Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8§ Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. 3 .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Pinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücker: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 2„—„—.„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſurne Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3“ * —— Erzaͤhlungen fuͤr unverdorbene Familien. Zwoͤlfter Band. * Leipzig bei Georg Joachim Goͤſchen 1816. Inhalt des zwoͤlften Bandes. — 1 Meine erſte Fruͤhlingsbetrachtung. Briefe über weibliche Erziehung. Natur⸗Erhabenheit. Sittliche Erhabenheit. Selbſtgeſtaͤndniſſe. 5 Die Dryaden. Elegie. Fabeln: Der Kirſchbaum und das Veilchen. Bruchſtuͤcke aus den Briefen und dem Leben der Ninon de Lenclos. Fortſetzung. Die Laren. Weiblicher Genius. Ein Fragment. Weibliches Herz. Ein Fragment. Lieder der Unbekannten. Einige Worte einer Matrone. Akazia. Das höchſte Gluͤck. Offene Fehde. Etwas uͤber Gall. Guſtav und Valerie. Balduin. Iſt auch Freundſchaft unter den Weibern? 3 Der Traum des Lebens. Ein Maͤhrchen. Die Geſpraͤchigkeit der Frauen. Die Frau Pfarrerin. Meine erſte Fruͤhlingsbetrachtung. Ein kleiner Prolog zum Mayſtuͤck dieſes Journals. Man ſagt, daß das Verweilen im Freien und Gruͤnen das koͤrperliche Auge ſtaͤrke; ich glaub' es, behaupte aber auch, daß es das geiſtige Auge ſtaͤrkt. Tauſend Dinge machen, wenn ich im Zimmer eingeſchloſſen bin, auf meine Seele keinen tiefern und bleibendern Eindruck, als ein leichter Luftſtoß dort auf den Spiegel des Teichs; aber kaum acht' ich, wie jetzt, im Freien, im Gruͤnen, auf dieſelben Dinge, ſo ſehe ich mehr an ihnen— im doppelten Sinne des Worts. Ich habe von jeher die Voͤgel geliebt— aus keiner beſondern Abſicht, nicht einmal beſtimmt ihres Geſanges oder ihrer ſchoͤnen Geſtalten wegen; ſondern— wie man nun g. f. F. v. H. 1 2 2 liebt: ohne daß man eigentlich weiß, warum? Ich ſehe uͤber die ſauern Geſichter meiner Tante hinweg und habe immer einige dieſer lieben Geſchoͤpfchen waͤhrend des Winters im Zimmer, denen ich dann im Fruͤhling, wenn ieh meine Freiheit wiedererhalte, dies ſchoͤnſte Gut des Lebens auch goͤnne: aber noch nie⸗ mals hab' ich an ihnen geſehen, was ich in dieſen wenigen Tagen des laͤchelnden Fruͤhlings geſehen habe, und wovon ich Einiges erzaͤhlen will. Heute nur folgende kleine Scene, die mich zuerſt zu mehr Aufmerkſamkeit reizte! Der Garten unſers Guͤtchens ſtoͤßt an ein ſchoͤnes, dichtverwachſenes Bosket, das dem Grafen gehoͤrt, der es nie beſucht, ſondern es mit ſeiner Fruͤhlingsluſt nicht hoͤher treibt, als daß er zuweilen die Spieltiſche fuͤr ſich und ſeine Gaͤſte auf die Terraſſe des Schloſſes ruͤcken laͤßt. In den kuͤhlenden Schatten die⸗ ſes einſamen Hains ſitz' ich am ltebſten und erwarte ſtill lauſchend irgend einen erfreulichen Genuß, der mir von außen oder von innen zukommen ſoll, und ſelten warte ich hier umſonſt. Hier ſaß ich auch neulich am Mor⸗ — 3 gen, als ſich die Sonne noch nicht hoch geho⸗ ben hatte. Aus dem dicken Weidengebuͤſch am Bach ſchluͤpfte eine kleine Grasmuͤcke— mun⸗ ter, gewandt, niedlich, wie— wie— ey nun, wie eine Grasmuͤcke, denn es giebt ja wol nichts, was noch muntrer, gewandter und nied⸗ licher waͤre, und womit dies kleine, ſchmucke Weſen verglichen werden koͤnnte! Wer nur einigemal bemerkt hat, wie ganz anders ein Vogel aus dem Neſte, als auf andern Wegen, fliegt, begreift auch, daß ich leicht abnehmen konnte, er muͤſſe da ſeine kleine Wohnung und Familie haben. Ich trat leiſe hinzu, bog die Gerten behutſam aus einander — das Maͤnnchen ſlog aͤngſtlich zwitſchernd von einem Zweige zum andern um mich her: jetzt fand ich das Neſt, und darin das Weib⸗ chen bruͤtend. Das Muͤtterchen ſahe mich ohne Furchtſamkeit mit den ſchoͤnen, klaren Augen an, als wollte es ſagen: du thuſt mir nichts zu Leide: du weißt ja auch was Mut⸗ terliebe iſt!— Wie lieb gewann ich das Thier⸗ chen, ſeines Zutrauens wegen! Ich waͤre trau⸗ rig geworden, wenn ich es ihm gar nicht haͤtte 4 vergelten koͤnnen. Aber meine Bonbonidre ſiel mir ein. Ich zerbroͤkelte einige kleine Stuͤck⸗ chen und nahete mich nun, ſo leiſe, ſo allmaͤ⸗ lig, als nur moͤglich, um dem Muͤtterchen meinen Zucker hinzuſtreuen. Hier machte mich der kleine Hausvater, den ich eine Weile vergeſſen hatte, wieder auf ſich aufmerkſam.. Je weiter ich meine Hand nach den Gegenſtaͤnden ſeiner Zaͤrtlichkeit fuͤh⸗ rete, je naͤher flog er mir, je aͤngſtlicher ſchlug er mit den Fluͤgeln, je abgebrochener, ſchwir⸗ render, bezeichnender wurde ſein Zwitſchern. Ich ließ mich nicht ſtoͤren: nach dem Leid iſt die Freude am ſchoͤnſten, dacht' ich; du, Hausvaͤterchen, ſollſt's gleich erfahren! Ich ließ den kleinen Thoren flattern und trat mit ausgeſtreckter Hand noch ein Schrittchen naͤher. Jetzt aber ruͤckte ſich auch das Weibchen zu⸗ ſammen, und in eine Richtung, von mir ſo weit entfernt, als es geſchehen konnte, ohne daß die muͤtterliche Pflicht verletzt wurde. Dabei ſahe mich die Kleine nicht mehr ſo feſt, ſondern unruhig an— ſchwieg aber. Da wurde ich ploͤtzlich ſehr bewegt, denn ich ſahe, — 5 wie ſich in dieſen beiden lieben Geſchoͤpfchen jetzt, in bedenklicher Situation, der Charakter ihrer Geſchlechter ſo rein und unverkennbar zeigte; und dann dachte ich an uns Menſchen, in aͤhnlichen Verhaͤltniſen— So mußte ich, obgleich eine Feindin aller Empfindelei, ja wol ſehr bewegt werden!— Ich fluͤſterte der zaͤrtlichen Mutter alle Schmeichelworte und Beruhigungsgruͤnde zu, die mir nur beifielen: Es iſt ja Liebe, was ſich dir nahet! beſchloß ich, indem ich die Hand nochmals naͤherte. Da uͤberfiel das gute Thierchen ein ploͤtzliches Schrecken, als wiſſe es, wie jetzt ſo viele Menſchen lieben; es flog auf, und— wohin? zu ſeinem Gatten auf Einen Zweig, und beide zwit⸗ ſcherten nun noch eifriger, noch dringender, als ſagten ſie: O thue den Kindern unſrer Liebe kein Leid! Schnell nahm ich der Gelegenheit wahr: ſtreuete meine Zuckerkruͤmchen um das Neſt und trat zuruͤck. Augenblicklich flogen beide herbei, uͤberſahen ihren Hausſtand, das Weib⸗ chen ruͤttelte ſich freudig, ſetzte ſich wieder auf —— ſeine Eyer, das Maͤnnchen hob vor Vergnuͤ⸗ gen die Fluͤgel auf eigene Weiſe. Ihre Toͤne, obgleich ſie nur noch ein Zwitſchern waren, unterſchieden ſich doch von jenen aͤngſtlichern ganz beſtimmt.— Nun fiel der Blick des Weibchens auf die weißen Broͤkchen. Sie drehete neugierig und luͤſtern den glatten Kopf nach allen Seiten, getrauete ſich aber nicht, die ungewohnte Nahrung zu verſuchen. Das Maͤnnchen hatte mehr Muth: es verſuchte, kruͤspelte mit Wohlgefallen: ſie folgte nun, und koſtete das Kruͤmchen, das ſie ſitzend erreichen konnte. Es ſchmeckte, und nun be⸗ gann das zaͤrtlichſte Liebesſpiel zwiſchen beiden. Das Maͤnnchen brachte ein Broͤkchen, legte es vor ſie hin; indem ſie zulangen wollte, pickte er's wieder auf, legte es aber ſogleich wieder hin, ließ es ihr, holte nun ein neues, das ließ ſie ihm— und ſo trieben ſie es eine feine Weile zu meiner innigen Freude. End⸗ lich flos Papa auf einen hoͤhern Aſt, und ſang ſeiner Geliebten— und vielleicht auch mir— das Beſte, was er gelernt arde nach allen Kraͤften vor— n —, — 1„.⸗ — 6 So, will der Gott der Liebe— ſo ſollten auch wir ſeyn: wir, mit Bewußtſein, wie dieſe, aus Inſtinkt! ſagte ich. Und da fiel mir meine Ro⸗ ſalie ein, mit der ich geſtern der Trauung eines jungen Paares aus unſerm Dorfe beigewohnt hatte, und die, als der Pfarrer in der Rede das Gluͤck treuer ehelicher Liebe ſchilderte, in Thraͤ⸗ nen— erſt der Wehmuth, dann der Erbitte⸗ rung,(ſo weit iſt ſie in vier Jahren gebracht!) ganz zerfloß. Ich machte meinem Herzen Luft und ſang leiſe Klamer Schmidts Liedchen: Das Vogelmaͤnnchen im Strauch ſich wiegt, Sein Weibchen daneben ins Neſt ſich ſchmiegt, Er gukt es ſo herzlich, ſo traulich an, Er thut ihm zu Liebe, was all er kann: Des Vögelchens Herz ach iſt ſo klein Und ſchlaͤgt doch von Liebe ſo treu und rein! Sieh dort den Buben, dem juͤngſt die Braut Zu ewiger Liebe ſich anvertraut: Wie buhlet ſein Auge ſchon hin und her! Er hat ja kein Liebſtes zu lieben mehr— Das Vögelchen liebt, und kalt wie Schnee Sind Herzen der Menſchen, o weh! o 33 8 Da kam mein guter Mann, der mich belauſcht hatte, hinter dem Gebuͤſch hervor, ſchlug den Arm um meine Taille: ich ließ mein Geſicht an ſeiner Bruſt ruhen, und ſo ſangen wir beide: Miein Herz das Liebſte ſo lieb gewann, Es thut ihm zu Liebe was all es kann; Das will es, das wird es, ſo lang es ſchlaͤgt, Bis einſtens im Tode ſichs nicht mehr regt— Dein Herzchen liebt treu, o Vögelein,. Auch meines ſoll lieben ſo treu und rein!— F. v. W. Brief e uͤber weibliche Erziehung*). Er ſtier Brief. Du foderſt mich auf, liebſte Emma, Deine Wegweiſerin zu werden in dem ſchoͤnen Be⸗ ruf, den unſer aller Mutter Dir kuͤrzlich auf⸗ erlegt, und wodurch ſie Dich ſo hoch geehrt *) Die Verfaſſerin, eine der geiſtreichſten und erfahrenſten Erzieherinnen in Deutſchland, liefert hier eine Reihe von Briefen, welche faſt als ein Kurſus über weibliche Erziehung anzuſehn iſt, und von Zeit zu Zeit fortgeſetzt wird. Wir machen von der erhaltenen Erlaubnis, was von Andern ſchon geſagt worden, wegzulaſſen, nur ſehr be⸗ hutſamen Gebrauch. Nicht alles, was geſagt worden, iſt darum auch bekannt; und auch dem Bekannten gewinnet ein Geiſt, wie der Verf., neue Anſichten ab. 10 3 hat, als ſie ein menſchliches Weſen ehren kann. Du biſt Mutter, aber Du fuͤhlſt dieſe hohe Wuͤrde mit ſtiller Demuth, ja mit faſt allzu ſcheuem Mißtrauen in Deine Einſichten und Deine Geiſteskraft. Weißt Du denn nicht, daß Dein ſtilles Forſchen und Sinnen Einſicht, und Deine Geiſtesruhe Kraft werden muß, wenn Du Dir ſelbſt nur getreu bleibſt? Doch will ich Deiner Bitte nachgeben: was koͤnnte meine theure Adoptivtochter von mir bitten, das ich faͤhig waͤre ihr zu verſagen? Es ſei alſo!— Deine Ida war geſtern acht Tage alt. Es ſcheint demnach noch ſehr fruͤh, jetzt von Erzie⸗ hung zu reden. Und dennoch iſt es gerade jetzt Zeit.— Was Du von Ida's Amme unnachlaͤßlich fordern muͤßteſt, brauche ich Dir nicht zu ſagen, da Du gluͤckliche Mutter ſelbſt Ernaͤhrerin Deines Lieblings ſeyn kannſt. Die Diaͤt, wodurch die erſte Nahrung, die Du Ida reichſt, die geſundeſte wird und bleibt, laß Deinen verſtaͤndigen Arzt Dir vorſchreiben, und befolge ſie gewiſſenhaft. Ueber das, was man von einer fremden Amme vergeblich for⸗ dert— uͤber die moraliſche Diaͤt, von mir nur 11 7 folgende Winke. Bewahre Dein weiches Ge⸗ muͤth vor tiefem Schmerz nicht nur, ſondern vor jeder ſtarken Bewegung. Suche die heitere Ruhe in Dir zu erhalten, die Dir eigenthuͤm⸗ lich iſt, damit alle Deine Kraͤfte im Gleichge⸗ wicht und dadurch die koͤrperlichen Functionen in ungehemmter Thaͤtigkeit bleiben, und die ſuͤße Nahrung Deinem Kinde ungehindert be⸗ reitet werden moͤge. Iſt aber irgend ein Unfall zu ſchnell uͤber Dich gekommen, als daß Du Dich des Eindrucks erwehren koͤnnteſt: dann brauche alle Vorſicht, damit die kleine Ida nicht zu fruͤh die Plagen des Lebens mit Dir theilen muͤſſe. An Deiner Heiterkeit wird des Kindes Frohſinn zuerſt anglimmen. Aus Dei⸗ nes Angeſichts Freude wird ſein erſtes Laͤcheln ſich bilden. Deiner melodiſchen Stimme, wenn Du heiter biſt, wird es horchen, und es wird der Wohllaut in dem kleinen Weſen geboren werden. Schreien wird es, wie jedes andre Kind, aber nur wenn irgend ein Schmerz, we⸗ nigſtens irgend eine Unbequemlichkeit, ihm dieſe Nothwehr oder Bitte um Huͤlfe abdringt. Dieſe Sprache des Schmerzes wirſt Du bald 12 deuten lernen, wie bei Deinem Kinde kein an⸗ deres Weſen es koͤnnte. Abhelfen wirſt Du ſchnell dem kleinſten Leiden, wo Du es ent⸗ deckſt, und Ida wird Dich fruͤh vor allen andern Perſonen erkennen, und ihr fuͤßeſtes Laͤ⸗ cheln wird Dir zuerſt ſagen, daß ſie Dich kenne. Wie fruͤhe das Vermoͤgen der Sinnesorgane zur eigentlichen Wahrnehmung im Kinde erwa⸗ che, laͤßt ſich nicht beſtimmen; auch muß diefe erſte Entwickelung in den verſchiedenen Naturen fruͤher oder ſpaͤter anfangen. Aber das junge Geſchoͤpf zeitig mit einfachen und angenehmen Gegenſtaͤnden der Wahrnehmung umgeben, iſt ſicherlich heilſam, und von nicht ſo geringer Bedeutung, als es ſcheint. Kann ich, wie ich's hoffe, Dich, meine Freundin, bald beſu⸗ chen: dann laß mich fuͤr die Ausſchmuͤckung des Stuͤbchens ſorgen, das der Schauplatz des erſten Lebensjahres Deiner Ida werden ſoll. Bis dahin, bitte ich, laß es ſo einfach als moͤglich geſchmuͤckt ſeyn. Wie ſauber, wie hoͤchſt reinlich alles darin gehalten wird, weiß ich ohnehin. Mir daͤucht, ich ſehe Ida's Bettchen neben Deinem, leicht, aber warm ge⸗ ·— 13 nug fuͤr die nicht milde Jahrszeit, nett und ſauber gedeckt, und um der zarten Aeuglein zu ſchonen, die Fenſter fuͤrs erſte mit gruͤnen Vorhaͤngen behaͤngt. Sobald Ida das Licht ertragen kann, erhellet ſich das heilige Dunkel des Kaͤmmerleins nach und nach; dann ſtellt meine Freundin ſtatt der Appenzelliſchen Taube ein freundliches Kind, oder eine liebliche Kin⸗ dergruppe von Gyps dem Bettchen gegenuͤber, und wechſelt damit von Zeit zu Zeit, doch nicht zu oft. Es iſt gut, daß die erſten Blicke gleich auf anmuthige Bilder fallen und der jungen Seele nur ſoleche zufuͤhren: zu ſchneller Wechſel wuͤrde ſie aber verwirren. Von der maͤßigen Waͤrme, von der oft erfriſchten, gereinigten Luft im Zimmer, brau⸗ che ich zu Dir, liebſte Emma, eben ſo wenig zu reden, als von der Nothwendigkeit des oͤfteren Waſchens Deiner Kleinen. Dein ganz eigner Sinn fuͤr Ordnung und hohe Reinlich⸗ keit macht jeden Wink der Art uͤberfuuͤſſig. Eben ſo weiß ich, daß Deine Foderungen an die Waͤrterin uͤber dieſen Punkt ſtreng ſeyn werden, wie ſie es ſeyn muͤſſen.— 14 Ob Ida gewiegt werden ſoll? Man hat aus der Frage uͤber das Wiegen oder Nicht⸗ Wiegen wol zu viel gemacht, und die Art, wie man ſie beantwortet hat, verraͤth hier und da jene kleinliche paͤdagogiſche Pedanterei, die in den letzten Jahrzehnten ſehr oft zum Vorſchein kam. Ida's Wiege von der guten Großmutter iſt mit Laͤufen verſehen; laß die Laͤufe daran, aber ſtelle ſie feſt, und gewoͤh⸗ ne der Kleinen die ſchaukelnde Bewegung nicht als ein Beduͤrfniß an: iſt ſie geſund, ſo wird ſie gewiß ungewiegt ſchlafen, beſonders in der fruͤheſten Lebenszeit, wo die ganze Exiſtenz faſt noch ein leichter, wenig unterbrochener Schlummer iſt; und haſt Du ſie in den erſten vier Wochen nie in den Schlaf gewiegt, ſo wird es auch ſpaͤterhin nicht noͤthig ſeyn. Laß aber dennoch die Laͤufe an der Wiege! Es koͤnnen Zeiten kommen, wo die Kleine, von irgend einer phyſiſchen Unruhe gepeinigt, viel weint und mit dem gewohnten Beruhi⸗ gungsmittel, mit der Bruſt, nicht zu beruhi⸗ gen iſt: dann magſt Du es wol verſuchen, ob die Bewegung, es ſei nun auf dem Arm oder in der Wiege, den Schmerz beſaͤnftigen und den Schlaf herbeifuͤhren will. Iſt Ida aber geſund, dann laß ſie nicht mehr ſchlafen, als ſie eben Luſt hat; laß ſie nie auf eine kuͤnſtliche Art zum Schlafen noͤ⸗ thigen. Es verſteht ſich, daß aber auch durch allzulebhafte Beſchaͤftigung, durch das Vorhal⸗ ten zu vieler Gegenſtaͤnde, durch zu lautes Vorſingen oder Vorſprechen, der natuͤrliche und ſehr heilſame Antrieb zum Schlaf nicht ver⸗ ſcheucht werden muͤſſe!— Damit ich aber Deinen eigenen Schlaf durch einen zu langen Brief nicht verſcheuche, oder durch einen lang⸗ weiligen fruͤher herbeirufe, als Dir lieb iſt, ſo leb wol fuͤr heute. Zweiter Brief. Seit ich Dich zuerſt in Deiner Kinderſtube ſchriftlich beſuchte, ſind mehrere Wochen ver⸗ floſſen, und hat ſich in Ida ſchon mancher ſchoͤne Keim der Entwickelung naͤher gedraͤngt. Was Du mir von dem phyſiſchen Wohlſein 16 des Kindes ſagſt, hat mich inniglich erfreut. Ach, das erſte Wohl⸗ oder Uebelbefinden in unſerm Daſein entſcheidet gewiß weit mehr uͤber unſer ganzes Leben, als ſich anſchlagen laͤßt! Daß Ida Dich fruͤh von jeder andern Perſon unterſcheiden wuͤrde, habe ich vermuthet: doch ſo fruͤh— das ſcheint mir faſt unglaublich. Aber welches Wunder iſt der Liebe unmoͤglich? Wohl Dir, daß Du den Muth haſt, Deinem Kinde faſt ausſchließend zu leben, und daß die aͤußern Umſtaͤnde ſich ihm nicht zu ſtark ent⸗ gegen ſtemmen. Waͤre das, ſo muͤßteſt Du Ida fruͤhe gewoͤhnen, auch zur Gertrud gern zu gehen, damit nicht, wenn Du ab⸗ weſend ſeyn muͤßteſt, die Sehnſucht nach Dir ſie zur mißmuͤthig⸗weinerlichen Stimmung ge⸗ woͤhnte, oder wenn Du auf ihr Weinen immer gleich herbei kaͤmeſt, den Keim des Eigenſinnes und der Idee des Ertrotzenkoͤnnens bei ihr auf⸗ braͤchteſt. Es iſt keine Geſellſchaft denkbar, die ihr wohlthaͤtiger werden koͤnnte, als die Dei⸗ ne— wenn Du wirklich immer um ſie ſeyn kannſt. Aber wie, wenn nun Deines Mannes dringende Geſchaͤfte nachlaſſen, und auch Er 17 wieder mehr Anſpruͤche auf Deine Geſellſchaft macht, und ſie zu ſeiner Erholung bedarf: wie wird es dann werden, wenn Ida zu niemand will, als zu Dir? Gertrud iſt gut, iſt ver⸗ ſtaͤndig, und was ihr an Ausbildung und Ein⸗ ſicht fehlt, erſetzt ihr Gehorſam und ihre faſt vergoͤtternde Liebe fuͤr Dich. Gewoͤhne Ida alſo in Zeiten, auch bei ihr gern zu ſeyn. Aber nutze Gertrudens ehrerbietige Lie⸗ be fuͤr Dich zu ihrer eigenen Ausbildung. Suche dies ſeelengute Geſchoͤpf— ſie iſt es ja ſo werth— von den hergebrachten Mei⸗ nungen und Vorurtheilen des dienenden Stan⸗ des zu befreien, und an deren Stelle ver⸗ ſtaͤndige Anſichten der Dinge, und beſſere Ueberzeugungen zu pflanzen. In dieſem Punkt magſt Du ſie ſicher uͤber ihren Stand erheben. Es kann nicht anders als ihr ſelbſt heilſam ſeyn. Bilde Dir an ihr— nicht nur eine zweite Hand, die ma⸗ ſchinenmaͤßig Deinen Willen thut, ſondern laß ſie Deine verſtaͤndige Stellvertreterin werden. Deinen Geiſt kannſt Du ihr nicht geben, Dein Mutterherz auch nicht; aber lehre ſie J. f. F. V. H. 2 18 in Deinem Geiſte handeln: ihr gutes, aͤcht weibliches Herz wird das uͤbrige thun. Ge⸗ lingt Dir dies, wie ich's wuͤnſche und hoffe; ſo laß ſie Dich unterſtuͤtzen in der Mutter⸗ pflicht, damit Du andere, eben ſo wichtige Obliegenheiten nicht verſaͤumen muͤſſeſt. Mit Geſchenken, womit man gewöhnlich Dienſtbo⸗ ten zu gewinnen ſucht, iſt dies nicht zu be⸗ werkſtelligen: wol aber mit ehrendem Ver⸗ trauen.— Gewoͤhne Gertruden, ſo viel nur moͤglich, auch in Zeiten zu der Sprache, die Du mit Deinem Kinde geſprochen haben willſt. Wenn ich mich recht erinnere, iſt ihr Deutſch nicht ſehr verdorben. Korrigire ſie freundlich, wenn ſie Fehler macht, indem ſie zu Dir ſpricht; ſage ihr, daß ſie um Deines Kindes willen ſich von ihren Provinzial⸗Ausdruͤcken und gemeinen Wendungen entwoͤhnen muͤſſe. Was aber noch wichtiger iſt: ſprich jetzt ſchon mit ihr uͤber das, was ſie im Sprechen zu dem Kinde zu vermeiden habe; mache es ih⸗ rem guten Verſtande recht anſchaulich, wie nachtheilig die gewoͤhnliche Art der Waͤrterin⸗ nen mit den Kindern zu ſchaͤkern, und wie — 19 ſchaͤdlich beſonders jede gewaltſame Anreizung zum Lachen werde. Sage ihr, Ida werde von ſelbſt lachen lernen, ſobald ſie ſich recht herzlich freuen koͤnne, und daß das Schaͤkern und Kitzeln eine ganz verkehrte Weiſe ſei. Wenn Du die Gertrud durch ſolche und aͤhn⸗ liche Belehrungen in Zeiten vorbereitet haſt, wirſt Du an ihr eine recht brauchbare Gehuͤl⸗ ſin haben, die Dir Dein Geſchaͤft erleichtern und es auch in Deiner Abweſenheit durch nichts verderben wird. Halte ſie auch beſon⸗ ders an, ſich immer reinlich und ordentlich zu kleiden, ſo daß es ihr ſchon feſte Gewohnheit geworden ſei, ehe Ida das Gegentheil nur bemerken koͤnnte, damit der Kleinen Ordnung und Reinlichkeit zur Nothwendigkeit werde, und ſie vom Gegentheil auch gar nichts ahne.. Die Jahrszeit nahet heran, wo die Luͤfte milder werden. Laß in den waͤrmſten Stun⸗ den des Tages die Fenſter fleißig oͤffnen, da⸗ mit Ida ſich nach und nach mit der friſchen Luft befreunde. Bald genug wird ſie ſich daran freuen und ſelbſt darnach verlangen. 20 Dann trage ſie hinaus in Dein Gaͤrtchen, und verweile immer etwas laͤnger mit ihr im Freien. Kleide ſie dann etwas waͤrmer, doch huͤlle ſie nicht zu ſehr ein, damit ſie unſern Zahnſchmerz und unſre Rheumatismen nie ken⸗ nen lerne—— Driteler Brief. Bald wieder zu ſchreiben war mein Wunſch; ich habe ihn aber nicht halten koͤnnen. Unter⸗ deſſen iſt Ida ſechs Monat alt geworden, laͤchelt alles an, was ſich bewegt, und greift nach allem, was glaͤnzt und leuchtet. Nun wird es alſo immer bedeutender, wie das junge rege Leben beſchaͤftigt werde. Dir, mei⸗ ne Gute, kann es an Stoff dazu, und auch an guter Art nicht fehlen. Doch Du willſt meinen Rath. Vernimm ihn alſo. Mit dem Peſtalozziſchen Buch der Muͤtter kannſt Du Dich nicht befreunden? Ich glau⸗ be das gern. Auch wuͤrde der ehrwuͤrdige P. ſelber Dir das nicht veruͤbeln. Fuͤr Muͤtter 21 wie Du biſt, iſt ſein Buch, und ſind alle ſeine Methoden⸗Buͤcher nicht geſchrieben. Er hat es mit dem rohen, verwahrloſeten Land⸗ volk— und zunaͤchſt in ſeiner Gegend zu thun. Dieſe Muͤtter hat er im Auge, und deshalb ſind die Vorſchriften ſo peremtoriſch und die Anweiſungen gehen auf eine Mechanik des erſten Unterrichts aus.— Fuͤr ſolche, deren aͤſthetiſcher Sinn einen hohen Grad der Aus⸗ bildung erhalten hat, und fuͤr Selbſtdenkende koͤnnen ſeine Vorſchriften keine geſetz liche Ver⸗ bindlichkeit haben. Denn fuͤr den einen ſind dieſe Formen und ewigen Wiederholungen un⸗ leidlich, und fuͤr die andern unnoͤthig. Deſſen⸗ ungeachtet findet der gebildetſte und ſelbſt der am tiefſten denkende Geiſt in dieſen Schriften reichen Stoff zum Nachſinnen und zu Erwaͤ⸗ gungen uͤber dieſe Sache. Weder Du noch ich wuͤrden z. B. dieſen Kurſus der Benen⸗ nung menſchlicher Gliedmaßen ganz ſo mit allen dieſen Wiederholungen nachbeten moͤgen. Aber bedarf es deſſen auch? Der Buchſtabe toͤdtet, der Geiſt macht lebendig. Nehmen wir welchen Gegenſtand es ſei, der aus ver⸗ . 22—— ſchiedenen regelmaͤßigen Theilen zuſammenge⸗ ſetzt iſt— des Kindes Koͤrper iſt ihm freilich der naͤchſte, und gewiß ſehr brauchbar dazu, aber er ſei nicht das einzige, was es ſo nach allen ſeinen Theilen kennen lerne. Ich wuͤrde ihn nicht einmal das erſte ſeyn laſſen, weil die Dinge außer ihm zur An⸗ ſchauung beſſer, und die minder kuͤnſtlichen, als das groͤßte Kunſtwerk der Natur(der menſchliche Koͤrper), zur Entwickelung der erſten Begriffe von den Koͤrpern immer tauglicher ſcheinen. Wenn Du im Fruͤhlinge mit Ida in Deinem Gaͤrtchen am Hauſe oder auf Deinem Landſitze im großen Garten, oder in dem noch groͤßern der umliegenden Gegend wandelſt, dann gieb Acht, worauf die Blicke der Kleinen am haͤuſigſten fallen, worauf ſie am liebſten verweilen, und nach welchen Ge⸗ genſtaͤnden ihre kleinen Haͤndchen ſich ausſtrek⸗ ken, um ſie an ſich zu reißen. Und waͤre es ein roher Stein— gehe mit ihr hin, zeige mit dem Finger darauf und ſage: Stein! ſuche dann mehrere Steine und wie⸗ derhole, ſo oft ſie darauf merkt, den allge⸗ 23 meinen Namen, Stein, und das ſo oft, bis Du merkſt, daß ſie Steine von andern Koͤr⸗ pern unterſcheidet. Faͤllt ihre Aufmerkſamkeit zuerſt auf's Lebendige, auf einen Sperling, auf eine vorbeifliegende Schwalbe: nenne ſie mit dem allgemeinen Namen, Vogel; laß Ida alles was fliegt bemerken und wiederhole ihr oft das Wort, Vogel. Bringe ihr, wenn's ihr Freude macht, einen Vogel im Kaͤſich naͤ⸗ her, laß ſie ihn ſo lange betrachten, als ſie Luſt daran hat, entlaß ihn vor ihren Augen aus dem Kaͤſich: ſie ſieht ihn fliegen, und weiß nun, wie die Voͤgel, die ſie in der Ferne fliegen ſieht, geſtaltet ſind, und hat ſchon den allgemeinen Begriff: Vogel. Die unterſcheidenden Benennungen: Fink, Schwal⸗ be, Nachtigall, Lerche, Kraͤhe, mag ſie ſpaͤter hoͤren, wenn ſich der Begriff vom Vogel erſt recht feſtgefetzt hat. Sie wird nun, wenn ſie zu ſprechen anfaͤngt, das Haushuhn auch Vogel nennen, und das iſt gut. Faͤllt ihr irgend ein anderer Gegenſtand mehr oder fruͤ⸗ her in die Augen: wol! ſo ſei es der, bei welchem Du mit ihr verweilſt. Iſt's eine 24—— Tulpe oder Nelke, nenne ſie ihr zuerſt mit dem allgemeinen Namen: Blume. Faͤngt ſie an Farben zu unterſcheiden, ſo fuͤge den Namen der Farbe hinzu, und lehre ſie, gelbe Blume, blaue Blume, rothe oder bunte Blume ſagen, aber nicht eher, als bis ſie wirklich die Farben unterſcheiden kann. Iſt die Witterung rauh und auuſt Du mit ihr nicht im Freien ſeyn; ſo mache ſie auf die Gegenſtaͤnde in ihrem Stuͤbchen auf⸗ merkſam und lehre ſie nach und nach alles kennen, unterſcheiden und benennen, was darin iſt; und eben deshalb wuͤnſch' ich, daß ihr Zimmerchen ſehr einfach dekorirt ſei, damit Du uͤber alle Gegenſtaͤnde, die darin ſind, mit ihr reden koͤnneſt. In einem ſehr beguͤterten Hauſe fand ich einſt die Kinderſtube mit alten Haute⸗Liſſe⸗ Tapeten ver unziert. Der Wiege des klein⸗ ſten Kindes gegenuͤber war der Koͤnig Saul abgebildet, wie er mit dem Spieße nach dem David faͤhrt. Das vorjuͤngſte Kind, welches eben zu plaudern anfing, fragte mich: Tante, willſt Du mir nicht erklaͤren was der Mann —— 25 4 da macht mit dem großen Meſſer? Ich war verlegen, und wollte das Kind hiervon ab und zum naͤchſten Bilde fuͤhren, um ihm davon etwas zu erzaͤhlen, und ſiehe da! das naͤch⸗ ſte Bild ſtellte den Teufel auf der Zinne des Tempels vor, wie er Chriſtum verſuchte. Es iſt, wollt' ich eben ſagen, ein großer Affe, der den ſchoͤnen Mann da herunterſtuͤr⸗ zen will, als mir einfiel, daß ich ſo die Furcht vor den Affen in das Kind hinein⸗ fabeln wuͤrde. Die naͤchſte Abbildung ſollte mir aus der Noth helfen— und was fand ich? Es war Herkules halb verbrannt auf ſeinem Scheiterhaufen und der Centaur Neſ⸗ ſus, der dem Aktus aus einiger Ferne zuſahe. Ich erſpare Dir die Beſchreibung der uͤbrigen Vorſtellungen. Daß auch Jupiter und Euro⸗ pa, Diana und Aktaͤon nicht fehlten, verſteht ſich.— Komm Lilli, rief ich, wir wollen in den Garten, wollen Blumen pfluͤcken und der Mutter einen Kranz flechten. So verließ ich die Kinderſtube, in die ich ſeitdem nur noch einmal kam, und die ich ſo voll alberner Schnurpfeifereien fand, die den Kindern zum 26 Zeitvertreib dienen ſollten, daß ich auf immer genug hatte. Großer Zuruͤſtungen und eigends herbeige⸗ ſchaffter Gegenſtaͤnde bedarf es beim allererſten Unterricht nicht. Die gemeinſten Dinge koͤn⸗ nen dazu dienen, wenn ſie nur nicht zu kuͤnſt⸗ lich zuſammengeſetzt ſind. Willſt du Ida fruͤhe uͤber Formen belehren, fuͤhre ſie oft an einen runden Tiſch, bezeichne ſeine Form und nenne ſie ihr oft; dann zeige ihr den vierecki⸗ gen und nenne ihr die Form, indem Du auf die Ecken zeigſt; Du wirſt ſehen, wie bald ſie beide unterſcheiden wird. Noch beſſer iſt es, wenn der erſte runde Koͤrper, den Du ſie bemerken lehrſt, eine Kugel iſt. Kleine Kinder haben ohnehin eine Freude daran, ſie rollen zu ſehen, und ſie iſt eins der unſchaͤd⸗ lichſten Spielzeuge, an welchem ſie ſich nicht verletzen koͤnnen. Laß ſie dann, wenn ſie den runden Tiſch unterſcheiden kann, ſelbſt alle runden Flaͤchen aufſuchen, als Teller, Taſſen und was der Art in der Naͤhe iſt. Alles im Zimmerchen kann Stoff zum Plaudern mit der Kleinen werden, und alles Plaudern wird —— 2 7 Belehrung, wenn man ſich nur einigermaßen dazu hingiebt. Trittſt Du mit ihr ans Fen⸗ ſter: ſeine regelmaͤßige Form, und ſeine glei⸗ chen Abtheilungen geben Dir Stoff genug, auf Peſtalozziſche Weiſe oder wie Du ſonſt willſt, mit ihr zu plaudern. Und aus dem Schatze eigner Vernunft und dem noch rei⸗ chern Schatze der Mutterliebe wirſt Du taͤg⸗ lich neuen Stoff zur Unterhaltung ſchoͤpfen.— Vierter Brief. Deine Ida waͤchſt und gedeihet an Geiſt und Koͤrper, und das kleine Herz iſt mit dem Mutterherzen wie in eins verſchmolzen? O ich zweifle nicht; wie koͤnnt' es auch anders ſeyn! — Aber auch Spuren des aufkeimenden Ei⸗ genſinnes willſt Du bemerkt haben? Das waͤre freilich fruͤh, und nach unſerm Plan kommt der immer zu fruͤh, weil er gar nie kommen darf. Ehe ich Dir etwas beſonderes uͤber die Unterdruͤckung oder vielmehr Ausrottung die⸗ ſes Fehlers ſage, moͤcht' ich gern gewiß ſeyn, 28 ob Du Dich in der Sache nicht irreſt? ob das weinerliche Weſen, das ſie von Zeit zu Zeit uͤberfaͤllt, und das Wegwerfen der Dinge, die ihr ſonſt lieb ſind, auch wirklich Eigenſinn, ob es nicht vielmehr Unluſt iſt, die aus dem Schmerze beim Zahnen herruͤhrt? Biſt Du hieruͤber ungewiß, ſo wuͤrde ich Dir rathen, wenn ſie heftig weint und ihr Spielzeug auf den Boden wirft, ihr das weggeworfene nicht wieder aufzuheben, auch wenn ſie darnach griffe, ihr auch fuͤr den Augenblick kein ande⸗ res zu reichen, ſondern ſie freundlich an Dich zu ſchließen, und zu ſehn, ob ſich vielleicht durch Liebe der Schmerz beſaͤnftigen laͤßt. Faͤhrt ſie fort zu weinen, ſo ſei ernſthafter, ſuche ſie aber durch Ortsveraͤnderung zu zer⸗ ſtreuen; gehe mit ihr in den Garten, oder, wenn das nicht ſeyn kann, aus einem Zimmer in das andere. Schreit ſie aber nach den weggeworfenen Sachen, und ſie waͤren ihr von irgend jemand wiedergegeben, und ſie wirft ſie dann abermals weg, ſo iſt kein Zweifel daran, daß es Ei⸗ genſinn ſei. Dann muß ſie ſie nicht wieder⸗ — 2 9 haben, und wenn ſie noch ſo heftig wein⸗ te; dann wuͤrde auch ein liebkoſender Ton ſie nur noch mehr zum Eigenſinn anreizen. Da waffne Dich gegen Dein allzuweiches Ge⸗ fuͤhl, und ſei nicht eher wieder zaͤrtlich, als bis die boͤſe Stunde bei der Kleinen ganz voruͤber iſt. Auch dieſe Mißlaune in dem Kinde kann vom Schmerze herruͤhren, und Kraͤnklichkeit enthaͤlt gewoͤhnlich den Samen zum Eigenſinne. Dennoch darf dieſer boͤſe Same nicht genaͤhrt werden. Er muß heraus, und fruͤhe ausgejaͤtet werden, ehe er zu viel Kraft gewinnt.— Gieb Ida niemals das, wonach ſie ſchreit; gieb ihr das aber gern und mit Deiner ganzen Freundlichkeit, wonach ſie freundlich aͤugelt; komme, wo es ſeyn kann, auch dem bittenden Blick ſchon gebend entge⸗ gen. Schlage nichts, gar nichts ab, das Du geben darfſt: verweigere aber ſtandhaft, was Du einmal abgeſchlagen, und ſollte ſie es noch ſo ſchoͤn, oder noch ſo klͤglich fodern. Schreit ſie, ſo darf ſie es unter keiner Bedingung haben. Damit ſie aber zur Begierde deſſen, was ſie nicht haben ſoll, nicht gereizt werde, 30— ſo laß ſolche Dinge, wenn es nur immer moͤglich iſt, gar nicht in ihre Naͤhe kommen. Der verbotene Baum in Eden war ein Er⸗ ziehungsmittel der Himmliſchen fuͤr den ſchon erwachſenen Menſchen, und doch wiſſen wir, wie ſchlecht der Menſch die Probe beſtand. Wollen wir von unſern kleinen Kindern mehr fodern, als unſre erſten Aeltern leiſteten? Ei⸗ nige Aeltern— recht als wollten ſie die boͤſe Luſt in ihren Kindern erwecken, umgeben ſie allenthalben mit ſolchen Dingen, die die Kin⸗ der nicht haben ſollen, und pflanzen einen gan⸗ zen Wald von verbotenen Baͤumen um ſie; einige aus Sorgloſigkeit, andere um den Ge⸗ horſam zu pruͤfen. Du nicht alſo, liebſte Emma! Laß aus Ida's Stuͤbchen alles fern bleiben, was ſie nicht anruͤhren darf— be⸗ ſonders wenn es auffaͤllt und ſehr reizt. Ga⸗ beln, Meſſer und Scheeren halte ſo fern Du kannſt. Kleine Kinder freut der Glanz, und erregt ihre Begier darnach. Entferne alle zer⸗ brechlichen Sachen: laß ſie aber mit andern glaͤnzenden Dingen nach Herzensverlangen ſpie⸗ len— es ſei mit Geld oder andern Metall⸗ — 31 ſachen, die nicht beſchaͤdigen und auch nicht verdorben werden koͤnnen. Die Naͤhe zerbrech⸗ licher koſtbarer Hausgeraͤthe, die das Kind oft ſehen muß und nicht beruͤhren darf, iſt ſehr nachtheilig. Wollt ihr Begierden, wollt ihr Trotz, wollt ihr Bitterkeit in eurer Kinder Seele pflanzen, ſo zeigt ihnen nur vieles, das ſie nicht haben duͤrfen.— Noch eins, meine Emma! Umgieb Deine ſuͤße Ida, ſo viel Du nur kannſt, mit ſchoͤ⸗ nen Gegenſtaͤnden aller Art; dulde nichts ge⸗ ſchmackloſes um ſie. Du maleſt ja ſelbſt, und maleſt ſo ſchoͤne Blumen: verziere ihre Waͤnde damit! Sobald ſie die, die Du in ihrem Stuͤbchen zuerſt aufgehaͤngt haſt, alle kennet, vertauſche ſie mit andern, und veraͤndere dieſe Verzierung nach einigen Monaten wieder; wenn ſie auch dieſe kennt, haͤnge wieder andere hin, und ſo fort. Laß ſie dann dieſelben Blu⸗ men im Garten wieder aufſuchen, und Du wirſt ſo einen Maßſtab ihrer Aufmerkſamkeit und ihres Vergleichungsvermoͤgens erhalten. Du ſchriebſt mir neulich, daß ihr Voͤgel be⸗ ſondre Freude machten: haͤnge aus Deiner 32 kleinen Sammlung ausgeſtopfter Voͤgel eine Partie nach der andern hin, aber nur wenige auf einmal, und ſiehe, ob ſie die in der Na⸗ tur ihr ſchon bekannten gleich wieder erkennt. Laß dann Abbildungen in Kupferſtichen folgen. Das Bertuchſche Bilderbuch kann Dir hier gute Dienſte leiſten. Aber laß nie eine Menge Gegenſtaͤnde daraus fluͤchtig vor ihr voruͤber gehen, ſondern befeſtige immer eine Partie davon an die Wand, bis ſie voͤllig damit be⸗ kannt iſt, und gar nicht darin irrt. Dann nimm dieſe Bilder weg und thue andere an die Stelle. Wenn ihr am Fenſter vorbeige⸗ hende Pferde, Schaafe, Kuͤhe, aufgefallen ſind, und ſie mit Freude ihre Namen nachge⸗ ſprochen, dann zeige ihr bald nachher auch eine gute Abbildung davon, und ſo eine lange Zeit nur immer Abbildungen von Dingen, die ſie in der Wirklichkeit ſchon kennt, und es wird ſich fruͤh eine richtige Vorſtellung von Bild und Sache in ihrer Seele feſtſetzen. Nenne ihr auch oft die einzelnen Theile jedes Geraͤthes im Zimmer, beſonders an ſolchen, wo einzelne Theile leicht zu unterſcheiden ſind. 3 3³ Fange bei den einfachſten an, und gehe zu den kuͤnſtlicher zuſammengeſetzten fort.— Haſt Du Ida ſo vor Eigenſinn bewahrt, und ſie gegen Langeweile durch ſtete Beſchaͤf⸗ tigung geſichert, dann ſind zwei Hauptquellen des Uebels in der Erziehung verſtopft, und Deinem Mutterherzen vielleicht jede Strenge fuͤr die Zukunft ganz erſpart: Du wirſt viel⸗ leicht nie ſtrafen duͤrfen.— Ueber die Schaͤd⸗ lichkeit mancher unentbehrlichen und nicht zu entfernenden Dinge laß ſie ſich durch das Gefuͤhl belehren. Greift ſie nach einem bren⸗ nenden Licht, oder nach dem Feuer im Kamin; ſo ſage ihr: Ida, es brennt! Ida, es thut wehe! Sie wird das nicht verſtehen, und die ſchoͤne helle Flamme greifen wollen. Laß ſie das Fingerchen dem Lichte ein klein wenig naͤhern,(vor dem Verbrennen wird Mutter⸗ ſorgfalt ſie wol ſchuͤtzen) aber laß ſie ein we⸗ nig fuͤhlen, was Brennen heißt. Ich ſtehe dafuͤr, ſie wird nicht mehr in das Licht grei⸗ fen, und ſollte ſie's zu vergeſſen ſcheinen: ſo rufe nur: es brennt! und die Erinnerung des Gefaͤhls wird mit den Worten zuruͤckkehren. F. f. F. V. 8. 3 34 Auf immer wirſt Du freilich auch Meſſer, Ga⸗ bel, Scheere, und alle ſcharfe Inſtrumente nicht vor ihr verbergen koͤnnen. So wie ihr das erſte davon in die Augen faͤllt, ſage ihr: Ida, es ſchneidet! Ida, es ſticht! Dies Ge⸗ fuͤhl kennt ſie noch nicht, aber Deine warnende Stimme kennt ſie ſchon, und gewiß wird ſie auf dieſen Ton und auf dieſe Worte merken.— Bezeugt ſie dennoch ein ungeſtuͤmes Verlangen darnach, laß ſie ſich in die Spitze ein klein wenig ſtechen; aber laß es doch ſo viel ſeyn, daß es ſie ein wenig ſchmerzt, nnd ſie wird ſicherlich das boͤe Ding wegwerfen, und wird nach der zweiten Erfahrung die Stimme der Warnung ſchon beſſer kennen und mehr darauf achten. Noch ein Paar aͤhnliche Erfahrungen, und ſie braucht keine mehr zu machen; ſicher wird ſie auf Deine Warnung merken, und ihr willig gehorchen. Fuͤr heute nichts mehr. Aber Du haſt die rathgebende Freundin einmal aufge⸗ fodert; Du ſagſt, daß dieſe Briefe Dir Freude machen, und daß Du dieſe Rathſchlaͤge alle an⸗ wendbar findeſt— es wird alſo dieſen vier Brie⸗ fen noch mancher nachfolgen.— Fuͤnfter Brief. Alſo laͤuft Ida wirklich ſchon? und ſie iſt erſt eilf Monat und einen halben alt? Und doch ſahe man bis dahin bei Dir weder Lauf⸗ band, noch Gaͤngelwagen, noch ſonſt irgend ein Werkzeug, das Kinder fruͤher gehen lehrt, als ſie koͤnnen, d. h. als ihnen die Kraͤfte dazu gekommen ſind. Aber man will Dich beſorgt machen, Ida werde vielleicht ein krum⸗ mes Fuͤßchen oder eine krumme Hand nach dieſer Kriechmethode bekommen. Laß Dir keine Sorge deshalb ans Herz kommen, ich bitte Dich!— Schon viele Kinder ſahe ich, die auf dieſem natuͤrlichſten aller Wege das Ge⸗ hen lernten, und gerade dieſe waren die kraͤf⸗ tigſten, und alle ihre Glieder, wie die Natur ſie haben will. Sehr lebhaft erinnere ich mich des Knaben eines Tageloͤhners, der bei uns in Arbeit ſtand. Der Vater war ein gebrechlicher Menſch mit ganz krummen Fuͤßen, der nur wenige Hausarbeiten verrichten konnte. Die Mutter mußte alſo mit auf die Arbelt ausgehen, um fuͤr die Familie die Nothdurft 36 erwerben zu helfen. Da ſollten denn die beiden aͤlteſten Kinder, die auch noch klein waren, dies kleinſte den Tag uͤber warten. Ihr Huͤttchen ſtand dicht neben unſerm dama— ligen Landhauſe. Ich hoͤrte im Haͤttchen oft ſchreien. Es jammerte mich der armen Kin⸗ der, die ſo alle drei zu Kruͤppeln werden mußten. Ich gab den beiden aͤlteſten eine Beſchaͤftigung, die ihnen angemeſſen war, und nahm den kleinen halbjaͤhrigen Buben des Tags, wenn er nicht ſchlief, zu mir ins Zim— mer, breitete dann einen Teppich unter ihm aus, ſetzte ihn darauf, und gab ihm Allerlei zum Spielen— unter andern auch kleine Ku⸗ geln. So oft ihm die weg rollten, wollte er ſie wieder greifen; das wollte nicht gelin⸗ gen, und ſo fing er an zu kriechen, und kroch ihnen nach. Dieſe Verſuche mißgluͤckten bisweilen, und er ſchrie. Ich half ihm nur wenig nach, weil es mich zu ſehr in meinen Beſchaͤftigungen ſtoͤrte. Er lernte ſich bald ſelbſt helfen, und kroch, trotz dem beſten Krebſe, bald ruͤck⸗, bald vorwaͤrts, und geſiel ſich un⸗ gemein in dieſer Kraftaͤußerung. So oft ich — 37 ihn freundlich anſah, lachte er mir zu, und kroch mit immer groͤßerer Schnelligkeit. Er mochte etwa zehn Monate alt ſeyn, als ich den Verſuch machte, dem kleinen Hans eine Birn, die er ſehr gern aß, auf einen Stuhl am andern Ende des Zimmers hinzulegen. Er kroch mit großer Schnelligkeit nach dem Stuhle. Aber wie ſollt' er nun daran kommen? Er machte den Verſuch, ſich an dem Stuhlbeine aufzurichten: der Verſuch mißlang. Die Birn reizte ihn ſehr ſtark: er verſuchte es noch einmal, und noch einmal, und es war gelungen— er ſtand am Stuhle, zitterte ein wenig, ergriff ſeine Beute, und lachte uͤber⸗ laut.— Ich lachte ihm Beifall zu. Auf ſeinen Beinen halten konnte er ſich noch nicht lange. Bald ſaß er wieder auf dem Boden, und kroch, wie zuvor, nach allen vier Ecken des Zimmers in allen Richtungen herum. Ich wiederholte das Experiment taͤglich, und er bekam bald Kraft zum Stehen in den Beinen. Da fing ich an dem kleinen Hans das Ziel weiter zu ruͤcken. Wenn er ſich eben am Stuhl aufgerichtet hatte, legt' ich den Kuchen, 38 oder das Obſt, oder was es ſonſt war, ein Paar Stuͤhle weiter. Nun fing er an, ſich an den Stuͤhlen halten zu wollen, um zu dem hinzugehen, wo der Preis lag. Die Stuͤtze verſagte aber: ich reichte ihm einen Finger hin, er ergriff ihn, und ſo kam er zum Ziel. Nach einigen Tagen gab ich ihm keinen Finger mehr und er kam auch hin. Und ſo fuͤhrte ich ihn bald an der einen, bald an der andern Hand, wohin ich ihn haben wollte. Noch ehe er eilf Monate alt war, lief er allein. War er muͤde, ſo kroch er wieder, und als er ein Jahr alt war, war er faſt immer auf den Beinen, und Du mußt nicht leicht ein netteres und kraͤftigeres Buͤbchen geſehen haben, als dieſen kleinen Hans.— Dieſe Erfahrung hatte ich gemacht, noch ehe ich mit Erziehung mich eigentlich beſchaͤf⸗ tigte, und zu einer Zeit, wo ich noch nicht einmal wußte, daß auch das zur Erziehung gehoͤre. Als dies Geſchaͤft aber mein Beruf wurde, da wiederholte ich bei mehrern kleinen Kindern dieſe natuͤrlichſte aller Methoden des 39 Gehenlernens, und fand ſie probat, wie das erſtemal. Auf ſolche Erfahrungen gruͤndete ſich die Zuverſicht, mit welcher ich ſie Dir em⸗ pfahl. Und Dein Beiſpiel hat ſie aufs neue gerechtfertigt. Wollte man uns die unzaͤh⸗ liche Menge von Beiſpielen entgegenſetzen, wo Kinder am Laufzaum gehen lernen, und doch eben keine Kruͤppel werden; von Kindern, denen das Leitband die Bruſt nicht zuſammen⸗ druͤckt, und wo das fruͤhe Stehen und ge⸗ zwungene Gehen im Gaͤngelwagen keine krum⸗ men Beine gemacht hat: ſo ſetze ich die noch weit groͤßere Menge roher Völkerſchaften dagegen, bei denen eine verkruͤppelte Geſtalt eine viel ſeltnere Erſcheinung iſt, als bei uns Europaͤern, und die gewiß alle unſere, der Natur vorgreifenden Werzeuge, die kindliche Kraft in Thaͤtigkeit zu bringen, nicht kennen. Fort alſo mit dem Laufzaume, fort mit dem Gaͤngelwagen, was auch die gute Tante, die Deine Ida damit beſchenkt, von unſerer Me⸗ thode fuͤrchten mag! Beweiſen wir ihr nicht mit Worten, ſondern mit dem gluͤcklichen Er⸗ folg das Gegentheil! Dieſe Art zu beweiſen, — — — — 40 iſt fuͤr viele Menſchen die einzig uͤberzeu⸗ gende. 3 Mich rufen fuͤr heut andere Geſchaͤfte.— Sechster Brief. Noch kein Woͤrtchen ſagt' ich Dir zur Ant⸗ wort auf Deine Frage: wie fruͤhe man durch Muſik auf junge Kinder gluͤcklich wirken koͤnne? Aber haſt Du mir nicht dieſe Beantwortung faſt ſchon vorweggenommen? Was iſt denn Ida's Freude an Deinem Geſang anders, als reger Sinn, ſchoͤne Empfaͤnglichkeit fuͤr das Melodiſche? Fuͤr Harmonie entwickelt ſich bei gewoͤhnlichen Kindern der Sinn ſo fruͤhe nicht. Aber ihr liebliches Nachlallen des Liedchens: Der Fruͤhling iſt gekommen, und die Nachbildung ſelbſt des Rhythmus, ſcheint mir ein Talent anzukuͤndigen, das der Pflege werth iſt.— Sollte aber auch die Deutung dieſer Auſpizien zu guͤnſtig ſeyn, ſo iſt es ihr ſicher auf andere Weiſe wohlthaͤtig, 41 wenn ſie ihr ſanftes Muͤtterchen recht viel ſingen hoͤrt. Noch habe ich außer einer alten Fuhr⸗ mannsfrau— die zwiſchen jeder Zeile von ihrem Morgenliede,„Wach auf, mein Herz, und ſinge,“ immer einige heftige Apoſtrophen an ihre Pferde richtete, wenn ſie ſich beim Striegeln oder Anſpannen nicht ſchicken woll⸗ ten— noch habe ich ſonſt niemand unmit⸗ telbar nach dem Geſang zuͤrnen geſehen. Wer in einem ſchoͤnen Gemuͤthe auch den gerechte⸗ ſten Unwillen entwaffnen wollte, duͤrft' es nur verſuchen, die Melodie von Kirnbergers: Schwach und fuͤndlich iſt der Menſch gebo⸗ ren, oder Grauns Arie: Ihr weichgeſchaff⸗ nen Seelen, oder den ſchoͤnen Choral: Herz⸗ lich lieb hab ich dich, o Herr! anzuſtimmen; ich ſtehe fuͤr das Gelingen. Und kein In⸗ ſtrument,(ſelbſt die aufloͤſende Harmonika nicht) darf ſich mit der Menſchenſtimme meſ⸗ ſen, wenn ſie recht rein und ſanft getragen iſt.— O ſinge, ſinge viel, wenn Du Ida bei Dir haſt. Beſonders im Garten. Es wird ja bald wieder Fruͤhlingl! Dann leb' 42 und wohne mit ihr unter Blumen und Vö⸗ geln, die ſie ſo gern hat und ſinge ihr haͤufig vor. Bis dahin beſchaͤftige ſie und laß ſie ſich ſelbſt beſchaͤftigen mit den Gegenſtaͤnden, die ihr Freude machen; mit keinem einzigen aber zu lange, d. h. bis zum Ueberdruß. Zum Vorſpielen auf dem Klavier wollt' ich jetzt noch nicht gern rathen. Ich weiß wol, daß Kinder gern hinhorchen, aber ſie horchen nach allem, was klingt, und nach einer Schelle faſt eben ſo gern, als nach dem ſchoͤnſten Klavierſpiel, welches ſie gewoͤhnlich dadurch unterbrechen, daß ſie ſelbſt mit Haͤnden und Fuͤßen drauf ſchlagen wollen.— Nur Kinder von ſeltenem muſikaliſchen Talent zeigen fruͤhe einen empfaͤnglichen Sinn fuͤr Harmonie. Be⸗ merkſt Du, daß Ida lange ſtill und froͤhlich horcht, wenn ſie zufaͤllig Dich oder ſonſt jemand ſpielen hoͤrt, und ernſtlich darnach hinverlangt: dann iſt das Zeichen von der Natur gegeben, dann beſchaͤftige ſie gern auch damit, daß Du ihr vorſpielſt.— Gieb auch fleißig Acht, ob ihre Fuͤßchen bei dem fruͤhen und vielen Laufen gerade blei⸗ — 43 ben? und wenn ſich eins ein wenig einwaͤrts biegen wollte, ſo laß ſie ja nicht lange ſtehen, auch nicht zu lange hintereinander laufen, ſon⸗ dern ſie lieber auf dem ausgebreiteten Teppich auf dem Boden herum ſpielen. Auch muß Gertrud ſie mitunter noch tragen; aber ab⸗ wechſelnd auf beiden Armen, nie ſehr lang auf einem. Daß Du mit der gelehrigen Gertrud ſo gut fortkommſt, iſt ein wahres Gluͤck.— Sage ihr von meinetwegen, daß ich ſie ſehr werth halte. Ich weiß wol, daß die redliche Seele keiner goldenen Belohnun⸗ gen bedarf; aber ich ſchicke ihr mit dieſem Briefe ein goldenes Herz, das ſoll ſie zu meinem Andenken auf ihrer Bruſt tragen, und ſich dabei meiner Wuͤnſche fuͤr Ida erinnern. Auf der einen Seite ſteht mein Name, auf der andern: Gedenke mein! Das erklaͤrt meine Freundin ihr ſo. Wenn ihr weiches Herz die Gute ſollte verleiten wollen, Ida's kleinen eigenſinnigen Launen nachzugeben, dann ſoll ſie meiner gedenken und— widerſtehen. Auch ſoll ſie ſich Gewalt anthun lernen, und den holden Engel nicht zu oſt kuͤſſen. Hoͤrſt Du, Beſte? daran ſoll das goldene Herz ſie mahnen. Du ſagſt mir, daß Dein Bruder durch die Kleine ſo gluͤcklich iſt: wie wird's der Vater erſt ſeyn, wenn er endlich einmal wieder unter den Seinen leben kann! Er verliert ſehr viel, dies Kind ſich nicht entfalten zu ſehen. Indeſſen freut es mich, daß ſie auch Maͤnner um ſich ge⸗ wohnt wird, und ſich vor dem Onkel Wilhelm nicht ſcheuet. Ich laſſe aber den Onkel Wilhelm und alle, die ſich gern mit Ida zu ſchaffen ma⸗ chen, gar ſchoͤn bitten, die Kleine nicht zu nek⸗ ken; ihr nicht zum Scherz etwas zu entreißen, und wenn ſie dann ungeſtuͤm weint, es ihr wie⸗ der zu geben. Auch Gertrud muß ſo nicht mit ihr ſpaßen!— Noch kennt Ida keine Furcht im Dunkeln? Ich glaube es: was haͤtte ſie auch wol bis jetzt geſehen oder gehoͤrt, woran die Erinnerung im Finſtern wiederkommen, und ihr bange machen koͤnnte? Daß ihr ja dieſe wohlthaͤtige Furcht⸗ loſigkeit durch nichts getruͤbt, und ihr ſo lange als moͤglich erhalten werde! Sie iſt eine der hoͤchſten negativen Wohlthaten, die 45 als ein Eigenthum der unbefange⸗ nen kindlichen Unwiſſenheit reſpek⸗ tirt werden ſollte. Es geht uͤber alle Vorſtellung, wie ungluͤck⸗ lich man in der Kindheit durch leidenſchaftliche Furcht und Angſt werden kann, und wie dadurch dem Kinde ſeine ganze goldene Morgenroͤthe ge⸗ truͤbt wird. In meiner fruͤheſten Kindheit hatte mein trefflicher Vater mich ſehr ſorgfaͤltig gegen die Anwandlungen dieſer unſeligen Leidenſchaft verwahrt. Oft nahm er mich in meinem zwei⸗ ten und dritten Jahre auf ſeine Arme, huͤllte mich in ſeinen Schlafrock, ging mit mir hinaus im Dunkeln in den Garten, zeigte mir den herauf⸗ ſteigenden Mond, und das kindliche Herz fuͤhlte nur Freude und ahnete nichts von Furcht. So ging er zur andern Zeit, wenn's dunkel ward, mit mir in den Zimmern und Gaͤngen des Hau⸗ ſes umher, und ſang mir vor. Auch fodert' er von meiner Mutter, wenn ſie mich ſchlafen legte, und mir mein kurzes Abendgebet vorge⸗ ſprochen und mich gekuͤßt, daß ſie ſogleich von mir ging, und das Licht mit hinweg nahm. Dann durfte keine Magd und niemand mehr 46 ins Schlafzimmer. Rief ich dann: Mutter, oder Vater, kuͤſſ' mich noch einmal! ſo kamen ſie wieder und befriedigten das kleine Herz. Hier⸗ bei aber blieb es, ich durfte dann nicht mehr ru⸗ fen, ſchlief auch meiſtens gleich ein, und wachte vor Morgens ſieben Uhr nicht wieder. So ging es bis ins dritte, vielleicht vierte Jahr. Da kam unter den Kindern, die mit meinem aͤltern Bruder ſpielten, auch ein junger Vetter, der eine beſondere Freude hatte, mich zu necken. Der erzaͤhlte mir, wenn wir im Halbdunkel ſpielten, allerlei ſchauerliche Dinge, und begleitete ſeine Erzaͤhlung mit ſolchen Toͤnen und Bewegungen, daß ich in eine entſetzliche Angſt gerieth. Die mochte dem jungen Men⸗ ſchen, der etwa zwoͤlf bis dreizehn Jahr alt war, komiſch vorkommen, ſo daß er es immer ſchauerlicher machte, bis er ſah, daß ich vor Angſt nicht mehr zu bleiben wußte; dann ver⸗ ſucht' er mich wieder zu troͤſten: aber die Furcht war mir nun eingeimpft, und ward meiner voͤl⸗ lig maͤchtig. Nun konnte man mich zu fuͤrchten machen, womit man wollte. Erſt graute mir vor Rieſen ohne Kopf, wovon der Vetter mir 47 erzaͤhlt hatte, dann vor Pferden mit feurigen Augen, dann vor dem Alp, dann vor Geſpen⸗ ſtern, vor Kobolden, Drachen, Hexen. Dann vor Kometen, Gewittern, und am Ende vor dem juͤngſten Tag.. Meinen herrlichen Vater hatte ich ſehr fruͤh verloren. Niemand arbeitete der Furcht bei mir entgegen: ſie nahm bald ſo uͤberhand, daß ich keiner Freude mehr faͤhig war. Oft wuͤnſcht' ich mir den Tod. Blumen und Voͤgel, meine vor⸗ zuͤglichſten Freunde, und die ganze ſchoͤne Na⸗ tur ſprachen mir vergebens zu; hinter jedem Baum und Strauche ſah ich irgend ein Unthier lauern. Die Sterne, die mich fruͤh ſo gluͤcklich machten, weil man mir geſagt, auf jedem wohn ein Engel, wurden mir nun fuͤrchterlich, weil ich immer meinte, ſie wuͤrden ſich in Kometen verwandeln und den juͤngſten Tag heranbringen. — Kurz die Freude meiner Kindheit war faſt ganz dahin. Endlich ſiegte meine beſſere, hei⸗ tere Natur. Vielleicht gaben auch die Geſpraͤche heiterer, gebildeter Menſchen, bei denen ich zu⸗ faͤllig gegenwaͤrtig war, meinem Geiſte eine andere Richtung. Aber noch bis in mein ſteb⸗ 4³ zehntes, achtzehntes Jahr hatte ich mit den Re⸗ ſten dieſer Eindruͤcke zu kaͤmpfen, die erſt ſehr ſpaͤt voͤllig verloͤſchten.— Bewahre unſern Liebling davor, beſte Emma; erſpare ihr dieſe Kaͤmpfe der Angſt, die eine ſo harte Anſtrengung und einen zu großen Kraft⸗ aufwand fodern, um ſich ganz davon loszuma⸗ chen. Es giebt Dinge, die man allerdings fuͤrchten ſoll; aber die Periode dieſer Furcht darf bei Ida noch nicht eintreten. Beſorge da⸗ bei nicht, daß Ida in dieſer Furchtloſigkeit zu keck, zu dreiſt werden moͤchte. Ihre heilige Furcht ſei jetzt die, Dich unzufrieden zu ſehen. O die Zeit wird kommen, wo ein Schauer vor der unſichtbaren Macht, die die ganze Natur bewegt, ihre Seele mit Ehrfurcht durchdringen wird! Jetzt muß nur Liebe in ihr leben; dies iſt der einige Geiſt, deſſen geheimnißvolle Sprache ſie vernehmen ſoll. 1 Waͤchſt ſie ein wenig heran— etwa im dritten Jahre— dann laß ſie auf das Brauſen der Wogen am Geſtade, auf das Rauſchen der hohen Tannenwipfel, auf das Rollen des noch fernen Donners merken. Dein feierliches: 49 Horch Ida, es donnert! horch, wie es brau⸗ ſet! wird ſie ſchon aufmerkſam machen. Und wenn ſie ſich dann ein wenig ſchuͤchtern an Dich ſchmiegt, ſo weißt Du, das Gefuͤhl der unſicht⸗ baren Macht iſt in ihre Seele gedrungen. Wie fruͤhe ſie den Namen Gott hoͤrt, darauf kommt es nicht an. Dieſer heilige Schauer vor dem Unſichtbaren, und die Innigkeit, mit der ſie Dir anhaͤngt, ſind ihre erſte Religion. Sollte ſie beim Geraͤuſch des nahen Donners zu bange werden, dann wird ein heitrer Blick von Dir nach oben hinauf, und das leiſe Wort: Vater im Himmel! das Dir vielleicht unwillkuͤhrlich von der Lippe ſtroͤmt, das kleine Herz beſaͤnfti⸗ gen. Aber weiter muß ſie noch nichts hoͤren. Solche Worte oder nur Blicke fallen als Funken ins junge Gemuͤth, und zuͤnden oft erſt ſpaͤt; aber verloren gehen ſie nicht.— Alſo am letzten Tage ihres erſten Jahres hat Ida Dich mit den deutlichen Worten: liebe Mutter, erfreut? Und nun verſucht ſie auch: Bruder Woldemar zu ſagen und Onkel Wil⸗ helm? Das mag komiſch genug klingen! Bald werde ich kommen, und ſie Tante Selma ſagen J. f. F. V. H. 4 50— lehren. O was wird die Tante Selma alles mit ihr plaudern!— Erzaͤhle ihr bis dahin von der Tante. Ehe ein Monat verlaͤuft, bin ich bei Dir. Kindiſch freue ich mich dieſer Reiſe. Leb wohl. Stelle bis dahin haͤufige Sprechuͤbun⸗ gen mit unſerm Liebling an. Ich bin ſehr be⸗ gierig, zu erfahren, wie viel und wie deutlich ſie am Ende ihres funfzehnten Monats wird ſprechen koͤnnen.— Die Fortſetzung im ſiebenten Heft. Natur⸗Erhabenheit. Schaudernd blickt in geahnete Tiefen das Auge 3 des Menſchen; Staunend' zum Felſengebirg, hoch in die Wolken gethuͤrmt. Ernſt betrachtend, verfolgt es die Ströme der gluͤhenden Lava; Zuckend den wirbelnden Schlund, wo die Charybde ſich birgt. Starr des Rhodans, des Rheinfalls ſtaͤubend toſende Waſſer, Von der Sonne beglaͤnzt, funkelnd wie Edel⸗ geſtein. Freudig das Werden des Lichts— die Prachter⸗ ſcheinung des Tages;— Wenn die Sonne ſich taucht tief in die Flu⸗ then des Meers. Still den ſilbernen Mond, der Sterne freundliche Bilder, Ihren geordneten Tanz hoch im unendlichen Naum. Und es horcht ſein Ohr dem krachenden Donner; eerſchuttert Von der Orkane Geheul, von dem erdroͤh⸗ nenden Schall— Wenn der zitternde Boden die weiten Graͤber eroͤffnet, Staͤdte, Laͤnder verſchlingt, Berge zu Mee⸗ ren geſellt— Dann verſinkt er, ein Nichts! ein Schatte! ſtaunt dem Erhabnen— Er, der Menſch, ein Atom, der, wie die Blume, verwelkt. 53 Sittliche Erhabenheit. Nicht verſinket der Menſch, der Hohe! Ver⸗ weile betrachtend; Mit dem Aug' des Gemuths ſchaue bewun⸗ dernd ihn an. Sieh! er kamoft der Leidenſchaft Kaͤmpfe, baͤn⸗ digt die Stuͤrme Jedes maͤchtigen Triebs, jedes empoͤrten Ge⸗ füͤhls. Doch es verfolgt ihn, raſtlos, ſein unverwundba⸗ res Schickſal— Unbezwinglichen Muths trotzt er der ehernen Macht. Nun umringt ihn das Ungluͤck, drohet den Freien zu feſſeln, Legt das folternde Joch ſchwerer und weher auf ihn. Aber ihn beugt nicht die Laſt der unverſchuldeten Uebel; 54 Nicht des Hohns Geſpött,— nicht der be⸗ dauernde Blick. Sieh! er traͤgt ſie mit Wurd' und Stärke, mit Adel der Seele— Schaut mit vertrauendem Muth auf zu den Hoͤhen des Lichts. Hier verehre das Größte, dem geiſtig Erhabenen ſtaune: Tief erſchuͤttert Natur— mehr des Erhaben⸗ ſten Bild. Selbſtgeſtaͤndniſſe, anzuſehn als ein kleiner, ſehr unpoetiſcher Roman. Erſt es Buſch. Erſtes Kapitel. Angeknuͤpfte Faͤdchen. Ich bin, dem Himmel ſei's gedankt, ſo alt, daß ich nicht nur geſtehen mag, ich ſei es, ſon⸗ dern auch, wie alt ich bin. Im erſten Jahre des ſiebenjaͤhrigen Krieges bin ich geboren. Von muͤtterlicher Seite ſtamme ich aus einem alten, reichsfreien Hauſe, deſſen Stammbaum, ob⸗ gleich moͤglichſt klein zuſammengebrochen, doch eine anſehnliche Kapſel unter meinem alten Ge⸗ ruͤlle anfuͤllt. Darauf unendlich viel zu halten, war Erbgut meiner Vorfahren. Sie hatten guten Grund, darauf zu halten, denn ich kenne 6— nichts, was ſie ſonſt ausgezeichnet haͤtte— Ir⸗ gend etwas Auszeichnende will doch aber jeder Menſch haben; warum moͤchten ſonſt ſo viele noch alberner erſcheinen, als ſie wirklich ſind?— Ich habe jedoch auch guten Grund, jene mit Sammet beſchlagene Kapſel unſer Erbgut zu nennen; denn— meine Aeltern wenigſtens, erhielten kein anderes. Die drei fraͤnkiſchen Doͤrſchen, die ſonſt die reichsfreie Herrſchaft W... hießen, hatten meine Vorfahren, wie manche Dichter ihre Ideen, nur als Beſitz⸗, nicht als Eigenthum. Als Eigenthum hatten ſich allmaͤlig die Glaͤubiger unſre Herrſchaft zu⸗ gelegt; und meine Vorfahren hatten ſich die Glaͤubiger zugelegt, damit ſie im Stande blie⸗ ben, jenen Beſitz mit hohem Anſtand zu be⸗ haupten. Dazu gehoͤrte aber vieles— vor⸗ nehmlich eine zahlreiche Dienerſchaft, ja ein⸗ ganzer kleiner Hofſtaat, mit ſeiner Hofetikette, ſeinen Hoffeſten, und ſeinen Hofkabalen—— Als aber mein Großvater die Herrſchaft uͤbernahm, inſinuirten ihm die Glaͤubiger ſo nachdruͤcklich, er moͤchte ſeinen Hof einſchraͤnken, daß er ſeufzend nachzugeben gezwungen war. 57 Er behielt von den hoͤchſten Beamten Niemand, als den Conſiſtorialrath, den Hofprediger, den Schuldirektor und den Schloßkaplan; den Ju⸗ ſtizrath, den Finanzdirektor, den Oberamtmann und den Gerichtshalter; den Aſſeſſor im geiſtli⸗ chen, den Aſſeſſor im weltlichen Obergericht, den expedirenden Secretair und den Actugrius: das beſte aber war, daß alle dieſe Chargen nur durch drei Maͤnner bekleidet wurden— die, bis zu meinem erſten Semikolon, durch den Geiſtlichen, die, bis zum zweiten Semikolon, durch den Juriſten, und die uͤbrigen durch ſei⸗ nen Schreiber. Es war aber Methode darin— ich mach' es gleich deutlich! 112 Es hatten ſich z. B. am geſtrigen Sonntags⸗ abende zwei Bauern in der Schenke geſchlagen, ſo wurde ohnfehlbar ſchon heute fruͤh die Sache im Vertrauen an den Herrn gebracht. Dieſer hielt nun an der„Haustafel“ mit jenen drei Maͤnnern, die daran ſpeiſeten,„geheime Conferenz“; es wurde eine„allerhoͤch⸗ ſte Reſolution“ abgefaßt, und nun der Weg Rechtens eingeſchlagen. Hans und Kunz wurden demnach als Ruheſtoͤrer gefordert— nem Großvater Geſellſchaft auf der Jagd; mei⸗ ner Großmutter, bei ihren oͤkonomiſchen Beſtre⸗ bungen; und beiden, im Quadrille; man ſahe uͤberall ſeine Wuͤrde anerkannt; es blieb alles bei dem ſtandesmaͤßigen Herkommen— wenigſtens den Namen und Formen nach: um's Himmels willen, was wollte man mehr? Nichts wollte man mehr! denn woge⸗ gen ſich zuweilen noch Wuͤnſche regten, das geſtand man ſich ſelbſt nicht zu. Gegen die druͤckende Tyrannei der Langweile regten ſich zuweilen Wuͤnſche: weil ſie aber, wie ein Des⸗ pot in einer Republik herrſchte— erdruͤckend, doch ohne den Namen des Herrſchers— ſo er⸗ gab man ſich geduldig drein, und leugnete ſich ſelbſt ab, daß man beherrſcht werde— wie ebenfalls in einer ſolchen Republik. Zweites Kapitel. Mein Debut auf Erden. So blieb nun auch alles, als meine Groß⸗ aͤltern ſtarben, und mein Onkel die reichsfreie 53 erſt vor die niedern Gerichte, das heißt, vor den Juriſten, als Gerichtshalter, und den Schreiber, als Actuarius. Man verwieß die Parteien, nach Erlegung der Gebuͤhren, zum Vergleich und zur Ruhe. Hans und Kunz wa⸗ ren damit nicht zufrieden: ſie appellirten an die höhern Gerichte, das heißt, an den Juriſten, als Oberamtmann, und den Schreiber, als Aſ⸗ ſeſſor. Dieſe gaben, nach Auferlegung hoͤherer Koſten, allerdings dieſelbe Entſcheidung. Die Bauern konnten ſich damit noch nicht beruhig en, ſondern fluͤchteten zur Gnade des Herrn. Die⸗ ſer gab ihnen feierliche Audienz, wobei ihm der Juriſt, als Juſtizrath, und der Schreiber, als expedirender Secretair, zur Seite ſtanden. Den Bauern donnerte aus dem Munde der Gnade zum drittenmal dieſelbe Sentenz entgegen: jetzt hingen ſie die Ohren, erlegten die Gebuͤhren, gaben einander die Haͤnde, und dankten fuͤr gnaͤ⸗ digen Beſcheid.