Eee2Ge eecSesses cesecee ceraserSeeseeecoecenh. ————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 5 von.. 1 Ednard Otktmann in Gießen, — 8 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ G den angenommen... 13.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe* 9 binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 1 lere 4 wird.— 5 3 3. 4. Abannement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt 4 für wöchentlich 2 Bücher:. 4 Bücher: 6 Bücher: 4— PA——— auf 1 Monat: 1 M Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. Mente 5 3 5. Auswörtige Abennenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre ienen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt⸗das. zerriſſene, beſchmutzte, ver. lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben k Et w as mehr als Roman. Aus dem Franzoͤſiſchen von dem Berfaſſer von Friedrich⸗ e l. 4 1 5 Menſchen irte behande 8 eines abe ſie fre lls einmal ſch wohin ich gerieth 2 dg 4 3 „ Ar E 8* ſer— wofern ſie eini bitel. 2 3 5 Vorbericht. e Nenſch De folgende Geſchichte gehoͤrt nicht in die Klaſſe jener Romane, welche dem ge⸗ woͤhnlichen Leſer nur durch ihre u natur und ihre Abweichung von den Geſetzen de Wahrheit gefallen; die Ereigniffe d ben gehoͤren in die wirkliche Welt Erſt neulich ſind ſie geſchehen, und mehr großen Welt bekannt ſind, werden ſich ohn⸗ fehlbar der Hauptzuͤge dieſer Denkwuͤrdig⸗ keiten erinnern. Die Perſonen, welche hier auftreten, ſind, außer Einer, noch ſaͤmmt⸗ lich am Leben; ihre Geſchichte iſt nach der authentiſchen und eigenhaͤndigen Handſchrift des Barons von Bi, des Großvaters un⸗ ſerer Heldin, aufgeſetzt, und der Herausge⸗ ber hat ſich nicht erlaubt, die geringſten Thatſachen zu verfaͤlſchen oder zu aͤndern. Er hat ſich begnuͤgt, die einzelnen Fakten in Ordnung zu bringen, und ſie in einem einfachen, natuͤrlichen, dem Gegenſtande an⸗ gemeſſenen Styl vorzutragen. Vorzuͤglich hat er ſich bemuͤht, unſre modiſchen Phra⸗ ſen, jene gezierte Sprache und die ſchwuͤl⸗ ſtigen Kraftſpruche zu meiden, die von un⸗ ſern jungen Schriftſtellern bis zum Ekel ge⸗ braucht werden, vermuthlich— weil ſie ein Dokument fuͤr das Talent der Autoren ſeyn.— ſollen, aber gewoͤhnlich nur fuͤr ein geiſtiges 5 el.* Unvermoͤgen und einen ſchlechten Geſchmack zeugen. Wer in Romanen— denn ſo nennt man 4 gewoͤhnlich diejenigen Werke, welche dem gegenwaͤrtigen gleichen— bloß außerordent⸗ liche und wundervolle Abentheuer ſucht, der laſſe dieſes Buch lieber ganz ungeleſen. 3 Denn er wird weder Geſpenſter, noch Teu⸗ fel, noch verfallene Schloͤſſer, noch grauen⸗ volle Gewoͤlbe und dergleichen Herrlichkeite mehr finden, welche ſeit ungefäͤhr zwei ren in Frankreich und England i 8 aufgefäͤhrt ſind, und velche es dem verderbten Geſchmack unfers lieben Vaterlandes, ein ſo ungeheures Gluͤck bei uns gemacht. Wer aber ſeinen Geſchmack vor dem Gift ſolcher laͤcher lichen Thorheiten verwahrt hat, wird in dieſer Lektuͤre, wo ich nicht irre, eine wuͤrdige Unterhaltung finden, und das Schickſal einer Familie be⸗ dauern, deren Ungluͤck auf das Mitleid je⸗ des gefuͤhlvollen Herzens Anſpruͤche hat. Ich haͤtte hier vielen Stoff, ein paar Worte von der Herrſchaft der Mode zu ſagen, welche alles, von den geheimſten Wiſſenſchaften bis zu den Romanen und Schauſpielen ihrem Eigenſinn unterwirft. Dieß wuͤrde mich aber zu weit fuͤhren und den Wiſſenſchaften ſelbſt nicht viel nuͤtzen. Ich will nur bemerken, daß vor einigen Jah⸗ — VII ren die Chemie unſere Mode⸗Wiſſen⸗ ſchaft war, daß unſere Damen ſich zu allen chemiſchen Experimenten mit einer Art von 3 Raſerei hindraͤngten; die Chemie wurde von epitel. 4 4 c;. 8 1 Jeannot abgeloͤſ't, einem Gaukler, der fuͤr den Triumph des Geſchmacks und der Vernunft viel zu lange geherrſcht hatte; ihm folgte Figaro, der ungeheure, ſittenloſe Figaro, dem wir den unſchaͤtzbaren Vorzug verdanken, daß er uns von dem laͤſtigen Joche der Sittlichkeit und Vernunft befreit hat; nach Figaro kam Cadet Roufſell, zwar nur eine unbedentende, einfaͤltige Far⸗ dune ze; ihm folgten die Teufel u. ſ. w. Was wird nun wieder folgen? Andere Poſſen von keinem hoͤheren Werth! Freilich muͤſſen wir hoffen, daß endlich auch einmal die Reihe VIII— an die Vernunft, an die Tugend, an das Ehrgefuͤhl und den Geſchmack kommen wird; aber leider! wie weit mag dieſe Epoche noch fern ſeyn! Fuͤr einen wahren Freund der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften iſt nichts trauriger, als der gegenwaͤrtige Zuſtand, oder vielmehr— der tiefe Verfall unſerer Literatur. Nie hat man mehr Schriftſteller geſehen als jetzt, aber auch nie weniger wahre Anlagen. Faſt kein einziges Genie, kein junger Mann. von dem ſich einmal etwas Großes erwar⸗ ten ließe, ſchimmert aus dieſem Gewuͤhle hervor. Die ſchoͤnen Kaͤnſte, wie die Wiſ⸗ ſenſchaften, liegen in dieſem oͤden Verfalle, und ungluͤcklicher Weiſe! wird das kom⸗ IX mende Geſchlecht noch tiefer als das gegen⸗ waͤrtige ſinken. Aetas parentum, pejor avis, tulit nos requiores, mox daturos Progeniem vitiosiorem. Woher dieſe Verſchlimmerung? Ich glaube die Urſachen zu wiſſen. Aber es iſt jetzt nicht Zeit davon zu reden. Um noch einmal auf unſere Maria zu⸗ ruͤckzukommen, ſo wuͤnſche ich, daß die Ge⸗ ſchichte ihrer mannichfaltigen Leiden den Le⸗ ſer eben ſo tief ruͤhren moͤge, als mich bei dem Entwurfe ihrer handſe chriftlichen Urkun⸗ den, welche mir zur Regulirung anvertraut wurden. Wie viele wehmuͤthige Thraͤnen ſind auf meine Blaͤtter gefloſſen! Mehr als einmal hat mich Aurora bei dieſem anzie⸗ 8 — Kenge eeicht uͤber d epikel. * ba Menſch hen Haͤrte beh v es der 6 Mehr als grunde, X△—.— henden Geſchaͤft aͤbexaſcht. Keinen ſuͤßeren Lohn fuͤr meine Arbeit koͤnnt' ich erwarten, als wenn einigen Leſern, denen dieß Buch in die Haͤnde faͤllt, ein gleiches wiederfah⸗ ren ſollte. Mein Ehrgeiz erſtreckt ſich nicht weiter; mit einem ſolchen Triumph wird mein Zweck mehr als erfuͤllt ſeyn. Der Herausgeber. Maria 3 4 M aer i a bend. oder 4 wenige Menſe die Tochter des Ungluͤcks. chen Haͤrte be ten Jahre e SIch habe Nenge von T zy es der Ste ſeicht uͤber die der Menſche den geoͤßten Mehr als einn runde, wohit Zufall geriet 1 4— *. f„ Erſtes Kapitel. —— Das Schickſal hat wenige Menſchen mit einer ſolchen tyranniſchen Haͤrte behandelt, als mich in den letzten Jahren eines be⸗ ſchwerlichen Lebens. Ich habe ſie freilich aͤberſtanden, dieſe Menge von Widerwaͤ⸗ tigkeiten— Dank ſey es der Stäͤrke eines Geiſtes, die mich vielleicht uͤber die gewoͤhn lichen Schwachheiten der Menſchen erhob; — aber nur unter den groͤßten Gefahren und Muͤhſeligkeiten. Mehr als einmal ſchweb⸗ te ich an einem Abgrunde, wohin ich bloß durch den gluͤcklichen Zufall gerieth, daß ich mit ein paar Ungluͤcklichen verwan mußte, welche von einer barbariſchen A2 bluͤtigen Rache zum Opfer verdammt waren. Endlich haben mich Muth und Philoſophie in 3 den Hafen der Ruhe geleitet. Meine Stand⸗ haftigkeit ſcheint ſelbſt die Grauſamkeiten des Schickſals ermuͤdet zu haben, und ein froͤhli⸗ her Sieg hat das geduldige Ausharren mei⸗ bes Muthes belohnt. Ich benutze die ruhigen Augenblicke, wel⸗ e mir das beſaͤnftigte Ungluͤck jetzt goͤnnt, i die Begebenheiten eines truͤben und ſtuͤr⸗ chen Lebens zu zeichnen, und halte ſie fur ehend genug, um keinen Tadel wegen die⸗ 4ℳ zu fuͤrchten. Im Grunde habe ich weitere Abſicht, als: meiner Fa⸗ Andenken zu hinterlaſſen. Sollte Geſchichte aber aus Urſachen, die ſich mmer vorherſehen laſſen, einſt bekannt tanchem Leſer ein paar nutz⸗ füͤr aͤhnliche Umſtaͤnde, ————jj¹“. ——— ——* meine Gemahlin. Nn ein Sohn verlebte die erſten und ſchoͤnſten Jahre me nes Lebens in einem Gewuͤhl, das man da mals die große Welt und gute G ſellſchaften nannte. Durch meine Ge⸗ burt zu den erſten Stellen am Hofe od unter dem Soldatenſtande berufen, widmet ich dem Vergnuͤgen alle die Stunden, wel⸗ che ich den Pflichten meines Standes und den Sorgen fuͤr meine Befoͤrderung entzie hen konnte. Die Blendwerke des Glu⸗ verfuͤhrten mich einige Zeit; im Beſitz ei⸗ nes ziemlich betraͤchtlichen Vermoͤgens und einiger angenehmen Talente, welche mich 3 den glaͤnzendſten Erobe erungen und zum ſchne ſten Fortſchreiten auf der Laufbahn des Gluͤcks zu berechtigen ſchienen— waͤhnte ich, gegen alle Launen des Schickſals geſichert zu ſeyn aber bald verflog dieſe Taͤuſchung. Ich hatte eine ſehr reiche Heirath wirklich mit der vollen Zuſtimnung me Herzens gethan. Ein fruͤher Tod ei 6 Folge die unſchuldige Urſache meiner vielen und langwierigen Leiden wurde. Andere Zufaͤlle, welche die menſchliche Kurzſichtigkeit nie vorherſehen, und welchen ſie daher faſt nie ausweichen kann, raubten meine ſaͤmmtlichen Guͤter. So betraͤcht⸗ ich dieſer Verluſt war, ſo hat er doch keine Schuld an den Thraͤnen, die ich ſchon ſo lange vergieße; eine ſchmerzhafte Empfin⸗ ng zerreißt mein Herz, und dieſe Wunde rd nur mit meinem Leben verharſchen. Der Verluſt einer innigſt geliebten Gat⸗ 1, die mir der Tod in der Bluͤthe ihrer entriß, war der erſte Streich, womit ſchickſal meinen ſtrafbaren Stolz zu demuͤthigen ſchien; ich werde ſie nie ver⸗ ſen traurigen Unfall verfloſſen, und doch ann ich noch jetzt ohne die ſchmerzlichſte b Art von Schmetz ed viel 4 ange Schon dreißig Jahre ſind ſeit diiee ahrung nicht daran danten; es vergehen Nicht mehr als fuͤnf Leute hatte ich meinem Dienſt:— eine Frau von reiferen Jahren, die meiner Familie ſchon lange ge⸗ dient hatte, und jetzt meinen Haushalt beſorg⸗ te; einen Verwalter meiner kleinen Oekono⸗ mie, der zugleich mein Vertrauter war, eine gute Koͤchin, einen Gaͤrtner mit ſeiner Frau welche das Federvieh und die Milchgeſchaͤfte unter ihrer Aufſicht hatte. Dieſe wackeren Leute wurden gut von mir bezahlt, und be⸗ — wieſen mir die herzlichſte Anhaͤnglichkeit; ſie lebten in der vollkommenſten Eintracht. Ihr geſchaͤftiger Eifer brachte uͤber meinen klei⸗ nen Haushalt mehr Segen, als ich erwartet 4 hatte; man fand hier das Angenehme mit dem Nuͤtzlichen herrlich vereint, ich führte — — 1 ner Abgeſchiedenheit geworden, w meine 30 fenriae Einbildung nich woͤhnlich noch vor Sonnenaufgang mein Bet⸗ te, ging einige Schritte weit von meinem Hauſe, ſetzte mich an den Rand einer kleinen, mit reizenden Gebuͤſchen umſchatteten Quelle, athmete hier die Kuͤhle des Morgens, und belauſchte gleichſam die erſten Strahlen der Sonne. Noch lag alles auf dem Lande in ruhigen Schlummer begraben; ie Voͤgel lieſ⸗ ſen ihr laͤndliches Concert noch nicht hoͤren, die Luft war ſtille und rein, und kaum lis⸗ pelte in den Blaͤttern ein leichtes, liebliches Saͤuſeln. Nur das Geraͤuſch der kleinen We len, die ſich vor mir uͤber die Kieſelſteine hin waͤlzten, unterbrach die tiefe Stille de Nacht,. und ſchien ein Vorſpiel fuür das Erwachen des Tages zu ſeyn. Ein einziger Lichtſtrahl erſchien am fernen oͤſtlichen Himmel— und chon fing der Glanz der Sterne an zu er⸗ iſſen; die Blumen oͤffneten ihre Kelche, ſtr eten ihre ſuͤßen, balſamiſchen Duͤf —— 2 ch herum. Eine ſanfte Schwer⸗ bemaͤchtigte ſich dann meiner Seele; von Erxtaſe, und eine liebliche Ruhe, die ſich leichter fuͤhlen als beſchreiben laͤßt, wurde zuletzt meine herrſchende Stimmung. Nicht ſelten hatte ich Gelegenheit zu beobachten, daß uns das Ungluͤck zur Natur zuruͤck⸗ fuͤhrt, und daß man nur in der Schule der Widerwaͤrtigkeiten im Stande iſt, ih⸗ ren ganzen Werth zu empfinden. An mir ſelbſt wenigſtens hab' ich deutlich dieſe Erfah⸗ rung gemacht. Wie oft hatte ich auf meinen vorigen Fedozogn und. beir andern Gelegen⸗ heiten das Aufgehen der Sonne geſehen! aber gewoͤhnlich ohne die leichteſte Empfindung. Es iſt im Grunde natuͤrlich. Von einem ewi⸗ gen Wechſel von Geſchaͤften und Ergoͤtzlich⸗ keiten hingeriſſen, war ich gegen alles ande⸗ re verfremdet; aber meiner Beſonnenheit wie⸗ der hingegeben, und mit ruhiger Entſagung den truͤgeriſchen Phantomen einer eitlen Welt entruͤckt, mußte ich auf neue Unterhaltungen denken, und hatte hier nur die Muͤhe: zu waͤhlen. Alles war in dieſem neuen Zuſtatie de Genuß. Ein neuer Stoff zum reinſten blicken aus den Augen verlor⸗ haun Blumen zu verſchoͤnern anfig. Mit Wol⸗ luſt blickte ich um mich herum, und wuͤrde im eigentlichſten Sinne gluͤcklich geweſen ſeyn, wenn ich dieſe Begeiſterung nach meinen Wuͤnſchen haͤtte verlaͤngern, oder meine Tage in dieſem Zuſtande des Entzuͤckens ſanft endigen koͤnnen. 4tes Kapitel. Einſt wollte ich, wie gewoͤhnlich, ds Mor⸗ ens das große Schauſpiel der aufge 21 an Bone genießen, und richtete wene ngen auf den Abhang des Huͤgels, uͤ er hen ſie ihre erſten Strahlen hingoß, 8 ſc ei 6 Wagen mit ſechs Pferden bemer te, deueſ hr, daß ich ihn nach einigen Aug ſchnell fuhr, De Snasg 8 nung war mir deſto auffallender, weil an jener —— 4— 23 Stelle gar keine Heerſtraße war, und ich ſeit beinahe zwoͤlf Jahren waͤhrend meines hieſi⸗ gen Aufenthaltes keine aͤhnliche Erſcheinung bemerkt hatte. Es war mir unmoͤglich, die Menſchen ſelbſt, die in dieſem Wagen ſaßen, zu ſehen. Sie wollten vermuthlich auch nicht geſehen ſeyn, denn ſie hatten die Gitterfenſter aufge⸗ zogen, und ich bemerkte bloß, daß der Kut⸗ ſcher, der Vorreiter und die beiden Bedienten keine Livree trugen. Aber alles verrieth, daß es ſehr vornehme Reiſende waren, Unwillkuͤhrlich fuͤhlten ſich meine Gedan⸗ ken von dieſem Abentheuer mehr als von jedem andern Vorfalle angezogen, und mein Scharfſinn erſchoͤpfte ſich in vergeblichen Muthmaßungen daxuͤber. Indeſſen— war die Kutſche einmal aus dem Geſicht entſchwun⸗ den, und verlor ſich allmaͤhlich auch wieder aus meinen Gedanken; ich wollte mich von neuem den angenehmen Taͤuſchungen der Na⸗ tur uͤberlaſſen. Den Blick auf die Spitze mei⸗ nes lieblichen Huͤgels geheftet, janchate 1eh im Geiſte ſchon dem freundlichen Gme! der erſten roͤtheren Sonnenſtrahlen entgegen, als. ich in ihrem hervorgehenden Glanze eine weie gekleidete Dame bemerkte, welche mit langſa⸗ men und unſicheren Tritten den Huͤgel herab: ſtieg. Ein neuer Grund zum Erſtaunen! Die⸗ ſe Erſcheinung ſchien offenbar mit jener Kut⸗ ſche zuſammenzuhaͤngen. Eine Dame, deren aͤußere Geſtalt und Tracht auf einen vornehmen Stand rathen ließ, welche einſam, in der Morgendaͤmme⸗ 5 rung und auf einem abgelegenen Wege daher⸗ irrte— wahrhaftig, ich wußte nicht, was ich davon denken ſollte. Nur die Noth oder ein ſonderbarer Beweggrund konnte ſie zu eie nem ſolchen unvorſichtigen Schritte verlei- ten. Meine Gedanken verwirrten ſich im⸗ mer tiefer, je mehr ſie dieſem Geheimniß auf die Spur kommen wollten. Zuerſt glaubte ich auf eine verliebte Zuſammenkunft rathen zu mnüſen wenn dieſe rſche nun vielleicht— 8 — 25 veroͤdete Ort, alles bewog mich, meine Hel⸗ din fuͤr eine Ungluͤckliche, welche ſich ihren Verfolgern, oder fuͤr eine gewaltſam behan⸗ delte Geliebte zu halten, die ſich der vaͤter⸗ lichen Grauſamkeit entziehen wollte. Halb aus Neugierde, halb aus Menſchen⸗ liebe und Mitleiden, und— warum ſollt ich es laͤugnen, zugleich von einem geheimen, unmerklichen Triebe, wie von einer heiligen Pflicht, aufgefordert, wollte ich ſehen, wie ſich dieſes kleine Abentheuer endigen werde. Meine Menſchenfeindſchaft hatte mich nicht fuͤhllos gegen die Ungluͤcklichen, Huͤlfsbeduͤrf⸗ tigen gemacht. Schnell verbarg ich mich hinter einem dichten Gebuͤſch, wo ich ungeſehen alle Bewe⸗ gungen jener Dame beobachten konnte. Je naͤher ſie kam, deſto mehr entdeckte ich auf ihrem Antlitz die Spuren eines tiefen Grams. Aber durch dieſe Zuͤge von Truͤbſinn und Nie⸗ dergeſchlagenheit ſchimmerte noch deutlich ihre fruͤhe Jugend hervor; ich konnte ſte aicht Marila. 8 26.— 4 faͤr alter als dreizehn oder vierzehn Jahr hal⸗ ten. Bloß ihr hoher und ſchoͤner Wuchs hatte ihr in der Ferne ein aͤlteres Anſehn gegeben, und ihre zarte Jugend erhoͤhte noch die war⸗ me Theilnahme, die ſie mir bei ihrer erſten Erſcheinung eingefloͤßt hatte. Ihre edle und artige Stellung, ihr beſcheidner und Ehr⸗ kurchtgebietender Blick, alles, was ich an ihr bemerkte, verkuͤndigte eine Dame von Stande. 5 Auf der Stelle beſchloß ich, ſie zu ree: en; denn ſie ſchien ein trauriges Opfer des Ungluͤcks zu ſeyn.„Der Himmel ſelöſe, ſagte ich zu mir, hat ſie in meine Haͤnde ge⸗ fuͤhrt,— ich darf ſie nicht verlaſſen.“ Nur wollte iſt erſt ihre Geſinnungen erforſchen. Aber ſonderbar! ich ſah ſie von dem geraden Wege abweichen. Mit ſtuͤrmiſcher Unruhe eilte ſie nach dem Fluſſe, der am Fuße des Berges hinſtroͤmte. Sie blieb ohngefaͤhr eine Minute ſtehen, ſtieg dann auf eine kleine An⸗ hohe, die an der ſchroffeſten Stelle eine Art von Borgebürge bildete, mmn mit einem wil⸗ * — — 22 den Auge auf einen Augenblick die Tiefe des Abgrundes, und zog ploͤtzlich wie vom Blitz getroffen den wankenden Fuß zuruͤck. Sie er⸗ hohlte ſich indeſſen, hob die Haͤnde zum Him⸗ mel auf, naͤherte ſich wieder dem abſchuſſi⸗ gen Ufer und zog ruhig ihr Kleid aus. Ihre Abſicht war leicht zu errathen. Ich verlor ſie keinen Augenblick aus den Augen, ſondern flog aus meinem Schlupfwinkel hewor und eilte ſo ſachte zu ihr, daß ſie kein Geraͤuſch hoͤrte. Ich erreichte ſie gluͤcklich von hinten, ohne von ihr bemerkt zu werden; ſie war mit dem Gedanken ihres nahen Todes beſchaͤftigt. *Dieß war mir voͤllig klar, und ich hielt mich bereit, ihr das Leben zu retten. Sie blieb ein paar Augenblicke ſtehen, in finſtere Betrach⸗ tungen vertieft, und die Augen ſtarr auf den Abgrund, der ſie verſchlingen ſollte, geheftet; dann ließ ſie ſich auf ein Knie nieder, richtete den Blick zum Himmel empor, vermuthlich um ſeine Barmherzigkeit und Verzeihung fuͤr das Verbrechen zu erflehen, das ſie eben an B 2““ iſicch ſelbſt begehen wollte; hob ſich dann ploͤtz⸗ e] lich und mit Entſchloſſenheit auf, und nahm 9H einen Anlauf, um ſich in den Fluß, der hier 3wiſſhen ſteilen und engen Ufern mit reißender Schnelligkeit ſtroͤmte, zu ſtuͤrzen. Ich war nahe genug, dieſen unſeligen Sturz zu verei⸗ teln; ich faßte ſie beim Arm und rief:„ Um Gotteswillen, mein Kind, was wollen Sie machen? ⸗. Sie ſchien uͤber meine Gegenwart weder eeſtaunt noch erſchrocken, ſondern betrachtete mich mit einer ruhigen Miene und antwortete nichts. Aber ſie ſchien mir von neuem ent⸗ mal zum Opfer beſtimmt. Ich hielt ſie noch immer feſt an den Armen, zog ſie vom Ufer eg und ſagte zu ihr:„Beruhigen Sie ſich, n Willen der Vorſehung, die mich zu Ihrer wiſchen zu wollen— ſie hatte ihr Leben ein: eine Theure, und kaͤmpfen Sie nicht gegen ttung geſandt hat. Sie ſind vielleicht un⸗ 5 — k ich Sie fuͤhren? der Welt!— Sollten Sie nich ich glauben, daß nur die aͤußerſte Noth Sie — in dieſer fruͤhen Jugend, zu einem ſo ver⸗ zweifelten Entſchluß gebracht hat.“— Sie ſah mich wieder eben ſo ſtarr an, aber etwas ruhiger, ohne ein Wort zu erwie⸗ dern.„Faſſen Sie Zutrauen, fuhr ich fort; Sie ſehen hier keinen Verraͤther— nur einen Menſchen, der Ihnen nuͤtzlich ſeyn moͤchte. Ich ſelbſt bin ein Opfer des Ungluͤcks, ſo una gluͤcklich, als Sie es ſeyn koͤnnen. O reden Sie: was wollten Sie eigentlich thun? Ha⸗ ben Sie noch einen Aufinchtsder Wohin ſen Endlich erwiederte ſie mit einem tiefen Seufzer:„ Nirgends! ich habe keinen Zu⸗— fluchtsort mehr; ich bin allein auf der Weltz nur der Tod iſt meine einzige Zuflucht; alles andere hoͤrt fuͤr den Ungluͤcklichen auf.— Sie allein in der Welt? verſetzte ich. Sie haͤtten keinen Vater, keine Mutter mehr?. „ Ich habe ſie nie gekannt.“— Anch keine 3 Verwandten?—„Nein; ich bin allein i 24 3⁰0— w de, einen Goͤnner haben?—„ Nichts, gar te nichts; ich bin allein in der Welt.“— 5. Aber woher kommen Sie jetzt? wer hat Sie 8 m hieher gebracht? Und Ihr Name?— Ich b komme von Morlair, wo ich die Jahre meiner Kindheit zugebracht habe; ich kenne die Menſchen nicht, die mich in den angraͤnzen⸗ den Wald brachten und mich da verließen; ich heiße Maria.*— Sie wiſſen doch wenigſtens, wer Sie in Ihrer Kindheit ge⸗ pflegt, wer Sie erzogen, wer bei Ihnen bis zu dem Augenblick, wo man Sie wegfuͤhrte, die Mutterſtelle vertreten hat?—„O ja, war Fran von Ponty— Wer iſt dieſe von Ponty—„Das weiß ich nicht.* — Wo wohnt ſie denn?—„ Zu Morlair⸗ — Darf ich Sie dahin wieder zuruͤckfuͤhren? „ Wie? zu ihr?— Nun ja, ſeyn Sie Ighren Vater, als Ihren zaͤrtlichen Vater, u faſſen Sie nur Vertrauen.—„ Das kan ich jetzt wenigſtens nicht, wenn ich auch woll⸗ te; ich weiß mir ſelbſt kaum Rechenſchaft nur aufrichtig. Betrachten Sie mich als 45 — 31 von meinen Gefuͤhlen zu geben, denn ich bin noch ganz verwirrt von den ſchrecklichen Ereigniſſen des hentigen Tages.*— Das will ich gern glauben; aber die Fraul von Ponty?—„O die iſt weit, ſo weit; und dann.. ich weiß wahrhaftig nicht, was ich ſage, was ich denke.“— Gutes Kind, ich denke mich ganz in Ihre Lage; Ihr Ungluͤck hat auch Ihrem armen Kopfe ſo arg zugeſetzt, daß Sie Sich nicht einmal der neue⸗ ſten Vorfaͤlle noch erinnern koͤnnen. Ziehen Sie Ihr Kleid wieder an, und folgen Sie mir; nach ein paar Minuten ſind wir in mei⸗ nem Hauſe.—„In Ihrem Hanſe?— Ja; rechnen Sie da auf eine Behandlung, wie ſie dem Ungluͤcklichen gebuͤhrt; dort wer⸗ den Sie die Unterſtuͤtzung und Ruhe fin en die Sie nach einer ſo maͤchtigen Erſchutte⸗ rung beduͤrfen.—„ e he 1adh 8 Thran Hau⸗ „Ich bin's zufrieden. ne Hand: 24 32— w, endlich; Sie ſind ein Retter, mir vom Him⸗ 4s te] mel in der Nacht meiner Wi derwaͤrtigkeiten H geſandt; kommen Sie, ich will Ihnen fol⸗ m gen.“ Sie zog Ihr Kleid wieder an und ich fuͤhr⸗ te, oder vielmehr ich ſchleppte ſie nach mei⸗ nem Hauſe; denn Kummer und Muͤdigkeit hatten die zarten Kraͤfte des armen Maͤdchens ſo ſehr erſchoͤpft, daß ſie kanm aufrecht zu ſtehen vermochte. —— tes Kapitel. 6 V aus von dem Orte, wo ich ſie dem Tode ent⸗ 1 riſſen hatte, nicht weit entfemt lag; ſonſt haͤtte ſie es auf keine Weiſe erreichen kennen. Wir kamen; endlich dahin, nach einem eben ſo fahl ſie meiner Haushaͤlterin zur ſorgfäͤl⸗ ten Pflege, entdeckte der hazrernn zwar nichn von dem Zuſtande, in welchem ich ſie gefun den, gab aber Beſehl, daß der jungen Ma⸗ ria mit aller Achtung begegnet werden ſoll⸗ te, worauf ihre Jugend und ihr Ungluͤck An⸗ ſpruͤche haͤtten. Ich beſtellte eine kraͤftige Fleiſchbruͤhe, ließ ihr aber zugleich in einem kleinen unbewohnten Gemach neben dem Zim⸗ mer meiner Haushaͤlterin ein Bette zurecht machen. Dieſe ehrliche Frau(Namens Du⸗ mont) beſaß mein volles Zutrauen, war ſchon bei meiner Geburt gegenwaͤrtig gewe⸗ ſen, und von mir zur Belohnung fuͤr ihre al ten, treuen Dienſte an die Spitze meines Hansweſens geſtellt. Maria fiel ſogleich 4 in einen tiefen Schlaf, woraus ſie erſt gegen Abend von dem Hunger aufgeweckt wurde. Sie durfte aber nicht aufſtehen; das Abend⸗ eſſen mußte ihr vor's Bette gebracht werden. Sie ſchlief nachher des Nachts eben ſo ſanft als vorher am Tage, und war ſchon 8 an⸗ dern Morgens ſo wohl, daß ſie keiner wei w Mir ging es ſo angenehm nicht. Die Erreigniſſe des vorigen Tages hatten mein Blut in eine ſolche Wallung gebracht, daß ich keine Minute ſchlafen konnte. Das ſeltſame Aben⸗ thener mit dieſem Maͤdchen beſchaͤfftigte mei⸗ ne Gedanken unaufhoͤrlich, aber unmoͤglich war es, die Beweggruͤnde ihres ſeltſamen Entſchluſſes ausfündig zu machen. Ich hatte ſie nur ein paar Augsibliebs geſehen, und auf üihrem Aniig 3 Zige geſden, die m mir nicht 8 nicht ahaden Tounts, eSite meine Nangfde ung nur deſto mehr, und bot meiner Einbildungs⸗ kraft ein weites Feld von Betrachtungen dar. Es war mir in der That nnendlich viel darah ge legen, die Ungluͤckliche kennen zu lernen, de⸗ en Stand ſo ſehr uͤber die gemeine Klaſſe Tage verſtreichen, ohne die mindeſte Fragen uͤber ihr Schickſal zu thun. Nur von gleich⸗ erhaben ſchien; gleichwohl ließ ich mehrete 8 Jiliaen Siupen Phrach ich mit ir, uan ior Zeit zu einer voͤlligen Erhohlung zu laſſen, und hatte auch meiner Haushaͤlterin die ſtreng⸗ ſte Zuruͤckhaltung von allen neugieri gen Nach⸗ fragen anbefohlen. Mein Wille wurde puͤnkt⸗ lich befolgt. 3 Schon acht Tage war Maria in mei⸗ nem Hauſe geweſen, und wir wurden allmaͤh⸗ 1 lich vertrauter. Da ich ihrer Geſinnungen jetzt gewiß zu ſeyn glaubte, ſchlug ich ihr einen kleinen Spaziergang in die angraͤnzen⸗ den Gegenden vor; denn ſie war bis jetzt noch nicht aus meinem einſamen Gute ge⸗ kommen. Sie machte keine Schwierigkeiten, aͤußerte ſogar ihre Freude uͤber dieſen Vor⸗ ſchlag. Ich wollte ſie nach dem Orte jen res. Auftritts zuruͤckfuͤhren, um das Geſpraͤch auf einen Gegenſtand zu leiten, deſſen Ergruͤn⸗ dung mir ſo ſehr am Herzen lag. Ich ſaßte ihren Arm und faͤhrte ſie nach 3 dem un kleinen hnnde der nicht 8 von meinei wd ſee gehore, und zeigte Luſt, auf ihr ſpazieren 3 6 zu gehen. Dieß war es, was ich wuͤnſchte. c Die Ruhe ihrer Seele nahm mir alle Beſorg⸗ miß niſſe, daß der Anblick des Fluſſes einige leb⸗ 5 hafte ſchmerzliche Erinnerungen bei ihr wecken moͤchte, und ich ſaͤumte keinen Angenblics, ihhren Wuͤnſchen zu willfahren. Wiu ſtiegen in meinen Nachen, und fuh⸗ nen an dem kleinen Vorgebarge vorbei, wo Maria vor einigen Tagen ihr ungluͤckliches— Leben endigen wollte. Ich wandte kein Au⸗ ge von ihr, um zu ſehen, welchen Eindruck dieſer Anblick auf ſie machen wuͤrde; mit Ge⸗ wißheit konnt' ich vorausſetzen, daß ſie den Blatz wieder erkannte. Sie betrachtete ihn mit einem feſten, ruhigen Blicke, was mir en vortheilhaften Begriff von hnm Cha rakter gab. Wir landeten in einer kleinen Bucht, wo meinen Nachen feſtzubinden pflegte, mm nicht der hefglei der fortſtroͤmenden Dann gingen nnt liebliche Baͤume der Inſel umſchatteten, und ließen uns auf eine Raſenbank nieder, die ich mit duftenden Gebuͤſchen geſchmuͤckt hat⸗ te. In einiger Entfernung rauſchte eine Waſſerquelle und bildete einen Bach, an deſ⸗ ſen Ufern ſich Weiden und ſchlanke Pappeln erhoben. Der Geſang der Voͤgel, der ſuͤße Duft der Bluͤthen, die Kuͤhle des Schattens verbreiteten uͤber dieſen Ort den herrlichſten Zauber, und ruͤhrten auch die Seele meiner Maria ſo ſehr, daß ſie ihn nicht genung bewundern konnte. Sie bedauerte nur, daß er ſo weit entfernt, und daß der Genuß deſ⸗ ſelben mit einigen Beſchwerden verknuͤpft waͤre. — Ich ſuchte indeſſen Gelegenheit, das Ge⸗ ſpraͤch auf den beabſichtigten Punkt zu leiten, und Maria gab mir dieſe Gelegenheit ſelbſt. Indem ſie ihre Blicke auf die Wellen des Fluſſes richtete, den man durch die Baͤume ſehen konnte, wurde ſie ganz tieffinnig; ſcch wollte erſt den Eindruck abwarten, den dieſer Anblick auf ſie machen wuͤrde, ehe ich w Ste Mit e einem traurenden Auge ſah ſie mich an⸗ H. und ſagte dann, indem ſich ein Seufzer aus „ ihrem Buſen hervordraͤngte:„ Mein wuͤrdi⸗ ger Wohlthaͤter, werden Sie mich immer in Ihrem Hauſe behalten?“— Immer? ver⸗ ſetzte ich. Das wird auf Ihr Zutrauen an⸗ kommen; Ihr Schickſal haͤngt in dieſer Nuͤck⸗ ſicht von Ihnen allein ab. Kaum hatte ich dieſe Worte geſagt, als ſie zu meinen Fuͤßen ſank, ihre beiden Haͤnde zuſammenſchlug, und mit einer zeetiie bittenden Miene, mit einem noch ausdrucks eſter Herr, behalten Sie mich; was ſoll die arme Maria anfangen, wenn ſie auch von Ih⸗ nen verlaſſen wuͤrde, ohne Stuͤtze, ohne Hülſe mmuͤßte ſie dann endlich dennoch*... ſie wies bei dieſen Worten mit der Haͤnd nach dem Fluſſe.„Stehen Sie auf, liebes Maͤd⸗ chen, ſagte ich und umarmte ſie zaͤrtlich⸗ ungluͤcklich, und ich habe ein menſch ich ſelbſt bin ein Sohn des U vpolleren Blicke hinzuſetzte: Aus Mitleiden,. ſtehen Sie auf und ſeyn Sie ganz unbeſorgt. — Maria ſammelte ihre Geda ken, unt ng n erinnern, was Kluͤcks und weiß die Leiden meiner bedraͤngten Mitmenſchen zu ſchaͤtzen. Ich ſchwoͤre Ih⸗ nen hier, Sie nie zu verlaſſen; aber entde⸗ cken Sie mir wenigſtens, was Sie ron Sich ſelbſt wiſſen.* „ Was ich von mir ſelbſt weiß? ver⸗ ſetzte ſie. Ach ja! aber nach meinen beſten Erklaͤrungen werden Sie nicht mehr wiſſen, als jetzt. Ich habe die Frau von Pon⸗ ty, die mich erzog, und die ich nur verlaſ⸗ ſen mußte, um den Haͤnden anderer wohl⸗ thaͤtiger und mitleidiger Perſonen uͤbergeben zu werden, ſehr oft uͤber meine Eltern be⸗ fragt; da ſie aber ſelbſt von ihnen nichts wußte, ſo konnte ſie mir anch nur ungewiſſe Nachweiſungen geben. Was ſie mir gab, will ich I Sie meine Folgſamkeit wenigſtens uͤberzen⸗ gen, welchen Werth ich auf Ihre Guͤte ſetze, und wie ſehr ich wuͤnſche, mich derfelben wuͤrdig zu machen. ‿ Ihnen aufrichtig mittheilen. Moͤchte ſprochen hatte; ihr Gedaͤchtniß war vielleicht tee vooch etwas zerſtreut und verwirrt. Ich ſah, Hh daß ſie einige Minuten Ruhe brauchte und m nahm mich wohl in Acht, ſie durch neue dra⸗ gen zu ſtoͤhren. 6tes Kapitel. — Sie hatte mir wirklich mehr als Mitleiden eingefloͤßt, dieſe ungluͤckliche und verbannte Maria. Ich weiß nicht, welch' eine innere mmerklaͤrbare Neigung mich unwiderſtehlich zu ihrem Beſten hinzog; ich nahm ſchon im voraus den lebhafteſten Antheil an ihrem Schicfſal und hatte insgeheim den feſten Entſchluß gefaßt, ſie den Verfolgungen des Ungluͤcks zu entreiſſen und in meinem Hauſe zu behalten. Ich wollte ihre Erziehung vol⸗ ſeine elterlichen Rechte auf ſie geltend machen wuͤrde. Ohne Kinder und Erben— denn auſſer mir war von meiner Familie keiner mehr uͤbrig, faßte ich ſchon den Entſchluß ihr mein Eigenthum zu vermachen; ſie konn⸗ te dabei wenigſtens auf ein rechtliches Aus⸗ kommen, wenn auch auf keine Reichthuͤmer rechnen. Die Vorſehung ſelbſt ſchien dieß junge Geſchoͤpf in meine Wege gefuͤhrt, und mit mir gleichſam naͤher verbunden zu haben. Dieſe Gedanken und Vorſaͤtze beſchaͤfftig⸗ ten mich, waͤhrend Maria ihre zerſtreuten Erinnerungen zu ſammeln ſuchte. Nach ei⸗ nigen Augenblicken hob ſie endlich die Au⸗ gen auf, nahm meine Hand, druͤckte ſie zaͤrt⸗ lich, vergoß einige Thraͤnen und erzaͤhlte mir ohngefaͤhr mit folgenden Worten ihre Ge⸗ ſchichte; ich hoͤrte ihr mit der groͤßten Auf⸗ merkſamkeit zu: „ Ehrwuͤrdiger Wohlthaͤter, Sie haben es gewollt, daß ich Ihnen die Ereigniſſe er⸗ zaͤhle, denen ich das unſchaͤtzbare Gluͤck Ihrer Bekanntſchaft verdanke; ich will es verſuchen, und Ihnen alles, was ich von der Geſchichte„ meines Lebens weiß, mit der groͤßten Aufrich⸗ tigkeit mittheilen. Meine Geburt iſt ein Ge⸗ 4 4 heimuiß, das noch bis jetzt von mir nicht entſchleiert iſt; man hat ſie in ein Dunkel zu huͤllen gewußt, das vielleicht nie einen Aicht⸗ ſtrahl zulaſſen wird. 5 „ Frau von Ponty, die mich erzog, 4 iſt die Wittwe eines Hee⸗Officiers, und lebte in der Stadt Merlair von einer mäͤ⸗ ßigen Penſion von fuͤnfhundert Livres und 1 von einer Leibrente, die ihr jaͤhrlich hundert 31 Piſtolen einbrachte. Gleichguͤltig gegen die Welt, hatte ſie ihre Wohnung in einem klei⸗ nen, faſt t einſam ſtehenden Hauſe genommen, das nicht weit vom Ufer des Meeres lag. 3 Zu ihrer Aufwartung hatte ſie keinen Men⸗ ſchen weiter, als eine ſchon bejahrte Frau, Namens Thereſ e, die ihr gedient hatte, da ſie noch im Ueberfluſſe lebte, und ſie auch jetzt nach dem Verluſt ihres betraͤchtlich Vermoͤgens nicht verlaſſen wallte: E öhngefähr erſt zwei Monathe, als diſe dle 1 ſpricht, daß Sie dieſes Kind mit wahrer 5 muͤtterlicher. Sorgfalt behandeln we en Sie wird lange bei Ihnen b 43 Frau ſtarb, und die Thraͤnen, welche Frau von Ponty bei ihrem Tode vergoß, Hnhal ten eine Lobrede auf beide. Ich war kaum der Wiege entſchlöpft, als ich der Pflege dieſer Frau anvertraut wur⸗ de, und fand in ihr die zaͤrtlichſte Mutter. Ihr habe ich meine wenigen Kenntniſſe zu danken, und werde, wohin mich auch das Schickſal verſchlagen mag, ein ewig dankba⸗ res Herz gegen ſie fuͤhlen. „ Ein ſchoͤn gebildeter junger Uhnnne ohr ſehlbar von hohem Stande, der ſich vor⸗ her genau nach der Frau von Ponty erkun⸗ digt hatte, brachte mich zu ihr, und ſagte:* „Sie ſind zur Erzieherin dieſes jungen Maͤdchens beſtimmt, Madame, und ha⸗ „ben verſprochen, dies Amt mit Treue zu „ fuͤhren. Man vertraut ſie Ihrer Aufſicht „ bloß deswegen, weil man Ihre Grundſaͤ⸗ „ tzee kennt, und ſich von Ihrer Seite ver⸗ ſollen bei ihr Mutterſtelle vertreten, und „ ihr zartes Herz zur Tugend aufuͤhren. „ Alle Vierteljahr werden Sie puͤnktlich fuͤnf⸗ „ zig Lonisd'or theils zu ihrer Bekoͤſtigung „ theils zur Beſoldung ihrer kuͤnftigen Leh⸗ „ rer erhalten. Forſchen Sie nie wer dieſe „Maria— denn unter keinem andern Na⸗ „ men darf ſie Ihnen bekannt werden— 94 „ ſeyn mag, ſparen Sie alle Nachfragen „ nach ihren Eltern; der geringſte Verſuch dieſer Art koͤnnte fuͤr Sie ſehr ungluͤcklich 4 „ ausfallen. Ihre Eltern haben wichtige „» Urſachen, ewig unbekannt zu bleiben; die „ Entdeckung ihres Geheimniſſes wuͤrde nur „ das Verderben des Ungluͤcklichen Mitwiſ⸗ „ ſers ſeyn. Sie find eben nicht reich * Ihr Gluͤck haͤngt von Ihrem Betragen, beſonders von Ihrer Verſchwiegenheit ab. „ Nie werden Sie mit einem andern als mit mir in Ruͤckſicht dieſes Kindes nn heben,; und nur mir oder dem 1 8 2 2 — — 45 „ ſen, duͤrfen Sie einſt Marien verabfol⸗ „ gen laſſen, wenn man ſie zuruͤckfordern „ ſollte. Dieſen Zeitpunkt kann ich freilich „ noch jetzt nicht beſtimmen, aber Sie koͤn⸗ „ nen daruͤber ganz unbeſorgt ſeyn. Ihr Koſt⸗ „ geld werden Sie immer richtig erhalten. „Durch einen Brief werden Sie erfahren, „ wo Sie dieſe Gelder heben ſollen. Mehr „ habe ich Ihnen nicht zu ſagen; aber noch „einmal, Madame, merken Sie wohl, daß „ die geringſte Unbeſonnenheit Sie ewig un⸗ 8 gluͤcklich machen kann. Leben Sie wohl.* „ Er entfernte ſich und ließ die Frau von Ponty in einem Zuſtande des Erſtau⸗ nens zuruͤck, den man ſich leicht vorſtel⸗ jen wird. Sie hatte bei den erſten Vorſchlaͤ⸗ gen, die ihr mit meiner Erziehung gethan wurden, nicht geahndet, daß ſie dabei ſo viel zu verantworten haben wuͤrde. Aber jetzt hatte ſie einmal ihr Wort gegeben und wollte es halten. Auch wich ſie nie von den vor⸗ geſchriebenen Bedingungen ab. „Mit der eeſegeie SarJfn 45 wurde der Fran von Ponty entrichtet, was man ihr verſprochen hatte, und ſie be⸗ trug ſich dagegen auf eine Art, die ihr kei⸗ nen Vorwurf zuziehen konnte. Nie erlaubte ſie ſich uͤber ihre Pflegetochter die mindeſte neugierige Frage, und daͤmpfte den Reiz ih⸗ rer natuͤrlichen Neugierde durch das Gefuͤhl ihrer Pflichten. Den jungen Mann, der mich zu ihr gefuͤhrt hatte, ſah ſie nachher nicht wieder.