Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. JLeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50, Pf. 2 Mk.— Pf. „„„ n 3„„ 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —õ—— 1b 9— 2 O Ae 8 die Ritter der Gegenwart. Eine Hofgeſchichte von b Max v. Schlägel. Zweiter Band. —,N=G 4 Leipzig, 3 Ernſt Julius Günther. V 1874. Erſtes Kapitel. Die Macht eines Wahnſinnigen. In einer der ſtillſten und abgelegenſten Straßen der Hauptſtadt lag ein kleines ergrautes Gebäude mit ſchmaler Front und nur ein Stockwerk hoch. Mit ſeiner zerbröckelnden Stuccatur und ſeinen veralteten Jalou⸗ ſien nahm es ſich ſeltſam genug aus zwiſchen all den ſau⸗ ber getünchten Landhäuſern in den verſchiedenſten Graden von Geſchmackloſigkeit, welche die Mode und das Be⸗ dürfniß nach freier Luft in der Nähe hatten erſtehen laſ⸗ ſen. Das alte Häuschen trat für das Auge noch mehr zurück durch die weit vorſpringenden, von gußeiſernen Säulen getragenen Altane der beiden Nachbarhäuſer, das Eigenthum von zwei Söhnen eines reich gewor⸗ denen Kaufmanns, die mit ihren blanken Spiegelſchef⸗ n. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. I. 4 ben das unſcheinbare Heim gleichſam niederblitzen zu wollen ſchienen. Das Manſardenhaus hatte ſich ſiegreich behauptet gegen alles Gold des Kaufherrn, welcher die beiden Häuſer ſeiner Söhne ſo gern in einer einzigen impo⸗ ſanten Front hergeſtellt hätte. Selten öffnete ſich eine der beiden Einfahrten, welche ſich in den an beiden Seiten einige Klafter weit fortgeſetzten Mauern befanden; dann kam ein unſchein⸗ bares, einem Doctorwagen ähnliches Coupè zum Vor⸗ ſchein, von einem ergrauten Kutſcher in einfacher Li⸗ vree geleitet und von zwei nicht mehr ganz jungen, aber wohlgenährten Landpferden gezogen. So ſehr die elegante und laute Geſellſchaft, die zuweilen auf den gußeiſernen Balkonen der Nachbarhäuſer verſammelt war, ſich auch Mühe gab, etwas von den Inſaſſen des Wagens zu erſpähen, ſo gelang ihnen dies doch niemals, denn die grünen Vorhänge deſſelben waren ſtets geſchloſſen. Manchmal kam auch ein Jagdwagen, wie ſie bei den Landedelleuten in der Umgegend der Hauptſtadt üblich waren, im ſchärfſten Trab angefahren; vor dem Manſardenhäuschen hielten die abgetriebenen edlen Thiere; der alte Herr mit dem weißen Bart und den hohen Stiefeln, der die Zügel hielt, gab dieſelben dem 3 hinter ihm ſitzenden Kutſcher, das ſtets verſchloſſene Thor öffnete ſich wie von ſelbſt, und langſam fuhr der Kutſcher fort, um bei Sonnenuntergang ſeinen Herrn wieder abzuholen. Ein⸗ oder zweimal in der Woche kam auch ein blutjunger Bereiter im Galopp die Straße herunter, ſprang vor dem Häuschen leicht aus dem Sattel und pochte mit dem ſchweren Knopf ſeiner Reitgerte an das Thor, das ſich alsbald öffnete, um Roß und Reiter einzulaſſen. Sonſt kam kein Menſch zu der niemals ſichtbaren Bewohnerin des Häuschens, welches ſo ganz ausſah, als ſei es ſchon von einem höheren kurfürſtlichen Be⸗ amten des vorigen Jahrhunderts als Tusculum er⸗ baut worden, als die Thore der Hauptſtadt noch eine halbe Stunde von hier entfernt lagen. Jedermann in der Nachbarſchaft wußte, daß das Haus ſeit mehreren Jahren von einer verwittweten Gräfin Helm⸗ berg bewohnt werde, aber Niemand war noch darauf verfallen, daß die zurückgezogene Dame dieſelbe Gräfin Helmberg ſei, über deren Abenteuer zu wiederhol⸗ ten Malen die geſammte Preſſe und das ganze ſplit⸗ terrichtende Spießbürgerthum des Königreichs gebüh⸗ rend ſkandaliſirt hatten.— Welche Aufregung daher unter der ariſtokratiſi⸗ 1* 5 renden Nachbarſchaft auf den gußeiſernen Balkonen, unter den türkiſchen Zelten, die man zum Schutz ge⸗ gen die glühenden Sonnenſtrahlen darüber geſpannt hatte, als eines Nachmittags in Begleitung des klei⸗ nen Bereiters ein eleganter hübſcher Mann heran⸗ ſprengte und in dem grünen Thorweg verſchwand, ein Herr, der den Ariſtokraten aus den höchſten Krei⸗ ſen in jeder ſeiner ruhigen, ſichern Bewegungen verrieth, am meiſten aber dadurch, daß er von der lauten und bunten Geſellſchaft, die zu beiden Seiten über die eiſer⸗ nen Geländer hing, mit keinem Blick Notiz nahm. „Für das Pferd geb' ich auf der Stelle hundert Carolin“, bemerkte ein beleibter Herr mit Naſalſtimme, dicker goldener Brille und leberkranker Geſichtsfarbe, der ſich von den Geſchäften zurückgezogen hatte und ſich nun aus Geſundheitsrückſichten für einen leidenſchaftlichen Sportsmann hielt, und ſchielte abwärt⸗ auf ſeine krummen Beine, durch welche, wie er ſich häufig aus⸗ drückte, die Natur ihn ſchon zum Reiter beſtimmt hatte. „ Glaub's Ihnen gern, Goldensleben, daß Sie für ein Pferd geben wollen hundert Carolin, das iſt werth ſeine drei⸗ bis vierhundert! Glauben Sie, daß mein Freund, der Oberſtſtallmeiſter Graf Helmberg, ein Pferd für hundert Louisdor reitet, wie ein ausrangirter Börſenjobber?? —— 4 —— 5 Die halb unterdrückte Heiterkeit der Geſellſchaft bewies hinlänglich, daß die zarte Anſpielung des hüb⸗ ſchen großen Herrn mit blödem Auge, langem gelock⸗ tem Backenbart, dicker Hängelippe und dem Bändchen im Knopfloch gehörig gewürdigt wurde. „Laſſen Sie mich zufrieden mit Ihren noblen Be⸗ kanntſchaften“, entgegnete der Pferdeenthuſiaſt, deſſen Karlsbader Teint um einige Töne dunkler geworden war, geringſchätzig.„Ihr Vater hat Sie blos deshalb zum haitiſchen Conſul machen laſſen, damit Sie ein⸗ mal auf einen Hofball kommen ſollen. Aber man ſagt, daß er ſein Geld umſonſt ausgegeben hat, wie für Ihre Erziehung. Und jetzt bezahlen Sie die Wechſel für leichtſinnige Offiziere, damit Ihnen alle Wochen einmal einer davon die Ehre anthut, mit dem Herrn Conſul ſpazieren zu fahren. Solange man den Adeligen nachläuft, haben ſie ganz Recht, wenn ſie übermüthig werden!“ 6 Der junge hübſche Her war feuerroth geworden vor Aerger.. „Herr Goldensleben! Soll ich mir ſagen laſſen Unverſchämtheiten in meinem eignen Hauſe?“ ſagte er und ſchlug mit der flachen Hand auf ſein Ordensband. „Gott! Wie ſieht doch der Graf ſeinem Bruder, dem Baron von Tondern, ähnlich, der ſeine Loge 6 neben der unſerigen hat!“ rief eine ſehr erhitzte ſchwarz⸗ gelockte Schöne, um mit ihrer genauen Kenntniß der vielbeſprochenen Familiengeſchichte der Helmberg, ſo⸗ wie der vornehmen Loge im Theater zu glänzen, während ſie bereits zum dritten Male Eis aß und auf jedes Wort des Conſuls wie auf das eines Pro⸗ pheten lauſchte. „Beruhigen Sie ſich, Fräulein Rebekka!“ kam da eine leiſe Stimme aus einem zahnloſen Munde, der einem kleinen alten Herrn mit ſehr energiſchem Profil und ruhigem, beobachtendem Benehmen angehörte;„der Herr Graf da unten iſt blond und Baron Tondern ſchwarz wie ein Italiener.“ „Sie müſſen die Cavaliere allerdings beſſer ken⸗ nen, Herr Löffel, als ſich für eine junge Dame ſchicken würde“, meinte Fräulein Rebekka mit einem ironi⸗ ſchen Knix.„Gehört Baron Tondern auch mit zu Ihren Freunden?“ Der kleine alte Herr nickte ein paarmal nachdenk⸗ lich mit dem Kopfe, als ob das eine Frage ſei, die nicht ſo ohne weiteres beantwortet werden könne, dann zuckte er die Achſeln. „Hm! hm! Der König hat zwar verordnet, daß er der einzige Sohn ſeines Vaters ſei, und mit deſſen 8* Tode erbt er Alles; aber mir iſt, als ſei doch noch etwas faul.“ „Was geht das Sie an?“ „Mich?“ Der alte Herr ſah Rebekka groß an. „Achtzigtauſend Thaler geht es mich an.“ Damit drehte er ihr den Rücken und verfiel in tiefes Sinnen darüber, was in der Angelegenheit Ton⸗ dern noch etwa faul ſein könne. Von jetzt an nahte Rebekka dem großen Manne, der einem Cavalier achtzigtauſend Thaler geborgt hatte, nur noch mit tiefſter Ehrfurcht. Während ſich die erzählte kleine Scene über ihren Köpfen abſpielte, waren Ulrich und Hans von dem ſeinem Herrn im Trab folgenden Reitknecht erreicht worden, der nun im Verein mit dem das Thor öff⸗ nenden Portier die Pferde übernahm. Die beiden jungen Männer traten in einen klei⸗ nen alterthümlichen Hofraum, der von einem roſtigen Eiſengitter begrenzt wurde, durch das man in einen ziemlich zopfig angelegten Garten mit einem griechi⸗ ſchen Tempel im Hintergrund und mit verwilderten buchsbaumeingefaßten Rabatten blickte. Die Brüder wandten ſich rechts nach dem von zwei verſtümmelten Karyatiden bewachten Eingang des Hauſes; eine alte Dienerin öffnete, nickte dem Berei⸗ ter freundlich zu und ließ ihn und ſeinen Begleiter eintreten. „Wie geht es der Mama?“ fragte Hans im Vorübergehen. „Nicht beſonders“, antwortete die Alte achſel⸗ zuckend.„Heute iſt ein Brief des Herrn Baron gekom⸗ men, der die gnädige Frau in große Aufregung ver⸗ ſetzt hat. Es iſt gut, daß Sie kommen, Junker Hans! Sie werden meine liebe gnädige Fraunwieder aufhei⸗ tern!— Aber was—“ Und die Kammerfrau blickte fragend auf Johann's Begleiter. Dieſer konnte eine tiefe Bewegung nur ſchwer verhehlen. „Bleibe hier, ich werde die Mama vorbereiten!“ ſagte Hans. Ulrich nickte ſtumm.. Er ſtand in einem kleinen Saal des Erdgeſchoſſes, deſſen Geräthſchaften, ſo luxuriös ſie einmal geweſen ſein mochten, ſich dem ſtilvollen Alter des ganzen Hauſes würdig anpaßten. Da waren kunſtvoll ein⸗ gelegte Schränke, verſchnörkelte Tiſche und Rahmen, die das Entzücken jedes Rococo⸗Enthuſiaſten geweſen wären. Ulrich ſah nichts von all der veralteten, verblaß⸗ ten Umgebung, über welche die ſchweren grünen Damaſt⸗ —ÿÿ—— -— —— gardinen ihre bleiche Dämmerung ausgoſſen. Mit weit geöffneten Augen und gepreßtem Athem ſchaute er nach der Thür, in der Hans verſchwunden war. 4 Da ſchrak er heftig zuſammen— er hatte im Nebenzimmer den Aufſchrei einer weiblichen Stimme ’ gehört, die durch ſeinen ganzen Körper vibrirte. 8 Haſtig machte er einige Schritte gegen die Thür; da wurde dieſe aufgeriſſen— eine hohe, ſtreng in Schwarz gekleidete Frauengeſtalt ſtürzte mit geöffneten Armen auf ihn zu, und wie ein höchſter Wonne⸗ ſchrei aus der Tiefe eines umnachteten Herzens klang es: „Ulrich, mein Kind!“ Ulrich hielt die ſchlanke Geſtalt der Mutter feſt umſchloſſen; ihr blaſſes, kaum gefurchtes Artlitz mit den feinen edlen Zügen ruhte an ſeiner Schulter; eine der nur wenig mit Grau gemiſchten Locken war aufgegangen und hing in Ringeln über ihre Schläfe herab. Das mächtige blaue Auge ſchloß ſich thränen⸗ 3 4 los; aber über die männlichen Wangen ihres Sohnes — floß langſam Thräne um Thräne nieder. Endlich öffnete die Baronin die Augen und ſah ihren Sohn mit einem Blick an, in welchem die ganze zurückgedrängte Mutterliebe von zwanzig langen Jah⸗ ren leuchtete. 8 —O 10 „O, ich danke Dir, daß Du gekommen biſt, Ul⸗ rich!“ flüſterte ſie, ſeine beiden Hände faſſend.„Ich haßte die Oeffentlichkeit; aber Tage lang bin ich durch die Straßen der Stadt gefahren und habe durch eine Spalte des Vorhangs geſpäht, um Dich flüchtig zu ſehen, wenn Du mir vielleicht begegnen ſollteſt.— Ich ſah Dich oft, Ulrich!“ fuhr ſie mit einer Art ſchüchternen Stolzes lächelnd fort.„Ich wußte in der letzten Zeit genau, wann Du ausfuhrſt oder ritteſt und wohin, und ich war ſo glücklich, wenn ich Dich ſah! Erſt ſeit Du in Fels biſt, ſah ich Dich nicht mehr. In Fels wäre es aufgefallen, wenn ich ge⸗ kommen wäre, und das wollte ich nicht um Deinet⸗ willen! O, es iſt edel von Dir, daß Du gekommen biſt, Ulrich! Dieſer Augenblick iſt das erſte reine Glück ſeit zwanzig Jahren!“ Und mit ſtrahlendem Geſichte führte ſie den wie⸗ dergefundenen Sohn, den ſie noch immer an beiden Händen feſthielt, nach dem kleinen Sopha mit der ſteifen Lehne und dem großblumigen Damaſtmuſter. Dort ſaßen Mutter und Sohn Hand in Hand und ſahen ſich Minuten lang ins Antlitz. Endlich begann die Baronin wieder: „Und was mich faſt ebenſo ſehr freut als Dein 5 11 Kommen, das iſt das Bewußtſein, daß Du mich für ſchuldig hältſt und dennoch gekommen biſt.“ „Mutter!“ bat Ulrich flehend. Seine Mutter ſchüttelte mit einem unbeſchreib⸗ lichen Lächeln von Glück das noch immer liebreizende Haupt. „Ich weiß, Ulrich, daß Du edelmüthig genug biſt, keine Rechenſchaft mehr zu fordern, nachdem Du einmal vergeben haſt; aber eben darum darf ich Dir auch die Ueberzeugung nicht vorenthalten, die Dich glücklich machen muß: daß Du mir nichts zu verzei⸗ hen haſt! Ich hätte früher mich Dir nähern können, Ulrich— eine Mutter kennt keinen Stolz, wenn es ſich um Verſöhnung mit ihrem Kinde handelt; aber ich ſah, daß Du auf dem Wege zu Anſehen und Ehre warſt ohne mich; ich hörte, daß Du gut und edel ge⸗ blieben ohne mich; da wollte ich nicht Verwirrung in Dein ſonniges Leben tragen, denn ich fühlte, daß Du ſuchen würdeſt, mir zu helfen, wenn Du mich nicht mehr für ſchuldig hielteſt, daß Du im Stande ſein würdeſt, alle Rückſichten hintanzuſetzen, um die Ehre Deiner Mutter zu retten. Ich fürchtete, daß Deine Anſtrengungen vergeblich ſein möchten wie die unſeri⸗ gen und auf Dein junges Leben vielleicht ſchwer zu⸗ rückfallen könnten. Das durfte nicht ſein; Du we⸗ 12 nigſtens ſollteſt glücklich bleiben. Ich ertrug Deine Entfremdung, Dein Vorurtheil gegen mich, das— ich habe es ſtets gefühlt— mit einem offenen Wort zu zerſtreuen war. Ich ſprach das Wort nicht— um Deinetwillen! Es waren genng der halben und ge⸗ brochenen Exiſtenzen— Du wenigſtens ſollteſt geehrt und glücklich ſein, Ulrich! Heute aber kommſt Du ſelbſt, ohne daß ich Dich rief, zu, Deiner Mutter, die Du für unwürdig hältſt, und jetzt bin ich es Deinem Herzen ſchuldig, Dir zu ſagen, daß ich vor meinem Kinde die Blicke nicht niederzuſchlagen brauche. Du ſollſt jetzt Alles wiſſen— möge daraus werden, was werden muß!“ Die Baronin ſchwieg tief erregt. Ulrich ſaß neben ihr und wagte kaum in das edle Angeſicht zu ſchauen, das er ſo lange vermieden hatte. Jedes Wort der Freifrau drang ihm ins Herz wie der ſchneidendſte Vorwurf. Er ſchien ſich ein Verbrecher an dem allererſten und natürlichſten Ge⸗ fühl gegen die Frau, die ihm das Leben gegeben. Die er aufs tiefſte gekränkt, ſaß vor ihm mit liebe⸗ glänzenden Augen, das Antlitz in höchſter Wonne ſtrahlend und ſeine beiden Hände haltend, als ſei er ihr ſein Leben lang der treueſte und aufopferndſte Sohn geweſen. 4 Ulrich warf ſich ſeiner Mutter zu Füßen und küßte ihre ſchlanken Hände. „Mutter, Mutter! Ich will nichts hören als Ihre Verzeihung! Schon dieſer bin ich nicht werth! Aber es würde mich erdrücken, wenn Sie es für nö⸗ thig hielten, ſich vor mir zu rechtfertigen!“ Seine Mutter fuhr mit ihrer zarten durchſich⸗ tigen Hand über ſeine kurzgeſchnittenen blonden Locken. „Höre mich, Ulrich!“ ſagte ſie mit ruhiger, melo⸗ diſcher Stimme, die tröſtend bis in die geheimniß⸗ vollen Tiefen eines Mannesherzens drang, das die geprieſenſten Freuden der Welt nicht auszufüllen ver⸗ mocht hatten.„Von dem Augenblick an, da Du dieſe Schwelle überſchritten und Dich wieder vor der Welt als meinen Sohn bekannt haſt, handelt es ſich nicht mehr blos um mich und Dich, ſondern auch um alle jene, welche aus keinem andern Grunde als aus Luſt am Schmähen und der Freude an fremdem Un⸗ glück aufs neue ihre häßlichen Anklagen gegen mich erheben werden.— Ich weiß, ich weiß! Du würdeſt das jetzt nimmermehr dulden“, ſagte die Freifrau raſch und beſchwichtigend, als Ulrich mit blitzenden Augen aufſpringen wollte;„ich kann das nicht ändern, wenn ich es auch möchte, ſo wenig ich mein eigen Herz 14 ändern kann, das ja auch in Deiner Bruſt ſchlägt. Aber ebendeshalb auch darf nichts Dunkles mehr ſein zwiſchen Dir und mir, denn was könnteſt Du ant⸗ worten, wenn ſie Deine Mutter anklagten! Höre mich alſo; das, was Du hören ſollſt, wird Dir ohnehin ſchwer genug werden. Aber Du mußt die Sache kennen, für die auch Du von dieſer Stunde an kämpfen wirſt. Du mußt Alles wiſſen um Deiner eigenen Chre willen!“ Ulrich blieb ſtumm. Die Mutter zog ihn ſanft neben ſich, und ſeine Hände haltend begann ſie: „Dein Großvater, der mit mir in dieſem Hauſe wohnte, galt bei allen, die ihn kannten, für einen Sonderling, und man hätte ihn ſeiner Gewohnheiten und Anſchauungen halber wohl allſeitig gemieden, wäre nicht, wie ſich bei jeder Gelegenheit zeigte, ſein Charak⸗ ter unantaſtbar, ſein tiefes Gemüth außer allem Zwei⸗ fel geweſen. Er war kurfürſtlicher Beamter und, wie man ſagt, bei dem Urgroßvater des jetzigen Königs ſehr beliebt. Seiner ſtrengen Rechtlichkeit und wir⸗ klicher Verdienſte wegen war er in den Adelsſtand erhoben worden. Der letzte Kurfürſt unſeres Landes, der meines Vaters einſiedleriſche Gewohnheiten kannte, hatte ihm auch dieſen Platz, der damals weit außer⸗ halb der Stadt lag, für dies Häuschen angewieſen in einer ſchwülſtigen Urkunde, die ich noch beſitze und die auf ein herzliches Verhältniß zwiſchen ihm und ſei⸗ nem Fürſten ſchließen läßt. Schon in jener fernen Zeit, wie ich aus Man⸗ chem ſchließen muß, war mein Vater in allen ſeinen Anſchauungen weit hinter ſeiner Zeit zurückgeblieben, wozu wohl auch die furchtbaren Revolutionen und Kriegsjahre, die er zum Theil mit erlebt, beigetragen haben mochten. Sie mußten ja die Ruhe der vorhergehenden Jahrzehnte als eine Idylle des Friedens erſcheinen laſſen. Sein Geſchmack folgte ſeinen politiſchen Ueber⸗ zeugungen; daher auch die ganze pedantiſche Einrich⸗ tung dieſes Hauſes, welche ein ſtummer Proteſt gegen die herrſchenden Ideen der Zeit ſein und ihn an nichts erinnern ſollte, was im Hofleben und in ſeiner Stel⸗ lung immer unabweisbarer und unſympathiſcher ſich ihm aufdrängte. Die Zeit, in der unſer Land durch den fremden Eroberer zum Königreich erhoben wurde, war für meinen Vater eine ſchwere, und nur die immer gleiche Huld ſeines Fürſten bewog ihn, am Hofe zu bleiben. Die bald darauf folgenden Freiheitskriege hätten ihn verſöhnen ſollen; aber er gehörte zu den Menſchen, die nicht zufrieden ſind, wenn die Welt erfüllt, was ſie wünſchen, ſondern die ihr auch vergrämt den Rücken wenden, wenn ſie zur Erreichung dieſes Ziels nicht ge⸗ nau den Bahnen gefolgt war, die ſie ſelber ſich für ſie ausgedacht. Der bejahrte König ſtarb. Mein Vater nahm ſeinen Abſchied; denn er wollte dem jungen Kö⸗ nig nicht dienen, deſſen Kunſtſinn und hoher Geiſtes⸗ flug etwas ſo ganz Anderes waren, als mein Vater ſich unter den wünſchenswerthen Eigenſchaften eines Regenten vorgeſtellt. Nun zog er ſich immer mehr in die Einſamkeit zurück. Er war noch reich; keine Noth zwang ihn, mit den Menſchen zu verkehren, die er nicht mehr verſtand. Solche Charaktere werden in der Einſam⸗ keit nicht milder. Dein Großvater mochte aber dennoch eine Lücke in ſeinem Daſein ſpüren; denn ſchon ein hoher Fünf⸗ ziger, heirathete er noch ein armes, völlig verwai⸗ ſtes Mädchen, die Tochter eines ſeiner früheren Colle⸗ gen. Er that es wohl aus Mitleid und der Geſell⸗ ſchaft halber, denn meine Mutter war ein Kind, als ſie ſeine Gattin ward, faſt Kind noch, als ſie ſtarb, nachdem ſie mir das Leben gegeben. Ich war das einzige Glied, das den Vater von nun an mit der Welt verband; doch war ich auch ſeine kleine Welt, die er nach Herzensluſt verbeſſerte und regierte. ₰ 17 Er wachte über mir mit eiferſüchtiger Sorgfalt, daß nicht ein Hauch der neuen Zeit mich ſtreife; Alles, ſelbſt das Kleinſte, lernte ich nur durch ihn; noch weiß ich deutlich, wie er, der hagere Mann, in längſt ver⸗ ſchollener Tracht, und ich, das kleine Ding, auf hohen Stöckelſchuhen, die einſamſten⸗ Wege auſſuchten, zur Verwunderung der Wenig en, die uns begegneten.“ Nach kurzer urhe die Mutter fort: „Ich wurde fanfzehn Jahre alt, war groß und kräftig über meine Jaßhre, und ich mußte oft mit eigenen Ohren hören, wenxt ich am Arm des Vaters über die Straße ging, docß ich nicht häßlich ſei. Von der Welt außer unſyſ da kannte ich ſo gut wie nichts. Aus den Bäͤchern, die mir der Vater gab, lernte ich höchſtens, Wwie jene Welt, die ich nicht kannte, einſt geweſen war — meines Vaters Neigungen erſtreckten ſich bis auf die Muſter, die ich ſtickte. Ich konnte mich nicht täu⸗ ſchen über das Lächeln der Leute, die uns begegneten, über die Bemerkungen unſerer wenigen Freunde, die der Papa endlich faſt alle aus dem Hauſe getrieben durch ſeinen Starrſinn; ich ſah wohl, daß das Leben vor unſern Fenſtern anders war als drinnen, und wenn ich auch die Augen abſichtlich ſchloß, als wäre es ein Verbrechen, es zu ſehen, ich fühlte doch den tiefen Riß zwiſchen uns und der Welt. v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. II. 2 18 Kein heiteres Kinderlachen, keiner Freundin Ver⸗ trauen erfriſchte meine Jugend. Da, eines Tages, riefr mich der Papa aus meinem Zimmer, aufgeregt, mit flammsenden Wangen und Thränen in den Augen — am andern Jage war ſein Geburtsfeſt, und ich verbarg erröthend eine Mütz von längſt verſchollener. Form, die ich heimlich für dihn arbeitete. Außer mir vor Staunen folgte ich dem Berehl das Beſte, was Küche und Keller bargen, aufzuttragen für unſern Gaſt.. Unſer Gaſt war ein zwanzigjähriger Page unſe⸗ res Königs, der im Auftrage Seiner Majeſſtät dem Vater zu ſeinem ſiebzigſten Geburtstage einen bohen Orden brachte; man hatte glſo den treuen Diemer nicht vergeſſen, worüber er ſich oft ſo bitter gekränkte Ich kam in dieſes Zimmer ſchüchtern, zitternd, ich hatte ja mit Menſchen nur ſelten verkehrt, und nie mit ſolchen, die mein Vater liebte. Da neigte ſich ceremoniell, wie im Menuett, ein junger Mann, den Dreiſpitz zierlich zwiſchen drei Fingern der rechten Hand, die linke ſanft am Degen. Haarſchleife, Zopf, die mächtigen Jabots, der Anzug, blau mit Silber, bis zu den Schnallenſchuhen ſtimmten ſo ganz zu jenem Fabelweſen, wie ich nach meines Vaters Schilderung mir junge Cavaliere vorgeſtellt. I ¹ N 19 Der dienſtthuende Page des Königs harmonirte ſo ganz mit alledem, was mich hier umgab, umgeben hatte ſeit meiner Kindheit, daß ich nur verwirrt und zitternd des Amts der Hausfrau waltete. Ich wußte nicht— woher ſollte ich es auch wiſſen— daß des Königs Edelknaben ihre Uniform durch anderthalb Jahrhunderte nicht verändert hatten, und daß der Ca⸗ valier in ſeidener Tracht, die Schleife in den königli⸗ chen Farben an der Achſel, nichts war als ein Ueber⸗ bleibſel längſt vergangener Zeit, gleich uns zurückgehal⸗ ten durch die Laune eines Einzelnen. Dein Vater— denn daß er es wurde, wirſt Du errathen— den ſein Dienſt im Schloſſe zu uns führte, ſchien ſich bei uns zu gefallen. Er hatte ſich bei mei⸗ nem Vater ſo günſtig eingeführt, mit ſolcher tiefen Ehr⸗ furcht ſich vor ihm verbeugt, des Königs Schreiben und Geſchenk ſo zierlich überreicht, ſich auch ſo manierlich bei Tiſche betragen, er hörte des alten Herrn Reden mit ſolch unermüdlicher Geduld an, daß dieſer, was er ſonſt nie gethan, ihn bat, er möge wiederkommen, und von Stund an den Grafen Helmberg für den ritter⸗ lichſten jungen Mann erklärte, den er je gekannt, für einen Jüngling, wie man ihm nicht oft mehr begegne in dieſen Zeiten. Ich hörte ihm gläubig zu, und als Graf Helm⸗ 7 ——————— 20 berg wiederkam, hieß ich ihn willkommen; es war der erſte Menſch, mir gleich an Jahren, mit dem ich verkehrte, und Jugend hält doch gern zu Jugend. Ich freute mich, wenn er kam, ich freute mich über die Freude meines Vaters; aber ich war auch nicht trau⸗ rig, wenn er ging; oft war ich ſogar froh, denn viel von dem, was er mir erzählte, als wir mehr ver⸗ traut waren, mit glühenden Wangen und faſt hefti⸗ gen Geberden, erſchien mir phantaſtiſch, verworren, un⸗ heimlich ſogar. Mein Vater aber fand Alles herrlich an dem jungen Edelmann, der ſich in günſtiger Stunde bei uns eingeführt, er ſah in ihm das Vorbild eines Ritters neu verkörpert. Ich ſchwieg; mein Vater mußte die Menſchen und ihren Werth beſſer kennen als ich. Schon ſeit einiger Zeit hatte Dein Vater uns mitgetheilt, daß er demnächſt mündig erklärt werden würde und alsdann die Pagerie verlaſſen werde, um die Verwaltung ſeiner Güter zu übernehmen. Seine Eltern ſind, wie Du weißt, ſehr früh verſtorben und mit einundzwanzig Jahren war Dein Vater Herr ſei⸗ nes Eigenthums und ſeiner Handlungen. Es ent ging mir nicht, daß ihm der Abſchied ſchwer wurde; war er ja überhaupt in der letzten Zeit unruhig und tief⸗ ſinnig geweſen und hatte oft vergeſſen, Papa zu antworten, indem er mit Blicken nach mir ſah, die mich ängſtigten.* Eines Morgens empfing mich Dein Großvater in beſonders feierlicher Stimmung und eröffnete mir mit ſtrahlendem Geſicht, daß der höchſte Wunſch ſeines Lebens erfüllt ſei, daß ich die Gattin eines Mannes werden ſolle, der einen der älteſten und geehrteſten Namen des Landes trage, kurz, daß Graf Helmberg um mich angehalten habe. Mir war, als ſtürzten die Wände dieſes Zim⸗ mers über mich, während mein Vater mir erzählte, wie er ſchon lange geſehen, daß wir uns liebten, und Freuden⸗ thränen über mein Glück ſeinen Augen entſtrömten. Ich war verwirrt, betäubt; ich warf mich an meines Vaters Bruſt und weinte und bat ihn, mich nicht von ihn zu laſſen; ich wolle keinen Mann; ich liebe nur ſich und wolle bei ihm bleiben bis ans Ende. Mein Vater küßte mich für dieſe Aufopferung, wie er es nannte, und ſagte, daß mein edles Herz es ihm dop⸗ pelt zur Pflicht mache, mich dem Mannne zuzuführen, den ich liebe. Ich ſchwor ihm, daß ich Graf Helmberg fürchte, daß ich vor dem Gedanken mich entſetze, mit ihm zu gehen. Da lächelte mein Vater und meinte, ſo 22 wie ich fühle jedes ſittſame Mädchen; er wiſſe beſſer, daß ich Helmberg liebe. 3 Dann öffnete er die Thür, Dein Vater erſchien, man legte unſere Hände in einander und Dein Groß⸗ vater, der Menſchenfeind, rief die Nachbarn und Freunde, ſein und unſer Glück zu ſchauen. Unſer Glück! Dein Vater lag vor mir auf den Knieen und ſtarrte mich mit glühenden Augen an. Ich zitterte vor ſeinem Blick faſt mehr noch als vor dem Zorn des Vaters. Manchmal des Nachts überkam mich eine fürchterliche Angſt vor dem, was meiner wartete; ich wollte vor dem Lager des Vaters nieder⸗ ſtürzen und ihn anflehen, mich vor meinem Bräutigam zu retten; das könne nicht Liebe ſein, der vor dem Liebſten graut! Oftmals ſtand ich ſchon vor der Thür und hörte des Vaters ruhige Athemzüge, ſo ruhig wie nie. Dann dachte ich wieder an ſein ſtrahlendes An⸗ tlitz und wie er anders geworden als ſeit langen Jah⸗ ren, ausgeſöhnt mit aller Welt, und fragte mich, ob ich das Recht habe, alles das zu zerſtören, ich, die ich ja nicht einmal wußte, was Liebe ſei. Das mußte doch der Vater beſſer wiſſen! Und dennoch, ein wenig wußte ich davon! Das ſüße Lied dringt durch die dickſten Mauern, wenn man auch Thür und Fenſter ihm verſchließt! Neu⸗ — w „. gierig belauſchte ich dann das eigene Herz, wenn Helm⸗ berg kam, ob nicht ein leiſer Schlag dem heißen Seh⸗ nen gleiche, von dem ich in alten Büchern geleſen. Umſonſt! Es blieb nur Grauen und Entſetzen. Alle alten halbvergeſſenen Freunde kamen wieder zu uns und prieſen mich ob meines hohen Glückes; ich hielt mich endlich für ein herzloſes, undankbares Geſchöpf und fing faſt an mich ſelbſt zu haſſen. Helmberg betrieb unſere Vermählung mit einer fieberhaften Haſt. Mein Vater nannte das ein Merk⸗ mal ſeiner tiefen ritterlichen Liebe und ſah darin die beſte Bürgſchaft für unſer Glück; mir wollte es ſcheinen, als ſei dabei viel kindiſcher Eigenſinn im Spiele, als ob mein künftiger Gatte ſich Widerſtände ſchuf, die nirgends waren, und triumphirend vor mich hintrat, wenn er ſie beſiegt. Schon wenige Wochen, nachdem wir uns verlobt, zog ich als Deines Vaters Frau in Helmberg ein.“ Die Freifrau ſchwieg; es ſchien, als wolle ſie mit dieſer Pauſe auch die Erinnerung an die Zeit ver⸗ ſchwinden laſſen, die jetzt anfing und von der ſie ih⸗ rem Sohne nicht erzählen wollte. Schön konnten jene Zeiten einer jungen Ehe nicht geweſen ſein; denn ſie war bleich geworden, und Ulrich fühlte ihre Hand, die noch immer in der ſeinigen lag, leiſe zittern. 24 * „Das erſte Jahr meiner Ehe mit Deinem Vater war die ſtärkſte Prüfung, die vielleicht einem Kinde von fünfzehn Jahren auferlegt worden. In einem Augenblick ward ich überſchüttet mit Zärtlichkeiten, ich mußte mich ſcheuen, nur den leiſeſten Wunſch auszu⸗ ſprechen, um ihn nicht in der überſchwänglichſten und bizarrſten Weiſe erfüllt zu ſehen. Und zu andern Zei⸗ ten, wenn irgend eine neue Laune, und war ihr Ge⸗ genſtand noch ſo klein und unbedeutend, ſeinen Sinn gefangen hielt, war ich unbeachtet, ja oft mit Rauhheit von ihm geſtoßen, wenn ich zufällig ſein Brüten unterbrach. Er konnte an die Erfüllung eines kleinen Wunſches Alles ſetzen und hatte ſelten die Einſicht für das Nothwendige, noch ſeltener die Energie dazu, und wäre das Nothwendige noch ſo leicht geweſen. Er hatte vielleicht dann und wann eine Ahnung, als ob der Gehorſam und die treue Hingebung, die ich ihm widmete, nicht das letzte Wort ſeien, deſſen mein Herz fähig wäre. Dann brach ein Sturm der Leidenſchaft über mich herein, dem ich mich beugen, aber nicht folgen konnte. Ich fürchtete dieſe Ausbrüche einer wilden, zügelloſen Natur, über die kein milder ſanfter Geiſteshauch die Schwingen ſegnend und be⸗ fruchtend breitete. Mochte er lieben oder zürnen, ſtets verlor Dein Vater ſich ſelbſt. Raſtloſe Unruhe, dumpfes 1 25 Brüten oder Raſerei— in dieſe Stimmungen theilte ſich ſein Leben. Nie hörte ich ihn ſcherzen, ſelten lachen, und dann war es immer ein ſo fremder Ton, der ihm nicht eigen war und den er erſt von Andern gelernt zu haben ſchien. So blieb es auch, als Du geboren warſt, mein Ulrich! Manchmal litt ich die höchſte Seelenangſt für Deine zarten Glieder, wenn Dein Vater Dich aus der Wiege nahm. Einmal hob er Dich, den zarten Säug⸗ ling, zu ſich aufs Pferd und jagte mit Dir im Forſt umher, bis er Dich mürriſch wiederbrachte, weil Du ſo arg ſchrieſt. Dann ſchien er Monate lang vergeſſen zu haben, daß Du ſein Kind warſt, bis eine Kleinigkeit, ein Zu⸗ fall wieder den Sturm der Vaterliebe über Dich da⸗ hinbrauſen ließ. Kaum konnteſt Du gehen, als Dein Vater an⸗ fing, Dich in den ritterlichen Uebungen bilden zu wol⸗ len, in denen er Meiſter war. Du warſt noch nicht ganz drei Jahre alt, als Du ſchon ohnmächtig und blutend zu mir gebracht wurdeſt, weil Du vom Pferde gefallen warſt, auf dem Dein Vater Dich reiten lehren wollte, und kaum ſechs, als Du Dich vor dem Rappier des eigenen Vaters flüchten mußkeſt, der wüthend auf Dich einhieb, weil Du den kleinen Degen, den er Dir 26 4. 8 gekauft, nicht hielteſt, wie er Dir befohlen hatte. Bei Gott, bis dahin war ich ihm ein gehorſames Weib geweſen, und wenn zu Zeiten, wo es für mein Leben Gefahr brachte, Dein Vater mir befahl, gleich einer echten Rittersfrau aus alter Zeit bei Mondenſchein querfeldein mit ihm zu jagen, ich gehorchte, er war ja mein Gebieter und was lag an mir. Als er aber zum zweiten Mal das Leben meines Kindes in Gefahr brachte, da bäumte ich mich auf und ſprach Worte, wie er ſie bis dahin nie gehört und wie ſie mir faſt ſelber fremd von meiner Lippe klangen. Er ſah mich ſcheu und finſter an und ging. Mir ſchien es, als habe er Furcht vor mir ſeit dieſem Tage; denn ſo heftig er auch gegen ſeine Diener wüthete, mit uns beiden trieb er nicht mehr ſo arg wie früher ſein ſeltſames Spiel. Inzwiſchen wurde er immer einſilbiger und ſon⸗ derbarer. Tage lang ritt er allein im Forſt, ſelten mehr blickte er mir in die Augen; der Blick der Men⸗ ſchen ſchien ihm weh zu thun. Dich ſah er oft ſo ſeltſam an, als müßte er ſich erinnern, daß Du ſein Kind ſeieſt. Du flüchteteſt ſtets vor ihm zu Deiner Mutter! Des Nachts ſtand er manchmal auf und ſprach mit ſich und rief laut aus dem Fenſter. Ich wagte manchmal kaum die Augen zu ſchlie⸗ —— 27 ßen und ſchlief erſt ein, wenn er fortgeritten war. Mein heißeſter Wunſch wurde, Dich ſeiner Macht zu entziehen. Du warſt erſt acht Jahre alt, doch groß und ſtark für Dein Alter; es gelang mir, Deine Auf⸗ nahme in die Pagerie zu erwirken, trotzdem Du noch nicht das dazu gehörige Alter hatteſt; ich zitterte vor dem Zorn Deines Vaters, wenn ich ihm meine Ab⸗ ſicht mittheilen mußte. Wie erſtaunte ich, als er mich ruhig, faſt gleich⸗ gültig anhörte und mir dann mit großem Intereſſe erzählte, daß er ganz in der Nähe einen Fuchsbau entdeckt habe, den er morgen umſtellen laſſen wolle. Ich hielt damit die Angelegenheit für genehmigt. Als Du Abſchied von ihm nahmſt, war er freundlich mit Dir; nur ſchien er ſich den Gedanken nicht recht klar zu machen, daß Du für lange Zeit uns verlaſſen würdeſt. Am andern Tage hatte er Dich vergeſſen. Seit ich nichts mehr für Dich zu fürchten hatte, kamen mir meine Pflichten als Gattin wieder mehr zum Bewußtſein und ich ſchloß mich inniger als je an Deinen Vater an. Ich ritt, ich fuhr mit ihm, ich ſuchte ihn von den ſeltſamſten ſeiner Einfälle zurück⸗ zubringen. Er ſchien auch ruhiger zu werden und ſich ſeinen ſeltſamen Stimmungen weniger rückhaltlos hin⸗ f —— 28 zugeben. Der plötzliche Tod meines Vaters, den ich nach Dir am meiſten liebte, vermochte nicht, mich meiner Pflicht untreu zu machen; ich freute mich wie ein Kind über jedes freundliche Wort, jedes Lächeln, das ich meinem Manne entlockt hatte; er war ſanfter gegen ſeine Untergebenen geworden. Ich belächelte ſchon die ſchrecklichen Gedanken, die mich dann und wann durchzuckt hatten, und ſöhnte mich faſt wieder mit meinem Daſein aus. Da, an einem Auguſttage, in den heißeſten Mit⸗ tagsſtunden, ließ Dein Vater plötzlich ſeine vier Brau⸗ nen anſpannen und befahl mir in einem Tone, wie er ihn die letzte Zeit nicht mehr gegen mich angenom⸗ men, ihn zu begleiten. Ich ſuchte ihm die Fahrt aus⸗ zureden, aber er ſah mich ſo wild und drohend an und ſein Benehmen ward ſo aufgeregt, daß ich ferne⸗ ren Widerſpruch nicht wagte, ſondern mich, banger Ahnungen voll, zur Fahrt rüſtete. Du erinnerſt Dich des Weges, der von Helm⸗ berg abwärts führt, gegen die Landſtraße zu. Dein Vater fuhr dieſen Weg ſonſt immer mit äußerſter Vor⸗ ſicht und im Schritt. Diesmal machten wir ihn in Carrière und er ſchlug wüthend auf die Pferde ein. Du weißt auch, daß man bei der ſcharfen Wendung, durch welche der Weg nach dem Dorfe einbiegt, un⸗ fehlbar über die Terraſſe hinabſtürzen muß, wenn man nicht zur rechten Zeit wendet. Und in dieſer Gangart war das unmöglich. Ich ergriff Deines Vaters Arm und beſchwor ihn, nicht unſer Leben tollkühn aufs Spiel zu ſetzen; was er antwortete, weiß ich nicht; aber er ſchien ſehr zornig und zeigte mir die Zähne wie ein wildes Thier. Ich hatte eine entſetzliche Angſt; ich dachte an Dich, mein Kind, und daß ich Dich nicht wiederſehen würde. Wir waren nur noch wenige Schritte von der Krüm⸗ mung des Weges entfernt, Dein Vater ſchlug noch immer auf die Pferde ein und lachte mit einer Art höhniſchen Zornes in ſich hinein, als ſei das, was geſchehen werde, ein beſondzos luſtiger Scherz. Da im letzten Augenblick gab mir der Gedanke an mein Kind die Kraft, ich griff in die Zügel und riß daran, aber ſchon war es zu ſpät. Ich konnte leider die Vor⸗ derpferde nicht mehr wenden; im nächſten Augenblick waren ſie verſchwunden; ein Krach bedeutete das Rei⸗ ßen der Stränge; die Deichſelpferde ſtürzten hart am Abgrund zuſammen. Mein Reißen an den Zügeln, dem die Vorderpferde nicht mehr gehorchen konnten, war doch hinreichend geweſen, eins der Hinterpferde gegen einen den Rand der Straße bezeichnenden Baum zu führen, wo es zuſammenbrechend ſein Nebenpferd 30 mit ſich niederriß und den nachdrängenden Wagen aufhielt. Ich ſprang vom Wagen; der Kutſcher, der ſchon vorher heruntergeſprungen war, kam hinkend herbei. Dein Vater ſaß noch immer auf ſeinem Sitz und hieb auf die zum Tode verwundeten Thiere. Der Kutſcher hatte raſch beſonnen die Stränge abge⸗ ſchnitten. „Um Gottes willen! Was haben wir Dir gethan?⸗ rief ich außer mir Deinem Vater zu. Er lächelte bä⸗ miſch in ſich hinein und ſtieg ab. „Ich weiß es ſchon lange“, ſagte er,„daß Ihr mir nach dem Leben trachtet, Ddu und er, und da wollte ich Euch zuerſt tödten.“ „Wer? Wer will Dir ans Leben?“ rief ich. Er hob den Kopf, zog die Augenbrauen in die Höhe und ſtarrte ins Leere. Dann lachte er in ſich hinein wie vorher, und lief raſch und unaufhaltſam den Berg hinun⸗ ter. Ich konnte ihm nicht folgen, denn vor Schreck war ich einer Ohnmacht nahe. Inzwiſchen hatten un⸗ ſere Leute, welche die tolle Fahrt mit angeſehen und uns gefolgt waren, den Platz erreicht. Sie trugen mich halb bewußtlos heim. Es war ſchon ſpät am Abend; ich hatte alle Leute ausgeſchickt, den Grafen zu ſuchen, während ich ſelber Stunden der entſetzlichſten Angſt lebte. Da — ₰ —— 31 wurde mir Hermann von Tondern gemeldet, der eben auf einem triefenden Pferde auf Helmberg angekommen ſei und mich zu ſprechen verlange. Obwohl wir wenig mit Baron Tondern ver⸗ kehrt hatten, der keine beſondere Zuneigung für uns zu haben ſchien und ſeit dem Tode ſeiner Gemahlin überhaupt ſehr einſiedleriſch lebte, ſo hatte ich ihn doch ſtets als einen hochherzigen Menſchen und als einen Muſteredelmann rühmen hören. Die wenigen Male, die ich ihn bei den üblichen Viſiten, bei unſern Ge⸗ ſellſchaften oder denen auf andern Gütern ſah, hatte er mir einen ſehr angenehmen, ruhigen und überlegenen Eindruck gemacht. Wir hatten einige höfliche Worte mit einander gewechſelt; aber bei Ankunft meines Mannes brach er jedesmal kurz ab und verließ uns. Er erzählte mir in ſpätern Jahren, daß das ganze Weſen meines Mannes ihm ſtets fremdartig und un⸗ heimlich geweſen ſei, ein Eindruck, den er nur mit Mühe ſo weit überwunden habe, um den geſellſchaft⸗ lichen Formen zu genügen. Mich habe er anfangs nach den Reden der Leute für ein ziemlich unbedeu⸗ tendes Weſen gehalten, das berechnend genug geweſen, im die engen Verhältniſſe des Vaterhauſes gern mit eer Herrſchaft auf Helmberg zu vertauſchen. Als er mich jedoch einigemal geſprochen und längere Zeit 32 beobachtet, habe er mich allerdings anders beurtheilt; dann aber habe ihn der herriſche Ton, den mein Ge⸗ mahl auch vor Andern gegen mich angenommen, im⸗ mer aufs tiefſte verletzt. Dir, mein Sohn“, fuhr die Gräfin fort,„brauche ich wohl nicht zu verſichern, daß nie ein Wort, nie ein Blick des Freiherrn die Achtung verletzte, die er der Gattin eines Andern ſchuldig war; und wie ich ihn ſpäter kennen lernte, hätte er eher ſich ſelbſt ver⸗ nichtet, als mich in eine Lage gebracht, die ihm mei⸗ ner unwürdig erſchien. Ich ſelber kann mir das Zeug⸗ niß geben, daß ich Tondern bisher nie eine andere Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, als wozu ich durch die Form geradezu verpflichtet war. Nach alledem und da ich nur Edles von ihm wußte— er war ein Menſch, über den die Läſterſüchtig⸗ ſten nichts zu ſagen wußten, als daß er zu gut ſei— ſtand ich nicht an, ihn zu empfangen. Offen, vor al⸗ ler Dienerſchaft, trat er bei mir ein, beſtäubt und in großer Bewegung; er theilte mir mit, der Graf ſei zu Fuß und in großer Aufregung zu ihm gekommen, habe ganz ſeltſame und unverſtändliche Reden geführt und ihn zuletzt zum Zweikampf auf Leben und Tod gefordert. Aus den zarten Andeutungen, welche Ton⸗ dern machte, mußte ich annehmen, daß die wenigen 33 Worte, welche Tondern anſtandshalber in Geſellſchaft mit mir hatte wechſeln müſſen, und ſein raſches Fort⸗ gehen, ſobald mein Mann kam, auf deſſen Stimmung vom nachtheiligſten Einfluß geweſen waren. Tondern ſagte mir auch, daß er ſich natürlich nicht ſchlagen werde, daß er meinen Mann für be⸗ denklich krank halte und mir die ſchleunige Zurathe⸗ ziehung eines tüchtigen Arztes dringend empfehle, um vielleicht noch größeres Unheil abzuwenden. Bis die⸗ ſer gekommen, rathe er mir, meinen Mann möglichſt zu beruhigen und ihm, ſoweit es meine Sicherheit nicht gefährde, bis zur Ankunft des Arztes möglichſt wenig Widerſtand entgegenzuſetzen. Wenn ich es geſtatte, werde er auf Helmberg bleiben, um mir mit Rath und Hülfe beizuſtehen, wenn der Kranke ſich oder mir Gefahr bringe.“ Nach einer Pauſe fuhr die Gräfin fort:„Ich war verwirrt, außer mir, ich dachte in der Angſt um Deinen Vater ſo wenig daran, daß mein Schritt mißdeutet werden könne, daß ich den Caſtellan, einen meinem Gatten ſehr ergebenen, hohlköpfigen und ein⸗ gebildeten Schwätzer, halb in die Sache einweihte und ihn inſtändigſt bat, wenn mein Mann kommen ſollte, ihm nichts von der Anweſenheit Tondern's im Schloſſe zu ſagen. Wohl bemerkte ich die ſeltſame Art, wie v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. 