— So ging es auch bei eheli⸗ chem Zwiſt, und was ſonſt vor das Conſiſtorium gehoͤrte; nur daß da, in erſter und zweiter Inſtanz, der geiſtliche Herr praͤſidirte. Dieſe vielſeitigen Maͤnner leiſteten nun mei⸗ 60 Herrſchaft— und zugleich die Verſorgung ſei⸗ ner einzigen Schweſter uͤbernahm. Von dieſer — Mathilde hieß ſie— hab' ich leider nur reden gehoͤrt. Außer dem Hauſe ſprach man von ihr mit Achtung und Liebe, als von der ſchoͤnſten und beſten ihres Geſchlechts; im Hauſe, mit Gleichguͤltigkeit und Herabſehen, als von einem ſchwaͤchlichen, gutmuͤthigen, ſtil⸗ len Heimchen, ohne allen noblen Sinn. Mathilde war aufgewachſen unter dem Druck eines Bruders, der ſie betrachtete wie ein neues, auf ſeine Herrſchaft aufgenommenes Kapital, das er juͤdiſch verzinſen muͤſſe; und unter den Quaͤlereien ſeiner Frau, die von Ei⸗ ferſucht brannte— erſt, uͤber die Liebe, die das Kind uͤberall fand, dann uͤber die Schoͤnheit, zu welcher die Jungfrau aufbluͤhete. Ein wackerer und liebenswuͤrdiger preußi⸗ ſcher Lieutenant, der in der benachbarten Reichs⸗ ſtadt auf Werbung lag, beſuchte zuweilen das Schloß. Er war der erſte, der Mathilden fuͤhlen machte, ſie habe ein Herz. Er hielt um ſie an. Onkel und Tante widerſetzten ſich heftig: er war ja nur Lieutenant, und uͤber⸗ — 61 dies, wie ſie ſich ausdruͤckten, kaum halb von Geburt— das heißt: ſein Adel war nur vom Großvater ererbt. Er erklaͤrte, er ſei zwar arm, verlange aber Mathilden ganz ohne Mitgabe, und werde auch um Zuruͤck⸗ berufung zu ſeinem Regimente anſuchen, um der Wuͤrde des reichsfreien Hauſes keinen Ein⸗ trag zu thun: Onkel und Tante geſtanden ihm nun Mathilden zu. Er wurde zuruͤckbe⸗ rufen, er fuͤhrte die erloͤſete Mathilde ins Brandenburgiſche zu ſeinem Standquartier; ſie wurde ſeine Gattin und meine Mutter. Im naͤchſten Jahre kam ich zur Welt— das ungluͤcklichſte Kind der gluͤcklichſten Mut⸗ ter. In der erſten Nacht nach meiner Ge⸗ burt, als eben meine Mutter mit Thraͤnen der geiſtigſten Wolluſt mich zum erſtenmal mit ihrer Bruſt erquickte, und mein Vater, ver⸗ ſunken in Entzuͤcken uͤber dieſen Anblick, den Arm um ſie ſchlang, erſchallete ploͤtzlich der entſetzlichſte Feuerlerm unter dem Fenſter, und zugleich brach gegenuͤber die helle Flamme durch das Dach. Mit einem Schrei ſank meine Mutter zuruͤck: man brachte ſie wieder 62— zum Leben, aber nicht zum Bewußtſein. Sie lag in heitern, wohlthuenden Phantaſien, und ſchwatzte immer von Engeln, die ſie um⸗ ſchwebten und abriefen. Das Feuer war bald verloͤſcht, aber faſt eben ſo bald ihr Leben.— Mein Vater war in Verzweiflung, und mein Anblick ſchien ſeinen Schmerz mehr zu reizen, als zu mildern. Unſer Nachbar, der wuͤrdige Diakonus des Orts, nahm mich ins Haus: ich waͤre ſonſt umgekommen. Jetzt erhielt mein Vater den Befehl zum Marſch, denn der ſiebenjaͤhrige Krieg war ausgebrochen. Er gehorchte mit Freuden: er ſuchte den Tod. Er fand ihn in der erſten Schlacht, an welcher er Theil nahm. Ich Arme habe nicht einmal ein Bild von der Geſtalt meiner Aeltern in der Phantaſie!— Der Diakonus meldete mein trauriges Ge⸗ ſchick dem Onkel, und bat zugleich, man moͤchte mich ferner in ſeinem Hauſe laſſen. Dies wurde ihm gnaͤdigſt zugeſtanden, zu⸗ gleich aber eingeſchaͤrft, daß er, ſobald es thunlich, meine Erziehung ſtandesmaͤßig ein⸗ zurichten habe. Mein Pflegvater— Friede 63 ſei mit ſeiner Aſche, und ewiger Dank lebe in meiner Bruſt!— mein Pflegvater erzog mich, ohne auf jene alberne Weiſung zu achten, ſo ſorgſam, ſo treu, ſo liebevoll, und auch ganz in gleichen aͤußern Verhaͤltniſſen, wie ſeine eigenen fuͤnf Kinder. Der Krieg verſetzte ihn in die aͤußerſte Duͤrftigkeit. Nach langem Kampf mit ſich ſelbſt beruͤhrte er end⸗ lich, von der Nothwendigkeit gedraͤngt, ſeine Umſtaͤnde in einigen Briefen an meine Ver⸗ wandten: ſie thaten, als verſtaͤnden ſie ihn nicht, und er ſchwieg. Ich war ſechs Jahr: da ſtarb meinem Pflegvater ſeine gute, haushaͤltiſche Gattin. Dies verſchlimmerte ſeine Lage ſo ſehr, daß er fuͤr ſeine Kinder kaum das Nothduͤrftigſte herbeizuſchaffen vermochte, und ſeiner Wohl⸗ thaͤtigkeit gegen mich Graͤnzen ſetzen mußte. Er ſchrieb nun mit Wuͤrde und edlem Eifer, herzerſchuͤtternd, an Onkel und Tante: ſie ſandten ihm hundert Dukaten(das erſte und einzige, was er empfing) fuͤr meine zeitherige Verſorgung und„allenfalſige gehabte Bemuͤ⸗ hung.“ Der Brief iſt jetzt in meinen Haͤn⸗ 64 den, und enthaͤlt noch die, mit groͤßter Ruhe gegebene Erklaͤrung, ſie wuͤrden züith„mit naͤheſtem zu ſich entbieten.“ Nach einigen Wochen kam auch wirklich die abgetragene Perſon des Herrn Aſſeſſors, expedirenden Secretairs, Actuarius und Schrei⸗ bers, in einem baufaͤlligen Landauer, mit einem weißen und einem braunen Ackerpferde beſpannt, mich abzuholen. Mein Pflegvater wollte, da es zur Ausfuͤhrung kam, mich dennoch nicht hergeben; aber nun mußte er. Von dem Abſchiede und der Reiſe iſt mir nur im Andenken geblieben, daß ich erſt laut weinte und mit Gewalt in den Wagen ge⸗ „bracht werden mußte; daß ich dann in dum⸗ pfer Reſignation und großer Langweile weiter fuhr; und daß ich endlich, mit kindiſchem Wankelmuth, am Fahren Geſchmack fand, und ziemlich heitern Muths den vielen Herr⸗ lichkeiten entgegenging, die mein Fuͤhrer mit tauſend Exklamationen mir unaufhoͤrlich vor⸗ ruͤhmte. Der heitere Muth wurde vielleicht nicht wenig dadurch vermehrt, daß mein Be⸗ gleiter mich immer„mein Fraͤulein“ nannte, ſtatt daß ich zeither nie anders, als Emma, kurzweg, geheißen hatte. Drittes Kapitel. Mein Debuͤt im Schloſſe. Jetzt ſahen wir das alte, weite Schloß, mit ſeinen hoͤkrigen Fenſterchen, zum Theil halbverfallnen Thuͤrmchen, und grauen Gefaͤng⸗ nismauern, in der Ferne vor uns liegen— Sehen Sie, mein Fraulein: ha, dort werden Sie wohnen! ah, in dem praͤchtigen Gebaͤude! ei, was werden Sie fuͤr Augen machen! huy, und die herrlichen Zimmer! hm, und alle Tage Feiertag!— So rief der arme Tropf unaufhörlich, und reizte meine Neugier, wie meine Eitelkeit, immer hoͤher. Die muͤden, hungrigen Roͤßlein wendeten die letzten Kraͤfte an, als ſie die Annaͤherung des Stalls witterten, und wir rollten ſchnell uͤber die donnernde Zugbruͤcke in das weite, hallende Gehoͤfe. Nun wurde mir bange. Der Wagen hielt, zwei Bediente ſprangen J. f. F. v. H. 5 66 herbei, mich herauszuheben. Das war mir durchaus neu, ich hatte es ſogar noch nie geſehen: meine Spannung wurde vermehrt, aber die Sache gefiel mir. Der Actuarius fragte, ob Seine hochwohl⸗ geborne Gnaden, der reichsfreie Freiherr und Dero Frau Gemalin den Mittagsſchlummer vollendet haͤtten und noch nicht beim Quadrille ſaͤßen? Er hatte ſeine Zeit ſo gut gewaͤhlt, daß eben dieſe Zwiſchenſtunde der— Erholung vom Schlafen eingetreten war, wo zuweilen den Herrſchaften wirklich etwas angegeben werden durfte. Er fuͤhrte mich die breite, dunkle Wendeltreppe hinauf: wir kamen in den gewaltigen Vorſaal, wurden gemeldet, und mußten eine feine Weile warten. Dieſe Feier⸗ lichkeit, die weiten, wuͤſten, leeren, mir ſchauderhaften Umgebungen, und nun die kleine dramatiſche Scene, die ich, nach der Anwei⸗ fung des Actuars, ſo eben ſpielen ſollte:— das alles reizte mich ſo, daß ich bebte und faſt weinen mußte. Mit dieſer Scene hatte es folgendes Be⸗ wenden. Wenn wir eintreten— hatte mir 62 mein Fuͤhrer ſchon Tags vorher geſagt und hernach unzaͤhlichemal wiederholt— wenn wir eintreten, finden wir hoͤchſtwahrſcheinlich Ihre gnaͤdgen Verwandten auf dem Sopha ſitzend, den Herrn Onkel zur Rechten, die Frau Tante zur Linken, und den Herrn Conſiſtorialrath, wie auch den Herrn Oberamtmann, zu beiden Seiten ſtehend. Sehen Sie, mein Fraͤulein? So!— Er zeichnete mir's mit der Finger⸗ ſpitze auf's Kutſchkiſſen.— Hier kommen wir herein! Ich naͤhere mich, Sie an rech⸗ ter Hand haltend, um einige— etwa drei Schritte, und ſpreche mit lauter Stimme: „Die verlaßne Unſchuld wirft ſich, huͤlflos weinend, der Macht und Gnade in die Armel“— Hierauf nahen Sie Sich allein, knieen— ſehen Sie? ſo! linke Fuß niedergeknickt!— ſo knieen Sie zwiſchen die Fuͤße beider Herrſchaften, umfaſſen dieſe, und— ſchweigen. Aber gerade in die Mitte laſſen Sie ſich nie⸗ der, damit Sie vom Herrn Onkel, wie von der Frau Tante, Ein Knie erreichen und moͤglichſt umſchlingen koͤnnen—— 68 Ich hatte das gleichguͤltig mit angehoͤrt, mir's gemerkt, und es zu befolgen verſprochen. Da nun aber plötzlich die Fluͤgelthuͤren auf⸗ geriſſen wurden, wir nun wirklich eintraten, und mir die ſehr korpulente Perſon meines Onkels, in einen buntgemuſterten Sammetrock geknoͤpft, und die ſehr duͤnne, hochroth ge⸗ ſchminkte Geſtalt meiner Tante, aus einem runden Moor⸗Reifrock, wie der Fruͤhlings⸗ ſchoͤßſing aus der Krone einer jungen Tanne, hervorgetrieben, ins Auge fielen, und beide ſtarr und ſtumm vom Sopha nach mir aus⸗ ſchaueten:— da uͤberfiel mich eine Todes⸗ angſt, und als mein Fuͤhrer jene Worte von der„verlaßnen Unſchuld“ ſagte, brach mir ihr Sinn, an den ich wirklich jetzt zum erſtenmal dachte, das Herz, und ich blieb mir meiner nicht mehr maͤchtig. Statt fein langſam mich zu nahen, ſtuͤrzte ich mit her⸗ vorbrechenden Thraͤnen zur Tante, ſchlang mich um ihren Hals, und verbarg, laut ſchluchzend, mein Geſicht unter den breiten Spitzen, mit denen ſie bedeutungsvoll ihre Kleider am Halſe garnirt trug. 69 Die Tante war uͤberraſcht, und wol auch ein wenig bewegt, obſchon ſie ſagte: Gemach, mein Kind! nur gemach!— Es war ver⸗ gebens: ich hoͤrte nicht. Nun ſuchte ſie, mich von ſich loszuwinden: Du verderbſt mir ja alles! ſagte ſie. Sie meinte es aber wahrſcheinlich beſſer, und wollte nur meinen gewaltigen Verſtoß gegen„die Macht“ beſchoͤnigen oder auszugleichen verſuchen. Ich klammerte mich immer feſter an ſie und zer⸗ floß in Thraͤnen— Das Maͤdchen hat keine Sitten, wie ihre Mutter! ſagte nun der Onkel kalt, ohne Accent und Tonfall. Vermittelnd erwiederte die Tante: Halten Sie es ihr zu Gute, liebwertheſter Herr Gemal: ſie iſt in ODistra- otion und, ſo zu ſagen, nicht bei ſich. Der geiſtliche Herr, der wirklich geruͤhrt war, und die Gabe hatte, alles, und auch in jeder Stimmung ſeines Weſens, weit und breit aus einander zu ſetzen, ſetzte auf gleiche Weiſe eine Menge Motive dieſer meiner Er⸗ ſchuͤtterung aus einander, und miſchte, aus Wohlwollen gegen mich, ſo vieles ein, das 70 dem Onkel ſchmeicheln mußte— wie ſein Anſehn ja jedem imponire, wie gerade die tiefſte Huldigung ſich ſcheu vor ihrem Gegen⸗ ſtande verberge u. ſ. w., daß es der ſtrenge Herr gelaſſen abwartete, bis ich ausgeweint hatte und nun von der Tante ſelbſt zu ihm geleitet wurde. Mein Fuͤhrer, der noch immer ehrerbietig auf ſeinem Poſten ſtand, obſchon vernichtet durch meine Vereitelung ſeiner Plane, huſtete hier bedeutend; ich bemerkte es, kam endlich in den Text, ließ mich auf das Knie nieder und umfaßte die Fuͤße des Onkels— Nun, ſehen Eure hochfreiherrlichen Gna⸗ den? Lieber Gott!— ſagte der Geiſtliche. Lieber Gott!— Nun, ſehen Sie? ſehen Sie? fielen alle ein. Der Onkel reichte mir die Hand zum Kuſſe, richtete mich ſehr gnaͤdig auf, und ſagte: Wir nehmen dich auf! Bleibe fromm und halte auf Ehre, ſo ſoll dir's an nichts fehlen; ja, du ſollſt gehalten ſeyn— gleich⸗ ſam wie unſer eigenes Kind!— Von dieſer Minute an hatt' ich ſeine Gnade, und— leider den erſten Unterricht, wie man in der Welt durch kluges Heucheln weiter komme, als durch ſeelenvolle Innigkeit. Viertes Kapitel. Was die Leute mit mir anfingen. Nun ging es an ein Erziehen mit mir— der zog hin, der zog her, jener gar zu Boden. Dies Ziehen und Renken laͤßt ſich jedoch unter zwei Hauptrubriken bringen: Un⸗ terricht des Geiſtlichen, und ſogenannte Sit⸗ tenſchule meiner Pflegaͤltern. Der Conſiſtodialrath war ein ehrlicher alter Mann, der es mit der ganzen Welt, und auch mit mir, recht gut meinte; der auch Jedermann nach beſtem Vermoͤgen zu dienen und gefaͤllig zu ſeyn ſtrebte, wenn es ſich durch Worte— mochten deren auch noch ſo viele erforderlich ſeyn— in's Werk richten ließ. Seit ſeinem fuͤnf und zwanzigſten Jahre, wo er von der Univerſitaͤt gegangen, und hier durch Zuthun einer Kammerjungfer, angeſtellt 72 war:— ſeit dieſer Zeit hatte er den Kreis ſeiner Studien beſchloſſen. Was nachher in der literariſchen Welt vorging, kuͤmmerte ihn nicht; auch nahm er ſichs eben nicht zu Her⸗ zen, wenn allgemach gar vielerlei, was ehe⸗ mals noch in dieſen Kreis aufgenommen wor⸗ den war, wie die Lebensluft aus ſtehenden Waſſern, verdunſtete. Wer nicht viel weiß, kann nicht viel lehren— dieſer Satz ſcheint ſehr evident: mein Conſiſtorialis ſtieß ihn aber thaͤtlich um, denn er wußte wahrhaftig nicht viel, lehrte mich aber doch vieles, ſehr vie⸗ les— wenigſtens weit mehr, als ich mein Lebelang habe brauchen koͤnnen. Man den⸗ ke:— ich habe einen foͤrmlichen Curſus der gelehrten Theologie gemacht, wozu er mir ſeine wiederhervorgeſuchten, beſtaͤubten Hefte uͤber⸗ ſetzte; und da dies das Einzige war, was er mit mir ſtreng und wiſſenſchaftlich betrieb, ſo haͤtte ich in meinem zwoͤlften Jahre wol manchen Zweifelsknoten loͤſen koͤnnen, an wel⸗ chem der Candidat im Examen vergeblich knau⸗ pelt. Manches aus der Geſchichte, das neben der Ketzer⸗ und Reformationshiſtorie unverſe⸗ — 23 hends beiherlief; Brocken aus der, zuweilen etwas bedenklichen Klugheitslehre der lieben Frau von Beaumont, deren Magazin mir woͤchentlich einige Stunden eroͤffnet wurde; und noch das und jenes, was in den asceti⸗ ſchen Schriften jener Zeit ſich verkruͤmelt hatte:— das iſt alles, was ich mich ruͤhmen kann von meinem Lehrer bekommen zu haben. Das iſt wenig; eben darum ſei mir's erlaubt, etwas aus meinem Eigenthum hier zuzulegen, und zwar nicht nur fuͤr die Leſe⸗ rinnen, ſondern ſogar auch fuͤr die Leſer— wenn mir deren beſchert ſeyn ſollten. Mein Lehrer unterſchied ſich von den ſpaͤtern, phi⸗ lanthropiſchen und andern beliebten Erziehern auch dadurch, daß er langſam ging, und mich ſehr fruͤh ſchreiben, und alles zu Papiere bringen lehrte, was ſich mir deutlich darſtellen und fuͤr immer in meiner Seele haften ſollte. Das halte ich fuͤr durchaus probat— nicht nur aus den an mir erfahrnen Verſuchen, ſondern auch aus nicht wenigen ſpaͤtern, die ich an Andern gemacht habe. Mir koͤmmt's vor, als ob bei allem, was wir thun, 74— ſelbſt bei dem Geiſtigſten, etwas hinzukommen muͤßte, das auch die Sinne nicht ganz uͤber⸗ gehet, ſondern ſie feſſelt— wenn nehmlich die Sache ganz zu Stande kommen ſoll. Wenigſtens iſt es mit Kindern und uns Frauenzimmern ſo. Ich will mich erklaͤren, ſo gut ich kann— Die Franzoͤſinnen, die faſt ganz durch geſprochene(weit weniger durch gedruckte oder geſchriebene) Worte fuͤr zu ſprechende Worte unterrichtet werden, lernen ſchnell, lernen vie⸗ lerlei, und ſprechen daruͤber allerliebſt; aber man verſuche, ob dieſe bezaubernden Schwaͤtze⸗ rinnen, ſelbſt von den alltaͤglichſten, von ihnen tauſendmal huͤbſch beſprochenen Dingen, einen hellen und feſt ſtehenden Begriff haben, und ob ſie von irgend etwas wirklich und fuͤr immer uͤberzeugt ſind? Das ewige Wechſeln ihrer Moden— und daß alles bei ihnen Mode iſt, ſelbſt Irreligioſitaͤt oder Bigotterie, wie's faͤllt, das weiß man ja:— ſelbſt das ſcheint mir großentheils Folge jener Erziehungsweiſe zu ſeyn, wobei es nichts Haltbareres giebt, als das fluͤchtige Wort—— — 75 Haͤlt man aber daruͤber, daß das Kind, was es erlernet hat und glaubt gefaßt zu haben, niederſchreiben muß; giebt man ſo den Sinnen einen Halt bei dem, was in den Kopf gebracht wird: ſo wird das ganz an⸗ ders, und gewaͤhret noch uͤberdies bedeutende Nebenvortheile. Der Zoͤgling findet, indem er an's Schreiben gehet, oft, daß er ſich nur eingebildet habe, etwas zu verſtehen, das er doch nicht verſtanden hat; er findet, daß er vieles vergeſſen habe, wovon er glaubte, es ſtehe feſt in ſeinem Kopfe, weil ihm ein Schimmer, ein unbeſtimmtes Bild davon in der Phantaſie, oder ein allgemeines Reſultat im Gefuͤhl geblieben iſt. Soll er's nun nie⸗ derſchreiben, ſo muß er jenes mit Anſtrengung ſich klar machen, dieſes mit Anſtrengung zu⸗ ruͤckrufen, oder ſich muͤhſam irgendwo Raths erholen: das alles iſt großer Vortheil! Und endlich wird das Begriffene durch dies ſehrift⸗ liehe Ausſprechen ordentlicher, und tiefer, meiſtens fuͤr immer in die Seele gedruͤckt— wozu ſogar, wie mich wenigſtens die Erfah⸗ rung gelehrt hat, ſogar der Anblick der 76— ſelbſt geſehriebenen Worte nicht wenig beitraͤgt. Ich habe z. B. ſeit mehr als dreißig Jahren— wie man ohnehin glauben wird— nicht an die kitzlichen und ſpitzſindigen Lehren von der genuͤgenden Gnade, die genuͤgt und die nicht genuͤgt, von der Erbſuͤnde, nach Auguſtin und Luther, gegen die Pelagianer, Halb⸗Pelagianer, und Verſtohlen⸗Halb⸗Pe⸗ lagianer, gedacht: ich ſtelle mich aber, wenn es die Probe gilt, jeden Tag einem Exami⸗ nator uͤber dieſe furchtbaren Saͤtze— weil ich daruͤber in jenen fruͤhern Jahren mit aller Genauigkeit geſchrieben habe! Haͤtte nun mein Lehrer mich vernuͤnftigere, zweckmaͤßigere, und auch ſolche Dinge gelehrt, denen ich durch mein inneres Weſen zugeneigt worden waͤre: was haͤtte nicht aus mir werden koͤn⸗ nen!—* Man vergebe mir dieſe Abſchweifung: ich ſtehe ſchon mit einem Fuße in der Sittenſchule meiner Pflegaͤltern! Da ging es gar nicht verwärts! Onkel und Tante predigten taͤglich, ſtuͤndlich in mich hinein: ſo gehen Leute von Stande, ſo ſtehen, 77 ſo ſitzen ſie, ſo verneigen ſie ſich, ſo druͤcken ſie ſich aus! ſo richtet man ſein ganzes Be⸗ nehmen verſchieden ein, je nachdem die, mit welchen man eben zu thun hat, von dieſer oder jener„Condition“ ſind! ſo mußt du etwas hoͤflich verweigern, was du doch gern gehabt haͤtteſt und am Ende, nach gehoͤrigem Nothi⸗ gen, auch annehmen darfſt! ſo kannſt du et⸗ was hoͤflich ſchwankend zuſagen, was du eben nicht zu halten gedenkſt! und was dergleichen beliebte— Cheſterfieldſche und Knigge'ſche Re⸗ geln zum Umgang mit Menſchen mehr waren: es war alles an mir verloren. Man zwang, man ſtrafte mich; ich nahm mir auch wol vor, mich darein zu fuͤgen: es ging nicht, und blieb blutwenig davon in und an mir. Man gab mich endlich faſt ganz auf, und beſchloß nur, wenn ich plattes, ungeſchlachtes, gemeines Weſen in reifere Jahre kaͤme, ſtrengere Maasregeln mit mir zu nehmen.— Der Unterricht des geiſtlichen Herrn gab, wie man ſiehet, meinem Herzen und meiner Phantaſie gar nichts, und hatte, außer der Er⸗ weiterung meiner Verſtandes⸗ und Gedaͤchtnis⸗ 7G Fahigkeit, gar keinen Einfluß auf mein inneres Weſen und Leben. Die herabſetzende, veraͤcht⸗ liche Behandlung von meinen Pflegaͤltern ſcheuchte mich zuruͤck, machte mich furchtſam, machte mich verſchloſſen— wol auch ein wenig ſtͤckiſch. Wie ich mich den Jahren der Jung⸗ frau allmaͤlig naͤherte, fing ich an uͤber mich ſelbſt truͤbe und muͤßig zu ſinnen, meine Ein⸗ ſamkeit mit Klagen auszufuͤllen, an mir ſelbſt zu verzweifeln; und ich wuͤrde vielleicht wirklich tief zuruͤckgeſunken, wo nicht ganz zu Grunde gegangen ſeyn, wenn ſich nicht, ohne mein Be⸗ wußtſein und wiſſentliches Zuthun, ohngefaͤhr in meinem zwoͤlften Jahre, die Ahnung von irgend etwas hervorgearbeitet haͤtte, das anders, und anziehender, und befriedigender waͤre, als alles, was ich ſahe oder kennen gelernt hatte. Dieſe Ahnung erzeugte Sehnſucht; dieſe Sehnſucht fand ſich mit jedem Monat inniger und dringender ein. Von Einer Seite druͤckte ſie mich zwar darnieder, machte mich ſchwermuͤ⸗ thig, wurde Schuld, daß ich mich matt und verdroſſen an alles hingab und doch nichts liebte; daß ich gegen meine Verſorger im geheim erbit⸗ 79 tert wurde, ſie zuweilen ſogar veraͤchtlich, und mich weit beſſer als ſie fand; daß ich darum bald ſie heuchelnd hinterging, bald ihnen ſtoͤrrig trotzte:— von anderer Seite aber erhob ſie mich doch auch uͤber das ganz Gemeine, das mich allenthalben umgab, ließ das Hoͤhere, das Gott auch in meine Bruſt gelegt hatte, nicht— gleichſam verſchlemmt werden, und bereitete mich in der Stille auf ein Leben vor, wo es galt, viel zu erfahren, viel zu leiſten, viel zu leiden, und doch zu ſiegen. Haͤtte aber— mit Entſetzen denk' ich daran— haͤtte die Vorſehung nicht eben damals ihre Hand uͤber mich gehal⸗ ten; haͤtte ein wahrhaft boͤſer und feiner Menſch mich an ſich ziehen, mich kirren, mich verfuͤhren wollen: ich glaube, ich waͤre zu al⸗ lem faͤhig geweſen und vielleicht jetzt— eine Verbrecherin.— — Fuͤnftes Kapitel. Wonne der haͤuslichen Zufriedenheit. Ich bin, wider Willen, zu ernſthaft ge⸗ worden. Um wieder in den Zug zu kommen, ſchildere ich, wie wir um die Zeit, von welcher ich zuletzt ſprach, lebten. Das zeigt ſich viel⸗ leicht am beſten, wenn ich, ſtatt aller Eroͤrte⸗ rung, nur Einen der gewoͤhnlichſten Nachmit⸗ tage durchgehe. Es war heute das ſchoͤnſte Fruͤhlingswetter. Die Baͤume ſtanden in voller Bluͤthe; in dem blauen Aether jubelte— im jungen Gruͤn des Bodens ſchwirrete Leben und Freude. Ich war lebendiger und gereizter, aber auch weicher und inniger, als ſeit langer Zeit. Ein allgemeines Wohlwollen, eine herzliche Zuneigung zu allem, ſelbſt was mir ſonſt widrig war, erhob und draͤngete mich. Darum konnte ich auch heute uͤber Tiſche die gewoͤhnlichen derben Verweiſe, die ich, uͤber ebenfalls gewoͤhnliche Verſtoͤße gegen das Cerimoniel erhielt, leicht und ohne Erbitterung hinnehmen. Nach Tiſche war mir erlaubt, bis drei Uhr im Garten zu ſeyn. Ich ſchweifte froh umher, ohne irgend etwas beſtimmt zu denken, oder mir uͤberhaupt irgend eines Dinges nur deutlich bewußt zu werden. Ich ließ auf mich einwir⸗ ken, was von ſelbſt auf mich einwirken wollte; ———— 81 ein Eindruck verdraͤngte den andern,— keiner ging tief ein,— und mir blieb von allen nur das Reſultat: es iſt ſchön! mir iſt wohl! moͤge es allem Lebendigen auch ſo wohl ſeyn! Endlich bemerkte ich den Gartner, der Blu⸗ men anband, die der Sturm in voriger Nacht von ihren Stuͤtzen losgeriſſen hatte. Es zog mich zu dieſem harmloſen, idylliſchen Geſchaͤft. Da ich, waͤhrend des Mittagsſchlafs meiner Pflegaͤltern, unbeobachtet war, durfte ichs wa⸗ gen, dem alten Manne zu helfen. Er erzaͤhlte mir die Geſchichte jedes Blumenſtocks, den wir anbanden, und kam mit vieler Freude von den Blumen auf ſeine Kinder:— ich fuͤhlte mich ſehr angenehm unterhalten. Daruͤber verhoͤrte ich den Schlag drei. Der Conſiſtorialis war gekommen und mußte mich abrufen: eine Straf⸗ predigt! Ich trieb zwei Stunden— was er Chriſtenthum nannte; war heute zerſtreueter, als ſonſt: wieder eine Strafpredigt! Dann mußte ich Kaffee mit der Tante trinken. Der ſchoͤne Tag hatte doch ſo viel uͤber ſie vermocht, daß ſie den Tiſch vor das Haus in den Garten hatte tragen laſſen. Ich fand ſie hinter demſel⸗ J. f. F. V. H. 6 82— ben— gelangweilt, verdruͤßlich, gaͤhnend. Da haſt du das deine! ließ ſie mich muͤrriſch an. Ich wollte gern bald wieder fort, trank, gegen die feine Sitte, geſchwind: wieder eine Straf⸗ predigt! Ehe dieſe noch beendigt war, bemerkte die Tante ein wenig Schmuz an meiner Schuͤrze. Ich war vorhin beim Buͤcken, um die Blumen anzubinden, dazu gekommen. Was iſt das wieder? wie haſt du den Fleck gemacht? Ge⸗ ſteh'! gleich auf der Stelle! fuhr ſie heftiger auf, und es that ihr ſichtbar gut, etwas gefun⸗ den zu haben, woran ſich ihre, heimlich immer⸗ fort prikelnde Galle loswickeln ließ. Ich wollte eben meine Beichte beginnen, als der Onkel heraustrat— gelangweilt, verdruͤßlich, gaͤhnend. Sie haben vortrefflich gehandelt, meine Liebſte, daß Sie den Tiſch haben heraustragen laſſen— ſagte er, die Hand vor dem Munde. Ich hoffte, Ihren Wuͤnſchen entgegenzu⸗ kommen, mein Wertheſter! antwortete ſie, in⸗ dem ſie den keifenden Ton und die muͤrriſche Miene, wiewol jetzt noch vergebens, unzuſiim men bemuͤhet war. Sie ſind doch immer auf meine Frenden — 88 bedacht, Sie Guͤtige! ſagte er, indem er ſich ſehr langſam und ſchwerfaͤllig niederließ. Wo faͤnden meine Attentions einen andern und wuͤrdigern Vorwurf? Sehr obligirt, meine Wertheſte!— Hier entſtand eine lange Pauſe, waͤhrend welcher beide chiaff gerade aus ins Blaue blickten.— 8 Ein ſchoͤner Tag! begann er endlich wir⸗ der, und gaͤhnete. Sehr ſchoͤn! ſagte ſie, und legte, von ihm angeſteckt, die Spitzen des Zeige⸗ und Mittel⸗ fingers zierlich auf den Mund. Werden Sie den Nachmittag fernerweit in der ſchoͤnen Natur zubringen, meine Liebſte? fragte er, waͤhrend er einer Schmeißfliege auf⸗ lauerte, die ihn umſummete, ſich endlich auf ſeinen Rockaͤrmel ſetzte und gerade bei„meine Liebſte“ todtgeſchlagen wurde. Wenn ich auf Ihre Partioipation rechnen duͤrfte, mein Wertheſter! antwortete ſie, in⸗ dem ſie Kaffee einſchenkte, und bei„Werthe⸗ ſter“ ſehr verdruͤßlich an der Milchkanne ſchuͤt⸗ 84— telte, weil die Schneppe die dicke hne nicht durchlaſſen wollte. Inein. Wo koͤnnte mir wohler ſeyn, als bei Ihnen? (Hier gaͤhnete er wieder.) Sie geben meinem guten Willen große Sa- tisfaction: wie gluͤcklich bin ich! Waͤhrend der letzten Worte befahl ſie durch Zeichen, ſehr muͤrriſch, dem Bedienten, mehr Milch zu bringen, und es entſtand die zweite große Pauſe. Ich war leiſe hinter dem Ruͤcken beyder her⸗ umgeſchlichen, um mich unbemerkt abzufuͤhren: ungluͤcklicher Weiſe wendete der Onkel das Haupt und erblickte mich: Wohin? rief er. Kannſt du nicht theilneh⸗ men an unſrer Unterhaltung? Ich glaube, ſie iſt dir nicht angenehm genug? Scherz à part, ſagte die Tante. Was weiß das Maͤdchen von den Douceurs der feinern Conversation? Ich ſetzte mich ſchweigend und nahm den Strickſtrumpf. Dritte, und laͤngſte Pauſe— denn der Himmel wollte durchaus nichts herbei⸗ fuͤhren, woruͤber man etwas zu ſagen gewußt haͤtte. In gaͤnzlicher Ermangelung alles Beſ⸗ ſern griff endlich die Tante wieder— nach mir! Nun, und womit haſt du dich ſo zugerichtet? Ich geſtand es kurz und gleichguͤltig. Jetzt hatten beide Stoff: Sag' ichs nicht immer? 1 e haͤlt nichts auf ſch— Vollkommen zesrinder ſie macht Lerund⸗ ſchaft mit Dienſtboten— Offenbar! e treibt am debſien mshden beit— Gewiß! naͤchſtens wollen wir ſie mit ins Gras auf die Wieſe ziehen laſſen— Vortrefflich! mit dem Schiebkarren! Fraͤu⸗ lein Emma mit dem Schiebkarren!— So wiederholten ſie immerfort und lachten. So wohl warde ihnen ſelten: kein Wunder, daß ſie den Schiebkarren, der ihnen einiges Leben gab, ſo bald nicht entließen. Aus Ueberdruß erwiderte ich kein Wort. Das brachte ſie end⸗ lich im Ernſt auf: denn ſo erſchoͤpfte ſich ja auch dieſe Quelle der Belebung. Man wollte mich beſtrafen. Sie wurden eins, bis zum Abendeſſen auszufahren, ich aber ſollte hier 85— ſitzen bleiben und ſtricken. Jetzt ſchwoll mir das Herz von Unmuth: O Gott, warum haſt du mir nicht den ehrlichen Gaͤrtner zum Va⸗ ter gegeben! ſeufzte ich im Stillen, und meine Augen wurden naß. Sehen Sie? ſagte die Tante. Nun wird ſie ſtoͤckiſch! O wenn wir nicht zoͤgen, was wuͤrde aus dieſem Geſchoͤpf! — Sie gab den vorigen Befehl geſchaͤrfter, machte ein Zeichen an meinen Strickſtrumpf, damit ſie hernach ſehen koͤnnte, ob ich wirklich immerfort geſtrickt haͤtte, gab der Jungfer einen Wink, hier zu bleiben, mich zu bewa⸗ chen, und ſtieg dann zufrieden in den Wagen. Ich blieb ſtumm, mit gebrochenem Herzen ſitzen. Ich hoͤrte Geſang— man trug eine Leiche durch das Dorf: O mich— mich tragt dorthin zur Ruhe! rief ich laut, und ein Thraͤnenſtrom ſtuͤrzte mir aus den Augen. Die Jungfer, ein ganz alltaͤgliches Geſchoͤpf, hatte doch Mitleiden mit mir. Geben Sie mir den Strumpf, ſagte ſie; ich will fuͤr Sie ſtricken, und gehen Sie ſpazieren— ich ver⸗ rath' es nicht!— Der Gegenſtand des Mitleids einer ſo 87 beſchraͤnkten Seele zu ſeyn, beugte mich noch tiefer. Ihr Anerbieten, mit mir ein geheimes Verſtaͤndnis anzuknuͤpfen, reizte aber meinen Stolz: Ich ſtricke gern! ſagte ich, und blieb ſitzen. Nun floſſen meine Thraͤnen ſanfter und mein Herz ward erleichtert. Onkel und Tante kamen zuruͤck; uͤber Tiſche erzaͤhlten ſie dem Conſiſtorialrath, wie vergnuͤgt ſie heute geweſen waͤren, und dieſer hielt, wie er pflegte, eine ſehr weitlaͤufige, ſchmeichelnde Betrachtung uͤber die„Wonne der ihius. kieheneutiaden hente K— mmchne das Sechstes swyiter. Anfang der geyeimern Geſcicher, Mit jedem Monate wurde mir die Welt, die mich umgab, widriger; und je widriger ſie mir wurde, je mehr entfernete ich mich von ihr, und lebte im meinen Phantaſieen, an welchen ſich allmaͤlig auch meine Gefuͤhle im⸗ mer mehr entzuͤndeten. Meine wachen Traͤume und mein geheimes Sehnen fingen nun an, 88 eine beſtimmtere Richtung zu nehmen. Ich achtete jetzt auf Dinge, die mir vorher ganz entgangen waren. Die aͤlteſte Tochter des Gaͤrtners z. B. wollte heirathen. Ihr Braͤu⸗ tigam war ein huͤbſcher Bauernburſch. Ich lauerte ſtundenlang hinter dem Vorhange, ob er die Braut nicht heute beſuchen wuͤrda; und wenn er kam, ſo wußte ich unter allerlei Vor⸗ waͤnden es moͤglich zu machen, daß ich manche zaͤrtliche Scene zwiſchen dem Paͤrchen unbe⸗ merkt belauſchen konnte. Nach jeder ſolchen Beobachtung fuͤhlte ich meine Einſamkeit noch viel druͤckender; fand alles, was mich umgab, noch viel widriger. Zuweilen uͤberfiel mich ploͤtzlich eine ſo tiefe Schwermuth, daß ich mir den Tod wuͤnſchte. Und doch wußte ich mir ſelbſt durchaus nicht anzugeben, was eihich eigentlich ſo bewege. Meine Pflegaͤltern fanden— es ſei nun hohe Zeit, meine Bildung ſtrenger zu be⸗ treiben. Dem alten Geiſtlichen wurden ſeine Geſchaͤfte zu beſchwerlich; auch waren Onkel und Tante denn doch nicht in dem Maße al⸗ bern, daß ſie nicht eingeſehen haͤtten, ich — 39 beduͤrfe noch gar manches Unterrichts, den mir weder der gute Alte, noch ſie ſelbſt zu geben im Stande waͤren. Man wollte eine franzoͤ⸗ ſiſche Gouvernante annehmen. Dieſe Weſen waren aber damals nicht ſo gaͤng' und gaͤbe, als jetzt, und uͤberdies noch in hohem Preiße. Endlich fand ſich folgende Auskunft. Der Con⸗ ſiſtorialrath hatte einen Neffen, der vor kurzem mit den ausgezeichnetſten Empfehlungen ſeiner Lehrer von der Akademie abgegangen war. Dieſen ließ man kommen, meine Bildung fort⸗ zuſetzen, und zugleich den alten Herrn in ſei⸗ nem Amte als Prediger zu unterſtuͤtzen. Da man ihm das Verſprechen ſchriftlich gab, er ſolle einmal ganz in dies Amt ruͤcken, nahm er den Antrag an, und begnuͤgte ſich mit dem unbedeutendſten Gehalte. So und Siha ge⸗ holfen, glaubte man. Herr Theodor Willich war ein ſcho⸗ ner, durch Wiſſenſchaften und den beſten Um⸗ gang gebildeter Mann. Beides leuchtete zu ſehr hervor, als daß man ihn nicht mit Ach⸗ tung und einer gewiſſen Scheu haͤtte behan⸗ deln ſollen; ſeine Beſcheidenheit und freund⸗ 90 liche Gefaͤlligkeit machten aber, daß man ſich durch ſeine Ueberlegenheit nicht gedruͤckt fuͤhlte und ihn deſto williger auszeichnete. Er uͤber⸗ ſahe die Verhaͤltniſſe gar bald, brachte zuerſt einiges Leben in unſer Haus, wobei ſich alle wohl befanden, und wußte ſich durch kluges Benehmen bald zum Herrn deſſelben zu machen, ohne daß es jemand bemerkte oder es im min⸗ deſen uͤbel aufnahm. 196 Iin Ich betrachtete ihn anfaͤnglich mit Schuͦch⸗ ternheit und ziemlich gleichguͤltig. Da er jedoch ſo aufrichtigen Antheil nahm— an mir, die ſonſt Niemand eines herzlichen Antheils wuͤr⸗ digte; da er durch Unterricht und Umgang mei⸗ nem Geiſte eine beſſere Nahrung, meinem Her⸗ zen eine ſchoͤnere Richtung gab: ſo faßte ich Zu⸗ trauen zu ihm. Bei aller Unbefangenheit in ſeinem Betragen, ging er doch in allem behut⸗ ſam. So mußte er denn freilich fuͤr gerathen finden, Alle, und auch mich, bei dem Schein von vertraulicher Annaͤherung, doch entfernt zu halten. Darum empfand ich auch mein Zutrauen zu ihm weit mehr, als daß ich es haͤtte aͤußern koͤnnen. Man verſtehe mich —— aber nicht falſch: in einige Verbindung mit jenen geheimern Ahnungen in meiner Seele brachten ihn ſelbſt meine ſtillen Wuͤnſche und Traͤume nicht. Er gab mir weit mehr Beſchaͤf⸗ tigungen, als ich bisher gehabt hatte, und dieſe Beſchaͤftigungen waren mir angemeſſener, waren mir willkommen: das fuͤllete meine Ein⸗ ſamkeit meiſtens aus, erheiterte mich, und machte mir das Leben wieder lieb. Nur ſelten, in einzelnen— beſonders in ſchoͤnen Abendſtun⸗ den kehrte jene ſchwermuͤthige Sehnſucht, dann aber auch deſto ſtaͤrker zuruͤk.. — . Eans Siebentes Kapitel. Fortſetzung der geheimern Geſchichte, wahrſcheinlich nur meinem Geſchlecht ganz 3 verſtaͤndlich. Nach einem halben Jahre ohngefaͤhr fing ich an zu kraͤnkeln, und fuͤhlte mein ganzes in⸗ neres Weſen ergriffen, ſeltſam gereizt, und wie verwandelt. Alle Bitterkeit verſchwand aus meinem Herzen. Eine Weichheit und Milde 92 gegen Jedermann, ohne Ausnahme,(ſelbſt gegen Thiere,) die bis zur hingebenden Schwaͤ⸗ che ging, nahm mich ein. Eine, nicht mehr ſchmerzende, ſondern unbeſchreiblich wohlthuende Wehmuth verließ mich, wenn ich allein und nicht zerſtreuet war, faſt gar nicht mehr. Die ganze Natur nahm fuͤr mich eine andere Geſtalt an; und wovor ich tauſendmal gleichguͤltig vor⸗ übergegangen war, das wurde mir jetzt wichtig, und ſchien mir eine geheime Bedeutung zu ha⸗ ben. Ich konnte, um dieſe zu erforſchen— was mir jedoch nie gelang— zu halben Stun⸗ den einen bluͤhenden Roſenſtrauch oder meine Tauben beobachten. Es war mir, als ob die Roſen wie die Tauben lebten, und beide empfaͤn⸗ den, wie ich; als ob Ein Geiſt der Milde und Guͤte in allem wohne—— Ich hatte bisher, ohne wahre Theilnahme des Gefuͤhls, von Gott ſprechen, Kirchenlieder ſingen, Andachtsbuͤcher leſen koͤnnen: jetzt ging mir bei dem Gedanken an Gott, oder bei Andachtsuͤbungen, zuweilen ein Himmel beſeligender Gefuͤhle auf. Aber dazu mußt' ich allein ſeyn, und das Sprechen mit Andern uͤber jene Gegenſtaͤnde ſonderte ſich 93³ ganz von jenen ſtillen Betrachtungen ab, und ließ mich, nach wie vor, kalt. Ich verbarg ſogar vor Jedermann, wie wahrhaft fromm und religioͤs ich jetzt war, und verbarg es mit Scheu und Aengſtlichkeit. In der Einſamkeit betruͤbte ich mich aber oft bis zum Zagen und Verklagen meiner ſelbſt, daß mein Herz noch viel zu hart ſei, um genug an Gott und dem Guten zu hangen—— Ich nahm wenig Nahrung, n und zedurfte⸗ nicht mehrerer. Ich ſchlief wenig, und doch war mir's genug. Ich hatte mich ſonſt wol fluͤchtig erfreuet, wenn ich meine rothen, vol⸗ len Wangen im Spiegel erblickte; jetzt fuͤhlte ich mich immer matt und ſchwaͤchlich, und doch war mir's lieb. Ich ſahe meine Farbe erbleichen, und doch bemerkte ich's mit Wohl⸗ gefallen.—— Die nun verheirathete Gaͤrt⸗ nerstochter kam in ihr erſtes Wochenbett: mei⸗ ne ganze Aufmerkſamkeit war, bis zur Begier, auf dies Ereignis geſpannet. Ich hielt das Kind zur Taufe: mein Pathchen entzuͤckte mich. So oft es moͤglich war, ſtahl ich mich zur Woͤchnerin, brachte ihr, was ich von —ð-⸗-— 94— Leckereien bekam oder bei Seite zu bringen verſtand, und trug mich froͤhlich mit dem Kinde, wo ich ſein nur habhaft werden konnte——. Ich fing auch an zu bemerken, daß Onkel und Tante doch nicht ganz Unrecht haͤtten, wenn ſie mir vorwarfen, ich halte nichts auf mein Aeußeres. Ich kleidete mich nun ſorg⸗ faͤltiger, waͤhlte bei meinem Putz, anderte, beſſerte daran oft und gern, ſuchte gewiſſe Vorzuͤge meiner Geſtalt, wofuͤr ich jetzt erſt Aufmerkſamkeit und Sinn bekam, auf, und bemuͤhete mich, ſie durch meine Kleidung, ſo weit Unſchuld und wahre jungfraͤuliche Sitt⸗ ſamkeit es verſtatteten, geltend zu machen. Ich wachte uͤber meinen Gang und alle meine Bewegungen, uͤber meine Sitten, meine Aus⸗ druͤcke, ſogar uͤber meinen Sprachton und Dialekt. Ich wollte durch alles das gefallen, durchaus aber, ohne Jemand zu haben, ja auch ohne mir beſtimmt Jemand zu wuͤnſchen, dem ich gefallen wollte—— Meinen Pflegaͤltern entging das nicht ganz: ſie waren zufrieden und benahmen ſich guͤtiger gegen mich. Jetztafreuete mich das unge⸗ mein, und ich ſah' ihnen alles an den Augen ab. Sie bemerkten aber auch mein Kraͤnkeln, obſchon ich nie klagte, ſondern es moͤglichſt ver⸗ heimlichte. Die Tante ſprach mit mir: aber ſo gut ichs jetzt mit ihr meinte, ſo unmoͤglich war mir's doch, mich hieruͤber mit ihr ein⸗ zulaſſen. Eine geheime, fremdartige Macht ſchien mich abzuhalten. Man ließ einen ge⸗ ſchickten Arzt aus der Stadt kommen. Er fragte— es war mir unmoͤglich zu antwor⸗ ten, außer, ich beſinde mich wohl. Man ließ mich nun gehen; auch Er fragte nicht mehr und reiſete zuruͤck. Das war mir ſehr lieb, denn ſeine Gegenwart aͤngſtigte mich., Seltſam war es, daß ich mich nach eini⸗ ger Zeit denn doch zuweilen dabei uͤberraſchte, und zwar zu meinem nicht geringen Schrek⸗ ken— wie ich mir„einen Freund“ wuͤnſchte, mit dem ich ſchwatzen, leſen und ſpazierengehen koͤnnte. Eine Freundin mir damals gewuͤnſcht zu haben, erinnere ich mich⸗ nicht: nach dieſer lernte ich mich weit ſpaͤter ſehnen. Herr Willich war nun zwar ſoleh ein 96 Freund, und ich ſchwatzte, las und ſpazierte mit ihm allerdings, und ſo oft ich wollte: aber— es ſchien mir doch nicht das rechte. Der Gedanke kam öfter wieder: nun erſchrak ich weniger, und ſing an, mir das Bild des vermißten Freundes auszumalen. Erſt ver⸗ ſuchte ich das mit ſeiner Seele: ſie wurde der meinigen ſehr aͤhnlich, nur gefaßter und etwas heroiſch. Dann kam ich an ſein Aeußeres: das glich dem meinigen weniger, gefiel mir aber darum gar nicht minder. Mein Freund war anfaͤnglich nur ein wenig groͤßer und ſtaͤrker, als ich, und auch nur von meinen Jahren; aber er wuchs viel ſchneller, ſo daß er ſchon nach einigen Monaten in ſtattlicher Laͤnge und faſt maͤnnlichem Anſehen vor mei⸗ ner Phantaſie ſtand. Aber gut— o ſeelen⸗ gut blieb er, und zart, wie ein Taͤubchen, ohngeachtet er ſich zum raſchen Taͤnzer, kuͤh⸗ nen Ritter u. dgl. ausbildete. Das wunder⸗ lichſte bei der Sache war, daß ich alle ein⸗ zelne Theile ſeiner Geſtalt ziemlich genau kann⸗ te, und daß ſie mir doch kein vollſtaͤndiges Bild des Ganzen gaben. Ich konnte es 92 ſchlechterdings nicht weiter bringen— und gab mir doch, wie man denken kann, nicht wenig Muͤhe— als zu ſehr unbeſtimmten und uͤber⸗ dies wandelbaren, bald ſo bald anders ſich ord⸗ nenden Umriſſen ſeiner ganzen Geſtalt. Aber ſo weit kam es wirklich mit mir, daß ich mir zuweilen einbildete— z. B. wenn ich allein im Garten ging— er muͤſſe hinter dem Fliederſtrauch ſtehen oder hinter der Buchen⸗ hecke lauſchen. Ich fuͤrchtete mich dann vor⸗ uͤberzugehen, ging aber endlich doch, und wenn nun nichts rauſchen, nichts hervorſtuͤrzen woll⸗ te, warf ich wol ein Blickchen verſtohlen da⸗ hinter, ob ich mich geirret habe, wollte aber durchaus immer dabei ausſehen, als fuͤhre mich nur der Zufall voruͤber und ich ſehe nach gar nichts.— Ich war nun vierzehn Jahr. Die Toch⸗ ter des benachbarten Edelmanns hatte Hochzeit. Wir waren dabei. Ich fuhr mit meinen Pflegaͤltern. Die Trauung erſchuͤtterte mich in der tiefſten Seele, ſo daß ich meine Thraͤ⸗ nen kaum zuruͤckhalten konnte. Ueber Tiſche J. f. J. V. H. 7 98 war ich zerſtreuet, dann tanzte ich viel und mit ungewohnter Heftigkeit. Wir fuhren ſpaͤt nach Hauſe. Ermuͤdet legte ich mich ſogleich nieder und entſchlief auch ſogleich. Nach eini⸗ gen Stunden erwachte ich. Ich befand mich ſehr uͤbel, aber ich war auch ſo matt und ſo betaͤubt, daß ich nicht aufſtehn, Niemand ru⸗ fen konnte. Eine Quaal, wie aus Koͤrper⸗ und Geiſtesſchmerz zuſammengefloſſen, uͤberfiel mich und vermehrte meine Betaͤubung, waͤh⸗ rend ſchreckliche Bilder ſich vor meiner Phan⸗ taſie durchkreuzten: und dennoch uͤberließ ich mich dieſem allen gern— Nur ſpater, in den Stunden, wo ich Mutter wurde, empfand ich etwas aͤhnliches— Ich ſank wieder in Schlaf: mir wurde beſſer, freundlichere Phan⸗ taſien beſchaͤftigten mich. Ich erwachte am Morgen ſpaͤt: mir war wohl, ich fuͤhlte eine ſuͤße Ermattung. Noch liegend rief ich die einzelnen Zuͤge meines ertraͤumten Freundes zuruͤck: ploͤtzlich vereinigten ſie ſich, und er ſtand zu meinem freudigen Erſchrecken vor meiner Seele— Ich erkannte den ſtattlichen Theodor. 99 Ich ſtand auf: mir blieb wohl, aber ich war— wie in dieſer Einen Nacht m um einige Jahre aͤlter Lolvorden. 3 Ende des erſten Buchs.*) *) Ich werde das kleine Ganze in dem erſten Jahrgange dieſes Journals beendigen, wenn auch nicht in den unmittelhar folgenden Heften. Ich darf ja wol den meiſten Leſerinnen zutrauen, ſie betrachten dies Journal nicht wie wir eine Zei⸗ tung, die von uns durchgelaufen, und vergeſſen wird, ſobald wir ſie aus der Hand legen. Die Verf. 100— Die Dryaden. Elegie. Alſo find' ich euch wieder, ihr holden Gefilde? wo iſt er, Der ſich hier ſaͤuſelnd erhob, euer ambro⸗ ſiſcher Hain? Wo die Erlen am Strom? die ſilbernen Pappeln? ach, ſtreckt ihr, Suͤße Birken denn nicht zaͤrtlich die Arme mir mehr? Wie ſo luftig ſie ſind, wie taͤuſchend, die Traͤume der Hoffnung! Freudig vom dumpfen Gelaͤrm eilt' ich der Gaſſen heraus; Euch zu finden, ſo hofft' ich, im Arme des Fruͤh⸗ lings, mit lichten Kraͤnzen umwunden, und hold glaͤnzend im braͤutlichen Schmuck. 101 Ja, ihn fand ich, den Lenz! er ſchwebt in der 1 Blaͤue des heitern Himmels und laͤchelt im Strahl milderer Sonne herab: Aber die Truͤmmer nur ſieht er der lieblichen Schattengewoͤlbe, Nicht mehr durch Gitter von Laub wallet das goldene Licht! Wie ein Tempel, den einſt die Goͤtter bewohnten, in oͤden Truͤmmern lieget— zerſtuͤckt ragen die Saͤu⸗ 3 len hervor. Alſo ſchimmern auch hier nur ſelten aus niederm Gebuͤſche Weiße Staͤmme; es ſind trauernd die Goͤtter entflohn! Nicht entflohen! ach nein: ſie ſind geſtorben, — die holden, Schoͤnen Dryaden, die hier wohnten in hei⸗ liger Nacht! Jene moͤrdriſche Art, die euch, ihr Baͤume, zu Boden 1 Stuͤrzte, den Gottlichen auch hat ſie das Leben geraubt! 102— Alſo betrog ſie mich nicht, die naͤchtliche Him⸗ melserſcheinung Voriges Herbſtes? ſo hat, ach, ſich die Ahnung erfuͤllt? Eine Goͤttin des Hains ſtand vor mir; ſie neigte ſich traurig Ueber mein Lager, und ſprach, leiſe, wie Luͤftchen im Rohr— (Nimmer vergeß' ich der Stimme, der ſüßen) Du ſchlummerſt, Louiſe? Schlummerſt, da ſchon des Tags heilige Klar⸗ . heit erwacht? Haſt du denn unſer vergeſſen, die immer als Schwe⸗ ſtern dich liebten; DOft dich vor brennender Glut ſchützten im 1 kühlenden Schooß? Die dir aus luftigen Zweigen Begeiſterung rauſch⸗ ten? gedenkſt du Nicht der Trennung, die bald grauſam der Winter uns droht? Wie? und wollteſt du nicht noch einmal die Scheidenden grüͤßen? Nicht noch einmal im Schmuck ſauſelnder Locken uns ſehn? 103 Ach, was giebt nicht ſonſt ein Liebender, ſeiner Geliebten Schatten zu zaubern! im Bild haͤlt er die Fernen zuruͤck! Aber dein Buſen iſt kalt: es ruht dein Griffel— und ſind wir Nun geſchieden, ſo mahnt nichts an die Freunde dich mehr. Stirbt die Liebe ſo bald, die Sehnſucht, im menſch⸗ lichen Herzen?— Siehe, zum Abſchiedsfeſt ſchmuͤckt ſich der herbſtliche Tag! Blau iſt und heiter der Himmel, kein Woͤlkchen um⸗ zieht ihn; die Sonne Wallet vom öͤſtlichen Thor golden und ſtrah⸗ 4 lend herauf; Und du ſchlummerſt noch hier? O, eile! bald wird uns der Winter Trennen, wir ſcheiden auf lang— ach! wol auf ewig von dir!— Ihre Stimme verlor ſich in leiſes Seufzen, wie ferner Blaͤtter Gelispel; nur noch hort' ich den ſter⸗ benden Ton. 104—— Auch ſie ſelber zerfloß, die liebliche Bildung, im Nebel, Ach! und ihr himmliſches Aug' ſah' ich mit Thraͤnen gefuͤllt. Aengſtlich riß ich mich auf: da flammte der Pur⸗ pur des Morgens Schon durchs Fenſter, ich warf ſchnell die Gewaͤnder um mich, Nahm die Kreide und nahm ein fliegendes Blatt, die geliebten Formen zu faſſen, den Hain und den umwal⸗ deten Strom. Alſo verſehen enteilt' ich der Stadt, und kam in die Gegend, Wo der liebliche Hain dort am Geſtade ſich hob. Alles ſtrahlte vom Licht der Morgenſonne. Zum Sterben Hatte mit feſtlichem Schmuck noche die Natur ſich geziert; Hatte den thauigen Hain mit Gelb und gluͤhender Roͤthe ebergoſſen, die noch freudig das Gruͤne durchbrach. — 105 Farben wallten in Farben. Mit purpurnen Kraͤn⸗ zen der Buͤſche Waren die Felſen und war glaͤnzend das Ufer umhaͤngt. Meine Seele beruͤhrte Erinnrung, und wie hier das friſche Gruͤn mit ſchmelzendem Gelb wechſelt' und 1 herbſtlichem Roth, So auch laͤchelte mir aus Bildern vergangener Freuden— Fernher das heitere Bild kuͤnftiger gluͤcklicher Zeit. Muthiger nahm ich die Kreide: die holden Geſtal⸗ ten, ſie gingen, Fluͤchtig wie Schatten, hervor auf dem gefaͤl⸗ ligen Blatt. Aber mein Buſen ſchlug hoch, kaum konnt' ich es enden; heruͤber Weht' es vom Haine ſo ſuͤß, wehte ſo ſeh⸗ nend mich an. Ich durcheilte die Wieſen und nahte dem heiligen Schatten, Wo ich ſo wohl im Gebiet freundlicher Geiſter gewohnt. 106— Ach! da war es als bebten die Zweige mir zaͤrtlich entgegen, Und von den Wipfeln des Hains rauſcht' es mir klagend herab. Wunderbar fuͤhlt' ich mein Innres bewegt, von heimlicher Wehmuth Schwoll das Herz mir und kaum hielt ich die Thraͤnen zuruͤck.—— Wie? das waren ſie alſo die Gruͤße des Abſchieds? 1 das leiſe Bläͤttergelispel— es ſprach darum ſo zaͤrtlich mich an?— Suͤße Freunde, wir ſehen nun nimmer uns wieder? ich werde Nicht mehr ruhen bei euch in der ambroſi⸗ ſchen Nacht? Nicht mehr werdet ihr mir Begeiſtrung aus luftigen Zweigen Gießen, und nicht mehr ins Herz ahnende Traͤume mir wehn?— O wie werth iſt mir nun der Schatten von euren geliebten, Holden Geſtalten, den dort ſchwach nur mein Griffel entwarf! 107 Feiernd will ich ihn jetzt mit Bluͤthen bekraͤnzen, ihn vor mein Lager haͤngen, daß mich taͤuſche das freund⸗ liche Bild. Euch dann glaub' ich zu ſehn mit jedem Erwachen: es regen Sich die Blaͤtter, es bebt noch mir zum — Ohre ſo ſuͤß Euer Gelispel; wir ſprechen noch immer liebend einander— Schaffet die Sehnſucht denn nicht ſelber das Tcodte belebt? Alſo noch dauert ihr fort im Herzen der Freundin. . Es konnte Nicht der grauſame Tod trennen das zaͤrtliche Band. Nimmer erſtirbt die Liebe, die Sehnſucht, im menſchlichen Herzen: Was ſie umfaßte, bewohnt ewig die liebende Bruſt. Louiſe Brachmann. 10 8—— Fabel n. Der Kirſchbaum. An einen Felſen gelehnt, breitete ein junger Kirſchbaum ſeine Arme zutraulich der erquik⸗ kenden Mittagsſonne entgegen, waͤhrend der Fels ihn vor dem rauhen Nord ſchuͤtzte. Seine gluͤckliche Lage verleitete ihn, ſich ſelbſt beſſer und kraͤftiger zu duͤnken, als die andern ſeines Geſchlechts in der Naͤhe. Sein Glaube wurde zum uͤbermuͤthigen Selbſtvertrauen: ſo gab er den Lockungen einiger ſchoͤnen Tage nach und oͤffnete ſeine Knoſpen vor der wah⸗ ren Bluͤthenzeit. Sie ſchwollen, ſie dehnten ſich um die Zweige, bedeckten ſie mit ihren Bluͤthenkraͤnzen: der Wanderer verweilete ent⸗ zuͤckt bei ihnen. Stolz ſchauete er nun auf ſeine Bruͤder—. Ich beklag' euch, ſagte er; aber helfen kann ich euch nicht. Es iſt euch nun einmal nicht verliehen, euch ſo fruͤh zu entwickeln, und den 109 Menſchen mit unverhoffter Freude zu uͤberra⸗ ſchen! Sei unſertwegen unbekuͤmmert, antwortete ein aͤlterer Baum; es iſt wol fuͤr dich mehr zu ſorgen, als fuͤr uns! die Zeit wird's lehren. Sie beneiden mich! dachte der bluͤhende Baum, und blickte veraͤchtlich ſchweigend um⸗ her.— 4. Ueber Nacht brauſete ein kalter, ſchneiden⸗ der Wind daher, ſchuͤttelte die zarten Bluͤthen herab und wehete ſie weit, weit weg. Der Baum hatte nicht Kraft, ſie feſtzuhalten; ſeine Klagen fuͤhrten ſie nicht zuruͤck. Gegen Mor⸗ gen ſchwieg der Sturm. Der Baum bot alles auf, die Ueberreſte ſeiner Schoͤnheit zu nuͤtzen und doppelt geltend zu machen: aber der Himmel ſtreuete ſeine weißen Flocken aus, und Niemand bemerkte nun die Bluͤthen. Am Abend kehrte der Sturm zuruͤck: da ſielen alle Bluͤthen des Kirſchbaums zur Erde: er ſtand ungeſchmuͤckt und auch ſeine Kraͤfte waren da⸗ hin. Als nun der May die andern Baͤume mit herrlichen, geſunden Bluͤthen zierete und die Menſchen entzuͤckt bei ihnen verweileten, 110—— ſtand er beſchaͤmt und kraͤnkelnd— das aͤrm⸗ liche Laub konnte ſeine Bloͤße nicht decken.— Das Veilchen. Der Fruͤhling hatte Felder und Baͤume mit jungem Gruͤn geſchmuͤckt. Ein Veilchen ſtand einſam am klaren Bach und freuete ſich der holden Fruͤhlingsſonne. Am Mittag wurde es heißer: das Veilchen ermattete und ſenkte das Koͤpſchen. Da kam es dem Bach nahe, ſchmiegte ſich an ihn, und wurde eraguickt. Nun wollte es ſeine Bluͤthe entfalten, als ein ſtarker Froſt eintrat, der der Natur den Win⸗ terſchleier uͤber das jugendliche Gewand warf. Das Veilchen blieb nicht verſchont: traurig ſanken ſeine erſtarreten Blaͤtter nieder. O du weißt, was dir dienet! dacht' es, und tauchte wieder in den Bach. Doch das Waſſer gefror an ihm. Ach, ſeufzte das Veilchen ſterbend; ſo wird, was einſt mich labete, jetzt mein Tod—!— — 111 Bruchſtuͤcke aus den Briefen und dem Leben der Ninon de Leneclos. Fortſetzung. 1 Ninon an Villarceaux. Marquis, ich wiederhole, was ich geſtern Abend ſagte: ich bin unzufrieden mit Ihnen. Wozu Verſtellung? warum mich täuſchen wol⸗ len? Untreue betruͤbt, aber Mangel an Zu⸗ trauen kraͤnkt. Wirklich, ſo verlieren wir beide: unſfre Verbindung wird gezwungen— damit verliert ſie allen Reiz. Erklaͤren Sie mir nur dies hartnaͤckige Verſtecken! Warum mir ableugnen, was ich weiß? weshalb eine Rolle uͤbernehmen, die Ihnen nicht natuͤrlich iſt? Gehen Sie doch— Sie koͤnnen nicht falſch ſeyn; denn wenn Sie es verſuchen, ge⸗ raͤth es Ihnen ſo allerliebſt linkiſch, daß man 11² Ihnen danken moͤchte. Zum Beiſpiel, fuͤr ihren Unwillen gegen Mere! Seyn Sie nur nicht boͤs, daß Ihr Aerger mir ſo vielen Spaß macht! Sie ſchwoͤren, daß ſie eher an alles, weit und breit, denken, als an die d' Au⸗ bigne, und fragen doch ſo naiv, ob ich wol glaube, daß ſie an Mere Geſchmack finden könne— beides in Einem Athem. Wie die liebe Natur ſpielt! Waͤre ich rachfuͤchtig, ſo ſagte ich: Freilich iſt er ein gefaͤhrlicher Ne⸗ benbuhler! Ich bin aber eine noch ungeſchick⸗ tere Luͤgnerin: alſo gerade heraus— der iſt nicht furchtbar! Er iſt ja kein Liebhaber— nur ein liebelnder Philoſoph. Er denkt huͤbſch ernſthaft nach uͤber die Schoͤnheit, die das Gluͤck hat, ihn zu intereſſiren, und huldigt ihr aus der Ferne, wenn er ſie probat gefun⸗ den. Und nun, Marquis, Ihnen ins Ohr: wir Weiber erlauben das dieſen Herrn zwar ſehr gern, aber ſie gluͤcklich machen— das laſ⸗ ſen wir wol bleiben! Man muß Feuer dahin bringen, wo es brennen ſoll. Die Liebe kroͤnt nur den, der um die Krone zu ringen weiß. Auch das tugendhafteſte Weib will gern aus⸗ 113 gezeichnet, aber nie kalt begehrt ſeyn. Alſo getroſt, Marquis: Mere macht Sie nicht un⸗ gluͤcklich! Aber, aber— die ſchoͤne Indianerin!*) Wenn die nun einen Andern liebt, als Sie?— Jetzt geſtanden! heraus mit der Beichte! dieſe verlang' ich von Ihnen, nicht ein Bekenntnis, Sie haben mir Unrecht gethan, und derglei⸗ chen! Geben Sie den Liebhaber getroſt auf, und ſeyn Sie mein Freund. Beſorgen Sie, ich werde mich dann vornehm zuruͤckziehen? Lieber Marquis, wenn ich das nur mit gehö⸗ rigem Pomp koͤnnte! Doch nein, auch dann wuͤrd' ichs nicht. Und darum wollen wir beide ehrlich ſeyn. Eine gewiſſe Art von Gluͤck iſt voruͤber— fuͤr mich und fuͤr Sie voruͤber, denn der Zauber iſt geloͤſ't. Die Liebe knuͤpft die Roſenkette nicht wieder an, die die Zeit zerriſſen hat. Aber laſſen Sie uns darum nicht klagen und pimpeln: der Sommer bringt andere Blumen, wenn die des Fruͤhlings ver⸗ welkt ſind, und er bringt zugleich Fruͤchte. *) Eben die nachher ſo beruͤhmte d' Aubigne. Man ſehe die folgende Aneldote. J. f. F. V. H. 8 114— Ein Thor verſchmaͤhet dieſe, weil ſie nicht jene ſind. Die Freundſchaft iſt die neue Blume, und iſt Frucht obendrein. Wollen Sie ſie nicht brechen? Ich will es! Und glauben Sie mir, ich bin in der Freundſchaft nicht weniger innig, als ich es in der Liebe bin. Leben Sie wohl, Marquis!— Demoiſelle d' Aubigne, die in dieſem Briefe erwaͤhnt wurde, iſt eins der ausgezeichnetſten Frauenzimmer jener Zeit— und zwar ausge⸗ zeichnet durch Geiſt und andere Vorzuͤge, wie durch die ſeltſamſten Schickſale. Dieſe fingen ſich mit dem erſten Augenblicke ihres Lebens an und endigten nicht eher, als mit dem letz⸗ ten. Sie wurde zu Niort im Gefaͤngniſſe geboren, wo ihre Aeltern politiſcher Haͤndel wegen verhaftet ſaßen. In ihrem dritten Le⸗ bensjahre wurde ſie mit dieſen nach Amerika gebracht— daher jener Beiname, der ſchoͤnen Indianerin. Die Aeltern ſtarben dort: ſie kam als eine zwoͤlfjaͤhrige Waiſe zuruͤck nach Paris. Sie war eins der ſchoͤnſten Maͤdchen der Stadt, und heirathete doch in ihrem ſech⸗ 115 zehnten Jahre den alten Scarron, der arm, und von der Gicht obendrein hart geplagt, aber freilich auch einer der witzigſten Koͤpfe und der angenehmſten Geſellſchafter von ganz Paris war. Der gebrechliche, verliebte Braͤutigam ſagte, mit vieler Selbſterkenntnis, am Hochzeittage: Je ne lui ferai pas de sottises, mais je- lui en apprendrai beauconp. Doch ging es mit letzterm uͤber ſein Verdienſt: die d' Au⸗ bigne wurde ein ſehr braves, gutes Weib. Sie wurde im fuͤnf und zwanzigſten Jahre Wittwe. Außer einer Million von witzigen Einfaͤllen, verließ Scarron der guten Frau nichts— denn eine Anwartſchaft auf ſeine Hof⸗ penſion war wirklich nichts. Sie erfuhr das auch, denn die Anwartſchaft wurde nicht hono⸗ rirt. Endlich wurde die ſchoͤne Wittwe durch die beruͤhmte Geliebte Ludwigs XIV, die Frau von Montespan, dem Koͤnig empfohlen. Die⸗ ſer ließ ſie ſich vorſtellen, fand ſie aber ſo ſtreng und kalt, mithin ſo ſehr gegen ſeinen Sinn, daß er ſie nicht beſſer anzuſtellen wußte, als— zur Gouvernante; und zwar zur Gouvernante ſeines natuͤrlichen Sohns, des Duͤe duͤ Maine, 116 den er ſehr liebte. Gerade dieſe Anſtellung war ihr, unter allen moͤglichen, die willkommenſte, und ſie verwaltete ihr Amt ſo treu und weiſe, daß der Koͤnig ſie auf alle Art auszeichnete und mit Geſchenken uͤberhaͤufte. Nachher erhob man ſie zur Hofdame der Dauphine. Nun aber ſahe ſie der, von Alter ſchwach werdende Ludwig oft, und ſie machte auf ihn einen tiefen Eindruck, der wahrſcheinlich durch ungewohnten Widerſtand noch verſtaͤrkt wurde. Sie leiſtete dieſen Widerſtand, bis der beruͤchtigte Beicht⸗ vater des Koͤnigs, la Chaiſe, es ihr zur Ge⸗ wiſſensſache machte, den Koͤnig zu erhoͤren, da⸗ mit ſeine Schwaͤche nicht durch liſtige und bos⸗ hafte Weiber zu ſeinem und des Landes Verder⸗ ben gemißbraucht wuͤrde. Die tugendhafte d'Aubigne wich dieſer Gewiſſensruͤge dennoch nicht, bis la Chaiſe die Auskunft fand und den König beredete, ſich von der Montespan ganz zu trennen und mit der d' Aubigne ſich foͤrmlich im Geheim trauen zu laſſen. Dies geſchahe; und das Wunderliche der Sache wird noch auf⸗ fallender, wenn man ſich erinnert, daß die koͤnigliche Braut eben damals im funfzigſten 117 Lebensjahre ſtand. Daß ſie, ohngeachtet ihres glaͤnzenden Looſes, nicht gluͤcklich war, iſt leicht zu begreifen, und man kann es nicht gleich⸗ guͤltig leſen, wenn ſie daruͤber an eine vertraute Freundin ſchreibt: Welch eine Pein, einen Menſchen amuͤſiren zu muͤſſen, der nicht mehr zu amuͤſiren iſt! Lieber moͤcht' ich todt ſeyn! Schreiben Sie mir nur Neuigkeiten, damit wir nicht vor Langweile umkommen! Und Neuigkeiten ſind das Einzige, womit ſich dieſe erſchoͤpfte Seele noch einen Augenblick feſt faſſen laͤßt u. dgl. Ueberhaupt gehoͤren ihre Briefe unter die ſchoͤnſten, die die ganze franzoͤſiſche Literatur aufzuweiſen hat, und die Leſerinnen dieſes Journals ſollen in der Folge auch von dieſen eine Auswahl uͤberſetzt erhalten. Nach dem Tode des Koͤnigs zog ſich die d' Aubigne mit vielem Anſtand und allge⸗ meiner Achtung nach St. Cyr in die Einſam⸗ keit zuruͤck, errichtete eine milde Stiftung fuͤr arme Maͤdchen, und widmete ſich der Aufſicht des Ganzen und der Bildung der vorzuͤglichſten unter dieſen Kindern. Ihren Reichthum theilte ſie mit den Armen. Sie war der ganzen Ge⸗ à 118 gend eine Mutter von Seiten des Herzens, und ein Orakel von Seiten der Einſichten. Sie ſtarb im vier und achtzigſten Jahre, und unzaͤhlbare Thraͤnen floſſen auf ihr Grab. Ninon an Villarceaux. Sie ſind folgſam, Marquis: das freut mich. Nur weiter auf dieſem Wege: Sie werden gut fahren. Aber nicht weiter in Ihrer Schuͤchternheit in der Geſellſchaft! Wie kommen Sie zu die⸗ ſer? Sie waren ja verlegen, wie ein zwoͤlf⸗ jaͤhriger Knabe, den man Fremden vorſtellt. Ich habe Sie ſchon oͤfter daruͤber ausgeſchmaͤlt: ſeit einiger Zeit wird's aber ſchlimmer mit Ih⸗ nen. Ey ſo werfen Sie doch dieſen Reſt von Furchtſamkeit ab, und ſo ſchnell als moͤglich! Er muß Ihnen in jeder Geſellſchaft ſchaden. Soll Ein Uebel von beiden ſeyn:— lieber noch etwas zu vorlaut, als verlegen! Vom Verlegenen zum Aengſtlichen, vom Aengſtlichen zum Albernen iſt nur ein Schritt: Marquis, nehmen Sie Sich in Acht! 119 Wer iſt in Geſellſchaft am liebenswuͤrdig⸗ ſten? Der, dem es zur Fertigkeit geworden, bei hindurchblickenden Verdienſten, mit der freieſten, natuͤrlichſten Leichtigkeit die ſanfte Grazie der Beſcheidenheit zu verbinden! Frei⸗ lich will das lange geuͤbt ſeyn: doch Ihnen kann's gelingen. Ohne Selbſtvertrauen iſt es aber unmoͤglich. Nun giebt es zwei Quellen des Selbſtvertrauens: Anerkennung des eige⸗ nen Werthes, und gaͤnzliche Gleichguͤltigkeit gegen die Meinungen Anderer von uns. Al⸗ lerdings kann man aus beiden leicht zu tief ſchoͤpfen, und dann wird man zur laͤcherlichen Karikatur. Das iſt bei Ihnen nicht zu be⸗ ſorgen. Aber, wie geſagt, Verlegenheit ver⸗ dirbt alles. Sie vermindert die Mittel zu irgend einem Zweck zu gelangen; ſie verraͤth Blößen, ſelbſt die wir nicht haben, und giebt Andern Vortheile uͤber uns, die ſie nicht ver⸗ dienen. Eine Ungeſchicktheit wollen wir dann verſtecken, und begehen daruͤber tauſend. Der alte d'Albret, einer der liebenswuͤr⸗ digſten Geſellſchafter, ſagte einſt dem jungen Herzog von Rochefoucault: 120— „Freund, Sie treten in der Welt auf und zeigen glaͤnzende Vorzuͤge: ſo macht die Ge⸗ ſellſchaft auch große Anſpruͤche an Sie. Ein Mann, der oft und gern die Koſten der Un⸗ terhaltung traͤgt, der Geiſt mit Grazie ver⸗ bindet— kurz, der liebenswuͤrdige Mann, ſoll, verlangt ſie, auch ſtets liebenswuͤrdig ſeyn. Sinkt er Einmal unter ſich ſelbſt herab — ſie vergiebt es ihm nicht. Darum iſt mein Rath: wenn Ihr Kopf umnebelt, Ihr Herz verſtimmt iſt, ſo bleiben Sie huͤbſch zu Hauſe. So hab' ichs immer gehalten, und ich habe Gluͤck damit gemacht.“— 1 Nun, lieber Marquis, das iſt auch mein Rath. Bekommen Sie wieder Anwandlungen, wie geſtern Abend, ſo brauchen Sie das d' Al⸗ bretſche Hausmittel: bleiben Sie zu Hauſe. Ich habe tauſendmal geſehen, daß in der Ge⸗ ſellſchaft ganz alltaͤgliche Geſchoͤpfchen den Mann von viel Geiſt und großen Einſichten verdunkelten— und womit? mit einer maͤßi⸗ gen Doſis von Unverſchaͤmtheit! und warum? weil jener Mann von Verdienſten ſeinen Schatz unter der Huͤlle aͤngſtlicher Beſcheidenheit ver⸗ 121 barg. Es kann auch in der groͤßern Geſell⸗ ſchaft nicht anders ſeyn. Man liebt hier nur den leichten Genuß, und ſelten intereſſirt ein Mann ſo ſehr, daß man ihn dort ſtudiren, ergruͤnden moͤchte. Ueberdies: Verlegenheit ſteckt an; nun reißt der Faden der Unterhal⸗ tung, endlich auch der, der Geduld— und jetzt fuͤhlt man hoͤchſtens noch ſo was von Mitleiden gegen den Verlegenen: das iſt aber eben nicht ſchmeichelhaft! Man ſoll immer Herr ſeiner Empfindungen und Handlungen, immer den Verhaͤltniſſen uͤberlegen ſeyn— we⸗ nigſtens es ſcheinen: in der Geſellſchaft, die nur nach dem Aeußern urtheilt, iſt das gleich. Es kann keine Situation geben, wo man nicht dadurch ſehr gewoͤnne— beſonders wenn man auch dieſe Herrſchaft mit Gewandtheit und einnehmender Grazie zu fuͤhren verſteht.