Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Sechsundvierzigſter Theil. Stuttgart: Scheible⸗ Nieger x Sattler. 1845. Ein Eheſtands⸗Candidat oder Herr Fractin. Von Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Erſter Theil. Se Stuttgart: Scheible, Rieger s Sattler. 1845, Erſtes Kapitel. Ein ſehr verliebter Mann. Verſetzen Sie ſich zuerſt in den Speiſeſaal eines Gaſtwirths, aber nicht zu Very oder Vefour, auch nicht in das Café de Paris oder nach dem Rocher de Cancale, ſondern zu einem kleinen bürgerlichen Gaſt⸗ wirth ohne Anmaßung und Bedeutung, bei welchem man ziemlich gut zu Mittag ſpeist, vorausgeſetzt, daß man kein Lucullus oder Brillat⸗Savarin iſt. Der Speiſeſaal iſt zwar mit Spiegeln, Kron⸗ und Arm⸗ leuchtern nicht verſchwenderiſch ausgeſtattet, doch ſind die Tiſche immer beſetzt; nach dem Mahle bringt man Ihnen keinen blauen Bolus mit lauem Waſſer und einem Citronenrädchen, um den Mund auszuſpülen und die Hände zu waſchen(eine Reinlichkeit, welche ich, beiläufig geſagt, ſehr ſchmutzig finde); allein man hindert Sie nicht, die Fingerſpitzen in Ihr Glas einzutauchen und mit Ihrer Serviette abzutrocknen; end⸗ lich ſehen Sie hier keine Herrſchaften mit Equipagen, noch athmen Sie Moſchus⸗ und Ambragerüche ein, allein Sie begegnen Künſtlern und Schriftſtellern, und hören ſehr laut lachen und ſprechen. Nun wählen Sie zwiſchen der Porte Saint⸗Denis und der Tempelſtraße. —---— 6 Gegen fünf Uhr kommt Herr Girardiere in dem Speiſeſaal an. Herr Girardisre iſt volle neunundvierzig Jahre alt, möchte aber nie älter als dreißig ſein und bietet Allem auf, dieß zu ſcheinen. Er iſt kein ſchöner Mann, von mittlerer Größe, und um den Anſatz ſeines Dick⸗ bauchs zu verbergen, ſchmückt er ſich immer fürchterlich; zu einem hübſchen Jüngling fehlt ihm viel, denn ſeine grünlich⸗grauen runden Augen mit rothem Rande nebſt der Brille, die er nie ablegt, geben ihm ein höchſt ſon⸗ derbares Ausſehenz ſeine Naſe iſt zu platt, ſein Kinn zu ſpitzig, ſein Mund zu groß, doch weiß Herr Gi⸗ rardiére bei all' dem ſich eine ſehr angenehme Phy⸗ ſiognomie zu geben, welche ex nie verliert, wenn ihm nicht außerordentliche Zufälle begegnen. Endlich iſt er immer ſehr ſauber und ſorgfältig gekleidet, und na⸗ mentlich zu ſtolz, als daß er eine Perrüke oder falſche Locken trüge; freilich ſind ſeine hellblonden Haare auf dem Scheitel ſehr dünn, allein jene oberhalb der Ohren trägt er abſichtlich ſehr lang und ſtreichelt ſie mit Ge⸗ ſchicklichkeit auf die Seite, um ſeine hohe, lange Stirne zu beſchatten. Sie ſehen aus all' dem, daß Herr Girardiere zu gefallen ſucht; er hat ein ſehr verliebtes Herz, ver⸗ ehrt das ſchöne Geſchlecht, und die Liebe macht die Hauptbeſchäftigung ſeines Lebens aus. Es gibt wenig Perſonen, welche dieſes Gefühl nicht gekannt und ihm nicht ſüße Stunden geweiht hätten. Selbſt Solche, die von andern Leidenſchaften beherrſcht werden, finden in ihrem Herzen noch ein ⸗ 7 Plätzchen für die Liebe, denn„man muß lieben,“ ſagt Voltaire,„dieß erhält uns, und ohne zu lieben, iſt es traurig, ein Menſch zu ſein.“ Doch Herr Girardiere hatte dieſe Lehre vielleicht übertrieben. Von Kindheit an hatte er Beweiſe von ſeinem Hang zur Zärtlichkeit gegeben: er verehrte die Vögel, liebkoste die Katzen, weinte acht Tage lang über die Abweſenheit ſeines Hundes. Als Knabe verliebte er ſich in die Köchin ſeiner Eltern, ein dickes Land⸗ mädchen. Der kleine Girardiere ſteckte immer in der Küche, lernte dort die Anfangsgründe im Latein, und um mit der dicken Tourloure(ſo bieß die Magd) oft in Berührung zu kommen, ſetzte er ſich in den Kopf, ſie lateiniſch zu lernen. Während Tourloure ein Täubchen rupfte und Spinat kochte, betrachtete das Männchen ſie ganz genau und ſagte zu ihr:„Amo, Tourloure, amo tibi! ah, willſt Du mit mir das Zeitwort amare conjugiren?“— „Wie, was ſoll Ihr amo heißen? heißt Der ſeitwärts von unſerm Haus ſo, mit dem ich Sonntags auf den Tanz gehe?“—„Davon iſt keine Rede, ich ſpreche mit Dir lateiniſch, ich will Dich lehren, wie man in einer todten Sprache ſagt: ich liebe Dich!“—„Laſſen Sie mich lieber meine Saucen machen!“—„Das hindert Dich nicht, o Tourloure! mulier! mulieris!“— „Ei, warum heißen Sie mich mulier; das iſt nicht mein Name, ich heiße Tourloure Desmignart.“— „Gleichviel! Du biſt ein Frauenzimmer... Gott! die Frauenzimmer... ich möchte nur muliebre bellum „ gerere.“—„Ach mein Gott, ſchwören Sie...— 8- „Touloure, erlaube mir, ich will Dich lateiniſch lehren.“ —„Laſſen Sie mich doch gehen, Sie ſind Schuld, wenn mir die Saucen mißrathen.“—„Sprich doch mit mir: amo... amas... amat... ich küſſe Dich für Deine Mühe.“—„Da ſchaut einmal an! darf ein. kleiner Knabe in Ihrem Alter ſchon an das Küſſen der Mädchen denken?“—„Du weißt nicht, Tourloure, daß: formosum pastor Coridon ardebac Alexin.“— „Nein, ich kenne all' dieſe Leute nicht; aber ſo viel weiß ich, daß, wenn Sie mich nicht in Ruhe laſſen, mein Braten anbrennen wird und Ihre Eltern mich zanken werden.“—„Um ſie zu beſänftigen, ſage ihnen nur, wenn Du Deine Tauben hineinträgſt: Jus hoc est coena; mein Vater wird große Augen dazu machen und ſich ſehr ergötzen.“—„Jus hoc... ach mein Gott, ich kann unmöglich dieſe Worte behalten!“ Während die dicke Magd das Gemüſe zubereitete, murmelte ſie unaufhörlich: Jus... hoc.,. Jus... coq .. ſo iſt's recht.“ Die Zeit zum Mittageſſen kam, Alle ſaßen am Tiſche, da riß die dicke Köchin, während ſie ihren Braten auftrug, den Mund furchtbar auf und fing zu ſchreien an:„Jus.. jus!...“ Weiter konnte ſie nicht ſagen; die Mutter des kleinen Girardière un⸗ terbrach ſie mit den Worten:„Es iſt gut, Tourloure, es iſt genug an einem ſolchem jus.“ Die Tauben waren angebrannt, der Spinat zu viel geſalzen, der Rahm fehlte ganz. Man zankte die Köchin tüchtig aus, welche zu ihrer Entſchuldigung antwortete:„Ihr Herr Sohn iſt Schuld daran; er 9 ſteckt beſtändig in meiner Küche hinter meinem Rücken und will mich lateiniſch lehren; indem ich nun die Worte, die er mir vorſagte, im Gedächtniß behalten wollte, mißriethen mir die Ragouts.“ Da den Eltern durchaus nicht daran liegt, daß ihre Magd lateiniſch ſpricht, ſondern ihnen ein gutes Mittageſſen die Hauptſache war, ſo jagten ſie Tour⸗ loure fort und der kleine Girardièére mußte ſeine Blicke anderswohin richten. Solche Auftritte kündeten eine den Freuden der Liebe ſehr ergebene Jugend anz indeß war dem nicht ſo, denn es genügt nicht, ſehr verliebt zu ſein und für alle Frauenzimmer, die nicht durchaus abſchreckend ſind, leidenſchaftlich zu entbrennen, man muß auch zu gefallen und zu verführen wiſſen, die Gabe, den Geiſt und das Talent haben, Eroberungen zu machen, und gerade dieß beſaß Herr Theophilus Girardiére trotz aller Mühe, die er ſich gab, nicht. Mit zwanzig Jahren hegte der junge Girardiére immer fünf bis ſechs Liebſchaften in ſeinem Herzen. „Kaum betrat er eine Straße, ſo fand er vollauf zu thun. Ging ein eiwas hübſches Frauenzimmer mit einem großen Shawl vorbei, das ihn zufällig anſah, ſo bildete er ſich ſchon ein, ſie beobachte ihn auf⸗ merkſam, und dieß reichte hin, daß er ſich in ſie ver⸗ liebte. Dann folgte er der Dame mit dem großen Shawl auf dem Fuße nach, wagte an ſie einige Worte und Redensarten, welche er für ſehr geiſtreich hielt, die aber, wie alle in dergleichen Fällen, höch⸗ ſtens thöricht waren. Man gab ihm ſehr trocken zur 4 1⁰ Antwort, er moͤchte ſeines Weges gehen, allein er blieb ſtehen, folgte der Dame, wartete in der Straße, wo ſie in eine Bude trat, und verließ ſie nicht eher, als bis er ſie in einem Haus verſchwinden ſah; auch jetzt noch blieb er vor der Thüre ſtehen, um ſich zu verſichern, ob die Dame nicht wieder herauskomme; in der Meinung, ihre Wohnung zu kennen, bemerkte er in ſeiner Schreibtafel ſorgfältig die Hausnummer und entfernte ſich mit dem Gedanken:„Ich werde öfters hier herumſpazieren, und wenn ich ſie heraus⸗ kommen ſehe, ihr nachgehen.“ Dies nannte Theo⸗ philus Girardière eine Eroberung. Auf dieſe Art kann ein zum Gefallen am wenigſten geeigneter Mann, ſo oft er eine Straße betritt, drei bis vier Eroberungen machen. Hiezu muß man bloß übrige Zeit aufwenden und gute Füße haben. Als aber Herr Girardieère ſeine ſchönſten Jahre mit dem Verfolgen der langen oder viereckigen Shawls⸗ der Damenmäntel und ſelbſt der Häubchen zugebracht hatte, ohne daß ihm ein Liebeshandel gelingen und er bei den Damen ſein Glück machen konnte, ent⸗ ſchloß er ſich, höchſt betrübt über den geringen Erfolg ſeiner Verſuche, andere Mittel zu ergreifen und die große Welt zu beſuchen, in der Hoffnung, dort glück⸗ licher zu ſein, als auf den Spaziergängen und öffent⸗ lichen Plätzen. Girardiere beſaß ein ziemlich großes Vermögen; es war ihm daher nicht ſchwer, in vielen Häuſern zu⸗ gelaſſen, zu Bällen, muſikaliſchen Abendunterhaltungen, Spielen und ſelbſt zu Raouts eingeladen zu werden. 11 Außerdem hatte Girardiere eine ſehr gute Er⸗ ziehung genoſſen; überhaupt waren ſeine Manieren fein und höflich, auch war er gerade nicht albern und wäre vielleicht ohne jene unſelige, tolle Sucht, allen Frauenzimmern Liebe einflößen zu wollen, liebens⸗ würdig geweſen, eine Sucht, welche mit der Zeit, an⸗ ſtatt abzunehmen, zunahm und ſich über jeden Korb hinwegſetzte. Girardiére wendete nun ene⸗ Blicke, ſeine Anſprüche und Seufzer der großen Welt zuz die Leichtigkeit, mit den Damen, die ihm geſielen, zu plaudern, überzeugte ihn, daß er zu einem ſchnellern Erfolg gelangen würde und daß es ihm dort viel leichter wäre, Liebesver⸗ hältniſſe anzuknüpfen; er wollte ſeine verlorene Zeit wieder hereinbringen, und kaum hatte er ſich drei Mal in einem Haus eingefunden, ſo hatte er ſchon vier Liebeserklärungen gemacht. Es gibt ein Mittel, ſchnell eine Liebſchaft herbei⸗ zuführen und bei einer Schönen nicht fehl zu gehen; allein es beſteht nicht darin, daß man allen Frauen⸗ zimmern nachläuft, ihnen mit aller Gewalt zuſetzt und ſie Viertelſtunden lang unausgeſetzt anſchaut, wie wenn man glaſirte Augen hätte. Man machte ſich über die Seufzer, Liebesblicke und Liebeserklärungen dieſes Herrn luſtig. Seine Verliebtheit, ſeine ſchnelle Liebesflamme wurde zum Sprichwort. In vielen Häuſern ſagte man bei Tiſch anſtatt:„das iſt ein zärtliches Liebesbriefchen!“ lachend zu einander:„das iſt wohl ein Liebesbriefchen von Girardière!“ In Frankreich, namentlich in Paris, wo man Einem das 12 Lächerliche nicht verzeiht, hätte dieß Wort hingereicht, um Theophilus den Triumph über irgend ein Frauen⸗ zimmer ſtreitig zu machen. 4 Jeden Abend ſagte der arme Jüngling bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe zu ſich ſelbſt:„Es iſt außer⸗ ordentlich ſonderbar, daß ich es zu keinem liederlichen Menſchen bringen kann; ich thue doch Alles, daß ich ſo weit komme! Allein die Frauenzimmer fürchten mich, ſie weichen mir aus, aus Angſt, ſie könnten mich zu ſehr lieben.“ Es blieb Girardisre ein Troſt, der uns nie fehlt, und bei dem wir immer Linderung für unſere Lange⸗ weile ſuchen. Er hatte nämlich eine gute Mutter, die ihn zärtlich liebte, an ihm alle guten Eigenſchaften und Vollkommenheiten fand, und glaubte, Jedermann müſſe ſo wie ſie denken. Girardiéère wohnte bei ſeiner Mutter, welche nicht mehr jung war und ſehr wenig ansging. Aber wenn er ſich Abends anſchickte, in die Geſellſchaft zu gehen, ſagte die gute Mutter, ihn mit Bewunderung anſehend, zu ihm:„Du gehſt wohl in einen Cirkel... zu einer Abendunterhaltung?“— „Ja, Mütterchen.“—„Ah! Ausgelaſſener, wie ergötzſt Du Dich! wie gibſt Du Dich dem Vergnügen hin! ich wollte wetten, Du haſt auf allen Flanken Lieb⸗ ſchaften.“—„Ah! Mütterchen.. was denkſt Du!“ Bei dieſen Worten lächelte Girardisre, betrachtete ſich im Spiegel, fuhr mit den Fingern durch die Haare und legte den Kragen ſeines Fracks zurecht, währen die alte Mutter fortfuhr:„O! Du wirſt es nie ge⸗ ſtehen; aber bei all' dem haſt Du recht! mache Dich— 13 nur luſtig, mein Kind, benütze Deine Jugend... Du biſt hübſch genug, um Eroberungen zu machen.“ „Glauben Sie?“ antwortete Theophilus mit ei⸗ ner Miene, als ob er ſagen wollte: ich bin ganz Ihrer Anſicht. „Ob ich es glaube 2... hm... Schelm! Du wirſt wohl wiſſen, daß ich Recht habe; um Eines nur bitte ich Dich, mein Söhnchen, ſtürze Dich nicht in zu gefährliche Abenteuer! Denn, ſiehſt Du, die Ehe⸗ gatten ſind nicht gar ſehr erfreut über... Du ver⸗ hehf mich... und ferner, komme nicht zu ſpät nach Hauſe, ich bitte Dich, mein Söhnchen; die Straßen in Paris ſind nicht immer ſicher.“ Girardiéère beruhigte ſeine Mutter und entfernte ſich ganz vergnügt über ihre Aeußerungen; es klang gar ſüß in ſeinen Ohren, noch„mein Söhnchen“ ge⸗ nannt zu werden, ungeachtet er ſehr groß und ſtark war; gerne hörte er ſeine Mutter ſagen, er ſolle ſeine Jugend benützen, obwohl er bereits ſechsund⸗ dreißig Jahre alt war, und wie wenn ihn dieß wirk⸗ lich verjüngt hätte, ging er ſingend wie ein Knabe die Stiege hinunter, machte manchmal einen dreiſten Sprung über drei Stufen auf einmal, und zwar 5 deßhalb, weil ihn ſeine Mutter„mein Söhmhen nannte. Allein trotz der vortheilhaften Meinung, welche Frau Girardiere von ihrem Sohne hatte, war dieſer bei den Damen nicht glücklicher; ſeine Triumphe be⸗ ſchränkten ſich auf einige Fächerſtgeiche: mehrere blaue Paul de Kock. XLVI. 3 2 8 14 Mahle waren der Lohn für ſeine Unbeſonnenheiten. Wenn er von einer hübſchen Dame ſtark gekneipt wurde, beeilte ſich Theophilus, bei ſeiner Rückkunft nach Haus ſeinen Frack auszuziehen und ſeinen Arm zu betrachten. Dann ſagte er zu ſich ſelbſt:„Da iſt ein Mahl! o, ſie hat mich ſtark gekneipt... ſie will offenbar haben, daß ich ein Merkmal von ihr trage.. O die Bösartige!.... Dieß waren die einzigen Gunſtbezeugungen, de⸗ ren ſich Girardière rühmen konnte. Wir wollen indeß nicht behaupten, daß dieſer verliebte Mann den Freuden der Liebe ganz fremd wäre. Er hatte einige Liebſchaften gehabt, allein ſolche, die man nicht in Geſellſchaften einführen kann, und deren Eroberung anzuführen unmöglich iſt. Mit Geld und Geſchenken gelang es ihm, eine Dame in das Schauſpiel oder zu einem Speiſewirth zu führen; an ſolchen Tagen hütete er ſich wohl, ein Gefährt zu nehmen, denn er wollte mit einer Dame am Arme zangetroffen werden.. Bei Verbindungen, wo der glühende Girardieère Gegenliebe vermuthete, hatte er beſtändig Unglück gehabt. Wenn er nach vierzehntägiger Bekanntſchaft zu ſich ſelbſt ſagte:„Ich glaube, ich werde wegen meiner Perſönlichkeit geliebt; ſie wäre mir treu, ſelbſt wenn ich arm wäre!“ ſo erhielt er bald darauf ein Billetchen des Inhalts:„Es thut mir leid, unſer Verhältniß nicht länger fortſetzen zu können; allein ich muß an meine Zukunft denken! Ein ſehr recht⸗ 45 ſchaffener Herr hat mir ein prächtiges Ameublement von Mahagoniholz angeboten, deſſen Annahme ich für meine Pflicht halte; ich bitte Sie nun, ſich nicht mehr in meinem Hauſe zu zeigen, noch mit mir zu reden, wenn Sie mir etwa begegnen ſollten, weil dieß mir ſonſt eine Blöße geben könnte.“ Es iſt ſehr unangenehm, dergleichen Briefe zu erhalten, beſonders wenn man ſich über das Gefühl, das man einflößte, täuſchte. Girardieère ballte den Brief zornig in ſeinen Händen zuſammen und warf ihn zu Boden, indem er murmelte:„Beim Henker, ſie hat eben ſo wohl daran gethan, dieß mir zu ſchreiben; ich konnte ſie nicht mehr ausſtehen, ich habe ſie ſogar nie geliebt... morgen hätte ich vielleicht mit ihr gebrochen, ſie erſpart mir dieſe Mühen... Filziges Frauenzimmer!... eigennütziges Herz!... ſie gibt mich auf, weil man ihr ein Hausgeräthe von Mahagoniholz verehrt, und ich ihr bloß eines von Nußbaumholz geben wollte. Ach! pfui, pfui!... da iſt keine Liebe; das iſt nicht das Gefühl, welches ich einzuflößen wünſche und von dem ich träume, ſeit⸗ dem ich ein Herz und das Alter der Vernunft habe ... Ich will nichts mehr von dieſen feilen Frauen⸗ zimmern! nein, ich will nichts mehr von ihnen!... Wie meine Mutter ſagt, bin ich geſchaffen, um Lei⸗ denſchaften einzuſtößen, um Köpfe zu verdrehen... O, wenn ein Frauenzimmer wüßte, in welchem Maße mein Herz von Liebe erfüllt iſt, es würde zu mir ſagen:„Du biſt das Ideal des Menſchen! das Vor⸗ bild der Liebe!“ und würde mir ſeine Arme öffnen. 46 Unglücklicher Weiſe ſteht dieſes nicht auf unſerer Stirne geſchrieben.“ Theophilus begann hierauf von Neuem in den Speiſeſälen zu ſeufzen oder den Damen auf den Spaziergängen nachzugehen. Aber die Zeit verſtrich, jene unbarmherzig alternde Zeit, welche weder den Reichen noch den Armen, w weder die Fürſten noch die Bettler, weder die Vornehmen noch die Thoren an⸗ hört, welche gegen die Bitten der Schönheit, gegen die Thränen der Greiſe, gegen die Anmuth der Kind⸗ heit taub iſt! Bei all dem iſt es ein großes Glück, daß ſie für Jedermann ohne Unterſchied unerbittlich iſt; denn wenn ſie einige Perſonen begünſtigt hätte, ſo würde man zu glauben veranlaßt, daß ſie dieſen Vorzug nicht wirklich verdient hätten. Man hätte gegen ſie Ränke geſchmiedet, wie dieß gegen Alles, was mächtig iſt, ſtattfindet. So hatte denn Herr Girardiere ſein vierzigſtes Jahr erreicht, ſogar überſchritten; er war ſchon bei⸗ nahe fünfzig, allein ſeine gute alte Mutter, deren Kopf zitterte und die ſelbſt mit der Brille wenig mehr ſah, ſagte fortwährend zu ihm:„Benutze Deine Jugend, mein Söhnchen, ergötze Dich nur!... Aus⸗ gelaſſener!.. allein komm' nicht zu ſpät nach Hauſe!⸗ Girardiére hingegen merkte wohl, daß es ſich mit ſeiner Jugend wie mit ſeinen Haaren verhalte, die ihm herausgingen und nicht mehr wuchſen, wodurch er bald einen Kahlkopf bekam, unerachtet er beim Kämmen die hinteren Locken ſorgfältig nach vornen und jene auf beiden Seiten nach der Stirne hin⸗ „— „— 17 ſtrich. Dieß täuſchte namentlich⸗ wenn er nicht im Freien war; aber wenn Herr Girardière zufällig mit unbedecktem Haupte gegen den Wind ging, ſo ſah man die großen Locken, welche er mit ſo vielem Fleiß zuſammengerichtet hatte, ſich aufrichten und davon fliegen, und aller Reiz war zerſtört. Dann dachte dieſer vexliebte Mann, welcher es zu keinem liederlichen Menſchen bringen konnte, der aber nichts deſto weniger im Grunde ſeines Herzens die Liebe für das ſchöne Geſchlecht, das Bedürfniß zu lieben, bewahrte, dann, ſage ich, dachte er an das Heirathen. Lange Zeit hatte Girardière über das eheliche Band geſcherzt und über die Ehegatten geſpottet. Ue⸗ berzeugt, daß ſein Leben als Junggeſelle eine Reihe von Liebeshändeln und pikanten Abenteuern bleibe, war er Willens, es zeitlebens fortzuſetzen. Allein die Umſtände hatten ſeiner Erwartung nicht entſpro⸗ chen, und da er ſah, daß er keine Geliebte bekommen konnte, entſchloß er ſich, eine Frau zu nehmen. An einem ſchönen Morgen nun ſpazierte Girar⸗ diere, nachdem er ſeiner alten Mutter— die eben auf⸗ geſtanden war und ſich in einen langen Seſſel, wo ſie einen Theil des Tags zubrachte, niederſetzte— guten Tag gewünſcht hatte, im Zimmer auf und ab, huſtete mehrere Male und näherte ſich endlich, indem er zwei Locken Haare, die beharrlich auf den Kragen ſeines Frackes zurückfielen, vorſtrich, dem Lehnſeſſel ſei⸗ ner Mutter und ſagte zu ihr:„Meine liebe Mama, ich muß Ihnen etwas ſagen.“ 18 „Nun, mein Söhnchen, ſprich, ich will hören.. Du willſt mir vielleicht irgend ein pikantes Abenteuer, deſ⸗ ſen Held Du biſt, erzählen... Ah, ah, Böſewicht!...“ Girardiere lächelte und ſtreichelte ſein Kinn; er hörte es immer ſehr gerne, wenn man ihn„Böſe⸗ wicht“ nannte, obwohl er vom Gegentheil überzeugt war. Indeß antwortete er ihr:„Nein, liebe Mama, nein, es handelt ſich nicht davon! Es iſt etwas viel. Ernſthafteres, ſogar etwas Wichtiges; mit Einem Wort, ich will es Ihnen ſagen: mich wandelt die Luſt zum Heirathen an.“ „ Du heirathen, Du!“ ſagte die gute Alte, einen Schrei der Ueberraſchung ausſtoßend.„Ach mein Gott! was iſt das für ein Gedanke.. heirathen! Du, der Du ſagteſt, Du wolleſt immerfort Deine Freiheit behalten... Du, der Du ſo glücklich biſt... Du, der Du ſo viel Vergnügen genießeſt... ſo viele Eroberungen machſt!...“ *„Ja, ich weiß das Alles ſehr gut, allein man wird am Ende des Junggeſellenlebens überdrüſſig... All dieſe vorübergehenden Liebſchaften...'s iſt wohl ſchön, gewiß; allein im Herzen bleibt doch eine Lücke offen, während, wenn man eine Frau hat, Kinder, die Einen liebkoſen, Einem einen neuen Ge⸗ nuß gewähren... das Work Familienvater iſt gewiß ſehr ehrwürdig, und, meiner Treu, ich habe ernſt⸗ lich Luſt, Andern nachzumachen.. „Du kannſt heirathen, wenn es Dir beliebt, ich hindere Dich nicht daran; den es hat keine Eile⸗ Du haſt wohl noch Zeit...„ — 19 Dabei gab die gute Alte ihrem Sohne leichte Backenſtreiche; wenn ſie Kraft gehabt hätte, ſo hätte ſie ihn noch auf ihrem Schooße gewiegt. Ihr Ein⸗ ziges war ſtets ihr kleiner Theophilus, ihr Benja⸗ min; ſie dachte nicht daran, daß dieß liebe Kind ſchon neunundvierzig Jahre alt war; ſie ſah ihn nicht al⸗ tern und fand ihn immer jung und ſchön! Süße Wirkung mütterlicher Zärtlichkeit! Die Mütter be⸗ trachten ihre Kinder mit dem Herzen. Allein Girardière, der ſich mit den Augen ſah, konnte es ſich nicht verhehlen, daß ſeine Jugend ent⸗ flohen war, und ſagte deßhalb zu ſeiner Mutter: „Ich wiederhole es Ihnen, ich bin des Jungge⸗ ſellenlebens überdrüſſig, ich mache mir eine herrliche Idee von dem Glücke, welches ich in meinem Haus⸗ weſen bei einer Frau, die mich verehren und Sie zu⸗ vorkommend pflegen wird, genießen werde. Meiner Treu, wenn man zu etwas entſchloſſen iſt, ſo ſcheint es mir unnütz, es aufzuſchieben.“ „Nun ja, mein Söhnchen, wenn dem ſo iſt, ſo heirathe... nehme eine Lebensgefährtin... die hüb⸗ ſcheſte, liebevollſte... nur daß ſie für meinen kleinen Theophilus Sorge trägt... O! Du wirſt mehr Frauen finden, als Du wünſcheſt; ſei jedoch kitzelig in Dei⸗ ner Wahl.. Haſt Du ſchon Abſicht auf eine?“ „Nein, liebe Mama, ich habe noch auf Niemand Abſicht.. aber ich denke wie Sie; wegen der Wahl werde ich einzig und allein in Verlegenheit ſein... Ich bin ein Kapitaliſt mit tauſend Thaler Renten... ich war reicher, verlor aber in unglücklichen Specu⸗ 20 lationen, doch tauſend Thaler Renten iſt noch an⸗ ſtändig genug und wenn man dabei ein hübſcher Mann iſt...“ „Mein lieber Sohn, Du ſollteſt eine Frau finden, die Dir wenigſtens hunderttauſend Franken beibringt.“ „Glauben Sie... ja.. hunderttauſend Franken... dieß macht erſt fünftauſend Franken Renten.. allein wenn ich das, was mir anſtändig iſt, finden werde, ſo ſehe ich auf einige tauſend Franken mehr oder weniger nicht. Ich will nämlich eine hübſche Frau, ol eine ausnehmend hübſche Frau!“ „Du haſt ganz Recht. Zudem darf man, wenn man ein ſo ſchöner Jüngling iſt wie Du, wohl an⸗ ſpruchsvoll ſein. Ah, Böſewicht! wenn es bekannt wird, daß Du die Abſicht haſt, zu heirathen, dann werden alle Väter, alle Mütter Dir den Hof machenz aber ich wiederhole es Dir, mein Söhnchen, eile nicht!