Tieſtane Mell eiſa 6 3 1 — 1 1 2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6 1 von., Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſjedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5.. 1 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret — wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ahchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 1 1„.— 1— 11 1).— uI 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Vußn Erſatz des Hemnzen verpflichtet. 4 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 ——⸗— o—= e e Graf Ketlan, der Rebell. —.— Koman aus dem ungariſchen Tieſlande von Max v. Schlägel. Zweiter Band. e Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1875. Erſtes Kapitel. Als Graf Ketlan in das Billardzimmer trat, war Gertrud nach all dem Vorhergegangenen tief erſchreckt, aber keinen Augenblick in Zweifel, wie ſie ſich ihm ge⸗ genüber zu verhalten habe. Wo es, ohne aufzufallen, irgend anging, wollte ſie ſeine Gegenwart vermeiden, und wenn das nicht durchführbar war, ſeine Rede kurz und kühl und nur ſo weit beantworten, als es die übliche Umgangsform und die Rückſicht für die Ba⸗ ronin unumgänglich erforderten. Das zunächſt Gebotene war, nicht an der Tafel zu erſcheinen. Wenn ſich Gertrud wegen Unwohlſeins entſchuldigte, ſo hatte ſie das vollſte Recht dazu. Ob der ihr von der Baronin gewordenen Behandlung ſtockte ihr der Athem in der Bruſt und in ihren Schläfen hämmerte das aufgeregte v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. Blut. Aber ſie wollte nicht weinen; ihr ganzer Stolz bäumte ſich dagegen auf; ſie wollte denjenigen, welche ſie ohne den geringſten Grund mit verletzender Gering⸗ ſchätzung behandelten, dieſes Zugeſtändniß nicht ma⸗ chen. Es koſtete ſie die äußerſte Anſtrengung, ſtark zu ſein; ihre ſonſt ſo hellen Augen waren trübe und heiß und deren Umgebung geröthet, und das matte Weiß der Wangen ſtach ſeltſam dagegen ab. Als ſie in ihrem Zimmer angelangt war, ver⸗ ſuchte ſie ſogar zu ſtudiren. Sie nahm die deutſch⸗ ungariſche Grammatik vor, welche ſie ſich kurz nach ihrer Ankunft verſchafft hatte, und begann aufs Ge⸗ rathewohl ein Uebungsſtück zu überſetzen. Das erſte Wort, welches ſie aufzuſchlagen hatte, war Cſillag— der Stern. So hieß Sandor's Lieblingspferd. Der wilde Knabe hatte ſie ſchon genugſam gequält, aber ſie hatte ihm ſtets vergeben um ſeiner Mutter und Schweſter willen. Welchen Grund, ihn zu entſchuldi⸗ gen, hatte ſie jetzt noch, da die Baronin ungerecht und Ilka feig war? Gertrud las weiter. Es war ein Kapitel über Himmelskörper, das ſie vor ſich hatte, und ſchon nach einigen Zeilen machte der Name Ueſtökös ſie faſt körperlich zurückſchrecken. Ja, Ue⸗ ſtökös, der Komet, ſo hieß der Eiſenſchimmel des Gra⸗ fen, mit dem er ſchon unglaubliche Ritte und Wag⸗ 3 niſſe ausgeführt hatte. Ihre ſchmerzenden Augen ſchauten wie gebannt auf den Namen und vor ihrem Geiſte ſtand wieder Wort für Wort, Bewegung für Bewegung die Scene von der Kirchweih. Ja, wie ein unheilvoller wandernder Stern war auch er gekommen, um ihr die neue Heimat unerträglich zu machen. Der Glanz des Lichtes that ihr weh; es brach ſich in der geſchliffenen Glasglocke zu tauſend Pfeilen. Um das zu grelle Licht und mit ihm die läſtige Vorſtellung los zu werden, ſtellte Gertrud es etwas abſeits an das Fenſter und einen Schirm davor. Dann träumte ſie mit geſchloſſenen Augen... von Heimatloſigkeit und raſtloſem Wandern, von einſamem Weinen und Verſtoßenſein von denen, die man liebte. Sie deckte die zarten Hände vor's Geſicht und ſie wur⸗ den feucht von den erlöſenden Thränen. Da war es ihr, als höre ſie die Thür öffnen und Jemand eintreten. Raſch entfernte ſie die Hände vom Geſicht und ſprang mit einem leiſen Schrei em⸗ por. Das war kein Trugbild ihrer Einbildungskraft, das war Graf Ketlan ſelbſt, der in der halben Be⸗ leuchtung des Zimmers ſtand und ſie mit ſeinen fin⸗ ſter glühenden Augen anſah. Gertrud wollte fliehen, aber Graf Ketlan trat raſch auf ſie zu und hielt ſie an den Händen feſt. 1* 4 „Ich laſſe Sie nicht! Sie müſſen mich hören. Es iſt keine Zeit zu langem Reden; denn meine Schweſter hat Verdacht geſchöpft und Jolanthe ſpio⸗ nirt aus Naturanlage. Wie es gekommen iſt, weiß ich nicht, aber ich hätte ſchon Ihre Schuhe küſſen mögen an dem Abend, als ich Sie zum erſten Male ſah. Sie haben ſich und Ihr ganzes Geſchlecht ge— rächt, was ich zu verachten wähnte. Verzeihen Sie mir! Ich will Sie dafür auf einen Thron ſetzen und Ihnen dienen mein ganzes Leben lang. Laſſen Sie uns fliehen! Ich beſitze ein kleines Schloß, kaum mehr als einen Thurm, in einer romantiſch wilden Gegend der Karpaten. Hoch von einem Felſen blickt es über düſtere Wälder in die Ebene und ſeinen Fuß umſpielt ein ſchäumender Bergſtrom. Dort, wohin keines Ver⸗ leumders Zunge, kein Kriegsgetümmel reicht, wollen wir nur uns gehören. Und wenn ich mein großes Werk vollbracht, wenn ich den Fuß auf den Nacken unſerer Feinde geſetzt habe, wenn das ungariſche Volk aus allen ſeinen Gauen dem Befreier zujaucht, dann bring; ich Ehre, Ruhm, vielleicht auch eine Krone— Dir! Dann ſollſt Du auch vor der Welt mein Weib ſein, oder ich zerſchmettere mir den Schä⸗ del mit derſelben Waffe, mit der ich den erſten Schuß auf unſere Feinde abgefeuert, die ja auch die Deinen 5 ſind. Denn Du liebſt mich; Du mußt mich lieben, ich fühle es am Zucken Deiner Hand, ich ſah es am Erbleichen Deines Angeſichts, als ich heute vor Dich hintrat Gertrud...“ Erſtarrt ſtand Gertrud vor dem Grafen, der, wahnwitzige Leidenſchaft in den bleichen Zügen, ſo zu ihr zu ſprechen wagte. Sie wollte reden, aber die Zunge verſagte ihr den Dienſt. Nur unwillkürlich trat ſie einen Schritt zurück und ſtreckte in bangem Schauder die beiden Hände aus. „Mißtraue mir nicht“, flüſterte Janos wieder, „wenn ich Dich nicht in dieſem Augenblick zu meiner Gattin mache, aber das große Werk, dem ich bisher mein ganzes Leben weihte...“ Gertrud erhob eine ihrer Hände, ſo voll Hoheit, ſo gebieteriſch, daß dem Grafen das Wort im Munde ſtockte; ihre grauen Augen waren weit geöffnet; klar und feſt und ohne Beben in der Stimme ſprach ſie: „Halten Sie ein, Herr Graf! Ich habe nicht das Recht, die Gründe Ihrer Handlungsweiſe zu hören; denn ich liebe Sie nicht und werde weder jetzt noch ſpäter Ihre Gattin.“ „Du lügſt!“ Des Grafen Hände hatten ſich ge⸗ ballt und ſeine Zähne knirſchten. „Ich lüge nicht“, ſagte Gertrud ſanft.„Ich dachte 6 mir die Liebe hoch und mild und rein— Sie liebe ich nicht, ſo wahr mir Gott helfe!“ Wie Jubel klang es in Gertrud's Stimme und ihre hocherhobene Linke zitterte nicht. Hörbar preßten ſich des Grafen Zähne aufeinan⸗ der, dann drehte er ihr kurz den Rücken und verließ ohne Gruß das Zimmer. Ermattet ſank Gertrud nieder. „Er ſprach von Liebe, Krieg und Mord in einem Athem— das iſt die Liebe nicht!“ Wie ein Raſender war Janos hinweggeſtürzt. Er befand ſich bereits auf der Treppe, als er wenige Stufen weiter unten lautes Gelächter und Rufen hörte. „Die deutſche Fräulein! Wo iſt die deutſche Fräu⸗ lein? Sie ſoll zum Eſſen kommen, wenn ſie nicht ganz todt iſt. Wenn man krank iſt, muß man ſehr viel eſſen. Ich eſſe mich immer wieder geſund! Hollah, Oerdöck, Hero— wo iſt die deutſche Fräulein?“ Ein lautes Bellen antwortete, deſſen Echo weithin durch die Gänge dröhnte. Es war Sandor, deſſen dicke Geſtalt ſich in einem Knäuel mit ſeinen beiden Hunden die Treppe heraufwälzte und nun, kaum zwei Stufen von ihm entfernt, ſeinem verhaßten Onkel in die verſtörten Züge blickte. Sandor wußte ſehr wohl, daß Janos am andern Flügel wohnte und daß es, wenn 71 er überhaupt hierher kam, nur Gertrud's wegen ſein konnte. In ſeiner zornigen Ueberraſchung und wohl auch deshalb, daß Gertrud ihn hören ſollte, rief er ſo laut, daß es durch die Corridore ſchallte: „So krank iſt die deutſche Fräulein, daß der Herr Graf ſie pflegen muß!“ Mit einer gebieteriſchen Handbewegung gebot der Graf ſeinem Neffen Schweigen, aber derſelbe ſchrie nur lauter:. „Der ungariſche Patriot war bei die deutſche Fräulein, um ſie geſund zu machen!“ Außer ſich vor Zorn ſtieß der Graf ſeinen Neffen zur Seite, daß derſelbe rückwärts hinabtaumelte und beim nächſten Treppenabſatz zu Boden fiel. „Oerdöck! Hero! Faß!“ ſchäumte Sandor wüthend, den die Hunde ſcherzend an den Kleidern zogen. Aber Oerdöck und Hero bellten nur hinter dem ſich raſch entfernenden Grafen drein und hüteten ſich, mit ſeinen beſpornten Abſätzen noch einmal in Berüh⸗ rung zu kommen. Mit in Unordnung gerathener Kleidung raffte Sandor ſich auf und ſtürmte bis in das Speiſezimmer ſeiner Mutter, und mit ihm jagten bellend die beiden Hunde herein, welche ſonſt ſorgfältig ſogar von den OB 8 an die Gemächer der Baronin ſtoßenden Corridoren fern gehalten wurden. „Mutter, Onkel Janos war bei Gerta!“ Sandor's Wangen glühten vor Zorn und Aufre⸗ gung, wirr hing das blonde Lockenhaar um den jugend⸗ lichen Kopf und die dunkelblauen Augen hafteten auf der Mutter, als müſſe auch dieſe über ſolchen Frevel aufs äußerſte empört ſein. Das Erſtaunen über die Leidenſchaftlichkeit des Boten kämpfte in der Baronin gegen ihren Unwillen über die Nachricht; kalt und ſtreng fragte ſie: „Nun, und was weiter?“ „Hörſt Du denn nicht?“ wiederholte Sandor, durch das Benehmen der Mutter etwas unſicher ge⸗ macht, in ſchmollendem Tone.„Sie iſt deshalb nicht zu Tiſche gekommen, weil ſie ihn erwartete. Iſt das nicht abſcheulich?“ „Allerdings, aber was geht das Dich an?“ „Sehr viel!“ antwortete Sandor trotzig.„Wenn ich erwachſen bin, will ich Gertrud heirathen.“ „Ei!“ ſagte die Baronin gedehnt, und eine dunkle Röthe vertrat einen Augenblick die erdfahle Bläſſe ih⸗ res Geſichts;„und haſt Du ihr das ſchon geſagt?“ „O, ſchon oft!“ „Und was antwortete ſie?“ — — 9 „Sie lachte und ſagte, ich ſei ein drolliger Knabe, und ſchickte mich fort. Wenn ſie nicht gewollt hätte, hätte ſie doch nein ſagen müſſen.“ Die Magnatin dachte einen Augenblick nach. Vom Hofe herauf ertönte wieder das Vorführen eines Pferdes. „Es iſt Janos, er reitet weg“, murrte Sandor, der ans Fenſter getreten war;„ein Glück für ihn, wenn ich ihm nicht mehr in Lorin begegne.“ „Dafür ſoll geſorgt werden, wenigſtens in der nächſten Zeit. Gehe auf Dein Zimmer und rüſte Dich zur Abreiſe. Auch Dein Hofmeiſter ſoll ſich bereit machen, Dich nach Peſth zu begleiten. Du wirſt den Winter in einer dortigen Schule für junge Edelleute zubringen! Kein Wort! Ich habe Thorheiten genug gehört!“ Sandor ſtand unbeweglich. So hatte ſeine Mut⸗ ter noch nie zu ihm geſprochen. „Geh'“, fuhr die Magnatin fort, als könne es ſich überhaupt um Widerſpruch nicht handeln,„und ſchaffe Deine Hunde fort!“ Von dem ungewohnten Tone ſeiner Mutter war der junge Grundherr ſo eingeſchüchtert, daß er ſeine Lieblingsthiere nicht anders als durch Zeichen zu locken wagte und faſt ſcheu aus der Thür ging. Kaum hatte er ſie hinter ſich geſchloſſen, ſo trat Jolanthe ein. 40 Sie traf die Baronin wohl vorbereitet für die Mittheilungen, welche ſie ihr zu machen beſchloſſen hatte. Mit einer an Abſcheu grenzenden Heftigkeit hatte Gertrud die Liebe des Mannes zurückgewieſen, dem zu gefallen der brennendſte Wunſch war, von dem Jolan⸗ thens Seele faſt allein beherrſcht wurde. Wahrſchein⸗ lich wäre die an Manie ſtreifende Zuneigung der Frau von Valaſy, ſobald ſie Gräfin geworden, geſchwunden; nichtsdeſtoweniger verfolgte ſie dieſes Ziel mit der zäheſten Beharrlichkeit, und dieſe Leidenſchaft war das Einzige, was ſie Jahre der Unbefriedigtheit und Selbſt⸗ verachtung an der Seite einer verbitterten Kranken ohne Klage hatte ertragen laſſen, während ihrem Range und ihrem Reichthum nach die erſte Geſellſchaft der ungariſchen Hauptſtadt ihr offen ſtand. Und dennoch empfand Jolanthe keine Freude, als ſie hörte, wie Gertrud, welche ſie ſo lange als ihre Nebenbuhlerin betrachtet hatte, den Mann zurückwies, vor dem ſie ſelber ſich ſchon bis zum Staub er⸗ niedrigt hatte. Sie glaubte nicht an Gertrud's Ernſt; ſie hielt deren Sprache für eine Miſchung von deutſcher Prü⸗ derie und Schlauheit, um ſich bei einem zweiten Sturm um ſo williger beſiegen zu laſſen. Es war 11 für Frau von Valaſy unfaßbar, daß ein heimatloſes, armes Geſchöpf, gleich Gertrud, Hand und Herz des von ihr vergötterten Mannes ausſchlagen könne, wenn dieſelben auch unter der Bedingung, vorläufig ſeine Geliebte zu werden, angeboten waren. Ja, das war's, ſie wollte ihrer Sache ſicher und auf dem Fleck geheirathet ſein. Das höhniſche, rachſüchtige Lachen, das ihr dieſe Ueberzeugung erpreßte, lag noch auf ihren Zügen, als ſie bei Giſela eintrat. Die Unterhaltung zwiſchen den beiden Frauen dauerte nur wenige Minuten. Dann wurde Jolanthe abgeſchickt, um Gertrud zu der Baronin zu bitten, da die Angelegenheit geheim bleiben ſollte. Jolanthe fand die Thür verſchloſſen, und erſt nach einigem Parlamentiren ließ ſich Gertrud herbei, zu öffnen. Das war für Jolanthe nur ein neuer gravirender Beweis der berechnetſten Koketterie, um Janos bei einer Wiederkehr vollends zur Raſerei zu bringen. Mit dem Zlick der glühendſten Eiferſucht durch⸗ forſchte Jolanthe die Züge ihrer Feindin nach einem Ausdruck heimlichen Triumphs; ſie fand darin nur 42 eine ſtolze, ruhige Entſchiedenheit. Alſo war Gertrud ihrer Sache gewiß. Ohne ſichtbare Zeichen der Ueberraſchung oder Furcht hörte das junge Mädchen die mit höhniſcher Höflichkeit ihr überbrachte Botſchaft, daß die Baronin, wenn es Fräulein von Nortwald's Befinden erlaube, ſie zu ſprechen wünſche, und ohne Zaudern ging ſie neben Frau von Valaſy nach den Zimmern der Mag⸗ natin. Dieſe beantwortete den reſpektvollen Gruß der jungen Deutſchen nicht. Streng und finſter maß ſie ihren Schützling, und ohne Gertrud nur zum Sitzen einzuladen, be⸗ gann ſie: „Als ich Sie einſt, durch Ihre Worte beſtochen, einlud, uns hierher zu folgen, glaubte ich in Ihnen eine treue Freundin, eine moraliſche Stütze für Ilka, ein reines, erfriſchendes Element für das geſellige Le⸗ ben unſeres Hauſes gewonnen zu haben. Ich wollte Ihnen, ſoviel in meiner Macht ſtand, an uns eine Familie und Heimat geben und hoffte, wenn auch nicht auf Dank, ſo doch darauf, daß Sie ſich jeder abſichtlichen und heimlichen Schädigung unſeres Fa⸗ milienlebens enthalten würden. Mit tiefem Schmerz kann ich mich, worauf ſchon Ihr Benehmen der letzten 13 Zeit mich hätte vorbereiten können, heute der Ueber⸗ zeugung nicht mehr verſchließen, daß Ihre Handlungen Ihren Worten nicht immer entſprechen, daß Ihre prätentiöſe Redlichkeit nicht ausreichend iſt für jene Pflichten des Anſtandes und weiblicher Zurückhaltung, welche ich in meinem Hauſe fordern muß.“ Die Magnatin hielt erregt inne und wartete auf Antwort. Gertrud athmete ſehr kurz und raſch; ihre Züge erſchienen ungewöhnlich ſcharf und ihre Augen, mit denen ſie die Baronin anſtarrte, wurden immer größer. Aber ſie ſchwieg. Unwillig über dieſen Trotz fuhr die Baronin fort: „Ich habe es mit Schweigen übergangen, daß Sie die Annäherung der Offiziere nicht genügend in Schran⸗ ken halten, ja ſelbſt Ihre ſcheinbaren Verſuche dazu geſchehen in einer Weiſe, welche eher anzieht, als entfremdet. Ich beſchränke mich auf die Wahrneh⸗ mungen in meiner eigenen Familie. Nur Ihrem Ein⸗ fluſſe kann ich es zuſchreiben, daß Ilka, das beſte und offenſte Kind, ſich ihrer Mutter immer mehr entfrem⸗ det und ganz und gar ihre frühere Unbefangenheit verloren hat. Sie führen heimliche Geſpräche mit ihr, deren Inhalt Sie nicht mittheilen können, wenn man Sie fragt, und welche meine Tochter zum Erröthen bringen. Was hatten Sie heute meiner Tochter zu ſa⸗ 44 gen? Antworten Sie! Ich habe als Mutter das Recht, Sie zu fragen!“ „Sie haben mich beſchimpft, ehe Sie mich an⸗ klagten, verurtheilt, ehe Sie mich hörten— meine Vertheidigung kann für Sie keinen Werth haben!“ Mit nervöſer Spannkraft richtete ſich die Baro⸗ nin auf und ſagte gebieteriſch: „Ich weiß es, Sie ſind gewandt in der Conver⸗ ſation. Treten Sie näher und ſehen Sie mir ins Geſicht. Was haben Sie aus meinem Sohn gemacht? Können Sie es leugnen, daß Sie die Thorheit ſeines jungen Herzens lachend geduldet haben?“ Blutroth im Geſicht trat Gertrud einen Schritt zurück. „Gott weiß, was ich bei den Unarten des wilden Knaben gelitten habe!“ rief ſie entrüſtet.„Das einzige Mittel, mich ſeiner zu erwehren, war, ihn als Kind zu behandeln und zu verſpotten!“ „Nun, laſſen wir das“, unterbrach die Baronin ablehnend.„Es iſt dafür geſorgt, daß Sandor eine Umgebung erhält, die ihn ernſter behandelt. Ich er⸗ wähne der Sache auch nur zur Vervollſtändigung des Ganzen.— Darf man wiſſen, was Sie heute gethan haben, nachdem Sie ſich von der Anweſenheit bei der 15 Mittagstafel entbanden? Sie ſchützten Unwohlſein vor, wenn ich nicht irre.“ „Ja, Frau Baronin, ich ſchützte es vor“, ſagte Gertrud ruhig. „Ein offenes Geſtändniß! Und zu welchem Zweck?“ „Um nicht mit einem Manne bei Tiſche zu ſein, deſſen Benehmen mich verletzt hatte.“ „Und wer iſt dieſer Mann?“ „Graf Ketlan.“ Jolanthe ſtieß ein faſt unhörbares trockenes La⸗ chen aus. „Und was thaten Sie in Ihrer Stube?“ „Ich ſtudirte Ungariſch.“ „So— Sie ſtudirten Ungariſch“, ſagte die Magnatin gedehnt.„Unzweifelhaft, um die Entſchul⸗ digungen meines Bruders in ſeiner Mutterſprache ent⸗ genzunehmen?“ Gertrud ſchwieg. „Und warum“, fuhr die Baronin fort,„haben Sie das Licht an das Fenſter geſtellt?“ „Weil es mich blendete!“ antwortete Gertrud mit ſprachloſem Staunen. Jolanthe wendete ſich mit ſcheinbarer Entrüſtung über ſo viel Unverſchämtheit theatraliſch ab. 16 „Jeder andere Menſch“, fuhr die Baronin mit dem bitterſten Hohne fort,„hätte jenes Licht am Fen⸗ ſter für ein verabredetes Zeichen gehalten. Auch mein Bruder ſcheint dieſer Anſicht geweſen zu ſein; denn er kam wenige Minuten ſpäter in Ihr Zimmer, unzwei⸗ felhaft, um Ihre Verzeihung anzuflehen für die Ihnen angethane Unbill? Nun, können Sie leugnen, daß Graf Ketlan bei Ihnen war?“ „Nein!“ „Iſt das ſchicklich?“ „Dieſe Frage bitte ich an Ihren Herrn Bruder zu richten.“ „Sie wollen es wohl auch der Discretion des Grafen überlaſſen, die übrigen Vorgänge in Ihrem Zimmer zu erklären?“ „Ich wenigſtens habe Ihnen nichts darüber mit⸗ zutheilen.“ „Sie rechnen auf den Edelmuth oder die Leicht⸗ gläubigkeit meines Bruders.“ „Nur auf ſeine Mannesehre.“ „Mein Fräulein!“ ſchnellte die Baronin empor, die ſich bei dem letzten Theil des Geſprächs gewaltſam zurückgehalten.„Mein Fräulein, Sie ſind noch— kecker, als Sie kokett ſind.“ Gertrud's Körper zitterte fieberhaft. Mit leiſer 17 Stimme, in welcher gewaltſam unterdrücktes Weinen klang, bat ſie: „Ich wünſche nichts ſehnlicher, als Sie und Ihr Haus noch heute von meiner Gegenwart zu befreien!“ Die Baronin ſchaute das bleiche junge Mädchen einen Augenblick betroffen an. Aber das trockene La⸗ chen Jolanthens gab ihrem Geiſte die gewünſchte Rich⸗ tung wieder. „Um im nächſten Dorfe mit meinem Bruder zu⸗ ſammenzutreffen und Ihre Intriguen gegen den Frie⸗ den und die Ehre unſerer Familie...“ „Madame...“ „Ja, ich wiederhole es, gegen die Ehre unſerer Familie weiterzuſpinnen. Sie ſind eine Gefahr für uns geworden und als ſolche werden wir Sie im Auge behalten. Das Haus Lorin iſt keine Verſor⸗ gungsanſtalt für deutſche Abenteurerinnen.“ „Gnädige Frau“, ſagte Gertrud tonlos und ſich mit äußerſter Anſtrengung vor dem Umſinken be⸗ wahrend,„ich werde mich Ihrer Beobachtung nicht entziehen, ſo wenig Sie zu einer ſolchen auch das Recht haben. Ich werde das ſchon um meiner ſelbſt wil⸗ len thun. Ich werde bleiben, bis ich gerechtfertigt bin. Aber bis dahin bitte ich, mich nur als Ihre Gefan⸗ gene, nicht mehr als Ihren Gaſt zu betrachten.“ v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 2 18 Damit wendete ſich Gertrud um und ging wie eine Traumwandelnde aus der Thür und nach ihrem Zimmer. „Komödiantin!“ hörte ſie hinter ſich die ziſchende Stimme Jolanthens. Das Licht war ausgegangen und unſicher taſtete ſie ſich nach dem Sopha. Dort brach ſie zuſammen und lag mehrere Stunden halb bewußtlos in krampf⸗ haftem Schluchzen. Niemand bekümmerte ſich um ſie. Zweites Kapitel. Nach jener Unterredung glich die Anweſenheit Ger⸗ trud's im Schloſſe in der That einer Art Gefangen⸗ ſchaft. Durch ſtillſchweigendes Uebereinkommen wurden ihr die Mahlzeiten auf dem Zimmer ſervirt; den Fa⸗ milienverſammlungen im Billardzimmer hielt ſie ſich natürlich fern. Um keinem der Familienglieder zu be⸗ gegnen und keinen neuen Verdacht zu erregen, blieb Gertrud meiſt in ihrer Wohnung; nur gegen Abend, wenn ſie Alles bei Tiſche wußte, eilte ſie in den ver⸗ borgenſten Winkel des Parks. Dort, auf einer alten Steinbank, unter einer großen überhängenden Trauer⸗ weide, deren Zweige wie ein grüner Schleier bis auf die Erde reichten, dachte ſie über ihr ſeltſames Geſchick nach. Sie zweifelte nicht, daß die erſte Unterredung der Baronin mit dem Bruder ihre Lage klären und 2 △ 20 ihr die Freiheit geben werde, hinauszuziehen— wo⸗ hin? Die Zweige der Trauerweide ſchwankten im Abendwinde und ein kühles Fröſteln zog durch Gertrud's Seele. Wohin?— Von der Baronin, von Ilka vernahm ſie nichts. Sandor's lautes Gelächter und das Bellen ſeiner Hunde war verſtummt. Die Baro⸗ nin hatte alſo ihre Drohung wahr gemacht. Graf Ketlan kam nicht mehr nach Lorin, wohl aber ſah Gertrud den Einſiedler von Sard mit ſeinem prächtigen Viergeſpann mehrmals in das Portal fahren. Herr von Kißnagy blieb gewöhnlich einige Stunden und fuhr dann wieder fort. Einmal ſah Gertrud die Tochter des Hauſes und Jolanthe den niedrigen, von vier Po⸗ nies gezogenen Wagen Sandor's beſteigen und hörte, wie Ilka dem Kutſcher zurief: „Du mußt fahren, ſo raſch Du kannſt, denn wir müſſen um zwölf Uhr bei der Theaterprobe ſein.“ Bei der Theaterprobe! Dieſe Worte der einſtigen Freundin ſchnitten Gertrud durch's Herz. Sie war alſo von aller Welt verlaſſen und vergeſſen. Die Offiziere kamen nicht mehr in das Schloß; wohl deshalb, weil die Baronin leidend ſei, wie Ger⸗ trud von der Magd erfuhr, welche ſie bediente und nach und nach die ihr eingeſchärfte Zurückhaltung vor dem milden, traurigen Antlitz Gertrud's verlor. 24 In Sard war man inzwiſchen in voller Thätigkeit. Die dortige Bühne hatte ſich für die Aufführung des „Zriny“ als zu klein herausgeſtellt und mußte auf das Machtwort Kißnagy's binnen wenig Tagen umgebaut werden. Aus Peſth kam ein berühmter Maſchiniſt, um die Herſtellung des Maſchinenraums zu überwachen. Der letzte Act, der Brand des alten Schloſſes von Sigeth und das Zuſammenſtürzen des in die Luft ge⸗ ſprengten Pulverthurms, ſollte mit möglichſter Treue in Scene geſetzt werden. Der Bankettſaal wurde mit den ungariſchen Far⸗ ben und andern hiſtoriſchen Emblemen ausgeſchmückt und ſelbſt in den Zimmern, wo die Gäſte übernachten ſollten, hatte man für Erinnerungen aus den unga⸗ riſchen Befreiungskämpfen geſorgt. Die von der The⸗ atervorſtellung angeregte, vom Bankett erhitzte Einbil⸗ dungskraft der Gäſte ſollte hier durch die bildliche Darſtellung einer Scene aus dem ungariſchen Ver⸗ zweiflungskampfe genährt werden, dort fielen dem Gaſt Petöfi's melancholiſche Freiheitslieder in die Hände, und in einem Zimmer war wie aus Zufall ein vergilbter Lorbeerkranz mit den ungariſchen Schleifen hängen geblieben, der wohl einſt das Grab eines ge⸗ fallenen Freiheitskämpfers geziert hatte. Während Kißnagy durch den Bau des Theaters 22 und die Vorbereitungen zum Stück faſt vollſtändig in Anſpruch genommen war, hatte Graf Ketlan die pa⸗ triotiſche Ausſchmückung des Palaſtes überwacht. An dem Tage, an welchem nach der Generalprobe des neuen Stücks Kißnagy ihm voll hoher Freude die Hand drückte, konnte Janos ſeinem ſelbſtgewählten Herrn in der Kriegsrüſtung des Großtürken die Meldung machen, daß auch er mit der Ausſchmückung des Palaſtes fertig ſei. Schon früh am Nachmittage kamen einige der Eingeladenen, welche entfernter wohnten, einzeln oder mit ihren Familien an. Auf einem der zahlreichen Thürme von Sard ſtehend, ſah Janos die meiſt ſehr niedrigen, aber faſt ſtets von vier Pferden gezogenen nationalen Fuhrwerke am Horizonte auftauchen und auf den kaum kenntlichen Geleiſen, welche die Ebene nach allen Richtungen durchkreuzten, ſich nähern, bis ſie endlich mit lautem Eljen und Hüteſchwenken in den Hof einlenkten. Auf der oberſten Stufe der Freitreppe ſtand der Herr des Hauſes. Er trug eine ungariſche Kleidung von dunkelblauem Sammt, welche er ſeiner Gewohnheit nach mit Juwelen und Spitzen reichlich ausgeſtattet hatte. 23 Er ſchüttelte den Männern die Hand und führte die Damen mit feierlicher Grandezza nach den ihnen zugewieſenen Gemächern. Von Zeit zu Zeit galoppirte dann wieder ein ein⸗ zelner Reiter in den Hof, ein anderer, den ein Diener begleitete, kam von der entgegengeſetzten Richtung. Dann trieb eine kleine Cavalcade Damen und Herren die müden Pferde in der Nähe des Schloſſes zu einem kräftigen Galopp und ritt in ſchöner geſchloſſener Ord⸗ nung vor der Treppe auf, während die Diener im ſcharfen Trabe folgten. Immer belebter wurden Schloß und Park Sard; laute, fröhliche Stimmen klangen in den gewöhnlich ſo ſtillen Gängen und zwiſchen den nordiſchen Bäumen des Parks ſchimmerten neben der dunklen Schleppe des Reitkleides die neueſten Pariſer Balltoiletten; über die Marmortreppen klirrten die Sporen der Grundbe⸗ ſitzer und Cavaliere. Janos miſchte ſich noch nicht unter die Gäſte. Er wußte, daß ein verfrühtes Erſcheinen einen Theil der Geſellſchaft überraſcht und zur Vorſicht bewogen hätte. Auch blickte er mit geſpannter Aufmerkſamkeit in der Richtung von Lorin. Seit er an jenem Abende ohne Abſchied weggeritten war, hatte er mit ſeiner Schweſter nicht anders verkehrt als durch die formellen Grüße, 24 welche er durch Herrn von Kißnagy ſeinen Verwand⸗ ten ſchickte und welche ebenſo formell erwidert wurden. Einmal war Ilka zur Leſeprobe nach Sard her⸗ übergefahren und Jolanthe hatte ſie begleitet. Da je⸗ doch Janos als Soliman und Ilka als Helene nicht zu gleicher Zeit auf der Bühne zu erſcheinen hatten, ſo war es Janos leicht geworden, ſich von Kißnagy, den er mit einem gewiſſen Nachdruck als Gebieter be⸗ handelte, Urlaub zu erbitten und über Land zu reiten. Die Baronin ſchien ſo wenig zu Mittheilungen geneigt wie Janos, und ſo war er über die Vorgänge in Lorin zum Theil im Dunkel geblieben. Er wußte nur, daß Sandor plötzlich in eine Peſther Penſion ge⸗ ſchick und von ſeinem Vater dorthin begleitet wor⸗ den war. Obwohl von dieſer Seite noch keine Erklärung erfolgt war, ſo hatte Herr von Kißnagy doch keine Einwendung gemacht, daß ſein Gaſt das einſam ge⸗ legene und von keiner Garniſon überwachte Sard zum Mittelpunkte der revolutionären Propaganda machte, und ſchien von den Boten, die meiſtens in der Nacht kamen und gingen, nichts zu wiſſen. Auch dadurch war ein weiteres Motiv des lebhaften Verkehrs zwiſchen Bruder und Schweſter geſchwunden. 25 Janos war daher in völliger Unkenntniß darüber, wer außer Ilka an dem Feſte in Sard Theil nehmen werde. Er hoffte faſt, daß ſeine Schweſter ſich durch die Schwierigkeiten ihrer Beförderung am Erſcheinen hindern laſſen werde; aber ſein Antlitz ward bleich, wenn er bedachte, daß er vor demſelben Weſen die Breter betreten ſollte, welches ſeine Liebe mit ſolcher Verachtung unter die Füße getreten hatte. In der Richtung von Lorin erblickte er eine Staubwolke, welche beim Näherkommen einen grauen Streifen auf der Haide zurückließ. Die Wolke ward durchſichtiger; mit klopfendem Herzen erkannte Janos die vier Ponies Sandor's. Seine Schweſter kam alſo nicht, denn ſonſt wäre ein anderer Wagen gewählt worden. Janos ſtrengte die Kraft ſeiner Augen bis zum Aeußerſten an. Auf dem Fuhrwerk ſaßen zwei Damen, beide ſonderbarer Weiſe auf dem Bock und der Diener nahm den innern Sitz ein. Unſinnig ſchlug die Rechsſitzende auf die Ponies, daß ſie mit geſenkten Köpfen wie raſend dahingalop⸗ pirten in einer eilenden Wolke von Staub. Janos erkannte die beiden Frauen— die eine war Jolanthe, die andere, welche lachend die Zügel 26 führte, Ilka. Die Furcht vor ihrer Mutter hatte ſie verhindert, das Stelldichein mit Serravaglia einzu⸗ halten, ſodann hatte die Ausſicht auf das Theater⸗ ſpielen und das Studium ihrer Rolle ſie vollſtändig in Anſpruch genommen und nach einer Woche kam ihr nur zuweilen noch mit einer Art Ueberraſchung in den Sinn, daß ſie ja eigentlich einen„Schatz“ habe. Janos gehörte nicht zu den Menſchen, welche ſich Jahre lang in fruchtloſem Schmachten und verſchmäh⸗ ter Liebe verzehren. Schnell, wie der Blitz über die gewitterſchwüle Haide zuckt, war jene Leidenſchaft ge⸗ kommen und erloſchen. Er war damals von Gertrud hinweg auf Ueſtökös hinausgeſtürmt in die Nacht, und wenn die beiden Sard glücklich erreicht hatten, ſo war es mehr den eiſenharten Sehnen des braven Thieres als dem Geiſteszuſtand ſeines Reiters beizu⸗ meſſen. Dann kamen Tage finſtern Brütens und halber Raſerei, und zwiſchen Selbſtmord oder Gewalt an der Geliebten hatte manchmal nur die kurze Spanne vom Entſchluß zur That gelegen. Dann war es eine Kleinigkeit— ein Nichts— die Komödien Kißnagy's — die ihn dem Bann ſeiner finſtern Gedanken für einen Augenblick entzog, und allmälig erinnerte er 27 ſich an Alles, was es noch zu erkämpfen galt, an ſeinen Haß, an ſeinen Ehrgeiz. Ein zartes, tugend⸗ ſames Mägdelein ſollte ihn aufhalten auf ſeinem Weg, das halbvollendete Werk in Trümmer ſchlagen? Nim⸗ mermehr!— Mit einem Lachen, das ihm aus tiefſter Seele kam und bei dem ihn Kißnagy mißtrauiſch an⸗ blickte, gab er der Thorheit, die ihn quälte, ihren Ab⸗ ſchied, und Gertrud unterſchied ſich von den andern Frauen, die er gekannt, nur dadurch, daß er ſie nicht verachten konnte. Was übrig blieb, war nur noch die Scheu vor der Schweſter und ſein verletzter Stolz. Mit einem Seufzer der Erleichterung ging er daher den Ankommenden bis zur Freitreppe entgegen. Dort ſah er Kißnagy bereits mit jugendlicher Gewandt⸗ heit Ilka vom Wagen helfen. Mit etwas ironiſcher Galanterie bot Janos der Frau von Valaſy ſeine Hülfe an. Ernſt und feierlich, wie eine zum Tode Verur⸗ theilte, ſtieg Jolanthe zu Boden. Sie trug ein ſchweres ſchwarzes Sammtkleid und einen Schleier wie in tiefer Trauer. Janos ahnte, daß ſie nicht um ihren ver⸗ ſtorbenen Mann trauerte. Zum erſten Male ruhten die Zlicke des Grafen mit einem gewiſſen Intereſſe auf der unleugbaren 28 weiblichen Anmuth Jolanthens und ihren ſchönen Schul⸗ tern, welche ſich von dem ernſten Schwarz ihrer Klei⸗ dung blendend abhoben. Es war vielleicht nur die Oede eines eben von einer gewaltigen Leidenſchaft be⸗ freiten Herzens, welche bereitwillig das Echo ſeiner Sinne wiedergab: Jolanthe iſt ein prachtvolles Weib! Zu jeder andern Zeit hätte er in dem ſchwer⸗ müthigen Ernſt der ſchönen Wittwe nichts Anderes erblickt als ein neues, für ihn berechnetes Lockmittel, nachdem ihr früheres Entgegenkommen ſeinen Zweck verfehlt hatte. Heute aber legte ſich jene Veränderung froſtig auf ſeine vereinſamte Bruſt, und mit innerem Frohlocken lauſchte Jolanthe auf die nie gehörten milden Worte, wie ſie auch Gertrud's anfängliche Scheu überwunden hatten. Jolanthe antwortete ſanft und traurig, wie eine zum Tode Gebrochene, während ihr Herz ju⸗ belte. Es berührte Janos faſt ſchmerzlich, als ſich Kiß⸗ nagy von Ilka empfahl und damit auch ihm das Zeichen gab, daß noch andere Aufgaben ſeiner harrten. Und der Mann, welcher ſeiner Schweſter vor einer Woche noch mit der größten Ausführlichkeit bewies,. 29 warum Männer wie er Frauen wie Jolanthe nicht lieben könnten, flüſterte derſelben jetzt mit haſtiger, er⸗ regter Stimme zu:.. „Denken Sie daran, Jolanthe, daß ich das erſte Recht habe, beim Bankett Ihr Ritter zu ſein.“ Jolanthe nickte mechaniſch, als ob ſie das Recht, aber nur das Recht hierzu beſtätige, und kühl und un⸗ beweglich lag ihre weiche, feingegliederte Hand einen Augenblick in der ſeinen. Dann folgte ſie Ilka, welche von Kißnagy nach dem Theater geführt wurde, um vom Zuſchauerraum aus die Bühne zu bewundern, die durch Ilka's Auf⸗ treten ihm für alle Zeiten eine geweihte Stätte ſein würde. Entzückt wie ein Kind ſtand Ilka in dem vergol⸗ deten geſchmückten Raum und ſchaute auf den buntbe⸗ malten Vorhang, auf dem von Genien begleitet Au⸗ rora ihr Geſpann auf roſigen Wolken führte, durch blaue Himmelsluft, während tief unten in den Schat⸗ ten der Nacht die Städte der Erde träumten. Da rief Jolanthe plötzlich: „Das biſt Du, Ilka— dieſe Aurora gleicht Dir!“ Mit lieblichem Erſchrecken erkannte auch Ilka die Aehnlichkeit. Der jugendliche Greis verbeugte ſich galant. 30 „Das Lichtbild, welches mir Graf Ketlan auf meine Bitte zur Verfügung ſtellte, war eine Beleidigung Ihrer Reize, und wenn der Maler auch Gelegenheit hatte, Sie zu ſehen, ſo waren dieſe Augenblicke kurz und ſolcher Schönheit gegenüber bleibt die Kunſt ja immer eine Pfuſcherei.“ Ilka hörte dieſe Worte kaum. Wie traumverloren ſtand ſie vor dem Bilde. War ſie ſo ſchön? Leichten Schrittes, als ob ihre Füßchen Flügel hätten, ſchritt ſie dann Herrn von Kißnagy nach zur Garderobe. An der Thür derſelben empfahl ſich der Herr des Hauſes mit einer tiefen Verbeugung, und an Jolanthens Seite trat Ilka in einen kleinen Feenraum, der an Pracht und Geſchmack der Ausſtattung Alles übertraf, was ſie in den Paläſten der ungariſchen Hauptſtadt je geſehen hatte. In maleriſcher Unordnung auf lichtblauen Damaſt⸗ möbeln ausgebreitet lagen die Gewänder ihrer Rolle. Der blaue ſternbeſäete Atlasrock mit goldenem Mieder gehörte für die erſten Acte; das weiße, mit natürlichen Orangenblüten überſtreute Brautkleid, von einem ſil⸗ berſchimmernden Schleier bedeckt, auf welchem die mit Myrten⸗ und Orangenblüten durchflochtene ſilberne Gra⸗ fenkrone ruhte, war für den letzten Aufzug. 34 31 Diadem und Mieder waren mit echten Juwelen überreich beſetzt. Stürmiſch klopfte Ilka's Herz vor Verlangen, ſich in all dieſer Pracht zu zeigen, und ihre letzte Bangigkeit ging unter im Taumel des Ent— zückens. Immer dichter war die Dämmerung herabgeſunken auf Sard und von einem der Minarets rief ſtatt der Stimme des Muezzin eine helle Glocke die im Park, am Büffet und in den Gaſtzimmern zerſtreuten Gäſte in das Theater. Der Zuſchauerraum beſaß keine Logen, ſondern nur zahlreiche Reihen von Bänken, die ſich nach Art der Amphitheater gegen die Bühne zu ſenkten. Die vornehmſten der eingeladenen Familien wur⸗ den von den Dienern des Hauſes zu den erſten Bän— ken geführt; die übrigen Gäſte theilten ſich nach eigener Wahl in die Sitze. Frau von Valaſy war ein Platz in der vorderſten Reihe angewieſen worden. Eine lebhafte Unterhaltung, oft von lauten Aus⸗ rufen begleitet, herrſchte unter den Gäſten, welche zum Theil von abgelegenen Landſitzen hierher geeilt waren und ſelbſt für Dinge, welche den Abonnenten des kleinſten Provinzialtheaters ziemlich kühl gelaſſen hätten, eine hohe Bewunderung an den Tag legten. Vorzüg⸗ lich der kühne und leichte Bau ſelber mit ſeinem in eine Spitze auslaufenden Runddach und der wie die — ͦ- 1 ————— 32 Krone des heiligen Stefan geformte ſtrahlende Kron⸗ leuchter, welcher aus der Spitze herabhing, waren Ge⸗ genſtände der Bewunderung auch der blaſirten Ariſto⸗ kraten, welche die Theater der Hauptſtädte Europas geſehen hatten und eigentlich nur gekommen waren, um ſich über die Anſtrengungen des reichen Sonder⸗ lings zu beluſtigen. Schon als die mit dem frühern Orcheſter ver⸗ ſchmolzene Kapelle des Lajos den erſten mächtigen Geigenſtrich erſchallen ließ, herrſchte athemloſes Schwei⸗ gen. Als aber unter den Klängen einer wilden Jani⸗ tſcharenmelodie der Vorhang aufging und das mit türkiſcher Pracht ausgeſtattete Zimmer des Großherrn zu Belgrad zeigte und den greiſen, todkranken Soli⸗ man ſelber auf ſeinem niedrigen Thron, und als dann Pal und Aranka ihren ernſten Tanz begannen, der zuletzt in eine Ceremonie anbetender Huldigung vor dem Beherrſcher der Gläubigen überging, da winkten auch die zurückhaltendſten Zuſchauer Beifall und er⸗ klärten das Arrangement für ausgezeichnet. Die Geſchwiſter waren verändert. Ihre Bewe⸗ gungen kamen Jolanthen weniger elaſtiſch vor; ihrer Grazie fehlte das Leben. Aranka ſchaute wie eine ſchöne Todte leer ins Leere und ihre ſilbernen Haare 33 gaben den abgezehrten ſtarren Zügen faſt etwas Grei⸗ ſenhaftes. Dennoch war das Tänzerpaar noch immer ſeltſam genug und vielleicht erhöhte das Automatenartige ihrer Bewegungen den Eindruck des fremdartig Unheimlichen, den ſie auf die Zuſchauer hervorbrachten. Eine Handbewegung des Großherrn endete den Tanz. Zögernd, mit einem langen ausdrucksloſen Blick ſchied Aranka von der Bühne und nun begann in meiſterhafter ungariſcher Uebertragung das Trauerſpiel des deutſchen Heldenjünglings Körner, deſſen Namen hier kein Theaterzettel kündete. Levi, der jüdiſche Arzt, erſcheint, und auf die Frage des Großherrn, wie lange er noch zu leben habe, gibt er ihm noch zehn Jahre, wenn er ſich ſchone. Und der Großherr flüſtert freudig erregt: „Still, Alter! Still! Mehr hab' ich nicht verlangt. Zehn Jahre gibt mir Deine Kunſt, wenn ich In laſſer Ruhe mich begraben wollte? Mein Leben iſt der rüſt'gen That gewohnt, So wird's doch noch ein Jahr des Kriegs ertragen. Mehr brauch' ich nicht!