—— Welch ein Ungluͤck: die Welt verdenkt es dem ernſthaften Marquis, daß er ſeiner Dame den Hof macht! die Welt tadelt es, ſie ſpoͤttelt daruͤber! Nun ja, wenn Sie alles gutwillig tragen wollen, was man Ihnen aufpacken moͤch⸗ te, ſo muͤſſen Sie endlich freilich erdruͤckt wer⸗ den: aber dann geſchieht Ihnen ſchon Recht! Ich dagegen daͤchte, Sie machten's lieber anders! Fuͤhren Sie doch alle dieſe Vorur⸗ 12²2 theile, denen die Geſellſchaft raͤuchert, auf ihren wahren Gehalt zuruͤck; pruͤfen Sie ſie, und damit Sie ſich das erleichtern, gehen Sie auf die Quelle zuruͤck, woraus ſie entſpringen: dann entſcheiden Sie, ob ſie Achtung verdienen. Sie leben in den glaͤnzendſten Zirkeln: dort giebt man den Ton an. Da hat ein gehei⸗ mer Rath von Weibern ein auſteres und des⸗ potiſches Tribunal errichtet; da wird denn in letzter Inſtanz abgeurthelt uͤber alles, was gethan, was geſprochen worden; da wird durch einen Machtſpruch Ruf gegeben oder vernichtet, Achtung zugeſtanden oder genommen, Verſtand dem Thoren und Verdienſt dem Tropf zuer⸗ kannt: kurz, da wird tyranniſirt— aber wer? ein Schwarm von Bethoͤrten, der reſignirend huldigt! Dieſe uͤberſtrengen Richterinnen— wollen Sie ſie naͤher kennen lernen? Sie ſind in der Regel Weiber in den dreißigen, die in ihrer Bluͤthenzeit viel Aufmerkſamkeit fanden, was nun nicht mehr gelingen will, und die ſich nun durch das ein Gewicht geben wollen, was ſie Soliditaͤt nennen. Freilich muͤſſen ſie alles dran ſetzen, um die Vorur⸗ theile, worauf ihr ganzes Regiment beruhet, als Grundſaͤtze aufgeſtellt und anerkannt zu ſehen. Sind ſie in fruͤherer Zeit von ihnen abgewichen, ſo reden ſie davon mit ihren — 123 Verehrern— denn Verehrer wollen ſie noch allzugern haben— als von einem Verdienſte, wenigſtens als von einem Opfer, der Menſch⸗ lichkeit dargebracht. Wollen die Verehrer nicht mehr Stich halten und es wird einſam um ſie her: ſo ſoll das edle Strenge der Sitten heißen, was doch nur Nothtugend iſt. So treffen denn ihre Handlungen mit ihren Aus⸗ ſpruͤchen ſo ziemtich zuſammen: und was thun ſie ſich nun darauf zu gute! Nun geht es an ein Lobpreiſen! nun bekoͤmmt man Ruf! Der Ruf vergroͤßert ſich: er hebt ſie zu den Ster⸗ nen! Niemand darf mehr gegen ſie ſprechen? ihr Goͤttliches iſt uͤber das Urtheil der Sterb⸗ lichen erhaben— Unrecht haben ſie gar nicht mehr! Dieſen Triumph bringen ſie nun alſo zu Stande: Sie waͤhlen ſich aus ihren Zirkeln einen Mann, der ihnen nicht mißfaͤllt, und der gutherzig genug iſt, ſich naͤher an ſie zu ſchließen. Einiges Anſehn muß der Mann haben: uͤbrigens mag er immer ein Narr ſeyn. Eigener Charakter wird an ihm ver⸗ beten, und ohngefaͤhr gleicher Geſchmack mit ihnen zur Bedingung gemacht; uͤbrigens iſt er— wenn man ihnen glauben will— eine ſo edle Natur, daß gar nichts druͤber geht. Er heißt, der Freund:„Freund A.! 124 Freund B.!“ Unter dieſem Namen ſpielt er etwas von Cicisbeo, der allenthalben um ſie iſt. Leute, die ihre Augen haben, koͤnnten ihn fuͤr einen Liebhaber halten: aber, behuͤte! ſolche Damen, und ſolch ein Verdacht!— Dieſen armen Troͤpfen wird nun das Gehirn ſo erhitzt, daß man ſie am Faͤdchen fuͤhren kann, wohin man will. Mit dieſer erhitzten Phantaſie idealiſiren, vergoͤttern ſie nun alles, was ihre Gebieterin iſt und hat, und will, und gewaͤhrt. So gehen die Herren nun hin und verkuͤndigen die frohe Botſchaft von der Hohen und Reinen; und ſo breiten ſie nun auch aus, was die Richterinnen fuͤr Verdam⸗ mungsurtheile uͤber alles ausgeſprochen haben, was von dem Wahne, dem ſie huldigen und verbreitet ſehen wollen, ſich frei erhaͤlt—— Nun offenherzig, Marquis: kann ein Mann, dem noch ſeine fuͤnf Sinne geblieben ſind, ſich ſolchen Luftgeſpinſten unterwerfen? Ich geb' es zu, es iſt nicht leicht, ſich einem ſo wohl berechneten Despotismus zu entziehen: aber eben darum, rathe ich, muß man ihm unver⸗ holen die Spitze bieten!—— Wird fortgeſetzt. Dielaren. Daunus Gemahlin, die ſanfte Venilia, war zu den Schatten gegangen; bald war ſie ver⸗ geſſen, und im Hauſe waltete die Fremde. Juturna, die Tochter des Hauſes, floh voy der eiferſuͤchtigen Verfolgerin, floh vor der Hand des aufgedrungenen Gatten. Niemand begleitete ſie, als der Knabe Turnus, ihr Bruder, und ein alter Diener des Hauſes. Schweſter, rief der zarte Juͤngling, du wirſt verſtoßen; und ich, ich ſollte dich ſchuͤtzen! Schuͤtzen, Turnus, ſollte ich Dich; ich bin die Aeltere! Turnus ſchwieg, auch Juturna. Thraͤnen fuͤllten die Pauſe. Turnus, begann die Jungfrau von neuem, indem ſie den Knaben umarmte, du biſt ſanft, biſt ſo ſchoͤn, du wirſt einſt lieben! J. f. F. VI. H. 1 Lieben, bis zum Tode, und fuͤr die Ge⸗ liebte ſterben! Fleuch die Liebe, du Unerfahrner; ein maͤch⸗ tiger Nebenbuhler raubt dir die Geliebte, nie, nie wird ſie dein! Dann zu den Waffen! Was jener vermag, vermag auch ich! Recht, Turnus! rief der Alte. Ich fuͤhre dich mitten in den Streit, die Geliebte ent⸗ reißen ſie uns nicht, wie jetzt die Schweſter! Du fuͤhrſt ihn in den Streit, guter Me⸗ tiſcus? fragte mitleidig Juturna, ach, wer wird dich aus demſelben fuͤhren? Siehe, von tau— ſend Pfeilen durchbohrt ſinkt der treue Me⸗ tiſcus unter die Todten; ich faſſe die Zuͤgel der Roſſe, mir leihen die Goͤtter des Fuͤhrers Ge⸗ ſtalt, ich bins, ich rette den Bruder! Und ob Juturna mich zehnmal der Wuth des Nebenbuhlers entriß, ſchrie voll Feuer der Juͤngling— doch ſtuͤrzt' ich von neuem ihm entgegen. Turnus! Turnus! rief die weißagende Jungfrau mit bang gerungenen Haͤnden, ja das thaͤtſt du! das wirſt du thun! du faͤllſt! ⸗- ⸗- 2 9o Er durchbohrt dich! Ach fuͤr dich und mich keine Rettung, als dort im Schooße der Goͤtter! Die Geſchwiſter ſanken einander von neuem weinend in die Arme. Ferner Zukunft Vorge⸗ fuͤhl uͤberraſchte ſie; was geſchehen ſollte, ge⸗ ſchah ihnen jetzt. Jetzt, jetzt gaben ſie ſich den Scheidekuß des Todes, den Kuß der Be⸗ willkommnung im Schooße der Goͤtter! Juturna war eine Geweihte, eine Geliebte der Goͤtter vom erſten Hauche des Lebens an. Der Goͤttin des Himmels, der hohen Juno, legte ſie die Mutter bei der Geburt in die Arme. Lueina, die ſie ins Leben begruͤßte, rief alle Goͤtter auf, die Neugebohrne zu be⸗ ſchenken, und gewaͤhrte ſelbſt, als Diana, ihr zum Geſchenk eine Stelle in ihrem Gefolge. Da gab Cypris dem Kinde einen Blick ihrer himmliſchen Augen, Flora die Bluͤthe ihrer Blumen, Pallas die Kuͤnſte des Weberſtuhls, und Apollo einen Ton ſeiner Leyer. Themis, die Goͤttin des Schickſals, die ſo viel Vorzuͤ⸗ gen zuͤrnte, geſellte zu ihnen die traurige Gabe des Vorausſehens in manchen bedenklichen 4 Momenten. So ging in der Folge Caſſandra wiſſend allein unter den Unwiſſenden umher, hoͤchſt elend unter verblendeten Gluͤcklichen; ſo auch zuweilen Juturna.. In jener Stunde der hohen Begebung wars Zevs allein, der dem Kinde nichts ſchenk⸗ te; ſchon ſah er tiefdenkend in ihm die voll⸗ endete Jungfrau, und beſchloß, ihr ſich ſelbſt nebſt der Vergoͤtterung aufzubewahren. Ach Juturna ahnete nicht, wie groß ſie war, wie groß ſie einſt werden ſollte. Jetzt war ſie ganz ungluͤcklich, ganz eine Sterbliche, doppelt ungluͤcklich durch den gefluͤgelten Blick, der ihr die truͤbe Zukunft aufſchloß. Juturna ſtand!— Turnus, rief ſie, bis hieher! Hier laß uns ſcheiden! Scheiden? wohin, du Geliebte? Siehe hier die Quelle, mein Bruder, die den Eingang von dem Hain meiner Goͤttin benetzt! Und ſeh ich nie, o nie dich wieder? Du ſiehſt mich in jenem entſcheidenden Augenblicke, der ſich vorhin dir mahlte! Wenn Tod und Leben auf der Wage liegt, dann 5 wird dir Juturna helfend erſcheinen, es ſen⸗ den ſie dir die Goͤtter! Sie hilft, Geliebter, ſie hilft dir, verſchmaͤhſt du das Leben, im Tode! und dann dort willkommen! willkom⸗ men! Turnus und Metiſcus hatten die Jung⸗ frau verlaſſen, ſie ruhte allein an der Quelle, die den Eingang von Dianens heiligem Hain benetzte. Lara! rufte ſie der Tochter der Na⸗ jade. Hier iſt Juturna, nunmehr ganz dein! Auf! fuͤhre mich zu Dianens Fuͤßen! Wenn Latiums Toͤchter zum jungfraͤulichen Geſchaͤft des Waſſerſchoͤpfens an dieſe Quelle kamen, dann blieb ſtets am laͤngſten Juturna. Einſt als der ſpaͤte Mondſtrahl ſie hier uͤber⸗ raſchte, da geſellte ſich zu ihr Lara, die Toch⸗ ter der Quelle. Sie war eine der Nymfen Dianens, ſie redete mit der trauten Geſpielin von Dianens heiligem Dienſt, und andern himmliſchen Dingen. Beide ſahen ſich hier oft, wenn Juturnen es unter den Menſchen zu bang ward; dann ſchwuren ſie ſich, einſt nie ſich zu trennen. Rufe, rufe mich nur, ſprach Lara, wenn einſt dich die Menſchen verſtoßen. Siehe, dein harret Diana, im Triumf will ich zu ihr dich fuͤhren! Dieſer Augenblick war jetzt gekommen. Lara erſchien auf den Ruf Juturnens, und feſt um⸗ faßt eilten beide zu den Fuͤßen der Goͤttin der Haine. Lara war hoͤherer Abkunft als Juturna, ſie war unſterblich, aber— ſie war nicht ganz ſo edel als ſie. Sie war ſchoͤn wie die Blumen des Ufers, rein und geſchwaͤtzig wie die Welle, aus der ſie entſprungen war; dies war alles, was ſich von ihr ſagen ließ. Himmliſch liebten ſich die beiden Maͤdchen, und nie kam Mißtrauen, nie Zwietracht in ihre Seelen. Zwar Traͤume warnten Juturnen oft, es warnten die Oceaniden, es warnte die Goͤt⸗ tin ſelbſt, der Freundin zuviel nicht zu trauen: aber nur ein Blick in Larens unſchuldsvolles Auge, und der Bund der Freundſchaft wurde von neuem beſchworen. Lara, ſagte Juturna eines Tages, der Traumgott hat mir wieder deinen Namen genannt. Und wie, du Geliebte? ——— — — 4 Wir wanden Kraͤnze fuͤr unſere Goͤttin. Ich waͤhlte die Roſe, die Blume Cytherens, und darum verklagteſt du mich bey Dianen. Wiederum duͤnkte es mir, der Adler Ju⸗ piters pickte Futter aus meinen Haͤnden, und du verriethſt es der Goͤttin. So verklagſt du mich ſtets im Traume, bald habe ich die gold⸗ nen Pfeile zerbrochen, bald die heiligen Hirſche entfuͤhrt, bald die Hand nach dem wachſenden Monde ausgeſtreckt. Juturna! das verhuͤten die Goͤtter! Bleib du der Tugend nur treu, und nie werd' ich wider dich zeugen. Leicht bin ich, und ge⸗ ſpraͤchig, das weiß ich, aber nicht treulos, und ewig wird mein Herz dich lieben. Warnen doch Traͤume auch mich. Dieſe Nacht ſtand ich im Traum am Ufer des Almon; Almon, du weißts, iſt mein Vater. Tochter, ſagte der Flußgott, ſiehe den gehaltenen Lauf mei⸗ ner Waſſer! Sie ergießen ſich in den Strom, in deſſen Fluthen ſich einſt die Koͤnigin der Welt, die heilige Roma ſpiegeln wird. Siehe dagegen das rauſchende Baͤchlein, das aus der Urne deiner Mutter ſtroͤmt; un⸗ 8 bemerkt verrinnt es im Sande!— Siehe, Juturna, ſo traͤumte es mir, und hoher Deu⸗ tung ſind dieſe Worte. Niee vergißt ſie La⸗ runda, denn auch wachend ertoͤnt alſo zu mir die Stimme des liebenden Vaters. So gut Larens Vorſatz war, ſo kam doch bald die Gelegenheit, da ſie ſich anders erwies, als ſie beſchloſſen hatte. In einer ſchwuͤlen Sommernacht, da Cyn⸗ thia mit ihren entzuͤckendſten Strahlen leuch⸗ tete, waren die Nymfen all' um die Goͤttin verſammelt; einige ruhten mit ſanft verſchlunge⸗ nen Armen im Graſe, andere ſtellten ſich zu leichten Taͤnzen, andere unterhielten ſich von Thaten der Jagd. Lara und Juturna ruh⸗ ten heute der ſchweigenden Goͤttin zunaͤchſt, und die immer Sprechende begann: Schön waͤre in dieſer Nacht ein Lied. Juturna ſollte uns mit einer Hymne zum Lobe unſerer Goͤttin erfreuen. Lara, antwortete Daunus Tochter mit Er⸗ roͤthen, ich, eine Sterbliche, wie kann ich die Unſterblichen ſingen?— Sangſt du nicht Cytheren?— Laͤugne es 3 3 —— 9 nicht, Beſcheidene! Es iſt eins deiner ſuͤße⸗ ſten Lieder. Juturna? rief die Goͤttin, die aus ihrer Traͤumerei erwachte; Juturna hat Cytheren geſungen? Juturnens Wangen gluͤhten. Zuͤrne nicht, Goͤttin, ſtammelte ſie; das Lied, das Lara meint, iſt ein altes Lied. Als Daunus meiner Mutter eine Nachfolgerin geben wollte, ſollte ein Myrtenhain ausgehauen, und zum kuͤnſt⸗ lichen Garten gemacht werden. Ich hatte einſt im Gebuͤſch ein Bild der Venus Urania ent⸗ deckt, ich bat fuͤr den Hain und das Bild; ſo iſt das Lied entſtanden. Keine Entſchuldigungen, Juturna! rief die Goͤttin mit ſteigender Empfindlichkeit. Ich will, daß du ſingeſt. Oder glaubt die Sterb⸗ liche, daß ich Venus um ein Lied beneide? Juturna mit gluͤhendem Erroͤthen, doch ohne Verlegenheit, ſtimmte ihre Lyra und ſang: Dir, Dione, unſchuldsvolle, holde, Stille Goͤttin frommer Zaͤrtlichkeit, Dir, die dieſes Haines Dunkelheit 10 Sich zur Ruheſtatt erwaͤhlen wollte, Dir, die gern den Laͤrm der Staͤdte flieht, Dir ertoͤnt mein unentweihtes Lied! Als du mit geſenktem Augenliede Sanft erröthend aus den Fluthen ſtiegſt, Jeden Reiz, womit du uns beſiegſt, Halb verhuͤllteſt, holde Adonide, Dich in deinen Roſenſchleier wandſt, Und in ſuͤßer Einfalt vor uns ſtandſt: Da erfuͤllte ſtaunendes Entzuͤcken Erd und Himmel, Thal und Flur, Sieh! da huldigte dir die Natur! Damals ſahn mit unverwandten Blicken Alle Weſen ſehnend nach dir hin, Und erwaͤhlten dich zur Koͤnigin. Sittſam ſtandſt du mit verſchaͤmten Wangen, Schoͤn in deiner Unſchuld ſtandſt du da, Venus Acidalia. Dich als eine Goͤttin zu empfangen Lud man dich in goldne Tempel ein, Doch du flohſt in dieſen Myrtenhain. I11 Du, die nie ein kuͤhner Blick entweihte, Dring' in ſiebenfache Schatten ein, Dennoch wirſt du Gottin ſeyn! Schoͤnheit, die den lauten Beifall ſcheute, Iſts, der jedes Herz zu Fuͤßen fäͤllt, Iſts, die ewig uns gefangen haͤlt. Niemals toͤn' in dieſen Myrtenlauben, Wo du wohnſt, bey wilder Schwaͤrmerei Der Maͤnaden tobendes Geſchrei! Nur die Stimme deiner Turteltauben, Nur die Lieder deiner Nachtigall Wecken hier den Wiederhall. Und, o Wehe den verwegnen Haͤnden, Die Dionens Goͤtterhain Durch den Prunk der Kunſt entweihn!— Weg mit euren ausgeſchnittnen Waͤnden! Weg mit Marmor, Gold und Pracht, Wo Natur und Unſchuld lacht! — Die Saͤngerin hatte geendet, und die Nymfen, die jetzt alle dicht gedraͤngt um ſie 8 12 ſtanden, horchten noch den verhallenden Toͤnen hin, denn Juturnens Stimme hatte dem Liede himmliſchen Zauber gegeben. Amor, der gern unter den Nymfen iſt, hatte ſie belauſcht, und entfloh voll Entzuͤcken, der ſchoͤnen Sterbli⸗ chen, die ſeiner Mutter mit ſo viel Unbefan⸗ genheit ein Opfer vor den Augen ihrer Fein⸗ din hinleate, den hoͤchſten Lohn zu bereiten. Aber die koͤnigliche Diana, die ſo wenig auf die unſchuldige Saͤngerin zuͤrnen, als ihr ganz verzeihen konnte, erhob ſich und griff nachlaͤßig nach Pfeil und Bogen. Du haſt wohl geſungen, Juturna, ſagte ſie; dies iſt ein Lied, das ich ſelbſt nicht verſchmaͤhen duͤrfte. Juturna war vor ihr niedergeſunken und umfaßte ihre Knie. Wie duͤrfte ich, rief ſie, es wagen, die Konigin des Himmels zu ſingen! Stehe auf, Juturna, erwiederte Diana, indem ſie ſich aus den Armen der Nymfe los⸗ machte, du haſt nicht geſuͤndigt! Lara hatte waͤhrend des Geſanges, und waͤhrend des geſprochenen Urtheils kaum ge⸗ athmet. Mit ſtroͤmenden Augen warf ſie ſich — 13 jetzt ihrer Freundin in die Arme. Ach, rief ſie, dies iſt wieder einer von meinen Strei⸗ chen, die ich ſo oft verwuͤnſche, und ſo oft von neuem begehe! Laß mich, Lara, antwortete Juturna laͤchelnd mit der Goͤttin Worten, laß mich! Du haſt nicht geſuͤndigt! Auch hat es ja gut geendigt, rief die Leichtſinnige, indem ſie vor Freude uͤber die leichte Verzeihung huͤpfte; und gut muß alles endigen, was dich angeht, und dies iſts auch was ich gewußt habe! Ein ſo leicht vergeßnes Verbrechen verſpricht ſchlechte Beſſerung. Herzlich verzieh Juturna, aber doch wars als wenn ſie aufmerkſamer auf die Warnungen vor der leichtſinnigen Freundin wuͤrde. Der Umgang zwiſchen ihr und Laren war nicht mehr ſo innig, ſo ununterbrochen. Juturna ſuchte mehr die Einſamkeit und Stille, und ſie hatte bald wol noch eine Urſache, die Geſellſchaft zu fliehen. Auch Larunda ward immer einſamer; die Nymfen, durch manche Proben ihrer Unbeſon⸗ nenheit, und nun noch durch die letzte furchtſam 14 gemacht, ſlohn die Schwaͤtzerin. Die be⸗ kannte Geſchichte der ungluͤcklichen Calliſto, in welcher Lalara auch die erſte Verraͤtherin ge⸗ weſen ſeyn ſollte, ward wieder hervorgeſucht, und ob man gleich, der heiligen Tugend zu Liebe, den Verrath, an jener begangen, nicht tadeln durfte, ſo ſcheute man doch die Verraͤ⸗ therin. Selbſt Diana zog ſich von Laren zu⸗ ruͤck. Die naͤchtlichen Fahrten nach Latmos wurden mit doppelter Vorſicht angeſtellt; ſtatt des Drachengeſpanns waͤhlte die Goͤttin zwei Feldgrillen, die mit dem heimlichen Geſchwirr ihrer Fluͤgel alles, woruͤber ſie hinzogen, in Schlummer ſenkten, und als Lara, die alles wußte, alles erfuhr, doch einige Worte von einer gewiſſen Selene hatte fallen laſſen, die in der Hoͤle eines gewiſſen Berges in Carien einen gewiſſen Endymion beſuchte, da geſchah es, daß Lalara allemal in dieſen fuͤr Dianens Liebling ſo gluͤcklichen Naͤchten von einem ſo tiefen Schlaf befallen wurde, daß ſie erſt die dritte Morgenroͤthe aus demſelben wecken konnte. Kein anderes Mittel war ja, die Schwaͤtzerin zu ſchweigen! Die Nymfen, die ſie ſchlum⸗ —xx 65 5 1 mern ſahen, gingen leiſe voruͤber, und banden den Zefyrs die Fluͤgel, daß keiner ſie weckte. Dieſer periodiſche Schlaf war fuͤr Larens und Juturnens Schickſal entſcheidend; hoͤret hiervon die Sage: Amor, der in jener Nacht Juturnens himmliſches Lied auf die Goͤttin der Liebe ver⸗ nahm, ſloh zu ſeiner Mutter, ſie zur Dank⸗ barkeit aufzumahnen. Noch, rief er, biſt du ihr ohnedies den Lohn fuͤr dein gerettetes Hei⸗ ligthum ſchuldig. Denke an die Geſchichte, die Juturnens Lied veranlaßte! Die heiligſte deiner Bildſaͤulen ruht, durch die Vorbitte des frommen Maͤdchens geſchuͤtzt, noch in unent⸗ weihten Schatten. Venus ſchwieg mit Erroͤthen.— Juturna war zu ſchoͤn, um ihr Liebling zu ſeyn; ſie dachte an Pſyche, und als Amor ſich erbot, der Nymfe an ihrer Statt mit einem ſeiner Pfeile zu lohnen, da mußte er ihr erſt dieſen Pfeil zeigen, und ganz genau den nennen, den er fuͤr Juturnen und ſie fuͤr ihn verwunden wollte, ehe ſie alles zufrieden war. Die hoͤchſte Eroberung war dem entzuͤckten 16 Eros fuͤr die ſchoͤne Sterbliche nicht zu wich⸗ tig: er waͤhlte fuͤr ſie aus den Vater der Goͤt⸗ ter, und da Venus immer auf der Lauer war, der ſtolzen Juno einen kleinen Verdruß zuzu⸗ fuͤgen, ſo ward die Sache am Ende froͤhlich der Ausfuͤhrung uͤbergeben. Amor hat in ſeinem Koͤcher der Pfeile viel, aber nur wenige, die ganz reine, ganz himmli⸗ ſche Liebe entzuͤnden. Aehnliche trafen den frommen Numa und ſeine Egeria, und aͤhn⸗ liche warens, die Cythere, Juturnen irdiſche Liebe nicht goͤnnend, ihrem Sohn fuͤr ſie und den großen Zevs in die Haͤnde gab. So ent⸗ ſtand ein Buͤndniß zwiſchen dem Gott und der Sterblichen, das ſelbſt Juno mit ihrem Beifall beehrte. Sie war es, die in der Folge die fromme Nymfe bei der Entdeckung ſchuͤtzte, ſie war es, die die Beguͤnſtigte der Goͤtter der Vergoͤtterung entgegen fuͤhrte. Larunda wußte nichts von der Heiligkeit dieſes Bundes; ihn ſelbſt ſollte ihr der Zufall entdecken, der, wie bekannt, mit den Maͤchten des Orkus, die die Freundinnen verderben wollten, immer im Bunde iſt. Von jenem geheimnißvollen Schlummer erwachend, ſah Lara eines Tages Juturnen, die den Feſſeln dieſes Schlafes noch traute, die keine Zeugen ſcheute und keine zu ſcheuen hatte, an dem Arm eines hohen uͤberirdiſchen Juͤnglings wandeln. Von der innigſten Ver⸗ traulichkeit der Wandelnden zeugten ihre Blicke; von der heißeſten Liebe die Worte, die bei⸗ der Munde entſtroͤmten. Lara ſchaute und hoͤrte, und banges Entſetzen befiel ihr jung⸗ fraͤuliches Herz. Sie kannte kein heiligeres Geluͤbde, als Dianens, keine unerlaßbarere Pflicht, als ſcheue Entfernung von jenem ge⸗ faͤhrlichen Geſchlechte, nichts bindenderes, als die Treue gegen die ewig jungfraͤuliche Goͤt⸗ tin!— Liebte ſie Juturnen wie ihr eignes Ich, ſo mußte ſie auch, wie ſie glaubte, mit ihren Vergehungen als mit ihren eigenen verfahren. Keine war, die ſie nicht reuend zu den Fuͤßen ihrer Goͤttin getragen und Ver⸗ zeihung oder Vernichtung willenlos von der Angebeteten hingenommen haben wuͤrde; ſo haͤtte ſie ſich ſelbſt gethan, ſo that ſie auch Juturnen. J. f. F. VI. H. 18—— Sie floh zu Dianens Fuͤßen. Sie zitterte, ſie ſtammelte; endlich wurden der Heißerroͤthen⸗ den Worte gegeben, und ihre lange, unaufhalt⸗ ſam ſtroͤmende, vor dem ganzen Kreis der Nym⸗ fen ausgegoßne Klage ſchloß ſich endlich mit den Worten, in welchen ſie ihre letzte Kraft ausath⸗ mete: Zuͤrne nicht, reine Goͤttin! Juturna hat geſuͤndigt! ich ſelbſt habe es geſehen! Die That iſt geſchehen! Mildere du nun ihre Strafe, oder lieber laß mich fuͤr ſie buͤßen! Vordem folgte der Anklage der armen Calliſto ein ſtrenges Gericht. Damals brach⸗ ten die Nymfen die Beſchuldigte Rache fodernd ſelbſt vor die Richterin, ſie durch den Augen⸗ ſchein zu uͤberfuͤhren. Bey Juturnens Anklage war es nicht ſo: die Richterin ſchwieg voll Beſtuͤrzung und keine Zeugin wollte ſich ſinden. Viele der Nymfen, weitſehender als Almons Tochter, ahneten die wahre Beſchaffenheit der Sache, und Diana, die nicht ohne Unwillen war, daß Zevs, den ſie in der Beſchreibung Larens wohl erkannte, ihr wieder eine Geſpie⸗ lin entfuͤhrt hatte, ward vom Schickſal gehal⸗ ten, entſcheidende Worte zu ſprechen. —— — 19 Alles wozu ſie ſich am Ende ermannen konn⸗ te, war der Befehl, die Beklagte vorzufuͤhren. Er war vergebens. Juturna, von den Goͤt⸗ tern geliebt, die ihre Unſchuld kannten, geſchuͤtzt von der Koͤnigin des Himmels, die hier allein uͤber Verbrechen und Schuldloſigkeit entſcheiden konnte, Juturna war ſchon hinweggeruͤkt, weit uͤber das Gebiet der Maͤchte des Orcus, die keine Vortrefflichkeit unangetaſtet laſſen, hin⸗ auf in die Regionen des Lichts, in die Arme der Goͤttin, die ſie ſchuͤtzte. Mit einem Blicke voll himmliſchen Mitleids ſah ſie an Junos Seite von einer Gewitterwolke herab auf die ungluͤckliche Lara, die der Tugend ein ſchweres Opfer gebracht zu haben glaubte; denn nicht leicht wards der Irrenden, die Freun⸗ din zu verrathen. Und nun ſah' ſie ſich mit dem ſchwaͤrzeſten Verbrechen befleckt!— Noch immer lag ſie faſt vernichtet zu Dia⸗ nens Fuͤßen, noch immer dauerte das Schwei⸗ gen der Richterin und der Nymfen; Blicke des Unwillens fielen von allen auf ſie, und in ih⸗ rer Seele erwachten Vorwuͤrfe und Gewiſſens⸗ angſt, erwachte der ſchreckliche Gedanke: Was 20 haſt du gethan? Du haſt die Freundin verra⸗ then! Jetzt ſchiens, als wenn ein Wort aus dem Munde der ernſten Goͤttin, die zu Gericht ſaß, laut werden wollte; aber ein fuͤrchterlicher Donnerſchlag verſchlagg es. Der Himmel ſchwaͤrzte ſich von haͤngenden Gewitterwolken. Juno ſchwebte mit Juturnen in den heitern Ae⸗ ther hinauf, und Zevs zerſtreute mit flammen⸗ den Blitzen den Kreis, der verſammelt war, ſeine Erwaͤhlte zu richten. Lara glaubte unter den Schlaͤgen des erzuͤrn⸗ ten Himmels zu vergehen. Sie erwachte am Ende aus einer tiefen Betaͤubung. Der Him⸗ mel war rein und laͤchelte gleichguͤltig auf ſie herab, aber rund umher war todte Einſam⸗ keit. Sie rufte die Namen ihrer Geſpielinnen; nur der Wiederhall gab ihre Stimme zuruͤck. Sie ging aus, die Verlornen zu ſuchen, aber ſelbſt die Gegend hatte ſich geaͤndert; hier war kein Hain, hier war keine der heiligen Staͤtten, ſonſt dem Dienſt ihrer Goͤttin gewidmet. Sie wollte Dianens Namen nennen, ein gellendes Geziſch nahm ihr ihn von den Lippen; Jutur⸗ 21 nens Namen— ihr Herz gab ihn mit den er⸗ ſchuͤtterndſten Zuſaͤtzen zuruͤck. Die Erinnyen trieben ſie von hinnen. Sie ſtreifte uͤͤber die ganze Erde, die Verlornen zu ſuchen; ach, was ſie verloren hatte, war die Ruhe ihres Herzens, und nichts gab ſie ihr wieder! O— Goͤttinnen wandern anders als Sterbliche. Die Sage huͤllt die Wanderung Larens in Schleyer. Keiner der heiligen Waͤlder, wo Diana wohnte, war von der Ungluͤcklichen unbeſucht geblieben; die Goͤttin war nirgends. Sie ſuchte ſie an den Altaͤren, wo ſie von Men⸗ ſchen verehrt ward: auch da fand ſie kaum ihr Schattenbild. O heilige Phoͤbe, wie koͤnnteſt du ſeyn, wo Prieſter mit blutigem Schwert an deinen Altaͤren wachten! Sieben Tage weilte ſie bey der Marmorſaͤule Cynthiens, die im freyen Felde, eine Zuflucht aller Weinenden, ſteht; weder Thau noch Re⸗ gen benetzt den heiligen Stein! Ach, Lara, wie 2 82— es ſchien, ganz zur Sterblichen herabgeſunken, fuͤhlte alle Ungemaͤchlichkeiten der Witterung, ohne ſich durch ihre Leiden nur ein Wort von den Unſterblichen zu gewinnen. Und mußt nicht du mich erhoͤren, Mutter der Goͤtter, und auch die meine? Juno! was ich gethan habe, that ich fuͤr dich! Fuͤr dich hab' ich die Freundin verrathen! So weinte ſie im Tempel zu Samos. Tochter des Fluͤßchens Almon und einer Nymfe, von der du nur die Geſchwaͤtzigkeit erbteſt, was du gethan haſt, thatſt du fuͤr dich! Trage nun ſeine Folgen! 5 Dieſe Stimme, wol nicht die Stimme der großen Goͤttin— wie koͤnnten Goͤtter der Elen⸗ den ſpotten?— kam aus Juno's Heiligthum herab, und voll Verzweiflung entfloh Lara. Sie kehrte zu dem ariciniſchen Walde zu⸗ ruͤck, dem Schauplatz ihres ſchuldloſen Fruͤh⸗ lings, und— Turna! Juturna! wiederholte das Echo, Larens alte Freundin, die nie ihr eine Antwort ſchuldig geblieben war. Ach, welcher Troſt konnte in der Erwiederung des kalten, lee⸗ ren Lautes liegen! Die verrathene Freundin, 9 23 die Ruhe des Herzens wollte die Ungluͤckliche wieder haben! und ach, wo ſollte ſie ſie finden? Der erſte Strahl des jungen Mondes wird meine Schweſtern hier wieder verſammeln! ſo troͤſtete ſie ſich. Vielleicht iſt Juturna unter ihnen; vielleicht ſagt wenigſtens eine mir, ob zu dem Ungluͤck, das mich trifft, ich auch das Ungluͤck der Freundin zu beweinen habe.— Ach, wer weiß, in welcher ſchrecklichen Ver⸗ wandlung ſie die Liebe des erſten Gottes— ich, ich verrieth ſie!— buͤßen muß! Man kennt ja Juno's—— Huͤte dich die Goͤtter zu laͤſtern!— rief eine von Larens vormaligen Geſpielinnen, die ſchnell aus dem Schatten hervortrat— und fliehe dieſe Stelle! Siehſt du die ſilberne Sichel des Monds, die uͤber den Schatten heraufſchwebt? Ach, einſt die Verkuͤndigerin meiner heilig⸗ ſten Freuden! Jetzt nicht mehr, Lalara! Die Goͤttin und die frommen Nymfen werden in dieſem Hain ſeyn, aber du nicht! Sage, was ſprechen meine Schweſtern von mir?* 24 Meine Schweſtern, die hohen Oreaniden nennen dich nicht, Lalara! Wo iſt Juturna? 4 Juturna iſt gluͤcklicher als du, und die Nymfen ſind es auch. Die Lauſcherin iſt nicht mehr um ſie, die jeden unſchuldigen Schritt der ſtrengen Goͤttin verrieth. Ach, war auch unſchuldig Calliſto? und ſoll ich um Tugend nicht eifern? Strenge! ſei allezeit auch ſtreng gegen dich ſelbſt, damit nicht die Goͤtter dein lachen! Wiſſe, von nun an verfolgt dich, du Strenge, Verfuͤhrung bis in die Schatten des Orkus. Die Nymfe war verſchwunden, und Lara entfloh voll Berzweiflung. Ein Heiligthum war ihr noch uͤbrig, bei wel⸗ chem nie ein Gott oder ein Sterblicher verge⸗ bens gefleht hat. Ja, ſelbſt Goͤtter forſchen hier nach dem Gange des uͤber ihnen waltenden Schickſals! Fragte nicht hier Cythere, ehe ſie den Bruder des himmliſchen Eros gebar?*) *) Zu ſchön iſt dieſe Dichtung, und, wo ich nicht irre, nicht bekannt genug, um mir nicht eine 25 Im heiligen Hain von Dodona thronte die aͤlteſte Gottheit, die dreimal heilige Themis, die Waͤgerin des Rechts und des Unrechts, ſie, die das Schickſal der Welten und ihrer Goͤtter beſtimmt, die ſie aus der ewigen Un⸗ denkbarkeit hervorgehen ſah. Durch ſiebenfache Schauer drang Larunda zu der Unbegreiflichen. Faſt entkoͤrpert mußte man ſeyn, oder die Schmerzen des Todes erfahren, um ſich der furchtbaren Macht, die hier wohnte, nahen zu duͤrfen, und Lara, ſo ſehr zur Menſchheit her⸗ abgeſunken, mit ſo madShes Schwachheiten der Sterblichen behaftet, war nicht Goͤttin genug, um uhe acen Wege z1 Erfülung ihres Wun⸗ ſches zu gelangen. Was ſie erlitt, verſchweigt die Sage. Doch, ſie litt nicht vergebens; die kurze Erwaͤhnung verzeihlich zu machen. Venus eilte zu dem Orakel der Themis, um zu erfahren, warum der kleine Eros ſo gar nicht gedeihen wollte. Du wirſt, ſagte die alte Goͤttin, ihm noch einen Bruder geben, den du Anteros nen⸗ nen ſollſt. Nur zuſammen gedeihen dieſe Kinder. Liebe ohne Gegenliebe muß vergehen. 26 Mutter aller erbarmte ſich ihrer, und gab Ant⸗ wort auf ihre Fragen. Goͤttin, weinte Lalara, was hab' ich ge⸗ than? Und warum fliehen mich Goͤtter und — Menſchen. Die Goͤtter und Menſchen, ſprach das Orakel, fliehen dich, o Nymfe, weil du kei⸗ nen ganz gehoͤrſt. Deine Abkunft iſt goͤtt⸗ lich, deine Schwaͤchen ziemen nur der Menſch⸗ heit.— Und was du thatſt?— Du glaub⸗ teſt der Tugend zu dienſen, und froͤhnteſt bloß der kleinen Eigenheit deines Weſens. Goͤttin, wo iſt Juturna? 8 Da ihr wohl iſt! Juturna war michts als eine Sterbliche, und nie wollte ſie mehr ſeyn. Ihr Herz war verfuͤhrbar, aber rein blieb es vor den Augen der Goͤtter. Wie ſie die Goͤtter liebte, ſo lieben ſie ſie.— Sie ließ die Tugend nicht fallen, und dieſe hat ſie zur Goͤttin erhoben. Und was bin ich? und was ſoll aus mir werden? Du, Göttin, wirſt wie Sterbliche fallen. Zum Orkus ſinkſt du hinab! Auch er behaͤlt 27 6 dich nicht lange!— Du kehrſt zur Sonne zuruͤkk, und— wirſt bei deinen Kindern wohnen. Ich, Goͤttin, ich wie Sterbliche fallen?— Der Orkus?— Ich kehre zuruͤck?— Ich wohne bei meinen Kindern?— So wogten die Fragen in Larens Innerſten auf und ab, als ſie den Hain von Dodona verließ.— Am unbegreiflichſten war ihr die Wohnung bei ihren Kindern. Sie, die ſtrengſte Nymfe der ſtrengen Goͤttin der Jungfrauen? Sie, die nie den Wunſch oder die Ahnung von muͤt⸗ terlichen Freuden hatte? Sie, die einen ſol⸗ chen Gedanken ſchon fuͤr Verbrechen wider die Treue gegen die Goͤttin wuͤrde gehalten ha⸗ ben?— Nein, nimmer! nimmer! rief ſie im Entfliehen, und Echo, die ewige Jungfrau, ihre Gefreundin, antwortete: Nimmer! Von zwei Dingen uͤberzeugte ſie ſich nach und nach voͤllig, und glaubte ſie durch die Worte des Orakels erwieſen: Juturna ſei todt, und ihr ſei die Unſterblichkeit genommen. Dir die Vergoͤtterung, und mir den Or⸗ kus! rief ſie voll Verzweiflung. O Juturna, 28 ich beneide dir nicht dein glaͤnzendes Loos, aber du, eine Sterbliche, du mußteſt ſterben, um es zu erlangen, und ich, ich Elende, gab dir den Tod! 9 Tod! furchtbare Macht! ich, meiner Vorrechte beraubt, gehe dir ent⸗ gegen! Schon das Grauen vor dir ſagt mir, was Juturna gelitten hat! Mit Recht iſts, daß ich leide! Lara eilte an die blumigen Ufer des Almon, ſie hielt ſich fuͤr ſterblich, und wollte ihr Schickſal beſchleunigen. In den Armen ihres Vaters ſuchte ſie den Tod, aber die Wellen trugen ſie empor, und legten ſie ſanft in den Raſen. Unverſtaͤndlich war ihr das Murmeln des Gottes, der ſeine truͤben Ge⸗ waͤſſer mit traͤgem Schleichen der gelben Tiber zuwaͤlzte, und die Verzweiflung ſeines Kindes nicht zu achten ſchien. Nittlerweile war Larens Endurtheil vom Olymp ausgegangen, und mit blitzſchneller Eile kam die Vollfuͤhrung deſſelben zur Erde her⸗ ab.— Als Lara ſich verzweifelnd wandte, den Tod, den ihr die Wellen verſagten, in irgend einem Abgrunde zu ſuchen, da ſtand 29 ein himmliſcher Juͤngling vor ihr; inniges Mitleid verſchoͤnte ſein bleiches Geſicht, und ſchien ihn ganz zum Menſchen zu machen, indeß ſein ganzes All die Unſterblichkeit aus⸗ ſprach. Sein Anblick gebot der ſcheuen Nymfe Flucht; aber eine leiſe Beruͤhrung mit einem Cypreſſenzweige, den er trug, und ein Wort aus ſeinem Munde hielt ſie zuruͤck. Bleib, Lara! rief er mit ſanften Accenten, dein Ge⸗ ſchick iſts, mir zu folgen. Juͤngling, wer biſt du? fraate Lara, die, feſt von ſeiner Hand gefaßt, zitternd neben ihm ſtand. Dein Freund! antwortete Hermes, indem er ſie leiſe davon zu fuͤhren begann. Freund der Freundloſen! biſt du der Schlaf? Ein ſanftes Einſchlummern aller bit⸗ tern Gefuͤhle empfinde ich, ſeit mich der Zweig in deiner Hand beruͤhrte. Der Schlaf bin ich nicht, doch ſenden mich dir die Goͤtter. Biſt du der Tod? fuhr ſie mit einem 30 leichten Schauer fort. Doch waͤrſt du der Tod, ich wuͤrd' ihn ſo ſehr nicht ſcheuen. Der Tod bin ich nicht, doch fuͤhre ich zu den Todten. Juͤngling! gehoͤrſt du zu den Gluͤcklichen des Himmels? Du ſiehſt. ſo bleich und traurig! Nicht ganz gluͤcklich bin ich, ſeit ich dich ſah! Juͤngling, wo fuͤhrſt du mich hin? In die Thaͤler des Schweigens! Ver⸗ ſtumme, Lara! Ein jedes deiner Worte er⸗ ſchwert mir die Vollziehung meiner Pflicht. Und Lara ſchwieg, auch kamen ſie bald in Gegenden, wo Schweigen Nothwendigkeit war. Daͤmmernde Schatten umfingen ſie, und eine Luft athmete hier, die keinen Seufzer hoͤrbar werden ließ, viel weniger Worte. Dies, dies ſind die Thaͤler des Schwei⸗ gens, von denen er ſagte, ſprach Lara halb⸗ traͤumend zu ſich ſelbſt; wo ſie doch enden werden? Oder iſt dies der Weg zum Orkus? Sie fuhr auf bei dieſem Gedanken. Aber bald beruhigte ſie ſich wieder bei einem ſeiner milden, mitleidigen Blicke. Ihre Augen ſchloſſen ſich, ſo wie ſie im im⸗ mer feſter umfaſſenden Arm des ſanft leitenden Goͤtterbotens dahinging. So wie ihre Augen, ſo ſchloſſen ſich auch die Wunden ihrer Seele: ihr war nicht wohl, nicht weh, in dieſen wun⸗ derbaren Minuten. Nur zuweilen war's, als bebte ein ſchnelles Schrecken, von dem ſie ſich keines Gegenſtands bewußt war, durch ihr Innerſtes. Und iſt dies vielleicht der Acheron? fragte ſie ſich wieder, indem ſie ſchnell die ſchweren Augen oͤffnete und in der duͤſtern neblichen Gegend umherſah. Himmelhohe Gebuͤrge thuͤrmten ſich zur Seite des immer ſchmaͤler werdenden Pfades auf. Dieſer Himmel, den man kaum noch erblickte, ſandte ohnehin kein Licht herab, und alles Licht, das auf dem vor losgeriſſenen Fels⸗ ſtuͤcken kaum gangbaren Wege leuchtete, ſchien allein von ihrem Fuͤhrer auszugehen. Der Fluß, den ſie in truͤbem Daͤmmerungsſcheine blinken ſahe, waͤlzte ſich aus neblicher Ferne mit traͤgen Fluthen herbei, und draͤngte ſich am Ende ſchneller, mit einem Brauſen, das 32— ſie nur dachte, nicht vernahm, in eine ſchauer⸗ volle Höle, welcher ſie ſich jetzt naͤherten, und in welche nieht zu gehen, der Macht des ſie gewaltig Umfaſſenden nicht zu weichen, die ſchwache Wandrerin ihre letzten Kraͤfte an⸗- ſtrengte. Es waren die Kraͤfte einer Entſchlum⸗ mernden. Hermes druͤckte ſie feſter in ſeine Arme, und ein Kuß auf ihre Stirn verſetzte ſie ganz in Traumgefilde. Kiet So ſah ſie nun traͤumend und ohne Grauen die ſchaudervolle Fahrt in Charons modrigem Kahne, ſo fuͤhrte ſie der ſchonende Goͤtterbote vor den feurigen Fluthen der andern Hoͤllen⸗ fluͤſſe vorbei, und nicht ehe ließ er ſie er⸗ wachen, als an den Ufern des ſanften Lethe.— Ein milder, lieblich verſchleierter Fruͤhlings⸗ himmel woͤlbt ſich uͤber ihn hin, und ſeine Fluth ſpiegelt Bluͤthenzweige zuruͤck, die außer ihr keinen Gegenſtand haben, der ſie den truͤ⸗ geriſchen Wellen anvertraute.— O Hoffnung! Schweſter der Vergeſſenheit! Schoͤn biſt du doch, wenn du uns auch nur weſenloſe Ge⸗ ſtalten bildeſt! Mit dem Angſtgeſchrei: Turna! Juturna! 3³ war's, daß Lara erwachte. Auch im Schat⸗ tenreiche konnte ſie die verrathene Freundin nicht vergeſſen. 3 Werden die Leiden der traurigen Erde und laͤngſt gebuͤßte Verbrechen denn ewig dies ſanfte Herz zerreißen? ſprach Hermes zu der zagenden Nymfe.— Trink, o Geliebte, den Trank der Vergeſſenheit. Die Goͤtter wehrten mir nicht, dir dieſe Labung zu bieten. Merkur ſchoͤpfte, und die Nymfe trank. Eins der lieblichſten Bilder des Alterthums iſt dieſe Scene. Viele verwechſeln in derſelben Juturnens ungluͤckliche Freundin mit der Pſy⸗ che, und der Irrthum thut wenig zur Sache. Sanftern, liebevollern Haͤnden konnten die Goͤtter Larens Schickſal nicht anvertrauen, als den Haͤnden des Sohns der ſchoͤnen Maja. Vom erſten Anblick an liebte er die holde Ver⸗ brecherin nur zu ſehr. Schoͤn, himmliſch ſchoͤn war Lara. Doppelt ſchoͤn in ihrem Un⸗ gluͤck, in einer Reue, die ſo wahr, als ihr Verbrechen bey der Einfalt und Reinheit ihres Herzens, verzeihlich war. Mitleid hatte die Leidenſchaft des Goͤtterbotens von Stufe zu. J. f. F. VI. H. 3 34 Stufe erhoͤht, und kaum gluͤhte Amor ſo fuͤr die junge Pſyche, als Hermes fuͤr Laren. Die erſte Wirkung des Lethe iſt, wie be⸗ kannt, ein ſanſter Schlummer. Oft entwen⸗ den huͤlfreiche Genien einige Tropfen des Stroms, um ſchon auf der Erde ihre leiden⸗ den Lieben mit der Ruhe gereinigter Seelen zu erquicken; aber kurz iſt der lindernde Schlummer, den ſie bewirken, und noch kuͤrzer die Vergeſſenheit. Ach, oft ſchon im beſeligen⸗ den Traume kehren uns Sterblichen Bilder der Leiden zuruͤck!— So iſts nicht jenſeit des Acheron. Lange ruhte Lara in den Ar⸗ men ihres entzuͤckten Fuͤhrers, und mit ganz geheiltem Herzen war's, daß ſie erwachte. Mit dem Erwachen kam ihr die Sprache zuruͤck, jene Sprache der Seelen, die allein in der Schattenwelt gilt, und auf der Erde ſo wenig verſtanden wird. Larens Urtheil war ſtrenger geweſen, als der milde Goͤtterbote es ausgerichtet hatte. Wie haͤtte er dieſen ſchoͤnen Mund, der wegen ſeiner Geſchwaͤtzigkeit zu ewigem Schweigen verdammt war, durch irgend eine Gewaltthat entſtellen ſollen! Zwar erwaͤhnt das Alter⸗ “thum die beſtrafte Nymfe oft unter dem Na⸗ men der ſtummen Goͤttin; doch dies ward ſie ja in der Oberwelt durch ihres Fuͤhrers ſtren⸗ ges Verbot, und in den Reichen der ſtillen Perſephone, da jeder Schatten in dem innern Weſen des andern zu leſen vermag, iſt Spra⸗ che ohnehin entbehrlich. Wie ſoll ich die Unterhaltung zwiſchen Her⸗ mes und Lara beſchreiben— zwiſchen ihnen, die eigentlich nicht zu der Schattenwelt gehoͤrten? Es war etwas von jenem ſtummen Verkehr, das ſeit der Zeit auch auf der Oberwelt unter angehenden Liebenden Sitte geworden iſt.— Sie verſtanden ſich vollkommen. Merkurs Au⸗ gen ſchilderten der holden Nymfe ſeine Leiden⸗ ſchaft, die ihrigen ihm die innigſte Dankbar⸗ keit. Dies war ihm zum Anfange genug. Der Trank, den er ihr aus dem Lethe gereicht hatte, war ſo ſtark geweſen, daß er hoffen konnte, alles ſey aus ihrem Gedaͤchtniß hin⸗ weggetilgt, auch das zu ſtrenge Dianengkeluͤbde, das Liebe zum Verbrechen macht. Das Ceremoniel der Unterwelt erforderte, z6 daß Lara der ſanften Koͤnigin der Schatten vorgeſtellt wurde. Sie kam zu einer guten Stunde und ward holdlaͤchelnd aufgenommen. Man ſahe die Neuankommende gern, denn man hoffte etwas von ihr. Ach, auch im Erebus ſind Ruͤckſichten dieſer Art nichts Fremdes. Proſerpina, ewig und ewig an der Seite des finſtern, niemals lachenden Dis, hatte hier noch eine heimliche Gefaͤhrtin, die im Orkus ſo verhaßt iſt als auf der Oberwelt, und die mehrere, welche hier nicht durch Leiden be⸗ ſchaͤftiget wurden, recht gut kannten. Es war die Langweile! Welcher Genuß, welche Erleichterung dieſer fuͤrchterlichen Laſt in der Geſellſchaft einer Fremden wie Lara! Proſerpina durfte den Schatten zu ihrem Zeitvertreib ſoviel von ihrer Erinnerung aus der Sonnenwelt auf beliebige Zeit zuruͤckgeben, als ſich mit der Ruhe der Fremdlinge vertrug. So erfuhr ſie von ihnen ihre Schickſale, als die Schickſale anderer, ihnen nicht angehender We⸗ ſen; ſo hoͤrte Ceres ungluͤckliche Tochter von Laren auch das ihrige, hoͤrte doch wenigſtens 37 von der lieblichen Sonne, von den ewigen Sternen, von der bluͤhenden Erde und ihren wallenden Saaten, alles Gegenſtaͤnde, denen ſie hier unten auf ewig entſagen mußte, und an denen ihre Seele immer noch mit wehmuͤ— thiger Erinnerung hing. Larens Umgang war fuͤr die ſchoͤne Perſe⸗ phone entzuͤckend. Goͤttinnen ſtiegen ſelten in den Erebus nieder, und man liebte auch an dieſem Hofe ſtandesgemaͤßen Umgang, den man allenfalls wol bei den Toͤchtern der alten Nacht, Damen, denen ihr uralter Adel nicht abzu⸗ ſprechen war, nur nicht auf die angenehmſte Art, haͤtte finden koͤnnen. Hermes war froh, ſeine ſchoͤne Anvertraute ſo wohl aufgenommen zu ſehen. Er ſchied, weil man den Allgeſchaͤftigen im Olymp ſchon zu lang gemißt hatte, doch er verſprach Ruͤck⸗ kehr, und Lara vernahm es nicht ungern, daß ſein Amt ihn taͤglich an den Hof der Schat⸗ tenkoͤnigin rief. Und ach wie oft ſah ihn jetzt der Erebus! und wie lange dauerte immer ſein Aufenthalt in dieſen duͤſtern, ihm ſonſt nie behagenden 38 Reichen! Viel koͤnnte ich von den ſuͤßen Stun⸗ den des zaͤrtlichen Bundes ſagen, der zwiſchen dem ſchoͤnen Sohn der Maja und der ſtum⸗ men Goͤttin immer feſter geknuͤpft ward, duͤrfte ich nur von dem Ausgange deſſelben ſchweigen. Ihr, ihr Lauben im Garten der verſchwiege⸗ nen Perſephone, ihr waret Zeugen ihres Gluͤcks, moͤchtet ihr nur nicht auch Zeugen von Larens Thraͤnen geweſen ſeyn! Proſerpina ſahe das Ungluͤck kommen, aber es war ihr nicht erlaubt, ihre leichtſinnige Freundin anders als bildlich zu warnen. Wie oft hatte ſie ihr an dem Beiſpiel anderer er⸗ wieſen, daß nur auf ſtrenger Enthaltſamkeit Hoffnung der Ruͤckkehr in die Sonnenwelten beruhte, wie oft ſagte ſie ihr, indem ſie ihre eigene Geſchichte zum Vorbild nahm, Laren faſt ſo ſchoͤn als es uns Schiller uͤberſetzt: „Willſt du frei ſeyn in des Todes Reichen, „Koſte nie von dieſer Gaͤrten Frucht! „An dem Scheine kann der Blick ſich weiden, .„Des Genuſſes truͤgeriſche Freuden „Naͤchet ſchleunig der Begierde Flucht. 39 „Selbſt der Styx, der neunmal ſie umwindet, „»Wehrt die Ruͤckkehr Ceres Tochter nicht; „Nach dem Apfel greift ſie, und es bindet „» Ewig ſie des Orkus Pflicht.⸗ O des unſeligen Augenblicks— weinte noch am letzten Abende Perſephone an dem Buſen der ſtummen Goͤttin— da ich dem Genuß eini⸗ ger Granatkoͤrner die Wiederkehr zur Mutter aufopferte, und nun ewig, ewig hier bleiben muß! 3 Lara weinte mit der traurigen Goͤttin, aber eben kam der ſchoͤne Hermes auf einem Mond⸗ ſtrahl, den er nach ſeiner Art aus der Ober⸗ welt geſtohlen hatte, und uͤber den Freuden⸗ glanz war alles vergeſſen. Lara wußte ja, daß es ihr ſo leicht war, dem Genuft der goldenen Fruͤchte dieſes Gartens, ſo leicht, dem Trank aus dieſen ſilbernen Quellen zu entſagen; daß ihre Liebe zu dem verfuͤhreriſchen Sohn der Maja kein Maß hatte, fuͤhlte ſie auch, aber hier kannte ſie keine gefaͤhrlichen Graͤnzen, bis es endlich dahin kam, daß, da ihre Leiden⸗ ſchaft nicht mehr wachſen konnte,— die ſei⸗ 40— nige abnahm, und die fuͤrchterliche Nemeſis, die Raͤcherin des Gleichgewichts, ihr Recht be⸗ hauptete. Ob ſich bei dem Schritte, der dieſes ſchreck⸗ liche Wunder bewirkte, alle die Zeichen ſehen ließen, als bei Pſychens Fall, weiß ich nicht. Daß ploͤtzlich alles anders war wie ſonſt, fiel Laren in die Augen. Perſephone war nicht mehr die freundlich laͤchelnde, die Gaͤrten bluͤh⸗ ten nicht mehr ſo ſchoͤn, und ach— Hermes kam nicht mehr, jeden Tag die Verlaſſene zu tröſten. Noch immer liebte er ſeine Lara, noch immer ſah er ſie, aber kurz waren ſeine Beſuche, ſeltner wurden ſie, und am Ende, Goͤtter! welche Kaͤlte! Und kennſt du, ſagten die Erinnyen, die jetzt, da die Koͤnigin Laren nicht mehr hold war, ſie fleißig beſuchten; kennſt du denn nicht den fluͤchtigſten aller Goͤtter? Kaum Zefyr iſt leichter als er. Ihn ewig zu halten iſt kein Mittel, als ihm nichts zu gewaͤhren. Suche alſo, du Elende, ſuche dein Ungluͤck in dir ſelbſt, und zittre, denn noch ſchrecklicher folgt es. 41 Was die drei gefuͤrchteten Toͤchter der Nacht begonnen hatten, das vollfuͤhrte ihre Schwe⸗ ſter Eris. Beim erſten Blick nicht ganz ſo ſchaudererregend als die Eumeniden, und etwas ſanfter in ihrer Sprache zu dem Herzen, ge⸗ lang es ihr, die verzweifelnde Lara ein wenig zu bernhigen. Sie rieth ihr Maͤßigung, und gab nur ſchließlich zu verſtehen, eine ernſte Vorhaltung koͤnne hier viel beſſern. Im Grunde widerfahre auch der ſchoͤnen Lara ſelbſt bei gaͤnzlicher Verlaſſung, die man wagen muͤſſe, nichts neues, denn—— Ach, Lara! wie ward dir, als hier ein ganzes Verzeichnis von dei⸗ nen Vorgaͤngerinnen in Hermes Liebe von den Lippen der Unholdin floß, die im Tar⸗ tarus nebſt ihren Schweſtern allein das Recht hat, laut zu reden! Lara entfloh, indem ſie vor dem graͤßlichen, ungewohnten Ton, der ihr hier im Gebiet der ewigen Stille wie ein Gewitter daher braußte, die Ohren verſchloß. Ach, ſo iſt's der Un⸗ gluͤcksſtifterin Weiſe, mit ſanftem Schmeicheln zu beginnen, und mit der Stimme der Don⸗ ner zu enden! 42 Gram und Verzweiflung erfuͤllten das Herz der ungluͤcklichen Goͤttin, und Vorwuͤrfe harr⸗ ten Merkurs bei naͤchſter Zuſammenkunft. Nur ſchmachtende Liebkoſungen waren es, die ſonſt den wandernden ermuͤdeten Gott empfingen, dem's freilich bisher Entzuͤcken geweſen war, auf dieſe Art mitten im Tartarus ſeinen Olymp wieder zu finden. Lange verſchob er dieſesmal ſeine Erſchei⸗ nung und erſchwerte dadurch ſein Urtheil. Ach Lara, du faͤllteſt das deinige, als du verſuchteſt mit Vorwuͤrfen Liebe zuruͤckzurufen! Du hat⸗ teſt dir, durch Verhandlung der Toͤchter der Nacht, das Vorrecht der Sprache auf die Stunde der Wiederkunft zuruͤckerkauft; o waͤ⸗ reſt du doch ewig die ſtumme Goͤttin geblieben, denn heute, eben heute kam Hermes mit ver⸗ neuter Liebe, einmal das verhaßte Todtenfuͤhrer⸗ Amt in deinen Armen zu vertraͤumen! Du nannteſt ihm mit Spott die Namen der ſchoͤ⸗ nen Ocythoe, der ſanften Herſe? Ach du warſt jetzt nicht ſchoͤn wie die eine, nicht ſanft wie die andre! Duldung iſt die einzige Rettung des Weibes! Der Gott entfloh, um nimmer 43 wiederzukehren, mit einer Thraͤne bitterer Er⸗ innerung im himmliſchen Auge. Dies war Euer Werk, ihr falſchen Toͤchter der Nacht, und Lara blieb von nun an Eure unbeſtrittene Beute. Sie floh in eine der fernſten Hoͤlen des Tartarus, ohne den Quaͤlerinnen entfliehen zu koͤnnen. Sie kam vor dem Anblick der Hoͤl⸗ lenſtrafen voruͤber, die der liebende Gott und die freundliche Perſephone bisher vor ihren ſanften Augen verborgen hatten. Sie ſchau⸗ derte— aber mehr als die Qual der Danai⸗ den, mehr als der nagende Geier, war der Gedanke in ihrem Herzen, den Geliebten ver⸗ loren, die Freundin verrathen zu haben!— Wars nicht zu viel, ihr Furien, auch Jutur⸗ nens Andenken in ihr zuruͤckzurufen? In der grauenvollen Abgeſchiedenheit ihrer Hoͤle wars, daß ſie den Laren das Leben gab, und das Schickſal wollte, daß, ſo wie die Knaben das Licht erblickten, die Gewalt der Toͤchter der Nacht uͤber ſie aufhoͤrte; es war ihr ſogar im Dahinſterben aller Sinne geweſen, als haͤtte ſte Dianen, in Lucinens Geſtalt, als 4½ Helferin an ihrer Seite erblickt. Zu ſchoͤn, faſt zu ſchoͤn war dieſes Unterpfand von der Aus⸗ ſoͤhnung der Goͤtter! Konnte es wahr ſeyn? Schoͤn waren die Neugebornen! Schoͤn wie Majas Sohn, ſchoͤn wie Lara vor ihrem Falle. Ihr Laͤcheln erheiterte die Seele ihrer ungluͤcklichen Mutter. Blumen bluͤhten um ihr kleines Lager, und ein Sonnenſtrahl ſchien die ewige Dunkelheit zu erhellen. O beſtes Geſchenk des Himmels, heilige Mutterliebe! Du verſuͤßeſt jedes Elend, du ſoͤhnſt ſellſt mit Irrthum und Schwachheit aus! Ueberall ſchaffſt du ein Eden um dich her! Jede deiner ſuͤßen Schmerzen lindert die Hoffnung. Mit den lachenden Zwillingen im Arm eilte Lara zur Koͤnigin des Schreckens, deren ernſtes Geſicht ſich bei dem Anblick der liebli⸗ chen Kinder entwoͤlkte. Goͤttin! rief die entzuͤckte Mutter, hier in dieſen ewig unfruchtbaren, ewig nichts hervor⸗ bringenden Gefilden, gab ich dieſen Kindern das Leben; darf ich ſie in deine Arme legen? Du duͤrfteſt, o du duͤrfteſt wol, rief die 3 — 45 ſanft weinende Proſerpina, die nie das Gluͤck hatte, eigene Kinder an den Buſen zu druͤcken. O dieſe Kinder ſollten mein ſeyn! Aber hier iſt nicht das Thal Enna, wo ich zuletzt menſchlich fuͤhlen durfte!— Nichts darf in den Reichen des Erebus geboren werden, das der truͤbe Tag, welcher unſere Zeiten mißt, bei ſeiner Wieder⸗ kehr noch lebend finde. Dies iſt das ewige Ge⸗ ſetz der Unterwelt! Fliehe, fliehe mit deinen Neugebornen: doch zuvor reiche ſie mir, daß ich ſie kuͤſſe und ſegne. Ihr werdet, fuhr ſie fort— denn ſchon lagen die laͤchelnden Knaben in ihrem Schoos— ihr werdet nicht ſo ſchnell erwachſen, nicht ſo groß werden, als euer Vater, aber beſſer; nicht ſo reizend, als eure Mutter, aber weiſer und gluͤrk⸗ licher! Gehet hin, mit euch zuͤrnt keine Gott⸗ heit! in jedem ihrer Tempel ſeid ihr willkom— men, in jedem Hauſe der Sterblichen wird man euch aufnehmen. Freude an den Menſchen, und die hoͤchſten Opfer, die ihr ihrer Wohlfahrt bringt, fuͤhren euch hinauf in die Reiche des Lichts. Jedes Volk wird euch verehren! Gehet hin, ihr Goͤtter der haͤuslichen Liebe und Ein⸗ 46— tracht, wandelt euren kurzen Weg, eurer Gott⸗ heit unbewußt, bis zu eurer Vergoͤtterung unter den Menſchen, bis zur Aufnahme in den Olymp. Gehet! und— eure Mutter begleite euch. Ich begleite ſie? unterbrach die entzuͤckte Lara die Worte der heiligen Weihe. Ja, erwiederte Proſerpina, indem ſie mit einem Laͤcheln, das den ganzen Orkus erhellte, die Kinder zuruͤckgab. Ja, du begleiteſt ſie! als Schatten, als weſenloſer Hauch, als lallen⸗ der Laut, denn nur ſo kann, was ſo wie du ſich dem Orkus eignete, dieſe Schattenreiche ver⸗ laſſen; anders verließen ſie freilich die Helden! Die gedemuͤthigte Lara ſchwieg. Ihre Ent⸗ koͤrperung, das Heraufſchweben ihre Soͤhne an die Sonnenwelten, dies ſind Dinge, die ſich dem Auge der Ungeweihten entziehen. Der Beſchluß folgt. WerbiGer. Gentus. 5 en Ein Fragment. Nein, Sophie— mit dieſen Worten trat mein Mann zu mir ins Zimmer— nein, zu dieſem Beſuche fordre mich nicht noch ein⸗ mal auf! Das iſt kein Weſen nach meinem Sinne. „Gefalle ich dir beſſer, liebſter Mann,“ er⸗ wiederte ich, und legte mein gluͤhendes Geſicht an ſeine Wange. Allerdings. Waͤren alle ſchöngeiſteriſchen Damen der Baroneſſe M. aͤhnlich, ſo duͤrfte man es den Rigoriſtinnen enres Geſchlechts nicht uͤbel nehmen, wenn ſie ihnen aus dem Wege gehen, ſo weit ſie koͤnnen. „Wenn ich etwa mit darunter gemeint ſeyn ſoll, ſo mußt du ſchon ſo gut ſeyn, das Bei⸗ wort mit einem andern zu vertauſchen. Mich erinnert es immer unwillkuͤhrlich an eine Kari⸗ 45— katur, und fuͤr eine ſolche wirſt du mich doch nicht ausgeben wollen?““ Es iſt wenigſtens nicht zu laͤugnen, daß du es gluͤcklicher als Frau von M. anzufan⸗ gen weißt, die Menſchen fuͤr deinen Geiſt zu intereſſiren. Der gelehrte Apparat, womit ſich dieſe umgiebt, iſt wahrlich ſchlecht berech⸗ net, um Effekt zu machen. „Sollte ſie aber auch Effekt machen wol⸗ len, außer auf Journal⸗ und Recenſionsan⸗ ſtalten?“ Leider hat die Verkehrtheit, fuͤr ein Meteor am literariſchen Himmel zu glaͤnzen, ſie ver⸗ geſſen gemacht, was ſonſt ſchwerlich ein Weib uͤberſieht— daß ſie noch in der Bluͤthe ihrer Jahre iſt, daß das widernatuͤrliche Leben am Schreibtiſche die Roſen von ihren Wangen ſtreift, daß ein liebenswuͤrdiger Gatte, von ihr vernachlaͤßigt, fremden Reizen huldigt, bluͤ⸗ hende Kinder vergeblich nach der Mutter ver⸗ langen.— „Sage mir nur geſchwind, wie du ſie eigentlich fandeſt? wie ſie dich aufnahm?“ Ich fand ſie am Theetiſch hinter einem 49 Berge von Broſchuͤren und Zeitſchriften, die das Sopha bedeckten. Ein junger, ſchulge⸗ rechter Terroriſt, vom neueſten Zuſchnitt, ſaß ihr zur Seite; mein Eintritt unterbrach auf wenige Minuten ein lebhaftes Geſpraͤch unter ihnen. Da ſie es mit großem Eifer fortfuͤhrten, ohne eben auf mich viel Ruͤckſicht zu nehmen, ſo glaubte ich Anfangs, es ſey von einer ſehr wichtigen Materie die Rede; vernahm aber bald, daß es allerhand Partikularitaͤten von Per⸗ ſonen aus der gelehrten Welt gelte, deren Na⸗ men die Nation bis jetzt mit Ehrfurcht ge⸗ nannt hat. Unmuthig nahm ich zum erſten beſten Buche meine Zuflucht. Schlegels Ueber⸗ ſetzung des Calderon fiel mir in die Haͤnde: mit Verwunderung erfuhr ich bey dieſer Ge⸗ legenheit, daß die Dame auch ſpaniſch ver⸗ ſtaͤnde. „Das ſollteſt du nicht gewußt haben?“ In der That, es uͤberraſchte mich. Ich empfand eine Art Reſpekt fuͤr ihre Beleſenheit, aber zugleich etwas Widerwaͤrtiges, das ich dir nicht weiter beſchreiben kann. Dies wurde durch folgendes kleine Ereignis noch ſehr ver⸗ J. f. TF. VI. H. 4 50 ſtaͤrkt. Der Bediente trat ins Zimmer und uͤbergab der Baroneſſe einige neuangekommene Hefte. Ungeſtuͤm durchblaͤtterte ſie ſie in un⸗ ſerm Beiſeyn, fing unruhig an zu leſen, und ihre Farbe veraͤnderte ſich mehrmals, waͤhrend der junge Aeſthetiker ſeitwaͤrts in die Blaͤtter hineinſchielte, und ein ſchadenfrohes Laͤcheln zu verbergen ſuchte, das ſeinen breiten Mund um⸗ zog. Nach vollendeter Lektuͤre warf die Baro⸗ neſſe mit einem ſpoͤttiſchen: das ließ ſich er⸗ warten! die ungluͤcklichen Zeitungen auf den Schreibtiſch, belehrte mich, daß von einer hoͤchſt erbaͤrmlichen Recenſion ihrer neue⸗ ſten Erzaͤhlungen die Rede ſey, und aͤußerte, bei aller aufgewendeten Muͤhe, ihre Empfind⸗ lichkeit zu verbergen, die uͤbelſte Laune, und zwar auf eine ſo ungrazioͤſe Weiſe, daß ich mit wahrer Betruͤbnis uͤber das Schickſal der armen Familie, die heute an Einem Tiſche mit ihr das Souper einzunehmen verurtheilt iſt, mich ſo ſchnell als moͤglich beurlaubte. Wenn Du mir einmal ſo erſcheinen koͤnnteſt, Sophie—! Es uͤberlaͤuft mich eiskalt bei dem Gedanken. „Bin ich denn, wie die Baroneſſe, fuͤr das 5 5¹1 Publikum gebildet, oder bin ichs fuͤr dich? Biſt du es nicht ſelbſt, auf deſſen Veranlaſſung ich manches lerne, was andre Weiber nicht inter⸗ eſſirt? War es nicht dein eigner Einfall, daß ich Botanik, Aſtronomie ſtudieren mußte? und nnun faͤllt es dir ein, mich zu tadeln?“ Ich tadle nichts, worauf die Natur von ſelber hindeutet; nur das Erzwungne erregt meinen Widerwillen, und das Wichtigthun mit Beſtrebungen, die doch bei Euch nur einen rela⸗ tiven Werth haben. Glauben, nicht Wiſſen iſt euer eigenſtes Weſen. Doch freilich bedarf die erhoͤhete Reizbarkeit eures Geſchlechts, in einem Zeitalter der Entkraͤftung, kuͤnſtlicher Ge⸗ genreize— Opiate, gegen die Abgeſtorbenheit der Geſinnungen. Dies ſcheint mir in unſern Tagen eure wiſſenſchaftlichen Uebungen zu recht⸗ fertigen. Wer ſpricht aber viel von einer ner⸗ venſtaͤrkenden Arzenei, die man zu brauchen genoͤthigt iſt? Nur ihren Effekt laͤßt man be⸗ kannt werden! So ſollten die Weiber, nach mei⸗ ner Meinung, ſtatt mit ihren wiſſenſchaftlichen Uebungen vor den Leuten wichtig zu thun, nur mit dem Reſullate, der dadurch erworbenen Bil⸗ dung, im Leben auftreten. „Du kannſt aber auch nicht laͤugnen, lieb⸗ ſter Mann, daß ͤberhaupt nur die deutſchen Naͤnner ſich daruͤber ſtreiten, ob wir nicht ſo gut als ihr Anſpruͤche auf wiſſenſchaftliche Vor⸗ zuͤge machen duͤrften.“ Ein boͤſes Zeichen. Denn dann kann man annehmen, daß auch nur die deutſchen Frauen einer Arroganz faͤhig ſind, welche einem Widerwillen in uns Maͤnnern zum Vorwand dienen mußte, den z. B. die Englaͤnderinnen nie zu bekaͤmpfen hatten. Addiſon vertheidigt ſogar gradezu den Grundſatz, daß das Stu⸗ dieren dem weiblichen Geſchlechte angemeß⸗ ner ſey, als dem maͤnnlichen, indem es dem haͤuslichen Leben angehoͤre, und der Beruf der Maͤnner ſie mehr in die Weite hinaus treibe. Er erwaͤhnt an eben der Stelle zugleich aber auch einer Lady Lizard, die ſich Fontenelle's Buch, sur la pluralité des mondes, vorle⸗ ſen ließ, waͤhrend ſie damit beſchaͤftiget war, Fruͤchte einzumachen, und bewundert die Ge⸗ wandheit, womit ſie ihre Aufmerkſamkeit zwi⸗ 53 ſchen Sternbilder und Geleeglaͤſer theilte, oder vom kopernikaniſchen Syſteme zu einem Apri⸗ koſenkompot uͤbergehen konnte. 153 „Dieſes Beiſpiels wegen haͤtteſt du eben nicht noͤthig gehabt, den alten Enlinder zu bemuͤhen.* Ich erinnere mich, bebſte Sophtean daß d du oft etwas aͤhnliches thateſt und mich dadurch in Entzuͤcken ſetzteſt. Oder glaubſt du, daß ich das liebliche Bild vergeſſen habe, als du vor wenigen Monaten unſern kraͤftigen Guſtav ſtill⸗ teſt und oft mit dem Kinde an der Bruſt die italieniſchen Aufgaben fuͤr deinen Lehrer uͤbteſt? So lange du uͤberhaupt die Miene beibehaͤltſt, als ob du die Menſchen, welche deine hoͤhere Bildung bemerken, um Duldung zu bitten haͤt⸗ teſt, fuͤr eine Anmaßung, welche du dir erlaubſt; oder ſo lange du deine wiſſenſchaftlichen Be⸗ ſchaͤftigungen als eine Verguͤnſtigung betrach⸗ teſt, welche dir zugeſtanden wird, und nicht als ein Verdienſt, das du dir um die Welt er⸗ wirbſt: ſo lange wirſt du wenig Widerſacher finden in der Geſellſchaft, und nie einen in mir. Oft bedarf der mehr an die Erde gebundene, 34 ſchwerfaͤlligere Sinn des Mannes einer frem⸗ den Schwungkraft, die ihn hebt, und wen da der ewig rege, feſſelloſe Genius eines geiſt⸗ reichen Weibes nicht auf ſeinen Schwingen emportraͤgt, an dem wird alle Poeſie alter und neuer Zeit vergebens ihre Kraͤfte verſuchen. „ Du wirſt ja ordentlich ſelbſt poetiſch! Und doch dringſt du bei mir meiſtens auf trockne Sachkenntniſſe! Jetzt bitte ich dich um das Einzige: ſage mir, gegen welches Uebel du mir die aſtronomiſchen Tabellen dort auf meinem Schreibtiſch als Arznei verordnet haſt1e⸗ 4 Spoͤtterin! auf dieſe Weiſe denkſt du mich in die Enge zu treiben? „Ich weiß zwar noch recht gut, daß dir ehemals meine etwas exaltirte Stimmung, mei⸗ ne Kunſtſchwaͤrmerei, mein Leben im Idealen otwas beſchwerlich wurde; daß du von einer Gymnaſtik des Geiſtes ſprachſt, deren ich be⸗ duͤrfte—“ Nun? und haͤltſt du deine jetzigen Uebun⸗ gen nicht fuͤr eine ſolche? Glaubeſt du nicht, daß du allein dadurch zu der Beherrſchung — 5 5 des Zuſtandes gekommen biſt, ohne welche du ſehr ungluͤcklich geworden waͤreſt? Die Schaͤrfe, womit du jetzt dein inneres, ideales Leben von dem aͤußern in der Wirklichkeit zu ſondern vermagſt; die Klarheit, womit du dir im Nomente des Eindrucks deiner ſelbſt bewußt bleibſt: glaube mir, ſie ſind dir auf dieſem Wege gekommen. Durch dieſe trocknen Sach⸗ kenntniſſe, wie du ſie nennſt, biſt du zu ſo vielem Trefflichen gelangt, was jenen Damen, die ſich an der Form begnuͤgen, ohne die Materie des Wiſſens zu achten, gewoͤhnlich abgeht— wohin ich auch deine Beſcheidenheit rechnen will, die gewiß davon herruͤhrt, daß du beſtimmt etwas weißt.— Stoͤre mich mich nicht durch dein Knipchen, ſondern ſage mir lieber ſelbſt— iſt es nicht ein wahres Leidweſen, wenn man hoͤren muß, wie oft Frauen mit Maͤnnern fuͤr und wider ein phi⸗ loſophiſches Syſtem, eine aͤſthetiſche Anſicht ſtreiten— Frauen, denen es an den nothwen⸗ digſten Elementen des Unterrichts fehlt? Oder was meinſt du dazu, wenn du Goͤrre's Apho⸗ rismen oder Fichte's Wiſſenſchaftslehre auf den 56 Toiletten unter den Schminkdofen umherliegen ſiehſt, und niemals einen vorzuͤglichen Geſchicht⸗ ſchreiber, oder eine intereſſante Reiſebeſchrei⸗ bung 2 „Daß ihr uns das Feld der Spekulation verſperren wollt, iſt im Grunde eine Art Sicherheitsmaasregel, die ihr gegen uns nehmt. Ihr fuͤrchtet, die Weiber haͤtten vielleicht ſchon von Natur eine Anlage zur Dialektik, ohne ſie in den kuͤnſtlichen Schlußgeweben irgend einer philoſophiſchen Schule erſt uͤben zu duͤrfen.