“ Girardiere war überzeugt, daß er ſehr viele Par⸗ tieen finden würde, weil in der That, da die Gatten in der Welt ſeltener als die Liebhaber ſind, gerade Solche, die mit der muthigen Abſicht, eine Frau zu nehmen, auftreten, gewöhnlich ſehr geſucht ſind. Er ſagte bei ſich ſelbſt:„Ich war bei den Damen nicht glücklich, weil der Zufall mich nicht begünſtigte; wenn ich aber ſagen werde: ich will mich verheirathen! o, das iſt ein großer Unterſchied; dann worden alle Jungfrauen und alle Wittwen um mich buhlen.“ Theophilus geſtand ſich ſelbſt nicht: Ich bin bald fünfzig Jahre alt, habe faſt einen Kahlkopf, ein ver⸗ zerrtes Geſicht, aufgeſchwollene Augen und Gänſe⸗ 21 3 füße; ich bin nicht geiſtreich, beſitze kein Talent zu gefallen und bin voll Anmaßung.— Bridoiſon ver⸗ langt, daß man ſich gerade ſolche Dinge ſagen ſolle ich für meine Perſon glaube, daß ſehr wenige Men⸗ ſchen derlei Geſtändniſſſe ſich ablegen. Zweites Kapitel. Ein Eheſtands⸗Candidat. Nun tritt Theophilus Girardière mit neuem Ver⸗ trauen in der Welt auf, ſchielt mit einer viel wichti⸗ gerern Miene nach den jungen Frauenzimmern und richtet, während er die Damen, welche ſchon verſe⸗ hen ſind, nicht berückſichtigt, ſchmachtende Blicke und zärtliche Seufzer nach denen, die noch frei ſind. Bald verbreitete ſich die Neuigkeit(denn damit geht es ſchnell, weil Jedermann ſich damit abgibt): Herr Girardieére ſucht eine Frau, Herr Girardière will heirathen. Davon unterhielt man ſich in ſeiner Gegenwart 1 ganz leiſe, in ſeiner Abweſenheit ſehr laut. 8 . In der That verändert dieſe Neuigkeit das Be⸗ tragen vieler Perſonen gegenüber von ihm. Die jun⸗ gen Mädchen werden auf ihn aufmerkſam, was frü⸗ her nicht der Fall war; ſie betrachten ihn von unten bis oben, flüſtern ſich in's Ohr, wenn er in einen Salon eintritt, allein dieſe Muſterung fällt für Herrn 2 Girardiere nie günſtig aus. — — ———— Alle fungen Mädchen ſagten: Dieß iſt der Herr, welcher heirathen will.“ „Ich möchte ihn nicht;— ich auch nicht.“ „Er iſt alt, häßlich, ſieht dumm aus!“ Die eine oder die andere ſetzt noch hinzu:„Ah! wenn er aber recht reich wäre?“ „Nein, er iſt nicht ſehr reich!“ „Er hat ſich ſchon erklärt, er verehre ſeiner Frau keinen Caſchemirſhawl. alſo auch kein Gefährt, keine Diamanten!“ „Das verſteht ſich von ſelbſt. Er würde nicht ein⸗ mal erlauben, daß man ausgeht, manchmal Bälle beſucht, aus Furcht, Geld ausgeben zu müſſen.“ „Wenn er ſeine Frau in's Theater führt, wird er mit ihr auf die zweite Gallerie gehen! Ach, wie ga⸗ lant wäre dieſes!“ Alle die kleinen Mädchen lachten; aber da ſie be⸗ merken, daß ſie ihre Mütter mit ernſthaften Augen anſchauen, beißen ſie ſich in die Lippen und ſchneiden Geſichter, um ihren Spott und Hohn zu herbergen und zurückzuhalten. Girardière, nicht ahnend, daß man auf ſeine Ko⸗ ſten lachen kann, nähert ſich der Geſellſchaft junger Maädchen, lächelt, wackelt hin und her und dreht die Augen unter ſeiner Brille überall herum. Er ſtützt⸗ ſich auf die Leyne eines Seſſels und ſagt, indem er ſeine Worte, aus Furcht, man verſtehe ihn nicht recht, lange dehnt:„Nun, meine Fräulein... Sie... thun nichts?“ Fräulein Aſtaſie, eine der entſchloſſenſten der iar* * ſehr verliebt iſt. 23 A * 71 3 nen Geſellſchaft, antwortet, ſich in die Lippend knei⸗ pend:„Was wollen Sie, daß wir thun ſollen?“ Girardiere ſcheint über dieſe Antwort ſehr ver⸗ wundert, beſinnt ſich ein wenig und fährt fort:„O! ich will durchaus nichts! Ich dachte nur, Sie könn⸗ ten Langeweile bekommen, wenn Sie nichts thun.“ „Wir langweilen uns nie, nicht wahr, meine Damen?“ „Gewiß! es gibt in einem Salon immer ſo vielerlei zu betrachten, ſo viele Beobachtungen zu machen.“ „Ahl Sie ſtellen Beobachtungen an, Fräulein!... Beim Henker! dieß iſt aber nicht Jedermann gege⸗ ben, das erfordert einen gewiſſen Takt, eine gewiſſe Tiefe des Verſtandes.“ „Und das wundert Sie, daß wir Beobachtungen anſtellen können, wir?“ „Dieß will ich durchaus nicht damit ſagen. Glau⸗ ven Sie mir, daß ich im Gegentyeil geneigt bin, überhaupt zu denken, daß...“ „Ich glaube, der Herr weiß ſelbſt nicht, was er von uns denkt!“ ſagt eine kleine Brünette, höhniſch lächelnd. „Die Fräulein ſind voll Geiſt!“ ruft Girardiere aus, indem er ſich zu einem jungen Herrn, der ne⸗ ben ihm ſteht, wendet.. Der junge Herr entfernt ſich zornig, ohne ihn an⸗ zuhören, da er in ein Fräulein der Geſellſchaft, von dem er fürchtet, Girardiere möchte es gerne heirathen, 24 „Wir wollen ein kleines Spiel machen,“ ſagt ein Fräulein, worauf die lebhafte Aſtaſie erwiedert: „Ach ja, wir wollen etwas ſpielen.“ Mit leiſer Stimme ſetzt ſie hinzu:„Wenn dieſer Herr mit uns ſpielt, ſo wollen wir uns über ihn luſtig machen, ohne daß er es merkt.“ Was die jungen Frauenzimmer vorausgeſehen ha⸗ ben, geſchieht in Wirklichkeit. Girardière denkt bei ſich: Da habe ich nun eine herrliche Gelegenheit, zu plaudern und mit dieſen Fräulein eine nähere Be⸗ kanntſchaft zu machen. Bei unſchuldigen Spielen lacht man, ſcherzt und erlaubt ſich tauſend Kleinig⸗ keiten, die den Charakter entſchleiern. Endlich ruft Theophilus laut aus:„Wenn Sie es gütigſt erlau⸗ ben, werde ich auch mitſpielen. Ich verſtehe mich ſehr gut auf: die Taube fliegt und die verbrannte Hand, auch kenne ich ſehr artige Strafen.“ „Gut! Kommen Sie nur zu unſerem Spiel; wir freuen uns ſchon darauf.“ Die jungen Mädchen vergrößern ihren Kreis, um . dieſem Herrn, der die unſchuldigen Spiele mitmachen will, Platz zu machen. Indeſſen iſt Girardière nicht der einzige Herr, der in den kleinen Kreis zugelaſſen wird; es ſind noch mehrere anweſend, die wenigſtens dazu gehören, denn ſie ſind noch nicht fünfundzwan⸗ zig Jahre alt. Unſer alte Junggeſelle betrachtet ſie und kann ſich nicht verhehlen, daß hinſichtlich des Al⸗ ters der Vortheil bei weitem auf ihrer Seite iſt und daß zwiſchen jenen Herren und den Fräulein mehr Gleichheit ſtattfindet; allein er denkt: Alle dieſe jun⸗ 25 gen Herren denken nicht an das Heirathen, deßwegen werde ich doch vor ihnen bevorzugt. „Was wollen wir ſpielen?“ ſo fragt man jedes Mal einander, ehe man die Pfänderſpiele beginnt. Jedes ſchlägt ein Spiel vor; Girardieére iſt für die Taube fliegt oder Berlingue und Chiquette, und ſchlägt vor, den Finger aufzuheben; allein die Jün⸗ geren haben ein anderes Spiel vor: ſie wollen Je⸗ mand auf das Laſterſtühlchen ſetzen; die lebhafte Aſtaſie ſetzt ſich zuerſt, dann eine hübſche Blondine, ſpäter ein Mädchen mit weißer, blaſſer Geſichtsfarbe und melancholiſchem Auge. Zu jedem dieſer Fräu⸗ lein ſagt Girardière ſehr verſtändlich:„Das Fräu⸗ lein ſitzt auf dem Laſterſtühlchen, weil es voll An⸗ muth iſt!“ ſo daß ein junger Herr es nicht über's Herz bringen konnte, auszurufen:„Es ſcheint, der Herr gleicht Herrn Beaufils: er bleibt bei ſeinem Satz. Girardieère, der dieſes Stück im Odeon noch nicht ſpielen ſah, will ſich über die Bemerkung des jungen Herrn aufhalten, allein in dieſem Augenblicke meldet man ihm, die Reihe ſei nun antihm, auf das Laſter⸗ ſtühlchen zu ſitzen, was er freudig annimmt. Was werden ſie über mich ſagen? dachte Gi⸗ rardière, auf dem Stühlchen ſitzend, während Fräu⸗ lein Aſtaſie unter vielem Lachen die Strafen, die fir ihm mittheilen ſollte, fammelt. Um ſeine Richter günſtig zu ſimmen, frrechelie Girardiére, nachdem er ſich mit ſeiner linken Hand⸗ verſichert hatte, daß ſeine hintern Locken gut auf dem * 26 Vordertheile ſeines Kopfes ſgen, mit der rechten Hand den Scheitel, richtete der Reihe nach auf jedes Fräulein ſeine Blicke, die er längere Zeit auf den ſchönſten ruhen ließ⸗ Er ſagt zu ſich ſelbſt:„Nur die Wahl ſetzt mich in Verlegenheit, die Eltern möchten ſo gerne ihre Töchter verheirathen; ich weiß gewiß, daß ich mich nur erklären darf und dieſe Kleinen da werden die Arme nach mir ausſtrecken. O! ſie werden mich gut aufnehmen, ohne ſich lange zu beſinnen, ſie ſeh⸗ nen ſich ſo ſehr darnach, Madame zu heißen und ein Bouquet von Orangeblüthe zu tragen! ich bin überzeugt, ſie werden mir artige Dinge ſagen, da⸗ mit ich zu ihren Gunſten gut geſtimmt werde.“ In dieſem Augenblicke war Fräulein Aſtaſie mit dem Sammeln der Stimmen fertig geworden. Sie nähert ſich Theophilus Girardiére und ſagt mit ſehr lauter Stimme und ſehr deutlicher Ausſprache zu ihm: „Herr... Sie ſitzen auf dem Stühlchen, weil Sie eine große Naſe haben!“ „Sie ſitzen auf dem Stühlchen⸗ weil Sie einen Kahlkopf haben!“ „Sie ſitzen auf dem Stühlchen, weil Sie große Ohren haben!“ „Sie ſitzen auf dem Stühlchen, weil Sie wie ein chineſiſcher Affe ausſehen!“ „Sie ſitzen auf dem Stühlchen, weil Sie einer Perrücke bedürfen!“ „Sie ſitzen auf dem Stühlchen, weil Sie nizi Pißpne ſind 27 „Endlich, Sie ſiteet auf dem Stühlchen, weil Sie nicht jung ſind... dieß iſt Alles...“ Ein Maler, der Girardière abgezeichnet hätte, während das junge Fräulein ſprach, hätte ſehr ſon⸗ derbare Grimaſſen bemerkt: der arme Teufel zwang ſich zum Lachen, allein bei jedem neuen Satz verzog ſich ſein Geſiht, zuckte ſeine Naſe, faltete ſich ſeine Stirne, kurz alle Bewegungen der Nerven, die er ſpürte und verbergen wollte, verwandelten das Lä⸗ cheln, welches er zu heucheln ſuchte, in Aerger. Eines der Fräulein hatte Mitleiden mit ihm und ſagte:„Sie wiſſen, daß man ſich bei dieſem Spiel Alles erlaubt... und da es bekanntiich nur zum La⸗ chen iſt, ſo darf man ſich nie erzürnen.“ „Sie werden auch wohl ſehen, meine Damen, daß ich weit entfernt bin, mich zu erzürnen, im Ge⸗ gentheil... all dieß iſt ſehr luſtig, ſehr geiſtreich!“ „Rathen Sie nun!“ „O nein! ich kann nicht rathen, ich verwechsle Alles.“ 1„Soll ich es Ihnen noch einmal wiederholen?“ rief die lebhafte Aſtaſie vortretend aus. „Nein, Fräulein, ich danke Ihnen, es iſt nicht nöthig, ich verſtehe mich gar nicht auf dieſes Spiel.“ Girardiére fand nun die unſchuldigen Spiele nicht mehr ſo hübſch. Indeß wird das Pfänderſpiel vorge⸗ ſchlagen, welches ihn in Verſuchung führt, denn er denkt: Man wird ſich küſſen, das iſt viel unter⸗ haltender als das Laſterſtühlchen; habe ich mich bei 28 4*, dem einen Spiel gelangweilt, ſo muß ich auch die Luſt des andern genießen.“*⁴ Bald befiehlt man in der That den Kloſter⸗Por⸗ tier, den Nonnenkuß, die Reiſe nach Cythere, den heimlichen Kuß und andere derartige Strafen. Ein Herr, der nicht mitſpielte und, in einer Ecke des Sa⸗ lons ruhig ſitzend, ſich mit dem Zuſchauen begnügte, konnte ſich nicht enthalten, ſeinem Nachbar zu bemer⸗ ken:„Wenn ich je eine Tochter bekomme, ſo darf ſie, ſobald ſie zehn Jahre vorüber ſein wird, die Pfän⸗ derſpiele nicht mehr mitmachen.“—„Warum?“— „Weil ich nichts Unanſtändigeres, Unſchicklicheres⸗ Gefährlicheres für wohlerzogene Mädchen finde, als dieſes Küſſen, dieß vertrauliche Weſen und Verſtecken mit jungen Leuten in dunkle Zimmer oder hinter den Vorhängen, und was ich gar nicht begreifen kann, iſt, daß die meiſten Eltern dieſer jungen Leute ſie nicht in die Schauſpiele führen wollen, aus Furcht, ſie könnten dort zu leichtfertige Worte hören und zu ausgelaſſene Gegenſtände aufführen ſehen. Arme El⸗ tern! wie thöricht iſt eure Vorſicht! wie falſch denkt ihr von jenen jungen Herzen und wie unrichtig leſet ihr darin! Wenn eure Tochter oder Nichte gelacht hat, ſo meinet ihr, ſie werde Nachts davon träumen, oder gar am andern Tag noch daran denken? Nein,⸗ das Lachen iſt ein Glück, ein Vergnügen des Augen⸗ blicks, welches keine gefährlichen Folgen hat; das Lachen iſt nicht ſtrafbar, denn es iſt nicht verborgen. Man verliebt ſich nicht durch Lachen; man ſeufzt nicht, wenn man ein luſtiges Wort vernommen hat. 29 Aber jenes Händedrücken, jene Worte, die man ſich in's Ohr ſagt, jene Küſſe, die man ſich in Schlupf⸗ winkeln gibt, jene Halbgeſtändniſſe, die man hinter einem Vorhange erhält; ach! daran denken, davon träumen die jungen Mädchen, dieß ſollte man ver⸗ meiden, ja dieß iſt viel gefährlicher als ein Vaude⸗ ville, ſelbſt ſolche, worin Déjazet ſo gut ſpielt!“ Dieſer Herr ſprach noch, während Girardiére lange ſchon an der Thüre eines Zimmers ſtand: man hatte ihn zum Kloſter⸗Portier verurtheilt; er ſah Jedermann in das Zimmer eintreten, Alle ſich küſſen und er mußte immer ſtehen bleiben; es ver⸗ zögerte ſich unendlich lange und ward für ihn eben ſo wenig ſchmeichelhaft als das Laſterſtühlchen. Endlich wurde eine gutmüthige Frau von der Geſellſchaft, die Mutter eines der jungen Mädchen, über die Lage dieſes Herrn, der an einer Thüre Schildwache ſtand, gerührt, trat mit feſtem Schritte ohne Umſtände in das Zimmer, und kam darauf halbwegs wieder zurück mit den Worten:„Ich rufe den Portier!“ Guirmardidère drehte ſich um und küßte dieſe Dame mit Inbrunſt, entfernte ſich hierauf aus dem Kreiſe dieſer jungen Leute und kehrte zu einer vernünftige⸗. ren Geſellſchaft zurück. Er hatte an den unſchuldigen Spielen genug. 8 Paul de Kock. XLVI. 3 Drittes Kapitel.— Eine Anfrage. Indeß machte Girardieère ſchon nach einigen Ta⸗ gen, nachdem er ſich ſorgfältig angekleidet und auf⸗ geputzt hatte, ſeine Aufwartung bei einem ſehr rei⸗ chen vormaligen Handelsmann, der eine Tochter von achtzehn Jahren mit ſchönen ſchwarzen Augen, einem kleinen Munde, einer kleinen Hand und kleinen Füßen hatte, die aber eben nicht für ſehr geiſtreich galt. Nach einer ziemlich gehaltloſen Unterhaltung, wie das meiſtens zwiſchen zwei geiſtloſen Perſonen der Fall iſt, wagte Girardiere mit einem dreiſten Tone folgende Frage:„Herr Grandvillain, Sie haben gewiß ſchon ſeit einiger Zeit erfahren, daß ich den Entſchluß gefaßt habe, zu heirathen.“ Herr Grandvillain(das war der Vater des Fräu⸗ leins) ſchüttelte den Kopf, wandte ſich zu ſeiner Frau⸗ die ein kleines Bologneſerhündchen liebkoste, das ſie auf dem Schooße hatte und ſagte zu ihr:„Meine Liebe, haſt Du gehört, daß Herr Girardiére heira⸗ then will?“ Die Dame richtet ſich auf, ſucht ihr Nastuch hin⸗ ter ſich, langt ihre Doſe auf dem Kamin und ant⸗ wortet endlich:„Azor ißt ſeit geſtern nichts, er ſchlägt ſogar den Zucker, den er ſo ſehr liebt, aus; ich be⸗ fürchte, er möchte krank ſein.“ Herr Grandvillain, der ſeine Frau mit ihrem Hündchen vollauf beſchäftigt ſieht, hält es für unnö⸗ f 31 thig, ſeine Frage zu wiederholen und ſchürt das Feuer an. Girardiére dagegen findet es ſchicklich, ſeine Rede fortzuſetzen:„Verzeihen Sie, Herr Grandvillain, ich wünſche zu heirathen; ich verzichte auf die Thorhei⸗ ten des Hageſtolzenlebens. Von nun an will ich mich nur mit meiner Frau und meinen Kindern, die mir ohne Zweifel den Himmel ſchenken wird, beſchäftigen; dieß muß für einen Mann die höchſte Glückſeligkeit ſein.“ Herr Grandvillain ſchürte immerfort das Feuer an und that, als ob ihn all' dieſes nichts anginge; Frau Grandvillain hatte ihre Blicke auf Azor gerich⸗ tet und hörte kein Wort. Girardiére, innig vergnügt über die Art, wie er ſeine Anrede begann, fährt mit ſeiner Zunge über die Lippen, richtet den Kopf ſtolz in die Höhe und fügt hinzu:„Nun, Herr Grandvillain, komme ich auf den Zweck meines Beſuchs, welchen Sie wahr⸗ ſcheinlich zum Voraus gemerkt haben werden.“ Herr Grandvillain ſchüttelt wieder den Kopf. „Ich will mich erklären: Sie haben eine aller⸗ liebſte Tochter, Herr Grandvillain, ſie iſt ein Muſter von Anmuth und Schönheit... liebenswürdig, un⸗ terrichtet, gut erzogen... kurz, ich kann mich nicht beſſer ausdrücken, als wenn ich ſie mit ihrer Frau Mutter vergleiche.“ „Man wird ihm ein Pflaſter auf den Rücken legen müſſen,“ ſagte Frau Grandvillain, indem ſie das Lh ihres Hundes in die Hand nahm. 32 Girardieére, erſtaunt, hält einen Augenblick inne, faßt ſich aber bald wieder und fährt fort:„So viele * Neize konnte ich nicht ohne Rührung anſehen, ohne jene reine und ehrbare Liebesflamme zu empfinden, die einem Manne, der Familienvater werden will, ge⸗ ziemt. Mit einem Wort, Herr Grandvillain, ich bitte Sie um die Hand der Fräulein Helene, Ihrer Tochter.“ Herr Grandvillain läßt ein brennendes Scheit, vas er gerade mit der Feuerzange hielt, fahren, dreht ſich gegen Theophilus um und ſagt:„Sie bitten um die Hand meiner Tochter... und für wen?“ Dieſe Frage bewies, daß der alte Herr die an ihn ſo eben gerichteten Worte entweder nicht gut ge⸗ hört oder falſch verſtanden hatte; Girardiére ſindet dieß ſonderbar und ſetzt ſchnell hinzu:„Für mich, für mich Theophilus Girardiére ſelbſt. Sie kennen mich ſchon lange, ohne meinen Werth zu ermeſſen... Ich halte es für überflüſſig, bei Ihnen meinen Lob⸗ redner zu machen; allein ich verſichere Sie, daß ich das Glück Ihrer reizenden Tochter machen werde.“ Herr Grandvillain kneift ſich in den Mund, die untere Lippe vorwärts ziehend, was ſeiner Phyfiog⸗ nomie für die, welche eine Antwort erwarten, einen nicht gar ſchmeichelhaften Ausdruck gibt. Der alte Herr nimmt mit der Feuerzange das glühende Scheit⸗ das er einen Augenblick weggelegt hatte, wieder und antwortet gedehnt:„Ah! Sie wollen unſere Tochter heirathen.. H ah! ahl Hanne, bring' mir ein Scheit Holz.“ Die Magd bringt ihrem Herrn das Verlangte. — 33 Herr Grandvillain macht auf's Neue ſein Feuer an, indem er leiſe murmelt:„Sie wollen unſere Tochter⸗ heirathen... Da fehlt es an Luft... ſo brennt es nicht.“ „Das ſind wahrhaftig,“ ſagte Girardieére zu ſich ſelbſt,„ſehr langweilige Eltern! aber ihre Tochter iſt reich, hübſch und ſchön gewachſen. Man muß darüber weggehen... einmal verheirathet, laſſe ich den Papa das Feuer ſchüren und die Mama nach Behagen ihren Hund liebkoſen.“ „Liebes Mütterchen,“ ſagte Herr Grandvillain nach ziemlich langer Zwiſchenzeit,„Herr Theophilus Girardieére, den wir ſchon ſeit zwanzig Jahren ken⸗ nen, bittet um die Hand unſerer Tochter.“ Das liebe Mütterchen ſtößt einen tiefen Seufzer aus und antwortet:„Wenn man ihm ein wenig Brodſuppe mit Hühnerfleiſch machen würbe, äße er vielleicht davon.“ Girardière ſtampft aus Verdruß mit dem Fuße auf den Boden; der Hund bellt aus Furcht; Frau Grandvillain ſchreit laut und weint beinahe. Mit zorniger Miene ſieht ſie Theophilus an, der den Hund geängſtigt hat, und ſagt ganz trocken zu ihm:„Herr Girardiéere, warum ſtampfen Sie mit dem Fuß ſo auf den Boden?.. das iſt ſehr lächerlich... in einem Salon ſtampft man nicht ſo... Azor iſt gar nicht daran gewöhnt... Sie haben das arme Thierchen erſchreckt... ſeine Haare haben ſich ganz aufgerichtet ... er iſt ohnehin krank... das kann ihn noch kränker machen.“ 4„ Girardiere ſieht ſeinen Fehler wohl ein; ſeine un⸗ geduldige Bewegung kann ihn theuer zu ſtehen kom⸗ men. Um ſeinen Fehler wieder gut zu machen, ruft er aus:„Ach! es thut mir unendlich leid... ich habe einen Krampf bekommen... dieſes hübſche Hündchen .. ich habe es geängſtigt... o armes Thierchen! es war nicht meine Abſicht... er hat einen herr⸗ Aichen Schwanz!“ Theophilus will Azor mit der Hand ſtreicheln, allein er fängt zu brummen an, und Frau Grandvil⸗ lain zieht den Seſſel mit den Worten zurück:„Laſſen Sie ihn gehen... er liebt Sie nicht, man ſieht dieß wohl... Nähern Sie ſich nicht... machen Sie ihn nicht brummen...“ Girardiere entfernt ſich unterthänigſt, nähert ſich wieder dem Herrn vom Hauſe und ſagt zu ihm: „Sie haben meine Frage in Bezug auf Ihre aller⸗ liebſte Tochter nicht beantwortet. Was ſoll ich daraus ſchließen?“ 3 „Mein Lieber, ich denke darüber nach... Sie ſind für unſer Kind etwas zu alt.“ „Um ſo vernünftiger werde ich ſein, und um ſo mehr wird mir daran liegen, ihr zu gefallen.“ „Sie beſitzen kein großes Vermögen.“ „Mit ihrem Heirathsgut werden wir ein hinrei⸗ chendes Auskommen haben. Ich bin nicht ehrgeizig.“ „Sie gefallen ihr vielleicht nicht.“. 1 „Ich hoffe das Gegentheil.“ „Nun, wir wollen ſehen... Ich für meine Per⸗ ſon habe nichts dagegen... Ich kenne Ihre Familie 4 35.. ſchon lange, ich weiß, daß Sie eim rechtſchaffener „Mann ſind, und da meine Tochter ſehr vernünftig ſiſt, ſo iſt es nicht unmöglich, daß Sie ihr gefallen.“ Girardiere iſt vor Freude außer ſich; er möchte ſich gerne in die Arme Herrn Grandvillains werfen; da aber dieſer gerade ein brennendes Scheit mit der Feuerzange hielt, ſo unterdrückt er, aus Furcht, wie⸗ der einen Bock zu machen, ſein Entzücken.. In dieſem Augenblick tritt Fräulein Helene in⸗ den Salon ein; ſie iſt ein junges Mädchen, begabt mit jener glücklichen Gemüthsart, die nichts betrübt, nichts quält, luſtig, ſorglos, nicht verliebt; mit einem Herzen, das noch für Niemand ſchlägt, dachte ſie nur an das Vergnügen des Augenblicks, erinnerte ſich nicht an geſtern und bekümmerte ſich nicht um morgen. Sie war hübſch, das wußte ſie, weil man es ihr oft wiederholt hatte, aber ſie war nicht ge⸗ ſallſüchtig, weil ſie gegen Alle gleichgültig war. Ein junger Mann, der ſie ſchmachtend anſah, brachte ſie zum Lachen; wenn man ihre Hand ergriff, rief ſie: „Sie thun mir weh.“ Wenn man ihr auf dem Fuße nachging, wurde ſie böſe. Einige hielten Fräulein Grandvillain für ſehr dumm; allein jedenfalls machte der Ausdruck von Einfalt, den man in ihren ſchönen Augen fand, noch ihren Reiz vermehren, beſonders in einer Zeit, wo die einfältigen Frauenzimmer ſo ſelten ſind.. Bei einer ſolcher Gemüthsart nimmt man einen Gatten, ohne darauf zu achten, ob er jung oder alt, ſchön oder häßlich iſt, man heirathet, um im Braut⸗ 36 ſchmuck aufzutreten, um die Königin eines Feſtes zu † ſein, um ſeine Lage zu wechſeln, mit jener Freude, welche die Kinder bei einem Hausauszuge empfinden, ohne ſich über die Folgen zu beunruhigen. Fräulein Helene kommt ſingend und hüpfend in den Salon herein, umarmt ihre Mutter, ſtreichelt Azor, nimmt ihren Vater am Kopfe und küßt ihn auf die Stirne. Girardieére ſteht auf und verbeugt ſich mit einem Lächeln tief vor dem jungen Mädchen. Herr Grandvillain winkt ſeiner Tochter, ſie neigt ſich zu ihm hin, er ſagt ihr Etwas in's Ohr, und unſer Heiraths⸗Candidat denkt bei ſich: Ich wette, der Vater redet mit ihr über mich. Wirklich richtete Fräulein Helene ihre Augen einen Augenblick in die Höhe, um Theophilus zu betrach⸗ ten, der eine romantiſche Stellung angenommen hat, worauf ſie in ein Gelächter ausbrach und endlich leiſe erwiederte:„Ach, mein Gott, mir iſt es ei⸗ nerlei... der Herr da gilt mir ſo viel als ein an⸗ derer!... er trägt eine Brille... das wird mich ergötzen einen Gatten mit einer Brille zu haben... Nun ja, lieber Papa, verheirathe uns, ich möchte ſchon lange auf eine Hochzeit gehen... Ol verhei⸗ rathe mich... dgnn wird man mich Madame heißen.“ Darauf entfernt ſich Fräulein Helene hüpfend aus dem Salon und fängt das Lied, welches ſie beim Hereintreten trällerte, wieder an, jedoch nicht ohne falſche Töne hören zu laſſen. Girardiére hat zwar nicht verſtehen können, was das Mädchen zu feinem Vater geſagt hat, allein — 37 8 ſeine Heiterkeit ſcheint ihm eine günſtige Vorbedet⸗ tung, und er nähert ſich von Neuem Herrn Grand⸗ villain.„Ich ſprach mit meiner Tochtet von Ihnen,“ ſagte der alte Herr, die Feuerzange aggreifend. „Nun, ihre Antwort?“ „Ich habe Ihnen nichts Unangenehmes mitzuthei⸗ len... ſie haßt Sie nicht.“. „Wäre es möglich?... Was? Fräulein Helene findet mich nach ihrem Geſchmack?...“ 1 „Das heißt, ſie findet Sie. Hanne, bring' ein Scheit... ſie würde Sie zum Gemahl nehmen... herzlich gern... Ein rundes Scheit, Hanne.