3 34 der Mann das Geſicht verzog; aber in meiner Herzens⸗ angſt hielt ich mich nicht auf, darüber nachzudenken. Tondern und ich hatten keine Ahnung, daß unſere Handlungsweiſe auch von Andern als von Kranken mißdeutet werden könne, weil wir uns noch mit kei⸗ nem Gedanken auf dieſes Gebiet verirrt hatten. Nach und nach kamen auch die Leute heim, welche ich nach Deinem Vater ausgeſchickt hatte. Sie waren ſeiner Spur gefolgt bis nach Tondern; dort gatten ſie dieſelbe verloren, da der Graf den Weg verlaſſen und in den Wald gegangen war, der von Tondern bis dicht an den Fuß des Helmbergs reichte. Ich wachte die ganze Nacht und horchte auf jedes Ge⸗ räuſch; der Mond ſchien hell, und bald da, bald dort täuſchte mich ein menſchenähnlicher Schatten am Wal⸗ desſaum. Endlich kam der Morgen und mit ihm mein Gatte. Er ſah verſtört und abgemattet, aber ruhiger aus als am vergangenen Tage. Ich bat ihn freund⸗ lich, ſich Ruhe zu gönnen, er erwiderte nichts und legte ſich auf ein Sopha. Aber ich bemerkte wohl, daß er nicht ſchlief. Er nahm mit mir das Frühſtück ein und antwortete auf alle meine Fragen einſilbig, aber nicht unfreundlich. Nur manchmal fuhr er auf d d — 4 und athmete tief und ſchwer, wie erſchrocken über ſeine eigenen Empfindungen.. Nach dem Frühſtück lud er mich ein, mit ihm einen Spaziergang zu machen. Er that das nicht eben unfreundlich, aber haſtig und unſicher, wie Je⸗ mand, der ſich einer unangenehmen Pflicht ſo raſch wie möglich entledigt. Ich hatte jetzt nur noch die eine Pflicht, meinem Sohn den Vater zu erhalten, alſo kleidete ich mich raſch an und erklärte mich bereit, ihm zu folgen. Wir gingen. Wenn er ſich unbeachtet glaubte, ſah Helmberg mich manchmal von der Seite an und ſchien ſich über irgend etwas zu freuen. Wenn mein Auge ſeinem Blick begegnete, war es ihm ſichtlich unangenehm. Nachdem wir eine Weile die Landſtraße verfolgt hat⸗ ten, ſchlug Dein Vater plötzlich einen Seitenweg ein nach dem Walde. Ich blieb an ſeiner Seite. Meine eigene Perſon war mir gleichgültig geworden; ich fühlte nur, daß ich ihn jetzt nicht verlaſſen dürfe. Wir folgten dem Wege bis tief in den Forſt, dann ging Dein Vater ohne Pfad quer durch das Geſtrüpp, ich hinter ihm. Plötzlich blieb er ſtehen. Wir waren in einer kleinen, dichtumbuſchten Lichtung an⸗ gelangt; in der Mitte lag ein großer Stein. Eine Spur zerdrückten Graſes zeigte, daß er von Menſchen⸗ 3* 36 hand dorthin gewälzt worden war. Auch auf dem Wege hierher waren mir öfter Spuren aufgefallen, als folge der Graf einem Wege, den er oder ein An⸗ derer vor kurzer Zeit gegangen. Das Antlitz Deines Vaters hatte ſich verändert. Ein wilder grauſamer Jubel war an die Stelle des unruhigen Mißtrauens getreten, mit dem er mich den ganzen Weg über betrachtet hatte. „Kniee nieder!“ herrſchte er, indem er meine bei⸗ den Handgelenke faßte, als ob er ſie zerdrücken wolle, und ſtarrte mich mit trüben, blutunterlaufenen Augen an. Ich that, wie er befahl. „Denk an Deinen Sohn!“ bat ich nur. Er lachte laut und gräßlich und äffte meine Stimme nach, wie ein bösartiges Kind. „Hahaha!“ lachte er dann wieder.„Du haſt mich umbringen wollen, jetzt mache ich Dich todt und morgen ihn— alle beide— alle beide! Und ich allein bleibe am Leben! Hahaha!“ Und er ſchüttelte ſich vor grauenhafter Wonne. Dann zog er eine Piſtole aus der Taſche, die er mit der Freude, welche Kinder oft an ähnlichem Werkzeug haben, ſtets mit ſich führte, und richtete ſie auf mich. Ich erwartete den Tod. Er hatte nach all dem Grauenvollen nichts Schreck⸗ liches mehr für mich. Nur der Gedanke, daß ich Dich ₰ — ₰ 37 nicht mehr ſehen ſolle und was aus Dir werden würde, zerriß mir das Herz. Deines Vaters Geiſteszuſtand mochte ſeine Ue⸗ bung im Gebrauch der Waffen etwas beeinträchtigen; denn während ich erſtarrt und keines Wortes mächtig auf den Tod wartete, ſah ich ihn ungeduldig mit Hahn und Drücker der Piſtole beſchäftigt. Auch ſeine Sehkraft ſchien gelitten zu haben, denn er brachte die Waffe dicht vor ſeine Augen und ſchwankte öfters auf ſeinen Füßen wie ein Trunkener. Da war mir, als hätte ich den kurzen Laut eines Jagdhundes gehört. Dein Vater konnte mit ſeiner Piſtole nicht fertig werden. Die Stimme des Hun⸗ des ertönte näher und deutlicher. Dein Vater hatte indeß den Hahn gefunden und knackend aufgezogen, auf ſeinem Antlitz leuchtete eine raſende Gier zu morden, die etwas Raubthierähnliches hatte. Da ver⸗ nahm ich Geräuſch im Gebüſch, laut bellend ſprang der Hund in die Lichtung; gleich darauf erſchien ein Mann. Dein Vater hörte und ſah von alledem nichts; er ſtand dicht vor mir; die Waffe in ſeiner unru⸗ higen Rechten ſchwankte vor meiner Bruſt und mehr mals ſtieß er ein heiſeres Lachen aus. Da ſtand plötzlich eine Geſtalt zwiſchen mir und 38 ihm, die ſeinen Arm packte und hoch emporhielt. Drei⸗, viermal entlud ſich der Revolver in die Luft und man hörte das Schwirren der Kugeln in den Bäumen. Mit einem Gebrüll der Wuth hatte ſich Dein Vater auf meinen Retter geſtürzt und ihn zu Boden geworfen. Heulend umkkreiſte der Hund die ſich auf der Erde Wälzenden. Es war ein ſchrecklicher Anblick, entſetzlicher als die Todesfurcht, die mir bis⸗ her Herz und Sinne gefangen hielt. Tondern behielt ſchließlich die Oberhand. Er blutete aus einer Wunde an der Stirn, ſchien aber ſorgfältig darauf Bedacht zu nehmen, ſeinen unzurech⸗ nungsfähigen Gegner zu ſchonen. Dein unglücklicher Vater ſchien ermattet; Tondern hatte ſich des Revol⸗ vers bemächtigt und ihn zu ſich geſteckt. Kaum jedoch hatte er ſeine Kniee von der Bruſt des Grafen ent⸗ fernt, als dieſer mit einem wilden Schrei aufſprang und durch den Wald entfloh. Lange noch tönten ſeine wilden Rufe durch die Einſamkeit. Ich lag halb ohnmächtig auf dem Raſen. Ton⸗ dern richtete mich auf und langſam kehrten wir nach Helmberg zurück. Es war ein trauriger Gang. Hätte es ſich um mich gehandelt, viel lieber hätte ich mich tödten laſſen. Mein Mann hatte die Richtung nach Helmberg —— —— —— 39 eingeſchlagen. Tondern bot mir an, mich nach dem benachbarten Gute zu den Tegernheims oder zu einer andern befreundeten Familie zu bringen, um mich neuen wahrſcheinlichen Mordverſuchen zu entziehen. Ich konnte nicht ſprechen, aber ich ſchüttelte den Kopf. Ich mußte nach Helmberg zurück; was meiner auch wartete, ich fühlte, daß ich Deinen Vater jetzt nicht verlaſſen dürfe. Als ich auf Tondern's Arm geſtützt in Helmberg ankam, lag das Unfaßbare, das ſich eben zugetragen, noch bleiſchwer und lähmend auf meinem Denken; dennoch konnte mir die Haltung unſerer Dienerſchaft nicht entgehen, noch die Blicke, mit denen ſie den Frei⸗ herrn anſahen.. Das geſammte Dienſtperſonal hatte in den letz⸗ ten Monaten mehr als je von den Wuthausbrüchen Deines Vaters zu leiden gehabt, auch vielfache Andeu⸗ tungen bezüglich ſeines Geiſteszuſtandes waren mir 1 ſelbſt aus dieſem Kreiſe nicht erſpart geblieben; 3 natürlich waren ſie von mir ſofort als reſpektwidrig 4. zurückgewieſen worden. Die ganze Dienerſchaft war —j— Zeuge des geſtrigen, durch das ſeltſame Benehmen des Grafen herbeigeführten Unglücks geweſen; ſie ſelbſt hatten ihn geſucht, ſie kannten mein ganzes Vorleben, mich und ihn, ſo genau nur Diener über ihre 40 Herrſchaft unterrichtet ſein können; und dennoch las ich in aller Mienen, daß ſie den Freiherrn und mich mit Mißtrauen und Verachtung anſahen. Wie es oft bei Geiſteskranken dieſer Kategorie vorkommen ſoll, ſo hatten auch meines Gatten Vor⸗ ſtellungen eine plötzliche Veränderung erlitten. Seine Erinnerung reichte über den letzten Theil des grau⸗ ſigen Vorgangs nicht mehr hinaus; mit den Zeichen ſchrecklichſter Angſt kam er nach Hauſe, ſchreiend, daß wir ihn im Walde hätten ermorden wollen, und flehte ſeine ganze Umgebung an, ihn vor mir und Tondern zu verbergen. Auch der Arzt, nach dem ich noch dieſelbe Nacht geſandt hatte, war angekommen und bei dem Kranken. Als ich eintrat, ward Dein Vater von einer entſetzlichen Angſt ergriffen, welche ebenſo raſch in neue Wuthausbrüche umſchlug. Der Arzt bat mich, den Kranken zu verlaſſen, da ſich deſſen Aufregung ſonſt noch ſteigern würde. Vor der Thür, von der ich mich nicht trennen wollte, horchte ich auf das Toben des Kranken und zuckte unter ſeinen Verwünſchungen zuſammen, als wäre ich wirklich die Verbrecherin, für welche ſein um⸗ nachteter Geiſt mich hielt. Ich ſah Deinen Vater erſt wieder nach drei —& 41 Tagen— als er todt war. Eine Gehirnlähmung hatte die Leiden ſeiner Seele geendet.“ Die Freifrau ſchwieg und ſah ernſt in das bleiche Geſicht des Sohnes; dann legte ſie die Hand aufs Herz und ſagte: „Ulrich, das iſt die Wahrheit! Ich ſchwöre es Dir, mein Sohn!“ Wortlos ergriff Ulrich die Hände ſeiner Mutter und drückte ſie an ſeine Lippen. Dann nahm die Freifrau ihre Erzählung wieder auf: „Ich verließ Helmberg, das ſo erdrückende Erin⸗ nerungen für mich hatte, wo der zürnende Schatten des Todten mich unausgeſetzt verfolgte in der Läſter⸗ ſucht der Lebendigen. Ich zog in dieſes Haus. Hier, wo ich Dir nahe war, wollte ich Dir und dem An⸗ denken an den Toden leben. Aber die Menſchen woll⸗ ten es nicht. Die Verwandten meines Mannes hatten mir nie vergeſſen können, daß ich dem jüngſten Beamtenadel angehört hatte und verhältnißmäßig arm war. Die auflodernde Gemüthsart Deines Vaters hatte ihren Widerwillen gegen mich in gewiſſen Schranken gehalten; jetzt bemächtigten ſie ſich mit Eifer des niedrigſten Be⸗ dientenklatſches und entzogen mir mit Hülfe des auf 4 4 42 ihren Antrag vom Gericht beſtellten Vormundes endlich alle Autorität über Dich. Die Pageriebeamten wur⸗ den gegen mich eingenommen, mein Verkehr mit Dir erſchwert, Dir ſelber wurde endlich geradezu verboten, mich zu beſuchen. Es gehörte ein Alter von fünfund⸗ zwanzig Jahren und der unerſchütterliche Glaube an den eigenen Werth dazu, um da nicht zuſammenzubrechen. Obwohl ich auf alle Rechte an das Eigenthum Deines Vaters zu Deinen Gunſten verzichtet hatte, behandelte man mich dennoch faſt wie eine Erbſchlei⸗ cherin, vor der man Alles wohl verwahren müſſe, und benutzte meinen eigenen Verzicht, um mir den Aufent⸗ halt auf Helmberg und den andern Gütern zu ver⸗ bieten, den ich nie gewollt! Mehr als alles das empörten mich die Gerüchte, welche über die Krankheit Deines Vaters in Um⸗ lauf geſetzt wurden. Mir ſelbſt hatte es wider⸗ ſtrebt, die Geiſtesſtörung deſſelben ſo ſehr in den Vor⸗ dergrund zu rücken. Jeder anſtändig fühlende Menſch hätte mich darin verſtanden. Deine Verwandten jedoch benutzten mein Zartgefühl nur gegen mich. Auch die Erklärungen der Aerzte, die meinen Mann in ſeinen letzten Stunden behandelt, bewegten ſich in lauter Hypotheſen, die mir noch fataler waren als die einfache, runde Erklärung, Dein Vater habe 43 ſich ſein unglückliches Berhältniß zu mir zu ſehr zu Herzen genommen. Den chroniſchen Charakter des Leidens wagten ſie nicht zu conſtatiren, weil ſie den Kranken vorher nur oberflächlich beobachtet hat⸗ ten. Dein Vater ſelbſt war gegen Alles, was Arzt hieß, durchaus voreingenommen geweſen und duldete ſie in den dringendſten Fällen kaum bei mir. Dazu kamen die Angaben des Caſtellans und der Diener⸗ ſchaft, deren Anſchauungen von den letzten Ausrufun⸗ gen Helmberg's gebildet wurden; und wenn die Welt auch nicht ſo weit ging, den Freiherrn von Tondern und mich des Mordverſuchs anzuklagen, ſo ſtand ihr doch feſt, daß Dein Vater durch ſeine unglückliche Che ſchon länger in ſeinem ſeeliſchen Gleichgewicht geſtört geweſen und daß die plötzliche Entdeckung eines Ein⸗ verſtändniſſes zwiſchen Herrn von Tondern und mir die Kataſtrophe herbeigeführt habe. Ich ſuchte nicht mich zu rechtfertigen. Wie auch hätte ich der Verleumdung nachgehen ſollen in all ihre dunklen Schlupfwinkel? Und wenn ich ihnen auch hätte beweiſen wollen, daß ich meinem Gatten ſtets eine bis zur Unterwürfigkeit gehorſame Frau geweſen bis zu dem Augenblick, da es Deine Sicherheit galt, daß ich mein Leben hingegeben hätte, wenn ———. 44 er dadurch gerettet worden wäre, was hätte mir das genützt bei denen, die mich haßten? Am ſchwerſten trug ich es, daß ſie mir meine Rechte auf Dich ſtreitig machten. Meine Gemüthsart neigte nie zu extremen Schritten; infolge meiner Erziehung und der langjährigen gedrückten Stimmung im Hauſe Deines Vaters hatte meine Scheu, handelnd aufzutreten, nur zugenommen. Manchmal fühlte ich die Verſuchung, hinauszutreten und mit lauter Stimme mein Kind zu fordern; allein ein kurzes Nach⸗ denken belehrte mich, daß es die größere Liebe war, Dich einer Erziehung nicht zu entreißen, mit welcher Deine künftige Carrière ſo eng zuſammenhing. Dein junges hoffnungsvolles Leben ſollte durch die Schatten, die auf mir lagen, nicht verdüſtert werden; Du ſollteſt nicht als Kind ſchon wählen müſſen zwiſchen denen, die man Dir als Autorität gegeben, und Deiner Mutter. Lieber wollte ich das Letzte opfern, was mir noch geblieben war. Ich konnte Dich ja dennoch ſehen; ich wußte genau, wann Ihr ſpazieren gingt; unbeachtet folgte ich Dir und ſah Dich lachen und mit den Andern plau⸗ dern, geſund und froh. Das war dann immer ein Feſt für mich und tröſtete mich Wochen lang über alles Andere. — 45 Den Freiherrn von Tondern hatte ich zwei Jahre lang nicht geſehen. Ich hatte manchmal ſeiner gedacht als eines edlen Menſchen, der mich mit eigener Lebens⸗ gefahr gerettet und nun meinetwegen die ſchwärzeſte Verleumdung zu ertragen hatte. Die fortgeſetzten Anſchuldigungen, mit denen die hochgeborenen Verwandten Deines Vaters mich verfolgten, konnten nicht dazu beitragen, das Bild meines Retters bei mir in Vergeſſenheit zu bringen, und tief und gewaltig war daher meine Bewegung, als ich ihn wiederſah. Ich darf und will es Dir nicht verhehlen, mein Sohn, daß mir Hermann, als er nach Jahren wieder vor mich hintrat, finſter und gealtert und doch mit demſelben milden, verſtändigen Blick, der fähig ſchien, alle Freuden und Leiden einer Menſchenbruſt in einem Augenblick zu enträthſeln, daß er mir da vorkam wie der Inbegriff alles Edelſten und Beſten, was es auf dieſer Erde gab! Er reichte mir die Hand und ſagte: „Sie haben viel gelitten in der Zeit, da wir uns nicht ſahen. Auch ich war ſehr traurig, weil ich mir denken konnte, was Sie unter der Verfolgung dulden mußten, deren Opfer Sie geworden ſind.“ Ich ſagte ihm, daß es die Laſt, die ich zu tra⸗ ——— 46 gen hätte, ſehr erſchwert habe, zu wiſſen, auch er ſei für ſeine Aufopferung in ſeiner Mannesehre und in ſeinem Charakter auf das empörendſte angegriffen worden. Tondern meinte ruhig, er ſei Mann und habe einen Schild gegen die Unbill und Feigheit der Andern. Eine Frau ſei wehrlos. Er wäre ſchon eher zu mir gekommen, um mir ſeinen Schutz anzubieten, aber er habe gefürchtet, mein Gemüth dadurch zu verletzen. Auch habe er gehofft, daß die Verleumdung ſchwei⸗ gen, die Verfolgung ermüden würde auch ohne ihn. Dem ſei indeß nicht ſo, wie er erfahren habe. Die Welt verſtehe das Schweigen der ſtolzen Unſchuld nicht und ſei ſtumpf gegen die Verachtung ihres Opfers. Er habe nicht gewagt zu handeln, wo ich ſchwieg, und ſei daher gekommen, um mir zu ſagen, daß er bereit ſei, Gut und Blut für meine Vertheidi⸗ gung einzuſetzen. Ich verſicherte ihm, daß ich nicht wünſche, ver⸗ theidigt zu werden. Meine Abgeſchiedenheit ſei ein wirkſamerer Schutz als jeder noch ſo ſiegreiche Kampf; man würde mich endlich vergeſſen. Das ſolle ihn jedoch keineswegs hindern, ſeinen eigenen makelloſen Ruf mit allen Mitteln zu ſchützen, möge für mich da⸗ raus entſtehen, was da wolle. Tondern antwor⸗ 47 tete in einem Ton, der mir durch die Seele ſchnitt, daß die wenigen Menſchen, die ihn kennten, nichts Un⸗ edles von ihm glauben würden, und die Meinung aller Andern ſei ihm gleichgültig. Dieſe erhabene Ruhe Y erdrückte mich faſt. Weinend geſtand ich ihm, daß ich nicht einmal dieſen Troſt beſitze, denn mich kenne Nie⸗ mand. Da ſah er mich mit ernſten Augen an, legte die Hand aufs Herz und ſagte mit tiefbewegter Stimme: „Niemand als ich!“ Ja, er kannte, mich! fuhr die Freifrau in milder Begeiſterung fort. Das zeigte er mir mit jedem Wort, mit jedem Blick! Er kam öfter— was lag an den Menſchen, wenn wir uns ſelbſt getreu waren! — Eines Tages— es war mir eben wieder bitteres Leid angethan worden und er fand mich in Thränen eines Tages ſagte mir Tondern, er kenne nur ein Mittel, wirkſam und zugleich ohne Kampf die Verleumdung zum Schweigen zu bringen, wenn— und ſeine Stimme zitterte dabei— wenn wir uns heiratheten; ſelbſt die Schlechteſten und Härteſten wür⸗ den dann einſehen, daß Laſter und Verbrechen ſich nicht freiwillig für ein Leben an einander ketten. Ich fühlte, wie ich bleich wurde und, zitterte, und abweh⸗ rend hob ich die Hand empor:„Nein, nein! Menſchen⸗ furcht war der Beginn meines Elends— ich thue — nichts wieder— aus Furcht!“ Da ſprach Tondern, er ſei vom Leben hart getroffen und umdüſtert; der ein zige Lichtpunkt der letzten Jahre ſei das Andenken an mich geweſen. Er habe nie gewagt, mir von Liebe zu ſprechen, und mir ſeine Hand erſt angeboten, als er zu der Ueberzeugung gekommen, daß dies der ein⸗ zige Weg ſei, mir Ruhe und Schutz zu verſchaf⸗ fen. Da reichte ich ihm meine Hand und geſtand ihm, daß der Gedanke, ſein Weib zu werden, mich ſo glücklich mache, als ich es noch zu werden vermöge. Was aus dieſer Che gefolgt iſt, weißt Du, Ul⸗ rich! Unendliches Glück, aber auch mehr Elend, als ich je zuvor ertragen! Noch jetzt bin ich mir nicht klar geworden über das Verhältniß zwiſchen Hermann und ſeinem Sohne erſter Ehe. Schon ſehr bald merkte ich eine Abneigung zwiſchen Vater und Sohn, die mich entſetzte. Ich wollte vermitteln, ſtieß aber bei Hermann auf Antipathien, für die er mir keinen Grund angab, bei Angelo auf Heim⸗ tücke und Undankbarkeit. Angelo wurde ſchon früh⸗ zeitig von den Verwandten meines erſten Mannes an⸗ gelockt, zu denen ſich einige Erbſchaftsſpeculanten aus der Familie Tondern geſellt hatten. Ich fühlte aus dem Benehmen Angelo's, dem ich eine treue und nach⸗ ſichtige Mutter war, oft nur zu deutlich den Einfluß von Leuten heraus, die mich ſchon vor Jahren gequält; allein ich hielt mich nicht für berechtigt, bei meinem Manne eine Abneigung zu nähren, die mir unnatür⸗ lich ſchien. So wuchs in unſerer Mitte der Sohn heran, der zum Vernichter unſeres Familienunglücks werden ſollte! Nach der Geburt Johann's nahm die Feindſe⸗ ligkeit Angelo's nicht einmal mehr eine Maske vor, und ich war froh, als er, wenn auch ſpät, noch in die Pagerie trat. Angelo's Fähigkeit, ſich einzu⸗ führen, ſein ans Unwürdige ſtreifendes Leben, ſeine Geſchicklichkeit, Carrière zu machen, kennſt Du! Ton⸗ dern wollte, meinem Rath entgegen und in inſtinc⸗ tiver Furcht vor ſpäteren Uebergriffen Angelo's, mei⸗ nem Hans ein kleines Gut, ſowie einen Theil ſei⸗ nes Allodialvermögens ſichern; Angelo widerſetzte ſich dem und es kam zum Proceß, in welchem er ſchamlos die Gültigkeit der zweiten Ehe ſeines eigenen Vaters und die Legitimität ſeines Bruders angriff. Alles Material, das die Verleumdung ſeit Jahren gegen mich geſammelt, wurde juriſtiſch zugerichtet gegen uns zu Felde geführt: die letzten im Wahnſinn geſproche⸗ nen Worte Deines Vaters, die nächtliche Anweſen⸗ heit Tondern's in Helmberg, mein Auftrag an den Caſtellan und mein Zuſammentreffen mit Tondern im v. Schlägel, die Ritter der Gegenwart. II. 4 Walde. Der König, der meinen Hermann ſo ſehr geliebt, war geſtorben; gleich darauf ſtieß man mich und Hans aus dem Hauſe meines Gatten. Da⸗ mals, als Angelo bleich und höhniſch wie ein hübſcher Satan hinter dem Beamten ſtand, der uns das Schreck⸗ liche verkündete, ſchleuderte Hermann ein entſetzli⸗ ches Wort gegen ſeinen Sohn, ein Wort, das mich in tiefſter Seele ſchaudern macht, wenn ich daran denke. Ich habe ihn nie um die Bedeutung deſſelben gefragt und werde es auch in Zukunft nicht thun! Wir mußten dem grauſamen Befehl gehorchen. Erſt nach langen Jahren erreichten wir die Wieder⸗ aufnahme des Proceſſes. Es gelang meinem Manne, vor wenigen Tagen eine Audienz beim König zu er⸗ wirken, die ihn mit den ſchönſten Hoffnungen erfüllt hat. Dieſe ſcheinen ſich indeß nicht verwirklichen zu wollen. Ein Brief, den ich vorhin empfing und worin mir Hermann ſeine Ankunft für heute Abend meldet, läßt mich das Trübſte erwarten, obwohl er ſich nicht deutlich ausdrückt. Du mußt bleiben, bis Tondern kommt, Ulrich; Ihr müßt Euch kennen lernen, und wenn in Deiner Bruſt ſich etwas regt gegen meinen Mann, ſo wird es doch Deinen Unmuth entwaffnen, wenn Du erfährſt, daß er ſich ſelbſt zu den Zeiten, da man uns am heftigſten verfolgte, nie zu einer An⸗ 81 1 51 klage gegen Deinen Vater, nie zu einer Enthüllung über jene gräßliche Stunde hinreißen ließ, da ich den Tod erwartend vor Helmberg auf den Knieen lag. Er mochte fühlen, wie ſehr eine ſolche Anklage gegen den Vater eines meiner Söhne mich ſelber ver⸗ letzen müſſe. Immer wieder wurden die letzten wahn⸗ witzigen Worte Deines Vaters vernichtend gegen mich gekehrt: Tondern ſenkte die Waffen vor dem Anden⸗ ken des Todten und ſchwieg! Hermann iſt edel, Ulrich! Du darfſt ihn nicht haſſen, mein⸗Sohn!“ Graf Ulrich antwortete nicht. So ſehr er ſich bemühte, ihn zu bemeiſtern, ſo ſpiegelte ſich der See⸗ lenkampf, der ſeine breite Bruſt erſchütterte, doch ſicht⸗ bar auf ſeinem offenen, der Verſtellung unfähigen Antlitz. Er konnte nicht mehr däran zweifeln, daß Tondern ein hoch über die Gewöhnlichkeit emporragen⸗ der Mann ſei, voll ritterlicher Aufopferung, zu dem er unter andern Verhältniſſen ſich in ſchwärmeriſcher Verehrung hingezogen gefühlt hätte. Aber man ent⸗ äußert ſich nicht ſo leicht und mit einem Schlage der Eindrücke, die man ſeit ſeiner Kindheit aufgenommen, der Gefühle, unter deren Herrſchaft man zwanzig Jahre lang geſtanden hat, gleichviel, wie ſie erzeugt wurden, und ob man auch gewiß iſt, daß ſie nicht berechtigt waren. 4* 8— 52 Die Freifrau ahnte, was in ihrem Sohne vor⸗ ging. Ein trüber Schatten legte ſich auf ihr Ge⸗ ſicht und zitternd ſtieg ein langer Seufzer aus ihrer Bruſt. Da öffnete ſich die Thür und Hans trat raſch ins Zimmer. In die Freude der Erregung, die ſeine Wangen färbte, miſchte ſich etwas wie Bangen und ſchüchtern blickte er auf den finſter vor ſich hinſtarren⸗ den Bruder. „Der Vater!“ flüſterte er ſeiner Mutter zu.„Ich ſah ihn ſo eben durch das Thor reiten.“ Die Freifrau erbleichte und erhob ſich eilig, um das Zimmer zu verlaſſen; aber ſchon ertönte ein ra⸗ ſcher, feſter Schritt im Vorſaal, die Thür ging auf und in derſelben erſchien die markige Geſtalt des al⸗ ten Freiherrn. Seine hohen Reitſtiefel waren beſtaubt und der wallende Bart zerzauſt vom ſchnellen Ritt; über ſein Antlitz, finſter und entſchloſſen zugleich, perl⸗ ten helle Schweißtropfen; aber keine Röthe zeigte ſich auf den fahlen Wangen, den harten Furchen der dü⸗ ſtern Stirn. Der Gram war mächtiger als die Glut der Sonne. Schweigend erhob ſich Graf Ulrich und wie Wet⸗ terleuchten zuckte es über das eherne Antlitz des Frei⸗ herrn. Er war niemals mit dem Sohne ſeiner Gat⸗ 53 tin zuſammengetroffen, da er ſeit Jahren in ſtrengſter Zurückgezogenheit lebte; zwiſchen ihm und der Freifrau . war ſelten vom dem der Mutter entfremdeten Sohne die Rede geweſen, und dann nur kurz und ſoweit ge⸗ 4 ſchäftliche Maßnahmen es erfordert hatten. Gab es doch ſo viele unvergeſſene Erinnerungen, an deren ſchweigende Schleier ſie nicht rühren mochten! Dennoch konnte ſich der Freiherr keinem Zweifel hingeben, wer da vor ihm ſtand: des eigenen Kindes manngeworde⸗ nes Ebenbild, das ihm mit verwirrtem Blick ins Antlitz ſah. Die Freifrau war aufgeſtanden. Sehr blaß zwar, doch ruhig, trat ſie nun zwiſchen die zwei Männer, als gelte es, mit ihrer Perſon, die an beiden gleichen Theil hatte, ſie zurückzuhalten von einem feindlichen Zuſammenſtoß. „Du ſiehſt hier meinen Sohn Ulrich“, ſagte ſie zu ihrem Gatten gewendet,„der zu ſeiner Mutter ge⸗ kommen iſt, frei und ohne Zwang und ohne daß ich ihn gerufen! Er glaubt jetzt nicht mehr, was ſie über uns ſagen, Hermann!“ Die Stimme der Baronin klang ſchwach und zit⸗ „ ternd, als müſſe ſie, während doch ihr Herz ſich voller Angſt und Thränen wand, ſorgfältig ihre Worte wägen, damit ſie nicht eine Anklage gegen eins A.— e 54 der Weſen enthielten, die ſie mit gleicher Innigkeit liebte. Da ſtreckte der Graf mit der ganzen gewinnenden Herzlichkeit, die ihm in beſſeren Tagen eigen geweſen, ſeine Hand aus. „So ſeien Sie mir willkommen, Graf! Ich begriff Ihre Lage ganz gut. Es iſt ſchwer für junge Augen, durch eine Wolke von Haß und Verleumdung zu blicken, wie ſie uns umgab! Sie hörten immer nur die Einen, die zu Ihnen ſprachen. Daß Sie gekommen ſind, beweiſt, daß Sie das Herz Ihrer Mutter haben, und ehrt auch mich; ich danke Ihnen dafür!“ Ulrich hatte die ihm gebotene Hand noch immer nicht ergriffen; düſter ſtand er vor dem Gatten ſeiner Mutter, als ob ihn deſſen Entgegenkommen ſchmerze und beängſtige. Der Freiherr bemerkte das nicht.— „Sie kommen an einem ſchlimmen Tage, Ulrich“, fuhr er mit weicher Stimme fort;„wir ſind zum zwei⸗ ten Mal verfehmt, zum zweiten Male ſoll ein Band zerriſſen werden, für deſſen Unantaſtbarkeit von alters⸗ her Geſetz und Glaube ſich vereinigten und diesmal wohl für immer! Unwiderruflich ſoll eine Familie getrennt werden, die an einander hängt mit allen Faſern ihres Lebens. Sie haben nicht gut gethan, heute zu uns zu kommen, an dem Tage, der unſere — letzten Hoffnungen zertritt, der uns für alle Zeiten zu Unehre und Schmerz verdammt!“ Der Freiherr war immer erregter geworden, im⸗ mer bleicher das Antlitz ſeiner Gattin; über Hans' Wangen rollten heiße Thränen. „Der König?“ fragte tonlos die Baronin. „Seine Majeſtät“, antwortete der Freiherr bitter und beugte das graue ehrwürdige Haupt,„Seine Majeſtät, von dem ich knieend als Gnade erfleht, was mein gutes Recht war, hat mich entlaſſen mit ei⸗ nem Herzen voller Hoffnung und dann für immer verurtheilt! Sie ſind zur böſen Stunde gekommen, Ulrich! Gehen Sie, verlaſſen Sie uns, ehe die Nähe der vom Schickſal Gezeichneten auch Ihr Verderben wird!“ Mühſam ſich aufrecht haltend, wankte die Frei⸗ frau nach dem Sopha und lehnte müde das Haupt an die Polſter, die einſt ſchon, vor Jahren, mit den Locken der kindlich träumenden Jungfrau gekoſt. Hans ſtand ſchluchzend am Fenſter. Mit Ulrich war indeß eine Veränderung vorge⸗ gangen. Das Entgegenkommen des Freiherrn hatte ihn beengt— Tondern's edle Trauer, ſein gewaltiger. Schmerz beſiegten das Herz des jungen warmfühlenden Mannes. Raſch trat er auf den alten Herrn zu und 56 ergriff ſeine Hand, während aus ſeinen Zügen ein ho⸗ her freudiger Entſchluß leuchtete. „Ich bin nicht feig, ich fliehe nicht vor dem Un⸗ glück der Meinigen, und wenn ich es ein halbes Le⸗ ben lang vergaß, jetzt fühle ich, daß ich zu Euch gehöre und daß ich auch Ihr Sohn bin, Vater!“ Und Ulrich, das Antlitz flammend voll edler Be⸗ geiſterung, beugte ſich über des Freiherrn Hand, als wolle er dieſelbe küſſen. Aber der Freiherr kam ihm zuvor, und den erregten jungen Mann in ſeine Arme ſchließend, ſprach er innig: „Ja, ich will Dein Vater ſein, Ulrich, und Dich hochhalten um Deines Herzens willen!“ „Und ich verſpreche Dir, Vater, daß ich von nun an Alles mit Euch tragen will und fallen mit Euch, wenn ich nicht mehr helfen kann!“ „Ulrich!“ Es war die Baronin, welche mit ſchreckensblei⸗ chem Antlitz neben den beiden Männern ſtand. „Ulrich“, wiederholte ſie flehend,„unſer Unter⸗ gang iſt beſchloſſen; ich habe nicht mehr den Muth, dagegen anzukämpfen; aber wir dürfen Dein empor⸗ ſtrebendes Leben nicht zu unſerem Elend niederziehen. Geh, Ulrich, fliehe dieſes Haus und ſprich zu Nie⸗ mand von dem, was hier geſchehen iſt. Du haſt ³8 57 uns gezeigt, daß Du ein edler Menſch biſt, und ich werde Dir zeitlebens danken für die erhabene Stunde, die Deine Liebe mir gegeben; aber Du darfſt mit un⸗ ſerem geächteten Daſein nichts gemein haben! Wenn Du Deine Mutter liebſt, ſo geh und ich will Dein Angedenken ſegnen.“ Ulrich ſchüttelte ernſt den Kopf. „Dazu iſt es zu ſpät, Mutter. Sie dürfen von Ihrem Sohne nicht verlangen, daß er noch einmal herzlos ſei!“ „Ulrich!“ flehte die Baronin angſtvoll,„der Ein⸗ ſatz iſt nicht gleich. Hermann und ich ſind alt und lebensmüde. Was die Jahre nicht thaten, haben Un⸗ glück und Sorge vollendet; wir hätten vom Leben wenig mehr zu hoffen als ein paar ruhige Jahre vor unſerem Ende. Dein Bruder hat Unehre und Verach⸗ tung kennen gelernt, noch ehe er alt genug war, ſie zu verſtehen; je älter er wird, deſto mehr wird er ſich mit ſeinem unverſchuldeten Schickſal abfinden; und wenn auch die Erinnerung an das Unglück ſeiner El⸗ tern einen traurigen Schatten auf ſein Leben werfen mag, ſo wird er für ſich ſelber eine Stellung nicht ſo ſchwer vermiſſen, die er kaum gekannt, und aus ei⸗ gener Kraft das werden, was ihm Niemand nehmen kann, ein ganzer Mann! Mit Dir, Ulrich, ſteht 58 es anders. Du biſt auf einer Höhe der Ehre und des Glückes, von der Du nicht herunterſteigen ſollſt zu uns; Du darfſt Deine Hoffnungen nicht hingeben um frucht⸗ loſe Anſtrengungen für unſer Wohl!“ „Seien ſie beruhigt, Mutter, ich habe keine Hoff⸗ nungen mehr und keine Wünſche. Stoßen Sie mich nicht zurück, Sie nehmen mir ſonſt den einzigen Zweck, für den allein ich es noch der Mühe werth halte zu leben.“ Der tieftraurige Ton dieſer Worte, mit denen Ulrich das haſtige, ängſtliche Drängen ſeiner Mutter unterbrach, machte die Baronin verſtummen, und fra⸗ gend erfaßte ſie ſeine Hand. „Auch Du unglücklich, mein Ulrich?“ Ulrich nickte und entgegnete mit ſinnender Weh⸗ muth: „Ich glaube, ſo unglücklich, als ein Menſch nur werden kann, und was noch ſchwerer zu tragen iſt, durch meine eigene Schuld!“ Die Baronin ſenkte das Haupt mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck reſignirter Trauer, und ihre Lip⸗ pen zuckten, als murmelten ſie unhörbar: „Auch er elend! Auch er!“. Hans war näher getreten und hatte ſich trau⸗ lich an die Seite der Mutter geſchmiegt. 59 „Er war immer ſo gut mit mir! Laß ihn bei uns bleiben, Mutter!“ Graf Ulrich legte ſeinen Arm um die Schulter des Bruders und reichte der Mutter die Hand. „Ich gebe Euch Lieben, die ich kaum gewonnen, ſo leichten Kaufs nicht auf! Ihr ſeid mir nothwendi⸗ ger als ich Euch. Gebt mir wieder einen Lebens⸗ zweck, indem Ihr mich mit Euch erdulden laßt, was auch immer kommen möge!“ Der alte Freiherr hatte bisher mit düſterer Zu⸗ friedenheit zugehört. „Ich danke Dir, Ulrich!“ ſagte er jetzt und heftete die Blicke feſt auf ſeinen Stiefſohn.„Du ſprichſt, wie ein edler Mann in ähnlicher Lage ſprechen muß. Aber Du irrſt, wenn Du glaubſt, daß ich die Ungerechtig⸗ keit, die erdrückend auf uns laſtet, noch länger tragen will. Ein halbes Leben habe ich, das Unrecht duldend, mein Recht geſucht. Jetzt mag der Kampf beginnen, ſein Ausgang kann kaum zweifelhaft ſein; wir werden zuletzt unterliegen, aber unſer Recht werden wir ver⸗ theidigen bis zum letzten Athemzug.— Mein treues Weib“, wendete ſich der Freiherr dann mit weicherer Stimme an ſeine Gattin, die mit bewundernder Hin⸗ gebung zu ihm aufblickte, und zog ſie ſanft an ſich. „Wie vor Jahrzehnten wirſt Du mich auch heute —— 60 nach Tondern begleiten und dort die Stellung ein⸗ nehmen, die Dir zukommt. Vielleicht treibt es die pa⸗ pierne Gerechtigkeit nicht zum Aeußerſten, wenn ſie uns entſchloſſen ſieht; ſollte man es aber dennoch wagen, uns mit Gewalt trennen zu wollen, bei meinem Ahnherrn, der vor fünfhundert Jahren der Familie dieſes Königs Fehde geſchworen, ich werde unſer Recht vertheidigen, ſolange dieſer Arm einen Säbel zu führen oder einen Hahn zu ſpannen vermag, und wehe dem, der, um den Frieden meiner Familie zu ſtören, die Schwelle meines Hauſes zu überſchreiten wagt!“ Hochaufgerichtet ſtand der Freiherr da, ſeine Fäuſte hatten ſich geballt und ſeine Augen flammten. „Willſt Du mir folgen, mein Weib?“ Die Freifrau ſenkte bejahend das bleiche Haupt. „‚Du biſt mein Gatte, mein Gebieter! Ich gehe mit Dir, wohin Du mir zu gehen befiehlſt. Ich will mit Dir ſterben, wenn es nöthig iſt, ſchone nur unſer Kind!“ Der Freiherr zog die Gattin feſter an ſich und legte die Linke auf die Schulter des Sohnes. „Nein, nein“, flüſterte er mit bebender Stimme, „er ſoll keinen Theil haben an unſerem Kampf und Elend, er ſoll fortwandeln auf der beſcheidenen Bahn, die wir ihm, das Schlimmſte ahnend, angewieſen haben. “ 641 Ja, Du haſt Recht, er hat länger zu leben als wir; wir dürfen ihm nicht Haß und Streit als Erbtheil zurücklaſſen. Ulrich mag ſich ſeiner annehmen und ihn beſchützen, dann werde ich ihm dankbarer ſein, als wenn er Gewalt und Schande mit ihm theilt. Ulrich, willſt Du Deines Bruders Stütze ſein und ihm helfen in jeder Noth?“ „Ich will es, Vater“ „Aber ich will nicht!“ erklang Hanſens Stimme. „Ich will mich nicht beſchützen laſſen, während Ihr kämpft, ich werde mit Dir und der Mutter gehen.“ Gerührt ſchaute der Freiherr auf die zierliche Ge⸗ ſtalt des Sohnes, der ſich trotzig vor ihm aufbäumte, dann ſagte er mit freundlichem Ernſt: „Du wirſt gehorchen, Hans!“ Hans ſenkte ſchweigend das blonde Haupt. „Sei es denn ſo“, begann der Freiherr nach einer ſtummen Pauſe, das Haupt erhebend, wieder.„Noch heute ſoll mein Haus ſeine Herrin aufnehmen, die es nie hätte verlaſſen dürfen! Geht, Kinder, Eure Mutter und ich haben noch viel zu ordnen und zu beſprechen; wenn wir Cuch wieder rufen, ſo werden wir Euch in den feſtlich geſchmückten Sälen von Tondern empfangen oder im Kerker! Lebt wohl“ Der Freiherr drückte zuerſt Hans, dann Ulrich an 62 die Bruſt; dann wandte er ſich raſch ab und ging aus dem Zimmer. Länger dauerte der Abſchied zwiſchen der Baronin und ihren Söhnen. Noch einmal beſchwor ſie Ulrich, nicht dieſer An⸗ wandlung von Trübſinn ſich hinzugeben, der vielleicht bald einem neuen Sonnenblick des Glückes und neuen Wünſchen weichen werde. Sie bat ihn mit erhobenen Händen, nicht ſeine hoffnungsreiche Zukunft einer ver⸗ lorenen Sache zu opfern, ſondern ſich dem Glück auf⸗ zubewahren, das einſt doch allen Gram aus ſeinem Herzen ſcheuchen werde. „Ich wüßte kein Glück, das mich noch erfreuen könnte, außer dem Ihren, Mutter.“ „Du kennſt die Liebe noch nicht, mein Sohn; Du wirſt in Deinem Weibe die Befriedigung finden, die Dich jetzt flieht.“ „ Ulrich ſah ſeine Mutter mit einem Blick voll un⸗ ergründlicher Trauer an. „Ich kenne die Liebe, Mutter, ich kenne ſie ſeit der Stunde, da Erneſtine von Tegernheim ſich mit Ihrem Stiefſohn Angelo verlobte!“ das Bedürfniß hat, allein zu ſein, ohne etwas zu treiben?“ „Allerdings iſt das undenkbar bei einem Fräulein von ſechzehn Jahren, welches vor kurzem zum erſten Male bei Hofe und in die Geſellſchaft eingeführt wor⸗ den iſt. Es iſt undenkbar, daß eine ſo junge Dame nicht jede Gelegenheit wahrnehmen ſollte, um dasjenige, was in ihrer geſellſchaftlichen Bildung noch lückenhaft iſt, im Umgang mit ihren Verwandten und Freunden möglichſt zu ergänzen!“ Obſchon Gräfin Tegernheim die jüngſte Generation der Wodny für degenerirt und ihre Nichte geradezu für dumm erklärt hatte, ſo fehlte Eva doch keineswegs das volle Verſtändniß der Worte ihrer Tante und mit vor Zorn bebender Stimme entgegnete ſie: „Die letzten Vorgänge in dieſem Hauſe waren wohl geeignet, liebe Tante, ein junges Mädchen zum Nachdenken zu veranlaſſen darüber, ob eine geſellſchaft⸗ liche Bildung werthvoll und wünſchbar ſei, welche uns lehrt, die eigenen Gefühle mit Füßen zu treten, um — um— zu heirathen!“ Die Stirn der Gräfin zeigte einige leichte Falten, doch ſcheinbar ruhig hob ſie wieder an: „Ich hoffe, daß mein Schwager Wodny ſolche Probleme, wie eine mißleitete Einbildungskraft und 68 der Vorwitz Ihrer ſechzehn Jahre ſie Ihnen aufdrängen, zum Beſten ſeiner Familie und ſeiner Tochter ent⸗ ſcheiden wird; jedenfalls wünſche ich nicht, daß Ihr Nachdenken Sie während der wenigen Tage, die Sie noch bei uns zubringen werden, in ſo auffallender Weiſe wie heute dem Kreiſe Ihrer Verwandten fern⸗ halten wird.“ Die unzweideutige Drohung, welche in den Worten der Baronin lag, blieb nicht ohne Wirkung auf Eva. Sie liebte ihren guten Vater mit der ganzen Lebhaf⸗ tigkeit ihrer Natur; aber ſie wußte auch, welche Ach⸗ tung der einfache, geiſtig nicht bedeutende Landwirth vor dem Verſtande und der Weltkenntniß ſeiner Schwä⸗ gerin hegte. Vielleicht war die Beſchwerde über ihr Benehmen bereits an den Vater abgegangen, den ſie unter allen Menſchen am wenigſten betrüben mochte; und dieſer Gedanke machte ihre Antwort weniger ent⸗ ſchieden und ihre Stimme zittern. „Ich habe heute Nachmittag gebetet— für Erne⸗ ſtinens Glück und für das meine.“ Die Gräfin fühlte ſich augenſcheinlich etwas be⸗ engt; dergleichen Gefühle, wie ſie Eva mit dem Aus⸗ drucke unverkennbarer Aufrichtigkeit äußerte, waren ihr lange fremd geworden, ohne daß Herkömmlichkeit und guter Ton es geſtatteten, dieſelben ganz zu verleugnen. . .——. 69 Die Gräfin blickte unſtät von Eva nach dem Bet⸗ ſchemel, und ſo traf ihr Auge auch auf die Bilder, die über demſelben an der Wand hingen. Sie hatte die veralteten Kunſtwerke wohl nie bis⸗ her eines längeren Blickes gewürdigt nnd war nun ſichtlich überraſcht ob ihrer Seltſamkeit.„Sie nahm das Lorgnon, welches an goldener Kette um ihren welken Hals hing, und hob es vor die Augen. Eva erbleichte und hielt ſich bebend an einer Stuhllehne; dem alſo bewaffneten Auge der alten Dame konnte der Unterſchied zwiſchen den gemalten Köpfen und der modernen Kreidezeichnung nicht wohl entgehen. Ohne einen beſtimmten Argwohn trat die Gräfin auf das Kniepolſter des Betſchemels und nahm das Bild herunter. Eva hatte die Augen geſchloſſen, als wolle ſie das Verderben nicht ſehen, das unfehlbar über ſie herein⸗ brechen mußte. Mit geſteigertem Intereſſe nahm die alte Dame St.⸗Petrus mit dem mächtigen Schlüſſel aus Goldfäden herunter und hielt ſeine reumüthig verzerrten Greiſenzüge neben das lächelnde Jünglings⸗ antlitz aus ſchwarzer Kreide. So konnte ihr nicht entgehen, daß letzreres einer bedeutend ſpäteren und realiſtiſchen Kunſtrichtung angehöre. Sinnend ſchaute ſie darauf, wohl auch zu dem Aeußerung entbunden zu ſein. Dabei rührte ſie zu⸗ 70 Zweck, dadurch von einer directen Antwort auf Eva's fällig an dem friſch aufgeklebten Kopf, derſelbe ver⸗ ſchob ſich und darunter kam die Hälfte eines gemalten Antlitzes zum Vorſchein, genau ſo augenverdrehend und ſo derb in den Zügen wie die beiden andern. Da wurde die gewöhnlich fahle Geſichtsfarbe der alten Dame dunkelroth, ihr graues Auge heftete ſich mit unheimlicher Gewalt durchbohrend auf ihre Nichte, deren bleiche, regungsloſe Verzweiflung ihr das Uebrige ſagte. „Alſo dies iſt der Patron, welcher Ihnen zur Glückſeligkeit verhelfen ſoll!“ ſagte ſie endlich, noch immer das ſubſtituirte Antlitz des heiligen Aloyſius be⸗ trachtend, mit verächtlicher Ironie.„Ich habe Ihnen meine Aeußerung von vorhin abzubitten; dieſe geniale Art, die Erzeugniſſe Ihrer Mußeſtunden in Ihrem Zimmer anzubringen, beweiſt mir, daß Sie von Ihren Ver⸗ wandten nichts mehr lernen werden.“ Ueber Eva kam allmälig jener Muth der Ver⸗ zweiflung, welche den Zaghafteſten oft die kühnſten Worte ſprechen läßt, wenn er fühlt, daß die Entſchei⸗ dung da iſt. „Ich wußte keinen andern Platz für die Zeichnungen, die ich verbergen will, ſeitdem ich bemerkt habe, daß —— 71 meine Schränke und Mappen durchſucht werden, wenn ich dies Zimmer verlaſſen habe.“ Zum erſten Mal verlor die Gräfin etwas von ihrer Faſſung, doch nicht lange. „Sie beweiſen ſchlagend, wie nothwendig es iſt, Sie zu überwachen! Leugnen Sie nicht! Dieſer Kopf iſt das Portrait eines jungen Mannes, den Sie kennen?“ 8— „Ja 14 „Sie wollten das Bild verbergen und doch immer vor Augen haben“, fuhr die Gräfin, durch die trotzige Antwort Cva's noch erboſter, fort. „Ja.“ „Sie lieben dieſen jungen Mann?“ „Ja!“ Eva hatte es ſich ſelber noch nicht ge⸗ ſtanden; jetzt wußte ſie, daß ſie ihn liebte. „Mein Fräulein, Sie entwickeln in dieſem Augen⸗ blick eine Aufrichtigkeit, welche bei Ihrer Anlage zur Liſt doppelt anerkennenswerth iſt! Möchten Sie mir nicht auch ſagen, wer der junge Mann iſt, deſſen Aeußeres Sie zu ſolchen Kunſtleiſtungen und Kunſt⸗ griffen begeiſtert?“ Eva ſchwieg. Obwohl ſie ihn nicht wieder ge⸗ ſprochen, war ihr, als ob auch der hübſche Bereiter ſie 72 lieben müſſe und als ob ſie ſein Geheimniß unmöglich verrathen dürfe. Die Tante blickte befehlend in das trotzige Ge⸗ ſichtchen der Nichte. „Nun? Dürfen wir den Namen des Herrn nicht erfahren, der Ihren Wünſchen nach unzweifelhaft unſer nächſter Anverwandter werden ſoll?“ Eva ſchaute ſtumm und trotzig zu Boden. Da hob die Gräfin ſehr energiſch den Kopf. „Da ich dergleichen Studien, wie die von Ihnen mit Vorliebe betriebenen, durchaus nicht für die ge⸗ eignetſten Beſchäftigungen einer eben in die Welt tre⸗ tenden jungen Dame von Stande halte, ſo betrachte ich mich gegenüber meinem Schwager Wodny verpflichtet, Ihnen bis auf Weiteres Zimmerarreſt zu ertheilen. Das Original Ihres Bildes, welches übrigens ſehr gut gemacht ſcheint, wird ſich ja wohl ermitteln laſſen!