“ Lies du mir, vor wie nach, ſtatt des tod⸗ ten Schulkrams„neben deinen Dichtern, dei⸗ nen uͤberſetzten Plutarch, deinen Gibbon, dei⸗ nen Muͤller. Erweitre deine naturhiſtoriſchen Anſichten, und willſt du— nicht etwa nur fuͤr mich, ſondern auch fuͤr dich, ein Uebriges thun: ſo ſtraͤube dich nicht laͤnger gegen Ma⸗ thematik. Die Richtung nach dem Idealen, wohin ſich das Gemuͤth des Weibes— wie nach der ſchoͤnern Heimath wendet, bedarf eines Gegengewichts, und nur die Wirklich⸗ keit kann es ihr geben. Nicht die uns um⸗ gebende— ſondern jene in den Strom der 57 Zeit geſunkene, von der die Ferne, hinter wel⸗ cher ihr Bild zu uns aufſteigt, alles Kleinliche abſtreift, und nur die großen Maſſen bis zu unſern Augen heranreichen laͤßt. Des Menſchen Sinn bedarf des Begriffs der Noth⸗ wendigkeit, wenn er nicht ohne Raſt und Haltung ſchweben ſoll zwiſchen Himmel und Erde. Den giebt ihm die Geſchichte. In ihrem Spiegel ſieht er das maͤchtige Schickſal, von dem die Dichter ihm ſagen.— Und damit er vor dem gewaltigen nicht verzage, lerne er in der ewig lebendigen, immer ſich neugeſtaltenden, ſich verjuͤngenden Natur den ſtaͤrkeren Gott der Liebe finden, den Freude erfreuet—— 3 Minna— r. Weibliches Herz. Ein Fragment. „Weine nicht, meine Mutter, ich muß ſonſt auch weinen,“ troͤſtete mich Guſtav.— Ich druͤckte mein thraͤnenſchweres Auge in die Ecke des Sopha.—„Hoͤrſt du, Mutter? Du ſiehſt gar nicht auf mich, nimmſt meine Hand nicht, und ich habe dich doch ſo lieb—* That ich das, mein geliebtes Kind? Ich wollte es nicht. Du biſt ja mein Alles! Ich habe ja nichts mehr auf der Welt, Gaſtav, als ein theures Grab— und dich. „Sprich nicht vom Grab, Mutter, ich kann's nicht leiden; ſprich lieber vom Himmel, wo wir den Vater wiederfinden. Das haſt du mir verſprochen. Und du luͤgſt nicht Mutter! Nicht wahr, Mutter, du luͤgſt niemals?—“ Nein, Guſtav, ich luͤge nicht, und Gott luͤgt auch nicht!— In dieſen klaren Augen— — 59 da oͤffnet ſich mir ſchon jetzt der Himmel, von dem du redeſt. In dieſer ſuͤßen Stimme hoͤre ich die Engelsharmonieen, die ſeine muͤde Seele in den Schoos der ewigen Guͤte trugen.— Der Knabe ſchlang ſeinen Arm um meinen Hals— es war eine heilige, ſtille Minnte. B. trat herein. „Sie werden den Knaben verderben, Julie! Wozu das ewige Erweichen? Wenn es ein Maͤdchen waͤre!— Aber einen Knaben:— bedenken Sie wol, was ſie thun? die kraͤf⸗ tige, zu kuͤhner Thaͤtigkeit berufene Natur in Thraͤnen aufzuloſen!** „Geh zu Bett, guter Guſtav, und morgen komm zu mir; die Mutter taugt jetzt nichts fuͤr dich.—“ Sie ſind hart gegen mich, B., und miß⸗ verſtehen ſich ſelber. Grade dem Knaben iſt meine jetzige Stimmung nicht unnuͤtz. „Wohin gerathen Sie, Julie? wollen Sie ein Weib aus ihm machen?“ Ich wollte, ich koͤnnt' es! „Das iſt nun wieder eine von den Para⸗ doxieen, die mich, wenn Sie ſie nicht ſagten, 60— ein wenig aufbringen koͤnnten. Iunlie, iſt Ihnen denn der kraͤftige Muth, die ruͤſtige Beſonnenheit, das entſchloßne Beherrſchen der Umſtaͤnde— dieſe Vorrechte einer maͤnnlichen Seele uͤber eine weibliche— ſind Ihnen die weniger, als dies ſchmerzliche Aufloͤſen in muͤßi⸗ ge Ruͤhrungen, wozu Sie Ihrem Sohne be⸗ huͤlflich werden? Habe ich Unrecht, wenn ich da ſage: waͤre er lieber ein Maͤdchen?“ Wer ſagt Ihnen, daß das ausſchließende Vorrechte des Mannes ſind? Wenn es mit einer Sentenz, mit einer Phraſe ausgemacht waͤre, da moͤchten Sie Recht haben. Ach, wie verkehrt erſcheint euch oft alles, ihr Maͤnner! Ich ſage dreiſt: grade ein Maͤdchen wuͤrde ich von mir, ſo wie ich jetzt bin, entfernen; ein Maͤdchen vor dem niederdruͤckenden Anblick mei⸗ nes Kummers bewahren; gegen ein Maͤdchen lieber gezwungen laͤcheln, als die Wunden meines Herzens vor ihren Augen blutend ent⸗ huͤllen. „Sind denn aber nicht eben die Weiber die berufenen Leidtraͤgerinnen des menſchlichen Geſchlechts?“ — 61 Eben darum! Der Mann ſoll kaͤmpfen mit dem Schickſal, das Weib ſoll es tragen. „Liebe Julie, ſo vertheidigen Sie ja meine Sache, und nicht Ihre— Hoͤren Sie mich doch aus! Vermoͤchte der Nann mit aller Kraft ſeines Geſchlechts aus⸗ zureichen zu ſeinem Berufe, ſo gaͤbe es gar keine Leiden. Die Welt beduͤrfte keiner Dulderinnen, vielleicht gar keiner weiblichen Gemuͤther.— So aber faͤllt oft ſein Arm im Kampfe gegen das Schickſal, gelaͤhmt, ermat⸗ tet zuruͤck. Die Waffen ſinken ihm aus der Hand; er laͤßt ab von dem Streite gegen die Nothwendigkeit; und nahet ſich ihm nun ein Verhaͤngnis, ſo verhuͤllt er ſchweigend ſein Antlitz. Es feſt ins Auge zu faſſen in ſeiner ſichtbaren, ſchrecklichen Geſtalt— dies iſt dem Weibe gegoͤnnet. In ihrem Buſen regen ſich die Kraͤfte, wenn ſie im ſtarken Herzen des Mannes abſterben wollen. Liebend nimmt ſie den Verſtoͤrten, den Getaͤuſchten, den Verirrten in ihre Arme. Kaͤmpfen nicht, aber ſich mu⸗ thig, glaͤubig, demuthsvoll und thätig unter⸗ werfen— das kann das Weib. Jetzt iſt es 62— ihr gegeben zu handeln, der Mann iſt Zu⸗ ſchauer; aber wehe ihm, wehe den Seinigen, wenn er ein kalter, liebloſer Zuſchauer iſt; wenn er ſich wegwendet von der Scene des Leidens, wo ſeine Naͤhe das Weib kraͤftigt und hebt; oder wenn er, in neue Kaͤmpfe ſich ſtuͤrzend, es vorzieht, lieber unterzugehen in dem Strudel wilder Gefahren, als zu dulden mit dem Weibe. Ein ſolcher Mann wird zwar ſtark genannt, unternehmend, entſchloſ⸗ ſen:— aber ein ſolcher Mann ſoll mein Guſtav nicht werden. „Wer wollte da nicht mit Ihnen ein⸗ ſtimmen!““ Und wenn Sie es nun zugeben, daß das letzte Kleinod, der heiligſte Schatz, dem Manne in dem Herzen des Weibes bewahrt iſt; daß hier der Anker ruht, der ihn feſthaͤlt, wenn Stuͤrme des Lebens ihn an ſchroffe Klippen ver⸗ ſchlagen wollen:— wuͤrden ſie da dem Ihren Beifall geben, der ein Gut, das ſein letztes Heil, ſeine ſpaͤteſte Zuverſicht ſeyn ſollte, zweck⸗ los, in raſcher Jugend verpraßte? „ Ich weiß nicht, wohin dieſe Frage uns 63 fuͤhren ſoll; aber ich getraue mir um ſo ſich⸗ rer Nein zu antworten, da ſchon die alte Lehre von der Oekonomie des Lebensgenuſſes die Antwort auf Ihre Fragen enthaͤlt.“ Sie freveln an dem Heiligſten. Nicht zum fluͤchtigen Lebensreize, wie der gemeinere Sinn es waͤhnt, nicht zum bedeutungsloſen Spiel der Kraͤfte iſt die ruͤhrende Holdſeligkeit ſchoͤner weiblicher Naturen. Doch wozu das jetzt? Ich ſehe in Ihrem Auge etwas, das mich ſtoͤrt; aber es ſoll mich nicht herunterziehen zu Ihrer niedern Anſicht. „ Sie ſind ſo ernſt, Julie, ſo ſchwermu⸗ thig ernſt: gewiß ich will nichts, als ſie er⸗ heitern, und daher mein vorgegebner Leichtſinn. Oder trauen Sie mir nicht zu, daß Reinheit des Sinnes im Weibe der Genius iſt, dem ich am liebſten Altaͤre errichtete?“ So laſſen Sie uns dabei ſtehen bleiben. Aehnlich dieſer jungfraͤulichen Reinheit iſt der heilige Funken des Gefuͤhls in dem Buſen des Maͤdchens. Jene entheiligt die entfern⸗ teſte Annaͤherung des Gemeinen, dieſes ent⸗ 64 weihet die Beruͤhrung kuͤnſtlicher Schmerzen. Zu heiligern Zwecken ward ihm die lebendige Energie ſeiner Empfindungen gegeben, als ſich in muͤßigem Weh zu zerſplittern. Mit ver⸗ hüͤlltem Auge moͤchte ich das reizbare Maͤd⸗ chen an den Irrgaͤngen des Lebens, mit ver⸗ ſchloſſenem Ohre an ſeinen kreiſchenden Mis⸗ toͤnen voruͤber fuͤhren, bis zu dem Punkte, wo ſein Leben beginnt. Ach, glauben Sie mir, wir beduͤrfen auch fuͤr unſern Beruf, neben der phyſiſchen, einer Geſundheit des Herzens! Es giebt auch einen Luxus der Gefuͤhle, der unſre edelſten Kraͤfte aufreibt; und wohl dem werdenden Geſchlecht, daß jene Periode vor⸗ uͤber iſt, wo man glaubte, dem weichen Maͤd⸗ chenherzen nicht Schmerz genug zumuthen zu koͤnnen! Haͤtte ich ein Maͤdchen— der hei⸗ terſte Genuß ſollte mir ſie bilden fuͤr die hoͤchſte Entſagung. Denkt denn Niemand daran, daß, wer geben ſoll, auch empfangen mußte?— Heiterkeit fuͤr die Gegenwart, Muth fuͤr die Zukunft, Enthuſiasmus fuͤr das Ewige:— ihr holden Genien, die das Leben zum Leben machen— ihr bleibt dem Weibe 2— 65 angehoͤrig, wenn eine freie Entwicklung ihm zu Theil wuͤrde! Eine freie, keine aufge⸗ drungne:— und die Wehmuth wird dem Kinde immer aufgedrungen! „Und Ihr Guſtav?“ Iſt ein Knabe! Ihn erwartet ein Leben voll That und Geraͤuſch. Wo er nicht ſchaf⸗ fen wird, wird er zerſtoͤren; wo er nicht genießen kann, kaͤmpfen um den Genuß. Seine Kraft wird ſich brechen an Anderer Kraft, ſein Muth ſich reiben an Anderer Muth. Das Gluͤck, das er erbeutet, iſt ein Raub, den er einem Andern abjagt. Die Natur entwickelt alles an ihm: nur die Milde uͤberlaͤßt ſie dem Schickſale. Kann der Knabe verlieren, wenn das Schickſal fruͤh zu ihm hintritt? „Laſſen Sie uns abbrechen, Julie; Ihre Empfindung uͤberwaͤltigt Sie. Man ſollte mit Ihnen nie uͤber dergleichen ſtreiten: Sie ver⸗ wechſeln nur zu ſchnell das Herz mit dem Kopfe.— Laſſen Sie uns abbrechen. Wenn ſich auch noch vieles gegen Ihre Saͤtze ein⸗ F. f. F. VI. H. 5 66 wenden ließe, ſo geſtehe ich Ihnen doch gern, daß ſie mehr ſind, als Phantome.“ Ach, goͤnnt dem armen Maͤdchen ſeine Kindheit voll goldner Traͤume, ſein Laͤcheln, ſeine harmloſen Spiele! Zeigt ihm bunte, glaͤn⸗ zende Farben, aber keine ſchwarzen Bilder des Grabes! Gebt ihm Blumen, aber keine Tod⸗ tenkraͤnze! Lehrt es aufblicken zu den Ster⸗ nen, aber moͤge es freundliche Geſpielen, einen laͤchelnden Schutzgeiſt ſehen in dem zitternden Mond, in den friedlichen Himmelsbildern! Liebe erwaͤrme ſein Innres, fuͤr das Unſicht⸗ bare, wie fuͤr das Sichtbare. Sie belebe ihm das Bewegungsloſe, und befreunde ihm das Lebendige: aber heiter und kraͤftig bleibe das Herz! Ihre Sehnſucht fliehe an den Buſen der großen, reichen Natur, die der Menſch nur dann zu verſtehen anfaͤngt, wenn der Sinn fuͤr das heilige Ganze in ihm aufgeht! Den Standpunkt zu finden, wo dieſes Ganz ihm in den geiſtigen Horizont tritt— das ſei das hoͤchſte Ziel des Erziehers! Das Herz des Weibes iſt die letzte, heiligſte Frei⸗ ſtaͤtte fuͤr die geſcheiterten Hoffnungen des 67 Mannes; es iſt der ewige, nie zu vernich⸗ tende Altar der Menſchheit— der unſicht⸗ bare Buͤrge eines ſchoͤnern Seyns. Kein zweckloſes Opfer verglimme an der heiligen Flamme!—— Minna— r. 68— Lieder der Unbekannten. Vorrede. Nicht wolkendurchdringende Accorde der Harfe zu entlocken— nur ihre tiefern Saiten leiſe zu beruͤhren, vermocht' ich.*) I. Der Mayabend. Saͤusle ſanfter, hohe Linde, Phoͤbus letztem Schimmer nach! Fluͤſtert lieblicher, ihr Winde! Plaudre leiſer, kleiner Bach! Zittre ſanft auf dunkeln Wogen Lunens Abglanz aus der Fern! Funkle von des Himmels Bogen, Funkle heller, Abendſtern! *) Die Dichterin erlaube zu ihrer Vor⸗ rede die Nachrede, daß eben dieſe tiefern, leiſern Toͤne ſuͤßer durch die Stille, Brautgeſang der Nachtigall; Lieblicher, du Lied der Grille, Milder, ernſter Wiederhall! Denn es haͤlt das Feſt der Muſen Hier die ſchweigende Natur, Und an ſeiner Mutter Buſen Ruht der Genius der Flur.— Oder waͤren dieſe Gruͤnde Mir, nur mir Elyſium? Ahnet' ich bei dieſer Linde Meines Schutzgeiſts Heiligthum? Ja, ihr ſeid, ihr ſtillen Haine, Meines Engels Aufenthalt, Wo, bei blaſſem Mondenſcheine, Ariel voruͤberwallt! Saiten der Harfe, meiſterlich beruͤhrt, die lieb⸗ lichſten von allen ſind. Nur der anekdotenſuͤchti⸗ gen, deutelnden Welt hat die verehrungswuͤrdige Unbekannte unbekannt bleiben wollen. Seines Fittigs ſanftes Rauſchen Naht ſich langſam feierlich; Echo ſchweigt, die Vögel lauſchen, Und kein Luͤftchen reget ſich. Du, der jedes meiner Leiden Lindert, jede Luſt erhoͤht, Mir in heilgen Einſamkeiten Ungeſehn zur Seite geht; Der zu ſanften Harmonieen Oft mein Saitenſpiel belebt, Oft in ſuͤßen Phantaſieen Um mein ſchlummernd Auge ſchwebt; Holder Fuͤhrer meiner Jugend, Deſſen Wink mich oft erſchreckt, Wenn mit ſchlau verſtellter Tugend Manchen Wunſch die Welt geweckt Soll vor deiner Freundin Blicken Nie dein Glanz voruͤbergehn? Soll ſie nimmer mit Entzuͤcken Dein enthuͤlltes Antlitz ſehn? 21 O Bewohner dieſer Haine, Höoreſt du die Freundin nicht? Nahe dich! erſchein'! erſcheine, Wo der Mond durch Buchen bricht! Wo an jenen Felſenwaͤnden Sich der Wiederhall verlor, Toͤn' in zaͤrtlichen Accenten. Deine Stimme mild hervor!— Wie ſichs dort am Roſenſtrauche Silberwoͤlkchen gleich erhebt! Wie dies Laub von Geiſter⸗Hauche, Wie dies Herz von Ahnung bebt! Wie in purpurfarbnem Strahle Hier die Daͤmmerung verfließt! Wie ſich dort im fernen Thale Heller Mittagsglanz ergießt! Welche Toͤne! welche Bilder! Welch ein reines Himmelslicht! Glaͤnz', o Seraph, glaͤnze milder, Oder ach— erſcheine nicht! 72 Wandle unter dieſen Baͤumen Menſchlich⸗ſchoͤn— ein Schattenbild, Wie es oft in heilgen Traͤumen Mich mit Himmelsluſt erfuͤllt! Fluͤſtr' in menſchlich⸗ſuͤßen Toͤnen Meiner Seele Himmelsruh, Und das Vorgefuͤhl des Schönen, Wahren, Guten, liebreich zu! Schauernd werd' ich dann zuruͤcke Auf die hehre Stunde ſehn; Nie wirſt du mit finſterm Blicke, Niemals weinend von mir gehn. Seh' ich dann in letzter Stunde Dein nicht fremdes Angeſicht: O ſo ſchreckt aus deinem Munde Mich die ernſte Botſchaft nicht. Durch die duͤſterſte der Naͤchte, Die dein Schimmer ſanft erhellt, Fuͤhrt mich ſchuͤtzend deine Rechte In des Reinen ewge Welt!— 73 2. An Lykon. Was iſts, das ſo mit allen meinen Kraͤften An dich allein vermochte mich zu heften? Durch welche Macht kehrt jeder meiner Blicke Zu dir zuruͤcke? Was iſts, daß mich, im Wachen wie im Schlummer, Dein Bild umſchwebt? Daß Trennung— ach, daß Kummer, Daß Untreu ſelbſt, mich inniger entzuͤnden, Und feſter binden? Laß Jahre uͤber unſerm Haupt entfliehen; Laß unſern Fruͤhling, unſern Herbſt verbluͤhen; Verlaß, vergiß mich— laß mit heißen Trieben Mich Andre lieben: Doch geh' ich kalt bey ihrer Glut voruͤber; Doch iſt von dir ein Wort, ein Blick mir lieber⸗ Als ob die Welt des Reizenden, des Schoͤnen, Mich wollte krönen! 74— Unmoͤglich iſts, unmoͤglich, dich zu laſſen! So allgewaltig kann dein Blick mich faſſen, Als waͤrſt du einſt der ſchönſte Theil geweſen Von meinem Weſen! O wag' es nicht, die Banden zu verletzen, Die nach des Weltalls furchtbaren Geſetzen Um uns geſchlungen ſind— auf keine Zeite, Auf Ewigkeiten! Ja, ſollt' ich je in kuͤnftigen Aeonen Getrennt von dir in hoͤhern Sphaͤren wohnen: So wuͤrde ſtets mein innres, beſtes Leben Nach dir nur ſtreben; Und ſuchen wuͤrd' ich dich, bis ich dich faͤnde, Und dich ſo feſt, ſo feſt umfangen koͤnnte, Daß dich und mich der Herr der Ewigkeiten Nie moͤchte ſcheiden! (Die Folge dieſer Lieder wird von Zeit zu Zeit gegeben werden.) Einige Worte einer Matrone. O[C— Daß die Jugend der jetzigen feinen Welt das Alter weit— weit nachlaͤßiger behandelt, als die ehemalige Jugend das ehemalige Alter, bemerkt jeder, der nicht ſelbſt noch ſehr jung iſt. Es kann das auch nicht befremden, ſon⸗ dern nur betruͤben. In einer Zeit, wo, wie ſeit dem Anfang der franzoͤſiſchen Revolution, die rohe Kraft die Oberhand behielt— eine Veraͤnderung, die ſo in den ganzen Geiſt der Zeit vielleicht aller europaͤiſchen Nationen ein⸗ griff, daß ſie alles umſtimmte, und nun ſelbſt in den ſpeciellſten und entlegenſten Verhaͤltniſ⸗ ſen— von der militairiſchen Regierungsweiſe der Staaten bis in den Kabinetten junger Ehe⸗ leute, von den Fehden der Gelehrten und den Urtheilen der Parterre bis zu dem Schickſal manches ſchoͤnen kleinen Buchs, dem Aufmerk⸗ ſamen immer und immer wieder zum Vorſchein 76 koͤmmt—: zu einer ſolchen Zeit muß auch die rohe, aber kraͤftige Jugend, die im Noth⸗ fall Faͤuſte den Koͤpfen entgegenſetzen kann, und zwar, wie es die Natur nun einmat ein⸗ gerichtet hat, immer zwei Faͤuſte Einem Kopfe, gegen das geſittete, aber ſchwaͤchere Alter uͤberall obenauf ſeyn. Dies hat nun eine zweite Ver⸗ aͤnderung in unſrer jetzigen Lebensweiſe hervor⸗ gebracht, die ebenfalls nicht befremdet, aber betruͤbt: die Alten ſind, vornehmlich in den vornehmern und reichern Haͤuſern, von den Jungen faſt ganz und uͤberall geſchieden, und die Einen paſſen immer weniger fuͤr die an⸗ dern, und das um ſo viel mehr, da ſich, wie es auch nicht anders ſeyn kann, die rohe Kraft auch in ihren Spielen, in ihren Freuden, Luſtbarkeiten, Scherzen u. ſ. w. roh zeigt. Dieſe Trennung iſt aber gar nicht gut, und zwar fuͤr beide ſo von einander geſchie⸗ dene Theile. Ich will gar keine Ruͤckſichten auf beſondere Verhaͤltniſſe nehmen, obſchon es gut waͤre, man naͤhme ſie auch hier oͤfter, als eben jetzt geſchiehet; ich bleibe nur bei dem allgemeinſten: was iſt die Folge? So ——;—— 6* wenig die neueſten Reiſenden in ihren Urtheilen uͤber Paris ei dig ſind, ſo ſind ſie in dem alle einig, du. darch die Oberherrſchaft der Jugend nicht nur dieſe ſelbſt dort immer mehr und in jedem Betracht verdirbt, ſondern daß auch alles Oeffentliche und Gemeinſchaftliche, wo ſie Zutritt hat, gemeiner und ſchlechter wird. Das Alter aber— nun, das wird freilich durch dieſe Trennung freudenloſer, durch die Urſachen derſelben moroſer, wol auch ſtoͤrriger; koͤmmt in vielem, wofuͤr es ſonſt unvermerkt intereſſirt wurde, wofuͤr es ſonſt noch ſpaͤt Sinn be⸗ hielt, zuruͤck, und ſchraͤnkt ſich auf ſich ſelbſt und ſeine Bequemlichkeiten ein. Wahrlich, bei⸗ des iſt von großer Bedeutung, von maͤchtigem Einfluß auf das Ganze, und werth, weit tie⸗ fer unterſucht, weit lauter ausgeſprochen, und weit kraͤftiger beſtritten zu werden, als es mir moͤglich iſt. Man muß ſich einander wieder naͤhern, allmaͤlig ſich wieder vereinigen lernen. Wie ſoll das aber zu Stande kommen? Sollen die jungen Leute ſich wieder an die Alten ſchließen? Sie ſollten es wol, aber ſie werden es nicht, denn ſie ſind im Vor⸗ 78 theil; ſie fuͤhlen auch weniger, was ſie entbeh⸗ ren, und muͤſſen ſich mehr zwingen, um die Annaͤherung leidlich zu finden. Die Alten haben, wenigſtens durch Erfahrung, mancherlei Solides gelernt: neun Zehntheile der jungen Elegants und Eleganten moͤgen ſo etwas nicht lernen, und divertiren ſich genuͤgend unter den Ihrigen, die ſo unwiſſend ſind, wie ſie. Das zehnte Zehntheil, das was lernt, ſiehet aber die Dinge(wiſſenſchaftliche nicht allein) von der ganz entgegengeſetzten Seite, als die Alten, an, ſpricht ſogar eine Sprache, die dieſe nicht verſtehen, lernt dieſe fruͤh als ge⸗ mein(hoͤchſtens verſtaͤndig) verachten, und findet unter den Seinen die angenehmſte Nah⸗ rung ſeiner unerhoͤrten Eitelkeit, unter den Alten aber uͤberall Anſtoß. Was ſoll ſie alſo noͤthi⸗ gen, ſich den Alten zu naͤhern? Die Matro⸗ nen hingegen, die ſich bei dem armſeligen Ge⸗ plauder der Maͤdchen von nichts, als von den Laffereien der Moden, von den taͤglichen Baͤl⸗ len und Prunk⸗Geſellſchaften und Thee's, und hoͤchſtens von den ſchlechteſten Artikeln der modiſchen Flugblaͤttchen, deren Menge ihre gute — 79 1 Aufnahme beweiſet, und welche jetzt ein jun⸗ ges Modeweib faſt zur alleinigen Lektuͤre waͤh⸗ let;— die Matronen, ſag' ich, die daran kei⸗ nen Gefallen finden, darein nicht lebhaft ein⸗ ſtimmen koͤnnen, darum uͤber die Achſel an⸗ geſehen werden; die alten Herren, die mit den jungen uͤber die wilden Pferde des Einen oder Andern, uͤber die Zech⸗ und Spielpar⸗ thieen, uͤber die Geſchichte der Aktrizen hin⸗ ter den Kuliſſen, nicht angelegentlich ſprechen koͤnnen, darum ſich vermieden ſehen, daruͤber erbittert ſind—; dieſe werden gewiß eben ſo abgeneigt, und vermoͤge der Hartnaͤckigkeit vie⸗ ler unter ihnen, noch weniger geneigt ſeyn, Schritte zur Annaͤherung zu thun. Ich ſehe darum nur Eine Moͤglichkeit, dieſen Zweck zu erreichen. Man urtheile, und findet man meine Meinung gegruͤndet, ſo benutze man ſie. Unter zwei Gegnern von ungleichen Kraͤf⸗ ten kann nur der mit Ehren und auch mit dem beſten Erfolg Vorſchlaͤge zur Ausſoͤhnung geben, der im Vortheil iſt: und, wie geſagt, das iſt die Jugend.(Ich uͤbergehe 60— abſichtlich, daß es ihr uͤberhaupt am meiſten zuſtehe; und dies im beſondern auch darum, weil von ihr die Entfernung ausgegangen iſt.) Ein ſolcher Gegner kann aber nur durch Guͤte von Andern bewogen, oder durch Edelſinn von ſich ſelbſt beſtimmt werden. Den letzten zu verlangen will ich mich ebenfalls enthalten, weil er wenigen zuzutrauen iſt, und weil dann auch etwas von Mitleid, folglich etwas Herab⸗ ſetzendes gegen uns Alte in das Spiel gezogen wuͤrde. Alſo durch Guͤte— durch Vor⸗ ſtellungen, mein' ich. Ich will deren nur drei hier erwaͤhnen, und allein zu der Jugend mei⸗ nes Geſchlechts reden: Meine jungen Schweſtern: Ihr entbeh⸗ ret, wenn ihr den oͤftern und traulichen Um⸗ gang mit gebildeten und guten Alten beider Geſchlechter vermeidet— nicht etwa nur ein leichtes und ſchoͤnes Mittel eurer eigenen Bil⸗ dung, ſondern auch eine ſehr edle, und euch jetzt neue Gattung von Freuden. Ver⸗ ſucht es nur, aber verſucht es nicht Einmal— welches Neue verlangte nicht einige Gewoͤh⸗ nung? verſucht es öfter, und wenn ihr mir 81 dann nicht Recht gebt, nennet mich oͤffentlich eine eitle Luͤgnerin. Ihr entbehret die anſtaͤndigſte und ſicherſte Gelegenheit zu eurer Verſorgung durch eine gluͤckliche Verbindung. Das ſpringt in die Augen, und ich will darum nur das hinzu⸗ ſetzen, daß ihr eben jetzt, wie die Verhaͤltniſſe in der Welt ſind, und wie ſie, mit groͤßter Wahrſcheinlichkeit, fuͤr euch von Jahr zu Jahr noch ſchlimmer werden— eine ſolche Verſorgung, und mithin eine ſolche Gelegenheit dazu, doppelt und dreifach ſchaͤtzen und ſuchen ſolltet. ſ 1 Endlich, lieben Maͤdchen, bedenkt, daß ihr— und fruͤher als wir, aueh alt wer⸗ det, und daß ihr ſelbſt, wenn ihr Muͤtter ſeid, euren Kindern von klein an das nie zu verloͤſchende Beiſpiel, auch euch dann zu ver⸗ laſſen und zu verachten, gebt— ein Beiſpiel, das ſie wahrlich nicht unbefolgt, und euch dann einſam und unter Fremden ſterben laſſen! c. f. F. VI. H 6 Arz akia. Zum Theil nach de la Dixmerie.*) Die alten Einwohner von Canada ſchlachteten die erſten Franzoſen, die der lieben Aufflaͤrung halben zu ihnen kamen— ſchlachteten und ver⸗ ſpeiſeten ſie. Man ſiehet, daß ſie wirklich Wilde waren. Nun verſuchten die Franzoſen es anders— erregten in der Nation kuͤnſtliche Beduͤrfniſſe, ſchwaͤchten ihre Kraͤfte durch Branntwein, Krank⸗ *) Daß in dem Inhalte dieſer Erzaͤhlung nichts aus unzeitigem Verſchonerungstrieb ent⸗ ſtellt, uͤbertrieben verputzt worden, giebt man wahrſcheinlich zu, wenn man RNeiſebeſchreibungen kennet, oder auch, wenn ich geſagt habe, daß die Schilderung der ſchoͤnen Wilden aus den Miſ⸗ ſions⸗Berichten eines gar nicht mehr jungen Jeſuiten iſt. D. Verf. D 83 heiten, Schwelgereien: da wurden die Wilden zahm und den Zaͤhmenden unterthan. Man ſiehet, daß dieſe wirklich Kultivirte waren. Sceitdem die Canadier nur erſt Tabak rauch⸗ ten, Branntwein tranken, und ihre Weiber zu den aufgeklaͤrten Europaͤern ſchlichen, war alles gut und im Reinen. Fried' und Einigkeit herrſchten zwiſchen den Eingebornen und Fremd⸗ lingen, und dieſe konnten nun auch mit eini⸗ ger Sicherheit anfangen, die zur Buße zu fuͤh⸗ ren, die ſie vorher zum Laſter gefuͤhrt hatten. Die Weiber erleichterten ihnen beides. Dieſe ſind dort lebhaft, groß und ſchoͤn. Kunſt erhoͤ⸗ het— Kunſt verſteckt aber auch ihre Reize nicht. Ihr Charakter iſt ſanft, faſt immer zur Heiterkeit geſtimmt. Ihr Lachen und ihr Tanzen wird von den Aufmerkſamen ganz beſonders, als ungemein verſchoͤnernd, ausgehoben. Zur Liebe ſind ſie ſehr geneigt, und die Maͤdchen duͤrfen ſich dieſer Neigung, ohne Vorwuͤrfe zu erfahren, nach Belieben uͤberlaſſen. Nicht ſo die Frauen! Das Maͤdchen, das ſich einmal einem Manne ergiebt, mit ihm verbunden zu blei⸗ ben, iſt nun zur ſtrengſten Treue gegen ihn ver⸗ 34— pflichtet, und erfuͤllet auch dieſe Verpflichtung aufs willigſte und vollkommenſte. Ein ſolches junges Weib wurde einſt im ein⸗ ſamen Walde von einem franzoͤſiſchen Soldaten uͤberfallen, der ſich nicht darum kuͤmmerte, ob ſie Maͤdchen oder Frau ſey. Ihr Geſchrei zog den Baron Saint⸗Caſtins, der als Offizier bei der Beſatzung ſtand und ſich zufaͤllig in der Nachbarſchaft befand, herbei. Er verjagte den Soldaten, die Gerettete dankte ihm herzlich, und nun wollte ſie wieder an ihre Arbeit gehen. Der Baron war aber von ihrer Schoͤnheit zu ſehr angezogen, als daß er ihr das ſo leicht ge⸗ ſtattet haͤtte. Er behandelte ſie mit Artigkeit und Delikateſſe: ſie nahm es beſcheiden und freundlich an; aber kaum ahnete ſie Wuͤnſche in ſeiner Seele, als ſie ſittſam ſagte: Mein Freund ſtehet vor meinen Augen: ich darf dich nicht ſehen— das heißt, in unſere reichere, aber um ſo vieles unzartere Sprache uͤberſetzt: Ich ver⸗ geſſe nicht, daß ich vermaͤhlt bin, und darum darf ich auf dich und deine Wuͤnſche nicht achten. Das war nun nicht etwa leere Redensart— — 835 die Wilden wiſſen von ſolchen nichts— ſon⸗ dern der rundeſte und feſteſte von allen Koͤrben. St. Caſtins, der die Sprache und Sitten der Nation kannte, nahm es auch dafuͤr; in jener galanten Großmuth und ſelbſtſchmeichelnden Honnetetaͤt, die an franzoͤſiſchen Kriegern nicht ſelten iſt, verſchonte er ſie nicht nur mit Zu⸗ dringlichkeiten, ſondern ging ihr bei der Arbeit zur Hand und geleitete ſie dann bis an ihre Huͤtte, um ſie vor neuen Anfaͤllen ſicher zu ſtellen. Das Weib bezeigte ſich auf die ange⸗ nehmſte— nur nicht auf die Art, erkenntlich, auf welche der Offizier anfaͤnglich ausgegan⸗ gen war.— Nach einiger Zeit wurde St. Caſtins von einem andern Offizier im Dienſt beleidigt. Er forderte ihn: ſein Gegner blieb im Zweikampf. Der Erlegte war aber ein Verwandter und Liebling des General⸗Gouverneurs, und dieſer, ein eben ſo unumſchraͤnkter Gebieter, als hef⸗ tiger, rachgieriger Mann. St. Caſtins mußte fluͤchten. Man glaubte, er ſey zu den Eng⸗ lndern nach Neu⸗York geflohen: aber er hatte 86 eine eben ſo ſichere Zuflucht unter den Einge⸗ bornen gefunden. Der Wunſch, die junge Azakia wieder⸗ zuſehen, hatte vielleicht einiges zu dieſer Wahl beigetragen, denn zu ihr, ſeinem Schuͤtzling, floh er. Sie erkannte ihn ſogleich wieder, freuete ſich ungemein, ihn wiederzuſehen, und bezeigte dieſe Freude eben ſo ungezwungen, als ſie vordem ſeine Bewerbungen abgewieſen hatte. Ihr Mann— Cuabi hieß er— nahm den Fluͤchtling eben ſo freudig auf. Dieſer erzaͤhlte, was ihn vertrieben habe. Der große Geiſt ſei gelobt, daß er dich zu uns gebracht hat— ſagte Cuabi. Dieſer Leib ſoll deine Schutz⸗ wehr ſeyn und dieſe Keule deine Feinde dar⸗ niederſchlagen. Meine Huͤtte iſt dein. So lange du die Sonne auf⸗ und untergehen ſie⸗ heſt, foll dir nichts mangeln, noch ſchaden.— St. Caſtins erklaͤrte, er wolle wie ſie leben— an ihren Arbeiten, Gebraͤuchen und Kriegen Theil nehmen: das verdoppelte Cuabi's Freude. Die Nation war eben im Kriege mit den benachbarten Irokeſen begriffen. Cuabi war Heerfuͤhrer. Man lieferte eine Schlacht. St. 87 Caſtins focht an ſeiner Seite, und wurde ge⸗ faͤhrlich verwundet. Auf einer Tragbahre brachte man ihn in Cuabi's Haus zuruͤck. Azakia war außer ſich vor Schmerz: aber ſie klagte nicht, ſondern half. Sie hatte mehrere Sklaven: ſie wartete den lieben Gaſt ſelbſt und allein. Sie war ſo aufmerkſam, ſo ſanft, ſo unverdroſſen, als waͤre ſie Braut und er ihr Braͤutigam. Wie haͤtte Er— ein Fran⸗ zos— etwas andres daraus ſchließen koͤnnen, als daß er insgeheim innig geliebt werde? Mit ſeinen Kraͤften wuchs ſeine Hoffnung und ſeine Zuneigung. Die Gelegenheit, den ehrli⸗ chen Cuabi zu hintergehen, war jetzt ſo bequem: er verſuchte behutſam ſeine Antraͤge zu erneuen. Erſtaunt, hoͤrte er eine eben ſo ſtandhafte und noch derbere Zuruͤckweiſung, als vordem. Er ſchwieg, und nun erſt veredelte ſich ſeine Zu⸗ neigung wirklich zur Liebe. Er wurde ſchwer⸗ muͤthig: Azakia war geruͤhrt. Sieh, ſagte ſie; ich kann ja deine Frau nicht werden, da ich Cuabi's Frau bin. Verließ ich ihn, ſo wuͤrde er eben ſo traurig, wie du biſt. Haͤtt' er das um mich und dich verdient?— Nein! 38— rief der brave, junge Mann mit Hitze. Aber dann muß ich auch fort von hier! und bald!— Das junge Weib trat erſchrocken zuruͤck, und ſahe ihn ſtarr mit großen Augen an, aus denen hernach Thraͤnen hervorbrachen. Sie verbarg dieſe Thraͤnen nicht; ſie bat mit ruͤh⸗ render Leidenſchaft, er moͤchte bleiben— er ſei ja ihr und ihrem Manne ſo lieb! ſie wolle ihm auch ferner wie eine Sklavin die⸗ nen; ſie werde ſterben, wenn er ſie ſo traurig verließ!— Cuabi kam heim: ſie verbarg weder ihre Thraͤnen, noch deren Urſache. Cuabi erſchrak ſo ſehr, als ſeine Frau erſchrocken war. Wer hat dir etwas zu Leide gethan? rief er. Ich ſchwoͤre: ich will hin, und ihn ſtrafen und dich raͤchen!— St. Caſtins gab allerlei an— denn den geheimern Zuſammenhang ver⸗ rieth er freilich ſo wenig, als Azakia ihn ver⸗ rathen hatte. Cuabi fand das laͤcherlich und meinte, er ſei noch krank, und daher kommen ſeine Grillen. Er ſolle ſich nur ferner treulich von der guten Azakia abwarten laſſen, waͤh⸗ rend er wieder in die Schlacht zoͤge— da wuͤrde ſichs ſchon verlieren. Und damit wan⸗ 89 derte er guten Muths wieder fort gegen die Feinde. Die Situation der beiden Leutchen war nun ſchwierig genug; aber Azakia wußte ſie, mit eben ſo viel Schonung, als Feinheit zu mildern. Sie machte ſich jetzt vielerlei außer dem Hauſe zu ſchaffen, und— ſandte dem Gaſte eine junge Sklavin, die noch frei mit ihrer Gunſt ſchalten durfte, und die mit der Bitte zu ihm kam, ſich ihre Dienſte gefallen zu laſſen. Das Maͤdchen war ſehr jung, ſehr ſchoͤn, und ſehr einnehmend. Sie ſaß an ſei⸗ nem Lager und heftete die Augen an den Bo⸗ den: aber die ſchoͤnen Augen funkelten von Feuer. Sie verrieth keine Wuͤnſche, kam aber denen, die der Kranke aͤußerte, ſo eifrig ent⸗ gegen, daß er nicht verkennen konnte, ſie werde auch denen entgegenkommen, die er nicht aͤu⸗ ßerte. Aber auch Azakia's Abſicht konnte er nicht verkennen; und wenn ihn dieſe von einer Seite kraͤnkte, mußte ſie ihm das zaͤrtliche Weib von der andern nur noch achtungswuͤr⸗ diger und theurer machen. Meine Quelle giebt nicht an, ob dieſe 90— Epiſode von dem jungen Franzoſen gar nicht be⸗ nutzt worden ſey; ſo viel iſt gewiß, daß ſie in der Hauptgeſchichte die Diverſion nicht machte, die ſie machen ſollte. Ein Zufall gab dieſer viel⸗ mehr einen raſchern und unvermutheten Fort⸗ gang. Cuabi hatte die Irokeſen verfolgt, war aber von einem wohlverborgenen Hinterhalt derſelben uͤberfallen, und ſo total geſchlagen und zerſtreut worden, daß die Fluͤchtlinge, die die Botſchaft brachten, es nicht ſchlimm genug angeben konnten. Aber noch erſchuͤtternder fuͤr das treue Weib war die bald folgende Nach⸗ richt, ihr Gemal ſey geblieben. Der Schmerz ſchien ihr Leben zu bedrohen. St. Caſtins nahm herzlichen Antheil, und vergaß die Aus⸗ ſichten, die dies Ereignis ſeinem Eigennutz haͤtte eroͤffnen koͤnnen. Mit Entſetzen hoͤrte er aber jetzt von Azakia von dem Gebrauch, dem ſich jedes rechtſchaffene Weib ergab, und den er jetzt zuerſt kennen lernte— dem Ge⸗ brauch, daß eine Wittwe vierzig Tage auf ihre Traͤume achtete, und, wenn ihr in dieſer Zeit ihr Gemal zweimal erſchien, daraus ſchloß, 91 er ſehne ſich nach ihr im Lande der Seelen— wo ſie dann, wenn ſie Liebe und Ehre beweiſen wollte, ſich ſelbſt den Tod gab, um die Sehn⸗ ſucht des Gemals in jener Welt zu ſtillen. Azakia war feſt entſchloſſen, dieſem Ge⸗ brauch zu folgen, wenn ſie ihren Gatten in die⸗ ſer Zeit zweimal im Traume ſaͤhe, und alle Be⸗ muͤhungen des jungen Franken, ſie von ihrem Glauben und Entſchluß abzubringen, waren vergebens. Sie ließ ſich ſeine Zuredungen gern gefallen und laͤchelte dankbar zu ſeinen Demon⸗ ſtrationen; aber ſie wich keinen Schritt von dem, was ſie als Pflicht und heilig erkannte. Der Liebhaber aͤngſtigte ſich jede Nacht, daß ſeine Freundin nicht traͤumen moͤchte, und trat jeden Morgen mit Zittern zu ihr. Als er dies auch heute that, traf er ſie bei der Zubereitung eines toͤdtlichen Tranks. Er entſetzte ſich, er ſtuͤrmte in ſie ein: ſie blieb ruhig— Cuabi hat mir befohlen, mich zur großen Reiſe zu bereiten! ſagte ſie. St. Caſtins beſtritt hef⸗ tiger als je ihre Ueberzeugung, ſchalt ſie Aberglauben, Selbſttaͤuſcherei, ſchalt ihre Prie⸗ ſter:— ſie unterbrach ihn ernſthaft: Was 92—— willſt du denn? Cuabi hat ſich dieſe Nacht ſehen laſſen. Er hat mich bei der Hand er⸗ griffen. Ich ſollte ihm folgen. Ich wollte auch, aber ich war zu ſchwer. Da ging er traurig fort. Er wird wiederkommen. Da muß ich folgen. Dieſer Trank macht mich leichter: dann kann ich zu ihm gehen. Gerade dieſe Rede mußte den lebhaften Franzoſen außer ſich ſetzen. Was Schmerz und Liebe, Verſtand und Erfahrung ihm ein⸗ gaben, wendete er ein; Azakia weinte uͤber ſeinen Schmerz, ertrug ſeine Vorwuͤrfe, be⸗ harrete aber bei ihrem Vorſatz. Eine einzige Wendung, auf die St. Caſtins endlich kam, machte ſie ſtutzig. Du weißt ja noch nicht einmal gewiß, ſagte er, ob dein Mann todt iſt. Sobald er die Wirkung dieſes Einwurfs be⸗ merkte, unterſtuͤtzte er ihn auf alle moͤgliche Weiſe; und endlich erreichte er doch, daß Aza⸗ kia ihm verſprach, den toͤdtlichen Trank nicht eher zu nehmen, wenn ſich auch Cuabi wieder im Traume ſehen ließe, bis ſie ſichere Nachricht von ſeinem Tode habe. St. Caſtins unterzog —— 93 ſich ſogleich dem Geſchaͤft, dieſe Nachricht ein⸗ zuziehen. 1 Die Canadier wiſſen nichts von der Scho⸗ nung gebildeter Nationen gegen Kriegsgefan⸗ gene— ſie haben keine unterirdiſchen Gefaͤng⸗ niſſe oder Schiffsraͤume, wo der Gefangene langſam vermodert oder ein Raub der Ver⸗ zweiflung wird; bey ihnen muß er als Sklav arbeiten, oder er wird unter feierlichen Opfer⸗ geſaͤngen ſogleich hingerichtet. Gemeiniglich ſteht die Wahl bei ihm; es wird aber oͤfter der Tod, als das Sklavenleben gewaͤhlt, be⸗ ſonders wenn man nicht hoffen darf, daß die Gegenparthei in kurzem kommen, und die Ih⸗ rigen mit Gewalt befreien werde. Ahakia, die ihren Mann ehrete, trauete ihm auch Helden⸗ muth zu, und darum war ſie ſicher, er werde, wenn er auch nicht geblieben, doch nun frei⸗ willig den Tod gewaͤhlt haben. St. Caſtins wollte, daß ſie wenigſtens eine Zeit lang zwei⸗ felte, vielleicht in der Hoffnung, daß ſich mit dem erſten Schmerz auch der erſte Enrſchluß verlieren wuͤrde. Er ſammlete die Geſchlage⸗ nen wieder, und zog an ihrer Spitze aus, die 94—— Gefangenen zu befreien und die Schmach der Nation abzuwenden. Azakia hielt ihn nicht zuruͤck. St. Caſtins hoffte zu ſiegen, wenn er ſich, ſo viel ſichs thun ließ, der europaͤiſchen Sitte naͤhere, durch Ueberliſtung und Schleicherei die Oberhand zu gewinnen. Er ließ ſeine Leute zur Nachtzeit auf verſteckten Wegen leiſe an⸗ ruͤcken: die Irokeſen wurden unvermuthet bei ihrem Siegesmal uͤberfallen; Ueberraſchung und Aberglaube ließen ſie faſt gar keinen Wider⸗ ſtand thun— ſie hatten daſſelbe Schickſal, das ſie neulich ihren Gegnern bereitet hatten. Mit ausgelaſſenem, ſtolzen Jubel zogen die Sieger nun auf den Wahlplatz zuruͤck, wo die Gefangenen, die den Tod gewaͤhlt hatten, ge⸗ bunden, um das Feuer gelagert waren und nun in das Siegsgeſchrei der Ihrigen ein⸗ ſtimmten. Man band ſie los: da ſtuͤrzte einer aus ihnen zu St. Caſtins und rief uͤberlaut und immer von neuem: Du biſt es— du haſt meinem Volke Sieg und Ruhm verſchafft! du haſt mir das Leben wiedergegeben! Du ſollſt an meiner Statt Heerfuͤhrer ſeyn und ich will 9⁵ dir dienen!— Cuabi war es. St. Caſtins lag aber mehr an ſeiner ſchnellen Ruͤckkehr, als an ſeiner Wuͤrde. Sie zogen zuruͤck. St. Ca⸗ ſtins erzaͤhlte Azakia's Vorſatz, und erzaͤhlte ſo lebhaft, ſo beſorgt, ſo aͤngſtlich, daß endlich dem ehrlichen Cuabi die Augen aufgingen. Nun erinnerte er ſich auch mancher fruͤhern Bemerkung, die er im Stillen gemacht hatte. Er wurde ernſthafter und ſchwieg. So kamen ſie zu ſeiner Huͤtte. Azakia blieb vor Erſtaunen erſt ſtarr und ſprachlos vor Cuabi ſtehen; dann ging dies Erſtaunen in die lebhafteſte Freude uͤber, die ſie durch feurige Liebkoſungen und ziemlich langes Ge⸗ ſchwaͤtz ausdruͤckte. Die wilden Frauen ſind naͤmlich auch darin das Gegentheil von den gebildeten, daß ſie daun viel ſchwatzen, wenn ſie wirklich viel zu ſchwatzen haben. Endlich nahm Cuabi das Wort. Er ſagte zu St. Ca⸗ ſtins: Du haſt meinem Volke den Sieg und mir das Leben erkaͤmpft; du biſt auch Ur⸗ ſach, daß Azakia noch lebt. Vergelten kann ich dir's nicht. Aber ich will mein Weib nicht hindern, wenn ſie dir's vergelten will. Ich 95 ſcheide mich von ihr. Sie iſt nun wieder ein freies Maͤdchen, und mag von uns waͤhlen, welchen ſie will. Dem jungen Franzoſen ſchien dieſe Rede nicht ſo wunderlich, als vielleicht den Leſerin⸗ nen. Er wußte, daß zu einer Eheſcheidung unter dieſem Volke nichts gehoͤrt, als der Wille des Mannes; er hatte auch ſeit geraumer Zeit Merkmale genug, daß Azakia ihn heimlich liebe, und nur aus Pflichtgefuͤhl ihrer Neigung widerſtehe. Dieſes liebenswuͤrdige Weib, das alle Verſuchungen eines heimlich Geliebten ſtandhaft beſiegte, ſo lange es ihm Pflicht war; das den todt geglaubten Gatten nicht uͤberleben wollte—— beſiegte nun in prun⸗ kender Großmuth ihre verborgenen Wuͤnſche und ſchlug beide aus, um keinen zu kraͤnken? Um Verzeihung! ſo wuͤrde wahrſcheinlich die Heldin einer franzoͤſiſchen Novelle endigen: aber Azakia endigte anders. Sie hatte ihre Pflich⸗ ten erfuͤllet, nun glaubte ſie auch ihre Nei⸗ gung hören zu duͤrfen: ſie reichte St. Caſtins die Hand, und Cuabi betrachtete ihr Gluͤck mit wohlwollender Theilnahme. Azakia trat von 92 dieſem Augenblick mit gleicher Gewiſſenhaftig⸗ keit in alle Pflichten einer Gattin gegen den neuen Gemal, und ich wuͤnſchte nur, der Miſ⸗ ſionaͤr, der ſie bald darauf taufte, haͤtte auch angemerkt, daß St. Caſtins ihrer innigen, treuen Liebe auch immer wuͤrdig geblieben ſei. Die Wittwe. Das doͤchſte Gluͤck. Suͤß iſt fuͤr's Herz der Ehre freud'ge Kunde, Des edeln Nachruhms ſchmeichleriſcher Ton! Doch ach! wie oft erwacht zu truͤber Stunde Das arme Herz! die Strahlen ſind entflohn. Nur in der Seelen enggeſchloßnem Bunde Erreicht die Sehnſucht ewigfeſten Lohn. Nie wird der Freundſchaft lichter Aether truͤbe, Und nie der Himmelsglanz der zarten Liebe. Nicht was geruͤhmt, vergoͤttert wird von Allen, Iſts, was die Fuͤlle hoͤchſten Gluͤcks gewaͤhrt! Laß ihn vom Antlitz des Geliebten fallen, Den eiteln Schimmer, den die Welt verehrt! In ſeines Tempels ſtillen, heil'gen Hallen, In deinem Herzen ſtrahlt der Gott verklaͤrt! Du haſt den Altar einmal ihm errichtet, Nun wird durch nichts ſein Goͤtterglanz vernichtet. O ſelig, wer in eines Andern Herzen Fuͤr ſein Gefuͤhl ein ſuͤßes Echo fand! 99 Erhaben iſt er uͤber Tod und Schmerzen; Schon hier dem Neich des Himmels anverwandt. Die Sterne lodern als des Altars Kerzen, Des ew'gen Bundes leuchtend Unterpfand. O ſelig, wer fuͤr eignes Herzens Wunden In fremder Bruſt ein lindernd Heil gefunden! e⸗ kann auch mich nicht ird'ſcher Gram be⸗ . fangen; Auch mir ward ja das ſeligſte Geſchick! Aus einer gleichgeſtimmten Seele klangen Die eignen Toͤne ſchoͤner mir zuruͤck.— Haͤlt gleich das Grab mein liebliches Verlangen, Und birgt des Todes Nacht mein ſuͤßes Glück: Doch darf ich nicht mich freundlos arm verzehren, Mein ſuͤßes Echo toͤnt aus ſchoͤnern Sphaͤren! Louiſe Brachmann. 100— Offene Fehde. ¹ — Ich ſoll auch etwas fuͤr das Journal ſchrei⸗ ben? Ob ichs denn thue!— Ja ja! der gute Wille iſt ſchon da, und was ſonſt fehr wird auch kommen! Vor der Hand ſcheint mir aber nichts zu fehlen, als etwa— was ich ſchreiben ſoll, und wie ichs ſchreiben ſoll. Das heißen die Leute, ſo viel ich weiß, Ma⸗ terie und Form, und ſagen, es ſei Alles. Aber das iſt nicht wahr. Denn ſonſt muͤßt' ich ja gar nichts haben; und ich habe doch die zwei neugeſchnittenen Federn, die Sie mir, lieber Herr Mitherausgeber, aus großer Ge⸗ faͤlligkeit haben aushaͤndigen laſſen—— Da ſitz' ich nun vielleicht ſchon eine halbe Stunde— Es iſt doch im Ernſt ein eigenes Ding um die leidige Materie und Form! Die Federn ſind wechſelsweis eingetunkt: es koͤmmt nichts in den Kopf, nichts aufs Velin. Stille! mir faͤllt'was ein, das einer Bemerkung nicht unaͤhnlich ſiehet: Wir Weiber werden oft 101 feiner, kluͤger, gewandter, ſcharfſinniger, mu⸗ thiger, getroſter— lebendiger ohnehin— kurz, wir werden mehr, als gewoͤhnlich, wenn wir uns ein Bischen aͤrgern.(Ein Bischen, ſag' ich um's Himmelswillen!) Die ganze Welt weiß, daß ſich dann bei uns das Was und Wie von ſelbſt findet— im Reden: ſollte es im Schreiben anders ſeyn, Wertheſter? Ich will's doch verſuchen; vielleicht koͤmmt dadurch 'was ins Journal, und ich werde obendrein meinen Verdruß los!*) Woruͤber ich mich geaͤrgert habe? Es kam vielerlei zuſammen. Es ſchien einander zu wi⸗ derſprechen und fand doch geheimen Zuſam⸗ menhang: es war eine Welt von Verdruß. Der Doktor, dieſer gutmuͤthige, aber ſatyriſche Hageſtolz, war da, und ſprach, wie *) Ohne Noten und Einſchiebſel kann ich nun ein⸗ fuͤr allemal keinen Aufſatz ſchreiben, wie keinen Brief ohne Poſtſeript. Hier merke ich nur an, daß es mir vorkoͤmmt, als ob eben jetzt recht viele Maͤnner recht viele Buͤcher gerade in derſel⸗ ben Stimmung und mit derſelben Nebenabſicht ſchrieben, wie ich Obiges. 102 er ſo gern thut, uͤber die Weiber.*) Unter anderm Folgendes. Ihr guten Kinder, ſagte er, ſeid dahin zu bringen, daß ihr am Ende alles glaubt, auch das Verkehrteſte, wenn man es euch nur recht oft vorſagt. So wie ſich unſer Gaumen an alles gewoͤhnt, gewoͤhnt ſich *) Schon wieder eine Anmerkung! Iſts nicht ſeltſam, daß gerade Hageſtolze ſo gern uͤber uns Weiber ſprechen, und auch ſchreiben? Mein Mann fuͤhrt Kant an und mehrere Franzoſen. Von dieſen weiß ich nichts, aber mir fallen ein: Hippel, Mauvillon, und noch einige, die ich jetzt gleich nur nicht nennen kann. Brandes und Pok⸗ kels ſind wol auch nicht verheirathet? oder wa⸗ ren's doch ſchwerlich, als ſie ſchrieben! Noch⸗ mals: iſts nicht ſeltſam? Rouſſeau ſagt einmal: Die irreligioöſeſten Menſchen reden und ſchreiben am liebſten uͤber Religion; ſie fuͤhlen das Beduͤrf⸗ nis derſelben, und wollen ſich durch Raiſonne⸗ ment und Krittelei damit abfinden.—— Noch eine Anmerkung zur Anmerkung! Man wird mich laͤcherlich machen und gelehrt ſchelten, weil ich Autoren citire; da ich aber zanke und ſtreite, wuͤrde man mich ohnehin unter die Ge⸗ lehrten geworfen haben, und ich ſinde mich gedul⸗ dig darein. 103 euer Kopf an alles. Es iſt bei euch mit den Sachen des Verſtandes und Geſchmacks, wie mit den Moden. Ihr ſehet einen neuen Hut: er iſt haͤßlich, und ihr findet ihn auch ſo; aber die traͤgt ihn, und jene, und wieder jene: da meint ihr, er muß ja wol huͤbſch ſeyn, probirt ihn auf, gewoͤhnt euch daran, und nun heißt ihr ihn wirklich von Herzen huͤbſch. So ſagt euch nun auch Jemand et⸗ was vor, das euch auffaͤllt, das ihr aber ganz unwahr und thoͤricht findet, und mit Recht; allein er ſagt's oft, und der ſagt's auch, und jener ebenfalls: ſo meint ihr, es muß ja wol wahr ſeyn, ſprecht's nach, lernt's glauben, und vertheidigt's nun aus allen Kraͤften—— Der ungezogene Doktor! Wir ſprachen lange daruͤber, und er trieb mich ſo in die Enge, daß ich ihm am Ende wahrhaftig Recht geben mußte, nur mit dem kleinen, unbedeu⸗ tenden Vorbehalt, daß es— den Maͤnnern nicht um ein Haar anders gehe. Er ſtutzte: waͤhrend deſſen bekam ich mehr Luft, und ſetzte ſchnell hinzu: Weiſe Herren, Sie leſen etwas, und leſen's wieder, und immer wieder: 104 da nehmen Sie es denn hin— es muß doch „was dran ſeyn, meinen Sie! Das iſt aber nicht viel anders, als unſer: es muß wahr ſeyn. Oder ſtoppelt ſich das, was man herr⸗ ſchende Meinung nennt, anders zuſam⸗ men? und ſeid Ihr freier davon als wir?— Daruͤber habe ich mich nun nicht etwa geaͤrgert: aber es wird ſchon kommen! Der Doktor hatte ein Buch in drei Baͤnd⸗ chen mitgebracht und mir aufgetragen, es, als eine ſehr anziehende Neuigkeit, meinem Manne zu geben, ſobald er nach Hauſe kaͤme. Was iſts denn? fragte ich und naͤhete fort. Ein treffliches Werk, antwortete er, und zwar von Jean Paul Richter. Ei ſo zeigen Sie doch— fiel ich ein, und naͤhete nicht fort: denn ich theile mit ſo vielen Frauen die Liebſchaft zu Jean Pauls Schriften. Es iſt nicht fuͤr Sie und Ihr Geſchlecht— Hoho, Herr Weiberfeind! darum werd' ich den freundlichſten aller Legationsraͤthe ſelbſt fragen! Im Ernſt! ich will Ihnen einige Kapitel 105 anſtreichen: das Uebrige iſt wirklich nicht fuͤr Sie. Iſts denn ſo gelehrt? Ja! ſagte der Mann, und das war doch wol ein bischen impertinent— obſchon es, wie ich hernach erfuhr, wahr iſt. Nun, was iſts aber? Die Vorſchule der Aeſthetik*)—— Der Doktor ſagte mir nun allerlei Huͤbſches uͤber dies Buch, und erklaͤrte, er halte es fuͤr das merkwuͤrdigſte unter den Produkten der vorigen Meſſe. Dann fuhr er fort und lachte vor ſich hin— wie das nun manche Leute machen, zum Verdruß mancher andern Leute: Ich habe noch einen beſondern Grund, Ih⸗ nen vom Leſen des Ganzen abzurathen. So! Und welchen? *) Der Verf. wird mir's nicht uͤbel nehmen: ich verſtand„Vorſchuhe der Aeſthetik“; er darf's auch nicht uͤbel nehmen: nach Flegel⸗ jahren und Hundspoſttagen von ſeinen Titeln koͤnnten Vorſchuhe nicht befremden. Sie gaͤben ja uͤberdies einen guten Sinn! Nicht wahr, witziger Verfaſſer? 106 Er lachte noch immer— faſt fatal: Sie wuͤrden Sich aͤrgern; denn Sie faͤnden darin auch, was Sie ſchon in mehrern ſeiner neuern Buͤcher gefunden, und woruͤber Sie ſich ſchon damals geaͤrgert haben— Nur heraus! denn ich haͤtte viel zu thun, wenn ich alles merken ſollte, woruͤber ich mich einmal geaͤrgert habe! Was alſo? Er macht auch hier, wo ſichs nur anbrin⸗ gen laſſen will, die Leipziger in Maſſe laͤ⸗ cherlich; und Ihr Patriotismus—— „Es iſt nicht wahr, ich habe keinen Pa⸗ triotismus!“ ſagte ich heftig: denn wenn ich auch hier nicht haͤtte aͤrgerlich werden wollen! „Es hat kein Weib wahren Patriotismus! Ihr Vaterland iſt, was ihr Hauptſchluͤſſel ſchließt“— Und was ich etwa mehr hinzu⸗ ſetzte.„Wenn ich aber jemals boͤſe daruͤber geworden bin, daß Jean Paul die Leipziger ſo gern Preis giebt, ſo war es⸗— Oder iſt es— ſchob er recht tuͤckiſch ein— Weil er ungerecht iſt, oder wenigſtens Un⸗ gerechtigkeiten veranlaßt, indem er unſer Gutes uͤbergeht, und nun hundert, die ihm, wenn 107 auch in meilenlanger Entfernung, nachtreten, es nach⸗beten, und mit Uebertreibung und plump, auch wol grob, und es nun, durch ewiges Wiederholen, oͤffentliche Meinung wird, und ſo wir, in dieſer meiner Vaterſtadt, uͤber⸗ all ein Vorurtheil gegen uns finden— Nun— ſo weit koͤmmt's wol nicht! Woher wiſſen Sie das? Wer lacht nicht z. B., wenn er einen leipziger Magiſter nen⸗ nen hoͤrt, ſeit einige witzige Koͤpfe Spaß dar⸗ uͤber gemacht haben? Und iſt denn ein leip⸗ ziger Magiſter was komiſcheres, als ein Je⸗ naer, Goͤttinger u. dgl.? Denn daß er ehrlich genug iſt, ſich ſo zu nennen, und nicht, wie jene, Doktor—„der Philoſophie,“ ver⸗ ſchweigen ſie, wo ſichs thun laͤßt, damit man's nehmen ſoll, wie man will, oder vielmehr, wie ſie wollen— darum, um dieſer Ehrlich⸗ keit willen, ſollte man ihn loben, nicht aus⸗ lachen. Und, mein lieber Doktor— a propos, wo ſind Sie's doch geworden?— Thut nichts zur Sache— Und wie lange wird's waͤhren, wollt' ich ſagen, ſo bringen's die Herrn dahin, daß es 108 mit dem leipziger Gelehrten wird, wie mit dem Magiſter; das aber verdrießt mich, denn ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, daß dabei Perſonen leiden, die ich verehre, liebe, deren Schickſal an das meinige gebunden iſt. Und, ſehen Sie— wie's mit dem leipziger Gelehrten gehet, ſo geht's mit den Andern auch, und mit uns Weibern nicht minder. Warum haben aber auch die Leipziger die wunderliche Eigenheit, faſt alles, was ſie ſind und haben, niedriger anzuſchlagen, als andere, was ſie ſind und haben? warum ſind ſie in dieſer Abſicht ſo geradezu das Gegentheil— beſonders von gewiſſen Reſidenzen und Reſidenz⸗ chen? warum machen ſie nicht auch ein bis⸗ chen Lerm, zu einer Zeit, wo alles lermt? Warum? das weiß ich nicht: aber daß ihnen— wenn auch nicht Ihre Nummer Eins, doch Nummer Zwei und Drei, zur Ehre ge⸗ reichen ſollte, das weiß ich! Und wenn's nur am Lerm fehlt: der iſt fuͤr Geld und gute Worte leicht zu haben! Man duͤrfte ja nur einem Paar jungen, federfeſten Brauſekoͤpfen ein Stipendium—— — 109 Nein, ernſthaft men Sie mir nicht wer⸗ den, fiel er ein. Ich war's nun aber einmal, und weil hier mein Mann nach Hauſe kam, der Doktor ihn auf ſeinem Zimmer in die Vor⸗ ſchule nahm, auf meinem Tiſche aber zufaͤllig Feder, Dinte und Papier lag: ſo nahm ich mir vor, gleich— wenigſtens gegen einige Punkte zu Felde zu ziehen, und jedem offene Fehde zu bieten, der es beſſer wiſſen will. So, liebſter Herr——, entſtand, was ich beilege—— Man iſt in Leipzig nicht gaſtfrei — das iſt ein Vorwurf, den ich uͤberall, wo⸗ hin ich gekommen, gehoͤrt habe.„Man iſt es nicht— naͤmlich auf die edlere Art, daß man dem Fremden mit Theilnahme und Gefaͤlligkeit entgegenkommt, fuͤr ſeine Unter⸗ haltung, fuͤr ſein geiſtiges Wohlbefinden ſorgt, nicht etwa ihn nur einmal ſplendid abfuͤttert— was man denn freilich wol thut.“ So ſagen die fremden Gegner.— Daß man mit den Fremden, in der Regel, 110 nicht ſo lobenswerth umgehe, wie es hier an⸗ gegeben, oder wie es an einigen wenigen an⸗ dern Orten Deutſchlands oͤfter als bei uns ge⸗ ſchiehet, gebe ich zu; aber daß es uns zur Laſt gelegt, zum Vorwurf gemacht werden koͤnne, das gebe ich nicht zu. Ihr habt gut reden, ihr Leutchen, in—,—,—, wohin ſich alle Jahre von Fremden etwa ein Dutzend oder zwei verlaufen! Aber iſt es nur moͤglich— ſelbſt wenn man gar nichts weiter zu thun haͤtte und gar nichts weiter thun wollte, als Fremde abwarten— iſt es, ſogar nur der Zeit nach, moͤglich, herumzukommen, an einem Orte, wo in einem Hauſe, das durch irgend etwas auswaͤrts bekannt iſt, keine Woche vergeht, ohne daß Fremde Beſuche machten? Und nun vollends in den Meſſen—! In der letzten Oſter⸗Zahlwoche, wo denn auch ſchon die Buchhaͤndler⸗ und Gelehrten⸗Geſchaͤfte an⸗ gehen, hatten den Montag ſich eilf, den Dien⸗ ſtag fuͤnf, die Mittwoche neun Fremde bei meinem Manne, theils perſoͤnlich, theils durch Karten angekuͤndigt, und ſo ging's die ganze Woche fort, und, wohl zu merken, wir machen III kein Haus— denn ſonſt ging's noch viel ſchlim⸗ mer! Nun ſagt, lieben Gegenfuͤßler, was ſoll, was kann man da thun, als eine Partie zuſam⸗ men einladen, und dann wieder eine, und ſo fort? und wenn man, ſo viel es ſich thun laͤßt, dafuͤr Sorge traͤgt, daß ſich manche treffen, die ſich gern ſehen— iſt das nicht alles moͤgliche? Aber gerade ihr— ſehr werthe Herrn Auto⸗ ren, und andere, die ihr zu Hauſe oder im Publikum das Wort fuͤhret, muͤndlich oder ſchriftlich— gerade ihr kommt ja faſt ſaͤmmt⸗ lich nur in den Meſſen; und dann ziehet ihr ab, und ſprecht und ſchreibt: die Leipziger ſind nicht gaſtfrei, und geben Einem nur allenfalls einmal zu eſſen! Iſt denn jenes wahr, weil dieſes nicht erlogen iſt? Weiter fort: die Wiener, die Berliner, die Hamburger, vielleicht auch die Frankfurter, die ſich jedoch in der Tugend der Gaſtfreiheit eben nicht zu uͤbernehmen pflegen, wenden mir ein: Was? zu uns kaͤmen weniger Fremde? iſt die Frau nicht klug, in ihrem kleinen Neſtchen?— Verſteht mich recht: vielleicht kommen weit mehr Fremde zu euch, als zu uns: aber ihr lebt ja 11²2— eben in dem weitlaͤufigen, großen Neſte; ihr ſeid ihrer viele— da theilt ſichs ein; und uͤberdies kommen ſie zu euch nicht ſo ſchaaren⸗ weis in einige Wochen zuſammengedraͤngt: da theilt ſichs wieder ein, und ihr koͤnnet, ohne große Unbequemlichkeit, mehr fuͤr ſie thun, wenn ihr wollt ſo gut ſeyn.— Noch mehr: zu den Meſſen kommen ja nicht lauter feine, geſittete, und welterfahrne Leutchen, mit denen etwas zu thun iſt, und die es Einem auch erleichtern— wie man im Durchſchnitt denn doch von andern Reiſenden wol anneh⸗ men darf; zu den Meſſen kommen ſo viele, ſo ſehr viele Kraͤhwinkler— die umſtaͤnd⸗ liche Frau Vice⸗Ober⸗Steuer⸗Einnehmerin, die Leinwand und andern Hausbedarf an ſchaf⸗ fen, der poetiſirende Herr Floßholz⸗ Straßenbau⸗ und Wege⸗Inſpektor, der ein Manuſcript weg⸗ ſchaffen, der ernſthafte Herr Apotheker und Leſebibliothekar, der Spezereien und neue Ro⸗ mane herbeiſchaffen will, und nicht ſelten kommen dieſe ſogleich mit der faͤmmtlichen lie⸗ ben Familie, mit Sack und Pack, und, wenn ſie ſich gefreuet haben uns wohl zu ſehn, — 113 ſetzen ſie ſich breit und ſtumm hin, als„nun friſch! unterhalte michl“ Ach liebe Herrn Tadler: bedenkt doch dies ein klein Bischen! Nicht? Ich will aus Erkenntlichkeit auch nicht erwaͤhnen, daß ihr ſelbſt nicht ſelten es, der Hauptſache nach, wenn auch unter einem feinern Maͤntelchen, nicht beſſer macht, als jene betitelte Perſonen; daß ihr, beſon⸗ ders wenn ihr euch ſelten aus euern vier Pfaͤh⸗ len fortbewegt oder einigen Namen im Publi⸗ kum zu haben glaubt, euch und eure klei⸗ nen Angelegenheiten als der ganzen Welt wichtiger, denn alles, anſehet und ſo behan⸗ delt haben wollt; daß ihr, wo das nicht ge⸗ ſchiehet, beleidigt ſeid, hoͤlzern, vornehm⸗kalt, oder noch vornehmer⸗ironiſch thut, in Ver⸗ legenheit, in Verdruß ſetzt; daß ihr uͤberall Egoismus zu entdecken glaubt, ohne zu bemer⸗ ken, wie ihr eben da ſelbſt die groͤßten Egoi⸗ ſten ſeid; daß ihr verlangt, man ſoll euch ge⸗ rade das ſeyn, was euch am beſten zuſagt, und vergeſſet, daß jedes dieſe Forderung an uns macht; daß ihr, wenn ihr nun bemerkt, wie man jedem, ſo gut als moͤglich, wenig⸗ J. f. F. VI. H. 3 114 ſtens etwas ſeyn will—(euch auch, Wer⸗ theſte! nur euch nicht allein—) daß ihr dann hingehet und von Allgefaͤlligkeit, Ober⸗ flaͤchlichkeit, Charakterloſigkeit und der Himmel mag wiſſen von was noch fuͤr ſaubern Dingen ſprecht—; das alles, und was ſich noch hinzuſetzen ließ, will ich aus Erkenntlichkeit nicht erwaͤhnen; auch nichts von gewiſſen gelehrten Horchern bei Gelehr⸗ ten, nichts von den Forderungen der Vorneh⸗ men mit ihrem Schweif von menſchlichem und thieriſchem Zubehoͤr, wovon ich doch viel ſpre⸗ chen und klagen hoͤre—: nichts von alle dem verrath' ich; aber, wie geſagt, erwaͤgt's doch ein wenig, Beſte!— Ich komme auf einen zweiten Vorwurf: er betrifft unſre oͤffentlichen Anſtalten fuͤr die Kuͤnſte. Ich halte mich nur an das, wofuͤr mir eine Stimme zukoͤmmt.„Euer Thea⸗ ter iſt nicht viel werth“— ſagt ihr. Ich denke daruͤber ſo! Entwirft man ſich das Bild eines vollkommenen Theaters, eines Theaters wie es ſeyn ſollte, einer idealiſchen Buͤhne: nun ja, ſo faͤllt unſer Bretergeruͤſt 115 zuſammen, ſchlaͤgt die Akteurs und Aktrizen todt, erdruͤckt— mit Erlaubnis— die Thea⸗ terdichter faſt ſaͤmmtlich ebenfalls, und die Sache iſt am Ende; denn hoffentlich wird Niemand in den Kreiſen Deutſchlands— wie viele ſind ihrer doch jetzt?— hoffentlich wird Niemand darin aufſtehen und ſagen: Wir haben das!— Denkt man ſich aber aus, wie — in Deutſchland, bei dieſem Stande der Kultur fuͤr Poeſie und Kunſt, bei dieſem Na⸗ tionalcharakter, bei dieſen Verhaͤltniſſen der Beſchuͤtzer, Pfleger, Nicht⸗Pfleger, Verder⸗ ber des Theaters u. ſ. w. wie da eine Buͤhne ſeyn kann: dann ſiehet's ſchon anders aus, und dann bleiben unſer Schauſpielhaus und unſre Geſellſchaft am Leben,*) obſchon nicht *) Ich habe ganz vergeſſen, Anmerkungen zu machen; vielleicht ſtehen ihrer gleich oben im Text. Hier muß ich aber anhaͤngen, daß ich in den letzten Jahren die bedeutendſten Staͤdte Deutſchlands faſt ſaͤmmtlich geſehen und auf ihre Theater genau geachtet habe. Der Freund, dem ich dieſen— Miſchling(ſo hat Einer Quodlibet 116 im hoͤchſten Flor.*)— Siehet man ſich nun aber in Deutſchland um, wie es eben jetzt um die Buͤhnen ſtehet, und vergleicht die unſrige mit den andern, wirklich vorhandenen: ſo wird's noch anders, und ich bin gewiß, man giebt mir Recht, wenn ich ſage: die leipziger Buͤhne muß nur drei— aber nur Eine ohne alle Einſchraͤnkung, uͤber ſich er⸗ kennen, und wieder drei neben ſich achten: uͤberſetzt) gebe: der mag's bezeugen, wenn man mir nicht glaubt. *) Ich moͤchte aber, wenigſtens am Rande, fragen, warum Leute, die es verſtehen, nicht aus⸗ zumitteln und moglichſt auf beſtimmte Saͤtze zu⸗ ruͤckzufuͤhren ſuchen: wie dieſer, unter den nun einmal unabaͤnderlichen Verhaͤltniſſen wirklich er⸗ reichbare Flor ſeyn, und wie man dazu gelan⸗ gen muͤßte. Das bekannt zu machen, koͤnnte viel nutzen, denn die Vorſteher und Direktoren wuͤßten dann doch, wohin ſie zu ſteuern haͤtten. Wenn man aber nur vom Unerreichbaren ſpricht, ſo werden die Leute faul; ſie denken— ſagen wol auch: das iſt nicht zu realiſiren, und ein Narr, der das Unmoͤgliche verſucht! Und wenn man nur auf das wirklich Erreichte ſchmaͤlt und von 117 alle andere ſtehen tiefer.*)— Das wol⸗ len Sie mir nicht zugeben, lieben Feinde? So ſind ſie Fremde, und nur in der Meſſe hier geweſen! Aber— da ſehen Sie ein neues Uebel der boͤſen Meſſen— dann ſpielt man vier Wochen lang alle Tage, jedes Rol⸗ lenfach iſt nur einfach beſetzt, man kann mit⸗ hin, aus beiden Urſachen, faſt gar keine ſtren⸗ gen Proben halten, wenn man ſich nicht dem Tode in die Arme ſpielen will; man muß auf das Publikum rechnen, das dann die Mehrzahl ausmacht— und was dergleichen oben herunter ſpottet, ſo werden die Leute ſchuͤch⸗ tern, verwirrt, und am Ende wol noch fauler; ſie denken— ei ſo laß es gehen, wie es will: aus⸗ gehunzt und verachtet werdet ihr einmal!— *) Wenn man nur einmal ins Notenma⸗ chen hineinkommt—! Hier muß ich ſchon wie⸗ der anſtüͤcken, daß ich nur vom Ganzen ſpreche, weil nur das entſcheidet, und nicht ein einzelnes vorzuͤgliches Mitglied, auch nicht eine einzelne Gattung von dramatiſchen Werken. Hab' ich darin nicht Recht? 118 mehr iſt. Glauben Sie mir, und kommen Sie zu anderer Zeit— etwa im Auguſt!— „Eure Konperte fFFgur, aber doch bei weitem unter ihrem Ruf!“ Ungluͤcklicher Weiſe verſtehe ich hiervon nichts — was man naͤmlich nun verſtehen zu nennen pflegt. Ich ſage darum nur das: Ganz Deutſchland hat kein ſo feſtſtehendes, woͤchentliches, und ſo eingerichtetes Konzert, wo, in Abſicht auf Wahl der Kompoſi⸗ tionen, nicht der Mode, nicht dem Ge⸗ ſchmack Einzelner, ſondern, einem feſten, blos auf die Sache ſelbſt gehenden Plane nach, nur dem Ausgezeichnetſten in allen Gattun⸗ gen,(auch dem Alten, auch dem Ernſteſten, auch dem Schwierigſten)— wo nur dieſem gehuldigt wuͤrde: das geſchiehet aber, wie Je⸗ dermann ſchon aus den Korzertzetteln ſehen kann, bei uns. Daß wir weniger, daß wir nicht die erſten Virtuoſen, noch weniger die ausgezeichnetſten Soloſaͤnger beſitzen, iſt wahr: aber das entſcheidet uͤber das Ganze eines folchen Inſtituts eben ſo wenig, und vielleicht 119 noch weniger, als die ausgezeichnete Kunſt eines oder einiger Schauſpieler uͤber das Ganze eines theatraliſchen Inſtituts.„Aber was ich bei euch gehoͤrt habe, ging auch nicht eben beſonders!“ Lieber, ſo biſt du wieder in der Meſſe da geweſen, und haſt nur die Haͤlfte unſers Orcheſters gehoͤrt, da die an⸗ dere Haͤlfte im Theater ſpielen muß, was ſonſt nie geſchiehet!„Und— euer Saal iſt zwar der ſchoͤnſte in Deutſchland: aber die uͤbrige aͤußere Einrichtung iſt unbequem— nicht einmal Ordnung und Stille findet man immer!