“ „Ach! wie glücklich machen Sie mich!“ Girardière, außer ſich vor Freude, ſtellt ſchnell den Seſſel zurück, um die Hand des alten Herrn zu ergreifen; der Seſſel fällt durch das zu heftige Zu⸗ rückziehen um, worauf das zottige Hündchen von Neuem bellt und die alte Frau ausruft:„In der That, es ſcheint, als ob Sie es mit Fleiß thun; haben Sie den Tod meines Hundes beſchloſſen?... dieſer arme Azor wollte ſchlafen... Sie haben ihn aufgeſchreckt... er hängt ſeine Ohren... er weiß nicht mehr, wo er daran iſt. Sehen Sie, wie er zittert.“ Girardieère hebt beſtürzt den Seſſelzauf und ſtot⸗ tert neue Entſchuldigungen hervor; er will ſein Ge⸗ ſpräch mit Herrn Grandvillain wieder anknüpfen, al⸗ lein dieſer iſt Willens, ſein gewöhnliches Mittags⸗ ſchläfſchen zu machen und verabſchiedet ſich von Theo⸗ philus mit den Worten:„Beſuchen Sie uns wieder ... in einigen Tagen.. ich werde mit meiner Frau 38 8.. dann wollen wir Ihnen eine beſtimmie Antwort geben.“— Girardiere verbeugt ſich vor Frau Grandvillain und ihrem Hund bis auf den Boden, empfiehlt ſich auf's Neue dem alten Herrn und entfernt ſich voller Hoff⸗ nung, denn von dem Augenblicke an, wo er dem Fräulein gefiel, dünkt es ihn, die Hauptſache ſei abgethan und das Uebrige komme von ſelbſt. Freudetrunken kehrt er nach Haus zurück, betrach⸗ tet ſich im Spiegel, bildet ſich ein, ſeine Haare ſeien wieder gewachſen, und ſingt ſeiner alten Mutter: „Entſchieden iſt es, ja, ich nehm' ein Weib!...“ „Haſt Du eine Wahl getroffen, mein Söhnchen?“ „Ja, liebe Mama, ich habe heute meine Auf⸗ wartung gemacht, meine Anfrage geſtellt; ich gefiel auf der Stelle der jungen Perſon, woraus ich ſchließe, daß man mir bei meinem nächſten Beſuche ſagen wird:„Sie gehört Ihnen.“ „Du haſt ſehr geeilt, mein Sohn, Du hätteſt Dir mehr Zeit zum Wählen nehmen ſollen.“ „Ich bereue meine Wahl nicht: Fräulein Helene Grandvillain iſt hübſch, ſehr hübſch... und geiſtreich .. ſehr lebhaft... boshaft... O, ich bin überzeugt, daß ſie außerordentlich witzig iſt... Sie hat über⸗ dieß hundertundzwanzigtauſend Franken Heirathsgut⸗ ohne das, was noch zu hoffen iſt... ich glaube, ich darf zufrieden ſein.“ „Aber, mein Söhnchen, ſie, die Dich zum Ge⸗ mahl bekommt, wird auch ſehr glücklich werden.. zählſt Du dieß für nichts 20 * 4 39 „Liebe Mama, ich glaube, Sie ſchmeicheln mir.“ „Ich ſage Dir, daß Du allerliebſt biſt, ich kenne Dich ſehr gut, vielleicht haſt Du es mir zu verdanken.“ Girardiere läßt zwei Tage vorübergehen; aber am dritten konnte er ſeiner Ungeduld nicht mehr widerſtehen: er kleidet ſich ganz ſchwarz an und be⸗ gibt ſich zu Herrn Grandvillain.. Der alte Herr ſaß wieder neben dem Feuer, ſeine Frau war nicht da. Theophilus fragt den Vater He⸗ lenens mit größerem Muthe:„Ob er ſich ſchmeicheln dürfe, bald ſein Sohn zu heißen?“ „Mein lieber Herr Girardieére,“ erwiedert Herr Grandvillain, mit der Feuerzange ſpielend,„was mich betrifft, ſo ſind Sie mir ſehr anſtändig... ich weiß, Sie ſind ein ganz rechtſchaffener Mann... auch Ihr vernünftiges Alter ſchien mir für Helene eine ſichere Garantie. Sie mißfallen meiner Tochter, die übrigens Jedermann liebt, nicht... es iſt das beſte Kind auf der Welt...“ „Alſo darf ich hoffen?“ „Nein, mein Lieber, Sie bekommen meine Tochter nicht zur Frau... es thut mir ſehr leid, allein meine Frau gibt ihr Jawort nicht dazu, weil Sie zwei Mal ihren Hund erſchreckt haben und Azor ſehr mißfallen.“ Girardiére bleibt verſteinert ſtehen; ſo gewiß er von der Zuſage überzeugt war, um ſo härter wird er durch den erhaltenen Korb gekränkt. Endlich ruft er ſehr mißvergnügt aus:„Wie... wegen des Hun⸗ des nimmt man mich nicht zum Tochtermann an?“ —„Ja, lieber Freund.“—„Aber ein Mann ver⸗ 4* 7 40 dient meiner Anſicht nach mehr Rückſicht als ein zot⸗ tiges Hündchen!“—„Ach, was wollen Sie, meine Frau liebt ihren Hund über Alles...—„Ich hätte ihn auch geliebt.“—„Allein er liebt Sie nicht.“— „Vielleicht mit der Zeit... und durch Milchbröd⸗ lein...“—„Ich habe Ihnen die Antwort meiner Frau mitgetheilt. Wenn ſie etwas beſchloſſen hat, ſo bleibt ſie dabei; richten Sie ſich alſo darnach.“— „Erlauben Sie... ich kann nicht glauben, daß wegen einer ſo geringen Urſache..“—„In dieſer Welt gibt es keine geringe Urſachen!... gegenwärtig iſt ein Hund oder jedes andere Thier im Stande, eine Umwälzung zu verurſachen!“—„Wenn ich alſo dem Hund Ihrer Frau Gemahlin gefallen hätte.— „Dann würden Sie ohne allen Zweifel mein Toch⸗ termann geworden ſein.“—„Das iſt ſehr unange⸗ nehm; ich glaubte nicht, daß meine Verbindung von der Laune eines Hundes abhangel...“—„Adieu, mein Lieber... Hanne, bringe mir ein Scheit... ei⸗ nen dicken Knüppel, Hanne.“ Girardière verläßt ſehr übel gelaunt Herrn Grand⸗ villain, entfernt ſich, indem er ſeinen Hut bis über die Augen hineindrückt, und trappt zornig auf die Stiege, indem er ſagt:„Ha, verfluchter Azor!... wenn ich ich dich da hätte, du müßteſt mir dafür büßen!“ Eine herrliche Partie, ein junges, hübſches Frauen⸗ zimmer verfehlt zu haben, weil man einem zottigen Hunde mißfiel, iſt äußerſt niederſchlagend, beſonders wenn man ſeinen Triumph ſo gewiß vorausſetzte. 3 .„ 41. Einige Tage lang hatte Girardiére große Mühe, den Aerger, welchen ihm dieß Abenteuer verurſachte, zu bemeiſtern, doch endlich tröſtete er ſich mit den Worten:„Ein ſolcher Unfall wird mir nie mehr begegnen! Ich werde nicht überall in ihren Hund vernarrte Schwiegermütter, ſo lächerliche, ſo unver⸗ Gaämte Frauen, wie Frau Grandvillain, finden!.. Laßt uns eine andere Partie ſuchen und unſere Blicke anderswohin richten!... Wenn ich einmal einen Korb erhielt, ſage ich deßhalb noch nicht mit Catullus: Lugite Venus Cupidinesque!...“ Herr Girardièére erinnerte ſich noch ein wenig des Lateins, das er in ſeinem Knabenalter die dicke Tour⸗ loure lehren wollte. Viertes Kapitel. Zu arm. — Einige Wochen nachher ſtattete Girardière, immer ſchwarz gekleidet, mit ſchön gewichsten Stiefeln und Handſchuhen, wie wenn er auf den Ball ginge, Herrn Duhaucourt einen Beſuch ab; dieß war ein ſehr rei⸗ cher Partikulier, welcher ein großes Vermögen ge⸗ ſammelt hatte, nachdem er ſein Leben mit Unterneh⸗ mungen, die ſämmtlich fehlſchlugen, zugebracht hatte. Allein die Aktionäre allein hatten dabei verloren, während Duhaucourt, obwohl täglich in eine unun⸗ terbrochene Reihe unglücklicher Geſchäfte und mehrerer 3. — 422— 4 Bankrutte verknüpft, es ſich dabei wohl ſein ließ, ſich keck in den Zirkeln und Geſellſchaften zeigte, und den Kopf eben ſo hoch und vielleicht höher als ein Biedermann trug; denn die rechtſchaffenen Leute haben gewöhnlich kein unverſchämtes und ſtolzes Be⸗ nehmen: das iſt eine Zugabe der Betrüger, die man darum nicht beneiden darf. Herr Duhaucourt hatte eine ſehr hübſche Tochter, die reich ſein mußte, was die Augen über die wenig ſchmeichelhaſten früheren Verhältniſſe ihres Herrn Vaters zudrückte. Uebrigens iſt man überhaupt hin⸗ ſichtlich der reichen Leute ſehr tolerant und drückt gern die Augen zu, wenn man zur Tafel, zu Bällen, Theeviſiten und anderem derartigen Tändelkram ein⸗ geladen wird, ohne welchen man vor Langeweile ſtürbe. Girardière hatte es wie Andere gemacht: wenig bekümmert, auf welche Art Herr Duhaucourt ſein Vermögen geſammelt hatte, entſchloß er ſich, um die Hand ſeiner Tochter zu bitten. In dieſer Abſicht klei⸗ dete er ſich ſchwarz an und machte ihm ſeine Auf⸗ wartung. Man führte ihn in einen prächtigen Salon, wo er den Herrn vom Halſe, eingehüllt in einen Schlaf⸗ rock von Perſtenne, in weiten, mit Fuchspelz ausge⸗ fütterten Pantoffeln, deh Kopf mit einem Brüſſeler Foulard umwunden, antraf, wo er, auf einem Divan ſitzend oder vielmehr liegend, einem ſeines Harems überdrüſſigen Paſcha glich. Herr Duhaucourt kannte Girardiére, weil er ihm 4 * 43 in den Salons von Paris oft begegnet und einige Actien in einer Unternehmung, die das nänliche Reſultat wie die andern hatte, an ihn abgetreten hatte; er hielt ihn für reich, weil dieſer ſo artig war, nie nach der Dividende, noch nach dem Inter⸗ eſſe ſeines Geldes zu fragen. Als er ihn bemerkte, beliebte es ihm, von ſeinem Divan halb aufzuſtehen und ihm die Hand zu rei⸗ chen, indem er ausrief:„Ah, guten Tag, lieber Freund, es freut mich ſehr, daß Sie mich beſuchen, nehmen Sie doch Platz. Verzeihen Sie, daß ich Sie in meinem Hausanzug empfange, allein ich legte mich ſehr ſpät ſchlafen... wir haben bis heute früh um fünf Uhr geſpielt; die Partie ging ſehr hoch... das Billet galt tauſend Franken... mit drei Damen gewann ich den ganzen Satz... das iſt herrlich... was wollen wir nun thun?“ Girardiere nimmt einen Seſſel, ſieht mit Ver⸗ gnügen, daß Frau Duhaucourt nicht anweſend iſt, denn er fürchtet irgend eine Ungeſchicklichkeit, die ihr mißfallen könnte, zu begehen. Er ſetzt ſich,fängt ein Geſpräch an, das er unmerklich auf die Heirath führt, endlich gelangt er zum Zweck. „Herr Duhaucourt, mein Bkſuch hat ſeinen Grund, den ich Ihnen mittheilen will: Ich wünſche zu hei⸗ rathen, ich verzichte hauf die Narrheiten des Hage⸗ ſtolzenlebens und will mich von nun an nur mit meiner Frau und Kindern, die mir der Himhel ohne Zweifel ſchenken wird, beſchäftigen; das muß für einen Mann die böchſe Glückſeligkeit ſein.“* 2 44 Herr Duhaucourt, der, in ſeinen Schlafrock ſich wickelnd und ſich die Schenkel ſtreichelnd, Girardière an⸗ hörte, fängt zu lachen an und antwortet ihm:„Mein Freund, Sie müſſen heirathen, wenn Sie Luſt haben und eine gute Partie treffen, ich meine, eine Geld⸗ partie, denn nur dieſe ſind gut; man muß ſeinen Na⸗„ men wie ſeine Kapitalien zu großen Zinſen anlegen.“ „Ich verſichere Sie, daß mich durchaus nicht das Intereſſe zu dem Schritte, den ich heute bei Ihnen thue, bewegt; ich habe das Glück gehabt, ſchon mehr⸗ mals in den Salons mit Ihrer Fräulein Tochter zu⸗ V 3 ſammen zu kommen, ſie gefällt mir ſehr, weßhalb ich heute bei Ihnen erſcheine, um Sie um die Hand derſelben zu bitten.“ Herr Duhaucoutt ſetzt ſich aufrecht auf den Divan hin, betrachtet Girardiére, wie wenn er ihn noch nicht recht geſehen hätte und er verdiente näher be⸗ 3 trachtet zu werden; dann ſagt er in einem nicht mehr ſcherzenden Tone zu ihm:„Sie bitten um die Hand meiner Tochter?“— „Wenn Sie es gütigſt erlauben.“ „Ah, beim Teufel! das iſt ein großer Unterſchied, ich war nicht auf dieſes gefaßt... das iſt von Wich⸗ tigkeit und verdient unſere ganze Aufmerkſamkeit. Ich geſtehe Ihnen, ich kenne Sie ſehr oberflächlich, ich glaubte, Sie nehmen in der Welt eine geringe bürgerliche Stellung ein, allein nach dem mir ſo 4 eben gemachten Vorſchlag habe ich mich getäuſcht; ich ſetze voraus, daß Ihr Vermögen wenigſtens dem meinigen gleich kommt. Entſchuldigen Sie mich, 6 8 45 lieber Herr Girardiére, daß ich Sie bisher ſo leicht⸗ 5½ hin behandelt habe.“— Girardière weiß nicht, was er antworten ſoll, dieſer Anfang bringt ihn in Verlegenheit; indeß drückt er mit Inbrunſt die Hand, welche Herr Du⸗ 3 haucourt ihm reicht; darauf betrachtet dieſer ihn ſcharf und fährt fort:„Zwiſchen Perſonen, wie wir ſind, geht man ſchnell zum Zweck über. Nun! wie viel beträgt Ihr Activvermögen, ſowohl in unbeweglichen Gütern als in baarem Vermögen?“ Girardière rückt ſeine Brille auf die Naſe vor und langt mit der Hand auf den Kopf, indem er wiederholt:„Mein Activvermögen? meine Activa wollen Sie wiſſen? darüber fragen Sie mich?“ „Ja, oder mit andern Worten, das Vermögen, das Sie wirklich beſitzen; die Activa ſind das, was man hat, die Paſſiva das, was man ſchuldet, dieß weiß Jedermann.“„ „Ol was die Paſſiva betrifft, habe ich gar keine! Ich ſchmeichle mir, keinen Heller zu ſchulden.“ „Das würde nichts ausmachen. Beſitzen Sie fünf⸗ malhunderttauſend Franken Activa und ſchulden Sie daran ſechsmalhunderttauſend, dieß hindert Sie nicht, 5 ein Kapitaliſt von fünfmalbunderttauſend Franken zu ſein, weil man ſeine Schulden nicht alle bezahlt... man kann ſich vergleichen. Kurz, wie viel Vermö⸗ gen haben Sie?“ „Ich habe tauſend Thaler Renten!“ antwortet Girardiére mit verſtärkter Stimme. Paul de Kock. XLVI.. 4 — 46 Duhaucourt richtet den Kopf vorwärts und er⸗ wiedert:„Ich hab's nicht recht gehört, nicht gut ver⸗ ſtanden.“ „Ich habe die Ehre, Ihnen zu ſagen, daß ich dreitauſend Franken Renten von der Staatskaſſe zu beziehen habe.“ Duhaucourt ſinkt auf ſeinen Divan zurück, legt die Füße auf die Kiſſen und dreht ſich in ſeinem Schlafrock herum, indem er laut lacht. „Ha! hal ha! der Spaß iſt herrlich... ich nahm die Sache ernſtlich... hal hal hal das iſt ſehr drol⸗ lig... Girardiere iſt ein Teufelskerl, ich wußte nicht, daß er in dieſem Punkte den Poſſenreißer ſpielt... das iſt ſehr ſcherzhaft!“ „Wie, Poſſenreißer!“ antwortet Theophilus mit gekränkter Miene.„Ich ſpaße durchaus nicht... Ich beſitze tauſend Thaler Renten. Ich glaube, dieß iſt für einen Mann nicht übel. Ich will aber nicht wiſ⸗ ſen, wie viel das Heirathsgut Ihrer Fräulein Toch⸗ ter beträgt, ich bitte um ihre Hand, das genügt mir.“ „Ha! hal hal ſehr hübſch! ſehr vorzüglich! meine Tochter mit zweimalhunderttauſend Franken Heiraths⸗ gut würde einen Herrn mit Nichts heirathen... dieß iſt köſtlich!“ „Inwiefern nichts... habe ich es Ihnen nicht ſo eben vorgezählt.“ „Oder beinahe Nichts! O ich ſage Ihnen, daß Sie ſehr unterhaltend ſind, wenn Sie wollen. Ich 5 5 47 wette, daß Sie dieſen Antrag einer Wette wegen gemacht haben.“ Girardiére ſteht auf und erwiedert darauf:„Es iſt von keiner Wette die Rede; wenn Ihnen mein Vorſchlag nicht gefällt, ſo haben Sie keinen Grund, mich in's Geſicht auszulachen. Ich laſſe mich nicht zum Beſten halten.“ 3 „O! ol köſtlich... ſehr gut geſagt. Sie kommen da mit einem Sprichwort, nicht wahr? Meine Toch⸗ ter Ihre Frau? Aber armer Jüngling, da müßte man Ihr ganzes Kapital an den Brautſchmuck hängen! Sie thun beſſer daran, bei einer Unternehmung, die ich veranſtalte, Aktien zu nehmen.“ „Schönen Dank, ich habe deren bereits,“ antwor⸗ tet Girardieére ſpöttiſch, drückt ſeinen Hut tief in das Geſicht und verläßt den Salon, während Herr Du⸗ haucourt fortlacht und ſich auf ſeinem Divan herum⸗ wälzt. Fünftes Kapitel. Zu häßlich. „Dieſe Geldmenſchen ſind ungeſellig!“ ſagt Gi⸗ rardiére beim Heraustreten aus Herrn Duhaucourts Hauſe.„Sie haben ein trockenes Herz, eine ſchmutzige * „Seele. Das Glück ihrer Kinder bekümmert ſie we⸗ nig, ſie kennen nur das Gold! Auri sacra fames, 48 ſagt Virgil. Ueberdieß habe ich mich an den unrech⸗ ten Ort gewendet, ich wäre in dieſer Familie nicht glücklich geweſen, ich, der ich einen einfachen Ge⸗ ſchmack und beſcheidene Gewohnheiten habe; ich hätte einen großen Aufwand machen müſſen! Nein, das brauche ich nicht! Glücklich der, welcher im Schooße ſeiner Hausgötter... ich weiß nicht weiter.. ich will mich an ein Frauenzimmer mit einem beſcheidenen Vermögen wenden, die eben ſo viel oder beinahe ſo viel als ich hat, das reicht wohl hin. Dieſer Herr Duhaucourt würde mir ſeinen Reichthum ver⸗ leiden.“ Es verfloßen keine acht Tage, als Theophilus Girardiére, immer ſchwarz gekleidet und in den ſchön⸗ ſten Handſchuhen, bei Frau Belleville ſeine Aufwar⸗ tung machte. Frau Belleville war die Wittwe eines alten Offi⸗ V S ziers, der ihr bloß ein beſcheidenes Vermögen und eine eben ſo beſcheidene Tochter hinterlaſſen hatte. Abſtam⸗ mend von ſehr reichen Eltern, hatte Frau Belleville ſich dem Willen derſelben, einen Kapitaliſten zu heirathen, entgegengeſetzt, um den jungen Offizier, der ihr gefiel⸗ zu heirathen, und wurde deßhalb enterbt; allein die Liebe ihres Gatten erſetzte ihr Alles, und ſeit ſeinem Tode, der ſchon vor mehreren Jahren erfolgte, be⸗ weinte ſie ihn unaufhörlich. Frau Belleville war ſehr empfindſam; ſie verehrte ihre Tochter und wollte ſie nur einem Manne, der ſie vergöttern würde, ge⸗ ben. Ein ſittſames Gefühl und eine vernünftige Liebe — 49 durfte man nicht an den Tag legen, um dieſe zärt⸗ liche Mutter zu feſſeln; die romantiſche Liebe allein machte Eindruck auf die extravagante Frau Belleville, welche ihr Leben mit Erzählungen ihrer frühern Lieb⸗ ſchaften, mit Weinen und Schnupfen zubrachte. Girardière wurde in ein kleines Zimmer, deſſen düſtere Tapezirung Traurigkeit einflößte, eingeführt. Frau Belleville ſitzt in einem langen Seſſel neben dem Feuer, hält in der einen Hand eine Tabaksdoſe, in der andern ein Nastuch, und hinter ihr liegen zur Vorſicht noch zwei andere Nastücher. Frau Belleville iſt wenigſtens fünfundfünfzig Jahre alt; ihre beſtändig von Thränen befeuchteten Augen und ihre mit Tabak ſtets vollgeſtopfte Naſe haben ihre Geſichtsbildung ſehr verdorben, und ihr ſchwarz⸗ grauer Traueranzug trägt nicht wenig dazu bei, ihr das Ausſehen einer Wahrſagerin oder Kartenſchläge⸗ rin zu geben. 8 Girardière verbeugt ſich tief, indem er ſehr auf⸗ merkſam um ſich blickt, ob kein Hund da ſei, den ſeine Gegenwart erſchrecken könnte, allein er bemerkt keinen und ſetzt ſich auf einen Stuhl, den ihm die Hausfrau, einen tiefen Seufzer ausſtoßend, anbietet. Es iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Gi⸗ rardiére, daß Sie mich beſuchen,“ ſagte die Wittwe, ihm die Hand reichend.„Sie kommen wohl, um Ihre Thränen mit den meinigen zu vereinen und mir Blumen auf das Andenken meines Mannes ſtreuen zu helfen. Ach! bald ſind es vierzehn Jahre, daß 50 er geſtorben iſt, dieſer theure Freund, jetzt wäre er dreiundſechszig Jahre alt.“ Frau Belleville weint, ſchnäuzt ſich und ſchnupft. Girardière, ein wenig gerührt über dieſen An⸗ fang, blinzelt, um ſich das Anſehen zu geben, als ſei er von Schmerz ergriffen, und ſucht zur Haupt⸗ ſache ſelbſt zu kommen. „Frau Belleville! Ihr Schmerz iſt gewiß ſehr ehr⸗ würdig! ich theile ihn; doch nach vierzehn Jahren... Sie haben eine Tochter.. eine ſehr ſchöne, ſehr an⸗ ziehende Tochter!“ 1 „Ich weiß es ſehr gut; aber eine Tochter iſt kein Gatte, mein Mann war ein Geliebter.. der mich entführt hatte, denn ich wurde entführt, Herr Girar⸗ diere!..Mitten in der Nacht, bei einem ſchrecklichen Wetter haben wir uns auf den Weg gemacht; wir ſind zwar gefahren, allein wir haben mitten auf der Straße umgeworfen und er hielt mich feſt in ſeinen Armen; um alles Geld in der Welt hätte er mich nicht losgelaſſen! So liebte mich dieſer Mann!“ Frau Billeville ſchnupft, ſchnäuzt ſich und weint. Girardiere hält ſein Nastuch an ſeine Augen, um ſeine Brille abzutrocknen, und nimmt das Wort: „Frau Belleville, ein ſehr wichtiger Beweggrund führt mich zu Ihnen: ich wünſche zu heirathen, ich ver⸗ zichte auf die Thorheiten des Hageſtolzenlebens; von nun an will ich mich nur mit meiner Frau und Kindern, die mir der Himmel ohne Zweifel ſchenken wird, beſchäftigen, das muß für einen Mann die 4 — —— — o 51 höchſte Glückſeligkeit ſein, und ich ſchmeichle mir, daß..“ „Ahl Sie ſind Willens, zu heirathen, Herr Girar⸗ diere? Sie ſind alſo verliebt, leidenſchaftlich verliebt, denn ich kenne keine Heirath ohne Liebe; hiezu bedarf es vieler Liebe!“ „Ich werde ſehr verliebt ſein, wenn ich das Ja⸗ wort der Eltern und ihrer Tochter haben werde.“ „Sie werden erſt verliebt ſein, wenn Sie das Jawort der Eltern haben? Das heißt: Ihr Herz war⸗ tet auf die Erlaubniß einer Mutter oder eines Oheims, um ſich zu verlieben! Sie ſprechen von der Verliebt⸗ heit, gerade wie man ſagt: Alsbald werde ich zu Mit⸗ tag ſpeiſen, wenn ich zuvor einen Spaziergang gemacht habe; oder ich werde mich heute Abend im Theater gut unterhalten, wenn der und der Schauſpieler auftritt. Ach! pfui, pfuil... Sie haben keinen Begriff von Liebe, Sie entheiligen dieſes Wort! Ach, mein Mann war verliebt! Er wäre zu Allem fähig geweſen, wenn ich ihm Gegenliebe verweigert hätte! Das Schwert, Feuer, Gift, Alles hätte er zu Hülfe genommen. So laß ich mir's gefallen, das heiße ich lieben; wenn ich je meine Tochter verheirathe, ſo muß man ſie auf dieſe Art lieben, oder man wird ſie nicht be⸗ kommenz; das iſt mein letztes Wort.“. Girardière ſieht ein, daß er in einem andern Tone ſprechen muß, um ſich angenehm zu machen; er ſtößt nun ſolche Seufzer aus, daß die Aſche vom Herde im Zimmer herumfliegt, und zerrauft ſeine 52 Haare, um ſich ein romantiſches Ausſehen zu geben; endlich ſchlägt er ſich mit krampfhafter Miene vor die Stirne. Alles dieß intereſſirt die Wittwe, die ihm mit den Worten die Doſe darhietet:„Nun, lie⸗ ber Freund, ich habe mich vielleicht getäuſcht, oder Sie haben ſich ſchlecht ausgedrückt. Ihre Gemüths⸗ bewegung, Ihre Seufzer ziehen mich an; erzählen Sie mir Ihre Leiden; in wen ſind Sie verliebt, mein, theurer Girardiéère?“ „In Ihr Fräulein Tochter, um welche ich anhalte .. die ich vergöttere!“ „Meine Tochter!... Wie, Sie ſind in meine Cö⸗ line verliebt?...“ „Leidenſchaftlich!“ „Leidenſchaftlich, das ü ſehr gut... und wenn ich ſie Ihnen verweigere...“ 8 „Dann ſterbe ich vor Kummer!“ „Vor Kummer... hm! mein Freund, das Ster⸗ ben vor Kummer geht manchmal ſehr langſam.. Es gibt Perſonen, die ihren Kummer über achtzig Jahre ausdehnen. Ich ſähe Sie lieber auf eine unge⸗ ſtümere Art ſterben...“ „Und ich ziehe die Heirath mit Ihrer Tochter vor.“ „Ich begreife es; allein ſie bekommt nur ein klei⸗ nes Heirathsgut.“ „Das iſt einerlei... bloß ſie will ich...“ „Das iſt ſehr gut geſagt... Sie erinnern mich an meinen Mann.. jenen zärtlichen Freund!... Er wünſchte auch bloß eine Hütte und mein Herzl... 4 1 7 53 und Roſtbraten zum Mittageſſen... Er hielt ſehr viel auf Roſtbraten!... Theilt auch meine Cöline Ihre Liebe?“ „Ich wagte noch nicht, ihr meine Liebe zu er⸗ klären; in meinen Augen allein möchte ſie das Ge⸗ heimniß meines Herzens leſen.“ „In Ihren Augen allein... das iſt ſehr abenteuer⸗ lich... Sie find ſchüchtern, mein Theuerſter, allein ich tadle Sie nicht deßhalb, dieß iſt in unſern Tagen ſo ſelten! Uebrigens ein tiefes Gefühl kann ſehr ſchüchtern oder ſehr keck machen: die beiden Extreme berühren ſich. Mein lieber Mann ſelig war ſehr keck, o, o, ol! was war das für ein Gatte!“ „Wenn ich Ihrer Fräulein Tochter gefiele?“ „O, dann gebe ich ſie Ihnen zur Frau... Ich kenne die Liebesqualen zu gut, als daß ich ſie nicht mitempfände. Ich will Cöline kommen laſſen; ich werde den Eindruck, den Ihr Aeußeres in ihr her⸗ vorbringen wird, beobachten, und ſie darum befra⸗ gen; ſie iſt die Unſchuld ſelbſt, ich werde leicht in ihrem Herzen leſen.“ „Frau Belleville läßt ihrer Tochter ſagen, ſie möchte zu ihr kommen. Girardieère wirft einen Blick in den Spiegel, macht ſeine Halsbinde zurecht, ord⸗ net ſeine Haare, reibt ſich die Wangen, daß ſie eine Farbe bekommen und erwartet mit Ungeduld die Ankunft von Fräulein Cöline. Das junge Mädchen tritt in das Zimmer ihrer Mutter, indem ſie an einem Gerſtenzuckerſtängelchen 54 ſchlotzt. Fräulein Cöline hatte nichts Romantiſches in ihrem Benehmen und Aeußern; lachend grüßt ſie Herrn Girardière, zerbricht ihr Zuckerſtängelchen und gibt die Hälfte ihrer Mutter mit den Worten: „Es iſt ſehr gut... es iſt Citronenſaft dabei... He⸗ lene hat es mir gegeben; ich glaube, es iſt von Rouen.