Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, * „ deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Fünfundſechszigſter Theil. DSo⸗ Stuttgart: Scheible, Rieger« Sattler. 1845. Chipolata. Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. Stuttgart: Scheibhle, Rieger& Jattler. 1845. Das Parterre eines Theaters. Nehmet das euch angenehmſte Theater an, aber ja keines, in das auch Frauen Zutritt haben; denn ein ſolches wird euch nicht zuſagen. Franz IJ. ſagte zwar:„Ein Abend ohne Frauen gleicht einem Früh⸗ ling ohne Roſen!“ Aber in Wahrheit, dieſe Roſen ſind im Parterre eines Theaters ſehr übel ange⸗ bracht, und außerdem, wenn alle Frauen Blumen ſind, wie ich gerne glaube, ſo ſind es doch nicht immer die friſcheſten und lieblichſten, die, um das Schau⸗ ſpiel zu ſehen, im Parterre Platz nehmen. Wir ſind alſo in einem Männer⸗Parterre. Wir wollen es zu Anfang des Schauſpiels be⸗ trachten, ehe es noch ganz voll iſt. Uebrigens haben wir Parterre, die es nie ſind, ſelbſt dann nicht, wenn das Spiel bereits begonnen hat; andere gibt es, die nur an den Tagen einer erſten Aufführung gut beſetzt ſind. An dieſen Tagen ſind ſie, gleichſam als ob ſie ſich für ihre gewöhnliche Einſamkeit entſchädigen wollten, vollgeſtopft, wie ein Omnibus an einem Regentage; es ſitzen mehr Leute darin, als hineingehen, oder wenigſtens hineingehören. 6 Doch hat es das Gute, daß die, welche mitten im Haufen ſind, nicht nöthig haben, ſich zu ſchneuzen, oder nach ihrer Tabakstoſe zu langen; das iſt ihnen unmöglich gemacht, außer ſie wären nordiſche Her⸗ kuleſſe oder Alcides von... nun, woher iſt gleich⸗ gültig, und könnten mit Eiſenarmen die Bewegungen ihrer Nachbarn bändigen und zwingen. Wenn ihr einmal in einem Parterre ſeid, wo die Menge groß iſt, die Thüren verſperrt und alle Aus⸗ gänge vollkommen zugepfropft ſind, ſo müßt ihr euch entſchließen, es nicht mehr zu verlaſſen und wenn ihr den größten Drang dazu verſpüren ſolltet. Wenn ihr indeſſen dem Verlangen, friſche Luft zu ſchöpfen, nicht widerſtehen könnt, dann müßt ihr, um wieder an euren Platz oder in dieſes ſchöne Par⸗ terre, den Aufenthaltsort der Auserwählten und der Römer, zu kommen, gewärtig ſein, eine Boxerparthie mit den an der Thüre eingeklemmten Perſonen auf⸗ zunehmen. Das iſt ſelten angenehm, namentlich nicht, wenn ihr nicht eine gewiſſe Stärke in dieſem Spiele habt. Nun, zum wenigſten wird es euch einige Rippen⸗ Kööße koſten. Desaugier würde euch geſagt haben:„Um eine Veſtalin lohnt ſich das ſchon der Mühe.“ Allein das Stück, das man ſpielt, lohnt ſich viel⸗ leicht dieſer Mühe nicht. Was thut's, ihr habt euch ge⸗ balgt, habt faſt geſiegt, doch ihr habt euch zwiſchen mehrere Perſonen eingedrängt, die nicht weichen woll⸗ ten. Und nun, um ſich ſo ſchnell als möglich Eurer 7 zu entledigen, hilft man euch, daß ihr hineinkommt: das heißt ſo viel, als man ſtößt euch nach Vorn; ihr fallt auf mehrere Köpfe, die ihr als Stützpunkte ge⸗ brauchtet, um wieder auf euren Sitz zu kommen. Während ihr ſo einige Zeit lang auf den leben⸗ digen Fluten geſchwommen ſeid, die gar keine große Freude haben, euch zu tragen, ſeid ihr endlich wieder auf eurem Platze, den während eurer Abweſenheit ein Anderer eingenommen hat. Ihr erkennt indeſſen einen Nachbar und ſagt: „Ich war da!“ Der Eindringling, der euren Platz eingenommen hat, gibt keine Antwort und thut, als ſuche er Je⸗ manden auf der Galerie mit dem Glaſe. Ihr werdet ungeduldig, ſtoßt den Herrn und wie⸗ derholt:„Ich war da!“ Da wendet er ſich um und ſagt:„Was beweist mir, daß das Ihr Platz war? Haben Sie einen Hand⸗ ſchuh zurückgelaſſen... Ihr Sacktuch?“ „Ich habe nichts liegen laſſen, weil man nicht immer wieder findet, was man in einem Parterre liegen läßt; aber dieſer Herr da wird Ihnen ſagen, daß ich neben ihm ſaß.“ 1 Derjenige, den man zum Zeugen aufruft, iſt einer jener Menſchen, die immer fürchten, ſich zu compro⸗ mittiren, wenn ſie für Jemanden Partei nehmen. Er reibt ſich an der Naſe und erwiedert:„Ach! Sie waren da? Wahrlich, es iſt möglich. Aber wenn es ſo voll iſt, ſo kann man nicht Jedermann ſehen, der neben Einem ſitzt!“ d 8 Das ſtellt euch nicht zufrieden; ihr ſtoßt den Uſur⸗ pator zurück und ruft:„Ich will meinen Platz haben!“ Der Uſurpator weicht nicht. Im Allgemeinen kann man ſagen, daß die Leute, welche ſich an den Platz eines Andern ſetzen, nicht gewohnt ſind, ihm dieſen wiederzugeben; ehe ſie ſich einer ſo dreiſten Handlung ſchuldig gemacht haben, haben ſie alle Folgen, alle Gefahren derſelben überdacht und ſich entſchloſſen, denſelben zu trotzen; ſie erinnern ſich, daß der Erfolg Alles rechtfertigt: ein Grundſatz, der nicht neu, aber troſtlos für die iſt, die verdrängt ſind.— Die Herren werden warm; es fallen ſpitzige Worte, der Streit droht ernſthaft zu werden; ſchon hört man Redensarten wie folgende:„Ich bin Franzoſe!... Sie ſind Franzoſe!.. Das kann nicht ſo gehen.“ Aber die Nachbarn, die lieber das neue Stück als einen Streit anhören, rücken etwas zuſammen, ſo daß die beiden Herren ſich ſetzen können; nun, da Jeder einen Platz hat, iſt auch die Urfache des Streites weggefallen. Man beruhigt ſich, wird kalt, und dieſer kleine Zwiſchenfall iſt ſehr ſchnell vergeſſen, um ſo mehr, als er im Parterre eines Theaters ſehr häufig vor⸗ kommt. Es gibt einige Parterre, die immer voll ſind, ſelbſt wenn kein neues Stück geſpielt wird; dieſe ſind die glücklichen des Jahrhunderts, und im Allgemeinen bemerkt man, daß ſie nicht die ſchlechteſten ſind. 9 Warum? das ſcheint mir ziemlich leicht erklärlich. Die Theater, wo immer viele Leute ſind, müſſen nothwendig die ſein, wo man ſich am beſten unter⸗ hält. Nun, kann man denn ſchlecht ſein, wenn man glücklich iſt? Und iſt man nicht glücklich, wenn man ſich gut unterhält? Abermals ein Grundſatz, der nicht neu, aber doch köſtlich iſt. Es iſt ein ſonderbares Ding um das Parterre eines Theaters! Für den, der beobachten, hören könnte .. welche Studien! wie viele Typus ſind da verbor⸗ gen, die beſcheiden unter der Menge ſitzen! wie viele geiſtreiche, originelle Leute, Eſel und Nullen! Und könnte man in den Köpfen aller dieſer jungen, alten, reichen, armen, traurigen, fröhlichen, unglücklichen, zufriedenen, ehrlichen, intriganten Leute leſen, welche der Zufall hier verſammelt hat, wie würde man nicht manchmal erſtaunen, zwei Perſonen neben ein⸗ ander ſitzen zu ſehen, die ſo wenig geſchaffen ſind, um beiſammen zu ſein. Aber der Zufall, der euch neben Jemanden ge⸗ führt hat, mit dem ihr im Laufe des Abends einige Worte gewechſelt habt, kommt vielleicht niemals wieder. Ihr werdet nie mehr jener Perſon begegnen, mit der ihr einige Stunden lang geplaudert habt und deren Bemerkungen und treffende Reflexionen euch die Länge der Zwiſchenakte haben vergeſſen laſſen. Ihr bedauert, daß ihr nicht wißt, wer der Herr iſt; ihr wäret froh, wenn ihr ihn wieder irgendwo träfet. Aber umſonſt. Ihr geht faſt alle Abend in's 10 Schauſpiel, der Herr geht ſeinerſeits eben ſo oft dahin und doch trefft ihr euch nie mehr. Dagegen könnt ihr in kein Theater kommen, ohne daß ein langweiliger, widerwärtiger, durch ſein Ge⸗ pappel unausſtehlicher Menſch, der unglücklicher Weiſe einmal euer Nachbar wurde, ſich neben euch ſetzt. Das iſt ebenfalls der Zufall, der dieſes thut, aber 4 er iſt uns nicht immer günſtig. Ihr meint vielleicht, derſelbe Grund habe alle die Leute, die ihr im Parterre verſammelt ſeht, in dieſen Saal geführt: ſie ſeien gekommen, weil das ange⸗ zeigte Schauſpiel ihnen einen vergnügten Abend ver⸗ ſpreche? Kommt zur Einſicht. Wie viele ſind unter den Perſonen, die eigentlich wegen der Stücke, die man aufführt, anweſend ſind? Die meiſten kamen aus ganz andern Gründen hier⸗ her! So z. B. jener Herr, den ihr dort hinten in der Ecke erblicket, hatte eine Zuſammenkunft mit einem Freunde ausgemacht, um von Anlegung einiger Capi⸗ talien zu ſprechen; es iſt für ihn eine wichtige Sache, aber ſein Freund kam nicht. Nachdem er lange Zeit vergeblich gewartet hatte, hat er in dieſem Vier⸗ tel zu Mittag geſpeist, weil es zu ſpät war, nach Hauſe zu gehen, dann iſt er, da er neben dem Thea⸗ ter war, eingetreten, um ſich zu zerſtreuen, ohne nur zu wiſſen, was aufgeführt wird. Aber anſtatt dem Stück zuzuhören, denkt er im⸗ mer an ſein Geſchäft, an die Anlegung ſeiner Capi⸗ talien, und ich glaube, daß er nach dem Schauſpiel 1 11. ſehr in Verlegenheit käme, wenn er ſagen ſollte, was man gegeben hat. Jener Andere hat mit einem Freunde bei einem Gaſtwirthe geſpeist; die Herren ſind heiter geworden und haben dann geſagt:„Komm', wir gehen in's Schauſpiel!“ Während man ſpielt, plaudern ſie unaufhörlich, lachen, huſten, nießen; es iſt ihnen zu heiß, ſie ſind keine Minute ruhig und gewiß nicht im Stande, das Stück zu beurtheilen, aber von Zeit zu Zeit rufen ſie:„Mein Gott, wie ſchlecht!“ Fragt ſie nachher, was ſie geſehen haben, was man geſpielt hat, und ſie werden in derſelben Verlegenheit ſein wie jener ge⸗ dankenvolle Herr.* Dort ſteht ein Zuſchauer, der ſehr aufmerkſam ſcheint und ausſieht, als verliere er kein Wort von dem Stücke. Es iſt ein Mann von etwa dreißig Jahren, ſehr gut gekleidet, ziemlich hübſch, aber ſein Geſicht iſt ernſt, ja ſogar ſtreng. Ihr meint, dieſer werde im Stande ſein, Abends eine vernünftige Critik über das Stück zu geben, das man aufführt! Ihr täuſcht euch. 3 Der Herr iſt verheirathet; er hat eine Frau, die hübſch und kokett iſt. Es i*ſt ſehr ſelten, daß ſich das Eine ohne das Andere findet, aber wir ſehen auch häßliche Frauen, die kokett ſind. Der Herr iſt eiferſüchtig, das iſt ein Unglück; mehr als ein Unglück es iſt eine Krankheit; es iſt mehr als eine Krankheit: es iſt eine Schwäche. ₰ 1² Wenn man eiferſüchtig iſt, ſo iſt man unglück⸗ lich und ſchwach und manchmal auch noch etwas Anderes. Der eiferſüchtige Gemahl iſt bälder als gewöhn⸗ lich nach Hauſe gekommen: das iſt ein Fehler. Wenn man verheirathet iſt, muß man ſeine Gewohnheiten nicht ändern; die Damen lieben das ſehr. Der Herr iſt alſo zu bald nach Hauſe gekommen: er hat einen ſeiner Freunde bei ſeiner Frau getroffen, der ſeit einiger Zeit außerordentlich viel Freundſchaſt für ihn hat, aber doch Mittel findet, ihn nur dann zu beſuchen, wenn er abweſend iſt. Bei ſeiner Ankunft hat der Freund etwas verle⸗ gen ausgeſehen, die Frau geräth in Beſtürzung und ganz nahe bei einem Sopha ſtand ein Seſſel. Der Herr hat nichts merken laſſen, aber er hat Verdacht; er hat nichts zu ſeiner Frau geſagt, aber ein ſehr ausdrucksvolles, mißmuthiges Geſicht gemacht. End⸗ lich iſt er des Abends, verfolgt von jenen unglück⸗ lichen Gedanken, die immer in dem Kopf eines Eifer⸗ ſüchtigen niſten, von Hauſe fort. Er iſt in's Schau⸗ ſpiel gegangen, in der Hoffnung, ſeine Schmerzen zu vergeſſen. Ihr meint, er höre aufmerkſam dem Stücke zu und er verſteht kein Wort von dem, was die Schau⸗ ſpieler ſprechen; er denkt unaufhörlich an den Seſſel⸗ der ſo nahe bei dem Sopha ſtand. Dann ſagt er bei ſich:„Gewiß quäle ich mich unnöthig; meine Frau hat wohl das Recht, ſich auf einen Sopha zu ſetzen und mein Freund neben Sie auf 13 einen Seſſel, das iſt immerhin beſſer, als wenn Beide auf dem Sopha geſeſſen wären; und dann iſt meine Frau unfähig... ich habe Unrecht.“ Armer Mann! und in den Stücken, die man gegeben hat, hörte er nur:„Frau, Mann, Lieb⸗ haber!“ Dieſe Worte ſchlagen ihm unaufhörlich an die Ohren. Jener junge Mann, der in einem fort die Naſe in die Höhe ſtreckt und im Saale herumſieht, ſtatt auf die Bühne zu ſehen, ſucht eine Dame, die ihm Hoffnung machte, daß ſie im Schauſpiel ſein werde. Er ſucht ſie überall, ſeine Augen ſind durch alle Lo⸗ gen, über alle Reihen der Galerien hingeſchweift, aber er ſieht ſie nirgends! Der arme junge Mann iſt troſtlos; um dieſe Dame zu ſehen, iſt er in dieſes Theater gekommenz was kümmern ihn die Stücke, der Geiſt des Verfaſſers und das Talent der Schau⸗ ſpieler; er iſt verliebt! Während man ſpielt, fragt er ſich, welches Hin⸗ derniß die Dame abhalten konnte, ihr Verſprechen zu halten, und in den heiterſten Momenten des Stücks ſtößt er tiefe Seufzer aus. Etwas entfernter iſt ebenfalls ein verliebter jun⸗ ger Mann; aber er iſt es in eine Schauſpielerin auf dieſem Theater, die in dem Stücke, das gegeben wird, ſpielt, und ſich in dieſem Augenblick auf der Bühne befindet. Aber, ſeht auch, welches Feuer in den Blicken dieſes Herrn ſtrahlt, wie er ſich auf ſeinem Platze Paul de Kock. LXV. 2 14 bewegt; man könnte meinen, er wolle auf die Bühne ſpringen. Er lacht und ſchwatzt mit ſich ſelbſt; dann blickt er manchmal um ſich, wie wenn er Geſichter ſuchen wollte, die ſeinen Enthuſiasmus theilen, wen⸗ det ſich an Jedermann und ruft aus:„Wie gut ge⸗ ſpielt!... Wie ſie das geſagt hat! Sie iſt herrlich... hinreißend... die beſte Schauſpielerin von Paris!“ Wenn er dann nur wenige Leute trifft, die ſeine Meinung theilen, ſo bemüht er ſich, ſeine Bewun⸗ derung zu concentriren, und ſo lange die Schauſpie⸗ lerin auf der Bühne iſt, verliert er ſie nicht aus dem Auge. Aber kaum iſt ſie hinter der Couliſſe verſchwunden, ſo wendet er ſich auf's Neue an ſeinen Nachbar und ſagt:„Man hat ihr Engagement auf drei Jahre verlängert, ſie wäre ſonſt nach Bordeaux gegan⸗ gen.“ Der Nachbar zuckt mit den Achſeln und begnügt ſich, zwiſchen den Zähnen zu murmeln:„Was will ich davon? Mag ſie immerhin nach Bordeaux gehen, das ſicht mich nicht an.“ Etwas entfernter noch bemerken wir einen Herrn in mittleren Jahren, der mit wahrhaft lächerlicher Prätenſion gekleidet iſt: er hat einen Rieſen⸗Camee an ſeiner Halsbinde ſtecken, eine merkwürdige Pe⸗ rücke auf dem Kopfe, zeiſiggrüne Handſchuhe an und ein Geſicht, welches vollkommen zu denſelben paßt. Er gibt ſich Mühe, immer gegen das Orcheſter zu ſitzen; in jedem Zwiſchenakte lehnt er ſich auf die Brüſtung, dreht der Bühne den Rücken zu, belorgnet⸗ 15 tirt alle Damen, winkt ihnen mit den Augen, erlaubt ſich ſogar zuweilen ein übereinſtimmendes Lächeln, und während dieſen für die Zuſchauer ſehr unterhaltenden Vorgängen macht er ganz laut ſeine Bemerkungen: „Jene Braune dort unten wäre gar nicht übel, wenn ſie Zähne hätte, aber Schade, daß ihr dieſe fehlen. Lachen Sie nicht, Madame, ich bitte Sie, damit man nicht ſieht, daß Sie keine Zähne haben. „Ach! jene kleine Blondine auf der Galerie dort läßt ihre Schultern recht ſehen; ſie meint wohl, ſie ſeien ſchön! Man könnte einen oſteologiſchen Curfus darüber leſen. Ich ziehe etwas Anderes vor. „Wie, ſehen wir einmal in jene Loge. Eine kleine Haube, die ziemlich pikant iſt.. aber nur die Haube; was den Kopf anbelangt, der darin ſteckt... hml... ſo glaube ich, hat er geſcheidt daran gethan, daß er ſich in den Schatten ſetzt!“ Und dieſer Herr, der dem Anſchein nach ſo ſtreng iſt, hat die Taſche voll kleiner Liebesbriefe, einer Art von Circular, das er beim Hinausgehen aus dem Schauſpiel allen den Frauen, die er eben eritiſirte, zuſteckt, in der Hoffnung, daß bei der Menge wenig⸗ ſtens eine ſeiner Erklärungen eine Antwort erhalten werde. Nun, in dieſer Abſicht geht unſer Herr in's Schau⸗ ſpiel. Er will durchaus ein Mann ſein, der Glück macht; er glaubt, ſeine Mittel erlauben es ihm. Aber da kommt eine neue Perſon in's Parterre: es iſt ein Vierziger, der älter ausſieht als er iſt, was er ſeinem Schafsgeſicht, das von zwei großen, 46 ganz runden Augen beherrſcht iſt, die einen ſehr aus⸗ geſprochenen Ausdruck von Demuth haben, und ſeinen faſt wolligten Haaren verdankt, die beinahe bis zu den Augenbrauen herabgehen; denkt euch dazu noch eine Geiernaſe, ein Halstuch, das ihn zu erdroſſeln ſcheint, und einen Kragen, der bis in die mittlere Höhe der Ohren reicht, und ihr habt einen Begriff von dieſem Herrn. Er ſteigt über eine Bank, dann über eine andere, ſieht ſehr verlegen aus, einen Platz zu finden und doch gibt es überall. Endlich ſetzt er ſich, aber vor ihm iſt ein ſehr großer Mann, der ihn genirt; er ſteht wieder auf und ſetzt ſich wo anders nieder. Da bemerkt er, daß das Obertheil des Contrebaſſes gerade gegenüber von ihm iſt und er verändert abermals den Platz. Endlich hat er einen, der ihm anſteht. Er lacht, ſteht ſeine Nachbarn an, nimmt ſeinen Hut ab, langt ſein Sacktuch heraus, ſetzt ſeinen Hut wieder auf, ſchneuzt ſich, nimmt ſeine Doſe und ſieht ſich noch einmal um. Er hat große Luſt, eine Unterhaltung mit Jemand anzufangen und entſcheidet ſich für ſei⸗ nen Nachbar zur Linken, einen jungen Mann von höchſtens zwanzig Jahren; er bietet ihm ſeine Doſe mit ängſtlicher Miene und den Worten an:„Neh⸗ men Sie welchen?“ Der junge Mann ſieht ihn ſpöttiſch an, fängt an zu lachen und entgegnet:„Freilich! ſehr oft.. Rauch⸗ tabak indeſſen. Man raucht zwar nicht in den Thea⸗ tern, aber das wird noch kommen. es muß noch 17 kommen.. denn das Jahrhundert des Lichts ver⸗ langt das!... Ach! welches Vergnügen, wenn man ein Stück rauchend anſehen kann, wenn man wohl⸗ riechenden Rauch einathmet, während man eine hüb⸗ ſche Schauſpielerin lorgnettirt!... Dann erſt wird man ſich in dem Theater gut unterhalten und ſie werden immer voll ſein.“ „Sie werden voll Rauch ſein, das iſt richtig. Aber die Damen... glauben Sie, daß ſie ſich an den Ta⸗ baksrauch gewöhnen werden?“ „O, gewiß! und überdieß werden ſie auch rauchen.“ „O, dann!.. das iſt ein Anderes. Mein Herr, hat das Stück, das man ſpielen wird, ſchon ange⸗ fangen?“ Der junge Mann betrachtet ſeinen Nebenſitzenden mit höhniſcher Miene und ſagt:„Wenn man noch nicht ſpielt, ſo denke ich, daß es noch nicht angefangen hat.“ „Drum haben wir viel davon ſprechen gehört... meine Frau und ich, und da meine Frau viel Geiſt hat, ſo kann ſie die ſchlechten Stücke nicht leiden; dann ſchickt ſie mich, ſie zuerſt zu ſehen, damit ich meine Anſchauung bilde. Sie hat zu mir geſagt: geh' und ſieh' dieſe Komödie an, Du wirſt Dir eine An⸗ ſchauung davon machen und ſie mir dann bringen.“ „Die Komödie?“ „Nein, meine Anſchauung. Kennen Sie ſie?“ „Ihre Anſchauung?“ „Nein, die Komödie.“ 18 Der junge Mann fängt an zu lachen und mur⸗ melt:„Ach! ich will nur ſehen, ob das nicht aufhört?“ Dann ſteht er auf und wendet dem Herrn den Rücken zu, der bei ſich ſagt:„Offenbar hat er das Stück auch noch nicht geſehen da kann er mir auch ſeine Meinung nicht ſagen.“ Man läutet drei Mal, das Orcheſter ſpielt die Ouvertüre, der Vorhang geht auf und das Stück fängt an. Der Herr hört mit der größten Aufmerkſamkeit zu und reißt ſeine großen Augen auf, wie wenn er dann beſſer verſtehen würde. Mitten im Akte wendet er ſich an einen großen Herrn, der ihm zur Rechten iſt und ſagt:„Finden Sie Bewegung darin?... Drum hat mich meine Frau hergeſchickt, um eine Anſchauung von dem Stück zu bekommen... und wenn die Schauſpieler türkiſche Kleider tragen, ſo meine ich, ſei es noch viel ſchwerer zu begreifen.. und Sie?“ „Ahl zum Henker, mein Herr, halten Sie Ihr Maul und laſſen Sie mich zuhören!“ entgegnet der große Herr mit einer Bewegung der Ungeduld. Unſer Mann wagt nichts mehr zu ſagen; er hört nun ſtillſchweigend zu und begnügt ſich, in ſeiner Ta⸗ baksdoſe zu ſtüren, wo er vielleicht eine Anſchauung ſucht. Nach dem erſten Akte will er abermals mit dem jungen Mann zu ſeiner Linken ſprechen, aber dieſer dreht ihm lachend den Rücken zu, ſobald er ein Wort an ihn richtet. — 19 Nun wendet er ſich an einen kleinen, magern, trockenen, gelben Herrn mit einer blauen Brille, der vor ihm ſteht. Er bietet ihm ſeine Doſe an: dieſes Mal wird ſein Anerbieten angenommen. Der Mann mit der Brille drückt ſeine Finger hinein, fährt nach der Naſe, ſchnupft, räuſpert ſich, huſtet und beißt mit den Zähnen auf Etwas, das di tanti palpiti zu ſein ſcheint, und während deſſen hat unſer Herr Zeit gefunden, ihm zu ſagen:„Sind Sie zufrieden mit dem Akte, den man aufgeführt hat?... Drum möchte ich mir gerne eine Anſchau⸗ ung machen... weil meine Frau mich darnach fragt, wenn ich nach Hauſe komme.