— Geh', rufe mir den Muhmed.“ Und Levi geht; leiſe und langſam anfangs, dann mit immer größerer Kraft ſpricht Soliman: „Ich ſoll mich ſchonen? Soll den Funken Kraft, Der in den alten Heldengliedern ſchlummert, Im müß'gen Leben langſam ſterben ſehn? v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 90 ——— 34 Als ich auftrat, da hat die Welt gezittert, Die Welt ſoll zittern, muß ich untergehn. Das iſt das große Götterloos der Helden! Geboren wird der Wurm und wird zertreten, Und nichts bezeichnet ſeines Lebens Spur. Das Volk verjüngt in kreiſenden Geſchlechtern Sein armes Daſein und der Niedre ſchleicht Unangemeldet in und aus dem Leben; Doch wo ein Held, ein Herrſcher kommen ſoll, Da ruft's ein Gott in ſeiner Sterne Flammen; Er tritt verkündigt in die ſtarre Welt, Das Leben iſt auf ſeine That bereitet.“ Mit Meiſterſchaft ſprach Graf Ketlan den Mono⸗ log; lang wallte der weiße Bart hernieder auf die ſeidenen Gewänder und unter der juwelenreichen Tur⸗ bankrone glühten die tiefſchwarzen Augen aus einem bleichen Antlitz, vor welchem die Welt erzittern konnte, und mächtig wie der Kriegsruf eines Giganten klangen die Verſe durch den Raum: „Drum ruf' ich dich zum letzten großen Kampf, Haus Oeſterreich— jetzt rüſte deine Fahnen! Held Soliman will ſiegend untergehn! Auf den erſtürmten Mauern deines Wien, Die alte Schmach in deinem Blute tilgend, Verkünd' ich dem Jahrhundert mein Geſetz. Auf, Deutſchland! auf! verſammle deine Helden! Du fällſt für deine Freiheit, deinen Gott! Die Welt ſoll's wiſſen, daß der Löwe ſtirbt, Und Wien ſoll ihm als Todesfackel brennen!“ Halbaufgerichtet, auf den zitternden Arm geſtützt, ſtand der Großherr. Selten war von einem Mimen ſo meiſterhaft dem verzehrendſten Haß Ausdruck ver⸗ liehen worden. Die Hörer blieben ſtumm. Wie Hoch⸗ verrath erſchien der Beifall. Noch erregt von den gewaltigen Bildern, mit denen er ſeine Seele berauſcht, gibt Soliman Befehl zum Aufbruch. Ein Fröſteln ging durch das Audi⸗ torium, als der Großtürke auf die Nachricht, daß Hamſa⸗Beg die Brücke über die wilde Drau nicht ſchlagen könne, dem Boten zuherrſchte: „.. Was? Ich ſoll warten? Was? Unmöglich wär's? Was iſt unmöglich, wenn der Großherr will? Ha, der Verräther!— Geh', wirf Dich auf's Pferd, Sag' ihm, ich bräche heute auf, und find' ich, Trotz dem empörten Element, die Brücke In vierundzwanzig Stunden nicht geſchlagen, So häng' ich ihn an ſeinem Ufer auf Und will ihn lehren, was ich möglich nenne! Fort! fort! wenn Dir Dein Leben werth iſt, fort! Zum Aufbruch, Großweſſir! Wir ſtürmen Sigeth!“ Erſt lange nachdem der Vorhang gefallen, brach der Beifall los. Aber umſonſt fragte man ſich nach dem Namen des Künſtlers, den unter dieſer Maske Niemand kannte. Es mußte ein berühmter Tragöde ſein, doch vergeblich forſchte man. Jolanthe ſchwieg und auf dem Theaterzettel ſtanden nur drei Sterne. Das Orcheſter hatte eine ſanfte, einſchmeichelnde Melodie geendet; wieder ging der Vorhang in die 32 36 Höhe und zeigte ein großes, mit ernſter kriegeriſcher Pracht geſchmücktes Zimmer im Schloſſe Sigeth. Eine herrliche Mädchengeſtalt in blauem, ſternbe⸗ ſäetem Kleid mit goldenem Mieder eilt auf das Bogen⸗ fenſter zu und wendet ſich dann ängſtlich um nach ihrer Mutter Eva Zriny. Und im Zuſchauerraum flüſtert man erſt leiſe, dann immer lauter:„Ilka von Lorin!“ Und lauter Beifall erſchallt, ehe noch die jugendliche Magnatin ein Wort geſprochen. Ihre Ver⸗ wirrung, ihr Erröthen ſtimmten zu der Rolle. Schon ihre Bewegungen, die erſten Verſe bewieſen ihr Talent. Und immer freier ward, je mehr ſie ſprach, der poe⸗ tiſche Pulsſchlag ihres Herzens, bis ſie, ſchüchtern ſich an die Mutter drängend, die ſüße Leidenſchaft ihr an⸗ vertraute, indeß ihr vor den kommenden Gefahren bangt. Dieſe werden von dem dazu kommenden Zriny und ſeinen Hauptleuten beſtätigt: „Wenn Soliman ſich rüſtet, gilt es uns!“ Aber die Ueberraſchungen waren noch nicht zu Ende, denn als Lorenz Juranitſch und Geliebter Hele⸗ nens erſchien der Hausherr ſelber auf der Bühne. Eine rothblonde Perrücke verbarg ſein weißes Haar, ſein Angeſicht glich dem einer weiß und roth bemalten Puppe und die Furchen des Alters waren ausgefüllt mit Puderſtaub. Das einfache braune Gewand — des Lorenz Juranitſch umgürtete ein langes ſchwarzes Schwert und hohl und blechern klang des adeligen Mimen Rede zwiſchen den kunſtvoll gearbeiteten Zähnen hervor. Die Rolle des jugendlichen Liebhabers, zu der kein Director ihn beſtimmt haben würde, war von dem Selbſtherrſcher von Sard und ſeinem Theater aus eigener Machtvollkommenheit erwählt, und wohl nur durch die Rückſicht auf den Hausherrn legte ſich die Unruhe, welche bei ſeinem Erſcheinen auf der Bühne durch die Reihen der Zuſchauer ſchwankte. Selbſt der Ausruf Helenens: „Gott! Juranitſch!“ als dieſer den Zriny um ein Fähnlein ſeiner Reiter bat, brachte auf verſchiedenen Bänken unterdrücktes Gelächter hervor. Doch Kißnagy rettete ſelbſt das Schickſal ſeiner Rolle. Die Weichheit, mit der er ſich zur verzagten Geliebten niederbeugte, die Leidenſchaft, mit welcher er geſtand: „Ja, alter Herr, ich liebe Eure Tochter!“ ließ vergeſſen, daß ein Greis es ſprach, und ſelbſt die verfänglichen Worte Zriny's: „Doch Deiner Jugend darf ich nicht allein Bertraun, was Ungarns Wohl beſtimmen könnte“ 38 gingen, ohne ein allgemeines Gelächter herauszufordern, vorüber. Auch Ilka, welche ſich und ihrer Familie ſchon ſo viel vorgeſpielt in ihrem kurzen Leben, fand ſich in ihre Rolle und ihr verzweiflungsvoller Ruf: „Ach, Du gehſt in Deinen Tod!“ und ihre Ohnmacht fanden reichen Beifall. Derſelbe ſteigerte ſich noch im nächſten Aufzug, in dem ſie mit ihrer Mutter über ihre Liebe Zwieſprach hält, und mit einem Murmeln der Zuſtimmung, wie eine Apologi Kißnagy's ward es aufgenommen, als Eva ſprach: „Und wenn Du Deinen Heldenjüngling liebſt Als Heldenbraut, wie's Zriny's Tochter zukommt, So iſt es nicht ſein jugendliches Antlitz, Nicht ſeiner Stimme ſchmeichelnde Gewalt, Die mit der Liebe Netzen Dich umſtrickt, Du liebſt den graden Sinn, die Kraft, den Ruhm Und ſeines Namens unbefleckte Ehre.“ Die perſönlichen Wechſelbeziehungen, welche das Publikum den beiden Liebenden zugewieſen, ſchienen auf Ilka zurückzuwirken. Ihr Auge war feucht und ihre Stimme bebte, als ſie ſprach: „Nein, Mutter, nein, ich liebe nur die Liebe, Die aus der Lippe flüſterndem Geſang, Die aus der Augen Thränen widerleuchtet. Ihn in der Liebe und in ihm die Liebe— Das ſchwankt und zittert, wie der Winde Hauch, und wiegt in ew'gen Wechſel meine Seele.“ ——— 39 Und weiter ging das Spiel. Immer mehr von der lebendigen Handlung fortgeriſſen, entflammten die Gemüther der Zuſchauer ſich an dem Heldenthum der Ahnen und Niemand wußte, daß es eines deutſchen Dichters Worte waren, die ſo oft das jauchzende „Eljen“ der Verſammlung wach riefen. Man hatte vergeſſen, daß der Bräutigam ein Greis, die Braut ein Kind war, und ſie beide vergaßen es ſelber ganz und gar. „O nimm mich mit im Sturme Deines Flugs, Du kühner Geiſt! Mich hält die dunkle Erde, Mich hält das arme kleine Leben noch! Mein Juranitſch, ach, läg' ich ewig ſo an Deinem Herzen!“ Es war das Feuer eines zwanzigjährigen Jüng⸗ lings, mit dem Kißnagy Helene an die Bruſt zog, und glühend brannten ſeine trockenen Lippen auf den ihren, als ſollte ihr thaufriſches Blühen für immer verwelken. Fortgeriſſen durch die Macht der eigenen Worte umklammert Ilka den Nacken ihres Lorenz. Das war kein Spiel mehr, und in den Zlicken des greiſen Jünglings loderte eine Flamme, gewaltiger wie da⸗ mals, als Janos ihm von einer Königswürde ſprach. Das Spiel nahm ſeinen Fortgang. Mit düſterem 40 Schweigen vernahm die geſchmückte Geſellſchaft jenen Schwur, den nach der Dichtung Zeugniß drei Jahr⸗ hunderte zuvor die Helden Ungarns in Sigeth ge⸗ ſchworen: „Bis in den Tod, bis auf den letzten Mann.“ Die Hauptleute knieten und legten ihre blanken Säbel auf das Schwert, das Held Zriny in ihrer Mitte ſtehend hielt: „Gott hört den Schwur und wird den Meineid rächen.“ Der Vorhang rauſchte langſam nieder. Als er ſich wieder hob, ſah man das Zelt des Großherrn, hörte die türkiſchen Heerführer von der unüberwindlichen Tapferkeit der Ungarn ſprechen und Soliman verſchob den Sturm. Und bei Vilacky's Heldenopfer ſeines Lebens ballte ſich manche Epigonenfauſt voll Trotz und in wilden Jubel brachen die Gäſte aus, als Zriny eine Fürſtenkrone zurückwies um ſeine Ehre und ſein Vaterland. Dann folgten die letzten Stunden des todkranken Soliman. Noch hatte Niemand den Schauſpieler er⸗ kannt, der mit ſolcher Treue Tyrannenweisheit und Tyrannenzorn zu ſchildern wußte, daß ſie das Blut der Hörer in den Adern erſtarren machte. Und wie das innerſte Geſetz der eigenen Bruſt verkündete Ketlan⸗ Soliman: 41 „Wär' ich ein Held, hätt' ich mich je geſorgt? Ich hab' gekämpft, genoſſen und bezwungen; Den Augenblick hab' ich mit Blut erkauft Und ſeine ganze Wolluſt ausgekoſtet... Daß ich auf Trümmern und auf Leichen ging, Daß ich Millionen in den Sturm geſchmettert, Wenn's mein Gelüſten galt, das mag der Wurm, Der unter mir im Staube ſich gewunden, Der Welk erzühlen........ Baut euch nur eures Namens Tempel hoch, Sei es auf Leichen, ſei's auf Opfergaben, Auf Haß, auf Liebe— baut nur hoch, nur hoch! Thor, der Du glaubſt, wer ſo wie ich gelebt, Der möchte gern den letzten Hauch des Lebens Im Traum des Friedens durch die Lippen ziehn. Lebendig nenn' ich nur die That, die rüſtig Aus ihrem Schlaf die müden Kräfte weckt; Die Ruhe tödtet, nur wer handelt, lebt— Und ich will leben, will vor'm Tod nicht ſterben!“ Da trat Muſtapha ein: Herr, laß zum Rückzug blaſen! Nur vergebens Jagſt Du die tapfern Schaaren in den Tod; Der Zriny raſt wie ein gereizter Löwe, Verderben um ſich ſchmetternd, unter ſie. Ein jeder Einzelne ſteht für ein Heer— Es müſſen Teufel ſein, die wir bekämpfen; Denn ſolcher Kraft rühmt ſich kein Sterblicher. Die Janitſcharen weigern ſich zu ſtürmen.“ Da richtet der Sterbende ſich mühſam auf und keuchend tönt ſeine Stimme durch den Raum: „Laßt ſie mit Hunden hetzen, jagt ſie Mit Peitſchenhieben an dem Wall hinauf! 42 Pflanzt Feuerſchlünde hinter ihre Reihen Und ſchießt ſie nieder, weigern ſie den Sturm! Sigeth muß fallen und ſollt' ich die Gräben Mit Janitſcharenköpfen füllen, ſollt' ich Auf Leichenwällen meines halben Heers Die andre Hälfte in die Hölle ſchmettern! Sigeth muß fallen, muß jetzt fallen! Stürmt! Ich habe wenig Augenblicke noch, Und mit dem Siegesdonner will ich ſcheiden!“ Der Begler⸗Beg tritt auf: „Du biſt geſchlagen, Deine Schaaren fliehn! Der Paſcha von Egypten ward erſchoſſen, Es wühlt der Tod ſich in Dein flüchtig Heer; Sie halten nicht mehr Stand, die Ungarn jubeln Und ſchmettern uns den Siegesdonner nach.“ Der greiſe Soliman greift nach dem Dolch: „Den Tod in Deinen Hals, verdammter Sklave! Sigeth muß fallen! Stürmt! Ich will's!“ Der Begler⸗Beg ſenkt das Haupt: „Es iſt unmöglich!“ Da fällt des Großherrn Dolch, dem Fürſten an die Bruſt geſchleudert, klirrend zur Erde nieder: „Geh' in die Hölle, Bube!“ Dann bricht Soliman zuſammen und ſeine Fauſt vergräbt ſich in die Teppiche des niedrigen Throns: „Stürmt! Stürmt!“ Sein Haupt ſinkt hernieder, ſeine Glieder ſtrecken ſich und zucken. ————— 4 „Still! Der Löwe ſtirbt... Um ſeinen Helden trauert das Jahrhundert.“ Die Zuhörer hatten längſt vergeſſen, Beifall zu ſpenden; es war, als ob die Herzen aller ſtarr und ſchweigend das heldenkühne Todesſchickſal mit erleben müßten, das über Zriny und ſein Haus die dunklen Schwingen breitete. Die Frauen weinten mit voll freudiger Todesah⸗ nung, als Eva und Helene nicht fliehen, ſondern ſter⸗ ben wollten, und manche Männerlippe lächelte grim⸗ mig, da Zriny ſich die hundert Gulden und den Schlüſſel zur Burg von Scherenk reichen ließ. „Die Hunde ſollen Nicht ſagen,'s ſei der Müßh' nicht werth geweſen, Des Niklas Zriny Leichnam auszuziehn.“ Raſch drängt die Handlung des Stückes dem ge⸗ waltigen Schluſſe zu. Die Scenen zwiſchen Zriny und ſeinem Weibe, zwiſchen Juranitſch und Helene fanden eine tief erregte Hörerſchaft. Und als Helene von ihrem Juranitſch verlangt, er ſoll ſie tödten,„damit ſie nicht von einem trunk'nen Janitſcharen des Todes Seligkeit erbetteln müſſe“, da glaubten all die ſchönen Ungarin⸗ nen, die athemlos dem Stücke lauſchten, daß ſie eben⸗ ſo gehandelt haben würden. Nur eine hatte das bleiche Antlitz von der Bühne abgewendet und ihr Zlick 44 ſuchte thränenlos und ſtarr den Boden, als ſei dies Heldenthum für ſie ein vernichtender Fluch. Und Ilka, die ſo gern lebte, flehte ſo ergreifen um den Tod: „Ich muß ja ſterben! Oder ſoll der Großherr Mich mit ſich ſchleppen unter ſeine Sklaven? Iſt Dir mein Tod nicht lieber als die Schande? Soll mich Gewalt...“ Juranitſch erhebt den Dolch: „Halt' ein! Ich tödte Dich!“ Doch Helene fällt ihm in den Arm: Nicht ſo, Geliebter, nicht im wilden Sturme! Nein, ruhig, friedlich ſenke Deinen Dolch In meine Bruſt und öffne meiner Seele Den ſchönen Weg der lichten Heimat zu. Umarme mich! O, wie ich glücklich bin! Auf einmal wird es klar vor meinen Augen, Der Schleier reißt, das Leben ſeh' ich licht, Ein neuer Morgen ſtrahlt in meinem Herzen. So tödte mich und küſſe mir die Seele Mit Deinem Brautkuß von dem blaſſen Mund!“ Juranitſch: „Dort alſo, dort! dort finden wir uns wieder?“ Helene: „Dort bin ich Dir auf ewig angetraut.“ Juranitſch: „Von dort ſchauſt Du auf Deinen Jüngling nieder?“ Helene: „Weile nicht lange! Ach, Dich ruft die Braut!“ Juranitſch: „Und kommt der Tod und rufen meine Brüder?“ ——— 45 Helene: „Dann ſtirb als Held und triumphire laut Ich komme mit der Palme Dir entgegen.“ Juranitſch küßt und erſticht ſie. „So nimm den Kuß und bitte Gott um Segen!“ Helene ſank. Und das Erbleichen des Todes ſelbſt ſchien ſich auf Ilka's Antlitz abzuſpiegeln, als ſie flüſterte: „Dank Dir, Dank für den ſüßen, ſüßen Tod! Laß mich nicht lange warten! Noch den Kuß! Mit dieſem Kuſſe flüchte meine Seele.“ Lautes Schluchzen ertönte da und dort im Zu⸗ ſchauerraum.— Die Scene wechſelte, die ſanften Trauer⸗ melodien der Kapelle ſchwiegen und vor der tiefer⸗ ſchütterten Verſammlung ſprach der todbereite Zriny Worte, bei denen jedem Ungar das Herzblut höher wallte: „ „Zum letzten Mal ſprech' ich zu meinen Freunden! Erſt Dank Euch allen für die Heldentreue, Mit der Ihr dieſen Kampf beſtanden habt. Mit frohem, freiem Herzen darf ich's ſagen: Verräther gab es nie in meinem Volk. Wir alle haben treu den Schwur gehalten; Die meiſten gingen kühn im Tod voraus Und warten dort auf ihres Siegs Genoſſen. Kein einz'ges Herz iſt hier im ganzen Kreis— Das iſt mein Stolz— das nicht mit frohem Muth Das letzte Leben für ſein Ungarn wagte! Dafür Euch Dank! Gott wird es dort belohnen. 46 Denn diesmal gilt's zu ſterben! Feindes Macht Die hundertfach uns überlegne Macht, Wir haben ſie mit Glück zurückgeſchmettert, Wir haben ſie zu Tauſenden geſchlachter Und blut'gen Tod auf ihren Stolz gewälzt. An zwanzigtauſend ſeiner beſten Krieger Läßt Soliman vor dieſer Inſelburg, Und ſeiner Fürſten wurden viel begraben. Doch andre Feinde kämpfen gegen uns, Wo Männerkraft nicht ausreicht, um zu ſiegen. Sie wühlten Minen in des Berges Schooß, Die Treue unſrer Mauern iſt erſchüttert, Der Pechkranz flog verderbend auf das Schloß, Es kämpft das Element mit unſerm Muthe! Am fürchterlichſten aber ſtürmt der Hunger Auf die geſchwächten Haufen; kaum den Tag Reicht unſer Vorrath aus— wir müſſen ſterben; Denn an Ergebung denkt der Ungar nicht! Ihr denkt's auch nicht, das weiß ich, alſo ſterbt! Hinaus, hinaus, wo ihre Trommeln rufen! Soll'n wir verbrennen? Soll'n wir hier verhungern? Nein, laßt uns ſterben, wie es Männern ziemt! Zeigt Eurem Feind das Weiße in dem Auge, Ringt mit dem Tod, bezahlt den Tropfen Blut, Den letzten Tropfen noch mit eines Feindes Leben! Nur unter Leichen bettet ſich der Held, Die er vorausgeſandt als Todesopfer! Wer ſo wie wir den großen Schwur gelöſt, Wer ſo für Gott und Vaterland gefallen, Der lebt im Herzen ſeines Volkes fort.“ Dieſe Worte hatte Zriny nicht mehr an ſeine Waffengefährten gerichtet, ſondern an das Publikum, und als die Ungarn auf der Bühne riefen: 47 „So führ! uns Herr! Führ' uns, wir ſind bereit!“ da ſchallte von unten die Antwort: „Führ' uns, wir ſind bereit!“ Da wankte Juranitſch herein. Sein Angeſicht war das eines Greiſes und ſeine Stimme flüſterte in wilder Todesſehnſucht. „Wo iſt Helene?“ ruft Zriny. Juranitſch: „In der Heimat! Kränze Mit güt'gen Engeln flechtend, uns zu krönen. Laß ſie nicht warten!'s war ihr letztes Wort, Der Todesengel knüpfte unſre Häude! Hinaus! Hinaus! Laß mich zu ihr! Zriny: „Wohlan! Weib, Deinen Abſchiedskuß! Wie willſt Du ſcheiden?“ Eva: „Dort auf der Zinne wart' ich auf den Sturm. Ein großes Todtenopfer zu bereiten, Haucht Gott auch ſeine Kräfte in den Wurm!“ Zriny: „Und wenn ſie über den Gefallnen ſchreiten?“ Eva: „So fliegt die Fackel in den Pulverthurm. Zerſchmettert nur ſei Sigeth übergeben.“ Zriny: „Stirb, Heldenweib, der Tod heißt ewig leben! Horch, wie ſie ſchmettern, wie die Wirbel jauchzen! Willkommen, Tod! Ich kenne Deinen Ruf! Nun, Brüder, gilt's!— Hier, Lorenz, nimm die Fahne, Du ſtürmſt voraus, Du mußt der erſte ſein, 48 Es harrt die Braut, laß ſie nicht lange warten! Ich ſchmettre nach, dann Du und Du, Alapi!— Wie? Thränen, alter Freund?“ Alapi: „'s ſind Freudenthränen, Mit ſolchen Helden ſolchen Tod zu ſterben. Um keine ſchön're Krone möcht' ich werben.“ Juranitſch ſchwingt die ungariſche Fahne und ruft: „Die Fahne fliegt!“ Zriny: „Der Adler ſiegt! Welt, gute Nacht!(zu Eva:) Leb' wohl! Lebt wohl, Ihr Brüder! 1 Gebt mir zum letzten Male Eure Hand. Trompeten, ſchmettert eure Siegeslieder! Mir nach! Mir nach! Dort finden wir uns wieder! Stirb, wackres Volk, für Gott und Vaterland!“ Mit donnernder Stimme hatte es Zriny in den Zuſchauerraum gerufen. Die Rufe der auf dem Schloß⸗ hof von Sigeth verſammelten Bewaffneten verhallten ungehört bei dem Toben der ganzen Zuhörerſchaft: „Dir nach, Dir nach für Gott und Vaterland!“ Ein wilder Enthuſiasmus hatte ſich der Eingela⸗ denen bemächtigt, und als jetzt die Kapelle den Villa⸗ gosmarſch anſtimmte, da kannte die Begeiſterung keine Grenzen mehr. Da verwandelte ſich das Theater in einen Theil des brennenden alten Schloſſes. Im Hintergrunde er⸗ ſchien das neue Schloß mit aufgezogener Zugbrücke. 49 Den Halbmond voran, ſtürzten die Türken auf die Bühne. Die Zugbrücke ging nieder, es fielen zwei Schüſſe aus dem Thore und durch den Dampf ſtürzten die Ungarn heraus. Juranitſch mit der Fahne voran, dann Zriny und die übrigen. Es entſpann ſich ein verzweifelter Kampf. Eva erſchien mit der Fackel am Pulverthurm auf der Mauer. Juranitſch ſtürzt zuerſt. Zriny tritt über den Leichnam und kämpft mächtig fort. Endlich ſtürzt auch er. Eva ſchleudert die Fackel in den Pulverthurm; ein betäubender Knall erſchüt⸗ tert das Haus und praſſelnd ſtürzt das neue Schloß zuſammen. Längſt ſchon war das Orcheſter vom Ungeſtüm des tobenden Publikums hart bedrängt; als jetzt der Vorhang fiel, machten die tollſten der Enthuſiaſten ſo⸗ fort Anſtalt, die Bühne zu erklettern, um den Türken zu Leibe zu gehen. Mit einer an Delirium grenzenden Begeiſterung wurden die Darſteller gerufen. Langſam ging der Vorhang wieder in die Höhe. Hand in Hand ſtanden Ilka, Kißnagy und Graf Ketlan⸗Soliman. Die beiden erſteren trugen noch die Kleidung ihrer Rolle, der Graf hatte dieſelbe bereits mit moderner ungariſcher Tracht vertauſcht. In reſpektvoller Entfernung hinter ihrem Gebieter hatten ſ ſich die braven Schauſpieler v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 50 aufgeſtellt, die ſo ſehr zum Gelingen des Stückes bei⸗ getragen. Das Publikum war in einer Stimmung, daß es das plötzliche Hervortreten des bekannten Agitators wie etwas ganz Natürliches hinnahm. Ketlan beugte ſich zu der ungariſchen Fahne nieder, welche durch einen wohlvorbereiteten Zufall vor ihm auf dem Bo⸗ den lag, und indem er mit der Rechten Stock und Tuch der Fahne zugleich ergriff, hob er i hoch em⸗ por und rief: „Es lebe Ungarn!“ Und die ganze Verſammlung rief es mit fanati⸗ ſchem Jubel nach:„Es lebe Ungarn!“ „Und Tod ſeinen Bedrückern!“ Es war nicht Ketlan, der das gerufen, ſondern eine ſcharfe weibliche Stimme aus den erſten Bänken. Mit einem Lächeln wilder Sympathie ſah Janos auf Jolanthe nieder, die wie verzückt zu ihm emporſtarrte. Sie hatte jenen revolutionären Ruf ausgeſtoßen, der von drei Vierteln der Anweſenden wiederholt wurde. Auf ein Zeichen Kißnagy's ſenkte ſich der Vorhang. Alles drängte nun nach dem Bankettſaal. Es wurde wie ſelbſtverſtändlich angenommen, daß Herr von Kiß⸗ nagy ſeinem berühmten Gaſt und der Frau von Valaſy den Ehrenplatz anwies. Der Hausherr ſelber führte 51 mit feierlicher Grazie und unter dem Lächeln und Flüſtern der Eingeladenen die junge Ilka von Lorin zu Tiſche. Manch feurige Rede voll Tyrannenhaß wurde da gehalten, und je mehr des goldgelben Tokayers man getrunken hatte, deſto glühender wurde der Durſt nach Freiheit. Graf Ketlan ging nach der Tafel von dem einen zum andern. Mit den Männern redete er von den Erinnerungen an eine gemeinſam verlebte unglückliche, aber erhebende Zeit, den Jünglingen erzählte er im Vorübergehen kleine Züge der deutſchen Vergewaltigung und ſchloß wohl mit einem Spott, mit einem Achſel⸗ zucken, das den jungen Leuten den Zorn im Herzen kochen machte und dunkle Röthe auf ihre Wangen trieb Auch Jolanthe war nicht müßig. Sie als Wittwe eines Gefallenen war ja ſelbſt ein hervorragendes Opfer jener Unterdrückung, deren eiſerne Fauſt noch immer auf Ungarn lag, und ihre Liebe zu Graf Ketlan, dem erklärten Feinde Oeſterreichs, erhielt dadurch einen hoch⸗ romantiſchen Hintergrund. Herr von Kißnagy theilte die politiſche Aufregung, die ſich der ganzen Verſammlung bemächtigt hatte, ſcheinbar nicht. Er ſchien nur Intereſſe für ſeine jugendliche Nachbarin zu haben und die meiſten Toaſte 4* 52 und Tiſchreden gingen ſpurlos an ihm vorüber. End⸗ lich war das Bankett zu Ende, und als Janos den ſich Entfernenden nachblickte, irrte ein Lächeln düſtern Triumphs über ſein Geſicht, als wollte er ſagen:„Der Boden iſt gepflügt und die Saat beſtellt. Sie wartet nur noch auf das befruchtende Gewitter, um blutig aufzugehen 1 Die Gäſte hatten ſich zur Ruhe begeben und die letzte bunte Lampe im Parke von Sard war erloſchen. Aber in ſeinem entlegenſten Theile, bei der Einſiedelei, herrſchte noch ein geheimnißvolles Leben. Leiſe murmelte die Quelle, und wenn ein Mondſtrahl durch die dichten Zweige fiel, irrte ein zitternder bleicher Funke über das dunkle Waſſer. Dort hielten ſich zwei Geſtalten feſt umſchlungen und zwei wild erregte Menſchen tauſchten die erſten Küſſe. Sie thaten es haſtig und mit brennenden Lip⸗ pen, als wollten ſie den Augenblick voll ausgenießen, weil ſie dem eigenen Herzen mißtrauten, daß es ſein Glück feſthalten werde. „Nach Jahren der glühendſten Eiferſucht und der verzehrendſten Sehnſucht endlich, endlich mein!“ flüſterte Jolanthe und tiefe unartikulirte Laute unſaglichen Glücks entrangen ſich ihrer Bruſt. „Mögen wir uns beide täuſchen, ich will mit ge⸗ 4 4 53 ſchloſſenen Augen in Deinen Armen bleiben! Ich mag nicht mehr einſam ſein. Martere mich, aber verlaß mich nicht mehr, Jolanthe! Morgen will ich nach Lorin hinüberreiten und meiner Schweſter die Kunde bringen. Was dann kommen mag, wir tragen es gemeinſam.“ Jolanthe war erſchreckt zuſammengezuckt. Dann flüſterte ſie angſtvoll: „Wenn ſie von Dauer ſein ſoll, ſo halte unſere Liebe geheim vor Deiner Schweſter!“ „Vor Giſela? Unſere Verbindung iſt ihr höchſter Wunſch.“ „So ſagt ſie, ſo glaubt ſie ſelber auch! Aber ſie wird mich haſſen von dem Augenblick an, da Du mich über Alles liebſt. Sie liebt Dich nicht wie ihren Bruder, Du biſt ihr Abgott! Sie hätte es geduldet, wenn Du mich aus Mitleid zu Deinem Weibe machteſt; da es aus Liebe iſt, wird ſie mich ärger verfolgen als alle andern, welche Dich begehrten. Drum ſchweig', Geliebter! An jenem großen Tage, da Du die Fahne der Befreiung erhebſt, werde ich offen an Deine Seite treten und das Sturmlied der Empörung ſei unſere Hochzeitshymne. Bis dahin ſchweige und küſſe mich im Verborgenen. Heimliche Liebe iſt ſo ſüß und der helle Tag bringt nur Gefahren.“ 3 Und Janos küßte das leidenſchaftliche Weib wieder 54 und wieder. Er küßte ſich die Zweifel von der Seele, die zwiſchen Jolanthen und der Schweſter hin und her ſchwankte. Wohl war es ihm zuweilen ſo erſchienen, als ſei Giſela's Liebe inniger als Schweſternliebe, als hätte ſie die eigenen Kinder freudig dahingegeben ſeinet⸗ wegen. Und wenn Jolanthens Freundſchaft für die Schweſter des Geliebten vor der Eiferſucht entfloh, ſo war auch das natürlich und darum ihr Recht. Da rang ſich Janos aus ihren Armen los und flüſterte wie erſchreckt durch einen plötzlichen Ge⸗ danken: „Es iſt ein dunkler Punkt in Deinem Leben, Jo⸗ lanthe! Die Gerüchte, die räthſelhaften Worte Wer⸗ denau's... Du fürchteſt meine Schweſter!“ Zwei heiße Lippen brannten auf den ſeinen und Jolanthe lachte leiſe: „Was erzählt man nicht Alles über Dich! Du und ich, wir reichen über das Verſtändniß kleiner Seelen weit hinaus, und wohin uns ihre blöden Blicke nicht folgen können, tritt die Verleumdung an die Stelle ihrer Weisheit. Verlaß mich jetzt noch wegen der Erfin⸗ dung unſerer Feinde— wenn Du es kannſt!“ „Es iſt zu ſpät, Jolanthe, ich kann nicht mehr“, murmelte Janos;„aber ich will Dich an den Ver⸗ leumdern rächen.“ Uebermüthig klang Jolanthens Lachen und ihre weißen Schultern ſchimmerten in der Finſterniß. „Laß das Strafen, Janos, ich verzeihe ihnen, da Du mich liebſt! Für die Dunkelheit eines ganzen Le⸗ bens entſchädigt dieſe eine Stunde und ſollte ſie die letzte ſein.“ Heftig umſchlang der Graf die Geliebte. „Nein, ſie muß ewig dauern!“ Jolanthe ſeufzte und hielt das Antlitz ſtill bei ſeinen Küſſen. „Glaub' es, Geliebter, ſchon dieſer Augenblick iſt ewig und keine andere Ewigkeit kann ihn uns rauben.“ „Jolanthe!“ Es war ein wilder Sehnſuchtsſchrei nach Glück, ein gellender Wehruf über ein verlorenes Leben, mit dem der Graf zu ihren Füßen ſank. Da ſprang Jolanthe auf und ihre Augen, mit denen ſie um ſich ſah, ſchienen im Dunkeln zu leuchten. Der Mondſtrahl tanzte nicht mehr zitternd über den Wellen, aber es war, als ob eine helle Geſtalt, die einen Augen⸗ blick dicht in ihrer Nähe geſtanden, ſich lautlos wieder in die Schatten der Bäume zurückzöge. „Laß uns gehen! Man hat uns belauſcht!“ ſtieß Jolanthe rauh und kurz hervor. „Du täuſcheſt Dich, wir ſind allein!“ „Die Falten meines Kleides, die Dein Antlitz ver⸗ hüllten, verdecken Dir wohl den Schall. Ich hörte deutlich und mit klarer Stimme ſagen: Janos! Die Stimme war die einer Frau oder eines Kindes.“ Janos antwortete nicht. Ernüchtert ſchritt er an Jolanthens Seite nach dem Schloſſe. Kaum waren ſie verſchwunden, ſo trat eine zarte weibliche Geſtalt mit langen weißen Haaren zwiſchen den Büſchen hervor und ging mit auffallender Sicher⸗ heit auf den Platz zu, wo die beiden geſeſſen hatten, und wie das Weinen eines verzweifelten Kindes klang es:„Janos! Janos!“ Ein dumpfes Satyrlachen antwortete; ein ſchwarzer Kopf mit dunklem Bart tauchte neben der Bank empor und zwei braune Arme ſchlangen ſich um die lichte Geſtalt. Mit einem leiſen Ruf des Entſetzens ſprang die Sitzende auf und flüchtete in die Büſche. Die dunkle Geſtalt wollte ihr nacheilen, aber ſie ſtrauchelte in der Dunkelheit und fiel zwiſchen die dicht⸗ verwachſenen Zweige. „Es nützt nichts, ihr nachzulaufen zwiſchen den Bäumen“, murmelte der Zigeuner Pit, indem er ſich den geſtoßenen Knöchel rieb;„dieſe Rothaugen ſehen im Finſtern wie die Katzen. Nun, wir begegnen uns wohl wieder, du weißhaarige Hexe!“ Drittes Kapitel. „Die deutſche Dichtung mußte ihnen den Zorn lei⸗ hen gegen ihre deutſchen Unterdrücker!“ ſprach Ritt⸗ meiſter von Werdenau ſinnend vor ſich hin und blät⸗ terte in der kraftvollen ungariſchen Ueberſetzung von Körner's„Zriny“, welche Pit ihm bald nach der Aufführung in Sard überbracht hatte. Der Zigeuner hatte das Manuſcript häufig in den Händen Kißnagy's und des Grafen geſehen, daſſelbe für ein wichtiges revolutionäres Document gehalten und es demgemäß ſobald als thunlich geſtohlen. Da der von dem Ue⸗ berſetzer geübte Hochverrath jedoch einzig darin be⸗ ſtand, daß er jede Erinnerung an die Zuſammenge⸗ hörigkeit Ungarns und Oeſterreichs und den Namen des Kaiſers, ſo oft er ihm begegnet war, ſorgfältig ausgemerzt hatte, ſo beſchloß Werdenau, das Manu⸗ ſcript, an das ſeine Stellung ihm kein Recht gab, wieder an Pit zurückzugeben. Die übrigen Nachrichten des Zigeuners ließen nicht den geringſten Zweifel darüber zu, daß an der Aufreizung des Landes nach Kräften gearbeitet wurde und daß die Fäden der Verſchwörung ſich immer feſter zogen. Nur ein mitleidiges Lächeln verdiente dem gegen⸗ über das Schreiben, welches der Rittmeiſter jüngſt von ſeinen Vorgeſetzten erhalten hatte und in dem er wegen ſeiner herausfordernden Haltung gegenüber einer wenig ernſten„Demonſtration der National⸗ eitelkeit“ getadelt und zu größerer Vorſicht ermahnt wurde. Werdenau hätte es als gegen ſeine Pflichten ver⸗ ſtoßend erachtet, die Aufführung revolutionärer Mu⸗ ſikſtücke auf Veranlaſſung des Grafen Ketlan und die Mittheilungen Pit's über eine weitverzweigte Ver⸗ ſchwörung ſeinen Oberen zu verheimlichen. Von die⸗ ſen jedoch war ihm geantwortet worden, daß Ritt⸗ meiſter von Werdenau ſich aus— wie man anneh⸗ men wolle, an und für ſich ganz lobenswerthem Dienſt⸗ eifer habe verleiten laſſen, den Beſtrebungen einiger Unzufriedenen eine Bedeutung beizulegen, welche durch die Loyalitätsbeweiſe aus den maßgebenden Kreiſen der ungariſchen Ariſtokratie auf ihren wahren Werth zurückgeführt würden, und der Herr Abtheilungscom⸗ mandant wurde dringend ermahnt, durch eine allzu phantaſievolle oder peſſimiſtiſche Anſchauung der Lage und daraus folgende Maßnahmen nicht der Regierung ernſtliche Schwierigkeiten zu bereiten und in einzelnen Landestheilen eine Erbitterung hervorzurufen, welche bis jetzt noch nirgends vorhanden ſei. Weil alſo ein paar ungariſche Große mit dem oder jenem Miniſter einige höfliche Redensarten ge⸗ wechſelt hatten, wehrte man die Wachſamkeit eines ernſten treuen Offiziers, die man ihm vor wenig Wochen noch dringend eingeſchärft, jetzt wie eine lä⸗ ſtige Zudringlichkeit ab. Zu gleicher Zeit war dem Rittmeiſter die Mißbilligung ſeiner Vorgeſetzten da⸗ rüber ausgeſprochen worden, daß er einen, wenn auch nur kurzen Urlaub verlange in einer Zeit, die er ja ſelbſt für ernſt erklärt habe. Nicht die Anſchauung der Lage, wie ſie höhern Orts herrſche, ſondern das ſub⸗ jective Urtheil des Herrn Rittmeiſters müſſe in dieſem Falle wenigſtens für die abſchlägige Beſcheidung ſeines Urlaubsgeſuchs maßgebend erſcheinen. Die Unbegrün⸗ detheit der von dem Herrn Rittmeiſter ausgeſprochenen Befürchtungen trete jedoch wieder in ihr volles Recht 60 in Beurtheilung des von demſelben gleichfalls vorge⸗ legten Verſetzungsgeſuchs. Da die von dem Herrn Rittmeiſter befürchteten Verwickelungen wohl niemals eintreten dürften, ſo müſſe jenem Geſuch die Geneh⸗ migung verſagt werden. Daß Werdenau ſein Urlaubsgeſuch mit amtlichen Zeugniſſen aus ſeiner Heimat belegt hatte, welche den Geſundheitszuſtand des Majoratsherrn von Werdenau als ſehr bedenklich ſchilderten und die Anweſenheit des Bruders für dringend geboten erklärten, deſſen geſchah in dem Schreiben des Generalcommandos ebenſo wenig Erwähnung wie der Ausführungen Werdenau's, wie ſchwierig bei ausbrechendem Conflict die Stellung der Offiziere gegenüber den Familien ſei, deren Gaſtfreund⸗ ſchaft ſie genoſſen, und wie ſehr das perſönliche Chr⸗ und Zartgefühl dabei in Mitleidenſchaft gezogen werde. Aus dem ziemlich herben Ton der Zurechtwei⸗ ſung ging recht deutlich die höheren Orts herrſchende Entrüſtung hervor, daß ein einfacher Rittmeiſter die Lage anders zu beurtheilen ſich erlaubte als ſeine Generale, daß er ſich ein anderes Zart⸗ und Ehrge⸗ fühl anmaßte als ſie und nicht eines ſchönen Mor⸗ gens Mitglieder einer Familie dem Standrecht über⸗ liefern wollte, deren Champagner er getrunken und mit deren Töchtern er getanzt hatte. —- ꝗ%% —-—— Werdenaus Entſchluß war gefaßt, und verſiegelt lag ſeine Antwort an das Generalcommando vor ihm auf dem Tiſch, bereit, mit der nächſten Ordonnanz dem Regimentscommando zur weiteren Vorlage übergeben zu werden. Trotz aller Trauer darüber, daß das Le⸗ ben ſeines Bruders ſchon ſo früh dem heimtückiſchen Leiden erlag, das bereits ſein Knabenalter vergiftet hatte, dehnte ein Gefühl wie Befreiung ſeine Bruſt. Aber plötzlich ſchrak er heftig zuſammen. Er täuſchte ſich nicht, es war Gertrud, welche mit müdem, ſchlep⸗ pendem Schritt vorüberging und das bleiche, einge⸗ fallene Geſicht nicht erhob, um den Gruß Serravaglia's zu erwidern, den ſie nicht einmal zu bemerken ſchien und welcher mit kaum weniger verzweifeltem Geſicht an ihr vorüber nach Werdenau'’s Wohnung ſchritt. Seufzend ſtellte dieſer den Säbel, den er bereits angelegt hatte, um auf die Straße zu gehen und Ger⸗ trud zu begegnen, wieder in ſeine Ecke und reichte dem eben eintretenden Freunde die Hand, wobei er die tiefe Erregung zu verbergen ſuchte, welche der un⸗ erwartete Anblick der jungen Deutſchen in ihm hervor⸗ gerufen. „Der Onkel hat geſchrieben“, meldete Serravaglia mit melancholiſcher Kürze. Trotzdem er alles Recht gehabt hätte, ſich nur 62 mit ſich ſelber zu beſchäftigen, eutging dem Rittmeiſter die entſagende Ruhe ſeines Freundes nicht. „Ich kann mir denken, daß er mit Deinen Plä⸗ nen nicht einverſtanden iſt.“ „Er hat ſich mit einer Kritik derſelben nicht auf⸗ gehalten, ſondern mir in ein paar Zeilen erklärt, daß er mich nicht mehr als ſeinen Verwandten betrachte und jede Verbindung mit mir abbreche. Wie ich ihn kenne, iſt das ſein letztes Wort, und es wäre ver⸗ gebene Mühe, etwas daran ändern zu wollen.“ „Nun, und wie benimmt ſich Fräulein von Lorin dem gegenüber?“ „Um die Wahrheit zu ſagen, nicht ganz ihrer Stellung als„Neuverliebte“ angemeſſen“, ſuchte der Exmalteſer zu ſcherzen.„Auf der Kirchweih ward Alles abgemacht. Sie nahm das Opfer meines Or⸗ denskreuzes und der Millionen meines Onkels gnädig hin und hatte nichts dagegen einzuwenden, von mir ganz unſinnig geliebt zu werden. Am nächſten Tage trafen wir uns zufällig beim Belvedere; Du kennſt ja den Ort und weißt, daß man zu Pferd den oben Sitzenden die Hand reichen kann. Wir— das heißt, ich that es für uns beide— erklärten uns nochmals unſere Liebe und hätten uns unzweifelhaft umarmt, wenn das dumme Thier, mein Rappe, ſich nicht ſo al⸗ bern benommen hätte. Seit der Zeit aber iſt Alles wie abgeſchnitten. Ich ſah ſie nur noch im Wagen und dann nur ihre Hutkrempe und den Shawl, ſo tief ſenkte ſie das Geſicht. Daß die Einladungen in's Schloß, angeblich aus Rückſicht für die Geſundheit der Hausfrau, aufgehört haben, weißt Du ja ſelber. Nach allem Vorhergegangenen iſt mir Ilka's Benehmen, offen geſtanden, unerklärlich.“ Mir iſt es nur zu deutlich!“ ſagte Werdenau. „Alles iſt erfolgt, wie es bei einem Kinde dieſer von Nationaldünkel aufgeblähten, aber innerlich hohlen und zerfahrenen Geſellſchaft vorauszuſehen war. Deine Liebe und Wohlfahrt haben dem eigenſüchtigen Mäd⸗ chen, das Du liebſt, eine Weile zum Zeitvertreib ge⸗ dient, und ſie wirft das Spielzeug fort, ſobald ein neues, glänzenderes ſich ihr bietet. In Sard hat der alte Sonderling Kißnagy ein Theaterſtück in Scene gehen laſſen, bei welchem Ilka ſeine Geliebte darſtellte und durch ihr natürliches Spiel alle Zuſchauer zum Entzücken hinriß. Beim darauffolgenden Bankett ſaß Fräulein von Lorin zur Rechten ihres greiſen Anbeters und alle Welt betrachtet ſie ſeidem als künftige Herrin von Sard. Graf Ketlan hat die Sache eingeleitet, und Du wirſt nichts mehr daran ändern können, armer Junge!