſeiner Gewohnheit lag, ſtreckte er die Hand aus. „Geben Sie!“ 197 Er nahm das Blatt mit den wenigen ceremoniellen Zeilen, und ſein Auge ruhte noch darauf, nachdem er ſie längſt geleſen haben mußte. Erſt nach längerer Pauſe erhob der junge Fürſt wieder das Haupt und gab das Schreiben zurück. Der Ausdruck ſeiner Züge war ein ganz anderer als vor⸗ hin, faſt wehmüthig freundlich. „Senden Sie dem Grafen Tegernheim Unſere beſten Glückwünſche für das junge Paar, auf das Wir Unſer ganzes Wohlwollen ausdehnen. Wir wünſchen von Herzen, daß die Verlobten Uns ſo treu und auf⸗ richtig ergeben ſein möchten, wie ihr Vater es ſtets geweſen. Verſichern Sie das Brautpaar Unſerer Aller⸗ höchſten Affection!“ Der König ſchwieg; das war unverkennbar das Zeichen zum Abſchied. Aber der Major blieb. Und wenn es ihn die Gnade ſeines allerhöchſten Herrn koſtete, den er auf⸗ richtig verehrte, er konnte nicht gehen, ohne Ge⸗ wißheit über das Schickſal ſeines Wohlthäters zu haben. „Eure Majeſtät wollten auch in der Angelegenheit des Barons von Tondern allergnädigſte Verfügung treffen—“ Ein Schatten wie leiſer Aerger machte die faſt 198 elegiſche Weichheit auf des Königs Antlitz um einen Ton härter und mit an Mißtrauen grenzender Schärfe ſah er zu dem Major nieder. „Sie haben Recht! Die beiden Angelegenheiten gehören naturgemäß zuſammen. Der Proceß Tondern iſt dadurch in eine neue Phaſe getreten. Es handelt ſich jetzt nicht mehr allein um die Rechte des jungen Tondern, ſondern auch um die ſeiner Gattin, ſeiner künftigen Familie. Die Tegernheim ſind nicht reich. Ich habe nicht das Recht, das Einkommen der jungen Leute durch Gnadenacte zu ſchmälern. Die junge Tegern⸗ heim iſt ein geiſt⸗ und gemüthvolles Mädchen— ihre Wahl iſt der beſte Empfehlungsbrief für Angelo von Tondern. Sie haben ſich getäuſcht, Major; der Mann, den die Comteſſe zum Gemahl erwählt, iſt kein ſchlechter Menſch. Schreiben Sie dem Baron Her⸗ mann von Tondern, daß wir es in ſeiner Angelegen⸗ heit bei Unſerer erſten Entſcheidung und dem Spruch der Richter bewenden laſſen müſſen. Alles Andere wäre gegen Unſer Gewiſſen. Schreiben Sie ſo ſchonend als möglich, Major. Es fällt Uns ſchwer, in dieſer Sache gegen Ihre Gefühle entſcheiden zu müſſen, die Wir ſo gern geſchont hätten.“ Eine leichte Handbewegung in der Richtung der Verlobungsanzeige, welche der Major in der Hand hielt, 199 eine leichte Hebung der Schuliern i und der Major war entlaſſen. Dennoch blieb er. „Es handelt ſich nicht um meine Gefühle, Maje⸗ ſtät, ſondern um die eines Ihrer angeſehenſten und treueſten Edelleute—“ 3 „Baron Angelo iſt jedenfalls der gehorſameren, ſagte der König kurz und in einem Tone, der jede Antwort unmöglich machte. Zehntes Kapitel Geopfert. Der Oberſtſtallmeiſter Graf Helmberg war be⸗ ſchäftigt, die Briefe zu öffnen, die ihm von Baptiſt, der endlich aufgeräumt hatte, auf einem ſilbernen Teller präſentirt worden waren. Er griff zuerſt nach dem leicht zuſammengefalteten Blatt, das obenauf lag. Graf Tegernheim zeigte ihm darin in förmlichſter Weiſe die Verlobung ſeiner Tochter Erneſtine mit dem Freiherrn Angelo von Tondern an. Mit vornüber gebeugtem Haupt und bleichem Ge⸗ ſicht ſaß Ulrich da und zerknitterte wie zerſtreut das Billet. Endlich ſtand er auf und trat ans Fenſter. Lange ſchaute er dort auf die Bäume des Parks, zwiſchen welche die Morgenſonne goldene Strahlen 201 Dann führte Graf Ulrich die Hand empor zu ſeinen Augen und ſah ſich darauf faſt ſchüchtern um, ob Baptiſt, der ſich fortwährend im Zimmer zu ſchaffen machte, die verdächtige Bewegung nicht belauſcht habe. Auch der Diener ſchien aufgeregt und unruhig. Es lag auch ein Brief von Fräulein Meta auf dem Teller, und es war ihm uunbegreiflich, daß ſein Herr denſelben noch immer nicht öffnete, während er ſonſt doch ſtets zuerſt nach den roſenfarbenen Billets mit der ziemlich plump gemalten Adreſſe gegriffen. hatte. Es ſchien Baptiſt heute doppelt intereſſant, die Züge ſeines Herrn beim Leſen dieſes Briefes zu be⸗ obachten. Er hatte am Tage zuvor bei Fräulein Meta fer⸗ tig gepackte Koffer auf der Diele geſehen und einen Herrn, der bei Baptiſt's Ankunft ſogleich im Neben⸗ zimmer verſchwand. Fräulein Meta ſelbſt, welche zu andern Zeiten ein endloſes Regiſter von Auftpägen für ihn gehabt, ſowie ein Glas Wein und einige freund⸗ liche Worte und bei der Rückkunft ein gutes Trink⸗ geld, ſchien ängſtlich beſorgt, ihn ſo raſch als mög⸗ lich wieder los zu werden; ſie hatte ihm auch ſtreng aufgetragen, den Brief an ſeinen Herrn nicht vor dem andern Morgen abzugeben. 202 Hatte Baptiſt mit dem Inſtinkte eines gewandten Dieners ſofort herausgefühlt, daß etwas Beſonderes mit Fräulein Meta vorgegangen ſei, ſo konnte ihn, da er die Beziehungen ſeines Herrn zur Familie Tegern⸗ heim nicht kannte, deſſen Benehmen beim Empfang der Verlobungsanzeige, welche Baptiſt natürlich bereits geleſen, nur höchlich überraſchen. Endlich wandte der Graf ſich um. Sein Geſicht trug einen Ausdruck, wie Baptiſt noch keinen darauf beobachtet zu haben glaubte, und ſein Gang war lang⸗ ſam und ſchleppend, wie der eines todmüden Mannes. Der Graf ſetzte ſich, griff mechaniſch nach dem roſen⸗ farbenen Billet und erbrach es. Die Handſchrift be⸗ wies die Eile, in welcher der Brief geſchrieben worden war, und auch einige orthographiſche Fehler hatten ſich eingeſchlichen, welche ſonſt mit großer Sorgfalt ver⸗ mieden worden waren. Ulrich las: „Mein großmüthiger Freund! Es thut mir aufrichtig leid, nicht mehr perſön⸗ lich von Ihnen Abſchied nehmen zu können; allein mein Mann— ich hatte vergeſſen, Ihnen zu ſagen, daß ich verheirathet war und nach der Trennung von mei⸗ nem Mann meinen Mädchennamen wieder angenom⸗ men hatte— mein Mann— auch ein Künſtler— iſt 203 plötzlich hierher gekommen und erklärt, daß er nicht mehr ohne mich leben könne und daß er ſich und mich todtſchießen wolle, wenn ich nicht mit ihm nach Peters⸗ burg gehe, wo er engagirt iſt. Mein lieber Freund! Was thut man nicht um des häuslichen Friedens willen! Und zudem muß ich geſtehen, ganz vergeſſen hatte ich ihn doch nicht; und wenn er mich und ſich umbrächte, könnte es Ihnen ja auch nicht lieb ſein. Ich ſage Ihnen daher ein herzliches Lebewohl und bitte Sie, einige kleine Rechnungen zu ordnen, die ich da und dort ſtehen habe und mit denen ich meinen Mann jetzt nicht behelligen mag. Die Liſte liegt bei. Ich werde Ihnen für die Gefälligkeit ewig dankbar ſein! Es kann Ihnen ſelbſt nicht angenehm ſein, wenn mir Uebles nachgeredet wird. Ich umarme Sie im Geiſte und werde in der Erinnerung immer ſein Ihre Meta.“ Keine Spur von Bitterkeit zeigte ſich auf dem Antlitz des Grafen Ulrich; er ſchaute auf den Brief, wie man von der Thorheit eines Andern lieſt, der längſt verſchollen iſt. „Es iſt gut ſo“, murmelten faſt lautlos ſeine Lippen;„ſie hat es mir erſpart.“ Graf Ulrich wendete ſich um. 204 Baptiſt erſchrak. Sein Herr blickte ihn ſo ganz anders an als früher, als ſei er der Bediente eines Fremden, der eine fremde Botſchaft melde. „Baptiſt“, ſagte ſein Herr ruhig und reichte ihm den Zettel, worauf Fräulein Meta ihre Hinterlaſſen⸗ ſchaft notirt hatte,„Du gehſt zu allen dieſen Leuten und bezahlſt ſie; dort im oberſten Fach meines Secretärs wirſt Du Geld finden— den Ueberſchuß kannſt Du behalten.