“ „ Ich lebte unter der Aufſicht dieſer F Frau vollkommen zufrieden; ſie pflegte meiner Kind⸗ heit mit der edelſten Sorgfalt, war zwar von Natur mehr kalt und ernſt als liebko⸗ ſend; aber ich liebte ſie aufrichtig wie mei⸗ ne Mutter. „ Nit dem reifenden Aluteſmbe ch mich an ſie mit verſchiedenen Fragen wegen meiner Eltern und meiner Geburt, aber konn⸗ tee natuͤrlich von ihr nichts weiter erfahre alds was ſie ſelbſt wußte, und was ſie m beſonders in den letzten Jahren ſo oft wi at, daß ihre eignen Worte ei — 47 Gedaͤchtniß noch ſo lebhaft vorſchweben, als haͤtte ich ſie erſt geſtern gehoͤrt.“ „Seit einer Reihe von zehn Jahren hatte mich nichts in dieſer gluͤcklichen Ruhe geſtoͤhrt, als zuweilen jene gaͤnzliche Unwiſ⸗ ſenheit uͤber mein Herkommen. Aber jetzt wich das Gluͤck ploͤtzlich von meiner Seite, und ſtuͤrzte mich in einen Abgrund von Wie derwaͤrtigkeiten, denen ich ohne Ihr gros⸗ muͤthiges Mitleiden haͤtte unterliegen muͤſſen. Heute vor acht Tagen haben Sie mir das Leben gerettet, und zwei Tage vorher hatte ich die erſte Bekanntſchaft mit dem Elende gemacht. „Ich kam eben mit der Frau von Pon⸗ ty von einem Spaziergange vom Ufer des Meeres zuruͤck, wovon ihre Wohnung, wie Sie ſchon wiſſen, nicht weit entfernt lag, und ſah vor unſerm Hauſe eine Kutſche mit ſechs Pferden und zugleich eine Poſtkaleſche halten, welche fuͤr zwei Perſonen Raum hatte. Gleich fiel es mir auf, daß man mich ge⸗ wiß abhohlen wollte, und die Hoffnung, das Geheimniß meiner Geburt zu entraͤthſeln, hatte nicht ſo viel⸗Reize für mich, um ei⸗— ner gewiſſen Beklemmung des Herzens zu 6 wehren, welche die Wahrſagerin meines be⸗ vorſtehenden Ungluͤcks zu ſeyn ſchien.“ „ Auf dem Saale erwarteten uns zwei Maͤnner, wovon wir den einen ſitzend, den andern ſtehend antrafen. Der erſte war groß und ziemlich wohl gebildet, hatte aber in ſeinem Betragen und ſeinen Zuͤgen etwas Ge⸗ meines, das er nicht einmal durch einen Anſtrich von erzwungenem Adel verdecken konnte; der andere war kleiner, aber ſin Aeußeres verrieth einen weit edleren Anſtand. Wiewohl der Schmerz oder ſonſt eine Ur⸗ ſach ſeine natuͤrliche Geſichtszuͤge etwas ent⸗. 4 tellt zu haben ſchien, fo verkuͤndigte doch ganze Perſon einen hoͤhern Rang, als e t dem Manne, dem er mit der groͤßtet chtung und Ehrerbietung begegnete⸗ De tzende Mann begnuͤgte ſich bei unſerm Ein⸗ uitt in den Saal mit einer kleinen Ver 9 Hauptes; er wollte uns bl. 4 — gen, daß er uns bemerkt haͤtte; der andere gruͤßte uns mit der anmuthigſten, zuvor⸗ kommenſten Artigkeit.* „Der erſte zeigte der Frau von Pon⸗ ty die Haͤlfte der ſchon erwaͤhnten Charte und fregte ſie, wo das Kind waͤre, das man ihr vor ohngefaͤhr zehn Jahren anver⸗ traut habe. Sie faßte mich bei der Hand, ließ mich vortreten und ſagte: Hier ſteht ſie vor Ihnen.— Ich haͤtte ſie erkennen ſol⸗ len, verſetzte er; ſie iſt ihrer Mutter ſehr aͤhnlich— nur etwas ſchoͤner gebildet.“ „ Er faßte mich ſtark ins Geſicht. Der andere betrachtete mich indeſſen mit wahrer Theilnahme; ſein hoͤfliches und freundliches Weſen machte auf mein Herz einen weit tiefern Eindruck; und ich glaubte in ſeinen Angen ſogar einige Thraͤnen bemerkt zu ha⸗ veen, die er aber ſogleich wieder zu trocknen ſuchte. Da mich jener genug betrachtet zu haben ſchien, winkte er, daß ich zur zaͤcktreten 1 ſollte, wandte ſich dann zu jeuem, der ihm Maria. 2⸗. gegenuͤber ſtehen geblieben war, und ſprach: „Erkennen Sie esnan, dieſes Kid?— Der andere Wrehdr nichts, warf ſich ihm ſtillſchweigend zu Fuͤßen und ſagte zwar lei⸗ ſe, aber doch ſo vernehmlich, daß wir es hoͤren konnten:„O Cnade, Gnade, fuͤr dieſe Un⸗ gluͤckliche, gnaͤdiger Herr! Immerhin nehmen Sie mir das Leben, wenn die Rache des großen Fuͤrſten, an⸗ dem ich mich nur zu ſchwer verſuͤndigt habe, durch meine lange Gefangenſchaft noch nicht geſtillt iſt; aber ſchonen Sie dieſes unſchuldige Geſchoͤpf, dem Sie nichts als— ſein Leben vorwer⸗ en koͤnnen. Sie werden leicht denken, was ich bei dieſen Worten empfand. Dieſer gnaͤdige err, der alſo ein Mann vo yn mußte, fand es n Stillſchweigen, das nach jenen bloß nachzudenken, was er thun ſollte, und begnuͤgte ſich, dem unſchuldigen Schlacht opfer, das vor ihm lag, mit der Hand zu n hohem Stande icht fuͤr rathſam das Worten in dem Zimmer herrſchte, zu brechen. Er ſchien — 8 Aufſtehen zu winken, dann erhob er ſich 4 ploͤtzlich, eilte aus dem Saale, und ließ uns mit dem Unbekannten allein.“ „Waͤhrend ſeiner Abweſenheit naat der Unbekannte zu mir, ſchloß mich mit der waͤrmſten Zaͤrtlichkeit in ſeine Arme und be⸗ netzte meine Wangen mit heiſſen Zaͤhren; kange, ſchmachtende Seufzer arbeiteten ſich aus ſeinem Buſen hervor, ſeine Augen rich⸗ teten ſich zum Himmel und ſielen dann auf mich zuruͤck;— er druͤckte mich wieder an ſeinen Buſen und heftete einen letzten Kuß auf meine Lippen. Es iſt mir unmoͤglich, Ihnen Rechenſchaft von dem zu geben, was damals in meinem Innerſten vorging; aber ſeine ganze Perſon forderte mich zu einer Theilnahme auf, die ich ohngefaͤhr mit dem Gefuͤhl vergleichen moͤchte, das ich in Ihren Armen empfinde.“ „Sein Richter, in dem ich nun auch den meinigen fuͤrchten mußte, trat bald wie⸗ der herein, von zwei Waͤchtern begleitet, de: C 2 nen er befahl, den Unbekannten nach der Poſtkaleſche, welche auf der Straße einige 4 Schritte von der andern Kutſche hielt, zu fuͤhren, ihn in den Wagen ſteigen und nicht entwiſchen zu laſſen.* Der uUngluͤckliche wandte ſich um, oͤff⸗ nete mir noch einmal ſeine Arme, und brach beim Weggehen in ein Wehklagen aus, deſ⸗ ½ ſen ſchneidende Heftigkeit die Tiefen meines Herzens durchbohrte.“ Nach ſeinem Abſchiede ſagte der ge⸗ bisteriſche Herr, deſſen grauſame Gewalt ich ſchon zu fuͤrchten anfing, mit, einem kalten— and ſtolzen Ton:„ Mamſel, nehmen Sie 4 4 ſchied von der Frau von Ponty.— te? erwiederte ich; Sie wollen mich alfſſ hren? Er antwortete nichts, warf noch einen, wo nicht wilden, aber ernſten Blic auf mich, der mich von neuem Sitem mach⸗ 4 te, und ging wieder hinaus.* Jetzt ſtuͤrzte ich mich in die Aime 1 Ponip und wir hielten; uns —— 53 als mein Tyrann mit zwei Maͤnnern aus ſeinem Gefolge wieder herein trat, und zu ihnen ſagte:„ Bringt das Maͤdchen in mei⸗ nen Wagen und begegnet ihr hoͤflich.*⸗ „ Frau von Ponty bat um Erlaub⸗ niß, fuͤr mich einige Waͤſche und die Klei⸗ der zuſammenzuſuchen, die ich vielleicht ge⸗ brauchen wuͤrde. Mit einem ziemlich auf⸗ fahrenden Ton, verſetzte er, daß ich dieſe Sachen nicht brauche; ſie ſollte alles als einen Lohn fuͤr ihre Sorgfalt behalten, und es als ein Geſchenk von den Leuten anſe⸗ hen, die mich ihrer Obhut anvertraut haͤt⸗ ten. Er warf ihr noch eine Boͤrſe e mit fuͤnf⸗ zig Louisd’ or hin, ging dann ploͤtzlich hinans, ohne ſich ihr zu empfehlen, hob mich in den Wagen und ſetzte ſich zu mir. Es mochte ohngefäͤhr halb acht Uhr des Abends ſeyn. „„ Wir fuhren die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag, ohne uns weiter auf⸗ zuhalten, als um an ein paar Orten, wo man ſchon vorher fuͤr uns beſtellt hatte, et⸗ was Nahnung zu ims 35 nehme 1 den die Mahigeiten ſchon bei unſerer An⸗ kunft bereit.⸗* „ Fuͤr mich allein wurde in einem be⸗ keinen Menſchen zu ſehen als einen Mann aus dem Gefolge meines Reiſegefaͤhrten, der fuͤr alle meine Beduͤrfniſſe ſorgen mußte. Ich daß ich unter andern Umſtaͤnden eine ſolche Artigkeit wuͤrde zu ſchaͤtzen gewußt haben.* „ Ich dachte an nichts weiter als an mit mir machen? Welch ein Schickſal ſtand anir bevor? Hatte ich zu hoffen, oder zu farchten? Die regſamſte Neugierde fuͤr den Reiſe konnte mich doch nicht bewege den Bedienten, der mir bei Tiſche a tete, einige Fragen daruͤber zu thun, ich that wohl; er hatte ohnſtreitig efe ſie nicht zu beantworten. Die naͤchſten E ſondern Zimmer aufgetragen. Ich bekam erhielt die koͤſtlichſten Speiſen und geſtehe, meine gegenwaͤrtige Lage. Was wollte man gweck und das Ende meiner geh eimnißvollen 58 Nachbar: Wir ſind jetzt da; was ſoll — 55 „ Gegen das Ende der folgenden Nacht, der zweiten ſeit meiner Abreiſe von Mor⸗ lair— machte unſer Wagen in einem ſehr dichten Walde, deſſen Dunkel, von keinem Schimmer des Mondes erleuchtet, nur deſto ſchrecklicher war, auf einmal halt. Wenn ich nicht irre, ſo kann dieſer Wald nicht weit von hier liegen. Der Schlag unſerer Kut⸗ ſche oͤffnete ſich, und ein Menſch, den ich fuͤr einen Bedienten anſah, ſagte zu meinem ich thun?— Meine Befehle, verſetz⸗ te der grimmige Richter meines Schickſals mit einer etwas wankenden Stimme. Die Kutſche wurde ſogleich wieder zugeſchlagen. Noch einige Augenblicke, und ich hoͤrte ei nen Piſtolenſchuß, der mir einen lauten Schrei auspreßte. Mein Fuͤhrer, der ſeit dem Au⸗— genblick unſerer Abreiſe noch kein Wort mit mir geſprochen hatte, faßte mich bei der Hand und ſagte mit vieler Sanftmuth „ Seyn Sie ruhig, Mamſel, es bedeutet nichts. „Derſelbe Mann. der die Kutſche vor⸗ ver geüffnet hatte, machte ſie wieder auf, und ſagte:„ Es iſt geſchehen.* Mein Begleiter ſagte nichts weiter, als daß man zufahren ſolle.“ 4 „ Wir hatten den Wald etwa ſeit einer Stunde verlaſſen, als wir an das kleine Ge⸗ jenes Huͤgels erſtreckt. Der Tag daͤmmerte ſchon; der Wagen hielt wieder: derſelbe Mann machte ihn auf. Ein unwillkuͤhtlicher Schau⸗ der ergriff mich und ein kalter Schweiß be⸗ deckte meine Glieder; ich zitterte am ganzen Nörper. Mein ſtummer Menchelmoͤrder— denn er verdiente trotz ſeines Ranges keinen dem Wagen heben.... meine Ängſt hoͤlz kamen, das ſich bis zur andern Seite 3 edleren Namen— befahl, man ſollte mich nehrte ſich ſichtbar; gleichwohl mußte ich Der Voltzieher ſeiner varbariſchm. sgingen noch eine Weile, und mein Fuͤhrer blieb bald an einem gewiſſen Platze ſtehen, ließ meine Hand fahren, und ſagte: „ Fliehen Sie, armes Kind; machen Sie, „ daß Sie einen Zufluchtsort finden. Hier „ iſt einiges Geld fuͤr Ihre erſten Beduͤrf⸗ „ niſſe; ich habe nicht mehr(er⸗ druckty „ mir einen Doppellouisd'or in die Haͤn⸗ „ de). Ich hatte Befehl... aber nein! „ ich bin nicht zum Meuchelmoͤrder ge⸗ „ macht; ich ſetze meine Freiheit, vielleicht „ mein Leben aufs Spiel, indem ich Ih⸗ „ rer ſchone. Wenn man jemals erfah⸗ „ren ſollte.... Aber gleichviel! Ich „ habe eine edle That gethan, mein Ge⸗ „„ wiſſen f fuͤhlt ſich beruhigt. 2 „ Er ſchoß eine Piſtole in die Luft, ful⸗ te in aller Eile ein Grab, das ich nicht be⸗ merkt hatte, mit Erde, bedeckte es mit friſch gehauenen Zweigen, druͤckte mir die Hand und eilte davon. 9 3) war vor Seiſen dur ed de —, ſunken; dieſer letzte ſchreckliche Auftritt hatte mich in einen Zuſtand von wahrer Erſtar⸗ rung verſetzt. Ich verlor alle Faſſung und wußte keinen leidlichen vernuͤnftigen Gedan⸗ ken uͤber meine jaͤnmerliche Lage zu faſſen.“ „Eben hatten ſich Aurorens erſte Strah⸗ len gezeigt. Allmaͤhlig erhohlte ich mich von meiner erſten Beſtuͤrzung und ſuchte meine perwirrten Ideen zu ſammeln. Aber jetzt erſt fiel es mir auf, daß ich in dieſem un⸗ bekannten Walde allein ſey, daß mich tau⸗ ſend drohende Gefahren umringten. Ein neuer Schrecken uͤbermannte mich bei dieſem Gedanken; beinahe ſank ich in meine vorige Betaͤubung zuruͤck. Nur die Nothwendigkeit auf meine Erhaltung zu denken, bewog mich, dieſem Zuſtande von Huͤlfloſigkeit zu ent⸗ fliehen. Ich ſtand geſchwind anf und eilte,. ſoviel es meine Kraͤfte erlaubten, den une: gluͤcksvollen Wald zu deabsſts,: deſſen An⸗ blick mir ſo fuͤrchterlich war.“ Ich erreichte eudlich die Gränze deſ⸗ ſelben und ſah unſere Kutſche ſchon in w 4 p diſſen heller geworden u und die Gegenſtände ter Entfernung; nach ein paar Minuten war ſie auf der Spitze des Berges, wo ſie mir dann aus den Augen verſchwand. Ich dachte nicht einmal an dieſe Unvorſichtigkeit und an meine Gefahr, wenn mich vielleicht einige Leute aus dem Gefolge meines bos⸗ haften Moͤrders erblickt haͤtten; gleichguͤltig verfolgte ich den nehmlichen Weg. Ich ging ſo ſchnell, als ich bei meiner großen Er⸗ ſchoͤpfung konnte, und erreichte, nicht ohne vielen Aufwand ron Anſtrengung den Gi⸗ pfel des Berges, wo ich den Wagen aus den Augen verloren hatte. Dieß war das letzte, was meine Kraͤfte vermochten; ich konn. te mich nicht mehr halten, meine Beine zit⸗ terten, und ſanken auf dem feuchten, vom Thaue benetzten Raſen zuſammen. Die Kaͤlte 3 wurde mir heilſam; ſie gab mir einige Kraͤfte und meine Beſinnung wieder. Es war in⸗ cenvolle Lage zu fuͤgen. Das Geheule des Sturmes, der Flug eines Vogels, ſogar das Rauſchen der Blaͤtter, alles erfuͤllte meine Seele mit einem toͤdlichen Schrecken. Ich wurde in der That ohnmaͤchtig.“ 1 „, Mehrere Minuten dauerte dieſer Zu⸗ ſtand von Beſtuͤrzung und Fuͤhlloſigkeit. End⸗ ſich bemerkte ich den Strom unten am Ber⸗ ge— ein Anblick, der mir neue Kraͤfte und nenuen Muth gab. Von der ganzen Welt verlaſſen, ohne den mindeſten Strahl von Hoffnung fuͤr eine beſſere Zukunft, nur von Elende, von Schimpf und s ohne Erblaſſen entgegen.“ iſſen das Uebrige ehrwuͤrdige Grosmuth hat mich gerettet — Ich will es gern glauben, daß die Vorſicht, welche immer uͤber die Unſchuldigen wacht, Sie vielleicht nur deswegen zu meiner Huͤlfe geſandt hat, um mich die Laſt eines beſchwer⸗ lichen Lebens ertragen zu lehren. Ach! wie ungluͤcklich wuͤrde die arme Maria ſeyn, wenn mich Ihr Mitleiden nach dieſer groß⸗ muͤthigen Huͤlfe verlaſſen, und neuen Wider⸗ waͤrtigkeiten zum Raube hingeben wollte. Ich weiß in der ganzen Welt keinen einzigen Men⸗ ſchen, der ſich meiner jetzt erbarmen koͤnnte. Meine Eltern kenne ich nicht, und muß ſie fuͤr todt oder verloren halten, weil mir alles beweißt, daß ſie mich ſelbſt von nun an fuͤr 4 todt anſehen werden. Mein Schickſal liegt in Ihren Haͤnden; ich verlange weder⸗An⸗ ſehn noch Reichthum; mein einziger Wunſch iſt, ein dem Kummer geweihetes Daſeyn in der tiefſten Einſamkeit zu durchleben.“ „ 7tes Kapitel. Kaum hatte Maria die Erzaͤhlung ihrer traurigen Schickſale geendigt, als ſie ihre Augen, deren ſchmachtender, ruͤhrender Aus⸗ druck das roheſte Herz erweicht haͤtte, voll Zaͤrtlichkeit auf mich richtete; große Thraͤ⸗ nen rollten auf ihre Wangen, und ſchienen mich, wo moͤglich, noch zu einer waͤrmeren Cheilnahme, als ich ſchon fuͤr ihre zarte un⸗ Aluͤckliche Jugend empfand, iſtideim zu 3 wollen. Ich ſchloß ſie mit Inbrunſt in meine Ar⸗ me und ſagte:„Seyn Sie unbeſorgt! meine Theure, ganz unbeſorgt; ich werde Sie nicht 1 veerlaſſen. Ich habe keine Kinder mehr: ich will Ihr Vater ſeyn, will Ihnen erſetze was Ihnen das Schickſal geraubt hat. Sie ſollen den Abend meines Lebens verſchoͤnern ndlich die Augen zuſchlieſſen. Dieß Verſprechen beruhigte ſie, und eine froͤhliche Ruͤhrung wechſelte auf ihrem Antlitz mit den Spuren der Furcht und des Schmer⸗ zes; ſie warf ſich mir ploͤtzlich wieder zu Fuͤſ⸗ ſen, faßte meine Haͤnde und bedeckte ſie mit Kuͤſſen und Thraͤnen. Dieſe gefuͤhlvolle Dank⸗ barkeit gab mir die beſten Zeichen von ihrem edlen Charakter und lohnte mich ſchon im vor⸗ aus fuͤr meine Wohlthaten. Ich bat ſie, mir von nun an den fiß Namen Vater zu geben, und nannte ſie ebenfalls Tochter. Auch erhielt ſie den Na⸗ men von Barre, den ich ſeit meinem hieſi⸗ gen Aufenthalt ſtatt meines wahren Namens angenommen hatte, um deſto ruhiger und un⸗ 3 erkannter zu leben. Seit dem ungluͤcklichen Fall meines Sohnes hatte ich die wichtigſten Ueſachen, mich gegen die dauernde Rache und die neuen Bosheiten meines unverſoͤhn⸗ lichen Verfolgers zu ſichern. Was meine Maria be trifft, ſo konnte ich in ihrer ganzen Geſchichte um ein ringliches Raͤthſel finden, worin ia 4a—. die kleinſten Ereigniſſe nicht zu enthuͤllen ver⸗ mochte. Soviel lag am Tage, daß ihre Geburt ein aͤußerſt wichtiges Geheimniß und ihre Eltern von ſehr hohem Stande waren. Nur das Ohngefaͤhr oder ein außerordentli⸗ cher Zufall konnte mir vielleicht dieß tiefe Geheimniß entwickeln. Auns den einzelnen Daten der Geſchichte ſelbſt ergaben ſich wenige Aufklaͤrungen. Ein uunbekannter, den man einen gnaͤdigen Herrn nannte, und welcher mit kaltem Blu⸗ te die empoͤrendſten Graufamkeiten befahl, woofern man ſonſt nicht annehmen wollte, daß Maria die Sachen vor Schaam und Beſtuͤrzung in einem falſchen Lichte geſehen ——jjj¼ v.²“ 8 3 ſchien, weil ihre Erzaͤhlung das Gepraͤ entſchiedenſten Wahrſcheinlichkeit fuͤhr mit ihrer eignen letzten Geſchichte ſehr ing;— ein Gefangener, ſee Theilnahme bewies un haͤtte, was mir aber nicht wahrſcheinlich —— 2 nem Hauſe, wo ſie die ganzen Jahre ihrer Kindheit, wie unter der Aufſicht einer guten. Mutter, zugebracht hatte; ihre Reiſe mit jenem vornehmen Herrn, der vermuthlich nur einen fremden Auftrag ausrichtete, indem er ſie aus der Welt ſchaffen wollte; die Worte des großmuͤthigen Mannes, der ihr das Le⸗ ben rettete— dieß ſchien mir ſo ſe ſonderbar und raͤthſelhaft, daß ich mich nicht darin fin⸗ den konnte. Um deſto eher hinter die Wahrheit zu kommen, die mir aus Gruͤnden, wovon ich mir ſelbſt keine deutliche Rechenſchaft zu ge⸗ ben wußte, aͤußerſt am Herzen lag— faßte ich den Entſchluß nach Bretagne zu rei⸗ ſen, in welcher Prorinz die Frau von Pon⸗ ty nach Mariens Ausſage wohnte. Ihr Haus ſollte am Ufer des Meers, ohngefaͤhr eine betelemat von Maelein in einem— — aus weiſen Abſichten verborgen haͤtte; oder, wenn dieſe Hoffnung auch fehlſchlagen ſoll⸗ te, doch in manchen Umſtaͤnden, welche das gute Maͤdchen vergeſſen haben konnte, ein paar Fingerzeige uͤber jene Geheimniſſe zu finden. Ich wollte Marien auf dieſe Reiſe mitnehmen, und hielt es fuͤr rathſam, ſie ſo⸗ viel als moͤglich gegen alles Erkanntwerden zu ſichern. Zu dieſem Ende ſollte ſie Manns⸗ untruͤgliche Symptome verraͤth. hen! Ich fuͤhle es nur zuſehr. Ach, S wollen mich alſe verlaſſen? Sie pollen mich kleider tragen; ſie war noch in den Jahren, wo die Natur das Geſchlecht durch keine Die Ankundigung dieſer Reiſe nach Bre⸗ 4 tagne und zur Frau von Ponty machte— auf arien einen Eindruck, den ich nicht erwartet hatte. Sie zerfloß faſt in Thraͤ nen, nahm meine Haͤnde und ſagte:„ Es iſt alſo um die ungluͤckliche Maria eehe dieß war es doch nicht, was Sie mir ver⸗ ſprachen. Sie wollen alſo mein Vater nicht laͤnger ſeyn?“ Ich nutzte dieſe Gelegenheit, um ihre wahre Geſinnungen etwas tiefer zu erforſchen, und antwortete ganz kalt und mit Ernſt: „ Woraus ſchlieſſen Sie das?“— Aus Ihrer Reiſe nach Bretagne, aus Ihrer Ab⸗ ſicht mit der Frau von Ponty zu reden. —„ Lieben Sie denn Ihre Pflegemutter nicht mehr?*— O ja, ich liebe ſie, ich lie⸗ be ſie noch— ihre muͤtterliche zaͤrtliche Sorg⸗ falt macht mir dieſes zur Pflicht; aber dort, in jenem Hauſe werden meine Verfolger bald von mir erfahren, und ich muͤßte end⸗ lich doch ihr Schlachtopfer werden.—„Al⸗ ſo bloß aus Furcht haͤtten Sie keine Luſt mitzureiſen?— Aus Furcht... freilich; aber auch gewiß aus einer dringendern Ur⸗ ſach.—„ Nun? Seyn Sie aufrichtig Ma⸗ ria; ich verſpreche Ihnen, daß Ihit O heit mich nicht beleidigen ſoll⸗* wohl! Wenn ich auch in de 68— Frau von Ponty keinen groͤßern Gefah⸗ ren ausgeſetzt waͤre, als hier bei Ihnen, ſo ben, wenn ich zu waͤhlen haͤtte.—„Wie Maria? und Sie kennen mich kaum?“— Zch habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich mich von den aufrichtigſten Gefuͤhlen der Dank⸗ barkeit gegen dieſe Frau durchdrungen fuͤhle? aber fuͤr Sie— fuͤr Sie ſpuͤre ich eine Em⸗ pfindung, die ich.... mir ſelbſt nicht erklaͤ⸗ ren kann; es ſind Empfindungen jener kind⸗ lichen Ehrfurcht und Liebe, welche nur dem zaͤrtlichſten, liebenswuͤrdigſten Vater ange⸗ hoͤren. Ich fuͤhle es, Ihre Zaͤrtlichkeit iſt ein Beduͤrfniß fuͤr meine Gluͤckſeligkeit ge⸗ worden; ich wuͤrde den Verluſt derſelben nicht uͤberleben. O lieber Vater, zerlaſſen Sie doch Ihre Tochter nicht! ⸗ 4 Dieß war mehr als vinlänglich, nc vö ₰ wuͤrde ich ihr dennoch nicht den Vorzug ge⸗ — 69 Zaͤrtlichkeit meiner Geſinnungen, ſo wie von dem wahren, einzigen Beweggrunde meiner Reiſe, daß es mir gelang, alle ihre Beſorg⸗ niſſe zu zerſtreuen. Es waͤre gefaͤhrlich geweſen, meine Ma⸗ ria waͤhrend einer langen Abweſenheit al⸗ lein in meinem Hauſe zu laſſen. Freilich war es nicht minder gefaͤhrlich, ſie in ein Land mitzunehmen, wo ſie ſo leicht erkannt wer⸗ den, und wo die geringſte Erkennung fuͤr uns beide die gefaͤhklichſten Folgen haben konnte. Aber ich wollte mich einmal nicht von ihr trennen, und ſuchte, wie meine Leſer ſchon wiſſen, den groͤßten Theil meiner Beſorgniſſe durch die Verdeckung ihres Geſchlechts zu heben. ſpazieren. Ich gab ſie fuͤr meinen Sohn Am Ha unſeres Spazſerganges naßes 8tes Kapitel. Wir traten unſre Reiſe an, und kamen ohne den mindeſten Zufall, der uns haͤtte ſchaden oder mißtrauiſch machen koͤnnen, nach Mor⸗ laix. Ich nahm mich wohl in Acht, unter⸗ wegs einige Nachfragen uͤber die Geſchichte einer gewiſſen Maria zu thun. Wir ſtie⸗ gen in dem beſten Gaſthofe des Orts ab, und erklaͤrten hier mit der ungezwungenſten Miene, daß unſere Reiſe nichts weiter als eine Luſtreiſe ſeyn ſollte. Wir wollten die Schoͤnheiten der Kuͤſte ſehen, und die Merk⸗ 3 wuͤrdigkeiten des Meeres beobachten. Schon den folgenden Morgen ging ich mit dem jungen Eugen, wie ich Marien ge⸗ nannt hatte, an dem Geſtade des Meeres —— —, 3 Erkundigungen einziehen. Maria ſollte zu⸗ vernuͤnftiger war, als die meiſten jungen Leu⸗ — 71 getochter den Theil der Kuͤſte, an welchem wir hinwandelten, nicht kannte. Am folgenden Tage nahmen wir eine andere Richtung, und nach einem halbſtuͤndigen Luſtwandeln wußte ſich Maria wirklich zu finden, und mir das Haus der Frau von Ponty in einiger Entfernung zu zeigen. Ich merkte mir, ſo gut ich konnte, die Lage des Hauſes; ich wollte ihr des andern Tages meinen Beſuch abſtatten und meine ruͤck bleiben; denn ihr Geſicht hatte ſehr auf⸗ fallende Zuͤge; ich mußte fuͤrchten, daß ſie trotz ihrer Verkleidung erkannt wuͤrde. Da Maria in der That kluͤger und te in ihren Jahren zu ſeyn pflegen, ſo ließ ich ſie ohne Bedenken allein in meinem Zim⸗ mer zuruͤck, und ſchob die Schuld auf eine kleine Unpaͤßlichkeit. Doch verſchloß ich die Thure, und ſagte ihr, daß ſie keinem Anklo⸗ pfenden antworten und keinen Menſchen her. inloſſen ſollte, bis ſie meine Seimm 8 cchen verſiegelt habe.„ Mich ſelbſt, ſetzte ſie hinzu, beſtellte er zur Alufſeherin des Hau⸗ kur gab mir zehn Thaler, und d ſars⸗ d 6 —ÿ 72— Dem Wirth bedeutete ich nachher beim Weg⸗ gehen, daß Eugen der Ruhe beduͤrfe und daß man ihn ungeſtoͤhrt laſſen moͤchte. Ohne Muͤhe fand ich das Haus der Frau von Ponty wieder, das überdem in der ganzen hieſigen Gegend das einzige war, an dem man gruͤne Fenſterladen bemerkte. Eine aͤltliche Frau machte mir auf, und gab mir auf mein Nachfragen nach der Ponty zur Antwort, daß ſie nicht mehr hier ſey, und daß kein Menſch von ihrem jetzigen 5 Aufenthalt und Schickſal etwas erfahren ha⸗ be. Den Tag nach der Abreiſe ihrer Pflege⸗ tochter ſey ein Unbekannter erſchienen, der einen Befehl vom Hofe vorgezeigt, ſie in ei⸗ ner Poſtkaleſche abgehohlt und alle ihre Sa- n 73 kehrte nach meinem Gaſthofe zuruk, und uͤber⸗ legte, was ich Marien ſagen ſollte. Um ihr keinen Kummer zu machen, erzaͤhlte ich ihr, daß Frau von Ponty, da ſie ſich jetzt von allen Geſchaͤften frei geſehen, auf einige Wochen verreißt ſey; aber die Frau, welche waͤhrend ihrer Abweſenheit ihr Hausweſen beſorge, wiſſe den Ort ihres Aufenthalts nicht. Maria ſchien uͤber die Abweſenheit ihrer ehemaligen Pflegemutter mehr erfreut als traurig, weil ſie ſich noch immer von meiner Zuſammenkunft mit derſelben nichts gutes verſprach. Sie fuͤrchtete noch immer, daß ich ſie der Frau von Ponty wieder ausliefern moͤchte, und meine ſtaͤrkſten Be⸗ ruhigungsgruͤnde, ſo wie alle meine Vorſtel⸗ lungen uͤber den wahren Zweck meiner Naiſe hatten ſie nicht voͤllig beruhigt. Ich reiſ'te von Morlair noc d⸗ ben Tag ab. Dieſe Cnunu 3 von Ponty, welche ebenfalls ein ſtrich von t Gewalihätiat ir hat 3 wietich ſir den. eügierig was dieſer Mamg natuͤrlich vielen Stoff zum Denken; ſie mach⸗ te mich ſogar fuͤr meine eigne und fuͤr Ma⸗ riens Sicherheit beſorgt, wenn die letztere vielleicht ungluͤcklicher Weiſe erkannt werden ſollte. Ich hatte aber noch eine andere Ur⸗ ſache zur Beſchleunigung meiner Abreiſe. Waͤhrend meiner letzten Abweſenheit von dem Gaſthofe war jemand zu dem Wirth gekommen, der ſich nach mir erkundigte, und 3 zwar meinen Namen nicht nannte, aber mich als einen Mann beſchrieb, der vor zwei STagen in dieſem Gaſthofe mit ſeinem Sohn abgeſtiegen ſey. Auf die Verſicherung, wel⸗ che ihm der Wirth gab, daß ich noch mehrere Tage hier bleiben wuͤrde— was auch in der That meine Abſicht war, verſprach er, daß er den folgenden Tag wieder kommen wolle, und der Wirth bat mich auf ſein Erſuchen, daß ich den andern Tag nicht ausgehen moͤcht ohne ihn geſprochen zu haben. Ich „ 7 ¹ — 25 her oft gereut, ihn nicht geſprochen zu haben; aber im Ungluͤck iſt das Mißtrauen natuͤrlich. Der Beſuch dieſes Unbekannten, der mir viel⸗ leicht manches Leiden erſpart, oder— zuge⸗ zogen haben, aber gewiß aͤuſſerſt troſtvoll und angenehm geweſen ſeyn wuͤrde, haͤngt mit einer ſpaͤtern Epoche meines Lebens zuſam⸗ men, worin ich dem Leſer nicht vorgreifen will. Ich ſagte dem Wirth, daß ich dieſen Mann . nicht weit von ſeinem Hauſe ſchon geſprochen haͤtte, ließ anſpannen, trat ſogleich mit Ma⸗ rien meine Ruͤckreiſe an, und glaubte nicht ſchnell genug von einem Orte wegeilen zu koͤn⸗ nen, wo mir alles ſo verdaͤchtig ſchien, und wo ſo viele traurige Erinnerungen fuͤr meine b Maria erwacht waren. 4 Ohne Zoͤgerung reiſ'ten wir denſelben Tag 1 und die folgende Nacht weiter. Den folgenden Tag ließ ich meine Kutſche bei dem Poſtmei⸗ ſter wo wir abgeſtiegen waren, und bat ihn, in Verwahrung zu nehmen. Ich verſprach D8z mich vierzehn Tage aufhalten wollte, nur u eine Viertelſtunde entfernt waͤre. Der Poſt⸗ meiſter verſprach mir die beſte Verwahrung, und ahndete nicht einmal, daß ich die Ab⸗ ſicht hatte, nicht wieder zu kommen. Ich hiielt es fuͤr noͤthig, dieſen Wagen unſerer perſoͤnlichen Sicherheit aufzuopfern, forderte ihn nachher nie wieder zuruͤck, und erwaͤhne ihn nur, weil ich in der Folge dieſer Ge⸗ ſchichte noch einnal darauf zurückkommen 3 werde. 3 Man vefhde uns hier ein Beißſi un waren— bioß en den; 1 vicht die Anweiſungen, d 3u meiher weitern de Geheuf reichten wir des folgenden Tages die Station, welche nnch keiner befaymne — 2 2I lich und erbot ſich ſogar zu meinem Fuͤhter, was ich aber ablehnen mußte. Wir traten hierauf unſeren Weg zu Fuß an, ſchlugen einen Nebenweg ein, wohin uns der Poſtknecht durchaus begleiten wollte, gin⸗ 9 gen ihn aber wieder zuruͤck, wandten uns dann links von der Heerſtraße ab, um nach einer Station zu kommen, welche von der vorigen etwa ſechs Meilen entfernt lag. Nach an⸗ derthalb Stunden machten wir in einem klei⸗ nen abgelegenen Dorfe Halt, um ein paar Erfriſchungen zu nehmen. Die Reinlichkeit des Hauſes, die Geſchaͤfftigkeit und Hoͤflich⸗ keit der Wirthin, ſo wie unſere Muͤdigkeit luden uns ein, die folgende Nacht hier zu bleiben. Ein füßer Schlaf erquickte unſere ermatteten Glieder. Ohne Schwierigkeit er Mittag unſere Reiſe nach Paris fort. Ich nahm aber nicht den gewoͤhnlichen Weg, um„ auf alle Faͤlle jedem gefaͤhrlichen Verfolger auszuweichen. Den dritten Tag erreichten wir Paris, wo ich trotz jenes Befehls, der mich von hier auf eewig verbannte, einige Tage zubringen woll⸗ te. Ich brauchte alle Vorſicht, um die ſtreng⸗ ſten Nachforſchungen zu taͤuſchen. Die Arre⸗ tirung der Frau von Ponty, der Beſuch* jenes Unbekannten, der ſich in dem Gaſthofe zu Morlaix nach mir erkundigt hatte. 4 Mariens mißliches Schickſal und meine eigne Sicherheit machten mir eine Behntſam⸗ keit zur Pflicht, die i) kaum zu weit trei⸗ ben konnte. In einer unbekannten Straße ſtieg i0) ab, gab mir einen fremden Namen und ſagte, daß ich von Rennes kaͤme. Schon den folgenden Morgen verließ ich dieſen Ge ſtl und miethete mich in einem andern Gaſtho in der Vorſtadt St. Germain, eb iem andern Namen ein. Stoͤhrung in la Barre ein. ne Einbildung irrte immer nach und meiſſagte mir das S 29 Auch dieſer Aufenthalt in der Haupt⸗ ſtadt lief ohne Abentheuer ab, und gab mir uͤber Mariens Geheimniſſe nicht die min⸗ deſte Nachweiſungen. Wir ſehnten uns bei⸗ de wieder nach unſrer alten Wohnung zu⸗ ruͤck, und ich kaufte noch denſelben Tag einen Wagen, beſtellte zwei Miethspferde auf ein paar Stunden, und verließ mit meiner Ma⸗ ria ſchan des andern Morgens dieſen wich⸗ tigen Ort, der das Gluͤck oder— Ungluͤck ſo vieler Menſchen entſcheidet. Sechs Stun⸗ den von Paris nahmen wir Extrapoſt und tra⸗ fen noch denſelben Abend ohne die mindeſte Ich fand mein Haus in dem nehmlichen Zuſtande, worin ich es verlaſſen hatte; nichts hatte ſich waͤhrend meiner Abweſenheit zu⸗ getragen, was mich fuͤrchten ließ, daß man Verdacht auf den Bewohner deſſelben ge⸗ ſchoͤpft hatte. Aber darf ichs geſtehen? Ich lebte gleichwohl nicht ohne Bef ſe. Me⸗ Norlair, gluͤcklichen Pflegemutter Mariens. Ich hatte nur zu ſehr erfahren, wie ſchrecklich es ſey, einen großen Herrn zu beleidigen, nahm mich aber wohl in acht, meiner Maria etwas von dieſen Beſorgniſſen zu ſagen. Erſt nach eini⸗ gen Monaten ſchien ſich mein Herz zu beruhi⸗ gen, und meine tiefe, ungeſtoͤhrte Einſamleit machte mir Hoffnung, daß ſich kein Meuſch nach einer Ungluͤcklichen erkundigen wuͤrde, die man fuͤr todt hielt. In der That wurde ſie mir immer enliee— hender und theurer, dieſe liebenswuͤrdige Toch⸗ ter; ſie machte den Zauber meines Lebens und goß mir einigen Balſam in die Wunden, die mir meine vorigen Leiden geſchlagen hatten. Faſt taͤglich entdeckte ich neue edle, liebens⸗ wuͤrdige Eigenſchaften an ihr. Bei einem hetnaſeehe Herzen beſaß ſie natürliche Ge in die mindeſte Gemeinheit auszuarten. Viel⸗ ich war mehreremale im Begriff, ihr ein paar weil ſie niemals in das Air einer beleidigen⸗ ſcheinlich vergeblich geweſen waͤre. rer phyſiſchen und moraliſchen Eigenſchaf ten gegruͤndet, und fuͤr unſere B ſen aͤuſſerte ſich ſogar gegen das Geſinde, ohne mehr war der einzige leichte Fehler, welchen aus ihrem Weſen hervorſchimmerte, ein ge⸗ wiſſer natuͤrlicher Stolz— zwar nicht jener rauhe, zuruͤckſtoſſende Stolz, der alle Herzen empoͤrt und den Menſchen der Ver⸗ achtung anderer Preis gibt, ſondern eine Art von edler, Achtung gebietender Wuͤrde, wel⸗ che man deſto eher verzeihet, weil ſie nicht erzwungen zu ſeyn ſcheint und niemand beleidigt. Freilich paßte ein ſolcher Zug ſehr wenig zu ihrer abhaͤngigen Lage, und freundſchaftliche Erinnerungen uͤber dieſe vor⸗ nehme Kaͤlte zu geben; aber ich unterließ es, den Verachtung uͤberging, und weil es wahr⸗ Denn dieſer Fehler ſchien tief in der Organiſatit welche die vorſichtigſte, kaͤlteſte Zuruͤckhaltung erforderten, in der That mehr nuͤtzlich als nachtheilig zu ſeyn. Mir allein ſchenkte Maria ihr ganzes graͤnzenloſes Vertrauen, und ſuchte meinen Neigungen, meinen leiſeſten Wuͤnſchen zuvor⸗ zukommen; ſie liebte und achtete in mir ei⸗ nen zaͤrtlichen Vater. Ich uͤbertrug ihr die Sorge uͤber alle Theile des Hausweſens, weil ich ſie fruͤhzeitig zu einer wuͤrdigen Gattin und guten Mutter bilden wollte, und ſie beſorgte es mit einer Klugheit, daß ſie von ihren Untergebenen faſt vergoͤttert wurde. Mit einem Worte: ſie machte den Zauber meines Lebens. Wenn fie auch nicht alle Spuren meiner vorigen Leiden aus meinem nur zu treuen Gedaͤchtniß verwiſchte, ſo ver⸗ loren dieſe Erinnerungen doch viel von ihrer ſchmerzhaften bittern, Seite. „ — des Ungluͤcks angenehme Tage und Schutz ge⸗ maligen Lage und bei meinen eingeſchraͤnkten und des einfachen Genuſſes hoͤrte bald auf. 9tes Kapitel. Schon beinahe drei Jahre lebten wir in die⸗ ſer tiefen Ruhe, von keiner truͤben Wolke in unſeren Genaͤſſen geſtoͤhrt; mit einfachen Freuden, mit ſuͤßen Beſchaͤfftigungen fuͤllten wir unſere muͤßigen Stunden, und theilten die Zeit ſo wohl ein, daß wir nie das Leere der Langenweile empfanden. Ich genoß die belohnende Freude, einem traurigen Opfer gen die Pfeile des Elends zu verleihen; kurz ich war ſo gluͤcklich, als ich es in meiner da⸗ Wuͤnſchen ſeyn konnte. Aber leider! auch dieſer Zuſtand der Ruhe Der Zufall, der ihn unterbrach, war deſto Sefche weil 4 mich ane e war, vergeſſen zu ſeyn, und lebte in einer fro⸗ hen Sorgloſigkeit;— ach! ich bedachte nicht, daß die Rache nie ſchlummert, und ſich f zuweilen nur erhohlt, um deſto grauſamer zu treffen, zu morden. Wir lebten damals in dem merkwuͤrdigen Jahre 1787, das durch die Verſammlung der Notablen beruͤhmt wurde. Die Jahrszeit naͤherte ſich dem October. Mehrere Tage war der Regen ſo anhaltend geweſen, daß wir un⸗ ſfere Morgen⸗Spaziergaͤnge nicht fortſetzen 5 konnten. Es war ohngefaͤhr acht Uhr des Morgens und ich lag noch im Bette, was ein ſehr ſeltener Fall war— als meine Haus⸗ 1 haͤlterin in meine Kammer trat, und mir 4 ſagte, daß zwei Fremde da waͤren, welche 3 mich und die Mamſell von Barre zu ſpre⸗ chen verlangten. Ich befahl, daß ſie in den Saal gefuͤhrt werden ſollten; ich wollte mich ſogleich ankleiden, um ſie zu empfangen und meine ſlalechue berbeirafen. meine Gedanken ſtille. Ich beſann mich ei⸗ zu ſeyn ſchien. Haben Sie ein 2— mit Marien? Wie hatte man ihren Auf⸗ enthalt ausfuͤndig gemacht? Hier ſtanden nen Augenblick, was ich anfangen ſollte.... konnte aber nichts weiter herausbringen, als: zu ſehen, was man von mir wollte. Ich warf mich in meinen Schlafrock, ging in den Saal, und fand zwei Fremde, wovon der eine das Ludwigskrenz trug. Dieß ehrenvolle Zeichen foͤßte mir Zutrauen ein; ich wußte noch nicht, wie viel es von ſeiner vorigen Wuͤrde verloren hatte, weil es an Maͤnner verſchenkt war, die es durch ihre Grundſaͤtze und ihr niedertraͤchtiges Handwerk beſchimpften. „ Darf ich nach der Urſache dieſes uner⸗ warteten Beſuchs fragen?