“ Sagt' ichs doch: du biſt ein Meß⸗ beſuch! Da haſt du Recht: aber ihr, wer⸗ then Fremden, ihr ſeid es ja eben, die ihr euch nicht an die ſonſt durchaus beobachtete Ordnung kehret, Gedraͤnge macht, laut wer⸗ det u. ſ. w. Nochmals: komm auf den Herbſt wieder; ich gebe dir's Wort, es ſoll dir ge⸗ fallen— Ach lieber Gott, wie ſelten iſt der Menſch auf die Dauer, was er ſeyn, und wie ſelten voll⸗ endet er, was er vollenden wollte! Ich wollte nun auf einen dritten Vorwurf kommen, der 120 dem in unſern Geſellſchaften herrſchenden Tone gemacht wird, und auf einen vierten, der be⸗ ſonders das Gepraͤge betrifft, das unſer Ge⸗ ſchlecht in dieſer Stadt im Ganzen annimmt; ich wollte auch hier— wie man ſich aus⸗ druͤckt— kurz zugeben: denn freilich iſt auch da nicht alles aus der Luft gegriffen, was man tadelt; es koͤnnte vieles beſſer ſeyn, ſelbſt unter den nun einmal vorwaltenden Umſtaͤn⸗ den; aber ich wollte auch zeigen, daß ſich den⸗ noch die Leute an uns verfuͤndigen, indem ſie theils alles in eine Sauce quirlen, theils ſich nur an die Ruͤckſeite der Karte halten, theils das Tadelnswerthe uͤbertreiben— Das alles wollt' ich: aber ich habe mich heute muͤde geſchrieben, und der Geiſt, der mich trieb— der Aerger naͤmlich— iſt uͤber dem Schreiben von mir gewichen. Ich werde darum erſt abwarten, wie man dieſen meinen erſten Feh⸗ debrief aufnimmt; gehet's gut damit und ich werde einmal wieder boͤſe gemacht— ſo daß ich neue Lebendigkeit und Courage be⸗ komme— ſo wage ichs wol auch mit einem zweiten. 121 Hiermit empfehle ich mich den Zungen meiner lieben Schweſtern, wenn ich mich zu⸗ vor ihrer Einſicht und ihrem Herzen noch mehr empfohlen habe! Den Schreibfedern der Herren empföhle ich mich gern auch; aber das waͤre wol vergeblich, beſonders wenn ſie, um gerechter zu ſeyn, weniger witzig oder weniger auffallend erſcheinen ſollten!— F. Die Laren. Fortſetzung. Wer die Geſchichte des Vaters der Laren kennt, der wird ſich nicht wundern, daß, da er am erſten Tage ſeines Lebens die Lyra erfand, und die Rinder des Sonnengottes hin⸗ wegtrieb, ſeine Kinder ſo bald nach ihrer Ge⸗ burt als erwachſene Juͤnglinge die Welt ſahen. Wer ſie waren, und woher ſie kamen, das wußten ſie nicht. Lara hatte ſie vor dem Heraufſchweben in dem Lethe gewaſchen, und mit demſelben getraͤnkt, ſo daß jeder Eindruck der Unterwelt in und an ihnen ausgetilgt war. Unvorſichtig hatte ſie ihnen hierdurch auch das Andenken an ihre Mutter benommen. Sie wußten es nicht, daß Lara ſie liebend um⸗ ſchwebte, doch fuͤhlten ſie ſich im Schooße der 6. f. F. VII. H. 1 2 großen heiligen Natur, in welcher ſie zuerſt zu voller Beſonnenheit erwachten, wie vom Mutterarm umfangen. Furcht und Liebe der Goͤtter und jeder edle Trieb lag in dem Her⸗ zen der menſchlich ſchoͤn gebildeten Juͤnglinge, und Liebe zu den Menſchen, und Willikeit ihnen zu dienen, und Faͤhigkeit zu jeder Kunſt, dabei koͤrperliche Staͤrke, und jugendlicher Froh⸗ ſinn. Kann man, kann man, auch ganz allein hingeſtellt in die Welt, herrlicher von den Goͤttern ausgeſtattet werden? Sie erwachten zuerſt zum vollen Bewußt⸗ ſeyn an einer Wegſaͤule Merkurs, und unter⸗ ließen nicht, ungeachtet ihnen niemand dieſen Gebrauch gelehrt hatte, als ſie aufſtanden, mit Ehrfurcht einen Feldſtein auf den an der Saͤule aufgethuͤrmten Steinhaufen zu legen. Ein Prieſter des Gottes, der die religioͤſe Handlung der Fremdlinge ſahe, lud ſie in den Tempel ein, und mit Freundlichkeit, faſt mit Ehrfurcht, wurden ſie von den Dienern des Tempels, die etwas uͤbermenſchliches in ihnen ahndeten, aufgenommen. Man lud ſie ein zu bleiben, und trag 2 ₰ ihnen, da ſie Beſchaͤftigung forderten, den Dienſt bei dem heiligen, vom Meineid rei⸗ nigenden Brunnen auf. Sie ahndeten nichts von der Ehre, die ihnen hierin widerfuhr: aber ſie bewilligten, was ſie nicht verſtanden; ſie lernten, was ſie nicht wußten, und oͤffne⸗ ten beſonders willig ihre Seele dem Unterricht von dem Weſen der Gottheit und dem Leben der Menſchen. Doch der Dienſt der Goͤtter, wie ſie ihn hier kennen lernten, behagte ihnen nicht lange, ein anderer war es, den ihnen ihr Herz lehrte. Sie wandten ſich weg von der Entſuͤndigung unverzeihbarer Verbrechen, wandten ſich hin⸗ weg von dem Blut geſchlachteter Thiere; und als ſie die Geſchichte der Gottheit dieſes Tem⸗ pels, die ihnen ſo nahe anging, ganz erfuh⸗ ren, da ſahen ſie einander traurig an, und gaben ſich das Wort, ſogleich zu wandern. Die Kuͤnſte der Argliſt, deren Vorſteher Mer⸗ kur genennt wird, vertrugen ſich nicht mit der Geradigkeit ihres Herzens. Als ſie von den Prieſtern entlaſſen wur⸗ den, ſchenkten dieſe einem jeden von ihnen, 4 im Namen des Gottes, einen Stab; del Anſehen nach ein armſeliges Geſchenk des Va⸗ ters an ſeine Soͤhne. Doch einer ihrer Vor⸗ zuͤge war auch Genuͤgſamkeit, ſie wuͤnſchten, ſie forderten ja nichts, ſie wußten ja nicht, daß ſie zu mehrern berechtiget waren, und mit Dank nahmen ſie ein Geſchenk, deſſen verborgene Kraͤfte ſie nicht kannten. Dieſe Kraͤfte waren nicht unbedeutend. Nie ermuͤdete, wer dieſe Staͤbe fuͤhrte, gefluͤgelte Eil trug ihn an jeden Ort, wohin er verlangte; auch haftete an der Gabe, die Merkur ſeinen Soͤhnen ſandte, jene himmliſche Kraft ſeines Schlangenſtabes, die Kraft der Wiedervereini⸗ gung ſtreitender Weſen, Friede und Liebe ward durch die leiſeſte Beruͤhrung mit demſelben be⸗ wirkt, und was hingen nicht an dieſen heili⸗ gen Staͤben alles fuͤr Wunder! Nutzlos wa⸗ ren ſie fuͤr die Eigner; ſie kannten und ſie brauchten ſie nicht. Daß ſie nie ermuͤdeten, das fuͤhlten ſie wol, aber ſie rechneten dies auf innere Jugendkraft; daß ſie nie irre gin⸗ gen, merkten ſie auch, aber demohngeachtet blieb immer bei ihnen ſcheue Behutſamkeit auf 5 der Wache, weil ſie wußten, daß ſie Men⸗ ſchen waren, und irren konnten, und ſo ging es ihnen mit jeder verborgenen Eigenheit der himmliſchen Gabe. Die Laren kamen zunaͤchſt durch einen Dianen heiligen Hain, deſſen Wunder ſie mit verklaͤrten Augen ſahen, ohne ſie befremdend zu finden. Ihnen begegnete ein weißer Hirſch mit goldnen Geweihen, vermuthlich der nehm⸗ liche, den die Goͤttin in die Wildniß jagte, damit ihn Herkules nicht fangen ſollte. Sie hielten ihn fuͤr verloren, und brachten ihn der Goͤttin zuruͤck. Die freundliche Jaͤgerin, die ſie wol kannte, dankte mit Huld, und ſtellte ihnen frei, ſich zum Lohn eine Gabe auszu⸗ bitten. 1 Sie baten um ein Paar von Dianens Hunden, und da ſie waͤhlen durften, ſo fiel ihre Wahl auf den Schwarzen und den Weißen, welche die Goͤttin der Jagd einſt von Pan zum Geſchenk erhielt. Gern gebe ich Euch, ſagte ſie uͤber die Unbefangenheit der Juͤnglinge laͤchelnd, dieſe treuen Thiere, ob ich ſie gleich ungern miſſe. 6 Sie verbinden die Staͤrke des Loͤwen mit der Fluͤchtigkeit des leichteſten Vogels. Nichts ent⸗ geht ihrer Spur, und kein Zufall entreißt ſie Eurer Nachfolge, ſie verſtehen den Wink, und beſorgen Euch jede Bothſchaft. Zu nuͤtzlichen Begleitern gebe ich ſie Euch, und als Sinn⸗ bilder der Treue und Wachſamkeit werden ſie ſpaͤte Jahrhunderte noch an Eurer Seite ſehen. Die Laren wußten aus dieſer Weißagung nichts zu machen, und beſprachen ſich nach dem Abſchied von der milden Geberin uͤber nichts wichtigeres, als wie ſie ihre Begleiter nennen, und unter ſich theilen wollten. Sie nannten den einen Schwarz, und den andern Weiß, und nach dieſen Namen findet man haͤufig, daß ſie ſelbſt benennt werden. Sie hatten nie andere, und da ſie in der Folge als Hausgoͤtter auf dem heiligen Feuerheerde» thronten, und jedes Haus ihnen Namen, 3 Namen der Liebe gab, da waren und blieben dieſe Namen immer ein Geheimniß, das man nicht gern laut werden ließ, damit nicht die Feinde vermittelſt derſelben verſuchten, die Ewigtreuen hinwegzurufen; nutzloſe Beſorg⸗ niſſe, wie ſie den Sterblichen eigen ſind! Die Juͤnglinge kamen, in der Folge ihrer Wanderung, in die Werkſtatt des kunſtreichen Vulkans, in des kriegeriſchen Ares Schule; ſie lernten uͤberall, aber nirgends behagte es ihnen lange. Sie waren jetzt noch Pilger, und ihre Ruhe, ihre Vergoͤtterung hing von Be⸗ dingniſſen ab, die ſie nicht in den Tempeln der Goͤtter, nein, unter den Menſchen erfuͤl⸗ len mußten. O wer kann ihre lange Wanderung ganz erzaͤhlen? Wer die Tuͤcke der ſie verfolgenden Macht, der Goͤtter des Orkus, denen ſie ent⸗ riſſen wurden, und der noch nicht ganz aus⸗ geſoͤhnten Juno! Doch hier flehte die himm⸗ liſche Juturna, dort wachte Larens Freundin Perſephone, und wunderbar waren ihre Ret⸗ tungen. Der leichtſinnige Hermes, der ſie mit den Wanderſtaͤben abgefunden hatte, that nichts fuͤr ſie, die meiſten Gottheiten waren gleichguͤltig geſinnt, und ſo gingen die Laren meiſtens ihren Weg in eigener menſchlicher Kraft, um deſto ſchicklicher mitfuͤhlende Sehuͤtzer 8 der dem Schickſal Preis gegebenen Menſchen werden zu koͤnnen. Die heiligen Staͤbe blie⸗ ben in ihrer Hand, die Hunde der Treue an ihrer Seite; ihnen ganz gewöhnliche Dinge! Ward ihnen durch dieſelben uͤbernatuͤrlicher Beiſtand, ſo geſchah es ohne ihr Wiſſen; ſo merkt ſelten auch der Menſch den leitenden Genius an ſeiner Seite, es iſt ſein Stolz und ſeine Ehre, ſein eigner Gott zu ſeyn, es iſt das Mittel ſeiner Vollendung. In den Tempeln der Goͤtter, die ſie end⸗ lich alle durchwandert hatten, entließ man ſie nie ohne Geſchenke, aber ſie fanden ſie fuͤr ſich ſo nutzlos, und fuͤr andere immer ſo noͤ⸗ thig, daß ſie ſtets an einem Orte zuruͤckließen, was ihnen am andern geſchenkt ward. Im⸗ mer arm waren und blieben ſie, und immer willige Geber. Klein war nach ihren Ge⸗ danken ihr Verdienſt in dieſen Aufopferungen, ſie brauchten ja ſo wenig. Was ſollten den Friedlichen die Schwerdter des blutgierigen Mars, was den Furchtloſen, Vulkans decken⸗ de Schilde!— Sie entledigten ſich auf dieſe Art nicht allein der ihnen nutzloſen, ſondern auch mancher gefaͤhrlichen Geſchenke, die ihnen in den Heiligthuͤmern feindſeliger oder verfuͤh⸗ reriſcher Gottheiten gereicht wurden. So ka⸗ men ſie, ohne es zu wiſſen, vor manchen Gefahren voruͤber, und leicht und froh ging immer ihre Reiſe zum unbekannten Ziele von Statten. Eine Eule, die ſie in Minervens Tempel erpielten, behielten ſie doch lange Zeit, und man ſieht dieſes Emblem der Wachſamkeit da⸗ her auf einigen ihrer aͤlteſten Abbildungen. Auch behielten ſie die breiten Schiemhüͤte, die ihnen in der Schule des Ackerbaues die freund⸗ liche Ceres mit den Halmen ihrer Saat ge⸗ ſchmuͤckt hatte. Von ihr, der immer den Menſchen nahen⸗ den Goͤttin wandten ſich die Laren unmittelbar zu den Menſchen ſelbſt, und hier traf ſie zuerſt das grauſame Loos, ſich zu trennen. Das Schickſal gebot: Scheidet! und der ſchwarze Juͤngling ſchied weinend von dem weißen. Den letzten fuͤhrte ſeine Beſtimmung in die Pallaͤſte der Großen, den erſten in die Huͤtten der Armuth; in den einen wie in den andern 10 ſollten ſie nun erſt das Leben der Sterblichen und ſeine Pruͤfungen kennen lernen. Sie ſelbſt waren Menſchen, ihrem beſchei⸗ denen Gefuͤhl nach, ganz gemeine Menſchen. Sie ahndeten nicht die Gottheit, die in ihnen war, erſt die höͤchſte Ueberwindung ſchuldloſer Menſchengefuͤhle, die Bedingnis, welche das Schickſal, ihnen unbewußt, zu ihrer Vergoͤtte⸗ rung forderte, ſollte ſie uͤber ſich ſelbſt belehren. So aͤhnlich die Bruͤder waren, ſo waren ſie doch einander nicht ganz gleich. Noch edler war der ſchwarze als der weiße; mehr weiches, dem Irdiſchen verwandtes lag in dem Selbſt des letzten, mehr feſtes, großes, der Gottheit nahendes in dem erſten. Ihren Faͤhigkeiten waren ihre Pruͤfungen angemeſſen. Was dem erſten Ueberwindung koſtete, wuͤrde fuͤr den an⸗ dern keine geweſen ſeyn. Der weiße Juͤngling, ſchoͤn, ſanft, gefaͤllig, mit dem ſtaͤrkſten Hang zu dem Pfade, den Alcides fuͤr den rauhen Tugendweg verlies, wuͤrde dieſe Eigenheit in den Huͤtten der Armuth bei harter Arbeit und Mangel leichter getoͤdtet haben, als in den —— 11 Pallaͤſten der Großen, wo alles der Sinnlich⸗ keit ſchmeichelt. 1 Dem ſchwarzen Juͤnglinge dagegen waͤren die Verſuchungen der Pallaͤſte keine Verſuchun⸗ gen geweſen. Vollendeter als ſein Bruder, 1 waren ihm auch die Entſagungen der Duͤrftig⸗ keit nichts, aber durch Leiden, Leiden der Seele, follte er hier in ſeinem Innerſten angegriffen, durch ſie ganz vollkommen werden. Zu wuͤnſchen waͤre es, die Pfade, die beide das Schickſal zur Vergoͤtterung fuͤhrte, moͤchten uns ganz bekannt ſeyn; das wenige, was hier⸗ von die Sage berichtet, beſchließe die Fabel von den Laren. Als die Bruͤder ſich ſcheidend umarmten, gaben ſie ſich das Wort, jeder Neumond ſollte ſie an irgend einem verabredeten Orte zuſam⸗ maen bringen. Der Vogel Minervens, der bald bei dem einen, bald bei dem andern wohnte, gab hiervon Kunde, auch trugen Botſchaft die treuen Hunde, ihnen von Dianen zugeſellt, und die Pilgerſtaͤbe, deren unſichtbare Fluͤgel ſie durch lange Erfahrung endlich doch ahnden ge⸗ lernt hatten, verſprachen ihnen, daß keine vom 5 12— Schickſal herbei gefuͤhrte Entfernung zu weit ſeyn werde, ſich zu gehoͤriger Zeit an Ort und Stelle einzufinden. Wie oft war dies, durch wie manches Jahr⸗ hundert war es vielleicht ſchon geſchehen! Die Wanderung der Vielgepruͤften dauerte lang, ih⸗ nen ſchwanden die Jahre, doch die himmliſche Jugend nicht. Geſchlechter ſahen ſie entſtehen und verwelken; ſie verwelkten nie. Wo man die ewigen Juͤnglinge aufgenommen hatte,— ach nicht uͤberall geſchah dies unter den Men⸗ ſchen mit gleicher Bereitwilligkeit,— da blieben ſie treu, treu bis zum Tode, bis zum gaͤnzli⸗ chen Ausſterben des Hauſes, dem ſie ſich ge⸗ widmet hatten. Segen brachten ſie uͤberall hin, wo man ihnen eine Ruheſtaͤtte goͤnnte, doch dem Anſchein nach keinen uͤbernatuͤrlichen. Der treue Genius der Armen half durch Fleiß und Arbeit⸗ ſamkeit, der Schuͤtzer der Reichen durch Ent⸗ haltſamkeit und richtig gehaltenes Maaß, beide durch die goldenen Bande der Einigkeit. Der ſchwarze Juͤngling hatte in den Stun⸗ den, die nun das Schickſal herbei fuͤhrte, ſein Haus, das Haus ſeiner Gewaͤhlten, von Phoͤ⸗ 13 bus Pfeilen verletzt, ganz eingehen ſehen. Er ſelbſt war faſt mit denen, an welchen ſein Herz hing, vernichtet worden, er kam in Gefahr mit den Goͤttern zu hadern, die ihn allein der Seuche unerreichbar machten, und taub bei ſeinem Flehen, nur ihm das Daſeyn ließen, um welches er nicht bat. Fromme Ergebung heilte endlich ſein Herz, und von neuem widmete er ſich dem Dienſt eines armen redlichen Mannes, der den Himm⸗ liſchen, der ſich ihm als Knecht anbot, als Sohn aufnahm. Ach der Sohn des Hauſes, der ungluͤckliche Melitus, ſchweifte, vom Laſter verlockt, in der Fremde umher, und dachte nicht mehr an die Huͤtte des Vaters, nicht an die Thraͤnen der verlaſſenen Braut! Als durch den klugen Fleiß des Fremdlings in der Huͤtte des Greiſes ſich Armuth in laͤnd⸗ lichen Wohlſtand verkehrte, da trug ihm der Alte das volle Recht eines Sohns, und die Hand einer bluͤhenden Jungfrau an; ſie war nicht ſeine Tochter, doch wie Tochter ihm lieb und in ſeinem Hauſe geboren. Der himmli⸗ ſche Juͤngling liebte die ſchoͤne Melinaͤa, nicht 14— wie Menſchen lieben, nein, mit der vollen, alles umfaſſenden, das ganze Weſen durchdrin⸗ genden Liebe der Unſterblichen. Er haͤtte gluͤcklich ſeyn koͤnnen, aber— er war es nicht. Ach lebte nicht in der Fremde der verlorne Sohn des Hauſes, der Eigner aller der Rechte, die man ihm antrug?— Ihn der Tugend wieder zu gewinnen, ihn wieder an das Herz des Vaters zuruͤckzufuͤh⸗ ren, ihm das ganze All deſſen, was der Un⸗ ſterbliche als Menſch ſein Gluͤck nannte, zu uͤberlaſſen, und dann— ſo meinte der, der nicht die Unſterblichkeit in ſich ahndete— dann ſich hinzulegen und vor Gram zu ſterben, das war Plan und Ausſicht, die er vor ſich hatte. Schon laͤngſt hatte er, indem er den ungluͤck⸗ lichen Melitus durch tauſend Muͤhen dem Arm des Laſters entriß, und ihn der Aufopferung wuͤrdig zu machen ſtrebte, die er ihm zudach⸗ te, dieſem Plan vorgearbeitet, und gegluͤckt war alles, gegluͤckt bis auf den letzten Akt, der gleich nach der naͤchſten Neumondszuſammen⸗ kunft mit ſeinem Bruder bevorſtand. Der weiße Juͤngling hatte bisher faſt an 13 einem gleichen Plan heldenmuͤthiger Ueberwin⸗ dung gearbeitet, nur daß es hier kein Herz, nur eine Krone galt. Das Haus des großen Mannes, das er ſeit Jahren von Vater auf Sohn immer treu, aber, um der Sterblichen willen, immer unter andern und andern Geſtalten beſchuͤtzt hatte, ſtand jetzt nahe am Throne. Thaten, fried⸗ liche Thaten der patriotiſchen Tugend, unter dem Auge des ſchuͤtzenden Genius geuͤbt, mach⸗ ten die Vaͤter und machten jetzt den Sohn, des himmliſchen Juͤnglings Freund, wuͤrdig, die Krone eines guten Volks zu tragen. Das Volk war klein, aber es war werth einen guten Koͤnig zu haben, es konnte nach der Weiſe der damaligen Zeiten waͤhlen, und es waͤhlte, waͤhlte, ſtatt des Sohns, den edeln Diener des Hauſes, den treuen weißen Juͤng⸗ ling! Wir wiſſen es wol, ſchrie die allgemeine Stimme, alles, was geſchehn iſt, geſchah durch dich! Du retteteſt uns von den Feinden, du gabſt uns Brot im Mangel, du machteſt uns durch Bildung erſt zum Volk! Dir, dir 16 gebuͤhrt die Krone, und verſchmaͤhſt du dieſe, ſo ziemen dir Tempel und Altaͤre, du biſt irgend ein Gott in dieſer Huͤlle, biſt Phoͤbus Apollo oder der menſchenlehrende Hermes, biſt vielleicht der große Vater der Goͤtter ſelbſt, und als ihn wollen wir dich ehren. Treue! Freundſchaft! und du o Furcht der Goͤtter! Eure heiligen Rechte ſiegten! Der weiße Juͤngling ſiegte, obgleich die ſuͤße Ueberzeugung, ein gutes Volk gut zu regieren, in ſeinem Herzen lebte, ob ſich gleich in ihm das Gefuͤhl der Unſterblichkeit maͤchtig regte, und er es heller fuͤhlte als die Sterblichen, die ihm zujauchzten, ihm gebuͤhrten Tempel und Altaͤre, ihm wuͤrden Opfer einſt flammen. Dunkle Gefuͤhle waren dieſes, denen er, jetzt nur noch ein Menſch, nicht trauen durfte. Er erſiegte ſeinem Freunde die Krone, und rettete durch maͤchtige Worte den Goͤttern ihre Vorrechte. Der morgende Tag war beſtimmt, ſeinem Freunde den Thron zu geben, und die Goͤtter durch ein großes Suͤhnopfer wegen der Verblendung des entzuͤckten Volks zu be⸗ friedigen. — — 17 Als die Laren in der folgenden Nacht, es war die erſte Nacht des Neumondes, ſich ſa⸗ hen, als ſie ſich trennten, da wuͤnſchten ſie ſich Gluͤck zu der Ueberwindung, die zwar Pflicht, aber darum auf beiden Seiten nicht leichter war. Sie umarmten ſich wieder und wieder und ein ſuͤßes Vorgefuͤhl der nahen Vergoͤtte⸗ rung durchſchauerte ſie. Der ſchwarze Juͤng⸗ ling rechnete dieſe Empfindung auf die Ge⸗ wißheit, er werde den ſchweren Sieg uͤber ſich ſelbſt, die Trennung von der herrlichen Jungfrau, der einzigen, die er je geliebt hat⸗ te, nicht uͤberleben. Ob er dieſes hoffte, ob er es fuͤrchtete, er wußte es nicht. Wer er⸗ klaͤrt dunkle Gefuͤhle! Wie raͤthſelhaft ſind ſie oft ſelbſt bei uns, dicht am Ausgange un⸗ ſerer Labyrinthe! O Melinaͤa! Melinaͤa! rief der Unſterbliche, dich oder das Leben aufgeben iſt eins!——— Der Liebhaber der ſchoͤnen Melinaͤa war u Siege entſchloſſen, und mit raſchen Schrit⸗ ten ging er ihm entgegen. Als er von ſei⸗ nem Bruder ſchied, der ſich wie er auf den J. f. F. VII. H. 2 18„. naͤchſten Tag zum Triumph ruͤſtete, kehrte er in der Huͤtte ein, wo der verlorne Sohn, ſchon ſeit einiger Zeit, von ihm gefuͤhrt, ein gebeſſertes Leben, das Leben der Tugend und des Fleißes, lebte. 18 Komm, Melitus, rief der himmliſche Juͤng⸗ ling, heute lege ich dich deinem Vater ans Herz!— Melitus folgte und verhuͤllte ſich. Sein Elend und ſeinen Gram ſollte die Huͤlle verbergen, auch wol die Freude, das Haus wieder zu ſehen, das er, vom Laſter verlockt, ſo lang verlaſſen hatte. Es war heller Morgen, als ſie die Woh⸗ nung erreichten, die heute ihren feſtlichſten Tag ſehen ſollte. Die Maͤdchen der umliegenden Huͤtten hatten ſie mit duftenden Kraͤnzen um⸗ hangen; denn heute ſollte die ſromme Melinaͤa des allgeliebten Juͤnglings Gattin werden, den man auch hier ſchon halb unter die Unſterbli⸗ chen zaͤhlte. Melinaͤa kam dem Kommenden an der Thuͤr entgegen. O Geliebter, wo bleibſt du? rief ſie. Soll ich zum zweitenmal den Braͤutigam 19 verlieren? Iſts nicht genug an ihm⸗ dem Unvergeßlichen: 4 nhe Thraͤnen ſtroͤmten bei dieſen Worten aus ihren ſanften Augen. Sie entfloh, um ſich in einem Winkel des Hauſes auszuweinen, und kaum ertrug der Unſterbliche die Ueberzeugung, daß Melitus ihr wirklich auch in ſeinen Armen ewig unvergeßlich bleiben wuͤrde. Doch berei⸗ tete ihm dieſe Entdeckung nicht leichteren Sieg und vervielfachte Freude? 3 delitus lag zu den Fuͤßen ſeines alten Vaters.— Vater, ich habe geſuͤndigt an den Göͤttern und an dir! Himmel und Erde ſind Zeugen meiner Reue, wie meiner Vergehun⸗ gen!— So flehten ſeine ſtroͤmenden Augen, ſo flehte der himmliſche Juͤngling, der Dol⸗ metſcher ſeiner nur halb ausgedruͤckten Gefuͤhle, an ſeiner Seite. Der Alte zitterte, zweifelte, fragte: Iſt das mein Melitus? mein Melitus? Goͤtter, iſts moͤglich, mein Sohn? Nicht werth bin ich dein Sohn zu heißen, flehte der Buͤßende weiter, und ſank halb ent⸗ ſeelt in den Staub. Da brach das Herz des Vaters, da ſank er zu dem Knienden herab, da floſſen aus beider Augen die ſeligſten Thraͤ⸗ nen, Thraͤnen der Verſohnung, Thraͤnen inni⸗ ger Reue.* 11 Der Schutzgeiſt des Hauſes, der Buͤrge fuͤr Melitus Ruͤckkehr zur Tugend, entfloh dieſer Scene, um die jammernde Melinaͤa auf⸗ zuſuchen; er fand ſie kniend vor Veſta's Heiligthum, dem geweiheten Feuerherde. Zuͤrne nicht, mein Geliebter, rief ſie, in⸗ dem ſie die Arme nach dem Unſterblichen aus⸗ ſtreckte. Es waren die letzten, letzten Thraͤnen um meinen Melitus, Thraͤnen der Treue, die ich ihm ſchuldig war. 1 Und liebeſt du, liebeſt du ihn noch? Wie kann ich lieben, der dem Laſter folg⸗ te? Ich bin dein, und der Tugend! Stolz hatte ſich Melinaͤa bei dieſen Wor⸗ ten erhoben, und ruhig ging ſie an der Hand ihres zitternden Braͤutigams, twohin er ſie fuͤhrte. Er fuͤhrte ſie in das Vorhaus, wo der Vater noch an dem Halſe ſeines Sohns weinte, — — 21 und wo ſich um beide immer mehr der er⸗ freuten Hausgenoſſen verſammelten. Melitus, rief der Unſterbliche, indem er, ſo duͤnkte es ihm, ſeine letzten Kraͤfte ausath⸗ mete, Melitus, nimm deine Braut, die nie aufhoͤrte dich zu lieben! Nimm, Melinaͤa, den, der zu dir, und der Sgand zuruͤck⸗ kehrt!— Waͤhrend der Beſtuͤrzung, der Nunde. der Thraͤnen, die hier„jedes Auge verdunkelten, war der himmliſche Juͤngling verſchwunden. Es duͤnkte einigen, die ihm nachſahen, als zuckte ein Blitz durch die geöͤffnete Thuͤr; Er ahnete nichts von ſeiner beginnenden Verklaͤ⸗ rung. Noch ganz Menſch ſtuͤrzte er hinaus in den Schoos der großen„Natur, wo alle Sterbliche Heilung unheilbarer Wunden ſuchen und finden. Er glaubte zu ſterben. Den Tod geben konnte er ſich nicht, die reine Furcht der Goͤtter in ſeiner Seele verhinderte jede Fre⸗ velthat. 4 Linderung, moͤgliche Linderung fuͤr ſeinen Gram, ſeine Verzweiflung zu ſuchen, eilte er 22 zu dem Triumph ſeines Bruders, den dieſer leichter als er hatte erhalten koͤnnen, denn was ſind Kronen gegen ein Herz? was ſind alle Ueberwindungen gegen die Siege uͤber die heiligſten Gefuͤhle der Menſchheit! Der weiße Juͤngling ließ eben den von ſeiner Hand gekroͤnten Freund aus den Armen, und trat zu dem Altar der himmliſchen Goͤt⸗ ter, ſie durch den Weihrauch, den ihnen geſtern ein verblendetes Volk rauben wollte, Gnade bittend zu verſoͤhnen. Die duftende Wolke erhob ſich zum Himmel, und ein Donnerſchlag verkuͤndete Erhoͤrung. Rund um kniete ein halb traurendes, halb das ſchoͤne Opfer jauch⸗ zend feierndes Volk. Der Unſterbliche ließ ſie ſchwoͤren, ewig den Goͤttern und ihrem neuen Koͤnige treu zu ſeyn, und ſie gelobten das letzte nur unter der Bedingung, daß er ſie nie verlaſſen wolle. Jetzt ward der weiße Juͤngling außerhalb des Kreiſes ſeinen Bruder gewahr, und er draͤngte ſich hindurch, ihn herbeizufuͤhren. Gern machte man ihm Platz, und wunderte ſich nicht ſehr, daß der, der eben eine Krone * — 23 hingegeben und verſoͤhnend zwiſchen einem Volke und ſeinen Goͤttern geſtanden hatte, in prie⸗ ſterlichem Schmuck zu einem geringgekleideten Menſchen eilte, ihn als Bruder zu begruͤßen, und ihn unter dieſem Namen dem Koͤnige und dem Volke vorzuſtellen; bei der damali⸗ gen Einfalt der Sitten war dies nichts außer⸗ ordentliches.. Das Kroͤnungs⸗ und Opfermahl begann, die Laren, die langgetrennten, ſaßen wieder ne⸗ ben einander. Mit Blicken inniger unaus⸗ ſprechlicher Liebe, mit Vorgefuͤhlen der nahen Vergoͤtterung ſahen ſie ſich an; da begannen ſie auf einmal zu ſchimmern 5 zu glaͤnzen, ſtrah⸗ lender und ſtrahlender zu werden; das Volk konnte die Gottheit nicht mehr verkennen. Allles fiel nieder, um anzubeten. Die himm⸗ liſchen Bruͤder aber ſchwebten feſt umfaßt empor, und riefen: Wir verlaſſen euch nicht, immer, immer werden wir um euch ſeyn! Waͤhrend das gute Volk mit ſeinem gluͤck⸗ lichen Koͤnige den Verſchwundenen ewige Dankbarkeit, ewige Verehrung, und Tempel und Altaͤre gelobte, nahmen dieſe wieder menſch⸗ 24— liche Geſtalt an. Der weiße Juͤngling bat den ſchwarzen, ſo wie er ihm Theil an ſeinem Triumph gegeben hatte, ihn nun auch des ſei⸗ nigen genießen zu laſſen. Sie kamen zu dem Hauſe, wo der Vater den Sohn, die Braut den Braͤutigam wieder⸗ gefunden hatte. Schon ſaß man beim frohen Mahle, und ſprach von dem Schoͤpfer der ge⸗ meinſchaftlichen Freude, und trauerte, ihn nicht an der Seite zu haben. Da klopften zwei vereinte Fremdlinge an. Breite Schirmhuͤte deckten ſie, und der Wanderſtab war in ihren Haͤnden. 3 Kommt herein, ſagte der Hausvater, der nebſt der ſchoͤnen Melinaͤa ihnen ſelbſt entgegen trat. Wind und Wetter haben euch uͤbel mit⸗ geſpielt, aber ihr kommt auf einen guten Tag und herzlich ſeid ihr willkommen. Setzt euch, und nehmt den Platz ein, der einem lieben, unausſprechlich lieben, ach vielleicht auf im⸗ mer verlorenen Freunde gebuͤhrt. Die Laren nahmen Platz, ohne ihre Huͤl⸗ len abzulegen, aber nicht lange hatten ſie an der gemeinſchaftlichen Freude Theil genommen, 25 ſo ſah man ſie auf einmal ſchimmern und glaͤnzen, und ſtrahlender werden. Umfaßt ſchwebten ſie empor, ganz ſelig, ganz Unſterb⸗ liche! Man dankte, man weinte ihnen nach, man prieß die großen Goͤtter, die Schutzgeiſter den Sterblichen ſenden, ſie aber waren ver⸗ ſchwunden. Doch ſie hatten's ja verſprochen, der Haus⸗ vater und Melinaͤa hatten's gehoͤrt, ſie woll⸗ ten unſichtbar immer hier verweilen, wollten nie das Haus verlaſſen, das durch ſie geſegnet ward! Da machte man ihnen Platz auf dem haͤus⸗ lichen Feuerherd, wo die himmliſche Veſta thront— da begann die Verehrung der Laren. Melitus, der dankbare Melitus war der erſte, der ſie in Holz bildete, ſo wie ſie in der Folge von Erz und Marmor gebildet wurden. Wie ſie den Menſchen erſchienen waren, ſo ſchil⸗ derte man ſie, und der Gott des Lebens, der heilige Genius, und die ehrwuͤrdige Veſta, und die ernſten Penaten, die Vaͤter des Hauſes, theilen gern mit ihnen Feſte und Opfer. From⸗ 26 me, genuͤgſame Gottheiten, die das wenige, was man ihnen darbringt, etwa eine Hand voll Mehl, einen Blumenkranz, einen Becher Weins, mit Segen im Hauſe, mit Huͤlfe und Theilnahme an Freud' und Leid himmliſch ver⸗ gelten. In die kleinen Heiligthuͤmer, die ihnen der Arme auf dem ſchmalen Herde einraͤumt, ſo wie in die praͤchtig gewoͤlbten Areen der Gro⸗ ßen, da ihre Bildſaͤulen prangen, ſo wie in die Tempel, die man in der Folge ihnen weihte, zog mit ihren Soͤhnen ein Lalara, und nie hatte ſie ihre Lieblinge verlaſſen. Sie iſt die Echo des Hauſes, und wie ihre geſchwaͤtzige Schweſter draußen die Toͤne des Thals und des Waldes wiederholt, ſo ſpricht die freundliche Lara theilnehmend jeden Laut der Freude und des Kummers nach, der unter den hohen Gewoͤlben der Großen, ſo wie zwiſchen den leeren Waͤnden der Armuth, von den Goͤttern des Hauſes ertoͤnt. Die ihr guͤnſtigen Gottheiten kehren gern mit ihr und ihren Soͤhnen unter Einem Dache ein. Wo man den Laren treulich dient, da — — 27 * bringt Hermes Gedeihen, da ruft Diana neuen Geſchlechtern, und laͤßt die Jungfrauen zuͤch⸗ tig und ſchoͤn heranwachſen. Da ſchmuͤckt ſelbſt die ausgeſoͤhnte Juno gern den braͤutli⸗ chen Kranz, und ſchuͤtzt die Rechte der Frauen, denen die Laren beſonders hold ſind, indeß der große Jupiter dem Ganzen laͤchelt. Aber der geſchwaͤtzigen Echo des Hauſes, der ſtrengen Lalara, vertraue niemand frevel⸗ hafte Geheimniſſe: ſie duldet kein Unrecht, und manches, was heimlich geſchah, wird von ihr ohne Schonen verrathen. Unſer Reichthum iſt ein kleines Stuͤckchen Erde, Vaͤterliches Haus genannt; Trifft dich Ungluͤck, aͤngſtet dich Beſchwerde, Reißt Verirrung dich in fremdes Land: Komm zuruͤck!— Es winken dir die Laren, Sieh, es laͤchelt dir des Hauſes Genius! Komm zuruͤck! und Freuden, die einſt waren, Bluͤhen wieder auf zu ſeligem Genuß! Aus des Laſters zauberiſchen Banden 28 Reißt dich fruͤher Unſchuld Hochgefuͤhl! In dem Kreiſe frommer Anverwandten Ruhſt du aus von draͤngendem Gewuͤhl. Komm zuruͤck!— Hier liegen keine Schlingen, Die auf fremder Flur den Irrenden bethoͤrt! Treu und Wahrheit, die als Kind dich hier um⸗ fingen, Harren dein am vaͤterlichen Herd. B. N. — —— 29 Etwas uͤber Gall. An L. in B. 4 Wir hoͤren hier*) jetzt taͤglich den originellen Gall, ob man gleich anfangs zweifelte, daß Damen unter den Zuhoͤrenden erſcheinen wuͤr⸗ den. Da indeſſen nur erſt eine und die andere ſich ein Herz gefaßt hatte, ſo folgten bald mehrere.. In der That vereinigte ſich ſehr vieles, Gall's Vorleſungen auch uns Frauen intereſ⸗ ſant zu machen; ſelbſt die Umgebungen trugen dazu bei. Das Ganze hatte etwas Freundliches und Maleriſches; ein Zeichner, der die Ver⸗ ſammlung, in einem der heiterſten Gartenſaͤle, in der Mitte den lebendigen Gall, im Feuer des Vortrags, und den Ausdruck tiefſinnig in ſeine Rede verſenkter Gemuͤther auf den Geſich⸗ tern der meiſten Anweſenden, haͤtte darſtellen *) Zu Leipzig. 30 wollen, wuͤrde das geiſtreiche Bild einer wah⸗ ren Akademie gegeben haben. Gall's naͤhere Bekanntſchaft zu machen, wuͤrde ich Ihnen, dem an dem Menſchen ſel⸗ ber gewoͤhnlich mehr gelegen iſt, als an ſei⸗ nem Syſtem, noch lieber goͤnnen, als ſeine Kollegien zu hoͤren. Seine Perſoͤnlichkeit ge⸗ hoͤrt zu den intereſſanteſten, die mir jemals vorgekommen ſind; das ſagt faſt jede von uns. Dabei hat ſein Weſen ſo wenig von Charla⸗ tanerie, daß er ſogar abſichtlich manches zu vermeiden ſcheint, was die meiſten an ſeiner Stelle nicht aus der Acht laſſen wuͤrden, um ſich der Gemuͤther deſto ſicherer zu bemaͤchti⸗ gen. Das Befuͤhlen der Koͤpfe und Weiſſa⸗ gen der Talente, worauf er ſich durchaus nicht geradezu einlaͤßt, gehoͤrt mit dazu. Sie duͤrfen aber deshalb nicht etwa glau⸗ ben, daß Gall nicht genau in der Geſellſchaft beobachte; im Gegentheil, es entgeht ſeiner Wahrnehmung ſo leicht nichts Charakteriſti⸗ ſches. Sein Gefuͤhl iſt in dieſer Hinſicht eben ſo ſchnell, als ſicher. Daher zweifle ich auch, obgleich er in einer ſeiner Vorleſungen die — 31 Phyſiognomik allein auf die Beobachtung der Modifikationen im Bau des Schaͤdels einſchraͤnk⸗ te, daß er ſelber ſich im wirklichen Leben dar⸗ an begnuͤge. Er geſtand ſogar einmal ohne Umſchweife, daß beſonders bey Frauen der Ton der Stimme, der Blick, die Haltung des Koͤrpers, ihm die beſtimmteſten Aufſchluͤſſe uͤber ihre ſittliche Natur gaͤben. Es geſiel mir, daß er hinzuſetzte: die, bei denen dieſe Merkmale auf Frivolitaͤt hindeuteten,(er nannte es geradehin„die Unverſchaͤmtheit“) und die ſich aus den Schranken der Weiblichkeit her⸗ auszudraͤngen ſuchten, wuͤrden ihn nie fuͤr ſich gewinnen koͤnnen. 4 Faſt fuͤrchte ich den Vorwurf von Ihnen, l. L., als ob Gall's Wohlgefallen an uns uͤber⸗ haupt mich zu ſeinem Vortheil beſtochen haͤtte; aber ich will mich nicht dadurch irre machen laſſen. Wenigſtens wuͤrden Sie mir ſelbſt zu⸗ geben muͤſſen, wenn ſie ihn ſaͤhen, daß die Art, wie er ſich gegen uns benimmt, der reine Gegenſatz iſt von der monotonen Zierlichkeit der meiſten Herren. Eben das koͤnne uns ge⸗ fallen, wenigſtens des Seltnen wegen? ſagen 32—;—;——— Sie. Ei nun, wol moͤglich! Auch daͤucht mir, giebt es allerdings eine Delikateſſe gegen unſer Geſchlecht, die oft ohne feine Wendungen, ſelbſt in einer ganz natuͤrlichen Sprache, einer ehrba⸗ ren Frau erfreulicher ſeyn muß, als die zarteſten Redensarten, hinter denen ſich ein unzarter Doppelſinn verbirgt. Durch die erſten hat der gute Gall meine ganze Achtung gewonnen. Auch glaube ich faſt, daß ihm beinahe eben ſo viel mit ſchoͤnen Maͤnnerkoͤpfen gedient iſt, als mit weiblichen; denn ſeine Vorliebe fuͤr ſolche Stirnen, die eine harmoniſche Entwickelung aller Organe andeuten, feſſelt ihn auf eine ſchoͤne, kindliche Weiſe an diejenigen Perſo⸗ nen, die ſie haben, ohne Nuͤckſicht, ob das Maͤnner oder Frauen ſind. Sperrs auf⸗ fallend ſchoͤne Kopfbildung war ihm ſo werth, daß er nicht zaͤrtlicher gegen ihn haͤtte thun koͤnnen, wenn er ein ſchoͤnes Maͤdchen gewe⸗ ſen waͤre. 1nt tes Die Nanvitaͤt, womit er den Vorwurf von ſich ablehnt, daß es ihm an hinlaͤnglichem phi⸗ loſophiſchem Scharfſinn in ſeinen Anſichten fehle, wuͤrde Ihnen gewiß intereſſant ſeyn. Als ich 33 ihm in unſerer Gegenwart** ſo etwas ſagte, ant⸗ wortete er geradehin in ſeinem Wiener Deutſch: „Das iſt mir all einerlei! Durch Gruͤ beleien weiß man nichts. Denken macht's nicht allein aus. Wer muͤhſelig etwas herausklau⸗ ben will, erfaͤhrt grad' gar nichts. Die Na⸗ tur muß ſich freiwillig offenbaren. Mir hat ſie's gethan. Ich thu' nur beobachten, aber darin ſtoͤrt mich auch nichts. Z. E. wenn huͤbſche Weiber recht gut zu mir thun, ſo mei⸗ nen ſie wol, ich denk' an Nichts weiter, und 3 freue mich nur uͤber ſie. Ja, ich freu' mich auch, aber ich denk' auch noch an gar viel.“ ꝛc. Lachen Sie immer, guter L.: Gall nimmt es Ihnen nicht uͤbel, er lacht wol ſelbſt mit; und ſo viel muͤſſen Sie doch zugeben, daß eine ſolche Naivitaͤt an einem Syſtematiker und vom Katheder herab etwas ungemein wohl⸗ thuendes habe. Wir hatten große Luſt, das Talent eines unſrer Bekannten, eines geſchaͤtzten, Gall'n noch unbekannten, mimiſchen Kuͤnſtlers, von ihm er⸗ rathen zu laſſen, doch wußten wir nicht, wie es anzufangen ſey, da er ſich durchaus nicht J. f. F. VII. H. 3 ₰ 34 darauf einlaͤßt, einen lebendigen Kopf zu un⸗ terſuchen. Der intereſſante Fremde wurde ihm fluͤchtig praͤſentirt, wir glaubten uns ſchon in unſrer Erwartung getaͤuſcht, denn es hieß: „Ja, was ſoll ich da weiter ſagen? Daß der Herr ein ſchoͤner Mann iſt, koͤnnen Sie ſel⸗ ber ſehen.“ Unſer Freund gerieth in große Verlegenheit, doch kaum war zwiſchen ihm und Gall ein Geſpraͤch angeknuͤpft, ſo erfuh⸗ ren wir, ohne unſer Zuthun, was wir wiſſen wollten— kein einziges Talent blieb uner⸗ rathen. Ein kleiner lieber Knabe ward ihm unter mehrern Kindern zugefuͤhrt, ohne daß die Auf⸗ merkſamkeit beſonders auf dieſen gelenkt wurde. „Dem Bub' da ſteht der Idealismus vor der Stirn geſchrieben! Das wird ſo ein Philo⸗ ſoph, wie ich nit leiden mag!“ ſagte Gall, ſo wie er ihn bemerkte. Der Kleine nahm zwar den Buben ſehr uͤbel, aber die Mutter freute ſich doch innig, in ihrem Lieblinge, deſ⸗ ſen ſtilles, oft Mangel der Energie verrathen⸗ des Weſen, ſeine Lehrer oft muthlos gemacht hatte, ſo viel Tiefe vermuthen zu duͤrfen. Sollte ſo etwas fuͤr Aeltern und Lehrer nicht eine Welt von neuen Anſichten eroͤffnen? Laſſen Sie uns immer eine Weile dabei ſtehn bleiben, guter L., wenn Sie mir gleich zu⸗ weilen vorwerfen, daß ich uͤberall das Re⸗ flektiren nicht laſſen kann. Wie oft hab' ich mich im Stillen ein we⸗ nig daruͤber luſtig gemacht, daß viele Vaͤter, wenn ſie recht konſequent ſeyn wollen, gewoͤhn⸗ lich ſchon vor der Geburt des Saͤuglings, den Rouſſeau nachſchlagen, um den Plan zu entwerfen, wie und wozu ſie das kleine huͤlf⸗ loſe Weſen bilden wollen! Doch es liegt ein furchtbarer Ernſt darin, meiner jetzigen Anſicht nach. Faſt alle Aeltern ſprechen davon, was ihre Kinder werden ſollen; daß ſie bereits etwas ſind— darauf fallen die wenigſten. Wie mancher zarte Keim des Talents, der ſich zur lieblichſten Bluͤthe geſtaltet haben wuͤrde, wenn man ihm Luft und Sonnenſchein gegoͤnnt haͤtte, wird nicht erſtickt werden durch die Hand des Erziehers, der da kuͤnſtelt, und uͤp⸗ pige Auswuͤchſe zu beſchneiden waͤhnt, wo die Natur das ſchoͤnſte gewollt hatte! Und giebt es 4 36— nicht Bildner, die ein gutes Werk zu ſchaffen waͤhnen, wenn ſie bei Gemuͤthern, in denen die Natur(nach ihrer Meinung) zu ſtarke Ge⸗ fuͤhle, zu viel Phantaſie einſenkte, auf rei⸗ nes Verſtandesweſen hinarbeiten?— Ach, der Fall iſt ſo unerhört nicht—! Aber der Drang des Lebens zertruͤmmerte oft das kuͤnſtliche Werk einer muͤhſeligen Verbildung: aus Ruinen ſtieg ein beßrer Geiſt hervor, denn die Natur will ihre Lieblinge retten. Aber auch wie viele, die dann nicht mehr Kraft genug haben, die Metamorphoſe zu uͤberſtehen, gehen nicht zu Grunde? An Gall's eigenem, ſehr edel geformtem Ko⸗ pfe ſollen die Organe der Gutmuͤthigkeit, des Witzes und der Theoſophie— oder, wie er lieber ſagt, Organ des Glaubens— die hervorſte⸗ chendſten ſeyn. Das letztere hat ſeinen Sitz in der hoͤchſten Stelle des Schaͤdels; in ſeiner Nachbarſchaft haben alle edlere Kraͤfte ihren Sitz. Dem thieriſchen Organismus iſt die un⸗ tere Baſis des Gehirns angewieſen, und die Seitenwaͤnde des Schaͤdels; in der Gegend des Ohrs und der Schlaͤfe kann man ſich den ——— 27 32 Kampfplatz denken, wo der Geiſt mit der Sinnlichkeit ringt. Doch dieß fuͤhrete in ſein Syſtem, und daruͤber moͤgen die reden und ſchreiben, die genug Kenntniſſe und— keine Vorurtheile beſitzen. Ruͤhrend iſt die Milde, mit welcher Gall Schonung gegen die Thiere anempfiehlt. Ueber⸗ haupt iſt ſein Verdienſt um die animaliſche Na⸗ tur gewiß groͤßer, als das, was er ſich um die geiſtige erwirbt, denn ſchwerlich wird er ſich jemals von dem Vorwurfe reinigen koͤnnen, daß er den Himmel des Idealen mit Fuͤßen zu tre⸗ ten geneigt iſt. Das Hoͤchſte, wozu er ſich in ſeinem Vortrage verſteigt, iſt das Aufſuchen der Grenze, wo ſich das Thieriſche vom Menſchli⸗ chen trennt im Organismus. Aber auch dieſes deutet er mehr an, als daß er es ausſpraͤche— ſo wie er uͤber alles, was zu einer wahrhaft poetiſchen Erhebung in ſeinem Syſteme fuͤhren koͤnnte, ſchweigt, als ob man das Heiligſte im Gemuͤth nur im Stillen ſich aufſchließen, und das tiefſte Geheimniß der Natur, das, welches die Geiſterwelt an die ſichtbare bindet, nicht entweihen duͤrfte mit lautem Wort. 38 1 Waͤre es dieſe Ehrfurcht gegen das Goͤttliche, die ihm den Mund verſchließt, wo ein liebendes Gemuͤth Sehnſucht nach etwas Hoͤherm empfin⸗ det: ſo duͤrfte ſein Schweigen ausdrucksvoller ſeyn, als die redſelige Genialitaͤt Vieler, die das Große klein machen, indem ſie es unge⸗ ſchickt antaſten. Wahrhaft poetiſche Gemuͤther ſollten ſich alſo gar nicht uͤber ihn beklagen, denn wenn er auch, vermoͤge ſeiner etwas tief zum Irrdiſchen gerichteten Natur, nie ſelbſt eingehen wird in ihre Regionen: ſo führt er doch durch unbekannte Tiefen zu ihnen hin, und neue Reiche ſind dem aufgeſchloſſen, der, nach ihm kom⸗ mend, ſich berufen fuͤhlt das Unendliche im End⸗ lichen zu ſuchen. Minna— r. Lieder der Unbekannten. Fortſetzung. 3. Die Linde. Traure, Minna, unſrer ſtillen Freuden Freundliche Gefaͤhrtin iſt nicht mehr! Die Vertraute unſrer Heimlichkeiten— Unſre ſchoͤne Linde iſt nicht mehr! Zitternd hoͤr' ich noch des Donners Stimme, Wie im Uebermuth er niederfaͤhrt, Bruͤllend auf ſie ſtuͤrzt, und nun im Grimme Unſern lieben, lieben Baum verheert! Ach, zerſchmettert, in den Staub geſtreuet, Liegt ſein heiliges, ſein hehres Haupt! Alles iſt mit Bluthen uͤberſchneiet, Die der kühne Wuͤrger ihm geraubt. 39 40— Sieh, es flattert nach dem nahen Haine Trauernd die verſcheuchte Nachtigall; Traure mit, o Freundin, und beweine Der Vertrauten ſchnellen, tiefen Fall. Zeugin war ſie einſt von unſerm Bunde; Schwurſt du nicht bei ihr mir treu zu ſeyn? Grubſt du nicht in banger Scheideſtunde Ihr mit Thraͤnen unſre Namen ein? Taͤglich ſchmüͤckt' ich ſie mit Blumenbinden, Wie der Braͤutigam die junge Braut; Und an dich hab' ich den Abendwinden Hier manch ſehnſuchtsvolles Lied vertraut. Schauer zitterten mir durch die Seele, Wenn der Mond durch ihre Schatten drang. Schweigend lauſcht' ich, bis mich Philomele In ein traͤumend ſuͤß Vergeſſen ſang— Oftmals ward ich aus dem ſchoͤnen Traume Durch ein leiſes Fluͤſtern aufgeweckt—: Wahr iſt ſie, die Sage, von dem Baume, Daß er ein geweihtes Grab verdeckt! 41 Ach, ein Pythias vielleicht beweinte Seinen Damon hier manch langes Jahr, Deſſen Herz die Welt dem treuen Freunde, Der der Muſen frommer Liebling war. Unbeſchuͤtzt von kuͤhlenden Gezweigen Wird fortan ſein heiliges Gebein In der Gluth der Mittagsſonne bleichen, Wird ſein Staub ein Spiel der Winde ſeyn. Hingezaubert zu der Engel Choͤren Wird um Mitternacht die Phantaſte Nicht mehr hier der Harfe Nachhall hoͤren, Die ihm einſt die holde Muſe lieh. Eil', o Minna, auf der Liebe Fluͤgel 3u des Saͤngers, zu der Linde Grab; Sieh, ſchon blickt auf den verwaiſten Huͤgel Phoͤbe, ſtill und trauervoll, herab. Eile! In der feierlichen Stunde Laß uns, Minna, das Geluͤbd' erneun, Ewig treu dem feſten Freundſchaftsbunde, Ewig treu uns ſelbſt und Gott zu ſeyn! 8 42— Heller Mond, dich nehmen wir zum Zeugen, Und auch dich, der Naͤchte Saͤngerin!— Zwei von meinen juͤngſten Myrthenzweigen Pflanz' ich, Minna, dann zum Denkmal hin. Wachſet! ſeid der Ewigkeit geweihet Und des Dichters heilgem Aſchenkrug! Wachſet, Myrthen! wachſet auf und ſtreuet Kuͤhlung um euch her und Wohlgeruch! Euch wird einſt der muͤde Wandrer kennen, Eures milden Schattens ſich erfreun, Dieſe Minna, jene Chloe nennen, Und ein Wort des Danks vielleicht uns weihn! — 4. Vertheidigung. — Grazié agl' inganni tuoi, al fin rispiro, o Nice; Metaſtaſio. Ungetreuer! ich hab' ihn vergeſſen, Jenen großen, furchtbarheilgen Schwur?— O ihr Geiſter dieſer ſtillen Flur, Solche Frevelthat mir beizumeſſen! Mir, die, wenn die Welt mich reizend nannte, Nur fuͤr ihn es war, fuͤr ihn es bin! Mir, die nie die Liſt der Buhlerin, Nur den ſtillen Pfad der Unſchuld kannte! O, ihr wißt es, ihr geliebten Baͤume, Wie ſo fromm, ſo treu ich ihn geliebt, Wie ich nie— o niemals ihn betruͤbt! Ihr, ihr kennt die Falſchheit ſeiner Traͤume! Geh nur, klage nur, du Ungetreuer, Daß du mit des Todes Schmerzen ringſt! Ach, ſchon da du mich zuletzt umfingſt, Gluͤhteſt du von einem fremden Feuer! 4*½ Hegteſt ſchon vielleicht die That im Herzen: Treulos ſelbſt von meiner Hand zu gehn Und dann klaägend wider mich zu ſtehn— Himmel! Himmel! wie ſoll ichs verſchmerzen? Damals bebten ſchaudervolle Winde Durch die fernſten Tiefen der Natur; Damals flohn die Geiſter dieſer Flur Warnend durch die Wipfel unſrer Linde! Jener Laut, der uns in Ohren gellte, Jene Wolke, die den Mond umzog, Jener Blitz, der ziſchend niederflog, War's, der dir, nicht mir das Urtheil faͤllte.— Ihm ſein Urtheil— 2 Schon', o Gottes Bote! Ich erlaſſ' ihm ja, was er verſprach! Schone ſein, der mir, die nichts verbrach, Mit dem Eiſenarm der Rache drohte! Nache! Rache! o vor deinen Pfeilen Bebt nicht Unſchuld, bebt nur Liſt und Trug! Doch die Wunde, die ſein Undank ſchlug, Soll der Stolz gekraͤnkter Liebe heilen!— —— An Amor. Nach dem Engliſchen. Nicht deine Schwingen, Gott der Liebe, Wuͤnſcht dieſes Herz, das nimmer frey Zu ſeyn begehrt, das ewig treu— Auch ohne Hoffnung ewig treu verbliebe. Behalte deine goldnen Pfeile, Nur deinen Kinderſinn gieb mir, Daß, frei von Argwohn, ich mit Ihr Der Liebe ſuͤße Freuden theile; Und daß die reizende Selinde Nicht einſt in Unmuth von mir flieht, Wenn ſie nur Maͤngel an mir ſieht, Gieb, guter Gott, ihr— deine Binde! Werden fortgeſetzt. — 46— Beriefe uͤber weibliehe Erziehung. Fortſetzung. Stebenter Hrief. So geht es den menſchlichen Planen! Statt meiner koͤmmt nur ein Brief von mir. Es kann diesmal nicht anders ſeyn; und wo et⸗ was nicht anders ſeyn kann, iſts am beſten ſich ſchnell drein zu finden und auch nicht viel daruͤber zu ſprechen. Begnuͤge Dich alſo mit dieſer Erklaͤrung, wie ich mich mit den Ange⸗ legenheiten begnuͤge, die ſie mir abnoͤthigen, und laß mich ohne weiteres meine Fragen und Bemerkungen fortſetzen, wo ſie neulich abge⸗ brochen worden ſind. Es iſt zwar ſchon fruͤher von Uebungen der Sinne unter uns verhandelt worden; — 4 aber es wird jetzt Zeit, beſtimmter darauf zuruͤckzukommen. Stellſt Du denn mit Ida dergleichen Uebungen an? Wo die Natur freigebig war, da geht freilich alles von ſelbſt, ohne dergleichen beſondere Uebungen, von ſtat⸗ ten. Aber wie reich das Kind mit Feinheit und Schaͤrfe der Sinnen begabt ſei, das kann man in der fruͤheſten Zeit nicht wiſſen, wenn man keine Verſuche anſtellt. Mache denn ſolche Verſuche bisweilen mit dem Sehen. Stecke ein Ziel auf in der lan⸗ gen Gartenallee, und befeſtige daran, was Ida vorzuͤglich gern ſieht— es ſei z. B. der Kanarienvogel mit ſeinem Kaͤfig— und gehe dann mit ihr aus einer Ferne darauf zu, in der ſie ihn Anfangs nicht erkennen kann. Naͤhere Dich ihm allmaͤhlig, und ſiehe zu, wie bald ſie ihn erkennt— bemerken wird ſie ihn gewiß, ſobald ihre Augen ihn unterſchei⸗ den koͤnnen. Tritt am folgenden Tage aus noch groͤßerer Ferne mit ihr davor, und ſie wird ihn ſchon fruͤher erkennen, aber nur des⸗ halb, weil ſie ihn da vermuthet. Laß den dritten Tag etwas anderes am Ziele ſeyn— 48— etwa einen großen, recht bunten Blumenkranz, und naͤhere ſie dem Ziele ſo lange, bis ſie auf Deine Frage: was haͤngt da? richtig antwortet. Wechſele ſo mit Gegenſtaͤnden, die ihr lieb ſind, und ſetze das Ziel immer weiter hinaus: ihr Auge wird ſich gewiß anſtrengen, den neuen Gegenſtand an demſelben Orte zu erkennen, und Du wirſt mit Freuden ſehen, wie ihr Blick immer ſchaͤrfer wird. Wenn Du einmal abweſend ſeyn mußt, ſo laß Ger⸗ trud Dir mit ihr entgegen kommen, und ihr nicht ſagen, die Mutter kommt, aber genau darauf merken, wie bald ſie Dich erkennt: ſie muß naͤmlich wiſſen, daß ſie Dir entgegen geht. Solche Uebungen ſind ſehr leicht und ungeſucht taͤglich anzuſtellen. Auf eine aͤhnliche Weiſe laͤßt ſich auch das Ohr uͤben. 3. B. der Bruder Woldemar, oder der Onkel ſind ausgeweſen und kommen wieder, ohne daß Ida ſie kommen ſieht. Du biſt oben mit ihr im Stuͤbchen: Du hoͤrſt unten ſprechen, aber nur noch undeutlich, und die Stimme iſt noch nicht ganz kenntlich. Du fragſt: Ida, wer ſpricht da unten? ſie — 49 wird ſich ſchon anſtrengen zu hoͤren, wer der Sprechende iſt. Auf tauſendfache Art laſſen ſich ſolche Verſuche machen, und was kann man mit den kleinen Wichten, die ſo gern unterhalten ſeyn wollen, beſſeres ſprechen?— Ihre aͤbrigen Sinne werden ſich von ſelbſt uͤben und ohne Nachhuͤlfe die gehoͤrige Fein⸗ heit erlangen. Doch magſt Du wol den Gefuͤhlsſinn— (in den Fingern; das Wort: Taſten oder Ge⸗ taſt iſt mir ſtark zuwider) dieſen magſt Du zuweilen auch auf die Probe ſtellen. Laß Ida die Augen zuthun, und durch ihr bloßes An⸗ fuͤhlen Deine und Gertruds Hand unterſcheiden; oder den waͤchſernen Apfel von dem wirklichen; oder das leinene Hemdchen von dem kattunenen Kleide u. ſ. w.— Unterſcheidet ihr Gefuͤhl dies richtig und ſchnell, dann uͤbe ſie in feinerem Unterſcheiden. Aber die Uebungen des Geſichts und Gehoͤrs muͤſſen fortgeſetzt werden. Die ſind weſentlich. Durch die bekannten fuͤnf Thore ziehen ja alle Vorſtellungen in die junge Menſchenſeele ein: So wollen wir ſie denn auch oͤffnen, ſo gut TJ. f. F. V I. H. 3 4 wir koͤnnen; beſonders die, durch welche dem Menſchen die menſchlichſten Vorſtellungen kom⸗ men! Du ſagſt, daß Ida ſo große Freude hat am Rauſchen des Windes in Deinen hohen Pappeln, am Geſang der Voͤgel, an den bun⸗ ten Farben der Blumen: o laß ſie, ſo viel nur moͤglich iſt, im Freien ſeyn! Nichts bil⸗ det den Sinn fuͤr ſchoͤne Natur gluͤcklicher aus, als das Leben in der Natur. — Achter Brief. Kaum bin ich von Dir und Deinem Engel zuruͤck, ſo muß ich ſchon wieder ſchreiben! Wie iſt mir der Abſchied von Dir und dem holden Kinde ſo gar ſchwer geworden! Ich traͤume faſt jede Nacht von Euch, oder viel⸗ mehr von einem Gemaͤlde einer heiligen Fami⸗ lie, auf die ich aber Euer Bild uͤbertrage. 9 Emma, gluͤckliche Emma! welch ein Kind ward Dir zu Theil! Gewiß Du waͤrſt vor hundert Muͤttern zu entſchuldigen, wenn Du 51 Ida durch allzuweiche, allzuzaͤrtliche Aufmerk⸗ ſamkeit verwoͤhnteſt; ja, wenn Du ſelbſt ſie verzoͤgeſt!— Aber das wirſt Du nicht; dafuͤr buͤrgt mir alles, was ich in den drei Monaten von Deiner Verfahrungsart geſehen. Ich koͤnnte jetzt vielleicht aufhoͤren, Dir zu ſchreiben, und doch war Deine Bitte um fer⸗ nere Leitung ſo herzlich, und Dein Vertrauen auf die groͤßere Erfahrung und Geiſtesreife Deiner aͤlteren Freundin ſo innig, daß ich nicht zu widerſtehen vermag. Ich fahre alſo fort, Dir meine Ideen uͤber Ida's fernere Bildung mitzutheilen.— Unbeſchreiblich hat mich des Kindes feiner Sinn fuͤr Reinlichkeit erfreut. Ich habe ver⸗ geſſen Dir zu erzaͤhlen, wie ſie einmal ſo traurig daſaß, als ſie die kleinen Fingerchen beſchmutzt hatte, und Du hinaus gerufen wur⸗ deſt, ehe Du ſie reinigen konnteſt! Gegen mich war ſie noch bloͤde; ich merkt' es nicht gleich, was ihr fehlte, bis ich ſie ſtill weinen ſah. Als ich nun fragte, was ihr fehle, ſah ſie beſchaͤmt auf ihre Haͤnde, und ſtammelte endlich: Liebe Tante, bitt' abwiſchen. Ich 52 wuſch die kleinen Haͤnde und kuͤßte ſie auf die Wange, und von dem Augenblick an waren wir vertraut.— Dieſer Sinn iſt eine der weiblichen Grazien, die bis ins ſpaͤteſte Alter uns einen Schimmer der Liebenswuͤrdigkeit be⸗ wahren. Den ſollen wir in unſern Kindern ja recht wach zu erhalten uns beſtreben. Wenn wir mit Ida uͤber den Hof in den Garten gingen— wie ſie ſo ſorgfaͤltig allem Unreinen auswich, ohne daß Du ſie zu erinnern brauch⸗ teſt! Eines Abends, ich weiß nicht wo Du wareſt, kam Woldemar, der im Garten gear⸗ beitet hatte, mit ganz ſchwarzen, erdigen Fin⸗ gern auf ſie zu und wollte ſie neckend liebko⸗ ſen: heftiger hab' ich das Kind noch nicht weinen gehoͤrt, als da. Woldemar erſchrak, ging ſtill hinaus, wuſch ſich, brachte ihr eine Roſe aus dem Garten— ſie laͤchelte ihm zu, ſchluchzte aber noch, und nun kuͤßte Woldeniar ſie mit dem ganzen Ungeſtuͤm ſeiner Liebe. Da lachte der kleine Engel und ſagte: Ida nicht mehr weinen!— Es war ein himm⸗ liſcher Anblick. Und wie muß Deinem Mut⸗ terherzen da ſo wohl ſeyn!— Kleide Ida nicht in dunkele Zeuge. Waͤre ſie ein ſehr lebhaftes Kind und triebe ſich gern achtlos herum, dann wuͤrde ich mehr da⸗ zu rathen, damit ſie ſelbſt ſich nicht gewoͤhnte, ſich mit Flecken zu ſehen. Aber jetzt— es giebt kein ſichreres Mittel ihren Reinlichkeits⸗ ſinn ferner auszubilden, als ſie weiß oder doch in zarte Farben zu kleiden, weil ſie es da am erſten gewahr wird, wenn ſie nicht reinlich ausſieht. Soll ſie ſich im Garten herumtum⸗ meln, ſo binde ihr ein ſchwarzes Schuͤrzchen uͤber. In dieſem Stuͤcke muß die wackere Gertrud noch beſſer in Deinen Sinn eindringen lernen; das habe ich ihr auch eingeſchaͤrft, damit Ida ſie immer mit Liebe und Wohlgefallen ſehe. Sie hat hierin noch zu viel von dem Stande, dem ſie angehoͤrte, bevor ſie zu Dir kam. Ihm ſcheint Reinlichkeit hoher Luxus, den man ſich nur Sonntags erlauben darf. Auf meine Frage: ob ſie nur Sonntags von Dir und Ida geliebt ſeyn wolle? ging ſie ſchwei⸗ gend und beſchaͤmt hinaus, und kam ſauber gekleidet, aber erroͤthend bei meinem Blick auf 54— ſie ins Zimmer zuruͤck. Ich ging zu ihr, klopfte ihr ſanft auf die Schulter; ſie blickte nieder und ſagte: ich will mich beſſern. O halte darauf, daß ſie ſich wirklich von dieſem faſt einzigen, aber großen Fehler beſſere, ob⸗ gleich es ihr wehe thun wird! Und wenn Du ihr Geſchenke machſt, laß es immer lie⸗ ber ſauberes Leinzeug ſeyn, als irgend etwas elegantes. Zur nahen Meſſe ſchicke ich ihr ein Dutzend leinene Schuͤrzen. Verdirb mir diesmal die Freude nicht damit, daß Du ihr auch welche ſchenkſt: ſie wird mich wol ver⸗ ſtehen, was ich damit meine. Ob man auch wol allzureinlioh ſeyn koͤnne? fragte mich neulich einmal eine Ver⸗ wandte in vollem Ernſt. Ich nicht, war meine Antwort; denn mir fehlt zum„genug“ noch manches. Vielleicht kann es niemand zu ſehr ſeyn: aber auf eine mißverſtandene, pe⸗ dantiſche Weiſe kann man es wol ſeyn. Dieſe Frage koͤmmt mir vor, wie die, ob man zu gut ſeyn koͤnne? Koͤnnte man das ſeyn, ſo waͤre das vollkommenſte Weſen gerade dadurch ein unvollkommenes. Wol aber iſt weiche 55 Guͤte, da wo Ernſt, ja Strenge hingehoͤrt— Schwaͤche, und Schwaͤche iſt nicht Guͤte.— Von der Hausfrau, die ſich ſelbſt und ihre Geraͤthe taͤglich mehrere Male zur beſtimmten Stunde waſchen wollte, ohne ein Staͤubchen an ſich oder den Sachen wahrzunehmen; die ihre Stuben und Kammern ohne weitere Ver⸗ anlaſſung taͤglich waſchen ließ, und daruͤber im Winter faſt nie einen trockenen Fußboden und eine dunſtreine Luft im Zimmer haͤtte— von der wuͤrde ich nicht ſagen, daß ſie zu⸗ reinlich ſei: ich wuͤrde es ohne Bedenken Reinlichkeitspedanterei nennen. Eben ſo wenig kann man zu ordentlich ſeyn, wenn naͤmlich Ordnung Charakterzug am Weibe iſt. Wol aber kann man die Mechanik der aͤußerlichen Ordnung zu weit treiben, und durch kleinliche Pedantereien in dieſem, wie in vielen Stuͤcken, ein freies, großes Gemuͤth gewaltig aͤngſtigen, wenn man ihm naͤmlich ſeine Ordnung auf eine laͤppiſche Art gerade in dieſer Form vorſchreiben will. Laß unſern Liebling dieſe ſchoͤnen weiblichen Tugenden in der lieblichſten Geſtalt ſehen und uͤben lernen. 56 Fern ſei von ihr alles Aengſtliche dabei. Ihr heftiges Weinen, als Woldemar ſie beſchmutzen wollte, laͤßt mich ahnen, daß ihr ſchoͤner Hang zur Reinlichkeit einmal zu ſtark werden koͤnnte. Und deshalb bitte ich, ſporn' ihn nicht zu fehr. Ueberhaupt beduͤrfen ja nur die ſchwaͤ⸗ chern Triebe zum Schoͤnen und Guten der Anfeuerung. Die natuͤrlich ſtarken erheben und befeſtigen ſich von ſelbſt. Neunter Briel. Dies iſt der neunte Brief, den ich Dir uͤber Ida's Erziehung ſchreibe, und noch war mit keinem Wort vom Gehorſam die Rede. Soll⸗ teſt Du hieraus ſchließen, daß ich ihn aus der aͤchten Paͤdagogik verbannt wiſſen will? Da waͤreſt Du im Irrthum, liebſte Emma. Selbſt bei der Knabenerziehung halte ich bis zu einem gewiſſen Alter unbedingten Gehorſam für nothwendig.— Bei Maͤdchen, deren ganzes Leben nicht blos Gehorſam gegen die Geſetze des Rechten — 57 und Wahren, ſondern auch gegen die des Schoͤnen und Schicklichen ſeyn ſoll, muß er fruͤh zur Natur werden, und ſich in Gefuͤhl verwandeln, das mit Blitzesſchnelle wirkt.— Ehe von Gruͤnden nur die Rede ſeyn kann, muß die weibliche Seele ſchnell das Schick⸗ lichſte fuͤr jeden Moment erkannt, ergriffen, und durch ihr Handeln dargeſtellt haben.— Damit nnun dieſe Geſetze ſich tief in ihr Weſen eindruͤcken, muß ein leiſes, mißbilligendes Kopf⸗ ſchuͤtteln von Dir ſchon genug ſeyn, Ida von dem abzuhalten, was ſie nicht thun wuͤrde, wenn ihr Verſtand reif genug waͤre, ſeine Unzulaͤſſigkeit zu begreifen. Dein Urtheil ſei fuͤr ſie das Tribunal der Schicklichkeit, von dem nicht appellirt werden kann. Bei der faſt anbetenden Liebe zu Dir, wird es der Kleinen auch ſo bald noch nicht einfallen zu fragen: warum ſoll ich das nicht thun? war⸗ um das nicht ſagen?— Doch mit dem zu⸗ nehmenden Verſtande, und mit dem Gefuͤhl der Kraft wird auch der eigene Wille hervor⸗ treten, und das Beduͤrfniß, das Warum eines Verbotes zu wiſſen, kann bei ſolchen Dingen 58 nicht ausbleiben, die vor den Richtſtuhl der Vernunft gehoͤren. Gieb ihr Gruͤnde, ſo bald ſie ſie, und ſolche, die ſie faſſen kann. Mache ihr die innere Nothwendigkeit an⸗ ſchaulich, erkannten Gruͤnden immer zu gehor⸗ chen. Ich ſpreche von der Zeit, wo ſchon von Vernunftgruͤnden die Rede ſeyn kann; ſie wird kommen. 44 Ida will z. B. im nahen Sommer gern aufs Land, und kann es nicht erwarten, bis ſie zu ihrem Gaͤrtchen kommt, und zu ihren Blumen, ihren Huͤhnern und ihrer kleinen Volière. Sie weiß, wie auch Du am Land⸗ leben haͤngſt. Du haſt aber ihrem abweſenden Vater verſprochen, bis zu ſeiner Wiederkehr die Aufſicht uͤber den Bau und die Einrichtung ſeiner neuen Zimmer in der Stadt zu haben. Sehr begreiflich laͤßt ſich's dem Kinde hieran machen, wie man ſich es oft auflegen muͤſſe, auch ſeinen ſuͤßeſten Wuͤnſchen zu entſagen.— Aehnliche Veranlaſſung zu ſolcher Belehrung giebt das taͤgliche Leben genug. Gebrauche die hervorſpringendſten dazu; aber nur ſo oft ſie Dich darum angeht.— — 59 Vor dem zu haͤufigen Raiſonniren mit Kin⸗ dern kann ich nicht laut genug warnen; von ſeiner Schaͤdlichkeit hat mich manches Beiſpiel in meinem Erfahrungskreiſe uͤberzeugt. Ich kenne kaum noch einen ſo verderblichen Miß⸗ griff in der Erziehung, als das ewig morali⸗ ſirende Raiſonnement.— Ich erinnere mich beſonders eines traurigen Mißgeſchoͤpfes ſolcher Erziehungsmethode, das mit nicht ganz ſchlech⸗ ten Anlagen das widerlichſte, unleidlichſte Ge⸗ ſchoͤf geworden war. Es iſt ein einziges Kind kraͤnkelnder Aeltern, die es fruͤhe zum Ausbund des Verſtandes und der Klugheit bil⸗ den wollten. Sie hatten Dina gewoͤhnt, nichts zu thun, wovon man ihr nicht den Grund geſagt haͤtte, und nichts auf Treu und Glauben, nichts ohne Widerſpruch anzunehmen. Nun iſt das arme Geſchoͤpf aber keine von den tiefen Seelen, die um des Gewißwerdens willen zweifeln, um der Ueberzeugung willen fragen, und aus Geiſtesbeduͤrfniß nicht eher ruhen, als bis ſie den Dingen ſo weit nur möglich auf den Grund kommen. Die flachen Geſchoͤpfe, zu denen Dina gehoͤrt, fragen nicht 60 um der Antwort willen; ſie fragen, um nicht hoͤren zu duͤrfen was geſagt wird— oft auch nur, um ihre eigne Stimme zu hoͤren. Dina hat ſich einen ſolchen Frag⸗ und Einwendungs⸗ mechanismus eigen gemacht, daß es einem ver⸗ ſtaͤndigen Menſchen faſt unmoͤglich iſt, es laͤn⸗ ger als ein Paar Minuten mit ihr auszuhal⸗ ten, und daß auch die Geduldigſten ſich bald unwillig von ihr wegwenden, weil ſie bei aller Gutmuͤthigkeit ſich der Bemerkung nicht ent⸗ halten koͤnnen, daß Dina's Fragen und Ein⸗ wuͤrfe mit der Sache, von der die Rede iſt, faſt gar nicht zuſammenhaͤngen.— Jetzt iſt ſie erwachſen: und war ſie als Kind ſchon widrig, ſo iſt es jetzt eine wahre Strafe, mit ihr zu ſeyn. Und woher dieſe erbaͤrmliche Geiſtesverkruͤppe⸗ lung? Daher— weil die armen Aeltern ſich an den erſten naſeweiſen Fragen, und an der Geſpraͤchigkeit der kleinen Kreatur, als an her⸗ vorbrechenden Geiſtesfunken, ergoͤtzten und ſie laut applaudirten!