3 ———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von... Eduard Qktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. B. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 ägt:.„* 4 b für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———-ͤ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf.. „ 3 9„=„„=„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſ der Leſer ſuun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 5 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. v 3 3,. /. S ,,9, Sp 2 )—. 2, lall, Erſtes Kapitel. Lautes Getümmel herrſchte vor dem Herrenhaus Lorin, noch lange nachdem die zurückkehrende Guts⸗ herrſchaft in dem Portal verſchwunden war. Mit großer Geſchicklichkeit wendeten die beiden Kutſcher in reich verſchnürter ungariſcher Nationaltracht ihre un⸗ geduldigen Viergeſpanne durch den dichten Menſchen⸗ knäuel nach den ſeitwärts gelegenen Stallungen. Ueber dem lehmigen Platze mit den tief ausgefahrenen Ge⸗ leiſen ſchwebte eine braune Staubwolke, in welcher die Fenſterſcheiben der hufeiſenförmigen Häuſergruppe, die man das Schloß nannte, für den Augenblick vol⸗ lends erblindeten. Als der Staub ſich allmälig ſenkte, kam auch die Geſtalt einer jungen Dame wieder zum Vorſchein, v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 1 2 welche allein zurückgeblieben war. Sie ſaß auf den höchſten Stufen einer ſteinernen Freitreppe zwiſchen den rothen Thonkübeln zweier ſtaubiger Agaven und blickte mit großer Ruhe auf den Platz hinunter. Sie war aus dem zweiten der ankommenden Wagen geſtiegen und bei der lebhaften Begrüßungsſcene, die vor ihren Augen ſtattfand, beſcheiden zurückgetreten. Da hatte ſie ſich plötzlich umgeben geſehen von ſchwarzbraunen, ſchnurrbärtigen Menſchen in ſchmuzigen, phantaſtiſchen Trachten, welche mit rollenden Augen und blitzenden Zähnen wie wahnſinnig„Eljen“ ſchrieen und geſtikulir⸗ ten. Und dazwiſchen war der warnende Ruf der beiden Kutſcher und das Knallen ihrer langen Peitſchen er⸗ ſchallt und die Vorderpferde hatten, ſich bäumend, Kopf und Hufe in die Luft gehoben. Außer Stande, zum Portal durchzudringen, halb erſtickt vom Staub, betäubt vom Getöſe, angewidert von der fremdartigen Umge⸗ bung, hatte ſich die junge Dame auf jene Treppe ge⸗ flüchtet. 3 Der Platz war nun leer und der Eingang zum Schloſſe frei, aber das junge Mädchen zeigte keine Luſt, herunterzuſteigen. Vielleicht fürchtete ſie neue Abenteuer, wenn ſie ihren Weg allein durch das aus⸗ gedehnte Gebäude ſuchte, um ſich deſſen Gebietern ins Gedächtniß zurückzurufen. Die Ausſicht konnte es — — —— 3 5 unmöglich ſein, welche die ſichtlich hier Fremde an dieſen ſonderbaren Ort feſſelte. Das„Schloß“ war umgeben von einem großen Dorf mit niederen, langge⸗ ſtreckten gelben Häuſern und einer Kirche mit ſpitzem Giebel und großem Knopf, wie man ſie in Deutſchland häufig findet, und zwiſchen der breiten Dorfſtraße und einigen hochragenden dunklen Cypreſſen des herrſchaft⸗ lichen„Parks“ ſah man hinaus in die troſtloſe Oede des ungariſchen Tieflandes. Soweit das Auge reichte, unterbrach keine Erhöhung des Bodens, kein Haus, kein Baum, kein Fluß, nicht einmal das Rinnſal eines Baches die vom Sommer ausgebrannte kahle Fläche, nur in weiten Zwiſchenräumen ragten die Balken un⸗ geheurer Ziehbrunnen galgenartig empor, und über dem Horizont ſchwebte der von zahlloſen Viehheerden aufgewühlte Staub gleich dichtem braunem Nebel. In dieſer verdüſterten Atmoſphäre ging die Herbſtſonne unter, eine ungeheure blutrothe Scheibe, glanzlos und ſtrahlenlos. Aus dem Portal des Schloſſes ertönte lautes Hundegebell und übermüthiges Lachen. Unter dem Thorweg erſchien ein junger Mann, den zwei große engliſche Doggen bald in weiten Sprüngen umkkreiſten, bald ſcherzend anfielen. Die Art, wie der Jüngling dieſelben abwehrte, bewies, wie ſehr ihm der Kampf 1*¾ 4 Vergnügen machte, und ſteigerte nur ihre Lebhaftigkt. Die Dame auf der Terraſſe erkannte den etwa ſiebzehn⸗ jährigen Sohn der Baronin, mit der ſie gekommen. Die Leidenſchaftlichkeit, mit welcher er ſeine heimkeh⸗ rende Mutter ſchon auf der benachbarten Eiſenbahn⸗ ſtation umarmte, die Wildheit, mit welcher er auf ſei⸗ nem langſchweifigen Fuchs ihren Wagen umkreiſte, um dann wieder in einer Wolke von Staub weit vo⸗ raus über die dürre Haide dahinzuraſen, hatten be⸗ reits die Aufmerkſamkeit der Fremden erregt, um ſo mehr, weil ſie ſich nicht erinnerte, jemals einen ſo jungen Mann von ſolcher Leibesdicke geſehen zu haben — eine Anlage, welche durch die eng anliegende Na⸗ tionaltracht, welche er mit großer Gewiſſenhaftigkeit vom Barett bis zu den kurzen Stiefeln trug, mehr hervorgehoben als verborgen wurde. Das Merkwür⸗ digſte aber war, daß bei alledem das Geſicht des jun⸗ gen Mannes mit der aufwärts ſtrebenden kleinen Naſe, der braunen Farbe, den negerartig aufgeworfenen Lip⸗ pen und den dichten blonden Locken faſt hübſch zu nennen war und jede ſeiner lebhaften Bewegungen große Kraft und Gewandtheit bekundete. „Hollah, Oerdöck! Hero! Satanshunde!“ rief der jugendliche Falſtaff, und ſeine Wangen glühten und die ſtahlblauen Augen flammten vor Munterkeit. —— Spielend hatte Oerdöck den Arm ſeines Herrn mit den Zähnen erfaßt, er hob ihn daran in die Luft und ſchleuderte ihn dann weithin über den Platz.„Das deutſche Fräulein ſollt ihr ſuchen, nicht mir die Klei⸗ der vom Leibe reißen!“ Wie zur Uebung in der fremden Sprache war dieſe Anrede an Oerdöck und Hero ſehr laut und in ziemlich unbeholfenem Deutſch gehalten. Verlegen blieb der junge Mann einen Augenblick ſtehen, als er zufällig den Blick zu der Höhe der Treppe erhob und die Geſuchte in ſtummer Betrachtung ſeiner Heldenthaten dort oben ſitzen ſah. Auch Oerdöck und Hero hatten die Fremde erblickt und waren mit wilden Sätzen zu ihr emporgeraſt. „Oerdöck! Hero! Zurück!“ Die beiden Thiere zuckten zuſammen, als habe ſie ſelbſt in dieſer Entfernung die Peitſchenſpitze ihres Gebieters erreicht; ſie krochen zu den Füßen der Dame und rieben ihre Köpfe ſchmeichelnd an ihren Kleidern. Dieſe hatte ohne ein ſichtbares Zeichen von Angſt die anſtürmenden Thiere erwartet und ſtrich ihnen jetzt mit der ſchmalen behandſchuhten Hand koſend über die ſeidenhaarigen Köpfe. Der junge Cavalier war inzwiſchen einige Stufen 6 emporgeſtiegen und hatte nicht ohne Ritterlichkeit ſein Barett abgenommen. „Sie haben ſehr wenig Furcht, deutſches Fräu⸗ lein!“ ſagte er mit einem Ausdruck komiſcher Verwun⸗ derung.„Vor Oerdöck und Hero laufen ſonſt alle Mäd⸗ chen im Dorf davon.“ Die Fremde war ruhig zwiſchen ihren neuen Freunden ſitzen geblieben, die ihre großen gutmüthigen Augen vertrauensvoll auf ihr Geſicht richteten. „Ich konnte nicht annehmen, daß Sie die ſchönen Thiere in Freiheit laſſen würden, wenn ſie überhaupt Jemand gefährlich wären“, antwortete ſie mit einer etwas hoch liegenden, aber klaren und metalliſchen Stimme, indeß ihre Hand auf dem ſilbergrauen Kopf Hero's ruhte. „O, gar ſo fromm iſt Oerdöck auch nicht“, ent⸗ gegnete der junge Mann.„Und Hero hat erſt neulich einen Slowaken am Bein gehabt, daß ich ihm einen Gulden ſchenken mußte, damit er nicht zu Papa lief. Aber was thun Sie denn hier oben?“ fügte er hinzu. „Sie haben das wohl für einen Eingang gehalten?— O, der iſt ſchon vor zehn Jahren zugemauert worden, ſeit die Räuber dort hineinſtiegen und faſt Alles mit⸗ nahmen. Seit der Zeit ſchläft der Nachtwächter im Schloß.“. 7 „Ihre Mutter und Schweſter wurden ſo ſtürmiſch bewillkommt, daß ich mich vor dem Enthuſiasmus Ihrer Landsleute hierher geflüchtet habe“, ſagte ſie und ſtand mit ruhiger Sicherheit auf. Das volle Geſicht des jungen Mannes wurde dunkelroth. „Schöne Landsleute!“ ſagte er verächtlich„Pfer⸗ dehirt und Schweinetreiber, was will haben Brannt⸗ wein für ſein durſtiges Hals; ſchreien Eljen auf Alles, was ihnen Branntwein bezahlt. Der Verwalter hat ſie in die Schenke des Juden geführt, und mor⸗ gen, wenn ſie ihren Rauſch ausgeſchlafen haben, ſteh⸗ len ſie uns das Huhn vom Hofe, wenn man es nicht einſperrt. Hätten dem Geſindel geben ſollen einen Fußtritt, dann wären ſie ſchon aus dem Weg gegan⸗ gen“, fuhr er fort; und da es ihm zu ſpät einfiel, daß dieſe Beſchäftigung dem„deutſchen Fräulein“ wohl nicht paſſen möchte, war er froh, in der Geſtalt einer jungen Bäuerin, welche unter der Thür eines der lan⸗ gen gelben Häuſer erſchien, eine Hülfe in der Noth gefunden zu haben. „Sehen Sie, das dort iſt Ihr Landsmann!“ „Wenn ich mich in Deutſchland befände, würde ich das für eine ſchwäbiſche Bäuerin halten“, lächelte das deutſche Fräulein. 8 „O, Sie ſind ſehr klug, daß Sie ſogleich gekannt haben!“ vief der Jüngling eifrig. „Und wie kommt die ſchwäbiſche Volkstracht hier⸗ her?“ „O, die iſt ſchon mehr als hundert Jahre in Lo⸗ rin. Weil hier ſehr ſchlechtes Geſindel war, das ſehr faul geweſen iſt, haben wir deutſche Bauern kom⸗ men laſſen, die verfolgt waren für ihre Religion. Und dieſe ſind geworden unſer Landmann und haben ſehr großen Reichthum. Mein Vater hat einmal gewettet, daß er von ſeinen Bauern in wenig Stunden eine ſehr große Summe Geld erhalten könne, und in der be⸗ ſtimmten Zeit haben ſie ihm gebracht das Doppelte— o, ſie ſind ſehr reich!“ „Und die Leute ſprechen noch deutſch?“ „Nichts als deutſch“, beſtätigte jener eifrig.„In einigen Wochen iſt ihre Kirchweih, da werden wir hin⸗ gehen. Ilka, die Kammerjungfern, Alles geht hin. Sie müſſen auch hin und mit den Burſchen tanzen — ich werde mit den Mädels herumſpringen.“ Die Lippen des deutſchen Fräuleins krümmten ſich etwas. Soviel Landsmannſchaft ſchien ihr gerade nicht unerlaßlich. „Es wäre unpaſſend, die Frau Baronin, die Sie wahrſcheinlich abgeſchickt hat, mich zu ſuchen, noch län⸗ 5** 2* 9 ger warten zu laſſen“, ſagte ſie und ſtieg langſam die Stufen hinab. Dem jungen Mann war die Ausführung ſeines Auftrags zu intereſſant geweſen, als daß er darüber den letztern hätte behalten können. „Sie denken an Alles, deutſche Fräulein! Mama hat geſagt, daß Sie nach Ihrer Toilette in das Bil⸗ lardzimmer kommen ſollen. Die Offiziere ſind da. Zwei ſind Landsmann von Ihnen—“ „Ich würde es für heute vorziehen, von der Anſtrengung der Reiſe auszuruhen“, warf die Dame ein. „Aber das geh: nicht, deutſche Fräulein! Die Offiziere wollen Sie ſehen! Sie müſſen kommen!“ „Wenn ich muß, ſo iſt das etwas Anderes“, ſagte die junge Dame in einem Tone, vor dem ihr jugendlicher Ritter verſtummte. Der Erbe von Lorin hegte ſeit ſeiner kurzen Unterhaltung mit ihr für ſeine neue Hausgenoſſin eine Art Scheu, welche nicht zu ſeiner Erwartung, in der Fremden eine ſtets bereite Zielſcheibe für ſeine Späße zu finden, ſtimmen wollte. Und doch konnte ſie kaum älter ſein als ſeine Schweſter Ilka, welche er trotz ihrer neunzehn Jahre noch immer nach Herzensluſt bevormundete. Aber 10 Ilka beſaß auch nicht dieſes ruhige wie in Marmor gemeißelte Geſicht, dieſe großen grauen Augen, über welche die roſigen Lider manchmal ſich herabſenkten, dieſe breite, klare Stirn mit dem Netz blauer Adern an den Schläfen, von welchen die ſeidenweichen aſch⸗ londen Haare in vollen Wellen zurückfloſſen, dieſe feine Naſe mit den beweglichen Nüſtern und den leinen ſchwellenden Mund, nicht dieſes ganze edle Antlitz, ſo ſtolz und ſo gut zugleich, daß man über den tiefen Ernſt des gedankenvollen Auges betrof⸗ fen war, während man noch an dem Lächeln des liebreizenden Mundes ſich erfreute. Das Alles machte auf den jungen Grundherrn jedoch vorerſt nur ei⸗ nen getheilten Eindruck, denn die„deutſche Fräulein“ ſchien nicht die geringſte Ahnung davon zu haben, was ein künftiger Herr von Lorin zu bedeuten habe. Als ihnen daher die Kammerfrau der Baronin entgegen⸗ kam, um die junge Deutſche auf das ihr angewieſene Zimmer zu führen, empfahl ſich der junge Mann ſehr raſch und pfiff ſehr laut und vernehmlich ſeinen Hun⸗ den, welche der Fremden noch immer ſchmeichelnd ge⸗ folgt waren. 82 4 Zweites Kapitel. Die zurückkehrende Frau des Hauſes und ihre Tochter Ilka hatten indeß die anweſenden Verwandten und Freunde der Familie begrüßt. Dann hatte man ſich in das Billardzimmer begeben. Daſſelbe war ein großer rechteckiger Raum mit lichtbraunen Tapeten und von Aſtrallampen faſt taghell erleuchtet. Seinen Namen verdankte es einem Billard, welches an einer der ſchmalen Seiten ſtand. In jeder der vier Ecken des Zimmers ſtand ein ſchwarzledernes Sopha mit einem Tiſch und Stühlen verſchiedener Form, ſodaß ſo zu ſagen vier voneinander abgeſonderte Räume entſtan⸗ den waren. Auf einem dieſer Sophas ſaß der Grundherr von Lorin, ein bis zur Unförmlichkeit beleibter Herr von etwa ſechzig Jahren in ungariſcher Tracht. Die Aehn⸗ 42 lichkeit mit ſeinem Sohne wurde nur durch das Alter, das ausdrucksloſe Auge, die glatt geſtrichenen grau⸗ blonden Haare und das eiſengraue Schnurrbärtchen vermindert. Herr von Lorin war zum Unterſchied von ſeiner Frau, welche den Magnatentitel ſelbſt nach ihrer Verehelichung fortzuführen das Recht hatte, einfacher Adeliger; aber es war zu erwarten, daß der Kaiſer, wie Herr von Lorin und ſein Sohn, der König von Ungarn, wie die Magnatin zu ſagen pflegte, bei fort⸗ geſetzter Loyalität nach der Großjährigkeit Sandor's die ſiebenzackige Krone der Familie erblich verleihen werde. Dem Herrn des Hauſes gegenüber ſaß wie immer Major Durra, Serbe von Geburt, braun und hager, in der veralteten blauweißen Uniform eines aufgehobenen Huſarenregiments. Durra ſchien vorzüglich die Auf⸗ gabe zu haben, gegen den Grundherrn allabendlich zwei Dominopartien zu verlieren und ſich, wenn Herr von Lorin bei der dritten, wie er pflegte, einſchlief, den Anſchein zu geben, als bemerkte er es nicht. Der Eti⸗ kette des Hauſes gemäß hatten die übrigen Anweſenden ein ähnliches Benehmen zu beobachten und es zu igno⸗ riren, auch wenn der alte Herr manchmal etwas zu hörbar ſchlief. Etwa in der Mitte des Zimmers, halb ausgeſtreckt auf einer Cauſeuſe, welche vermittelſt Rollen von einem Ort an den andern geſchoben werden konnte, lag die Baronin. Ihre Geſtalt war groß und ſchlank, und trotz eines Alters von vierzig Jahren war ihr Geſicht noch von ernſter, imponirender Schönheit. Die gelblich blaſſe Farbe, die großen dunklen Augen und die verhaltene Leidenſchaft, die oft bei geringen Anläſſen glühend in ihre Wangen ſtieg und nur mühſam durch die Gewohn⸗ heit der Selbſtbeherrſchung und Würde zurückgedrängt zu werden ſchien, flößte auch denjenigen Intereſſe ein, welche nicht wußten, daß ſie einer Frau gegenüber ſtanden, welche unter der Anklage des Aufruhrs und Hochverraths Jahre lang in öſterreichiſchen Gefängniſſen zugebracht und dort ihre Geſundheit und zum Theil den Gebrauch ihrer Glieder eingebüßt hatte. Wie eine geborene Fürſtin lag ſie da und hielt halb unbewußt die Hand Ilka's, welche, das jüngere, ſchlan⸗ kere und fröhlichere Ebenbild der Mutter, neben dieſer am Kopfende der Cauſeuſe ſtand. Auf einem Stuhl, zu Füßen derſelben, ſaß die Ma⸗ jorin Durra, von Geburt eine Deutſch⸗Oeſterreicherin, ein freundliches, unbedeutendes Weſen, welche durch ein ſchüchternes Lächeln, wenn gelacht wurde, und in⸗ dem ſie dann und wann der Baronin das Kleid glatt ſtrich, ihren geſelligen Pflichten Genüge leiſtete. 1 4 Die Frauengruppe wurde vervollſtändigt durch Jo⸗ lanthe von Valaſy, welche, über die Rückwand der Cau⸗ ſeuſe gelehnt, zuweilen mit einer kecken Zwiſchenfrage in das ziemlich lebhafte Geſpräch eingriff. Jolanthe war die dreißigjährige Wittwe eines jungen Magnaten, der als Offizier in der ungariſchen Revolutionsarmee kurz nach ſeiner Verheirathung gefallen war. Wie es hieß, durch die Verwendung eines hochgeſtellten öſter⸗ reichiſchen Offiziers, war Jolanthe im Beſitz ihres großen Grundeigenthums belaſſen worden, hatte es jedoch, um ihr Vermögen vor weiteren Gefährdungen durch die politiſche Lage des Landes ſicher zu ſtellen, verkauft und lebte nun ſeit Jahren ſchon im Hauſe Lorin, deſſen ent⸗ fernte Anverwandte ſie war. Jolanthens Wuchs war etwas kleiner und voller und vielleicht auch weiblicher und anmuthiger als die ſchlanken Geſtalten ihrer Tante und Baſe. Ihr Teint war bräunlich blaß, die kurze, etwas zurücktretende Stirn von krauſen ſchwarzen Haaren halb bedeckt, unter denen ein paar tiefdunkle, unergründliche Augen manch⸗ mal mit ſcharfem Glanze unruhig aufblitzten. Jolanthe war ſchön, ſchöner vielleicht als die ſchlanke Ilka mit ihren lebhaften Farben in dem großäugigen Kinder⸗ geſicht, ſchöner als die auf der Cauſeuſe ausgeſtreckte Dulderin, aber ſie hatte weder die Würde der einen, 15 noch die thaufriſche Natürlichkeit der andern und war ſchön— wie eine ſchöne Kabylin. Ihre Familientraditionen erzählten auch von einer ſolchen, welche einer ihrer Ahnen während der Türken⸗ kriege in dem Harem eines Paſchas erbeutet und, nach⸗ dem ſie ſich zum Chriſtenthum bekehrt, zu ſeiner Frau gemacht habe. Man nannte Jolanthe hochmüthig und falſch gegen ihresgleichen, hart und heftig gegen ihre Untergebenen. Gegen die Baronin zeigte ſie eine faſt ſklaviſche Unter⸗ ordnung und für Ilka die hingebende Liebe einer zärt⸗ lichen Schweſter. Der Grundherr erklärte ſie, da ſie ſich ebenſo ſehr für die Namen der auf der benachbar⸗ ten Station anlangenden Locomotiven zu intereſſiren ſchien wie er, die ſchlechten Lithographien ſeiner Pferde in ſeinen Privatgemächern faſt noch mehr be⸗ wunderte als er ſelbſt und nach Tiſche ſeine Havan⸗ nacigarren mit ihm rauchte, für ſein liebes Kind und das ſanftmüthigſte und beſte Geſchöpf in der gan⸗ zen Welt. Sandor hielt ſie, da ſie ihn beim Fahren und Reiten an Wildheit übertraf und oft mit ihm, ohne andere Begleitung als die beiden Doggen, auf die Haſenhetze ging, für ſeinen beſten Kameraden. Heute Abend war Jolanthe erregter als ſonſt, und zwar in einer Weiſe, wie es die glückliche Heimkehr 16 ihrer Verwandten nicht rechtfertigte. Manchmal zogen ſich ihre feingezeichneten und etwas über die Augen hervortretenden Brauen tiefer, und ihr Geſicht hatte dann eine entfernte Aehnlichkeit mit einer zornigen Pantherkatze. Sobald ihr Auge jedoch dem Blick der Baronin begegnete, glätteten ſich Jolanthens Züge und ein Lächeln, bei welchem jedoch keiner ihrer kleinen milchweißen Zähne ſichtbar wurde, umſpielte die ſchma⸗ len Lippen. Ilka hatte ſo eben die lebhafte kindliche Schilde⸗ rung ihrer Reiſe beendet, und der Ulanenlieutenant Graf Serravaglia bemerkte mit etwas unſicherer Stimme und einem nicht mißzuverſtehenden Blick auf die Er⸗ zählerin, man ſei durch die raſche Zurückkunft der bei⸗ den Damen kaum weniger überraſcht als beglückt worden, und Niemand könne ihnen dankbarer ſein als er, daß ſie den Plan eines Winteraufenhalts in Nizza aufge⸗ geben hätten. Die Baronin ſchien etwas⸗ pangenehm berührt, es war ungewiß, ob durch die Bemerkung ſelber oder deren unverkennbare Beziehung zu ihrer Tochter, viel⸗ leicht durch Beides. 3 Sie hätte ſichtlich gern vermieden zu antworten, aber Ilka ſchwieg verwirrt und erröthend, und Jolanthe litzte den Grafen mit ihren dunklen Augen ſpöttiſch ——— 4ʃ an, vielleicht wegen der öſterreichiſch⸗deutſchen Betonung, mit welcher er das Franzöſiſche, die Sprache, in welcher die Unterhaltung geführt wurde, redete. „Unſere raſche Zurückkunft hat einen ſehr einfachen Grund“, ſagte die Baronin endlich mit einer Stimme, als koſte die Antwort ihr einen großen Entſchluß. „Wir laſen in der ausländiſchen Preſſe beunruhigende Berichte über die Stimmung in der Heimat, welche zwar nichts Anderes ſein konnten als unlautere Partei⸗ manöver, den König zu einem ungerechten Vorgehen gegen Ungarn zu verleiten und dadurch das gute Ver⸗ hältniß zu ſtören. Unſere Privatcorreſpondenz hätte uns beruhigen können; aber nachdem wir einmal an die ſchlimmſten Zeiten unſeres Vaterlandes erinnert worden waren, zogen wir die Heimkehr der Beſorgniß vor, es möchte ſich die fragliche Bewegung unſerem oder dem Blick unſerer Verwandten entzogen haben. Unſere Reiſe von der Grenze bis hierher beweiſt uns allerdings, daß ſelbſt die leiſeſte Beſorgniß eine Thor⸗ heit wäre. Oder wü ſte 1* Sie mehr, meine Herren?“ fragte die Baronin, die Offiziere der Reihe nach an⸗ blickend. Serravaglia lachte gezwungen. Aber ein Blick auf Ilka ſtimmte ihn wieder elegiſch. „Ich wünſche, daß dergleichen Gerüchte zu jeder ». Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 2 18 Zeit ſo abgeſchmackt bleiben möchten wie gerade jetzt, denn es wäre traurig für uns, wenn wir eine Garniſon verlaſſen müßten, welche uns ſo ſehr zur zweiten Hei⸗ mat geworden iſt.“ „Verlaſſen?“ ſagte die Baronin nicht ohne Ironie. „Ich denke, wenn ernſte Zeiten nahe ſind, hat die öſter⸗ reichiſche Regierung doppelte Gründe, Sie hier zu laſſen, um vielleicht eine Bevölkerung niederzuhalten, die Sie und Ihre Herren Kameraden ſo genau kennen!“ Das ſchmale, gebräunte Geſicht des Offiziers bedeckte ſich mit dunkler Röthe und ſeine runden ſchwarzen Augen öffneten ſich weit. „Und Sie können glauben, Baronin“, rief er,„daß wir Gendarmendienſte thun würden an einem Orte, wo wir die Kinder auf den Armen gehalten haben— gegen Familien, deren Gaſtfreundſchaft wir genoſſen und die ſich vielleicht der herrſchenden Bewegung nicht ganz entziehen könnten? Nimmermehr! Meine Kame⸗ raden und ich ſind übereingekommen, bei der erſten ſichern Nachricht von einer drohenden Erhebung um unſere Verſetzung einzukommen. Der Kaiſer wird das gewähren, ſchon um ſeiner Offiziere ganz ſicher zu ſein!“ ſchloß Serravaglia mit einem Ton, daß Ilka ver⸗ wirrt zu Boden ſah. „Das iſt edel von den Herren, ſo traurig es 19 auch gegebenen Falls für uns ſein mag“, begann die Baronin nach einer Pauſe wieder.„Aber zu ſolchen Zeiten triumphiren Mißtrauen und Verrath über die erprobteſten Freundſchaften, und darum iſt es gut, wenn diejenigen, welche Freunde bleiben wollen, ſich bei Zeiten trennen. Was an uns liegt, ſoll geſchehen, daß Ihnen das mot G'ordre nicht zu ſpät zukommt.“ „Eine Mahnung von dieſer Seite könnte ihren Zweck verfehlen!“ ertönte da eine leiſe, ruhige und ſehr melo⸗ diſche Stimme. „Und warum, Herr Rittmeiſter von Werdenau?“ Die Baronin hatte ſich halb aufgerichtet und ſchaute dem Sprecher aufmerkſam ins Geſicht. Dieſer ſenkte die milden braunen Augen nicht und ſeine Stimme blieb männlich ſanft wie eben. „Weil es dann vielleicht un ſere Pflicht ſein könnte, Verdacht und Beunruhigung auf verehrte Freunde zu lenken, welche ſich mit den Abſichten der Revolution allzu vertraut zeigen.“ Die Baronin war beſtürzt, beſchämt. So ſehr ſie ſich mühte, ſie konnte die ruhige Sicherheit dieſer milden, ſammtartigen Augen nicht ertragen. Es fehlte ihr ſelbſt ihre gewöhnliche Würde, und mit einem Lachen, wel⸗ ches mehr einem ſchmerzhaften Huſten glich, ſpottete ſie: „Der Herr Rittmeiſter regelt als echter Deut⸗ 2* 20 ſcher die Situation im voraus, um nicht zwiſchen ſeine Pflicht und ſeine— Rückſichten zu gerathen. Doch auch in Ungarn weiß man, was Soldatenehre fordert, und würde erniedrigende Zumuthungen auch dem Feinde nicht ſtellen.— Das ſind Sie glücklicherweiſe nicht, meine Herren!“ fuhr die Baronin einlenkend fort;„das ſollen Sie auch nicht werden, wie wir aufrichtig wün⸗ ſchen.— Herr von Lorin iſt, wie Sie wiſſen, dem Kaiſer treu ergeben!“ Das offene und gutmüthige Geſicht des Rittmeiſters bewies, daß er von dieſer Antwort nicht befriedigt war. Er ſchien einen ernſten Zweck damit zu verbinden, das er das Geſpräch wieder aufnahm. „Herr von Lorin beweiſt dadurch, daß er mehr als die meiſten ſeiner Landsleute die deutſche Culturarbeit in dieſem Lande zu ſchätzen weiß.“ Eine lange Pauſe entſtand. Faſt drohend blickte die Baronin dem Rittmeiſter in das bleiche Geſicht. Da hörte ſie über ſich eine Stimme, kurz und ziſchend: „Sehen Sie hier eine Probe deutſcher Cultur⸗ arbeit!“ Weit über ihre Verwandte gebeugt ſtand Jolanthe, und während die Flügel ihrer kleinen, breiten Vogel⸗ naſe vor Erregung zitterten, deutete ſie auf die Baronin. Dieſe ergriff ihre Hand und drückte ſie. — 21 „Jolanthe hat Recht, meine Herren! So ſehr ich in Ihnen die Perſonen hochachte— von den Wohl⸗ thaten Oeſterreichs kenne ich nur ſeine Kerker.“ Eine halb bedauernde, halb entſchuldigende Bewe⸗ gung des Rittmeiſters deutete an, daß er ſolch ſchmerzliche Erinnerungen in der Baronin nicht habe wiedererwecken wollen. Ilka ſtreichelte die Wangen ihrer Mutter und ſah aus, als ob ſie im nächſten Augenblick beginnen würde zu weinen; Majorin Durra beſchäftigte ſich mit dem Kleide der Baronin, und über allen thronte Jo⸗ lanthens Antlitz wie das eines böſen Engels. Drittes Kapitel. Ein wahrhaft verzweifeltes Ausſehen hatte Graf Serravaglia. Jetzt ſtellte ſich auch noch die leidige Politik zwiſchen ihn und Ilka, als ob es nicht ſchon der Hinderniſſe genug gegeben hätte. Serravaglia war faſt täglich im Hauſe des Grundherrn und trug ſeine Neigung ganz offen zur Schau, wie ſeine Uniform. Denn ohne das Eine und das Andere war er ſeinen Kameraden und der Familie Lorin nicht mehr denkbar. Ohne Ilka anzuſchmachten, hätte er ſchwerlich mehr gewußt, was er mit ſich beginnen ſollte; und das ein⸗ zige Mal, da er ſeine unbedeutende Geſtalt in Civil⸗ kleidern vorführte, hatten ſeine ſämmtlichen Bekannten gedroht, ihn zu verleugnen. Serravaglia war eine jener freundlichen, harmloſen Naturen, welche mit dem⸗ ſelben Eifer einen Cotillon ordnen, als ſie bereit ſind, ——— das letzte Goldſtück für einen bedrängten Freund zu opfern. Sein Geſchmack war unbezweifelt, und in Fragen der Toilette war er ein um ſo geſuchterer Rath⸗ geber, als man ſeine Indiscretion oder Kritik nie zu fürchten hatte. Er verſtand leidlich zu ſingen und ſpielte dazu ein höchſt ſeltſam geformtes Inſtrument, das zwiſchen Guitarre, Mandoline und Zither die wenig melodiſche Mitte hielt. Er war ein Mittelding zwi⸗ ſchen Troubadour und Harlekin. Obwohl er grund⸗ ſentimental war, verſtand er die luſtigſten Anekdoten zu erzählen, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Nie⸗ mand im Hauſe Lorin ſchien ſeine Neigung für Ilka zu bemerken. Serravaglia war Malteſer und ſollte in kurzer Zeit die letzten bindenden Gelübde dieſes Ordens ablegen. So wollte es ein reicher und mäch⸗ tiger Onkel, der, ſelber Großcomthur, nur unter jener Bedingung den armen Neffen zum Erben einſetzte und unterſtützte. Kurz vor dem Schwur der Eheloſigkeit war der Lieutenant nach Lorin verſetzt worden und hatte Ilka kennen gelernt. Schon zehnmal war der Brief an den Onkel geſchrieben, worin Serravaglia dem Orden und dem Erbe entſagte; aber der ſchreck⸗ liche Zweifel, ob die kaum der Kindheit entwachſene Ilka ſeine Neigung erwidere, überlieferte das heroiſche Schriftſtück ſtets wieder den Flammen. Und ſie darum fragen, offen und mit ernſten, klaren Worten? Ser⸗ ravaglia war nicht feig; er hatte ſich mehrfach um Dinge geſchlagen, die ihn nicht das Geringſte angingen, und in den letzten Kriegen, welche Oeſterreich geführt, ſich ſogar ausgezeichnet; aber Ilka anders als durch Blicke und Seufzer zu fragen, ob ſie geſtatte, daß er ihr ſein Ordenskreuz zu Füßen lege— bei dieſem Ge⸗ danken war er ſchüchterner wie ein Knabe.— Daß es mehr als eine Thorheit ſein würde für einen mittel⸗ loſen Offizier, um die Tochter eines Grundherrn, wie Herr von Lorin, zu werben, der an den Kaiſer fünfzig⸗ tauſend Gulden Steuern zahlte und neunzig Luxus⸗ pferde im Geſtüt beſaß, daran hatte ſeine junge Liebe nie gedacht. Da kam die Reiſe der Baronin und Ilka's nach⸗ Deutſchland, und Serravaglia entwarf die kühnſten Pläne für ihre Zurückkunft. Und endlich kamen ſie⸗ Ilka erſchien ihm ſchöner und liebreizender, die Baronin gütiger als je, Serravaglia fühlte in der eigenen Bruſt einen nie geahnten Muth die chwingen regen, und das liebliche Erröthen Ilka's erſchien ihm wie die Verheißung. Da war es ſein eigenes Wort, das plötz⸗ lich alle Dämonen des Nationalhaſſes entfeſſelte, und eine Kluft that ſich auf zwiſchen ihm und der Gelieb⸗ ten, über welche der Verzicht auf das Ordensmeiſter⸗ 25 amt der Malteſer nicht hinweggeholfen hätte. Zum erſten Mal in ſeiner geſellſchaftlichen Laufbahn ver⸗ zweifelte Serravaglia daran, die Unterhaltung wieder in Gang zu bringen. Auch Lieutenant Tolsky, ein ſehr geſund ausſehender Pole, welcher, von Natur das einſilbigſte und nüchternſte Gemüth, ſich verpflichtet glaubte, die Romantik ſeines Vaterlandes durch lange, geſteifte Schnurrbartſpitzen und heldenkühne Geberden zu vertreten, konnte nicht aus der Verlegenheit helfen, denn ſeine mangelhafte Sprachkenntniß hatte auch zu andern Zeiten ſchon zu den drolligſten Mißverſtänd⸗ niſſen Veranlaſſung gegeben. Rittmeiſter von Werdenau allein hätte vielleicht den Muth beſeſſen, das Wort an die Baronin zu richten, welche wie eine beleidigte Königin in finſterer Würde dalag; allein er fühlte, daß eine Entſchuldigung ſolchen Erinnerungen gegenüber wie Spott klingen müſſe; auch hätte er bei aller Großmuth und Rückſicht ſchwer⸗ lich das rechte verſöhnende Wort gefunden. Er glaubte aus dem ganzen Benehmen der Dame die Ueberzeugung gewonnen zu haben, daß ſie jetzt wie einſt ihren poli⸗ tiſchen Ueberzeugungen und Wünſchen jede andere Rück⸗ ſicht unterordnete, und daß ihre Gaſtfreundſchaft für die Offiziere, ihre Duldung der offenen Courmacherei Serravaglia's— eines Freiers, der, wenn er auch nicht 26 Malteſer war, der reichen Magnatin nie entſprechen konnte— daß die etwas laute Loyalität des Grund⸗ herrn und ſeines Sohnes ſelbſt vielleicht nichts ſei als der Deckmantel, unter dem die kühne und verbitterte Frau ihre reichsfeindlichen Beſtrebungen um ſo unge⸗ ſtörter fortſetzte.— Die Zurückkunft der Baronin fiel ſeltſamerweiſe mit alarmirenden Gerüchten zuſammen, die immer drohender und unheimlicher auftauchten. Die halbe Offenheit, mit der Frau von Lorin die Urſache ihrer Heimkehr nannte, erſchien dem klugen und nicht wie Serravaglia durch Liebe verblendeten Offizier nichts Anderes als ein Mittel, jeden Verdacht einzuſchläfern, und zugleich ein Fühler, wie weit die Wachſamkeit und Kenntniß der Stimmung im Lande bei den Militär⸗ behörden reiche. Die Baronin wäre vielleicht zu ſtolz geweſen zu einer ſolchen Rolle, als ihr aber durch die Frage Serravaglia's die lockendſte Gelegenheit geboten war, ſuchte ſie die Urtheile zu verwirren und ſich zu unterrichten. Dem Rittmeiſter war das Amt eines Aufpaſſers, zu welchem Offenheit und Pflichtgefühl ihn gedrängt, ſehr mißlich, und er überlegte bereits, ob ihm das letz⸗ tere geſtatte, alle Beziehungen zur Familie abzubrechen und abſichtlich die Augen zu ſchließen. Er fühlte, daß er, nachdem einmal ſein Verdacht ein ſo beſtimmter * 27 geworden war, das nicht mehr dürfe. Rittmeiſter von Werdenau gehörte zu den ſeltenen Menſchen, welche einen durchdringenden Verſtand und eine große Feſtig⸗ keit des Willens mit einer angeborenen Reinheit und Güte des Herzens zu verbinden wiſſen. Er war aus einer hannoveriſchen Familie und hatte in dortigen Militärdienſten geſtanden, bis ihm die kleinſtaatliche Thatloſigkeit zu eng ward und er gleich vielen ſeiner Kameraden in dem damals zum deutſchen Bunde ge⸗ hörigen Oeſterreich ein größeres und intereſſanteres Feld für einen Berufsſoldaten fand. Der häufige Garniſons⸗ wechſel, das Leben inmitten fremdartiger Völkerſchaften und intereſſanter halbwilder Zuſtände hatten ihn für manche Entbehrung und Enttäuſchung entſchädigt, und wenn er auch keine Urſache hatte, ein glühender Ver⸗ ehrer der Regierung zu werden, der er diente, ſo mußte er doch als Deutſcher mit den Anſtrengungen ſympathi⸗ ſiren, welche Oeſterreich damals für Ordnung und Civi⸗ liſation in ſeinen entlegenſten Theilen machte. So kam es, daß er ohne innern Zwieſpalt mit klarem Blick und feſtem Willen an der Niederhaltung und Ueber⸗ wachung eines Landes Theil nahm, das nach ſeiner An⸗ ſicht ohne den Kitt und die Herrſchaft des deutſchen Elements nur in die verworfenſten feudal⸗anarchiſchen Zuſtände zurückſinken konnte. 28 Das Aeußere des Rittmeiſters verhehlte dem Beob⸗ achter nicht ſeine nordiſche Abſtammung. Sein Haar war von einem ins Röthliche ſpielenden Blond, und ſein von Dunkel zu Hell abſchattirter Backenbart um⸗ gab ein Antlitz von kräftig edlem deutſchem Schnitt, deſſen gewöhnliche Ruhe durch die ſanften braunen Augen angenehm belebt wurde. Die Geſtalt des Ritt⸗ meiſters war mittelgroß, aber ihre Breite gab ihr das Anſehen außerordentlicher Kraft. Seine Hände und Füße waren zierlich und klein, ſeine Bewegungen ſicher und die eines an die beſte Geſellſchaft gewöhnten Man⸗ nes, ſeine Uniform mit Orden bedeckt. So ſtand Ritt⸗ meiſter von Werdenau der revolutionären Ariſtokratin gegenüber. — Viertes Kapitel. Tiefe Stille herrſchte im Zimmer; Jedermann fühlte, daß das nächſte Wort ein entſcheidendes ſein müſſe— da öffneten ſich die hohen Flügelthüren und man hörte eine vor Lachen halb erſtickte Stimme, welche„die deutſche Fräulein“ ankündigte. Und auf der Schwelle erſchien eine auffallend breite Frauengeſtalt in einem langen roſenrothen Schleppkleide, einen mit Federn und Blumen geſchmückten Hut auf dem blonden Lockenkopf. Mit niedergeſchlagenen Augen ſchritt ſie ins Zimmer; in der Mitte blieb die ſeltſame Erſcheinung ſtehen und machte eine unbeholfene Verbeugung vor der Geſell⸗ ſchaft. Geſtalt und Bewegung hatten etwas ſo un⸗ abweisbar Komiſches, daß zuerſt Tolsky, dann Ilka und infolge deſſen auch Serravaglia leiſe zu lachen begannen und ſelbſt unter dem blonden Bart Wer⸗ denau's ein Lächeln ſichtbar wurde. Der Herr von Lorin war von dem Geräuſch erwacht und rief nun mit lau⸗ tem, donnerndem Gelächter:„O San dor, Du Teufels⸗ junge!“ und wie eine Knarre aus Holz lachte der ſerbiſche Major mit. Sogar auf dem Antlitz der Baronin ſchim⸗ merte ein Lächeln beim Anblick dieſer ausgelaſſenen Jugendluſt, das ſich ſofort Jolanthens ſchmalen Lippen mittheilte. Da wurde Ilka plötzlich ſehr ernſt, ſo ernſt, wie die Trauer ihrer Mutter ſie kaum gemacht, und mit dem ſchmerzlichen Ausruf: Mein Pariſer Hut!“ war ſie auf den Bruder zugeeilt und verſuchte ihm das ebenſo zierliche als koſtbare Werk der galliſchen Putz⸗ macherin von den Locken zu nehmen. Hülfebereit folgte ihr Serravaglia, welcher ihre Entrüſtung über dieſe Behandlung eines Pariſer Modellhutes aufs tiefſte mitzufühlen vermochte. Sandor ergriff die Flucht, aber ſchon dem Ausgang nahe, verwickelte er ſich mit den Sporen in die lange Schleppe und fiel dröhnend auf das Parquet. In dieſem Augenblick öffnete der außenſtehende Diener wieder geräuſchlos die Flügelthüren, und herein trat mit ruhiger Grazie, den feenhaften Wuchs von einem einfachen und geſchmackvollen Geſellſchaftskleide umſchloſſen, im Schmuck ihrer reichen, hoch aus der 31 Stirn gekämmten blonden Haarwellen, die junge Dame, auf welche Sandor vor einer Stunde mit Oerdöck und Hero Jagd gemacht hatte, und zu deren zarter und edler Erſcheinung es keinen ſchrofferen Gegenſatz geben konnte als ihn ſelbſt, wie er ſich in dem abge⸗ legten Ballkleide ſeiner Schweſter am Boden wälzte und vergeblich auf die Füße zu kommen ſuchte, deren Sporen ſich immer tiefer in die Schleppe verwickelten. Die junge Dame blieb einen Augenblick ſtehen; eine leichte Ueberraſchung zeigte ſich auf ihrem feinen Ge⸗ ſicht und es war, als ob das Gefühl für das Unſchick⸗ liche des derben Scherzes mit ihrem Eintritt ſich lang⸗ ſam über die ganze Geſellſchaft verbreite; denn von jedem Antlitz ſchwand das Lächeln, und nur noch Herr von Lorin ließ ein letztes Lachen hören, das wie ein Röcheln klang und von Major Durraleiſe ſekundirt wurde. Ilka hatte kaum die Eintretende erblickt, als ſie es ihrem Bruder überließ, mit Hülfe Serravaglia's wieder auf die Füße zu kommen, und dieſelbe lebhaft bei der Hand ergreifend, führte ſie ſie mit ſtrahlenden Augen zu ihrer Mutter. Die Fremde neigte ſich mit ſicht⸗ licher Verehrung über die Hand der kranken Dame. Dieſe legte den Arm um den niedergebeugten Kopf des ſchönen jungen Weſens und drückte einen leichten Kuß auf die reine Stirn. 32 Noch immer die Hand der Fremden haltend, deren andern Arm Ilka umſchlungen hielt, wandte ſich die Baronin dann an die Offiziere. „Rittmeiſter von Werdenau! Die Freude, mit wel⸗ cher wir Ihre Landsmännin in unſer Haus und unſere Heimat einführen, mag Ihnen Beweis ſein, wie gern wir die Vorzüge Ihrer Nation anerkennen, ſoweit die unſern darunter nicht erdrückt werden ſollen: Herr Rittmeiſter von Werdenau— Fräulein Gertrud von Nortwald.