“ Die Gräfin nahm das Bild des heiligen Aloyſius und rauſchte aus dem Zimmer. Fräulein von Wodny hörte, wie der Schlüſſel ſich im Schloſſe drehte— ſie war eine Gefangene! Schluchzend warf ſie ſich auf den verwaiſten Betſchemel. Die Gräfin nahm indeß ihren Weg nach dem Studirzimmer ihres Gemahls. Sie traf ihn in eifrigſter Arbeit. Unzählige durch⸗ — — ſtrichene Manuſecripte lagen rings um ſeinen Schreib⸗ tiſch; er geſtikulirte mit den Händen, wühlte ſich in den Haaren, ſchrieb und ſtrich aus, ſchrieb wieder, lächelte, runzelte die Stirn, ſah bald tiefſinnig vor ſich hin und ſchüttelte wieder den Kopf, kurz, er befand ſich in höchſter Schöpferwonne. Als ſeine Gemahlin bei ihm eintrat, ſtarrte er ſie einen Augenblick an, als ſei ſie ein fremdes Weſen, das ihm auf der Wolkenbahn ſeiner Phantaſie begegne; dann, als das trockene, abweiſende Geſicht ſeiner Gattin ihn wieder der Wirklichkeit etwas näher ge⸗ bracht, ſprang er haſtig auf. „Jetzt hab' ich's, Mathilde!“ rief er und ſchlug mit der Linken triumphirend auf das Blatt, das er in der Rechten hielt.„Der Glanzpunkt des Feſtes iſt ge⸗ funden! Die Feenkönigin und ihr erwählter Ritter ſteigen in den ſchwanengezogenen Kahn und landen an den blumenbeſtreuten Stufen, welche zum Thron unſeres allerhöchſten Herrn führen; dort beugen ſie Hand in Hand das Knie— dieſe ſinnige Huldigung wird Ma⸗ jeſtät aufs tiefſte rühren! Eva iſt zur Elfenkönigin wie geſchaffen— wenn ich nur erſt den Ritter für ſie hätte.“ Der Graf fuhr ſich verzweifelt mit der Hand hinters Ohr.„Wenn ich nur erſt den Ritter für ſie hätte!“ 4 74 Die Gräfin hatte dieſe poetiſche Eruption ihres Gatten mit ihrem gewohnten ſtereotypen Lächeln über ſich ergehen laſſen. Jetzt ſagte ſie, indem ſie ihm das Bild des heiligen Aloyſius vor das Antlitz hielt: „Ohne Zweifel, weil ſie Ihre Verlegenheit ahnte, hat unſere Elfenkönigin ihren Ritter bereits auf eigene Hand gewählt. Hier iſt erl⸗ Seine Excellenz ſtarrte verblüfft bald auf den ge⸗ ſtickten zweiköpfigen Heiligen, bald ſeiner Gattin in das geheimnißvoll redende Antlitz. „Betrachten Sir dieſe Bleiſtiftzeichnung“, fuhr die Gräfin ernſter fort,„und ſagen Sie mir, ob Sie das Geſicht vielleicht zufällig kennen?“ Der Graf, gewohnt, die Wünſche ſeiner Gemahlin widerſtandslos zu erfüllen, betrachtete eine Weile das Bild, dann ſagte er verwundert: „Die Zeichnung iſt ziemlich ähnlich; ich habe den jungen Mann ſchon häufig geſehen. Es iſt der Bereiter Johann Helmberg, ein natürlicher Bruder Ulrich's und — und Deines— unſeres Schwiegerſohnes. Du kennſt ja die unglückliche Geſchichte.“ Der Graf ſchwieg erſchrocken über die eiskalte Verachtung, mit welcher ſeine Gattin den unſchuldigen Aloyſius wieder an ſich nahm. „Dieſe unglückliche Geſchichte ſcheint auch unſere Familie in Mitleidenſchaft ziehen zu wollen. Ihr Liebling Eva, deren Unarten bei Ihnen ſtets eine ſo milde Beurtheilung fanden, hat dieſen Kopf gezeichnet und ihn über ihrem Betſchemel aufgehängt. Sie inte⸗ reſſirte ſich alſo unzweifelhaft für den Baſtard und Reitknecht. Sie haben meine Autorität über meine Nichte ſchon ſo oft und empfindlich in Frage geſtellt, daß ich gegenüber meinem Schwager Wodny Ihnen die ganze Verantwortlichkeit für die abſcheuliche Auf⸗ führung des Mädchens überlaſſen muß, ſowie für Alles, was noch daraus entſtehen mag. Ihre dichteriſche Begabung wird Ihnen ohne Zweifel auch einen Weg zeigen, Ihren Liebling von ihrem Galan aus dem Pferdeſtall zu befreien.“. „Aber, beſte Mathilde“, rief der Graf verzweifelt, „ich habe ja niemals auch nur mit einem Wort Deine Autorität über Deine Nichte in Frage geſtellt!“ „Dann haſt Du geſchwiegen, wo Du mich hätteſt unterſtützen ſollen! O, Eva iſt ſchlau genug, die ſtummen Desaveus zu verſtehen, die Du meinen beſt⸗ gemeinten Anordnungen zu Theil werden ließeſt. Eh bien! ſieh' auch jetzt, wie Du Dich aus der Affaire ziehſt und den Stall⸗Adonis aus Eva's Nähe fortbringſt.“ Mit einer majeſtätiſchen Schwenkung ihrer Schleppe verließ die Gräfin das Zimmer und der Graf wan⸗ 76 delte ſeufzend auf den Correcturen hin und her, die den Boden bedeckten. Seine Hände waren in ein⸗ ander geſchlungen und verzweifelt murmelte er: „Ich und immer ich! Jetzt bin ich auch noch ſchuld, daß Evchen ſich in einen hübſchen Bereiter ver⸗ liebt hat.“ Drittes Kapitel. Vei der Hnbertusklauſe. Die ſogenannte Hubertusklauſe führte ihren Na⸗ men von einer Einſiedelei, in welcher der heilige Huber⸗ tus, der Schutzpatron der Jäger und des Königshau⸗ ſes, einſt gelebt haben ſollte. Von jener Einſiedelei ſind keine Spuren mehr vorhanden; mit dem Namen Hubertusklauſe jedoch bezeichnet man einen wildro⸗ mantiſchen Hohlweg, in deſſen Mitte eine grottenähn⸗ liche Vertiefung im Felſen als der Ort angeſehen wurde, wo früher beſagte Klauſe geſtanden haben ſoll. Ein ſonderbar verzweigtes Geäder an dem die Grotte überragenden Felſen konnte mit Hülfe einer gefälligen Phantaſie als das Hirſchgeweih angeſehen werden, welches ſo zu ſagen für das Wappenſchild des kanoni⸗ ſirten Jägersmannes galt. Die Sage erzählte von einem ausgezeichnet braven Waidmanne, der zu einer Zeit, als dieſe ganze Gegend noch undurchforſteter Urwald geweſen, des Nachts von einem Rudel hungriger Wölfe bis hierher verfolgt wor⸗ den ſei und in ſeiner höchſten Noth den heiligen Huber⸗ tus um Hülfe angefleht habe. Da ſei plötzlich ein rieſengroßes feuriges Hirſchgeweih am Felſen erſchienen, vor dem die Wölfe heulend die Flucht ergriffen. Letz⸗ teres werde noch dann und wann von beſonders gottes⸗ fürchtigen Jägersleuten, die ſich des Nachts hierher verirren, erblickt, ſo fügte der Volksmund hinzu, bei Tage jedoch und für gewöhnliche Menſchenkinder verblaſſe es zu der undeutlichen Zeichnung über der Grotte. Auch ohne die geſpenſtiſchen Schleier der Sage, welche über dem Ort ſchwebten, war die Hubertus⸗ klauſe merkwürdig genug. Ein Hohlgang führte ſteil aufwärts zwiſchen gewaltigen Felsblöcken; mächtige Buchen ſtrebten an den Seiten empor und ſtreckten ihre grauſchimmernden Zweige breit und majeſtätiſch über Farrnkraut und Moos; die Eiche ſandte das Zickzack ihrer Aeſte gleich belaubten Blitzen dazwiſchen und der Stamm der Edeltanne leuchtete durch das dunkle Grün ihrer hängenden Nadeln. Bei der Dämmerung des Hohlwegs, zu welcher — —— ſelten ein Sonnenſtrahl herniederdrang, lag die Ver⸗ tiefung der Hubertusgrotte im ſchwärzeſten Schatten, und nur undeutlich waren die Umriſſe eines Mannes zu erkennen, der auf einem viereckigen Stein ſaß und irgend etwas zu erwarten ſchien. Mittag war vorüber; fernher ertönten die Hörner melancholiſch durch den Wald, zum Zeichen, daß die Jagd zu Ende und der Eber, den man an ſechs Stun⸗ den lang im dichteſten Forſt verfolgt, nun endlich er⸗ legt ſei. Der Mann auf dem Stein wurde ungeduldig; er trat etwas aus dem Schatten der Grotte und beugte den Kopf lauſchend nach vorwärts. Trotz des betreßten Jägercoſtüms, des dreieckigen Hutes und der alterthüm⸗ lichen, koſtbar eingelegten Flinte, die er trug, war Thomas Grundner, der Leibjäger des Freiherrn Angelo von Tondern, unſchwer zu erkennen. Kopfſchüttelnd und manchen Fluch murmelnd, ſah er den Hohlweg aufwärts; wenn ihn nicht alle ſeine Berechnungen trogen, mußte der kleine Bereiter von dort herunterkommen. Er hatte ſich während der gan⸗ zen Jagd dicht an ihn gehalten, und bei feiner Orts⸗ kenntniß war es ihm leicht, da, wo das Gefolge des Königs die Pferde in den gehauenen Waldſchneuſen ausgreifen ließ, durch den Forſt brechend, einen Punkt 80 zu erreichen, wo er wieder mit ihnen zuſammentraf. Verſchiedene Male ſchon hatte er dem Pferde des Be⸗ reiters unbemerkt mit dem Laufe ſeines Gewehres einen Stoß verſetzt, um es von der übrigen Geſellſchaft abzutreiben; es war auch mehrmals, wüthend über dieſe Neckereien, mit raſenden Sprüngen davongeeilt, ſodaß Hans, den die Unarten des ſonſt ſo frommen Thieres höchlichſt überraſchten, es nur mit Mühe zu bändigen vermochte. Endlich, als die Schneuſe, der die Jagd ſeit einigen Minuten folgte, an der Berg⸗ lehne rechts abbog, fühlte Thomas, daß ſeine Sehnen, ſo ſtählern ſie waren, ſchließlich zu ermüden begannen. Infolge deſſen, unbemerkt im Gedränge, hatte er ſeinen Hirſchfänger gezogen und mit der Spitze in die Weichen des Pferdes geſtoßen. Das edle Thier bäumte ſich hoch auf und mit gewaltigen Sätzen war es den Abhang emporgeraſt. Sein Reiter, unfähig, es zu halten, hatte nur noch Zeit gehabt, ſich vornüber zu beugen und ſich willenlos den verzweifelten Sprüngen des Thieres zu überlaſſen. In der That hatte Hans nur noch darauf bedacht ſein können, ſich im Sattel zu erhalten und ſein Haupt vor der unſanften Be⸗ rührung mit herabhängenden Baumzweigen zu bewahren. Erſt auf der Höhe war das erſchreckte Thier zum Still⸗ ſtehen zu veranlaſſen geweſen. ——; 81 Thomas hatte richtig gerechnet. Han s konnte, nachdem er ſein Pferd zur Ruhe gebracht, nicht daran denken, denſelben Weg abwärts zu nehmen, den ſie ſo eben in wenigen Sätzen zurückgelegt. Hätte er auch abſteigen und das Pferd am Zügel führen und ſtützen wollen, es wareneine eitle Anſtrengung geweſen, mit dem ſcheuen, ſchnaubenden Thiere die ſteile, oft von Felſen unterbrochene Böſchung zu überwinden und das dichte Buſchwerk zu durchbrechen, das von der breiten Bruſt des Rappen noch eben blitzſchnell getheilt wor⸗ den war. Am Rande des Plateaus dahinreitend, ſuchte Hans die erträglichſte Stelle, um wieder abwärts zu kommen, bis er auf die von runden Hölzern ge⸗ bildeten Stufen traf, welche zur Hubertusklauſe hinab⸗ führten und— wie der Jäger Thomas wohl wußte — der einzige Weg waren, den es von der Höhe gab Auch hier gehörten eine ſichere Hand und ein furcht⸗ loſes Herz dazu, nicht abzuſteigen und das Pferd am Zügel zu führen. Hans dachte nicht einmal daran. Wenn er ſich bei dem plötzlichen unerklärlichen Durch⸗ gehen des ſonſt lammfrommen Pferdes, das ihm ſein Bruder nach der Uebergabe Sultans an den König zugewieſen, auf dem Sattel zu erhalten und das Thier vor dem Sturz zu bewahren geſucht hatte, ſo war das mehr geſchehen aus jenem Inſtinkt, der den Reiter in v. Schlägel, die Ritter der Gegenwart. II. 6 82 ſolchen Lagen zum rechten Mittel greifen läßt, denn aus Angſt vor dem drohenden Tode⸗ So jung er war, konnte Hans nicht im Unklaren darüber ſein, daß mit der abermaligen Entſcheidung des Königs der Stab gebrochen ſei nicht nur über ſeinen ehrlichen Namen, ſondern auch über alle die Hoffnungen und die Wünſche, die ſeit wenigen Tagen in ſeiner noch von keinem unreinen Hauch berührten jugendfriſchen Seele aufgeſtiegen waren und die ihn ſelber manchmal aufs tieſſte erſchreckten. Ulrich hatte ſein Wort gehalten. Als es ſich darum handelte, für den König ein Pferd zur Eber⸗ hetze auszuwählen, hatte der Oberſtſtallmeiſter, ohne ſich zu beſinnen oder das Thier zu prüfen, Sultan dazu beſtimmt und trotz der Einreden mehrerer dienſt⸗ eifriger Untergebenen die volle Verantwortlichkeit für die Tüchtigkeit des Pferdes auf ſich genommen. Hans hatte ſich kaum darüber gefreut. Mochte er in ſeinem Berufe die höchſtmöglichen Auszeichnungen erfahren, ſie halfen ihm doch nicht hinweg über die Schmach ſeiner Geburt und noch weniger brachten ſie ihn Eva näher. Deshalb fiel es ihm auch keinen Augenblick ein, abzuſteigen und ſein noch immer unruhiges Pferd die Stufen zur Hubertusklauſe hinabzuleiten Düſter ſchaute ——— 83 er in die Dämmerung des grünen Hohlwegs, der ſich ſteil genug vor ihm niederſenkte; ſeine Muskeln ſpann⸗ ten ſich und ſeine Fauſt zuckte, ſein Pferd im Galopp da hinunterjagen zu laſſen, in einen friſchen, fröh⸗ lichen Reitertod. Da klangen die Hörner, die zum Sammeln riefen, lang austönend auch zu ihm herauf. Er dachte an ſeinen Bruder, der ſo gut gegen ihn war, der ihn zu ſchützen verſprochen hatte gegen jede Unbill; er dachte an ſeine Mutter, Thränen traten in ſeine Augen und langſam lenkte er ſein Pferd über die ſteilen Stufen hinab. Auch der Rappe ſchien in ſich zu gehen und zier⸗ lich und vorſichtig zugleich ſetzte er die ſchlanken Füße Stufe um Stufe abwärts. So gaben ſie ein Bild, würdig, von der Kreide der anmuthigen Eva feſtge⸗ halten zu werden. Die kleine kräftige Geſtalt des Bereiters ſchmückte ein hellblauer, an den Schößen aufgeſchlagener Rock mit breiten Silberborten; ſein jugendliches Antlitz wurde umſchattet von einer weißen Perrücke, deren Haarbeutel in eine zierliche blaue Schleife auslief, und von einem an drei Seiten aufgekrempten Hut. Weiße Stulphandſchuhe, hohe wildlederne Gamaſchen und ſilberne Sporen vollendeten einen Anzug, welcher die 6* 84 hohe Bewunderung von Johann's Großvater erregt haben würde. Das Wehrgehenk indeſſen hing zerriſſen von Johann's linker Seite herunter; der altmodiſche Hirſchfänger, den es getragen, war bei dem tollen Aufwärtsſtürmen an einem ſpitzen Aſt hängen geblieben. Immer tiefer ritt Hans in die dunkelgrüne Dämmerung hinein, den Oberkörper etwas zurückge⸗ lehnt, die Füße feſt am Sattelgurt, die Hand leicht erhoben und mit ſcharfem Auge den Weg prüfend, den der Rappe langſam niederſtieg. Immer enger ſchloſſen ſich die Felſen zu beiden Seiten, immer dichter und dunkler wurde der Wald, immer ſteiler die Treppe; es bedurfte der ganzen Rei⸗ tergewandtheit des jungen Mannes und der vollen Kraft ſeiner Fauſt, um das Pferd am Sturz zu ver⸗ hindern. „Halt!“ Der Rappe prallte zurück vor dem donnernden Zuruf und der dunklen Geſtalt, welche ſich aus dem Schatten der Hubertusklauſe losgelöſt und in den Weg geſtellt hatte, rieſengroß ſich gegen den helleren Aus⸗ gang der Grotte abzeichnend. Ueberraſcht warf der kleine Bereiter den Kopf zurück. Vergeblich taſtete er nach dem verlorenen Hirſchfänger; ſeine geballte Fauſt jedoch, als er die —— —,— 85 Waffe nicht fand, der trotzig geſchloſſene Mund und der funkelnde Blick zeigten genugſam, daß er, wenn auch nicht den Namen, ſo doch Herz und Muth ſeines Vaters geerbt hatte. „Halt!“ donnerte es nochmals, als Hans mit einem kräftigen Sporenſtoß den Rappen vorwärts treiben wollte, und aus der Erde ſchienen Flammen aufzuſchlagen, ſodaß das Pferd hoch aufſtieg und nahe daran war, ſich nach hinten zu überſchlagen. In der dämoniſchen Beleuchtung des aufflammenden Pulvers, das Thomas auf den Weg geſtreut, erkannte Hans das höhniſch lächelnde Geſicht deſſelben Jägers, der ſich heute beſtändig ſo auffallend an ihn gedrängt., Hans hatte, ſo oft er während der Jagd dieſem Ge⸗ ſicht ſich gegenüber befand, ein unbeſtimmtes unruhi⸗ ges Gefühl gehabt, als müſſe er demſelben ſchon irgend⸗ wo und auf nicht angenehme Art begegnet ſein. Die Aufregung der Jagd jedoch, die brütende Hoffnungs⸗ loſigkeit ſeines Innern und das Durchgehen des Pfer⸗ des, wohl auch der ungewohnte Anzug des Jägers hatten Hans nicht bis zu der Scene im Lumpenhäuſel zurückdenken laſſen. Der Rappe, vom Feuer erſchreckt, ging fortwährend rückwärts; Hans, um einem Sturz des Thieres zuvor⸗ zukommen, ſprang auf den Boden, ſchlang die Zügel 86 um ſeinen Arm und machte ein paar Schritte gegen Thomas. Mit vor Angſt weit hervortretenden Augen, ſchnaubenden Nüſtern und vorgeſtemmten Füßen ſtand der Rappe. „Was ſoll der Unfug? Weg da!“ rief Hans, und wenn Muth und Zorn ſeiner Stimme ihre eigene Kraft hätten mittheilen können, ſo würden die Bäume gebebt haben vor dem Klang. „Halt!“ wiederholte der Jäger nochmals gebieteriſch und brachte ſein Gewehr in halben Anſchlag;„wir ſind jetzt net auf der Kegelbahn und das Gewehr hab' heute ich!“ Ein kalter Schauer überlief den jungen Mann; er hatte den Gegner erkannt, in deſſen Macht er ge⸗ geben war, und plötzlich bäumte ſich Alles in ihm auf gegen den Tod, der ihm doch vor wenig Minuten noch gleichgültig erſchienen war. Er entgegnete mit trotziger Stimme zwar, doch ſtockend und von Herzklopfen öfter unterbrochen: „Wenn Ihr mir ein Leid anthun wollt, ſo kann ich Euch daran nicht hindern; aber glaubt nicht, daß Ihr der Strafe dafür entgehen werdet!“ Dem Jäger ſchien es ein grauſames Vergnügen zu bereiten, die Ungewißheit des jungen Mannes zu verlängern; bedächtig prüfte er den Hahn ſeiner Flinte und ſchlug prahleriſch an den Schaft. — — 87 Das Gewehr da hat mir mein Herr, der Baron Angelo, eigens geſchenkt für den Fall, daß ich ſeinem Bruder im Wald begegnen möcht'! Ein ſchönes Ge⸗ wehr, nicht?“ Und er näherte die Mündung der Waffe der Bruſt s Bereiters, daß dieſer ſich raſch zur Seite bog. „Sein S' ruhig! Ich laſſ' es net krachen!“ begann der Jäger wieder, indem er den Hahn in Ruh ſetzte. „Wenn ich noch fuchtig wär' wegen der Kegelbahn⸗ g'ſchichte, ſo hätt ich Ihnen's Licht ſchon ausblaſen können, wie Sie noch da droben war'n, und dann hätt mir mein Herr Baron das größte Gut in Amerika g'ſchenkt, wenn's wahr wär' und ich ihm trauen thät'; aber wiſſen S', Ihr Bruder, das iſt'n Lump, der Jeden anführt und mich auch anführ'n möcht' wie die Reſ'l, wenn er nur könnt'. Deswegn hab' ich's net knall'en laſſen und lieber mit Ihnen reden woll n.“ „Eine ſonderbare Art, ein Geſpräch anzuknüpfen“, ſagte Hans, noch todtenbleich und verwirrt von dem, was er hörte. Der Thomas zuckte die Achſeln. „Wenn ich mit dem Hut in der Hand Sie ge⸗ bittet hätt', mich anzuhören, ſo hätten Sie mir's ge⸗ macht wie der Reſ'l und mich mit Schand' und Spott weggejagt; ſo hab ich Sie halt ſtell'n müſſen.“ 88 „Und was habt Ihr mir mitzutheilen?“ fragte Hans, in deſſen Gedächtniß die ſeltſamen Worte der Reſ'l heraufdämmerten, noch immer mit halbem Miß⸗ trauen. „Daß Sie der rechte Baron ſind und der Andere der Bankert!“ ſagte der Thomas, ſich in die Bruſt werfend. Das Intereſſe, welches dieſe Mittheilung für Hans haben mußte, wurde geſchwächt durch das be⸗ trübende, niederdrückende Bewußtſein, daß man ihm nach dem Leben trachte. Seine Lippen wurden bleich und bebend ſtand er wie vor einem tiefen Abgrund, in den man ihn noch eben hatte ſtürzen wollen.„Mein Bruder will mich ermorden!“ klang's dumpf durch ſeine Seele, als ſei dieſer Gedanke hinreichend, aus dem uungen Herzen den letzten Reſt von Lebensmuth fort⸗ zuſcheuchen, der noch darin zurückgeblieben war. Thomas ſchrieb dieſes Schweigen dem Eindruck zu, welchen ſeine letzte Mittheilung nothwendig auf den Bereiter gemacht haben mußte, und fuhr prahleriſch fort: „Ja, ſchaun S' mich nur verwundert an! Ich, der Thomas Grundner, den Sie niederg'ſchlagen haben wie einen Hund, kann Sie zum Baron machen, morgen, wann Sie wollen, und wenn ich Ihnen die Papiere 89 geb', die der Reſ'l ihr Vater von der alten Baronin zum Verbrennen kriegt hat, bevor ſie geſtorben iſt, er hat ſie aber net verbrennt, dann muß auch der Kö⸗ nig ſagen, daß Sie der rechte ſind, und Angelo kann an Ihrer Stell' Bereiter werden.“ 3 Dumpf und wirr klangen die eifrigen Worte des rohen Jägers durch Johann's verdunkeltes Gemüth. Er hatte das Gefühl, als ob er vor einer Entſcheidung ſtände, und dennoch konnte er keine Klarheit in ſeine Gedanken bringen, ſein Bruder hatte ihn ja ermorden wollen. Endlich kam ihm ein lichter Gedanke. „Suche den Oberſtſtallmeiſter Grafen Helmberg auf und erzähle ihm alles das, er iſt mir wohlge⸗ ſinnt und wird Deine Mittheilungen nach Gebühr ſchätzen.“ „Hoho!“ lachte der Jäger zornig,„ſo dumm iſt der Thomas net, daß er die Hand zwiſchen ein'n ge⸗ ſpaltenen Baum ſteckt! Wer ſagt mir, daß ich aus dem Salon des Herrn Oberſtſtallmeiſters net gleich ins G'fängniß komm'? Hier im Wald, allein mit Ihnen will ich verhandeln, und wenn wir auseinander ge⸗ gangen ſind, kann ich immer noch thun, was ich will; und wenn ich Ihnen nimmer trauen darf, ſo hab' ich noch immer das Gewehr, das mir der Baron g'ſccenkt hat!“ 90 Und Thomas ſchlug drohend an den eingelegten Kolben. Hans hatte ſich indeß geſammelt. Er dachte an die ſeltſamen Reden der Reſ'l, an ein Wort ſeines Vaters, welches dieſer in einem Augenblick höchſter Erregung Angelo entgegengeſchleudert hatte:„Du biſt der Baſtard!“ Auch das bleiche verzweifelnde Antlitz ſeiner Mutter tauchte vor ihm auf, und Eva mit dem ganzen Liebreiz ihrer zierlichen Erſcheinung; zugleich. ſah er Angelo, wie er mit düſterer Stirn und einem häßlichen Lächeln den Bruder zu ermorden befahl, und bebend ſtreckte er die Hand aus. „Gib mir die Papiere, Thomas!“ „Jetzt reden S' vernünftiger“, nickte Thomas be⸗ friedigt;„aber Sie werden auch einſehen, daß ich, nachdem Sie mich im Wirthshaus ſo zuſammg'ſchlag'n haben, Sie net grad' aus beſonderer Freundſchaft ſtatt meines Herrn zum Baron machen will! Verdienen will ich bei dem Handel, und ſeit der Baron Angelo der Reſ'ô die Brief' mit Gewalt hat nehmen wollen, trau⸗ ich ihm nimmer. Deswegen bin ich zu Ihnen gekom⸗ men. Wiſſen S,, ich möcht' mit der Reſ'l nach Amerika; auf der Wirthſchaft ſind ſo viel Schulden, daß ſich die Reſ'l nimmer rühren kann, und ich bin auch noch zu was Anderm gut als zum Schuhputzen, Liebesbrief⸗ 91 tragen und aufs Bret'l hupfen, wenn mein Herr aus⸗ fährt. Wir brauchen alſo Geld; ſo eine fünftauſend Gulden, um'nüber zu kommen und uns drüben was anzukaufen; für fünftauſend Gulden können S' die Brief' haben.“ Hans zitterte vor Aufregung. „Ich beſitze das Geld nicht“, ſagte er verzweifelt; „mein Vater iſt in Tondern; nur Ulrich könnte da helfen.“ „Der Graf Helmberg?“ fragte der Jäger nach⸗ denklich. „Nur er kann mir raſch dieſe Summe geben, ich muß ihm alſo von der Sache ſagen.“ Thomas ſann nach, dann ſchüttelte er energiſch den Kopf. „Ich will mit Niemand zu thun haben als mit Ihnen; der Graf is ein hoher Herr und mit denen kommt unſereins immer zu kurz.“ „Ich bürge mit meinem Ehrenwort für meinen Bruder“, rief Hans warm,„wenn die Briefe wirk⸗ lich Werth für uns haben.“ „Werth?“ lachte der Thomas.„Mein Herr gäb⸗ zehntauſend Gulden auf der Stell, wenn ich die Brief' vor ſeinen Augen verbrennen thät'. Aber ich trau' ihm doch net; er is mir gar zu fein; und was braucht er 1 92 mir die Reſ'l abſpenſtig zu machen und ihr weis zu machen, daß er ſie heirathen will! Er hat ſchlecht an mir gehandelt, und wenn ich ihm auch trauen thät', ſein'n Baron ließ ich ihm doch net, weil er mit der Reſ' kareſſirt hat. Was haben S' g'ſagt vom Ehren⸗ wort?“ 3 „Ich gebe Dir, im Namen des Grafen Helmberg zugleich, unſer Ehrenwort, daß wir offen und ehrlich gegen Dich handeln werden; aber Du begreifſt, daß auch der Graf nicht ſtets eine ſolche Summe in der Taſche mit ſich herumträgt; er muß in die Stadt ſchicken und das Geld holen laſſen. Wenn man auch gleich fortſchickt, ſo kommt der Bote vor Nacht nicht mehr in die Stadt und dann haben alle Banquiers ge⸗ ſchloſſen. Morgen iſt großes Feſt, wie Du weißt, bei welchem ſowohl der Oberſtſtallmeiſter als ich den gan⸗ zen Tag Dienſt haben. Du könnteſt vielleicht zu uns kommen.“ Thomas ſchüttelte abwehrend die Hand. „Das geht nicht! Wenn mein Herr ſieht, daß Sie noch am Leben ſind, traut er mir auch nimmer und paßt mir auf Schritt und Tritt auf; und grad' geniren thut ſich der Angelo auch net, wenn ihm eins im Weg is. Wiſſen S' was?“ fuhr der Jäger fort und blickte den Bereiter ſcharf an, als wolle er in deſſen 93 Seele leſen.„Ich will Ihrem Ehrenwort glaub'n, man ſagt, die Herren halten mehr darauf als unſereiner, und daß Sie morgen net wegkönnen, ſeh' ich ein. Wir woll'n alſo übermorgen in der Früh um vier hier zu⸗ ſammenkommen, Sie, der Graf und ich; die fünf⸗ tauſend Gulden ſoll er aber gewiß gleich mitbringen; denn ich bleib' dann kein' Stund' mehr im Land. Ich will ſchau'n, daß ich dem Angelo was vormach'; aber wenn mir was verdächtig vorkommt, ſo braucht's keinen ganzen Augenblick und von den Briefen is nichts mehr da als ein Häuferl Aſch'n. Alſo übermorgen früh um vier Uhr“, wiederholte der Jäger eindringlich, indem er ſich zum Gehen wandte;„und's geheim halten vorher, denn der Angelo hat die Ohren überall.“ Damit wandte ſich Thomas ohne Gruß ſeitwärts und war bald zwiſchen den großen Steinen, die den Ausgang der Schlucht bildeten, verſchwunden Bleich vor Erregung führte der Bereiter ſein Pferd noch langſam bis an den Eingang des Hohl⸗ wegs; dann ſchwang er ſich auf und jagte im Galopp über die Waldwieſe nach der Richtung, aus der noch dann und wann ein einzelner Hornruf verhallend herüber⸗ klang. Die Sonne färbte im Untergehen den Waldſaum mit ihrem Purpur und Gold; die Schatten der Wäl⸗ 94 der wurden immer dunkler und auf den Wieſen ſchwank⸗ ten leichte Nebelſchleier hin und her. Hans ſprengte durch ſie hindurch, das Herz voll froheſter Hoffnung. Viertes Kapitel. Halali! Es war eine liebliche grüne Waldeslichtung, von uralten Bäumen ſchützend umgeben. Nur von fern her tönte das Geräuſch der Jagd in dieſe ſchweigende, lichtdurchzitterte Einſamkeit. Da rauſchte es im Ge⸗ büſch, näher bellten die Hunde, die Zweige bra⸗ chen knackend, und bedeckt mit Schaum und Blut, ra⸗ ſend von der unausgeſetzten Verfolgung eines Tages, brach der gewaltige Eber hervor aus dem ſchirmenden * Dickicht. Mit einem Schütteln ſeiner borſtigen Mähne ſchleuderte er ein paar Rüden in das hohe Gras und kauerte nun da, das Vordertheil aufgerichtet, die kleinen tückiſchen Augen funkelnd, und warf nur dann und wann mit einem Stoß des dicken Kopfes oder der gewaltigen Hauer die ihn umheulenden Hunde mit Schrammen und Wunden zurück. Aber die Kraft des Thieres war gebrochen. Dun⸗ kel quoll das Blut aus den zerriſſenen Ohren, matter ward die Abwehr der ihn umkreiſenden Meute und nach jedem Stoße ſchwankte der buſchige Kopf hin und her. Immer toller umſchwirrten ihn die Hunde, immer kühner wurden ihre Angriffe, immer weniger ver⸗ mochte der Eber ſich ihrer zu erwehren. An ſeinen Ohren, in ſeinen Weichen hingen bereits ſeine nach Blut lechzenden Verfolger, und wenn auch einer und der andere noch mit zerriſſenen Eingeweiden ins Gras rollte, hundert kamen nach und balgten und über⸗ ſchlugen ſich auf dem rieſigen Thiere, dem wenigſtens ein Dutzend Hunde bereits erlegen war. Jetzt brach auch ein einzelner Reiter pfadlos aus dem dichteſten Wald. Seine Kopfbedeckung hatte er verloren; wild flatterte das röthlichblonde Haar um das erhitzte Geſicht und der Scharlachrock trug in vie⸗ len Riſſen und Fetzen die Spuren eines verwegenen Rittes. Die ſchimmernde Haut des Goldfuchſes war an der Bruſt mehrfach zerriſſen und ſeine Lenden er⸗ ſchienen wie von der Peitſche gefurcht durch die Spu⸗ ren der Zweige, an denen er vorübergeſtürmt. 97 Der Cavalier im rothen Leibrock, gelben Kappen⸗ ſtiefeln und weißen Beinkleidern, welcher faſt zugleich mit der kläffenden Meute bei dem ermatteten Eber ankommt, iſt der Oberſtſtallmeiſter des Königs, Graf Ulrich Helm⸗ berg. Da, wo die Andern den ausgehauenen Wald⸗ wegen folgten, ritt er; dem Eber und den Hunden nach durch Dickicht und Dorn; kein Graben war ihm zu breit, kein geſtürzter Baum zu hoch, keine Böſchung zu ſteil; mit einem wilden Huſſah! ging es darüber fort; aber als er bei dem halbtodt gehetzten Thiere ankam, war es nicht die helle freudige Jagdluſt, die aus ſeinen erhitzten Zügen glühte, ſondern langſam nur nahm er das ungeheure Horn von der Schulter und ſetzte es an die Lippen und melancholiſch wie Grabgeſang klang es über den Wald: Halali! Halali!— Und hundert Hörner klangen es nach aus Wald und Hügel, und eilends kamen ſie heran, die rothröckigen Cavaliere des Königs, die blauen ſil⸗ berverzierten Piqueure zu Pferd und die alterthümlich ausſtaffirten Jäger zu Fuß in Grün und Gold. Und aus der größten Schneuſe ritt auch der König, ge⸗ kleidet wie ſeine Cavaliere, in geſtrecktem Galopp auf die Lichtung. Ihm folgten der Freiherr Angelo von Tondern, der junge Greis, und mit dem Feuer eines v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. II. 7 der Oberceremonienmeiſter Graf von Tegernheim. Die Schaar der übrigen Hofchargen füllte den Raum, und dann jagten auch die vierſpännigen Wagen mit den zum Hof gehörigen Damen auf die Waldwieſe; die Poſtillone reitend, mit hohen ſchwankenden Feder⸗ büſchen, und die Damen mit ihren Tüchern dem Glück⸗ lichen zuwinkend, der die Jagd zum Stehen gebracht. Ein weiter Kreis hatte ſich um den Eber gebildet, der auf das Zerren der Rüden nur noch dann und wann mit dumpfem Grollen Antwort gab. Vereinzelt rief noch ein klagender Hornlaut den etwa Verirrten oder Verſpäteten. Der König war bis zu dem Grafen Ulrich vor⸗ geritten und hatte ihn mit einer huldvollen Handbe⸗ wegung eingeladen, die waidmänniſchen Ceremonien vorzunehmen. Graf Ulrich verneigte ſich, ſprang vom Pferde, warf dem herbeigeeilten Reitknecht die Zügel hin und trat mit gezogenem Hirſchfänger auf den Eber zu, von dem Jäger und Rüdenwärter mit vieler Mühe die wüthenden Hunde fortzulocken ſuchten. Endlich war derſelbe ſeiner Quäler ledig und hob den Kopf, um mit ſchäumendem Rachen und halberloſchenen Augen im Kreiſe umherzuſchauen. Jünglings, ſein Roß zu gewaltigen Lancaden treibend, —/—=ͤ Ulrich ging ruhig auf das Thier zu und ſetzte den beſpornten Fuß kräftig auf ſeinen Leib. Auch der König war abgeſtiegen und ſtieß nun den blanken Hirſchfänger, den ihm der Oberſtſtallmeiſter dargereicht, tief und kunſtgerecht in den röchelnden Hals des Wil⸗ des, daß es ſich hoch aufbäumte, im Todeskampf mit den blutigen Hauern um ſich ſchlagend. Furchtlos hielt Ulrich es mit dem beſpornten Stie⸗ fel nieder und auch der König wich keinen Schritt zurück. Immer näher hatte ſich der Kreis der Jäger und Zuſchauer gezogen; in erſter Reihe hielt die Equipage des Oberceremonienmeiſters; die Gräfin plauderte an⸗ gelegentlichſt mit dem Verlobten ihrer Tochter, der neben den Schlag geritten war, und warf dann und wann einen affectirt gleichgültigen Blick auf den König und Ulrich, welche den Mittelpunkt des Schauſpiels bildeten. Erneſtine ſaß neben ihrer Mutter auf dem Rück⸗ ſitz des Wagens; auch ſie hatte Alles mit angeſehen; zuweilen erſchütterte ein leiſer Froſt ihre Glieder und über ihre bleichen Wangen ſchoß ein flammendes Roth. Manchmal ſtreifte ein Blick ihres Bräutigams ihr Geſicht; ein finſteres Lächeln umzuckte ſeine Lippen und er begann ſich zu fragen, ob er ſich nicht lieber mit zerriſſenem Rock und blutigem Hirſchfänger dort 100 zwiſchen dem todten Eber und dem König befände, als hier kühl und ruhig und tadellos behandſchuht neben dem Wagen ſeiner Braut. Er hatte richtig die Kunſt⸗ leiſtung fertig gebracht, die ganze Jagd mitzumachen, ohne ſeine Toilette in Unordnung zu bringen; aber er wurde ſeines Erfolgs nicht froh, und mit ſpötti⸗ ſchem Lächeln begleitete er die erzwungenen Sarkas⸗ men der Gräfin über die derben Geſchmackloſigkeiten des Oberſtſtallmeiſters. Erneſtine ſchwieg; mit über⸗ menſchlicher Gewalt drängte ſie den Strom von Em⸗ pfindungen zurück, welcher ſie zu erſticken drohte. Eva von Wodny, die ihr gegenüberſaß, wagte nicht aufzublicken. Man hatte ſie aus dem Zimmer⸗ arreſt in den Wagen geholt, um nicht durch ihre Ab⸗ weſenheit aufzufallen; zwiſchen ihr und der Tante war noch kein Wort gewechſelt worden und bei jedem Auf⸗ blick fürchtete ſie, dem Antlitz des Geliebten zu begeg⸗ nen und dadurch das Original des heiligen Aloyſius zu verrathen. Um den todten Eber ſammelte ſich das Jagdge⸗ ſinde und die Hunde durften ſich nun an ſeinem Blute letzen. Der König und Graf Ulrich waren wieder zu Pferde geſtiegen und huldvoll neigte ſich die hohe rit⸗ terliche Geſtalt des jungen Fürſten dem Cavalier. Alles drängte ſich näher, um die Worte Seiner —— —y—— 101 Majeſtät zu vernehmen. Auch Angelo von Tondern hob ein wenig das blaſirte Geſicht, als intereſſire es ihn, zu erfahren, wie weit Graf Ulrich ſeine Geſchmack⸗ loſigkeiten noch treiben werde. 3 „Wir ſtehen in Ihrer Schuld, lieber Graf“, be⸗ gann der Fürſt mit ſeiner lauten, wohlklingenden Stimme, daß es bis zum letzten Treiber zu verſtehen war.„Ihr Waidmannsglück belohnt ſich zwar durch ſich ſelbſt und durch die allgemeine Bewunderung für Ihre kühne Reiterthat, wir perſönlich aber haben Ihnen noch beſonders zu danken für das prächtige Thier, das uns während der ganzen Jagd ſicher und raſch getragen hat und in deſſen Dreſſur wir wieder Ihre uns ſchon mehrfach bewährte Meiſterſchaft er⸗ kennen. Das Pferd iſt das beſtgerittene, das wir je⸗ mals beſtiegen haben. Nehmen Sie dafür unſern freundlichſten Dank.“ Die erſten Worte des Königs hatten Ulrich's Ge⸗ ſicht nicht höher gefärbt, ſeine Pulſe nicht raſcher ſchlagen laſſen, jetzt hob er das noch immer unbedeckte Haupt und ſeine Bruſt wogte auf und nieder, wie von einem plötzlichen männlichen Entſchluß. „Majeſtät“, ſagte er laut und weithin hörbar, „ich bin hochbeglückt, daß unter meiner Leitung ein Pferd aus Höchſtdero Marſtällen hervorgegangen iſt, —— 102 das das Wohlgefallen Eurer Majeſtät erlangt hat; allein ich kann das Lob für die Dreſſur nicht in An⸗ ſpruch nehmen; daſſelbe gebührt dem Bereiter, der das ſchwierig zu behandelnde Pferd in letzter Zeit allein geritten hat, meinem Bruder!“ Schon als der Oberſtſtallmeiſter ſeine Antwort be⸗ gann, ſtatt ſich in ſchweigendem gerührtem Danke bis auf den Sattelknopf zu verneigen, hatte der Fürſt auf⸗ merkſam das Geſicht erhoben; ſichtlich beengt durch den entſchiedenen Ton des Grafen hörte er ihm bis zu Ende zu und ſagte jetzt ſehr haſtig in wirklicher Ueber⸗ raſchung und mit einem leiſen Anflug von verlegenem Aerger: „Ihr Bruder, Graf? Ich wußte nicht, daß noch ein Graf Helmberg in unſern Dienſten ſteht; ich wußte überhaupt nicht, daß Sie einen Bruder haben. In dem Adelsbuch unſeres Königreichs iſt, ſoviel Uns bekannt, die ganze lebende Generation des Grafen von und zu Helmberg angeführt.“ Graf Ulrich ſenkte das Antlitz nicht. „Mein Bruder“, wiederholte er mit ruhiger, feſter Stimme,„iſt der Sohn meiner Mutter aus ihrer Ehe mit dem Freiherrn von Tondern.“ Eine allgemeine Unruhe entſtand; ſelbſt von Bär erbleichte. Angelo's Geſicht wurde aſchfahl; dann — d 2 103 lächelte er höhniſch, um gleich darauf wieder. ängſtlich zuſammenzuſchauern und ſich umzublicken, als fürchte er Geſpenſter. Weder Thomas noch Hans Helmberg waren bis jetzt auf dem Platze erſchienen. Während man ſich hier um einen Namen ſtritt, lag der, welcher ihn tragen ſollte, vielleicht ſchon, von einer heimtückiſch entſandten Kugel getroffen, verblutend im verborgen⸗ ſten Dickicht des Waldes und bedurfte keines Namens mehr. Als ſtehe ein Held aus vergangener Zeit plötzlich wieder vor ihm auf, ſo ſchaute der Graf Tegernheim auf ſeinen heimlichen Liebling Ulrich. Unbemerkt drückte die Gräfin, ſeine Gemahlin, die mit glühenden Wangen emporzuckende Erneſtine energiſch auf ihren Sitz zurück, und ihr eiskaltes graues Auge tief in die Glut ihrer aufflammenden Seele tau⸗ chend, ſagte ſie: „Sie werden jetzt noch mehr als je mit mir über⸗ einſtimmen, daß Graf Ulrich Helmberg ein Knabe iſt.“ Eva blieb von alledem unberührt; wußte ſie ja doch noch nicht einmal, daß es ſich um ihren Geliebten handelte. Der junge Fürſt hatte raſch den Kopf erhoben und ſeine Farbe veränderte ſich unmerklich. „Jene Ehe iſt von uns für ungültig erklärt wor⸗ 104 den auf das Zeugniß Ihres Vaters, Graf! Ich liebe es nicht, wenn meine Cavaliere in ſolchen Dingen an⸗ dere Anſchauungen haben als die allgemeine Moral und ihr König!“ Die Stimme des Königs bebte leicht und ſeine Brauen waren finſter zuſammengezogen. Der Graf neigte das Haupt und ſagte beſcheiden, aber entſchloſſen: „Der Geiſteszuſtand meines Vaters in der letzten Zeit ſeines Lebens war nicht ungetrübt. Er befand ſich in einem beklagenswerthen Irrthum, dafür ſtehe ich, ſein Sohn, mit meiner Ehre.“ Raſch und ohne Gruß wendete der König ſein Pferd, und weiter und immer weiter zog ſich der Kreis der Hofleute von dem in Ungnade Gefallenen zurück. „Ich habe Ihr Feenſtück geleſen, Graf!“ wandte ſich der König, in deſſen Stimme noch der Zorn von ſo eben vibrirte, an Tegernheim,„und finde es char⸗ mant! Es freut mich, daß Sie in Ihrer Nichte eine ſo hübſche Feenkönigin gefunden haben und daß ſie die Rolle übernehmen will. Wenn wir nur erſt unſern Oberon hätten!“ Und ſchon im voraus über die Fruchtloſigkeit ſeiner Prüfung lächelnd, blickte er ſich im Kreiſe ſeiner bärtigen Cavaliere um. 9 105 In dieſem Augenblick ritt Hans Helmberg in ge⸗ ſtrecktem Galopp in die Mitte des Platzes und ſeine zierliche Geſtalt zeichnete ſich deutlich am goldumſäum⸗ ten Abendhimmel ab. „Voilà votre roi des fées!“ rief der König er⸗ freut, auf den kleinen Bereiter deutend. Dann wandte er ſein Pferd und ritt, ohne noch einen Blick auf das erlegte Wild zu werfen, in kurzem Galopp gegen den Wald zu. Eiligſt folgten ihm die Cavaliere. Graf Tegernheim ſchaute noch immer mit allen Zeichen einer grenzenloſen Ueberraſchung dem„Feen⸗ könig“ nach, der ſich bereits unter die Nachzügler der Jagd gemiſcht hatte. Noch auf zwei andere Perſonen hatte die Ankunft des kleinen Bereiters im höchſten Grade aufregend ge⸗ wirkt, wenn auch nach den verſchiedenſten Richtungen hin. Eva zitterte wie ein junges Täubchen unter dem Auge der Gräfin und Angelo von Tondern war noch bleicher geworden. Er hatte die große Geſtalt ſeines Jägers bis jetzt vergeblich unter der Menge geſucht. Auch die ſpäte Ankunft und das verſtörte Ausſehen des Bereiters bewieſen, daß etwas Beſonderes vorge⸗ fallen ſein mußte. Baron Angelo war gezwungen zu 106 glauben, daß der Anſchlag des Thomas unternommen und mißglückt ſei. Eine gräßliche Angſt wühlte in der Bruſt des Freiherrn. Er ſah, wie Hans auf den Grafen zuſprengte und ihm die Hand bot, wie er eifrig erzählend und geſtikulirend neben ihm herritt. Es brannte Angelo in allen Gliedern, nur ein Wort von dem Geſpräch der beiden zu erlauſchen, das ihn vielleicht ſchon morgen dem Kerker und der Schande überliefern konnte. Umſonſt; er war durch däs Her⸗ alte Gräfin, ſcharfſichtig und mißtrauiſch wie immer, ſuchte durch ſtets neue Fragen die Gründe der gewal⸗ tigen Erregung zu erforſchen, die immer mehr über Angelo's Verſtellungskunſt hinauswuchs. Mit glühenden Blicken folgte der Baron den bei⸗ den Reitergeſtalten der Brüder und in ſeiner Bruſt wühlten Haß und Angſt, er haßte und fürchtete ſie alle: ſein Opfer, das ſich nicht gutwillig hatte ermor⸗ den laſſen, und den ritterlichen Thoren, der für ſeinen Bruder gegen den König ſelbſt in die Schranken ge⸗ treten war; mit wilder Wuth dachte er an Thomas, den Stümper, der ſich von einem Kinde beſiegen ließ und der ihn vielleicht bereits verrathen hatte. Angelo fühlte das ſcharfe graue Auge der Gräfin, das ſo kalt und forſchend in ſein kochendes Inneres tauchte; kommen an die Seite ſeiner Braut gebunden, und die 2 273 107 er ſah das bleiche träumeriſche Geſicht der Comteſſe, ſeiner Braut, wie es noch immer an derſelben Stelle des Waldes hing, wo die kräftige Geſtalt des Grafen Ulrich verſchwunden war; Angelo haßte die alte Grä⸗ fin mit den durchdringenden Augen, die ihm ſein Ge⸗ heimniß entreißen wollten; er haßte in dieſem Augen⸗ blick ſelbſt diejenige, die er liebte und die ihn im Her⸗ zen verrieth: ſie alle haßte er. Fünftes Kapitel. Der Feenkönig. Graf und Gräfin von Tegernheim ſtanden ſich, zu Hauſe angekommen, eine Weile in rathloſem Schwei⸗ gen gegenüber. „Du haſt gehört“, begann der Graf endlich zö⸗ gernd und manchen ſcheuen Blick auf ſeine Gemahlin werfend,„daß der König den kleinen Bereiter zum Elfenkönig beſtimmt hat.“ Die Gräfin nickte ſtumm. „Der König“, fuhr Graf Tegernheim kühner fort, „kannte den jungen Mann perſönlich nicht.“ „So ſcheint es!“ ließ ſich die Gräfin vernehmen. „Man muß den König aufklären“, rief der Graf, froh, doch einmal mit ſeiner Gattin derſelben Anſicht ſein zu dürfen; allein dieſe Täuſchung ſchwand als⸗ 109 bald wieder, denn ſeine Frau ſah ihn mit einem ſol⸗ chen Ausdruck überlegenen Spottes an, daß ihm die Worte in der Kehle ſtecken blieben. „Haben Sie Ihre Stellung bei Hofe bereits ſatt? Sind die Verhältniſſe auf unſern Gütern ſo einladend, daß Sie dahin zurückzukehren wünſchen?“ „Aber, beſte Gräfin, wer ſpricht denn davon?“ „Sie ſelber, Graf! Wiſſen Sie denn noch nicht, daß es im Hofleben kaum etwas Gewagteres gibt, als Fürſten über Mißverſtändniſſe aufklären zu wollen?“ „Aber ein ſo unſchuldiges Quiproquo?“ „Sie belieben zu ſcherzen, mein Gemahl! Oder wollen Sie wie gewöhnlich auf mich die Verantwor⸗ tung für die Entwicklung der Dinge laden, die Sie ſelbſt in erſter Linie herbeigeführt haben?“ „Ich?“ „Ja, Sie, mein Herr! Wer zwang Sie zum Bei⸗ ſpiel zu der Anordnung, daß Ihr Feenkönig durchaus klein und zierlich ſein muß?“ „Aber ich kann doch zu unſerer Nichte unmöglich einen Hatſchier von der Leibgarde ſetzen?“ „Sie hätten dem ganzen Spiel eine weniger ver⸗ fängliche Anlage geben können.“ „Ja, wenn man hätte vorausſehen können, daß unſere Nichte ſich inzwiſchen in einen Menſchen verliebt, der ebenſo klein iſt wie ſie ſelber, daß dieſer Menſch der Menſch iſt, über den ſich Seine Majeſtät alterirt hat, und durch Zufall derſelbe, den Majeſtät, ohne ihn zu kennen, zum Elfenkönig wählte!“ „Genug!“ unterbrach die Gräfin kühl ihren eifri⸗ gen Gatten.