— — — — — 2—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗’3 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ½ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von V jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ¹ ee hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 3 1 Mk.— Pf. 1 3 4 2 „„—„„—„ 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, or⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo t e der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. kusiunlczeil. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— „ͤ-⸗—-ͤ —, Inhalt: Vier und zwanzig Stunden. Humoreske. Die Unvermälten. Eine Skizze. Die Höhle des Grabes. Novelle. Zur Hammelpaſtete! Die Bachanalien. Eine Erzählung. Die Koſe von Padua. Novelle. Berger's Zuchhandlung. 1847. Vier und zwanzig Stunden. Humoreske. Heute und geſtern. Iſt doch der neue Tag wie die Couliſſenmaſchine bei einem modernen Furore⸗Ballete. Nicht bloß die Scene, nein die Menſchen, die Gemuͤther, die Empfin⸗ dungen, die Stimmen, die Laute, das Athmen er⸗ haͤlt eine veraͤnderte Form. Der Menſch ſchaͤlt ſich heraus aus der Puppenhuͤlle des Geſtern, wie eine Schmetterlingsraupe, und wirft ſich in die Boa-con- strictor Haut des Heute, oder wird vom Schickſal hineingeſchleudert. Iſt die neue Kleidung glaͤnzender, weicher, ſuͤßer, ſchmiegſamer als die alte? Ach, er weiß es nicht. Oft druͤckt ſie ihm blutige Schwielen in's wunde Herz, und er kaͤmpft und ringt, um ſie zu dehnen, bis er ein weiches Plaͤtzchen errungen, um dort zu ruhen. Aber— ach! es wechſelt ſtets die Scene, bis das weiße, zarte Negligee⸗Gewand des Todes ihn umſchließt, und er auf die große Toilette von Jenſeits harret, um ſich mit ſtrahlenden Demant⸗ ketten ſeines Duldens und Handelns zu ſchmuͤcken. Schleſing. Herbſtnov. 1 — 2— Wo iſt mein Humor?— wollte ich nicht das Leben in einer laͤchelnden Ironie beſchauen, und ſtehe nun am Grabe und deſſen ironiſchem Ernſte. Wollte ich nicht mich letzen an meiner Vergangenheit, und nun ſchaue ich wie ein traͤumender Aſtrolog in die Zukunft?—— Weg damit!— nicht das tragikomiſche Spiel der Menſchheit uͤberhaupt, mein eigen komiſch⸗tragi⸗ ſches Schickſal ſoll mich begeiſtern. Ich bin die Menſch⸗ heit, ich Individuum, bin ein Weltall. So denken ja die meiſten, warum ſollte ich mich ſcheuen, es zu ſprechen? Nun, mein verehrter Humor, werden Sie ſich doch bei mir ſehen laſſen? Ich weiß, mir werden Sie treu bleiben, vor mir ipsissime werden Sie ſich nicht fuͤrcten! An mir duͤrfen Sie Ihre Zwickſcheere ganz ohne Scheu agiren laſſen. Sie werden weder verpoͤnt, noch verlaͤſtert, weder gekoͤpft, noch geviertheilt. Ver⸗ fahren Sie mit Ihrem Knechte nach Belieben, nur werden Sie mir, um's Himmelswillen, kein Etymologe, denn erſtens laſſen die Menſchen lieber ſich ſelbſt als ihre Titel analyſiren; zweitens koͤnnten Sie aus Ih⸗ rem eigenen Namen eine Fluͤſſigkeit hervordeſtilliren, von der es uns ungewiß, ob ſie nicht als Suͤndfluth meine Vier⸗ und zwanzig Stunden⸗Biographie uͤber⸗ ſchwemmen wuͤrde. — 3— Vierundzwanzig⸗Stunden⸗Biographie!— O ihr ungluͤcklichen Biographenſeelen, die ihr die Prachtfedern in euern Schweiß tauchet, um euern Helden ein wuͤr⸗ dig bezahltes Monument zu erſchwitzen; o ihr geplag⸗ ten Seelen rufe ich, nehmet euch ein Beiſpiel nach meinem Beiſpiel, und ſucht euch vier- und zwanzig lichte Stunden in dem Leben eurer Halbgoͤtter. Wahr⸗ lich, es waͤre euch und jenen beſſer gedient, der Olymp wuͤrde mit Halbgoͤttern gepfropft, und das Leben er⸗ ſchiene glaͤnzend und heiter, wie ein Ball mit kriſtall⸗ nen Leuchtern und goldnen Rahmen, und jede der ge⸗ ſchmuͤckten Taͤnzerinnen waͤre ein roſiger Engel, und jede Liebe eine Ewigkeit. Jeder Krieger waͤre dann ein Alexander, jeder Koͤnig ein Titus, jeder Staasmann ein Suͤlly, jeder Dichter ein Minos,— denn wer iſt ſo verdammt zum Staube, um auch nicht vier und zwanzig armſelige Stunden ſein eigen zu nennen?— Stille doch, Traͤumer, ich wollte ja meine eigenen fata Morgana erzaͤhlen. Was doch ein Selbſtbiograph wunderliches Zeug ſchwatzen kann. Erſte Stunde. Ich ſaß in meinem niedlichen Dachſtuͤbchen, und die Sonne guckte freundlich, aber kuͤhl in mein Zim⸗ mer wie eine Bravourſaͤngerin ohne Geld und ohne Stimme. Sie draͤngte ſich beinahe ſchuͤchtern durch 1* die ſchmalen Scheibchen, als wollte ſie mich demuͤthig um Erlaubniß bitten, mich erleuchten zu duͤrfen, wie es denn manchem wackern Hofmeiſter nicht beſſer zu gehen pflegt. Aber die Demuth waͤhrte kurz. Hoͤhnend fielen ihre Strahlen auf die glanzloſen und daher et⸗ was furchtſamen Mitbewohner meines Pallaſtes, einen alten zerbrochenen Tiſch, einen ironiſch⸗wehmuͤthigen Seſſel, einen pythiſchen Kaſten und auf den alten Ci⸗ cisbeo aller Schoͤnen, den Spiegel, deſſen Antlitz jedoch wahrſcheinlich der Verdruß uͤber die unwirthſchaftliche Wirthſchaft eines Junggeſellen mit dichten Wolken uͤberzogen hatte. Ich aber, der gluͤckliche Beherrſcher, ſah meine gebildeten Unterthanen die ſtolzen Strahlen noch ſtolzer zuruͤckwerfen. Ich ſaß, nach tuͤrkiſcher Art, auf einem Schemel und breitete meine Arme aus, aber nicht nach der Sonne und ihren Strahlen, ſondern ich— naͤhte, ſo die Offenherzigkeit meines ſchwarzen Frackes und meiner Beinkleider verbeſſernd. Die Glocke ſchlug ein Uhr. Ich erhob mich von meinen Katheder, und machte aus der reinen Theorie eine angewandte, d. h. ich huͤllte meinen edlen Koͤrper in die reformirten Gewaͤnder. Zum erſten Male in meinem Leben(wer wird mir's glauben?) ward ich ein Geck. Ich kraͤuſelte mein lichtblondes Haar, ich glaͤttete mein Antlitz, ich warf mich den reflectirenden Stuͤckchen eines einſtigen glanzvollen Damentoiletten⸗ — ¹ 8— Freundes in die Arme, ich ſchnitt ſuͤße Mienen, ich goß ein einnehmendes Laͤcheln, ich ſalbte mein ſokrati⸗ ſches Haupt mit den wohlfeilen Parfuͤmen, welche die Armuth erfindet, und nachdem ich mich ſelbſt in das Eitelkeitsmeer getaucht, ſtand ich vor meinem eignen Anblick, und ſchaute fragend in das Orakel meiner Ge⸗ ſtalt, ſo freundlich, ſo gutmuͤthig⸗treu, daß ſie laͤchelte, und mich achſelklopfend, des Guten verſicherte. Und die berauſchte Pythia Selbſtgefaͤlligkeit ſprach durch meine geſchmuͤckte Orakelgeſtalt die raͤthſelhaften Worte: Zarte, ehrfurchtsvolle Beugung Jener ſchoͤn geſchaff'nen Formen, Scharf bemeſſ'ne tiefe Neigung In den hergebrachten Normen. Dein Geſchick, es thront im Rathe, Im Pantoffel kann ſich's wenden, Darum laufe, krieche, wate, Daß es guͤtig moͤge enden!— Ich konnte ſie wol deuten die ew'gen Naͤthſel! Moͤchteſt du es auch, lieber Leſer? Geduld alles loͤſet die Zukunft. Nun aber ſchlug es halb zwey Uhr. Ich hatte eine halbe Stunde zu gehen, und mußte mich demnach ohne Zeitvurluſt auf den Weg machen. Ich ſchob den Holzblock, meine Schnalle, von der Thuͤre, und ſteckte meinen Schluͤſſel in das Schloß, um es zu ſperren. Aber indem er unmuthig knarrte, rief er heraus: Bei meinem Barte, noch nie hat wohl Idealeres unter Riegelmiſterien ſich verborgen. Minuten und Sekunden. Mir kommen auf der Straße meine beſten Gedan⸗ ken, und jeder Pygmaͤenſchritt meiner Beine auf der Erde macht einen Siebenmeilenſprung in der Grillen⸗ bahn, ſo daß nicht ſelten mein ſcheinbares Pflaſtertreten auf den Promenaden eine Cook'ſche Entdeckungsreiſe um die Ideenwelt iſt. Auch ich pflege die Bewohner der Suͤdſeeinſeln in meinem Gehirnocean(die Anato⸗ men bauen eine Bruͤcke daruͤber) nach ihren Farben zu claſſificiren. So habe ich weiße, ſchwarze, gelbe, rothe, himmelblaue und braune Gedanken geſehen, die mich oft auf einmal wie im ungeheuren Triumphzuge uͤber⸗ kamen, dann zogen einige ganz friedſelig heruͤber, mit Oelzweigen in den weichen Haͤnden, und den himm⸗ liſch-laͤchelnden Mienen, und brachten die ſuͤßeſten, er⸗ quickendſten Fruͤchte vom Erinnerungsbaume und der Hoffnungsrebe. Andere zogen ſanft und fremd, wie ein Chor frommer reizender Beterinnen voruͤber, und lockten die flatterhafte, ſchwaͤrmende Sehnſucht nach; aber wild, wie entſetzliche Kannibalen ſtuͤrmten andere auf mein armes Gemuͤth und ſeine Empfindungen, und der Kampf war blutig, ſchonungslos, vernichtend. Die zarteſten Bluͤthenkeime meiner Freuden ſanken — 7zW— gebrochen darnieder, und die heilige Kolonie des Glau⸗ bens und der Liebe verließ wehmuͤthig das angewohnte Vaterland, und verirrte ſich in die ungeheure Sahara⸗ wuͤſte des Zweifelns und Verzweifelns. Jene aber hingen vampirgleich am oͤden Herzen, und erpreßten den letzten Tropfen der Empfindung, bis es den Aus⸗ gewanderten endlich gelungen, ſich mit dem Muth zu verbinden, und mit klingendem Spiele einzuziehen in die wiedereroberte Bruſt. Wie geſagt, ich liebe das Nachdenken in der freien, friſchen Himmelsluft. Erſtens habe ich da den lieben Gott gleich uͤber mir, und meine Freuden und Leiden ringeln ſich wie blaue Rauchwolken empor, und bilden ſonderbare und erbauliche Geſtalten. Zweitens iſt es, zumalen in großen Staͤdten, ein probates Mittel ge⸗ gen die Langweil⸗Epidemie an dem gefallſuchtigen, ewig laͤchelnden Geſichtsſchminkbuͤchschen; drittens endlich iſt es weiſe Minuten-Oekonomie und Zeiterſparniß⸗Vor⸗ theil, welche die etwaigen Puͤffe, Stoͤſſe oder ſonſtigen unidealiſchen Beruͤhrungen mit Traͤgern, Karrenſchie⸗ bern, und andern, in Knigge's Umgang mit Menſchen nicht hinlaͤnglich bewanderten Leuten reichlich aufwiegen. Auf dem langen Wege zum Hofrathe nahm ich nun den allerintereſſanteſten Gegenſtand von der Welt — mich ſelbſt zum Stoffe meiner tiefſinnigen Unter⸗ ſuchungen. Ich fand nun zwar, wie die meiſten Un⸗ — 8— terſucher mit ihren Diſſertationen, eigentlich nichts Neues heraus, aber dafuͤr hatte ich auch eine wunderbare Fertigkeit, das Alte, Vergangene meinem ſaͤmmtlichen Auditorium, id est meiner eigenen hoͤchſtwerthen Per⸗ ſon, zu einer ſehr zeitvertreibenden biographiſchen Lei⸗ chenrede an einander zu knuͤpfen. Ich war unter einem ungluͤcklichen Sterne geboren. Der Menſch mit ſeinem pygmaͤenſchwachen Stolze moͤge ſich immer ſtraͤuben gegen den zermalmenden Schwung des Rieſenweltrades„Schickſal“ genannt, er kruͤmmt ſich wimmernd unter deſſen Spuren, und ringt ſich um ſeinen— Untergang.— Mein Vater ſtarb fruͤhzeitig, meine gute Mutter folgte ihm bald. Nie betrachtete ich ihr ſuͤßes Bild an der innern Seite meiner Uhr ohne Thraͤnen, ohne unnenbare Sehnſucht. Ach, iſt denn der Jammer des Geboren⸗ werdens nicht an ſich groß genug, was ſollten die We⸗ ſen nicht ewig uns umſchweben, um derentwillen allein wir es der Natur vergeben, daß ſie uns erſchuf?— Ich kam nun mit meinem nicht unbedeutenden Vermoͤgen in die Hand eines alten Oheims und einer alten Tante, welche mir wenig Speiſen, aber dafuͤr viel gute Lehren zu verdauen gaben, dennoch ſich mei⸗ ner Erziehung mit ſo loͤblichem Eifer annahmen, daß ſie mir, als ich die Univerſitaͤt beziehen ſollte, ſehr ſcharf⸗ ſinnig bewieſen, mein geſammtes Vermoͤgen ſei auf die — 9— Koſten meiner Bildung rein aufgegangen. Ich hatte nun zwar kein Geld mehr, aber den herrlichen Troſt, nach unumſtoͤßlichen arithmetiſchen Gruͤnden mich als einen hoͤchſt gebildeten jungen Mann betrachten zu duͤrfen. So kam ich nach P.... In der Maſſe von Ge⸗ lehrſamkeit, die mich hier faſt erdruͤckte, hatte ich Ge⸗ legenheit, alles zu uͤberblicken, was ich nicht wußte, waͤhrend mein Wiſſen nur ein ſehr beſcheidenes Plaͤtz⸗ chen einnahm. Ich that redlich, was ich konnte und ſollte. Meinen Unterhalt erwarb ich mir durch Unter⸗ richtsſtunden, dieſen Probierſtein der menſchlichen Ge⸗ duld. Meine Tage verſtrichen im Lernen und Lehren, meine Abende bei der Studierlampe, meine ſchlummer⸗ loſen Naͤchte in Thraͤnen und Sorgen. Von allen den Menſchen um mich her, von allen den Hoch⸗ gluͤcklichen keine einzige Seele mehr, die mit mir fuͤhlte kein einziges Herz, das an dem meinen ſchlug! Da erbarmte ſich der Himmel mein, und Mannathau perlte auf die freudenoͤde Wuͤſte, und ein Engel ſchwebte mir nieder— es war... Duͤſter und durch einen unangenehmen Zufall in meinen Studienverhaͤltniſſen aͤußerſt verſtimmt, ging ich an einem Abende durch eine oͤkonomiſch⸗halbbe⸗ leuchtete Gaſſe unſerer beſchraͤnkten Univerſitaͤtsſtadt, als ich zwei anſtaͤndig gekleidete Damen von zwei jun⸗ — 10— gen Laffen ſehr zudringlich verfolgt ſah. Jene beſchleu⸗ nigten ſichtlich und furchtſam ihre Schritte, aber ſie wurden bald eingeholt, und die Gecken griffen ihnen ziemlich unverſchaͤmt unter die Arme. Sie machten ſich unwillig, aber mit einem gewiſſen hoͤflichen An⸗ ſtande los, indem die Aeltere bat, ſie ruhig ihre Wege wandeln zu laſſen, die Unverſchaͤmten jedoch umfaß⸗ ten ſie, um ſie zu kuͤſſen, ſo daß ſich die Damen ge⸗ noͤthigt ſahen, laut um Hilfe zu rufen. Obſchon ich nun damals nicht Luſt fuͤhlte, als Don Quixote in den Annalen, der guten Stadt zu glaͤnzen, und von handfeſten Paladinen einen Ritter⸗ ſchlag zu erhalten, ſo empoͤrte mich, den Reizbaren, die ungebuͤhrliche Scene. Ich faßte meinen treuen Studentenknittel feſter, trat ſehr gelaſſen hinzu, und bat die Herren hoͤflich, doch beſtimmt, von ihrem un⸗ artigen Verfahren abzulaſſen. Als ich jedoch einſah, daß auf dem diplomatiſchen Wege nichts auszurichten war, hob ich mein unwiderlegbares argumentum ad hominem, und bedeutete den Beiden mit einer lauten und feſten Stimme, die ich außer dieſem merkwuͤrdi⸗ den Abende nur ſelten an mir vernahm, ſich auf der Stelle zu packen, indem die Damen unter meinen Schutz gehoͤrten. Die Haſenfuͤße machten große Augen, ſahen zu mir mit Erſtaunen, zu meinem maͤchtigen Nachbar, dem Stock, mit Ehrfurcht hinauf, riſſen einige — 1— ſchlechte Witze uͤber einen eiferſuchtigen Deus ex ma- china, und machten ſich mit ingrimmigem Lachen aus dem Staube.— Ich ſtand nun mit meinen, ganz nach den Regeln der alten Chevalerie geretteten Frauenbildern beinahe nicht viel weniger verlegen, als waͤre ich ſelbſt mitten in einer Prachtphraſe goͤttlicher Grobheit durch eine wohlangebrachte Kraftaͤußerung unterbrochen worden; denn es iſt unlaͤugbar, daß das aͤußerſt ſeltne, und vielen Menſchen ganz unbekannte Thier, der ſchuͤchterne Juͤngling, ſich noch weit unbeholfener ausnehme, als die zuͤchtige, ganz in ſich zuruͤckgezogene Jungfrau. Ich ſtand demnach mit herabgezogenem Hute und etwas Unzuſammenhaͤngendes ſtammelnd da, als eine Dea ex machina, die aͤltere Dame naͤmlich Gu einer andern Goͤttin taugte ſie nicht) ſich meiner Qualen erbarmte, mir ſehr verbindlich dankte, und mich hat, meine edle That ganz zu vollenden, und ſie bis an ihre Wohnung zu begleiten. Hoͤchſt geiſtreich oder wenigſtens buͤndig war meine Erwiederung:„Ich mache mir eine Ehre daraus— wird mir ein Vergnuͤgen ſein, oder ſo was dergleichen,“ und ploͤtzlich fuͤhlte ich den Arm der Spre⸗ cherin und noch einen anderen zarteren, weicheren in den meinigen, welche ſich mit der ungewohnten Inlage viel artiger, als ſelbſt mit dem goldverzierten Saffian⸗ bande meines roͤmiſchen Kirchenrechtes ausnahmen. — 12— Aber mich armen Studioſus uͤberlief es bruͤhheiß, zwei volle Arme ſo nahe an meiner Bruſt. Sie begannen wahrſcheinlich, mir ihren Dank in vollwichtigem, le⸗ bendigem Blute zu zahlen, denn ſeitdem ich mit ihnen ging, fuͤhlte ich, daß mir das meinige zu viel wurde. Ich ſprach nicht gar zu viel, wie ich glaube, denn ich erinnere mich nur auf eine Anrede der aͤltern Dame: „der Mond ſchiene recht hell) man koͤnnte die Paar Lampen auch erſparen“ mit einem ſehr tiefſinnigen „wahrſcheinlich“ beantwortet zu haben, worauf eine an⸗ ſtaͤndige Pauſe von einer halben Stunde eintrat. Ach, ich erinnere mich noch an einen andern Umſtand dieſes verhaͤngnißvollen Abends, und leiter nur zu gut; denn als wir an eine Straßenecke kamen, und der Gasap⸗ parat eines dort wohnenden Chemikers ein intenſives Licht hervorbrachte, ſchlug meine Linke d. i. die Juͤn⸗ gere, die großen blauen Augen wie forſchend zu mir empor. Mochte mich der Neugiersteufel reizen— ich blickte hinein, und ſah einen ſo buͤndigen und unwider⸗ leglichen Coder des Naturrechts, daß ich ihn heute noch mit Enthuſiasmus ſtudiere, obſchon die Originalauf⸗ lage, ach! vielleicht ſchon vergriffen iſt. Genug, ich ſchaute ſcharf und tief in jenen blauen Himmel, und mochte es das helle Gaslicht ſein, wie es auf ein goͤttlich ſchoͤnes Antlitz ſtrahlte, oder war es der Flammenblitz des Auges ſelbſt, ich fuͤhlte mich elek⸗ — 12— triſch erſchuͤttert und begann zu leben. Aber auch ſie — die Linke naͤmlich— denn nun gab es fuͤr mich keine Rechte mehr— weder an meinem Arme, noch im Buche, auch ſie mußte etwas ergriffen haben, denn ſie zitterte, ich fuͤhlte es deutlich mit ihrem Arme in dem meinigen. Mir ſchoß jedes kleine Blutstroͤpfchen in die Wangen, und waͤren wir nicht bald an der Pforte ihrer Wohnung angelangt, lange haͤtte ich es nimmer ausgehalten. Hier aber, beilaͤufig geſagt, in einer fashionablen Straße und nahe an einem elegan⸗ ten Hauſe, wandte ſich die aͤltere Dame mit ſehr fei⸗ nem Anſtande zu mir, dankte mir mit ſehr viel In⸗ nigkeit, und hob beſonders die ſeltene Delicateſſe in meinem Benehmen hervor, womit ich es vermieden hatte, meine ritterlich vertheidigten Damen um Namen und Stand zu befragen, oder ſonſt in ihrer unange⸗ nehmen Lage mit zudringlichem Geſchwaͤtze zu belaͤſti⸗ gen. Ich uͤberließ heimlich einen großen Theil dieſes Panegyrikus meiner laͤndlichen Bloͤdigkeit, um ſich dar⸗ uͤber mit dem Zartgefuͤhle zu vergleichen; doch der feu⸗ rigſte Opiumrauſch des Entzuͤckens durchbebte meine Adern, als eine freundliche Einladung der aͤlteren Dame, ſie morgen gewiß zu beſuchen, von einem ſuͤßen traͤu⸗ meriſchen Kopfnicken und einem faſt unmerkbaren Haͤn⸗ dedrucke des entzuͤckenden Maͤdchens begleitet wurde. Zweierlei Dinge erfolgten nun, welche alle Men— — 1— ſchen, etwa Linnée und Newton ausgenommen, in ihrem Jugendfruͤhling, entweder von dem gruͤnenden Weinſtocke des Lebens, oder von dem oft verdorrten Blatte des Romans geleſen haben, naͤmlich, ich flog nach Hauſe, als haͤtte mich weiland Huskinſon mit einem Dampfwagen eskortirt, und konnte die ganze Nacht nicht ſchlafen, weil in der erſten Liebe keine Finſterniß, keine Daͤmmerung, ſondern immer lauter helles, ſtuͤrmiſches Tagesentzuͤcken geboren wird. Ich ſchleuderte funkenſpruͤhende Sonette, die vermoͤge ihrer Holprigkeit, in jedem deutſchen Muſenalmanache haͤtten prangen moͤgen, ich weinte Elegien, und jeder Athem war ein Wehmuthlied. Das entfeſſelte Gefuͤhl der Liebesſehnſucht erfaßte mich ſchmerzlich⸗betaͤubend, und zog mich, wie einen Mondſuͤchtigen, in den Brenn⸗ punkt ſeines Strahles, und im ſeligen Halbſchlummer tauchten fremde Kraͤfte auf, faſt wie unheimliche Ge⸗ ſpenſter der Mitternacht. So pilgerte ich zur ſchicklichen Stunde mit bren⸗ nenden Augen, klopfendem Herzen und kaum pulſirendem Muthe in den Tempel, wo mein zweiſpaltiger Geiſt ſeit einer Zwoͤlf⸗Stunden⸗Ewigkeit den Prieſterdienſt vor dem Altare der Liebe verrichtete. Man ſchien mich bereits zu erwarten. Als ich durch eine Reihe von Zimmern dahinſchritt, ach, da prallte mein Auge troſtlos zuruͤck von all' der glaͤnzenden Pracht um mich — 15— her, und wandte ſich, Erholung ſuchend, durch deſſen Fenſter in das Haus eines ehrlichen Schuſters, wo mich meine freundliche Armuth traulich gruͤßte, und mir ganz naiv, wie ein ſorgenloſes Kindlein, ihr ein⸗ faches Roͤckchen zeigte. Das Beſuchzimmer ſchloß ſeine Fluͤgel hinter mir, und ich erblickte die Rechte, nein, nicht die Rechte meines Herzens, ſondern meiner Arme. Es war eine wuͤrdige, geiſtreich geſtaltete Frau, ſie mochte etwa in den Vierzigen ſein. Die Art, mich zu empfangen, war die feinſte, wohlthuendſte; ſie druͤckte ihr Ver⸗ gnuͤgen aus, daß ich ihrer Einladung Folge geleiſtet, und dadurch bewieſen haͤtte, ich bereuete meinen Ritter⸗ dienſt nicht. Ich ſtotterte muͤhſam einige Gemeinplaͤtze, um mein kleinſtaͤdtiſches Embarras zu verbergen, da oͤffnete ſich die Seitenthuͤre, und die Linke in der an⸗ muthigſten Morgenhuͤlle, wie eine Thauſylphide, ſchwebte ins Zimmer. Ein Hauch Aurorens uͤberflog ihre Wan⸗ gen, als die Aequatorſonne ihrer Schoͤnheit alles ver⸗ ſengend und alles entzuͤndend hervortrat. Wie krampf⸗ haft zog ich den Arm, der ſie geleitet, an mein Herz, und noch mußte die elekteriſche Ladung in ihm ſein, denn jenes ſchlug ſtuͤrmiſch empor. Nun erſt, als ſie von einem Lichtmeer umfloſſen und nach einer holden, pittoresken Verbeugung vor mir ſtand, verwuͤnſchte ich mit einem heimlich komiſchen und farbloſen Pinſel gefuͤhrt. Ich hatte ihren himm⸗ liſchen Reizen unrecht gethan, denn mein in der geſt⸗ rigen Nacht zuſammenkombinirtes Ideal weiblicher Schoͤnheit, eine Gleichung, wozu ich nur eine bekannte Groͤße, das Antlitz gefunden hatte, verhielt ſich zu der Wirklichkeit, wie ſich ſonſt dieſe zu jener verhaͤlt. Von den granatpurpurbluͤhenden Lippen Claurens bis zu der edelſten antiken Form Winkelmann's war kein Reiz, der ſie nicht laͤchelnd umſchwebte. Aber moͤge es mir erlaſſen ſein, dieſe Skizze vollendet und in friſcher Farbenglut auszufuͤhren. Die eine Haͤlfte meines Leſe⸗ publikums wuͤrde mich beneiden, und die andere mir nicht glauben. Kurz, ich ſaß uͤberraſcht, verlegen, einfaͤltig da, aber ſie faßte ſich bald, und ſo wurde denn das Ge⸗ ſpraͤch nach kurzer Friſt gleichfoͤrmig und leidlich ge⸗ Ich habe mich nie ſo weit erniedrigt, mit Luͤgen zu prahlen, ich beruͤhrte meine Verhaͤltniſſe freimuͤthig, ohne den Anſtand zu verletzen, und erwaͤhnte unter andern auch, daß ich in mehreren Sprachen Unterricht ertheile.„Sprechen ſie auch engliſch“ fragte die Tante Ich nickte ſchweigend.„Das ſchickt ſich ja recht artig“ fuhr jene fort,„meine Erneſtine bedarf ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit eines engliſchen Sprachmeiſters, ſo haben wir, Zorne meine dienſtſcheue Phantaſie, die einen ſo traͤgen laͤufig. Die Rede kam natuͤrlich auf meinen Stand. — 12— nach aͤchter turniergerechter Sitte, in unſerem Paladin auch den Meiſter in geheimer Wiſſenſchaft entdeckt. „Man vereinigte ſich bald uͤber Zeit und Stunde, und das mir angebotne Honorar war ſo bedeutend, daß es meine maͤßigen Beduͤrfniſſe weit uͤberſtieg Ich ſaß an ihre Seite, ihrer braunen Locken faͤchel⸗ ten Glut in meine Wangen, ihr Fruͤhlingsathem ſchwellte meine Fiebern ſtraff empor, mit ihr ſaß ich, und wir flammten mit Shakeſpeare und lieberaſ'ten mit Byron und phantaſirten mit Moore, und ihre Wange gluͤhte hoch auf, und ihre Hand ergriff in heiliger Begeiſterung die meine, und ein aͤcht griechi— ſcher Thraͤnenſchleier umfloß ihr Auge und wallte wie ein ewiges Werde herunter auf die geſpenſterhaften ſchwarzen Buchſtabenformen, daß ſie ſich erhoben und gar drohend und wunderlich herumtanzten— Was ſein mußte, geſchah, Mazeppa*) hauchte in Feuerworten: „We met— we gazed— J saw, and sigh'd, She did not speak, and yet replied There are ten thous and tones an sings We hear and see, but none defines— Involuntary sparks of thought *) Byron's Gedicht gleiches Namens VI. V. 232— 252. Wir trafen, ſahen uns, ein Seufzer ſtieg Aus meiner Bruſt— ſie ſprach und ſchwieg die Liebe hat gar wunderbare Zeichen, Wir fuͤhlen's— koͤnnen Worte ſie erreichen? Sie ſpruͤhen, gleich den hellen Blitzesfunken Schleſing. Herbſtnov. 2 — 18— which strike from out the heart o' erwrought. And form a strange intelligence Alike mysterious and intense Which link the burring, chain that binds, without their will, young hearts and minds; Conveying, as the electic wire We know not how, the absobring fire. J saw, and sigh'd— in silence wept, And still reluctant distance kept, Until J was made known to her, And we might then and there confer Without suspicion— then, even then J long'd and was resolved' to speak; But on my lips they died again, The accents tremulous and weack. Until one hour 3 und ich ſank, im thoͤrichten Frevel ihn uͤbertreffend, halb bewußtlos zu ihren Fuͤßen, und ihre Locken umwogten Wenn das Gemuͤth vom Rauſche trunken. Und knuͤpfen ein geheimnißvolles Band⸗ Auf ewig umzerreißbar, unbekannt. So ſchließet ſich die flammengluͤhende Kette Um junge Herzen wol an jeder Staͤtte, Gleich dem Elektrophore leitet ſie Die Ladung hin— man weiß nicht wie!— Ich ſahe und ſeufzte auf und weint' im Wehe, Und wollte dennoch nicht aus ihrer Naͤhe, Bis endlich ich bemerkbar ihr gemacht, Gar manche ſuͤße Stunde ohn' Verdacht Duͤrft' bei ihr weilen; da wollte oft es brechen Aus meiner Bruſt, das heiße Liebeswort, Die Lippe wagt' es, ach! nicht auszuſprechen, Der Laut erſtarb, und bebte ſchwach nur fort. Bis eines Tags—— — 19— mein bleiches Antlitz, und ihre Lippen gruben ſich in die meinen; doch Thuͤren oͤffnen ſich zuweilen, und — die Tante ſtand an meiner Seite. Was noch geſchehen, iſt mir unklar. Ich erinnere mich jedoch, daß ich hoͤflich mit meinem Hute im Vor⸗ zimmer ſtand, und die wuͤrdige Frau, zu mir ſagte: „Mein Bruder, Erneſtinens Vater, iſt Gouveneur einer Provinz. Merken Sie ſich das, junger Mann, und fuͤh⸗ len Sie, wie ich ſeinen ungemeſſenen Stolz kennend, han⸗ deln muͤſſe. Sie ſind Ihren Empfindungen gefolgt— ich trage die Schuld, Ihnen zu dieſer Verirrung Gele⸗ genheit geboten zu haben. Erneſtine ſehen ſie fuͤr jetzt nicht wieder; Sie wuͤrden es aber meinem fruͤhern Ver⸗ trauen auf Ihre Rechtlichkeit ſchuldig ſein, durch bald moͤglichſte Entfernung aus dieſer Stadt meine Angſt und das unangenehme Verhaͤltniß eines ſtreng eingeſchoſſenen Maͤdchens mit einem Schlage zu loͤſen.“— Ferners entſinne ich mich, wie ich das Haus eine halbe Stunde etwas gedankenlos angeſtarrt, und einen wuͤhlenden, ſtechenden Schmerz in der Bruſt gefuͤhlt hatte. Der dauerte noch immer fort, als ich in der dunkeln Nacht durch das Knarren eines Wagens im Sande und das Horn des Poſtillons aus meinem Halbſchlummer erweckt worden. Tags darauf war ich in der Reſidenz, und am zweiten Tage kuͤßte ich Er⸗ neſtine— in den Phantaſien eines heftigen Fiebers. 