“ ſagte ich zu den beiden Herren, als ich hereinttat.— Sehr gern, ſagte der Eine, der von Beiden der an⸗ geſehenſte, und deſſen Untergebener der ⸗ andere 2 Va 6 8 ſie ie e Sie beide in Verhaft zu nehmen.—„ Und von wem?“ verſetzte ich lebhaft.— Von vem Koͤnig ſelbſt. Ich kann Ihnen meine Le⸗ gitimation zeigen.—„Wirklich? das waͤre doch ſonderbar.*(Bei dieſen Worten warf ich Verachtung und meinen Unwillen zuſammen⸗ draͤngte.)„ Sie werden doch kein Beden⸗ ken haben, mir dieſen Befehl vorzuzeigen? — Nicht im mindeſten. Er uͤberreichte mir haft genommen und mit aller fuͤr ſolche Faͤlle gefuͤhrt werden ſe ollte. and konnte mich nicht enthalten, auszurufen: neue Streich kommt. Auch hier verfolgt mich wirklich einen koͤniglichen geheimen Verhafts⸗ befehl, wornach ich mit Marien in Ver⸗ gebraͤuchlichen Vorſi chti in ein beſonderes Haus noch die Rache meines unverſoͤhnlichen, bar⸗*. banſchen Feindes; ich bin fuͤr ihn noch nicht. einen Blick auf ihn, worin ich meine ganze Dieſe neue Verfolgung riß alle alten Wun⸗ den meines empfindlichen Herzens mit ſchreck⸗ licher Gewalt wieder auf. Ich war auſſer mir „ Ja, ich ſehe es nur zu wohl, woher dieſer ter dieſen heftigen Aufwallungen des Unwil⸗ ungluͤcklich genug— er hat geſchworen. mich 8 bis in den Tod zu verfolgen, und haͤlt ſein 4 grauſames Verſprechen. Das Ungeheuer! Meinen Sohn gemordet, mein Vermoͤgen ge⸗ pluͤndert, mir nur einen Schatten von Freiheit gelaſſen zu haben— nein, das iſt ihm nicht genug; er will mir ſelbſt das Leben nehmen. Aber was hat ihm das ungluͤckliche Maͤdchen gethan, das er in mein Ungluͤck hineinzieht? Er will den ganzen Reſt meiner armen Fami⸗ lie vertilgen; ach! er weiß nicht....“ Un⸗ lens haͤtte ich beinahe ein Geheimniß verra⸗ then, das zu Mariens und meiner eignen Sicherheit jetzt mehr als je unenthuͤllt bleiben mußte. Aber ich beſann mich noch zu 5 ter Zeit und ſchwieg; mein Zorn beruhigt ſich etwas und meine Gedanken kamen wie⸗ der in Ordnung. Ich fragte den Polizei⸗Officier, 0b ic bis gegen Abend zu Haus bleiben duͤrfte; denn— ich haͤtte fuͤr meine oͤkonomiſchen Angelegen⸗ heiten noch einige Befehle zu geben und à für— —— eine Alweſenheit, deren Ende ich gar nicht wuͤßte, ein paar noͤthige Einrichtungen zu treffen. Er erlaubte es mir unter der Be⸗ follte, mich der Ausfuͤhrung des Verhaftsbe⸗ fehls, wofuͤr er verantwortlich ſey, nicht zu entziehen, und mich mit meiner Tochter ge⸗ gen die Nacht zur Abreiſe fertig zu halten, Ich verſprach es. zuſuchen. Sie war ſchon aufgeſtanden und haͤlterin von dieſen Fremden, ihre noͤthigen ihren Augen zu ſehen; ihr Geſicht athmete Ruhe und Heiterkeit, und der tiefſte Friede mmont wollte ihr uͤber dieſe Gleichguͤltigkeit BVorwuͤrfe machen;„ Warum ſollte ich wei⸗ nem Vater bleiben? Ich verlange nich mehr. Sein eignes Beiſpiel ermuntert mi dingung, daß ich ihm mein Ehrenwort geben Mein erſtes Geſchaͤft war, Marien auf⸗. brachte auf die erſten Nachrichten der Haus⸗ Sachen zuſammen. Keine Thraͤne war in 5 herrſchte in ihrer Seele. Die Frau Du⸗ nen, antwortete ſie? Werde ich nicht bei mei⸗ zum Muth und zur Standhaftigkeit; ich muß mich eines ſol ſhen Bätets wernh zeigen. Mag man uns ſch! eopen, in welchen Theil der Welt man will— ich werde vergnuͤgt ſeyn, wenn man mich nur nicht von ihm trennt.* Dieſe Antwort, woche— wie es moͤglich geweſen, meine Liebe gegen Ma⸗ rien noch vermehrt haben wuͤrde, brachte mich auf den Einfall, den Polizei⸗Offieier zu fragen, ob man die Varbarei ſo weit treiben wuͤrde, uns zu trennen, und uns den einzi⸗ gen Troſt bei dieſen Widerwaͤrtigkeiten zu ranben. Dieſer Mann von dem ich, wahr⸗ ſcheinlich aus Vorurtheil, zu fruͤhe eine nach⸗ theilige Meinung gefaßt hatte, und der ſei⸗ nem haͤßlichen Handwerk durch ſein Betragen Ehre zu machen ſchien, ſuchte meine Beſorg⸗ niß zu heben, und ſagte, daß man ſeines Wiſſens nicht die Abſicht habe, uns zu tren⸗ nen. Seine biedere Offenherzi— mich ſo kuͤhn, zu forſchen, na Gefaͤngniß er uns zu brin — nach einem Gefaͤngniß in Paris der Provinz? Er antwortete, daß er ausdruͤck⸗ lich Befehl habe, mir uͤber dieſen Punkt nichts zu ſagen; doch koͤnnte ich gewiß ſeyn, daß ich mit meiner Tochter in dem Zuſtande un⸗ ſerer Gefangenſchaft nicht viel mehr, als die Freiheit entbehren ſollte. Man wuͤrde mir mit der gebuͤhrenden Achtung begegnen und uns die ſorgfaͤltigſte Pflege erweiſen. So aufrichtig dieſe Antwort ſchien, ſo glaubte ich doch nur ſoviel davon, als ich der Wahrſcheinlichkeit gemaͤß glauben konn⸗ te. Es war ſicher ſein Vortheil, mich bei einem ſolchen Vorhaben mehr zu beruhigen als zu erbittern. Ich mußte mich alſo in mein Schickſal ergeben, und dachte bloß dar⸗ auf, meine Sachen in Ordnung zu bringen. Durch das leutſelige Verfahren des Po⸗ kein Bedenken, ihn nebſt ſeinen Gefaͤhrten zur Mittagstafel zu laden; dieſer Begleiter ztte is zt noch kein Wort geſprochen, lizei⸗Officiers ziemlich beftiedigt, trug ich rend der ganzen Reiſe eein 9= — war nicht ſo traurig, als man haͤtte erwar: ten ſollen; wir fuͤgten uns in die Bitterkeit des Schickſals und Mariens Betragen ent⸗ ſprach den Begriffen, die ich von ihtem GSe 4 rakter gefaßt hatte. 1 Der Officier ſchlug mir vor, daß ich meine 5 Schraͤnke und meinen Schreibpult verſi egeln moͤchte. Aber ich ſetzte zu viel Vertrauen auf meine Hausgenoſſen, als daß ich ſie durch ein ſolches Mißtrauen haͤtte beleidigen ſol⸗ len, und ſchlug es ihm ab. Meinem redli⸗ chen Verwalter gab ich ſogar einige Blan⸗ kete*) und hinlaͤngliche Vollmacht zur Ober⸗ 4 aufſicht uͤber die oͤkonomiſchen Angelegenhei⸗ ten meines Guts ſo wie zu allen Verbeſfe⸗ rungen und Veraͤnderungen, die er waͤhrend meiner Abweſenheit noͤthig finden wuͤrde. Kaum waren unſee Geſchäſft vollbracht, ) Blankete(blanes- s 1signés) ſind weiſſe Papi mit dem Namen unterſchre nachher beliebig zu Vollmach u. ſ. w. gebraucht werden kir als ich ſeib auf anfers Abreiſe drang; der Tag naͤherte ſich ſeinem Ende und ich wuͤnſch⸗ ceo, die Reiſe noch vor der einbrechenden Nacht antreten zu koͤnnen. Der Officier ließ Poſt⸗ 4 pferde kommen und vor den Wagen ſpan⸗ nen, in welchem er ſelbſt gekommen war; wir packten unſere Sachen ein und nahmen zaͤrtlichen traurigen Abſchied. Das Weinen, das laute Schluchzen meiner Leute erweichte mich ſo ſehr, daß ich ſelbſt weinen mußte⸗ Auch Maria wurde durch dieſen herzangrei⸗ fenden Anblick geruͤhrt; aber ſie ertrug ihn mit groͤßerem Muth. In einem Angenblick, wo wir allein waren, ſagte ſie mir ganz lei⸗ ſe, ſie mache ſich uͤber nichts Kummer als: daß ſie ſelbſt die Urſache meiner Leiden feyn muͤſſe. Ich fand immer mehr Stoff, die ſeltene Kraft und Standhaftigkeit ihrer Seele zu bewundern, und wenn dieß auch meine icht vermehren konnte, ſo be⸗ Abſchied von unſeren Hausgenoſſen— einen neine gute Meinung uͤber H* rotes Kapitel. 4 M lit einbrechender Nacht fuhren wir ab. Mein Officier hatte vermuthlich laut ſeiner Verhaltungsbefehle, die Abſicht, am Ta⸗ ge nicht zu reiſen. Denn auf unſerer ganzen Reiſe war der Tag zur Ruhe beſtimmt, und nur bei ſinkender Nacht fuhren wir wieder ab. Der Wagen war mit Fenſtern verſe⸗ hen, damit die Kaͤlte nicht durchdringen, und doch noͤthigen Falls friſche Luft herein⸗ gelaſſen werden konnte. Ueberdem aber hatte man noch Vorhaͤnge ſo geſchickt angebracht, daß es unmoͤglich war, die Gegend, durch welche wir fuhren, genau zu beohachten. Mi nadanh, des Tn3e ſti 5 Enpfunge hereir ein ganz artiges und ſar ban ſanne nöthbeneen konnte; aber unmoͤg⸗ 13 war es, die Gegenſtaͤnde drauſſen auf den Straßen und die Gegend zu ſehen, mit Einem Wort, es war ein Gefaͤngniß. Der Officier kuͤndigte uns an, daß wir E den Tag uͤber hier bleiben wuͤrden, und em⸗ pfahl uns den Genuß der Ruhe, mit dem Be⸗ deuten, daß unſere Reiſe ziemlich lang dau⸗ ren koͤnnte. Er ſelbſt brachte uns das Fruͤh⸗ ſtack, und ſagte, um welche Zeit wir das Mittagseſſen verlangten. Dies uüͤberließ ich ganz ſeiner Willkuͤhr; er verſprach, es ſo ein⸗ zurichten, daß wir uns noch eine Stunde nachher ausruhen koͤnnten, ehe wir ahfuͤhren, und ging dann fort, ohne uns im geringſten wieder zu beunruhigen. Wir fanden in unſerm Zimmer alle Ge⸗ maͤchlichkeit, die wir uns winſchen konnten. Man ſchien uns dues dieſe Kufnertſankes tagseſſen zu bringen. Kein Bedienter durfte viere zuſammnen. Nach geendigter Mahlzeit Reiſe dauerte fuͤnf Tage und Naͤchte, un war ein ewiges, trauriges Einerlei zu wollen. Nach dem Fruͤhſtuͤck das wir mit ziemlichem Appetit zu uns nahmen, rieth ich meiner Maria, ſich ſchlafen zu legen, was ſie auch that. Ich warf mich in einen. großen Lehnſtuhl und ſchlief unausgeſetzt bei⸗ nahe drei Stunden. Maria ſchlief noch zwei Stunden laͤnger, und war eben aufgeſtanden, als der Officier hereintrat, um uns das Mit⸗ in unſer Zimmer kommen. Bloß der Officier beſorgte mit ſeinem Reiſegefaͤhrten die Zu⸗ bereitung der Mahlzeit und holte ſelbſt die Speiſen von draußen herein. Wir aßen alle ſtanden ſie auf und entfernten ſich wieder, wie ſie es nach dem Fruͤhſtuͤck gethan hatten. Mit dem Einbruch der Nacht ſtiegen wir, eben ſo geheimnißvoll als vorher, in unſern Wagen, ohne eine menſchliche Geſtalt, ohne einmal unſere Poſtknechte zu ſehen. Unſere ſelben Ereigniſſen, Nie hat wohl z ſo wenig Abwechſeiungen auf einer Reiſe gehabt. Immer wartete man uns mit der⸗ ſelben geheimnißſucht auf, und auſſer unſern beiden Huͤtern bekamen wir keinen Menſchen zu ſprechen. Gegen das Ende der faͤnften Nacht hielt der Wagen ploͤtzlich auf ein Zeichen, was der Officier dem Poſtillon gab, und verkuͤndigte uns, daß unſere Reiſe ſich ihrem Ende nahe. „ Ich muß Ihnen beide, ſetzte er hinzu, ei⸗ nem ausdruͤcklichen Befehl zufolge bei unſerer Ankunft die Augen verbinden, und rathe Ih⸗ nen, Sich dagegen nicht im geringſten zu wei⸗ gern. ⸗— Dieſe Vorſicht ſchien mir nicht Ich ſah, daß es tiiger war, ſich zu erge⸗ ben, und bat auch Marien, daß ſie ſich in den Willen unſerer Fihrer finden moͤchte, ſie willigte gern ein. Ich gab mein Schick⸗ ſal in die Haͤnde der Vorſehung und ließ meine Begleiter machen, was ſie wollten. Maria ſaß neben mir;— ich nahm ihre Hand, um ſie zu beruhigen, und hielt ſie ſo lange, bis wir an dem Orte unſerer Beſtim⸗ mung ankamen. Nach dem Verbande fuhr der Wagen w bie⸗ der fort und hielt endlich ohngefaͤhr nach einer Stunde vor einem Hauſe, in deſſen Hof wir gefuͤhrt wurden. Man verſchloß die Thuͤren hinter uns, nahm uns die Bin⸗ den von den Augen, und— es war heller Tag. Ein junger, ziemlich wohlgebildeter Mann, deſſen Phyſiognomie und zuvorkom⸗ mende Miene uns zu ſeinem Vortheil ein⸗ nahm, empfing uns und fuͤhrte uns in einen kleinen Saal, wohin uns der Officier mit ſeinem Gefaͤhrten folgte. Sis uͤbe egaben 6 Marig. den Haͤnden dieſes Mannes, der uns wenig⸗ ſtens ein Kerkermeiſter von beſonderer Art ſchien, empfahlen uns ſeiner Sorgfalt und entfernten ſich, nachdem ſie ſich einen Ueber⸗ lieferungsſchein hatten geben laſſen. Welch ein Gefaͤngniß konnte dies ſeyn, das, nach der Laͤnge unſerer Reiſe zu urthei⸗ len, wenigſtens fuͤnfzig Meilen von der Haupt⸗ ſtadt entlegen ſeyn mußte? Gewiß weder Pierre en Soiſe, noch Mont⸗St.⸗ Michel; das Wenige, was ich von dieſen beruͤchtigten Gefaͤngniſſen unſeres Reichs ge⸗ ſehen hatte, ſah unſerm gegenwaͤrtigen Ker⸗ ker nicht im mindeſten aͤhnlich. Das ſon⸗ derbare Verfahren, das man gegen uns be⸗ obachtete, war ein ſchweres Raͤthſel, und ich verſchob es auf einen guͤnſtigen Augenblick, um daruͤber zu denken. 1 9 Unſer Wirth brachte uns jetzt in die Zimmer, die man fuͤr uns beſtimmt hatte; es waren zwei Stuben mit Kamine 1, wo⸗ von das groͤßte fur mich, und das kleinere fur Marien ſeyn ſollte; man konnte aus einen gerade in die andere kommen. Unſer Hausgeraͤth war einfach aber geſchmackvoll. Die Fenſter waren ſo eingerichtet, daß wir nach freier Willkuͤhr friſche Luft hereinlaſſen und Licht haben, aber nicht ſehen konnten, was drauſſen geſchah. Unſer Kerkermeiſter verſicherte uns, daß er alles anwenden werde, unſer Schickfal we⸗ nigſtens ertraͤglich zu machen, die Strenge 4 unſerer Gefangenſchaft zu mildern, und uns, wo moͤglich, alles herbeizuſchaffen, was wir verlangten. Eine ſolche Sprache befremdete mich; ich wußte nicht, was ich davon den⸗ ken ſollte. Da er jene Worte aber mit einem ganz natuͤrlichen und aufrichtigen Ton ſage te, ſo glaubte ich gern, daß er es rlich meinte, und die Folge bewies, daß ich ihn richtig beurtheilt hatte. Er trieh ſeine Ge⸗ faͤlligkeit ſo weit, daß er mir Buͤcher, Fe⸗ dern, Papier und Bleiſtift anbot, nur mit deem Zuſatz, daß wir ihm auf den noͤthigen — Sal dieſibe Bogenzahl, noch unbeſchrieben —jꝛꝛ oder ſchon gebraucht, vorzeigen ſollten. Auf meine Verwunderung uͤber dieſe gefaͤllige Großmuth gab er zur Antwort, daß er zwar die Graͤnzen ſeiner erhaltenen Befehle uͤber⸗ ſchreite, aber ſeine gegruͤndeten Urſachen da⸗ zu habe— Urſachen, die ich jetzt weder einſehen koͤnnte noch ſollte. Das Mittagseſſen wurde aufgetragen, und wir fanden keine Urſach, uͤber Mangel zu kla⸗ gen. Wie von ohngefaͤhr fragte ich ihn, ob unſere Wohnung keinen Garten habe, und ob es uns wohl vergoͤnnt ſeyn wuͤrde, da⸗ ſelbſt zuweilen friſche Luft zu ſchoͤpfen?— „ Nach dem Buchſtaben meiner Ordre, darf ich Ihnen dieſe Freiheit woͤchentlich nur Ein⸗ mal und nur Eine Stunde geſtatten, aber ich will meine Maaßregeln ſchon nehmen, daß Sie Sich, ſo lange als moͤglich, da aufhalten koͤnnen. Sie werden leicht denken, daß ich nicht allein in dieſem Hauſe wohne, und daß ich von Aufpaſſern umgeben bi welche zwar unter mir fteh hen, aber mie do — or Hutzwaͤre.“— Es ſollte mir leid thun, wenn Sie Sich unſerntwegen Verdruͤßlichkei⸗ ten zuzoͤgen; ich kann es unmoͤglich zuge⸗ ben—„ Das iſt meine Sorge; denn wahrhaftig ich heiſſe nicht umſonſt Klug; glauben Sie gewiß, daß ich bei ſolchen Schritten vor allem unſere gegenſeitige Si⸗ cherheit bedenken werde. Was den Garten be⸗ trifft, ſo wird er etwa einen halben Morgen enthalten und hat ſehr hohe Mauren. Man kann darin von keinem Menſchen geſehen werden, und ſelbſt nichts ſehen, als— Baͤu⸗ me und den freien Himmel. Morgen— ja morgen ſollen Sie ihn ſehen; ich will es ſchon machen. Ganz gewiß.. aber leben Sie wohl; ich habe noch eine Runde zu halten, und andere Geſchaͤffte zu thun. 8 Er ließ uns in einem Zuſtande des Er⸗ ſtaunens, wovon wir uns ſobald nicht er⸗ hohlen konnten. Was wollte er noch ſagen, und durch welch einen guͤnſtigen Zufall war unſer Schickſal in ſo gute Haͤnde gerathen Eine Vemerkung Mariens ver irrte hier⸗ 102* 8— uͤber meine Gedanken noch mehr. Nie er⸗ innerte ſie ſich, unſern Kerkermeiſter geſehen zu haben, aber ſie wollte ſeine Stimme ken⸗ nen. Bei der Unmoͤglichkeit, von den Urſa⸗ chen und dem Zuſammenhange unſerer letz⸗ ten Abentheuer etwas herauszubringen, muß⸗ te ich die Enthuͤllung dieſes Geheimniſſes der Zeit uͤberlaſſen. Wir bedurften nach den 5 und legten uns nieder. Abrr trotz meiner Erſchoͤpfung Prnes ich daß man ſogar nach meinem Leben trachte — einer Furcht, die mir in Ruͤckſicht meiner war. Die aufgehende Sonne uͤberraſch⸗ Strapatzen einer ſo langen Reiſe der Ruhe 3 die ganze Nacht keine Minute ſchlafen. Eine Menge finſterer Gedanken lagerte ſich um mei⸗ n e Seele und ſchreckte mich mit der Furcht, men Maria ſchrecklicher als fuͤr mich ch noch bei dieſen niederſchlagenden Gril⸗ len. Nur erſt allmaͤhlig ſchaͤmte ich mich mei⸗ ner Se wachhett ergab mich in mein Schich⸗ 1 und noch jetzt fuͤr die Zukunft keine beſſenen ruhte ich einige Augenblicke au Ich ſtand auf. Die Neugier reizte mich, meinen Aufenthalt naͤher zu beſichtigen. Zu meiner Freude bemerkte ich, daß man nichts vergeſſen hatte, was uns dieſe traurige Ein⸗ oͤde angenehm machen konnte. Unſer Kerker⸗ meiſter ſchien auch hier ſeine Auftraͤge uͤber⸗ ſchritten und ſeine Aufmerkſamkeit bis zu den leichteſten Kleinigkeiten getrieben zu haben. Jetzt ging ich in Mariens Zimmer. Ich fand es gewoͤlbt wie das meinige; auch das Tageslicht fiel auf dieſelbe Art herein. Meine Pflegetochter lag noch in ſanftem Schlafe der Unſchuld; das Licht, das auf ihr Ge⸗ 3 ſicht fiel, zeigte mir auf ihren rothen Wan⸗ gen noch einige Spuren von Thraͤnen. Die⸗ ſer ſchmerzhafte Anblick ruͤhrte mich von neuem ſo tief, daß ich mich nicht enthalten konnte, uͤber das Loos dieſes ungluͤcklichen Schlachtopfers zu weinen, das von der Wiege an ein Ball des Mißgeſchickes geweſen war, Ausſichten hatte. Mit thr 4 1 1 fernte mich i um ihren Schlaf nich zu ſtoͤhren. Da ich nach n meinem Zimmer zurückeh⸗ ren wollte, ſtieß ich mit dem Fuße ſo heftig an einen Stuhl, den ich noch nicht wahrge⸗ nommen hatte, daß er umfiel. Dieſer Laͤrm weckte Marien. Mit einigem Schrecken Ffffnete ſie ihre Augen, erhohlte ſich aber bald wieder, da ſie mich ſah.„Kommen Sie, lieber Vater, ſprechen Sie, umarmen Sie Ihre Tochter.“— Bei dieſen Worten ſchloß ſie mich ſo feſt in ihre Arme, als aͤtte ſie befuͤrchtet, daß man mich von ihr osreiſſen wollte.„Ach, ich habe eine trau⸗ rige Nacht gehabt. Mehrmal ſchien man 8 mich i im Traume von Ihnen trennen zu wol⸗ len. Denken Sie Sich meine grauſame Angſt. Ich erwachte mitten in der Nacht ploͤtzlich; haͤufige Thraͤnen ſtuͤrzten uͤber meine Wangen. 3 Da ich mich endlich wieder erhohlt hatte, wurde ich ruhiger; es war ja ein Traun umarmte ſie von neuem und ſue th aufzurichten.„O meine Toe laßu Laſſen Sie die Traurigkeit ahren, ter, ſagte ich, indem ich ihre Hand faßte, laß uns nicht ſo weit ſinken, daß wir kein Vertrauen mehr zu der Vorſehung haͤtten; ſie wacht ſtets uͤber uns— ſie kennt unſe⸗ re Schwachheit und wird uns nicht verlaſſen. Intes Kapitel. Noch war ich bemuͤht, Marien zu troͤ⸗ ſten, und ihr einen Muth, eine Zuverſicht ein⸗ zuſprechen, die ich ſelbſt nicht hatte, als ſich die Thuͤr meines Zimmers oͤffnete;— es war unſer braver Kerkermeiſter ſelbſt, der ſich erkundigte, ob wir etwas brauchten, und was wir zum Fruͤckſtuͤck verlangten. Ich ſah ziemlich traurig aus, und war es auch wirklich; ich ſuchte es nicht einmal zu ver⸗ bergen. Klug, der es ſchnell merkte, nah⸗ 4 te ſich mir mit einer treuherzigen Miene und 106 beſter Herr! Ihre Lage iſt zwar nicht die aangenehmſte; aber faſſen Sie Zutrauen zu eeinem Menſchen,(indem er auf ſich zeigte) der nichts Boͤſes mit Ihnen im Sinne hat, deer nichts angelegentlicher ſucht, als Ihre Leiden zu mildern. So lange Sie hier ſind, ſoll es Ihnen an nichts fehlen, was ich ei⸗ nigermaßen unter meinen Umſtaͤnden herbei⸗ ſſcchaffen kann; verlaſſen Sie Sich auf mein Verſprechen. Die Verhaltungsbefehle, die ich Ihrentwegen erhielt, kommen von zwei verſchiedenen Seiten und lauten auch ganz — verſchieden; ich muß beide ſo zu vereinigen ſuchen, daß weder Ihre noch meine eigene Sicherheit dabei leidet. Meine Offenherzig⸗ eeit befremdet ſie wahrſcheinlich; aber ich habe Nachrichten von Ihrem Schickſal... aus Mitleid muß ich ſo und nicht anders handeln. Mehr kann ich Ihnen nicht ſa⸗ gen. Ich weiß, daß Sie, wie viele andere, unglückli ich ſind, ohne es verdient zu haben. Sie ſind nicht der erſte, der unter der Nhe d espotismus ſeufzt; Sie werden leider 8 — 107 der letzte nicht ſeyn. Aber was koͤnnen Sdie machen? Ihre Leiden mit Geduld tragen. Rufen Sie immer, wenn Sie mich brau⸗ chen, und fordern Sie dreiſt, was Sie Sich zur Unterhaltung oder zum Vergnuͤgen wuͤn⸗ ſchen. Sollte ichs Ihnen zuweilen abſchla⸗ gen, ſo glauben Sie wenigſtens, daß ich meine guten Gruͤnde habe. Sie werden bloß mit mir zu thun haben, keinen Menſchen weiter ſehen als mich; vielleicht— ja ich hoffe es, werden Sie mir noch Ihr Zutrauen ſchenken; aber erſt muͤſſen Sie mich beſſer kennen. Ich bin kein Freund von vielen Worten; dieſe Aufklaͤrungen indeſſen ſchie⸗ nen mir zu ihrer Beruhigung nothwendig 3 ich will ſie einmal fuͤr allemal geſagt ha ben.“ 8 Ich dankte ihm lebhgft fuͤr dieſe Auf⸗ richtigkeit.„Ich haͤtte Bſſt. ſagte ich, Ior Anerbiethen ſo gut zu nuen oder vielmehr, 6 3 Kaffee bitten moͤchte.“— 3 daß Sie mir davon geſter 108— geſagt haben. Sie haͤtten ihn beim Aufſte⸗ hen ſchon fertig finden ſollen. Unſer Haus ſieht frei und allein; wir muͤſſen erſt eine ziemliche Strecke gehen, um die noͤthigen ebensmittel von dem naͤchſten Orte einzu⸗ kaufen; noch ſchlimmer, wenn es Sachen find, die man hier in der Gegend nicht ge⸗ woͤhnlich braucht. Es ſcheint mir aber noch fruͤhe genng, um Kaffee zu erhalten. Ich will ſogleich einen Bothen wegſenden; hof⸗ fentlich wird er nicht zu ſpaͤt wieder kom⸗ men.“ Ich ſtraͤubte mich gegen dieß Anerbieten, weil es ihm ſo viele Umſtaͤnde machte, und ſagte; daß es nur ein voruͤbergehender Ap⸗ petit waͤre; ich pflegte uͤbrigens weder Mor⸗ gens noch Abends Kaffee zu trinken.„ Das macht nichts, ſagte er, Sie ſollen ihn ha⸗ ben.“ Schnell flog er davon; alle meine Inredungen halfen nichts. Im Grunde frente ich mich üder Aiſe thaͤtigen Eſers denn mein Zimmer. Wir haͤtten jet Garten geſehen, deſſen Gent — 1 09 2 nicht taͤglich trank, mein ſtockendes Gebluͤt befenerte und meine Lebensgeiſter in neuen Schwung brachte. Der hoͤchſt originele Charakter dieſes ſon⸗ derbaren Mannes gefiel uns, und ſchien un⸗ ſer ganzes Vertrauen zu heiſchen. Meine Verhaͤltniſſe machten mir indeſſen die groͤßte Behutſamkeit nothwendig, die ich ebenfalls Marien empfahl. Es ſchien mir nicht un⸗ wahrſcheinlich, daß er manches von unſerm Schickſal wußte, und ich beſchlos, ihn dar⸗ uͤber bei guter Gelegenheit auszuforſchen. Ich ging aus Mariens Zimmer in das meinige zuruͤck, und nahm ein Buch zur Hand, das ich von ohngefaͤhr auf dem Tiſche lie⸗ gen ſah. Es war, ſo viel ich mich noch erinnere, ein Band von Hamiltons Wer⸗ ken,. Ich war zu dieſer Lektuͤre wenig geſtimmt, und legte es wieder an ſeine Stelle: Maria hatte ſich indeſſen angezogen und kam in ſo gern den Ker⸗ IITo— 4 kermeiſter erlaubt hatte; aber wir mußten erſt ſeine Ruͤckkunft erwarten. Wirklich kam er noch fruͤher, als er ge⸗ ſagt hatte, und brachte einen ziemlich guten Kaffee. Ich lud ihn ein, mit uns zu fruͤh⸗ ſtuͤcken, ich bat ihn inſtaͤndig darum. Aber er wollte nichts annehmen, weil er ſchon ge⸗ fruͤhſtuͤckt hatte. Ich drang nicht weiter in ihn, und fragte bloß, um welche Zeit wir in dem Garten ſpazieren duͤrften. In einer Viertelſtunde, war ſeine Antwort, und wie der Blitz war er verſchwunden. 4 Nach einer Viertelſtunde kam er zuruͤck, und forderte uns auf, ihm zu folgen. Wir wurden durch einen langen finſtern Gang ge⸗ fuͤhrt, und kamen endlich an eine Thuͤr, die er oͤffnete.. wir waren auf einmal im Gar⸗ ten. Dieſer Garten hatte eine maͤßige Groͤße, ſeine Mauren waren mit Weinſtoͤcken und ſcchlecht gepflegten Franzbaͤumen beſetzt, und ohngefaͤhr vier bis fuͤnf und zwanzig Juß 1 hoch. Kein Haus ſtand in der Naͤhe, n dem man in den Garten ſehen konnte; wi — IITT hoͤrten nicht den mindeſten Laͤrmen— wir ſchienen in einer Wuͤſte zu ſeyn. Am Ende des Gartens erhob ſich eine angenehme Lau⸗ be, von Lindenzweigen gewoͤlbt, und der uͤbri⸗ ge Platz war in vier Beete getheilt, auf wel⸗ chen Kuͤchengewaͤchſe ſtanden, rund umher waren kleine Obſtbaͤume gepflanzt, und die Alleen waren ſo breit, daß man gemaͤchlich darin luſtwandeln konnte. In der ganzen Anlage des Gartens war eine Art von Un⸗ ordnung ſichtbar, die ihn wirklich angenehm machte. Unſer guter Kerkermeiſter ließ uns frei ge⸗ hen, ohne uns aus den Augen zu verlieren, und beſchaͤftigte ſich waͤhrend unſeres Luſt⸗ wandelns mit einigen kleinen Gartenarbeitenn, er reinigte die Beete und las von den Obſt⸗ baͤumen das ſchaͤdliche Ungeziefer ab. Das Obſt, ſagte er, waͤre zu unſerm beliebigen Gebrauch. Maria, welche die Blumen ſehr liebte, bat um die Erlaubniß, ſich von ei⸗ nem großen Beete, worauf die Blumen al⸗ ler Jahreszeiten ſtanden, einige pfluͤcke „ 112— duͤrfen. Ohne Einſchraͤnkung erlaubte er es, Ich dankte ihm fuͤr ſeine Gefaͤlligkeit, und Maria pfluͤckte einen Strauß der ſchoͤnſten Blumen, den ſie mitnahm, um ihn auf un⸗ fer Kamin ins Waſſer zu ſetzen. Wir gingen nachher ſpazieren, ſo oft wir es wuͤnſchten, und Klug trieb ſeine Groß⸗ muth ſo weit, daß er auch hierin unſern Neigungen zuvor kam. Aber der Herbſt naͤ⸗ herte ſich, es regnete faſt immer, und der Tag wird dem Menſchen ſehr lang, wenn er weder Zerſtreuungen noch Beſchaͤfftigun⸗ gen hat. Schon laͤnger als einen Monat lebten wir in einer peinlichen Unthaͤtigkeit und von der Langenweile geplagt. Man hat nicht immer Luſt zu leſen, und die Zeitun⸗ gen, die wir am liebſten geleſen haͤtten, wa⸗ ren uns ſtreng verboten. Jetzt fuͤhlte ich, daß eine der groͤßten Strafen, womit man einen Gefangenen heimſuchen kann, iſt, ihn ger gaͤnzlichen Vnviſengeſt üͤber alle Einſt fragte ich unſern Kerkermeiſter, ob wir nicht ein Forte Piano und eine Violine erhalten koͤnnten. Maria ſpielte das erſtere ſehr gut, und ich ſelbſt hatte es auf der Violine ſo weit gebracht, daß ich ihre Stuͤcke leidlich akkompagniren konnte. Dieſe un⸗ ſchuldige Beſchaͤfftigung wuͤrde unſere Lan⸗ geweile etwas zerſtreuen, und uns eine Ge⸗ fangenſchaft ertragen helfen, wovon wir kein Ende vorausſahen. Klug erwiederte: er wollte um dieſe Erlaubniß auf eine Art nachfragen, daß man ſie ihm nicht abſchla⸗ gen wuͤrde. Er hatte ſeine Abſichten bei dieſer Antwort; aber ich konnte ſie damals noch nicht entraͤthſeln. Meine Bitte gab uns wenigſtens Anlaß, von auſi zu ſprechen. Klug arde legt unn die Fläte gelernt hab ſie ſehr ſchlecht. Wir baten ihn, ſere Einſamkeit durch ſein angenehm aufheitern moͤchte. Er verließ uns⸗ Wort zu ſagen, und kam bal 114 2— Floͤte und einem dicken Hefte Noten zuruck. Mitt vieler Fertigkeit ſpielte er uns die Arien aus den neueſten Opern, beſonders aus Ri⸗ chard Loͤwenherz, vor, welche damals ſehr oft gegeben wurde. Durch ſeine Kunſt ſchienen dieſe Arien noch zu gewinnen. Ma⸗ riens Stimme hatte zwar nicht viel Umfang, aber ſie ſang ganz artig und richtig. Sie wagte es, eine Romanze aus einer bekannten Oper zu ſingen, und Klug verſchoͤnerte ihren Geſang durch ſein leichtes und gefaͤlliges Ak⸗ kompagnement. Wir hatten lange keinen ſo angenehmen Abend gehabt.„ Empfangen Sie meinen geruͤhrteſten Dank, ſagte ich zu unſerm Huͤ⸗ ter; es iſt ein großer Troſt bei meinem Un⸗ gluͤck, in ſolche Haͤnde gerathen zu ſeyn.* — Es lohnt die Muͤhe wohl, davon zu ſpre⸗ chen, ſagte er mit jenem offenen, freundſchaft⸗ lichen Ungeſtuͤm, der ihm ſo ganz eigen war. Sind wir es nicht der Menſchlichkeit ſchul⸗ dig, uns gegenſeitig zu helfen? Heute iſt die Reihe an mi, morgen an Ihnen. Keinen —— — 8 113 Dank! wenn wir ſonſt gute Freunde bleiben ſollen. Sie koͤnnen nur fordern, wenn Sie mich brauchen; aller Zwang muß aus un⸗ ſerm Umgange verbannt ſeyn. Aber es iſt Zeit, zu Bette zu gehen. Schlafen Sie wohl. Er ging, ohne uns Zeit zum Ant⸗ worten zu laſſen. Mit dem angenehmſten Erſtaunen ſahn wir ihm nach. 3 Es ließ ſich in unſern Verhaͤltniſſen keine Gefaͤlligkeit, keine Aufmerkſamkeit denken, die uns dieſer brave Mann nicht erwieſen haͤtte. Doch ſagte er nichts wegen meiner Bitte um ein Forte Piano, und ich hielt es fuͤr unſchicklich, ihn daran zu erinnern. Hatte er ſie vergeſſen? Ich wußte es nicht. Einſt hatte er uns im Garten, wahrſcheinlich mit Abſicht, laͤnger als gewoͤhnlich, aufgehalten. Bei unſrer Ruͤckkehr fanden wir in unſem Zimmer eine Forte Piano, eine Violine und Noten. Dieſe delikate Ueberraſchung rührte mich auſſerordentlich, und machte auf Ma⸗ rien, wie ich mit Vergnuͤgen bemerkte,= ſelben Eindruck. Nachher habe cch efirn daß wir dieſe Linderung des Schickſals bloß ihm zu danken hatten. Aber Klug war eben ſo ſorgfaͤltig, ſeinen Antheil an dieſem edlen Werke zu verbergen, als ein Verbrecher geweſen waͤre, ſich den Augen der Gerech⸗ tiggkeit zu entziehen. Ich aͤuſſerte meine lebhafte Freude uͤber dieſe ſuͤße Ueberraſchung, aber mit Fleiß zufrieden; Sie fangen an, Sich zu beſſern; — auf dieſem Fuß lebe ich mit den Menſchen tenmal: daß ich zu Ihrem Befehl ſtehe. Sie koͤnnen mur keine groͤßere Freu⸗ de machen, als wenn Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen nuͤtzlich zu ſeyn. Mit Waͤr⸗ ne faßte ich ſeine Hand, und ließ einige ſchienen. Noch denſelben Tag bilde⸗ ein kleines Concert, das uns ſehr dankte ich ihm nicht. Er bemerkte es und ſagte mir laͤchelnd:„Ich bin mit Ihnen unterhielt und uns einen reizende t 8 am liebſten. Ich ſage es Ihnen zum letz⸗ Wir hatten der Großmuth unſers Freun⸗ des— denn er verdiente dieſen Namen mehr als irgend jemand, noch eine andere Art der Unterhaltung zu danken, welche fuͤr unſere Einſamkeit vielen Werth hatte. Er verſchaffte uns zuweilen die Zeitungen— freilich nur literaliſchen Inhalts; aber demohngeach⸗ tet ergriffen wir ſie mit gierigen Haͤnden. Wir fanden darin die neueſten Nachrichten aus dem Fache der ſchoͤnen Kuͤnſte, der Schauſpiele, und uͤberhaupt von allem, was in der wiſſenſchaftlichen Welt vorging. Bei den politiſchen Unruhen, welche damals in unſerm Vaterlande wogten, haͤtte ich freilich gewuͤnſcht, ganz andere Sachen in dieſen Blaͤttern zu finden; aber ſie waren doch beſſer als gar nichts. 1 12tes Kapitel. lnſere Tage floßen indeſſen nur langſam deahin; die Einfoͤrmigkeit, welche unſere Be⸗ ſchaͤfftigungen, ſogar unſete Zerſtreuungen auszeichnete, wurde uns laͤſtig; ſchon ſeit ſechs Monaten waren wir in unſerm Ker⸗ ker, und der Winter war ſo naß und truͤbe geweſen, daß wir auch unſere Spaziergaͤnge in der friſchen Luft einſtellen mußten. So viel Muͤhe ſich auch der unerſchoͤpfliche Klug gab, unſere Unterhaltungen zu vervielfachen und abwechſelnd zu machen, ſo behielten ſie dennoch jenen einfoͤrmigen Anſtrich, und un⸗ ſere Gefangenſchaft wurde uns eine ſchreck⸗ liche Laſt. Haͤtten wir nur ihr Ende vor⸗ her geſehen, ſo wuͤrde unſere Standhaftigkeit weenigſtens an der Hoffnung eine Gefährtin gehabt haben, welche unſern Muth beſſer als jene folternde Ungewißheit geſtuͤtzt haͤtte. 119 Ich hatte Urſach zu fuͤrchten, daß Ma⸗ riens Geſundheit leiden moͤchte. Da ſie von Jugend auf an den Genuß der freien Luft gewoͤhnt war, ſo konnte dieſe ploͤtzliche Veraͤnderung der Lebensart der freien Ent⸗ wickelung ihrer Natur ſchaden. Ihre zaͤrtli⸗ chen Geſinnungen gegen mich blieben immer dieſelben; immer zu den erſinnlichſten Lieb⸗ koſungen und Gefaͤlligkeiten bereit, ſuchte ſie alles hervor, um den Schmerz meiner tiefen Wunden zu lindern. Zum Gluͤck erhielt ſich ihre Geſundheit. Nur das lebhafte Roth ihrer Wangen hatte ſich etwas verloren. Zu meiner Schande muß ich geſtehen, daß ſie mehr wahre Philoſophie und Standhaftigkeit bewies, als ich ſelbſt; ohne ſie waͤre mein wankender Muth zur Verzweiflung geſunken. Immer warf ſie ſich ſelbſt dieſe grauſame Gefangenſchaft vor, in welcher ich ſchmachtete; oft fand ich ſie i m Thraͤnen gebadet uͤber die Leiden, die ich ihrentwegen zu dulden haͤtte. Ich mußte e alle Kraͤfte aufbieten, um ſie zu bert⸗ 4 ————— ———— ——— 4 —-———* 8 f 120— higen, und ſie von der Unveraͤnderlichkeit meiner Liebe und Zaͤrtlichkeit zu uͤberzeugen. Aber die Natur ſelbſt fuͤhlte die Grau⸗ ſamkeit meiner Lage. Nach einiger Zeit wur⸗ de ich krank. O wie traurete meine Maria! Sie that alles um den kranken Vater zu pflegen, ſie war Tag und Nacht raſtlos ge⸗ ſchaͤftig; die wachſamſte Waͤrterin haͤtte nicht ſorgfaͤltiger ſeyn koͤnnen. Unſer ſchaͤtz⸗ barer Freund theilte dieſe Sorgen mit ihr und ſchaffte alles herbei, was meine Krank⸗ heit zu erfordern ſchien. Ich wurde ſo ge⸗ faͤhrlich, daß mir ſelbſt bange wurde, und bat ihn um einen Arzt.„ Glauben Sie, ſagte er, daß ich auf ihre Bitte gewartet haͤt⸗ te, wenn ich frei haͤtte handeln duͤrfen? Die erſte meiner Verhaltungsregeln lautet aus⸗ druͤcklich: daß Sie mit keinem Men⸗ — ſchen von drauſſen, felbſt auf den , n wenn Sie kront werd den, — 121 von Paris zu fragen.„Bei Gott, es thut mir ſehr leid, ſagte er, daß ich Ihnen keins von beiden beantworten darf. Ich kann Ihnen bloß ſagen, daß es hier auſſer Ihnen keine Gefangene giebt. Unſer Haus iſt zwar nicht groß, aber ſo gelegen, daß jeder Ver⸗ ſuch, daraus zu entwiſchen, vergeblich fn wuͤrde. Ich ſage dies eben nicht Ibrentw gen; denn auf Ihr Ehrenwort wuͤrde ich be offenen Thuͤren ruhig ſchlafen. Ueber Ihre Krankheit ſeyn Sie unbeſorgt. Ich bin zwar kein Arzt, aber in der Kraͤnterkunde nicht un⸗ erfahren, und hoffe Ihnen zu helfen. ⸗ Meine Krankheit wurde indeſſen ſchlim⸗ mer— die Gefahr dringender; in einer Nacht vurde mein Zuſtand ſehr kritiſch. In dieſem 3 Angenbiic ſah ich unſern Haͤter mit einem Manne ins Zimmer treten, den ich nicht kaunte; es war ein Arz zt, den er durch e ine ughent zu mir à herſzüngen Feraß ☛ hat⸗ Be dena hing beßſelt waren, merkten Marfas 4 122 3— Die Liebe fuͤr mein Leben hatte bei ihm alle Ruͤckſichten auf ſeine eigene Gefahr uͤberwo⸗ gen. Ich glanbte mich dem Tode nahe. Der Arzt, der ein erfahrner Mann zu ſeyn ſchien, kam an mein Bette, fuͤhlte an meinen Puls, hat an Klug ein paar Fragen, und ver⸗ ſchrieb einige Arzeneien, die ich ſchon in der Fruͤhe des folgenden Morgens einnahm, und einige Linderung darauf ſpuͤrte. Hauptſaͤchlich befahl er, daß man oft friſche Luft hereinlaſ⸗ ſean ſollte, und machte mir beim Weggehen gute Hoffnung. Klug fuhrte ihn mit der⸗ ſelben Vorſicht aus dem Hauſe, womit er ihn ereingefuͤhrt hatte. Fuͤnf Naͤchte hinter ein⸗ ander kam er um dieſelbe mitternaͤchtliche Stunde, und blieb nachher aus. Gewiß glaubte er nichts mehr fuͤrchten zu muͤſſen, und ich fuͤhlte mich auch in der That beſſer. freilich ſehr langſam und ſchwer ging. Der guten Pflege Mariens und dem uner⸗ muͤdlichen Eifer meines gefuͤhlvollen Freundes verdankte ich endlich meine Beſſerung, welche 4 ——— 4 — 3 123 3 Sobald ich mich ſtark genug fuͤhlte, mein Zimmer zu verlaſſen, ging ich, von Marien und unſerm Freunde gefuͤhrt, in den Garten, und blieb hier ſo lange, als es fuͤr meine Umſtaͤnde zutraͤglich war. Klug fand immer Mittel, alle verdaͤchtige Zeugen zu entfernen. Die Erhaltung meines Lebens war nur ſein Werk; in andern Haͤnden haͤtte ich der Laſt eines ſiechen und vom Kummer ausgemergel⸗ ten Koͤrpers erliegen muͤſſen. Nichts mehr bedauerte ich, als daß ich dieſem edlen, ſchaͤtꝛbaren Manne ſo wenige Proben von dem ganzen tiefen Dankgefuͤhl meines Herzens geben konnte.