„Alles das bringt uns keinen Schritt wei⸗ ter. Was ich ſagen wollte, iſt, daß Sie durch Ihre Feerie unſern allerhöchſten Herrn zu einem Mißgriff verleitet haben, welcher nach allem Vorhergehenden nothwendig einen leiſen komiſchen Beigeſchmack haben muß. Der Hermelin macht für derlei faux pas, wel⸗ chen gewöhnliche Menſchenkinder keine weitere Bedeu⸗ tung beilegen, ſehr empfindlich, und Sie mögen über⸗ zeugt ſein, mein Gemahl, daß alle Könige ohne Aus⸗ nahme lieber eine begangene Rechtsverletzung wider⸗ rufen würden, als ſich über ein ſolches unſchuldiges Mißverſtändniß aufklären laſſen, welches auch nur den Schimmer eines Lächelns hervorrufen könnte. Deshalb erlaubte ich mir die Vermuthung, daß die von Ihnen beabſichtigte Aufklärung gleichbedeutend ſein werde mit Ihrer Entfernung vom Hofe!“ „Sie haben vielleicht Recht“, meinte Tegernheim halblaut und traurig;„ich habe kein Talent zum vof mann.“ „Der Zeitpunkt zu dieſer Erkenntniß ſcheint nur 2 4111 nicht günſtig gewählt“, ſagte die Gräfin achſelzuckend; „Sie ſind jetzt einmal Hofmann und müſſen als Hof⸗ 4 mann handeln.“ 87 8 „Und wie das?“ 4 4 Durch die Gewohnheit jahrzehntelanger Unterord⸗ nung des letzten Reſtes von eigenem Urtheil beraubt, ſah der Graf verwirrt und hülflos zu ſeiner Gattin auf. „Wir haben in dieſer Sache weder ein Mißver⸗ ſtändniß zu ſehen, noch aufzuklären; es handelt ſich einfach um eine Figur, eine lebende Puppe für Ihr Spiel. Seine Majeſtät haben beſtimmt, wer die Rolle 2 übernehmen ſoll; Sie, mein Gemahl, haben nichts zu thun, als den Befehl auszuführen, ohne Frage, ohne Kritik, ohne Aufklärung— ſo erfüllt man am beſten den Willen ſeiner Fürſten!“ Mit ſprachloſer Ueberraſchung ſchaute der Ober⸗ ceremonienmeiſter ſeiner Gattin ins Geſicht. „Und Sie wollten Ihre Nichte allein mit— mit ihrem— mit dem jungen Manne, in den ſie ſich — verliebt hat, auf dem Waſſer herumfahren laſſen, in 3 einem blumengeſchmückten Kahn, unter Muſik und bun⸗ ten Lampen? Das wollten Sie?“ „Ich? Gewiß nicht! Ich habe Ihr Stück nicht erfunden und die Mitſpielenden nicht gewählt; aber da der König befiehlt, werde ich gehorchen.“ „Und Sie begreifen nicht, daß dadurch die Ver⸗ irrung Ihrer Nichte ſanctionirt und unheilbar gemacht werden kann?“ „Dagegen müßte man eben ſeine Maßregeln er⸗ greifen.“ „Aber ein ſolches grauſames Experiment kann Ihrer Nichte das Herz brechen!“ Die Gräfin ſah mit ſo kühler Ueberlegenheit auf ihren Gatten herab, daß er verblüfft ſchwieg. „Seien Sie ohne Sorge, Graf! Sechzehnjährige Herzen ſind in der Regel dauerhaft. Wollen Sie mir, wie ſchon ſo oft, die Angelegenheit überlaſſen, ſo glaube ich verſprechen zu dürfen, daß Ihr Feenſpiel ohne alle unangenehmen Folgen für Sie in der von Seiner Majeſtät beſtimmten Weiſe vor ſich gehen kann.“ „Thue, was Du willſt“, ſagte der Graf reſignirt; „aber wenn Du noch einen Reſt von Gefühl haſt, ſo ſchone das arme Kind!“ Mit einem Achſelzucken, welches mehr als lange Abhandlungen ihre Anſicht über ihres Mannes Son⸗ derbarkeiten ausdrückte, ſchied die Gräfin und begab ſich in das ehemalige Betzimmer, wo Eva bereits wie⸗ der wohlverwahrt hinter Schloß und Riegel ſchmachtete. Eine kurze Zeit der Unfreiheit hatte hingereicht, um der kleinen Eva etwas von dem theilnahmloſen 113 Trotz großer Verbrecher zu verleihen, der ihr übrigens vortrefflich ſtand. Die Blicke geſenkt, die Lippen trotzig aufgeworfen, ſtand ſie da und ihre Züge drückten den feſten Entſchluß aus, jeder ferneren Inquiſition nur mit dem hartnäckigſten Schweigen zu antworten. Als aber die Tante gegen Erwarten und gegen ihre ſon⸗ ſtige Gewohnheit ihr koſend über die Stirn ſtrich und mit einer Stimme, der ſie alle Härte zu benehmen wußte, Eva ihr liebes ungehorſames Kind nannte, da ſank ſie auf einen Betſchemel zuſammen und ſchluchzte zum Herzbrechen. Ein flüchtiges Lächeln des Triumphs flog über die Züge der Gräfin, ſanft ließ ſie ſich auf den Bet⸗ ſchemel neben Eva nieder, zog das Lockenhaupt an ihre Bruſt und fing nun an ihr zu erzählen, wie es jungen vertrauenden Mädchen oft ſo ſchlecht ergehe, wenn ſie ihr Herz unvorſichtig allzu raſchen Eindrücken hingeben; daß es auch eine Liebe gebe, die den Natter⸗ kopf unter Roſen berge, und in dem Tone weiter. Dann ſprach ſie ihrer Nichte von ihrer herzlichen Zuneigung für ſie, die um ſo tiefer ſei, je weniger ſie äußerlich zum Ausdruck zu kommen pflege; und die frühverwaiſte Eva, welche ſolche Worte mütterlicher Zärtlichkeit nie gehört, vergoß Thränen der Rührung an der Bruſt ihrer Tante. v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. 8 Die Gräfin hütete ſich wohl, irgend eine Anklage, irgend ein mißgünſtiges Wort gegen den jungen Be⸗ reiter zu äußern, da ſie ſehr wohl wußte, wie ein ſolches Vorgehen nur geeignet ſein könne, Eva's aufwal⸗ lenden Edelmuth für den Angegriffenen in die Schranken zu fordern. Endlich unternahm ſie ihren Hauptſchlag. Sie kündigte Eva an, daß ſie von einer Mel⸗ dung der Sache an ihren Schwager Wodny abſtehen wolle, daß Eva wieder ſo frei im Hauſe verkehren und ihren Gewohnheiten nachgehen könne wie früher, nur müſſe ſie ihr bei dem Andenken an ihre Mutter ver⸗ ſprechen, daß ſie mit dem jungen Manne, den ſie ge⸗ zeichnet habe, während der nächſten Tage, wo das be⸗ vorſtehende Feſt ſo viele Leute hier verſammle, weder ſprechen wolle, noch ihm Antwort geben, wenn er ſie vielleicht anrede. Voll des erhabenſten Opfermuthes ſtreckte Eva ihr kleines Händchen hin; die Tante hielt es zärtlich feſt, und ihrer Nichte tief in die feuchten Augen blickend, fügte ſie geheimnißvoll bei, daß man ihr vielleicht abſichtlich Gelegenheit geben werde, ihr Wort zu halten und ſich glänzend zu rechtfertigen.„Sie werden mich Ihrer Verzeihung würdig finden“, rief das treuherzige Kind feurig, und die Gräfin ſchloß 115 Eva in ihre Arme und ging zu ihrem Gemahl, um dieſem mitzutheilen, daß er den Bereiter von dem Willen Seiner Majeſtät ungeſäumt in Kenntniß ſetzen möge, da ſeine künftigen Beziehungen zu Eva geregelt ſeien. Sechstes Kapitel. Herr und Diener. Angelo von Tondern befand ſich in ſeiner Wohnung. Welche Qualen der entnervendſten Angſt, der ohnmächtigſten Wuth er in wenigen Stunden erduldet, davon gaben ſein eingefallenes Geſicht, ſeine tiefliegen⸗ den Augen Zeugniß. Er hatte die Nacht ſchlaflos verbracht, um ſeinen Jäger zu erwarten, der vielleicht jetzt ſchon in den Händen der Gerechtigkeit gegen ihn ausſagte. Bei jedem Geräuſch ſprang er vom Lager empor, auf das er ſich völlig angekleidet geworfen, und griff nach der Waffe, die ihm Bahn ſchaffen ſollte durch die Häſcher. Da— es war morgens zwei Uhr und eine bleiche —, —e 117 Helle ſtieg empor über dem Waldſaum, der das quä⸗ lende Geheimniß barg— da glaubte Angelo einen ſchlei⸗ chenden Tritt auf der Treppe zu vernehmen. Mit bebenden Gliedern ſtand er auf und taſtete nach ſeinem ſechsſchüſſigen Revolver; lebendig ſollten ſie ihn nicht haben; denn was lag ihm noch am Leben, wenn er entehrt ins Gefängniß wandern mußte! Der ſchleichende Schritt kam näher; ein Menſch machte ſich an der Thür zu Thomas' Kammer zu ſchaf⸗ fen, es war kein Zweifel, ſie wollten die Habe des Verhafteten durchſuchen; dann kamen ſie unzweifelhaft zu ihm, ſie hofften wohl, ihn im Schlafe zu über⸗ raſchen und kampflos gefangen zu nehmen. Flucht durch das Fenſter war unmöglich; der Baron riß die Thür auf und mit einem wilden Satz ſprang er, den Revolver hoch erhoben, über die Schwelle. Beim Schimmer einer flackernden Laterne, die über dem Eſtrich ſchwankte, ſah der Baron in das verſtörte Ge⸗ ſicht ſeines Jägers, der das koſtbare Gewehr ſeines Herrn zur Vertheidigung in Anſchlag brachte. Der Freiherr ſenkte zuerſt die Waffe und fragte, den rauhen Jubelruf unterdrückend, der aus ſeiner Bruſt empordrang: „Woher kommſt Du? „Aus dem Wald; ich hatte mich verirrt!“ ant⸗ 118 wortete Thomas, ſcheu und unſicher auf die Waffe in der Hand ſeines Herrn blickend. Ein Blitz des Mißtrauens durchzuckte die düſtere Freude auf dem Antlitz des Freiherrn. „Du ſagteſt mir doch, Da kennteſt den Wald ſo gut wie Deine Taſche? Iſt Dir Niemand begegnet auf Deinen Irrwegen?“ Der Freiherr betonte jedes Wort und durchwühlte dabei förmlich mit den Zlicken die Züge ſeines Dieners. „Ich habe Niemand getroffen, die Jagd ging zu ſchnell und ich konnte ihr nicht folgen“, ſtotterte Thomas. „So!“ ſagte der Freiherr kurz und rauh, und alle Furien der Angſt wachten wieder auf in ſeinem Innern. Es war klar, Thomas hatte ihn verrathen und kam, um ihn ſeinen Helfershelfern zu überliefern. Noch immer hielt der Jäger ſein Gewehr ſchuß⸗ fertig in den Händen. „Was ſoll das?“ fragte der Freiherr, auf die Waffe deutend.„Haſt Du auch Furcht vor Deinem Herrn?“ „Sie haben ja auch die Piſtole in der Hand!“ ſtöhnte der Jäger, ſein Gewehr krampfhaft feſthaltend. „Du Thor! Ich konnte nicht annehmen, daß ein 119 ſo guter Jäger ſich am hellen Tage verirrt und erſt am andern Morgen wiederkommt. Stell' Deine Waffe weg und komm ins Zimmer, Du mußt mir ausführlich erzählen, wie Du Dich verirrt haſt!“ Der Freiherr ſtellte ſeine Einladung mit ſo drohen⸗ der Stimme, daß Thomas nicht zu widerſtreben wagte. Langſam löſten ſich ſeine Finger von dem Gewehr, das er in die Ecke ſtellte, und ſcheu ſich umblickend, trat er zögernd ein. Sein Herr legte jetzt auch die Waffe weg, jedoch nicht allzuweit, um ſie im Nothfall ergreifen zu können, und ſagte mit erzwungener Freundlichkeit: „Setze Dich; Du wirſt müde ſein.“ Thomas blieb ſtehen, bis ſein Herr ſich mit ſcheinbarer Nachläſſigkeit in die Sophaecke geworfen hatte, und ſetzte ſich dann mit unbeholfener und be⸗ engter Geberde auf den äußerſten Rand des am weite⸗ ſten entfernten Stuhls. Der Freiherr goß aus der geſchliffenen Karaffe, welche auf dem Tiſche ſtand, ein Glas voll ſtarken Weins und ſchob es ſeinem Diener zu. „Da, ſtärke Dich, Du wirſt es nöthig haben!“ Der Jäger berührte das Glas nicht; wie mit Grauen ſchaute er heute auf den ſchweren goldgelben 120 Ungarwein, von dem er ſonſt ohne Wiſſen ſeines Herrn manchen Schluck genommen. „Ich danke, ich bin nicht durſtig.“ „Was? Du biſt zwanzig Stunden im Walde umher⸗ geirrt, und Du, der immer Durſtige, nicht durſtig?“ „Ich hatte meine Feldflaſche bei mir.“ „Deine Feldflaſche? Die war jedenfalls in der erſten halben Stunde leer. Uebrigens hatteſt Du Deine Feldflaſche nicht bei Dir.“ Thomas wurde dunkelroth. „Ich habe ſie verloren.“ „Du lügſt. Als ich vorhin in Deiner Kammer nach Dir ſah, hing Deine Feldflaſche am Nagel.“ Der Baron ſtand auf und trat dicht an ſeinen Diener heran. „Thomas, Du treibſt ein falſches Spiel mit mir!“ Erſchreckt und drohend zugleich ſprang Thomas auf und wollte zur Thür. Sein Herr ſtellte ſich davor; aber mit einem wil⸗ den Fluch zorniger Angſt warf Thomas ihn zur Seite und ſprang die Treppe hinab. Todtenbleich hielt der Baron ſich an einen Tiſch; dann ergriff er ſeinen Revolyer und eilte dem Flüchtling nach, ohne Kopf⸗ bedeckung, in dem kurzen verſchnürten Hausrock, den er trug. —— — rI 4 121 Thomas war eine kleine Strecke voraus. Er hatte keine Zeit gehabt, die Flinte zu ergreifen, und eilte in gewaltigen Sätzen durch den Park, der Rich⸗ tung nach dem Lumpenhäuſel folgend. Alle Sehnen des Freiherrn waren zu Stahl ge⸗ worden, und der elegante Mann, der ohne Zweck nie⸗ mals eine anſtrengende Bewegung gemacht, flog mit immer gleicher Raſchheit durch die dunklen Gänge. Es war eine ſtumme, unheimliche Jagd, nur das Keu⸗ chen des Jägers tönte immer lauter durch die Stille. Als wenn er durch dieſe Anzeichen der nahenden Erſchlaffung ſeines Gegners neue Kraft erhielte, ſchnellte der Freiherr dann wieder vorwärts. Die Bewegungen des Jägers wurden immer un⸗ ſicherer und ſein Lauf glich einem fortgeſetzten Straucheln. Schon war das Lumpenhäuſel in Sicht und Tho⸗ mas hatte nur noch die kleine Wieſe zu durchlaufen, die davor lag, und ſich umſehend blieb er einen Augen⸗ blick ſtehen. Wie angewurzelt ſtand auch der Freiherr und ſeine Hand mit der Waffe hob ſich. Er war kaum zwanzig Schritte von ſeinem Diener entfernt. Zwei⸗, dreimal tönten kurz auf einander die Schüſſe, kaum lauter als das Knallen von Zündhütchen. Thomas ſprang mit ein paar gewaltigen Sätzen gegen das ————— ——— Haus ſeiner Geliebten, dann war es, als ob er ſtrauchle, und plötzlich lag er der Länge nach auf dem Raſen. Er bewegte ſich noch und aus ſeinem Munde drang ſchwaches Rufen. Wie ein wildes Thier ſprang Angelo auf den Liegenden zu und hielt ihm den Re⸗ volver an die Stirn— ein dumpfer Knall, dann war das Rufen verſtummt; Thomas regte ſich nicht mehr. Der Freiherr ergriff den Todten bei den Füßen und ſchleifte ihn ſeitwärts in den Wald, ſo tief er. mit ſeiner Laſt vorzudringen vermochte. Er kannte ihn ziemlich genau, es mußte daher abſichtlich geſchehen, daß er alsdann, ledig ſeiner ſchaurigen Laſt, um nach Hauſe zu gelangen, den Wald nicht verließ und viele Zickzackwendungen machte. An einem rauſchenden Gießbach wuſch er ſich die Hände und unter dem weichen überhängenden Ufer verbarg er die noch zur Hälfte geladene Waffe. Der Morgen graute bereits, als der Freiherr in ſeiner Wohnung anlangte. Der Wald reichte bis dicht vor ſeine Thür. Er bewohnte das Haus allein und es war nicht anzunehmen, daß Jemand die nächt⸗ liche Jagd belauſcht hatte. Als er zu Hauſe angekommen war, vernichtete er ſämmtliche Patronen ſeines Revolvers und reinigte ſeine Kleider ſorgfältig von jeder Spur ſeines nächt⸗ r r —õ x„ ——————— ——yyjj—— 123 lichen Werkes. An das koſtbare Gewehr, welches der Jäger vor der Stubenthür in eine Ecke gelehnt, dachte er nicht. Darauf kleide e der Freiherr ſich aus und legte ſich nieder. Sein Geſicht war bleich und über ſein ganzes Weſen war jene Ruhe gekommen, die gewalt⸗ ſamen Entſcheidungen zu folgen pflegt. Er war ein Mörder und ſuchte ſeine That vor ſich ſelber keinen Augenblick zu beſchönigen. Aber er war auch eines gefährlichen Feindes ledig, deſſen Leiche man wohl nach langer Zeit erſt, vielleicht niemals auffand. Er ſelber brauchte nur zu ſagen, daß er ſeinem Diener Urlaub in ſeine Heimat gegeben habe, um jedem Ver⸗ dacht entgegenzutreten, der ſpäter aus ſeinem Schwei⸗ gen gegen ihn erſtehen konnte. Aus dem Benehmen des Jägers hatte Angelo mit jenem Optimismus, wie er dem Verbrecher faſt immer eigen, den Schluß gezogen, daß Thomas ihn noch nicht verrathen, ſondern erſt im Begriff geweſen ſei, es zu thun. Er hatte alſo immer noch ein paar Tage vor ſich, und was ſind nicht ein paar Tage für die fieber⸗ haften Hoffnungen eines Verbrechers! Siebentes Kapitel. Stumme Liebe. Ein prächtiger Tag war über Schloß Fels dahin⸗ gezogen. Unempfindlich für das Verbrechen, das ſie in ihrem grünen Dunkel bargen, rauſchten die Bäume des Parks über den glänzenden Equipagen, welche die ſchattigen Wege belebten; hübſche Pferde, von eleganten Reitern geritten, cburbettirten auf den ſandigen Reit⸗ wegen; über den Ses hin und her plätſcherte der kleine Dampfer, um immer neue Gäſte einzuholen, und hoch vom Thurme flatterte die ſtolze Fahne des königlichen Hauſes. Die ausgedehnten Einladungen, die der ſonſt ſo menſchenſcheue junge Fürſt erlaſſen hatte, dieſe plötzliche Oeffentlichkeit, welche ſo wenig zu ſeinen romantiſchen 125 Neigungen zu ſtimmen ſchien, konnten an einem Hofe nicht überraſchen, wo man das Geheimſte ſtets am genaueſten wußte. Es war ein öffentliches Geheimniß, daß das heu⸗ tige Feſt den Bruch des jungen Königs mit ſeiner Vergangenheit bezeichnen, daß heute die ſchon mehrfach vorbereitete Annäherung zwiſchen dem Monarchen und ſeiner Couſine, der ſechzehnjährigen Tochter des Her⸗ zogs von S., ſtattfinden ſollte, daß vielleicht ſchon der heutige Abend dem Lande eine Königin geben werde. Die Schatten der Nacht ſanken herab auf Schloß und Park von Fels, hell leuchteten die Fenſter der königlichen Feſtſäle und im Park begann ein geheim⸗ nißvolles Regen. Der Baumgang am See, wo der junge Fürſt ſeinen Morgenſpaziergang zu machen pflegte, war ohne⸗ hin dem Publikum ſtets verſchloſſen geweſen; es konnte daher nicht auffallen, daß auch heute jeder Unbefugte, der in die Nähe des Thores kam, von der Diener⸗ ſchaft zurückgewieſen wurde. Als die nächtigen Schatten tiefer wurden, bemerkte man in jenen Baumgängen bald da, bald dort ein räthſelhaftes Leuchten, ein Aufblitzen und Erlöſchen, ein Irren beweglicher Funken. Dazwiſchen tönte ſchüch⸗ tern der Klang eines Inſtruments, und Ton und 126 Funke ſanken wieder zurück in Schweigen und Finſterniß. Hans Helmberg befand ſich in einem ſeltſamen, faſt traumartigen Zuſtande, als er, die zarte Pracht des Feenkönigs mit einem weiten dunklen Mantel deckend, zu der Stelle ſchritt, wo er nach dem ihm vom Grafen Tegernheim mitgetheilten Befehl des Königs ſich abends zehn Uhr einzufinden hatte, nach⸗ dem er den ganzen übrigen Tag dem Feenſchneider hatte zur Verfügung bleiben müſſen. Hunderte von durch einander ſchwirrenden bunten Lichtern erhellten das Ufer der kleinen Bucht, wo die Einſchiffung des ganzen Feenapparates ſtattfinden ſollte. Die phantaſtiſch gekleideten Muſiker und Ruderer drängten ſich durch einander und in die bereitſtehenden großen Gondeln; hier wurde der letzte Nagel an einer Schiffsdraperie eingeſchlagen, dort entzündete ſich all⸗ mälig die letzte Lampenreihe, und bengaliſches Feuer, probeweiſe aufflammend, benahm dem überraſchten Feenkönig für kurze Zeit die Sehkraft. Das Ganze glich täuſchend dem Schnürboden und Couliſſenraum eines Theaters, die plötzlich an das Ufer einer bewal⸗ deten Bucht ausgeleert worden waren. Zwiſchen dem ganzen Wirrwarr erkannte Hans den Grafen Tegernheim, welcher raſtlos ordnend zwi⸗ ———--— 127 ſchen dem Theaterkram umherkroch, hier einige wider⸗ ſpenſtige Muſiker auf ihren Platz wies, dort einen der bunten Ruderer aus dem Wege ſchob, welche mit vor Staunem offenem Munde am liebſten da ſtanden, wohin ſie am wenigſten gehörten. Hans wußte von dem, was ſeiner wartete, ſo viel wie nichts; er hatte ſeine pantomimiſche Rolle zugeſtellt erhalten mit dem Befehl, ſich an der ihm be⸗ kannten Bucht einzufinden. In der Rolle war viel von einer Feenkönigin die Rede geweſen, die er bei einem Anlaß an das Ufer zu geleiten und dann wieder ins Schiff zurückzuführen hatte. Zuerſt wollte er zu ſeinem Bruder eilen und den⸗ ſelben mit der ganzen Sache vertraut machen; allein der Schneider erwies ſich als unerbittlich und berief ſich bei jedem Fluchtverſuch des ſeiner Macht Verfal⸗ lenen auf die Befehle Seiner Excellenz des Herrn Oberceremonienmeiſters. Trotz der Verſicherung ſeiner hochweiſen Gemah⸗ lin, daß die Beziehungen der jungen Leute geregelt ſeien, konnte Graf Tegernheim ſich doch einer gewiſſen Ueberraſchung nicht erwehren, als er das Antlitz des heiligen Aloyſius, welches ſo große Aufregung im Hauſe hervorgerufen, plötzlich in Feentracht zwei Schritt 128 vor ſich aufmarſchirt ſah. Faſt erdrückt von all den zarten Einzelheiten, die er mit ungefügen Bauern⸗ jungen darzuſtellen hatte, war der Graf ſchon im Be⸗ griff geweſen, zu rufen: Was wollen Sie da? als er ſich noch zur rechten Zeit der wahren Sachlage er⸗ innerte und den Bereiter bat, ſich noch eine Weile zu gedulden, bis die Feenkönigin erſcheine und das Ar⸗ rangement des Feenkahns beginnen könne. Hans ſetzte ſich daher möglichſt in den Hinter⸗ grund auf eine gemalte Wolke, die noch keine andere Verwendung gefunden hatte, und wartete in Geduld und in der allerſonderbarſten Gemüthsverfaſſung auf die unbekannte Feenkönigin, die ihm außerordentlich gleichgültig war. Endlich erſchien ſie, Hans ſah wenigſtens eine bis zur Unförmlichkeit in Tücher und Kapuzen einge⸗ wickelte weibliche Geſtalt, welche, von einer Dienerin ehrfurchtsvoll gefolgt, in den zunächſt liegenden Kahn ſtieg und ſich mit Hülfe ihrer Begleiterin aller über⸗ flüſſigen Hüllen entledigte. Aber auch dann konnte Hans die Dame nicht erkennen, denn ihr Antlitz war durch ein Gewirr von bunten Lampen vollſtändig ver⸗ deckt, und Hans ſah nur eine Wolke von roſenrothem und weißem Flor, welche ihm ihre himmliſche Her⸗ kunft weit weniger zu verleugnen ſchien als das wel⸗ ——— lenförmige Holz, das ihm zum Ruheplatz diente. End⸗ lich war die ganze Lampenreihe angezündet, die Mu⸗ ſiker ſtanden in ihren Kähnen; das Seil, welches den Kahn der Elfenkönigin mit dem Boot der Ruderer verband, hatte ſich ſtraff geſpannt und leiſe zitterten ie Schwäne, welche ſcheinbar den Elfenkahn zogen, mit den Fittigen von Pappe. Faſt hätte Graf Tegernheim in ſeinem Feſteifer den Nachen ohne den Elfenkönig abfahren laſſen, wäre nicht Hans plötzlich von ſeiner Wolke emporgeſprungen und mehr in den Vordergrund getreten, angezogen durch das eigenthümliche Intereſſe, das ihm die Ge⸗ ſtalt und die Bewegungen der Feenkönigin, je länger er ſie beobachtete, in deſto höherem Grade einflöß⸗ ten. Wieder blickte der Graf den Jüngling mit einem ſonderbaren Ausdruck an, als ob es das Ungereimteſte von der Welt ſei, dieſe jungen Leute da mit einander allein in ein Schiff zu ſetzen. Doch er ſchüttelte nur den Kopf, zuckte die Achſeln und lud Hans, der den Mantel auf ſeinem Wolkenſitz zurückgelaſſen hatte, mit einer Handbewegung ein, in den Kahn zu treten. „Aber ſachte, junger Mann! Der Kahn iſt etwas zu ſchmal gerathen und äußerſte Ruhe iſt daher erſte und unerlaßliche Pflicht!“ v. Schläßel, die Ritter der Gegenwart. II. 9 Dem Rathe des Grafen folgend, ſtieg Hans mit größter Vorſicht in das Fahrzeug; aber urplötzlich ge⸗ rieth daſſelbe in das heftigſte Schwanken, und hätte nicht Graf Tegernheim raſch mit beiden Händen den Bord erfaßt, Hans wäre unfehlbar auf der andern Seite ins Waſſer geſtürzt. Denn in dem ganzen blühenden Liebreiz ihrer ſechzehn Jahre, das Haupt geſchmückt mit einem Dia⸗ dem von weißen Roſen, auf denen blitzende Diaman⸗ ten wie Thautropfen flimmerten, die zierliche Geſtalt gehüllt in die zarteſten Gewänder, die Modiſtenhände je geſchaffen, die winzigen Füßchen umſchnürt von ſil⸗ bernen Sandalen und das Blumenſcepter ihrer Feen⸗ herrſchaft in den wie dazu geſchaffenen Händen, ſaß ſie da leibhaftig vor ihm, das Lockenköpfchen aus der Pony⸗Equipage, auf einem Thron von weißen und rothen Lilien; die braunen Augen blitzend in der Luſt des Niegeſehenen und um den lieblichen Mund ein Kinderlächeln voll Entzücken ob all der märchen⸗ haft bunten Spielerei, ſie, die Königin, die ſeither nachts in ſeinen Träumen geherrſcht und ihm den Tag in wachen Traum verwandelt hatte. Auch Eva war emporgezuckt von ihrem Thron; aber eiskalt fiel ihr das Wort der Tante und ihr eigenes Verſprechen auf die Seele, und ſchweigend —.— 131 ſenkte ſie das bleiche Geſichtchen vor den ſtaunenden Blicken des Geliebten. Betäubt hatte Hans ſich auf den Sitz an ihrer Seite niedergelaſſen. Taghell umglänzte ihn das Licht aus rieſigen Blütenkelchen, es glitzerte auf der zierli⸗ chen Rüſtung von Goldbrokat, in die ſchimmernden Fal⸗ ten des weißſeidenen Mantels glitt es und ſtrahlte zurück von den Sternagraffen, die ihn auf den Schul⸗ tern befeſtigten. Zitternd bewegten ſich die wallenden Federn des Goldhelms und das Feenſchwert an pur⸗ purrothem Bandelier ſchien Funken zu ſprühen vor Kampfesluſt zum Schutze der lieblichen Königin. Vom Thron hernieder ſchwebten lange duftende Blumenketten, farbenprächtige Teppiche hingen über Bord und ſchleppten im Waſſer nach, und mit den ſchneeweißen elaſtiſchen Hälſen nickten die künſt⸗ lichen Schwäne an der Spitze des Nachens. Die unter Blumen faſt verſchwindenden, von tau⸗ ſend bunten Ampeln erleuchteten Kähne ringsum ſetzten ſich in Bewegung; vor dem Feenpaar ſtimmte die Muſik ſüß berauſchende Weiſen an und die ſchwanengezogene Gondel, einer unſichtbaren Macht gehorchend, bewegte ſich leiſe plätſchernd hinaus in das regungsloſe Dunkel des Sees, aus dem die ganze ſternbeſäete Pracht des ſom⸗ mernächtlichen Firmaments geheimnißvoll heraufzitterte. 9= Hans hörte neben ſich das raſche bewegte Athmen des ſüßen Weſens, das ſeit den letzten Tagen ſein ganzes Denken erfüllte; der Lichtglanz, in dem er ſel⸗ ber ſich befand, zeigte ihm auch hell und deutlich jedes Zucken ihres reizenden Mundes, und wie zu neuer Kraft aufſtrahlend in ihrem Anblick, warf er eine lange glänzende Straße weit hinaus in den ſchlum⸗ mernden See. Jetzt hatten Hans und Eva die Spitze der dicht⸗ belaubten Landzunge erreicht, welche bis dahin den Feſtplatz für ſie verborgen hatte, und vor ihren über⸗ raſchten Blicken lag der weite See, glühend und ſtrah⸗ lend wie ein Meer von Flammen. Böller krachten, Raketen ziſchten empor, einen glutrothen Streifen zu⸗ rücklaſſend, um hoch oben zu zerplatzen und einen Leuchtkugelregen in allen Farben umherzuſtreuen. Die grünen, rothen, blauen und weißen Sterne erloſchen, noch ehe ſie die Waſſerfläche erreichten, aber der See gab Antwort und ſchickte leuchtende Grüße empor aus der Tiefe, als gönne er dem feindlichen Element nicht einmal den Vorrang ſeiner ureigenſten Werke. Muſikchöre, in den Büſchen des Ufers verborgen, fielen ein in die Fanfaren der Kähne und am Strande ſchienen amphitheatraliſch die Tribünen emporzu⸗ —,— 133 wachſen, auf denen der Hof und die auserleſenſte Ge⸗ ſellſchaft der Reſidenz ihre Plätze genommen. Pechpfannen brannten am Saume des Waſſers gleich rieſigen Oriflammen und ſandten ihren Qualm hinauf zu den Bäumen, wo er, ſeine dunklen Fittige entfaltend, für Augenblicke die Guirlanden farbigen Lichts verhüllte, welche ſich wie leuchtende Perlenſchnüre von Baum zu Baum, von Zweig zu Zweig ſchlangen. Eine teppichbelegte Treppe führte vom Ufer bis zu dem Ehrenſitz in der Mitte der Tribüne, wohin der König die junge Herzogin und ihre Mutter geleitet hatte. Zu jener Treppe zogen die Schwäne die Gon⸗ del mit dem Feenpaar.. Eva und Hans Helmberg hatten ſich erhoben. Beide befanden ſich in einem Zuſtand, der ſie das Al⸗ les einen Augenblick für Wahrheit halten und ſie glauben ließ, ſie würden ſchon in der nächſten Stunde vereinigt ſein für immer. Jedes Detail ihrer Rolle ſtand lebhaft vor ihrem Geiſt, aber nicht als Spiel, ſondern als ſeien ſie wirklich losgetrennt von Allem, was bisher geweſen, als wären die ihnen vorgeſchrie⸗ benen Bewegungen und Handlungen der Zauberſchlüſ⸗ ſel, um ſie immer tiefer und weiter zu führen auf die⸗ ſer Bahn geheimnißvoller Seligkeiten. Leicht und elaſtiſch, mit freudig erhobenem Haupt 134 ſprang Hans ans Land, und mit unnachahmlicher Grazie ergriff Eva ſeine Hand, ein kindlich ſeliges Lächeln auf dem bräutlich erröthenden Antlitz. Flüſternd neigte ſich der König zum Ohr der jungen Herzogin, und das bewundernde Gemurmel, das ſich die Tribüne entlang fortpflanzte, galt ſichtlich der eigenthümlichen Schönheit des jungen Paares. Mit lieblichem Anſtand ſtieg das kleine Feenpaar empor bis zu dem thronähnlichen Sitz; dort knieten. ſie nieder und Eva legte einen Kranz von auserleſe⸗ nen Blumen zu den Füßen der Herzogin, welcher zwei kunſtvoll verſchlungene Buchſtaben in der Mitte trug. Erröthend beugte die junge Fürſtin ſich über die beiden lieblichen Weſen. Da hüllte ſich die ganze Gruppe in bengaliſches Licht und unfern des Ufers, aus grünſchimmernden Waſſerſäulen ſich wölbend, ſtieg ein Nixenſchloß aus der Tiefe des Sees, wie er⸗ baut aus grünen Korallen. Von einer Brücke aus rauſchenden Cascaden ſprang ſchilfbekleidet der Be⸗ herrſcher der Tiefe, gefolgt von einer Schaar verfüh⸗ reriſcher Nixen, ans Land und warf ſich trennend zwiſchen die Liebenden. Der Waſſernix mit der Krone von Korallen und dem wallenden Bart legte der Feenkönigin pantomi⸗ miſch ſein ganzes naſſes Reich zu Füßen, wenn ſie ——y 135⁵ ihren Feenritter verlaſſen und ihm folgen wolle. Die Geberden des Schilfgottes ſagten ihr, daß er mächtig und glücklich geherrſcht in ſeinem Schloß am Grunde des Sees bis heute, wo die entzückten Wellen ihm von dem Brautzug erzählt und der Feenkönigin lieb⸗ liches Bild zu ihm hinabgetragen. Da ſei er von einer grenzenloſen Sehnſucht ergriffen worden; er habe ſein Kryſtallſchloß verödet gelaſſen und offen ſtänden ſeine Korallengärten. Und jetzt, da er die Holde ſelbſt ge⸗ ſehen, könne und wolle er nicht mehr zurückkehren ohne ſie. Alles Leben der Tiefe ſolle ſich ihr dienſtbar nei⸗ gen und er ſelber wolle der erſte ſein, ihr knieend zu huldigen. Umſonſt ſtieß ſie mit Abſcheu ihn zurück, der ſie umfaſſen wollte; da durchbrach der Feenritter, mehr treu und tapfer als galant, die reizende Kette, die tanzende Nixen verführeriſch um ihn geſchlungen, und mit gezücktem Schwerte eilte er herbei zur Befreiung ſeiner Königin, gerade als der Nix die Bebende ge⸗ waltſam entführen wollte. Ein Kampf entſpann ſich zwiſchen dem Beherrſcher der Tiefe und dem König der blumigen Au; die Hände gefaltet kniete Eva am Boden und mit verlockenden Geberden ſuchten die Ni⸗ ren die Aufmerkſamkeit des kämpfenden Feenritters auf ſich zu lenken, um ſeine Bruſt wehrlos dem Drei⸗ zack ihres Beherrſchers preiszugeben. Aber der kleine Ritter ſah nur auf die knieende Geliebte, wie ein Blitz fuhr ſeine Klinge hernieder, daß der Dreizack zerſplit⸗ 3 terte. Angſtvoll floh der Nix mit ſeiner Schaar zu⸗ rück in die rauſchenden Wellen; lautlos und ohne Spur verſank ſein kryſtallenes Schloß und wieder ver⸗ einigt hielten die Liebenden ſich an den Händen. Die Muſik, welche in ſeltſam wilden Weiſen den Kampf begleitet hatte, ſtimmte einen Jubelhymnus an; in purpurrothem Schein glühten Wald und See, als Hans und die gerettete Eva wieder in ihren Blumen⸗ kahn zurückkehrten, und der Applaus, welcher, vom 4 Fürſten begonnen, über die Tribünen brauſte, erſchien ihnen wie der Jubel des Weltalls bei ihrem Glück. Da ſchob es ſich zwiſchen ſie und die Zuſchauer wie ein Wall von Licht. Die Schwärmer ſprühten, lodernde Räder drehten ſich im bunteſten, tollſten Wir⸗ bel und feurige Blumenſträuße wuchſen herauf aus der Tiefe des Sees, einen Augenblick in den ſchönſten Farben ſpielend und in Funken dann ſich auflöſend, um kniſternd zu verlöſchen. Als das belaubte Vorgebirge den Liebenden wie⸗ der all den Glanz verbarg, da ſchrak Hans plötzlich empor aus dem Märchentraum und ſchaute bang in Eva's träumeriſch glückliches Geſicht. — ——ͤö —— 137 „Königin! Gnädiges Fräulein!“ ſtammelte er, „es erſcheint mir ſchrecklich, daß das Alles zu Ende ſein ſoll!“ Eva ſah ihn mit großen Augen freundlich weh⸗ müthig an und nickte. Dann verbarg ſie, wie über ſich ſelbſt erſchreckend, das Haupt in den Blumen ihres Throns. Immer kleiner wurde der Raum, der ſie vom Ufer trennte, und auch dieſen durchſchaukelte unauf⸗ haltſam das zierliche Fahrzeug. Wie Todesſchauer preßte es Hans das Herz zu⸗ ſammen und mit bebenden Lippen und vor Schmerz ſtarren Augen flehte er: „Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß ich Sie nicht wiederſehen ſoll! Ich mag nicht mehr leben, wenn das Alles für immer vorüber iſt. Sie waren ſchon einmal ſo gut gegen mich und haben mir meine Ehre gerettet, ſeien Sie es auch heute und ſagen Sie mir nur ein Wort, nur ein einziges zum Ab⸗ ſchied!“ Willenlos überließ Eva ſich dem ſüßen Wohl⸗ klang dieſes Flehens. „Nur Ihre Stimme laſſen Sie mich hören!“ bat Hans noch einmal. Da erbleichte Eva. Sie hatte ihrer Tante gelobt, nicht mit ihm zu reden, wann, wo und wie er ihr auch begegnen möge. Und es that ihr doch ſo unendlich leid daß er traurig war um ſie, und ſie war ja ſelbſt ſo berrübt, daß das Alles nun zu Ende ſein ſollte! Es war doch ganz entſetzlich, daß er nicht mehr leben wollte ohne ihren Anblick— daran zweifelte ſie auch gar nicht — wurde es ihr ja ſelbſt zum Sterben traurig, wenn ſie daran dachte, daß ſie ihn für immer verlaſſen ſolle. Und ſie ſchüttelte energiſch das roſenbekränzte Haupt, deutete mit dem Finger auf den feſtgeſchloſſenen Mund und heftete die braunen Augen ſo tieftraurig auf Hans, daß ſein Herz faſt zu ſchlagen aufhörte. Der Kahn war gelandet, eine Zofe ſprang herzu und hüllte Eva bis über den Kopf in ein großes dunkles Tuch. Hans war es, als ſei es Nacht in ihm, wie es um ihn Nacht war. Mechaniſch nahm er den Mantel, den Chriſtian Wallauer ihm reichte, und ſah dem Schatten der Geliebten nach, der ſich zwiſchen den dunklen Laubgängen verlor. „Stumm! Mein Gott, dies herrliche Weſen ſtumm!“ murmelte er voll tiefer Niedergeſchlagenheit, und tiefes Mitleid geſellte ſich zu der Liebe ſeines Herzens. — Achtes Kapitel. Die Nebenbuhler. Graf Tegernheim ſtrahlte vor Befriedigung. Wie ein Feldherr auf die letzten Bewegungen ſeines ſieg⸗ reichen Heeres, ſchaute er von der Tribüne herab auf die letzten ſchwirrenden Feuerräder, unter denen der See ſich röthete. Alles hatte zum Verwundern gut geklappt; keine einzige Rakete war, ſtatt hinauf an den dunkeln Nachthimmel, zwiſchen Ballkleider und Coiffüren gefahren, kein einziger der Kähne, ſo über⸗ füllt ſie ſein mochten, war umgeſchlagen, und das Feen⸗ königspaar hatte ſeine Rolle zum allgemeinen Entzücken geſpielt. Steif und herablaſſend empfing die Gräfin die Glückwünſche der Damen zu dem Talent ihrer reizen⸗ den Nichte, und der wohlbeleibte Oberſtjägermeiſter be⸗ 140 theuerte ſeinem Freunde Tegernheim bei allen Achtzehn⸗ endern, die er nicht geſchoſſen, daß es mit dem Hof⸗ theater, wo ſie jetzt den lamentabelſten Unſinn aufführ⸗ ten, bald beſſer ſtehen würde, wenn Tegernheim ſich herbeiließe, die Leitung zu übernehmen. Auch von Bär drängte ſich in den Kreis, der ſich um Tegernheim und ſeine Gattin gebildet hatte: „Ihre königliche Hoheit Prinzeſſin Amalie wünſcht dem geiſtreichen Autor des Feſtſpiels perſönlich ihren Dank auszuſprechen.“ Der Kopf der Gräfin richtete ſich noch ſtolzer auf; denn naturgemäß concentrirten ſich ja alle Strahlen fürſtlicher Huld, die ihren Gemahl beſchienen, endgültig auf ſie, die Beherrſcherin ihres Gatten. Auch Graf Tegernheim ſelbſt war nicht unem⸗ pfänglich für das Lob der Großen; aber er freute ſich darüber ohne Berechnung und ohne Ehrgeiz, wie ein talentvolles Kind, wenn man es bewundert. Erregt ließ er ſich daher der Prinzeſſin vorſtellen, die ihm viel Verbindliches über ſein Feſtſpiel und ſeine Nichte ſagte; der König, der neben ihrem Stuhle ſtand, nickte beſtändig. „Und wie heißt der niedliche Elfenkönig, der Ihre Nichte mit ſolchem Feuer gegen die Unholde der Tiefe vertheidigte?“ fragte die Prinzeſſin mit jenem Anflug von Schalkhaftigkeit, der ſie zuweilen unwiderſtehlich machte. Der Oberceremonienmeiſter erſchrak, denn auch der König ſchien neugierig aufzumerken. Gern wäre er der Nennung des ominöſen Namens ausgewichen, aber die Frage war zu direct und erforderte eine bün⸗ dige Antwort. „Königliche Hoheit! Der junge Mann, den Seine Majeſtät mit der Rolle betraut hatten, iſt königlicher Bereiter und heißt Johann Helmberg!“ In unangenehmſter Ueberraſchung blickte der Kö⸗ nig auf. „Der Tondern'ſche Helmberg?“ fragte er kurz und ſcharf. Der Oberceremonienmeiſter verneigte ſich. „Und den ſollen Wir zu der Rolle beſtimmt ha⸗ ben?“ fuhr der König in demſelben Tone fort. „Geruhen Eure Majeſtät ſich zu erinnern, geſtern — am Schluß der Jagd—“ ſtotterte Tegernheim. „Wir wären von der Aufrichtigkeit Ihres Eifers für Uns mehr überzeugt geweſen“, ſagte der Monarch kühl und ablehnend,„wenn Sie Uns den Namen des jungen Menſchen ſchon geſtern genannt hätten.“ Die Prinzeſſin fühlte aus dem Tone des Königs, daß er mit ſeinem Diener unzufrieden war, und auch 142 kalt. Die Gräfin Tegernheim hatte Alles von oben mit angeſehen. Ihr war keine Bewegung der Prinzeſſin, keine Veränderung im Antlitz des Königs entgangen. Als nun ihr Gemahl mit einem unverkennbar ſchmerz⸗ lichen Ausdruck zu ihr zurückkehrte, fragte ſie kurz und haſtig: „Was iſt vorgefallen?“ „Ich fürchte, dieſer Bereiter hat uns die aller⸗ höchſte Ungnade zugezogen!“ „Sprechen Sie ſich deutlicher aus; die Sache ſcheint mir wichtiger, als daß ſie mit Ihrem gewöhn⸗ lichen Achſelzucken abgethan wäre.“ „Die Prinzeſſin fragte nach dem Namen des Feenkönigs, und Majeſtät war ſehr ungnädig, als ſie ihn hörte. Majeſtät ſchien zu glauben, daß wir mit dieſem Helmberg⸗Tondern liirt ſind.“ Die Gräfin ließ ihren Blick von dem dünnen Scheitel ihres Gemahl hinabgleiten bis zu deſſen glanz⸗ ledernen Stiefeln und ſagte ſcharf und zornig: „Mein Herr, Sie haben ſich ſehr thöricht be⸗ nommen!“ „Ich? Aber Sie ſelbſt haben mich ja zurückgehal⸗ ten, den König über das Mißverſtändniß aufzuklären!“ ihr Geſicht verlor ſeine Güte und wurde förmlich und —— 143 „Allerdings“, entgegnete die Gräfin, die Lippen feſt zuſammengepreßt und vor Zorn ein heiſeres Huſten ausſtoßend,„allerdings; aber warum ließen Sie den Namen des Laffen nicht in ſeiner Dunkelheit? Wer zwang Sie denn, denſelben zu kennen? Sind Sie Oberſtſtallmeiſter? Reichte der Befehl Seiner Majeſtät nicht hin, den Burſchen mit der Rolle zu betrauen, ohne ſich um ſeinen Namen zu kümmern? Dann hätten Sie einen Orden bekommen, während wir jetzt höchſt wahrſcheinlich unſere Koffer packen und auf unſern Gütern Ihren Gläubigern Audienz geben dürfen, die nur durch Ihre Stellung bisher im Schach gehalten wurden. Es iſt ſehr weit mit Ihnen gekommen, mein Herr!“ „Ja, ſehr weit“, wiederholte Tegernheim mit ſchmerzlicher Ironie,„ſo weit, daß es nicht mehr wei⸗ ter kommen darf, wenn ich noch einen Reſt von Ach⸗ tung vor mir behalten ſoll! Sie haben viel aus mir gemacht, Madame— zum Lügner werden Sie mich niemals machen!“ Erneſtine von Tegernheim blickte gleichgültig auf das erregte Geberdenſpiel ihrer Eltern. Sie würde die Worte nicht gehört haben, und wenn ſie dicht da⸗ neben geſeſſen hätte.. Sie hörte auch nicht, was Angelo von Tondern —— ihr nun ſchon zum dritten Male mittheilte, daß näm⸗ lich der König nicht ſo huldvoll wie ſonſt gegen ihren Vater geweſen. Er ſagte das mit unverkennbar hämi⸗ ſcher Ironie; denn der Feenkönig war ihm ſehr ſtörend geweſen, und heute zum erſten Mal hatte es eine leichte Verſtimmung zwiſchen der Gräfin Mutter und ihm gegeben. Dennoch hatte er das Ganze mit einer gewiſſen ſchlafwandelnden Blaſirtheit behandelt; die Vorgänge der Nacht traten manchmal mit ſo erſchrecken⸗ der Deutlichkeit vor ſein inneres Auge, daß er heftig zuſammenſchrak, und in ſeinen Ohren tönte es: Mör⸗ der! Mörder! daß er ſich unwillkürlich umſah, ob nicht etwa Jemand außer ihm es vernommen. Und hatte er ſich dann wieder die blaſſe Gewiſſensangſt hinweg⸗ philoſophirt und waren die kalten Schweißtropfen auf ſeiner Stirn getrocknet, dann ſprach er ſcheu und mit einem heiſeren Flüſtern, als ob jedes Wort ihn ver⸗ rathen könne. Deſſenungeachtet entging dem gewiegten Welt⸗ manne die auffallende Unachtſamkeit Erneſtinens nicht. Sie war heute ſchöner und verführeriſcher als je, und mit einer Art tückiſcher Neugier ſuchte er die Richtung ihrer ſchwärmeriſchen Blicke zu errathen. Da ſah er plötzlich in die blauen Augen Ulrich's, der, wenige Schritte entfernt, traurig und ernſt Erneſtine be⸗ trachtete. Dieſe ſchien wie gebannt von ſeinem Zlick; ſchwere Seufzer entſtiegen ihrer Bruſt und ihre mar⸗ morweiße Hand zitterte, daß der Perlmutterfächer, den ſie hielt, leiſe klirrte. Ein häßliches Lächeln zuckte über das gelblichfahle Geſicht des Barons. Leicht faßte er, um ſich bemerk⸗ lich zu machen, das obere Ende des Fächers, und als Erneſtine kalt und wie unangenehm überraſcht den Blick auf ihn heftete, ſagte er: „Ich möchte meine Braut nicht mißverſtanden ſehen. Es muß auffallen, wie Helmberg Sie unver⸗ wandt anſtarrt.“ Gräfin Erneſtine maß den Baron mit einem ver⸗ nichtenden Blick. „Und daß ich den Blick nicht niederſchlage, wollen Sie ohne Zweifel damit ſagen. Nun, da Sie ſich für meine Blicke zu intereſſiren ſcheinen, will ich Ihnen ſagen, warum Graf Helmberg mich beſchäftigt. Auch er hat geſtern ſein Auge nicht geſenkt vor dem Zorn eines Königs; Graf Helmberg iſt tapfer. Und ich liebe die Tapferkeit, Baron!“ Angelo's Geſicht verzog ſich wider ſeinen Willen zu einer bösartigen Grimaſſe. Es war, als habe das Verbrechen, welches er begangen, auch den Adel höherer Geſittung von ſeiner Stirn geſtreift. v Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. II. 10 446 „Vor wenig Tagen ſtellten Sie die Lebensklugheit höher, theure Braut! Und wenn Sie dennoch zur Ver⸗ ehrung romantiſcher Rittertugenden zurückkehren wollen, Gräfin, ſo würde ich Ihnen rathen, gleich den meiſten Frauen jenem Muth den Vorzug zu geben, welcher heirathet.“ Erneſtine bebte erbleichend zuſammen. „Baron, Sie ſind unverſchämt!