— Mißlich iſt unter dieſen Umſtänden allerdings, daß 64 Du ſo voreilig mit Deinem Onkel gebrochen haſt. Aber Dein Schritt hat auch wieder ſein Gutes— er befreit Dich von der Zuſammengehörigkeit mit einer Geſellſchaft, welche zwar infolge ihrer Geſchichte und ihrer Ziele eine gewiſſe Verehrung beanſpruchen kann, durch ihre veralteten Einrichtungen und ihr Cölibat jedoch mit einem geſunden geſellſchaftlichen Leben in großem Widerſpruch ſteht. Ich habe es unterlaſſen, hiervon zu reden, ſolange ich Dir für das, was ich Dir zu verleiden ſuchte, keinen Erſatz zu bieten vermochte. Jetzt liegt die Sache anders. Es unterliegt leider keinem Zweifel mehr, daß mein armer Bruder in kurzem durch den Tod von ſeinem Leiden befreit ſein wird. So ſehr wir uns zugethan ſind, kann ich mich doch der Gewißheit nicht verſchließen, daß ich durch dieſes traurige Ereigniß, auf welches ich ſeit langem vorbereitet war, in den Beſitz eines bedeu⸗ tenden Vermögens gelangen werde.“ Mit tiefſinniger Aufmerkſamkeit hatte der Exmal⸗ teſer zugehört, und dieſes mit Serravaglia's Art ſo ſehr im Widerſpruch ſtehende Schweigen brachte die Rede Werdenau's ins Stocken. Endlich ſtreckte der Ritt⸗ meiſter in hochherziger Verlegenheit die Hand aus und fuhr erzwungen heiter fort: „Um kurz zu ſein, ſchlage ich Dir vor, mich als 4 8 1 1 Onkel zu genehmigen! Ich habe genug für uns beide, und Mädchen, die Dich für das bisherige Cölibat ent⸗ ſchädigen könnten, gibt es in der Heimat auch noch.“ Mit feuchten Augen hielt Serravaglia die Rechte des Freundes feſt. „Das Alles beweiſt mir nur aufs neue, welch prächtiger Menſch Du biſt! Aber Du ſelber ſcheinſt mir nicht ſchwachherzig genug, um ſo leicht auf den Beſitz eines Weſens zu verzichten, deſſen Liebe der Grundgedanke Deines Lebens geworden wäre.“ „Aber wenn ſie Dich eben nicht mag“, rief Wer⸗ denau, den die Ruhe des Freundes beängſtigte, faſt ärgerlich. „Dann ſoll ſie wenigſtens nicht an jenes bemalte Skelett überliefert werden, das mir immer vorkommt wie Freund Hein im Faſchingsanzug. Würdeſt Du anders handeln in meinem Fall? Antworte mir auf⸗ richtig, würdeſt Du?“ Die Augen des Freundes, die ſo munter blicken konnten und nun mit ſo traurigem Ernſt Werdenau's Antlitz durchforſchten, brachten dieſen aus der Faſſung. „Nun ja“, antwortete er zögernd,„wenn das Mäd⸗ chen, das ich liebte, einem Unwürdigen überliefert wer⸗ den ſollte, ſo würde auch ich Alles aufbieten, ſie zurück⸗ zuhalten. Und wenn mir das nicht gelänge...“ v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 5 —— 66 „Würdeſt Du den Unwürdigen, dem ſie überliefert werden ſoll, tödten, nicht wahr?“ Der Rittmeiſter erbleichte. Serravaglia hatte an Fragen gerührt, die jener ſeit Wochen in die dunkel⸗ ſten und ſchweigſamſten Tiefen ſeines Herzens zu ver⸗ bannen geſucht hatte. Ja, er mußte es ſich geſtehen, ſo ſehr er ſich dagegen ſträubte: Graf Ketlan war ihm ſchon unſympathiſch geweſen, als er in demſelben den unermüdlichen Wühler erkannte, jeden Augenblick bereit, Glück, Ruhe und Wohlſtand von Millionen ſeinem unruhigen Ehrgeiz zu opfern. Als aber Ketlan ſich in unzweideutiger Weiſe Gertrud genähert hatte, haßte er ihn wie ſeinen Todfeind und malte ſich mit ſelbſtquäleriſcher Wonne den Augenblick aus, da er blutige Rechenſchaft von ihm fordern konnte. Re⸗ chenſchaft! Wofür? Alles in Werdenau ſträubte ſich, dieſen Gedanken auszudenken, und finſter dräuend blick⸗ ten ſeine braunen Augen an dem Freund vorüber durch das Fenſter. Ein unſagliches Weh ſchnitt ihm durchs Herz. Das war nicht mehr das klare, kluge, kindlich ernſte Mädchenantlitz, in deſſen Betrachtung verſunken er oft unbemerkt ſchon Stunden zugebracht! Mit un⸗ ruhigen, angſtverwirrten und doch ſchüchternen Zügen hatte Gertrud flüchtig zu ſeinem Fenſter emporgeblickt, 67 unter dem ſie eben zum zweiten Mal vorüberge⸗ gangen war. Die Bewegung des Rittmeiſters war ſo groß, daß Serravaglia unwillkürlich der Richtung ſeiner Blicke folgte. Dann nickte er verſtändnißvoll und ſagte: „Verzeihe, meine Frage war indiseret, gegen meinen Willen! Du haſt, wie ſtets, das beſte Theil erwählt. Sie iſt ein prächtiges Geſchöpf und Dich wird ſie auch nicht überſehen, wie ſonſt jeden andern Mann. Es muß unheimlich ſein, von einem Weibe überſehen zu werden... „Aber ſchwach iſt es, ſich von einem Kinde quälen und beherrſchen zu laſſen!“ gab Werdenau ernſt zurück. „Auch dieſe Tyrannei iſt ein Glück, wenn uns nichts Anderes mehr aufrecht erhält. Doch Fräulein von Nortwald geht ſo eben zum dritten Mal vorbei. Das iſt doch ganz gegen ihre zurückhaltenden Gewohn⸗ heiten!“ Das Benehmen des Rittmeiſters gegenüber dieſem ungewöhnlichen Ereigniß bewies, daß ein wechſelndes Soldatenleben unter den verſchiedenſten Nationalitäten ihm nichts von jener Reinheit des Herzens genommen hatte, welche einer Liebe und Ehe größter Segen iſt. Er hätte es um Alles in der Welt nicht über ſich gewonnen, den Freund gehen zu heißen, um der Ge⸗ 68 liebten folgen zu können, und Serravaglia konnte ſich nicht vorſtellen, daß zwei gute Kameraden in ſolchen Dingen Geheimniſſe voreinander hätten. Er hatte keine Ahnung, daß es Naturen gibt, denen die Liebe etwas ſo Heiliges iſt, daß ſie dieſelbe nicht einmal dem Ohr des Freundes preisgeben mögen. Selbſt auf die Gefahr hin, Gertrud nicht mehr einzuholen, hatte Wer⸗ denau es nicht über ſich vermocht, die Vermuthungen des Freundes zu beſtätigen und deſſen Abſchied zu be⸗ ſchleunigen. Kaum jedoch hatte Serravaglia ihn ver⸗ laſſen und war um die nächſte Straßenecke verſchwun⸗ den, als auch Werdenau mit einer Lebhaftigkeit, die ihm ſonſt fremd war, ins Freie eilte. Aber Ger⸗ trud war verſchwunden. Doppelt ſchwer aufs Herz fielen dem Rittmeiſter jetzt die Mittheilungen Pit's über das Verhältniß Jo⸗ lanthens zu dem Grafen Ketlan. Wenn Gertrud um jenes gewiſſenloſſen Abenteurers willen litt, ſo mußte er ſie warnen. Aber wie? Es würde dem jungen Mädchen nur Verlegenheiten bereitet haben, wenn er ſie im Schloß zu ſprechen geſucht hätte, was überdies ſchon durch das angebliche Unwohlſein der Baronin geſellſchaftlich unmöglich war. Da ſah er ſein Lieb⸗ lingspferd, einen prächtigen Trakehner Braunen, von ſeinem Burſchen geritten, tänzelnd die Straße herab⸗ * f 3 69 kommen. Auf einen Wink des Rittmeiſters hielt der Burſche an und ſtieg ab. Mit der Claſticität eines Jünglings ſchwang Werdenau ſich in den Sattel, ob⸗ wohl ſein Diener verſicherte, daß er dem„Bräunel“ ſchon tüchtig Bewegung gegeben habe. Werdenau gab ſeinem Pferde einen kräftigen Druck und befand ſich bald an der Parkmauer von Lorin. Wie es in aufgeregten Augenblicken oft geſchieht, hatte die Erinnerung an des Freundes Erzählung den irren⸗ den Gedanken Werdenau's ein beſtimmtes Ziel gegeben, und mit klopfendem Herzen ritt er die Mauer ent⸗ lang. Das Belvedere, wo Serravaglia durch ſeinen Rap⸗ pen an der Umarmung der Geliebten verhindert worden, war erreicht. Aber nur das ſchwere Fallen einzelner herbſtrother Magnolienblätter unterbrach die tiefe Stille des Ortes. Beſchämt wegen ſeiner Einbildung wendete Wer⸗ denau das Bräunel um und ritt wieder zurück. Da ſchrak er plötzlich ſo heftig zuſammen, daß ſein Thier entſetzt in Trab verfiel. Aber der Rittmeiſter zügelte es und ließ es rückwärts gehen, bis es wieder genau an der Stelle war, wo man durch eine Lücke in dem grünen hängenden Schleier der Trauerweide einen Blick auf Gertrud's Lieblingsplätzchen gewann. 70 Ja, da ſaß ſie ſelbſt, die magern Hände im Schooß gefaltet und das troſtloſe Antlitz auf die Bruſt geſenkt. Des Rittmeiſters Herz pochte ſtürmiſch. Entſchloſſen wendete er ſein Pferd und ritt nach der Terraſſe zurück. Mit einem kräftigen Aufſtützen der Hände ſchwang er ſich über die Mauer, und ſcheu und ſchnaubend ob der ungewohn ten Freiheit trabte das Bräunel nach dem Dorf und ſeiner Stallung. V 1 —2———— Viertes Kapitel. Gertrud ſaß noch in derſelben ſtarren Haltung unter der Trauerweide. Ihr Muth, ihre Kraft waren zu Ende, nicht etwa gebrochen durch neue Anſchul⸗ digungen oder Cabalen, ſondern durch die ertödtende Monotonie einer an Haft grenzenden Einſamkeit. Der ungerechten Anklage hatte ſie ſtolzes Schweigen ent⸗ gegengeſetzt, dieſer ſtummen Verachtung, dieſem Gemieden⸗ ſein von allen, ſelbſt bis zu dem letzten Dienſtboten, der die Ungunſt ſeiner Herrſchaft ja inſtinktmäßig fühlt und fühlen läßt, war ſie nicht gewachſen. Mehrere Tage lang hatte ſie auf eine Entſcheidung gehofft; ihre Augen blitzten und ihre kleinen Hände ballten ſich trotzig, wenn man ſich ihrer Thür näherte. Mit ſchneidenden Worten wollte ſie ihren Anklägern ihre Ungerechtigkeit beweiſen. Aber Niemand forderte ſie 72 vor Gericht; die Dienerſchaft ſorgte für ihre nothwen⸗ digen Bedürfniſſe; im Uebrigen ſchien man ſie völlig vergeſſen zu haben. Sie ertrug das eine Woche lang und noch eine Woche; wie Stickluft legte ſich die Atmoſphäre ihres Zimmers auf ihre Bruſt, und wenn ſie in den Garten ging, erſchien ihr Alles wie eine phantaſtiſche Traumwelt, an der ſie keinen Theil habe, und bei dem geringſten Geräuſch erſchrak ſie, als höre ſie den Tritt und ſchaue in das höhniſche Geſicht eines Lauſchers. Sie dachte an ſchnelle Entfernung. Weit, weit fort von hier— gleichviel, wohin— war tagelang ihr einziger verzehrender Gedanke. Aber ihre Entfer⸗ nung gab ihren Verfolgern Recht und dann. Sie hatte ihn ſeit Wochen nicht geſehen und doch war das Bewußtſein, daß Werdenau in ihrer Nähe und zu rufen ſei, das Letzte, was ſie aufrecht er⸗ hielt. Anfangs ſträubte ſich Alles in ihr gegen den Gedanken, gerade ihn zum Vertrauten zu wählen, ſich ihm in der häßlichen Beleuchtung zu zeigen, welche der Argwohn auf ſie hatte fallen laſſen. Und wieder vergingen lange Tage— es ſchien ihr immer unmöglicher, zu entfliehen, da ja dann auch Werdenau ſchlecht von ihr denken mußte, und dennoch begannen ihre Gedanken ſich mit ihr im Wirbel zu 73 drehen; ſie fühlte den Boden unter ſich wanken und nur noch undeutlich unterſchied ſie die Gegenſtände um ſich her. Sie ſtand vielleicht dicht vor jener ſchrecklichen Krankheit, welche die Aerzte Noſtalgie nennen, als ſie mit einem energiſchen Aufſchrei ihres Herzens alle Rückſichten von ſich warf und, was ſie in letzter Zeit nie gethan, hinaus auf die Straße eilte. Niemand hinderte die ſcheu und trotzig zugleich durch das Thor Schreitende; Niemand kümmerte ſich darum, daß ſie ein⸗, zweimal wie eine Traumwandelnde die Straße auf und nieder ging. Die Baronin konnte ihre Zimmer nicht verlaſſen, Jolanthe wachte nicht, denn ſie wußte den Grafen von politiſchen Geſchäften überhäuft in Sard, und Ilka hatte eine Sendung Winterſtoffe und Ballkleider aus Paris bekommen und die ſchwierige Wahl unter all dem Schönſten und Neueſten nahm ſie ſo völlig in Anſpruch, daß ſie erſt am ſpäten Abend ungern, aber todmüde ſich davon zurückzog. Herr von Lorin und Sandor befanden ſich noch in Peſth. Gertrud erſchien es faſt, als habe ſie kein Recht, ſo frei herumzuwandeln. Der Gruß des Offiziers, der an ihr vorüberging, konnte unmöglich ihr gelten, der Verachteten, Gefangenen. Mit ſtumpfer Neugierde ſchaute ſie in ein Fenſter an der Seite der Straße. Rauchende 74 und trinkende Männer ſaßen dahinter; ein Jude mit langem Bart und Kaftan ſtand unter der Thür. Das war die Schenke des Juden. Ilka hatte ihr, als ſie vorüberfuhren, geſagt, daß hier auch der Rittmeiſter von Werdenau wohne. Wenn er ſie ſo ſehen würde! Dunkle Glut über⸗ flammte Gertrud's Geſicht, und wie um einem unſicht⸗ baren Verfolger zu entgehen, eilte ſie ins Schloß zu⸗ rück. Aber ſie ſchauderte, als ſie vor der breiten Treppe ſtand, wieder zurückzukehren in ihr enges dum⸗ pfes Zimmer; ſie ging in den Park und ſchlüpfte hin⸗ ter den grünen Blätterſchleier, der ſie und ihren Schmerz ſchon ſo oft verhüllt hatte. Mit faſt unheimlicher Lebhaftigkeit zog vor ihrer krankhaft arbeitenden Einbildungskraft ihr bisheriger Verkehr mit Werdenau vorüber, von jenem Augenblick an, da er ihr für den Gruß gedankt, den ihm durch ſie die ferne Heimat geſendet, bis zu der Kirchweih, wo er ihr Schutz und Rath in jeder Gefahr verſprochen. Sie fühlte, wie die milden braunen Augen auf ihr ruhten— eine immer heftigere Sehnſucht überkam ſie nach ihrem einzigen Freunde. Da war ihr, als ob der grüne Schleier ſich theilte, die braunen Augen leuchteten zu ihr hernieder und eine weiche, melodiſche Stimme ſprach zitternd ſanfte 75 Worte, von denen ſie nur den Klang vernahm und nicht den Sinn verſtand. Die Kälte der ſteinernen Bank, auf welcher ſie ſaß und die ſie mit brennenden Händen erfaßt hatte, die Zweige, die ihr zurückweichendes Haupt berührten, erweckten ſie endlich aus ihrem Scheintraum. Gertrud fragte nicht, wie es gekommen, daß der Mann, an den ſie den ganzen Tag mit Scheu und Sehnſucht gedacht, jetzt plötzlich vor ihr ſtand. Als jedoch Werdenau auf ſie zutrat und ſie für ſeine An⸗ näherung um Verzeihung bat, da verbarg ſie ihr Ge⸗ ſicht in den Händen und brach in krampfhaftes Schluch⸗ zen aus. Voll Beſorgniß ſetzte Werdenau ſich zu ihr und der ſanfte Klang ſeiner Worte beruhigte ſie nach und nach. Allmälig vermochte ſie auch zu antworten, anfangs wirr und unzuſammenhängend und von Wei⸗ nen unterbrochen, dann immer feſter und verſtändlicher, bis Werdenau einen Einblick in Gertrud's geiſtige Miß⸗ handlung gewonnen hatte, der ſein ehrliches deutſches Gemüth zu hellem Zorn entflammte. Es war nur natürlich, daß angeſichts der Schmä⸗ hung und Verfolgung der Geliebten jeder Reſt von Sympathie verſchwand, den der Rittmeiſter etwa noch für die revolutionäre Magnatin empfunden hatte. Seine 76 erſte Eingebung war, zu Graf Ketlan zu eilen und die Hand am Säbel ihn aufzufordern, für die Ehre der von ihm Beleidigten einzutreten. Aber ein kurzes Nach⸗ denken überzeugte ihn, daß ein ſolcher Schritt höchſtens den Stolz des Grafen aufs tiefſte verletzen und zu einem Duell führen würde, durch welches Gertrud's Ruf eher noch mehr geſchädigt ſtatt wiederhergeſtellt worden wäre. Die Baronin war noch immer unpäß⸗ lich, und eine briefliche Auseinanderſetzung war ohne Zweifel mancher Mißdeutung ausgeſetzt. Auch hätte Werdenau's Voltigirübung über die Parkmauer den Werth ſeiner Vertheidigung bedeutend abſchwächen müſſen, und eine legale Gelegenheit, ſich Gertrud zu nähern, hatte er ſeit der Kirchweih nicht gehabt. Gertrud durchforſchte angſtvoll die männlichen Züge ihres Freundes, die plötzlich, wie von einem ſiegreichen Gedanken überſtrahlt, hell aufleuchteten. „Ich werde Ihnen Genugthuung verſchaffen!“ ſagte er mit Wärme. Mit einem vertrauensvollen Lächeln legte Gertrud ihre Hand in die des Rittmeiſters und horchte auf ihn wie ein folgſames Kind. „Ich werde ſogleich handeln“, fuhr der Rittmeiſter fort,„vermag aber natürlich die Wirkung meiner Schritte nicht vorherzuſehen. Um Ihren Feinden keine —y 77 Gelegenheit zu geben, noch mehr Böſes zu reden, werde ich mich Ihnen nicht eher nähern, als bis Sie mich rufen oder bis Alles entſchieden iſt. Seien Sie ſtark und geduldig! Ich habe ein Gefühl, als ob die De⸗ müthigung dieſer Menſchen nicht mehr fern ſei, welche gegen eine ſchutzloſe Waiſe ſo ſehr die einfachſten Pflich⸗ ten der Gaſtfreundſchaft verletzen. Wollen Sie Ver⸗ trauen zu mir haben und, wenn es ſein muß, noch einige Tage ausharren?“ Mit begeiſterter Hingebung reichte Gertrud dem Freunde ihre beiden Hände. „Ja, ja!“ ſagte ſie unter Thränen lächelnd.„Mögen ſie mich jetzt mit ihrer Nichtachtung verletzen, ſoviel ſie wollen, ich weiß, daß ich ihnen nicht mehr allein und ſchutzlos gegenüberſtehe! Und nicht wahr“, fuhr Gertrud mit kindlichem Flehen fort,„Sie werden ſich von der Klugheit derer, die mir übelwollen, nicht ver⸗ leiten laſſen, an mir zu zweifeln?“ „Cher an mir ſelber!“ rief Werdenau, führte haſtig Gertrud's Hand an ſeine Lippen und war verſchwunden. Bei allem Zorn und aller Entſchloſſenheit war es für den Rittmeiſter ein hohes beſeligendes Gefühl, mit welchem er von Gertrud ſchied. Das Mädchen, das er über Alles liebte, war rein und erhaben über jeden Hauch eines Zweifels, und er 78 war der einzige Menſch auf der Welt, zu dem ſie Vertrauen hatte und der für ſie eintreten durfte. Als er ſich wieder auf der Straße befand, begegnete er ſeinem Burſchen, der ſich mit einigen Ulanen auf⸗ gemacht hatte, ihn zu ſuchen. Man hatte das Bräu⸗ nel, ſeines Reiters ledig, im Dorfe aufgefangen und den Rittmeiſter verunglückt geglaubt, da er als zu guter Reiter bekannt war, um ſich ſo leicht abſetzen zu laſſen. Der Anblick ihres Vorgeſetzten und ſeine Ver⸗ ſicherung, daß er ſich vollkommen wohl befinde, be⸗ ruhigte die Leute, und Werdenau lenkte ſeine Schritte . unter das breite Portal des Schloſſes. Von der Baronin war an die geſammte Diener⸗ ſchaft ſo ſtrenger Befehl gegeben, die Offiziere, wenn ſie kommen ſollten, höflich, aber ganz entſchieden abzu⸗ weiſen, daß die Ankunft des Rittmeiſters und ſein Verlangen, Frau von Valaſy zu ſprechen, einiges Aufſehen im Schloſſe erregen mußten. Nach kurzer Zeit jedoch kam der abgeſandte Diener wieder und führte Werdenau zu den Gemächern Jo⸗ lanthens. Jolanthe empfing den Offizier mit ihrem verfüh⸗ reriſchſten Lächeln, doch vermochte ſie ihre innerliche Beunruhigung nicht ganz hinter einer gewiſſen welt⸗ gewandten Beweglichkeit zu verbergen. Sie eilte dem 79 Rittmeiſter bis an die Thür ihres Empfangszimmers entgegen, bot ihm die Hand wie einem alten Freunde und führte ihn zum Kamin, in welchem, wohl mehr der Behaglichkeit als wirklicher Kälte wegen, ein paar mächtige Klötze lohten. Kurz vor des Rittmeiſters Eintritt hatte Jolanthe etwas buntes Pulver in dieſe Glut geſtreut, welches jetzt den ganzen Raum mit einem angenehmen, aber faſt etwas betäubenden Wohl⸗ geruch erfüllte. „Es iſt hübſch von Ihnen, beſter Rittmeiſter, daß Sie ſich durch den fatalen Geſundheitszuſtand Giſela's nicht abhalten laſſen, mich zu beſuchen!“ begann ſie in fließendem Deutſch, wie ſie es vor ungariſchen Gäſten niemals hören ließ.„Nun müſſen Sie mir aber auch ausführlich erzählen, wie Sie leben. Es iſt ein wahrer Genuß, wieder etwas von dem zu hören, was draußen vorgeht. Wir leben hier ſeit dem Unwohlſein Giſela's wie in einem Kloſter begraben!“ Der Rittmeiſter war aufrecht neben dem Kamin ſtehen geblieben, und während Jolanthe ſich graziös in ihren Fauteuil zurückwarf, wartete er ernſt und ſchwei⸗ gend, bis ſie mit iheem Geplauder zu Ende war. Dann begann er: „Es ſind gerade die ſeit den letzten Wochen in Ihrem häuslichen Leben vorgekommenen Veränderungen, 80 welche mich ins Schloß und bei der Unſichtbarkeit der Frau Baronin zu Ihnen führen, gnädige Frau. Es iſt von dieſen Veränderungen eine Dame empfindlich berührt worden, welche in einem ſo eigenthümlichen Verhältniß zu Ihren Verwandten ſteht, daß das regſte Zartgefühl auf der einen, die zarteſte Rückſicht auf der andern Seite nur natürlich iſt. Dieſe Dame, Fräu⸗ lein von Nortwald, wie Sie unzweifelhaft errathen haben, iſt infolge eines Mißverſtändniſſes, wie ich annehmen will, zu der Familie dieſes Hauſes in eine Stel⸗ lung gerathen, die ſich für die Dauer unmöglich auf⸗ recht erhalten läßt. Da ich von dieſen Zuſtänden zufällig Kenntniß erlangt habe, fühlte ich mich bei ihrer Iſolirheit und als ihr Landsmann verpflichtet, ſo viel als möglich zur Beilegung des obwaltenden Zerwürfniſſes beizutragen. Da die Frau Baronin nicht ſichtbar iſt und Sie jedenfalls mit der Angelegenheit vertraut ſind, wendete ich mich an Sie.“ Jolanthe hatte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu⸗ gehört. Die Worte des Rittmeiſters ſchienen ſie einiger⸗ maßen zu beruhigen, und ihre hübſchen Schultern leicht und geringſchätzig aus dem tief ausgeſchnittenen Kleide hebend, ſagte ſie: „Die Mißverſtändniſſe, von denen Sie ſprechen, wären nie möglich geweſen, wenn Fräulein von Nort⸗ * 81 wald die Fragen, welche Giſela in der dreifachen Eigen⸗ ſchaft als Mutter, Schweſter und Hausfrau an ſie zu ſtellen berechtigt war, befriedigend zu beantworten ver⸗ mocht hätte. Und ich beſorge, Herr Rittmeiſter, daß Ihre Fürſprache, wenn ſich dieſelbe an die Baronin richten würde, nur alle Befürchtungen meiner Ver⸗ wandten beſtätigen möchte, daß nämlich Fräulein von Nortwald nicht ganz die ihr durch ihr Geſchlecht und durch ihren hieſigen Aufenthalt gezogenen Grenzen des Anſtandes beobachtet habe.“ „Gnädige Frau!“ unterbrach Werdenau ſtirnrun⸗ zelnd die Sprechende. Aber dieſe fuhr fort: „Meine Verwandte würde ohne Zweifel zu allererſt die ganz natürliche Frage an Sie richten: Auf wel⸗ chem Wege hat das Fräulein Sie zu ihrem Schutze aufgerufen? Und da der geheime Verkehr unver⸗ heiratheter junger Damen mit ebenſolchen Herren ge⸗ wöhnlich für unſtatthaft gilt, ſo möchte das die gerech⸗ ten Anſchuldigungen, denen das Fräulein ausgeſetzt iſt, eher erſchweren als entkräften.“ Mit nachläſſiger Anmuth handhabte die ſchöne Wittwe den Kaminfächer und ließ dann und wann einen halb ironiſchen, halb beobachtenden Blick zu den Ritt⸗ v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II 82 meiſter hinübergleiten. Aber des Rittmeiſters Haltung blieb von einer kühlen, unerſchütterlichen Höflichkeit. „Eben das habe ich zu vermeiden geſucht, obwohl die Annäherung an Fräulein von Nortwald von mir ſelbſt ohne ihr Zuthun herbeigeführt worden iſt.“ „Sie ſind discret!“. „Nur aufrichtig. Doch ſehe ich das Mißliche mei⸗ ner freiwillig übernommenen Sendung ein und habe, ſtatt mit der Frau Baronin in Eorreſpondenz zu treten, vorgezogen, mich an Sie zu wenden.“ „An mich?“ fragte Jolanthe mit aufrichtiger un⸗ williger Ueberraſchung.„Was habe ich mit dieſer immer⸗ hin delicaten Sache zu ſchaffen? Was kann ich dafür, daß Ihr deutſcher Tugendſpiegel unſerer unſchuldigen Ilka Dinge ins Ohr flüſtert, die ſie auf Befragen nicht wiedererzählen kann und bei denen unſer armes Kind erröthen muß? Was kann ich dafür, daß Fräu⸗ lein Gerta, um ſich die Zeit zu vertreiben, dem unver⸗ dorbenen Sohn dieſes Hauſes, einem noch nicht erwach⸗ ſenen Knaben, den Kopf verdreht, daß man ihn nur augenblicklich fort⸗ und in eine Penſion ſchicken muß? Soll ich endlich Ihre deutſche Muſterdame in Schutz nehmen dafür, daß ſie ſich bei Tafel entſchuldigen läßt, um vermittelſt eines ans Fenſter geſtellten Lichtes meinen Vetter Ketlan in ihr Zimmer zu rufen? Dieſe 83 Zumuthung iſt etwas unbefangen, ich muß es ge⸗ ſtehen!“ Jolanthe war aufgeſtanden und ging mit lebhaftem Geberdenſpiel im Zimmer auf und ab. Ihre Ent⸗ rüſtung war vortrefflich geſpielt; aber ihren Zweck, Werdenau zu verwirren und unſicher zu machen, ver⸗ fehlte ſie vollſtändig. Er ließ ſie ohne Unterbrechung zu Ende reden und entgegnete dann ruhig: „Sie kennen die Gewohnheiten des Grafen Ketlan zu gut, um nicht die Wahrſcheinlichkeit zuzulaſſen, daß er, auch ohne dazu eingeladen zu ſein, zu einer ſchutz⸗ loſen jungen Dame ins Zimmer dringen und ſie mit ſeinen Bewerbungen beläſtigen kann; Sie wiſſen ferner, daß Fräulein von Nortwald als wohlerzogene junge Dame ſich Sandor's und ſeiner derben Scherze auf keine andere Weiſe zu erwehren vermocht hätte, als indem ſie den ausgelaſſenen Jüngling als das Kind behandelte, das er war. Und Baroneſſe Ilka endlich iſt alt genug, um ebenfalls ihre kleinen Geheimniſſe zu haben, welche Fräulein von Nortwald aus Gründen des aller⸗ gewöhnlichſten Edelmuthes verſchweigen muß. Meine Ausführungen ſind jedoch wohl überflüſſig, Sie wiſſen das Alles gewiß ebenſo gut wie ich.“ Jolanthe blieb ſtehen und ſagte mit einem miß⸗ lungenen Verſuch zur Hoheit: . 6* 84 „Ich? Ich bitte berückſichtigen zu wollen, daß ich nichts Anderes glaube, als was ich ſage. Um etwas übrigens ſind meine Kenntniſſe bereichert worden; eine ſolche Virtuoſität in der Anknüpfung galanter Beziehungen, wie Fräulein Gerta ſie beſitzt, habe ich nicht für möglich gehalten, und eine Ritterlichkeit, welche eine Dame ſelbſt für die den Vorgängern gewährten Gunſtbezeigungen in Schutz nimmt, kann nur auf dem romantiſchen Boden Ihrer deutſchen Heimat gedeihen.“ Werdenau lehnte ſchweigend am Kamin und be⸗ trachtete mit tiefer, ſinnender Aufmerkſamkeit die vor ihm auf und nieder ſchreitende Geſtalt der Ungarin, deren Bewegungen ihn an die ſchleichende Grazie einer gefangenen Tigerin erinnerten. Wenn er den Bericht Pit's über die nächtliche Scene an der Einſiedelei in Sard und die Erzählung Gertrud's zuſammenhielt, ſo hatte Frau von Valaſy gegen die junge Deutſche allen Grund zur Dankbarkeit. „Eigenthümlich“, ſagte er wie aus tiefem Nach⸗ denken heraus vor ſich hin,„eigenthümlich, daß man in Ungarn haßt und ſich rächt, wenn man Dankbar⸗ keit empfinden ſollte! Hätte Fräulein von Nortwald den Grafen Ketlan nicht zurückgewieſen, ſo wären Sie im Park von Sard um ſeine Umarmungen gekommen.“ 85⁵ Mit dunkelglühendem Geſicht war Frau von Valaſy ſtehen geblieben. „Ich verſtehe weder Ihre Räthſel zu löſen, noch habe ich Luſt, länger ein Benehmen wie das Ihrige zu ertragen.“ „Es ſteht in Ihrer Macht, meinen Beſuch ſofort zu beendigen! Sie haben nur nöthig, ſich zu verpflich⸗ ten, Ihre Verwandten dahin aufzuklären, daß Fräu⸗ lein von Nortwald bisher das Opfer von Mißverſtänd⸗ niſſen war, welche durch Sie ſelber veranlaßt worden und die Sie nur auf das tiefſte bedauern könnten.“ „Nie, nie werde ich ein ähnliches Wort ſprechen“, rief Jolanthe.„Ihr eigener Beſuch beweiſt mir aufs neue, daß jene Dame in der That die ſcham⸗ und rückſichtsloſe Abenteurerin iſt, für die ich ſie von An⸗ fang an gehalten.“ In der Heftigkeit, mit welcher Jolanthe dieſe Worte hervorſtieß, lag die ganze wilde Furcht, die ſie noch immer vor ihrer einſtigen Nebenbuhlerin hegte. Denn ſie kannte Janos gut genug, um überzeugt zu ſein, daß er ihr mit Hohnlachen die Erinnerung an den Liebesrauſch einer Stunde vor die Füße werfen würde, wenn im rechten Augenblick ein Lächeln Ger⸗ trud's ihm verkündete, daß ihre Sprödigkeit zu Ende ſei. Je mehr Jolanthe fühlte, wie hoch der Verſtand 86 der jungen Deutſchen über dem ihrigen ſtand, deſto größer war ihre Furcht vor Gertrud, eine Furcht, die ſich, ſeit ſie ein Anrecht auf den Geliebten beſaß, faſt bis zur Sinnloſigkeit geſteigert hatte. Sie fürchtete das junge Mädchen, wenn dieſelbe in Lorin blieb, und bebte doch davor, ſie hinauszuſtoßen und ihr die Freiheit geben zu laſſen. Und mit den Zähnen knir⸗ ſchend und die Hände ballend wiederholte Jolanthe: „Nie, nie werde ich ein Wort zu Gunſten dieſer Perſon ſprechen!“ „Dann bedaure ich, Sie dazu zwingen zu müſ⸗ ſen“, erwiderte Werdenau feſt und ſeine Haltung drückte eine unerſchütterliche Entſchloſſenheit aus. Außer ſich vor Zorn ſchritt Jolanthe auf den Tiſch zu und erhob die Glocke, um ihre Dienerſchaft herbeizurufen. „Ich will doch ſehen, ob wir nicht einmal in un⸗ ſern eigenen Wohnungen vor Gewalt ſicher ſind!“ Werdenau erhob ruhig und befehlend die Hand. „Rufen Sie Niemand! Unſere Unterredung bedarf keiner Zeugen. Ich ſtehe hier nicht blos als Verthei⸗ diger Gertrud's, ſondern auch als Freund und Waffen⸗ bruder Arthur von Bärenklau's. Ich glaube ſein An⸗ denken nicht beſſer ehren zu können, als indem ich ſeine letzten Worte einer guten Sache dienſtbar mache.“ ——— ——— 87 Jolanthe klingelte nicht. Ihre Hände ſpannten ſich um das Metall der kleinen goldenen Glocke, als ſollte ſie zerbrechen. Alles Blut war aus ihrem Antlitz ge⸗ wichen, und nicht mehr zornig, nur noch wild und ſcheu ſuchten ihre Blicke den Boden. „Was ſoll das?“ ſtieß ſie endlich tonlos hervor. „Was ſoll das Poſſenſpiel mit einem Namen, den ich nicht verſtehe, den ich nie gehört habe?“ „Dann haben Sie ein ſehr ſchlechtes Gedächtniß, Madame!“ erwiderte Werdenau ſtreng.„Denn ohne meinen todten Freund wären Sie ſtandrechtlich— ge⸗ hängt worden!“ Erbleichend ſchloß Jolanthe die Augen und wankte, als ſei ſie von einem körperlichen Schlage betäubt wor⸗ den. Werdenau deutete auf den Fauteuil, den ſie vorhin eingenommen hatte, und ſagte kalt: „Setzen Sie ſich und hören Sie mich an!“ Frau von Valaſy gehorchte wie mechaniſch; Wer⸗ denau ſetzte ſich ihr gegenüber und begann: „Es iſt Ihnen vielleicht unbekannt geblieben, daß Arthur bei Solferino gefallen iſt. Wenige Tage vor jener Schlacht war ſeine Scharfſchützencompagnie mit meinem Ulanenzug zu einer fliegenden Colonne ver⸗ einigt worden und als Beobachtungspoſten an den Rand des Plateaus von San⸗Martino vorgeſchoben. Lebhaft ſteht noch die Scenerie von damals vor mei⸗ nen Blicken. Zwiſchen den Rebenguirlanden, die ſich von Baum zu Baum ſchlangen, blitzten die Bajonette der Jäger; meine Ulanen waren etwas rückwärts vom Hügelrand abgeſeſſen und menagirten, und Bärenklau lag neben mir im hohen, ſcharlachroth blühenden Klee, wie in einem Feld von Blut, und ſeine großen träu⸗ meriſchen Augen ſchauten hinab auf die blaue Fläche des Gardaſees. Um ihn zu zerſtreuen und um ſelber die Beengung loszuwerden, welche ſolche thatloſe Stun⸗ den vor einer Entſcheidung mit ſich bringen, pries ich die Herrlichkeit und Harmonie der Gegend, in der wir uns befanden. Arthur blickte ſich verwundert um und ſagte trübe: „Harmonie? Ich ſehe auch um mich her nichts Anderes als den ewigen Kreislauf zwiſchen Wolluſt und Zerſtörung, der unſer Leben ſo unſaglich elend macht. Schau, wie dort der Fiſchadler in die blauen Fluten niederſtößt, ſein Jubelgekrächz iſt das Todes⸗ urtheil des ſilbern flimmernden Fiſches, den ſeine Krallen hoch über das heimatliche Element hinaustragen. Und der Montebaldo, der am Ufer des Sees förmlich hinkriecht, ſieht er nicht aus wie eine ungeheure Schlange, deren Schädel ſich vergebens achttauſend Fuß hoch emporbäumt, weil ihm die ſtrahlende Sonne — 89 der gütigen Natur verſengend auf den kahlen Scheitel brennt? Der alte Knabe hat Recht! Kühl und wünſchenswerth iſt allein der ewige Tod!““ Der Rittmeiſter hielt inne, wie in trübe Erinne⸗ rungen verloren. Dann fuhr er lebhafter fort: „Ich antwortete meinem Freunde, deſſen melan⸗ choliſche Träumerei mir mehrfach aufgefallen wvr, daß er vielleicht wieder das Leben liebgewinnen werde, wenn er in den Wogen der drohenden Schlacht darum käm⸗ pfen müſſe. Arthur hob ſein erſtauntes Geſicht zu mir auf und ſagte kurz, daß er die nächſte Schlacht nicht überleben werde. Ich ſchalt ihn wegen ſolchen Klein⸗ muths; aber er antwortete mir, für einen Mann, der ſich ſelbſt verachte, ſei es am klügſten, ehrenvoll zu fallen. Ich verſicherte ihm, daß ich und alle ſeine Kameraden ſeinen Heldentod nicht nöthig hätten, um ihn zu achten und zu lieben.„Ihr kennt mich nicht!'“ antwortete er ungeduldig.„Wenn Ihr erſt wißt, daß ich, um ein verächtliches Weib zu retten, meine Sol⸗ datenehre in den Wind geſchlagen habe und daß ich, trotzdem ſie mich auf das abſcheulichſte verrathen, nach dieſem Weibe mich geſehnt habe mit der ganzen Kraft meiner jämmerlichen Seele, dann würdet Ihr mich auch verachten, und mit Recht!““ Wieder hielt der Rittmeiſter inne und warf einen 90 ernſten Blick auf ſein Gegenüber. Jolanthe war bei ſeinen letzten Worten mehrmals leicht zuſammenge⸗ ſchauert, während eine leiſe Röthe unter ihre marmor⸗ bleiche Haut zurückkehrte. Sie ſchlug die Blicke nicht auf, aber es war erſichtlich, daß ſie der Erzählung mit äußerſter Spannung folgte. Werdenau fuhr fort: „Ich erklärte meinem Freunde, daß ich an eine charakterloſe Handlung ſeinerſeits niemals glauben würde. Darauf erzählte er mir faſt zornig, daß— doch das wiſſen Sie ja ſo gut wie ich, Madame!“ „Ich? Ich verſichere Ihnen, ich weiß gar nichts; ich verſtehe überhaupt von dem Allem kein Wort!“ ſtieß Jolanthe mit unſicherer Stimme hervor. „Dann zwingen Sie mich, Ihnen die Geſchichte Ihrer Gefangennahme und Rettung bei Villagos mit meines Freundes eigenen Worten ins Gedächtniß zu rufen. Ich hätte ſie Ihnen und mir gern er⸗ ſpart!— Es war nach einem jener zahlreichen unge⸗ regelten und darum meiſt blutig zurückgeworfenen In⸗ ſurgentenangriffe, welche der Schlacht von Villagos voraufgingen, als Arthur mit ſeiner Abtheilung einen dichtbewachſenen Sumpf nach etwa dort noch verſteckten Inſurgenten abſuchte. Der unſichere Boden, auf dem jeder ſeinen eigenen Weg ſuchen mußte, und das hohe Röhricht trennten ihn bald von ſeinen Leuten. Gern — 91 hätte er einige derſelben bei ſich gehabt; denn das Röhricht war an einigen Stellen geknickt und Fußein⸗ drücke in dem weichen Boden, die ſich bereits mit Waſſer gefüllt hatten, bewieſen, daß er auf der Spur von Menſchen ſei. Etwas wie Jagdeifer ließ ihn die Gefahr nicht achten und er drang vorwärts. Da ſtand er plötzlich vor einem ergreifenden Bilde. An einer etwas erhöhten trockenen Stelle, die wie eine Inſel aus dem Röhricht des Sumpfes ragte, lag ein junger hüb⸗ ſcher Inſurgentenoffizier, der augenſcheinlich todt war; an ſeiner Seite, vergebliche Belebungsverſuche anſtel⸗ lend, kniete eine Frau, bewaffnet und in eine Phantaſie⸗ uniform gekleidet. Bei Arthur's Anblick ergriff ſie mit wahrhaft dämoniſcher Wildheit die Piſtole ihres Gatten und feuerte ſie auf den Verfolger ab. Die Kugel pfiff nahe genug an Arthur's Wange vorüber. Mit einem Sprunge ſtand Bärenklau neben der wüthenden Ungarin und entwaffnete ſie. Jetzt erſt bemerkte er, daß es ein wunderbar ſchönes junges Weib war, das er zu ſeiner Gefangenen gemacht hatte. Die Maßregeln, welche man zur Unterdrückung der Rebellion ergriffen, waren ſtreng, barbariſch ſogar und die Vorſchriften beſtimmt: wer mit den Waffen in der Hand ergriffen wurde, Mann oder Weib, ſtarb durch den Strang. Arthur von Bären⸗ klau vergaß, daß die hübſche Hyäne eben erſt auf ihn 92 geſchoſſen hatte, und betrachtete ſie mit tiefem Bedauern. Da ergriff das Weib ſeinen Arm, ihre Augen glühten ihn mächtig an, und ſich ganz nahe zu ihm neigend flüſterte ſie:„Retten Sie mich!“ Je länger er in die beſtrickenden Augen der ſchönen Frau ſah, deſto mehr vergaß Arthur von Bärenklau, daß er Soldat ſei und Pflichten habe. Trompetenſignale und Trommel⸗ wirbel verkündeten, daß die Heere vorrückten. Arthur aber kümmerte ſich nicht darum, ſondern blickte auf das Weib, das ſich mit hinreißender Anmuth an ihn ſchmiegte und immer ſüßer flüſterte:„Rette mich!“ Zu ihnen herüber drang der wilde Geſang der Inſur⸗ genten und das Getöſe der Schlacht; Raketen zogen kome⸗ tengleich über ſie hin und her und hier und dort ſchlug eine matte Kugel in das Röhricht. Mit Thränen der Scham und einem Stöhnen unbeſieglicher Leidenſchaft warf ſich Arthur auf den Boden und ſtammelte:„Wenn die Schlacht vorüber iſt, werde ich Dich retten oder ſelbſt dabei zu Grunde gehen! Aber Du mußt mir angehören— Dein Leben lang!“—„Ich werde Dir angehören mein Leben lang!“ antwortete das ſchöne Weib, bog ſich zu ihm nieder und küßte ihn; aber ihre Augen funkelten unheimlich in der Dämmerung. — Die Ungarn wurden zurückgeſchlagen und es war nicht mehr möglich, über die Vorpoſten ihrer Verfolger — 93 hinauszugelangen. Da riß das Weib die ungariſchen Farben von ihrem Gewand, warf die Waffen ins Rohr und folgte dem kaiſerlichen Offizier zu ſeinem General. Dort meldete Arthur von Bärenklau, daß er beim Ab⸗ ſtreifen des Rohres von einem verſprengten Inſur⸗ gententrupp gefangen und durch dieſe Frau gerettet worden ſei. Er beſtätigte ſeine Ausſage bei ſeinem Dienſt⸗ eid und bei ſeiner militäriſchen Ehre. Die Frau wurde darauf von dem Commandirenden mit Auszeichnung behandelt; derſelbe bot ihr ſogar ſeinen eigenen Wagen an, um ſie in die nächſte Stadt und in Sicherheit zu bringen. Der General beſuchte ſie dort, und auf ſein Zeugniß hin wurde das Vermögen ihres gefallenen Gatten von der Segueſtrirung der Inſurgentengüter ausgenommen. Bärenklau war in die Avantgarde ge⸗ ſchickt worden, ohne nur von der Frau Abſchied nehmen zu können, die er mit dem Verluſt ſeiner Soldatenehre gerettet hatte. Er aber vergaß ſie nicht, die Sehnſucht nach ihr verzehrte ihn faſt, und nach Beendigung des Kriegs ſuchte er ſie auf und ſagte ihr, daß ſie ihm nun angehören, ſein Weib werden müſſe. Zur Ant⸗ wort lachte ſie ihn aus; und als er ſie dann im Liebes⸗ wahnſinn mit der Entdeckung des wahren Sachverhalts bedrohte, verhöhnte ſie ihn und berief ſich auf ſeine eidliche Erklärung. Wenige Tage darauf hatte ſie 94 ihren Wohnſitz verkauft und ſich, wie es hieß, ans andere Ende der Monarchie begeben, zu Verwandten. Das war's, was mir der Scharfſchützenhauptmann Bärenklau am Rande des Plateaus von San⸗Martino, angeſichts des hellblauen Gardaſees erzählte“, fuhr Werdenau nach einer kurzen Pauſe fort.