“ Die Ausſicht auf ein lockendes Geſchäft ließ Bap⸗ tiſt den Zettel ſchnell ergreifen. Auch war es ihm unheimlich in der Nähe ſeines Herrn. „Baptiſt“, ſagte der Graf noch einmal mit ruhiger, freundlicher Stimme, indem er von Meta's Brief den unbeſchriebenen halben Bogen abriß und ein paar Worte darauf ſchrieb,„wenn Du Alles bezahlt haſt, ſo gehſt Du mit dieſem Papier zu meinem Ban⸗ quier, der Dir Deinen Lohn für die nächſten zwei Jahre auszahlen wird. Und dann—“ Der Graf ſtockte. „Und was geruhen der Herr Graf zu befehlen, daß ich dann thun ſoll?“ ſtotterte Baptiſt in banger Ahnung. „Dann ſuch Dir einen andern Herrn, Bap⸗ tiſt! Wir paſſen nicht mehr zuſammen!“ ſagte Graf 205 Ulrich haſtig, indem er aufſtand, nickte Baptiſt freundlich zu und ging ins Nebenzimmer. Als er wieder heraustrat, war der Diener ver⸗ ſchwunden. Dagegen verneigte ſich Stallmeiſter Nieder⸗ huber in voller Dienſtkleidung devot vor ihm. Der Graf runzelte die Stirn. Der Mann war ihm nicht angenehm. „Sie wünſchen?“ fragte der Oberſtſtallmeiſter nicht ohne Schärfe. Angſt und Gehäſſigkeit ſchillerten auf dem Antlitz des Stallmeiſters durcheinander. „Ich bin genöthigt, Eurer Excellenz den Rapport ſelbſt zu bringen, da der Bereiter Helmberg ſich in Zimmerarreſt befindet.“ Die Falten auf der Stirn des Grafen wurden dichter. „Zimmerareſt? Und warum?“ Niederhuber krümmte ſich faſt unter der kalten Strenge im Antlitz ſeines Vorgeſetzten, an dem er nur eine ritterliche Gutmüthigkeit, gepaart mit raſch auf⸗ flackerndem und wieder verſchwindendem Zorn, kannte. Die Gehäſſigkeit blieb jedoch ſtärker als die Furcht. „s iſt mir zur Anzeige gekommen, daß der Be⸗ reiter Helmberg im Dienſte von dem ihm zugewieſenen Pferde ſtieg, daſſelbe an einen Gartenzaun band und 206 ſi) in einer gemeinen Schenke, dem ſogenannten Lumpenhäuſel, nebſt ſeinem Bedienten mit Kutſchern und Stallknechten herumſchlug, ja einen derſelben, den Leibjäger des Barons von Tondern, unicht unerheb⸗ lich verlett hat. Das Pferd Seiner Majeſtät, der Sultan, hatte ſich inzwiſchen losgeriſſen, und es gelang dem Bereiter Helmberg erſt ſpäter, deſſelben wieder habhaft zu werden. Dieſe Handlungsweiſe verſtößt ſo ſehr gegen unſere Vorſchriften und zeigt eine ſolche Nichtachtung der hohen Auszeichnung, welche dem Be⸗ reiter Helmberg von Eurer Excellenz zu Theil wurde, daß ich mich verpflichtet hielt, demſelben Zimmerarreſt zu dictiren, bis Eure Excellenz weiter über ihn ver⸗ fügt haben würden.“ Der Geſichtsausdruck des Grafen hatte ſich wenig verändert. Es ſchien ihn nichts mehr überraſchen zu können. „Hat Sultan Schaden genommen?“ „Nein, Excellenz; es erſcheint faſt wie ein Wunder, daß es nicht geſchehen iſt.“ „Woher wiſſen Sie die ganze Sache? Hat der Jäger des Barons Tondern ſich beſchwert?“ Der Stallmeiſter wurde ſehr verlegen. Er konnte doch unmöglich geſtehen, daß die ſchwarze Reſ'l im Lumpenhäuſel neben der Verehrung ſämmtlicher unver⸗ 207 heiratheten Kutſcher und Bedienten nicht ſelten auch die Galanterien des Herrn Stallmeiſters empfing! Er hätte lügen und irgend Jemand als Angeber nennen können, aber unter dem ſcharfen prüfenden Blick des Grafen wagte er es nicht. „Ich kam im Dienſt in die fragliche Schenke; ich wollte ſehen, ob auch von unſern Leuten ſich welche dort umhertrieben, und da wurde mir das Alles erzählt.“ „So!“ antwortete der Graf trocken.„Ich muß Sie darauf aufmerkſam machen, daß es keineswegs zu Ihren Dienſtpflichten gehört, ſchlechte Wirthshäuſer zu beſuchen, um zu ſehen, ob Andere dort ſind. Schicken Sie mir den Bereiter Helmberg!“ So hatte der Stallmeiſter ſich den Erfolg ſeiner Angeberei nicht gedacht. Er hatte ſich vielmehr vorgeſtellt, daß der Oberſtſtallmeiſter in ſeiner auf⸗ wallenden Hitze den Schützling, der ſich ſeiner Gunſt ſo unwürdig erwies, nach der Reſidenz in Arreſt ſchicken werde. Für dieſen Fall hatte ſich der Stallmeiſter des verwaiſten Sultan, den der König ſchon bei der nächſten Parforcejagd reiten ſollte, annehmen wollen. Sultan hatte unter der richtigen Behandlung Helm⸗ berg's große Fortſchritte gemacht und kümmerte ſich um einen Flintenſchuß, an ſeinem Ohre abgefeuert, 208 nicht viel mehr als um eine Fliege, die ihm um die roſenrothen Nüſtern ſummte. Es war üblich, daß der König nach dem erſten Ritt, wenn er mit dem Pferde zufrieden war, ſich den Abrichter deſſelben vorſtellen ließ und einige freundliche Worte an ihn richtete. Der Stallmeiſter war gelb geworden vor Zorn, wenn er daran dachte, daß dem Bereiter Helmberg dieſe Auszeichnnng zu Theil werden ſolle. Die Erzählung der Reſ'l war ihm daher höchſt gelegen gekommen. Stallmeiſter Niederhuber krümmte ſich vor De⸗ votion. „Wie Ercellenz befehlen! Excellenz werden unmöglich annehmen, daß etwas Anderes als Dienſt⸗ pflicht und die Entrüſtung, Hochdero Protection ſo ſehr mißbraucht zu ſehen, mich veranlaßt hat, die Exceſſe des Bereiters Helmberg zur Anzeige zu bringen. Wenn Excellenz jedoch die Sache im geringſten unangenehm iſt, ſo bin ich ſofort bereit, meine Mel⸗ dung zurückzuziehen und den Zimmerarreſt aufzuheben.“ Antlitz und Haltung des Grafen behielten noch immer ihre für den Stallmeiſter unheimliche Ruhe. „Ich glaube Ihnen noch nicht mitgetheilt zu ha⸗ ben, was mir angenehm iſt oder nicht, und wieder⸗ hole Ihnen daher meinen Befehl, mir den Bereiter 209 Helmberg zu ſenden, damit ich auch den Angeklagten hören kann, wie für recht und billig gilt! Von meiner Entſcheidung werde ich Sie brieflich verſtändigen.“ Mit bangen Ahnungen ging der Stallmeiſter. Der Graf ſchritt langſam und in tiefem Sinnen im Zimmer auf und ab. „Es thäte mir leid, wenn auch er unwürdig ſein ſollte, der friſche, kecke Knabe, in dem ich meine eigene Jugend wieder leben wollte! Es thäte mir leid!“ Nach kurzer Friſt pochte es, und Johann Helm⸗ berg trat ins Zimmer. Sein Geſicht war bleich und trotzig, und ſeine Augen ſenkten ſich nicht vor dem prüfenden Blick ſeines Bruders. Das entſchloſſene Kindergeſicht entwaffnete den Grafen wie das erſte Mal, da er es geſehen. Un⸗ willkürlich ſtreckte er dem jungen Manne die Hand entgegen, führte ihn zum Sopha und ſagte: „Seien Sie mir willkommen, Hans, auch wenn Sie aus dem Arreſt kommen! Setzen Sie ſich neben mich und erzählen Sie, was vorgegangen iſt. Sie wiſſen ohne Zweifel, was gegen Sie vorliegt.“ Auch mit dem kleinen Bereiter war eine Ver⸗ änderung vorgegangen. Er hatte den ganzen Vorgang, welcher ſeinen Ehrgeiz aufs empfindlichſte verletzen und ihn für ſeine Zukunft aufs tiefſte beſorgt machen v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. 14 210 mußte, mit einer an Apathie grenzenden Gleichgültig⸗ keit hingenommen, ohne ſelbſt nur den Verſuch zu machen, ſich zu rechtfertigen oder die Sache in einem milderen Lichte erſcheinen zu laſſen. Von Stallmeiſter Niederhuber war die Gleich⸗ gültigkeit für Hochmuth angeſehen worden, und das hatte ebenfalls nicht wenig zu der gewagten Anklage beim Oberſtſtallmeiſter beigetragen. Dieſe Stimmung des kleinen Bereiters hatte je⸗ doch einen andern Grund.