„ Aber ich wer⸗ de Ihre großen Wohlthaten nicht vergeſſen, ſagte ich zu ihm, wenn der Himmel mir einſt meine Freiheit wieder ſchenken ſollte.* „ Was zum Henker machen Sie Sich da wie⸗ der fuͤr Grillen, erwiederte er. Denken Sie nur auf Ihre Geſundheit, und uͤbrigens— bekuͤmmern Sie Sich um nichts. Ich muß Sönen ſagen, daß mein Gehalt fur dieſe Ge⸗ 124— fangenaufſicht ſehr betraͤchtlich iſt. Ich kann mit dem Gelde machen, was ich will, und 3 Pin keinem Menſchen davon Rechenſchaft 1 chuldig. Fuͤr Ihre Perſon zu haften, iſt meine einzige Pflicht; ich werde ſie zu er⸗ fuͤllen ſuchen.*4 Ich begnugte mich alſo, ihn zu fragen, ob er mir wohl nicht ohne eigne Gefahr ei⸗ nen Brief nach meiner Wohnung beſorgen koͤnnte; ich muͤßte mir etwas Geld ſchicken laſſen.„Nein, ſagte er; das iſt mir aus⸗ druͤcklich verboten. Wozu haͤtten Sie auch Geld noͤthig? Meine Boͤrſe ſteht Ihnen ja offen.— Ich verſchwieg ihm nicht, daß ich dies Geld nur ſeinetwegen zu haben wuͤnſchte z ich moͤchte ihm ſo gern ſeine Aus⸗ agen erſetzen.„ Wodꝛnch habe ich eiue kolehe Behandlung verdient, fagte er heftig, indem er mir die Hand druckte, und ließ mir keine Zeit, die Entſchuldigung auzubkin⸗ gen, die ich eben hervorſuchen wollte.„ Wenn 4, ſagte er, daß ich das Wenige, Sie that, aus Eigennutz, aus Hoffnung auf kuͤnftige Belohnungen gethan habe, ſo muß ich geſtehen, daß mich ein ſol⸗ cher Verdacht empfindlich beleidigt. Aber nein! Ich vergebe Ihnen. Sie haben nich nach meinem Stande beurtheilt. Sie waren 4 nicht verbunden, mich zu kennen.“ Ich fuͤhlte mich ſo geruͤhrt, ſo auſſer Faſfe fung geſetzt, daß ich ihm nicht antworten konnte; aber ich ſchloß ihn in meine Arme, und fuͤhlte ſeit dieſem Augenblick eine graͤn⸗ zenloſe Hochachtung gegen ihn. Jeder Um⸗ ſtand, der mich ihn naͤher kennen lernte, recht⸗ fertigte die Groͤße meines Vertrauens. Seine Pflege und Mariens zaͤrtliche Sorgfalt beſchleunigten die Ruͤckkehr meiner Geſundheit. Kaum waren drei Monate ver⸗ floſſen, ſo hatte ich meine Kraͤfte wieder, und fuͤhlte mich ſo geſund, als ich wuͤnſchen konnte. Auch Mariens Geſandhen aißek nicht. Aäll⸗ unfele Lage u und ſuthten anfene 3 inhhelen ſ 0 gut uana Uuruhe; 13 tes Kapitel. Sen war ein Jahr ſeit unſerer Gefangen⸗ ſchaft verfloſſen, als ein uͤberraſchendes, ſon⸗ derbares Ereigniß mein Gehirn mit neuen, unruhigen Zweifeln uͤber unſere gegenwaͤrtige Verhaͤltniſſe erfuͤllte. Es war ungefehr um 8 Mitternacht, und ich lag, wie gewoͤhnlich, von einem ziemlich leiſen Schlaf gefoltert, als ich die Thuͤr meines Zimmers oͤffnen hoͤrte. Die⸗ ſer Fall hatte ſich niemals, auſſer in der Zeit meiner Krankheit, ereignet. Voll Erſtaunen blickte ich auf, und ſah unſern guten Kerker⸗ meiſter hereintreten; er kam allein, und ſein Geſicht wenigſtens weiſſagte nichts Schlim⸗ mes. Gleichwohl ſiel ich in eine peinliche eine Menge trauriger Gedanken und Ahndungen flogen durch meine reizbare Seele. 8 g, der dieſe Wirkung ſeiner ploͤtz 1 ſcheinung unehergeſehen Batte eilte zu v . 8 nes nachlaͤßigen Anzugs um Verzeihun ſtagte nach dem ſeltſamen Bewe — 127 nem Bette, und ſagte:„Fuͤrchten Sie nichts. Ich bringe Ihnen keine ſchlimme Nachrich⸗ ten;— es ſind Damen bei mir, welche Ih⸗ nen gern einen Beſuch abſtatten moͤchten. Damen! verſetzte ich; um Mitternacht! Was koͤnnen die wollen?—„Ich weiß es nicht; aber ſie warten unten, bis Sie angezogen ſeyn werden.“ Ich kannte meinen Klugz dieſe wenigen Worte beruhigten mich. Schnell ſtand ich auf, huͤllte mich in meinen Schlafe rock, und ſagte ihm; daß er ſeine Damen hereinfuͤhren koͤnnte. Er verließ mich.— Auf jene erſten ſe chrecklichen Vermuthungen folgten ganz andere, welche eben ſo— falſch waren. Die Ankunft der Damen machte ih⸗ nen ein Ende. Ihr Antlitz war mit einem undurchdringlichen Schleier bedeckt; maß konnte nichts davon ſehen. Ihre Tracht wo ſchoͤn, aber einfach— ihr ganzes Weſen ver⸗ kuͤndigte Perſonen von au sgezeichnetem Nange Ich ging ihnen entgegen, bat wegen ſes unverhofften Beſuchs. Die kleinſte Dame, welche vorausging, nahm einen Stuhl, den ich ihr anbot, und winkte, daß ich mich ne⸗ deren Damen entfernten ſich und ſetzten ſich am anderen Ende des Zimmers neben mein Bette. Klug war wieder weggegangen. Die Dame, welche neben mir ſaß, ſagte endlich mit einem geruͤhrten Ton, aber ſo leiſe, daß es die beiden andern nicht hoͤren konnten. „ Sie ſind alſo Herr von la Barre? — Ja, Madame.—„ Und Sie haben ein Ja; ſie ſchlaͤft in dem angraͤnzenden Zim⸗ 7. Ich kenne die Eltern dieſer Un⸗ lüͤcklichen, an deren Schickſal ich den waͤrm⸗ ſten Antheil nehme. Tauſend Gruͤnde fodern mich dazu auf. Wollten Sie mich wohl zu ehen, um ſie vorausgehen zu laſſen ben ihr niederlaſſen ſollte. Die beiden an⸗ zunges Maͤdchen bei Sich, die Maria heißt?⸗ fuͤhren?— Sehr gern, Madame. Ich ſtand auuf und nahm ein Licht, ihr zu leuchten, öffnete die Thuͤr von Mariens Zimmer, und — 129 Zaͤrtlichkeit und ſagte:„Ich weiß, daß dieſe Maria Ihnen viel Verbindlichkeiten ſchuldig ſt; bis ans Grab werde ich dafuͤr erkenntlich ſeyn.* Dann befann ſie ſich ploͤtzlich:„ Ja. wahrhaftig, ich bin nur die Dolmetſcherin ih⸗ rer ungluͤcklichen Mutter; aber ich kenne die Geſinnungen derſelben, wie die meinigen.“ Bei dieſen Worten faßte ſie mich ſtarr ins Geſicht, was ſie bis jetzt noch nicn hatte thun koͤnnen, weil das Sicht vocher hinter mir ſtand. Wir waren in Mariens Zimmer getreten. Sie ſah mich dan einmal an und ſprach mit einem noch geruͤhrteren Tone als vorher mit einem Ton, der eine auſſero ordentliche Be⸗ wegung ihrer Seele verrieth:„Sie haben den Namen la Barre nicht immer gefuhrt? — Ganz recht, Madame, erwiederte ich, eben⸗ falls mit einiger Ruͤhrung. Da ſie bemerkte, daß mich dieſe Frage etwas nuße Zaßm brachte, fiel ſie ſchnell ein. aben Si keine Sorgen, mein Herr. Ich dertraͤchtig genung, Ihr Gehei then. Wenn Sie mi 130— Mehr ſagte ſie nicht. Sie ging zu Ma⸗ riens Bette, welche in tiefem Schlafe lag. Ihre Begleiterinnen waren in meinem Zimmer geblieben, und unſere Heldin hatte die Thuͤr zugemacht, wahrſcheinlich, damit jene nichts von dem, was ſie that, hoͤren und ſehen ſoll⸗ ten. Vor Mariens Bette warf ſie ihren Schleier zuruͤck, nahm aber eine ſolche Stel⸗ lung, daß ich ihr nicht ins Geſicht ſehen konn⸗ Sie beugte ſich nieder auf das liebens⸗ wuͤrdige Maͤdchen und ſagte:„Theure Ma⸗ mria, arme Tochter des Ungluͤcks, nimm dieſen Kuß, den einzigen vielleicht, den ich dir geben kann.⸗ Maria erwacht, ſieht ſich auf einmal in den Armen einer t Uuberannton⸗ und zuſt mit 3 Nutter; m mein Herz ſagt es mir. Ihnen. Ihnen verdank' ich mein Leben; o wie ſuß ſſt er; dieſer theure Augenblick!— Was, 5 Waane. was ſagten Sie da? ich br ins mel auf mein Flehen geſchenkt haͤtte. Ich mit heiſſen Kuͤſſen und Thraͤnen bedeckte ſie etwas aufrichten, damit ſie ihr beſſer ins ſich gab 3 ihr einen ſeens Aaß warf — 13* zur Beſinnung. Starr blickte ſie der Dame, von der ſie umarmt war, ins Geſicht:„Ver⸗ gebung, Madame; ich wollte Ihrer nicht ſpotten. In dem Augenblick, da Sie mich in Ihre Arme ſchloſſen, traͤumte mir, daß ich in den Armen meiner geliebten Mutter laͤge, die ich nie kannte, und die mir jetzt der Him⸗ gab ihre zaͤrtliche Liebkoſungen zuruͤck; meine Taͤuſchung war ſo groß, daß ich in Ihnen meine wirkliche Mutter zu kuͤſſen glaubte. Verzeihen Sie einem unwillkuͤhrlichen Irr⸗ thum, den ihre unvermuthete Gegenwart verlaͤngerte.“ Die fremde Dame antwortete nichts; aber Mariens Wangen. Maria mußten ſich Geſicht ſehen konnte. Von neuem ſchloß ſie das erſtaunte Maͤdchen in ihre Arme, und hielt es feſt an ihren Buſen gedruͤckt. E 32— chen nicht. Wenn Sie wuͤßten, wie viel Anſpruͤche ſie hat....Aber noch iſt die Zeit nich ht gekommen, wo ich Ihnen mehr ſagen r Leben Sie wohl.“ Sie eilte nach Mariens Bette, kuͤßte ſie noch einmal, druͤckte mir freundlich die Hand, iund ſagte:„ Herr Baron, ich empfehle Ihnen noch einmal dieſes Kind, das mir ſehr am Herzen liegt. Aber wahrhaftig— ich bin eine Tharin; ſie iſt ja in Ihre Haͤnde gera⸗ then. Ich bin vollkommen ruhig. Die Ab⸗ ſtchtm de Votſehnng ſind dunkel und heilig. Einſt vielleicht. ein mehieres. Jetzt leben Sie wohl. u S uiee Mariens Zimmer, winkt ſagte:„Daß Sie doch ferner, mein Herr; aß Sie bei dieſer Ungluͤcklichen die Vater⸗ ſtelle vertreten moͤchten; ſeyn Sie ihr Be⸗ ſchuͤtzer, ihre Stuͤtze; verlaſſen Sie das Maͤd⸗ ————— oldnen Kette, in der Mitte deſſelben ſah man — 433 zurich. welche laut weinte.„ Ach, ſagen Sie, Vater, wer iſt denn die Fremde, die mich ſo innig geruͤhrt hat? Was hab ich nicht bei ihren Liebkoſungen empfunden— ohngefaͤhr das, was ich bei den Ihrigen fuͤh⸗ le. Ich loͤnnte meine Mutter ſelbſt nicht mit einem innigern Wonnegefuͤhl umarmt ha⸗ ben.”“ Ich war ſehr verlegen, n as ich ihr antworten ſollte, und wußte mich ſelbſt nicht aus der Menge von Gedanken zu finden, die mir von allen Seiten zuſtroͤnten. Ich ant⸗ wortete ihr alſo bloß, daß wir ein andermal von dieſem ſeltſamen Beſuche ſprechen woll⸗ ten. Es iſt ſchon ſpaͤt, mein Kind; wir wol⸗ len uns wieder niederlegen, und noch ein paar Stunden der Ruhe genieſſen. 3 8 Als ſie das Kopfkiſſen, auf welchem ſtee ſaß, zuruͤckzog, ſiel ihr eine Boͤrſe in die Haͤnde, in welcher auſſer zweihundert Louis⸗ d'oren ein kryſtallenes, mit Brillanten ei ßtes Herz lag. Dieſes Herz hing an einer eesszuge, ein Peae von Haareng geftochtane Nar und ein Billet mit d genden Wotten lag daneben: „ Herr von la Barre wird ſehr gebeden, „ dieſe Kleinigkeit nicht zu verſchmaͤhen. Es „ ſoll keine Belohnung fuͤr ſeine vaͤterliche „» Sorgen ſeyn, welche fuͤr allen Lohn zu 3„ groß ſind, ſondern nur ein Mittel, ihm s Druͤckende ſeiner Lage zu erleichtern, „ und hn in den Stand zu ſetzen, daß er ſich „ verſchaffen kann, was ihm nothwendig „ ſcheint. Seinem Huͤter kann er ſein San „ zes Zutrauen ſchenken, ohne einen Miß⸗ „ brauch zu fuͤrchten.“ „ Das kryſtallene Herz iſt fuͤr Marien. „» Sie wird einigen Werth darauf legen. Denn es iſt ein Geſchenk ihrer Mutter 2,— „lichen Haaren geflochten.“ Kaum hatte ich das Billet geleſen, als Maria ſogleich das Herz nahm, und es meh⸗ eremal mit Ruͤhrung und Ehrfurcht an ihre Lippen druͤckte.„Theures Pfand der mu⸗ terichen Liebe, rief ſie, immer ſauſß du g — die Buchſtaben ſind von den muͤtter⸗ 8 4‿ meinem Herzen liegen; nie ſollſt du mi verlaſſen.“— Nach dieſen neuen Erſcheinungen und Aufklaͤrungen fand ich mich in meiner Ver⸗ muthung beſtaͤrkt, daß Maria zu einer ſehr angeſehenen Familie gehoͤren muͤſſe. Ich mußte mich freilich mit dieſen bloßen Muth⸗ 6 maßungen begnuͤgen. Meine Gefangenſchaft, und Klugs geheimnißvolle Verſchwiegenheit machten mir alle Nachforſchungen unmoͤglich. I4tes Kapitel. 3 4 Ich kehrte nach meinem Zimmer zuruͤck, und legte mich wieder zu Bette, konnte aber nicht ſchlafen. Noch war meine Seele zu unruhig. Immer neue Naͤthſel, immer neuer Stoff zu ſeltſamen, labyrinthiſchen Betrachtungen! In⸗ deſſen gab mir dieſer Beſuch einen Strahl von— Hoffnung, daß ſich unſer Schickſal bald aͤ⸗ dern werde. Jene Fremde, die ich nach allen Gruͤnden der Wahrſcheinlichkeit fuͤr eine Ver⸗ wandtin von Marien halten mußte, war ohnfehlbar eine Dame vom Range und Anſehn, von deren Einfluß und gutem Willen ich den — beſten Erfolg fuͤr unſere Befreiung erwarten durfte. Ach ja! die Ungluͤcklichen taͤuſchen ſich immer mit den Blendwerken der Hoffnung. Die Zukunft zeigte mir, daß eine hoͤhere Macht dem gutem Willen unſerer Wohlthaͤterin Feſſeln anlegte. Nur eine auſſerordentliche Begebenheit war im Stande, unſern Kerker zu ſprengen. Doch ich will der Geſchichte nicht zuworeilen. Ich beſchloß, unſern Klug uͤber dieſen naͤchtlichen Vorfall auszuforſchen, und wartete mit Ungeduld auf den folgenden Morgen. Aber ich erfuhr auch hier, daß er meine Fragen nicht beantworten koͤnnte, vder— wollte. Ich dankte ihm alſo fuͤr ſeine Guͤte, daß er dieſe fremde Dame zu uns gefuͤhrt, und uns in un⸗ ſerer Einſamkeit einige Zerſtreuung verſchaft Ganz aufrichtig verſetzte er:„ Mir ie fuͤr dieſe Gefaͤlligkeit gar nicht Eiine Dame, der ich— und haͤ bn 8 tsereneee 137 mein Leben koſten ſollen, nichts abſchlagen konnte, erſuchte mich um dieſe etwas gewagte Erſcheinung. Uebrigens kenne ich ſie nicht, kann auch gar nicht vermuthen, wer ſie ſeyn mag, und waͤhlte die Nacht zu dieſem Beſuche, um meinen Leuten nichts zu verrathen. Sollten Sie ſelbſt, theurer Herr, fuhr er ſort, indem er meine Hand faßte, ſollten Sie ſelbſt vielleicht mehr wiſſen, ſo rathe ich Ihnen ja, Ihr Ge⸗ heimniß heilig zu verwahren; denn die Kennt⸗ niß deſſelben ſcheint eine ſehr ſchaͤdliche, un⸗ gluͤckſchwangere Kenntnig zu ſeyn. Ich bin gar nicht neugierig darnach, und lange genng in der Welt geweſen, um die Erfahrung ge⸗ macht zu haben, daß man deſts gluͤcklicher iſt, je weniger man von gewiſſen Dingen weiß. Nach dieſer Erklaͤrung, die mir wenigſtens aufrichtig ſchien, und meine Achtung gegen Klug nicht im mindeſten herabſetzte, nahm 88 mich wohl in? Achf runehne Jiagen weite zu geblich. Doch ſchien es mir beſonders auf den Fall, daß Klug wirklich von jenen An: gelegenheiten nichts wußte, ſehr noͤthig, mich ſo zu betragen, daß er mich auch fernerhin fuͤr einen nahen Verwandten Marſens hielt. Mein wirkliches Verfahren blieb die⸗ ſem Grundſatze getreu. Ich entdeckte ihm den Fund der Boͤrſe, welche unſere fremde Dame zueückgelaſſen hatte, und wollte ihm eine Summe fuͤr ſeine Ausgaben wegen meiner Krankheit aufdrin⸗ gen. Großmuͤthig und mit Ernſt ſchlug er ſie aus.„Behalten Sie das Geld, ſagte er; Sie koͤnnten in eine Lage kommen, wo ſie es brauchten. Wer kann fuͤr den naͤchſten Au⸗ genblick ſtehen? Es iſt immer gut, einen Nothpfennig zu haben, wie das Sprichwort ſagat. 3 Seit dem Beſuch jener Unbekannten, wel⸗* che mir immer mehr Mariens Mutter zu ſeyn ſchien, bemerkte ich, daß wir weit praͤch⸗ tiger bedient wurden. Die Speiſen, die man uns vorſetzte, waren ausgeſuchter, abwech — — 139 ſelnder, haͤufiger; die Weine ausgewaͤhlter und feiner— mit einem Wort, es fehlte uns nichts, was dem Geſchmack gefallen und den Appetit reizen konnte. Ich erwaͤhnte gegen Klug dieſer Ver⸗ ſchwendung, und bat ihn, ſie einzuſchraͤnken, weil er unmoͤglich dabei beſtehen koͤnnte. Der vortreffliche junge Mann antwortete:„Ich lege nichts von dem Meinigen zu, und will mir gar keine Verdienſte zueignen, worauf ich kein Recht habe, wiewohl ich wuͤnſchte, dure ch mein Vermoͤgen zu einer ſolchen guten Hand⸗ lung in Stand geſetzt zu ſeyn. Ich vollziehe bloß die Befehle Ihrer Goͤnnerin, Sie erkun⸗ 4 digte ſich bei ihrem Abſchiede nach ihrem Eſſen und andern Umſtanden, und ſchien damit un⸗ zufrieden zu ſeyn. Es muͤßte beſſer gehen, ſagte ſie, und ſchickte mir den folgenden Tag. baare tauſend Thaler, und zugleich einen Wechſelbrief, womit ich zu jeder Zeit bei ei⸗ nem Wechsler das noͤthige Geld heben ſole Sie ſehen alſo, daß Sie dieſe Verb ſerung Ihnas Schickſals nicht mir zu dauben 1,5 e 140— Ich dankte ihm demohngeachtet, weil es nicht moͤglich war, die Sorgfalt und Aufmerk⸗ ſamkeit weiter zu treiben, als er that⸗ Unſere vorige Lebensart wurde fortgeſetzt, und Klug wußte immer neue Mittel zum Vergnuͤgen, zur Unterhaltung zu finden. r was ſoll ich machen? Man verſteht ſich zu mehreren Din⸗ g — 5= 141 ich Ihnen, daß er mir ſelbſt nicht ſo unan⸗ genehm ſeint, als Sie ihn Sich vorſtellen; und zwar aus einem ganz natuͤrlichen Grunde: er verſchafft mir Gelegenheit, Gutes zu thun und Uebel abzuwenden oder zu mildern. Ue⸗ biigens habe ich nicht immer in dieſem Stan⸗ ge gelebt; ich habe ihn nur auf eine gewiſſe Zeit und unter gewiſſen Verhaͤltniſſen, ange⸗ nommen. Sollte es mir ja vergoͤnnt ſeyn, Ihnen hieruͤber mehr zu ſagen, ſo werden Sie, hoffe ich, Ihre Meinung ganz aͤndern. „Sie verſtehen mich unrecht, erwiederte ich; glauben Sie nicht, daß ich mindſes an dem Adel Ihrer Seele, an der Reinheit Il 9⸗ rer Geſinnungen zweifle; ich hoffe einſt im Stande zu ſeyn, Ihnen wahre Beweiſe vor meiner Achtung und Freuudſchaft zu geben.* Niie fand ſich der gute junge Mann durch meine Offenheit beleidigt. Im Gegenthei ſchien er ſeinen Eifer, ſeine Gefaͤlligkeiten u verdop⸗ peln. Er vervielfaͤltigte ſich gleichſam ſälbſt, um unſere Freuden, unſere Unterhe ervielfachen. Er wußte, daß Mard * —““ 2 4 din von Blumen war, und ſuchte ihr mehrere von allen Sorten zu ſchaffen, ſobald es die Jahreszeit erlaubte; mit Blumen bepflanzte er den ganzen Garten, um ihr ſelbſt das Vergnuͤgen des Pfluͤckens zu laſſen. Der waͤrmſte Freund, der zaͤrtlichſte Liebhaber haͤtte kein feineres Gefuͤhl zeigen koͤnnen. Auch ließ Maria keine Gelegenheit ungenuͤtzt, wo ſie ihm ihren aufrichtigen Dank zeigen konn⸗ te; ganz harmoniſch ſtimmte hierin ihr Herz mit dem meinigen. Haͤtte ich nicht ihren hohen, ſtolzen Charakter gekannt, ich wuͤrde zuweilen geglaubt haben, daß unter den Aeuſ⸗ ſerungen ihrer Dankbarkeit noch etwas mehr als bloße Freundſchaft verſteckt laͤge. Ich habe geſaͤgt, daß Klug die Tonkunſt verſtand. Er⸗ verſtand ſie in einem ſehr hohen Grade. Taͤglich gab er Marien darin Unterricht, und wußte dieſe Lectionen ſo an⸗ genehm zu machen, daß ſie an ſeiner Seite ſehr große Fortſchritte machte. Mit den feinſten Organen verſehen, ſpielte ſie das Pia⸗ 86 no mit Anmuth, und ſang mit unendlich vie⸗ — 143 1 lem Geſchmack. Alle dieſe Fertigkeiten wa⸗ ren die Fruͤchte von Klugs Bemuͤhungen, die mich deſto mehr freueten, weil ſie eine der beſten Erheiterungen unſerer Gefangen⸗ ſchaft waren. Ein altes Sprichwort ſagt zwar, daß kein Gefaͤngniß ſchoͤn ſey. Aber die großmuͤ⸗ thige Sorgfalt unſers Huͤters hatte das un⸗ ſrige in der That ſo reizend gemacht, als ein Gefaͤngniß ſeyn kann. Allein... darf ichs noch einmal ſagen? Wir waren gefan⸗ gen, und konnten den ſuͤßen Augenblick un⸗ ſerer Freiheit nicht vorher ſehen, nicht ein⸗ mal ahnden. F I5tes Kapitel. W hatten nun faſt zwei 3 Jahre in unſerm 3 Kerker geſeſſen, und konnten weder die Ur⸗ ſach noch das Ende unſerer Gefangenſchaft ahnden; ein Zuſtand von Ungewißheit, der peinlicher als die Strafe ſelbſt n war. Aber ſie iſt das Loos der meiſten Staatsgefange⸗ nen; man vergißt die Unglücklichen, oder denkt an ſie nur, um ihre Strafe zu ſchaͤr⸗ fen. In ſolchen Angenblicken von Verzweif⸗ ang und Muthloͤſigkeit ſchien ſich der Eiſer unſers großmuͤthigen„Huͤters zu verdoppeln; kein Mittel, was unſern Gram zerſtreuen konnte, ließ er unverſucht, und troͤſtete 3 mit der Verſicherung, daß ſich unſere nach allen Gruͤnden der Wahrſchein tuld beſſern werde. Natuͤrlich, daß chen Tro graͤnden nur wenig Glaub — 3 445 maß; denn ſie ſchienen mir nur die Aufwal⸗ lungen eines frommen Mitleidens zu ſeyn. Wir lebten damals im Jahr 789 am Ende des Junius. Klug trat einſt mit ei⸗ ner ſehr heitern Miene ins Zimmer; ich fragte ihn um den Grund dieſer ungewoͤhulichen Er⸗ ſcheinung.„ Gute Nachrichten,“ war ſeine Antwort. Es war ſehr lange, daß ein ſol⸗ cher Ton meine Ohren nicht beruͤhrt hatte. Ich ftagte noch einmal, weil ich fuͤrchtete, ihn unrecht verſtanden zu haben.„Ja, gu⸗ te Nachrichten, verſetzte er; ich weiß es ge⸗ wiß, Ihre Gefangenſchaft wird ſich bald 1 digen. Weiter— jetzt nichts; aber noch ein bischen Geduld, und Sie werden— das Ziel ihrer Leiden erreicht haben.“ 3 Unbe kannt mit den, großen Ereigniſſen, n nicht errathen, worauf ſich Meinung gruͤndete, und hielt ſeine eins von den gewoͤhnt ſchen — ſo oft, und mit ſo vieler Zuverſichtlichkeit, daß ich zuletzt glaubte. Seit dem Tage, an welchem uns Klug die erſten frohen Nachrichten gab, verſtrichen noch ohngefaͤhr drei Wochen. Wir ſaßen einſt am Tiſche— es war am vierzehnten Julius; als wir ploͤtzlich einen Kanonenſchuß hoͤrten. Dieſer Schall war etwas unerhoͤrtes fuͤr uns; er ſetzte uns die erſten Angenblicke in Schrecken. Ich glaubte an den aͤuſſerſten Graͤnzen von Frankreich zu wohnen, und wußte einen ſolchen Laͤrmen mit unſerer ein⸗ ſamen und abgeſchnittenen Wohnung gar nicht zu reimen. Maria erblaßte. bald, und wurde ſelb uͤberzeugt, daß ſich unſer Schickſal nicht! icht lich ſchnell auf einander folgenden Schuͤſſe ieſe ſen mich ſchliegen, daß man in unſerer Rähe — 147 Unſere Angſt nahm faſt mit jedem Augen⸗ blick zu. Endlich trat Klug in unſer Zimmer, und ſeine ruhige, heitere Miene ſchien ein guͤn⸗ ſtiges 3 Zeichen zu ſeyn. Ich fragte ihn wegen je⸗ nes ſchrecklichen Laͤrmens.„ Man belagert die Baſtille, verſetzte er; ſchon hat ſte eintge Bre⸗ ſchen, und wird ſich bald ergeben muͤſſen.*☚. Die Baſtille?, rief ich mit Verwunderung.— „Allerdiengs!— Die Baſtille iſt ja in Pa⸗ ris.—„Freilich“— Und wir— „ Nun? wo glauben Sie denn zu ſeyn?— Ich weiß es nicht; aber gewiß ſehr weit von Paris.—, Sie ſind nur fuͤnfhundert Schritte von der Baſtille.* Man wird ſich mein Er⸗ ſtaunen denken; ich glaubte wenigſtens fuͤnfzig Meilen von der Hauptſtadt zu ſeyn. Klug, der dieſe Verwunderung merkte, ſetzte hinzu: „ Zweifeln Sie nicht, Sie ſind in Paris; gern wuͤrde ich Ihnen das eher entdeckt haben, wenn ich gedurft haͤtte. Aber die geringſte Unbe⸗ ſennenheit in dieſem Punkte konnte uns ſcha⸗ den; ich wollte ihre Ruhe dem eitlen Vergnu⸗ Noch aurdn befriedigten Neugier vo⸗ iehen. . G 2 / — tlich genug ſprechen; ich will en, daß es aͤuſſerſt wichtig zu Ihrem beſtaͤndigen Vor einigen Tagen zeigte ein ſchoͤner Lichtſtrahl von Hoffnung, und jetzt ſehe ich Ihrer Erloͤſung jeden Au⸗ genblick mit einem zuverſichtlichen Herzen ent⸗ gegen.* 1. Alles, was mir Klug ſagte, ſchien mir ſo auſſerordentlich, ſo unwahrſcheinlich, daß ich mein Glaube daran noch nicht gewoͤhnen wollte. Es ging mir wie einem Menſchen, der nach einem beſchwerlichen Traum aus dem Schlafe erwacht, und ſeine Ideen noch nicht in Ordnung gebracht hat. Die Kano⸗ nade hoͤrte jetzt auf, und Klug rerſicherte mich, das ſey ein gewiſſes Zeichen des Sieges, den man uͤber den Despotismus erhalten um von dieſer ſeltſamen Nachricht etwas wehr begreifen zu konnen, bat ich ihn, mir z erzaͤhlen, was ſich ſeit meiner Gefe — 149 befriedigte mich mit ein paak Worten, und ſag⸗ te, daß man das Projekt haͤtte, alle Gefan⸗ gene, welche ungerechter Weiſe eingekerkert ſaͤßen, zu befreien, und daß man dieſen Ent⸗ wurf in Ruͤckſicht unſerer bald ausfuͤhren wuͤrde.“ Ach, verſetzte ich ſeufzend, nur dieſe Thuͤren werden ſich ſchwerlich oͤffnen. Man weiß nicht einmal, daß unſer Haus ein Gefaͤngniß iſt,— unſer Loos wird ſeyn, hier in dieſen Mauren Hoffnungslos zu ſtera ben—„ Eine leere Beſorgniß! Haben Sies mich denn nicht mehr? Ich ſorge fuͤr Sie⸗ wie fuͤr mich ſelbſt; ich werde ſchon bekannt machen, was dieß Haus eigentlich iſt. Aber noch iſt der Augenblick nicht gekommen. Seyn Sie nur ruhig; Sie werden keine acht Tage mehr hier bleiben. Meine Maaßregeln ſind ſchon getroffen; aber Vorſicht mein Freund, und es wird alles gläͤcklich ablaufen. Jetzt will ich ſehen, wie es in der Stadt g 3 bald komme ich wieder— ich werde J Rechenſchaft ablegen.“ 4 Um mir den Zuſammenhang ſache dieſer ſalſhmen Begebenheit vͤllig auf⸗ zuklaͤren, brachte mir Klug nachher ein Pa⸗ ket von Zeitungen, die ich nicht las, ſondern verſchlang. Allmaͤhlig fiel die Decke von mei⸗ nen Augen, und von Kl ugs Erklaͤrungen nachgeholfen, brachte ich es bald ſo weit, mich in alle Begebenheiten des Tages zu finden. Klug, der bei jeder Gelegenheit ſeinen Namen wahr machte, verſchwieg mir die Greuelthaten, welche auf die Eroberung der Baſtille folgten— er wollte meine Empfind⸗ lichkeit ſchonen. Ich erfuhr dieſe Greuel nur durch die oͤffentlichen Blaͤtter, und ſo all⸗ maͤhlich, d daß ſie keinen ſchaͤdlichen Eindruck aanf mein reijbatss s Herz machten.* Die arme Maria, welche noch nichts ſah. ichts und erwartete — 151 Freude war jetzt, mich wieder in jenen Zuſtand des unabhaͤngigen Wohllebens verſetzt zu ſehn, deſſen mich meine Wohlthaͤtigkeit be⸗ raubt hatte. Nach der Einnahme der Baſtille erhielten wir mehr Freiheit. Wir durften zu jeder Zeit des Tages, und ſo lange als wir wollten, ſpazieren gehen. Die Thuͤr meines Zimmers blieb offen. Klug verſchaffte mir nicht bloß die oͤſſentlichen Blaͤtter, ſondern auch ei⸗ ne Menge Schriften, welche ihr Daſeyn theils der Gewinnſucht, theils der Erbitterung der entſtehenden Partheien verdankten, die ſich gegenſeitig reizten und mit einer zuͤgelloſen 3 Verlaͤumdungs ſucht angriffen. Der Parthei⸗ geiſt war in dieſen Blaͤttern noch immer geſchaͤftig, als daß ich haͤtte uüͦber das Ganze der damaligen Vorfaͤlle ein ſicheres heheit faͤllen koͤnnen. A Wir e agranigs Nat Snne mit un⸗ Es fehlte uae 3 3 behren. 152— noch an Kenntniſſen, und man konnte leicht ſehen, daß er ine ſehr gute Erziehung ge⸗ noſſen hatte. Fuͤr uns war er ein Troͤſter, ein Freund, den uns der Himmel in unſern Leiden geſchickt zu haben— ein Mann der weit uͤber ſeinen Stand erhaben zu ſeyn ſchien, und den ich mit Recht den meiſten Menſchen meines eigenen Standes vorziehen mußte. Schon drei Tage waren ſeit der Ersbe⸗ rung der Baſtille verſtrichen„ und wir ſaßen noch immer in unſerm Gefaͤngniß. Da Klu g ddeen folgenden Morgen in meine Stube trat, küͤndigte er mir an, daß ſich der Graf von Dar mit den Prinzen ſchleunig in fremde Lader gefluͤchtet haͤtte; er ſey in der augen⸗ fcheinlichſten Gefahr geweſen, und haͤtte ſich nur durch eine ſchleunige Flucht retten kyn⸗ nen. Dieſe Nachricht mußte uns deſto ange⸗ nehmer ſeyn, weil jetzt unſerer Befreiung ichts mehr im Wege ſtand. Auch verſprach mir Klug, daß er uns auf eigenen Antrieb in Freiheit ſetzen wuͤrde, wenn er binnen drei Tagen auf ſein Anfragen we gen unſerer Be — 3 freiung keine Antwort erhielte. Die Antwort kam fruͤher, als wir gehofft hatten. 16tes Kapitel. Wir waren eben mit dem Mittagseſſen fertig geworden, als ſich in der Naͤhe unſerer Mau⸗ ren ein dumpfes Geraͤuſch und zugleich ein fuͤrchterliches Geſchrei hoͤren ließ, das mit je⸗ der Minute vernehmlicher wurde. Klug ſprang auf, um die Sache zu unterſuchen. In demſelben Augenblick trat der Knecht des Kerkermeiſters voll Entſetzen herein, und konn⸗ te vor Furcht kaum ein Wort ſprechen. End⸗ lich ſtammelte er die Nachricht, daß ein Hau⸗ fen wilder Menſchen mit brennenden Fackeln auf das Gefaͤngniß losſtuͤrme, um es in Brand zu ſtecken, weil il es dem Grafen von Dies gehoͤre. Maria erblaßte, und ich geſtehe, daß ich ſelbſſ nicht ruhig war. Wir mmnn es her 1 G 3 3 154+ 1— mit einem gereizten Poͤbel zu thun, der ſich nicht immer baͤndigen laͤßt, zumal wenn er ſich durch einen Grundſatz der Vernunft oder des Rechts aufgefordert glaubt, die groͤßten Aus⸗ ſchweifungen zu begehen. Ich bot indeſſen alles auf, meine Pflegetochter zu beruhigen. Deer Aufruhr nahm zu. Alles ſchien einen fuͤrchterlichen Ausbruch der Poͤbelwuth anzu⸗ ddeeuten. Klug ſpringt mit einem Sprunge von meinem Zimmer in den Hof, draͤngt ſich mitten unter den wuͤthenden Haufen, und haͤlt die Entſchloſſenſten auf.„Was woollt ihr machen? ruft er. Dieß Haus in Brand ſtecken, vertilgen? O ja, euer Zorn iſt gerecht, eure Abſicht vernuͤnftig. Aber erſt laßt uns die armen Gefangenen retten, welche ſonſt ohne ihre Schuld ein Opfer eurer Rache ſeyn wuͤrden. Ihr einziges Verbrechen iſt, daß ſie ungluͤcklich ſind, und— dafuͤr werdet üir ſie doch nicht ſtrafen nnas Nein, ſchrien ſie einmuͤthig; wo ſind ſie?„ Je 6 will euch zu ihnen fuͤhren. ⸗ Dieſe wenigen Worte, welche von einem Munde zum andern — 155. fliehen, beſaͤnftigen die Aufgebrachteſten, und die ganze Wuth dieſer raſenden Horde legt ſich eben ſo ſchnell, als ſie ſich entzuͤndet hatte. Klug ſtellte ſich an die Spitze dieſer neuen Helden, ließ die Pforten des Hauſes oͤffnen, ſtuͤrmt mit ihnen herein, und fuͤhrt ſie in mein Zimmer. Er konnte vermuthen, daß dieſer unvermuthete Beſuch einen ſchreck⸗ haften Eindruck auf uns machen wuͤrde, und ſagte daher ſogleich beim Hereintreten:„ Ihre Feſſeln ſind geloͤſ't, danken ſie es dieſen braven Leuten.“ Dieſe Anrede beruhigte uns. Un⸗ ſere Retter bekraͤftigten Klugs Erklaͤrungen, und nahmen uns mit ſich, wie ein Sieges⸗ zeichen, um uns zu der Sitzung der neuen Ad⸗ miniſtration, welche ſeit dem vierzehnten Ju⸗ lius in Paris das Ruder fuͤhrte, zu bringen. Der Entwurf, unſer Haus in Brand zu ſtecken, war jetzt ſchon vergeſſen; ein ganz anderes Vorhaben beſchaͤftigte ihre Gedan⸗ keun. Die Prozeſſion nahm bald ihren An⸗ fang. Maria und ich wurden auf einer 130—— Artt von großem Schilde getragen, und Klug ginhg neben uns her. Wir hatten ſchon uͤber die Haͤlfte des Weges zuruͤckgelegt, als der ſchlaue Klug mit dem Truppe unſerer Ret⸗. ter Halt machte, und ihnen vorſchlug, ſich durch einen Trunk zu erfriſchen; denn es war ſehr warm, und der Vorſchlag gefiel allgemein. Wir befanden uns gerade vor einem Wirths⸗ hauſe; wir gingen hinein. Klu g warf einige Louisd'or auf den Tiſch, und ſagte dem Wirth, daß er alles auftragen ſolle, was ſeine Gaͤſte verlangen wuͤrden. Man fuͤhrte mich und Marien in einen kleinen Saal, um uns Zeit zur Erholung von 56 einem ſo ploͤtzlichen, uͤberraſchenden Auftritte zu laſſen. Nach einer Viertelſtunde kam Klug.„ Jetzt ſind Sie frei, rief er; dieß war mein einziges Streben. Aber die Au⸗ genblicke ſind koſtbar— laſſen Sie uns die Zeit nutzen. Ihre Retter haben zwar keine boͤſe Abſichten mit Ihnen; dennoch iſt es gut, daß wir ihnen entwiſchen. Laſſen Sie uns keinen Augenblick verlieren; ſie ſind jetzt mit ſche bei dem nachbarlichen Sattler, und mie⸗ wurzeln. Trinken beſchaͤfftiget, und ich ſehe in der Naͤhe einige Kutſchen halten. Wir wollen in die erſte, beſte hineinſteigen; wir werden in einer andern Gegend der Stadt ſeyn, ehe ſie unſere Entweichung merken. Wir kamen in der That aus dem Gaſt⸗ hofe, ohne einmal von dem Wirthe, deſſen ganze Aufmerkſamkeit auf ſeine Gaͤſte gerich⸗ tet war, bemerkt zu werden, und ſetzten uns ſogleich in die naͤchſte Miethkutſche. Klug ließ uns nach einem Gaſthofe fahren, den er genau kannte. Ich kaufte mir eine Poſtkale⸗ thete zwei Pferde, um uns zu der naͤchſten Station fahren zu laſſen. Da die Thore den Tag vorher wieder geoͤffnet waren, ſo mach⸗ ten wir uns ſogleich auf den Weg nach la Barre. Die Abſchaffung der geheimen Verhaftsbefehle ließ in unſerm froͤhlichen Herzen kein Süamneikrnehen von Furcht Sehr ungern trennten wir uns von un⸗ ſerm edlen Freunde. Unſer Abſchied war ruͤh⸗ 158 3— rend; Maria ließ ſogar einige Thraͤnen fal⸗ len, was mir wirklich angenehm war. Die⸗ ſer ſeltne, in ſeiner Art ganz einzige Mann, wollte mir etwa vierzig Louisd'or geben, die ihm noch uͤbrig geblieben waren. Man wird vermuthen, daß ich ſie ausſchlug. Ich hatte ja ſelbſt noch zweihundert Louisd'or bei mir, und bat ihn dringend, dieſe Summe mit mir zu theilen; aber umſonſt. Ich wollte ihm wenigſtens ſein ausgelegtes Geld wieder aus⸗ zahlen. Klug antwortete mir laͤchelnd, daß. er mir einſt ſeine Rechnung bringen und mit mir ſchon aufheben wollte.„ Jetzt muß ich, ſagte er zuletzt, zu unſerer alten Woh⸗ nung gehen, iind meine Sachen vor der Pluͤn⸗ derung ſchuͤtzen; ich fuͤrchte ſehr, daß der wil⸗ de Haufen bald zuruͤckkehren wird. ⸗ Wir luden ihn mit der freundſchaftlich⸗ ſten Waͤrme ein, uns zu beſuchen, ſo bald er ſeine Geſchaͤfte in ſeinem Lande abgethan haben wuͤrde. Der letzte Auftritt hatte uns indeſſe ſo rerwirrt, daß wir beide vergaſſen, ihn unſere Addreſſe zu geben. Ich war ſei — 7359 verdruͤßlich daruͤber, und nach einer Reiſe von zwei Stunden, da mich Maria hieran er⸗ innerte, im Begriff, wieder umzukehren, und ihn in unſerm Gefaͤngniſſe aufzuſuchen. Aber die Gaͤhrung, die wir auf unſerer Fahrt durch Paris bemerkt hatten, ließ mich neue ſchreck⸗ liche Gefahren befuͤrchten; wir ſahen uns alſo genoͤthiget, unſere Reiſe fortzu ſetzen. Ich mußte das große Gluͤck, ihn ensis meinem Hauſe zu bewillkommen, einem günſtigen Ohn⸗ gefaͤhr uͤberlaſſen, und hat i uͤbrigens die Lage meiner Einſiedelei ſo genau beſchrie⸗ ben, daß er ſie allenfalls auf dieſe bloße Schilderung finden konnte. Gern geſtehe ich hier, daß ich nie einen edlern liebenswuͤrdigern jungen Menſchen ge⸗ kannt habe. Er hat einen Platz in meinem Herzen eingenommen, woraus ihn weder Zeit noch Umſtaͤnde verdraͤngen werden; ich werde ſtolz darauf ſeyn, mich fuͤr den Freund ei⸗ nes ſolchen Menſchen zu halten, und kein Stand, kein hoher Poſten wuͤrde nuch i in die⸗ ſen Geſinnungen irren. 8 160— Vir fuhren die ganze Nacht, und kamen des andern Mor Wohnung an, unterwegs wohl in Acht, Ma⸗ von meiner Angſt zu verrathen. Meine Ankur beruhigte mich endlich. Ich fand nen Saſn der beſten Ordnung; meine Leute hatten die Geſchaͤfte meines Haushalts mit dem ruͤhmlichſten Fleiſſe beſorgt. Unſere Ruͤckkehr war ein Feſt fuͤr dieſe wackere Leute, die ihre Freude uͤber meine unverhoffte Er⸗ ſcheinung ſicher auf irgend eine Art haͤtten naut werden laſſen, wenn ich nicht Gruͤnde gehabt haͤtte, jedes Anſehn zu vermeiden. Sonderbar war es, daß ein ſchöner Hof⸗ hund, der mir ſehr jung gebracht wurde, meiner Perſon ſehr zugethan war, bei n ner Ankunft ein ſo freundliches, lautes 2 len anhub, aß alle Leute des Hauſes het⸗ 4 —— 16 1 beieilten. Er wollte mit aller Gewalt ſeine Kette zerreiſſen, und machte ſolche heftige Bewegungen, daß man ihn losbinden mußte. Jetzt verſchwendete er die erſinnlichſten Lieb⸗ koſungen an mich und Marien, die ihm alle Tage zu eſſen gab, und ihn ſehr liehte. Er bellte, ſprang um uns herum⸗ und leckte⸗ gr uns die Haͤnde; ich- 59 Sehawen Negew Benner, und ſeine Frende ſchien he ſich ſogar gegen den Poſtknechez und gegen ldie Pferde ergieſſen zu wollen; er ſchien ihnen zu danken, daß ſie uns zuruͤckgebracht haͤt⸗ ten. Wie ruͤhrten ſie mich, dieſe Liebkoſun⸗ gen des armen Thiers! Maria vergoß heiſfe Thraͤnen. Ich gab dem Poſtillion ein reiches Trink⸗ geld und ließ ihm ein gutes Fruͤhſtuͤck vorle⸗ gen. Er uberhaͤufte mich beim Abſchiede mit Segenswuͤnſchen. In der That braucht es oft ſo wenig, um ſolche Leute zu befriedigen, daß ich nicht begreife, wie manche Reiſende ſich mit ihnen in Zaͤnkereien einlaſſen koͤnnen. Mein Gaͤrtner machte die Bemerkung& daßt die Pe i⸗, ) e 162—— kaleſche, die ich in Paris gekauft und mit nach Haus gebracht haͤtte, dieſelbe waͤre, die ich einſt auf meiner Ruͤckkehr aus Bretagne ei⸗ nige Stunden ohnweit Morlair in einem Wirthshauſe zuruͤckgelaſſen haͤtte. Ich er⸗ kannte ſie wirklich, konnte mir aber nicht er⸗ klas durch welch eine Reihe von Zufäͤlen ſie wietenaha meine Haͤnde gerathen war. Nach een heftigen Erſchuͤtterungen der Neiſe, e einem faſt zweyjaͤhrigen Aufenthalt em ungeſunden ungemaͤch⸗ lichen Hau brauchten wir eine tiefe Ruhe, um unſere Geſundheit wieder herzuſtellen. Maria erhielt ihre vorige Staͤrke und fri⸗ ſche Farbe ſchon nach einigen Tagen wieder; bei mir dauerte es laͤnger. Ich war ſchon uͤber die ſechzig hinaus, und Ungluͦc faͤlle und Kummer hatten meine ſtarke Conſtitution ſehr Heahwüthr, ich mußte mich uffen ſüanen war ſie, wie ich, das Schlachtopfer eines — 163 Sorgloſigkeit uͤber mein kuͤnftiges Schickſal, ſo wie uͤber das Loos meiner liebenswuͤrdigen Pflegetochter, trugen das meiſte zu meiner Herſtellung bei, und nach ſechs Wochen war ich wieder ſo munter, als ich bei meinem Alter hoffen konnte. ℳ Sh— C6ο h— 4. 