“ Der Herr mit der Brille gibt ſich ein wichtiges Anſehen und entgegnet:„Meiner Treu', ich komme nur ſehr ſelten in ſolche Theater wie dieſes; es iſt ein ſeltener Zufall, wenn man mich da trifft. Sprechen Sie mit mir von der italieniſchen Oper, mein Herr, ach, ſprechen Sie davon mit mir; denn ſeit zwanzig Jahren habe ich keine ihrer Vorſtellun⸗ gen verſäumt! Das iſt ein Theater, Muſik, Sän⸗ ger!... Haben Sie die Paſta gehört?“ „Bitte um Entſchuldigung, mein Herr... ich wollte Sie um Ihre Meinung fragen über den Akt, den man eben aufgeführt hat, um dann...“ „Ach, die Paſta, mein Herr, die Paſta! welche Stimme, welches Metall!“ „Nun, wollen Sie mir nicht fagen, was Sie von dem erſten Akt der Komödie denken?“ „Und die Malibran! Herr, die Malibran!... Vor 20 lauter Bewunderung derſelben habe ich das Geſicht verloren.. O diva! diva!“ Unſer Mann ſucht mit den Augen, ob er nicht jemand Anderm Tabak anbieten könne, Aber der zweite Akt beginnt. Nun bleibt unſer Mann einige Zeit lang ſtille und hört zu. Endlich hat er das durch und durch wohl⸗ wollende Geſicht eines alten Herrn entdeckt, der hinter ihm ſitzt; er wendet ſich um und ſagt ganz leiſe: „Sind Sie zufrieden?... Drum will meine Frau, daß ich mir eine Anſchauung von dieſem Stück machen ſoll... und da es Türken ſind, weiß ich nicht recht, was ich denken ſoll.“ Der alte Herr lächelt und entgegnet ſtotternd: „Man muß wa. war. wart.. muß warten... bis.. bis es....... nu... aus iſt!“ Unſer armer Mann ſtößt einen tiefen Seufzer aus und ſagt bei ſich:„Der alte Herr da wird mir nie ſeine Meinung ganz ſagen können. Ich habe Un⸗ glück!... er war der Einzige, der ausſah, als ſpreche er gerne.“ Endlich iſt das Stück zu Ende. Unſer Mann iſt nun ganz Ohr, denn Jedermann äußert jetzt laut ſeine Meinung. „Es iſt k... kö... köſt.. köſtlich!“ ruft der alte ſiotternde Herr. „Es iſt erbärmlich!“ ſagt der Herr mit der Brille. „Es iſt ſehr geiſtreich!“ murmelt der große Herr zur Rechten. 21 „Es iſt ſchrecklich dumm!“ ruft der junge Mann zur Linken. Nun kehrt unſer armer Mann, der dieſe verſchie⸗ denen Urtheile gehört hat, nach Hauſe und ſagt bei ſich ſelbſt:„Was ſoll ich nun meiner Frau ſagen, wenn ich heimkomme und ſie mich um meine An⸗ ſchauung fragt?... Meiner Treu', ſie wollte nur eine einzige und ich bringe ihr vier! Nun, ſie mag ſich davon auswählen, was ihr gefällt.“ 4 DO Eo „ Eine Probe auf dem Theater. In Paris liebt man Alles, was zum Theater ge⸗ hört, Alles, was irgend welche Beziehung zur dra⸗ matiſchen Kunſt hat; auch iſt man ſehr begierig, zu erfahren, was hinter den Couliſſen oder auf der Bühne vorgeht, wenn der Vorhang für das Publi⸗ kum noch nicht aufgezogen iſt. 1 Man hat ſehr Unrecht, in dieſe Myſterien einge⸗ weiht ſein zu wollen: es ſind Täuſchungen und man verliert alſo dadurch Vergnügen. Allein die menſch⸗ liche Art iſt einmal ſo, wir können ſie nicht von ihrer Neugierde heilen, man thut alſo beſſer daran, ihr Genüge zu leiſten. Wohnen wir einer Probe bei Tage bei; die, welche manchmal bei Nacht ſtattfinden, zeigen das Innerſte des Theaters ſchon weniger, denn die Lampen ſind angezündet und es werden Zuſchauer zugelaſſen; mit Ausnahme der Anzüge iſt es eine Aufführung. Um die Leute genau kennen zu lernen, muß man. ſie in ihrem ganzen Negligé ſehen. Des Morgens iſt das Theater durchaus nicht beleuchtet; aber der Vorhang iſt aufgezogen und ſo empfängt es Licht durch den Saal, der es ſeinerſeits von den kleinen 23 4 Logenvierecken erhält, welche es wieder von den Corridoren empfangen, die größentheils ſehr finſter ſind. Ihr könnt euch nun denken, wie helle es ſein mag. Deßhalb ſeid ihr auch, wenn ihr vom Freien hereinkommt und den Fuß in ein Theater ſetzet, einige Minuten lang wie ein Blinder, der ſeinen Stock verloren hat: ihr geht nur mit Vorſicht vor⸗ wärts und dennoch ſtoßt ihr manchmal gegen eine Couliſſe oder ſonſt einen Gegenſtand. Aber allmälig hat man ſich daran gewöhnt und nach einiger Zeit ſieht man faſt eben ſo gut wie auf einer Straße, wo noch keine Lampe brennt. Schauſpieler, Schauſpielerinnen, Schriftſteller ge⸗ hen auf der Bühne ſpazieren und plaudern, bis die Probe angeht, und manchmal ſelbſt während ſie ſtattfindet, obgleich der Regiſſeur ihnen oft zuruft: „Meine Herren und Damen, entfernen Sie ſich doch, bleiben Sie nicht länger, das iſt nicht zum Aushal⸗ ten; man hat ſie ſchon hundert Mal gebeten, nicht während der Proben auf dem Theater zu bleiben, es genirt, zerſtreut! Iſt ja doch ein Foyer da; gehen Sie dorthin, wenn Sie plaudern wollen.“ Die Schwätzer zerſtreuen ſich einen Augenblick, aber bald kommen ſie wieder, nähern ſich, plaudern abermals, leiſe zwar, aber faſt immer munter, denn jeden Augenblick hört man den Ausbruch eines La⸗ chens. Der Regiſſeur ſtampft mit dem Fuße auf den Boden, daß man ſchweigen ſoll, und eine der Damen ruft ihm nun ſtracks zu:„Wir können nicht 24 im Foyer bleiben: der Muſiklehrer läßt Fräulein K. ſingen, und das iſt nicht zum Aushalten.“ Man lacht auf's Neuez der Regiſſeur allein macht ein verdrießliches Geſicht und murmelt:„Sie müſſen Strafe bezahlen.“ Auf dem Vordertheil der Bühne ſitzt der Souff⸗ leur, ſtatt in ſeinem Loche auf einem Seſſel vor ei⸗ nem kleinen Tiſche, auf dem eine Lampe brennt. Neben ihm ſitzen gleicher Weiſe der Verfaſſer des Stücks und der Hauptregiſſeur, wenn nicht der Di⸗ rektor ſelbſt der Probe anwohnt. Wenn er da iſt, ſetzt er ſich gewöhnlich neben den Verfaſſer, um ſeine Meinung zu hören und zu äußern. Ein Herr von mittleren Jahren, mit dem Geſichte eines vollkommen ehrlichen Mannes, hat ſo eben ſeinen Monolog als edler Vater geſprochen, indem er dabei ſeine rechte Hand ausſtreckte, um aus der Doſe des Souffleurs eine Priſe zu nehmen. Der Verfaſſer ſtößt ungeduldig mit dem Fuße auf den Boden und ruft:„Madame D.., Madame D.., das iſt grauſam... man hört nie das Stich⸗ wort!" Madame D. iſt eine ziemlich hübſche Frau, welche die Rollen der jungen Liebhaberinnen ſpielt und der die böſen Zungen eine Menge Liebhaber beilegen. Ihre Toilette iſt immer vom beſten Geſchmack und ausgeſuchter Eleganz; ſie tritt vor und ſagt:„Ich kann nichts dafür, ich habe mein Stichwort nicht gehört. Hat er ſchon geſagt:„O meine Tochter, dein Glück allein will ich ja nur!“ * 25 „Freilich,“ entgegnet der edle Vater, ſeine Priſe ſchnupfend,„ich habe es ſogar drei Mal geſagt.“ „Ach, bitte um Entſchuldigung, mein Lieber, ich hatte es nicht gehört; aber B. iſt Schuld daran: er verſicherte uns, daß er geſtern in der Loge gegen⸗ über von der Bühne auf der zweiten Galerie ein Hündchen geſehen habe, das während eines ganzen Aktes auf den Hinterbeinen ſtand, ſich mit den bei⸗ den vordern gegen die Einfaſſung der Loge ſtützte und ſo dem Stücke aufmerkſam zuhörte. Ah, ah! wie würde ich gelacht haben, wenn ich es geſehen hätte.“ „Nun, fahrt fort in der Probe,“ ſagt der Haupt⸗ regiſſeur;„M., wiederholen Sie gefälligſt das Stich⸗ wort der Madame.“ Der edle Vater deklamirt:„O, meine Tochter, dein Glück allein will ich ja nur.“ Die junge Liebhaberin kommt auf das Stichwort hervor, verſucht ihr Lachen zurückzudrängen, ſieht aber, ſtatt den Schauſpieler, der ihren Vater ſpielt, anzu⸗ ſehen, nach der Loge, die den Abend zuvor das Hündchen beſetzt haben ſoll. Indeſſen ſpricht ſie ihre Rolle:„Da bin ich, Vater, ich habe Ihre geliebten Töne gehört und...““ Sie fängt an zu lachen:„Ah, ah! Mein Gott, mein Gott! wie gerne hätte ich doch das Hündchen geſehen.“ „Madame, das ſteht nicht in Ihrer Rolle,“ ſagt der Verfaſſer. „Bitte um Entſchuldigung, ſogleich... Ja, mein Vater, ich habe Ihre geliebten Töne gehört!« B., zu welcher Raſſe gehörte der Hund?“ 1 26 „Ein Windhund,“ ruft der Schauſpieler aus dem Hintergrunde des Theaters. „So iſt es unmöglich, Probe zu halten,“ ruft der Regiſſeur, der mit der in Scene Setzung beauf⸗ tragt iſt.„Wir verlieren unſere Zeit und doch ſoll das Stück nächſten Samſtag aufgeführt werden; der⸗ Direktor hat es erſt geſtern wieder geſagt.“ „Am Samſtag?“ ruft die Schauſpielerin.„Ach, Sie denken nicht daran, das iſt unmöglich! Weiß man das?“ „So viel iſt ausgemacht, daß wenn Sie ſich immer mit dem Hündchen ſtatt mit Ihrer Rolle be⸗ ſchäftigen, Sie ſie nicht lernen können.“ „Ach, mein Gott, weil man einmal zufällig lacht, wollen Sie Händel anfangen!... Lacht nicht Jeder⸗ mann bei der Probe? Hindert das vielleicht, ſeine Rolle zu lernen?... Und wie hübſch die meinige iſt; Sie dürfen nicht glauben, daß ich oft ſolche Rollen wie dieſe annehme.“ Hier huſtet der Verfaſſer oder thut, wie wenn er nießen müßte. Der edle Vater ruft aus:„Laßt einmal ſehen... wie! Ich fange an, und wenn es ſo fortgeht, ſo ſind wir um vier Uhr noch nicht fertig, und dann hat man keine Zeit mehr zum Mittageſſen; glauben Sie vielleicht, daß das angenehm iſt? Wie weiter: „O meine Tochter, dein Glück allein will ich ja nur.“ „Zum Kukuk! macht einmal weiter!“ Die Probe iſt im Gange, als der Direktor an⸗ 27 kommt: es iſt ein Herr, der immer außerordentlich geſchäftig ausſieht; er hat wohl Zeit, zu ſprechen, aber nie welche, euch anzuhören. Er tritt vor, gibt dem Schriftſteller die Hand und ruft:„Nun, Kinderchens, wo ſind wir ſtehen geblieben? Laßt einmal ſehen, geht es? O, das muß wohl gehen; ach ja, wir wollen ſorgfältig pro⸗ biren, nicht wahr 2... Munter... familiär... denn ich betrachte euch Alle als meine Kinder!... Wie, wo ſind wir? Ich ſage euch zum Voraus, daß ich euch nichts hingehen laſſen werde, ich werde ſehr ſtrenge ſein!... Ha, was ſagt der da?2“ „Mein Herr, könnte ich für heute Abend zwei Freibillete haben?“ „Ja, laß ſie auf dem Bureau vormerken!... Ach, wegen der Anzüge; ſind wir einverſtanden we⸗ gen der Anzüge? Ihr habt Huſaren von mir ver⸗ langt, ich will euch Dragoner geben, das iſt ganz gleich, nur ein oder zwei Worte werden verändert!.. Was, man fragt nach mir? Ich bin nicht da. Wer iſt es denn?“ „Ein Herr.“ „Wie ſieht er aus?... Probirt nur zu, Kinder⸗ chens, ich höre ſchon. Gut!... Briefe, jetzt...“ „Man wartet auf Antwort.“ 4 „Man hätte ſagen ſollen, daß ich auf acht Tage abweſend ſei!... Keinen Augenblick hat man für ſich... das iſt nicht zum Aushalten!... Macht nur zu, Kinderchens!... Was gibt es wieder? Man er⸗ wartet mich in meinem Cabinete? Gut, ich komme l... 28 Fahrt nur fort, meine Lieben, ich bin ſogleich wie⸗ der da.“ Der Direktor geht ab, man probirt ohne ihn. Die erſte Liebhaberin und die Soubrette ſtreiten ſich wegen der in Scene Setzung. Die Erſte behauptet, man ſtelle ſie immer in den Winkel, hinter ihre Freundin, und ſie habe zu viel Talent, um immer hinter der Andern zu ſein. Die Soubrette beſtreitet der erſten Liebhaberin ihr Talent nicht, allein ſie will nicht, daß man an der in Scene Setzung Etwas abändere. Der Verfaſſer iſt in großer Verlegenheit; dem Regiſſeur gelingt es, den Zwiſt auszugleichen, indem er die Scene ſtreicht. Die Probe geht weiter. Der Verfaſſer hält den Liebhaber in einer Stelle ſeiner Rolle auf, indem er mit aller möglichen Vor⸗ ſicht, um ſeine Eigenliebe nicht zu verletzen, zu ihm ſagt:„Lieber Freund, ich verſtehe dieſe Stelle etwas anders: Sie legen Kraft darein, ich dagegen will Feinheit darein gelegt wiſſen! Ihre Perſon iſt ein gewandter und verſchlagener Mann. Statt auszurufen: „Ich hoffe, in Kürze Sie mich kennen zu lehren! würde ich lächeln und mit einſchmeichelnder Miene ſagen:„Ich hoffe, in Kürze Sie mich kennen zu lehren.““ Der Schauſpieler, an den dieſe Bemerkung ge⸗ macht wird, runzelt die Stirne und entgegnet:„Wie Sie wollen, aber ich habe die Rolle nicht ſo auf⸗ gefaßt.“ 29 „O, ich verſichere Sie, daß es ſo einen beſſern Eindruck machen wird.“ „Ich glaube nicht; übrigens will ich ſie herſagen, wie Sie verlangen, allein der Ausgang wird dann verfehlt ſein.“ „Nein, o, Sie werden ſehen!“ Der Liebhaber fängt wieder an und wiederholt die Stelle gerade ebenſo wie vor der Bemerkung des Verfaſſers; dieſer ſieht nun ein, daß es eben ſo gut ſein wird, wenn er nichts mehr ſagt. Ein Herr von etwa fünfzig Jahren, der die jun⸗ gen komiſchen Rollen ſpielt, kommt mit einer apri⸗ koſenfarbenen Weſte und einem Hütchen ohne Rand herein: es iſt die Hälfte ſeines Komödienanzugs, die er am Leibe hat, und er will die Meinung des Verfaſſers hören. „Wie finden Sie mich?“ „Sie werden ſehr drollig ſein.“ „Nicht wahr, die Weſte ſteht gut? es iſt meine eigene Erfindung, ebenſo das Hütchen.“ „Welche Perücke ſetzen Sie dazu auf?“ „Welche Perücke? Beſtehen Sie darauf, daß ich eine Perücke aufſetze?“ „Ich meine faſt, es ſei unumgänglich nöthig; be⸗ denken Sie doch, daß Sie einen jungen Verlobten machen.“ Der Verfaſſer ſetzt zwar nicht bei:„Und daß Sie graue Haare haben!“ aber er beharrt auf der Pe⸗ rücke, und der Komiker entſchließt ſich endlich, eine Paul de Kock. XLV. 3 30 blonde zu nehmen, indem er mit außerordentlichem Nachdruck ſagt:„Weil Sie es durchaus haben wol⸗ len, ſo will ich eine Perücke aufſetzen; aber das wird mich älter machen, denn in meinen eigenen Haaren bin ich viel jünger.“ „Gut! Wo iſt denn Fräulein Bibi, um unſere Scene zu probiren?“ Fräulein Bibi tritt Waffeln eſſend auf die Bühne. Sie ſagt ihre Rolle mit vollem Munde her; da ſie aber ein junges, naſchhaftes Mädchen ſpielt, ſo behauptet ſie, dies ſei im Geiſte ihrer Rolle. Der Verfaſſer hält ſie mitten in einer Rede an und ſagt zu ihr:„Das gehört nicht mehr dazu, ich habe es geſtrichen.“ „Wie, Sie haben mir geſtrichen: ‚Ich will kei⸗ nen Liebhaber, ich will lieber Spinat!““ „Ja, das wäre gefährlich.“ „Wie, gefährlich? Sie werden gar noch behaup⸗ ten, es ſei leichtſinnig, wenn man ſage:„Ich will keinen Liebhaber, ich will lieber Spinat!’ Was ſehen Sie denn Gefährliches darin?“ „Es war zu riskirt.“ „Das heißt, es war das hübſcheſte Wort meiner Rolle.“ 8 Und Fräulein Bibi ſagt halblaut zu einer ihrer Freundinnen:„Er mag es ſtreichen, ſo lange er will, gewiß bleibt, daß ich es doch ſage! Ah, ah, ſieh' 8 den da mit ſeinem Anzuge; er will immer Effekt machen, der!“ Der Regiſſeur ſchreit, mit dem Fuße ſtampfend: 8 31 „Vorwärts, meine Damen! an den zweiten Akt, es wird ſpät!“ „Wie, wo iſt die Dekoration zum zweiten ätt? Nicht dieſen Saal da: er iſt zu reich; den kleinen gelben Salon ſollten wir haben, mit einem Fenſter links. Brauchen Sie einen Kamin?“ „Freilich,“ ruft der Verfaſſer.„O, der Kamin iſt unumgänglich nothwendig, denn der Brief, den man in's Feuer wirft...“ „Man hätte ihn an einem Lichte verbrennen können!“ „Nein, in einem Kamine macht es mehr Eindruck.“ Der zweite Akt beginnt; aber der edle Vater gibt nicht mehr Acht auf ſeine Rolle, weil er gerne zu Mittag eſſen möchte. Die erſte Liebhaberin hat die ihrige nicht einſtudirt. Der Liebhaber iſt übler Laune, weil man ihm eine Bemerkung gemacht hat. Und der Komiker iſt ganz und gar nicht bei ſei⸗ ner Rolle, weil er nur an ſeinen Anzug und ſeine Perücke denkt. Die Probe iſt aus und der Verfaſſer, der ſieht, daß man ſein Stück nicht auswendig weiß, ruft aus: „Es iſt unmöglich, daß das Stück bis nächſten Sam⸗ ſtag aufgeführt werden kann!“ In dieſem Augenblick erſcheint der Direktor, den man ſeither nicht mehr geſehen hatte, wieder und ſagt:„Nun, Kinderchen, es geht; einige langweilige Stellen, nicht wahr? Nun, ich werde einige Striche anbringen.“ 3²2 „Es kann am Samſtag nicht aufgeführt werden,“ ſagt der Verfaſſer. „Doch, doch! ſei doch ruhig, lieber Freund; zu⸗ dem würden ſie, wenn ſie noch zwei Monate pro⸗ birten, ihre Rollen doch nicht beſſer im Gedächtniß habenz es wird ſehr gut gehen.“ „Sie ſind ja nicht bei der Probe zugegen ge⸗ weſen!“ „Das macht nichts; ich kenne Dein Stück und zum Beweiſe dafür will ich Dir eine für den Erfolg der Arbeit ſehr wichtige Bemerkung machen: empfehle Deinem Liebhaber. Ah, guten Morgen, mein Freund, ich bin zu Deinen Dienſten, im Augen⸗ blick... empfehle Deinem Liebhaber... was gibt's da? Eine Loge für ein kleines Blatt! Gottlob, ſie werden bald meinen ganzen Saal verlangen... höre Du da unten: gehe nicht fort, ich habe mit Dir zu ſprechen... empfehle Deinem Liebhaber... es iſt ohnedieß das allgemeine Urtheil... ah, zum Kukuk, drei Uhr, und ich muß in's Miniſterium, ich werde Niemand mehr treffen.“ Mit dieſen Worten verläßt der Direktor eilends den Verfaſſer, der immer auf die wichtige Bemer⸗ kung wartete, die dieſer ihm machen wollte, und ſich nun ebenfalls zum Fortgehen anſchickt. Die Schauſpieler und Schauſpielerinnen ſind ſchon lange fort. Das Ganze heißt man eine Probe. DO SEo 33 Ein Herr, der Schultheiß werden will. Denkt euch ein beliebiges Dorf in der Nähe von Paris; nur muß es ein ziemlich beträchtliches ſein, das außer den vielen armſeligen Bauernhütten auch hübſche Bürgershäuſer zählt, wo man im Sommer ſehr warm, im Winter ſehr kalt hat, in deſſen Nähe ſich ferner einige angenehme Spazierwege, ein Wäld⸗ chen, mehr oder weniger maleriſche Ausſichten, einige Steinbrüche, Erdſchliffe, Chauſſeen und ein Raſen befinden, auf dem ich euch aber nicht rathen wollte, zu lagern, ehe ihr den Platz gehörig unterſucht habt, kurz Alles, was den Reiz eines in der Nähe von Paris befindlichen Landſitzes ausmacht. Nun denkt euch die Mehrzahl dieſer Bürgershäu⸗ ſer von Perſonen bewohnt, die wirklich das Land lieben: von Kaufleuten, die hier von dem Wirbel ihrer Geſchäfte ausruhen wollen; von Künſtlern, die nöthig haben, manchmal die lärmenden Vergnü⸗ gungen der Hauptſtadt zu vergeſſen, in den Feldern neue Gedanken finden und ſich ſchmeicheln, da arbei⸗ ten zu können, ohne beſucht und unterbrochen zu 34 werden; dann noch von einigen Liebespärchen, welche die Einſamkeit, Ruhe und Stille ſuchen, weil das Glück und die Liebe nie lebhafter, als wenn ſie ver⸗ borgen ſind. Jetzt, wenn ihr euch das Alles vorgeſtellt habt, habe ich nicht nöthig, euch zu ſagen, wie man die Zeit in dieſem Dorfe zubringt. Die Woche über arbeiten die Bauern, ackern, ſäen, eggen. Wenn der Sonntag kommt, gehen die Alten in's Wirthshaus, die Jungen tanzen mit den Mädchen, indem ſie auf einem kleinen Platze zuſammen kommen, den man den Ballſaal heißt, weil er mit einigen Dutzend Stühlen und einer Hecke umgeben iſt und bei ſchönem Wetter ein blinder Geiger dort mit mehr oder weniger Variationen die Tänze aufſpielt, nach denen bereits in der Hauptſtadt Alles gehüpft iſt. Was die Bewohner der Bürgershäuſer anbelangt, ſo könnt ihr ſie in der Woche manchmal ſehen, wie ſie ihre Schritte nach den einfamſten Spaziergängen lenken. Die Männer tragen ein einfaches Reiſe⸗ hemd und eine Mütze, die Frauen den großen un⸗ geheuren Strohhut in ſeiner urſprünglichen Form, ſelbſt ohne Band, um ihn unter dem Kinn zu be⸗ feſtigen. Die Leute haben Paris verlaſſen, um ungenirt zu ſein, um zu thun, als haͤlten ſie einen Begriff von jener Sache, von der Jedermann ſpricht und die ſo wenige kennen— die Freiheit. Aus dieſem könnt ihr ſchließen, daß die Bürger 35⁵ dieſes Dorfes ſich wenig beſuchen; Geſellſchaft zieht immer tauſend Abhängigkeiten nach ſich. Wenn ihr auf dem Lande euch mit allen euren Nachbarn einlaßt, ſo ſeid ihr weniger frei als in der Stadt: man beſucht euch Morgens, Mittags und Abends. Um euren Garten zu bewundern, zwingt man euch, in demſelben zu ſein, wenn ihr euer Zim⸗ mer nicht verlaſſen möchtet; um die Einrichtung eures Hauſes zu ſehen, nöthigt man euch, hineinzu⸗ gehen, wenn ihr lieber in eurem Garten arbeiten wollt. Es iſt daher gerathener, ſich auf die einfachſten gebräuchlichen Höflichkeiten zu beſchränken, auf jene annehmlichen Grüße, die man ſich auf dem Lande macht, und auf jene kleinen Fragen über den Zu⸗ ſtand der Geſundheit und die Unbeſtändigkeit des Wetters, die euch nie compromittiren können. f So macht es der größte Theil der Stadtbewoh⸗ ner, die auf's Land gezogen ſind. Leſen, Arbeiten, Spazierengehen, etwas Geplau⸗ der, wobei man einige unſchuldige Scherze über ſei⸗ nen Nachbar macht, das ſind die Vergnügungen, die man auf dieſem Dorfe hatte, wo Jeder, Bauer, Kauf⸗ mann und Bürger, zufrieden mit ſeinem Looſe ſchien. Allein da geſchieht es eines Tages, daß ein ſehr hübſches Bürgerhaus von ſeinem Eigenthümer an einen gewiſſen Herrn Großholz verkauft wird. Und der Herr Großholz zieht ein mit einer un⸗ ermeßlichen Familie: mit einer Frau, drei Töchtern, 36 zwei Tanten und einer Unzahl Vettern, ohne eine Kutſche zu rechnen, die eigentlich für einen Chara⸗ bane gelten kann. 1 Urplötzlich und wie durch Bezauberung geht eine Veränderung im Dorfe vor: Lärmen tritt an die Stelle der Stille, Bewegung folgt auf die Ruhe. Zuerſt ſieht man neue Perſonen gehen, kommen, laufen; dann ſieht man den Schreiner, Schloſſer, Maurer mit geſchäftiger, eiliger Miene; die Wirthe des Dorfes laſſen die Vorderſeite ihres Hauſes rei⸗ nigen. Endlich können die minder Neugierigen nicht um⸗ hin, ſich zu fragen:„Was gibt's denn im Dorfe?