— Schon ſeit dem Augenblick, da Fräulein von Wodny und Erneſtine zwiſchen ihm und dem Manne durchfuhren, der ihn aus dem Hauſe ſeines Vaters vertrieben, war das Bild der kleinen zierlichen Dame, die ſo übermüthig ihre ſchwarzen Ponies dahinraſen ließ, mit lebhaften Farben in ſeiner Erinnerung ge⸗ blieben. Durch die darauf folgende aufregende Scene war es eine kurze Zeit in den Hintergrund gedrängt worden. Um ſo ſtrahlender tauchte die ſchöne wilde Mädchengeſtalt wieder auf aus der dämmergrünen Allee des Parks, wie ſie ſich mit aller Energie gegen die Befreiung Sultans ſträubte. Der Humor, zu welchem jene Situation heraus⸗ forderte und den Erneſtinens feiner ariſtokratiſcher Takt ſofort durchgefühlt, ging dem Reitergemüth Hans 244 Helmberg's vollſtändig verloren, und ſeine Retterin, wie er Eva voll inbrünſtiger Dankbarkeit bei ſich hieß, füllte von nun an all ſein Denken aus. Glücklicherweiſe hatte Sultan ſich ſeine Furcht vor dem Schießen bereits raſch und gründlich abge⸗ wöhnt; denn jetzt hätte er von ſeinem träumeriſchen Reiter, der ihn im Schritt durch die abgelegenſten Wege des Parks lenkte, nicht mehr viel gelernt. Sultan hatte ſo wenig gegen dieſe Art von Dreſ⸗ ſur einzuwenden, daß er manchmal ſogar ſtehen blieb, um ſich Minuten lang am Laubwerk zur Seite des Weges zu ergötzen, bis das Erſchrecken ſeines Rei⸗ ters über die eigenen Gedanken auch ihn zuſammen⸗ fahren und die eleganten Hufe wieder in Bewegung ſetzen ließ, um nach einer Viertelſtunde daſſelbe oder ein ähnliches Spiel zu wiederholen. Als Johann Helmberg mit dem Oberſtſtallmeiſter im Park zuſammengetroffen war und ſie dann beide Eva begegneten, hatte der Graf, um über die Erin⸗ nerungen hinwegzukommen, welche das plötzliche Wieder⸗ ſehen der kleinen Dame in ihm erregte, ſeinem Be⸗ gleiter mitgetheilt, dieſelbe heiße Eva und ſei die Tochter eines ungemein begüterten böhmiſchen Edel⸗ mannes und einer Schweſter der Gräfin Tegernheim. Dieſe Nachricht machte Johann unendlich traurig, 14 — 212 ohne daß er ſich ſelbſt noch Rechenſchaft zu geben wagte, warum. Es war wohl der Gedanke an die ſcheinbar unüberſteigliche Kluft zwiſchen der einzigen Erbin von Gütern, welche an Ausdehnung manches Fürſtenthum übertrafen, und ſeiner eigenen befleckten Herkunft. Dieſe ſelbſt hatte ihm bis jetzt verhältniß⸗ mäßig geringe Sorge gemacht, wenn er nicht gerade in das abgehärmte Antlitz ſeiner Mutter ſchaute, von ſeinem hämiſchen Vorgeſetzten gequält oder ſonſt durch eine äußere Veranlaſſung an die dunkle Geſchichte ſeiner Abſtammung erinnert wurde; bot doch ſein Be⸗ ruf für ein Jünglingsgemüth ſo viel des Anziehenden 6 und Romantiſchen. Nun aber fiel es ihm wie kalte Schauer aufs Herz, daß Eva ſich ſchämen würde, wenn ſie erführe, wem ſie geholfen; dieſer Gedanke machte ihn ſtumpf gegen die Freuden ſeines Berufs und gleichgültig gegen ſeine vierfüßigen Lieblinge und ließ ihn mit einem leeren Blick und ohne Zucken in ſeinem bleichen jugendlichen Geſichte die ſchadenfrohe ſchwülſtige An⸗ klage des Stallmeiſters anhören. Ohne Widerrede war er in Arreſt gegangen, ohne Staunen ließ er ſich daraus befreien, um zu ſeinem Freund und Bruder geſandt zu werden; der konnte ja auch den Makel ſeiner Geburt nicht auslöſchen, und an allem Andern lag ihm nichts mehr. Dennoch berührte die ſchwermüthige Freund⸗ lichkeit, mit der ihm der Bruder die Hand bot, wäh⸗ rend er ihn bei dem Namen nannte, mit welchem er in ſeiner Kindheit gerufen worden war und den ſeine Mutter noch immer brauchte, ſympathiſch ſein kindliches Gemüth; er fühlte, daß er hier nicht mißverſtanden werden dürfe, und erzählte einfach und kurz ſein klei⸗ nes Abenteuer. Er verſchwieg nur die ſeltſamen Reden des Schenkmädchens, als nicht zur Sache gehörig— er hielt ſie ohnedies für einen brutalen Scherz— und Eva's zu erwähnen, verbot ihm eine unüberwindliche Scheu. Der Graf war durch die treuherzige Erzählung ſichtlich erwärmt worden. „Seien Sie ohne Sorge, Hans!“ ſagte er und legte dem Bruder ermuthigend die Hand auf die Schul⸗ ter.„An Ihrer Stelle hätte ich wohl ebenſo gehan⸗ delt für einen treuen Burſchen, der ins Gedränge kam; mit dem einzigen Unterſchied vielleicht“, fügte der Graf mit einem Verſuch zum Scherze bei,„daß ich das Pferd Seiner Majeſtät beſſer angebunden hätte.“ Johann Helmberg nahm dieſe Rechtfertigung mit einer ſo finſtern Gleichgültigkeit entgegen, daß ſie dem 214 Grafen nicht entgehen konnte. Er mißdeutete ſie und fügte bei: „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Sie eine Genug⸗ thuung erhalten und daß Sie von der Gehäſſigkeit Niederhuber’s befreit werden. Der Stallmeiſter erhält einen Verweis und wird in die Reſidenz zurückeomman⸗ dirt. Die Chicane kommt unter meinem Regiment nicht zur Geltung, darauf verlaſſen Sie ſich, Hans!“ Der Graf ſchwieg und blickte immer erſtaunter auf den jungen Mann, deſſen bleiches Antlitz wie in tiefſter Verzweiflung zuckte. Theilnehmend ergriff er ſeine Hand. „Wer wird bei Ihrer Jugend ſo unverſöhnlich ſein! Sie ſollen Ihr Recht haben, Hans, und Niemand ſoll Sie wieder quälen, ſoweit ich es verhindern kann.“ Das Zucken in Johann's Zügen wurde heftiger, Thränen entſtürzten ſeinen Augen und ſchluchzend ver⸗ grub er ſein Geſicht in die verblaßten Polſter des Sophas. „Mein Gott, Hans! Was fehlt Ihnen? Was iſt Ihnen geſchehen? Reden Sie doch! Warum ſind Sie ſo verzweifelt?“ Johann Helmberg erhob ſein bleiches thränen⸗ naſſes Antlitz zu dem Grafen und mit ſchmerzver⸗ zogenen, zitternden Lippen ſprach er leiſe, aber in einem Tone, daß es Ulrich's ganzes Herz durch⸗ 4 ſchauerte: „Weil ich keinen ehrlichen Namen habe!“ Der Graf ſchaute lange auf den verſtörten Jüng⸗ ling, er hatte zu weinen verlernt ſeit wenigen Stun⸗ den, aber ſein Geſicht überſtrahlte der Schimmer eines hohen Entſchluſſes. „Den Namen kann ich Dir nicht wiedergeben, Hans, aber als treuer Bruder will ich Dir zur Seite ſtehen bis in den Tod!“ Er legte den Arm um den Nacken des Bruders und küßte ihn. Schüchtern, mit freudiger Ueberraſchung erwiderte Hans den Kuß des Bruders. Ihm war, als ſei er gereinigt und geadelt und jede Schmach nun von ihm genommen. Ulrich drückte den Bruder ſanft von ſich und ſagte: „Geh hinunter, Hans, und laß uns zwei Pferde ſatteln, mir den Fuchs und Dir den kleinen Tra⸗ kehner Rappen. Wir wollen zuſammen in die Stadt reiten. Die Bewegung wird uns beiden gut thun, und— und— ich möchte unſere Mutter ſehen!