“ Angelo zuckte die Achſel mit jenem widerwärtig verbindlichen Lächeln, welches Erneſtinen ſchon ſo oft in dem kurzen Brautſtand das Blut in heftiger Em⸗ pörung zum Herzen getrieben hatte. Da leuchtete eine wilde Freude über ihr Antlitz; Graf Helmberg, als ob er ahne, daß von ihm die Rede ſei, war aufgeſtanden und kam geradeswegs auf ſie zu. Angelo von Tondern wurde bleich; vergeblich ſuchte er den Grafen durch ein wie erſtauntes ſtarres Anſehen bis zuletzt zur Umkehr zu veranlaſſen. Ul⸗ rich, in ſeiner glänzenden Oberſtſtallmeiſteruniform, geſchmückt mit ſeinen Orden, kam immer näher, unbeirrt von dem Erſtaunen, das er bei der alten Gräfin, und der Verwirrung, die er bei Erneſtinen hervorrief. Ohne Herrn von Tondern zu beachten, blieb hhhhhhhr⁷⁴nC=FæcDrͤ „ 4 — 147 Ulrich vor Erneſtinen ſtehen und ſagte mit einer Stimme, durch welche kaum merkbar eine tiefe Erregung zitterte: „Wir haben uns lange nicht geſehen, Gräfin!“ „Durch Ihre Schuld“, antwortete ſie kaum hör⸗ bar und ohne die Blicke vom Boden zu erheben. Der Graf nickte träumeriſch. „Ja, Sie haben Recht, durch meine Schuld! Es wäre meine Pflicht geweſen, zu Ihnen zu kommen und Ihnen zu rathen, Sie anzuflehen, wenn es nöthig war: Begehen Sie kein Verbrechen an ſich ſelbſt! All das Verwerfliche, was vielleicht in meinem eigenen Leben lag, konnte mich von dieſer Pflicht gegen eine Dame nicht entbinden, der ich einſt in jungen Jahren ver⸗ ſprochen, über ihr zu wachen und ſie zu ſchützen in jeder Gefahr; die eigene Schwäche macht muthlos, ich glaubte ſelbſt das Recht verloren zu haben zur Pflicht.“ Erneſtine hatte ſich etwas gefaßt. Mit fragendem Blick ſah ſie dem Jugendfreund in das von wehmüthi ger Begeiſterung ſchimmernde Auge. „Und jetzt glauben Sie Ihre Pflicht zu erfüllen, indem Sie Sturm zu ſäen verſuchen in ein kaum zur Ruhe gebrachtes Gemüth! Jetzt, da es zu ſpät iſt?“ „Es iſt niemals zu ſpät, ein Verbrechen nicht zu begehen!“ 10* „Ein Verbrechen?“ „Ja, ein Verbrechen iſt es an Ihnen und Ihrer Ehre, wenn Sie dieſe Verbindung eingehen, gegen welche ſich Alles in Ihrer edlen Bruſt ſträuben muß. Ich ſchwöre es Ihnen: kein eigenſüchtiger Gedanke ſpricht aus mir! Ich habe ſelbſt dem Wunſche nach Glück entſagt. Ich könnte kein Glück mehr geben, weil ich deſſelben nicht mehr würdig bin. Solange es ſich für Sie nur darum handelte, ſich dem unge⸗ liebten Manne zu vermählen, konnte ich ſchweigen. Ich war nicht berufen, mitzureden über dies heiligſte aller Gefühle, das ich in meiner eigenen Bruſt entwür⸗ digt. Jetzt, wo Sie im Begriff ſtehen, ſich an einen Elenden zu binden—“ „Graf Ulrich, bedenken Sie, zu wem Sie ſprechen!“ „Es gibt Augenblicke, wo der Weltbrauch zur haltloſen Farce wird und durchbrochen werden muß. Sie ſchweben in einer entſetzlichen Gefahr; ich würde zum Mitſchuldigen des Verbrechens, wollte ich ſchwei⸗ gen!“ Als der Graf Erneſtine anredete, hatte Angelo ſich, Wuth und Angſt im Herzen, mit erheuchelter Gleichgültigkeit zur GräfinMutter gewandt. Er ſprach mit ihr, ohne ein Wort von lllrich's Rede zu verlie⸗ ren; mehrmals wollte die Gräfin eingreifen, allein —— “ — 149 Angelo hielt ſie zurück; er hatte ein unbeſtimmtes Grauen vor dem kühnen Mann, welcher, alle Schran⸗ ken verachtend, einer Braut in Gegenwart des Bräu⸗ tigams zu ſagen wagte, daß ſie im Begriff ſei, ſich einem Schurken zu vermählen. Als die Beleidigung jedoch ſo laut und deutlich wurde, daß er ſie nicht wohl überhören konnte, zwang ihn der durch geſellſchaftliche Dreſſur faſt zum Inſtinkt gewordene äußerliche Ehrenbegriff, ſich raſch umzu⸗ drehen. Aber anſtatt ſeinem Beleidiger ins Geſicht zu ſchlagen oder ihn ernſt und würdig zur Rede zu ſtellen, lachte er nur frech und höhniſch auf und ſagte: „Sie werden zugeben, Graf, daß ich die geſell⸗ ſchaftliche Duldung ſo weit getrieben habe, als es einem Bräutigam nur irgend möglich iſt. Da Sie meine Nachſicht jedoch dazu benutzen, mich zu verleumden, ſo muß ich Sie bitten, Ihr Geſpräch mit meiner Braut zu beenden!“ So peinlich überraſcht Erneſtine durch die anſchei⸗ nende Taktloſigkeit des Grafen geweſen, ſo fühlte ſie ſich faſt noch mehr verletzt durch die zugleich freche und unſichere Art, mit der Angelo für ſeine Rechte eintrat. Ruhig und voll ſah Ulrich ſeinem einſtigen Mit⸗ 150 pagen ins Geſicht, als ſei es nicht der Mühe werth, ſich ſeinetwegen zu erhitzen. „Sie mögen dem Richter ſagen, ob es eine Ver⸗ leumdung iſt, daß Sie einen Bruder, der Ihnen unbe⸗ quem iſt, von Ihrem Jäger meuchleriſch niederſchießen laſſen wollten.“ Angelo wankte, aber der Schlag betäubte ihn nicht. Wenn man bereits eine ſchwarze That auf ſich laſten fühlt, liegt wenig daran, ob man der Abſicht einer andern verdächtigt wird. Und derjenige, der allein wider ihn zeugen konnte, war ſtumm. Es gab dem Baron faſt eine gewiſſe unheimliche Beruhigung, zu erfahren, daß es eine Pflicht der Selbſterhaltung geweſen, den Schwätzer zum Schweigen zu bringen. Eine Sekunde ſpäter erſchien Angelo ſeine That ſogar wie ein Act gerechter Juſtiz an einem Verräther. „Sie ſelbſt, Graf, ſcheint die Eiferſucht um die Vernunft gebracht zu haben, weil Sie für Ihre alber⸗ nen Märchen Glauben erwarten. Ich bin jedoch nicht gewillt, meine Braut und mich auch nur von einem Wahnſinnigen beleidigen zu laſſen. Oder iſt das Mär⸗ chen nur ausgedacht, um mich zu beleidigen und mir dann die Genugthuung zu verweigern?““ Mit einem verächtlichen Lächeln und einem ab⸗ wehrenden Erheben der Hand antwortete Graf 2 —— 8— —— „ ——— —— „ 154 Ulrich auf die herausfordernd theatraliſche Haltung Angelo's. „Nicht hier, nicht jetzt, Baron. Morgen den gan⸗ zen Vormittag werde ich zu Hauſe ſein, um Ihre Freunde zu empfangen. Ich werde es vorläufig nicht unterſuchen, ob Ihre Poſition ganz in Ordnung iſt. Von Ihrem Heldenmuth können Sie Ihrer Braut er⸗ zählen après J'affaire.“ Mit einem leichten Neigen des Hauptes gegen Angelo, das einem Könige wohl geſtanden hätte, und einer ehrfurchtsvollen Verbeugung vor Erneſtinen ver⸗ abſchiedete ſich der Graf. Die Tribünen hatten ſich etwas geleert; ruhig ſchritt Ulrich durch die noch Zu⸗ rückgebliebenen, hier eine Dame grüßend, dort einem Bekannten die Hand drückend, das Auge klar und mit freundlichem Lächeln um den Mund, als habe er die Einladung eines Freundes zu einer Spielpartie ange⸗ nommen, ſtatt von einem Nebenbuhler, den er aufs tiefſte beleidigt, zu einem Zweikampf auf Tod und Leben gefordert zu ſein. Erneſtine ſchaute ihm lange nach, während Angelo ſeiner Schwiegermutter nach ſeiner Weiſe den Auftritt erzählte, und ihre Wangen flammten auf: Ulrich liebte ſie noch! Dann wurde ſie todtenbleich: er ſiel vielleicht für ſie! Neuntes Kapitel. Dunkle Räthſel. „So wunderſchön, ſo lieb und gut und kann nicht reden!“ Mit dieſem Gedanken ſchlief Hans ein; aber die ſtumme flehende Geberde ſeiner Herzensköni⸗ gin verfolgte ihn auch bis in den Schlummer. Ihm war, als müſſe er Rieſen und feurige Zwerge beſiegen, um ſeiner Geliebten die ihr durch böſen Zauber ge⸗ raubte Sprache wieder zu erringen. Aber er mußte der Uebermacht jämmerlich unter⸗ liegen; die Zwerge zwickten ihn mit glühenden Zangen und der größte der Rieſen ſchob ihn in ſeine Taſche. Und die Taſche des Rieſen erſchien ihm ein unend⸗ licher finſterer Raum, und je mehr ſich abmühte, deſto weniger konnte er ſich herausfinden und ihm war, als geſchehe unterdeß mit Eva etwas Schreckliches. —— 153 Er wehrte ſich und zappelte in der Taſche des Rieſen, und als er erwachte, fand er ſich faſt unentwirrbar in dem faltigen Betthimmel verwickelt, welcher, nur loſe befeſtigt, bei ſeinen ritterlichen Rettungsverſuchen von ihm herabgeriſſen worden war. Hans hatte ſich noch nicht ganz in die Wirklich⸗ keit zurückgefunden, als ſein Diener Chriſtian bei ihm eintrat, der den Auftrag hatte, ihn des Früheſten zu wecken, damit er noch Zeit habe, ſeinen Bruder Ulrich abzuholen und mit ihm vereint den Handel mit Tho⸗ mas abzuſchließen. Ulrich hatte die Mittheilungen des Jägers durchaus nicht leichtfertig beiſeite geſetzt; er hatte die Andeutungen von Thomas mit manchen Bemerkungen ſeiner Mutter zuſammengehalten und mochte die Zuſammenkunft im Intereſſe ſeines Bru⸗ ders nicht unterſchätzen. Der Kaufpreis für die ge⸗ heimnißvollen Papiere lag ſchon in einem zierlichen Portefeuille bereit. Chriſtian, überraſcht, ſeinen jungen Herrn bereits wachend zu finden, meldete ihm mit einem ganz ſon⸗ derbaren Geſicht, daß die Reſ'l vom Lumpenhäuſel vor der Thür ſei und trotz der frühen Stunde durch⸗ aus den jungen Herrn ſprechen wolle. Der erſte Gedanke von Hans war, daß dem Tho⸗ mas ſein Verſprechen leid geworden ſei und die Reſl komme, ihm dies anzukündigen. Sein Erſchrecken bei dieſer Möglichkeit bewies, wie feſt er ſich ſchon in die Hoffnung ſeiner Rehabilitirung eingelebt hatte— um Eva's willen. Haſtig machte er Toilette und trat ins Neben⸗ zimmer. Kaum war es ihm möglich, das derbe blü⸗ hende Frauenbild von ehemals in dieſer Reſ'l wieder⸗ zuerkennen. Die ſchwarzen Flechten hingen ihr halb aufgelöſt um das verſtörte bleiche Geſicht; ihre Kleidung war naß und an vielen Stellen beſchmuzt und zerriſſen, als habe ſie die Nacht im dichteſten Walde zugebracht. Als das Mädchen mit dem Bereiter allein war, ſtürzte ſie auf ihn zu und ſtreckte ihm mit beiden Hän⸗ den ein Pündel Papiere entgegen. „Nehmen Sie's— Ihnen gehört's von Rechts⸗ wegen! Ich will nichts mehr damit zu ſchaffen haben, ſonſt komm' ich auch noch ums Leben, wie der Thomas, der draußen im Walde liegt mit drei Ku⸗ geln im Leib, ganz ſteif und ſtarr und ſich nimmer rührt und zum Himmel ſchaut mit ſeinen gläſernen Augen, als ob er ſagen wollt': Die Reſ'l mit ihre ver⸗ fluchten Brief' hat mich umbracht! Aber ich hab'n net umbracht!“ kreiſchte die Reſl auf und ſah ſich mit einer faſt thierähnlichen wilden Scheu nach demjenigen um, der ſie etwa des Mordes beſchuldigen könne. 155 „Schießen hab' ich ſchon g'hört und ganz wehleidig rufen, als ob ſ' einen derſchlagen thäten; und daß es vor dem Lumpenhäuſ'l net ganz ſauber gewe'ſn is in der Nacht, hab ich mir auch denkt, wie ich am an⸗ dern Tag die Blutlackn g'ſehn hab' im Gras. Aber ich hab' mir net mit ner Anzeig das ganze Haus voll Gendarmen ſetzen woll'n und ſelber ins Verhör kom⸗ men und meine Wirthſchaft ins Geſchrei bringen. Ich hab' warten woll'n, bis der Thomas kommt. Wie aber der den ganzen Tag net kommen is, da is es mir im Lumpenhäuſ'l angſt worden, beſonders zur Nacht; und wie der Mond ſo ſchön hell geſchienen hat, da hats mich drin nimmer glitten und ich hab' enaus müſſen; es is mir immer gweſen, als ob mich einer rufet, immer tiefer und tiefer ine'n Wald, und wie's Tag worden is, da hab' ich eine Spur g'ſehn, als ob einer was Schweres ins Gebüſch g'ſchleppt hätt'! Der Spur bin ich nach, und wie ich ein'en Strauch zurückgebogen hab', hab' ich ihn liegen ſehn, grad ſo wie er auf der Jagd geweſn is, mit dem Zopf und dem gſpaſſigen Rock, und die Eidechſeln und Schlangen ſind von ihm wegg'huſcht; und mit⸗ ten in die Stirn hab'n ſ' geſchoſſen und am Rock hat er noch zwei Löcher g'habt und is ganz ſchwarz g'we⸗ ſen vor lauter Blut.“ 456 Völlig außer Athem ſchwieg die Reſ'l und Hans ſtand vor ihr, noch immer die Papiere in der beben⸗ den Hand. Er war bleich geworden vor Entſetzen bei der ſchauerlichen Schilderung und mit zitternder Stimme fragte er: „Und Ihr habt keine Vermuthung, wer den Tho⸗ mas getödtet hat?“ Wieder ſah die Reſ' ſich ſcheu um, dann beugte ſie ſich vor und flüſterte: „Ich wüßt's ſchon, aber ſag'n darf man's net, ſonſt bringt er mich auch um— der Angelo!“ „Das iſt unmöglich! Das kann nicht ſein!“ ſtot⸗ terte Hans, aber er glaubte ſelbſt nicht, was er ſagte. Die Reſ' nickte jedoch bekräftigend und wies auf die Briefe, die Hans in der Hand hielt. „Er hat mich ſelber anpackt, wie ich ihm die Brief' net hab' geben wollen.“ „Und was kann ich für Euch thun?“ fragte Hans. „Wenn die Briefe Werth haben, wird mein Bruder Euch das Geld geben, das ich dem Thomas dafür verſprochen habe.“ Abwehrend ſtreckte Reſl die Hände aus. „Ich will das Sündengeld nicht, ſonſt werd' ich auch umbracht, wie der Thomas, den blos ſeine 157 Geldgier in den Tod g'hetzt hat. Aber fürchten thu' ich mich und allein bleib' ich nimmer im Lum⸗ penhäuſ'l; wenn ſie ſagen, ich hätt' den Thomas umge⸗ bracht, ſo ſollen Sie ſagen, daß das net wahr is und daß ich Ihnen die Brief geben hab' und nix dafür gwollt.“ „Das will ich Euch gern verſprechen, Reſ'l.“ „Ja, aber heim gehn thu' ich net!“ „Auch nicht, wenn der Chriſtian Euch begleitet und zu Eurem Schutze bei Euch bleibt?“ fragte Hans, indem er ſeinen Diener ins Zimmer rief. Die Reſ'l warf einen prüfenden Blick abwärts an der kräftigen Geſtalt Chriſtian's, ob derſelbe wohl im Stande ſei, ſie gegen einen Mordanfall des Frei⸗ herrn zu beſchützen, und erklärte ſich darauf mit ſei⸗ nem Schutze zufrieden. Chriſtian indeß ſchien mit der ihm gewordenen Miſſion nichts weniger als einverſtanden, doch wagte er keinen Widerſpruch. Als Hans mit den Briefen zu Graf Ulrich kam, fand er dieſen ſehr beunruhigt über ſein langes Aus⸗ bleiben und im Begriffe, ihn aufzuſuchen. Hans erzählte in Kurzem den Beſuch Reſ'ls und ihre ſchreckliche Botſchaft. Auch der Graf war tief erſchüttert. Die Einladung ſeines Bruders, Einſicht 158 von den Papieren zu nehmen, wies er mit Entſchie⸗ denheit zurück. „Ich gebe Dir Urlaub“, ſagte er freundlich,„be⸗ ſteige mein beſtes Pferd und reite nach Tondern. Uebergib Deinem Vater die Briefe, die ihm von Rechtswegen gehören; er kann am beſten über ihren Werth entſcheiden.“ So ruhig er ſprach, ſo ſchien es Hans doch, als ob eine tiefe Traurigkeit durch die Worte ſeines Bruders klinge. „Was wirſt Du inzwiſchen thun?“ fragte er treu⸗ herzig. „Ich? Ich— habe Geſchäfte in der Reſidenz“, antwortete Ulrich leicht verlegen.„Wir werden uns hoffentlich bald wiederſehen. Apropos“, fragte er plötz⸗ lich, wie erſchreckt von einem düſtern Gedanken,„hat das Mädchen keine Vermuthung geäußert über den Mörder?“ Ein natürliches Zartgefühl hatte Hans bisher über dieſen Punkt ſchweigen laſſen. Jetzt ſagte er zögernd: „Allerdings, ſie klagte Angelo als den Mörder an. Aber ſie muß ſich irren.“ „Wir wollen es hoffen“, antwortete Ulrich ernſt. Dann umarmte er den Bruder mit mehr als gewöhn⸗ — 3 8— 8 u““ 1—— ——— 1— 159 licher Wärme, und indem er ihn bis zur Thür gelei⸗ tete, ſagte er mit faſt wehmüthigem Tone: „Umarme unſere theure Mutter, Hans!“ Raſch, wie um eine aufſteigende Bewegung zu verbergen, wandte er ſich dann um und murmelte mit einem ſeltſamen Ausdruck tieftrauriger Ironie: „Ich muß mich, ſcheint's, beeilen, will ich mich An⸗ gelo gegenüberſtellen, ſolange es noch mit Anſtand geſchehen kann.“ Eine Stunde ſpäter empfing er mit ernſter Höf⸗ lichkeit die Zeugen des Herrn von Tondern und ver⸗ abredete mit ihnen Tag und Stunde des Zweikampfs. Zehntes Kapitel. Modernes Fauſtrecht. Der alte Freiherr von Tondern war bei ſeinen Untergebenen ſehr beliebt. Auch die Bauern der Nach⸗ barſchaft verehrten in ihm einen treuen Rathgeber und Schützer gegen jede Art von Unterdrückung und Be⸗ amtenwillkür. Er war auch das Muſter eines Land⸗ wirthes, der ſtets ein reges Intereſſe bewahrte für alle Fortſchritte auf dem Gebiete der Agricultur. Er ſcheute keine Koſten, um dieſelben, wenn ſie ſich bewährten, auf ſeinen Gütern einzuführen, um dadurch in einem kleinen Kreiſe die Nutzbringung unſerer Erde zu erhö⸗ hen und zur höheren Entwickelung des Menſchenge⸗ ſchlechts beizutragen. Mit größter Uneigennützigkeit, ohne Rückſicht auf jede Concurrenz machte der Freiherr die von ihm eingeführten Verbeſſerungen der ganzen 161 Nachbarſchaft zugänglich und die ſchönſten Tage ſei⸗ nes einſamen Lebens waren es geweſen, wenn er auf ſeinen Muſtermeiereien eine Anzahl wißbegieriger Nachbarn und Freunde verſammeln konnte, um ihnen die Vortheile einer bisher nicht gebräuchlichen Art der Ackerbeſtellung oder eine neue landwirthſchaftliche, die menſchliche Arbeitskraft ſchonende Maſchine in bered⸗ ten Worten zu ſchildern. Selbſt ſeine Tagelöhner und Feldarbeiter, welche Theilnahme dafür verriethen, wur⸗ den mit gleicher Freundlichkeit unterrichtet, und ſelten ſtieß der Freiherr bei ſeinen reformatoriſchen Beſtre⸗ bungen auf feindſeligen Widerſtand. Denn auch der letzte ſeiner Arbeiter wußte, daß ſein Herr nicht aus niedriger Gewinnſucht in ſo raſtloſer Thätigkeit den Ertrag ſeiner Ländereien faſt bis auf das Dop⸗ pelte gebracht hatte, ſowie Niemand glaubte, daß es, um die Löhne zu ſparen, geſchehe, wenn er die Guts⸗ arbeit, ſoweit es ging, durch ſeine Maſchinen in der Hälfte der gewöhnlichen Zeit fertig ſchaffen ließ. Die Zahl ſeiner Arbeiter vermehrte ſich von Ernte zu Ernte, lihre Löhne erhöhten ſich von Jahr zu Jahr, und ſo energiſch der Freiherr etwaigen Unbotmäßigkeiten und unbilligen Forderungen entgegenzutreten wußte, ſo machte er ſtets ſelbſt den Anfang mit allen möglichen Erleichterungen, wie mit Abkürzung der Arbeitszeit und Aehnlichem mehr. 6 v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. 11 462 So kam es, daß die Fluren von Tondern ſelbſt zu ſolchen Zeiten wohlbeſtellt waren, wo es ſeinen Nachbarn nicht möglich geweſen, die nothwendigſten Arbeitskräfte aufzubringen; ja es galt unter dem ziem⸗ lich pietätloſen und materiellen Landvolk der Neuzeit als eine Art Auszeichnung und als ein großes Glück, auf Tondern anzukommen, und dort gearbeitet zu ha⸗ ben, blieb auf allen Nachbargütern, ſo feindſelig ein⸗ 4 zelne ſich dem ſteigenden Einfluſſe des Freiherrn und. ſeinen Familienangelegenheiten gegenüber verhielten, den⸗ noch die beſte Empfehlung. In dieſen Beſtrebungen hatte er die lebhafteſte* und intelligenteſte Unterſtützung gefunden in ſeiner Gat⸗ tin; dieſe hatte Schulen eingerichtet und eine Art von Hospital für alte gebrechliche Leute, und ſie war die treueſte Freundin der Wöchnerinnen und Kranken ge⸗ weſen. Und als einſt eine Typhusepidemie ausgebro⸗ chen war, hatte ſie ihre Schützlinge nicht verlaſſen, ſo verheerend auch die Krankheit wüthete und ſo ſehr die Aerzte ihr zu einem Ortswechſel gerathen. Als ſie dann von Tondern vertrieben worden* war, hatte große Aufregung unter der Bevölkerung geherrſcht, die der Freifrau als einer natürlichen und angeſtammten Herrſcherin anhing; trotz aller Vorſicht war etwas von dem Sachverhalt unter die Leute ge⸗ ——— —— 163 drungen, und eine Anzahl Frauen, die ihr beſonders verpflichtet geweſen, hatten der Vertriebenen ſogar die Pferde ausſpannen und ſich ihrer Abreiſe widerſetzen wollen. Der Freiherr hatte ſich jedoch dem Willen des Königs gefügt und ſeine Gattin drohte den Weibern mit dem Zorn ihres Mannes, wenn ſie von ihrem unſinnigen Beginnen nicht abließen. Schule und Hospital und die Krankenpflege ſie⸗ len allerdings dahin nach der Abreiſe der Freifrau, aber der Baron entwickelte dafür, ſowohl aus dem Bedürfniß, ſich zu zerſtreuen, als aus dem Wunſch, ſein für Hans beſtimmtes Allodialvermögen zu ver⸗ mehren, eine fieberhafte Thätigkeit, die nur dann und wann durch neue Phaſen ſeines Proceſſes unterbrochen wurde. Dieſe konnten ihn allerdings plötzlich von al⸗ ler Thätigkeit hinwegſcheuchen in die abgelegenſten Ge⸗ mächer des Schloſſes und ihn wochenlang in finſte⸗ rem Grübeln dort feſthalten. Ebenſo plötzlich aber, zumeiſt wenn er einen neuen, Erfolg verheißenden Plan gefaßt, erſchien er dann wieder und warf ſich mit erneuter Thatkraft in das Leben und in die Ar⸗ beit. So waren lange Jahre dahingegangen. Die Un⸗ ruhe des Freiherrn, der Wechſel ſeiner Stimmungen hatten indeß in der letzten Zeit auffallend zugenommen. 44r 464 Da, vor wenigen Tagen, war wieder eins jener Schreiben mit dem großen königlichen Siegel ange⸗ kommen, welche die düſteren Wolken auf ſeine Stirn zu rufen und ihn für lange Zeit unſichtbar zu machen pflegten. Diesmal hatte das Schreiben eine andere Wirkung. Nicht daß es den Freiherrn heiterer ge⸗ ſtimmt hätte, im Gegentheil; man hatte ſeine Stirn nie ſo düſter geſehen und dieſen Zug eiſerner Ent⸗ ſchloſſenheit um ſeine Lippen kannte man nicht. Aber er zog ſich nicht zurück wie ehedem, ſondern rief alle ſeine Diener zuſammen und befahl ihnen, den von der Freifrau einſt bewohnten Flügel herzurichten zu ihrem Empfang. Einige der älteren Diener beauftragte er, die Möbel, wenn etwa eins oder das andere von der Stelle gerückt ſei, genau wieder ſo zu ſtellen, wie die⸗ ſelben zur Zeit der Abreiſe der Freifrau geſtanden hätten.. Eine freudige Aufregung entſtand im Schloß und theilte ſich bald der ganzen Umgebung mit. Alle Wohl⸗ thaten, welche die Herrin einſt geübt, lebten wieder auf durch die Erzählungen derer, die ſie noch gekannt, und wurden durch die kindliche Phantaſie der Leute ins Romantiſche geſteigert. So gut es die Leute auf Tondern hatten, infolge eines tiefgewurzelten Zu⸗ ——— 165 ges der menſchlichen Natur fanden ſie doch, daß ſie es noch beſſer verdienten, und ſahen in der Ankunft ihrer mildthätigen Herrin den Anbruch des goldenen Zeitalters für ſich und die Scholle, auf der ſie lebten. Es war ebenfalls nur natürlich, daß ſie nicht daran dachten, die Freifrau könne inzwiſchen gealtert und ſich auch im Gemüthe verändert haben. An die Ewigkeit des Guten glaubt der gute Menſch von ſelbſt; ſich und Andern zu mißtrauen, muß man lernen. Obwohl der Freiherr den Tag der Ankunft ſeiner Gemahlin nicht feſtgeſetzt, obwohl er mit deutlichen Worten von dieſer Ankunft überhaupt nichts geſagt, ſo war doch ganz Tondern darüber einig, daß er nur in der großen Kaleſche in die Stadt gefahren ſein könne, um ſie zu holen. Vom Morgen bis zum Abend trieb ſich die ſchul⸗ bedürftige Dorfjugend auf dem gegen die Reſidenz zu gelegenen höchſten Punkt der Straße umher, um das Viergeſpann ihres Gutsherrn ſchon von fern zu er⸗ ſpähen. Zwei Tage warteten ſie umſonſt; endlich am Abend des dritten Tages brachte ein Burſche aus dem nächſten Dorfe die Nachricht, daß der Gutsherr dort habe ausſpannen laſſen, angeblich wegen Müdigkeit der Freifrau, und erſt mit einbrechender Dunkelheit auf Schloß Tondern eintreffen werde. 166 Der Freiherr hatte dieſen Halt abſichtlich gemacht. Er wollte zwar ſeine Gattin nicht im geheimen nach Tondern zurückführen, aber er wünſchte auch jede Ver⸗ anlaſſung zu einer Demonſtration zu vermeiden, um nicht unnöthiger Weiſe ihm feindliche Einflüſſe heraus⸗ zufordern. Einfach und ſtill, wie vielleicht von einem kurzen Ausflug in die Nachbarſchaft zurückkehrend, ſollte die Freifrau von ihren Gemächern wieder Beſitz ergreifen und ſofort, als ob nichts Beſonderes dazwi⸗ ſchen läge, ihre Thätigkeit als Herrin des großen Gütercomplexes aufs neue beginnen. Ruhig und ohne zu reizen, wollten die Gatten den Widerſtand erwar⸗ ten, welcher ſich ihren geheiligten Rechten wieder ent⸗ gegenſtellen würde. Dieſe Abſicht, welche dem Geſchmack und der Ver⸗ nunft des Freiherrn jedenfalls mehr Ehre machte als ein feſtlicher Einzug, wurde durch die Meldung des Burſchen und den Enthuſiasmus der Tonderner aber vollſtändig vereitelt. Denn kaum hatte der Wagen die erſten Häuſer des Dorfes erreicht, das ſich beſcheiden an den Fuß des höher gelegenen Herrenhauſes ſchmiegte, ſo kam auch das Volk in hellen Haufen herbei; jubelnd ſchwan⸗ gen ſie ihre Laternen und die qualmenden Fackeln aus harzigem Tannenholz; im Augenblick waren die Pferde 167 ausgeſpannt, und von einer jubelnden dichtgedrängten Menge gezogen, rollte der Wagen die ſanftanſteigende Rampe des Schloßbergs hinan. Weinend ſank die Freifrau ihrem Gatten in die Arme; in ihm war durch die ſichtliche Aufrichtigkeit der Leute und das Unvorbereitete der Ovation das Mißliche derſelben vollſtändig untergegangen. Feſt drückte er ſein Weib an ſich und ſagte mit tiefer Rüh⸗ rung: „Was auch kommen mag, dieſen Augenblick kön⸗ nen ſie uns nicht mehr nehmen.“ Der Wagen rollte durch das rieſige Portal von Schloß Tondern und die Menge drängte ſich ihm nach in den Schloßhof. Ein noch lauterer Jubel entſtand, als die Freifrau aus dem Wagen ſtieg und nach allen Seiten hin grüßend und winkend in das Haus trat, wo die geſammte Dienerſchaft Spalier bildete. Manches bekannte Geſicht tauchte da vor ihr auf, wie aus einem faſt vergeſſenen Traum. Sie ging raſch vorüber; all das war ſtärker wie ſie. Die lange Zeit ihrer Ver⸗ bannung war nicht ſpurlos an ihr vorübergegangen; ſie fühlte, daß ſie nicht mehr die Kraft haben würde, es zu ertragen, wenn ſie noch einmal von hier ſcheiden müßte. 4 Der Freiherr ahnte, was in ſeiner Gattin vor⸗ ging. Er dankte den Leuten mit warmen Worten für ihre Anhänglichkeit und Treue und verſprach, daß ſeine Frau mit ſeiner Einwilligung ſie nicht mehr verlaſſen ſolle. Ihm ſelber fiel der tiefere Sinn ſeiner Rede wohl am ſchwerſten aufs Herz. Zwei Tage waren vergangen ſeitdem. Die Dorf⸗ bewohner hatten die langentbehrte Herrin inzwiſchen geſehen und waren allmälig zur Ruhe gekommen. Jetzt ſtand ſie neben dem Freiherrn auf dem gewaltigen Steinbalkon, welcher die Façade des Hauſes zierte, ſchaute mit ihm über den terraſſenformigen Garten und die von Obſtbäumen halb verſteckten Ziegeldächer des Dorfes hinaus in das weite fruchtbare Land, bis da⸗ hin, wo dicht verhüllte Hügelketten mit den Wolken des Himmels zuſammenfloſſen. Bald ruhte ihr Blick auf einem Saatfeld, im Winde wogend, wie die Wellen eines Sees; dann wieder ſtreifte er ein dunkles Ge⸗ hölz, wo ſonſt ihr Gatte dem Fuchs und der wilden Taube nachgeſtellt; ſie wußte, daß dort, wo es zuweilen geheimnißvoll aufblitzte aus der grünen Ebene, der Fluß ſtrömte, welcher der Gegend die Hälfte ihrer Fruchtbarkeit verlieh; ſie kannte die Namen der Dörfer, deren Kirchthürme gleich Wegweiſern zum Himmel, da und dort ihre bunten Spitzen mit den blinkenden Kreuzen emporſtreckten zwiſchen Fluren und Hügeln. r „— 169 Sie wußte auch, wohin alle dieſe Straßen führten, deren immer ſchmaler werdende Bänder ſich am Horizont verloren oder hinter Wäldern verbargen, für den Fremdling ebenſo viel verlockende Räthſel. Ein umfaſſender Blick von einem hohen Ausſichts⸗ punkte über Gegenden, die man kennt, gibt ein gewiſſes Gefühl von Macht, eine Empfindung, welche bei dem Freiherrn noch erhöht wurde durch das Bewußtſein, daß ein großer Theil dieſer üppigen Fluren, die ſein Auge überblickte, ſein Eigenthum war; heute doppelt erhöht durch das neugewonnene ſüße Gefühl, daß ſeine Gattin, die treue Gefährtin ſeiner Arbeit und ſeiner Herrſchaft, wieder neben ihm lehnte, daß ſie aufs neue Theil haben würde an dem, was ihn erfreute und be⸗ ſchäftigte. Unwillkürlich glättete ſich ſeine Stirn, ſeine Bruſt dehnte ſich weit und über ſein Antlitz ſtrahlte freudi⸗ ger Stolz. „Sie werden nicht noch einmal wagen, mit Ge⸗ walt in den Frieden dieſes Hauſes zu greifen“, ſagte er, ſeine Gattin an ſeine Bruſt ziehend, und wie ſiegesgewiß blickte er umher. Da ſah er eine kleine Staubwolke, welche, von einem der fernſten Hügel emporwirbelnd, hell in der Sonne glänzte. Dorther war auch der Wagen ge⸗ 170 kommen, welcher vor Jahren den Friedensſtörer aus der Reſidenz gebracht, eine Erinnerung, welche faſt von ihrer Bitterkeit verlor in der Weihe dieſes Augenblicks. Die Straße war keiner der bedeutenderen Verkehrs⸗ wege des Landes, und die ſich raſch nähernde Staub⸗ wolke durfte daher wohl die Aufmerkſamkeit des frei⸗ herrlichen Paares erregen. Man konnte nicht annehmen, daß die Edelleute der Nachbarſchaft, meiſt nahe Ver⸗ wandte der Helmberg und Tegernheim, ſie plötzlich beſuchen würden, nachdem ſie vor Jahrzehnten durch ihre Mißgunſt und Schmähſucht geholfen hatten, das Unheil über Tondern heraufzubeſchwören. Und aus der Reſidenz hatte der Freiherr noch weniger etwas Gutes zu erwarten. Unruhig brachte er ein Fernrohr, das er in der Hand trug, vor das Auge. Er erkannte einen von zwei Pferden gezogenen Wagen. Aus dem hohen Federbuſch des Kutſchers, welcher nur zur Uniform eines Poſtillons gehören konnte, ſchloß der Freiherr, daß das ſich raſch nähernde Gefährt eine Extrapoſt ſei. Nicht genau zu erkennen vermochte er die Uniform, welche den Sitz neben dem Poſtillon einnahm. Es ſchien ihm, als ob der Mann, der dort ſaß, Waffen trüge, die manchmal in der Sonne blitzten. Der Wagen verſchwand hinter einer Bodenwelle 174 und kam erſt in der Nähe des Dorfes wieder zum Vorſchein. Jetzt erkannte der Freiherr auch die dunkel⸗ grüne Uniform neben der hellblauen, es war die der königlichen Gendarmen. Derſelbe war vollſtändig be⸗ waffnet, als gelte es, einen gefährlichen Verbrecher zu transportiren. Der ſonderbare Wagen, als er durch das Dorf raſſelte und ſeinen Weg nach dem Schloſſe nahm, erregte billiger Weiſe das höchſte Erſtaunen der Be⸗ wohner. Der Freiherr ſah, wie ſie auf die Straße rannten, einander zuriefen und ſich dann neugierig vor dem Schloßhofe verſammelten. In der That mußte dieſer militäriſche Beſuch im Hauſe eines der angeſehenſten Majoratsherren des Landes etwas ſehr Auffallendes haben. Des Freiherrn Augenbrauen zogen ſich drohend zuſammen und ſein Antlitz wurde dunkelroth, als er das Fuhrwerk auf dem Schloßhof halten und einen Polizeicommiſſar in voller Uniform ausſteigen ſah, dem ein weiterer Gendarm folgte. Letzterer blieb mit ſeinem Gefährten auf dem Hofe, von der Menge gebührend angeſtaunt, und der Com⸗ miſſar begab ſich in das Haus. Verwundert ſchaute die Freifrau ihrem Gemahl in das erregte Geſicht. „Was wollen dieſe Leute bei uns?“ Der Freiherr antwortete nicht; ſeine Fauſt ſchien das Fernrohr, das er noch trug, zerdrücken zu wollen und ingrimmig murmelte er:„Sie werden es nicht wagen! Sie werden es nicht wagen!“ Ein ergrauter Diener in einfacher Livree erſchien in der Salonthür und meldete, daß der Herr in Uniform, der eben aus dem Wagen geſtiegen ſei, den Herrn Baron zu ſprechen wünſche.— „Führe ihn in den großen Saal“, entſchied der Freiherr,„ich werde ſogleich kommen“, und in ſeiner Stimme grollte es wie fernes Ungewitter. — Seine Gattin ergriff ihn bei der Hand. „Hermann, dieſe Leute kommen um meinetwillen!“ Der Freiherr legte ſeine Hand auf ihre Stirn und küßte ſie mit einem düſtern Lächeln. „Ich weiß es nicht! Sie werden es nicht wagen!“ Von Minute zu Minute ſchwoll die Volksmenge im Hofe an; die überraſchende Anweſenheit der . nicht eben beliebten Sicherheitswächter im Schloßhof von Tondern hatte ſogar die Leute von den Feldern herbeigezogen. Mit dem Inſtinkt der Maſſen ahnten ſie, daß der Beſuch mit der Wiederkehr ihrer Gebieterin im Zuſammenhang ſtehen könne, und als ſie auf dem — 173 Balkon erſchien, wurde ſie von einem nicht enden wollenden demonſtrativen Hoch begrüßt Erſtaunt, und wie es ſchien, nicht eben angenehm berührt durch die immer mehr zunehmende Menge, gingen die Hüter der öffentlichen Ordnung unruhig hin und her. Der Freiherr war inzwiſchen in den großen Saal des Schloſſes getreten, wo der Beamte ihn erwartete. Der Commiſſar, ein ziemlich unſcheinbares Herrchen, mit einem großen Schreiben in der Hand, ward für das Auge faſt erdrückt von der ernſten Pracht des Feſtraums, welcher durch zwei Stockwerke des Schloſſes reichte. Jedes der Ahnenbilder in Harniſch oder Krauſe, welche in Lebensgröße an den Wänden hingen, überragte den kleinen Mann in der dunkelblauen Uniform um mehr als eines Hauptes Länge, und bei Betrachtung der ſchweren eichenen Möbel mochte der Repräſentant der papiernen Gerechtigkeit ſich wohl fragen, wieviel von ihm übrig bleiben würde, wenn er unter eine dieſer maſſigen Sculpturen geriethe. Die breite Athletengeſtalt, das wie aus dunklem Eichenſtamm gehauene markige Profil des Freiherrn und ſein langer getheilter Bart paßten merkwürdig zu der ganzen Umgebung, und uͤnwillkürlich wurde der gewandte Executor ſchwieriger Verhaftsbefehle, der intelligenteſte Spürer der Sicherheitsbehörde befangen. Er verbeugte ſich tief; das offene Schreiben in ſeiner Hand verlegen zerknitternd, ſtotterte er etwas, wie, daß es ihm noch nie ſo ſchwer geworden ſei, die An⸗ forderungen ſeines unerbittlichen Amtes zu erfüllen, als heute, da er den Frieden eines Hauſes ſtören müſſe, deſſen Haupt er hochachte und dem er perſönlich alles Wohlergehen wünſche. Der Freiherr, welcher den ernſten, erwartenden Blick nicht von dem geſchmeidigen Geſicht des Beamten gewendet hatte, beantwortete und beendete jene Er⸗ gießung mit einer leichten Verneigung ſeines ehrwürdigen Hauptes und fragte: „Ohne Umſtände, mein Herr, weshalb habe ich die Ehre Ihres Beſuchs?“ Der Commiſſar erröthete, theils aus Verlegenheit, theils aus Unmuth, ſeine menſchenfreundlichen Rede⸗ wendungen ſo wenig gewürdigt zu ſehen, und über⸗ reichte mit einer tiefen Verbeugung dem Freiherrn ſchweigend den zuſammengefalteten Bogen, den er in der Hand hielt. Der Freiherr entfaltete das Papier und las es; ſeine Stirn färbte ſich dunkelroth und ſeine Finger zuckten. In dem Papiere ſtand: „Polizeidirection der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt . Abtheilung für öffentliche Sittlichkeit. 175 Auf Requiſition des Cabinets Seiner Majeſtät des Königs iſt der königliche Polizeicommiſſar Joſeph Barth angewieſen, ſich nach dem Schloßgute Tondern zu begeben, dem Wohnſitze des Freiherrn Hermann von Tondern, und ſich durch den Augenſchein zu überzeugen, ob die verwittwete Gräfin Ma⸗ thilde von Helmberg, deren Ehe mit dem Freiherrn von Tondern durch Allerhöchſte Entſcheidung vom— für ungültig erklärt worden, ſich in der Eigenſchaft als Ehefrau des Genannten auf beſagtem Gute aufhalte. Sollte der thatſächliche Befund mit der hierher gelang⸗ ten Anzeige übereinſtimmen, ſo iſt der Commiſſar Barth gehalten, genannte Gräfin von Helmberg aufzu⸗ fordern, binnen vierundzwanzig Stunden Schloß und Bezirk Tondern zu verlaſſen, im Weigerungsfalle die Entfernung der p. p. Helmberg mit Gewalt zu be⸗ wirken und alsdann über die Vollziehung dieſes Be⸗ fehls hierher Bericht zu erſtatten. Dem Commiſſar Barth werden die Gendarmen Balzer und Schermaier beigegeben, auch ſind alle Civil⸗ und Militärbehörden erſucht, dem Commiſſar Barth auf ſein Anſuchen bei der Vollſtreckung des Befehls auf alle Weiſe förderlich zu ſein.“ Folgt das Datum und der unleſerliche Name des in Vertretung des königlichen Polizeidirectors ausfertigenden Rathes. 176 Der Freiherr gab das Papier zurück und wartete mit ſteinernem Antlitz, bis der Commiſſar wieder zu ſprechen beginnen werde. Dieſer ſteckte ſeine Vollmacht zu ſich, huſtete und begann: „Wie geſagt, ich hätte mich der peinlichen Pflicht, die meine Stellung mir auferlegt, gern entzogen, ſo aber bin ich hier im Namen des Geſetzes—“ Der Mund des Freiherrn verzog ſich unmerklich. Er wußte gut genug, wie wenig ein Subalternbeamter ſich die Gelegenheit entgehen laſſen will, mit ſeinem Namen unter dem Bericht bezüglich einer cause célèbre zu paradiren. „Ohne Umſtände, was verlangen Sie von mir?“. „Ich bitte zunächſt um Beantwortung der Frage, ob ſich die verwittwete Gräfin Helmberg hier befindet?“ „Die Gräfin Helmberg? Nein!“ Der Beamte lächelte, als durchſchaue er den Doppel⸗ ſinn dieſer Antwort. „Die Lage iſt ſo eigenthümlicher Art, daß ich, wenn wir zum Ziele kommen ſollen, meine Frage anders ſtellen muß. Als ich in den Schloßhof fuhr, ſah ich auf dem Balkon an Ihrer Seite eine Dame— wer war dieſe Dame?“ „Die Freifrau von Tondern, meine Gattin.“ ·· 4 6 „Nach den Acten waren Sie nur einmal verhei⸗ rathet. Ihre Gattin iſt todt. Eine zweite Ehe hat zu Recht niemals beſtanden. Doch um Ihrem Ideen⸗ gange zu folgen: die Dame, welche Sie Ihre Gemahlin nennen, iſt die verwittwete Gräfin von Helmberg?“ „So hieß meine Frau vor unſerer Verheirathung.“ „Das iſt's, was ich conſtatiren wollte. Ich möchte ſo weit als möglich Ihre Rechte als Hausherr reſpec⸗ tiren. Möchten Sie mich der gnädigen Frau melden laſſen?“ „Meine Frau empfängt Niemand.“ Das Geſicht des Beamten verfärbte ſich. „Ich möchte darauf aufmerkſam machen, daß ich nicht als Privatbeſuch komme, ſondern als Vollſſtrecker eines richterlichen Befehls und ausgerüſtet mit den Mitteln, der Obrigkeit Achtung zu verſchaffen, deren Vertreter ich bin! Ich bin gewiß mit aller Schonung vorgegangen, Herr Baron, und werde auch ferner die Strenge meines Auftrags, ſoweit meine Pflicht es irgend zuläßt, zu mildern ſuchen; aber ich darf auch . auf dem Wege, den dieſe meine Pflicht mir vorſchreibt, um keinen Schritt zurückweichen.“ „Mein Herr!“ brauſte der Freiherr auf, deſſen feſtgeſchloſſene Fauſt bebte unter dem verweiſenden Tone, welchen der Beamte anzunehmen für nöthig „ v. Schlägel, die Ritter der Gegenwart. II. 12 178 fand,„ich habe Ihre Schonung nicht begehrt, und die Höflichkeit, welche zwei Bewaffnete vor meine Thür ſtellt und meine Frau in meinem eigenen Hauſe inſul⸗ tirt, verſtehe ich nicht zu ſchätzen! Ich wiederhole Ihnen, meine Gemahlin empfängt Niemand; ich muß es Ihnen daher ſüberlaſſen, zu thun, was noch weiter Ihres Amtes iſt.“ Der Beamte unterdrückte die heftige Antwort, welche auf ſeinen Lippen ſchwebte, und ging auf einen Tiſch zu, wo eine mächtige Tafelglocke ſtand. Er drückte darauf, und faſt unheimlich laut hallte der Ton durch den alterthümlich eleganten Raum. Derſelbe bejahrte Diener, welcher vorhin den Com⸗ miſſar gemeldet hatte, erſchien wieder und blieb war⸗ tend neben der Thür ſtehen. „Melden Sie Ihrer Herrin, daß der königliche Commiſſar Barth ſie bitten laſſe, ihm eine Unterredung zu gewähren.“ Der Diener wendete, als der Commiſſar geendet, ſein Geſicht von dieſem zu ſeinem Herrn und ſchien zu warten, ob dieſer den Befehl beſtätige. Der Freiherr ſchwieg, und regungslos verharrte der Diener auf ſeinem Platz. „Nun, haben Sie nicht gehört?“ fragte der Be⸗ amte ſcharf, ſeine kleine Geſtalt zu möglichſt imponi⸗ render Höhe aufrichtend. Er erreichte indeß keinen andern Erfolg, als daß der Diener abermals das Geſicht von ihm ab⸗ und ſeinem Herrn zuwandte und wie eine Salzſäule ſtehen blieb. „Sie ſehen, mein Herr“, unterbrach der Freiherr die Pauſe,„daß meine Diener gut erzogen und nicht gewohnt ſind, Jemand anders zu gehorchen als ihrer Herrſchaft oder deren Gäſten.“ Auf eine Handbewegung ſeines Herrn verſchwand der Diener. „Ich weiß es wohl“, ſagte der Beamte mit zorn⸗ bebender Stimme,„daß weder mein Auftrag noch meine Stellung in der Geſellſchaft geeignet ſind, mich als den Gaſt dieſes hochadeligen Hauſes zu betrachten; aber ich konnte nicht annehmen, daß der Repräſentant einer der erlauchteſten Familien unſeres Landes die Würde, in deren Namen und Schutz ich allein hierher kam, verhöhnen würde, die Würde des Geſetzes.“ Der Freiherr hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, mit verſchlungenen Armen dieſer Rede zuge⸗ hört; jetzt entgegnete er feſt: „Mein Herr Commiſſar! Mein halbes Leben lang hat dieſes Geſetz mich verfolgt, meine Familie zerſtört und mich in meinen heiligſten Rechten angegriffen. Ich habe mich ihm gebeugt, weil ich hoffte, daß auch Ihr 42* 180 Geſetz endlich der Gerechtigkeit dienſtbar ſein würde. Ich habe mich getäuſcht und infolge deſſen beſchloſſen, mich Ihrem Geſetz nicht mehr zu unterwerfen!“ Der Freiherr hatte tief Athem geholt, ehe er das letzte entſcheidende Wort ſprach; mit ungeheuchelter Theilnahme trat der Beamte einen Schritt vor. „Aber, Herr Baron! Ich will nicht gehört haben, was Sie ſprachen. Das kann nicht Ihr Ernſt ſein, das iſt ja Rebellion, Empörung.“— „Nennen Sie es, wie Sie wollen“, ſagte der Freiherr weicher, aber unerſchüttert.„Gegen Ihr Ge⸗ ſetz ſteht meine Ehre und die Ehre meines Weibes. Ich darf nicht anders!“ Auf dem eben noch ziemlich aufgeregten Geſicht des Beamten ſpiegelte ſich etwas wie ſympathiſche Be⸗ wunderung. Aber er mochte es nicht für angemeſſen halten, ſolche Gefühle zu verrathen und dadurch die Eigenthümlichkeit ſeiner Stellung noch zu erhöhen. „Ich kann Ihnen nur zu bedenken geben, Herr Baron, daß ich den Befehl und die Macht habe, dem Geſetz, deſſen Diener ich bin, Achtung zu verſchaffen.“ „Jawohl, durch Ihre Gendarmen!“ ſagte der Freiherr bitter. 3 „Jawohl, durch meine Gensarmen!“ wieder⸗ holte der Commiſſar.„Chrliche Soldaten der Ord⸗ ——— e 181 nung und Geſetzlichkeit, welche ihre Pflicht ohne An⸗ ſehen der Perſon bis aufs Aeußerſte erfüllen werden. Ich bin entſchloſſen, vor keiner Conſequenz meines Auftrags zurückzuweichen, und werde nöthigenfalls mit Gewalt bis zur Gräfin Helmberg vordringen, um meinen Auftrag zu vollſtrecken.“ „Und ich werde Sie mit meinem eigenen Leibe daran hindern!“ Donnernd hallte die zornige Stimme des Freiherrn durch den Saal. Mächtig wuchs ſein bärtiges Haupt in die Höhe, und vor Aufregung zitternd eilte der Com⸗ miſſar, der auf die Hülfe der Dienerſchaft nicht rech⸗ nen durfte, zum Ausgang, um ſeine bewaffnete Unter⸗ ſtützung herbeizuholen. Noch in der Thür wandte er ſich um. „Herr Baron, Sie ſind außer ſich! Bedenken Sie doch, daß ich meiner Pflicht gehorchen muß! Ich flehe Sie an, laſſen Sie es nicht zum Aeußerſten kom⸗ men! Bedenken Sie das Aufſehen im ganzen Lande!“ „Mag es zum Aeußerſten kommen!“ grollte die Stimme des Freiherrn und weckte das Echo in den entfernteſten Ecken des Saales.