“ „Was geht denn vor?“ „Warum alle dieſe Unruhe?⸗ „Sie wiſſen es alſo nicht? Das Haus der Wittwe Pricot iſt verkauft; der neue Beſitzer iſt angekommen, es zu bewohnen. Er ſchreibt ſich Großholz, hat eine große Familie, drei Jungfern, von denen zwei nicht übel ſind, eine noch ſehr friſche Frau und modiſche Vettern... „Nun, was geht das Alles uns an?“ „Der Herr Großholz iſt reich, wie es ſcheint; er läßt ſchon Alles in ſeinem Eigenthum umkeyren: er läßt bauen, einreißen, pflanzen, ausjäten... o, er will viele Verſchönerungen an ſeinem Hauſe an⸗ bringen: er beſchäftigt bereits den Maurer, den Schreiner... ja, er beſchäftigt auch den Wirth, denn man läßt Goffern und Backwerk bei ihm ma⸗ chen. Das ſind Leute, die ſehr gut leben.“ 37 Der, welcher dieſe Fragen geſtellt hat, geht nach Hauſe und denkt bei ſich:„Ein neuer Beſitzer iſt aller⸗ dings Herr in ſeinem Hauſe; er kann thun, was er will. Ich ſehe nicht ein, wie das das große Dorf in Bewegung bringt!“ Indeſſen bleibt am andern Morgen der berühm⸗ teſte Gaſtwirth des Orts vor dem Hauſe eines ſeiner Gevatter ſtehen; der Flurſchütz, zwei oder drei Her⸗ ren und einige Bauern ſammeln ſich um ſie und die Unterhaltung beginnt:„Wiſſen Sie, daß unſer Ort hübſch werden wird?“ „Hübſch, wie verſtehen Sie das?“ „Das heißt, unſer Ort ſoll ſich verſchönern: der neue Beſitzer, Herr Großholz, hat es geſagt; das iſt ein Genie!“ „Die Leute ſind reich, nicht wahr?“ „Ich denke wohl!l er läßt zwei prächtige Tauben⸗ ſchläge in ſeinem Garten machen.“ „Er hat mir geſagt, die Gegend müſſe ſich ver⸗ ändern, hat mich veranlaßt, meine Speiſekarte zu vergrößern und Roſſbif auf engliſche Art zu machen, weil dann viel mehr Leute hier durchkommen wer⸗ den. Aber er findet, daß die Hauptſtraße ſchmutzig iſt und ſchlecht unterhalten wird. Er ſagt, wenn Jeder vor ſeiner Thüre Sand ſtreuen würde, wäre es viel hübſcher.“ „Wahrlich, er hat recht; nun, das iſt ein Mann, der ſich der Gegend annimmt, das gäbe einen famo⸗ ſen Schultheißen, ganz gewiß! Ich will gehen und Sand ſtreuen.“ 38 „Ich, ich will Herrn Richonnard, deſſen Haus ebenfalls an der Straße ſteht, veranlaſſen, daß er auch Sand ſtreuen läßt.“ Der Flurſchütz geht auf ein kleines Haus von ziemlich beſcheidenem Ausſehen zu. Hier wohnt Herr Richonnard, ein alter Kaufmann, ein kalter phleg⸗ matiſcher, methodiſcher Mann, der zu beſtimmter Zeit aufſteht, zu Bette geht, ißt, liest, arbeitet oder ſchläft und nie an ſeinen Gewohnheiten Etwas ändern will. Die Frau Richonnard iſt ein kleines Weibchen von ungeheurer Dicke, aber viel zu faul, um einen Willen zu haben und ihren Mann zu beläſtigen. Ihr größtes Glück beſteht darin, den ganzen Tag im Schlafrocke zu bleiben und keinen Schnürleib anlegen zu müſſen. Der Flurſchütz tritt in den Garten. Herr Richonnard beſchnitt ſeine Bäume. Er hatte eine Baumſäge gekauft und mit dieſer handthierte er nun; er hatte geſagt, er werde von Mittag bis ein Uhr in ſeinem Garten beſchneiden; was lag ihm daran, ob das den Bäumen gut war oder ſchadete: von Mittag bis ein Uhr ſägte Herr Richonnard Aeſte ab. Der Flurſchütz kommt näher; er hat die Hand am Hute, da er dieſen nicht abnimmt, weil ein Flurſchütz eine amtliche Perſon iſt und die Beamten das Recht haben, unhöflich zu ſein. Herr Richonnard läßt ſich nicht außer Faſſung 39 bringen; er fährt fort, mit ſeiner Säge alle Aeſte abzuſägen, die das Unglück haben, ihm in den Weg zu kommen, während der Flurſchütz die Unterhaltung einfädelt.. „Meinen Gruß, Herr Richonnard, Madame und Compagnie, mit Verlaub.“ „Guten Tag, Herr Lagrappe.“ „Geht es gut heute Morgen; iſt die ganze Com⸗ pagnie wohl, mit Verlaub?“ „Ganz gut; was führt Sie zu mir?“ „Sogleich... ach, geben Sie Acht, Herr Ri⸗ chonnard, Sie ſägen da einen Aſt ab, der ganz grün iſt.“ „Was geht das Sie an? Kann ich meine Bäume nicht beſchneiden, wie ich will?“ „Gewiß, aber drum, ja, ich meine, es iſt jetzt nicht die Zeit zum Beſchneiden, mit Verlaub.“ „Herr Lagrappe, machen Sie mir das Vergnü⸗ gen und kümmern Sie ſich um Ihre eigenen Ange⸗ legenheiten, ich ſehe auch nicht nach den Stachelbeer⸗ ſtauden, die man in Ihren Feldern abſchneidet, ich!“ „Das war nur ſo geſagt; um zur Sache zu kommen, ſo bin ich da wegen der neuen Idee, die Herr Großholz uns gegeben hat.“ „Herr Großholz! Seit einigen Tagen ſchlägt mir unaufhörlich dieſer Name an die Ohren.“ „Nicht wahr, jener große blonde Herr mit einer Brille, der Jedermann anſpricht und die Wirthe ſeine Kinder nennt?“ fragt Frau Richonnard, ſich auf einer Raſenbank niederlaſſend. 40 „Der iſt es, mit Verlaub, ein ſchöner Mann, der hübſch ſpricht: er ſpricht eine ganze Stunde lang, ohne ſtecken zu bleiben. Dieſer Mann hat den Kopf ganz mit Ideen vollgeſpickt; er iſt noch nicht lange auf dem Lande und bereits hat er Alles in Bewegung geſetzt... er iſt für den Fortſchritt, mit Verlaub, und dann iſt er niederträchtig wie die fünf Finger und der Daumen meiner Hand. er iſt ein Mann, der als Ortsobrigkeit ganz an ſeinem Platze wäre!“ „Haben Sie nicht ſchon einen Schultheiß?“ „Ach ja; aber nächſtes Jahr wird wieder ge⸗ wählt, und da rühmt man Einen.“ „Nun, machen Sie es kurz, was ſoll es eigentlich mit Ihrem Großholz?“ „Es iſt ihm die Idee gekommen, daß zur Ver⸗ ſchönerung des Ortes Jeder vor ſeiner Thüre Sand ſtreuen ſoll, das wird die Straße für den Anblick gleichartiger machen.“ „Gehen Sie mir zum Henker! ich laſſe keinen Sand ſtreuen; der Raum vor meinem Hauſe iſt gut V genug, wie er iſt. Zudem, was geht das den Herrn an?“. „Ach! es iſt wegen der Verſchönerung... Sie ſägen wiederum einen guten Aſt ab...“ Herr Richonnard wirft einen Blick des Unwillens auf den Flurſchützen und ſägt weiter. Herr Lagrappe entſchließt ſich zum Rückzuge und denkt bei ſich:„Das iſt all eins; wenn er ſieht, daß Jedermann ſtreut, wird er es ſchon auch nachmachen.“ 41 5 Einige Tage ſpäter geht der Schütze in ein hüb⸗ ſches Haus des Dorfes, in dem ein Künſtler mit ſeiner Frau wohnt. 7 Der Ton eines Pianos miſcht ſich mit den Klän⸗ gen einer metallreichen Stimme. Der Schütze, der die Muſik liebt, bleibt vor dem offenen Fenſter eines Parterrezimmers ſtehen und fängt an, den Takt falſch dazu zu ſchlagen, indem er ver⸗ ſucht, die Marſeillaiſe auf die Opernmelodie, die er hört, zu bringen. Der Künſtler dreht ſich um, ſieht den vor dem Fenſter ſtehenden Schützen und ſagt:„Kommen Sie herein, Vater Lagrappe. Sie haben uns Etwas zu ſagen?“ „Meinen Gruß, Herr, Madame und Compagnie. Mit Verlaub, die Melodie, die Sie da ſpielen, iſt ſehr hübſch.“ „Finden Sie das? Sie ſind Muſikliebhaber?“ „Ein großer! ich war zum Waldhorn beſtimmt; meine Muhme ſagte, ich hätte ſtolze Anlagen, wenn man ſie entwickelte.“ „Und es ſcheint, daß man ſie nicht entwickelte; das iſt jammerſchade.“ „Ich hätte auch das Flaſchenett geſpielt, wenn man mich's gelehrt hätte.“ „Was, zum Henker! es ſcheint, Sie hatten zu vielen Dingen Anlage!“ „Gewiß; und ich würde auch die Trommel ge⸗ ſchlagen haben, mit Verlaub, wenn man es uns ge⸗ zeigt hätte.“ 42² kannt geblieben!“ „Aber, ich bin gekommen, um.. ach ja, richtig: Herr Großholz hat nämlich wieder eine Idee ge⸗ habt.“ „Herr Großholz... ach, das iſt der Herr mit den Ideen... er hat ſolche für das ganze Dorf... er muß einen großen Kopf haben, der Mann. Wel⸗ cher Art iſt ſeine neueſte Idee?“ „Seht einmal! Und ſo viel Anlagen ſind unbe⸗ „Man ſollte am Ende des Dorfs eine große Grube graben, in der ſich das Regenwaſſer anſammeln würde; nach einiger Zeit würde das einen Teich bilden, den man als Waſchplatz gebrauchen könnte.“ „Das iſt nicht unwahrſcheinlich.“ „Wollen Sie auf den Waſchplatz unterzeichnen?“ „Schickt Sie vielleicht der Schultheiß?“ „Nein... aber das iſt all eins, man unterzeichnet ſo wie ſo.“ „Wenn es einmal ſtark geregnet hat, will ich unter⸗ zeichnen... wir haben Zeit.“ „Ach, hören Sie doch, mit Verlaub, Sie wiſſen, daß man nicht mehr durch's Dorf galoppiren darf, weder zu Pferd noch zu Eſel?“ „Wer verbietet das?“ „Es iſt eine Idee des Herrn Großholz, um Un⸗ glück und Schaden zu verhüten; neulich wäre beinahe dem Hunde Großjohanns ein Bein abgetreten wor⸗ den..“ „Schon gut, Vater Lagrappe; ich glaube, daß das Verbot ziemlich unnöthig iſt, da die Pferde und 43 Eſel des Orts nicht gewohnt ſind, dumme Streiche zu machen. Uebrigens, wenn ich einmal ſpazieren reite, ſo werde ich meinen Ideen vor denen Anderer folgen.“ Der Flurſchütz fährt ſich in der Zerſtreuung an's Ohr, ſtatt an den Hut, und entfernt ſich, indem er ganz leiſe ſpricht:„Das iſt all eins; ich wette doch, daß er ſich nicht mehr zu galoppiren getraut.“ Aber einige Tage nachher erſcheint Herr Groß⸗ holz ſelbſt in Begleitung des Flurſchützen, der dieß⸗ mal, um ſich ein größeres Anſehen zu geben, ſeinen Dienſtſchild angelegt hat, bei dem Künſtler. Herr Großholz iſt ein Mann in den mittleren Jahren, der ſehr gute Manieren hat und namentlich das Talent beſitzt, Jeden dahin zu bringen, daß er thut, was er will. Nach den gebräuchlichen Artigkeiten, während wel⸗ cher der Schütz die Marſeillaiſe nach der Melodie zmein Freund Vincente brummt, kommt der neue Beſitzer auf den Zweck ſeines Beſuches. „Mein Herr, ich will Ihnen einen Plan mitthei⸗ len, der mir eingefallen iſt, um in dieſer Gegend, die etwas abgelegen iſt, Leben und Bewegung zu bringen, um Leute herbei zu ziehen...“ „Sie finden alſo, daß viele Leute auf dem Lande nothwendig ſind?“ „Vielleicht nicht für uns... allein man muß an die Kaufleute, an die Handwerker denken... kurz, 44 mein Herr, was unſerer Landgegend fehlt, iſte ein Feſt, ein hübſches Feſt, das ganz Paris in den Ort zieht.“ „Ich glaube nicht, daß ganz Paris hereingehen wird, mein Herr.“ „Sie verſtehen, daß das ſo eine Redensart iſt; aber ein hübſches Feſt wird dem Orte ſehr wohl thun und ich nehme die Anordnung deſſelben auf mich. Die Schenkwirthe ſind von meiner Aht ganz be⸗ zaubert.“ „Die Schenkwirthe, das begreife 1 aber die andern Leute...“ 1 „Mein Herr, ich verſichere Sie, daß unſer Feſt herrlich ſein wird.. Jedermann unterzeichnetz wir haben auf Sie gerechnet.“ „Wenn Jedermann unterzeichnet, ſo will ich mich nicht ausſchließen. Aber worin ſoll Ihr Feſt beſte⸗ hen?“ .. aus Preiſen, die man gewinnen kann... aus moskowitiſchen Douſchen: es iſt dieß ein Spielchen, wo man mit einer Binde vor den Augen einen Topf ſucht und an einer Schnur zieht.. wenn man an einen guten Topf kommt, erhält man einen Preis; wenn nicht, ſo bekommt man einen Kübel voll Waſſer auf den Kopf.“ „Das mag nicht übel ſein. Weiter?“ „Dann kommen Wagenrennen... das heißt eigent⸗ lich Lanzenrennen, wo man mit einem Beſenſtiel durch das Dickicht eines Gehölzes dringt.. kommt man „Aus Spielen ohne Ende: aus Scheibenſchießen 45 nicht durch, ſo ſchüttet man Einem ebenfalls einen Kübel Waſſer auf den Kopf.“ „Das iſt abermals hübſch. Dann weiter?“ „Dann kommt noch das Kübellaufen... man füllt nämlich Kübel voll mit Waſſer an; kommen die Perſonen, die ſie tragen müſſen, an's Ziel, ohne einen Tropfen zu verſchütten, was ſehr ſchwer iſt, ſo machen ſich diejenigen, die verloren haben, ein Vergnügen dadurch, daß ſie ihre Kübel über das Publikum ausgießen, ſo weit es reicht.“ „Alle dieſe Spiele ſcheinen mir ſehr erfriſchender Natur zu ſein!“ „Dann kommt ein Luftballon... ein Feuerwerk... kommen Seiltänzer, Fiſcherſtecher, Fremde, Handels⸗ leute, Gaukler, und endlich ein reizender Ball, auf dem ſich die beſte Geſellſchaft von Paris einfinden wird. Sie unterzeichnen, nicht wahr?“ „Man kann wohl nicht allein zurückbleiben.“ Der Künſtler würde die Ruhe dem Lärmen der ländlichen Feſte vorziehen. Herr Richonnard war überzeugt, daß alle Spiele, zu denen man Zurüſtungen traf, ſeinen Gewohn⸗ heiten ſchnurſtracks zuwiderlaufen werden, trotzdem gibt er nach und unterſchreibt, hingeriſſen von der Beredtſamkeit des Herrn Großholz, die Hämmel des Panurgus nachahmend, indem er bei ſich denkt:„Die⸗ ſer verdammte Menſch iſt ſchrecklich mit ſeinen Neue⸗ rungen.“ Und das bis dahin ſo ſtille Dorf birtet in Kurzem Want de Kock. LXV. 4 „. den belebteſten Anblick dar: man ſetzt Maſte ein⸗ errichtet Bühnen für die Muſikanten, ſtellt ein Ge⸗ rüſt für's Feuerwerk auf, macht einen Luftballon, haut grüne Zweige ab, windet Guirlanden und errich⸗ tet Triumphbögen. Alles iſt auf den Beinen und Herr Großholz leitet die Arbeit. Und Herr Richonnard ſagt zu ſeiner Frau:„Ich begreife nicht, wie dieſer Herr ein Vergnügen daran findet, ſich ſo viel zu ſchaffen zu machen.“ Und Einer der Honorationen des Dorfes flüſtert ihm in'’s Ohr:„Wie! Sie begreifen nicht, daß dieſer Herr, der Vermögen hat, nun Schultheiß werden will? Deßwegen macht er ſich ſo viel mit uns zu ſchaffen. Aber, im Ganzen betrachtet, iſt das ein Ehrgeiz wie ein anderer. Ein Schultheiß erhält ein Kreuz, dann wird er Abgeordneter, dann Pair... zum Henker ich muß auf's Jahr auch etwas Neues erfinden.“ Der Feſttag iſt da. Die fremden Kaufleute, die der Mehrzahl nach aus Lebkuchenhändlern beſtehen, nehmen ihre Stände auf der Straße, die dadurch eine Art Jahrmarkts⸗ Anſtrich bekommt, ein; Seiltänzer kündigen dem Pu⸗ blikum an, daß ſie Ungeheuer ſehen laſſen: die Bauern gehen in Maſſe hinein und man zeigt ihnen eine Frau⸗ die einen Bart hat. Man läßt einige Raketen ſtei⸗ gen; die Spiele fangen an. Dem Sohne des erſten Schenkwirths im Dorfe reist ſeine Flinte faſt die Naſe weg; er kehrt wei⸗ 47 nend nach Hauſe zurück und ſeine Mutter ſagt zu ihm: „Wärſt Du bei Deinem Herde geblieben, ſo hätteſt Du Deine Naſe noch.“ „Ich wollte aber eine Uhr gewinnen!“ „Eſel! wie wenn man ſie je bekommen könnte! Man hängt ſie expreß zu hoch hinauf.“ Bei den moskowitiſchen Waſſerbädern ziehen die Bäuerinnen zu ſtark an den Schnüren und bekommen die Kübel mit ſammt dem Waſſer auf den Kopf. Zwei haben Löcher im Schädel, drei Andere Beulen. Das Spiel ſchließt mit einer Prügelei zwiſchen einigen Bauern, die ſich die Preiſe ſtreitig machen. Herr Richonnard iſt mit ſeiner Frau ſpazieren ge⸗ gangen und hat gegen ſeine Gewohnheit Zuckerbrod gegeſſen; er hat deßhalb für den Reſt des Tages Magenbeſchwerden. Abends geht das Feuerwerk ebenfalls ſchief los: die Schwärmer und Fröſche fahren unter die Bäuerin⸗ nen, verbrennen ihnen die Hauben, Röcke, Tücher und eine Menge anderer Dinge. Der Luftballon, den man um acht Uhr zu füllen angefangen, zerplatzte in demſelben Augenblicke, wo er ſteigen ſollte. Der Ball, auf dem die beſte Geſellſchaft von Paris ſich einfinden ſollte, iſt voll von Herren in blauen Hemdern, die einen ſehr tollen Cancan mit Frauen⸗ zimmern tanzen, welche bei allen Figuren Cachucha⸗ Bewegungen machen. Die Bürger vom Orte ſehnen ſich nach ihrem klei⸗ nen, einfachen, ruhigen Sonntagsballe, nach ihren 48 Spaziergängen ohne fremde Kaufleute, nach ihrem Dorfe ohne Bänkelſänger, und ſagen zu einander: „Wir waren viel glücklicher, als man uns nicht mit Teufelsgewalt beluſtigen wollte.“ 3 Aber Herr Großholz läßt den Muth nicht ſinken; er geht einher wie ein General auf dem Schlacht⸗ felde und ruft:„Nächſtes Jahr muß es noch viel hübſcher werden!... Ich will, daß man viel von dem Feſte in dieſem Dorfe ſprechen ſoll.“ Und der Flurſchütz, der bei allen Weinwirthen eingekehrt hat und kaum noch ſtehen kann, ſtammelt: „Es ſcheint mir, daß es jetzt ſchon ganz hübſch iſt... mit Verlaub.“ SS So 49 Die Schul⸗Omnibus. Wir leben im Jahrhundert der Erfindungen, der Neuerungen, der Verbeſſerungen; wir ſuchen unauf⸗ hörlich nach der Vervollkommnung. Wenn wir in Allem vollkommen ſein werden(was bei der Art, wie die Sachen gehen, nicht ausbleiben kann), dann iſt das goldene Zeitalter da, und wir ſind alſo in Folge des ewigen Vorwärtsſchreitens wieder an dem Punkte angelangt, von dem wir ausgingen. Ehemals waren es der Mittel zum Reiſen wenige; Reiſen war damals ein großes Geſchäft. Man be⸗ fand ſich ſehr ſchlecht in einer Kutſche, wo man Alles durcheinander hineinzwängte, und die Bewe⸗ gungen dieſer ſchlecht eingehängten Kutſchen warfen euch jeden Augenblick auf eure Nachbarn, die ihrer⸗ ſeits wieder auf euch ſtießen. Wenn man damals von Eiſenbahnen geſprochen hätte, würde man Einen auf dem Schindanger als Hexenmeiſter verbrannt haben, denn es war vormals Sitte, Leute, die unglücklich genug waren, mehr Geiſt, Einbildungskraft und Kenntniſſe zu haben als ihre Zeitgenoſſen, zu verbrennen. Die Menſchen ſind im Allgemeinen mit einer ſehr ſtarken Gabe Eigenliebe ausgeſtattet. 50 Wenn ſie nichts wiſſen, ſo finden ſie es ſehr ſchlimm, daß Andere mehr als ſie wiſſen ſollen. In jenen Zeiten der Unwiſſenheit und Barbarei wäre ein chemiſcher Zündhölzchen⸗Verkäufer mit derſelben Strafe beſtraft worden wie die Marſchallin von Ancre und Anna Dubourg. Die erſten Völker indeſſen behandelten vielmehr die Leute, die ſie im Beſitze geheimer Wiſſenſchaften wähnten, ſtatt ſie zu verbrennen, mit großer Ehr⸗ furcht, ehrten ſie und fragten ſie um Rath. Aeneas fragte die Sybille von Cumä und der König Saul die Hexe von Endor. Dieß beweist uns abermals, daß: „Zede Zeit hat ihre Freuden, ihren Geiſt und ihre Sitten.“ Es iſt noch kein halbes Jahrhundert her, daß,⸗ um einen Beſuch zu machen, in Geſellſchaft oder auf einen Ball zu gehen, man eine Poſtchaiſe nahm. Da dieſe Chaiſen gewöhnlich nur eine einzige Per⸗ ſon aufnehmen konnten, ſo könnt ihr euch einen Be⸗ griff von der Anzahl dieſer Poſtchaiſen machen, die man haben mußte, wenn eine zahlreiche Familie in Geſellſchaft ging. Gewiß war dieß das goldene Zeitalter für die Pferde. Als ſodann die Fiaker und Hauderer kamen, konn⸗ ten ſich noch nicht alle Börſen dieſe Annehmlichkeit erlauben. Um vom Faubourg Saint⸗Denis in die La Harpe⸗ Straße zu kommen, fühlte ſich der gemeine Bürgers⸗ mann nicht immer aufgelegt, den Preis eines Fia⸗ 51 kers zu bezahlen; die beſcheidene Capitaliſtin ging mit ihrem Kinde auf dem Arme und manchmal noch mit einem ſchwerem Korbe, weil ſie keine dreißig Sous ausgeben konnte, in ganz Paris herum. Auch der junge Student, dem oft die Liebe mehr lächelt als das Glück, kam ganz beſchmutzt zu einem Stelldichein und holte ſich häufig ein Bruſtleiden, weil er an Schnelligkeit mit den Fiakern und Hau⸗ derern, mit denen er nicht fahren konnte, wetteifern wollte. Aber wenn man heutzutage zu Fuße geht, ſo ge⸗ ſchieht es entweder aus Liebhaberei oder auf Befehl des Arztes. Die Omnibus, die Pariſiennes, die Favorites, die Bearnaiſes, die Dames von allen Farben, die jeden Augenblick in allen Vierteln der Hauptſtadt ſich kreuzen, bringen euch oft um ſechs Sous über eine Stunde weit, und ihr werdet nicht nur in der Stadt ſelbſt herumgeführt, ſondern auch in der Ban⸗ lieue und auf das Land: die hübſcheſte Umgegend von Paris öffnet euch die Arme; um ſechs Sous könnt ihr nach Berry, nach Paſſy⸗ Batignolles, St. Mandé, Monceaux dc. kommen. 