“ Hans ſah ihn mit feuchten Augen an und ging. Eine Viertelſtunde darauf ſprengten die Brüder , 216 in geſtrecktem Galopp durch das Schloßthor; dann verſchwanden ſie zwiſchen den großen Kaſtanienbäumen, welche die Straße zur Stadt begrenzten. Eine mäch⸗ tige weiße Staubwolke bezeichnete den Weg, den ſie genommen. Elftes Kapitel. Das Geheimniß der Reſ'l. Angelo von Tondern ritt ſelten, obſchon er zwei prächtige norddeutſche Reitpferde bei ſich hatte und trotz der breiten ſchattigen Wege des Parks von Fels, auf denen man wie auf Raſen ſtundenlang dahingalop⸗ piren konnte, ohne einen Hufſchlag zu vernehmen, was doch jeden Cavalier, der dieſen Namen verdiente, mit Entzücken hätte erfüllen müſſen. Der Baron hatte den Zerſtreuungen der Haupt⸗ ſtadt ſchon zu ſehr ſeinen Tribut gezollt; der langſamere Schlag ſeines Herzens reizte den früherſchlafften Kör⸗ per nicht mehr zu den ritterlichen Uebungen der Jugend, wenn auch ſeine Bewegungen einer gewiſſen nachläſſigen Grazie nicht entbehrten, ſein Haar glänzend wie ge⸗ ſchliffene Kohle an den eingeſunkenen Schläfen lag und 218 noch kein einziger Silberfaden den an den Enden auf⸗ gekräuſelten Schnurrbart durchzog. Auch lockte es ihn nicht, die anmuthvolle Gegend, in welcher Hochwald, Hügelland und See auf das reizendſte abwechſelten, auf ſchnellem Roß zu durch⸗ fliegen, an jeder Biegung des Weges ein neues ent⸗ zückendes Landſchaftsbild in ſich aufzunehmen. Herr von Tondern wußte eine Colcheſter⸗Auſter auf den erſten Blick von ihrer Oſtender Schweſter zu unter⸗ ſcheiden, und eine Modekönigin konnte ſeinem Ge⸗ ſchmack getroſt die Wahl einer zur Robe paſſenden Coiffure überlaſſen; aber er hatte ſehr wenig Gefühl für die todte Natur, wie er ſich auszudrücken pflegte. Noch nie hatte er ſich zu einer ſeltenen Blume am Wege niedergebeugt oder den Fuß zurückgezogen, der eben im Begriff war, einen glänzenden Käfer zu zer treten. Angelo von Tondern ritt indeß gut und er wußte das; er zeigte ſich auch zu Pferde, wenn er es für zweckdienlich hielt oder vor Andern es ſich ſchul⸗ dig zu ſein glaubte; allein er hielt das für eine An⸗ ſtrengung, die mehr Ueberſchuß an Kraft verlangte, als er zu vergeuden hatte. Trotz alledem ſitzt Herr von Tondern zu Pferde zur ſelben Stunde, da die beiden Brüder zur Stadt „— — 219 jagen, und läßt ſeinen ausgezeichnet dreſſirten Braunen im kürzeſten Tellergalopp den Teich vor dem Pavillon Tegernheim umkreiſen. Angelo von Tondern weiß die zierlichen Bewegungen ſeines Thieres ſo ſehr zu mäßigen, daß der Schwan, der mit gebauſchten Flügeln und zornigem Ziſchen unweit des Ufers folgt, ſtets neben dem eleganten Vierfüßler zu bleiben vermag. Angelo trägt einen braunen Reitfrack mit goldenen Knöpfen, der um einen Ton heller iſt als das Haar ſeines Pferdes, ein dunkelgelbes, bis an die feinen Drahtſporen reichendes Beinkleid und einen Seidenhut neueſten Pariſer Modells. Seine kleinen Hände, welche die ſchmalen Zügel und einen Stock mit großem flachem Elfenbeinknopf halten, ſtecken in roſtfarbenen Hand⸗ ſchuhen und bewegen ſich kaum merklich, wenn der Baron ſeinen Braunen„von der rechten auf die linke Hand“ und umgekehrt„wechſeln“ läßt, Bewegungen, die das prächtige Schulpferd mit der Präciſion und Zierlichkeit eines Tanzmeiſters ausführt. Wieder iſt Angelo vor dem Pavillon angelangt. Der Braune macht ſeine Galoppſprünge faſt auf einer Stelle, und die ſchwarzen Augen ſeines Reiters blicken verſtohlen unter der Hutkrempe hervor nach aufwärts. Jetzt legt ſich das gelbe Beinkleid feſter an den Leib des gehorſamen Thieres; das ſorgfältig friſirte 220 Haupt des Freiherrn wird ſichtbar und ſein Hut be⸗ ſchreibt einen Halbkreis durch die Luft, daß er in der Nähe des zierlichen Steigbügels ankommt; der Ober⸗ körper des Cavaliers beugt ſich nach vorn, einen Augenblick ſteht das ſchöne Pferd auf ſeinen Hinter⸗ füßen, und die Vorderfüße greifen ein paarmal wie grüßend in die Luft. Am hohen Bogenfenſter des Pavillons lehnt Erne⸗ ſtine und ihr bleiches Antlitz neigt ſich mit einem Lä⸗ cheln conventionellen Dankes. Der Braune macht, vom Sporn des Reiters an⸗ getrieben, einen Sprung nach vorwärts und raſt da⸗ von auf dem einen der ſtrahlenförmig auseinander laufenden Wege, dem man vom Pavillon Tegernheim am weiteſten mit den Blicken folgen kann. Dann mäßigte der Baron den raſchen Lauf ſeines Pferdes und ritt im kurzen Trab weiter, indem er nach engliſcher Art die Stöße ſeines Renners durch Heben im Sattel auffing. Der raſche Ritt hatte ſeine gewöhnlich ſehr bleichen Wangen geröthet, und in ſeinen Augen ſchimmerte ein Funke ſtolzen Uebermuthes. Und in der That, er hatte Urſache, ſiegesfroh zu ſein! Der König hatte ihn bald nach der Audienz ſei⸗ 221 nes Vaters zu ſich befohlen und ihm ſeine Freude aus⸗ gedrückt, durch Angelo's Verlobung zwei ſo alte und dem Thron ſo naheſtehende Familien verbunden zu ſehen. Und als Baron Tondern die Gelegenheit für günſtig hielt, um mit ſorgenvoller Stirn des Streites mit ſeinem Vater zu erwähnen, hatte der König ihm geſagt, er werde nicht dulden, daß die Güter und die Stellung einer ſo alten Familie wie die Tondern durch wen immer geſchmälert würden. Jener Streit ſei ent⸗ ſchieden für ewige Zeiten. Das war's, was plötzlich wie neue Jugend das Blut durch Angelo's Adern jagte, was ihn die Be⸗ friedigung, Erneſtine zu beſitzen, doppelt fühlen ließ, und ihn in Carrière wie einen ausgelaſſenen Fähnrich durch die Alleen des Parkes trieb. 3 Er hatte geſiegt! Nun dachte er an ſein Geſpräch mit dem Leib⸗ jäger. Es lag ihm eigentlich nichts mehr daran, daß Hans ein Unglück zuſtieß. Das konnte unter Umſtän⸗ den ſehr mißlich werden; jedenfalls war es ein ge⸗ wagter Einſatz, der ihn ruiniren konnte, ohne jeglichen möglichen Gewinn. Angelo von Tondern haßte ſeinen natürlichen Bruder nur, ſo lange derſelbe ihm entgegenſtand. Die. Ausſicht, ihn zu verderben, hatte bisher eine mit Grauen gemiſchte Genugthuung in ihm wachgerufen; jetzt gedachte er deſſelben mit ähnlichen Gefühlen, wie man vielleicht einen Verbrecher, der uns hat berauben wollen, unſchädlich in den Händen der Häſcher ſieht. Die Andeutungen ſeines Jägers fingen ſogar an, den Baron zu beunruhigen. Das Thema war zu heikel, um es offen und unzweideutig mit Thomas zu verhandeln, und wenn ihn der Baron auch von der Theilnahme an der Jagd zurückhielt, ſo konnte der unheimliche Menſch doch eine andere Gelegenheit er⸗ ſpähen, ſich an dem Jüngling zu rächen. Wer ſagte ihm, daß ſich der Zorn des Jägers nicht gegen ſeinen Herrn wenden würde, wenn ihm ſein Opfer entzogen ward? Ein Gemüth, dem der Ge⸗ danke an Mord ſo geläufig ſchien, war nicht wohl in allen ſeinen Phaſen zu berechnen. Der Baron fühlte, daß Thomas ihm ſchon vor der dunklen That unbequem wurde, und beglückwünſchte ſich ſelber dazu, daß er keinen Grund mehr hatte, die⸗ ſelbe zu wünſchen. Da hielt Angelo unwillkürlich den Braunen an. So ging's, ſo war er den finſtern Geſellen, das allzu⸗ eifrige Werkzeug los— Thomas ſollte noch vor der Jagd nach Amerika— morgen, ſofort! Der Baron 223 hatte die Macht, ihn zu zwingen, und war's auch mit nichts Anderem, ſo mit der Drohung, ihn zu ver⸗ rathen. Der Leibjäger konnte nichts Beſchwerendes gegen den Baron ausſagen und die Anklage des Mannes, dem der Mord ſo ſehr genützt hätte, mußte für den Jäger vernichtend ſein. Der Baron blickte, zufrieden mit ſeinem Auskunfts⸗ mittel, vom Halſe ſeines Pferdes auf. Er befand ſich am Ende des Parks, da wo ein eiſernes Gitterthor mit vergoldeten Pfeilern die alte Umfaſſungsmauer unterbrach. Nicht weit davon ſtand, überdacht von grünen