“ Mit einer Lebhaftigkeit, wie man ſie an ihm ſonſt nicht gewohnt war, trat der Rittmeiſter vor und ver⸗ neigte ſich tief. „Ich danke Ihnen für den Gruß, den mir durch Sie die ferne Heimat ſendet!“ Die freundlichen Augen und Worte des Rittmeiſters thaten Gertrud wohl; aber bereits ſtand der Malteſer mit ſeiner zierlichſten Verbeugung vor ihr, und der Pole warf ſich ſchnurrbartwirbelnd in die Bruſt. „Herr Oberlieutenant Graf Serravaglia, Herr Lieutenant Tolsky— Fräulein von Nortwald“, fuhr die Baronin in ihrer Vorſtellung fort. Auch Herr von Lorin und ſein Schatten, der Major, hatten ſich genähert und drückten Gertrud die Hand. Die Ma⸗ jorin vergoß Thränen der Rührung auf das Kleid ihrer — )ͤ]ͤſͤbͤͤböͤöͤbͤſͤſͤſͤſͤſſſ Gönnerin, ohne daß irgend Jemand begriff, wa⸗ rum. „Eine merkwürdige Aehnlichkeit mit den Bildern Maria Thereſia's aus ihrer Jugend, nicht wahr, meine Herren?“ begann die Baronin, nachdem die Vorſtellungen zu Ende waren, als empfinde ſie eine beſondere Freude daran, alles Schöne, was ſie an der anmuthigen Frem⸗ den bewundert hatte, auf einmal zur Geltung zu bringen. „Maria Thereſia ſelbſt hätte das Fräulein um ihren Teint beneiden dürfen!“ beeilte ſich Serravaglia zu verſichern, da er ſah, mit welcher Zärtlichkeit Ilka's Augen an der Freundin hingen. „Um die Ungarn noch entzückter zu machen“, lächelte die Magnatin. Jolanthe hatte Gertrud ſeit ihrem Eintritt nicht aus den Augen gelaſſen. Ihr Blick war immer ſtechen⸗ der geworden, je freundlicher ihre Lippen zu lächeln ſuchten; ein gepreßter, ungeduldiger Seufzer durchzitterte manchmal ihre hübſche Büſte und ihre gelblichweißen Finger gruben ſich tief in die gepolſterte Lehne der Cauſeuſe. „In Norddeutſchland ſollen ſolche zarte Farben ſehr gewöhnlich ſein. Gibt es dort viele Geſichter wie das Ihrige, Fräulein Gerta?“ Jolanthe hatte das mit faſt ſchmeichelnder Stimme v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 3 34 gefragt. Ob der Sonderbarkeit der Frage ſah Gertrud überraſcht auf. „Das weiß ich nicht“, ſagte ſie dann.„Ich habe mich nie ſo viel um mein eigenes Ausſehen bekümmert, als daß ich zu Vergleichen fähig wäre.“ Jolanthe wiegte mit kokettem Zweifel den Kopf. „Sie wollen damit doch nicht ſagen, daß Sie nicht wiſſen, wie ſchön Sie ſind? Das weiß jedes junge ſchöne Mädchen von Ihrem Alter!“ Einen Augenblick lag das graue Auge Gertrud's faſt ſtreng auf den intereſſanten Zügen der jungen Wittwe. „Dann bedaure ich in der That, unwiſſender zu ſein wie jedes ſchöne junge Mädchen in meinem Alter 17 ſagte ſie kühl.„Ich erinnere mich nicht, in meiner Heimat beſonders aufgefallen zu ſein, vielleicht nur aus dem Grunde, weil dort die Pietät für Maria The⸗ reſia meiner Schönheit weniger zu Hülfe kam wie hier.“ Mit dieſem Scherz hatte Gertrud ſich von Jolanthen wieder zur Geſellſchaft gewandt. Jolanthens Finger zuckten und ihr Lächeln wurde zur Grimaſſe. Ein ungemein feines und ſchwaches Hundegebell ließ ſich jetzt vor der Thür vernehmen. „Großmama kommt! Es iſt Zeit zu Tiſche“, ſagte Ilka. In der That öffnete der Diener die Thüren und 3 4 8 95 30 eine uralte kleine Dame mit unſicherem Schritt und zitterndem Haupt trat herein. Auf ihren blendend⸗ weißen Haaren ſaß eine bänderreiche Haube und ein dunkelviolettes, tiefausgeſchnittenes Seidenkleid umgab ſie in rauſchenden Falten. Ein winziger ſchneeweißer Seidenpinſcher umkreiſte trippelnd die alte Dame und wurde von Ilka und Serravaglia mit Liebkoſungen überhäuft, die er mit ſcheuer Würde entgegennahm. Durch die geöffnete Thür kam auch ſehr beſcheiden und dem Blick Gertrud's ausweichend Sandor, der ſich inzwiſchen ſeiner weiblichen Toilette entledigt hatte. Herr von Lorin ſchnaufte ein paarmal und bewegte ſich dann mit großer Feierlichkeit auf ſeine Schwieger⸗ mutter zu, um ihr den Arm zu bieten. Dann führte er ſie nach dem Speiſeſaal, welchen der Kammerdiener weit vor ihnen öffnete. Auf einen Wink der Baronin näherte ſich Rittmeiſter von Werdenau Gertrud und bot ihr den Arm, um dem Herrn des Hauſes in den hell erleuchteten Saal zu folgen. Serravaglia, das Hünd⸗ chen auf einem Arm, blickte Ilka und ihre Mutter flehend an. Aber bereits hatte die Baronin über das Schickſal ſeines Abends entſchieden. „Graf Serravaglia, Sie haben vielleicht die Güte, den Herrn des Hauſes bei der Frau Majorin zu ver⸗ treten. Ilka, gib Herrn Major Durra den Arm.“ 3* Mit einem verzweifelnden Blick zur Zimmerdecke trat der Graf auf die Majorin zu, welche noch eine Falte glatt ſtrich und ſich dann erhob. Hierauf ver⸗ ſchwanden auch ſie im Speiſeſaal. Lieutenant Tolsky und Sandor, nachdem er ſeiner Mutter die Hand ge⸗ küßt, machten den Beſchluß. Fünftes Kapitel. Die Baronin und Jolanthe blieben allein. „Es iſt aufopfernd von Dir, daß Du Dich von der Geſellſchaft ausſchließeſt, um das Mahl einer Kranken zu theilen“, ſagte die Baronin weich. „Nach Janos liebe ich am meiſten auf der Welt ſeine Schweſter!“ antwortete Jolanthe mit geſenkten Blicken. „Du treues Herz!“ ſeufzte die Baronin.„So treue Liebe kann nicht unbelohnt bleiben. Mein Bruder muß es endlich einſehen, wie viel Hingebung und Schönheit er unbeachtet läßt!“ „Es gäbe für mich keine größere Seligkeit, als ihm zu dienen mein Leben lang!“ Jolanthens Stimme klang tief und bebend und ihre Augen glühten in düſterem Glanz. „Wer ſo lieben könnte!“ flüſterte die Baronin faſt unhörbar und mit leerem Blick, als irre ihr Geiſt durch eine ferne verlorene Jugend.„Doch auch ich habe ja Theil an ihm und habe mein Vaterland und meine Kinder!“ fuhr ſie muthiger fort.„Ilka iſt glücklich über ihre neue Freundin, und ich war ihr eine Ent⸗ ſchädigung und Zerſtreuung ſchuldig, nachdem ich ihr den erſten Liebestraum ſo rauh zerſtören mußte.“ „Iſt er zerſtört?“ Bei dieſer Frage Jolanthens ſah die Baronin raſch und unruhig auf. „Ich dächte doch; Serravaglia war bei unſerer Abreiſe entſchloſſen, den letzten Revers ſeines Ordens zu unterzeichnen, der ihn für immer bindet. Die ſelt⸗ ſame Leidenſchaftlichkeit ſeines heutigen Benehmens fiel mir unangenehm auf, aber ich hielt ſie, wenn auch nicht gerade für taktvoll, ſo doch für ungefährlich.“ „Der Graf hat den Revers nicht unterzeichnet und iſt weiter als je davon entfernt, es zu thun. Die Trennung wirkte anders, als wir gehofft.“ Die Baronin ſenkte mit dem Ausdruck einer leb⸗ haften Beſorgniß ihr Antlitz. „Das iſt mißlich! Wir hatten vergeſſen, daß es nicht eine große Stadt mit ihren Zerſtreuungen war, in deren Mitte wir ihn zurückließen, ſondern dieſes 39 Lorin, wo man ſo viel Zeit hat, über verſunkene Träume nachzudenken.“ Jolanthe prüfte mit einem raſchen Blick die Züge ihrer älteren Freundin, dann ſagte ſie: „Wenn Du Deiner Tochter ſicher biſt, Giſela, was liegt uns daran, wenn ein überſpannter Deutſcher ſich mit Gewalt zum Bettler macht?“ „Es thäte mir herzlich leid; denn eine Mutter be⸗ greift ja immer, daß man ihre Tochter liebt. Aber Du haſt Recht, wir können nichts daran ändern. Was mich am meiſten beunruhigt, iſt eben, daß ich Ilka's, wenigſtens ihres Herzens, nicht ſicher bin. Und mit einer unglücklichen Liebe alt zu werden, muß noch ſchlimmer ſein, als die Liebe zum Manne nie ge⸗ fühlt zu haben. Ich bin der kleinen Deutſchen, die ein glücklicher Zufall mit Ilka zuſammenführte, jetzt dop⸗ pelt dankbar, daß ſie uns begleitet hat und Ilka's Gedanken eine andere Richtung gibt.“ Die ſchöne Wittwe ſchwieg. Wenn Giſela in die⸗ ſem Augenblick in die Züge ihrer Freundin geblickt hätte, ſie wäre erſchrocken über den tödtlichen Haß, dem ſie einen Augenblick zum Ausdruck dienten. Als die Baronin, durch das lange Schweigen Jo⸗ lanthens beunruhigt, das Haupt aufrichtete, war in den 40 Augen der Wittwe nichts mehr zu leſen als der Aus⸗ druck ernſten, beſorgten Zweifels. „Nun? Iſt unſere deutſche Freundin nicht aller⸗ liebſt, Jolanthe?“ „Sie iſt ſehr hübſch und klug—“ „Nur hübſch und klug?“ fragte die Baronin, be⸗ fremdet durch den kühlen, ausweichenden Ton der Ant⸗ wort.„Einer der ſüßeſten Reize des Mädchens ſchien mir eben, daß ſie bei einer ſeltenen Bildung und Schärfe des Geiſtes ein ſo liebliches, natürliches Kind geblieben iſt—“ „Oder ſcheint“, vollendete Jolanthe bedeutſam;„mit einem ſolchen Verſtande iſt man nicht naiv oder man bleibt es nur eine Stunde.“ Die Baronin ſchwieg eine Weile. Die Zweifel ihrer Freundin ſchienen ihr Schmerz zu machen und doch eine gewiſſe Macht über ihr Gemüth auszuüben, der ſie ſich nicht entziehen konnte. „Ich werde Janos fragen; er kennt die Frauen 1 ſtieß ſie haſtig hervor.„Ich habe ihm bereits Bot⸗ ſchaft geſchickt, daß er kommen ſoll, ſchon um Serra⸗ vaglig's willen. Was haſt Du? Du wirſt bleich und greifſt zum Herzen? Du liebſt ihn ja und mußt glück⸗ p lich ſein, wenn er kommt. Vielleicht entſcheidet ſich diesmal Alles zwiſchen Euch. Er muß Dich ja lieben!“ “ 41 In der That konnte es für einen Mann ein Bild von beſtrickendem Zauber ſein, wie Jolanthe plötzlich neben dem Lager ihrer Freundin auf die Kniee ge⸗ ſunken war und mit bleichem, leidenſchaftlichem Geſicht zu ihr emporſchaute. „Und wenn er nun die kluge Deutſche ebenſo hübſch findet wie Du?“ flüſterte ſie mit bebenden Lippen. Ein Lächeln des Verſtändniſſes irrte über die Züge der Baronin. „Beruhige Dich, Jolanthe; Graf Ketlan iſt ein Mann, der weiß, was er ſich und ſeinem Vaterlande ſchuldig iſt. Er wird nur eine Ungarin und ein gan⸗ zes Weib lieben, und Gerta iſt eine Deutſche und ein Kind!“ Jolanthe lächelte wie durch Thränen und erhob ſich. Ein paar Diener traten ein, um den Damen das Diner zu ſerviren. Sechstes Kapitel. In der richtigen Vorausſetzung, daß die eben erſt Heimgekehrten der Ruhe bedürften, hatten ſich die Gäſte des Hauſes Lorin heute früher als gewöhnlich empfoh⸗ len und Gertrud oder Gerta, wie ſie von ihren Gaſt⸗ freunden genannt wurde, dadurch Gelegenheit erhalten, ſich auf ihr Zimmer zurückzuziehen. Lange ſtand ſie an dem einzigen Fenſter des dunklen Raums und ſah hinaus in die nächtliche Landſchaft. Weiße Dunſtnebel wallten über den Sumpfniederungen der Theiß, und am unſichtbaren Horizonte glühten die Lagerfeuer der Hirten. Wilde, ſeltſame Weiſen klangen über die niedern Dächer des Dorfes; es waren die Lieder, welche in der Schenke des Juden die brannt⸗ weintrunkenen Kinder der Steppe zu Ehren ihrer heim⸗ gekehrten Herrſchaft ſangen. Manchmal trug ein ein⸗ zelner Windſtoß die Töne deutlicher herüber und ſtrei⸗ tende Stimmen miſchten ſich darein. Die hohen dunklen Cypreſſen des Parks ſchwankten ernſthaft hin und her, und in den Schilfpflanzen, welche den Garten ſchmück⸗ ten, rauſchte es geſpenſterhaft. Mit ſeinem ſchweren dunklen Fittig flog der Nachtwind weiter über die Haide, und wenn man ihn längſt nicht mehr hörte, jagte er in der Ferne die Nebel vor ſich her, und aus den Säulengängen des Hofes tönte der ſchwerfällige Schritt des Nachtwächters zu Gertrud hinauf. Zum erſten Male nach den Aufregungen der letzten Zeit war Gertrud mit ſich allein. Das düſtere Nacht⸗ bild rief trübe Gedanken in ihr wach. Sie dachte an all das Ernſte, Traurige, das ſie ſchon in jungen Jah⸗ ren erlebt hatte, an den überraſchenden Wechſel ihres Schickſals in den letzten Tagen. Gertrud war als die Tochter eines geachteten Mi⸗ litärs in einem der kleineren Staaten Mitteldeutſchlands geboren. Ihr Vater, früher Adjutant des Fürſten, war beim Tode deſſelben in den Ruheſtand verſetzt und zugleich mit der Schloßhauptmannſchaft einer fürſtlichen Sommerreſidenz betraut worden, welche— vor vielen hundert Jahren die Stammburg der fürſtlichen Familie, im Geſchmack jener Zeiten neu hergeſtellt— mehrere Wochen im Sommer hindurch dem Hofe zum Aufent⸗ halt diente. Die bewohnte Ritterburg lag in unmittel⸗ — 4 Ländchens inmitten bewaldeter Hügel. Vom höchſten derſelben ſchauten die alten Formen und die neuen Mauern kühn und freundlich über prächtige Wälder und fruchtbares Land. Dort, umgeben von den geläu⸗ terten Erinnerungen einer ritterlichen Vergangenheit, war die kleine Gertrud aufgewachſen. Der fürſtliche Garten mit ſeinen Treibhäuſern, ſeltenen Blumen und Gewächſen war ihr Spielplatz, und die ausgedehnten Wälder der Umgegend waren ein Park, in dem ſie auf ihrem kleinen Pony in Geſellſchaft ihres Vaters ſtun⸗ denlang reiten konnte, ohne an das Ende zu gelangen. Mit der Stadt hatte der Schloßhauptmann wenig Be⸗ rührung. Nur dann und wann beſuchte Gertrud eine ent⸗ fernte Anverwandte ihrer verſtorbenen Mutter, welche ſich dort niedergelaſſen hatte, aber bei Gertrud's Vater wegen unerwünſchter Rathſchläge und Einmiſchungen nicht ſehr beliebt war. So blieb auch die Kleinlichkeit des ſtädtiſchen Alltagslebens von Gertrud's Jugend fern, und mit ungetrübtem Wohlgefallen folgte ihr Blick den freundlichen Häuſern der Stadt, welche maleriſch ausgeſtreut waren über das unebene Gefilde und ſich da und dort an den dunklen Waldſaum ſchmiegten. 4 Und die Menſchen, welche manchmal des Sonntags die Räume der Burg beſichtigten, hatten ihre beſten Kleider barer Nähe von einer der bedeutenderen Städte des —— 45 und Manieren angezogen und waren beſcheiden und freundlich auf dem ihnen fremden Boden. Der Schloßhauptmann von Nortwald galt für ſtolz und abweiſend. In Wirklichkeit war er ein ſehr kluger und feinfühlender Mann, welcher durch den frühen Tod ſeiner Gattin und ſeines fürſtlichen Freun⸗ des vielleicht etwas zu ernſt geworden war. Selten verließ er das Schloß, und dann war es gewiß nicht die Stadt, die ſich ſo gern die zweite Reſidenz des Landes nannte, welche ihn anzog. Einer natürlichen Erſcheinung der Zeit entſprechend, waren die Honora⸗ tioren des Ortes reichlich ausgeſtattet mit anſpruchs⸗ voller Aufgeklärtheit und dem Dünkel des Halbwiſſens, abſprechend gegen Alles, was ſie nicht kannten. Voller Freiſinn auf der Bierbank, warfen ſie ſich ſofort de⸗ voteſt in die ſchlecht gemachten Leibröcke, wenn Sere⸗ niſſimus nahte, und drängten ſich in die vorderſten Reihen, voll Todesangſt, daß der Landesherr über ſie hinweg das Wort an ihren lieben Nachbar richten und dieſer, nicht ſie, fettgedruckt im Wochenblatt erſcheinen könne. Dieſe Herren hatten an dem Schloßhauptmann keinen geduldigen Hörer ihrer Weisheit und ſahen in ihm keinen Förderer jenes Fortſchritts, der meiſtens ſeinen idealen Abſchluß fand in der Begünſtigung zweifel⸗ hafter Actienunternehmungen, in der Abgabenfreiheit 46 ihrer eigenen Fabriken. Das Wochenblatt hatte wäh⸗ rend vieler Jahre keine Gelegenheit gehabt, den Herrn von Nortwald unter Anführung aller ſeiner Titel und Orden als Mitglied irgend eines der zahlreichen Vereine oder als in einer ihrer Verſammlungen anweſend zu verzeichnen, und den Humanitätsbeſtrebungen der guten Stadt entzog der Schloßhauptmann ſeinen Beitrag, ſeit er in Erfahrung gebracht hatte, daß derſelbe mit dazu verwendet wurde, Dienſtmädchen, die kaum leſen konnten, mit lebenden Bildern und Vorleſungen ans den Minneſängern zu ergötzen. Dabei war der Stockariſtokrat und Parquetmenſch, wie man den Schloßhauptmann nannte, von dem ver⸗ ſtorbenen Fürſten gerade wegen ſeines Freimuthes be⸗ ſonders hochgeſchätzt worden und wäre auch von dem neuen Herrſcher in ſeiner Stellung belaſſen worden, wenn er nicht ſelber die Anſicht ausgeſprochen hätte, daß ein junger lebensluſtiger Fürſt wohl jüngere und elaſtiſchere Gemüther in ſeiner Umgebung brauche als ihn. Nie hatte Nortwald um eine Vergünſtigung ge⸗ beten, und obwohl er kein Privatvermögen beſaß, ver⸗ wendete er die Hälfte ſeines Gehalts zur Aufbeſſerung der Beſoldung von untergeordneten Bedienſteten des Schloſſes, welche trotz ſeiner Vorſtellungen von der fürſt⸗ lichen Adminiſtration znrückgewieſen worden waren. 5 6 3 8 * 6 4 ““““ — 47 Unter der zärtlichen Sorgfalt eines ſolchen Vaters, bis zu ihrem ſiebzehnten Jahre von einer tüchtigen Erzieherin unterrichtet, war Gertrud herangewachſen. Als ſie achtzehn Jahre alt war, ſtarb ihr Vater, deſſen Geſundheitszuſtand ihr ſchon längere Zeit die größten Beſorgniſſe eingeflößt hatte, ſehr plötzlich. Gertrud ſtand einſam und verlaſſen in einer Welt, die ſie bis jetzt faſt nur von den Zinnen des fürſtlichen Schloſſes aus kennen gelernt hatte, allein und ohne Freunde. Die Selbſtloſigkeit und der Stolz des Schloßhaupt⸗ manns waren ein Fehler geworden, da wo es die Zu⸗ kunft ſeiner Tochter galt. Ein ſehr natürliches Gefühl ließ ihn die ſchöne und kluge Tochter als völlig zu ihm gehörig anſehen, und er bedachte nicht, daß ſie dem natürlichen Lauf der Dinge nach weiter zu leben hatte, wenn er ſie verließ. Wie viele energiſche Menſchen hatte er an dieſe Möglichkeit ſehr ſelten gedacht und ſich über die ernſten Mahnungen, die ihm in letzter Zeit wurden, mit gewaltſamen Anſtrengungen hinwegge⸗ holfen. Gertrud beſaß die übliche Caution, welche ihr Vater als Offizier bei ſeiner Verheirathung hatte ſtellen müſſen, und deren Zinserträgniß ſchützte ſie wenigſtens vor dem äußerſten Mangel. Ihre Verwandte, die in der Stadt wohnte, nahm ſich zuerſt der Verwaiſten an. Betäubt, 48 willenlos ließ Gertrud ſich und ihre Habe in die Woh⸗ nung ihrer Tante bringen. Als ſie ihr Zimmerchen mit den alterthümlich geſchnitzten Möbeln von Eichen⸗ holz und der herrlichen Ausſicht aus den kleinen run⸗ den Scheiben der hohen Spitzbogenfenſter verließ und in die Stadt hinunterſtieg, war ihr, als müſſe ſie ſich auf den Kirchhof neben ihren Vater legen und einige Fuß Erde auf ſich decken laſſen, wie auf ihn. Eine gewiſſe Scheu, wie ſie ſelbſt weniger zartfühlende Men⸗ ſchen meiſt vor der Fremdartigkeit eines großen Un⸗ glücks empfinden, bewahrte Gertrud in der nächſten Zeit vor geradezu unangenehmen Eindrücken, und was ſie hätte ſtören können, bemerkte ſie in ihrem tiefen Kum⸗ mer nicht. Allmälig aber traten die Anforderungen ihrer neuen Lage fühlbarer an ſie heran. Je entſchie⸗ dener der Schloßhauptmann ſeinerzeit alle mütterlichen Anwandelungen der Tante zurückgewieſen hatte, deſto dringender fühlte dieſe ſich jetzt aufgefordert, das„arme, in der Einſamkeit verſauerte junge Geſchöpf“ der Welt zurückzugeben. Die Welt der verwittweten Frau Kanzlei⸗ directorin war nun allerdings, wie es Gertrud manch⸗ mal erſcheinen wollte, etwas eng und beſchränkte ſich zumeiſt auf eine Anzahl zerſtreuungsbedürftiger, zungen⸗ fertiger älterer Damen und die dazu gehörigen Fami⸗ lien. Auch irrte die Tante darin, daß ſie den Schloß⸗ ———— —— 49 hauptmann, der in ſeiner Tochter die erwachſene Dame geachtet, nie unangemeldet ihr Zimmer betreten und ihr ſeit langem keine Verhaltungsmaßregeln gegeben hatte, einen Tyrannen nannte und den Beſuchs⸗ und Einladezwang, die Unterordnung der Gefühle unter die inhaltloſe Form, die Furcht vor dem Urtheil der Welt für eine unentbehrliche Freiheit hielt. Gertrud war von Natur elaſtiſch und ſchmiegſam, und eine Geſell⸗ ſchaft, in der ſie ſich wohl fühlen konnte, hätte unzwei⸗ felhaft ſehr wohlthätig auf ihre Stimmung gewirkt. Aber in der Wahl der Kreiſe, durch welche Gertrud an der Geſellſchaft hätte Geſchmack finden ſollen, war die Tante nicht glücklich. Die einen gefielen ſich in einem zudringlichen Protectorton und ſchienen es keinen Augenblick zu bezweifeln, daß die„arme Waiſe“ ſich durch die ihr zugewandte Huld ſehr geehrt fühlen müſſe. Vergeblich ſuchte Gertrud zu ergründen, was den Leuten, die ſich weder durch Verdienſte, noch Rang, noch Bil⸗ dung beſonders auszeichneten, ein Recht hierzu gebe; da erfuhr ſie von ihrer Tante, daß dieſelben die reich⸗ ſten Leute der Stadt ſeien und einen einzigen Sohn beſäßen, welcher für eine vielbegehrte Partie gelte. Obwohl Gertrud das Alles nicht recht verſtand, war es ihr doch, als ſei es eine große Demüthigung für ſie, ſich nochmals zu dieſen Leuten bringen zu laſſen. v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I 4 50 Andere konnten Gertrud den Hochmuth ihres Vaters und die Auszeichnung, die ſie ſelbſt früher durch den jungen Fürſten und ſeine Cavaliere erfahren hatte, nicht vergeben und wurden geradezu verletzend durch ihre ironiſche Hochachtung oder offene Rückſichtsloſigkeit. Diejenigen endlich, die es noch am beſten meinten, ſuch⸗ ten die hübſche Einſiedlerin nach ihrer Weiſe zu erziehen, ohne nur zu ahnen, daß Gertrud in ihrer Einſamkeit und im Umgang mit ihrem klugen Vater ſich mehr Welt⸗ und Gemüthsbildung angeeignet hatte als jedes andere Mädchen der Stadt. Und als Gertrud zuweilen durch eine höfliche Ablehnung, eine treffende Antwort, einen Blitz unmuthiger Ueberraſchung aus ihren gewit⸗ tergrauen Augen eine Ahnung davon erweckte, wie hoch ſie über ihrer Umgebung ſtand, galt ſie raſch für eingebildet und unbeſcheiden. Man verlangte, weil ſie arm war, von ihr auch die Demuth der Armuth. Weil die noch um ihren Vater trauernde Waiſe nicht ſofort mit Inbrunſt ein Dutzend Mädchenfreundſchaſten anknüpfte und die mitunter ziemlich kleinlichen Inter⸗ eſſen der jungen Damen ihres Alters zu den ihrigen machte, fand man ſie gemüthsdürr, altklug und be⸗ rechnend. Deſſenungeachtet wurden Gertrud von vielen jungen Männern, mit denen ſie durch die Fürſorge ihrer 51 Tante in Berührung kam, ganz unzweideutige Auf⸗ merkſamkeiten erwieſen. Sie war eben etwas ganz Beſonderes, und einige Söhne reicher Kaufleute und Fabrikanten glaubten ſich den Luxus geſtatten zu dürfen, die arme Ariſtokratin zur Frau zu nehmen. Gertrud verkannte die guten Eigenſchaften des einen oder des andern von ihnen nicht. Aber trotz ihrer modernen Kleidung, trotz des neuen Riemenzeugs ihrer Reitpferde und der mächtigen Blumenſträuße, welche namenlos bei der Frau Kanzleidirectorin abge⸗ geben wurden und durch einzelne beſonders hübſche Ca⸗ mellien oder Azaleen ſich genau auf das Treibhaus des Spenders zurückführen ließen, die jungen Leute waren doch weit entfernt von Allem, was die Träume der Jungfrau in den ſüßen Dämmerſtunden des Gemüths ihr vorgegaukelt hatten. Sie waren auch ſo ganz anders als ihr Vater und die feingebildeten Cavaliere, mit denen ſie bis jetzt verkehrt hatte. Dinge, deren Werth ſie bis jetzt kaum gekannt, drängten ſich ihr auch hier auf das läſtigſte in den Weg: Geld und Beſitz ſchienen die vorzüglichſten Werthmeſſer auch in den Augen ihrer Freier, und da, wo ſie auf dieſe Vorzüge verzichteten, ſchienen ſie die Größe ihres Opfers recht wohl zu füh⸗ len. Die ſanfte, aber entſchiedene Abweiſung eines der⸗ artigen Freiers, jenes einzigen Sohnes„der reichſten 4* 52 Leute der Stadt“, führte endlich zu deutlichen Erklä⸗ rungen zwiſchen Gertruͤd und ihrer Tante. Gertrud erfuhr jetzt, daß es die höchſte Weisheit und Tugend eines armen Mädchens ſei, eine gute Partie zu machen, und daß ſie ihr eigenes Glück auf die unverantwort⸗ lichſte Weiſe von ſich geſtoßen habe. Anfangs war Gertrud erſchreckt und verwirrt, dann aber empörte ſich Alles in ihr gegen eine ſolche Lebensanſchauung. Der Sturm leidenſchaftlichen Schmerzes, den die Tante zum erſten Mal gewahrte, machte dieſe etwas unſicher in ihrer Erziehungs⸗ und Beglückungsmethode und ſchuf das Leben Gertrud's nach dieſer Seite hin erträglicher. Deſto mißlicher wurde die Stellung des Burgfräuleins, wie man Gertrud von nun an ſpottweiſe nannte, ihren übrigen Bekannten gegenüber. Statt ihre Handlungen und ihr Benehmen aus den einfachſten und natürlichſten Gefühlen eines unverfälſch⸗ ten Herzens zu erklären, wurde Alles auf ihren ariſtokrati⸗ ſchen Bettelſtolz, das Erbtheil ihres Vaters, zurückgeführt. Es wurden ihr hochmüthige Aeußerungen und Ausfälle gegen ihre Geſellſchaft und ihre Freier angedichtet, die ſie nie gemacht hatte, und es kam zuletzt ſo weit, daß das junge Mädchen, welches keinen männlichen Verwandten zu ſei⸗ nem Schutze aufbieten konnte, von den ergebenen Freun⸗ den des reichen jungen Mannes öffentlich verhöhnt wurde. — ——— 1 2 3 53 Die Tante, ſo wenig bösartig ſie im Grunde war, ſah ihre eigenen geſellſchaftlichen Beziehungen in Ge⸗ fahr und verſchwieg Gertrud keineswegs, daß ſie die alleinige Urſache davon ſei. Sicher wäre der Wunſch, den ſo wenig für ihr zartes Gemüthsleben geeigneten Ort zu verlaſſen, lebhafter in Gertrud's Herzen erwacht, hätte ſie mehr von Welt und Menſchen gekannt als die anmaßenden Kleinbürger der zweiten Reſidenz. Und dann hielt ſie noch eins— die Nähe jener hochgele⸗ genen Burg, welche ihre Kindheit behütet hatte und die ſie, ſeit es Frühling geworden, faſt jeden Tag wie⸗ der beſuchte, um in ihren kühlen Hallen, ihren Gärten und Wäldern gleich einer Greiſin von den niemals wiederkehrenden Freuden ihrer Jugend zu träumen. Die Schloßbedienſteten kannten ſie faſt alle und ließen der Tochter ihres verſtorbenen Wohlthäters die vollkom⸗ menſte Freiheit, gaben ihr auch wohl einen Strauß ſeltener Blumen mit auf den Weg; der neue Schloß⸗ hauptmann war noch nicht eingezogen. Hier, in einem der lauſchigſten Laubgänge des ter⸗ raſſenartig angelegten Schloßgartens, traf Gertrud mit Ilka zuſammen, welche in Geſellſchaft ihrer Erzieherin die moderne Fürſtenburg beſuchte. Die zugleich lebhafte und zarte Grazie der Ungarin, ihr Intereſſe für die alterthümliche Märchenpracht, in 54 die ſie ſich plötzlich verſetzt fühlte, und die Aufſchlüſſe, welche Gertrud ihr zu geben vermochte, machten die jungen Gemüther raſch vertraut. Nach einer Viertel⸗ ſtunde ſchon durchwandelte die Tochter der fernen Steppe an Gertrud's Arm die prächtigen Säle und reichen Sammlungen, jetzt einer faſt verklungenen Sage lau⸗ ſchend, dann wieder mit Ueberraſchung in das Antlitz der jungen Deutſchen blickend, welche das Wiſſen eines Gelehrten mit der Beſcheidenheit eines Kindes vereinigte. Und als ſie beide endlich erſchöpft ruhten und von einem felſigen Luginsland hinausſchauten in den golden dämmernden Abend, da mußte Gertrud dem überwal⸗ lenden Intereſſe ihrer neuen Freundin auch ihr eigenes Geſchick anvertrauen. So einfach und unbedeutend daſſelbe! war, ſo ſehr Gertrud jedes harte Urtheil über Andere vermied, ſo enthielt die Geſchichte der jungen ſtolzen Waiſe für Ilka's elaſtiſches Gemüth ſo viel des Rührenden, daß ſie Gertrud beſchwor, ſie und ihre Mutter zu beſuchen. Als Gertrud am andern Morgen Frau von Lorin in dem Hotel, wo ſie abgeſtiegen war, beſuchte, em⸗ pfing dieſe den günſtigſten Eindruck von der Freundin ihrer Tochter und zeichnete dieſelbe in der liebenswür⸗ digſten Weiſe aus. Mit der ganzen Kraft ihres vereinſamten Gemüthes 55 hatte Gertrud ſich an ihre neuen Freunde angeſchloſſen und dachte bereits mit Schrecken an die trübe Zeit, wenn dieſelben abgereiſt ſein würden. Da wurde ſie eines Tages durch einen Antrag der Baronin überraſcht⸗ ſie und Ilka auf ihrer Reiſe durch Deutſchland und dann in ihre ferne Heimat zu begleiten und ihrer Tochter auch dort eine treue und zärtlich geliebte Freun⸗ din zu bleiben; ſie ſelbſt wolle Mutterſtelle an ihr vertreten. So ſchwer es ihr wurde, das Grab ihres Vaters zu verlaſſen und die Nähe der Orte, wo ſie viele Jahre ſo glücklich geweſen war, willigte ſie ein, nachdem auch die Tante— vielleicht froh, der Sorge um ſie über⸗ hoben zu ſein— ihr dazu gerathen hatte. Wenige Tage ſpäter war Gertrud mit den beiden Damen abgereiſt. Die Reiſe durch Deutſchland, an den Rhein und in die Schweiz nahm mehrere Monate in Anſpruch, und Gertrud hatte, ſo wenig ſie es beab⸗ ſichtigte, reichlich Gelegenheit gehabt, ſich ihren Freun⸗ den ſtets von einer neuen reizenden Seite darzuſtellen, ſei es durch die Gewandtheit und Sicherheit, mit wel⸗ cher ſie den Verkehr derſelben mit ihren Landsleuten vermittelte, ſei es durch ihre Kenntniß der Geſchichte und Literatur ihres Vaterlandes und ſeiner einzelnen Theile. 56 Die Baronin geſtand es offen ein, welch hohen Genuß ihr die Geſellſchaft Gertrud's gewähre und wie wohlthätig dieſelbe auf die Fortbildung Ilka's einwirke. Gertrud war glücklicher als ſeit langer Zeit. Zwar war auch die Baronin, wie alle Kranken, ihren wech⸗ ſelnden Stimmungen unterworfen, und Ilka zeigte ſich bei allen ihren liebenswerthen Eigenſchaften ſehr bald als ein verwöhntes Kind, welches die Erfüllung jeder ſeiner Launen mit der ſtehend gewordenen Redensart „wenn Sie mich lieben“ von Gertrud zu ertrotzen wußte. Auch wurden Gertrud's außerordentliche Bil⸗ dung und Begabung bald als etwas Gewohntes hin⸗ genommen, und hundert kleine Aufmerkſamkeiten und Liebesdienſte, welche ſie ihrer Beſchützerin und deren Tochter ſtets aufs neue erwies, gingen unbemerkt vorüber, weil Gertrud ſelbſt möglichſt geräuſchlos dabei verfuhr. Auch konnte ſich Gertrud nicht lange täuſchen über den außerordentlichen Nationalſtolzs der beiden Damen, welcher denſelben zuweilen jedes Urtheil nahm und ſie, ohne daß ſie es ahnten, geradezu verletzend gegen ihre junge Freundin werden ließ. Bei aller geiſtigen Begabung, die ihr das Gefühl für die Schwächen Anderer in ſo hohem Grade verlieh, beſaß Gertrud ein echt deutſches treues Gemüth, welches trotz aller kleinen Leiden unverbrüchlich feſthielt an 57 dem, was es einmal lieb gewonnen hatte. Und die beiden Ungarinnen waren ſeit dem Tode ihres Vaters die erſten Menſchen, welche volles Verſtändniß für ſie gezeigt und ſie lieb hatten; und ſie war ihnen ſo un⸗ ausſprechlich dankbar dafür, daß ſie lieber manches Harte erduldet, als ſich von ihnen getrennt hätte. Eine Eigenſchaft Gertrud's, welche zuweilen einen etwas kühleren Ton in ihre Beziehungen zu den beiden Damen brachte, war ihre unwandelbare Redlichkeit, ihre immer gleiche Wahrheitsliebe. Auch Frau von Lorin und ihre Tochter waren wahr⸗ heitsliebend; gewiß, ſie hätten ſich nie wiſſentlich zu einer Lüge erniedrigt; allein ſie ließen ſich durch ihr Temperament ſehr leicht zur wohltönenden Phraſe hin⸗ reißen, ohne ſich weiter Rechenſchaft davon zu geben, und gewohnt, ſeit Jahren nur in gedämpfte Lichter und ſchöne Farben zu blicken, ertrugen ſie manchmal nicht gern das ſchlichte, klare und darum vielleicht ſcharfe Wort aus dem Munde der jungen Deutſchen. Gertrud war nicht unbeſcheiden, ſie ſchwieg, wo ſie nicht reden mußte, oder wo ſie fühlte, daß ihre Antwort verſtim⸗ men könnte. Aber ſie hätte ſich zu entehren geglaubt, wenn ſie, direct befragt, ihr beſſeres Wiſſen verheim⸗ licht hätte, mochte es den Gefühlen ihrer Freunde auch noch ſo ſehr entgegengeſetzt ſein. Gemildert, aber nicht 58 ausgeglichen wurden dieſe Gegenſätze, als die Baronin in einem Badeort bedenklich erkrankte. Während Ilka mit hübſchen hochtragiſchen Geberden ſchwor, es nicht zu überleben, wenn ihre Mutter ſterbe, und verzweifelnd ihr Antlitz in den Kiſſen des Krankenbettes verbarg, lauſchte Gertrud mit todbleichem Geſicht, aber geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit den Anordnungen des Arztes und wich Tage und Nächte lang nicht vom Lager der Kran⸗ ken, jeden ihrer Wünſche erfüllend, faſt bevor ſie ihn geäußert, und mit mildem Ernſt die im Fieber Tobende beruhigend und pflegend. Und erſt als die Gefahr vorüber war und Ilka ſich einem Sturm der Freude überließ, brach Gertrud's zarte Geſtalt erſchöpft zuſam⸗ men, und die Baronin empfand eine Ahnung davon, welcher Selbſtentäußerung und Pflichttreue dies junge Mädchen fähig ſei, das ſie ſo oft kalt und gemüths⸗ arm genannt hatte. Der Dienſt, den ſie der Baronin erwieſen, war vielleicht das einzige Mittel geweſen, Gertrud zu einer Art Vorſicht in ihren Aeußerungen zu veranlaſſen; denn ſie hätte um Alles nicht zu dem Glauben Anlaß geben mögen, als ob die Dankbarkeit ihrer mütterlichen Freundin ſie kühner gemacht habe. So war Gertrud im beſten Einvernehmen mit der Baronin und Ilka in Lorin angelangt. Der erſte 59 Eindruck, den ſie empfing, entſprach allerdings nicht ganz dem farbenprächtigen Bilde, das Ilka von ihrer fernen Heimat entworfen hatte. Gertrud's Auge war gewöhnt an die milden, laub⸗ reichen Hügelformen Mitteldeutſchlands, und ſie kam nicht über das Gefühl der Troſtloſigkeit hinweg, welches ihr der erſte Anblick der endloſen braunen Haiden ver⸗ urſacht hatte, in denen alles Leben ſtillzuſtehen und ſelbſt der raſtlos arbeitende Bahnzug nur langſam vor⸗ wärts zu kriechen ſchien. Auch das Loriner Schloß, obwohl ſein Marſtall größer und prächtiger war als der manches Fürſten, ſtach faſt erſchreckend ab von den kühnen, himmelanſtrebenden Bauten, die man in der Heimat mit jenem ſtolzen Namen nannte. Und auch Ilka und die Baronin hatten bei näherer Bekanntſchaft und täglichem Umgang viel von dem romantiſchen Schimmer verloren, mit welchem Gertrud's freund⸗ ſchaftsbedürftiges Gemüth ſie anfangs umgeben hatte. Dazu kam ein Gefühl der Unſicherheit, wie ſie es nie gekannt. Und jene Antworten, welche ſie auf Jo⸗ lanthens Fragen gegeben hatte, entſprangen dem tiefſten Grunde eines verwirrten und gequälten Mädchenherzens, welches in jungfräulicher Angſt vor der allgemeinen Aufmerkſamkeit bebte. Ihr Benehmen, das Jolanthe für das Ergebniß ſchlauer Berechnung erklärt hatte, 60 entſprang einer an Verzweiflung grenzenden Verlegen⸗ heit, und nachdem das Mahl zu Ende war, zu deſſen ſteifem Ceremoniell die jugendlich derben Bemer⸗ kungen Sandor's einen eigenthümlichen Contraſt ge⸗ bildet hatten, dachte ſie mit der Angſt eines guten, folgſamen Kindes darüber nach, ob die Baronin und die übrige Geſellſchaft wohl gut von ihr dächten. Und dabei war ihr doch wieder, als ob man in dem Kreiſe, in den ſie getreten war, ein ungebührliches Gewicht lege auf Oberfläche und Erſcheinung der Dinge, als müſſe eine anſpruchsvolle Form an die Stelle wahren Anſtandsgefühls und echter Würde treten, und werde doch oft da am empfindlichſten verletzt, wo ſie am unentbehrlichſten war. Die Nacht war ziemlich weit vorgeſchritten, und trotz all ihrer körperlichen Ermüdung träumte Gertrud, die Stirn in die Hand geſtützt, noch über Problemen, welche ſchon der erſte Tag ihres hieſigen Aufenhalts ihr aufgedrungen. Der Mond ging auf und beleuch⸗ tete mit geiſterhafter Bläſſe ihr ernſtes Kindergeſicht, und die Cypreſſen des Parks, welcher die vierte Seite des Schloßquadrates bildete, warfen lange dunkle Schatten auf den mit großen Steinplatten gepflaſter⸗ ten Hofraum, deſſen Mitte eine runde Ciſterne einnahm. Der Schritt des Nachtwächters war verſtummt, ——y— 61 dagegen unterbrach ſein Schnarchen manchmal ſehr unmelodiſch die feierliche Stille. Gedämpftes Lampen⸗ licht drang matt durch die ſchweren Vorhänge an den Fenſtern der Baronin. Da öffnete ſich geräuſchlos das eiſerne Gitterthor des Parks vor einer Erſcheinung, welche in Gertrud's aufgeregtes Gemüth alle Märchen⸗ ſchauer ihrer Kindheit zurückrief. Es war eine äußerſt zarte und zierliche weibliche Geſtalt, kaum größer als Gertrud ſelbſt, welche mit lautloſem, elaſtiſchem Gang quer über den mondbe⸗ leuchteten Hof ſchritt. Ihr Gewand, anſcheinend eine bis über die Kniee reichende antike Tunica von rother Farbe, war reich bedeckt mit Sternen und Figuren, welche hell und ſcharf die Mondſtrahlen zurückwarfen, und ihre Sandalen ſchienen mit ſchimmernden Schnüren an den Füßen befeſtigt. Das Seltſamſte jedoch an der fremdartigen Erſcheinung waren die Haare, welche, von keinem Bande, noch von irgend einer Kopfbedeckung zu⸗ ſammengehalten, in überreichen Wellen bis über den goldenen Gürtel herabfloſſen. Dieſe Haare waren wie die einer uralten Greiſin und glänzten im Mondlicht wie mit Silber beſtreut. Geſtalt und Bewegung des Weſens ſchienen von einer Friſche und Elaſticität, wie ſie nur die unberührteſte Jugend geben kann, und als ſie jetzt das Antlitz erhob zu den erleuchteten Fenſtern 62 der Baronin, war es von faſt geiſterhafter Schönheit. Ein leichtes Lächeln flog darüber, dann ſchüttelte das ſeltſame Weſen ſeine weißen wallenden Locken zurück und verſchwand raſch in dem Säulengang, welcher zu der großen Treppe des Hauſes führte. „Die Elfe von Lorin“, ſprach Gertrud zu ſich ſelbſt halb ſcherzend, um den Eindruck des Unerklärlichen abzuſtreifen, gegen den ihr klarer Verſtand ſich ſträubte. Dann ſchloß ſie raſch das Fenſter und begab ſich zur Ruhe, damit nicht noch mehr des Märchenhaften im Bunde mit ihrer aufgeregten Phantaſie der Vernunft den Krieg erklären möchte. Siebentes Kapitel. Drei Tage waren ſeit der Ankunft der Damen ver⸗ gangen. Gertrud hatte das Fremdartige ihrer Umge⸗ blung überwunden und ihre erſten, in Lorin empfangenen Eindrücke faſt vergeſſen; denn die Baronin behandelte ſie mit einer ungemein wohlthuenden, faſt mütterlichen Zartheit und ſchien auch auf Ilka eingewirkt zu haben, welche Gertrud mit faſt achtungsvoller Zuneigung ent⸗ gegenkam. Wunderbarer Weiſe ſchien auch Jolanthe, nachdem ſie in einem Augenblick überwallender Eiferſucht ihre Furcht vor der Neuangekommenen verrathen hatte, ihr Urtheil vollſtändig geändert zu haben; denn ſie überhäufte Gertrud mit Liebkoſungen und Schmeicheleien, durch welche ſich das junge Mädchen unwillkürlich zu⸗ gleich geängſtigt und abgeſtoßen fühlte. Jolanthe hatte mit der Schlauheit, welche ſie aus⸗ zeichnete, gefühlt, daß eine mit Achtung gepaarte An⸗ hänglichkeit für Gertrud zu tief Wurzel geſchlagen hatte bei Frau von Lorin, als daß nicht fortgeſetzte Angriffe auf die Anklägerin ſelbſt zurückprallen müßten. Jo⸗ lanthe hatte daher beſchloſſen, ebenfalls in das Loblied für die weiße Schlange, wie ſie Gertrud im Innern bereits nannte, einzuſtimmen, und das in der ihr eigenen lebhaften und ſchmiegſamen Weiſe gethan. Die Baronin, welche von der unterwürfigen Freundſchaft Jolanthens abhängiger war, als ſie ſich ſelbſt geſtand, fühlte ſich glücklich, über den unbequemen Zwieſpalt zwiſchen ihrem Gefühl und dem Urtheil der Freundin ſo leicht hinweggekommen zu ſein, es ſchmeichelte ihr, ſich nicht geirrt zu haben, und Gertrud erntete die Früchte dieſer gehobenen Stimmung und vergalt ſie mit enthuſiaſtiſcher Hingebung. Auch mit Sandor war Gertrud vollkommen ausgeſöhnt, ſeit ſie ſeine guther⸗ zigen Derbheiten in beſter Laune hinnahm. In anſcheinend guter Eintracht waten die vier Frauen im Salon der Baronin verſammelt, als Sandor in ſeiner gewöhnlichen formloſen Art hereinſtürmte. „Deutſche Fräulein! Sie müſſen mit mir und 3 Ilka ſpazieren fahren! Meine Fuchſen brauchen Be⸗ wegung!