“ Frau Belleville ſchlägt den Gerſtenzucker aus und ſagt ganz leiſe zu Theophilus:„Sie haben keinen Eindruck auf ſie gemacht.“ — „Thut nichts, wollen Sie gefälligſt mit ihr einige Worte wegen meiner reden.“ Frau Belleville winkt ihrer Tochter und ſpricht ihr in's Ohr. Fräulein Cöline dreht ſich darauf um, Girardisére zu betrachten, bricht in ein Gelächter aus und ſpringt ſchnell aus dem Zimmer, nachdem ſie einige Worte zu ihrer Mutter geſagt hat, welche ſie vergebens zurückhalten will. Der Eheſtands⸗Candidat weiß nicht, was er von dem plötzlichen Verſchwinden des jungen Mädchens denken ſoll; er nähert ſich ihrer Mutter und ſagt zu ihr:„Nun, Frau Belleville?“ Frau Belleville greift, bevor ſie antwortet, in ihre Taſche, zieht ein doppeltes Fernglas heraus, womit ſie, aufmerkſam Girardiere betrachtet, und murmelt zwiſchen ihren Zähnen:„Es iſt wahr... Cöline hat Recht... wenn ich Sie mit meinem Fernrohr bälder betrachtet hätte, ſo würde ich für meine Tochter geantwortet haben... ich habe ſeit — 55 einiger Zeit ſo viel Thränen vergoſſen, daß mein Geſicht äußerſt geſchwächt iſt; ich ſehe kaum ohne Fernrohr... ich hielt Sie für viel ſchöner! ja, ich hielt Sie ſogar für ſehr ſchön... ol mein Geſicht nimmt alle Tage ab! ich merke es heute wieder.“ „Was ſoll das heißen?“ „Das will ſo viel heißen, daß meine Tochter Sie nicht heirathet, weil Sie ihr zu häßlich ſind! und ſie hat in der That Recht... Sie können einem jungen Mädchen unmöglich Liebe einflößen! Wenn ich bei Ihrer Ankunft mein Fernglas genommen hätte, ſo hätte ich Ihnen dieſes ſogleich geſagt. Glauben Sie mir, Herr Girardiére, verzichten Sie auf die Hoffnung, eine Partie aus Liebe zu treffen... hei⸗ rathen Sie durch Uebereinkunft... allein denken Sie nicht mehr an meine Tochter!...“ Girardiére hat das Ende dieſes Geſprächs nicht ganz ruhig angehört, er ſtand auf, ging im Zimmer auf und ab, nahm ſeinen Hut und erwiederte, indem er zu lachen ſich bemühte:„Meiner Treu, wenn Ihr Fräulein Tochter mich zu häßlich findet, ſo wollen Sie gefälligſt glauben, daß dieß mich wenig kränkt; übrigens war ich nie in ſie verliebt und ich werde ohne Mühe Frauenzimmer treffen, die mir mehr Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren laſſen und mich beſſer zu ſchätzen wiſſen.“ 3 Darauf entfernt ſich Girardiére, indem er zu ſich ſelbſt ſagte:„Die Tochter iſt eben ſo dumm als die Mutter!“ 8 56 Sechstes Kapitel. Zualt. „Wen man mein Vermögen nicht groß genug findet, das geht noch an,“ ſagte Girardiére, über ſei⸗ nen Beſüch bei Frau Belleville nachdenkend, zu ſich ſelbſt, ſwenn man mir aber ſagt, ich ſei häßlich, das iſt abgeſchmackt!... Dieß nimmt man zum Vor⸗ wand, mich abzuweiſen!... Ach! warum habe ich doch das Hündchen der Frau Grandvillain erſchreckt, ich hätte ihre Tochter zur Frau bekommen... Sie fand mich nicht häßlich, jene junge Perſon... die. Eltern fanden mich auch reich genug!... Doch es gibt noch viele Frauenzimmer in der Welt zu heira⸗ then... und wie meine ehrwürdige Mutter ſagt, ich bin nur wegen der Wahl in Verlegenheit... indeſſen 3 ſind mir ſchon mehrere Wahlen entwiſcht. Das iſt ein Unglück.“ 8 Mehrere Tage lang ſchwankt Girardière unent⸗ ſchloſſen über die neue Anfrage, die er ſtellen will; endlich fällt ihm ein Haus ein, wohin er öfters ging, bevor er ſich in der großen Welt herumbewegte, ein Haus von ganz aufrichtigen, freimüthigen, geradſin⸗ nigen Bürgersleuten, bei denen man keinen Beſuch machen kann, ohne daß ſie einen beim Mittageſſen behalten, und die nicht zufrieden ſind, wenn man ſich bei Tiſch nicht toll und voll ißt. Dieß war das Haus Herrn Lapoucette's, eines alten Kunſtſchreiners, der in Zurückgezogenheit lebte. 57 Die Familie beſtand aus Vater, Mutter, zwei Tanten und drei Töchtern; die Jungfern waren noch ſehr jung, als Girardiére der Tiſchgenoſſe des Hauſes war. Allein ſeit fünf Jahren, während deren er nicht mehr dahin kam, hatten dieſe jungen Mädchen wohl wach⸗ ſen müſſen. Damals war die eine elf, die andere dreizehn und die älteſte vierzehn Jahre alt: fünf Jahre haben ſie zu Frauenzimmern gemacht, die zum Heirathen wo hl fähig ſein dürften. „Vielleicht iſt eine oder zwei davon verheirathet,“ ſagt Girardière zu ſich,„allein es iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie es alle ſind. So viel ich mich er⸗ innere, waren ſie alle drei ſehr artig; das Alter wird ihre Anmuth nur noch mehr entwickelt haben... Meiner Treu, ich werde die nehmen, die noch frei iſt; man hatte mich in dieſem Haus ſehr gern. Laßt uns nun zu dieſem guten Lapoucette zurückkehren; es ärgert mich, nicht eher an ihn gedacht zu haben.“ Nachdem Girardisre ſeine Anſtandstoilette gemacht hat, begibt er ſich zu ſeinem alten Freunde Lapoucette. Eine Tante öffnet ihm die Thüre; als ſie ihn ſah, ſchrie ſie:„Ich glaube wahrhäfun, das iſt Herr Girardière.“ „Er ſelbſt, meine theure Dame.“ 2 „Ol welch Wunder, Sie zu ſehen! Laurentia, Anna, Cäcilie, Schweſtern!... Herr Girardiere iſt dal.. ,1 ₰ „Derr Girardiére iſt dal⸗ wiederholte man auf allen Seiten, und bald ſpringt die ganze Familie 58 herbei. Die Schweſtern, die Mutter, der Vater, die Kinder, Jedes beeilt ſich, den alten Freund zu em⸗ pfangen, ihn an der Hand zu nehmen, ſie freund⸗ ſchaftlich zu drücken, ihm ſeine lange Vergeſſenheit liebenswürdig vorwerfend. Es ſcheint, der verlorene Sohn ſei gekommen, und man wolle ein Freuden⸗ mahl anſtellen, denn bereits ruft der Hausherr aus: „Du wirſt mit uns zu Mittag eſſen... o Du wirſt mit uns ſpeiſen... wir behalten Dich da; nein, wir laſſen Dich nicht gehen; Frau, beſorge das Mittag⸗ eſſen, tiſche uns auch einige Leckerbiſſen auf: Girar⸗ diere war ſonſt ein Lecker, er wird es noch ſein. Dieſe Eigenſchaften vermehren ſich mit der Zeit. Die Vorliebe für eine gute Tafel ſchadet uns nie.“ „Mein Freund, mein theurer Freund!“ ſagt Gi⸗ rardiére, die Hand vor ſeine Augen haltend, nich bin ſo gerührt, fühle mich über Ihre Aufnahme ſo geſchmeichelt, daß ich in Wahrheit glaube...“ „Nun, mache keine Dummheit... erwärme Dich, das iſt beſſer als weinen; hier ſind wir eher gewohnt zu lachen.“ Herr Lapoucette war ein kleiner, ſehr dicker Mann von ſehr gutem Ausſehen; ſein Empfang war ſchon ein Beweis von ſeiner Geſundheit und guten Laune. Er heißt Girardisre ſitzen und ſagt zu ihm:„Du haſt uns ſeit fünf Jahren nicht beſucht... es war Dir nicht möglich, nicht wahr?.. ach, mache Dir keinen weitern Vorwurf, wir haben uns nicht im Zorne getrennt und kommen wieder als gute Freunde zu⸗ 59 ſammen. So muß man ſich gegen einander he⸗ nehmen, wenn man ſich liebt. Sei nun gerade ſo, wie wenn Du immerfort in unſer Haus gekommen wäreſt.“’ „Mein lieber Lapoucette, ſei überzeugt, meine Freundſchaft iſt immer die nämliche geblieben.“ „Ich zweifle nicht daran, mein Freund, aber Dein Geſicht zum Beiſpiel blieb nicht daſſelbe, wie Deine Freundſchaft... Du haſt gealtert... o, Du haſt ſehr gealtert... Deine Haare liegen bei Picard... Ei, ei! Du weißt, immer noch mein altes Wort... Du magſt Deine ſiebenzehn Haare, die Dir noch blei⸗ ben, über Deine Stirne hinrichten, wie Du willſt... Du ſchlägſt den Rappell... eil eil eil“ Girardiére beißt ſich in die Lippen und erwie⸗ dert:„Ich weiß nicht, ob ich gealtert habe; allein ich weiß nur, daß ich mich ſehr wohl befinde und eine köſtliche Geſundheit beſitze.“ „Ah, mein Freund, das iſt die Hauptſache. Ue⸗ berdieß, werden wir nicht Alle alt? gilt dieß Geſetz nicht für Jedermann? Lebt Deine Mutter noch?“ „Ja wohl, ſie lebt immer noch.“ „Sie muß ſehr alt und gebrechlich ſein.“ „Doch nicht, ſie iſt ſehr wohl auf.“ „Um ſo beſſer, um ſo beſſer, aber meine Töchter haben ſich ſeit fünf Jahren verändert!... ſie ſind nicht häßlich geworden... im Gegentheil... kommt. doch näher, daß mein Freund Girardisre ſeine Be⸗ kanntſchaft mit euch erneuert.“ milienfreund, o— Die drei Jungfern Lapoucette ſpringen ihrem Va⸗ ter zu und lächeln liebenswürdig gegen den alten Fa- der mehr als einmal ſie auf ſeinen — Knieen geſchaukelt und ihnen Bonbons gegeben hat. Girardiere bleibt in Bewunderung vor den jun⸗ gen Mädchen ſtehen, deren Vater ſtolz ausruft:„Nicht wahr, ſie ſind nicht übel?“ „Dieſe Jungfern ſind entzückend, blendend!...“ „O, entzückend! Du ſuchſt ſolche Worte, deren man ſich in der Welt bedient, wenn man lügen will! Sie ſind hübſch, und noch mehr: ſie werden gute Hausfrauen werden. Das iſt meiner Anſicht nach das Weſentlichſte.“ „o, mein Freund, Du haſt Recht! das iſt die Hauptſache... darauf muß man ſehen.“ Indem Girardiéère das ſagte, ließ er ſeine grün⸗ grauen Augen auf den drei jungen Mädchen ruhen, noch ungewiß, welcher er den Vorzug geben ſolle. Der Papa nimmt ſeine ältere Tochter an der Hand und ſagt:„Das iſt Laurentia, neunzehn Jahre alt. O, das iſt ein vernünftiges Mädchen; ſie zankt ihre Schweſtern, wenn ſie nicht arbeiten... ſie iſt übrigens ein gutmüthiges Kind und verſteht ſehr gut Confekt zu machen. Erinnerſt Du Dich nicht, wie ſchlimm ſie als Kind war? Ihre Mutter wollte ſie einmal peitſchen, Du bateſt um Gnade für ſie... es iſt etwa ſechszehn Jahre ſeitdem... o ja, wenigſtens ſechszehn Jahre.“ „Die Jungfer hat ſehr viel Aehnlichkeit mit ihrer 4 — 3 61 x Mutter,“ erwiedert Girardisre, um ſich bei den Er⸗ innerungen früherer Zeiten nicht lange aufzuhalten und auf ein anderes Geſpräch einzulenken.. „Du glaubſt... ich bin nicht der Meinung. Dieß* da iſt Anna, die muthwillige Anna, ſie geht in's achtzehnte Jahr!... Erinnerſt Du Dich noch: als Du hier zu Mittag aßeſt und ſie das Gehen lernte, machte ſie Dich unwillig, denn ſie wollte immer auf Dei⸗ nen Armen ſein... Ach, damals war ſie nicht ſo ſchwer.“ „Die Jungfer Anna gleicht Dir. O, das biſt Du... Das iſt Dein Bild.. ſie hat ſogar Deine Naſe...“ „Warum nicht gar! mir, der ich ein xundes Ge⸗ ſicht und blutrothe Wangen habe, während Anna ein ovales Geſicht und eine blaſſe Farbe hat!... Ich weiß nicht, wo Du Deine Aehnlichkeiten her⸗ nimmſt... Dieß da iſt Cäcilie, die böſe Cäcilie!... ſie war als Kind ſehr gutwillig. Vorgeſtern war ſie fünfzehn Jahre alt.. Doch Du mußt ihr Alter wiſ⸗ ſen, denn Du warſt bei ihrer Taufe... Erinnerſt Du Dich daran, mein Alter?“ „Du meinſt, ich war...“ „Ja, ja, Du haſt ſogar ſo viel Zuckerbackwerk gegeſſen, daß es Dir weh wurde!... ei, ſieh' nur, Girardiére, wie dieß Alles heranwächst!.... Girardiéère hält die Betrachtungen ſeines Freun⸗ des für ſehr unnöthig und fängt immer ein neues Geſpräch an. Paul de Kock. XLVI.. 5 62 „All' die drei Jungfern ſind ſehr ſchön; haſt Du noch nicht daran gedacht, ſie zu verheirathen?“ „S doch, ich denke wohl manchmal daran l... aber es iſt nicht leicht, wenn man kein Vermögen mitgeben kann... Meiner Treu, es thut mir ſehr leid darum, allein ich kann meinen Kindern keines geben, denn ich habe nicht mehr, als was ich gerade zu unſerm Lebensunterhalt brauche. Die Eltern, welche ſich wegen ihrer Kinder von Allem entblößen, ſind thöricht und bereiten ſich für ihr Alter den größ⸗ ten Kummer. Man ſoll meine Töchter ihretwegen oder ſoll ſie gar nicht nehmen, das iſt Alles!“ „Man wird ſie nehmen, lieber Lapoucette; es werden ſich Mänenr zeigen, zweifle durchaus nicht daran!“ „Wir wollen uns indeß an die Tafel ſetzen.“ Man ſetzt Girardiére zwiſchen die Jungfern Lau⸗ rentia und Anna, die zwei älteren. Die Töchter des Herrn Lapoucette ſind gegen den alten Freund ihres Vaters ſehr zuvorkommend. Es wurde ihm die größte Freundſchaft erwieſen. Der Papa ſchenkt ihm un⸗ aufhörlich zu trinken ein, die Mama will beſtändig ſeinen Teller füllen, Lucretia reicht ihm Salz, Anna fürchtet, die Tiſchfüße hindern ihn, und die kleine Cäcilie bietet ihm lächelnd Gurken oder Zwiebelchen an. Selbſt die zwei Tanten, deren jede fünfzig Jahre vorüber iſt, ſchließen ſorgfältig die Thüren hinter ihm und fragen ihn, ob er ein Schemelchen unter ſeine Füße wolle, ob er keinen Luftzug empfinde? „ — E „ X— E — 6⁸ Girardiere weiß nicht, auf wen er hören ſoll, und ſagt zu ſich:„Die guten Leute!... welch' artige Familie!... die Jungfern haben zwar kein Heiraths⸗ gut, allein ſie beſitzen Anmuth, Liebenswürdigkeit, Talente und namentlich gute Eigenſchaften... Fer⸗ ner kenne ich Lapoucette, der iſt ein munterer Kopf, der gemächlich lebt... er will ſeinen Töchtern nichts geben, aber am Ende werden ſie nach ſeinem Tode immerhin Etwas bekommen, das kann ihnen nicht fehlen.“ Girardiére vergaß, daß er ſo alt als Lapoucette und daß es folglich ſehr unbeſonnen von ihm war, auf ſeine Erbſchaft Hoffnungen zu gründen. Al⸗ lein, wie wir am Anfang dieſer wahren Geſchichte geſagt haben, Theophilus Girardiére wollte bloß dreißig Jahre alt ſein, er maßte ſich immer an, jung zu ſcheinen, und glaubte am Ende ſelbſt, er ſei es; er glich hierin jenen Leuten, die das Lügen, welches ihnen zur andern Natur geworden, ſelbſt für Wahr⸗ heit annehmen. Die Jungfern Lapoucette waren ſämmtlich ſehr liebenswürdig und namentlich ſehr heiter; die eine zeigte, wenn ſie lachte, ihre Perlenzähne; die andere hatte Augen voll des anziehendſten Ausdrucks; die dritte endlich hatte eine ſo liebliche Stimme, daß man gerührt wurde, wenn man ſie nur ſprechen hörte. Girrardière richtete unaufhörlich ſeine Blicke von der einen auf die andere dieſer drei Jungfern, indem er ſi ſelbſt ſagte:„Soll ich um die Aeltere bitten 64 . die Kleine iſt ſehr verführeriſch... Jungfer Anna überhäuft mich mit Gefälligkeiten... Ich komme ſehr in Verlegenheit. O wenn wir in der Türkei wären, ich heirathete alle drei!...“ „Du ißſt und trinkſt gar nicht,“ ſagte Herr La⸗ poucette, verwundert über die Zerſtreuung ſeines alten Freundes.„Früher ließeſt Du Dir es beſſer ſchmecken . an was Teufels denkſt Du denn? Du ſiehſt an die Decke hinauf... haſt Du Zahnweh?“ „Nein, mein lieber Freund, mir fehlt es nir⸗ gends; ich verſichere Dich, daß ich ſehr viel eſſe... Deine Töchter kommen mir ſo liebenswürdig vor... Ich bin ganz entzückt.“ „Das ſoll Dich am Eſſen nicht hindern... Ah! ehemals warſt Du ein ſo guter Tiſchgenoſſe. Erin⸗ nerſt Du Dich noch, wie wir in den„guten Ham⸗ melsfüßen“ mit einander ſpeisten... das iſt heutzutag ein ſehr ſchöner Gaſthof zu der„Burgunder Wein⸗ leſe“; damals war es eine einfache Wein⸗ und Speiſe⸗ wirthſchaft... wir gingen Sonntags ſehr oft hin... es iſt ſeitdem fünfundzwanzig Jahre, ich glaube ſogar ſiebenundzwanzig...“ „Ich bitte noch um ein wenig Geflügel,“ ruft Girardisre, der ſich lieber übel machen, als ſich von ſeinem Freunde Geſchichten ihrer Jugend in's Ge⸗ dächtniß rufen laſſen will. Theophilus ißt auf's Neue, indem er ſagt:„Aus⸗ gezeichnetes Geflügel... köſtliches Thier... ſehr gut gekocht.. 1 1 65 Als Lapoucette beharrlich ſeine alten Geſchichten hervorſucht und immer wiederholt:„Es iſt wenigſtens ſiebenundzwanzig Jahre, denn ich war noch nicht ver⸗ heirathet... es war wohl vorher...“ „Zu trinken... wenn's beliebt. Willſt Du mir ge⸗ fälligſt einſchenken!“ ſchreit Girardière, ſein Glas hinhaltend,„Dein Wein iſt gut... ja, er iſt ſehr gut... ich bin ein Kenner davon!“ „So iſt es recht! nun wachſt Du auf,“ ſagt La⸗ poucette, indem er ſeinem Freunde einſchenkt. Der arme Girardiere ſchluckt, indem er zu ſich ſagt:„Wenn er fortwährend von dem, was wir früher gethan, ſpricht, dann werde ich gewiß meinen Magen überfüllen.“ Endlich iſt das Mittageſſen vorüber. Man geht in den Salon. Jungfer Laurentia ſpielt herrlich das Piano, Anna zeigt ihre Zeichnungen, Cäcilie ſingt mit vielem Geſchmack. Girardieére iſt ganz verwun⸗ dert, entzückt, und kratzt ſich an der Stirne, indem er ſich frägt:„Aber welche ſoll ich wählen?... Ach Gott! wenn doch die Vielweiberei nicht verboten wäre! Ich muß mich entſchließen und zwar ohne zu zögern, denn es könnte bald ein Anderer ge⸗ rade um diejenige, welche ich gewählt haben würde, freien.“ 4 Theophilus glaubte feſt, er dürfe nur wählen. Indeſſen hätten ihn die Körbe, welche er ſchon er⸗ hielt, weniger vertrauensvoll, weniger eingebildet machen ſollen; allein die Erfahrung verbeſſert nicht 66 immer die Menſchen; ſir ſind nur zu oft unver⸗ beſſerlich. Naturam expellas furca tamen usque recurret. Nachdem Girardiere die Jungfern Lapoucette lange hin und her geprüft und betrachtet hatte, entſchied er ſich, aber nicht für die ältere, was wenigſtens noch das Vernünftigſte geweſen wäre; nein, er ſagt bei ſich:„Cäcilie will ich heirathen, ſie iſt ſchwär⸗ meriſch.“ Girardière nähert ſi ch ſeinem alten Freunde und ſagk halblaut und mit bewegter Stimme zu ihm: „Ich möchte gerne... ich hätte große Luſt zu „Mein lieber Freund,“ unterbricht ihn Lapou⸗ cette,„man wird Dir ſogleich ein Licht geben und das Plätzchen zeigen. Ich errathe, was Du ſuchſt. 11. „Das meine ich nicht, mein lieber Laponcette, ich möchte einen Augenblick mit Dir reden... wir wollen ein wenig in Dein Kabinet gehen, oder in Dein Schlafzimmer, wenn Dugkein Kabinet haſt, oder in Dein Vorzimmer...“ „Biſt Du unwohl.. willſt Du ein Glas Zucker⸗ waſſer? ſoll man Dir Thee machen?“ „Nein, nein, ich wiederhole es Dir noch einmal, daß ich mit Dir über einen ſehr wichtigen Gegenſtand zu ſprechen wünſche, und daß ich Hücyſt unter uns davoͤn ſchwatzen muß.“ Lapoucette, ſehr erſtaunt, begreif nicht, was ſein alter Freund im Geheimen mit ihm zu reden hat⸗ 2 67 nimmt ein Licht und geht mit ihm in ein anderes Zimmer. Hier ſieht er ihn mit einer unruhigen Miene an und ſagt:„Nun, was gibt's? will man die Pro⸗ rente auf zwei herunterſetzen?“ „Davon iſt keine Rede. Vor Allem wünſche ich mit Dir zu reden. Höre, mein lieber Lapoucette: ſeitdem wir uns nicht wieder geſehen haben, hat ſich Manches in mir verändert...“ „Ja, ich ſinde Dich auch verändert. Du haſt Gänſefüße.“ „Still davon. Mach' mir das Vergnügen, mich anzuhören: Du weißt, daß ich lange Zeit etwas un⸗ beſonnen, flatterhaft war. Mit Einem Wort, das ſchöne Geſchlecht verführte mich zu tauſenderlei Thor⸗ heiten und Ausſchweifungen.“ „Deſſen erinnere ich mich nicht; gleichviel, mach⸗ immer zu!“ „Nun, mein Freund, ich bin nicht mehr jene Jo⸗ conda, jener Faublas, der bloß an's Vergnügen dachte; ich bin geſetzter, vernünftiger geworden, ja⸗ ich bin ſogar ſehr geſetzt.“ „Beim Henker! mit dem Alter darf man ſich wohl beſſern.“ „Sei ſo gut und höre nun meine Erklärung an. Ich will ohne Umſchweife auf den Zweck losgehen, mein lieber Lapoucette. Ich wünſche zu heirathen, indem ich auf die Thorheiten des Hageſtolzenlebens verzichte und von nun an mich mit meiner Frau und Kindern, die mir ohne Zweifel der Himmel ſchenken 8 68 wird, beſchäftigen will; das muß für einen Mann die höchſte Glückſeligkeit ſein.“ „Ah, Du willſt heirathen! Meiner Treu, Du thuſt wohl daran; es iſt Zeit, daß Du daran denkſt. Aber ich ſehe nicht ein, warum Du ein ſolches Ge⸗ heimniß daraus machſt, es mir zu ſagen.“ „Du wirſt es ſehen, Lapoucette, Du wirſt es begreifen. Ich ſehe auf kein Vermögen, ich habe ſchon Mittel, eine Frau zu ernähren! allein ich möchte Vie nehmen, die mir gefällt, der ich gefalle und. „de Dir gefällt, das iſt möglich, der aber Du gefällſt, das wird ſchwieriger ſein, mein alter Freund.“ „Lapoucette, willſt Du mich anhören? Ich habe meine Wahl getroffen: ich habe ſo eben die Perſon, welche mein Leben verſchönern ſoll, gefunden; nun bitte ich Dich um die Hand Deiner Tochter Cäcilie, der reizenden Cäcilie!“ Herr Lapoucette reißt die Augen auf und betrach⸗ tet ſeinen Freund, indem er ausruft:„Ah bahl!... ſprichſt Du im Ernſte?“ „In vollem Ernſte; gib dein Jawort und von morgen an werden wir uns mit der Heirath beſchäf⸗ tigen.“ 8 „Du willſt eine meiner eochter heirathen, Du, Girardière?“ „Was iſt daran ſo wunderbar?⸗ „Was wunderbar iſt? Du denkſt nicht daran, mein -— —: 69 armer Freund!... Du biſt für meine Töchter zu alt!" „Zu alt! Du weißt nicht, was Du ſagſt. Ich bin in den kräftigſten Jahren.“ „Du haſt wenigſtens fünfzig Jahre auf Dir!“ „Das iſt nicht wahr, ich bin noch nicht ganz neun⸗ undvierzig Jahre alt.“ „Und Du willſt ein Mädchen von fünfzehn Jahren zur Frau nehmen... Du wählſt gerade die jüngſte . ach! ach! Du biſt ein Narr, mein alter Freund, Du biſt ein Narr!“ „Nun höre, Lapoucette, wenn Du glaubſt, die kleine Cäcilie ſei noch etwas zu jung, ſo will ich die zweite heirathen, Jungfer Anna, ſie gefällt mir auch ſehr. 2 „Aber Anna iſt erſt achtzehn Jahre alt! denke doch, in zehn Jahren iſt ſie immer noch jung und Du...“ „Ei, willſt Du mir lieber die ältere geben, mir iſt's gleichviel, ich nehme die ältere, ſie gefäͤllt mir vollkommen.“ „Es ſcheint mir, ſie gefallen Dir alle... Ah! ahl der arme Girardiére will mein Sohn werden.“ „Ich dachte nicht, daß Du böſe werden würdeſt, mich in Deiner Familie zu ſehen,“ antwortet Theo⸗ pholus, den Kopf mit gekränkter Miene in die Höhe richtend. 8 „Böſe, gewiß nicht! ja, wenn Du nur fünfzehn Jahre oder zwanzig Jahre jünger wäreſt..“ 70 „Du willſt mich alſo nicht zum Tochtermann?“ „Ach! ich ſchlage Dir es nicht ab, nur kommt es mir drollig vor, daß Du um eine meiner Töchter anhältſt... o, ich ſchlag Dir's nicht ab! ich würde mich wohl davor hüten!“ 3 „Dieſer liebe Lapoucette!“ Girardière nahm ſeinen Freund an der Hand und drückte ſie mit Inbrunſt. „Wenn eine meiner Töchter Dich will, ſo gebe ich ſie Dir gerne zur Frau... aber ſie werden es Dir abſchlagen, mein Alter!... ah! ahl ſie werden Nein! zu Dir ſagen.“ „Lapoucette, ſei ſo gut und heiße mich nicht„mein Alter“, erſtens iſt dieß ein ſehr gemeines Wort, zwei⸗ tens höre ich es nicht gene.“ „Ahl Du glaubſt, meine Töchter werden Dich heirathen wollen?“ 2 „Ich hoffe es... ſie haben mir ſo viel Güte er⸗ zeigt, ſo viel Liebenswürdigkeit!“ „Weil ſie in Dir einen alten Freund ihres Vaters ſahen; und Du haſt ihre Gefälligkeiten, ihre gute Aufnahme für Gefallſucht, für Koketterie gehalten; Du dachteſt, Du habeſt ihre Eroberung gemacht!... Ach! mein alter Freund, ich hätte Dich für vernünf⸗ tiger gehalten. Thut nichts, ich will Dich dieſen Jungfern als Bewerber um ihre Hand vorſtellen, und Deine Angelegenheit wird ſich ſogleich entſchei⸗ den.. 9 „Aber gib Dir nicht das Anſehen, als ob Du ſpaßeſt; denke, Lapoucette, daß es mir ernſt iſt.“ G☛ * 4 G☛ ——— 71 „Sei ruhig, ich weiß gewiß, daß meine Töchter nicht über Deinen Vorſchlag lachen werden, aber ich ſage Dir, ich werde durch meinen Einfluß nicht auf ſie einwirken; ich ſchwöre es Dir ſogar.“ Der Familienvater kehrt mit ſeinem Freunde in den Salon zurück. Die drei Jungfern treiben Muth⸗ willen und lachen vor Girardière: die eine will ihm ſingen; die andere ſchlägt ihm vor, eine Galoppade mit ihr zu tanzen; die jüngſte verlangt von ihm, daß er ſie im Kreis herumdrille. Girardiere iſt vor Freude entzückt. Er betrachtet ſeinen Freund mit einer Miene, die ſagen will: Sieh', wie man mich liebt! wie man mir ſchmeichelt! Deine Töchter ſehen mich anders an als Du, man wird mich ſehr gerne heirathen. Herr Lapoucette verlangt einen Augenblick Auf⸗ merkſamkeit und ſpricht mit einem ſehr ernſthaften Ton:„Meine Kinder, Girardieére iſt nicht bloß aus dem Grunde, um ſeine alten Freunde wieder zu ſehen, in unſer Haus zurückgekehrt; er zielt auf etwas An⸗ deres ab... er beabſichtigt, ſich mit unſerer Familie inniger zu verbinden... mit einem Worte, er wünſcht zu heirathen und hat mir die Ehre angethan, bei mir um eine meiner Töchter anzuhalten.