„Mag das Land er⸗ fahren, daß ich das Verbrechen, das man ſeit Jahr⸗ zehnten im Namen des Geſetzes an mir und meinem Weibe verübt, nicht länger ertragen will!“ Bleich und mit einem bedauernden Achſelzucken eilte der Beamte die Treppe hinab. Der Freiherr läutete, wie es vorhin der Commiſ⸗ ſar gethan. Der alte Diener erſchien. „Das Thor wird geſchloſſen und Niemand hat Zutritt!“ Der Diener verneigte ſich und ging. Der Freiherr lächelte grimmig, als die ſchweren Riegel hinter dem Beamten ins Schloß fielen. Trotzdem die Freifrau ſich ſchon ſeit einiger Zeit in ihre Gemächer zurückgezogen, hatte ſich die Volks⸗ menge im Hofe fortwährend vermehrt. Mit finſterer Neu⸗ gier, leiſe flüſternd ſtanden die Gruppen beiſammen und maßen die Sicherheitsbeamten mit mißtrauiſchen Blicken. Als ſich das Thor hinter dem Commiſſar geſchloſ⸗ ſen hatte, hielt dieſer eine kurze Unterredung mit ſei⸗ nen Begleitern und forderte dann mit lauter Stimme Einlaß im Namen des Geſetzes. Der Dienſteifer eines Gendarmen bekräftigte dieſe Aufforderung mit einem Kolbenſtoß gegen die Thür. Jetzt war die Menge in ſo weit aufgeklärt, daß die Ankunft der bewaffneten Macht gegen ihre Herr⸗ ſchaft gerichtet ſei. Da und dort entſtand, wenn auch unſicher und ſchwankend, ein dumpfes Murren. Der Commiſſar ſandte einen der Gendarmen — ab, um einen Schloſſer oder Schmied zu holen zum Sprengen der mächtigen Thür. Widerwillig ließ das Volk denſelben durch. Eine Art Waffenſtillſtand trat ein, während deſſen der Beamte mit unruhiger Beweg⸗ lichkeit vor dem Portal auf und ab ging. Der abgeſandte Gendarm kam bald wieder in Geſellſchaft eines halbbetrunkenen Schmiedes, der, kaum verſtehend, um was es ſich handelte, ihm mit Hammer und Brecheiſen gefolgt war. Der nicht eben ſicher auftretende Mann im Schurz⸗ fell ſtutzte doch, als er hörte, was ihm im Namen des Geſetzes befohlen ward. Als er aber Miene machte, ſein Brecheiſen in die Thürſpalte zu zwängen, erſchol⸗ len aus der Menge ſeiner Freunde und Kunden laute und höhnende Zurufe, daß er innehaltend erklärte, er ſei nicht ſtark genug, um die Arbeit zu verrichten. Auf den Befehl des Commiſſars bemächtigte ſich nun ein Gendarm des Werkzeugs. Das Rufen] der Menge wurde immer lauter und ſchärfer. Der Beamte wendete ſich eben zurück, um dem Volke zu befehlen, es möge ſich aller Zeichen des Beifalls oder Mißfal⸗ lens enthalten, da verbreitete ſich plötzlich eine ernſte Stille. Die Blicke der Leute richteten ſich erwartungs⸗ voll nach oben. Der Freiherr war auf den Balkon getreten. 184 „Ihr alle kennt mich, Ihr Leute“, tönte ſeine klangvolle Stimme herab,„und wißt, daß ich unfä⸗ hig bin, etwas Schlechtes zu begehen oder etwas, was man mit Gendarmen verfolgen muß. Ihr alle kennt meine Frau, die ſeit wenigen Tagen wieder in Eurer Mitte weilt. Ihr wißt, daß ſie das Vor⸗ bild jeder Tugend und von Rechtswegen und durch den Segen des Prieſters mein Weib iſt. Nun kommt man und bricht den Frieden meines Hauſes, um meine Frau mit Gewalt von mir zu trennen, weil mein älteſter Sohn in unnatürlicher Habſucht durch meine zweite Ehe an ſeinem Erbe einzubüßen fürchtet. Es iſt wahr, das Geſetz und der Landesherr haben gegen mich erkannt; man hat geſagt, daß die Mutter meines Sohnes Hans nicht meine Gattin ſei. Viele Jahre habe ich ſchweigend geduldet, wie Ihr alle wißt; aber länger wollte ich es nicht ertragen. Wenn man mich von meinem Weibe trennen will, ſo kann es nur durch Gewalt geſchehen. Das habe ich Euch ſagen wollen, damit Ihr verſteht, was hier vorgeht. Jetzt geht nach Hauſe, Leute! Die Angelegenheit betrifft mich allein und ich möchte nicht, daß einer von Euch in Strafe käme um meinetwillen.“ Da brach ein ungeheurer Tumult los. Vergebens ſuchten ſowol der Freiherr als der Commiſſar ſich ver⸗ d d 185 ſtändlich zu machen. Das ungebildete Volk ergreift ſo gern jede Gelegenheit zu lauten Aeußerungen ſeiner Gefühle; um ſo rückhaltloſer machte die Entrüſtung der Tonderner ſich Luft, wo ſie ſich in ihren berech⸗ tigten Sympathien verletzt ſahen. Vorzüglich waren es die Weiber, welche kreiſchend erklärten, daß ſie ihre gute Baronin nicht wieder hergeben würden. Der Commiſſar ſah, daß jede weitere Gewaltan⸗ wendung ſeinerſeits bei der aufgeregten Stimmung der Bevölkerung einen ernſten Conflict herbeiführen könne, und nachdem er mit lauter Stimme dem Baron die ganze Ver⸗ antwortlichkeit für ſeinen Widerſtand und deſſen Folgen zugeſchoben, beſtieg er mit den beiden Gendarmen wie⸗ der die Extrapoſt und fuhr unter höhnenden Zurufen der Menge aus dem Schloßhofe. Als der Freiherr vom Balkon zurücktrat, kam ihm ſeine Gattin entgegen. Sie war außerordentlich bleich, aber gefaßt. „Die Würfel ſind gefallen!“ ſagte Tondern ernſt. „Mögen ſie denn weiter rollen zu Glück oder Elend!“ „Amen!“ ſagte Mathilde feierlich und lehnte ſich an die Schulter ihres Gatten. Der Baron ſah noch lange der Staubwolke nach, wie ſie ſich immer weiter auf der Straße nach der Reſidenz entfernte. Auf den Zwiſchenſtationen gab es keine Gendar⸗ ————ꝛ———ꝛ—— 186 merie oder Militärpoſten; der Commiſſar mußte alſo, wenn er die Abſicht hatte, Verſtärkung zu holen, bis in die Reſidenz. Vor dem nächſten Tage war dem⸗ 4 nach an eine Wiederholung der Scene nicht zu denken. Der Freiherr war entſchloſſen, ſein Hausrecht und ſein Familienleben, wenn es nöthig werden ſollte, ſelbſt mit der Waffe in der Hand zu vertheidigen; aber er hatte nicht die Abſicht, noch Andere mit in das Verderben zu ziehen, vor dem er ſelber nicht zurückbebte. Er ſandte den alten Diener ins Dorf, um den Leuten zu befehlen, ſich jeder weiteren Demonſtration zu enthalten. Sie verſprachen murrend zu gehorchen. 4 Am andern Morgen zahlte der Freiherr ſeiner Dienerſchaft einen halbjährigen Lohn aus und beſchenkte ſie je nach ihrer Anhänglichkeit. Dann entließ er ſie bis auf Weiteres ins Dorf, mit der Weiſung, dort die kommenden Dinge zu erwarten. Nur den erprob⸗ ten Graukopf behielt er zurück, jedoch auch den nur, ſolange die verhängnißvolle Staubwolke ſich nicht auf der Straße zeigte. 4 Dieſe ließ indeß nicht allzu lange auf ſich war⸗ ten. Gegen neun Uhr am Morgen des andern Ta⸗ ges ſah der Freiherr ſie wieder hinter den grünen Hü⸗ geln auftauchen, gleich dem Rauch eines vorüberbrau⸗ ſenden Bahnzugs. — — 187 Wie der Commandant einer cernirten Feſtung beobachtete er mit dem Fernrohr die näher Kommen⸗ den. In einiger Entfernung hinter dem Wagen un⸗ terſchied er einen kleinen Kavallerietrupp. Man war alſo entſchloſſen, mit aller Strenge und Rückſichtsloſig⸗ keit gegen ihn vorzugehen. Als ſie näher kamen, er⸗ kannte der Baron die Uniform der berittenen Gendar⸗ merie. Es waren zwölf Mann, genug, um das ganze Dorf in Schach zu halten; man wollte dem Geſetze Achtung verſchaffen um jeden Preis. Der Baron wendete ſich um. Sein Geſicht war bleich, aber entſchloſſen. Er hatte die kleine Wolke nicht bemerkt, welche weit hinter dem Wagen und der Colonne auftauchte und von einem einzelnen Reiter herrühren mußte, der ſich raſch näherte. Der Freiherr ging zu ſeiner Frau. Er fand ſie aufrecht, aber ſehr abgeſpannt; ſie hatte die Nacht wa⸗ chend zugebracht. „Die Entſcheidung naht!“ ſagte er dumpf, ſeiner Gattin Stirn küſſend. „Sie iſt nicht zweifelhaft“, antwortete die Frei⸗ frau.„Wir müſſen unterliegen, aber laß mich nicht allein zurück.“ Ueber das Geſicht des Freiherrn zuckte es wie von nahenden Thränen. —————— —— 188 „Siehſt Du“, ſagte er leiſe, als ſchäme er ſich zur Hälfte deſſen, was er ſagte,„ſiehſt Du, wenn wir anders wären, als wir ſind, ſo würden wir unſer Eigenthum einem Verwalter übergeben und in einem andern, freundlicheren Lande in Frieden und Freude leben.“ Die Freifrau ſah ihrem Gatten ernſt ins Geſicht. „Du haſt mir einmal geſagt, Hermann, daß es Dir eine ſtolze Beruhigung über Dich ſelber gebe, zu wiſſen, daß Du in Deinem Weibe unverrückbar den Sinn für das Edle und Rechte finden würdeſt, wenn Dein eigener Blick einmal getrübt ſein ſollte. Ich habe Dir damals die Hände geküßt für dies herrliche Wort und Dir gelobt, nie aus Schwäche oder Selbſt⸗ ſucht Dir anders zu rathen, als ich es Deiner, un⸗ ſerer für würdig hielt. Und darum ſage ich Dir auch in dieſem vielleicht letzten, erhabenſten Momente, Her⸗ mann, wir dürfen unſern Feinden nicht Recht geben, wir dürfen nicht fliehen!“ Mit begeiſtertem Dank ſchaute der Freiherr ſeiner Gattin ins Geſicht. „Ich werde Dich nicht allein laſſen, Mathilde. Ulrich iſt ein ehrlicher Mann und wird ſich unſeres Hans annehmen.“ Feſt hielten die Gatten ſich umſchlungen; da don⸗ 189 nerte der Hufſchlag der Pferde vom Hofe herauf; zu⸗ gleich machten wuchtige Schläge das Thor erzittern. „Sie können uns tödten, aber nicht trennen, Her⸗ mann!“ flüſterte die Freifrau. „Ich werde ihnen keinen Widerſtand leiſten, ehe ſie Hand an Dich legen wollen!“ Und der Blick des Freiherrn ruhte düſter auf den ſchweren Reiterpiſtolen, die er ſchon geführt, als er einſt an der Spitze ſeiner Schwadron ſich den die Reſidenz ſeines Königs ſtür⸗ menden Volkshaufen entgegengeworfen hatte. Immer heftiger wurde das Pochen— das war ein Axtſchlag! Das Thor ſplitterte und wich; auf dem Hofe war Alles todtenſtill; von den Straßen des Dorfes herauf hörte man das Reiten der Pa⸗ trouillen. Schwere Schritte erſchallten auf dem Corridor. „Komm!“ ſagte der Freiherr zu ſeiner Gattin, nahm ſeine Piſtolen und öffnete die Thür des großen Saales.„Sie ſollen wenigſtens ſehen, daß ſie in uns der Geſchichte eines halben Jahrtauſends ins Geſicht ſchlagen, daß ſie, indem ſie uns niederwerfen, den Bo⸗ den erſchüttern, auf dem ſie ſelber ſtehen. Welche Be⸗ rechtigung haben ſie zur Herrſchaft, wenn ſie uns von ihren Schergen ins Gefängniß zerren laſſen?“ In dem Vordringen der Gendarmen ſchien ein Stillſtand eingetreten; der Schritt eines einzelnen *— 190 Mannes ließ ſich vernehmen und heftig pochte es an die Flügelthüren des Saales. „Vater! Mutter!“ „Das iſt Hans! Der Unglückliche!“ rief die Freifrau. „Biſt Du allein?“ fragte der Freiherr. „Allein— öffnet! Im Namen Eurer Liebe zu mir, öffnet!“ Die Flügelthüren gingen auf und ſchloſſen ſich wieder. Hans ſank ſeiner Mutter in die Arme und ſtreckte ſeinem Vater die Briefe entgegen, die er von der Reſ'l empfangen. Er war auf dem Hofe eingetroffen, eben als die Sicherheitsbeamten ſich gewaltſam Eingang verſchaff⸗ ten. Ein kurzes erregtes Zwiegeſpräch mit dem Com⸗ miſſar hatte Hans über Alles aufgeklärt. Seine Uni⸗ form und ſein Ehrenwort, daß er Nachrichten bringe, die ſeinen Vater vielleicht völlig umſtimmen und dem Commiſſar das Aeußerſte erſparen würden, hatten den⸗ ſelben bereitwillig gemacht, auf ſeine Rückkunft zu warten. Nach kurzer Zeit erſchien Hans wieder. Er ver⸗ ſtändigte den Commiſſar, daß eine neue Wendung in den Angelegenheiten des Freiherrn eingetreten ſei, 194 welche es wahrſcheinlich mache, daß der König ſeine Entſcheidung und alle Folgen derſelben aufheben werde. Er bat denſelben, ſo lange von einem weitern Vorgehen gegen ſeine Eltern abzuſtehen, bis er ein Schreiben ſeines Vaters, das dieſer ſo eben verfaſſe, Seiner Majeſtät vorgelegt habe. Der Beamte glaubte den Aufſchub auf ſeine Ver⸗ antwortung übernehmen und die Freifrau bis auf Weiteres unbehelligt laſſen zu können, unter der Be⸗ dingung, daß ein Theil der Dienerſchaft zurückgerufen und ſeine Gendarmen in den Räumlichkeiten des Schloſ⸗ ſes einquartiert würden. Hans verſprach das im Namen ſeines Vaters und wies den Leuten die paſſenden Lokale an. Nach einer Stunde etwa erſchien er wieder mit einem großen Schreiben ſeines Vaters; er beſtieg ſein Pferd und ritt in Carrière den Schloßberg hinunter, auf der Straße nach der Reſidenz zu. Auf der Bruſt trug er die letzte Hoffnung, das Leben ſeiner Eltern. Sinnend und von den widerſtreitendſten Gefühlen bewegt, ſchaute ihm der Freiherr nach, den Arm um den Nacken ſeines Weibes gelegt; dann wendete er ſich plötzlich um. „Du haſt mir einſt geſchworen, meine treueſte Freundin, mein Gewiſſen zu ſein; ſo ſage mir denn, daß ich kein Unrecht begehe, wenn ich den Buben von mir ſtoße, der durch den abſcheulichen Verrath eines Weibes bisher der Sohn dieſes ſtets makelloſen Hauſes war und der zum Danke dafür unſer Leben vergiftet, unſere Ehre faſt vernichtet hat. Sage mir, daß es nicht unedel und grauſam iſt, wenn ich denjenigen erbarmungslos fallen laſſe, der mein einziges Kind ermorden wollte, nachdem er ihm Namen und Erbe ge⸗ ſtohlen. Sage mir, daß es gerecht iſt, wenn ich meine Hand abziehe von dem, was meinem Blute fremd iſt!“ Die Freifrau ſah dem erregten Gatten feſt in das Antlitz. „Wenn ein Opfer Schuldloſe zu Grunde richten würde, ſo hat man nicht das Recht, es zu bringen! Angelo hat aus eigener Charaktertücke den verräthe⸗ riſchen Kampf fortgeführt, den ſeine Mutter gegen Dich begonnen. Du biſt es Deinem Kinde und mir ſchuldig, Dich loszulöſen aus jeder Gemeinſchaft mit ihm und ihn dahin zu verweiſen, wohin er gehört.“ „Es iſt bereits geſchehen!“ ſagte der Freiherr dumpf. ———— 2. 4. Elftes Kapitel. Der letzte Beweisgrund der Geſellſchaft. Der Morgen, welchen ſich Ulrich und Angelo für ihr ernſtes Stelldichein beſtimmt hatten, war ange⸗ brochen. Man hatte die Zuſammenkunft für die vierte Stunde an einem der abgelegenſten Punkte des Parks von Fels verabredet. Der Graf hatte bis ſpät ge⸗ arbeitet, um mit der ihm in der letzten Zeit eigenthüm⸗ lichen ernſten Ruhe all das Nothwendige zu verfügen was man vornimmt, wenn man nicht gewiß iſt, ob man nach wenigen Stunden noch zu den Lebenden gehört. Erſt um Mitternacht war der Notar fortge⸗ gangen; derſelbe hatte dem Documente Rechtsgültigkeit verliehen, welches der Mutter des Grafen und Hans Helmberg das ganze bewegliche und unbewegliche Ei⸗ genthum Ulrich's vermachte. Dann hatte ſich Graf 13 v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. II 194 Ulrich für einige Stunden zur Ruhe niedergelegt, um beim erſten Dämmern des jungen Tages ſich wieder zu erheben. Er ſpielte keine Komödie mit ſich ſelbſt; Ulrich geſtand ſich, daß der Tod auch dann etwas Ern⸗ ſtes bleibt, wenn man gewiß zu ſein glaubt, daß nichts von dem, was die Menſchen Glück nennen, unſer Blut mehr in raſchere Wallung zu bringen vermag. Als daher der neue Kammerdiener des Grafen eintrat, um ihn, dem erhaltenen Auftrage gemäß, zu wecken, erſchrak Ulrich leicht und ſah auf die Uhr. Es war noch mehr als eine volle Stunde bis zur feſtgeſetzten Zeit. Der Graf ſchaute noch einmal mit ra⸗ ſchem Blick über ſeinen Schreibtiſch, wo Alles für die verſchiedenſten Beſtimmungen geordnet dalag; dann übergab er den Piſtolenkaſten, den er ſelbſt nachgeſehen hatte, ſeinem Diener, um ihn in den Wagen zu tragen. Ehe noch der Kammerdiener zurückgekehrt war, trat Bär ein. Er ſah den Grafen aufmerkſam an und ſchien mit ſeiner Prüfung zufrieden. Mit ſichtlicher Freude ging Ulrich dem Adjutanten entgegen und faßte die Hand des viel älteren Freundes. „Tauſend Dank, daß Sie ſo früh gekommen! Das Alleinſein macht geneigt zum Grübeln, und ſchon machte ich mir Vorwürfe, Sie um den in Ihrer Stellung doppelt delicaten Dienſt gebeten zu haben. Man hatte 195 bisher noch keine Gelegenheit zu erfahren, wie unſer allerhöchſter Herr über Duelle denkt.“ Der Major zuckte die Achſeln. „Ich kann meine Stellung zunächſt der Perſon Seiner Majeſtät nur ſo lange eine wirklich erfreuliche nennen, als ſie mir nicht verbietet, meinen Freunden die allereinfachſten Dienſte zu leiſten.“ „Aber das Duell, ſo unvermeidlich es nach un⸗ ſern Ehrenbegriffen ſein mag, bleibt immerhin von den Geſetzen verpönt; und der Träger der höchſten Autorität kann es unmöglich öffentlich ſanctioniren, indem er einen ſeiner Diener, welcher einem Zweikampf Vor⸗ ſchub geleiſtet hat, unbeſtraft läßt, vorzüglich wenn der Kampf einen ernſteren Ausgang nimmt, wie es heute wohl vorauszuſehen iſt.“ „Bah!“ verſuchte der Major zu ſcherzen,„ich glaube gar, Sie haben trübe Ahnungen! An Ihrer Stelle hätte ich übrigens bei all dem ſchwarzen Ver⸗ dacht, der an unſerem Gegner laſtet, die ganze Sache nicht mehr als bindend angeſehen. Jedenfalls aber hoffe ich, daß Sie die Anſtändigkeit nicht ſo weit trei⸗ ben werden, ſich von dem Menſchen todtſchießen zu laſſen, der, wenn mich nicht Alles trügt, ſeine Rolle bald für immer ausgeſpielt hat.“ „Wenn ich es hindern kann, gewiß nicht!“ lä⸗ 13* 196 chelte der Graf, auf den gezwungen jovialen Ton des Majors eingehend;„aber Sie werden zugeben, daß drei Schritte Barridre eine ziemlich kurze Diſtanz ſind; und mein Gegner hat den erſten Schuß.“ „Den ihm wieder Ihre Anſtändigkeit faſt mit Gewalt anfgedrungen; denn der Beleidigte waren doch eigentlich Sie!“ „Ihre Freundſchaft für mich macht Sie zum So⸗ phiſten, Major! Wenn nun mein Gegner ſeine drei Schritte vorgeht, ſo ſteht er mir auf ſechs Schritt ge⸗ genüber— das iſt ungefähr ſo weit wie bis zu je⸗ nem Sopha. Auf dieſe Diſtanz ſchieße ich das Licht aus, Major.“. Dem Major gelang es nicht mehr, ſo meiſterhaft wie bisher ſeine Unruhe zu verbergen. „Aber es ſchießt eben nicht Jeder wie Sie, und bei Tondern kommt noch das ſchlechte Gewiſſen dazu, die eigene Miſerabilität, über die er ſich nicht täu⸗ ſchen kann. Und wenn er Sie auf die ſechs Schritt fehlt, ſo gehen Sie auf drei Schritt vor und ſchießen ihn nieder, die Mündung auf ſeiner Bruſt. Das ſind Sie Ihrer Mutter und Ihrem Bruder ſchuldig.“ Der Graf lächelte wehmüthig. „Wenn! Zwiſchen dieſem Wenn liegt Leben und Tod!“, ,.“ “ 497 „Ich muß immer wieder darauf zurückkommen“, ſagte der Major mit bewegter Stimme,„daß es Ih⸗ nen von Niemand verdacht werden kann, wenn Sie ſelbſt jetzt noch das Duell mit einem Manne ablehnen, der unter dem Verdacht ſteht, ſeinen Diener ermordet zu haben. Nur ſeine Eigenſchaft als Kammerherr und die Gunſt, die Seine Majeſtät ihm flüchtig zuge⸗ wandt, haben ihn bis jetzt vor der Verhaftung geſchützt. Aber es iſt bereits eine dahin zielende Anfrage des Unterſuchungsrichters an das Cabinet erfolgt, welche noch heute Seiner Majeſtät vorgelegt werden ſoll.“ „Machen Sie mir meinen ernſten Gang nicht noch ſchwerer, Major! Wenn ich ſelbſt vor unſerer Unterhaltuug noch geneigt geweſen wäre, den von Ih⸗ nen angedeuteten Weg einzuſchlagen, nach derſelben müſ⸗ ſen Sie einſehen, daß ich meinem Gegner ſelbſt zur Flucht aus. den Händen der Gerechtigkeit behülflich ſein müßte, um ihn auf mich ſchießen zu laſſen. Und“, ſetzte der Graf mit einem Seufzer und den Major be⸗ deutſam anblickend hinzu,„es iſt ja immerhin möglich, daß durch meine Kugel unſerem Stande und einer Familie, die ich hochſchätze, viel Schmach erſpart wird.“ Der Major ſchüttelte dem Grafen die Hand. „Vielleicht bin ich ein alter Narr“, ſagte er mit 198 einem traurigen Lächeln,„aber eigentlich gefällt mir die Sache ſo auch beſſer!“ Dann ſah er nach der Uhr. „Wenn wir, wie Sie geſtern vorſchlugen, den Weg zu Fuß machen wollen, ſo iſt es Zeit, aufzubrechen.“ „Sie werden mir den Gefallen thun, den Schlüſ⸗ ſel meines Secretärs aufzubewahren, bis Alles vorüber iſt“, ſagte der Graf leichthin,„und ihn, wenn es nö⸗ thig ſein ſollte, meinem Notar übergeben.“ Mit einem ſchweren Seufzer nahm der Major den Schlüſſel in Empfang. Der Graf ergriff Hut und Handſchuhe und öffnete dem Major die Thür. Unten fanden ſie das Coupé des Grafen. Die Pferde ſcharrten bereits ungeduldig. Es war, obwohl die Sonne noch nicht aufgegangen, ein heller Morgen, ohne Glanz, aber auch ohne Schatten. Ulrich belehrte den Kutſcher über den Ort, wo er ſie zu erwarten habe. Dann ſchlugen die beiden Ca⸗ valiere einen wenig betretenen Weg unweit des Ufers ein. Derſelbe war an vielen Stellen mit Gras über⸗ wachſen und manchmal von den Steinen und dem Sand unterbrochen, welche der See bei ſtarkem Weſt⸗ winde hier ausgeworfen. Ein kühler Morgenwind ſtreifte in großen dunklen Flecken über den See, drückte die Binſen am Ufer bis 199 zur Waſſerfläche nieder und warf leicht ſchäumende ſpielende Wellen plätſchernd in den Sand. Die ſchlan⸗ ken Birken, welche hier die Bewaldung bildeten, neig⸗ ten ſich unter dem friſchen Morgengruß und langhän⸗ gende Weiden wirbelten bald die ſilberne, bald die grüne Seite ihrer zierlichen Blätter nach oben. Eben ſchoß der Sonnenaufgang ſeine goldenen Pfeile in die roſigen Wolken, die über den Birken ſchwebten, als die Freunde die halbverfallene Fiſcher⸗ hütte erreichten, bei welcher das Zuſammentreffen ſtatt⸗ finden ſollte. Der Kammerdiener des Grafen hatte ſeinem Auftrage gemäß den Piſtolenkaſten in der Nähe der Hütte auf einen Stein geſtellt und ſich dann ent⸗ fernt. Angelo und ſeine Freunde waren noch nicht an⸗ weſend. Der grünumwaldete Platz, auf dem der Major und Ulrich ſich befanden, war trotz des lieblichen, friſchen Morgens, der immer lichter heraufzog, wie zu ernſten Betrachtungen geſchaffen. Nur noch da und dort zwängten ſich dünnbelaubte Weiden und harte Gräſer zwiſchen den Steinen hervor, mit denen die Fluten des Sees den Ort immer aufs neue überſchütteten; das Dach der Hütte war einge⸗ ſunken; von dem Steg, der einſt weit hinaus ins 200 Waſſer geführt haben mochte, ſtanden nur noch die vermodernden Pfähle, und große und kleine Fiſche hingen in horizontaler Regungsloſigkeit an dem Schlamm, mit welchem das Holz umgeben war. Als ſie die Geſtalten am Ufer gewahrten, fuhren ſie blitzſchnell in das Schilf, das die Pfähle in wei⸗ tem Bogen umgab, um nach kurzer Zeit, ſcheinbar un⸗ bekümmert und doch mit äußerſter Vorſicht, ihre Re⸗ cognoscirung zu wiederholen. Eine Wildente flatterte mit häßlichem Geſchrei und trägem Flügelſchlage aus dem Rohr und nach der nächſten Uferſpitze, daß eine wilde Taube, die mit ihrem zärtlichen Kehllaute die frühen Spaziergänger bis hierher begleitet hatte, wie überraſcht ihr Girren einſtellte. Graf Ulrich war nicht in der Stimmung, den ganzen Zauber dieſes Bildes friedlicher Verödung zu empfinden. Seltſam klang ihm ſein eigener Schritt ans Ohr, wenn der Fuß auf die knirſchenden Steine trat, welche die Vegetation des Bodens erſtickten. Da hörte man menſchliche Stimmen, und aus dem Walde traten Angelo von Tondern, ſein Secun⸗ dant und der Arzt, welchen aus der Stadt mitzubrin⸗ gen letzterer ſich bereit erklärt hatte. Um von der Zuziehung weiterer Zeugen Umgang x 201 nehmen zu können, war man übereingekommen, daß der Arzt in ſtreitigen Fällen zugleich die Functionen des Unparteiiſchen übernehmen ſolle. Angelo von Tondern hatte ſich einen als handwerks⸗ mäßigen Duellanten berühmten und berüchtigten Offi⸗ zier aus der N.'ſchen Garniſon als Beiſtand gewählt, einen wildblickenden, ſchnurrbärtigen Infanteriehaupt⸗ mann von ſieben Schuh Länge, welcher den Stall, die Equipage und die Börſe Tondern's ſchon vielfach in Anſpruch genommen hatte. Der Hauptmann hatte zwar in den letzten Tagen von ſeinen Kameraden Allerlei hören müſſen, was ihm ſeine Zuſage wieder leid machte, allein er ſtand zu tief im Notizbuch An⸗ gelo's und er durfte auch mit Recht antworten, daß er letzterem ganz gut ſecundiren könne, wenn ein Oberſtſtallmeiſter des Königs ſich mit ihm ſchlage. Deſſenungeachtet erſchien ihm nach Allem, was man über den Majoratserben flüſterte, ſein officieller Umgang mit Tondern nicht mehr ſo angenehm wie früher, und er betäubte das unangenehme Gefühl, mit welchem er den Kampfplatz betrat, durch laute Erzäh⸗ lungen aus ſeiner Secundantenpraxis, die er mit den dazu gehörigen Lufthieben und Stellungen illuſtrirte. Der Arzt behandelte die Sache mit geſchäftsmä⸗ ßiger Ruhe und ſchaute tiefſinnig in ein kleines Etui, deſſen Inhalt an Lanzetten, Sonden nnd ähnlichen Inſtrumenten er rückſichtsvoll vor Angelo's Blicken verbarg. Angelo ſelbſt ſchien gealtert und wie gebrochen; ſelbſt ſein Anzug ließ die frühere Sorgfalt vermiſſen. Schweigend und mit den tiefliegenden Augen ſcheu um⸗ herblickend, ging er am Arm des ſchreienden, geſtiku⸗ lirenden Hauptmanns auf und ab. Er glich eher einem zum Richtplatz geführten Verbrecher als einem Beleidigten, der Rache fordert für einen Eingriff in Rechte, die jedem echten Manne die unverletziichſten ſein müſſen. Nur als ſein Blick zufällig dem ruhigen, faſt trau⸗ rigen Geſichtsausdruck ſeines Feindes begegnete, da ſchien ſich all die Furcht und der ganze Grimm, die er ſeit Tagen empfand, in einem einzigen Blicke des Haſſes zu vereinigen, und indem er ſich kurz und ſcharf zu dem Hauptmann umwandto, ſagte er: „Es wäre unhöflich, die Herren länger warten zu laſſen.“ Der Hauptmann zog ſeine Uhr. „Es fehlen noch ſieben Minuten an der feſtgeſetz⸗ ten Zeit und möglicherweiſe können wir eine Einrede des gegneriſchen Secundanten gewärtigen.“ Zornig und verächtlich ſah Angelo den Haupt⸗ 203 mann an.„Unſer Zweck iſt nicht, ein Duell nach allen Regeln der Etikette aufzuführen, ſondern es entſpringt dem Wunſche, einander todtzuſchießen. Je früher dazu die Vorbereitungen getroffen ſind, deſto beſſer! Seien Sie überzeugt, daß die Gegenpartei ebenſo denkt!“ Es ſchien faſt, als entſpringe Angelo's unruhig drängende Haſt dem Gedanken, daß der Ausgang des Duells ihm über alle Schwierigkeiten hinweghelfen werde. Er war nicht feig, und die Lage, in der er ſich befand, ſeit Alles um ihn her wankte und auf ihn herabzuſtürzen drohte, konnte den Muth der Verzweif⸗ lung in ihm nur erhöhen. Schoß der Graf ihn todt — ein Schauer überrieſelte Angelo, aber das häßliche Lächeln wich nicht von ſeinen Lippen, als ob er ſagen wollte: Was liegt denn noch an dieſem Hundeleben! Schoß er indeß den Grafen todt, ſo trat dieſe läſtige Bedientengeſchichte in den Hintergrund, und ſchlimm⸗ ſten Falls hatte er dann einen anſtändigen Grund zur Flucht. Nur daran dachte Angelo mit Grauen, daß er verwundet werden könne; er traute ſeinem Gegner einen ſolchen Edelmuth zu, ihn nur verwunden zu wollen. Aber er ſelbſt hatte ja den erſten Schuß und zielte ins Volle. 204 Der Hauptmann war inzwiſchen mit der Uhr in der Hand und militäriſch grüßend auf den Major zu⸗ gegangen und ſuchte ſeine eingehenden Kenntniſſe feinerer Duellſitte dadurch zu beweiſen, daß er vor allem um eine Vergleichung der Uhren bat. Die des Majors zeigte einige Minuten mehr als die des Hauptmanns. „Der Baron hat es ſo eilig, als fürchte er den Poſtanſchluß für die Ewigkeit zu verſäumen“, ſcherzte der Hauptmann. Der Major lächelte nicht. „Ich glaube, daß es auch dem Grafen Helmberg angenehm ſein wird, die immerhin peinlichen Vorberei⸗ tungen ſo viel als möglich abzukürzen.“ „Einverſtanden!“ ſagte der Hauptmann wichtig. „Jedoch die übliche Frage an den Grafen, ob er für die dem Baron angethane Beleidigung nicht Abbitte leiſten wolle, darf ich mir nicht verſagen. Ich habe da ſchon einige Male im letzten Moment ganz über⸗ raſchende Erfahrungen gemacht. Ich hatte geglaubt, nur in Geſellſchaft einer oder zweier Leichen heimzu⸗ kehren, und ſiehe da, man beſann ſich noch im letz⸗ ten Augenblick, und der ganze Schwindel endete damit, daß ein paar Kapaune verbluten mußten und unge⸗ zählten Sektflaſchen die Hälſe gebrochen wurden! Möchten Sie mich nicht dem Grafen vorſtellen?“ 4„Ich kann es nicht verweigern“, ſagte der Major ſichtlich geärgert durch die burſchikoſe Leichtfertigkeit, mit welcher der Hauptmann über den Ernſt des Au⸗ genblicks hinwegzukommen ſuchte.„So wie ich jedoch den Grafen kenne, iſt Ihr Beginnen nur ein unnöthiger Zeitverluſt.“ Der Hauptmann zuckte ſkeptiſch die Achſeln. „Auf dem Wege ſind ſie alle unverſöhnlich, wenn aber einmal die Diſtanzen abgeſteckt und die Piſtolen geladen werden—“ „Herr Hauptmann“, unterbrach der Major ihn ernſt,„wenn Sie ſich Erfolg davon verſprechen, ſo ſteht es Ihnen frei, an meinen Freund jede beliebige Frage zu ſtellen, daß Sie jedoch mir gegenüber ſei⸗ nen Muth anzweifeln, muß ich Ihnen verbieten!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte der Ma⸗ jor ſich um und ſtellte den Grafen und den Hauptmann einander vor. Der Graf verneigte ſich leicht; der Hauptmann warf ſich in die Bruſt und begann: „Bevor wir zu dem ernſten Werke ſchreiten, das vor uns liegt, iſt es meine Pflicht, Sie zu fragen, Herr Graf, ob Sie nicht durch eine Zurücknahme und formelle Abbitte der dem Baron von Tondern zuge⸗ fügten Beleidigungen den Grund zu dem beabſichtigten Kugelwechſel aufzuheben wünſchen. Ich ſelbſt erbiete mich, zur Vermeidung der traurigen Alternative allen meinen Einfluß bei Herrn von Tondern aufzubieten, um ihn zur friedlichen Beilegung der Angelegenheit zu ver⸗ mögen!“ Der Doctor, welcher die Abſicht des Hauptmanns errathen hatte, war ebenfals näher getreten und meinte mit einem ernſten Hinaufziehen der Augenbrauen, er habe ſchon bei mindeſtens zwanzig Piſtolenpaukereien aſſi⸗ ſtirt, aber drei Schritte Barrière ſei doch etwas ſcharf. Dabei müſſe faſt nothwendig etwas herauskommen. Graf Ulrich hatte ungeduldig zugehört. Jetzt entgeg⸗ nete er: „Sparen Sie Ihre Mühe, meine Herren! Das Abdrücken meiner Piſtole iſt der letzte und einzige Verkehr mit Herrn von Tondern, den ich mir noch ge⸗ ſtatten kann.“ Damit wendete er dem Hauptmann und dem Doc⸗ tor den Rücken. Achſelzuckend meinte erſterer, daß bei der Hartnäckigkeit beider Betheiligten nichts übrig bleibe, als die Sache zum Austrag zu bringen, zog einen Würfel, den er für ſolche Eventualitäten ſtets in der Taſche trug, und legte ſeine Uniformsmütze auf den Boden, daß die äußere Fläche nach oben lag. Dann forderte er den Major auf, ſein Glück zu verſuchen. Der Major nahm den Würfel und warf ſechs Augen. 207 „Sie haben Chance!“ lächelte der Hauptmann und warf zwei.. „Wir werden alſo von Ihren Waffen Gebrauch machen— wo ſind ſie?“ Der Major deutete auf den Piſtolenkaſten neben der Fiſcherhütte. „Gut!“ ſagte der Hauptmann geſchäftsmäßig, in⸗ dem er ſich mit Kennermiene nach dem Stand der Sonne umſah.„Wir kennen es hier einrichten, daß die beiden Herren die Vortheile einer guten Beleuch⸗ tung in gleichem Grade genießen, indem wir die Menſur von Nord nach Süd abſtecken. Wünſchen Sie durch das Loos entſchieden zu ſehen, welcher von den Herren ſich nach Nord und welcher ſich ſüdlich aufzuſtellen hat 2 „Nein. Schreiten wir zum Abſtecken der Menſur.“ Es wurden dreimal drei Schritte abgezählt und jedesmal, auch an den Endpunkten, durch auf den Bo⸗ den gelegte Hölzer bezeichnet. Dann brachte der Ma⸗ jor den Piſtolenkaſten Ulrich's und jeder der Secun⸗ danten lud eine derſelben; hierauf würfelte man auf der Mütze des Hauptmanns um die Waffen. Der Doctor zog ſich jetzt in die Nähe der Fiſcherhütte zu⸗ rück und Ulrich und Angelo warfen die Röcke ab und traten raſch an die außerſten Hölzer. Sie ſtanden ſich auf neun Schritte gegenüber. 208 Der Hauptmann machte die beiden Duellanten nochmals darauf aufmerkſam, daß Herr von Tondern den erſten Schuß habe und auf das Zeichen des Ma⸗ jors von Bär, beſtehend in dreimaligem Händeklatſchen, drei Schritte vorgehen oder auf der Stelle ſeinen Schuß abfeuern könne. Sei jedoch Herr von Tondern vorge⸗ gangen, ſo müſſe er ſtehen bleiben und Graf Helmberg habe das Recht, ihm ſeinerſeits weitere drei Schritte nahe zu rücken. Eine heftige Ungeduld drückte ſich in der zucken⸗ den Beweglichkeit Angelo's aus. Mager und kno⸗ chig ragte die Hand, welche die Waffe hielt, aus dem weißen Hemde hervor; ruhig, mit leichter Schwer⸗ muth, das Haupt etwas zurückgelehnt, ſtand Ulrich's kräftig ſchöne Geſtalt. Die Sonne, welche eben über dem Walde emporſtieg, ſpielte in ſeinen goldblonden Haaren und der Wind, der über den See zog, bauſchte ſein Morgenhemd aus ſtrohfarbener Seide ſegelförmig auf. Der Hauptmann war raſch zum See geeilt und kam nun mit einem naſſen Taſchentuch zurück. „Sie erlauben“, ſagte er, indem er daſſelbe An⸗ gelo mit demonſtrativer Sorgfalt um das rechte Hand⸗ gelenk ſchlang.„Ihr Gegner hat den Vortheil käl⸗ teren Blutes“, flüſterte er,„daher müſſen wir Ihnen ——— wenigſtens die Pulſe kühlen. Ein Zucken kann auch auf ſechs Schritte verderblich werden. Sie gehen doch vor?“ 3 Angelo nickte. Der Hauptmann trat weit zur Linken ſeines Freun⸗ des und verbeugte ſich grüßend gegen den Major, um ihm anzudeuten, daß er das erſte Zeichen zu ge⸗ ben habe. Der Major hatte die Bielgeſchäftigkeit des Haupt⸗ manns mit zunehmendem Mißfallen beobachtet; erregt und mit Hintanſetzung ſeiner perſönlichen Sicherheit trat er, ſoweit es der Duellgebrauch nur immer ge⸗ ſtattete, neben den Grafen, der ſeine breite Bruſt dem Gegner darbot. „Stellen Sie ſich nach der Seite, Graf! Es iſt tollkühn, Ihrem Feinde eine ſolche Fläche zu bieten.“ Ulrich hörte oder beachtete den Rath nicht. „Ich proteſtire, daß man meinen Clienten abſicht⸗ licher müdet!“ rief der Hauptmann, ein Meiſter im Se⸗ cundantengezänk, herüber. Der Major erhob die Hände und klatſchte drei⸗ mal. Angelo, welcher die letzten Sekunden regungs⸗ los dageſtanden, zuckte zuſammen; dann machte er raſch drei Schritte vor, erhob die Piſtole, und während das naſſe Tuch zur Erde fiel, krachte der Schuß und der v. Schlägel, die Ritter der Gegenwart. II. 14 Wind wehte die Rauchwolke dem Baron über das Geſicht. Der Graf hatte mit der Linken raſch an die Seite gegriffen und die Augen außergewöhnlich weit geöffnet; dann wurde er bleich bis an die Lippen, ſein Hemd, das an der linken Seite zerriſſen ſchien, färbte ſich dunkel, und ehe der Major hinzuſpringen konnte, ſank er ins Knie, ſich mühſam auf die Pi⸗ ſtole ſtützend, die er noch immer in der Hand hielt. „Ich erkläre das Duell durch die Verwundung des Grafen Helmberg für beendigt!“ rief der Haupt⸗ mann, mit ſiegreicher Miene herbeieilend.„Doctor, ſtehen Sie dem Verwundeten bei!“ Mit aller Gewalt den Schmerz zurückdrängend, der ſein hübſches Geſicht verzerrte, ſagte der Graf mit ſchwacher Stimme: „Ich verzichte nicht auf meinen Schuß!“ „Das Duell iſt beendigt“, wiederholte der Haupt⸗ mann.„Herr Doctor, als Unparteiiſcher müſſen Sie conſtatiren, daß die Sache aus iſt!“ Da trat der Major mit blitzenden Augen auf ſeinen Gegenſecundanten zu. „Das Duell iſt erſt dann beendigt, wenn eine der Parteien kampfunfähig iſt! Mein Freund kann und wird ſeinen Schuß abgeben, und wenn Sie 2 211 ſich nicht zurückziehen, mein Herr, ſo betrachten Sie uns beide als Gegner!“ Auch der Doctor ſchlug ſich auf die Seite des Majors; ſchüchtern wich der renommiſtiſche Haupt⸗ mann vor dem grimmigen Blick des Adjutanten zurück und ſchickte ſich an, das Zeichen zu geben. Man ſah es dem Grafen an, daß ihn der Blut⸗ verluſt immer mehr ſchwächte und daß es ihm immer ſchwerer ward, ſich aufrecht zu erhalten. Da der Major, wie es die Duellregeln verlangten, ſofort zur Seite getreten war und dem Grafen keine Unterſtützung angedeihen laſſen konnte, ſo vermochte dieſer nicht aufzuſtehen und mußte daher auf den Vortheil, zu avanciren, verzichten. Mit übermenſchli⸗ cher Anſtrengung erhob er knieend und mit der Lin⸗ ken ſich auf den Boden ſtützend das Piſtol. Von Angelo war nur die rechte Seite ſeines Körpers zu ſehen— er ſchien Furcht zu haben vor dem fieberhaft glänzenden, ſtarren Auge ſeines Gegners. Da fiel der Schuß— ein Stück von Angelo's Hemdärmel wirbelte in die Luft; aber er war unverletzt und mit heiſerem Lachen und einem ironiſchen Gruß ging er nach der Stelle, wo ſeine Kleidungsſtücke lagen. Ulrich war in Ohnmacht geſunken und zuckte nur manchmal wie im Traume unter der Sonde des Arztes. 14* öͤͤͤäääͤ 212 Auch der Hauptmann ſtand zur Seite, dem Arzte Rathſchläge aus ſeiner Secundantenerfahrung erthei⸗ lend. Ein ernſter Blick von Bär's ſchloß ihm jedoch den Mund. Um Angelo kümmerte ſich Niemand. Derſelbe warf noch einen höhniſchen Blick auf die Gruppe, dann ſchlug er, ohne auf den Hauptmann zu warten, den Weg nach dem Schloſſe ein. Der Arzt erklärte es für zweifelhaft und wegen der Schwäche des Verwundeten ſchwierig, zu ermitteln, ob die Kugel, welche zwiſchen zwei Rippen eingedrungen war, die Lungen verletzt habe oder in der Rippen⸗ höhle ſtecken geblieben ſei. Es könne eine Blutung nach innen ſtattfinden und der Fall ſei jedenfalls ein ſehr ernſter. Der Hauptmann, deſſen Eifer um den Verwunde⸗ ten bewies, daß er im Grunde mehr ein ſchwacher als ſchlechter Menſch war, brachte trotz des ſchlechten Weges das Coupé des Grafen faſt bis zur Stelle, wo der Kampf ſtattgefunden hatte. Der Major ſetzte ſich mit dem Arzte zu dem Verwundeten, der Haupt⸗ mann ſtieg auf den Bock und langſam ſetzte ſich der Wagen in Bewegung. Ein herrlicher Morgen lag über dem Pavillon des Grafen Tegernheim und ſpiegelte ſich glänzend in dem Schwanenteich, als das Coupé im Schritt zwiſchen beiden hindurchfuhr. Da war es dem Major, als höre er den lauten Aufſchrei einer Stimme, und gleich darauf eilte eine hohe Frauengeſtalt in eleganter Morgentoilette die Schnörkeltreppe herab und auf den Wagen zu. Erneſtine von Tegernheim riß den Schlag auf und ſah dem Major und dem Arzt mit dem Ausdruck einer faſt wahnwitzigen Angſt in die ernſten Geſichter. „Er iſt todt!“ ſagte ſie dumpf.„Laſſen Sie ihn dort hinauf bringen, denn dort wohnen ſeine Mör⸗ der!“ Der Wagen hielt und die Herren ſahen ſich rath⸗ los an. „Unſer Freund iſt allerdings ſchwer verwundet“, ſagte endlich der Major,„und zur Zeit bewußtlos, allein—“ „Nicht todt?“ rief Erneſtine und eine wilde hoff⸗ nungsvolle Freude leuchtete über ihr bleiches Antlitz. „Dann muß er leben; ich laſſe ihn nicht ſterben! Der Aermſte hat weder Mutter noch Schweſter, die ihn pflegen könnten— laſſen Sie ihn in unſer Haus bringen, denn er hat ſich geſchlagen, um mich zu retten!“ „Allerdings hat die Ausſicht, meinen Freund 214 unter weiblicher Pflege zu wiſſen, viel Verlockendes; aber ich fürchte— Sie ſind die Braut ſeines Geg⸗ ners, Gräfin—“ „Ich habe mich keinem Mörder verlobt!“ wehrte die Gräfin mit aufflammendem Stolz.„Nicht wahr, Vater, Ulrich muß bei uns bleiben?“ wendete ſie ſich zu ihrem Vater um, der raſch wie ein Jüng⸗ ling die Treppe hinabgeſprungen war und mit dem Ausdruck ſchmerzlichſter Ueberraſchung in den Wagen blickte. „Natürlich, natürlich!“ rief Tegernheim mit vor Rührung faſt erſtickter Stimme.„Ich habe ihn ſtets lieb gehabt wie mein eigenes Kind, den braven, ritter⸗ lichen Jungen! Er iſt unſer Nachbar, unſer Jugend⸗ freund! Wir haben das erſte Recht auf ſeine Pflege!— Anton! Andrel Heinrich!“ 4 Die Stimme des Grafen drang laut und dröh⸗ nend durch alle Winkel des Hauſes, und von allen Seiten kamen die Diener herbeigeſtürzt, ſelbſt der Gärt⸗ ner mit der grünen Schürze lief herzu. Der Blutverluſt des Verwundeten, der bereits den zweiten Verband durchdrang, und die mit einem wei⸗ teren Transport verbundene Gefahr ließen dem Herrn von Bär keine andere Wahl, als das Anerbieten des Oberceremonienmeiſters anzunehmen. 215 Von einem halben Dutzend kräftiger Menſchen aus dem Wagen gehoben, wurde der Verwundete die Treppe hinaufgetragen, während Erneſtine die Träger flehentlich um größte Schonung bat und Tegernheim vorauseilte, um ihnen den Weg nach ſeinem eigenen Zimmer zu zeigen. Da erſchien unter dem Glasportal mit allen Zei⸗ chen hochmüthigſter Ueberraſchung die alte Gräfin. „Was ſoll der Auftritt?“ fragte ſie mit leiſer, ziſchender Stimme ihren Mann.„Haben Sie noch nicht genug Skandal hervorgerufen durch Ihre Thorheit und Schwäche? Hat ein albernes Geſchwätz Sie ſchon wieder um den Verſtand gebracht? Glauben Sie et⸗ wa nicht, daß der König unſern Schwiegerſohn hal⸗ ten wird quand même?— Erneſtine“, wandte ſich die Gräfin dann laut und verweiſend an ihre Tochter, „ich wünſche, daß Sie ſich mehr Ihrem Stande ange⸗ meſſen betragen! Gehen Sie auf Ihr Zimmer!— Herr von Bär, ich bedaure ungemein, daß unſere beſchränk⸗ ten Räumlichkeiten es uns nicht geſtatten, Ihrem Freunde die von meinem Gatten und meiner Tochter beabſich⸗ tigte Gaſtfreundſchaft zu gewähren.“ „Mutter!“ rief Erneſtine und drängte ſich näher an den Bewyußtloſen, als ſei ſie entſchloſſen, ſich durch nichts mehr von ihm trennen zu laſſen. 216 „Gräfin!“ ſagte jetzt Tegernheim leiſe, aber ruhig und feſt und in einem Tone, wie ſie ſolchen bisher nie von ihm vernommen,„Sie werden mir geſtatten, daß mein junger Freund in mein Zimmer gebracht wird, und werden Ihre Tochter unterſtützen, damit der Ver⸗ wundete gepflegt wird, als ob er ein Sohn des Hau⸗ ſes wäre. Und wenn es der Zuſtand Ulrich's dem Arzt geſtattet, ihn kurze Zeit zu verlaſſen, werden Sie den Doctor über das Befinden Ihrer Nichte zu Rathe ziehen, deren Gemüthszuſtand mir die gerechteſten Be⸗ ſorgniſſe einflößt!“ „Mein Herr!“ bäumte ſich die Gräfin auf. Der Graf beugte ſich zu ihr nieder und flüſterte: „Mathilde, ich bin endlich zu mir gekommen. Stelle Du nicht den Reſt Deines Anſehens in Frage, das ich vor den Leuten wahren möchte! Ich werde von jetzt an Herr im Hauſe ſein— quand mèéme! Deine überklugen Experimente, an denen die Herzen aller zu Grunde gehen, die Dir angehören, ſind zu Ende!