“ Die ungeheuchelte Bewunderung, welche Gertrud 65 bei Beſichtigung des Loriner Marſtalls geäußert, hatten Sandor nicht nur verſöhnt, ſondern ihr auch ſein ganzes Herz gewonnen; die Theilnahme Ilka's an der Fahrt ſchien er für ſelbſtverſtändlich zu halten. Jolanthens Antlitz verfärbte ſich etwas. Selbſt Sandor, den ſie bisher auf ſeinen wildeſten Fahrten begleitet hatte, ſchien ſie nicht mehr zu bemerken. Gertrud nahm die mehr aufrichtige als galante Art, wie Sandor ſeine Einladung begründete, nicht übel, und da eine Fahrt ins Freie viel Verlockendes für ſie hatte, wendete ſie ſich mit einem fragenden Blick an die Baronin; als dieſe ihr huldvoll zulächelte und Ilka zugleich lebhaft aufſprang, folgte ſie am Arm der Freundin fröhlich wie ein Kind dem jungen Mann, welcher, mit der Peitſche knallend und ſeine Doggen in immer größere Aufregung verſetzend, nach den Stäl⸗ len eilte. Erſt als ſie ins Freie kamen, bemerkte Gertrud, daß der Herbſtnebel, der ſchon ſeit dem Morgen über Lorin lag, ſo dicht geworden war, daß man kaum die Häuſer des Dorfes zu erkennen vermochte. Sie machte Ilka darauf aufmerkſam, daß man bei dieſem Wetter kaum die Straße ſehen werde, die man fahre. Ilka lachte. „Auf der Haide gibt es keine Straße“, ſagte ſie; v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 5 66 „wir fahren nach irgend einer Richtung hinaus, und wenn wir weit genug ſind, werden Sandor's Pferde ſich ſchon wieder nach dem Stall zurückfinden.“ Die Ankunft des Viergeſpanns, welches, von den Doggen mit lautem Bellen umkreiſt, raſſelnd, klingend und ſchnaubend hinter den Stallungen erſchien, endete das Geſpräch. Sandor hielt die Zügel der vier kräf⸗ tigen kleinen Pferde und die lange, mit Knoten und rothen Lappen verzierte Juckerpeitſche in der Linken und half mit der Rechten Gertrud und ſeiner Schweſter auf den kleinen niedrigen Leiterwagen klettern, deſſen federloſen Achſen wohl wenig deutſche Damen ſich an⸗ vertraut hätten. Die an Lederriemen hin und her ſchwankenden Sitze ohne Lehnen machten durch ihre ſchaukelnden Bewegungen die Fahrt vorausſichtlich nicht viel angenehmer. Noch ehe jedoch Gertrud Zeit zum Nachdenken gehabt, ob ſie nicht lieber der Fahrt ent⸗ ſagen wolle, ſaß Ilka neben ihr und die Spitze von Sandor's langer Peitſche ſchwirrte den vorderſten Pfer⸗ den um die kleinen Ohren, daß ſie ſich hoch auf⸗ bäumten; der Diener kletterte ſchnell hinten auf und in wilder Jagd ging es dahin zwiſchen den niedern Häuſern des Dorfes, die undeutlich aus dem Nebel traten. In wenig Augenblicken war man im Freien und 67 raſte, wie Ilka vorausgeſagt, pfadlos über die Haide. Nur hier und da bewies ein Sprung der galoppirenden Pferde, ein ſtärkerer Stoß der Räder, daß man über eins der ausgefahrenen Geleiſe kam, welche in der Nähe des Dorfes nach allen Richtungen auseinander liefen; dann wieder wogten die braunrothen Rücken der vier Pferde regelmäßig auf und nieder. So oft San⸗ dor's Peitſche über ihnen in der Luft kreiſte, bogen ſie die Köpfe nieder und mit flatternden Mähnen ging es weiter durch den Nebel. Die beiden Hunde waren längſt darin verſchwunden und nur dann und wann erklang ihr dumpfes Bellen aus der Ferne. Trotzdem man kaum über die vorderſten Pferde hinausſah, und trotz aller Unbequemlichkeiten des Wagens war es für die drei jungen Leute eine berauſchende, herrliche Fahrt, deren Zauber ſich ſelbſt Gertrud nicht hatte entziehen können. Auf ihren blaſſen Wangen lag ein roſiger Schimmer und ihre Augen leuchteten. Sandor lenkte ſein Viergeſpann mit feſter, ruhiger Hand, und Ilka, ſich in ihrer ganzen Grazie weit über den Rand des Wagens zurücklehnend, lachte, daß die weißen Zähne ihres etwas breiten Mundes blitzten. Da hörte man plötzlich wüthendes Hundegebell. Es waren nicht mehr die wie einzelne Jagdrufe hervorge⸗ ſtoßenen dumpfen Töne der voranſtürmenden Doggen, ſondern es klang wie der erbitterte Kampf derſelben gegen eine Schaar kläffender Beſtien. Sandor reckte ſich empor und auch Ilka wurde aufmerkſam. „Wölfe?“ fragte ſie. „Wohin denkſt Du!“ antwortete Sandor.„Die Wölfe zeigen ſich erſt im Winter. Es werden Zigeuner in der Nähe ſein. Aber ſie ſollen ihr Wunder ſehen, wenn Oerdöck oder Hero verletzt iſt.“ Sandor lenkte ſeine Pferde nach der Richtung, woher das Gebell kam, und Ilka nahm mit nachläſ⸗ ſiger Grazie wieder ihre frühere Stellung ein, als ob eine Zigeunerbande eine zu verächtliche Sache ſei, um ſich länger mit ihr zu beſchäftigen. Inzwiſchen klang der Kampf der Thiere immer deutlicher aus dem dichten Nebel. Menſchliche Stimmen zeterten dazwiſchen. San⸗ dor's junges Geſicht ſah ſehr entſchloſſen aus, und zornig hieb er auf die immer toller dahinraſenden Thiere. Dieſe Jagd im Nebel nach einem Wirrwarr von Tönen, welcher immer wilder wurde, je näher man kam, hatte für Gertrud etwas ſehr Unheimliches und Beängſtigendes, und ihr Herz pochte faſt hörbar. Da ſtieß ſie plötzlich einen leiſen Schrei des Schreckens aus und auch Ilka erwachte aus ihrer graziöſen Indolenz. Das vordere 69 Sattelpferd hatte einen weiten Sprung gemacht und die Deichſelpferde drängten erſchrocken nach links, daß der Wagen faſt das Gleichgewicht verloren hätte. Mit einer gewaltigen Anſtrengung brachte Sandor das Ge⸗ ſpann zum Stehen. Ein wildes, abenteuerliches Bild bot ſich ihren Blicken dar. Soweit das Auge durch den Nebel zu dringen vermochte, war man umgeben von ſeltſamen, zerlumpten, mit glänzendem Flitter und bunten Lappen aufgeputzten Geſtalten. Männer, Weiber und Kinder rannten ſchreiend und mit allen Zeichen des Entſetzens durch⸗ einander. Die langen ſchwarzen Haare und braunen Geſichter ließen keinen Zweifel aufkommen, daß ſie zu dem gehaßten und mißhandelten Geſchlecht der Zigeuner gehörten. Ein zuſammengefahrenes Zelt ſtreckte ſeine zerbrochenen Stangen zwiſchen den Radſpeichen Sandor's empor, und ein nackter brauner, kaum vierjähriger Balg kroch laut ſchreiend, doch unverletzt, unter der Leinwand hervor, von ſeiner kaum bekleideten ſchwarz⸗ ääugigen Mutter mit leidenſchaftlicher Wildheit vollends zwiſchen den Rädern hervorgezerrt. Ein ungeheurer Keſſel lag umgeſtürzt auf dem Bo⸗ den. Von der Flüſſigkeit, zu deren Bereitung er ge⸗ dient hatte, war das große Feuer halb verlöſcht worden, über dem er an drei gekreuzten Stäben gehangen hatte, 70 und ein dunkler erſtickender Qualm vermiſchte ſich mit dem feuchten Dunſt der Atmoſphäre. Winſelnd und die ſammtgraue Haut von blutigen Schrammen zerriſſen, das eine Ohr geſchlitzt, hob ſich Hero an den Radſpeichen empor, um die Hand ihres Herrn zu erreichen. Mit wildem Geheul ſtürzte Oerdöck ſtets wieder auf einen Mann zu, der, ein Mädchen feſt an ſich drückend, mit einem aus dem Feuer geriſ⸗ ſenen Holzbrande unſichere Schläge nach dem raſenden Thiere führte, daß die Funken weit umherflogen. Die beiden Menſchen waren in rothe, reich mit Gold verzierte Gewänder gekleidet, wie ſie die Gaukler tragen, und ſchienen Bruder und Schweſter, denn in gleicher Fülle floß das lange weiße Haupthaar um die jugendlichen Geſichter, deren zarte bleiche Hautfarbe zwiſchen ihrer dunklen Umgebung noch auffallender hervortrat. Sich öffnend und ſchließend, als könnten ſie das Licht nicht ertragen, hefteten ſich die rothen Augen der beiden mit flehendem Ausdruck auf San⸗ dor. Gertrud erkannte das Mädchen an dem ſeltſamen Haar und Gewand— es war daſſelbe, das in der Nacht nach ihrer Ankunft ſo ſpät noch in den Schloß⸗ hof und, wie es ſchien, zur Baronin gekommen war— die Elfe von Lorin! Aber weder das Mädchen noch 71 der Mann ſchienen Sandor und Ilka bekannt zu ſein. Da hörte Gertrud plötzlich eine laute Verwünſchung in ungariſcher Sprache; von einem beſpornten Abſatz in die Weichen getroffen, krümmte Oerdöck ſich am Boden, und ein Mann in ungariſcher Nationaltracht ſtand vor den beiden Albinos, mit einem halb mißmuthigen, halb gleich⸗ gültigen Tone Sandor verweiſende Worte zurufend. Der Fremde war über dreißig Jahre alt, ziemlich groß und erſchien noch größer durch die zierliche und doch nervige Schlankheit ſeines Wuchſes. Der obere Theil ſeines Geſichtes von claſſiſch⸗ernſter Regelmäßig⸗ keit war nur leicht gebräunt und erhielt von großen, dunklen Augen ein düſteres Leben; Mund und Wangen waren faſt verhüllt durch einen kurz geſchorenen Bart, welcher nur an der Oberlippe zu den landesüblichen Spitzen zuſammengedreht war. Das ganze Auftreten des jungen Edelmanns und die Art, wie er die ihn demüthig und klagend um⸗ drängende ſchwarzbraune Geſellſchaft zurückwies, machte einen überlegenen ritterlichen Eindruck. „Onkel Janos!“ flüſterte Ilka, und Sandor ließ die Peitſche ſinken, die er bereits gegen den weiß⸗ haarigen Mann erhoben hatte. Auch Onkel Janos ſchien nicht angenehm über⸗ 72 raſcht, als er die jungen Leute erkannte und Oerdöck ihm demüthig zu Füßen kroch. Obwohl ſie die ungariſche Sprache nicht verſtand, glaubte Gertrud aus den kindlich⸗zornigen Aeußerungen und Geberden Sandor's zu entnehmen, daß er die Al⸗ binos der Verwundung ſeiner Hunde anklagte. Onkel Janos gab achſelzuckend eine ironiſche Antwort. Der Diener war inzwiſchen herabgeſprungen und hatte die Räder von der umſtrickenden Leinwand des zerſtörten Zeltes befreit. Onkel Janos trat an den Wagen, um Ilka die Hand zu reichen. Aber bereits wendete Sandor in vollem kindiſchem Zorn ſeine Pferde, pfiff den kampfesmüden Doggen und fuhr ſo raſch und rückſichtslos hinweg, daß die Achſen noch die Kleidung ſeines Onkels ſtreiften. Sandor ſchien ſehr erbittert und trieb die Pferde zu ſo raſchem Laufe, daß Gertrud fortwährend in Gefahr ſchwebte, durch die heftigen Stöße der Räder aus dem Wagen geſchleudert zu werden. Ilka ſchien unzufrieden mit ihrem Bruder und ihr Geſichtlein hatte einen trotzig⸗traurigen Ausdruck. Endlich tauchten die Umriſſe von Lorin aus dem dünner werdenden Nebel und bald darauf hielt man vor dem Schloß. Sandor empfahl ſich, da er ärgerlich war, ziemlich formlos, und auch Ilka bezeigte wenig Luſt, über das Vorge⸗ 73 fallene ſich zu äußern. So zog es auch Gertrud vor, Bemerkungen zu unterdrücken, welche an den Anſchau⸗ ungen und Gewohnheiten des trotzigen Jünglings wahr⸗ ſcheinlich wenig geändert hätten. Achtes Kapitel. Die zahlreichen Anforderungen, welche die Geſel⸗ ligkeit und Etikette des Hauſes an Gertrud ſtellten, drängten die Erinnerungen an die wilde Fahrt und Onkel Janos etwas in den Hintergrund. Faſt allabendlich kamen einige der in Lorin oder in der Nähe„ſtehen⸗ den“ Offiziere in das Schloß. Serravaglia und Tolsky waren ſtändige Gäſte. Ohne die geringſten Bemühun⸗ gen ihrerſeits hatte Gertrud bereits das Vertrauen des erſtern, die Neigung des letztern ſich erworben. Ser⸗ ravaglia hatte ihr bereits bei paſſender Gelegenheit das düſtere Geheimniß ſeiner Liebe zu Ilka und die der⸗ ſelben entgegenſtehenden Hinderniſſe zugeflüſtert und ſie im Namen ihrer nationalen Zuſammengehörigkeit, welche durch die Verfaſſung des deutſchen Bundes aller⸗ dings einige Berechtigung beſaß, beſchworen, ſeine Liebe 75 bei ihrer Freundin zu vertreten. Gertrud, welche Liebe und Ehe bis jetzt nur aus Büchern und Heiraths⸗ anträgen kennen gelernt hatte, faßte die Sache anfangs mit dem für ein junges Mädchen gebührenden Ernſte auf und ſaß erſchüttert und von ihrer Verantwort⸗ lichkeit tief erſchreckt vor einem Geheimniß, das ſo ziemlich allen Leuten bekannt war, welche zweimal mit Serravaglia geſprochen hatten. Ehe ſie jedoch zu einer Entſcheidung gelangen konnte, welche Stellung ihr durch die Freundſchaft zu Ilka und die Rückſicht für die Ba⸗ ronin angewieſen ſei, war Ilka ihr eines Tages mit halbgeſchloſſenen Augen und einem ſchmachtenden Seuf⸗ zer in die Arme geſunken:„O, wenn Sie wüßten, wie ich ihn liebe!“ Es kam zwiſchen Ilka und ihr zu einer Erklärung, und da erfuhr Gertrud denn allerdings zum erſten Male, daß man einen Mann ganz verzweifelt lieben und es doch ganz unmöglich finden kann, für ihn ein Titelchen ſeines National⸗ oder Familienſtolzes zu opfern. Nachdem Ilka mit Feuer und Beredtſamkeit die lange Liſte der Gründe aufgeführt hatte, welche ſie von Serravaglia trennten, warf ſie ſich endlich mit einer wirkungsvollen Geberde in einen Fauteuil und brach in die düſteren Worte aus: „Sie ſehen wohl, Gerta, daß ich ſehr unglücklich bin!“ Gertrud beſaß nun allerdings Natürlichkeit und geſunden Menſchenverſtand genug, um das ganz und gar nicht einzuſehen, und geſtand es Ilka offen ein, aber da ergriff dieſe ihre Hand und ſagte feierlich: „Glauben Sie, daß ich zum Altar treten könnte ohne den Segen meiner Mutter?“ Gertrud verſtummte. Sie hatte ihre eigene Mutter kaum gekannt; vielleicht begriff ſie deshalb um ſo mehr, daß ſie ſich nicht mit ihrem Rathe zwiſchen Mutter und Tochter drängen dürfe. Als aber, durch eine Wendung des Geſprächs a⸗ gelenkt, Ilka gleich darauf von ihrem großen Palaſt in Peſth erzählte mit den vergoldeten Möbeln und den Pferdekrippen aus rothem Marmor und von den großen Bällen und Feſten, zu denen der ganze ungariſche Adel ſich einfinde, und daß ihr Bruder Sandor, wenn er großjährig und verheirathet ſei, mit ſeiner Frau dort jeden Winter wohnen werde, da ergänzte Gertrud ſich die übrigen Gründe, warum man einen armen öſter⸗ reichiſchen Lieutenant nicht heirathe. Es konnte ihr übrigens nicht entgehen, daß auch Serravaglia in ſeinem zerriſſenen Herzen neben ſeiner Liebe noch Raum für alle möglichen andern Dinge fand. Da ſie als junges Mädchen nicht wiſſen konnte, daß die Liebe in manchen Menſchen erſt alle in ihnen ſchlummernden Fähigkeiten zur höchſten Entfaltung bringt, ſo mußte es ihr auffallen, daß Serravaglia's Anekdotenſchatz von Abend zu Abend größer, ſeine Pfänderauslöſungsweiſen immer wechſelnder und ſinn⸗ reicher wurden. Sie geſtand ihm das offen ein, als er ihr wieder einmal von Ilka ſprach, aber da verdrehte er ſeine runden Augen zu einem ganz erſchreckenden Ausdruck und trug ihr mit Grabesſtimme die Worte des Dichters vor: „Er ſpielte, ſang und trank und lachte laut, Um dann die ganze Nacht hindurch zu weinen!“ Gewiß war, daß er bei Tage manchmal recht herz⸗ lich lachte und ſogar über die unglückliche Liebe Anderer. Der Pole Tolsky ſprach weder genügend deutſch, noch franzöſiſch, noch ungariſch, um eine Unterhaltung zu führen, ließ jedoch ſeit neuerer Zeit keine Soirée im Hauſe des Grundherrn vorübergehen, ohne ſie mit ſeiner ſtummen Gegenwart zu verſchönern. An der erhöhten Farbe ſeines Geſichts, an dem rapiden Wirbeln des Schnurrbarts und an der ewig gleichen Richtung ſeiner Blicke glaubte Serravaglia entdeckt zu haben, daß Tolsky norddeutſch geworden ſei, wie er den Seelenzuſtand ſeines Kameraden verblümt wiederzugeben ſuchte. Die Sache wurde zur Gewißheit, als Tolsky ſeinen polniſch redenden Freund bat, ihm einige deutſche Redensarten mitzutheilen, vermittelſt welcher er Gertrud ſeine Bewunderung und Hingebung ausdrücken könne. Serravaglia ward durch den verzweifelten Zuſtand ſeines Herzens keineswegs daran verhindert, dem Freunde zu willfahren. Als Tolsky jedoch ſeine neuerrungenen Sprachkenntniſſe zum erſten Mal zu verwerthen ſuchte, war er einigermaßen erſtaunt über den Erfolg. Denn als er ſich Gertrud mit einer tiefen Verbeugung näherte und mit dem ſanfteſten Tonfall ſeiner Stimme ſagte: „Mein Fräulein, Sie ſind heute unausſtehlich“, da drückte das Antlitz Gertrud's ſelbſt ihm deutlich die Verſicherung aus, daß ihr die Thatſache zwar gleich⸗ gültig ſei, daß ſie aber deren Mittheilung für eine Grobheit halte. Als dann Tolsky, unſicher geworden, und um einen groben Verſtoß in der Ausſprache, den er begangen zu haben glaubte, wieder gut zu machen, haſtig hinzufügte:„Darf ich um einen Kuß bitten?“ wandte ſich Gertrud entſetzt zur Flucht; Tolsky aber war von Serravaglia belehrt worden, daß jedes deutſche Mädchen ſich ſchuldig zu ſein glaube, über die erſten Liebenswürdigkeiten ihres Verehrers in großen Zorn zu gerathen, daß dieſe tugendhafte Entrüſtung jedoch nicht andauere und einer erneuten Kühnheit meiſtens weiche. Daher folgte er ihr, flüſternd: 79 „Sie ſind ja eine ganz häßliche kleine Hexe!, Nun war Tolsky mit ſeinem Complimentenſchatz zu Ende, ſtand aber auch zugleich vor dem ſtrengen Antlitz der Baronin, bei welcher Gertrud unwillkürlich Schutz geſucht hatte. Die Baronin verſtand genug Deutſch, um zu errathen, daß die Bezeichnung„häßliche kleine Hexe“ eine unpaſſende Vertraulichkeit in ſich ſchloß; da ſie aber des Polniſchen nicht mächtig genug war, um ſelbſt den Lieutenant zurecht zu weiſen, ſo beauftragte ſie damit den Major Durra, welcher ſie eben mit feierlicher Steifheit zu einer Dominopartie zu dreien einlud. Durra galt für eine Autorität in allen ſlaviſchen Sprachen und redete mit Vorliebe mit Herrn und Frau von Lorin die alte ungariſche Geſell⸗ ſchaftsſprache, das Latein, allerdings in etwas corrum⸗ pirtem Zuſtande. Schon aus der Beſtürzung Tolsky's bei den erſten Worten des Majors ahnte Gertrud den wahren Sach⸗ verhalt; als aber Tolsky wuthentbrannt auf Serra⸗ vaglia zuſtürzte und der Major der„Domina venera⸗ bilissima“ des Hauſes das Mißverſtändniß in ſeinem holprigſten Mönchslatein erklärte, und die Drohung Tolsky's, ſich mit Serravaglia auf Tod und Leben zu ſchlagen, ihr wiedergegeben wurde, da erſchrak Gertrud aufs heftigſte, und ihrer Angſt nicht mehr mächtig, ſelbſt die Urſache eines blutigen Zweikampfes zu werden, beſchwor ſie den Major im reinſten, fließendſten La⸗ tein, die Freunde zu verſöhnen. Mitten in einer unvollendeten Phraſe blieb der Mund des ſerbiſchen Majors weit offen, und auch die Baronin ſah mit den Zeichen der lebhafteſten Ueber⸗ raſchung auf Gertrud. „Woher kennſt Du dieſe Sprache, mein Kind?“ Gertrud erröthete, als wäre ſie auf einem ſchweren Unrecht ertappt worden, und ſtammelte: „Der alte Bibliothekar des fürſtlichen Schloſſes, wo ch erzogen wurde, unterichtete mich in ſeinen Muße⸗ ſtunden in Latein und Griechiſch. Aber der gute alte Mann ſtarb, ehe ich viel gelernt hatte.“ „Du biſt allzu beſcheiden, Gerta“, ſagte die Baronin mit einem raſchen Blick des Mißtrauens auf die ge⸗ ſenkten roſenrothen Augenlider der jungen Deutſchen; „warum haſt Du nicht ſchon lange geſagt, daß Du einer Sprache mächtig biſt, die faſt jeder gebildete Ungar ſpricht?“ Gertrud fühlte den eigenthümlichen Ton der Baronin. Ruhig ſchlug ſie die großen klugen Kinderaugen auf. „Quia non eram interrogata— weil mich Nie⸗ mand gefragt hat“, antwortete ſie einfach. Die Baronin ſchien nur halb befriedigt; aber ſie 81 bat den Major, den beiden Offizieren mit ihrer ernſt⸗ lichen Ungnade zu drohen, wenn ſie den Streit über einen Scherz nicht beilegen würden, den Fräulein von Nortwald ſelbſt ihnen verziehen habe. Es war zum erſten Mal, daß die Baronin Gertrud mit jenem Namen nannte. Obwohl ihre im Grunde edle Natur zu einem Mißtrauen in Gertrud's lauteres Weſen ſich noch immer nicht entſchließen konnte, ſo war ihr doch ſo viel Klugheit und Macht über ſich ſelbſt bei einem ſo jungen Weſen unheimlich und ſie gedachte öfters als in den letzten Tagen der Worte Jolanthens: „Bei einem ſolchen Verſtande iſt man nicht naiv, oder man bleibt es nur eine Stunde lang.“ v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. Neuntes Kapitel. Die Baronin wäre über die bezweifelte Unbefangen⸗ heit Gertrud's beruhigt worden, hätte ſie am andern Morgen das junge Mädchen in ihrem Zimmer beob⸗ achtet, wie ſie in größter, aber anſcheinend angenehm⸗ ſter Aufregung vor ihrem Koffer kniete und bald mit kindlichem Ernſt ein nicht mehr ganz tadelloſes Ball⸗ kleid muſterte, bald ein anderes Garderobeſtück, das ſie beſonders gern trug, wie einen lieben alten Freund begrüßte, ſeine Falten mit der kleinen Hand glatt. ſtrich und es an einen bequemeren Ort brachte. Und jene hundert niedlichen Dinge der weiblichen Toilette, vom Fächer bis zur Spitzenkrauſe und Band⸗ ſchleife, wurden mit ordnender Hand in die offenſtehen⸗ den Kaſten gereiht. Die Veranlaſſung zu dieſer Kleiderrevue, zu wel⸗ 83 cher Gertrud ſich bis jetzt nicht hatte entſchließen kön⸗ nen, gab eine Reihe von Feſtlichkeiten, die dem Hauſe Lorin für die nächſten Wochen bevorſtanden. Da kam vor allem Sandor's achtzehnter Namenstag, der mit einem Feſteſſen und darauf folgendem Ball gefeiert werden ſollte. Auf den Ball freute ſich Gertrud am meiſten. Trotzdem ſie lateiniſch und griechiſch las, tanzte ſie ſehr gern. Zwar in Geſellſchaft ihrer Tante war ihr auch das verleidet worden durch die plumpe Art der jungen Männer, welche es nicht der Mühe werth hielten, die alleinſtehende Dame erſt wiſſen zu laſſen, wer ſie ſeien, bevor ſie dieſelbe zum Tanze auf⸗ forderten, und welche ſchon vor der Pauſe die lä⸗ ſtigen Handſchuhe von den Händen ſtreiften, ſowie die Cigarre kaum aus dem Munde entfernten, wenn ſie mit Gertrud ſprachen, und die ihre Unart und Un⸗ wiſſenheit durch ein blaſirtes, dreiſtes Weſen auszuglei⸗ chen ſuchten, das ſie dem zartfühlenden und verſtändi⸗ gen jungen Mädchen noch unausſtehlicher machte. Der einzige Ball, an den ſie mit Entzücken zurück⸗ dachte, war derjenige, welchen der junge Fürſt einſt auf der Burg ſeiner Ahnen gegeben. Er hatte ſtatt⸗ gefunden am Jahrestag der vollendeten Wiederherſtellung der Ruine. Gertrud war damals vom Fürſten und ſeinen Cavalieren ſehr ausgezeichnet worden, und das 6* 84 hatte nicht ohne Nachhall bleiben können in ihrer Phan⸗ taſie. Und jetzt ſollte ſie wieder tanzen mit Offizieren in prächtigen Ulanenformen mit den blitzenden Gold⸗ ſchnüren um Bruſt und Schulter. Den ſentimentalen Schalk Serravaglia hatte ſie bereits gern wie einen Bruder; der Streit mit Tolsky war beigelegt worden und der Pole beſchränkte ſich wieder auf ſtumme Verehrung, was ihn ganz erträglich machte. Aber eine Geſtalt unter allen war es, die nicht weichen wollte aus ihren Phantaſien, ſchön und männlich, wenn auch nicht allzuviel größer als ſie ſelbſt— Wer⸗ denau, deſſen ſanfter Blick ſo oft mild und ſinnend auf ihr geruht hatte in den letzten Tagen und deſſen tiefe Stimme ſie erſt geſtern, als ſie dicht hinter ihm geſtanden, zu Serravaglia ſagen gehört hatte:„Das arme herrliche Kind! Schon ſo früh verwaiſt und von aller Welt verlaſſen!“ Mit ihm würde ſie doch am liebſten tanzen, dachte ſie; er war ja hier ihr einziger Landsmann... Sie wurde nicht roth bei dieſem Gedanken und ihr Herz pochte nicht ſchneller... und doch war er ihr der Liebſte von allen. Da ſchrak ſie plötzlich zuſammen und breitete die Arme über ihre Schätze aus, als wolle ſie dieſelben verſtecken. Sie wußte, wer da mit wuchtigen Schrit⸗ ten den Corridor entlang kam und an ihre Thür 85 pochte, die er auch öffnen würde ohne ihre Aufforde⸗ rung— Sandor, der ſich zwar immer mehr als ein herzensguter Menſch herausſtellte, in ſeiner Unbeküm⸗ mertheit indeß ihr doch manchmal ſchon recht läſtig ge⸗ den war. In der That ſtürmte Sandor auch ſofort ins Zimmer. Er hatte jedoch keinen Blick für all die um⸗ herhängenden und umherliegenden Kleidungsſtücke, ſon⸗ dern ſchob einfach eine Hutſchachtel zur Seite und ließ ſich dann in ſeiner ganzen Schwere ins Sopha fallen. „O, Fräulein Gerta“, ſtöhnte er,„welch ein Un⸗ glück! Aber ich habe immer Unglück.“ „Was iſt denn geſchehen?“ fragte Gertrud halb beluſtigt; denn ſie hatte in Lorin ſchon einige„Un⸗ glücke“ Sandor's erlebt, die er nach einer Viertelſtunde bereits völlig vergeſſen hatte.„Iſt Ihr edles Roß Cſillag vom Schlage getroffen oder die tapfere Hero bei der Jagd auf Slowaken verunglückt?“ „Sie verſpotten mich immer, Gertrud, und ich von allen habe Sie doch am liebſten“, beklagte San⸗ dor ſich mißmuthig. „Iſt das das große Unglück?“ lächelte Gertrud. Aber Sandor winkte nur ablehnend mit der Hand, als ſei alles Andere Bagatelle neben der unangenehmſten aller Neuigkeiten, und ſtieß endlich ingrimmig hervor: 86 „Graf Ketlan iſt da!“ Mit aufrichtiger Verwunderung legte Gertrud ihre Hände ineinander. „Ich verſtehe Sie nicht! Graf Ketlan iſt da— und was weiter?“ „Weiter nichts, als daß nun Alles aus iſt, unſer Diner für übermorgen und der Ball und, wer weiß, was noch Alles!“ „Der Ball? Und warum? Was geht Graf Ket⸗ lan, den ich übrigens gar nicht kenne, unſer Ball an?!“ „Natürlich kennen Sie ihn nicht, ſonſt würden Sie nicht ſo fragen! Haben Sie ihn geſehen, neulich, als er das Geſindel in Schutz nahm, das meinen Oerdöck ſo zugerichtet hat, daß er die Brandmale an ſeinem Fell für immer mit herumtragen wird?— Mein Stiefonkel Janos iſt es— der wüthendſte Un⸗ gar, Magyar bis in die Spitzen ſeines Schnurrbarts, bis in die Troddeln ſeiner Stiefel. Patriot, ſa⸗ gen die Ungarn, Rebell, ſagt der Kaiſer, und der langweiligſte, unbequemſte Ruheſtörer, der mir je vorgekommen iſt, ſage ich!“ 4 Und nach dieſer energiſchen Kritik lehnte ſich San⸗ dor athemlos in dem Sopha zurück. „Aber was will er denn?“ fragte Gertrud, die 87 noch immer nicht begriff, was ein ungariſcher Patriot bei ihrem Hausball Anderes zu thun haben könne, als zu tanzen, und ein Tänzer mehr war ja nicht ſo ſchrecklich. „Das weiß er vielleicht ſelber nicht“, meinte Sandor geringſchätzig, ohne daran zu denken, daß ſeine eigenen politiſchen Anſchauungen noch bedenklich in der Schwebe waren;„aber was er nicht will, kann ich Ihnen ſagen: daß öſterreichiſche Lieutenants in unſer Haus kommen, mit ihm an einem Tiſch eſſen und mit unſern Damen tanzen. Das will er nicht, und die Mama hat ſchon in der Stille Alles abbeſtellt, ohne daß er davon erfährt.“ „Das iſt ſchade!“ ſagte nun auch Gertrud trau⸗ rig und enttäuſcht.„Und es war Alles ſo hübſch aus⸗ gedacht! Aber bleibt er denn ſo lange?“ „Das nicht. Er kommt ſtets unverhofft und geht dann ebenſo ſchnell wieder, meiſt bei Nacht. Ich ahnte ſchon gleich nichts Gutes, als ich ihn neulich bei den Zigeunern traf, für die ein ungariſcher Edel⸗ mann nur einen Peitſchenhieb oder einen Fußtritt ha⸗ ben ſollte. Als ich heute ſeinen niedrigen Wagen langſam die naſſe Straße daherkommen ſah, wußte ich, woran ich war. Mama erlaubt noch Wochen lang nachher nicht, daß die Offiziere eingeladen wer⸗ 88 den, und tanzen dürfen wir fürs erſte gar nicht. Das iſt es ja! Wenn Papa es nicht wünſchte, ſo dürfte kein Offizier ins Haus.— Wiſſen Sie, Gertrud“, flüſterte Sandor geheimnißvoll und rückte dem jungen Mädchen ganz nahe,„Papa darf es mit dem Kaiſer nicht verderben; der legt ſonſt noch mehr Einquartie⸗ rung ins Dorf und nimmt ihm ſeine Ländereien weg. — Das wäre ſchlimm, denn wir brauchen viel Geld, und wenn ich erwachſen bin, brauche ich auch ſehr viel Geld.“ Erſtaunt ſah Gertrud ihren jugendlichen Ritter an. Seine Worte erklärten ihr manches Räthſelhafte, das ihr ſchon aufgefallen war, ſo wenig ſie ſich zum Be⸗ obachten geneigt fühlte. Denn ſie war ſelbſt zu jung, um ſich lange mit der Politik des Hauſes zu beſchäf⸗ tigen. Flüchtig gedachte ſieauchdes räthſelhaften Beſuchs der Elfe von Lorin, die bei Tage eine allerdings merkwürdige, aber immerhin menſchliche Geſtalt an⸗ genommen hatte; ſie glaubte indeß nicht das Recht zu haben, dem aufgeregten jungen Manne davon zu reden. „Und wir hätten ausnahmsweiſe auch genug Da⸗ men gehabt“, fuhr dieſer fort.„So trifft es ſich nie wieder— ſechs Damen! Sie, Jolanthe, Ilka ſind drei, dann ſollte die Mathilde kommen, Sie . 89 wiſſen, die Tochter vom Baron Jaſowicz, und die Trafikantin mit der ſchönen Julia, der Klavierlehre⸗ rin. Außerdem kommen meine Vettern.— Und aus dem Allem wird nichts. Es iſt, um ſich todt zu är⸗ gern.“ Wenn ſie auch ſehr gern getanzt hätte, ſo ſchlimm fand es Gertrud nun allerdings nicht, und Sandor mochte etwas von dem ſpöttiſchen Ausdruck von vorhin in ihrem Geſichte leſen oder, da er ſich an Onkel Ja⸗ nos nicht wagte, einen andern Zlitzableiter für ſeine ſchlechte Laune ſuchen— er ſprang plötzlich auf und ſagte in verdrießlichem Ton: „Ich ſehe ſchon, Sie haben auch kein Gefühl für meinen geſtörten Namenstag, Sie machen ſich auch nichts aus mir; Sie ſind vielleicht gar froh, daß Graf Ketlan da iſt!“ „Ich?“ fragte Gertrud mit aufrichtigem Staunen. „Ja, Sie!“ beſtätigte Sandor, heftig im Zim⸗ mer auf und ab gehend.„Ich habe wohl geſehen, wie er Sie anſtarrte, als wir unter das Geſindel gera⸗ then waren! Ich bin blos deshalb ſo raſch wegge⸗ fahren, weil ich nicht wollte, daß er mit Ihnen reden und Ihnen die Hand geben ſollte. Aber angeſehen hat er Sie— Jolanthe würde ihm die Stiefel küſſen, wenn er ſie einmal ſo anſehen möchte! Ich 90 begreife nicht, warum alle Frauen ihm ſo gut ſind— ich finde ihn abſcheulich. Aber Sie werden ihm auch gut ſein, denn Sie ſind auch eine Frau! Wenn er auch nicht tanzt, ſo führt er doch gern hübſche Damen zu Tiſche... Sie werden ihn auch lieb ha⸗ ben... Gertrud war ernſt geworden. Die ſo offen aus⸗ geſprochenen Vermuthungen Sandor's enthielten für ſie eine offenbare Beleidigung. Stolz richtete ſie ſich auf. „Wen ich lieb haben werde oder nicht, darüber mögen Sie mir allein die Entſcheidung laſſen!“ Sandor erhob den Kopf ſehr raſch bei dem eis⸗ kalten Ton Gertrud's. Ihr Antlitz beſtätigte ihm, daß ſie das Geſpräch nicht fortzuſetzen wünſchte. Wieder kam über den jungen Mann jene Scheu, wie er ſie das erſte Mal, da er mit ihr zuſammengetroffen war, gefühlt hatte, und polternd, aber halb verlegen ihrem Blick ausweichend, verließ er ohne Gruß das Zimmer. Lange ſtand Gertrud an derſelben Stelle und ſtarrte vor ſich nieder. Janos! Wer gab Sandor das Recht, bei ihr mehr Intereſſe für ſeinen Onkel vorauszuſetzen als für jeden andern Mann? Sie war empört und mußte ſich doch geſtehen, daß Ja⸗ 91 nos in jener abenteuerlichen Umgebung vor ihr er⸗ ſchienen war, als habe plötzlich ein greller Blitz die graue Nebelluft getheilt.—„Schön wie ein Gewit⸗ ter“ hatte ſie damals gedacht, als ſeine Blicke, ſcharf und ſinnend zugleich, einen Augenblick wie überraſcht auf ihr hafteten.„Schön wie ein Gewitter“— ſie fürchtete die Gewitter nicht, und doch hatte es ihr ge⸗ bangt, wenn ſie daran dachte, daß er einmal nach Lorin kommen könnte. Als ſie hörte, daß durch den Herbſtregen der letzten Tage die Wege faſt unpaſſirbar wären, hatte ſie unwillkürlich daran gedacht, daß jener ſchöne, finſtere Mann jetzt nicht nach Lorin kommen werde, und wie erleichtert aufgeſeufzt. Dann lachte ſie wieder über ſich ſelbſt. Was ging jener fremde Mann ſie an? Was hatte ſie von ihm zu fürchten? Umſonſt! Sie kam über das beängſtigende Gefühl nicht hinweg, ſeit ſie wußte, daß Graf Ketlan im Schloſſe ſei. Unwillkürlich irrten ihre Gedanken zu den milden braunen Augen und dem klaren, ernſten Geſicht Werdenau's; wenn er da wäre, würde ſie ſich nicht fürchten. Aber er durfte ja auch nicht mehr kommen und Ball und Tanz, Hoffnung und Freude waren für jetzt vorbei. Und der Augenblick bedeu⸗ tet ja ſo viel im himmelſtürmenden Leben der Ju⸗ gend! 92 NNiit gefalteten Händen und traurigem Geſicht ſtand Gertrud lange vor ihren Schätzen aus Seide, Tüll und Flor, mit denen ſie ſich ſo prächtig hatte ſchmücken wollen. Zehntes Kapitel. Durch die dichten Damaſtvorhänge fiel dunkel⸗ rothes Licht in das Boudoir und auf die Geſtalt der „Baronin, welche in der Mitte des Zimmers in einem Divan ruhte. Es war aber nicht allein das ſonder⸗ bare Helldunkel, ſondern eine tiefe Erregung, welche ihre gewöhnlich gelblich bleichen Wangen purpurn an⸗ hauchte und ihre mächtigen dunklen Augen ruhelos der Geſtalt ihres Bruders folgen ließ. Mit gekreuzten Armen, die ſchlanken Schultern etwas in die Höhe gezogen und das energiſche Geſicht mit düſterem Ausdruck tief auf die Bruſt geneigt, ſchritt Graf Ketlan vor der Schweſter auf und nieder. Die Baronin hatte eben aufgehört zu ſprechen und ihre Worte ſchienen Janos ſo düſter geſtimmt zu ha⸗ ben. Plötzlich blieb dieſer, ohne ſeine Haltung zu verändern, vor der Schweſter ſtehen. „Da Du Deines Gatten in Deinen Briefen nie erwähnteſt, ſo mußte ich annehmen, daß er Deine Ge⸗ ſinnungen theile. Auch wußte ich, wer in Lorin Ge⸗ bieter iſt, und zweifelte nicht, daß zu jeder Zeit Deine Entſchlüſſe die Deines Gemahls beſtimmen, daß jene Farbe, welcher die Magnatin folgt, auch das Banner von Lorin ſein werde. Und alle Deine Gründe haben mich nicht überzeugen können 8 daß einer der größten und reichſten Grundbeſitzer Ungarns der Bewegung fern bleiben werde, wenn Du es nicht willſt, Giſela.“ „Aber ich will es, Janos!“ ſagte die Baronin entſchloſſen, ſich auf ihrer zitternden Hand halb empor⸗ richtend.„Ich habe kein Recht, Leben und Eigenthum meines Gatten zum zweiten Mal für eine Sache auf das Spiel zu ſetzen, für die er kein Herz hat!“ Ein ironiſches Lächeln zuckte wie Wetterleuchten über die finſtern Züge des Grafen. „Man ſpricht viel von den Wandelungen, denen ein Frauengemüth unterworfen ſei. Bei meiner hoch⸗ herzigen Schweſter allein wollte ich nicht an derlei glauben. Noch höre ich die erhebenden Worte, mit denen die jugendliche Magnatin von Ternoczin mir, ihrem Bruder, in die Arme ſtürzte:„Janos, ich bin 95 ein Weib und kann nicht kämpfen in den Reihen der Männer; aber auch ich kann mein Leben dem Va⸗ terlande und der Freiheit opfern, die Du ſo ſehr liebſt. Herr von Lorin iſt reich und wirbt um mich, ich liebe ihn nicht; aber das Vaterland braucht Geld und Waffen, und ſeine Helden ſind arm. Ich liebe den blonden Gabor, der mit ſeinen Freiheitsliedern den tiefſten Groll in unſerer Bruſt, den letzten Dolch in ſeiner Scheide weckte. Seine Lieder haben ihren Zweck erreicht; jetzt braucht es Pulver und Blei und ſcharfe Klingen— von den Millionen des Herrn von Lorin ſollt Ihr ſie kaufen.“—„Und Gabor, mein Freund?“ rief ich Dir voller Schrecken zu. Du ſahſt mir feſt ins Antlitz und keine Wimper Deines Auges zuckte.„Gabor braucht ja nicht länger zu leben als ſeine Lieder.“— So ſprach die jungfräuliche Mag⸗ natin von Lorin, die ſchwärmeriſche Braut des Sängers Gabor. Er iſt todt. Er fiel an meiner Seite, den Namen des Weibes auf den Lippen, das ihn ver⸗ laſſen um des Vaterlandes willen. Du ſtiegſt in Oe— ſterreichs Kerker hinab— ſtolz und aufrecht, um ſie gebrochen zu verlaſſen. Das war vor mehr als zwanzig Jahren— und heute haſt Du kein Recht, Leben und Eigenthum Deines Gatten zum zweiten Mal für eine Sache auf das Spiel 96 zu ſetzen, für die er kein Herz hat!— Dann, Schweſter, haſt Du Dein Leben umſonſt verkauft, und Gabor iſt umſonſt geſtorben!“ Der kranke Körper der Magnatin zuckte unter dem Hohn ihres Bruders, als würde ihre Bruſt von ſchar⸗ fen Klingen zerfleiſcht. Ihre Augen wurden geiſterhaft groß und ihre Lippen fahl. „Wenn Du mich tödten willſt, Janos“, keuchte ſie,„dann ſei barmherziger und raſcher! Da Du dies letzte Opfer verlangſt, welches eine Frau bringen kann, das ihres Stolzes, ſo will ich Dir geſtehen: ich hahe keine Macht mehr über Herrnvon Lorin. Geſchwächt und ſtumpf wie er iſt, hat die Erinnerung an jene Jahre, die Furcht vor ihrer Wiederkehr, alle ſchwächeren Eindrücke überdauernd, ſich allein und mäch⸗ tig in ſein Gedächtniß eingegraben, und wie ein Kind vor ſchrecklichen Geſpenſtern ſich die Augen zuhält, ſo flüchtet er ſich hinter die Loyalität der Furcht. Kaum vermag ich, geſtützt auf einen Reſt von Einfluß, Dir die wenigen Tage, die Du hier zubringſt, den Anblick der verhaßten Uniformen zu erſparen. Herr von Lorin hat nur noch Geld für ſie und ſeine Pferde. Jede Andeutung in Deinem Sinne würde Herrn von Lorin in einen Taumel der Angſt verſetzen und Dir und Deiner Partei gefährlich werden. Darum verlange nicht von mir, was über meine ſchwachen Kräfte geht; ich will für Dich und unſere Sache das Schaffot be⸗ ſteigen, wenn das Leben einer kranken Frau Euch nützen kann— mehr habe ich nicht!