“ Die drei jungen Mädchen lachen nicht mehr, blicken ihre Eltern mit Erſtaunen an, betrachten ſich untereinander, aber Girardiére ſehen ſie nicht mehr an. 1 Herr Lapoucette ſchien eine Antwort von ſeinen 72² Kindern zu erwarten, allein alle bewahrten ein dü⸗ ſteres Stillſchweigen; die Anrede ihres Vaters er⸗ ſtarrte ſie. Endlich ruft nach einigen Augenblicken die jüngſte aus:„Ahl dieß Alles iſt zum Lachen.. ich weiß gewiß, daß es ein Scherz iſt... Papa und der Herr waren im andern Zimmer, wo ſie ein Complott gemacht haben, um uns zu fangen. Herr Girardiére will ſich nicht verheirathen... mit uns ſchon gar nicht.“ 4 „Meine Jungfer,“ ſagt Girardière, eine akade⸗ miſche Stellung annehmend,„ich ſchwöre Ihnen, daß Ihr Herr Vater die Wahrheit geſprochen hat. Sie ſind alle drei liebenswürdig... und da es ſchwer für mich wäre, meine Wahl zu beſtimmen, ſo werde ich diejenige von Ihnen zur Frau nehmen, welche die Güte haben wird, meine Hand anzunehmen; ich nehme ſie blindlings an.“ „Ahl gut, ich will nichts davon, nie!“ ſchrie die kleine Cäcilie, indem ſie den Mund komiſch verzog. Girardière beißt ſich in die Lippen und ordnet ſeine Haarlocken zuſammen, ſeine Blicke nach den älteren richtend, während Herr Lapoucette die jüngſte fragt:„Aus welchem Grunde, Cäcilie, willſt Du meinen Freund Girardisre nicht heirathen?“ „Ah! Papa... weil ich einen Mann, der mein Großvater ſein könnte, nicht zum Gemahl will.“ Girardiere macht einen Satz auf ſeinem Seſſel 1 73 und ſucht zu lachen, indem er murmelt:„Ahl ah! mein Jungferchen ſcherzt!“ Herr Lapoucette bietet Allem auf, ſeine Ernſthaf⸗ tigkeit zu erhalten und erwiedert:„Dein Großvater .. mein Töchterchen.. Du täuſcheſt Dich... dieß iſt nicht buchſtäblich zu nehmen... mit einem Wort, Du willſt Girardiére nicht heirathen; nun zu einer andern. Anna, gefällt Dir das Anſuchen meines Freundes? Antworte, meine Tochter!“ Jungfer Anna ſenkt die Augen und antwortet in einem beſcheidenen Tone, aber auf ihre Worte Nach⸗ druck legend:„Herr Girardière iſt ſehr gütig, daß er mich heirathen will... allein dieß iſt nicht mög⸗ lich, weil ich für ihn zu jung bin.“ „Das iſt eine beſſere Antwort,“ ſagt Lapoucette, während Girardiére, durch dieſen zweiten Korb be⸗ ſtürzt, verſtohlene Blicke auf die altest der drei Jung⸗ fern richtet. „Nun iſt die Reihe an Dir, Laurentia!“ fährt Herr Lapoucette fort,„willſt Du die Frau meines Freundes Girardiére werden? Sprich offen; wenn er Dir gefällt, ſo werde ich mit größtem Vergnügen euch verbinden.“ Jungfer Laurentia antwortet in einem ſehr trocke⸗ nen Tone: „Hört einmal! Ich den Herrn heirathen! Würde der Herr mit mir tanzen, ſpazieren auf's Land ge⸗ hen? Ich muß mich mit meinem Mann beluſtigen, mit ihm lachen können. Herr Girardisre iſt wirk⸗ lich ſehr liebenswürdig, allein ich will einen Mann meines Alters ungefähr, ſonſt bleibe ich lieber ledig.“.. „Es thut mir ſehr leid, mein lieber Freund,“ ſagt Lapoucette, indem er Girardieére mit einer höh⸗ niſch lächelnden Miene anſchaut,„aber Du biſt ab⸗ gewieſen... Du ſiehſt, daß die Antworten einſtimmig ſind. Wenn es Dir indeſſen durchaus daran liegt, in meine Familie einzutreten, ſo nehme eine meiner Schweſtern... die jüngſte iſt zweiundfünfzig Jahre alt, aber ſie iſt noch ſehr gut erhalten.“ „Schön Dank, ich bin Dir ſehr verbunden!“ er⸗ wiedert Girardieère, indem er zu lachen ſich bemüht, um ſeinen Aerger zu verbergen. „Alles dieß wird Dich hoffentlich nicht abhalten, uns ferner zu beſuchen,“ fügt Herr Lapoucette hinzu⸗ ſeinen Freund bei der Hand nehmend.„Du biſt an unſerem Tiſche immer willkommen, und meine Töch⸗ ter werden Dich ſtets ſehr liebenswürdig finden, wo⸗ fern Du ſie nicht mehr heirathen willſt.“ „Ich werde es nicht vergeſſen,“ entgegnet Girar⸗ diere, nimmt ſchnell ſeinen Hut, ſchützt ein Rendez⸗ vous vor, und verabſchiedet ſich von der Familie Lapoucette. Draußen vor dem Haus läßt er ſeinem Zorn den Lauf und ruft aus: „Du kannſt lange warten, bis ich wieder zum Mittageſſen komme!... fünf Jahre lang beſuchte ich Dich nicht, es werden aber mehr verfließen, ehe Du mich wiederſiehſt... Schwachköpfige Leute! ſie 75 können nichts als lachen und wiſſen nicht warum... Seine Töchter ſind drei kleine Koketten, nichts An⸗ deres. Ach! all dieß iſt nichts im Vergleich zu Fräulein Grandvillain. Welch ein Unglück, daß ich Azor geängſtigt habe!“ . V Ein Eheſtands⸗Candidat oder Hert Fractin. Deutſch bearbeitet Von b 5 Paul de Koch. von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. e 3 Stuttgart: Scheible, Uieger& Sattler 1845. Erſtes Kapitel. Zu dumm. Herr Girardiére hielt ſich nicht für beſiegt. Er beſchuldigte immer das Schickſal, das Verhängniß, welches von ſeiner zarteſten Jugend an ihm entge⸗ gen geweſen war, wenn er über eine Schöne trium⸗ phiren wollte. Dieſes arme Schickſal muß viel lei⸗ den: in den Augenblicken unſeres Aergers, in Un⸗ glücksfällen, bei den Niederlagen, welche unſere Ei⸗ genliebe erleidet, werfen wir die Schuld auf daſſelbe; anſtatt, daß wir uns ſelbſt frei geſtehen, daß wir einen dummen Streich gemacht haben, daß wir uns gegen den Takt und die Gewandtheit verfehlt haben, machen wir lieber einen bittern Ausfall gegen dieſes Schickſal, welches an unſerem Unglück gewiß am unſchuldigſten iſt; wir erinnern uns nie jener Worte des heiligen Gregors, die jedem Herzen eingeprägt ſein ſollten:„Wenn Dir ein Unglück begegnet, ſo⸗ forſche wohl nach und Du wirſt ſehen, daß es im⸗ mer ein wenig Deine Schuld iſt.“ Theophilus Girardiére, der kluger Weiſe ſich vor⸗ nahm, nicht mehr dem Schickſal, das ihn verſchmäht, zu trauen, ſagt zu ſich ſelbſt:„Warum ſoll ich auf die Schönheit ſehen? die Schönheit vergeht; ein Zu⸗ 6 fall, ein unglück, eine Krankheit können ein Geſicht plötzlich ändern... das ſieht man alle Tage; ſogar Frauenzimmer, welche eingeimpft waren, bekommen die Pocken!⸗ Man darf alſo die Reize des Geſichts nicht hoch achten. In der Seele, im Geiſte, im Her⸗ zen muß man dauernde Schönheiten ſuchen, denn das Herz, die Seele, der Geiſt bleiben unveränderlich.“ Dieſer arme Theophilus Girardière täuſchte ſich abermals, indem er ſich einbildet, der Geiſt bleibe unveränderlich; er hat ſein Zeitalter nicht ſtudirt, er las nicht in den Zeitungen, ſprach nicht über Politik, ſonſt hätte er gefunden, daß es nichts Veränderliche⸗ res, nichts Launenhafteres gibt, als den Geiſt! Wie viele unſerer größten Genies ſchreiben heute ſo, mor⸗ gen anders! wie viele Advokaten rechten für und wider! wie viele Schriftſteller ſind heute luſtig, morgen traurig und übermorgen abgeſchmackt! Ein Frauenzimmer kann folglich liebenswürdig ſein, ſo lange ſie der Gegenſtand all unſerer Aufmerkſamkeit iſt, ſo lange wir uns um einen Blick von ihr als um eine Gunſt bewerben; aber dieſes nämliche Frauenzimmer kann ſehr widerwärtig, höchſt lang⸗ weilig werden, wenn wir uns nicht mehr mit ihr peſchäftigen: ein Nichts erzürnt ſie, der geringſte Widerſpruch entlockt ihrem Munde bitterböſe Worte, Klagen, Beſchuldigungen... Ol trauet dem Geiſte eines Frauenzimmers nicht, wenn es kein gutes Gemüth hat, welches ihn leitet. Oder glauben Sie, auf das Herz zählen zu kön⸗ nen?.. Gibt es aber etwas, das uns mehr verräͤth * 7 und betrügt, als das Herz?... Oft ſind wir gar nicht Herr darüber; wir glauben es zu regieren, während es uns beherrſcht. Wenn wir glauben, es Jemand aufrichtig geſchenkt zu haben, werden wir nicht ganz überraſcht, an einem ſchönen Morgen wahrzunehmen, daß es ſich einem andern Gegenſtande hingegeben hat! Wenn wir auf ſeine Beſtändigkeit zählen, ſo läßt es uns im Stich; wenn wir es für kalt halten, ſo entflammt es ſich; wenn wir ihm Stillſchweigen gebieten, ſo ſpricht es uns zum Trotze unaufhörlich; deßbalb darf man auch nicht auf das Herz bauen. Nun bleibt uns noch die Seele, welche Jeder auf ſeine Art definirt: Eraſiſtratus ſetzt ſie in das Häut⸗ chen, welches das Hirn umhüllt; Hypokrates in die linke Herzkammer; Epikur und Ariſtoteles behaup⸗ ten, ſie befinde ſich im ganzen Körper; Empidokles und Moſes glauben ſie im Blute; Strabo ſucht ſie zwiſchen den beiden Augenbrauen; Plato vertheilt ſie in drei Theile: die Vernunft in das Hirn, den Zorn in die Bruſt und die Wolluſt in die Eingeweide. Die Griechen haben ſich mit der Seele hauptſächlich beſchäftigt. Parmenides hält ſie für Feuer; Anaxi⸗ mander für Waſſer; Zeno ſetzt ſie aus der Quint⸗ eſſenz der vier Elemente zuſammen; Heraklit ſieht in ihr bloß das Licht; xenokrates eine Zahl; Thales eine immer thätige Subſtanz, und Ariſtoteles eine Vollkommenheit; endlich erkennen wir nach dem Dich⸗ ter Mallebranche unſere Seele bloß durch das Ge⸗ wiſſen! Deßhalb können vielleicht ſo viele Leute nicht zur Erkenntniß der Seele gelangen. ‿ 8 Girardisre ſucht eine Jungfrau oder eine Wittwe, die Geiſt hat. Er denkt bei ſich: Ein geiſtvolles Frauen⸗ zimmer wird mich nicht abweiſen. Alle jene Perſo⸗ nen, welche mein Anſuchen zurückgewieſen haben, ſind Narren, von Frau Grandvillain an, welche in der Dummheit ihren Hund mir vorzog. Ich will mich an Jemand wenden, der mich zu ſchätzen weiß, und, wie meine verehrungswürdige Mutter ſagt, meinen Eigenſchaften, meinem artigen Benehmen Gerechtigkeit widerfahren läßt. Theophilus erinnert ſich, daß er ſich früher bei Frau von Berlinguerie in einer Abendunterhaltung befand und daß dieſe eine Tochter Namens Arabella hatte. Dieſe junge Perſon verrieth ſich ſchon früh⸗ zeitig als ein Wunderkind, als eine zehnte Muſe, eine Sappho, oder wenigſtens als eine Scuderi. In ihrem ſechsten Jahre hatte ſie auf das Namensfeſt ihres Vaters einen Glückwunſch ohne den Buchſtaben a verfaßt, im folgenden Jahre hatte ſie für ihre Frau Mutter einen gleichen ohne o gemacht, und richtete ſehr liebenswürdige Worte ohne u an ihren Taufpathen. Nach all dem glaubte man, ſie bringe es im Sprechen noch ſo weit, daß ſie gar keinen Buchſtaben mehr brauche, was eine ſehr außerordent⸗ liche Perſon aus ihr gemacht haben würde, unerach⸗ tet ſich in Paris ein Modehändler befindet, der ſich etwa ebenſo ausdrückt. Girardiére ſagte zu ſich:„Seit vier oder fünf Jahren, während deren ich Fräulein Arabella von Berlinguerie nicht geſehen habe, hat ihr Geiſt ſich 9 nur vollkommener ausbilden und verſchönern müſſen. Wie gut werden wir uns mit einander verſtehen!..⸗Sch bin nicht dumm, im Gegentheil ſogar ziemlich gelehrt .. ich, der ich in meinem Knabenalter meine Magd, die arme Tourloure, lateiniſch lehren wollte!... Wenn Fräulein Arabella die Rhetorik und ſchönwiſ⸗ ſenſchaftliche Studien durchmachen will, ſo bin ich vollkommen der Mann, den ſie nöthig hat.“ An einem Abend macht Girardiere ſeine Toilette noch viel ſorgfältiger als gewöhnlich, denn er erin⸗ nert ſich, daß bei Frau von Berlinguerie immer ein ziemlich ſteifer Ton herrſchte, und ſchlägt ſeinen Weg nach dem Marais ein. Die Familie des Fräuleins Arabella wohnt in der Straße der Trois-Pavillons. Sie beſteht erſtens in dem Herrn von Berlinguerie: einem kleinen Greis von ſiebenzig Jahren, welcher den größten Theil ſeines Lebens mit Verfaſſen und Auflöſen der Worträthſel zugebracht hat; ferner in der Mutter Arabellens: einer Frau von ſo kleinem Wuchs, daß ihr Mann neben ihr noch groß ſcheint. Ihr mageres, aber ſehr ausdrucksvolles Geſicht, ihre falben Augen, die wie Karfunkel glänzen, die außer⸗ ordentliche Beweglichkeit ihrer Züge endlich geben ihr das Ausſehen einer jener kleinen Feen, welche leicht aus einer Komode herausſchlüpfen und in einen Kürbiß ſich verſtecken können. Dabei hat Frau von Berlinguerie, ſelbſt wenn ſie in ihren Gemächern auf und ab geht, beſtändig einen Stock mit einem elfenbeinernen Knopf in der Hand, der eben ſo groß als ein Billardſtock iſt, womit ſie in ungeduldigen 10 Augenblicken auf den getäfelten Stubenboden klopft. Sie dürfen ſich nicht wundern, daß Herr von Berlin⸗ guerie, ein von Natur ſehr friedliebender Mann, ſich mitten in ſeinen Sätzen nicht unterbrechen läßt und den Faden ſeines Geſprächs nicht verliert, wenn er den furchtbaren Stock hört, deſſen Beſchläg auf dem Fußboden widerhallt. Arabella war die erſte Frucht dieſer ſo gut zuſammengepaßten Verbindung gewe⸗ ſen; dieſe junge Perſon, welche eben ihr dreiund⸗ zwanzigſtes Jahr erreicht hatte, war größer als ihr Vater und ihre Mutter ſenkrecht auf einander geſtellt (was die Beduinen eine menſchliche Pyramide nennen): Fräulein Arabella maß fünf Fuß ſechs bis ſieben Zoll; ihre Naſe ſtand in gleichem Verhältniß zu ih⸗ rer Größe, was ſie beim Küſſen ſehr geniren mußte; ihre Geſichtsfarbe war orangengelb; ihr Hals glich dem eines Straußen, ihr Gang dem eines Giraffen; ſie war ungeheuer mager: bei der geringſten Bewe⸗ gung, die ſie machte, mußte man befürchten, ſie breche ein Glied. Kurz, Alles war an dieſem Fräulein zu⸗ geſpitzt, vom Knie bis zum Ellenbogen, von ihrer Naſe bis zu ihrem Geiſt. Die glücklichen Anlagen, welche ſie in ihrer Kindheit gezeigt hatte, hatten ſich anſehnlich entwickelt. In der Wirklichkeit brauchte ſie die Buchſtaben o und a beim Sprechen, allein wie ſie ſie ausſprach! Indeſſen war Arabella nicht die einzige Frucht der Ehe ihrer ehrwürdigen Eltern: es war ihnen auch ein Sohn, aber zehn Jahre ſpäter geboren. Dieſer Knabe, den man für berufen hielt, ſeine 4————— 11 Schweſter nachzuahmen oder vielleicht zu übertreffen, hieß Phileoſinus. Kaum konnte er einige Worte ſtam⸗ meln, ſo wollte ihn ſeine Schweſter lehren, ſich mit Zierlichkeit auszudrücken, ſeine Mutter, nanan ohne a zu ſagen, und ſein Vater Räthſel aufzulöſen. Der kleine Phileoſinus zeigte ſich bei Allem, worin man ihn unterrichten wollte, ſehr widerſpenſtig: er ſchien keinen Geſchmack an den ſchönen Redensarten ſeiner Schweſter zu finden; er verlangte zu eſſen oder zu trinken wie ein niedriger Bettler und begriff nicht einmal, was eine Charade iſt. Die Familie von Berlinguerie hielt es für Eigenſinn; ſie beſtand darauf, der kleine Phileoſinus wäre ein Genie, und man quälte den kleinen Knaben dergeſtalt, daß er im Alter von acht Jahren ganz blödſinnig war. Aber die Familie behauptete trotz dem, das Kind ſei begeiſtert, und man gab ſich das Anſehen, es zu glauben, weil man in der gebildeten Welt zu höflich iſt, als daß man widerſpricht. In dieſer Familie will der arme Theophilus Gi⸗ rardière eine Gattin ſich holen; Andere hätten dieß für einen Akt der Verzweiflung gehalten, aber er, der Alles lieb und ſchön findet, überzeugt ſich zum Voraus, daß ſeine Verbindung mit der geiſtreichen Arabella das Glück ſeines Lebens begründen werde. Die Familie von Berlinguerie wohnt in einem alten Haus, deſſen durch die Zeit geſchwärzte Mauern 8 beinahe mit denen des Höôtels Clury wetteifern kön⸗ nen. Ein großes Thor geht in einen ungeheuern Hof, deſſen Pflaſter dicht mit Gras überwachſen iſt. 4 12 Der Thorwärter wohnt ganz im Hintergrunde des Hofes, ſo daß man, wenn die Perſon, welche man beſuchen will, ausgegangen iſt, nichts deſto weniger den Hof in ſeiner ganzen Länge zwei Mal zu über⸗ ſchreiten hat, um ſich davon zu überzeugen. Dieß iſt namentlich ſehr angenehm, wenn es regnet und wenn man keinen Regenſchirm hat— gute Einrichtungen un⸗ ſerer Vorfahren, welche die Liebhaber des gothiſchen Styls ſehr ungern aus der Mode kommen ſehen. Girardieére ſteigt aus dem Cabriolet, denn er wollte nicht zu Fuße gehen, weil es regnet, das Pfla⸗ ſter ſchmutzig iſt und er fürchtet, ſeine Schuhe könn⸗ ten den Glanz verlieren. Er bezahlt den Kutſcher, klopft an die Hausthüre, die erſt nach langer Zeit geöffnet wird, und wird daher nicht wenig durchnäßt. Endlich rollt die große Thüre in ihren Angeln auf; er ſchließt ſie wieder zu und da er nicht weiß, wo ſich der Thorwärter befindet, indem er das erſte Mal in dieſes Haus kommt, wo die Familie von Berlin⸗ guerie erſt ſeit drei Jahren wohnt, ſieht er ſich nach allen Seiten um, und da er Niemand bemerkt, be⸗ fürchtet er, er habe ſich getäuſcht. Zufällig geht er auf eine niedere kleine Thüre zu, die er links gewahr wird, nähert ſich, ruft, erhält aber keine Antwort. Er zieht die Thüre an ſich: Alles iſt dunkel und ſtill; er geht einige Schritte vor, glitſcht mit dem Fuße aus, fällt, rutſcht mehrere Schritte vorwärts und merkt endlich, daß er den Weg nach dem Keller ein⸗ geſchlagen hat. Girardieére ſteht fluchend und tobend auf und geht in den Hof zurück. Es regnet viel 13 ſtärker; unſer Heirathsluſtiger iſt ſehr böſe gelaunt. Das Pflaſter des Hofes, mit Gras faſt ganz überwach⸗ ſen, iſt äußerſt ſchlüpfrig und trotz des Regenguſſes muß man ſehr vorſichtig und langſam gehen, um nicht abermals zu fallen. Girardisre bleibt mitten im Hofe ſtehen und ſagt zu ſich ſelbſt:„Welch' ſon⸗ derbares Haus!... es gleicht dem Schloſſe in dem Märchen von„der Schönen und der Einfältigen“... man würde nie vermuthen, daß man in Paris iſt, ſo traurig iſt es hier. Wo, in Teufels Namen, iſt denn der Portier dieſes Hauſes verſteckt? Ah! ich glaube, ich ſehe ein Licht, wenn es kein Irrlicht iſt. Seitdem ich in einen Keller gefallen bin, kommt mir in dieſem Hauſe Alles verdächtig vor... Nun vor⸗ wärts, aber aufgepaßt!“ Girardière geht auf das Lichtchen zu. Endlich gelangt er an ein Gebäude, klopft an eine eingeräu⸗ cherte kleine Glasſcheibe, woraus eine rauhe Stimme ihm zuſchreit:„Was machen Sie denn ſeit einer halben Stunde, wo ich Ihnen die Thüre geöffnet habe, im Hofe? Was iſt das für eine Art, an den Häuſern zu klopfen und ſich dann im Keller zu ver⸗ ſtecken?“ 3„Sich im Keller verſtecken!“ erwiedert Girardiere, indem er in das Stübchen tritt, um ſich vor dem Regen zu ſchützen;„beim Henker, Portier, Sie kom⸗ men mir ſehr lächerlich vor... ich bin in den Keller gefallen... wo ich ſelbſt mein Leben in Gefahr ſetzen konnte; wenn man in ſeinem Hauſe ſolche Fallen hat, ſo muß man zur Vorſicht Laternen brennen 14 laſſen, die den Perſonen, welche die Miethsleute be⸗ ſuchen, leuchten. Ich habe meine Kniee aufgefallen, das iſt ſehr unangenehm; nun muß ich hinkend meine Aufwartung machen!... Sagen Sie mir vor allen Dingen, ob Herr und Frau von Berlinguerie bei Ihnen wohnen?“ „Ahl Sie wollen Frau von Berlinguerie beſu⸗ chen,“ ſagt. der Thorwärter in einem höflicheren Tone;„ol das iſt etwas Anderes, verzeihen Sie mir doch meine Unachtſamkeit; Sie wiſſen wohl⸗ in dem Marais⸗Quartier gibt es eine Menge Spitz⸗ buben, welche des Abends alle Thorwärter teufliſch beunruhigen! Dieſe Schlingel wiſſen nicht, welche Streiche ſie uns ſpielen, welche Unverſchämtheit ſie uns anthun ſollen! Zuerſt klopfen ſie an die Haus⸗ thüre: wir öffnen, allein Niemand tritt ein, dann müſſen wir aufſtehen und hinausgehen, um die Thüre zu ſchließen; ein ander Mal treten ſie herein, aber bloß um in dem Hof ſich in Schmähworten auszu⸗ laſſen: wir müſſen abermals hinausgehen, um ſie fortzujagen. Wir ſpringen mit einer Peitſche ihnen nach; wenn wir ſie aber in unſerer Hand glauben, flüchten ſie ſich und lachen uns in's Geſicht hinein aus. Solche Schlingel werden gewiß einmal auf dem Schaffot ſterben. Ein ander Mal...“ „„Es iſt genug, Thorwärter, Sie werden mir ein anderes Mal mehr ſagen. Iſt dieſen Abend bei Herrn von Berlinguerie Geſellſchaft?“ „Aufzuwarten! o ja, heute hat es viele Leute, es iſt ihr Geſellſchaftstag. Vier Perſonen ſind hinauf⸗ 15 gegangen, worunter eine Dame mit ihrer Zauberla⸗ terne, welche, wie ich glaube, die Kraft beſitzt, den kleinen Herrn Phileoſinus zu unterhalten: das iſt, wie Sie wiſſen, der kleine junge Menſch, der Bruder des Fräuleins, welcher, wie man verſichert, begeiſtert iſt. Dieſer arme Knabe! ich weiß nicht, was ihn ſo be⸗ geiſtern kann; er bringt ſeine Zeit mit Tollheiten, die er in dieſem Hofe verübt, zu: er läßt Waſſereimer in den Brunnen fallen, wirft Steine in die Fen⸗ ſter, ſtreckt gegen Jedermann ſeine Zunge heraus...“ „Sehr gut, Portier, nun bin ich etwas reinlicher und kann meine Aufwartung machen. Wo wohnt Frau von Berlinguerie?“ „Im zweiten Stockwerk, links; es iſt ein Hirſch⸗ horn am Glockenzug.“ „Gut, das Hirſchhorn wird mir den Weg weiſen.“ Theophilus Girardière geht die Stiege hinauf und kommt im zweiten Stockwerk an, nachdem er der Familie von Berlinguerie bereits durch zwei Pfiffe angemeldet wurde. Unſer Eheſtands⸗Candidat ſieht das Hirſchhorn, welches die Quaſte am Glockenzuge erſetzt und zieht mit einer geheimnißvollen Bewegung daran, indem er zu ſich ſelbſt ſagt:„Drollige Erfin⸗ dung, ein Hirſchhorn vor ſeine Thüre zu hängen! Wenn ich verheirathet ſein werde, ſo werde ich eine Ouaſte anbringen, welche einem Horn doch bei wei⸗ tem vorzuziehen iſt.“ Man öffnet ſogleich; Girardidère tritt in ein ſehr geräumiges Gemach, das übrigens ſehr ſparſam möblirt iſt. In dem Vorzimmer befindet ſich gar 16 nichts; im Speiſeſaal ſtehen zwei Stühle ohne Leh⸗ nen; in dem Zimmer des Herrn, durch das man in den Salon gelangt, ſieht man bloß einen alten Schreibtiſch und zwei Lehnſeſſel; endlich im Salon, wohin Girardiere ſich ohne Zögern begibt, ſind außer einem alten Kanapee bloß für etwa fünfzehn Perſo⸗ nen Seſſel. Girardière ſagt beim Wahrnehmen die⸗ ſer wenigen Moͤbeln zu ſich:„Die geiſtreichen Per⸗ ſonen legen auf die Luxusgegenſtände wenig Gewicht und begnügen ſich mit dem durchaus Nöthigen. Um ſo beſſer: Fräulein Arabella iſt daher ſehr haushäl⸗ teriſch, das gefällt mir vollkommen; nun will ich mich mit Anſtand vorſtellen und auf eine geiſtreiche Art mich auszudrücken ſuchen!“ Als Theophil in den Saal eintrat, ſaß die ganze Geſellſchaft im Halbkreis herum. Herr von Berlin⸗ guerie, in einem alten Lehnſeſſel verſteckt, war eben im Begriff, der Geſellſchaft ein ſelbſtverfaßtes Räth⸗ ſel aufzugeben. Seine Frau Gemahlin ſaß auf dem Kanapee und ſtützte auf den furchtbaren Stock ihre linke Hand. Eine alte Dame, mit buhleriſchem Prunke angekleidet, ſaß neben ihr und hatte ein Zau⸗ berlaternchen von Blech auf den Knieen, welches ſie mit Wohlgefallen betrachtete. Die herrliche Arabella ſaß ein wenig entfernter, ihre Blicke ruhten auf der ganzen Geſellſchaft, deren Huldigung ſie zu erwar⸗ ten ſchien. Unmittelbar hinter dem Kanapee ſaßen drei Herren auf Seſſeln. Der erſte, etwa ſechszig Jahre alt, eine ernſthafte, lange Perſon, hielt in der Hand eine Ruthe, Nach dieſem Herrn kam ein 17. junger Mann, der beſtändig auf's Gutmüthigſte lachte, mit einer religiöſen Aufmerkſamkeit zuhörte, den Hals zu Herrn von Berlinguerie hinbog, die Augen wie Lottokugeln herumdrehte und höchlichſt erfreut ſchien, ſich in ſo guter Geſellſchaft zu befinden. Die⸗ ſer junge Menſch, der höchſtens neunzehn Jahre alt ſein konnte, trug einen abgetragenen haſelnußbrau⸗ nen Frack, deſſen Aermel vier Zoll von der Hand zurückſtanden, und eben ſo kurze Hoſen, die er immer hinunterziehen mußte, um den Schein, als trage er kurze Beinkleider, zu entfernen. Bei all dem aber zeigte dieſer Jüngling einen ſehr guten Anſtand. Auf dieſen endlich folgte ein dicker Papa von mitt⸗ lerem Alter, mit einem kupferrothen Geſichte, deſſen ganzes Weſen einen über ſeine geſellſchaftliche Lage beglückten Mann verräth. Er hörte mit viel weniger Aufmerkſamkeit zu, ſchloß manchmal die Augen, öff⸗ nete ſie von Zeit zu Zeit wieder und rieb ſie lebhaft, beſonders wenn er ſeinen Nachbarn, deſſen ernſt⸗ hafter Blick ihn wegen ſeiner Schlafſucht zu tadeln ſchien, huſten hörte. 