4 3 9 7 88 Ka. I7tes 1 urhn Nach der ſtaunenswerthen Staatsumwaͤl⸗ zung, welche Galliens ganze Verfaſſung in ihren Grundfeſten erſchuͤtterte, brauchte ich jetzt nicht mehr f fuͤr meine Freiheit zu zit⸗ tern— wenigſtens nicht mehr aus den Gruͤnden, woruͤber ich ſie ſo lange eingebuͤßt hatte, und beſchloß, eine neue Reiſe nach Bretagne zu adene Sch hatte ein doß⸗ zeltes Intereſſe, mich nach dem Schickſal der Frau von Ponty zu arandigen. Theils abſcheulichen Despotismus geworden, theils 166 hoffte ich auf den Fall, daß ich ſie wieder in ihrer Heimath faͤnde, uͤber die tiefe Nacht, worin Mariens Geburt lag, einiges Licht zu erhalten. Auch jetzt, bei dieſen geringen Be⸗ weggruͤnden zur Furcht, wandte ich doch alle Vorſicht an, um melne Pflegetochter keiner neuen Gefahr auszuſſetzen. Sie mußte ſich zum anene in Mkeid huͤllen; und kam unter dieſer Verkleidung gluͤcklich mit mir nach Mor 3 Ich trat in demſelben Gaſt⸗ hofe ab, wo ich das erſtemal logirt hatte.“ Noch an dem Tage meiner Ankunft ging ich zur Wohnung der Frau von Ponty und — fand ſie wirklich. Erſt ſeit einem Monat war ſie wieder gekommen. Sie hatte(er⸗ zaͤhlte ſie mir) beinahe fuͤnf Jahre in dem Klo⸗ ſter Sainte Perrine zu Chaillot bei Paris gefangen geſeſſen. Jede Conununikation mit jemand auſſer dem Kloſter war ihr hier abgeſchnitten; aber ſie war ſehr artig⸗behan⸗ delt, und hatte auſſer der Freiheit alle Be⸗ quemlichkeiten genoſſen. Einige Tage nach dem vierzehnten Julius verkuͤndigte man ihr 3 F— muß. Dieſer Gefangene hatte Marien zu 4 8 die Freiheit, und ließ ior freie 8 ahl, wohin ſie ſich begeben wolle. Unverzuügki ſie wieder nach Morlair. Sie fand ihr Haus ziemlich in ſeinen alteſt Zuſtande, ſetz⸗ te ſich ohne alle Schwierigkeiten wieder in den Beſitz deſſelben, und lebte da wieder ſo ru⸗ hig wie vorher. Ich lenkte das Geſpraͤch mit Vorſicht auf Marien.„ Noch lebt jemand, ſagte ich, der an dieſem edlen Maͤdchen ten waͤrmſten Antheil nimmt, und der mir den Auftrag gege⸗ ben hat, mich nach allem zu erkundigen, was Sie von ihr wiſſen.“ Die Frau von Ponty macht keine Schwierigkeiten, mich zu befriedi⸗ gen; aber leider wußte ſie nicht viel mehr, als ich ſelbſt.„Nie habe ich von Mariens Eltern etwas erfahren, ſagte ſie mir. Aber keinen Angenblick konnte ich zweifeln, daß ſie einer reichen und maͤchtigen Familie angehoͤre. Es iſt mir noch immer wahrſcheinlich, daß der Ge⸗ fangene, der den vornehmen Herrn begleitete, welcher ſie mir entfuͤhrt hat, ihr Vater ſeyn — 106 mir gebracht, und nßr die Erziehung derſel⸗ ben aufgetragen; die Liebkoſungen, die er an ſie verſchwendete, ſobald er war, haben mich immer in dieſer Meinung beſtaͤrkt. Doch — wie Sie ſehen, es ſind bloße Vermuthun⸗ gen. 30 hielt es nicht fuͤr rathſam, der Frau von Ponty von Mariens grgenwaͤrtigem Schickſal etwas zu offenbaren. Nach einem aufrichtigen Danke fuͤr ihre Nachrichten, ſagte ich bloß, daß ich ſelbſt kein Intereſſe an der Sache naͤhme, und daß ich eigentlich we⸗ gen gewiſſer Geſchaͤfte hieher gekommen waͤ⸗ re. Zuletzt fragte ich ſie, blos aus Neugier⸗ de, wie es ſchien, was nach ihrer Meinung wohl aus Marien geworden ſeyn koͤnnte. Mit aller Ehrlichkeit betheuerte ſie: ich weiß es nicht. Ich liebe dieß Maͤdchen(das ſie wie ihre eigene Tochter herausſtrich), und be⸗ daure nichts mehr, als daß ich ihr ſernes Shleſa nicht weiß. 8 — 1 67 von Ponty nicht weit von Morlairx ent⸗ fernt war. Ich kehrte auf der Stelle nach dem letzten Orte zuruͤck, und eilte nach unſerm Gaſthofe. Mit ſichtbarer Unrnhe hatte Ma⸗ ria meiner gewartet, und durch die Frau von Ponty einige Nachrichten uͤber ihre Geburt zu erhalten gehoft. Ich mußte ihr leider alle dieſe Hoffnungen abſchneiden, Eund konnte ſie bloß auf ein guͤnſtiges Ohngefaͤhr der Zukunft verweiſen. Wie geirn haͤtte ſſe wenigſtens die gute Frau von Ponty ge⸗ ſprochen, gegen die ſie noch, immer die zaͤrt⸗ lichſten Regungen der Dankbarkeit fuͤhlte; aber ich zeigte ihr, daß die Sache gefaͤhrliche Folgen haben koͤnnte. Wir haͤtten bei unſermm Beſuche ſchlechterdings manches geſtehen muͤſ⸗ ſen, was die Frau von Ponty nicht wiſ⸗ ſen durfte, wenn wir uns nicht einer neuen Unvorſichtigkeit ſchuldig machen wollten. Ich ⸗ſann auf ein anderes Mittel, ihr Bee weiſe der Dankbarkeit meines Herzens un meiner Pftegetochter zu hinterlaſſen. Da i6h ſorgfät gſten Ertundigan 1 ſten Folgen. 168— tes von ihr ſprechen hoͤrte, und ihr damals auf keine andere Art dienen konnte, ſo ließ ich ihr fuͤnf und zwanzig Louisd'or auszah⸗ len, ohne daß ſie wußte, woher dieſes Geld. 3 kam. Eine ſolche Unterſtuͤtzung mußte ihr deſto angenehmer ſeyn, weil ſie damals we⸗ gen des Ausbleibens ihrer Penſion und ih⸗ rer Leibrente ſehr in Verlegenheit war. Waͤh⸗ rend ihrer ganzen Gefangenſchaft hatte ſie nichts dayßn echalten. Ich ließ jene Sum⸗ me der Pflegemutter Mariens durch einen ſichern Menſchen auszahlen. Nach Beendigung dieſer Geſchaͤfte verlieſ⸗ ſen wir Morlaix, und verweilten, von kei⸗ nen Beſorgniſſen und Gefahren, wie vorhin, geſchreckt, an allen Ortem, wo wir etwas Merkwuͤrdiges ſehen zu koͤnnen glaubten. Die⸗ ſe Art von haͤufigem Luſtwandeln war uns nicht bloß ſehr angenehm, ſondern hatte zu⸗ gleich fuͤr unſere Geſundheit die wohlthtg⸗ 3 Ich ging nach dem Gaſthofe, worin 19 einige Jahre vorher meine Poſttaicſ — halten.“ fragte mich, wie ich ihn wieder erhalten haͤtte. Ich erzaͤhlte es ihm mit ein paar Worten, Kenner ſchaͤtzen zu laſſen und zu bezahlen, wen ich es verlangte. Ich ſchl ig — 269 3 ſtehen laſſen, und fragte den Wirth, warum 1 4 er ſie verkauft haͤtte. Er betheuerte mir ganz offenherzig, daß er dazu gezwungen geweſen waͤre.„Sie hatte bis gegen das Ende des Aprils im Jahr 1789 bei mir geſtanden, als ein Advokat, der von dem Amte Rennes nach der Verſammlung der General⸗Staaten deputirt war, ſich derſelben faſt mit Gewalt bemaͤchtigte. Er war unterwegs ſehr unpaͤß⸗ lich geworden, und konnte auf dem oͤffentli⸗ chen Poſtwagen nicht weiter fortkommen. Da er aber eilen mußte, um bei den Ver⸗ ſammlungen der Landſtaͤnde gegenwaͤ ſeyn, ſo hatte er dieſen Wagen von mir ge⸗ borgt, und verſprochen, ihn naͤchſtens zuruͤck⸗ zuſchicken. Er hat ſein Verſprechen nicht ge⸗ Miein Wirth erkannte den Wagen, und und er machte ſich anheiſchig, ihn von einem Maria.. 170 Sein Anerbieten und ſeine Redlichkeit hatten mich mehr als befriedigt. Doch erkundigte ich mich nach dem Namen dieſes Deputir⸗ ten, feſt entſchloſſen, das Chaos dieſer ſelt⸗ ſamen Begebenheit, die meine Neugierde zu reizen anfing, aufs Reine zu bringen. Nach einigen Tagen kamen wir etwas ermuͤdet, aber ſehr geſund wieder nach mſerer Hei⸗ math. Mit wahrem Vergnuͤgen ſah ich mein ſtil⸗ es Haus wieder. Maria warf ſich in die Kleidung ihres Geſchlechts, und uͤbernahm on neuem ihre Lieblingsgeſchaͤfte. Nach acht Tagen bat ich ſie, mich nach Paris zu be⸗ gleiten, ehe die ſchlimme Jahreszeit eintraͤte. Ich hatte die Abſicht, den Aufenthalt des großmuͤthigen Klugs, dem wir ſo viel Verbindlichkeiten ſchuldig waren, und den ich ſo gern in meine Arme geſchloſſen haͤtte, aus⸗ findig zu machen, ihm Beweiſe von meiner Heeeevihaſt zu geben, und ihn zu bitten Die ſchleunige Flucht unſers unverſoͤhn⸗ lichen Verfolgers, hatte unſere Feſſeln zer⸗ brochen; ich hatte nichts von dem Schwerdt des Despotismus oder von den Schluͤnden eines neuen finſtern Kerkers zu fuͤrchten. Gleichwohl mußte Maria bei dieſer Reiſe wieder Mannskleider anziehen, weil ſie ſo mehr Freiheit genieſſen und minder Gefahr laufen konnte. Sie benahm ſich in dieſen Kleidern ſo natuͤrlich, daß kein Menſch auf einigen Verdacht fallen konnte. Wir reiſ'ten gegen die Mitte des Sep⸗ tembers ab, und ſtiegen in Paris in dem roͤmiſchen Kaiſer auf der Straße Ri⸗ chelieu aus. Ich hatte nie Urſach gefun⸗ den, uͤber den Wirth dieſes Hauſes zu klaa⸗ 63 Es war damals ziemlich ruhig in Pa⸗ 3 Unter dem geme 1. dhch ee ae zen, von der ſie beſoldet wurden, und wel⸗ che es nicht einmal mehr der Muͤhe werth hielt, ihre Abſichten verborgen zu halten. Aber uͤbrigens war Paris noch immer der Mittel⸗ punkt aller Vergnuͤgungen, aller Annemlich⸗ keiten, die man ſich wuͤnſchen konnte; man hatte hier nur die Muͤhe der Wahl. Ich fuͤhrte Marien in verſchiedene Thea⸗ teer— einer Art von Unterhaltung, der ſie wenig Luſt abzuwinnen ſchien. Mit großer Freude bemerkte ich, daß die unſterblichen 1 Meiſterwerke unſeren großen Kuͤnſtler ihren vorzuͤglichen Beifall erhielten. Dieſe ſicht⸗ bare Vorliebe war zugleich ehrenvoll fuͤr die Reinheit ihres Geſchmacks. Ich gab waͤhrend dieſer unſchuldigen Zer⸗ ſtreuungen den Hauptzweck meiner Reiſe nicht auf. Eines Morgens ſtieg ich mit Eugen in eine Miethkutſche und ließ mich nach der Ge⸗ 13 Hanſes fahren, wo wir nur zu lange atten. Ich hatte einige Muͤhe, es zu 1 4 — 173 die Lage des Gartens— wiewohl auch dieſer einige Verwuͤſtungen hatte leiden muͤſſen, ſetzte mich in den Stand, mich in dieſer Ge⸗ gend wieder zu orientiren. Ich erkundigte mich nach dem Schickſal des Hauſes bei einer bejahrten Frau, welche an der Thuͤr eines benachbarten arbeitete, und, wie alle Pfoͤrtnerinnen und alte Weiber, nur zu bereitwillig war, mir die umſtaͤndlichſte Beichte von der Geſchichte dieſes Gefaͤngniſe ſes zu geben. Sie war ohnehin eine Augene zeugin davon geweſen.„ Dieß ehemalige 4 Haus, ſagte ſie, gehoͤrte einſt dem Grafen von Diu, der es anfangs zu ſeinem Hunde⸗ ſtall gemacht hatte. Nachher brauchte er es 4 zu andern Zwecken, und ließ hier zuletzt ſolche Staatsgefangene einſperren, woran ihm, wie man ſagte, beſonders viel gelegen war. Das Volk ſetzte dieſe Gefangenen nach dem vierzehn⸗ ten Julius in Freiheit. Sie entflohen aber, waͤhe rend ihre Retter ſich in der Schenke mit einem guten Trunke erfriſchten; die Ur ſach ihres Ar⸗ 3 teſtes, ſo wie ihre Perſon iſt nhe ein auhunihe ———— 8 —— ꝓ-—————— 4 woeder von ihm noch von den Gefangenen 8—— dem, was es— noch jetzt iſt. zu gut wußte. Ich fuͤhlte mich jetzt wenſg⸗ cher irrigen Schwindelkoͤpfe gefallen waͤ 8 dringliches Geheinniß geblieben. Auch ihr Kerkermeiſter, den man wegen ſeines ſchaͤnd⸗ lichen Handwerks ernſtlich beſtrafen wollte, entkam gluͤcklich; doch hatte er vorher ſeine Sachen und die Koſtbarkeiten dieſes Hauſes auf die Seite geſchaft. Seitdem iſt uns das mindeſte zu Ohren gekommen. Entruͤſtet uͤber dieſe heimliche und tuͤckiſche Entweichung, iichtete das Volk ſeine ganze With gegen das 1 Haus, ſteckte es in Brand, und machie es zu Sehr unzuftieden, daß wir den Aufenthalt unſers großmuͤthigen Freundes nicht hatten erfahren konnen, aber zugleich ſehr froh, daß er der Wuth des Poͤbels ſo glücklich ent⸗ kommen. war, dankte ich dieſer guten Frau fuͤr ihre Nachrichten, die ich zum Theik: nur ſtens frei von einer Furcht, die mich ſo lan⸗ ge gequaͤlt, und die ich Marien ſorgfaͤlttg verborgen hatte: daß er in die Haͤnde ſol⸗ 8 4 8⁴ lers vorbei, von dem ich an dem Tage un⸗ Antwort, und zwar an dem Morgen deſſel⸗ 3 en Tages, da ich ſie Ihnen verkaufte. Nach Mann hatte die Nacht vorher im 1 Spie ei⸗ — 175 welche ſich noch obendrein ein Verdienſt dar⸗ aus gemacht haͤtten, ihn wie ein Werkzeug des Despotismus zu behandeln und zu ſtra⸗ fen.. Ich erkundigte mich noch in mehreren— Straßen von Paris, wo ich einige Spuren von ihm zu finden glaubte, und fand— 4 immer neuen Stoff, meine Unbedachtſamkeit zu bedauren, daß ich ihm meine Addreſſ e nicht gegeben hatte. Einſt ging ich vor dem Hauſe des Satt⸗ ſerer Erloͤſung meine alte Poſtkaleſche wie⸗ der gekauft hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, zu ihm zu gehen und zu fragen, von wem er ſie gekauft hatte.„Von einem Menſchen, den ich nicht kannte, war ſeine der Ausſage ſeines Bedienten war er ein Deyutirter der General⸗Staaten. Dieſer ———uu— mir ſie um einen ſehr billigen Preis, um nur geſchwind Geld zu erhalten. Ueber den Na⸗ men und die Wohnung dieſes Mannes kann ich Ihnen nichts ſagen.“ Ich wußte min genug, um mir die Geſchichte meines⸗Wa⸗ gens zu erklaͤren: ſie ganz zu ergruͤnden, 2 ſchien mir der Muͤhe nicht werth. Der Zweck unſerer Reiſe war erfuͤllt. Wir reiſ'ten den dritten October nach la Barre zuruͤck, und hatten alſo das Gluͤck, von dem neuen maͤchtigen Aufruhr, der ein paar Tage nachher entſtand, keine Zeugen zu ſeyn. Erſt 6 nach einigen Tagen erfuhren wir in unſerer gluͤcklichen Heimath dieſe ſcheecküihen Auf⸗ nitte. — 18tes Kapitel. 4 Za einer Zeit, wo die Ungewitter der Revo⸗ lution an dem ganzen franzoͤſiſchen Himmel umherzogen, wo Schwerdter und Fackeln um die Wette mit moͤrderiſcher Wuth raſ'ten, wo man jeden Ungluͤcklichen, der kein Freund der neuen geprieſenen Freiheit zu ſeyn ſchien, in ſchreckliche Ketten ſchmiedete; zu dieſer Zeit genoſſen wir in inſern ſullen Wohnungen der tiefſten, friedlichſten Ruhe. Die Flamme der Mordfackeln lenchtete nicht uͤber unſern gluͤcklichen Huͤgeln, und unſere lieblichen Thaͤ ler hallten nicht von dem Echo jener winſeln den Schlachtopfer, die unter dem Schwerdt ein Elyſium, worin wir lebten, unſer⸗ deaiſ mit den Wohiſe S Rotte von Boͤſewichtern, wie in einem Tar⸗ tarus, hauſte. Ruhig und von keinen Stuͤrmen getruͤbt, floſſen unſere Tage dahin; Vertrauen und Freundſchaft wohnten in un⸗ ſerm Umgange, und befeſtigten unſere Gluͤck⸗ ſeligkeit. Maria war es, die mich ganz mit dieſen ſeligen Eeaßfündongen beſeelte; ich lieb⸗ der vyn ihr der zaͤrtlichſten kindlichen Ge⸗ ſinnungen zu ruͤhmen. Sie war jetzt beinahe ſiebzehn Jahr alt — zwar keine vollendete Schoͤnheit, aber doch von angenehmen, regelmaͤßigen Zuͤgen. Ihr edler und ſanfter Blick, ihr ſittſames, anmnuthiges Weſen, ihr hoher ſchoͤner Wuchs, ihre friſche, bluͤhende Farbe— ganz wie die Farbe der Roſe, wuͤrden zwar nicht jeden Fremden zu dem ſuͤßeſten Ausruf vermocht haben:„ ach, wie ſchoͤn iſt ſie! Aber jeder wuͤrde geſucht haben, ihr zu gefallen und ihr Herz zu erobern. Es war Zeit daß auf ihre Umſtaͤnde nach meinem T dachte; die herannahenden Schwaͤchen te ſie, wie eine Tochter, und hatte mich wie⸗ ſeiner Bildung— man konnte ſehen, daß er für diefen ver chtlichen Srand nicht geb ————= Alters erinnerten mich unaufhoͤrlich daran. Ich ſchmaͤlerte die Rechte keines Menſchen, indem ich ſie zu meiner Erbin einſetzte. Ich ſann jetzt nur darauf, mein Teſtament gegen alle Angriffe der feinen und boshaften Schika⸗ ne zu ſichern. Ich ging einſt, mit dieſem Gedanken tief beſchaͤftigt, auf meinen kleinen Domaͤnen ſpa⸗ zieren, und begegnete einem Pilger, deſeen Aeuſſeres nicht viel verſprach. Seine Lum⸗ pen verkuͤndigten die traurigſte Armuth, und ein dichter, ſchwarzer Bart entſtellte ſeine Zuͤge bis zum Abſcheulichen; ſeine halb er⸗ loſchenen Augen funkelten gleichwohl von ei⸗ nem edlen, Ehrfurcht gebietenden Glanze;— — mit Einem Worteo, ſeine blaſſen, hagern, durch Widerwaͤrtigkeiten verunſtalteten Zuge verriethen, daß er ſehr viel gelitten hatte. Demohngeachtet lag noch etwas Ungezwun⸗ genes in ſeinem Betragen, etwas Edles in 180„— zitternden Beinen zu halten. Er blieb vor mir ſtehen, und betrachtete mich, ohne ein Wort zu ſprechen, mit einer traurigen aber anſtaͤndigen Miene, die mein Mitleiden anzu⸗ flehen ſchien. Ich zog einen Laubthaler aus der Taſche, und reichte ihm denſelben hin. Zu meinem Erſtaunen ſchlug er das Geld aus. „So armſelig meine Figur ſcheint, und ſo arm ich wirklich bin,v ſagte er mit einer ſchwachen, gebrochenen Stimme,„ſo bettle ich doch nicht; nein, mein Herr, ich bettle nicht; es iſt mir unmoͤglich, ſo tief zu ſinken. Lieber wollte ich vor Kummer und Elend am Juße eines Baumes ſterben, als die Voruͤber⸗ gehenden um ein Allmoſen anflehen. Soll⸗ ten Sie aber Mitleid mit einem Ungluͤckli⸗ chen haben, der ſein trauriges Schickſal nicht verdient hat, ſo bin ich ſo frei, Sie nur um eine Herberge von ein paar Tagen, oder nur um eine Nacht zu bitten. Ich fuͤhle es, daß ich keine Anſpruͤche an ihre Wohlthaͤtigkeit lo durch mein mannigfaltiges Elend; meine riefe Armuth wird Ihnen kein — — 181 großes Zutrauen zu mir einfloͤßen. Aber ich bitte Sie im Namen der leidenden und ver⸗ achteten Menſchheit, weiſen Sie den ungluͤck⸗ lichen Fremdling nicht ab. Ich bin ſo verlaf⸗ ſen, ſo erſchoͤpft, ſo angſtvoll, daß Sie Sich keinen Begriff von meinem Zuſtande machen koͤnnen. Kein Rettungsmittel bleibt mir jezt uͤbrig, als der Tod; aber meine Grundſaͤtze, meine Standhaftigkeit erlauben mir nicht, die Hand an mein Leben zu legen. Die Vor⸗ ſicht hat mir das Leben geſchenkt, daß ich kaͤmpfen ſollte gegen das Ungluͤck, und bei Gott! ich will dieſen peinlichen Kampf bis zum letzten Hauch meines Lebens beſtehen. Das Ende meiner Leiden wird nicht mehr fern ſeyn, ich fuͤhle es an meinen hinſchwin⸗ denden Kraͤften; kaum kann ich noch fort⸗ kommen.“ Bei dieſen letzten Worten fiel er wirklich auf den Raſen; er konnte ſich nicht laͤnger halten, und ſchien faſt unter meinen Haͤnden den Geiſt aufgeben zu wollen. Seine Blaͤſſe vergroͤſſerte dieſe Beſorgniß. Schon ſeine traurigen Klagetoͤne hatten mich geruͤhrt; das Schauſpiel griff mich noch mehr an. Ich hielt ihm ſogleich einige ſtark riechende Waſſer un⸗ wieder zu ſich ſelbſt brachten. Er konnte jetzt weningſtens ſo lange warten, bis ich ihm eine mreaftggere Unterſtuͤtzung verſchaffte. Ich half nen, ließ ihm auf jeden Nothfall meine Fla⸗ lag zum Gluͤck nicht weit entfernt. Mein Gaͤrtner war der erſte, der mir begegnete. Ich erzaͤhlte ihm den Vorfall mit ein paar Wor⸗ ten, und nahm ihn ſogleich mit zu dem Kranken. Ich hatte mich mit Biskuit und einer Flaſche guten Weins verſorgt, wovon ich ihm ſogleich ein Glas zu trinken gab. Dieſe Staͤrkung belebte ſeine Kraͤfte ſehr chnell; man ſah es, daß ihn der Mangel an Nahrung erſchoͤpft hatte. Schon nach eini⸗ gen Augenblicken war er im Stande, ſich auf den Beinen zu halten, und erreichte auf mei⸗ nen und meines Gaͤrtners Aun geſtatzt mei. ter die Naſe, die ihn nach einigen Minuten ihm, ſich an den Fuß eines Baums zu leh⸗ ſche, und eilte nach Hauſe, meine Wohnung ——— fes Elend alle Menſchen von ihm geſcheucht, 8 39 bildete mir, wabrſcheinlch ohne Gniag ne Wohnung. Um ſeine Lebensgeiſter vollends zu heben, ließ ich ihm ſogleich eine kraͤftige Bruͤhe machen. Er geſtand mir, daß ſein tie⸗ und daß er ſeit vier Tagen bloß von den ſpar⸗ ſamen wilden Fruͤchten, die er auf ſeinen We⸗ gen durch die Waͤlder angettoſſen, gelebt haͤtte. Man hatte ihm nunterdeſſen ſeine zerriſſe⸗ nen Kleider abgenommen, ein reines Hemde gegeben, und der Gaͤrtner hatte ihm reinliche Kleider gebracht. Mit dem tiefen Gefuͤhl der Dankbarkeit und mit thraͤnenden Augen nahm er ſie an. Wie er einige Nahrung zu ſich genommen hatte, ließ ich ihn zu Bette brin⸗ gen, und empfahl ihn der ſorgfaͤltigſten Pf meiner Leute. Ich weiß nicht, woher es kam, daß ich an— dieſem Mann ein ganz beſonderes Intereſe nahm. Kein Ungluͤcklicher, deſſen Elend un 4 ſere Menſchlichkeit auffordert, hatte mich noch zu einer ſolchen warmen Theilnahme gereizt. ein, daß die Erzaͤhlung ſeiner Leiden vielleicht angenehme Aufſchluͤſſe geben koͤnnte, und woll⸗ te zu dieſem Behuf nur ſeine Geneſung ab⸗ warten. 5 Vorzuͤglich wunderte mich, daß meine etwas ſtolze Maria ihm ihre innige Theil⸗ nahme durch die eifrigſte Pflege bewies; nie empfand ſie den geringſten Ekel bei dieſen Geſchaͤften, ſie kam ſeinen leiſeſten Wuͤnſchen zuvor. In der That, wofern ich ihr Betra⸗ ggen mit dem meinigen verglich— es war mir unmoͤglich, das innere maͤchtige Gefuͤhl zu erklaͤren, das uns beide zu einem unbe⸗ 4 kannten Fremdling hinzog. Eiinnige Tage Ruhe und nahrhafte Koſt brachten unſern Pilger wieder auf die Fuͤße; ſeine Kraͤfte kehrten zuruͤck, und das Gehen wurde ihm leichter. Seine Zuͤge fielen mir taͤg⸗ kannt zu ſeyn, wiewohl ſie durch die mannig⸗ faltigſten Leiden verunſtaltet waren; aber — lich mehr auf, und ſchienen mir nicht unbe⸗ mein Gedaͤchtniß war nicht treu genug, mir voͤllige Aufſchluͤſſe daruͤber zu geben. Sein — 185 edles und ſtolzes Weſen, ſo wie ſeine Mienen, deren Wuͤrde aus dem ſonneverbrannten Ge⸗ ſicht noch deutlich hervorſchien, ſein ſanfter aber Achtung heiſchender Blick, verkuͤndigten keinen Mann von gemeiner Herkunft, und die ganze Bildung ſeiner Perſon haͤtte fuͤr ein Muſter von Schoͤnheit gelten koͤnnen, wenn ſeine ſchroͤckliche, klappernde Duͤrrheit nicht Abſcheu erregt, und das Mitleiden ver⸗ ſcheucht haͤtte. Aber Mariens Eifer erkaltete nicht; vielmehr ſchien er mit jedem Tage zu wach⸗ ſen. Eben ſo thaͤtig, wie einſt bei meiner langwierigen Krankheit,, beſuchte ſie nur den ſchwachen Pilger, und ſchien nur fuͤr ihn zu leben. Ich nahm mich wohl in Acht, ſie in der Ausuͤbung dieſer edlen, menſchlichen Pflich⸗ ten zu hindern, aber fand es faſt mit jedem Tage unbegreiflicher, daß ihre kalte und ſtol⸗ ze Seele ſich zu einem ſo zaͤrtlichen Mitleiden gegen einen unbekannten Fremdling herablaſſen konnte. Sonſt hatte ſie gegen Leute von dieſer Armuth und dieſer ſchmutzigen Außenſeite nur 186— Eckel und Geringſchaͤtzung gezeigt, und jetzt wollte ſie nicht einmal die Ausfuͤhrung ihrer zaͤrtlichen Wuͤnſche einer fremden Hand an⸗ vertrauen. Woher dieſe Widerſpruͤche in ih⸗ rem Herzem? Ich zog ſie einſt bei Seite, und konnte mich nicht enthalten, ihr mein Befremden uͤber ein ſolches Betragen zu erkennen zu geben. „ Sie haben Recht, lieber Vater, verſetzte ſie: mein Verfahren muß Ihnen wunderbar, faſt ungereimt ſcheinen. Aber ich kann mir nicht helfen. Ich weiß nicht, welch' eine geheime unwiderſtehliche Macht mich zu dieſem Pilger hinzieht; gewiß verdient er es, daß wir ihn von dem großen Haufen ſeiner Bruͤder aus⸗ zeichnen. Er ſcheint ein trauriger Laſttraͤger des menſchlichen Elends zu ſeyn, und hat ſein Schickſal nicht verdient, wie ich aus einigen Worten ſchließen darf, die er juͤngſt fallen ließ. Dieß alles gibt ihm ein Recht auf un⸗ ſere Theilnahme. Ich kann mich irren— laͤugne ich nicht; aber er iſt ſicher von keinem 3 niedrigen Stande. Nur noch ein paar Wo — 3 187 lieber Vater— nicht um mich zu rechtfer⸗ tigen, denn das brauche ich vor Ihnen nicht; ſondern ich will Ihnen zeigen, daß ich Ihre Anweiſungen zu nuͤtzen weiß: wenn auch die Menſchenliebe mir die Pflege des armen Pil⸗ gers nicht zur heiligen Pflicht machte, ſo waͤre ich dieſe Pflicht doch mir ſelbſt, und mir al⸗ lein ſchuldig; denn dieß iſt ja das einzige Mit⸗ tel, meine tiefe Schuld abzutragen. War un⸗ ſer Pilger nicht arm, irrend, verlaſſen? Ha⸗ ben Sie nicht auch die arme, ungluͤckliche Ma⸗ ria aufgenommen? Ich folge hier bloß Ihrem Beiſpiel.“ Kaum hatte Maria geendigt, als der Pilger vor die Thuͤr unſers Saals trat, und um die Erlaubniß bat, mir fuͤr ſeine gute Aufnahme ernſtlich zu danken. Er trug eine ganz neue, reinliche Kleidung; Maria hatte ſie ihm mit meiner Bewilligung gegeben. Ihn erblicken, auf ihn zueilen, ihn bei der Hand faſſen, und zu mir fuͤhren, war Eins fuͤr Marien. Er dankte mir mit ein paar Aus⸗ druͤcken, die man ſonſt bei Leuten ſeines Stan⸗ * 188— des nicht findet; ſein Vortrag, und ſeine ge⸗ ringſten Bewegungen verriethen einen feinen — 8 edlen Ton der großen Welt, der mich von neuem in Verwunderung ſetzte. Er bat mich zuletzt, daß ich ihn doch noch einige Tage in meinem Hauſe behalten moͤchte. Maria ließ mir nicht Zeit, zu antworten:„„Seyn Sie ganz nnbeſorgt, lieber Freund, ſagte ſie. Wenn Sie den Vater nur kennten, wie ich ihn ken⸗ ne, Sie wuͤrden nichts fuͤrchten. Denn mein Vater iſt gut, voll Empfindung und Groß⸗ muth; er denkt zu edel, als daß er einen huͤlfs⸗ beduͤrftigen Menſchen von neuem dem Elen⸗ de Preis geben ſollte. Nicht wahr, lieber Va⸗ ter? indem ſie einen zaͤrtlichen bittenden Blick auf mich warf. Ganz gewiß, ſagte ich, und wandte nuich zu dem Pilger:“Sie koͤnnen mein Haus, wie das Ihrige, anſehen. Ich kenne Sie nicht;— aber alles ſpricht fuͤr 3 Sie, alles ſagt mir, daß Sie mein Vertrauen verdienen; mein Herz hat mich uͤber dieſen Punkt nie betrogen. Zwar will ich das heimni Ihres Elendes nicht wiſſen; a . fuͤhle es, Sie ſind weit uͤber den Stand err haben, zu welchem Sie vielleicht durch hoͤ here Maͤchte verdammt ſind. Wenigſtens iſt mir dieſer Gedanke ſo ſuͤß, und ſollten Sie in der Folge mich werth finden, ein Ver⸗ trauter Ihrer Leiden zu werden, ſo ſeyn Sie uͤberzeugt, daß ich Ihre Geſtaͤndniſſe nie mißbrauchen werde. Ich laͤugne es nicht, ich denke mir Ihre Schickſale ſehr in⸗ tereſſant, und moͤchte ſie gern wiſſen, aber ich kann dieſe Neugier auch unterdruͤcken, und fordre in dieſem Punkte ſchlechterdings nichts. Ich bin nicht gewohnt, einen Preis auf meine kleinen Dienſtleiſtungen zu ſetzen. Mein Mitleiden gegen Sie war nur eine Pflicht der Menſchlichkeit, und ich ſchaͤtze mich ſehr gluͤcklich, daß das harte, oͤfters 3 unbillige Schickſal min vergoͤnnt hat, Ihnen zu folgen.⸗ „ Sie erwarten, vetſetzte der Pitger, ei. nige Aufſchluͤſſe uͤber mein trauriges Leben? 1 Wohlan! ich habe kein Intereſſe mehr, Ih⸗ nen oder einem andern ein Geheimmiß daraus · — 7 ger Herr; ich fuͤhle mich eben ſo geneigt, 190 zu machen. Selbſt mein einziger barbariſcher Verfolger iſt jetzt zu ohnmaͤchtig, ſeine Rache noch ferner an mir auszulaſſen. Glauben Sie mir, Herr Baron, ſogar in den Zeiten, wo ich noch alles zu fuͤrchten hatte, wuͤrde ich nicht angeſtanden haben, Ihnen mein volles Herz zu oͤffnen. Ihre ganze Perſon fodert mich zum Zutrauen auf. Ihr Alter, Ihre Geſtalt, ſogar einige Zuͤge erinnern mich an einen zaͤrtlich geliebten Vater, den meine un⸗ gluͤckliche Unbeſonnenheit ins Grab geſtuͤrzt hat.(Dieſe Worte noͤthigten meine Glie⸗ der zu einem unwillkuͤhrlichen Schaudern; kaum war ich meiner Empfindungen maͤchtig genug, um dieſe gewaltſamen Regungen nicht ſichtbar werden zu laſſen.)„ Verzeihen Sie, daß mir dieſe Erinnerung einige Thraͤnen aus⸗ preßt.“ In der That floſſen ſeine Zaͤhren ſehr haͤufig. Er ſuchte ſie ſchnell zu trocknen, und fuhr dann in ſeiner Erzaͤhlung fort: „ Sie wuͤnſchen, mich zu kennen, gnaͤdi⸗ mich Ihnen zu erkennen zu geben, und da — 8 191 einen Theil meiner Schuldigkeit abzutragen, Nicht als wenn meine tiefe Schuld durch ein ſolches Geſtaͤndniß aufhoͤren koͤnnte; denn mei⸗ ne Dankbarkeit wird ewig dauren. Aber ich will mich Ihnen wenigſtens ganz zeigen; wie ich bin; ich will Ihnen alle meine Fehler ge⸗ ſtehen. Nur erlauben Sie, daß ich bei dieſer Geſchichte einen ſehr theuren Namen verſchwei⸗ ge; alles uͤbrige ſoll Ihnen entdeckt werden. Ich bin mehr unbedachtſam als ſtrafbar ge⸗ weſen, und habe fuͤr ein Vergehen, deſſen Be⸗ deutſamkeit meine Jugend, meine Unerfahren⸗ heit und Liebe entſchuldigen moͤgen, durch fuͤnfzehn Jahre von Elend und Jammer hin⸗ laͤnglich gebuͤßt.“ Der Pilger ſank einige Minuten in ein tiefes Schweigen, als wenn er ſeine Gedan⸗ ken erſt ſammlen wollte; ſein Haupt hing zur Erde und ſeine Hand ruhte ſtill auf der nach⸗ denkenden Stirn. Ich fuͤhlte mich ſonderbar verwirrt durch die paar Worte, die er vor⸗ her hingeworfen hatte; tauſend abwechſelnde Muthmaßungen durchkreutzten meine gierige Einbildungskraft. Ich glaubte in ſeinen Aeußerungen eine leiſe Hinweiſung auf das Schickſal meines eignen Sohnes zu finden— ach, meines Sohnes, auf den ich in fruͤhern Jahren den ganzen Traum meines Gluͤcks gegruͤndet hatte; aber die Vernunft wollte dieſen ſchmeichelhaften Hoffnungen kein Ge⸗ hoͤr geben. Nach einer langen Pauſe hub endlich der Pilger die Erzaͤhlung ſeiner Lei⸗ den ſo an: 1 — 19tes Kapitel. Das Elend hat ſeine ſchrecklichen Spuren durch dieſe Furchen auf meine Stirne gegra⸗ ben. Eine lange Reihe von ununterbrochenen BWiderwaͤrtigkeiten, die ſich faſt um die Wette u uͤbertreffen ſcheinen, hat mich bis zu dem oͤchſten Gipfel des Ungluͤcks gefuͤhrt, ugd der Tod konnte daber das Einzige ſeyn, w nir in meiner Lage Wuͤnſchenswuͤrdiges lie — 93 Aber dieſer unerbittliche Moͤrder blieb auch gegen mich grauſam— er wollte mein ge⸗ beugtes Haupt ſchonen. Mein armſeliger, verlaſſener Zuſtand hat Ihnen ſchwerlich hohe Begriffe von meinem Herkommen gegeben; und doch kann ich ruͤhmen, daß wenige Fa⸗ milien in der Provinz, worin ich gebohren war, mit der meinigen an Range wetteifern koͤnnen; ein Vorzug, worauf man frelich nur dann ſtolz ſeyn darf, wenn man ſich deſſelben wuͤrdig gezeigt hat. Sie ſehen in mir ein ungluͤckliches Opfer der gemißbrauchten Ge⸗ walt, welche mich ſeit fuͤnfzehn Jahren auf die ſchrecklichſte Art zu demuͤthigen ſuchte.“ Herumirrend, fluͤchtig und vogelfrei, bin ich nur, wie durch ein Wunder, den Verfolgun⸗ gen meines Feindes entgangen. Es iſt mir unmoͤglich, Ihnen ein vollſtaͤndiges Gemaͤlde von dem zu entwerfen, was ich waͤhrend ei⸗ ner zehnjaͤhrigen Gefangenſchaft, und in den letzten Jahren meiner Freiheit ausgeſtan habe, wo ich jeden Augenblick fuͤrchten inet te, von neuem in die Haͤnde meines uner⸗ Maria. * 194 bittlichen Feindes zu fallen; es fehlt mir an Kraͤften und Worten, um einem ſolchem Bil⸗ de das ganze treue, ſchreckliche Gepraͤge der Wahrheit zu geben.“ „Mein ganzes Verbrechen war: Liebe. Noch jung, ungeſtuͤm, feurig, uͤberlegte ich die Gefahr nicht, worein ich mich durch eine zuͤgelloſe Leidenſchaft ſtuͤrzte; ich ſah nichts, hoͤrte nichts, begehrte nichts als den Gegen⸗ ſtand dieſer Liebe, und meine Unvorſichtig⸗ keit allein hat vielleicht den Abgrund gegra⸗ ben, in den ich nachher verſank. Ob ich durch die Macht der Liebe meine Verir⸗ rungen rechtfertigen koͤnnte? Dieß iſt we⸗ nigſtens nicht meine Abſicht. Traurig ge⸗ nug, daß mich eine gluͤhende Liebe verzehrte, und daß dieſe Leidenſchaft nichts uͤberlegt. Eine edle, ſchoͤne Frau, intereſſant durch ihre mannichfachen Leiden, und ehrwuͤrdig durch die erhabenen Eigenſchaften, die in 1 glaͤnzten, war der Gegenſtand meiner Lie⸗ Meiner Liebe? Ach Gott, ich vergoͤt⸗ 3 ars ſie. Unſer Umgang war nur einer Die⸗ — 193 nerin bekannt, auf deren Treue ſie ſich ver⸗ laſſen konnte; er hatte traurige Folgen fuͤr mich. Meine Geliebte wurde Mutter. Jetzt kam es darauf an, ein Geheimniß zu ver⸗ ſchleiern, das den verraͤtheriſchen Blicken der neugierigen und verlaͤumderiſchen Menge ſel⸗ ten zu entgehen pflegt. Eine erdichtete Krank⸗ heit gab einen herrlichen Vorwand, und mei⸗ ne Geliebte gebahr eine Tochter, deren Da⸗ ſeyn vor den boͤſen Zungen der Welt ein Geheimniß blieb.“ „ Dieſe Tochter wurde mir gleich nach ihrer Geburt uͤbergeben. Ich vertraute ſie einer Amme, die ich ſchon zum voraus be⸗ ſtellt hatte, und welche ſelbſt von den El⸗ tern des Kindes nichts wußte. Nach eini⸗ gen Jahren brachte ich ſie in eine entlegene Provinz zu einer Dame, von der ich die be⸗ ſten Zeugniſſe hatte. Ich vertraute der ſel⸗ ben die Sorgen der Erziehung, und entdeck⸗ te ihr von der Geburt des Kindes eben ſo wenig ein Wort als vorher der Amme. Wir hatten die ſtrengſten Maaßregeln genommen, 2 ₰ 2 8 196 4— um dieſes ungluͤckſelige Geheimniß nie kund werden zu laſſen.“. 4 Die Aehnlichkeit, die ich zwiſchen dieſer anziehenden Geſchichte und den Erzaͤhlungen der Frau von Ponti fand, war mir ſehr auffallend. Ich warf einen aufmerkſamen Blick auf Marien und bemerkte, daß große T hraͤnen in ihren Augen glaͤnzten. Ein ſicht⸗ bares Herzklopfen verrieth ihre geheimen Re⸗ . gungen. Plioͤtzlich fiel ſie dem Pilger ins Wort, 3 und fragte ihn, ob ſeine Tochter nicht in Bretagne erzogen ſey?„ Allerdings, Mam⸗ ſell, antwortete er, und betrachtete ſie ge⸗ nauer, als wenn er in ihren Zuͤgen die Wahr⸗ deren Morgenroth ſeinen froͤhlichen Au⸗ gen entgegen daͤmmerte, leſen wollte.„Zwei⸗ hundert Schritte von Morlair uͤbergab ich dieſes theure Pfand der Frau..—» von ſiagte Maria voll negecen—— tief ſie mit ede as — 197 tigkeit, Sie ſind mein Vater, umarmen Sie Ihre Tochter!“ dann wandte ſie ſich wieder zu mir:„ Hier ſehen Sie den wohlthaͤtigen Mann, den Einzigen, der ſich meiner an⸗ nahm, ehe mich ein gluͤcklicher Zufall in Ihre Haͤnde brachte; er iſt es! Ich kann ihn jetzt an meine Bruſt druͤcken! Endlich kann ich ihn ausſprechen, dieſen ſuͤßen Namen, der meinem Herzen ſo unendlich theuer iſt! Gu⸗ ter Vater, o theilen Sie die Gluͤckſeligkeit Ihrer angenommenen Tochter. Mein Herz ſagte es mir vorher, wie werth mir dieſer Pilger ſeyn wuͤrde: es hat die Wahrheit ge⸗ ſagt.