“ Frau von Lorin ſank wie todmüde auf ihren Divan zurück, und Janos ſtellte ſich ſinnend ans Fenſter. „Ich konnte das Alles nicht ſo genau wiſſen, Schweſter“, begann er nach einer Weile in milderem Tone;„es mußte mich befremden, wenn ich hörte, daß in dem Hauſe meiner Schweſter die deutſchen Solda⸗ ten wie in einer Tabagie verkehren und daß mein Neffe Sandor von ihnen ſyſtematiſch zum Feinde ſei⸗ nes Vaterlandes erzogen wird.“ „Sandor iſt ein Kind“, ſagte die Baronin ruhiger, „er wird ſeine Geſinnungen noch zehnmal ändern, bis er Mann iſt, und könnte uns nur ſchaden durch ſeine derbe Offenheit, wie er ſich ſelber ganz gewiß um den Hals reden würde, wenn er ſtatt der Rebellen den Kaiſer haſſen müßte. Wir wollen das Kind dem Kai⸗ ſer laſſen bis auf Weiteres. Die Geſinnungen San⸗ dor's und ſeines Vaters machen uns unverdächtig und geben uns einen Rückhalt, wenn wir unterliegen. Siegen wir, ſo biſt Du mächtig genug, um mein Kind zu ſchützen, deſſen Gefühle bei den Geſinnungen ſeines Vaters nur natürlich ſcheinen werden.“ 1. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 98 „Iſt Herr von Lorin auch dafür verantwortlich, daß Ilka noch immer mit dem Lieutenant liebelt und ſich ihre Buſenfreundinnen aus Deutſchland holt?“ fragte Janos ſpöttiſch. „Ilka iſt in einem Alter, in welchem man irgend etwas lieben muß quand-même; iſt es nicht der Lieutenant, ſo wäre es vielleicht der Rittmeiſter. Im⸗ mer noch beſſer Serravaglia, der ja Malteſer iſt und nicht der Mann, den Zorn ſeines Onkels herauszu⸗ fordern. Ueber den Gedanken, ihn zu heirathen, auch wenn er ſeinem Orden entſagte, würde Ilka ſich ſelbſt am meiſten entſetzen.— Was Gertrud anbelangt, ſo bekenne und theile ich Ilka's Schuld. Ich war von ihrem Verſtande und ihrer Anmuth ebenſo ſehr bezau⸗ bert wie meine Tochter.“ „Bisher war Jolanthe in Deinen Augen das Ur⸗ bild aller weiblichen Vorzüge. Wie nimmt ſie es auf, daß ſie der kleinen Deutſchen weichen muß?“ „Jolanthe ſteht meinem Herzen zu allernächſt, denn wäre ſie auch weniger klug und ſchön, ſo reicht doch nichts an ihre Begeiſterung für das Vaterland und— Dich.“ „Alſo noch immer“, ſagte Janos ſinnend. „Mehr als je! Und es iſt zu hoffen, daß Dir 99 einmal die Augen aufgehen über ihren Werth und ihre Hingebung.“ Janos lachte kurz und abgebrochen vor ſich hin. „Ich bin darüber nicht im Zweifel. Sie zieht zwar ſchlau die Krallen ein, wenn ſie ſtreichelt, aber ich kenne ſie doch! Sie würde auch zu mir paſſen... Wild und falſch und verliebt wie eine Tigerkatze, iſt ſie mir ſympathiſch; ich hätte ſie auch längſt gehei⸗ rathet, wenn ſie es weniger wünſchte...“ „Oder es Dir weniger zeigte“, vollendete Giſela. „Sie ſcheint alſo doch noch nicht falſch genug. Du dauerſt mich, Janos, ſo zerfahren und zerklüftet iſt Dein Gemüth!“ Der bittere Spott ſchwand vom Antlitz des Gra⸗ fen.„Und ſelbſt zum Letzten, was mir geblieben, zum Kampf für das Vaterland, braucht man Geld!“ „SHeirathe Jolanthe— ſie iſt reich.“ „Muß ich ihr Mann ſein, damit ſie ihren Mam⸗ mon auf dem Altar des Vaterlandes opfert? Wenn ſie Ungarn über Alles liebt...“ „Mehr noch liebt ſie Dich, ſo ſehr, daß ſie ihr Eigenthum faſt mit Geiz bewacht und mehrt, weil ſie weiß, daß Du arm biſt.“ „Und wer ſagt ihr, daß ich ihre Dukaten will?“ fuhr Graf Ketlan auf.„Die Geſchichte, wie ſie ihre 5. 7* 100 Güter behielt, da alles Inſurgenteneigenthum eingezo⸗ gen wurde, iſt noch dunkel! Auch liebe ich neben der Freiheit des Vaterlandes zu ſehr die eigene!“ „Vor zwanzig Jahren, als es das Glück und Le⸗ ben Deiner Schweſter galt, dachteſt Du anders, Ja⸗ nos!“ ſagte die Baronin mit ſanftem Vorwurf. Ketlan ſchien betroffen. Dann ließ er ſich lang⸗ ſam und wie reuig neben dem Lager ſeiner Schweſter auf ein Knie nieder. „Vergib! Man glaubt ja ſtets, Ihr Weiber ſeid allein verdammt zum Dulden und Entſagen! Ich wäre jenes Opfers nicht fähig geweſen, das Du brach⸗ teſt, Giſela. Kämpfen, ſterben muß keichter ſein als das! Heute wäre mir's gleichgültig, welches Weib ſich 3 durch ihr Gold den Namen einer Gräfin Ketlan er⸗ kauft und die Rächerarme Ungarns beſoldet. Und lieber iſt mir noch die wilde, falſche Baſe, die ihre Krallen zeigen wird, ſobald es Zeit iſt, als irgend ein treublickendes, vertrauensvolles Lämmchen, das mich dauert. Doch wie geſagt, ich weiß nicht, ob nicht Schmach am Golde unſerer Baſe hängt, und dann... vielleicht gelingt vorher ein anderer Plan.“ Janos ſtand eine Weile ſinnend, dann begann er wieder: „Euer neuer Nachbar, Herr von Kißnagy, iſt reich. *—— 4 101 Er gibt jährlich dreißigtauſend Gulden allein für ſein Theater aus und an die Schauſpielertruppe, die er hält. Er wurde bei Aſtöd verwundet, und niemals hat er einen Oeſterreicher bei ſich empfangen, noch ein deutſches Wort geſprochen. Iſt es nicht ſo?“ Die Baronin nickte. „Jedenfalls ſind Deine Nachrichten über Herrn von Kißnagy zutreffender als Dein Verdacht gegen Jo⸗ lanthe. Für ihre Ehre ſtehe ich, doch auch für Herrn von Kißnagy's unheilbare Narrheit, die ihn taub und ſtumpf für alles Andere macht. Auch kennt er Dich dem Namen nach und liebt Dich nicht.“ IDJanos lächelte. „Dann ſoll er's lernen. Auf ſeine Puppenſpiele ſetze ich meine Hoffnungen. Mit ſeinem Stolz und ſeiner Narrethei im Bunde muß ich ſiegen.— Kann Kißnagy morgen bei Euch eſſen?“ „Gewiß! Er iſt Herrn von Lorin's beſter Freund, ſeit dieſer bei einer Vorſtellung, zu der er geladen war, ganz außerordentlich freut ſchien durch eine komiſche Rolle, welche Kißnagy ſelber ſpielte. Ich will ſofort einen reitenden Boten ſchicken, daß er morgen kommt.“ „So ſei es“, ſagte Janos und ließ ſich nochmals auf ſein Knie nieder, um die abgezehrte Hand der Schweſter an die Lippen zu führen. 102 „Wohin willſt Du?“ fragte Frau von Lorin be⸗ fremdet.„Der Sturm fegt über die Haide und die Wege ſind unergründlich.“ „Wo Dein Bote durchkommt, wird auch mein Schimmel Ueſtökös nicht ſtecken bleiben. Ich muß zu meinen Freunden, den Zigeunern.— Wie gefällt Dir mein neuer Bote?“ „Das weißhaarige Mädchen? Ein ſeltſames Na⸗ turſpiel! Wie wir es verabredet, öffnete ich, nachdem der Nachtwächter eingeſchlafen war, meine Thür, und obwohl ich wußte, daß Du mir ein Zeichen geben würdeſt, war ich doch erſtaunt, als das freundliche Ge⸗ ſchöpf zu mir herantrat. Sie iſt ſchüchtern, zart und raſch wie eine Libelle und ſcheint Dir treu ergeben. Sie ſpricht von Dominus comes, als ſpräche ſie von Gott. Ich glaube, man kann ihr vertrauen. Wo fandeſt Du ſie?“ „Weit hinten in einem Bergdorf der Karpaten. Ich kam dazu, als das verthierte Bauernvolk ſie und ihren Bruder ſteinigen wollte wegen Zauberei, weil ſie angeſichts der Menge Feuer verſchluckt hatten und zu gleicher Zeit eine Kuh im Dorfe ſtarb. Ich bezahlte die Kuh und brachte die beiden weißgeborenen Ponies zu meinen Zigeunern. Sie ſind ſehr anſtellig und be⸗ haupten mit einer etwas veralteten Logik, daß ihr Le⸗ —— 103³ ben, das ich ihnen erhalten, nun auch mir gehöre. Ihre Zuneigung iſt natürlich nicht geringer geworden, ſeit ich ſie aus den Zähnen Oerdöck's befreite, von dem mein Neffe Sandor ſie zu ſeinem Zeitvertreib faſt hätte zerreißen laſſen.“ „Ilka hat mir davon erzählt. Sandor iſt ein Kind; es wäre beſſer geweſen, wenn er Dich damals nicht geſehen hätte. Herr von Lorin iſt ſeitdem ängſt⸗ licher und mißtrauiſcher als je.“ Einige Minuten darauf ſah Gertrud von ihrem Fenſter Janos den Eiſenſchimmel Ueſtökös beſteigen und wie eine Wetterwolke über die zum Sumpf ge⸗ wordene Ebene dahinſtürmen. „Er iſt fort!“ ſeufzte das junge Mädchen erleichtert. Elftes Kapitel. Der Eiſenſchimmel Ueſtökös(Komet) mußte Sehnen wie von Stahl beſitzen, um ſeine Hufe immer wieder aus der Umklammerung des naſſen Bodens zu löſen, in welchen ſie bei jedem Sprung tief einſanken. Cas⸗ cadengleich ſpritzte das flüſſige Erdreich zu Roß und Reiter empor, welche faſt ganz damit bedeckt waren; aber rückſichtslos ſtürmten ſie vorwärts. Mit einer Art düſterer Freude hob Graf Ketlan das Haupt, daß ihm der Sturmwind, der über die Haide raſte, den Regen ſchwer ins Geſicht ſchlug. Ein großes Kreuz ragte einſam aus der verdichteten Atmoſphäre, dann lenkte Ueſtökös zur Seite vor einer ungeheuren Schafheerde, welche dicht gedrängt in dumpfer, ſtummer Verzweiflung das Ende des Regen⸗ ſchauers erwartete. Unbeweglich ſaß auch der unter 105 ſeinem Schaffell und Schlapphut kaum ſichtbare Hirt, und nur ein Hund mit borſtigem Haar trippelte, als er des Reiters anſichtig wurde, unruhig und knurrend in ſeiner Pfütze. Janos ſtürmte vorüber und weiter. Endlich mäßigte er den Lauf ſeines Thieres. Immer deutlicher tauchten Zelte und Wagen vor ihm aufV; die Geſtalten magerer Pferde, die mit Pflöcken am Boden befeſtigt waren, wurden ſichtbar. Halbverhungerte Beſtien, welche die Mitte hielten zwiſchen Hund und Hyäne, umkreiſten den Eiſenſchimmel Ueſtökös. Endlich befand ſich Janos inmitten der von Näſſe faſt erdrückten Zelte; aber Niemand ließ ſich ſehen. Nur die Hunde kläfften immer wüthender, und unter den Zelten und Wagen oder einem Haufen von Schaf⸗ fellen und Lumpen ragte da und dort ein plumper Stiefel, ein nackter brauner Fuß oder ein ſchwarz⸗ haariger Kopf hervor. Ueber halbverkohltem Holz ſtarrten die gekreuzten Stäbe mit dem Keſſel. „Hollah, Lajos! Iſtvan! Hat Euch der Regen er⸗ ſäuft?“ rief der Graf ungeduldig, indem er vom Pferde ſtieg und mit einem Fußtritte die Hunde nach allen Richtungen auseinander trieb. Lajos und Iſtvan zeigten ſich nicht, aber die Falten des größten der Zelte thaten ſich auseinander und 106 das Antlitz der Elfe von Lorin ward ſichtbar. Mit unſicherem Blicke ſah ſie ſich um, dann ſchien ſie trotz ihrer ſchwachen Sehkraft Ueſtökös und ſeinen Herrn erkannt zu haben, denn raſch kam ſie näher, und wäh⸗ rend helles Roth über ihr liebliches Geſicht flutete, flüſterte ſie: „Ich hörte Deine Stimme, Herr, was begehrſt Du?“ Der höhniſch finſtere Ausdruck in dem Geſichte des Grafen wurde milder. Sanft ſtrich er dem jungen Maädchen über das dichte weiße Haar. „Geh' in Dein Zelt, Aranka, die Näſſe könnte Dir ſchaden“, ſagte er freundlich;„ſpäter werde ich zu Euch kommen.“ „Laß mich Dein Pferd halten, Herr!“ beſtand Aranka, deren zarter Körper in dem abgetragenen Gauklergewand vor Kälte bebte, und ſie griff mit un⸗ ſicherer Hand nach dem Zügel. „Laß das, Aranka“, bat Janos wieder.„Ueſtökös würde Dich an dem Zügel weit hinaus in die Haide ſchleifen und ich fände Dich nicht, wenn ich in Euer Zelt käme. Sei gehorſam und erwarte mich dort.“ Traurig, aber, wie es ſchien, von ſeinen Gründen überzeugt, ging Aranka zurück in ihr Zelt, und wieder erhob der Graf ſeine Stimme: 107 „Hunde von Zigeunern! Die Comitatshuſaren ſind über Euch!“ Und zugleich wickelte der Graf die Hetzpeitſche aus⸗ einander, die bisher unbenutzt am Sattelknopf gehangen hatte, und laut tönte ihr Knall durch das Lager. Da wurde es in den Zelten und unter den Wagen lebendig; überall erſchienen Geſtalten mit braunen Ge⸗ ſichtern und in die abenteuerlichſten Kleidungsſtücke gehüllt, um ſich gegen Näſſe und Kälte zu ſchützen. Eine zwergartige weibliche Geſtalt mit unverhältniß⸗ mäßig kurzem Leib und affenartig langen Armen und Füßen, welche ein Stück rothgelben Vorhangs um die Schultern geworfen und den braunen Hals und die langen, fettigen Haare mit bunten Glasperlen verziert hatte, nahte mit koketten Geberden und Blicken, daß Janos ſich angewidert abwandte. Kinder kreiſchten, Hunde bellten und vor ihm, unter einem der mit Leinwand überſpannten Wagen kroch ein etwa vierzigjähriger Geſelle hervor, vor dem das ganze aufgeregte Geſindel ringsum wie vor ſeinem an⸗ geſtammten Herrſcher ſcheu zurückwich. Der Mann hatte, wie alle übrigen, ſchwarzes fettiges Haar, das bis auf die Schultern herabhing, und nimmermüde ſchwarze Augen, welche ſich einen Augenblick ſcheu und entſetzt umſahen, beim Anblick des Grafen aber mit 108 dem demüthigſten Ausdruck, der ihnen zu Gebote ſtand, ſich zur Erde ſenkten. Er hatte vollere Wangen und beſſere Kleidung als die meiſten ſeiner Genoſſen; aber deſſenungeachtet beſchrieb ſein Rücken eine faſt unmög⸗ liche Krümmung, als er ſich Janos näherte. „Da biſt Du ja endlich, Lajos!“ ſagte der Graf verdrießlich.„Ihr ſeid ſo viel geprügelt worden, daß Ihr nur noch auf den Ton der Peitſche hört.“ „Es regnet, Herr“, antwortete Lajos, der unter den Tropfen zuſammenſchauerte, die ihm in das von einer breiten Naſe und⸗ einem ſtruppigen Schnurrbart ver⸗ unzierte Geſicht ſchlugen.„Es regnet, Herr“, wieder⸗ holte er, indem er den Kopf nach einer Seite ſenkte, als wolle er ihn an einem unſichtbaren Gegenſtande reiben,„und wenn es regnet, Herr, iſt Lajos und ſein ganzes Volk krank und will ſterben! Hu! Wir brau⸗ chen die Sonne, um zu leben, Herr!“ „Laß das Geſchwätz und warte mit dem Sterben, bis man Dich todtſchlägt“, antwortete Janos.„Wart ihr in Debreczin?“ Das rothe Geſicht des Zigeuners verfärbte ſich und ſeine Augen öffneten ſich weit vor Entſetzen. „O Herr, da wär' es uns faſt ſchlimm ergangen! Wie wir den Gödöllömarſch ſpielten, gaben uns die Bauern rothen Wein und Silbergulden, und dann — 109 kamen die Soldaten und wollten uns alle todtſchlagen! Und da mußten wir den ſüßen Wein und die blanken Silbergulden zurücklaſſen und fliehen, und dabei habe ich meine Geige zerbrochen, meine arme, ſchöne, ſüße Geige, meinen Liebling, der mit mir weinte und lachte und auf der ſchon mein Vater ſpielte, bis ihn die Kroaten aufhängten, weil ſie ihn für einen Spion hielten, den armen redlichen Mann!“ Und Lajos vergaß die eigenen Schläge, die er von den Soldaten empfangen, und weinte um den gehängten Vater. Janos ſah zu Boden und lächelte. „Das geht prächtig!“ ſagte er dann.„Morgen wer⸗ det Ihr in Lorin ſpielen.“ Lajos, voller Schrecken, den naſſen Boden und ſeine ſammtnen Kleider nicht achtend, fiel auf die Kniee. „Domine, Domine!“ ſagte er, troſtlos den Kopf ſchüttelnd,„Lorin ſteckt voller Soldaten und die ſchlagen uns wirklich todt!“ „Dann erſparen ſie Andern die unſaubere Arbeit. Was haſt Du?“ „Furcht, Herr! Ich will lieber noch zwei Monate hier im Regen liegen, als in Lorin den Gödöllömarſch ſpielen laſſen!“ Dann bleib'!“ 140 Graf Ketlan machte Miene, ſein Pferd wieder zu beſteigen. Lajos hielt ihn am Saum ſeines Rockes feſt. „Unſere Vorräthe ſind zu Ende, Domine, Deine braunen Kinder hungern!“ Janos, die Hand ſchon am Sattelknopf, wendete halb den Kopf und ſah Lajos durchdringend an. „Dann ſind drei Viertel von dem Gelde, das ich Dir vor wenig Wochen gegeben, in Deine Taſche ge⸗ wandert! Doch es iſt ja gleichgültig, ob Deine Leute früher oder ſpäter anfangen zu hungern. Ich ziehe meine Hand von Euch!“ Janos hatte die letzten Worte lauter geſprochen. Jammernd, mit theatraliſchen Geberden umdrängten ihn die Zigeuner. Lajos faßte den Fuß des Grafen, den dieſer ſchon in den Steigbügel gehoben hatte, und hielt ihn feſt. Die kokette Zwergin nahm die Gelegen⸗ heit wahr, ſich ſeines andern Stiefels zu bemächtigen. Ein paar Weiber hielten ihre ſchreienden Säuglinge empor. „Was verlangſt Du, Domine?“ ſtöhnte Lajos zer⸗ knirſcht. „Nichts!“ antwortete Ketlan mit einem Verſuche, ſich zu befreien. „Wir wollen in Lorin ſpielen“, ſchrie Lajos mit 4414 dem Muthe der Verzweiflung,„und uns von den Ulanen auf ihre langen Lanzen ſpießen laſſen, wenn Du es verlangſt, Herr!“ Janos zog langſam ſeinen Fuß aus dem Steigbügel zurück.. „Komm' in das Zelt der Albinos. Ich werde Dir Geld geben, von dem Du aber nur die Hälfte zu ſtehlen brauchſt. Halte mein Pferd, Iſtvan!“ wandte der Graf ſich an einen langen braunen Burſchen, der ſich zu ihnen geſellt hatte. Im Gegenſatz zu ſeinem Bruder Lajos, an dem alle Linien rund und ſtumpf ausſahen, war in der Zeichnung von Iſtvan's Körper die langgezogene melan⸗ choliſche Curve vorherrſchend, von den ſchwarzen H ſträhnen und der gebogenen Naſe an bis zu den l an den Knieen nach auswärts gebogenen Beine war wie Lajos in groben ſchwarzen Sammt gekleide jedoch hatte Iſtvan die Romantik ſeines Auftretens noch durch unzählige erhabene Meſſingknöpfe und ein Paar Reiterſtiefel mit groben gelben Sporen zu erhöhen geſucht. Iſtvan ſchien ſehr ungehalten darüber, zum Pferde⸗ halten commandirt zu werden, während ſein Bruder Geld in Empfang nehmen ſollte, und war eben im Begriff, Ueſtököbs einem halbnackten braunen Jungen zu überlaſſen, der, ſeine ſchwarzen Augen hin und her rollend und die ſchneeweißen Zähne fletſchend, daneben ſtand, und ſeinem Bruder zu folgen, als Lajos ſich umwandte und ſehr laut und zornig rief: „Du ſollſt das Pferd des Dominus comes halten, Du ſchlechter Kerl! Haſt nichts'rum zu ſpioniren, wenn Dominus comes und Lajos abrechnen! Willſt mir wohl wieder zwei Gulden ſtehlen, wie heut' Nacht...“ Von dem Reſt der im Zigeunerjargon gehaltenen Rede verſtand Janos nur ſo viel, daß Lajos ſeinem Bruder die Todesart ihres gemeinſamen Erzeugers auf cht eben zarte Art vorwarf und ihm die Anwartſchaft n ähnliches Schickſal zuerkannte, wenn er ſich in ähe des Zeltes blicken laſſe. van's Gewiſſen ſchien nicht ganz frei von jedem wurf zu ſein; denn trotz der aufregenden Geberden der glutäugigen, in eine rothe Bettdecke und einen grünen Rock gehüllten Megäre, die ſeine Frau war, ſchlich er mit gekrümmtem Rücken zurück, um den Zügel des Eiſenſchimmels zu übernehmen, den einige andere halbwüchſige Burſchen mit einer langen Weiden⸗ ruthe reizten, daß das Thier mit aller Macht ausſchlug. Während Iſtvan ein am Boden liegendes Holzſcheit nach den Jungen warf, daß ſie heulend entflohen, waren der Graf und Lajos gebückt unter das niedere Zelt getreten, wo Aranka und ihr Bruder wohnten. Daſſelbe war ringsum mit Schutzgräben gegen das Waſſer verſehen, von feſter getheerter Leinwand und mit einem gewiſſen phantaſtiſchen Prunk ausgeſtattet. Strohmatten bedeckten den Boden, blitzende Theater⸗ waffen die Wände, die umherliegenden Kleider waren meiſt neu und, ſoweit ihr Zweck es erlaubte, ge⸗ ſchmackvoll. Das Alles bewies, daß das Tänzer⸗ und Gaukler⸗ paar Pal und Aranka bei ſeinem herumziehenden Leben mehr verdiente, als es zu ſeinem Unterhalt brauchte. Als Janos eintrat, verließ Aranka mit ihrer ſcheuen Grazie die Seite ihres Bruders und führte den Grafen zu einem Sitz aus blendendweißen Schaffellen, welcher, ſo hoch es der Raum erlaubte, thronartig erhöht war. Als Janos ſich dort niedergelaſſen hatte, ſetzte ſich Aranka, nach türkiſcher Art die Füße kreuzend, auf den Boden neben ihn. Janos bemerkte, daß ſie ſich in ihrer bunten Weiſe ſehr prächtig angezogen hatte. Ein türkiſches Gewand aus hellblauer Seide umhüllte die zarten Glieder und ein mit großen Schnüren von Glas⸗ perlen umwickelter blauer Turban lag auf den ſeiden⸗ weichen ſchimmernden Haaren. Aranka ſchien ſich in der Vorſtellung zu gefallen, daß Janos ein großer v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 8 114 Herrſcher und ſie ſeine erſte Sklavin ſei. Mit tiefem Ernſt und unermüdlicher Aufmerkſamkeit ſah ſie zu ihm empor in dem dämmernden Raum. Eine ähn⸗ liche Haltung beobachtete ihr Bruder Pal, welcher, ein ſtummer, aufmerkſamer Zuſchauer, in der entfernteſten Ecke ſaß. Es lag in der orientaliſchen Unterwürfigkeit der beiden Geſchwiſter trotz ihrer Kleidung und Umgebung dennoch nichts Theatraliſches und der keuſche und kind⸗ liche Ernſt derſelben wurde nur geſtört durch Lajos und die ſchwarzäugige Zwergin, welche ſich hinter ihm in den Eingang gedrängt hatte, aber vor einer gebie⸗ teriſchen Handbewegung des Grafen unter fortwähren⸗ dem Kokettiren ſich zurückzog. Die Geſchäfte mit dem Haupt der Zigeunerbande waren bald geordnet. Lajos nahm ungezählt und mit ſchlecht verhehlter Gier die Banknoten, welche der Graf ihm reichte. Vor dem Zelte ſchienen ſich inzwiſchen die Bewohner des ganzen Lagers verſammelt zu haben und auf Lajos' Rückkehr zu warten. Was von dem wirren Durcheinander der Stimmen hereindrang, lautete nicht eben ſchmeichelhaft für Lajos. Derſelbe ſchien mit der Civiliſation bereits vielfach in Berührung ge⸗ kommen zu ſein und die unter ſeinen Stammesgenoſſen herrſchende Gütergemeinſchaft dahin auszulegen, daß er 115 möglichſt viel von ihrem gemeinſamen Verdienſt in ſeiner Taſche vereinigte. Der Graf hatte Einiges verſtanden von den Vor⸗ würfen, die offenbar für ſein Ohr beſtimmt von außen hereinklangen. Sein Zlick haftete ſtreng auf der ge⸗ krümmten Geſtalt des Muſikmeiſters. „Deine Leute beklagen ſich, daß Du ſie darben läßt.“ Lajos verbarg haſtig die Banknoten, als könnten ſie ihm wieder genommen werden, und eiferte: „Immer Branntwein und Speck wollen ſie haben, die nichtsnutzigen Thiere! Und wenn ſie Branntwein haben, ſchlafen ſie und wollen nicht ſpielen und pro⸗ biren den Villagosmarſch und den Honved⸗Cſardas. Und wenn Dominus comes befiehlt zu ſpielen Gödöllö, ſind ſie dumm wie Büffel.“ Janos fühlte, daß ſich gegen dies Argument von ſeiner Seite nichts einwenden ließ; er winkte mit der Hand und Lajos kroch mit allen Geberden der Demuth vor das Zelt. Dort richtete er ſich auf und ſein rohes Geſicht erhielt einen Ausdruck von Wuth, der es wahr⸗ haft ſchrecklich machte; blitzſchnell brachte ſeine Rechte eine Art kurzer Peitſche zum Vorſchein, welche bisher in den Tiefen ſeiner Pluderhoſe verborgen geweſen war, und ziſchend fuhr ſie einem der vorderſten Schreier über den ſchwarzen Kopf. 8* 416 „ DDa haſt Speck! Da haſt Branntwein!“ fuhr Lajos in lieblicher Abwechslung fort, indem er nach rechts und links ſeine Hiebe austheilte, ohne Unterſchied des Geſchlechts und Alters. Kreiſchend ſtäubte Alles aus⸗ einander und Lajos ließ ermüdet den Arm ſinken. Die Unzufriedenheit war verſtummt; demüthig drängten ſich die Geprügelten wieder um ihn. „Wenn Ihr gut ſpielt heut', ſo kriegt's Speck und Branntwein“, erklärte Lajos mit huldvoller Herrſcher⸗ miene;„und mit den Speckſchwarten ſchmiert's die Haar, daß Ihr ſauber ausſchaut, wenn wir morgen in Lorin ſpielen. Marſch! und holt's die Inſtru⸗ menten!“ Jubelnd drängte die Menge auseinander. Die Peitſche auf dem Rücken bergend, ging Lajos auf ſeinen Bruder Iſtvan zu. Dieſer mochte fühlen, daß Lajos nichts Gutes gegen ihn im Schilde führe, und flüchtete ſich, Ueſtökös ſeinem Schickſale überlaſſend, unter den Schutz ſeiner rothgrünen Gattin. Mit Mühe gelang es Lajos, die Zügel des Eiſenſchimmels zu erfaſſen, welcher mit ſchnaubenden Nüſtern und hocherhobenem Schweif aus dem Lager trabte. Grraf Ketlan hatte in dem Halbdunkel des Zeltes ſchweigend eine Weile den Tönen gelauſcht, die von außen hereindrangen. Aufmerkſam, mit dem Ausdruck 117 einer unwandelbaren Treue, betrachtete ihn Aranka. Endlich richtete Janos die Blicke auf ſie. Aranka's Augen ſchienen zu ſchwach, dieſen Blick auszuhalten; ihre Wimpern zuckten unruhig und ſie neigte das Geſicht. „Aranka“, ſagte der Graf und legte ſeine Hand auf ihre Schulter, die unter der leichten Berührung bebte,„Du haſt mir einmal geſagt, daß Dein Leben mir gehöre!“ „Wir beide, ich und mein Bruder, gehören Dir“, flüſterte Aranka. „Und wenn ich Euch nicht behalten könnte“, fuhr Janos unſicher fort,„wenn ich Euch bitten würde, bei einem mächtigen und guten Herrn in ſeinem großen Schloß zu wohnen und ihm Eure Künſte zu zeigen, wenn er es befiehlt— würdet Ihr es thun?“ Selbſt in dem Halbdunkel des Zeltes bemerkte Ja⸗ nos, daß alle Farbe aus Aranka's zarten Wangen gewichen war. „Was haben wir Dir gethan, Herr, daß Du uns nicht mehr willſt?“ klagte ſie mit tiefer Trauer, aber ohne jede Spur von Leidenſchaftlichkeit, die ihrem Weſen fremd ſchien. „Nichts, Aranka“, verſicherte Janos,„ich habe Euch ſehr lieb. Aber ich würde Euch noch lieber haben, 118 wenn Ihr dem gütigen Herrn gehorchtet, dem ich Euch ſchenken will.“ „Wir werden ihm gehorchen, Dominus comes“, ſagte Aranka mit klarer, leiſer Stimme. Koſend wie bei einem Kinde ſtrich Janos über die Wangen Aranka's, welche regunglos eine Berührung hinnahm, die ihr wohlzuthun ſchien. Dann, wie über ſich ſelbſt erſchreckend, ſprang Janos auf und ſeine Stimme klang Aranka's Ohren fremd und rauh: „Uebt den Honved⸗Cſardas, den Ihr morgen im Schloß von Lorin vor Eurem neuen Herrn tanzen werdet!“ Dann trat er raſch und ohne Gruß ins Freie. Lajos hielt Ueſtökös am Zügel, der immer unruhiger wurde bei den ſeltſamen Tönen, die aus den Zelten hervorkamen und die von dem Stimmen der verſchie⸗ denen Inſtrumente herrührten. Janos ſchwang ſich raſch in den Sattel des feurigen Thieres. „Lajos“, ſagte er dann leiſe und mit einem Blick, unter dem ſich der Rücken des Zigeuners noch krummer bog,„Du ſtehſt mir mit Deinem Leben für Pal und Aranka!“ 1149 „Ich werde ſie hüten wie meine Kinder“, verſicherte Lajos eifrig. „Das iſt nicht viel; denn Deine Kinder ertränkſt Du in dem nächſten Sumpf, wenn ſie Dir läſtig ſind. Hüte ſie lieber wie Dein Geld! Denn wenn ihnen ein Leid widerführe, wären Ungarns Steppen und Wälder nicht groß genug, Dich vor mir zu verbergen.“ „Ich werde ſie hüten wie mein Geld“, ſtotterte Lajos, der erdfahl geworden war vor dem drohenden Geſicht des Grafen. Zwölftes Kapitel. Rittmeiſter Adolf von Werdenau ſaß allein in dem ärmlich ausgeſtatteten Bauernzimmer, welches er für einen ſehr hohen Preis dem Schenkjuden abgemiethet hatte. Wenn je die Bezeichnung„glänzendes Elend“ mit Bezugnahme auf den Offiziersſtand eintraf, ſo war es hier, wo blitzende Waffen, reich verſchnürte Uniformen an hölzernen Stühlen und unverkleideten Lehmwänden hingen. Von den drei Stühlen ſelbſt wurden zwei an jedem Feſttage für die Schenke requirirt, und wenn die Kameraden zu Werdenau kamen, mußten ſie auf Bett und Tiſch Unterkunft ſuchen. Der Rittmeiſter las kopfſchüttelnd in einem Schreiben mit großem Siegel und verſchnörkeltem lithographirtem Kopf, welches amt⸗ lichen Urſprungs ſchien und ihm vor einer Viertelſtunde . 121 vom Regiment zugekommen war. Es ſchien nichts Angenehmes zu enthalten, denn die Geſichtsfarbe Wer⸗ denau's war lebhafter als gewöhnlich, die blauen Adern an ſeiner Stirn ſchwollen an und endlich ſchob ſeine feſt geſchloſſene Hand das Papier heftig hinweg. „Es iſt erbärmlich“, murmelte er und ſeine weißen Zähne blitzten unter dem blonden Schnurrbart hervor. „Statt friſchweg eine Unterſuchung einzuleiten und den Belagerungszuſtand zu erklären und mit einem heil⸗ ſamen Schrecken den glimmenden Funken zu erſticken, wieder dieſe Halbheit und Schwäche, dieſes kraft⸗ und ſaftloſe Zaudern, bis ihnen die Flamme hell über dem Kopfe zuſammenſchlägt und es nicht mehr ein paar hochfahrende Magnaten einzuſtecken, ſondern Tauſende von braven deutſchen Soldaten zu opfern gilt. Und dieſe Zumuthung an einen Offizier und Edelmann, ſolchen Befehl geheim zu halten, die bisherigen geſell⸗ ſchaftlichen Beziehungen zu pflegen und wachſamen Auges jede Bewegung in dem betreffenden Landestheil zu überwachen und ſofort darüber zu berichten, dabei aber es ſorgfältig zu vermeiden, die Bevölkerung zu reizen und zur Widerſetzlichkeit herauszufordern. Das heißt mit andern Worten: Ihr habt Euch vor denen zu bücken, welche Euch verachten und verhöhnen, Ihr habt ihre Gaſtfreundſchaft zu ſuchen, um ſie zu be⸗ 122 lauſchen, und müßt es ruhig einſtecken, wenn Ihr mo⸗ raliſch geohrfeigt werdet!“ Der Rittmeiſter ſchlug mit der geballten Fauſt auf den Tiſch, daß die Orden an ſeiner Uniform zitterten und das große Siegel des amtlichen Schreibens zer⸗ bröckelte.— „Das iſt eine erhabene Aufgabe für Soldaten, deren Blut noch in jedem Jahrzehnt den feſten Kitt für das morſche Staatsgebäude abgegeben. Spion und Verräther! Eine hübſche Beförderung für Sol⸗ ferino und Magenta!“ Der Rittmeiſter ſtand auf und ging heftig in dem engen Raum auf und ab. „Mit dem Beſuch bei meinem armen kranken Bru⸗ der iſt es für jetzt vorbei! Armer Leopold! So jung und ſchon reif zum Sterben! Wenn ich noch einmal in Dein treues Auge ſchauen, noch einmal Deine früh verwelkte Hand drücken könnte, würde ich gern für immer dieſen bunten Rock ausziehen, der mir nun plötzlich wie ein Kleid der Schmach erſcheint. Aber es wäre Thorheit, zu glauben, daß jetzt ein Urlaubs⸗ oder Entlaſſungsgeſuch angenommen würde, auch wenn man es übers Herz brächte, den drohenden Ereigniſſen aus dem Wege zu gehen. Sonderbar, man ſtellt die höchſten Anforderungen an unſern Muth — 123 und unſere Ehre in demſelben Augenblick, da man uns zu Spionen und Heuchlern degradirt! Und doch ver⸗ diente dieſes würdeloſe Syſtem, daß ein Mann, den ſie ſelbſt ausgezeichnet, ihnen mit offener Stirn be⸗ kennte: Ich gebe mich zu dem Schergendienſt nicht her, den Ihr mir aufbürdet, und habe nichts mehr gemein mit Euch! Sie könnten mir den Proceß maͤchen⸗ mich beſtrafen, aber ſie müßten mich ziehen laſſen— und ich wäre frei!“ Frei! Es war ein ſchmerzhafter Stich, den der Rittmeiſter bei dieſem Worte fühlte. War er frei, zu gehen, wenn Gertrud hier blieb, das ſchöne, kluge, ſtolze Weſen, das in der Bruſt des ernſten Mannes plötzlich wieder alle Gefühle einer ſchwärmeriſchen Ju⸗ gend auferweckt? War er frei, ſeit er ſich ſelbſt verſprochen, über der Vereinſamten zu wachen, in einer Umgebung, von der er fühlte, daß ſie ihrem reinen, keuſchen Weſen feindlich ſei, ihr zu rathen, wo ſie ſeinen Rath verlangte, ſie zu ſchützen, wenn ſie ſeines Schutzes bedurfte? Die militäriſchen Vorgeſetzten Werdenau's ahnten nicht, welchem Umſtande ſie es verdankten, daß ihnen nicht in dieſer drohenden Zeit, da man einem Aufſtand in Ungarn ſtündlich entgegenſah, einer ihrer ehren⸗ 124 wertheſten und tüchtigſten Offiziere ſeinen Säbel vor die Füße legte. Aus dem Laden gegenüber, welcher durch das ge⸗ ſchwärzte Wappen über der Thür und einige Bund Cigarren am Fenſter ſich als„kaiſerlich⸗königliches Tabaksbureau“ auswies, trat eben Serravaglia, von der geſchminkten ſchwarzäugigen und mit falſchem Gold überladenen Trafikantin lachend unter die Thür be⸗ gleitet. Der Lieutenant ging, dem Mädchen einigemal vertraulich zunickend, über die Straße in der Richtung von Werdenau's Wohnung. Der Rittmeiſter ſteckte das amtliche Schreiben zu ſich, denn es war ihm auch die Geheimhaltung dieſer Inſtructionen ſeinen Untergebenen gegenüber befohlen. Als er eintrat, hatte der Lieutenant bereits wieder jene Miene zur Verfügung, welche die Kameraden ſein Ritter Toggenburg⸗Geſicht nannten. Gebrochen ſank er auf einen der hölzernen Seſſel, an deſſen Lehne eine Uniform Werdenau's melancholiſch die Arme herab⸗ hängen ließ. „Wir werden heute nicht im Schloß ſein“, ſagte er düſter. „Ich vermuthe es“, entgegnete Werdenau, an⸗ ſcheinend gleichgültiger, als er wirklich war.„Wie ich 125 höre, hat die Baronin nationale Geſellſchaft heute, ihren Bruder, Graf Ketlan, und trotz der ſchlechten Wege und der weiten Entfernung iſt auch Herr von Kiß⸗ nagy vorhin mit vier prächtigen Braunen hier vorüber ins Schloß gefahren. Er ſah aus wie Ludwig XIV., als ſein Profil ſich einen Augenblick an den Lehm⸗ wänden gegenüber abzeichnete.“ Serravaglia wurde unruhig. „Dieſe Sitte, uns ſtets durch einen galonirten Diener noch beſonders ins Schloß befehlen zu laſſen, trotzdem wir faſt jeden Abend dort verkehren, iſt für Frau von Lorin ſehr bequem“, ſagte er empfindlich. „Man braucht einfach den Diener nicht zu ſchicken, wenn man uns fern zu halten wünſcht.“ „Dein Scharfblick in dieſer Angelegenheit überraſcht mich“, verſetzte Werdenau achſelzuckend.„Ein Finger⸗ zeig für unſer Selbſtgefühl, auch manchmal nicht ins Schloß zu kommen, wenn man uns wirklich oder nur zum Schein dort zu ſehen wünſcht.“ „Du haſt leicht reden, Rittmeiſter“, klagte der Lieutenant mit tieftragiſchem Ton, aber ich kann nicht mehr leben, ohne ſie zu ſehen.“ „Die Trafikantin?“ Serravaglia gerieth etwas außer Faſſung; aber ſogleich begann er wieder: 126 „Du weißt gar nicht, wie einem zu Muthe iſt, der unglücklich liebt! Man ſtürzt ſich von einem Extrem ins andere! Man möchte ſich in einem Augenblick tödten... „Dazu ſcheinen mir die Trabucos der Trafikantin allerdings ein geeignetes Mittel“, ſpottete Werdenau wieder, obwohl er niemals weniger zu Scherzen auf⸗ gelegt geweſen war wie heute. Aber die unwürdige Rolle, die ſein Freund, den er von Herzen liebte, im Hauſe Lorin ſpielte, war ihm längſt nahe gegangen und er ſuchte ihn dadurch zu heilen, indem er ihn auf die Widerſprüche ſeines Weſens aufmerkſam machte. Aber Serravaglia blieb ernſt. „Du weißt ſehr gut, daß ich von Ilka ſpreche!“ „Alſo iſt dieſe von Einſamkeit und Langweile ge⸗ borene Laune noch nicht vergeſſen?“ fragte Werdenau mit gutgemeinter Verſtellung. Serravaglia ſprang auf, faßte den Arm des Freun⸗ des und ſagte leiſe: „Dieſe Laune wird erſt mit meinem Leben enden.“ Ein Achſelzucken Werdenau's bewies, daß er dieſer hartnäckigen Thorheit gegenüber im Augenblick keinen Einwurf mehr finde. Auch traten die übrigen Gedanken, die ihn beſchäftigten, allmälig wieder in den Vorder⸗ grund. Serravaglia ging indeſſen heftig erregt im 127 Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er wieder vor dem Rittmeiſter ſtehen. „Ilka ſoll verkauft werden. Herr von Kißnagy iſt ein alter Junggeſelle und kommt nur ihretwegen.“ „Bah! Kißnagy iſt ein halbnärriſcher Greis, der nur für ſeine Spielereien Sinn hat. Auch halte ich die Baronin bei all ihrer Verkehrtheit einer ſolchen Schlechtigkeit nicht für fähig.“ Serravaglia lächelte bitter, dann ſagte er bedeu⸗ tungsvoll: „Herr von Kißnagy gilt für den reichſten Edelmann Ungarns und für einen Todfeind Oeſterreichs, ſo zurück⸗ gezogen er auch lebt. Die Geſinnungen der Baronin kennſt Du ſelber und Graf Ketlan iſt ihr Bruder.“ Zum erſten Male ſeit dem Beginne des Geſprächs blieb Werdenau ernſt. Serravaglia ſchien auch des Rittmeiſters unausgeſprochene Gedanken beantwortet zu haben. Dann fragte er ſinnend: „Und wenn es ſo wäre, wie wollteſt Du es ver⸗ hindern?“ Serravaglia ſah den Freund ruhig an und ſagte einfach: „Ich würde Ungarn um ſeinen reichſten Mann ärmer machen.“ 128 „Du haſt kein Recht, einem andern Bewerber entgegenzutreten, da Du ſelbſt nicht um Fräulein von Lorin werben kannſt.“ „Ich unterzeichne den Revers des Ordens nicht.“ „Das macht Dich im Hauſe Lorin unmöglich, aber nicht zu Ilka's Mann.“ „Das wird ſich zeigen“, ſagte der Lieutenant dumpf; ich halte Ilka im entſcheidenden Augenblick jedes Opfers für fähig.“ „Ich nicht, mein armer Freund!“ „Nun dann“, ſtieß der Malteſer verzweiflungsvoll hervor und nahm erregt ſeine Wanderung durch das Zimmer wieder auf,„dann ſoll ſie wenigſtens nicht an der Seite eines alten halbverrückten Sonderlings ihr junges Leben vertrauern. Eine deutſche Kugel, ſagt man, ſei ihm ſchon einmal bei Villagos, dem Herzen nahe genug, durch die Bruſt gegangen— eine deutſche Kugel ſoll Ilka befreien, und wenn ſie ſich ſelbſt ver⸗ kaufte!“ „Still“, ſagte der Rittmeiſter plötzlich, der die letz⸗ ten Worte nicht zu hören, ſondern auf Geräuſche zu horchen ſchien, die aus der dunkler werdenden Dorf⸗ ſtraße zu ihnen hereindrangen,„hörſt Du nichts?“ „Eine Zigeunermuſik ſcheint vor dem Schloß zu ſpielen“, meinte Serravaglia gleichgültig. 129 „Kennſt Du die Weiſe?“ fuhr der Rittmeiſter fort und faßte ſeinen Untergebenen am Arm. „Bekannt kommt ſie mir vor—“ „Sie ſpielen den Gödöllömarſch, das Sturmlied der Rebellion!