„Nachdem Arthur geendet, ſah er mir ſtarr ins Geſicht und fragte mich, ob ich ihn jetzt noch für einen ehrlichen Soldaten halte. Ich wollte Umſchweife machen, aber er fragte beſtimmt, faſt drohend, und ich mußte antworten, daß er ſich allerdings ſchwer gegen ſeine militäriſche Ehre vergangen habe, daß indeß Umſtände von ſo eigenthümlicher Art... Aber Arthur unter⸗ brach mich.„Ich danke Dir“, ſagte er.„Deine matten Entſchuldigungen will ich ſchon darum nicht hören, weil ich meine That nicht bereue! Dieſelbe ent⸗ ſprang nicht der Menſchlichkeit, ſondern einfach einer unheimlichen Leidenſchaft, welche jenes Weib mir ein⸗ zuflößen verſtand und die in dieſem Augenblicke noch ebenſo ſtark iſt wie damals. Es iſt daher das Beſte, wenn ein Ende damit gemacht wird!“ Es wäre gegen meine Ueberzeugung geweſen, wenn ich ihm geſagt hätte, er habe Unrecht. Mit einer ſolchen Selbſt⸗ verachtung hat man in der Welt nichts mehr zu ſuchen. Mit ernſtem Händedrucke ſchieden wir.— Die Johan⸗ —— —— 95 nisnacht, die nun folgte, war die traurigſte Nacht mei⸗ nes Lebens. Brennende Dörfer gaben die Johannis⸗ feuer... Der Rittmeiſter erhob ſich und ſeine Stimme klang tiefbewegt, als er ſchloß: „Bei Tagesanbruch begann der Geſchützangriff der Franzoſen auf Solferino, den Schlüſſel unſerer Stel⸗ lung; am Abend ſtürmten die Piemonteſen fünfmal das Plateau von San⸗Martino, wohin Benedeck vor⸗ gerückt war, und fünfmal wurden ſie zurückgeworfen. Als wir nachts bei einem entſetzlichen Wolkenbruch zurückgingen, ließen wir auch die Leiche Bärenklau's zurück, welcher mit ſeiner Compagnie von Salzburgern Wunder der Tapferkeit verrichtet und ſein Vergehen gegen die militäriſche Ehre mit dem Heldentode geſühnt hatte.“ Er ſchwieg. Jolanthe ſaß noch immer unbeweg⸗ lich; ihr zierlicher Fuß, der ſich an die blitzenden Stäbe des Kamins ſtützte, zitterte nicht; aber unter dem Blick ihrer halbgeſchloſſenen Augen ſchien die verendende Glut aufs neue aufzuleben und unruhige Funken irrten in der Aſche. Nach einer Weile ſchlug ſie den Blick ruhig und ſcheinbar kalt zu ihrem Beſucher auf. Allein ihr Ge⸗ ſicht ſah aus, als habe ſie eben eine ſchwere Krankheit 96 durchgemacht; ihre Augen waren hohl und glanzlos, und mit entfärbten Lippen und tonloſer Stimme ſprach ſie: „Ihre Fabel iſt recht intereſſant; darf ich um die Nutzanwendung bitten?“ „Die Nutzanwendung? Daß jene Frau, welche an der Leiche ihres Gatten um ihr Leben buhlen und ihren Retter nach wenigen Stunden ſchon verrathen konnte, daß ſolche Frau in jeder anſtändigen Geſellſchaft un⸗ möglich ſein dürfte, und daß kein Mann von Ehre ihr ſeine Hand reichen möchte, wenn es bekannt würde, welchen Umſtänden er die Erhaltung ihres Lebens und ihres Vermögens verdankt!— Bis jetzt konnten mir Ihre Beziehungen gleichgültig ſein, aber ich werde Sie ſchonungslos entlarven, wenn das junge unſchuldige Weſen, das zu vertheidigen ich entſchloſſen bin, nicht gerechtfertigt wird! Beherzigen Sie das! Es gilt Ehre um Ehre!“ Unruhig erhob ſich Jolanthe und holte tief Athem; ſie ſchien einen Entſchluß gefaßt zu haben. „Es iſt eine meinen Landsleuten wohlbekannte That⸗ ſache, daß ich infolge des Uebereifers eines Offiziers bei Villagos, wo ich mich der Verwundeten annahm, für einige Stunden in Gefangenſchaft gerieth. Die Nebenumſtände verhalten ſich indeß weſentlich anders, als Ihr romantiſcher Freund und Berichterſtatter Herr 97 von Bärenklau angibt. Vielleicht war es derſelbe, deſſen Ungeſchicklichkeit mich gefangen nahm? Ich erinnere mich des Namens nicht mehr. Ich will Sie mit der Verſion nicht langweilen, da Sie ja ohnehin für die Ausſagen Ihrer Landsleute eine für uns nicht ſchmeichelhafte Vorliebe zeigen. Ich will ſogar geſtehen, daß mir eine Debatte über jene Angelegenheit im gegenwärtigen Augenblick mißlich wäre. Wenn man mich anklagt, den Thurm von Notre⸗Dame geſtohlen zu haben, ſo werde ich die Flucht ergreifen, denn es wird immer Leute geben, die es glauben, ſagt ein geiſtreicher Franzoſe. Wohlan! Ich will Ihnen, um zum Schluß zu gelangen, zugeben, den Thurm geſtoh⸗ len, das heißt, Ihren biedern Freund Bärenklau ver⸗ führt, elend gemacht und in den Tod getrieben zu haben; leider vermag auch die thätigſte Reue nicht, ihn wieder aus ſeinem Grabe— am Rande des Plateaus von Martino, glaube ich, ſagten Sie?— zu erwecken. Vielleicht mag ich in jenen aufregenden Augenblicken Manches geſagt und gethan haben, was mißverſtanden worden iſt und was ich bereuen würde, wenn ich es noch wüßte— wir ſind ja alle Geſchöpfe des Augen⸗ blicks.“ Und mit koketter Frivolität lehnte Jolanthe ſich an den Kamin, daß Werdenau ſich nur zu bücken ge⸗ v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 7 98 braucht hätte, um mit ſeinen Lippen ihre vollen Schul⸗ tern zu berühren. Einen Augenblick blieb der Rittmeiſter verwirrt und ſprachlos. Er war gefaßt darauf geweſen, ſie mit einem Dolch in der Hand auf ſich losſtürzen zu ſehen bei ſeinen Eröffnungen, aber daß ſie ihre gebräuchlichſte Waffe— ihre Schönheit— auch ihm, ihrem Ankläger gegenüber nicht verſchmähte, das erfüllte ihn nach allem Vorher⸗ gegangenen mit kaltem Entſetzen. Jolanthe mißverſtand indeß ſeine ſtarr auf ſie ge⸗ richteten Augen. „Was Ihr alle an dieſem ſteifen, lebloſen Geſchöpf findet, iſt mir räthſelhaft“, ſagte ſie faſt zutraulich und mit mitleidigem Spott; und wie aus Zufall fiel ihr Blick in den Spiegel über dem Kaminſims:„So viel Zank um eine kleine Kokette aus dem Penſionat!“ Der Spiegel ſchien mit Jolanthen im Einverſtändniß zu ſein, und ein weniger charaktervoller Mann wie Werdenau hätte ſich wohl von ſolchen Reizen bethören laſſen, wie ſie ſich ihm hier enthüllten, von dem blendenden Glanz dieſer Schultern und von dem raſchen Heben und Senken einer Bruſt, deren Formen dem Bildner einer Venus zum Modell hätten dienen kön⸗ nen. Verſchleiert und halbgeſchloſſen, wie in träu⸗ meriſchem Wohlgefallen, hafteten Jolanthens Augen auf 99 dem Antlitz des Offiziers und ihr von dem weiten ſchweren Atlasärmel entblößter Arm berührte wie zu⸗ fällig ſeine Hand, die ſich auf den Marmor des Ka⸗ mins ſtützte. Da trat Werdenau einen Schritt zurück und ſagte eiſig: „Nicht um Fräulein von Nortwald's Reize zu er⸗ klären, ſondern um ihre Chre zu vertheidigen, habe ich Sie ſo lange beläſtigt. Ich muß es Ihnen über⸗ laſſen, Madame, ob Sie meinen Vorſtellungen Gehör ſchenken wollen oder nicht, aber mein Ehrenwort da⸗ Tauf... „Ich verſtehe“, unterbrach ihn Jolanthe, indem ſie nachläſſig die ſchönen Arme kreuzte.„Sie wollen ſagen, daß Sie mich auf jede Weiſe bloßzuſtellen ſuchen wer⸗ den, wenn nicht ſofort wieder alle Welt in Ihrer klei⸗ nen Weltweiſen den Engel an Reinheit und Güte er⸗ blickt, wie Sie ſelbſt. Ich werde alſo, um Ihnen und mir unnöthige Umſtände zu erſparen, mein Mög⸗ lichſtes thun, um Giſela's Unwillen zu beſänftigen und ihre Beſorgniſſe zu zerſtreuen. Da Fräulein von Nort⸗ wald's Beſtrebungen ja endlich von dem gewünſchten Erfolg gekrönt ſcheinen, ſo wird ſie ſelbſt meiner Auf⸗ gabe wohl keine Schwierigkeiten weiter bereiten!“ „So ſei es“, ſagte der Rittmeiſter mit einer for⸗ 100 mellen Verbeugung, und Frau von Valaſy verſank eine Sekunde in die Wogen ihrer Schleppe. „Es muß ſein!“ rang es ſich endlich wie Stöhnen von ihren bebenden Lippen, und ſie raffte ſich zuſam⸗ men und ſchritt zu den Gemächern der Baronin. Hier wurde ihr indeß der Beſcheid, daß Graf Ketlan ſo eben angekommen ſei und daß ſeine Unterredung mit der Schweſter durch Niemand geſtört werden dürfe. Jolanthe begab ſich nach dem Gemach Gertrud's. Das anweſende Zimmermädchen gab an, daß das deutſche Fräulein ſo eben zu der Frau Baronin beſchieden wor⸗ den ſei. 1 Als Jolanthe in ihre Zimmer zurückkehrte, konnte ſie ſich einer bangen Ahnung nicht erwehren; ſie fühlte, daß die Fäden der Intrigue ihrer Hand entſchlüpften. Fünftes Kapitel. Stiller als gewöhnlich war Graf Ketlan in den Hof geritten und wie ein Todmüder die Treppe zu der Wohnung ſeiner Schweſter emporgeſtiegen. Seine Ge⸗ ſtalt war gebeugt und ein Ausdruck tiefen wirklichen Schmerzes lag auf ſeinem Geſicht. Frau von Lorin empfing ihn liegend wie immer. Ihre Haltung ſchien ruhig und abwartend und eine beleidigte Strenge war an die Stelle der zärtlichen Be⸗ wunderung getreten, die ſie gewöhnlich dem Bruder entgegenbrachte. Ihre Hand, die Janos ergriffen hatte, entzog ſie ihm raſch und ungeduldig, bevor er ſie küſſen konnte. „Du haſt meinen Wunſch, Dich zu ſprechen, lange unberückſichtigt gelaſſen“, begann ſie ſcharf. 102 „Verzeihe, Schweſter; die Geſchäfte nahmen mich ſo ſehr in Anſpruch...“ „So, die Geſchäfte! Und wie weit ſeid Ihr damit?“ „Am Anfang des Endes. Der Enthuſiasmus auf den meiſten Edelſitzen iſt groß und unſer Circular bedeckt von den beſtklingenden Namen. Die Bevölkerung iſt, ſoweit es ohne Gefahr geſchehen konnte, allenthalben vorbereitet; auf das erſte Signal wird die Flamme an allen Ecken und Enden emporſchlagen. Die politiſche Conſtellation iſt günſtiger als je. Die öſterreichiſche Re⸗ gierung hat durch ihre Hinneigung zu den Weſtmächten in der Orientfrage die Sympathien Rußlands verſcherzt, und das herriſche Auftreten der kaiſerlichen Bevoll⸗ mächtigten bei der deutſchen Bundesregierung hat ſ ſeine deutſchen Verbündeten dem preußiſchen Einfluß mehr als je in die Arme getrieben. Italien erklärt vor aller Welt ſeine Rechte auf Venedig und die Venetianer verhalten ſich ſchweigend und drohend. Die Böhmen ſind unruhiger als je, und Oeſterreichs deutſche Pro⸗ vinzen ſeufzen— das Einzige, was dieſes ſklaviſche Volk gegen ſeine Regierer aufzuwenden vermag— unter dem Druck neuer Abgaben. Oeſterreich iſt iſolirt nach außen und zerfahren im Innern. Der Winter ſteht vor der Thür. An ſeinen langen Abenden beſchäftigt 103 ſich jeder Magyar mit Politik, und wenn der Ungar politiſirt, ſo kann es nur gegen Oeſterreich ſein. Keine Zeit iſt dem Conſpiriren günſtiger als eben der Winter. Die im Lande zerſtreuten Truppen ſind wenig zahlreich und werden täglich noch mehr geſchwächt, weil man ſie in Venetien nöthiger zu haben glaubt als hier; die Beſatzungen ſind eingeſchläfert durch den langen Waffenſtillſtand, den wir Oeſterreich gewährten. Und daß der Tanz losgeht, ehe man ſie verſtärkt, dafür werden wir ſorgen.“ Es hatte den Anſchein, als ob Janos durch ſeine raſchen Worte, durch die Hoffnung auf Thaten und Siege die Bürde abzuſchütteln ſuche, die ſichtlich ſchwer auf ſeiner Seele lag. „Nun, dann geht ja Alles vortrefflich!“ meinte die Magnatin, welche Janos genugſam kannte, um zu be⸗ merken, daß er ſich zu einer Begeiſterung zwang, welcher ſein Geiſt in dieſem Augenblick wenigſtens nicht zu folgen vermochte. „Vortrefflich bis auf eins“, begann Ketlan mit zu Boden geſchlagenem Blick wieder.„Das Erbärm⸗ lichſte, das Geld, iſt verwünſchter Weiſe auch zugleich das Mächtigſte, und die wildeſte Begeiſterung von zwanzigtauſend armen Edelleuten kann uns nicht dafür entſchädigen, wenn Kißnagy noch länger unentſchieden bleibt. Der Winter mit ſeinen ſtillen Straßen und ſeinen eingeſchneiten Dörfern iſt die Zeit für unſere Rüſtungen. Wenn wir ihn ungenutzt verſtreichen laſſen, ſind wir beſiegt, bevor wir losgeſchlagen haben.“ Die Magnatin fühlte ſich durch das, wie ihr ſchien, berechnet methodiſche Vorgehen ihres Bruders ſeltſam beunruhigt. „Ich weiß es; der Winter mit ſeiner Geſelligkeit und Muße zeitigt in den Herzen der Ungarn die kühn⸗ ſten Entſchlüſſe. Doch warum entſcheidet ſich Kiß⸗ nagy nicht? Er war ſeit jenem Feſte doch ganz der Eure und ſtieß mit Jedem, der es wollte, auf den künftigen erwählten König von Ungarn an! Ilka er⸗ zählte mir ganz entſetzt von Euren aufrühreriſchen Reden.“ „Ilka hat ihre Aufgabe zu gut erfüllt, das Herz des alten Sonderlings zu ſehr umſtrickt. Herr von Kißnagy leiht unſerer Sache ſeinen Beiſtand nur unter einer Bedingung...“ „Daß er der König werden ſoll?“ unterbrach Giſela geſpannt.„Du haſt es ihm ja längſt verſprochen; Königskronen verſchenken ſich leicht, wenn ſie auf dem Haupt eines Kaiſers ſitzen! Verſprich's ihm noch einmal, ſchwöre es ihm, wenn's ſein muß! Durch Deinen Schwur iſt er noch nicht gekrönt!“ 105 „Anfangs ſchien ihn dieſer Gedanke zu berauſchen, doch geſtern erklärte er, auch ein gekröntes Haupt ſei häßlich mit der Schlinge des Henkers um den Hals, und nur die Schönheit habe Werth für ihn.“ Graf Ketlan ſtockte. Giſela wagte kaum zu ath⸗ men. Leiſe und mit geſenkter Stirn fuhr Janos fort: „Ilka's jugendlicher Liebreiz beſtrickte den alten Sonderling ſo ſehr, daß ich nun ſelbſt in dem Netz gefangen liege. Er leiht uns ſeinen Beiſtand, legt ſich ſelbſt die Schlinge um den Hals, wie er ſich aus⸗ drückt, wenn Ilka ſeine Frau wird, aber nur dann! Dann ſtehen ſeine Millionen in unſerem Dienſt!“ „Nie, nie, nie!“ Es war ein gellender Aufſchrei eines empörten Mutterherzens, unter welchem Janos jäh zuſammenzuckte. „Nie“, wiederholte die Magnatin, und wie durch ein Wunder gekräftigt erhob ſie ſich und ſtand einen Augenblick aufrecht neben dem Sopha,„nie werde ich meinem Kinde einen Sarg neben das Brautbett ſtellen! — Sie wenigſtens ſoll glücklich ſein!“ ſetzte ſie halb⸗ laut, aber mit unheimlicher Entſchloſſenheit hinzu. Die Bedingung des lüſternen Greiſes hatte auch in Janos anfangs einen furchtbaren Seelenkampf hervor⸗ gerufen; denn die Auslieferung Aranka's ſtand noch lebhaft vor ſeiner Einbildungskraft, und er hatte bereits 106 gelernt, den alten despotiſchen Herrn recht gründlich zu haſſen. Die Erklärungen Kißnagy's jedoch waren zu beſtimmt geweſen, und ohne ſeine Millionen war der ſo lange und ſorgfältig vorbereitete Aufſtand als ge⸗ ſcheitert anzuſehen. Die Entſchiedenheit ſeiner Schweſter, von welcher er ſelbſt nur ſchrankenloſe Hingebung ge⸗ wohnt war, weckte jedoch ſeine Energie aufs neue und mit ſchmerzlicher, faſt verächtlicher Ironie ſagte er: „So iſt es denn zu Ende mit all unſern hoch⸗ fliegenden Plänen! Es iſt bitter, daß es gerade Deine Hand ſein muß, Giſela, die ſie in Trümmer ſchlägt! Aber es geſchieht durch meine eigene Schuld. Wer auf Frauenenthuſiasmus baut, darf ſich nicht beklagen, wenn der Bau durch Frauenſchwäche zuſammen⸗ bricht. Du haſt kein Herz mehr für Dein Vaterland, Giſela!“ Allmälig war Frau von Lorin wieder auf ihren Sitz zurückgeſunken, und mit vor Schmerz und Mattig⸗ keit verzogenen Mienen ſaß ſie da, ein ergreifendes Bild der Qual und des Zorns. „Und das ſagſt Du mir, Du, Janos? Ich habe der Liebe zu Dir und dem Vaterlande Alles ge⸗ opfert! Unerbittlich haſt Du mich ſelbſt und den Frieden meines Hauſes zerſtört— und Du, Du ver⸗ räthſt um einen Blick aus den Augen einer deutſchen 107 Abenteurerin Dein Vaterland, Deine Schweſter— Alles!“ „Giſela!“ rief Janos drohend. Ihres Zorns nicht mehr mächtig, griff die Baronin nach der neben ihr ſtehenden Schelle, und wie ein Alarmruf tönte das Klingeln durch den Raum. Die Flügelthüren zu dem Nebenzimmer öffneten ſich und ruhig und aufrecht trat Gertrud über die Schwelle. Sobald der Baronin die Ankunft ihres Bruders gemeldet worden war, hatte ſie Gertrud ins Nebenzimmer beſtellen und ſie anweiſen laſſen, daß ſie auf das Klingeln zu erſcheinen habe, und das junge Mädchen hatte ſich dem ſeltſamen Anſinnen mit der heitern Ruhe gefügt, welche ſie ſeit der Unterredung mit Werdenau nicht mehr verließ. Ein leichtes Roth färbte die Wangen Gertrud's, als ſie den Grafen erkannte, und mitten im Zimmer blieb ſie ſtehen. „Näher, näher!“ befahl die Baronin herriſch.„Ich will doch ſehen, ob Ihr mir ins Antlitz Euer Verhält⸗ niß noch zu leugnen wagt!“. Die Farbe auf Gertrud's Wangen wurde tief dunkel und in ihren gewittergrauen Augen leuchtete es ſtolz und zornig aufV; aber ſie ſchwieg. „Geſtehen Sie, Fräulein!“ rief die Baronin faſt 108 kreiſchend,„widerſprechen Sie, wenn Sie es wagen, daß Sie die Geliebte des Grafen Ketlan ſind.“ „Ich habe nichts zu geſtehen und nichts zu leug⸗ nen“, ſagte Gertrud ruhig, mit jungfräulicher Hoheit. „Der Herr Graf mag Ihnen beantworten, ob ich— ob ich bin, was Sie mich nennen!“ Mit einem Gemiſch von Bewunderung und Ver⸗ legenheit hatte Janos Gertrud betrachtet; jetzt trat er vor und ſagte ernſt, faſt mit Trauer: „Du haſt kein Recht, Schweſter, Fräulein von Nort⸗ wald zu beleidigen. Sie hat alle meine Bewerbungen unzweideutig und für immer abgelehnt.“ Und ritterlich, aber mit geſenktem Haupt näherte Graf Ketlan ſich Gertrud und die Hand ausſtreckend bat er in ſichtlicher Bewegung: „Ich habe Ihnen ſchwere Stunden bereitet, wie es ſcheint; können Sie mir vergeben?“ Im Antlitz der Baronin leuchtete es auf. Wohl warf ſie noch einen mißtrauiſchen Blick von einem zum andern; allein Gertrud reichte dem Grafen mit ſo ruhiger Würde die Hand, dieſer küßte dieſelbe ſo ehrerbietig, daß die Furcht, Gertrud Unrecht gethan zu haben, ſich immer weniger abweiſen ließ. Wieder griff die Baronin zur Klingel und ſchellte heftig. „Frau von Valaſy möge ſich zu mir bemühen“, 109 herrſchte ſie dem eintretenden Diener zu. Gleich darauf trat Jolanthe ein. Voll Unruhe, etwas von den ge⸗ heimnißvollen Vorgängen zu erlauſchen, hatte ſie ſich in den Vorzimmern aufgehalten und war nicht ſchwer zu finden geweſen. Mit einem Blick überſchaute ſie die Lage, und als Giſela mit ſchmerzlichem Vorwurf fragte: „Wagſt Du es, dieſen beiden gegenüber zu wieder⸗ holen, weſſen Du ſie bei mir anklagteſt?“ da warf ſie ſich neben dem Lager der Freundin auf die Kniee: „Vergib! Die Eiferſucht hatte mich wahnſinnig ge⸗ macht; ich ſah und hörte nur, was ich fürchtete.“ Und das Haupt in den Kiſſen bergend, flüſterte ſie:„Ich liebe ihn zu ſehr!“ Aber Giſela wandte ſtumm das Antlitz zur Seite und Jolanthe richtete ſich langſam wieder auf. Wie von einem drückenden Alp befreit, ſtreckte die Magnatin die Hände nach Gertrud aus. „Verzeihen Sie mir! Sie ſind ein gutes, liebes Kind und ich habe Ihnen ſchweres Unrecht zugefügt! Aber ich konnte nicht denken, daß man mich auf ſo ſchändliche Weiſe täuſchen würde! Gehen Sie auf Ihr Zimmer, ſtolzes, hochherziges Mädchen, Sie ſind zu gut für ſolche Geſellſchaft!“ Gerührt beugte Gertrud ſich über die abge⸗ zehrte Hand der Kranken, dieſe aber legte den Arm 110 zärtlich um ihren Nacken und küßte ſie auf die Stirn: „Gehen Sie, mein Kind!“ Gertrud richtete ſich auf und verließ nach einer förmlichen Verbeugung gegen Jolanthe und den Grafen das Gemach. Jolanthe fühlte, daß Alles für ſie auf dem Spiele ſtand, und ſeine Hand ergreifend hatte ſie ſich dicht neben Graf Ketlan geſtellt. Den finſtern Blick zur Erde geſenkt, ließ dieſer ſie gewähren. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Giſela ſcharf. „Daß Janos beſſer weiß als Du, wie ſehr ich ihn liebe, Giſela!“ antwortete Jolanthe, und triumphirend fügte ſie hinzu:„Ich bin ſeine Braut!“ Die Magnatin fuhr zuſammen; aber verächtlich wandte ſie ſich an ihren Bruder: „Was iſt wahr daran, Janos?“ Und finſter ſchaute ſie von einem zum andern. „Alles; Du wollteſt es ja!“ nickte der Graf mit ironiſcher Ergebung. „Alſo auch darin mußtet Ihr mich verrathen, mich, der Euer Glück höher ſtand als Alles, Alles! Ihr glaubt wohl, mein Herz ſei lahm und todt wie meine Glieder?“ klang es wie ein Schmerzensſchrei von den 111 Lippen der Kranken und ſchluchzend barg ſie ihr Ge⸗ ſicht in den Kiſſen. Jolanthe nahte ſich ihr und ſuchte ihre Hand zu faſſen. „Wir wollten Dir die Sache vorſichtig mittheilen, um Dich nicht zu ſehr aufzuregen“, flüſterte ſie; aber die Magnatin ſtieß ſie heftig zurück. „Schlange!“ hauchte ſie mit bebenden Lippen. Sechstes Kapitel. Den Reſt des Tages war die Baronin für das Brautpaar nicht mehr ſichtbar. Janos ertrug dies mit der düſter ironiſchen Gelaſſenheit, mit welcher er auch über ſich ergehen ließ, daß Jolanthe ſich völlig als ſeine verlobte Braut benahm und durch jedes Wort den feſten Willen kundgab, ſich aus ihrer Stellung nicht mehr verdrängen zu laſſen. Es war bei der Ge⸗ müthsart Jolanthens nur natürlich, daß ſie es bitter empfand, in Gertrud's Gegenwart und in demſelben Augenblick entlarvt worden zu ſein, da ſie entſchloſſen war, Alles aufzubieten, um die junge Deutſche zu rechtfertigen. Es war nur natürlich, daß ſie ganz ver⸗ gaß, welch ſelbſtiſchen Beweggründen dieſe Abſicht entſprang, und es konnte ihren Zorn nicht mildern, daß Gertrud den ganzen Abend bei der Baronin zu⸗ ————————-’’’;;: 113 bringen mußte und von dieſer mit Huldbeweiſen über⸗ häuft wurde. Graf Ketlan's Laune trug auch nichts dazu bei, Jolanthens Stimmung zu verbeſſern. Er ſtand an dem Grabe aller ſeiner hochfliegenden Wün⸗ ſche für die nächſte Zukunft. Es konnte kein Zweifel darüber herrſchen, daß Giſela, auf das tiefſte ver⸗ wundet, niemals ihre Einwilligung zu einer Heirath Ilka's mit Kißnagy geben werde. Jolanthe hatte dies vorzugsweiſe verſchuldet; denn Janos zweifelte nicht, daß ſeine Schweſter ohne den Zwiſchenfall mit Ger⸗ trud dem Bruder zu Liebe die Tochter geopfert hätte., Aber er war auch nicht klein genug, Jolanthe verant⸗ wortlich zu machen für Dinge, die ſie einzig aus Liebe zu ihm gefehlt. Es gab außerdem noch einen Grund, der, wenn er dem Grafen auch nur unklar zum Be⸗ wußtſein kam, ihn doch gleichfalls daran verhinderte, mit Jolanthen zu brechen; das war ihr Vermögen. Daſſelbe war nicht bedeutend genug für die beabſich⸗ tigte großartige Action; es reichte indeß hin, die Un⸗ zufriedenheit im Lande wach zu halten, bis wieder günſtigere Zeiten kamen. Auch Jolanthe ſelbſt war eine nicht zu verachtende Bundesgenoſſin und ihre Ausdauer in Verfolgung vorgeſteckter Ziele hatte er ja an ſich ſelbſt erfahren. Offen enthüllte er ihr daher die Bedingungen v. Schlägel, Graf Kellan der Rebell. II. 3 114 Kißnagy's, ſowie den heftigen Widerſtand Giſela's und erklärte ihr, daß dies für den Augenblick gleichbedeu⸗ tend ſei mit dem Scheitern aller ſeiner Pläne. Jo⸗ lanthe hörte aufmerkſam zu. „Und wenn Illa ſich ſelbſt zu Gunſten Kißnagy's entſchiede?“ „Das iſt bei ihrer Neigung für Serravaglia kaum zu hoffen.“ „Vielleicht doch; ſie hat Serravaglia ſeit Wochen kaum geſehen und der Verkehr mit ihrer Buſenfreun⸗ din Gerta war ihr unterſagt. Die von Paris gekom⸗ menen Kleider und Stoffe haben keinen Reiz mehr für ſie, denn das Kind fragt ſich mit Recht, wo ſie alle die hübſchen Sachen anziehen ſolle, wenn ſie nicht mehr mit den Offizieren tanzen dürfe. Ilka langweilt ſich eben jetzt ungemein und jedes Mittel, der ſie er⸗ wartenden Troſtloſigkeit eines langen Winters zu ent⸗ gehen, wird ihr recht ſein, vielleicht ſogar eine Heirath mit Kißnagy. Ueberdies ſchien ſie von den ihr in Sard erwieſenen Aufmerkſamkeiten ſehr entzückt. Ich will zu ihr gehen und ſie ausforſchen.“ Janos nickte. Jolanthe drückte einen Kuß auf ſein krauſes ſchwarzes Haar wie zum Zeichen ihrer Macht über dieſen ruheloſen Geiſt. Dann ging ſie, um ihre junge Verwandte aufzuſuchen. 415 Dieſelbe war in ihrem Zimmer nicht anweſend. Man hatte ſie nach dem Park gehen ſehen. Jolanthe folgte ihr dahin, aber nirgends konnte ſie eine Spur ihrer Couſine entdecken. Aergerlich und ermüdet durch den vergeblichen Spaziergang, wollte ſie eben nach dem Schloſſe zurückkehren, als ſie ſcheinbar aus nächſter Nähe das ungeduldige Schnauben eines Pferdes ver⸗ nahm. Jenſeits der Mauer, an welcher ſie ſtand, war zwar die Straße, aber es fiel ihr auf, daß ſie weder Hufſchlag noch Räderlärm vernahm. Um ſich blickend erkannte ſie in dem dichten Buſchwerk, welches den Park ſcheinbar abſchloß, einen faſt verwachſenen ſchma⸗ len Pfad. Sie erinnerte ſich, daß derſelbe zu einer Art Belvedere führte, von dem aus man auf die Straße hinabſehen konnte. Eilig erſtieg Jolanthe die kleine Erhöhung, denn ſie glaubte jetzt auch die gedämpften Töne menſchlicher Stimmen zu vernehmen. Es war ein anmuthiges Schattenbild, vor dem die Spähende wie in den Boden gewurzelt in tiefer Be⸗ trachtung ſtehen blieb, während es wie ſtiller Jubel um ihre Lippen zuckte. Sich ſcharf abzeichnend gegen das Stück röthlichen Abendhimmels, welchen die dichten dunklen Bäume wie ein Gemälde einrahmten, ragten der Kopf eines Pfer⸗ des und der Oberkörper ſeines Reiters über die Mauer⸗ 116 brüſtung. Aber der Schattenriß des Reiters war für das Auge kaum zu trennen von der ſchlanken Mäd⸗ chengeſtalt, welche ſich vom Garten aus zu ihm hinü⸗ ber beugte. Alles um ſich her vergeſſend, ruhten die beiden Weſen eng umſchloſſen einander in den Armen. Ilka hatte die tödtliche Langeweile nicht länger zu ertragen vermocht und ſich hierher geflüchtet, wo Graf Serravaglia täglich eine halbe Stunde lang mit unermüdlicher Geduld ſeinen Rappen im ruhigen Stehen neben einer Gartenmauer einübte und, trotzdem er ſelbſt nicht mehr darauf zu hoffen wagte, dennoch auf den Schluß der vor Wochen unterbrochenen Umar⸗ mung zu warten ſchien. Jolanthe wußte genug. Leiſe, um von dem Freunde Werdenau's nicht bemerkt zu werden, trat ſie zurück und rauſchte dabei abſichtlich ein wenig in den Zwei⸗ gen. Augenblicklich ertönte ein leiſer Ausruf und gleich darauf vernahm Jolanthe das eilige Davon⸗ ſprengen des Reiters. Jetzt trat ſie vor. Ilka war in ihrem Schrecken weit abgerückt von der Stelle, wo ſie ſich hatte umarmen laſſen, als ob ſchon der Ort ſelbſt, wo das Ungeheure geſchehen, ſie verrathen könne. Der Anblick Jolanthens beruhigte ſie ein wenig; als aber dieſe ihr in ſtrengem Tone befahl, ſie zu der Magnatin zu begleiten, um über 117 ihre ſträfliche Vertraulichkeit mit dem Lieutenant Re⸗ chenſchaft abzulegen, da ſank Ilka mit gerungenen Händen vor der Baſe auf die Kniee und flehte angſt⸗ voll um ihre Verſchwiegenheit. „Das kannſt Du nicht thun, Jolanthe!“ rief ſie in theatraliſcher Verzweiflung.„Mama verſtößt mich und dann ſterbe ich!“ Jolanthe blieb unerbittlich. „Mein Schweigen würde Dich nur zu neuen un⸗ würdigen Abenteuern verleiten und morgen gäbeſt Du dem leichtfertigen Lieutenant vielleicht ein Stelldichein auf freiem Felde.“ „Nie, nie will ich ihn wiederſehen“, jammerte Ilka,„ich ſchwöre Dir, daß ich ihn nie mehr ſehen will!“ „Du haſt Deine Mutter getäuſcht und wirſt auch das Verſprechen nicht halten, das Du mir nun gibſt. Deine Mutter iſt zwar entſchloſſen, Dich in das Klo⸗ ſter zu ſchicken für den erſten ähnlichen Fehltritt, und das thut mir aufrichtig leid für Dich; allein ich kann es nicht mehr ändern.“. „Ins Kloſter?“ ſtöhnte Ilka entſetzt; ihre flehend erhobenen Hände ſanken herab und troſtlos ſtarrte ſie vor ſich hin. „In eins der ſtrengſten“, fuhr Jolanthe mit be⸗ rechneter Grauſamkeit fort,„wo Du ſtets einen dich⸗ 118 ten Schleier vor dem Geſicht tragen, auf harten Bretern ſchlafen und dreimal in der Nacht aufſtehen mußt, um in der Kirche zu beten. Eine Viertelſtunde täglich darfſt Du Deine enge Zelle verlaſſen und im Garten des Kloſters zwiſchen hohen Mauern umher⸗ gehen. Aber alle Nonnen tragen Schleier wie Du und keine darf mit der andern reden.“ Ilka wußte, daß es einen Frauenorden mit ähn⸗ lichen Regeln in Ungarn gab, in welchem gewöhnlich hochadelige Büßerinnen lebendig begraben wurden. Auch hatte ſie ſich in der letzten Zeit nur noch mit ängſt⸗ licher Scheu ihrer Mutter genaht, welche wie eine kranke Löwin in ihrer Höhle in ihren Gemächern blieb, die ihre Freundin Gertrud aus unbekannten Gründen auf ihr Zimmer verbannt, Sandor über Nacht zum Aufenthalt in einer Peſther Penſion verurtheilt hatte und für ihre Tochter kaum mehr einen Zlick oder einen flüchtigen Kuß beſaß. Von dieſer Mißhandlung bis zur Verbannung in jenes ſchreckliche Kloſter bei Ent⸗ deckung ihrer Frevelthat war für Ilka's kindliche Phan⸗ taſie nicht weit. Keines Wortes mehr mächtig, preßte Ilka ihre Hände vor das Geſicht und ſchluchzte herzbrechend. „Höre mich an“, begann Frau von Valaſy nach einer Pauſe wieder und beugte ſich zu der Knieenden 119 hinab,„es gibt eine Bedingung, unter welcher ich ſchweigen kann.“ „Alles, Alles will ich thun, wenn Du mir hilfſt!“ ſchluchzte Ilka. „So höre! Herr von Kißnagy“, fuhr die ſchöne Wittwe langſam fort und ihre Stimme zitterte leicht, je mehr ſie ſich der Entſcheidung näherte,„Herr von Kißnagy hat bei Janos um Deine Hand angehalten. Er gebietet über einen ungeheuren Reichthum und wird Dich mit dem Glanz einer Fürſtin umgeben. Janos wünſcht ſehr, daß Du ſeine Hand annimmſt; und Du. weißt, daß ich ihn liebe; deshalb ſind ſeine Wünſche auch die meinen. Schon lange hat Deine Mutter auf dieſen Antrag gehofft.“ Ilka hatte ſich erhoben und allmälig ihre Hände von ihrem thränennaſſen Geſichtchen entfernt, während ſie ihre Quälerin mit erſchreckter Neugier anſah. Sie gedachte jener Scene, da ihre Mutter ſie ſtürmiſch in die Arme geſchloſſen hatte mit den Worten:„Du we⸗ nigſtens ſollſt glücklich werden!“ „Du irrſt, Jolanthe“, ſagte ſie jetzt beſtimmt, „meine Mutter will es nicht.“ Betroffen von dem feſten Tone Ika's, blieb Jo⸗ lanthe einen Augenblick ſchweigend, dann ſchalt ſie zornig: 120 „Deine Mutter hat Dich prüfen wollen, verblen⸗ detes, thörichtes Kind, ob Du nicht einen Andern im Herzen trägſt; aber ſie wird Dich mehr als je lieben, wenn Du der Verſuchung widerſtehſt und Kißnagy's Bewerbung annimmſt.“ Traurig ſchüttelte Ilka den Kopf. „Serravaglia ſchießt ſich todt, wenn ich ihn nicht liebe! Gewiß, er thut es!“ „Dann bleibt Dir eben nichts übrig, als ins Kloſter zu gehen, damit er am Leben bleiben kann.“ Aufs neue rang Ilka troſtlos die Hände, aber die wiederkehrende Grazie in dieſer Bewegung deutete bereits darauf hin, daß ſie durch das Bewußtſein, es gebe einen Weg, dem Kloſter zu entgehen, ſchon zur Hälfte beruhigt war. „Er ſchießt ſich ganz gewiß todt“, wiederholte ſie weinerlich. „Wenn Du ſeinetwegen ins Kloſter geſperrt wür⸗ deſt, hätte er allerdings den triftigſten Grund dazu. Das müßte ja die ſchrecklichſten Selbſtvorwürfe in ihm hervorrufen. Wenn ihm Dein Wohl über Alles ginge, müßte er ſich ja freuen, wenn Du die reichſte Dame in Ungarn wirſt.“ Das erſchien dem kindlichen Enthuſiasmus Ilka's einleuchtend. 1241 „Darin haſt Du Recht, Jolanthe, darüber ſollte er ſich eigentlich freuen.“ 5 Bei der geringen Gemüthstiefe Ilka's war es Jo⸗ lanthen leicht, deren Anſchauungen über das Weſen der Liebe noch mehr zu verwirren, indem ſie ihrer Eitel⸗ keit ſchmeichelte und Serravaglia als einen durchaus ſelbſtſüchtigen, unwürdigen Menſchen darſtellte, wenn er Ilka eine ſolche glänzende„Partie“ nicht gönnte. Auch wußte die ſchlaue Wittwe Ilka's leicht erregbare Phantaſie derart zu feſſeln durch die Beſchreibung des ſie in Sard erwartenden Hochzeitsfeſtes, ſie ſtellte ihr die Ehe mit Kißnagy als eine ſo ununterbrochene Reihe von Freuden und Feſtlichkeiten dar, daß Ilka die Zumuthung Serravaglia's, ſie ſolle alledem um ſeinetwillen entſagen, wie eine höchſt unbeſcheidene An⸗ maßung anzuſehen begann. „Wie ich hörte“, warf Jolanthe im Verlauf des Geſprächs gleichgültig hin,„will Kißnagy die Hoch⸗ zeitsreiſe mit Dir nach Paris machen.“ Ilka's Augen erglänzten und ihre Wangen färb⸗ ten ſich höher. Paris zu ſehen mit ſeinem glänzenden verführeriſchen Leben, mit ſeinen Boulevards, Theatern und Magazinen, ſeinen Corſofahrten in den elyſeiſchen Feldern und im Boulogner Wäldchen— das war der Traum ihrer Jugend geweſen, ſeit ſie aus Paris 122 die erſten langen Kleider und die erſten Schmuckſachen erhalten und an der Entzifferung der Mode⸗Albums ihr Franzöſiſch geübt hatte. Als daher Jolanthe ihre Frage wiederholte, ob ſie Herrn von Kißnagy heirathen werde, blickte ſie überraſcht auf, als ob denn das jetzt noch zweifelhaft ſein könne. Jolanthe fragte, ob ſie feſt bleiben werde, auch wenn ihre Mutter, wie ſie es beabſichtige, um ihre Herzensgeheimniſſe zu erfahren, ihr von dieſer Verbin⸗ dung abrathen werde. Ilka nickte träumeriſch mit dem Kopfe und dachte tieffinnig darüber nach, in welcher Toilette ſie zum erſten Male ins Bois fahren wolle. „Alſo kann ich Deinem Onkel mittheilen, daß Du die Bewerbung ſeines Freundes annimmſt? Erinnere Dich, daß das leiſeſte Schwanken Deinerſeits mich zwingen würde, Deiner Mutter Alles zu geſtehen!“ „O Jolanthe“, rief Ilka pathetiſch,„wie könnte ich ſo undankbar und verblendet ſein, da Du ja nur mein Glück willſt!“ „Bleibe deſſen eingedenk!“ Mit einem Kuß auf Ilka's jugendliche Stirn ſchied Jolanthe, um ſich zu Janos zu begeben. Ilka blieb einen Augenblick ſtehen, wie um ſich von all dem Wunderbaren zu erholen, das auf ſie eingeſtürmt war. 423 Da erſchienen auf dem Rande der Gartenmauer erſt zwei Hände, dann eine goldverzierte Ulanenmütze, dann ein paar runde Augen darunter, die ſich vorſich⸗ tig umſahen, und endlich mit einem Sprung, der jedem Voltigeur Ehre gemacht hätte, ſtand Lieutenant Serra⸗ ravaglia in ganzer Perſon neben der Geliebten. Ilka ſtieß einen Schrei aus und wollte fliehen. Allein Serravaglia ergriff ſie bei der Hand und flehte: „Bleib', Ilka, ich bitte Dich!“ Vergeblich rang Ilka, um ſich loszumachen; ſchreckens⸗ bleich blickte ſie um ſich und rief endlich faſt wei⸗ nend: „Jolanthe kann jeden Augenblick wiederkommen! Wollen Sie mich denn durchaus ins Kloſter brin⸗ gen?“ „Gewiß nicht!“ verſicherte der Exmalteſer über⸗ zeugungsinnig.„Ich blickte ſchon beim Schloß über die Mauer und ſah Frau von Valaſy in das Thor gehen. Wir ſind ungeſtört. Ich muß noch einmal das ſüße Wort hören, daß Du mich liebſt!“ Und Serravag⸗ lia beugte ein Knie und drückte ihre Hand an ſeine Lippen. „Aber ich muß ja dann ins Kloſter, wo man einen dichten Schleier vor dem Geſicht trägt und mit keiner Menſchenſeele reden darf!“ jammerte Ilka. 124 „Jolanthe hat uns belauſcht und will der Mama Alles erzählen, wenn ich nicht Herrn von Kißnagy heirathe.“ STrpotzdem Serravaglia eher als jede andere der betheiligten Perſönlichkeiten dieſe Möglichkeit ins Auge gefaßt hatte, war er doch zu ſehr von ſeinem jungen Glück berauſcht, als daß die Beſtätigung ſeiner frühe⸗ ren Angſt ihn nicht hätte betäuben ſollen. „Und Du willſt Dein junges Leben an dieſe wandelnde Leiche ſchmieden laſſen?“ fragte er in dumpfer Seelenangſt. „Ich muß ja“, klagte Ilka,„ſonſt erzählt Jo⸗ lanthe Alles und dann komme ich ins Kloſter.“ Wie ein Wahnſinniger riß der junge Offizier die Geliebte an ſich und preßte ſeine zuckenden Lippen auf ihren Mund. „Nie, nie wirſt Du einem Andern gehören!“ flü⸗ ſterte er.„Ich tödte ihn eher, als ich ihn mit Dir zum Altar treten laſſe!“ Voller Entſetzen blickte Ilka in das bleiche Geſicht und die rollenden Augen des Offiziers, und ſeine Lei⸗ denſchaft, die ſie ſelbſt weder verſtanden noch erwidert hatte, flößte ihr plötzlich nichts mehr als Schrecken ein. Mit dem Aufgebot aller ihrer Kraft riß ſie ſich los und floh von dem Manne, den ſie vor einer hal⸗ 125 ben Stunde noch mit der erſten ſchüchternen Regung des Herzens umarmt hatte, und dieſe Regung ſelbſt war erſtarrt, erſtorben in Angſt und Citelkeit. Athemlos kam Ilka in ihrem Zimmer an. Finſter brütend ſtand Serravaglia noch lange an derſelben Stelle; dann ließ er ſich langſam von der Mauer auf die Straße hinab, die nach dem Dorfe führte. Sein ſonſt ſo elaſtiſcher Gang war unbeholfen und linkiſch und mehrmals ſtrauchelte er. Als er in das Dorf kam, ſchien er ſich beſinnen zu müſſen, wo ſeine Wohnung lag, und der Fuhrmann eines ſchwerbeladenen Wagens, welcher die Straße herabkam, ſuchte vergeblich ihn durch Peitſchenknallen zum Ausweichen zu veranlaſſen. Serravaglia ſah und hörte nicht und der Fuhrmann war genöthigt, raſch zu Boden zu ſpringen und ſeine Pferde zur Seite zu führen, die den kaiſerlichen Offi⸗ zier faſt erreicht hatten. Siebentes Kapitel. Schon früh am andern Morgen ließ Janos bei ſeiner Schweſter anfragen, ob er ſich von ihr verab⸗ ſchieden dürfe. Er ahnte, daß Giſela ihn noch immer liebte und daß ſie ihn nicht ziehen laſſen werde, ohne ihn noch einmal geſehen zu haben. Er täuſchte ſich darin nicht, Giſela empfing ihn ruhig und, wie es ſchien, mehr traurig als erzürnt. „Ich mochte nicht ohne Lebewohl vielleicht auf Nimmerwiederſehen von Dir gehen, Giſela!“ begann Janos ſanft. Die Baronin überließ dem Bruder ihre Hand, die er erfaßt hatte, und fragte: „Du gehſt nach Sard?“ „Nein; ich habe in Sard nichts mehr zu thun.“ Die Baronin verſtand ihn. 127 „Wohin gehſt Du?