2* — 20— Zweite, dritte und vierte Stunde. Punktum. Gar wonnig phantaſirte ich ſo fort, und ließ mich das wenig anfechten, das mein jugendliches Blut in dichten Stroͤmen aus meinen Armen floß, wie es der ernſthafte Zoͤgling Aeskulaps befohlen hatte. Es mochte eben der ſechſte Aderlaß voruber ſein, und das ſechſte Pfund meines Lebensnectars ſpritzte in das Becken, als ich erwachte, und mich in den Armen einer alten Muhme fand, die der Zufall in die elende Kneipe ge⸗ leitet hatte, worin ich erkrankt war. Sie bezog naͤm⸗ lich, als vormalige Amme einer hohen Herrſchaft, eine beſchraͤnkte Penſion, und pflegte ihr frugales Mal aus dieſem Wirthshauſe zu holen. So hoͤrte ſie, wie ſie mir ſpaͤter erzaͤhlte, von einem bleichen, intereſſanten jungen Menſchen(ſie ſagte es!) welcher hier heftig erkrankt ſei, und von dem man bloß den Namen wiſſe. Der letztere fiel ihr auf, und ſie verlangte mich zu ſehen. Sie erkannte in mir einen weitlaͤufigen Verwandten, und ließ mich ſofort in ihre Wohnung transportiren, wo ſie meiner mit der liebe⸗ vollſten Sorgfall pflegte, und dieſe mit meiner— ungewoͤhnlich genug— noch kraͤftigen, ungeſchwaͤchten Natur verbunden, bewirkte, daß ich, nachdem die Hef⸗ — 21— tigkeit des Fiebers gebrochen war, mit wunderbarer Schnelligkeit meiner Geneſung zueilte. Ich erhob mich vom Krankenlager mit zwei aller⸗ dings guten Vorſaͤtzen, naͤmlich: keine junge Dame mehr zu unterrichten, und nicht mehr an Erneſtine zu denken. Beide aber habe ich gebrochen. Meine eben nicht glaͤnzende Lage zwang mich naͤmlich, alle Launen und Unarten junger, mitunter recht huͤbſcher Schuͤ⸗ lerinnen zu tragen, welche ihre Lehrer, wenn ſie ihnen nicht zugleich den Hof zu machen verſtehen, mit der raffinirteſten Grillenhaftigkeit quaͤlen, und— ach! eben jener weite Abſtand ließ mich ewig Erneſtinen ſchauen, in der Verklaͤrung ihrer Sanftmuth, in ihrer himmliſchen Beſcheidenheit, in der ſpiegelklaren Rein⸗ heit ihres Gemuͤthes. Ich hatte endlich mein letztes Examen gemacht, und die beſten Zeugniſſe erhalten. Nun hing mir der Himmel voll Geigen. Ich ſah mich im Geiſte als Buͤreaukraten, als Hofrath, als— Gott weiß was ſonſt noch. Ich gab meine Unterrichtsſtunden auf, und—— hier war ich an dem Hauſe No. 45 in der Sch... ſtraße, und unterbrach alle meine Erinnernn⸗ gen ohne Erbarmen, um mit klopfenden Herzen in den hohen geraͤumigen Thorweg zu treten. Ich wurde, nachdem mich die Domeſtiken hinlaͤnglich gemuſtert, und ich mein Begehren und Anſinnen wiederholt an⸗ deuten mußte, endlich durch mehrere Gaͤnge in einen prachtvollen Salon gefuͤhrt, und die Frau vom Hauſe, eine ſehr liebenswuͤrdige, noch junge Dame, trat mir freundlich entgegen. Ich mußte mich ſetzen. Sie maß mich vom Kopfe bis zu den Fuͤßen, daß ich wieder mein Geſicht wie lichten Scharlach ergluͤhen fuͤhlte. „Sie ſind alſo der junge Mann“, begann ſie end⸗ lich,„den man mir als Secretaͤr empfohlen?“ Ich ſah ſie halb erſtaunt an, und entgegnete ſchuͤch⸗ tern, daß mir geſagt worden, Ihr Herr Gemal be⸗ duͤrfe eines Secretaͤrs. „Das laͤuft auf Eines hinaus,“ rief ſie etwas pikirt„Sie muͤſſen nebſtbei auch meine kleinen Cor⸗ reſpondenzen beſorgen. Nicht wahr, Sie wollen es? Oder waͤre Ihnen dieß Geſchaͤft vielleicht zu kleinlich, abgeſchmackt,— nun dann....“ Sie hielt inne. Ich benutzte dieſe Pauſe, und ſtammelte, wiewol etwas verworren, von dem Gluͤcke, in ihren Dienſten ſtehen zu duͤrfen, von dem anziehenden Scheine, den die ſo verwendeten Stunden uͤber das trockene Weſen meines eigentlichen Berufes verbreiten wuͤrden, ſo daß ich ſie als meine Erholungszeit zu betrachten haͤtte; kurz meine Antwort fiel ſehr galant aus. „Schoͤn,“ rief ſie,„Sie gefallen mir.“ Dabei warf ſie abermals einen langen, aber freundlichen Blick auf mich, daß das Blut mir Beſcheidenen hoch — 23— in die Wangen ſchoß. Zum Gluͤck oͤffnete ſich die Thuͤre des Nebenzimmers. „Was giebt's,“ rief ſie unwillig,„kann man nicht einen Augenblick ungeſtoͤrt ſein?“ „Euer Gnaden, es iſt aufgetragen“, entgegnete demuͤthig eine Tenorſtimme,„und der Herr Hofrath ſitzt bereits bei Tiſche!“ „Laßt ihn ſitzen, den ewigen Eſſer, es iſt noch Zeit,“ zuͤrnte ſie hinaus, bald aber fuhr ſie zu mir gewendet fort:„Sie entſchuldigen wol, mein Freund! Sie ſehen, ich muß fort; kommen Sie nach Tiſche um vier Uhr wieder, dann wollen wir die Sache in Ordnung bringen. Hoͤren Sie, kommen Sie gewiß, mein lieber Geheimſecretaͤr!“ Sie laͤchelte huldreich, druͤckte mir, als ich ihre Hand kuͤßte, die meine, und huͤpfte leicht, wie ein Reh davon. Ich ſtand ganz verdutzt da. War es Traum, war es Wirklichkeit— meine kuͤnftige Gebieterin, die hohe Frau Hofraͤthin hatte mir die Hand gedruͤckt, mich ihren„lieben Secretaͤr“ genannt, und dieſe praͤchtige eintraͤgliche Stelle, die bei guter Auffuͤhrung lebens⸗ laͤngliche Verſorgung zur Folge hatte, war mein— mein! Ich faßte mein Gluͤck noch nicht, aber im Hintergrunde meiner verworrenen Freude laͤchelte ver⸗ klaͤrt, wie ein Engel Erneſtine auf meine Zukunft — 24— hinuͤber, und Thraͤnen der freundlichſten Theilnahme glaͤnzten in ihren Augen, und ſie breitete die Arme nach mir. Drin hoͤrte ich luſtig die Teller klappern. Ich konnte mit Anſtand nicht laͤnger da bleiben, Bei der Gelegenheit fiel es mir ein, ich ſelbſt hatte noch nicht gegeſſen. Aber ich hatte zehn Silbergroſchen in der Taſche; welcher Schatz fuͤr einen Menſchen, der eben ſein beſtaͤndiges Auskommen gefunden, welch ein Ueber⸗ fluß fuͤr ein einziges Diner? Gleich links neben dem Hauſe war eine ſtattliche Traiteurie. Sie war der Schauplatz meines Triumphes. Der Garcon mußte mich meines bereits hochmuͤthigen Ganges und ſtolzen Benehmens halber fuͤr etwas Vornehmes halten, denn er fragte mich, ob es mir beliebte, mit Champagner zu ſpeiſen. Haͤtte ich meinem jauchzenden Gemuͤthe folgen duͤrfen, ich haͤtte Nectar gefodert,— ach! die in Gluͤckesfuͤlle Gebornen koͤnnen es nicht ahnen, wie eine ſchwer errungene, ſichere Stellung im Leben das Gemuͤth erhebt, aber bei dem jetzigen Beſtande meiner Kaſſe beſchraͤnkte ich mich darauf, meine kuͤnftige Herr⸗ ſchaft ſammt Zugehoͤr in gutem Landweine hoch leben zu laſſen, und meine einfachen, aber wohlbereiteten Speiſen mit vieler Behaglichkeit zu genießen. So wurde es halb vier Uhr, und ich ließ ſchnell meine Rech⸗ nung machen. Sie betrug neun Silbergroſchen; noch — 25— einer blieb mir uͤbrig. Aber wozu auch der? Ich konnte ihn leicht entbehren. Zur Nacht war oben beim Hof⸗ rath fuͤr mich gedeckt. Froh und geſaͤttigt erhob ich mich, fuhr allenfalls zur Vorſicht mit einer Buͤrſte nochmals uͤber meine Kleider, uͤberlegte die Bedingun⸗ gen, welche ich, im Falle ich dazu aufgefodert wuͤrde, mit Billigkeit, doch vortheilhaft fuͤr mich, ſtellen koͤnnte, und trat ſo zum zweiten Male in den Thorweg. „Wohin, Herr!“ ſchnauzte ein hochmuͤthiger Jaͤger. Ich entgegnete mit ſtolzer Miene, denn der geheime Secretaͤrsteufel war bereits in mich gefahren,„ich muß zur gnaͤdigen Frau, die mich hierher beſchieden.“ „Aha, Sie ſind alſo...“ murmelte der Grobian, und wurde etwas beſcheidener, was meiner Eitelkeit ſehr wol that,„nun kommen Sie nur mit mir“ fuhr er fort, und ſein Geſicht nahm dabei einen ganz eigen⸗ thuͤmlichen malitioͤſen Ausdruck an,„man erwartet Sie ſchon.“ Ich folgte ihm nun durch einige ſehr einfach, ja nachlaͤſſig ausſehende Gemaͤcher, bis ich in ein kleines Cabinet trat, wo Buͤcher, Schriften, Papierſchnitzel u. ſ. w. in bunten aber keineswegs maleriſchen Grup⸗ pen umherlagen. Unter dieſem ungeordneten Durchein⸗ ander ſaß, wie Marius auf Carthag'os Ruinen, ein kleines, freundliches Maͤnnlein, faſt mitten im Zim⸗ — 26— mer, und ſtudierte emſig in einem Notenpack, indem der kleine Finger tactgebend darauf herumhuͤpfte. „Herr Hofrath,“ rief der Jaͤger mit ſeiner groben Stimme und nicht ſonderlicher Ehrfurcht,„das iſt der Herr, der uns zum Secretaͤr empfohlen iſt. Das Maͤnnlein blickte halb erſchrocken auf, und ſah mich eine Weile ſtarr und nichtsſagend an, als verſtaͤnde er noch nicht, was ich da ſollte. Endlich ſchien er ſich doch zu erinnern, und zum vollen Be⸗ wußtſein zu gelangen. Er ließ die Hand mit den Noten ſinken, und fragte leiſe und naͤſelnd ſehr angelegentlich: „Streichen Sie den Contrabaß?“ Ich war verdutzt. Auf jede Anrede, auf jegliches, noch ſo eigenſinniges Examen hatte ich mich gefaßt ge⸗ macht, aber dieſe Querfrage fiel mir auf den Kopf, wie ein Steinhagel. Ich erwiederte verlegen und ſtam⸗ melnd ein karges„Nein.“ „Oh, oh, oh!“ rief der Hofrath, mißmuthig die ſchneeweiße Peruͤcke ſchuͤttelnd. Er murmelte etwas dumpf vor ſich hin; dann fuhr er noch naͤſelnder fort: „Aber Violoncell— nicht wahr Freundchen? das ſpie⸗ len Sie doch paſſable, he?“ Ich hatte mich nun erholt, und die komiſche Seite dieſer Indroduction uͤbermannte mich ſo gewaltig, daß ich die Zaͤhne feſt uͤbereinander biß, um nicht in ein unausloͤſchliches Lachen auszubrechen. Nur muͤhſam — 2— gelang es mir ernſthaft zu entgegnen:„Nein, Herr Hofrath!“ „Oh, oh, oh, oh!“ ſchrie er faſt entſetzt, und ſchlug die Haͤnde in einander, waͤhrend ſein Haupt ſich wie eine Pagode drehte,„aber ſagen Sie mir doch, wie kann man— Ich unterbrach einen Ausruf, der wahrſcheinlich mehr muſikaliſch als vernuͤnftig ausgefallen ſein duͤrfte: „Aber die Bratſche, Herr Hofrath, geige ich ſo er⸗ traͤglich.“ „So, ſo?“ rief er aus, und rieb ſich vergnuͤgt die Haͤnde,„und das iſt ſchon etwas. Kommen Sie doch ein klein wenig her. Haben Sie da das neueſte Quar⸗ tet vom Spohr ſchon zu Geſichte bekommen?“ .„ Ich wuͤßte nicht,“ ſagte ich ſehr wolgemuth, denn die Sache fing an, mir Spaß zu machen. „Nun da hoͤren ſie einmal“ fuhr er fort, und tippte mit dem Finger auf dem Violin⸗Primpart herum. Er ſang mit einer quickenden Stimme einige Tacte und ſchrie immer dazwiſchen:„Ach Gott! ach Gott! haben Sie ſchon etwas Claſſiſcheres gehoͤrt? Da betrachten Sie nun das Baſſet⸗Accompagnement“— er brummte einige Laͤufe—„wie trefflich figurirt, wie angegoſſen,— claſſaͤſch, claſſiſch!“ „Ja wol, ja wol,“ ſtimmte ich ein, obſchon ich gar nicht wußte, welche Stelle er meine. — 28— „Ach, ach!“ fuhr er ploͤtzlich wieder empor,„da iſt ein Duettſolo von Violino primo, und Viola aus B claſſiſch, goͤttlich. Aber Sie geigen nicht Bratſche, ſondern Contrabaß?“ fragte er betruͤbt. „Nein, Bratſche, wie ich geſagt, ſpiele ich, mein Herr Hofrath!“ „Oh, Sie claſſiſcher Menſch!“ ſchrie er ganz ent⸗ zuͤckt, und preßte mich dermaßen an ſeine Bruſt, daß mein zierliches Gilet ganz verknittert zu werden drohte. „Laſſen Sie uns nicht die Zeit verderben, und es ſo⸗ gleich probiren. Hierauf kroch er eifrig unter das For⸗ tepiano, riß zwei ſtaubige und ſchlecht beſaitete, aber an ſich tuͤchtige Inſtrumente hervor, druͤckte mir eines derſelben, eine Viola in die Hand, ſtellte auf den Kaſten ein Clavierpult, und legte den Part auf. Alles dieß war blitzſchnell geſchehen. Er ſelbſt legte die an⸗ dern Noten quer auf den Tiſch, ergriff eine Violine, und ſtand ſo mit vorgebuͤcktem Leibe und tief herabge⸗ ſenktem Haupte, denn er ſchien ſehr kurzſichtig, wie ein Halbmond, und ſchlug mit dem Violinbogen un⸗ geduldig auf den Tiſch. Das ſonderbare Duett begann. Mein Part war nicht eben ſchwer, und ich des Viſtaſpielens nicht un⸗ gewohnt. So kam es daß ich ſelten fehlte. Immer freundlicher wurde des Hofraths Geſicht, immer zufrie⸗ — 29— dener, verklaͤrter ſeine Miene. Ich aber ſchielte von Zeit zu Zeit veeſtohlen hinuͤber, buchſtabirte meine kuͤnftige Unentbehrlichkeit, meine behagliche Stellung, meine Verſorgung, ja mein ſchnelles Emporſteigen aus der muſikaliſch⸗beſeligten Phyſiognomie, aus den Dank⸗ barkeit und Enthuſiasmus ſprechenden Aeuglein des alten Herrn. So gelangten wir zu einem koſtlichen Dolce, wo die Viola einen ſiegenden Lauf auszufuͤhren hatte, und ich ſetzte meine rechte Hand mit dem Bo⸗ gen im Vorgefuͤhle meines kuͤnſtleriſchen Triumphes eben in die gebuͤhrende Poſitur, als eine Fluͤgelthuͤr ſtuͤrmiſch aufgeriſſen ward, und ihr Knarren einen ſchnei⸗ denden Mißton in unſere Sphaͤrenharmonie hineinwarf. Es war die Hofraͤthin, uͤber und uͤber gluͤhend vor .Zorn und mit flammenden Blicken, welcher der er⸗ waͤhnte Jaͤger mit einer Miene, in der Freude mit unbeſchreiblicher Bosheit gepaart, auf dem Fuße folgte. „Wie,“ rief ſie, und ihr Blick fiel wie vernichtend auf mich,„Sie laſſen eine Dame vom Range, die ſich ſo weit herablaͤßt, Sie, einen Untergeordneten, Ihrer Beſprechung zu wuͤrdigen,— Sie laſſen mich warten um indeſſen durch euer ohrenzerreißendes Gekratze das ganze Haus zu quaͤlen? Braucht man einen Secretaͤr dazu, um ſich an ſeinen ſchuͤlerhaften Gegeige Kopf⸗ ſchmerz zu holen?—„Und Sie, mein Herr Gemahl,“ fuhr ſie zu Jenem gewendet fort,„wie oft habe ich Sie erſucht, meine Nachmittagsſieſte nicht durch Ihre abominablen Concerte zu ſtoͤren?“ Der Hofrath hatte bereits das Inſtrument bei Seite gelegt, und ſuchte ſich zu entſchuldigen. Ich aber ſtand ſprachlos, wie verſteinert da, und faßte den emporge⸗ hobenen Bogen krampfhaft. Ich fuͤhlte, daß mein letzter Hoffnungsſtab gebrochen ſei. „Verzeihe, mein Kind,“ ſagte jener leiſe,„ich dachte nicht, daß—“ „Und daran dachteſt du in deiner muſikaliſchen Wuth auch nicht, daß ein Secretaͤr wol auch etwas Anderes verſtehen muͤßte,— als ein Quartett!“ „Wie“ rief er im Tone des hoͤchſten Erſtaunens ans,„ſollte denn dieſer Herr unſer Secretaͤr werden?“ „Er ſoll es auch nicht werden!“ ſagte ſie kurz und beſtimmt—„ſein Benehmen zeigt, daß, wenn auch ſeine Kenntniſſe, was wol moͤglich iſt, ihn zu einer ſo ehrenvollen Stellung qualifizirten, er noch viel zu wenig Welt hat, um in die Reſidenz zu paſſen. Schicke er mir ſeinen Vetter“ fuhr ſie zum Jaͤger ge⸗ wendet, fort,„wir wollen's einmal mit dem probiren.“ Mit dieſen Worten verließ ſie ſchnell und ſtuͤrmiſch das Gemach, indem ſie dem Hofrathe winkte, ſie zu begleiten. Der letztere benuͤtzte den Augenblick, als ſie bereits die Schwelle uͤberſchritten hatte, trat zu mir, der ich wie ein Traͤumender da ſtand, heran, faßte — 31— mich beim Arm, und fluͤſterte mit zu:„Alle Donners⸗ tage iſt meine Frau beim Spiel, da habe ich excellen⸗ tes Quartett. Da muͤſſen Sie auch dabei ſein, mein Beſterz kommen Sie gewiß,“ ſetzte er hinzu,„ich gebe auch bisweilen kleine Soupers, aber— unter uns, unter uns!“ Er trippelte eilig davon, und der Jaͤger, der noch an der Thuͤre ſtand, lachte hoͤniſch auf.— Aber ich hoͤrte und ſah nichts mehr. Ich ließ die Viola fallen, warf den Bogen ans Fenſter, das die Scheibe in tau⸗ ſend Scherben zerſprang, und rannte, als ob gluͤhende Balken uͤber mir ſchwebten, durch die Thuͤren die Treppe hinab, blitzſchnell zum Hauſe hinaus, und unermuͤd⸗ lich fort, bis ich athemlos mitten auf dem Marktplatze ſtand, und mir der Schweiß durch alle Poren drang. Alſo wieder hoffnungslos! Entſetzlich! Alle meine gluͤcklichen Ausſichten, alle meine goldenen Traͤume von Ruhe, Behaglichkeit, einem anſtaͤndigen, ehrenden Wir⸗ kungskreiſe, einem beginnenden Standpunkte im Leben mit Einem Male zerſtoͤrt, vernichtet, vom eiſigen Hauche Eines Augenblickes erfroſtet. Und nicht meine Schuld hatte mich geſtuͤrzt, nicht einmal Unbeſonnen⸗ heit oder Uebereilung durfte ich als die Urſache meines heutigen Ungluͤckes anklagen! Fremde gemeine Bosheit, hatte mich Unerfahrenen Argloſen in ein Netz gejagt, das ſich leider nur zu ſchnell uͤber mich zuſammenzog. — 32— Der ſataniſche Jaͤger— jetzt ſah ich es klar,— hatte ſeinen protegirten Vetter an dieſe warme Stelle bringen wollen, und ich mußte demnach an der entſcheidenden Aufwartung bei der Hofraͤthin verhindert, dafuͤr zu ihrem Manne— dem muſikaliſchen Narren geſchickt werden, eine Beleidigung weiblicher Eitelkeit, die, wohl⸗ berechnet, mir den hoͤchſten Unwillen der Dame zuziehen mußte. Waͤhrend ich, in harmoniſche Studien verſenkt, mich gluͤcklich pries, und die goldenen Toͤne meines kuͤnftigen Gluͤckes zu vernehmen dachte, war dieß, ach! als der Schwanengeſang meines frohen Geſichts er⸗ klungen! O unergruͤndlicher Wirbel menſchlicher Boͤsartigkeit! Es ergriff mich, wie Eiſenfauſt. Gott verzeihe mir die Suͤnde! aber die Verzweiflung drang in mein ſonſt glaͤubiges Herz, und ſelbſt Erneſtinens Glorienbild er⸗ bleichte unter ihren ehernen Krallen. Das Leben er⸗ ſchien mir fahl und todesfaͤrbig, wie eine Hoͤllenfratze, von Furien umringt. Thor! wirf es von dir, fluͤſterte und ruͤttelte es in mir. Es war ein graͤßlicher, ein das Heiligſte im Menſchen ſchaͤndender Augenblick.— Und ich warf, bitter lachend, den ganzen Reſt meines Vermoͤgens, meinen letzten Silbergroſchen in den Hand⸗ ſtumpf eines verkruͤppelten Bettlers. — 33— Fünfte bis achte Stunde. Liebes⸗ und Diebesprotokoll. Aber rings um mich her wogte und perlte Luſt und Freude. Feſtlich geſchmuͤckte Menſchen eilten froh⸗ geſchaͤftig hin und wieder durch die Gaſſen, glaͤnzende Equipagen wallten in Galla mit reichbortirten Lakeien und ſtolzgeſchirrten Pferden, blumenbekraͤnzte Maͤdchen und Frauen ſtanden in weißen Kleidern an den Fen⸗ ſtern, und blickten hinunter in das rege Gewimmel. Zugleich laͤuteten alle Glocken wie zu einem freudigen Chore, die kraͤftige Harmonie militaͤriſcher Muſik⸗ banden erklang dazwiſchen, und bald zogen Soldaten und Buͤrgergarden in ihren ſchimmernden Paradeuni⸗ formen an mir voruͤber, und defilirten gegen das Stadt⸗ thor hin. Ich aber ſtand inmitten all dieſes friſchen, gruͤnenden Treibens wie ein Aetnakrater, an deſſen Seite Reben und Fruͤchte bluͤhen, waͤhrend im Innern eine nie erhellte Nacht modert, und ſein Eingeweide in ausgegluͤhte, todte Aſche gebrannt iſt. Da krachten vierundzwanzigpfuͤndige Poͤller im hundertfachen Wie⸗ derhalle von den Baſteien, und weckten mich wie Le⸗ bensmahner aus meiner Lethargie. Ich faßte mich; mitten in meiner ſchutzloſen Bedraͤngtheit, in dem ſchonungsloſen Gefuͤhle des Alleinſtehens blickte ich ruhig ja leichtmuͤthig vor mich hin. Der tiefblaue Winter⸗ Schleſing. Herbſtnov. 3 — 324— himmel ſchaute mich mit ſeinen hie und da hangenden Nebelwoͤlkchen wie die milden, doch von Thraͤnen ge⸗ truͤbten Augen einer wehmuͤthigen Mutter an, und die Kanonendonner ringsumher klangen mir,— ſonder⸗ bar genug— wie ein freundſchaftlicher Vorwurf ob meines ſüundigen Zagens.„Siehe,“ brummten ſie, „wir aͤffen die Wolkenſtimmen nach, aber es iſt Stuͤm⸗ perwerk. Ouaͤle dich nicht; Menſchenbosheit iſt nicht Gottes Grimm.“ Uund die ſchalkhafte Froͤhlichkeit auf den bluͤhenden Geſichtern und in den ſtrahlenden Augen warf einen Enterhaken in mein ſchwach widerſtrebendes Herz, und zog auf der Saphirbruͤcke auf den Pracht⸗ bogen: Glaube, Liebe und reines Bewußtſein in ein ſtilles, verborgenes Winkelchen, wo ſie ſich zuſammen⸗ ſchmiegte, und ihre ſanft erwaͤrmende Flamme ent⸗ zuͤndete.— Kurz, ich fuͤhlte mich erleichtert, und nach⸗ gerade wurde die Luſt in mir rege, auch Theil zu nehmen an den Dingen um mich her. Das machte ſich von ſelbſt, als ich auf ein fluͤchtiges Nachfragen erfuhr, unſere ſchoͤne, freundliche, geliebte Prinzeſſin ſei eines niedlichen Prinzchens gluͤcklich ge⸗ neſen. Da huͤpfte und wogte es gar freudig in mir, und in dem allgemeinen Jubel ging das druͤckende Be⸗ wußtſein meines Privatzuſtandes unter. Perſonen, die das Schickſal hoch geſtellt hat, vermoͤgen durch Liebe einen Zauberkreis um ſich zu ziehen, in deſſen Mitte — 35— ſie, wie Oberon, alles um ſich her zur ſtuͤrmiſchen Luſt begeiſtern, und wo ihre Sonne hindringt, ſchwin⸗ det, wie am Aequator, jeder Schatten. So ſchlenderte auch ich, ein anderer Peter Schlemihl, uͤber die Plaͤtze und Straſſen, und ſchloß mich an die Gruppen der Gluͤcklichſten in ſuͤßer Vergeſſenheit an. Freilich ſchau⸗ derte meine Hand mitunter zuruͤck, wenn ich zufaͤllig an den Urquell der Lebensgenuͤſſe— meine Taſche, gelangte, und zwar keine Schlange, aber auch ſonſt nichts anderes darin fuͤhlte; freilich wandelte ſich ur⸗ ploͤtlich, manch bluͤhendes Maͤdchengeſicht in dem rei⸗ chen Kranze zur bleichen, holaͤugigen Sorgenlarve, wo⸗ vor ich die Augen niederſchlug— aber es gab ſich wieder. So lange der blaue Fruͤhlingshimmel der Ju⸗ gend ſich hinwoͤlbt, gruͤnt es noch immer im Gemuͤthe, wenn auch die Freudenkeime ſparſam zugemeſſen, und ſtatt des friſchen, belebenden Morgenthaues der eiſige Herbſtreif des Mißgeſchickes manch edle Bluͤthe zer⸗ ſtoͤrt. Ich folgte dem Strome, der mich bald dahin bald dorthin zog, faſt gedankenlos gaffend. Da faßte mich Jemand von ruͤckwaͤrts am Arme ,„ und eine grobe Baßſtimme brummte:„Nun Herr! wie wird's mit uns?“ Ich wandte mich erſchrocken um und——— In des Hauſes treuem Huͤter Erkannt' entſetzt ich den Gebieter? .3* — 36— Es war mein Miethherr, ein derber Leinwand⸗ haͤndler. Ich hatte ihm fuͤr den Fall, daß ich beim Hofrath angenommen wuͤrde, die Kammer aufgekuͤn⸗ diget, und— ſo ſicher war ich Thor meiner Sache — ihm die Erlaubniß ertheilt, ſie, wenn er koͤnnte, ſogleich zu vermiethen. Jetzt wollte ich umſatteln. Ich deutete ihm demnach an, wie es doch wol geſchehen koͤnne, daß ich noch, einige Zeit in den Stuͤbchen bliebe. Aber— es war zu ſpaͤt.„Nichts, da,“ rief er, „meinen Sie, Herr, ich ſei Ihr Narr? In meinem Hauſe haben Sie nichts mehr zu ſuchen, Ihre Kam⸗ mer iſt bereits vergeben, und ihre Bagage koͤnnen Sie alſo bald haben, wenn Sie mir die Miethe vom letzten Monate entrichten.“— Hiermit drehte er ſich um, und ließ mich ſtehen. Aber ich ſtand auch! Der Himmel laͤchelte noch immer milde auf mich hernieder, und goß ſein Son⸗ nengold uͤber mein Haupt, wenn auch kein Heller in der Taſche blinkte. Ich hatte nun auch keine Ruhe⸗ ſtaͤtte mehr, um des Nachts mein ſorgenvolles Haupt darauf zu legen, ich war verlaſſener, duͤrftiger als ein Bettler, nackter als ein Negerſclave; denn das Gefuͤhl unuͤberwindlicher Scham zwang mich, mein Elend in meine eigne Bruſt zu verſchließen. Aber ich hielt feſt an meiner Hoffnung, meiner troͤſtenden Zuverſicht. Ich ſchlich in einen Winkel und — 37— zog meine Uhr hervor, ſah nicht auf die Stunde,— was kuͤmmert den Ungluͤcklichen die Zeit?— ſondern aauf die Engelzuͤge meiner milden, verklaͤrten Mutter. „Selige, ſeufzte ich tief auf, und eine Thraͤne perlte auf der Wange des Bildniſſes, du ſiehſt in dieſer wermuths⸗ vollen Stunde auf mich herab. Sende nur Einen Strahl deines himmliſchen Friedens in mein Herz, daß es ſeiner Stuͤrme geneſe, und wieder vertrauen lerne!— Ich fuͤhlte mich wunderbar erleichtert und geſtaͤrkt, um fuͤr mich zu handeln. So beſchloß ich vorerſt, zu einem Studioſus der Rechte zu wandern, der ein klei⸗ nes Kaͤmmerlein in der Vorſtadt inne hatte, um mich bei ihm einzuquartiren; vielleicht haͤtten wir dann „Armuth und Edelſinn“ auffuͤhren koͤnnen. Er hatte mir mehrere kleine Gefaͤlligkeiten zu verdanken, die er nun mit dieſer einzigen großen vergelten ſollte. Der Weg zu ihm fuͤhrte uͤber den Theaterplatz. Da aber wogte es, wie im Sturme, auf und nieder und die Volksmenge, ſo wie das Draͤngen und Sto⸗ ßen war fuͤrchterlich. Dazwiſchen ſuchten Huſaren, aber mit vergeblichen Streben, Ordnung zu erhalten; die vielkoͤpfige Verſammlung, die offenbar den gemei⸗ nen Volksklaſſen angehoͤrte, drang immer wieder vor, und ſtuͤrmte faſt die Thore des Schauſpielhauſes. Das machte mich neugierig. Die Sontag, dachte ich, ſpielt — 338— jetzt eine zu glaͤnzende Rolle im Leben, um ans Thea⸗ ter auch nur zu denken, Paganini ſieht auf unſere ſimpeln deutſchen Thaler mit Geringſchaͤtzung herab, ſeitdem die engliſchen Guineen in ſeine bodenloſe Taſche fliegen. Devrient iſt todt, und die Malibran ſingt ihre Duetten und Cavatinen privatiſſime— alſo wer iſt der ſeltene Phoͤnix⸗Lockvogel, der auf dem Thea⸗ terzettel die fittige ausſpreitzt, und das Publikum her⸗ beizieht?— Ich mußte ihn ſehen, auf der Affiche naͤmlich— denn das koſtet nichts. Ich drang alſo naͤher, und alles wurde mir klar; das magiſche Wort „Frei!“ blitzte mir mit fauſtgroßen gothiſchen Lettern entgegen. Es war alſo Freitheater, und meine lieben Landsleute, die wenigſtens das mit den Roͤmern ge⸗ mein haben, daß ſie panem et eircenses rufen, waren deßwegen auf einmal ſo kunſtſinnig geworden, weil ſie durch keinen proſaiſchen Caſſier in ihren aͤſthetiſchen Genuͤſſen geſtoͤrt werden ſollten. Ich jedoch war heute weder in der Laune, noch in den Verhaͤltniſſen, um an der„Welt auf den Bretern“ Geſchmack zu finden. Ich mußte vielmehr erſt ein Bret auf der Welt haben, woran ich mich feſthalten koͤnnte, um nicht zu ſchei⸗ tern. Ich wollte mich alſo ganz ſachte zuruͤckziehen, aber da oͤffneten ſich ploͤtzlich die lang verſchloſſenen Thore des Hauſes, die Maſſe ſtroͤmte hinein,— mich ergriff der unwiderſtehliche Schwall— ich wurde mit — 39— geriſſen— und ehe ich zur Beſinnung kam, ſtand oder vielmehr ſchwebte ich im Parterre wie ein Later⸗ nenpfahl, und beinahe ſo verwundert und unſchuldig in Thaliens Tempel, wie nur irgend ein moderner Heldenſpieler, oder wie mancher Tagſcribler ſich durch die ungeheure Ironie ſeiner Lobhudler auf den Par⸗ naß verſetzt erblickt. Mitten im Gedraͤnge fuͤhlte ich auf einmal einen gewaltſamen Riß an meiner linken Seite. Ich fuhr mit der Hand dahin,— meine Uhr war weg!— Ein Stuͤck der Stahlkette, woran ſie befeſtigt war, hing noch, gewaltſam zeriſſen, um meinen Hals. Sichtlich hatte, eine kuͤhne, wohlge⸗ uͤbte Hand dieſen Raub begangen, aber wo ſie finden in der ungeheuern Menſchenflut, deren Wogen mich ewig wechſelnd hin und wieder ſchleuderten?