“ v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 9 Dreizehntes Kapitel. Auch Gertrud nahm an dem Mahle Theil, zu wel⸗ chem Herr von Kißnagy geladen war. Ohne ſie in aller Form zu verletzen, wäre es ohnehin nicht möglich ge⸗ weſen, ſie auszuſchließen. Zudem hatte Janos ihre Gegenwart ausdrücklich gewünſcht und ſeine Schweſter gebeten, das deutſche Wunder, wie er ſich ausdrückte, an ſeine Seite zu ſetzen. Er ſei neugierig, das blonde Räthſel zu ergründen; vielleicht werde auch Jolanthe durch die Eiferſucht verleitet, ihre Krallen zu zeigen. So wenig die Baronin bei dem Haſſe ihres Bru⸗ ders gegen die Deutſchen für deſſen Herz fürchtete, ſo wäre es ihr doch wie ein Verrath an Jolanthen er⸗ ſchienen, wenn ſie dieſe nicht an ſeine andere Seite ge⸗ ſetzt hätte. Janos gegenüber ſaß zwiſchen Ilka und der Frau vom Hauſe Herr von Kißnagy. Derſelbe trug die damals übliche Kleidung der ungariſchen Edelleute, den ſchwarzen Schnürrock mit engen Beinkleidern und hohen Stiefeln und die ſchwarze, mit einer dichtgedräng⸗ ten Reihe runder Knöpfe geſchloſſene Weſte. Doch ſchien ihm die Aehnlichkeit, welche ſein Geſicht un⸗ beſtreitbar mit dem thatkräftigſten Herrſcher aus dem Hauſe Bourbon trug, ſehr wohl bekannt, und er hatte ſeinen Anzug im Geſchmack jener Zeit vervollſtändigt. Jede ſeiner magern, gelben, merkwürdig kleinen Hände bewegte ſich in einem Kranze feingefältelten Batiſts, Spitzenjabots ragten neben den Knöpfen der Weſte hervor und ſtatt des üblichen geſteiften Kragens um⸗ ſchloß den langen Hals ein an den Enden reichgeſticktes Tuch. Ein ſeltener Edelſtein von großem Werthe, wie er in den Bergwerken Galiziens dann und wann gefunden wird, blitzte an ſeinem kleinen Finger. Die tiefſchwarz gefärbten Bart⸗ und Haupthaare und eine Zartheit des Teints, wie ſie nur die feinſte Pariſer Schminke herzuſtellen vermag, gaben den welken Zügen des alten Edelmanns etwas von dem unheimlichen Ausſehen einer geſchminkten Leiche, ein Eindruck, welcher durch die zierlichen Bewegungen der ſkelettartigen Geſtalt nu wenig beeinträchtigt wardd. Es war zum erſten Male, ſeit die Baronin aus 97 132 den öſterreichiſchen Gefängniſſen in ihr Schloß zurück⸗ gekehrt war, daß ſie an der Familientafel Theil nahm. Sie hatte es auf den Wunſch ihres Bruders über ſich gewonnen, ihre halbliegende Stellung ſo weit zu be⸗ ſchränken, daß ſie in einem bequemen Rollſtuhl neben ihrem Gaſte Platz finden konnte, ohne die gewöhnliche Tiſchordnung allzu ſehr zu ſtören. Aber die zuckende Heftigkeit ihrer Bewegungen und ihre zuweilen feſt aufeinander gepreßten Lippen bewieſen deutlich, daß ſie ſich ein Opfer aufgelegt hatte, dem ſie kaum ge⸗ wachſen war. Dieſes Opfer wurde noch erhöht durch die beengende Nationaltracht, in welche die Baronin gekleidet war. Eine kleine runde Haube aus Gold⸗ brocat mit einer rieſigen violetten Bandſchleife bedeckte einen Theil ihres üppigen Haares; eng umſchloß ein Mieder aus ſchwarzem Sammt die gebrochene, aber noch immer nicht reizloſe Geſtalt. Es ward vorn zu⸗ ſammengehalten von einem Bande in den ungariſchen Farben— grün, weiß, roth— und ſeltene Goldmünzen dienten ſtatt der Knöpfe. Eine breite weiße Batiſt⸗ ſchürze, oben am Bund in feine Falten ſchmal zuſammen⸗ gezogen, erweiterte ſich nach unten und verhüllte das koſtbare Kleid aus ſchwerer violetter Seide. Auf ähn⸗ liche Weiſe in ein gelbes Moirékleid mit weißem Sammt⸗ mieder gekleidet war Jolanthe; ſie hatte den unverhüll⸗ 133 ten Schmuck ihrer reichen rabenſchwarzen Haare der Goldhaube vorgezogen. Thaufriſch und lieblich erſchten Ilka in ihrem Mie⸗ der von roſenrothem Atlas mit ſilbernen Schnüren und Knöpfen und der durchſichtigen Tüllſchürze auf dem roſigen Seidenkleide. Ihre patriotiſche Geſinnung be⸗ wies eine dreifarbige Schleife, deren Silberfranſen ſich in ihrem ſeidenweichen dunklen Haar verloren. Am obern Ende der Tafel ſaß der auf allen ge⸗ ſellſchaftlichen Sätteln des Hauſes Lorin gerechte ſer⸗ biſche Major Durra neben der Großmama und ihrem Bologneſer. Großmama hatte das tief ausgeſchnittene Seidenkleid und die bänderreiche Pariſer Haube jeder andern Toilette vorgezogen, und die kümmerlichen Ordensbändchen des Majors prangten infolge eines Winks der Baronin an einem ſchwarzen Leibrock, deſſen Schnitt mit der blauweißen Huſarenuniform um die Anciennetät ſtreiten konnte. Majorin Durra war von dem Grundherrn und Sandor in die Mitte genommen worden und wußte, da ſie keine Kleiderfalten glatt zu ſtreichen hatte, offenbar nicht, was ſie mit ihren weißgebeizten Fingern anfangen ſollte. Sandor, der ihre Schwächen kannte, erſchwerte ihr die ohnehin mit Bleigewicht auf ihr laſtende Verantwortlichkeit, der Etikette gemäß zu eſſen, noch dadurch, daß er ihr 134 immer wieder ein dazu unbedingt nöthiges Geräth un⸗ bemerkt wegnahm und, wenn ſie einem der ſerviren⸗ den Diener ihr Unglück zugeflüſtert hatte, ſie wieder ebenſo unbemerkt mit einem Ueberfluß von Meſſern oder Gabeln verſah. Allmälig jedoch überließ Sandyr die Majorin ihren überzähligen Beſtecken und ihrer Verlegenheit und beobachtete mit faſt feindſeligen Blicken ſeinen Onkel, welcher, da Herr von Kißnagy in ein eifriges Geſpräch mit Ilka verwickelt war, ſich in einer gewiſſen nach⸗ läſſig ſarkaſtiſchen Weiſe mit Gertrud beſchäftigte. Mit faſt ſklaviſcher Hingebung und als habe ſie ür die Bedürfniſſe eines Herrſchers zu ſorgen, ſuchte Jolanthe indeß den Dienſtleiſtungen der ſervirenden Diener gegen den Grafen zuvorzukommen und ſorgfältig ſchien ſie ihre Blicke zu überwachen, wenn einer unter den halbgeſenkten Wimpern hervor glühend des Gelieb⸗ ten Antlitz ſuchte. Janos ſchien das nicht zu bemerken. Scheinbar unbefangen, mit flüchtigem, conventionellem Dank nahm er die Aufmerkſamkeiten ſeiner Baſe ent⸗ gegen und wendete ſich dann wieder zu Gertrud, um mit jenem überlegenen Ton ein Geſpräch weiter zu führen, das der jungen Deutſchen bereits zur Qual geworden war. Sie verſtand nicht Alles, was ihr ſtolzer Nachbar — 135 ſagte; ſie vermochte nicht, in jener Spanne Zeit, die ihr zur Antwort blieb, den tieferen Sinn der herriſch galanten Fragen zu ergründen, die er an ſie ſtellte; aber es ſchien ihr, als ob er die Frauen, die er ſo gut zu kennen glaubte, verachte vom Grunde ſeiner Seele, und jede Antwort, die ihm Gertrud aus ver⸗ wirrtem und geängſtigtem Herzen gab, nahm er hin wie einen ſelbſtverſtändlichen Verſuch des Weibes, ſich dem Manne im ſchönſten Licht zu zeigen. Und wenn Gertrud ihn mit erſchreckten Kinderaugen anſah und ſchwieg, weil ſie ihm nichts zu ſagen wußte, oder auf ihren Teller ſtarrte und flüſterte:„Das weiß ich nicht“; dann fühlte ſie die dunklen Augen des ſchönen, finſtern Angeſichts an ihren Lidern haften, und ihre Seele zuckte unter dem ungläubigen Lächeln und dem bedeut⸗ ſamen Ton, mit dem der Graf erwiderte: „„Verzeihen Sie, ich hatte vergeſſen, daß Unwiſſen⸗ heit in manchen Dingen eine deutſche Mädchen⸗ tugend iſt.“ Gertrud hob das dunkelglühende Geſicht. „Was Sie vergeſſen hatten, Herr Graf, habe ich nie gewußt. Ich habe Ihnen geantwortet, wie ich es in dieſem Augenblick für wahr hielt.“ Nachläſſig ließ der Graf die zarten Finger auf dem Tiſchtuch ſpielen. 136 „Ich weiß, ich weiß— auch Wahrheitsliebe iſt ja ein ſpecifiſch deutſ cher Frauenvorzug.“. Gertrud's Antlitz wurde ſo bleich, wie es eben noch roth geweſen. „Sie ſcheinen zu glauben, Herr Graf, eine der vorzüglichſten deutſchen Fraueneigenſchafteu ſei die Heuchelei!“ Der Mund des Grafen verlor ſein Lächeln nicht, das alle Dämonen des Stolzes in Gertrud's Bruſt aus dem Schlummer weckte. Mit einer berechneten Sicher⸗ heit, welche Gertrud empörte, antwortete er nicht ſo⸗ gleich, ſondern beſchäftigte ſich mit den Früchten, welche Jolanthe ihm mit einer Miene entſagenden Kummers und niedergeſchlagenen Augen darreichte. Lange und ſcheinbar, ohne zu bemerken, wer ſie ihm darreichte, wählte Graf Ketlan unter den Orangen, Feigen und Ananas und nahm ſchließlich einen Apfel. „Der Prüfſtein der Tugend im Paradies“, ſagte Janos wie ſinnend und als habe er das vorhergegan⸗ gene Geſpräch und Gertrud's Aufwallung vergeſſen, „der Preis der Schönheit bei den Olympiern— wir Epigonen eſſen ihn einfach. Wollen Sie mir dieſen deutſchen Apfel ſchälen, Fräulein von Nortwald?“ Die Fruchtſchale in Jolanthens Hand zitterte merk⸗ lich und Gertrud zögerte. Aber ſie ſah, daß die Ba⸗ 137 ronin ſie eben ſcharf beobachtete, und mochte die Schwe⸗ ſter nicht verletzen, indem ſie dem Bruder den unbedeu⸗ tenden Dienſt verweigerte. Auch klang in den Worten des Grafen etwas wie gutmüthige Neckerei und ſchel⸗ miſche Abbitte.. Mit den Spitzen ihrer zarten Finger nahm Ger⸗ trud die dargebotene Frucht und begann ſie ernſt und gewiſſenhaft von ihrer Schale zu befreien. Sowohl die Baronin als ihr Bruder verſtanden die ſchweigende Demonſtration im Ernſte und in den Bewegungen Gertrud's. Ueber die Züge der Baronin glitt ein billigendes Lächeln und des Grafen Mund erhielt wie⸗ der ſeinen hämiſchen Zug. „Sie ſind langſam“, ſagte er kurz und ſpöttiſch; „Ihre Ahnfrau Eva war raſcher. In dieſer Zeit hätte Eva den Apfel zweimal geſchält.“ Ohne Erröthen, ohne Zorn, aber mit einer er⸗ drückenden Ruhe legte Gertrud die halb von ihrer Schale befreite Frucht auf den Teller des Grafen. Sie hatte gefühlt, daß ſie nicht anders handeln konnte. Die Baronin wurde ſehr unruhig auf ihrem Sitz. Ihre Befriedigung, daß Janos und Gertrud ſich eher abſtießen als anzogen, kämpfte mit der Citelkeit der ihren Bruder vergötternden Schweſter. Ihre Gefühle richteten ſich jedoch ganz unzweideutig gegen Gertrud, 138 als Sandor, der den Vorgang ebenfalls beobachtet hatte, ein lautes Gelächter erſchallen ließ. Jolanthe hielt es an der Zeit, einen flammenden Blick der Entrüſtung auf Gertrud zu ſchleudern, und wie einem übermächtigen Impuls gehorchend, nahm ſie den Apfel an ſich uͤnd legte ihn, von dem Reſt ſeiner Hülle befreit, wieder auf den Teller des Grafen zurück. Janos ließ den Dienſt unbeachtet, und auf einen unmerkbaren Wink trugen die aufwartenden Diener den Deller weg. Mit der würdevollen Zierlichkeit jenes Zeitalters, dem ſein großes Ebenbild den Namen gegeben, hatte Herr von Kißnagy unterdeß gegen die jugendliche Ilka alle Pflichten eines vollendeten Cavaliers geübt. Jede ſeiner Bewegungen ſchien genau abgemeſſen und das Reſultat eines langjährigen Studiums, ohne etwas Stei⸗ fes an ſich zu haben. Ohne den feinſten Anſtand zu verletzen, kam ſein Geſpräch in den zierlichſten Wen⸗ dungen immer wieder dahin zurück, Ilka eine Schmei⸗ chelei über ihre jugendlichen Reize zu ſagen. Seltſam und ſelbſt bizarr war Manches, was der alte Edelmann ſagte; aber wie er immer wieder eine ſcheinbar un⸗ geſuchte Gelegenheit fand, Ilka ſeine zarte Bewunderung auszudrücken, war unbedingt geiſtreich. Es ſchien, als ob der Edelmann ſeinen ganzen nicht gewöhnlichen 139 Verſtand und ein vorzüglich in Geſchichte, Literatur und Theater ſeines Landes gediegenes Wiſſen einem einzigen Zweck untergeordnet habe— der Pflege und Ausbildung einer veralteten geſelligen Form. Ilka's glühende Wangen und unruhig aufflackernde Augen bewieſen, daß ihr jugendliches Gemüth nicht unempfänglich war für dieſe Art von Unterhaltung, welche betäubend gleich ſüßen Wohlgerüchen ſich ihr auf Sinn und Seele legte. Ilka hatte eine ſchmieg⸗ ſame, leicht zu entflammende Phantaſie; ſie ließ ſich gern durch das klingende Wort ihrer ausdrucksvollen Mutterſprache über die eigentliche Bedeutung des Ge⸗ ſagten hinwegreißen. Das galante, wohltönende Ge⸗ plauder, deſſen ſteter Refrain ihre Jugend und Schön⸗ heit waren, ließen ſie vergeſſen, daß jene Worte aus einem mehr als ſechzigjährigen Munde kamen, und leuchtend hingen ihre Blicke an den matten, glanzloſen Augen ihres greiſen Galans. Sehr oft richtete der Edelmann das Wort an Ilka's Mutter. Dann ward er und ſeine Rede anders. Ohne daß der Politik in klaren Worten Erwähnung geſchah, war aus den Be⸗ merkungen Kißnagy's über alte Freunde und Verhält⸗ niſſe doch die tiefe Achtung herauszufühlen, die er für die kühne patriotiſche Magnatin empfand. Bei ſolchen Gelegenheiten warf dann auch Herr von Lorin ſchnau⸗ 140 fend eine ihm naheliegende Bemerkung darüber ein, ob die in Rede ſtehenden Perſonen gute Reiter oder tüch⸗ tige Sportsmänner ſeien, wobei es ſich allerdings er⸗ eignen konnte, daß er Vater und Sohn verwechſelte oder, durch eine Namensähnlichkeit getäuſcht, plötzlich Stall und Pferde von Leuten rühmte, von welchen Niemand geſprochen hatte. Es gehörte zur Etikette des Hauſes Lorin, derlei kleine Zwiſchenfälle nicht zu bemerken; Herr von Kißnagy that mehr. Ohne jedes Zeichen von Ueberraſchung und mit einer ſeltenen Ge⸗ wandtheit ging er auf die Bemerkungen des Hausherrn ein und regte denſelben zu einer die Glieder der Familie ſelbſt befremdenden Mittheilſamkeit an. Manch ein aufzuckender Gedankenblitz gab eine Ahnung davon, daß es in Herrn von Lorin's Kopfe nicht immer ſo öde, wirr und ſchläfrig ausgeſehen habe wie jetzt, wo geiſtige und körperliche Intereſſeloſigkeit im Verein mit einer kindiſchen Furcht für den Beſitz jede freie Regung des Geiſtigen in ihm erſtickten. Herr von Kißnagy hatte auch dafür Verſtändniß. Er baute in rückſichtsvollſter Weiſe dem ſtockenden Redefluß des alten Herrn goldene Brücken und ließ das Geſpräch allmälig ausklingen, wenn jener das leiſeſte Zeichen von Ermüdung gab. Nur einmal malte ſich eine leiſe Befremdung auf Herrn von Kißnagy's 141 Antlitz und ſeine Converſation, die er bis jetzt wie ein ausgezeichnetes Schulpferd geritten hatte, ward etwas unſicher. Der alte Edelmann unterhielt ſich mit der Baronin eben über eine ihrer Jugendfreundinnen, welche ſich in den Revolutionsjahren von ihrem Gatten, einem hoch⸗ geſtellten öſterreichiſchen Offizier, aus Patriotismus hatte ſcheiden laſſen und, nachdem ihr Mann in jenen Kämpfen gefallen war, ihr einſames, zerrüttetes Leben im Kloſter vertrauert hatte. Bei ruhigeren Nationen hätte es für eine beklagenswerthe Verirrung gegolten, daß eine zärtlich liebende Gattin ihren ſie anbetenden Mann aus politiſchen Parteirückſichten verließ; ſowohl Herr von Kißnagy als die Magnatin ſchienen es für das erhabenſte und heldenmüthigſte Opfer vor dem Altar des Vaterlandes zu halten— Herr von Kißnagy war nie verheirathet geweſen, und Frau von Lorin hatte ihren Gatten nie geliebt. „Ich habe Irene vor wenig Wochen geſehen“, ſagte Frau von Lorin;„ſie ſah ſehr alt aus und ihr Gang iſt matt und ſchleichend.“ Herr von Lorin war etwas eingenickt. Bei den letzten Worten ſeiner Gattin erhob er erſtaunt den Kopf, als habe ein bekannter Name ſein Ohr berührt. „Irene?“ ſchnaufte er, während ſeine Lippen mit 142 dem borſtigen Bärtchen ſich unwillig vorſchoben und ſeine kleinen ſchwarzen Augen immer runder wurden. „Irene iſt ganz neu und ſie läuft wie das Donner⸗ wetter! Meine Iſabellen konnten geſtern nicht drei Telegraphenſtangen lang Schritt mit ihr halten— ich kenne ſie ſchon am Pfiff, ehe ich ſie ſehe, der geht einem durch Mark und Bein!“ Herr von Kißnagy ſchwieg betroffen und Frau von Lorin vergaß ſo ſehr das von ihr aufgeſtellte Gebot des Hauſes, daß ſie ihren Gatten mit einem Zlick zür⸗ nender Ueberraſchung maß. Da war es Ilka, welche, mit den Neigungen ihres Vaters am innigſten vertraut, mit kindlichem Inſtinkt die Lage erfaßte und, als ſei jene Bemerkung an ſie gerichtet, mit heiterem Lachen Antwort gab. „Und ich bleibe dabei, Papachen, daß unter allen Locomotiven Koſſuth die beſte iſt und Deine Irene gänzlich ſchlagen würde, wenn ſie mit ihr um die Wette fahren könnte.“ Der Herr des Hauſes ſchüttelte unwirſch das Haupt und in Herrn von Kißnagy's Blicken leuchtete ein Schim⸗ mer aufrichtiger Dankbarkeit und hoher Bewunderung, als er Ilka das Deſſert reichte. Plötzlich horchte der formenſichere Cavalier auf; es war ein einziger, zu einem gewaltigen brauſenden 143 Ton anſchwellender Geigenſtrich, welcher aus dem quadratförmigen Hofe des Schloſſes hereinklang; dann löſte er ſich in ein Gewirr von einzelnen Läufen und Tönen auf, die wieder unvermuthet zu einer wilden, berauſchenden Melodie zuſammenfloſſen. Die mit perlendem Champagner gefüllte Schale in der Hand des Herrn von Kißnagy zitterte und eine plötz⸗ liche Röthe flammte durch die weiße Schminke ſeiner Wangen. Die Baronin hatte ſich halb auf ihrem Sitz emporgerichtet; ihre Augen waren unheimlich weit ge⸗ öffnet und zuckend gruben ihre Finger ſich in die Polſter, während ihre Lippen unhörbar flüſterten: „Gabor!“ Unruhig ſchob ſich der Hausherr auf ſeinem Stuhl umher; es ſchien, als werde er von unangenehmen Ein⸗ drücken geängſtigt, in die er keine Klarheit zu bringen vermochte; Sandor's und Ilka's überraſchte Mienen hingegen bewieſen, daß ſie die wilde Weiſe noch nie gehört hatten, deren fremdartigen Zauber ſich Gertrud mit verklärtem Antlitz hingab. Graf Ketlan hatte ſich erhoben und ſah mit dem Lächeln eines ſchönen Teufels von einem zum andern. Lange blieb ſein Blick auf Jolanthen haften, die bleich, wie eine Verdammte in ihren Stuhl zurückgeſunken war, Ein flüchtiges Runzeln auf Janos Stirn bewies, daß 144 die Haltung Jolanthens ihn befremdete, und leiſe fragte er: „Sind Ihnen Ungarns theuerſte Klänge ſo zuwi⸗ der, ſchöne Baſe?“ Es koſtete Jolanthe ſichtlich Anſtrengung, ſich zu ſammeln, dann zwang ſie ſich zu einem vielſagenden Blick und ſeufzte: „Mit jenem Liede auf den Lippen ſtarb mein Gatte auf dem Schlachtfeld.— Ich bin feiger geworden als damals; denn jetzt zittere ich bei jenen Klängen ſchon um Leben, die nicht mir gehören!“ Die Antwort ſchien den Grafen nicht ganz zu be⸗ friedigen. Raſch trat er auf das Fenſter zu, welches hinter dem Stuhl Kißnagy's auf den Hof hinausführte, und öffnete es. Ein eigenthümliches Schauſpiel bot ſich den Ver⸗ ſammelten. Der weitläufige Hof war von brennenden Pechpfannen erleuchtet, deren Dampf ſchwarz an den ſchlanken, glutroth angehauchten Cypreſſen des Parks emporqualmte. In geringer Entfernung vom Fenſter war eine Art niedriger Bühne errichtet, und darauf zuſammengedrängt Kopf an Kopf, ein häßliches braunes Geſicht neben dem andern, hockte ſpielend eine Zigeuner⸗ bande. Ein ſcheues, wildes Verſtändniß ihrer Töne blitzte aus den tiefliegenden Augen; mit affenartiger 145 Behendigkeit handhabten ihre Arme die Inſtrumente; kein Kapellmeiſter ſchlug den Takt, aber kein falſcher Ton verletzte das Ohr. Die ganze Tiſchgeſellſchaft hatte ſich erhoben und um die Chaiſelongue der Baronin verſammelt. Herr von Kißnagy ſchien mehr aufgeregt, als eigentlich erfreut. Das lebhafte Zucken ſeiner Mundwinkel und der miß⸗ trauiſch ablehnende Blick, mit welchem er den Grafen betrachtete, ſchienen anzudeuten, daß er dieſe ganze De⸗ monſtration für eine ſehr unzarte Anſpielung, wenn nichts Schlimmeres, halte. Seinen geſellſchaftlichen Anſchauungen zufolge hatte Niemand das Recht, ihn ſo brutal an Dinge zu erinnern, von denen zu ſprechen er ſelbſt ſorgfältig vermied; und daß man ihn bei Tafel mit der Gödöllöhymne regalirte, bei deren Klängen er einſt vor Aſtöd durch die Bruſt geſchoſſen worden war, mußte ihm auf alle Fälle für ein ungeſchicktes Compliment gelten, und das war für ihn ſchlimmer als eine Unart. Er war im Begriff, ſich kühl vom Fenſter abzuwenden, als die Scene draußen ſich ver⸗ änderte. Hinter dem ſeltſamen Orcheſter hervor kam in leichten Sprüngen das zierlichſte Tänzerpaar, das der ergraute Theaterhabitué je geſehen zu haben glaubte. Ein Ausruf der Ueberraſchung tönte durch den Saal; die Tänzer waren Pal und Aranka in der Uniform der v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 10 146 untergegangenen Honvedhuſaren. Die weißen, auf die Schultern fallenden Zöpfe Pal's, die aufgelöſten Silber⸗ haare Aranka's waren von der blauen, mit grauem Pelz verbrämten Huſarenmütze bedeckt, eine reich mit Silber verſchnürte Pikeſche von derſelben Farbe um⸗ ſchloß die zierlichen Körper, und die Füße ſteckten in ungariſchen Stiefeln mit Sporen, die bei jedem Takt⸗ ſchlag wie Glöckchen klirrten. Statt des engen, mit einer breiten Silberborte beſetzten ſcharlachrothen Bein⸗ kleids trug Aranka ein kurzes rothes Röckchen, und ſtatt des krummen Säbels und der ungariſchen Fahne, welche Pal ſchwang, flatterten ihre weißen Haare rechts und links am Laufe eines kleinen Carabiners herab. Im wilden, klirrenden Cſardas kamen ſie vor dem Fenſter an; Aranka präſentirte den Carabiner und Pal ſenkte grüßend die Spitze ſeines Säbels. Dann prallten ſie auseinander nach rechts und links, als gelte es einen Feind zu entdecken. Sie ſchienen ihn zu ſehen, ſie faßten ſich bei den Händen und ein Schwur, zu ſterben oder zu ſiegen, lag in ihrer entſchloſſenen Geberde. Dann ging es bei den ſtürmiſchen Takten der Villagos⸗ hymne entſchloſſen in den Kampf. Pal's Säbel kreiſte ſchützend über der Standarte und über Aranka, welche fliehend, knieend lud und ſchoß. Aber Pal's Waffe konnte den Tod nicht zurückhalten von der Bruſt der 147 elfenzarten Gefährtin; ſie ſank in ſeinen Arm, die Falten der Tricolore ſenkten ſich auf ſie und in dem düſterrothen Licht funkelnd gleich einer blutigen Aureole kreiſte über der Gefallenen die Klinge Pal's. Wie in ſanftem Sterben wimmerten die Geigen und lang ſam erloſch das Licht der Pechpfannen. Raſch wie ein Jüngling, mit blitzenden Augen und gerötheten Wangen trat Herr von Kißnagy auf Graf Ketlan zu. „Woher haben Sie das Orcheſter? Wer ſind die Tänzer?“ Die Hand des Grafen hielt noch die Vorhangfalte umklammert und mit ruhigem Lächeln antwortete er: „Die Zigeuner habe ich ſelbſt herangebildet, um die theuerſten Melodien meines Vaterlandes vor dem Untergang zu retten. Verzeihen Sie, daß ſie nur Weiſen ſpielen, die in unſere Zeit nicht mehr paſſen — ſie wiſſen keine andern.“ „Das Orcheſter ſpielt herrlich, gleichviel, was es ſpielt—⸗ Herr von Kißnagy ſtockte, Ketlan verneigte ſich und ſagte lächelnd: „Meine Zigeuner ſuchen einen Herrn— ich bin der Sache müde und habe ſie entlaſſen.“ „Und die Tänzer?“ rief Herr von Kißnagy erregt. 10* 1 148 „Muſik und Tanz ſind nicht zu trennen.— Die beiden Kinder ſind mein— ich kann ſie unſerem ge⸗ ehrten Gaſte ſchenken.“ Der alte Edelmann erhob höflich ablehnend die feine weiße Hand. „Wir ſind in Ungarn, nicht in der Türkei!“ „Pal und Aranka werden freudig einem ſolchen Herrn folgen.“ Auf einen Wink des Grafen war einer der auf⸗ wartenden Diener verſchwunden. Gleich darauf traten die Geſchwiſter in den Saal. Manche der Anweſenden ſahen ſie heute zum erſten Mal; die Baronin fühlte ſich mit gebundenen Händen in einer Intrigue, deren Zweck und Ende ſie nicht mehr abzuſehen vermochte. Sandor murmelte gegen Ilka etwas von den„verwünſchten Gauklern“, welche ſeinen Hunden ſo übel mitgeſpielt hätten, und mit einer Trauer, von der ſie ſich keine klare Rechenſchaft zu geben wußte, ruhten Gertrud's Blicke auf der Elfe von Lorin. Wie Kinder hielten ſich die weißhaarigen Geſchwiſter an den Händen, und ihre ſchwachen Augen ſchauten unſicher im Kreiſe umher. Graf Ketlan trat auf ſie zu und führte ſie zu Herrn von Kißnagy. „Hier iſt Euer Gebieter! Ihr werdet keinen andern 149 Willen haben als den ſeinen und ihn nicht verlaſſen, als wenn er Euch gehensheißt.“ Pal und Aranka ſchauten mit grenzenloſer Ver⸗ ehrung in das Antlitz des Grafen, dann mit kindlicher Furcht zu ihrem neuen Herrn empor. „Wie Du befiehlſt, Herr!“ Die erregten Züge Kißnagy's bewieſen, daß ſeine Liebhaberei über jede andere Rückſicht geſiegt habe. Unklar dämmerte ihm eine Ahnung auf von Ketlan's letzten Zielen, aber er hatte beim Anblick der beiden fremdartigen Weſen, die vor ihm ihre Kniee beugten, die Kraft verloren, der Verſuchung zu widerſtehen, und eben begann auch die Zigeunerkapelle draußen wieder eine halbvergeſſene wilde Melodie. Mit einer Bewegung, eines Großherrn würdig, hieß Kißnagy die Albinos ſich erheben und entfernen. Dann nahm er vom Tiſch ſein gefülltes Glas und ſtieß mit dem Grafen an. „Ich nehme Ihr Geſchenk entgegen und will mich Ihrer Freundſchaft würdig zeigen!“ Jedermann im Saal hatte ein dunkles Gefühl, als ob der lange Händedruck der beiden Männer eine tiefere Bedeutung habe. Mit hoher Bewunderung ruhten die Blicke der Baronin auf ihrem Bruder. Da öffnete ſich die Saalthür und der Diener meldete: 150 „Herr Rittmeiſter von Werdenau!“ Gleich darauf trat der Genannte, in Galauniform gekleidet, ein. Graf Ketlan hatte ſich mit einer raſchen, unwilligen Bewegung umgewandt. Sein neuer Freund folgte langſam dieſem Beiſpiel, und nachdem Kißnagy mit der Schwenkung um ſeine eigene Achſe zu Ende war, hatte ſein Geſicht faſt denſelben kalten, beobachtenden Aus⸗ druck von vorhin wiedererlangt. Herr von Lorin hatte ſich durch die bisherigen Vor⸗ gänge um ſo beklommener gefühlt, je weniger er davon begriff; dagegen war ſein Sohn Sandor nicht im ge⸗ ringſten im Zweifel, daß das Ganze wieder eine ganz abſcheuliche Teufelei ſeines Onkels ſei, und nur durch die Furcht, ſeine theure Mutter zu verletzen, war er verhindert worden, dieſe Anſicht zum Gegenſtand einer ſeiner kunſtloſen Tiſchreden zu wählen. Sowohl Sandor als ſein Vater fühlten etwas wie Befreiung aus einer drückenden Lage, als der Rittmeiſter eintrat, und eilten ihm mit ausgeſtreckten Händen entgegen. Noch Jemand wäre ihnen gern gefolgt, wenn es die Etikette des Hauſes und die jungfräuliche Würde zugelaſſen hätten— auch Gertrud fühlte es von ſich abfallen wie einen bunten wilden Traum, als der Landsmann ins Zimmer trat. Der Offizier verbeugte ſich tief vor der Frau des Hauſes, dann vor der übrigen Geſellſchaft. Graf Ketlan erwiderte den Gruß nur mit einem Blick ſtolzer Herausforderung und Herr von Kißnagy wandte ſich zur Seite, um eine Bemerkung an Ilka zu richten. Auch die Baronin hatte den Eindringling nur mit einem kurzen Nicken des Hauptes und einem ſtolzen, fragenden lick empfangen. Gebieteriſch winkte ſie dem Leib⸗ huſaren, der ihn eingelaſſen, und herrſchte ihm halb⸗ laut zu: „Ich will Dich nicht mehr im Hauſe ſehen, hörſt Du, nie mehr!“ Der Rittmeiſter ließ es unbeachtet, daß der Haus⸗ herr ihm ſchon einige Zeit die Hand hinhielt. „Mein Erſcheinen“, begann er mit tiefer, klarer Stimme,„uuft, wie ich ſehe, einige Ueberraſchung hervor. Doch war dieſer für mich ſelbſt höchſt peinliche Schritt nöthig, um eine vielleicht gewaltſamere Störung von Ihrem Feſte fern zu halten.“ Dann wandte ſich Werdenau an den Hausherrn und fuhr fort: „Seit einer Stunde werden in Ihrem Hofe revo⸗ lutionäre Muſikſtücke geſpielt, welche einigen alten Sol⸗ daten meiner Schwadron genau bekannt ſind und meine Mannſchaft in große Aufregung verſetzen. Man ver⸗ 152 langt von mir die Verhaftung der Zigeuner, meinen Inſtructionen gemäß liegt das außerhalb meiner Pflichten. Ich habe einige meiner Ulanen wegen ihrer unzeitigen Muſikkenntniß in Arreſt geſchickt, aber da meine Arreſt⸗ localitäten für die ganze Schwadron nicht ausreichen dürften, fürchte ich es kaum verhindern zu können, daß bei einer Fortdauer des Concertes in dieſer Weiſe eine Gegendemonſtration meiner Mannſchaft erfolgen wird. Ich werde ſelbſtverſtändlich Alles thun, um das zu verhindern, als das einfachſte Mittel jedoch, lärmenden Auftritten vorzubeugen, will es mir erſcheinen, daß Sie Ihrer Muſik ähnliche Melodien unterſagen. Sie darum zu erſuchen iſt der Zweck meines Beſuchs; ich glaubte dazu durch die Gaſtfreundſchaft, die ich ſelbſt in Ihrem Hauſe genoſſen, gewiſſermaßen ver⸗ pflichtet zu ſein.“ „Revolutionäre Muſik“, ſtammelte Herr von Lorin zurückprallend und ſtreckte ſeine fleiſchigen Hände wie hülfeſuchend aus. „Mit Hunden werde ich dieſe Schurken aus dem Hofe hetzen“, rief Sandor und wollte zur Thür hinaus. Aber ein ſtrenger, ſtrafender Blick ſeiner Mutter, wie er ihn noch nicht kannte, hielt ihn zurück. Mit ruhiger Ueberlegenheit trat Graf Ketlan vor ſeinen Schwager und begann mit hochmüthig kaltem Tone, der allmälig durch das Feuer der Entrüſtung erwärmt wurde:. „Herr von Lorin iſt, wie Sie wiſſen werden, nur wenig muſikaliſch. Und wenn er die betreffenden Me⸗ lodien auch gekannt hätte, ſo würde die Rückſicht für ſeine Gäſte über ſeine perſönlichen Abneigungen un⸗ zweifelhaft den Sieg davontragen. Ich bin der allei⸗ nige Urheber dieſes Ihren Ulanen ſo mißfälligen Con⸗ certes. Daß ich jene Melodien und die blutigen und erhebenden Erinnerungen, die ſich daran knüpfen, hoch⸗ halte, hatte ich nie die Feigheit zu leugnen. Daß wir, wie Sie ſagen, von einigen deutſchen Soldaten beherrſcht ſind, welche Einſprache oder Drohungen gegen die Lieder erheben könnten, die wir innerhalb der engſten Grenzen unſerer Häuſer ſpielen laſſen, das hatte ich vergeſſen oder doch zu vergeſſen geſucht. Für einen Dienſt, der uns dies demüthigende Bewußtſein wiedergab, kann ich Ihnen nicht danken!“ Als fühle ſie, daß es die raſche Benutzung eines entſcheidenden Augenblicks gelte, hatte ſich Jolanthe an des Grafen Seite geſtellt, als ſei das in der Ge⸗ fahr ihr natürlicher und angeſtammter Platz, und ziſchte: „Vergeltung für Segesvar! Ihr Dienſt war ein ſchlechter Dienſt!“ 154 „Er iſt zu Ende“, ſagte der Rittmeiſter mit einer kurzen Verbeugung gegen die Geſellſchaft. Dann fügte er mit jenem Zlick eiſiger Verachtung, mit dem er die revolutionären Aeußerungen Jolanthens ſtets hin⸗ zunehmen pflegte hinzu: „Vergeltung für Segesvar fordern Sie?— Arthur Bärenklau iſt todt!“ Ein wahnwitziger Schrecken verzerrte das Antlitz der ſchönen Wittwe, und wie mit abergläubiſcher Furcht ſtarrte ſie dem Rittmeiſter nach, der mit vollendetem Anſtande den Saal verließ. Herr von Kißnagy hatte wie immer von der An⸗ weſenheit eines kaiſerlichen Offiziers nicht die geringſte Notiz genommen. So ruhig und menſchenfreundlich des Rittmeiſters Gemüthsart war, gern hätte er dieſen übermüthigen Ariſtokraten eine blutige Forderung ins Geſicht ge⸗ ſchleudert. Aber ſeine Inſtructionen verboten ihm jeden Schritt, welcher die Aufregung in den einzelnen Landes⸗ theilen ſteigern konnte. Und als Soldat mußte er gehorchen. Als er im Freien anlangte, war ihm zum erſten Mal zu Muthe, als habe er ſich mit Schimpf und Schande aus einem Hauſe jagen laſſen und als laſte auf ihm nun ſein ganzes Leben lang der Makel der Feigheit. Vierzehntes Kapitel. Rittmeiſter von Werdenau ſchlief ſehr wenig in dieſer Nacht. Und wenn er für Minuten die Augen ſchloß, ſah er im Traume ſeinen Freund und Waffenbruder Arkhur von Bärenklau, wie er mit der Todeswunde von Solferino auf der weißen braunumlockten Stirn an ſein Lager trat und ihm mit hohler Todtenſtimme zu⸗ flüſterte:„Jenes abſcheuliche Weib, das mein Leben ver⸗ giftet hat in jener ſchönen, wunderbar wilden Stunde und das ich doch ſo unſaglich lieben mußte mein ganzes Leben lang— Du mußt mich an ihm rächen, Adolf!“ Und immer näher trat der blutige Schatten an das Bett, und Werdenau fühlte den kalten Grabesodem auf ſeinen Wangen und ſtarrte in das von Wolluſt und Rachedurſt verzerrte jugendliche Geſicht. Entſetzt fuhr Werdenau von ſeinem kniſternden 156 Strohlager empor. Eine matte Dämmerung herrſchte draußen, und vor ihm ſtand ſein Burſche und meldete, daß es Zeit ſei, auf die Reitſchule zu gehen, da die erſte Ulanenabtheilung eben dorthin abgeritten ſei. Auch wo es ſich um Theilung der Beſchwerden handelte, war Rittmeiſter von Werdenau der erſte unter ſeinen Offizieren. Den Unterricht der erſten Schul⸗ abtheilung hatte er ſelbſt übernommen, um ſeinen Lieu⸗ tenants noch einige Stunden Ruhe zu gönnen, während er ſelbſt im erſten Tagesgrauen oft vergeblich die Ge⸗ ſichter der ihn umreitenden Schatten oder die Farbe ihrer Pferde zu erkennen verſuchte. Er gehe weniger in Geſellſchaft, tanze weniger als ſeine Herren Kame⸗ raden und könne daher viel früher aufſtehen, meinte er, wenn Serravaglia und Tolsky Einwendungen machten. Auch heute warf er ſich mit der Raſchheit eines Feldſoldaten in ſeine Uniform, ſchnallte den Säbel um und folgte zu Fuß dem kleinen Reitertrupp, deſſen Schattenriß er noch undeutlich am Ausgang des Dor⸗ fes gewahrte, während der Schall der Hufe von dem durchweichten Boden verſchlungen ward. Vor dem Dorf bog die Abtheilung in eine von Bretern roh gezimmerte Umzäunung ein, welche, einem Schafpferch nicht unähnlich, ein mäßiges Stück Boden umſchloß, 157 welches vermittelſt Kies und Steinen etwas weniger ſumpfartig geſtaltet worden war. Die Hufe der Pferde gaben einen klirrenden Ton von ſich, ſowie ſie die Reitſchule betraten. Der Rittmeiſter war im Begriff, ſeinen Leuten zu folgen, als ihm am Eingange der Reitſchule ein Mann den Weg vertrat, deſſen Erſcheinung ihm be⸗ kannt vorkam, trotzdem jener den weißen Doppelmantel hoch ins Geſicht und unter den Schirm der Mütze emporgezogen hatte. Unwillkürlich trat Werdenau ei⸗ nen Schritt zurück und brachte ſeine Rechte in die Nähe des Säbelkorbes. „Sind S' nit bös, Gnaden Herr Rittmeiſter, hab' mit Ihnen zu reden ein bisl.“. „Kommt bei Tage und in meine Wohnung“, ant⸗ wortete der Rittmeiſter abweiſend, da ihm die wich⸗ tig⸗ und geheimthueriſche Art des Menſchen mißfiel. Der Burſche ſchlug den Mantel zurück und ſagte mit dem beleidigten Tone, den halbgebildete Menſchen ſo gern annehmen, wenn ſie ſich für verkannt halten: „So geht's halt immer, wenn man einem gnädi⸗ gen Herrn einen Dienſt erweiſt— nachher kriegt man Tritt mit die Stiefel!“ Wie allen edleren und ſelbſtloſen Naturen, war dem Rittmeiſter nichts verächtlicher als Undank, und 158 der Vorwurf, ſo ſehr aus der Luft gegriffen er auch ſein mochte, blieb nicht ohne Eindruck auf ihn. Auch erkannte er jetzt an dem gebrochenen Deutſch und an der Haltung einen Diener des Hauſes Lorin, welcher Pit hieß und ihn geſtern der Geſellſchaft gemeldet hatte. Damit war dem Rittmeiſter nun allerdings nichts weniger als ein Dienſt erwieſen worden. Er hatte den Grundherrn allein zu ſprechen verlangt und war, als er ſich plötzlich der ganzen Geſellſchaft gegen⸗ über befand, zu einem viel entſchiedeneren Auftreten gezwungen geweſen, als ihm durch ſeine Inſtructionen vielleicht geſtattet war. Schon früher hatte ſich Pit unter der Angabe, bei einem ehemaligen Regiment Wer⸗ denau's gedient zu haben, an denſelben herangedrängt. Dieſem hatte der hübſche, aber falſchblickende Menſch um ſo weniger gefallen, da derſelbe ſich bezüglich der Zeit, wann er bei dem fraglichen Regiment geſtan⸗ den haben wollte, ſowie bei ſeinen übrigen Angaben in unverkennbare Widerſprüche verwickelt hatte. Pit's Privatdienſteifer gegen ſeinen ſogenannten ehemaligen Vorgeſetzten ſchien ſich damals beſonders in Erzäh⸗ lungen über die Gutsherrſchaft äußern zu wollen und war von dem Rittmeiſter aus Zartgefühl gegen ein Haus, deſſen Gaſtfreundſchaft er genoß, nicht ermun⸗ tert worden. 459 „Was ſoll das heißen?“ fragte daher Werdenau in ſtrengem Tone, als er ſich von dem zudringlichen Burſchen der Undankbarkeit zeihen hörte. „Ich bin von der Baronin fortgejagt worden, weil ich Sie geſtern eingelaſſen habe, trotzdem mir be⸗ fohlen war, die Offiziere abzuweiſen, wenn ſie kommen ſollten. Aber ich hätte es für eine Schande gehalten, einen Offizier meines ehemaligen Regiments— „Geh' Deiner Wege! Die Befehle ſeiner Dienſt⸗ herrſchaft zu erfüllen iſt keine Schande, und mir haſt Du mit Deiner Voreiligkeit keinen Dienſt erwieſen!“ Der Rittmeiſter machte eine befehlende Bewegung. Zögernd trat der Burſche zur Seite und ſagte achſel⸗ zuckend wie zu ſich ſelbſt: „Wenn Ihnen und Ihren Ulanen einmal über Nacht der Hals abgeſchnitten iſt, dann wären Sie vielleicht froh, wenn Sie auf den Pit gehört hätten. Ich hab' geſtern recht gut verſtanden, daß Sie den Grundherrn allein ſprechen wollten, aber ich wollte, daß Sie die ganze Geſellſchaft bei einander ſehen und daß Ihnen endlich die Augen aufgehen ſollten. Der Pit könnte ihnen noch viel mehr erzählen, aber Sie verachten ja ſo einen armen Teufel, dem Sie, wenn Sie nur hören möchten, vielleicht Ihr Leben verdanken würden.“ 160 In den Worten des Burſchen lag zuletzt eine ſo zornige Beſtimmtheit, daß Werdenau unwillkürlich wieder ſtehen geblieben war. „Und welches Intereſſe haſt Du denn daran“, fragte er,„Deine Herrſchaft zu verrathen? Denn da⸗ rauf will es doch offenbar hinaus.“ Pit machte keinen weiteren Verſuch, ſich in ſeine Treue für das ehemalige Reiterregiment zu drapiren, ſondern ſagte mit ärgerlicher, gedämpfter Stimme: „Man kommt nicht weiter im Schloß. Die am beſten ſchmeicheln und falſch ſein können, haben dort immer die Oberhand. Weil ich einmal lachte beim Serviren und darüber eine Schüſſel fallen ließ, als der Herr Sandor ſo tolles Zeug redete, ſchlug mich der alte Grundherr ins Geſicht und ſchickte mich wie⸗ der in den Stall, wo ich den Oſillag, das Leibpferd des jungen Herrn, verſehen mußte, das ſchon einem den Fuß abgeſchlagen hat und welches keiner mehr putzen wollte. Auch nach mir ſchlug das Teufelsvieh und rannte ſich dabei die Stallgabel, die ich eben in der Hand hielt, in den Huf. Der Oſillag ging acht Tage lahm, und der Sandor peitſchte mich, daß man noch die Striemen ſehen kann. Ich hätte der Beſtie vielleicht mein Geſicht hinhalten ſollen, um darauf herum zu ſchlagen!