“ Was kein Aufbrauſen ihres Mannes, keine pathe⸗ tiſch geiſtvolle Rede vermocht hätte, das bewirkte ſein ruhiger, klarer Blick, der unerſchütterliche Wille, der aus ſeiner flüſternden Stimme ſprach, kurz, die ganze ungewohnte Entſchiedenheit, mit welcher er ſeine ſo oft — b 217 aus Bequemlichkeit verleugnete Manneswürde zur Gel⸗ tung brachte. Als wenn ihr dieſe plötzliche Verände⸗ rung ihres Gatten ein unheimliches Grauen verurſache, wich ſie zurück und der Graf begleitete mit den ent⸗ ſchuldigenden Worten:„Die Gräfin wußte nicht, daß ich unſerm Freunde mein eigenes Zimmer abgetreten hatte“, Herrn von Bär und den Doctor die Treppe hinauf. Erneſtine ſah ihre Mutter nicht an, als ſie ſtumm an ihr vorüberging. Mit ängſtlicher Sorgfalt bewachte ſie jeden Athemzug des Verwundeten und es war, als ob das Leben in die bleichen Züge Ulrich's zurückkehre unter dieſem Blicke grenzenloſeſter Hingebung. Zwölftes Kapitel. Der Roman einer Todten. Noch niemals war es dem Major von Bär ſo ſchwer geworden, vor das Antlitz ſeines allerhöchſten Herrn zu treten als heute, wenige Stunden nach dem Duell, deſſen Aufregung ſich noch deutlich in ſeinen erregten Zügen ſpiegelte. Der Zuſtand Ulrich's hatte ſich zwar nicht als ſo verzweifelt herausgeſtellt, wie es im erſten Augenblick geſchienen hatte. Der Blut⸗ verluſt war groß, die Wunde bedeutend, aber edlere Organe waren nicht verletzt und die kräftige Geſund⸗ heit des jungen Grafen ließ hoffen, daß er ſiegreich bleiben werde in dem Ringen mit der finſtern Macht des Aufhörens, welche ihre geſpenſtiſchen Arme ſchon ſo drohend nach ihm ausgeſtreckt. Aufs neue tief erſchüttert ward der Major durch 219 den Schmerz Johann Helmberg's, als dieſer ihm in vollſter Siegeshoffnung die Immediateingabe ſeines Vaters an den König übergab und von dem Adju⸗ tanten, wenn auch in ſchonendſter Weiſe und wohl⸗ wollendſter Abſicht, nun den Zuſtand ſeines Bruders erfuhr. Gleich Erneſtinen war Hans der Anſicht, daß er ſelbſt die eigentliche Urſache ſei von der Verwundung des Oberſtſtallmeiſters, da erſt die offene Parteinahme Ulrich's für die Sache ſeines Bruders Angelo zu ſol⸗ chem Haß gereizt habe. Der Major kannte ſelbſt die Entſtehungsgründe des Duells zu wenig, um Hans mit Erfolg tröſten zu können, ja er mußte dieſem ſo⸗ gar abrathen, den Kranken vorerſt zu ſehen, da jede Aufregung das Wundfieber, das bereits im Anzuge ſei, bedenklich ſteigern würde. Mit tiefem Schmerz vernahm der Adjutant die Erzählung des jungen Bereiters von dem Vorgehen des Commiſſars in Tondern. Er hatte ſelber den Be⸗ fehl des Königs an die Polizeibehörde ausfertigen müſſen, nachdem durch die Tücke eines Verwandten der Helm⸗ berg der feierliche Einzug der Freifrau in Tondern mit allen möglichen Uebertreibungen und Randgloſſen bereits in der Tagespreſſe zu leſen ſtand. Der König war ſo entrüſtet geweſen über dieſen 220 offenen Trotz, daß ſein Unwillen ſich gegen Alles wandte, was ſeiner Anſicht nach die„Baſtardwirthſchaft“ be⸗ günſtigte. Und von Bär, welcher nach den Mitthei⸗ lungen, die ihm Graf Ulrich am Abende vor dem Duell gemacht hatte, es mehr wie je als Ehrenſache betrach⸗ tete, für den alten Freiherrn und Hans einzutreten, ſo oft ihm der Monarch Gelegenheit gab, ſich zu äu⸗ ßern, fühlte den Boden unter ſeinen Füßen ebenſo ſehr ſchwanken, wie er der Entlaſſung der Grafen Tegernheim und Helmberg aus dem Hofdienſt in näch⸗ ſter Zeit entgegenſah. Sollte ja an den Oberſtſtallmei⸗ ſter ſeit geſtern ſchon eine Weiſung abgehen, welche die Entlaſſung des Johann Helmberg aus königli⸗ chen Dienſten anordnete, und von Bär hatte dieſelbe, ſolange es ſeine Pflicht erlaubte, zurückgehalten, um dem Freunde auf ſeinem ernſten, vielleicht letzten Gange dieſe Bitterkeit zu erſparen. Die Nachrichten, welche Hans brachte, klangen ihm ſo ſeltſam, ſo abenteuerlich, daß er gerechte Zweifel hegte für den Erfolg der Eingabe, und ein Blick in das Schreiben des alten Freiherrn und auf die halb⸗ vergilbten italieniſchen Briefe, die ihm beigegeben wa⸗ ren, konnte ſeine ſchweren Sorgen für das Schickſal ſeiner Freunde nicht zerſtreuen. Wie dieſes übrigens ſich auch geſtalten mochte, 221 ſein Amt zunächſt der Perſon des Königs nahte ſich wohl ſeinem Ende; denn außer den Enthüllungen des alten Freiherrn hatte er auch noch die Anfrage der Be⸗ hörden einzureichen, ob von allerhöchſter Seite einer Vernehmung, eventuell Verhaftung des der Tödtung ſeines Jägers dringend verdächtigen Kammerjunkers von Tondern ein Hinderniß entgegenſtehe. Der Major glaubte bei der etwas zum Mißtrauen hinneigenden Gemüthsart des jungen Monarchen an⸗ nehmen zu dürfen, daß derſelbe in dem Zuſammen⸗ treffen der beiden Schreiben die letzten Karten eines lange und ſorgfältig geplanten Spiels erblicken werde, eine ſchlaue und weitverzweigte Intrigue zum Sturz des von ihm begünſtigten Majoratserben, und daß er infolge deſſen die ihm ſo verhaßte Beeinfluſſung zu kreuzen ſuchen werde, indem er Angelo von Tondern für unſchuldig hielt, weil er ihn ſo wollte. Der Flügeladjutant vereinigte mit ſeltenen Eigen⸗ ſchaften des Herzens einen klaren Verſtand und eine unbeſtechliche Redlichkeit; aber ſein Geiſt war nicht elaſtiſch genug, die manchmal irregeleiteten und ſprung⸗ haften Empfindungen ſeines Monarchen auf deſſen romantiſch angeflogene Hochherzigkeit und den heftigen Widerwillen gegen alles Niedrige und Berechnete zu⸗ rückzuführen. 222 Dem Adjutanten war es unter dem Druck von ſo viel Peinlichem, das ſeine Stellung unleugbar im Gefolge hatte, völlig entgangen, daß ſein allerhöchſter Herr in dem ängſtlichen Beſtreben, gerecht und nur gerecht zu ſein, ſeine eigenen Eindrücke ſorgfältiger und mißtrauiſcher prüfte als die Reden Anderer und daß er perſönlichen Aufwallungen nur ſelten und nur dann Raum gab, wenn er glaubte, daß die Würde der Krone, die er trage, von ihm fordere, unſtatthaften Trotz zu beugen. Herr von Bär hatte noch eine andere ſchwere Auf⸗ gabe. Er hatte dem König die ſchwere Krankheit des Oberſtſtallmeiſters zu melden, und wenn dieſer, wie ſicher vorauszuſehen, nach der Art der Krankheit fragen würde, ſo konnte es nicht ſeine Abſicht ſein, das Duell und die eigene Betheiligung daran zu ver⸗ ſchweigen, Thatſachen, die ja ohnedies wahrſcheinlich heute noch von gut bedienten Abendblättern berichtet wurden. Der Adjutant hatte noch keine Gelegenheit gehabt, die perſönlichen Anſchauungen ſeines Fürſten über den Zweikampf kennen zu lernen. Bei aller Ritterlichkeit der königlichen Geſinnung war aber anzunehmen, daß er ein Geſetz, deſſen oberſter Protector er war, nicht vor dem ganzen Lande ignoriren werde, indem er — einen Offizier in ſeiner nächſten Umgebung behielt, der in einen Zweikampf verflochten geweſen, noch da⸗ zu in einen Zweikampf wie dieſer, der vorausſicht⸗ lich die öffentliche Discuſſion und Verdammungsfertig⸗ keit des ſoliden Staatsbürgers für lange in Athem erhielt. All dies wirkte zuſammen, daß der Major mit klopfendem Herzen, als gehe er in eine Schlacht, in das königliche Gemach trat, nachdem der Kammer⸗ diener die Flügelthüren weit geöffnet hatte, zum Zei⸗ chen, daß Seine Majeſtät bereit ſei, den Vortrag entgegenzunehmen. Dieſe Befangenheit ward noch er⸗ höht durch den Gedanken an die Lage der Dinge in Tondern und an die wahrſcheinliche Gemüthsverfaſ⸗ ſung des kleinen Bereiters, der, von der doppelten Sorge um Eltern und Bruder faſt erdrückt, in der Dienſtwohnung des Majors einer Entſcheidung oder Nachricht entgegenharrte. Hätte der Major nur die geringſte Anlage zur In⸗ trigue gehabt, ſo würde er jedenfalls nicht mit einer Meldung begonnen haben, welche ſeinen Einfluß auf alle folgenden Angelegenheiten fraglich machen mußte, mit der Anzeige von der ſchweren Erkrankung des Oberſtſtallmeiſters. Der König hatte ſeinen Adjutanten beſonders gnädig ——·—e-e-——e-——— 224 empfangen und ſchien heiterer, wohlwollender Laune. Der Major aber, wie bedrückt durch die allerhöchſte Huld, ſchien es eilig zu haben, aus dem Sonnenſ ſchein der fürſtlichen Gnade zu kommen; ſtatt zu warten, ob der König nicht durch irgend eine nenereuns oder Frage eins jener Geſpräche einleite, in welchen er dem Adjutan ten ſo oft ſchon alles Mögliche zu ſagen erlaubt hatte, machte er ſofort mit ernſter Miene die Meldung, daß der Oberſtſtallmeiſter Graf Helmberg bedenklich er⸗ krankt ſei. Die Frage des Königs, die der Major ſo ſehr gefürchtet, erfolgte denn auch pünktlich, und die Wärme derſelben hätte den Major überzeugen können, daß die Nachricht von dem ſchweren Leiden eines einſt bevor⸗ zugten Cavaliers hingereicht hätte, den König das mißfällige Gebaren deſſelben bei der berhet ſogleich vergeſſen zu laſſen. „Schwer erkrankt, ſagen Sie? Laſſen Sie doch ſofort Unſern Leibarzt kommen! Wiſſen Sie nicht, was dem Grafen fehlt? Er war doch immer ſo kräftig, ſo blühend?“ Der Major ſeufzte tief auf und ſagte mit einer Stimme, als ob er ſein eigenes Todesurtheil ver⸗ künde: 225 „Der Graf iſt heute am frühen Morgen durch den Freiherrn von Tondern im Duell verwundet worden!“ Der König ſchien äußerſt betroffen von dieſer Nachricht. „Ein Duell? Zwiſchen zwei Cavalieren Unſeres Ho⸗ fes? Das iſt eine betrübende Botſchaft, die Sie Uns da bringen, lieber Major! Ich greife wohl nicht fehl, wenn ich jene unglückliche Familiengeſchichte als die Urſache dieſes bedauernswerthen Unfalls anſehe? Schon die Aeußerungen Helmbergs bei der Eberjagd deuteten auf Aehnliches hin. Es wäre mir ſehr lieb geweſen, wenn dies Duell hätte verhindert werden können!“ „Es war nicht mehr zu verhindern, Majeſtät. Beide Gegner beſtanden darauf, ſich zu ſchlagen.“ Der König ſah den Major aufmerkſam an. „Sie ſagen das in einem Tone, als ob Sie ſelbſt um die ganze Sache gewußt hätten, lieber Major?“ „Ich habe darum gewußt, Majeſtät; denn ich ſelbſt habe dem Grafen Helmberg als Secundant zur Seite ge⸗ ſtanden.“ Der König ſchien aufs höchſte, jedoch nicht gerade unwillig überraſcht. „Sie ſelbſt ſind in dieſen tollen Handel ver⸗ wickelt? Major, Major, das ſind für Ihr Alter und Ihre Stellung ganz bedenkliche Neigungen!“ v. Schlägel. Die Ritter der Gegenwart. II 15 „Majeſtät!“ ſagte von Bär, kühn gemacht durch das Wohlwollen, das aus den Vorwürfen ſeines Für⸗ ſten klang,„Graf Helmberg iſt mein Freund und ein Mann, den ich um ſeiner Herzenseigenſchaften wil⸗ len hoch verehre. Ich hätte es für eine Schmach ge⸗ halten—“ Eine abmahnende Handbewegung des Königs ließ den Major verſtummen. „Ich weiß, was Sie ſagen wollen“, ſprach er, und in ſeinem halben Lächeln war unſchwer die Ab⸗ ſicht zu erkennen, einer allzu lebhaften Expectoration ſeines Adjutanten vorzubeugen, die er vielleicht ungnä⸗ dig hätte aufnehmen müſſen.„Ich bin weit entfernt, Sie darum zu tadeln, weil Sie den Eingebungen Ih⸗ res Edelmuthes ſelbſt die Rückſichten auf Ihre Stellung hintangeſetzt haben. Es iſt mir nur ſchmerzlich, für die nächſte Zeit wenigſtens zwei meiner Cavaliere ent⸗ behren zu müſſen, die mir am nächſten ſtanden.“ Der Major hatte verſtanden. Er mußte dem Hofe fern bleiben, bis die Geſchichte vergeſſen war. Die bürgerliche Geſetzlichkeit verlangte eine Sühne. Nach einer Pauſe begann der Monarch wieder: „Sie wollen Uns Mittheilung machen, wenn der Zuſtand des Grafen erlaubt, ihn zu beſuchen. Sie machen ſich hochverdient um Uns, wenn Sie Alles 227 thun, was dem Oberſtſtallmeiſter zur Erleichterung ſeines Krankenlagers dienen kann.“ „Ich fürchte, daß ich die Zufriedenheit Eurer Majeſtät in dieſem Falle zu verdienen keine Gelegen⸗ heit habe. Die Bemühungen des Grafen Tegernheim und ſeiner Familie, welche den Verwundeten zur Pflege beanſpruchten, dürften es unmöglich machen, ihrer zar⸗ ten Sorgfalt noch etwas hinzuzufügen.“ „Von den Tegernheims wird der Verwundete ge⸗ pflegt? Sie bringen Uns immer neue Ueberraſchungen, Major! Tondern ſchlägt ſich mit Helmberg, wie es ſcheint, in der erbittertſten Weiſe, und die Familie von Tondern's Braut widmet dem Verwundeten die aufopferndſte Pflege? Das iſt ungewöhnlich, das läßt ſich nicht allein aus ſamaritiſchen Neigungen erklären, Major. Die Tegernheims ſpielen in der letzten Zeit eine ſeltſame Doppelrolle. Schon der Umſtand, daß in der Feerie der illegitime Bruder Tondern's Hand in Hand mit der Nichte des Grafen Tegernheim uns vorgeführt wurde, iſt Uns unangenehm aufgefallen!“ Der König ſchwieg und ſchien eine Erklärung des Majors zu erwarten.. „Die letztere Thatſache, Majeſtät“, meinte dieſer, „dürfte wohl nur in der allzu ängſtlichen Auffaſſung einer Aeußerung liegen, die Eure Majeſtät am Schluß 15* 1 ——————yj-—CQ—ꝭ—O—Oꝑ——* 228 der Eberjagd zu thun geruhten. Es iſt mir bekannt, daß weder Graf Tegernheim noch ſeine Familie vor oder nach dem Feſtſpiel mit Johann Helmberg ver⸗ kehrte.“ Der König wurde nachdenklich. „Dann allerdings hätten wir dem Oberceremoni⸗ enmeiſter ohne Grund wehe gethan. Wir vermuthe⸗ ten eine Abſicht. Aber wie verhält es ſich denn mit der plötzlichen Freundſchaft zwiſchen Graf Helmberg und den Tegernheims, welche doch, wie ich wahrneh⸗ men mußte, ſich zu meiden ſchienen?“ „Ich ſehe darin ſelbſt nicht klar, Majeſtät. Aber wenn ich mich einzelner Aeußerungen Helmberg's erin⸗ nere, ſo möchte ich faſt annehmen, daß außer der Stellung Helmberg's zur Tondern'ſchen Familienangele⸗ genheit auch die Verlobung der Gräfin Erneſtine und all der finſtere Verdacht, welcher dem Freiherrn ſeit den letzten Tagen folgt, Veranlaſſung zu der For⸗ derung gegeben haben.“ „Von welchem Verdachte ſprechen Sie?“ fragte der König ſcharf. „Eure Majeſtät haben Kenntniß davon, daß un⸗ weit der Grenzen des Parkes vor wenig Tagen die Leiche eines Dieners des Freiherrn Angelo aufgefun⸗ den wurde—“ — 229 „Ich weiß, ich weiß“, unterbrach ihn der Fürſt abwehrend, als ſenke ſich ein düſterer Schatten auf ſeine Seele bei dem Gedanken, daß ein Mord den Frieden ſeines Aufenthalts entweiht habe. „Der Freiherr ſteht unter dem Verdacht“, fuhr von Bär fort,„den Getödteten zur Ermordung des Hans Helmberg gedungen und dann, als er von ſeiten ſeines Dieners Verrath fürchtete, dieſen ſelbſt durch Re⸗ volverſchüſſe getödtet zu haben. Der Mord von Jo⸗ hann Helmberg ſollte auf der Jagd ſtattfinden und einem unglücklichen Zufalle zugeſchrieben werden. Cs iſt anzunehmen, daß der Jäger ſchon in der darauf folgenden Nacht ums Leben kam.“ „Das iſt ja eine ganz abſcheuliche Geſchichte!“ rief der König aufgebracht.„Aber daß der Freiherr von Tondern damit in Beziehung gebracht wird, er⸗ ſcheint mir ebenſo abenteuerlich als abſurd. Wel⸗ ches Motiv konnte der Freiherr haben, den Johann Helmberg zu tödten, gegen deſſen Uſurpationen er ja durch Unſern Entſcheid für alle Zukunft geſichert war? Und mit der Wahrſcheinlichkeit dieſer Annahme fällt auch jeder Beweggrund für den Mord des Dieners hinweg, der wahrſcheinlich einem Liebeshandel oder einem Streit in der Trunkenheit zum Opfer gefallen ſein wird. Wer belaſtet den Freiherrn?“ 230 „Die Geliebte des Getödteten und neuerdings eine dem Johann Helmberg abgedrungene Erklärung.“ „Ah, das ſtimmt ja merkwürdig zuſammen mit der offenen Meuterei, mit welcher das Haupt der Fa⸗ milie Tondern Unſere Entſcheidungen und Befehle be⸗ antwortet.“ Der König ging erregt und unwillig auf und nie⸗ der. Nach einer Pauſe begann er wieder: „Meiner Ueberzeugung nach iſt dies eine im In⸗ tereſſe der Gräfin Helmberg und ihres Sohnes ausge⸗ beutete Geſchichte. Ich werde die Ehre des jungen Freiherrn ebenſo ſchützen wie ſeine Rechte!“ Der Major nahm aus ſeinem Portefeuille ein großes Schreiben und überreichte es dem Könige, wie es ſchien, tief verletzt, mit den Worten:. „Geſtatten Eure Majeſtät, daß ich das Anſuchen der königlichen Staatsanwaltſchaft behufs Vernehmung und Verhaftung des königlichen Kammerjunkers und Legationsſecretärs von Tondern allerunterthänigſt vor⸗ lege.“ 1 Erbleichend nahm der König dem Adjutanten das Schreiben aus der Hand und warf einen kurzen Blick darauf. „Aber das iſt nicht möglich! Wahrſcheinlich wie⸗ der eine jener Conceſſionen an die öffentliche Mei⸗ ———————— 4 231 nung, die ich ſo ſehr haſſe! Ein Mittel, um das Geſchrei des unmündigen Volkes zum Schweigen zu bringen. Ich werde nicht dulden, daß man mit der Gerechtigkeit ein ſolches Spiel treibt, daß ſich die Wächter des Geſetzes durch jeden Zeitungsartikel einſchüchtern und beirren laſſen! Der Verdacht gegen Tondern iſt abſurd, ich wiederhole es. Wenn ich auch glauben wollte, daß die Träger der älteſten Namen, die feingebildeten Cavaliere, die mich zunächſt umgeben, ſofort bereit ſind, um der Erreichung irgend eines Zweckes willen Mörder zu dingen und nachher die ih⸗ nen läſtigen Bravos hinter einem Buſch hervor zu er⸗ ſchießen, ſo fehlt mir noch immer dieſer Zweck! Und ſolange man mir den Zweck nicht zeigt, werde ich an ſo Ungeheuerliches nicht glauben, nie, nie!“ Der König war ſehr erregt. Seine Augen blitz⸗ ten; ſeine ganze großherzige Natur durchbrach mit ei⸗ nem Male alle Rückſichten, die er ſich ſelber auferlegt, und energiſch ſtampfte er mit dem Fuß auf den Boden. „Mein allerhöchſter Herr!“ ſagte der Adjutant ru⸗ hig,„nicht ich, ſondern der Anwalt der Krone klagt den Baron Tondern an.“ „Aber Sie ſind ebenfalls überzeugt, daß der Ba⸗ ron ſchuldig ſei! Wenn man Jemand nicht liebt, ſo wird es leicht, an deſſen Schuld zu glauben.“ 232 „Maieſtät, dieſer Vorwurf iſt bitter für Ihren Diener! Wenn ich den Baron nicht liebe, ſo iſt es, weil er ſich mir auf unmännliche Weiſe näherte, um mich für ſeine Beſtrebungen zu gewinnen, weil er ſei⸗ nen eigenen Vater, einen Mann, den ich hoch ver⸗ ehre, auf das grauſamſte verfolgte um ſeines Vor⸗ theils willen. Auch in mir ſträubt ſich Alles zu glau⸗ ben, daß der Baron zum Mörder geworden ſei, aber Eure Majeſtät fordern Wahrheit— nun ja, ich halte ihn, wenn ſein Intereſſe in Frage kommt, einer ſolchen That für fähig.“ „Aber das Motiv, das Motiv!“ rief der König, ſichtlich betroffen über den männlichen Ernſt, mit wel⸗ chem der Major ſprach. „Das Motiv zum Morde ſeines jüngeren Bru⸗ ders wäre darin zu ſuchen, daß der Baron die Ent⸗ hüllung von Papieren befürchtete, welche in die Hände von Dritten gelangt waren und, nachdem der Baron mit Liſt und Gewalt vergeblich ihrer habhaft zu wer⸗ den geſucht, an ſeinen Vater ausgeliefert werden ſoll⸗ ten. Dieſe Papiere, zumeiſt Briefe ſeiner verſtorbenen Mutter, ſollen den Beweis enthalten, daß Baron An⸗ gelo nicht der Sohn des Freiherrn Hermann von Ton⸗ dern iſt. Dieſe Entdeckung verlor für letzteren ihren praktiſchen Werth, wenn Hans todt war, und in die⸗ 233 ſem Fall war es nicht anzunehmen, daß der alte Frei⸗ herr die für einen Chemann immerhin mißliche Täu⸗ ſchung an die Oeffentlichkeit bringen werde, um das Majorat nach ſeinem Tode an den Fiscus übergehen zu laſſen. Wie ich Hermann von Tondern kenne, ſo hätte ſich Angelo auch in dieſem Falle verrechnet, aber immerhin blieb der Tod des Johann Helmberg die letzte Chance und kurzſichtig iſt die Berechnung eines Verzweifelnden ja immer.“ Der König war ruhiger geworden und hörte, langſam im Zimmer auf und nieder wandelnd, dem Ad⸗ jutanten aufmerkſam zu. Als dieſer geendet, blieb er ſtehen. „Und wer ſoll der angebliche Vater Angelo's ge⸗ weſen ſein?“ „Ein junger venetianiſcher Seemann.“ Das Antlitz des Königs ſah aus, als wolle der Unwille, der ſich eben erſt beſänftigt, darauf zurückzu⸗ kehren; aber es gelang ihm, ſeine Bewegung zu unter⸗ drücken, und abweiſend ſagte er: „Die Geſchichte wäre intereſſant genug und macht dem Läſtergeiſt ihres Erfinders Ehre! Aber ich glaube nicht an geheimnißvolle Handſchriften, ehe ich ſie ſehe.“ Ruhig nahm der Adjutant aus ſeinem Portefeuille die Schriftſtücke hervor, welche der junge Bereiter ihm übergeben. 234 „Geſtattten Eure Majeſtät, daß ich die Immedi⸗ ateingabe des Freiherrn Hermann von Tondern vorlege, aus welcher ich einige von den Informationen ge⸗ ſchöpft, welche Eure Majeſtät ſo eben anzuhören ge⸗ ruhten.“ Der König nahm die Papiere, durchflog die Ein⸗ gabe und löſte dann das ſeidene Band, das die ver⸗ gilbten Papiere zuſammenhielt. Ein kleines Gemälde fiel zu Boden. Der Adjutant hob es auf und über⸗ reichte es mit einer tiefen Verbeugung. Haſtig griff der König darnach. Es zeigte einen jungen Mann in Seemannstracht, mit ſüdlichem Geſicht und großen glü⸗ henden Augen. So mußte Angelo ausgeſehen haben mit zwanzig Jahren. Die Hand des Königs, die die Blätter hielt, zit⸗ terte leicht; langſam wandte er ſich ab, trat an das Fenſter und legte die Papiere auf ſeinen Schreibtiſch. Leicht mit der Hand darauf geſtützt, blieb er eine Weile wie in tiefem Nachdenken ſtehen, als koſte es ihn einen Entſchluß, den Schleier zu lüften von dem fremden Geheimniß. Die Mittagsſonne drang durch die Bogen und Arabesken des hohen gothiſchen Fenſters und lag glühend auf einem der alten Blätter mit den italieniſchen Schriftzügen. Trotz des blen⸗ denden Widerſcheins wandte der König das Auge nicht — 235⁵ davon ab; faſt unwillkürlich folgten ſeine Blicke den Zeilen von kräftiger Männerhand in dem klangvollen Pathos der Italiener: „Addio! Wenn in Deiner weißen Hand dies Schreiben zittert, grüßt vielleicht der Wimpel des Schiffes, das mich von hinnen trägt, zum letzten Male die Steinaltane, die ich ſo oft um Deinet⸗ willen erſtieg. Ich ziehe allein. Noch tönen mir im Herzen jene Worte, mit denen Du mir ſchwurſt, mich nie zu laſſen. Auf meinen Lippen fühle ich noch Dei⸗ ner Küſſe Glut, indeß um Dich vielleicht der Deutſche ſchon die Arme ſchlingt. Du ziehſt mit ihm in ſeine kalte Heimat, nachdem Du ihn ver⸗ rathen haſt— wie mich!— Sei meinem Kinde eine gute Mutter!— Addio! Mich ruft das Meer, das man das falſche nennt— möge es mir treuer ſein wie Du! Angelo.“ Noch immer ſtand der König ſinnend da; lang⸗ ſam rückte der Sonnenſtrahl vor und die zitternden Blätterſchatten der Bäume draußen tanzten über die Papiere auf dem Schreibtiſch. Wie Schatten flog es über die geſenkte Stirn des jungen Fürſten; leiſe glitt ſeine Hand über die Zeugen einer ſchuld⸗ und 236 thränenvollen Vergangenheit, und wie traumverloren flüſterte er:„Der Roman einer Todten!“ Plötzlich ſchien er ſich zu entſinnen, daß er nicht allein ſei; als werde es ihm ſchwer, ſich in die Wirk⸗ lichkeit zurückzufinden, legte er einen Augenblick die Hand über die Augen; dann trat er vom Fenſter zurück. „Der Freiherr ſchreibt mir, daß der Verdacht, den dieſe Briefe bewahrheiten, ihn nie verlaſſen habe daß er aber nicht gewagt habe, ohne ſichere Be⸗ weiſe eine Anklage zu erheben. Wenn dieſe Pa⸗ piere echt ſind“, fügte der König leiſer hinzu,„ſo muß der alte Freiherr Uebermenſchliches gelitten haben!“ Der Major ſah überraſcht, wie beſchämt zu ſei⸗ nem Monarchen auf; eine ſolche Fähigkeit, ſich in die Gefühle Anderer zu verſetzen, hatte er bei dem jugend⸗ lichen Fürſten nicht geahnt. Faſt demüthig erwiderte er: „Die Echtheit der Briefe zu conſtatiren dürfte nicht ſchwer ſein, Majeſtät, da ich die Perſon, welche ſie in Verwahrung hatte und über ihre Herkunft am beſten Aufſchluß geben könnte, zur Verfügung Eurer Majeſtät in das Schloß habe beſcheiden laſſen.“ Der König blieb ernſt und aufrecht ſtehen; alles 237 Mißtrauen und Schwanken ſchien von ihm gewichen. Mit klaren Augen ſchaute er auf den Major, deſſen Antlitz von hoffnungsvoller Aufregung glühte. „Das war ſehr umſichtig, ſehr lobenswerth, Ma⸗ jor! Wir haben in dieſer Sache nach dem Buchſtaben des formalen Rechts entſchieden, wie er Uns von Un⸗ ſern Richtern ausgelegt wurde. Und nun ſtehen Wir vor der Befürchtung, daß Wir die ganze Strenge des Geſetzes walten ließen zu Gunſten eines Unwür⸗ digen, dem ſeine Geburt, wie es ſcheint, noch weniger das Recht gibt zu dem Namen, den er führt, als dem Andern. Das iſt eine dunkle, betrübende An⸗ gelegenheit, Major, ſo dunkel, fürchte ich, daß kein Geſetzbuch der Welt ausreichen würde, ſie zu erklären. Darum wollen wir mit eigenen Augen ſehen, mit Unſeren Ohren hören und entſcheiden nach dem Ur⸗ theil Unſeres eigenen Verſtandes. Beſcheiden Sie die Zeugin vor Uns, Major!“ Der Adjutant entfernte ſich und kam bald dar⸗ auf wieder, gefolgt von Reſ', deren verſtörtes Auge und bleiches Antlitz unheimlich ſtanden zu den zahlloſen Knixen, mit welchen ſie vor den König trat. Sie endete ihre Verbeugungen auch nicht, nachdem eine Handbewegung des jungen Monarchen ihr dieſelben längſt erlaſſen. 238 Der König deutete auf die Briefe, die auf einem Tiſche lagen, und fragte: „Kennſt Du dieſe Papiere?“ Reſl, welche es nicht für paſſend halten mochte, in Gegenwart des Königs aufrecht zu gehen, näherte ſich gebeugt dem Tiſche, prallte aber mit allen Zei⸗ chen des Entſetzens wieder davor zurück und fiel auf ihre Kniee. „Bei der heiligen Mutter Gottes von Trudering ſchwör' ich's, daß ich die Unglücksbrief' ſelber hergeb'n hab', ohne was dafür zu verlangen, Herr König— mit aufgehobene Händ' ſchwör' ich's—“ „Darum handelt es ſich nicht“, wehrte der König ab, „Steh' auf und erzähle, wie Du in den Beſitz der Briefe gekommen biſt.“ Die Reſ'l gehorchte zwar, rang aber noch ver⸗ zweifelter die Hände. „Ich kann auch nix dafür, daß mein ſeliger Vater die Brief net verbrannt hat, wie's die Frau Baronin hat hab'n wollen. Er hat mir halt die Brief' geb'n und g'ſagt: Die machen noch mal Dein Glück, Reſ'l! und ich bin halt'n dummes Madel und hab' das glaubt. Und jetzt bin ich meines Lebens net mehr ſicher wegen der unglückſeligen Brief!— Gelt, Herr König“, unterbrach die Reſ'l flehentlich den ver⸗ 239 zweiflungsvollen Sturm der eigenen Rede,„gelt, Sie erlauben net, daß der Angelo mich auch noch um⸗ bringt, wie den Thomas, weil ich ihm die Brief' net geben hab', ſondern dem Andern? Wiſſen S', der An⸗ gelo hat ſie mir ſchon einmal mit Gewalt nehmen woll'n, hat aber nur alte Zeitungen erwiſcht, und er brächt' mich ganz gewiß um, wenn er wüßt', daß ich ſeinem Bruder die rechten geben hab'! Gelt, Sie verrathen mich net bei dem Angelo, Herr König? Ganz gewiß, er thät' mich umbringen.“ 3 Eine leichte Bläſſe hatte das Antlitz des jungen Fürſten überzogen bei dem verzweiflungsvoll komiſchen Geſchwätz der Reſ'l. „Und Du glaubſt wirklich, daß der Angelo den Jäger getödtet hat?“ Die Reſil fuhr zuſammen und ſah ſich furchtſam um; dann beugte ſie den Oberkörper vor und flüſterte eifrig mit dem Kopfe nickend: „Kein Andrer als der Angelo, Herr König! Er hat ja auch ſeinen Bruder umbringen laſſen wollen; der Thomas hat mir's ſelber erzählt, und ich hab' dem Thomas g'ſagt, daß er das net thun ſoll; aber ſagen Sie's ihm ja net, ich bitt'! ſonſt geb' ich für mein Leben keinen Groſchen net!“ Noch einmal ruhte das Auge des Königs ſcharf 240 und durchbohrend auf dem Mädchen, das in unge⸗ heuchelter Angſt zu ihm aufſah. Dann ſagte er: „Und haſt Du keinen Wunſch, keine Vig. die ich Dir gewähren könnte?“ Die Reſ' nickte raſch. „Ja doch, Herr König! Im Lumpenhäuſ' kann ich nimmer bleiben! Jede Nacht kommt der Thomas ganz blutig zu mir und ſagt, daß ich ſchuld bin an ſeinem Tod, und wie ich heut' ins Schloß g'holt word'n bin, da hab' ich den Angelo neben dem Weg ins Holz ſchlupfen ſehn; ich hab'n ganz gut kennt an der gelben Hoſ'n, die er ang'habt hat, wie er mir die Brief' hat nehmen wollen. Der paßt mir gewiß auf, bis ich wieder heimgeh'. Ich ſterb' vor Angſt, wenn ich wieder heim muß!“ Der König wendete ſich zu ſeinem Adjutanten. „Alles, was das Mädchen ſagt, trägt unverkenn⸗ bar den Stempel der Aufrichtigkeit; überdies befindet ſie ſich in einem Zuſtande der Aufregung, welcher jede Verſtellung zur Unmöglichkeit machen würde. Wir wollen die Seelenangſt der Armen nicht noch ſtei⸗ gern, ſie nicht für das Vergehen ihres Vaters ver⸗ antwortlich machen! Laſſen Sie das Mädchen in ei⸗ ner paſſenden Anſtalt unterbringen und ihren Ge⸗ müthszuſtand ſorgfältig beobachten. Es ſollen in die⸗ 241 ſer unglücklichen Angelegenheit nicht mehr Opfer fal⸗ len, als unvermeidlich ſind!“ Mit einem Seufzer wandte der König ſich ab. Nicht ohne Mühe brachte Herr von Bär die wi⸗ derſtrebende Reſ'l in das Vorzimmer, welche den Kö⸗ nig immer aufs neue zu einer Discretion gegen An⸗ gelo aufforderte. Als der Major wieder eintrat, ſtand der König mit finſter zuſammengezogenen Brauen und entſchloſſe⸗ nem Antlitz am Fenſter. „Wir ſind noch nie einem Menſchen, der gemor⸗ det hat, Auge in Auge gegenüber geſtanden. Wir möchten erfahren, ob der Unglückliche den Muth beſitzt, den Blick zu Uns zu erheben und ſein Verbrechen zu leugnen.“ „Majeſtät wollten einen faſt überführten und verzweifelnden Verbrecher empfangen? rief der Major erſchreckt. „Gewiß will ich das! Laſſen Sie Angelo von Tondern rufen, Major!“ Staunend und verwirrt ſtand der Adjutant vor dieſem Befehl ſeines Monarchen; dann verbeugte er ſich tief und ging. Wohl eine Viertelſtunde dauerte ſeine Abweſenheit; während dieſer Zeit ging der junge Fürſt ruhelos im Zimmer auf und ab und Glut und Bläſſe wechſelten auf ſeinem Antlitz. v. Schlägel, die Ritter der Gegenwart. II. 16 242 Endlich kam der Major zurück. Als derſelbe eintrat, zuckte der König unmerklich zuſammen, als ſei es ein furchtbarer Augenblick, zum erſten Male einem Mörder gegenüberzuſtehen. Aber der Adjutant kam allein. „Majeſtät, Angelo von Tondern iſt nirgends auf⸗ zufinden und ſeine Wohnung trägt deutliche Spuren einer ſchleunigen Abreiſe. Auch ſeine Dienerſchaft, die ſehr aufgeregt iſt und nicht im geringſten an der Ermordung des Jägers durch die Hand ihres Herrn zweifelt, ſpricht die Vermuthung aus, daß dieſer nicht wiederkehren dürfte.“ Der König athmete tief. „Es iſt beſſer ſo“, ſagte er leiſe. Dann entſtand eine lange Pauſe. Der König ſchien tief verſtimmt und müde und der Major ſtand in ſich verſunken da. Als handle es ſich um Leben oder Sterben des eige⸗ nen Vaters, ſo angſtvoll überlegte er, ob er jetzt die entſcheidende Frage mit Ausſicht auf Erfolg ſtellen dürfe. Aber es gab ja kein Zaudern; es mußte ſein. So begann er endlich: „Mein allergnädigſter Herr, der gegenwärtig ein⸗ zige Sohn des Freiherrn von Tondern wartet in Todes⸗ angſt auf ein Wort von Eurer Majeſtät. Wenn er 243 vor dem Morgen nicht zu ſeinen Eltern zurückkehrt, haben dieſe vielleicht ihrem Leben ein Ende gemacht, um nicht gewaltſam von einander getrennt zu werden.“ Der König erſchrak ſichtlich und ein harter Kampf ſchien in ſeinem Innern vorzugehen. Dann ſagte er raſch und ſtockend, als verurſache ihm das, was er zu verkünden habe, einen tiefen Seelenſchmerz: „Wir ſind von der Echtheit jener Briefe jetzt über⸗ zeugt, Major! Wir werden den Stammbaum eines un⸗ ſerer älteſten Häuſer von dem wilden Reis befreien. Aber wir dürfen nicht Unrecht durch Unrecht erſetzen, den italieniſchen Baſtard nicht durch den natürlichen Sohn. Wir bedauern den Freiherrn tief ob der bittern Täu⸗ ſchung, welche ſchon in jungen Jahren ſein Leben ver⸗ giftet und ohne Zweifel in ſeiner Seele den Grund gelegt hat zu all dem Beklagenswerthen, das er ſpäter begangen; Wir ehren den Freiherrn ob der Mäßigung, die er bis zuletzt gegen den Sohn bewahrt, gegen den ſein Verdacht und die Stimme des Blutes ihn einneh⸗ men mußten. Das Alles ändert aber nichts an der Ungültigkeit ſeiner Ehe mit der Gräfin Helmberg, an der Strafwürdigkeit des Verhältniſſes, welches der Freiherr nach dem Zeugniß des verſtorbenen Grafen mit der Gattin des letztern. unterhalten. Wir kön⸗ nen nicht gegen die Moral des letzten Unſerer Unter⸗ 16* 244 thanen ſündigen, indem wir jenem Bündniß Unſere Sanction ertheilen. Wir dürfen den ehrenhaften und tugendſamen Adel Unſeres Landes nicht beleidigen dadurch, daß wir den Sproſſen jener unlautern Ver⸗ bindung zum künftigen Haupt eines der älteſten Ge⸗ ſchlechter erheben.“ Der Adjutant ſenkte das Haupt mit einer Hoff nungsloſigkeit, die er nicht verbergen mochte. „So hat denn Tondern durch das, was ihn ret⸗ ten ſollte, ſelbſt das Letzte verloren, was ihm werth ſein mochte: die Fortdauer ſeines Namens!“ Unruhig ſchritt der König auf und nieder; dann fuhr er mit ſchwermüthiger Entſchiedenheit fort: „Wir können daran nichts ändern, mein lieber Major, ſo ſchwer es Uns auch werden mag! Ja, wenn nicht dieſer unſelige Proceß dazwiſchen läge mit allen ſeinen Enthüllungen— fürwahr, Wir hät⸗ ten nicht an den Frieden jener Familie gerührt, gleich⸗ viel auf welchem Boden ſie ſtand! Nun aber, da je⸗ nes unglückliche Familiengeheimniß dem Richterſpruch verfallen und öffentlich geworden iſt, können Wir die Schande nicht für Recht vor dem ganzen Lande erklären!“ „Majeſtät“, ſagte der Adjutant mit bebenden Lip⸗ pen,„ich fürchte, daß ich die Grenzen weit überſchreite, e — 245 welche mir durch meine Stellung gezogen ſind; allein ich mag es nicht verhehlen: alle Richterentſcheide und Zeugeneide haben mich nie bewegen können, von Ton⸗ dern Schlechtes zu glauben, und ſeit geſtern bin ich ſogar überzeugt, daß er auch in dieſer Angelegenheit der aufopferungsfähige, ſich ſelbſt verleugnende ritter⸗ liche Edelmann geblieben iſt, als der er ſich— wie Eure Majeſtät ſelbſt erwähnt haben— ſeinem unwür⸗ digen Sohne gegenüber bewährt hat.“ Der König war betroffen durch das Feuer, mit dem der Adjutant ſprach, indeß erwiderte er mit ei⸗ nem leichten Anflug von Ungeduld: „Ich ehre Ihren Eifer für das Wohl Ihrer Freunde, Major; allein Ihre Sympathien wiegen das Urtheil der Richter das Zeugniß des Grafen Helmberg gegen die eigene Gattin nicht auf! Solange dieſes nicht entkräftet wird.—“ Der König zuckte die Achſeln und ſchwieg. „Ich kann es entkräften, Majeſtät, mit dem Ehrenworte ſeines Sohnes! Der Oberſtſtallmeiſter iſt vor Eurer Majeſtät offen eingetreten für die Ehre ſei⸗ ner Mutter, für die rechtliche Geburt ſeines Bruders. Er hat mir dieſe Ueberzeugung feierlich wiederholt, wenige Stunden vor jenem Kampfe auf Leben und Tod. Graf Ulrich hat für den Fall ſeines Todes ſei⸗ 246 ner Mutter und ſeinem Bruder ſein ganzes verfügba⸗ res Vermögen rechtsgültig vermacht und mir— ſei⸗ nem Freunde— die heilige Pflicht aufs Herz gebun⸗ den, einzutreten an ſeiner Stelle für die Ehre ſeiner Mutter, für die Rechte ſeines Bruders. Nach den Aufklärungen, die mir Graf Ulrich damals über die Geſchichte ſeiner Mutter und ihr Verhältniß zu dem Freiherrn gegeben, erfülle ich, ſoweit meine Kräfte reichen, dieſe Sendung.“ Halb unwillig, halb erſtaunt hörte der Fürſt dieſe ungewöhnliche Sprache. „Aber der Freiherr ſelbſt hat nie verſucht, das Zeugniß des verſtorbenen Grafen zu entkräften! Wenn es eine andere, für ihn günſtigere Lesart gab, ſo war es Selbſtmord, ſie zu verſchweigen!“ „Majeſtät, dies Schweigen entſprang demſelben Edelmuth und Zartgefühl, welches dem Freiherrn auch gebot, drei Jahrzehnte lang einen Erben ſeines Namens zu dulden, der nicht ſeines Blutes war, ja, der ihn auf das bitterſte verfolgte! Es widerſtrebte ihm, den Gatten des Weibes, das er bewunderte um ihrer ſchweigenden Aufopferung willen, des Wahn⸗ ſinns anzuklagen, des Wahnſinns, der das eigene ſchuldloſe Weib ermorden wollte. Der Freiherr hatte den Geiſteszuſtand des Grafen längſt geahnt— ohne 247 ſeine muthvolle, ſelbſtloſe Entſchloſſenheit ſtarb die Gräfin von der Hand des Gatten, den ihre Selbſt⸗ verleugnung ſo lange als möglich hatte ſchonen wollen. Und erſt Jahre nach dem Tode des Grafen Helm⸗ berg ſah ſie ihren Retter wieder.“ Der König athmete kurz, dann hob er das ſor⸗ genvoll forſchende Antlitz. „Eine düſtere That ein Heroismus nach dem andern. Aber warum hören Wir das heute zum er⸗ ſten Mal? Wiſſen Sie mehr darüber?“ „Ich weiß nur, was Graf Ulrich mir in ernſter Stunde mitgetheilt. Seine Mutter, die er über Al⸗ les verehrt, der gegenüber er ſich des bitterſten Un⸗ rechts anklagt, hat ihm ihre Lebensgeſchichte erzählt, um dem geliebten Sohne jedes Erröthen über ſeine Mutter zu erſparen. Der Graf hat ſie mir mit ſei⸗ nem Ehrenwort bekräftigt und iſt, wenn er am Leben bleiben ſollte, entſchloſſen, von jetzt an mit allen Mit⸗ teln für die Ehre ſeiner Mutter, die Rechte ſeines Bruders einzutreten. Mein Gewiſſen und meine Ehre geſtatten mir nicht, ihm meinen Beiſtand zu verſagen.“ „Ich weiß, ich weiß, Sie ſind ein Ehrenmann, Major“, ſagte der König tief erſchüttert,„Sie würden iner ſchlechten Sache nicht ſolchen Beiſtand leihen. Und auch das Urtheil des Grafen Ulrich in dieſer 248 Angelegenheit wiegt ſchwer, ſchwerer als jedes andere. Es wäre ein tiefer Schmerz für Uns, wenn Wir die⸗ ſer Familie wirklich unverdientes Leid verurſacht hät⸗ ten. Es wäre bedauernswürdig, wenn Wir den Er⸗ ben eines ſo altberühmten Namens ſo lange zu einer niedrigen Stellung verurtheilt hätten.“ „Hans von Tondern hat auch in dieſer Stellung ſeine Pflicht gethan, Majeſtät!“ „Ich erinnere mich!“ ſagte der König, und ein leichtes Erröthen belebte ſein blaſſes Antlitz.„Ich ritt noch niemals ein ſo gutgeſchultes Pferd wie Sultan, und zum Dank haben Wir ſeinen Lehrer entlaſſen.“ „Die Entlaſſung iſt noch nicht ausgefertigt, Ma⸗ jeſtät!“ Der König ſchien beunruhigt durch die Beſorgniß, einen ihm werthvollen Dienſt mit Härte belohnt zu ha⸗ ben; lange ſchwankte er zwiſchen dem Wunſche, Glück und Gnade zu ſpenden, und der Furcht, eine Linie neben den Weg idealer Gerechtigkeit zu treten, den er ſich für ſein Leben vorgezeichnet hatte. Endlich war der Kampf in ſeinem Innern ent⸗ ſchieden. Mit einer Art freudigen Stolzes warf er das jugendliche Haupt zurück. „Der Erbe ſo großer Beſitzungen und Träger ei⸗ nes ſo erlauchten Namens wird Uns in Zukunft ſchwer⸗ 249 lich mehr unſere Pferde zureiten wollen. Sagten Sie nicht, daß der junge Mann hier ſei? Wir möch⸗ ten den Majoratserben von Tondern kennen lernen.“ Der Major verbeugte ſich tiefer als je, dann eilte er hinweg.. Kurze Zeit darauf trat Hans, noch immer in der Uniform eines königlichen Bereiters, ein und beugte, bleich vor Anfregung, ſein Knie vor dem König. Huldvoll winkte ihm der Fürſt, ſich zu er⸗ heben. 3 „Freiherr Hans von Tondern“, ſagte er,„em⸗ pfangen Sie mit der Anerkennung Ihres Namens und Ihres Erbrechts Unſern Dank für die guten Dienſte, welche Sie Uns geleiſtet haben in der untergeordneten Stellung, zu welcher Sie durch widrige Schickſale ſo lange verurtheilt geweſen ſind. Möge Uns auch der Träger eines ſo edlen Namens ſo ergeben bleiben, als es der Bereiter Johann Helmberg war. Freiherr Hans von Tondern, erheben Sie ſich!“ Noch immer kniete Hans mit bleichem, geſenktem Haupte. Ueberraſcht begann der leicht beirrte junge Fürſt wieder: 3 „Oder haben Sie noch andere Wünſche und An⸗ ſprüche?“ 3 „Majeſtät!“ begann Hans mit bebender Stimme, 250 „ich würde mich unendlich glücklich fühlen durch die allerhöchſte Gnade, wenn mich dieſelbe nicht dem Na⸗ men nach von meiner guten Mutter trennte.“ Raſch und mit feuchten Augen trat der König auf den Junker zu und ergriff ihn bei beiden Händen. „Sie ſind ein guter Sohn und werden darum auch Ihrem Könige ergeben ſein, der Ihnen wohlwill. Ueberbringen Sie der Freifrau von Tondern, Ihrer Mutter, Unſern Wunſch, ihr perſönlich Unſer Bedau⸗ ern auszuſprechen, daß ſie ſo lange fern von ihrer Familie leben mußte, von der ſie ſo ſehr geliebt zu werden ſcheint.“ Tief beugte ſich Hans über die Hand des Für⸗ ſten; dieſer ſelbſt wandte ſich raſch und bewegt ab. Lange wagte der Adjutant, welcher Hans verab⸗ ſchiedet hatte und wieder eingetreten war, das tiefe Sinnen ſeines Herrn nicht zu ſtören. Endlich wandte ſich der König um. Sein Auge ſchimmerte feucht und ſein Antlitz war ruhig und klar, wie von Bär daſſelbe ſeit langer Zeit nicht geſehen hatte. „Danken Sie Uns nicht!“ ſagte der König mild, indem er ſeinem treuen Diener warm die Hand reichte. „Wir haben Ihnen zu danken, daß Sie uns durch Ihren Eifer vor einer Ungerechtigkeit bewahrt haben, 251 welche Uns als Recht erſcheinen mußte. Aber wenn Wir Ihren Freunden auch die langen Jahre nicht zu⸗ rückerſtatten können, die ſie mit fruchtloſem Kampf in ſchwerem Leide zugebracht, ſie ſollen von nun an mit Ihnen die Nächſten ſein an Unſerem Thron, und wenn Wir einmal ein treues jugendkühnes Herz be⸗ dürfen in Unſerer Nähe, dann werden Wir Uns Ihres jungen Schützlings gern erinnern.“„ Hell ſchaute der junge Fürſt um ſich, als freue er ſich zum erſten Mal ganz und voll des Glückes, Regent zu ſein.. Dreizehntes Kapitel. Das Familien⸗Rendezvons. Wochen waren ſeitdem vergangen, als ein zier⸗ licher Jagdwagen, von zwei prächtigen Pferden gezo⸗ gen, im Fluge durch die Anlagen von Fels rollte und vor dem Pavillon des Grafen Tegernheim hꝛelt. Der Kutſcher, in der hellgrauen Livree der Ton⸗ dern, an welchem eine große Aehnlichkeit mit Chri⸗ ſtian Wallauer auffällt, dem treuen Reitknecht, der faſt ſeine Ergebenheit für ſeinen jungen Herrn theuer be⸗ zahl hätte, ſprang vom Rückſitz und nahm die Zü⸗ gel, welche ihm ſein Herr gab; dann ſprang auch dieſer leicht und ſicher auf den Boden. Erſt jetzt konnte man den kleinen Wuchs des jungen Mannes erkennen, der in ſeinem Benehmen die Ruhe und das Selbſtbewußtſein eines vollendeten Cavaliers zeigte. —y——— — — 253 Langſam und wie in tiefer Bewegung ſtieg der elegante junge Mann die Schnörkeltreppe des Pavil⸗ lons empor und öffnete die Glasthür. Da ſich kein Diener zeigte, ihn zu melden, ſo wagte Hans nicht, die Treppe emporzuſteigen, ſondern trat durch die Hinter⸗ thür des Erdgeſchoſſes ins Freie, wo er einen Hof vermuthete und einen von der Dienerſchaft zu finden hoffte. 