— Ich ſtrebte vergebens mich zu fixiren, bis ſpaͤter der Raum ſo angefuͤllt war, daß nach phyſiſchen Geſetzen ſelbſt keine neue Schwankung entſtehen durfte. Meine Lage war, wenn nicht eben ſehr behaglich, doch originell. Zu den Maͤnnern der Bewegung durfte ich ſicher nicht gezaͤhlt werden, denn ich war nicht zu bewegen, daß ich mich haͤtte bewegen ſollen. Meine Arme ſchloſſen ſich echt militaͤriſch an den Leib, und mein Geſicht— was eben das Originellſte bei der ganzen Stellung war,— blickte nach der Thuͤre, waͤh⸗ rend mein Ruͤcken der Buͤhne ſeine Reverenz zu machen — 40— gezwungen war. Ich mochte mich kruͤmmen, drehen, wenden, wie ich wollte, es ging nicht, alle meine Muskeln waren gelaͤhmt. Auch mein Geiſt, mein Muth, meine Lebenskraft waren zu Boden gedruͤckt. So lange nur irdiſches Gluͤck mich verhoͤhnte, ſetzte ich dieſem Hohn mein beſſeres Gefuͤhl, mein Ver⸗ trauen auf Gott und eigene Kraft entgegen; aber der Verluſt des Bildniſſes meiner Mutter beugte mich tief darnieder. All mein Troſt war von mir gewichen, und dachte ich, daß die treuen, blauen Augen mich nie mehr muͤtterlich erhebend anblicken ſollten,— der Gedanke druͤckte meine Seele mit ehernen Krallen zu⸗ ſammen. Es war zu viel, zu ſchwer, was der Herr mir heute auferlegte, wie ſollte ich armer ſchwacher Menſch es tragen, ohne unterzugehen? Der. Koͤrper gewoͤhnt ſich endlich in alle Lagen, ſo auch das menſchliche Gemuͤth. Ich ſchmiegte mich mit Ergebung in meine Zuſchauervolle a posteriori, und mein Herz faltete ſich gar gemaͤchlich in die breiten Hoffnungskiſſen. Morgen wollte ich die Entwendung mehrbeſagter Uhr bei der Behoͤrde melden, ſie war zu ſcharf bezeichnet, ſie mußte ſich wieder finden, eine heilige Stimme in meinem Innern ſicherte es mir zu. Und in das Fluͤſtern dieſes freundlichen Troſtes klang die Beethovenſche Quvertuͤre aus Prometheus, faſt uralt, wie die Mythe, aber auch ſo ernſt wehmuͤthig — 41— vom Orcheſter heruͤber, und beſchwichtigte die Reliquien des Sturmes in meiner Bruſt. Man gab wie ich auf den Zettel geleſen hatte das„Liebesprotokoll“ von Bauernfeld. Ich war herz⸗ lich neugierig geweſen, wie man die Liebe eigentlich zu Protokoll nehme, und als Juriſt intereſſirte es mich hoͤchlich, zu wiſſen, ob ſie ins Natur- oder politiſche Recht zu ſtellen ſei.— Aber was half das alles, ich bekam weder die Liebe noch das Protokoll zu ſehen, ob⸗ gleich ich beide nur zu ſehr gefuͤhlt hatte. Der muntre Baron trank mit dem intriguirenden Schauſpieler guten Champagner, daß mir der Mund waͤſſerte, die ſtolze Roſalie ließ ihre ſchnippiſche Silberſtimme ertoͤnen, der Criminalrath Scharf brummte ein Langes und Breites drein. Ich hoͤrte wol, aber ich ſah nichts. Alle meine verzweifelten Kraftanſtrengungen ſcheiterten an der phy⸗ ſiſchen Unmoͤglichkeit, und ich konnte eben ſo wenig an eine Umdrehung denken, als die Sonne, die denn auch dadurch manches pikante Schauſpiel verſaͤumt haben mag. Fuͤr mein Leben gern haͤtte ich den alten Muͤller geſehen, wie er an ſeinen buͤrgerlichen Geldſack ſchlug, und hochadeliche Vorgefuͤhle den gluͤcklichen Schwaͤher umflatterten, und er in das„Herr Baron“ alle Ueberſchwenglichkeit hineinlegte, alle jene großſtaͤd⸗ tiſche Kleinigkeit, die Bauernfeld, der treffliche Sitten⸗ — 22— maler, ſo gluͤcklich und wahr in dieſem, nur allzu haͤufig vorkommenden Charakter gezeichnet, aber— da klang es wieder, und der Vorhang fiel. Die Leute fingen nun wieder an, auf ihre eigenen Glieder zu denken, und die allgemeine Umwaͤlzung, die in Folge deſſen Statt fand, hatte, wie alle gewaltſamen Naturerſcheinungen, den wohlthaͤtigſten Einfluß fuͤr meine Stellung. Mein Ruͤcken wurde von der dra⸗ matiſchen Kunſtſchule dispenſirt, zu der er ohnedieß nur ſchwache Wahlverwandtſchaft zu haben ſchien, und meine Augen erhielten die angenehmſten Ausſichten von der Welt, obſchon ich ſelbſt hoͤchſt betruͤbte hatte. Ich war im buchſtaͤblichen Sinne ganz umgewendet, und blickte hochentzuͤckt auf die Courtine mit den neun Muſen, die ſich ob meiner unſchuldigen Ruͤckenimpertinenz nicht wenig geaͤrgert haben mochten. Nun war alles ver⸗ geſſen. Der Vorhang mußte bald aufrauſchen, ich ſollte alles ſehen, alles doppelt genießen, mich ergoͤtzen an dem geiſtreichen Mienenſpiele— kurz, ich ſollte mich endlich laben an dem langentbehrten Vergnuͤgen eines Schauſpiels. Ich zitterte vor Ungeduld, als die langerſehnte Glocke erklang. Aber das Schickſal hatte es anders beſchloſſen. Dicht an mir bemerkte ich, als ich, wie an mei⸗ ner Geſichtsfreiheit mich ergoͤtzend, herumſchaute, einen ältlichen Mann in einem grauen, ziemlich beſtaubten, — 48— auch uͤbrigens ſehr einfachen Pelzrocke, der ſich unbe⸗ haglich hin und her drehte gleichſam ſeinen Standpunkt zu veraͤndern ſich beſtrebend. Sein ſpaͤrliches graues Haar hing zerſtreut um ſeine Stirne, auf welche Alter und Sorge tiefe Furchen gegraben zu haben ſchienen. Aber ſeine ganze Phyſiognomie mit den gutmuͤthigen blauen Augen und den ernſt⸗ſchwermuͤthigen Zuͤgen um den Mund ſprach mich ſo eigenthuͤmlich, ſo magnetiſch an, daß ich mich unwiderſtehlich zu ihm hingezogen fuͤhlte. Es kam mir in demſelben Augenblicke vor, als muͤßte ich ihn ſchon einmal, aber noch weit an⸗ ziehender und reizvoller geſehen haben, und als ſei er mir damals unausſprechlich theuer geweſen. Ich ließ alle meine fruͤheren Goͤnner, alle meine Lehrer und ſelbſt die Hausfreunde meines Onkels in meinem Geiſte die Revue paſſiren— vergebens. Ich konnte jene, wie traͤumeriſche Ahnung zu keinem klaren Bewußtſein her⸗ vorrufen. Aber es trieb mich, den ſonſt Zuruͤckgezo⸗ genen, ein Gefuͤhl, welches zu edel war, um es bloße Neugierde zu nennen, ein Geſpraͤch mit ihm anzuknuͤp⸗ fen. Sein rein deutſcher, aber doch etwas fremdartiger Dialect verrieth mir den Fremden, ſeine kurzen aber ſinnigen Antworten verriethen mir den Mann von Geiſt und Erfahrung. Immer mehr und mehr ſchien es mich an ihn zu feſſeln, und auch er bemerkte, zwar etwas zuruͤckhaltend, aber nicht ganz ohne Wohlgefallen, die —— ₰Qòðòq2‚— — 44— beſcheidene, doch freundliche Art, womit ich mich ihm anzuſchließen verſuchte. Der Entreact fuͤhrte jenes nachlaͤſſige Spiel uralter und bis zum Eckel gehoͤrter Muſikſtuͤcke herbei, womit die deutſchen Theaterdirectionen uns im Schauſpiele ſo vorzugsweiſe zu regaliren pflegen, wahrſcheinlich in der wohlthaͤtigſten Abſicht von der Welt, damit das Pu⸗ blikum nicht von verſchiedenartigen Genuͤſſen zu ſehr zerſtreut werde. Aber wir ließen uns durch dieß Cha⸗ rivari wenig anfechten, und unſere Unterhaltung wurde recht interreſſant, als ſie auf die verdruͤßlichſte Weiſe zerſtoͤrt wurde. Ein koloſſaler, dicker Fleiſcher naͤmlich, der mit Schuͤrze und Kaͤppchen in Thaliens Hallen ge⸗ ſtuͤrzt war, und wie eine chineſiſche Mauer vor mir ſtand, hatte an der hintern Taſche ſeiner kurzen Jacke eine fremde Hand gefuͤhlt, die mit jener eine, im buchſtaͤb⸗ lichen Sinne anziehende Bekanntſchaft knuͤpfen zu wollen ſchien, und begann nun: Dieb! Dieb! zu ſchreien, und einen moͤrderiſchen Laͤrm zu machen. Naturlich wurde alſo alles im Theater auf dieſes Criminalinter⸗ mezzo aufmerkſam, obſchon ſolches nur in das Departe⸗ ment des Criminalrathes Scharf gehoͤrte. Viele der Anweſenden hatten, mein deplorables Schickſal theilend, der Kunſt heute Schnupftuͤcher, Doſen, Uhren Ringe u. ſ. w. zum Opfer bringen muͤſſen, ohne den Altar zu kennen, auf dem die unfreiwilligen Spenden geſam⸗ — 45— melt wurden. Die allgemeine Erbitterung ſuchte ſich demnach bei dieſer Gelegenheit Luft zu machen, und aller Augen ſchaͤrften ſich, aller Haͤnde ſtreckten ſich, ſo weit es woͤglich war aus um den Schuldigen zu fangen. Aber rechts neben mir ſtand— der ominoͤſe Jaͤger des Hofraths mit ſeiner blitzenden Hirſchfaͤngergurte und den maſivſilbernen Epauletten und ſchimpfte gewaltig auf die Spitzbuben, die dem ehrlichen Manne jeden Genuß verbittern muͤßten. Der Kerl— noch gluͤhte der gerechte Groll gegen ihn in meinem Herzen fort— kam mir in dem Momente vor, wie der leihhafte Me⸗ phiſtopheles, der den Leuten die Naſen zu Weintrauben verzaubert. Der zweite Act ſollte beginnen— aber der Laͤrm war zu gewaltig— der Fleiſcher und das Publikum wollte ſich nicht zufrieden geben, und man ſchrie, tobte, und ſtampfte nach dem Commiſſaͤr. Dieſer erſchien, erkundigte ſich nach dem Verlaufe der Sache, und wollte in der Eile eine Unterſuchung anſtellen. Aber — wie wurde mir, als der Satansjaͤger laut und nachdruͤcklich meinen ſtillen, liebgewonnenen Nachbar als den Thaͤter bezeichnete! Der arme, alte Mann ſtand bleich und faſſunglos uͤber dieſe niedrige Anſchul⸗ digung da, und ſuchte vergebens ſich zu verantworten und ſeine Unſchuld zu beweiſen. Aber die Menge ſchrie und polterte jetzt furchtbar:„Hinaus mit dem alten — 46— Schurken!“ donnerte es von allen Seiten wie im Echo wieder—„hinaus, ſetzt ihn feſt, der hat uns alle beſtohlen!“— Das war zu arg. Ich erhob nun meine Stimme auch, ſo laut ich konnte, erklaͤrte, daß ich neben dem Herrn geſtanden, mit ihm fortwaͤhrend geſprochen, ihn beobachtet habe, und mich dafuͤr ver⸗ buͤrgen koͤnne, daß er nie an das ſchmutzige Verbre⸗ chen eines Diebſtahls auch nur gedacht habe. Ein un⸗ ausſprechlicher dankbarer Blick des Geaͤngſtigten fiel auf mich. Mein Eifer zu vertheidigen, ſo wie die ſichtbare Aufregung, mit der ich ſprach, hatte die allgemeine Aufmerkſamkeit und den Unwillen der Menge auf mich gezogen, wie denn der Poͤbel, gleich einem wuͤthenden Hetzſtiere, ſich mit verdoppeltem Grimme gegen den Matador wendet, der ihm ſein Opfer entreißen will. „Und wer ſind Sie, mein Herr?“— frug inzwi⸗ ſchen der Comiſſaͤr,„daß ich Ihren Worten Glauben ſchenken ſollte.“„Das kann ich Ihnen ſagen“— erwiederte ſtatt meiner der Jaͤger hoͤhniſch, daß es mich unwillkuͤhrlich an den wilden Gaſt im Freiſchuͤtzen ge⸗ mahnte und ich erſchrack.—„Das iſt ein Herr Vagabundus, ein Herr Hungerleider, den meine Herr⸗ ſchaft heute fortgejagt, als er ſich als Secretaͤr in unſer Haus einſchleichen und den gnaͤdigen Herrn wahrſcheinlich uͤbertopeln wollte.“ Dieſe hoͤlliſche Un⸗ — 4— verſchaͤmtheit machte mich vorſtummen. Ich ſtand bebend vor Scham und Zorn, und war keines Wortes maͤchtig. Aber die Umſtehenden lachten laut auf, und der Fleiſcher rief mit ſeiner Stentorſtimme:„Die Spitzbuben halten zuſammen, und ſtehlen in Compagnie. Hinaus mit ihnen, ins Wachthaus mit ihnen!“ Und wie eine infernaliſcher Chor toͤnte dieſer Ruf im gan⸗ zen weiten Hauſe wieder, und ehe ich's mich verſah, befand ich mich auf der Straſſe in den Haͤnden der Patrouille und nach dem Wachzimmer fortgefuͤhrt. Neunte bis zwölfte Stunde. Der Sperrſitz. Ein Theaterdichter hat guten Pact mit dem Un⸗ gluͤcke geſchloſſen, und fuͤrchtet ſich vor dem Fatum auch nicht ein Deutchen. Hat er es einmal herbeigeru⸗ fen, und waͤchſt es rieſig und droht ihm uͤber den Kopf zu ſteigen, wie dem Goͤthe'ſchen Zauberlehrling— nun ſo winkt er behende einem alten, gutmuͤthigen ſteinreichen Onkel aus den Antillen, oder einem ver⸗ kleideten Miniſter, und endlich in den hoͤchſten Noͤthen ſogar einen Geiſt herbei, der ſonſt im ganzen Stuͤcke nicht zu finden, oder er machts kurz und gut, und waͤßt ſeine Perſonen, Damen ins beſondere in Ohn⸗ macht ſinken, und in dem weichen Theaterkiſſen ſo lange bewußtlos liegen, bis das Duell, der Glaͤubiger, — 48— das Gefaͤngniß, oder ſonſt andere Buͤhnenmalheurs vor⸗ uͤber ſind, und hoͤchſtens noch der Schwefelgeſtank be⸗ merkbar wird. Aber ein armer Studioſus, der dazu noch geſunde Knochen und tuͤchtige Nerven in ſich traͤgt, uͤber den ſollten ſich wohl die Schickſalsmaͤchte erbarmen. Die reichen, aber noch mehr die gutmuͤthigen Onkels ſind ſo originell in der Wirklichkeit, als verbraucht im Drama, die Miniſter gehen nie verkleidet, und die Geiſter— ach du lieber Gott! die— beſonders die ſchoͤnen, haben zur jetzigen Zeit ſehr viel zu thun, um ſich allein honett durchzuſchlagen. Zu einer ſogenann⸗ ten wohlthaͤtigen Ohnmacht, wollen beſagte tuͤchtige Nerven ſich nicht leicht bequemen, und ſo muß er die ſauern Stunden und Tage alle minutenweiſe durchleben, und jede bittere Secundenpille im echten Rhabarber⸗ bewußtſein hinabſchlucken. Ach waͤren auch meine Gedanken in Banden ge⸗ legen wie meine Haͤnde, als ich an dem ungluͤckſeligen Abend durch die hellerleuchteten Straßen wie ein Ver⸗ brecher gefuͤhrt wurde. Wo wir durchpaſſirten, ſtanden die Leute ſtille, und drehten lange Haͤlſe nach uns, der Poͤbel riß ſeine gewoͤhnlichen ſchlechten, aber den⸗ noch tief verwundenden Witze, womit er ſtets der Un⸗ gluͤcklichen ſpottet, die oft beſſer ſind, als er. Mein Gefuͤhl gluͤhte, und das Blut der Scham drang mir bis in die ſtechenden Augenhoͤhlen, daß ich dachte, es — 49— muͤßten mit jedem Momente die heißblutigen Thraͤnen hervorbrechen. Ich dachte an Erneſtinen, es war das erſte Mal ſeit der Zerſtoͤrung meiner Hoffnungen, daß ich ihrem ſuͤßen Erinnerungsbilde mich naͤher hinzu⸗ geben wagte— aber ich ſchauderte wie vor einer Schlange zuruͤck. Wenn ihr dieſer neue Aufzug berichtet wuͤrde, oder ſie ſellſt— Himmell ich konnte es nicht aus⸗ denken, es zuckte, wie fieberiſch, durch mein Gehirn. Mein grauroͤckiger Gefaͤhrte aber ging ſtill, wie reſig⸗ nirt neben mir her, und ſchaute ganz gemuͤthlich auf den ſchoͤnen Winternachtshimmel und die funkelnden Sternlein, als wanderte er mit luſtigen Bruͤdern zu einem Staͤndchen. Es mochte ihm nichts durch den Pelz gehen. Ich aber konnte dieſe Indifferenz nicht begreifen; freilich durften wir uns mit unſerer ſchnee⸗ weißen Unſchuld troͤſten, aber gegen die Ausſicht auf den Carcer iſt, wie ich ſo eben entdeckte, die Unſchuld ein ſehr ſchwaͤchliches Praͤſervativ. Endlich hatten wir den ſauern Gang vollbracht. Man fuͤhrte uns ins Stadthaus, und oͤffnete eine dunkle Stube, aus der uns das durchdringende Ge⸗ ſchnarche mehrerer Schlafenden entgegen drang. Welch ein Jammerthal! Ein Haufe betrunkener, zerlumpter Kerle lag auf der Erde umher, ein dichter Tabakrauchs⸗ qualm der wachhabenden Soldaten ſchlug uns wie eine tuͤchtige Nebelwolke ans Geſicht, und ein Gemiſche Schleſing. Herbſtnov. 4 mannichfacher Geruͤche, die eben in keinem morgen⸗ laͤndiſchen Harem die Naſe eines Sultans haͤtten affi⸗ ciren duͤrfen, vollendeten den Zauber unſerer Sinne. Ich war troſtlos. Mein Gefaͤhrte aber, ruhiger und gefaßter denn ich, wandte ſich mit einem wuͤrdigen, faſt ſtolzen Ausdrucke an den Corporal, und forderte einen anſtaͤndigeren Aufenthalt, wie er honetten Maͤnnern gebuͤhre, ferner erbat er ſich zugleich einen Commiſſaͤr, um ſich mit ihm zu beſprechen. Aber da kam er recht an.„Wenn man ein Arreſtant iſt,“ entgegnete der Corporal, ſo muß man keine Leges vorſchreiben, ſondern mit dem zufrieden ſein, was eben geboten wird. Iſt man etwas Hohes“ fuhr er ſpoͤttiſch fort, und ſah geringſchaͤtzig auf den unſcheinbaren Rock des alten Mannes,„ſo wird ſich das Morgen zeigen, ſo wie alles Andere. Bis dahin kann ich ohne beſondern Befehl keinen der Herren Beamten im Schlafe ſtoͤren. Man gebe ſich alſo zufrieden.“ Damit ging er fort, und ſchlug heftig die Thuͤre zu. Ich aber ſchritt gravitaͤtiſch durch die Reihen der ſchnarchenden Tageshelden, und ſetzte mich, in Ermang⸗ lung eines Beſſern, aufs Fenſter. Allein dieß war mit einem engen Drahtgitter umwunden, und jede phyſiſche Ausſicht war mir eben ſowol abgeſchnitten, wie die moraliſche. Alſo dahin war es mit mir ge⸗ kommen! Ein kurzer Tag hatte mich aus allen meinen — 3α— Hoͤhen herabgeſtuͤrzt. Ich war mit freudigen Hoff⸗ nungen erwacht, war noch Herr einer kleinen Habe⸗ die mir wenigſtens den Unterhalt auf ein paar Tage ſicherte, beſaß ein aͤrmliches, aber fuͤr den Maͤßigen hinreichendes Zimmerchen, und was mehr werth als dieſes alles war,— ich war ein freier Menſch, konnte hingehen, wo, und beginnen, was ich wollte. Jetzt zwoͤlf Stunden darauf, war ich ſchmaͤhlich abgewieſen, mein ganzes kleines Vermoͤgen, ſelbſt meine heilige Uhr, mein theuerſtes Kleinod, mir entriſſen, ich einge⸗ kerkert, und gleich dem gemeinſten Verbrecher mißhan⸗ delt! Ich fuͤhlte es, mein Schutzgeiſt war von mir gewichen. Seitdem ich von Erneſtinen getrennt war, floh mich das letzte Laͤcheln des Gluͤckes. Ich war den Ungluͤcksparzen anheimgefallen, das ſtand in dieſem Augenblicke feſt in mir. Und bei dem Gedanken er⸗ zuckte die Nacht meiner Seele wie von gluͤhenden Irr⸗ lichtern. Der ganze Kreis meines innern Bewuſtſeins drehte ſich ſchwindelnd um mich her, und mitten drin fußte die rieſige Geſtalt des Jaͤgers, und ſandte ent⸗ ſetzlich hoͤhniſche Blicke auf mich, die mein Blut zu Eis verſtarrten, und ſeine Haͤnde wurden zu Tieger⸗ krallen, die ſich lechzend nach mir ſtreckten, um mich gewaltig zu erfaſſen, und jede Vene in mir zu erſticken. Das Daſein war bis zum Fieberwahnſinn in mir ge⸗ ſteigert, und ich zitterte fuͤr meine Sinne. 4* Ploͤtzlich fuͤhlte ich an meiner Hand eine andere, die ſie warm und gefuͤhlvoll druͤckte.— Es war mein Gefaͤhrte,„Braver junger Mann“ ſagte er mit wei⸗ cher Stimme,—„betruͤben Sie ſich nicht; das kleine Malheur wird bald voruͤbergehen, aber das Bewußtſein Ihrer edlen Handlung wird Ihnen zuruͤckbleiben. Sie haben ſich eines fremden Unbekannten mit edlem Frei⸗ muthe angenommen, das bleibt nicht unvergolten. Ueb⸗ rigens muß unſre Unſchuld bald an den Tag kommen.“ Ich laͤchelte ſchmerzlich.„Und was nuͤtzt dem Ungluͤcklichen, Ausgeſtoßenen, ſeine Freiheit?“ erwiederte ich,„iſt ſie nicht fuͤr ihn bloß ein ſtuͤrmiſches, klippen⸗ volles Meer, worauf er angſtvoll herumſchwankt, um an irgend einem Felſen zerſchmettert zu werden?“ „Und haben Sie keinen Anker, den Sie answerfen koͤnnten?“ ſprach Jener ſanft, aber mit ſtillem Vor⸗ wurfe, und ſchaute nach oben.„Das iſt ſo in der heutigen Welt. Eure wirre nimmerſatte Jugend iſt das Wogenmeer, das Euch erfaßt, und der heilige Anker, der Glaube und das Gottvertrauen, in den bodenloſen Abgrund verſunken.“ Ich fuͤhlte mich getroffen, aber ich konnte ihm nicht zuͤrnen! Er hatte mich in die unangenehmſte Lage von der Welt gezogen, und hielt mir nun zum ſchuldigen Danke eine Sittenpredigt. Das haͤtte ſich kein Anderer herausnehmen duͤrfen. Ihm, in ſeinem — 353— milden Ernſte, mit dem geheimnißvollen, aber unwi⸗ derſtehlichen Schuldbrief der Vergangenheit in ſeinem Blicke, vergab ich alles. „Sie antworten mir nicht“ fuhr er fort.„Das thut nicht wohl, Mittheilung erleichtert. Sie kennen mich noch nicht, aber ich bin wahrlich Ihres Zutrauens nicht unwerth. Iſt Ihre Lage nicht ſo beſchaffen, daß ſie jedes fremde Auge ſcheuen muß, ſo laſſen Sie uns dieſe unbehaglichen Stunden auf eine Weiſe hin⸗ bringen, die fuͤr uns beide die zweckmaͤßigſte ſein duͤrfte. Sie werden um ein ſchweres Gemuͤth erleichtert, ich um eine Erfahrung reicher. Des Ungluͤcklichen Herz geht leicht uͤber. Ich er⸗ zaͤhlte, ohne weitſchweifig zu werden, was ich fuͤr gemeſſen hielt. Meine Verhaͤltniſſe mit den Verwand⸗ ten erwaͤhnte ich nur fluͤchtig, eben ſo meinen Aufent⸗ halt auf der Univerſitaͤt. Erneſtinens geſchah keine Erwaͤhnung. Ich haͤtte geglaubt, an dem ſeraphreinen Weſen zu freveln, haͤtte ich ihren theuern Namen vor fremden Ohren, und noch dazu an einem ſolchen Orte ausgeſprochen. Ich beruͤhrte bloß meine Krankheit, meine Goͤnnerloſigkeit, in der ganz fremden Reſidenz und beſchrieb nicht ohne Sarkasmus den Verlauf des heutigen Tages und meines Abenteuers beim Hofrathe. Sie hatten keine Schonuug um mich verdient. „So, ſo!“ rief er aus, als ich geendigt hatte. — 5àà— „Sie waren in P...., duͤrfte ich Sie auch um Ih⸗ ren Namen bitten?“ fuhr er nach einer Weile fort. Ich nannte mich etwas zoͤgernd. Er ſchien fluͤchtig uͤberraſcht, aber es war kaum bemerkbar.„Ich danke Ihnen,“ ſagte er nach einer Pauſe, und druͤckte mir die Hand,„ich danke Ihnen herzlich fuür Ihr Vertrauen! Sie waren bisher kein verzaͤrteltes Gluͤckskind, das beim erſten Nebel ver⸗ zweifelt. Ich habe Ihnen ein wenig Unrecht gethan, aber auch nur ein wenig,“ fuhr er laͤchelnd fort. „Das Schickſal hat Sie nur geneckt, nicht gedruͤckt, nicht gepreßt.—„Auch noch einen andern Vortheil habe ich aus Ihrer Erzaͤhlung geſchoͤpft,“ ſagte er weiter„Sie ſind Juriſt! Ich habe auch einmal die Jura ſtudiert. Da koͤnnen wir noch ein paar Stunden verdisputiren, obgleich der Arreſt nicht die paſſendſte 26 Katheder zur Eroͤrterung des Naturrechtes ſein duͤrfte.“ So begann ein wiſſenſchaftliches Geſpraͤch, das mein Gefaͤhrte immer tiefer und intereſſanter zu geſtalten wußte, bis die Natur ihre Rechte behauptete, und ich an dem Fenſter ruhig und ſanft entſchlief. Dreizehnte bis neunzehnte Stunde. Diebes⸗ und Liebesprotokoll in der Wirklichkeit. Iſt der Traum eine Reminiscens des Wachens, iſt das wachende Leben ein matter, farbloſer Abglanz — 55— des aͤtheriſchen Seins, das die Seele in voller Freiheit in ſich ſchluͤrft? Und waͤre demnach der Traum das eigentliche Spiegelbild des freien, ſtaubloſen, echt menſchlichen Lebens, und unſer ſogenanntes nuͤchternes Treiben das giftige Unkraut, das ſich um jene Son⸗ nenblume ſchlingt?— Ich waͤre faſt geneigt, es zu glauben. Was kein ſtolzer Philoſoph zu enthuͤllen, was kein Dichter auch nur paſſend anzudeuten ver⸗ mochte, liegt offen und laͤchelnd, wie das neugeborne Kindlein, in unſerm eigenen Gemuͤthe,— haben wir nur den Muth, einen probehaltigen Blick hinabzuwerfen. Der Traum des Reinen iſt ein verſtohlener Blick durch den Vorhang nach Jenſeits, wie ein jungfraͤulich ver⸗ ſchaͤmtes Maͤdchen hinter dem Fenſter nach ihrem Braͤutigam hinſieht. Es iſt unſere menſchliche Seele mit ihren eigenthuͤmlichen, menſchlichen Gefuͤhlen, mit den Strahlen der ewigen Lebensſonne, rein und klar, noch nicht durch das Prisma irdiſcher Leidenſchaft in zuſammenfließende Farbenſchatten gebrochen. Sie iſt gluͤcklich, gluͤcklich, wie es der Geiſt ſein kann, ſein muß, nicht wie abſtracte Ideen oder fieberiſcher Aber⸗ glaube jenen Zuſtand ausmalen. Unſere Sehnſucht iſt geſtillt, oder iſt ſie's nicht, ſo gluͤht ſie ſanft und freudig durch die Ewigkeit, und lebt in dieſer ſtillen Gluth, und kein Qualm verzehrender Begierde verun⸗ reinigt ihre Flamme. — 56— So war's auch mir. Noch ſtand ich im engen, ſchwuͤlen Theater, aber immer weiter und weiter woͤldte ſich die Hoͤhe, immer luͤftiger und freier wurde der Raum. Das dunkelrothe Lampenlicht verglomm ſter⸗ bend in blitzenden, aufflammenden Strahlen einer tau⸗ ſendfach glaͤnzenden Sonne; aus der friſchen, jugendlichen Natur, die auf der Buͤhne ſpielte, ſtroͤmten bunte Klaͤnge heruͤber, und jeder Puls huͤpfte ſpruͤhender in mir empor, und ein Etwas, friſch und lebensquellig, wie das Blut, aber nicht gluͤhend und aͤngſtigend, er⸗ fullte meine aufjauchzenden Organe. Druͤben bluͤhete das gruͤnendſte Daſein, wie der Maien in unendlichſter Potenz. Jede Roſe ſtreckte ſelbſt den ſchlanken Hals und den duftigen Kelch wie zum Kuſſe empor, und das weiche Moos oͤffnete alle ſeine Poren, um die Ge⸗ ruͤche einzuſaugen und dem Schlummernden in ſeinem Schooß zu bewahren. Mitten darin aber ſchwebte, wie eine heilige Luftſpiegelung, Erneſtine, und breitete lie⸗ bend mit der Natur die Arme heruͤber, weicher wie das duftige Moos, und gluͤhender als die Roſe. Ich flog hin, und ſiel—— Das heißt, ich flog nicht, aber ich fiel— vom Fenſterſitze auf die Erde hinab. Ein ploͤtzliches und graͤuliches Geknarre an dem Schloſſe hatte mich und meinen Traum zu Falle gebracht. Mein Gefaͤhrte wachte ſchon, und ſah mich mit ſeiner einnehmenden — 52— Miene laͤchelnd an.„Sie ſchlafen ſehr unruhig,“ ſagte er. Es ſchlug eben ſieben Uhr, aber es war noch dun⸗ kel. Zugleich oͤffnete ſich die Thuͤre, und man brachte einen neuen Areſtanten. Bei dem Scheine der Lampe erkannte ich— ich traute meinen eignen Augen nicht — den Jaͤger gebunden und todtenbleich. Der Com⸗ miſſaͤr folgte ihm auf dem Fuße, und trug verſchiedene Dinge, als einige Ringe, ſeidene Schnupftuͤcher, eine Doſe und dergl. in ſeiner Hand. „Wo hat er die Sachen her? herrſchte der Beamte den Jaͤger an.„Geſtehe er oder...“ „Ich habe ſie geſtern im Gedraͤnge gefunden“ er⸗ wiederte dir Jaͤger trotzig. „Beharret er bei dieſer Ausſage?“ fuhr der Com⸗ miſſaͤr fort. „Was ſonſt,“ brummte der Andere. „Er luͤgt“ donnerte jetzt der wackere Mann erzuͤrnt. „So viele Sachen findet man nicht an einem Abende. Uebrigens“ fuhr er fort, und betrachtete die Gegen⸗ ſtaͤnde in ſeiner Hand,„ſpricht alles gegen ihn. Dieſe Uhr zum Beiſpiel iſt von der Kette gewaltſam losge⸗ riſſen, ſogar das Ohr iſt zerbrochen“ Die Laterne ſchien jetzt auf die Hand, und ich er⸗ ſchrack, wie electriſch:„Das iſt meine Uhr!“ ſchrie ich unwillkuͤrlich laut auf, und ſtuͤrzte auf ihn los. — 58ĩ— „Wer hat hier zu ſprechen?“ rief der Commiſſaͤr, und warf einen durchborenden Blick auf mich.„Man ſchweige, bis man gefragt wird.“ Aber ich ſchwieg nicht, es galt ja mein heiligſtes Beſitzthum, und die letzten Ereigniſſe hatten meine Kraft gereift, und mich feſt entſchloſſen gemacht, kein Unrecht mehr zu erdulten. Ich erzaͤhlte ihm daher, daß mir geſtern im Theater eine Uhr entwendet wor⸗ den, und beſchrieb ihm dieſelbe ſo genau und detail⸗ lirt, daß er an der Wahrheit meiner Ausſage nicht zweifeln konnte. „Geduld,“ ſagte er in viel milderem Tone.„Sie ſind ſelbſt Arreſtant, iſt die Uhr Ihr Eigenthum, was mir ziemlich wahrſcheinlich duͤnkt, ſo wird ſie Ihnen werden. Fuͤr jetzt duͤrfte ich ſie Ihnen nicht geben, waͤre ich auch davon uͤberzeugt.“ Nun hatte ich es wieder aufgefunden meiner ſuͤßen Mutter Bild. Nun konnte, nun mußte alles wieder gut werden, es war das erſte Laͤcheln des zuruͤckkehren⸗ den Gluͤckes, und das wuͤrde mich ſo nicht taͤuſchen. „Indeſſen weiß ich genug!“ begann jetzt der Be⸗ amte wieder zum Jaͤger gewendet,“ das uͤbrige wird er ſchon beim Criminale bekennen. Fuͤhrt ihn auf No. 27„gebot er dem Corporal,“ bis auf weitere Ordre bei Brod und Waſſer.“ Der Elende wurde fortgefuͤhrt, warf, noch zuruͤck⸗ — 59— ſchauend, einen hoͤhniſchen, triumphirenden Blick auf mich.— Ich aber athmete freier, als er hinaus war, als laͤge mein boͤſer Damon in Feſſeln. „Jemand hat mich geſtern Nachts hier zu ſpre⸗ chen begehrt; wer iſt das, und was will er? fuhr der Commiſſaaͤr fort. Der Corporal ſah ſich einen Augenblick um, und zeigte ſodann auf meinen Gefaͤhrten. „Was giebts da?“ fragte der Beamte mit der in gewiſſen Verhaͤltniſſen beinahe unentbehrlichen Rauh⸗ heit, war es vielleicht nur eine Ausflucht, oder— heraus mit der Sprache; ich laſſe keinen Scherz mit mit mir treiben!“ „So kuͤhn waͤre ich nicht geweſen!“ erwiederte der alte Mann mit einem beinahe ironiſchen Laͤcheln. „Ich bitte unr um zwei Minuten Gehoͤr.