— Mit der Ilka iſt's auch nichts; 161 die ſchaut einen manchmal an, ſo ſanft wie eine ſchläfrige Katze, und lispelt ihre Befehle nur; aber als ich ihr einen Stuhl auf die Schleppe eines neuen Kleides ſetzte, daß es beim Aufſtehen krachte, da hatte ſie auch nichts Eiligeres zu thun, als zu klatſchen. Die Baronin war noch die Beſte bis geſtern, aber als ich Euer Gnaden die ganze Faſtnacht anſchauen ließ, da war's aus! Sie hat mir ein Geſicht gemacht, daß man davon nur noch die böſen Augen und die weißen Zähne geſehen hat, und hat mich gleich ganz und gar fortgejagt. Nachdem ich mich nun zehn Jahr geplagt hab' im Schloß, gibt man mir einen Fußtritt. Die Herrſchaften halten alle zuſammen und ohne gutes Zeugniß nimmt mich keine. Ich darf alſo wieder Roß⸗ hirt oder Soldat werden. Aber man ſoll mir das Alles nicht umſonſt angethan haben— ich weiß genug, um ein paar von der Verwandtſchaft an den Galgen zu bringen.“ Pit ſchwieg außer Athem und ſah den Rittmeiſter lauernd an. Es hatte dieſen einige Ueberwindung gekoſtet, den ganzen Bedientenklatſch mit anzuhören, aber ſeine Sol⸗ datenpflicht, die beſtimmte Weiſung, die er erſt geſtern von ſeinen Vorgeſetzten empfangen, und die Verant⸗ wortung für die Sicherheit ſeiner Mannſchaft und Of⸗ v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 11 162 fiziere geboten ihm zuzuhören. Er durfte ſeinem Wi⸗ derwillen nicht Raum geben und den Verräther ſeiner Brodherrſchaft nicht mit Fußtritten von ſich jagen. Es war inzwiſchen heller geworden; in regelmä⸗ ßigen Abſtänden, einer hinter dem andern, ritten die Ulanen immer wieder und wieder den Rand der Reit⸗ ſchule entlang. Ein ſcharfer Blick auf das Geſicht Pit's bewies dem Rittmeiſter, daß jener die Nachrichten, die er zu geben hatte, wenigſtens für ſo wichtig hielt, als er ſagte, und daß er keine Komödie ſpielte. „Komm' in einer Stunde in meine Wohnung“, ſagte er mit haſtiger, unſicherer Stimme, als begehe er ſelbſt eine Schurkerei, indem er ſich mit einem Schur⸗ ken einlaſſe,„komm' aber durch den Hof, damit Dein Beſuch nicht auffällt. Wenn Deine Mittheilungen ſo werthvoll ſind, wie Du behaupteſt, ſo werde ich für Deine Unterkunft Sorge tragen.“ Pit griff militäriſch grüßend an ſeine Mütze und ging, mit dem bis jetzt Erreichten ſichtlich zufrieden. Der Rittmeiſter ließ ſeine Leute noch einige Vol⸗ ten reiten, dann kam Graf Serravaglia mit ſeiner Abtheilung und die erſte ritt nach Hauſe. Werdenau blieb noch einen Augenblick in der Reitſchule, um dem jungen Malteſer die Hand zu drücken. 163 Eine düſter freudige Entſchloſſenheit lag auf dem Angeſichte des Offiziers, als er den freundſchaftlichen Gruß ſeines Vorgeſetzten erwiderte. „Ich habe die Schiffe hinter mir verbrannt“, ſagte er dann ernſt. 3 „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte Werdenau voll banger Ahnung, daß er nun eine große Thorheit hören werde. „Ich habe geſtern an meinen Oheim geſchrieben und ihm erklärt, daß ich entſchloſſen ſei, den Revers nicht zu unterzeichnen, und daher jeder Verbindung mit dem Orden entſagen müßte. Ich habe meine Leidenſchaft für Ilka mit ſo lebhaften Farben, als ſie mir zu Gebote ſtanden, geſchildert und ihn gebeten, mir ſeine väterliche Gunſt nicht zu entziehen und bei Herrn von Lorin für mich um deſſen Tochter anzu⸗ halten.“ Mit gefalteten Händen hatte Werdenau dieſem ruhigen Bericht ſeines Freundes zugehört. Die Ulanen waren unterdeß, die Reitgerten ſchulternd, in Linie aufmarſchirt und blickten in regungsloſem, ſchweigendem Ernſt auf die beiden Offiziere, von deren leiſe geführ⸗ ter Unterhaltung ſie nichts verſtehen konnten. Endlich begann Werdenau: „Und nach Allem, was Du mir ſelbſt von dem 11* 164 Comthur erzählt, kannſt Du einen Augenblick im Ernſt denken, daß er Deine Bitte für etwas Anderes als die bitterſte Verhöhnung halten wird?“ „Er wird ſich von mir losſagen, mir meine Zu⸗ lage entziehen und ſein Vermögen dem Orden ver⸗ machen. Ich habe daran nie gezweifelt und ſtellte meine Bitte eigentlich nur aus Höflichkeit und um keine Pflicht gegen mich ſelbſt zu vernachläſſigen!“ „Um keine Pflicht gegen Dich ſelbſt zu vernach⸗ läſſigen“, wiederholte der Rittmeiſter mit ſchmerz⸗ lichem Hohn,„in dem Augenblick, wo Du Deine ganze materielle Wohlfahrt wegwirfſt— für nichts!“ „Für Ilka!“ entgegnete der junge Offizier träu⸗ meriſch.„Wenn ſie ſieht, daß ich Alles dahingegeben habe für ſie, wird ſie feſt und opferfreudig vor ihre Eltern hintreten und für ihre Liebe kämpfen und ſiegen!“ Ein tiefes ſchmerzliches Bedauern zog dem Ritt⸗ meiſter die Bruſt zuſammen. „Erinnerſt Du Dich an die Melodien von geſtern?“ „Das hat der wilde Ketlan angeſtiftet— es hat keine weitere Bedeutung.“ „Du wirſt mir erlauben, dies beſſer zu wiſſen; denn als Du in die Kaſerne gegangen warſt, um un⸗ ſere aufgeregten Leute zu beruhigen, war ich im Schloß. 165 Ich wollte Herrn von Lorin allein ſprechen, aber das Ungeſchick eines Dieners führte mich mitten in die Verſammlung. Der aufrühreriſchen Muſik im Hof entſprachen die ungariſchen Gewänder drinnen. Trotz der ziemlich aufregenden Scene hatte ich Gelegenheit, einige intereſſante Beobachtungen zu machen. Heute könnte ich es nicht mit derſelben Sicherheit wie geſtern für eine Unmöglichkeit erklären, daß Fräulein von Lorin den alten Kißnagy heirathe.“ „Aber ich glaube es nicht mehr“, beharrte Serra⸗ vaglia achſelzuckend.„Ich habe Ilka geſtern Unrecht gethan; ich war ja auch noch nicht entſchieden vorge⸗ gangen und konnte daher nicht verlangen, daß ſie öffentlich für mich Rückſichten nehme, die ſie bloßſtellen konnten, oder daß ſie ein Gefühl überhand nehmen laſſe, welches ſie elend machen mußte, wenn ich die letzten bindenden Gelübde des Ordens ablegte.“ „Das junge Mädchen hat überhaupt gar nichts ge⸗ dacht, ſondern einfach mit Dir kokettirt! Du wirſt es einſehen, wenn ſie Frau von Kißnagy iſt.“ „Das wird ſie nie, denn ich wiederhole Dir, daß ich vorher ihren Bräutigam todtſchieße.“ „Wenn nicht der umgekehrte Fall eintritt; denn nicht immer hat der Thörichte Glück.“ „Um ſo ſchlimmer dann— für meine Gläubiger“, 166 ſagte Serravaglia achſelzuckend.„Du weißt vielleicht noch nicht“, fuhr er mit einer Art ſelbſtmörderiſcher Ironie und einem zweideutigen Seufzer fort,„Du weißt vielleicht noch nicht, daß ich Schulden habe. Ich beſaß niemals jene Charakterfeſtigkeit, welche ein Glas Champagner ausſchlägt, um nicht zur Revanche gezwungen zu ſein, oder einem Kameraden die letzte Banknote verweigert, die ihn aus den Krallen eines Manichäers erretten könnte. Und zuletzt war jadoch immer der Onkel da.— Ich werde bei meiner Bewerbung um Ilka dieſe Verhältniſſe nicht verſchweigen— ſie muß es einſehen, welche Liebe zu einer ſolchen heroiſchen—“ „Dummheit gehört!“ vollendete der ſonſt ſo beſon⸗ nene Rittmeiſter, außer ſich vor Beſorgniß und Aerger, und ließ die Reitpeitſche, die er in der Hand hielt, ziſchend durch die Luft fahren, daß die Pferde der Reiterabtheiluug unruhig wurden. „Nenne es, wie Du willſt“, ſagte Serravaglia gleich⸗ müthig, ohne dem Freunde die unparlamentariſche Aeußerung übel zu nehmen;„wer nicht fähig iſt, an ſeiner Liebe zu Grunde zu gehen, iſt dieſes Gefühls nicht einmal werth.“ Verdenau ſah den Freund einen Augenblick über⸗ raſcht an, als ob er ihn bisher ſolcher Gedanken und Empfindungen nicht für fähig gehalten habe. Eine 167 Pauſe entſtand. Infolge eines ihm ſelber nicht ganz klaren Ideenzuſammenhangs dachte Werdenau an Ger⸗ trud, und wie ſie geſtern dageſtanden, die zarte Geſtalt in dem ſchlichten grauen Kleide inmitten der bunten, anſpruchsvollen Pracht, und wie ihr ruhiges, kluges Kinderauge ſtaunend und überlegen zugleich in dieſe von Haß, Angſt oder Heuchelei entſtellten Geſichter geblickt hatte. Er fragte ſich, ob er im Stande wäre, für dieſes körperlich und geiſtig ſo hochſtehende Weſen ebenfalls eine„heroiſche Thorheit“ zu begehen, und aus ſeiner Stimme klang nur noch das tiefſte Mitleid, als er dem Freunde die Hand reichend ſagte: „Verzeihe, wenn meine Theilnahme mich zu harten Urtheilen hinriß, und erinnere Dich, daß ich Dein treuer Bruder bin, wie es auch kommen möge.“ Im Begriff, zu gehen, hörte er die laute Stimme Tolsky's der ſeinen galiziſchen Rekruten eben in kräf⸗ tigem Polniſch etwas Schmeichelhaftes darüber ſagte, daß ſie in die Reitbahn reiten wollten, in welcher Serravaglia's verwaiſte Abtheilung noch wie angemauert hielt. Das ſtimmte den Rittmeiſter wieder heiter. „Ueberlaß Tolsky das Feld der Ehre und ſchicke Deine Leute nach Hauſe“, ſagte er zu Serravaglia; „ſie ſind lange genug im Feuer geſtanden!“ 168 Aber über dem Reitunterricht der Schwadron leuch⸗ tete heute kein günſtiger Stern, denn auch Tolsky, nachdem er ſeine Galizier vor der Barrière glücklich zum Stehen gebracht hatte, eilte ſofort auf Werdenau zu, welcher als Rittmeiſter eines gemiſchten Regiments auch dieſe Sprache verſtehen mußte, und theilte ihm in geflügelten Worten mit, daß eben ein Livreediener des Hauſes Lorin dageweſen ſei, um ihn im Namen der Grundherrin zu der Kirchweih einzuladen, welche am andern Tage die ſchwäbiſchen Bauern von Lorin wie alljährlich nach ihrer heimatlichen Sitte abhalten würden. Werdenau war durch dieſe Einladung aufs höchſte überraſcht. Er hatte mit Sicherheit erwartet, daß nach den Ereigniſſen des geſtrigen Tages jeder Verkehr zwiſchen der Familie des Grundherrn und den Offizieren der Garniſon zu Ende ſei. Tolsky theilte dem Rittmeiſter auch mit, daß er ſich von dem Sohne ſeines Hauswirths bereits den Anzug eines ſchwäbiſchen Bauers geborgt habe, um in ſolcher Geſtalt die Kirchweih mitzumachen. „Ein polniſcher Ulanenlieutenant in deutſcher Bauerntracht— das widerſpricht allerdings allen Ueberlieferungen der Nationaleitelkeit“, antwortete Werdenau. 169 Tolsky ſtrich ſeinen Schnurrbart und ſchmunzelte, daß ſeine vollen Wangen glänzten, dann ſagte er in deutſcher Sprache: „O, ich liebe ſehr das Deutſch!“ Der tiefere Sinn dieſer Phraſe, welche Tolsky in neuerer Zeit bei jeder paſſenden und unpaſſenden Ge⸗ legenheit für die Umſtehenden ſehr vernehmbar an Gertrud gerichtet hatte, ſowie das ſiegesgewiſſe Lächeln des eitlen Polen war Werdenau nicht entgangen und er hatte ſich vergeblich eines ſehr unbehaglichen Gefühls zu erwehren geſucht. Sonſt hatte er für die Albern⸗ heiten Tolsky's gewöhnlich nichts Anderes als einen wohlwollenden Scherz gehabt. Heute war ſein Blick ſcharf und ſeine Stimme nicht frei von ärgerlichem Hohn, als er antwortete: „Sie lieben das Deutſch? Nun, dann rathe ich Ihnen vor allem, es zu lernen.“ Werdenau ging nach Hauſe, während Serravaglia, welcher heute„Offizier des Tages“ war, ſich nach der Kaſerne begab. Zu Hauſe angelangt, traf auch der Rittmeiſter einen Livreediener aus dem Schloſſe, welcher ihm dieſelbe Einladung überbrachte, deren ſchon Tolsky erwähnt hatte. Finſter ſchaute Werdenau auf das an ihn ge⸗ richtete und von der Baronin eigenhändig geſchriebene 170 Billet, welches ihn bat,„das heimatliche Feſt ſeiner deutſchen Landsleute durch ſeine Anweſenheit mit zu verherrlichen“. Und das ſchrieb dieſelbe Frau, welche geſtern einen Diener fortgeſchickt, weil er ihn ungeladen in eine ihrer Geſellſchaften geführt hatte. Nachdem Werdenau den Boten entlaſſen, lächelte er bitter vor ſich hin. Man fürchtete ihn alſo und ſuchte ſeinen Verdacht durch Aufmerkſamkeiten einzu⸗ ſchläfern. Dann durchzuckte den Offizier ein anderer freudiger Gedanke. Er glaubte bemerkt zu haben, daß die Baronin ſeine Annäherung an Gertrud be⸗ günſtigte. Vielleicht lud ſie ihn ihres Schützlings wegen ein. Die Magnatin war ja trotz des angeborenen Hangs zur politiſchen Intrigue, den ſie mit den meiſten adeligen Damen ihres Landes theilte, eine hochherzige Seele, warum ſollte alſo nicht das Intereſſe an der liebenswerthen Fremden neben ihren politiſchen und Familienzwecken einhergehen können? Zwiſchen dieſe Zweifel miſchte ſich das Gefühl ſeiner Pflicht und das Widerſtreben gegen Alles, was nur irgend wie Verdacht oder Spionage ausſah. Aus dieſem Wirrſal von Gedanken und Gefühlen riß ihn die Ankunft Pit's. Pit ſchlich ſich ſcheu ins Zimmer und muſterte den Rittmeiſter mißtrauiſch; 171 denn er hatte eben ſeinen verfloſſenen Kameraden Miklos weggehen ſehen. Noch einmal bäumte ſich Alles in Werdenau dagegen auf, die Mittheilungen des zudring⸗ lichen Burſchen anzuhören. Aber ſeine Pflicht war in dieſem Falle ſtreng vorgezeichnet und geſtattete kein linienbreites Abweichen, wenn er ſich nicht zum Mit⸗ ſchuldigen der Rebellion machen wollte. Schon nach den erſten Worten Pit's wurde Werdenau indeß ſehr aufmerkſam. Er fühlte, daß das, was Pit über die nächtlichen Beſuche verkleideter Perſonen im Schloſſe erzählte, wahr ſein müſſe. Pit hatte aus Neugier und aus Rachſucht, daß ſeine Herrſchaft ihn nicht zum Vertrauten wählte, Nächte geopfert und waghalſige Experimente gemacht, um hinter Namen und Zweck der ſeltſamen Beſuche zu kommen. Bei einigen war ihm das gelungen. Die Namen, die Pit zum Theil verſtümmelt nannte, waren dem Rittmeiſter aus der Geſchichte der ungariſchen Agitation meiſt nur zu gut bekannt. Pit jedoch konnte dieſelben bei ſeinem niedern Bildungsgrade nicht wohl anderswo erfahren haben als in Lorin, und ſeine Perſonalbeſchreibungen und die oft mangelhafte Wiedergabe aufgefangener Aeußerungen ver⸗ mochten im Zuſammenhalt mit der ganzen Heimlich⸗ thuerei dem ungetreuen Diener wohl eine Ahnung der drohenden Ereigniſſe, aber keinen rechten Einblick in 472 dieſelben zu geben. Dem Rittmeiſter war es leicht, ſich den oft verwirrten und lückenhaften Bericht zurecht zu ſtellen und zu ergänzen. Und der Eindruck, den Wer⸗ denau von Umfang und Zweck der Verſchwörung er⸗ hielt, war finſter und drohend genug. Immer weniger achtete der Rittmeiſter auf die unlautere Quelle, aus der ihm die Nachrichten zufloſſen; immer eifriger forſchte, immer haſtiger notirte er. Vieles, was Pit vergeſſen hatte, legte er dieſem in den Mund, und Pit's Ueber⸗ raſchung bewies, daß die Vermuthungen des Offiziers richtig geweſen waren. Eins jedoch beruhigte den Ritt⸗ meiſter, daß er wie erleichtert tief aufathmete: der Ausbruch des Aufſtandes ſollte, wie faſt ſicher feſtſtand, im Winter noch ſorgfältig vorbereitet werden und erſt im kommenden Frühling losbrechen. Ein kurzes Nach⸗ denken beſtätigte dem Rittmeiſter, daß dieſe Friſt von den Häuptern der drohenden Rebellion nicht abgekürzt werden konnte, und wenn ſie mit einem Schlage alle Gemüther zu entflammen und für ihre Sache zu ge⸗ winnen vermocht hätten. In wenigen Wochen ſchon zog der Winter ins Land und machte jede raſche Or⸗ ganiſation der Maſſen unmöglich. Lange ſchon hatte Pit ſchweigend und unſicher geharrt, welchen Dank er ſich verdient habe. Der Rittmeiſter ſaß mit gefurchter Stirn da und ſtarrte auf ſeine Notizen. Er ſuchte 173 die Mittheilungen des Dieners mit ſeinen eigenen Beob⸗ achtungen des geſtrigen Abends in Einklang zu bringen. Es unterlag keinem Zweifel, daß Herr von Lorin und ſeine Kinder der Sache fern ſtanden; aber Graf Ketlan's wilde Energie war die Seele des Ganzen und beherrſchte das Gemüth ſeiner Schweſter mit eiſerner Tyrannei. Jolanthe war nur wenig eingeweiht, obwohl ſie ſich ſtets abſichtlich vordrängte und bloßſtellte, um Janos zu gefallen. Eine Perſönlichkeit, die bisher der Be⸗ wegung fern geſtanden, war, wie aus Pit's Mitthei⸗ lungen ſicher hervorging, der Herr von Kißnagy. Und dennoch hatte das Feſt des geſtrigen Abends, deſſen gefeierter Mittelpunkt der alte Edelmann zu ſein ſchien, einen herausfordernd revolutionären Charakter ge⸗ tragen! Werdenau grübelte weiter, da fiel ſein Blick auf eine ſeiner vorhin gemachten, kaum leſerlichen Bleiſtiftnotizen: „Was aus allen Unterhandlungen, welche Pit be⸗ lauſcht hat, klar hervorgeht, iſt der Mangel an den für die Agitation nothwendigen Geldmitteln und die Schwierigkeit, ſie zu beſchaffen.“ Ein triumphirendes Leuchten ging über Werdenau's erregte Züge. Herr von Lorin ſtand der Sache fern und man mißtraute ihm ſogar— Herr von Kißnagy war reich, und um ihn zu gewinnen, ſpottete man ſelbſt der 174 Vorſicht. War das Unternehmen finanziell geſichert, ſo konnte man den Verdacht durch um ſo größere Stille einſchläfern. Pit wurde immer unruhiger bei dem ſeltſamen Be⸗ nehmen ſeines Hörers. „Es iſt wohl nicht daran zu denken, daß man Dich im Schloſſe wieder annimmt?“ begann der Rittmeiſter endlich. Pit ſchüttelte den Kopf. „Willſt Du nicht bei Herrn von Kißnagy Dienſte nehmen?“ Pit horchte erſtaunt auf dieſen Vorſchlag, denn da die Unterredungen zwiſchen Janos und der Baronin als unverdächtig faſt ſtets bei Tage ſtattfanden, ſo hatte er keine Gelegenheit gehabt, ſie zu belauſchen. Pit ver⸗ mochte daher den Zuſammenhang der Frage und ſeiner eigenen Nachrichten nicht zu erfaſſen. „Herr von Kißnagy würde mich ohne gute Empfeh⸗ lung nicht nehmen“, entgegnete er. „Du könnteſt Dir ja den Bart abſchneiden und einen andern Namen wählen.“ Pit ſchüttelte faſt ungeduldig den Kopf. „Der Ketlan würde mich auf den erſten Blick er⸗ kennen, der hat Augen wie ein Luchs.“ „Und doch möchte ich Berichte aus der Nähe des 175 Herrn von Kißnagy erhalten. Es muß dann ein An⸗ derer die fünf Dukaten verdienen.“ Pit's ſchielende Augen vergrößerten ſich. „Der Kißnagy hat die ganze Zigeunermuſik, die geſtern im Schloßhof ſpielte, mitgenommen. Ich kann die Geige ſpielen und war einmal Muſikant; ich glaube, daß man mich nehmen würde, und der Graf, wenn er mich auch ſähe, würde mich aus den andern Geſichtern nicht herauskennen.“ Mit einiger Ueberraſchung ſchaute Werdenau den Burſchen bei dieſen Worten an. Er dachte ſich die ſchlanke, geſchmeidige Geſtalt in den bunten Lappen, wie ſie jenes wandernde Volk liebt, die kurz geſchnittenen Haare zu fettglänzenden Ringellocken verlängert auf die Schultern fallend, dazu die gebogene Naſe, die auf⸗ geworfenen Lippen, den unſichern Blick und die ſcheue Haltung Pit's— und ohne auf deſſen Vorſchlag zu antworten, fragte er: „Aus welchem Theil des Reichs biſt Du?“ Pit hob die Augen nicht vom Boden, als er leiſe und zögernd antwortete: „Von weit her— aus Krain.“ „Aus welchem Ort?“ fragte Werdenau in ſlove⸗ niſcher Sprache. 176 Pit blieb ſtumm. „Du biſt nirgends daheim“, ſagte wieder deutſch der Rittmeiſter mit ſcheinbarer Strenge,„Dein Volk iſt heute da und morgen dort— Du biſt ein Zigeuner!“ Pit erſchrak, als hätte ihn ein Peitſchenhieb getrof⸗ fen, und ſeine Geſtalt ſchien vor Demuth um einige Zoll zuſammenzuſchrumpfen. Dann erhob er mit einem Blick flehender Unterwerfung die braunen Augen. „Verzeiht, Herr! Als Zigeuner kriegt man ſo viel Prügel.“ „Es ſcheint Dir als Slovenen nicht viel beſſer gegangen zu ſein!— Alſo nimm Deine fünf Dukaten und werde bei Herrn von Kißnagy Muſikant. So oft Du mir wichtige Nachrichten bringſt, erhältſt Du Dein Goldſtück; wenn Du mich verräthſt—“ Werdenau vollendete nicht. Der Blick, mit dem Pit die Dukaten zuſammenraffte, bewies ihm deutlich, daß goldene Bande die ſtärkſten ſind. Letzterer, der wieder ganz als Zigeuner fühlte und han⸗ delte, ſchob ſich mit gekrümmtem Rücken aus der Thür. In ernſtes Sinnen verſunken, ſchaute der Rittmeiſter vor ſich nieder. Die Lage, in die er gedrängt worden, war ihm neu und nicht ſympathiſch. Da fiel ſein Blick auf das Briefchen der Baronin, und bei dem 177 ³ Gedanken an das ſchnöde Spiel, das man mit ihm trieb, zog eine dunkle Röthe über ſein Antlitz. „Sie ſollen den deutſchen Geiſt, den ſie ſo oft ver⸗ höhnen, achten lernen!“ murmelte er. v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. Fünfzehntes Kapitel. Durch die letzten Ereigniſſe war der Grundherr etwas aus ſeiner Schlaftrunkenheit emporgerüttelt wor⸗ den und das halblaute Schnauben ſeines Unwillens hatte ſich am nächſten Morgen in eine zwar nicht ſehr zuſammenhängende, dafür aber um ſo lautere Rede verwandelt, deren Donner aus den Zimmern der Ba⸗ ronin bis auf den Corridor hinaus ſchallten. Die Dienerſchaft ſtand lauſchend und zitternd und huſchte ſcheu in alle Winkel, wenn der dröhnende Schritt des Gebieters ſich der Thür näherte. Denn Herr von Lorin hatte jedem ſeiner Diener, der ſich heute vor ſein Antlitz wagte, mit überlauter Stimme erklärt und mit einem Fußtritt bekräftigt, daß er Herr im Hauſe ſei. Schweigend und die heftigen, verworrenen Anklagen ihres Gatten keiner Antwort würdigend, wie eine ent⸗ thronte und von ihrem rohen Beſieger beſchimpfte Königin lag die Baronin auf ihrem Ruhebett, und erſt als Herr von Lorin drohte, er werde ſeinen eigenen Schwager beim Kaiſer als Ruheſtörer anklagen, wenn Giſela nicht Alles aufbiete, um das alte Verhältniß mit den Offizieren wiederherzuſtellen, erſt dann ſchaute die Magnatin auf, und ihrem Gatten voll Haß und Angſt ins Antlitz blickend, ſagte ſie mit tonloſer Stimme: „Ich werde die Offiziere zur Kirchweih unſerer Bauern einladen. Es wird Dir ohne Zweifel gelingen, ſie aufs neue von Deiner Loyalität zu überzeugen.“ „Die Bauern bitten um Ilka als Feſtkönigin“, ſagte Herr von Lorin weniger rauh. In die ſtolze Apathie der Magnatin kam wieder Leben. „Und Sie haben dieſe Frechen nicht aus dem Schloſſe peitſchen laſſen? Wir haben dieſem deutſchen Bauern⸗ dünkel ſchon oft genug nachgegeben, aber meine ein⸗ zige Tochter werde ich niemals das Gewand einer deutſchen Bäuerin anziehen laſſen, nie!“ Vor der entſchloſſenen Haltung der Baronin hielt die ſeltene Energie ihres Gatten nicht Stand. Und als ſie hinzufügte: „Herr von Kißnagy würde uns verachten, wenn er es wüßte“, da fühlte ſich der eben noch gewalt⸗ thätige ſchwache Mann lebhaft beunruhigt. Er hatte 12* 180 ſich nie um Kißnagy's politiſche Ueberzeugungen ge⸗ kümmert und wußte nur, daß der Nachbar, der ihn bei jeder Begegnung mit der rückſichtsvollſten Grandezza behandelte, noch reicher ſei als er ſelbſt. Unruhig ging er im Zimmer auf und ab. „Dann ſoll Jolanthe—“ „Jolanthe paßt als Wittwe nicht dazu und hat nur einen Lebenszweck— Janos zu gefallen. Daß er dieſe Verkleidung nicht billigen würde, iſt vorauszuſehen!“ Die Baronin wurde deſto ruhiger, je hülfloſer und ängſtlicher ihr Gatte ſich geberdete. „Aber ich habe es den Bauern ſchon zugeſagt“, jammerte er. „Das war unvorſichtig“, entſchied die Magnatin und ließ die Blicke wieder mit der mitleidigen Ueber⸗ legenheit von ehemals auf ihrem Gatten ruhen.„Doch es gibt vielleicht ein Mittel, die Wünſche Deiner Bauern zu erfüllen, ohne uns zu entwürdigen Wir haben ja Gertrud im Hauſe. Die Bauern werden nichts gegen ihre deutſche Landsmännin einwenden und Gertrud macht der Scherz vielleicht noch Freude.“ Ein befriedigtes Schnauben des Herrn von Lorin bewies, daß das häusliche Unwetter ſich verziehe. Er murmelte etwas Unverſtändliches, als wenn er nur un⸗ gern ſeine Einwilligung zu etwas Unvermeidlichem gebe, 4*½ 181 und verließ weniger geräuſchvoll, als er eingetreten war, die Zimmer ſeiner Gemahlin. Er mochte wohl ein unklares Gefühl haben, als ob die Haſt, in welcher er nach dem Auskunftsmittel ſeiner Gattin gegriffen, um ſich ſeiner Verlegenheit zu entziehen, nicht ganz zu der Energie paſſe, mit der er ſich eben noch als Herrn des Hauſes proclamirt hatte. Das Kammermädchen, nicht mehr durch ſeine don⸗ nernden Schritte gewarnt, blieb wie erſtarrt in ihrer lauſchenden Stellung vor der Thür, ohne daß der Grundherr ſie nur bemerkte, und der im Corridor gleichfalls überraſchte Leibhuſar nahm ganz umſonſt ſeine ſteifſte militäriſche Haltung an, um den derben ungariſchen Fluch entgegenzunehmen, den ſein Ge⸗ bieter bei dergleichen Gelegenheiten für ihn in Bereit⸗ ſchaft hatte. Herr von Lorin erſtieg mit großer Anſtrengung die Treppe zum obern Stockwerk und pochte an Gertrud's Zimmer. So ſehr man im Schloſſe auf die peinliche Beob⸗ achtung eines anſpruchsvollen Ceremoniells hielt, welches nur bisweilen durch den lauten Schlummer des Grund⸗ herrn oder die rückſichtsloſe Jugendlichkeit ſeines Sohnes durchbrochen werden durfte, ſo wenig kannte man ſcheinbar jene Rückſichten, welche in jedem anſtändigen deutſchen 182 Hauſe der fremden Waiſe gegenüber beobachtet worden wären. Gertrud wohnte im zweiten Stock in einem Zim⸗ mer des entlegenſten Flügels und völlig ſich ſelbſt über⸗ laſſen, ſobald ſie nicht in den Geſellſchaftsräumen weilte. Was in keinem deutſchen Hauſe gleichen Ranges geduldet worden wäre, daß der faſt erwachſene Sohn des Hauſes täglich einigemal zu der jungen Fremden ins Zimmer ſtürmte, ſich auf das krachende Sopha warf, mit den Sporen den Boden zerhackte und Gertrud mit ihrer angeblichen Neigung für Onkel Janos quälte, darum kümmerte ſich im Hauſe Lorin höchſtens Jolanthe, welche mit nie ermüdender Geduld Gertrud überwachte. Verſchiedene Male hatte Frau von Valaſy bereits ver⸗ ſucht, der Magnatin Mißtrauen einzuflößen gegen die Beziehungen der beiden jungen Leute und Gertrud's Einfluß auf den Erben von Lorin. Aber Giſela hatte mit ſchwermüthigem Lächeln erwidert: „Deine Neigung zu Janos und die Geſchichte jenes Apfels macht Dich blind und ungerecht. Sandor iſt ein Kind!“ Es war der Mutter zu verzeihen, daß ſie ſicherer auf die Unſchuld ihres wilden Sohnes als auf die Reinheit des fremden Mädchens baute. . Gertrud fand auch bei Sandor's Beſuchen den einzig richtigen Weg, ſich ſeiner Derbheiten zu erwehren, ohne 183 ihn bei ſeinen Eltern zu verklagen: ſie behandelte ihn, der ſo gern für einen Mann gegolten hätte, als das Kind, für das ihn ſeine Mutter hielt, ſchickte ihn fort, wenn er zu ungeberdig wurde, und wenn er jener Ein⸗ ladung keine Folge leiſtete, ließ ſie ihn allein. Auch Sandor's Vater dachte keinen Augenblickdaran, daß es ſelbſt für ihn nicht beſonders ſchicklich ſei, das einzige Zimmer ſeines jungfräulichen Gaſtes zu betreten. Jedoch kam etwas von der Ritterlichkeit ſeiner jungen Jahre über ihn, als er ſich plötzlich dem klaren Antlitz Gertrud's gegenüber befand, welche ihr Erſtaunen nicht zu verbergen ſuchte. Mit der Ehrerbietung einer Tochter brachte ſie dem ſchwerathmenden alten Mann einen Stuhl und wollte ſtehend ſeine Mittheilungen er⸗ warten. Das milde, ruhige Weſen Gertrud's verurſachte dem Grundherrn ein ſichtliches Behagen. Vielleicht trug dazu bei, daß es bei Gertrud wohnlicher und aufge⸗ räumter ausſah als bei Ilka, welcher die eigene und die Kammerjungfer ihrer Mutter zur Verfügung ſtanden und die doch eines verlegten Toilettengegenſtandes halber manchmal noch die geſammte übrige weibliche Diener⸗ ſchaft zuſammenklingelte. Galant führte der alte Herr Gertrud zum Sophch und wartete, bis ſie ſich dort niedergelaſſen hatte, 3 — 184 worauf auch er ſich auf einen unter ſeiner Laſt in allen Fugen ächzenden Sitz niederließ. Der Grundherr ging hierauf zu ſeinem Anliegen über, das er, da ſeine Lebensgeiſter heute ausnahms⸗ weiſe lebendig waren, in ſo drolliger, gewinnender Weiſe vorbrachte, daß Gertrud mit heiterer Zuſtimmung ihre kleine Hand in ſeine dargebotene Rechte legte. In fröhliches Lachen aber brach ſie aus, als der Grund⸗ herr ſeine ungariſche Zunge zu den in ſeinem Munde unendlich komiſch klingenden ſchwäbiſchen Worten quãlte: „Mir zwoi wölle dann au ä luſchtigs Tänzle mache!“ Kaum hatte ihr Gemahl die Baronin verlaſſen, als die Dame heftig klingelte. Man ſolle Pit zu ihr ſenden, befahl ſie. Es hatte bisher zu ihrer häuslichen Politik gehört, durch Nach⸗ ſicht und Milde ihre Untergebenen an ſich zu feſſeln, ſowie ohne die dringendſte Noth keinen Diener zu ent⸗ laſſen und dadurch einen Plauderer in die Welt zu ſchicken. Durch ihre Leiden und ihre ſchmerzlichen Erin⸗ nerungen aufs gewaltigſte aufgeregt, durch Werdenau's Eindringen erſchreckt und empört zugleich, hatte ſie ſich zu einem Befehle hinreißen laſſen, welchen ſie bereits nach wenigen Minuten bereute und zurückzunehmen beſchloß. Der frühe und ſtürmiſche Beſuch ihres Gatten hatte ſie hieran verhindert, aber ſie zweifelte nicht, daß 185 Pit ſich noch im Schloß befinden und dankbar ihre Verzeihung entgegennehmen werde. Um ſo mehr war ſie beſtürzt, als ſie erfuhr, daß der Geſuchte weder im Schloß noch im Dorfe zu finden ſei. Seine Stube zeigte Spuren eines haſtigen Auf⸗ bruchs, und der verſchämte Zigeuner hatte nicht blos ſeine eigenen Habſeligkeiten, ſondern auch ſeine der Herrſchaft gehörigen Livreen mitgenommen. Wegen Erhebung ſeines Lohns hatte er ſich nicht aufzuhalten gebraucht, da der Verwalter denjenigen von der Diener⸗ ſchaft, die es wünſchten, gegen andere kleine Gefällig⸗ keiten ihren Lohn auf ein Vierteljahr vorauszahlte. Erſt jetzt fiel der Baronin das lauernde und beob⸗ achtende Weſen des Burſchen auf. Ein häßliches banges Gefühl unbeſtimmter Unruhe zitterte durch ihre aufs äußerſte abgeſpannten Nerven und kaum beantwortete ſie die Fragen Ilka's, welche vor dem großen Spiegel ihrer Mutter alle die Reize ſtudirte, welche Herr von Kiß⸗ nagy an ihr entdeckt hatte und die ihr bisher noch nicht aufgefallen waren. Der Spiegel der Baronin hatte, wie Ilka behauptete, das beſte Licht, und bei beſonderen Gelegenheiten, vor Bällen oder bei hartnäckiger Mei⸗ nungsverſchiedenheit mit Kammerjungfer oder Schn Dderin pflegte man mit Mamas Erlaubniß vor dieſer jleßzte Inſtanz zu treten. 186 Heute war es nicht das mangelhafte und der Ver⸗ beſſerung fähige Werk menſchlicher Hände, welches die junge Dame einer eingehenden Betrachtung unterwarf, ſondern ihr eigenes Geſicht, welches von der Natur mit allen Reizen der Jugend ausgeſtattet worden war. „Ich habe noch nicht einmal gewußt, daß ein ſo häßliches Mal, wie ich es an der linken Wange habe, eine Schönheit ſei, Mama. Und Herr von Kißnagy behauptete geſtern, es ſei eine große Schönheit, ein na⸗ türliches Schmuckpfläſterchen, wie er ſich ausdrückte. In der ſchönen Zeit, da man die größten Reifröcke und die kunſtvollſten Friſuren trug und auf hohen Stöckel⸗ ſchuhen ging, liebten alle Damen ſolche Fleckchen, ſagte er, weil die Haut daneben um ſo blendender erſchien und die gepuderten Haare noch ſüperber abſtachen. Und diejenigen Damen, welche von der Natur keine braunen oder ſchwarzen Fleckchen ins Geſicht bekommen hatten, machten ſich künſtliche, ſogenannte Schönheitspfläſter⸗ chen. Ein ſolches Schönheitspfläſterchen habe ich von ſelbſt erhalten und brauche es nicht erſt an⸗ zukleben. Herrn von Kißnagy ſchien das ſehr zu ge⸗ fallen.“ Ddie Baronin war allmälig auf das Geplauder Ilka's aufmerkſam geworden. „Du ſcheinſt große Stücke auf das Urtheil unſeres 187 Nachbars zu halten“, ſagte ſie und ſah ihre Tochter forſchend an. „Herr von Kißnagy weiß Alles“, erklärte Ilka über⸗ zeugungsinnig.„Serravaglia“— ſie erröthete leicht, als ſie dieſen Namen ſprach—„Serravaglia hat auch Ge⸗ ſchmack, aber Kißnagy weiß, wo jede Stecknadel hingehört.“ „Möchteſt Du einen ſolchen Mann?“ Ilka drehte ihr Geſicht mit dem Ausdruck lebhafter Ueberraſchung über die Schulter der Mutter zu, ihr feingezeichnetes Profil und ihre reiche dunkle Lockenfülle, die über die edlen ſchlanken Formen von Hals und Nacken ſiel, vollendeten ein verführeriſches Bild reizend⸗ ſter Jugend. Dann, nachdem ſie ſich einigermaßen in der Perſpective ihrer Mutter zurechtgefunden, ſagte ſie ſchelmiſch: „Heirathet man die Männer dazu? Papa thut dergleichen doch auch nicht und Irma wird ſich ſchon noch beſſern.“ Irma war das Kammermädchen der jungen Ba⸗ ronin und vielleicht zehn Jahre älter als dieſe. Die Baronin ſeufzte tief. Es war wohl nur eine Ausgeburt ihrer erregten Stimmung, daß ſie plötzlich im Spiegel Herrn von Kißnagy zu ſehen glaubte, wie e die jabotumränderte feine Knochenhand um Ilka's Schultern legte und ſich lächelnd zu ihr niederbeugte. 188 Die Baronin ſchauderte— Herrn von Kißnagy's Geſicht hatte eine unheimliche Aehnlichkeit mit einem bemalten Todtenkopf. Faſt angſtvoll rief ſie die Tochter an ihr Lager, und als Ilka mit graziöſer Demuth neben demſelben niederkniete, ſchlang die Magnatin leidenſchaftlich die Arme um ihr Kind, und der Tochter Antlitz mit wilden Küſſen bedeckend, flüſterte ſie: „Du haſt Recht! Herr von Kißnagy iſt zu klug und zu alt für Dein junges warmes Leben! Du wenigſtens ſollſt glücklich werden!“ Und Ilka glaubte ſich der Stimmung des Augen⸗ blicks nicht beſſer anpaſſen zu können, als indem ſie mit gefalteten Händen und madonnenhaftem Aufſchlagen der Augen bat: „Gib mir dazu Deinen Segen, Mama!“ Sechzehntes Kapitel. Sard, das Schloß des Herrn von Kißnagy, unter⸗ ſchied ſich weſentlich von dem geräumigen, aber ſchmuck⸗ loſen Herrenhauſe zu Lorin. Es war kaum höher und ausgedehnter als jenes, aber wo der Reichthum des Grundherrn von Lorin einige Cypreſſen über verküm⸗ merten Laubholzſträuchern einen Park nannte, hatten die Millionen Kißnagy's einen dichten Wald von nor⸗ diſchen Bäumen hinter ſeine Wohnung gepflanzt, zu welchem ſelbſt die Erde tageweit aus dem Gebirge hatte herbeigeſchafft werden müſſen. Während für Lorin das Trinkwaſſer meilenweit durch Ochſenfuhrwerk herange⸗ fahren und in Ciſternen aufbewahrt werden mußte, funkelten in den Gärten von Sard die Spr eingbrunner in der Herbſtſonne, ein Anblick des Staunens für Volk und Hirten, welche noch die dürre, waſſerloſe 190 Haide gekannt, auf welcher jetzt Schloß, Wald und Brunnen ſtanden. Herr von Kißnagy hatte an dem nächſten, noch immer ſehr entfernten Fluſſe ein Pump⸗ werk errichten und eine Waſſerleitung bis zu ſeinem Schloſſe führen laſſen, deren Unterhaltung ihm wohl ebenſoviel koſtete als die ſeines Theaters. Das Schloß ſelbſt ſchien von einer bizarren, wuchernden Phantaſie mit ihren exotiſchen Blüten überrankt, und wer unter dieſem Gewirr von Nachrenaiſſance und orientaliſchen Formen nach einem leitenden Grundgedanken ſuchte, mußte wohl enttäuſcht das ermüdete Auge ſinken laſ⸗ ſen. Neben einem Pavillon im reinſten Zopfſtil bauchte ſich der byzantiniſche Rundbogen und über dem Schnörkelgiebel eines Manſardendachs ragte das Mina⸗ ret und ſchien nur des Muezzins zu warten, der zum Gebete rief. Herr von Kißnagy hatte in einer Wüſte von Sand und Lehm und mit ungenügenden Mitteln das Alles hervorgezaubert und wohnte nun in ſeinem mit üppiger Bequemlichkeit ausgeſtatteten Reiche, mit den Manieren eines altfranzöſiſchen Edelmanns die Schrankenloſigkeit eines türkiſchen Paſchas vereinigend. Er vermochte noch mehr. Er hielt ein großes Orcheſter und eine Schauſpielergeſellſchaft in muſter⸗ hafter Ordnung und ſelbſt die weiblichen Mitglieder 1941 der Truppe, welche von ihm ausgezeichnet wurden, wagten dem Zucken ſeiner ſchlaffen Greiſenzüge nicht zu trotzen. Denn Herr von Kißnagy war unerbittlich in ſeinem Haß und wo er ſein Selbſtgefühl verletzt glaubte. Er hätte die Primadonna ſeiner Oper, die von ihm noch eben mit fürſtlicher Huld und Großmuth überſchüttet worden war, bei der erſten Unbotmäßig⸗ keit unbarmherzig und allein hinausgeſtoßen in die meilenweite Oede, und wehe dem, der eine Hand zu ihrem Schutze oder ihrer Hülfe erhoben hätte! Weit in der Runde hatte der ſeltſame Mann das unfrucht⸗ bare Land angekauft und die Hütten, die darauf ſtan⸗ den, langſam verfallen laſſen. Soweit man von den Minarets von Sard blicken konnte, duldete er außer ſeinen Dienern nicht einmal den Bauer, der frei und unabhängig ſein Feld beſtellte; er wollte wenigſtens in dieſer Wüſte Herr ſein. Mit dem Inſtinkte ihrer Raſſe hatte ſich die neue Muſikbande unter der Führung des habſüchtigen Lajos in die neue Lage gefunden. Es war ihnen einer der äußern Höfe zum Lagern angewieſen worden. Der dunkle, lauſchige Park mit ſeinen Tuffſteingrotten und Tempelchen, ſeinen Buchsbaumhecken und Cypreſſen⸗ alleen war den wandernden Söhnen der freien Steppe höchſt intereſſant und oft ſahen die Diener des Hau⸗ ————— 192 ſes bei anbrechender Dunkelheit die abenteuerlich ge⸗ kleideten Geſtalten ihrer neuen Gäſte unter den dunk⸗ len Tannen und Fichten auftauchen und träumeriſch den Fledermäuſen nachſtarren, die mit zackigem Flug an ihnen vorüberſtrichen. Das neue Orcheſtermitglied Pit beſonders zeigte auch bei Tage eine unbeſiegliche Neigung für das Halbdunkel des Parks. Der verſchämte Zigeuner mußte ſich bei Lajos als zünftig ausgewieſen haben, denn er wurde ohne Anſtand von dieſem in die Truppe aufgenommen. Dazu mochte wohl auch der Umſtand beitragen, daß Iſtvan mit einem Theil der Kaſſe da⸗ vongelaufen war und nur ſeine kampfbereite grünrothe Ehehälfte als unzureichenden Erſatz zurückgelaſſen hatte. Pit kam eben recht, die Lücke im Orcheſter auszu⸗ füllen. Er hatte ſeine Erſcheinung nach Kräften zu ver⸗ ändern geſucht und das kurze Haar im Verein mit den Stoppeln eines beginnenden Bartes gaben ſeinem ſchwermüthig ſpitzbübiſchen Antlitz das Ausſehen eines vor kurzem aus einer Strafanſtalt Entlaſſenen. Trotz⸗ dem führte er ein ſehr zurückgezogenes Leben und wußte es immer einzurichten, daß er von den Fen⸗ ſtern der mit fürſtlicher Pracht eingerichteten Gaſtzim⸗ mer des Schloſſes nicht geſehen werden konnte. 