“ fragte ſie nach einer Weile dumpfen Schweigens, während welcher der Graf ſich auf einen Stuhl an ihrer Seite niedergelaſſen hatte. „Nach Hauſe und dann nach meinem Felſenneſt in den Karpaten.“ „Geht— geht ſie auch mit?“ fragte die Baro⸗ nin ſtockend. „Jolanthe?“ Giſela nickte. „Nein“, antwortete Janos,„ich will dort jagen. Die Jagd iſt im Winter ſehr intereſſant, es gibt dort Bären und viele Wölfe.“ „Aber auch viel Gefahren— Lawinen, Räuber—“ Janos zuckte die Achſeln. „Unthätigkeit und Langeweile tödten allerdings langſamer.“. „Du biſt grauſam, Janos! Als Mutter konnte ich nicht anders handeln.“ Graf Ketlan ſchwieg. „Wann willſt Du heirathen?“ fragte die Baro⸗ nin weiter und ihre Geſtalt erbebte leiſe. „Wenn die Fahne des Aufruhrs über Ungarn weht; ſo wollte es Jolanthe. Das wird vorausſicht⸗ lich noch lange nicht der Fall ſein.“ „Du liebſt Jolanthe nicht—“ „Ich liebe mein Vaterland.“ „Sieh, Janos“, begann Giſela nach einer Pauſe wieder und ihre Blicke, welche auf dem geſenkten Haupt des Bruders ruhten, ſchimmerten feucht,„ſieh, Janos, wenn es nur mein eigenes Leben gälte, und ſtände es noch im Vollgefühl der Kraft und Jugend ſelbſt, ich gäbe es freudig hin für Dich und Ungarn. Du weißt es, Du kannſt es nicht vergeſſen haben, Janos! Aber mein unſchuldiges Kind, meine einzige Tochter kann ich nicht kaltblütig opfern, ſelbſt Dir, ſelbſt dem Vaterlande nicht.“ „Da Du ſelbſt den Gegenſtand wieder berührſt, ſo kann ich Dir nur wiederholen, daß ich die Schrecken der Sache nicht einſehe. Es unterliegt zwar nicht dem geringſten Zweifel, daß Ilka jung und Kißnagy alt, ſehr alt iſt. Nach menſchlicher Vorausſicht wird er ſogar wohl bald ſterben. Aber ich erlaube mir, nicht einmal das ſchrecklich zu finden. Eine zwanzigjährige Wittwe von blendender Schönheit, die um einen alten Mann trauert, iſt weder für ſich ſelbſt noch für die Mitwelt beſonders abſchreckend.“ „Du weißt nicht, Janos, welches Elend eine ent⸗ weihte Jugend iſt. Glanz und Reichthum entſchädigen nicht für die erſten zerſtörten Träume einer Mädchen⸗ bruſt—“ 129 „Für Epauletten und AOchſelſchnüre“, verbeſſerte Janos bitter. „Ilka denkt nicht mehr an den Lieutenant.“ „Du als Mutter mußt das freilich wiſſen“, meinte Ketlan mit leiſer Ironie.„Aber die Langeweile tödtet — ſelbſt die Vorſätze einer„unentweihten Mädchen⸗ br uſtt.“ „Du biſt bitter, Janos! Hat Ilka etwas Tadelns⸗ 3 werthes gethan?“ „Mir iſt nichts bekannt. Ich vermuthe ſogar, daß Ilka das Loos, einen ritterlichen Greis und ein fürſt⸗ liches Vermögen zu beherrſchen, nicht ganz ſo ſchrecklich finden würde wie Ihre Mutter.“ „Haſt Du mit ihr darüber geſprochen?“ „Wie könnte ich das, Schweſter, da Du den An⸗ trag abgelehnt haſt!“ Wie ungeduldig über die eigenen Gedanten ſchüt⸗ telte die Baronin den Kopf. „Es iſt undenkbar. Außerdem hat ſie ihre Ge⸗ fühle deutlich genug ausgeſprochen.“ „Wann?“ „Vor einigen Wochen.“ „Vor einigen Wochen, alſo vor der Theatervor⸗ ſtellung?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 130 „Daß Ilka die Helene und Kißnagy den Juranitſch ganz vortrefflich ſpielten, weiter nichts. Ilka ſchien ganz vergeſſen zu haben, daß nicht ein feuriger Jüng⸗ ling ſie in ſeinen Armen hielt. Ich hätte damals nicht zu entſcheiden gewagt, was Spiel, was Wahr⸗ heit ſei.“ „Räthſel über Räthſel!“ „Aber leicht zu löſen. Warum fragſt Du nicht Ilka ſelber?“ „Die Antwort kann nicht zweifelhaft ſein.“ „Um ſo beſſer für Deine Ueberzeugungen! Ich werde mich Ilka's Entſcheidung unterwerfen, wie der Deinen.“ „Es wird eine ganz unnöthige Scene geben“, ſagte die Baronin zögernd;„aber wenn wir auch nichts damit erreichten, ſo könnten wir beide wenigſtens in Frieden ſcheiden.“ „Und wenn Ilka Kißnagys Werbung annähme?“ „Ich ſage Dir ja, daß es unmöglich iſt.“ „Und wenn ſie es dennoch thäte?“ „Du quälſt mich, Janos!— Nun ja, ſie ſei Schiedsrichterin in eigener Sache. Wenn ſie frei und ohne Ueberredung Kißnagy's Gattin werden wollte— ich wiederhole, es iſt unſinnig, unnatürlich, das voraus⸗ 31 zuſetzen; aber wenn ſie ſich beſtimmt und frei dafür entſcheiden würde, ſo...“ 2 Die Baronin ſeufzte tief auf und vollendete nicht. „Nun?“ fragte Janos und ſeine Augen leuchteten. „So glaube ich nicht das Recht zu haben, ihre Wahl zu hindern!“ vollendete die Baronin leiſe. Janos ſtand raſch auf und klingelte, die Baronin ſchrak zuſammen. „Man bitte die Baroneſſe Ilka, bei ihrer Mutter zu erſcheinen!“ befahl Janos. Er und ſeine Schweſter wechſelten kein Wort, bis Ilka kam. Der Graf ging unruhig im Zimmer auf und ab. Als Ilka eintrat, blieb er ſtehen. Nicht mehr wie in frühern Zeiten mit lautem Jubel oder einer luſtigen Geſchichte auf den Lippen trat das junge Mädchen ein, ſondern bleich und befangen näherte ſie ſich dem Lager ihrer Mutter. Dieſe reichte ihr die Wange zum Kuß. Ilka's Lippen waren kalt und ihre Hände zitterten. „Du biſt verändert, was fehlt Dir, Kind?“ fragte Giſela beſorgt. Ilka erſchrak ſichtlich und ihr Blick ſuchte den Boden. „Nichts, Mutter!“ „Setze Dich zu mir, meine Kleine!“ ſagte Giſela ———— gütig und zog Ilka auf den Stuhl nieder, den Janos verlaſſen.„Und nun ſage mir, warum Du Deine Mutter fürchteſt?“ Ilka warf einen ſcheuen Seitenblick auf die Ba⸗ ronin. „Ich fürchte Dich nicht“, ſtotterte ſie fröſtelnd. „Nun, dann wirſt Du meine Fragen leicht beant⸗ worten können“, fuhr Giſela in einem ſanften, ein⸗ ſchmeichelnden Tone fort, der Ilka's Herzſchlag zum Stocken brachte.„Du weißt, ich habe Dich lieb, über Alles lieb und würde Dich nie zu einem Schritte zwingen, in welchem Du nicht ſelber Dein ganzes Lebensglück erblickſt. Darum antworte mit freiem, un⸗ befangenem Herzen.“ Die Magnatin hätte kein wirkſameres Mittel wäh⸗ len können, Ilka von der ſie bedrohenden Gefahr zu überzeugen, als dieſen feierlichen Eingang, bei dem das eingeſchüchterte junge Weſen bereits den dichten Schleier der Karmeliterinnen vor dem Antlitz fühlte. Wie hülfeſuchend wendete ſie ihr verzweifeltes Geſicht dem Onkel zu; aber finſter wie ihr Verhängniß ſchau⸗ ten die dunklen Augen Ketlan's zu ihr nieder. Es war kein Zweifel, er wußte Alles. Er verrieth ſie unerbittlich, wenn ſie ſich weigerte, Kißnagy zu hei⸗ 133 rathen und mit ihm nach Paris zu reiſen und ins Bois zu fahren. Sie war daher wie von einem Banne erlöſt, als ihre Mutter, ſtockend und als werde ihr das Sprechen ſchwer, fortfuhr: „Herr von Kißnagy hat Dich zur Frau begehrt. Er iſt alt, faſt viermal ſo alt wie Du. Wir haben jedoch ſeine Bewerbung nicht zurückweiſen wollen, be⸗ vor wir Deine Meinung hörten. Der Antrag iſt aller⸗ dings ungewöhnlich, vielleicht unnatürlich; aber die Rückſicht gegen einen ehrenwerthen und ehrwürdigen Mann veranlaßt uns, Dir die Sache wenigſtens mit⸗ zutheilen. Alſo nur der Form halber, nicht weil ich Dir im Ernſte zumuthe, einen im Alter ſo wenig zu Dir paſſenden Gemahl zu wählen, frage ich Dich: Willſt Du Herrn von Kißnagy's Werbung annehmen und ſeine Frau werden?“ Ilka hatte immer raſcher geathmet und war ſehr roth geworden, und wie ein Kind beim Examen, das eine Aufgabe gelernt hat, rief ſie jebt⸗ „Ja, Mama!“ Die Baronin ſank vor Entſetzen tief in ihre Polſter zurück, und über des Grafen Züge wetterleuchtete ein heller Jubel. „Du haſt mich vielleicht mißverſtanden, Kind!“ 134 begann die Baronin wieder mit gepreßter Stimme. „Ich wiederhole Dir, Du biſt frei und bleibſt in je⸗ dem Fall mein gutes, liebes Kind. Ich finde, daß Herr von Kißnagy nicht ſehr zu Deinen jungen Jah⸗ ren paßt. Blos auf Deinen unerſchütterlichen Ent⸗ ſchluß, ihm anzugehören, würde ich meine Einwilligung zu der Heirath geben. Willſt Du wirklich Herrn von Kißnagy's Frau werden?“ „Ja, Mama!“ wiederholte Ilka voll Angſt, daß auch ihre Zuſtimmung ſie nicht vor dem Nonnenſchleier retten würde. „Es iſt Dein feſter Wille?“ „Ja, ja, Mama!“ ſchluchzte Ilka in Thränen ausbrechend und verbarg ihr Geſicht an der Bruſt der Mutter. „Das begreife ich nicht!“ rief die Baronin beſtürzt. „Jene Theatervorſtellung muß mächtig auf ihre kind⸗ liche Phantaſie gewirkt haben.“ „Dieſe Eindrücke ſind vielleicht ebenſo viel werth als alle andern Täuſchungen des Lebens“, ſagte Ket⸗ lan traurig und mit ſeltſamem Doppelſinn.„Nun, was haſt Du beſchloſſen?“ „Ilka's Vater telegraphiſch ihren Entſchluß mit⸗ zutheilen und ihm die Entſcheidung zu überlaſſen.“ „Ohne Zuſatz?“ 135 „Ohne Zuſatz. Wir wollen die Depeſche mitein⸗ ander machen. Ilka ſcheint angegriffen und bedarf der Ruhe. Gehe, mein Kind, und der Himmel möge Deine Wahl ſegnen!“ Die inbrünſtige Umarmung bewies Ilka, daß ſie vor dem Kloſter gerettet ſei. Achtes Kapitel. So ſehr Kißnagy zum Mißtrauen hinneigte, ſo war er gewöhnlich ſchwach und leichtgläubig in Din⸗ gen, wo ſeine Selbſtbeurtheilung mit den Aeußerungen Anderer übereinzuſtimmen ſchien. Infolge ſeiner un⸗ leugbaren Aehnlichkeit mit Ludwig XIV. hatte ſein Ideengang ſeit Jahren eine ganz beſtimmte Richtung angenommen und immer zahlreicher wurden die wahr⸗ haft königlichen Eigenſchaften, die er an ſich entdeckte. Als Janos zuerſt auf die Wahrſcheinlichkeit hinwies, daß das befreite Ungarn denjenigen zum Staatsober⸗ haupt erwählen werde, deſſen Millionen es befreit hät⸗ ten, da fiel dieſer Gedanke wie ſtrahlendes Licht auf ein ſorgfältig vorbereitetes Bild. Nur ein anderes Gekfühl, deſſen Keim ſchon in dem greiſen Jüngling ſchlummerte ſeit jenem Feſtmahl in Lorin, trat jetzt 137 rivaliſirend neben dem Ehrgeiz in den Vordergrund, das Verlangen, der Beherrſcher von Ilka's jugendlicher Schönheit zu werden. Ohne Abſicht, mit jener naiven Koketterie, welche ſelten ihre Wirkung verfehlt, hatte Ilka das Herz des alten Sonderlings mit einer Macht gefeſſelt, die ihn an alle erkaufte Liebe ſeines bisheri⸗ gen Lebens, ſelbſt an die todte, automatengleiche Hin⸗ gebung Aranka's faſt mit Widerwillen zurückdenken ließ. Dennoch behielt er Aranka und Pal in ſeiner nächſten Umgebung, obwohl er an ihren Tänzen längſt kein Wohlgefallen mehr fand. Die ſtumme, ſklaviſche Unterwerfung, die raſchen, gleitenden Bewegungen der beiden ſeltenen Geſchöpfe, wenn ſie ihn bedienten, ent⸗ ſprachen ſeinen orientaliſchen Herrſchergelüſten ſo ſehr, daß er ſie in eine Art franzöſiſches Pagencoſtüm ge⸗ kleidet hatte und abwechſelnd in ſeinem Vorzimmer Wache halten ließ. Auch Aranka hatte die männ⸗ liche Kleidung annehmen müſſen und hätte ihrem Bru⸗ der zum Verwechſeln ähnlich geſehen, wenn nicht ein gewiſſer Zug von Verſtörung auf ihrem Antlitz ſie von ihrem ſanften, aber einfältigen Bruder Pal un⸗ terſchieden hätte. Es war Nacht und die Zinnen und Minarets von Sard hoben ſich phantaſtiſch von dem dunſtigen Nachthimmel ab, an dem der Mond gleich einer un⸗ 138 geheuren mattgelben Scheibe langſam emporſtieg. Noch hatte er ſich kaum über den Horizont erhoben und eine ſchmale dunkle Wolke theilte ihn wie ein Gürtel. Die Gemächer des Gutsherrn waren glänzend erleuch⸗ tet und die hohen Bogenfenſter warfen einen langen Lichtſtreifen über das von Zinnen und Thürmchen ein⸗ gerahmte flache Dach eines anſtoßenden Flügels. Dieſe Plattform war durch immergrüne Gewächſe zu einer Art Gartenterraſſe gemacht worden und ſtand durch eine Thür mit den Gemächern des Grundherrn in Verbindung. Unten im Hofe qualmten die letzten Brände eines Feuers, um welches noch vor wenig Minuten die Reſte der Kapelle des Lajos verſammelt geweſen wa⸗ ren. Sie hatten ſich in ihre Zelte zur Ruhe begeben und Lajos konnte mit Sicherheit annehmen, daß am andern Morgen das kleine Häuflein ſeiner Geprügelten noch mehr zuſammengeſchmolzen ſein würde. Während der Regenzeit, die der Glut des Sommers folgte, hatten die braunen Kinder der Steppe ſtumpf und gleichgültig unter ihren triefenden Zelten gelegen und waren nur emporgeſprungen, wenn die Glocke des Küchenmeiſters oder die Peitſche des Lajos ſie auf⸗ rüttelte. Die Nachſommertage und mondſcheinduftigen langen Nächte, welche der Regenzeit folgten, hatten in 139 dem wanderluſtigen Völkchen wieder jene ganze unwi⸗ derſtehliche Sehnſucht wachgerufen nach der freien Steppe, die ſo unendlich und geheimnißvoll vor ihnen lag. Die Wangen der Zigeuner wurden rund und voll, aber ihre Augen blickten traurig und ihre Muſik ward immer ſchlechter. Die beſten Geiger empfahlen ſich zuerſt und ſtiegen über die Parkmauer, nicht im⸗ mer ohne ihre zurückbleibenden phlegmatiſcheren Ka⸗ meraden von einem Theile ihrer kleinen Habe befreit zu haben. Andere folgten, bis das Orcheſter nichts mehr zu Stande brachte als ein jämmerliches Gekratze, auf welches Herr von Kißnagy gern verzichtete. Ver⸗ geblich hatte Lajos der einreißenden Ausreißerei da⸗ durch Einhalt zu thun geſucht, daß er den Küchen⸗ meiſter zur Speiſeverkürzung gegen die Deſertionsluſti⸗ gen zu veranlaſſen ſuchte. „Sie ſind zu fett, das Fett ſteigt ihnen zu Kopf und macht ſie rebelliſch wie wilde Sau!“ hatte Lajos ſein Geſuch begründet. Als aber von dem ſchalk⸗ haften Küchenmeiſter bei Lajos mit der Koſtentziehung zuerſt begonnen worden war, hatte dieſer ſich ganz un⸗ geberdig geſträubt und die Sache war beim Alten ge⸗ blieben. Lajos ſaß allein vor ſeinem verglimmenden Feuer und betrachtete den Mond. Derſelbe tauchte eben 140 hinter den Zinnen von Sard empor und Lajos ver⸗ glich ihn in ſeiner matten, glanzloſen Färbung nicht ſehr poetiſch mit einer jener großen Waſſermelonen, wie er ſie in den Pußten manchmal von den Hirten erhalten und mit einem Czardas bezahlt hatte. Auch ſeine Bruſt ſchwellte ein Seufzer nach den Freuden der Freiheit; elegiſch bewegte ſich ſeine Zunge an der Oberlippe hin und mit einem ſchielenden Blick blin⸗ zelte er nach der goldenen Melone am Himmel. Dann ſchloſſen ſich ſeine Augen für einen Augenblick ganz und ſein Kopf nickte nach vorwärts, ohne daß ſeine Hand die Peitſche losließ, welche von heute an jeden Deſerteur mit blutigen Striemen auf dem Rücken wieder in ſein Zelt jagen ſollte. Der längſte Traum dauere nicht länger als we⸗ nige Sekunden, ſagt man. Dieſe Augenblicke jedoch reichten hin, um die am Himmel ſchwebende Melone herab vom Himmel rollen zu laſſen, gerade vor den glücklichen Träumer. Und Lajos ließ den Zigeuner, den er eben peitſchte, los und bewunderte mit geöffne⸗ tem Munde das himmliſche Geſchenk, das immer größere Ausdehnung annahm, je mehr es ſich näherte, und endlich berghoch auf ihn zurollte. Lajos' Freude ver⸗ wandelte ſich in Schrecken. Er wollte fliehen, aber ſeine Füße ſchienen an den Boden gewurzelt; und 141 das Ungeheuer kam immer näher, gerade auf ihn zu und nahm ihm den Athem. Mit einem Schrei der Todesangſt und Verzweiflung, der laut und gellend durch ſeine Traumwelt klang, aber auf Erden nur einem kaum vernehmbaren Stöhnen glich, erwachte Lajos.. Während ihn das Alpdrücken gequält hatte, war eine behende Geſtalt aus einem der Zelte geſchlüpft und hatte mit der Gewandtheit eines Jaguars einen Baum in der Nähe erklettert, deſſen ſtarke Aeſte bis wenige Fuß an die zinnenumrahmte Terraſſe des Grundherrn reichten. Als er den höchſten Aſt erreicht hatte, zögerte der Kletterer einen Augenblick und be⸗ trachtete angelegentlich den träumenden Lajos. Das Kopfnicken deſſelben ber uhigte ihn und er kroch raſch und geräuſchlos über den ziemlich dicken Aſt gegen die Terraſſe hin. Der Aſt bog ſich merklich, ſodaß der nächtliche Turner die Terraſſe nicht anders zu er⸗ reichen wußte, als indem er ſich rittlings auf den Zweig ſetzte und denſelben in Schwingung brachte. Als er am höchſten ſtieg, ſtreckte der Mann die Hände aus und hing ſich am Rande der Mauer feſt. Dann hatte er ſich blitzſchnell emporgezogen und war zwi⸗ ſchen den Orangenbäumen und Oleandern verſchwun⸗ den. Wäre Lajos zum Mond gekommen, wie der 142 Mond zu ihm, ſo hätte er ſeinen Untergebenen Pit erblicken können, wie er in lauſchender Stellung hinter den Damaſtportièren der offenen Terraſſenthür ſtand und Herrn von Kißnagy beobachtete. Letzterer ſchien trotz der vorgerückten Stunde noch nicht zum Schlum⸗ mer geneigt. Mit großer Aufmerkſamkeit las er in den Schriften, welche vor ihm lagen. Die eine war ein Brief des Grafen Ketlan, worin dieſer mittheilte, daß Ilka mit Enthuſiasmus ſeine Werbung angenom⸗ men und daß Herr und Frau von Lorin ihre Ein⸗ willigung zu der Heirath ertheilt hätten. Zu gleicher Zeit bat Graf Ketlan ſeinen hochgnädigen und nun⸗ mehrigen Verwandten, den Tag der Verlobung zu be⸗ ſtimmen. Janos hatte Gründe, ſeine Schweſter und Ilka noch nicht ſich ſelbſt zu überlaſſen; denn wenn auch Jolanthe vollkommen ihren Zweck erreichte, Ilka immer mehr mit Furcht vor ihrer Mutter zu erfüllen und ihrer Phantaſie die lockendſten Bilder vorzugaukeln von dem herrlichen Leben, das ihrer an der Seite Kißnagy's warte, ſo konnte ein Augenblick rückhalt⸗ loſen Vertrauens zwiſchen Mutter und Tochter, eine Schwäche Giſela's, eine Thorheit Ilka's das ganze mühſam aufgebaute Kartenhaus ihres Erfolgs wieder über den Haufen werfen. Es galt alſo, beide Theile 143 ununterbrochen zu beſchäftigen und weder Ilka noch ihrer Mutter Zeit zur Ueberlegung oder zu innigerer Annäherung zu laſſen. Mit keinem Worte hatte Ketlan des Kaufpreiſes Erwähnung gethan, um welchen ihm Ilka überliefert werden ſollte, trotzdem die mit zahlreichen Unterſchrif⸗ ten bedeckte Urkunde der Losſagung von Oeſterreich und die Aufforderung an die Bevölkerung zum be⸗ waffneten Widerſtand ſchon ſeit Wochen in Sard lag und jeder Augenblick der Verzögerung eine Gefahr heraufbeſchwören konnte. Kißnagy verſtand dieſen ſtummen Appell an ſeine Großmuth und das Vertrauen in ſein Wort; raſchen Schrittes trat er auf ſeinen im Zopfſtil gearbeiteten Schreibtiſch zu, und mit zugleich ſteifen und zierlichen Schnörkeln malte er ſeinen Namen unter das revolu⸗ tionäre Schriftſtück. Als künftiger König durfte er nicht kleiner ſein als die andern. „Bräutigam und König“, murmelte er dann, an die offene Terraſſenthür tretend, daß die dunkle Ge⸗ ſtalt Pit's tief zwiſchen den Falten der Portidre ver⸗ ſank. Der Mond war hinter eine dunkle Wolke ge⸗ treten, deren Ränder ſich wie die Zacken einer Krone golden färbten. Herr von Kißnagy ſchaute ſtarr in das verheißungsvolle Zeichen, dann trat der Mond 144 wieder aus der Wolke hervor und Kißnagy's Antlitz ſah in der matthellen Beleuchtung einem grinſenden Todtenkopf ſo täuſchend ähnlich, daß Pitt abergläubiſch zuſammenſchauerte. Ein herbſtlicher Windhauch drang herein, daß die Flammen des Kronleuchters flackerten und ein eiſiges Fröſteln Kißnagy's Rücken überlief. Erſchreckt und ſchauernd trat er zurück, denn wie mit kalter Hand hatte ihn der Gedanke erfaßt, daß ſeine Zeit abgelaufen ſein könne, ehe er Ilka in das Brautgemach geführt, ehe die dankbaren Ungarn Zeit hätten, ſeinen greiſen Scheitel mit der Krone des heiligen Stefan zu ſchmücken. Er war nicht feig, er fürchtete nicht den Tod; aber ſeine künſtlichen Zähne ſchlugen faſt hörbar aneinander bei dem Gedanken, das nicht mehr zu er⸗ reichen, was das Schickſal ihm zugedacht hatte: ein jugendſchönes Weib und eine Krone am Ende ſeiner Tage. Er faßte den Entſchluß, die Hochzeit in wenigen Tagen zu feiern; er wollte nicht mit den Millionen und dem Blute der Ungarn geizen, um eine Krone zu erobern. Haſtig trat Kißnagy an den Schreibtiſch, ſchrieb einige Zeilen und verſiegelte ſie mit der Pro⸗ clamation zuſammen in ein Couvert. Dann zog er den reich verzierten Glockenzug, der an der golddurch⸗ wirkten Tapete des Gemaches niederhing. 145 Aranka in ihrem Pagengewand erſchien auf der Schwelle. Reiche Puffen von blauem Sammt verbar⸗ gen gänzlich die wenig ausgebildeten weiblichen Formen der Tänzerin. Da man ihr langes weißes Haar mit ihrer neuen Uniform in Uebereinſtimmung geordnet hatte, ſo lag die Möglichkeit einer Verwechslung mit Pal nicht allzu fern. 3 Ueberdies ſchien Aranka ſich nur ungern in die Nähe ihres Herrn zu wagen und hielt ſich möglichſt nahe an der Thür. „Pal“, ſagte Herr von Kißnagy, ohne aufzublicken. Aranka ſchien mit der Verwechslung zufrieden und nur zu fürchten, Herr von Kißnagy könne ſeinen Irr⸗ thum entdecken. Schüchtern trat ſie näher. Aber Herr von Kißnagy ſah ſie nicht an.— „Pal“, ſagte er, indem er Aranka den Brief reichte, den er eben geſiegelt,„Du wirſt dieſes Schreiben nach Lorin an den Grafen Ketlan bringen und Niemand anders als ihm ſelber übergeben.“ Aranka zitterte vor Freude und Hoffnung. „Du kannſt doch reiten?“ fragte Kißnagy mit einem plötzlichen Bedenken. „Ja, Herr!“ antwortete Aranka, indem ſie die Stimme ihres Bruders nachzuahmen ſuchte. v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 10 146 „Es liegt mir daran, daß Graf Ketlan die Bot⸗ ſchaft morgen mit dem Früheſten erhält. Du mußt alſo gleich aufbrechen; laß den ſiebenbürgiſchen Falben Nyil ſatteln, das iſt ein guter Läufer und bringt Dich vor dem Morgengrauen nach Lorin. Weißt Du die Zimmer des Grafen und kannſt Du ſie ohne Aufſehen erreichen?“ „Ja, Herr!“ flüſterte Pal⸗Aranka mit geſenktem Antlitz. „Ich werde Dich bei Deiner Zurückkunft reich be⸗ lohnen. Geh'!— Was haſt Du?“ In der That war Aranka ſtehen geblieben und ſchaute ſtarr nach der Terraſſenthür. Sie hatte einen Augenblick lang ein braunes Antlitz geſehen, das ſich hinter der Gardine hervor ins Zimmer ſtreckte, und. ein Paar lauernde ſchwarze Augen, die ſie betrachteten Sie kannte dieſe Augen und fürchtete ſie. „Was zögerſt Du?“ zürnte Kißnagy. Geräuſchlos zog ſich Aranka zurück, um die Befehle ihres Herrn auszuführen. Die Gunſt, in welcher die beiden Albinos bei Herrn von Kißnagy ſtanden, war zu bekannt, als daß der Befehl Aranka's an die ſchlaf⸗ trunkenen Stallknechte, dem Renner Nyil einen Damen⸗ ſattel aufzulegen, auf Schwierigkeiten geſtoßen wäre. Aranka ſelbſt wählte, um in Lorin nicht aufzufallen, 147 das Gewand einer ungariſchen Bäuerin, welches ſich unter ihrer Gauklergarderobe befand, und in weniger als einer Viertelſtunde jagte ſie in geſtrecktem Galopp über die Haide. Der Mond war untergegangen; aber die helle Farbe des Falben leuchtete durch die Dunkelheit. An einer Wegkreuzung ritt Aranka langſam, um nicht die Richtung zu verlieren. Da war ihr, als ob ſie weit hinter ſich Hufſchläge vernähme. Sie hielt ihr Pferd an und horchte. In der That, die Huf⸗ ſchläge kamen näher— man folgte ihr. Sie dachte an das Antlitz mit den ſchwarzen lauernden Augen, das ſie in der Terraſſenthür zu ſehen geglaubt, und ihr Inſtinkt ſagte ihr, daß die Verfolgung eine feind⸗ liche ſei. Sie gab ihrem Thiere einen Hieb mit dem langen zuſammengeflochtenen Zügelende und getreu ſeinem Na⸗ men ſauſte Ryil gleich einem Pfeil über die nächtliche Ebene. Zugleich mit Aranka hatte ſich Pit aus der Nähe Kißnagy's zurückgezogen. Pit hatte ſogar Beſonnenheit genug, den Thürvorhang ſo zu drehen, daß der lange fatale Lichtſtreifen, welcher auf die Terraſſe ſiel, bedeu⸗ tend ſchmäler wurde und der Zweig, an welchem er ſich emporgeſchwungen hatte, nun völlig im Dunklen blieb. 10*⅓ 148 Langſam ließ ſich der Zigeuner an der Mauer herunter und zog den Aſt mit den Füßen an ſich, um ihn mit einer Hand faſſen zu können. Dann ließ er mit der andern Hand die Mauer los, um ſich ganz ſeiner ſchwanken Brücke anzuvertrauen. Schon hatte er mit affenartiger Gewandtheit den Zweig erfaßt, als dieſer krachend brach. Betäubt von dem nicht unbedeutenden Sturz lag Pit einige Augen⸗ blicke bewegungslos auf dem Boden und bemitleidete ſich aus tiefſter Seele. Das wohlbekannte Ziſchen einer von geübter Hand geführten Peitſche und ein gut ge⸗ zielter Hieb über den Rücken brachten ihn überraſchend ſchnell auf die Beine. Es war Lajos, der vor ihm ſtand und eben mit in⸗ grimmigem Behagen zu einem neuen Streich ausholte. „Du falſches Katz!“ ſchalt der Zigeunerführer in tiefſter moraliſcher Entrüſtung.„Haſt immer geſchmei⸗ chelt und immer weniger Prügel kriegt als jeder an⸗ dere und willſt nun auch davon! Du hinterliſtiger Hund Du!“ Behend griff Pit in die erhobene Peitſche und flehte: „Guter Lajos, hab' ja blos hol'n woll'n ein paar Feigen, die haben häng'n laſſ'n da droben!“ Aber Lajos gerieth durch dieſe Ausrede nur noch in größeren Zorn. 9 149 „Du Lügenbrut Du! Ich will Dir zuckern die Feig'n, die Du auf Kaſtanienbaum g'holt haſt!“ Und die Peitſchenſchnur zog ſich mit ſolcher Vehe⸗ menz um Pit's etwas ovale Beine, daß er wimmernd eins derſelben an dem andern rieb. „O ſüßeſter, gnädigſter Herr Lajos, machen Sie nix mehr ſolchen Spaß“, flehte Pit.„Will Ihnen auch geb'n Granatäpfel, die ich gfunden hab auf Kaſtanienbaum.“ Und in Pit's ausgeſtreckter Hand funkelten zwei Goldſtücke. Lajos war wie alle Zigeuner abergläubiſch. Es ſtand bei ihm feſt, daß die goldene Melone etwas zu bedeuten gehabt habe, und infolge ſeiner— was die eigenen Schickſale betraf— unverrückbaren optimiſtiſchen Weltanſchauung konnte es nur eine gute Vorbedeu⸗ tung ſein.. Er fragte daher nicht lange nach der Herkunft des Goldes, ſondern ſtreckte gierig die Hand aus. „Haſt nix noch mehr Granatäpfel?“ „Nein, aber ich weiß noch einen ganzen Kaſtanien⸗ baum voll. Wenn D' mich heut Nacht fortlaßt, kriegſt morg'n einen ganzen Hut voll.“ Ein Hut voll Goldſtücke— das entſprach der ungeheuren Himmelsmelone ſo ſehr, daß Lajos keinen Augenblick zweifelte. 150 „Lauf'!“ ſagte er großmüthig, indem er die Dukaten zu ſich ſteckte.„Aber wenn Hut nicht voll Gold wird, kriegſt Du Haut voll Prügel.“ Pit ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Mit ge⸗ krümmtem Rücken und eiligen Beinen ſchlich er in den nächſten Hof. Lajos hielt ſein Nachtwerk für gethan und zog ſich in ſein Zelt zurück, um dort unter ſeinen Schlapphüten den größten herauszuſuchen. Nachdem er denſelben über dem gebogenen Knie nach Möglichkeit erweitert hatte, legte er ſich ſchlafen. Aber ſeine Träume waren nicht mehr ganz ſo anmuthig wie zuvor. Zwar ſpielte wieder der Melonenmond eine Rolle. Lajos ſaß näm⸗ lich diesmal darauf und ritt allen phyſikaliſchen Ge⸗ ſetzen zum Trotz auf der goldenen Scheibe durch einen herrlichen Kaſtanienwald, deſſen Zweige ſich alle ſenkten und ihren Goldregen in Lajos' großen Schlapphut ſchütteten. Als er aber aus dem Goldwald heraus⸗ kam, ſah Lajos in der Ferne einen großen Galgen; die entſetzliche Mondmelone rollte geradeswegs darauf zu, und Lajos konnte ſie mit aller Anſtrengung weder rechts noch links wenden und noch weniger ſie verlaſſen. Der Galgen ward immer größer; eine Geſtalt hing daran, welche ſich vor Vergnügen, Geſellſchaft zu er⸗ halten, luſtig hin und her ſchwenkte und die greulich⸗ 151 ſten Grimaſſen ſchnitt, und— o Entſetzen!— Lajos erkannte in derſelben ſeinen eigenen würdigen Er⸗ zeuger. Pit war inzwiſchen im nächſten Hofe und in einer Remiſe verſchwunden. Bald darauf erſchien er wieder mit einem Reitzaum und einer Leiter. Letztere lehnte er an die Hofmauer, und als er oben war, zog er ſie an ſich, um ſie an der andern Seite hinabzulaſſen. Nachdem er im Freien war, trug er die Leiter eine Strecke weit ins Feld und ließ ſie dort liegen. Mit dem Reitzaum aber ging Pit nach der Stelle, wo die Pferde der Zigeuner neben ihren Wagen angepflöckt waren. Es waren ſämmtlich ganz erbärmliche Mähren, die man nicht in die herrſchaftlichen Ställe gelaſſen hatte, damit ſie dort nicht anſteckende Krankheiten ver⸗ breiteten. Aber ein kohlſchwarzer Rappe war dabei, der dem Lajos gehörte, über deſſen Erwerb der braune Kapellmeiſter jedoch die widerſprechendſten Angaben zu machen pflegte. Ein mit Lajos verwandter und demſelben ſehr ergebener Burſche war mit der Hut der Pferde betraut; aber Pit war es ſehr wohl bekannt, daß Oedönnek in Ermangelung anderer paſſender Geſellſchaft mit der Branntweinflaſche auf ſehr vertrautem Fuß lebte und 152 gewöhnlich beim Sinken der Sonne bereits in einem der Zigeunerwagen zu ſchnarchen pflegte. Als Pit daher in das Lager und nach der Stelle ſchlich, wo der Rappe angebunden war, fühlte er ſich etwas beunruhigt, daß er Oedönnek nicht ſchnarchen hörte. Aber er durfte nicht zögern; denn deutlich ver⸗ nahm er, wie das große Thor von Sard geöffnet und wieder geſchloſſen wurde, und gleich darauf ertönte auch der Galopp eines Pferdes. Das war Aranka. Der Rappe, von einem Fußtritt Pit's emporgeſchreckt, ſprang ſchnaubend auf, und Pit warf ihm die Trenſe über. Da hörte er aber auch die Stimme des trunkenen Oedönnek, welcher lallend rief: „Hollah! Wer iſt da?“ „Schlaf' ruhig weiter, Oedönnek“, antwortete Pit; „ich ſoll Lajos den Rappen bringen, damit er ſich den Hut voll Dukaten holen kann. Er bringt auch einen ganzen Schlauch vom beſten Slibowitz mit.“ Oedönnek, der die Stimme kannte, murmelte etwas Unverſtändliches und zog ſich wieder zurück. Im näch⸗ ſten Augenblick ſaß Pit auf dem nackten Pferd, deſſen Haut unter der Berührung zuckte, und im geſtreckten Galopp jagte er Aranka und ihrem Falben nach. Pit frolockte bereits, denn er kam der Reiterin ſo 153 nahe, daß er die helle Farbe des Siebenbürgers durch die Dunkelheit zu erkennen glaubte. Dann verſtummte das Geräuſch der Hufe vollkommen und Pit kam ſo nahe, daß er faſt die Form des Pferdes erkannte. Er glaubte bereits, Aranka ſei geſtürzt. Dieſe Täuſchung dauerte jedoch nur einen Augenblick. Dann machte ſich der Falbe plötzlich auf und fegte wie eine vom Sturm gejagte gelbe Wolke über die Haide. So wüthend Pit auch auf den Rappen losſchlug, dieſer konnte mit dem Falben nicht um die Wette laufen. Zuerſt verlor Pit den Falben aus dem Geſicht, dann vermochte auch das angeſtrengteſte Lauſchen nichts mehr von ſeinen Huf⸗ ſchlägen zu vernehmen. Pit weinte aus Zorn und hielt dem geſtohlenen Rappen eine lange Rede über ſeine Nichtswürdig⸗ keit. 3 Der Zigeuner hatte auch allen Grund, traurig zu ſein. Gegen Abend hatte er nämlich einen ihm wohl bekannten Diener der Baronin von Lorin nach Sard kommen ſehen, welcher Herrn von Kißnagy eine Mit⸗ ſtheilung überbracht hatte. Der Diener war auf einem friſchen Pferde ſogleich wieder fortgeritten. Pit hatte geahnt, daß etwas Wichtiges vorgehe, und deshalb die gefährliche Kletterpartie gewagt. Wenn er Aranka auf freiem Felde zu erreichen vermochte, ſo war ſo⸗ 154 wohl ſie als die Botſchaft, die ſie trug, in ſeiner Ge⸗ walt. Und das Alles wurde vereitelt durch den Rappen des Lajos, der noch ſchlechter und boshaf ter als ſein Herr war, wie Pit behauptete. Aber er war nicht der Mann, der auf den halben Lohn verzichtete, wenn er den ganzen nicht erreichen konnte. Wenigſtens wollte er den Rittmeiſter von der Anweſenheit der Botin im Schloſſe von Lorin unter⸗ richten und ſich ſeinen nächtlichen Ritt und die wohl nicht ausbleibenden Prügel des Lajos bezahlen laſſen. Bei reiferer Ueberlegung jedoch mußte er ſich ſagen, daß ſein Auftraggeber wenig dankbar ſein werde, wenn er ihn im erſten Morgengrauen aus dem Schlummer ſtörte, um ihm zu melden, daß zu Graf Ketlan eine Botin gelangt ſei und einen Brief überbracht habe, von deſſen Inhalt der Zigeuner nichts wiſſe. Der anbrechende Tag ſäumte den Horizont mit einem gelben Schein und ein ſcharfer Wind ſtrich friſch und belebend über die Haide, als Pit an der Park⸗ mauer von Lorin anlangte. Ohne beſtimmten Zweck, blos ſeinem angeborenen Spürtalent folgend, verließ er den Weg und ritt an der Mauer hin, über welche mächtige Bäume die Zweige ſchwer und buſchig nieder⸗ hängen ließen. 155 Da hörte er plötzlich das Schnauben eines Pferdes, das den Rappen zu wittern ſchien. Pit ritt näher und entdeckte, von dichtem Buſchwerk umgeben und an einen ſtarken Aſt befeſtigt, den ſiebenbürgiſchen Falben Ryil, welcher ſeine Aufregung über die Ankunft des ſchwarzen Genoſſen ſehr lebhaft zu erkennen gab. Pit ſtieg ab, band den Falben los und führte ihn für alle Fälle weit ab von der Stelle in ein anderes überhangendes Gebüſch, wo er ihn befeſtigte. Den Rappen band er in einiger Entfernung an und kletterte dann über die Mauer. Während ſeines langjährigen Aufenthalts in Lorin hatte Pit hinreichend Gelegenheit gehabt, jeden Winkel des Parks kennen zu lernen. Er ſetzte voraus, daß Aranka auf demſelben Wege zurückkehren werde, auf dem ſie gekommen war, und daß es ihm vielleicht glücke, ihr, wenn auch nicht die Sendung, ſo doch vielleicht die Antwort abzunehmen. Als Beobachtungspoſten wählte er die Bank unter der Trauerweide, wo er vollſtändig verborgen war und doch, wenn er den grünen Schleier theilte, die ganze Breite der Anlagen überſehen konnte. Seine Kleider waren ungenügend und unter dem ſcharfen Morgenwind fror er ganz jämmerlich auf ſeiner Steinbank. Aber mit dem Stoicismus ſeines Volkes zog Pit die Kniee bis zur Bruſt herauf und wartete und horchte. Da 156 richtete er ſich plötzlich auf. Jenſeits der Parkmauer ertönte der Galopp mehrerer Pferde; aber Pit beruhigte ſich wieder. Die Hufſchläge entfernten ſich in der Richtung nach Sard. — Neuntes Kapitel. Jolanthe war ihres jungen Glücks, wenn man die wilde, verzehrende Leidenſchaft eines zerklüfteten Ge⸗ müths ſo nennen kann, nicht froh geworden. Zwar erhob Janos nicht die geringſte Einwendung gegen ſeine Stellung als Bräutigam, ſondern behandelte Jolanthe immer mehr als ſeine natürliche Bundesgenoſſin, mit deren guten und ſchlimmen Eigenſchaften er ſich ſo gut als möglich abfinden mußte. Mit dem leidenſchafts⸗ loſen Fatalismus eines Olympiers ertrug Graf Ketlan die Folgen jenes Augenblicks, in welchem er, erſchüttert durch Gertrud's Zurückweiſung, verzweifelt über die liebeloſe Oede ſeines Daſeins, ſich Jolanthen in die Arme geworfen, deren Eroberung ſich ihm mühelos und ohne Widerſtand dargeboten hatte. Wäre ſeine Liebe nach Tagen noch dieſelbe geweſen 158 wie in jener Nacht im Park von Sard, lodernd und wild, wie ein plötzlich ausbrechender Vulkan, ſo würde Jolanthe, wie Weiber ihres Schlages immer, Ruhe und Ueberlegenheit zum Herrſchen erlangt haben, und der nach langem Kampf errungene Bräutigam wäre in ihren Augen um ſo kleiner geworden, je mehr ſie ihn zu unterjochen vermocht hätte. Aber umſonſt ver⸗ ſuchte Jolanthe die erſtarrte Lava mit glühenden Küſſen aufs neue zu ſchmelzen; in freundlichem Gleichmuth nahm Janos die Betheuerungen ihrer Liebe hin, und während er mit der feinen Hand beruhigend über ihr bläulichſchwarzes dichtes Haar ſtrich, träumte er mit bleichen Wangen und verſchleierten Augen von Plänen und Thaten. Eine beängſtigende Unruhe, welche ſie mit der größ⸗ ten Willenskraft nicht mehr zu bemeiſtern vermochte, bemächtigte ſich Jolanthens und wurde entnervend durch das Bewußtſein, daß Werdenau die Geſchichte ihrer Schmach kenne und ſie ihr jeden Augenblick vor An⸗ dern ins Antlitz ſchleudern könne. Doch das Weib, dem Verrath und Lüge ſo geläufig waren, beruhigte ſich dabei, daß der Rittmeiſter im Grunde eine jener harmlos biederen Naturen ſei, welche aus Luſt am Böſen allein Niemand ſchaden. Gertrud war ja gerechtfertigt, und wenn Jolanthe ſelber zu ſpät 159 gekommen war mit dem Verſuch, ſo hatte ſie doch ihren Irrthum offen eingeſtanden. Von dieſer Seite her drohte alſo keine Gefahr. Eine andere unbeſtimmte Befürchtung quälte ſie indeß um ſo mehr. Janos hatte ſich gegen Gertrud auf das ritterlichſte benommen und die Zurückhaltung, welche er ihr gegen⸗ über beobachtete, war voller Hochachtung und, wie Jolanthe wahrzunehmen glaubte, nicht ohne eine gewiſſe ſchmerzliche Reſignation. Einmal hatte Frau von Valaſy gewagt, gegen ihren Bräutigam mit liebenswürdiger Frivolität durchblicken zu laſſen, daß ſie in Zweifel darüber ſei, ob ſie Ger⸗ trud für eine ſehr alberne Perſon oder für eine ſehr gewandte Komödiantin halten ſolle. Graf Ketlan hatte darauf ſeine Braut ſehr lange angeblickt, als ſei ihm ein unlösbares Räthſel, was eigentlich ſie zu einem Urtheil über Gertrud ermächtige, dann ruhig und überzeugungsvoll, als ſpreche er von etwas ſehr Ernſtem, zur Antwort gegeben: „Fräulein von Nortwald iſt weder das Eine noch das Andere, ſondern ein von Grund aus edles Weſen.