“ Der Pilger ſchloß ſie von neuem in ſeine Arme, benetzte ſie mit ſeinen Zaͤhren— ach! ich ſelbſt fuͤhlte mein Herz bis zur innigſten Ruͤhrung erweicht. Aber ein maͤchtigeres In⸗ tereſſe lag mir jetzt auf dem Herzen. Ich fand tauſend Aehnlichkeiten zwiſchen der Ge⸗ ſchichte des Pilgers und dem traurigen Vor⸗ fall, der mir einſt meinen Sohn geraubt hat⸗ te; aber meine Vernunft ſcheute ſich noch uͤberlaſſen. Er hatte vorher geſagt, daß ſein Vater geſtorben ſey— ein niederſchlagender Umſtand fuͤr meine Hoffnungen. Ein einzi⸗ ges Wort haͤtte meine Zweifel loͤſen koͤnnen, es iſt wahr; aber dieß einzige Wort konnte mir auch den kleinen Reſt meiner Hoffnun⸗ gen auf ewig rauben. Ich wagte keinen neu⸗ gierigen Laut. Meine Gluͤckwuͤnſchungen wa⸗ en bloß an Marien und ihren Vater gerich⸗ tet, die das gluͤcklichſte Ungefaͤhr von der Welt nun auf ewig wieder zuſammen gefuͤhrt hatte. Beide weihten die naͤchſten Augen⸗ blicke noch der Natur, und der Pilger fuhr hierauf in der Geſchi hi ſeiner Leiden folgen⸗ dermaßen fort: Tootz meiner aͤuſſerſten Vorſicht erfuhr man doch— auf welche Art kann ich nicht ſagen, einen Theil meiner Geheimniſſe. Nach meiner Nuͤckkehr aus Bretagne wurde ich auf⸗ gehoben, und in die Baſtille geſchleppt. Hie ſaß ich denn beinahe zehn Jahr gefange ohne nich Frgend einem Me ichen minch immer, ſich dieſen ſuͤßen Tauſthungen zu 4 — 199 zu koͤnnen. Meine Kerkermeiſter hatten Be⸗ fehl, keine einzige meiner Fragen zu beant⸗ worten. Kein einziger hat dieſen Befehl uͤber⸗ treten. Barbariſch und grauſam waren ſie alle zu ihrem ſchaͤndlichen Handwerk geſchaf⸗ fen. Ein merkwuͤrdiger Umſtand war es, daß mich weder der Gouverneur, noch die Offiziere der Feſtung jemals beſucht haben.“ „ Sie koͤnnen nicht begreifen, welche Lei⸗ den ich in dieſem abſcheulichen Kerker aus⸗ halten mußte. Nach den erſten Monaten meis ner Gefangenſchaft wurde ich von einem Manne, den ich nach ſeiner Kleidung fuͤr eine Gerichtsperſon hielt, mehreremal ver⸗ hoͤrt; man wollte mir Geſtaͤndniſſe entlocken, die man fuͤr ſehr wichtig zu halten ſchien. Man diohte mir ſogar mit dem Tode, um mir den Namen und die Wohnung der Frau, der ich meine Tochter anvertraut hatte, ab⸗ zupreſſen. Aber dieſer Umſtand verrieth mir, daß der wichtigſte Theil meiner Geheimniſſe noch unbekannt ſey. Ich faßte Muth, lie⸗ ber alles zu ertragen, als die Sache zu of⸗ fenbaren.“ 200—— „ Ich laͤugnete alſo alles mit der uner⸗ bittlichſten Hartnaͤckigkeit. Die Mißhand⸗ lungen, womit man mich uͤberhaͤufte, beſtaͤrk⸗ ten mich nur in dem feſten Entſchluſſe, mein Stillſchweigen bis in den Tod zu bewahren⸗ Faſt zwei Jahre erſchoͤpfte man die ſchreck⸗ lichſten Martern, um meinen ſtandhaften Wil⸗ len zu beugen. Da man aber alles frucht⸗ los fand, ſo ſchien man mich zu vergeſſen, wenigſtens ließ man mich ruhig, und mach⸗ te mir keine Dohungen mehr. Im Grun⸗ e he Gefangenſchaft— tig. Von allem menſchlichen Umgang ab⸗ geſchnitten, bloß mir ſelbſt uͤberlaſſen, im⸗ mer ungewiß, ob ſich mein Schickſal viel⸗ Wich jemals aindern werde— weiß ich noch hterlichen Elendes nicht unterlegen habe. „Ich hente ſehnn mehr als neun Jahre 6 — 2071 gegen die Tyrannei zu ſchelten, die ihn nach ſeinen Klagen ſchon mehr als zwanzig Jahre von einem Gefaͤngniffe ins andere geſchleppt haͤtte, ohne daß er ſein Verbrechen nur er⸗ rathen koͤnnte.“ „ Ich achtete eine lange Zeit nicht auf dieſe Reden. Aber endlich intereſſirte mich dieſer Genoſſe des Kummers— ein liebens⸗ wuͤrdiger Mann, der mir in der That ſehr ehrlich und offenherzig zu ſeyn ſchien. Die Geſchichte ſeiner vielfachen Leiden haͤtte das roheſte Herz erweichen muͤſſen. Faſt immer gab er ſich Muͤhe, mich zu troͤſten, und mir einige Strahlen von Hoffnung zu zeigen, daß wir uns durch Geduld, Arbeit und Klugheit doch endlich aus dieſem Ort der Pein retten wuͤrden. Ich faßte endlich ſo viel Zutrauen zu ihm, daß dieſe Art von Hoffnung zu ei⸗ nem lebendigen, uͤberzeugenden Gefuͤhl wurde. Das Ungluͤck verbindet die Herzen;; ich ſahe einen Engel, einen vom Himmel geſandten Boten des Friedens in ihm, und uͤberließ mich ganz den Gefuͤhlen der offenſten Freundſchafte 4 J 3 202— „ Dieſer hinterliſtige Freund brauchte ſo viele Mittel, und ſetzte ſo viele geheime Trieb⸗ federn in Bewegung, daß es ihm nach acht Monaten gelang, meiner Geheimniſſe Meiſter zu werden. In einem Augenblicke, wo das Herz nur fuͤr den Erguß ſeiner heiligſten Empfindungen zu leben ſcheint, entwiſchte mir das ungluͤckliche Geſtaͤndniß. Man laͤßt ſich in ſolchen Faͤllen unvermerkt und nur zu leicht hinreiſſen, und hintennach— koͤmmt die Einſicht zu ſpaͤt.“ » Auf jeden Fall ging er ſehr ſchlauz zu Werke, wofern es ſonſt ſeine Abſicht gewe⸗ ſen iſt, mich zu verrathen; denn offenbahre 8* — Beweiſe habe ich von ſeiner Verraͤtherei nicht. Aber alles laͤßt mich ſchl ließen, daß er es nicht aufrichtig meynte. Ob er vielleicht kei⸗ nen andern Ausweg hatte, um ſich zu ret⸗ ten, als eine ſolche Treuloſigkeit an der Freund⸗ ſchaft? Ich weiß es nicht. Nicht alle Men⸗ ſchen haben die noͤthige Seelenſtaͤrke, um lie⸗ ber den Tod zu ertragen, als eine Nieder⸗— nichngtit; zu ttgthen. Es war mir un⸗ 8 moͤglich, in dieſer Sache bis zur Wahrheit zu dringen. Aber ich hatte Grund, zu ver⸗ muthen, daß man jenen Freund nur deßwe⸗ gen zu mir ins Gefaͤngniß brachte, um mir ein Geheimniß zu entlocken, woran man die ausgeſuchteſten Proben ſo oft und ſo vergeb⸗ lich verſucht hatte.“ . Ich hatte ſeit einiger Zeit bemerkt, daß mein Genoſſe mit einem gewiſſen Kerkermei⸗ ſter, ſo oft dieſer uns die noͤthigen Sachen brachte, ſich lange und ins geheim unter⸗ hielt. Einſt ſchien er froͤhlicher als jemals und ſagte, daß Gauthier(ſo hieß jener ehrliche Kerkermeiſter) von gewiſſen Freun⸗ den beſtochen waͤre, und daß dieſer in we⸗ nigen Tagen unſere Entweichung, unſere Frei⸗ heit beguͤnſtigen wolle.“ „ Freiheit! Ja wohl, dieß große Wort klingt dem Ohr eines Gefangenen ſo ſuͤß, daß es mich faſt ganz von Sinnen brach⸗ te. Mein ſchlauer Gefaͤhrte benutzt nuſand und betaͤnbte mnit der 204— ſehr, daß ch ihm alles entdeckte. Außer dem Namen von Mariens Mutter, ver⸗ ſchwieg ich ihm auch nicht die mindeſten Um⸗ ſtaͤnde, und in kurzem wußte er den ganzen Zuſammenhang meiner Geſchichte ſo gut wie ich. Kaum war mir mein Geheimniß ent⸗ wiſcht, als mir die ganze Gefahr dieſer Un⸗ beſonnenheit auffiel— ach! leider war es zu ſpaͤt.“ „ Der Kerkermeiſter, der unſere Flucht begünſtigen ſollte, kam, wie gewoͤhnlich, den andern Morgen und unterhielt ſich mit mei⸗ nem Gefaͤhrten allein. Er hatte ſich kaum wieder entfernt, als mir mein angeblicher Retter erzaͤhlte, daß jetzt alles verabredet fey, daß der Kerkermeiſter kuͤnftige Nacht die Wache habe, und uns ſeiner Verabredung mit den Schildwachen zufolge, welche eben⸗ falls beſtochen waͤren, die Thore oͤffnen und die lang erſehnte Freiheit ſchenken wolle. „ Ich war trunken vor Freude. Meine Blindheit ging ſo weit, daß ich in der Aus⸗ fuͤhrung dieſes Entwurfs mich einmal die — 205 mindeſte Schwierigkeit ſah; ich wußte keine Worte zu finden, um dem großmuͤthigen und gefuͤhlvollen Retter fuͤr das hoͤchſte und edel⸗ ſte Gut des Lebens wuͤrdig zu danken. Sie koͤnnen vermuthen, wie lang mir der Tag dauern mußte. Endlich kam die Nacht, die⸗ ſe lang gewuͤnſchte Nacht. Mit welcher Un⸗ geduld harrte ich auf den Angenblick, der mich auf einmal allen dieſen Greueln der Ge⸗ fangenſchaft entreiſſen ſollte! Um Mitter⸗ nacht ſollte es geſchehen. Kaum hatte die Glocke in der tiefen und duͤſtern Stille un⸗ ſers Kerkers ihre heiſere Toͤne hoͤren laſſen— ſo vernahm ich ein Geraͤuſch an der Thuͤr unſers Zimmers. Mit Frohlocken fahre ich auf. Mein Gefaͤhrte ſchien gelaſſen und ru⸗ hig. Die Riegel werden zuruͤckgeſchoben, die eiſernen Stangen fallen, die Thuͤr oͤffnet ſich — ach, eine Menge Soldaten treten herein, unter ihnen der Kerkermeiſter ſelbſt, mit ſchwe⸗ ren Feſſeln beladen. Unbeweglich ſtand ich bei dieſem uͤberrn ſchenden Anblick; kein Don⸗ nerſchlag, der ſich vor meinen Fuͤſſen entla⸗ 206— den haͤtte, wuͤrde mich ſo ſehr erſtarrt ha⸗ ben. Der Gonverneur der Baſtille war zu⸗ gleich gegenwaͤrtig, und befahl, daß man den Urheber des Komplotts ergreifen ſollte. Es geſchah. Mein Gefaͤhrte wurde an Haͤn⸗ den und Fuͤßen gebunden, und der Kerker⸗ meiſter befahl den umſtehenden Gefangen⸗ knechten, daß ſie ihn in einen noch tieferen und abſcheulichern Kerker ſchleppen moͤchten. Ohne Widerſtand ergab er ſich ihren Haͤn⸗ den. Ehe man ihn wegbrachte, ſuchte ihn der Gouverneur uͤber unſern Plan der Flucht auszuforſchen; und ſiehe, dieſer Menſch, von deſſen Charakter ich mir eine ganz andere Meinung gebildet hatte, verhehlte ihm zu meinem vollen Erſtaunen gar nichts. Er ge⸗ ſtand ihm die— wahren oder aus der Luft geriſſenen Mittel, die er angewandt haͤtte, um den Kerkermeiſter zu verfuͤhren, und ſchaͤm⸗ te ſich endlich nicht, um Gnade zu flehen. Dieſes niedertraͤchtige Betragen gab mir die erſten Fingerzeige uͤber den Charakter des Boͤ⸗ ſewichts— ich maaß die Tiefe des Abgrunds, — 20 worein mich meine Vertraulichkeit geſtuͤrzt hatte. Das Uebel war indeſſen geſchehen, und meine Reue— vergeblich.“ „ Kaum war dieſe Art von Verhoͤr geen⸗ diget, als man ihn mit dem Kerkermeiſter, ſeinem angeblichen Mitſchuldigen, hinaus⸗ brachte. Ich blieb allein in meinem Zim⸗ mer. Man hatte mir keine Frage vorgelegt, nicht einmal ein Wort mit mir geſprochen.“ „ Ich brauchte in dieſer Einſamkeit nicht viel Zeit, mich zu beſinnen, und meine ganze Unbeſonnenheit in ihrem wahren Lichte zu ſehen. Ein lieblicher Schleier hatte bisher meine Augen bedeckt; er verſchwand jetzt, wie ein leichter Dunſt, vor den erſten Strahe len der Sonne. Mein eignes Verderben, und das Verderben meiner armen Tochter mußten die wahrſcheinlichen Folgen jener un⸗ gluͤcklichen Unbeſonnenheit ſeyn; ich taͤuſchte mich daruͤber nicht. Mir ſelbſt war freilich an dem Leben wenig gelegen, denn ich hatte ſchon mehr als tauſendfache Tode gelit⸗ ten. Aber ich hatte mir vorzuwerfen, daß 208 3— mein barbariſcher Verfolger ein unſchuldiges, edles Maͤdchen zum Gegenſtande ſeiner blu⸗ tigen Grauſamkeiten auserſehn wuͤrde; ein Gedanke, der 4G in die tiefſte Melancholie warf. „ Indeſſen dauerte dieſer Zuſtand von ſchhrecklicher und verzehrender Verzweiflung nicht lange. Schon zwei Tage nachher er⸗ hielt ich ſichere Beweiſe von der Treuloſig⸗ keit des niedertraͤchtigen Schurken, deſſen Liſt 45 mir mein theures Geheimniß entlockt hatte. Ohrngefaͤhr gegen Mitternacht trat der Gou⸗ verneur mit mehreren Gefangenknechten in mein Gefaͤngniß, befahl mir, aufzuſtehen und mich anzuziehen; dann wurden mir die Haͤn⸗ de gebunden, man fuͤhrte mich in den Hof und ließ mich in eine Poſtkaleſche ſteigen, welche hier bereit ſtand. Ein Mann, deſſen edle Auſſenſeite und freundliche Phyſiognomie nich zu einer andern Zeit haͤtte anziehen koͤn⸗ nen ſetzte ſi ſich zu mir; wir fuhren ſogleich ab.* „ Der Tag fing an zu grauen, als wir auf die erſte Station kam n. Wir trafen hier — 209 auf eine Kutſche, die unſerer wartete, und hin⸗ ter welcher wir unſere Reiſe fortſetzten. Waͤh⸗ rend unſerer ganzen erſten Reiſe erfuhr ich nicht, wer in dieſer Kutſche ſitzen mochte; denn auſſer meinem Aufſeher bekam ich kei⸗ nen Menſchen zu ſehen und zu ſprechen. Ich hatte nicht Urſache, uͤber das Betragen dieſes. Mannes zu klagen; vielmehr ſah ich, daß er meine Lage auf jede moͤgliche Art zu verbeſſern ſuchte; und dieß mußte mir deſto ſonderbarer vorkommen, je mehr die Barbaren, mit denen ich waͤhrend meiner zehnjaͤhrigen Gefangen⸗ ſchaft zu thun hatte, es ſich zum angelegent⸗ lichſten Geſchaͤft machten, mich aufs grauſam⸗ ſte zu foltern. Ich wagte es nicht, ſeine Verſchwiegenheit auf die Probe zu ſetzen, denn ich ſah wohl, daß es vergeblich ſeyn wuͤrde. Aber bald bemerkte ich, daß unſer Weg nach Bretagne ging, und daß die gewaltſame Entfuͤhrung meiner ungluͤcklichen Tochter der Zweck dieſer Reiſe ſeyn wuͤrdey. „» In dem erſten Orte, wo wir Halt nnach⸗ ten: durchſuchte man meine K 3 210— ſchen, und fand, trotz meiner geheimnißreichen Sorgfalt, die Haͤlfte der Charte, die man ha⸗ ben mußte, um meine Tochter aus den Haͤn⸗ den der Frau von Ponty zu loͤſen. Ich mußte glauben, daß man keine andere Abſicht gehabt haͤtte, als dieſes Papier zu erhalten: denn kaum hatte man es gefunden, ſo ſtellte man auch das Suchen ein. Man band mir ſogar die Haͤnde los.“ „ Wir kamen endlich vor das Haus der Frau von Ponty, das ich geſchwind wie⸗ der erkannte. Man ließ mich aus dem Wa⸗ gen ſteigen, und fuͤhrte mich in einen Saal, wo ich den Herrn von De fand, unter deſ⸗ ſen Commando ich ehemals meine kriegeriſche Laufbahn begonnen hatte. Er bekleidete die Stelle eines Haupemannes bei der Leibwache des Grafen von Di und hatte ſicher den Auftrag, mir das einzige Kleinod zu entreiſſen, was mir noch das Leben werth machte. Man ließ mich mit ihm allein. Der Hauptmann agte, daß mein Schickſal bloß von meiner ufrichtigkeit ahhängen wurde, und ſetzte b. — 211 zu:„durch Verſtellung oder Verſchwiegenheit werden Sie nicht einmal gewinnen; denn man weiß alles, und Ihre Hartnaͤckigkeit wuͤrde Ihrer Tochter nur ſchaden. Uebrigens köͤnnen Sie uͤber das Schickſal derſelben ganz ruhig ſeyn; man wird Sorge tragen, ihr ein anſtaͤn⸗ diges Auskommen zu geben. Ihr eigenes Schickſal wird von Ihrem Verhalten bei die⸗ ſer Gelegenheit abhaͤngen.“ „ Kaum hatte er dieſe Worte gefgrochen als Frau von Ponty mit Marien in die Stube trat. Ich erkannte die letztere ohne Muͤhe, wiewohl ich ſie ſeit zehn Jahren nicht geſehn hatte, und ihre Zuͤge damals, als ich ſie nach Morlair brachte, kaum ange⸗ fangen hatten, ſich auszubilden; denn ſie hatte alle Zuͤge ihrer herrlichen Mutter. Die ganze Sache zu laͤugnen, waͤre jetzt vergeblich ge⸗ weſen; die Verraͤtherei meines Geheimniſſes war erwieſen genug. Ich ſann bloß darauf, das Schickſal meiner Tochter zu mildern, und trug kein Bedenken, ſie anzuerkennen. Se wiſſen es ſchon, wie dieſe peinliche und grau⸗ fame Zuſammenkunft ausfiel.„. 212— „Ich mußte nachgeben. Maria blieb in den Haͤnden des Barbaren, der uͤber mein Schickſal entſcheiden ſollte. Man fuͤhrte mich aus dem Saal nach der Kaleſche, worin ich gekommen war, und band mir wieder die Hande, wie bei meiner Abfahrt aus der Ba⸗ ſtille. Dieß ſchien mir kein gutes Zeichen zu ſeyn; aber was ſollte ich machen, als mich ergeben? Bloß die Furcht vor dem Schickſal Mariens lag ſchwer auf meiner Seele— ich ſelbſt war mir ziemlich gleichguͤltig. Die Ungewißheit iſt gewoͤhnlich eine noch ſchreckli⸗ chere Marter als das Uebel ſelbſt, das man Lelenn empfindet.“ Ich ahndete es mit Gewißheit, ich hat 3 meine ge Maria hier zum letzten male geſehen. Wahrſcheinlich, ſagte ich zu mir ſelbſt, wird man ſie nach einem entlegenen Kloſter brin⸗ gen, und ihr den Schleier aufnoͤthigen. Wie auch mein kuͤnftiges Schickſal ausfallen moͤch⸗ te— ich durfte wenigſtens nicht hoffen, den rt ihres Aufenthalts je zu entdecken. Dieſe en beſchäͤßtigten mich ihend dee — 4 213„ kurzen folgenden Reiſe; mein Begleiter ſchien ſeine Sorgfalt und ſeine Hoͤflichkeiten zu ver⸗ doppeln. Ich empfand dieſe Guͤte, war aber zu ſehr ein Raub der peinlichſten Seelen⸗Mar⸗ tern, als daß ich einen großen Preis darauf haͤtte ſetzen koͤnnen. Auſſer meiner Tochter war mir alles gleichguͤltig.“ „ Nach einer Reiſe von zwei Tagen kamen wir in einen ziemlich großen Wald, der ver⸗ muthlich nicht weiter als vier oder fuͤnf Stun⸗ den von hier entfernt liegt. Unſer Wagen hielt ploͤtzlich in einem hohlen, von der Heerſtraße ziemlich entlegenen Wege; mein Begleiter ſtieg aus dem Wagen, und ließ mich allein. Nach fuͤnf Minuten kam er zuruͤck, hieß mich ans⸗ ſteigen, und ihm folgen. Er ſchien ſehr unru⸗ hig zu ſeyn; doch hatten die aͤuſſern Gegen⸗ ſtaͤnde jetzt zu wenig Intereſſe fuͤr mich, als daß ich weiter darauf Acht gegeben haͤtte.“ „ Wir drangen nicht ohne Muͤhe tief i in das 7 Dickicht des Waldes(denn der X Tag daͤm⸗ merte noch), und hatten uns ohngefähr un⸗ dert und fuͤnſzig Schritte vom We 214— fernt, als mein Begleiter ſtehen blieb, und mir die ſchrecklichen Worte ſagte:„Ihr Tod war entſchieden; ich uͤbernahm den Auftrag, Sie zu morden, nur deswegen, um Ihnen das Le⸗ ben erhalten zu koͤnnen..“ Hierauf zog er eine Piſtole aus der Taſche, ſchoß ſie in die Luft, und ſprach:„Seyn Sie jetzt unbeſorgt. Sie ſind auſſer Gefahr. Aber fliehen Sie weit. Huͤten Sie Sich, Ihren Verfolgern, die Ih⸗ nen den Tod geſchworen haben, je wieder in die Haͤnde zu fallen; wir waͤren ſonſt beide verloren.“ Er zerſchnitt die Bande, die meine Haͤnde gefeſſelt hielten.„Sie ſehen hier, ſagte er weiter, dieſe Art von einſamen Brun⸗ 4 ſey, nen, der einfallen zu wollen ſcheint(und zeigte mir wirklich in der Entfernung von ein paar Schritten, eine Ruine, die ich nicht bemerkt hatte.) Helfen Sie mir dieſen Brunnen aus⸗ fuͤllen; dieſe Steine ſind ſchon laͤngſt vorher zu dieſem Ende hieher geſchafft. Man muß glauben, daß Ihre Leiche darunter begraben liegt, und ſehen, daß es wenigſtens nicht leicht die Suche genauer 5 uneerſichene We wie ich ein erbaͤrmliches Leben gegen die Ver⸗ de ſchuͤtzen koͤnnen.“ legten ſogleich Hand an. In weniger als fuͤnf Minuten war der Graben gefuͤllt.„Retten Sie Sich, ſagte er weiter, durch eine ſchleuni⸗ ge Flucht vor der Gefahr, erkannt zu werden. Hier duͤrfen Sie nicht bleiben. Da haben Sie etwas, womit Sie Sich helfen koͤnnen, bis Sie Sich wozu entſchlieſſen(er druͤckte mir ohngefaͤhr zwanzig Thaler in die Hand.) Flie⸗ hen Sie weit, ſehr weit. Leben Sie wohl.“* Er lief davon, ohne mir Zeit zu einem Worte zu laſſen. Stumm und ſtarr vor Erſtaunen, ſtand ich noch unbeweglich auf meiner Stelle, als er ſchon laͤngſt weg war.“ „ So bald ich wieder einige Beſinnung er⸗ hielt, entfernte ich mich ſogleich von dem Orte dieſes ſchrecklichen Auftritts, an dem man 8. vielleicht unterſuchen konnte, ob mein großß muͤthiger Henker ſeine Pflicht gethan haͤtte. Ich vergrub mich noch tiefer in den Wald, warf mich dann bei einem Baume nieder, und erwartete den anbrechenden Tag, um zu ſehen, folgungen meines unverſoͤhnlichen Feindes wuͤr⸗ 1 216 „ Ich wankte zwiſchen verſchiedenen Vor⸗ ſaͤtzen. Endlich fiel es mir ein, nach Bre⸗ tagne zur Frau von Ponty zu gehen. Ich hatte keinen Vertrauten mehr in der Welt als dieſe Frau. Vielleicht konnte ich auch das Schickſal meiner Tochter von ihr erfahren. Dieſes Schickſal war noch immer faſt das einzige, was mich bekuͤmmerte, wiewohl mir nicht einmal einfiel, daß man den hoͤlliſchen Einfall haben koͤnnte, ſie zu ermorden.” „ Mit der Daͤmmerung ſtand ich auf, ſuchte mich in der Gegend zu orientiren, und wollte nach dem naͤchſten Dorfe gehen, das mir ins Geſicht fiele; denn ich brauchte et⸗ was Nahrung, um meine erſchoͤpften Kraͤfte zu ſtaͤrken. Auch wollte ich mich nach der Gegend, wo Morlaix laͤge, erkundigen. Ich mußte ſehr behutſam ſeyn, um den Land⸗ huſaren nicht in die Haͤnde zu fallen. Da ich keinen Paß hatte, und mich nicht einmal auf jemand berufen konnte, ſo lief ich Gefahr, — Landlaͤufer aufgehoben, und nach ei⸗ Wihauſe geſc khlpbe zu ue n—.— —,—·—— „ Ich ging alſo aufs Gerathewohl in den Wald, ohne einer beſtimmten Straße zu fol⸗ gen, und ſtieß unverſehens mit dem Fuße an etwas, woruͤber ich beinahe zur Erde gefal⸗ len waͤre. Es war ein kleines Felleiſen, das man mit Laub bedeckt hatte, um es zu ver⸗ bergen; der Stoß meines Fuſſes machte, daß es vor mir hinrollte. Seine Auſſenſeite verſprach nicht viel, aber ſein innerer Werth war deſto groͤßer. Auſſer einigen Kleidungsſtuͤcken von geringem Belange fand ich darin einen ledernen Beutel mit hundert und ſiebzehn Louisd'oren; eine Brieftaſche mit ein paar unbedeutenden Briefen, und— was fuͤr mich das koſtbar⸗ ſte war, einen Reiſepaß. Welch ein gluͤckli⸗ ches Ohngefaͤhr, daß die Beſchreibung des Mannes, dem er gehoͤrte, auch auf meine Per⸗ ſon paßte! Er war zu Paris auf einen gewiſ⸗ ſen Wundarzt, Andrete Charles, ausge⸗ fertigt, der ſich in Breſt einſchiffen wollte, um nach der Inſel Quadeloupe zu ſe⸗ geln.”“ „ Dieſer unverhoffte, gluͤckliche Fund k Maria.“ 218— te mir meine Reiſe nach Morlair ſehr er⸗ leichtern, und ich beſchloß ſogleich, ihn zu nutzen. In Morlaix wollte ich die noͤthi⸗ gen Nachforſchungen anſtellen, um den Ei⸗ genthuͤmer des Felleiſens zu erfahren, und ihm ſein Geld ſo wie ſeine Briefſchaften zu⸗ ruͤckgeben. Ich nahm blos das Geld und die Brieftaſche, nebſt einem reinen Hemde und einer Halsbinde; beides war mir ſehr noͤthig geworden: das uͤbrige ließ ich an dem Drte liegen, wo ich es gefunden hatte; ich wollte mich nicht mit unnoͤthigem Gepaͤcke be⸗ aaſten; und mußte beſorgen, daß mich die andern Sachen bei Manchem in den Verdacht eeines Diebes oder Raͤnbers ſetzen wuͤrden.“ „ Ich traf bald auf ein Dorf. Hier woll⸗ te ich den ganzen Tag bleiben. Ich hatte einige Zeit noͤthig, um mich von den Stra⸗ patzen der Reiſe zu erholen. Ein Paar red⸗ liche Bauersleute, zu denen ich gieng, nah⸗ men mich freundlich auf. Ich ſagte ihnen, daß ich den Abend vorher etwas ſpaͤt aus n von der Herrſtaße ziemnlich entlegenen holen.“ — 219 Hauſe, wo ich Geſchaͤfte gehabt, abgegan⸗ gen ſey; ich haͤtte mich in dem Walde ver⸗ irrt, und die Nacht unter einem Baume zu⸗ bringen muͤſſen. Hier erfuhr ich zugleich, daß eine Raͤuberhorde jenen Wald ſehr unſi⸗ cher mache, und daß vor drei Tagen ein Rei⸗ ſender in dem Walde ermordet worden ſey, deſſen Leichnam und Felleiſen man bisher um⸗ ſonſt geſucht habe. Ein Holzhauer habe aus ſeinem Schlupfwinkel dieſe Ermordung ge⸗ ſehen, ohne ſich hervorzuwagen, und die Sache den Landhuſaren angezeigt. Dieſe letztern ſuchten jetzt die Raͤuber aufzutrei⸗ ben. Es war offenbar, daß jenes Felleiſen dem Ermordeten gehoͤrte, und daß die Raͤu⸗ ber es bloß verborgen hatten, um nicht er⸗ kannt zu werden, und nur anf einen guͤnſti⸗ gen Augenblick lauerten, um es wieder zu „ Ich wandte die Zeit meines kurzen Auf⸗. enthalts bei dieſen gutmuͤthigen Bauern dazu an, um die gefundenen Louisd'or in meine Beinkleider zu naͤhen; ich haͤtte ſonſt fuͤrch⸗ K 2 220— ten muͤſſen, wie der Eigenthuͤmer derſelben, beſtohlen, und vielleicht ermordet zu werden. Den folgenden Morgen trat ich meinen Marſch aan, und kam nach einem langen, etwas be⸗ ſchwerlichen Wege— denn ich hatte beinahe das Gehen verlernt— in Morlaix an. Ich waͤhlte meiner geringen Baarſchaft ge⸗ maͤß ein unbedeutendes Wirthshaus; denn jene Louisd'or waren mein Eigenthum nicht, unnd mit den zwanzig Thalern, die mir mein KRetter geſchenkt hatte, mußte ich ſehr ſpar⸗ ſam umgehen.“ „ Meine erſte Angelegenheit in Morlair war: zu dem Hauſe der Frau von Ponty n gehen; bei ihr allein konnte ich hoffen, ige Nachrichten uͤber meine Tochter zu er⸗ ſalten. Aber dieſe Frau war faſt zu gleicher beiit mit Marien weggefuͤhrt; man wußte nichts weiter von ihren Schickſalen. Traurig und tiefſinnig kehrte ich zu meinem Gaſthofe zuräͤck. Unterwegens begegnete mir ein et⸗ ahrter Mann, der ein Kind von un⸗ Jahren bei der Hand fuͤhrte. Der junge Menſch hatte die auffallendſte Aehn⸗ lichkeit mit meiner Tochter, und dieſe Aehn⸗ lichkeit beſchaͤftigte mich zu ſehr, als daß ich weiter auf den alten Mann geachtet haͤt⸗ te. Ich weiß nicht, was mich zuruͤckhielt, ſie anzureden; ich gieng ihnen aber von wei⸗ tem nach, und ſah ſie in den Gaſthof zum Großen Hirſch hinein gehen. Hier er⸗ fuhr ich, daß ſie den Abend vorher angekom⸗ men waͤren. Den folgenden Tag gieng ich wieder hin, um dem Fremden meine Aufwar⸗ tung zu machen, und ihm zugleich den ge⸗ heimen Beweggrund meines Beſuchs zu ent⸗ decken. Man ſagte mir aber, daß er eben ausgegangen ſey. Ich ließ ihn alſo bitten, daß er den andern Tag auf mich warten moͤch⸗ te. Aber wie traurig! ſchon in der Fruͤhe des folgenden Morgens war er davon gereiſ't. Mit einer hoffnungsloſen Wehmuth hoͤrte i) von dem Wirth dieſe Nachricht. Wie leid war es mir jetzt, daß ich ihn den vorig Tag nicht angerede 3 i ich mir ſelbſt nicht erklaͤren konnte. Aber das Uebel war wieder geſchehen— man konnte ihm nicht helfen.“ 3 „ Grauſamer Mann, rief ich mit Leb⸗ . haftigkeit,— warum— o warum redeten Sie mich denn nicht an, wie Sie mir begeg⸗ neten? wie viel Leiden und Sorgen haͤtten Sie mir— und Sich ſelbſt, welche Qua⸗ len, und welchen Kummer erſpart? Der Fremde im großen Hirſch war ich ſelbſt, und das Kind, das ich an der Hand hielt, Maria, welche Mannskleider angezogen hatte, um nicht erkannt zu werden. Ihre Augen oder vielmehr Ihr Herz hatten Sie icht betrogen. Wiſſen Sie jetzt, daß Ihr Beſuch in meinem Gaſthofe die einzige Ur⸗ ſach meiner ſchleunigen Abreiſe war; denn ich wollte in Morlair ganz unbekannt blei⸗ en der Vorſicht bewundern. Gewiß wollte ben. Aber auch hierin muß ich die Abſich⸗ er Himmel erhalten, indem er nicht zu⸗ daß Sie mich fanden; Sie haͤtteu un⸗ theilen unüſſen. nnd waͤren viel⸗ 4 1 223 leicht nicht mehr am Leben. Aber fahren Sie fort in einer Erzaͤhlung, welche mehr In⸗ tereſſe fuͤr mich hat, als Sie wahrſcheinlich ſelbſt glauben; ich finde darin auffallende Aehnlichkeiten.... fahren Sie fort, mein 8 Theurer, und befriedigen Sie meine gerechte Neugierde.“ „ Es war mir wichtig, fuhr Mariens Vater fort, mich nach der Geſchichte des zufaͤllig entdeckten Felleiſens zu erkundigen. Da Morlaix von Breſt nur ſechs Meilen entfernt liegt, ſo reiſete ich nach Breſt, in der Hoffnung die Sache hier aufs Reine zu bringen. Ich wandie mich an den Corre⸗ ſpondenten des verungluͤckten Reiſenden, deſe ſen Addreſſe in der Brieftaſche angezegt war. So eben hatte er die Nachricht von der ſchrecklichen Ermordung unſers Fremden erhalten, und beſtaͤtigte mir jene Umſtaͤnde, die man mir ſchon erzaͤhlt hatte; ich tht aber, als wenn ich nichts davon wuͤßte. Der Eltern und ſeine Anverwandten verloren, und ſich aus Kummer uͤber dieſen Verluſt ent⸗ Wchloſſen habe, ſein Vaterland zu verlaſſen, Er richtete ſeine Abſichten nach Amerika, machte ſein ganzes Vermoͤgen zu Gelde, und erhielt das Patent als Wundarzt fuͤr das Ho⸗ ſpital der Marine auf der Inſel Guada⸗ ſoupe. Eben war er auf der Reiſe nach Beeſt begriffen, als die Raͤuber auch dieſen edlen Entwurf mit ſeinem Leben zerſtoͤrten.“ „Dieſe Nachricht mußte mir ſehr will⸗ kommen ſeyn; denn ſie zeigte mir, daß jetzt 8 kein Menſch einige Ailſpruͤche aſ vir goſunte dene Summe haben koͤnne, als— ich ſelbſt, kein Naͤuber, ſondern ein ehrlicher Finder. Ich beſchloß, einen kleinen Theil des Geldes 3 einer anſtaͤndigen Kleidung zu verwen⸗ den, und dann auf der Poſt nach Langue⸗ Guͤter hatte. Wie groß, wie einzig war mein Verlangen, ihn nach einer ſo langen, doc zu reiſen, wo mein Vater betraͤchtliche ſo ungluͤcklichen Abweſenheit zu umarmen, ee waͤrmſten? Zurtlichkeiten üm 3 2 einigermaͤßen den Kummer zu verguͤten, wo⸗ mit meine Unbeſonnenheiten ſeine alte Tage umzogen hatten! Aber mein Ungluͤck hatte ihn vollends geſtuͤrzt. Durch einen Proceß hatte er faſt ſein ganzes Vermoͤgen verloren, und ſeine uͤbrigen Guͤter verkauft; man wußte nicht, wohin er ſich gefluͤchtet hatte, und wollte in der Provinz ſogar wiſſen, daß ihn der Kummer in die Gruft geſenkt habe.“* Dieſe Worte waren ein Lichtſtrahl, der alle Nebel von meinen trunknen Augen ver⸗ ſcheuchte.„Ach, mein Sohn, rief ich, mein theurer Sohn! Nach ſo vielem Leiden haben wir uns endlich wieder gefunden— wieder gefunden, um uns nie wieder zu tren⸗ nen.“— Ja, mein Vater, rief auch er, indem er ſich meiner Zuͤge zu erinnern ſuch⸗ te! wie war es moͤglich, daß ich Sie nicht gleich erkannte! Gluͤcklicher Augenblick! lang erſehnter Tag! O wie gluͤcklich bin ich.“ Bei dieſen Worten ſank er zu meinen Fuͤſ⸗ ſen, faßte meine Haͤnde, und uͤberſtroͤmte ſie mit Thnäͤnen. Feſt ſchloß c Maria⸗ a 226.— ihren Vater. Wir hielten uns lange in die⸗ ſer ſuͤßen Umarmung.„ Alſo ſind Sie doch auch mein Vater, ſagte das gute Maͤd⸗ chen; o gewiß, mein Herz ahnete es nicht umſonſt, dieſes Gluͤck, das wir jetzt ſo freu⸗ dig genieſſen.“ Wir erholten uns endlich von der lieb⸗ lichen Ruͤhrung, wozu uns dieſer uͤberraſchen⸗ fuhr in ſeiner Erzaͤhlung fort: „ Ich erfuhr jene Nachrichten von einem Ihrer Paͤchter, auf deſſen Anhaͤnglichkeit ich reechnen konnte, und deſſen Fanilie der un⸗ ſrigen ſchon ſeit mehr als hundert Jahren Sie koͤnnen denken, was ich dabei empfand. Aber mein braver, gefuͤhlvoller Paͤchter ſchon⸗ tee nichts, um meine Lage zu lindern. Ich bitte Sie, ſagte er, mein Haus als das Ih⸗ ige anzuſehen. Welch eine Frende fuͤr miich, daß ich hier einige Gelegenheit finde, Ihrer de Auftritt hingeriſſen hatte, und mein Sohn ihre Treue und Freundſchaft bewaͤhrt hatte. Fanillie fuͤr ſo viel große Dienſte meine Dank⸗ barkeit zu zeigen! Der Wohlſtand, in dem —— 8 ich jetzt lebe, iſt das Werk Ihrer Familie; ich wuͤrde ein undankbarer, ehrloſer Menſch ſeyn, wenn ich dieſen Wohlſtand nicht mit Ihnen theilen wollte. Verſprechen Sie mir, Ihre Tage in meiner genuͤgſamen Huͤtte zu verleben, oder doch ſo lange zu bleiben, bis das Schickſal ſeine Ungerechtigkeiten wieder gut gemacht, und Ihnen eine Stelle ver⸗ ſchaft hat, wie ſie ihrem Stande und Ihren Talenter gebuͤhrt.“ „ Och konnte das großmüthige Anerbie⸗ ten dieſes vortrefflichen Mannes nicht ab⸗ ſchlagen. Aber das Ungluͤck war noch nicht muͤde, mich zu verfolgen. Ich ſollte die Fruͤchte dieſer Großmuth nicht lange genieſ⸗ ſen. Schon nach acht Monaten ſtarb mein wuͤrdiger Wohlthaͤter, und ich wartete nicht ſo lange, bis ſeine groben und gierigen Ver⸗ wandten mir die Thuͤr wieſen. Es war ein Gluͤck, daß ich noch wenig von dem ge efun⸗ denen Gelde ausgegeben hatte. Ich ging 8 nach einem kleinen Dorfe ohnweit Bezier 3, unnd lebte daſelbſt zwei Jahre von dieſen Gel⸗ de. Wenige Menſchen lebten ſo ſparſam als ich. Gleichwohl war meine Boͤrſe nach zwei Jahren bis auf die letzten Thaler geleert.“ „ Ich mußte mich zu irgend etwas ent⸗ ſchließen, und wandte den kleinen Reſt mei⸗ nes Geldes an, mir eine Pilgerkleidung an⸗ zuſchaffen; ich ließ meinen Bart wachſen, und naͤhrte mich von den Geſchicklichkeiten, die ich meiner Erziehung zu danken hatte. Schon ſeit fuͤnfzehn Monaten bin ich durch einen Theil Frankreichs gereiſ't. Meine eif⸗ rigſte Sorgfalt verſchafte mir kanm den taͤg⸗ lichen, nothduͤrftigſten Unterhalt, oft nicht ſo viel, daß ich unter einem Obdach ſchlafen konnte. Meine ſtarke Geſundheit erlag un⸗ ter einer ſolchen Lebensart, und verzehrte ſich ſichtbar. Aber der Ekel, den ich ſeit mei⸗ ner fruͤhen Jugend gegen die oͤffentlichen Kran⸗ kenhaͤuſer fuͤhlte, hielt mich ab, in dieſen Wohnſthen des Jammers Huüͤlfe zu bhenn 8 und— wuͤrde ihn gefunden haben, 1 mich nicht ein guͤnſtiges, ſeltnes Geſc —— des erbarmenden Himmels in die Arme des beſten Vaters und einer zaͤrtlich geliebten, ſchon verloren gegebenen Tochter gefuͤhrt.“ zotes Kapitel. Nach dieſer langen, trauervollen Erzaͤhlung fragte mich mein Sohn, durch welchen gluͤck⸗ lichen Zufall Maria in meine Haͤnde gera⸗ then ſey, und ſie ſelbſt erzaͤhlte ihm umſtaͤnd⸗ lich ihre Geſchichte. Da ſie an die Stelle kam, wo ihr der großmuͤthige Unbekannte, den man zu ihrem Moͤrder beſtellt hatte, wie ih⸗ rem Vater das Leben ſchenkte, ſo aͤußerte mein Sohn ſein herzliches Bedauren, daß er von dieſem aͤußerſt ſchaͤtzbaren Manne gar keine Nachricht weiter erhalten habe, und fuͤrchtete, daß er wahrſcheinlich das Opfer ſeiner Großmuth geworden ſey; denn man haͤtte doch nachher Mariens Aufenthalt wie⸗ der entdeckt und ſie ſogar mit ihrem Gioß⸗ vater zu jenem Gefaͤngniſſe gebracht, wo ſie beide ohne die Zwiſchenkunft eines kuͤhnen, ſtaunenswerthen Zufalls noch in ihren Feſ⸗ ſeln ſchmachten muͤßten. Aber Maria be⸗ ruhigte ihn einigermaßen wieder durch die Vermuthung, die ihr durch alle Umſtaͤnde ihrer Gefangenſchaft faſt uͤber jeden Zweifel erhoben wuͤrde, daß jener Unbekannte ihr nachmaliger Kerkermeiſter geweſen ſey; eine Vermuthung, welche mir freilich mit neuer Bitterkeit vorwarf, daß ich vergeſſen hatte, ihm in dem Augenblick unſerer Trennung meine Adreſſe zu geben. Das Ohngefaͤhr hatte mir indeſſen ſo viele ſeltſame, gluͤckliche Aben⸗ theuer zugefuͤhrt, daß ich ihm auch das Wie⸗ derſehen dieſes Unbekannten faſt mit blinder Hofſnung anheim ſtellte. Da ich meinen Sohn von dem Beſuch, den ich von den drei verſchleierten Damen in 3 unſerm Gefaͤngniſſe erhielt, von den Thraͤ⸗ nen, welche die kleinſte Dame an Mariens Bette vergoß, und von ſhrer Theilnahme an anſemn Schtſnen erzaͤhlte, rief er! 3a 7 eine gute Mutter, und darf ſie nicht einmal umarmen. Welch' ein grauſames Schickſall “ wohl, daran erkenne ich ſie; dieſer gefaͤhr⸗ liche Schritt war ganz in ihrem Charakter. Ja, ja, meine theure Maria, es war deine Mutter, die du umarmt haſt. Keine andere haͤtte dieſe dreiſte, dieſe tollkuͤhne Unterneh⸗ mung gewagt; aber ſie— deine Mutter uͤber⸗ ſprang alle Hinderniſſe, trotzte allen Gefah⸗ ren, um endlich nur auf einen Augenblick — ihre Tochter zu ſehen. Zaͤrtliche, muͤt⸗ terliche Liebe! zu welchen edlen, erhabnen Unternehmungen entzuͤndeſt du dich in einer ſtarken großmuͤthigen Seele!“— Aber, ſag⸗ te Maria, wenn dieſe Dame meine Mutter iſt, ſo kann ich ja wohl noch einmal hoffen, ſie zu ſehen; wie wuͤrde es mich freuen, wenn ich ſie an meinen Buſen druͤcken, wenn ich ihre Wangen liebkoſen koͤnnte.—„ Eitle Hoffnung!“— Eitel? Und warum denn? —„ Fuͤr dich iſt ſie todt!“— O wie trau⸗ rig!—„Zwiſchen euch liegen undberſteig⸗ liche Kluͤfte.“— Ich habe eine Mutter, * 232 „ Der Wille des Himmels! meine Tochter, du mußt dich unterwerfen.“— Wenn ich dahin floͤge, wenn ich ſie aufſuchte— „Du wuͤrdeſt dich und deine Mutter in Le⸗ bensgefahr ſtuͤrzen, wenn du dich ihr zu erken⸗ nen gaͤbeſt.