Bäumen, von wildem Wein umwuchert, das Lumpenhäuſel. Baron Angelo hatte von dem Hauſe und ſeinem Rufe gehört; auch hatte der Vorfall, der ſo ſehr den Rachedurſt des Jägers hervorgerufen, an dieſem Orte ſich ereignet. Angelo war heute in einer ſehr unternehmenden Stimmung. Er empfand einen unwiderſtehlichen Reiz, einzutreten— vielleicht erfuhr er Manches, was den Leibjäger noch mehr in ſeine Gewalt gab. Unter der Thür erſchien die üppige Geſtalt der ſchwarzen Reſ'; ſie heftete ihre ſtechenden Augen auf den eleganten Reiter, und die entblößten kräftigen Arme kokett in die Seite ſtemmend, ſchien ſie zu er⸗ warten, daß er bei ihr eintrete. Angelo überzeugte ſich durch einen raſchen Blick, daß der Garten leer ſei, ſtieg ab, befeſtigte ſein Pferd an einer Stange des Zauns und ſetzte ſich, ohne von Reſ'l weiter Notiz zu nehmen, an einen der Tiſche, über den das Geißblatt gleich einem grünen Schleier herunterhing, während zur Seite die Bretter der Kegelbahn in der Mittagsſonne glänzten; die Mücken umtanzten mit ihrem eintönigen Geſang ſein Antlitz — es war ein recht ſchwüler, erſchlaffender Sommer⸗ mittag. Die Reſ'l hielt infolge der Nichtbeachtung, die ihr eben geworden, eine gewiſſe nachläſſige Grazie für angemeſſen und kam langſam näher. „Was wünſchen S'?“ fragte ſie und verſuchte eine hochmüthige Miene anzunehmen, die ihr aber wegen der brennenden Begier, zu erfahren, wer der Herr ſei, nicht ganz gelang. Angelo ließ ſich, um nicht außzufallen, viel⸗ leicht auch, weil ihn der ſcharfe Ritt etwas erſchöpft hatte, einen Krug des trefflichen Bieres geben, wegen deſſen das Lumpenhäuſel gerühmt wurde, und mußte über ſich ſelber lächeln, als er das unförmliche Stein⸗ gefäß an den wohlgepflegten Schnurrbart führte. 225 Dies Lächeln gab der Reſ'l den halbverlorenen Muth wieder. Sie ſtützte ihre hübſchen Arme mit den etwas gerötheten Händen auf den Tiſch, ſodaß ihre nicht reizloſe Büſte den Geſichtskreis Angelo's weſent⸗ lich beſchränkte, und den Kopf mit den ſchwarzen Flech⸗ ten kokett zur Seite legend, forſchte ſie: „Sie ſind wohl vom Schloß?“ Angelo nickte lächelnd, infolge ſeiner gehobenen Stimmung ſogar etwas ſchalkhaft. „Das iſt merkwürdig!“ meinte die Reſ'l und gab ſich den Anſchein großer Verwunderung, um den Faden des begonnenen Geſpräches nicht wieder abreißen zu laſſen.„Ich kenn' faſt alle Herrn vom Hof— Ihne hab' ich aber noch nie geſehen. Wie heißen S' denn?“ Der derb⸗naiven Liebenswürdigkeit dieſer Fragen konnte ſelbſt Tondern nicht widerſtehen. Um jedoch einer förmlichen Vorſtellung auszuweichen und das Geſpräch auf das Thema zu bringen, das ihn zumeiſt intereſſirte, antwortete er: „Ich bin der Herr des Jägers, der neulich bei Euch faſt todtgeſchlagen worden wäre.“ „Der Thomas?“ rief die Reſl. Angelo nickte. Das Benehmen der Reſ'l änderte ſich plötzlich. Ihre ſtark röthlichen Fäuſte waren vom Tiſch wieder v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. 15 226 an ihre Hüften zurückgekehrt. Ihr Geſicht, eben noch verlegen kokett, nahm einen faſt übermüthigen Aus⸗ druck an. „Sie ſind alſo der Angelo?“ Der Baron wußte nicht recht, ob er über dieſe vertrauliche Benennung und die etwas deſpectirliche Haltung der Reſ' lachen oder ſich ärgern ſollte. „Allerdings iſt das mein Vorname“, entgegnete er trocken. Reſ'l ließ ihre ſchwarzen Augen prüfend an dem eleganten Aeußern ihres Gegenüber herumwandern; dann neigte ſie ein paarmal nachdenklich den Kopf, als gebe ſie ſich auf ihre eigenen ſtummen Fragen Ant⸗ wort, und um ihre Lippen zuckte ein faſt ſpöttiſches, triumphirendes Lächeln. „Und wie heißen S'denn ſonſt noch?“ fragte ſie weiter, als ob ſie mit ihresgleichen rede. Es erſchien Angelo höchſt ſonderbar von ſeinem Diener, daß er nur den Vornamen ſeines Herrn ge⸗ nannt haben ſolle. Auch entging ſeinem Scharfblick das veränderte Benehmen des Mädchens nicht, deſſen natürlichſte Erklärung zunächſt in den Auslaſſungen des Leibjägers über ſeinen Herrn zu ſuchen war. Er fing an Thomas ernſtlich zu mißtrauen, und 227 1 ſein Entſchluß, ihn nach Amerika zu ſchicken, befeſtigte ſich immer mehr. Faſt ärgerlich warf der Baron ein Geldſtück auf den Tiſch und machte Miene, ohne Antwort ſich zu entfernen. 3 Das war nun keineswegs nach dem Geſchmack der Reſ'l. Sie hatte ſich mit der ganzen Breite ihrer kräftigen Geſtalt vor die Lücke geſtellt, welche Bank und Tiſch dem Freiherrn als Ausweg ließen, ihre Augen funkelten unheimlich und die Lippen zogen ſich verächtlich herab. „So! Die Reſ'l iſt Ihnen wohl zu ſchlecht für eine Antwort! So will ich Ihnen wenigſtens zum Ab⸗ ſchied ſagen, wie Sie net heißen thäten, wenn die Reſ'l den Mund aufthun wollt': Herr Baron von Tondern!“ „Dirne, Du wirſt unverſchämt!“ rief Angelo, aber er konnte ſich, ſo ſeltſam die Reden des Mädchens klangen, eines gewiſſen unheimlichen Schauers nicht erwehren. Reſ'l beobachtete mit grauſamer Neugier die Wir⸗ kung ihrer dunklen Worte. „Unverſchämt? Dirn' heißen S' mich? Ich brauch nur noch ein paar Wört! zu ſagen, ſo bitten S' mich kniefällig um Verzeihung, Herr Baron!“ 15* 8* Angelo glaubte nun allen Ernſtes, es mit einer Verrückten zu thun zu haben. Die Reſ'l trat jetzt mit einem Achſelzucken zurück, als er Anſtalt machte, ſie mit Gewalt beiſeite zu drängen, und fragte ruhiger, aber mit derſelben ſon⸗ derbaren Betonung ſeines Titels, die Angelo vorhin ſchon das Blut in die bleichen Wangen getrieben: „Wiſſen denn der Herr Baron nichts mehr von dem Andreas Schnürlein, dem Kammerdiener, der mit dem alten Herrn Baron in Welſchland geweſen iſt, wie derſelbige Ihre ſelige Frau Mutter geheirathet hat, und der nachher das Fractotum der Frau Baronin geworden iſt?“ Angelo wurde aufmerkſam. Allerdings erinnerte er ſich aus ſeiner Knabenzeit des langen Schleichers Andreas mit dem unveränder⸗ lich ſüßen Lächeln und dem nie geraden Katzenbuckel. Derſelbe war, da er etwas Italieniſch und Angelo's Mutter nie recht Deutſch gelernt hatte, in der That das Factotum derſelben geweſen. Thatſache war auch, daß Andreas wenige Wochen, nachdem die Baronin todt war, wegen Unverſchämtheit fortgeſchickt wurde. Andreas Schnürlein war daher bei tieferem Nachdenken keine Erinnerung, die dem Baron ſonderlich imponiren konnte, und er ſagte alſo kurz und ſtreng: 229 „Allerdings. Was ſoll's mit ihm?“ Die Reſ' reckte ſich im Gefühl ihrer Wichtigkeit hoch auf und ſagte bedeutſam: „Der Andreas Schnürlein iſt ſeit zwei Jahren todt; aber ich leb' noch, und ich bin ſeine Tochter.“ Dieſe Worte beſtärkten den Baron wieder in dem Glauben, daß er es, wenn auch mit Fräulein Schnür⸗ lein, doch jedenfalls auch mit einer Geiſteskranken zu thun habe. „Nun, das iſt allerdings ſehr merkwürdig. Ich wünſche Ihnen alles mögliche Glück dazu!“ Der Reſ' entging die ironiſche Freundlichkeit An⸗ gelo's nicht. „Sie können ſich Glück wünſchen, daß ich keine Schwätzerin bin! Nicht einmal dem Thomas hab' ich erzählt, daß ſein Herr am längſten Baron geweſen wär', wenn ich reden wollt'!