1 In der That kann man wohl behaupten, daß⸗ um dieſes Vergnügen ſich zu verſagen, man keine ſechs Sous in der Taſche haben müßte. Und welche Quelle der Zerſtreuung und Beob⸗ achtungen ſind nicht dieſe Sechsſouswägen. Wie alle Klaſſen ſich da unter einander bewegen, aller Unterſchied des Ranges aufhört, wie verſchie⸗ 52 den die Toiletten ſind(wenn man Toiletten ſieht)! Wenn die Gleichheit einſt auf der Erde herrſchen wird, ſo iſt ſie in den Omnibus geboren worden. Seht einmal jene junge, artige Dame, deren Manieren ſo graziös und ausgezeichnet ſind, neben ſie ſetzt ſich ein Arbeiter in Jacke, Mütze und ſchwar⸗ zen, ſchmutzigen Händen. Etwas weiter weg ſitzt der ernſte öffentliche Be⸗ amte, der nie lacht, aus Furcht, ſeine Würde zu compromittiren, neben einem Bruder Luſtig im blauen Hemde, der den Morgen in einer Kneipe zu⸗ und von da nicht nur einen Wein⸗ und Zwiebelgeruch„ſon⸗ dern auch eine heitere ſprudelnde Laune mitgebracht hat, die ihn fortreißt, ſeine Bemerkungen oder Späße ganz laut zu machen, auf welche man zwar nie ant⸗ wortet, die man aber doch anhören muß. Dann neben jenem jungen Dandy in gelben Hand⸗ ſchuhen eine große Landſchönheit, die zwei Körbe, drei Pakete, eine Schachtel und eine Taſche trägt, (Es gibt Leute, die ihr Hab und Gut in dem Om⸗ nibus von einer Wohnung in die andere nehmen.) Weiter ſitzt eine hübſche Griſette mit ſehr aufge⸗ weckter Miene, lebhaftem, herausforderndem Auge, einem bejahrten, gutgekleideten Herrn gegenüber, der das Glück hat, ſeine Frau zur Rechten und ſeinen Hund zwiſchen den Füßen zu haben, und der trotz ſeiner Perücke und ſeines reſpektabeln Aeußern der Griſette, ſeiner Nachbarin, einen verſtohlenen Blick zuwirft, wenn ſeine Frau den Kopf auf die andere Seite dreht. 53 Ferner der ungeheure Herr, der ſo ſchwer wie ein Sack iſt und ſich auf einen kleinen Platz und faſt auf den Schoß eines alten, magern und trockenen Herrn ſetzt, dem er mit ſeinem Ellbogen den Magen verſtaucht, hrend er ihm mit der liebenswürdigſten Miene ſagt:„Ich drücke Sie ein wenig, aber das wird ſich machen.“ Ferner die alte Marquiſe, der die Revolutionen ein Vermögen und einen Wagen genommen haben, während ſi ſie ihr ihre Schminke und ihre Schönheits⸗ terchen ließen; die arme Dame iſt gegen einen jungen Herrn mit großem Schnurrbarte, langem Backenbarte, langen Haaren und langen Vatermör⸗ dern gedrückt, was ſeinem Kopfe einen ungeheuren Umfang und einen wilden oder St. Simoniſtiſchen Ausdruck verleiht, obgleich der, welcher ſich ſo trägt, weder das Eine noch das Andere iſt. Nun, trotz dieſer Verſchiedenheiten in Beziehung auf Rang, Vermögen, Erziehung und Kleidung ſchließt der Sechsſouswagen zwiſchen allen Reiſenden eine Art Brüderſchaft, die ſich gewöhnlich durch kleine Dienſte und Artigkeiten bemerklich macht. So wird der Arbeiter in der Jacke ſich Mühe geben, ſich ſchmal zu machen, um die junge, artige Dame nicht zu geniren; der erſte Beamte wird ein weniger ernſtes Anſehen annehmen, wenn er ſeinem Nachbar, dem Mann in der Blouſe, ſeine ſechs Sous zum Weiterbefördern gibt; der Dandy wird ſich her⸗ ablaſſen, der großen Landſchönen, die mit Paketen überladen iſt, herauszugeben; der ehrſame Herr wird 54 den Arm der Griſette halten, um ihr beim Ausſtei⸗ gen zu helfen, und der junge friſirte Herr wird eine Beförderungskarte für die alte Marquiſe, ſeine Nach⸗ barin, verlangen. 5 Man könnte alſo mit Recht finden, der Sechs⸗ ſouswagen daſſelbe Lob verdient, wie die Muſik: Emollit mores nec finit esse feros. Und nun haben wir wieder eine andere Erfindung. Ehemals gingen eure Kinder, die nicht eig in einer Penſion waren, zu Fuß in ihre Schu einer Hand das Körbchen mit dem Frühſtücke, in der andern den Riemen mit den Büchern, den der Knabe vorſorglich an dem äußerſten Ende hält und die Bücher ſchaukelt, bis ſie heraus und auf die Straße fallen, was ihm Gelegenheit gibt, ſtehen bleiben zu können. 1 B. Wenn die Schüler ſo in ihre Halbpenſion gingen, ermangelten ſie nicht, vor jeder Bilderſpielzeug⸗ oder Zuckerbäcker⸗Bude umherzuſchlendern; einige riskirten, von einigen Kameraden verleitet, auf dem Boulevard ſogar eine Kugelpartie. Ihr meint, euer Sohn ſtudire fleißig den Horaz oder Virgil, während er ſehr eifrig beſchäftigt iſt, mit einem Strohhalme zu meſſen, ob der oder jener Sou ſeinem Stücke oder der Kugel näher iſt. Manchmal ſogar thun dieſe Herren, was man hinter die Schule gehen heißt, und was ſo viel iſt⸗ als ſie gehen ſpazieren ſtatt in die Klaſſe. 5⁵ Alles das hat zweifelsohne ſeine großen Unan⸗ nehmlichkeiten, aber ſeither begnügte man ſich, ſtatt ganz abzuhelfen, damit, daß man eine ganz nahe an der Wohnung gelegene Penſion auswählte, ſo daß der Schüler nur einen kleinen Weg bis dahin zu machen hatte. Die Eltern, die Bedienten hatten, ließen ihre Kin⸗ der durch dieſe in die Penſion führen und wieder abholen. Aber alle die, welche Niemand hatten, um ihre ner in die Klaſſe führen laſſen zu können, muß⸗ ich mit dem Verſprechen dieſer kleinen Menſchen von ſechs bis zwölf Jahren begnügen, brav ſein zu wollen; dieſe aber ermangelten nicht, ihr Verſpre⸗ chen zu vergeſſen, wie wenn ſie ſchon große Leute wären. Aber was ſollte man dagegen anfangen? und wer hätte je gedacht, daß ein Tag kommen werde, wo die Kinder in Wagen in die Klaſſe gehen würden? Und doch iſt er gekommen, dieſer große Tag, der das hinter die Schule gehen getödtet hat und den Kuchen⸗ und Bonbonshändlern einen bedeutenden Schaden bringen muß. Ein Penſionsinhaber, der einen Wagen hatte (denn man mußte zu Ausführung dieſes Vorhabens nothwendig einen Wagen haben), ſagte zu den Eltern: „Gebt euch nicht mehr die Mühe, mir Morgens eure kleinen Jungen zu ſchicken, ich werde ſie in euren Wohnungen zu meinem Wagen ad hoc abholen und auf demſelben Wege wieder heimführen laſſen; da⸗ 56 durch braucht ihr nicht mehr die tauſend und einige Unfälle zu fürchten, die euren Kindern in den Straßen von Paris zuſtoßen können, und auch über ihr Betra⸗ gen könnt ihr beruhigt ſein: ſie können unterwegs keine ſchlechten Bekanntſchaften reewen keinen Sou mehr im Kugelſpiel verlieren und ſich den Ma⸗ gen nicht mehr mit Süßigkeiten verderben; endlich werden ſie nicht mehr hinter die Schule gehen, denn ihr ſehet, wie ſie an eurer Thüre in den Wagen ſteigen und ebenſo wieder aus demſelben.“ Die Eltern konnten über dieſes neue Tran⸗ mittel nur erfreut ſein, das ihnen möglich mach ihre Kinder in gute Penſionate zu ſchicken, ſtatt daß ſie bisher auf die kleinen Schulen in der Nachbar⸗ ſchaft beſchränkt waren, und der Schülerwagen wur⸗ den es zuſehends mehr, da jede Penſion einen eigenen haben wollte. 4 8 Was die Kinder anbelangt, ſo mußte dieſe Maß⸗ regel nothwendig ihren Beifall ernten: denn im Wagen zu fahren iſt eines der größten Vergnügen der Jugend; auch muß man ſehen, wie früh man auf iſt, wie man ſich beeilt, ſich anzukleiden, um fertig zu ſein und den Wagen nicht zu verfehlen, der ſo pünktlich iſt wie der Zapfenſtreich. Die Eltern haben nicht mehr nöthig, die kleinen Faullenzer an den Ohren zu reißen: die Schüler wiſſen, daß der Wagen vorübergeht, und ſie ſind ſo pünktlich wie ein Reiſender, der ſeinen Platz auf der Poſt bezahlt hat. Seht einmal jenen kleinen zehnjährigen Knaben 57 mit der kleinen, heitern Miene, den kühnen und geiſtreichen Augen an: er wartet auf den Wagen des Penſionats, er kann nicht auf ſeinem Platze ſtehen bleiben, und bis ſeine Equipage endlich kommt, hüpft er in die Stube und ruft einem ſeiner kleinen Nach⸗ barn, der nicht das Glück hat, wie er in die Schule zu fahren, zu:„Ah, Finot, das iſt luſtig, das iſt hübſch, mit Pferden in die Penſion zu fahrent Und dann, verſtehſt Du, muß man viel ſchneller gelehrt werden, als wenn man zu Fuß geht.“ en putzt ſich die Naſe an ſeinen Aermeln und gegnet:„Aber Du ſagſt, der Wagen komme immer um acht Uhr präcis, um Dich abzuholen; ſieh' aber, Benedict, auf der goldenen Frau dort auf dem Ka⸗ mine iſt es ſchon acht ein halb Uhr vorüber.“ „O, der Wagen wird kommen: er iſt ſo pünkt⸗ lich wie die Sonne, wenn ſie ſcheint. Es iſt gewiß angenehm, in die Penſion zu fahren, wie wenn man nach Longchamps führe und idem farinae zu⸗ rückzukommen, wie unſer pedantiſcher Profeſſor ſagt; für mich beſonders, der auf dem Markt von St. Cloud nur einmal auf einem Karren war, und wo das Pferd erſt noch in Boulogne ſtehen blieb, ſo daß ich den übrigen Weg vollends zu Fuß machen mußte.“ „Sag' aber, Benedict, da ſchlägt es neun Uhr.“ „O, der Wagen wird ſchon kommen: er iſt ſo pünktlich wie der Mond; nie bleibt er aus! Chai⸗ ſenfahren, die Fußgehenden mit Koth beſpritzen, ha, das heißt ſeinen Kindern eine ſchöne Erziehung ge⸗ 58 ben. Ich will nicht mehr zu Fuß gehen, pfui, das iſt zu gemein!“ „Aber wie, Du kannſt ja keine Wurſt, keinen Kuchen mehr unterwegs kaufen!“ 4 „Nun, um ſo beſſer, ſo ſpare ich meine Sous zuſammen.“ 8 „Benedict, da ſchlägt es zehn Uhr.“ „Ach, laß mich doch in Ruhe, Dummkopf! Ich habe Dir ſchon geſagt, daß er kommen wird: nie zu ſpät, pünktlich wie die Gasflamme. Laß einmal in meinem Korbe ſehen... was habe ich zu früh⸗ ſtücken? Wieder Milchkäſe... es iſt nicht möglich! Der Arzt hat alſo befohlen, daß man mir Milch⸗ käſe geben ſoll; das iſt wahrlich nicht erbaulich!“ Ein Herr von etwa fünfzig Jahren, der noch zwölf Haare auf dem Vorderkopf hat, die er ſo zu ordnen weiß, daß ſie einen Strahl bilden, kommt in einen Schlafrock gehüllt, den man ihm aus einem alten Mantel ſeiner Frau hat machen laſſen, und mit Pantoffeln an den Füßen, die ſeine Ferſen völ⸗ lig unbedeckt laſſen. Dieſer Herr hat in der einen Hand ſein Schnupf⸗ tuch und ſeine Tabaksdoſe, in der andern ſein Blatt und ſeine Taſſe Milch; er runzelt die Stirne, wie er ſeinen Buben ſieht und murmelt:„Wie, Benedict, Du biſt noch nicht fort?“ „O, Papachen, man wird mich abholen. Sie wiſſen wohl, daß der Wagen ſehr pünktlich iſt.“ „Hm, ich meine im Gegentheil, er ſei es nicht ſehr, mein Sohn. Du wirſt fleißig ſtudiren, ich em⸗ 59 pfehle Dir den Ovid, das iſt ein köſtlicher Schrift⸗ ſteller, und wenn Du ihn einmal verſtehſt... „Den Ovid! O, Papa, ich bin voll von Ovid, ich weiß ihn auswendig.“ „Und Plinius, mein Herr?“ „Plinius! Ich bin auch voll von Plinius.“ „Um ſo beſſer; das iſt eine köſtliche Nahrung für den Geiſt.“ „Ja, Papa, aber wenn Sie mir immer Milch⸗ käſe mitgeben... ſo kann es nicht fortgehen.“ „Benedict, wie, es iſt zehn ein halb Uhr vorbei!“ „Willſt Du ſchweigen, Finot! er kommt, man hat Dir ſchon geſagt, daß er nie auf ſich warten läßt, da, ich höre ihn, er hält vor der Thüre.“ 3 Der Wagen der Penſion hält in der That eben vor der Thüre des jungen Benedict. Dieſe Wagen haben faſt dieſelbe Form wie die Omnibus, oder eher noch wie Tapetenkäſten. Man bringt bis zwanzig Kinder in einen derſelben. Der Conducteur ruft unten:„Herr Benedict Drouillard!“ „Hier, hier!“ ruft der Knabe. „Adieu, Papa, ich will fleißig ſtudiren; Finot, ſieh' mich einſteigen.“ Herr Benedict ſpringt allemal vier Treppen auf einmal hinab und ſtürzt dann in den Wagen, der faſt voll iſt, während er rechts und links ſtößt und arbeitet und dabei ruft:„Platz, wie, ich muß Platz haben! Ach, wie dumm, daß man Gitter vor die Thüren gemacht hat, man kann keine Aepfelſchalen 60 mehr auf die Vorübergehenden werfen; es iſt gar kein Spaß mehr.. M Seid ihr ſchon einem jener Wagen begegnet, auf denen mit großen Buchſtaben geſchrieben ſteht: Die und die Penſion? Sie ſind leicht zu erkennen: ihre Geſtalt gleicht, wie wir ſchon geſagt haben, einem Tapezierwagen; allein ſie ſind überall geſchloſſen und haben jetzt noch außer den Fenſtern ein ſehr enges Gitter: eine Vor⸗ ſichtsmaßregel, die man gegen die Herren drin er⸗ greifen mußte, nicht weil Einer oder der Andere Luſt bezeugt hätte, aus dem Wagen zu ſpringen, ſondern weil ſie ſich Neckereien erlaubten, die nicht immer den Beifall der Geneckten hatten, wie z. B. jedem Vorübergehenden eine Brodkrume oder einen Aepfelbutzen an die Naſe zu werfen, auf einen Hut zu ſpeien oder Kügelchen in die Läden zu werfen. Das enge Gitter hat dieſem Allem radikal abge⸗ holfen. Und jetzt ſchlägt es fünf Uhr; dieß iſt der Augen⸗ blick, wo die Penſion ihre nicht eigentlichen Koſtgän⸗ ger entläßt und nach Hauſe zurückführt. Die Schü⸗ ler ſind fertig, ihr könnet euch deſſen durch das Geſchrei und den Lärmen, der im Hofe herrſcht, überzeugen: alle Knaben wollen heraus, ſie ſtoßen und drängen ſich, Jeder will zuerſt im Wagen ſein. Darum gibt es auch einen Unterſchied in den Plätzen und die Herren geben namentlich denen den Vorzug, die die Ausſicht nach Außen geſtatten. 61 Endlich ſind alle der nicht eigentlichen Koſtgänger im Wagen, den der Bediente, der den Kutſcher macht, ſorgfältig ſchließt. Er ſteigt auf ſeinen Sitz, läßt ſeine Peitſche knallen, die Pferde fangen an zu trot⸗ ten und der Wagen rollt ab. Dieſer Augenblick iſt offenbar derjenige, in dem die Bürſchchen das meiſte Vergnügen empfinden; man ſieht das Glück in ihren Augen glänzen, die Freude ſich über alle ihre Züge verbreiten; dann ſprechen Alle zumal, machen ihre Gloſſen und Bemerkungen über Alles, was ihnen auf dem Wege in die Augen fällt; nie habt ihr in Geſellſchaft ein ſo lebhaftes, mun⸗ teres und mit Lachen untermiſchtes Geſpräch gehört. „O, ol nun geht es vorwärts.“ „Du haſt meinen Platz, Du Eduard, Du warſt geſtern da, ich ſollte heute da ſein.“ „Ah, wie dumm mit ſeinem Platze! Ich wäre ein Narr, wenn ich Dir ihn abtreten würde; warum biſt Du nicht zuerſt eingeſtiegen.“ „Du hatteſt mir expreß meinen Korb verſteckt, um mich aufzuhalten, wenn man uns rufen würde; aber Du ſollſt morgen ſehen, was ich Dir thue.“ „Nun, was willſt Du mir thun?“ „Gib Acht auf meine kleine Schnecke,“ ſagt ein Bürſchchen von ſieben bis acht Jahren mit blondem Kopfe und etwas naſeweiſem Geſichte, mit einem Akazienzweige im Arme, auf dem eine Schnecke der gemeinſten Art ſitzt. „Was braucht uns der mit ſeiner Schnecke zu Paul de Kock. LXV. 5 62² langweilen? Wenn der Herr Dich ſo geſehen hätte, hätteſt Du Dein Penſum gehabt, Du! Wo haſt Du dieſen Akazienzweig her? Du weißt wohl, daß es verboten iſt, im Garten Etwas abzureißen.“ „Schau', ich bin heute Morgen mit gekommen; ich hatte meine Schnecke mitgebracht, um damit zu ſpielen. Ach wie, Benedict, ſtoß⸗ mich doch nicht; Du wirſt machen, daß ſie hinunterfällt und dann zertritt man ſie.“ — „Ach, ihr Herren, ſeht, ſeht, die Obſthändlerin! Sie ſah auf die Seite und hat eine Handvoll Grun⸗ deln in die Goſſe geworfen ſtatt in den Keſſel.“ Alle Schüler ſtürzen gegen das Gitter, um die Fiſche auf dem Pflaſter zu ſehen. Der kleine Blondkopf mit dem Akazienzweige iſt der Einzige, der den Andern nicht nachmacht. Er ſetzt ſich in eine Ecke und ſeinen Mund der Schnecke nähernd, fängt er mit vieler Wärme an zu ſingen: „Schnecke, Schnecke in dem Haus Strecke deine Hörner'raus.“ „Ach, ſeht ihr, die Händlerin hebt ihre Fiſche wieder auf und thut ſie wieder in das Caſtrol, ohne ſie wieder zu putzen.“ „Ah bah, wenn es gebraten iſt, iſt es nicht mehr ſchmutzig; ich wenigſtens würde auch ſo davon eſſen, und dann wißt ihr, daß man zu uns geſagt hat: das Backen reinigt Alles.“ „Nicht das Backen, das Feuer, Dummkopf!“ „Stoß doch nicht ſo, ich habe Kugeln in der Taſche⸗ ſie thun mir weh.“ 63 „Seid doch ſtill; hört ihr die Muſik? da iſt eine Orgel, die kleine Holzfigürchen tanzen läßt.“ „O, die hübſche Melodie, die er ſpielt... das iſt eine Galoppade.“ „CEh, nein, Du ſiehſt doch, daß die Marionetten walzen, horch', Lieber.“ „Schnecke, Schnecke in dem Haus, ſtrecke deine Hörner'raus.“ „Willſt Du ſtille ſein, Poulot! Wie dumm er doch iſt mit ſeiner Schnecke.“ „Ach, da iſt ein Theater; es iſt la Gaieté.“ „Nein, es iſt l'Ambigu.“ „Ich wette, daß es la Gaieté iſt; zum Beweis, ich habe dort den ſchwarzen Domino geſehen.“ „Ah, ah, den ſchwarzen Domino! Das iſt nicht wahr; hier ſpielt man ihn nicht. Das iſt ein Opern⸗ ſtück.“ „Bah, Du verſtehſt nichts davon.“ „Doch, denn meine Schweſter ſpielt die einzelnen Stücke auf dem Piano und ſie ſingt die Duette und die Trios den ganzen Tag, indem ſie ihre Lektionen lernt, und ich habe oft die Mama zu ihr ſagen hören: Du wirſt alſo nie etwas Anderes ſingen als den ſchwarzen Domino!“ „Alles das iſt kein Beweis. Ich, ich bin überzeugt, daß ich in la Gaieté einen ſchwarzen Domino und ſogar maskirt geſehen habe. Und ich kann mich noch wohl an das Stück erinnern. Es iſt von Pferden darin die Rede und von Carouſſelplätzen, und am Ende ſieht man den Kaiſer. Man ſchlägt ſich, balgt * 64 ſich und das iſt ſehr luſtig. Und das Ganze ſpielt in Venedig, ja, man ſieht Venedig.“ „Ach, erzähl' uns das Stück, Bouchinot i“ „Ach, ja, erzähl' es uns.“ „Seid ſtill und paßt auf. Zuerſt, wie es anfängt.. ach, den Anfang weiß ich nicht mehr; aber das i eins: es iſt immer ein junger Mann da, der ein junges Mädchen heirathen will, und ſie will ihn auch, und die Mutter, die ihn zuerſt nicht will, will ihn nachher ebenfalls, weil ſie das Porträt Desjenigen erkennt, den ſie für einen Andern hielt; verſteht ihr?“ „Ja, ja, aber der ſchwarze Domino?“ „Wartet nur. Dann kommt ein Gondelführer, der bloß ein Hemd anhat; aber das iſt ein guter Menſch, er liebt den jungen Mann, weil... ich weiß nicht mehr, warum; das iſt gleichgültig. Er ſagt zu ihnen: Ach, zum Henker! ach, tauſend mal tau⸗ ſend! Ach, zum Kukuk!... und viele ſolche Dinge, um dem jungen Mädchen und ihrem Liebhaber Muth zu machen. Dieſe, die ſehr zufrieden ſind, das zu hören, haben keine Furcht mehr..“ „Schnecke, Schnecke in dem Haus...“ „Poulot, ſchweig' doch; wenn Du nicht ſtill biſt⸗ zertreten wir Dein häßliches Thier.“ „Nun, was thue ich euch denn Leid's? Kann man jetzt nicht ſingen?“ „Du hörſt alſo nicht, daß Bouchinot uns den ſchwarzen Domino erzählt, ein ſehr hübſches Stück⸗ das er in la Gaieté geſehen hat?“ „Was geht das mich an? Mich führt man nie 4 65 in’'s Theater. Papa ſagt, daß man, ehe man zwan⸗ zig Jahre alt iſt, nicht dahin darf.“ „Ach, armer Serinard!... d'rum hat er kein Geld, um Dich hinzuführen, Dein Vater!“ „Kein Geld?.. Ah! er hat mehr als der Dei⸗ nige; ich weiß es gewiß.“ „Mehr als der meinige?. Papa iſt ſehr reich, verſtehſt Du! Und warum hat denn der Deinige im⸗ mer denſelben alten, häßlichen, ganz abgeſchabten Rock und einen kleinen ſchmutzigen Hut auf, wenn er Dich in der Penſion beſucht?“ „Sein Rock iſt durchaus nicht alt, um ſo mehr, als er mir nächſtes Jahr einen neuen daraus machen läßt, wenn ich einen Preis bekomme.“ „Ahl ahl ah!“ 3 „Wiel. warum hält man denn?“ „D'rum iſt unſer Pferd geſtürzt.“ „Ach, das ſchlechte Thier! bloß aus Zorn, gewiß. Es ſtellt ſich todt.“ „Könnte man nicht glauben, es thue ihm wehe, einige Kinder zu ziehen?“ „Im Ganzen ſind wir nur zu zweiundzwanzig darin.“ „Ach! wenn es nicht wieder aufſtehen könnte.“ „Ol ol.. alle die Leute, die ſtehen bleiben..“ „Sieh', das ſind ſtarke Leute... auf... vorwärts; da ſteht es wieder, unſer Pferd... vorwärts im Galopp.“ „Und Dein Stück, Buchinot? Erzähle es doch vol⸗ lends aus, ehe wir an Deine Thüre kommen.“ 66 „Gleich. Dann... ich weiß nicht mehr, wo ich ſtehen geblieben bin... das iſt gleichgültig.. man läuft auf's Theater, indem man ein großes Geſchrei erhebt... der ſchwarze Domino kommt... das iſt ein Mann, der gepudert iſt, einen Zopf hat und ſehr abſcheulich iſt... mit einer Sammtmaske...“ „Ah! da iſt das Waſſerſchloß... ah! da unten auf dem Boulevard ſchleift man... die Straßen⸗ jungen...“ „O! wie Schade, daß wir nicht auch ſchleifen können!“ „Dort iſt Einer, der es hübſch kann.“ „Zum Erſtaunen!... da liegt er. Pif! patatras! ... einer, zwei, drei auf dem Boden... Hal hal hal hal hal hal“ „Sag' doch, Francaleux, Du, der ſo geſcheidt ſein willſt: unter weſſen Regierung wurde das Waſſerſchloß erbaut? Ich wette, Du weißt es nicht.“ „Ach der ſchlechte Kerl.. ich weiß es beſſer als Du.” „Nun, wir wollen ſehen! Gib Antwort: unter weſſen Regierung?“ „Zum Henker! unter der Regierung eines Königs⸗ der die Waſſerſchlöſſer liebte; das iſt nicht ſchwer zu errathen.“ „Aber welcher König war es, Nachteule, welcher König?... Du ſiehſt wohl, daß Du ihn nicht nennen kannſt!“ „Ludwig XIV. war es. Er hat es zur nämlichen Zeit wie die St. Dionyſius⸗Pforte bauen laſſen. Und der Beweis iſt, daß es Löwen hat.“ 67 „Gewiß nicht! der Kaiſer hat das Waſſerſchloß bauen laſſen; ich habe es oft von meinem Vater ſagen hören.“ „Nein, Ludwig XIV. „Ich wette um einen Sou italieniſchen Käſe mit Dir!“ „Ahl ihr Herren... ſeht... eine Schlägerei... dort unten auf dem Boulevard prügeln ſich zwei Männer!... Ohe, ohe!“ „Der Eine hat kein Halstuch mehr...“ „Stoßt mich doch nicht ſo! wie langweilig!... ſie werden meine kleine Schnecke hinunterwerfen.“ „Pau! Puff!... ol wie ſie mit den Fäuſten drein⸗ ſchlagen!“ „Sicherlich hat der Große Recht!