4 Der kleine Phileoſinus befand ſich nicht in dem Kreis: er lag in einer Ecke des Salons auf dem Boden, baute zu ſeiner Unterhaltung aus Karten Schlöſſer, lachte alle Augenblicke wie ein Tölpel, wälzte ſich dann bis zum Kanapee hin, und zog die Perſonen, die darauf ſaßen, an den Füßen. Theophils Ankunft unterbricht den Herrn des Hau⸗ ſes gar nicht; man begnügt ſich, den Ankömmling mit Paul de Kock. XLVII. 3 2 * 18 ernſter Würde zu grüßen, weist ihm einen Stuhl an und fährt in der Verfertigung des Räthſels, der ge⸗ wöhnlichen Erholung bei Arabellens Eltern, fort. Theo⸗ . philus muß ſich nun ſetzen und wie die Andern zuhoͤren; er gibt aber ſehr wenig Acht auf das Räthſel und ſchaut ohne Unterlaß die Tochter des Hauſes an, welche er ſchon lange nicht mehr geſehen hatte und die ihm auffallend groß vorkommt. Er ſchließt hier⸗ aus, daß Fräulein von Berlinguerie ſehr viel Stoff zu ihren Kleidern braucht, allein dieſe merkantiliſche Rückſichten halten ihn doch nicht von ſeinem Vorſatze ab, und da er ſich mit Gewalt von der Schönheit dieſer Perſon überzeugen wollte, ſand er endlich eine entfernte Aehnlichkeit derſelben mit der keuſchen Ve⸗ nus. Nachdem Herr von Berlinguerie ſein Räthſel beendigt hatte, bleiben die Anweſenden einige Augen⸗ „blicke in tiefes Stillſchweigen verſenkt. Jeder ſucht das rechte Wort oder wird wenigſtens dafür angeſe⸗ hen, als ob er es ſuche. Der Schulmeiſter huſtet, rceeibt ſich die Stirne, ſchnäuzt ſich, kratzt ſich hinter den Ohren und ruft endlich aus:„Abends kann ich nie gut rathen, aber morgen früh beim Erwachen werde ich es gewiß finden.“ Der Jüngling verdreht verſtört ſeine Augen, zieht an ſeinen Aermeln, an ſeinen Hoſen und ſagt:„Das Wort iſt Senf oder Eſſig!“ worauf Fräulein Arabella entgegnet:„O, Sie haben weit gefehlt.“ Als man an den dicken Herrn kommt, mußte man ihm die nämliche Frage drei Mal wiederholen, bis er die Augen, die er be⸗ harrlich zumachte, öffnete; beim Aufſchauen murmelte — 9——— 19 er:„Das Wort, ich träumte davon, ich verſichere Sie, ich träumte davon.“ Die Reihe kommt nun an Theophilus; ganz überraſcht über die Frage, ob er das Räthſel errathen habe, ſagt er naiv:„Es würde mir ſehr ſchwer ſein, Ihre Charade zu er⸗ rathen, denn ich geſtehe Ihnen, daß ich nicht aufge⸗ paßt habe.“ Mit dieſer Antwort begnügte ſich aber die ehrenwerthe Geſellſchaft durchaus nicht, und die Mutter Arabellens, mit ihrem Stock auf den Boden klopfend, ſagt ſehr beißend zu Theophilus:„Woran denken Sie denn, wenn Sie nicht auf unſere Reden hören? Aus welchem Grunde haben wir denn das Glück, nach ſo langer Zeit Sie wieder in unſerer Mitte zu ſehen??“? Theophilus erröthet über ſeine Verlegenheit; er will nicht vor Jedermann ſeinen Heirathsantrag ſtellen und murmelt mit geſenktem Blicke:„Später, Frau von Berlinguerie, werde ich die Ehre haben, mich näher zu erklären; überhaupt war ich nie, gar nie in den Räthſeln und Logogryphen bewandert; hiezu gehört eine gewiſſe Geſchicklichkeit, die mir nicht eigen iſt.“„ 8 Frau von Berlinguerie ſieht ihren Gemahl an, dieſer ſchaut auf ſeine Tochter, und Arabella kann ſich nicht enthalten, die Achſeln zu zucken und ſich in die Lippen zu beißen, die ſehr viel ſagen zu wollen ſcheinen. Bald darauf wendet ſie ſich zu der Geſell⸗ ſchaft mit den Worten:„Ich will Ihnen einige Cha⸗ raden von mir vorſagen; wenn es ſich nicht zu lange verzögert, ſo wollen wir die Abendunterhaltung mit 20 Reimen beſchließen.“ Die Geſellſchaft bezeugt ihre volle Zufriedenheit über dieſes neue Vergnügen. Die Dame, welche die Zauberlaterne auf ihrem Schooße hält, iſt die einzige, welche ſich widerſetzen will; die neben ihr ſtehenden farbigen Gläſer lebhaft umwen⸗ dend, ſagt ſie:„Ich hätte geglaubt, man würde, um den kleinen Phileoſinus zu zerſtreuen, ſich das Ver⸗ gnügen machen, zu...“ Frau von Berlinguerie läßt dieſe Dame nicht aus⸗ reden und unterbricht ſie mit den Worten:„Mein Sohn ſpielt; er unterhält ſich ſehr gut in dieſem Augenblick, und ich halte es für beſſer, das Schau⸗ ſpiel der Zauberlaterne auf ein anderes Mal zu ver⸗ ſchieben. Arabella, ſag' uns Deine Charaden, wir ſind ganz Ohr.“ Arabella erfüllt den Willen ihrer Mutter und macht für die Geſellſchaft eine Charade. Jedes hört aufmerkſam zu oder ſtellt ſich wenigſtens ſo. Girardiere allein, von ſeinen Heirathsplänen ganz eingenommen, iſt zum Räthſelauflöſen nicht aufge⸗ legt, und wenn das Fräulein ihn fragt:„Nun, was iſt mein Erſtes, mein Zweites, mein Ganzes?“ er⸗ wiedert Theophilus:„Ihr Ganzes, Fräulein? ach! zs iſt ſonderbar, ich komme nicht darauf; ich geſtehe Ihnen, ich konnte Ihr Ganzes nicht faſſen.“ Man vernimmt in dem Salon ein mißbilligendes Murren und würdigt Girardieére keines Blickes und keines Wortes mehr. Die geiſtreichen Unterhaltungen, welche man bei Herrn von Berlinguerie genießt, dau⸗ ern nie über halb zehn Uhr, um welche Zeit ſich die ganze Geſellſchaft erhebt und ſich verabſchiedet. Thep⸗ 21 philus folgt den Andern nicht, ſondern bleibt zurück, nähert ſich verlegen Arabellens Vater und bittet ihn einen Augenblick auf ein Wort allein.. Der alte Herr glaubt, es handle ſich von einem Räthſel, das man ihm aufgeben wolle, führt Girar⸗ diere in ſein Kabinet, wo dieſer, nach ſeiner gewöhn⸗ lichen Vorrede, ihn um die Hand ſeiner Tochter bittet. Herr von Berlinguerie, in ſeiner Hoffnung ſehr ge⸗ täuſcht, war auf etwas ganz Anderes gefaßt und entgegnet ihm trocken:„Sie halten um meine Tochter an! das geht mich nichts an; übrigens will ich mit meiner Frau reden. Wollen Sie morgen wieder kommen, dann werde ich Ihnen die Antwort dieſer Damen mittheilen.“ Girardiere entfernt ſich ziemlich mißvergnügt über die gefundene Aufnahme. Er iſt ſehr böſe, daß er das Räthſel von Fräulein Arabella nicht errathen konnte, und beſinnt ſich die ganze Nacht über deſſen Auflöſung. Am folgenden Tag kehrt er in die Straße der Trois-Pavillons zurück. Dieß Mal verirrt er ſich nicht im Hofe, noch fällt er in den Keller; er begibt ſich geraden Wegs zu Herrn von Berlinguerie, den er allein antrifft. Theophilus, äußerſt begierig auf eine Antwort, fragt ſogleich den alten Herrn, der ihm ſehr trocken erwiedert:„Sie ſind abgewiefen, mein lieber Freund!“ „Abgewieſen!“ ruft Girardièére aus;„darf ich auch wiſſen, aus welchem Grunde?“ „Bloß aus Einem Grunde, den ich Ihnen nicht gerne mittheilen möchte.“ 3 22 „Ich beſtehe darauf, ihn zu erfahren.“ „Nun, mein Lieber, meine Tochter weist Sie ab, weil Sie ihr zu dumm vorkommen.“ Girardiere will nichts mehr hören, drückt ſeinen Hut über's Geſicht herein und entfernt ſich, indem er ſagt:„Ich will doch lieber ſo ſein, wie ich bin, als begeiſtert wie Ihr Herr Sohn.“ Zweites Kapitel. Bei dem Gaſtwirth. Ich will Ihnen nicht alle Heirathsanfragen, welche auf die der Fräuleins Grandvillain, Duhaucourt, Belleville und Lapoucette folgten, aufführen, ſondern ich begnüge mich damit, Ihnen zu ſagen, daß alle keinen glücklicheren Erfolg hatten; indeſſen hatte ſich Girardiere gebeſſert und hielt endlich um ſechsunddrei⸗ ßigjährige Jungfern, Wittfrauen, ſelbſt um alte Da⸗ men an, allein ein geheimes Unglück ſchien ihn zu ver⸗ folgen, und noch war er Junggeſelle. Die Zeit verfloß, er hatte ſein neunundvierzigſtes Jahr erreicht und trat in ſein fünfzigſtes. Er alterte auch ſchneller wegen des Kummers, den ihm die unaufhörlichen Körbe verurſachten. Er verlor Farbe und Appetit und ſeine letzten Haare. Er war beſtändig mürriſch und konnte kein hübſches Frauenzimmer mehr wahrnehmen, ohne Grimaſſen zu ſchneiden und zu ſich ſelbſt zu ſagen:„Oas ware 4 wieder Eine für mich!“ — S 23 Wenn er neben ſeiner alten Mutter ſaß und tiefe Seufzer ausſtieß⸗ ſagte ſie zu ihm:„Mein Söhnchen, glaube mir... eile nicht mit dem Heirathen! Du haſt wohl noch Zeit... mit Deinem äußern Anſtand und Deinen Vorzügen findeſt Du ſo viel Partieen, als Du nur willſt. Denke an das Sprichwort: Eile mit Weile!“ Das Geſpräch der guten Frau machte den armen Theophilus ungeduldig, und als einmal die Mama länger als gewöhnlich von dem phyſiſchen Zuſtande und den Vorzügen ihres Sohnes fortplauderte, nahm er ſeinen Hut und begab ſich, anſtatt bei ihr zu Mittag zu ſpeiſen, zu einem Gaſtwirthe. Nun kommen wir auf den Zeitpunkt zurück, wo wir am Anfang dieſer Erzählung ſtanden. 4 Da Sie die früheren Verhältniſſe Girardiere's hinlänglich kennen, ſo wollen Sie ſich gefälligſt zu ihm in das Haus des Speiſewirths zurückverſetzen. Girardière ſitzt an einem Tiſche, wo bereits ein ziemlich bejahrter Herr ſich befand. In dem Speiſe⸗ ſaale eines Gaſtwirths begnügt man ſich zu zwei⸗ manchmal zu vier an einem Tiſche. Der Nachbar Girardière's iſt ſo beleibt, daß er allein ſeine ganze Tiſchſeite einnimmt. Dieſer Herr, einzig dem Vergnügen, ſich zu mäſten, lebend, öffnet, ſo oft er ſich mit der Gabel nähert, den Mund un⸗ geheuer(das Bild eines in Thätigkeit geſetzten Viel⸗ fraßes), und bekümmert ſich durchaus nichts um das, wmas um ihn her vorgeht; er ſpeist zu Mittag, und man ſieht deutlich⸗ daß dieß ſein wichtigſtes Tagsgeſchäft iſt. 24 Girardière nimmt eine Speiſekarte und ſieht ſie oberflächlich an. Er hat keinen Appetit, und doch möchte er ſich durch ein gutes Mittageſſen gütlich thun. Der Kellner bleibt vor Girardieére ſtehen.„Was befehlen der Herr?“ „Hm! hml ich weiß nicht... wir wollen ſehen!“ „Kellner! meine Cotelette!“ ſagte der dicke Herr, ohne die Augen von dem Teller, worauf noch die Reſte eines Rebhuhns lagen, abzuwenden. Eine Familie tritt herein und ſetzt ſich an einen Tiſch zur Seite Girardiére's. Es iſt ein ächter Bür⸗ gersmann aus der Straße Saint⸗Denis, mit ſeiner Frau, die einen Hut mit Blumen trägt, dergleichen man keinen als Aushängeſchild brauchen würde; fer⸗ ner ein kleines Mädchen von zehn Jahren, ganz wie ihre Frau Mutter gekleidet, was ihr das Ausſehen einer Buckeligen gab; endlich ein achtjähriger Knabe, der auch ſchon einen runden Hut mit breitem Rande trug. Kaum finden alle dieſe Platz. Vor Allem will der Familienvater ſeinen Rock ausziehen, welchen er über dem Fracke trägt: er ſucht überall einen Platz, um ihn aufzuhängen, aber vergeblich; alle Wandſchrau⸗ ben waren mit Hüten behängt, auch gab es keine leeren Seſſel, weßhalb er ſeinen Ueberrock wieder anzieht. Die Frau möchte gerne ihren Hut ablegen und ſucht ein Plätzchen, wo ihr Kopfputz nichts zu fürch⸗ ten hätte, aber am Ende macht ſie es wie ihr Mann und behält den Hut auf. Das kleine Mädchen hat ſich zuerſt geſetzt, aber 25 ſie ſitzt zu nieder. Der Familienvater ruft dem Kellner zu:„Ein Polſter, ein Schemelchen, oder irgend et⸗ was unter die Füße meiner Tochter.“ 3 Der Kellner entfernt ſich, und kommt kurze Zeit nachher mit einem großen Bündel, den man auf den Seſſel des Mädchens legt, zurück. In der Meinung, fertig zu ſein, fragt er, ob man Auſtern wünſche. „Nun ſollten wir etwas haben, um es unter mei⸗ nen Sohn zu legen. Er ſtößt, wie Sie ſehen, mit der Naſe auf den Tiſch... ſo könnte er unmöglich mit einer Gabel eſſen...“ 8 „Nein, Papa,“ ſagt der kleine Knabe,„o! ich werde ſchon eſſen... ich bin groß genug.“ 8 „Ich ſage Dir, Kind, der Tiſch iſt für Dich zu hoch. Sei nicht widerwärtig, ſonſt bekommſt Du keinen Eierauflauf.“ Der Kellner holt ein rundes Lederkiſſen, wie es die Beamten in den Schreibſtuben haben, und ſagt: „Ich konnte nichts Anderes finden.“ „Das iſt ganz recht... mehr braucht's nicht.“ Man legt das Lederkiſſen auf den Seſſel des Kna⸗ ben, er will ſich aber nicht darauf ſetzen und ſchreit: „Nun! warum gibt man mir denn dieſes durchlö⸗ cherte Ding da? Ich will's nicht... das iſt garſtig.“ „Schweig, Kind! Ich ſag' Dir noch einmal, ſei artig, oder Du bekommſt keinen Eierauflauf.“ Dieſe Drohung thut immer ihre Wirkung; der Knabe ſetzt ſich auf das runde Lederkiſſen, macht aber ein böſes Geſicht dazu und bewegt ſich auf ſeinem Seſſel immer hin und her. 3 26 „„Befehlen Sie Auſtern?“ wiederholt der Kellner. „Ich wünſchte zuerſt eine Wärmflaſche unter meine Füße,“ ſagt die Frau,„mich friert's in die Füße; und was wollt ihr, Kinder? wollt ihr nicht auch ein Schemelchen unter die Füße?“ „Ich hab' Hunger... ich hab' Hunger!“ „Still! ſeid artig!... Frau, ſei ſo gut und gib mir die Speiſekarte.“ „Hier, mein lieber Mann!“ Der Herr ſieht ſehr lange in der Karte nach, man könnte glauben, er leſe den Moniteur. Der Kellner kommt mit einer Wärmflaſche, die man unter die Füße der Frau ſtellt, zurück, und fragt dieß Mal:„Mit was darf ich Ihnen aufwarten?“ Der Herr gibt die Karte ſeiner Frau mit den Worten:„Wähle Dir nun, was Du eſſen willſt.“ Die Frau durchgeht die Karte, und da ſie eben ſo lange Zeit als ihr Mann dazu braucht, bedient der Kellner einſtweilen an einem andern Tiſch die Gäſte. „Meine Cotelette, übrigens nicht zu ſehr geba⸗ cken!“ ſagte der Nachbar Girardiére's. Der Letztere wandte ſich darauf zum Kellner:„Bringen Sie mir irgend etwas Gutes... was Sie wollen, ich über⸗ laſſe es Ihnen.“ „Kellner! Kellner!“ ſchreit der Familienvater. Der Kellner ſpringt herbei, in der Meinung, man werde das Mittageſſen befehlen, bückt ſich zu ihm hin und will hören. „Wir haben keine Galzbüchſe, Kellner!... an — 27 was denken Sie denn? Kann man ohne Salzvuchſe ſpeiſen?“ Der Kellner nimmt eine von dem benachbarten Tiſche und ſtellt ſie der ehrwürdigen Familie hin mit den Worten:„Haben Sie ſich entſchloſſen, was Sie ſpeiſen wollen?“ „Meine Liebe, haſt Du Dich über das Mittag⸗ eſſen entſchieden?“ fragt der Herr ſeine Frau, welche die Karte auswendig zu lernen ſcheint. „Ich ſuche immer.. ich weiß nicht... Ei, ich bitte Dich, mein Lieber, befiehl nach Deinem Geſchmack!“ „Nein, meine Theuerſte, wähle nach dem Dei⸗ nigen, mir iſt Alles recht.“ „Eierauflauf, Papa,“ ſagt der Knabe, auf ſei⸗ nem runden Lederkiſſen ſich herumbewegend. „Ja, Kind, wir laſſen dieß kommen, wenn Du artig biſt, aber können das Mittageſſen nicht damit anfangen... Nun, Frau, was wünſcheſt Du?“ Die Frau gibt die Karte ihrem Manne mit den Worten zurück:„Ach, meiner Treu, es ſteht ſo viel darauf, daß ich ganz irre werde!l ich kenne mich nicht mehr aus!“ „Wir ſollten doch eine Suppe wählen.“ „Willſt Du eine Suppe? Wir eſſen alle Tage zu Haus eine Suppe.“ „Ich will gerade keine!... Kellner, Kellner!“ Der Kellner kommt ganz athemlos. „Kellner, wir eſſen keine Suppe.“ „Wünſchen Sie dann Auſtern?“ Der Herr ſieht ſeine Frau an, die Fran ihre Tochter, die Tochter ihren Bruder, und dieſer be⸗ trachtet ſein rundes Lederkiſſen, an das er ſich nicht gewöhnen kann. Der Familienvater wiederholt ſeine Frage, ſeine Frau ſtößt ihn unter dem Tiſche mit dem Knie, ſchüt⸗ telt den Kopf und erwiedert:„Ich will durchaus keine Auſtern? Willſt Du welche?“ „Durchaus nicht, ich verſichere Dich.“ b Die Frau ſetzt leiſe hinzu:„Die Auſtern ſind zu theuer, es ſind Citronen dabei! Außerdem gewinnt man nichts damit, ſie vermehren nur den Appetit.“ „Kellner!... hieher, Kellner!“ „Was befehlen Sie?“ „Wir eſſen keine Auſtern.“ Dem Kellner läuft die Galle über; er geht fort, zuckt die Achſeln. Der Herr und die Frau durchgehen abermals die Karte. Die Kinder, in der Meinung, man habe ſie bloß hieher geführt, um die Salzbüchſe und die Waſſerflaſchen anzuſchauen, werfen zu ihrem Vergnügen und zum Beirvernre den Pfeffer auf dem Tiſch herum. Der Nachbar Girardière's hat ſeine Cotelette hin⸗ untergeſchluckt; Girardière wagt nicht, ihn anzu⸗ ſchauen, aus Furcht, jenen ungeheuern Mund wahr⸗ zunehmen, deſſen Oeffnung ſo groß als ein deutſches Kamin iſt und der Alles zu verſchlingen droht. Ein junger Mann, der ſo eben ſeine Zeche be⸗ zahlt hat, ſteht auf, bleibt im Vorbeigehen vor Gi⸗ rardiére ſtehen und reicht ihm die Hand mit den Worten:„Ah! guten Tag, mein lieber Freund!... 8 29 Wie, wir ſpeiſen allein, Jeder für ſich... Ol Sie hätten ſich neben mich ſetzen ſollen. Es hätte mich ſehr gefreut.“ „Ich komme ſo eben an.“ „Nun! haben Sie die bewußte Dame beſucht? Iſt Ihr Zweck erreicht? hm... was halten Sie da⸗ von?“ „Ah ſo...'s iſt eben recht, Sie ſind ſehr artig, bezeichnen mir ein Kaffeehaus mit den Worten: die Limonadehändlerin ſei Wittfrau und wünſche ſich zu verheirathen; Sie veranlaſſen mich, ihr einen Beſuch zu machen, ich gehe hin und denke: das Anſchauen koſtet nichts! doch koſtete es mich einen Thee mit Frauenhaarſyrup! Gleichviel, ich ſehe eine ſehr hübſche, anmuthige, noch junge Frau. So lange ich meinen Thee bezahle, ſchwatze ich mit ihr am Zahl⸗ tiſche; man antwortet mir eben ſo liebreich als geiſt⸗ voll!... Ich bin entzückt... Sechs Tage hinter⸗ einander beſuche ich das Kaffeehaus, wo ich ſehr viel Geld verzehrt habe; am ſiebenten Tage endlich ent⸗ ſchloß ich mich, weiter zu gehen und der Limonade⸗ händlerin einige Vorſchläge zu machen; allein bei den erſten Worten ſchon fällt ſie mir in die Rede und ſagt: Mit wem glaubt der Herr zu ſprechen? — Mit einer liebenswürdigen Wittwe, der ich gar nicht abgeneigt wäre, mein Herz und meine Hand anzubieten.— Sie ſind ſehr artig, aber Sie irren ſich, ich bin verheirathet und habe drei Kinder.— Man hat mich indeß verſichert, die Frau dieſes Hauſes ſei eine Wittwe.— Man hat ſie nicht getäuſcht, allein ich bin nicht die Frau vom Hauſe; ſie mußte eine kleine Geſchäftsreiſe machen, und hat mich gebeten, während ihrer Abweſenheit die Aufſicht zu führen; ſie wird erſt in zwei Tagen zurückkommen.— Hierüber etwas be⸗ täubt, entſchuldige ich mich, und entferne mich mit dem Vorſatz, am nächſtfolgenden Tag in das Kaffeehaus zurückzukehren. Wirklich gehe ich auch dahin. Die Eigenthümerin des Kaffeehauſes, eine Wittwe, war zurückgekommen! Ach, gerechter Gott, welcher Unter⸗ ſchied! Ich ſehe am Zahltiſche eine ſchauerliche Frau, die wenigſtens fünfzig Jahre alt war und einen Kropf hatte!... Ich flüchtete mich fort, ohne etwas zu mir zu nehmen.“ „Ach! ach! armer Girardieére!... es iſt gewiß nicht meine Schuld... ich hatte eine hübſche Limo⸗ nadehändlerin geſehen, man ſagte mir: die Frau des Hauſes ſuche einen Mann.. ich konnte nicht ahnen, daß dieß eine andere ſei. Gleichviel, ich werde Ihnen etwas Anderes ſuchen und zu wiſſen thun. Zählen Sie auf mich.“ „Ich danke verbindlichſt.. ich ſehe mich eben ſo gerne allein um, und will Ihnen dieſe Mühe er⸗ ſparen.“ Der junge Mann entfernt ſich lachend und Gi⸗ rardiere ſetzt ſich wieder zum Mittageſſen nieder, in⸗ dem er zu ſich ſelbſt ſagt:„Ich habe genug an ſeinen Gefälligkeiten, er ſucht mir Frauenzimmer, damit ich ihm auftiſchen ſolle; er ſchickt mich zu Perſonen, die nicht verſtehen, was ich ſagen will; gibt mir falſche Adreſſen!.. Nein, ich werde von nun an meine 31 Sachen ſelbſt beſorgen, und wenn der Himmel will⸗ daß ich ein Hageſtolz bleiben ſoll... nun ja, ſo muß ich mich darein ſchicken... Ach, verfluchter Hund! ohne Dich beſäße ich jetzt die kleine Grandvillain... Seit der Zeit kann ich auch keinen Hund mehr an⸗ ſehen... keinen mehr leiden.“ „Kellner! hierher doch, Kellner!... ſeit einer Stunde rufe ich, Sie geben gar nicht Acht.“ Der Familienvater dreht ſich links und rechts und ſchreit, der Kellner hört ihn ſehr gut und läßt ihn abſichtlich fortrufen.. „Kellner! wollen Sie uns einmal bedienen?“ „Sie haben bei mir Nichts befohlen... wenigſtens zwanzig Mal habe ich Sie gefragt, was Sie ſpeiſen wollen, nie haben Sie ſich erklärt. Ich habe noch viele Perſonen zu bedienen!“ „Man wird ſich wohl Zeit nehmen dürfen, glaube ich.. Kellner, bringen Sie uns eine Portion Ochſen⸗ fleiſch!“ „Bloß eine Portion... für Sie viere?“ „Ahl eigentlich, ich habe meinen Sohn bei mir, der viel ißt, zwei Portionen Ochſenfleiſch, Kellner, zwei ſchöne Portionen.“ „Schon gut.“ „Aber ich eſſe nicht gerne Ochſenfleiſch, Papa,“ ſchreit der Knabe, immer auf dem runden Lederkiſſen herumrutſchend. 1 9 „Schweig, Kind... dieß Männchen wird ein au⸗ ßerordentlicher Lecker.“ „Wünſchen Sie rothen oder weißen Wein?“ 32 „Rothen oder weißen Wein? ahl richtig... es gibt hier verſchiedene Sorten Weine... Liebe Frau, was für einen Wein wollen wir trinken?“ „Mein Lieber, es iſt mir einerlei, ich trinke, wie Du weißt, ſehr wenig, und nie ohne Waſſer. O! keinen Tropfen ohne Waſſer.“ „Ich weiß wohl... doch da man einmal zufällig bei einem Gaſtwirth iſt, ſo muß man auch gerne... wir wollen nach den Weinſorten ſehen.“ Der Kellner geht fort, da er vorausſieht, daß man zur Wahl des Weins eben ſo lange Zeit braucht als zum Uebrigen. Der Herr, welcher ſeinen Mund ſo ungeheuer öffnete, hat, nachdem er noch Käs und gedörrte Pflaumen zum Nachtiſch aufgezehrt hatte, eben ſeine Zeche bezahlt und ſteht auf. 4⁴ Girardière befindet ſich nun ganz allein an ſeinem STdiſche. Es thut ihm darum nicht leid: er macht es ſich ganz bequem, und kann ſeine Waſſer⸗ und Wein⸗ flaſche von ſeinem Teller weiter wegſtellen. Der Hausvater dreht ſich um und ſucht den Kell⸗ ner, dem er zuruft:„Gewöhnlichen Wein... aber vom beſten!“ „Da haben Sie das Ochſenfleiſch.“ „Ah, ganz recht.“ „Was befehlen Sie nach dieſem? 24. „Wir wollen ſehen.. Haſt Du die Karte, liebe Frau!“ „Sie liegt auf Deinen Knieen.“ „Ah, richtig!... wir wollen uns berathſchlagen.“ 33 Girardiere ſtellte ſeine Teller und ſein Brod wei⸗ ter von einander, machte es ſich immer behaglicher und ſtützte ſich mit einem Ellenbogen auf den Tiſch, als zwei Damen in den Speiſeſaal hereinkamen. Die Eine iſt bejahrt, ihr Anzug beſcheiden, aber anſtändig, ihre Haltung die einer ehrbaren Kapita⸗ liſtin, die auf dem Lande wohnt und nur nach Paris kommt, um ihre Zinſen zu erheben. Die zweite Perſon iſt jung; ihr friſches und ziem⸗ lich liebliches Ausſehen läßt höchſtens auf ein Alter von neunzehn Jahren ſchließen, ihre Toilette iſt eben ſo beſcheiden als die der alten Frau, ihre Haltung ſcheint verlegen; wenn ſie in Paris lebt, ſo kann es nur in der Ecke irgend einer Vorſtadt ſein. Dieſe zwei Damen errötheten beim Eintritt in den Speiſeſaal, wie es bei Perſonen der Fall iſt, die nicht an öffentlichen Orten zu Mittag zu ſpeiſen gewohnt ſind; ſie wiſſen nicht, ob ſie vor⸗ oder rück⸗t wärts gehen ſollen, ſie erſchrecken vor den vielen Gäſten, die ſie anſchauen; da beeilt ſich der Kellner, ſie an den Tiſch, wo Girardisére ſpeist, zu führen, und ſetzt ſie an den Platz, den der dicke Herr ein⸗ nahm, indem er zu ihnen ſagte:„Hier ſitzen Sie ſehr gut, ganz gut... der Herr wird die Güte haben, ſeine Teller ein wenig zurückzuziehen.