“ Jolanthe zerriß vor Zorn ihr koſtbares geſticktes Taſchentuch, ohne es zu bemerken. Sie hatte Gertrud noch nie ſo ſehr gehaßt und kaum vermochte ſie ihren 160 Zorn hinter den herkömmlichen Formen conventioneller Höflichkeit zu verbergen. Die Wohnung, welche Graf Ketlan bei ſeinen Be⸗ ſuchen in Lorin inne hatte, lag dicht neben den Ge⸗ mächern der Frau von Valaſy. Wenn dieſe Eintheilung nicht ſchon durch die örtlichen Verhältniſſe geboten geweſen wäre, ſo hätte doch Giſela, welche die An⸗ näherung der ſchönen Wittwe an ihren Bruder von jeher begünſtigt, keinen Grund gehabt, ihr dieſelbe räumlich zu erſchweren. Graf Ketlan ſchien es nicht zu bemerken, daß Jo⸗ lanthe jeden ſeiner Schritte bewachte, daß ſie ihm be⸗ gegnete und ſich ihm anſchloß, wenn er das Schloß verließ, und daß ſie wie zufällig aus einer ihrer Thüren trat, wenn ſich vor den Gemächern ihres Bräutigams das kleinſte Geräuſch vernehmen ließ. Völlig fieberhaft wurde Jolanthens Aufregung, als ſie bemerkte, daß Gertrud den Grafen keineswegs ver⸗ ächtlich oder höhniſch behandelte, ſondern ihn manchmal mit einer ſinnenden Schwermuth wie ein unheimliches und doch anziehendes Räthſel betrachtete. Jolanthens Eiferſucht war bereits über ihre Ver⸗ nunft hinausgewachſen; ſie wurde ſelbſt auffallend und taktlos, was ſie bisher ſtets mit Glück vermieden hatte, und halbe Nächte lehnte ſie lauſchend an ihrer halb⸗ 161 offenen Thür, wenn ein unbedeutendes Geräuſch auf dem Corridor ſie aufgeſchreckt hatte. Jolanthens Leidenſchaft trug ihre Strafe in ſich; nach wenigen Tagen waren ihre Augen tief in die Höhlen zurückgeſunken und ihre Schultern, mit deren Anblick ſie immer freigebiger ward, hoben ſich nicht mehr ſo voll und rund aus ihrem Kleide wie bei dem Feſt in Sard, wo ſie Ketlan's Blicke ſo magiſch an⸗ gezogen hatten. Ihr treuer Spiegel ſagte Jolanthen auch das und noch mehr. Mit Schrecken gewahrte ſie die erſten feinen Falten, welche Leidenſchaft und Zeit in ihr intereſſantes Antlitz gegraben, und bebte vor dem Augenblick, da des Geliebten Blicke ſinnend darauf ruhen könnten. Das erſte Morgengrauen, welches ſich am Horizont zeigte und mit ſeinen kühlen Schauern den lauſchenden Pit fröſteln machte, ſchimmerte kaum merklich durch die dichten Vorhänge in Jolanthens Gemach und ließ nur undeutlich die Umriſſe ihrer Geſtalt erkennen, welche, in einen weiten ſeidenen Schlafrock gehüllt, auf einem Divan ruhte. Jolanthe hatte auch die letzte Nacht auf dieſem Divan zugebracht, welchen ſie neben die Thür, die auf den Corridor führte, hatte ſchieben laſſen. Dieſelbe war etwas offen gelaſſen worden, ſo⸗ v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 11 162 daß man es von außen kaum bemerkte, während doch der leiſeſte Ton von dort ins Zimmer dringen mußte. Frierend, bald aus Ermattung einſchlummernd, dann wieder aufſpringend und lauſchend, wenn eine Fleder⸗ maus ſich an den Fenſterſcheiben ſtieß, hatte Jolanthe die Nacht verbracht; denn Gertrud und Janos hatten am vorigen Abend im Billardzimmer zum erſten Mal wieder zuſammen geſprochen; zwar nur ein paar Worte und durch Ilka dazu veranlaßt, welche in der letzten Zeit eine ſehr laute, erzwungene Luſtigkeit an den Tag legte; aber ſie hatten miteinander geſprochen, und jedes Wort, das ſie wechſelten, hatte ſchrill durch die Seele der unruhigen Frau gezittert. Und Janos hatte kühl, faſt mitleidig ironiſch von ſeiner Verlobten Ab⸗ ſchied genommen, um ſich zur Ruhe zu begeben. Je mehr Jolanthe über die wenigen förmlichen Worte nachdachte, welche zwiſchen dem Grafen und der jungen Deutſchen gewechſelt worden waren, deſto bedeutſamer und vielſagender erſchienen ſie ihr, und um Mitternacht ſchon ſtand es in ihrer aufgeregten Phantaſie feſt, daß Graf Ketlan's Verhältniß zu ihr ſelbſt nichts als eine Farce ſei, unter deren Schutz er mit Gertrud um ſo ſicherer ſeine Pläne ſpinnen könne. Zitternd vor Zorn, weinend und knirſchend hatte ſie die Nacht zugebracht; ihre Aufregung hatte in ihr 163 die überſpannteſten Beſorgniſſe erregt und durch dieſe Beſorgniſſe wieder war ihre Stimmung bis zum Wahn⸗ witz geſteigert. Da fuhr ſie auf und hielt ſich athemlos lauſchend auf den zitternden Armen. Diesmal war es keine Täuſchung. Kaum hörbar kam ein leiſer elaſtiſcher Schritt den Corridor entlang. Jolanthens Herz ſchlug zum Zerſpringen. Der Schritt hielt an vor Ketlan's Thür. Langſam, mit vorſichtigen, geräuſchloſen Be⸗ wegungen ſtand Jolanthe auf und blickte durch die ſchmale Thürſpalte. Die Dunkelheit der Nacht war von einem Hauch der Dämmerung durchſchimmert, welcher erkennen ließ, daß es eine zierliche weibliche Geſtalt war, die in ſchüchterner, lauſchender Haltung an Ketlan's Zimmerthür ſtand. Jolanthens Blicke leuchteten faſt in der Dunkelheit. Gleich einer Pantherin ſprang ſie auf den Corridor und ergriff die Fremde beim Arm. Es war ein zarter weicher Arm, den ſie umfaßt hielt, ein weißſchimmern⸗ des Geſicht, das ſich ihr von einem dunklen Tuch ein⸗ gehüllt entgegenwandte. „Verworfene! Iſt das Deine deutſche Tugend?“ höhnte Frau von Valaſy, indem ſie ihre Gefangene in ihr Zimmer zu ziehen ſuchte. Aber mit äußerſter Anſtrengung war Aranka ihr 11* 164 entſchlüpft und mit Windeseile den Corridor entlang und die Treppen hinabgeeilt. Jolanthe folgte ihr nicht. Gertrud mußte ja ihr Zimmer erreicht haben, ehe ſie dieſelbe einholen konnte. Mit raſchen Schritten ging ſie in ihrem Gemach auf und ab und erwartete ruhelos den Tag. Eine glühende Rachſucht hatte jeden Zweifel, überhaupt jeden klaren Gedanken in ihr aufgeſaugt. Sie wollte ſich nur rächen, rächen um jeden Preis, ſelbſt um den Preis ihrer eigenen Ehre. Mit zum Zerſpringen klopfendem Herzen und bebenden Gliedern harrte ſie dem Morgen entgegen. Erſchreckt, betäubt ob des unerwarteten Ueberfalls war Aranka über die Treppe und an dem ſchlafenden Nachtwächter vorbei nach dem Park entflohen. Dabei kam ſie dicht an der niederhängenden Trauerweide vor⸗ über. Da war ihr plötzlich, als ob die Aeſte des Baums ſich um ihren Leib ſchlängen und ſie feſthielten. Sie ſtieß einen leiſen verzweifelten Schrei aus; dann fühlte ſie ſich von einer Kraft, der ſie nicht zu wider⸗ ſtehen vermochte, mit fortgeriſſen in die dichteſte Blätterwildniß, und jeden Hülferuf erſtickte eine kalte Hand, die ſich auf ihren Mund preßte. Zehntes Kapitel. Die Morgenſonne ſchien klar und wärmelos durch die Portièren des Terraſſenzimmers von Sard, als Herr von Kißnagy ſich aus ſeinen Träumen von Macht und Liebe riß und aus ſeinem Schlafgemache trat. Er hatte noch nicht Toilette gemacht, ſeine un⸗ geſchminkten Wangen waren faltenreich und gelb, ſeine Lippen tief eingeſunken, und erſchrecklich braun und dürr ragte der lange Hals des alten Mannes aus der Blouſe von dunkelgelber Seide hervor, welche er über grauen Beinkleidern und bis an die Kniee reichenden Morgenſtiefeln aus goldbraunem Leder trug. Herr von Kißnagy hatte das Geräuſch von ankom⸗ menden Reitern vernommen und ſeine Toilette unter⸗ brochen, um zu erfahren, wer ſie ſeien. Er ſchellte; der Page trat ein. Herr von Kißnagy 166 ſtutzte und fuhr ſich mit der Hand über die Augen; denn der Albino, der im hellen Morgenlicht vor ihm ſtand, war unverkennbar Pal. „Ich habe Dich doch nach Lorin geſchickt?“ „Nein, Herr!“ „Du biſt doch Pal?“ „Ja, Herr!⸗ „Du warſt doch geſtern Abend hier und ich gab Dir einen Brief an den Grafen Ketlan?“ „Nein, Herr, das war Aranka. Sie weckte mich und ſagte mir, daß ſie nach Lorin müſſe. Ich wollte ſie nicht allein fortlaſſen in der Nacht, aber ſie ſagte, es ſei auf Euren Befehl, Herr! Da ließ ich ſie ziehen.“ „Geh' hinunter und ſieh nach, wer eben angekommen iſt“, befahl Herr von Kißnagy ſtreng. Pal entfernte ſich demüthig. Kißnagy ging mit gerunzelter Stirn im Zimmer auf und nieder. Er war übler Laune. In ſeinem Alter und als Bräutigam zweifelt man nicht gern an der Untrüglichkett ſeiner Sinne. Pal kam wieder und überreichte in einer durch⸗ brochenen Silberſchale ſeinem Herrn drei Viſitenkarten. Herr von Kißnagy nahm ſie und mit immer größerem Erſtaunen las er: „F. Tolsky, k. k. Lieutenant— Rittmeiſter von 167 Werdenau— Graf von Serravaglia, k. k. Oberlieute⸗ nant.“ Kißnagy legte die Karten wieder in die Schale zurück. „Sage den Herren, daß ich nicht zu ſprechen bin.“ Pal verſchwand, kam aber ſogleich wieder. „Die Offiziere wollen warten; ſie ſind mir bis ins Vorzimmer gefolgt.“ Die eingefallenen Augen Kißnagy's öffneten ſich weit; ſein gelbes Antlitz erhielt eine dunkle Färbung, und mit einer Stimme, welche durch den augenblicklich noch unerſetzten Mangel an Zähnen dumpf und un⸗ deutlich wurde, rief er: „Aber ich will ſie nicht empfangen! Erſuche die Herren, ſich zu entfernen!“ Noch ehe Pal jedoch die Thür errreicht hatte, öff⸗ nete ſich dieſe und Graf Serravaglia trat ein. Ihm. folgten der Rittmeiſter und Tolsky. 3 Die Haltung Serravaglia's, als er auf den unga⸗ riſchen Edelmann zutrat, war die einer unbeugſamen Entſchloſſenheit. Werdenau ſah aus, als erfülle er ernſt und gefaßt eine unabänderliche Pflicht, und Tolsky machte ein Geſicht, als ob es ihn dringend intereſſire, den ihm bis jetzt trotz aller Erklärungen unbekannten Grund ſeines Hierſeins vielleicht von dem Herrn dieſes Schloſſes zu erfahren. 168 „Meine Herren, dieſe Dreiſtigkeit gegen meinen ausdrücklichen Befehl...“ quirlte es wüthend aus dem Munde Kißnagy's. „Wir waren zu dieſem formloſen Eintritt ge⸗ zwungen, weil es bekannt iſt, daß Sie jeden Verkehr mit kaiſerlichen Offizieren ablehnen. Ich aber muß Sie ſprechen, und zwar in einer Ehrenſache, und dieſe Herren ſind meine Zeugen.“ Herr von Kißnagy hatte aufmerkſam zugehört und bei den letzten Worten den Oberlieutenant raſch an⸗ geblickt. „Eine Ehrenſache? Ich kenne Sie nicht, habe Sie niemals geſprochen...“ Serravaglia zuckte die Achſeln. „Leider begegnen ſich unſere Wünſche und Beſtre⸗ bungen in einer dritten Perſon. Sie wollen Fräulein von Lorin heirathen...“ Herr von Kißnagy legte ſehr hochmüthig das Haupt zurück. „Meine Herren, ich verbiete Ihnen...“ „Mein Herr“, fuhr Serravaglia völlig ruhig fort, als Kißnagy vor Zorn die Stimme verſagte,„ich halte eine ſolche Ehe zwiſchen einem kaum erblühten Mädchen und einem Greis, der wie Sie am Rande 169 ſeines Daſeins ſteht, für abſcheulich und unſittlich und bin entſchloſſen, ſie zu hindern.“ Dem alten Edelmann, der ſich ſeit einem halben Leben in die Einſamkeit verbannt hatte, um dort Herr zu ſein und jede ſeiner Launen zum Geſetz zu machen, mußte die Keckheit, die er hörte, ganz unmöglich er⸗ ſcheinen, und mehr mechaniſch als mit klarer Abſicht trat er drohend auf die Offiziere zu. „Mit welchem Recht...“ „Mit dem Recht der Liebe!“ beantwortete Serra⸗ vaglia die unvollendete Frage.„Mit dem Recht der Liebe bin ich hier und frage Sie, ob Sie auf die Hand Ilka's verzichten wollen.“ Es lag etwas in den ſeltſamen Worten und der melancholiſchen Ruhe des Offiziers, das dem ritterlichen Greiſe unwillkürlich Achtung abgewann; daher klang nichts von Verachtung oder Hohn in ſeiner Ant⸗ wort, als er ohne Zögern und mit feſter Stimme ant⸗ wortete: „Nein!“ Serravaglia zuckte die Achſeln, als ſei etwas ein⸗ getroffen, das er zwar erwartet habe, das ihm aber dennoch eine ſehr unangenehme Nothwendigkeit auferlege; dann zog er langſam ſeinen linken Handſchuh aus, nahm ihn in die Rechte und ſchlug damit dem alten 170 Manne, der unbeweglich und aufrecht vor ihm ſtand, ins Geſicht. Kißnagy regte ſich nicht; nur ſeine Bruſt hob ſich ſchwer und langſam. Er wurde gelb wie Wachs. Es war, als habe der Handſchuh Serravaglia's einen rothen Streifen auf ſeinem Geſicht zurückgelaſſen. Serravaglia verneigte ſich leicht, machte eine Be⸗ wegung nach ſeinen Freunden, wie um anzudeuten, daß nun ihr Theil der Aufgabe beginne, und zog ſich in das Vorzimmer zurück. Die Zeugen waren äußerlich erregter als die Han⸗ delnden ſelbſt. Tolsky wünſchte ſehnlichſt, mit heiler Haut aus dem verrückten Neſte fort zu ſein, und Wer⸗ denau's Gemüth war tief erſchüttert. „Ich kann es nur ſchmerzlich bedauern“, begann er,„daß eine unausgleichbare Angelegenheit—“ Kißnagy erhob die Hand, als ob nach der ihm zugefügten tödtlichen Beleidigung jedes weitere nicht unbedingt nöthige Wort eine Albernheit oder Unart ſei. „Sie begreifen“, ſagte er langſam und als ſei er plötzlich heiſer geworden,„Sie begreifen, daß ich Ihrem Freund ſo bald als möglich zu beweiſen wünſche, daß vor einer gut geführten Waffe jedes Alter gleiche Rechte an das Grab hat— der Greis am Rande ſeines Da⸗ ſeins und die jugendliche Raſerei.“ 171 „Nachdem die Sache bis zu einer ſolchen unſühn⸗ baren Grenze gediehen iſt“, entgegnete Werdenau, in⸗ dem er, einer artigen Handbewegung Kißnagy's fol⸗ gend, ſich niederließ,„ſo halte auch ich es für das Beſte, ſie ſobald als möglich zum Austrag zu bringen. Da Sie vielleicht keine paſſenden Zeugen in der Nähe haben, ſo bin ich bereit, Ihre Intereſſen auch gegen meinen Freund zu wahren, wenn Sie meinem Wort als Edelmann vertrauen.“ „Unbedingt, mein Herr!“ Werdenau verbeugte ſich.. „Als Beleidigter haben Sie die Waffen zu beſtim⸗ men. Mein Freund iſt geneigt, die Schußwaffe zu acceptiren, weil ſie den Unterſchied der Körperkraft und des Alters in etwas ausgleicht.“ „Ich verzichte auf dieſe Rückſicht und wähle Degen. Als Offizier muß der junge Mann dieſen zu führen wiſſen.“ „Graf Serravaglia hat ſich zur Annahme jeder Waffe bereit erklärt. Die Sache ſcheint von beiden Seiten mit ſolchem Ernſt betrachtet zu werden, daß ich unſern Beiſtand als Sekundanten wohl nicht an⸗ bieten darf.“ „Um Stöße herauszufangen?“ fragte Kißnagy un⸗ willig.„Hat Ihr Kamerad nicht den Muth, mir auf 172 kurze Menſur und ohne Sekundantenhüfe gegenüber zu ſtehen? Ich denke, nach einer ſolchen Beleidigung läßt man ſich von den Sekundanten wohl das Zeichen zum Beginn des Kampfes geben, aber den Schluß deſſelben beſtimmt allein der Tod eines der Kämpfenden. Sie geben mir eine Viertelſtunde Zeit, die ich zu meiner Toilette nöthig habe. Man wird Sie indeſſen in das Frühſtückszimmer führen, wo Sie ſich auch in meiner Abweſenheit als meine Gäſte betrachten mögen. Wenn Sie gefrühſtückt haben, wird man Sie in den Waffen⸗ ſaal geleiten, wo Sie Licht und Boden prüfen und ein paar Degen wählen mögen, wie ſie für die Hand Ihres Freundes paſſen. Auf Wiederſehen!“ Herr von Kißnagy verbeugte ſich mit vollendeter Höflichkeit und zog ſich mit fürſtlichem Anſtand in ſein Toilettenzimmer zurück. Gleich darauf erſchien Pal und führte die Offiziere in das Frühſtückszimmer, wo ſie ein mit kalten Spei⸗ ſen und Weinen verſehenes Büffet vorfanden. Allein nur Tolsky aß. Serravaglia hörte zerſtreut die Mahnungen zur Kaltblütigkeit und Vorſicht an, die ihm Werdenau leiſe ertheilte, und betrachtete mit unbeſtimmter Neugier die Einrichtung der Säle, in denen Ilka als Frau vom Hauſe walten ſollte, wenn er es nicht rechtzeitig hinderte. 173 Nach kurzer Zeit kam Pal wieder und führte die Offiziere in den Waffenſaal. Das ſchüchterne, auto⸗ matenartige Gebaren des jungen Menſchen und ſein fremdartiges Aeußeres machten auf Werdenau einen unheimlichen Eindruck. Mit einem bangen Gefühl ſchritt er dem ſeltſamen Führer nach über lange, in den verſchiedenſten Stilarten ausgeſchmückte Corridore; Serravaglia folgte träumend; als letzter ging Tolsky, der ſeinen Reſt Tokayer raſch hinuntergeſtürzt hatte und noch mit vollen Backen kaute. Der Waffenſaal, in den ſie traten, zeigte bei aller phantaſtiſchen Pracht, bei aller Seltenheit der darin aufgehängten Waffen und Trophäen wieder jenen Mangel an Einheit und Harmonie, der dem Betrachter von Sard bei allem Ueberraſchenden ein eigenthümliches Gefühl geiſtigen Unbehagens gab; denn auch hier ſtreckte ſich eine gothiſche Ornamentik zu einem byzantiniſchen Deckengewölbe empor, welches blau bemalt und mit goldenen Sternen überſäet war. An einer etwas erhöhten Tribüne von dunklem, kunſtvoll geſchnitztem Eichenholz prangten türkiſche Waf⸗ fen aus den Krenzzügen, und eiſerne Rüſtungen hingen über einer Art vergoldeten Thronſeſſels. Es dauerte nicht lange, ſo trat Herr von Kißnagy ein. Sein Anzug wer derſelbe, in dem er am Abende 174 der Zriny⸗Vorſtellung ſeine Gäſte empfangen hatte, dunkelblauer Sammt mit Juwelen und koſtbaren Spitzen, wo ſie ſich anbringen ließen, und ſeine faltigen Wangen waren ſo ſorgfältig geſchminkt wie nur je. Mit nervöſer Haſtigkeit trat er vor und verbeugte ſich leicht. Dann nahm er ein paar hübſch gearbeitete Degen von der Wand und prüfte die Claſticität der Klingen, indem er die Spitze gegen den Boden ſtemmte. Nach vollendeter Prüfung faßte er die Klingen dicht unter den Griffen und bot ſie Werdenau, um für Ser⸗ ravaglia zu wählen. Ernſt und bleich nahm der Rittmeiſter eine der Waffen entgegen. Er hatte bis jetzt noch immer gegen die Vorſtellung anzukämpfen gehabt, daß es ſich hier um einen phantaſtiſch grauſenhaften Theaterſcherz handle, der mit irgend einer grotesken Scene endigen werde. Die Schlangenhaut des Degengriffs, die ſich feſt und klettenartig an das Hirſchleder ſeiner Handſchuhe fügte, das kalte Eiſen des Bügels, welches ſein Handgelenk berührte, machten ihn innerlich zuſammenſchauern. Was er in der Hand hielt, war ein ſogenannter Pariſer, einer jener gefürchteten dreikantigen Stoßdegen, deren Wun⸗ den nach innen bluten und ſelbſt bei geringer Tiefe tödtlich oder doch unheilbar werden. Mit finſterem Stirnrunzeln betrachtete Werdenau den zierlichen Degen 475 mit der damascirten Klinge und dem durchbrochenen Stichblatt, der in ſeiner Hand kaum ſchwerer wog wie eine Reitgerte, und gab ihn ablehnend an Kißnagy zurück. „Ich kann die Verantwortung für die Wahl einer Waffe nicht übernehmen, deren Gebrauch ſelbſt auf den Univerſitäten meines Vaterlandes, wo die Duell⸗ wuth am ſtärkſten graſſirt, mit Relegation und Ehr⸗ loſigkeit beſtraft wird.“ Herr von Kißnagy nahm achſelzuckend den Degen wieder in Empfang. „Wenn man in Deutſchland dieſe Waffe fürchie ſo iſt das etwas Anderes. Ich wiederhole in dieſem Falle meine Aufforderung, ſich hier nach den Degen um⸗ zuſehen, welche Ihrem Freunde die ungefährlichſten ſcheinen.“ Mit ſtierem Blick hatte Serrabagkia auf die Degen geblickt, als ob dieſelben eine fascinirende Macht über ihn hätten, und ehe Kißnagy ſie weglegen konnte, hatte er einen der Griffe erfaßt, und dem Greis auf wenige Zoll Entfernung Aug' in Aug' gegenüber ſtehend, ſagte er mit einem drohenden Ausdruck in ſeinen runden Augen: „Wenn dieſe Waffe tödtet, ſo nehme ich ſie an.“ „Sie tödtet“, beſtätigte Kißnagy, und ein un⸗ heimliches Lächeln entblößte ſeine blendend weißen Zähne. 176 Serravaglia trat zurück und entledigte ſich ſeines Wehrgehänges. Die vorherige traumhafte Zerſtreut⸗ heit war von ihm gewichen, ſeine Wangen hatten ſich geröthet, die Augen blitzten und mit Ungeduld ſchien er den Beginn des Zweikampfes zu erwarten. Bleich und mit Thränen in den Augen trat Wer⸗ denau auf ihn zu. „Mit dieſer heimtückiſchen Waffe, die Du gar nicht hinlänglich zu führen verſtehſt, laſſe ich Dich nicht auf die Menſur treten.“ Ernſt ſah Serravaglia dem Freunde in die zucken⸗ den Züge. „Gedenke Deines Wortes, zu mir zu ſtehen, was auch kommen möge! Es iſt wahr, ich bin nicht ſonder⸗ lich geübt, mit Bratſpießen zu fechten, und ein wackerer Ulanenſäbel wäre mir lieber geweſen. Aber den ver⸗ möchte der Arm jenes Greiſes nicht vom Boden zu erheben; die Partie iſt ohnehin ungleich genug. Aber nun bitte ich Dich ernſtlich, laß die Sache ihren Anfang nehmen. Dieſe Vorbereitungen ſind entſetzlich ermüdend und aufregend zugleich. Du hörſt ja, einer von uns ſoll auf dem Platze bleiben, und es erſcheint mir völlig gleichgültig, durch welches Inſtrument das her⸗ beigeführt wird. Uebrigens, wenn Du nicht willſt, kann ja Tolsky das Zeichen geben.“ 177 Tolsky, obwohl ziemlich wirr im Kopfe durch all das, was um ihn vorging, nickte ſehr wichtig und be⸗ gab ſich dann nach Werdenau's Weiſung in eine Ecke des Saales. Der Rittmeiſter ſtellte ſich ihm gegen⸗ über in der andern Ecke auf, während die beiden Duel⸗ lanten ſich in einiger Entfernung voneinander zurück⸗ gezogen hatten, ſodaß ihre Aufſtellungslinie diejenige der Sekundanten ſenkrecht kreuzte. Es ſchien faſt, als ob Tolsky eine etwaige Gefahr für ſeine eigene Perſon zu vermindern hoffe, wenn er die beiden Kämpfer ſo bald als möglich aufeinander hetze. Bei dem lauten Händeklatſchen des Lieutenants war es Werdenau, als müſſe er ſich zwiſchen die bei⸗ den Edelleute werfen, um den Kampf um jeden Preis zu verhindern. Aber der formelle Ehrbegriff hielt ihn wie eine ſtarke Fauſt zurück, und bald ſtand er ſtarr und bleich vor dem unheimlichſten Kampfe, dem er jemals bei⸗ gewohnt hatte. Herr von Kißnagy war auch nach dem Zeichen Tolsky's mit geſenktem Rappier ſtehen geblieben und ſchien den Gegner erwarten zu wollen. Serravaglia hatte mit ausgeſtreckter Waffe raſch einige Schritte vorwärts ge⸗ macht, aber dann wie betroffen durch die Ruhe ſeines Gegners innegehalten und nach Fechterart mehrmals v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 12 178 auf das Parquet des Saales geſtampft, um Kißnagy gleichfalls zur Annäherung zu veranlaſſen. Allein der Greis bewegte ſich nicht von der Stelle. Es ſchien faſt, als habe er nicht die Abſicht, ſich zu vertheidigen. Nochmals ging Serravaglia einige Schritte vor. Kißnagy blieb unbeweglich. Nur als der Lieute⸗ nant kaum mehr als zwei Rappierlängen von ihm ent⸗ fernt war, ließ er ſich etwas in die Kniee und erhob mit leicht gebogenem Arme das Rappier. Schon die Ruhe und Sicherheit dieſer einen Be⸗ wegung bewieſen Werdenau, daß ſein Freund einem trotz ſeines Alters gefährlichen Feinde gegenüberſtehe. Kaum hatte Kißnagy Stellung genommen, als ihn Serravaglia auch ſchon angriff. Ohne von der Stelle zu weichen, parirte der Greis die wüthenden Ausfälle des Offiziers. Werdenau's Herz ſchlug immer angſtvoller. Die Bewegungen Ser⸗ ravaglia's waren weitläufig, wuchtig und nicht immer ganz ſicher und wurden von Kißnagy oft nur mit einer faſt unſichtbaren Drehung des Rappiers abgelehnt. Es konnte Serravaglia nicht entgehen, daß ihm in Kißnagy ein Feind gegenüberſtand, welcher die Waffe, die er führte und die ſo ſehr zu ſeinen altfranzöſiſchen Gewohnheiten paßte, vielleicht ſein ganzes bisheriges Leben geübt hatte und daß er das, was ihm dem 179 jüngern Manne gegenüber an Kraft abging, durch möglichſte Ruhe zu erſetzen ſuchte. Je mehr der Offizier zu dieſer Erkenntniß ge⸗ langte, deſto raſcher folgten ſeine Angriffe aufeinander Mit Außerachtlaſſung ſeiner perſönlichen Sicherheit ſuchte er den Wall zu durchbrechen, den der alters⸗ ſchwache Greis, den er mehr als Alles auf der Welt haßte, mit ſeinem dünnen Rappier wie mit einem Zauber⸗ ſtab um ſich ſchuf. Mit aller Kraft ſeines Armes ſchlug Serravaglia's Waffe gegen die gegneriſche Klinge. Dieſe drehte ſich in einem nur wenige Zoll breiten Halbeirkel, und mmaachtlos ziſchend, wie eine gereizte Schlange, fuhr der Degen des Offiziers in die Luft; aber der Greis ſchien wie gefeit, denn er ſtand unverletzt. Eine leichte Röthe unter der Schminke bewies, daß auch bei dieſer Art der Vertheidigung die Kräfte eines Greiſes allmälig abnehmen mußten, wie auch Serra⸗ vaglia's Stöße immer unſicherer nach ihrem Ziel ſuch⸗ ten. Einige kurze Nachſtöße vermochte er durch raſches Zurückgehen wirkungslos zu machen, um ſogleich wie⸗ der wüthend auf den lebensmatten Gegner, den er tödten wollte, loszuſtürzen. Da ſchien ſich dieſer zu einer außerordentlichen An⸗ ſtrengung aufzuraffen; in ſeinen Augen ſchimmerte ein . 12* 180 eigenthümliches Licht, bei welchem Werdenau für ſeinen Freund zu zittern begann. Unwillkürlich trat der Rittmeiſter einen Schritt näher zu dem Kampfe, den er nach den Geſetzen der Ehre nicht unterbrechen durfte. Auch Tolsky ſchien dieſes Gefühl zu theilen und wurde unruhig. Da erdröhnte der Saal von dem Geſtampfe eines wüthenden Angriffs, zerriſſen und blutig hing Kiß⸗ nagy's Halskrauſe über den dunkelblauen Sammt ſeines Anzugs; aber in demſelben Augenblick ſah man auch, wie Serravaglia mit ausgeſtreckten Armen zurücktaumelte; ſeine Augen öffneten ſich weit und mit herzzerreißen⸗ dem Ausdruck— klirrend fiel ſein Rappier zu Boden und ſtöhnend brach der junge Mann zuſammen. Herr von Kißnagy ſtand aufrecht, aber ſein Körper wankte leiſe hin und her, wie der eines Trunkenen, und ſein Arm, welcher noch immer das wie zur Abwehr ausgeſtreckte Rappier hielt, bebte noch unter der Wucht des Anpralls, mit welchem der Oberlieutenant in die verrätheriſch vorgeſtreckte Klinge gerannt war. Die Spitze derſelben war mit Blut überzogen. Werdenau ſprang auf den Freund zu, während Tolsky mit ſchreckensbleichem Geſichte daſtand, wie zweifelhaft, ob nicht jetzt die Reihe an ihn komme und 181 ob es nicht gerathener ſei, ſich ſchleunigſt davonzu⸗ machen. Mit gräßlich verzerrten Zügen drehte ſich Serra⸗ vaglia auf die Seite, blickte den Freund mit wilder Todesangſt an, ſchauerte zuſammen und verſchied. Er war mitten ins Herz getroffen. Seit einigen Augenblicken hatte die Scene noch einen Zuſchauer gehabt. Pal war eingetreten, und der An⸗ blick des am Boden Liegenden, ſowie das verſtörte Ausſehen ſeines Herrn hatten faſt den Schrecken über⸗ boten, der bleich auf ſeinem zarten Antlitz lag. Dennoch erpreßte ihm die ſklav iſche Unterwerfung die ihm Ketlan gegen ſeinen neuen Herrn anbefohlen, die bebenden Worte: „Herr, die Falbe Ryil iſt ohne Aranka und mit flatternden Zügeln ſo eben in den Hof gelaufen. Meiner Schweſter iſt gewiß ein Unglück widerfahren!“ Wirr und unruhig, als erwache er aus tiefem Traum, ſchaute Kißnagy ſeinen weißhaarigen Sklaven aus blutunterlaufenen Augen an. „Aranka? Du biſt Aranka!“ Und mit einem ſcheuen Seitenblick auf den Todten, wankte der Schloßherr aus dem Saal. Elftes Kapitel. Um dieſelbe Zeit, als in Sard der unheimliche Zweikampf ſtattfand, ſaßen Ilka und Gertrud im Zim⸗ mer der Magnatin, welche nach einer unruhigen, fie⸗ berhaften Nacht gegen Morgen eingeſchlummert war. Die beiden jungen Mädchen hatten ſich ans Fenſter zurückgezogen und unterhielten ſich leiſe. Gertrud dämpfte ihre Stimme aus Rückſicht für den leiſen Schlummer der Baronin, während Ilka dieſe Gelegen⸗ heit, ſowie die allgemeine Wiederausſöhnung mit Ger⸗ trud benutzte, um ſich all der Geheimniſſe zu entledi⸗ gen, welche ſie in der letzten Zeit für ſich ganz allein hatte behalten müſſen und die ihr enges Herzchen faſt zerſprengt hätten. Gertrud ward immer ſchweigſamer, je lebhafter Ilka erzählte. Es widerſtrebte ihr, dieſes Vertrauen 183 zurückzuweiſen; vielleicht gerade deshalb, weil ſie ſchon einmal darunter zu leiden gehabt hatte. Und je mehr Ilka von ihren Erlebniſſen der letzten Tage und von den Gründen ſprach, welche ſie zwangen, Herrn von Kiß⸗ nagy's Frau zu werden, deſto lebhafter fühlte Gertrud ſich verwirrt und beunruhigt. Die warme Hochherzig⸗ keit, mit welcher die Baronin ihr Unrecht gegen ſie gut zu machen ſuchte, ſtimmte wenig zu dem Bilde, welches Ilka ihr mit ſcheuen Seitenblicken nach der Schlummernden von ihrer Mutter entwarf. Kopfſchüt⸗ telnd hörte Gertrud zu, und als ſie die Quelle aller dieſer abenteuerlichen Befürchtungen Ilka's vernahm, verſchwieg ſie derſelben ihre Vermuthung nicht, daß Frau von Valaſy aus irgend einem Grunde nicht redlich mit ihrer jungen Verwandten verfahren ſei. Ilka je⸗ doch gefiel ſich bereits ſo gut in dem Martyrium, einem armen Offizier den Abſchied geben zu müſſen, um den reichſten Grundbeſitzer Ungarns zu heirathen und mit demſelben eine Hochzeitsreiſe nach Paris zu machen, daß ihr die Einwürfe der jungen Deutſchen ſogar ſehr unbequem wurden. Von Gertrud immer dringender zur rückſichtsloſeſten Offenheit gegen ihre Mutter auf⸗ gefordert, wurde Ilka ſogar böſe und antwortete end⸗ lich in ſpitzem Tone: 3 „Man könnte faſt glauben, Jolanthe habe doch 184 Recht gehabt, als ſie mich vor Dir warnte, und als ſei es nur der Neid, der aus Dir ſpricht.“ Gertrud antwortete nicht, ſah jedoch Ilka mit einem Blicke an, vor dem dieſe erröthend das Antlitz ſenkte. Sie ſchien zu fühlen, daß ſie zu weit gegangen war und ſich ſogar ein wenig lächerlich gemacht hatte. Jetzt ſuchte ſie ihre unvorſichtige Aeußerung durch doppel⸗ tes Vertrauen wieder gut zu machen. Verzeih' mir!“ bat ſie mit ihrem einſchmeichelndſten Lächeln, das aber diesmal ganz ohne Wirkung auf Gertrud blieb.„Damit Du ſiehſt, daß ich mich nicht an Dir irre machen laſſe, habe ich Dir einen intereſ⸗ ſanten Auftrag zugedacht, Gerta!“ Gertrud's Antlitz blieb ruhig und aufmerkſam. Ilka wechſelte mehrmals die Farbe und wühlte in ihrem mit blauer Seide ausgepolſterten Arbeitskörbchen herum, nicht ohne daß ihre Blicke zuweilen in den kleinen ge⸗ ſchliffenen Spiegel fielen, welcher die Mitte des aufge⸗ ſchlagenen Deckels einnahm. Endlich hatte ſie den ge⸗ ſuchten Gegenſtand gefunden. Es war das ſeltſame Cotillonzeichen, welches Serravaglia ihr auf der Bauern⸗ kirchweih überreicht hatte. „Du ſollſt ihm ſein Ordenskreuz zurückgeben, Gerta!“ flüſterte Ilka dringlich;„da ich ihn nicht heirathen kann, wird er wahrſcheinlich wieder Malteſer werden 185 und dann braucht er das Kreuz. Und ich bin froh, wenn ich's los bin. Du kannſt ihm ja dabei ſagen, daß er mir nicht böſe ſein ſoll, aber daß ich nicht anders hätte handeln können.“ Vergeblich ſtreckte Ilka ihrer Freundin den Orden hin. Gertrud machte keine Miene, ihn entgegen zu nehmen. „Aber ſo nimm ihn doch!“ drängte Ilka unge⸗ duldig.„Alles ſucht immer Nadeln in meinem Arbeits⸗ korb, und da könnte das langweilige Kreuz doch einmal entdeckt werden. O, wie will ich froh ſein, wenn ich erſt meine eigenen Schränke und Schlüſſel habe!“ Ernſt und trübe ſaß Gertrud vor dem jungen Weſen und ſann darüber nach, durch welches Räthſel ſo viel bezaubernder Liebreiz einer ſo niedrigen Selbſtſucht zur Hülle dienen könne.. Da regte ſich die Schlummernde auf der Cauſeuſe. „Aber ſo nimm doch!“ flüſterte Ilka mit einem ſcheuen Seitenblick, indem ſie Gertrud das Kreuz in die Hand zu ſchieben ſuchte. Aber dieſe ſtieß es faſt mit Heftigkeit zurück, und ohne daß ſie es beabſichtigt hätte, fiel der Orden klirrend zu Boden. „Was war das? Was fiel da?“ fragte die Baro⸗ nin, ſofort völlig wach, und ihre Blicke hafteten auf dem Malteſerkreuz. 186 „O Mama!“ rief Ilka mit hochtragiſchem Ton und warf ſich mit ausgebreiteten Armen über die Lei⸗ dende,„o Mama, habe Mitleid mit Deiner irregelei⸗ teten Tochter! O ſchicke mich nicht ins Kloſter, Mama, ich habe ja Deinen Willen erfüllt, ſo ſchwer es mir wurde! Strafe mich nicht ſo hart, Mama, ich habe ja meinen Fehltritt mit dem ſchwerſten Opfer meines Lebens geſühnt.“ Kopfſchüttelnd hatte Frau von Lorin dieſe Aus⸗ rufungen angehört. „Ich verſtehe von alledem kein Wort“, ſagte ſie ungeduldig und beunruhigt.„Wer will Dich ins Kloſter ſchicken? Wer hat ein Opfer von Dir verlangt?— Fräulein von Nortwald, geben Sie doch einer beſorgten Mutter jenen Gegenſtand, der eben zu Boden gefallen iſt und den meine Tochter mit ihrer Schleppe vor meinen Blicken zu verdecken ſucht. Vielleicht bringt er mir mehr Klarheit als die Exaltation meiner Tochter!“ Gertrud fühlte, daß ſie nicht das Recht hatte, zu zögern. Sie hob das Kreuz auf und reichte es der Baronin. „O Mama!“ jammerte Ilka und rang verzweifelt die Hände. „Schweig'!“ befahl die Magnatin kurz. Dann be⸗ trachtete ſie ſinnend das Abzeichen, welches Serravaglia 187 noch bis in die letzte Zeit faſt mit einiger Koketterie zur Schau getragen hatte und durch deſſen Anblick ſie immer wieder beruhigt worden war, wenn die Annähe⸗ rung des öſterreichiſchen Offiziers an Ilka ihr Beſorg⸗ niſſe einflößen wollte. „Du haſt eine Liebſchaft mit Serravaglia“, ſagte ſie in trockenem Tone zu ihrer Tochter. „O Mama!“ rief Ilka und ihre Thränen rannen über ihre gerötheten Wangen,„ich habe mich ja als Deine gehorſame Tochter gezeigt und Deinen Willen erfüllt, indem ich den mir von Dir beſtimmten Mann wählte!“ „Den Dir von mir beſtimmten Mann? Du weißt recht wohl, daß ich Dir eher abrieth als zuredete“, ſagte die Baronin faſt entſetzt. „Das thateſt Du ja nur zum Schein, Mama! Ich weiß recht gut, daß es nicht Dein Ernſt war, und daß Du mich ins Kloſter ſchicken wollteſt, wenn ich mich weigerte.“ Eine grenzenloſe Entrüſtung malte ſich in den Zü⸗ gen der Baronin. Heftig ergriff ſie den Arm ihrer Tochter. „Von wem weißt Du das? Wer hat gewagt, Dich eine ſolche Abſcheulichkeit von Deiner Mutter glauben zu machen?“ 188 „Jolanthe kam dazu, als Serravaglia mich bei der Hand hielt; ich hatte ihn ganz zufällig getroffen und er war gar nicht wieder los zu werden. Da ſagte mir Jolanthe, daß Du mich ins Kloſter ſchicken würdeſt, wenn Du das erführeſt, und daß Du meine Heirath mit Kißnagy wünſchteſt, und daß Du mich nur prüfen wollteſt, wenn Du das Gegentheil ſprächeſt.“ „Welche bodenloſe Falſchheit!“ rief die Baronin, ſtarr vor Entrüſtung.„Und Du, mein eigenes Kind, konnteſt das von Deiner Mutter glauben?“ „Aber, Mama, ich wußte ja, daß Du mich den Grafen Serravaglia niemals heirathen laſſen würdeſt!“ jammerte Ilka. „Wenn mie nur die Wahl geblieben wäre zwiſchen ihm und jenem Leichnam, der ſich auf der Erde ver⸗ ſpätet hat...“ „Aber, Mama“, ſchmollte Ilka, welche durch das Bewußtſein, nicht ins Kloſter zu müſſen, um ein Be⸗ deutendes ſicherer geworden war,„wenn er auch jünger ſein könnte, ſo iſt Herr von Kißnagy doch ein ſehr an⸗ genehmer Mann und liebt mich ſehr! Und ich bin ſehr vernünftig, wenn ich ihn heirathe, Mama. Ser⸗ ravaglia hätte mich ja doch nur des Geldes wegen ge⸗ nommen, und eigentlich war es ja nur eine Verirrung von mir, daß ich ihn hübſch fand. Ja, Mama!“ 189 Athemlos ſchwieg Ilka; die Baronin ſchob ſie jedoch von ſich, als kämen die herzloſen Worte, die ſie eben gehört, aus einem fremden Munde. Da fiel ihr Blick auf Frau von Valaſy, welche geräuſchlos eingetreten war und deren eingeſunkenes Auge mit düſterer Glut die Feindin ſuchte. „Was haſt Du aus meinem Kinde gemacht?“ wandte ſich die Baronin mit ſchwer zurückgehaltenem Zorn an die Wittwe. „Ich? Aus Deinem Kinde?“ wiederholte Jolanthe in höhniſcher Wuth,„Deinem Kinde, das Du unge⸗ hindert mit jeder verworfenen Dirne verkehren läßt!“ Es unterlag keinem Zweifel, daß dieſe Beſchimpfung Gertrud galt, und drohend trat das junge Mädchen einen Schritt vorwärts. Aber gebieteriſch erhob die Baronin die abgezehrte Hand. „Ich weiß jetzt, was ich von Deinen Anſchuldi⸗ gungen zu halten habe!“ Mit wuthverzerrtem Antlitz ſtürzte Jolanthe auf Gertrud zu und faßte ſie beim Handgelenk. „Wollen Sie es leugnen, daß ich Sie heute ſchon einmal ſo gehalten habe, als Sie in der Morgendäm⸗ merung an die Thür meines Verlobten klopften?“ „Sie iſt wahnſinnig“, ſagte Gertrud bleich, die ſich 190 vergeblich zu befreien ſuchte und den glühenden Athem des raſenden Weibes im Antlitz ſpürte. „Wahnſinnig, weil ich Dir nun beweiſen kann, daß Du eine abgefeimte Landſtreicherin biſt!“ höhnte Jolanthe. „Genug!“ rief die Baronin ſtreng und richtete ſich ſtolz empor.„Ich will Sie nicht um die Gründe fragen, die Sie veranlaßten, eine Mauer von Argwohn und Lüge zwiſchen Mutter und Tochter aufzurichten, denn Ihre Antwort würde Jemand anklagen, mit dem ich durch die Bande des Blutes verknüpft bin. Aber meinen ſchon ſo arg mißhandelten Gaſt habe ich die Pflicht zu ſchützen! Fräulein von Nortwald hat, da ich von heftigen Bruſtbeklemmungen geplagt war, von Mitternacht bis jetzt dies Zimmer und meine Seite nicht verlaſſen. Ziehen Sie ſich zurück, Frau von Valaſy, und erſparen Sie mir in Zukunft den miß⸗ lichen Anblick eines vor Eiferſucht und Rachgier tollen Weibes!“ Ueber Jolanthe kam das entſetzliche Gefühl, als ob ſie ſelbſt ihre ſchlimmſte Feindin geweſen ſei und im Wahnſinn Ehre und Lebensglück von ſich geſchleudert hätte. Einen Augenblick blieb ſie wie angewurzelt ſtehen, dann wankte ſie mit fahlem Antlitz aus der Thür. „Gertrud, mein Kind!“ ſagte die Baronin weich, ndem ſie die Hand der jungen Deutſchen ergriff.„Ich 191 bin nicht mehr im Stande, Sie zu entſchädigen für die Unbilden, die man Ihnen in meinem Hauſe zufügt.“ Gertrud ſchüttelte lächend das blonde Haupt. „Frau von Valaſy mag mich haſſen, ſo ſtark ſie kann, mich zu beleidigen vermag ſie nicht mehr.“ „Ihr Takt trifft immer das Richtige“, ſeufzte die Baronin.„Sagen doch Sie meinem Kinde, daß Sie Ihr junges Leben nie an einen lebensſatten Greis ſchmieden würden!“ Gertrud erröthete tief. „Ilka weiß es“, ſagte ſie leiſe und traurig. Ilka blickte trotzig zu Boden und ſchwieg. Da ſie darüber beruhigt war, daß Widerſpruch nicht mit lebenslänglichem Kloſter geſtraft wurde, hatte ſie durch⸗ aus keine Veranlaſſung mehr, auf alle Reſultate ihrer Aufopferung und auf die Pariſer Hochzeitsreiſe ohne Noth wieder zu verzichten. Einer Todten gleich, die der Haß noch einmal zu einem Augenblick des Lebens auferweckt, hatte Jolanthe ſich nach dem Zimmer gewendet, wo ſie Janos wußte. Unruhig ging der Graf dort auf und nieder. Kiß⸗ nagy's Antwort blieb länger aus, als deſſen Ritter⸗ lichkeit und Ketlan's Zuvorkommen eigentlich hätten erwarten laſſen. 