“ Der Commiſſaͤr trat mit ihm auf die Seite. Ich fixirte beide voll neuriger Erwartung. Nach den erſten Worten ſchon erſchrack der Beamte ſichtlich zuſammen, und ſah den Andern mit einer Miene an, in der Staunen und Zweifel ſich malten. Doch bald gewann das letztere Gefuͤhl die Oberhand, und ſeine Zuͤge falteten ſich wieder in die gravitaͤtiſche ſtrenge Amtspoſition.„Huͤten Sie ſich, mein Herr,“ ſprach er halblaut und ernſt.„Sie haben es hier mit keinem Knaben zu thun, und ſetzen ſich ſchwerer Ver⸗ — 60— antwortung aus. Ich laſſe mich ſo leicht nicht taͤuſchen. Koͤnnen Sie Ihre Behauptung durch amtliche Certi⸗ fikate belegen?“ In dem Augenblicke hielt ein Wagen vor dem Thore. Zwei reich gallonirte Bediente oͤffneten die Thuͤre des Zimmers, und hereinſtuͤrzte, den Mantel in wilder Unordnung um ihre Schultern— Erneſtine. Ihre Wangen gluͤhten fieberiſch, in ihren himmliſchen Augen zitterten noch Thraͤnenſpuren— ſie ſah mich nicht. „Mein Vater!“ rief ſie,„mein theurer Vater! Du hier?“ Sie flog an den Hals meines Gefaͤhrten und umarmte ihn mit faſt wildem Ungeſtuͤm.„Wie kommſt Du hieher, Du an dieſen Ort?“ fuhr ſie nach einer Weile fort, und ſchaute ihn aͤngſtlich fragend an. „Es iſt doch nicht...“ „Ruhig meine Tochter,“ erwiederte jener ernſt, „es iſt hier weder Ort noch Zeit zu Eroͤrterungen.— Mein Herr!“ ſagte er jetzt zum Commiſſaͤr,„ich mußte Ihnen die Antwort auf Ihre Aufforderung ſchuldig bleiben, wenn ſie aber die Guͤte haben wollten, mich in meinem Wagen nach meinem Hotel zu begleiten, ſo werde ich Ihnen ſo gruͤndliche Beweiſe vorlegen, als Sie ſelbe nur immer verlangen koͤnnen.“ „O nicht noͤthig, Ew. Excellenz!“ ſtotterte dieſer in grauſamer Verlegenheit.„Vergeben Hochdieſelben —— nur einem unſchuldigen Diener der Gerechtigkeit, der unwiſſend, wie furchtbar ſein Mißgriff ſei, ſeine Pflicht...“ „Laſſen Sie das,“ ſagte der Gouverneur— denn er war es— laͤchelnd.„Sie ſind ein wackerer Mann, und der muß ſeine Schuldigkeit ohne alle Ruͤckſicht thun. Ich werde Ihr gemeſſenes nnd doch humanes Betragen am gehoͤrigen Orte zu ruͤhmen wiſſen. Wollen Sie mich beſuchen, ſo wird es mich freuen. Ich wohne im wilden Manne.“ „Nun aber fort, fort von hier, mein Vater!“ rief Erneſtine haſtig. „Halt mein Kind,“ erwpiederte der Gouverneur ſich umwendend,„da ſteht noch Jemand, mit dem ich zu ſprechen habe. Mein edler, wackerer Secundant, ſagte er, und reichte mir geruͤhrt die Hand.“„Sie muͤſſen mit uns;— Herr Commiſſaͤr! ich buͤrge fuͤr dieſen jungen Mann mit meiner Ehre!“ Erneſtine warf einen verwundernden Blick auf mich, und wurde auf einmal blaß, wie Marmor. Dann zuckte wieder ein flammendes Roth uͤber ihr Antlitz, und ſie hielt ſich krampfhaft im Arme des Vaters, als wollte ſie kraftlos in die Knie ſinken. Ploͤtzlich ſaß ich im Wagen, ohne zu wiſſen, wie ich hineingekommen. Meine Knie ſchlugen fieberiſch an einander, und der eiſige Morgenreif ziſchte ſchmelzend — ᷑— auf meinen gluͤhenden Wangen. Vom Gange aber blickte mit hoͤlliſcher Wuth im Antlitz der Jaͤger nach mir. Zwanzigſte bis vier und zwanzigſte Stunde. Schluß, doch kein Ende. Ich muß mich ein wenig erholen, es hat die Er⸗ innerung mich zu ſehr angegriffen. Ich ſpaziere ein wenig auf und ab. So,— nun bin ich wieder ruhiger, und will daher fortfahren. Es treibt mich unwiderſtehlich, meine vier und zwanzig Stunden⸗Biographie zu vollenden, es iſt mir, als muͤßte ſie manchem Ungluͤcklichen Troſt und Segen bringen. Ueberdieß bin ich jetzt allein in einem behaglichen, warmen Gemache und im beque⸗ men Großvaterſtuhl. Die Anderen ſind im Theater. Alſo friſch ans Werk! Bei unſerer Ankunft im Hotel wurde mir alsbald ein Zimmer angewieſen. Man brachte mir bald da⸗ rauf eine koͤſtliche Chocolade, einen vollſtaͤndigen, ele⸗ ganten Anzug, mit der hoͤflichen Bitte, mich um zwei Uhr beim Gouverneur zur Tafel einzufinden. Als ich daſelbſt erſchien, trat mir der edle Mann freundlich entgegen, und druͤckte mir herzlich die Hand. Hierauf ſtellte er mich mit einem wunderlichen Laͤcheln — 69— ſeiner Tochter vor. Er mußte mich wol uͤber die Ma⸗ ßen herausgeſtrichen haben, denn Erneſtinens Blicke ruhten mit unausſprechlich dankbarem Ausdrucke auf mir. Wir gingen zur Tafel. Als ich die Serviette auf⸗ hob, erwartete mich eine neue Ueberraſchung. Meine Uhr lag auf dem Teller. Erlaͤuterungen folgten nun auf Erlaͤuterungen. Es wurde mir alles klar. Der Gouverneur hatte ſeiner Schweſter geſchrieben, Erneſtine nach der Reſidenz zu ſenden, wo er ſie abholen wollte. Er kam geſtern Abends an, und erfuhr, daß jene bereits hier waͤre, und in einer Loge im Theater ſich befaͤnde. Da er die Nummer nicht erfuhr, auch nicht davon wußte, daß heute Freitheater ſei, ſo eilte er, noch in den Reiſe⸗ kleidern, ins Parterre, um von da aus die Damen zu erblicken. Wie es ihm hier ergangen, iſt bekannt genug. Der ſpibbuͤtziſche Jaͤger aber war, wie die Polizei nach und nach erfahren hatte, ſeit laͤngerer Zeit ein eifriger Virtuoſe in der edlen Kunſt der langen Finger geweſen. Selbſt in dem Hauſe des Hofrathes hatte er mehrere Diebſtaͤhle veruͤbt, aber es immer ſo ſchlau anzuſtellen gewußt, daß der Verdacht nie auf ihn fiel. Geſtern Abends war wieder er der alleinige Escamo⸗ teur geweſen, der die Habſeligkeiten der„Kunſtfreunde“ — 64— aus ihren Taſchen gezaubert. Als der Fleiſcher die diebiſche Hand ertappte, wußte der Jaͤger ſich in der Angſt nicht beſſer aus der Schlinge zu ziehen, als in⸗ dem er den Verdacht auf uns hinlenkte, was ihm nur zu gut gelang, aber die Nemeſis ereilte ihn bald dar⸗ auf. Er wurde auf der That ergriffen, und hatte be⸗ reits alles geſtanden. Ich hoͤrte andaͤchtig zu, und ſchaute dabei zuweilen verzuͤckt in Erneſtinens Antlitz. Gegeſſen mag ich wenig haben. Nach Tiſche engagirte mich der alte Herr zu einer Schachparthie. „Apropos“ ſagte er, als wir uns davon erhoben, wir reiſen morgen nach Hauſe. Sie begleiten uns doch, nicht wahr? Ich bedarf ohnedem eines Privatſecre⸗ taͤrs. Was die pecuniaͤren Bedingungen anbelangt, ſo ſollen Sie mit mir zufrieden ſein. Auf jeden Fall bleiben Sie in meinem Hauſe, in meiner Umgebung. Jetzt leben Sie wohl. Wir machen einige Convenienz⸗ viſiten. Beſuchen Sie uns Abends im der Loge.“ Ich lehnte das Letztere ab. Ich muͤßte heute allein ſein. Ich war zu voll, zu gepreßt. Ich hoͤre Wagen rollen— Sie kommen— Ich muß abbrechen!— Ich danke Dir, ich danke Dir mit gluͤhendem Blicke, guter Gott! Du haſt mein Loos geſichert. Aber Erneſtine!——— — — 65— Anhang. Den 8. Mai 18** So lange der Menſch lebt, iſt ſeine Geſchichte noch unvollſtaͤndig. Da ich ſchon einmal die Thorheit beging, meiner geringfuͤgigen Biographie halber einen ganzen Abend in Erneſtinens Naͤhe aufzuopfern, wo ich an ihrer Seite, von ihrem Athem gefaͤchelt, im Entzuͤndungsrauſche des Wiederfindens ihr ſo manches kuͤhne Wort hatte zufluͤſtern koͤnnen,— ſo haͤtte ich mir auch conſequent bleiben, und mein egoiſtiſches Epos vollenden ſollen,— aber woher Zeit nehmen? Ich bin — als neugebackner Regierungsconcipiſt naͤmlich— viel zu ſehr mit Amtsgeſchaͤften uͤberhaͤuft, und ich komme im buchſtaͤblichen Sinne des Wortes nicht zu mir ſelbſt. Noch etwas. Ich hoͤrte zufaͤllig beim Gouverneur etwas munkeln. Das Miniſterium wuͤnſcht ein Me⸗ moire uͤber den Zuſtand und die moͤglichſt zweck⸗ und zeitgemaͤße Geſtaltung unſerer Univerſitaͤten. Ueber den Gegenſtand habe ich lange nachgedacht; da ließe ſich manches Wahre und Noͤthige ſagen. Nun denn, ich will's verſuchen. Jeder Staatsbeamte hat das Recht, Schleſing. Herbſtnov. 5 — 66— ſeine Anſichten, ſind ſie anders nicht verſchroben, be⸗ ſcheiden und gemaͤßigt mitzutheilen. Vielleicht frommt es etwas, vielleicht kann ich einſt mich ruͤhmen, zu dem geiſtigen Gluͤcke kuͤnftiger Staatsbuͤrger ein Schaͤrflein beigetragen zu haben!. Ach, ja wol werden andere gluͤcklich ſein, aber ich — ich fuͤhle es! ich gehe unter in meinem Mißgeſchicke. Iſt doch mein emſiges Schaffen und Arbeiten nur ein krampfhaftes Verſenken in den Sarg der Pflicht, wie ein Thor ſich in den Mantel huͤllt, damit der Blitz des Gewitters ihn nicht treffe. Alles umſonſt! Erneſtine umſchwebt mich uͤberall, in meinem Zimmer und im Bureau, im Traume wie im Wachen, ihr Auge haͤlt mein Sein wie mit ehernen Armen umfangen, kein Athem, ſchwellt meine Bruſt, der nicht ein Sehnſuchts⸗ ſeufzer nach ihr iſt. Nur Flucht koͤnnte mich retten. Aber wie iſt das moͤglich. Der Gouverneur iſt mir ſichtbar gewogen. Er zieht mich bei jeder Gelegenheit an ſich, behandelt mich mit ehrenvoller Auszeichnung, bekümmert ſich um mein Streben und mein Gluͤck wie ein Vater, und will mich nicht aus ſeinem Hauſe laſſen. Soll ich aus dieſem Hafen, in dem ich we⸗ nigſtens den Krallen der Nahrungsſorgen entriſſen bin, entfliehen, und mich neuerdings hineinſtuͤrzeu in das klippenvolle Meer der Verlaſſenheit und des Zweifels, wo ſo mancher edle Geiſt an der Brandung ſchmutziger — 6— Duͤrftigkeit geſcheitert?— Wenn aber der Praͤſident hinter meine tollkuͤhnen Wuͤnſche kaͤme— wenn!— Er ſieht mich manchesmal ſo forſchend und durchdrin⸗ gend an, dann wieder auf Erneſtinen hinuͤber. Wenn ich mich wieder vergeſſen koͤnnte, und wie fruͤher ſchmach⸗ voll entweichen muͤßte, vor dem Zorne eines beleidigten Vaters!— Gott! Gott! ſtaͤrke mich zum Kampfe und Siege uͤber mich ſelbſt! Am 9. Februar 18** —— Laß mich, mein ſuͤßes, holdes Weibchen! — Laß mich ein heiliges Geluͤbde erfuͤllen, das ich in der Stunde meines zerreißendſten Seelenkummers ge⸗ than. Als ich in der endloſen Tiefe meines grimmen Schmerzens verzweifelte, und meine Bruſt im herben Gram verſiegte, da ſchaute ich ſelbſt mit bitter⸗ironi⸗ ſcher Neugier nach meiner eigenen Zukunft, und riß, halb wahnſinnig, an dem dunklen Schleier, aber ach! die Riſſe fielen in mein eigenes Herz! Ich hatte nicht den Muth, mein Qualenbild auf dem Papier wie ein greifendes Geſpenſt zu betrachten, aber ich ſchwor mir's zu, die Vergangenheit zu feſſeln, wenn ſie mit ihrem Eumenidengefolge voruͤbergezogen ſei, und die Sonne des Gluͤckes nicht auf mein— Grab ſchiene. Und ich will es endlich halten. 5* — 68— Mein letztes Bruchſtuͤck ſchloß, wenn ich nicht irre, mit Liebesweh; ich beginne wieder damit!— Gab es denn einen andern Gegenſtand auf dieſer Welt fuͤr mich? Ich ſah ſie taͤglich, ihre ſuͤße, liebehauchende Srimme ſchlug taͤglich, ſtuͤndlich an mein Ohr, in ihren Augen lag der alte Himmel, gruͤnte noch immer die zarte Bluͤthe unwandelbarer Neigung, und ich, ſo gebot es die Ehre und Vernunft, ſollte kalt, ruhig, beſonnen, zuruͤckhaltend bleiben; ich ſollte, vom electri⸗ ſchen Strahle durchbebt, wie ein Marmorgoͤtze ſchein⸗ bar fuͤhllos daſtehen? Es war fuͤr Menſchenkraft zu viel! Ich ſuchte in angeſtrengter Arbeit ein kraͤftiges Gegenmittel fuͤr die Leidenſchaft, ich begrub mich in einem Actengrabe, ich dachte und ſchrieb mit eiſernem Fleiße, was mechaniſch ich mir ſelbſt aufgebuͤrdet hatte. Alles umſonſt! Mein Gemuͤth wurde immer kraͤnker, je ſtaͤrker ich mich kaſteite, meine nachtwachenden Au⸗ gen gluͤhten wie Hoͤllenfeuer aus den bleichen, einge⸗ fallenen Wangen; ich ſchlich umher wie ein Prome⸗ theus mit dem herabfreſſenden Geier, aber der Gram wuchs immer nach! So blieb es bis vor drei Monden. Zu dieſer Zeit reiſte der Praͤſident in Folge einer erhaltenen Ordre nach der Reſidenz. Erneſtine aber blieb zuruͤck. Ich hatte nun die beſte Gelegenheit, mit ihr haͤufiger und ungeſtoͤrt zu ſprechen, aber ich wachte uͤber mich, meine — 60— Leiden hatten mich gebeſſert. Ich ſchlich umher wie ein Schemen, vor der Zeit gealtert— aber ich ſchwieg. Dennnoch ſah ſie, wie ich zuweilen bemerkte, mit tie⸗ fem Mitleiden, mit unnennbarer Weichheit auf mich nieder. Sie konnte mich nicht verkennen. Darf der Leidende nicht an Sympathie glauben? Wer denn ſonſt? Aber mein Koͤrper unterlag. Ich wurde krank. Man pflegte mich mit der unendlichſten Liebe und Sorg⸗ falt, daß ich endlich phyſiſch genaß. Ich durfte bereits aufſtehen, im Zimmer umhergehen; da hoͤrte ich einen Reiſewagen im Hofe, und vernahm bald darauf, der Gouverneur ſei angekommen. Einige Tage nachher, als ich bereits hinlaͤnglich ge⸗ ſtaͤrkt ſchien, ließ er mich rufen. Ich trat mit einer gewiſſen, mir unerklaͤrlichen Bangigkeit vor den edlen Mann hin, den ſein huldreicher Fuͤrſt mit einem Or⸗ den geſchmuͤckt hatte. Indem ich mich verbeugte und ihm Gluͤck wuͤnſchte, unterbrach er mich raſch und ſtreng:„Sie lieben meine Tochter?“ Ich ſtand wie vom Donner geruͤhrt. Meine Mus⸗ keln bebten convulſiviſch. „Sie ſehen“ fuhr er fort,„ſo kann es nicht mehr bleiben. Sie muͤſſen aus meinem Hauſe, ja Sie — 20— werden gut thun, Ihre jetzige Amtsſtellung auf⸗ zugeben!“ Endlich hatte der Blitz getroffen, und ich athmete freier. Jetzt konnte ich wieder getroſt ſein— ich hatte nichts zu verlieren. Ich ſtammelte meinen innigen Dank fuͤr ſeine bisherige vaͤterliche Guͤte gegen mich, verbeugte mich, und wollte gehen. „Bleiben Sie,“ rief er haſtig,„nehmen Sie dieß als Reiſezehrung!“ Er reichte mir ein verſiegeltes Papier. „Ew. Excellenz! ſchonen Sie mein“ bat ich flehend, „ich verſtehe nicht zu betteln, laſſen Sie mich wenig⸗ ſtens ein erhebendes Gefuͤhl aus Ihrem Hauſe mit⸗ nehmen.“ „Bleiben Sie Trotzkopf,“ rief er nochmals mit komiſchem Zorne,„und leſen Sie! ich befehle es Ihnen!“ Ich nahm,— es war ein allerhoͤchſtes Cabinet⸗ ſchreiben und lautete folgendermaßen. „Der geheime Regierungscopiſt** hat durch ſein ausgearbeitetes Memoire uͤber den Zuſtand unſerer Lan⸗ desuniverſitaͤten ſo viele Sachkenntniß, Eifer fuͤr das Wohl des Vaterlandes, und Energie in der Handha— bung der Mittel an den Tag gelegt, daß Wir uns auf den unterthaͤnigſten Vortrag Unſeres vielgetreuen — ³— Praͤſidenten und Gouverneurs huldreichſt bewogen ge⸗ funden haben, denſelben zum wirklichen Regierungsrathe im Studiendepartement zu ernennen, und Wir hoffen, daß er ſich dieſer Unſerer Gnade ſtets wuͤrdig erhalten werde. Demſelben wird demgemaͤß hiermit bedeutet, daß er am 1. Jaͤnner des Jahres 183* ſeinen Eid in die Haͤnde, Unſeres obbeſagten Praͤſidenten und Gou⸗ verneurs abzulegen, und ſomit ſeine Amtsfunctionen getreu und eifrig anzutreten habe.“ Die Unterſchrift war von des Fuͤrſten eigener Hand. Es flimmerte mir alles vor den Augen. Den Kopfſchmerz naͤmlich hatte ich ertragen, die Freude uͤberwaͤltigte mich. Ich ſank halbohnmaͤchtig in die Knie. In demſelben Augenblicke oͤffnete Erneſtine die Thuͤre, und rief:„Vater, darf ich ſchon?“ „Nur zu, meine Tochter!“ rief der Praͤſident muthwillig froͤhlich.„Umarme deinen Braͤutigam, wenn dich der Herr Regierungsrath anders zur Frau will!“— Himmliſche Stunden, keine Feder ſoll euch ent⸗ weihen. Geſtern war meine Hochzeit, meine ehrliche Muhme aß am Ehrentiſche. In derſelben Stunde, wo ich im — 22— vorigen Jahre vernichtet uͤber die Hofrathstreppe ge⸗ ſtuͤrzt war, brachte man einen Toaſt auf mein Ehe⸗ gluͤck in ziſchendem Champagner. Ich bin zu Ende, meine angebetete Gattin. Jetzt*. reiche mir den verdienten doppelt ſuͤßen Kuß. Die Unvermaͤhlten. Eine Skizze nach dem Engliſchen. Ich liebe eine alte Jungfer— ich ſpreche hier nicht von einem Individuum, ſondern von der Gattung. Eine alte Jungfer iſt nicht bloß eine Anhaͤngerin der Vorzeit— ſie iſt die Vorzeit ſelbſt, nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit, ſondern die Vergan⸗ genheit an ſich, ſie hat einen großen Wechſel erlebt und ſympathiſirt nicht mit den gewoͤhnlichen Veraͤnder⸗ ungen der Sterblichkeit. Sie bewohnt eine kleine ei⸗ genthuͤmliche Ewigkeit. Ich weiß nicht ob Ehen im Himmel geſchloßen werden, Manche ſagen, es ſei ſo; aber es iſt gewiß, daß alte Jungfern von oben ihre Beſtimmung erhielten, und augenſcheinlich zu dieſem Stande gewaͤhlt wurden. Sie verdanken das Sonder⸗ bare ihrer Lage weder dem Glanze der Schoͤnheit, noch des Witzes, der Klugheit oder des Humors: der einzige Grund dafuͤr liegt in dem Principe der Praͤdeſtination. Ich habe viele alte Jungfern gekannt, und unter ihnen nicht eine einzige, welche nicht eben ſo gute und liebens⸗ wuͤrdige Eigenſchaften hatte, als neun und neunzig von — à— hundert meiner Bekanntſchaften. Warum alſo bleiben ſie ledig? Es war ſo ihre Beſtimmung. Auf der Straße von London nach Liverpool liegt ein Dorf, welches wir Littleton nennen wollen, ich mag gerade der Neugierde muͤßiger Frager nicht ſo weit entgegen kommen, um ihnen zu ſagen, ob es naͤher an London oder Liverpool zu liegt, aber es iſt ein recht niedliches Doͤrſchen, und mag der Leſer es ſcharf ins Auge faſſen, wenn er einmal nach Liverpool reiſt. Es liegt in einem Thale, durch welches ein ſchmaler Bach ſtroͤmt, glaͤnzend wie Silber, aber kaum breit genug, um einen Karren darin umwenden zu koͤnnen. Ueber dem kleinen Stroͤmchen iſt eine Bruͤcke, welche wirklich bloß aus Galanterie gegen das klare Waſſer erbaut zu ſein ſcheint, um dieſem die Beſchaͤmung zu erſparen, von jedem kleinen Burſchen oder Gaſſenjungen im Dorfe uͤberhuͤpft zu werden. Der Kirchthurm iſt mit Epheu uͤberzogen, beinahe bis an die Spitze, aber der Kuſter hat die gruͤne Decke von der Glocke abgenommen, welche nun mit ihrem weißen Mantel und den ſchwar⸗ zen Figuren in einer kleinen Entfernung ausſieht, wie eine Eule in einem Epheugebuͤſch. Ein wenig links an der Kirche iſt das Pfarrhaus, mit Fichten bepflanzt, vor dem Hauſe iſt ein Grasplatz und uͤber der Thuͤr, was man ein Wagendach zu nennen pflegt, aber ich ſah nie einen Wagen dort. Etwas weiter hin auf dem —— Huͤgel, welcher das kleine Thal begraͤnzt, befindet ſich ein Haus, welches die Einwohner des Dorfes nur „die weiße Huͤtte“ zu nennen pflegen. Es iſt in der That ein ſchmales, weiß angeſtrichnes Haus, welches wol keiner Huͤtte gleich ſieht, aber man nennt es nun einmal ſo. Alle dieſe ſchoͤnen und maleriſchen Gegen⸗ ſtaͤnde, und noch viele andere, die ich nicht beſchrieben, haben bei mir ihre Anziehungskraft verloren. Es wuͤrde mich melancholiſch machen, in dieſe Kirche zu gehen. Das Intereſſe, das ich an dem Pfarrhauſe nahm, ging auf die weiße Huͤtte uͤber, und mein Antheil an der weißen Huͤtte verruͤckte ſich bis auf den Kirchhof, und ruht nun auf vier Graͤbern, die ſich parallel liegen, mit Grabſteinen von beinahe Einem Datum. In dieſen vier Graͤbern ruhen die Ueberreſte vier alter Jungfrauen. Ich wunderte mich, daß ſie vier abge⸗ ſonderte Grabſteine haͤtten, aber der Kuͤſter ſagte mir, es ſei ihr Wille ſo geweſen, um dem Kirchhof ein bedeut⸗ ſameres Anſehen zu geben, und ſie haͤtten gerade ſo viel hinterlaſſen, daß man ihrem Verlangen nachkom⸗ men, und die anderweitigen Begraͤbnißkoſten beſtreiten konnte. Ich ſah dieſe Damen zweimal in einem Zwiſchen⸗ raume von dreißig Jahren; ich wollte ſie noch einmal ſehen, und war bekuͤmmerter, als ich mir zugetraut haͤtte, da die Nachbarn mir ihre Graͤber zeigten. Aber — 76— man bedauert die Todten nicht beſonders, und ich war am Ende froh, daß ſie nicht lange getrennt geweſen waren. Ich ſah dieſe Damen zweimal, und das erſte Mal, als ich ſie ſah, war ich bloß im Zweifel, welche von ihnen zuerſt heiraten wuͤrde. Ich wuͤrde mich ſelbſt in eine von ihnen verliebt haben,— in welche, weiß ich ich nicht, waͤren ſie nicht ſaͤmmtlich ſchon anderweitig verſehen geweſen. Sie waren alle artig, gefuͤhlvoll, guter Laune, und kannten die Welt. Sie hatten zu der Zeit nicht nur Anbeter, ſondern ernſtliche Bewerber. Das ganze Dorf Littleton und manche andre Doͤrfer wetteiferten in dem Lobe der vollkommenen und anmu⸗ tigen Rectorstoͤchter; doch wurden die Damen in ihren Hoffnungen und Ausſichten auf eine„gute Partie“ nicht bloß von ihren perſoͤnlichen Eigenſchaften unter⸗ ſtuͤtzt, denn dieſe Familie ſtand im Rufe der Wohlhaben⸗ heit(was aber, wie ich heute weiß, nicht viel mehr, als eine taube Nuß war). Die Rectorsſtelle ſollte— ſo ſagte man— tauſend Pfund jaͤhrlich tragen, indeß ſie doch nur ſechshundert Pfund einbrachte. Den ehr⸗ lichen Rector ſchaͤtzte man auf zwoͤlf tauſend Pfunde. Was nun dieß anbelangt, ſo mochte der wuͤrdige Mann an ſich wol weit hoͤher zu ſchaͤtzen Kworthy) ſein, aber ſein Vermoͤgen belief ſich höchſtens auf funfzehn hun⸗ dert Pfund. Ich will die Maͤdchen hier nur mit ihren Taufna⸗ — 277˙— men bezeichnen, welche, wie ihr guter Vater ſich oft zu ruͤhmen pflegte— echt chriſtlich waren. Die Aelteſte hieß Mary, die Zweite Martha, die Dritte Anna, und die Juͤngſte Eliſabeth. Die Aelteſte war, als ich ſie kennen lernte, wirklich mit einem jungen Mann in Verbindung, welcher ſo eben in Cambridge mit einem griechiſchen Epigramme den Preis errungen hatte. Solch ein Beiſpiel von Genie graͤnzte in Littleton an das Wunderbare; denn die guten Leute in dieſer Gegend ſind nicht gewohnt, Preiſe in griechiſchen Epigrammen zu gewinnen. Die Paͤchter, welche von ſeiner Auszeich⸗ nung unterrichtet waren, pflegten ihn wie ein beſonders Phaͤnomen anzuſtarren, und wunderten ſich gewaltig, daß er auf zwei Beinen gehen und Hammelfleiſch eſſen, und ſagen ſollte:„Wie befinden Sie ſich?“ wie an⸗ dere Leute. Und jeder ſagte, er ſei ein ſo zierlicher Menſch. Er huͤpfte nie als ein Springinsfeld uͤber den Bach, wie andre junge Leute thaten, ſonden ging uͤber die Bruͤcke. Es war erbaulich zu ſehen, wie artig er die jungen Damen uͤber beſagte Bruͤcke fuͤhrte. Mary war immer die letzte, obſchon ſie die Aelteſte war.— Der junge Squire im Dorfe ward allgemein als der Freier der Zweiten betrachtet. Die Dritte hatte man⸗ chen Bewunderer; ſie war, was man ein auffallendes Maͤdchen zu nennen pflegt; ſie hatte etwas Theatraliſches in ihrem Betragen. Sie war geſpraͤchig, liebenswuͤrdig 85 — 78— und anziehend, auch beſaß ſie eine wunderhuͤbſche Stimme, und ihr guter Vater pflegte zu ſagen:„Meine theure Anna, der Ton deiner Stimme iſt ſehr lieblich, und es thut mir wol, dich zu deiner Harfe ſingen zu hoͤren;z aber ich wuͤnſchte, ich haͤtte Gelegenheit, dich in der Kirche zu vernehmen.“— Armer Mann! er bedachte nicht, daß ſie keine andre Stimme hoͤren mochte, weil die Liebesworte des jungen Paſtors im Dorfe ihr gar berauſchend zu den Ohren toͤnten. Eli⸗ ſabeth, die Juͤngſte, war ohne Zweifel die Huͤbſcheſte von allen vieren. Empfindſamkeit war ihre ſtarke, oder beſſer geſagt,— ihre ſchwache Seite. Sie ſeufzte ſelbſt ſehr oft, und machte Andere oft ſeufzen. Ich dachte, als ich ſie zuerſt erblickte, wol nicht daran, daß dieß ein Neſt von kuͤnftigen alten Jung⸗ fern ſei,— aber es war doch ſo, und als ich ſie das naͤchſte Mal beſuchte, lebten ſie mit einander wie Ge⸗ ſpenſter.— Wie ich die naͤchſten dreißig Jahre zu⸗ brachte, mag den Leſer wenig intereſſiren; ich uͤbergehe deßwegen dieſe Periode, und komme nach Littleton zuruͤck. Die Zeit iſt wie ein unartiger Junge, welcher in unſerer Abweſenheit ſpielt und ſich herumtummelt, alles aber ſo unter einander und in Unordnung wirft, daß wir es nur mit Muͤhe wieder erkennen moͤgen. Als ich Littleton zum zweiten Male beſuchte, hoͤrte ich daß der gute alte Rector bereits todt ſei, und daß ſeine — 29— Toͤchter zuſammen lebten, und die„weiße Huͤtte“ be⸗ wohnten. Ich war beinahe froh zu hoͤren, daß ſie noch ledig waren, obſchon ich uͤber dieſe Nachricht ſehr er⸗ ſtaunt war. Ich wußte, daß ich wol empfangen wer⸗ den wuͤrde, da alle ihr alten Neigungen durch ander⸗ weitige ewige Ketten nicht gefeſſelt wuͤrden. Ich wußte, daß ich keinem hochmuͤthig fragenden Blicke eines Ehemannes begegnen wuͤrde, nach deſſen Manieren ich mich zu bequemen haͤtte. Ich hatte indeſſen viel zu thun, ehe man mich erkannte, noch mehr aber, um die Damen von einander zu unterſcheiden, und ihr gegenwaͤrtiges Aeußere mit dem fruͤheren in Verbindung zu ſetzenz denn Anna's Anziehungskraft war voruͤber, und Eliſabeth hatte zu ſeufzen aufgehoͤrt. Als wir uns aber gegenſeitig wieder erkannt hatten, waren wir herzlich froh, einander zu ſehen, und wir ſprachen Alle und von allerlei auf einmal. Es war gegen Ende Auguſts. Die Witterung war noch ertraͤglich, aber es hatte kuͤrzlich viel geregnet, und es gab einige dichte Wolken, auch brummte der Wind ein wenig, wie ein Schulmeiſter, der ſeinem Zoͤglinge einen zurechtweiſenden Schlag angedeihen ließ, und ihn ſo anſieht, als ſei er geneigt, noch etwas hinzuzufuͤgen. Das Haͤuschen war enge, nett und hell. Es war nur ein Beſuchzimmer, aber ein recht artiges. Ein ſchmaler Teppich bedeckte den halben Fußboden; ein — 80— gegoſſener Kamin ſtand in der einen Ecke, eine Stickerei, welche Abraham darſtellte, als er Iſaak zum Opfertode fuͤhrte, hing uͤber der Thuͤr. Eine alte Harfe, in ſchwarzem Mahagonygehaͤuſe ſtreckte ihren Hals, der die Form eines unweltlichen Leviathan zur Schau trug, laͤngs der einen Seite des Gemaches; ſechs uͤberaus ſchwere und krummgeſchweifte Stuͤhle mit hoher Lehne a⸗ und kurzen Fuͤßen und geſtickten Polſtern ſtanden rings umher, und einer von ihnen mochte wol breit genug ſein, alle vier Schweſtern, nach ihrer Manier zu ſitzen, in ſich aufzunehmen. Ich erinnerte mich, dieſe Stuͤhle im Speiſeſaale des ſel. Rectors geſehen zu haben; aber damals war auch ein großer Bengel von Bedienten zur Hand, um ſie von der Stelle zu bewegen. Der Kamin war ohne Feuer und ich konnte mich des Ge⸗ dankens kaum erwehren, daß ein Ofen ohne Feuer gegen das kalte Ende des Auguſts*⁴) einigermaßen wie eine alte Jungfer ausſieht. Doch die Damen waren ſehr geſpraͤchig, und redeten alle zuſammen, oder was auf eins herauskam, wenn die Eine anfing, kamen die Andern alsbald nach, wie auf einer Jagd, oder um es treffender zu bezeichnen, wie eine Fuge. Sie ſprachen laut, und ſaßen recht gerade, was ich fuͤr ein Zeichen ihrer Geſundheit hielt; aber ſie waren nichts *) In England beginnt zu dieſer Zeit ſchon die zweite Periode des Herbſtes. — ⏑— wenigen, denn ſie lebten zu ſparſam, da das Vermoͤgen ihres Vaters weit geringer ausgefallen war, als ſie es vermutheten, und dennoch mußten ſie anſtaͤndig leben, weil ſie mit den erſten benachbarten Familien noch in Verbindung ſtanden. Als ich hinkam, hatte ich noch nicht geſpeiſt, aber ich vermuthe, ſie hatten es bereits gethan, denn ſie luden mich auf Thee ein, und obſchon mir Eſſen lieber als Thee geweſen waͤre, ſo gab ich doch nach aus alter Bekanntſchaft. Sie drangen ſehr in mich, ein Glas Wein zu trinken, und ich ließ mich dazu bewegen; hinterher bereute ich es, denn aͤltliche Damen haben ein Vorurtheil gegen den Wein, und ſehen den ſcheel an, der ihn liebt.