“ Dieſe Anrede ging Girardière an, dem es ſehr zuwider war, an dem Tiſche nicht nach Belieben ſchalten zu können, der übrigens ſeine Teller und ſeine Flaſche an ſich zog, weil man nicht berechtigt Paul de Kock. XLVII. 3 3 34 iſt, in dem Speiſeſaal eines Gaſtwirths den Deſpo⸗ ten zu ſpielen. Die zwei Damen verbeugen ſich vor ihrem Ge⸗ genüber, um ihm für ſeine Gefälligkeit zu danken, und beſtellen ſofort beim Kellner ihr Mittageſſen. Girardièére durchmuſtert ſeine Nachbarinnen: an ihrem Benehmen, an ihrer Sprache, an ihrer Hal⸗ tung ſieht man, daß es ehrbare Frauenzimmer ſind, unerachtet man ſagt, daß man ſich in Paris leicht täuſcht und grobe Irrthümer begeht; wenn aber ein unterhaltenes Frauenzimmer auch durch ihre Toilette täuſchen kann, ſo erkennt man ſie immer, wenn man ſie reden hört. Die junge Perſon iſt artig; ihr friſches, beſchei⸗ denes Ausſehen macht ſie ſehr reizend. Je mehr Girardiéère ſie muſtert, deſto weiter zieht er ſeine Teller und ſein Brod an ſich, ſo daß die alte Frau zu ihm ſagt:„Sie ſind zu gütig... beſchränken Sie ſich unſertwegen nicht ſo ſehr... Wir haben Platz genug! O, geniren Sie ſich doch nicht!“ „O, meine Damen, das macht mir Vergnügen .. ich bin zu glücklich... rücken Sie doch Ihren Löffel vor... Sie haben kein Brod... Kellner, Brod für dieſe Damen!“ 1 „In der That, wir ſind ſehr glücklich, ich und meine Nichte, daß wir uns in der Nähe eines ſo artigen Herrn befinden... Wir ſind nicht gewohnt, im Gaſthofe zu ſpeiſen, heute machen wir eine kleine Ausnahme. Anfangs befürchtete ich, es ſei unſchick⸗ lich, daß zwei Frauenzimmer ſich zu einem Gaſtwirth 35 begeben; allein man verſicherte mich, daß dieß in Paris keine Folgen hätte, worauf wir 15 gewagt haben.“ „Man hat Sie nicht getäuſcht: in Paris thut man ſo ziemlich Alles, was man will; es leben hier ſo viele Leute, daß man ſich um Niemand mehr be⸗ kümmert. Wie ich ſehe, wohnen Sie nicht für ge⸗ wöhnlich in der Hauptſtadt?“ „Nein; ich will mich, meiner Nichte zu lieb, welche die Abſicht hat, ſich hier niederzulaſſen, auch daſelbſt anſäßig machen; heute haben wir uns vorgenommen, das Theater in dieſem Stadtviertel zu beſuchen. Das erſte Mal iſt dieß in Paris der Fall, und aus Furcht, nicht zeitig genug hineinzukommen, ſagten wir: wir wollen in der Nähe des Theaters zu Mit⸗ tag ſpeiſen, denn es wird ſehr ſchwer ſein, einen Platz im Theater zu bekommen, weil das zunächſt hier gelegene nach der Verſicherung der Journale immer ſehr angefüllt iſt.“ „Wenn Sie das Pariſer Leben näher kennen ler⸗ nen, ſo werden Sie ſehen, daß man ſich nicht auf die Journale verlaſſen darf; in der Politik wie in der Literatur ſtreichen ſie jedes ſeine Partie oder ſeinen Anhang heraus! Durch ihr zu vieles Lügen haben ſie ſich ſelbſt viel geſchadet. Ich verſichere Sie, daß Sie wohl Zeit zum Diniren haben und im be⸗ nachbarten Theater hinlänglich Platz finden, wenn Ihnen gleich das Journal⸗ berichtete, daß es alle Abende voll iſt.“ Die Dame verneigt ſich und als der Kellner das 36 Beſtellte aufgetragen hatte, fängt ſie mit ihrer Nichte zu ſpeiſen an, und unterbricht für den Augenblick die Unterhaltung mit Girardiére, der, mit ſeinem Mahle fertig geworden, ein Gericht weiter verlangt, weil er ſich noch nicht entfernen will, und während des Eſſens ſeine zwei Nachbarinnen anhören und beob⸗ achten kann. „Kellner! Kellner! er iſt nie da, dieſer Kellner!“ ſchreit der Familienvater, mit ſeinem Meſſer an eine Waſſerflaſche klopfend. Der Kellner ſpringt ihm zu und fragt ihn, was er befehle. „Kellner, ſind die Salmen friſch?“ „Aufzuwarten.“ „Stehen Sie dafür?“ „O gewiß, ich verſichere Sie, daß die Salmen friſch ſind.“ Der Herr ſieht zuerſt ſeine Frau an, dann die Karte, und fährt fort mit gerunzelter Stirne:„Nun, ſo geben Sie uns einen Merlan mit der Scharre. Unartiges Kind, biſt Du bald genug auf Deinem Seſſel herumgehüpft... er bleibt keine Minute ruhig! In der That, er iſt unausſtehlich.“ „Papa, und der Eierauflauf!“ ſagt der Knabe in einem weinerlichen Tone. „Still doch!... ſieh, wie brav Deine Schweſter iſt, ſie rührt ſich nicht... Liebes Töchterchen, freut es Dich, bei einem Gaſtwirth zu ſpeiſen?“ Das kleine Mädchen ſieht ihren Vater mit einer dum⸗ men Miene an und erwiedert;„Ich weiß nicht, Papa.“ ——— 1— 37 „Gut... Du biſt artig... ſolche Antworten höre ich gerne.“ Die Dame und ihre Nichte ſprachen während des Eſſens wenig; die junge Perſon, welche ſchüchtern und verlegen ſchien, wagte während der Mahlzeit nicht den Kopf umzudrehen und ſchaute immer auf ihren Teller nieder. Girardière beobachtete, ohne es merken zu laſſen, ſeine Nachbarinnen; gerne möchte er das Geſpräch wieder anknüpfen, wollte aber den Unbeſcheidenen nicht machen und wartete einen gelegeneren Augen⸗ blick ab. Indeſſen ließ die Tante Lerchen auftragen, und unter dem Eſſen ſagte die junge Perſon, einen leich⸗ ten Seufzer ausſtoßend:„Ach! wenn Herr Fractin hier wäre... er ißt die Lerchen ſo gerne, wie ließe er es ſich ſchmecken!“ Die Tante antwortete einfach:„'s iſt wahr.“ Girardière ſchließt Folgendes hieraus: der Herr Fractin ſcheint ein Freund von dieſen Damen zu ſein und die Lerchen leidenſchaftlich gerne zu eſſen. „Hier iſt der gewünſchte Merlan,“ ſagt der Kell⸗ ner, eine Platte vor den Familienvater hinſtellend. „Der iſt ſehr klein.“ „Sie haben bloß eine Portion verlangt.“ „Freilich, aber zu einer Portion ſollte man wohl ein ſchöneres Stück bekömmen. Sie rechnen hier fünfundzwanzig Sous dafür... beim Teufel! es iſt ſehr theuer!“ Nichts deſto weniger wartet dieſer Herr ſeiner Familie pflichtlich damit auf, gibt ſeiner Frau den Kopf, ſeiner Tochter den Schwanz, ſeinem Sohn die Gräten in der Mitte und behält für ſich den Reſt. Dieſe Austheilung ſcheint den Knaben nicht zu befriedigen, welcher ſich auf ſeinem Seſſel immerfort dreht und wendet und ſich die Worte erlaubt:„Ich habe Hunger!... man gibt mir nichts als Beine und Gräten zum Abnagen und Ausſaugen.“ Da das Söhnchen mit ſeinen Bemerkungen fort⸗ fährt, ſchlägt ihn ſein Herr Vater mit dem Meſſer⸗ heft auf die Finger, worauf es in lautes Weinen und Geſchrei ausbricht. Der Vater ſteht auf und will ſeinem Sohn die Thüre weiſen; der kleine Knabe, in der Meinung, ſein Vater wolle ihn ſchlagen, glitſcht von ſeinem Seſſel unter den Tiſch und zieht das unglückſelige runde Lederkiſſen mit ſich. Letzteres rollt unter einen benachbarten Tiſch, wo ein Herr, der ſich bückt, um es aufzuheben, bemerkt, daß ſeine Frau mit ihrem Fuße einen neben ihr ſitzenden jungen Mann zu nahe berührt. Der Gatte erhebt ſich wie⸗ der voll Zorn und richtet ſehr beißende Worte an ſeine Frau, welche ſich in ihrer Beſtürzung ſtellt, als ob es ihr weh ſei. Mehrere Perſonen ſtehen auf, um ihr zu Hilfe zu kommen und ſie fortzutragen; es entſteht eine allgemeine Bewegung in dem Speiſe⸗ ſaal. Der giferſüchtige Gatte beleidigt den jungen Mann, welcher ihm wieder mit ungeſtümer Hitze ant⸗ wortet; ſie gehen Beide hinaus: ein Duell iſt auf den andern Morgen feſtgeſetzt! All' dieß fiel vor, weil * 39 der Familienvater ſeinem Sohne bloß die Gräten von einem Merlan gegeben hatte.. Endlich wird die Ruhe im Speiſeſaal, wo Girar⸗ diere und ſeine zwei Nachbarinnen allein friedlich an ihren Plätzen ſitzen geblieben ſind, wieder hergeſtellt. Von Zeit zu Zeit ſagt die junge Perſon zu ihrer Tante:„Wenn wir nur auch noch Platz im Theater finden.“ „Liebe Auguſtine, haſt Du den Herrn nicht ſagen hören, daß wir ruhig fortſpeiſen können.“ „Ich wiederhole es Ihnen, meine Damen,“ ent⸗ gegnete Girardiére;„überdieß, da ich auch in das nächſt gelegene Theater gehe, ſo werde ich, wenn Sie es erlauben, das Vergnügen haben, Sie da⸗ hin zu begleiten und ich ſtehe Ihnen für die beſten Plätze.“ „Sie ſind in der That zu gütig,“ ſagt die Tante, „wir nehmen es mit Dank an, denn meine Nichte kommt ſo ſelten in das Theater, ſo daß ſie ganz troſtlos wäre, wenn ſie es nicht gut ſehen würde.“ „Das begreife ich auch ſehr gut, aber das Fräu⸗ lein darf ſich auf mich verlaſſen. Es würde mir ſelbſt unendlich leid thun, wenn ſie keinen guten Platz bekäme.“ Die junge Perſon lächelt, indem ſie Girardieère liebenswürdig dankt. Dieſer iſt außer ſich vor Freu⸗ den über ſeinen Einfall, mit ſeinen Naghharinnen in. das Theater zu gehen, denn je mehr er Fräulein Auguſtine betrachtet, deſto mehr verliebt er ſich in ſie. Das iſt ſchon einer ausgemachte Sache; denn während ſie eine Fricaſſee von Kalbfleiſch und Ler⸗ chen aß, hatte Girardiere Zeit genug, ſich zu ver⸗ lieben. Fräulein Auguſtine iſt jung, hübſch; ſie ſieht zwar etwas einfältig und ungeſchickt aus, allein in den Augen eines Hageſtolzen ſind ſolche Fehler gute Ei⸗ genſchaften. Er ſagt zu ſich:„Dieſes junge Mädchen kommt mit ihrer Tante vom Lande in der Abſicht, ſich zu etabliren; ich weiß nicht in welcher Art, gleich⸗ viel. Sie hat den eiteln Geſchmack und die gefall⸗ ſüchtigen Manieren der Pariſer Damen noch nicht angenommen. Wenn ſie jetzt einen vernünftigen, geordneten Mann nehmen würde, z. B. mich, ſo würde ihr Gemahl ohne Zweifel eine gute Haushäl⸗ terin aus ihr machen... ich muß mich näher an dieſe Damen anzuſchließen ſuchen; überhaupt, welche Gefahr laufe ich?.. erhalte ich einen Korb, ſo iſt's einer weiter... das iſt Alles... wenn ich aber ſiege ... dieſes Fräulein ſieht mich ſo liebenswürdig an, es kommt mir vor, als ob es mir gelingen könnte.“ „Kellner! Kellner! einen Eierauflauf!“ ſchreit der Familienvater mit ſo lauter Stimme, daß man es im ganzen Saal hören konnte. Bei dieſen Worten hüpfte der Knabe, vor Freude außer ſich, auf dem runden Lederkiſſen, das man wieder aufgehoben und auf ſeinen Seſſel gelegt hatte, in die Höhe. Seine Mutter, die neue Unfälle befürchtete, hält ihn raſch auf ſeinem Seſſel zurück und der Papa ſagt zu ihm:„Wenn Du Dich nicht ruhig verhältſt, unartiges Kind, ſo bekommſt Du 41 nichts davon. Ei, Kellner, bringen Sie mir auch Zahnſtocher!“ „Hier, mein Herr!“ Girardière verlangt Confekt und knackt zum Zeit⸗ vertreib Haſelnüſſe auf, um ſein Mittageſſen ſo lang als ſeine Nachbarinnen zu verzögern. Die Tante aß nicht ſchnell und bekümmerte ſich nicht um die Unge⸗ duld ihrer Nichte. Fräulein Auguſtine ſchaut von Zeit zu Zeit auf die Standuhr im Saal und ſtößt kleine Seufzer aus, welche Girardiére mit andern erwie⸗ derte, ohne daß es Jemand merkte, obwohl er ſie ſehr in die Länge zog. lauf iſt aufgetragen. Der Knabe ſtößt einen Schrei der Verwunderung aus, das kleine Mäd⸗ chen ſperrt den Mund auf, der Vater und die Mut⸗ ter ſehen ſich einander herzlich vergnügt an; Alle fühlen ſich glückſelig. Manche Perſonen bedürfen ſo wenig, um glücklich zu ſein; Andere können es gar nicht mehr ſein, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ſie zu viel haben. So geht es in der Welt. Allein während der Familienvater und ſeine Kin⸗ der voll Entzücken ſind, nimmt der Gegenſtand ihrer Verwunderung augenſcheinlich ab, noch einige Mi⸗ nuten, und von dieſem Hügelchen, das ſo lieblich abgerundet und wie ein Luftballon ausgeſpannt war, bleibt nichts mehr als ein platter und ärmlicher Flor übrig. Die Familie beeilt ſich, den Eierauflauf aufzu⸗ eſſen, worauf der Vater die Rechnung verlangt, welche der Kellner bald fertig hat und ihm vorlegt. 2 42 Die Frau neigt ſich zu ihrem Gemahl hin, um die Totalſumme zu ſehen; der Vater bemerkt endlich: „Man bringt uns um... das iſt ſchrecklich theuer! wir können nicht ſo viel verzehrt haben.“ „Mein Lieber, Du kannſt Dich leicht davon über⸗ zeugen: vergleiche die Rechnung mit den Preiſen der Speiſekarte, Du kannſt ja ſehr gut rechnen.“ „Meine Liebe, Du haſt Recht.“ Die zwei Gatten nehmen abermals die Speiſe⸗ karte, ſehen nach den Preiſen und berichtigen die Ad⸗ dition; endlich ruft der Herr, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch klopft, aus:„Kellner! Sie haben ſich um fünf Sous geirrt.“ „Sie glauben, ich habe mich geirrt?“ „Sie rechnen für vier Perſonen Brod an, und meine Frau hat das Ihrige nicht gegeſſen! Beim Teu⸗ fel, man muß darauf Acht geben! Da haben Sie Ihr Geld... es ſind ſechs Liard für Sie dabei.“ Darauf entfernt ſich die ehrwürdige Familie, welche ſich Polſter, Lederkiſſen und eine Wärmflaſche geben ließ, und nahm noch alle Zaßnſtother⸗ welche auf dem Tiſche lagen, mit. Die alte Dame und ihre Nichte waren ebenfalls mit ihrem Mittageſſen fertig geworden, und bezahlte, ebenſo Girardière, und Alle gehen miteinander von dem Gaſtwirth fort. Girardiére holt, als galanter Cavalier, ſchnell Billete und führt die Damen auf die erſte Galerie, welche zu drei Viertheilen leer war, trotz der Ver⸗ ſicherung der Journale, man müſſe alle Tage eine 43 Maſſe Perſonen zurückweiſen. Die Tante und Nichte ſetzen ſich in die erſte Reihe, Girardiére ſitzt hinter dieſe Damen, um leichter mit ihnen ſchwatzen zu können, denn er hatte Alles gut berechnet und hoffte während des Schauſpiels nähere Bekanntſchaft zu machen und ſich mehr Zutrauen zu gewinnen. Die Tante Auguſtinens hat Girardiére die Aus⸗ lage für ihre Plätze zuerſt erſetzt, welche er annehmen zu müſſen glaubt, da er mit dieſen Damen in keinem ſo engen Verhältniß ſtand, daß er ſich die Freiheit nehmen dürfte, ihnen das Vergnügen des Theaters umſonſt anzubieten. Er möchte gerne ein Geſpräch einleiten, aber das Stück beginnt und die Tante wie ihre Nichte hören bloß auf das, was auf der Bühne vorgeht. 5 Während die Damen ganz Auge und Ohr ſind, beobachtet Girardiere ſie fortwährend und wird immer vergnügter darüber, daß er ihnen begegnet iſt. Die Tante trägt das Gepräge einer würdigen Frau von guten Sitten, von ſtrenger Rechiſchaffenheit. Dieß beweist ihr Hut, ihr Kleid und ihre Taſche. Die Einen, und zwar die Mehrzahl, berufen ſich auf den Ausdruck der Phyſiognomie; Andere gründen ihr Ur⸗ theil auf die Stimme, Handſchrift, auf das Benehmen, auf die Hand der Perſon; Girardiére beurtheilt eine Frau nach ihrem Kleide, nach ihrem Hute. Während eines Zwiſchenaktes erfährt unſer Ehe⸗ ſtands⸗Candidat mehr: die Tante heißt Gerbois, iſt Wittwe und beſitzt bloß ein mittelmäßiges Vermögen; die Nichte wird ihre Erbin ſein; einſtweilen hat ihre 44 Nichte kein Vermögen, ſie muß daher arbeiten, um ſich eine kleine Mitgift zu erſparen und eine Heirath treffen zu können, weil derzeit ein junges, artiges Mädchen ſelten einen Anſtand findet, wenn ſie ihrem Manne nichts beibringt. Da Fräulein Auguſtine ſehr gut näht, kommt ſie nach Paris, um ſich hier als Nähterin zu vervollkommnen, wo ſie bald im Stande ſein wird, ihr Brod damit zu verdienen und ſich gut darauf zu verheirathen. Girardiére hält alles dieß für ſehr vernünftig, billigt das Verfahren der Frau Gerbois und ſagt zu ſich ſelbſt, indem er wieder einen tiefen Seufzer aus⸗ ſtößt:„Eine Nähterin als Frau!... dabei iſt nichts Unangenehmes!... wenn eine Frau beſchäftigt iſt, denkt ſie nicht daran oder wenigſtens denkt ſie weniger daran, die Stutzer anzuhören, und überdieß, wenn ſie keine Kundſchaft hat, ſo kann ſie immerhin ihre Kleider ſich ſelbſt machen; das iſt eine Erſparniß. Fräulein Auguſtine wäre mir ſehr anſtändig, ſie könnte auch meine Weſten machen.“ Den ganzen Abend betrachtet Girardieére das junge Mädchen, welche bloß auf das Schauſpiel ſieht; bei jedem Akt wird er verliebter. Da man an dieſem Abend ſehr lange Stücke ſpielt, verliebt ſich Girar⸗ diere, bis man an's Ende kommt, leidenſchaftlich in Fräulein Auguſtine. Während der Hageſtolz in den Zwiſihenakten mit der ältern Dame plauderte, unterließ er es nicht, von ſeiner Perſon, von ſeiner Stellung in der großen Welt und von ſeinen tauſend Thaler Renten zu reden; — 45 die Tante ſchien ſehr geſchmeichelt, mit einem ſo rechtſchaffenen Mann und Rentier Bekanntſchaft ge⸗ macht zu haben. 5 Das Schauſpiel iſt zu Ende. Girardiére will nicht geſtatten, daß die Damen allein nach Hauſe zurück⸗ gehen. Sie wohnen am Ende der Vorſtadt Saint⸗ Jacques, der Weg dahin iſt ziemlich weit: er bietet einen Fiaker an, die Tante ſchlägt ihn aus; hierauf trägt er einen Omnibus an, den ſie annimmt. Girardiere ſteigt mit den Damen ein, unerachtet er in der Paradiesſtraße, welche nicht in der Nähe der Vorſtadt Saint⸗Jacques iſt, wohnt; allein die Liebe, welche die Herzen einander nähert, den Rang ausgleicht und über die Vorurtheile ſiegt, hebt die Entfernung zwiſchen der Paradiesſtraße und der Vor⸗ ſtadt Saint⸗Jacques auf. Girardiere ſetzt ſich in dem Wagen neben Fräulein Auguſtine, welche auf dem ganzen Weg keinen Laut von ſich gibt, da ſie von dem Eindrucke, welchen das Schaufpiel auf ſie ge⸗ macht hat, noch ganz ergriffen und dieſer Eindruck noch ein Glück für ſie iſt. Die Damen ſteigen, in der Nähe ihrer Wohnung angekommen, aus. Girardière ſteigt ebenfalls aus: er bietet ſeinen Arm an, er wird angenommen. Man geht wenigſtens noch zehn Minuten weit, weil der Wagen nicht gerade vor das Haus dieſer Damen hinfuhr, aber Girardiére bedauert es nicht: er hält unter ſeinem Arm den Auguſtinens; da das Pflaſter etwas ſchlüpferig iſt, ſtützt ſich die junge Perſon mit einer Hingebung, die ihren Cavalier entzückt, auf ihn. 46 Man hält vor einem Hauſe, deſſen Eingang, wie die meiſten der Vorſtadt Saint⸗Jacques, ſchwarz und düſter ausſieht. „Hier wohnen wir,“ ſagt Frau Gerbois.„Noch habe ich Ihnen für Ihre außerordentliche Gefälligkeit zu danken.“ Girardiére wartet auf eine weitere Einladung, und auf die Erlaubniß, manchmal der Tante und ihrer Nichte einen Beſuch abſtatten zu dürfen. Da man dieß nicht berührt, erkühnt er ſich ſelbſt, darum zu bitten. Die Liebe macht ihn verwegen. „Mein Herr,“ ſagt die ältere Dame,„meine Nichte und ich nehmen ſehr wenig Beſuche an, weil man in Paris befürchten muß, manchmal in gefährliche Verbindungen zu kommen. Allein Sie ſcheinen mir zu rechtſchaffen, als daß ich Ihnen die erbetene Er⸗ laubniß abſchlagen könnte, und wenn meine Geſell⸗ ſchaft Sie nicht allzuſehr langweilt, ſo ſchmeichle ich mir, mit einem ſo höflichen und ausgezeichneten Manne eine ausgedehntere Bekanntſchaft zu machen.“ Girardiére verbeugt ſich bis auf den Boden, ſo ſehr iſt er über die Aeußerung der Frau Gerbois entzückt, und ſo lange er Complimente macht, ver⸗ lieren ſich die Tante und Die Nichte in dem Haus⸗ öhrn, in welchem ſie ſchon bekannt ſind, und laſſen, die Thüre hinter ſich ſchließend, ihren galanten Ca⸗ valier vor dem Eingang ihres Hauſes ſeine tiefen Complimente fortſetzen. Als Girardieère bemerkt, daß er bloß noch vor einer Thüre ſich verbeugt, entſchließt er ſich fortzu⸗ „. 47 gehen, betrachtet aber vorher mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit das Haus, wo Fräulein Auguſtine wohnt, um es wieder gut zu erkennen, wenn er bei hellem Tag dahin zurückkehren wird. Drittes Kapitel. Herr Fractin. Girardieére hat die ganze Nacht von Fräulein Auguſtine geträumt. Ihr Bild kommt ihm nicht aus dem Sinne. Am folgenden Tag wird er in der Vorſtadt Saint⸗ Jacques ſpazieren gehen. Er wird zwar nicht wagen, bei Frau Gerbois ſeine Aufwartung zu machen, eine ſo große Aufdringlichkeit könnte lächerlich ſcheinen, allein er wird das Haus, welches die hübſche Näh⸗ terin in ſich ſchließt, betrachten, er wird die Luft, welche ſie einathmet, auch einathmen! Die Liebenden halten, wie Sie wiſſen, ſehr viel auf ſo Etwas. Das Haus, wo dieſe Damen wohnen, iſt weder ſchön, noch neu, der Eingang lang und etwas dun⸗ kel, auch mangelt es an einem Portier, was für Jemand, der gerne Erkundigungen einziehen möchte, ſehr widerlich iſt. Nachdem Girardiére in dem untern Hausöhrn rige Zeit auf und ab gegangen iſt, geht er bis an die Treppe, deren Geländer, von maſſiven, plump ge ſcmbien Holzſäͤulen, den modernen Bau⸗ meiſtern keine Ehre macht. Er wagt aufzuſchauen und zieht die Naſe hinauf, indem er einen Fuß auf den erſten Tritt ſetzt. In dieſem Augenblicke läßt eine alte Frau vom erſten Stockwerk, welche ihre Strohmatte auf dem Geländer ihrer Treppe ausſchüttelte, eine Staubwolke und eine Menge Strohhälmchen Girardiere in die Augen fallen, worauf er ſich zurückzieht, die Augen ausreibt und ſagt:„Ich habe mich für heute mit den Oertlichkeiten hinlänglich bekannt gemacht, morgen werde ich zurückkehren und der Frau Gerbois meine Aufwartung machen.“ Am folgenden Tage macht unſer Hageſtolz ſorg⸗ fältig ſeine Toilette und begibt ſich ſofort auf den Weg nach der Vorſtadt Saint⸗Jacques. Er kennt zwar das Wohnhaus der Damen, die er beſuchen will, ſehr gut, allein er weißt nicht, in welchem Stockwerk ſie logiren. Girardieére geht eine ſchwarze, ſchmutzige Stiege hinauf und klopft an eine Thüre im zweiten Stockwerk. Eine alte Frau in einem Kamiſol, den Kopf in wenigſtens vier Halstücher eingewickelt, öffnet Girar⸗ diere, welcher nach der Frau Rentnerin Gerbois, die eine Nichte hat, fragt:„Hier wohnt ſie nicht... In⸗„ deſſen wohnt ſie doch in dieſem Haus.“ 4 „Was treibt dieſe Dame?“ 4* „Was ſie treibt? ich denke, ſie treibt nichts; ſie hat aber eine Nichte, welche Nähterig iſt... eine junge, ſehr intereſſante, ſehr hübſche Prſon.“ „ Ahl richtig... demnach ſind es wahrſcheinlich † 49 meine Nachbarinnen im obern Stockwerk, die erſt kurze Zeit in Paris ſind.“ „Ganz richtig, ſie ſind vom Lande hieher gezoögen.“ „Das Zimmer der Nichte iſt über dem meinigen, ſie lärmt ſogar ziemlich darin!... ich weiß nicht, ob ſie zu ihrem Vergnügen auf den Abſätzen herum⸗ hüpft und tanzt, aber ich kann deßhalb oft nicht ein⸗ ſchlafen. Uebrigens kann ich Ihnen nicht ſagen, ob dieſe Damen liebenswürdig ſind; ich habe ſie bloß einmal um etwas Feuer gebeten, welches ſie mir unter dem Vorwand, ſie hätten keines, abſchlugen. Man ſieht wohl, daß ſie das Pariſer Leben nicht kennen, denn das iſt weder freundſchaftlich, noch ge⸗ fällig.“ Girardière bedankt ſich und verläßt die Nachbarin, welche zum Schwatzen ſehr aufgelegt ſcheint. Er geht die obere Stiege hinauf und klopft an der Thüre. Man öffnet ihm nicht. Indeſſen hört er ein Geräuſch, wie wenn man einen Seſſel von der Stelle rückt. In demſelben Augenblick öffnet ſich eine Thüre vor ihm und Frau Gerbois zeigt ſich. „Ich bitte ſehr um Verzeihung,“ ſagt Girardiére, nich war der Meinung, ich klopfte bei Ihnen an. Man hatte mir dieſe Thüre bezeichnet.“ „Nein, die Thüre, wo Sie anklopften, geht in das Zimmer meiner Nichte: wir ſind durch den Haus⸗ gang getrennt, dieß iſt ſehr unangenehm, allein was iſt in Paricz anders zu thun; man richtet ſich ein, wie man wenn man die Mittel für eine theure Paul de Kock. XLVII.. 4 Miethe nicht beſitzt. Bemühen Sie ſich doch, einzu⸗ treten.“ Girardiere folgt der alten Frau, welche ihn ſehr gut empfangt und in ihre Wohnung, beſtehend in einem ziemlich ſchönen Zimmer und einer kleinen Küche, einführt. „Da ſehen Sie mein ganzes Gelaß; meine Nichte hat auch noch ein Zimmer, worin ſie ſich aber ſelten aufhält, weil ſie faſt immer mir Geſellſchaft leiſtet. Wir ſind nicht reich und wollen keine Schulden machen, müſſen daher vorſichtig zu Werke gehen. Uebrigens kommen keine Beſuche zu uns, höchſtens einige Freun⸗ dinnen meiner Nichte, die das Nähen lernen, und ein Kunſttiſchler, der in dieſer Straße anſäßig iſt und ſich manchmal Abends bei uns einfindet; dieß iſt unſere ganze Geſellſchaft, die äußerſt klein iſt.