192 Hell und ſcharf blickte Janos nach der Thür, als er Schritte ſich derſelben nähern hörte. Als er Jo⸗ lanthe gewahrte, wurden ſeine Blicke wieder finſter und ſein Haupt ſank auf die Bruſt. „Du biſt enttäuſcht, Du erwarteſt Jemand anders“, ſagte Jolanthe mit bitterem Hohn.. „In der That“, ſagte Graf Ketlan aufmerkſam und forſchend. Er kannte Jolanthe gut genug, um zu fürchten, daß ſie ihn ohne Erbarmen verrathen und auf das Schaffot liefern würde, wenn er ihre Rachſucht einmal reizte. Er wollte deshalb kein wichtiges Schrift⸗ ſtück der Verſchwörung in ihre Hände gelangen laſſen; und auch von dem Boten, den er erwartete, wußte ſeine Verlobte nichts. Mit einem Mißtrauen, das ſehr nahe an Haß ſtreifte, ſtanden die beiden Weſen, die ſich zu lieben vorgaben, einander gegenüber. „Du warteſt umſonſt!“ ſagte Jolanthe mit einem dumpfen Lachen.„Schon in der Morgendämmerung war Dein weißes Liebchen an dieſer Thür und hat vor meinem Zorn das Weite geſucht!“ Drohend trat Janos auf Jolanthe zu. „Wer war hier? Mit welchem Rechte...“ „Mit dem Rechte Deiner Braut, auf welches ich nur verzichte, wenn man mir das Herz ausreißt und 193 die Hand abhaut, die Du ſelbſt in die Deine gelegt haſt. Und in Deinen eigenen Armen tödte ich das fremde Weib, um das Du mich verräthſt!“ Wild ſtarrte ſie den Grafen an. Mit ver⸗ ächtlicher Wuth und halbem Spott zuckte Janos die Achſeln. „Ich erwarte ſeit dem Morgen eine Botſchaft von Kißnagy. Vielleicht iſt es Deiner Thorheit gelungen, ihn und mich ins Verderben zu ſtürzen.“ Betäubt ſtand Jolanthe vor dem Grafen, aber ihre Blicke muſterten noch immer mit finſterem Argwohn ſein Geſicht. „Wohin hat ſich das Weſen gewandt, das Du von meiner Thür verſcheucht haſt?“ begann Janos wieder, indem er ſich mühſam zur Ruhe zwang. „Ich weiß nicht. Sie floh lautlos die Treppe hinab“, antwortete Jolanthe mürriſch. Janos griff nach ſeinem Barett und wandte ſich zur Thür. Jo⸗ lanthe hielt ihn am Arm zurück und ſah mit wild⸗ lodernder Eiferſucht zu ihm auf. „Du gehſt nicht ohne mich!“ Faſt rauh riß Janos ſich los. „Laß mich— ich dulde keine Feſſel.“ Jolanthe folgte ihm nicht. Finſter ſtarrte ſie auf die Thür, die ſich hinter dem Grafen geſchloſſen hatte, v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 13 194 gewillt, den Platz, den ſie ſich ſo mühſam errungen, lebend nicht mehr aufzugeben. Janos blieb lange fort, faſt eine Stunde. Endlich konnte Jolanthe ihre zornige Ungeduld nicht mehr be⸗ meiſtern; ſie trat hinaus auf den Corridor, durch deſſen Fenſter man auf Hof und Park hinabſehen konnte. Ohne Aufenthalt war Janos durch den Park ge⸗ ſtürmt, jener Terraſſe zu, welche bisher allen, die auf unbefugtem Wege eingedrungen waren, als Ueber⸗ gangspunkt gedient hatte. Er wußte, daß auch Aranka, um nicht aufzufallen, hier über die Mauer zu klettern pflegte, wenn ſie eine Botſchaft für ihn oder für Giſela brachte. Janos glaubte zu bemerken, daß der Boden dort mehr als gewöhnlich aufgewühlt und zerſtampft ſei. Eine, wie es ſchien, gewaltſam in das dichteſte Laubwerk gebahnte Oeffnung führte ihn weiter. An einem geknickten Zweig hing zerriſſen ein Tuch, wie es die Bäuerinnen jener Gegend im Winter tragen, und da— mitten unter zertretenen Blättern und Zweigen lag zuſammengekrümmt eine weibliche Geſtalt. Ihr langes Haar, weiß wie das einer Greiſin, floß über den Boden hin. Aber das bleiche Antlitz da⸗ runter mit den blauen Lippen und den halb offenen verglaſten Augen war jung wie das Geſicht eines Kindes. 195 „Aranka!“ rief Janos voller Angſt und beugte ſich zu der Liegenden nieder. Dieſe regte ſich nicht. Ihre Kleidung war in Unordnung und zerriſſen und ihre Rechte umklammerte ein Stück Papier, das Janos nur mit Mühe aus ihren ſtarren Fingern zu löſen ver⸗ mochte. Es war die Hälfte eines zerriſſenen Couverts ohne Aufſchrift, aber mit dem Siegel von Sard: dem Greif, der einen Fuchs in den Klauen trägt. Neben Aranka auf dem Boden lagen einige Büſchel blauer Beeren, rund und glänzend wie Glasperlen, und Aranka's Lippen und Hände trugen Spuren, als ob ſie davon genoſſen habe. Ein großer Strauch voll ſolcher Früchte wuchs dicht neben ihr. Janos kannte die Pflanze ſo gut, wie Aranka ſie gekannt hatte. Es bedurfte nur weniger ihrer lichtblauen Perlen, um zu ſterben. Der Strauch wäre wohl längſt entfernt wor⸗ den, wenn er nicht, vielleicht durch einen ſterbenden Vogel dorthin verpflanzt, ungeſehen gewuchert hätte in einem Dickicht, wohin nur heimliche Liebe oder das Verbrechen dringt. Noch immer ſtand Jolanthe auf dem Corridor und blickte nach jener Stelle des Parks, wo Janos verſchwunden war. Da klirrten die Scheiben des offenen Fenſters, an dem ſie ſich aufrecht hielt, leiſe unter ihrer zitternden Hand— Janos erſchien eben 196 wieder; in den Armen trug er eine faſt elfenhaft zarte weibliche Geſtalt, deren lichtes Haar wirr über ſeine dunkle Kleidung herabhing. Janos war noch bleicher als das Kindergeſicht, das unbeweglich an ſeiner Bruſt ruhte. Als der Graf den Hof betrat, ſprangen mehrere Diener herbei, um ihre Hülfe anzubieten. Er wies ſie mit zornigem Kopfſchütteln zurück und verſchwand mit ſeiner Laſt im Hauſe. Vorgebeugten Leibes, mit dem Ausdruck einer un⸗ heimlichen Neugier, lauſchte Jolanthe. Jetzt ertönten die Schritte des ſich Nähernden auf der Treppe. Wie ſchwere Hammerſchläge dröhnten ſie Jolanthen durch die ſchmerzenden Schläfe. Janos ging an ihr vorüber, als ſchaue er ins Leere, und trug ſeine Bürde nach dem Nebenzimmer, wo er ſie auf ein Ruhebett niederlegte. Jolanthe war ihm gefolgt. Er kniete neben der lebloſen Geſtalt auf dem Boden und ſchaute regungslos in das bläulich blaſſe Todtenantlitz. Zuerſt einzeln und zögernd, dann immer reicher floſſen die Thränen über ſeine Wangen herab. Da bewegte ſich Jolanthe. Janos ſprang auf und trat dicht vor ſie hin. Seine Augen glänzten fieber⸗ haft; er ergriff ſie beim Arm, daß es ſchmerzte, und zog ſie vor Aranka. 8 197 „Sieh hier Dein Werk!“ ſagte er leiſe und drohend. „Ich habe dieſes Weſen niemals geliebt und ſie erbar⸗ mungslos geopfert, als es meine Pläne galt; und dennoch liebte ſie mich bis zu Schande und Verderben. Nun hat Dein Wahnſinn ſie in den Tod gehetzt, und mich vielleicht— aufs Schaffot!“ Außer ſich warf Jolanthe ſich ihm zu Füßen und ſtreckte flehend die gerungenen Hände zu ihm empor. „Halte mich für wahnſinnig, aber glaube, daß ich es aus Liebe zu Dir geworden bin.“ Graf Ketlan wandte ſich ab und ein hohles Lachen drang aus ſeiner Bruſt. „Geh'! Und wenn Du einmal aus Treue für mich den Tod ſuchſt, dann erinnere Dich der blauen Beeren.“ Ein eiſiger Schauer erfaßte Jolanthe vor der Todten, die ſo lautlos dalag, und vor dem unheim⸗ lichen Lachen Ketlan's. Scheu erhob ſie ſich und ſchlich nach der Thür, und die Dienerſchaft, die ſich vor derſelben in athemloſer Neugier drängte, wich entſetzt zurück vor der verſtörten Erſcheinung. Zwölftes Kapitel. Beunruhigende Gerüchte waren bis ins Schloß ge⸗ drungen. Demzufolge waren die Offiziere der Schwa⸗ dron ſchon vor Tagesanbruch fortgeritten und am Nachmittag nur zwei derſelben wiedergekommen. Sie hatten einen kleinen leinwandbedeckten Bauerwagen be⸗ gleitet, an welchem rückwärts ein lediges Pferd an⸗ gebunden war. Vor der Wohnung des einen der Offiziere war gehalten und ein Verwundeter oder Todter aus dem Wagen in das Haus geſchafft worden. Der Bauer, nachdem man ihn belohnt, war raſch wieder fortgefahren und hatte auf alle an ihn gerich⸗ teten Fragen nur die eine Antwort gehabt, daß er ſeine Laſt in der Nähe des Schloſſes Sard aufgeladen habe. Weiter wiſſe er nichts. Raſch hatte ſich in der kleinen Garniſon von Lorin die Nachricht verbreitet, daß einer 199 ihrer Offiziere ermordet worden ſei. Die politiſche Aufregung lag damals in der Luft, und kaum war von einem alten Wachtmeiſter die Anſicht ausgeſprochen worden, daß der Mörder wahrſcheinlich ein patriotiſcher Ungar ſei, ſo ſtand es für die Garniſon unzweifelhaft feſt, daß die Rebellen ihren Offizier umgebracht hätten. Da die Pferde der Ulanen ſelbſt in der proviſoriſchen Kaſerne nicht Platz fanden und bei den einzelnen Bauern in Quartier lagen, ſo hatte die erſchütternde Nachricht, ehe ſie bei der entlegenſten Abtheilung an⸗ langte, Gelegenheit, die ſonderbarſten Verzerrungen und Uebertreibungen durchzumachen, und es war nichts Wunderbares daran, daß nach kurzer Zeit einzelne Leute vollkommen bewaffnet und mit gezogenem Säbel durch das Dorf jagten, weil man ihnen geſagt, die Ungarn ſeien wieder einmal rebelliſch und hätten eben mit dem Abſchlachten der kaiſerlichen Offiziere begonnen. Selbſt dieſe abenteuerliche Auffaſſung hatte Zeit, ſich zu verbreiten, denn die Offiziere blieben ſehr lange unſichtbar. Tolsky befand ſich infolge des erſchüt⸗ ternden Vorgangs, dem er beigewohnt, wie betäubt und in völlig unzurechnungsfähiger Verfaſſung in ſeiner Wohnung und Rittmeiſter von Werdenau hatte ſich in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen mit einem Zigeuner, der ſich den ganzen Morgen ſcheu in der Nähe der 1 4 ——— 200 Schenke umhergedrückt und ſeine Rückkehr abgewartet hatte. Man war eben im Begriff, in die Wohnung des Rittmeiſters einzudringen, als dieſer endlich ſelbſt erſchien. Mit ihm zugleich kam Pit zum Vorſchein. Derſelbe machte ſich zwar ohne Aufenthalt davon, aber er entging trotzdem ſeinem Schickſal nicht. In den abgelegenſten Dorfſtraßen, die er aufſuchte, herrſchten zu ſeinem Unglück die ausſchweifendſten Anſchauungen über die Sachlage und ein Theil der deutſchen Colo⸗ niſten hatte ſich von der Aufregung völlig mit fort⸗ reißen laſſen. Wenn dieſe Bauern, von aller Berührung mit ihrer urſprünglichen Heimat abgeſchloſſen und rings von ſtockmagyariſchen Nachbarn umgeben, auch kein ſehr ausgeprägtes Nationalbewußtſein bewahrt hatten, ſo betrachteten ſie doch die deutſchen Offiziere als eine Art entfernter Anverwandtſchaft und überdies als die Vertreter der Sicherheit und Ordnung im Lande. Und wenn ſie ſich einſt auch von der großen ungariſchen Erhebung hatten terroriſiren laſſen, ſo befanden ſich ja damals die ungariſchen Inſurgenten in Uebereinſtim⸗ mung mit den Aufſtändiſchen aller Länder, wo man die Fürſten abſchaffen wollte. In jenen ſtürmiſchen Tagen jedoch hatten die klugen und ehrenfeſten Schwa⸗ ben von Lorin die Ueberzeugung gewonnen, daß ein 201 ſeßhafter wohlhabender Bauer bei einer Volkserhebung keine andern Vortheile habe, als ſeine Söhne und Pferde todtſchießen und ſeine Fluren niedertreten zu laſſen, ſein Geld zu vergraben und ſchließlich noch froh zu ſein, wenn man ihm nicht das Haus über dem Kopf anbrannte und ihn ſelbſt an ſeinem eigenen galgen⸗ artigen Ziehbrunnen wie einen vollen Eimer aufzog. Die Bauern von Lorin waren daher grundſätzlich gegen jede ungariſch⸗patriotiſche Erhebung und machten gemeinſchaftliche Sache mit den Ulanen. Und kaum ſahen einige der aufgeregteſten Pit's verdächtige Geſtalt an ihren Ställen vorüberſchleichen, als ſie auch ſchon mit dem Ruf: Ein Spion! ein Spion! hinter ihm her⸗ ſtürzten. Pit hatte ſo viel auf dem Gewiſſen und ſolche Eile, aus Lorin fortzukommen, daß er auf jede Widerlegung des Verdachts von vornherein verzichtete und um ſein Leben zu laufen begann— hinter ihm drein die Bauern und Soldaten. Aber vor ihm, hinter ihm, durch den Tumult her⸗ beigerufen, erſtanden immer neue Verfolger; mit blanken Säbeln und ſpitzen Miſtgabeln warfen ſie ſich ihm in den Weg, daß er endlich keinen Ausweg mehr ſah; er fiel auf die Kniee und flehte um ſein Leben. Allein die Volkswuth verlangte ein Opfer, und als end⸗ 202 lich einige Soldaten, welche Pit beim Rittmeiſter ge⸗ ſehen hatten, zu ſeiner Befreiung herankamen, war er bereits zum Erbarmen zugerichtet. Ueber und über bedeckt mit Beulen und Wunden, mit herabgeriſſenen Kleidern, ſchleppte der Zigeuner ſich aufs freie Feld. Dort kauerte er ſich in einer Acker⸗ furche nieder. Plötzlich ſprang er wieder empor, griff haſtig in ſeine Taſchen und betaſtete ſeinen Körper; dann, ohne Rückſicht, ob er dadurch neue Verfolger her⸗ beirufe, warf er ſich in den Staub und verbarg ſein verzweifeltes Geſicht an der Erde: ſeine blanken Gold⸗ ſtücke, die ihn getröſtet hatten ſelbſt über Mißhandlung und Lebensgefahr— ſie waren verloren! Er erhob ſich wieder und ſchlich zurück bis an die letzten Häuſer des Dorfes. Da hörte er eine Bäuerin zu ihrer Magd ſagen, daß man auch im Schloß eine Leiche— die eines jungen Mädchens— gefunden habe. Darauf begann Pit ſo ſehr zu zittern, daß ſeine Zähne klapperten, und ohne ſich umzuſchauen, floh er querfeldein. Das Erſcheinen des Rittmeiſters vor ſeiner Woh⸗ nung und ſeine beſchwichtigenden Worte, daß es nur eine perſönliche Angelegenheit ſei, welcher der Graf Serravaglia zum Opfer gefallen, beruhigten die Menge, welche ja ſelten Perſon und Sache zu trennen weiß, nur ungenügend. Auch der Umſtand, daß ſich der Rittmeiſter ins Schloß begab, ſchien auf etwas Be⸗ ſonderes hinzudeuten. Es ſchien Werdenau auch nicht beſonders daran zu liegen, die Leute vollſtändig zu beruhigen. Vielmehr ſchimmerte ein Lächeln ſchmerzlicher Befriedigung über ſeine entſchloſſenen Züge, als er ſah, wie die Menge ihm in einiger Entfernung folgte und ſich in drohen⸗ dem Schweigen vor dem Eingang zum Schloſſe an⸗ ſammelte. Einzelne Laute der auf den Straßen herrſchenden Aufregung waren ſelbſt bis in Graf Ketlan's Zimmer, das keiner der Diener zu betreten wagte, gelangt. Der Graf erhob ſein bleiches Geſicht und lauſchte. Dann trat er an ein Fenſter, aus dem man den Platz vor dem Schloſſe überſehen konnte. Da Janos die Vorgänge in Sard noch völlig un⸗ bekannt waren, ſo mußte er annehmen, daß es die Aranka abgenommenen Briefſchaften ſeien, welche die ganze Aufregung hervorgerufen hatten. Seine gebeugte Geſtalt richtete ſich empor und die trüben Augen blitz⸗ ten auf. Ein wilder Trotz verſcheuchte alle Trauer von ſeinem Antlitz und machte die Muskeln ſeiner Glieder ſchwellen. Er zog ſein Schreibpult auf, ſteckte einige Papiere zu ſich, prüfte ſorgfältig Ladung und Zuſtand zweier zierlicher Drehpiſtolen und ſchob dieſe 1 204 in die Bruſttaſche ſeines Attila. Noch einen raſchen Blick warf er auf die todte Aranka, dann eilte er in das Zimmer ſeiner Schweſter. Auf der Treppe begeg⸗ nete er Jolanthen, die im Begriff war, zu ihm zu gehen. „Ich wollte Dich warnen— Du mußt fliehen!“ flüſterte ſie in flehendem Tone. „Komm'!“ ſagte Janos mit leuchtenden Augen, als habe die Gefahr alles Unrecht geſühnt, alle Gegenſätze ausgeglichen. Sie trafen Giſela allein und in höchſter Aufregung durch die unbeſtimmten und ſich wider⸗ ſprechenden Nachrichten, die zu ihr gedrungen waren. Auch ſie hatte Zorn und Verrath vergeſſen und nur noch die tödtlichſte Angſt für den geliebten Bruder ſprach aus ihren Zügen. „Man ſpricht von Ueberfall und Mord und Auf⸗ ruhr, von Todten, die Du auf dem Arm getragen...“ „Laß die Todten ruhen, Giſela! Jetzt gilt es, für die Lebendigen zu handeln und zu retten!— Die Lage iſt ernſt“, fuhr Janos raſch und finſter fort,„die Ereigniſſe ſind unſerem Willen vorausgeeilt und die Zeit des Losſchlagens iſt uns aufgedrungen, wir können ſie nicht mehr wählen.— Aranka iſt überfallen und ihrer Briefe an mich beraubt worden. Gleichviel, durch weſſen Mitſchuld und Thorheit— es iſt ſo. Die Beweiſe der Verſchwörung ſind allen Anzeichen nach 205 in der Hand unſerer Feinde. Jetzt gilt es mit That⸗ ſachen zu rechnen. Ehe unſere Feinde zur Beſinnung gekommen ſind, muß der Aufruhr von Dorf zu Dorf, von Pußta zu Pußta lodern! Ich ſelber reite nach Sard. Vor dem Golde Kißnagy's muß auch der Schnee der Steppe ſchmelzen für einen Winterfeldzug. Wenn wir uns im kleinen Kriege halten können bis zum Frühling, ſo ſteht ganz Ungarn in Flammen.— Lebe wohl, Schweſter!— Jolanthe mag mich begleiten und im Dienſte des Vaterlandes ſühnen, was ihre Selbſt⸗ ſucht an ihm verbrochen hat! Lebe wohl, Giſela! Wir ſehen uns wieder in einem freien Vaterlande— oder nie!“ Janos kniete vor der Magnatin nieder. Die Be⸗ geiſterung ihres Bruders hatte auch jetzt wieder ihre Kraft bewährt. Mit geiſterbleichem Antlitz, halb auf⸗ gerichtet ſaß Giſela da und ihre Augen hingen an ſeinen Lippen, wie an dem Munde eines kriegeriſchen Propheten der Vorzeit. „Geh'’, geh', mein Held, mein Bruder, und möge Ruhm und Sieg Deinen Waffen folgen! Ich bin ein armes, gebrechliches Geſchöpf und würde Deinen Sieges⸗ zug wie Bleigewicht zur Erde ziehen, wenn ich Dich begleiten wollte. Darum gehe allein. Jolanthe liebt Dich ja bis zu Lüge und Verbrechen, mag ſie Dir nun auch treu ſein bis zum Tode! Geh'’, Janos, und der 206 Geiſt des blonden Sängers Gabor ſchwebe ſchützend über Dir!— Jolanthe“, fuhr die Magnatin nach einer Pauſe fort,„was ſtehſt Du ſo finſter da? Wer denkt jetzt noch an Haß und Hader unter uns? Hole meinen Schmuck— Alles, was mir gehört, verſtehſt Du? Auch meinen Brautſchmuck! Brecht die Dia⸗ manten aus und ſchmelzt das Gold!— Nimm Alles, Alles!“ Noch immer kniete Janos mit geſenktem Haupte vor ſeiner Schweſter. Haſtig ergriff Jolanthe die ihr von Giſela dargereichten Schlüſſel und eilte nach der Thür. Da wich ſie mit finſterem Stirnrunzeln zurück— unter der geöffneten Thür erſchien, den verzweiflungs⸗ vollen Kammerdiener, der ihm den Eingang wehren wollte, nicht beachtend, der Rittmeiſter von Werdenau. „Ich muß den Grafen Ketlan ſprechen, und ſofort!“ hörte man ihn auf die abermalige Vorſtellung des Kammerdieners, daß er ihn erſt melden müſſe, ent⸗ gegnen.— Der Kammerdiener machte eine Bewegung gegen die Baronin, um auszudrücken, daß er außer Schuld ſei. Janos war aufgeſprungen und er und die beiden Frauen ſtarrten den Eintretenden drohend an. „Leider vermag ich für die Formloſigkeit meines 207 Eindringens nicht einmal um Entſchuldigung zu bitten“, begann Werdenau, indem er ſich vor der Baronin ver⸗ neigte,„allein die Sache, die mich hierher führt, iſt in Ihrem eigenſten Intereſſe eine ſo dringende...“ Graf Ketlan hatte ſein ſchwarzes Auge durchbohrend auf dem Rittmeiſter ruhen laſſen, jetzt unterbrach er ihn. „Laſſen wir Ihre Theilnahme für uns aus dem Spiel! Ihre Eigenſchaft als kaiſerlicher Offizier, als — Wächter der ſogenannten öffentlichen Ordnung und der gegenwärtige rechtloſe Zuſtand meines Vaterlandes motiviren Ihr, wie Sie ſelbſt ſagen, formloſes Ein⸗ dringen hinreichend. Sagen Sie uns, was Sie von uns wollen, und je kürzer das geſchieht, um ſo dank⸗ barer werden wir dafür ſein.“ In die bleichen Wangen des Rittmeiſters ſtieg eine dunkle Glut und in ſeinen Augen flammte es auf, allein er blieb ruhig. „Was ich Ihnen zu ſagen habe, betrifft nur Sie allein.“ „Ich habe keine Geheimniſſe vor meiner Schweſter und meiner Braut.“ „Wie Sie wünſchen“, ſagte Werdenau kalt.„Ich bin gekommen, um Ihnen mitzutheilen, daß ein Schrift⸗ ſtück zu meiner Kenntniß gelangt iſt, durch welches zahlreiche Edelleute das Volk zum Hochverrath und be⸗ 208 waffneten Aufſtand gegen die Regierung Seiner Majeſtät des Kaiſers auffordern. Das Schriftſtück, deſſen Echt⸗ heit keinem Zweifel unterliegt, iſt auch von Ihrer Hand unterzeichnet...“ „Alſo doch!“ knirſchte Janos, einen Schritt zurück⸗ tretend, und ſeine Hand ſuchte nach dem Kolben ſeines Re⸗ volvers.„Und Sie kommen, um Ihr Werk des Ver⸗ raths zu krönen, indem Sie mich gefangen nehmen! Aber das dürfte Ihnen ſchwerer werden als die Be⸗ raubung und Mißhandlung eines ſchwachen Mädchens!“ Der Rittmeiſter ſchrak zuſammen, denn das ganze ſonderbare Benehmen Pit's kam ihm wieder in Erin⸗ nerung. „Die fraglichen Papiere wurden mir verkauft. Es war meine Pflicht, ſie zu erwerben. Bei ihrer politi⸗ ſchen Bedeutung erſcheint die Art ihrer Erwerbung übrigens höchſt gleichgültig. Sie haben ſich mit Ihrer Aufruhracte ſelbſt außerhalb des Geſetzes geſtellt...“ „Und Sie kommen, um mich zu verhaften!“ ſtöhnte Janos und der Hahn des Revolvers knackte faſt un⸗ hörbar. „Nein“, ſagte Werdenau ruhig.„Ich komme viel⸗ mehr, um Ihnen Ihre Proclamation zurückzugeben.“ Ein faſt unwilliges Staunen drückte ſich in den Zügen Ketlan's und Jolanthens bei dieſem, wie ſie 209 glauben mußten, verletzenden Hohne aus. Nur Giſela athmete auf; ſie wußte, daß Werdenau ein Mann von Herz war. „Mein Herr“, ſagte Janos erregt,„noch bin ich nicht Ihr Gefangener, noch vermag ich Beleidigungen zu rächen!“ „Hören Sie mich zu Ende!— Ich gebe Ihnen das Papier, deſſen Inhalt bis jetzt nur ich kenne und deſſen Mißbrauch Sie und Ihre Freunde vernichten müßte, zurück— unter einer Bedingung!“ „Daß meine Nichte Ilka die Frau Ihres Ober⸗ lieutenants wird?“ höhnte Graf Ketlan.„Ich geſtehe es, Ihr Deutſchen verſteht zu rechnen.“ Faſt verächtlich ſtreifte Werdenau's Blickden Grafen. „Sie irren. Mein Freund, der ſich die Braut nie um ſeine Ehre gekauft hätte, iſt todt! Er iſt vor einigen Stunden durch Herrn von Kißnagy's Degen ge⸗ fallen für jene Liebe, die Ihnen ſo verächtlich erſcheint.“ Halb ohnmächtig ſank Giſela in die Kiſſen zurück. Düſter blickte Janos zu Boden und Jolanthens Körper erbebte unter einem eiſigen Schauer. „Meine Bedingung iſt dieſe“, fuhr Werdenau mit trauriger Stimme fort,„daß Sie ſich mit Ihrem Ehrenworte verpflichten, dem vorbereiteten Aufſtande jetzt und für immer zu entſagen. Sie ſind die Seele v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 14. 210 des Ganzen, und wenn Sie zurücktreten, zerfällt die Sache in ſich ſelbſt.“ „Nie, nie!“ rief Ketlan finſter. „Dann werden Sie dieſes Haus nur verlaſſen, um als Hochverräther verhaftet zu werden! Täuſchen Sie ſich nicht“, fuhr Werdenau warnend fort, als Janos in furchtbarer Aufregung, wie bereit, ſich auf ihn zu ſtürzen, vor ihm ſtand;„wenn es Ihnen ſelbſt gelänge, zu entkommen, der Telegraph trägt die Verhaftungs⸗ befehle gegen Ihre Freunde in wenig Minuten über ganz Ungarn, und Sie ſind deren Verderber!“ In ſtummer, ſtolzer Verzweiflung ſtand Janos da. Die Baronin hatte, obwohl aufs tieſſte erſchüttert, die bisherigen Unterhandlungen ſchweigend angehört. Jetzt richtete ſie ihre dunklen Augen feſt auf den Offi⸗ zier und ſagte ſtreng: „Herr Rittmeiſter von Werdenau! Entweder Sie betrügen uns, oder Sie betrügen Ihren Kaiſer. Wie könnten wir Ihnen glauben?“ „Seit geſtern“, entgegnete Werdenau gemeſſen,„habe ich auf mein Begehren die Entlaſſung aus dem öſter⸗ reichiſchen Heere erhalten. Das mag Ihnen beweiſen, wie ſchlecht ich mich zu Schergendienſten eigne. Meine Pflicht gegen den Kaiſer iſt zu Ende Ich habe perſönlich keinen Grund, Sie zu verderben.“ 211 Janos athmete auf; ſeine Schweſter vermochte nicht ihren Jubel zu verbergen. „Sie lieben alſo dieſes Oeſterreich nicht! Sie kön⸗ nen es nicht lieben!“ ſagte ſie haſtig.„Was kümmert es Sie, ob wir Ungarn das uns verhaßte Joch ab⸗ ſchütteln? Geben Sie uns das Papier zurück— be⸗ dingungslos— und wir wollen Ihnen ewig dankbar ſein und Sie wie unſere Vorſehung verehren!“ „Sie haben mich mißverſtanden“, ſagte Werdenau mit kühlem Achſelzucken.„Gnädige Baronin, ich zweifle nicht an Ihrer Aufrichtigkeit und Ihrer Hingebung an die von Ihnen vertretene Sache. Allein mir fehlt auch jede Sympathie für den romantiſch⸗revolutionären Sport wie er hier jahraus jahrein von unruhigen Edelleuten getrieben wird und das unglückſelige Land nie zur Ruhe kommen läßt. In allen ungariſchen Garniſonen, die ich kennen lernte fand ich einige Verſchwörer und Vaterlandsbefreier, aber nirgends eine Armenſchule oder nur die kleinſte Beſtrebung der Höherſtehenden, das Volk zu heben und zu veredeln. Der ungariſche Patriot glaubt genug gethan zu haben, wenn er hoch⸗ müthig auf Alles herabſieht, was im Range unter ihm ſteht, und den Säbel gegen Oeſterreich zieht, ſobald die Gelegenheit dazu günſtig iſt. Die Sache, die Sie ver⸗ treten, iſt nicht die des Vaterlandes, ſondern die Ihrer 14* 212 eigenen Selbſtüberhebung. Sie wollen allein die Herr⸗ ſcher ſein, das iſt Alles. Die ſogenannte Freiheit des Volkes kümmert Sie wenig!“ Werdenau hielt einen Augenblick inne, und als alle in dumpfem Schweigen verharrten, fuhr er fort: „Ich kann um eines ſolchen frevelhaften Spiels willen nicht Tauſende meiner langjährigen Waffenge⸗ fährten in manchem blutigen Strauß überfallen und niedermetzeln laſſen. Ich kann ſie nicht in dem Augen⸗ blicke durch Schweigen verrathen, da ſie mir zum Ab⸗ ſchied die Hand reichen!“ Graf Ketlan wandte ſich brüsk ab. „Dann verrathen Sie eben uns!“ „Auch das möchte ich nicht!“ ſagte Werdenau mit weicher Stimme, indem er ſich an die Baronin wandte. „Ich habe die Gaſtfreundſchaft Ihres Hauſes genoſſen und nehme den innigſten Antheil an Ihren Schickſalen, gnädigſte Frau! Als ich zwiſchen die herbe Alternative geſtellt war, Ihnen gegenüber eine zweideutige Rolle zu übernehmen oder meine militäriſche Pflicht zu ver⸗ letzen, bat ich um Verſetzung und, als dieſe mir ver⸗ weigert wurde, um meine Entlaſſung. Solange ich Offizier war, mußte ich die Handlungen des Herrn Grafen überwachen laſſen; aber ich zitterte davor, com⸗ promittirende Entdeckungen zu machen, die ich hätte 213 melden müſſen. Ihre Proclamation gelangte in meine Hände, als ich nichts mehr war als einfacher Privat⸗ mann. Keine Offiziersehre mehr verlangt von mir, daß ich Sie verrathe; aber das Unheil zu hindern, das Sie heraufbeſchwören wollen, iſt unter ſolchen Um⸗ ſtänden die Pflicht eines jeden ehrlichen Mannes und daher auch die meine!“ Die Baronin war ſichtlich bewegt und ihre Blicke ruhten ſogar mit Bewunderung auf dem Manne, der ihr Schickſal und das ihres Bruders in der Hand hielt und eben ſo ruhig und feſt ſeinen Willen aus⸗ geſprochen hatte.. Auch Graf Ketlan hatte ſeine ſchroff abweiſende Haltung aufgegeben und ging erregt im Zimmer hin und her. Endlich blieb er vor Werdenau ſtehen und ſagte ernſt, während ein unerſchütterlicher Entſchluß auf ſeiner Stirn ſtand: 3 „Was auch aus uns werden möge, die freiwil⸗ lige Ohnmacht, dieſe Kerkerhaft des Geiſtes und der That, die Sie uns aufzwingen wollen, iſt unmöglich für mich, für uns alle! Thun Sie, was Ihre Mannes⸗ pflicht erheiſcht; uns aber laſſen Sie unſern Kampf und unſere Hoffnung, die allein für uns Werth haben. Sie ſagen, es ſei ein hoffnungsloſer Kampf, in Blut und Schande erſtickt, ehe er begonnen— wohlan! 214 wir wollen tragen, was wir nicht mehr ändern kön⸗ nen! Fragen Sie meine Schweſter, meine Braut, ſie werden antworten wie ich!“ Aufrecht und die Begeiſterung eines kühnen Ent⸗ ſchluſſes auf dem Antlitz trat Ketlan zu der Schweſter, die ihm mit einem ſtolzen Lächeln die Hände entgegen⸗ ſtreckte. „Wir wollen tragen, was wir nicht mehr ändern können!“ Es fehlte der Haltung des Grafen nicht an Größe, als er ſich, die Hand der Schweſter feſthaltend, nach Frau von Valaſy umwandte. „Und Du, Jolanthe?“ Mit ſchleppendem Schritt trat ſie zu ihm heran und lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter. Sie wagte nicht, die Augen zu Werdenau zu erheben, und das Gefühl ihrer Schmach erſtickte faſt ihre Stimme, als ſie murmelte: „Wir wollen tragen, was wir nicht zu ändern ver⸗ mögen!“ Werdenau ſeufzte tief, während beim Anblick Jo⸗ lanthens ein bitteres Lächeln über ſeine Züge flog. In dieſem Augenblick ertönte durch den Corridor und bis ins Zimmer der Baronin der markerſchütternde Schrei 215 einer weiblichen Stimme, und gleich darauf vernahm man, wie dieſe Stimme, näher kommend, in höchſter Todesangſt rief: „Mutter, Mutter, er ermordet mich!“ „Das iſt mein Kind! Man ermordet mein Kind!“ ſchrie die Magnatin und machte ohmächtige Anſtrengun⸗ gen, ihre gelähmten Glieder zu bewegen. Da ſtürzte mit allen Zeichen des Entſetzens Ilka ins Zimmer und vor der Baronin nieder, dieſelbe mit den Armen umklammernd. „Schütze mich, Mutter, er will mich umbringen!“ Alle Blicke hatten ſich, Entſetzliches erwartend, nach der Thür gerichtet. Da theilten ſich die Portièren abermals und ſchleichend, in gebeugter Haltung, trat Herr von Kißnagy herein. Er war in das Coſtüm des Juranitſch gekleidet; ein wollüſtiges Lächeln verzog ſeinen zahnloſen Mund; ſein Geſicht war ohne Schminke und verzerrt, und in ſeinen Augen glühte es wie wahnſinnige Mordluſt. Ein blanker Dolch, den er tückiſch und ungeſchickt zugleich zu verbergen ſuchte, blitzte in ſeinen durch ihn verwun⸗ deten Fingern, und ſich mit den blutunterlaufenen Augen im Kreiſe umblickend, flüſterte er: „Helene, ſüße Braut, hörſt Du nicht die Ja⸗ 216 nitſcharen vor den Thoren? Komm, laß Dich küſſen, ſüße Braut!“— Und ſeinen Dolch verbergend, ſchlich er immer näher. Wild ſchlang Giſela ihre Arme um die Tochter. Aber bereits hatte Graf Ketlan den einen, Werdenau den andern Arm des Tobſüchtigen erfaßt. Kraftlos wand ſich der Greis unter den ehernen Griffen, und plötzlich einem andern Gedankengang fol⸗ gend, rief er mit theatraliſchem Pathos: „Auf die Kniee, Vaſallen, vor dem König von Ungarn! Auf die Kniee, Verwegene, wenn Euch der Henker nicht den Kopf vor die Füße legen ſoll!“ Dann ſchüttelte plötzlich wieder kaltes Entſetzen den Wahnſinnigen, und wie in Todesangſt flüſterte er: „Wir ſind entdeckt! Meine Millionen können uns nicht retten! Man ſchleppt uns in den Kerker— aufs Blutgerüſt!“ Und Ketlan ins Antlitz ſtarrend, kreiſchte er laut:„Du biſt der Verführer! Du allein biſt der Schuldige! Du mußt ſterben! Du verſprachſt mir eine Krone für den Hochverrath!“ Und wieder machte Kißnagy vergebliche Anſtrengungen, ſich zu be⸗ freien. Da näherte Graf Ketlan ſeinen Mund dem Ohre des Wahnſinnigen, und auf deſſen Vorſtellungen ein⸗ gehend, flüſterte er: 217 „Kommen Sie! Noch iſt es Zeit! Wir wollen fliehen!“ Kißnagy lächelte ängſtlich, und auf den Zehen ſchlei⸗ chend folgte er ſeinen Führern in ein Nebenzimmer. Dort brach er ohnmächtig zuſammen. Die herbeigeru⸗ fenen Diener trugen ihn nach einem ſichern Gewahr⸗ ſam, während andere nach dem Arzt eilten. Werdenau und Ketlan ſtanden ſich ſchweigend gegen⸗ über. Der Graf unterbrach zuerſt die drückende Stille. „Geſtatten Sie mir eine Frage, Herr von Werdenau! Sie erwähnten vorhin, daß Sie jenes mich compromit⸗ tirende Schriftſtück gekauft hätten. Darf ich fragen, von wem?“ „Ich kann Ihnen dieſe Frage um ſo offener beant⸗ worten, als der Verkäufer, wenn er meinem Befehl gehorcht hat, längſt Ihrer Rache entzogen iſt. Vor einigen Wochen bot ſich ein Diener dieſes Hauſes, der, wie er glaubte, ungerechter Weiſe entlaſſen worden war, als Berichterſtatter an. In meiner damaligen Stellung und nach meinen eigenen Beobachtungen ver⸗ ſtieß es gegen meine Pflicht, dieſe Gelegenheit, Sie zu überwachen, von der Hand zu weiſen. Ich veranlaßte den Menſchen, in Sard Dienſte zu nehmen.“ 218 „Und Sie ſind unbetheiligt an der Gewaltthat, die meiner Botin zugefügt worden iſt und ihren Tod her⸗ beigeführt hat?“ „Ich hatte bis zu Ihrer Mittheilung nicht einmal Kenntniß davon; ſonſt wäre ich der erſte geweſen, den Verbrecher der verdienten Strafe zu überliefern, wenn ich früher darum gewußt hätte.“ „Das hätte unter den obwaltenden Umſtänden das Uebel allerdings nur noch ſchlimnier gemacht“, lächelte Janos trübe.„Was ich feſtſtellen wollte, war einzig, ob die üblichen Ehrengeſetze mir noch geſtatten, in Ihre Hand das Verſprechen niederzulegen, das Sie von mir verlangten.“ Die freudige Hoffnung, welche bei dieſen Worten das männliche Antlitz Werdenau's verklärte, bewies am deutlichſten, wie ſchwer es ihm geworden wäre, gegen den ritterlichen Rebellen vorzugehen. „Ich danke Ihnen“, ſagte er leiſe,„daß Sie mir erſparen wollen, noch mehr Unheil über Ihre Familie heraufzubeſchwören!“ Ketlan ſchaute ſtarr zu Boden; ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt und mit einem leiſen Achſelzucken begann er wieder: „Dieſer Unglückliche war die letzte Stütze des Unter⸗ nehmens. Wenn ich auch mein Haupt auf den Block 249 legen wollte, ſo kann ich Gut und Leben meiner Freunde nicht nutzlos opfern für eine im voraus verlorene Sache⸗ — Wir haben hier alles Nöthige, wie ich ſehe“, fügte er, ſich im Gemach umblickend, hinzu.„Ich bin be⸗ reit, die verlangte Erklärung zu unterzeichnen und mir eher eine Kugel durch den Kopf zu jagen, als mein Wort zu brechen!“ Lange, nachdem ſie mit der Baronin allein war, lag Ilka noch mit dem Geſicht an den Buſen der Mutter gelehnt und wagte nicht aufzuſehen. 1 „Es war entſetzlich“, flüſterte ſie,„als ſein Geſicht plötzlich über meiner Schulter aus dem Toilettenſpiegel ſah und mir grinſend zunickte. Er mußte ſich heim⸗ lich eingeſchlichen haben, der Abſcheuliche.“ Die Baronin erſchrak. Das entſetzliche Bild, wel⸗ ches ihr einſt ihre eigenen erregten Nerven vor die Sinne gezaubert hatten, war Wahrheit geworden. „Und einem Wahnſinnigen wollteſt Du Dich ver⸗ mählen!“ ſprach Giſela vorwurfsvoll. Ilka verbarg ihr erröthendes Geſicht noch tiefer und ſagte kaum hörbar: „Das wußte ja noch Niemand, Mama, daß er...“ ſie ſtockte zuſammenſchauernd—„und dann erzählte 220 Jolanthe mir ſo viel von dem köſtlichen Leben, das mich an ſeiner Seite erwarte; und die Hochzeitsreiſe nach Paris hätte ich ſo gern gemacht!— Aber Serra⸗ vaglia habe ich eigentlich viel lieber!“ Als ſei das eigene Kind ihr fremd und unheimlich geworden durch dieſe Worte, ſo erſchreckt ſchaute die Baronin zu Ilka hernieder, die an die Heirath mit dem einen denken konnte, während ſie geſtand, den andern lieber zu haben. Mit bebender Stimme, aber ihres Zweckes bewußt, ſagte Giſela kurz: „Serravaglia iſt todt, im Duell mit Kißnagy ge⸗ fallen— um Deinetwillen!“ Todtenbleich fuhr Ilka empor und ſtarrte der Ba⸗ ronin ins Geſicht. Dann verbarg ſie aufs neue ihr Haupt an der Schulter der Mutter und brach in lau⸗ tes Schluchzen aus. Schweigend ließ dieſe ſie weinen, und wie auf eine Kranke, an welcher eben eine ſchmerzhafte, aber noth⸗ wendige Operation vollzogen worden, blickte ſie feuchten Auges auf ihre erſchütterte Tochter herab. Da drangen wilde Rufe und das Geklirr von Waffen durch das Schloß; entſetzt ſtürzten Mädchen und Diener herein und riefen, daß die Ulanen mit Ge⸗ walt eingedrungen ſeien und die Auslieferung Kißnagy's forderten, der ihren Oberlieutenant umgebracht habe 221 und nun wahrſcheinlich daran ſei, auch ihrem Ritt⸗ meiſter den Garaus zu machen. Auch Jolanthe erſchien und berichtete unruhig, an der Spitze der Stürmenden ſtänden der Lieutenant Tolsky und Gertrud. Dreizehntes Kapitel. Lieutenant Tolsky ward aus ſeiner Lethargie aufge⸗ rüttelt, als er den Herrn von Kißnagy in ganz ſeltſamer Kleidung und ohne Diener auf ſeinem hochräderigen, mit vier Pferden beſpannten Wagen durch das Dorf und nach dem Schloß jagen ſah. Auch Werdenau war ja dorthin gegangen. Es ſtand daher nach den Ein⸗ drücken, die er in neueſter Zeit empfangen, für Tolsky feſt, daß nun die Reihe des Getödtetwerdens an den Rittmeiſter kommen ſolle. Der alte Edelmann ſah ihm ganz danach aus, als ſolle das Morden jetzt ſeinen Fortgang nehmen. Tolsky gürtete eilig ſeinen Säbel um, nahm eine ſeiner Reiterpiſtolen und ſtürzte ins Freie. Er hatte eine dunkle Vorſtellung, als ob Kißnagy beabſichtige, ſämmtliche Offiziere der Schwadrvn nacheinander aus 223 der Welt zu befördern; und neben ſeiner aufrichtigen Hingebung für Werdenau drängte den Lieutenant ſchon die Sorge um die eigene Sicherheit, für jenen einzu⸗ treten. Zudem ſtand er hier nicht mehr allein auf einem völlig fremden Boden, wie in Sard, ſondern wußte die ganze Schwadron hinter ſich, was ſeine Tapfer⸗ keit in nicht geringem Maße ſteigerte. Er fand die Ulanen auch faſt vollzählig vor dem Schloſſe verſam⸗ melt und in lebhafteſter Unruhe über das lange Ver⸗ weilen des Rittmeiſters daſelbſt, ſowie über die Ankunft Kißnagy's, den ſie in raſender Eile durch das Dorf und in den Schloßhof hatten fahren ſehen. Dort war Kißnagy, ohne auf einen Diener zu warten oder ſich um das Schickſal ſeiner Pferde zu bekümmern, die Treppe emporgeſtürzt, und einige glaubten in ſeiner Hand ſogar einen Dolch wahrgenommen zu haben. Die Ulanen verlangten infolge deſſen laut die Be⸗ freiung Werdenau's oder die Beſtrafung ſeines Mörders. In Tolsky's Kopf ging Alles wirr durcheinander; endlich ſetzte er ſich an die Spitze der tobenden Menge und ſtieg in finſterer Entſchloſſenheit die Treppe hinauf. Im erſten Stock begegnete er Gertrud. Dieſe war, nachdem ſie von der Nachtwache bei der Baronin auf ihr Zimmer zurückgekehrt war, um dort endlich etwas auszuruhen, von dem Lärm in der Straße 224 geweckt worden. Im Begriff, ſich wieder zu der Ba⸗ ronin zu begeben und dort die Urſache des Tobens zu erfahren, traf ſie an der Haupttreppe mit Tolsky und ſeiner Schaar zuſammen. Der Lieutenant war, wie Gertrud ſofort bemerkte, bis an die Zähne bewaffnet und ſchien von einer Entſchloſſenheit beſeelt, als gelte es eine Batterie zu erſtürmen. „Um des Himmels willen, was geht hier vor?