— Jetzt iſt ſie ſo weit, daß ſie den Widerſpruch ſchon auf der Zunge bereit haͤlt, und daß er oft losbricht, noch ehe ſie gehoͤrt hat, was man eigentlich ſagen — 61 wollen, welches oft zu den laͤcherlichſten Auf⸗ tritten Anlaß giebt. Wenn es der reifenden Geiſteskraft eigen iſt, uͤberall nach Grund und Urſach zu fragen, ſo iſt Zuverſicht zu dem reiferen Verſtande und Glaube an das Wort der Guten, auch der entſchiedenſte Zug in dem Charakter der Kind⸗ lichkeit. In dem Vater ſehe das Kind den Repraͤ⸗ ſentanten des Wahren; in der Mutter den Inbegriff des Schoͤnen und Guten. An beide ſoll es unbedingt glauben, ſo lange bis es ſelbſt die Frucht vom Baum des Erkenntniſſes brechen kann. Du ſiehſt alſo, liebe Emma, daß der Ge— horſam, nach meiner Einſicht, ein ſehr weſent⸗ liches Stuͤck der Erziehung iſt; und dennoch wuͤrde der mich ſicher mißverſtehen, der hieraus ſchloͤſſe, daß ich blinden, ſklaviſchen Gehorſam in Schutz naͤhme. Gehorſam, der aus Liebe und Vertrauen entſpringt, heiligt den Menſchen, und weihet ihn zur Religion— ja, er iſt ſelbſt ſchon Religion. Gehorſam gegen die bloße Willkuͤhr eines Andern, den man 62 weder lieben, noch ihm vertrauen kann, macht feige Sklavenſeelen— und heuchleriſche Augen⸗ diener: wie koͤnnte der zur Erziehung gehoͤ⸗ ren! Aus der unſrigen ſei er auf immer ver⸗ bannt.— Angeben laͤßt ſich die Periode des kindlichen Lebens freilich nicht, wo Glaube und Gehor⸗ ſam ſich mit eigner Einſicht und Ueberzeugung verweben und wo ſie ihr allmaͤhlig Platz machen muͤſſen. Aber es giebt auch in dem fruͤheren kindlichen Alter(oft ſchon vor dem ſiebenten Jahre) Faͤlle, in welchen das Kind die Gruͤn⸗ de unſerer Vorſchriften faſſen kann; und dann ſollen wir ſie ihm nicht vorenthalten, damit ſein uͤbriger glaͤubiger Gehorſam dadurch einen edlen Charakter gewinne, und eines freien We⸗ ſens wuͤrdig werde.— Auf Ida's Frage:(wenn ſie ſie einſt thun ſollte) Mutter, warum muß ich denn alle Tage etwas arbeiten? wuͤßt' ich keine beſſere Ant⸗ wort, als die: Weil du ſonſt Langweile ha⸗ ben, und aus Langweile unvernuͤnftig ſeyn könnteſt, und ich dich dann ſtrafen muͤßte. — 63 Wenn ſie aber fragen ſollte: Liebe Mutter, warum willſt du denn nicht, daß ich mit Catharine ausgehe? ich hoͤre doch ſo gern, was die Leute auf der Straße ſprechen! Dann wuͤrde ich mich auf kein Darum einlaſſen, ſon⸗ dern mein Verbot ernſtlicher wiederholen, und ihr dabei ſagen, daß ſie die Urſach noch nicht begreifen koͤnne.— Ein Haupthinderniß des kindlichen Gehor⸗ ſams ſind gewoͤhnlich die vielen, oft ſehr unnoͤ⸗ thigen Verbote, die den Kleinen alle ihre Wuͤnſche mit Dornen umzaͤunen, und ſie zum gewaltſamen Durchbrechen noͤthigen, falls ſie nicht in jaͤmmerliche Indolenz verſinken, die alles uͤber ſich ergehen laͤßt, und ihre ganze Freude in Schlafen, Eſſen und Trinken ſucht.— Geſtatten wir den kleinen Weſen alles was wir koͤnnen, verbieten wir ihnen nichts, als das wirklich Schaͤdliche, geſtehen wir ihnen aufs erſte Wort der beſcheidenen Bitte das zu, was wir bewilligen koͤnnen und duͤrfen, ſchlagen wir ihnen nie ab, was wir hernach doch zugeſtehn, laſſen wir unſer erſtes verwei⸗ gerndes Wort auch das letzte ſeyn: ſo werden 64— ſie ſich bald zu der ehrerbietigen Reſignation gewoͤhnen, die ihnen ſo heilſam iſt.— Es iſt eben ſo ſchaͤdlich, ſich etwas von Kindern abbetteln, als abtrotzen zu laſſen. Auch iſt die beharrliche Bettelei nur eine an⸗ dere Art von Trotz, die gleichfalls auf die Schwaͤche der Aeltern berechnet iſt.— Der fruͤheſte Ungehorſam entſteht gewoͤhn⸗ lich aus der Luͤſternheit nach dem, was die Er⸗ wachſenen vor den Augen der Kinder genießen und ihnen verſagen, und deſſen ſich die Klei⸗ nen zu bemaͤchtigen ſuchen, ſobald ſie unbe⸗ merkt zu ſeyn meinen. Wie iſt dem abzuhel⸗ fen?— Bei unſerer jetzigen Lebensweiſe wol nicht ſo ganz leicht. Waͤren unſere Genuͤſſe einfach, ja dann fiele dieſe Schwierigkeit weg: wir ließen ſie an dem, was unſern Gaumen erfreut, ihren Antheil haben, und damit waͤre die Sache abgethan, und des Kindes Wunſch geſtillt, ehe er zur ſchaͤdlichen Begierde werden koͤnnte. Aber bei unſerer Lebensweiſe— wo ſo vieles zum täglichen Genuſſe gehoͤrt, was zum wenigſten der phyſiſchen Entwickelung des jungen Menſchenweſens nicht guͤnſtig, und ſo oft wol ſehr ſchaͤdlich iſt— was iſt da zu thun?— So lange Kinder noch am Tage ſchlafen, laſſe man ſie fruͤher eſſen, und waͤh⸗ rend der Mahtzeit der Aeltern ſchlafen!— Kinder verdauen ſchnell, daher ihr oft er⸗ neueter Magenreiz waͤhrend des Tages, daher ihr oͤfteres Verlangen nach Speiſe. Laß Ida nie lange warten, wenn ſie etwas fordert, ſo lange es naͤmlich wirklicher Hunger und nicht Leckerei iſt. Gieb ihr zeitig ihr Fruͤhſtuͤck, ſo wie ſie des Morgens aufgeſtanden, gewaſchen und angekleidet iſt. Fruͤher niemals. Milch, Waſ⸗ ſer und weiß Brot iſt ein herrliches Fruͤhſtuͤck fůͤr geſunde Kinder. Fodert ſie um zehn Uhr wieder: gieb ihr ein Stuͤckchen leichtes Rocken⸗ brot und einen Apfel oder anderes Obſt.— Noch kann Ida ihre kleine Mittagsmahtzeit um zwoͤlf Uhr vor euch halten, und dann ſchlafen. Fodert ſie um drei oder vier Uhr ihr Veſperbrot, ſo laß ſie es ſogleich haben, damit der Hunger nicht maͤchtig werde, und ſie zur Ungeduld reize. Gieb ihr auch da niemals Backwerk. Ein Stuͤckchen Rocken⸗ brot oder gutes Weizenbrot und etwas Obſt J. f. F. VII. H. 5 66—— oder Milch, aber nur eins von beiden, ſey ihr beſcheiden Theil.— O ich bitte, ſo ſehr ich bitten kann, halte ſtreng hierauf und laß den geſunden Appetit nicht zur Luͤſternheit werden! — Mit heiterer Freude verzehre ſie, wie bis⸗ her, ihr kleines Mahl.— Iſt Ida aber in dem Alter, wo ſie des Schlafs am Tage nicht mehr bedarf, und haſt Du ſie gern am Tiſch ſchon bei Dir: dann ge⸗ woͤhne ſie gleich nur von einer, hoͤchſtens zwei Speiſen am Tiſch zu haben, aber von ſolchen, die dem kindlichen Gaumen angemeſſen ſind, und von dem jungen Magen leicht verarbeitet werden koͤnnen. Laß ſie in dieſen Speiſen ſich nach Wohlgefallen ſaͤttigen. Ein geſundes, nicht durch Leckereien uͤberreiztes Kind ißt nicht zu viel; man kann es gewaͤhren laſſen. Haſt du eine ſtarkgewuͤrzte Schuͤſſel auf Dei⸗ nem Tiſch, wie Dein Bruder oder Dein Mann ſie liebt, laß Ida nicht davon koſten, ſtatt deſſen aber laß ſie eine angenehme Milchſpeiſe haben, oder gekochte Fruͤchte u. dergl. Die⸗ ſem Geſchmack bleiben Kinder, beſonders Maͤd⸗ chen, lange, und oft fuͤr's ganze Leben getreu. Und er iſt unſerer Natur ſo gedeihlich! Laß auch Ida noch lange keinen Senf und andere ſcharfe Dinge koſten. Eben ſo wenig Kaffee oder ſuͤße Weine. 5 r DSie ſieht euch taͤglich Wein trinken. Gieß ihr etwas guten rothen Wein oder auch Rhein⸗ wein unter das Waſſer, wenn ſie am Tiſche trinken will. Laß ſie aber waͤhrend dem Eſſen nicht viel trinken; wol aber eine Stunde nach Tiſche, wenn ſie durſtet— doch dann nur Waſſer, ſo lange ſie voͤllig geſund iſt. Wie ſie bei dieſer Diaͤt gedeihen wird, daran ſollſt Du Deine Freude ſehen.— „Aber wird denn die Frau geh. Naͤthin D— ihr allerliebſtes Kind immer ſo ſtreng halten?“ fragte mich neulich Frau von Z—. „Ich hoffe ſie wird ſtark genug ſeyn,“ ent⸗ gegnete ich.„Aber mein Gott, was ſoll denn nun das? Wenn Ida nun groß iſt, ſo kann ſie ja nicht mit andern Leuten eſſen, weil ſie dann aller Speiſen ungewohnt iſt, die man auf guten Tiſchen giebt!“—„So wird ſie ihrer gewohnt werden. Und wenn ſie ihr alsdann nicht bekommen, oder ſie keinen Ap⸗ 68 petit dazu hat, ſo wird ſie auch dann noch von einer oder zwei einfachen Schuͤſſeln eſſen, die ſich ja auf jeder guten Tafel auch finden — des herrlichen Obſtes nicht zu gedenken, das bei jedem Deſſert nicht fehlen darf, und wovon Ida eine beſondere Freundin iſt.“— „Aber das arme Kind entbehrt denn doch viel, wenn es niemals feine Backwerke, kuͤnſtlich gemiſchte Gerichte und ſuͤße Weine bekommt! Wir Erwachſenen wiſſen am beſten, wie das ſchmeckt, und wie wohl einem dabei iſt! Sollte man denn nun ſeinen Kindern das nicht auch goͤn⸗ nen?“—„O haͤtten Sie die kleine Ida bei ihren Mahktzeiten geſehen! waͤren Sie einmal gegen⸗ waͤrtig, wenn ihr Sagoſuͤppchen, ihr Reißbrei, ihre Fleiſchſuppe u. dgl. gebracht wird: wie ſie in die kleinen Haͤnde klopft, und wie ſie alles anlacht, was um ſie iſt! Jeder, den ſie lieb hat, muß einen Loͤffel voll davon haben, ſobald ihre erſte Begierde geſtillt iſt. Von ihrer Suppe muͤſſen die Mutter, der Onkel und Woldemar und die Gertrud durchaus ko⸗ ſten, und dann jubelt ſie, und faͤllt wieder von neuem daruͤber her. Vom Apfel kriegt 69 auch ſogar der Kanarienvogel ſein Theil.— Gewiß, Frau von Z., Sie wuͤrden Ida nicht mehr bedauern, noch meine Freundin tadeln, wenn Sie einmal bei der Fuͤrſtenmahlzeit die⸗ ſes gluͤcklichen Kindes gegenwaͤrtig geweſen waͤren.“— Frau von R., die mir zuge⸗ hoͤrt, kam an mich, und druͤckte mir leiſe die Hand—— Zehnuter Grief. Im naͤchſten Fruͤhling kommſt Du mit Ida zu uns. Da wird ſich eine neue Welt fuͤr ſie auf⸗ thun. Die Ortsveraͤnderung pflegt auf die Ver⸗ ſtandesentwickelung einen ſehr beſchleunigenden Einfluß zu haben, beſonders, wenn Kinder lang genug an dem neuen Ort verweilen, daß die Bilder an der jungen Seele nicht zu ſchnell voruͤbergleiten. Auch bekommt man ſo einen ſehr richtigen Maßſtab fuͤr ihre Gedaͤchtnißkraft, wie fuͤr ihren Bemerkungsgeiſt.— Mit Er⸗ ſtaunen gewahrt man oft, daß ſie bemerkt ha⸗ 70 ben, was uns faſt entgangen war, und behal⸗ ten, was wir laͤngſt wieder vergeſſen. 1 So gern ich es aber habe, daß man noch junge Kinder bey kleinen Luſtreiſen von wenigen Meilen mit ſich nehme, beſonders auch um die aͤngſtliche Bloͤdigkeit zu verhuͤten, die ſich der Kinder bemaͤchtigt, wenn ſie in langer Zeit nie⸗ mand, als die Mutter und die Waͤrterin ſehen: ſo unguͤnſtig finde ich es der wahren Ausbil⸗ dung, wenn man Kinder von den erſten Lebens⸗ jahren an mit auf großen Reiſen herumſchleppt, wo aller Nutzen des Geſehenen verloren gehen muß, weil die neuen Bilder einander ſo ſchnell folgen, daß immer eins das andere aus der Seele verdraͤngt und keines ihr neue Ideen zu⸗ fuͤhren kann.— Laß Dich alſo keinen Vorſchlag der Art reizen, liebe Emma! Deine Freundin in Paris mag es gut meinen, wenn ſie Ida,. ſobald ſie heranwäͤchſt, der franzoͤſiſchen Spra⸗ 1 che wegen nach Frankreich locken will; und die Tante in Rom will ihr auch wohl, wenn ſie vom zehnten Jahre an anfangen will, des Kin⸗ des Kunſtſinn in Italien zu bilden: aber laß 71 Dich durch das Schimmernde dieſer Vorſchlaͤge nicht bewegen! Die franzoͤſiſche Sprache— wahr iſt es, es kann kein ſichereres Mittel geben, ſie, wie die deutſche Mutterſprache, und ſelbſt beſſer und gelaͤufiger noch reden zu lernen, als wenn man von fruͤh an nichts andres ſprechen hoͤrt, als ſie; aber darf ſie jemals Hauptaugenmerk bei der Erziehung eines deutſchen Kindes werden? — Niicht einmal eine franzoͤſiſche Waͤrterin wuͤrde ich dem Kinde gern zugeſtehen! Von deutſchen Aeltern ließ das Schickſal es geboren werden: Deutſch ſei die erſte Sprache, die es hoͤrt, die es lallt, durch die es, und fuͤr die es ſein Sprachorgan entwickelt. Deutſch ſei der Sinn, der Charakter, der Geiſt, der ſich ihm aufpraͤgt, und auf welchen die Sprache gewiß keinen unbetraͤchtlichen Einfluß hat. „Aber wie wird es ſpaͤterhin noch die voͤllige Gelaͤufigkeit erlangen?“ Und wenn es ſie nie bekaͤme—: die Sprache des Auslands darf nicht Hauptſache in der deutſchen Erziehung werden!„Fuͤr die hoͤhern Staͤnde iſt die fran⸗ zoͤſiſche Sprache einmal ein nothwendiges Uebel. Meine Lage und Deine Verhaͤltniſſe machen uns 72 die Gelaͤufigkeit dieſer Sprache faſt nothwendig, und ſo muß auch Ida ſie ſprechen lernen, weil ſie in Deinen Verhaͤltniſſen wahrſcheinlich fort⸗ leben wird“ ſo ſagt Dein Mann. Sorge alſo fuͤr das, was fuͤr dieſen Fall Beduͤrfniß iſt, aber nur nicht auf Koſten des Weſentlichern! Wenn Ida etwa ſechs oder ſieben Jahr alt iſt, und das Deutſche gut und rein ſpricht, dann fange Du ſelbſt an, taͤglich zu beſtimmten Stunden ihr alles franzoͤſiſch zu nennen, was ſie vor ſich ſieht. Lege ihr Abbildungen von allerlei Gegen⸗ ſtaͤnden mit franzoͤſiſcher und deutſcher Benen⸗ nung vor: haſt Du das eine Weile gethan, dann laß die deutſchen Namen davon, und laß ſie bloß die franzoͤſiſchen nennen.(Ich ſetze voraus, daß ſie um dieſe Zeit deutſch, und zwar ſchon gut leſen kann. Viel fruͤher moͤcht' ich nicht gern, daß ſie es gelernt haͤtte; doch davon ein andermal.) Wenn ſie alſo gut deutſch lieſet, und nicht eher, ſo mache ihr von allen ihren Lieblingsgeſchichtchen in ihren gewohn⸗ ten Leſebuͤchern franzoͤſiſche Ueberſetzungen— fuͤr's erſte recht woͤrtlich getreu, und laß Dir dieſe Ueberſetzungen von den bekannten Geſchicht⸗ 73 chen oft leſen; dann erzaͤhle Du ihr franzoͤſiſche, oder lies ihr dergleichen vor, und laß ſie Dir deutſch erzaͤhlen; endlich uͤberſetze ſie ins Deut⸗ ſche, und laß ſie die Kleine Dir wieder franzoͤ⸗ ſiſch erzaͤhlen, ſo wird ihr die Sprache ſchon ge⸗ laͤufig werden. Setze dann taͤglich eine Stunde feſt, wo ſie Dir alles franzoͤſiſch ſagen muß, was ſie erwiedert haben will, und halte ihr ſpaͤterhin, allenfalls auf ein Jahr, oder ein Paar Jahre, eine Franzoͤſin. Dann haſt Du alles gethan, was man, wichtigerer Dinge unbeſcha⸗ det, fuͤr eine fremde Sprache thun darf. Willſt Du dann auch einmal noch eine Reiſe mit ihr nach Frankreich machen, ſo wird ihr dieſe, au⸗ ßer dem Gewinn fuͤr die Sprache, nun noch ganz andere Vortheile bringen, da ſie ihr jetzt nicht anders als nachtheilig ſeyn koͤnnte.— Warum ich ſo ſehr gegen das Reiſen mit ganz jungen Kindern bin, hat außer jenem erſt genannten Grunde(daß naͤmlich alle neuen Gegenſtaͤnde zu ſchnell und zu fluͤchtig an ihrem Geiſt voruͤber eilen, nichts einen bleibenden Ein⸗ druck machen kann, und eine gewiſſe, ſpaͤterhin ſchwer zu beſiegende Zerſtreuetheit angewoͤhnt „— wird,) noch manchen andern, gewiß nicht un⸗ wichtigern. 3— Wir haͤuslich erzogenen Frauen kennen das fuͤße Gefuͤhl, das in uns rege wird und unſer Gemuͤth auf eine ſo einzige Art bewegt, ſo oft unſere fruͤheſten Kinderjahre mit allen ihren ſchoͤnen Erinnerungen lebendig vor uns hintre⸗ ten und uns holdſelig anlaͤcheln. Und was kann uns inniger bewegen, als der Anblick des Stuͤb⸗ chens, wo unſere Wiege ſtand, des Spielzeugs, das wir zuerſt lieb hatten, der Plaͤtze im vaͤter⸗ lichen Garten, auf welchen wir am liebſten ſpielten! O wie haͤngt das unzerſtreute Herz ſo treu, ſo warm an ſeinen erſten Freuden! Ja, Der Sonnen ſchoͤnſte waͤrmt das Land, Und heilig iſt die Erde, Wo vormals unſre Wiege ſtand, Am vaͤterlichen Herde. Vor allen Baͤumen gruͤnt der Baum, In deſſen kuͤhlen Schatten Wir unſern ſchönen Kindertraum Am Fruͤhlingsabend hatten——— 75 Was ſoll dem Menſchen dieſe einzig ſchoͤnen Gefuͤhle erſetzen, wenn ein fruͤhes Umhertrei⸗ ben von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, dieſe heilige Vorliebe fuͤr's Vaterland, dieß ſchoͤne Vorurtheil des Herzens, das die unver⸗ dorbene Natur ſo eng an das Vaterhaus knuͤpft, gaͤnzlich in uns verloͤſcht hat?— Und nun vollends unſer Geſchlecht—: wie ſoll ſich die ſchoͤne Haͤuslichkeit in uns entwickeln, wenn wir fruͤhe zum Gaſthof⸗Leben, und, was von ſelbſt daraus folgt, zur hoͤchſten Ordnungslo⸗ ſigkeit gewoͤhnt ſind?— Nicht wahr, meine Emma, Du bringſt der franzöſiſchen Sprache kein ſolches Opfer? Du gehſt mit Ida nicht nach Frankreich? „Soll ich aber uͤberall mit ihr gar nicht reiſen?“ O ja, liebſte Emma! Wenn ihr Charakter hinlaͤnglich ausgebildet und gegruͤn⸗ det iſt, wenn ſie ſich an ſoliden Kenntniſſen genug erworben hat, und Du kannſt zur Vol⸗ lendung ihrer aͤſthetiſchen Bildung eine Reiſe mit ihr nach Rom oder Paris machen(leider iſt jetzt die Frage, ob man den heiligen Bo⸗ den ohne die Schaͤtze der Kaͤnſt, die ihm ſonſt 76 eigen waren, oder die Kunſtſchaͤtze auf dem fremden Boden beſuchen ſoll?) dann magſt Du jenen Vorſatz ausfuͤhren! Was koͤnnte auch dann Deine Freundin, die ſelber ſo gerne reiſt, dagegen haben— wenn naͤmlich Deine Verhaͤltniſſe Dir ſo eine Reiſe geſtatten, oder ſie vielleicht gar fordern! Aber vor allem laß Ida erſt in dem heimiſchen Boden recht wur⸗ zeln, und beſonders im vaͤterlichen Hauſe; und daß ihr ja dieß der liebſte Aufenthalt von allen ſey!— SEilſfter Brief. Ida wird uͤbermorgen vier Jahr alt, und da muß ich ihr ja ein Angebinde ſenden! Auch erhaͤltſt Du hierbei ein ganzes Kaͤſtchen voll kleiner Sachen, die ein vierjaͤhriges Herz er⸗ freuen koͤnnen. Erſtlich erhaͤlt ſie eine wirklich ſchoͤne Puppe,(die ſchoͤnſte, die ich haben konnte) in eine leinene Chemiſe gekleidet, und mit einem kleinen Muͤtzchen; dann eine andere, — 77 ein wenig haͤßlich, aber ſehr elegant geputzt iſt. Laß Ida jeder von ihnen einen Namen geben, und gieb doch Acht, wie ſie ſie nennen, und welche ſie am liebſten haben wird!— Dann erhaͤlt ſie eine komplete kleine Wirthſchaft, mit allem Zubehoͤr; eine Schachtel mit Rechenpfennigen, und eine Schiefertafel nebſt Schwamm und Griffel. Auch fuͤr ſie ſelbſt von meiner Hand gearbeitet, ein rothes Kleidchen und ein weißes. Es kommt wenig darauf an, welches ihr von beiden das liebſte wird, aber ich moͤcht' es doch wiſſen. Das, welches ſie vorzieht, laß ſie tragen, und kleide ſie auch kuͤnftig ſo.— Es iſt gut, daß Kinder fruͤhe einen eignen Ge⸗ ſchmack haben, und ihm in ganz unſchuldigen Dingen auch folgen duͤrfen.— Daß ſie auf nichts der Art mit Eigenſinn beſtehen darf, braucht nicht geſagt zu werden.— Beobachte ſie fleißig, ob die kleine Wirth⸗ ſchaft ihr Freude macht, und ob ſie einigen Trieb zeigt, es alles gut in Ordnung zu halten. Hat ſie keine beſondere Freude daran; ſo be⸗ wahre den ganzen kleinen Kram bis auf ein 78 andermal, damit ſich kein ſchaler Ueberdruß in ihre Seele ſchleiche. Mache es auch mit den Puppen ſo, wenn ſie ſie nicht lieb hat; und laß ſie uͤberall nichts um ſich haben, das ſie nicht lieben kann. Frage ſie aber nicht darum, raiſonnire nicht mit ihr daruͤber, ſondern merke es ihr ab, und thue das im ſtillen bei Seite, deſſen ſie muͤde zu werden anfaͤngt. Gerade die am gluͤcklichſten organiſirten Kinder werden alles leicht muͤde, woran ihre Thaͤtigkeit ſich nicht uͤben kann. Und deshalb habe ich zu dieſen andern Herrlichkeiten die Rechenpfennige und die Schiefertafel hinzugethan. Durch dieſe einfaͤltigen Mittel kannſt Du nicht nur ſie manche Stunde angenehm be⸗ ſchaͤftigen, ſondern anfangen, ſie rechnen, ſchrei⸗ ben und leſen zu lehren, indem ſie bloß mit der Mutter zu ſpielen glaubt.— Das Wie bei dem Rechnen will ich Dir nicht angeben. Es liegt zu ſehr in der Natur der Sache. Nimm allenfalls Peſtalotzi's Me⸗ thode des Rechnens zur Grundlage. Was er mit Strichen und in Quadraten vorbildet, das 79 bilde Du mit dieſen Rechenpfennigen nach, und gehe eben ſo ſtufenweiſe, wie es dieſe Methode ſordert.— Du wirſt Deine Freude haben, wie bald Ida zaͤhlen, zuſammenthun, abziehen, vermehren und theilen lernen wird. Zu anderer Zeit male ihr Buchſtaben auf der Tafel vor, immer nur wenige auf einmal, bis ſie ſie getreu nachmalt; dann wieder andere, und kann ſie auch die nachzeichnen, dann wie⸗ der andere, bis ſie das ganze Alphabet ſchreibt. Daß ſie beim Schreiben die Buchſtaben auch nennen lernt, verſteht ſich. Iſt ihr das recht gelaͤufig, dann ſchreibe ihr ganz einfache Syl⸗ ben vor, dann die aus vielen Buchſtaben zu⸗ ſammengeſetzten, und laß ſie auch dieſe richtig ausſprechen. Nun mehrſylbige Woͤrter; dann ſchreibe ihr kurze Saͤtze auf, dann, was von ihr ſelbſt oder von Dir geſprochen worden. Hernach laß ſie Dir auf der Tafel kleine Briefe ſchreiben, die Du ihr beantworteſt, und ſo wird ſie ſchreiben und leſen faſt zu gleicher Zeit koͤnnen. Wenn Du Dich An⸗ fangs der lateiniſchen Buchſtaben bedienſt, ſo 80— haſt Du den Gewinn davon, daß ſie auch die Druckſchrift ſchneller lieſet, weil die mit den geſchriebenen lateiniſchen Lettern mehr Aehnlichkeit hat, als mit den kleinen deut⸗ ſchen. Doch bitte ich Dich, mit dem Leſen der Druckſchrift nicht ſehr zu eilen, weil es keine Buͤcher giebt, die ein Kind von vier bis ſechs Jahren verſteht, und keine ſolche geben kann. Alles was man der Art fuͤr Kinder zuſammengekuͤnſtelt hat, laͤuft auf Erbaͤrmlich⸗ keiten hinaus, wodurch ihnen wol Worte und Phraſen, aber keine Gedanken zugefuͤhrt werden. Wenigſtens kenne ich kein ſolches Produkt, das nicht beſſer ungeſchrieben geblie⸗ ben waͤre. Auch ſcheint es mir eine faſt un⸗ erreichbare Aufgabe, ein Buch fuͤr Kinder in dieſen Jahren zu ſchreiben, das fuͤr ſie er⸗ reichbar und doch nicht kindiſch waͤre. Laß Ida lieber noch den ganzen Fruͤhling und Sommer im Garten herumſpielen, und ſich viel im Freien bewegen: zu den Buͤchern kommt ſie noch zeitig genug. Unterrichte, ich bitte Dich, Deine Ida auf jede andere Weiſe lieber, als durchs Leſen, * 81 ſo lange, bis ſie mit ihrem richtigen und kla⸗ ren Verſtande auch ein Buch verſtehen kann, das nicht fuͤr Kinder geſchrieben iſt.— Lies dann mit ihr, und uͤberſchlage das, was fuͤr ihr Alter noch zu fruͤh kaͤme. So wird ſie ſichern Gewinn haben von ihrem Leſen. Schrei⸗ beei ihr aber von Zeit zu Zeit eine Fabel oder ein Lied auf, das ſie faſſen kann, und laß es ſie auswendig lernen. Haſt Du es ihr vorgeſpro⸗ chen oder geleſen, und hat ſie es verſtanden, ſo wird ſie es gewiß nicht unrichtig deklami⸗ ren, wenn ſie auch nicht den ganzen Ausdruck hineinlegen kann. Daß ſie es vor Wenigen außer Dir herſagt, verſteht ſich; es ſoll ja keine theatraliſche, ſondern bloß eine Verſtan⸗ des⸗ und Gedaͤchtnißuͤbung werden! es ſoll zur Entwickelung ihrer Gemuͤthskraͤfte dienen! — Die Wahl kann Dir nicht ganz ſchwer werden, da Du nur unter dem engern Aus⸗ ſchuß Deiner Lieblingsdichter waͤhleſt, mit de⸗ ren Geiſt Du am vertrauteſten biſt, und aus den wenigen guten Kinderbuͤchern. Lebe wohl, liebſte Emma. Auf dieß Ka⸗ pitel werde ich kuͤnftig noch oft zuruͤckkommen. S. f. F. VII. H. 6 * 8 ½ Es iſt mir wichtig. Auch werde ich Dir die ſehr kleine Anzahl guter Kinderbuͤcher alsdann bekannt machen, welche Du ohne Bedenken Ida ſelbſt in die Haͤnde geben darfſt. Die Fortſetzung folgt. Guſtav und Valerie. Scenen, veranlaßt durch den Roman der Frau von Kruͤdener. Perſonen: Guſtav. Valerie, deſſen Frau. Ern ſt. Iſidore, eine alte Verwandte Guſtavs. Bianka, eine Malerin. Cacilie, Valeriens ſechsjaͤhrige Tochter. Einige Bediente. Ein Garten⸗Saal in einem Landhauſe, wel⸗ cher von der einen Seite offen iſt und eine Ge⸗ gend am Rheine ſehen laͤßt. Valerie ſitzt auf einem Sopha und ſingt ihr Kind in Schlaf. Caͤ⸗ cilie ſitzt in einer Ecke des Saals, ſpielt ſtill mit einer Puppe und blickt oft verſtohlen nach der Mutter hin. Valerie iingt. Stand ich auf hohen Bergen Und ſah wol uͤber den Rhein, Ein Schifflein ſah ich fahren, Ein Schifflein ſah ich fahren, Zwei Ritter ſaßen darein. Der Eine der darunter war, Das war ein Grafen⸗Sohn, Thaͤt mir ſein' Lieb' verſprechen, Wollt' nimmer die Treue brechen—— Thränen unterbrechen ihren Geſang, ſie ſieht auf ihr Kind. 85 Liebkoſend. Nicht wahr, du liebſt mich, goldnes Herz? nicht wahr?— Wie winkt es mir ſo freundlich zu mit ſeinen großen, hellen Liebes⸗Augen! Es an ſich drückend. Du biſt ein gutes, gutes, treues Kind! Caͤcilie ſteht auf und legt ihren Kopf auf Vale⸗ riens Schoos Aber ich, ich bin wol nicht dein gutes Kind? nicht wahr, Mutter? Valerie. Auch du! Ich liebe dich eben ſo ſehr. Freilich gut warſt du heute nicht, als du ſo leichtſinnig mir dein Wort gebrochen. Ich hatte dir den Fehler verwieſen, du hat⸗ teſt verſprochen, i ihn niemals mehr zu thun: nach kurzer Zeit begingſt du ihn doch wieder! Glaub', liebes Kind, durch ſolchen Leichtſinn kann oft dem Andern tiefes Leid geſchehn, und darum huͤte dich immer, dein Wort zu brechen. Caͤcilie. Nicht wahr, Mutter, wie Guſtav, der dir auch verſprochen hat, in vier Monaten wieder zu kommen, und noch nicht wieder da iſt? Valerie beſtürzt. O nein, mein Kind, das iſt nicht ſo. Guſtav hat nicht Unrecht, er 86— hat ſein Wort nicht gebrochen. Wer hat dir das geſagt? Cäaͤcilie. Die Muhme ſagt's mir: die weiß es wol. Fräulein Iſidore kömmt geſchäftig herein. Iſidore. Find' ich Sie wieder in Thraͤ⸗ nen? Sagen Sie mir nur, was ſoll das ewige Weinen?— Sie wiſſen, gnaͤdge Frau, daß mir der Herr Graf ſtreng befohlen hat, uͤber Sie zu wachen, und darauf zu ſehen, daß Sie nicht durch immerwaͤhrende Tro keit auch das Gemuͤth ſeines Kindes zum Truͤbſinn ſtimmen. Geben Sie Acht, das Kind wird Ihnen noch weggenommen! Valerie. Mir weggenommen? Wie darf man mir mein Kind nehmen, weil ich um die Entfernung ſeines Vaters weine?— Aber Sie haben Recht, Iſidore: mein Kind ſoll nicht traurig werden. O! gewiß Sie haben Recht! Was weine ich auch?— Sie ſieht ins Freie.— Komm herein, du holde Fruͤhlingsluft! und wie lachſt du mir ſo freundlich, ſtilles Gruͤn! Willkommen, Voͤgelchen! du liebſt mein Kind und willſt es gern erfreuen! Wie gut meint es die Welt mit ihm! Bunte Iugendfreude, ſchoͤnſtes Liebesgluͤck, Traum von Fruͤhlingsnaͤch⸗ ten, hingebracht in duftig ſtillen Lauben: o kehre zuruͤck, und lege dich mit deinen goldnen Schwingen an das Herz des holden, nie zu ſehr geliebten Kindes!— Dort fließt der Rhein; die Schiffe ziehn ruhig hin: ihr trugt ihn weg, wann bringt ihr mir ihn wieder? Sie ſingt wieder: Stand ich auf hohen Bergen u. ſ. w. Iſidore. Immer und immer ſingen Sie doch dies Lied. Lernten Sie's nicht von Guſtav, als ſie zuſammen nach Italien reiſten?— Ja, damals dachten Sie wol nicht, daß Sie einſt ſein Kind damit in Schlaf ſingen wuͤrden! Ich moͤchte nur recht genau wiſſen, wie alles ſo gekommen iſt! Hoͤren Sie: es ſoll ein ganzes Buch daruͤber geſchrieben ſeyn, und ein recht ſchoͤnes, worin aber am Ende der arme Guſtav ſtirbt. Ich moͤchte gar zu gern, daß wenn in Geſellſchaft davon die Rede iſt, ich nun den Andern widerſprechen, und jeden Um⸗ ſtand genau erzaͤhlen koͤnnte! Da wuͤrden nun 3⁸ alle Andere mich verwundert anſehen, um mich herum treten, und mich uͤber alles genau ausfragen—— Valerie. Meine Geſchichte iſt ganz ein⸗ fach, liebe Iſidore. Guſtav war der Sorge meines Gemahls empfohlen. Er ſah in ihm den Vater, den Freund, das Ideal, welchem er nacheiferte. Er reiſete mit uns, und faßte eine heftige Liebe zu mir, die er jedoch hel⸗ denmuͤthig bekaͤmpfte. Seine Verehrung, ſeine Dankbarkeit gegen meinen Mann ſtellten ihm ſeine Leidenſchaft als Verbrechen vor, und er verzehrte ſich ſchweigend. Was er fuͤr ſein hoͤchſtes Gluͤck hielt, ſchien ihm unmoͤglich: ach! und das Unerreichbare entzuͤndet das Herz mit Sehnſucht. Ich war nie eitel, war ein⸗ fach erzogen, ſchuͤchtern; voll Mißtrauen gegen mich ſelbſt ſah ich ſeine Neigung nicht, und als ich ſie bemerkte, glaubte ich nicht daran. Ich liebte ihn mit unſchuldigem Wohlgefallen, wie uns eine Lieblingsblume gefaͤllt. Mein Mann blieb mir immer das Hoͤchſte; doch wuͤnſchte ich, Guſtav moͤchte immer um mich ſeyn. Gnſtav verließ uns, und nach einiger Zeit 89 ſtarb mein Gemahl. Ich lebte ſtill mit Caͤci⸗ lien, und genoß das Leben in einfachen Ver⸗ haͤltniſen und Hoffnungen. Da uͤberraſchte mich auf einmal Guſtavs Gegenwart. Ich hatte nicht daran gedacht, daß er mich noch lieben koͤnnte, und ſeine Treue, ſeine Innigkeit berechtigte, befluͤgelte mich zu einem Gluͤck, das ich im Leben nie erwartet hatte. Ich ſtand nun auf dem Gipfel meines Daſeins, denn ich kann nur einfach fuͤhlen, leben und lieben. Wir lebten einſam auf dieſem Landhaus, ſahen faſt keinen Menſchen: aber ich war im Him⸗ mel, denn ein Engel kam zu mir. Auf ihr Kind zeigend, das auf ihrem Schoos ſchläft. Wundern Sie Sich drum nicht, wenn ich weine: wer im Himmel lebte, dem ſcheint ein geringerer Zu⸗ ſtand ſchon Verdammniß. Iſidore. Freilich dachten Sie, das muͤßte immer ſo fort gehen: immer herrlich und in Freuden. Nun aber, wie wurd' es denn hernach? Nicht wahr, Guſtav ward kalt gegen Sie, er langweilte ſich, er begehrte wieder in die Welt zuruͤck, ließ Sie allein mit einer zaͤnkiſchen Verwandten, die immer 90 aufs Recht ſieht? nicht wahr? Es war frei⸗ lich hart! Aber ſo ſind die Maͤnner; ja ja, ſo ſind ſie!— Valerie, mit zurückgehaltenen Thränen, die ſie ängſtlich vor Iſidoren zu verbergen ſucht. Guſtav ward kraͤnklich und mußte wegen ſeiner Geſundheit eine Reiſe thun. Cäacilie ſeht ihre Mutter an. Mutter, du weinſt? Iſidore beftig. Schon wieder? Ich ſehe wol, Sie nehmen nicht Raiſon an! Ich ſage Ihnen, der Herr Graf hat mir alle Gewalt uͤber ſein Kind gegeben, denn er weiß, daß ich mit Kindern umzugehen verſtehe. Und was mir aufgetragen iſt, befolg' ich aufs Genaueſte. Er ſagt, das Kind ſoll eine geſunde, kraͤftige Natur werden, es ſoll das Leben genießen, nicht bei der kleinſten Muͤhe verzagen und im zwanzigſten Jahre ſchon an den Tod denken; und dafuͤr, ſagt er, muͤſſe ſchon in der Kind⸗ heit geſorgt werden; es muͤſſe immer froͤhli⸗ che Geſichter um ſich ſehen, und aufwachſen, als gaͤb' es kein Ungluͤck in der Welt. Und dazu leg' er es in meine Haͤnde, denn ich ſei 91 noch aus einer alten geſunden Zeit.— Es thut mir Leid, daß ich ſo mit Ihnen ſprechen muß. Aber Sie ſind ſelbſt Schuld mit Ihrem Weinen! Sie geht zornig weg. Valerie. Grauſamer konnteſt du nicht gegen mich ſeyn, als mir dieſe zur Gefaͤhr⸗ tin zu geben! Doch du ſahſt in ihr nur die beßre alte Zeit, verehrteſt in ihr deine Jugendpflegerin, kannteſt ihre Fehler nicht— Du haſt nicht Unrecht mit mir. Ja, heim⸗ lich gefaͤllt mir alles, was du immer thuſt. Und huͤte dich, mein Herz, je einem Zweifel Eingang zu verſtatten! Nur Liebe rettet dich vom Untergang! Ernſt kömmt herein. Valerie legt ihr ſchlafendes Kind aufs Bett. Ernſt. Nun, liebe Valerie, haben Sie Nachricht? Valerie. Noch keine. Ernſt. Es iſt unbegreiflich. Wiſſen Sie, daß ich entſchloſſen bin, wenn noch ein Poſttag ohne Briefe vorbei gehet, ſelbſt zu Guſtav zu reiſen? Valerie. Theilnehmender Mann! Ernſt. Nein, ich kann es nicht laͤnger ertragen, zuſehen, wie Sie hier ſtatt der lebendigſten Gegenwart nur ein Schattenleben der Erinnerung fuͤhren; wie Sie die bluͤhende Jugend im ſtillen Kampf gegen Zweifel und Gram verzehren; wie Sie ſelbſt auf Guſtavs Seite getreten ſind und ſein Unrecht gegen Ihr eigen Gefuͤhl in Schutz nehmen, waͤhrend er, einer ertraͤumten Nothwendigkeit wegen, ſich von Ihnen entfernt, und durch gefaͤhrliche Mittel ſeinen ſtrafbaren Mißmuth zu heilen ſucht. Ich ſollte Ihnen vielleicht dies alles verſchweigen oder milder vorzuſtellen ſuchen: aber die Gewalt der Wahrheit ergreift mich zu ſehr, und ich geſtehe es, ich moͤchte Sie reizen, mehr an ſich ſelbſt zu denken, und nicht dieſe Gaben, welche die Natur Ihnen gab, um Leben und Freude uͤber alles zu ver⸗ breiten, durch das aͤngſtliche Nachſinnen uͤber einen einzigen Menſchen, durch die quaͤlende Erwartung von einem Poſttage zum andern, zu vergeſſen und zu verlieren. Sie zaͤhlen die Stunden, deren Schlag Sie gar nicht ver⸗ — 93 3 nehmen ſollten. Sagen Sie ſelbſt—— Doch was koͤnnten Sie ſagen, um Guſtavs Unrecht zu entſchuldigen? Valerie. Wol kann ich es, und brauche nur gerecht zu ſeyn. Was bei mir Treue iſt, waͤr' in ihm treulos. Ich liebe nur die Per⸗ ſoͤnlichkeit, er liebt das Schoͤne in dem Men⸗ ſchen. Mich feſſelt alles an ihn, ſelbſt ſeine Fehler, ich bin verlohren an ein fremdes We⸗ ſen: er ſucht nur das, was ihm die Welt entruͤckt; mit heller Sehnſucht fliegt ſein Sinn der ewigen Schoͤnheit zu, verweilt, wo leiſe ſich ihr Bildniß ſpiegelt, und kann nur Ruhe ſinden beim Vollkommnen. Daß mich ſein Weſen ſchmerzt, iſt wahr, und dennoch lieb' ich's. Er iſt nicht ſchuldig, und ich bin es nicht. Schuldig iſt die Zeit, die Welt, das Unvermeidliche. Sie ſehen finſter, lieber Ernſt? Es waͤre traurig, wenn ich Sie betruͤbte, da Siie's ſo herzlich mit mir meinen! Ich weiß es wol, daß meiner Jugend ſtill Verbluͤhn Sie jammert; doch glauben Sie, nicht mehr zu lieben, waͤre fuͤr mich das einzige, das groͤßte Ungluͤck!— Jetzt will ich gehen; ich muß X 94 der Laube pflegen, die Guſtav ſich im Garten ſelbſt gepflanzt hat. Wenn er einſt zuruͤckkehrt, ſo ſoll ihm ihr Gedeihen recht wohlthun!— Valerie gehet weg. Ernſt auein, ſieht ihr nach. Sie geht dahin im frommen Wahn der Liebe; ihr ganzes Leben iſt ein kindliches Traͤumen: doch weiß ich, es weckt ſie manche aͤngſtende⸗Erſcheinung, ſo ſehr ſie es verheelt! Guſtav, du traͤgſt allein die Schuld von ihrem Kummer: das kann ich dir nie verzeihn! Und doch bleib' ich dein Freund! Die Unſchuld deines Herzens iſt mir gewiß, auch wenn es irrt. Laͤngſt haſt du dein Inn⸗ res mir anvertraut: falſch hab' ich dich nie be⸗ troffen. Dich reizt nicht der Geſtalten Glanz, nicht der Schimmer der Gefuͤhle; dorthin, wo dir einſt auf jener Reiſe deine Geiſter im hellen Glanz der Morgenſonne und im Thau der Lie⸗ besthraͤnen aufwachten— dorthin ſehnteſt du dich zuruͤck, als hier der Glanz verſchwunden! Freilich war deine Trauer um ihn unmaͤßig; und nun meinteſt du, dort ſei deines Lebens Leben, und in die Heimath ruf' es dich zuruͤk— Ver⸗ 95 blendeter! was ruͤckwaͤrts ſchauen? Vor dringe muthig, mit allen deinen Kraͤften: ſo oͤffnen ſich des Lebens Pſorten. Wer zaghaft ſtets zu⸗ ruͤck ſchaut, dem ſchließen ſich die goldnen Thore alle, und ohne Leben findet ihn der Tod. Nur wer mit vorwaͤrts gewendetem Blick beſcheiden oft die Welt und ſich vergißt, und ſo beſchwing⸗ ten Fußes heiter weiter geht— nur den blickt das Leben ſtets ergeben an, jedes Alter beut ihm ſeine Gaben, und endlos breitet ſich vor ihm die lachende Zukunft aus.— Doch wohin ge⸗ rath' ich? So geht mir's immer: vom Einzelnen komm ich leicht ins Allgemeine, und habe dann oft viel gedacht, doch nichts gethan. Nein, nein,. ſo ſoll's nicht ſeyn! Waͤr' ich nur fruͤher hier angelangt! Guſtav, haͤtt' ich dich hier gefunden: du waͤrſt geblieben! Fuͤr dich kam ich zu ſpaͤt hier an; doch, hoff' ich, nicht zu ſpaͤt fuͤr ſie, die ich unendlich lieben muß. Welch ein ſuͤßer Reiz, welch ein wunderholdes Weſen in allem, was ſie thut! Viel erwartet' ich: weit mehr hab' ich gefunden. Die Liebe, die Treue macht ſie zur Heldin. Und was kann ich fuͤr ſie thun? Ihr Trauern trag' ich nicht.— 96 Man bringt ihm einen Brief. Von Guſtav! Willkommen! erbricht ihn; lieſt, unterhricht ſich. Nicht weit von hier, und doch nicht hier?— Das iſt bedenklich! Wie? Nein, das iſt unmoͤg⸗ lich! Bianka iſt bei ihm? ſie koͤmmt hieher? er will, ſie ſoll ſein Kind erziehn? Und ich— ich ſoll das alles einzurichten ſuchen? Holla, mein Freund, ſo weit geht's nicht! Treu bin ich, treu wie Gold; aber das iſt Verrath an Gluͤck und Liebe!— Betrug willſt du?. So ſei du der Betrogne! Fuͤr deinen Frevel mußt du billig buͤßen: vielleicht beſſert's dich ſogar. Wenigſtens wuͤnſch' ichs herzlich!— 2. Zimmer in einem Wirthshauſe. Guſtav. Bianka ſitzt und malt, Guſtav in eini⸗ ger Entfernung. 2 Bianka ſteht auf und ordnet einiges an Guſtavs Stellung. So biſt du ſchoͤn: ſo ſoll dein Bild dir gleichen. Sie ſetzt ſich wieder. Guſtav. Du biſt ſo ſchoͤn, und doch auch ſo wechſelnd, daß, malt' ich dich tauſendmal, — 92 ein jedes Bild dem andern ungleich waͤre, aber jedes doch dir aͤhnlich. Bianka ſieht ihn an. So— O, erhalte dieſen Blick: du glaubſt nicht, wie er dich ver⸗ ſchoͤnert. So lieb ich dich! Guſtav. Du liebſt mich! ſuͤßes Wort! Du weißt nicht, welche Melodie deine Stimme wird, ſprichſt du es aus. Doch du biſt oft ſo kalt, oft ſogar mir fremd. 1 Bianka. Wie? Bin ich dir nicht hierher gefolgt, habe dem Vaterlande entſagt um dei⸗ netwillen? Was thaſt du dafuͤr? Bat ich dich nicht oft, dein Kind zu dir zu nehmen? Dann haͤtteſt du alles, was dein Sehnen begehrte, haͤtteſt in Frieden milden Sonnenſchein gefuͤhlt, und aller Sinne froͤhliches Genuͤgen—— Guſtav. O ſtill; rechtet die Liebe ſo? Verdirb nicht, was du ſo gut gemacht, und ſchmaͤlere nicht mein Entzuͤcken uͤber dein Thun. Liebe wohnt im Vergeſſen, wie der Keim in ſtummer Huͤlſe. Frei iſt das Herz, alles darf es wagen, wo Wahrheit iſt; nach allem darf es ſtreben, wofuͤr es Sinn und Kraft empfing. Der Blicke Schimmer, der Glieder Reiz, 6. f. F. VII. H. 7 98 der Traͤume ſuͤß Verwirren— das alles ſagt, wie Bluͤth' und Farbe, liebe mich, eh' ich vergangen! Und wie in heitrer Nacht der Sternenhimmel ſein ſilbern Netz ausſpannt, der Menſchen Wuͤnſche und Hoffnungen darin zu fangen: ſo angelt auch mit tauſend hellen Augen die Schoͤnheit alle Herzen zu ſich hin. 9 wohl, wer ſich ihr, wie ich, in Unſchuld ergiebt, und Himmliſches, wo ers findet, verehrt! Bianka voor ſich. Noch immer gehet's mir, wie ſonſt: ich verſteh' ihn nicht. laut. Liebſt du denn auch noch Valerie? Guſtav. Ich huldge ihr, ſo heiß wie immer. Bianka leiſe. Sonderbar! Doch komm' es, wie es will, ſo weiß ich, daß ich nichts dabei verliere. Die Reiſe lag in meinem Plan. Guſtav. Du ſcheinſt mir ſo befangen: hat dich'was beleidigt? Vertraue mir deine Zweifel, ich kann ſie loͤſen. Bianka. Nein! indem wir ſprachen, hab⸗ ich an dem Bilde verdorben, und das verdrießt 99 mich. Jetzt fehlt mir Muth und Neigung fort⸗ zufahren. Bis auf ein andermal. Sie ſteht auf. Ernſt nitt berein. Ernſt. Bin ich hier recht? Bianka. zugleich. Sie ſind— 7 Guſtav. ¹ Darf ichs glauben? Eine Pauſe, wo alle drei ſich verwundert und fragend anſehen. Guſtav raſch und feurig zu ihm eilend. Er iſts! mein lieber Ernſt, mein Jugendfreund! So lange hab' ich dich nicht geſehn, daß deine lie⸗ ben Zuͤge mir faſt fremd geworden! Wie hab' ich mich nach dir geſehnt! Wie bin ich gluͤcklich nun, daß ich dich habe! Ich wußt' es wol, du wuͤrdeſt nicht von mir laſſen! Biſt du noch ſo ſtreng wie ſonſt, und wirſt mich ſchelten? Ja, ſchilt nur, lieber Zorniger, du liebſt mich doch! er fällt ihm mit ungeſtümer Freude um den Hals. Ernſt bewegt, ihn vmarmend. Du haſt recht, ich muß dich immer lieben!. Guſtav. Und meine theure, theure Va⸗ lerie? liebt ſie mich noch? Wie freu ich mich, ſie zu umarmen!— Gewiß haſt du ſchon 100 alles gut gemacht, alles wohl beſtellt; o ja doch! Ich bin nicht klug, doch darin bin ichs, mir kluge Freunde zu erwaͤhlen, und dieſe machen mir das Leben leicht! Ha, leichtes, frohes Leben, helle Sinne, freudig Herz—— Ernſt leiſe. Er iſt ſo unſchuldig in ſeinem Jrrthum, daß ich ihn lieben muß. Und doch muß geſchehen, was ich erſt beſchloſſen. laut. Du biſt alſo bereit mit mir zu reiſen? und bald? Guſtav. Sobald du willſt: den Augen⸗ blick! Ich brenne vor Verlangen nach meiner Heimath— zu Bianka. Doch iſts auch der lie⸗ ben Reiſegefaͤhrtin recht, ſich ſogleich zur Reiſe zu ruͤſten? Bianka etwas gezwungen. Ich werde gern ſobald als moͤglich Ihren Wunſch erfuͤllen. Ernſt ſieht ſie befremdet an, elne Pauſe, während alle drei etwas verlegen ſcheinen. Guſtav. Ihr ſeid euch noch ſo fremd, und doch ſollten Menſchen, wie ihr, im erſten Augenblick ſchon bekannt ſeyn.— O Liebe, ſing' uns doch das alte Lied, das ich ſo gern habe. Vor deinen Toͤnen muß alles Freide ſchnell entweichen. 101 Bianka. Jezt nicht, Guſtav; ich bin zum Singen nicht geſtimmt. Guſtav. O, wenn ich dich ſo herzlich bitte— ¹ Bianka mit Zwang, nimmtt die Guitarre, ſpielt und ſingt: Dich lieb ich mehr als Leben, Du biſt des Lebens Leben; Dich lieb ich mehr als Liebe, Du biſt der Liebe Liebe: Kann ich dich nicht erwerben, So laß mich, laß mich ſterben! Aus Sehnſucht dir zu nahen Bluͤhn Blumen dir auf Wangen, Aus Liebe ſinken Sterne 3 In deine Augen nieder: Kann ich dich nicht erwerben, So laß mich, laß mich ſterben! Weil ich nach Höͤchſtem trachte, Kann Hohes mir nicht gnuͤgen; Wie deine Anmuth einzig, 102 Iſt einzig mein Verlangen: Kann ich dich nicht erwerben, So laß mich, laß mich ſterben! Bianka legt das Inſtrument weg. Guſtav. Hab' Dank fuͤr deine Gefaͤllig⸗ keit; doch war deine Stimme heute weniger mild, als gewoͤhnlich. Bianka. Es thut mir leid, jetzt aber will ich noch einige Anſtalten zur Reiſe machen. Sie geht weg. Ernſt ihr nachſehend. Guſtav! wie kamſt du doch in dieſe Geſellſchaft? war es recht, dieſe zu deiner Reiſegefaͤhrtin zu waͤhlen? Guſtav lacht. Dacht ichs doch! Du kennſt ſie nicht! Sie iſt heute ſo befangen, ſo kalt. O! ſie kann das Herz bezaubern, ſie hat Ta⸗ lente, Freudigkeit des Gemuͤths, Innigkeit— Du weißt, wie mich zuerſt ihre Aehnlichkeit mit Valerie zu ihr hingefuͤhrt hat, wie ich ſie deshalb lieben und haſſen mußte; ſie war es, und war es doch nicht; alles was ſie beſaß, rechnete ihr meine Liebe als unrechtmaͤßiges Gut, alles was ihr fehlte, als Verbrechen 103 an. Jetzt ſah ich ſie wieder. Sie war frei und froͤhlich, ihr ganzes Weſen hatte ſich ver⸗ feinert, ihre Anlagen ſich herrlich ausgebildet, ſie liebt mich. Soll ich nicht wuͤnſchen, alles Schoͤne um mich zu ſammeln? Hab' ich nicht einen Geiſt, der vieles verſteht, ein Herz, das nie ungerecht iſt, ein Gemuͤth, das viele be⸗ friedigen kann? Kannſt du ahnen, ich liebe Valerie weniger? Sie iſt mir das Ideal der Weiblichkeit, ſie iſt mein ſuͤßes, vertrautes Weib: wie ſollt' ich ihr nicht innig huldigen? Ernſt. Ich fuͤrchte, du wirſt manches anders finden, als du glaubſt. Nichts iſt ſchwerer, als eben das, was du dir ſo leicht denkſt. Wer im Leben die Freude zu ſeinem Zwecke macht, findet ſie nicht; das Herz kann nicht ſo vielen gnuͤgen— das iſt ein luͤgenhafter Wahn. Und Recht iſt nicht, was du beginnſt; du ſaͤeſt damit nur Ungluͤck fuͤr die Zukunft. Guſtav. Was in der Zeit uns reift, das iſt nicht des Menſchen Sorge. Ganz anders als er's denkt, faͤllt meiſt die Aerndte ſeines Lebens aus. Vor Unrecht nur ſollen wir uns huͤten. Und thu' ich Unrecht? Betruͤg' ich Andre: Bin 104— ich ungerecht? Ich fuͤhle mich frei und offen, natuͤrlichgut geſinnt, und was ich thue, heiliget innere Wahrheit. Ernſt. Es freut mich, daß ich dich ſo ſprechen hoͤre, denn— wiſſ' es nur— ich habe das alles nur geſagt, dich zu pruͤfen. Wie du denkſt, denk' auch ich; doch war mirs erſt noͤ⸗ thig, dich zu erforſchen. Jetzt kann ich es frei ſagen— ich liebe Valerie! Guſtav ſehr überraſcht. Du liebſt meine Frau?— ſie?:— Liebt ſie dich auch? ſo hat ſie mich vergeſſen?„ Ernſt. Sie liebt mich, ja, und, wie ich hoffe, mehr als dich. Doch iſt ſie auch noch dir erge⸗ ben, und harret ſchmerzlich deiner Ruͤckkehr, damit du alles loͤſen moͤgeſt, was ſie verwirret empfindet. Du ſollſt ihr Aufſchluß geben. Von dir, von dir allein, haͤngt nun mein Gluͤck, mein Leben ab! Guſtav. Du haſt mich ganz verwirrt; es war nicht recht, mich ſo auszuforſchen. Es iſt, als machte dich das mir auf einmal fremd. Es iſt dein Weſen nicht, was aus dir handelt; iſt ein fremder Zug an dir, der dir paßt, wie die —— 105 neuen Glieder den alten Goͤtterbildern, womit die neuen Kuͤnſtler ſie uns verderben. Ich geh', um mich zu ſammeln. Iſts wirklich, wie du ſagſt, iſts wahr, ſo iſts auch gut und recht; doch jetzt weis ich noch nicht, was ſh d davon denken ſoll. Guſtab geht weg. Ernſt alein. Halb Wahrheit, halb Be⸗ trug iſts freilich, ſo wie das meiſte, was die Menſchen thun. Doch iſt mein Zweck ſo rein, ſo uneigennuͤtzig, und ihre treue Liebe, ihre holde Einfalt verdient es wol, daß ich verſuche, die Augen ihm zu oͤffnen, ihn andres Sinnes zu machen.— Da koͤmmt Bianka— gern verſuch' ich auch mein Heil bei dieſer. zu Bianka. Sie ſind bereit zur Reiſe, wie ich ſehe.— Bianka. Mein Zoͤgern, glaub' ich, wuͤrde ſehr unwillkommen ſeyn. Ernſt. Doch wird Sie, gewöhne an bun⸗ tes, frohes Leben, der ſtille Aufenthalt auf Guſtavs Gute nicht betruͤben? Der Ort iſt wirk⸗ lich unbeſchreiblich einſam, und Guſtavs Frau will keinen Umgang, außer den ſeinen. Bianka. Ich komme an Guſtavs Hand, 106 auf ſeine Bitten: er wird wol ſorgen, daß ich froh ſeyn kann. Doch ſagen Sie, iſt ſeine Frau wirklich liebenswuͤrdig?. en. Ernſt. Mehr, als ich ſagen kann. Nie ſah' ich Schoͤnheit, Guͤte, nie Liebe, Geiſt und Anmuth ſo vereinigt. Doch wie ich Ihnen ſage, ihr Sinn neigt ſich ganz zur Einſamkeit hin; nur Guſtav, Guſtav nur und immer Guſtav! Bianka uit einiger Unruhe. Wie man nur eine ſolche Frau nicht lieben kann! Ernſt. Nicht lieben? Ei Guſtav liebte ſie ſtets, und ich bin gewiß, bald wird er mehr als jemals an ihr hangen. Doch laſſen Sie uns lieber von Ihnen ſprechen. Sie ſollten eige Stadt zum Wohnort waͤhlen, zum Beiſpiel Wien. Fuͤr Sie iſts Suͤnde, ſich der Welt zu entziehn, ſich zu begraben in die Einſamkeit des Dorfs. Das heißt zu viel gethan fuͤr einen Mann. Dort wuͤrden Tauſende ſich um Sie draͤngen, Sie wuͤrden ſich vergoͤttert ſehn, einen jeden gluͤcklich ſchon durch Ihre Naͤhe— Nein, nein, geſtehn Sie ſelbſt, Ihr Loos, Ihr Wunſch iſt micht die Einſamkeit! — 107 Bianka. Sie ſprechen ſeltſam! Ich weiß nicht, was ich von Ihnen denken ſoll. Sind Sie in Wien bekannt? Haben Sie Freunde dort? Ernſt. O ſehr genau! Die beſten Haͤuſe kann ich Ihnen oͤffnen. Ich weiß, wie man dort denkt, wie man das Talent verehrt. Moͤchten Sie das Gluͤck mir goͤnnen, Sie ſelbſt und viele andre froh zu machen! Bianka. Ihr Eifer fordert meinen Dank, doch Guſtav nur entſcheidet. Mit ihm, um ſeinetwillen kam ich her, ihm will ich folgen. Ernſt. Laſſen Sie das meine Sorge ſeyn! Ich kann's nicht beſchreiben, wie ſehr mir alles dieß am Herzen liegt. Ich eile nachzu⸗ ſehen, ob alles zu unſrer Reiſe bereit iſt. Ich bitte Sie mir bald zu folgen. Ernſt geht weg⸗ Bianka allein. Ich weiß nicht, wie mir vorhin ſo ſeltſam zu Muthe ſeyn konnte. Ich war ſo verwirrt, ſo aͤngſtlich beinahe, als beſchaͤmte mich etwas. Und doch hab' ich gar keinen Grund dazu. Es war mein Plan eine Reiſe zu thun, um meine Kunſt zu vervoll⸗ 108— kommnen, meine Neugier zu befriedigen, meine Boͤrſe zu bereichern. Ein junger, liebenswuͤrdi⸗ ger Mann will mein Begleiter ſeyn; er liebt mich, ich ihn. Er wuͤnſcht, ich moͤchte auf ſeinem Landgute wohnen, ſeine Tage verſchoͤ⸗ nern, ſeinem Kinde vorſingen, vormalen, Le⸗ ben, Luſt dort verbreiten. Alles ſchoͤn. Ich gebe ſeinen Bitten nach, denn er gefaͤllt mir und ich betrachte mich dort als Gebieterin. Iſt es nun nicht ſo, wie ich es dachte— nun gut, ſo ſetz' ich meine Reiſe weiter fort. So wird mir alles klar; das Schickſal hat mich in nichts betrogen, in nichts uͤberliſtet. Ich fuͤhle mich frei,“ verfolge und erreiche meinen Zweck! 02 Scene im Garten auf Guſtaos Landgut. Ernſt auein. Endlich hat ſie eingewilligt! Was hat es mich aber gekoſtet, ſie dazu zu bewegen! Und warum hab' ich denn ſo eifrig 109 darnach geſtrebt? O Herz, Herz! du pochſt ſo heimlich, ſo ungewohnt mir in der Bruſt! Dich lockt das Reizende der Taͤuſchung. Du liebſt ſie wirklich, und ſelbſt was Guſtav ſagt, behagt dir ſehr. Doch ſollſt du mir nicht verfaͤlſchen, was ich als wahr erkannte. Ich bin nicht unbillig. Er handelt dem gemaͤß, was ihm das Rechte ſcheint: ich thu' es auch. Bald entſcheidet der Ausgang, wer Sieger bleibt. Er ſetzt ſich in eine Laube. Guſtav kommt, ohne ihn zu hemerken. Guſtav. Wie ſo lieb iſt alles, was ich hier ſehe! O die Heimath hat Neize, die ich nicht kannte, nicht ahnete!— Dieſe Laube, die ich pflanzte, wie ſchoͤn gepflegt! wie ge⸗ deihlich! Wahrhaftig, hier ſchon Bluͤthen an dem jungen Kaſtanienbaum.— Liebe Ruhe, ſei mir gegruͤßt! Nie hab ich dich ſo gern geſehen. Zieh ein in mein Herz, und erfuͤlle es ganz. Gleich den Raubvöͤgeln ſteigt die Phantaſie, begierig auffliegend, beuteduͤrſtend, ungewiß ſchwebend, ſchnell herabſchießend, oft getaͤuſcht; ſo geht der Tag hin, aber wenn 110 die Strahlen ſinken, dann fliegt er zuruͤck zu ſeinem einſamen Bergſchloß; hier im Neſt, hoch⸗ ſchwebend zwiſchen Erd' und Himmel, wie iſt ihm dann der Abend ſo golden, ſo kuͤhl und frei!— Wie ich ſo gluͤcklich war in ihrer Umarmung! Wie warm, wie mild ihr Athem mich umfing, ihre Freudenthraͤnen mich erquickten! Sie zuͤrnt mir nicht wegen Bianka: wie koͤnnte ſie zuͤr⸗ nen, ſie, die ganz Liebe iſt!— Aber wenn ſie wirklich einen Andern lieben ſollte! Und hat ſie mir's nicht ſelbſt geſagt, und muß ich ihr Gefuͤhl nicht ehren, zu meiner eigenen Qual? Nein, ich kann es nicht ertragen, nicht mehr allein in ihrer Bruſt zu herrſchen! Das aufzugeben iſt unmoͤglich, iſt Tod, iſt Aufloͤſung. Sei's wie es ſei, der Mann er⸗ traͤgt das nicht!— Einmal geboren, ſchießt unbezwinglich der Argwohn gleich zum Rieſen⸗ ſtamm empor. Wie iſt ihr dieſe Neigung denn gekommen? und wie weit iſt ſie gegan⸗ gen?— Da koͤmmt das alte Fraͤulein, die wird mir manches ſagen koͤnnen. Iſidore kömmt. Iſidore geſchäftig. Nun gottlob, gottlob, 111 lieber Vetter, daß Sie wieder da ſind! Ach, ich habe recht auf Sie geharret! recht mit Aengſten! Mein Gott, Sie hatten mir doch alles uͤbergeben, alles auf die Seele gelegt: nun gings doch nicht immer ſo, wie es gehn ſollte! Nun, Sie ſind wieder hier, und koͤn⸗ nen alles ſelbſt ſehen und in Ordnung bringen! Guſtav. Ich weiß nicht, was Sie meinen, liebe Muhme; ich finde hier alles in ſo guter Ordnung, daß ich nichts zu aͤndern wuͤßte. Erzaͤhlen Sie mir lieber, wie Sie in meiner Abweſenheit Ihre Tage hier zuge⸗ bracht haben. Iſidore. Nun, es freut mich, daß meine Bemuͤhung doch etwas gefruchtet hat. Was mich die meiſte Muͤhe gekoſtet hat, das war— Sehen Sie, lieber Vetter, Ihre Frau iſt gut, recht gut, das muß ich ſagen; aber immer hat ſie geweint, wenn ſie mit ihrem Kinde war, und das wollten Sie doch nicht haben. Aber das half nichts, ich mochte reden, wie ich wollte: nur wenn der Herr Ernſt kam, da ward ſie freundlicher, und da waren ſie immer gern allein beiſammen. Ja 11²— nun freilich— Aber, ſehn Sie, was mich am meiſten verdroſſen hat—— 1 Guſtav vor ſich. Sie waren immer gern allein beiſammen: o ich glaub' es wol! zu If⸗ doren. Aber was thaten ſie denn? Sie laſen wol zuſammen? 8 Iſidore. O nein, ſie ſprachen! Nein, das muß geaͤndert werden! ſagte Herr Ernſt. Guter Mann, Sie nehmen ſo herzlich Theil an mir! ſagte Valerie. Ja, was mich aber am meiſten verdroſſen hat—— Guſtav. Und was ſprachen ſie dann weiter? Warum blieben ſie denn nicht immer bei Ihnen, liebe Muhme? 8 Iſidore. Je, hatt' ich denn nicht meine Geſchaͤfte? und ließen ſie mich nicht allein? Ich mußte mirs gefallen laſſen. Nun, das haͤtte ſeyn moͤgen: doch das Kind— Guſtav. Und war denn Ernſt oft bei Valerie? wann pflegte er zu kommen? wie lang zu bleiben? Iſidore. O er kam zu allen Stunden des Tages! Doch was ging das mich an? Mochten ſie doch zuſammen ſeyn, wie lang ſie 113 wollten! Daß aber Ihr Sohn, eines Grafen Sohn, keine Struͤmpfe tragen, auf keinen Fe⸗ dern ſchlafen durfte: ſehen Sie, das iſt doch zu arg! Das hat mich ja eben am meiſten verdroſſen, und das rathe ich Ihnen ſobald als moͤglich abzuaͤndern! Das wollt' ich Ihnen nur in der Geſchwindigkeit beibringen; jetzt hab' ich aber alle Haͤnde voll zu thun! . Sie geht ab. Guſtav atein. O Alltaͤglichkeit, wie liegſt du ſchwer auf mir! wie zieht es mich hinab, in tauſend aͤngſtliche, kleinliche Sorgen und Leidenſchaften! wie gering bin ich in wenig Augenblicken geworden!— Nachzuforſchen nach Andrer Thun mit heimlicher, aͤngſtlicher Neugier! Anzuhoͤren eine verkehrte Schwaͤtze⸗ rin, voll Vorurtheile, Mißgunſt und Einſei⸗ tigkeit! O Leben, leichtes, helles Leben, wo biſt du geblieben? du, Herzensfreudigkeit, ge⸗ ſunder Muth und friſche Liebe, wo ſeid ihr hin?— Dort koͤmmt Bianka, bei ihr werd' ich Troſt und Aufheiterung finden. 3 Bianka kömmt. Guſtav. Komm, Liebe! wie ſehn' ich 6. f. F. VII. H. 8 114— mich nach dir! Jetzt empfind' ich den Werth deiner Freundſchaft. Du biſt unbefangen, biſt heitern, froͤhlichen Sinns, und liebſt mich: ſage mir erfreuliche Worte, ſchmeichle mir mit ſorglicher Guͤte, laß dein Talent um mich ſchimmern, daß ich mich wieder fuͤhle, wie ſonſt! 1 Bianka. Es freut mich, lieber Guſtav, daß ich dich ſo reden hoͤre. Nicht wahr, es iſt hier nicht zum Aushalten? Schoͤn, daß du ſelbſt es fuͤhlſt! Nicht wahr, wir reiſen wieder? und zwar ſo bald als moͤglich? O wie freut es mich, daß du ſo vernuͤnftig biſt, dieſe Nothwendigkeit von ſelbſt zu fuͤhlen! Guſtav. Nein, Bianka, du irrſt. Nicht reiſen will ich: fern von mir iſt dieſer Ge⸗ danke! Es iſt mir wohl in meiner Heimath, hier will ich bleiben, wirken und leben. Aber froh will ich auch ſeyn, verſtehen und verſtanden werden. Die Farbe meines Gemuͤths ſoll licht ſeyn, gerecht und liebevoll will ich der Natur angehoͤren, nicht der Welt; das dunkle Trei⸗ ben des Herzens, die Banden des Argwohns, des Vorurtheils, der Verſtellung, der Unbillig⸗ 1135 keit ſollen fern von mir ſeyn; das Geſpenſt der Leerheit, des blos irdiſchen Sorgens und Treibens will ich beſchwoͤren, daß es mir nie nahen darf. Und dieſe Freiheit des Gemuͤths begehre ich von dir. Du biſt frei, in keine Verhaͤltniſſe verwickelt; dein Leben iſt ſchoͤn und rein; deine Anſichten muͤſſen wohlthuend und allgemein ſeyn: o erhebe auch mich uͤber die engen Schranken des Nothduͤrftigen, und wenn du, wie du mir oft ſagteſt, mir fuͤr deine innere Bildung zu danken haſt, ſo kannſt du es jetzt vergelten; nie kann ich deſſen be⸗ duͤrftiger ſeyn! Bianka vor ſich. Was fuͤr Reden! Nein! es iſt unmoͤglich, ich kann nicht bleiben! Laut. Wenn ich, wie ich dir gern zugeſtehe, dir Verbindlichkeiten ſchuldig bin, lieber Guſtav, wenn ich dir meine Freundſchaft, meine An⸗ haͤnglichkeit zeigen will, ſo kann ich es nicht beſſer, als wenn ich dich zu bewegen ſuche, ſo geſchwind als moͤglich dieſen Aufenthalt zu fliehen, wo du in kurzer Zeit all deinen Muth, deine gute Laune und Lebensluſt ver⸗ buͤßen und zu Grunde gehen mußt. Wie? 116 hier wollteſt du deine Jugend, deine Liebens⸗ wuͤrdigkeit vergraben, unter den Truͤmmern deiner ehemaͤligen Liebe? mit dem langweili⸗ gen Geſchwaͤtze einer alten, zaͤnkiſchen Ver⸗ wandten und den kaltſinnigen Liebkoſungen dei⸗ ner Frau dich begnuͤgen? Nein, ich wenig⸗ ſtens ſchwoͤre dir— und moͤchte es etwas beitragen, deinen Entſchluß zu beſtimmen— ich bin entſchloſſen ſo bald als moͤglich von hier wegzureiſen. Guſtav. Wie, Bianka? unter jeder Vorausſetzung? auch wenn ich dich nicht be⸗ gleite? auch wenn ich dich bitte, herzlich bitte, hier zu bleiben? Bianka. Unter jeder Vorausſetzung! Nichts kann mich bewegen: es iſt unmoͤglich. Darum waͤhle du das Beſte und folge mir! Guſtav. Undankbare! iſt das die Liebe, die du mir ſo oft verſicherteſt? haͤltſt du ſo dein Wort, fuͤr mich zu leben? vergißt du—— Bianka. Guſtav, ich gehe, um deiner Vorwuͤrfe entuͤbrigt zu ſeyn. Du biſt unge⸗ recht, und beſchleunigſt ſelbſt meine Abreiſe. Sie geht weg. 117 Guſtav allin. Steht es ſo mit uns? Ich verſtehe! Es war ein Irrthum meiner Phantaſie, und dieſe Wunde geht nicht tief. Waͤre nur Valerie noch mein! Das allein macht mich ungluͤcklich! Dort ſeh' ich ſie kommen. Wie pocht mein Herz! Ich bin ſo bewegt, daß es mir unmoͤglich iſt, ihr entgegen zu gehen. Ernſt unbemerkt vor ſch. Sie koͤmmt! Ru⸗ hig, mein Herz! vergiß dich ganz, wenn du ſie gluͤcklich ſieheſt! Guſtav zu Valerie, die in einiger Entfernung unſchlüſſig ſtehen bleibt. Du bleibſt ſo fern: ſcheueſt du dich, mir zu nahen? Warum das oͤde Schweigen? Bin ich dir nicht mehr nah, nicht mehr vertraut? Valerie, laß nichts Feindſeliges zwiſchen uns treten, und wenn du mich nicht mehr liebſt, ſo vertraue mir wenigſtens! Doch nein, es iſt nicht moͤg⸗ lich; ſieh', ich geſteh' es dir, der Gedanke ſchon macht mir unendliche Pein!— Ach! ich baute ſo feſt auf deine Beſtaͤndigkeit, dei⸗ ne Treue! Ein Gemuͤth wie deines, dachte ich, kann nur einmal lieben, und mir ward 113 dies Kleinod vom Himmel vergoͤnnt! Unver⸗ dient empfing ich es, doch, hoffte ich, nicht unwuͤrdig. Das Bewußtſeyn ſeines Beſitzes gab mir Muth zu leben, regte alle Kraͤfte meiner Seele auf, gab mir Fluͤgel, nach allem zu ſtreben, was ſchoͤn, herrlich und be⸗ gehrungswerth waͤre. Auch in der Entfer⸗ nung war dieſer Gedanke das Oel, welches die heilige Flamme meines innern Lebens allein ernaͤhrte; er allein gab mir Muth und Faͤ⸗ higkeit, die Welt zu empfinden; dich allein genoß, liebte ich in allem. Das iſt nun vorbei. Der Grund meines Lebens iſt ge⸗ wichen: ich fuͤhle mich ſo auf einmal verdor⸗ ret, daß ich kaum noch zur Traurigkeit Kraft habe! Ach, Valerie, ich kann es dir nicht verheelen, daß ich ſehr ungluͤcklich bin! Valerie. Genug, Guſtav, und eigent⸗ lich ſchon laͤngſt zu viel! Wie koͤnnt' ich dich nur einen Augenhlick traurig ſehen, ohne dar⸗ uͤber alles andre zu vergeſſen? Wiſſe, alles war erſonnen. Um dich deinen vermeinten Irrthum fuͤhlen zu laſſen, um dich und mich gluͤcklicher zu machen, legte mir dein Freund 119 dieſe Verſtellung auf. Aber mein Herz iſt nicht fuͤr Kunſt gemacht; es meint es ſo treu, als das Herz deines Freundes rein und wuͤr⸗ dig iſt. Fuͤr mich giebt es nur Eine Ausſicht auf Erden, nur Eine Linie, auf der ich wandle: es iſt die Liebe; du haſt ſie mir gezeichnet, ich bin ihr immer gefolgt, und folge ihr. Ich kann keine Unterſcheidungen machen 4 keine Klauſel feſtſetzen, ich weiß nicht ob du Recht oder Unrecht haſt: ich liebe dich, und das Dunkel der Liebe entzuͤndet in der Seele den ſeligſten Tag. Guſtaxv ſie umarmend. O Liebſte, ſo kannt' ich dich immer! Wie erquickſt du meine Seele! mit was fuͤr neuen Gaben beſchenkſt du mich! O heilige Treue, reine Goͤttin, wie gluͤcklich bin ich, dich in der ſchoͤnen Bruſt meiner Geliebten zu finden! Bianka kömmt in Reiſekleidern. Bianka. Ich komme, Guſtav, Sie nochmals— Sie erblickt Valerie, die er umſchlungen hält. So? Das iſt etwas anders! Ich ſehe nun wol, daß Sie bleiben werden. O! verweilen Sie noch einige Augenblicke in dieſer 120 Stellung! Dieſe Scene will ich durch meine Kunſt unſterblich machen! Komiſch in der That! Guſtav, lebe wohl! Guſtav. Ich bin ſo gluͤcklich, daß ich dir nicht einmal zuͤrnen kann fuͤr deinen kalten Leich ſinn. Lebe wohl, Bianka! Sie geht nach der einen, Guſtav und Valerie nach der andern Seite ab. — Ernſt alein. Es iſt mir gelungen!— Herz, gieb dich zufrieden! Der Ausgang hat meine Meinung gerechtfertiget: das ſei mir genug! Doch hier iſt nun meines Bleibens nicht laͤnger!—— 3 — 121 Baldunin. Romanze. „Ach Balduin, mein Liebſter, ach Balduin, du Treuer, Wann kehrſt du mir wieder vom ſyriſchen Strand?⸗ Auf Klippen erloſchen die leuchtenden Feuer, Und Balduin kam nimmer ins heimiſche Land.— Wol hatt' er, bevor er von dannen gezogen, Ein Bluͤmlein gegeben der Liebſten zum Pfand, Er hatte ſich ſelber das Bluͤmlein erzogen, Es ſelber gewartet mit liebender Hand. Sie pflegt' es nun treulich aus zaͤrtlichem Herzen, Und waͤhnte den fernen Geliebten ſich nah, Als einſt ſie am Stengel mit ahnenden Schmerzen Es bleich und erſtorben, das liebliche, ſah. Da bluteten ſtaͤrker die heimlichen Wunden, Da irrte ſie jammernd zum Ufer hinab— Die Sonne war lange vom Himmel entſchwunden, Schon blickten die Sterne durch Wolken herab. 12²..— Still war es, nur gaben die felſigen Waͤnde Das leiſe Gemurmel der Wellen zurück, Da rang ſie die weichen, die zaͤrtlichen Haͤnde, Und wandte gen Himmel den weinenden Blick. „O Balduin, o Liebſter! ſo biſt du auf immer, Du Treuer, du Schöner, auf ewig dahin? Ach weh mir! ach ließ ich Bethoͤrte doch nimmer Zu jenem verderblichen Kriege dich ziehn! Zum Streite fuͤr Zions geheiligte Rechte, Zum blutigen Streite verſucht' ihn der Muth; Ach koͤnnt ihr nun troͤſten, ihr himmliſchen Maͤchte? Und wieder mir geben mein einziges Gut?