“ Umſonſt ſagte Angelo ſich, es ſei eine Verrückte, die er vor ſich habe. Reſ'ls Ausſehen und ihr be⸗ ſtimmtes Auftreten hatten nichts an ſich von der Un⸗ ſicherheit und Verſtörung, die Geiſteskranken gewöhnlich eigen iſt. Ihre ſchwarzen Augen blitzten und die vollen Lippen lächelten übermüthig. Angelo konnte ſich eines unheimlichen Gefühls bei der ſeltſamen Drohung nicht erwehren. Dunkle, ungreif⸗ 230 bare Erinnerungen aus den Tagen ſeiner Kindheit tauchten vor ihm auf: er ſah das kühle, mißtrauiſche Verhältniß ſeiner Eltern zu einander; er entſann ſich, daß ſein Vater ihn niemals geliebkoſt oder ein freund⸗ liches Wort an ihn gerichtet, ſondern ihn ſtets mit einem gewiſſen Mißtrauen betrachtet und ihn, ſobald es nur irgend thunlich, in dem Adelsinſtitut der Pa⸗ gerie untergebracht hatte. Er ſuchte indeß all das ab⸗ 3 zuſchütteln, und drohend ſchaute er in die blitzenden Augen der Kellnerin, die furchtlos vor ihm ſtand, und ziſchte: „Suche Dir zu Deinen Scherzen einen Anderen, freches Geſchöpf! Bei mir möchten ſie Dir ſchlecht be⸗ kommen!“ „Hohoho!“ lachte die Reſ'l laut und ſchallend, 4 daß Angelo ſich unwillkürlich erſchreckt umſah, ob Nee: mand in der Nähe ſei,„ich bin ein ehrliches Kind und fürcht' mich vor keinem Herrn Baron, der gar keiner iſt!“ Angelo lächelte jetzt über ſich ſelbſt— er glaubte des Räthſels Löſung gefunden zu haben. Alles das konnte ja nur ſeinem illegitimen Bruder gelten. Er p ſagte daher etwas freundlicher: „Du irrſt Dich in der Perſon, Reſ'l. Du haſt 3 die Mittheilungen Deines Vaters durch einander ge⸗ worfen; was Du mir da erzählſt, mußt Du dem Be⸗ reiter Helmberg ſagen— Du weißt, der neulich den Thomas verwundet hat.“ Aber die Reſ'l ſchüttelte ernſt und beſtimmt den Kopf. „Dem net; mein Vater hat oft zu mir geſagt: Der iſt echter als der andere. Denn der iſt wenig⸗ ſtens von ſeinem Vater aus echt, der Andere aber—“ „Dirne!“ Der Baron war erdfahl geiworden und erhob drohend den Reitſtock. Die Reſ'l rührte ſich nicht. „Schlagen S' nur!“ ſagte ſie kalt.„Dann hätt' morgen der kleine blonde Herr alle die welſchen Briefe, die Ihre ſelige Mutter meinem Vater zum Verbrennen gegeb'n hat, kurz bevor ſie geſtorben is.„Dort vor meinen Augen verbrenn' ſie im Kamin, Andrea“, hat ſie auf Welſch zu ihm geſagt, wie er allein bei ihr im Zimmer geweſ'n is, und hat ſich im Bett aufgericht't und ihn mit ihrem blaſſen Geſicht und den ſchwarzen Augen angeſchaut, daß ſich mein Vater ordentlich gfürcht' hat. Er hat ſchon lang gemerkt, daß die Frau Baronin, ſeit ſie kränker worden is, immer ein kleines Packel Papiere im Bett verſteckt hat und oft im Schlaf aufgefahr'n is und danach gegriffen hat. 232 Und daſſelbige Packel, hat ſie ihm geſagt, ſoll er vor ihren Augen verbrennen, und hat dabei immer gehorcht, ob Niemand kommt. Da hat mein Vater ſich denkt, da muß was Beſondres drin ſein, und hat ein Scheit Holz in den Ofen geworfen, daß die Funken aufgeflo⸗ gen ſind, das Packel aber hat er in die Taſchen geſteckt. Die Frau Baronin is nachher aber viel ruhi⸗ ger geweſ'n und bald drauf is ſie geſtorb'n.“ Die Reſ'l ſchwieg, um die Wirkung zu beobachten, welche ihre Erzählung hervorgebracht hatte. Angelo konnte ſeine Aufregung über die ſonder⸗ bare Mittheilung nicht ganz verbergen. „Dann war Dein Vater einfach ein Dieb“, knirſchte er. Die Reſ'l zuckte mit großer Ruhe die hübſchen Schultern.— „Meinetwegen! Gott hab' ihn ſelig! Er is jetzt zwei Jahre todt und wegen des Diebſtahls kann ihn Ihre Frau Mutter drüben verklagen! Es ſtiehlt oft einer mehr als das und kommt net ins Zuchthaus, ſondern behält ſeinen geſtohlenen Namen und ſeine geſtohlenen Reichthümer ſein Lebelang— Notabene wenn's die Reſ’l erlaubt. Denn ich hab' jetzt all die welſchen Briefe, und mein Vater hat zu jedem Brief geſchrieben, was er auf Deutſch heißt, und hat mir oft geſagt:„Reſ'l“, hat er g'ſagt,„ſolang ich am Leben bin, können wir nix machen. Denn wenn wir auch den Angelo um Alles bringen, einſperr'n thun's mich doch. Und der Angelo iſt ein halber Welſcher und die ſind ſchlau. Aber wenn ich einmal todt bin, nach⸗ her können ſie Dir nix thun, weil Du die Brief' net genommen haſt, und mit denſelbigen kannſt vielleicht einmal Dein Glück machen.“ Ich war aber vor zwei Jahren noch a jung's dummes Ding und hab' ganz andre G'ſchichten im Kopf gehabt als die alten Pa⸗ pierfetzen, und erſt wie ich den kleinen ſchneidigen Be⸗ reiter geſehen hab', ſind ſie mir wieder eing fall'en. Brauchen net zu erſchrecken“, fuhr die Reſl, welcher die von Minute zu Minute ſteigende Angſt des Barons nicht entging, mitleidig ironiſch fort,„das ſchneidige Bürſch'l könnt mir ſchon gefall'n, und wenn er mich a biſſl bei meinem guten Herzen gefaßt hätt', da wär's wohl geſchehen, daß ich ihm einen Wink geben hätt'; aber die Reſ'l iſt ihm auch zu ſchlecht vorkommen, um mit ihr zu reden, und da hab' ich mir denkt: Lauf' Du nur Deinem Glück davon, Du hochmüthiger Fratz, hab' ich mir denkt. Jetzt hab'n wir zwei mit einander zu thun“, ſchloß ſie halb ironiſch, halb kokett;„net wahr, jetzt lauf'n S' mir nimmer davon?“. 234 Und ſie legte den Kopf zur Seite und ſchaute den Baron wieder ſo ſchelmiſch an wie bei den erſten Worten ihrer Unterhaltung. Angelo war verwirrt. So ſehr er ſich auch bemühte, das Alles gering zu ſchätzen, es gelang ihm nicht. Seine Blicke lagen flackernd und unſicher auf dem Antlitz der kecken Dirne und convulſiviſch öffnete und ſchloß ſich ſeine Hand. Die Reſ'l hatte Recht. Die geheimnißvollen Briefe, deren Inhalt er ſich nicht denken konnte, übten bereits einen unheimlichen Zauber, dem er ſich nicht mehr zu entziehen vermochte. Mühſam rang er nach Faſſung, und mit erzwungenem Spott ſagte er: „Mit dem Italieniſchverſtehen Deines Vaters ſcheint es mir nicht beſonders gut beſtellt geweſen zu ſein, wenn er aus Briefen meiner Mutter ſo thörichtes Zeug herausgeleſen hat; immerhin ſind mir dieſe Briefe als Andenken theuer und Du haſt kein Recht, ſie zu behalten. Da Du aber ein Geſchäft damit machen willſt, ſo bringe ſie mir, ich will ſie Dir gut bezahlen.“ Dabei zog Angelo eine elegante Brieftaſche hervor und nahm einige Bankſcheine heraus, die er auf den Tiſch legte. Die Reſ'l ſchob ſie mit Verachtung zurück. — „Behalten S Ihre paar Gulden! Mein Vater hat manchmal geſagt, bevor er geſtorben is:„Der alte Herr Baron thät' viele tauſend Gulden geben, wenn er die Briefe hätt', aber ich kann ſie ihm net geb'n, denn er könnt den Spaß übel nehmen und mich ins Gefängniß bringen. In ſolchen Sachen kann man dem alten Herrn nicht trauen.“ Heut' hat mir nun der Thomas beim Frühſchoppen erzählt, daß der alte Herr wahrſcheinlich wieder ſeinen Proceß mit Ihnen verlieren wird. Glauben S' net, daß der jetzt viel Geld geben würd', wenn er die Brief' hätt'?“ Angelo wurde immer bleicher und bleicher. Aber je mehr ſich ihm das Vorhandenſein einer wirklichen Gefahr mit Beſtimmtheit aufdrängte, deſto ruhiger und geſchmeidiger wurde er Außerlich. „Ich weiß nicht, was mein Vater für die Briefe bezahlt hätte; laß ſie mich ſehen und dann will ich Dir dafür geben, was ſie für mich werth ſind.“ „Meint Ihr?“ höhnte die Reſ'l.