“ rief Gertrud geängſtigt. Tolsky errieth den Inhalt ihrer Frage und ſah das junge Mädchen mißtrauiſch an, ob ſie nicht irgend⸗ wo vielleicht eine geheime Waffe verborgen halte; dann ſuchte er unter all den wirren Eindrücken ſein ſpär⸗ liches Deutſch zuſammen, und da ihm eine genauere Unterſcheidung der Zeiten nicht zu Gebote ſtand, rief er: „Serravaglia todt, Rittmeiſter todt, Kißnagy Alles todtmachen!“ Gertrud ſchwankte und wurde bleich wie Alabaſter; aber mit einer gewaltigen Anſtrengung raffte ſie ſich zuſammen und eilte nach den Gemächern der Baronin. Tolsky folgte ihr in einiger Entfernung. Selbſt wie eine Sterbende trat ſie in das Zimmer, wo Jolanthe, Ilka und die meiſte Dienerſchaft ſich wie hilfeſuchend um die Baronin drängten. Mit klangloſer Stimme, als gebe es keinen andern Gedanken als nur 225 dieſen für ſie im Weltall, brachte ſie die Worte her⸗ vor: „Man ſagt mir, Rittmeiſter von Werdenau ſei todt.“ Da trat Jolanthe, durch die Aufregungen des Tages und ihren Haß aller Faſſung beraubt, vor ſie hin und ſagte mit ſchneidendem Hohn: „Ihr Galan lebt, mein Fräulein, und wird Ihnen den Lohn für Ihr Spioniren ſicher nicht vorenthalten. Denn Sie allein haben uns verrathen! Niemand als Sie!“ Wie von dieſem Gedanken unwillkürlich betroffen, richtete die Baronin ſich auf. Gertrud jedoch gab keine Antwort. Es ſchien, als hätte ſie die ſeltſame Anklage nicht einmal gehört, die man gegen ſie ausſprach; denn wie ſüße Betäubung war das ſelige Bewußtſein über ihr Herz gekommen: Er lebt! Aber eine andere wohlbekannte Stimme antwortete an ihrer Stelle. Werdenau war an der Seite des Grafen wieder eingetreten, und wie die Donner des jüngſten Gerichts trafen ſeine Worte die heißblütige Ungarin: „Fräulein von Nortwald hatte nicht die geringſte Gelegenheit, Sie zu verrathen; denn ich ſprach ſie zum letzten Mal an jenem Tage, da ich die Ehre hatte, von Ihnen ſelbſt empfangen zu werden. Ich ließ Ihnen v. Schlägel, Graf Ketlan der Rebell. II. 15 — 4 — ͦõ— —— — —m 226 damals die Wahl, entweder Ihre Verleumdungen gegen meine verehrte Landsmännin zurückzunehmen oder Ihre eigene ſchmachwürdige Vergangenheit ſchonungslos von mir enthüllt zu ſehen.“ Drohend trat Janos auf Werdenau zu. „Sie ſprechen von meiner Braut! Wenn Sie Ihre Anklagen nicht vollwichtig zu beweiſen ver⸗ mögen...“ Furchtlos blickte Werdenau den Grafen an. „Betrachten Sie Ihre Braut, und wenn Sie noch nicht überzeugt ſind, ſo geben Sie mir eine andere Ge⸗ legenheit zu Mittheilungen, welche ich in Gegenwart der übrigen Damen nicht für paſſend halte.“ Jolanthe machte keinen Verſuch, die Anklage Wer⸗ denau's in Abrede zu ſtellen. Wie erdrückt von ihrer Schmach, finſter und bleich ſtand ſie da und mechaniſch ſuchten ihre Hände nach einem Stützpunkt. Werdenau näherte ſich Gertrud und führte bewegt 9 ihre Hand an ſeine Lippen. „Ihre Beſorgniß um mein Schickſal hat mich un⸗ endlich glücklich gemacht! Ich bedauere nur lebhaft den Schrecken, den die unbegründete Nachricht Ihnen ver⸗ urſacht hat.“ In dieſem Augenblick ſteckte Tolsky den Kopf zwi⸗ ſchen den Portièren herein; aller Selbſtſucht vergeſſend, wandte er ſich dann um und rief den ihm nachdrängen⸗ den Ulanen zu: „Rittmeiſter nix todt; Rittmeiſter ſehr lebendig.“ Der Jubel, der dieſen Worten folgte und der einen Augenblick die Stimmen im Zimmer unhörbar machte, bewies, wie beliebt Werdenau bei ſeinen Leuten war. Glühend vor Scham, ein ſchüchternes Mädchen, das ſein heiligſtes Geheimniß vor aller Welt offenkundig glaubt, ſtand Gertrud da; endlich flüſterte ſie ſtockend: „Lieutenant Tolsky hatte mir geſagt, Sie ſeien er⸗ mordet... 3 „Es war die vernünftigſte Thorheit ſeines Lebens!“ lächelte Werdenau trübe. Dann verabſchiedete er ſich, um dem immer ſtürmiſcheren Verlangen der draußen Verſammelten nachzugeben und ſie durch den Augen⸗ ſchein zu überzeugen, daß er unverletzt ſei. Durch den Rittmeiſter beruhigt, zerſtreuten ſich end⸗ lich auch die letzten Gruppen ſeiner Befreier, und lang⸗ ſam, wie lebensmüde, ging er nach ſeiner Wohnung. Und er ſtand doch ſo hoch über dieſer zerrütteten Ge⸗ ſellſchaft, welcher er eben die Macht zu ſchaden aus den Händen gewunden hatte und für die er ſich trotz⸗ dem einer gewiſſen Sympathie nicht erwehren konnte Er ſtand hoch über ihren von Haß durchglühten und vom Ehrgeiz betrogenen Seelen durch ſeine Liebe, durch 15* 228 ſeine Hoffnung auf das höchſte, reinſte Erdenglück. Er machte ſich Vorwürfe darüber, daß er, während das Blut in den Adern ſeines todten Freundes noch nicht erkaltet war, für ſich an ein Glück denken mochte, für welches jener ſein Leben geopfert hatte. Er ſchrak zu⸗ ſammen bei dem Gedanken, daß ihm vielleicht im letz⸗ ten Augenblick noch der Preis entrungen werden könne, gleich jenem, und ſchaudernd fragte er ſich, ob er dann noch den Muth haben werde, weiter zu leben. Vielleicht hatte er den bleichen, verzweiflungsvollen Schrecken in Gertrud's Geſicht, der im Grunde nur Angſt um ihr eigenes Schickſal war, mit Unrecht auf die Angſt um ihn bezogen? Sie hatte den Landsmann, den Beſchützer in einer ihr feindlich geſinnten Welt zu verlieren gefürchtet— war aber das ſchon Liebe, eine Liebe, die das Glück ſeines Lebens ſein konnte? Und wenn ſie ſelber durch ihr Bedürfniß nach Schutz, durch Heimweh, durch das drückende Gefühl des Allein⸗ ſtehens getäuſcht wurde und das für Liebe hielt, was nur die Sehnſucht nach Veränderung, nach Hülfe war? Wenn ſie in der Tiefe ihres Herzens denn doch den Grafen Ketlan liebte, dem ja alle Weiberherzen ent⸗ gegenflogen, und ſich mit geſchloſſenen Augen zu dem treuen Landsmann rettete, um jener Liebe zu entgehen? So weit waren Werdenau's ſelbſtquäleriſche Ge⸗ 229 danken gelangt, als er ſich leiſe am Arme berührt fühlte. Sich umwendend, ſah er in das entſchloſſene Geſicht des Grafen Ketlan. „Ich bin bereit, Ihre Mittheilungen über meine— über Frau von Valaſy entgegenzuneh⸗ men... Ein jäher Verdacht durchzuckte den Offizier... Janos hatte es ja ganz beſonders eilig, ſich ſeiner Braut zu entledigen. Denn dann war er ja frei, und nicht einmal die Politik hinderte ihn mehr, die Deutſche, die er ohne Zweifel noch immer liebte, heimzuführen. Einen Augenblick war Werdenau verſucht, jede Auskunft zu verweigern und die Waffen entſcheiden zu laſſen zwiſchen dem Grafen und ihm. Ein gewal⸗ tiger Seelenkampf, den er kaum zu bemeiſtern ver⸗ mochte, ſpiegelte ſich in ſeinen Zügen. Aber ſeine edle Denkungsart trug den Sieg davon. Trotz alles Vor⸗ hergegangenen hatte Graf Ketlan ihm in der letzten Stunde unzweideutige Beweiſe echt ritterlicher Geſin⸗ nung gegeben. Er zweifelte nicht, daß Janos, ſobald die wilden revolutionären Leidenſchaften in ihm zum Schweigen gebracht ſein würden, als bedeutender Mann ſeinem Volk in allen edlen und hochherzigen Beſtre⸗ bungen voranleuchten könne. Aber Janos war faſt mit Sicherheit für alles Beſſere verloren zu geben, 230 wenn er, bethört durch Jolanthens Leidenſchaft, ſein Schickſal unauflöslich an das ihre kettete. Das durfte nicht geſchehen; Janos durfte nicht im Dunkeln bleiben über die Vergangenheit ſeiner Braut... auf jede Gefahr... Werdenau verbeugte ſich leicht gegen den Grafen. „Ich ſtehe zu Ihrer Verfügung.“ Vierzehntes Kapitel. Ueber Lorin lag jene träumeriſche ſatte Ruhe, wie ſie großen Entſcheidungen zu folgen pflegt. Gleich dem Strom, der, nachdem er ſchäumend ſeine Ufer über⸗ ſchritten, wieder in ſein früheres Bett zurückkehrt, hat⸗ ten ſich die Leidenſchaften wieder in die engen Gren⸗ zen der verſchloſſenen Menſchenbruſt zurückgezogen. Allein die Ufer ſind zerklüftet und zerriſſen, und trübe und langſam windet ſich der müde Strom zwiſchen ſeinen veränderten Geſtaden. Auf dem Kirchhof des Dorfes hatte die Ulanen⸗ ſchwadron ihren Oberlieutenant mit allen kriegeriſchen Chren beſtattet, und die Elfe von Lorin, wie Gertrud Aranka einſt genannt, ruhte unter der Raſendecke des Parks, nahe der Stelle, wo ſie ihrem entweihten jungen Leben ein Ende gemacht hatte. Ein einfaches weißes 232 Kreuz ohne Inſchrift zierte das von immergrünen Büſchen umwucherte Grab; aber auch dieſes Abzeichen unter⸗ ſchied ſich in wenigen Tagen kaum noch von der leich⸗ ten Schneedecke, welche bald darauf weit und breit die Ebene und auch den Park von Lorin überzogen hatte. Unter der Dienerſchaft von Schloß Lorin herrſchte eine halb ſchläfrige Regſamkeit. Die Ankunft des Grundherrn war angekündigt und Graf Ketlan ſtand im Begriff abzureiſen, um das Schloß für lange Zeit, vielleicht für immer zu verlaſſen. Er hatte von ſeinen Verwandten, mit Ausnahme Jolanthens, in herzlicher, von Gertrud in achtungs⸗ vollſter Weiſe Abſchied genommen und war nun noch einmal in ſeine Wohnung zurückgekehrt, um ſich für die winterliche Fahrt zu rüſten. Doch in der Mitte des Zimmers blieb er wie in unangenehmſter Ueber⸗ raſchung ſtehen. Denn auf der Schwelle zum Neben⸗ gemach erſchien Jolanthe in tiefſchwarzer Kleidung, blaß und abgezehrt und um ein Jahrzehnt gealtert, und nur in den dunklen Augen glühte noch ein ver⸗ zehrendes Feuer. „Du gehſt auf Nimmerwiederkehr!“ ſagte ſie dumpf. „Ja!“ „Wohin?“ „Heim.“ „Du haſt keine Heimat mehr. Die Politik hat Dein Vermögen verzehrt und hundert gierige Gläubi⸗ ger reißen Deine Güter in Stücke.“ „Ich habe noch den alten Thurm in den Karpa⸗ ten, von dem keiner weiß. Das rauhe Felsgebirge bietet die herrlichſte Jagd. Dort im Kampf mit wilden Beſtien werde ich die Erbärmlichkeiten der Geſellſchaft zu vergeſſen ſuchen.— Leb' wohl!“ Janos wollte gehen. Jolanthe ergriff ihn am Arm. „Und warum das Alles?— Weil ein hölzerner Pedant einen Fetzen Papier von Dir beſitzt, der nur Macht über Dich erhält, wenn Du thöricht genug biſt, Dich daran zu kehren.— Sind die Oeſterreicher nicht ein edleres Wild als die Wölfe der Karpaten?“ „Mit jenem Fetzen habe ich meine Ehre ver⸗ pfändet.“ Er wollte gehen. Noch einmal hielt Jolanthe ihn zurück. „Wer fragt den ſiegreichen Feldherrn an der Spitze eines bewaffneten Volkes nach jenem Stück Papier?“ ſagte ſie verächtlich.„Der Erfolg iſt die Ehre!“ Kühl und ablehnend erhob Janos die Hand. 234 „Wir haben über dergleichen Dinge abweichende Anſichten.“ Jolanthe zuckte zuſammen. „Ich weiß, was Du ſagen willſt! Aber indeß Du Dir romantiſche Geſchichten aus meiner Vergangen⸗ heit erzählen ließeſt, habe ich für Dich gehandelt. Dir liegt ſo viel an jenem Ehrenſchein— hier iſt er!“ Erregt ſtreckte Janos die Hand danach aus; aber ohne das Document berührt zu haben, ließ er ſie wie der ſinken. „Wie kommt es in Deinen Beſitz?“ „Unpraktiſcher Träumer! Geſtohlen habe ich es! Für ein paar Dukaten ließ mich der Jude, bei dem er wohnt, in das Zimmer und gab mir einen Nach⸗ ſchlüſſel für alle Schränke. Ich war ungeſtört, auch der Burſche Werdenau's war beim Leichenbegängniß.“ Ohne mit der Wimper zu zucken, ſchaute Janos auf die einſtige Geliebte. Dann ſagte er kurz: „Gib her.“ Zögernd reichte Jolanthe ihm den Schein. Janos trat damit zum Schreibtiſch, verſchloß das Papier in ein Couvert und ſchellte. Jolanthe fiel ihm in den Arm, aber Ketlan machte ſich ernſt los und übergab dem eintretenden Diener den Brief. „An den Herrn Rittmeiſter von Werdenau.“ 235 Mit verächtlichem Lachen hatte Jolanthe ſich um⸗ gewandt. „Du haſt unzweifelhaft zum Rebellen die Paſſion verloren; Deine Ritterlichkeit koſtet Dich jetzt nicht viel. — Am Hunger findet man ſchon weniger leicht Ge⸗ ſchmack!— Janos, ſei aufrichtig mit Dir und mir! Mit meinem Vermögen können wir im Ausland herr⸗ lich leben, wenn Du fürchteſt, daß der deutſche Spion plaudert. Bedenke, auch Dein Leben iſt ja nicht fleckenlos—“ Janos ſah ihr ernſt in das flehende Geſicht. „Weißt Du denn nicht, daß der verworfenſte Mann noch immer unendlich hoch über dem geſunkenen Weibe zu ſtehen glaubt?“ „Ich würde beſſer werden bei Dir—“ Janos machte unwillkürlich eine Bewegung des Abſcheus. „Ich würde mich ſelber verachten lernen bei Dir!“ „Janos, ſei kein Kind! Du gehſt unter im Elend ohne mich!“ „Glaubſt Du? Nun, dann hat die Haide Raum für einen Räuber mehr, der ehrlich plündert! Mit Dir, die bei der Leiche des Gatten buhlen konnte um das eigene Leben, hab' ich nichts mehr gemein!“ Gewaltſam riß Janos ſich von ihr los, die mit 236 einem Stöhnen der Wuth ſich an ſeinen Arm klam⸗ merte, und dröhnend fiel hinter ihm die Thür ins Schloß. „Geh' und verhungere!“ knirſchte Jolanthe in tödtlichem Haß. Dann trat ſie vor den Spiegel und ſchlug den Schleier, der ihr Geſicht zur Hälfte be⸗ deckte, zurück. „Häßlich genug zur Nonne!“ murmelte ſie.„Des Herzens Kinderthorheit ſei abgethan! Das markloſe Geſchlecht, das ſich das ſtarke nennt und das mit ſchlotternden Knieen vor dem Geſpenſt der eigenen Ehre einherwankt, hat ſeinen Reiz für mich verloren. Ich muß herrſchen und wenn es auch im Finſtern iſt!“ Ungefähr um dieſelbe Zeit, als Janos in ſeinem niedrigen Schlitten in die weiße unendliche Ebene hinaus⸗ fuhr, ſtieg Herr von Werdenau in Civilkleidung und ohne ein einziges Ordensband im Knopfloch zu den Zimmern der Baronin empor und ließ ſich bei der Dame melden. Er wurde ſofort vorgelaſſen und kurze Zeit darauf erging auch an Gertrud die Einladung, ſich zu der Magnatin zu begeben. In ſich gekehrt und traurig, wie ſie in den letzten Tagen faſt immer geweſen, folgte ſie der Aufforderung 237 ihrer mütterlichen Freundin. Als ſie eintrat, ſah ſie ſich Werdenau gegenüber, der ganz allein im Zimmer anweſend war. Sie wollte fliehen, aber ihre Glieder waren wie gelähmt, ſprachlos und bebend blieb ſie vor ihm ſtehen. „Gertrud“, begann Werdenau mit ſeiner weichen Stimme, indem er ſie bei der Hand nahm und zu einem Fauteuil führte; und ſich neben ihr niederlaſſend fragte er:„Wollen Sie mich anhören, Gertrud?“ Als ſie ſchweigend das blonde Haupt neigte, fuhr er mit bewegter Stimme fort: 3 „Ich habe in der letzten Zeit viel Trauriges erlebt. Gründe des perſönlichen Ehrgefühls haben mich ver⸗ anlaßt, einem Stande zu entſagen, dem ich trotz all des Mißlichen, das er mit ſich brachte, doch mit der ganzen Treue einer Jugendneigung anhing. Ich habe vor wenigen Tagen einen lieben treuen Freund begra⸗ ben und mußte meinen einzigen Bruder ſterben laſſen, ohne noch einmal ſeine Hand zu drücken.“ Einen Augenblick hielt Werdenau inne; als er in Gertrud's Augen Thränen ſchimmern ſah, fuhr er, die eigene Bewegung bemeiſternd, raſcher fort: „Das Alles war jedoch nicht mächtig genug, eine Empfindung zum Schweigen zu bringen, welche mich faſt ausſchließlich beherrſchte, ſeit Sie, Gertrud, ſo ſchön 238 und ſo vertraut zugleich in der fremden Umgebung vor mir erſchienen. Von jenem Augenblick an waren Sie der lichte Mittelpunkt, um den ſich alle meine Gedan⸗ ken und meine ganze Sehnſucht drehten. Dieſe Sehn⸗ ſucht war nicht ohne Qual; denn ich konnte nicht da⸗ rauf hoffen, daß Sie, ſo ſehr berechtigt, die Huldi⸗ gungen der beſten und thatkräftigſten Männer zu em⸗ pfangen, jemals Ihr Schickſal an das eines gealterten Landsknechts binden würden, der nichts ſein eigen nannte als ſeinen Degen und der ſein Zelt bald unter den halbwilden Völkern der Grenzlande, bald im Elend einer kleinen Garniſonsſtadt aufſchlagen mußte. Je weniger ich hoffen durfte, jemals ein legitimes Recht zu Ihrem Schutze zu erwerben, deſto furchtbarer quälte mich der Gedanke an alle die Gefahren, denen Sie in Ihrer neuen Umgebung ausgeſetzt waren. Ich war, wie ich jetzt einſehe, ein Thor; Sie beſaßen in ſich ſelbſt den ſicherſten Schutz und Ihre charaktervolle Feſtig⸗ keit wirkte veredelnd ſogar auf jene, die Ihnen mit den ſchlimmſten Abſichten nahten. Verzeihen Sie mir, daß ich Sie für kleiner hielt, als Sie ſind, und daß ich glaubte Sie warnen zu müſſen! Als ich es that, rang ich mit dem bitterſten Schmerz meines Lebens, mit einer Eiferſucht, wie ich mich deren nie für fähig gehalten hätte. Und als ich mich nicht mehr darüber 239 täuſchen konnte, daß das Leben meines Bruders einer raſchen Auflöſung entgegengehe und daß ich durch Ge⸗ ſetz und Ueberlieferung verpflichtet ſei, in ſeine Rechte als Majoratsherr einzutreten, als ich Ihnen ein Ihrer würdiges, geſichertes Loos in der deutſchen Hei⸗ mat bieten konnte, da waren es immer die alten Zweifel, die mir die Lippen verſchloſſen. Ich bin kein Jüngling mehr, Gertrud; ich zweifelte noch, als Graf Ketlan bereits der Verlobte jenes unheimlichen Weibes war. Es koſtete mich einen ſchweren innern Kampf, den Grafen von den unwürdigen Feſſeln zu befreien, die ſein beſſeres Selbſt zu vernichten drohten; denn noch immer glaubte ich nicht, daß Sie ſo ganz anders ſeien als alle andern Frauen und daß die blendenden Eigenſchaften jenes Mannes ihren Einfluß auf Sie verfehlen könnten! Hatte der kühne, trotzige Rebell Ihr Herz nicht gerührt, ſo that es vielleicht der entwaffnete in ſeiner finſtern Trauer. Ich zwei⸗ felte noch, als Sie, jeder andern Rückſicht vergeſſend, ſchreckensbleich nach meinem Leben oder Sterben forſch⸗ ten. Ich hatte Ihnen ja zur Seite geſtanden in einem traurigen Augenblick, und Sie waren edel und dank⸗ bar— die lange Oede eines einſamen Lebens macht muthlos! Hoffen, freudig und zuverſichtlich hoffen lernte ich erſt, als ich Graf Ketlan finſterer und trotziger 240 als je an meiner Wohnung vorüberfahren ſah. Ich wußte, daß Sie ihn nicht liebten, denn in Ihrer Liebe muß man glücklich ſein.“ Werdenau konnte vor Bewegung nicht weiter ſpre⸗ chen. Er kniete neben Gertrud nieder und erfaßte ihre Hände. Seine milden braunen Augen leuchteten in wunderbarem Glanz und mit bleichen Lippen flü⸗ ſterte er: „Gertrud, können Sie mich lieben? Wollen Sie mein Weib werden?“ Je zögernder Werdenau geſprochen, als ſuche er, bange vor der Entſcheidung, dieſelbe immer noch hin⸗ auszuſchieben, deſto ruhiger und klarer war es in Gertrud geworden. Alle Schüchternheit war von ihr gewichen; mit einer ernſten heiligen Freude im Antlitz beugte ſie ſich zu ihm nieder und ſagte leiſe: „Sie haben mich falſch beurtheilt! Was mich den Weg finden ließ durch all die Verwirrung von außen und innen, war einzig der Gedanke, daß ich Ihrer Achtung werth bleiben müſſe um jeden Preis! Das, was Sie in mir allein ſuchen, haben Sie ſelbſt in mir erweckt, und wenn ich trotz Schimpf und Verachtung in dieſem Hauſe blieb, ſtatt aufs Gerathewohl in die öde Steppe zu gehen, um dort vielleicht umzukommen, ſo war es nur Ihretwegen, weil ich nicht aus Ihrer 241 Nähe fort wollte. Vielleicht, ohne daß es mir ſelber klar wurde, hegte ich die heimliche Hoffnung, daß Sie mich lieben könnten“, ſetzte ſie kaum verſtändlich hinzu, indem ſie ihr erglühendes Geſicht an Werdenau's Schulter verbarg. Tiefe Stille herrſchte in dem Gemach, das ſo viele Stürme wilder Leidenſchaft geſehen. Feſt und innig hielten die Liebenden ſich umſchlungen und ließen die Wonne ihrer Seelen ineinander klingen. Es war nicht die Ruhe nach gewaltigen Stürmen, es war das feſte Vertrauen und die volle Lebensfreude für die Zukunft. Keine romantiſche Vergangenheit lag hinter ihnen, denn die aufregenden Ereigniſſe hat⸗ ten ſie umtobt, wie das aufgewühlte Meer zwei ein⸗ ſame Felſen umbrauſt, und waren machtlos an ihnen zerſchellt. Sie gehörten zu den Menſchen, welche die Güte im Andern inſtinctiy fühlen und das Schlechte aus Naturtrieb zurückweiſen und auf die Welt ver⸗ edelnd wirken durch ihr bloßes Sein. Da ſchreckte leichtes Pochen an der Thür die in ſich Verſunkenen empor. Ilka trat ein und fragte die Verlobten, ob ſie nicht endlich zu der Mutter kommen möchten, welche ſich danach ſehne, ſie zu beglückwünſchen; auch der Papa ſei eben angelangt und wünſche das Brautpaar zu ſehen. v. Schlägel, Graf Ketl an der Rebell. II. 16. 242 Ilka war in tiefer Trauer und ihr hübſches Ge⸗ ſicht hob ſich bleich aus den dunklen Kleidern. Aber die ſchüchterne Neugier, mit welcher ſie die Liebenden betrachtete, ließ die Vermuthung zu, daß ſie auf die Pariſer Hochzeitsreiſe wohl nur vorläufig verzichtet habe. Als ſie jedoch Gertrud's Arm nahm, um dieſelbe zu ihrer Mutter zu führen, welche im Nebenzimmer auf ihrer Cauſeuſe ruhte, flüſterte ſie: „O Gerta, ich bin ſehr unglücklich— ich habe ihn ſo unſaglich geliebt!“ „Wen denn?“ fragte Gertrud mit aufrichtigem Erſtaunen. „Wen anders als Serravaglia, der für mich in den Tod gegangen iſt und den ich opfern mußte? Ich habe bereits unſerm Peſther Gärtner Auftrag ge⸗ geben, allwöchentlich dafür zu ſorgen, daß ich das Grab den ganzen Winter mit friſchen Blumen ſchmücken kann.“ Gertrud konnte ſich des Gedankens nicht erweh⸗ ren, als ob Ilka ſich bei der Vorſtellung, das Grab des für ſie gefallenen Oberlieutenants mitten im Win⸗ ter mit friſchen Blumen zu ſchmücken, höchſt intereſſant vorkomme. Die Magnatin blieb ſehr ernſt, allein ihre Theil⸗ — — 243 nahme an Gertrud's Glück war eine ungeheuchelte und herzliche. „Wenn ich auch zu ſehr mit unſern eigenen Plä⸗ nen und Gefühlen beſchäftigt geweſen bin, um Ihr gegenwärtiges Glück zu fördern, ſo erſchien mir doch manchmal dieſe Verbindung ſo natürlich und ſelbſt⸗ verſtändlich, daß alle abweichenden Vermuthungen mich um ſo unangenehmer überraſchten. Der Him⸗ mel hat Sie zuſammengeführt, trotzdem von unſrer Seite unbewußt das Mögliche geſchah, es zu ver⸗ hindern— möge der Himmel Sie auch ferner be⸗ ſchützen!“ 1 Sie zog Gertrud innig an ſich und flüſterte: „So hat der Aufenthalt bei uns trotz aller Pein und Mißgriffe Dir endlich doch eine Heimat gegeben, mein theures Kind!“ Dann reichte ſie Werdenau die Hand. „Verzeihen auch Sie mir, wenn ich Ihnen durch meine Schroffheit jemals wehgethan habe, man be⸗ gegnet ſelten ſo guten Menſchen, wie Sie beide ſind, und deshalb konnte ich Ihre Großmuth nicht ahnen!“ Herr von Lorin ſchnaubte wie eine ſeiner gelieb⸗ ten Locomotiven und murmelte etwas Unverſtändli⸗ ches, woraus zu entnehmen war, als ſehe er es für eine ganz beſondere Schlauheit ſeinerſeits an, durch 244 ſeine gut kaiſerliche Geſinnung und die Zuziehung der Offiziere zu ſeinem häuslichen Leben die Verbindung zu Stande gebracht zu haben. Die Verlobten nahmen an der Familientafel Theil, bei welcher auch wie bei allen feierlichen Gelegenhei⸗ ten Großmama im Schmuck ihrer Pariſer Spitzen⸗ haube, den weißen Bologneſer im Arm, zum Vor⸗ ſchein kam. Major und Majorin Durra vervollſtän⸗ digten den Kreis. Ilka's Trauer war noch zu friſch, als daß ſie ſchon hätte bei Tafel erſcheinen können. Sie blieb bei ihrer Mutter und dachte darüber nach, ob Gertrud letzt wohl ſtatt ihrer die Hochzeitsreiſe nach Paris machen würde. Trübe ſchaute die Magnatin vor ſich. Da ſchob ſich plötzlich ein wirrer blonder Lockenkopf zwiſchen die halbgeöffnete Thür, ein umfangreicher Oberkör⸗ per im verſchnürten Attila folgte, und endlich war die ganze dicke Geſtalt Sandor's im Zimmer und ſtürzte mit ausgebreiteten Armen, in Rührung auf⸗ gelöſt, aber geräuſchvoller als je auf ſeine Mut⸗ ter zu. „Um des Himmels willen, Sandor, wie kommſt Du hierher?“ „Ich habe die ganze Reiſe mit Papa gemacht!“ —— —— 245 ſchluchzte Sandor, nicht ohne daß ein Zug einſtiger Schelmerei durch ſeine Thränen ſchimmerte. „Aber Dein Vater glaubt, Du ſeieſt ruhig in Deinem Penſionat in Peſth!“ „Ich konnte es nicht aushalten, Mama! Ich hatte Sehnſucht nach der Haide, den Bauern und nach Dir, Mama! In dem ſchrecklichen Penſionat wäre ich erſtickt; ſie verhöhnten mich wegen meiner Dicke; ich ſchlug ihnen dafür die Köpfe blutig und kam gar nicht mehr aus dem Carcer. Als Papa ab⸗ reiſte und in den Waggon geſtiegen war, kaufte ich mir raſch ein Billet und fuhr in einem andern Wag⸗ gon mit. Auf der Station verſteckte ich mich unter den Sitz unſeres Wagens. Papa ſaß die ganze Zeit über mir und gab mir inehree Fußtritte, weil ich den Raum beengte.“ „Du armes, armes Kind!“ flüſterte die Baronin zwiſchen Lachen und Weinen. „Ich ſterbe vor Sehnſucht nach Dir, wenn Du mich noch einmal fortſchickſt!“ behauptete Sandor, dem die Bewegung der Mutter nicht entging.„Für einen Grundherrn lerne ich hier genug, und die deutſche Fräulein will ich gar nicht mehr, ſeit ich weiß, daß man nur nach Peſth zu gehen braucht, um die ſchön⸗ 246 ſten Mädchen zu ſehen. Laß mich hier bleiben, Mama!“ „Gewiß ſollſt Du bei uns bleiben, mein Sohn“, ſagte Frau von Lorin, indem ſie die Arme um ihre Kinder ſchlang,„ich will von nun an nichts mehr ſein als Eure Mutter!“ Herr von Lorin war eben in tiefes Nachdenken verſunken über die wunderbare Begebenheit, daß man ſeinen Freund Kißnagy für unheilbar tobſüchtig er⸗ klärt und in eine Irrenanſtalt geſperrt habe, während man ſeine Güter von einem Curator verwalten ließ. Da theilte ihm der Kammerdiener ſchüchtern, weil er die Ungnade ſeines Herrn befürchten mochte, mit, daß derſelbe die Fahrt von der Eiſenbahnſtation bis ins Schloß buchſtäblich auf ſeinem Sohn und Erben Sandor gemacht habe. Der Kammerdiener brauchte lange, um dem Grundherrn die ganze Situation anſchaulich zu machen; als dieſer ſie jedoch endlich begriffen, gefiel ihm der tolle Streich ſeines Teufelsjungen ſo außer⸗ ordentlich und er lachte darüber in einer bei ſeinen Körperverhältniſſen ſo tollkühnen Weiſe, daß der Kam⸗ merdiener, um dieſer Heiterkeit Einhalt zu thun, ihm berichtete, eins ſeiner Lieblingspferde ſei krank und es ſtehe zu befürchten, daß es nicht wieder auf⸗ komme. — Fünfzehntes Kapitel. Jahre ſind ſeit jenen Ereigniſſen entſchwunden. Herr von Lorin iſt längſt bei einer Dominopartie mit Major Durra für immer eingeſchlafen, wobei, der Eti⸗ kette des Hauſes gemäß, die Anweſenden ſich noch lange der lebhafteſten Unterhaltung befleißigt hatten, ehe das veränderte Ausſehen des Hausherrn bemerkt ward. Major Durra, ſein geduldiger Partner, iſt ihm bald darauf gefolgt und in ſeiner veralteten Huſaren⸗ uniform beſtattet worden; ſehr unehrerbietiger Weiſe hatte der Tod die Großmama hinter den Major rangirt, und ihr Bologneſer überlebte den Verluſt ſeiner gütigen Herrin nicht lange. Nur Majorin Durra, welche ſeit dem Tode ihres Gatten noch weniger im Leben aus und ein wußte als bisher, ſtrich mit fanatiſchem Eifer die Kleider der 248 Baronin glatt, während ihre Hände immer durchſichtiger und zitternder wurden. Die Magnatin ſelbſt iſt eine Greiſin geworden, und das düſtere Roth des Abendhimmels vermag nicht mehr ihren eingefallenen Wangen einen Schein von Geſund⸗ heit und Friſche zu leihen. Wir wollen nicht nach Lorin und ſeinen Steppen zurückkehren, auf denen der Herbſtabend noch mit der Glut des Mittags brütet und die Sonnenſcheibe blut⸗ roth und ſtrahlenlos untergeht in der braunen Staub⸗ wolke, welche die Hetzjagd des neuen Grundherrn und ſeiner Gäſte am Horizont aufgewirbelt. Um dieſe Jahreszeit ſind die Abende im Herzen Deutſchlands bereits feucht und kühl; ein leichter weißer Duft ſchwebt über den Stoppelfeldern und ſchwarze Tannenwälder ſtrecken ihre feinen durchſichtigen Spitzen von den ſanft anſteigenden Hügeln zum farbloſen Him⸗ mel empor. Ungefähr in der Mitte des bebauten Landes auf der halben Höhe eines der tannengekrönten Hügel liegt ein großes Schloß mit weitläufigen Stallungen und Wirthſchaftsgebäuden; weiter unten, nahe den vier Tei⸗ chen, welche dunkel grau wie Schiefer den Abendhimmel wiederſpiegeln, liegt ein Landhäuschen im Schweizerſtil mit vorſpringendem Giebel und Veranden, Spiegelſchei⸗ — — —— 249 ben und Leinwandmarquiſen, und ſeine offenen Thüren führen in den noch immer nicht reizloſen Blumen⸗ garten mit ſeinen ſpäten Roſen, Aſtern und Herbſt⸗ winden. Ueber die Umzäunung des Gartens neigen ſich⸗ ſchwerbeladene Obſtbä ume und das Laub der Reben gänge beginnt ſich purpurn zu färben. Auf der Veranda dieſer Sommerwohnung ſteht ein Mann in der Mitte ſeiner Jahre und ſchaut lächelnd hinunter auf das Spiel dreier Knaben von drei bis fünf Jahren, welche ziemlich laut und mit großem Eifer einander den Gebrauch eines kleinen Velocipeds zu erklären ſuchen, aber ſich gegenſeitig ihre Be⸗ mühungen dadurch vereiteln, daß alle das Reitinſtru⸗ ment gleichzeitig beſteigen wollen. Da tritt eine Dame in anmuthiger Hauskleidung neben den Herrn und berührt mit der Hand, in wel⸗ cher ſie einen Brief hält, leicht ſeinen Arm. Werdenau wandte ſich nach ſeiner Gattin um und über ſeine Züge flog ein freudiges Leuchten, als habe die Sonne beim Abſchied auf ſeinem Antlitz einen Strahl zurückgelaſſen. „Ein Brief aus Ungarn, Adolf!“ ſagte ſie, auf das Schreiben deutend. „Aus Ungarn? Deine Correſpondenz mit Ilka iſt doch lange eingeſchlafen; was ſchreibt ſie denn?“ 250 „Das weiß ich noch nicht. Seit wann leſen wir unſere Briefe denn nicht mehr zuſammen?“ „Verzeih'!“ „Es iſt ein langer Brief“, fuhr Gertrud fort, in⸗ dem ſie das Schreiben auseinanderfaltete.„Und ſieh da, Ilka's Photographie! Wie hübſch iſt ſie geworden! Sie beſitzt nicht mehr den kindlichen Ausdruck von ehe⸗ mals, aber ſie iſt doch noch ein reizendes Geſchöpf, faſt imponirend ſchön. Ob ſie wohl noch immer nicht heirathet?“ „Vielleicht gibt der Brief Aufſchluß. Sie ſchrieb Dir ja einmal, ihre Mutter gerathe ganz außer ſich, wenn nur ein Mann Miene mache, ſich ihr zu nähern.“ „Leſen wir.— Ei, was iſt das? Das ſieht ja aus wie eine Verlobungsanzeige: Ilka von Lorin, Janos Graf Ketlan— Verlobte.“ „Das iſt überraſchend— ſeltſam!“ ſagte Wer⸗ denau.„So haben ſelbſt die Jahre den dämoniſchen Einfluß dieſes Mannes auf die Frauen nicht abzu⸗ ſchwächen vermocht!“ Gertrud antwortete nicht; mit ſtarrem Blick, wie in großer Seelenangſt ſchaute Gertrud über die Ver⸗ lobungsanzeige hinweg ins Freie. Ein Schatten legte ſich über Werdenau's Geſicht. 251 Da rief Gertrud, indem ſie die Hand nach dem Gatten ausſtreckte: „O, ſieh doch! Kurt, der waghalſige Junge, ſitzt auf einem ganz dünnen Zweig in der Spitze des Apfel⸗ baums!“ Werdenau erröthete, daß er einen Augenblick hatte vermuthen können, das Dämoniſche übe ſeine Macht ſelbſt über das reine, harmoniſche Gemüth ſeines Wei⸗ bes. Die Situation ſeines Erſtgeborenen nahm ihn aber ſogleich völlig in Anſpruch. Kurt hatte, des Kampfes um das Eiſenpferd müde, ein paar beſonders ſchöne goldgelbe Aepfel zuoberſt im Baum ausfindig gemacht und ſo lange mit wohlgefälligen Blicken betrachtet, bis er ihren Lockungen nicht mehr widerſtehen konnte. Papa und Mama ſchienen in den Brief völlig vertieft, und ohne Rückſicht auf ſeine lackirten Stiefelchen und weißen Strümpfe war der Kleine wie eine Katze bis in die höchſten Zweige geſtiegen, bis das bedenkliche Schwanken derſelben ihn auf die Unſicherheit ſeiner Lage aufmerk⸗ ſam machte. Da ſaß er nun und blickte bald auf die unerreichbaren Früchte, bald in die beträchtliche Tiefe unter ihm und ſuchte ſeine Furcht dadurch zu ver⸗ bergen, daß er ſeinen ſtaunenden Brüdern Geſichter machte. 252 Plötzlich wurde das jugendliche Antlitz ernſt, ſehr ernſt, daß es für einen Augenblick auffallend dem ſeines Vaters glich. Dann ritt Kurt ſehr eilig auf den Hauptſtamm zu und begann rückwärts zu klettern. Allein je näher der kleine Mann dem Boden kam, deſto geringer ſchien deſſen Anziehungskraft für ihn zu wer⸗ den. Unten ſtand nämlich der Papa, und kaum war Kurt auf dem Boden, als er auch ſchon vermittelſt ſeines Ohrläppchens gefangen genommen und auf das Haus zugeführt wurde, während die beiden Brüder ihm in ſprachloſem Schrecken nachſahen. Da tönte aus der Veranda die weiche Stimme Gertrud's: „Adolf, verzeih' es ihm für diesmal noch und komme zu mir. Der Brief Ilka's iſt zu merkwürdig!“ Werdenau ließ lächelnd den kleinen Miſſethäter frei und geſellte ſich wieder zu ſeiner Gattin, um das „Leſen mit Hinderniſſen“ fortzuſetzen. „Es ſcheint“, recapitulirte Gertrud,„daß Graf Ketlan lange Zeit, mit ſich und der Welt grollend, abgeſchieden im Gebirge gehauſt und jede Geſellſchaft, außer der ſeines weißhaarigen Pagen Pal, gemieden hat. Da ſei er, wie Ilka durchleuchten läßt, im Auftrage des Kaiſers von einer hochgeſtellten Perſön⸗ lichkeit in ſeinem Felſenneſt aufgeſucht und bewogen 253 worden, ſeine Hülfe zu einem Reformwerk zuzuſagen, welches den Frieden zwiſchen Ungarn und Oeſterreich wieder befeſtigen ſolle. Man habe ihm ſogar eine Ent⸗ ſchädigung geboten für die Opfer, die er dem Vater⸗ lande einſt gebracht, Graf Ketlan hat die Entſchädi⸗ gung zurückgewieſen, aber die einflußreiche Stellung, die ihm zugleich angeboten worden, angenommen.“ „Schade um all das gute deutſche Blut, das in jenem Lande ſchon gefloſſen iſt, wo man jetzt von oben herab mit derſelben Rebellion fraterniſirt, die man einſt mit Feuer und Schwert verfolgte“, ſagte Werdenau bitter. 3 „Deſto beſſer, wenn man damit neues Blutvergießen für die Zukunft verhindert“, meinte Gertrud. Ihr Mann zuckte ſtumm die Achſeln. „Janos“, ſchreibt Ilka weiter,„kam ſeit jener Zeit wieder häufiger zu uns. Er iſt nicht mehr ſo excentriſch wie früher und ich bin nicht mehr das einfältige, romantiſche Kind von einſt. Wir verſtehen uns vor⸗ trefflich und— nun, das Weitere hat Dir ja die bei⸗ liegende Anzeige geſagt!— Mama lebt ordentlich wie⸗ der auf bei dem Gedanken, daß ihr geliebter Bruder und ihre theure Tochter ein Paar werden ſollen. Nur Sandor— Du kennſt ja ſeine Eiferſucht auf Janos— drehte ſich bei der Neuigkeit unwillig um und knurrte: 2 5 4 Nun auch gar noch Schwager! Er iſt aber trotzdem mit Feuer auf Mamas Idee eingegangen, die Güter meines verlobten Onkels aus meinem Vermögen wieder anzukaufen. Wir werden meiſt in Peſth und Wien leben und durch unſere Stellung gezwungen ſein, viel Geſellſchaft zu ſehen und ein großes Haus zu machen. Werdet Ihr uns nicht einmal dort beſuchen, wenn Ihr in unſere Nähe kommt? Trotzdem ich Janos von jeher lieb hatte und keine für mich paſſendere Partie wünſchen könnte, ſo kann ich es Dir, die meine Vergangenheit kennt, doch anver⸗ trauen: die rechte Lebensfreude habe ich nicht mehr! Dazu habe ich zu viel Trauriges erlebt. Du weißt ja, wie ich Serravaglia geliebt habe! Mais pas-⸗ sons la-dessus!— Die Hochzeitsreiſe werden wir nach Paris machen. Jolanthe oder Mutter Emmerentia, wie ſie jetzt heißt und die als Oberin mehr Freiheiten hat wie die andern Nonnen ihres Kloſters, beſuchte uns zu⸗ weilen und wurde ſehr böſe, wenn wir ſie Jolanthe nannten oder irgend etwas berührten, was vor ihrer Kloſterzeit lag. Seit ſie von meiner Verlobung mit Janos weiß, iſt ſie noch nicht wieder in Lorin geweſen. Herzliche Grüße von meiner Mutter und Janos. Ganz die Deine, Ilka.““ —— 255 Gertrud ließ die Hand mit dem Brief ſinken und ſah ihren Mann fragend an. „Wie findeſt Du den Brief?“ „Dies Kokettiren mit Gefühlen, die ſie niemals hatte, iſt widerwärtig. Wenn ſie es auch nicht ſagt, hält ſie doch den Tod Serravaglia's noch immer für ein glückliches Arrangement, um ihr einen gewiſſen romantiſchen Tic zu geben. Haſt Du je darauf ge⸗ hofft, daß ſie anders werden könnte?“ „Ich dachte, das Unglück, die Zeit—“ „Das Unglück, ſoweit es nicht ihre Perſon be⸗ trifft, iſt für ſie ein Toilettenartikel, wie ein hübſches Trauerkleid für eitle Frauen. Die Zeit macht ſie höchſtens älter— klüger nicht!“ „Dann wird Graf Ketlan ſehr unglücklich werden.“ „Das iſt damit noch nicht geſagt. Ketlan iſt ohne Zweifel ein bedeutender Menſch, aber auch er hat mehr Phantaſie und Thatkraft als eigentlich Herz. Die gegenwärtige Stellung wird ſeinem Ehrgeiz Spielraum gewähren. Ilka weiß ſich gut zu benehmen und zu kleiden, ſie iſt hübſch und munter und wird ihren Mann angenehm zerſtreuen, ohne ihm mit allzu viel Leidenſchaft läſtig zu fallen. Er hingegen ragt bedeu⸗ tend über ſie hinaus und wird ihr immer intereſſant genug bleiben, daß ſie ihn nicht verräth. Sie beſitzen 256 beide Form und Erziehung, große Kataſtrophen werden kaum noch an ſie herantreten, und ſo ſteht nach mei⸗ nem Gefühl nichts im Wege, um ihre Ehe ſo glücklich zu geſtalten wie hundert andere, die von keiner innern Nothwendigkeit zuſammengeführt ſind.“ „Alſo können wir unſern Segen geben?“ ſcherzte Gertrud. „Aus vollem Herzen!“ ſagte Werdenau.„Und jetzt wollen wir uns wieder mit Kurt verſöhnen, der uns mit tiefem Seelenſchmerz von fern beobachtet.“ „Der arme ſüße Junge!— Kurt und Ihr an⸗ dern, wollt ihr mit Papa und Mama Bilder beſehen?“ Eilig kam die kleine wilde Schaar herangeſprungen und drängte ſich jubelnd um die Eltern. Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. ſnnnenmſnnſſnſfſſfſfiff 6 7 8 9 10 11 12 13 14 1 ſnſf ſſfſft 5 16 17 1