⸗⸗ So klagte ſie lange; die traurenden Sterne Verbargen in Wolken ihr truͤbes Geſicht, Da plötzlich ergoß ſich aus daͤmmernder Ferne Die Fluthen heruͤber ein ſchmelzendes Licht. Die Wogen begannen ſich zitternd zu hellen; Es wandelt' ein glaͤnzender Juͤngling heran! Mit luftigen Ferſen beruͤhrt er die Wellen, Und wandelte ruhig auf ſchwindender Bahn. 123 Es wallten die Locken im ſchimmernden Kranze, Die Waffen erglaͤnzten vom himmliſchen Licht;— Und naͤher nun trat er im leuchtenden Glanze— Sie kannt' es, das bleiche, das holde Geſicht. „Mein Balduin! mein Liebſter! ſo ſeh' dich wieder? So kehrſt du als Sieger vom heiligen Grab? Doch wie ſo erblaſſet? es rinnt dir die Glieder Ein purpurnes Baͤchlein von Buſen herab! Wie kehrſt du ſo blaß mir, ſo blutig zuruͤcke 2“— Da floß ihm ein Laͤcheln ins bleiche Geſicht; Er zeigt ihr die Wunde mit freundlichem Blicke, Die Strahlen entſandte von himmliſchem Licht. „Du trauerſt, Geliebte?“ ſo toͤnt' ihm vom Munde Die Rede, wie Liſpel der Harfe ſo ſuͤß; „Du klagſt, daß dein Krieger zu ſeliger Stunde Die Schatten der traurigen Erde verließ? Von wannen die Strahlen, die hell mich umgeben? Von wannen dieß heilig verklaͤrende Licht? Entſtromet der Wunde des Todes das Leben, Entſtroͤmt ihr die ſelige Herrlichkeit nicht? 124 Der liebend fuͤr uns ſich dem Tode geweihet, Ihm hab' ich bezahlet die blutige Schuld; Er iſts, der den ſiegenden Glanz mir verleihet, Der ewig mir lohnet mit himmliſcher Huld. Ja wiſſe, Geliebte, vom Sitze der Wonne, Vom Lande der Seligen kehr' ich zurüuck, Wo Chriſtus uns laͤchelt, die liebende Sonne,⸗ Dort wohnet die Liebe, dort wohnet das Glüͤck. Was zagſt du im eitel verlangenden Herzen, Und waͤhnſt es um Lieb' und Entzuͤcken geſchehn? Beſiege, Geliebte, die irdiſchen Schmerzen, So wirſt du die Liebe, die ewige, ſehn!⸗ Louiſe Brachmann. 1 Briefe uͤber weibliche Erziehung. Fortſetzung. Zwoͤlfter Briek. Bei allen, auch den gewaͤhlteſten Huͤlfsmitteln, Deines Kindes Verſtandeskraͤfte zu üben und in Thaͤtigkeit zu erhalten; bei aller Abwechſe⸗ lung, wodurch Du Ida's Aufmerkſamkeit wach und rege erhalten kannſt, wird es Dir doch bis⸗ weilen an Unterhaltung fuͤr ſie fehlen. Es muͤſ⸗ ſen Stunden kommen, wo Du zu den gewohnten Verſtandesuͤbungen nicht aufgelegt biſt, oder auch, wo ſie es nicht iſt. Thue Dir ſelbſt ja in ſolchen Stunden keinen Zwang an; es geraͤth dann nicht. Suche auch das Kind nicht durch anſcheinendes Spiel zu 9. f. F. VIII. H 4 1 2— neuer Anſtrengung zu uͤberliſten. Auf mein Wort: laß Dich ſelbſt und die Kleine gehen! Aber damit ſie aus Langweile nicht in Mißmuth, aus Mißmuth nicht in Unarten verfalle, die Du ſtrafen mußt: ſo verſchaffe ihr fruͤh ein Ge⸗ genmittel in der weiblichen Arbeit. Lehre ſie jetzt ſchon ſtricken und naͤhen. Laß ſie erſt Strumpfbaͤnder, dann Struͤmpfe fuͤr ſich und den kleinen Woldemar ſtricken; laß ſie fuͤr ſich und ihn Tuͤcher naͤhen. Ich weiß, daß man es mit fuͤnf Jahren kann, und erinnere mich aus meiner eigenen Kindheit, wie gluͤcklich ich war, wenn ich ein Struͤmpfchen vollendet, oder ein Tuch gefaͤumt hatte, wovon ich ruͤhmen durfte, die Mutter habe nicht dabei geholfen. Beiher magſt Du auch darauf achten, ob ſie lieber fuͤr ſich ſelbſt oder fuͤr den Bruder arbeitet. Es iſt dieß nicht ganz gleichguͤltig. Nur muß man ſie fuͤr's erſte das thun laſſen, was ſie am liebſten thut, und ihr ja nicht zu fruͤhe die Lehre einpraͤgen wollen, es ſei ſchoͤner fuͤr Andere ar⸗ beiten, als fuͤr ſich ſelbſt. Alles hat ſeine Zeit: auch das erſte Wort uͤber Großmuth und Ver⸗ geſſen ſeiner ſelbſt. Es iſt ein großes Wort —— 6. und darf nicht zu fruͤhe verlanten, wenn es nicht als ein leerer Schall am Ohre voruͤberſtrö⸗ men, oder die Kleinen zu redſeligen Moralſpre⸗ chern verbilden ſoll.— Laß Ida alſo ungehindert zuerſt alles fuͤr ſich thun, wenn das ihre kindliche Thäͤtigkeit ſtaͤrker anſeuert. Zeigt ſie mehr Trieb fuͤr den Bruder zu arbeiten: bezeuge freundliches Wohl⸗ gefallen daruͤber, doch ohne ſie zu loben. Hat ſie das einfache Stricken und Naͤhen hinlaͤnglich begriffen und recht geuͤbt, dann gehe zu den kuͤnſtlichern weiblichen Arbeiten uͤber; und ſo, daß die Erlernung von etwas neuem immer die Belohnung ihres anhaltenden Fleißes in dem ſchon Erlernten werde. Doch laß ſie dieſe Belohnung nicht ſo lange erwarten, bis ſie der erſten Beſchaͤftigungen voͤllig uͤberdruͤßig geworden. Verſchaffe ihr Ab⸗ wechſelung, aber nicht ſo ſchnelle, daß ſie ſich gewoͤhnte, fluͤchtig von einem Geſchaͤft zum an⸗ dern zu gaukeln, ohne eins lieb zu gewinnen. Sollteſt Du das an Ida bemerken, und ſollteſt es ſo oft bemerken, daß zu beſorgen ſtaͤnde, es koͤnne Charakterzug bei ihr werden: dann halte 4 ſie ernſthafter zur Stetigkeit an, und verdam⸗ me ſie, wenn's Noth thut, auf ein Paar Tage zum Nichtsthun. Fuͤr ihre Lebhaftigkeit kann es keine empfindlichere Strafe geben: ich ſtehe Dir fuͤr den Erfolg.— Bei einem traͤgen Kinde waͤre das freilich die Strafe der Schildbuͤrger, die den Krebs aus Rache ins Waſſer warfen. Fuͤr indolente Naturen weiß ich uͤberhaupt wenig Rath. Wo man die nicht bei ihren Beduͤrfniſſen faſſen kann, da iſt we⸗ nig oder nichts auszurichten. Ihnen dieſe fuͤr einige Zeit verſagen, oder ſie ihnen in reichem Maße gewaͤhren, ſind freilich Mittel, ſie zu Fleiß und Ordnung aezumn aber auch ihr Weſen zu veredeln?— Doch in dieſem Fall biſt Du, gluͤckliche Mutter, nicht. Deine beiden Kinder ſind zwar ſehr verſchieden geartet, aber beide mit den ſchoͤnſten Anlagen von der Natur ausge⸗ ſteuert— der heftige Woldemar, wie die faſt allzu zarte Ida. Aber beide Kinder mußt Du ernſthaft zur regelmaͤßigen Thaͤtigkeit an⸗ halten, und ſie dazu eingewoͤhnen. Der Feuer⸗ kopf vom Knaben wuͤrde außerdem ein ſchlim⸗ 3 mer Buͤrger werden. Auch der Edelmann und der Edle ſoll ein guter Buͤrger ſeyn, und der Welt ſein Contingent ernſtlich zahlen. Und damit er könne, was er ſoll, muß er fruͤhe dazu vorbereitet werden. Auch wenn in ihm der Welt ein bedeutender Dichter geboren waͤ⸗ re, ſoll er kuͤnftig nicht ganz amtlos umher⸗ ſchweifen; denn der Menſch kann nicht in jeder Periode ſeines Lebens, und in der eigentlichen Dichterperiode nicht alle Tage Dichter ſeyn. Fuͤr dieſe proſaiſche Zwiſchenzeit muß er einen Beruf haben. Auch ſoll der rechte Virtuos in jeder Kunſt einen Schatz von Kenntniſſen in ſich tragen, die der begeiſterten Phantaſie den Stoff darreichen.— Was alſo auch aus Deinem genialiſchen Woldemar werden, welche Muſe ſich ihn zum Schuͤtzling waͤhlen moͤge; er muß ſeine Gei⸗ ſteskraͤfte fruͤhe mit Anſtrengung gebrauchen lernen. So viel zur Beantwortung Deiner Frage uͤber Woldemar. Tiefer mußt Du mich aber in ſeine Erziehung nicht hineinverflechten wollen. Dieß Gebiet iſt der weiblichen Feder 6 verboten— und mit Recht. Zwar ſchreiben und lehren die Maͤnner viel uͤber weibliche Erziehung: aber das berechtigt uns nicht uͤber die Grenze zu gehen! Ihr Gebiet iſt groͤßer, iſt nicht ſo eng abgeſteckt, als das unſrige. Ich kehre wieder zuruͤck zu meinem Lieb⸗ ling, Ida. Fuͤr die habe ich noch vieles auf dem Herzen. Und ſollteſt Du auch uͤber meine Unerſchoͤpflichkeit laͤcheln: es muß alles her⸗ auls.— Ida ſtrickt alſo Struͤmpfchen und ſaͤumt Tuͤcher. Kann ſie das, dann naͤhet ſie ein Roͤckchen, dann arbeitet ſie an einem Kleide, dann naͤhet ſie kleine Blumen aus, die ſie ſelbſt gezeichnet hat. Ihr fruͤhes Buchſtabenſchrei⸗ ben hat ſie, wie ich es voraus ſahe, zum fruͤ⸗ hen Zeichnen vorbereitet. Gewiß hat hierzu auch der Anblick ſchöner Naturgegenſtaͤnde und ihrer Abbildung, und die Vergleichung zwi⸗ ſchen Bild und Sache, die ſie fruͤhe anſtel⸗ len mußte, kraͤftig mitgewirkt. Mich wun⸗ dert es nicht, daß ſie verſchiedene Blumen ſchon ſehr getreu zeichnet. Laß ſie ſich zu 5 allem, was ſie kuͤnftig huͤbſches arbeiten will, die Zeichnung ſelbſt verfertigen. Aufs hoͤchſte magſt Du ſie erſt corrigiren, ehe Du ſie ſie bei ihren Arbeiten brauchen laͤſſeſt, damit ihre Arbeiten ſo wenig wie moͤglich mißrathen, und ſie den Muth, etwas zu unternehmen, nicht verliere, oder ſich uͤber das Schlechte zu leicht tröͤſte. Laß ſie ſo von Stufe zu Stufe weiter gehen. Will ihre Lebhaftigkeit einmal die Stufe uͤberſpringen: laß ſie es, nur heiße das Mißlungne nicht gut, und wenn es auch fuͤr ein anderes Kind von ſechs bis ſieben Jahren gut waͤre. Weißt Du, daß ſie es haͤtte beſ⸗ ſer machen koͤnnen, ſo ſag' ihr, daß es nicht gerathen ſei, und ſag' ihr, oder laß ſie lieber ſelbſt finden, woran es liege.— Noch einen Rath: laß ſie nie zu lange an Einer Arbeit haften, auch wenn ſie es wuͤnſchte, und nie ihre Luſt und Freude an einer Beſchaͤftigung voͤllig erſchoͤpfen. Ob Du ſie wegen des Gelungenen loben ſolleſt?— Wenn es einige Anſtrengung geko⸗ ſtet hat; ja!— Schwache Kraͤfte beduͤrfen 8—— der Aufhuͤlfe. Aber lobe ja ſelten und maͤßig, damit Dein Lob ihr neu und anziehend bleibe, und ſiehe zu, daß das Lob ihr nicht Beduͤrf⸗ niß werde, ohne welches ſie nichts rechtes zu thun faͤhig waͤre. Auch das verhuͤte, daß ſie ſich nicht um ſeinetwillen allein anſtrenge.— Selbſt kleine Praͤmien fuͤr Arbeiten, welche Muͤhe gekoſtet haben, ſind nicht nachtheilig. Auch hieruͤber kuͤnftig einmal mehr. Fuͤr heute ſey es genug. Dreizehnter Brief. Wie lange mußt' ich mir dießmal die Freude verſagen, Dir, geliebte Emma, zu ſchreiben! Wie oft hat mich ſeitdem nach dem Schreib⸗ tiſche verlangt! Endlich kann ich meinem Ver⸗ langen— und ich weiß, auch dem Deinen, ge⸗ nug thun, einmal wieder recht aus voller Seele mit Dir zu plaudern. Sechs Deiner inhaltreichen Briefe liegen vor mir. Vergebens entſchuldigſt Du Dich, daß der Inhalt von allen Deinen Briefen Ida 9 iſt. Wer kann ſo etwas entſchuldigen?— Ich, die ich nichts auf der Welt mit der Innigkeit liebe, als Kinder— naͤmlich kindliche Kinder; und die ich von allen Kindern, meine eignen kaum ausgenommen, keines heißer liebe, als Deine Ida—: ich muß, faſt unwillkkuͤhrlich, mit meinem Geiſte dieſem Kinde durch alle Stu⸗ fen ſeiner Entwickelung folgen. Zu ihrem morgenden Geburtstag erhaͤlt Ida von der Tante Selma nichts weiter, als einen Roſenkranz,(die Roſen ſind ſehr natuͤr⸗ lich und werden ſie freuen,) ein Koͤrbchen mit Aepfeln, und einen zahmen Haͤnfling, der ſein Futter heraufziehen kann, aber auch aus der Hand frißt.— Du ſagſt mir, daß ſie ſo gern etwas verſchenken mag, und faſt bis zur Leiden⸗ ſchaft freigebig iſt. Laß mich bei Gelegenheit wiſſen, was ſie mit dieſen kleinen Geſchenken thut? und ob ſie ihr Freude machen? Jetzt zur Beantwortung Deiner Briefe.— Laß mich bei dem erſten anfangen. Ob dieſe fruͤhe Liberalitaͤt in einem Kinde auch wol uͤberbildet werden und zu einem Feh⸗ ler ausarten koͤnne?— Ida iſt morgen erſt 10 fuͤnf Jahre alt, und will ſchon taͤglich geben, und alles, was ihr gegeben wird, wieder ver⸗ theilen? Das iſt fruͤhe, und nicht das gewoͤhn⸗ liche Alter, in welchem ſich die Freygebigkeit in Kindern zu zeigen pflegt. Dennoch fuͤrchte ich bei der richtigen Leitung dieſes ſchoͤnen Trie⸗ bes gar nichts. Weiſe Sparſamkeit, verſtaͤn⸗ diges Zurathhalten ſind freilich Eigenſchaften, die in dem Kranz weiblicher Tugenden nicht fehlen duͤrfen. Sie muͤſſen aber ſpaͤt erſt her⸗ vorkeimen, und noch ſpaͤter ſich entfalten. In des Kindes Seele ſind ſie ſchreckliche Unnatur. — Auch giebt es ſchwerlich einen gehaͤſſigern Anblick, als ein Kind, dem der Eigennutz, die Habſucht, und der Geiz angebildet worden. Und das Werk der Erziehung ſind ſie allemal, wenn ſie ſich in einem jungen Kinde finden. Ein fuͤnf⸗, ſechsjaͤhriges Kind hat keinen hellen Begriff vom Eigenthum; ihm iſt die Sorge fuͤr das Beduͤrfniß des andern Morgens voͤllig ſo fremd, wie die, fuͤr das Heil der kommen⸗ den Generation. Man kann ihm aber einen Begriff vom Mein und Dein beibringen; man kann es auch lehren, ſich an einer Sparbuͤchſe — — 11 zu freuen, in welche Tanten, Onkel und Baſen zu Neujahr und am Geburtstag ein Stuͤck Geld hineinwerfen, wodurch ſie ihm einen Schatz machen, den es in ſeinem zwanzigſten oder fuͤnf und zwanzigſten Jahre etwa gebrauchen darf. Wer ſeinen Kindern den Geiz, wenig⸗ ſtens die Geldliebe, einimpfen will, wie die Blattern, dem wuͤßt' ich keine beſſere Materie dazu zu empfehlen, als ſo eine Sparbuͤchſe voll Dukaten u. dergl., die man ihm von ſeinem fuͤnften, ſechſten Jahre an bis ins funfzehnte bisweilen vorzeigt. Die Methode iſt folgende: Man oͤffnet den Schatz, legt alsdann die gol⸗ denen Muͤnzen vor ihm hin, macht das Kind aufmerkſam, wie viel ſchoͤne Kleider, wie viel leckere Schuͤſſeln, wie viel Tanzpartieen, Luſt⸗ fahrten, u. ſ. w. man dafuͤr haben koͤnne; dann ſagt man ihm: All' dieß Geld iſt dein! wenn du groß biſt, ſo bekommſt du das alles zu deinem Gebrauch! Man laͤßt das Kind jedes⸗ mal vergeblich um einen Dukaten aus dieſem Schatz bitten, wenn es etwa einmal eine An⸗ wandlung zu einem ſchoͤnen Gebrauch in ſich verſpuͤren ſollte—— Es muͤßte eine vorzuͤg⸗ 12 lich ſtark ausgepraͤgte Seele ſeyn, wenn auf dieſem Wege bei ihr der gehoffte Reſpekt vor dem Gelde nicht endlich eintreten ſollte!— Wie die Lehre vom Eigenthumsrecht auch kleinen Kindern beizubringen ſei, und was ſie da wirke, wo ſie den Zunder im Kinde findet, davon ſahe ich manches Beyſpiel. Hoͤre, wie eine Mutter mit ihrem einzigen Kinde dabei zu Werke ging, und wie es ihr gelang. Vor etwa fuͤnf Jahren beſuchte ſie meine Schweſter mit ihrem damals vier Jahre alten Knaben. Es war eins der unbaͤndigſten Kin⸗ der, und zeigte viel Charakter, wie man das nennt. Meine Schweſter, welche Kinder eben ſo leidenſchaftlich liebt, wie ich, und ungluͤckli⸗ cher Weiſe keins hat, hatte ſich auf den Be⸗ ſuch ihres kleinen Pathchens gewaltig gefreuet. Kaum war der Knabe aber da, ſo war fuͤr eine Zeitlang der heitere, frohe Lebensgenuß ihres Hauſes unterbrochen. Keine Mahtzeit, kein Spaziergang, keine Ausfahrt blieb jetzt ungeſtoͤrt. Der kleine Bube, der gewohnt war, ſeine Mutter zu beherrſchen, wollte ſeine Herrſchaft auch uͤber meine Schweſter und ihre 4 —. 13 ganze Lebensweiſe ausuͤben, und da das nicht geduldet werden konnte, ſo gab es oft Wort⸗ wechſel unter den beiden Freundinnen. Deſto beſſer gelang es aber dem Kleinen bei ſeiner Mutter. Was Adolf nicht wollte, daß ſeine Mutter genießen ſollte, das genoß ſie nicht. Sah' er, daß die Mutter ein Glas Wein oder eine Taſſe Kaffee vor ſich hatte, ſo durft' er nur ſagen: Nein, Mutter, das will ich trinken— ſo reichte die ſchwache Mutter es ihm hin, und ſagte: Da Adoͤlſchen, nimm es nur hin! Du goͤnnſt mir aber auch faſt gar nichts! — Adoͤlfchen nahm den Wein, trank oder verſchuͤttete ihn, und die Mutter machte ihm dann hinterdrein die Bedingung: Du haſt dei⸗ nen Willen gehabt, aber nun mußt du auch artig ſeyn. Wer aber taͤglich ungezogener ward, war Adolf.— Eines Abends machte ich mit meiner Schweſter und dieſer Mutter und ih⸗ rem Knaben einen weiten Spaziergang uͤber Feld. Es war einer von den herrlichen Ju⸗ niusabenden, die uns wie in eine andere Welt verſetzen. Wir waren ſehr froh; aber wir waren noch weit vom Hauſe. Der Kleine 14 hielt uns auf: er hatte das Mitgehen ertrotzt. Nun wurd' es ſehr kuͤhl. Die Mutter trug auf dem einen Arm einen Ueberrock fuͤr den Kleinen, auf den Fall daß es kuͤhl werden ſollte. Auf dem andern Arm hatte ſie ein großes Shawl haͤngen, welches ſie fuͤr ſich mitgenommen. Nun fragte ſie den Kleinen: Adolfchen, willſt du den Ueberrock anziehen? Nein Mutter, ich will den Ueberrock nicht anziehen. Ich redete ihr zu, dem Kleinen den Ueberrock umzugeben, weil er ſich ſonſt erkaͤlten muͤſſe. Aber ſie ſagte: er will es ja nicht, und ſo zog er ihn nicht an.— Nun wollte die Mutter ſich ſelbſt den Shawl umthun; der Bube ſchrie, und riß ihn ihr vom Halſe. Dieß empoͤrte ſelbſt meine ſanfte Schweſter ſo, daß ſie das Adoͤlfchen beim Arme faßte, und es derb durchklopfte. Jetzt fing die ſchwache Mutter an zu lamentieren, daß dem Kleinen Unrecht geſchehe, da das Shawl ihm gehoͤre, und er nur ſein Eigen⸗ thumsrecht geltend mache. Ich uͤberließ meiner Schweſter die fernere Gerechtigkeitspflege an dem Kleinen, nahm die Mutter am Arm, 15 ging mit ihr voraus und fragte ſie, wie das mit dem Eigenthum des Kleinen gemeint ſei? Sie antwortete, daß ſie ihm das Shawl eines Tages, da er ſehr darauf beſtanden, es zu haben, wirklich geſchenkt, und in ſeine Klei⸗ derkommode gethan, wo ſie alle ſeine Sachen, und alles was er geſchenkt bekomme, beiſam⸗ men verwahrt, und ihm oft mit dem Bedeu⸗ ten gezeigt habe, daß dieß alles ſein Eigen⸗ thum ſei, welches ohne ſeinen Willen niemand anruͤhren duͤrfe. Sie glaube, daß es zum Werthhalten und Inachtnehmen der Sachen viel beitrage, wenn ein Kind fruͤh wiſſe, was ſein ſei.— Ich machte einige Ver⸗ ſuche, ihr uͤber dieſen Punkt zu andern Ideen zu verhelfen; aber ich merkte bald, daß das verlorne Muͤhe ſei, und ließ ab von ihr.— Was meinſt Du zu der ſaubern Hiſtorie? Sie⸗ heſt Du nicht in dem lieben Adoͤlfchen ſchon den kuͤnftigen hartherzigen, eigenwilligen, druͤk⸗ kenden, geizigen Haustyrannen?—— Nein, beſte Emma, beſorge Du nicht, daß der ſchoͤne Hang zur Freigebigkeit bei der klei⸗ nen Ida zum Fehler ausſchlagen werde. Laß 16 ſie getroſt jetzt noch alles wegſchenken. Die Liberalitaͤt der Kinder iſt ohnehin noch nichts weiter, als eine ſchoͤne Aufwallung; aber eben weil es eine ſchoͤne iſt, und zum herrlichen Stral in der Krone des weiblichen Gemuͤths werden kann— eben darum ſoll ſie nicht ge⸗ ſtoͤrt werden. Was eigentlich Geben heiße, das wiſſen dieſe Kleinen freilich nicht. Die Wohlthaͤtigkeit koͤnnen ſie noch weniger kennen. Den Dingen legen ſie keinen andern Werth bei, als den des Augenblicks, wo ſie ihnen Freude machen. Vom andern Tage, und was ihnen da Freude geben kann, wiſſen ſie gerade ſo viel, wie die Vögel unter dem Himmel, die nicht in die Scheunen ſammeln. Es kann alſo bei ihrem Geben durchaus keine Reflexion ſtatt finden, und man muß ſie ja nicht dafuͤr loben. Aber wenn Ida von dem Apfel oder der Birne, die ihr ſehr gut ſchmeckt, jedem, den ſie lieb hat, ein Stuͤckchen reicht; oder wenn ſie von zwei ſchoͤnen Blumen gleich eine abgeben muß: wer ſollte nicht, von dem An⸗ blick ergriffen, das Kind liebend anlaͤcheln? wer kann ſich enthalten, es ans Herz zu druͤcken? 15 Giebt es denn etwas holdſeligers, als dieſe milde Natur? Tugend ſind ſolche Regungen im Kinde nicht; aber es ſind Paradieſesblu⸗ men, die auch den trauernden Menſchen, der den Glauben und die Liebe verloren, himm⸗ liſch erquicken.— Als unſer Herr auf Erden wandelte und der verſchmitzten Bosheit mit goͤttlichem Zorne zuͤrnte: da erquickte auch ihn der Anblick der Unſchuld, und er mußte ſie an ſich ziehen, mußte ſie herzen, und der verhaͤrte⸗ ten Art umher zum Beiſpiel aufſtellen. Wetten wollt' ich wol, daß Ida den Ro⸗ ſenkranz nicht ſich, ſondern Dir aufſetzt, und ſich jubelnd im Kreiſe herumdreht, wenn ſie ihr Muͤtterchen damit geſchmuͤckt hat. Laß es geſchehen, ich bitte Dich. Gieb mir auch Nachricht, was ſie mit den Aepfeln thut, und ob ihr der Vogel auch große Freude gemacht hat.— Laß ſie ihm doch ja alle Morgen ſelbſt ſein Futter einſchuͤtten und friſches Waſ⸗ ſer ins Glas gießen. Dieß iſt ein freundli⸗ ches Mittel, ſie zur Ordnung in kleinen Ge⸗ ſchaͤften einzugewoͤhnen. Laß ſie es jeden Mor⸗ gen thun, ſobald ſie ſelbſt gefruͤhſtuͤckt hat. J. f. F. VIII. H. 2 18— Er wird ſie bald kennen lernen, und ihr tau⸗ ſend Spaß machen. Gieb Acht, Liebe, daß niemand ihr dieß Geſchaͤft abnehme. Es kann Dir zugleich zum Merkmal ihrer Stetigkeit dienen. Im Anfange, ſo lange ihr der kleine Gaſt noch neu iſt, wird ſie ihn freilich weder vergeſſen, noch verſaͤumen. Aber ob ſie ihn noch eben ſo treu beſorgt, wenm er erſt bei ihr einheimiſch geworden; das iſt bemerkenswerth.— Lachen muß ich noch oft, wenn ich daran denke, wie treu ſie jeden Abend ihre ſchoͤne Puppe einwiegte, und einſang, ſo lange ich bei Dir war, und wie ſie die geputzte ſo vor⸗ nehm auf den Lehnſtuhl ſetzte, und ſie die fremde Dame hieß, und Dich endlich bat, die fremde Dame oben auf die Kleiderkammer zu tragen, weil ſie ſich an ihrem Putz ſo muͤde geſehen hatte!— Spielt ſie noch gern mit ihrer Lilli? O, muntere ſie ja in dieſen truͤben Wintertagen viel auf, ihre Lilli im Zimmer herum zu fah⸗ ren, damit ſie nicht zu viel ſitze!— Jetzt waͤr' es auch wol gut, wenn Du ſie ein wenig tanzen lehrteſt. Laß dazu die kleine Nach⸗ —— 19— barin kommen; dieß geht um deſto ſicherer, da Du ſelbſt Tanzmeiſter biſt. Kannſt Du es doch bald genug gewahr werden, wenn dieſe Geſellſchaft Deiner Ida nicht gedeihlich ſeyn ſollte, und die Sache ſogleich wieder einſtellen. Zum Tanzen gehoͤrt Geſellſchaft: dieß muß ſie nicht allein lernen. Ueberhaupt wird es nach einiger Zeit ſehr gut ſeyn, wenn Du ihr eine beſtaͤndige Geſpielin geben kannſt, die nicht viel aͤlter und nicht viel juͤnger iſt, als ſie. Je mehr ſie ſich entfaltet, je noͤthiger wird es, daß ſie ein Weſen ihres Alters um ſich habe, an welches ſie ſich anſchließen koͤnne, in welchem ihr kindlicher Geiſt ſich ſpiegele, und ihr Gemuͤth ſich in Liebe zu ihres Glei⸗ chen, und in Bewunderung oder Nachſicht uͤbe. Siehe Dich bald, und ſtreng pruͤfend, nach einem Kinde um, das Du Deiner Ida gern zur Geſellſchaft geben moͤchteſt. Gut waͤr' es, wenn es ein Kind, von gleichem Stande und in gleichen Glücksumſtaͤnden geboren, ſeyn könnte. Waͤr' es nach gleichen Grundſaͤtzen bis dahin erzogen, und doch von ſehr verſchie⸗ dener Individualitaͤt mit Deiner Ida, ſeoe 20 wuͤßt' ich in dieſer Sache nichts weiter zu wuͤnſchen.— Doch wenn ſich dieß auch nicht alles beyſammen ſindet: in einem Kinde, das man Dir uͤbergeben kann und will, wirſt Du — wenn auch ſein Stand und Vermoͤgen weit unter Deinem ſind, und die Kleinen nur uͤbri⸗ gens zu einander paſſen— die Schwierigkei⸗ ten zu uͤberwinden wiſſen. Nur auf dem Punkt beſtehe ich, daß es ein Kind guter Art ſei, daß die Natur es an Geiſt und Gemuͤth reichlich ausgeſtattet habe. Mag es immerhin arm ſeyn, es kann Ida's Geſpielin werden; doch mit der unerlaͤßlichen Bedingung, daß es mit Ida voͤllig gleich behandelt werde, und alles genieße und habe, was Ida zu Theil wird, und daß ja kein untergeordnetes, die⸗ nendes Weſen neben Ida geſtellt werde. Dieß iſt unglaublich nachtheilig. Faſt unvermeidlich wird dadurch in dem einen Kinde ſklaviſche Kriecherei oder Scheelſucht, Neid und Tuͤcke, und in dem andern Egoismus und Anma⸗ ßung gepflanzt. Doch muß ich noch eine Be⸗ dingung machen. Erzieheſt Du ein armes Kind mit Ida, ſo muß ſein kuͤnftiges aͤußeres 21 Schickſal durch Dich ſo feſt geſichert werden, als ſein Charakter und ganzes Weſen durch die Erziehung. Auf beſondere Unglüͤcksfaͤlle muß jedes menſchliche Weſen vorbereitet und gefaßt ſeyn; nur ſo weit es von Dir abhaͤngt, muß des Kindes Schickſal geſichert werden. Suche mit Deinem Mann hieruͤber voͤllig einig zu werden, ehe Du die Sache unternimmſt. Sorge auch vor allen Dingen, das Kind genau kennen zu lernen, d. h. von ſeinen gluͤck⸗ lichen Anlagen gewiß zu ſeyn, ehe Du es zu Ida's Lebensgefaͤhrtin machſt. Der Menſch ſoll bei keinem Dinge verzagter ſeyn, als wenn er die Rolle des Schickſals fuͤr andere Weſen wiſſentlich uͤbernimmt. Freilich arbeitet ohne⸗ hin jeder Menſch an dem Schickſale der An⸗ dern; aber mehr als Werkzeug hoͤherer Maͤchte. Wer aber armen Aeltern ein Kind abnimmt, und es in ſeinem Hauſe zum Wohlſtande und zu hoͤheren Lebensgenuͤſſen erzieht: der giebt ſeinem ganzen Schickſal eine entſchiedene Rich⸗ tung. Man ſollte alſo das Subjekt, das man waͤhlt, ſo genau als moͤglich kennen!— 12 8 Das iſt ein langer Brief, aber ich war Dir auch auf ſo manchen wichtigen Fragepunkt Antwort ſchuldig.— Fuͤr heute nur noch das— daß Du Deinen Woldemar ja nicht lange ohne maͤnnliche Geſellſchaft lſſen mußt, da auch Dein Bruder Dich jetzt verlaſſon hat, der ihm freilich den abweſenden Vater erſetzen konnte, wie ſonſt keiner. 1 Soll ich Dir meines Herzens ganze Mei⸗ nung uͤber Woldemar ſagen, ſo iſt es die: er muß nicht laͤnger in dem weichen Klima muͤt⸗ terlicher Pflege und Aufſicht athmen! Wie bald Dein Mann zuraͤckkommen kann, iſt un⸗ gewiß. Woldemar iſt neun Jahr alt. Er iſt ein kraͤftiger, feuriger Knabe; aber wenn er laͤnger ausſchließend mit Dir lebt, wird ſein Herz zu weich, ſeine Phantaſie zu weiblich. Selbſt der beſtaͤndige Umgang mit dem zarten Schweſterchen ſtimmt ihn fuͤr ſein Geſchlecht zu weich. Suche Dir in dem Kreis Deiner Bekannt⸗ ſchaft einen wuͤrdigen jungen Mann zum Er⸗ zieher fuͤr ihn; mache mit dieſem, wenn Du ihn gefunden, einen gemeinſchaftlichen Erzie⸗ X 23 hungsplan fuͤr dieſen herrlichen Knaben; lege ihn dann ſeinem Vater vor, und wenn der ihn ſanktionirt hat, dann mache Dich ſtark, ihn recht treu zu befolgen. Schenke dem Manne, den Du werth gehalten, ihm dieſen koſtbaren Schatz zu uͤbergeben, Dein ganzes Vertrauen. Weißt Du in Deinem Kreiſe nie⸗ mand, den Du deſſen werth haͤltſt, ſo will ich Dir in meinem naͤchſten Briefe das Por⸗ trait eines Mannes zeichnen, der mir zu die⸗ ſem Geſchaͤft unter Tauſenden der rechte ſcheint. Daß er auch menſchliche Schwaͤchen hat, ver⸗ ſteht ſich; ſie ſind aber nicht der Art, daß Woldemar ſie jetzt ſchon zu bemerken vermdoͤchte, und die ihn hindern koͤnnten, an ihn, wie an ein hohes Ideal, hinauf zu ſchauen. Und wuͤrden ſie dem Kleinen fruͤher ſichtbar, als wir ver⸗ muthen, ſo ſind dieſe Schwachen durch die herrlichſten Vorzuͤge ſtark uͤberglaͤnzt, und koͤn⸗ nen der Achtung fuͤr ihn nur wenig Abbruch thun.—— Vierzehnter Bi ef. Mät Ungeduld ſieheſt Du dem verheißenen Bilde des kuͤnftigen Mentors Deines Wolde⸗ mar entgegen? Wohlan denn! Er iſt ein jun⸗ ger Mann von acht und zwanzig Jahren, hat einige Jahre die Rechte und die Staatswirth⸗ ſchaft ſtudiert, und war von ſeinen Verwand⸗ ten fuͤr eine glaͤnzende Laufbahn beſtimmt, fuͤhlte aber eine ſo ſtarke Abneigung gegen dieſe Be⸗ ſtimmung, oder vielmehr gegen die gewoͤhnli⸗ chen Wege zu dieſem Ziel der Ehre, daßz er ſie ſchwerlich noch betreten moͤchte.— Zu Kin⸗ dern fuͤhlt er ſich ſo innig hingezogen, daß er gleich mitten drunter iſt, wenn er in unſerm Zirkel ein Haͤuflein Kinder bei einander ſieht. Noch habe ich keinen Mann ſo traulich mit Kindern umgehen ſehen. Als unabhaͤngiger Gelehrter zu leben hat er jetzt beſchloſſen, und das muß er auch wol, weil ein jedes Amt ihm eine druͤckende Feſſel ſeyn wuͤrde. Den⸗ noch ſcheint es mir moͤglich, ihn dazu zu ſtim⸗ men, daß er ſich Woldemars Erziehung widme, ſobald er den Knaben geſehen hat. Seine 25 Kinderliebe uͤberwiegt noch die Liebe zur Unab⸗ haͤngigkeit bei ihm. Den ganzen Umfang ſei⸗ nes Wiſſens kenne ich nicht, und den kennen hier nur wenige. Aber die Art, wie er die Dinge weiß, iſt nur wenigen, ſeltenen Geiſtern eigen. Wenn er mit Maͤnnern uͤber irgend einen Gegenſtand aus dem Reiche des gelehr⸗ ten Wiſſens ſpricht, ſo iſt er der Sache auch ſo ganz Herr und Meiſter, als ob ſie von ihm zuerſt gedacht waͤre; was ihm weniger klar iſt, daruͤber ſpricht er nicht. Dennoch iſt ſo gar nichts Herriſches, noch Abſprechendes in ſeinem Ton; man fuͤhlt es, daß ſeine Ue⸗ berlegenheit ſtill und rein aus der Kraft und Ruhe ſeines Geiſtes hervorgeht, und er ſich ihrer faſt nicht bewußt iſt. Vorzuͤglich gern hoͤre ich ihn uͤber deutſchen Geiſt und Deutſch⸗ lands Geiſter reden; denn da kann ich ihn faſſen. Er iſt ſelbſt produktiver Geiſt, hat aber zu keiner Fahne geſchworen, gehoͤrt keiner Schule ausſchließend an. Nir iſt ſein Urtheil ſehr werth. Er hat ſich eine rein liberale Anſicht von deutſchen und auslaͤndiſchen Geiſtesproduk⸗ ten erhalten. Man kann ihm mit voͤlliger Gei⸗ 26— ſtesfreiheit zuhoͤren. Am allerliebſten ſehe ich ihn von Kindern und jungem Volk umringt. Die Kleinſten traͤgt er auf dem Arme, und erzahlt ihnen die komiſchſten Maͤhrchen von der Welt; die heranwachſenden Knaben umringen ihn, wenn ſie ihn wo einen Augenblick allein ſehen, und haben ſie ihn einmal gefaßt, dann laſſen ſie ſobald nicht wieder von ihm.— Er ſpielt das Pianoforte und ſingt einen herzergreifen⸗ den, reinen und milden Tenor. Ob er auch zeichnet, weiß ich nicht, aber Kunſtkenner iſt er. Auf meiner neulichen Reiſe nach Kaſſel war er mein Begleiter; wir brachten mehrere Morgen in der Galerie zu. Tiſchbein fuͤhrte uns mit der ihm eignen Gefaͤlligkeit herum, und erklaͤrte meinen jungen Begleiterinnen un⸗ gemein bereitwillig alles, was ſie ihn fragten. Bald aber horchte er, wie mein Begleiter mei⸗ nem noch unmuͤndigen Kunſtſinne aufhalf. Ich kann Dir die Verklaͤrung nicht darſtellen, die auf P..s Geſicht erſchien, wenn er vor den herrlichen Meiſterwerken ſtand. Es giebt Mo⸗ mente, ſagt' er, wo das Gefuͤhl, ein Menſch zu ſeyn, an ſich ſchon Seligkeit iſt! wo der 1 22 Name einzelner Menſchen in unſerer Seele wie in einem Tempel in heiliger Stille thro⸗ net!— Der Tag, den wir mit ihm auf der Wilhelmshoͤhe feierten, wird mir einer der un⸗ vergeßlichſten bleiben. In den Chriſtoph ſtieg er nicht hinein, wol aber verweilte er mit uns einige Stunden auf der Hoͤhe der Kaskade, und weidete Herz und Auge mit uns an der Herrlichkeit der Natur, die man da uͤberſchaut. — Er war zum erſtenmale hier, und genoß mit wahrhaft kindlicher Seele des reizenden Lokale, und doch war er vorlaͤngſt in Schaf⸗ hauſen und ſah den Rheinfall. Aber mit gan⸗ zer Seele genoß er, ungleich jenen kalten Kri⸗ iikern, die im Vaterlande nichts mehr ſchoͤn finden koͤnnen, wenn ſie einmal ruͤhmen duͤr⸗ fen, daß ſie im Auslande waren.— Auf Reiſen tritt das Innere der Menſchen uͤberhaupt unverhuͤllter hervor: da hab' auch ich ſein eigenthuͤmliches Weſen naͤher kennen gelernt. Eine ſolche Miſchung von Kraft und Milde, von Feſtigkeit und kindlicher Hingabe, von Stolz und Demuth, ſah ich noch nicht. Un⸗ erbittlich hart iſt er gegen Unwahrheit und feile Kriecherei. Nicht einmal galant iſt er gegen Weiber. Er ſcheint im Ganzen fuͤr un⸗ ſer Geſchlecht mehr Mitleid als Achtung zu haben, und doch iſt es ihm wieder Beduͤrfniß, die beſſern unter uns heraus zu heben, und ſie mit Ehrerbietung zu behandeln. Seine Geſtalt iſt maͤnnlich. Sein dunkles, feuriges Auge wuͤrde zuruͤckſcheuchen, wenn nicht ſo viel hei⸗ tere Ruhe daraus ſpraͤche.—— Ich wollte Dir von ſeinen Schwaͤchen ſagen, und habe ſie unvermerkt faſt ganz aus den Augen ver⸗ loren. Er haßt, zum Beiſpiel, alle konventio⸗ nellen Formen des Umgangs mehr, als billig iſt. Eben ſo haßt, ja verabſcheuet er alle An⸗ ſpruͤche auf Standesvorzuͤge, und wenn er unter zwei gleich wuͤrdigen Menſchen zu waͤhlen hat, von welchen der eine adelich, der andere buͤr⸗ gerlich iſt, ſo laͤßt er ſicher den erſten ſo⸗ gleich ſtehen und waͤhlt den letzten. Hoͤchſt wahrſcheinlich iſt dieß die Frucht der Behand⸗ lung, die ihm in fruͤhern Jahren von einem ſeiner adelichen Goͤnner geworden. Vielleicht war auch der Stand ſeiner fruͤhen Liebe ent⸗ gegen. 29 Genug, er macht ſeinen Rang an einem fremden Orte nie geltend, und iſt ſtolz genug, durch ſeine Perſon alles— oder nichts gelten zu wollen. Kurz, er giebt den Edelmann zu wohlfeil weg. Da haſt Du nun ein fluͤchtig hingeworf⸗ nes Bild des Mannes, von dem ich glaube, daß Woldemars Geiſt ſich an ſeinem herrlich entfalten muͤßte. Sende dieſen Brief Deinem Manne, und wenn er und Du im Urtheile uͤber dieſen Menſchen mit mir zuſammentreffen, und auch er es wuͤnſcht, daß ich die Sache einleite, ſo ſchicke mir Deinen Woldemar auf vierzehn Tage zum Beſuch. Eine ſchickliche Gelegenheit wird ſich ſchon finden. P. ſoll Woldemar bei mir ſehen und es waͤre mit meiner Divinationsgabe ſchlecht beſtellt, wenn der Kleine und er nicht bald unaufloͤslich an einander gefeſſelt ſeyn ſollten. Wo zwei ſolche Naturen einander begeg⸗ nen, da fliegen ſie, wie des alten Platon's zwei verlorne Haͤlften, wieder an einander, und laſſen ſich nicht mehr. Unſer P. weiß wenig von dem Kinde, und nichts von meinem Plan. O wie ungeduldig bin ich auf den Ausgang! Und doch kann ich mir das wie noch nicht denken. Denn Du wirſt den Kleinen nicht von Dir laſſen, und wie wir den Mann von uns entlaſſen konnen, das ſehe ich auch noch nicht.— Funfſzehnter Brief. Da ſitzt Dein herrlicher Junge vor mir, hat den alten Robinſon in der Hand und ergoͤtzt ſich herzlich daran. Nein, Emma, ſo dacht' ich mir den Ausgang nicht. Arme Mutter, Du ſollſt Dich— auf, Gott weiß wie lange — von Deinen beiden Lieblingen trennen, und Deinem Gemahl nach dem rauhen Norden folgen? Immer vermuthete ich, daß die Re⸗ gierung ihm einen ſolchen Poſten anweiſen wuͤrde; aber nach Petersburg— nein, das dacht' ich nicht. Und Dein Gemahl hat un⸗ 31 widerruflich entſchieden, daß ſie in Deutſchland bleiben ſollen 2.) Sehr ehrend fuͤr mich iſt ſein Vertrauen, in welchem er mir, mit Dir uͤbereinſtimmend, Ida bis zu eurer Ruͤckkehr ganz uͤbergeben will, und daß auch er glaubt, Herr von P. ſei der einzige Mann in unſerm weiten Kreiſe, der Woldemar zur ſchoͤnſten Entwickelung hel⸗ fen koͤnne. Aber Du“ arme Mutter, wie willſt Du das Opfer bringen, ohne daß der Schmerz Dein Inneres zernagt? Kann es Dich troͤſten, ſo laß Dir erzaͤhlen, daß meine Vermuthung voͤllig erfuͤllet und meine Hoffnung uͤbertroffen iſt. Woldemar kam am Sonntag Mittag an, als Herr von P. eben bei uns ſpeiſete. Die Art, wie der Kleine auf mich zueilte, die un⸗ verkennbar kindliche Zartlichkeit, mit der er mir um den Hals ſiel, und ſonſt faſt niemand im Zimmer bemerkte, ſiel P. ſtark auf. Sein Blick war feſt auf den Kleinen geheftet. Und als Woldemar nun anfing von Dir zu erzaͤh⸗ ) Es war unter Kaiſer Pauls Negierung. 3² len, und von Ida, und wie das Schweſter⸗ chen ihn gar nicht habe laſſen wollen, und wie ſeine Augen bei der Erinnerung uͤberfloſſen, ſagte Herr von P. leiſe zu mir: Noch nie ſah! ich ein Kind, das ſo auf mich gewirkt haͤtte! Eine ſehr edle Natur iſt ſeinem Weſen ſichtbar aufgepraͤgt. Wie kam es, daß Sie mir von dieſem Sohn Ihrer Freundin nicht mehr und bisher faſt gar nichts Beſtimmtes ſagten? Ich laͤchelte und ſchwieg. Es ward nun von allerlei andern Dingen geſprochen. Wol⸗ demar hatte den fremden Herrn ein paarmal fluͤchtig betrachtet. Sein großer Blick und ſeine freundliche Miene machten Furcht und Vertrauen in dem Knaben wechſeln. Faſt ge⸗ traute er ſich nicht mehr hinzublicken, und doch konnt' er es nicht laſſen, und meinen Freund ergoͤtzte dieſer Kampf in dem Geſicht des Klei⸗ nen koͤniglich.— Ich hatte Woldemar zu mir auf den Sopha gezogen, um recht ver⸗ traut mit ihm zu plaudern. Aber immer blickte er halb verſtolen wieder hin nach P. Dieſer trat naͤher an uns, nahm Woldemars Hand, ſah ihn noch liebreicher an, als zuvor, und 33 fragte: Nicht wahr, du fuͤrchteſt dich nicht vor mir, lieber Woldemar? Der Kleine ſagte be⸗ troffen: Ich fuͤrchte mich niemals; ward aber feuerroth, und wollte hinaus. Bleib bei uns, ſagte P. ſanft bittend. Der Knabe wagte wieder einen Blick zu ihm hinauf, und P. ſah' ihn mit ruͤhrender Liebe an. „Nun fuͤrchte ich mich gar nicht mehr, Herr von P.“—„Nun ſo komm naͤher und liebe mich.“ Und im Nu ſprang der Kleine auf und hing an des Mannes Halſe. P.'s Auge glaͤnzte von Freude, ein ſolches Kinderherz gewonnen zu haben.„Heiß mich Du, und P., und nicht Sie und Herr von P.“— Das kann ich nicht, gewiß ich kann nicht.—„So fuͤrchteſt du dich auch noch.— Ich fuͤrchte mich nicht mehr, aber Sie ſind ſo groß und ſind— die Worte fehlten ihm zu dem, was er noch ſagen wollte.„Aber du wirſt auch groß werden.“— Wenn ich eben ſo gewor⸗ den bin, wie Sie, dann will ich Sie Du heißen.—„Herrlicher Junge! Nennſt du denn deinen Vater auch nicht Du, wenn er bei euch iſt, oder du ihm ſchreibſt?“— Er J. f. F. VIII. H. 3 34 will es haben, aber ich kann nicht.—„Wie nennſt du denn die Mutter?“ Er erroͤthete ſtark. Die Mutter?— Ja, das iſt wieder etwas anderes. Die Mutter ſieht immer ſo freundlich aus, und die muß ich immer lieben, ſo oft ich ſie anſehe, und da muß ich Du ſagen. Der Vater aber ſieht bisweilen ſo ernſt aus.—„Und da liebſt du ihn nicht?“— 9 ja, ich liebe ihn wol recht ſehr, aber anders, als ich die Mutter liebe. Glauben Sie nur nicht, daß ich mich vor ihm fuͤrchte; aber ich liebe ihn ſo, daß ich nicht Du zu ihm ſagen kann.—„Nun, ſo heiße mich denn Sie, ſo lange du willſt.— Willſt du aber wol mit mir gehen, wenn ich nach Hauſe gehe?— O nehmen Sie mich mit! Ich mochte Sie ſo gern noch mehr lieb haben.— P. ſahe mich fragend an: ich winkte, ja, er nahm den Kna⸗ ben an die Hand und fort waren ſie.— Erſt ſpaͤt am Abend bracht' er ihn mir wieder, aber mit der Bitte, ihm den kleinen Gaſt zu uͤber⸗ laſſen, er wolle mir ihn auch taͤglich auf ein paar Stunden wieder abtreten.— Der Vertrag ward eingegangen und Woldemars Augen fun⸗ 2 35 kelten Freude. P. hat Wort gehalten und ihn mir taͤglich hergebracht. Auch iſt der Kleine gern bei mir, denn ich laſſe ihn gewaͤhren. Will er leſen, ſo lieſet er die ganze Zeit, ohne zu ſprechen. Will er plaudern, ſo habe ich im⸗ mer ein offenes Ohr fuͤr ihn. Aber wovon ſpricht er? Immer von P. und nichts als P. Unerſchoͤpflich iſt der Kleine in ſeinem Preiſe. Und dem P. geht es mit dem Kleinen gerade eben ſo. Wenn wir mit einander ſind, und der Kleine im Garten oder im andern Zimmer ſich beſchaͤftigt, ſo iſt er der einzige Inhalt unfrer Geſpraͤche. Dieſen Morgen hatte er Woldemar in ſeinem Hauſe bei ſeinen Landkar⸗ ten beſchaͤftigt, und kam allein zu mir.„Selma, ſagt' er, ich fuͤhle mich zu dieſem Knaben unge⸗ woͤhnlich ſtark hingezogen. Seine Erziehung waͤre das einzige Geſchaͤft, das ich mir wuͤn⸗ ſchen koͤnnte. Iſt es wahrſcheinlich, daß die Aeltern, die doch einmal im Wirbel der Welt ſo umher getrieben werden, ihn mir uͤberlaſſen ſoll⸗ ten? Ich habe mir in dieſen Tagen einen eignen Erziehungsplan fuͤr dieß ſelten begabte Kind entworfen. Soll ich ihn Ihnen bringen? Wol⸗ · 36 len Sie ihn den Aeltern nebſt meinem drin⸗ genden Verlangen vorlegen? Sie wiſſen, ich bin ſo gluͤcklich, einer voͤllig unabhaͤngigen Exi⸗ ſtenz zu genießen. Sie wiſſen es auch, daß nichts in der Welt mir ſo theuer iſt, als dieſe Unabhaͤngigkeit. Ich habe nie geglaubt, daß ich ihr auch nur fuͤr wenige Jahre entſagen koͤnnte. Dieſem Kinde kann ich ſie willig opfern; ja, ich fuͤhle einen heißen Drang darnach. Sagen Sie das den Aeltern.“— Sein Auge glaͤnzte: er ſah mich mit geſpannter Erwar⸗ tung an, ob ich ſeine Ideen billigend auffaſ⸗ ſen koͤnnte. O Sie Guter! ſtammelte ich, und meine Augen floſſen uͤber. Werden Sie es mir verzeihen, daß ich mit meinem heißen Wunſch fuͤr dieſelbe Sache ſo lange an mich gehalten habe? Nehmen Sie ihn hin; ich will mit der Mutter alles, was uͤber dieſe Sache noch noͤthig ſeyn moͤchte, verabreden. Statt aller Verabredung diene nun dieſer Brief, dem ich auch noch den geſchriebenen Erziehungsplan fuͤr Woldemar beifuͤge. Daß ſo ein Plan nur eine rohe Skitze ſeyn koͤnne, die durch das taͤgliche Leben mit dem Kinde bis zu ſeiner Reife ausgemalt werden muß, ſiehſt Du, liebe Emma, wol ein; und weiter iſt er alſo auch nichts.— Deines Mannes volle Zuſtimmung kann uns nicht fehlen, und ſo waͤre dieſe Sache entſchieden. Sobald Deine Abreiſe von D. feſtgeſetzt iſt, komme ich zu Dir, Ida abzuholen. O weilch ein ſchmerzli⸗ ches Sehen wird dieß ſeyn! Und wie ich Ida von Dir losbringen will— ich mag's gar nicht denken. Aber ich komme unfehlbar, ſobald Du mich zu Dir rufſt. Daß ich Dir poſttaͤglich ſchreibe, wenn ich Dein zweites Kleinod auch habe, Dir beſonders von Ida's Entwickelung den getreueſten Bericht erſtatte, darauf rechne Du mit hoͤchſter Gewißheit. Ich muͤßte das Mutterherz nicht kennen, wenn's mir moͤglich ſeyn ſollte, Dich vergeblich auf die umſtaͤndlichſten Berichte von Deinen Kin⸗ dern warten zu laſſen. Stuͤnd' es bei mir, den Sachen eine andere Wendung zu geben; zu machen, daß Du Deine Kinder, wenigſtens Ida, bei Dir behielteſt: mit Freuden wollt' ich den gehofften Genuß opfern, und Dir Deine Lieblinge laſſen.— Etwas Gutes iſt aber noch 38 bei der Sache, deſſen wir vielleicht beide noch nicht lebhaft gedacht haben: daß die beiden Kinder nicht getrennt werden! P. bleibt nicht nur mit Woldemar hier in L., er zieht wahr⸗ ſcheinlich zu uns ins Haus, und ich bekoͤſtige ſie Beide. Da ſind dann die Kinder bei der Mahlzeit wenigſtens immer, und oft auch auf den Spaziergaͤngen beiſammen. In den Lehr⸗ ſtunden ſind ſie getrennt, vielleicht auch nicht in allen. Herr von P. iſt des Franzoͤſiſchen vollkommen maͤchtig und ſpricht es ſehr ſchoͤn. Von ihm kann Ida Unterricht haben, ſobald ſie ſo weit iſt. Wenigſtens hat er es mir ver⸗ ſprochen, meinen Uebungen mit Ida noch taͤg⸗ lich eine Stunde hinzuzuthun, wenn ich es wollte.— Den Jeichenmeiſter koͤnnen beide Kinder vielleicht auch gemeinſchaftlich haben. Was ich fuͤr Woldemar beſorgte, als er noch bei Dir war, daß er durch Ida zu weich werden moͤchte, das fuͤrchte ich jetzt unter P. Aufſicht nicht mehr. Er ſelbſt wuͤnſcht es, daß die Kinder ſich taͤglich oft ſehen. Fuͤr Ida iſt es gewiß gut; doch wuͤnſch' ich noch immer, Du moͤchteſt eine kleine Gefaͤhrtin fuͤr ſie ge⸗ 39 funden haben; ja ich moͤchte faſt ſagen, es werde von jetzt an nothwendig, daß ſie eine Ge⸗ ſpielin von ihrem Alter neben ſich habe. Gern will ich auch fuͤr dieß Kind ſorgen, welches Du auch immer erwaͤhlen moͤgeſt. Lebe wohl, theure Seele! Sechzehnter Brief. Gefunden iſt alſo auch die Gefaͤhrtin fuͤr Ida? Und Mathilde iſt noch dazu ein ganz ver⸗ waiſetes Kind, und ein Jahr aͤlter, als ſie? O wie gluͤcklich trifft das zuſammen! Laß es auch ſeyn, daß die ſechs und ein halb Jahr alte Mathilde ſchon manche Unart an ſich habe; wenn ſie nur ein gluͤckliches Naturell hat, und nicht ganz verwahrloſt iſt, ſo will ich ſchon mit ihr fertig werden. Du ſagſt, ſie ſei ein wenig heftig und zum Eigenſinn, wie zur Herrſchſucht, von ihren allzunachgiebigen Ael⸗ tern verwoͤhnt; habe aber Verſtand, eine leb⸗ hafte Phantaſie und ein tiefes Gefuͤhl, wenn 40 gleich ihrem Gemuͤth faſt alle weibliche Zart⸗ heit und Ida's liebliche, Freundlichkeit fehle. Laß Dich das alles nicht kuͤmmern; wenn ſie nur ganz unſer iſt, und wir ihr Schickſal ſo weit beſtimmen, als Menſchen es koͤnnen, ſo ſoll alles gut werden. Meine Einwilligung zur voͤlligen Adoption haſt Du hiermit in aller Form. Schauet gnaͤ⸗ dig auf uns, ihr himmliſchen Maͤchte, damit unſer Werk gedeihe!— Sonderbar bang' kann es einem werden, wenn man die Rolle des Schickſals fuͤr irgend ein Menſchenweſen uͤbernimmt! Und doch, es ſoll, es muß gut gehen! Woldemar haͤngt taͤglich feſter an ſeinem Mentor. Sobald Du mir ſchreibſt, daß wir kommen ſollen, Dich noch einmal zu ſehen und Ida zu holen, ſind wir bereit. Es ver⸗ ſteht ſich, daß P. uns begleitet: beide von einander zu trennen, waͤre grauſam; auch wirſt Du ſelbſt begierig ſeyn, den Mann zu ſehen, der Deine gegenwaͤrtige und kuͤnftige Lebens⸗ freude in Handen hat.— 41 Dieſen Morgen, als Woldemar bei mir ſaß, ſagt' er: Tante Selma, ich kann dir gar nicht beſchreiben(ſeit ein paar Tagen heißt er mich von freien Stuͤcken Du, ohne daß wir daruͤber geſprochen haͤtten—) ich kann dir gar nicht beſchreiben, wie mir iſt, wenn ich nach Hauſe denke. Oft iſt es, als muͤßt' ich dich bitten, im Augenblick abzurei⸗ ſen, und ich muͤßte der Engelsmutter an den Hals fliegen, und ſie feſt, feſt halten, daß ſie bleiben muͤßte, und mit uns hier in L. gluͤck⸗ lich ſeyn— und dann wuͤnſch' ich wieder, ſie waͤr' erſt fort nach Petersburg, daß ich nicht mehr ſo viel daran denken muͤßte. Und dann kann ich auch Herrn von P. noch beſſer lieb haben, und beſſer Acht haben, wenn er mit mir ſpricht, und mit mir lieſet. Wenn ich jetzt an die Mutter gedacht habe, kann ich an nichts anders mehr denken. Alle Nacht traͤume ich von ihr und von Ida. Auch dieſe Nacht wieder. Als ich heut Morgen aufwachte, ſtand Herr von P. an meinem Bette mit einem Tuche in der Hand, mit welchem er mir die Augen trocknete. Er fragte: Was iſt dir, 42 mein Junge? Ich habe nur getraͤumt, ſagt' ich— von der Mutter und von Ida. Aber ſie ſahn gar nicht ſo aus, wie ſonſt; die Mut⸗ ter ſah' aus, wie die marmorne Frau, die alle ihre dreizehn Kinder verlpren hat und nun auch das letzte, juͤngſte, ſterben ſieht, und mir war's, als ſaͤhe ich Ida juſt ſo in ihren Armen haͤngen. Nun verſprach er mir, wir wollten noch in dieſer Woche hin zur Mutter und Ida holen. Da ward ich ganz froh und ſtand auf. Waͤhrend ich mich anzog, ſpielte und ſang Herr von P.: Willkommen, ſchoͤner Mor⸗ gen; wie groß iſt deine Pracht. Ich ſang mit und mein Traum war ganz vergeſſen. Und nun ſchickt er mich, und laͤßt dich, liebe Tante, bitten, daß wir ja recht bald reiſen. Indem der liebe Schwaͤtzer ſo ſaß und plauderte, brachte man mir Deinen Einladungs⸗ brief. Alles iſt alſo bei Dir bereit. Wolan, wir ſind es auch und reiſen morgen, wenn uns nichts abhaͤlt. O ſammle alle Deine Kraͤfte zuſammen! Du wirſt ihrer beduͤrfen. Es muß ſehr hart ſeyn, ſich von ſolchen Kindern zu 4³ trennen. Richte es auch ja ſo ein, daß wir zu gleicher Zeit von Deinem Gute abreiſen. Wir wenigſtens weichen nicht, ſo lange Du noch da biſt. Zu Mathildens Aufnahme iſt hier alles vorbereitet. Zwei traurig ſchoͤne Wochen ſehen wir vor uns.— Ende der erſten Sammlung. Lieder der Unbekannten. Fortſetzung. 6. Meine Hoffnung. Heil dem, der auf verſengter Haide Nach friſchen Labequellen graͤbt! Wer Einen Duͤrſtenden erfreute, Der hat geliebt und nicht umſonſt gelebt. Heil dem, der gern die Muͤden ſtaͤrkte; Der ſtets mit unverdroßner Hand Mit einem Ruheſtein bemerkte Den Ort, wo Er einſt Troſt und Labſal fand. Der, wo er nach des Tages Hitze Der Nuhe Balſam in ſich ſog, Um buntbebluͤmte Raſenſitze Der Linde kuͤhle Schatten niederbog. Iſt mir auch einſt der Kranz entriſſen, Des Lebens Fackel umgefehrt; Iſt von der Freude Hochgenuͤſſen Der letzte Tropfen von mir aufgezehrt, Und ruh' ich hier in kalter Naͤchte Huͤlle, Und ſchweigt, wer ſonſt ſo viel verſprach: Dann ſendet doch in meine Todtesſtille, Wen ich erquickt, mir einen Seufzer nach!— 7. Gebet der heiligen Caͤcilia. Schwach bin auch ich; der Engel, der mich leitet, Nicht immer iſt er meinen Schritten nah, Und iſt nicht manche Heilge ſchon gegleitet, Noch eh' ſie die Gefahr zu ſinken ſah? Wenn Leidenſchaften meine Bruſt empoͤren, Und mich dahin der Jugend Leichtſinn rafft; Wenn der Verſuchung Stimmen mich bethoͤren: Wer giebt zum doppeltſchweren Siege Kraft? 46 Du, der im Morgen⸗, wie im Abendſtrahle Ob unſrer Sehnſucht, dein zu bleiben, wacht, und ſeinen Wanderern im Lebensthale Nicht allzurauh der Tugend Pfade macht! Entferne bei der Seele innern Kriegen Die Macht des Feindes, der von außen draͤut; Und niemals gatte ſich, mich zu beſiegen, Zum Fehlen Neigung und Gelegenheit.— —— 3. Die Mondnacht. Du, der mit blaſſem Scheine In ſtiller Mitternacht Vom duͤſtern Ulmenhaine Zu mir hernieder lacht; Wenn mit den holden Blicken Dein Glanz durch Silberwoͤlckchen bricht, Wer huldigt mit Entzuͤcken Dir, Fuͤhrer ſanfter Wehmuth, nicht? Wie ſich die Schatten heben! Die rege Phantaſte Sieht Engelbilder ſchweben, Hoͤrt Himmelsharmonie!! O du, der jetzt und immer Mir ſchoͤnern Lebens Traͤume giebt: Wie hat den milden Schimmer Das Herz des Kindes ſchon geliebt! 47 4⁸ Mit ahnenden Gefuͤhlen Huͤpft' ich in deinem Licht, und ſah von meinen Spielen Dir laͤchelnd ins Geſicht; Doch blickt' ich auch mit Thraͤnen In deinen bleichen Silberſchein, Und tiefes, fremdes Sehnen Nahm meine junge Seele ein. Noch lebt in meinem Buſen Der heilgen Stunden Spur! Was war es, o ihr Muſen, Was da mein Herz erfuhr? Und, ſprecht, was fuͤhlt es heute? Iſts Hoffnung oder Traurigkeit? Iſts Wehmuth oder Freude? Iſts Ahnung kuͤnftger Seligkeit? 9. Am Feſte aller Heiligen, 49 dem Tage der Geburt meiner Mutter, Eugenia. Aller Thuͤrme Glocken ſchallten, Feſtliche Geſaͤnge hallten Ueber manche ſtille Gruft Durch den hohen Weihrauchduft In die kuͤhle Morgenluft. Zu geweihten Graͤbern wallten Pilger mit dem Wanderſtab Von den Hoͤhen ſanft hinab, Und beim Klange hoher Lieder Stiegen von des Himmels Hoͤhn Alle Heiligen hernieder, Ihre Tempel jetzt zu ſehn. Nur ein Chor von heilgen Frauen Sondert ſich von andern aus, Senkt ſich von des Himmels Auen Schweigend in ein ſtilles Haus, J. f. F. VIII. H. 50 Eine Sterbliche zu ſchauen, Die bei dieſes Morgens Stral Athmete zum erſtenmal. Da erfuͤllt das ſtille Zimmer, Wo ſie in der Wiege lag, Schnell ein ungewohnter Schimmer, Heller als ein Fruͤhlingstag; Und es rauſchet ſanft, es ſchweben, Schoͤn mit Glorien umgeben, Alle Heilige herein, Um das Kind zu benedeihn. Und des Kindleins Waͤrterinnen Wiſſen nicht, was ſie beginnen, Schaudern ſanft, doch ſehn ſie nichts, Nicht die holden Pilgerinnen, Nicht den Abglanz ihres Lichts, Hoͤren nur ein leiſes Gehen, Sehn des Lagers Schleier wehen, Keine weiß, wie ihr geſchehen, Jede fluͤſtert: hoͤrſt du nichts? Jede fuͤhlt ein fanftes Beben Den beklommnen Buſen heben; Zwar aus ihren Augen ſpricht 51 Ahnend, liebevoll Entzuͤcken, Doch es waget keine nicht Von der Stelle ſich zu ruͤcken. Langſam tritt mit Engelsblicken Aus der Unſichtbaren Chor Sankt⸗Eugenia hervor, Sieht die Kleine mit Vergnuügen Schlummernd in der Wiege liegen, Fluſtert traulich ihr ins Ohr: „„ Wachſe ſchon und ſchnell empor, Suͤßes, mildes, heitres Kind: Dir verehr' ich meinen Namen!— Auch die andern Himmelsdamen Nahen nun ſich ſanft und lind, Jede draͤngt ſich aus den Reihen Um die liebe Schlaͤfgrin Mit Geſchenken zu erfreuen, Sie zur Schweſter ſich zu weihen Und zur Himmelsbuͤrgerin. Und des Kindleins ſtillen Sinn Und ſein weiches Herz erfuͤllte Margarethens fromme Milde, Apolloniens Geduld, Katharinens Heldenſtaͤrke, Dorotheens gute Werke, Coͤleſtinens Engelhuld—— O, wie köͤnnt ichs all erzaͤhlen, Was die hohen, heilgen Seelen Von des Himmels Herrlichkeit In ihr junges Herz geſtreut! Doch des Kindleins Seligkeit Unausſprechlich zu vermehren, Tritt, umſchwebt von Engelchoͤren, Sankt⸗Maria ſelbſt herein, Wandelt durch die lichten Reihn, Schwebt daher im Himmelsglanze, Beugt ſich mit dem Stralenkranze Auf des Kindleins Angeſicht, Kuͤßt es muͤtterlich, und ſpricht: „„ Was von meinen Schweſtern nicht Eine dir gewaͤhren kann, Nimm von meinen Haͤnden an! Du ſollſt einſt in Kindern bluͤhen, Sollſt in Mutterliebe gluͤhen; 53 Und damit dein fromm Bemuͤhen Sie dem Himmel aufzuziehen Moͤge wandellos gelingen, Soll mein Sinn ihr Herz durchdringen! Nimm dieß Kreuz der Muttertreue: Damit weiht dich meine Hand⸗—— Alſo ſegnend ſie verſchwand. Doch es weilte in dem Zimmer Noch ein weißer Silberſchimmer; Und wie Wolken ſich verziehn, Die in kalten Mitternaͤchten Von des Nordſcheins Stralen gluͤhn, Schwanden, gleich der Koͤnigin, Hier zur Linken, dort zur Rechten, Nach und nach die andern hin.— Werden fortgeſetzt. Iſt auch Freundſchaft unter den Weibern? Unter den mancherlei Traditionen, die unter den Maͤnnern herumgehen, ſich vom Vater auf den Sohn, und vom Sohne auf den Enkel forterben, ſpielt die, von der weiblichen Unfaͤ⸗ higkeit zur Freundſchaft, keine kleine Rolle. Es moͤgen wackere Maͤnner unter denen ſeyn, die ſie auf Treu und Glauben von andern an⸗ nehmen: fuͤr uns iſt es aber doch der Muͤhe werth, zu forſchen, ob dieſe Sage, wie alle alten Sagen, irgendwo einen feſten Grund, eine Unterlage von Wahrheit habe— und ſollte auch, was herauskoͤmmt, keinesweges ruͤhmlich fuͤr uns ſeyn!— Vor kurzem veranlaßte ſie folgenden Dialog zwiſchen zwei Menſchen, denen es etwas mehr um Wahrheit zu thun war, als um Witz oder Spitzfindigkeit. -ℳl Dian. Ich wollte, theure Blanka, daß es Ihnen gefiele, heut zu verſuchen, ob wir mit dem alten Streit endlich einmal aufs Reine kaͤmen. 1 Blanka. Mit welchem? Sie warfen der Zankaͤpfel kuͤrzlich ſo viele, daß ich ja nicht wiſſen kann, welchen ich dießmal aufnehmen ſoll? Dian. Noͤcht' ich einen goldenen geworfen haben, der meine Atalante endlich in ihrem ſchnellen Geiſtesfluge einmal aufhielt! Moͤcht' es Ihnen gefallen, einmal bei Einem Gegenſtande zu verweilen! Blanka. Lieber Hippomenes, verlangen Sie das Un⸗ moͤgliche nicht, damit das Moͤgliche gelinge! Wollen Sie, daß wir Frauen mit hoͤchſtem und ſtrengſtem Ernſt einen Streit auffaſſen, die Sache mit ſchulgerechter Ordnung ſtreng von allen Sei⸗ ten pruͤfen, in alle ihre Tiefen eingehen, und Schritt vor Schritt langſam und wohlbedaͤchtig denſelben Weg wieder zuruͤcknehmen, die in dieſen Schachten erbeuteten Reſultate als ge⸗ wonnenes Gut in die Huͤtten bringen und nach und nach zu allerlei Gefaͤßen der Ehr' und Unehre verſchmelzen und gießen: ſo for⸗ dern Sie etwas, das unſerm, von Natur leider nicht ſehr ſyſtematiſchen Geiſt völlig ſo vorkommt, als wenn die Nachtigall ihre Ele⸗ gien oder die Lerche ihre Pſalmen auf Noten ſetzen ſollte, damit die Menſchen ſie zur Er⸗ bauung und weitern Verwendung gehörig ab⸗ ſingen koͤnnten. Dian. Wenn Sie in dieſem Ton fortfahren, ſo muß ich von neuem verzagen, daß wir uns je einigen werden. Blanka. Nun geben Sie's nur noch nicht ganz auf: ich will Ihnen Stand halten, ſo gut ich kann. Worauf kommt es denn an?— Dian. Auf die Entſcheidung des alten Streites, ob die Frauen von der Natur zur Freundſchaft berufen ſind? Blanka. Das heißt: ob ſie uͤberall zur Freundſchaft taugen, oder von Grund aus dazu verdorben ſind? Dian. Warum druͤcken Sie das ſo hart aus? Blanka. Weil es eine harte Frage iſt, der eine ſanfte Einkleidung gerade ſo anſteht, wie dem Orang⸗ Utang ein Schleier anſtehen wuͤrde. Dian. Es haͤngt ja von Ihnen ab, ſie ganz zu Schanden zu machen. Ich ſtehe fuͤr die ge⸗ ſcheideſten und beſten unter uns: wir laſſen uns gern von Ihrem Geſchlecht aus dem Felde ſchla⸗ gen, wenn ſie ſich nur auf Gruͤnde einlaſſen wollten— Blanka. Oder koͤnnten—— Dian. Geben Sie uns Gruͤnde aus der Natur des weiblichen Charakters, oder geben Sie Beiſpiele 38 von Freundinnen, wie wir ſie von Freunden aufweiſen koͤnnen, und vom Heroismus in ih⸗ ren Freundſchaften. Blanka. Als wenn Sie nicht wuͤßten, daß gerade der Heroismus des Charakters in unſern buͤrgerli⸗ chen Lagen und Verhaͤltniſſen dem Manne nur ſelten gut geheißen wird, am Weibe aber fuͤr wirklichen Makel gilt—! Was ſoll uns in un⸗ ſern Schneckenhaͤuſern der Heroismus iegend ei⸗ ner Art? Dian. Nun, ziehen wir hernach von dem Hoͤchſten ab, was Lage und Verhaͤltniſſe als Opfer for⸗ dern! Laſſen Sie mich nur wiſſen, was die Frauen in dieſem Punkte koͤnnten, wenn ſie woll⸗ ten, oder wollten, wenn ſie koͤnnten? Blanka. Nein! was ſie koͤnnten, wenn ſie koͤnnten: das muß bewieſen werden! Dian. Liebe Spoͤtterin: der Sache naͤher! — Blanka. Ich meine, ich war ihr ſehr nahe, guter Dian. Zum Koͤnnen hat die Natur, glaub' ich, beide Halften des Menſchengeſchlechts auf gleiche Weiſe berufen. Zum Nichtkoͤnnen iſt die zweite Haͤlfte im Anfang von der erſtern her⸗ abgebracht, und dabei hat ſie ſich ſeitdem meiſt freiwillig erhalten. Und weil ſie in dieſem Zu⸗ ſtande uͤberall keine großen Zwecke faſſen konnte, und keine große Leidenſchaft in ihrem Boden ge⸗ deihet: ſo richtete ſie ſich aufs Kleine; und ſo entſtanden die kleinen Leidenſchaften in ihr, die Legion heißen, weil ihrer viele ſind. So ent⸗ ſtanden und ſchoſſen empor in dem Boden, wo bei dem Manne der Ehrgeiz waͤchſt, der Drang nach Thaten, die Vaterlandsliebe, die Wißbe⸗ gier, die Freundſchaft, und was ſonſt Großes im Manne ſeyn mag— im Weibe, Eitelkeit, Ge⸗ fallſucht, Eiferſucht auf weiblichen Reiz, Raͤnke, Neugier, Eigenſinn, Rechthaberei, Kleinig⸗ keitsgeiſt, die alle eben keine ſonderlichen Ingre⸗ dienzen zur Freundſchaft ſind.— Dian. Halten Sie inne, Blanka; Sie gehen zu 60 weit! Sie geben mir mehr zu, als ich ver⸗ lange— Blanka. Und doch nicht ſo viel, als Sie noͤthig ha⸗ ben, um zu erweiſen, daß wir zur Freundſchaft von Haus aus unfaͤhig ſind. Wenn ich den Zu⸗ ſtand eingeſtehe, zu dem mein Geſchlecht herab⸗ gekommen iſt: werde ich Ihnen auch zugeben, daß es von Anbeginn alſo war? daß es dabei bleiben muͤſſe? daß es unverbeſſerlich ſei?— Dian. Eine ſchwere Aufgabe, ein ganzes Geſchlecht wieder hinauf zu bringen, zu der Stufe, von der es herab geſunken iſt! Blanka... Ich begehre ſie freilich nicht zu loͤſen. Dian.* Sollen es die Maͤnner? Blanka. Nicht ihr Maͤnner allein. Aber ihr koͤnnt viel dazu. Achtet nur erſt in den trefflichen Wei⸗ bern, die, trotz eurer Herabwuͤrdigung des Ge⸗ — 61 ſchlechts, noch da ſind, das wirklich Achtens⸗ werthe, und es werden ſchon mehrere darnach trachten! Anfangs freilich vielleicht um eurer Achtung willen: aber laßt ſie nur. Wir gewin⸗ nen das Beſſere, ſind wir nur einmal erſt mit ihm befreundet, bald um ſein ſelbſt willen lieb. Preiſet nur nicht unaufhoͤrlich an uns, was ein rauhes Abendluͤftchen zerſtoͤren kann; ſagt uns nicht unaufhoͤrlich Schmeichelworte; laßt uns nicht glauben, daß nur taͤndelnde Puppen aͤchte Weiber ſind, und wir werden wieder etwas an⸗ deres! Dian. Sie ſcheinen ſo wenig zu fordern— Blanka. Und fordere doch vielleicht zu viel; denn da muͤßtet ihr erſt eure Anſicht von unſerm Ge⸗ ſchlechte durchaus aͤndern— Dian. Was wollen Sie aber dazu thun? Blanka. Was wir koͤnnen— das heißt, unſere Toͤch⸗ ter zu etwas Beſſerem machen, als wir ſelbſt 62— ſind. Vor allen Dingen den Kleinigkeitsgeiſt von ihnen entfernt halten; am fernſten aber die weibliche Eiferſucht— denn die iſt es, die alle Freundſchaft unmöglich macht. Schaͤtt Ihr in uns, was wir ſelbſt in uns ausbilden koͤnnen, ſo faͤllt der Neid uͤber Naturgeſchenke von ſelbſt. Wir wiſſen dann, daß wir alle uns eure Ach⸗ tung erwerben koͤnnen, ſobald wir wollen. Und was hindert uns dann noch, uns an die Treff⸗ lichſten anzuſchließen? was treibt uns zum Nei⸗ de? koͤnnen wir nicht eben ſo trefflich, und dieß gerade eben durch dieß Anſchließen werden? Dian. Es gab aber doch gewiß von jeher treffliche Weiber.