“ „Wenn ich dort wäre, würde ich mich des Kleinen annehmen, ich wette, er wirft den Andern nieder... man kann ſie nicht mehr ſehen, das iſt Schade.“ „Ach! ihr Herren, hört ihr die Trommel?... es wird Militär vorbeikommen.“ „O, welches Glück!... die Soldaten ziehen vor⸗ bei... an uns!.. Hält Johann nicht an?“ „Doch, er hält.“ „Ol da ſind ſte... v'lan! r'lan!... plan! plan! plan!... r'lan! r'lan!“ „Siehſt Du vorn den Offizier zu Pferde? das iſt der Anführer.“ „Wenn ich einmal groß bin, will ich auch An⸗ führer werden; ich werde gleich Offizier.“ „Ahl Du meinſt, man wird nur ſo geſchwinde 88 Offizier? Du weißt nicht, daß man vorher Schiffs⸗ junge ſein muß.“ „Schiffsjunge? Zur See wird man Schiffsjunge, wenn man Kapitän auf einem Seeſchiff werden will.“ „Achl da fährt Johann ſchon wieder weiter; er läßt uns nicht einmal Zeit, die Tambours zu hören... r'lan! r'lan! plan! plan! plan!“ „Schnecke, Schnecke in dem Haus... „Poulot, Du wirſt ſehen, wenn Du morgen Deine Schnecke wieder mitbringſt, wird man Dich während der Recreation im Zimmer behalten.“ „Und Dein Stück, Bouchinot, erzähl' es uns doch vollends.“ „Ach ja... wo bin ich?... das iſt gleichgültig: der ſchwarze Domino, der einen Zopf hat und ge⸗ pudert iſt, bringt andere Dominos mit ſich, die einen kleinen Sack mit zwei Löchern für die Augen auf dem Kopf haben... das iſt prächtig! da fürch⸗ tet man ſich... dann zieht man eine verborgene Thüre im Hintergrund und. ah! da bin ich zu Hauſe.. Adje.. ich erzähle euch den Reſt morgen vollends. 4 „Sag' doch, Bouchinot! Boucinon kommt der ſchwarze Domino um?“ „Ja, durch einen Piſtolenſchuß!“ „Ahl gut! Bravo!“ Bouchinot ſteigt an ſeiner Thüre ab und geht nach Hauſe. Der Wagen fährt weiter. In einiger Entfernung ſteigt Herr Poulot mit 69 ſeiner Schnecke, dann ein anderer Zögling, dann wieder ein anderer aus. 1 Aber wenn auch die Zahl der Reiſenden kleiner wird, die Unterhaltung geht doch nicht aus. So lange noch mehr als ein Schüler im Wagen iſt, hören die Bemerkungen, hört das Lachen und Deuten nicht auf. Nie wird ein Weg heiterer zurückgelegt als der, den dieſe junge Bürſchchen von ihrer Penſion zurück oder des Morgens in dieſelbe im Omnibus des Penſionats machen. Einmal indeſſen war der Wagen der Zöglinge urſache einer Scene anderer Art. Ein kleiner Knabe von ſieben Jahren, Namens Charles, war ſeit Kur⸗ zem Gratianer in einem Penſionat, das ebenfalls ſeinen Wagen hatte; der Knabe hatte die größte Freude geäußert, als er ſich durch zwei gute Pferde fortgezogen und in den Straßen von Paris herum⸗ fahren ſah. Als einziger Sohn einer armen Wittwe, die ſich großen Opfern unterzog und oft im Tagelohn ar⸗ beitete, um ihrem Sohne eine Erziehung zu geben, war der kleine Charles nie in einem Wagen geweſen, eehe er in den ſeines Penſionats ſtieg; deßhalb war er auch Einer von denen, welchen der Weg am mei⸗ ſten Luſt bereitete und ſchien während der ganzen Fahrt ſich als der glücklichſte Menſch zu fühlen, weil er gefahren wurde. Eines Tages indeſſen, es war im Winter, das 70 Wetter kalt und regneriſch, kehrten die Kinder nach Hauſe zurück, und der kleine Charles, den man bis dahin munter und heiter wie ſeine Kameraden ge⸗ ſehen hatte, wurde plötzlich ſtill und traurig, nach⸗ dem er auf die Straße geſehen hatte. Am andern Tage kam der Wagen, der jeden Tag denſelben Weg machte, an derſelben Stelle vorbei, wohin Charles den Abend zuvor hingeſehen hatte. Das Kind heftete wiederum haſtige Blicke auf die Straße, es ſuchte einige Zeit, und dann bemäch⸗ tigte ſich ſeiner wieder dieſelbe Traurigkeit und man ſah ſogar, wie ihm Thränen über die Wangen floßen. Den folgenden Tag fiel zur Zeit der Abfahrt der Regen immer noch mit Heftigkeit, als der kleine Charles mit ſchwerem Herzen und niedergeſchlagen gegen den Herrn der Anſtalt vortrat und zu ihm ſagt:„Mein Herr, ich will lieber zu Fuß nach Hauſe gehen.“ „Wie, mein Freund,“ ſagte der Herr zu ihm, „Du wollteſt zu Fuß fortgehen!... Ich verſtehe Dich nicht! Du, der ſo vergnügt ſchien, als er fahren konnte, der eine ſo große Luſt darüber bezeugte, Du ſollteſt jetzt zu Fuß nach Hauſe gehen wollen?... Und welchen Zeitpunkt Du zu dieſer Bitte wählſt... jetzt, wo der Regen in Strömen fällt, wo es ſchreckliches Wetter iſt...“ „Achke.. gerade deßhalb, mein Herr, wollte ich auch... zu Fuße gehen.“ „Erkläre mir doch, was Dich zu einem ſolchen Wunſche veranlaßt.“ — O—., 71 „Mein Herr.. weil ich... ſeit zwei Tagen... wenn wir durch St. Martins⸗Straße fahren... die Mutter aus dem Hauſe gehen ſehe, wo ſie arbeitet .. ſie geht ſehr ſchnell, um zu derſelben Zeit wie ich zu Hauſe anzukommen, aber meine arme Mutter iſt immer ſehr naß und es macht mir Kummer, wenn ich im Wagen bin, während ſie zu Fuß geht... ich möchte lieber mit ihr naß werden.“. Der Herr der Penſion ſchließt den kleinen Charles in die Arme, küßt ihn zärtlich und führt ihn an die⸗ ſem Tage ſelbſt zu ſeiner Mutter, der er erzählt, was der kleine Knabe zu ihm geſagt hat, indem er beiſetzt:„Sie haben einen guten Sohn, Madame; wir wollen uns Mühe geben, ihm viel zu lehren, damit er durch ſein Wiſſen einſt Reichthum erwerben kann, denn da dürfen Sie überzeugt ſein, daß ſein größtes Glück darin beſtehen wird, dieſen mit Ihnen zu theilen.“ Doch laſſen wir die Kinder im Wagen fahren, ſelbſt in dem Fall, daß ſie ſpäter keinen mehr haben ſollten. 3 3 OSo⸗ Trickchen, der Bretagner, oder der nie Betrogene. Trickchen war ein Kind der Bretagne, d. h. er hatte einen warmen Kopf, eine lebhafte Einbildungs⸗ kraft, einen hausbackenen Verſtand und eine manch⸗ mal rohe Sprache, aber er war muthig und treu. Und welches Land hat mehr Männer erzeugt, die man wegen ihrer edeln Geſinnungen anführen könnte? Und wenn wir hier von Treue reden, ſo wollen wir nicht von Liebe ſprechen und jenen artigen Schwüren, die ſich zwei Liebende geben, ſondern viel⸗ mehr von jener großen, bewunderungswerthen Auf⸗ opferung, die darin beſteht, ſeine Freunde nicht im Unglück, ſeinen Herrn nicht in der Verbannung und ſeine Fürſten nicht im Elende zu verlaſſen. Aber jede Münze hat eine Kehrſeite, wie ihr wiſſet, und dann gibt es nichts Vollkommenes in der Natur. So mußte auch Trickchen ſeine ſchlimme Seite haben, wie wir ſie Alle haben; ja, man be⸗ hauptet ſogar, daß es Perſonen gebe, die keine gute haben. Die ſchlimme Seite Tricks war die Eitelkeit, ein ungeheures Selbſtvertrauen und in Folge davon eine 73 ſehr große Meinung von ſeinem Verdienſt und die Zuverſicht, daß Niemand ihn anführen könne. Armer Junge!... welch' ein Irrthum! welche tolle Einbildung! Die größten Geiſter, ſelbſt Genies wur⸗ den gemißbraucht und angeführt von ganz gewöhn⸗ lichen Menſchen. Angeführt zu werden, das iſt das Loos der armen Menſchheit; und es gibt noch Leute, die ſagen, wir wären ſehr unglücklich, wenn wir es nicht würden.“ Aber Trickchen war erſt fünfzehn Jahre alt und aus der Bretagne; man muß alſo das große Vertrauen, das er auf ſeine Klugheit hatte, entſchuldigen. Wir ſehen täglich Leute in der Welt, welche Alter und Erfahrung nicht vernünftig gemacht haben. Wenn die Jugend die Klugheit auch noch hätte, was würde da dem Alter bleiben? Trickchen wollte nach Paris gehen und da ſein Glück probiren. Das iſt ein ſehr natürlicher Zug; es iſt ſelten, daß er nicht in Leuten aufſteigt, die das Schickſal ſchlecht bedacht hat, und viele reiche Leute betragen ſich in dieſer Hinſicht ganz ebenſo wie die, welche es nicht ſind. Jean⸗Jacques hat geſagt:„Man muß glücklich ſein, lieber Emil; das iſt das erſte Bedürfniß des Menſchen.“ Aber in unſerer Zeit hat man die Rede Rouſ⸗ ſeau's umgemodelt in:„Man muß reich ſein.“ Denn man meint, daß es außer dem Reichthum kein Mittel gebe, glücklich zu ſein. 74 Kehren wir zu Trickchen zurück. Seine Eltern hatten Handelſchaft getrieben, waren aber nicht reich geworden und außerdem noch oft von Schlauköpfen und Spitzbuben angeführt worden. Der Jüngling ſagte zu ſich:„Ich werde klüger oder glück⸗ licher ſein, ich will mich von Niemanden betrügen laſſen und ich werde in Paris reißend ſchnell meinen Weg machen.“ Ein alter Oheim, der einzige Verwandte, der unſerm Trick geblieben war, willigte in ſeine Ab⸗ reiſe nach der Hauptſtadt Frankreichs und erhielt für ihn die Stelle eines Unterladendieners bei einem Trödelhändler. Man gab dem jungen Mann freie Wohnung unter dem Dache, eine Koſt, die ſehr frugal war, und wöchentlich zwanzig Sous, ohne die Trink⸗ gelder, die er von den Leuten erhalten ſollte, denen er Waaren brachte. Der Dienſt war nicht glänzend; aber Trick fand ihn herrlich. Er dankte ſeinem alten Oheim, packte ſeine Effekten in einen Nacht⸗ ſack und ſetzte ſich auf die Imperiale der Poſt, wo ein Platz für ihn bezahlt war. Das aufgeweckte, kindliche und offene Geſicht Tricks ſchien einen ſehr angenehmen Eindruck auf einen neben ihm auf der Imperiale ſitzenden Reiſen⸗ den zu machen. Dieſer Reiſende glich entfernt nicht dem jungen Bretagner: ſeine ſchlaue Phyſiognomie, ſeine kleinen, liſtigen Augen ließen nicht auf Dummheit ſchließen, flößten aber auch kein Vertrauen ein; auch war das 75 Lächeln in ſeinem ſchmalen geſchloſſenen Munde bos⸗ haft und treulos. Glaubet mir und mißtraut einem ſchmalen Munde... aber habt kein großes Vertrauen auf die andern. Trickchen erzählte ſeinem Gefährten auf der Im⸗ periale alle ſeine Angelegenheiten und dieſer erwie⸗ derte die Erzählung mit einer Warnung, die große Aufrichtigkeit zu verrathen ſchien. „Junger Mann, Sie gehen nach Paris, nehmen Sie ſich in Acht: in den großen Städten gibt es immer viele Diebe, in Paris fehlt es nicht daran. In einer ungeheuren Stadt, wo viele Menſchen aufwachen, ohne zu wiſſen, wo ſie eſſen werden, da müſſen wohl, das begreifen Sie, viele Diebſtähle, Betrügereien und Schurkenſtreiche vorfallen. Die wegen ihrer Schönheiten, Annehmlichkeiten und Ver⸗ gnügungen berühmteſten Hauptſtädte haben das trau⸗ rige Privilegium, die gewandteſten Spitzbuben an⸗ zuziehen; überall, wo eine Menſchenmaſſe iſt, dürfen Sie überzeugt ſein, daß auch Diebe ſind; das iſt eine niederſchlagende Wahrheit, aber es iſt Wahrheit. Seien Sie alſo auf der Hut gegen alle Streiche, die man Ihnen ſpielen will. Ich rede hier nicht von Diebſtählen mittelſt bewaffneter Hand, mittelſt Ein⸗ bruchs oder Einſteigens, das gehört in die Reihe der gemeinen und in allen Ländern bekannten Verbre⸗ chen, ſondern von den in Paris gebräuchlichen Diebſtählen, gegen die man ſich durch Klugheit ſchützen muß." Trickchen hörte ſeinem Reiſegefährten lächelnd zu 76 und rief von Zeit zu Zeit:„O, mein Herr! es iſt nicht ſo gefährlich!... Ich laſſe mich nicht betrügen .. ich wette, daß ich einen Dieb auf eine Stunde weit erkenne.“ 3 „Ach, das glauben Sie, mein junger Freund; dieſes Selbſtvertrauen könnte für Sie von traurigen Folgen ſein. Aber laſſen Sie uns einmal ſehen, wenn Sie ſo überzeugt ſind, daß Sie gegen die Diebe ſo auf der Hut ſind, ſo kennen Sie wohl den Guten⸗ Morgen⸗Diebſtahl? den Diebſtahl auf amerikaniſche Art? ſo wiſſen Sie, was der Topf⸗Diebſtahl iſt?“ Trickchen riß die Augen weit auf, ſenkte dann den Kopf und ſagte:„Ah bah, das ſind Dummhei⸗ ten, das! Dinge, die man Kindern ſagt, um ſte zu erſchrecken.“ „Ich habe durchaus nicht die Abſicht, Sie zu er⸗ ſchrecken, mein junger Freund, ich will Ihrer Uner⸗ fahrenheit zu Hülfe kommen. Hören Sie mich an: unter den in Paris häufigſten Diebſtählen iſt zunächſt der Topf⸗Diebſtahl zu befürchten. Ich will Ihnen erklären, was das iſt; es kann Ihnen bei Gelegenheit nützlich ſein. Des Morgens, in Paris, in einem oft von vielen Miethsleuten bewohnten Hauſe, gibt der Portier, der mit einer Magd oder einem Nachbar ſpricht, ſeine Milch genießt, oder ſeinen Hof kehrt, oder ſei⸗ ner Elſter zu freſſen gibt(in Paris haben nämlich faſt alle Portiers entweder eine Elſter, einen Pa⸗ pagei, einen Hund oder drei Katzen), alſo des Mor⸗ gens, wenn ſie ſtark beſchäftigt ſind, geben ſie nicht immer Achtung auf die Perſonen, die in's Haus 77 gehen. Ein Induſtrieritter geht hinein, kommt unge⸗ ſtört an die Treppe, ſteigt hinauf und ſieht dabei nach allen Thüren; außerordentlich ſelten nur findet er eine, an der man nicht den Schlüſſel hat ſtecken laſſen; denn ein Burſche, der lange aufgeblieben iſt, ſagt zur Schließerin:„Hier iſt mein Schlüſſel, geben Sie ihn morgen meiner Bedienung, ich habe nicht Luſt, aufzuſtehen, um ihr aufzumachen.“ Morgens kommt die Bedienung; aber während ſie hinabgeht, um den Kaffee, das Brödchen und den Rahm zu holen, läßt ſie den Schlüſſel im Schloß ſtecken. Sehr oft machen es die Mägde ebenſo, oder vergißt auch die Portiersfrau, welche die Zeitungen hinaufträgt, den Schlüſſel an der Thüre, oder aber ſagt der Miethsmann ſelbſt zu ihr:„Laſſen Sie mei⸗ nen Schlüſſel außen ſtecken, daß ich nicht nöthig habe, aufzuſtehen, wenn man mich beſuchen wille...“ Trickchen lacht laut auf und ſagt:„O, ich werde nicht ſo dumm ſein, ich!“— „Sie meinen das!.. Kurz, der Induſtrieritter ent⸗ deckt einen Schlüſſel, geht an die Thüre, öffnet ſie ſehr leiſe und kommt in's Zimmer. Ein Herr liegt im Bett und ſchnarcht in vollkommener Sicherheit. Es ſteht ihm ſogar frei, zu träumen, er habe ein Goldbergwerk entdeckt, einen Millionär beerbt, ſei Unterpräfeket geworden oder man habe ihm eine Schachtel voll Nürnberger Lebkuchen geſchickt. Wäh⸗ rend er ſo angenehm träumt, nimmt der Indu⸗ ſtrieritter gewandt eine Uhr vom Nagel, ſteckt das Paul de Kock. LXv. 6 78 Geld, das in einem Sekretär iſt, ein, entfernt ſich mit aller möglichen Vorſicht, um den Schlaͤfer nicht aufzuwecken, verläßt keck das Haus und geht, eine Arie aus Roſſini pfeifend, an dem Portier vorbei.“ „Ach, ich werde mich nicht ſo beſtehlen laſſen,“ ſagt Trick,„denn ich weiß gewiß, daß ich aufwachen würde; ich habe einen ſehr leiſen Schlaf und höre eine Maus laufen.“ „Wahrlich, mein lieber Freund, dazu wünſche ich Ihnen Glück. Aber nehmen wir an, unſer Induſtrie⸗ ritter treffe beim Eintritt in das Zimmer, nachdem er den Schlüſſel zur Thüre gefunden hat, Jemand, der ſehr früh aufgeſtanden iſt. Sie glauben nun, unſer Dieb ſei gefangen?... Ganz und gar nicht. ‚Wer iſt da? fragt die Perſon, die ihre Thüre gehen hört oder einen Unbekannten eintreten ſieht, deſſen Geſicht ihm durchaus nicht gefällt.— Der Induſtrieritter macht ein erſtauntes Geſicht und mur⸗ melt:„Entſchuldigen Sie, ich ſuche Herrn Tchicoff⸗ Zahnarzt?— Den kenne ich nicht... es iſt kein Zahnarzt im Hauſe.—„O, bitte tauſend Mal um Entſchuldigung, mein Herr, ich könnte mich in der Nummer getäuſcht haben... es iſt mir leid, Sie geſtört zu haben!— Und der Dieb verſchwindet wie der Blitz, während der Miethsmann in ſeinem Ge⸗ dächtniſſe nach einem Zahnarzt ſucht, der in der Nach⸗ barſchaft wohnen ſoll und vor ſich hin ſpricht: ‚Tchi⸗ coff, das iſt ein ruſſiſcher Name... es ſcheint, Ruß⸗ land ſchickt auch Zahnärzte an uns.“ 79 „Mein Herr,“ ſagt Trick, als ſein Reiſegefährte ausgeſprochen hat,„ich ſehe es einem Diebe ſogleich im Geſicht an, ob er einer iſt oder nicht; ich werde ihm alſo an den Hals fahren und ihn verhaften. Ah, ich bin kein ſo Dummkopf!“ „Zum Teufel auch!“ entgegnet der Reiſende, den Jüngling mit ſeinen kleinen durchdringenden Augen ſcharf anſehend,„Sie glauben, einen Dieb ſogleich zu erkennen, wenn Sie ihm in's Geſicht ſehen?“ „Ja, mein Herr!“ „Peſt! was für ein Spaßvogel Sie ſind! Nun, es freut mich, daß ich weiß, daß Sie dieſes Talent ha⸗ ben. Aber ich habe Ihnen nun den Guten⸗Morgen⸗ Diebſtahl erklärt und will Sie nun mit dem Dieb⸗ ſtahl auf amerikaniſche Art bekannt machen, der eben⸗ falls in Paris ſehr im Schwung iſt, wo man ſich indeſſen wundert, daß ſich noch Jemand damit hinter's Licht führen läßt.“ „O, es lohnt ſich nicht der Mühe, mein Herr.“ „Sie kennen ihn alſo?“ „Nein, mein Herr.“ „Nun, ſo laſſen Sie ſich ihn ſagen.“ Der Dieb geht ruhig in Paris wie ein einfacher Faullenzer ſpazieren; er ſucht einen Menſchen, der einen Sack mit Geld trägt, und deßwegen ſtellt er ſich in der Nähe des Schatzes oder der Bank auf: in dieſen Vierteln ſind die Geldträger eben ſo häufig als die Omnibus. Der Dieb enideckt einen, redet ihn an, thut, als wäre er ein Frem⸗ der und ſuche Gold gegen Silber umzuwechſeln. 80 Ein Gehülfe geht vorbei und thut, als wolle er dieſe Gelegenheit benützen, um ein gutes Geſchäft zu machen; ſeinerſeits will aber auch der Mann mit dem Geldſack nicht, daß ihm der Fremde und der Profit entgehe. Man geht alſo in eine Schenke. Der, welcher den Fremden ſpielt, wechſelt, während er in verſchiedenen Sprachen kauderwälſcht, ſein Gold gegen Silber um; der Gehülfe thut, als gehe er, um ebenfalls Thaler zu holen; er geht hinaus und kommt nicht wieder. Der Fremde behauptet, er habe ein Goldſtück von ihm mit und läuft ihm nach; von beiden Herren kommt keiner zurück. Der Mann mit dem Sack zahlt die Zeche und geht zu einem Wechsler, um ſein Gold wieder umwechſeln zu laſ⸗ ſen. Hier angekommen, merkt er, daß man ihm die guten Rollen umgetauſcht hat; in denen, welche er noch hat, iſt nichts als Blei oder Sousſtücke.“ „Mein Gott! mein Herr, aber dieſe Leute laſſen ſich alle ſo leicht betrügen; ſie haben, ſcheint es, nur mit Dummköpfen zu thun!“ „Wollen Sie, daß ich Ihnen noch andere Dieb⸗ ſtähle, wie ſie in Paris im Gebrauche ſind, er⸗ zähle?“ „Es iſt unnöthig, mein Herr,⸗ ich habe ſatt. Zu⸗ dem denke ich, daß die Diebe 39 in Ruhe laſſen werden.“* „Wie Sie wollen, mein liebes Freundchen.“ Der ſo verbindliche Herr ſagt nichts mehr, legt ſich zurück und ſchläft oder ſtellt ſich wenigſtens wäh⸗ rend der ganzen übrigen Reiſe ſchlafend. Was Trick 81 betrifft, ſo ſchläft er vollkommen ſicher auf dem einen Ohr, was unendlich bequemer iſt, als auf beiden Ohren zu ſchlafen. Man kommt nach Paris. Der Reiſegefährte von der Imperiale iſt an der Barrière ausgeſtiegen, nachdem er Trickchen noch ge⸗ rathen hat, ſeinen Rath ja nicht zu vergeſſen. Der junge Bretagner ſieht, kaum in der großen Stadt angekommen, nach der Adreſſe des Trödel⸗ händlers und liest: Herr Fripard, Bären⸗Straße. Trick läßt ſich nach der Bären⸗Straße weiſen und eilt dann, mit ſeinem Nachtſack auf dem Rücken, zu Herrn Frippard. Der Trödelhändler iſt ein kleiner, gelber und runzeliger Greis, der ſeit ſechszehn Jah⸗ ren denſelben Ueberrock trägt, was von ſeiner Spar⸗ ſamkeit einen hohen Begriff gibt. Er empfängt den kleinen Bretagner ziemlich ſtrenge und ſagt zu ihm: „Du biſt nun mein Commis; aber gib Acht, wenn Du Etwas verderbſt, wenn Du Dich betrügen läßt, ſo bedenke, daß ich Dir das an Deinem Gehalte abziehe.“ „Das verſteht ſich,“ entgegnet Trick,„und das wird mich nicht Windern, luſtig zu ſein.“ „Du gehſt ſoͤgleich an's Geſchäft: Du wirſt die Bücher führen. Du ſollſt ordentlich ſchreiben?“ „Ja, mein Herr.“ „Du wirſt ſehr enge ſchreiben, um weniger ———— 82 Papier zu verbrauchen. Schreibſt Du mit Stahl⸗ federn?“ „Ja, mein Herr.“ „Ganz gut, Du wirſft ſie Dir anſchaffen. Aber Du wirſt doch dieſen ſchönen Rock nicht zum Arbei⸗ ten anbehalten?“ „O nein, mein Herr, ich habe in meinem Paket eine Jacke und eine Blouſe; o, ich habe Alles, was man braucht, ich bin ſehr gut verſehen.“ „Dann zieh' ſogleich Deine Blouſe an; du wirſt ſie nur am Sonntage ausziehen, und ſelbſt an die⸗ ſen Tagen wirſt Du, wenn Du mir glaubſt, klug daran thun, ſie anzubehalten.“ Trickchen ſetzt ſich, obgleich er bei ſich denkt, daß ſein Herr die Sparſamkeit etwas weit treibe, pflicht⸗ gemäß in Bewegung, um ſeinen Nachtſack zu öffnen, den er beim Eintritt in den Laden in einen Winkel gelegt hat. Plötzlich entfährt ein Schrei des Schreckens dem jungen Bretagner; der alte Fripard erſchrickt und wendet ſich zu ihm mit den Worten:„Sollteſt Du Etwas zerbrochen haben?“ 3 „Nein, mein Herr, das iſt es nicht... aber... ja... da ſehen Sie.. mein armer Nachtſack, in dem ich acht Hemden, zwölf Sacktücher, drei We⸗ ſten, zwei Beinkleider, zwei Jacken und eine Blouſe hatte!“ Der alte Kaufmann tritt näher und ſieht den Nachtſack an, der kahl ausgeleert war. „Das iſt eine Lehre der Sparſamkeit, die Dein 83 Oheim Dir geben wollte,“ ſagt Herr Fripard.