193 Denn dort war zu gleicher Zeit, als die Zigeu⸗ nerbande ihr Lager im Hofe aufgeſchlagen und Pal und Aranka den ihnen angewieſenen Gartenpavillon bezogen hatten, ein von Herrn von Kißnagy mit Aus⸗ zeichnung behandelter Gaſt eingetroffen. Herr von Kißnagy hatte Wort gehalten, obwohl die Abſichten Ketlan's für das mißtrauiſche Gemüth des ungariſchen Nabobs ziemlich durchſichtig waren. Die Art, wie Ketlan ſeine Annäherung zwiſchen ihnen beiden veranſtaltet, hatte auf Kißnagy's phantaſtiſches Gemüth einen mächtigen Eindruck gemacht und die mit ſo viel Anſtrengung ins Werk geſetzte Aufmerkſamkeit des genialen Wühlers hatte ihm geſchmeichelt. Die Kapelle des Lajos ſpielte mit einer wilden, hinreißen⸗ den Originalität, und die beiden ſeltenen Geſchöpfe, deren ſklaviſche Unterwerfung die orientaliſchen Träume des reichen Sonderlings theilweiſe zur Wirklichkeit machte, waren in wenig Stunden ſchon die Lieblinge des ſeltſamen Mannes, und er umgab ſie mit einer Sorgfalt, wie ſie ein engliſcher Sportsman kaum ſeinem renommirteſten Renner oder ſeinem leichteſten Jockey angedeihen läßt. Dem Grafen Ketlan entging es nicht, daß Kiß⸗ nagy mit einer hart an Manie ſtreifenden Eiferſucht ſeine Beziehungen zu dem ſeltenen Tänzerpaar über⸗ v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 13 194 wachte; aber Janos, welcher ſeinen neuen Freund lange aus der Ferne ſtudirt und aus den verſchiede⸗ nen, ihm bekannt gewordenen Zügen ſich ſeinen Cha⸗ rakter zuſammengeſtellt hatte, verſtand auch dies und ging der fanatiſchen Anhänglichkeit Aranka's entweder aus dem Wege oder machte dieſelbe, wo er ihr nicht entgehen konnte, durch eine kalte Hinweiſung auf ihren neuen Gebieter verſtummen. Auch Lajos war von dem Grafen unterrichtet worden, ſeinem neuen Herrn nur mit der größten Un⸗ terwürfigkeit zu nahen, und Lajos ſeinerſeits hatte es nicht an Flüchen und Püffen fehlen laſſen, um ſeiner Bande einen kriechenden Reſpekt vor dem neuen Ge⸗ bieter einzuflößen. Für Janos ſelbſt hatte der perſönliche Umgang weniger Tage genügt, um mit Sicherheit vorauszuſehen, daß bei richtiger Behandlung die Neigungen des alten Herrn endlich über ſeinen Verſtand den Sieg davon⸗ tragen mußten. So oft auch Kißnagy ihn anfangs aus ſeinen tief liegenden ſchwarzen Augen mißtrauiſch angeblitzt hatte, Janos fuhr mit unerſchütterlichem Ernſte fort, ein Benehmen zu beobachten, wie es einem regierenden Fürſten gegenüber dem erſten ſeiner Vaſallen vielleicht angemeſſen war. Und Janos hatte ſich nicht verrechnet, denn ſchon 195 nach kürzeſter Zeit hatte ſich der Herrſcher von Sard in die ihm zugeſchobene Rolle eingelebt und Graf Ket⸗ lan, der ihm an Rang überlegene, an Geiſt gleich⸗ ſtehende Edelmann, der ſich freiwillig unter ſeine Sou⸗ veränetät begab, war ihm unentbehrlich geworden. Die einzige Zurückhaltung, welche er noch übte, war Schweigen gegenüber den offenen Enthüllungen des Grafen über die politiſche Lage. Ohne Hinterhalt, wie gegen einen Halbgott, der über jeden Verdacht einer Verrätherei hoch erhaben ſei, wie gegen einen Herrn, der ein Recht habe, Rechenſchaft von ihm zu fordern, ſprach ſich Janos über die Lage Ungarns und die Pläne aus, in die er ſelbſt verflochten war. Mit glühenden Farben malte er die Schmach und Entwürdigung ihres gemeinſamen Vaterlandes ſeit zwanzig Jahren; dieſe Dinge waren ja ſchon ſo oft mit dem Haſſe der Beſiegten erzählt und von der Par⸗ teileidenſchaft bewieſen worden, daß Niemand mehr daran zweifeln konnte. Herrn von Kißnagy's magere Finger zerknitterten die feine Manſchette, indem ſie ſich ballten, ſeine dunklen Augen glühten in ihren Höhlen wie Kohle aus ihrer Aſche, aber er ſchwieg. Ja⸗ nos ſchilderte mit der Lebendigkeit einer ungariſchen Phantaſie die geringen Schwierigkeiten, welche einer Erhebung gegenüber ſtänden, mit höhniſchem Ingrimm 13* 196 ſpielte er auf die Brutalität dieſer Gewalt an, die ſie noch eben an ſich ſelbſt erprobt hatten— Herrn von Kißnagy's geſchminkte Wangen zuckten, aber er ſchwieg. Endlich, wie vom Sturme ſeiner Begeiſterung hin⸗ geriſſen, ſprach Janos mit prophetiſchem Schwunge von der Zeit, wo Ungarn ſich ſeine Könige ſelbſt wählen und die Krone des heiligen Stephan dem würdigſten ſeiner eigenen Söhne aufs Haupt ſetzen werde. Dann ſchwieg er plötzlich, als habe er ſchon zu viel geſagt, aber ſein dunkles glänzendes Auge lag mächtig auf dem Edelmann, als wolle er prüfen, wie dieſem greiſen Jünglingshaupt die Krone ſeines Va⸗ terlandes ſtehen müſſe. Dem Gaſte faſt zürnend ob der Erregung, die ihm heiß in die Wangen ſtieg und ſeinen Athem ra⸗ ſcher machte, ſtand Herr von Kißnagy auf und trat zum Fenſter. Mit vorgebeugtem Leibe, die Hand erhoben, blieb Janos in derſelben Stellung, nur aus ſeinen Zügen ſchwand die Begeiſterung und ſein Auge lag kalt, ſcharf und beobachtend auf ſeinem Werkzeug. Kißnagy ſtand am Fenſter; ſcharf zeichnete ſich ſein Bourbonenprofil ab von der gelben Herbſtluft draußen; das Haupt in den Nacken geworfen, ſchaute 197 er über die baumloſe Ebene, den einen Fuß hatte er vorgeſetzt und die rechte Fauſt geſchloſſen auf den Schenkel geſtützt, als halte er ein Scepter. Es mußten verlockende Träume von Macht und Größe geweſen ſein, die ſeine Seele ſtreiften, denn langſam und königlich wendete er das ſtolz erhobene Haupt, und wie ſeine Blicke auf den Grafen ſielen, er⸗ hob ſich dieſer raſch und blieb mit geſenktem Kopf ſtehen, als zieme ſich dem künftigen Herrſcher gegenüber keine andere Haltung. Dann, als wolle er die Gedanken des zu ſolcher Größe Berufenen nicht länger ſtören, ging Janos mit einer tiefen Verneigung aus dem Zimmer. Er wußte, daß eine Saat, wie er ſie ausgeſtreut, am raſcheſten wuchert in der Einſamkeit. Graf Ketlan ſtieg die mit einer Art barbariſcher Pracht, mit alten Waffen und Emblemen geſchmückten Treppen hinunter und wendete ſich nach dem Park. Er kam dabei an dem Pavillon der Tänzer vorüber, unter deſſen Thür eben die zierliche Geſtalt Aranka's erſchien. Sie war in ein Phantaſiekleid als Elfe oder Sylphide gekleidet, welches ihren zarten, harmoniſchen Bau mehr als jede andere Tracht zur Geltung brachte. Die Tänzerin war im Begriff, vor ihrem Gebieter ein von dieſem verfaßtes Solo einzuüben. Aranka's kind⸗ 198 liches Antlitz erglänzte, als ſie den Grafen ſah, und ſie eilte raſch die Stufen hinab, um ihn zu begrüßen. Aber Janos ſchien ſie nicht zu bemerken; mit gleich⸗ gültigem Antlitz ging er an ihr vorüber und traurig ſchritt Aranka weiter nach dem Schloſſe. Ohne beſonders auf ſeinen Weg zu achten, war der Graf in einen Theil des Parks gelangt, wo hoch⸗ ragende Kiefern und nordiſche Tannen das Licht des Tages zu einem grünen Halbdunkel dämpften. Fels⸗ blöcke, von weit hergebracht, hatten ſich durch beſtändi⸗ ges Feuchthalten mit grünem Moos überzogen und künſtliche Quellen ſickerten leiſe und melodiſch neben der rindenbekleideten Einſiedelei eines imaginären Klaus⸗ ners. Als der Graf zu dieſem abgeſchiedenen Ort ge⸗ langte, ſprang eine phantaſtiſch gekleidete Geſtalt, welche auf der Bank vor der Klauſe ausgeſtreckt gelegen hatte, ſehr raſch in die Höhe und verſchwand zwiſchen den Bäumen. Das Geſicht, obwohl es ſich unter ei⸗ nem großen Hute halb verborgen hatte, kam Janos bekannt vor, ohne daß er ſich erinnerte, woher. „Es wird einer von der Truppe des Lajos ſein“, ſagte er ſich dann und nahm ſich vor, dem Muſik⸗ meiſter beſſere Aufſicht über ſeine Leute zu empfehlen. Dann ſetzte er ſich auf eine der Bänke, welche der 199 Zigeuner eben verlaſſen hatte, und ſtützte den Kopf in die Hand. Sein Plan gegen Kißnagy war im Begriff, von dem glänzendſten Erfolg gekrönt zu werden, und doch war der Graf nicht froh. So ſehr er ſich dagegen wehrte, in Zorn und in Sehnſucht kehrten ſeine Ge⸗ danken immer wieder zurück zu dem erſten Weibe, das den von den Frauen verwöhnten, von ſeiner Schweſter und Jolanthen vergötterten Mann in ſeine Schranken zurückgewieſen, vor deſſen ernſtem Kinderauge der geiſt⸗ reiche Lebemann den Blick hatte niederſchlagen müſſen. Ihm war, als ob er Gertrud für dieſe Schmach ver⸗ nichten müſſe, und ein unheimliches Feuer glühte in ſeinen Augen. Dann zürnte er wieder ſich ſelbſt, daß die alberne Ziererei eines deutſchen Gänschens ihn mehr beſchäftigte als ſeine ſo ſichtbar der Erfüllung entgegenreifenden politiſchen Pläne. Aber indem er Gertrud zu verachten ſuchte, mußte er ſich geſtehen, daß er es nicht vermochte. Ungeduldig ballte er die Fauſt und runzelte die Stirn, doch mit dem Ausdruck jäher Ueberra⸗ ſchung richtete er das geſenkte Haupt empor. Er hatte deutlich ſeinen Namen rufen hören:„Janos!“ Mit unterdrücktem Athem lauſchte er— es war eine ſchwache, melodiſche Frauenſtimme, die wie in To⸗ —— 6 6 ——— 200 desangſt durch die Luft zitterte:„Janos!“ Und gleich darauf knickte und raſchelte es in den Zweigen, und dem Tannengeſtrüppe ſich entwindend, das mit den rauhen Armen ſie umklammerte und ihre Florgewän⸗ der zerriß, bleich wie Alabaſter und blutend an den Händen, mit denen ſie ſich den Weg gebahnt, ſtürzte Aranka zu ſeinen Füßen nieder. „Janos! Mein Herr, mein Befreier, rette, rette mich!“ Betroffen hob der Graf die Knieende auf, die ſich wie ein weißes Reh bebend an ihn drängte und mit den gläubigen Augen zu ihm emporblickend flüſterte: „Das, was er mir befiehlt, iſt entſetzlich— rette mich!“ „Wer beſiehlt Dir ſo Schreckliches?“ fragte Ketlan aufhorchend und ſeine Stirn umwölkte ſich.„Hat Lajos oder einer ſeiner Leute Dir Böſes zugefügt?“ Aranka ſchüttelte den Kopf. „Er nicht, der Andere, dem auch Du dienſt; er ſei ein künftiger König, ſagt er mir, ich ſoll den Kö⸗ nig küſſen und ihm die liebſte Sklavin ſein; dann riß er mich an ſich— o, er war entſetzlich! Ich bin nur Dein, Dein! Schiütze, rette mich!“ Langſam war Ketlan's Arm, der die Fliehende wie ſchützend umſchloſſen hielt, an ihr herabgeſunken 20¹ und ſtatt des Zorns, der eben über ſein Geſicht ge⸗ flammt, zeigte daſſelbe nur noch die bitterſte Enttäu⸗ ſchung und Verlegenheit. Alles war vortrefflich ge⸗ gangen, Kißnagy war der Verſchwörung gewonnen; mit ſeinem Vermögen rüſtete man. Armeen aus— ſchon ſtand Janos auf der Stufe zur höchſten Macht; der eitle Narr Kißnagy hielt ihm die Leiter und auf ſeinen Schultern wollte der vornehme Abenteurer Graf Ketlan ein Kaiſerreich in Stücke ſchlagen und dann ſein unbequemes Werkzeug... Und das Alles ſollte aus ſein und vorbei, dieſer zimperlichen Dirne wegen, um die er ſchon einmal ein ganzes Karpatendorf ſich auf die Ferſen gehetzt. „Haſt Du mir nicht verſprochen, ihm zu dienen und zu gehören?“ fragte er ſtreng. Geſpenſterbleich vor Schrecken ſah die Tänzerin zu Janos auf. „Er ſchlang die Arme um mich und ſagte, ich ſolle ihn küſſen, denn er ſei ein König!“ wiederholte ſie dann eindringlich, als ob Janos das Ungeheuerliche überhört haben müſſe. Janos fühlte die übergroßen Augen an ſeinem Antlitz haften und die zarten Hände an ſeinem Arme zittern, er wagte nicht emporzuſchauen; ſein Blick 202 ſuchte wie der eines Verbrechers den Boden und ſeine Stimme klang rauh, gebrochen, als er ſagte: „So gehorche ihm, denn er iſt ein König.“ Ein krampfhafter Schauer machte Aranka's Ge⸗ ſtalt erbeben, wie vom Fieberfroſt geſchüttelt ſchlugen ihre Zähne aneinander. Dann ſprach ſie leiſe und ohne Betonung: „Er mag mich tödten, Domine, küſſen aber darf mich nicht mein Bruder, nicht mein Gebieter— nur Du!“ Es war ein großer wirklicher Schmerz, der Ket⸗ lan's Lippen zucken machte, und tief ergriffen ſchaute er auf die bebende Geſtalt. Da verdunkelte ſich die helle Oeffnung des Laub⸗ gangs, durch welchen auch Janos gekommen war. Die hohe, feine Geſtalt Kißnagy's zeichnete ſich ſchattenriß⸗ artig darin ab. „Komm', komm', wir wollen uns vor ihm ver⸗ bergen!“ flüſterte Aranka. „Du bleibſt und ſchweigſt! Dort iſt Dein Ge⸗ bieter!“ ſtieß der Graf kaum vernehmbar hervor, dann trat er raſch in einen Seitenweg und war mit we⸗ nigen Schritten den Blicken Aranka's entſchwunden. Keiner Bewegung fähig, mit ſtarren Augen und ſchlaff 203 herabhängenden Armen erwartete Aranka ihren Ver⸗ folger. Stunden waren ſeitdem vergangen, und nur das Rieſeln der künſtlichen Quellen ſtörte die Stille des einſamen Platzes. Da theilten ſich faſt geräuſchlos die hängenden Büſche und mit ſcheuer, erregter Haltung trat der Zigeuner Pit in die kleine Lichtung. Lautlos knickten ſelbſt die Zweige unter ſeinen Schuhen, als er die Florfetzen zuſammenſuchte, welche von Aranka's Sylphidenkleidern an den Tannen hängen geblieben waren, dann warf er ſich auf die Bank nieder und ein ingrimmiges Lachen, das wie Bellen klang, erſchütterte ſeine geſchmeidige Geſtalt. Indeſſen ſtand Graf Ketlan auf ſeinem Zimmer und las einen Brief ſeiner Schweſter, worin ſie ihm Nachricht gab von den Vorgängen in Lorin und ihm zugleich mittheilte, wie ſie ſich geweigert, Ilka in deut⸗ ſcher Bauerntracht auf der Kirchweih erſcheinen zu laſ⸗ ſen, und daß ſie ihr Gertrud als Stellvertreterin ge⸗ gegeben habe. Janos zählte an den Fingern nach: die ſchwäbiſche Kirchweih in Lorin war heute, und die prüde Deutſche ließ ſich in Bauerntracht von deut⸗ ſchen Bauern im Walzer drehen. Das war ein Schau⸗ ſpiel, eines Rittes werth und gut, ſich zu zerſtreuen. Und Janos wollte ſich zerſtreuen um jeden Preis, 204 denn er hatte heute zum erſten Mal etwas gefühlt wie Ekel vor ſich ſelber. Wenige Minuten ſpäter raſte Graf Ketlan auf ſeinem dunklen Eiſenſchimmel Ueſtökös über die öde Haide in der Richtung von Lorin. 4 Siebzehntes Kapitel. Ein heiteres Feſtleben herrſchte in Lorin. Schon am frühen Morgen war der altherkömmliche, mit den ungariſchen Farben bemalte und reich geſchmückte Kirchweihbaum in der Mitte des Dorfes von den ſchwäbiſchen Burſchen aufgerichtet und die ihn umge⸗ bende Erde reichlich mit rothem Ungarwein begoſſen worden. Luſtig flatterten ſeine bunten Wimpel, wieg⸗ ten ſich ſeine Kränze und Guirlanden in dem heitern Morgen, der ſtatt des erwarteten Schnees auf die Regentage gefolgt war. Dann zog eine Deputation der hübſcheſten und wohlhabendſten Burſchen nach dem Schloß, um ſich ihre Kirmeßkönigin und die übrigen tanzluſtigen„Jüngferle“ zu holen. Die maleriſche Tracht der Heimat ſtand gut zu den kräftigen Geſtalten und der Dreiſpitz ſaß keck über 206 den hübſchen, derben, von der ungariſchen Sonne ge⸗ bräunten Geſichtern. Die Thüren des Schloſſes öffneten ſich und vor ihnen und an den kichernden Lakaien vorüber zogen die Kirmeßwerber keck in das Billardzimmer, wo neben dem Grundherrn und Sandor ſämmtliche Mitglieder der Familie verſammelt waren. Der Sprecher der kleinen Schaar hielt in gewähl⸗ tem Schwäbiſch die etwas ſchwülſtige Rede an den Grundherrn und ſeine liebwerthe Hausfrau. Herr von Lorin dankte mit einigen auswendig gelernten Wor⸗ ten und Sandor ſchnitt indeſſen hinter deſſen Rücken den Spielgenoſſen die luſtigſten Geſichter, daß jene ſich vor Heiterkeit kaum zu faſſen wußten. Sodann fragte der Sprecher ſehr förmlich nach der hochwertheſten, ſchönſten Kirmeßkönigin, obwohl Gertrud für alle Anweſenden ſichtbar, reizend anzu⸗ ſchauen in ihrem Spitzenhäubchen, knappen Mieder und kurzen Rock neben der Baronin ſtand, und die Grund⸗ herrin mußte die Hocherröthende an der Hand ergrei⸗ fen und dem Burſchen vorſtellen. Der betrachtete ſie prüfend vom Kopf bis zum Fuß, dann ſagte er, ernſt mit dem Kopfe nickend, daß ſie ihm anſtehe und ihm das Kirmeßſträußle auf den Hut ſtecken dürfe. 207 Gertrud war auf dieſen Gebrauch vorbereitet wor⸗ den, und als der Burſche ihr ſeinen Hut bot, befeſtigte ſie einen ſehr großen und bunten Strauß künſtlicher Blumen mit Schleifen und ein Goldſtück darauf. Auch die andern Burſchen drängten ſich heran und jeder derſelben bot ſeine Kopfbedeckung einer der anweſenden Damen, welche ihn mit den bereitgehaltenen künſtlichen Blumen und Bändern verzierte. Hierauf trat der Redner auf Gertrud zu und legte ſeinen Arm unter den ihren, ein zweiter Burſche bemächtigte ſich ihres andern Arms, dann näherten vier andere ſich auf dieſelbe Weiſe Ilka und Jolanthen und die Hüte ſchwen⸗ kend zogen die ungariſchen Schwaben von dannen. Und lange noch tönte von der Straße herein ihr fröh⸗ liches Jauchzen, mit dem ſie die Ankunft der Kirmeß⸗ königin verkündeten. Jubelnd zogen ſie die breite Straße entlang, wo ſich bei dieſer Gelegenheit eine Art zwangloſer Jahr⸗ markt gebildet hatte. Die langhaarigen ſchwarzbraunen Geſellen in Schafpelz und Schlapphut, welche Stränge ſcharlachrothen Paprikas, breite Flechten von Zwiebeln oder bunte Kattuntücher feilboten, das Drängen der meiſt mit einem Pferd oder zwei Ochſen beſpannten Karren, die den magyariſchen Bewohnern der umlie⸗ genden Dörfer zur Beförderung dienten, die lebhaften 208 Bewegungen und glutäugigen Geſichter der ungari⸗ ſchen Dirnen, welche lachend die weißen Zähne zeig⸗ ten— von all dem hob ſich der fröhliche Kirmeßzug der ſchwäbiſchen Bauern faſt wohlthuend ab. Mit gerötheten Wangen und unwillkürlich fortge⸗ riſſen von der allgemeinen Heiterkeit ſchritt die ſchöne Deutſche zwiſchen ihren Führern dahin. So unver⸗ ſtändlich ihr manches der an ſie gerichteten Worte klang, ſo derb man ihren Schritt zuweilen rechts oder links lenkte, ſie wußte, daß man ſie nur nach Kräften und Verſtändniß zu ehren ſuchte, und fühlte ſich ſo frei und fröhlich, wie ſie nicht geglaubt hatte, je auf einer Bauernkirchweih werden zu können. Auch Ilka war in der allerbeſten Laune. Sie fühlte ſich in ihrem modernen Anzug jedenfalls behag⸗ licher als in der ſchwäbiſchen Tracht, die ſie noch überdies ganz abſcheulich fand, und da die hinter ihr Kommenden aus Reſpekt vor ihrer rieſigen Schleppe gewiſſenhaft Abſtand hielten, ſo kam auch ſie in unge⸗ trübter Stimmung auf den Tanzplatz. Nur Jolanthe ver⸗ mochte kaum auf ihrem Geſichte den huldvollen Aus⸗ druck zu bewahren, welcher ihr für dieſe Gelegenheit paſſend erſchienen war. Indeß ihre intereſſanten, aber etwas ſcharfen Züge ſchienen mehr für den Ausdruck wilder Leidenſchaften als für dieſes wohlwollend 209 gnädige Lächeln geſchaffen, und wenn zufällig die ſchwäbiſche Haube Gertrud's neben dem bunten Hut⸗ ſchmuck ihrer Begleiter aus der Menge vor ihr auf⸗ tauchte, zog ſich ihre ſchmale Oberlippe höhniſch empor und ein kleiner weißer Zahn, ſpitz wie der eines Raub⸗ thiers, wurde ſichtbar. Lauter Jubel begrüßte die Kirmeßkönigin, als die um den Kirmeßbaum verſammelten Bauern und Dir⸗ nen ihrer anſichtig wurden. Sie mußte vortreten, und auf einem Stuhle ſtehend legte ihr der älteſte Bauer einen prächtigen Aehrenkranz von Gold um die Haube, das übliche Geſchenk, welches die reichen Bauern von Lorin bei der Kirmeß ihrem Grundherrn übergaben. Dann wurde der Königin ein dreifaches Hoch gebracht und man zog zum niedrigen Tanzſaal des Juden. Dort traten die Burſchen in die Mitte des Saals und die Mädchen reihten ſich in weitem Kranze an der Wand, daß zwiſchen ihnen und den Burſchen ein ſchmaler Raum zum Tanzen übrig blieb. Ein Orcheſter von ſechs Dorfmuſikanten begann ganz jämmerlich einen überlieferten Walzer, bei dem ſie immer wieder aus dem ungewohnten Takt fielen. Der alte Bauer, welcher Gertrud den Kranz auf⸗ geſetzt hatte, faßte ſie ohne weiteres um den Leib und drehte ſich mit ihr im Kreiſe. Aber kaum hatte ſie v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I 14 210 einige Schritte getanzt, ſo trat ein Burſche aus der Mitte, nahm ſie ohne Umſtände am Arm und der De⸗ poſſedirte konnte ſich nach einer andern Tänzerin um⸗ ſehen. Und wenn die Muſik ſchwieg, ſtand ſchon ein Kreis von Burſchen da, jeder mit einer Flaſche voll gezuckerten rothen Ungarweins, aus der ſie trin- ken mußte, und als eine große Aufmerkſamkeit der Burſchen war es anzuſehen, wenn ſie mit dem Aermel reinigend über den Hals der Flaſche fuhren. Auch Ilka drehte ſich bereits luſtig im Kreiſe mit den Burſchen, die ſie faſt alle ſchon in Jahren gekannt hatte, in denen Standesunterſchiede ſchwer aufrecht zu erhalten ſind. Nur Jolanthens Ruhe erfuhr von den Schwaben nicht viel Anfechtungen, wegen ihrer perſönlichen Würde und Hoheit, wie ſie glaubte, aber:„weil ſie ſo falſch lueget“, flüſterten ſich die Burſchen zu. Da wurde die Tanzmelodie plötzlich mit einem Tuſch unterbrochen, dem ein donnerndes„Hoch“ der Bauern antwortete. Der Grundherr war eingetreten, mit ihm Sandor, Major Durra, Werdenau und Ser⸗ ravaglia. Gertrud ging auf den Grundherrn zu, nahm den Aehrenkranz vom Haupte und überreichte ihn mit feier⸗ lichem Knix. Herr von Lorin dankte etwas linkiſch, 211 ſchnaubte tiefgerührt und nannte Gertrud ſeine liebe Tochter. Als ſie ſich aufrichtete, blickte ſie in ein paar ſammtbraune Augen, die mit dem Ausdruck innigſter Hingebung auf ihr hafteten. Verwirrt zog ſie ſich hinter die andern Mädchen zurück. Darauf nahmen der Grundherr und Major Durra Platz an dem Ch⸗ rentiſche, welcher ihnen von den Bauern freigehalten worden war, und Werdenau, nachdem er Gertrud noch lange mit den Zlicken gefolgt, ſetzte ſich zu ihnen. Sofort kamen auch einige ältere und angeſehene Leute des Dorfes, um, wie ſich gebührte, die hervorragenden Gäſte zu unterhalten und für ihre Bewirthung zu ſor⸗ gen. Herr von Lorin war bei den Bauern ſehr be⸗ liebt, weil ihn die Einfachheit ſeiner Denk⸗ und Aus⸗ drucksweiſe ihrer Faſſungskraft näher brachte als die ariſtokratiſcher fühlende und geiſtig lebhaftere Baronin, welche für ſehr hochmüthig galt und es in mancher Beziehung auch war. Umgekehrt fand der Grundherr großes Behagen an dem Geſpräche der Leute, die mit ihm alt geworden waren, die einfachſte und bekann⸗ teſte Thatſache zwei⸗, dreimal mit dem größten Nach⸗ druck wiederholen konnten und ſich dann für am klügſten hielten, wenn ſie einige derbe Gemeinplätze mehr wußten als der Nachbar. Der Grundherr, deſſen halb eingeſchlummerter Geiſt dem Geſpräch ſei 14* 212 ner Standesgenoſſen oft nicht zu folgen vermochte, nickte billigend bei den laut und nachdrücklich vorge⸗ tragenen unbeſtreitbaren, aber auch längſt nicht mehr angezweifelten Wahrheiten und hörte mit demſelben Lächeln, wie ſchon bei der vorigen Kirchweih, die ſcherzhaften Wetterprophezeiungen in Knittelverſen, welche der beſonders beleſene Gemeindevorſtand ſich von ſeinem ſchulpflichtigen Sohne aus dem hundertjährigen Kalender ſo lange hatte vortragen laſſen, bis er ſie behalten hatte. Man darf jedoch nicht annehmen, daß der Grundherr allen kühnen Behauptungen des vor⸗ geſchrittenen Gemeindehauptes oder des hundertjähri⸗ gen Kalenders kritiklos zuſtimmte. Manchmal bewies ein erregtes Schnauben, ein unwillkürliches Kopfſchüt⸗ teln dem jeweiligen Redner, daß Herr von Lorin an⸗ derer Anſicht ſei, und dann entſtand allerdings ein etwas verlegenes Räuspern und Schweigen, denn dem Grundherrn widerſprechen gab's doch eigentlich nicht. Aber auch von dieſem war es billigerweiſe nicht zu verlangen, daß er, nachdem er erſt vorige Woche nach jahrelangem Kampf durch ſeinen Verwalter von der Nützlichkeit der Maulwürfe und der Thorheit, ſie zu vertilgen, überzeugt worden war, ſie nun heute Abend wieder für die gefährlichſten Feinde des Landmanns erklären laſſen ſollte. Die Maulwurfsfrage bildete 213 überhaupt einen dunklen Punkt, welcher mit der Zeit leicht das friedliche Verhältniß zwiſchen der Herrſchaft und der Gemeinde ſtören könnte. Einige Pachtver⸗ träge, Abgaben und ſonſtige feudale Ueberbleibſel viel⸗ leicht abgerechnet, waren die Bauern von Lorin ja vollkommen frei, ihr Landcomplex ſtand dem zum Schloß gehörigen an Größe faſt gleich und die Be⸗ nennung Grundherr war eigentlich mehr eine aus den früheren Verhältniſſen mit herübergenommene als eine durch beſtehende Rechte begründete. Durch die Pietät der Landleute einerſeits, deren Wohl und Wehe ſo lange mit dem Hauſe Lorin verbunden geweſen, durch die Gutmüthigkeit des Grundherrn andererſeits war das gute Verhältniß faſt nie geſtört worden. Aber es konnte die Gemüther unmöglich gleichgültig laſſen, daß der Grundherr nun plötzlich dem mit der Ge⸗ meinde gemeinſam gehaltenen Maulwurfshenker die Oberhoheit über ſeine Fluren und damit die Hälfte ſeines Einkommens entzogen hatte, wodurch der Un⸗ terhalt deſſelben allein dem Dorf zur Laſt fiel. Auch konnte ſich der durch die Weisheit des hundertjährigen Kalenders großgeſäugte Verſtand des Gemeindehaup⸗ tes nicht dagegen verſchließen, daß die Maulwurfs⸗ fängerei auf den Wieſen der Bauern ſich völlig unnütz erweiſe, wenn die Richtſtätten der verkannten Wühler 214 durch die Legionen, welche von den herrſchaftlichen Fluren herüberwanderten, wieder bevölkert wurden. Dem Grundherrn dagegen konnte es nicht gleichgültig ſein, wenn den Thieren, welche er ſeit acht Tagen als die wirkſamſten Inſektenvertilger und Graswurzel⸗ conſervatoren ins Herz geſchloſſen hatte, jenſeits der Grenzen ſeines Gebiets ſchonunglos der Krieg gemacht wurde, und den Gemeindevorſtand zu bekehren, daran war nicht zu denken, ſolange der hundertjährige Kalen⸗ der— und der war erſt ſeit fünfzig Jahren erſchienen— die Vertilgung der fraglichen Thiere predigte. Man war alſo bei einem Geſprächsthema ange⸗ langt, deſſen weitere Verfolgung die feſtliche Stim⸗ mung hätte trüben müſſen, und eine unter den Tan⸗ zenden entſtandene Bewegung gab die beiden Theilen willkommene Veranlaſſung, den Gegenſtand fallen zu laſſen. Jene Bewegung wurde veranlaßt durch das Er⸗ ſcheinen Tolsky's, welcher unter der biedern ſchwäbi⸗ ſchen Jugend von Lorin ein allerdings gerechtfertigtes Aufſehen hervorrief. Wie er ſchon ſeinem Rittmeiſter anvertraut, hatte er ſich einen Bauernanzug zu verſchaffen gewußt; da ihm derſelbe jedoch für einen kaiſerlichen Ulanen⸗ lieutenant polniſcher Nationalität zu einfach erſchien, 215 ſo hatte er denſelben nach Kräften zu verſchönern geſucht. Den dreieckigen Hut zierte ein kecker Reiherbuſch mit Cocarde, die rothe Weſte war mit den goldenen Schnüren einer alten Ulanenuniform benäht, ſeine Taille umgürtete eine Schärpe aus blauem Merino mit ſilbernen Franſen, die er einmal von einem tür⸗ kiſchen Händler erſtanden hatte, und die weißen Strümpfe mit den blauen Bändern ſtaken zur Hälfte in beſpornten Stiefeln, die bei jedem Schritte klirrten und den Kleidern der ihnen zu nahe kommenden Tän⸗ zerinnen Schlimmes weiſſagten. Im Verein mit der ſelbſtzufriedenen Haltung und dem ſteifgewichſten Schnurrbart machte die ganze Er⸗ ſcheinung einen ſo fremdartig komiſchen Eindruck, daß ſelbſt der Burſche, deſſen Anzug Tolsky geborgt, an⸗ fangs im Zweifel war, ob der Eintretende einen Zigeuner⸗ prinzen oder einen Slovaken im Sonntagsſtaat vorſtelle. Tolsky aber, nachdem er vor ſeinem Rittmeiſter militäriſch grüßend Front gemacht, ging mit hocherho⸗ benem Haupte auf Gertrud zu, beſah ſie ſchmunzelnd und verneigte ſich, die Hand am Herzen und die Au⸗ gen zur Unmöglichkeit verdrehend. „O, ich bin Ihnen ſehr dankbar für ſo viele Liebe“, begann er; aber damit war ſein deutſcher 216 Wörterſchatz zu Ende und vermittelſt eines gewaltigen Rucks am Aermel riß er Serravaglia's erſte unum⸗ wundene Liebeserklärung an Ilka mitten entzwei, daß dem Grafen die Hälfte der Worte in der Kehle ſtecken blieb, unter deren Glut und Feuer auf Ilka's Wan⸗ gen die Farbe kam und ging und tiefe Seufzer den jungfräulichen Buſen ſchwellten. Umſonſt war es, daß Serravaglia die Unterbre⸗ chung nicht zu beachten Luſt hatte, umſonſt, daß er Tolsky mit einem vernichtenden Blick zu verſcheuchen ſuchte. Tolsky hätte eher des Freundes Aermel in Fetzen gehen ſehen, als ihn frei gegeben. Mit mühſam unterdrück⸗ tem Ingrimm wendete ſich Serravaglia um und fragte in polniſcher Sprache ungeduldig, was er denn wolle. Kaum hatte Tolsky jedoch in längerer Rede ge⸗ antwortet, als der junge Offizier mit verzweiflungs⸗ vollem Humor den Blick zu den geſchwärzten Balken der Saaldecke erhob und auf ſeinen Kameraden deu⸗ tend kopfſchüttelnd zu Gertrud ſagte: „Er hält Ihren Anzug für eine zarte Aufmerk⸗ ſamkeit, weil Sie unzweifelhaft in Erfahrung gebracht haben, daß auch er ſchwäbiſch kommen werde. Er glaubt, ſoviel Hingebung nicht beſſer belohnen zu können, als indem er Ihnen einſtweilen ſein Herz anbietet. Die Hand ſoll nachkommen, wenn er einmal Rittmeiſter iſt.“ 217 Tolsky beobachtete in angenehmſter Erregung, welche Wirkung die deutſch geſprochenen Worte ſeines Freundes auf Gertrud hervorbringen würden. Dieſe ſchaute ſprachlos bald den einen, bald den andern der beiden Offiziere an, in Zweifel, welcher von beiden ſich dieſen unzarten Scherz mit ihr erlaube; als aber Ilka's ſchwellende Lippen immer raſcher zuckten und ſie endlich in ein lautes Gelächter ausbrach, da konnte auch Gertrud dem Humor der Scene nicht widerſtehen; ſie legte ihren Arm in den der jungen Baronin und lachte ſo fröhlich mit wie kaum ſeit ihren Kinderjah⸗ ren. Einen eigenthümlichen Contraſt zu dieſer Heiter⸗ keit bot der Anblick der beiden jungen Offiziere. Mit düſterer Schwermuth ſtand Serravaglia vor der Ge⸗ liebten, deren Herz er noch eben aufs tiefſte gerührt zu haben glaubte und deren Lachen ihm wie das To⸗ desurtheil ſeiner Liebe durch die Seele ſchnitt; und an ſeiner Seite ſtand Tolsky, der mit äußerſter Verblüf⸗ fung dieſe Wirkung ſeines Auftrags beobachtete und endlich mit zornigen Worten Serravaglia aufs neue der Verrätherei anklagte. Dieſer jedoch wendete ſich langſam nach ihm um und ſagte traurig:„Armer Freund! Die ausgeſuchteſte Verleumdung hätte Dich nicht ſchlimmer beſtrafen können als die getreue Wie⸗ dergabe Deiner eigenen Worte.“ 218 Stürmiſch wandte Tolsky ſich um und rannte mit ſeinen ungeheuren Sporenrädern, rechts und links die größte Gefahr verbreitend, in die entfernteſte Ecke, wo er den Abend über verblieb, Serravaglia und Gertrud wie mit den Blicken erdolchend. Umſonſt ſuchte Serravaglia ſeine Erklärungen wieder da zu beginnen, wo ſie unterbrochen worden waren, auf das liebliche Antlitz der jungen Baronin wollte der Ernſt nicht zurückkehren, und endlich geſellte ſich, durch die Heiterkeit der Gruppe angezogen, auch der Grundherr zu ihnen, um zuerſt Gertrud, dann Ilka zu einem„Tänzle“ auf⸗ zufordern, das allerdings nur darin beſtand, daß der alte Herr, ſich langſam und unbehülflich drehend, jede der Damen mehrmals einen Kreis um den Um⸗ fang ſeines Körpers beſchreiben ließ und ſich nach die⸗ ſer Procedur athemlos niederſetzte. Major Durra, welcher heute täuſchend einem der Holzſoldaten glich, welche von den Kindern auf ſpitze Pfählchen geſteckt und dann zum Oeffnen und Schließen der Colonne veranlaßt werden, drehte ſich mit Jolanthen im Kreiſe. Als er fertig war, entdeckte er zu ſeiner nicht gerin— gen Befremdung, daß eine Polka geſpielt wurde, wäh⸗ rend er mit möglichſt ſteifen Knieen und unerſchütter⸗ licher Ausdauer Einſchritt getanzt hatte, eine Walzer⸗ 219 art, die während ſeiner Jugend in Oeſterreich ſehr be⸗ liebt geweſen. Der hoffnungsvolle Erbe von Lorin war inzwiſchen nicht unthätig geweſen und hatte ſich ſeiner Gewohn⸗ heit gemäß ſo unnütz als möglich gemacht. Nachdem Gertrud ſeinem Vater den Kranz überreicht hatte, war er ihr gefolgt und hatte ſie gepeinigt mit dem Vorgeben, daß das Herkommen bei dieſer Gelegen⸗ heit auch einen Kuß der Kirmeßkönigin für den Sohn des Grundherrn verlange. Und als Gertrud ſich ent⸗. ſchieden weigerte, dieſem angeblichen Gebrauch Folge zu leiſten, und an ſeinen Papa zu appelliren drohte, verlangte er, ſie ſolle wenigſtens mit ihm tanzen. Allein ſie verweigerte auch das, da ſie gegründeten Verdacht hegte, der wilde und durch den vielen ge⸗ noſſenen Wein erhitzte Knabe werde ſich das Zeichen der Huld zu ertrotzen ſuchen, das ſie ihm verweigert hatte. Grollend zog ſich Sandor zurück, um gleich da⸗ rauf wiederzuerſcheinen, jeden ſeiner Arme um die Hüfte eines hübſchen Bauermädchens geſchlungen, bald die eine, bald die andere mit Verſuchen zum Küſſen ängſtigend und im Galoppſchritt unter die Tanzenden ſtürmend, um, vor ſeinem Vater angelangt, demſelben eine tiefe Verbeugung zu machen. 220 „Teufelsjunge, biſt Du toll?“ ſtöhnte dieſer, vor Lachen faſt erſtickend; aber Sandor war mit ſeinen Tänzerinnen ſchon wieder fortgeraſt. Da blieb er plötz⸗ lich ſtehen, und während er ſich im Saale umſah, ent⸗ ſchlüpften ihm lachend die beiden Mädchen. „Der Rittmeiſter tanzt!“ hatte dich neben ihm Serravaglia im Tone des höchſten Erſtaunens zu Ilka geſagt. „Der Rittmeiſter tanzt!“ hatte Ilka in demſelben Tone wiederholt. Denn bis jetzt hatte Werdenau jede derartige Andeutung ſtets freundlich, aber entſchieden abgelehnt und war nicht einmal eingetreten, um eine Quadrille zu ermöglichen, bei der Serravaglia dann aus Verzweiflung als Dame tanzen mußte. Der Rittmeiſter tanzte mit Gertrud. Und ſie tanz⸗ ten ſo anmuthig, daß die andern unwillkürlich inne⸗ hielten und die Rückwärtsſtehenden die Köpfe hoben, um dem ſchönen Paare nachzuſehen. „Da ſehe man dieſen Heuchter“, ſuchte Serravagalia ſeinem Staunen Worte zu verleihen,„tanzt mit der Elaſticität eines zwanzigjährigen Lieutenants! Wenn's nicht der Rittmeiſter wäre, würde ich ſagen.—“ Ein tiefer Seufzer verſchlang Serravaglia's letzte Worte. Ilka hätte ſie auch ſchwerlich vernommen, denn die Thatſache, daß Werdenau, der ſelbſt ihre 221 neckiſchen Aufforderungen ſtets abglehnt hatte, nun⸗ mehr mit Gertrud tanzte und noch dazu ſo hübſch tanzte, war zu überraſchend, als daß ſie jetzt ſchon den Erklärungen des Wunders hätte ihr Ohr leihen können. Auch über Gertrud war es gekommen wie heller, blendender Sonnenſchein aus ſchwülen Wolken, als plötzlich der ernſte ſchöne Mann mit dem vertrauen⸗ erweckenden Antlitz vor ihr ſtand und mit einer tiefen Verneigung und ſeine ſanften braunen Blicke tief in ihr gewittergraues Auge ſenkend ſie zum Tanze auf⸗ forderte. Gertrud fühlte die Glut in ihre Wangen ſteigen, ohne daß ſie ſich eigentlich Rechenſchaft zu geben vermochte, warum, denn ſie hatte ja ſchon mit vielen Männern getanzt, ohne daß ihre Annäherung ihr Herz zu ſchnelleren Schlägen bewegt hätte. Ein Gefühl von Sicherheit und Beruhigung kam über ſie, wie ſie es nicht mehr gefühlt, ſeit ihr guter Vater ſie verlaſſen hatte. Wie ein vertrautes Kind ſchmiegte ſie ſich an Werdenau's Arm und als habe er mehr Recht an ſie als alle die andern, ſchwebte ſie an ſeiner Seite ſtolz und lächelnd durch den Tanzſaal. „Nun, haben Sie ſich ſchon vollſtändig eingelebt?“ fragte Werdenau während einer Pauſe und ſchaute ſie an, als fürchte er die Antwort. 222 „Manches iſt mir fremd und ungewohnt“, ant⸗ wortete Gertrud zögernd.„Aber ich werde mich daran gewöhnen“, fügte ſie raſch hinzu, denn es kam ihr faſt vor, als ob ſie ihre Gaſtfreunde verleumde, Werdenau ſchüttelte den Kopf. „Thun Sie das nicht, halten Sie von ſich fern, was Ihrem innerſten Weſen fremd iſt und bleiben muß, wenn Sie nicht ſehr unglücklich werden ſollen.“ Der Rittmeiſter hatte ſo ernſt und mahnend geſpro⸗ chen, daß ihn Gertrud erſchreckt anſchaute. Er fuhr fort: „Es iſt vielleicht unbeſcheiden von mir, Ihnen nach ſo kurzer Bekanntſchaft ſchon meinen Rath aufzudrän⸗ gen, aber ich habe ſchon den erſten Abend, da ich Sie ſah, den Eindruck empfangen, als ob Sie ebenſo wenig wie ich durch Aeußerlichkeiten und Formen, ſo glänzend und beſtechend ſie auch ſein mögen, für den mangeln⸗ den Werth und Inhalt der Dinge entſchädigt werden könnten. Laſſen Sie ſich auch nicht über dieſen Inhalt täuſchen, wozu man ja mit einem Gemüth wie das Ihrige bei allem Verſtande ſo leicht geneigt iſt. Geben Sie immer Ihrem eigenen Urtheil mehr Gehör als der anſpruchsvollſten Redensart, die von außen an Sie herantritt. Nur wenn Sie ſich ſelbſt treu bleiben, bin ich ohne Sorge um Sie.“ Unruhig hatte Gertrud zugehört. Jede Zudring⸗ 223 lichkeit, alles ſchulmeiſterhaft Belehrende lag dem Tone des Rittmeiſters fern, nur eine bange, faſt mütterliche Sorge klang aus ſeinen Worten, und das, was er ihr andeutete, hatte ſie ja ſelbſt ſchon dunkel gefühlt. Deſto größer war der Eindruck, den das einer War⸗ nung ſo ſehr gleichende ſeltſame Ballgeſpräch auf ſie machte. „Aber welches Unglück, welche Gefahr droht mir denn?