— Dann tranken wir alſo Thee; ich erkannte die alten Schalen und Loͤffel wieder, den kleinen ſilbernen Theekeſſel, und den ſilbernen Rahm⸗ ſchoͤpfer, und die Zuckerzaͤngchen; ich freute mich, den Keſſel zu ſehen, denn er trug dazu bei, ein wenig das Zimmer zu erwaͤrmen. Der Thee machte uns ganz geſpraͤchig, nicht daß er etwa ſo ſtark geweſen waͤre, um uns ſonderlich zu exaltiren; nein, denn die Wahr⸗ heit zu ſagen, er war ſehr ſchwach. Ich haͤtte ſehr gerne ein Stuͤckchen Butterſchnitte genoſſen, aber ſie verehrten mir das letzte Schnittchen, ich konnte alſo nicht daran denken, es zu nehmen, und ſo kam es in die Kuͤche an die Magd, welcher ich es eben Schleſing. Herbſtnov. 6 — 2— nicht mißgoͤnnte, denn ſie war nicht fetter als ihre Herrſchaft. Endlich aͤußerte ich den Wunſch, ihre reſpectiven Biographien zu vernehmen, mit andern Worten: ich wollte wiſſen, wie es kam, daß ſie ledig geblieben waren; denn die Geſchichte einer alten Jungfer iſt eine Reihe von Deſertionen aus der Ehe. Meine Bitte ward erfuͤllt, und Mary, als die Aelteſte, begann: „Ich glaube, Sie erinnern ſich noch meines Freun⸗ des, des Herrn M. H..2 „Ja wol,“ ſagte ich,„lebt er noch?“ „Er lebt, und iſt unvermaͤlt.“ Ich laͤchelte, und ſagte:„Wirklich?“— Mary aaͤchelte nicht. „Ja,“ fuhr ſie fort,„er lebt noch und lebt ein— ſam. Ich ſehe ihn gelegentlich, aber ſeit den letzten Jahren ſelten. Sie erinnern ſich,— ich darf es wol ſagen, wie angenehm er als Geſellſchafter war, und wie hoͤflich. Er war ganz von der alten Schule, aber leider bloß ruͤckſichtlich ſeines Benehmens. Sein Glaube hatte viel von der neuen an ſich. Er hatte ſich in Cambridge an eine gewiſſe Secte angeſchloſſen, und obwol er ſonſt im Allgemeinen ein guter und ernſt⸗ hafter Menſch war, ſo verwirrte er ſich dennoch den Kopf mit ſonderbaren Ideen, und als die Zeit kam, — 83— wo er den Gradus erhalten ſollte, wollte er nicht, und ließ ſich in gottloſe Discuſſionen ein. Einige Leute gingen ſo weit, zu ſagen, er ſei nicht beſſer als ein Socinianer, aber ich glaube es nicht. Doch, glaube ich, waͤre es fuͤr die Tochter eines Paſtors nicht pas⸗ ſend geweſen, einen Mann zu heirathen, der mit ſeinen Religionsanſichten von dem rechten Wege abſchweifte. Wir thaten alles, was in unſerer Macht ſtand, um ihm zu beweiſen, daß er Unrecht hatte, aber Beides war umſonſt. In der That, er ſchien ſich als eine Art von Maͤrtyrer zu betrachten, bloß weil wir zu ihm ſprachen, und ſuchte mir ſehr ſcharfſinnig zu be⸗ weiſen, daß Einheit der Glaubensmeinung zur Zufrie⸗ denheit nicht weſentlich ſei. Aber wie mein Vater ſehr richtig bemerkte, wenn ein Menſch zu zweifeln anfaͤngt, ſo iſt es unmoͤglich zu beſtimmen, wo er enden wird. Ich gab daher nicht nach; ſo ſteht die Sache jetzt, und ſo wird es bleiben, bis es endet.“ Alle Schweſtern gaben ihr Recht, und nun erzaͤhlte Martha ihre Geſchichte.„Gerade um die Zeit, als Sie Littleton beſuchten, machte mir der junge B.— der mir lange mit beſonderer Aufmerkſamkeit gehul⸗ digt hatte, einen Heiratsantrag. Es war ein ganz leidlicher Menſch von Erziehung, nur ein wenig flat⸗ terhaft. Sein Vater jedoch, dieſer Ehe ſehr abgeneigt, brach ſeinen freundlichen Umgang mit uns ab, und 6* verfolgte uns uf jede Weiſe. Mein Vater war ſtolz, und vergalt Bitterkeit mit Bitterkeit. Doch mit dem Haß des Alten wuchs die Liebe des Sohnes. Er machte mir den Vorſchlag, in eine ſchottiſche, das iſt, geheime Heirath einzuwilligen, dagegen war aber wieder mein Vater, der ſein Kind nach den engliſchen Ge⸗ ſetzen vermaͤhlt wiſſen wollte. Endlich ſtarb der Alte, und das maͤchtigſte Hinderniß unſerer Verbindung war beſeitigt. Aber nun gebot der Anſtand eine Zeitlang zu trauern; inzwiſchen knuͤpfte der junge Squire, deſſen Liebe ſich in der Laͤnge vermindert hatte, mit einer reichen Wittwe in London ein Verhaͤltniß an, und heirathete ſie. Sie leben jetzt geſchieden.“ „Ihr waret der erſten Liebe treu,“ ſagte ich. „Ich aber“ begann Anna jetzt,„hatte ein ganz anderes Geſchicke. Ich hatte vier Heiratsantraͤge, ehe ich neunzehn Jahre alt war, und ich wollte meine Urtheilskraft anſtrengen, um zu entſcheiden, welcher von ihnen meiner am wuͤrdigſten ſeiz ſo ging ich, und ſprach und ſang und ſpielte, und neckte mich mit Allen um die Wette. Ehe ich aber uͤber die Wahl einig werden konnte, verlor ich alle Liebhaber auf einmal. Es iſt recht betruͤbt, daß wir in der Nothwendigkeit ſind, einen Schritt, von dem das Leben abhaͤngt, zu der Zeit zu wagen, wo wir das Leben am wenigſten kennen.“ — 85— Es iſt unnutz,“ bemerkte ich,„mehrere Freier zu gleicher Zeit zu beſitzen.“ „Ich fand es eben ſo unvortheilhaft,“ ſagte jetzt Eliſabeth,„ſie nach einander zu haben. Mein erſter Liebhaber gewann mein Herz durch ſeine Geſchicklichkeit im Floͤtenſpielen. Es war ein Lieutenant bei der Marine, der in der Nachbarſchaft zum Beſuche kam. Mein Vater mißbilligte mein Wahl, aber ich ſagte, ich koͤnne nicht leben, und er gab ſeine Zuſtimmung. Aber ach! das Schiff meines Floͤtenſpielers wurde nach Weſtindien beordert, und ich hoͤrte nichts mehr von ihm. Der Zweite, der, wie manche Leute ſich aͤußerten, dem Erſten ein wenig zu ſchnell folgte, war ein Arzt, der ſich in unſerm Dorfe niedergelaſſen hatte; zum zweiten Male erpreßte ich die Einwilligung meines Vaters, aber der Arzt ging von dannen. Ein Dritter kam, und zum dritten Male gab mein Vater nach, aber der gute Mann hoͤrte, daß meine Mitgift eben nicht glaͤnzend war und zog ſich zuruͤck. So ging es noch einige Male fort, bis ich des Wechſels am Ende gewohnt war und ganz gleichgiltig dabei blieb.“— So endigte die Reihe der Erzaͤhlungen, und nach dem Thee gingen wir in den Garten. Es war ein ſchmales, viereckiges Gaͤrtchen, ſo klein, daß wir, als wir herumgingen, ausſahen, wie die Namenszuͤge in einer runden Gemme; es war ſchwer zuſagen, welcher — 86— der Erſte ſei. Ich druͤckte ihnen beim Abſchiede die Hand, aber fein artig, aus Furcht ihnen wehe zu thun, denn ihre Finger waren lang, kalt und abgezehrt. Das naͤchſte Mal, als ich hinkam, waren ſie alle in ihren Graͤbern, und nicht viel kaͤlter als ich ſie in der Huͤtte ſah. Die Hoͤhle des Grabes. Novelle. Nach dem Engliſchen. Mr. Madeville war ein Civilbeamter der oſtindiſchen Compagnie zu Calcutta, welcher in einer langen Dienſt⸗ zeit ſeine Talente eben ſo deutlich als ſeine unermuͤdete Thaͤtigkeit und Treue an den Tag gelegt hatte. Lange ſchon hatte er einmal Europa wieder beſuchen wollen, aber er hing ſo feſt an dem Boden, auf dem er ſeine Jugendkraft geopfert, und war zum Theil durch ſeine Stellung gefeſſelt, indem er eines der bedeutendſten Gerichtsaͤmter bekleidete, ſo daß er ſeine Reiſe immer weiter hinausſchob. Als er ſich aber zuletzt doch ent⸗ ſchloſſen, und nach einer gluͤcklichen Fahrt in England den vaterlaͤndiſchen Boden begruͤßte, fand er, daß alles, was ihm hier theuer geweſen, bereits hingeſchieden war. So ſtand er einſam und verwaiſet in den heimathlichen Fluren, und floh ſchnell wieder von dem Schauplatze ſeiner zerſtoͤrten Freuden mit erkaltetem Herzen und unterdruͤcktem Gefuͤhle nach Indien zuruͤck, wo er, wie er in Oſten gelebt und gewirkt, auch ſein Grab zu finden beſchloß. — 8g8— Dooch kehrte er nicht einſam wieder, wie er dahin gezogen war; eine reizende Verwandte, eine von den Wenigen, die Zeit und Geſchick ihm nicht entriſſen hatten, willigte, obſchon wegen der Ungleichheit ihres Alters nach einigem Bedenken, doch endlich ein, ein freudenloſes Daſein in der Fremde mit ihm zu theilen, und auch nicht einen Augenblick durfte Lucie Warner nachher bereuen, daß ſie ihren Namen gegen den beſſer klingenden Mandeville vertauſcht hatte. Das unbe⸗ ſchraͤnkteſte Vertrauen, die herzlichſte und ungetruͤbteſte Zuneigung feſſelte ſie bald unwiderſtehlich an den wil⸗ den und großmuͤthigen Gemal, welcher durch die hohe Wuͤrde ſeines gereiften Characters bei weitem das bei einem Manne ſo zweideutige Verdienſt aufwog, noch in der vollkommenen Bluͤthe ſeiner Jugend zu glaͤnzen. Die beiden Gatten waren ſo im ſtillfreudigen Bunde nur zu gluͤcklich; denn dieſes Gefuͤhl vermehrte den Schmerz ihrer Trennung. Mehrere Kinder nämlich, welche die ſanfte Lucie ihrem Gemale geſchenkt hatte, waren bereits hingewelkt wie zarte Pflanzen auf einem ungedeihlichen Boden, der gluͤhende Himmel zerſtoͤrte ſchon fruͤhzeitig die kaum erbluͤhten Keime. Lang zoͤgerte Sir Mandeville, ehe er ſich entſchließen konnte, eines derſelben nach England zu ſchicken, ein Bedenken, welches ihm, dem Bejahrten, dem zaͤrtlich beſorgten Vater, der fuͤrchten mußte, ſein Kind nim⸗ — 89.— mer wiederzuſehen, wol allerdings zu verzeihen ſein mochte. Endlich aber als nur eine einzige Tochter ihm noch uͤbrig geblieben war, ſprach die Pflicht laut und gebieteriſch in ihm, und er beſtand feſt darauf, daß ſeine geliebte Frau ihr einziges Kind ohne Verzug nach England begleiten, und uͤber deſſen Erziehung ſo lange wachen wolle, bis es hinlaͤnglich ausgebildet und erſtarkt ſei, um den Angriffen des feindlichen Klima widerſtehen zu koͤnnen. Das Opfer war auf beiden Seiten groß, und der Kampf zwiſchen Pflicht und der Liebe zu ihrem Kinde ſehr ſchwer;z aber das Maͤdchen war ihnen ſo unendlich theuer, daß endlich aͤlterliche Zaͤrtlichkeit den Sieg davon trug. Und waͤhrend der langen zehn Jahre, welche die beſorgte Mutter in England zubrachte, um uͤber die koͤrperliche und geiſtige Pflege ihres geliebten Kindes zu wachen, fand ſie auch keinen Augen⸗ blick beruhigter Zufriedenheit, wo der Gedanke in ihrer Seele haͤtte emporkeimen koͤnnen, nach Indien zuruͤckzukehren. Der Gegenſtand all' dieſer unermuͤdlichen Sorgfalt aber wuchs allmaͤhlig empor, und belohnte reich die Pflege, welche man auf ihn verwendet hatte. Das Maͤdchen entfaltete ſich aus einer bleichen und ſchwaͤch⸗ lichen Pflanze des Oſtens mit einem Male zur bluͤhen⸗ den Roſe, wie ſie unter dem, der weiblichen Schoͤnheit — 90— ſo guͤnſtigen Himmel des Inſellandes nur immer her⸗ vorzuſproßen vermag. Bei kluger und naturgemaͤßer Erziehung und wohlthaͤtiger Eingezogenheit hatte ihr Koͤrper auch jene Ausbildung erlangt, welche man bei ſo manchen bleichſuͤchtigen und aus Migraͤne zuſam⸗ mengeſetzten Maͤdchen der großen Staͤdte unter jedem Klima vermißt. So ſchien ſie nun kraͤftig genug, die Verpflanzung in einen fremden Boden ertragen zu koͤn⸗ nen, an ein vaͤterliches Herz zu kommen, das ſich vereinſamt nach ſeinen theuerſten Schaͤtzen ſehnte, und in dieſer Sehnſucht ein freudenloſes Daſein fortſchleppte. Auch verlor Miſtriß Mandeville nicht einen Augenblick, um jenen langgehegten und ſtuͤrmiſchen Wunſch ihres edlen Gatten zu befriedigen, ſobald ihr dieß die Vor⸗ ſicht nur erlauben wollte. Sie ſchiffte ſich demnach ſammt ihrer Tochter, welche damals zur herrlichen ſech⸗ zehnjaͤhrigen Jungfrau herangereift war, nach Indien ein. Dieſe war ein jugendlich lebenvolles Ebenbild von dem, was ihre Mutter einſt geweſen, als ſie, die Braut ihres wuͤrdigen Vaters, dieſelbe Fahrt uͤbernommen hatte. 3 Aber ach! die guͤtige Frau ſelbſt unterlag, nicht der Macht der Zeit, denn ſie war noch jung, aber den unguͤnſtigen Verhaͤltniſſen; denn das feindliche Klima Indiens, und ihre dortigen Verluſte hatten die zarte Geſundheit des ſeltenen Weibes untergraben. Sie — 91— erlebte es nicht, das Herz Mandeville's durch den An⸗ blick des ſo innig geliebten und ſo ſchmerzlich entbehrten Kleinodes zu beſeligen. Sie ſtarb auf den Wogen des Ganges, bei deſſen Namen ihr getheiltes und liebevolles Gemuͤth von ſo graͤnzenloſer Wehmuth uͤberhaucht wor⸗ den war. Eine fremde Hand fuͤhrte dem tiefgebeugten Vater ſein weinendes Kind in die Arme. Doch eben dieſes Kind vermochte es bald, ein ob⸗ ſchon halb eingeſtandenes Laͤcheln auf die Lippen hin⸗ zuzaubern, auf denen jede Heiterkeit erſtorben ſchien. Sie ſah ihrer freundlichen Mutter ſo aͤhnlich, nur noch viel friſcher und jugendlicher, ein neugeſchaffnes Eben⸗ bild von Fruͤhling und Bluͤthenreiz umwoben. So ſchmerzlich nun dieß den Vater anfangs an ſeinen her⸗ ben Verluſt erinnerte, ſo wurde doch allmaͤlig ihr An⸗ blick ſein einziger Troſt. Ja in ſeinem von ſo vielen Leiden heimgeſuchten Gemuͤthe verſchmolz ſich das We⸗ ſen der Tochter ſo wunderbar mit der lebendigen Er⸗ innerung an ſeine Gattin, daß er in Erſterer Beide zu beſitzen vermeinte, und ſo das doppelte Maaß ſeiner Liebe auf die junge Klara uͤbertrug. Dieſe wurde nach und nach(wie ein muthwilliges Kind) verhaͤtſchelt. Die arme Lucie hatte theils von den Drangſalen ihrer fruͤhern Jugend, theils durch die ungleiche Verbindung mit einem an Jahren vorge⸗ ruͤckten Manne eine ſanfte Melancholie wie einen zarten — 92— 3 Schleier uͤber ihr ganzes Weſen verbreitet, aber Klara's natuͤrliche Froͤhlichkeit ſchoß im Sonnenſcheine der vaͤ⸗ terlichen Liebe hoch auf, wie die gluͤhendfarbigen Blu⸗ men auf dem uͤppigen Boden, welche jetzt ihr Fuß be⸗ trat. Ihr zu widerſprechen, oder einem ſo lieblichen und ſchmeichelnden Weſen etwas abzuſchlagen, ſchien dem Vater unmoͤglich, und bald befahl ſie da unum⸗ ſchraͤnkt, wo ihre Mutter in demuͤthigem Gehorſam ihr Gluͤck gefunden hatte. Jung reizend und die einzige Erbin des bedeutenden Reichthums ihres Vaters, dieß waren drey Eigen⸗ ſchaften, die zu Calcutta ihr eben ſo viele Anbeter ver⸗ ſchafften, als es in England der Fall geweſen waͤre. Wohin ſie kam, war ſie die Koͤnigin des Tages, man erſchoͤpfte ſich in Huldigungen und Artigkeiten nach der Sitte des Landes, und wo ſie ſich nur immer zeigen mochte, zog eine Trabantenſchaar von dem ver⸗ ſchiedenſten Alter und Stande ihr nach. Befangen in der eben ſo liebenswuͤrdigen als un⸗ ſchuldigſten Koketterie der erſten Jugend laͤchelte ſie allen gleich freundlich und reizend, minder jedoch be⸗ guͤnſtigte ſie einen Mann, welchen ihr Vater unter der Schaar ihrer Anbeter als den Einzigen betrachtete, den er von ihrer Gegenliebe in ihren Armen begluͤckt zu ſehen wuͤnſchte. — 93— Dieß war einer ſeiner treueſten und erprobteſten Freunde in der letzten Haͤlfte ſeines Lebens, deſſen Namen auszuſprechen hinlaͤnglich war, um Edelmuth und echte Wuͤrde zu bezeichnen. Er war noch nicht in dem Alter, wo die Liebe und roſenumſchlungenen Grazien aus dem Ehecontracte entfliehen muͤſſen, und nur Bedaͤchtigkeit und Eigennutz zuruͤckbleibt; aber vorgeruͤckt genug, um Klara auf ihrem faſt noch kin⸗ diſchen Standpuncte einen Widerwillen gegen dieſe Verbindung einzufloͤßen. Er war ein vollendeter Mann von dem edelſten Aeußern, fuͤnf und dreißig Jahre alt, konnte jedoch durchgaͤngig fuͤr dreißig gelten, und die Farbe koͤrperlicher und geiſtiger Geſundheit bluͤhete ein Beweis ſeiner maͤßigen Lebensweiſe, auf ſeinen dunklen Wangen. Echte Maͤnnlichkeit und Freimuth thronten an ſeiner hohen Stirne, wo nun freilich eini⸗ ges fruͤhzeitig ergraute Haar Veranlaſſung gab, daß er von den Modepuppen der Stadt als ein Ci-devant uͤber die Achſel angeſehen wurde. So betrachtete ihn leider auch die reizende Klara, obſchon man ihr hoͤchlich Unrecht gethan haͤtte, wenn man ſie unter die Klaſſe gewoͤhnlicher Maͤdchen gerech⸗ net haͤtte. Sie ſah in Mr. Courtenay nur den Ver⸗ bluͤhten, an deſſen Seite ſie auf jeden friſchen Lebens⸗ genuß wuͤrde verzichten muͤſſen; zugleich war ſie zu jung und uneigenützig, ſeinen Rang und ſein Vermoͤ⸗ gen, das glaͤnzende Ziel, worauf die Batterien der weib⸗ lichen Koketterie in Bengalen ſeit Jahren gerichtet waren, mit in Anſchlag zu bringen. Letzterer Umſtand jedoch, obwol er bei dem edlen Charakter und den hohen Tugenden des verehrungswuͤrdigen Mannes nicht die erſte Beachtung verdiente, konnte nicht ohne Ge⸗ wicht bleiben in den Augen eines Vaters, deſſen Frei⸗ gebigkeit, ſo unbeſchraͤnkt, als ſein Herz ſie befahl, (ihm, wie er fuͤrchtete, fuͤr ſein verzaͤrteltes und an Pracht gewoͤhntes Kind) nur eine ſehr maͤßige Quelle des Lebensgenuſſes uͤbrig gelaſſen hatte. Er hatte naͤmlich fruͤher die Leere, welche die lange Abweſenheit ſeiner Gattin nnd ſeiner Tochter in ihm erzeugt hatte, dadurch auszufuͤllen geſucht, daß er mehrere ungluͤckliche Waiſen, deren Geſtalt ihn auch nur von ferne an ſein theures Weib erinnerte, adoptirt und mit Wohlthaten uͤberhaͤuft hatte, und in dem nur allzumal begruͤndeten Zweifel, ob eines ſeiner eigenen Rachkommen ihn uͤberleben wuͤrde, verſchob er es ſo lange, fuͤr die Zu⸗ kunft zu ſparen, bis Verhaͤltniſſe und Gewohnheiten es ihm unmoͤglich machten. Mr. Mandoille war zu aufrichtig, als daß er einen ernſthaften Bewerber um Klarens Herz und Hand mit falſchen Erwartungen haͤtte hinhalten ſollen. Er hielt es jedoch nicht fuͤr angemeſſen, und fuͤhlte ſich auch nicht ſonderlich dazu geneigt, der Schaar von — 9z5z— luftigen Stutzern(um ſeine Tochter her) den hoͤhern Stand ſeines Vermoͤgens geradezu an den Hals zu werfen: eine Offenbarung, welche ſicherlich das beſte Mittel geweſen waͤre ſich die meiſten dieſer leichtfertigen Herren ziemlich ſchnell vom Halſe zu ſchaffen. Fuͤr Courtenay allein, welchen er in dieſer, ſo wie in jeder Sache, als ſein zweites Ich betrachtete, hatte er kein Geheimniß; er entdeckte ihm die Verhaͤltniſſe in ihrer ganzen Wahrheit, indem er bedauerte, ſeiner Tochter nun, da ihre Gluͤcksumſtaͤnde ſo maͤßig ſeien, nicht in jenem einen Freund und Gatten nach ſeinem heißeſten Wunſche hinterlaſſen zu koͤnnen. Aber dieſe ſo ſehr gefuͤrchtete und ſo ſehr verhaͤngnißvolle Mittheilung uͤbte gerade den entgegengeſetzten Eindruck auf das Ge⸗ muͤth des edlen Mannes aus, und der Erfolg war ganz anders, als es Mandeville trotz des zwanzigjaͤhrigen Umganges mit ſeinem Freunde zu hoffen gewagt hatte. Das Bewußtſein von Klaras mittelmaͤßigen Gluͤcksguͤtern ſchien ſein Herz wie von einem unheimlichen Zauber zu befreien, und er, weicher fruͤher ein ſtiller, ſchuͤch⸗ terner Bewunderer im Kreiſe ihrer Anbeter geweſen war, verrieth jetzt offen ſeine Gefuͤhle, deren Ausbruch jedem, nur nicht dem verblendeten Gegenſtande deſſelben, die hoͤchſte Aufmerkſamkeit erregte, und weßhalb ſie, als es ruchbar geworden, wie um ein ſeltenes Glͤck von allen Frauen der hindoſtaniſchen Hauptſtadt beneidet wurde. — 96— Doch ihre Gedanken waren auf eine andre Weiſe in Anſpruch genommen, und ihr ganzes Weſen von dem ſuͤßen Gefluͤſter eines eleganten, wenn auch nicht eben Achtung verdienenden Juͤnglings aus ihrer Umge⸗ bung bezaubert worden. Es ward naͤmlich das Geburtsfeſt des zweiten Gou⸗ verneurs der Hauptſtadt gefeiert, wo die Zierde der Stadt natuͤrlich nicht fehlen durfte. Bei Veranſtal⸗ tungen dieſer Art pflegen die brittiſchen Kaufleute und Reichen mit einander zu wetteifern, denn es iſt faſt die einzige Gelegenheit durch Pracht und Ueppigkeit blenden zu koͤnnen, an einem Orte, wo Theater Kon⸗ certe, Promenaden, und alle die mannigfaltigen Mo⸗ deausſtellungen unſerer gluͤcklichen europaͤiſchen Damen, theils des Klima, theils der Sitte wegen, nicht beſucht zu werden pflegen. Ueberhaupt iſt das hoͤhere geſellige Leben hier wie im Oriente faſt durchaus ſehr unterdruͤckt; die uner⸗ traͤgliche Hitze des Tages erlaubt ſelten Beſuche zu ma⸗ chen, und die kuͤhleren Abende und Naͤchte bringt der Wohlhabendere in ſeinem Garten oder in einer Villa im weichen Schooße der tropiſchen Natur hin, ohne ſich nach anderem Genuſſe, als dem dolce far niente zu ſehnen. Ueberdieß nimmt der ausgebreitete Handel, mit welchem ſich der groͤßte Theil der hieſigen Englaͤn⸗ der beſchaͤftiget, alle Thaͤtigkeit in Anſpruch; wie denn — 92— die ſpeculirende Klaſſe, unaͤhnlich jener der Beamten oder Kuͤnſtler, ſich faſt nie Erholung vergoͤnnt, und inmitten froͤhlicher Unterhaltung oder ſchwelgeriſcher Gelage ihren Sinn von tauſend Projecten und weit ausſehenden Plaͤnen durchkreuzen laͤßt. Daher ſind Handelsſtaaten ſelten jene, wo fuͤr Kunſt und ſchoͤne Wiſſenſchaften auf beſondere Weiſe geſorgt wird. Denn das hoͤchſte Vergnuͤgen des Kaufmanns, ſelbſt des liberalſten, iſt das, das gewonnene Geld einſtreichen zu koͤnnen. Um ſo mehr aber wurden bei dieſer Veranlaſſung, theils des hohen Ranges, theils des unermeßlichen Reichthums des Gefeierten wegen, die etwas Außeror⸗ dentliches erwarten ließen, alle Mittel und die hoͤchſte zu Gebote ſtehende Pracht aufgeboten. Von dem Pallaſte des Gouverneurs, der an dem obern Ende der Stadt lag, zog ſich eine Allee von pracht⸗ vollen Platanenbaͤumen nach ſeinem Landhauſe. Dieſes lag auf dem Abhange eines reizenden Huͤgels, wo man die herrlichſte Ausſicht in die ganze paradieſiſche Gegend genoß. Nach einem ſchwelgeriſchen Diner fuhr man unter dem rauſchendem Getoͤſe hindoſtaniſcher Blechmuſik durch jene bluͤhende Straße, waͤhrend von Zeit zu Zeit wie Marionetten, buntgeſchmuͤckte Schwarze aus dem Geſtraͤuche hervorſprangen, und den Voruͤberfahrenden Schleſing. Herbſtnov. 7 — 98— Erfriſchungen darboten, bis man das Ziel der Fahrt erreicht hatte. 4 Hier erwarteten die Geſellſchaft neue und uͤberraſch⸗ ende Unterhaltungen. Beide Hemisphaͤren, ſo wie Oſtindien ſie freundſchaftlich verbindet, ſchienen heute aus Dankbarkeit eben dahin ihre nationellen und nach dem Klima modificirten Ergoͤtzungen geſandt zu haben. Wenn im großen Saale italieniſche Kehlen durch Belli⸗ niſche Geſaͤnge die Zuhoͤrer eben ſo uͤberraſchten als feſſelten, ſo umſtanden dort im Seitengange des Bos⸗ quets die patriotiſchen Englaͤnder ein Paar kunſtgeuͤbte Boxer, deren Kampf bald darauf mit einen Hahnen⸗ gefechte abwechſelte. Im Bavillon erſtaunten und er⸗ ſchreckten zwei Nebenbuhler Bosco's die neugierige Da⸗ menwelt, und gegenuͤber producirten braſilianiſche Schlangenbaͤndiger ihre furchtbar ſchoͤne Gewandtheit, und ihre buntgeſtreiften Zoͤglinge thuͤrmten ſich rieſig empor, den giftigen Rachen weit aufſperrend. Mit dem endlichen Sonnenuntergange erhellten ſich alle Gebaͤude und Salons, die ſaͤmmtlichen Gaͤnge und Lauben wie mit einem Zauberſchlage von tauſend und abermal tauſend gefaͤrbten Lampen, welche mit ihren verſchiedenen Formen in ſinnreiche Gruppen ver⸗ theilt waren. Die Geſellſchaft vereinigte ſich, um ſich wieder zu zerſtreuen, und ſo vereinzelt die Partien zu durchſtreifen. — 999— Jetzt begann erſt das eigentliche regere Leben, denn die Nacht in den Tropenlaͤndern bringt und gewaͤhrt Reize, von denen ſich der Europaͤer, ſelbſt der des Suͤ⸗ dens mit der gluͤhendſten Einbildungskraft, keinen Be⸗ griff machen kann. Den Beſchluß des Feſtes machte ein glaͤnzender Ball, freilich nicht nach unſeren Formen gemodelt, aber deſto mehr oſtindiſcher Sitte und der dortigen Bequemlichkeitsliebe entſprechend. Groͤßtentheils naͤmlich machten die geladenen Gaͤſte nur die Zuſchauer, vor denen reizende Bajaderen ihre originellen und kuͤnſtlich verſchlungenen Taͤnze auffuͤhrten. Nur einmal oder zweimal verſtand ſich ein Theil der Geſellſchaft dazu, einen Kotillon auszufuͤhren, der jedoch nur kurze Zeit dauerte. Der Zufall hatte Klaren einen jungen Mann zuge⸗ ſellt, der ſich durch Geſtalt und Benehmen beſonders auszeichnete, und die ganze Zeit mit der unermuͤdlich⸗ ſten Aufmerkſamkeit und Devotion in ihrer Naͤhe zu⸗ brachte. Es war ein junger aufgeweckter Offizier eines irlaͤndiſchen Kavallerieregiments in blendend rother reich⸗ geſtuͤckter Uniform, deſſen Antlitz jedoch etwas bleich und ſchmachtend ausſah. Er kehrte, wie er ihr im Verlauf des Geſpraͤchs erzaͤhlte, aus dem Dienſte der Kompagnie wieder nach England zuruͤck, und zwar hauptſaͤchlich um ſich von der ſogenannten engliſchen Krankheit zu erholen, welchen Kunſtausdruck aber die Veteranen der Armee viel⸗ 7˙* 1 — 1oo— leicht etwas zu barſch mit Traͤgheit und Scheu vor Anſtrengungen zu uͤberſetzen pflegen. Es mochte jedoch dem ſein wie ihm wolle, Klara's Unſtern hatte ihr ihn in den Weg gefuͤhrt, ſein leidendes Ausſehen, ſo wie ſein Ungluͤck ſtellten ihn nur zu nahe an ihr Herz, und ihre unverholene Theilnahme ſchien jene Empfin⸗ dungen ſeines Leidens zu verſuͤßen. Nun trat auch weibliche Eitelkeit zum Mitleid hinzu, um ihr uner⸗ fahrenes Gemuͤt vollends zu beſtricken, und ihr Stolz gefiel ſich darin, einem ſo angenehmen Invaliden ſeine Bluͤte und ſeine Friſche wieder geben zu koͤnnen, ja ihm, der ſich ſo ſehr nach ſeiner Heimat und dem euro⸗ paͤiſchen Himmel ſehnte, im Glanze ihrer laͤchelnden Augen jeden Wunſch wie jeden Traum einer ſchoͤne⸗ ren Zukunft in England, welche er fruͤher ſich ſelbſt und ihr ſo beredt auszumalen gewußt hatte, wie einen verglimmenden Funken verſchwinden zu ſehen, womit der Triumph ihrer Eroberung vollendet wurde. Die Abſichten Brabazon's— ſo hieß der junge Krieger,— waren, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, nicht bloß von Eigennutz geleitet, obſchon diejenigen, welche in Indi n gelebt haben, und dennoch den ungeheuern Abſtand zwiſchen der beſchraͤnkten Lage eines Offiziers und der Tochter eines der erſten Civil⸗ beamten gehoͤrig zu ſchaͤtzen wiſſen, allerdings geneigt ſein duͤrften, ſo etwas zu vermuten. Auch er bewun⸗ — 101— derte— denm wer konnte anders— den Abgott von Calcutta, ja er erwiederte ihre jungfraͤuliche Hingebung mit warmer Liebe, wenn man eine Miſchung von ge⸗ ſchmeichelter Eitelkeit und befriedigtem Ehrgeize anders ſo nennen darf. Das Verhaͤltniß der jungen Leute war bald der Ge⸗ genſtand des allgemeinen Geſpraͤches, und alle, den treuen Courtenay ausgenommen, ſchienen ſchweigend dem neuen Caͤſar zu weichen, welcher kam, ſah, und ſiegte. Aber Mr. Mandeville, den, da er ſeit dem Tode ſeiner Gemalin bei Feſten und oͤffentlichen Unterhal⸗ tungen ſich nie zu zeigen pflegte, das Geruͤcht erſt ſpaͤt von dieſer Verbindung in Kenntniß ſetzte, wurde von einer Neigung um ſo mehr beunruhigt, die, waͤhrend ſie den Lieblingsplan einer ganzen Lebenszeit zerſtoͤrte, ſein theures Kind noch uͤberdieß mit einem Loſe be⸗ drohte, welches von dem ihr mit ſo vieler Muͤhe und Sorgfalt bereiteten ſich ſo himmelweit verſchieden zeigte. Auf der