„Er denkt, daß Du genug an dem haſt, was Du auf dem Leibe trägſt.“ „O nein, mein Herr, nein! ich habe mein Bündel ſelbſt geſchnürt und weiß gewiß, daß ich Alles hatte, was ich Ihnen ſo eben herzählte!... Und nun nichts mehr!... Ah, da iſt ein Papier, worauf einige Worte geſchrieben ſind...“ Trick öffnet das Papier und liest:„Ich habe Ihnen geſagt, Sie ſollten gegen Diebe auf der Hut ſein; Sie wollten mir nicht Glauben ſchenken, aber der gute Rath, den ich Ihnen gegeben habe, iſt wohl die Effekten werth, die Ihr Sack enthielt.“ „Ach, der Böſewicht! der Schuft!“ ruft Trick, „mein Reiſegefährte hat mich beſtohlen.“ Der alte Fripard verzieht das Geſicht und ſagt: „Guter Freund, das zeigt nicht an, daß Sie beſon⸗ ders ſchlau ſind und ich würde vielleicht wohl daran thun, Sie nicht in mein Geſchäft zu nehmen, denn ich fürchte, Sie könnten mich auch beſtehlen laſſen.“ Trick verſpricht dem alten Händler, immer auf der Hut zu ſein und nie Jemanden trauen zu wol⸗ len, und Fripard behält ihn bei ſich, indem er ihm noch ſagt:„Zum Glück für Sie iſt Ihr Anzug faſt noch neu und Sie können ihn zehn Jahre ſo tragen, ehe Sie ihn wenden laſſen.“ „Ja, aber ich hoffe, in zehn Jahren noch zu wachſen, und mein Anzug wird nicht wachſen!“ ſeufzte leiſe Trick. 1 Zum Glück hatte der junge Bretagner ſein Geld 84 nicht auch in ſeinem Reiſeſacke gehabt. Mit dem, was er beſitzt, kauft er ſich Wäſche und bald hat er dieſen erſten Unfall vergeſſen. Trickchen iſt ſeit acht Monaten im Laden des alten Trödelhändlers, und da er ſich die ganze Zeit über nicht ein einziges Mal hat drankriegen laſſen, ſo iſt ſein Selbſtvertrauen zurückgekehrt und mit ihm jene Eitelkeit, jener Eigendünkel, welcher ſeine ſchlimme Seite ausmachte. Indeſſen verdiente der junge Lehrling immer nur vier Franken monatlich und das war ſehr wenig; aber ſein Herr zwang ihn, ſparſam zu ſein, indem er ihm keine Zerſtreuung, kein Vergnügen erlaubte. Eines ſchönen Morgens tritt ein ſehr gut geklei⸗ deter Herr in den Laden des Trödlers, der damals gerade einen ſehr eleganten, ganz neuen Regenſchirm ausgeſtellt hatte; derſelbe unterſucht den Schirm und fragt nach dem Preis. „Sechsunddreißig Franken,“ entgegnet Herr Fri⸗ pard,„und das iſt mein letztes Work. Dieſer Regen⸗ ſchirm iſt aus herrlichem Seidenſtoff gemacht, das Holz dabei iſt koſtbar und der kleine Knopf iſt mit Gold eingelegt. Für ſechsunddreißig Franken iſt er ſo viel wie hergeſchenkt.“ „Ich behalte ihn, laſſen Sie ihn mir nachtragen, ich gehe nach Hauſe.“ Da der Herr bereits ein Rohr hat, ſo ſndet man 8⁵ es ziemlich natürlich, daß er nicht auch mit einem Regenſchirm ſich beladen will. Ueberdieß kann man ein ganz ehrlicher Mann ſein und doch keine ſechsunddreißig Franken in der Taſche haben, um einen ex abrupto gemachten Ein⸗ kauf zu bezahlen. 6 Der alte Fripard übergibt den ſchönen Schirm unſerm Trickchen und ſagt ihm dabei in's Ohr: „Gib vor Allem den Gegenſtand nicht aus der Hand, ehe Du das Geld dafür haſt!“ Trick macht ein bejahendes Zeichen; er nimmt den Regenſchirm unter den Arm und folgt dem Käufer mit den Worten:„Sie können ganz ruhig ſein, Herr, er wird mich nicht drankriegen! Ich habe mir einmal die Schelle anhängen laſſen, das iſt wahr; allein wenn ich während der ganzen Reiſe meinen Sack gehalten hätte, wäre es mir nicht be⸗ gegnet.“ Der ſchöne Herr läuft ziemlich lange fort; end⸗ lich bleibt er in einer Straße ſtehen und im Augen⸗ blick, da er in ein Haus treten will, deſſen Hofthor offen ſteht, greift er in ſeine Taſchen und ruft:„Ach, zum Henker! ich habe meine Doſe in eurem Laden liegen laſſen; ja, ganz gewiß, ich hatte ſie, als ich von Hauſe fortging, und ich bin nur zu euch ein⸗ getreten.. ich erinnere mich jetzt ganz genau, daß ich eine Priſe nahm; ich werde ſie auf dem Laden⸗ tiſch haben liegen laſſen. Ich halte viel auf meine Doſe, denn es iſt ein Portrait von Tenier darauf, das ich von meiner Tante habe, die Mutterſtelle an 86 mir vertrat. Junger Mann, geben Sie mir dieſen Regenſchirm und holen Sie mir meine Schnupf⸗ tabaksdoſe.“ Trick wird roth bis über die Ohren und drückt den Regenſchirm noch feſter unter den Arm, denn er erinnert ſich an die Mahnung ſeines Herrn. Der ſchöne Herr lächelt und fährt mit ganz arti⸗ ger Miene fort:„Ich errathe die Urſache Ihrer Ver⸗ legenheit, junger Mann: Sie fürchten, mir den Re⸗ genſchirm zurückzulaſſen, ohne bezahlt zu werden. Ich wundere mich nicht über dieſe Furcht, denn in Pa⸗ ris gibt es ſo viele Spitzbuben, daß man wohl daran thut, wenn man auf ſeiner Hut iſt, namentlich wenn man beim Handel iſt. Hier, mein junger Freund, neh⸗ men Sie dieſe zwei Zwanzigfrankenſtücke, das iſt etwas mehr, als ich Ihnen ſchuldig bin, aber bringen Sie mir meine Doſe zurück, und die vier Franken, die übrig ſind, gehören Ihnen. Hier iſt meine Woh⸗ nung... Sie fragen nur nach Herrn Brelock; nun, eilen Sie, Sie werden mich verbinden.“ Trickchen übergibt ſchnell den Regenſchirm. Er nimmt die zwei Goldſtücke, die man ihm hingibt, und fängt an zu laufen, entzückt darüber, daß er in einem Tag bekommt, was er gewöhnlich nur in einem Monat verdient, und verſpricht ſich ſchon nächſten Sonntag mit ſeinen vier Franken ſich gut zu unter⸗ halten. Er kommt ganz vergnügt zu ſeinem Herrn und fängt ſogleich im Laden an zu ſuchen mit den Wor⸗ ten:„Wo iſt die Schnupftabaksdoſe des Herrn? Er 87 hat ſie hier liegen gelaſſen... er weiß es gewiß, Sie müſſen die Doſe gefunden haben, es iſt ein kleines Gemälde von Denier darauf.“ „Ich habe nichts gefunden,“ ruft der alte Fri⸗ pard,„aber Du, Schwachkopf, Du haſt den Regen⸗ ſchirm nicht mehr? Sollteſt Du trotz meiner War⸗ nung den Sechsunddreißigfrankenſchirm ohne Bezah⸗ lung hergegeben haben? Ach, wenn Du das gethan haſt, jage ich Dich fort!“ „Seien Sie ohne Sorgen, Herr, ich bin kein ſo Eſel. Da, hier ſind vierzig Franken in Gold, die der Herr mir gegeben hat, um Sie zu bezahlen, und der Reſt gehört mir, wenn ich ihm ſeine Doſe bringe. Zum Henker auch, wenn ich ſie nur ſchon hätte!“ Und Trick ſucht auf allen Vieren in allen Win⸗ keln des Ladens nach der Doſe. Indeſſen hat der Händler die beiden Goldſtücke, die man ihm an Zahlungsſtatt gibt, genommen und ihr Gewicht ſchon kommt ihm verdächtig vor. Er unterſucht ſie genau, reibt ſie zwiſchen den Fingern, ſtößt einen Zornſchrei aus und gibt ſeinem Commis einen Fußtritt auf den Hintern, indem dieſer immer noch hartnäckig die Doſe unter den Tiſchen ſucht. „Da, Eſel!“ ſchreit der alte Fripard,„da iſt Dein Trinkgeld! Zwei vergoldete und noch dazu ſchlecht vergoldete Zwanzigſousſtücke bringſt Du mir da. Ich bin beſtohlen.“ Trick iſt verſteinert, aber bald ſtürzt er aus dem Laden und rennt, was er kann: er erinnert ſich der Straße, des Hauſes, wo er den ſchönen Herrn ver⸗ — 88 laſſen hat; er kommt an, erkennt das Hofthor, tritt ein und fragt beim Portier nach Herrn Brelock. Der Portier entgegnet ihm:„Es hat noch nie ein Herr Brelock in dieſem Hauſe gewohnt.“ Trick beſchreibt den Herrn und den Regenſchirm; man weiß nicht, was er damit will. Der arme Burſche kommt weinend zu dem alten Fripard zurück, der zu ihm ſagt:„Du hatteſt mir ſechsunddreißig Franken für den verkauften Regen⸗ ſchirm zu überbringen, davon haſt Du mir zwei ge⸗ bracht, bleiben alſo noch vierundreißig in Reſt. Du haſt bereits zweiunddreißig Franken bei mir verdient: dieſe wirſt Du mir zuſtellen und Deiner Wege gehen; ich verliere ſo vierzig Sous, aber ich will lieber die⸗ ſes Deficit leiden, als Dich noch länger behalten.“ Trick gibt ſeine Erſparniſſe heraus und verläßt den Trödler mit der Frage an ſich ſelbſt, was er anfangen wolle? Trickchen erinnert ſich nun, daß er bei ſeinem Auslaufen die Bekanntſchaft eines jungen Mannes gemacht hat, der in einem Modewaarengeſchäft an⸗ geſtellt iſt und ihm ſeine Adreſſe gegeben hat; er ſucht ihn eilends auf und erzählt ihm ſein Unglück. Der junge Commis im Modewaarenlager ſtellt Trickchen ſeinem Herrn vor und macht ihn mit der traurigen Lage, in der ſich der arme Burſche befin⸗ det, bekannt. Der Kaufmann willigt ein, Trick als überzähligen Commis anzunehmen. 89 So iſt alſo der junge Bretagner in einem großen Modewaarenlager untergebracht, wo er ſeine Trödel⸗ bude leicht verſchmerzt. Er zeigt ſich ſo dienſteifrig, hat ſo viel Gewandtheit in dem Geſchäft, daß ihm ſein Herr nach Verfluß von ſechs Wochen zwölf Fran⸗ ken monatlichen Gehalt ausſetzt. Zwölf Franken monatlich! das war drei Mal mehr, als er bei dem alten Fripard verdiente; Trick zweifelt nicht, daß er auf dem Wege zum Reich⸗ thum wandle. Es ſind ſechs Monate, ſeit Trickchen im Mode⸗ waarenlager verwendet iſt, und es iſt unnöthig, zu ſagen, daß ſein Selbſtvertrauen zurückgekehrt iſt und er oft ausruft:„O, jetzt rathe ich Niemand mehr, zu verſuchen, mich dranzukriegen.“ Indeſſen hat Trick namentlich den Dienſt, die Ausgänge zu machen und den Kunden die ausge⸗ wählten Stoffe zu bringen. Eines Tags verläßt er ſein Magazin mit zwei ſchönen franzöſiſchen Caſchemirſhawls, die ſorgfältig eingepackt und zugebunden ſind, unter dem Arme. Ein gut gekleideter Herr, der ſeit einiger Zeit dem kleinen Commis folgte, redet ihn alsbald an: er radebrecht das Franzöſiſche wie ein Deutſcher, Engländer oder Italiener; manchmal macht er alle Drei zugleich nach. Er grüßt Trick mit den Worten: „Myn klein Musje, verzeih Sie, entſchuldik Se, wenn ik mik wend' an Sie, ohne Se zu kenn, aber ik ſein fremd, ik nid hab Bekanntſchaft, verdammt!“ Der kleine Commis fängt an zu lachen und ſagt: 90 „Zum Kukuk! man hört es Ihnen wohl an, daß Sie ein Fremder ſind: Sie ſprechen das Franzöſiſche wie ein Murmelthier.“ „Ja, ja. wie ein Mu... Verzeih Se, klein Musje, Sie hab ſo hübſch Gſicht, der flöß Zutrau ein, und wenn Sie mik wollt verbind durk ein Nak⸗ weis, ſo werd' ik geb ſubito zwanzig Frank per loni!“ Mit dieſen Worten zieht der Fremde eine Hand voll Hundert⸗Sousſtücke und Napoleonsdor, und der kleine Commis, der nun oft Gold und Silber unter die Hände bekommt, überzeugt ſich, daß es keine falſchen Stücke ſind. Geblendet durch den Anblick ſo vieler Goldſtücke und nichts Beſſeres verlangend, als zwanzig Franken zu verdienen, wenn es auf ehrliche Art geſchehen könnte, ruft Trick aus:„Welche Gefälligkeit ſoll ich Ihnen erweiſen, Fremdling? Sprechen Sie, und wenn es ſein kann, ſo bin ich bereit, Sie zu verbinden.“ „Das kan ſein leikt, klein Musje; ik, fremd, komm nach Paris, mik zu amüſir, ſeh' Se, und il mik immr lankweil, myn Herr! ik wollt hab, das Sie mik führ ſu ein von die klein Theater, wo man ſpiel komiſch Farces, der mak lak... Sie verſteh' mir? Musje?“ „Ja, ich verſtehe! Das iſt ſehr leicht; es fehlt in Paris nicht an Theatern, wo man ſich Unterhaltung verſchaffen kann; z. B. da iſt der Circus, der Se⸗ raphin, Curtius oder aber auch die Delassements comiques, wo ich zwar noch nie geweſen bin; aber 94 die Herren vom Magazin ſagen, daß man da kleine Vaudevilles gibt, wie in der Opera.“ „Gans gud, Musje! ik woll geh in der Theater; woll Sie mik führ hin?“ „Mit Vergnügen; kommen Sie.“ Trickchen geht voraus, der Fremde folgt ihm. Plötzlich ſagt er zu dem jungen Manne:„Hör Sie, ik da hab mit mik ein groß Capital in Gold, das nid in die Comedie mitnehm... wiſſ Sie, weg der Dieb; führ Sie mir, wenn's beliebt, an die Kanal, an ein Ort, wo nid geh viel Menſch... Sie verſteh warum.“ „Das iſt ganz leicht,“ ſagt Trick,„der Kanal iſt gerade hinter den kleinen Theatern.“ Man kommt am Ufer des Waſſers an einem Platze an, wo neue Häuſer aufgeführt werden ſollen. Der Fremde hält vor einem Haufen großer Steine an und ſagt:„Hier hab ik groß Plaiſir, zu verſteck mein Schatz. Helf Sie, klein Musje.“ Trick geht in die Phantaſie des Fremden ein: er hilft ihm eine ziemlich beträchtliche Summe unter den Steinen verbergen, während Niemand an Ihnen vorbeigeht. 1 Wie der Schatz verſteckt iſt, begibt man ſich wie⸗ der auf den Weg. Man kommt in die Nähe der Boulevards und be⸗ reits will der kleine Commis dem Fremden das Thea⸗ ter zeigen, in das dieſer zu gehen wünſcht, als die⸗ ſer plötzlich ſtehen bleibt und ruft:„Verzeih Sie, 92 Musje, Entſchuldig!... Diable, ik ſein unruhig... ik hab Furcht weg mein Schatz.“ „Ah, verflucht; ich ſagte Ihnen zum Voraus, daß Sie eine Unklugheit begehen.“ „Décidement, if wollt ſie hab wieder. Klein Musje, Sie wiſſ das Ort, wo is verborg, thu Sie den Gefall und hol Sie mein Schatz, ſu bring, dann Sie bezahl ik den Preiß, den ik verſprok, Saperment!“ „Wie Sie wollen,“ entgegnet Trick und will fort⸗ rennen. Aber der Fremde hält ihn auf mit den Worten: „Ein Minute! Sie geh ſu hol mein Gold, aber wenn Sie nid komm wieder?... Pardon, aber ik Sie kenn nid, und man mir had gſagt, daß man attrapir viel Spitzbub in Paris.“ „Das iſt wahr,“ entgegnet Trick lachend,„man hat mich auch ſchon betrogen.“ „Klein Musje, laß Sie mir dieſe Paket da unter ſein Arm für Garantie.“ Trick beſinnt ſich: die beiden Shawls, die er trägt, ſind achthundert Franken werth... der Fremde hat für tauſend Franken in Gold verſteckt; er gibt alſo das Paket ab mit den Worten:„Das iſt nicht mehr als billig;z nehmen Sie es und warten Sie auf mich . o, ich werde nicht lange ausbleiben.“ Trickchen läuft, was er kann. Er kommt am Ufer des Kanals an, erkennt den Ort, wo er den Schatz hat verbergen helfen, hebt den Stein auf, langt hin ., da iſt nichts mehr! Ein Spießgeſelle hat bereits die Summe weggenommen und der kleine Musje 93 rennt nun, nachdem er alle umliegenden Steine auf⸗ gehoben hat, wieder an den Ort, wo er den frem⸗ den Herrn verlaſſen hat und findet natürlich Nie⸗ mand mehr. Der arme Burſche kehrt weinend in ſein Magazin zurück. Seine Kameraden ſagen ihm, daß er das Opfer eines Topf⸗Diebſtahls geworden ſei und ſein Herr weist ihm die Thüre. Trickchen begibt ſich nun wieder zu ſeinem Oheim und ſagt bei ſich ſelbſt:„Ich habe Paris ſatt!... Ach, welch' häßliche Stadt! welche Haufen von Koth, Schmutz, Menſchen, Wagen, Omnibus, Kaufleuten, Straßenjungen, Handelsleuten, Dieben.. ich will zu meinem alten Oheim zurück, in meine ſchöne und gute Heimath Bretagne! Da weiß man wenigſtens, mit wem man zu thun hat; man iſt nicht unaufhörlich dem Angeführtwerden ausgeſetzt, und mit Verſtand iſt man nicht genöthigt, unaufhörlich auf der Hut zu ſein, was ſehr ermüdend iſt, ſelbſt für die klügſten Leute!“ Ihr ſeht, daß der junge Trick trotz Allem, was ihm widerfahren war, noch nicht von der guten Mei⸗ nung, die er von ſich ſelbſt hatte, zurückgekommen war; in ſeinem Zorn erboste er ſich gegen die große Stadt und warf auf ſie alle Dummheiten, die er gemacht hatte. Aber ſo geht es gewöhnlich: wir wollen nie eingeſtehen, daß wir Unrecht gehabt ha⸗ ben, wenigſtens nicht, wenn wir nicht in der That Paul de Kock. LXV. 7 94 viel Geiſt und Verdienſt haben; in dieſem Falle ge⸗ ſtehen wir unſere Irrthümer offen, weil wir nicht be⸗ fürchten, daß uns das als Dummkopf erſcheinen laſſe. Nachdem Trickchen in ſeiner geliebten Bretagne angekommen war, erzählte er ſeinem alten Oheim nicht, wie die Sachen in Paris ſich zugetragen hat⸗ ten: er ſtellte ſich als Opfer der Ereigniſſe, der Um⸗ ſtände dar. Der alte Oheim glaubte ihm oder ſchien wenigſtens ihm zu glauben, was abſolut auf daſſelbe hinauskommt. Dann ſtarb der Greis achtzehn Mo⸗ nate nach der Rückkehr ſeines Neffen und ernannte Trick zum Univerſalerben. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſer alte Oheim, der ſehr beſcheiden gelebt hatte und den man deß⸗ halb für minder reich hielt, unſerm Trickchen ein ſehr rundes, ſehr comfortables Sümmchen in guten Bank⸗ billeten und Goldſtücken hinterließ, die er in einer Kiſte eingeſchloſſen gehalten hatte. Die Goldſtücke trugen auch wahrlich verſchiedene Gepräge; es hatte Louis darunter, mit dem Portrait des unglücklichen Ludwig XVI., dann unter der Re⸗ publik geſchlagene Zwanzigfrankenſtücke, dann von Napoleon, von Carl X., Ludwig XVIII. u. ſ. w. Von allen dieſen Goldſtücken ſchienen Trickchen diejenigen die liebſten zu ſein, welche das Portrait Ludwig XVI. trugen. War es, weil er Bretagner war, eine Folge der Anhänglichkeit an dieſe Dynaſtie? oder weil ein ſolches Stück vierundzwanzig Livres galt, während die andern nur zwanzig Franken werth wa⸗ ren? Dieß konnten wir nie recht erfahren.. ach, 95 es gibt ſo viele Dinge auf der Welt, die man nie ſo recht erfährt. So war alſo Trick im Alter von achtzehn Jahren ſein eigener Herr und Beſitzer eines ziemlich hübſchen Vermögens. Jetzt war es mehr als je von Wichtigkeit, ſich nicht anführen zu laſſen. Wiſſet ihr aber, an was Trick dachte, um nicht angeführt zu werden?.. Ich gebe es euch zum Er⸗ rathen auf! Da ich übrigens ſchon ſehe, daß ihr es nicht er⸗ rathen werdet, ſo will ich es lieber ſogleich euch ſagen: er dachte daran, eine Frau zu nehmen... das nenne ich eine Idee! Gewiß, ein Frauenzimmer iſt die hübſcheſte, verführeriſchſte, herausforderndſte Perſon, die man nur auf der Erde treffen kann; wenigſtens habe ich noch nichts Beſſeres gefunden, und ich denke, man wird allgemein meiner Anſicht ſein. Aber ge⸗ rade deßhalb, weil die Frauenzimmer ſo viele Reize beſitzen, iſt es eine Thorheit, mit achtzehn Jahren an's weüntben⸗ an's Joch zu denken, und namentlich⸗ Die Ehe verlangt Erfagch nicht kennen gelernt hat. verſteht ſich von Seite des Mannes Kerkahrung!... Und warum nur von Seite des Mannes? werdrn vielleicht die Frauenzimmer ausrufen. Ach, meine Damen! wenn Sie ebenfalls Erfah⸗ rung hätten, ſo würden Sie wahrſcheinlich nichts von uns wollen.„ 1 Trick ſagt zu ſich ſelbſt:„Ich will mir eine kleine 96 Frau auswählen, die fähig iſt, mein Glück zu machen! . O, ich weiß, was ich brauche... ich werde mich nicht täuſchen. Ich bin munter, ich muß alſo eine heitere Frau haben; ich habe Geiſt, und werde alſo nicht die Dummheit begehen, eine dumme zu nehmen; ich bin klug, meine Frau muß durch und durch ſpöt⸗ tiſch ſein; ich liebe das Tiſcheln, ich muß eine Frau mit einem guten Magen haben; ich liebe die Muſik, meine Auserwählte muß alſo ſingen und ein gutes Gehör haben; endlich bin ich gut gewachſen und habe ein ziemlich hübſches Geſicht, es iſt daher unumgäng⸗ lich nothwendig, daß meine Hälfte gut gewachſen und hübſch ſei, damit unſere Kinder kleine Amoretten werden.