„Ihr müßt mich doch für ſehr dumm halten! Ich würde keinen von den Briefen wiederſehen, wenn Ihr ſie einmal in der Hand hättet. Auch liegt mir nichts am Gelde. Mein Vater hat mir die Wirthſchaft und das Grund⸗ ſtück hier ſchuldenfrei hinterlaſſen und unter mir“, ſetzte ſie hinzu mit einem Lächeln, das wohl der be⸗ währten Anziehungskraft der eigenen Reize galt, „unter mir is die Kundſchaft der Herren Bedienten auch net geringer worden. Ich geb' Ihnen die Brief' net um zwanzig⸗, net um fünfzigtauſend Gul⸗ den!“ Reſl ſchwieg und ein großer Entſchluß ließ ihr die Wangen höher glühen und raſch hob und ſenkte ſich ihre Bruſt, als ob ſie kürzer athme. „Ich geb' Ihnen die Brief' und laſſ' Ihnen Ihren Baron umſonſt, wenn Sie aus mir eine Frau Baro⸗ nin machen wollen.“ Das große Wort war geſprochen. Angelo war unmerklich zuſammengezuckt. Das ſpöttiſche Mitleid, das er zu heucheln verſuchte, gelang ihm nicht ganz. „Das liegt allerdings ganz außer meiner Macht! Das kann nur der König.“ Ergrimmt ſah die Reſ'l ihn an. „Sie verſtehn mich ganz gut, wenn S' nur woll'n. Heirathen ſollen Sie mich! Aber glauben's nur ja net, daß ich in Sie vernarrt bin“, ſetzte ſie eifrig hinzu,„ich hab' halt bei meinem Vater, der immer bei hohen Herrſchaften geweſen is, eine Narrheit für den Adel kriegt, und er hat mir auch immer geſagt: Reſ'l, Du biſt zu was Höherm gebor'n, hat er geſagt. —————— 2 237 Blos weil ich Frau Baronin werd'n möcht', will ich Sie heirathen“, ſchloß die Reſl aufgebracht, denn auf dem Antlitz des Freiherrn leuchtete ein ſo finſterer dämoniſcher Spott, daß ſelbſt die reſolute Adelscandi⸗ datin ein leiſes Fröſteln empfand.„Denn wenn ich net hätt Baronin werden woll'n, nähm' ich mir lieber noch den Thomas als ſo ein Zwetſchgenmann'l.“ Das Ausſehen des Barons hatte ſich inzwiſchen verändert; er war völlig Herr über ſeine Empfindungen geworden. Um nichts zu vernachläſſigen, was zu ſeiner Sicherung dienen konnte, hatte er beſchloſſen, das Schlimmſte, was Reſ'l aus ſeiner Mutter Briefſchaften herauslas, als wahr anzunehmen und demgemäß zu handeln. Seine Blicke irrten wie prüfend über Geſicht und Geſtalt ſeiner heirathsluſtigen Feindin, und ſanft legte er die behandſchuhte Rechte auf den entblößten Arm der Reſl. Dieſe, an derbere Galanterien ge⸗ wöhnt, ſchien das nicht einmal zu bemerken. „Wenn ich nun aber ſchon eine Braut hätte, Reſ'l?“ Das Mädchen zuckte mitleidig die Achſeln. „Es hat ſchon Mancher eine ſitzen laſſen, warum nicht auch mal eine Gräfin? So eine kriegt leichter 'nen Baron als eine Wirthstochter. Was Geſicht und Geſtalt anbelangt, ſo kann ich es mit jeder ¹ Fürſtin aufnehmen, und das Spreizen und Nobelthun lernt ſich auch bald. Mein Vater war auch blos Brauknecht, eh' er Bedienter worden iſt, und doch hab'n all ſeine Gäſt' ſpäter g'ſagt: Er hat ein Be⸗ nehmen wie eine Excellenz! Das liegt bei uns ſo in der Familie.“ Um dieſe intereſſante Familieneigenſchaft der Schnürlein auf das überzeugendſte nachzuweiſen, machte die Reſ'l einen derb graziöſen Schlenker, als ob ſie einen Schlepprock von Klafterlänge nach einer andern Himmelsgegend zu lenken hätte. Je ruhiger Angelo wurde und je mehr ſich Reſ'l den Vorübungen für ihre angeſtrebte Stellung überließ, deſto mehr ſchien das Uebergewicht des gewiegten Welt⸗ mannes über die ehrgeizige Dirne zu wachſen und dieſe trotz ihrer Ausfälle zu ſeinem Spielball zu machen. „Allerdings ſind ſchon ärgere Mißheirathen ge⸗ ſchloſſen worden, als die unſerige wäre“, ſagte Angelo leichthin und drückte den Arm, den er ergriffen, etwas feſter;„auch glaube ich, daß Du Dich in Balltoilette“— Angelo's Blick ſenkte ſich unwillkürlich auf Reſ'ls rothe Hände—„vortrefflich ausnehmen müßteſt. Wir kön⸗ nen uns ja öfter ſehen; Heirathen iſt doch etwas Ern⸗ ſtes, vorzüglich wenn man ſchon eine andere Braut hat. Und dann müßte ich vor allem die Papiere ſehen.“ *⁴ 239 Und er faßte Reſ'l ſchmeichelnd unterm Kinn, was dieſe als einen ſchuldigen Tribut ihres künftigen Eheherrn mit herablaſſender Miene entgegennahm. „Zeig' mir die Papiere, Reſl!“ bat der Baron ſchmeichelnd, und ſeine Finger verirrten ſich von Reſls Kinn zu ihrer Wange;„wir wollen ſie mit einander leſen!“ fügte er ſchnell hinzu, als das Mädchen ihm mißtrauiſch in die Augen ſah.„Ich bleibe hier, bis Du wiederkommſt. Du wirſt Dich doch vor einem Zwetſchgenmann! nicht fürchten?“ Der letzte Grund ſchien durchzuſchlagen. Reſ'l zog Schultern und Unterlippe gleich verächtlich empor. 4„Die Reſl ſich fürchten? Und vor Ihnen? Da müßt' ſchon ein Andrer kommen! Und wenn's gehn wolln, da is der Weg! Die Reſl wird den ihrigen ſchon auch finden!“ Und ohne ſich nur umzuſehen, ſchritt ſie dem Hauſe zu. Angelo befand ſich in der ſeltſamſten Lage ſeines Lebens. Je mehr er über das Verhältniß ſeines Vaters zu ihm und ſeiner Mutter nachdachte, deſto mehr ge⸗ wannen die Behauptungen der Reſ'l an Bedeutung. Es war da ein ſchwarzer Punkt geweſen, den Angelo — 240 immer gefühlt hatte und der jetzt auf einmal rieſen⸗ groß ſeine ganze Zukunft zu verdunkeln ſchien, die ihm noch eben ſo klar und ſtrahlend vorgekommen. Die Gefahr, die ihn bedrohte, war um ſo beängſtigender, als Angelo ſie ihrem Weſen nach nicht einmal kannte, und der Kaufpreis des Geheimniſſes ſtand in brutal⸗ ſter Geſtalt vor ihm: ein Weſen, das mit jedem ſeiner Worte, jeder ſeiner Bewegungen ein Gefühl wie einen tiefen Ekel in dem verwöhnten Mann hervor⸗ rief.. Endlich erſchien die Reſ'l wieder. Sie trug in der Hand ein Päckchen, in ein ſeidenes Tuch einge⸗ ſchlagen und mit Schnüren umwunden. Das Tuch zeigte ein grelles Muſter und eine ſo eigenthümliche, halb antike Zeichnung, wie ſolche in Deutſchland nicht üblich ſind. Angelo erſchrak heftig. Manche Formen und Far⸗ ben prägen ſich der Phantaſie eines Kindes oft für das ganze Leben ein, der Baron wußte ſicher, daß jenes Tuch ſeiner Mutter angehört hatte. Er über⸗ wand den Schrecken, der lähmend durch ſeine Glieder fuhr, und ſetzte ſich, um der Reſ'l mehr Vertrauen ein⸗ zuflößen, wieder auf die Bank, indem er ſie mit einer Handbewegung einlud, neben ihm Platz zu nehmen. Die Reſô that das ohne jede Ziererei und ſpielte 241 wie ſinnend mit den Schnüren des Bündels, das ſie in der Hand hielt. „Soll ich's aufmachen?“ fragte ſie mit einem etwas mißtrauiſchen Seitenblick. „Laß das!“ wehrte Angelo ab, indem er den Arm um ihre Schulter legte und ſie zärtlich näher zog. „Mir liegt jetzt mehr an Dir als an den Briefen. Du biſt ein ganz prächtiges Mädchen, Reſ'l! Je län⸗ ger ich Dich anſehe, deſto beſſer gefällſt du mir! Man müßte ſich als Dein Schatz gar nicht ſchlecht befinden!“ Reſ' verſuchte ein Schmollgeſichtchen zu machen, wie ſie es bei paſſenden Gelegenheiten an einem viel⸗ umworbenen Kammermädchen beobachtet hatte. „Schätze kann ich hab'n, ſoviel ich will, auch Barone und Grafen, dazu brauch' ich Sie net; aber ich möcht' Baronin werden!