einen Seite erwartete ſie Behaglichkeit und Ueberfluß unter der ſchuͤtzenden Leitung eines hoͤchſt gebildeten Mannes von reifem Verſtande und feſten Grundſaͤtzen. Auf der andern, ein Leben entfernt von ihrem Vater, ein Leben voll Muͤhſal und Entbehrung mitten unter den zahlloſen Wechſelfaͤllen eines oſtindiſchen Kampfes, und noch dazu an der Seite eines unbeſon⸗ nenen Juͤnglings, welcher auf einem ſo rauhen, mit „2. — 102— Dornen jeder Art beſetzten Pfade der armen Klara nur eine unbedeutende Stuͤtze gewaͤhren konnte. Der tiefbekuͤmmerte Vater wandte alle Gruͤnde an, die ihm Vernunft und Beſorgniß an die Hand geben konnten, um die ungluͤckliche Leidenſchaft ſeiner Tochter zu erſticken, ja ſelbſt mit Thraͤnen im Auge beſchwor er ſie, von dem jungen Gecken abzulaſſen, der keinen Ernſt in Leben und Liebe zu legen verſtand. Aber ſie hatte ſich zu ſehr gewoͤhnt ihren eigenen Willen durch⸗ zuſetzen, als daß ſie, zumal von dem erſten Zurufe ei⸗ ner erwachenden Leidenſchaft betaͤubt, auf die Stimme nuͤchterner Ueberlegung haͤtte hoͤren ſollen. Nur Ein Mittel blieb Jenem noch uͤbrig, an deſſen Erfolg er um ſo weniger zweifelte, da er das Gemiſch von Sinnlich⸗ keit und Eigennutz, das Brabazon zu ſeiner Tochter hinzog, nur zu wol zu durchſchauen waͤhnte. Schon oͤfter hatte er fluͤchtig hingedeutet, wie ihre koſtſpielige Erziehung ſein Vermoͤgen gaͤnzlich erſchoͤpft habe, ſo daß außer ſeiner freilichen Beſoldung ihm nur wenig uͤbrig blieb, was ſie als ihr Erbtheil betrachten konnte. Doch ſie hatte, wie die gluͤckliche Jugend uͤberhaupt, zu fluͤchtig uͤber dieſen Gegenſtand nachgedacht, um ein mehr als augenblickliches Bedauern zu empfinden. Nun aber machte er ſie nachdruͤcklicher auf die wahrſcheinliche Wirkung aufmerkſam; welche jene Mittheilung, die er ihrem Geliebten zu machen, fuͤr ſeine Pflicht hielt, auf — 103— einen Mann hervorbringen wuͤrde, der den Werth des Goldes beſſer als ſie zu ſchaͤtzen wußte; worauf ſie ohne Zaudern einwilligte, daß die ganze Lage ihrer Verhaͤlt⸗ niſſe ihrem Freunde vorgelegt, und die Fortſetzung oder Aufhebung ihrer Verbindung ganz deſſen eigener Wahl anheim geſtellt werden ſollte. Mr. Mandeville triumphirte, denn er hielt es fuͤr gewiß, daß der Capitain nach der dießfaͤlligen Erklaͤrung ſich von ſelbſt zuruͤckziehen wuͤrde, aber zu ſeinem Schre⸗ cken mußte er erfahren, daß die Darſtellung ſeiner finan⸗ ziellen Verhaͤltniſſe— welche er als den letzten Talis⸗ man, um ſein einziges Kind zu retten, wahrſcheinlich grell genug abzufaſſen ſuchte— Jenen durchaus nicht vermoͤgen konnte, ſeine Abſichten auf die reizende Klara aufzugeben. Dieſes Benehmen, welches, als ein hoͤchſt ſcheinbarer Beweis ſeiner Uneigennuͤtzigkeit, den Wider⸗ willen des guten Vaters gegen dieſe Ehe groͤßtentheils entwaffnete, hatte einen ganz einfachen Grund, wovon ſich ſeine Philoſophie nichts traͤumen ließ, naͤmlich den, daß Brabazon ihm nichts glaubte. Er betrachtete dieſe Erklaͤrung rein als Myſtification, nnd als das meiſter⸗ hafte Mannoͤver, um einen unwillkommenen Schwie⸗ gerſohn los zu werden; und wenn er betheuerte er ſei mit Miß Mandeville's Ausſichten, ſeien ſie wie immer beſchaffen, vollkommen zufrieden, ſo druͤckte er vermoͤge der gwoͤhnlichen Begriffe eines jungen Soldaten von — 104— dem Reichthume eines dreißigjaͤhrigen Refidenten, in Wahrheit nur ſeine Zuſtimmung dazu aus, Miß Klara die jaͤhrlichen Einkuͤnfte von fuͤnf bis ſechstauſend Pfund Sterling verzehren zu helfen. Vergebens ſuchte Mr. Mandeville ihn wiederholt eines Beſſern zu uͤberzeugen; der Krieger ſchaͤmte ſich, ſich von einem Civiliſten uͤberliſten zu laſſen, und blieb feſt auf ſeinem Entſchluſſe. Klara aber berief ſich triumphirend auf ihren mit dem Vater eingegangenen Vertrag, noch unwiderſtehlicher jedoch auf jene unbe⸗ graͤnzte Liebe, die ihr nichts abſchlagen konnte, ſelbſt nicht ihr eigenes Ungluͤck. Mit einem bangen Vorge⸗ fuͤhle unvermeidlichen Ungluͤcks ſah der gebeugte Vater ſein geliebtes eigenſinniges Kind die Frau des luſtigen Kapitaͤns werden. Die Trennung, welche die arme Klara ſelbſt im Culminationspunct ihrer Leidenſchaft nicht ohne tiefes Leiden erduldet haben wuͤrde, ward durch den Einfluß ihres Vaters noch einige Zeit hinausgeſchoben, und das Paar hielt ſich noch einige Monate in Calcutta auf, um ſeine Flitterwochen ſo genußreich als moͤglich zu feiern. Allein bald brachen Unruhen in den entfernte⸗ ren Provinzen aus, welche dem Soldaten keine Wahl mehr ließen, und ſo mußte denn Brabazon mit ſeiner jungen Gattin, die nicht um den Preis einer Welt — 105— ohne ihn zuruͤckgeblieben waͤre, aufbrechen, um zum Regiment zu ſtoßen. Der Schlag, den die Entfernung des angebeteten Weſens Mr. Mandeville's verſetzte, beugte ihn tief, und er konnte ſich davon nimmer ganz erholen. Er vege⸗ tirte fort, und pruͤfte einige Jahre hindurch mit fieberi⸗ ſcher Angſt die Briefe ſeiner Tochter, befuͤrchtend, darin Zeichen ihrer veraͤnderten Geſinnung zu finden; dieß waͤre zuverlaͤſſig ſein Tod geweſen. Bald aber empfand er den innigſten Dank und gaͤnzliche Hinneigung gegen Brabazon, da ihre Briefe dieſelbe gluͤhende, ungeſchwaͤchte Liebe verriethen, und es kraͤftig ausſprachen, wie er ihr noch immer alles ſei. Zuweilen aber quaͤlte ihn der Gedanke, ſie, durch eine Strecke von tauſend Meilen von ihrem Vater getrennt, dennoch ſo ungetruͤbt gluͤck⸗ lich zu ſehen. Jedoch alle ſeine noch uͤbrige Kraft concentrirte ſich zu dem Streben, das Gefuͤhl ihrer jetzigen Seligkeit zu vollenden. So lange ſein Leben dauerte, theilte er mit dem jungen Paare, oder vielmehr behielt fuͤr ſich ſelbſt nur wenig von den großen Einkuͤnften, welche ſeine Stellung, ſo wie ſeine Verbindungen ihm zuſtroͤ⸗ men ließen. Bequemlichkeiten, die man ſonſt im Felde kaum dem Namen nach kennt, folgten, ja warteten ihrer, wohin ſie kamen, und die letzte Handlung ſeiner vaͤterlichen Sorgfalt, zugleich die aufopferndſte und be⸗ — 106— deutendſte, war, die lange ruͤckſtaͤndige Summe zu bezahlen, welche das Regiment von ſeinem leichtſinnigen Schwiegerſohne zu fordern hatte, und welche, wie man ſich zufluͤſterte, die einſtige Zuflucht ſeiner armen Tochter ſein wuͤrde. Nachdem dieß geſchehen, erlag ſeine, ſeit lange untergrabene Geſundheit, eine leichte Beute der eben graſſirenden Epidemie, und Klara, welche von einer unwiderſtehlichen Ahnung getrieben, in den Gatten gedrungen hatte, ſie ihren greiſen Vater beſuchen zu laſſen, empfing eben bei ihrer Einſchiffung die Nach⸗ richt ſeines Todes. Wie gewoͤhnlich, blieb dieſes Ungluͤck nicht allein. Zu dem natuͤrlichen Schmerze des Kindes geſellten ſich bald die niederdruͤckenden haͤuslichen Zwiſtigkeiten, welche Brabazon im Verdruſſe uͤber getaͤuſchte Erwartungen veranlaßte. So lange Mandeville lebte, konnten ſeine Geſchenke und Sendungen ſogar den Beduͤrfniſſen eines Verſchwenders genuͤgen, und obſchon er oft reizbar und launenhaft erſchien, wie Spieler— und Brabazon war einer— gewoͤhnlich zu ſein pflegen, hatte er zu gute Gruͤnde mit ſeinem Schwiegervater im Frieden zu leben, und ſeiner Gattin keine Urſache zu klagen zu geben. Doch als das Teſtament eroͤffnet wurde, und er ſah, daß elende dreitauſend Pfund die ganze Erbſchaft ſeiner Frau waren, die noch dazu als Caution in der Regimentskaſſe deponirt lagen, und ſeine ſan⸗ — 107— guiniſchen ungegruͤndeten Hoffnungen des zu erwarken⸗ den Nachlaſſes, welche ihn zu bedeutenden Ausgaben und Schulden verleitet hatten, ſo gaͤnzlich vernichtet ſeien, da uͤberhaͤufte er die Unſchuldige mit den kraͤn⸗ kendſten Vorwuͤrfen, und ging in ſeiner Ungerechtigkeit ſo weit, ihre Liebe zu ihm zu verwuͤnſchen, und auf die roheſte Weiſe zu aͤußern, er wuͤrde ſie jetzt, waͤre es moͤglich, gern an Courtenay uͤberlaſſen. Von dieſem Augenblicke an ſtuͤrzte er ſich in den Strudel der unſinnigſten Verſchwendung, und ſchritt auf der Bahn des Verderbens mit entſetzlicher Schnelle vorwaͤrts. Seine Verlegenheiten, welchen er ins An⸗ tlitz zu ſchauen nicht den Muth hatte, vervielfachte er am Spieltiſche, um ſie in mitternaͤchtlichen Zechgelagen zu erſaͤufen, und da ſeine Finanzen ihm nun jene ba⸗ chanaliſche Gaſtfreundſchaft, vor welcher Klara ſelbſt in beſſern Verhaͤltniſſen eine Art von Abſcheu empfun⸗ den hatte, nicht mehr geſtatteten, ſaß ſie Tag und Nacht in trauriger Einſamkeit dahinwelkend, waͤhrend ihr unwuͤrdiger Gatte durch den unmaͤßigſten Lebens⸗ wandel jene drohenden Symptome einer Siechheit in einem Koͤrper hervorrief, welche ihn einmal ſchon, zu Klara's Ungluͤck, in den Hafen von Calcutta gefuͤhrt hatten. Jetzt fuͤhlte Klara in ihrem Kummer die ganze Herbheit ihres ſelbſt erkornen Loſes. Aber erſt dann, — 108— als ſie die heißen Zaͤhren muͤtterlichen Grames uͤber die marmorſtarre Leiche ihres Kindes vergoß, deſſen Geburt die fruͤhere Zuneigung ſeines Vaters nur fluͤchtig zu beleben vermochte, da drang ihr wie ein Giftpfeil zu⸗ gleich der Gedanke an ihren gequaͤlten Vater ins wunde Herz. Achl es war zu ſpaͤt, die Reue fruchtete nimmer, und der Tod ihres geliebten Saͤuglings erſchien ihr in ſolchen Momenten nur als ſchreckliche, aber gerechte Widervergeltung ihres eigenen Frevels. Sie hatte nur wenig Muße, uͤber dieſe peinlichen Erinnerungen nachzubruͤten, denn Brabazon war durch Zerſtreuung und innere Zeruͤttung ſo ſehr aufgerieben worden, daß er ſeine Standespflichten nur hoͤchſt un⸗ vollkommen erfuͤllen konnte. An Leib und Seele geſchwaͤcht, durch die hirnloſe Hingebung an Laſter aller Art im innerſten Bau des Organismus zerſtoͤrt, war er genoͤthigt, um einen Urlaub anzuhalten, der ihm, wie ſeinem Regimente gleich wohlthaͤtig zu werden ſchien, und mit den Ge⸗ fuͤhlen tiefer Demuͤthigung und vernichtenden Grames traf Klara Anſtalten, mit ihm nach Calcutta zuruͤck⸗ zukehren. Der erſte Theil der einfoͤrmigen und gewoͤhnlich gefahrloſen Reiſe ward ſo bequem vollendet, als ihre beſchraͤnkten Mittel es erlauben wollten. Bloß zwei— oder drei eingeborne Diener, welche außer den Matroſen — 109— auf dem Schiffe waren, leiſteten ihr Beiſtand zur Pflege eines hoͤchſt reizbaren und launenhaften Inva⸗ liden, welchen die keineswegs erfreulichen Umſtaͤnde, unter denen er den Kriegsdienſt hatte verlaſſen muͤſſen, tief niederbeugten, obſchon ſie ihn durchaus nicht zu beſſern vermochten. Seine Geſundheit ſchien unter dem wohlthaͤtigen Einfluſſe einer andern Luft und einer durch die See⸗ fahrt gemilderten Hitze wieder erſtarken zu wollen, als eines Tages, da eben die ungewoͤhnlich druͤckende Schwuͤle, eine bevorſtehende Veraͤnderung des Wetters verkuͤndigte, der Ungluͤckliche, nach einem unvorſichtigen Trunke, von den graͤßlichen Symptomen der in Indien einheimiſchen Cholera ergriffen wurde. Die gewoͤhnlichen Gegenmittel waren, wie es dort das Beduͤrfniß erheiſcht, bei der Hand, und wurden alsbald doch ohne hinlaͤng⸗ lichen Erfolg angewendet, weßwegen man ſuchen mußte, den Kranken an's Land zu ſetzen, wo ihm erquickende Kuͤhlung und Obdach gewaͤhrt werden konnte, was an Bord nicht leicht zu finden war. Vergebens ſpaͤhete ſeine arme um ihn geaͤngſtigte Gattin am Ufer um⸗ her, ihre Begleiter um Rath fragend, ob man nicht eine Pagode oder Braminenhuͤtte finden koͤnnte, um den Leidenden unterzubringen. Es war keine zu ſehen. Endlich erinnerte ſich einer der Matroſen, der ſchon bei einer fruͤheren Gelegenheit Fremde hierher geleitet 4— o— hatte, einer Hoͤhle im Gebirge(welche auf dieſer Seite ſich nahe ans Geſtade hinabzog) wo der Reiſende koͤnnte er ſie lebend erreichen, ein hinlaͤnglich beſchattetes und erfriſchendes Obdach finden wuͤrde. Zugleich aͤußerte er, es wuͤrde ihm leicht moͤglich ſein, den Weg dahin aufzufinden, nur muͤßte man durch von Zeit zu Zeit abgefeuerte Schuͤſſe ihm die Richtung vom Geſtade aus andeuten, um zu den Bergkegel zu gelangen, in deſſen Innerem die Hoͤhle ſich befand. So verfertigte man einen rohen Palanguin aus Ruderſtangen und Matrazen, und eine anſehnliche Anzahl von Traͤgern brach unter der Fuͤhrung des erwaͤhnten Bootmanns nach dem erſehnten Ruheplatze anf. Die weinende Klara aber folgte, und ihre zarten bis zetzt geſchonten Fuͤße traten ſich wund im gluͤhenden Sande, der mit ſpitzi⸗ gen Steinen gemengt, den Pfad bedeckte. Duͤſter und ſchweigſam bewegte ſich der kleine Zug fort. Waͤhrend die ſengende Hitze des Mittags, von keinem ſchuͤtzenden Baume gemildert, ſchonungslos auf ihnen laſtete, und ein brennender Durſt ſie aͤngſtlich nach einer Quelle ſpaͤhen ließ, und ſo die Gegenwart ſie hart beruͤhrte, aͤngſtigten ſie auch die neuen nur zu begruͤndeten Beſorgniſſe, welche die Eingeborenen wegen der Tieger aͤußerten, von denen die Berghoͤlen oft wim⸗ melten. Dieſer Gedanke traf wie ein Donnerſchlag das Gemuͤt der ungluͤcklichen Frau, und mochte ſie, — 111— in andere nicht minder quaͤlende Betrachtungen vertieft, oder von den Schoͤnheiten der ſie umlagernden und ihr ganz neuen Landſchaft ergriffen, auch auf Augenblicke der drohenden Gefahr vergeſſen, ſo mahnte ſie doch das zjfaͤllge Geheul eines Schakals oder ein entferntes Bruͤllen in den Gebirgen nur zu furchtbar, wie wenig ſie der anſcheinenden Ruhe der hier faſt regloſen Natur auf laͤngere Zeit trauen duͤrfe. Der Anfuͤhrer des kleinen Gefolges lud indeſſen die Vogelflinte ſeines Herrn, welche er fuͤr aͤußerſt koſtbar erklaͤrte, und zugleich prahleriſch genug hinzufuͤgte, er traͤfe jedes vierfuͤßige Thier damit gerade ins Herz; doch ſah Klara wol, wie gering die Hilfe ſei, welche ſie von ſolchen Menſchen in Augenblicken wahrer Gefahr zu erwarten hatte, von feilen Soͤldlingen, welche ihren Lohn ſeit einigen Monaten ruͤckſtaͤndig hatten, und Bra⸗ bazon ob ſeiner auffahrend ſtolzen Behandlung und lau⸗ niſchen Quaͤlerei im Herzen haßten. Auf die Vorſe⸗ hung, und nur auf ſie allein mußte Klara ihr ganzes Vertrauen ſetzen, und ſie betete inbruͤnſtig mit gebroche⸗ nem Lebensmute und mit zerknirſchtem Gemuͤte, ſie ſank demuͤtig vor der ſchweren Hand des Allmaͤchtigen in den Staub, und netzte dieſen mit Thraͤnen der bitter⸗ ſten Reue. Die wolthaͤtige Flamme wahrer Religion ſtieg in ihre gemarterte Bruſt und hauchte Hoffnung und ruhige Faſſung in ihr Innerſtes. — 112— Mit vielen Schwierigkeiten erreichten ſie endlich die erſehnte Hoͤle. Man hielt vor derſelben ſtille, um zu unterſuchen, ob ſie im Innern ſicher und von keinem Tieger bewohnt werde. Man ſchoß zuerſt hinein, und der Wiederhall, der ſich von Wand zu Wand bis an den Grund hinzog, erſchuͤtterte die uͤberreizten Ner⸗ ven des erbarmungswerthen Weibes bis zur Ohn⸗ macht. Hierauf folgte eine athemloſe Pauſe, waͤhrend welcher man die Folgen jener Recognoscirung erwartete. Sie war graͤßlich. Jeder der Indianer, ſo wie die Matroſen hatten an einem Baume Poſto gefaßt, und es war leicht vorauszuſehen, daß ſie, im Falle ihre Furcht ſich begruͤndet zeigte, vor allem ihr Leben in Sicherheit bringen, und den kranken regungsloſen Gebieter ohne Zaudern dem Untergange uͤberlaſſen wuͤrden. In die⸗ ſem einzigen furchtbaren Momente buͤßte Klara allen Frevel jahrelangen Leichtſinns, und unbeſonnener Lei⸗ denſchaftlichkeit auf die herbſte Weiſe. Endlich jedoch erklaͤrte man alles fuͤr gefahrlos. Einer der Indianer zuͤndete eine Fackel an, und kroch in die Hoͤhle, um ſie genauer zu unterſuchen. Es war ein anfangs ſehr niederer, dann ſich immer hoͤher woͤl⸗ bender Raum, in welchen das Licht von oben einfiel, gleichjam als waͤre die Halle von Menſchenhaͤnden zu einer Kuppel hinaufgebaut worden; denn oben in der Decke war ein Riß zu ſchauen, da ein Felsſtuͤck wahr⸗ — 113— ſcheinlich durch Verwitterung oder Sturm aus ſeinem Zuſammenhange geriſſen war. Aber war auch die Hoͤle ſelbſt eine jener wunderbaren Naturſchoͤpfungen, welche die Reiſebeſchreiber zu ſchildern nicht muͤde werden, ſo hatten doch offenbar ſchon Menſchenhaͤnde bildend darin vorgewaltet. In den feinen Kalkwaͤnden ringsumher waren rohe Sitze gehauen, und ein koloſſaler Granit⸗ block, der gerade in der Mitte lag, konnte ſehr fuͤglich die Stelle eines Tiſches vertreten. Auch an Stalakti⸗ ten fehlte es nicht, die aber freilich nur in den Re⸗ genmonaten entſtehen konnten, waͤhrend in der heißen Jahreszeit die Sonnenglut durch den Felſen ins Innere drang, und jede Spur einer ſickernden Feuchtigkeit vernichtete. In dieſe Raͤume ſuchten ſie nun, nachdem ſie uͤber deren Sicherheit unbeſorgt ſein konnten, den ungluͤckli⸗ chen Offizier zu bringen. Nur mit Muͤhe draͤngte man die Bahre durch den ſchmalen, von Geſtruͤppe bedeckten Eingang, und indem man die Fackeln anzuͤndete und an die Wand hinſteckte wurde Jener bis in den Mit⸗ telpunct der Hoͤle getragen, wo man aus mitgebrachtem Stroh ein leidliches Lager bereitete, und den Erſchoͤpf⸗ ten darauf hinſtreckte. Es wurde ihm abermals ein beruhigendes Mittel gereicht, und einer der Indier, welcher bei ſeinen unwiſſenden Gefaͤhrten, ruͤckſichtlich ſeiner Erfahrung, hochgehalten wurde, empfahl tiefe Schleſing. Herbſtnov. 8 — 114— Stille und Nachtwache, worauf ſaͤmmtliche Begleiter die Hoͤle verließen. Da ſtand nun die ſanfte, ungluͤckliche Frau allein, von Allen verlaſſen, und das Geſtoͤhne des Kranken, deſſen Uebel ſich mit jeder Minute zu vermehren ſchien, zerriß ihr zartfuͤhlendes Herz. Sie, auf deren Wink einſt zwanzig aufmerkſame Diener geharrt, deren Laͤcheln die Maͤnnerbluͤte der Hauptſtadt in den Himmel erho⸗ ben hatte, ſie lehnte jetzt halb athemlos vor Grauen und Angſt an den Mauern einer Kluft, gluͤcklich genug, an dem menſchenleeren Ufer dieſe Zuflucht gefunden zu haben. Der Erwaͤhlte ihres Herzens, fuͤr den ſie Alles hingegeben, irdiſches Wol, Vermoͤgen, Ehre, Kindes⸗ liebe, lag jetzt durch Ausſchweifungen aller Art dahin⸗ gerafft, fuͤhllos da, einer Leiche aͤhnlicher, als einem Lebenden, und der Aufloͤſung anheim gefallen. Sie fuͤhlte es— er war nicht mehr zu retten. Haͤnde und Fuͤße waren ſtarr, kalt und unbeweglich. Auf dem von graͤßlichen Schmerzen verzehrten Antlitze lag eine blaͤulich ſchimmernde Roͤthe, die Augen blickten verglaſt und todt aus ihren Hoͤlen, und ein kalter Schweiß perlte auf der Stirne.— Und ſie war allein!— Die Englaͤnder waren nach dem Ufer gegangen, um waͤhrend der ſchon einbrechenden Nacht ihr Boot zu bewachen, damit es nicht von diebiſchen Indiern ge⸗ pluͤndert werde. — 115— Die eingebornen Diener aber hatten mittlerweile vor der Hoͤle ein ſtarkes Feuer angezuͤndet, an welchem ſie Reiß roͤſteten und zum Nachtmale verzehrten. Wol war ſie demnach vor naͤchtlichem Ueberfalle von außen geſichert, aber an ihrer Seite ſtiegen immer neue, furcht⸗ bare Schreckbilder hervor, die rieſig emporwuchſen und ſich auf die Geaͤngſtigte ſtuͤrten. Ringsum, wie ſie beim Zwielichte der Fackeln emporſchaute, ſtanden in den Niſchen an den Waͤnden rohe indiſche Bramabilder die mit ihren unfoͤrmlich gebildeten Koͤpfen und glotzen⸗ den Augen wie hoͤniſch herniederblickten. In das un⸗ unterbrochene, bald anſchwellende, bald wieder erſterben⸗ de Aechzen ihres Gatten ſcholl entfernt, aber nicht min⸗ der grauſenhaft, das Geheul wilder Thiere, die jetzt ihre Berglager verließen, um nach Raub zu ſuchen. Es war eine graͤßliche Nacht, die Folterbank eines menſchlichen Herzens. Doch das aͤußerſte Elend hebt noch die Schwungkraft. Klara reichte dem Bewußtloſen mit Engelsmilde Labung und Heilmittel. Allein hier war jede Hilfe vergebens. Seine Klagen wurden ſchwaͤcher und ſchwaͤcher, und die Morgenroͤthe warf durch die Felsſpalte ihr roſiges Antlitz auf eine ſtiere, abgezehrte Leiche. Halberſtickt von der ſchweren eingeſchloſſenen Luft, begab ſich die Ungluͤckliche nun, da das einzige ihr auf Erden verwandte Weſen dahin war, mit kalter Faſſung 8* — 116— wie ſie eben oft das tiefſte Elend gebiert, an den Ein⸗ gang der Hoͤle, um nach ihren Leuten zu rufen, und Anſtalten zur Beſtattung des Leichnams zu treffen. Der friſche, wunderherrliche Morgen drang mit all ſei⸗ ner erhebenden Kraft auf ſie ein, und machte ſie auf einen Augenblick ſogar ihren unendlichen Schmerz ver⸗ geſſen. In der vollen Pracht eines oͤſtlichen Sonnen⸗ aufgangs erglaͤnzten die hoͤchſten Bergkuppeln, mit gluͤ⸗ hendem Gebuͤſche beſaͤet, die goldenen Strahlen drangen wie verklaͤrend in das gruͤnende Waldhaupt, in deſſen Innerem zahlloſe Voͤgel mit tropiſcher Federpracht um⸗ herſaßen, und mit ſeltſamen Stimmen ihr Morgenlied anſtimmten, wild und regellos, wie es faſt die Na— tur ſelbſt in jenen wechſelnden Zonen zu ſein pflegt. Ungeachtet ihrer innern Grameserſtorbenheit ſchwoll Klara's Herz hoch auf bei dieſem um ſo ſtaͤrkern Ein⸗ drucke, je großer der Kontraſt zwiſchen dem ſtarrenden Tode drinnen, und dem friſchen regen Leben in der Natur war. Doch zu ſchwer lagerte das Ungluͤck auf den Schwingen ihres Geiſtes, als daß dieſe Erhebung lange haͤtte waͤhren koͤnnen. Sie erinnerte ſich ihres duͤſteren Geſchaͤftes, und ſah nach dem Platze hin, wo waͤhrend der verlaſſenen Nacht der Aufenthalt ihrer Begleiter geweſen war. Keiner war mehr zu ſehen. Friſche Reiſer lagen zwar an der Statte angehauuft, — 117— noch rauchte die von dem leichten Morgenwinde zerſtreute Glut, doch die Leute waren verſchwunden. Die nun gaͤnzlich Verlaſſene uͤberfiel von Neuem eine unendliche Angſt, und ſie rief den Dienern im Tone der hoͤchſten Verzweiflung.— Da richtete ſich hinter den Reiſig⸗ buͤndeln ploͤtziich eine Geſtalt empor. Es war ein ſtaͤmmiger Kerl, mit langen, zottigen Haaren und einem erdfahlen Antlitze. Seine Tracht war die der Bergbewohner, ein ſchmutzig rother Mantel, der um die rechte Schulter bis zur andern Seite hinabhing, und eine bunte Schuͤrze um die Lenden. Darin hing Pfeil und Bogen, als die gewoͤhnliche Waffe, und außerdem noch ein blitzender Dolch, der wol fruͤher einem Europaͤer angehoͤrt haben mochte. Alles ver⸗ rieth aber einen jungen blutduͤrſtigen Raͤuber, die der Pariaskaſte entſproſſen, ſich in die unzugaͤnglichſten Ge⸗ birge zuruͤckgezogen haben, und dort ihr verworfenes Leben durch Mord und Raub zu friſten ſuchen. Wie eine Boaſchlange ſchoß der Raͤuber auf die Ungluͤckliche los, waͤhrend ſein Gefaͤhrte, der auf der andern Seite gelagert hatte, ihm mit nicht minderer Haſt folgte. Es blieb der ungluͤcklichen Witwe kein Ausweg als ſich ſchnell in die Hoͤle zuruͤckzuziehen, und wo moͤglich, den Eingang zu verrammeln. Doch vergebens! Im Nu waren die beiden Kerls in die Hoͤle gedrungen, indeß Klara rathlos in eine der Ni⸗ — 118— ſchen geflohen war, und ſich allda zu verbergen ſtrebte. Anfangs ſtutzten ſie wol, als ſie den Leichnam ſahen, aber die Ringe an ſeiner Hand und die goldene Kette bemerkend, beeilten ſie ſich jauchzend und in ungezuͤ⸗ gelter Beuteluſt, ſich auf die Leiche zu ſtuͤrzen, und ihr mit viehiſchem Ungeſtuͤm die Kleider vom Leibe zu reißen. Aber tief im Innerſten empoͤrt, und alle Furcht vergeßend, ſprang die bleiche Frau zwiſchen die Beiden hin, und begeiſtert den rechten Arm ausſtre⸗ ckend, ſtellte ſie ſich wie ſchuͤtzend vor die theuere Reli⸗ quie hin. Im erſten Augenblicke wichen die Maͤnner üͤberraſcht zuruͤck. Dann aber zuckten ſie, zwei wuͤ⸗ thenden Tiegern gleich, ihre Dolche, waͤhrend der Eine ſie mit grimmiger Fauſt am Arme packte, und im Bewußtſein, um ſelbſt den Todesſtoß zu empfangen, ſank ſie ohnmaͤchtig an der Seite ihres Gatten nie⸗ der.