“ fragte ſie endlich mit bebender Stimme und ſah ihren Tänzer ängſtlich an. Dieſer lächelte mit einem Ausdruck ruhigen Glücks, der ſein edles Geſicht um Jahre verjüngte. „Solange Sie mit ſolchen Kinderaugen blicken können— keine! Neben einem Abgrund wandelt man oft am ſicherſten im Dunkeln, und auch ich möchte nicht gern die Gaſtfreundſchaft verletzen, auch wenn ich nicht dankbar für dieſelbe ſein kann. Sollten Sie jedoch einmal einen Freund nöthig haben, der für Ihre Sicher⸗ heit und Ehre ſeine Perſon rückhaltslos einſetzt, ſo ge⸗ denken Sie Werdenau's. Doch man ſcheint mit Un⸗ geduld zu erwarten, daß ich Sie freigebe“, ſchloß der Rittmeiſter, ſich umblickend, in leiſerem Tone.„Vor den Gefahren, denen ich Sie jetzt überliefere, müſſen Sie ſich ſelber ſchützen.“. Der Scherz, welchen Werdenau verſuchte, mißlang, 224 und ſein Antlitz, als er ſich jetzt zum Abſchied ver⸗ neigte, zuckte wie in tiefer Erregung. Gertrud war der Richtung ſeiner Blicke gefolgt und trat unwillkürlich einen Schritt zurück, als ob ſie die Abſicht habe, ſich zwiſchen den Bauermädchen zu ver⸗ bergen, welche, hinter ihr ſtehend, mit freundlicher Scheu die zarte Kirmeßkönigin bewunderten. Aber die Dirnen wichen ehrerbietig zurück und mit grenzenloſer Verwir⸗ rung ſchlug Gertrud die Augen nieder vor den Blicken des Grafen Ketlan, der, das Barett auf den dunklen Locken, die Reitgerte in der Fauſt, unweit der Thür ſtand und Niemand im ganzen Saal zu ſehen ſchien als ſie. Es war, als ob mit dem Eintritt des wühleriſchen Grafen ein finſterer, aufregender Geiſt über die An⸗ weſenden gekommen ſei. Die Bauern liebten den ſtol⸗ zen Bruder ihrer Grundherrin nicht, welcher bei Jagden, oder wenn es einen Weg abzukürzen galt, rückſichtslos über ihre beſten Fluren ritt und bei früheren Kirch⸗ weihen gegen die jungen Schwäbinnen eine Vertraulich⸗ keit gezeigt hatte, welche bei den Burſchen und jungen Ehemännern von Lorin noch im unangenehmſten An⸗ denken ſtand. Jolanthe hatte eben in ziemlich emancipirter Stel⸗ lung Herrn von Lorin und dem Gemeindeälteſten gegen⸗ über Platz genommen, und ſelbſt eine Havanna in 225 der Linken, bot ſie mit der Rechten dem Grundherrn Feuer an. Ihr gelblichweißer, ſchön gezeichneter Arm ſchlüpfte verführeriſch aus ſeiner dunkelſeidenen Um⸗ hüllung und die rothen Rubinaugen und mattgoldenen Schuppen der Schlange, welche ſich um ihr Handge⸗ lenk geſchlungen hatte, funkelten aus einem Netze koſt⸗ barer Spitzen. Aber das wohlriechende Zündhölzchen verflackerte in ihrer Hand und Herr von Lorin ſtreckte vergeblich Kopf und Cigarre vorwärts, um die Flamme zu erreichen. „Janos!“ ziſchte Jolanthe faſt unhörbar, aber Herr von Lorin hatte es gehört und ſprang mit einer für ſeine Körperverhältniſſe ſtaunenswerthen Behendig⸗ keit auf. Dann, als er nicht mehr zweifeln konnte, daß ſein ſchrecklicher Schwager anweſend ſei, ſetzte er ſich mit verzweiflungsvollem Schnauben nieder und warf dem herankommenden Rittmeiſter einen Blick zu, in dem deutlich zu leſen ſtand: „Mag daraus werden, was da will, ich habe ihn nicht eingeladen.“ Mit der Claſticität einer Viper, die ſich auf ihren Ringeln emporrichtet, hob ſich Frau von Valaſy's nicht ſehr große Geſtalt aus ihrer langen Schleppe, die ſich graziös um ihre Füße gelegt hatte. Ihr Herz ſchlug. mit einer wilden Energie dem geliebten Manne ent⸗ v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 15 226 gegen, der ſie verſchmähte, und ihre Blicke ruhten voll Haß und Angſt auf Werdenau, der vor wenigen Tagen ihr einen Namen ins Geſicht geſchleudert, welcher ſeit Jahren begraben war und begraben bleiben mußte, gleich dem, der ihn trug, begraben gleich ihrer Schmach! Werdenau beachtete Jolanthe nicht. Er befand ſich in weicherer Stimmung als ſeit langem. Um die ſicht⸗ bare Unruhe des Grundherrn zu enden, füllte er ſein Glas mit Rothwein und näherte ſich dem alten Mann. „Sie haben für die Kirchweihkönigin eine gute Wahl getroffen, die ſchwäbiſche Tracht ſteht Fräulein von Nort⸗ wald zum Entzücken.“ Jolanthe hörte noch dieſe ziemlich laut geſprochenen Worte und den glockenreinen Klang der anſtoßenden Gläſer und haſtig ging ſie auf Janos zu, daß ihre Schleppe kniſternd hinter ihr herrauſchte. Aber wie in den Boden gewurzelt blieb ſie ſtehen und ein wortloſer Seufzer entwich zwiſchen ihren feſtgeſchloſſenen Zähnen — ohne ſeinen Schwager zu begrüßen, ohne ſelbſt mit ſeiner Nichte ein Wort auszutauſchen, hatte Janos die Kirchweihkönigin zum Tanze aufgefordert. Und doch wäre in gewöhnlicher Zeit das, was mit Ilka vorging, dem patriotiſchen Grafen auffällig genug geweſen. Es gehörte zu den Gebräuchen des Tages, daß die Burſchen ihrer Auserwählten beim letzten Tanz 227 einen Strauß künſtlicher Blumen überreichten. Die wohl⸗ habenderen darunter ſchmückten die Stengel der Blu⸗ men mit einem Ring, einem Schmuckgegenſtand oder auch mit einem blanken Goldſtück. Die Mädchen ſteck⸗ ten dieſe Sträußlein vorn ans Mieder und gewährten dem Geber einen Tanz, welcher von keinem andern Burſchen unterbrochen werden durfte. In einer Ecke des Saals, dicht neben Tolsky, um deſſen Schmollen ſich Niemand kümmerte, hatte ſich eine alte Zigeunerin angeſiedelt, welche jene Sträuße feilhielt. Sie war ſtets von einer Schaar von Burſchen umringt, die mit ihr han⸗ delten oder den Gegenſtand, den ſie der Erwählten zu⸗ gedacht, von der Alten an den gekauften Strauß be⸗ feſtigen ließen. Beſcheiden gaben ſie indeß Raum, als Graf Serravaglia, den ſie als einen freundlichen, leut⸗ ſeligen Offizier kannten, ſich ebenfals ein Sträußlein ausſuchte. Auch die Verkäuferin ſchien ſich geehrt zu fühlen durch ſo feine Kundſchaft; ein abſcheuliches Lächeln ent⸗ ſtellte das dunkelbraune, von ſchneeweißen Haaren um⸗ rahmte Geſicht und mit zitternder Hand kramte ſie in ihren Schätzen. „So ein nobler Herr muß das Allerſchönſte haben“, kicherte ſie,„das allerſchönſte Sträußlein, denn er hat auch das allerſchönſte Schätzlein— gewiß, das hat er! 154 228 Hat der Herr auch ein Ringlein, um's daran zu hän⸗ gen, Gold iſt blank und hält die Herzen feſt— oder will Euer Gnaden ein Amulet, das die flüchtigſte Dirne ſanft und treu macht wie ein Hündlein? Wollt Ihr? Koſtet wenig und dann habt Ihr ſie ſicher, Herr Offi⸗ zier! Der alten Luiſ' nützt es ja doch nichts mehr mit ihren achtzig Jahren und ihrem einzigen Zahn im Mund. Ja, vor fünfundſechzig Jahren— hui! da waren die hübſchen Herren binter ihr her, daß die Sporen klirrten.“ Mit ſchwermüthiger Träumerei beſah Serravaglia den meſſingenen Jahrmarktstand, den die zitternden Hände der Alten ihm gereicht. „Nein“, ſagte er mit einem ſchmerzlichen Lächeln. „Noch will ich es nicht glauben, daß jeder Firlefanz wirkſamer ſei als wahre Treue und Aufopferung.“ „Firlefanz!“ keifte die Alte und ihr Geſicht ward bitterbös ob dieſer Geſchäftsbeeinträchtigung vor den mit offenem Mund zuhörenden Bauern.„Den Zauber hat mein Stamm vor vielen hundert Jahren mit aus Egypten gebracht und nur die alte Luiſ' kennt ihn noch. Und die Luiſ' ſagt ihn Keinem, auch nicht⸗ wenn ſie ſtirbt. Was wollt Ihr damit?“ unterbrach ſie ihre Lügen, die ſie ſeit Jahren ſelber glaubte; denn Serravaglia hatte ein Ordenskreuz aus der Taſche ge⸗ 229 zogen und es an die Blume befeſtigt.„Brr! Ihr ⁸ wollt Euch bei Eurem Schatz doch nicht durch ein Grabkreuz in Gunſt ſetzen?“ Betroffen ſchaute der Offizier auf die höhniſch lachende Alte, dann warf er ärgerlich ein Geldſtück in ihren Schooß und entfernte ſich. Zögernd und unſchlüſſig wand er ſich in der Richtung, wo Ilka ſtand, durch die Tanzenden. Da ſah auch er Janos eintreten und ging raſch und entſchieden auf Ilka zu. Jetzt mußte ſich Alles entſcheiden. Vielleicht trugen die Worte des Rittmeiſters dazu bei, daß Gertrud's erſtes Gefühl, als ſie ſich von Ket⸗ lan zum Tanze aufgefordert ſah, ihr gebot, ihm den Tanz zu verweigern. Ein Augenblick der Ueberlegung jedoch ſagte ihr, daß ſie, wie ſehr ſich auch Alles in ihr gegen ihn em⸗ pört hatte bei ihrer letzten Unterhaltung, den Bruder der Frau, von welcher ſie wie von einer launenhaften zwar, aber doch wie von einer Mutter aufgenommen war, nicht vor allen Bauern hinter den letzten der⸗ ſelben verweiſen dürfe. Auch ſchien der Janos von I heute nicht mehr derſelbe, welcher daran gewöhnt ſchien, die Frauen zu verachten und von ihnen angebetet zu werden. Janos bot ihr freundlich die Hand wie einer 230 alten Bekannten und dankte ihr in herzlicher Weiſe, daß ſie ſeine Familie bei einer Gelegenheit und in einer Nationaltracht vertrete, in welcher ſich ſeine Schweſter in jüngern Jahren nur höchſt unbehaglich befunden habe. Und als ſie ſchüchtern und zurückhaltend ſeinen Arm beim Tanze duldete, fühlte ſie kaum die zarte Berührung und kein dreiſter Blick verletzte ſie. Dennoch hatte ſie die erſten Eindrücke nicht zu überwinden ver⸗ mocht und ihre Blicke wichen dem Auge des Grafen aus, ihre Antworten klangen gezwungen und förmlich. Nachdem Ketlan mehrmals verſucht hatte, ihr wie⸗ der Zutrauen einzuflößen, ſchwieg er eine Weile, dann begann er mit faſt weichem Tone wieder: „Ich habe Sie beleidigt...“ „Das nicht“, ſagte Gertrud offen,„nur begreife ich nicht, welchen Werth für Sie die Unterhaltung mit mir haben kann, da Sie mein Geſchlecht im Allgemei⸗ nen ſo ſehr gering ſchätzen.“ Betroffen blieb der Graf einen Augenblick die Ant⸗ wort ſchuldig. Dann ſagte er mit einem Verſuch zum Scherz, den er aber halbwegs aufgab: „Ich könnte Ihnen antworten, daß ich Sie eben für hoch über den andern Ihres Geſchlechts ſtehend anſehe; aber ich würde dadurch nur aufs neue Ihren 231 Widerſpruch erwecken. Sie würden mir vielleicht meine Meinung von den Frauen nicht übel nehmen, wenn Sie dieſelben ebenſo gut kennten wie ich. Ich hatte keine Veranlaſſung, Sie für anders zu halten als die übrigen; was ich von Ihrem Geiſt, Ihrer Bildung hörte, mußte mich ſogar noch mißtrauiſcher machen, denn dann verſtanden Sie es unzweifelhaft um ſo beſſer, dieſe Eigenſchaften zu mißbrauchen. Jetzt weiß ich, woran ich bin, und bitte Sie demüthig und froh zugleich um Vergebung. Denn glauben Sie mir, man iſt nicht glücklich mit ſolchen Anſchauungen.“ Mit mehr Vertrauen, aber noch immer nicht ganz befriedigt, ſah Gertrud auf. „Sie haben doch eine Schweſter, die ich hoch ver⸗ ehre, eine Nichte, die von Jedermann geliebt wird, der ſie ſieht. Janos' bleiche Wangen, die ſelbſt der raſche Tanz nicht höher zu färben vermochte, erhielten eine leichte Röthe. „Sie treiben mich mit deutſcher Gründlichkeit in die Enge“, lachte er.„Aber ich kann das Argument nicht gelten laſſen“, ſetzte er ernſter und nicht ohne Stolz hinzu.„Meine Schweſter hat gehandelt und geduldet wie ein tapferer Mann und Ilka iſt ein gutes liebes Kind.“ 232 3 Es war faſt freudige Sympathie, was aus Gertrud's gewittergrauen Augen blitzte, als ſie den finſtern ſchönen Mann ſo ſprechen hörte. Sanft fuhr ſie fort: „Solche Lichtblicke böte Ihnen das Leben noch mehr, wenn Ihnen Finſterſehen und Verachten nicht Bedürf⸗ niß wäre.“ „Ich weiß es.“ „Und warum—“ Gertrud ſtockte.„Warum“, hatte ſie ſagen wollen,„warfen Sie den böſen Zauber, der Sie elend machte, nicht ſchon lange weit von ſich?“ Gertrud bereute indeß ihre Frage ſchon, bevor ſie dieſelbe geendet, ſo ſengend lagen die Blicke des Grafen auf ihrem Antlitz. „Weil ich Sie erſt ſeit wenigen Tagen kenne.“ Zugleich fühlte ſie ihre Hand ergriffen und heftig gepreßt. In demſelben Augenblick aber erhielten ſie einen Stoß, daß ſie zurücktaumelten und Gertrud ſich nur durch die in der Nähe befindliche Wand vor dem Stürzen bewahrte. Sie war von ihrem Tänzer durch Sandor und Jolanthe, welche in raſendem Galopp daher⸗ ſtürmten, gewaltſam getrennt worden. Bleich war Janos wieder auf die Füße geſprungen und ſchaute ſich mit rollenden Augen nach ſeinem Neffen um. Da ſah er die bittend gefalteten Hände Gertrud's. Der wilde Zorn ſchwand aus ſeinen Zügen, er führte die Hand der jungen Deutſchen an ſeine Lippen und ver⸗ ſchwand aus dem Saale ſo plötzlich, wie er gekommen. Bald darauf verließ auch Rittmeiſter von Werdenau die Kirchweih. Er war ſehr traurig und einſilbig und hatte für die Leiden des armen Tolsky, der ſich bitter über Gertrud's Koketterie beklagte, keinen Troſt. Gertrud war durch ihre Würde gezwungen, bis zum Ende des Feſtes auszuharren. Aber nach Allem, was ſie heute erlebt und gegenüber der offenen Feind⸗ ſeligkeit Sandor's und der eiſigen Verachtung, welche Jolanthe gegen ſie zur Schau trug, vermochte ſie die gedrückte Stimmung, die von ihr Beſitz ergriffen hatte, nicht wieder abzuſchütteln. Mit hoch erhobenem Haupte und an Uebermuth grenzender Lebensluſt durchſtürmten Serravaglia und Ilka noch den Saal, als die Reihe der Tänzer immer gelichteter und das Kratzen der Geigen immer ſchlaf⸗ trunkener wurde. Ilka hatte das Geſchenk des Mal⸗ teſers lange in der Hand gehalten und mit klopfendem Herzen auf die haſtige Rede gelauſcht. Mit kindlicher Scheu flüchteten ihre Gedanken zu der Mutter und wieder hörte ſie deren leidenſchaftliche Worte:„Du wenigſtens ſollſt glücklich ſein.“ Und war das nicht das Glück, welches da vor ihr ſtand in der knappen, goldverſchnürten Ulanenuniform 234 mit dem verliebteſten und verzweifeltſten Geſichte zugleich und ihr als Cotillonzeichen das Kreuz eines altberühm⸗ ten Ritterordens überreichte? Ilka wußte aus den Andeutungen ihrer Familie genug über die Privatverhältniſſe ihres Anbeters, um keinen Augenblick das Opfer und die ſcheinbar wider⸗ ſpruchsvollen und doch ſo harmoniſchen Worte miß⸗ zuverſtehen, die ihr Serravaglia in höchſter Leidenſchaft zuflüſterte: „Ich bin frei und gehöre nur noch Ihnen!“ Die Glut ihres Anbeters riß Ilka mit fort. Du wenigſtens ſollſt glücklich ſein, tönte in ihrer Seele die Stimme der Mutter und mit einem Blick voll liebens⸗ würdigſter Schelmerei heftete ſie den ſeltſamen Schmuck an ihre Bruſt. „Jetzt bin ich Ihr Großmeiſter, Herr Graf, und werde auf ſtrenge Ordensregel halten.“ „Du, Du— für immer!“ ſagte Serravaglia leiſe, dem es faſt die Bruſt zerſprengte vor Jubel, und ſein Arm, der ſich bei dem beginnenden Galopp um ihre Taille gelegt, zog die Geliebte näher an ſich. Mit kindlicher Drohung erhob Ilka den koſtbaren Fächer aus ſeltenen Federn. „Mehr Ehrfurcht vor Ihrem Ordensmeiſter, Herr Graf!“ Und lachend ſchüttelte ſie ihre reichen, halb auf⸗ gegangenen Locken zurück, und wild flatterten ſie ihr nach, während ſie mit dem Geliebten im Galoppſchritt dahinſtürmte, als gälte es, das Glück zu erjagen, das ihre Mutter ihr verheißen hatte. Achtzehntes Kapitel. Auch in Lorin pflegte auf anſtrengende Feſtlich⸗ keiten, wie das Kißnagy⸗Diener und die ſchwäbiſche Kirchweih, jene ſchläfrige Stille einzutreten, in welcher ſelbſt die allzeit ſegelfertigen Wünſche ihre glänzenden Fittige ſenken. Dazu kam, daß die Stimmung der Baronin ſeit der Kirchweih, der ſie nicht hatte anwohnen können, eine andere geworden war als bisher. Ilka vermißte mehr als einmal die immer gleiche Güte ihrer„angebeteten Mama“ und Gertrud fühlte bei aller äußern Höflichkeit, daß der Ton, in dem die Baronin mit ihr verkehrte, merklich kühler geworden war; ſie wurde nicht mehr Gertrud oder liebes Kind genannt, ſondern war wieder Fräulein von Nortwald, und oft, wenn ſie ſich unbeobachtet geglaubt, begegnete ſie 237 dem ſcharfen Blick der Magnatin, welcher prüfend auf ihr gelegen hatte. Den ſtrengen Ernſt der Baronin milderte kein Lächeln, auch wenn ſie ſich bei ihren Beobachtungen überraſcht ſah. Daher vermied es Ger⸗ trud ſorgfältig, ihre Gönnerin in ihren Betrachtungen zu ſtören, ſelbſt wenn ſie ſich als Gegenſtand derſelben noch ſo unbehaglich fühlte. Gegen Ilka war die Baronin anders, unruhig, heftig, dann wieder überflutend von Zärtlichkeit. Gertrud, welche zu den Menſchen gehörte, bei denen Fühlen und Beobachten eins iſt, kam es manchmal vor, als ob die Baronin ihrer Tochter gegenüber ein gewiſſes Schuldbewußtſein nicht unterdrücken könne, für welches ſie wie leidenſchaftliche Naturen faſt ſtets, die Verantwortung wieder dem andern Theile zuſchob. Ilka ward dadurch ſichtlich verwirrt und gequält und ſchloß ſich enger als je an Gertrud an, welche ſie bereits längſt mit Lachen und Thränen von ihrer Beförderung zum Großmeiſter des Malteſerordens in Kenntniß geſetzt hatte. Eine unheimliche Energie entwickelte ſeit dem Feſte Jolanthe von Valaſy. Sie verließ faſt nicht mehr die Seite der Hausfrau und wurde von dieſer mit demon⸗ ſtrativer Auszeichnung behandelt. Sonderbar war das Benehmen Jolanthens Gertrud gegenüber: eine Art zäher, ingrimmiger Freundlichkeit, welche ſich durch keine Kälte und Zurückhaltung abweiſen ließ. Nicht ſelten wurde Gertrud aus tiefſtem Sinnen aufgeſtört durch eine ſchmeichelnde Anrede der ſchönen Wittwe, und ſo einſilbig die Antworten des jungen Mädchens ausfallen mochten, mit grauſamer Beharrlichkeit hielt die Ungarin ihr Opfer feſt, um es zu einer unvorſichtigen Aeußerung, einem Erröthen der Ungeduld, einem verrätheriſchen Blick zu verleiten. Und Gertrud wurde manchmal verwirrt, wenn der Blick der Baronin die dreiſten und verfänglichen Fragen der Freundin ſekundirte. Die junge Deutſche war nicht mehr unbefangen, ſeit ihre Hand in der des Grafen Ketlan geruht hatte, und ſo oft ſein Name genannt ward, zuckten ihre Finger un⸗ willkürlich, als fühlte ſie die faſt ſchmerzhafte Um⸗ klammerung von damals. Sie ahnte auch, daß all die Veränderungen mit den Vorgängen jenes Abends zu⸗ ſammenhingen, und wenn ſie daran gezweifelt hätte, ſo würde ſie durch Sandor's kecke Neckereien aufgeklärt worden ſein, denen ſelbſt in den Geſellſchaftsräumen Niemand wehrte und die oft ſogar zum Ausgangspunkt eines neuen demüthigenden Verhörs gemacht wurden. Es war tief in Gertrud's edlem Weſen begründet, daß ſie lange nicht an das zunächſt liegende Mittel dachte, die unheimliche Atmoſphäre, die ſie umgab, zu 239 zerſtreuen, indem ſie vor die Baronin hintrat und deren Bruder als den einzigen Schuldigen anklagte. Als ſie in den Stunden trüben Kummers, den ihr der neue Zuſtand verurſachte, einmal flüchtig an dieſen Ausweg dachte, verwarfen ihr Stolz und ihre Klugheit ihn zu gleicher Zeit. Sie vertheidigte ſich nicht gegen eine böſe Meinung, welche auf ſo lockerer Grundlage, auf einige Zufälligkeiten und Läſterungen hin entſtehen konnte, und es war nicht anzunehmen, daß die ihren Bruder vergötternde Schweſter an eine unerwiderte Neigung deſſelben glauben werde. Der einzige ſichere Ausweg aus dieſem Labyrinth war die Entfernung aus dieſem Hauſe! Aber der Ge⸗ danke erſchreckte ſie— ſie hatte ja keine Heimat mehr, und wo ſie herzliche Aufnahme mit Recht erwarten konnte, harrte ihrer bei ihrer raſchen Zurückkunft nur Spott und Verachtung. Oft gedachte ſie Werdenau's und ſeiner faſt pro⸗ phetiſchen Worte, aber ihre ganze Seele ſträubte ſich gegen den Gedanken, in dieſer Sache ſeine Hülfe zu begehren. Trotz all des Bittern, das ſie in wenig Tagen er⸗ fahren, trotz der Furcht vor dem Demüthigenden, das ihr jede folgende Minute wieder bringen konnte, hatte Gertrud ein williges Ohr, einen ſanften Rath in den 240 ernſten und heiteren Zwiſchenfällen, welche durch ein durchgehendes Ulanenherz hervorgerufen werden können, und wie das Amen der Schluß jeden Gebets, ſo war auch Gertrud's ſtete Mahnung an Ilka:„Ehre Deine Mutter und vertraue ihr!“ „Mais je t'en prie! Aber ich bitte Dich“, flehte dann Ilka, wenn ſie unbeobachtet waren, mit bühnen⸗ gerecht gerungenen Händen,„Mama würde mich für ewig verfluchen, wenn ſie je davon erführe. Erſt geſtern, als ich vor der Thür ſtand und nicht einzutreten wagte, weil Mama jetzt immer ſo heftig iſt, hörte ich ſie mit zornigem Weinen zu Jolanthen ſagen:„Du hatteſt Recht, wir hätten dieſe ſchimmernde deutſche Schlange nie an unſerer Bruſt erwärmen ſollen; aber ſie ſoll ihr Ziel nicht erreichen, ſolange ich am Leben bin.“ Mich fror ordentlich vor Entſetzen, als ich Mama ſo reden hörte, und ich ſchlich mich fort.“ Gertrud war ſehr bleich geworden und Ilka fuhr weinerlich fort: „Den hübſchen guten Serravaglia eine ſchimmernde deutſche Schlange zu heißen! O, wenn es nicht Mama geſagt hätte...“ „Kann ſie nicht Jemand anders gemeint haben?“ fragte Gertrud tonlos. „Wen denn ſonſt?“ gab Ilka überraſcht zurück denn wenn ihr auch in dem Benehmen ihrer Verwandten in letzter Zeit Vieles unverſtändlich geblieben war, ſo beſaß ſie doch die glückliche Gabe, alle Erſcheinungen in letzter Linie auf ihre eigene reizende Perſon zurückzuführen. „Wen denn ſonſt konnte Mama, gemeint haben?“ Das war's, was Gertrud ihr nicht ſagen konnte. Auch heute Abend wieder hatte Ilka ihre Vertraute ſo weit als möglich in das Dunkel des dämmernden Zimmers gezogen und erzählte ihr flüſternd und mit manchem ſcheuen Seitenblick auf ihre angebetete Mama, ſie habe mit Serravaglia, als er draußen auf der Straße vorbeigeritten ſei, aus dem erhöhten Belvedere des Parks einige bedeutſame Worte gewechſelt, davon aber leider nichts behalten, als daß ſie morgen wieder dahin kommen ſolle.. Gertrud fühlte ſich in der peinlichſten Verlegenheit. Ilka's Heimlichthuerei mußte auffallen und in der That ſchickte Jolanthe, welche ſich halblaut mit der Baronin unterhielt, dann und wann einen beobachtenden Blick herüber. Vergebens ſuchte Gertrud den Eifer, die immer heftigeren Bewegungen Ilka's in Schranken zu halten durch die eigene Ruhe und ſagte ebenſo leiſe: „Natürlich wirſt Du der Einladung keine Folge leiſten.“ „Und warum nicht?“ ereiferte ſich Ilka.„So ein v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. I. 16 242 Rendezvous iſt ja etwas Wunderſchönes, wenn man ſich jeden Augenblick umſehen muß, ob Niemand kommt. Serravaglia's Rappe wollte durchaus nicht an die Mauer heran; als ſein Herr mir die Hand küſſen wollte, ſtieg das ſchwarze Thier plötzlich in die Höhe, daß der Kopf des Reiters mitten in dornigem Strauchwerk ſtak. Ich ſchrie laut auf, und da ich glaubte, gehört worden zu ſein, winkte ich Serravaglia zu, raſch fortzureiten. Wie der Wind flog er mit ſeinem Rappen über die Haide, weil man ihn auf der Straße gehört hätte, aber es kam Niemand und ich ärgerte mich, ihn weg⸗ geſchickt zu haben.“ Gertrud vergaß faſt, daß ſie beobachtet waren, und ſchaute mit wirklichem Staunen auf die junge Aben⸗ teuerluſtige. „Und Du wagſt es, Deiner Mutter noch unter die Augen zu treten nach all dem?“ Offenbar begriff Ilka die Größe ihrer Ruchloſigkeit nicht ganz, aber ſie hatte keine Zeit zuantworten, denn dicht neben den beiden Mädchen ſtand Jolanthe und fragte ſehr laut und gedehnt mit ironiſcher Freundlichkeit: „Nun, was haben denn die beiden Damen ſich ſo Intereſſantes mitzutheilen?“ Ilka's erſchrecktes Zuſammenfahren, ihr verzweifeltes Kopfſchütteln und Ziehen an Gertrud's Kleide, ſowie — —— ,— 243 andere mehr oder weniger wahrnehmbare Zeichen, durch welche ſie die Freundin zur Geheimhaltung des An⸗ vertrauten aufforderte, vermochten ebenſo wenig Jo⸗ lanthens Aufmerkſamkeit zu entgehen, als Gertrud's Ver⸗ wirrung zu vermindern. „Nun, Mademoiſelle Gerta“, begann Jolanthe wie⸗ der mit ſüßlichem Lächeln und giftigem Blick,„wollen Sie mich nicht auch an Ihren Geheimniſſen Theil neh⸗ men laſſen?“ Gertrud ſchwieg. Ilka riß ihr faſt das Kleid aus den Falten. Da ertönte die Stimme der Baronin ſtreng und gebieteriſch von ihrer Cauſeuſe herüber: „Was gibt es da, Jolanthe? Wer hat Geheimniſſe mit meiner Tochter?“ Jolanthe lachte gezwungen. „Fräulein von Nortwald und Ilka waren ſo vertieft in ihr Geſpräch, daß es mich intereſſirte, den Inhalt zu erfahren. Wenn ich hätte vorausſehen können, daß derſelbe ein Geheimniß iſt, ſo würde ich natürlich nicht ſo indiscret geweſen ſein.“ „Das Intereſſe einer Mutter für die Art der Unter⸗ haltung ihres Kindes iſt keine Indiscretion.— Nun, Fräu⸗ lein von Nortwald, wollen Sie die Güte haben, mir zu wiederholen, was Sie meiner Tochter eben mittheilten?“ 16* „Ich? Nichts von Bedeutung, Frau Baronin!“ Die Art, wie Frau von Lorin ihre Frage ſtellte, hatte Gertrud zu antworten erlaubt, ohne Ilka zu verrathen und ohne die Unwahrheit zu ſprechen. Mühſam bekämpfte die Baronin ihren Zorn. Aber ein Reſt natürlichen Inſtinkts hielt ſie ab, das eigene Kind mit in das Verhör zu ziehen, und ohne Gertrud einer weitern Frage zu würdigen, ſagte ſie: „Nimm Dir einen Stuhl und ſetze Dich hierher, meine Tochter! Es iſt nicht gut, Dinge anzuhören, die eine Mutter nicht wiſſen darf.“ Mit niedergeſchlagenen Augen und einem reizenden Büßerinnengeſicht gehorchte Ilka. Es fiel Gertrud auf, daß ſie keinen Blick der Entſchuldigung, kein Wort der Rechtfertigung für die Freundin hatte. Gertrud ſaß allein. In das halblaut geführte Ge⸗ ſpräch zwiſchen der Baronin und Jolanthen wurde ſie nicht gezogen. Da plötzlich richtete die Magnatin den Kopf in die Höhe. Wie bei vielen Kranken, welchen ihr Zuſtand vieles Ruhig⸗ und Alleinſein zur Pflicht macht, war ihr Gehör ſehr ſcharf geworden. „Wer reitet in den Hof? Sandor ſtudirt und Herr von Lorin ſchläft!“ — * — — 245 Dienſtfertig legte Jolanthe die Hand auf den Drücker der Tiſchglocke und ihr Klingeln rief den vor der Thür harrenden Diener. „Wer iſt eben in den Hof geritten?“ fragte die Baronin. „Seine Gnaden, der Herr Graf“, war die Antwort. „Mein Bruder?“ fragte die Baronin überraſcht und ihr ſchien es, als ob auf Gertrud's Antlitz die Farbe wechſelte.„Er möge mich auf meinem Zim⸗ mer.. 3 „Der Herr Graf ſind ſchon hier!“ meldete der Die⸗ ner ſehr unnöthiger Weiſe, denn Janos trat mit ſeiner ſtolzen, eleganten Haltung raſch ins Zimmer. Nur ſein Geſicht hatte nicht ganz den gewohnten ſpöttiſch überlegenen Ausdruck, als er ſich zum Kuſſe über die Hand der Schweſter beugte, Ilka die Rechte auf die Schulter legte und ſich tief vor Gertrud, flüch⸗ tiger vor Jolanthen verneigte. Der Blick der Baronin ſtreifte mit ſchmerzlicher Ironie die unruhigen, verlegenen Züge des Bruders und blieb mit einem Ausdruck verächtlichen Haſſes auf Ger⸗ trud haften, welche den Gruß des Grafen kaum erwidert und das Auge nicht zu ihm aufgeſchlagen hatte. Dieſes Benehmen war nur aus einem niederdrückenden Schuld⸗ bewußtſein zu erklären. 246 Es klang daher die bitterſte Ironie aus ihren Worten, als ſie ſagte: „Es iſt ja ein außerordentliches Ereigniß, Dich hier zu empfangen!“ „Was ich Dir mitzutheilen habe, iſt kein Geheim⸗ niß. Ich wollte Dich nicht bemühen“, ſagte Janos und ſchien die geſenkten Wimpern Gertrud's mit den Blicken durchdringen zu wollen. „Sehr rückſichtsvoll“, lächelte Giſela bitter,„ich werde davon Gebrauch machen. Meine Tochter, Jolanthe wird ſo freundlich ſein, mit Dir auf Deiner Stube das franzöſiſche Buch zu Ende zu leſen, das wir neulich begonnen haben. Fräulein von Nortwald zieht es wohl vor, auf ihrem Zimmer ihren eigenen Gedanken nach⸗ zuhängen.“ Mit der Miene einer Tiefgekränkten und nachdem ſie einen Blick des Einverſtändniſſes mit Giſela gewech⸗ ſelt, ſchob Jolanthe ihren Arm unter den Ilka's und ging mit ihr aus dem Gemach. Gertrud machte eine förmliche Verbeugung und folgte ihnen, ohne den Grafen mit einem Blick angeſehen zu haben. Keins der Geſchwiſter ſchien das Geſpräch beginnen zu wollen. Endlich ſchüttelte Ketlan gewaltſam den Bann ab, der auf ihm laſtete, und begann in einem leichten, faſt ſcherzhaften Ton: 2 1 — —y — „Die Angelegenheit, die mich zu Dir führt, hängt zwar mit unſern Plänen und Beſtrebungen innig zu⸗ ſammen, iſt aber an und für ſich ganz unverfänglich und hätte ſich daher auch in Gegenwart Deiner Damen erörtern laſſen. Es handelt ſich nämlich um eine ſolenne Theatervorſtellung, welche Kißnagy für nächſte Zeit beabſichtigt, um den patriotiſchen Sinn unſerer Nach⸗ barn wieder zu entflammen. Kißnagy iſt von ſeinem Theaterdirector ein Trauerſpiel, Zriny' dazu vorgeſchla⸗ gen worden, welches angeblich aus dem Deutſchen über⸗ tragen, aber ſo ungariſch iſt, daß ich das ſogenannte deutſche Original eher für die Verdeutſchung einer ver⸗ loren gegangenen ungariſchen Dichtung halte. Kißnagy will ſelbſt eine Rolle übernehmen. Ich ſoll den Groß⸗ herrn Soliman ſpielen. Die Rolle dieſes Verwüſters ſagt mir zu und ich habe ſie übernommen— auf Soli⸗ mam's Gefahr. Es fehlt uns noch die jugendliche Lieb⸗ haberin, für welche mein Freund im Augenblick bei ſeiner Truppe keinen paſſenden Erſatz findet. Ich habe daran gedacht, daß Ilka einmal bei einer Carnevals⸗ vorſtellung recht hübſch und munter ſpielte. Es könnte die Bande, die den alten Herrn bereits mit uns ver⸗ einigen, nur noch feſter machen und uns Kißnagy's Unterſchrift zu der Unabhängigkeitserklärung verſchaffen. Kann ich auf Ilka rechnen?“ 248 „Ja“, ſagte die Magnatin feſt. „Dann haſt Du wohl die Güte, meiner Nichte in dieſem die Abſchrift ihrer Rolle zu geben. Sie hat ja bereits Routine und ein prächtiges Gedächtniß...“ Die Baronin blieb ernſt bei dem gezwungen ſcherz⸗ haften Ton ihres Bruders. „Ich werde bis zum letzten Athemzug der Sache treu bleiben, der ich meine Jugend, Lebensluſt und Kraft geopfert habe. Aber auch von Dir fordere ich, daß Du Deinem Vaterlande und Namen je den andern Wunſch des Herzens opferſt...“ „Doch nicht Jolanthe?“ fragte Ketlan ſpöttiſch. „Ich habe noch immer nicht die Hoffnung auf⸗ gegeben, daß Du ſie eines Tages begreifen und lieben werdeſt. Und dann wird es ein bitteres, demüthigendes Gefühl für Dich ſein, ſie ſo oft znuthwilig verletzt zu haben.“ Es war faſt dunkel geworden im Zimmer und die ſchwarze Kleidung der Baronin unterſchied ſich nicht mehr von der Polſterung der Cauſeuſe. Nur ihr Ge⸗ ſicht ſchimmerte bleich hervor, als liege ſie im Sarge. Janos ſtand mit gekreuzten Armen vor ihr. „Alles, was ich betreffs Jolanthens je begreifen werde, habe ich bereits begriffen. So zum Beiſpiel verſtehe ich ihre ſchmeichelhafte Schwäche für meine Perſon. 249 Solche finſtere Herzen haben oft eine ausdauernde Zähigkeit in dem, was ſie Liebe nennen und was dem Haſſe oft ſo nahe verwandt iſt. Sie kommen mir vor wie Raubthiere, welche ihre Beute ſchmeichelnd und ſcherzend umkreiſen, bis ein Biß in den Nacken ſie plötz⸗ lich zuckend vor ihre Füße legt. Naivere, ja, ich will ſagen, beſſere Männer reizen gewöhnlich das Begehren ſolcher Frauen nicht, ſchon deshalb, weil ſie ihnen zum Opfer fallen würden. Um eines ſolchen Weibes ganze Energie herauszufordern, dazu gehört eine unberechen⸗ bare Natur wie ich, die ſich ſelber vielleicht zum Theil ein Räthſel iſt. Einen höheren Geiſt und eine ſtärkere Thatkraft zu unterjochen durch die Leidenſchaft, iſt ſolchen Weibern höchſter Lebensreiz. Wir Männer ſind anders, vielleicht beſſer, weil wir ſtärker ſind; wir lieben im Weib am meiſten die Unberührtheit und un⸗ verfälſchte Natur, die uns aus unſerer eigenen Kinder⸗ zeit wie ein halbvergeſſenes Märchen anblickt.“ „Ein deutſches Märchen“, ſagte die Baronin mit bitterem Nachdruck. Sie konnte die Wirkung ihrer Worte nicht beobach⸗ ten, denn Janos ſtand mit dem Rücken gegen das Fenſter und ſein Geſicht war im Dunkeln. „Dacht' ich's doch!“ ſtieß er nach einer Pauſe mit trotzigem Lachen hervor.„Jolanthe iſt es natürlich 250 unangenehm aufgefallen, daß ich Fräulein von Nortwald ausgezeichnet habe und nicht ſie. Meine Philoſophie iſt nun zu Ende. Deine Buſenfreundin wird mir ein⸗ fach läſtig. Was iſt denn Schlimmes daran, daß ich Deine glückliche Wahl ſo ſichtlich gutgeheißen habe? Fräulein von Nortwald ſah in der That reizend aus als ſchwäbiſche Bäuerin. Meine Galanterie gegen CEure weibliche Dorfjugend hat Dir ja ſchon früher Anlaß zu Bemerkungen gegeben, wenn ich mich recht erinnere. Aber endlich lachteſt Du darüber... „Mit Gertrud verhält ſich die Sache anders“, ſagte die Baronin langſam und als beabſichtige ſie mit dieſen Worten eine beſtimmte Wirkung hervorzurufen.„Sie ſteht uns geſellſchaftlich zu nahe, als daß Deine Aus⸗ zeichnung nicht Hoffnungen in ihr erwecken müßte, deren Fruchtloſigkeit ſie nur unglücklich machen würde. Auch habe ich eine gewiſſe Verantwortung über ſie übernom⸗ men und kenne ihren Charakter nicht genugſam...“ „Giſela“, unterbrach Janos die Schweſter mit tiefer, ernſter Stimme,„Deine Wünſche für Jolanthe machen Dich unedel. Ich ſprach die junge Dame nur zweimal und kann Dir ſagen: mit einem ſolchen Verſtand und Herzen ſteht man für ſich ſelbſt.“ Giſela ſchwieg. So ſtreng und verweiſend hatte ihr Bruder nie zu ihr geſprochen. Für weibliche Tu⸗ — * * 251 gend hatte er nie ſo ſchneidig das Wort ergriffen. Sie wußte genug. Nach einer Weile begann ſie mit ſcheinbarer Ruhe wieder: „Es iſt wohl ſelbſtverſtändlich, daß Du heute nicht mehr nach Sard zurückkehrſt. Du wirſt daher mit Herrn von Lorin bei Tiſche zuſammentreffen und ich er⸗ innere Dich daran, daß ſeine Angſt und ſein Miß⸗ trauen reger ſind als je und daß ich in den letzten Tagen ſehr dadurch gelitten habe.“ „Ich werde wohl keine Veranlaſſung haben, die Gefühle meines Schwagers noch mehr aufzuregen, denn ich komme nicht zu Tiſche.“ „Es iſt auch vorzuziehen, wenn Du mit mir ſpeiſeſt.“ 4 „Ich danke auch dafür, Schweſter; ich bin nicht hungrig, aber ſehr müde. Ich ziehe es daher vor, mich auf mein Zimmer zu begeben und ſchon jetzt von Dir Abſchied zu nehmen, da ich morgen ſehr früh aufbrechen werde.“ „Wie Du willſt. Lebe wohl, Janos!“ Ketlan beugte ſich nieder, wo er die Hand der Schweſter durch das Dunkel ſchimmern ſah. Sie war kalt und lag unbeweglich in der ſeinen. Als Janos ſie verlaſſen, drückte die Baronin auf 252 die Klingel. Dem Diener, welcher dem Ruf Folge leiſtete, um die Lampen anzuzünden, gab ſie den Auf⸗ trag, damit zu warten und Frau von Valaſy zu ihr zu bitten. Als Jolanthe eintrat, blieb ſie überraſcht an der Thür der dunklen Stube ſtehen. „Komm' näher“, ſagte die Baronin halblaut.„Das, was ich Dir zu ſagen habe, erträgt kein Licht. Wo iſt ſie?“ „Auf ihrem Zimmer— fie wird wegen Unwohlſeins nicht bei Tafel erſcheinen.“ „Ein merkwürdiger Zufall!“ knirſchte Giſela, und ihre kalte Hand umſchloß die Linke der Freundin;„auch Janos iſt zu müde, um mit mir zu eſſen. Sie hat ihn völlig in ihre Netze gezogen, er ſpricht von ihr, wie er noch nie über ein Weib geſprochen, und wäh⸗ rend wir tafeln, feiern ſie unzweifelhaft ihre Schäfer⸗ ſtunde.“ „Schändlich!“ „Ja, ſchändlich von dieſer heuchleriſchen Schlange, welche ſo die Freundſchaft vergilt, mit der wir ſie auf⸗ genommen! Für Janos' kühne Phantaſie iſt das ein Rauſch— weiter nichts; wir müſſen ſorgen, daß der Rauſch ihn nicht vergiftet. Widerſtand, Scenen wären für den Augenblick nutzlos und würden Janos vielleicht — 253 nur zu Thorheiten treiben, an die er ſelbſt niemals gedacht hätte. Wir müſſen in aller Stille die Fäden in die Hand zu bekommen ſuchen und nach den Um⸗ ſtänden handeln...“ Die Baronin hielt inne und man hörte nur ihren raſchen, keuchenden Athem in der Dunkelheit, und ihre mageren Finger drückten Jolanthens Arm faſt ſchmerz⸗ haft. Dann zog ſie die Verwandte ganz nahe an ſich und flüſterte kaum vernehmbar: „Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich mich ſo weit erniedrigt, zu lauſchen. Es war am An⸗ fang jenes unglücklichen Kriegs; die erſten öſterreichi⸗ ſchen Truppenzüge fanden in dieſer Gegend ſtatt und Lorin war, wie Du weißt, einige Zeit das Hauptquar⸗ tier des feindlichen Generalſtabs. Um nicht belauſcht zu werden, hatte der Commandirende die Berathungen in das Zimmer eines einfachen Adjutanten verlegt, und wie zufällig fand ſich der Stab dort zu einer beſtimm⸗ ten Stunde zuſammen. Ein früherer Diener des Hau⸗ ſes, der als öſterreichiſcher Soldat und Offiziersburſche in unſerem Hauſe einquartiert war, hatte mir das ver⸗ rathen. Der Adjutant bewohnte das Zimmer, das ſie jetzt inne hat. Eine Thür führt, wie Du weißt, in einen unbenutzten Raum: ſie iſt ſtets verſchloſſen. In dieſe Thür bohrte der Mihal faſt unſichtbare Löcher, 254 und jedem Kriegsrath wohnte ich bei. Was ich dort erlauſchte, hat unſerer Bewegung viel genützt und war Urſache, daß der Generalſtab eines Tages plötzlich auf⸗ brechen mußte, um nicht von der Hauptmacht der Trup⸗ pen abgeſchnitten zu werden. Jene Thür iſt noch die⸗ ſelbe, und wenn man das Auge an die Mitte des obern Kreuzes legt, überſieht man das ganze Zimmer. Geh'’, geh', Jolanthe, Du horchſt für Dein Vaterland und Deine Liebe!“ Sofort verließ Jolanthe das Billardzimmer und ſtieg langſam die Treppen empor. „Faſt iſt mir“, murmelte ſie,„als horchte ich mehr* für die Eiferſucht der Schweſter als für mich, und als würde Giſela mich haſſen von dem Tage an, da Janos mich liebte.“ Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. ————————— 4—— 2 3—— 2 4—.— * * Fninmſn fffffſnſmfff 7 9 10 11 15 16 17 18 19 1 1 “ 5 —