— Blanka. Und gab auch von jeher Freundinnen— Dian. Aber warum kennen wir ſie nicht, wie man die alten Freunde kennt? Warum weiß man von keinem Verein unter ihnen, wie zwiſchen Herkules und Philoktet, zwiſchen Oreſt und Pylades, Achilles und Patroklus u. ſ. w.? 63 Blanka. Wie unſer ganzes Leben im Schatten der Haͤuslichkeit gelebt wird, ſo bluͤhen auch unſere Freundſchaften in dieſem, euch meiſtens undurch⸗ dringlichen Schatten. Bei Maͤnnern, wo alles oͤffentlich iſt, muß es auch die Freundſchaft wer⸗ den, wenn große Sehlsſa ſie unaufhaltſam treiben. Dian. Und ſo halten Sie auch Ihr Geſchlecht der Opfer faͤhig, die die Freundſchaft fordern kann, und nicht ſelten wirklich fordert? Blanka. Gewiß; denn es giebt Weiber, die den klei⸗ nen, elenden Leidenſchaften unzugaͤnglich ſind, welche gewoͤhnlich die Warzel der Freundſchaft zernagen. Dian. Aber warum kommt von ihren Freundſchaf⸗ ten gar keine Kunde zu uns? Blanka. Wie wolltet ihr es auch erfahren, wenn ein Weib mit großer Seele den heiß und heim⸗ 64— lich Geliebten der ſchwaͤchern Freundin ſchwei⸗ gend und leidend uͤberlaͤßt, die den Verluſt nicht verſchmerzen wuͤrde? Gerade von dem Verber⸗ gen ihrer Leidenſchaft haͤngt ja das Opfer ab: wie kann es offenbar werden? Die Freundin ſelbſt und der Zwiefachgeliebte duͤrfen es ja nicht wiſſen, daß ein Opfer gebracht wird! O es giebt ein Zuruͤcktreten, ein Verhuͤllen ſeines Her⸗ zens, das ihr mit Staunen ehren wuͤrdet, wenn ihr es durchſchauen koͤnntet! Freilich eine unedle Natur kann ein ſolches Opfer nicht bringen: ihr kann es nicht gebracht werden— und nur die koͤnnte es publiziren wollen. Glauben Sie mir, Dian, ich habe wirklich ſehr edle Freundſchaf⸗ ten unter Weibern gefunden, und Treue bis in den Tod. Ich ſelbſt habe eine Freundin, die ich erprobet, von der ich jedes Opfer getroſt fordern duͤrfte. Aber wie ſollten euch dieſe Dinge be⸗ kannt werden? Dian. Ihr Zeugniß iſt mir genug: es widerlegt mich hinlaͤnglich. Nur ein Zweifel bleibt mir noch. — 65 Blanka. Wie es naͤmlich um die Verſchwiegenheit ſtehe, die zur Freundſchaft unnachlaͤßlich ge⸗ hoͤrt—! Iſt es der, Dian? Dian. Ich darf es nicht verhelen: der iſt es. Blanka. Mit dem Kleinigkeitsgeiſt hoͤrt die Neugier auf, uns tyranniſch zu beherrſchen; und mit ihm und ihr verlaͤßt uns auch die Plauderhaftigkeit. Die Beſſern unter uns begehren nicht zu wiſ⸗ ſen, was die Nachbarin treibt: wie koͤnnten ſie es denn auszuplaudern begehren? Ich habe, wie ich vorhin ſagte, eine Freundin, im voll⸗ kommnern Sinne des Worts, die mir lieb iſt, wie meine Seele; aber noch nimmer hat ſie verſucht, mir irgend ein Geheimniß zu ent⸗ locken. Nimmer habe ich ihre Geheimniſſe zu erforſchen geſucht. Wir glauben einander, da wo wir nicht ſchauen koͤnnen. Ein wenig ver⸗ ſchiedenes Alter, aͤhnliche Anſpruͤche, aͤhnliche Neigungen, aͤhnliche Talente, gleiche Grund⸗ äͤtze, aͤhnliche Anſicht und Wuͤrdigung der T. f. F. VIII. 9. 5 66—— Dinge, und beſonders ein gleich ſtarker Hang zur Freundſchaft, zog uns zu einander hin. Wir hoͤrten von einander und liebten uns ungeſehen; wir ſahen uns und liebten uns fort. Wir wurden getrennt vom Schickſal und blie⸗ ben uns nahe. Das Schickſal fuͤhrte uns wieder zuſammen: wir ſchloſſen uns noch enger an einander. Es riß die Freundin noch weiter von meiner Seite hinweg: aber nimmer wird es ihm gelingen, Bande zu zerreißen, die ein⸗ mal unaufloͤslich ſind. Niemand weiß es, als wir beide, auf was fuͤr Proben dieſe Freundſchaft geſtellt wurde. Zum erſten Male erwaͤhne ich ihrer ſo. Und wenn nun Weiber⸗ freundſchaft ihrer Natur nach nichts Oeffentli⸗ ches in ihrem Charakter haben könnte: wolltet ihr deshalb ihr Daſein laͤugnen? Verzeihe, Freundin, daß ich deiner ſo laut gedachte! Im ſtillen Gemuͤth allein ſoll dein Bild, wie ein Heiligenbild, wohnen. 6 . Dian. Bereuen Sie nichts, Blanka. Sie haben einen Unglaͤubigen bekehrt. Helena S. Der Traum des Lebens. Ein Maͤrchen. Es war einmal ein guter Koͤnig und eine gute Koͤnigin, die ihr Lebelang alles nur nach reifli⸗ cher Ueberlegung gethan hatten. Da war denn im Ganzen nicht ſehr viel gethan worden: es hatte ſie aber doch ſo beſchaͤftigt, daß ſie beide ſich erſt ſehr ſpaͤt heiratheten. Beide wuͤnſchten ſich Kinder, aber es kamen keine. Man be⸗ fragte alle Feen und gelobte ſich allen Heiligen: die helfen aber immer nur, wo ſie koͤnnen, und dieſes Mal konnten ſie nicht. Wie das gute Ehepaar ſah, daß alles vergeblich war, nahm es ein kleines, allerliebſtes, jaͤhriges Buͤbchen, das keine Aeltern und einen huͤbſchen, beruͤhm⸗ ten Namen hatte, an Kindesſtatt an. Alexis war kaum gewohnt ſeine Pflegaͤltern Papa und Mama zu nennen, ſo ward die Pflegmama ſchwanger, und es ſtellte ſich zur rechten Zeit, 08— ohne Feen und Heilige, ein niedliches Maͤdchen ein, das Aline genannt wurde. Alexis Lage war nun freilich ein Bischen zweideutig gewor⸗ den: ſeine Pflegaͤltern hatten ihn aber herzlich lieb, und nachdem ſie das Ding reiflich uͤber⸗ legt hatten, ſetzten ſie es unter einander un⸗ widerruflich feſt, daß Alexis und Aline ein Paar werden ſollten. Nichts war natuͤrlicher, leichter, ſicherer, und ſo das Intereſſe ihrer beiden Lieblinge verbunden. Der Entſchluß war kaum beſtimmt, ſo wurden beide liebe Leut⸗ chen krank, und ſahen ſich bald genoͤthigt, ohne viel Ueberlegung, Anſtalt zum Abſchied aus die⸗ ſer Welt zu machen. Es that ihnen ſehr Leid, aber es waren gute liebe Leute, die gegen eine von jeher vorausgeſehene Sache ſich weiter nicht ſtraͤubten. Alexis und Aline zu verlaf⸗ ſen war ihnen das Bitterſte, und ihr Schick⸗ ſal die einzige Sorge. Wie ſich ihnen alſo der Tod nahte, ergriffen ſie den einzigen Weg, 4 auf den ſie trauten: ſie empfahlen das kleine Brautpaar zweien Feen, die von jeher Freunde ihrer Familie waren; ſie banden ihnen ihre eheliche Verbindung, das liebſte Ziel aller ih⸗ 4 69 rer Wuͤnſche, auf das dringendſte ein, und ſchieden dann mit ſo gutem Anſtand von hin⸗ nen, wie es ſich unter ſolchen Umſtaͤnden nur immer denken laͤßt. Das Erſtaunen uͤber die Feen und Zaube⸗ rer hab' ich vorhergeſehen, da meine Geſchich⸗ te bis dahin, und auch vielleicht in Zukunft nichts enthalten wird, das mich in Dſiniſtan, oder an den Ganges, oder irgend wohin ver⸗ ſetzte, wo ich den Vortheil der weiten Entfer⸗ nung haͤtte. Ich kann nicht helfen. Ein ar⸗ mer Erzaͤhler iſt uͤbel daran. Hat er's mit erfahrnen Zuhoͤrern zu thun, ſo finden ſie nichts Neues; ſagt er ihnen etwas, das ſie nicht wiſſen, ſo ſcheint es ihnen unglaublich. Freilich giebt es heut zu Tage keine ſo treu⸗ herzigen Menſchen mehr, die an Feen und Zauberer glaubten; aber warum die Dinge in der Welt noch eben ſo gehen, als in der Zeit, da es noch welche gab, das ſagt uns niemand. Meine Geſchichte beweiſt, daß dieſe uͤberirdi⸗ ſchen Weſen ihre Macht nach wie vor an uns uͤben; wir glauben es nur nicht mehr, oder nen⸗ nen ſie anders. 71 klug. Wer ihr ſo große Macht verliehen, wußte kein Menſch, aber eine Zeit des Lebens war ihr jeder Sterbliche unterthan. Nit Zeitloſe war es anders und wun⸗ derbarer. Jeder, der ſie ſah, glaubte ſie ſonſt ſchon geſehen zu haben; wer etwas Schoͤnes, Ruͤh⸗ rendes beſchreiben wollte, meinte, es ſaͤh' ihr aͤhnlich. Ihre Schoͤnheit war mehr, wie Zau⸗ ber und Jugend, ihr Liebreiz mehr, als der Fruͤhling des Lebens verleiht.— Man hielt ſie oft fuͤr Pſychens Schweſter, und haͤtte ſie oft fuͤr Pſyche ſelbſt, mit Feenwuͤrde bekleidet, gehalten, haͤtte ſie je um Liebe geliebt. Aber ſie liebte nur, weil ſie wohlthat.. Dieſe beiden maͤchtigen Feen folgten des gu⸗ ten Koͤnigs und der guten Königin Ruf, und eilten zu den verwaiſten Kleinen. Ihre erſte Sorge ging dahin, ſich uͤber den Plan zu ver⸗ ſtaͤndigen, der bei der Erziehung ihrer Zoͤglinge zu befolgen ſeyn wuͤrde. Die eine wie die an⸗ dere mochte wol eine gewiſſe Ahnung haben, daß ſie ein bischen ſehr verſchieden uͤber dieſen Ge⸗ genſtand denken wuͤrden. Als wohlgezogene Feen wuͤnſchten ſie aber doch die Verſchieden⸗ 20 Meine beiden guten Eheleute glaubten ſie, kannten ſie, und empfahlen Alexis und Aline den Feen Tauſendſchoͤn und Zeitloſe. Die erſte war die aͤlteſte und maͤchtigſte der bei⸗ den Damen. Ihr ging es, wie dem beruͤhmten Maͤoniden, und aͤrger. Nicht nur ſieben, ſon⸗ dern zehn und hundert Staͤdte und Voͤlker haͤt⸗ ten ſich um ihren Urſprung ſtreiten koͤnnen; aber nicht wie bei dem Saͤnger der ewig wahren Natur, beneidete jedes Zeitalter der Nachwelt den Ort, der ſie gebar, ſondern ſo ſehr jedes jauchzte, ſie zu beſitzen, ſo wenig ruͤhmte man ſich, ſie beſeſſen zu haben. Ihre jungen Schuͤ⸗ ler wurden hingeriſſen von dem Glanz, der ihr Weſen umgab, aber die Zeit veraͤnderte grauſam die Anſicht ihrer Verehrer:— ſie ſchien alt und laͤcherlich denen, die lange un⸗ ter ihrem Schutze gelebt hatten. Sie war maͤchtig und verſprach immer noch mehr, als ſie hielt; aber in die Laͤnge ward ihr Dienſt herzlich laͤſtig. Uebrigens lag ihre fruͤhere Ge⸗ ſchichte im Dunkel. Die Menſchheit des Kind⸗ heitsalters ſchien ſie nicht recht gekannt zu ha⸗ ben. Aus ihrem Anſehen ward indeß niemand 72 heit ihrer Meinung mit Anſtand zu aͤußern, und ſo waͤhrte es denn ziemlich lange, eh der Haupt⸗ punkt beruͤhrt ward. Endlich fuͤhlte Zeitloſe, daß es eine unruͤhmliche Art ſei, ſeinen Gegnern ſo den Vortheil abzulauern; ſie nahm alſo die erſte Gelegenheit wahr, wo ſie ſich mit ihrer Schweſter⸗Fee allein befand, um den kitzlichen Punkt zu beruͤhren. Alexis hatte einen Augen⸗ blick ſein Spiel verlaſſen, und lehnte ſich ver⸗ traulich an ihre Kniee, indeß ſie Aline auf ih⸗ rem Schooß hielt. Der Knabe hatte geweint, daß jetzt die auten Aeltern, wie ſeine Bonne ihm ſagte, nicht mehr mit ihm ſpielen, ihm nicht mehr Zuckerbrot geben ſollten. Zeitloſe ſtrei⸗ chelte beſchwichtigend ſein Lockenhaar, und theil⸗ nehmend wie ein Menſch, wehmuͤthig wie eine Mutter, blickte ſie auf die laͤchelnde Aline. Tau⸗ ſendſchoͤn ſaß an einem Tiſch und uͤberſah eine Karte des kleinen Koͤnigreichs. Nachdem ſie eine redneriſche Stellung angenommen, rief ſie: Ein ſchoͤnes Gebiet! ein rundes Gebiet! Mein Prinz, Sie werden Ihr Volk begluͤcken; Sie werden das Beiſpiel der Fuͤrſten, der Gatten, der Vaͤter ſeyn.— Alexis, der ſchon wieder —3 19 d an ſein Spiel gelaufen war, ließ ſeinen Kreiſel einen Augenblick allein brummen, hielt die Peitſche in der Hand erſtaunt inne, und ſagte mit einem komiſchen Spott: Das hat mir mein Hofmeiſter noch nie geſagt; aber meinetwegen! Ich will froh ſeyn, wenn die andern Jungen von mir lernen wollen. Allons Cameraden! Brummkkreiſel ins Feld! ſchrie er uͤber den Bal⸗ kon den Kindern zu, die vor dem Schloß im Graſe ſpielten, ſchnellte den Kreiſel hinunter, und flog zur Thuͤr hinaus, ihn unten zu empfan⸗ gen. Welch eine ſchoͤne Miſchung in dieſem leb⸗ haften Gemuͤth durch zaͤrtliche Empfindungen entſtehen wird! liſpelte Tauſendſchoͤn, und leg⸗ te die Landkarten zuſammen. Theures Maͤd⸗ chen! lieben Sie Ihren kleinen Ingenuͤ auch recht zaͤrtlich? wendete ſie ſich zu Alinen, die unbefangen mit Zeitloſens Perlenhalsband ſpiel⸗ te— Wenn er mich nicht plagt... antwor⸗ tete das Kind; und auch dann: denn er meint's nicht boͤs— O die holde Weiblichkeit, rief Tauſendſchoͤn aus und heftete einen angeſtrengt gefuͤhlvollen Blick auf Alinen. Gutes Mad⸗ chen, ſagte Zeitloſe leiſe, denke immer ſo! Ale⸗ 74— ris, meine Kleine, meint es nicht boͤs, und wenn er groß iſt, wird er dir's danken, daß du ihm verzeihſt.. Zeitloſe hielt dies fuͤr den rechten Zeitpunkt von Geſchaͤften zu reden, und fing ſanft, wie jemand, der Streit erwartet, die Unterhand⸗ lung an: Aber hier iſt's noͤthig, um den Zweck unſerer guten entſchlafenen Freunde zu erfuͤllen, daß wir ſchnell fuͤr die gluͤckliche Zukunft der holden Kinder ſorgen. Da Tauſendſchoͤn poli⸗ tiſch ſchwieg, fuhr Zeitloſe fort: Und um deſ⸗ ſentwillen, meine Schweſter, iſt die gute Erzie⸗ hung der beiden Kinder unſre naͤchſte Pflicht. Durch ſie wird die Abſicht der zaͤrtlichen Aeltern — wenigſtens vorbereitet. Tauſendſchoͤn ſchwieg noch immer. Wollen wir uns nicht in die Klei⸗ nen theilen? Sie fuͤhren Alexis an Ihren Hof, wo glaͤnzende Thaten, Muth und Kuͤnſte wett⸗ eifernd um Ihren Beifall buhlen— dort bilde er ſich zum Manne: ich nehme Alinen auf meine Inſel— ich hoffe ſie ſo zu erziehen, daß ſie ihrem Schickſal einſtens gewachſen iſt.— Tauſendſchoͤn hatte mit einem halbmitleidi⸗ gen Laͤcheln zugehoͤrt. Nun, und der Plan des koͤniglichen Aelternpaars? fragte ſie in dem Ton, der eine dumme Antwort erwartet.— Ich hoffe, daß ihn die jungen Leute ſtets aus Ehr⸗ furcht gegen ihr Andenken befolgen wuͤrden; aber ſo wie wir ſie bilden wollen— koͤnnen, muͤſſen ſie in zehn Jahren geſtimmt und wuͤr⸗ dig ſeyn, einander zu lieben.— Tauſendſchoͤn lachte beleidigend laut.— Nun wahrlich, in dieſem Plan, meine gute Schweſter, weht die Herbſtluft ihrer Inſel im gemaͤßigten Klima. Sie wollen ein paar zarte Weſen, die Natur und Schickſal fuͤr einander beſtimmt hat, tren⸗ nen! beiden den Sporn zum Schoͤnen, den Genuß der Kindheit, die Bluͤthe des Lebens, eine reine, kindliche, einzige Liebe rauben! ſie ſollen froſtig, als haͤtte ein Alltags⸗Entſchluß uͤber ſie gewaltet, im gehoͤrigen Alter dem Be⸗ fehl ihrer Aeltern gehorchen...! So ging es eine lange Weile fort; Zeitloſe ſtritt mit Feſtigkeit und Guͤte, Tauſendſchoͤn ward uͤber ihrem eigenen Eifer blind, und wie die Gruͤnde ihr fehlten, fuͤhrte ſie ihren Feenrang und ihre Oberherrſchaft an— Jetzt ſagte Zeitloſe mit einer Thraͤne im ſtillen, denkenden Auge: Gut, meine Schweſter, der Obermacht muß ich wei⸗ chen; doch geſtehen Sie mir eine Bedingung zu: wenn die jungen Leute ſich Ihrer Fuͤhrung widerſetzen, ihren eigenen Weg gehen wollen, ſo bleib' es mir uͤberlaſſen, ſie zu Ihrem Wil⸗ len zuruͤckzufuͤhren.— Sie ſind ſehr guͤtig, meine huͤlfreiche Freundin, antwortete Tauſend⸗ ſchoͤn ſpoͤttiſch; dieſe Bedingung kann ich ja wol ohne Gefahr mit meinem Feenwort ver⸗ ſiegeln. Zeitloſe ging zu Alinen und druͤckte ſie mit Innigkeit an ihr Herz;— ſie rief Ale⸗ ris zu ſich, ſah ihm forſchend in das lebhafte Auge, legte die Hand unter ſein uͤppiges, run⸗ des Kinn, und ſagte: werde ein Mann!— Ja, das verſteht ſich! rief er mit einem Luft⸗ ſprung und lief zu ſeinem Spiel zuruͤck. Zeit⸗ loſe ſtieg in ihren Wagen, von zween weißen Schwaͤnen gezogen, und ſchwamm traurig durch die Luft. Nun hatte Fee Tauſenbſchön das Reich allein. Mit unnachahmlicher Thaͤtigkeit arbei⸗ tete ſie den Erziehungsplan fuͤr ihre Zoͤglinge aus. Alles war auf Gefuͤhl und Liebe ge⸗ gruͤndet; keine Pflicht, keine Strafe, nur Er⸗ 77 munterung, nur Lohn. Die beiden Kinder waren unzertrennlich. Der Befehl, der Ali⸗ nens Hofmeiſterin und Alexis Mentor am ern⸗ ſteſten eingeſchaͤrft wurde, war: die holden Geſchoͤpfe von ihrer gegenſeitigen Beſtimmung, von dem Gluͤck einer reinen Liebe, von der Seligkeit der Unſchuld, taͤglich zu unterhalten. Alles was die Kinder umgab, athmete Liebe und Freude; das Schloß ward mit lauter la⸗ chenden Farben ausgemalt, die Gaͤrten in einen Luſtwald verwandelt. Des alten Koͤnigs ſchoͤne viereckige, zackige, ſchneckenfoͤrmige Taxusbaͤu⸗ me mußten Thraͤnenweiden Platz machen; ſeine zierlichen Buchenwaͤnde, Myrthenhecken; ſein ſtattliches Huͤhnerhaus ward in eine Voliere verwandelt, und in ſeinem Marſtall machten alle ehrenveſten Holſteiner kleinen Polackchen Platz, von denen Alexis ohne Lebensgefahr auf den goldnen Sand geworfen werden konnte. Doch auch ernſtere Gedanken hatte Tauſend⸗ ſchoͤn zu erwecken geſucht. Am Ende des Gar⸗ tens, neben einem murmelnden Bach, unter ho⸗ hen Buchen, ſtand eine ernſte Rotunde auf neun ſchwarzmarmornen Saͤulen; um ſie her bluͤhten 7⁸——. Roſen— das Sinnbild der Jugend und Ver⸗ gaͤnglichkeit! In der Mitte ſtand ein Amor von weißem Marmor auf einem Altar von Lazurſtein, und hielt einen eben gehaſchten Schmetterling bei den Fluͤgeln. Tauſendſchoͤn nannte dieſen Platz, den Tempel der ſeelen⸗ vollen Liebe. Wenn ſich Alexis und Aline um ein Butterbrot geſtritten, und die Kleine wei⸗ nend ſich in das Recht des Staͤrkern ergeben hatte, oder wenn der ſelbſtſuͤchtige Knabe, von ihren huͤlfloſen Thraͤnen geruͤhrt, ihr einmal ein kleines Opfer gebracht hatte, ſo fuͤhrte Tauſendſchoͤn die Kinder in dieſen Tempel und ſagte ihnen viele ſchoͤne, gefuͤhlvolle, morali⸗ ſche Dinge, die ſeitdem in unſern Erziehungs⸗ buͤchern noch viel weitlaͤuſiger aus einander ge⸗ ſetzt ſind. Aline hoͤrte ſie verlegen an und verſprach bei der ſchließlichen Aufforderung, ſtets ſo fromm zu ſeyn, alles Gute— Aber dann giebſt du mir auch ſo einen allerliebſten weißen Hampelmann, liebe liebe Tauſendſchoͤn! rief ſie am Ende ſchmeichelnd und zeigte auf den Amor. Das hatte die gefuͤhlvolle Fee nicht bewerkſtelligen wollen; ſie war alſo ein 79 bischen verwirrt, und um abzulenken rief ſie Alexis zu ſich, der ſich indeß geuͤbt hatte, die Stufen des Tempels herabzuſpringen. Ohne herbeizukommen, lief er um den Tempel her⸗ um und ſchrie ihr zu: Hoͤr', Tante Fee, wenn man Gitter um das Ding machen laͤßt, ſo wirds ein praͤchtiges Taubenhaus. Tauſend⸗ ſchoͤn ſeufzte; ihre fuͤr Alexis beſtimmte mora⸗ liſche Ermahnung ward unterdruͤckt, und ſie hoffte von der Zukunft, daß ſie dieſen Natur⸗ menſchen Seele einhauchen ſollte. Die Zukunft betrog ſie auch nicht. Aline und Alexis hoͤrten ſo oft, daß ſie die Liebe fuͤr einander geſchaffen habe; man machte ihnen ein ſo gar bequemes Bild vom Gluͤck ihres Le⸗ bens; alle ihre Tritte und Schritte waren ſo gezirkelt, geleitet und berechnet, daß des Kna⸗ ben wilder Uebermuth, Alinens ſanfte Nach⸗ giebigkeit, bald weichlicher Traͤumerei und ſchwaͤrmeriſcher Empfindung Platz machten. Nun war Tauſendſchoͤn zufrieden! Aline ſaͤete die Kreſſe in ihrem Gaͤrtchen in Geſtalt eines A. Alexis brachte Alinen ein muͤhſelig erobertes Vogelneſt. Sie ſchnitt ihre Kreſſe ab, um ſie Spazen fliegen, weil ſie ihre Sklaverei beweinte. Unter ſo einer gefuͤhlvollen Leitung ſchlichen die Kinderjahre dahin. Aline bluͤhte zart und ſchmaͤchtig, Alexis ſchlank und blondlockig. Jetzt ſah Tauſendſchoͤn ihre Plane reifen. Nun noch ein Jahr, dachte ſie, ſo kroͤnt Hy⸗ men dieſe reinen, kindlichen Herzen! Dann Hand in Hand, mit der Aegide der keuſchen Freuden einer gluͤcklichen Ehe geſchuͤtzt, fuͤhr' ich ſie in die Welt, und nun ſollen ſie die Nenſchen kennen lernen— denn keine Ver⸗ fuͤhrung kann ihnen mehr gefaͤhrlich ſeyn! Und dann, an Geiſt als Mann, von Herzen noch immer ein Kind, kehrt mein Zoͤgling an ſeiner Aline Hand in ſein vaͤterliches Haus zuruͤck! O kalte, pedantiſche Zeitloſe! ſo einen Roſen⸗ pfad hieltſt du fuͤr den Weg zum Verderben? Tauſendſchoͤns Plan war ſo conſequent; die Natur, das Schickſal arbeiteten ihr ſo in die Haͤnde, daß er fruͤher reifte, als ſie es ſelbſt ſich dachte. Alles, was das junge Paar um⸗ gab, ſchien Tauſendſchoͤns Wuͤnſchen zuvorzu⸗ kommen. Alinens Hofmeiſterin und Alexis ihm aufs Butterbrot zu geben; er ließ ſeine 8½ Mentor hatten ſich oft uͤber die Uneinigkeit ihrer Zoͤglinge entzweit: doch ſeit dieſe dem Ruf eines ſuͤßeren Gefuͤhls Gehoͤr gaben, ſchie⸗ nen auch ihre Aufſeher allen Zwieſpalt zu ver⸗ geſſen. Wie die Voͤgel auf den ſchwankenden Zweigen, wie die fleckigen Laͤmmer im Blu⸗ menteppich der Wieſe, folgten auch ſie dem ſuͤßen Ruf der Natur, gingen ihren zarten Un⸗ tergebenen mit zaͤrtlichem Beiſpiel zuvor, und die gute Tauſendſchoͤn wußte nicht ſchnell genug ein laͤndliches Feſt zu veranſtalten, um das Buͤndnis dieſer beiden Herzen, das ploͤtzlich ſehr nothwendig geworden war, zu feiern. Alexis und Aline fanden das Feſt allerliebſt; ſie wichen dem Brautpaar nicht von der Seite, ſahen es mit der ſonderbarſten Neugierde an, und ſich dann, eins das andere, mit naſſen, zaͤrtlichen Augen, und dann wieder das Brautpaar. Die Fee war nicht ſehr aufgeweckt bei dem laͤndli⸗ chen Feſte, doch ſah ſie der Augenſprache der beiden jungen Verliebten mit inniger Freude zu. Gegen das Ende des feierlichen Tages verloren ſich beide in den monderhellten Gaͤrten, beide irrten ſehnſuchtsvoll umher, und trafen uner⸗ J. f. F. VIII. H. 6 82— wartet am Tempel der„ſeelenvollen Liebe“ zu⸗ ſammen— Arm in Arm ſanken ſie auf ſeine Stufen, zaͤrtliche Seufzer und halbe Worte druͤckten den Wunſch aus, an der Stelle der Neuvermaͤhlten zu ſeyn. Der Himmel weiß, wie ſchnell Tauſendſchoͤns Plan gereift waͤre:— eine Taͤuſchung, eine kindiſche Taͤuſchung unter⸗ brach Alinens Trunkenheit. Ihr naſſes Auge fiel unwillkuͤhrlich auf den lazurnen Altar der mondumſtrahlten Rotunde: ploͤtzlich ſchien der Schmetterling der Hand des lieblichen Amors ) zu entſchluͤpfen. Er ſlog in kleinen Kreiſen uͤber Alinens Haar, und Aline glaubte, ein leiſer Seufzer ſteige aus des Liebesgottes marmorner Bruſt. Sanft wehrte Aline ihres jungen Ge⸗ liebten kuͤhne Liebkoſungen ab; er ward unge⸗ ſtuͤner, als eine leiſe Stimme ihm zurief: Werde erſt ein Mann!— Ihn ſchauderte. Die Stimme hatte er ſchon einmal gehoͤrt, aber wo? und ſo tief drang noch keine Stim⸗ me in ſein Herz. Siill folgte er der entflie⸗ henden Aline in die Saͤle des Schloſſes. Von der Zeit an ſah Tauſendſchoͤn ſehr deutlich, daß die ſchoͤne Knoſpe der Liebe bis zur Entwicklung —y— 83 gereift ſei. Zwar wollte ſie den Liebenden durch manche Unterredung, wo ein unbefangener Zu⸗ hoͤrer verlegen geweſen waͤre, ob er die Unſchuld der Fee, oder die des zaͤrtlichen Paares am meiſten bewundern ſollte, die Zeit ihrer ſeligen Erwartungen noch verlaͤngern: aber wer ver⸗ moͤchte den Augenblick des Lebens zu verzoͤgern, wann die ſchaffende Kraft in Thaͤtigkeit aufer⸗ ſteht? Alexis und Aline erkannten den Zweck ihrer gefuͤhlvollen Erziehung und ihre Vereini⸗ gung war ihr einziger Wunſch. Im Grunde verlangte Tauſendſchoͤn ſelbſt darnach, ihrem Werke die Krone aufzuſetzen. Bis dahin hatte ſie eine Gradation in die Empfindung ihrer Zoͤglinge zu bringen gewußt; allmaͤhlig ſah ſie aber nichts vor ſich, als eine gefaͤhrliche Wiederholung der himmliſchen Melo⸗ dieen, wenn gleich mit einigen Variationen; oder die Natur konnte ihrer Feerei den Poſſen ſpielen, die letzte Stufe der Liebe ohne ihre Ausrechnung zu erſteigen, und— welch ein tiefer Sturz waͤr' das fuͤr ein ſo rein empfin⸗ dendes Herz geworden! Die Anſtalten zur Hochzeitfeier wurden ge⸗ 84— macht. Wer koͤnnte ein Feſt beſchreiben, bei dem alle Kunſt der Feerei zu Huͤlfe gerufen ward, um im bluͤhenden Lenze, in der ſchoͤn⸗ ſten Gegend die Liebe zu feiern! Alle Kinder Florens, die dem Tanze der Horen folgend jede Jahrszeit ſchmuͤcken, ſtanden als Schweſtern in einer Stunde geboren, gedraͤngt neben einander. Der Krokus, der vom erſten Stral der Sonne aufſproßt, verſteckte ſein gluͤhendes Haupt an der ſtolzen Narziſſe, die nur von Phoͤbus heiße⸗ rem Stral geboren wird. Die Roſe beſchattete die ſtolze Aſter, und das Veilchen ſtand beſchei⸗ den neben der ſanften Zeitloſe, die leicht und luftig den Fruͤhling begruͤßt, und, das letzte Kind Florens, den ſcheidenden Herbſt noch ver⸗ ſchoͤnert. So laͤchelte alles im Haine, ſo lud jeder Raſenſitz zum Genuß ein; Fruͤchte und Bluͤthen prangten an den Baͤumen, die Voͤgel ſchienen die Zeit der Liebe nur heute mit der Zeit des Gefanges zu vereinen, die ganze Na⸗ tur feierte Hymens und Amors Feſt. Von Wonne uͤberſtroͤmt genoſſen Alexis und Aline nur ſich in all' dieſem Zauber. Der Tag verſtrich, der Abend verſammelte die bluͤhende 85⁵ Jugend des Feſtes auf einen gruͤnen Raſen, wo die Maͤdchen unter zierlichen Taͤnzen Aline'n mit Blumenketten an Alexis feſſelten, und das Gluͤck ihrer reinen, mit ihnen von der Kind⸗ heit zur Jugendbluͤthe aufgeſproßten Liebe ſan⸗ gen. Die Ketten waren von Roſen und Myr⸗ ten geflochten, Roſen und Myrten bildeten den Kranz, den jetzt das ſchoͤnſte Maͤdchen des Reihen Alinen auf das Haupt druͤcken wollte. Doch ploͤtzlich zog ein weißer Schwan in feier⸗ lichem Zug aus dem nahen Roſengebuͤſch her⸗ vor. Er hielt eine Krone von Zeitloſen ge⸗ wunden im Schnabel und ließ ſie im Fluge ſanft auf Alinens blonde Locken herabfallen. Erſtaunt ſahen die Maͤdchen dem enteilenden Vogel nach, als der Kranz, den ſie eben auf Alexis Haupt ſetzen wollten, zerriſſen aus ihrer Hand ſiel— eine leiſe Stimme liſpelte zugleich ihm ins Ohr: Werd' erſt ein Mann! und ein dunkler Schmetterling flog vor ſeiner Stirne vorbei auf einen nahe ſtehenden Lorbeerbaum. Die frohe Jugend war beſtuͤrzt, Aline ging zu Alexis und beide umarmten ſich mit einem Ausdruck, der ſeelenvoller war, als alles, was 36— ie heute empfunden. Fee Tauſendſchoͤn machte ſ ein ſo wunderliches Geſicht, als vernehme ſie mehr in der Spielerei, wie daraus hervorkam; ſie rief die jungen Leute zu einem geiſtreichen Spiel auf, und der raͤthſelhafte Auftritt ward vergeſſeſe Nun begannen die Hanatonnte der Ehe— die gemeinen Menſchen nennen es„Flitterwo⸗ chen“, und haben wenigſtens in der Abkuͤrzung des Zeitmaaßes ziemlich recht. Unſer junges Ehepaar liebte ſich unendlich! man weiß nicht recht warum, denn es blieb alles beym Alten; was höchſtens neues dazu gekommen war, haͤt⸗ te, bei den gefuͤhlvollen Zoͤglingen der ſeelen⸗ vollen Tauſendſchoͤn wenigſtens, nicht ſo viel Unterſchied machen ſollen. Dennoch rechtfer⸗ tigten die Zoͤglinge ihre Freiheit von ſinnlichen ſſen, denn nach wenig Wochen fing ihnen an die Zeit erſchrecklich lang zu werden. Alexis wagte es endlich und drang in die Fee Tau⸗ . ſendſchoͤn, ſie nun in die Welt einzufuͤhren, ihn Erfahrungen ſammeln zu laſſen, um dann als Vater ſeines Volks, als Muſter ſeiner Unter⸗ thanen heimzukehren. Das war ſo groß und klang ſo ſchoͤn, daß Fee Tauſendſchoͤn ihren eignen Widerwillen, das holde Paar aus ſei⸗ nem Kindheitsparadies zu reißen, beinahe uͤber⸗ wunden fuͤhlte. Sie wollte ſchon Reiſegeraͤth⸗ ſchaft, Reiſeperſonal, Reiſejournal zurichten, als Aline hoch erroͤthete und Alexis einen Freu⸗ denſprung that; dann Aline ſich zierlich Tau⸗ ſendſchoͤn an den Buſen warf, und Alexis ihr ſtuͤrmiſch zu Fuͤßen fiel. Kurz und gut, es war geſchehen, wovon das Gegentheil ſehr ſon⸗ derbar geweſen waͤre.— Die Reiſe wurde verſchoben, Aline naͤhte Kinderzeug, Alexis zim⸗ merte eine Wiege von Sandelholz, und ſlocht einen Rollwagen von Bambusrohr, die Fee zog Ziegen auf mit Kandelzucker und Islaͤn⸗ diſchem Moos— denn ſo ſchoͤn das Tableau einer jungen, ihr Kind naͤhrenden Mutter iſt, ſo ſollte doch die zarte Aline das nicht felbſt wagen. Es mußten alſo ausdruͤcklich Ziegen dazu gebildet werden, die Mutterliebe zu er⸗ ſetzen. Einige Zeit lang ging das herrlich! man freute ſich den ganzen Tag auf das Ende des neunten Monats. Aline ward ſo haͤuslich, daß ſie große weiße Schuͤrzen trug, Alexis ſo 38— hausvaͤterlich, daß er ſeiner Frau den Arbeits⸗ korb nachſchleppte. Aber die Freude ließ ſich lange erwarten, Aline konnte nicht mehr mit Alexis herumlaufen, fahren, reiten— er konnte es nicht laͤnger aushalten immer neben ihr zu ſitzen und ihr die Maſchen zaͤhlen zu helfen, oder Garn abzuwickeln: er lief endlich allein ins Holz, auf die Jagd, zum Fiſchfang, und ſehnte ſich nach dem Zeitpunkt, wo er endlich die Welt ſehen ſollte. An einem Morgen ſah ihm Aline ſo aͤngſt⸗ lich nach, wie er davon lief! Was ſiehſt du ſo betruͤbt aus, Aline? fragte er gutherzig— Mir traͤumte, ich ſei mit dir auf einer Wieſe, antwortete das ſanfte Weibchen, und ſuchte Blumen; um uns wuchſen lauter Zeitloſen, ſo ſtill und ſo freundlich— aber wir achteten ſie nicht— Sieh dort fremde Blumen, ſagteſt du, und liefſt auf einen Grund zu; da ſtan⸗ den ſie bunt und praͤchtig, du verlorſt dich in den hohen Blumen, du ſankſt ein in ihnen, ſie wogten uͤber dir.... Alexis, nimm keinen Schaden auf der Jagd!— Sei nicht kindiſch, Weibchen, rief Alexis altklug, und kuͤßte ſie 89 nach Herkommen; in Blumen iſt noch kein Menſch verſunken. Warum kamſt du mir nicht nach? dann haͤtteſt du's geſehen.— Ach Alexis ich... Nun?.. Ich pfluͤckte Zeitloſen, und unter ihnen fand ich ein ſchoͤnes, laͤcheln⸗ des Kind... Sie verbarg erroͤthend ihr Ge⸗ ſicht auf ſeiner Schulter, er druͤckte ſie bewegt an ſein Herz und ging ſinnend von ihr aufs Holz zu. Schon war er lange umher gelaufen, als er ſich muͤde und voll Langweile uͤber das zweck⸗ lofe Herumtreiben auf das Gras warf. Plötz⸗ lich ward es ihm wunderbar warm ums Herz; rund umher in Aeſten toͤnte eine ſanfte, ſehn⸗ ſuchtsvolle, einfache Melodie, die mehr Sinn als Ton hatte— ſie war wie das erſte bit⸗ tende Lallen eines Kindes; rund umher aus dem Graſe hoben Zeitloſen ihre unſchuldigen Koͤpſchen empor und glaͤnzten im Sonnenſchein. Aline, Aline! rief Alexis ahnend und bang, und flog durch den Wald aufs Haus zu, und wie er in ihr Zimmer trat, dufteten ihm Blu⸗ men entgegen, und die Luft ſchien neues Leben zu athmen— und Aline, auf ihr Lager geſtuͤtzt, 9—— reichte ihm mit Freudenthraͤnen ihre neugeborne Tochter entgegen. Tauſendſchoͤn ſtand wol danehen und ſagte ſehr ſchoͤne und paſſende Sachen, aber dieſes⸗ mal war Regel und Auslegung vergeblich und unnoͤthig: die Natur ſprach laut, und Har⸗ monie toͤnte aus dem Herzen der jungen Eltern zuruͤck. Das ging denn auch voruͤber. Alexis er⸗ innerte die Fee an ſeine Ausbildung und ſeine Pflichten; die Fee war von dem Kindergeſchrei ſo muͤde, daß ſie im Ernſt darauf bedacht war, die Erziehung ihres Zöglings nun im Geraͤuſch der Welt zu vollenden. Die Abreiſe ward be⸗ ſtimmt. Aline'n war alles recht; ſie ſpielte nur mit ihrem Kinde, und ſchmuͤckte es mit Blumen, und ließ die Fee beſchließen, was ihr gut daͤuchte. Man reiſte alſo ab und begab ſich in eine beruͤhmte Stadt, wo Alexis an der Hand der Liebe in den Tempel der Wiſſen⸗ ſchaften eingefuͤhrt werden ſollte. In dieſem Ort war wirklich ein großer Tempel, der ſo heilig war, daß er ſelbſt von ſeinen Gegnern 91 verehrt wurde; denn eine unerklaͤrliche Scheu baͤndigte ſelbſt die, welche an keines ſeiner Wunder glaubten. Den Prieſtern des Tem⸗ pels ging es eben ſo. Bei ihrer Weihe ent⸗ ſtand in ihnen ein ſonderbares Gefuͤhl von Zweifel an der Macht ihrer Gottheit, von Haß gegen ihre Mitbruͤder, und die Macht ihrer Gottheit trieb ſie doch taͤglich Wunder zu thun, und haſſend in inniger Verbruͤde⸗ rung zu verharren. Ja, der Zauber war ſo groß, daß ſie ſich einer dem andern ihre Schuͤ⸗ ler entriſſen, daß ſie einer des andern Weihe bezweifelten, und ſelbſt oft nicht begreifen konn⸗ ten, worin denn die Macht ihrer Gottheit be⸗ ſtehe, indeß ſie doch taͤglich ihren Einfluß fuͤhl⸗ ten. Alexis ward als ein Koͤnigsſohn, als Schuͤtzling einer großen Fee, die genaue Freun⸗ din ihrer Gottheit war, mit Auszeichnung empfangen. Der neue Neophite ward die Zierde des Tempels, der Stolz der Prieſter, Aline ward der Gegenſtand der allgemeinen Bewunderung. Die alten Prieſter huldigten ihr, weil ſie neben der Allmacht ihrer Goͤttin noch einer andern erſtgebornen Macht unterthan 2 —2 9 waren, die jeden Lebenden, Prieſter oder nicht, zu den Fuͤßen der Schoͤnheit niederzieht; die juͤngern fanden Gelegenheit, eine Menge ihrer ſchoͤnſten Saͤtze neben Alinens Toilette, neben Alma's Wiege— Alma hieß das Toͤchterchen unſrer nach Wiſſen umherreiſenden Leutchen— auszukramen. Tauſendſchoͤn ſtand entzuͤckt ne⸗ ben dem Tableau; die reitzende Mutter, das bluͤhende Kind, die Lehrer der Weisheit!— Bald fanden ſich auch einige der liebenswuͤr⸗ digſten Schuͤler ein, die von Alinens Anblick und wahrſcheinlich von der Prieſter Weisheit gleich geruͤhrt, ſo eine ſchoͤne Gelegenheit, ſich auszubilden, nicht verſaͤumen wollten. Die Stunden verſtrichen unter ſeelenvollen Geſpraͤ⸗ chen, tiefſinnigen Unterſuchungen, man ver⸗ glich ſich Anfangs mit Aſpaſia und ihrer Toi⸗ lettengeſellſchaft, bald fand man, Sokrates ſei ein Werkeltagsmenſch geweſen, Aſpaſia eine proſaiſche Schweſter, die reine philoſophiſche Poeſie throne allein auf Alinens Sopha— nur die kleine Alma fand ihre Rechnung nicht bei dem erhabenen Zeitvertreib. Die Alltags⸗ natur arbeitete unpoetiſch in ihr fort; ſie ſehrie, — 93 wenn ſie hungerte, ſchnitt ein Geſicht, wenn ihr eine Fliege uͤber die Naſe kroch, und un⸗ terbrach ſogar oͤfters den erhabenen Schwung der Unterhaltung durch ein hoͤchſt gemeines Ge⸗ ſchrei, von dem ſich ſogar eine hoͤhere Bedeut⸗ ſamkeit nicht abmerken ließ. Was war zu thun? man mußte ſie aus dem Zirkel dieſer Weisheitsdurſtigen ausſchließen und ihren nie⸗ dern Trieben uͤberlaſſen. Anfangs ſchlich Aline bei einem Stillſtand der erhabnen Verhand⸗ lungen wol noch hin, wo ſie unter Blumen ſchlief, oder auf dem Raſen ſpielte; Alexis, wenn er aus dem Hoͤrſale der Weisheit, oder aus der Geſellſchaft ihrer Prieſterinnen zuruͤck⸗ kam, fragte noch zuweilen nach dem kleinen Naturmenſchen: bald verdraͤngten ſie aber die erhabene Lehre, die Feſte der Prieſter, die heiligern Zuſammenkuͤnfte mit einzelnen Auser⸗ waͤhlten— Alma blieb ſich ſelbſt uͤberlaſſen, ſie ward wie durch Zauberkraft wunderbar groß, und unabhaͤngig von jeder Pflege floh ſie aus innerm Antrieb den erhabenen Kreis der Geweihten; nur ſelten ging ſie zur Mut⸗ ter und reichte ihr mit tiefem, ernſtem Blick 94— 8 einen kleinen Strauß von Zeitloſen hin. Wel⸗ che dumme, unpoetiſche Blume! rief einſt ein junger Prieſter, der Lieblingslehrer ihrer Mut⸗ ter, der mehr dem beruͤhmten Fechter, als dem fern zielenden Phöbos glich— Alma ſah ihn ſinnend an, und hob eine Tauſendſchön vom Boden auf, die niemand bemerkt hatte— Die iſt fuͤr dich, ſagte ſie ploͤtzlich mit Ge⸗ laͤchter und flog wie ein Vogel zur Thuͤr hin⸗ aus. Aline! das Kind hat Anlagen, es hat Geiſt, rief Tauſendſchoͤn, entzuͤckt uͤber die Schmeichelei, die ſie in des Kindes Rede fand; wir wollen es bilden, wir wollen es an uns ziehen. Aline errothete, der junge Prie⸗ ſter meinte: ſich ſelbſt uͤberlaſſen, bilde ſich die Natur am beſten aus, und Alma blieb unter ihren Blumen und auf ihrem Raſen allein. Nach und nach außerte ſich der geheim⸗ nißvolle Einſiuß der Goͤttin auch auf Alexis und Aline. Sie waren beinahe bis zur letz⸗ ten Weihe vorgedrungen, aber ſchon begannen ſie gegen einander eben ſo viel Streitſucht und Widerwillen zu empfinden, wie die Eingeweih⸗ — 93 ten, ihre Vorbilder. Und das ſonderbarſte war, daß der Hauptgegenſtand des verhaßten Zaubers faſt eben der war, welcher die Prie⸗ ſter unter ſich quaͤlte. Alexis haßte Alinens Schuͤler und Lehrer, Aline verabſchente die ſchoͤnen, zaͤrtlichen, poetiſchen Seelen, aus deren Munde Alexis die Lehren der Meiſter noch erhabener vortragen hoͤrte. Tauſendſchoͤn mußte ſich endlich in dieſen ewigen Streit miſchen. Aber es war als wenn alle Zauber⸗ kraft dieſer ſeelenvollen Fee in der Naͤhe des großen Tempels geſchwaͤcht worden waͤre: Aline und Alexis ſtimmten gleichſam in nichts mehr uͤberein, als, die ſchoͤnen Reden der armen Fee abgeſchmackt zu finden, und die arme Fee ward der Prieſterweisheit, der zu Liebe ſie ihre Zoͤglinge ihrem Kinderparadies entriſſen hatte, endlich ſo muͤde, daß ſie auf Urſachen dachte, ſich und die jungen Leute aus der Galeere zu befreien. Urſachen fanden ſich denn bald. Man weiß ja, wie bald wir armſe⸗ ligen Menſchen Urſachen zu dem finden, was wir gern thun: natuͤrlich kann es einer Fee noch weniger daran fehlen. Tauſendſchoͤn 96— bedachte plötzlich, daß ihre und der Weisheit Zoͤglinge nun an der Theorie ihr Theil erwor⸗ ben haͤtten; daß es Zeit ſei, die hohen Lehren unter verſchiedenen Menſchenklaſſen in Anwen⸗ dung zu bringen. Alexis und Aline fanden ſeit langer Zeit zum erſtenmale, daß Tauſend⸗ ſchoͤn etwas kluges ſage; ſie kuͤndigten ihren poetiſchen Freunden und Freundinnen ſogleich ihre Abreiſe an, die Nachricht brachte nichts wie einige glaͤnzende Feſte hervor, man ſagte ſo viel tiefe, hohe, ſchoͤne Dinge, daß keiner den andern verſtand, jeder aber ſich bewunderte, und ſo ſchied man, ohne Leidweſen, von einander. Die Fortſetzung folgt. Die Geſpraͤchigkeit der Frauen. Die Geſpraͤchigkeit der Frauen iſt tauſendmal belaͤchelt, bewitzelt, auch wol verſpottet wor⸗ den: darf ſie nicht auch einmal vertheidigt wer⸗ den? Man muß ſie mit Grund vertheidigen koͤnnen, denn ſie iſt eine Gabe der Natur, und kann mithin nicht zwecklos ſeyn; ſie iſt einem ganzen Geſchlecht zugetheilt, und muß mithin einen ſehr bedeutenden Zweck haben. Selbſt daraus, daß ſie ein zu dringender Trieb iſt, um ohne anhaltende Bemuͤhung eingeſchraͤnkt zu werden; daß ſie mithin ſo oft, ohne dieſe Be⸗ muͤhung, zum Uebermaß, zur Geſchwaͤtzigkeit, Plauderhaftigkeit wird: ſelbſt daraus ließe ſich Stoff zur Vertheidigung nehmen. So ſpitz⸗ findig will ieh aber nicht werden, ſondern nur bey dem ſtehen bleiben, was ohne Schwie⸗ rigkeit ſogleich geſehen, gehoͤrt und verſtanden J. f. F. VIII. H 7 98 werden kann. Die Nation, in welcher ich geboren bin, iſt eine beſondere Aufforderung fuͤr mich, uͤber Geſpraͤchigkeit zu ſchreiben; und die Nation, in welche ich ſeit Jahren aufgenommen bin, iſt eine beſondere Auffor⸗ derung fuͤr mich, die Geſpraͤchigkeit zu ver⸗ theidigen.*) Wir alle bringen unſre erſten Lebensjahre faſt ausſchließlich unter Frauen hin, und ſo ſoll's auch ſeyn— was keines Erweiſes be⸗ darf. Sie muͤſſen mithin den Anfang machen, erſt unſre Sinne, dann unſern Geiſt zu wecken und ihm Stoff zu Vorſtellungen darzubieten. Jenes wird durch nichts beſſer bewirkt, beſon⸗ ders in Abſicht auf die wichtigſten und am fruͤheſten erwachenden Sinne, als durch das Plaudern der Muͤtter und Waͤrterinnen. Hal⸗ tet dem kleinen Kinde, z. B. eine Blume vor: es greift vielleicht darnach, wirft ſie aber ſo⸗. gleich wieder weg und erkennet ſie nun nicht wieder, viel weniger daß es ſich etwas be⸗ *) Die Verfaſſerin iſt eine geborne Franzoͤſin, und lebt, als Erzieherin, in Deutſchland. 99 ſtimmtes dabei daͤchte. So macht's aber auch — ſelbſt die ungebildetſte Mutter oder Waͤr⸗ terin nicht! Sie ſchwatzt, indem ſie dem Kinde die Blume vorhaͤlt, aus Inſtinkt: Sieh' ein⸗ mal die ſchöne Blume! Wie ſchoͤn roth—! Und wie das riecht! Hepzi! Da, riech' nur! Nicht wahr? u. ſ. w. Nun wird erſt das Kind aufmerkſam und fuͤr die Blume gewon⸗ nen; es ſtrengt Ohren und Augen an, uͤbt ſie folglich; es erkennet nun die Blume, lernt ſie von andern Dingen, in der Folge auch von andern Blumen unterſcheiden, bekoͤmmt mithin eine beſtimmte Vorſtellung mehr in ſeinen Ver⸗ ſtand und ſein Gedaͤchtnis; verſucht auch Blu⸗ me nachzuſprechen, oder merkt wenigſtens das Wort; hat mithin einen Stoff und Reitz, ſprechen zu lernen, und mit und durch das Sprechen macht der kindliche Geiſt Rieſen⸗ ſchritte. 1 „Aber eben dieſe Geſchwaͤtzigkeit ſpringt von Einem zum Andern uͤber“— Das iſt ja jetzt, in der erſten Zeit, eben das Rechte! Lange kann das Kind jetzt noch nicht bei einem Gegenſtande verweilen: es wird ſonſt, 100 bei aller Kunſt des Erziehers, nicht nur zer⸗ ſtreuet, ſondern der Gegenſtand wird ihm zum Ekel und Verdruß. Ueberdies— wer oft von einem Gegenſtande zum andern uͤberſpringt, kömmt auch, ehe man ſichs verſiehet, wieder auf den vorigen zuruͤck; und das iſt wieder das Rechte, denn eine ſolche Erinnerung, eine ſolche Wiederholung ohne den Schein des Wie⸗ derholens, braucht und liebt das Kind. „Aber die Geſchwaͤtzigen plaudern ihm oft auch Dinge vor, die es nicht faſſen kann, die es nicht intereſſiren“— Wol wahr; aber, denkt euch doch das Kind nicht, wie ihr ſelbſt ſeyd! Was fuͤr das Kind nicht iſt, darauf achtet es nicht und es glitſcht ohne Eindruck vom glatten Spiegel ſeiner Seele ab.(Von ſehr kleinen Kindern ſpreche ich.) Doch eini⸗ gen Erfolg behaͤlt es dennoch, und das iſt ein wohlthaͤtiger: es erhaͤlt das Kind wenigſtens munter und lebhaft; das Plaudern, worauf es nicht hoͤrt, dient ihm, wie uns die Tafelmuſik, wenn wir ſpeiſen, die Tanzmuſik, wenn wir tanzen oder ſchwatzen: wir hoͤren mit Bewußtſeyn auf beide nicht, aber wir wer⸗ — 101 den dadurch lebendiger und froͤhlicher. Iſt uns in fruͤher Zeit weniger vorgeplaudert worden, ſo werden wir in ſpaͤter— wo nicht weniger, doch gewiß langſamer und unbeholfener denken. Ich kann wol ohne Beleidigung gegen die Nation, deren Mitbuͤrgerin ich jetzt bin, ſo wie gegen die engliſche und hollaͤndiſche, die mir nicht fremd ſind, in jenem Betracht die⸗ jenige ruͤhmen, unter welcher ich meine Kind⸗ heit verlebte: die Urſach und die Folgen liegen am Tage.— Ich komme auf etwas anders! Wir leben nicht einſam, ſondern in der Geſellſchaft. Mit ihr koͤnnen wir nur aus⸗ kommen, ihr nur angenehm und nuͤtzlich wer⸗ den, von ihr nur Freude und Genuß aller Art haben, wenn wir unſre Gedanken und Empfindungen Andern leicht, gewandt, be⸗ ſtimmt, und, wo moͤglich, angenehm, in Wor⸗ ten mittheilen koͤnnen. Dazu muß der Grund ſchon in den Kinderjahren gelegt werden, und gelingt ſpaͤter die Ausfuͤhrung, ſo haben wir den geſpraͤchigen Weibern, die uns fruͤh um⸗ gaben, nicht wenig davon zu verdanken; die Hauptſache aber, dem oͤftern Umgange in ſpaͤ⸗ 102—— tern Jahren mit gebildeten, und huͤbſch ge— ſpraͤchigen Frauen. Man hoͤre den Gelehrten, der dieſen Umgang verſchmaͤhete, oder ihn(hier ſag' ich ohne Eitelkeit, leider!) nicht benutzen konnte: man„hoͤre ihn— er ſagt vielleicht gruͤndliche, lehrreiche, treffliche Sachen, aber er ſagt ſie auf eine Weiſe, daß ihn kein Menſch verſtehen, kein Menſch ihm folgen kann, mit⸗ hin auch kein Menſch ſie hoͤren mag, als allen⸗ falls ſein gelehrter Mitbruder, der aber ſeiner Belehrungen nicht bedarf und gemeiniglich ſie auch nicht von Andern, ſondern nur von ſich ſelbſt, hoͤren und annehmen will. Und wenn man auch ſo ſpricht, daß Einem der Andere folgen koͤnnte, ſo muß er uns auch folgen wollen; und dazu iſt doch unerlaͤßlich— ſper⸗ ren ſich Manche, die das nicht koͤnnen, wie fie wollen, und thun ſie gegen die, die es verlangen, noch ſo vornehm und herabwuͤrdi⸗ gend— dazu bleibt doch unerlaͤßlich, daß man auch gewandt und angenehm ſpreche. Und das lernet man— gerade aus— nirgends, oder wenigſtens nicht leichter und ſicherer, als bei geſpraͤchigen Frauen. 103 Man laſſe mich aber auch das Wort Ge⸗ ſellſchaft in dem gemeinern Sinne nehmen, in welchem es die alltaͤgliche Rede in Frank⸗ reich und Deutſchland nimmt— z. B. Geſell⸗ ſchaft halten, in Geſellſchaft gehen. Wer kann ganz ohne ſie ſeyn? und wie viele ſind nicht gezwungen,(hier ſag' ich wieder, leider!) ſehr oft an ſolcher Geſellſchaft Theil zu neh⸗ men? Daß da in der Regel nichts von Be⸗ lang beſprochen wird, weiß Jedermann; aber welch eine Pein, wenn nun auch das Unbe⸗ deutende nicht lebhaft, artig, fein vorgebracht wird? Und wer bringt es ſo vor, der es nicht— ſei er Mann oder Weib— von ge⸗ bildeten und geſpraͤchigen Frauen gelernt haͤtte? Welch eine toͤdtliche Langweile in dergleichen Zirkeln, wo es an ſolchen Frauen ganz ſehlt! Da muß man freilich nach den Karten grei⸗ fen!— Und wie oft beklage ich von Herzen, (Andere belachen es) wenn ich ſehe, wie oft ein wuͤrdiger, unterrichteter, auch wol welt⸗ kundiger Mann, in ſolcher Geſellſchaft in pein⸗ licher Verlegenheit iſt, und folglich die, an welche er ſich wendet, wieder verlegen macht, 104— wenn er wol ſprechen will, aber nicht ſprechen kann, weil er fuͤhlt, von hohen Dingen und in hohem Tone iſt hier nicht zu reden, und von andern und in anderm T Tone vermagſt du nicht zu reden! Verliebte ſich doch dieſer nur eines Fingers breit in ein kluges, gebildetes und geſpraͤchiges Weib— denk' ich dann immer; da waͤre es mit ihm und mit uns ganz anders und weit beſſer! Viele von ſol⸗ chen Maͤnnern ziehen ſich dann zuruͤck und ſind ſtumm: aber, lieber Himmel, iſt denn da die Geſellſchaft durch ihre Gegenwart gebeſſert? oder befinden ſie ſelbſt ſich wohl? oder iſts dann ein Wunder, wenn die jungen Herrn, die— das vollkommene Gegentheil von ihnen— nichts wiſſen, aber viel ſprechen koͤnnen, die Uebermacht gewinnen, und wir Weiber auf ihre Laffereien hoͤren, um nur etwas zu hoͤren zu bekommen? Dieſer ganze Aufſatz uͤber Geſpraͤchigkeit iſt ein Beweis von der meinigen: von wem aber dieſe Eigenſchaft einmal bekannt iſt, der nimmt's nicht zu genau, wenn ihm etwas einfaͤllt, das der Rede werth iſt, aber nur halb in den Zu⸗ 7 105 ſammenhang paßt. Ich ſetze deswegen einige dergleichen Bemerkungen her. Ich bemerke in den beſten jetzigen Geſell⸗ ſchaften(nur in Deutſchland) zuweilen Damen, die im Rufe als geiſtreich ſtehen, die wenigſtens offenbar viel geleſen und gelernet haben, und die, ſobald ſie unter andere kommen, ein gewiſſes vornehmes, eiskaltes, zuruͤckſtoßendes Weſen annehmen—(nicht haben: denn beides unterſcheidet ein Weiberauge leicht) und dieß vornehmlich durch ſtrenges Schweigen und kraͤn⸗ kendes Herabſehen auf ihre geſpraͤchigern Schwe⸗ ſtern aͤußern. Eigentlicher Hochmuth iſt es nicht, auch nicht Unzufriedenheit mit der Ge⸗ ſellſchaft uͤberhaupt, vielleicht auch nicht Mangel an Geſchicklichkeit, gut zu ſprechen: was iſt es denn aber? Ich wuͤnſchte wol, es entwik⸗ kelte das Jemand, denn ich weiß nur, daß es unausſtehlich iſt. Ich bemerke in den beſten jetzigen Geſell⸗ ſchaften, in Deutſchland und Frankreich, daß viele Damen oft und gern ihrer Geſpraͤchigkeit dann den Lauf laſſen, wann die Literatur in Er⸗ waͤhnung gezogen wird; aber ganz anders thut 106— das die Franzoͤſin, ganz anders die Deutſche. Ich will nur einige dieſer Verſchiedenheiten an⸗ geben, aber ohne Urtheil, damit ich nicht ver⸗ urtheilt werde— und zwar bald von der Einen, bald von der Andern. In Frankreich ſpre⸗ chen im Ganzen weniger Frauen von Literatur, als in Deutſchland, und nur die, die wirklich einige wiſſenſchaftliche Bildung erhalten haben — was faſt blos bei vornehmen und reichen der Fall iſt: in Deutſchland ſprechen weit mehr Frauen uͤber Literatur, auch ohne vorhergegan⸗ gene wiſſenſchaftliche Bildung, die jedoch hier weit mehrere erhalten, als dort, und die weit mehr dem Mittelſtande und den nicht ſehr rei— chen, nur wohlhabenden Maͤdchen zu gute kömmt.— Die gebildete Franzoͤſin und die gebildete Deutſche vereinigen ſich in den Gegen⸗ ſtaͤnden dieſer ihrer Unterhaltungen im Gan⸗ zen: beide ſprechen immer und immer wieder von den Werken einiger wenigen ſehr vorzuͤg⸗ lichen Schriftſteller, und dann von fluͤchtigern Produkten des Augenblicks; aber im Einzel⸗ nen herrſcht Verſchiedenheit. Die Franzoͤſin ſpricht, wenn man ſie auf das Wenige leitet, 107 was ſie als klaſſiſch von Kindheit an hat ruͤh⸗ men gehoͤrt, und worunter vier Dramen von Corneille, drei von Racine, drei von Voltaire, obenan ſtehen— mit ziemlich genauer Kennt⸗ nis dieſer Werke, kann oft betraͤchtliche Theile derſelben auswendig, gehet uͤber die Oberflaͤche hinunter, zergliedert Charaktere, entwickelt Situa⸗ tionen, und hat die ſchoͤnſten, einzelnen Stel⸗ len, beſonders die ſententioͤſen, immer in Be⸗ reitſchaft: die Deutſche ſpricht, wenn ſie auf das Wenige(ungeleitet) koͤmmt, was ihre eigene Nation achtet und nicht ſelbſt herabwuͤr⸗ diget, mit allgemeinen Lobpreiſungen; wenn ſie etwas anderes erwaͤhnt, faſt immer mit krittelnden und maͤkelnden, oft bittern Verglei⸗ chen, und gehet ſehr ſelten in das Einzelne und etwas tiefer ein, es muͤßte denn eben in ſolcher krittelnden Beziehung ſeyn. Die Franzoͤſin ſpricht, wenn die Rede von Neuig⸗ keiten koͤmmt, vom neueſten Moderoman und dem neueſten Schauſpiel, und zwar kurzweg, munter, leichtfertig und wie vom neueſten Hute; die Deutſche ſpricht, wenn die Rede von Neuig⸗ keiten iſt, ebenfalls vom Moderoman und von 108— den Zeitungen, die auf ſie ſpekulirt ſind, ſpricht oft mit vorgegebner Gleichguͤltigkeit von ihnen, und iſt doch meiſtens nur ihr Echo. Eigentlich nuͤtzliche Werke, ſelbſt uͤber Erziehung u. dergl., lieſet die fluͤchtige Franzoͤſin in der Regel gar nicht, die langſamere Deutſche nicht ſelten—— Doch ich bemerke, daß mich dieß gar zu weit von meiner Bahn verſchlägt, und komme auf eine andere Beobachtung, die mir wieder in den Text hilft. In Frankreich koͤmmt die geſpraͤchige Frau, ohne den Anſtand zu ver⸗ letzen oder ſich ſelbſt etwas zu vergeben, dem gebildeten und geſitteten Manne, dem es an Konverſationston oder Gewandtheit fehlt, ent⸗ gegen, weiß auf feine Weiſe ihn zur Mitthei⸗ lung zu reitzen„ ihm Materie unbemerkt zuzu⸗ ſpielen, traͤgt gern und ohne den geringſten Schein von Beleidigung die Koſten der oft ſchwierigen Einleitung und Wendung eines in⸗ tereſſanten Geſpraͤchs; in England thut das die Dame nicht, ſondern ſie erwartet ruhig, daß der Mann ſich ihr naͤhere, oder auch es bleiben laſſe: thut er's aber, ſo gehet ſie freundlich, ohne Anmaßung und mit aufmerk⸗ 109 ſamer Beſcheidenheit in das ein, was er ihr ſagt; in Deutſchland geſchiehet jenes, im Gan⸗ zen, gar nicht, und dieſes nicht oft. So viel mein Geſchlecht alſo auch hier Bildung und Neigung fuͤr geſellſchaftliche Unterhaltung haben mag, ſo wenig— Bildung oder Nei⸗ gung, ſcheint es fuͤr wahrhaft geſellige Un⸗ terhaltung in der geſellſchaftlichen zu beſitzen— — Doch, bſt! ich wollte ja nicht urtheilen, und ſage deswegen nur, daß jenes Verfahren der Franzoͤſin die Geſpraͤchigkeit im Umgang unge⸗ mein befoͤrdert; das, der Englaͤnderin, ſie wenigſtens nicht hindert; das, der Deutſchen, ſie oft ertoͤdtet- Was ſchreibſt du denn ſo eifrig? ſagte Klara,*) die mich hier uͤberraſchte. Eine Vertheidigung der weiblichen Geſprä⸗ chigkeit. Aber doch nicht der Geſchwaͤtzigkeit? Nein, das nicht! Und hier—! Sie hob mit den zwey *) Vormals der Zögling, jetzt die Freundin der Verfaſſerin. 110 erſten Fingern den neben mir liegenden, ſchon vollgeſchriebenen Bogen langſam in die Hoͤhe. Ich erſchrecke! Wahrhaftig, ich darf nun nicht mehr ausreden, ſondern nur anfuͤhren, daß ich noch davon ſprechen wollte: daß ſchon die im Umgang oft gebrauchte weichere, ſanf⸗ tere Stimme des geſpraͤchigen, aber geſitteten Weibes, nicht ohne Einfluß auf mildere, freund⸗ lichere Geſpraͤche und ſanfte Sitten ſeyn kann; daß ſchon ihr Klang einen Genuß zu geben vermag; daß die, feinen und muntern Frauen eigene Art, ſich in der Geſchwindigkeit(oft verkehrt und poſſierlich) auszudruͤcken, mehr Manterkeit, gute Laune und Witz herbeifuͤhrt; daß, wer viel ſpricht, auch leicht, gut, und ohne Nachtheil der Geſundheit ſingen lernt— und noch gar mancherlei! Aber wirklich, ich muß abbrechen: ſonſt ſagt man, ich ſei eine Schwaͤtzerin, und ſtreite fuͤr meinen eigenen Hausgoͤtzen, wo denn Dinte und Papier rein verloren waͤren!— Adele. 111 Die Frau Pfarrerin. Ich freue mich, ſo oft wir mit dem Fruͤhling aufs Land ziehen, beſonders auch auf die Frau Pfarrerin, und habe dazu meine guten Urſa⸗ chen. Es thut mir ſo wohl, eine einfache, offenherzige, unverſtellte, verſtaͤndige, gute, an⸗ genehme, geſchickte Frau zu genießen, wenn ich den Winter hindurch ſo manche habe tra⸗ gen und wol auch haͤtſcheln muͤſſen, die das nicht iſt, oder wenn ich die, die es ſind, vor dem ſtaͤdtiſchen Treiben und Jagen, nicht habe genießen koͤnnen, und ſie keine Zeit haben, ſich genießen zu laſſen. Ich aͤrgerte mich ſonſt aber auch zuweilen ein wenig uͤber meine Pfarrerin, und vielleicht wurde ſie mir eben dadurch anfaͤnglich nur noch mehr intereſſant. Sie iſt nehmlich faſt im⸗ ——;— 112 mer— immer, munter und guter Dinge, aber nicht bloß aus der guten Laune, die ich, dem Himmel ſei Dank, auch beſitze; ſondern ſie weiß auch meiſtens recht gut, warum? Und eben deswegen haͤlt ihre Freude laͤnger aus, und ſie bekoͤmmt zugleich einen innigen Genuß an tauſend Dingen, die ſonſt gar nicht bemerkt— wenigſtens nicht geſchaͤtzt werden. Damit will mir's nun nicht ſo gelingen, und das aͤrgerte mich eben vormals ein wenig. So hat ſie ſich all' Augenblick' etwas ausgeſonnen, womit ſie ſich ſelbſt und Andern eine Herrlichkeit und wahre Seelenfreude machen kann, und wenn man die Sache beim Lichte beſieht, iſt ſie die kleinſte von allen Kleinigkeiten. Ich ſuch' ihr nun zwar ſo etwas nachzumachen, bring' es auch zu Stande, und im Grunde beſſer— denn ihre Verhaͤltniſſe ſind ſehr beſchraͤnkt: aber es macht doch mir und Andern nicht halb ſo viel Freude und meine Luſt haͤlt auch nicht ſo lange wieder. Ich will's durch Beiſpiele anſchaulich machen. Ich komme zu ihr: Nun geſtern haben Sie unſern Kindern wieder ein rechtes Freuden⸗ feſt bereitet, und am Ende ſich ſelbſt und Ihrem Manne auch— Ei, das wollt' ich meinen! Es war mir auch ſo, da ich mit meinem Beſuch' im Garten war, als hoͤrt' ich aͤltere Stimmen unter dem Jauchzen des kleinen Voͤlk⸗ chens—— Freilich: das waren eben Vater und Mut⸗ ter! Aber wir begingen auch meines kleinen Guſtels Geburtstag und hielten ihm zu Ehren groß Vogelſchießen— Oho, dacht' ich, das kannſt du auch haben, und beſſer! Ich ließ mir das kleine Feſt aus⸗ fuͤhrlich ſchildern; kaufte einen ſteifen, hoͤlzer⸗ nen— deutſchen Reichsadler, ſo ſchoͤn er nur zu kaufen war; lud dieſelbe kleine Geſellſchaft, ſtellte noch mehr Feierlichkeiten an, ſetzte mehr vor u. ſ. w. Nun ja, die Kinder waren froh, aber doch bei weitem nicht, wie bei der Frau Pfarrerin, und wir Aeltern— beſonders ich— wir blieben in unſrer Freude noch mehr zu⸗ ruͤck.—— So ging mir's nun mit Hunderterlei. Die Frau hatte mehrere ſehr ſchoͤne Obſtarten und J. f. F. VIII. H. 8 114 ſeltene Blumen im Garten. Alle Tage ſah' ſie ſorgſam, und doch eilfertig, nach, wie weit ihr Wachsthum vorgeruͤckt ſei, und wenn ſie gut kamen, ſo war das eine Freude!— Wie nun aber erſt beim Einſammlen, Vertheilen und Bewirthſchaften der Fruͤchte—!— Das kannſt du ja auch haben, ſagte ich mir; ſprach mit dem Gaͤrtner: er ſchaffte mir daſſelbe in meinen Garten, und noch Beſſeres dazu. Alles gedieh; ich ging auch, und gukte und gukte. Nun ja, es intereſſirte mich wirklich, aber nicht ſo oft, nicht ſo lange, nicht ſo herzlich. Neulich traf ich ſie, da ſie eben einige freie Stunden hatte und ganz allein war— Mann und Kinder hatten eine kleine Reiſe gemacht. Da thu' ich mir eben eine Guͤte— ſagte ſie, und ihre Augen funkelten vor Ver⸗ gnuͤgen. Und was that meine Pfarrerin? Sie muſterte ihre kleinen Vorraͤthe von Leinwand, von neuem, huͤbſchen Tiſch⸗ und Bettzeug u. dergl. Sehen Sie, fuhr ſie fort; das hab' ich fuͤr mein Jettchen zuruͤckgelegt, und das fuͤr mein Lottchen! Und dabei laͤchelte ſie die Tiſchtuͤcher und Ueberzuͤge ſo freundlich an, 115 als waͤren ſie wenigſtens Jettchen und Lottchen ſelber— die, im Vorbeigehen geſagt, erſt zehn und acht Jahr' alt ſind!— Nun, meint' ich, das willſt du leicht noch huͤbſcher machen! Ich ließ mir dergleichen Zeuge kom⸗ men, und noch weit feinere und huͤbſchere; beſtimmte ſie fuͤr meine Maͤdchen, ließ naͤhen, als warteten die Braͤutigame ſchon; ſelbſt die Namen meiner Toͤchter mußten mit eleganten Einfaſſungen hineingeſtickt werden— Gewiß, es machte mir einigen Spaß— welche nur einigermaßen haͤusliche Frau freuete ſich nicht ſolcher Vorraͤthe!— aber es war gar kein Vergleich zwiſchen meiner und der Pfarrerin Freude.— Sie iſt eine gute Koͤchin— das weiß Je⸗ dermann, der nur einmal bei ihr gegeſſen hat; beſonders thut ſie ſich mit Recht etwas auf ihre Baͤckereien zu Gute. Als ſie neulich ih⸗ ren Hochzeittag, wie ſie alljaͤhrig thut, cele⸗ brirte, wobei wir auch zugegen waren, zeich⸗ nete ſich vornehmlich ein mit Blumen ſchoͤn geſchmuͤckter Kirſchkuchen aus. Ich muß geſte⸗ hen, ich habe kaum jemals dieß Gebaͤck ſo 116 ſchoͤn genoſſen, aber gewiß noch niemals eine ſolche Freude uͤber ſolch ein Produktchen geſe⸗ hen, wie die der Pfarrerin, als wir das alle laut bezeugen mußten. Ich wurde hier faſt gar ein wenig neidiſch, denn ich— die Frau eines ziemlich vornehmen Officiers— hab' es auch zu'was in der edlen Kochkunſt bringen muͤſſen. Da ich vorgeſtern Geſellſchaft hatte, ließ ich den Koch kommen, und ordnete eine Kompoſition zu einem Kirſchkuchen, wie ſeit Menſchengedenken wenige erſchienen ſeyn moͤ⸗ gen. Der Koch lieferte wirklich eine Pracht⸗ ausgabe: man wußte ſie zu ſchaͤtzen, es war mir lieb, aber— ſo recht von Herzen, wie meine Pfarrerin, konnt' ich mich doch nicht freuen. Die jetzige Theuerung hat in unſern Ge⸗ genden die Bettler ſehr vermehrt. Neulich kömmt eine huͤbſche und gewiß nicht unordent⸗ liche Frau eines braven Soldaten, den man ohne Unterſtuͤtzung abgedankt hat, weil er nicht mehr zum Zerſchießen taugt, ſondern ſchon zer⸗ ſchoſſen iſt. Die Frau hatte drei Kinder, die faſt nackend waren. Meine Pfarrerin giebt 117 dem juͤngſten etwas reinliche Waͤſche und einige gebrauchte Kleidungsſtuͤcke von ihrem Auguſt; waͤſcht, badet, ziehet den kleinen Buben an; der ſchreiet unaufhoͤrlich, wie ausgelaſſen: Schoͤn Hemd kriegt! Mutter, ſchoͤn Hemd kriegt! und die Pfarrerin druͤckt ihn nun, da er ganz an⸗ ders als vorher ausſahe, mit Freudenthraͤnen an ſich. Ich ſah' das unbemerkt uͤber meine Gartenmauer. Nun, ſagt die Pfarrerin zu meiner großen Freude der Mutter— nun bring' ich euch zu unſrer gnaͤdgen Frau; die vermag mehr, als ich. Gebt Acht, ſie thut an den beiden aͤlteſten, wie ich am juͤngſten, und thut's gewiß eben ſo gern.— Ich konnte mich nicht enthalten, ihr zuzurufen; veranſtaltete, was ihr Zutrauen verſprochen hatte: die Kinder freueten ſich, wie ihr Bruͤderchen; ich nun wol auch— aber das Entzuͤcken der Pfarrerin empfand ich nicht—— Das machte mich endlich ſehr traurig. Du haſt von Gott nicht den lebendigen, friſchen, frohen Sinn, wie ſie, erhalten, ſagte ich erſt; dem widerſprachen aber andere Erfah⸗ rungen, und nun fiel mir noch ſchwerer aufs 118 Herz: du biſt nicht ſo gut, wie ſie, und darum kannſt du dich nicht ſo innig freuen. Ich ſaß den Nachmittag allein in der Laube und hing dieſen Gedanken nach, woruͤber ich ganz ſchwermuͤthig wurde. Da uͤberraſchte mich meine Pfarrerin. Sie drang theilneh⸗ mend in mich: ich geſtand ihr die Urſache mei⸗ ner Traurigkeit. Nein, ſagte ſie; da thun Sie dem lieben Gott und ſich ſelbſt Unrecht. Meine groͤßere Freude iſt der Segen der Armuth, und Ihre ſchwaͤchere, der Unſegen des Reichthums— wenn man dieſen nehmlich nur nach dem ge⸗ woͤhnlichen Lauf der Dinge benutzt. Ich will Ihnen ſagen, was meine Freude bei alle dem, was Sie mir anfuͤhren,(es war daſſelbe, was ich hier angefuͤhrt habe—) ſo ſehr vermehrt hat. Den Vogel, den die Kinder abſchoſſen, hatte mein Mann ſelbſt zuſammengebauet, und ich hatte mir, weil ich am Tage nicht Zeit hatte und auch die Kinder uͤberraſchen wollte, die Nacht den Schlaf abgebrochen und mir die Augen roth geblinzelt, um die Fahne zu ſticken. Mein ſchoͤnes Obſt, meine herrlichen Blumen 119 hab' ich ſelbſt gepflanzt und gar nicht ohne Nuͤhe gewartet und gepflegt. Meine Linnen hab' ich ſelbſt erbauet, ſelbſt ſpinnen helfen, ſelbſt wirken laſſen, ſelbſt gebleicht, ſelbſt ge⸗ naͤhet. Zu meinem Kuchen hatt' ich die Kir⸗ ſchen ſelbſt gepfluͤckt, ſelbſt die beſten ausge⸗ ſucht— kurz, er war ganz und gar mein Werk. Und was ich heute dem kleinen Solda⸗ ten gab, konnte ich nur kaum entbehren, und muß dafuͤr jetzt um ſo fleißiger ſeyn, die Luͤcke bei meinen Kindern bald auszufuͤllen. Sie abet haben das alles fuͤr Geld kaufen, haben es durch Andere machen laſſen. Selbſt ma⸗ chen, ſelbſt Muͤhe und Fleiß darauf wenden— das iſts, was immer und uͤberall durch die ſchoͤnſte Freude vergolten wird. Damit, glaub' ich, hat eben der himmliſche Vater uns Armen Erſatz geben wollen, fuͤr ſo vieles, was Reiche beſitzen und wir uns verſagen muͤſſen; und auch dem Neide hat er wol damit bei uns vorbeugen wollen. So muͤſſen wir armen Reichen alſo Ver⸗ zicht leiſten.... ſagte ich. Dem gewoͤhnlichen Laufe der Dinge 120 nach:— jat ſiel ſie noch lebhafter ein, und druͤckte geruͤhrt meine Hand. Aber der Menſch kann ja den gewoͤhnlichen Lauf der Dinge ver⸗ beſſern! Verſuchen Sie es nur: machen Sie ſelbſt, und recht mit Fleiß und Sorgfalt, was Sie ſich fuͤr Geld verſchaffen oder von Miethlingen machen ließen; ſetzen Sie ſichs— ich möchte ſagen, als Kaprize, in den Kopf, es auszufuͤhren— denn ſonſt wird das Unge⸗ wohnte und anfangs Beſchwerliche Sie laͤſſig machen und abbringen; und Sie werden ſehen, die Freude folgt Ihnen auf dieſen Wegen uͤberall, und dauert auch aus, denn ſie iſt auf Selbſtzufriedenheit und etwas wirk⸗ lich Verdienſtliches gegruͤndet!—— F. v. W De ————— — — — ““ — 8— 8— “ 5