“— Mein Leben waͤre mir gleich⸗ guͤltig; aber das ihrige... Ich wuͤrde mei⸗ nen lezten Blutstropfen wagen, um es zu friſten! Maria zerfloß beinahe in Thraͤnen. Erſt nach langen Bemuͤhungen gelang es uns, ſie zu troͤſten und ihr die Gruͤnde begreiflich zu machen, warum ſie ihre Mutter nicht ſehen durfte. Sie hatte wirklich viel Vernunft, und ergab ſich endlich einer Nothwendigkeit, die ihr freilich ſehr barbariſch ſchien. Um ihre ungeſtuͤmen Begierden gegen eine neue Gaͤhrung zu ſichern, verabredete ich mit meinem Sohn, ihr den Namen ihrer Mutter zu verſchweigen, Es war beſſer, daß dieſer Name in einer ewigen Vergeſſenheit ruhte. Unvorhergeſehene Zufaͤlle zwangen uns frei⸗ lich nachher, ihr dieß Geheimniß zu offen⸗ baren, Aber ſie war damals auch verſtaͤndig — 323 genug, keinen unvorſichtigen Gebranch davon zu machen.. Allmaͤhlig verbeſſerte ſich die Geſundheit* meines Sohnes. Ruhe, angenehme und maͤſ⸗ ſige Arbeiten, eine reiche und geſunde Nah⸗ rung, alles trug dazu bei, ihm ſeine verlor⸗ nen, durch den hoͤchſten Grad von Armuth erſchoͤpften Kraͤfte wieder zu geben. Aber die Spuren des Ungluͤcks und Kummers woll⸗ ten keinem Heilmittel der Zeit weichen; ſie waren zu tief auf ſeine Stirne gezeichnet. Seit den Auagenblicken unſorä Wiodorſohons, uyd noch mehr unſers Wiedererkennens, leb⸗ ten wir in unſerer ſtillen Einoͤde ſehr gluͤck⸗ lich. Die Langeweile plagte uns ſo wenig, daß uns die Tage zu kurz ſchienen. Wir ver⸗ ſetzten uns in die vorigen Zeiten, aber ohne ein Gefuͤhl der Bitterkeit, ſondern wie frohe Wanderer, die ſich von den abſcheulichen Ge⸗ genden, von den gefaͤhrlichen Stellen ihrer Wanderſchaft, und von ihren gluͤcklich uͤber⸗ ſtandenen Gefahren unterhalten. Hell und rein war unſere Gilrſeigkenz nichis feßhete 234— ihren lieblichen Lauf. Vorzuͤglich mehrte Ma⸗ ria durch ihre geiſtvollen Talente, ſo wie durch die Sanftheit ihres Charakters die Menge unſerer Genuͤſſe. Voll von einem natuͤrlichen, lebhaften Frohſinn, ergoͤtzte ſie uns durch ſinn⸗ reiche, ſchickliche Einfaͤlle, und durch einen Anſtrich von Originalitaͤt, der auch uͤber die gemeinſten Dinge ihrer Geſpraͤche einen ſon⸗ erbaren Reiz ausbreitete. Unſere tiefe Ein⸗ ſamkeit machte ihr keine langweiligen Stun⸗ den, denn ſie kannte die große Welt nicht, und wir ſuchton ihr ſo niel wir konnten. alle Zerſtrenungen der Jugend mit allen Rri⸗ zen der Neuheit und Abwechſelung zu vei⸗ ſchaffen. Dieß gelang uns ohne viel Muͤhe. Unſer vorzuͤglichſtes Vergnuͤgen war die Mu⸗ ſik. Wir bedauerten nur, daß uns bei die⸗ ſen Unterhaltungen der belebende Geiſt un⸗ ſers Klugs fehlte. Noch war auſſer ihm eine einzige Perſon ig, die ich in unſrer Geſellſchaft zu haben 235 barkeit gegen ſie abzutragen:— die Frau von Ponty. Sie bedurfte gewiß unſerer Huͤlfe; denn ſie hatte durch die Revolntion faſt ihr ganzes Vermoͤgen verloren. Die Er⸗ kundigungen, die ich uͤber ihre Lebensart und ihren Charakter eingezogen hatte, fielen ſehr 3 vortheilhaft fuͤr ſie aus; unſere Geſellſchaſt konnte durch ihre Gegenwart nur gewinnen. Ich traf ins geheim alle Anſtalten, um auch dieſen meinen Lieblingswunſch zur Erfuͤllung zu bringen, und ſagte weder meinem Sohne noch Marien etwas davon. Ich wollte ſie uͤberraſchen. Es wunderte mich, daß Ma⸗ ria ihrer gar nicht mehr erwaͤhnte, und ich hatte beinahe Luſt, ſie der Undankbarkeit zu zeihen. Nachher erfuhr ich, daß ich ihr un⸗ recht gethan hatte, und verſtand mich gern zu einer foͤrmlichen Abbitte bei der Entde⸗ ckung eines Geheimniſſes, das ſie mit der groͤßten Sorgfalt zu verhuͤllen ſuchte. * Reſt meines vorigen Vermoͤgens war mehr als hinreichend, um mir alle Ge⸗ 236 2— mittelmaͤßigen Lebens zu gewaͤhren. Maria durfte nie Mangel leiden. Bei jeder Gele⸗ genheit, wo ich Guͤter verpachtete, oder ei⸗ nen Handel traf, wurden ihr kleine Sporteln ausbedungen. Ich wußte, daß ſie gegen die Armen ſehr wohlthaͤtig war. Wie menſchen⸗ ſeindlich, wenm ich ihr alle Mittel geraubt haͤtte, eine ſo edle Neigung zu befriedigen! Mit der innigſten Freude erfuhr ich, daß ſie den groͤßten Theil ih res erſparten Geldes zur AUnterſtuͤtzung der Fran von Ponty ange⸗ wandt hatte. Mein Gaͤrtner war ihr Ver⸗ trauter, und mußte der guten Frau das Geld ubermachen, ohne ihr die wohlthaͤtige Hand dder Geberin zu verrathen. Sie erfuhr es erſt einige Tage nach ihrer Ankunft auf mei⸗ nem Gute, und glaubte anfangs die Quelle der erhaltenen Wohlthaten in mir ſuchen zu muͤſſen; denn das, was ich jetzt fuͤr ſie that, ſchien dieſe Vermuthung zu beſtaͤtigen. Ich ſelbſt aber wußte von der ganzen Sache gar nichts, und mein Verdacht fiel auf Marien. Ich ließ meinen Gaͤrtner, der ihr ganzes Ver⸗ ——, — 237 trauen beſaß, rufen, und brachte vhſ Maͤhe die Wahrheit heraus. Ich habe es ſchon geſagt, daß ih Ma⸗ rien und meinen Sohn auf eine angenehme Art uͤberraſchen wollte. Dieſe Abſicht ge⸗ lang. Unvermuthet kam Frau von Ponty an, und wurde meiner Familie als eine Freun⸗ din von mir vorgeſtellt, die unſere Einſam⸗ keit verſchoͤnern wuͤrde. Bei dem erſten Blick warf ſich Maria in ihre Arme und hielt ſie lange umſchloſſen. Die ſchoͤnſten Wonne⸗ zaͤhren von beiden Seiten;— ich verweilte mit innigem Vergnuͤgen auf dieſer ruͤhrenden Scene. Die Frau von Ponty hatte Muͤhe, ſich meines Sohns zu erinnern, weil das Un⸗ gluͤck ſeine Zuͤge ganz unkenntlich gemacht hatte; auch hatte ſie ihn damals nur ein 8 paar Augenblicke in ihrem Hauſe geſehen. Endlich erkannte ſie ihn, und pries uns uͤber 4 8△ dieſe eben ſo ſonderbare als angenehme Wie⸗ dervereinigung gluͤcklich. Ich hatte ſo viele Proben von der Redlichkeit und Freundſchaft der Frau von Ponty, daß ich ihr aus un ſern Verhaͤltniſſe ſo wie aus Mariens Geburt kein Geheimniß machte, und fand nie Urſach, mein großes Vertrauen zu bereuen. Den zweiten Tag nach ihrer Ankunft mach⸗ ten wir einen Luſtgang nach la Barre. Ich wollte ihr jenen Lieblingsort zeigen, wo ich ein paar anmuthige Anlagen gemacht hatte. Mein Sohn, Frau von Ponty nnd ich blie⸗ ben etwas zuruͤck. Maria war mit ihrem Guͤnſtlinge, mit meinem Hunde, den ſie gern im freien Felde herumlaufen ließ, vorausgeeilt. Ich ſah auf einmal durch die Gebuͤſche, die ſich an dem Huͤgel erhoben, einen Reiter kom⸗ men, dem Maria mit froͤhlicher Geſchaͤftig⸗ keit zueilte. Dieß ſchien mir auffallend; wir eilten ihr nach. Der Mann ſprang vom Pfer⸗ de. Zu unſerm noch groͤßern Erſtaunen ſtreckte ihm Maria die Arme entgegen— ſie um⸗ ſchlang ihn mit der lebhafteſten Freude.„Ein ſonderbarer Vorfall, rief ich zu meinem Sohn und der Frau von Ponty. Wahrhaftig, das Maͤdchen iſt unbegreiflich; alles was ihr wir: derfaͤhrt hat dieſen ſäglanenan Anfflich Abe laßt uns doch lehenn Kaum hatte ich ein paar Blicke auf unſern neuen Fremden geworfen, als ich mich auch ſchon, ohne mich weiter um Marien zu kuͤmmern, in ſeine Arme warf. Ich druͤckte ihn an meinen Buſen— ach, ich war ſo beſtuͤrmt vom Drange meiner Empfindungen, daß ich nur die wenigen Worte ſagen konnte: „ Es waͤre alſo kein Traum! Sie ſind's, mein wuͤrdiger Freund, ja, Sie ſind es.“ Nach den erſten Augenblicken von Erholung ſtellte ich ihn meinem Sohn und der Frau von Ponty vor, und hatte kaum den Na⸗ men Klug— denn meine Leſer begreifen es ſchon, daß es kein anderer war— ge⸗ nannt, als ihn beide, beſonders mein Sohn, mit den zaͤrtlichſten Ausdruͤcken von Freund⸗ ſchaft empfingen.— Maria hatte noch kein Wort geſagt, aber große Thraͤnen glaͤnzten in ihren Augen. Alng bemerkte des, und nde odiüwch auſ⸗ 4 2398 Die Neugier befluͤgelte unſere Schritte. — 240— uns das Schickſal auch unſern beſten Freund finden laſſen; unſere langen, heißeſten Wuͤn⸗ ſche ſind nun erfuͤlt.. O noͤchten wir unz nicht wieder trennen.— Du haſt Recht, meine Tochter. Ich hoffe, unſer Freund wird uns dieſe Bitte nicht abſchlagen. Er wuͤrde grauſam ſeyn, wenn er das kö3ͤnnte.—„ Ja wohl, verſetzte der liehenswuͤrdige Mann. Sie ſind unentbehrlich zu meinem Gluͤcke ge⸗ worden; möchte ich mich Ihrer Freundſchaft werth zeigen koͤnnen.“— Ach! wer, fiel ich ſchnell ein, wer ſollte ſie mehr verdienen, als Sie... Sie, der Retter meiner Maria, meines Sohnes, und mein eigner Retter; un⸗ ſere Dankbarkeit.—„» Man findet, unterbrach er mich, ſo wenig Gelegenheiten, wahrhaft nuͤtzlich zu werden, und die Wohl⸗ thaͤtigkeit an ſich gewaͤhrt ein ſo ſuͤßes Ver⸗ gnuͤgen, daß man ſich daraus kein Ver⸗ dienſt machen kann.“ Wir umarmten uns von neuem, und freueten uns des gluͤcklichen 1 Inundes. Wir ſetzten unſe rn Spaziergang nicht fort, Augenblicks, wo dieſer ſeltte Mann ſeine er Freundſchaft von neuem begränden ſondern gingen ſogleich nach Hauſe. Klugs Pferd wurde in den Stall gefuͤhrt, und ihm ſelbſt ein erfriſchendes Fruͤhſtuͤck aufgetragen. Maria, die ſich's beſonders angelegen ſeyn ließ, ihm aufzuwarten und ſeinen kleinſten Beduͤrfniſſen zuvorzukommen, bat ihn, daß er uns nach dem Eſſen, wenn er nicht zu muͤde waͤre, erzaͤhlen moͤchte, wie es ihm ſeit un⸗ ſerer Trennung ergangen ſey.„Nicht allein das ſollen Sie wiſſen, verſetzte er; ſondern da Sie mich nun einmal in Ihrer Mitte auf nehmen wollen, ohne mich weiter zu kennen, ſo muͤſſen Sie auch billig erfahren, wer ich bin; und hieruͤber ſollen Sie meine offenher: zigſte Beichte hoͤren.“ Wir dankten ihm fuͤr dieß angenehtie 3 Verſprechen, und harrten voll Sehnſucht des alten Anſpruͤche auf unſer Vertrauen und wuͤrde. —— 242 keinem niedrigen Eigennutz geſtempeltes Ge⸗ fuͤhl hatte uns zuſammen gefuͤhrt; unſere Herzen gluͤhten von dem gegenſeitigen Be⸗ duͤrfniß, zu lieben, und die ſuͤßeſte Of⸗ ſenherzigkeit ſchmuͤckte die Feſſeln, die uns umſchlangen, mit neuen Reizen. Der Himmel war rein, die Luft unge⸗ truͤbt; alles verkuͤndigte einen heitern Abend. Wir wollten anfangs nach dem Eſſen in den Saal gehen. Aber auf meinen Vorſchlag begaben wir uns nach der Inſel la Barre, ſetzten uns in einen Kreis, und unſer neuer Geſellſchafter begann die Geſchichte ſeines Lebens. Der Leſer wird ſie im folgenden Kapitel finden⸗ 21ſtes Kapitel. „ Ich bin nicht von adelichen Eltern gebo⸗ ren. Aber ein unbeſcholtner, ehrenvoller Na⸗ me, durch einen Zeitraum von dreihundert Jah⸗ ren von meiner Familie behauptet— iſt ein ſo ſeltner, unzweideutiger Vorzug, daß es mir vergoͤnnt ſeyn wird, etwas ſtolz darauf zu 3 ſeyn. Kurz nach der ungluͤcklichen Schlacht bei Poitiers, worin der Koͤnig Johann von dem beruͤhmten ſchwarzen Prin⸗ zen**), dem Zeitgenoſſen und Nebenbuhler des beruͤhmten Bertrand von Guesklin, des Kronfeldherrn von Frankreich, zum Ge⸗ fangenen gemacht wurde— zu dieſer Zeit —) Der ſchwarze Prinz war Sduards des dritten, Koͤnigs Den Namen des ſchwar von der Farbe ſeines Harniſch “— 2 2 244— ließ ſich meine Familie in Abbeville nieder, und hat ſeit dieſer Zeit von Kind zu Kindes⸗ kindern herab ununterbrochen eine Tuch⸗ und Wollen⸗Fabrik gehabt, die ihr Anſehn und betraͤchtliche Reichthuͤmer einbrachte. Frei von allem Ehrgeitz und zu ſehr mit ihrem Han⸗ del beſchaͤfftigt, als daß ſie ſich auf Liſt und Intriguen gelegt haͤtten,— wollten meine Vporfahren weder die Adelsbriefe, die ihnen zu verſchiedenen Zeiten angeboten wurden, noch ſolche Bedienungen annehmen, die ihnen zu⸗ gleich den Adelsbrief verſchafft haͤtten; ſie wollten lieber die erſten Buͤrger, als die unterſten Adlichen ſeyn; ein Stolz, den man ihnen verzeihen wird. Sie ſahen zwar icht auf alle Ehrentitel mit veraͤchtlichen Zlicken herab; aber ſie waren immer der Mei⸗ nung geweſen, daß der Adel den Untergang hres Hauſes nach ſich ziehen wuͤrde. Dieß woar einer der erſten Grundſaͤtze, die ſie ihren Kindern einpraͤgten. 3 8 8 5. 8 illie ebte ihr Anſehen und ihre Ge⸗ ter, der letzte Sproͤßling dieſer — 245 ſinnungen, beſaß ein Vermoͤgen von ohngefaͤhr nennmal hundert tauſend Livres, hielt eine ſehr große Anzahl Fabriken im Gange, und beſchaͤfftigte allein beinahe zwei hundert Ar⸗ beiter; ſein Handel erſtreckte ſich faſt in alle bekannten Welttheile. Er hatte ſein ganzes Vermoͤgen in die Handlung geſteckt, und be⸗ ſaß an liegenden Gruͤnden bloß ein Gut von hundert tauſend Livres, nicht weit von A b⸗ beville.“ 2 „ Er vetmaͤhlte ſich mit einem zungen, ſchoͤnen und ſittſamen Maͤdchen, das in Ver⸗ gleichung mit ihm nicht reich war; denn ſie brachte ihm nur ſechzig tauſend Livres zur Ausſteuer mit, und hatte nach dem Tode ih⸗ rer Eltern auch nur eine aͤhnliche Summe zu erben. Ich war das einzige Pfand ihrer Liebe. Meine Geburt koſtete meiner Mutter das Leben. Mein Vater, den dieſer Verluſt tief erſchuͤtterte, war zwar noch ſehr jung, aber konnte ſich nie zu einer zweiten Heirath entſchlieſſen. Mit der ſorgfaͤltigſten Treue fuͤr ſeine Handelsgeſchaͤfte verbind. 246— zaͤrtlichſte Sorgfalt fuͤr ſeinen Sohn, und ließ mir eine ſehr gute Erziehung geben. Ich ſollte nach ſeinem Willen einſt mit Vortheil in der Welt auftreten koͤnnen. Dieſer Unter⸗ richt wurde keinem Undankbaren gegeben; ich erfuͤllte ſeine ſaͤmmtlichen Hoffnungen.“ „Schon fruͤhe gab er mir Anweiſung in ſeinen Handlungsgeſchaͤften, und vertraute mir— ich hatte damals kaum das zwan⸗ zigſte Jahr erreicht— ſeine Buchhaltung an. Meine Arbeiten befriedigten ihn. Dormond, (dieß war der Name unſerer Familie) Dor⸗ mond, ſagte einſt mein Vater zu mir, du haſt nun bald das zwanzigſte Jahr erreicht; es iſt Zeit, daß du auf deine Verheirathung denkſt. Ich ſehe mein Alter herankommen, und moͤchte nooch ſo gern ein Zeuge deines Gluͤcks ſeyn, 1 ehe mich der Tod zu meinen Vaͤtern ver⸗ ſammelt. Du biſt in den angeſehenſten Ge⸗ ſellſchaften der Stadt und umliegenden Ge⸗ gend bekannt. Sieh dich um, und waͤhle dir ein Maͤdchen, das deinen Wuͤnſchen entſpricht. Du brauchſt nicht auf Reichthum zu ſehen; ich beſitze genug, um deiner Braut eine rei⸗ che Ausſteuer zu erlaſſen; aber ich fordre Sittſamkeit, Grundſaͤtze, Tugend. Geh, mein Sohn und waͤhle ſelbſt;— wir wollen balb eins werden.“ „Ich dankte meinem Vater fuͤr dieſe groß⸗ muͤthige Sorgfalt, ſagte ihm aber, daß ich noch faſt zu jung ſey, um ans Heirathen zu denken, und daß ich mich in einer ſo wichti⸗ gen Angelegenheit des menſchlichen Lebens nicht uͤbereilen wolle. Doch verſprach ich ihm, nichts zu verſaͤumen, was zur Foͤrderung ſei⸗ ner Abſichten dienen koͤnnte.“ „Ich war ein leidenſchaftlicher Freund von der Jagd, und widmete ihr alle meine muͤſſigen Stunden. Einſt hatte ich umſonſt auf Beute gelauert, und verfolgte die Faͤhrte eines Wildes, das mir entwiſcht war. Un⸗ vermerkt befand ich mich uf den Jagd⸗Re⸗ vieren des Grafen von Reu, welche an die unſrigen graͤnzten. Zwei Jaͤger des Grafen halten mich an, und fragen mich voll Un⸗ verſchaͤmtheit, wer mir das Recht gegeben 248— habe, auf einem fremden Gebiethe zu jagen. Ich anrwortete, es ſey aus Verſehen geſche⸗ hen.„ Uebrigens haben Sie gar kein Recht, meine Herren, mit mir in einem ſo groben Ton zu ſprechen.“ Die Leute wollen keinen Spaß verſtehen, und ſchimpfen noch groͤber, ſchieſſen vor meinen Augen einen meiner beſten Hunde todt, und treiben die Frechheit ſo weit, daß ſie naach mir zielen. Dieſe Beleidigung bringt mich auſſer Faſſung. Ich trotze ihren Dro⸗ hungen, gehe auf ſie los, und mache ſie wehr⸗ los. Jetzt eilen mehrere von ihren Kame⸗ raden herbei. Man umringt mich. Meines Muths ungeachtet muß ich der Ueberzahl wei⸗ chen, mir die Haͤnde binden laſſen, und werde nach Abbeville ins Gefaͤngniß geſchleppt.“ „ Mein Vater erhielt kaum Nachricht von dieſem ungluͤcklichen Vorfall, als er ſogleich aalles aufbot, um die Sache zu unterdruͤcken; aber vergeblich. Der Prozeß nahm eine ſchlim⸗ me Wendung fuͤr mich. Mehrere Richter, die meinen Vater kannten und bedauerten, verſchwiegen ihm nicht, daß meine Strafe die — 249 Galeere ſeyn wuͤrde; es moͤchte ſchwer faſt unmoͤglich ſeyn, mich davon zu retten, wofern er nicht irgend einen maͤchtigen Goͤnner fuͤr mich geneigt machen koͤnnte. Der Graf von Ree betrieb meine Verurtheilung mit allem Eifer der Rache. Ich ſtand auf dem Punkt, das ungluͤckliche Schlachtopfer meiner Unbe⸗ ſonnenheit zu werden, als— nach einem gro⸗ ßen Aufwande von Muͤhe, Wegen und Geld, mein Vater Mittel ſchaffte, den angefangenen Prozeß zu unterdruͤcken.“ „ Er hatte oͤfters Gelegenheit gehabt, ei⸗ nem der hohen Staatsbedienten des Grafen von Duu mit ſeinem Kredit und ſeiner Boͤr⸗ ſe zu dienen. Dieſer ſittenloſe Menſch, der ſeinem hohen Poſten wenig Ehre machte, hatte ſich das Vertrauen des Fuͤrſten in einem ſo hohen Grade zu erſchleichen gewußt, daß ſich der letztere ſeinen Worten und ſeinem Rath mit blinder Sorgloſigkeit uͤberließ. Mein Va⸗ ter ging zu ihm, und bat ihn, ſich meiner bei dem Fuͤrſten anzunehmen. Freilich erkaufte er ſeine Hulfe ſehr theuer; aber ich war ſein 2 3 25⁰— einziges Kind... er wuͤrde ſein ganzes Ver⸗ moͤgen daran gewandt haben, um mich von dem drohenden Schickſal zu retten. Der ei⸗ gennuͤtzige Guͤnſtling ſprach mit dem Fuͤrſten von mir, und der Fuͤrſt ließ ſich herab, mir zu helfen, und bei dem Grafen den Vermitt⸗ ler zwiſchen uns zu machen. Die Sache wurde endlich beigelegt. Dieſe Ausſoͤhnung koſtete meinen Vater viermal hundert tauſend Livres; aber— ſein Sohn war gerettet.“ „ Iſt man einmal ungluͤcklich geweſen, ſo ſcheint Fortuna ſich ein grauſames Spiel dar⸗ aus zu machen, uns ganz zu vernichten. Kurz nach dem ungluͤcklichen Prozeß, der meinen Vater die Haͤlfte ſeines Vermoͤgens koſtete, richtete ihn ein foͤrmlicher Bankerut vollends zu Grunde. Gleichwohl blieb er ein ehrlicher Mann. Er ahmte der gewoͤhnlichen Sitte unſerer heutigen Kaufleute nicht nach, ſondern bezahlte alles, was er ſchuldig war: er verlor ſein Vermoͤgen, nicht ſeine Ehre. Aber dieſe vielen Schlaͤge des Ungluͤcks, die ſo ſchnell auf einander folgten, hatten das vaͤterliche Herz 1 7 zu ſchmerzlich verwundet; er wurde krank, und ſtarb nach einigen Tagen in meinen Armen.“*— „ Dieſer Tod war mir deſto ſchmerzlicher, weil ich mir vorwerfen mußte, daß ich den erſten Grund zu ſeinem Verdelden gelegt hatte. Die reiche Erbſchaft, worauf ich bisher rech⸗ nen konnte, war auf einmal entſchwunden. Nichts blieb mir uͤbrig, als die Guͤter mei: ner Mutter, die man nicht angreifen durfte. Der Werth dieſer Guͤter, die meinem Vater allmaͤhlig durch Erbſchaften zugefallen waren, mochte ſich etwa auf fuͤnfzig tauſend Thaler belaufen. Ich brachte meine Gelder auf eine vortheilhafte Art unter und wollte mich dem Handelsſtande, zu dem ich keine wahre Nei⸗ 3 hatte, entziehen; ich hatte die Han⸗ delsgeſchaͤfte nur meinem Vater zu Geſallen getrieben. Wenn mich der Ueberr 8 Vermoͤgens nicht reich machte, ſo w rdoch zu einer wohlhabenden Unabhaͤngigkeit hin⸗ eichend; mein Chrgeſ dane nae nithts mehr. einer beſtimmten Lebensart entſchließen, ſon⸗ dern beſchloß, hieruͤber meine Gewohnheiten und die eigenthuͤmlichen Neigungen meiner Seele erſt reiflich zu Rathe zu ziehen.“ „ Meine Geſchichte hatte indeſſen viel Aufſehen gemacht. Der Graf von Du woll⸗ te mich kennen lernen, und ſein Guͤnſtling ergriff mit Freuden dieſe Gelegenheit, mich ihm darzuſtellen. Wahrhaftig, ſeine Gunſt war mir theuer genug zu ſtehen gekommen, und er waͤre ein Unmenſch geweſen, wenn er eine Gelegenheit verſaͤumt haͤtte, mir nuͤtz⸗ lich zu ſeyn. Ich gefiel dem Fuͤrſten. Er wuͤnſchte mich in ſeinen Dienſten zu haben. Da ich aber nicht Luſt hatte, einer gewiſſen Unabhaͤngigkeit zu entſagen, ſo machte ich die Bedingung 2 daß ich nicht zur Klaſſe der Perſon aus dem ii a des Fuͤrſten ab. Bald gewann ich ſeine Gunſt und ſein Vertrauen. That kam es nur auf mich an, ſein hielt ich nachher.“ ſchaft des jungen Barons von Beie und der — 253 Freund im ſtrengſten Verſtande des Worts zu werden. Aber dieſe Rolle war meinen Nei⸗ gungen zuwider. Ich war ſo kuͤhn, ihm die⸗ ſe und aͤhnliche Wahrheiten ſogar ins Geſicht zu ſagen. Sonderbar, daß er ſich daruͤber gar nicht entruͤſtete. Er achtete mich nur deſto mehr, und ſein Vertrauen ſchien in eben dem Grade zu wachſen, als ich in meinem Betragen die Delikateſſe des freien Mannes blicken ließ; er pruͤfte meine Talente durch einige ſehr ſchwere, dornichte Auftraͤge. Ich war ſo gluͤcklich, ihn zu befriedigen. Dieſer erwuͤnſchte Erfolg meiner Bemuͤhungen, den ich im Grunde mehr der Gunſt des Unge⸗ 8 faͤhrs als meiner Geſchicklichkeit zu danken hatte, gab dem Fuͤrſten ſolche hohe Begriffe von meiner Vorſicht, daß er mich nicht an ders als Klug nannte. Dieſen Namen be⸗ „ Jedermann weiß, daß die aemme Lieh⸗ Graͤfin von Diu damals viel Aafſther Be na. te, Schon mehrere Jahre hälus 8 254— unbedachtſame als ſtrafbare, Juͤngling in der Baſtille fuͤr ſeine Uebeſonnenheiten ge⸗ buͤßt, und mit einer edlen Standhaftigkeit nie den Ort nennen wollen, wohin er das Pfand jener Liebſchaft gebracht hatte. Denn man wußte, daß es ihm gleich nach der Ge⸗ burt uͤberliefert ſey. Fuͤr die meiſten Men⸗ ſchen war das Daſeyn dieſes Kindes noch ein Geheimniß; man legte es darauf an, es nie zum Vorſchein kommen zu laſſen, um kein oͤffentliches Dokument fuͤr jenes Daſeyn zu haben.“ „ Der Guͤnſtling des Fuͤrſten, eben der Mann, der mir die erſte Protection deſſelben zuwandte, bot alle Mittel auf, um dieſes Geheimniß von dem armen Gefangenen zu erpreſſen. Ein gluͤcklicher oder boshafter Ein⸗ fall fuͤhrte ihn endlich zum Ziel. Es fand ſcc ein niedertraͤchtiger Menſch, der ſich durch das Verſprechen einer betuͤchtlichen Summe, ddie man ihm nie ausbezahlt hat, verleiten eß, ſich in das Gefaͤngniß des Barons ein⸗ kornenz lnſſen, und das Vertrauen deſſel⸗ — 255 ben durch die moͤglichſten Raͤnke zu gewin⸗ nen. Erſt nach langer Zeit war er ſo gluͤck⸗ lich, den Vogel in ſeinen Netzen zu fangen. Zur Belohnung dieſes bedeutenden Dienſtes wurde er in ein anders Gefaͤngniß geſchleppt, worin er nach einigen Monaten, wahrſchein⸗ lich aus Kummer, ſeinen Geiſt aufgab.“ Mit den noͤthigen Ausſagen dieſes Man⸗ nes verſehen, erſann der Guͤnſtling des Gra⸗ fen ſeinen hoͤlliſchen Plan. Der Graf ſelbſt wollte den Baron nach einem einſamen Ort auf der Inſel Isle de France ³) ſchi⸗ cken, und ihm daſelbſt auf Lebenszeit ein anſtaͤndiges Auskommen anweiſen; die junge ) Um dem urtheil einiger Leſer, die den Ue⸗ berſetzer hier vielleicht einer groben unwiſ⸗ ſenheit zeihen moͤchten, zuvorzukommen, t 5 wohl noͤthig, zu bemerken, daß unter Isle de France hier nicht das bekannte franzoͤſche Gouvernement, ſondern eine we— kel zu verſtehen iſt, welche zu den franzöͤſi⸗ 4 ſchen Beſitzungen gehoͤrt und im indian ſchen Meere liegt. Jole de Fr Tochter ſollte in ein Kloſter gebracht werden und den Schleier nehmen, wenn ſie das ge⸗ hoͤrige Alter erreicht haͤtte. Das Ungeheuer von Guͤnſtling fand es beſſer, ſie zu ermor⸗ den. Dem Fuͤrſten ſagte er von dieſem ab⸗ ſcheulichen Anſchlage nichts. Er mußte ei⸗ nen Mann in ſein Komplot ziehen, auf den er ſich verlaſſen konnte, ſchaͤtzte meine Geſin⸗ nungen nach den ſeinigen, und that mir den Dorſchlag, ob ich mich zu dieſem doppelten Meuchelmorde verſtehen wollte. Ich ſchau⸗ derte zuruͤck; ſah aber bald, daß ein anderer weniger Schwierigkeiten machen wuͤrde, wenn ich den Auftrag ablehnte. Ich willigte alſo und Bourbon ſind die einzigen Inſeln, welche die Franzoſen in dieſem Meere be⸗ ſitzen. Daß hier das Gouvernement Isle de France nicht gemeynt ſeyn kann, erhellet au⸗ genſcheinlich aus einer folgenden Stelle, wo es heißt, daß die Gefangenen von Isle de France nie wieder nach Frankreich zuruͤck⸗ kehren ſollten. Der Ueberſ. I ihn. Bei unſerer Abreiſe von 1 Pans h ein, mit dem feſten Entſchluß, fuͤr die Ret⸗ tung der geweiheten Schlachtopfer alles zu wagen.“. „ Der Plan war alſo gemacht. Jetzt wurden auch die Anſtalten zur Ausfuͤhrung getroffen. Wir waͤhlten einen ſchicklichen Ort zu dieſer blutigen Scene, und lieſſen die Graͤ⸗ ber aufwerfen, worein die Leichname der bei⸗ den Ungluͤcklichen gelegt werden ſollten. Nach dieſen Zuruͤſtungen reiſ'ten wir mit dem jun⸗ gen Baron von Bi* ſogleich nach Mor⸗ lair. Ich ſetzte mich mit ihm in eine Poſt⸗ kaleſche, und ſrin varvariſcher Verſolger fuhr in einer Kutſche voran, worin das arme 4 dem Tode geweihete Geſchoͤpf abgeholt wer⸗ den ſollte.“ „ Wiewohl der Baron von Bi ſeht viel Gruͤnde hatte, mir nicht zu trauen, und da⸗ her gegen mich ſehr auf ſeiner Hut war, ſo las ich doch in ſeinem edlen Betragen, daß er ein beſſeres Schickſal verdiene, und aßte ſeit dieſer Zeit die groͤßte Hochas tung fuͤr 258— man es fuͤr noͤthig erachtet, n die Haͤnde u binden, damit er weder ich noch ſich ſelbſt umbringen koͤnne. Ich gab dieſe Furcht auf, ſobald ich ihn etwas naͤher kennen lern⸗ te, und brachte es bei meinem barbariſchen Gebieter dahin, daß ich ihm die Haͤnde wie⸗ der frei laſſen konnte. Ich nahm alle Ver⸗ antwortung auf mich, und betrog mich in meinem Geſellſchafter nicht. Bei der Abreiſe von Morlair ſtand es nicht in meiner Ge⸗ walt, ihm eben dieſe Milderung ſeines har⸗ ten Looſes zu gewaͤhren, und er muß es wahr⸗ ſcheinuch gemerrr hyapen, wie fehr zulch virß kraͤnkte.» „ Wir kamen nach Morlaix. Man ent⸗ riß Mar ien der Frau, welche ſie bisher er⸗ zogen hatte. Nach einigen Tagen kamen wir an den Ort, der zur Entwickelung des tra⸗ giſchen Schauſpiels auserſehn war. Ich hat⸗ te mir meinen eigenen Plan entworfen, und bruͤtete jetzt nur uͤber einer geſchickten Aus⸗ füͤhrung deſſelben. Ein unſeliges Mißgeſchick, das ich mir noch jetzt nicht zu erklaͤren weiß, 4 wollte, daß die Summe Geldes, die ich fuͤr die beiden Schlachtopfer zu ihrem weitern Fortkommen beſtimmt hatte, in der Kutſche liegen geblieben war. Es waren nur wenige Thaler, die ich noch bei mir hatte;— mehr konnte ich ihnen nicht Beben. „ Der Baron von Bu mußte aus dem Wagen ſteigen und mir folgen. Ich fuͤhrte ihn in die Tiefe des Waldes an den Ort, wo er ſterben ſollte, machte ihm mit ein paar Worten ſeine Gefahr und meinen Ent⸗ ſchluß begreiflich, gab ihm einen Thaler von dem Gelde, das ich noch in der Taſche hatte, und bat ihn, ſich ſeinen Verfolgern durch eine ſchleunige Flucht zu entziehen. Dann— ſchoß ich eine von meinen Piſtolen in die Luft; mein Gebieter ſollte glauben, daß ſeine Be⸗ fehle vollzogen waͤren. Der Baron mußte mir den Graben ausfuͤllen helfen, in welchen er verſcharrt werden ſollte; dieß war kaum geſchehen, ſo eilte ich wieder nach unſerm Wagen. Seit dieſer Zeit habe ich von dem armen Baron nichts weiter erfahren. Wahr⸗ 3 — 260 G— ſcheinlich iſt er vor Kummer geſtorben oder hat Gelegenheit gefunden, nach einem frem⸗ den Lande zu entkommen.“ Waͤhrend dieſer Erzaͤhlung unſers Klugs oder Dormonds las ich auf den Geſichtern meines Sohnes und Mariens alle Empfin⸗ dungen ihrer zarten, maͤchtig erſchuͤtterten Seele. Mein Sohn kann ſich nicht laͤnger halten; er ſpringt auf und faͤllt ſeinem Ret⸗ ter in die Arme. 5 „» O ſehen Sie hier den Ungluͤcklichen, ruft er, der Ihnen das Leben verdankt— dem zu ſeinem Glucke nichts fehlt, als die Moͤglichkeit, Ihnen wuͤrdig zu danken.“ Ein neuer Grund zur Freude uͤber die unverhofften Schickungen des Gluͤcks! Frei und unver⸗ holen ergoſſen ſich unſere frohen Gefuͤhle, und erſt nach mehrern Minuten fuhr Dorr⸗ mond in ſeiner anziehenden Erzaͤhlung ſo fort: M G „ Nicht anders machte ich es mit der armen Maria. Kaum hatte ich das Grab, das die Spuren dieſes neuen Verbrechens ver⸗ 261 huͤllen ſollte, zugeſcharrt, und ihr den Reſt meines Geldes gegeben, als ich ſogleich wie⸗ der nach unſerm Wagen zuruͤck eilte.. Unſere Aufmerkſamkeit hing mit ſolcher Gewalt an Dormonds Worten, daß wir die ploͤtzliche Veraͤnderung des Wetters nicht bemerkt hatten. Ein Donnerſchlag erinnerte uns, daß ein Gewitter uͤber unſern Haͤnptern aufgezogen ſey. Wir hatten kaum Zeit, nach Hauſe zu eilen, wo unſer neue Gaſt, der ſich gar nicht muͤde fuͤhlte, ſeine Erzaͤhlung wie⸗ der begann 22 ſtes Kapitel. „ Bei unſerer Ruͤckkehr nach Verſailles ſtat⸗ tete der Boͤſewicht, deſſen frevelhafte An⸗ ſchlaͤge ich zu Schanden gemacht hatte, dem Fuͤrſten von der Ausfuͤhrung ſeiner Auftraͤge Bericht ab, und geſtand ihm, daß er ſich kühnt habe, von dem Buchſtaben des. 262— fehls abzuweichen. Er entſchuldigte ſeine bar⸗ bariſchen Maaßregeln mit der Wichtigkeit der Sache, mit der Nothwendigkeit, daß jede Spur eines ſolchen Geheimniſſes vertilgt wer⸗ den muͤßte, und brauchte ſeine tiefe Ergeben⸗ heit fuͤr das Wohl des Fuͤrſten zum Deckman⸗ tel fuͤr Alles, was ſeinem Betragen einen An⸗ ſtrich von Strafbarkeit geben konnte.“ „ Ich muß zur Rechtfertigung des Fuͤr⸗ ſten geſtehen, daß er uͤber dieſen ſchrecklichen Bericht ſehr aufgebracht war. Aber zu ſchwach, um den Unmenſchen fuͤr dieſen of⸗ fenbaren Mißbrauch ſeines Vertrauens zu ſtra⸗ fen, begnuͤgte er ſich mit einigen Aufwallun⸗ gen des Unwillens, und lebte dann wieder mit ihm auf dem alten vertraulichen Fuß.* „ Wahrſcheinlich wußte der Fuͤrſt nicht, daß man mich zum Werkzeug dieſes ſchreck⸗ lichen Plans gebraucht hatte. Er bewies mir nicht das mindeſte Zeichen von Ungnade, was er bei dem heftigen Unwillen, den er uͤber die Sache blicken ließ, gewiß gethan haba wuͤrde.“ -— —— igſten Nachforſchungen auzuſtelen, unn, we „ Es erhob ſich indeſſen ein dumpfes Ge⸗ murmel uͤber die Sache, das ſogar bis zu den Ohren der Graͤfin von Deis drang. Sie verfiel daruͤber in die ſchrecklichſte Melancho⸗ lie. Sie wußte, wie ſehr ich das Vertrauen des Fuͤrſten genoß, ließ mich ſogleich rufen, und uͤberhaͤufte mich mit den bitterſten Vor⸗ wuͤrfen, daß ich mich zum Werkzeug dieſes hoͤlliſchen Komplotts haͤtte brauchen laſſen. Es gelang mir ohne Muͤhe, ſie zu beruhigen. Ich entdeckte ihr den ganzen Vorgang der Sache und meine gluͤcklichen Verſuche zur Vereitlung des ganzen Projekts. Ich trug ihr ſogar an, daß ſie ſichere Leute an den Ort, wo der Mord veruͤbt ſeyn ſollte, ſen⸗ den und die zugeworfenen Graͤber wieder auf⸗ ſcharren laſſen moͤchte, um die Wahrheit mei⸗ ner Ausſagen zu pruͤfen. Aber ſie glaubte meinen Verſicherungen ohne dieſe Probe, und ſchenkte mir ſeitdem ihr uneingeſchraͤnktes Ver⸗ trauen.“ „ Ich erhielt den Auftrag, die ſergfit 264—— moͤglich, den Aufenthalt und das Schickſal ber beiden geretteten Schlachtopfer auszukund⸗ ſchaften. Auch ſparte ich keine Muͤhe, keine Koſten, ihnen auf die Spur zu kommen; aber immer vergeblich.“ „ Drei Jahre verſtrichen, und wir erfuh⸗ ren nicht das geringſte von ihrem Schickſal. Schon hatte ich alle meine Nachforſchungen und den letzten Reſt von Hoffnung aufgege⸗ ben, ſie jemals zu finden, als Maria durch einen unverhofften, ſonderbaren Vorfall ent⸗ deckt wurde. Ihr wuͤthender Meuchelmoͤrder — denn ich finde keinen paſſendern Namen fuͤr den blutduͤrſtigen Tiger— jagte von ohn⸗ gefaͤhr in einem Walde, der an dieſes Gut graͤnzte. Gott weiß, wie er in dieſe abgele⸗ gene Gegend gerathen ſeyn mochte. Ein eben ſo unſeliger Zufall fuͤhrte ihn nahe an die Inſel, eben da Sie mit Marien davon zu⸗ ruͤckkamen. Er erkannte ſie zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen. Da er ſich aber jetzt ih⸗ rer nicht bemaͤchtigen, und ſeine Rache, die bisher nur geſchlummert hatte, nicht ausfuͤh⸗ 265 ren konnte, ſo ließ er ſich nicht ſehen, ſon⸗ dern folgte ihr in der Ferne bis zu ihrer Woh⸗ nung, merkte ſich die Gegend ihres Aufent⸗ halts ſehr genau, eilte nach Verſailles zuruͤck und bruͤtete hier mit ſeiner gewohnten Grau⸗ ſamkeit uͤber neuen Planen der Rache.“ „ Um ſeiner Sache voͤllig gewiß zu ſeyn, ſchickte er einige vertraute Spione aus, um genauere Kundſchaft uͤber Marien einzuziehen. Dieſe brachten es denn heraus, daß Maria das ungluͤckliche Schlachtopfer ſeyn müͤſſe, das ich ſeinen Klauen entriſſen haͤtte. Auf dieſe Nachricht ließ er mich einſt zu ſich bit⸗ ten; ich konnte nichts weniger als den Grund dieſer Einladung ahnen. Er verſchloß die Thuͤr hinter mir, und warf mir dann in leb⸗ haften Ausdruͤcken vor, daß ich ſein Vertrauen vor ein paar Jahren ſchrecklich gemißbraucht habe. Ich merkte zwar wo er hinaus wollte, kam aber nicht auſſer Faſſung, und bat ihn, ſicch deutlicher zu erklaͤren. Ich konnte bald erathen⸗ daß er Marien meynte wiewohl 4 mit der ruhigſten Unerſchrockenheit, daß ich nicht den Muth gehabt haͤtte, dieß arme Kind zu ermorden, deſſen einziges Verbre⸗ chen— ſein Herkommen ſey. In Abſicht des Barons aber waͤren ſeine Befehle puͤnkt⸗ lich vollzogen. Ich verließ mich darauf, daß dieſer Ton von Zuverſicht ihm keinen Ver⸗ dacht uͤber meine Aufrichtigkeit laſſen wuͤrde, aber ich hatte mich etwas verrechnet. Er ließ die Sache wirklich unterſuchen, und durch einen Zufall, der mir noch jetzt unbegreiflich iſt, ſtimmte die Ausſage ſeiner Kundſchafter mit meinem Bericht uͤberein. „ Zu einer andern Zeit,„ fiel mein Sohn ein, will ich Ihnen dieß Raͤthſel erklaͤren. Aber fahren Sie fort; ich will den Lauf Ihrer Ge⸗ ſchichte nicht unterbrechen.“ „ Dieſe Entdeckung, fuhr Dormond fort, ſtellte den Guͤnſtling des Grafen zufrie⸗ den. Er ſah wenigſtens den wichtigſten Theil ſeines Projects ausgefuͤhrt. Nicht einmal ſein Vertrauen ſchien er mir zu entziehen, was mir in der That gleichguͤltig war, da ich keinen Werth darauf ſetzte. Er ſelbſt ging zu dens Fuͤrſten, und erzaͤhlte ihm, daß Maria noch lebe, und der Fuͤrſt freute ſich herzlich daruͤber. Da es beinahe ganz ent⸗ ſchieden war, daß Maria von ihrem Her⸗ kommen nicht das mindeſte wußte, ſo meyn⸗ te er, daß man ſie in ihrer Einſamkeit ru⸗ hig leben laſſen koͤnnte. Ganz anders dachte ihr boshafte Verfolger. Er ſetzte ſo viele kuͤnſtliche Triebfedern, ſo viele Intriguen in Bewegung, daß man von neuem beſchloß, ſie in eine Lage zu verſetzen, wo es ihr un⸗ moͤglich gemacht wuͤrde, von ihren Eltern das geringſte zu erfahren. Man wurde eins, ſie zu dieſem Ende mit dem Manne, der ſie aufgenommen haͤtte, vorerſt in einem ſichern Hauſe einſperren zu laſſen. Dieß konnte nur vermittelſt eines geheimen Verhaftsbefehls ge⸗ ſchehen, den man ohne alle Schwierigteinen auszuwirken hoffen konnte.“ „ Der Fuͤrſt, welcher der Redlichkeit ſei⸗ nes Guͤnſtlings nach jenem Vorfall nicht recht mmehr traute, meine Geſinnungen aber genau NM 8— 268— kannte, beſtand trotz allen Einwendungen des Boͤſewichts darauf, daß ich ſelbſt die Aufſicht und Bewachung der Gefangenen bis zur wei⸗ tern Entſcheidung ihres Schickſals uͤberneh⸗ meen ſollte. Ein ſolcher Auftrag hatte viel ſchlug ihn nicht aus— ich konnte vielleicht ein neues Verbrechen verhindern. Zur Er⸗ fuͤllung meines Berufs traf ich alle Maaßre⸗ geln, um das Haus, wohin die Gefangenen gebracht werden ſollten, in aller Schnellig⸗ keit einrichten zu laſſen.“ 1 „ Das vorige Betragen des gnaͤdigen Guͤnſtlings hatte mich mißtrauiſch gemacht. Ich ging alſo zu dem Fuͤrſten und bat ihn um einen ſchriftlichen Befehl, daß ich nicht gehalten ſeyn ſollte, die Gefangenen an ir⸗ gend jemand, außer im Fall eines muͤndli⸗ chen Gebots von ihm ſelbſt, verabfolgen zu laſſen. Er merkte meine Vorſicht nicht ohne ſichtbare Empfindungen des Danks.