—— Der entzuͤckende Laut engliſcher Worte weckte ſie aus ihrer Bewußtloſigkeit. Bei dem duͤſtern Schein, den die Fackeln verbrei⸗ teten, und mit noch ſchwach geoͤffneten Augen bemerkte ſie die beiden Hindoſtaner todt zu ihren Fuͤßen, und neben ihnen mit blankem oder blutigem Saͤbel einen ſtatt⸗ lichen Mann in engliſcher Uniform, von vielen und gleichfalls kampfgeruͤſteten Dienern umgeben. Einige befehlende Worte, die der Fuͤhrer ſprach, klangen wie — 119— der Donner des Gerichts in das Ohr des armen Wei⸗ bes, waͤhrend ſie unwillkuͤhrlich Troſt in ihr Herz ſenk⸗ ten. Es war die Stimme des verſchmaͤhten Courtenay, welchen die Vorſehung in ihrer groͤßten Noth ihr zur Rettung geſandt hatte. Sein Anblick rief die ſo herben und doch theuren Erinnerungen von Vater und Heimat zuruͤck, und in ſanfter Wehmut brach ein Meer von Thraͤnen hervor, ihrer gepreßten Bruſt große Erleich⸗ terung gewaͤhrend. Mittlerweile waren die treuloſen Diener, nun, da ſie durch des Fremden zahlreiches Gefolge ſich geſchüͤtzt erachteten, herbeigekommen. Der Eine war um Waſſer gegangen, und erzaͤhlte eine ziemlich wahrſcheinliche Ge⸗ ſchichte von einem Tieger, der ihm in den Weg gekom⸗ men ſei, und ihn gezwungen habe, die Nacht bis zur Morgedaͤmmerung auf einem Baume zuzubringen; die anderen, welche aͤhnliche Feigheit verleitet hatte, ehrlos ihre Wachtplaͤtze zu verlaſſen, und das hilfloſe Paar preis zu geben, waren, wie ſie ſagten, am Ufer gewe⸗ ſen, wo ſie ſich von dem Wolſein der Matroſen uͤber⸗ zeugen wollten. Doch dieß eine war augenſcheinlich, daß die ſchoͤne Dulderin von den feilen Soͤldlingen ſchaͤndlich im Stiche gelaſſen war, und daß ſie der Begleitung ſo unwuͤrdi⸗ ger Waͤchter entzogen werden mußte. Dieſer Entſchluß⸗ den Menſchlichkeit und Theilnahme zur Pflicht machten, — 120— hatte Courtenay gefaßt, ehe noch eine Ahnung ihn durchkreuzte, er habe je die Erbarmungswuͤrdige geſehen. Aber als langſam ſich erhebend Klara Mandeville vor ihm ſtand, mit todtenbleichem Antlitz und zerſtreuten Haaren, und ihn in ſtotternder Sprache als ihres Va⸗ ters Freund beſchwor, ihrem Gatten ein ehrliches Be⸗ graͤbniß zu geben, da verließ ihn ſeine maͤnnliche Feſtig⸗ keit, die noch nie gewichen, und ſeine Seele ward von den widerſtrebendſten und ſchmerzlichſten Empfindungen zerriſſen. Mitleiden jedoch und Sympachie der edelſten Art ſiegten; er drang in ſie, dieſe Kluft des Jammers zu verlaſſen, und ins Freie hinauszutreten, allwo er unter dem dichten Schatten eines Palmenbaumes ihr ein Laublager bereiten ließ. Hierauf betrieb ihr gottge⸗ ſandter Freund ungeſaͤumt die Anſtalten zu einem trau⸗ rigen, doch in dieſem Klima hoͤchſt draͤngenden Geſchaͤfte, naͤmlich den Leichnam des verſtorbenen Offiziers zu be⸗ erdigen, und dieß Begraͤbniß ſeines einſt ſo beneideten Nebenbuhlers mit gebuͤhrender Wuͤrde und Feierlichkeit zu bewerkſtelligen. Die naͤchſte Niederlaſſung war zu entfernt, als daß man den Leichnam haͤtte hinſchaffen koͤnnen, und man war demnach genoͤthigt, ihn hier auf dieſer Stelle ein⸗ zuſenken. In Ermanglung eines Prieſters und des noͤthigen Rituals, las Courtenay ſelbſt zur Einſegnung das vierzehnte Kapitel der Korinther, und wie er ſo — 121— die Bibel in den Haͤnden an dem Grabe ſtand, und mit milder von wehmuͤtigem Ernſte erſchuͤtternder Stimme die heiligen Worte ſprach, da war im ganzen Kreiſe auch nicht ein Auge, das ungeruͤhrt geblieben waͤre, und wohlthuend zog die wuͤrdevolle Rede in Kla⸗ ra's zerriſſenes Gemuͤt ein. Man hatte die Hoͤle ſelbſt zum Begraͤbnißplatze erwaͤhlt, allwo die Gebeine des Todten leichter vor der Aufwuͤhlung wilder Thiere geſchuͤtzt waͤren, und zugleich konnte man, bei ſpaͤterer Veranlaſſung, die Stelle leichter wiederfinden als am Ufer, oder in dem unweg⸗ ſamen von Geſtruͤppe aller Art durchzogenen Gebirge. Ein von ſelbſt losgeriſſenes Felsſtuͤck bildete einen paſſen⸗ den Leichenſtein. Als die letzte traurige Pflicht dem Todten erwieſen worden war, dachte Courtenay zunaͤchſt an die Gemaͤch⸗ lichkeit der ihm noch immer theuern Klara. Mit Freu⸗ den haͤtte er ſie nach Calcutta begleitet, wohin ſie ohne Zweifel zu gehen wuͤnſchte, aber ſeine Berufsgeſchaͤfte zwangen ihn, die entgegengeſetzte Richtung einzuſchlagen; doch war er feſt entſchloſſen, ſie auf keine Weiſe mehr dem Schutze der Elenden anzuvertrauen, die ſie in dem furchtbarſten Momente ihres Lebens eben ſo feige als treulos verlaſſen hatten, und da ſein Zartgefuͤhl ihm verbot, ſie perſoͤnlich zu beſuchen, unterrichtete er ſie, ſo ſchonend als moͤglich, mittelſt eines Billets von ſei⸗ — 122— ner Abſicht, ihr nur bis zur naͤchſten Militaͤrſtation vorauszueilen, und ihr bei der Gemalin des Komman⸗ danten eine freundliche Aufnahme zu bereiten; dieſem fuͤgte er, theils aus Sorgfalt fuͤr ihre groͤßere Bequem⸗ lichkeit, vorzuͤglich aber aus Mißtrauen gegen ihre Die⸗ ner, das Anerbieten hinzu, ſich ſeines Bootes und ſeiner eigenen, verlaͤßlichen Leute zu bedienen. Allen dieſen Anordnungen gab die Tiefgebeugte ſtillſchweigend und faſt willenlos, ihre Beiſtimmung. Zwar ſchauderte ihre Einbildungskraft eben ſo vor den Gefahren einer Reiſe nach Calcutta, als vor dieſer Stadt ſelbſt zuruͤck, welche der Schauplatz ihrer glaͤn⸗ zendſten Triumphe und ihrer ungluͤckſeligen Verbindung 4 geweſen war. Doch fuͤgte ſie ſich gehorſam der Leitung eines Mannes, den ſie jetzt als den Vertreter ihres von Kummer hingemordeten Vaters betrachtete, indem ſie darin eine Art von Erleichterung fand, durch aͤhn⸗ liche Aufopferung einen Theil ihrer ungeheuern Schuld abzutragen. So beſtieg ſie das Boot ihres edelmuͤtigen Freundes, und ſank, nachdem er von ihr Abſchied ge⸗ nommen, unter dem Schutze ihrer jetzigen Umgebung in einen langen, tiefen Schlummer, die Folge fruͤherer Erſchoͤpfung. Als ſie erwachte, wurde ſie mit aller moͤglichen Sorgfalt in das Schiff ſelbſt gehoben, auf welchem Courtenay ſeine Inſpectionsreiſen wegen des Schleich⸗ — 123— handels in den Provinzen zu machen pflegte, und wel⸗ ches mit oͤſtlicher Pracht reich ausgeſchmuͤckt erſchien. Wie ergreifend und verwirrt war das Gefuͤhl, das ſich ihr aufdraͤngte, als ſie in einen zeitweiligen Beſitz all dieſer Herrlichkeiten ſich ſetzte, welche, haͤtte ſie einer thoͤrichten Neigung nicht nachgegeben, ihr rechtmaͤßiges Eigenthum haͤtte ſein koͤnnen. Doch zwei Gegenſtaͤnde in des Kapitaͤns Kajuͤte zogen ihre Aufmerkſamkeit vorzuͤglich auf ſich: der einfache Buͤcherſchrank, aus welchem noch juͤngſthin die Bibel zur Einſegnung ge⸗ nommen war,— und wie tauſend ſcharfe Dolche drang es in ihr Herz— das Bild ihres theuren, nur zu nachſichtigen Vaters! Sie betrachtete es lange und unverwandt, bis ſie es bloß durch einen verklaͤrenden Thraͤnenſchleier erblickte, dann druͤckte ſie ihre bebenden Lippen auf den hingehauchten Mund, und eilte, nach Luft haſchend, aufs Verdeck. Waͤhrend der dreitaͤgigen einfoͤrmigen Reiſe nach dem Orte ihrer Beſtimmung, brachte Klara unter den erſchuͤtterndſten Empfindungen ſtundenlang dem gelieb⸗ ten Abriſſe ihre Thraͤnenopfer, und hier, unter den tiefen Eindruͤcken der Reue und der Religion, ſchwor ſie fuͤr immer jenen Leichtſinn ab, welcher dem milde⸗ ſten der Vaͤter das Herz gebrochen und ihn in ein vor⸗ zeitiges Grab geſtuͤrzt hatte. Sie wollte— der Ent⸗ ſchluß ſtand unerſchuͤtterlich feſt in ihr,— von nun — 124— an, ſo wie er es gethan, fuͤr Andere, nicht mehr fuͤr ſich leben, und jede ſelbſtſuͤchtige Begierde in dem wi— derſpenſtigen Herzen niederdruͤcken Der erſte Schritt zu dieſer eben ſo heilſamen als wolverdienten Demuͤthigung war eie Bereitwilligkei Kla⸗ ras den Beiſtand Courtenay's und ſeiner Freundin anzunehmen, wie ihr geboten wurde, und den ſich em⸗ poͤrenden Stolz in zerknirſchtem Danke gegen den Himmel und ſeine guͤtige Schickung untergehen zu laſſen. Dieſer feſte Entſchluß, ſo wie der noch blutende Schmerz goß einen ſolchen Hauch von echter und ruͤhrender Weib⸗ lichkeit uͤber ihr anmuthiges Weſen, daß Miß Glaney, welche gegen die leichtſinnige und unkindliche Klara Mandeville mit Unwillen und Verachtung erfuͤllt war, ſolch reizender Hilfloſigkeit nicht widerſtehen konnte, und ſie mit herzlichem Mitgefuͤhle in ihr Haus aufnahm. Courtenay, dem ſein Zartgefuͤhl gebot, jede perſoͤn⸗ liche Zuſammenkunft mit der jungen Wittwe noch zu vermeiden, erwartete nur die Ankunft ſeines Bootes, um ſeiner Ordre gemaͤß abzureiſen, und erſt, als er nach vollbrachten Geſchaͤften von dort zuruͤckkehrte, hoffte er die Tochter ſeines verewigten Freundes in Calcutta oder ſonſt anderswo ſehen zu koͤnnen. Bis dahin war ſie der liebgewonnene Gaſt der Lady Glaney, welche ſie mit all' der freundſchaftlichen Zuneigung behandelte, deren ihr edles Gemuͤt nur faͤhig war. Die Erfahrung — 125— und gelaͤuterte Bildung der wuͤrdigen Dame legte den hoͤchſten moraliſchen Genuß in ihren Umgang, und die⸗ ſer, deſſen ſich Klara faſt ausſchließlich erfreute, trug viel dazu bei, ihre geiſtige Kraft, die in leidenſchaftli⸗ chem Streben bisher ſo wenig geuͤbt worden war, zu befeſtigen, ja zu vollenden. Eine eben ſo regelmaͤßige als ruhige Gegenwart, welche den giftigen Stachel herber Erinnerungen nach und nach abſtumpfte, lockte eben ſo allmaͤlig die bezau⸗ bernde Anmuth, wenn auch nicht die Bluͤte ihrer fruͤ⸗ heren Schoͤnheit, auf Klaras bleiche Wangen. Das Witwenkleid, an ſich ſelbſt ſo viel zur ernſte⸗ ren Haltung beitragend, harmonirte ganz mit dem ſanftduͤſtern Madonnenausdruck ihres Antlitzes, welcher jetzt an die Stelle ihres fruͤheren, fuͤr Courtenay ſo anziehenden Laͤchelns getreten war. Wenn ſie nun laͤchelte, ſo blieb noch immer ein unwiderſtehlicher Reiz um ihren lieblichen Mund, aber es war nicht wie ehe⸗ mals der Sitz jugendlicher Lebensluſt, ſondern nur milde Theilname an froͤhlichen Gefuͤhlen ihrer Umgebung, denen ſie ſelbſt, wie es ſchien, fuͤr immer entſagt hatte. Es war unter dieſen Umſtaͤnden, als Courtenay einige Monate ſpaͤter, als er es fruͤher ſich vorgenom⸗ men hatte, ſeine bevorſtehende Ankunft meldete, und dieß eben bewog ſie ruͤckſichtlich ihrer zukuͤnftigen Ver⸗ haͤltniſſe ſich feſter zu beſtimmen. Mit ihrem guͤtigen =— Freunde hier zu bleiben, war durchaus nicht thunlich, in Calcutta ihren Aufenthalt zu waͤhlen, noch weniger. Sie hielt es demnach fuͤr das Angemeſſenſte, ſich zu einer alten, unverheirateten Schweſter ihres Vaters zu begeben, welche in England wohnte, und ihr, wie ſie ſich noch erinnerte, als Kind viele Zuneigung an den Tag gelegt hatte. Ihr wollte ſie durch Geſellſchaft und kindliche Pflege das Alter erleichtern, waͤhrend die kleine Penſion, deren ſie zu genießen hatte, ihr die bittere Nothwendigkeit erſparte, der guten Verwandtin laͤſtig zu fallen. So hoffte ſie zugleich mittelbar einen Theil der ungeheuern Schuld abzutragen, welche wie ein Fels ob ihres unkindlichen Betragens gegen den Vater auf ihrer Bruſt laſtete. Dieſen Entſchluß theilte ſie, als er kaum gereift war, ihrer guͤtigen Wirthin mit, und ſah ſo der Ankunft Courtenay's und der Be⸗ gegnung mit dem Manne, der ſie ſo tief hatte fallen ſehen, doch in leidlicher Faſſung entgegen. Er kam. Klara trat mit den nicht mehr ſtolzen und herausfordernden, aber um ſo wuͤrdevolleren Bli⸗ cken vor ihn hin. In ihrem Weſen ſprach ſich eine wolthuende Einigkeit aus, und die vollendete Ruhe der Entſagung lagerte auf ihren Mienen, in denen unge⸗ heuchelte Freundſchaft gegen Courtenay ſich ſpiegelte. Allein dieſer hatte einen ſchwierigen Kampf mit den Gefuͤhlen ſeiner Bruſt zu beſtehen, die ſo warm, wie — — 127— ehemals, bei dem jetzigen Anblicke des holden Weibes von Neuem wieder auftauchten. Es waren nicht die Erinnerungen an das ungluͤckliche Geſchoͤpf, das in der Boashoͤle die Haͤnde zu ihm emporgerungen hatte, ſondern an die jugendlich bluͤhende gefeierte Klara in Calcutta, und doch wieder nicht dieſe, ſondern ein noch unendlich zarteres und anziehenderes Frauenbild, und er hatte faſt vergeſſen, welche duͤſtere Zeit dazwi⸗ ſchen gelegen, und ſtand vor ihr in warmer Neigung und warmer Liebe wie vorher. Ihre Wirthin, eine erfarne Frau, durchſchaute ihn, und ſah zugleich auch, was in Klara ſelbſt nicht zum Bewußtſein gelangt war, daß naͤmlich Dankbarkeit und Hochachtung ſich in ihrer Bruſt zu entſtehender Neigung verſchmolzen hatten. Beide waren einander wuͤrdig, und wuͤrden ſie, wie es wol geſchehen konnte, nicht ſelbſt den Weg zu ihren Herzen finden, ſo ſollte es doch, ſie hatte es feſt beſchloſſen, der vermittelnden Freundin gelingen, ſo beiſpielloſe Treue und Aufopferung eines edlen Mannes zum erſehnten Ziele zu geleiten. In dieſem Vorneh⸗ men glaubte ſie es ſich geſtatten zu duͤrfen, den ihr von Jener zur Befoͤrderung eingehaͤndigten Brief an ihre alte Tante zuruͤckzubehalten, bis die weitern Ereig⸗ niſſe die Stätigkeit dieſes Entſchluſſes bewaͤhrt haben wuͤrden. In demſelben Sinne machte ſie auch frei⸗ willig das Anerbieten, die junge Witwe nach Cal⸗ — 128— cutta zu begleiten, um ſo gleichſam als Ehrenhuͤ⸗ terin die Gegenwart Courtenay's moͤglich und ſchicklich zu machen. Ihr Weg dahin fuͤhrte ſie wieder an der Boas⸗ hoͤle vorbei, und ſo tief und maͤchtig auch die Er⸗ ſchuͤtterung war, die Klara beim Anblcke dieſer Ufer und ihrer Umgebungen fuͤhlte, ſo lebendig ihr auch der fuͤrchterlichſte Moment ihres Lebens vor Augen trat, ſie mußte wieder dorthin, wo ihr Schickſal ſich geloͤſt hatte. 8 Wie uͤberraſcht fand ſie ſich, als ſie das fruͤher ſo uͤbereilt aufgeworfene Grab ſo anmuthig geordnet, mit Blumen mannigfaltiger Art geſchmuͤckt und einen ein⸗ fachen, aber ſchoͤn ins Auge fallenden Grabſtein vor⸗ fand, worauf in ſchmuckloſer Inſchrift Name, Stand und der qualvolle Tod des hier Verblichenen zu ſehen war! Die Trauer ob einer ungluͤcklichen Vergangen⸗ heit wich der freudigſten Dankbarkeit, und dieſe glaͤnzte hell genug in ihren uͤberſtroͤmenden Augen. Jetzt hielt es die alte Dame, eine jener tuͤchtigen Vorwaͤrtsnaturen, die ſich durch keine falſche Delicateſſe vom recht Er⸗ kannten abhalten laſſen, fuͤr angemeſſen, auch ein Woͤrt⸗ chen zu ſprechen und die Sache zu ſchlichten. Sie trat wuͤrdig ans Grab, ergriff die Haͤnde der Beiden, die ſich mit vielſagendem Blicke betrachteten, und ſprach ernſt, doch ohne Affectation: — 129— „Meine theuren Freunde, mag auch Ort und Zeit vielleicht nicht am paſſendſten gewaͤhlt erſcheinen, ich aber halte beides fuͤr ſehr verwandt mit meinen Wor⸗ ten, denn nicht um etwas Irdiſchvergaͤngliches handelt es ſich hier, ſondern um ein Gefuͤhl, welches die Zeit, wie die Ewigkeit uͤberdauern ſoll. Ueber jene qual⸗ volle Verbindung hat ſich unwiederruflich das Grab geſchloſſen, doch blicken verklaͤrte Geiſter theilnehmend auf uns nieder. Welch Entzuͤcken muͤßte der verewigte Freund empfinden, ſein geliebtes Kind mit dem Manne vereint zu ſehen, der Jenem die beſten Jahre ſeines Lebens in Verehrung geweiht hatte? Courtenay hat Dich geliebt, meine Klara, treu und beſtaͤndig, und auch Du— ſchlage die Augen nicht verſchaͤmt nieder, — auch Du empfindeſt fuͤr ihn. So moͤge es ſich denn ereignen, daß ihr euch nicht ſo wunderbar fuͤr Tage, ſondern fuͤr das Leben gefunden. Die Hand deſſen, der dort im Grabe ruht, koͤnnte ſie es— ſie wuͤrde Euch ſegnen, denn ſein entfeſſelter Geiſt empfin⸗ det keinen Neid.“ Mit dieſen Worten verließ die liebevolle Frau die Hoͤle, ihr folgte das liebende Paar, und wenn auch nicht der Mund alles ſagte, ſo war das Auge hin⸗ reichend, das Uebrige zu errathen. Schleſing. Herbſtnov. 9 — 130— Mehrere Jahre nach dieſer Begebenheit ſah ich Klara in England als die gluckliche Gattin Courtenay's, eines Mannes, den ihr Vater fuͤr ſie gewaͤhlt hatte. Die Boashoͤle aber heißt bei den Einwohnern der Umgegend, von dieſer Zeit an,„die Hoͤle des Grabes.“ 4 * —— Zur Hammelpaſtete! In Lancaſterſhire einem kleinen Staͤdtchen, wo ſich jedoch ſehr tuͤchtige und productive Woll⸗ uud Manche⸗ ſterfabriken befinden, ſieht der Reiſende gleich vor dem noͤrdlichen Thore einen Gaſthof, der die obenerwaͤhnte etwas epicuraͤiſche Benennung im Schilde fuͤhrt. Son— derbarer aber iſt die bildliche Darſtellung uͤber der Thuͤre, deren Zuſammenhang mit dem unten ſtehenden Titel man beim erſten Anblicke durchaus nicht zu begreifen vermag. In einem artig ausſehenden Gemache naͤm⸗ lich, ſitzt ein hagerer Mann in vorgebeugter, gleichſam drohender Stellung, auf einem Lehnſtuhl. Sein linker Fuß iſt dicht in Tuͤcher eingehuͤllt, und ruht auf ei⸗ nem Schemmel, waͤhrend der rechte ſich frei und eifrig bewegt. Die linke Hand zuckt ein ſpießartig geformtes Schwert, doch mehr auf die Weiſe, als wollte ſie feind⸗ ſelige Demonſtrationen machen, als um die That wirk⸗ lich zu vollbringen. Aber Nichts von allen dem iſt frappanter, als der gaͤnzlich kahle Kopf mit dem origi⸗ nellen zum Ausdrucke des hoͤchſten Zornes verzogenen Geſichte, daß Naſe und Kinn faſt einen tuͤrkiſchen Halbmond darſtellen duͤrften. Beide tauchen in eben 9* — 132— dem Augenblicke aus einer zuruͤckgeſchlagenen Kaputze hervor, und man begreift leicht, daß der unvermuthete Anblick einer ſolchen Vogelſcheuche mit dem bloßen De⸗ gen in der Hand, einem nicht allzu Muthigen Furcht einjagen koͤnne. Wirklich ſcheint auch den vor ihm Stehenden etwas Aehnliches zu befallen. Der gute Mann mit der harmlos verbluͤfften Miene, in ſeiner Alltags⸗ phyſiognomie und dem behaglich zugerundeten Bauche, ſtreckt Hand und Fuß wie abwehrend vor, und laͤßt die bisher gehaltene Serviette beinahe zu Boden fallen. Doch ſcheint er ſeine Intention, wie Xenophon auf einen meiſterhaften Ruͤckzug concentrirt zu haben. Nun reime ſich Einer das alles zuſammen! Ich war von meinem bequemen Sitze in die stage— coach herabgeſprungen, und ſtand nun vor dem raͤthſelhaften Bilde vertieft, wie nur irgend ein Enthuſiaſt in der Gallerie zu Dresden oder Florenz, und mir faſt die Naͤgel an den Fingern vor innerem Grimme zernagend. Das fehlte noch! War es nicht genug, daß ich mei⸗ ner Reiſewuth zu Liebe, das gute, ſanfte, deutſche Bier, und die innigen, warmen deutſchen— Suppen hatte verlaſſen muͤſſen, daß ich volle ſechs Monate meinen armen Mund mit ſchwer eingeuͤbten engliſchen ihe und quite und Mandker-chief gemartert hatte, um mich hinterher auslachen zu ſehen, daß ich endlich Phlegma und Plumpudding, die unter dem neblichen Himmel — 133— gleich dick zuſammengeknetet ſind, hatte verdauen lernen muͤſſen— mußte ich auch noch an gemalten Schild⸗ raͤthſeln meinen Scharfſinn zu Tode martern?„Ach mein frommes Vaterland,“ ſeufzte ich heimwehmuͤtig, „ihr harmloſen deutſchen Gaſthoͤfe, Wirthshaͤuſer und Kneipen, wie anſpruchlos iſt euer Name, wie ruͤhrend naiv euer behagliches Angeſicht! Immer dieſelben ſtehen⸗ den ehrlichen(2) Wirthe, mit den idylliſchen Baͤuchen, und den romantiſchen gruͤnen Kaͤppchen, immer dieſelben groben Kellner und flinken, unſchuldigen Kellnerinnen, die dem Reiſenden beim Abſchiede nach altdeutſcher Sitte die Hand hinſtrecken. Immer endlich dieſelben in jeder Stadt einige Male vorkommenden Schilder, in denen gar tiefe ſymboliſche Bedeutung verborgen liegt, und doch Jedermann gleich erklaͤrbar! Wer zum Bei⸗ ſpiele weiß nicht, daß ſich Vollmond auf den Wirth, der ſchwarze Baͤr auf den Hausknecht, das gol⸗ dene Schaf oder die goldene Gans auf den hoff⸗ nungsvollen Paſſagier beziehet? Sieht man den gefluͤgelten Engel, ſo denkt man unwillkuͤhrlich an die, nur 16 Stunden des Tages keifende Wirthin, nickt die weiße Lilie herunter, ſo i*ſt dieſe das Sinnbild der niedlichen Zimmermaͤdchen, und das ſchwarze Kreuz endlich, verwandelt es ſich einer etwas ſchreck⸗ haften Fantaſie oft ganz natuͤrlich wie die carte payante, die der Gargon dem verdutzten Gaſte unter die Naſe haͤlt? — 134— Und nun, nachdem man doch weiß, woran man iſt, tritt man in den Thorweg, und ſieht die gutmuͤ⸗ tigen, echtdeutſchen, mittelalterlichen Fuhrleute Alb⸗ recht Duͤrers mit praͤchtigen Karrenſchiebern, den koloſſalen ſelbſtbewußten Hausknecht, kneipt die runden Hausdirnen in die Backen, und tritt in die heitere weißgedeckte Extraſtube. Hier aber, o Jugendliebe! hier findet man einen Speiſetarif und hierauf prangt Suppe und geſottenes Rindfleiſch, und Selchwuͤrſte, und Sauerkraut, und nicht allzuſuͤßer oder feuriger Landwein und man ißt und trinkt wohlgemut in ſei⸗ nem Vaterlande. Aber— o deutſcher Appetit— Roſtbeef und Plumpudding, und wieder Roſtbeef, und engliſche Zechen in Pfunden, die ſo ſchwer ins Gewicht fallen, daß der deutſche Reiſende ſie kaum zu ertragen vermag, und nun noch des Kopfbrechens vor der Thuͤr. Nein es iſt zu viel! Ich mochte wol, wie es mir in lebhaften Augen⸗ blicken geſchieht, etwas laut geworden ſein, denn der Boy ſah mich gaffend an, und der Wirth trat neugie⸗ rig in die Hausthuͤre. Es war ein noch junger Mann mit einer offenen heiteren Phyſiognomie, wie man ſie in England ſelten findet, blonden Haaren und ehrlichen Augen; zwei kleine Flachskoͤpfe ſchmiegten ſich an ihn. Aber wie erſtaunte ich, als er nach kurzem Betrachten mich in gutem niederſaͤchſiſchen Deutſch einlud ihm zu 4 — 135— folgen! Ich that es faſt mechaniſch, und kam ſo hoͤchſt neugierig in eine huͤbſche geraͤumige Stube, wo die reizende, gleichfalls noch jugendliche Wirthin mit blen⸗ dend weißer Schuͤrze am Schanktiſche ſtand. Er noͤthigte mich auf einen Seſſel und ſagte ge⸗ muͤtlich mir die Hand bietend:„Na ſo ſeien Sie mir denn herzlich willkommen in meinem Hauſe, wer Sie auch ſein moͤgen. Sie ſind mein lieber deutſcher Lands⸗ mann, und das iſt fuͤr mich jetzt genug. Sieh Betty“ fuhr er froͤhlich zu ſeiner Frau fort,„da hat mir der Himmel endlich einen Paſſagier beſcheert, wie ich ihn ſo lange gewuͤnſcht habe.“ Jene trat raſch hervor, auf mich zu, und reichte mir in liebenswuͤrdiger Zutraulichkeit ihre kleine weiße Hand.„Sei welkohm“ ſagte ſie in einem Gemiſch von Engliſch⸗Deutſch, das ihr allerliebſt ſtand,„es thut freuen mich, daß ich Euch ſehe here.“ Man kann ſchwer ermeſſen, wie groß mein Beha⸗ gen war, in der friſchen netten Stube, mein ehrliches deutſches Landsmannsgeſicht mit ſeinen Flachskoͤpfen neben mir, und weiter hin einen unverzaͤrtelten Main⸗ wein, von den engliſch⸗deutſchen Haͤndchen der engliſch⸗ huͤbſchen Wirthin kredenzt. Es war nun ſo gerade um die eilfte Stunde, wo noch kein Gaſt zu ſehen war. Ich aber kehrte von meinem Streifzuge in ein tuͤchtiges Stuͤck Rindfleiſch — 136— bald wolgeſaͤttigt zuruͤck, und wie der Menſch ungenuͤg⸗ ſam iſt, hatte ich, nachdem ich mit dem Inhalte der Fleiſchtoͤpfe Aegyptens ſo ziemlich Separatfrieden geſchlos⸗ ſen, mich noch immer mit der Außenſeite nicht aus⸗ ſoͤhnen koͤnen— d. h. mir fiel das verdammte hiero⸗ glyphiſche Schild ein, und aͤrgerte mich, wie die Hiero⸗ glyphen an den Pyramiden wol hundert ehrliche Leute vor Champollion geaͤrgert haben moͤgen. Nun iſt man bekanntlich nie weniger zum Denken und zum Aergern aufgelegt,— was wol auf Eines hinauskommt — als wenn man ſich die Zaͤhne ſtochert und verdaut. Ich machte demnach kurzen Prozeß, und rief den vor⸗ trefflichen Ehriſtian. Als dieſer aber meine weh⸗ muͤtige Frage vernahm, lachte er ganz ſpitzbuͤbiſch in ſich hinein, und rief ſtatt aller Antwort nach ſeiner Frau und ſeinen Kindern.„Satdown here Belty« rief er auf die große Bank deutend, ſetzte die Kleinen neben ſie, und zog dann einen gruͤnſeidenen Vorhang von der Wand, ſo daß ein dorthaͤngendes plump gemal⸗ tes Bild zum Vorſchein kam. Es war daſſelbe am⸗ phitheatraliſche Geſicht, nur weit groͤßer und widerlicher in einer braunen ſonderlichen Kaputze und finſter zur Erde blickend. Kaum aber wurde es ſichtbar, als Betty ſammt den kleinen blonden Jungen aufſprangen, ſich drei Mal verneigten und ehrfurchtsvoll ſtehen blie⸗ ben. Der Alte zog gleichfalls ſein gruͤnes, verſchoſſenes, — — 43,— deutſches Kaͤppchen ab, und blickte mit einem Ausdrucke inniger Ruͤhrung, ja mit einer Art von Andacht auf die Fratze, indeß ihm die hellen Thraͤnen von den Wangen ſchoſſen. Ich rutſchte ungeduldig hin und her, und wußte nicht, waren die Leutchen wirklich naͤrriſch, oder ſpiel⸗ ten ſie mit mir Komoͤdie. Bis nun der Wirth ſein Kaͤppchen in der Hand haltend, ſich zu mir ſetzte, und mir in einfachen, herzlichen Worten Folgends erzaͤhlte: „Als ein Thunichtgut ſonder Gleichen hatte ich zu⸗ letzt Baden⸗Baden verlaſſen. Mein ſeliger Vater der ein betriebſamer Garkoch in Leipzig geweſen war, und die hungerigen Weisheitsſoͤhne zu Hunderten um ſeinen langen Tiſch verſammelt hatte, war geſtorben, und hinterließ mir eine artige Wirthſchaft. Ich aber fuͤhrte gar hochtrabende Wuͤnſche im Kopfe herum, und ob⸗ ſchon ich faſt alle literariſchen Notabilitaͤten des Jahr⸗ hunderts, Goethe nicht ausgenommen, an meines Vaters kraͤftigen Gerichten ſich hatte erlaben ſehen, und man bei Tiſche die ſchoͤnſten Verſe Gellert's bis Immermann von ihren Autoren ſelbſt vorgetragen, hatte vernehmen koͤnnen, ſo fand ich doch an dem Allen keinen beſondern Reiz. Die guten Juͤnger des Plato ſind ſelten Lieblinge des Plutus, und Phoͤbus Guͤnſt⸗ linge haben ſonſt nichts Goldenes als die Sonne und ihre Leier. So mußte denn der Speiſetarif ſehr 138 beſcheiden ausſehen, und vor denen von Wien und Paris hoͤchlich erroͤthen. Ich wollte hoͤher hinaus, verkaufte die beſcheidene Wirthſchaft, und ging als Koch nach Dresden, dann nach Berlin, und kam endlich in ein herrſchaftliches Haus nach Wien. Da haͤtte ich nun recht gemaͤchlich und ſorgenlos leben koͤnnen, denn ich konnte mir die beſten Biſſen waͤhlen, hatte freie Hand in Allem, was ich thun wollte, und wurde von meiner Herrſchaft, die ein ziemliches Leckermaul war, in hohen Ehren gehalten. Aber der Geizteufel plagte mich. Ich las in den Zeitungen eine Acte von dem beruͤhmten Koche des Herzogs von Devanſhire, der 20,000 Fr. jaͤhrlich zu verzehren hatte, und außerdem noch ein ungeheures Legat erhielt; dann wieder von einem Andern, um deſſen Beſitz man ſich riß, wie um einen humoriſtiſchen Aufſatz von Saphir, und ich dachte: Ich bin ja auch ein tuͤchtiger Koch mit weißem Kamiſol und Schlafmuͤtze, ſo gut wie ein an⸗ derer, warum ſoll ich mit meinen lumpigen 1000 fl. zufrieden ſein, und kein Menſch weiter von mir ſpre⸗ chen, als hoͤchſtens ein dicker Herr, der bei der Ta⸗ fel ſich den Bauch ſtreichelnd, ausruft:„Ach, das i*ſt eine delizioſe Paſtete, Ihr Koch iſt ein excellenter Kerl!“ Geſagt, gethan. Ich packte meine Habſeligkeiten zuſammen, kuͤndigte meiner Herrſchaft auf, und ging, — 13³39— ſo bald ich konnte, ungeruͤhrt von den wehmuͤtigen Blicken meines delicaten Patrons, ſo wie der ſchmel⸗ zenden Koͤchin von dannen. Raſch fuhr ich nach Ham⸗ burg, ging dort, ohne mich viel aufzuhalten, unter Segel, und nach Verlauf von drei Wochen war ich gluͤcklich in London. Am Anfange ging Alles recht gut. Ich ſtieg in einem ordentlichen Gaſthofe ab, aß und trank, ſchlen⸗ derte den ganzen Tag gaffend herum, und ſank des Abends wohlbehaglich in mein warmes Bett. Ich haͤtte das Schlaraffenleben gerne bis in die Ewigkeit fortge— fuͤhrt, aber ich bemerkte doch nach und nach, wie ver⸗ teufelt die engliſchen Pfundrechnngen in meinen Beutel riſſen. Ich that mich demnach um einen Dienſt um. Da kriegt' ich erſt den ſauern Apfel zu koſten. Die Großen wollten nur franzoͤſiſche Koͤche, und wieſen mich veraͤchtlich ab, der ich mit nicht geringem Selbſtge⸗ fuͤhle bemerkte, ich kaͤme von Berlin und Wien. In Buͤrgerhaͤuſern und Gaſthoͤfen fragte man mich zu allererſt, ob ich mich auf die Bereitung des Plum⸗ puddings und eines Ale⸗Kuchens verſtuͤnde, und ent⸗ ließ mich, als ich die Frage verneinte, mit einem mit⸗ leidigen Kopfſchuͤtteln. Nun ſah ich erſt die Thorheit meiner Handlungs⸗ weiſe ein. Ich haͤtte mich gerne auf die beſte Land⸗ kutſche hingeſetzt, um nach meinem gelobten deutſchen — 140— Lande zuruͤckzukehren, aber erſtens ſchaͤmte ich mich, und zudem, wo die Mittel dazu hernehmen? Mein ganzes Vermoͤgen belief ſich jetzt auf nicht mehr als etwa 50 Thlr. wovon ich noch einen Theil meiner Rechnung bezahlen mußte. Wie war es da moͤglich, uͤber Land und Meer zu kommen? Aber auf dem theuern Lond⸗ ner Pflaſter durfte ich eben ſo wenig bleiben, wollte ich nicht in New⸗gate oder wol gar in Botany⸗Bay endigen. Ich beſchloß demnach mein Heil in der Pro⸗ vinz zu verſuchen. So ſchnuͤrte ich mein Buͤndel, das, beilaͤufig ge⸗ ſagt, leicht genug ausfiel, und zog ziemlich wehmuͤthig aus dem großen London, in das ich mit befluͤgelten Hoffnungen getreten. Ich wanderte von Stadt zu Stadt, fand aber nirgends einen Anhaltspunkt, mich niederzulaſſen. Die ehrlichen Gentlemen fielen, wenn ſie von der Fuchsjagd oder einen Wettrennen heimkehr⸗ ten, uͤber ihre zaͤhen Braten und Mehlkugeln mit dem geſegnetſten Appetit her, und fragten den Henker nach allen Ragouts und Paſteten. Der verdammte Plum⸗ pudding ſtand mir uͤberall im Wege. Endlich gelangte ich eines Abends muͤde und troſt⸗ los in dies Staͤdtchen.