“ 2 Ihr ſeht, daß der junge Trick ein Anhänger der Homöopathie war. Es gibt Perſonen, die glauben, im Cheſtand ſeien Gegenſätze viel beſſer als Gleich⸗ heit des Charakters. So viel iſt indeſſen gewiß, daß, wenn ihr zwei Hitzköpfe miteinander verheirathet, ſie den lieben langen Tag mit Streiten und Zanken zu⸗ bringen werden und keines nachgeben will; zwei ſach ſprächige Perſonen werden vieh bder hitzige Ehe⸗ zu verſtändisaers zuſammenſchlagen; zwei naſchhafte Ti An die guten Biſſen ſtreiten. ein wenn ihr die Lebhaftigkeit mi zg⸗ heit, Geiſt mit Dummheit, en ns itgreneag⸗ 11, g⸗ Phi dagalts de Wiſterteit verbindet, ſo wird eine, araus werden, wo nothr. ig di nüthe ſch guc nicht derſtehen. hwendig die Gemüther V 97 Das Alles iſt ſehr beunruhigend. Kehren wir lieber zu Trick zurück, der nie in Ver⸗ legenheit war, wie alle Leute, die großes Selbſt⸗ vertrauen haben. Mit achtzehn Jahren ſchmeichelt ſich Herr Trick, die Frauen zu kennen!... Welcher Hochmuth, wo es ſo viele Leute gibt, die leben und ſterben, ohne ſie je begriffen zu haben! Philoſophen, Gelehrte, Weiſe, Leute von Geiſt und vom Geldſack haben ſchon ſo Vieles über die Frauen geſchrieben oder ge⸗ ſagt, und in den meiſten Punkten widerſprechen ſich ihre Anſichten ſchnurſtracks, was macht, daß, wenn man alle dieſe Leute zu Rath gezogen, geleſen oder durchdacht hat, man um keinen Schritt weiter ge⸗ kommen iſt. Aber der junge Trick hielt ſich für geſcheidter als die ganze Welt, und obgleich er weder Cato, noch Origines, noch Tertullian, noch den heiligen Bern⸗ hard, noch Catullus, noch Juvenalis, noch Virgil, noch Confucius, noch Tibullus, noch Voltaire, noch Lafontaine, noch Boileau zu Rathe gezogen hatte, ſo war er doch überzeugt, daß er eine gute Wahl treffen werde. Nun hatte Trick in der Nähe ſeiner Wohnung eine junge Perſon entdeckt, die wohl von ſeinem Alter ſein mochte. Es war eine reizende Brünette, dmit ſchwarzen, ſammtnen Augen, langen Augenli⸗ dern, dichten und ſchön geſchweiften Augenbrauen; die ganze Perſon athmete Heiterkeit, Luſtigkeit, Bos⸗ 8 98 haftigkeit und Koketterie; ihre feine, ſchlanke und zu⸗ gleich volle Geſtalt ſchien für alle Leibesübungen die glücklichſten Anlagen anzukündigen, und das iſt eine ſehr zu berückſichtigende Eigenſchaft einer Perſon, mit der man ſich verheirathen will. Lebhaft, freundlich und aufgeweckt beſaß Fräulein Pelagie(ſo hieß das junge Mädchen) Alles, was auf den erſten Anblick reizen und verführen kann. Ohne Zweifel indeſſen muß man eine Frau nicht bloß auf den Eindruck hin heirathen, den ihr erſter Anblick auf einen macht. Man ſagt ſich das, wenn man vernünſtig iſt, allein der erſte gefährliche Blick iſt faſt immer ent⸗ ſcheidend, und man vertilgt nicht leicht die Eindrücke, die er gemacht hat. Fräulein Pelagie lebte bei einer alten, gelähmten Tante. Nun iſt eine Tante, die nicht von ihrem Lehnſtuhl weg kann, eine ſehr ſchwache Wache für ein junges Mädchen. Fräulein Pelagie aber ließ auch häufig ihre Tante bei einer Magd und ging allein, ſei es zu Fuß oder zu Pferd, auf das Land. Das junge Mädchen ritt auch wie ein Zögling Bou⸗ chers oder Franconi's; ſie machte oft Jagd auf kleine Vögel und rauchte Cigarren. Trick hatte Alles das bemerkt und er war be⸗ zaubert. Nachdem derſelbe Fräulein Pelagie lange Zeit mit den Augen und Füßen verfolgt hatte, redete er ſie eines Tages am Saume eines Haines, wo ſie abge⸗ ſtiegen war, um ihr Pferd ausſchnaufen zu laſſen, an. Der junge Mann nähert ſich der verführeriſchen 99 Amazone und ſagt:„Entſchuldigen Sie meine Kühn⸗ heit, Fräulein, allein ſchon lange Zeit wünſche ich mit Ihnen bekannt zu werden. Ich heiße Trick und bewohne mein eigenes Haus in der Nähe Ihrer Woh⸗ nung.“ Fräulein Pelagie kannte Trickchen ſehr gut; ſie hatte wohl bemerkt, daß er ſeit langer Zeit ihr be⸗ ſtändig folgte, daß er immer hinter ihr her war und errieth den Grund davon vollkommen. Wo iſt die Frau, die Dame, die Wittwe, das Fräulein, das junge Mädchen, die es nicht ſieht, wenn ſie eine Eroberung gemacht hat? Freilich dann weniger, wenn ſie es mit jenen furchtſamen Lieb⸗ habern zu thun hat, die ihr nur von Weitem folgen, die ſie nur verſtohlen anſehen und es nicht wagen, die Fingerſpitze zu berühren. Aber dieſe Sorte von Liebhabern iſt ſehr ſelten geworden; man hat ſogar guten Grund, zu glauben, daß der Same ganz ausgegangen iſt. Fräulein Pelagie lächelt dem jungen Trick ſehr ermuthigend zu und entgegnet:„Sie ſind kein Un⸗ bekannter für mich, mein Herr: ich weiß, daß Sie mein Nachbar ſind, ich habe Sie ſchon mehrmal auf meinen Spaziergängen geſehen.“ „Fräulein, was ich Ihnen ſagen will, erſcheint Ihnen vielleicht ſehr keck; aber wenn es ſich um ein Glück handelt, ſo war ich immer der Meinung, man müſſe raſch zu Werk gehen.“ „Der Anſicht bin ich auch, mein Herr; ſprechen Sie nur und fürchten Sie nicht, ſich zu erklären.“ 100 „Fräulein, ſeitdem ich meinen Oheim beerbt habe, mangelt mir nur noch Etwas, um ganz glücklich zu ſein.“ „Worin beſteht denn dieſes Etwas, mein Herr?“ „In einer Frau, Fräulein.“ „Sie haben vollkommen recht, mein Herr; ein Mann ohne Frau iſt wie ein Leib ohne Seele.“ Der junge Trick hätte dieſe Bemerkung, nament⸗ lich aus dem Munde eines Mädchens, etwas keck finden können, allein weit entfernt davon war er vielmehr entzückt über dieſe Antwort und rief:„Sie ſprechen wie ein Engel, Fräulein; ja, ich bin der Leib, der eine Seele ſucht. Wollen Sie die meinige ſein, reizende Pelagie? oder, um unfigürlich zu ſprechen, wollen Sie meine Frau werden?.. Ich lege meinen Namen, meine Perſon, mein Verinbzͤen zu Ihren Füßen nieder.“ Pelagie betrachtet den jungen Mann mit einer Miene, die man verſchieden deuten konnte; endlich entgegnet ſie:„Sie ſind alſo in mich verliebt?“ „Bis zum Wahnſinn!“ „Schon lange?“ „Seit ſechs Wochen.“ „Und Sie ſagen es mir erſt heute... Sie haben lange überlegt.“ „Ich wagte es nicht.“ „Ah, ah, ahl Ein ängſtlicher Mann kommt mir vor wie ein hinkendes Pferd: wenn man ſich einem ſolchen anvertraut, ſo darf man ſicher ſein, daß man in Kurzem im Koth liegt.“ 101 Trick findet auch dieſe Bemerkung köſtlich und entgegnet:„Fräulein, ich hinke nicht; vertrauen Sie ſich mir an, ich werde Sie nicht fallen laſſen. Gewähren Sie meine Bitte? Erlauben Sie mir, zu hoffen?“ „Sie können immerhin hoffen, das ſchadet nie Etwas; was aber das anbelangt, daß ich Sie zum Manne nehmen ſoll, ſo iſt das wohl möglich, in⸗ deſſen muß ich vor Allem Ihren Charakter kennen lernen, muß wiſſen, ob Sie mir auch anſtehen. Reiten Sie?“ „Ein wenig, Fräulein.“ „Sie werden hinter mir aufſitzen, da wollen wir dann ſehen, wie Sie ſich halten werden.“ Und ohne die Antwort Tricks abzuwarten, ſpringt Fräulein Pelagie leicht auf ihren Renner. Der junge Mann braucht viel länger, um hinter ihr hinaufzu⸗ klettern; endlich ſitzt er dem Pferde auf dem Rücken. „Halten Sie mich gut,“ ſagt Pelagie,„aber ich ſage Ihnen zum Voraus, daß ich gerne ſchnell reite.“ „O, Fräulein,“ entgegnet Trick, die ſchlanke, wollüſtige Taille der Amazone umfaſſend,„reiten Sie Trab, Galopp, wie Sie immer wollen... in vollem Caxrière meinetwegen! Ich bin zu glücklich, mit Ihnen auf einem Pferde zu ſein.“ Pelagie gibt ihrem Pferde einen Schlag mit der Reitpeitſche und dieſes rennt mit der Schnelligkeit des Blitzes dahin. Trick umfaßte die Reiterin, aber trotzdem machte er auf dem Rücken des Renners ſolche Sätze und 102 Höpfe, daß er ſonderbare Grimaſſen dazu ſchnitt. Bald fing der Renner Pelagiens, der nicht gewohnt war, zwei Perſonen zu tragen, an zu bocken, und Trick, der auf dieſe neue Art Exercitium nicht vor⸗ bereitet war, ließ ſeine Genoſſin fahren und fiel in den Staub. „Sie ſind nicht ſtark!“ ſagt Pelagie lachend,„aber ich will Ihnen Unterricht geben. Haben Sie ein Pferd?“ „Nein, Fräulein.“ „Sie müſſen ein ſehr ſchönes, ſehr lebhaftes, ſehr gut dreſſirtes kaufen, das geben Sie mir und ich gebe Ihnen dafür dieſes, das nie bockt, wenn es nur eine Perſon trägt.“ Am andern Morgen bot Trick der ſchönen Amazone ein ſehr hübſches Pferd an. Zwei Tage nachher ließ ſich Fräulein Pelagie von Trick ein ſchönes Perlenhalsband ſchenken; einige Tage ſpäter Ohrgehänge mit Diamanten. Das junge Mädchen hatte unendlich viele Launen und ſagte: „Um mir zu gefallen, muß man vor Allem meine Launen befriedigen; ich werde nie an die Liebe eines Mannes glauben, der nicht meine Launen befriedigt.“ „Sie muß überzeugt ſein, daß ich ſie liebe,“ denkt Trick bei ſich,„denn ich beeile mich, ihr Alles an⸗ zubieten, was Sie zu wünſchen ſcheint. Aber ich bin auch überzeugt, daß ſie erkenntlich dafür und raſend in mich verliebt iſt.“ Und Trick ſagte zu Pelagie:„An decelchem Tage machen wir Hochzeit?“ 103 Und dieſe entgegnete:„Bald, aber ich muß erſt noch Ihren Charakter ſtudiren.“ Das Einzige, was Trick mißfiel, war, daß Fräu⸗ lein Pelagie ſehr viele junge Leute empfing. „Wenn es Liebhaber ſind,“ ſagte Trick zu dem jungen Mädchen,„warum ſchicken Sie ſie nicht fort? . denn da ich Ihnen gefalle, ſo können dieſe Ihnen nicht auch gefallen.“ Dieſer Gedanke war durchaus unrichtig, denn täg⸗ lich gefallen uns zu gleicher Zeit ſehr viele Perſonen; deßhalb antwortete Pelagie auch nur kurz und lachend: „Dieſe jungen Leute beſuchen meine Tante.. ſie liebt Geſellſchaft und es macht ihr Vergnügen, Leute bei ſich zu ſehen; ich bin eine zu gute Nichte, um ihr dieſes Vergnügen nicht zu gönnen.“ Aber eines ſchönen Morgens hatte Trick die Idee, bälder aufzuſtehen als gewöhnlich, um die Sonne aufgehen zu ſehen, und ſo bemerkte er, als er in einem ziemlich dichtbewachſenen Schlage ſpazieren ging, hinter einem Gebüſche Fräulein Pelagie mit einem ſchönen jungen Mann, wie ſie ebenfalls die Sonne und etwas Anderes noch aufgehen ſahen. Trick wurde blaß, gelb, roth und blau vor Aer⸗ ger, ſo ſich haben anführen zu laſſen. Was die junge Amazone anbelangt, ſo ſagte ſie lachend:„Ah, Sie ſpioniren den Leuten nach?... Ich werde Sie durch⸗ aus nie heirathen, Sie ſind zu mißtrauiſch... und dann können Sie nicht reiten.“ „Es iſt mir nur um meine Geſchenke,“ denkt Trick auf dem Heimwege;„doch zum Glück habe ich es 104 noch geſehen, ehe ich ihr Mann wurde. Nun, ich habe mich getäuſcht... ich hielt das junge Mädchen für etwas frei in ihrem Thun, aber ich ſehe nun, daß ſie es zu ſehr iſt. Da iſt ihre Tante Schuld, weil ſie lahm iſt. Ich werde mich nie mehr an ein Mäd⸗ chen machen, deren Verwandte krank ſind. Wie glück⸗ lich es ſich doch getroffen hat, daß ich heute Morgen ſo bald aufgeſtanden bin! Ich werde mir eine andere Frau ſuchen, aber da werde ich mich nicht anführen laſſen; ich will eine beſſere Bekanntſchaft machen. Offenbar war Fräulein Pelagie zu ungewöhnlich, ihre Manieren ſtammen von ihrer Gewohnheit, zu reiten, her, ſie find zu cavaliermäßig. Eine beſcheidene und zurückhaltende Frau iſt beſſer. O, ich werde finden, was ich brauche. Nur davon handelt es ſich, es bald zu finden.“ Dem jungen Trick preſſirte es, das eheliche Band zu knüpfen; er ſah nur in der Ehe das Glück. —— Bald hatte der junge Mann erfahren, daß ſich in einem hübſchen Bürgershauſe, das von alten Leu⸗ ten bewohnt wurde, die von ihrem Gelde lebten, ein heirathsfähiges Fräulein befinde, und dieſes Fräu⸗ lein, die man wegen ihrer Anmuth und Schönheit rühmte, auch ein Muſter von Tugend ſei. Trick begibt ſich keck eines Tages zu den Ehe⸗ leuten Romorantin, ſtellt ſich als Nachbar vor, der ihre Bekanntſchaft machen will, und ſieht zum erſten Mal Fräulein Seraphinetta. Denkt euch eine Blondine mit blauen Augen und 105 kleinem, lieblichen Munde, mit einer beſcheidenen Stirne, über welche ſchöne Haare in vollen Locken herabwallen, während andere weiter unten herab⸗ fallen und einem Halſe und Schultern von blenden⸗ der Weiße ſchmeicheln; kurz, denkt euch eine junge, niedliche, runde Perſon mit kleinem, wohlgebautem Fuße, züchtigem, verſchämten Gange, welche die Augen niederſchlägt, wenn man ſie anſieht, und er⸗ röthet, wenn man mit ihr ſpricht, die unruhig wird, wenn ſie antworten muß, und ihr habt einen Be⸗ griff von dem, was Fräulein Seraphinetta war. Während Trick die Tochter des alten Geldmanns betrachtet, fühlt er ſich auf der Stelle hingeriſſen, entflammt, verführt. Ihr findet vielleicht, daß Trick leicht Feuer fängt; ich entgegne euch, daß er damals erſt achtzehn und ein halb Jahre alt war, und daß in dieſen Jahren ein Mann ſchlecht gebaut iſt, wenn er nicht ſo leicht in Flammen geräth als ein Pakot Zündhölzchen; daß wrunn beim Anblick einer Schönheit außerdex. S 3 imer Feuer fangen muß, und Gott ſelbſt ihn dazu erſchaffen hat!... Fragt die Frauen, was das für ein Mann ſei, der nicht mehr Feuer fängt... etwas ſehr Langweiliges in Geſellſchaft. Trick ſpricht bei ſich:„Das iſt die Frau, die mir anſteht: Reinheit, Beſcheidenheit, Sanftmuth, Zu⸗ rückhaltung... faſt immer ſchlägt ſie die Augen nie⸗ der! Welch' ein Unterſchied zwiſchen jener treuloſen Pelagie, deren Augapfel ausſah, als wollte er bis unter meine Weſte hindurchdringen, und die eine Art 106 Gangwerk hatte, daß es ziemlich dem Cancan ähn⸗ lich ſah, den ich in Paris tanzen ſah. Ich werde das junge Mädchen heirathen... ich will gerne glauben, daß ich ihr anſtehen werde; ſie hat mir noch nie in's Geſicht geſehen, aber ich meine, ſo von der Seite habe ſie mich ein wenig angeblin⸗ zelt. Dann ſieht ſie ſo gehorſam, ſo unterwürfig gegen ihre Eltern aus, daß, wenn dieſe zu ihr ſagen: ‚Du wirſt Frau Trick!“ ſie, ich wette darauf, zur Antwort gibt: ‚„Mit Vergnügen, Papa; wenn Sie wollen, Mama.““ Trick beeilt ſich, bei den Eltern anzuhalten. Herr Romorantin war ein großer, magerer, gel⸗ ber, trockener Greis, der ſehr viel Aehnlichkeit mit einem Raben hatte; ſeine Frau Gemahlin war ein kleines Frauchen, etwas bucklig und ſehr krummbei⸗ nig, und hätte leicht für die Fee Caraboſſe gelten können. 3 Die Eltern derlgonaeegeneſig thaten viele Fragen an den jungen Trick über ſeint— wnn ſein Vermögen; dann erlaubten ſie ihm, zu hoffen, und ſagten:„Indeſſen wollen wir Sie beſuchen und uns von Ihrer Lage überzeugen.“ Trick nahm dieſen Vorſchlag mit Freude auf. Er lädt die Familie Romorantin ein, ſein Haus als das Ihrige zu betrachten und ſo oft als möglich bei ihm zu ſpeiſen. Man muß geſtehen, daß der alte Herr, der einem Raben ähnlich ſah, eine ſehr ausgeſprochene Neigung für die Tafel hatte, und daß Frau Caraboſſe, ſeine 107 Gemahlin, trotz ihres Alters außerordentlich kokett war. Herr Romorantin quartirt ſich alſo bei Trick ein: er ſetzt ſich des Mittags an den Tiſch und bleibt da, bis er zum Schlafengehen nach Hauſe muß; über⸗ dieß muß man ihn heimführen, manchmal ſogar heimtragen, weil ſeine Beine ihm ihren Dienſt ver⸗ ſagen. Was Frau Romorantin anbelangt, ſo muß der junge Trick, um gut von ihr aufgenommen zu wer⸗ den, ihr täglich irgend ein Kleidungsſtück, ein Klei⸗ nod oder einen modiſchen Strauß bringen. Dafür erhält Trick manchmal die Erlaubniß, im Garten allein mit Fräulein Seraphinetta ſpazieren zu gehen; das war eine große Gunſt, denn die alte Kokette ſagte oft:„Meine Tochter wurde mit heut⸗ zutage ſeltener Sorgfalt aufgezogen. Sie hat eine ſtolze Erziehung genoſſen, aber ſie hat allen ihren Unterricht unter unſern Augen empfangen! Wir hät⸗ ſie mit keinem Profeſſor allein gelaſſen, ſelbſt wenn er neunzig Jahre alt geweſen wäre. Seraphinetta verſteht die Muſik und malt, ſie kennt die Geo⸗ graphie, Geometrie, Algebra, Aſtronomie.. o, ſie iſt ſehr ſtark in der Aſtronomie: es gibt keinen Stern am Himmel, den ſie nicht am kleinen Finger her⸗ ſagen könnte; ſie wäre ſogar fähig geweſen, die Finſterniſſe und Kometen vorherzuſagen. Aber da ihr Profeſſor ein ſehr hübſcher Burſche war, ſo dachte ich, ſie wiſſe genug von der Aſtronomie und man müſſe dieſe Wiſſenſchaft nicht zu weit treiben. Unſere 108 Tochter iſt ein Schatz, man muß ſich ſeines Beſitzes würdig machen.“ Trick verſäumt nichts, daß man ihm den Schatz zutheile; er läßt den alten Romorantin ſich täglich in den beſten Weinen ſeines Kellers betrinken, richtet ſich zu Grunde in Geſchenken an die Frau Caraboſſe und man verſpricht ihm endlich Seraphinetta und erlaubt ihm, ihr ſeine Liebe zu erklären. Als Trick zur kleinen beſcheidenen Blondine ſagt, daß er ſie anbete und ihr Gemahl werden wolle, ſchlägt dieſe bloß die Augen nieder, macht eine Ver⸗ beugung und ſagt:„Wie Sie wollen, mein Herr.“ Dieſes„Wie Sie wollen“ ſcheint dem jungen Manne ziemlich unbeſtimmt zu ſein; er fragt alſo nochmal, während er ſich zugleich bemüht, in ſeine Stimme alle Liebe zu legen, die er empfindet: „Aber, Fräulein, wird das Ihnen nicht auch Freude machen?“ „O, mir, mein Herr, mir iſt es gleichgültig.“ „Ah, das iſt Ihnen gleichgültig, ſich zu verhei⸗ rathen? Sie haben alſo keine Neigung für mich?“ „Ich weiß es nicht, mein Herr.“ „Ah, Sie wiſſen nicht, ob Sie mich lieben?“ „O, ich liebe Jedermann, mein Herr.“ Statt dieſe Antwort ſeiner künftigen Gattin we⸗ nig beruhigend zu finden, ſieht Trick darin den Aus⸗ druck des höchſten Grads von Unſchuld, er hüpft vor Freude... er würde Seraphinetta um den Hals fallen, wenn er es wagte, allein die Achtung hält ihn ab und er begnügt ſich, ihr die Hand reſpektvoll 109 zu küſſen und zu ſagen:„Fräulein, Sie werden der Rahm aller Gattinnen und ich der aller Männer ſein!“ Trick bedenkt nicht, daß aus einer ſolchen Ver⸗ bindung leicht Käs werden kann. Er iſt auf dem Gipfel ſeiner Wünſche. An demſelben Tag macht er der alten Buckligen ein prächtiges Geſchenk und dieſe ſagt ihm:„Sie werden nächſte Woche mein Eidam.“ Und Abends bringt er ſeinen künſtigen Schwie⸗ gervater nach Hauſe, der nichts zu ihm ſagt, aber ihn umarmt, indem er ihn ganz pathetiſch verab⸗ ſchiedet. Auf dem Heimwege bemerkt Trick, daß er in der Taſche noch den Schlüſſel hat, der das Thorgitter an dem Garten ſeines künftigen Schwiegervaters aufmacht. Da kommt ihm eine Idee in den Kopf und er ſagt zu ſich:„Jetzt ſchnarcht der alte Romo⸗ rantin und wahrſcheinlich macht es ſeine Frau eben⸗ ſoz wenn ich wieder zurückkehrte... das Fenſter von Fräulein Seraphinetta geht in den Garten und ſie wohnt zu ebener Erde... das Mädchen kann noch nicht eingeſchlafen ſein... man ſchläft nicht ſo ſchnell ein, wenn man auf dem Punkte ſteht, ſich zu ver⸗ heirathen... ich will leiſe an das Fenſter klopfen, ſie macht auf und dann plaudern wir noch ein wenig, ſie unter ihrem Fenſter und ich im Garten, das iſt gewiß nicht unanſtändig, und da ich ja in acht Tagen der Gemahl des hübſchen Kindes werde, ſo iſt es Paul de Kock. LXV. 8 110 kein großes Verbrechen, wenn ich hingehe, um im Mondſchein ein wenig mit ihr zu plaudern... auch iſt das Wetter gerade ſchön und man ſieht faſt ſo deutlich als bei hellem Tage.“ Trick geht alſo gegen das Haus der Familie Ro⸗ morantin zurück. Mit Hülfe des Schlüſſels, den er beſitzt, öffnet er das Gitter und iſt bald mitten im Garten. Dieſer Garten, in deſſen Hintergrund das Haus ſtand, war ziemlich groß und auf engliſche Art mit krummen Wegen, Bosketten und dergleichen angelegt. Wie Trick durch dieſen Theil des Gartens ging, glaubte er neben ſich ſprechen zu hören; er blieb ſtehen. Das Geräuſch kam aus einem Bosket, das vom Mond halb erleuchtet warz da Trick ſich dagegen im Schatten befand, ſo hatte er nicht zu fürchten, ge⸗ ſehen zu werden. Ein Ton, der viel dem mehrerer ſchnell auf einander folgender Küſſe ähnlich war, hatte unſern jungen Liebhaber ſehr beunruhigt, der nun, als er das Laubwerk leiſe aus einander bog, Fräulein Seraphinetta ganz nahe neben einem hüb⸗ ſchen Jungen ſitzen ſah, der, ſie in ſeine Arme ſchließend, zu ihr ſagte:„Ich habe Dich faſt alle Planeten kennen gelernt, den großen Bären, Venus, den Hirten, die drei Könige und eine Menge ande⸗ rer, die keinen Glanz haben wie Deine Augen; jetzt, meine ſüße Freundin, laß mich Studien über den Mond mit Dir anſtellen. Ich bin froh, daß der Eſel, den Du heiratheſt, Dich in Beziehung auf die Aſtronomie nichts mehr zu lehren braucht.“ 111 Und alsbald fing der ſchöne Profeſſor an, ſich dem Studium mit ſeiner jungen Schülerin zu über⸗ laſſen, die ſich außerordentlich gelehrig zeigte und das lebhafteſte Vergnügen darüber, daß ſie gelehrt werde, zu empfinden ſchien. Trick iſt einen Augenblick verſteinert, als er ein Viertel des Mondes ſah, auf das der Profeſſor ſeine Studien richtete; aber bald hat er ſich gefaßt, er ſchlägt ein ſchallendes Gelächter auf und geht fort, ſingend: „Haſt Du geſehen den Mond, mein Küchlein?“ Und am andern Morgen wirft er den alten Ra⸗ ben, der ſich abermals bei ihm betrinken will, zur Thüre hinaus. Indeſſen hatten dieſe beiden Abenteuer die Eitel⸗ keit des jungen Trick etwas niedergeſchlagen; er war faſt genöthigt, ſich zu geſtehen, daß er ſich noch ein⸗ mal habe anführen laſſen und daß er ſich auf die Frauen doch nicht ſo gut verſtehe, als er gemeint hatte.— Wenn er ganz offen geweſen wäre, würde er ſich geſagt haben, daß er ſich auf gar nichts ver⸗ ſtehe. Ein Anderer hätte daran genug gehabt und den Gedanken, zu heirathen, aufgegeben. Aber Trick hielt viel darauf, verheirathet zu ſein, und man ſagt, daß man ſeinem Schickſal nicht entgehen könne. Eines Tages war Trick in Geſellſchaft einer jun⸗ gen, ziemlich häßlichen Wittwe begegnet, die, wie 11² man ſagte, ihren Verblichenen ſehr glücklich gemacht haben ſollte. Er ſtellte ſich vor, machte ſeinen An⸗ trag: man nahm ihn an und nach Verfluß von vier⸗ zehn Tagen heirathete er. „Bei Gott!“ ruft Trick am Morgen nach ſeiner Hochzeit,„ich habe ſehr wohl daran gethan, eine Frau zu nehmen, die nicht hübſch iſt, ich kann we⸗ nigſtens im Punkte ihrer Treue ruhig ſein. Ich weiß wohl, daß es traurig iſt, wenn man genöthigt iſt, eine Häßliche zu nehmen, um nicht die Befürchtung zu haben, daß man zum Hahnrei wird, aber man gewöhnt ſich am Ende an das Geſicht, während ich mich nie daran gewöhnen könnte, angeführt zu werden.