3 Aber er gelangte da in des Grafen Tegernheim eigenſtes Reich, an das ſelbſt die energiſche Gräfin niemals zu rühren gewagt hatte, obwohl die Garten⸗ liebhaberei noch immer nicht unbedeutende Summen verſchlang. Es war dies früher allerdings eine Art von Hof⸗ raum geweſen, allein auch dieſer hatte, wie jedes noch ſo kleine verfügbare Stück Land, den Annexionsge⸗ lüſten des Grafen uuterliegen müſſen und bot jetzt einen überraſchend lieblichen Anblick. Hans ward förmlich geblendet von der Pracht, die ihm von den Seeten und aus den Gewächshäuſern entgegenleuchtete. So klein der Raum war, auf den ſich die Neigungen des Grafen Tegernheim hier beſchränken mußten, er haite mit dem ihm eigenen Kunſtſinne verſtanden, das Anmuthigſte und Seltenſte zu vereinen, was die Gärten und Treibhäuſer ſeiner zwar ſtark verſchulde⸗ 254 ten, immerhin aber ſehr ausgedehnten Beſitungen her⸗ vorzubringen vermochten. Da ſchwammen ſeltene Waſſerpflanzen in zierlichen künſtlichen Baſſins; zwiſchen aufeinandergethürmten Tropfſteinfelſen, die dicht beſchattet waren von Oran⸗ gen⸗ und Citronenbäumen und bedeckt mit echter Ge⸗ birgserde, wuchſen liebliche Alpenblumen; das duftende Chklamen neigte ſeine kronenartigen Kelche und leuch⸗ tend hob ſich die Alpenroſe ab von dem grünen glän⸗ zenden Laube. An die ſauberen Scheiben der Gewächs⸗ häuſer legten ſich exotiſche Blätter aller Art und ſogar die fächerartigen Zweige der Palmen fehlten nicht in dem formenprächtigen Durcheinander. Ein betäubender Wohlgeruch lag über dem ge⸗ ſchützten Raum, auf den die Nachmittagsſonne ihre glühenden Strahlen breitete.. Ueberraſcht, faſt ſinnbefangen ſtand Hans vor dieſer Werkſtätte eines geläuterten Kunſtſinns; da gab es keine unſchöne Zuſammenſtellung, kein welkes Blatt, kein vorwitziges Unkrautpflänzchen. Man fühlte gleichſam im Blumenduft den Hauch der ſinni⸗ gen Ordnung und zarten Pflege, unter welchem dies entzückende Leben ringsum ſo herrlich gedieh. Da wurde Hans, wie er noch immer aus dem Schatten der halboffenen Gartenthür hinausblickte 8 255 in all die duftende Pracht, durch menſchliche Stimmen aus ſeiner Bewunderung aufgeſchreckt. Der Oberceremonienmeiſter, gekleidet wie am Tage der Verlobung Erneſtinens mit Angelo, kroch in ge⸗ bückter Haltung aus dem Palmhauſe, deſſen niederer Eingang ohne dieſe Vorſicht unfehlbar den oſtindiſchen Filzhelm unſanft abgeſtreift haben würde. Das Antlitz des Grafen war anzuſehen, als entſtiege er einem ruſſiſchen Bade, und ſtatt der vergoldeten Vörhangs⸗ ſtange von damals war er mit einer rieſigen Gieß⸗ kanne bewaffnet. Hans erbleichte ebenſo ſehr, als der Graf roth war, denn hinter dieſem, in einem allerliebſten hellen Gartenkleide, das kleine Geſicht beſchattet von einem Strohhut mit grüngefüttertem Rande und die Arme bis zum Ellenbogen bedeckt von fingerloſen Handſchu⸗ hen aus grauer Seide, kroch Eva an das Tageslicht, eine mächtige, an einem langen Stabe befeſtigte Baum⸗ ſcheere an das Licht befördernd. Da blieb der Graf unvermuthet ſtehen, und Eva war gezwungen, in ihrer vorgebeugten Stellung unter der niedern Thür auszuharren, bis ihr Onkel fertig ſein würde mit der Betrachtung der unſcheinbaren, am Boden hinkriechenden Pflanze, deren Zuſtand, wie es ſchien, ſeine Entrüſtung in hohem Grade herausfor⸗ derte. Endlich hob er entſchloſſen die Gießkanne, und eine wahre Sündflut plätſcherte herab auf die Pflanze und das ſie umgebende Erdreich, daß ſich auf dem dunkelgrauen Grunde zahlloſe Miniaturſeen bildeten. „Der leichtfertige Andre läßt mir dieſe ſchöne Arneacea bifoliatris paludinestra noch umkommen vor Trockenheit! Und ich habe ihm doch unzählige Male geſagt, daß die Arneaceen halbe Sumpfpflanzen ſind, welche immer naß gehalten werden müſſen! Andre!“ Andre, der aus der Betonung ſeines Namens ſtets die richtige Anſicht von der Laune ſeines Herrn ſchöpfte, aber auch wußte, wie ſchnell ſolcher Sturm vorüberbrauſte, zog es vor, vorerſt unſichtbar zu bleiben. „Aber, Onkelchen, der arme Andre müßte ja den ganzen Tag vor der Arneacea ſtehen, wenn ſie bei dieſer afrikaniſchen Hitze nicht trocken werden ſollte“, ſagte beſänftigend eine wunderliebliche Stimme, welche zwiſchen den Thürpfoſten des Gewächshauſes hervor⸗ tönte, ſodaß Hans ſich erſtaunt nach einer dritten Perſon umſah, die geſprochen haben mußte, denn Eva war ja ſtumm.. „Allerdings zieht er es vor, dem ganzen Tag beim Schloßbräu zu ſitzen, um bei ſich keine Trocken⸗ 3———. 257 heit aufkommen zu laſſen“, bemerkte der Graf, ſchon zur Hälfte beruhigt. „Vielleicht iſt er eben eine ganze Sumpfpflanze, Onkelchen.“. Diesmal konnte die Stimme nirgends anders herkommen als von den Lippen der„Stummen“. Denn Eva hatte, wenn auch zarter geröthet, ſo doch ebenfalls ziemlich erhitzt dem Palmenhaus endlich ent⸗ ſteigen kͤnnen. Hans zitterte vor freudiger Aufregung und in ſeinem Kopfe ſah es wirrer aus als an dem Tage, da ihn ſein Vater mit der Erklärung umarmt hatte, daß er infolge königlicher Entſchließung der ein⸗ zig berechtigte Majoratserbe von Tondern ſei. Nachdem der Graf ſich von dem Lachen allmälig erholt, welches die harmloſe Bemerkung Eva's hervor⸗ gerufen, gingen die beiden vorwärts, die engen Gar⸗ tenwege entlang und entfernten ſich immer weiter von Haus, ſodaß er nichts mehr verſtehen konnte; und der Muth, ſich ihnen zu nähern, entſank ihm immer mehr. Da blieb der Graf am Ende des kleinen Gar⸗ tens plötzlich wieder ſtehen. „Ja, iſt, denn der Andre niemals nüchtern?“ rief er aus, indem er vor einem dicht mit Stiefmütter⸗ o. Schlägel, die Ritter der Gegenwart. II. 17 4 258 chen bepflanzten Beet ſtehen blieb.„Was ſoll denn das Unkraut da bei meinen Gladiolen?“ Da poſtirte ſich Eva, den einen Arm keck in die Seite geſtemmt und mit dem andern kriegsluſtig auf die Baumſcheere geſtützt, mit einem tief beleidigten Geſicht vor ihren Onkel. „Beleidige mir mein Kaffeekränzchen nicht, Onkel! Das hat der Andre auf meinen Befehl hier Platz nehmen laſſen!“ 3 „Dein Kaffeekränzchen? Was iſt denn das ſchon wieder?“ die komiſchen alten Geſichter, die ſich ſo neugierig nach Oſten wenden, als möchte jede zuerſt erfahren, was die liebe Baſe Sonne Neues mitgebracht hat von ihrer Rundreiſe? Und erſt wenn der Wind unter all die Dämchen mit den bauſchigen Hauben fährt, da ſollteſt Du ſehen, wie ſie die Köpfe zuſammenſtecken und flü⸗ ſtern und ſchwatzen, und jede weiß Alles beſſer als die andern, weil der Wind es ihr eben erſt ins Ohr geſagt. Schau' hier, dieſe bausbäckige Dame, die ſich über alle andern hervorhebt, ſieht ſie nicht unſerer Oberſthofmeiſterin ähnlich bis auf den großen violetten Kopfputz? Und dies kleine ſchmächtige Ge⸗ ſicht mit der gelben Einfaſſung, das iſt die Erzie⸗ „Nun ja, Onkelchen! Siehſt Du denn nicht all 1 259 herin der Herzogin Amalie mit der ſpitzen Naſe und der ewig gelben Geſellſchaftshaube! Und“— hier neigte ſich Eva ſchalkhaft zu ihrem Onkel—„dieſe ernſte ſtolze Erſcheinung in Grau, welche ſo kerzengrade auf ihrem Stengel ſitzt und ſich weder rechts noch links herabläßt“— Eva's Stimme wurde leiſer und faſt unwillkürlich warf ſie einen flüchtigen Blick um ſich— „das iſt unſere geſtrenge Gräfin Tante! Nun, On⸗ kel, wirſt Du mir noch einmal deſpectirlich von meiner Geſellſchaft ſprechen?“ Eva ſah ſo ſchelmiſch heiter zu ihm auf, es ge⸗ ſchah ſo ſelten in der letzten Zeit, daß ein Schimmer des früheren Uebermuths ihr melancholiſch ſinnendes Geſichtchen aufheiterte, daß der Graf lächelnd ihre Wangen berührte. 4 „Still, ſtill, kleine Bosheit! Du vergißt, wer in der letzten Zeit ſo gut und nachſichtig mit Dir war!“ Dann wandte er ſich um, mit Eva in das Haus zurückzukehren. Da ſtieß das junge Mädchen einen leiſen Schrei aus und, als ob ihr die Erſcheinung Bangen verurſache, deutete ſie mit zitternder Hand nach dem Eingang des Gartens, von dem Hans, als er ſich entdeckt ſah, ſich jetzt langſam näherte, mit einem Geſicht, als müſſe er in eine Schlacht. „Onkel, der Feenkönig!“ hauchte Eva erbleichend. 17* 260 Auch der Graf bemerkte jetzt den jungen Mann; er hatte denſelben ſchon vor Wochen empfangen, als Hans ſeinen Bruder Ulrich zuerſt ſehen durfte; denn der junge neugeſchaffene Majoratserbe hatte damals ſeinen Beſuch auf ärztliches Anrathen ſehr abkürzen müſſen, da der Geneſende noch ſehr ſchwach war. Man hatte damals dafür geſorgt, daß Eva ihren Helden aus dem Feenſpiel nicht zu Geſichte bekam. Hans hatte ſich— vom Oberceremonienmeiſter vor⸗ ſichtig bis aus der Hausthür geleitet— allerdings ein Herz gefaßt und ſich nach dem Befinden der jun⸗ gen Dame erkundigt— die— die— Der Graf war ihm zu Hülfe gekommen:„Meiner Nichte von Wodny? Ich danke, es geht ihr vorzüglich!“— Befremdet hatte Hans den Freiherrn angeblickt und geſtottert:„Trotz— trotz— ihres— traurigen Leidens?“— Geärgert über„dieſe Indiscretion des emporgekommenen Gelb⸗ ſchnabels“, wie er ihn innerlich nannte, hatte der Graf etwas barſch gefragt:„Von was für Leiden reden Sie?“— Hans aber, erſchreckt von dem vermeint⸗ lichen faux pas, den er durch die Berührung dieſes Themas begangen, war verlegen erröthend die Ant⸗ wort ſchuldig geblieben. Dem Grafen war das Benehmen des jungen Mannes ſehr ſonderbar vorge⸗ kommen; aber zur rechten Zeit erinnerte eer ſich der 261 geheimnißvollen Anſtalten ſeiner Gemahlin für das Feſt und ihrer zuverſichtlichen Behauptung, das Alles „en règle“ ſei, und er ahnte einen dunklen Zuſam⸗ menhang. Um daher Niemand bloßzuſtellen, half er ſich, ſo gut er konnte, zog die Schultern in die Höhe, machte ein vielſagendes discretes Geſicht und ſagte ſeufzend:„Ja, ja, allerdings ſehr traurig!“ obſchon er nicht die leiſeſte Ahnung hatte, was denn hier ſo Klägliches vorliege. Dieſe ganze Scene fiel ihm plötzlich wieder ein, als er den jungen Mann auf ſich zukommen ſah, und das verurſachte ihm ein gewiſſes unbehagliches Gefühl, ſodaß er ihn am liebſten dem jungen Mädchen allein überlaſſen hätte. Da dies indeß nicht gut anging, entſchloß er ſich kurz, drückte ermuthigend den Arm ſeiner bebenden Nichte, den dieſe wie hülfsbedürftig in den ſeinen geſchoben, und trat mit ihr dem jungen Manne freundlich mit ausgeſtreckter Hand entgegen. „Ich freue mich, Baron, Sie in meinem ureigen⸗ ſten Reiche begrüßen zu können! Erlauben Sie, daß ich eine kürzlich leider im Drang der verſchie⸗ denſten Anforderungen verſäumte Pflicht nachholen darf: Liebe Eva! Dein Ritter vom Zauberfeſt— der Feenkönig— unter gewöhnlichen Menſchenkindern Freiherr Hans von Tondern.— Meine Nichte Eva 262 von Wodny, die Ihnen wahrſcheinlich noch den Dank ſchuldig geblieben iſt für Ihren ritterlichen Schutz gegen die naßkalte Waſſermajeſtät!“ Erröthend und mit ſchüchternem Lächeln reichte Eva ihrem Befreier die kleine Hand, und Hans beugte ſich tiefer und länger über dieſelbe, als es gerade nothwendig geweſen wäre. Dann ſagte er, zum Gra⸗ fen gewandt: „Ich komme, um Ihnen den Beſuch meiner Eltern anzukündigen. Sie haben das größte Verlangen, Ih⸗ nen perſönlich zu danken für Ihre und der Ihrigen aufopfernde Pflege, die meinen guten Bruder Ulrich am Leben erhalten hat. Sie folgen mir auf dem Fuße.“ „Sie folgen Ihnen? O wie mich das freut! Meine lieben alten Freunde! ich habe ſie hochge⸗ halten zu allen Zeiten, aber—“ Dem Grafen ſiel plötzlich ein, daß er im Begriff ſtand, ſeine Gattin anzuklagen; er brach daher kurz ab und mit den Worten:„Entſchuldigen Sie mich, da muß ich doch gleich“— machte er Kehrt und überließ die jungen Leute ihrem Schickſal. Stumm ſtanden ſich die beiden gegenüber. End⸗ lich ermannte Hans ſich und es war ſichtbar, wie ſein Muth wuchs an der lieblichen Befangenheit ſeiner —— 263 Königin. Mit einer Kühnheit, die ihn ſelbſt am mei⸗ ſten überraſchte, erfaßte er Eva's herabhängende Hand. „Eva, mein gnädigſtes Fräulein! Wie oft habe ich gewünſcht, Ihnen endlich ſelbſt mit Worten danken zu können für den unſchätzbaren Dienſt, den Sie da⸗ mals mir, dem armen Bereiter ohne Namen und Rang, ſo muthig geleiſtet haben! Ich werde nie vergeſſen, was Sie für mich gethan!“ Noch immer ſchwieg Eva, aber ein ſchüchterner Druck der Hand, die loszulaſſen Hans vermuthlich vergeſſen hatte, ſagte mehr als Worte. Sie hatte wohl über die Helmberg⸗Tondern'ſche Angelegenheit dunkle Andeutungen vernommen, aber eingehender hatte man ſelbſtverſtändlich mit einem ſo jungen Mädchen über ein immerhin ſehr delicates Thema nicht reden wollen, und ſo war es ihr fremd geblieben, daß der junge Bereiter— ihr heiliger Aloyſius— der Feenkönig und der jetzt ſo oft ge⸗ nannte Hans von Tondern ein und dieſelbe Perſön⸗ lichkeit waren. Eine Stimmung, märchenhaft und be⸗ glückend wie damals in dem phantaſtiſchen Feentraum, kam über ſie und freudig hob ſie die feuchtſchimmern⸗ den Augen zu dem jungen Manne auf. „Eva! Königin!“ flüſterte dieſer; noch einmal beugte er ſich nieder und drückte einen feurigen Kuß 264 auf die kleine Hand, die lebensvoll und warm, jetzt kein Traumgebilde mehr, in der ſeinen lag. Da knirſchte der feine Kies des Gartenwegs unter ſchnell ſich nähernden Schritten; rauſchend ſtreifte die Schleppe eimer ſeidenen Robe die Einfaſſung der zier⸗ lichen Beete und— „Die Tante kommt!“ flüſterte Eva und befreite ſchnell ihre Hand aus der langen Gefangenſchaft. Es war allerdings die alte Gräfin, die das Bei⸗ ſammenſein der jungen Leute unterbrach, doch nicht mehr die, als welche ihre Umgebung ſie ſo lange ge⸗ kannt. Das energiſche Auftreten ihres Mannes bei der Ankunft des bewußtloſen Ulrich, der einzige ſtumme, vorwurfsvoll bittere Blick aus Erneſtinens weitgeöffne⸗ ten, thränenloſen Augen, endlich die wenn auch als nicht bedenklich ſich herausſtellende Erkrankung Eva's hat⸗ ten mehr Eindruck auf ſie gemacht, als ſie es ſich bis jetzt noch geſtehen wollte. Ihr Gemüth, erſtarrt zwar und erkaltet unter den Formen, deren Meiſterin ſie zu ſein glaubte und von welchen ſie doch vielmehr be⸗ herrſcht ward, war von Natur nicht hart und fühllos. Vielleicht trug ihr Gatte durch ſeine widerſtandsloſe Paſſivität und Bequemlichkeit zunächſt, ſowie auch ihre Umgebung Schuld, daß ihre urſprünglich guten Abſich⸗ — 265 ten und Beſtrebungen für das Wohl der Ihren ſchließ⸗ lich zu einem unwiderſtehlichen Bedürfniß zu herrſchen geworden waren, das jeder neue Erfolg aufs bedenk⸗ lichſte ſteigerte. Wie alle tyranniſch angelegten Naturen hatte ſie verſucht, wie weit ſie gehen konnte, und bei jedem ge⸗ wonnenen Schritt Terrain ſah ſie ſich auch bereits nach einem neuen um. Das maßloſe Erſtaunen, das ſie im erſten Augenblick ſich fügen ließ, hatte allmälig andern Empfindungen Platz gemacht. Jedoch nicht ſofort und ohne Kampf vollzieht ſich bei ſo energiſchen Naturen und in ſo vorgerückten Jahren eine Wand⸗ lung, wie ſie ſich bei der Gräſin vorbereitete. Das Fiasco ihrer letzten Experimente hatte ſie wohl unſicher gemacht; doch noch gab es bittere Stunden genug, wo es ſie wie Mitleid mit ſich ſelber überkam, und noch immer hielt es ihre Umgebung zu Zeiten nicht für ganz gefahrlos, in ihre Nähe zu kommen; allein die wohl⸗ thätige Veränderung machte ſich doch immer mehr gel⸗ tend, und der Graf, der ſeine Gattin mit tiefer Rüh⸗ rung beobachtete, ſie jedoch ſtill gewähren ließ, gewann immer freudigeres Vertrauen für eine ſonnigere Zu⸗ kunft. Auch in Erneſtinens Zimmer, das über der Schnörkeltreppe des Pavillons lag, wo der Jagdwagen 266 vorgefahren war, hätte man die Ankunft des neuen Majoratserben vernehmen müſſen, wenn die Sinne der beiden dort Anweſenden noch die Macht gehabt hätten, äußere Eindrücke in das geheimnißvolle Wogen ihrer Herzen zu tragen. In dem kleinen roſenrothen Salon, wo Erneſtine einſt dem Freiherrn Angelo ihre Hand verſprochen, empfing ſie heute den Jugendfreund, der zum erſten Male ſeit Wochen ſein Zimmer verlaſſen durfte, um ſich in ein anderes zu begeben. Sie würden es wohl kaum gehört haben, wenn ein Orkan die Bäume des Parks geſchüttelt hätte, deren Schatten jetzt im leiſen Windhauch auf den duf⸗ tigen Draperien des Fenſters in ſteter Bewegung in einander floſſen, während einzelne verirrte Sonnen⸗ ſtrahlen über die glänzenden Stäbe des lange erloſche⸗ nen Kamins zitterten. Erneſtine lehnte im Divan und durchblätterte automatengleich ein Album mit Anſichten ferner Ge⸗ genden und den Bildwerken der Kunſt vergangener Jahrhunderte. Schüchtern ſtreifte dann und wann ihr ſcheuer Blick die bleichen Züge des Grafen, der, in ihrem mit den weichſten Kiſſen ausgerüſteten Fau⸗ teuil ruhend, in traumhaftem Schweigen ihre kleine Bibliothek mit den Blicken durchirrte. ———,— 8— —— — 267 Erneſtine war anders gekleidet als früher. Ein faſt nonnenhaft geſchloſſenes dunkles Seidenkleid reichte bis an ihr Antlitz und bis auf ihre zarten Hände, weißer und ſchmaler als je. Ihr Antlitz war ſehr bleich und hatte einen Zug genialer Ueberlegenheit verloren, der ſonſt einen ihrer eigenthümlichſten Reize ausgemacht. Das Auge, größer und mächtig wie nur je, ſah aus, als habe es ſeit Jahren verlernt, etwas Anderes auszudrücken als müde Wunſchloſigkeit und Entſagung. Das nonnenhafte Ausſehen Erneſtinens wurde noch erhöht durch ein großes goldenes Kreuz, das ſie an einer feinen Kette um den Hals trug. Unter dem Sturm von Empfindungen, mit denen Ulrich einen Raum betrat, der in der kleinſten Anord⸗ nung das Walten ihres zarten Geiſtes verrieth, war Ulrich die Veränderung in dem Aeußern ſeiner Pfle⸗ gerin nicht ganz klar zum Bewußtſein gekommen. Und nachdem er ſich ermattet niedergeſetzt und ſie ihm gegenüber Platz genommen, hatte er faſt den Athem angehalten, um nicht durch einen Laut den ſüßen Traum zu ſtören, der ihn mit Händen greifbar um⸗ fing. Plötzlich flammte glühendes Roth über die ein⸗ gefallenen blaſſen Wangen des Geneſenden. Er hatte ein Buch entdeckt, das, dem glänzend neuen Einbande 268 nach, erſt vor kurzem die Bibliothek Erneſtinens be⸗ reichert haben konnte. Er nahm den Band— es waren die Gedichte vom Grafen Moritz von Strach⸗ witz. Mit zitternden Händen durchblätterte er das elegante Buch, in ſeinen Augen ſchimmerte es ſeltſam wie von nahenden Thränen, und kaum verſtändlich, mit bebenden Lippen murmelte er: Ich liebte Dich wie der Strom das Thal, Als wie die Flut den Strand, Als wie die Elfe den Mondenſtrahl Und wie die Glut den Brand. Ich liebte Dich wie die Sonn⸗ ihr Licht Und mehr noch— viel mehr noch! Hör' an, Geliebter, und ſchaudere nicht: Und treulos ward ich doch! Das Erſchrecken, mit welchem Erneſtine das Buch bei dem Grafen gewahrte, bewies, daß es abſichtslos in die Hände des Geneſenden gelangt war. Obwohl ſie die Verſe mehr errieth als verſtand, wurde ihr Ge⸗ ſicht ſtarr und wie leblos unter einem übermächtigen Schmerz, und ihre Hände waren wie gelähmt über dem ſammtnen Album in ihrem Schooß. Endlich ſchlug ſie die Augenlider auf und ihre Lippen beweg⸗ ten ſich einige Male lautlos, als müſſe ſie ſich erſt an die mechaniſche Arbeit des Sprechens gewöhnen, —— —ͤ — — 269 ehe ſie des lebendigen Tons mächtig werde; dann ſagte ſie einſilbig und matt und mit öfteren Unter⸗ brechungen: „Der Arzt erklärt, daß Sie aus jeder Gefahr ſind und daß Sie ſich nun von Tag zu Tag kräftiger und geſünder fühlen werden. Sie haben mich nicht mehr nöthig und der Zweck, der mich noch hier im Hauſe zurückhielt, iſt erfüllt. Ich hatte keine Gelegen⸗ heit, Ihnen früher mitzutheilen, daß ich über meine Zukunft verfügt und meinen Vater vermocht habe, meine Aufnahme in das Stift zu P.. zu erwirken, Dieſelbe iſt vor einigen Tagen erfolgt und zugleich die Einladung, mich in kürzeſter Zeit an meinen neuen Beſtimmungsort zu begeben.“ Gräfin Erneſtine ſtockte und ſah ſich um, als er⸗ warte ſie von außen die Kraft, weiter zu reden, die ihr zu verſagen drohte. „Ich wollte Ihnen das hier mittheilen, Ulrich, wo ich in kurzer Zeit ſo viel Bitteres erlebt; hier wollte ich Ihr Lebewohl hören und das Verſprechen, daß Sie meiner zuweilen freundlich gedenken wollen.“ Der Graf war nicht aufgeſprungen und hatte keinen Laut ſchmerzlicher Ueberraſchung ausgeſtoßen; aber ſein Antlitz war immer bleicher geworden und ſeine blauen Augen, mit denen er Erneſtine regungs⸗ los anſah, immer größer und dunkler. Nach längerer Pauſe antwortete er mit einer Frage: „Und wenn Sie mich noch einmal verlaſſen woll⸗ ten, warum haben Sie mich denn mit ſolcher Auf⸗ opferung dem Tode abzuringen geſucht?“ Erneſtine war unruhig aufgeſtanden, als beäng⸗ ſtige ſie die eintönige Stimme und das blaſſe Antlitz des Freundes aufs höchſte. „Weil ich nicht zugeben konnte, daß Sie ſterben ſollten für ein ſo unwürdiges Weſen wie ich!“ Und Erneſtine legte die weißen Hände vors Ge⸗ ſicht und heftiges, aber lautloſes Schluchzen erſchüt⸗ terte ihren Körper. „Erneſtine“, begann der Graf wieder mit derſel⸗ ben unheimlichen Ruhe, aber auf ſeinen Wangen zeig⸗ ten ſich zwei Roſen und ſeine weitgeöffneten Augen wurden immer glänzender,„woher wiſſen Sie, daß Sie mir dadurch einen Dienſt erwieſen haben? Wer ſagt Ihnen, daß ich überhaupt am Leben zu bleiben wünſche?“ Erneſtine ſchüttelte energiſch den Kopf, als wehre ſie ſich mit aller Kraft gegen das, was der Graf da ſprach. 271 — „Nein, nein! Wer, ſelbſt zum Tode verwundet, noch ſeinen Gegner zu tödten ſucht, der hat Energie und Seelenſtärke genug zum Leben! Träumen Sie ſich nicht in eine Empfindung hinein, die doch nur das Reſultat einer Sie überraſchenden Nachricht und mehr noch Ihrer körperlichen Schwäche iſt.“ „Das Reſultat meiner körperlichen Schwäche“, ſagte der Graf bitter,„iſt nur die Ruhe, mit der ich Ihnen zuhöre. Wenn dies kaum fieberfreie Herz nicht ſeine Wände zerſprengt, ſo iſt es nicht Ihre Schuld, mein aufopfernde Pflegerin! Wollen Sie hören, wa⸗ rum ich mich noch auf den Knieen aufrichtete und auf meinen Gegner ſchoß? Nicht aus Rachſucht, bei meiner Ehre nicht! Ich wollte ihn tödten, weil jeder Schatten, der von ſeiner düſteren Geſtalt auf ſeine Verlobte fallen konnte, ausgelöſcht werden mußte mit ſeinem Leben!“ Die Hand auf der Bruſt ſaß der Graf da, und mit bewunderungsvoller Scheu ſah Erneſtine in ſeine klar und betheuernd auf ſie gerichteten Augen. „Das iſt's! das iſt's!“ ſagte ſie leiſe und faſt unhörbar.„Sie konnten mich wohl von ihm befreien; aber von der Erinnerung, die Braut eines Verbrechers geweſen zu ſein, von dieſer Schmach hätte Ihre Kugel 272 mich nicht befreit und wenn Sie ihn auch ins Herz getroffen! Das iſt's, was uns trennt, uns für immer trennen muß!“ fuhr Erneſtine energiſcher und mit hoch erhobenem Haupte fort.„Glauben Sie nicht, daß ich in demſelben Augenblick, wo ich, jede Rückſicht unter die Füße tretend, zu dem Verwundeten eilte und ſeine Pflege forderte als mein Recht, daß da der Reſt von Stolz, der mir geblieben iſt, jede ſelbſtſüchtige Hoffnung erſticken mußte, wenn ich die einfachſte und natürlichſte Handlung nicht zur erbärmlichſten Farce herabwürdigen wollte? Nun ja, Ulrich, wenn Ihrem Stolz dies Geſtändniß ſchmeichelt, ich liebte Sie, liebte Sie immer, ſelbſt da, wo ich Sie verrieth— in Schmerz und Zorn! Daß ich Ihnen das ſage, mag Ihnen beweiſen, daß ich abgeſchloſſen habe mit Allem, daß nichts mich bewegen kann, einen ehrlichen Mann, der ſich für mich geopfert, zum Dank die Schmach meines eigenen Namens theilen zu laſſen!“ Lange ſchaute Ulrich wie traumverloren vor ſich hin, dann hob er das Haupt und ſagte klanglos: „Nichts? Dann leben Sie wohl!“ „Ulrich, was bedeutet dieſer ſeltſame Ton? Ich hoffte, wir würden im Frieden von einander ſcheiden! Ich kann, ich darf ja nicht anders— um Ihretwillen, Ulrich, um Ihretwillen!“ „Sagen Sie das nicht, Erneſtine, denn das iſt nicht wahr! Es iſt nur Ihr Stolz, der zwiſchen uns ſteht! Sie wendeten ſich erſt von mir, als ich Ihrer unwürdig geworden war, und es ſind doch nicht immer die werthloſeſten Naturen, welche vom Niedrigen unter⸗ jocht werden! Wir haben beide unſere Verirrung ge⸗ ſühnt. Erneſtine, ich liebe Sie grenzenlos und fürchte nichts! Und Sie lieben mich auch, aber Sie fürchten das Urtheil der Welt!“ Erneſtine hatte ſich gewaltſam gefaßt. 2 „Das Gefühl, welches mich zwingt, Ihrem Edel⸗ muth und meinem eigenen Herzen kein Gehör zu geben, nennen Sie es, wie Sie wollen, Ulrich! Ich darf nicht anders handeln, wenn ich mich nicht für ganz unwerth halten ſoll, unwerth ſelbſt Ihres Mit⸗ leids!“ Raſch und krampfhaft ſchnellte der Graf aus dem Fauteuil empor und ſtand einen Augenblick wie dro⸗ hend vor Erneſtinen, um den zum Sprechen geöffneten Mund das Zucken eines gewaltigen Schmerzes und in den Augen den bitterſten Vorwurf. Plötzlich wich das Blut aus ſeinen Wangen, die Flammen ſeines Zlickes erloſchen; wie ein Trunkener taſtete er um ſich und ſank dann lautlos in den Fau⸗ teuil zurück. Seine Augen waren geſchloſſen, die Lip⸗ v. Schlägel, Die Ritter der Gegenwart. II 18 274 pen weiß und ſeine Arme hingen herab wie die eines Todten. Mit einem Schrei wildeſter Seelenangſt warf Erneſtine ſich vor dem Seſſel nieder und erfaßte die kalten Hände, die ſtarren Arme. „Er ſtirbt! er ſtirbt! Ich Unſelige habe vollendet, was ich begonnen! Ulrich! Ulrich! Ich will ja Alles thun, was ich ſoll; ich will vor aller Welt, vor Dir für falſch und eitel gelten, will Alles hinter mich werfen, was ich bisher geglaubt, nur lebe, Ulrich, lebe! Ich kann ja nicht einmal ſterben ohne Dich! Ulrich, ich will Dir gehören ohne Reue, ohne Wahl! Man ſoll mich ja verhöhnen dürfen, weil ich den Muth hatte, Dein Weib zu werden! Nur lebe, Ulrich, lebe — für mich!“ Langſam und verwirrt ſchlug der Ohnmächtige die Augen auf. Er ſchien die letzten Worte gehört zu haben, und mit halbem Bewußtſein um ſich blickend, legte er den Arm um Erneſtinens Nacken und ſagte mit ſchwacher Stimme: „Wer verhöhnt mein Weib?“ Schweigend verbarg Erneſtine ihr thränennaſſes Antlitz in ſeinem Schooß, dann löſte ſie mit der Lin⸗ ken Kreuz und Kette von ihrem Halſe und legte ſie ohne aufzuſehen zwiſchen die Lieder des ritkerlichen Sän⸗ gers der Romantik, während ihre Lippen leiſe mur⸗ melten:„Du willſt es, Ulrich!“ Lautes Schellengeklingel rief ſelbſt Andre aus dem Keller hervor, wo er unter Blumenzwiebeln und perennirenden Gewächſen bei einem Steinkrug voll Schloßbräubier die heißeſten Stunden des Tages vorü⸗ bergehen ließ. Eine vierſpännige Poſt, von zwei Jockeys in der Tondern'ſchen Livree vom Sattel aus gelenkt, hielt vor dem Pavillon. Ein Diener mit Hut und Cocarde und ein Jäger mit Hirſchfänger und flatterndem Fe⸗ derbuſch ſprangen vom Dienerſitz und ſtellten ſich neben den geöffneten Schlag, aus welchem der Majorats⸗ herr von Tondern ſeiner Gattin mit der Galanterie und Lebhaftigkeit eines Jünglings zu Boden half. Dann eilte der Bediente auf einen Wink des Freiherrn die Treppen empor, um die Ankunft ſeiner Herrſchaft zu melden. In Geſellſchaftstracht, mit den Bändern ſeiner zahlreichen Orden geſchmückt, empfing der Oberceremo⸗ nienmeiſter ſeine Gäſte an den oberſten Stufen und reichte ſeinen Arm der Freifrau, deren Wangen das Glück mit den Roſen längſtvergangener Jugend ge⸗ ſchmückt. Im großen Saal, der einſt den fruchtloſen Kampf 8 18 des Grafen gegen das böſe Wetter von Nordheim und die officielle Verlobung Erneſtinens mit Angelo geſehen, harrten die Gräfin, Eva und Hans der Ankömmlinge. Nach den üblichen Begrüßungen, beziehungsweiſe Vor⸗ ſtellungen ruhten die Blicke des Freiherrn lange und ſinnend auf dem jungen Paar, welches unter dieſer Prüfung bald erröthete, bald erblaßte. Er benutzte einen Moment, als er mit dem Oberceremonienmeiſter allein in einer Fenſterniſche ſtand, zu der lächelnden Frage: „Mir kommt es vor, als ob Ihre Nichte und mein Sohn ſich für ein erſtes Zuſammentreffen überraſchend ſchnell genähert hätten.“ Der Oberceremonienmeiſter zuckte halb verlegen die Achſeln. „Die Bekanntſchaft datirt allerdings, ſoviel ich weiß, aus der Zeit, wo Junker Hans in königlichen Dienſten ſtand und täglich hier vorüber galoppirte. Da Eva nicht meine Tochter iſt und ich nicht wußte, wie mein Schwager Wodny die Sache aufnehmen würde, ſo haben mir die Beziehungen der jungen Leute ernſtliche Sorge gemacht, die noch erhöht wurde durch den königlichen Wunſch, ſie zuſammen in der Feerie ſpielen zu laſſen. Sie werden davon gehört haben, Baron.“ 3 ————— —— — „Allerdings, Hans ſprach mir davon“, ſagte der Freiherr ſinnend.„Und die jungen Leute— Sie ver⸗ zeihen mein Intereſſe an der Sache!— fanden bereits Gefallen an einander, als ſie ſich in ſo verſchiedener Lebensſtellung befanden?“ „Mehr, als uns damals lieb war!“ bemerkte der Graf mehr aufrichtig als hofmänniſch.„Und dieſes Intereſſe ſcheint durch die vorgegangenen Veränderun⸗ gen ſo wenig abgeſchwächt zu ſein, daß ich meinen Schwager Wodny davon unterrichten und ihn bitten werde, die Aufſicht über ſeine Tochter ſelbſt zu über⸗ nehmen, ſo ſchwer es mir wird, mich von der kleinen Eva zu trennen.“ „Vielleicht wird das gar nicht nöthig ſein!“ meinte der Freiherr und näherte ſich Eva, welche er bald in ein Geſpräch verwickelt hatte, das ihm in weniger als einer Viertelſtunde einen ſeltenen Schatz von Frohſinn und Gemüthstiefe zeigte, ſodaß er den Grafen noch vor Beginn der Tafel beiſeite nehmen und ihm ſagen konnte: „Wenn Sie Ihrem Schwager Wodny ſchreiben, ſo erinnern Sie ihn doch an einige heitere Wochen, die er und ich am Wiener Hofe zuſammen verlebt, und fragen Sie ihn, ob er etwas gegen unſern Beſuch einzuwenden habe, wenn ſeine Tochter unter ſein Dach 278 zurückgekehrt ſein wird. In drei bis vier Jahren würde Hans mir ohnehin die Verwaltung der Güter ab⸗ nehmen; ich würde es froh begrüßen, wenn meinem Sohn in jungen Jahren das Glück eines ruhigen, zufriedenen Familienlebens zu Theil würde, um das ſeine Eltern faſt ihr ganzes Leben lang zu kämpfen hatten.“ In dieſem Augenblicke öffnete ein Diener die Thür und Gräfin Erneſtine von Tegernheim und Graf Ulrich von Helmberg erſchienen auf der Schwelle. Mit der linken Hand auf ſeine polirte Krücke, rechts auf Erneſtinens Arm geſtützt, kam Ulrich lang⸗ ſam näher, das Antlitz leuchtend im Bewußtſein tie⸗ fen wahren Glückes. Und Erneſtine, die einſt wie eine Fürſtin in jede Geſellſchaft getreten war, ſchlug heute kaum die Augen vom Boden auf— ein reizendes Bild liebenswürdigſter jungfräulicher Verwirrung. Nicht nur der Freiherr, obſchon er ſehr erſchrocken war über die Veränderung, die das Krankenlager an dem edelherzigen Sohn ſeiner Gattin hervorgebracht, auch alle übrigen Anweſenden empfingen den Eindruck, als befänden ſie ſich hier Verlobten gegenüber. In der Familie Tegernheim konnte das kaum auffallen. Als Erneſtine, aller Gegenvorſtellungen un⸗ geachtet, auf ihrem Entſchluß beharrte, in das Stift zu treten, hatte der Graf ihrem Wunſche endlich nach⸗ gegeben, wie man den Launen einer Kranken nach⸗ gibt, und ſtillſchweigend der Zeit und Ulrich über⸗ laſſen, die geliebte Tochter von jenem Schritte zurück⸗ zuhalten. Denn Ulrich hatte aus ſeinen Gefühlen kein Hehl gemacht, und über Erneſtinens Herzenszuſtand war, wie es gewöhnlich geht, ihre Umgebung früher klar wie ſie ſelbſt. In der ernſten, zarten Weiſe, mit der dieſe An⸗ gelegenheit behandelt ſein wollte, ging man dem jungen Paar entgegen. Ein ſtummer Händedruck, eine Um⸗ armung vertraten die lauten Glückwünſche, die ſo we⸗ nig zu dem faſt melancholiſchen Glück des Verhältniſſes gepaßt haben würden. Nur die Gräfin Tegernheim blieb abſeits ſtehen; ſie empfand es bitter, daß ſie keinen Theil hatte an die⸗ ſem Glück. Es war nichts mehr von Widerſpruch in ihren Gefühlen; ſie hatte ſich ſehr lange mit der Frei⸗ frau von Tondern unterhalten und einen Blick gethan in die Tiefen einer aufopfernden Frauenſeele, daß in ihrer jetzigen Stimmung die Erinnerung der Gräfin das eigene Spiegelbild in abſchreckenden Farben wieder⸗ geben mußte. Jedes tiefempfundene Wort der Freifrau, aus dem ihre grenzenloſe Hingebung zu dem Gatten prach, erſchien der Gräfin wie ein ſchneidender Vorwurf. 280 Erneſtine bemerkte zuerſt das Fernbleiben der Gräfin; ſie näherte ſich ihr und ergriff ihre Hand. Auch Tegernheim kam wie ängſtlich und fragte: „Aber jetzt wirſt Du doch den Kindern Deinen Segen nicht vorenthalten, liebe Mathilde?“ Die alte Gräfin war ſolcher Empfindungen wie die, von denen ſie eben jetzt beherrſcht wurde, ſo un⸗ gewohnt, daß ſie, daran verzweifelnd, auszudrücken, was ſie fühlte, dem Gatten und der Tochter die Hand reichte und haſtig ſagte: „Nein, nein! Ich ſegne Euch ja dafür, daß Ihr glücklich geworden ſeid malgré moi! Aber glaubt mir doch! Ich habe Euch nicht unglücklich machen wollen; ich dachte nur für Euer Beſtes zu ſorgen gewiß, nur dafür.“ Dann legte ſie, von Rührung übermannt, ihre Arme um Gatten und Tochter und ſagte ſchluchzend: „Verzeiht, verzeiht mir!“ Der erſte Sturm der Gefühle hatte ſich gelegt, man wollte ſich eben zu einem raſch improviſirten Mahle begeben, da erſchien auch der Major von Bär, welcher von der Anweſenheit der Tondern in dem Tegernheim'ſchen Hauſe gehört hatte. Er wollte den Beſuch des einſtmaligen Batteriechefs nicht in ſeiner —„ —„ Wohnung abwarten, ſondern eilte in den Pavillon, um ihn und ſeine Gattin zu beglückwünſchen. „Sie haben Ihr redlich Theil an unſerm Sieg“, ſagte der Freiherr, dem Adjutanten herzlich die Hand ſchüttelnd.„Vielleicht haben Sie mich für undankbar gehalten, weil ich mich Ihnen nicht früher genähert habe, aber das hätte vor Entſcheiduug unſerer Sache einen Beigeſchmack gehabt, und Alles, was wie Schleich⸗ wege ausſieht, iſt mir in der Seele zuwider.“ „Ich verſtand Sie auch ohne Worte“, erwiderte der Adjutant und näherte ſich der Freifrau, um ihr einige verbindliche Worte zu ſagen. Dieſelbe kam ihm mit der Auszeichnung entgegen, wie ſie dem Manne gebührte, welcher ohne Rückſicht auf alle Aeußerlich⸗ keiten ihrem Sohne in einer ſo ernſten Stunde treu zur Seite geſtanden. Der Adjutant nahm ihren Dank lächelnd entgegen; ſie und der Freiherr ſollten nie erfahren, wie oft er nur einen Schritt entfernt war von Ungnade und Entlaſſung, weil er ihr und ihrem Sohne zu der ihnen zukommenden Stellung zu ver⸗ helfen bemüht war. Der Adjutant theilte darauf der Freifrau und Ulrich heiter mit, daß er dem Duell zwar einen mehr⸗ monatlichen Urlaub, aber auch das Vertrauen ſeines allerhöchſten Herrn verdanke, der ihn mit einer wich⸗ tigen Miſſion an einen norddeutſchen Hof betraut habe. Zum zweiten Male meldete der Diener, daß ſer⸗ virt ſei; der Freiherr gab der Frau vom Hauſe den Arm, Herr von Bär führte die Freifrau von Tondern. Ulrich legte, für dieſe Vertraulichkeit mit freundlichem Blick Vergebung erbittend, ſeinen Arm in den Erne⸗ ſtinens. Verlegen kam Eva auf ihren Onkel zugetrip⸗ pelt, während ihr Hans trübſelig nachſah. Mit gut⸗ müthigem Spott ſah der Graf auf ſeine Nichte. „Das iſt brav von Dir, Evchen, daß Du auch heute keine Ausnahme machen und mit Deinem alten Onkel zu Tiſche gehen willſt. Aber lieber iſt es Dir doch, wenn ich heute auf Deinen Arm verzichte, he? Es iſt übrigens nur ſchicklich gegen unſern Gaſt, wenn Du ſeinen Arm nimmſt“, fügte der Graf hinzu, als Eva glühend erröthete. Selig, wie einſt im Kahn an ihrer Seite, führte Hans ſeine Feenkönigin zur Tafel. Man trennte die jungen Paare nicht, aber man hatte Sorge dafür getragen, daß Herr von Bär und der alte Tondern neben einander ſaßen, und die Frei⸗ frau war von der Frau vom Hauſe mit einem Kuß gebeten worden, ihr noch mehr von ihrer Vergangen⸗ heit zu erzählen. » 283 Schon ſeit einiger Zeit hatte ſich eine düſtere Wolke auf die Stirn des Freiherrn gelegt. Als das Geſpräch um ihn in lebhaftem Gange war und Niemand auf ihn Acht gab, neigte er ſich raſch zum Ohr des Adjutanten und fragte mit gedämpfter Stimme: „Und von ihm hat man nichts mehr vernom⸗ men?“— „Unſere letzten Nachrichten ſind von Havre“, ant⸗ wortete von Bär in derſelben Weiſe, um keinen Schat⸗ ten heraufzubeſchwören in die Zufriedenheit dieſer heiteren Tafelrunde.„Ein braſilianiſches Schiff, wel⸗ ches kurz vor Ankunft des Steckbriefs die Anker ge⸗ gelichtet, hatte nach dem Bericht der dortigen Behörden ei⸗ nen ſolchen Paſſagier an Bord, auf den das Signale⸗ ment vollkommen paßte. Die Vollmacht zur Verfol⸗ gung hat bei unſerem langſamen Geſchäftsgang die königliche Kanzlei etwas ſpät verlaſſen und dem Unglückli⸗ chen einen großen Vorſprung gewährt. Zwiſchen uns und Braſilien beſteht kein Auslieferungscartell.“ „Gott ſei Dank!“ murmelte der Freiherr.„Jetzt noch eine Frage, Major—“ „Oberſtlieutenant ſeit geſtern“, unterbrach von Bär lächelnd. „Gratulire von Herzen! Hans hat bei der Haus⸗ 284 ſuchung in Angelo's Wohnung einen Gegenſtand ge⸗ ſehen, den er vor dem eventuellen Verkauf der Sachen an ſich bringen möchte; denn derſelbe würde Angelo ſehr belaſten. Es iſt das Gewehr, welches er ſeinem Jäger zur Ermordung meines Sohnes gegeben haben ſoll und das Hans in den Händen des Jägers erblickt hat. Es würde beweiſen, daß letzterer nach beende⸗ ter Jagd noch einmal in der Wohnung ſeines Herrn war. Iſt Hans bei einer Unterſuchung gehalten, Zeu⸗ genſchaft abzulegen gegen den Mann, den er doch ſo lange für ſeinen Bruder anſehen mußte?“ „Ich glaube nicht“, ſagte der Oberſtlieutenant; „wenn es Sie indeß beruhigt, ſo darf ich Ihnen im Vertrauen mittheilen, daß Seine Majeſtät der König, ſobald es ſich beſtätigt, daß der Angeſchuldigte für die hieſigen Geſetze unerreichbar iſt, auch die Niederſchla⸗ gung jeder ferneren Unterſuchung anordnen will.“ „Dafür würde ich Seiner Majeſtät faſt ebenſo dankbar ſein wie für die Wiederherſtellung meiner Familie.“ Die Tafel näherte ſich ihrem Ende. Bereits kreiſte in antiken Schalen vom feinſten Kryſtall der ſchäu⸗ mende Sect. Da erhob ſich der Oberſtlieutenant von Bär und ſprach mit tiefer Rührung: „Man blickt ſo oft mit halbem Bedauern zurück 285 auf jene verklungenen Zeiten, da Frauentugend und Rittermuth über alle Gefahren ſiegten, mit denen Bos⸗ heit und Gewalt ſie bedrohten. Ich habe nie daran glauben wollen, daß Alles aus jener romantiſchen Zeit vergeſſen und begraben ſei. Und wenn ich auf die letzten Tage und die Schickſale der erlauchten Familie zurückblicke, deren Gegenwart die Freude dieſes Hauſes iſt, ſo ſcheint mir, als ſeien nur der Boden, auf dem ſie gekämpft, die Waffen, mit denen ſie geſiegt, andere, aber als ſchlüge in ihrer Bruſt noch daſſelbe Herz, wie einſt unter Krauſe nnd Panzer der Cdelſten. Gleich den Beſten der vergangenen Zeiten haben ſie gekämpft gegen ein unverdientes Gericht; zuerſt mit treuer, ge⸗ horſamer Ausdauer, dann mit ehernem, unbeugſamem Trotz. Ihre Geſchichte und ihr Sieg klingen ſo mär⸗ chenhaft, als nur je ein merkwürdiges Schickſal klang aus dem Munde des Troubadours. Das hat mich ausgeſöhnt mit unſerer Zeit uud mancher Flachheit, die wir ſchwer ertragen! Denn noch gibt es Männer, ſtark und kühn und treu, die, unbekümmert um Spott und Verachtung einer Welt, ſich ihr eigen Schickſal ſchaffen mit eherner Fauſt. Noch gibt es Frauen, welche, wenn ihr Gatte ihnen, den Tod im Auge, ſagt: Stirb mit mir! ruhig und ohne Zaudern ant⸗ worten: Ich komme! Ihnen danke ich's, daß mich 286 die Welt wieder innig freut, und froh, wie ſeit Jahren nicht, ergreife ich das Glas und rufe aus vollem, ju⸗ belndem Herzen: Ein Hoch den Rittern der Gegen⸗ 5 wart! Möge ihr Geſchlecht fortleben für alle Zeiten!“ Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Verlag von Ernſt Julius Günther in eipzig. Alles um ein Nichts Roman von Georg Köberle. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. D) 9* 3 Pnciker. Ein Aoman aus der Napoleoniſchen Zeit von Karl Frenzel. 5 Bde. 8. Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Geheimniſſe. Novellen von Kark Frenzel. 2 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Verlag von Ernſt Zulius Günther in geipzig. John Halifar, Gentleman. Aus dem Engliſchen von„ Sophie Verena. Zweite Auflage. 2 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. thiges Wei Weib Ein muthiges Weib. Von der Verfaſſerin von„John Halifay“. Aus dem Engliſchen von Hophie ZVerena. Autorifirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Hannah. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. ⸗ — 3 T 14 15 16 17 18 19 ſſſſſſſſinſſ 7 8 9 10 11 12 13 8 —,—