“ „ Meine erſte Suage war jetzt, feide Ge⸗ Beſchwerliches und Unangenehmes; aber ich * mich, daß ich alles anwenden moͤchte, um Mariens Anfenthalt vor ihrer Verhaftneh⸗ mung auszuknndſchaften, und ſie gegen dieſe neuen Verfolgungen in Sicherheit zu ſetzen; aber alle Bemuͤhungen waren umſonſt. Ihr barbariſcher Henker, der mir nicht wieder trauete, wiewohl er aͤußerlich noch viel Ver⸗ traulichkeit affektirte, hatte ſein Geheimniß in undurchdringliche Finſterniſſe zu huͤllen ge⸗ wußt.“ „Kaum war das beſtimmte Haus zu Ih⸗ rer Gefangenſchaft eingerichtet, als man bei dem Koͤnig ohne Muͤhe einen Verhaftsbefehl auswirkte. Die Ausfuͤhrung deſſelben wurde einem Vertrauten des Grafen uͤbertragen, welchem noch uͤberdem eingeſchaͤrft wurde, daß er Ihnen mit Achtung und Artigkeit be⸗ gegnen ſollte. Sie durften den Ort Ihrer Gefangenſchaft nicht wiſſen. Man nahm da⸗ 4 her auf der Reiſe nach Paris einen betraͤchtli⸗ chen Umweg, und brauchte die groͤßte Vor⸗ ſicht, um Ihnen nichts merken zu laſſen. Meine Verhaltungsbefehle machten mir e⸗ 270— ſelbe Vorſicht zur Pflicht. Ich kann mir das Zeugniß geben, daß ich das Geheimniß mei⸗ nes Tyrannen niemals verrathen habe, ſo viel Freundſchaft und Vertrauen ich auch fuͤr meine edlen Gefangnen fuͤhlte. Ich hatte einmal mein heiliges Verſprechen gegeben, und ſah, daß Ihnen die Entdeckung dieſes Geheimniſſes vielleicht kiehr geſchadet als genutzt haͤtte.“ „ Dieſe wenigen vorlaͤufigen Nachrichten werden Sie in Stand ſetzen, Sich alles, 3 was in dem Laufe Ihrer Gefangenſchaft vor⸗ fiel, ſelbſt zu erklaͤren. Durch einen ſichern Agenten faͤhrte ich mit der Fuͤrſtin einen ge⸗ heimen Briefwechſel, theilte ihr meine Be⸗ merkungen uͤber die Gefangenen mit, und er⸗ hielt durch denſelben Kanal ihre Antworten. Auf dieſe Art verſchaffte ich Ihnen die muſi⸗ kaliſchen Inſtrumente, die Ihnen ſo viel Ver⸗ gnuͤgen in Ihrer Einoͤde gewaͤhrten. Der erſte Leibart der Fuͤrſtin hat Sie in Ihrer Krank⸗ heit beſucht. Sie ſelbſt iſt in Ihren Kerker edeingen. 3 „Der Graf von Dii ſah vorher, daß ſein treuloſer Geſchaͤftstraͤger, deſſen uͤber⸗ laͤſtige Dienſte er gleichwohl nicht zuruͤckwei⸗ ſen konnte, zu den ſchrecklichſten Grauſamkei⸗ ten faͤhig waͤre, wenn er Ihr Schickſal ganz in ſeine Haͤnde legte, und beſtellte mich des⸗ wegen zu Ihrem Aufſeher— nicht ſo ſehr, um Sie bewachen zu laſſen, als um Ihr Le⸗ ben vor gefaͤhrlichen Nachſtellungen zu be⸗ wahren. Endlich kam der Angenblick, wo Ihr Schickſal entſchieden werden ſollte. Der Fuͤrſt hatte noch immer die Abſicht, Sie nach der Inſel Isle de France zu ſchicken, und Ihnen hier ein anſtaͤndiges Auskommen anzuweiſen. Aber nie haͤtten Sie wieder nach Frankreich zuruͤckkehren duͤrfen. Ich ſelbſt ſollte aus Urſachen, die Sie aus dem vori⸗ gen leicht errathen werden, Sie nach dieſer Inſel fuͤhren, und haͤtte mich, wenn dieſer Entwurf ausgefuͤhrt worden waͤre, vielleicht mit Ihnen da niederlaſſen.“ „ Ich gab der Fuͤrſtin hievon ſchleumge Nachricht. Sie eilte ſogleich in eigger Per⸗ 273 ſon zu mir, um uͤber die Sache ausfuͤhrlich zu reden, und ſtattete Ihnen bei dieſer Ge⸗ legenheit jenen geheimnißvollen Beſuch ab. Es wollte ihr nicht in den Sinn, dieſen gran⸗ ſamen Entwurf zur Reife kommen zu laſſen. land einſchiffen ſollte. Schon waren die Maaßregeln zu Ihrer Entweichung ſo wohl aanngelegt, daß wir in Donvres angekom⸗ men waͤren, ehe man zu Paris von unſrer Flucht etwas gemerkt haͤtte. 2 „ Aber die maͤchtigen Unruhen, die ſich telten beide Projekte. Der Plan der Fuͤr⸗ ſtin, welche Sie um jeden Preis in Freiheit geſetzt wiſſen wollte, war indeſſen ſeiner Er⸗ fuͤllung ſehr nahe; bloß einige unvorhergeſe⸗ hene Zufaͤlle beſtimmten ſie, einen guͤnſtigern Augenblick abzuwarten. Ich halte es fuͤr ein Gluͤck, daß er nicht ausgefuͤhrt wurde; denn Sie erhielten gleich nachher um einen geringern Preis Ihre Freiheit: Sie ſetzten ten Ihr Vaterland nicht zu verlaſſen.” Wir verabredeten, daß ich Sie nach Eng⸗ jetzt im Herzen des Reichs erhoben, verei⸗ Sich dabey keiner Gefahr aus, und brauch⸗ ————— 28s „ Jetzt bin ich Ihnen von meiner Ge⸗ ſchichte noch ſchuldig, was mir nach unſerer Trennung wiederfahren iſt. Kaum hatten Sie Paris verlaſſen, als mir einfiel, daß ich vergeſſen hatte, Sie um Ihre Addreſſe zu bitten. Doch machte mir dieſe Nachlaͤßig⸗ keit nicht viel Sorgen. Sie hatten mir die Gegend Ihres Aufenthalts ſo genau beſchrie⸗ ben, daß es mir nicht ſchwer wwerden konn⸗ te, Sie zu finden.“ „Ich eilte nach Ihrem Kerker zuruͤck, den wir freilich ein wenig geſchwind geraͤumt hat⸗ ten. Die guten Leute, die ihn anzuͤnden woll⸗ ten, ſaßen noch ganz ruhig im Gaſihofe. Der Wein, der ihnen im Ueberfluß gegeben wurde, hatte ihnen ihr Vorhaben faſt aus dem Sinne gebracht, wenigſtens die Ausfuͤhrung deſſel⸗ ben verſchoben. Ich konnte leicht vermuthen, daß ſie endlich zu unſrer Heimath zuruͤckkeh⸗ ren und uns aufſuchen wuͤrden; ich ſuchte da⸗ her die koſtbarſten Sachen zu retten. Dieß dauerte nicht lange. Ich zahlte noch ein paar Knechten ihren Lohn ans, und nahm dann 274 einen— ewigen Abſchied von unſern Ker⸗ ker.“ „ Ich haͤtte nicht ſaͤumen duͤrfen. Kaum war der Rauſch jenes wilden Mordbrenner⸗ haufens verflogen, ſo fiel ihm wieder ein, warum er ſich in Bewegung geſetzt habe. Aber ſeine Froͤhlichkeit wurde zur Wuth, da er ſah, daß ſeine Abſicht zum Theil verfehlt ſey, beſonders mit Ihnen. In dieſer Wuth ſtroͤmte er nach dem Gefangenhauſe zuruͤck, pluͤnderte es, ſteckte es in Brand, und ließ keinen Stein auf dem andern. Zwei Tage nachher trieb mich die Neugier an dieſen Ort; ich fand einen rauchenden Schutthaufen.“ „ Kein Gegenſtand konnte mich mehr an Paris feſſeln. Ich reiſ'te nach meiner Vater⸗ ſtadt, um meine Familien⸗Angelegenheiten, mit welchen ich mich ſo lange nicht hatte ab⸗ geben koͤnnen, in Ordnung zu bringen. Mei⸗ ne Gelder waren an ein angeſehenes Handels⸗ haus ausgeliehen, und hatte reiche Zinſen ge⸗ tragen; faſt um den vierten Theil hatten ſie ſich vermehrt. Ich ſchmeckte das ſuͤße Ge⸗ I„ fühl einer gaͤnzlichen Unabhaͤngigkeit, und fand mich fuͤr meine eingeſchraͤnkten, von keinem Ehrgeitz befeuerten Neigungen, wirklich ſehr reich. Wer bei den gegenwaͤrtigen Unruhen zu wenig Geiſt und Kenntniſſe beſitzt, um auf dem Theater der großen Welt eine Rolle zu ſpielen; dem bleibt keine beſſere Wahl uͤbrig, als ſich ſelbſt in einen unbekannten Winkel des Reichs zu verbannen, wo ihn keine Higevitter der Revolution treffen koͤn⸗ nen.“* „ Sobald 65 meine Geſchaͤfte abgethan hatte, war meine zweite einzige Sorge, Sie 1 aufzuſuchen und Ihnen den Vorſchlag zu thun, daß Sie mich in Ihre Geſellſchaft aufnehmen moͤchten. Meine Geburt und meine Geſin⸗ nungen machten mich dieſer Ehre nicht un⸗ werth. Die Beſchreibung, die Sie mir von der Lage Ihres Aufenthalts gemacht hatten, brachte mich auf die Spur. Ich zweifelte eht, daß ich auf dem rechten Wege ſn anfe als ich Ihre liebenswur dige Matia 4 4 antraf. Sie erkannte mich gleich, und be⸗ wies mir durch ihre Aufnahme, daß ich Ih⸗ nen nicht unwillkommen ſeyn wuͤrde.“ 23 ſtes Kapitel. Hier ſchloß Doxmond ſeine Erzaͤhlung. Ich ſtand ſogleich auf, und wiederholte ihm unter den freundlichſten Umarmungen meine Wuͤnſche, daß wir uns nicht wieder trennen moͤchten. In der That, die Hoffnung, ſeine Tage in den Armen einer reinen, uneigennuͤ⸗ tzigen Freundſchaft zu verleben, und mit den Reizen des innigſten Vertrauens zu verſchoͤ⸗ nern, gehoͤrt zu den kdelſirn Geniſſen des Lebens. Nicht weit von meiner Wohnung war ein angenehmes und eintraͤgliches Gut zu verkau⸗ fen— eine herrliche Gelegenheit für Dor⸗ mond, ſeine Gelder auf eine vortbeilhafte Art anzulegen, und auch fuͤr mich erwuͤnſcht, 1 8* — 277 weil ich meinen Freund dann in der Nachbar⸗ 8 ſchaft hatte. Das Handelshaus, in welchem ſeine Gelder niedergelegt waren, mochte ſo an⸗ geſehen ſeyn wie es wollte; ein Unfall konnte es ſtuͤrzen, wie einſt ſeinen Vater. Dieß ſtell⸗ te ich ihm vor, und rieth ihm, ein Gut zu kaufen, das ihm zwar weniger einbringen, aber ihn doch gegen alle Gefahren eines Ban⸗ keruts ſichern wuͤrde. Er fuͤhlte das Gewicht dieſer Gruͤnde, beſichtigte mit mir das Gut, fand es angenehm, und— der Handel wurde geſchloſſen. Es entſpann ſich zwiſchen Marien und Dormond eine ſanfte, reine vertrauliche, Freundſchaft; ich merkte es wohl, und uͤber⸗ zeugte mich bald, daß ſie ſich liebten. Ich brauchte die Gegenwart nur mit der Vergan⸗ genheit zuſammen zu halten, um zu entdecken, daß ſich dieſe Neigung nicht erſt von ein paar Tagen herſchrieb. Mariens Stolz hatte ſich nie durch den freundſchaftlichen Eifer Dormonds beleidigt gefunden; es war alſo ausgemacht, daß ſie gegen ihn unnt anhe als 278—/·——— Dankbarieit fuͤhlte. Ich theilte dieſe Entde⸗ ckung, die mir nicht gleichguͤltig ſchien, mei⸗ nem Sohn mit, und ſagte ihm, daß wir erſt Mariens Geſinnungen ausforſchen muͤßten, ehe wir etwas Gewiſſes beſchlieſſen koͤnnten. Finden wir denn dieſe Geſinnungen ſo, wie ich vermuthe und— wuͤnſche, dann ſehe ich nicht, warum wir ihrer Verbindung mit Dor⸗ mond Schwierigkeiten machen ſollten. Sein Herkommen— kann uns bei unſern Verhaͤlt⸗ niſſen und in den gegenwaͤrtigen Zeiten nicht anſtoͤßig ſeyn. Zudem haben wir kein anderes Mittel in unſerm ganzen Vermoͤgen, unſere großen Schulden gegen dieſen edlen Mann ab⸗ zutragen. Ohne ſeine großmuͤthige Sorgfalt waͤren wir laͤngſt ein Raub des Todes gewor⸗ den Schon die Dankbarkeit, wenn anch ſonſt keine Ruͤckſicht aunf Mariens Wohl, heiſcht es, daß wir ihm das Beſte geben, was wir ge⸗ ben koͤnnen. Mein Sohn dachte wie ich und billigte meinen Vorſchlag, Mariens Herz erſt zu erforſchen.„Wir wollen ſie weder zwinßen, ſagte er, noch ihre Wahl hindern. 1 279 Wir ſprachen noch denſelben Tag mit ihr allein, und geſtanden ihr ohne Umſchweife, was wir mit ihr und Dormond im Sinn haͤt⸗ ten. Sie erroͤthete anfangs, und gerieth in eine ſchuͤchterne Verlegenheit, geſtand aber nachher, wie die erſten Schrecken der jungfraͤu⸗ lichen Ueberraſchung voruͤber waren, daß ſie gar nicht abgeneigt ſey, dem jungen Dor⸗ mond ihre Hand zu geben; ſie verhehlte uns nicht, daß ſie den Tag ihrer Vermaͤhlung mit dieſem edlen Manne unter die ſchoͤnſten ihres Lebens zaͤhlen wuͤrde. Sie laͤugnete nicht, daß ſie ſeit dem erſten Tage ihrer Gefangenſchaft eine geheime Zuneigung gegen ihn empfunden, die ſie ſich nicht eher habe erklaͤren koͤnnen, als ſie durch vieles Nachſinnen entdeckt habe, daß er ihr großmuͤthiger Retter geweſen ſey. Die Natur ſelbſt hatte ſich bei ihr fuͤr ihn erklaͤrt, wie ſie es bei mir fuͤr ſie ſelbſt gethan hatte, noch ehe ich wußte, daß ſie 4 Kiihe mit mir verwandt war. Mariens Antwort entſprach Uifen Wih⸗ ſchen und ſetzte uns in den Stand, die Re⸗ 2 4 280— gungen unſerer Dankbarkeit zu befriedigen. Wir umarmten das gute Maͤdchen, und ver⸗ ſprachen ihr, daß wir mit vaͤterlicher Sorg⸗ falt auf ihr Gluͤck denken, und wo moͤglich— es beſchleunigen wollten. Mein Sohn ſelbſt hatte, auſſer mir und meiner Tochter, keinen Menſchen auf der Welt, den er ſo ſehr liebte, als Dormond. Wir wollten nicht warten, bis er ſelbſt um Mariens Hand wuͤrbe, ein Schritt, den er vielleicht aus Beſcheidenheit niemals gethan haͤtte; ſondern ohne Ruͤckſicht auf den eingefuͤhrten Schlendrian der Conpe⸗ nienz ihm entgegen kommen. Wir hatten ja nur eine heilige Schuld zu bezahlen. Die Gelegenheit zu unſerm Vorhaben brauchten wir nicht muͤhſam zu ſuchen. Ich zog ihn nach dem Mittagseſſen bei Seite, und ſagte ihm, ich haͤtte bemerkt, daß ihm Maria nicht gleichguͤltig ſey.„Ja, mein Theurer, ſetzte ich hinzu; mein Sohn und ich wuͤrden uns ſehr gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn wir Ihnen durch Mariens Hand einen Theil unſerer Schuld abtragen koͤnnten.“ Die lebhafteſte Freude glaͤnzte in ſeinen feurigen Augen. Aber ploͤtzlcch— verfinſterten ſie ſich; ſein Blick wurde tiefſinnig, ſeine Zunge erſtarrte, und ſein ganzes Weſen verrieth daß etwas Auſſer⸗ ordentliches in ihm vorgehen muͤſſe. Ich ſtutz⸗ te, ich wußte nicht, wie ich mir dieſe vider⸗ ſprechenden Gefuͤhle erklaͤren ſollte. Endlich brach er das Stillſchweigen.„Ich weiß es ganz zu ſchaͤtzen, gnaͤdiger Herr, was Sie fuͤr mich thun wollen; er meine Grundſaͤtze von Ehre verſtatten mir nicht, es anzunehmen; ich bin nicht werth, Ihr Schwiegerſohn zu werden. Nichts, ja ich bekenne es, nichts koͤnnte mir theurer ſeyn, als die Hand Ihrer achtungswerthen Marig. Aber..... ich bin ein ungluͤcklicher Menſch; ich darf nicht darnach trachten. Meine Geburt...„— Ich ließ ihn nicht ausreden, ſondern druͤckte ihn an meinen Buſen:„Sie kennen uns nicht, junger Mann, ſprach ich. Wie on⸗ nen Sie glauben, daß wir das Gluͤck unſers Behn ehden Retters einer Schimaͤre f⸗ — 82— will ſie zwar nicht verachten; aber ſie ſind doch nur Geſchenke des Zufalls; was Sie zu unſers Gleichen machte; iſt Tugend. Mein Sohn ſelbſt findet eine Ehre darin, einen ſolchen Schwiegerſohn zu erhalten, und ich fuͤhle keinen andern Wunſch im Her⸗ zen, als Sie vor meinem Tode in den Armen meiner Großtochter zu ſehen.“ Mein Sohn brauchte noch andre Gruͤnde mehr, um ihn von der Aufrichtigkeit unſerer Abſicht zu uͤber⸗ zeugen.„Schon das Gluͤck unſerer Marie⸗ ſagte er, muͤßte alle andern Ruͤckſichten auf⸗ waͤgen, und— mit einem Wort: wir haben keinen wuͤrdigern Gatten fuͤr ſie zu finden ge⸗ wußt.“ Seine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen. Mit Waͤrme ergriff er unſere Haͤnde, und ſagte:„Dieſe Belohnung, die Sie mir an⸗ tragen— wie weit uͤbertrifft ſie meine ge: ringen Dienſte. Die reine und edle Freund⸗ ſchaft, welche aus ihrem Antrage hervorſchint⸗ mert, feſſelt mich unwiderſtehlich; ich kann ihn nicht ausſchlagen. Ja wohl, ich il es — nicht laͤugnen, daß ich Marien liebe; ach nein, das iſt zu wenig geſagt— daß ich ſie anbete. Ich liebte ſie ſeit dem erſten Tage, da ich ſie ſah; bis an den letzten Hauch mei⸗ e nes Lebens wird mich dieſe lebhafte Empfin⸗ — dung begleiten. Doch kann ich Ihr Anerbie⸗ ten nur unter einer Bedingung annehmen: daß Sie ihr keinen Zwang anthun. Lieber moͤchte ich ſterben— ſterben mit dem zaͤrtlichſten Herzen, als eine erzwungene willigung ha⸗ ben....— Ruhig, mein Freund, ſeyn Sie ganz ruhig. Marie liebr Sie gewiß, ſie hat es uns eben geſtanden. Eine gegenſeitige Liebe wird ſie beide vereinigen. Wir wuͤrden Barbaren ſeyn, wenn wir einer ſolchen Ver⸗ bindung Hinderniſſe in den Weg legen woll⸗ ten. Eilen Sie zu Marien, erzaͤhlen Sie ihr von dieſem Geſpraͤch.... Mehr darf ich Ihnen nicht ſagen.“ Er ging hinaus und kam bald mit Ma⸗ rien zuruͤck. Sie konnten Beide kein Wort ſagen; aber— wie beredt war ihr Schwei⸗ gen.— Beide ſielen uns zu Fuͤßen, nahmen un⸗ 284— ſere Haͤnde und benetzten ſie mit Thraͤnen. Wir hoben ſie ſchnell auf, und waren ſeit die⸗ ſer Zeit nur geſchaͤftig, die Zeit zu beſchleuni⸗ gen, die ſie zum Brautaltar fuͤhren ſoll te.“ Dormond mußte erſt nach Paris rei⸗ ſen, theils um ſeine Papiere in Ordnung zu bringen, theils um manche noͤthige Sachen zur Hochzeit zu kaufen. Aus dem letzten Grun⸗ de wollte ich mitreiſen. Mit Wehmuth ſah Marie dieſer Abreiſe entgegen. Ich kam auf den Einfall, daß wir alle reiſen und vierzehn Tage in Paris zubringen wollten. Mein Vor⸗ ſchlag gefiel. Sogar Frau von Ponty freuete ſich auf dieſe Reiſe; ſie hatte Paris nie geſe⸗ hen. Ich wollte zugleich in Paris eine Ehe⸗ ſtiftung zwiſchen Marien und Dormond von einem der geſchickteſten Notarien aufſetzen laſſen, und ſuchte meinen Sohn zu bereden, daß er nicht allein zuruͤckbleiben moͤchte. Er brauchte ſeine ſchwaͤchliche Geſundheit zum Vorwande, daß er nicht mitreiſen wollte. Ich ſah aber leicht, daß ſeine ſchnerzliche Erin⸗ nerung an die Vergangenheit, der einzige — 285 nicht weiter mit Bitten beſtuͤrmt haben, wenn die Eheſtiftung ſeine Gegenwart nicht gewiſ⸗ ſermaßen nothwendig gemacht haͤtte. Unſer Aufenthalt zu Paris war ſehr ange⸗ nehm. Der Morgen wurde zu unſern Geſchaͤf⸗ ten angewandt, und des Abends weiheten wir unſere muͤßigen Stunden dem Schauſpiel und allen andern Arten von Zerſtreuungen. Mein Sohn allein nahm an dieſen Freuden keinen Antheil; er blieb beſtaͤndig zu Hauſe. Seine tiefe Melancholie machte mir deſto mehr Sor⸗ gen, weil ſie mir ein trauriger Vorbote einer nahen Krankheit zu ſeyn ſchien. Wir hatten ſchon mehrere Tage zu Paris zugebracht, als Dormond mit dem Wechss ler zuſammentraf, der ihm vorher waͤhrend un⸗ ſerer Gefangenſchaft die Gelder auszahlte, welche Mariens Mutter fuͤr uns beſtimmt hatte. Der Wechsler fragte neugierig nach un⸗ ſerm Schickſal, und da er von Dorm ond erfuhr, daß wir eben in Paris waͤren, und zu⸗ ſammen wohnten, ſo gab er ihm einen Brief Grund ſeiner Weigerung war, und wuͤrde ihh an mich, den er von einem Correſpondenten aus Genua erhalten hatte. Dormond eilte mit dieſem Briefe zu mir; mit einer J Miſchung von Neugier und Angſt erbrach ich ihn, und las folgende Worte: „Herr Baron, eine ewig unerſteigliche Kluft hat ſich zwiſchen meiner theuren Maria und mir aufgethuͤrmt; das barba⸗ riſche Schickſal hat uns wahrſcheinlich auf immer getrennt. Aber ich trage das Bild meiner Tochter im Herzen; ich wer⸗ de ſie nie vergeſſen. Ich ſchicke Ihnen hier zugleich einen Wechſel auf zehntau⸗ ſend Dukaten, die ich Ihnen zur Aus⸗ ſiener Mariens vermache. Sie werden auch daruͤber mit vaͤterlicher Zaͤrtlichkeit wachen; ich darf es Ihnen nicht erſt em⸗ „ pfehlen. Ja wohl, das gute Maͤdchen hat viele Anſpruͤche auf Ihre Liebe.“ Hiebei werden Sie noch einen zweiten „ Wechſel von tanſend Dukaten fuͤr die Frau von Ponty finden, die ſie als einen „ geringen Beweis meiner Dankbarkeit „ ihre muͤtterlichen Sorgen bei Mariens „Erziehung annehmen wird. Ich wuͤrde „ mehr geben, wenn ich mehr koͤnnte; aber „ fuͤr eine Wittwe mag es beſſer als nichts „ ſeyn. Ich empfehle ſie Ihrer Großmuth.“ „Leben Sie wohl, Herr Baron, trennen „ Sie Sich nie von Marien; ich wage es, „Ihnen eine Pflicht daraus zu machen. „So lange ſie bei Ihnen iſt, werde ich tau⸗ „ ſend Sorgen weniger auf dem Herzen „ haben. Dieſer Brief enthielt noch ein Billet an Marien, folgenden Inhalts: „Meine theure, meine vielgeliebte Ma⸗ » rie! Nur einmal hatte ich die Freude, „ Sie an meine Bruſt zu drüͤcken; ach! „ es wird auch das letztemal geweſen ſeyn „... eine traurige niederſchlagende Aus⸗ „ ſicht! Denken Sie an eine zaͤrtliche Mut⸗ „ ter, welche nur lebt, um Sie zu lieben. „ Ich bitte Sie um Ihr Bildniß, und eine Locke von Ihren Haaren. Beides „ koͤnnen Sie dem Manne anvertrauen, „von dem Sie dieſe Zeilen erhalten; es „ wird ſicher in meine Haͤnde gerathen. „Leben Sie wohl, meine Tochter—— „ meine Thraͤnen haben dieß Blatt benetzt „.... empfangen Sie meinen letzten 8, Kuß!* 8 5„ M. T. Maria nahm dieſes Billet, druͤckte es 5 4 voll Ehrfurcht an ihre Lippen und uͤberſtroͤmte es mit den wehmuͤthigſten Thraͤnen. Keiner wurde durch dieß rüͤhrende Schauſpiel tiefer erſchuͤttert, als mein ungluͤcklicher Sohn; denn es weckte in ſeiner Seele die angenehmſten und ſchmerzlichſten Erinnerungen zugleich. Wir alle nahmen Theil an dieſen Empfindungen. Scchon den folgenden Tag ſorgte ich da⸗ fͤr, daß die Befehle von Mariens Mutter paͤnktlich erfuͤllt wurden. Ich bat einen be⸗ ruͤhmten Mahler um ſeine Dienſte. Wir wur⸗ den eins um den Preis, und der Mahler mach⸗ ch noch an demſelben Tage an ſeine Ar⸗ Sie war in wenigen Tagen geendiget. und machte ihrem Meiſter durch ihren Werth und durch die ſprechendſte Aehnlichkeit Ehre. Wir ließen uns hierauf zuſammen malen, und der Maler traf uns eben ſo gluͤcklich. Der Wechsler zahlte mir auf die beiden Wechſel ſogleich auch die eilf tauſen Dukaten aus. Frau von Ponty bat unſern Dor⸗ mond, daß er ihre Gelder fuͤr ſich behalten moͤchte; ſie haͤtte keine Erben, und da ſie bei uns wohnte, brauchte ſie keine fremde Un⸗ terſtuͤtzung, um ſich ihre kleinen Beduͤrfniſſe anzuſchaffen. Aber Dormond verſtand ſich zu dieſem Antrage nur unter der Bedingung, daß er ihr die Zinſen von dem Capital be⸗ zahlen wollte. 2 Ich ſelbſt rieth unſemm Dormond, daß er mit der Ausſteuer Mariens einen Theil fuͤr das gekaufte Gut an den Eigenthuͤmer bezahlen noͤchte. Er willigte ein, und brachte die Sache noch vor unſerer Abreiſe von Pa⸗ ris aufs Reine. Ich ſchrieb an Mariens Mutter, dankte ihr fuͤr ihre großmuͤthige Wohlthaͤtigkeit, g ab Maria. N ihr Nachricht von Mariens naher Vermaͤh⸗ lung, von meinen Beweggruͤnden zu derſelben, und ſchloß mit der Bemerkung, daß dieſe ganze Sache ſchon eingeleitet und abgemacht geweſen ſey, ehe ich ihre eigenen Abſichten haͤtte wiſſen koͤnnen. Auch meldete ich ihr mit Ausdruͤcken, die ihr allein verſtaͤndlich waren, daß ſich mein Sohn wieder bei unſe⸗ rer Familie eingefunden habe. Endlich em⸗ pfohl ich mich ihrer Gewogenheit mit der BVerſicherung, daß ſie der Gegenſtand unſerer 3 heachſen Unterhaltung ſey; daß unſere uͤber⸗ ſtandenen Leiden bald vergeſſen ſeyn wuͤrden, wenn wir nur wuͤßten, daß ſie ſelbſt jenes Gluͤck, jene Ruhe Seräſſe die ſie ſo ſehr ver⸗ diente. Ich legte einen Brief von Marien bei, der in den zaͤrtlichſten Ausdruͤcken von ihr ſelbſt abgefaßt war, und der ihrer Mutter einen hohen Begriff von ihrem Verſtande und dem Adel ihres Herzens geben mußte. Beide Brie⸗ e ich nebſt der Locke und dem Bildniß eine Schachtel die i) dazu beſon⸗ — 291 ders hatte machen laſſen, und haͤndigte ſie dem wackern Wechsler ein, der mir verſprach, daß das Paket ſchnell und richtig an ſeine Behoͤrde gelangen ſollte. Damit er mich im Nothfall zu finden wußte, ließ ich ihm mei⸗ ne Addreſſe. 24 ſtes Kapitel. —x Aue Geſchaͤfte, die uns an Paris feſſeln konnten, waren nun abgethan. Wir reiſ'ten zur großen Zufriedenheit meines Sohnes, fuͤr den das Geraͤuſch der großen Welt und die Lebensart großer Staͤdte keine Reize mehr hatten, nach La Barre zuruͤck. Gleich nach unſerer Ankunft wurde Dormonds und Mariens Vermaͤhlung vollzogen. Der gluͤckliche Abſchluß dieſer Verbindung war mir deſto willkommener, weil ich mich ſelbſt dem Grabe naͤherte, und weil die Geſundheit mei⸗ nes Sohnes ſo ſchwach, ſo hinfaͤllig war, daß N 2 292— er nicht auf das gewoͤhnliche Ziel des menſch⸗ lichen Lebens rechnen konnte. Ich wollte in meiner Todesſtunde wenigſtens den ſuͤßen Troſt haben, meine Großtochter gegen alle Gefahren geſichert zu ſehen, denen die Uner⸗ fahrenheit ihres zarten Alters ſo leicht unter⸗ liogen konnte. Jetzt war ſie mit einem lie⸗ benswuͤrdigen Manne, dem Gatten ihres Her⸗ ens vermaͤhlt; ihr Gluͤck hing bloß von ihr felbſt ab, und alles, was ich von Beiden wußte, buͤrgte mir fuͤr eine heitere Zukunft. Ich genoß alſo der ſuͤßeſten Ruhe. Mein gegenwaͤrtiges Gluͤck hatte die Gedanken an meine ehemaligen Leiden geſchwaͤcht, und der Anfall von Menſchenhaß, den ich ehedem hänt. auf, weil die Urſach wegſiel. 1 * Faſt jeder von uns hatte einen gleichen Antheil an dieſer Gluͤckſeligkeit. Wir empfan⸗ dden weder die Bitterkeit des Mangels noch fuͤhlte, verlor ſich allmaͤhlig. Die Krankheit entbehrten wir die reinen Freuden, welche die Natur ihren Lieblingen in einem ſo reichen 1 Waa⸗ zuſpendet; alles ſmn ſchi in unſerm 3 kleinen Zirkel zuſammen, was ihn angenehm machen konnte. Einigkeit und wahres Ver⸗ trauen machten die Grundfeſte deſſelben, und jeder war beſchaͤftigt, ſeinen Beitrag zu die⸗ ſen geſellſchaftlichen Freuden zu geben. Ma⸗ ria belebte ſie durch eine Munterkeit, die ſie jetzt nicht mehr maͤßigen konnte, durch ihren richtigen Verſtand, durch ihre witzigen Ein⸗ faͤlle, und durch die immer gleiche Sianmung ihrer heitern Laune. Ihr Gatte war ſanft, menſchenfreundlich, gefaͤlligz er beſaß die ſchaͤtzbarſten Eigenſchaften, und gewann das Wohlwollen jedes Menſchen, der mit ihm zu thun hatte. Auch ſein Geiſt war gebildet und ſeine Kenntniſſe von großem Umfang, mit einer ſeltnen Klugheit und einem lobenswuͤr⸗ digen oͤkonomiſchen Fleiße, verwaltete er un⸗ ſere gemeinſchaftlichen Guͤter. Die Frau von Ponty beſaß jenen angenehmen Ton, der zum geſellſchaftlichen Vergnuͤgen beitraͤgt. Aus Liebe fuͤr das Wohl oder die Freuden der an⸗ dern, nahm ſie zuweilen ſogar an den Ergoͤtz⸗ lichkeiten Theil, welche nicht mehr fuͤr ihr Al⸗ 294— ter waren. Sie beſaß die ſchaͤtzbare Kunſt, ſich beliebt zu machen, in einem ſehr hohen Grade. Ich ſelbſt fuͤhlte die Laſt meiner Jahre beinahe taͤglich abnehmen, und machte in der Heiter⸗ keit des Geiſtes ſolche Fortſchritte, daß ich den boͤſen Menſchen, wegen der guten vergab. Mein ungluͤcklicher Sohn war der einzige, der dieſe Freuden nicht theilte. Doch ſtoͤhrte er unſere Zufriedenheit nicht. Er ſuchte uns ſei⸗ nen wahren Zuſtand immer zu verbergen, ſo ſiicchtbar er ſich auch von einer ſtillen nagenden Schwermuth abgezehrt ſah. Mein wachſames Auge entdeckte dieſe Mattigkeit und taͤgliche Abnahme ſeiner Kraͤfte gar wohl, und mußte füͤrchten, daß ſeine Geſundheit endlich unter⸗ liegen wuͤrde— ein Kummer, der nur zu gegruͤn⸗ det war, und allein meine Freuden vergaͤllte. unſer Gluͤck wurde durch die Nachricht von Mariens Schwangerſchaft vergroͤßert. In un⸗ ſerm ganzen Hauſe war allgemeine Freude dar⸗ uͤber; mein Sohn ſelbſt nahm daran Theil. S⁰. raͤfte ſchienen ſich wieder zu erholen, und ich faßte die beſten Hoffnungen. Einanene — 295 Schwachheit zerſtoͤhrte ſie wieder, und ließ uns ſein nahes Ende vermuthen. Der Himmel ver⸗ ſagte ihm das Gluͤck, das Kind ſeiner Tochter zu ſehen. Fran von Ponty, die ihm ſehr ergeben war, und ſein ganzes Vertrauen be⸗ ſaß, wich nicht von ſeiner Seite. Wider ihre Gewohnheit kam ſie einſt des Morgens fruͤhe zu mir, und ihre erſchrockenen Mienen erſchuͤtterten mich maͤchtig. Sie be⸗ merkte dieſe Regungen.—„Ach, ſagte ſie, ich bringe Ihnen eine traurige Botſchaft. Sie ſind ein Philoſoph, rufen Sie Ihre Vernunft zu Huͤlfe. Ihr Sohn wird kaum dieſen Taguͤber⸗ leben, und verlangt Sie noch einmal zu ſprechen. Ich eile, ſeinen letzten Willen zu erfuͤllen. Der Zuſtand Ihrer Tochter macht es nothwendig, daß wir die groͤßte Vorſicht anwenden, um ihr dieſe ungluͤckliche Nachricht zu hinterbringen.“ Ich dankte der Frau von Ponty fuͤr ihre Vorſicht, und erſuchte ſie, daß ſie ſelbſt dieß mißliche Geſchaͤft uͤbernehmen moͤchte. Ich kannte das gefuͤhlvolle Herz meiner Groß⸗ tochter, und hatte ſchlimme Folgen zu fuͤrch⸗ ten. Frau von Ponty verſprach, daß ſie ihre moͤglichſte Behutſamkeit bei dieſer Ent⸗ deckung anwenden wollte. Unverzuͤglich eilte ich nach dem Zimmer mei⸗ nes Sohnes, deſſen Zuſtand wirklich ſo erbaͤrm⸗ lich war, daß ich erſchrak. Erſt vor zwoͤlf Stunden war ich noch bei ihm geweſen, und fand ihn jetzt faſt gar nicht mehr kennbar. Er bat mich, daß ich mich an ſein Bette ſetzen nochte, faßte meine Hand, und ſagte mit ei⸗ ruhigen, heitern Miene:„Meine letzten Angenblicke ſind nahe. Ich habe die Gerechtig⸗ keit der Vorſicht immer verehrt, ach, ſie ent⸗ eeißt mich der Welt zu einer Zeit, wo ich ein Gluͤck haͤtte genieſſen koͤnnen, nach dem ich ſo lange geſtrebt habe. Aber ich nehme den Troſt mit, in Ihren Armen und im Hafen der Ruhe u ſterben. Die Verfolgungen haben doch fuͤr mich aufgehoͤrt. Nur eins ſchmerzt mich auf 3 meinem T Todbette— daß ich, ich allein die 4 Urſache Il rer langen Leiden geweſen bin. O aerzeihen ie, thenren Vater, verzeihen Sie ——- Zufriedenheit, mit Gluͤckſeligkeit haͤtte kroͤnen ſollen. Verlaſſen Sie meine Tochter nicht— ſie verdient Ihre Liebe. Moͤchte ſie Ihnen mit ihrem Gemal die Stelle eines Sohnes erſetzen, der Sie immer geliebt, immer geachtet, der mit⸗ ten unter ſeinen groͤßten Verirrungen— ach! er mußte nur zu ſchwer dafuͤr buͤßen— nie vergeſſen hat, was er der Ehre ſchuldig war. Fluchen Sie ja meinem Andenken nicht. Sa⸗ gen Sie, daß Sie mir vergeben: dieſer Troſt — der letzte und einzige, den Sie mir geben koͤnnen, wird meinen Schmerz uͤber unſere Trennung verſuͤßen.“ Er nahm meine Haͤnde bei dieſen Worten, und brachte ſie an ſeine gluͤhenden Lippen— heiße Thraͤnen troͤpfelten darauf herab. Laute Seufzer erſtickten meine Worte. Ich ſchloß ihn heftig in meine Arme— mein Sohn fuͤhl⸗ te, wie ſehr ich geruͤhrt war.„Ja, ich ſehe es, mein Vater, rief er ſchnell, daß Sie mir verzeihen. Ich ſcheide zufrieden.“ Meine Ruͤhrung ergoß ſich in neuen Wallungen, ich rief meine Kraͤfte zuſammen, und ſagte: 298— 4„ Wiel theurer Sohn, du ſollteſt mich beſſer kennen! Ich ſollte dich haſſen? Ich, dei⸗ ich zu op⸗ fern? Mit Frenden wuͤrde ich es thun.“ Ich ſprach noch, als Maria mit ihrem Gatten ins Zimmer trat. Sie lief zu dem „umarmte ihn heftig, und Dormond ergriff ſeine Haͤnde. Keiner ſer ſchrecklichen, traurigen Stille. Nach den erſten Gefuͤhlen der ſchmerzlichen Ruͤhrung L wandte ſich mein Sohn zu Marien, und ſag te:„ Laß ab, meine Tochter, laß ab von deinen Thraͤnen; du biſt es dir ſelbſt, deinem Gatten und der Frucht, die du unter deinem Herzen traͤgſt, ſchuldig, deinen Schmerz zu maͤßigen. Ich werde freilich.. bald ſterben. A ber ich laſſe dich in den Armen deines ehrwuͤr⸗ digen Großvaters der dich aufnahm, ehe er e dir bleibt noch ein wuͤrdiger Gat⸗ 4 eine hohſte Liebe verdient, denn er war einſt dein Retter. Ohne ſeine Großmuth wuͤrde dein ungluͤcklicher Vater jetzt nicht den Troſt haben, dich an ſeinen Buſen zu druͤcken. Du ſollteſt nicht weinen uͤber meinen Tod, denn er endigt ja meine Leiden. Weine uͤber deine Geburt, die ſo viele Leiden uͤber deine Familie brachte. Ich bin weniger zu beklagen, als dei⸗ ne Mutter, denn ich ſterbe bei dir; aber keine kindliche Liebkoſungen, keine Zaͤrtlichkeiten wer⸗ 8 den den muͤtterlichen Schmerz heilen. Ein wei⸗ ter Zwiſchenraum hat euch getrennt. Du ſiehſt, meine Tochter, welche Folgen eine einzige vor⸗ uͤbergehende Verirrung gehabt hat, und wie hart der Menſch, fruͤh oder ſpaͤt, geſtraft wird, wenn er ſich verleiten laͤßt, ſeinen Pflichten untreu zu werden. Die Vorſicht iſt gerecht. Wir duͤrfen gegen ihren Willen nicht murren. Ich empfehle dir und deinem Gemahl meinen ehrlichen, recht⸗ ſchaffenen Vater. Eure Liebe, eure Sorgen werden ſeine letzten Tage verſchoͤnern. Vergeßt nie, was ihr der Frau von Ponty ſchuldig ſeyd; ihr habt große Schulden zu bezahlen. Lebt wohl; ich gehe voran— in die Ewigkeit; ich nehme ja den Troſt mit, daß euch mein Anden⸗ ken theuer ſeyn wird. Ich fuͤhle es, dieſe Schwachheit... Meine ſterbenden Augen— ſie koͤnnen euch kaum unterſcheiden.. Ich 4 verlaſſe euch.... aber mein Herz... es bleibt bei euch.“ Sanlft, ohne Schmerzen, ohne Todes⸗ aangſt ſtarb er in unſern Armen,. Sein Tod wer eben ſo ruhig, als ſein Leben ſtuͤrmiſch ge⸗ weſen war. Wir mußten Gewakt brauchen, um Marien von ſeinem Bette loszureißen, und wiewohl wir ſelbſt des Troſtes bedurf⸗ fuͤhlten wir uns doch genoͤthigt, un⸗ fenr erz zu unterdruͤcken, um den ibre gen zu lindern. Ich wollte nicht, daß die Leiche meines Sohnes von uns getrennt werden ſollte; ich hatte ihn ſo innigſt geliebt, und wir alle be⸗ ſeufzten ſein Andenken ſo aufrichtig. Zu mei⸗ ner Freude erbielt. ich die Erlaubniß, d9auf rabmahl aufrichten. 0r⸗ 8 ete das Denkmahl einfach aber — 301 geſchmackvoll. Wir beſuchten dieſen Ort nie, ohne ihm den Tribut unſerer Thraͤnen zu weihen. Bald nach dieſem trauervollen Verluſt, gebahr Maria einen Sohn; an dem ſie die Pflichten einer guten Mutter im weiteſten Umfang des Worts erfuͤllen wollte; ſie ſtill⸗ te ihn ſelbſt, und wollte ihr Kind keinen fremden Haͤnden anvertrauen. Dieſe ſuͤßen Muttergeſchaͤfte machten eine angenehme Zer⸗ ſtreuung fuͤr ihren Kummer. Der neugebohr⸗ ne Sohn wurde ein neuer Gegenſtand unſerer Pflege und unſerer Sorgen; er heilte allmaͤh⸗ lig auch unſere Wunden. Zu dieſer Zeit erhielt ich wieder einen Brief von Mariens Mutter; er lag in einem kleinen Kaͤſtchen, das mehrere Diamanten ent⸗ hielt, deren Werth ohngefaͤhr auf zwei tau⸗ ſend Thaler zu ſchaͤtzen war. In dieſem Briefe billigte ſie alles, was ich fuͤr Ma⸗ riens Vermaͤhlung gethan hatte. Sie kannte Dormond und gab meiner Wahl ihren un⸗ eingeſchraͤnkten Beifall, Noch vmmal em⸗ 3⁰2— pfahl ſie mir mit aller muͤtterlichen Zaͤrtlich⸗ keit ihre Marie, und bat mich zuletzt, daß ich ihr zuweilen von unſern Schickſalen Nach⸗ richt geben ſollte.„ Seyn Sie uͤberzengt, ſchrieb ſie, daß ich daran immer den waͤrm⸗ ſten Antheil nehmen werde.“ In dieſem Briefe lag noch ein anderer 8 MNarien. Sie bezeigte darin ihre Gluͤckwuͤn⸗ ſchungen zu Mariens Vermaͤhlung, gab ihr 4 die weiſeſten Rathſchlaͤge fuͤr ihr Betragen Gattin und Mutter, und ſchaͤrfte ihr ein, daß ſie nie recht gluͤcklich ſeyn wuͤrde, wenn ſie vergaͤße, was ſie ſich ſelbſt und der Welt ſchuldig ſey. In meiner Antwort mel⸗ — 3⁰3 mir dieſe Ruhe gekoſtet. Mehr als fuͤnf⸗ zehn Jahre habe ich an meiner Ehre, an mei⸗ nem Vermoͤgen, an den fuͤßeſten Gefuͤhlen meiner Seele Schiffbruch gelitten; Verban⸗ nung, Kabalen des Gerichts, Gefangenſchaft — alles hab ich ertragen, geduldet, uͤber⸗ ſtanden. Nur ein verlaſſenes Maͤdchen, trau⸗ rend und verbannt wie ich ſelbſt, hat die langen Truͤbſale meines Lebens in ſuͤße Ge⸗ nuͤſſe umgeſchaffen und die letzten Tritte mei⸗ ner Laufbahn mit Roſen beſtreuet; Maria, 3 die reizende Tochter des Ungluͤcks, umfaͤngt alles mit Gluͤckſeligkeit, was ſich ihr naͤhert. Voll kindlicher Ehrfurcht als Tochter; zaͤrt⸗ lich als Gattin, vortrefflich als Mutter nachſichtig als Gebieterin, und mitleidig ge⸗ L gen alle Ungluͤckliche, die ihre Huͤlfe anfle hen, iſt ſie fuͤr ihre Freunde und Bekannte ein Gegenſtand des allgemeinen Segens und Lobes. Ihr habe ich die angenehmſten Au genblicke meines Lebens zu danken. Ich ge⸗ 3 nieße dieß Gluͤck mit eben dem philoſonhi ſcchen Sinn, womit ich meine Leiden ertrug. 4 —* ** 44 5 304 Mit Gelaſſenheit ſehe ch,n das Länchen mei⸗ nes Lebens allmaͤhlig zum Erloͤſchen hin⸗ ſchwinden; ich habe mir an dem Grabmal mei⸗ nes Sohnes eine Ruheſtaͤtte fuͤr meinen Leich⸗ nam gewaͤhlt, und erwarte ohne Furcht ſo ie ohne Verlangen den Sitseane 1. 9 uns ver uigen wind. 58 . ru 2s,her, 2 e