“ Zwei Monate nach ſeiner Verheirathung ging Trick zufällig in ſeinen Keller hinab, denn gewöhn⸗ lich kam er nie dahin, da überraſchte er ſeine Frau in außerordentlich ſträflicher Unterhaltung mit einem Nachbar, der ſich angeboten hatte, ihm ſeine Flaſchen zu pfropfen. „Zum Teufel!“ ſagte Trick bei ſich, ſich vor den Kopf ſchlagend,„wenn ich das nicht verhindern konnte, ſo hätte ich eben ſo gut daran gethan, eine hübſche zu nehmen.“ Und Trick verließ ſeine Frau und ging fort, um allein in irgend einem kleinen Winkel der Erde zu leben, indem er zu ſich ſelbſt ſagte:„Ich will Nie⸗ mand ſehen, mit Niemand zu thun haben; das wäre doch der Teufel, wenn man mich dann wiederum anführen könnte.“ ———ʒÿ—— — 113 Und Trick hielt ſein Wort eigenſinnig. Er wollte nicht begreifen, daß in dieſer elenden Welt die glück⸗ lichſten Leute diejenigen ſind, die ſich am leichteſten anführen laſſen. 4 vanitas vanitatum et omnia vanitas! dSE⸗ Die Kaffeehäuſer.. Paris iſt die Stadt der tauſend und ein Kaffee⸗ häuſer. In den volkreichen Vierteln gibt es Straßen, worin gegen zwanzig ſich befinden; in der St. Honoré⸗ Straße ſind noch mehr. An jeder Ecke ſieht man einen Boulevard und manchmal ſind auf einem einzigen Boulevard mehr als ein Dutzend(z. B. auf dem Boulevard du Temple). Ja, kaum hat man ein neues Haus gebaut, eine neue Straße eröffnet, ſo entſteht ein Kaffeehaus und nun gilt es, die Concurrenten durch Luxus und Pracht zu überbieten. Sonſt genügten einige Spiegel, acht bis zehn Lampen, um ein Kaffeehaus ‚comfortable“ zu machen. Aber jetzt müſſen überall Spiegel, mit eleganten Gemälden verzierte Plafonds, vergoldete Pilaſter und Gasbeleuchtung im Ueberfluß ſein; ſo ſehr, daß wenn man Abends in eines der hübſchen Kaffeehäuſer tritt, von denen Paris gegenwärtig beſät iſt, man geblendet, ja faſt blind wird, und viele Leute ſich ſcheuen, nur ein Gläschen zu verlangen. Und wir ſprechen hier nicht von den Kaffeehäuſern, die zugleich Speiſewirthſchaft treiben und die aff prächtigem Fuße eingerichtet ſind: wir bleiben bei den eigentlichen Kaffeehäuſern ſtehen. — 115 Aus der Zahl dieſer Etabliſſements läßt ſich na⸗ türlich ſchließen, daß die Pariſer ſie ſehr häufig be⸗ ſuchen, und wirklich, die Zahl der Leute, die ohne Kaffeehäuſer gar nicht leben können, iſt groß in die⸗ ſer großen Stadt! Was ſoll der Krämer thun, wenn er Abends, nachdem er ſeine Papiere geordnet, ſeinen Kaſſenbe⸗ ſtand gezählt, ſeinen Hund geliebkost und mit ſeiner Frau gezankt hat, nicht in ein in der Nähe liegendes Kaffeehaus gehen könnte, wo er einige Freunde trifft, mit denen er eine Partie Domino, Damen ziehen oder Piquet ſpielt? Wohin geht der Commis, wenn er während des Tags oder Abends einen Augenblick aus ſeinem Ma⸗ gazin ſich fortſchleichen kann?... In's Kaffeehaus! Er geht dahin ohne Hut, läuft ein Blatt durch, plaudert mit der Dame des Büffet, ſagt ihr Süßig⸗ keiten, wenn ſie hübſch iſt, und entfernt ſich mit den Worten:„Stellen Sie meine Flaſche Bier auf die Seite, ich werde ſie ſpäter vollends austrinken.“ Es muß Kaffeehäuſer geben für die Strolchs, die nicht wiſſen, was ſie mit ihrer Zeit anfangen ſollen; für die Neuigkeitsſchnapper, die nach allen Blättern fahren und keines leſen, die drei oder vier Mal den Tiſch wechſeln, ehe ſie einen Platz finden, der ihnen zuſagt, und die ſich Mühe geben, zu horen, was man neben ihnen ſpricht. Es muß geben für die Leute, die Geſchäfte ma⸗ chen. Hieher veſtellen ſie oft ihre Clienten: ein Kauf wird abgeſchloſſen, ein Verkauf kommt zwiſchen einer 116 Taſſe und einem Gläschen in's Reine und zuweilen zerſchneidet eine Bowle Punſch ein Hinderniß und gleicht eine Verſchiedenheit aus. Die Schriftſteller gehen ziemlich regelmäßig in das Kaffeehaus des Theaters, dem ſie ihre Stücke gebenz ſie leſen da die Critiken der Blätter und er⸗ zählen den täglichen Gäſten alle Hinderniſſe, die ſich der Aufführung ihrer Stücke in den Weg gelegt haben; ſie geben zu verſtehen, daß ihr Stück, um alle dieſe Hinderniſſe zu überwinden, nothwendig großes Verdienſt haben muß. Dann kommt auch der Schauſpieler; der Schau⸗ ſpieler, den Jedermann kennt, der Jedermann kennt, der überall mit Kopfnicken und Händedrücken begrüßt wird, der nicht oft das Blatt liest, weil er fürchtet, ein ſchlechtes Compliment auf ſeine Gewandtheit zu entdecken, der ſich aber genau erkundigt, ob Jemand gut von ihm ſpricht. Dann die Billardſpieler; die wollen nicht in's Kaffeehaus, ſie fragen nur:„Iſt es frei?“ Und wenn eine bejahende Antwort erfolgt, ſo eilen ſie die Treppe hinauf, die zum Billard führt, ohne ſich auch nur weiter umzuſehen. In Paris gibt es Leute, die ihr Leben im Kaffee⸗ hauſe zubringen. Morgens gehen ſie dahin und neh⸗ men alle Blätter zur Hand, ehe ſie aus dem Kreuz⸗ band genommen ſind; wenn man nur ſechs ganz leſen will, hat man einige Stunden zu thun. — —— 4 117 Dieſe Leute frühſtücken im Kaffeehaus, dann plau⸗ dern ſie und ſchwatzen von Geſchäften oder Politik; manchmal machen ſie Miene, als wollten ſie fort⸗ gehen, allein ſie bleiben doch. Manchmal kommt ein Kaffeehausjunge und ſagt zu ihnen:„Mein Herr, Sie ſollen nach Hauſe kom⸗ men... Ihre Frau Gemahlin läßt Sie bitten, zu ihr zu kommen... ſie hat mit Ihnen zu ſprechen.“ Dann macht der Kaffeehausgaſt eine ungeduldige Bewegung und murmelt:„Das iſt nicht zum Aus⸗ halten; man hat keinen Augenblick für ſich.“ Endlich entſchließt er ſich fortzugehen; doch ſagt er noch fürſorglich:„Wenn man nach mir fragt, ich werde nicht lange aus ſein.“ In der That kommt der Herr auch in kurzer Zeit wieder, wie Jemand, der ſich eine Laſt vom Halſe gewälzt hat.— Wie er wieder im Kaffeehaus iſt, athmet er friſch auf, es iſt ihm wohl, er iſt glücklich, er iſt daheim... das iſt ſeine eigentliche Wohnung, und das Haus, wo er Zimmer hat, iſt für ihn nur eine Art Nie⸗ derlage, wo er ſeine Frau, ſeine Kinder und ſeine Möbeln abgegeben hat. Er bleibt im Kaffeehaus bis zur Zeit des Mittag⸗ eſſens; die Leute, die mit ihm ſprechen müſſen, ſuchen ihn hier auf. Manchmal begegnet es ihm, daß er in der An⸗ ſtalt ſein Mittageſſen einnimmt; es iſt zwar keine Gaſtwirthſchaft, allein er iſt zufrieden mit der bür⸗ gerlichen Küche des Inhabers. Abends kommen die Bekannten; die Dominopar⸗ tien bilden ſich. Der Herr ſpielt, trinkt, plaudert, wird warm und verläßt den Tiſch nicht, bis endlich die Gasflamme erliſcht. Das iſt das Zeichen zum Rückzug; die Jungen ſchließen das Kaffeehaus. unſer Alltagsgaſt kann ſich nur ſchwer zum Fort⸗ gehen entſchließen; manchmal läßt er ſich eine Kerze geben, um ſein Spiel fortzuſetzen oder das Abend⸗ blatt zu leſen. Endlich ſagt er dem Wirthe gute Nacht; die Dame auf dem Büffet hat ſich ſchon zurückgezogen; die Jungen ſind im beſten Geſchäft, ihr Bett in dem Saal aufzuſchlagen; er ſieht nach der Uhr und ſagt: „Ihr ſchließt heute Abend bald.“ „Aber es iſt ja ſchon Mitternacht vorüber. Sie ſehen wohl, daß die Gasflamme erloſchen iſt und dieß geſchieht erſt nach Mitternacht.“ „Ach! ich meine, man könnte Ihnen ſchon eine Viertelſtunde drein geben. Nun, auf Wiederſehen... morgen.“ Und manchmal ſagt der Herr noch, wenn er fort⸗ geht, um ſich ſchlafen zu legen, aus Gewohnheit: „Wenn man nach mir fragt, ich komme gleich wieder.“ Wenn die Boulevards, das Viertel des Palais⸗ Royal, die Vorſtadt St. Germain durch ihre Kaffee⸗ häuſer ſich auszeichnen, ſo findet ihr in den weniger beſuchten Straßen der Hauptſtadt beſcheidenere, die 119 nicht mit Gas beleuchtet ſind, weder Gemälde noch Vergoldungen haben, und ſich mit einigen Spiegeln, die aus mehreren Stücken beſtehen und mit Papp⸗ deckel⸗Rahmen eingefaßt ſind, begnügen. In dieſen Kaffeehäuſern befindet ſich nie ein Billard. Die Dame in dem Büffet iſt gewöhnlich vierzig bis fünfzig Jahre alt; ſie ſieht im Geſicht und am Leibe wohl genährt aus, trägt unter der Haube eine dicke falſche Tour mit krauſen Locken, näht oder ſtickt faſt in Einem fort und unter Tags kommt eine faſt eben ſo reife Nachbarin wie ſie ſelbſt zu ihr, die neben ihr Platz nimmt und Strümpfe ſtrickt oder flickt. Das Comptoir, das aus alten Mahagoni⸗ und eingelegten Marmor⸗Möbeln beſteht⸗ iſt außerordent⸗ lich einfach. Auf einer Seite ſtehen ein halbes Dutzend Likör⸗ Flaſchen in einem alten Gefäße aus lakirtem Eiſen⸗ blech; der Likör ſelbſt, der um die Mehrzahl der gläſernen Pfröpfe candirt und vertrocknet iſt, zeigt an, daß nicht viel Vanille noch Parfait d'Amour ver⸗ langt wird. Auf der andern Seite des Comptoirs ſieht man neben einem Trichter, der ebenfalls aus Eiſenblech beſteht, einen Topf mit Reſeden oder Levkojen, manchmal, am Namensfeſte der Madame, enthält der Topf eine Dahlia; dann läßt man die Thüre des Kaffeehauſes ſperrweit offen ſtehen. Der Herr des Kaffeehauſes, der Gemahl der Dame auf dem Comptoir, iſt ein Mann von etwa fünfzig 120 Jahren, Träger eines hübſchen Anzuges und eines großen Bauchs. Gewöhnlich iſt er ohne Halstuch, um anzuzeigen, daß er zu Hauſe iſt; er geht in ſeinem Kaffeeſaale mit ſehr zufriedener Miene auf und ab, kommt und geht und unterſucht ſeine Tabaksdoſe, bleibt ſtehen, wie wenn er ſehr beſchäftigt wäre, und thut nichts als eine Priſe nehmen, ſich ſchneuzen, huſten und die Blätter von einem Tiſche auf einen andern tragen. Wenn wir ſagen die Blätter, ſo muß man nicht glauben, daß man in einem ſolchen Kaffeehauſe viele trifft. Gewöhnlich begegnet man nur zwei bis drei: der Gerichtszeitung, dem Conſtitutionel und den all⸗ gemeinen Anzeigen; ſehr oft findet man nur das Tagblatt. Das Perſonal der Einrichtung beſteht neben dem Mann und der Frau und einem mit Pflaſtern bedeck⸗ ten alten Hunde, der immer auf einem der Tiſche ſchläft, aus einem Kellner, der ſeine ſechszig Jahre auf dem Rücken hat, der ſich aber alle mögliche Mühe gibt, um noch jung und gewandt zu erſcheinen. Dieſer Kellner hat eine blonde Perücke mit viel zu kurzen Haaren über den Ohren, ſo daß man ſeine eigenen grauen vorſchimmern ſieht. Sommers wie Winters und immer, um ſich ein jugendliches Anſehen zu geben, rträgt er zu ſeiner klei⸗ nen Tuchweſte Nankinbeinkleider und blaue Strümpfe. Die Hoſe geht in Folge des Waſchens nur noch bis auf die Mitte der Waden und der alte Kellner bringt einen guten Theil ſeiner Zeit damit hin, ſie hinunter 6 121 zu ziehen, damit ſie ſich nicht vollends in eine Halb⸗ hoſe verwandlez; die wenige Zeit, die ihm ſein Dienſt wegnimmt, erlaubt ihm, ſich häufig dieſer Art Uebung zu überlaſſen. Dieſer Kellner läßt ſich Alexander rufen, weil es immer Alexander unter den jungen Kellnern gibt, die im Kaffeehaus zur Stadt Paris, im Kaffeehaus zur Rotonde, im Café Anglais, kurz in den ſchönen Kaffeehäuſern von Paris aufwarten. Alexander iſt mehr Hausfreund als Kellner. Der Herr gibt ihm Tabak, macht ſein Spiel mit ihm und fragt ihn um ſeine Meinung, wenn er eine Lampe kaufen oder auf ein Blatt abonniren will. Die Frau wagt nicht, ihm zu klingeln, wenn er auf einem Tiſche eingeſchlafen iſt oder wenn ſie ihn zu ſehr damit beſchäftigt ſieht, ſeine Nankinbeinkleider nach unten zu ziehen. Endlich ſpeist er mit ſeiner Herrſchaft und grollt, wenn der Braten verbrannt oder nicht genug Butter an der Sauce iſt. Abends ſpielt er ſeine Partie Lotto mit ſeinen Bürgern und vier bis fünf Alltagsgäſten, ordentlichen Leuten, die um ſechs Uhr kommen und regelmäßig um zehn und ein halb Uhr gehen, ſo daß ein ſolches Kaffeehaus um elf Uhr geſchloſſen wird. Alles dieſes macht den Eindruck einer ſehr einigen Familie und ſieht durchaus nicht einem Kaffeehaus gleich. Man findet da weder Eis noch Sorbet und ſtatt der Limonade trägt man euch Etwas auf, das ſehr viel jenem Getränke ähnlich ſieht, welches die Verkäuferinnen auf dem Boulevard in Karaffen ver⸗ kaufen. Manchmal gegen neun bis zehn Uhr Abends führt der Zufall einige junge Leute, die den Weg verloren oder etwas unregelmäßige Gewohnheiten haben, in ein ſolches Kaffeehaus. Zu dieſer Zeit ſitzen die vier Alltagsgäſte, die Bürger und der Kellner um einen Tiſch in einem Winkel des Saales herum und ſind ſehr in eine Partie Lotto verſunken. Sie ſpielen den Stein um einen Sous und da ſchon ſehr viele Steine gezogen ſind, ſo iſt die Span⸗ nung allgemein. Die jungen Leute treten in das halberleuchtete Kaffeehaus; alle Tiſche ſind leer mit Ausnahme des, an dem die Lottoſpieler ſitzen und eines andern, auf dem der alte Hund ſchläft. „Eine Bowle Punſch!“ ruft einer der neuen An⸗ kömmlinge, während ſeine Freunde ſich an einen Tiſch ſetzen, der in der Nähe des von dem Thiere beſetzten ſteht. Die Ankunft dreier Perſonen auf einmal hat be⸗ reits Unruhe im Kaffeehaus verbreitet, da man nicht gewohnt iſt, ſo viele Gäſte zu empfangen; der alte Alexander iſt böſe, daß er ſein Lotto verlaſſen muß, weil er mehrere Quaternen hat; er läßt ſeinen Herrn zuerſt aufſtehen und, die Serviette in der Hand, gra⸗ ziös auf die neuen Ankömmlinge zugehen. Aber als ſie hören, daß man eine Bowle Punſch verlangt, malt ſich eine ſehr ſichtbare Verlegenheit 123 auf den Geſichtern der Horrſchaft und ihres Kell⸗ ners. Der Herr läuft gegen den Lottotiſch und ſagt mit halblauter Stimme und mit beſtürzter Miene:„Dieſe Herren wollen Punſch!“ „Punſch!“ entgegnet die Frau und reißt vie Augen weit auf, wie Jemand, der eine unbekannte Stimme hört;„Punſch!... aber ich meine, wir haben keinen!“ „Man macht, meine Liebe... das geſchieht mit Thee, Citronen, Weingeiſt oder Rhum und Zucker! . Wie, Alexander, man muß dieſen Herrn Punſch machen..“ „Das iſt luſtig.. ich hatte drei Quaternen... ich hätte das Spiel gewonnen.“ „Man wird für Sie ſetzen.“ „Es iſt mir lieber, wenn man wartet.“ Alexander entſchließt ſich endlich, das Lotto zu ver⸗ laſſen, und nachdem er ſeine Beinkleider hinunter ge⸗ zogen hat, gibt er dem Tiſche, an dem die jungen Leute ſitzen, einen Schlag mit der Serviette und ſagt:„Was wünſchen die Herren?“. „Wir haben Punſch verlangt.“ „Ahl... gut. Würden Sie nicht Bier vorziehen .. wir haben köſtliches.“ „Wenn wir Bier wollten, würden wir nicht Punſch verlangt haben.“ „Gehen Sie doch, alter Burſche, eine Bowle mit Rhum, aber einen feinen.“ Alexander geht, ſehr zornig darüber, daß man ihn einen alten Burſchen geheißen hat, zu ſeinen 124 Bürgern hin und murmelt:„Und das Feuer iſt ausgegangen... das wird luſtig!... Ziehen Sie nicht ohne mich... ſie wollen ihn mit Rhum... iſt noch welcher da?“ „Ja, ja,“ entgegnet der Herr mitzufriedener Miene, „wenigſtens noch eine Drittelsflaſche..das iſt zwarnicht ſohr viel. man wird jedoch genug daraus machen.“ „Aber wie,“ ſagt die Dame, nich habe weder Thee noch Citronen... aber man kann beim Kauf⸗ mann und der Obſthändlerin holen laſſen... wenn ſie noch nicht zu Bett gegangen iſt.“ „Das iſt nicht der Mühe werth, man macht ihn ohne das.. braucht man denn dieſe Dinge ſo noth⸗ wendig, um Punſch zu machen?“ „Warten Sie mit dem Ziehen, bis ich komme!“ „Richten Sie die Bowle und die Gläſer... und dann Teller...“ In einem ſolchen beſcheidenen Kaffeehaus iſt eine ſilberne Bowle ein unbekannter Luxus. Und die Dame ſucht ein Geſchirr, aus dem ſie täglich ihren Bouillon trinkt. Während ſie es reinigt, wirft der Wirth Alles durcheinander, um einen gro⸗ ßen Teller zu ſuchen, und die vier Alltagsgäſte ſchla⸗ gen mit den Sacktüchern auf die Gläſer, die mit edlem Staube bedeckt waren; es iſt dieß ein ſehr belebtes Gemälde. Indeſſen jagt einer der jungen Leute, indem er ſeinen Hut auf den nebenſtehenden Tiſch legen will, den darauf liegenden Hund ziemlich unſanft hinunter, indem er ſagt:„Das iſt einmal ein ungezogenes Thier.“ — 12⁵ Die Frau des Hauſes ſtößt einen Schrei aus, als ſie ihren Hund fallen fieht und ruft aus:„Ach, Herr, ſehen Sie denn nicht, daß er drei Pflaſter hat?“ „Ein Grund mehr, Madame, daß ſeine Nach⸗ barſchaft unangenehm iſt.“ Ein Bürger hebt den Hund auf und trägt ihn auf dem Arme fort, während er ſagt:„Es iſt nichts, liebe Freundin... er hat ſich nicht verwundet... er iſt auf den Schwanz gefallen.“ Indeſſen wartet man auf den alten Alexander, der das Feuer im Laboratorium anbläst. „Wo ſteckt denn der Punſch!“ rufen die jungen Leute, die merken, daß ſie ſich verirrt haben. „Im Augenblick, meine Herren.. er iſt ſogleich fertig.“ Eine Viertelſtunde vergeht. Der Wirth iſt mehrere Male in das Laboratorium gegangen und jedes Mal ſagt er bei der Rückkunft: „Im Augenblick, meine Herren, werden Sie bedient werden.“. Und die jungen Leute lärmen:„Ach! was iſt das für ein Kaffeehaus, wo man ſo ewig lange warten muß, bis man ſo ein einfaches Getränke bekommt!“ Endlich kommt der alte Alexander aus dem Labo⸗ ratorium, das Geſicht voll Kohlenſtaub, die Perücke faſt umgekehrt und Schweiß auf der Stirne; er nimmt das Gefäß, den Teller, kehrt an ſeinen Ofen zurück und trägt mit ſtolzer Miene die verlangte Bowle Punſch auf. Paul de Kock. LXV. 9 Wie die jungen Leute den Kochhafen erblicken, rufen ſie:„Was iſt das?.. eine Fleiſchbrühe?“ „Das iſt Ihr Punſch, meine Herren,“ entgegnet der Kellner, ſeinen Teller auf den Tiſch ſetzend. „Der ſieht komiſch genug aus!“ „Ich hätte es für Bouillon gehalten!“ „Ich glaube wirklich, er hat Augen!“ „Zünden Sie ihn uns wenigſtens an.“ „Dieſe Herren wollen ihn anzünden?“ „Ja, bringen Sie Feuer!“ Alexander geht an den Lottotiſch und ſagt mit bemitleidender Miene:„Sie wollen, daß man ihn anzünde.“ „Wie, wie!“ ruft die Frau vom Hauſe ganz er⸗ ſchrocken,„man will bei mir anzünden?.. Ich dulde es nicht!“ „Ach nein, liebe Frau,“ entgegnet der Herr lächelnd, „nur den Punſch anzünden... das geht... das iſt erlaubt.“ „Ach! das iſt etwas Anderes; aber, lieber Freund, gewiß hält das mein hübſcher Fayenretopf nicht aus er zerſpringt.“ „Nein... nein... wie, Alexander, nehmen Sie ein Zündholz und zünden Sie ihn an.“ Der alte Kellner nimmt ein Licht und verſucht es, den Punſch anzuzünden: umſonſt verbraucht er ein halbes Schächtelchen Zündhölzchen, umſonſt ver⸗ brennen die jungen Leute alles Papier, das ſie bei ſich haben, der Likör will nicht brennen. Und die Wirthin ſagt ganz leiſe:„Ich bin froh, 127 daß ſie ihn nicht anzünden können.. meine Bowle wäre zerbrochen.“ Man muß ſich entſchließen, den Punſch zu trin⸗ ken, ohne daß er brennt; allein er riecht naih Rauch, Kohle und Waſſer. Die jungen Leute, die ihn abſcheulich finden und nicht trinken können, zahlen eilends und gehen fort, während ſie ausrufen:„Welch' ein Kaffeehaus! Gro⸗ ßer Gott!... das iſt eine wahre Schande!“ Der alte Alexander läuft nach der Bowle und ruft, den ſtehengelaſſenen Punſch trinkend:„Sie ſind nicht zufrieden! Und ich verſichere Sie, er iſt köſtlich.“ Der Herr kommt, verſucht ihn ſeinerſeits und ruft:„Er iſt ſehr gut.. zwar nicht ſehr ſtark... aber ſehr gut.“ „Im Ganzen,“ ſagt die Dame,„iſt es mir lieber, wenn die Herren nicht wieder kommen. Ich bin über⸗ zeugt, daß es leichtſinnige Burſche ſind... ſie würden Scenen hier aufführen und ich liebe die Ruhe.“ Die Geſellſchaft, die noch ganz bewegt iſt über die Wirkung, die das Verlangen einer Bowle Punſch in dem Kaffeehaus hervorgebracht hat, geht nun wieder an ihr Lottoſpiel. Man wird vielleicht ſchwerlich glauben, daß es in einer Stadt wie Paris noch ſolche Kaffeehäuſer gibt; aber es iſt dieß ein Gemälde, wo bloß Wazr⸗ yeit aufgetragen iſt. Indeſſen müſſen wir ſagen, daß dieſe Art Kaffee⸗ häuſer von Tag zu Tag ſeltener werden; in einigen , Jahren wird man ohne Zweifel keine ſolche mehr in der großen Stadt finden und wahrlich, diejenigen, die das Unglück hatten, dort Etwas zu ſich zu neh⸗ men, werden nicht in Verſuchung kommen, dieſen Verluſt zu bedauern. Inhalt des erſten Theils. gee 4 Paris vor und nach dem Mittageſſen...... 5 4 Die Mägde der Frau Bouracand....... 58 Die Walzenorgeln und die Zauberlaterne..... 76 Die Rotonde des Tempels oder die Kleiderhändler.. 87 Inhalt des zweiten Theils. Das Parterre eines Theaters... Eine Probe auf dem Theater....... 22 Ein Herr, der Schultheiß werden wilt.......33 ☛ Die Schul⸗Omnibus...... 49 Trickchen, der Bretagner, oder der nie Betrogene. 72 Die Kaffechauſer............. 114 OSo⸗ W 3 1 2 7 4 2 2— — 3 ,; 5 2 —, ₰ ä A 6 1 Finfnnſfſſſnſnnſſſſſſiſffſſtſiſſſinſin 5 1 7 18 1 10 11 12 13 14 1