“ Girardioère ſchaut überall nach Fräulein Auguſtine um, bemerkt ſie aber nirgends. „Meine Nichte iſt ausgegangen,“ ſagt Frau Ger⸗ bois,„um bei einer Dame, welche ſie ſehr liebt, eine neue Kleidermode zu lernen; ſie wird ſich aber nicht lange aufhalten.“ „Ich glaubte, ſie wäre in ihrem Zimmer,“ ent⸗ gegnet Girardieère. „Nein, ſie iſt ausgegangen.“ Girardiere unterhält ſich unterdeſſen mit der Tante. Zudem kommt ihm dieſe Gelegenheit ſehr geſchickt, von ſich und von ſeinem Vermögen zu reden. Aus Furcht, für einen Lügner gehalten zu werden, trägt eer immer ſeine Quittungen für Hauszins und ſeine 51 Feuerverſicherungsſchrift bei ſich. Allein die Frau ſcheint in ſeine Angaben durchaus keinen Zweifel zu ſetzen und theilt ſelbſt ihrem neuen Bekannten Näheres über ihre Familie und ihr Vermögen mit. Die Tante beſitzt bloß eintauſendvierhundert Franken Einkünfte, womit ſie mit ihrer Nichte leben muß, bis dieſe letz⸗ tere ſo viel Geſchicklichkeit beſitzt, daß ſie ihr Brod⸗ verdienen kann. „Oder bis ſie ſich verheirathet,“ fügt Girardiére lächelnd hinzu. „O! heirathet man auch junge Mädchen ohne Vermögen? Das wäre ein glücklicher Zufall, wenn meine Nichte einem rechtſchaffenen Manne begegnen würde, der ihr Glück begründen wollte.“ Girardieère wagt nicht, ſich zu erklären, aus Furcht, er ginge zu weit, und murmelt bloß:„Es wird ſich einer zeigen, zweifeln Sie gar nicht daran.“ Fräulein Auguſtine kommtt ſie lächelt liebens⸗ würdig gegen Girardiére, der darüber ganz ent⸗ zückt wird. Er ſchwatzt lange mit dieſen Damen; endlich entfernt er ſich, weil er beim erſten Beſuch nicht unbeſcheiden ſein will, jedoch bittet er Frau Gerbois um die Erlaubniß, manchmal den Abend bei ihnen zubringen zu dürfen. Die alte Tante ver⸗ ſichert ihn, daß ſie und ihre Nichte über ſeinen Beſuch immer erfreut ſein werden. Girardieére entfernt ſich äußerſt vergnügt. Im Hausgang hält er vor der Thüre der Nichte und ſingt:„Hier athmet Roſa!“ r Darauf glaubt er ein Geräuſch in jenem Zimmer — zu hören: er lauſcht, es hört auf; er denkt, er könne ſich getäuſcht haben, und geht die Treppe hinunter, indem er ſich die Hände reibt und zu ſich ſagt:„Das geht gut... das ſind rechtſchaffene Leute! darauf ſehe ich vor Allem. Denn wenn ich ein armes Mäd⸗ chen heirathe, ſo will ich wenigſtens ihrer Tugend verſichert ſein!... O! dießmal glaube ich, habe ich das rechte Frauenzimmer gefunden. Ich habe Mühe gehabt... doch iſt es mir am Ende gelungen!“ Girardière kommt freudetrunken nach Haus, um⸗ armt ſeine alte Mutter und ſagt zu ihr:„Freuen Sie ſich: bald wird Ihnen eine Schwiegertochter Ge⸗ ſellſchaft leiſten!... ſie wird Ihnen die Pantoffeln vorziehen, das Feuer anblaſen... kurz, ſie wird für Sie äußerſt beſorgt ſein.“ „Wirklich, mein Söhnchen?“ erwiederte das gute Mütterchen, welches bereits kindiſch war;„aber Du biſt, wie es mir ſcheint, zum Heirathen noch zu jung.“. Girardiere hält es nicht für nöthig, ſeiner Mutter zu antworten, ſondern ſtellt ſich vor einen Spie⸗ gel, und ärgert ſich ob ſeiner weißen Haare faſt zu Tode...— 3 Am folgenden Tage nach dem Mittageſſen un⸗ terläßt es Theophilus nicht, ſich zu Frau Gerbois zu begeben. Ein junges Frauenzimmer und ein Herr ſitzen neben Fräulein Auguſtine. Der Herr ſieht wie ein Gänſerich gus. Er ver⸗ längert die Naſe und verzieht den Mund, wenn er ſprechen will, allein er begnügt ſich faſt immer mit * 5³ Zuhören. Er iſt von mittlerem Alter, heißt Hert Trubert, und iſt, wie Girardière bald erfährt, der Tiſchler, welcher in der Gegend wohnt und von dem er ſchon gehört hat. Die Jungfer iſt jung, hübſch, ſieht ſehr aufge⸗ weckt aus: es iſt eine Nähterin und Freundin der Fräulein Auguſtine. Girardière wird auf's Beſte empfangen, ſeine Ankunft ſcheint eben ſo ſehr die Nichte als die Tante zu erfreuen, und da die Gewißheit, daß man ange⸗ nehm iſt, muthig und kühn macht, fängt Girardieére zu plaudern und zu erzählen an, kurz, er führt das Wort, denn die Damen ſcheinen ihn mit Bewunde⸗ rung anzuhören, und der Tiſchler iſt zu ſchüchtern, als daß er ihn zu unterbrechen oder ihm ſogar nur zu antworten ſich erlaubt. Der Abend geht ſchnell vorüber. Er kommt Gi⸗ rardiere ſehr kurz vor; man iſt immer gerne in ei⸗ nem Hauſe, wo man wie ein Orakel angehört wird. Unſer Hageſtolz entfernt ſich, über die Wirkung, welche er hervorgebracht hat, äußerſt entzückt. Der Tiſchler geht mit ihm fort und verläßt ihn unter⸗ wegs, indem er ſehr ehrfurchtsvoll zu ihm ſagt:„Ich habe die Ehre, Ihnen gute Nacht zu wünſchen.“ Das war die längſte Phraſe, welche er während des ganzen Abends geſprochen hatte und bei der er noch drei Mal abſetzte. Am nächſten Abend beſucht Girardière abermals Frau Gerbois, ebenſo an dem darauf folgenden Tag. Vierzehn Tage lang beſuchte er alle Abende ſeine neuen Bekannten, welche ſich ſo ſehr an ihn gewöhnt haben, daß ſie ſich beunruhigen, wenn er um ſieben Uhr Abends nichk ſchon da war. Die Geſellſchaft dieſer Damen iſt faſt immer die⸗ ſelbe und beſteht nur in der jungen Nähterin und dem Tiſchler; wenn der Letztere nach ſeinem Ein⸗ tritt gegrüßt und ſich nach der Geſundheit eines Je⸗ den erkundigt hat, öffnet er den Mund nicht mehr, bis er gute Nacht wünſcht. Girardiéère ſagt zu ſich:„Wenn Herr Trubert Frau Gerbois beſucht, um Jungfer Auguſtine zu ſehen, ſo iſt er gewiß kein gefährlicher Nebenbuhler. Er ſieht dumm aus und kommt mir ſonſt auch durchaus nicht verliebt vor. Girardiere hatte bereits einige zweideutige Worte über ſeine Heirathsabſichten entwiſchen laſſen; er hatte es von Weitem merken laſſen, daß er eine Frau ſuche und auf kein Vermögen ſehe. Die Tante hatte ihm zärtlich zugelächelt, die Nichte ſah ihn von der Seite an, einen tiefen Seufzer ausſtoßend. Girardisre entfernte ſich, immer die Hände rei⸗ bend, und ſagte zu ſich:„Das geht ſehr gut... Ich gefalle, man gibt es mir hinlänglich zu verſtehen... endlich habe ich eine Frau gefunden! Gott Lob und Dank! Ich werde nun beſtimmt heirathen.“ Aber an einem Abend hört Girardière, während er mit der alten Tante plaudert, was hinter ihm Auguſtine und ihre Freundin zu einander ſagten. Ob⸗ wohl die jungen Mädchen leiſe ſprachen, vernahm Girardiere doch folgende Worte ſehr gut: — — 55 „Ei, Auguſtine, wie benimmt ſich Herr Fractin gegen Dich?“ „O, ſehr gut! Er iſt ſehr liebenswürdig!“ „Nicht wahr, Du liebſt ihn immer?“ „Ob ich ihn liebe? O, bis zum Wahnſinn.“ „Ich habe ihn ſchon lange nicht mehr geſehen.“ „In meinem Zimmer kannſt Du ihn ſehen, er iſt faſt immer dort, weil ihn meine Tante nicht liebt.“ Weiter ſprachen die jungen Mädchen nicht davon; allein das Gehörte hat Girardière ſchon den Kopf verrückt. Ein Schauder dringt ihm vom Kopf bis zu den Füßen, das Blut ſchlägt ihm in's Geſicht, er wird purpurroth und weiß nicht mehr, was er ſagt, ſo daß Frau Gerbois ihn fragt, ob er ſich unwohl befinde, ob man Etwas holen ſolle? „Nein, mir fehlt nichts, gar nichts,“ erwiedert Girardiére, indem er ſeine Verwirrung zu verbergen ſucht; er wirft einen Blick auf Auguſtine, allein das junge Mädchen ſieht auf ihre Arbeit und ſcheint bloß mit ihrem Nähen beſchäftigt. Den ganzen Abend iſt Girardiere zerſtreut, ein⸗ genommen, nichts weniger als geſprächig, belauert⸗ die geringſten Bewegungen Auguſtinens, lauſcht, wenn ſie mit ihrer Freundin ſpricht; kurz, er em⸗ pfindet ſchon alle Bangigkeiten der Eiferſucht und iſt äußerſt unglücklich. Er entfernt ſich bälder als gewöhnlich, denkt, ſo⸗ bald er allein iſt, über das Geſpräch, das er ver⸗ nommen hat, nach, und ſagt:„Was iſt denn das für ein Fractin? Auguſtine hat immer geſagt, ſie liebe 8 ihn, ſie ſei in ihn vernarrt!... O, die Heimtückiſche! dieß hätte ich nie von dieſem jungen Mädchen ge⸗ glaubt, welches ſo naiv, ſo offenherzig ausſieht!... Wem darf man denn gegenwärtig trauen! Das Straf⸗ bare dieſer Verbindung laſſen mich ihre letzten Worte vermuthen:„Er kommt faſt immer in mein Zimmer, Pru⸗ meine Tante nicht liebt!...“ das iſt wirklich d all. Die Tante liebt dieſen Herrn nicht, ſie wird ihm den Zutritt zu ihr verboten haben, und nun geht er zu ihrer Nichte! Denn in der That habe ich dieſen Herrn Fractin nie bei Frau Gerbois getroffen! Dieß beunruhigt mich ſehr... man em⸗ pfängt mich gut, man ſtellt ſich entzückt, wenn ich vom Heirathen rede. Sollte irgend ein verbrecheri⸗ ſch r Liebeshandel, irgend ein ſtrafbares früheres Verhältniß vor mir verborgen bleiben! Im Augen⸗ blick möchte ich freilich eine Frau, allein ich will nicht betrogen werden... O, ich werde das Wahre erfah⸗ ren, ich werde all' dieß lichten!“ Girardiére hatte eine ſehr unruhige Nacht; er erinnerte ſich noch ſehr lebhaft, wie Fräulein Augu⸗ ſtine bei dem Speiſewirth während des Lercheneſſens einen Seufzer ausgeſtoßen und geſagt hatte:„Ach, wenn Herr Fractin da wäre!l er, der die Lerchen ſo ſehr liebt!“ 8 Mit dieſem Fractin beſchäftigt ſie ſich alſo immer viel, an ihn denkt ſie unaufhörlich! O treuloſe Au⸗ guſtine! Girardière wendet und dreht ſich im Bett herum und beginnt nach einem Augenblick auf' Neue:„Und A 3 57 5 der Lärm, den ich mehrmals in dem Zimmer der Nichte gehört habe, wenn die Tante glaubte, ſie ſei ausgegangen, ohne Zweifel befand ſie ſich dann mit mit dieſem Herrn Fractin darin... O die Frauen! o die jungen Mädchen!... Meine liebe Mutter hat mich mit Recht ermahnt, ich ſolle mich nicht über⸗ eilen... wenn ich meinem erſten Gefühle Gehör ge⸗ ſchenkt hätte, ſo würde ich bereits um dieſe Kleine angehalten haben. Ich wäre nun ihr Gemahl.. und ſie würde mich nicht lieben, ſie würde mich verra⸗ then... doch will ich noch als heimlicher Beobachter Beweiſe von der Treuloſigkeit Auguſtinens mir zu verſchaffen ſuchen.“ Mit Anbruch des Abends kehrt Girardiére in die Vorſtadt Saint⸗Jacques zurück, mit dem feſten Vor⸗ ſatz, nichts merken zu laſſen und ſeinen Argwohn zu verheimlichen. Die gewöhnliche Geſellſchaft iſt bei Frau Gerbois verſammelt. Herr Trubert ſpricht nicht mehr als ſonſt, dagegen flüſtern die zwei jungen Mädchen ſich öfters in's Ohr. Unglücklicher Weiſe kann Theophilus ihre Worte nicht auffaſſen; doch der Name Fractin hat abermal ſein Ohr erſchüttert, und Fräulein Au⸗ guſtine brach mehr als einmal in ein Gelächter aus, was unſer Hageſtolz für ſehr unanſtändig hielt. Frau Gerbois, welche neben Girardiére ſaß, hat das Geſpräch auf das Heirathen geführt und mehr⸗ mals geſagt:„Ich würde ſehr vergnügt ſein, meine Nichte verheirathet zu ſehen.“ Sofort hielt ſie inne, ſah Girardisre an, als ob ſie eine Antwort erwartete; dieſer dagegen fängt im⸗ mer ein anderes Geſpräch an und thut, als ob er es nicht verſtünde, worüber die alte Frau ſich ſehr wundert. Es iſt Zeit, ſich zurückzuziehen. Girardiére ſagt in einem etwas feierlichen Tone:„Gute Nacht, meine Damen!“ und verläßt mit den Andern, welche auf der Straße ſich von ihm trennen, das Haus. Girar⸗ diere ſtellt ſich, als ob er ſeines Weges nach Hauſe fortginge, bleibt aber bald ſtehen und ſpricht bei ſich: „Jedermann iſt fortgegangen, Auguſtine muß ſich nun von dem Zimmer ihrer Tante in das ihrige zurück⸗ gezogen haben; wer weiß, ob ſie nicht dieſen Augen⸗ blick zum Empfange ihres Herrn Fractin wählt!... Wenn ich mich deſſen verſichern könnte... Warum nicht? im Hauſe befindet ſich kein Portier, die Thüre der Hausflur kann man mittelſt einer geheimen Feder, die ich weiß, öffnen. Folglich kann ich mich zu jeder Stunde der Nacht, ohne daß man es merkt, in das Haus hineinmachen. Wenn Alles ſich ſchlafen gelegt hat, ſo werde ich in's Haus zurückkehren, die Stiege ganz ſtill hinaufgehen und mein Ohr an die Thüre von Auguſtinens Zimmer hinhalten. Wenn Jemand bei ihr iſt, ſo muß ich es gewiß hören.“’ Girardière, vergnügt über ſeinen Einfall, geht drei Viertelſtunden lang in der Straße auf und ab; da er denkt, er werde nun auf der Stiege Niemand mehr begegnen, nähert er ſich der Wohnung der Frau Gerbois.. Allees iſt ruhig in der Straße, die Laternen werfen 59 nur ein ſchwaches Licht(denn das Gas iſt noch nicht in dieſes Viertel gedrungen). Girärdiere ſchleicht ſich an der Mauer fort, indem er immer hinter ſich ſchaut; er erreicht die Hausthüre, drückt die Feder auf und tritt ſtille in's Haus ein. Das Herz ſchlägt ihm, wie wenn er einen böſen Streich ausführen wollte, und er ſagt bei ſich:„Mit Recht vergleicht man einen Verliebten mit einem Dieb . Wenn man mich in dieſem Augenblick aufgriffe, ſo würde man mich gewiß für einen Dieb halten, ſogar für einen ſchlimmen Dieb! Beim Teufel! wenn ein Hausbewohner auf der Stiege mir begegnete und mir abpaßte, wohin ich gehe... und zwar wegen gar nichts... ich ſollte mich fortmachen... doch nein! ich muß meinen Argwohn aufklären; ich muß wiſſen, ob ich Auguſtine heirathen kann. Wenn ich dieſe Nacht nichts höre, ſo werde ich von Morgen an ſie wieder beſuchen, und wenn ich nach vierzehn Tagen nichts Verdächtiges mehr vernommen, ſo werde ich ihr meine Liebe auf's Neue ſchenken.“ Girardieére geht der Stiege zu, tritt ſehr vorſich⸗ tig hinauf, um kein Geräuſch zu machen, hält ſogar den Athem zurück, ſo ſehr fürchtet er, es möchte ſich eine Thüre vor ihm öffnen. Endlich kommt er im dritten Stock an; ſchon im Hinaufgehen betrachtet er von unten die Thüre von Auguſtinens Zimmer. Es iſt kein Licht darin, ſie iſt alſo ſchon im Bett oder noch bei ihrer Tante; er nähert ſich, hält ſein Ohr an die Thüre und da ihm Alles ſtille ſcheint, ſo will er ſich zurückziehen, als . 60 auf einmal eine ihm ſehr bekannte Stimme in ſeine Ohren dringt: es iſt die Auguſtinens. Er unterſchei⸗ det folgende Worte ſehr gut:„Nun, Herr Fractin, Du willſt nicht zu mir kommen 2... wohlan... komm doch, Böſewicht!... Muß ich Dich holen?“ „O die Treuloſe! o die Unwürdige!“ murmelt Girardiére, indem er ſeine Stirne an dem Schlüſſel⸗ loche aufritzt,„ſie will ihren Geliebten bei ſich haben, er iſt bei ihr, dieſer Fractin, mein ehrloſer Neben⸗ buhler, er iſt Nachts in ihrem Zimmer!“ Girardiere erſtickt beinahe; indeſſen holt er Athem und paßt immer auf. Bald hört er etwas Neues, was ſein Herz noch ſchmerzlicher zerreißt: er vernimmt zärtlich wiederholte Küſſe; jetzt kann er ſich nicht mehr halten, entfernt ſich von der Thüre, tappt im Dunkeln nach dem Stiegegeländer und geht ſchnell hinunter, indem er zu ſich ſagt:„Ich habe genug... übergenug... ich will nichts weiter vernehmen... Dank der Vorſehung für den Einfall, an der Thüre zu lauſchen... Ich hätte dieſes junge Mädchen ge⸗ heirathet!... ich hätte ſie mit dem innigſten Ver⸗ trauen genomm en, wenn ich nicht gehört hätte, was ſie ihrer Freundin geſagt... Dank dem Himmel!... Lebewohl, Vorſtadt Saint⸗Jacques! man wird mich vort lange nicht mehr ſeh en.“ 5 Girardiéère geht zum Hauſe hinaus, deſſen Thüre er ziemlich ſtark und nicht ohne Geräuſch wieder ſchließt. Mit großen Schritten durchläuft er die Stra⸗ ßen und ſpricht auf dem ganzen Wege laut mit ſich allein. Er läßt ſeiner Wuth freien Lauf, verflucht — 61 die Frauen, verflucht die jungen Mädchen, und läuft in die Goſſe hinein, obwohl es ihm, da es ſehr ſpät iſt, frei ſteht⸗ die Mitte der Straße einzunehmen. Einen ganzen Monat lang geht Girardiére nicht aus dem Hauſe. Wenn ſeine alte Mutter ihn wegen des Frauenzimmers, das er heirathen ſoll, fragt⸗ verläßt er ſie ſchnell mit den Worten:„Reden Sie mir nicht mehr vom Heirathen, weder von Frauen, noch von Jungfern... o die Frauen! ich kann ſie nicht ſchmecken(sentir).“ Auf dieſe Worte legt Girardière beſondern Nach⸗ druck, weil er in einem Journal einen Artikel geleſen hat, worin man über dieſen Ausdruck ſcherzte, den ein Schriftſteller gebraucht hat, um den Abſcheu einer Perſon vor einer andern zu ſchildern, allein Girardieère iſt gleichwie Wailly in ſeinem Wörter⸗ buch der Anſicht, daß sentir ebenſowohl für aper- cevoir(vor Augen ſehen) gebraucht werden könne, ſomit der Ausdruck: ich kann dieſe oder jene Perſon nicht ſchmecken(sentir), ganz richtig bezeichne: ich kann ſie nicht vor Augen ſehen. Kommen wir auf Girardière zurück, welcher trotz ſeiner Aeußerung, er haſſe die Frauenzimmer, Tag und Nacht an Auguſtine dachte, deren Treuloſigkeit er verfluchte und zu ſich ſagte:„Wie Schadel dieſes junge Mädchen entſprach ganz meiner Anforderung... arbeitſam, gar nicht gefallſüchtig, wenigſtens ließ ſie ſich es nicht anmerken... und, was von ihrer Seite noch am unwürdigſten iſt, iſt, daß ſie ſich ſtellte, als ob ſie mich liebe! Warum behandelt ſie denn mich ſo liebreich, da ſie doch insgeheim ihren Herrn Frac⸗ tin anbetet!“ Nach Verfluß eines Monats kann Girardisre ſeinem Verlangen nicht mehr widerſtehen, zu erfah⸗ ren, was die Frau Gerbois und ihre Nichte von ihm denken und treiben, welche jedenfalls ſehr ſtaunen müſſen, ihn, der faſt alle Abende ihnen Geſellſchaft leiſtete, nicht mehr zu ſehen. „Was hindert mich, ihnen einen Beſuch abzuſtat⸗ ten,“ ſagt Girardiére,„überdieß... was habe ich zu befürchten! da ich nun die Schliche Auguſtinens mit Herrn Fractin kenne, ſo wird mich dieſes kleine Mädchen nicht mehr in ihre Schlinge ziehen, und da ich mich nie beſtimmt erklärt habe, ſo kann man mir auch keinen Vorwurf machen. Wohlan, vorwärts, zu dieſen Damen! Beim Henker! ich werde mich nicht wenig ergötzen an dem Aerger dieſes Mädchens, dem ich den Hof nicht mehr machen werde. Ich werfe ihr einige zweideutige Worte hin... und werde mich an ihrer Verlegenheit ordentlich weiden.“ Girardieère, erfreut über ſeinen Einfall, macht ſeine Toilette und ſteigt in einen Wagen, der ihn nach der Vorſtadt Saint⸗Jacques führt. Um die Mittagsſtunde tritt unſer Eheſtands⸗Can⸗ didat in das Haus, dem er ein ewiges Lebewohl ge⸗ ſagt hat. Das Herz klopft ihm, als er die Stiege hiinnaufgeht, es klopft noch ſtärker im Vorbeigehen an jener Thüre, wo er Geheimniſſe belauſchte, welche alle ſeine Pläne geändert haben; endlich faßt er ein Herz und läutet bei der Frau Gerbois. 63 Auguſtine öffnet ihm. Sie iſt zierlicher als ge⸗ wöhnlich angekleidet. Die Nähterin, ihre Freundin, Herr Trubert, der Tiſchler, ſowie vier andere Per⸗ ſonen ſind anweſend. Die Herren ſind ſchwarz ge⸗ kleidet, die Damen in Gala. Beim Anblick. Girardière's ruft Auguſtine aus: „Ahl Sie ſind es... mein Gott!.. ſo lange haben Sie uns im Stiche gelaſſen... welch' Wunder, Sie „ wieder zu ſehen!.. meine Tante wird ſo leich kom⸗ 3 9 4 men, ſie iſt im anſtoßenden Zimmer... kommen Sie doch herein...“ Girardiere tritt ein und ſucht den Beweggrund dieſer Zuſammenkunft bei der Frau Gerbois zu er⸗ rathen. Während er ſich verbeugt und einen Seſſel nimmt, hebt Auguſtine eine dicke, rothe Katze, die eben durch das Zimmer ſprang, in ihre Arme auf, umarmt ſie zärtlich und trägt ſie zu Girardiere hin, mit den Worten:„SIch ſtelle Ihnen Herrn Fractin vor... das iſt der große Unverſchämte... Sie lern⸗ ten ihn noch nicht kennen, denn er iſt faſt immer in meinem Zimmer, weil meine Tante keine große Liebhaberin von den Katzen iſt... aber heute... an dieſem feſtlichen Tag, habe ich die Erlaubniß zu ſeinem Eintritt erhalten.. nun, Herr Fractin, mach' einen Purzelbaum!“. Während des Geſprächs des jungen Mädchens nimmt Herr Girardière alle Farben an, ein kalter Schweiß fließt von ſeiner Stirne, ſeine Brille fällt ihm von der Naſe herunter; endlich ſtammelt er, den Blick auf Auguſtine heftend:„Wie, Fräulein... dieſe 64 Katze... iſt Herr Fractin!.. Herr Fractin iſt eine Katze...“. 3„Ja, gewiß, was iſt daran Außerordentliches?“ * Girardière ſchlägt ſich vor die Stirne, ſteht auf, ohne daß er ſich die Zeit nimmt, ſeine Brille wieder aufzuſetzen, läuft mitten durch die Stube, ſtößt die Naſe an einen Schrank, wirft zwei Seſſel um, und kommt endlich in das Zimmer, wo Frau Gerbois iſt, der er von Weitem, ehe er ſie wahrnimmt, zuruft: „Frau Gerbois! ich komme, Sie um die Hand ihrer Nichte zu bitten... ich will mich verheirathen... ich verzichte auf die Thorheiten des Hageſtolzenlebens... ich bete Fräulein Auguſtine an... Verehelichen Sie uns gefälligſt in aller Eile... ich habe tauſend Tha⸗-. ler Renten... ich verlange kein Heirathsgut.“ ur Die ganze Geſellſchaft ſtaunt über das ungeſtüme Hinausſtürzen dieſes Herrn, welcher in der Abſicht, um ein junges Mädchen anzuhalten, Alles durchein⸗ anderwirft; allein Frau Gerbois antwortet Girar⸗ diere ganz ruhig:„Ihre Anfrage kann uns nur Ehre machen, und wenn Sie ſie früher geſtellt hät⸗ ten, ſo wären Sie ſetzt der Gatte meiner Nichte, allein Sie haben plötzlich Ihre Beſuche bei uns ein⸗ geſtellt, ohne uns einen Grund Ihrer Abweſenheit mitzutheilen. Während dieſer Zeit hat ſich Herr Tru⸗ bert erklärt und um Auguſtine angehalten. Herr Trubert iſt ein braver, rechtſchaffener Mann, und wir hatten keinen Grund, ihn abzuweiſen...“ Hier verbeugt ſich Herr Trubert vor der ganzen Geſellſchaft tief, worauf Frau Gerbois fortfährt: A — 65 „Ich habe eingewilligt, und eben ſind wir im Be⸗ griffe, auf das Rathhaus zu gehen... Es iſt Zeit aufzubrechen; wohlan, meine Herren und Damen, laßt uns ſortgehen, damit der Herr Maire nicht auf uns warten darf... Auf Wiederſehen, Herr Girar⸗ dière; meine Nichte wird ſich in dieſer Straße nieder⸗ laſſen. Wenn Sie eine Tabaksdoſe brauchen⸗ ſchenken Sie nur ihr Ihre Kundſchaft.“ Girardieère iſt ſo niedergeſchlagen, daß er außer Stand iſt, nur ein einziges Wort zu antworten. In⸗ deſſen geht die Geſellſchaft hinaus, der er folgen muß; man verabſchiedet ſich von ihm, und er befin⸗ det ſich bald allein im Hausgange. In der Verzweiflung rennt er mit dem Kopf gegen die Wand, reißt ſeine Haare vollends heraus und kommt endlich mit einem Fieber nach Hauſe zu⸗ rück. Als ſeine alte Mutter ihn fragt, was ihm fehle, erwiedert er bloß mit einem äußerſt ſauren Geſicht: „Eine Katze war's... Mutter!... eine Katze!... was iſt das auch für ein Einfall, eine Katze Herrn Fractin zu nennen!... ach! ich bin der Unglück⸗ lichſte auf der Welt! Einſt wars es ein Hund, we⸗ gen deſſen ich die Hand des Fräͤuleins Grandvil⸗ lain nicht erhielt, heute iſt eine Katze an dem Ver⸗ luſte Auguſtinens Schuld. Dieſe Thiere haben mich zum eheloſen Leben verdammt.“ Girardiere fällt in eine heſtige Krankheit, wäh⸗ rend welcher er nur von Hunden und Katzen träumt. Er genest zwar wieder, bleibi aber traurig, nieder⸗ Paul. de Kock. XIVII.. 5 ————— .* 66 geſchlagen und untröſtlich. Der Anblick eines Hundes oder einer Katze verurſachte ihm immer Krämpfe. Er ſtarb als Hageſtolz in den Armen ſeiner alten Mutter, welche ſtets noch zu ihm ſagte:„Sei ruhig, mein Söhnchen, Du wirſt mehr Frauen finden, als Dir lieb iſt!“ Inhalt des erſten Theils. Erſtes Kapitel. Ein ſehr verliebter Mann Zweites Kapitel. Ein Eheſtands⸗Candidat. Drittes Kapitel. Eine Anfrage. Viertes Kapitel. Zu arm Fünftes Kapitel. Zu häßlich Sechstes Kapitel, Zu alt * Inhalt des zweiten Theils. Erſtes Kapitel. Zu dumm Zweites Kapitel. Bei dem Gaſtwirth Drittes Kapitel. Herr Fractin. πᷣ 2‿ —— 9— Rſtffnſnſfſff ſſnſſn 47 8 9 10 11 12 13 14 15