“ Die Umarmung des Freiherrn wurde immer zärt⸗ licher; er hatte auch ſeine Rechte ſanft auf ihren Arm gelegt. Seine Augen waren wie die eines Raubthieres auf das Päckchen gerichtet, das Reſ'l in beiden Hän⸗ den hielt; immer feſter zog er das Mädchen an ſich, immer krampfhafter drückte er den Arm, den er um⸗ klammert hielt. „Du ſollſt Alles werden, was Du willſt, Reſ'l“, flüſterte der Baron und neigte ſich zu ihr nieder. „ Schlägel, Die Ritter der Gegenwart, I. 16 Dann ſprang er blitzſchnell empor und griff nach dem Päckchen. Ein kurzes Ringen entſtand. Mit funkelnden Augen und lachend vor Wuth wehrte ſich die Reſ'l. Aber ſie hatte die Kraft des Zwetſchgen⸗ mann'ls doch unterſchätzt— Angelo kämpfte für ſeine Exiſtenz. Mit einer äußerſten Anſtrengung ſchleuderte er das wüthende Mädchen von ſich, daß es zu Boden ſtürzte, und entfloh. Mit ſchrillem Lachen und glühenden Wangen er⸗ hob ſich die Reſ'l, eben hörte man die Hufſchläge des davongaloppirenden Roſſes. Aber plötzlich erbleichte ſie wieder und ihr Lachen verſtummte. Mit dunkelrothem Geſicht und zuſammengezogenen Brauen ſtand Thomas am Eingang der natürlichen Laube. Er hatte ſo eben ſeinen Herrn geſehen, wie er den am Gartenzaun angebunden geweſenen Braunen beſtieg und in fliegender Eile davonritt, ohne Tho⸗ mas, der dicht an ihm vorüberging, zu bemerken. Und die Reſ'l, die ihm geſtern mit zahlloſen Eiden verſprochen hatte, ihre Wirthſchaft zu verkaufen und ihm ſo raſch als möglich nach Amerika zu folgen, er traf ſie jetzt in verſtörteſter Toilette im verborgen⸗ ſten Winkel des Gartens in Geſellſchaft eines umge⸗ ſtürzten Kruges und des Reitſtocks ſeines Herrn. ——ſſͤͤ —— —— 1 11 —— Mit einem greulichen Fluche zog der Grüne, dem der Gedanke an Mord ſo geläufig war, den Hirſch⸗ fänger blank. Laut ſchreiend ſtürzte die Reſ'l, die von ſeiner Wildheit ſchon einige Beweiſe hatte, vor ihm nieder. „Thomas, ich will Dir Alles ſagen. Bei der ſchwarzen Mutter Gottes von Trudering, ich bin un⸗ ſchuldig.. ‧ X Dieſer Schwur bei der ſchwarzen madonna, welche die Aufſicht über todte Königsherzenl mulrte und die beim Landvolk eine hohe Verehrung genoß, verfehlte ſeinen Eindruck auf den Jäger⸗ icht und Reſ'l beeilte ſich, die Situation, freilich in ihret Weiſe, üffutare Sie erzählte ihrem Gelizzen in fliegender Haſt von X den Briefen, die ſie von ihrem Vater bekommen habe, und von der Macht, die ſie dadurch über Angelo be⸗ ſitze. Es habe ſie immer gequält, daß ſie kein reiches Mädchen ſei und ihrem lieben Thomas keine große Mitgift zubringen könne. Als nun heuté der Baron bei ihr eingetreten ſei, habe ſie gleich ge acht, daß vielleicht die Briefe ihr und des Thomas Glück machen könnten, und ſie habe Ln Krue rundweg erklärt, daß er gar kein Baron ſei,⸗ wenn ſie das nicht erlaube. Da ſei der Baron ganz zutraulich geworden 16* 244 und habe ihr ſogar angetragen, ſie zu heirathen, wenn ſie ihm die Briefe ausliefere. „Der ſchlechte Kerl!“ ſagte Thomas, der bisher mit offenem Munde den Mittheilungen ſeiner Geliebten zugehört, mit überzeugungsinnigem Erſtaunen. Die Reſ'l fuhr nun mit der Miene gekränkter Un⸗ ſchuld fort zu erzählen, wie ſie den Angelo vergeblich darauf aufmerkſam gemacht habe, daß ſie um Alles in der Welt nicht von ihrem Thomas laſſe, und da ſei er ganz„fuchtig geworden und habe g'ſagt, wenn ſie denn durchaus den Thomas, den g'meinen Kerl, lieber wolle als ihn—“ Da ſprang der Thomas auf und ſchaute wild um ſich. „G'meiner Kerl hat er g'ſagt?“ Die Reſ' nickte bekräftigend und fuhr in ſchein⸗ barem Zorn fort: „Ja, und wie ich ihm g'ſagt hab', daß mir'n echter Jäger noch immer lieber is als ein falſcher Baron, da hal er eine große Piſtol'n aus der Taſchen gholt— „Eine Piſtol'n?“— In den Zorn des Jägers miſchte ſich etwas wie Furcht vor ſeinem entſchloſſenen Herrn. „Ja, eine Piſtolen, und todtſchieß'n thät' er mich, G ℳ ℳ 245 hat er g'ſagt, wenn ich ihm. die Brief' net gäb, und Aug'n hat er dazu gemacht, ſag' ich Dir— ich hab' nimmer glaubt, daß ich die nächſte Viertelſtund er⸗ leb'.“ 8 „Und da haſt Du ihm die Brief' geb'n?“ fragte der Jäger athemlos. Die Reſ' ſchüttelte ſtolz den Kopf. 4 „Na, ſo dumm is Deine Reſ'l net, daß ſie ihr Heirathsgut wegwirft! Ich hab' ja g'ſagt und bin ins Haus gangen und hab' ein paar alte Zeitungen in ein Papier g'wickelt und ſie dem Angelo hingehalt'n. Gleich is er drauf los und hat ſie mir aus der Hand g'riſſen und is damit zum Garten'naus und auf und davon! Das war grad', wie Du kommen biſt, Thomas.“. „Und die Brief'?“ fragte dieſer in fieberhafter Spannung. „Da ſind ſ'!“ triumphirte die Reſ'l und holte ein Päckchen aus der Taſche.„Der Andre, weißt, der Dich niederg'ſchlag'n hat, gibt g'wiß n Haufen Geld dafür, wenn er der Baron wird.“ 4 Des Jägers Stirn wurde düſter und ſeine Hand ballte ſich. „Der hochmüthige Fratz ſollt' Baron werden?“ brauſte er auf. Beſänftigend ſchlang Reſ'l ihren Arm um ſeinen Nacken. „Schau', Thomas, was liegt denn noch an der alten G'ſchicht’! Mit mir is er auch grad' net fein gweſen, wie ich ihm was von dene Brief g'ſagt hab', aber er is doch kein ſo ſchlechter Räuber wie der Angelo, und das Geld, das er uns gebn muß, kriegt er gern von ſeinem Vater.“ Mürriſch ſah der Thomas vor ſich nieder: „Er hat mich aber g'ſchlag'n.“ „Und der Andre hat Dir Dein Mad'l abſpenſtig machen woll'n“, ſagte die Reſ'l eindringlich;„was is ärger? Wenn er uns ein ſchönes Stück Geld gibt, daß wir in Amerika ein Anweſen kaufen könnten, da kannſt zufrieden ſein. Wenn ich nur wüßt, wie man an ihn kommt, es iſt gar ein hochmüthig's, trotzig's Bürſch'l.“ Nachdenklich wiegte ſie das Haupt; ihre Gründe ſchienen nicht ohne Eindruck auf den Jäger zu bleiben, allein er ſchwankte noch. Plötzlich ſchnellte er den Kopf zurück und meinte mit einem eigenthümlichen Lächeln: „Zum Stillhalten und Zuhören wollt' ich ihn ſchon bringen, wenn's weiter nix is.“ „Du?“ fragte die Reſ'l ungläubig. „Ja, ich!“ antwortete der Thomas, mit düſterer 1 4 2 2— Schadenfreude in ſich hineinlachend.„Und ich thu's auch, g'wiß thu' ich's! Wart' nur erſt die Jagd ab, dann wirſt das Weitere hören!“ 3 Angelo ritt indeß heimwärts, was ſein Pferd laufen konnte, das Briefbündel feſt umſchloſſen haltend. Manchmal erſchütterte ſeinen Körper ein heiſeres trium⸗ phirendes Lachen. Vor ſeiner Wohnung ſprang er von ſeinem trie⸗ fenden Braunen, warf die Zügel dem Stallknechte zu und ſtürzte auf ſein Zimmer. Dort riß er die Schnüre auseinander, von denen das Bündel zuſammengehalten wurde— ein dumpfer Schrei der Wuth entrang ſich halberſtickt ſeiner Kehle, mit Fieberhaſt durchſtöberte er den Inhalt des Paquets— die Titel zerknitterter Lokalblätter ſtorrten ihm höhniſch entgegen. Mit einem verzweifelten Stöhnen drückte Angelo das Tuch der Mutter an die glühende Stirn. Doch nur einen Augenblick gab er ſich dieſem Anfall von gänzlicher Hoffnungsloſigkeit hin, dann leuchtete es wieder über ſein Geſicht wie damals, als Thomas ihm ſeine finſteren Pläne mitgetheilt. Wenn es nur noch einen Erben gab, dann handelte es ſich nicht mehr darum, welcher der beſſere ſei. Er wollte Thomas gewähren laſſen. Ende des erſten Bandes. 5 = 8 82 8 5 8 2 3 5 8 8 8 8 8 5 6 8 8 ſffſfſfß 16 17 18 19 Dnraaummmmnanunnna 15 11 12 13 14 3 — 8 8 1 1 5 2 4 4 4 4 5 8 3“ 74 3— 5“ 7 * — * 4* 8 *. 2 4 4 9 5 8— . 4