— In meinem Magen klap⸗ perte der Hunger, und in meiner Taſche— fuͤnf Thaler, auf dieſe geringe Summe war naͤmlich meine ganze Barſchaft zuſammengeſchmolzen, Unter dieſen —— —— Umſtaͤnden hielt ich es fuͤr rathſam, in das Gaſthaus einzukehren, welches noch dazu den ominoͤſen Schild: „Zum Plumpudding“ an der Stirne trug. Ich hatte die koſtſpieligen Zechen der Art leider nur zu gut kennen gelernt, und war feſt entſchloſſen, mei⸗ nen letzten Nothpfennig ſo gut als moͤglich zu ver⸗ wenden. Dem Wirthshauſe gerade gegenuͤber ſah ich die Bude eines Schuſters. Der ehrliche Mann hatte wahr⸗ ſcheinlich eben Feierabend gemacht, und ſchmauchte nun an ſeinem kleinen Fenſter mit philoſophiſcher Behag⸗ lichkeit ein Pfeifchen, indem er ein altes Lied vor ſich hin brummte. Er bemerkte, wie ich unentſchloſſen und nachdenkend mitten in der Gaſſe ſtand, ſchuͤttelte ver⸗ wundert den Kopf, ſchloß das Fenſter zu, und trat zu mir heraus. „Ihr ſcheint fremde, guter Freund“ ſagte er zu mir,„und Jemanden zu ſuchen, kann ich Euch viel⸗ leicht nachhelfen?“„Ach, lieber Herr,“ erwiederte ich „Ihr habt es errathen, ich bin eben jetzt in den Ort gekommen, und wuͤnſchte gute und billige Unterkunft.“ Der Alte deutete ſtillſchweigend auf den winkenden Gaſthauszeiger, aber ich nahm das Blaͤttchen vom Munde, und ſetzte ihm meine Lage und meine Plane mit kurzen duͤrren Worten auseinander.„Hm, hm“ rief nun der gute Mann,„da iſt's freilich etwas an⸗ *8 — 142— ders. Aber Euer ehrliches Ausſehen und Eure Offen⸗ herzigkeit gefaͤlt mir. Zu der Sache kann Rath wer⸗ den. Wartet nur ein Weilchen.“ Er drehte ſich um, und ging ins Haus zuruͤck. Ich aber ſchritt erwartend draußen auf und nieder. Doch auf einmal klang ein Fenſter uͤber mir, und ein wunderhuͤbſcher Maͤdchenkopf erſchien. Ich weis noch heute nicht, was damals mit mir geſchah. Ich haͤtte fruͤher alle Weibergeſichte des Erdbodens fuͤr einen gu⸗ ten Kochloͤffel dahingegeben, und hielt es nicht einmal der Muͤhe werth, ſie anzuſehen. Aber von der Er⸗ ſcheinung uͤber mir vermochte ich kein Auge abzuwen⸗ den, vielleicht(hier druͤckte der Erzaͤhler die Hand ſei⸗ ner laͤchelnden Gattin) hatte es der guͤtige Himmel ſo gefugt, um mich dem reinſten Gluͤcke zuzufuͤhren. Ich mochte ziemlich poſſierlich dageſtanden haben, denn der Kopf fing ploͤtzlich helllaut zu lachen an, zog ſich zu⸗ ruͤck, und das Fenſter ward geſchloſſen. Doch ich gaffte unbeirrt noch immer empor, bis eine derbe Hand mich an der Schulter ruͤttelte, und mein Schuſter vor mir ſtand.„Kommt herein, guter Junge“ ſagte er,„ich habe ſchon Alles abgemacht, mein Weib liegt in den Wochen, und Ihr koͤnnt, wenn ihr die Kuͤche beſchik⸗ ken, und gute Suppen bereiten wollt, einige Tage bei uns bleiben.“ In Suppen und Bruͤhen beſtand meine Hauptforce, alſo ſchlug ich erfreut, meine Kunſt an 4 —— —— — 143— den Mann zu bringen, ein, und zog zufrieden unter das niedere Dach meines neuen Hauspatrons. Aber ſo ermuͤdet ich mich auch die erſte Nacht auf das hauswirthliche Bett ſtreckte,— das holde Maͤd⸗ chen mit den braunen Haaren und dem ſo allerliebſt auflachendem Munde ging mir nicht aus dem Sinne. — Sie hielt mich erſt eine Zeit wach, ehe ich ihr Bild mir entruͤcken konnte, und dann gaukelte es in meinen Traͤumen, die ſie mir geradezu in die Arme fuͤhrten. Des anderen Tages ſtand ich zeitig auf, beſorgte den maͤßigen Einkauf, und begab mich zum niedern Heerd. Ich bereitete ein koͤſtliches Kraftſuͤpplein, daß die kunſtverſtaͤndige Woͤchnerin daruͤber in Entzuͤcken gerieth, und ſchwor, im Paradieſe habe man keine beſ⸗ ſere gekoſtet. Auch der Schuſter und ſeine Geſellen lobten den neuen Kuͤchenmeiſter aus vollen Backen. So erntete ich von allen Seiten Beifall und Lob, und als ich nach acht Tagen vom Weitergehen ſprach, wurde den guten Leuten faſt weinerlich zu Muthe. Der wackere Meiſter zog mich auf die Seite, und ſprach treuherzig: „Hoͤrt, guter Freund, ich ſehe, Ihr habt was Tuͤchti⸗ ges gelernt, und das findet ſeinen Mann uͤberall. Bleibt hier bei uns, und errichtet Euch eine Garkuͤche. Es gibt hier Paſſagiere zweiter Klaſſe, wie Handwer⸗ ker, Komoͤdianten, arme Gelehrte und Studenten ge⸗ — 144— nug, die froh ſein werden, ſtatt des hochmuͤtigen dicken Wirthes da druͤben mit der Doppelkreite, eine billige, nahrhafte Koſt zu finden. Drum miethet Euch ein beſcheidenes Locale, und richtet Euch maͤßig ein, mein Weib lehrt Euch den Plumpudding machen, ich ſorge fuͤr etwas Geld im Anfange, und fuͤr das Weitere laſſen wir einen Andern denken.“ Man kann leicht begreifen, daß ich nicht„Nein“ ſagte, als mir unerwartet eine ſolche treffliche Ausſicht gezeigt wurde. Aber ich waͤre auch ohnedem nicht fort⸗ gezogen. Seit dem erſten Tag meiner Ankunft hatte der reizende Engel gegenuͤber gar oft aus dem Fenſter geſehen, und war mir uͤberdies noch ein paar Mal auf der Gaſſe begegnet. Immer tiefer hatte ſich der Pfeil aus ihren brennend ſchwarzen Augen in mein Herz gegraben, und ich wurde gluͤhend roth vor Freude und innerer Bewegung, ſo oft ich ſie traf. Das mochte ihr wol auffallend, aber durchaus nicht miß⸗ fallend erſchienen ſein, denn ſie ließ ihren Blick minu⸗ tenlang auf meiner jugendlich⸗ kraͤftigen Geſtalt verwei⸗ len, und als ich zuletzt mich erkuͤhnte, ſie etwas lin⸗ kiſch zu gruͤßen, erwiederte ſie den Gruß mit allerlieb⸗ ſter Freundlichkeit. Ihr glaubt mirs nun wol, lieber Herr, daß es mit dem Fortgehen nicht viel auf ſich hatte. Bald hatte ich ein kleines aber niedliches Locale um — u3— einen Spottpreis gemiethet, und fing meine neue Wirthſchaft an. Anfangs ging es ſchwach, dann aber beſſer, als ich es vermuthet. Die beſcheidenen Fuß⸗ wanderer freuten ſich meilenweit auf meine kraͤftige Mittagskoſt, und meine große Gaſtſtube war oft viel zu klein fuͤr die laͤrmenden Gaͤſte, von denen ich einen guten Theil in Vorgang und Hof an langen Tiſchen hinſetzen mußte. Kurz, ich dankte dem Himmel, lebte munter und ſorgenlos, und konnte darauf denken, mir fuͤr die Folgezeit einen Nothpfennig zuruͤckzulegen. Es iſt leicht begreiflich, daß der dicke habſuͤchtige Wirth zum Plumpudding meinen Flor mit ſcheelem Auge anſah. Gerne haͤtte er mich wegbeitzen wollen, aber ich hatte die Vorſicht gebraucht, bei dem Scheriff um eine Licenz einzukommen, ſo konnte er mir nichts anhaben, und ſeine Wuth beſchraͤnkte ſich auf ohn⸗ maͤchtiges Geſchimpfe und noch ohnmaͤchtigere Blicke. Deſto freundlicher geſinnt war mir aber ſein holdes Toͤch⸗ terlein. Ich hatte die reizende Betty einige Male bei dem Meiſter Schuſter getroffen, der an dem niedlichſten aller Fuͤßchen das Maß eben ſo kaltbluͤtig nahm, als waͤre es ein hoͤlzerner Leiſten geweſen. Ich aber be⸗ nuͤtzte dieſe Augenblicke auf das Thaͤtigſte fuͤr meine Liebe, und ſchon nach vierzehn Tagen, waͤhrend ihr der Alte ein Paar neue Schuhe anprobirte, druͤckte ſie meine Hand auf das Vielſagendſte. Schleſing. Herbſtnov. 10 — 146— Seit dem Augenblicke ſtieg mein Liebesgluͤck mit Rieſenſchritten vorwaͤrts. Vom Haͤndedruck kam es zum Kuß, zum Liebesgeſtaͤndniß und dem Schwur ewi⸗ ger Treue, ganz wie es in der Regel herzugehen pflegt. Aber Verliebte, insbeſondere diejenigen, die nicht hin⸗ reichend viele Entſagungsromane geleſen haben, begnuͤ⸗ gen ſich ſelten mit dem bloßen Anſchauen, ſondern wollen ſich auch beſitzen. So geſchah es bald, daß meine liebliche Betty mich endlich mit der allerſuͤßeſten Verſchaͤmtheit anſpornte, mit ihrem Vater, dem dicken Wirthe, die Heiratsgeſchichte in Ordnung zu bringen, und mein Zagen durch die Verſicherung, der Alte wuͤrde mit einem ſo kunſterfahrenen Eidam hoch zufrieden ſein, in die freudigſte Hoffnung verwandelte. An einem Freitage alſo— ich werde den Tag in meinem Leben nicht vergeſſen, denn ich habe viel an ihm gelitten— es war auch zugleich ein hoher Feier⸗ tag— putzte ich mich ganz ſtattlich heraus, nnd trat in das Thor des„Plumpuddings“ indem ich je⸗ doch nicht den Weg nach der Gaſtſtube, ſondern nach der Wohnung des Wirthes einſchlug. Betty ſtand bereits, huͤbſch wie ein Engel, am Thore, und ermu⸗ tigte mich durch einen leiſen Kuß, indem ſie mich zur Thuͤre hineinſchob, und dann ſchnell davon eilte. Der Alte ſtand auf, trat, kurzſichtig wie er war, auf mich zu, und ſah mich ſcharf an:„Ei, Meiſter Koch, — 147— wie komme ich zu der unverdienten Ehre?“ Freilich fuhr es mir wie ein Eiszapfen uͤbers Herz, aber ich faßte mich bald, und warb in aller Form um Bettys Hand. Aber ehe ich noch meinen wohlgeſetzten Antrag zur Haͤlfte geendigt hatte, ſtieg die Wuth des Alten ins Unbeſchreibliche, ſo daß er mich bebend unterbrach: „Ihr Lungerer, ihr Stuͤmper, ihr Topfruͤhrer ihr unter⸗ ſteht euch, eure Augen auf meine Tochter zu erheben, die einzige Erbin dieſer beruͤhmten Gaſtwirthſchaft und meines Vermoͤgens? Habt ihr denn etwas Rechtes ge⸗ lernt, ſeid ihr nicht ein Bettlerkoch, ein Schmierer fuͤr alles Lumpengeſindel, das fuͤr ein paar Pence ſei⸗ nen unflaͤtigen Magen fuͤllen will? Ich rathe euch, euch zu packen, ihr unverſchaͤmter Menſch, und euch nimmer mehr auf meiner Schwelle ſehen zu laſſen, ſonſt ſollen euch meine Hausjungen das Hinausgehen mit geſunden Gliedern erſparen.“ Weiter hoͤrte ich nichts mehr denn ich rannte ſporns⸗ ſtreich davon uͤber die Hausflur, wo Betty zwiſchen Hoffnung und Furcht meiner harrte, durch das Thor uͤber die Straße, bis in mein ſtilles Zimmer, wo ich in bittere Thraͤnen ausbrach. Mein Kuͤchenjunge mußte diesmal die Tafel beſchicken, wie er konnte, denn ich war troſtlos, und ganz in meinem Schmerze vergraben. Nach und nach aber gab ſich das wieder, ich ge⸗ wann neue Hoffnung, war doch mein Maͤdchen mir 10* — 148— treu, und hatte ich doch bis jetzt keinen aufgedrungenen Nebenbuhler zu fuͤrchten. Faſt taͤglich ſahen wir uns bei dem alten Schuſter, und troͤſteten uns wechſelſeitig ſo gut wir konnten. Aber eines Abends als es finſter war, und ich dachte ſie wuͤrde nimmer kommen, er⸗ ſchien ſie mit verweinten rothgeſchwollenen Augen. Sie zog mich hinaus in ein verborgenes Straßeneck, und erzaͤhlte mir, wie heute der reiche Manufacturherr ge⸗ genuͤber um ſie angehalten, und ihr Vater, doppelt erfreut, ſogleich zugeſagt habe, wie ſie vergebens ge⸗ weint und um Aufſchub gefleht, der Alte jedoch uner⸗ bittlich geweſen ſei, und die Verlobung ſchon auf den naͤchſten Tag beſtimmt habe. Ich hoͤrte das alles mechaniſch zu, ohne etwas Beſtimmtes dabei zu fuͤhlen; denn ſchon der Anfang hatte mich wie betaͤubt gemacht. Ich ſollte ſie auf immer verlieren, ohne die ich keine Freude im Leben zu erwarten hatte, ja ohne die das Leben ſelbſt mir nur Tod war! Ich merkte es jetzt erſt, wie inbruͤn⸗ ſtig ich ſie liebte, und als ich mich von meiner Be⸗ ſturzung erholt hatte, wurde ich wie toll. Ich ſchwor, kein Teufel ſolle ſie mir entreißen, und ich wolle ſie in einen fernen Winkel der Erde bringen, wo ſie keine Menſchenſeele auffinden koͤnne. Erſt mußte ich ſie ent⸗ fuͤhren, dann meinen Nebenbuhler erſchießen, dann ihren Vater zur Einwilligung zwingen, und was der⸗ — 149— gleichen verliebte Thorheiten mehr ſind. Sie widerſprach mir nicht, aber ſchien die Unfruchtbarkeit dieſer Projecte wol einzuſehen, denn ſie weinte ſtille. Ich aber wußte mir nicht anders zu helfen, und ſchluchzte mit. Auf einmal ſteckte ſich eine ungeheure Naſe zwiſchen unſere Koͤpfe, und eine kraͤchzende Stimme fragte: „Warum weint ihr dummen Leute?“ Wir ſahen uns uͤberraſcht um, uns faſt vor dem Geſichte entſetz⸗ end, das ſo unvermuthet in unſere Naͤhe gekommen war. Die erwaͤhnte, ungebuͤhrliche Naſe ſchien nur auf einen guͤnſtigen Augenblick zu warten, um das ſpitzige krumm gebogene Kinn zu kuͤſſen, darauf ſahen zwei kleine, gruͤnrothe Augen wie eiferſuͤchtig nieder, die ſchlaffen Wangen ſchlotterten gleich unbeholfenen Vertrauten an der Seite. Es war ein Geſammteindruck der verletz⸗ endſten Haͤßlichkeit, und dabei blickten noch hoͤhniſche Linien aus jedem Winkel hervor. Meine Betty ſchrie laut auf, und wollte entſchluͤp⸗ fen, ich faßte mich, und ſchleuderte einen grimmigen Blick auf den unberufenen Stoͤrer. Er aber faßte das zitternde Maͤdchen bei der Hand, und fuhr mit ſeinem heiſeren Tone fort:„Ei, ei, laßt euch nicht ſchrecken Kinder, hi hi hi, weinen thut gut, beſonders fuͤr ſo junge Augen, die ſich nur dann anſtrengen, wenn ſie ſich verliebt anſehen, plaͤrret nur immer zu, das macht mir Freude, ich moͤchte alle Menſchen auf ein Mal — 150— lamentiren hoͤren, das gebe eine huͤbſche Muſik, oder wenn ſie lachen, ſo ſollen ſie ſo lachen, wie ich, hi hi hi.“ Es lag wirklich ein furchtbarer Ausdruck der Zer⸗ ſoͤrung in dieſem ſchallenden Gelaͤchter, daß wir beide erbebten. Jener aber ging davon, quer uͤber die Gaſſe gegen den Gaſthof zu; doch auf ein Mal fing er laut zu ſchreien und zu jammern an, und zog den linken Fuß ſchmerzhaft an ſich, worauf ein kleines buckliches Maͤnnchen mit zwei Bedienten aus dem Hauſe ſtuͤrz⸗ ten, und die alte Karikatur faſt uͤber den Haufen warfen. Zu einer andern Zeit haͤtten wir viel Spaß an dem Auftritte gefunden, aber jetzt waren unſere Herzen zu betruͤbt, um irgend einem froͤhlichen Gedanken Raum geben zu koͤnnen. Betty erzaͤhlte mir nur in der Schnelligkeit daß dieſe Karikatur, die ſich Lord Arthur nenne, heute mit zahlreichem Gefolge im Orte ange⸗ langt, und bei ihnen abgeſtiegen ſei, daß er ſie gleich bei ſeiner Ankunft mit eckelhafter Zutraulichkeit in die Wangen gekneipt, und von ihr dafuͤr einen tuchtigen Stoß zur Belohnung erhalten habe. Der kleine Bucke⸗ lige aber, der mit ihm gekommen, ſcheine ein recht guter, hoͤflicher Menſch zu ſein. Mein Widerwillen gegen den alten Lord ſteigerte ſich zum Haß, als der ſo eben genannte Begleiter deſſelben heruͤber und auf uns zukam. So ungelegen er uns war, ſo wußte er uns unwillkuͤhrlich freundlicher — 151— zu ſtimmen, und entlockte uns wie durch Zauber die Urſache unſers Kummers.„Ei,“ ſagte er endlich, „warum will denn der alte Bratenwender euch nicht zuſammengeben?“„Er iſt arm,“ erwiederte Betty, „und waͤre es auch das nicht, ſo mag ihn der Vater nicht leiden, weil er die Kochkunſt nicht ganz verſtehe, und in ſeinem Metier poltert er immer, ſei ein Stuͤm⸗ per veraͤchtlich. Du lieber Gott, was kann er dafuͤr, daß man in Deutſchland anders kocht und baͤckt, als bei uns!“ „Ja, da iſt es freilich eine ſchwere Sache,“ mur⸗ melte der Kleine.„Lebt wol, gute Leute, troͤſtet euch, wie ihr koͤnnt.“ Mit dieſem laconiſchen Abſchiede entfernte er ſich, und ließ uns ſtehen. Wir beide aber ſchworen uns nochmals Liebe und Treue, und ich wankte ſchwer⸗ muͤthig nach Hauſe, um in meiner einſamen Stube auf ein anwendbares Rettungsmittel zu ſinnen. Ich warf mich die halbe Nacht ſchlaflos auf mei⸗ nem Lager herum, um in der andern Haͤlfte zu ver⸗ zweifeln, daß ich noch keinen Ausweg heraus gefunden. Nach einem kurzen Schlummer, der mich mehr be⸗ taͤubte, als erquickte, erwachte ich verſtoͤrt am Mor⸗ gen, und ſchaute troſtlos in das Licht der hereinſtrah⸗ lenden Sonne, mit welcher heute alle meine Hoff⸗ nungen, mein ganzes irdiſches Gluͤck untergehen ſollte, um— nie wieder zu erſtehen. — 152— So, in dumpfer Erwartung des furchtbaren Schla⸗ ges, und ohne Mut, denſelben von uns abwenden zu wollen, verrichtete ich meine alltaͤglichen Geſchaͤfte mit mechaniſcher Regelmaͤßigkeit, und ein Fremder, der mich ſo am Herde ſtehen und emſig thun, geſehen haͤtte, wuͤrde es kaum errathen haben, daß mir andere Dinge, als meine gebratenen Huͤhner und Gaͤnſe im Kopfe herumgingen. Aber wie es oft geſchieht, wo der Verſtand am ſchwaͤchſten iſt, da wirkt oft der Zufall am ſtaͤrkſten. Indem ich euch nun, verehrter Freund und Lands⸗ mann, die eigentliche Kataſtrophe meines Schickſals und zugleich die Loͤſung des ganzen Raͤthſels darſtellen ſoll, bin ich in nicht geringer Verlegenheit, wie ich dieſe wunderbare Verwickelung der Umſtaͤnde etwas klar vor Augen ſtelle; aber da ich nicht ſonderlich geſchickt in Entwickelungen bin, ſo will ich Alles in der Folge vor⸗ tragen, wie es ſich wirklich ergeben. Wenn euch dann noch eine oder die andere Frage noͤthig ſcheinen ſollte, ſo bin ich gern bereit, eure Neugierde nachtraͤglich zu befriedigen. Vorlaͤufig jedoch muß ich euch bemerken, daß alle Leute, die waͤhrend des Vormittags in meine Gar⸗ kuͤche traten, um einen ſoliden Imbiß einzunehmen, faſt nur immer von dem fremden Lord in„Plum⸗ pudding“ ſprachen. Das ſollte ein gar ſonderbarer Kautz ſein. Er war ungeheuer reich, und verzehrte — w — — 153— kaum die Haͤlfte ſeiner Einkuͤnfte, aber was er ver⸗ brauchte, das that er auf die originellſte Weiſe von der Welt. So lief er mit ſeinem gichtiſchen Fuße im ſchlechteſten Wetter durch Moor und Sumpf, indeß Wagen und Bedienter oft einen ganz andern Weg neh⸗ men mußten. Kam er dann mit Koth bedeckt und durchnaͤßt in ein Wirthshaus, ſo bat er demuͤtig um ein Stuͤck ſchwarzes Brod, ſchlief auch wol im Stalle, und zaͤhlte dann am andern Morgen dem erſtaunten Wirthe ein Paar Guineen auf den Tiſch. Ein ande⸗ res Mal fuhr er mit Equipage und Vorreiter wie ein Koͤnig vor das glaͤnzendſte Hotel, ließ ſich fuͤrſtlich be⸗ dienen, und wenn dann der Wirth mit vielen Buͤck⸗ lingen die Rechnung brachte, rief er lachend:„Ich habe kein Geld,“ und forderte den Unglaͤubigen auf eine Boperpartie fuͤr die Zeche, bis dieſer grob wurde, und nach dem Conſtable ſchickte. So war er auch oft eingeſperrt worden, und nannte er dem erſtaunten Friedensrichter ſeinen Namen, und dieſer erſchoͤpfte ſich in Entſchuldigungen, ſo zahlte er lachend das Dreifache, und ging ſeines Weges. Bei jeder Gelegenheit zeigte er ſich aͤußerſt wohlthaͤtig, obwol wieder auf eigene Weiſe. Das Alles wurde ſchnell hin und wieder geſprochen bis es zuletzt auch meine Aufmerkſamkeit erregte. Schon faßte ich den Entſchluß, auf jede Gefahr hin zu dem Lord zu gehen, und mein Heil in einer demuͤtigen — 154— Bitte zu verſuchen, als ein Aufwaͤrter des Plumpud⸗ ding⸗Wirthes athemlos hereinſtuͤrzte, und ſchrie:„Ich ſollte um Gotteswillen hinuͤber kommen, der fremde Lord ſei des Teufels, und wolle ſeinen Herrn erſtechen, nur ich koͤnne ihn retten.“ Ehe ich noch zu begreifen vermochte, kam Betty ſelbſt, blaß wie der Tod, und bat mich jammernd, nicht rachegierig zu ſein, und ſchnell zu Hilfe zu eilen, ehe ich zu ſpaͤt kaͤme. Ich rannte ſogleich mit ihr hinuͤber, ohne daß ich wußte, warum oder wie? Wie ſoll ich euch den An⸗ blick ſchildern? der ſich mir darſtellte, als ich des Lords Zimmer oͤffnete! Schon draußen trat ich auf die Truͤmmer einer Paſtete, drinnen aber geſtaltete ſich die ſonderbarſte Szene von der Welt, juſt ſo, wie ihr ſie auf dem Schilde geſehen habt. Der Lord rutſchte mit dem eingewickeltem Fuße auf einem Rollſeſſel ge⸗ gen den Wirth los, der mit Todesangſt zuruͤckwich, in⸗ deß ihm der Schweiß aus allen Poren drang; denn jener ſtierte ihm mit den holen Augen wuͤthend an, und zuckte den blanken Degen gegen des Wirthes Bauch.„Iſt das meine Paſtete, Ihr Hundsfott,“ ſchrie er beſtaͤndig,„meint ihr, ich ſei Euer Narr?“ Wie der Wirth mich erblickte, ſchrie er:„Ach, lie⸗ ber Deutſcher, rettet um Gotteswillen mein armes Leben, und macht eine Hammelpaſtete nach deutſcher Manier. Seine Herrlichkeit bringt mich ſonſt um.“ — 155— Der Lord ſah mich gleichfalls an, und ſagte, die Waffe ſenkend:„unterſteht ihr euch, Junge, mir eine gute Hammelpaſtete zu machen nach deutſcher Art, ſo bekommt ihr 1000 Pfund, aber huͤtet euch, mich zu taͤuſchen, ſonſt gehts euch, wie den Schuft da.“—„Ja, Eure Herrlichkeit,“ rief ich zum Theil erfreut uͤber die Demuͤthigung des Alten,„das kann ich wol, ich habs in Deutſchland ſchon gelernt.“„Nun machs kurz, wir wollen ſehen,“ befahl der Lord, und ihr koͤnnt gehen, ihr Tuckmaͤuſer fuhr er zu dem Wirthe fort,“ ihr ſeid nur ein Stuͤmper, und taugt nicht ein⸗ mal zum Kuͤchenjungen.“ Ich machte mich ſogleich ans Werk, und erfuhr nebenbei von meiner Betty den eigentlichen Hergang der Sache. Heute morgen hatte Seine Herrlichkeit den Wirth holen laſſen, und ihn gefragt, ob er ſich wol getraue, ihm eine gute Hammelpaſtete nach Ham⸗ burger⸗Art zu bereiten, und ihm 1000 Pfund dafuͤr geboten. Der entzuͤckteſte aller Gaſtgeber hatte in ſei⸗ ner Einbildung fuͤr die genaueſte Erfuͤllung dieſes Auf⸗ trages ſeinen Kopf zum Pfande geſetzt. Aber wie leicht voraus zu ſehen, hatte er zu viel verſprochen, und daher der unbaͤndige Zorn Seiner Herrlichkeit. Mich aber begeiſterte die Ehre der deutſchen Koch⸗ kunſt und der Gedanke an Betty, und es gedieh ein Meiſterwerk. Der Lord ſah das ſtolze Gebaͤude mit — 156— Wolgefallen, und rief nach dem erſten Biſſen enthu⸗ ſiaſtiſck:„Welche Kunſt, welche Vollendung; hier Burſche habt ihr das Doppelte, was ich verſprochen, — kommt in meine Dienſte, ihr ſollt mein Mund⸗ koch ſein!“ Zweitauſend Pfund, der erſte Mundkoch des rei⸗ chen Lord Arthurs. Wer faßt mein Entzucken! Der Alte ſah mich mit großen Augen an, nnd rief ein uͤber das andere Mal:„Wer haͤtte das vermu⸗ thet, daß ein ſolcher Meiſter in dem Jungen ſteckt!“ Daß ich mich kurz faſſe, Herr, ich nahm mein Geld, und gab es dem Wirthe zum Unterpfande mei⸗ ner redlichen Geſinnung, und zur Unterſtuͤtzung meines wiederholten Werbens. Diesmal huͤtete er ſich wol, mich abzuweiſen. Ich verließ Betty als meine Braut zog mit dem edlen Lord, der die ganze Komoͤdie nur geſpielt hatte, um uns gluͤcklich zu machen, kehrte nach drei Jahren mit 5,000 Pfund zuruͤck, heiratete mein Maͤdchen, und uͤbernahm die Wirthſchaft, worin ihr mich gluͤcklich und zufrieden gefunden habt.“ „Und dies Bild hinter dem gruͤnen Vorhang? fragte ich.“„Es iſt der edle, hochverehrte Mann. Vivat, es lebe Lord Arthur, Hamburg und die Hammel⸗ paſtete!“ Die Bachanalien. Eine Erzaͤhlung. 0.⁴αος ⁶ων Sorο πeςέο ⁵οτοs. Plato Sympos. In einem jener unſchaͤtzbaren Manuſcripte, welche Hr. Angelo Mai in der Bibliothek des Vaticans entdeckt hat, befinden ſich drei Reden, welche ſich auf eine abſonderliche Begebenheit beziehen, die unter der Archontſchaft des Euklides in Athen ſich zutrug. Sie beſtehen in einer Anklage einer Art Vertheidigungs⸗ rede und einer Art von Apologie, welche Letztere nach der Beobachtung eines Scholiaſten nicht echt zu ſein ſcheint. Die Reden ſind von aͤußerſt intereſſanten Anmerkungen begleitet, welche die ganze Verhand⸗ lung ſehr genau eroͤrtern, und vorzuͤglich dieſe ſind es, aus denen die einzelnen Umſtaͤnde folgender Erzaͤhlung geſammelt ſind. Es war wie bereits erwaͤhnt, unter der Archont⸗ ſchaft des Euklides, als Milon, ein junger Syra⸗ kuſaner nach Athen kam, angelockt von dem hohen Scheine der Verklaͤrung, welche die Wiſſenſchaften und — 158— Kuͤnſte uͤber die Perle des Alterthums ausgoſſen. Es herrſchte damals ſo wie ſpaͤter in Rom, auch in Athen die Sitte, daß jeder Fremde ſich einen ſogenannten Proſtates, oder nach unſerm Sinne einen Protector waͤhlen mußte, welcher namentlich ſeine Geſchaͤfte zu beſorgen, uͤber ſeine Rechte zu wachen, und ihn vor Beleidigung und Unterdruͤckung zu ſchuͤtzen hatte.— Der Mann, auf welchen Milons Wahl fiel, war Kleon, ein Mann, welcher die hoͤchſten Staatsaͤmter mit Ruhm begleitet hatte, ein ausgezeichneter Redner war, und ſich uͤberdieß als einen kraͤftigen Freund und Goͤnner ſeiner fremden Klienten bewaͤhrte. Bald umſchloß Beide ein enges Band, welches von Verhaͤltniſſen und Gewohnheiten geflochten, durch Gleichheit der Anſichten, Neigungen und des Charac⸗ ters befeſtiget wurde. Beide waren ſtolz und unbeug⸗ ſam, ſchwaͤrmeriſch, und den ernſten Wiſſenſchaften ergeben, beide voll Entſchiedenheit und Energie, eine Eigenſchaft, die je nachdem ihr ein Wirkungskreis an⸗ gewieſen wurde, in eine wohlthaͤtige, oder zerſtoͤrende Bahn gelenkt werden konnte. Nur ihr Alter ſchien einen kleinen Unterſchied hervorzubringen. Kleon war bereits uͤber den Kraftgipfel des maͤnnlichen Lebens hin⸗ weggeſchritten, ohne ſich jedoch merklich dem Greiſe zu naͤhern. Milon aber war vermoͤge ſeiner Jahre kaum in die Graͤnze der Mannheit getreten, hatte ſich jedoch — 159— durch ernſtes, angeſtrengtes Verſenken in die Tiefen der Wiſſenſchaft vorwaͤrts geruͤckt; ſchon ſchwebte uͤber ſeine Braunen der tiefe Eindruck des Nachdenkens und auf ſeiner bleichen Wange lagerte der ſprechende Zeuge der Nachtwachen und ununterbrochener Geiſtesthaͤtigkeit. Jedoch ſchien die Ruhe, welche uͤber ſeinem Weſen bruͤtete, keineswegs natuͤrlich zu ſein;z denn blickte man ihm tiefer ins dunkle Auge, ſo mußte man es wol be⸗ merken, daß nur gewaltſame Feſſeln die Leidenſchaften in ſeinem Innern in ſcheinbarem Schlummer erhielten, wie Orkane im dunkeln Wolkenſchooße ruhen, bereit jeden Augenblick auszubrechen, und Schrecken, Tod und Zerſtoͤrung rings umher zu verbreiten. Der Fremde ergriff begierig jede Gelegenheit, in der Geſellſchaft ſeines Beſchuͤtzers zu ſein, in deſſen Hauſe ſich die Meiſten der vorzuͤglichen Redner und Staats⸗ maͤnner Athens zu verſammeln pflegten. Man erdterte hier Streitfragen aller Art mit dem freiſten Anſtande und der groͤßten Freimuͤthigkeit; klare, ſcharfſinnige Anſichten traten ſchimmernd ans Licht, wie die gedie⸗ gene Goldfrucht in den Gaͤrten der Hesperiden, und die Perle anmuthig entgegnender Beredſamkeit ſtroͤmte uͤber Lippen, deren Worten damals ganz Griechenland mit tiefer Ehrfurcht lauſchte. Sonderbar genug war es jedoch, daß Milon, welcher die Ausſpruͤche des Kleon aberglaͤubiſch verehrte, und ſeinem Benehmen die ge⸗ — 160— naueſte Aufmerkſamkeit ſchenkte, bei politiſchen Discuſ⸗ ſionen, ſo fein und anmuthig er ſich auch dabei be— nehmen mochte, zuweilen einen fluͤchtigen Tiegerblick an ihm wahrnahm, der ihn unwillkuͤhrlich ſchaudern machte. Mitunter hatte er auch Gelegenheit, ihn in den oͤffentlichen Verhandlungen auf dem Forum zu ſehen. Da ſtand der außerordentliche Mann auf der Rednerbuͤhne. Sein durch die Laſt der Geſchaͤfte und der Anſtrengung etwas vorwaͤrts gebeugter Leib richtete ſich in ſeiner vollen majeſtaͤtiſchen Groͤße empor, von dem langen, griechiſchen Oberkleide in maleriſchen Falten umwallt, ſein nervigter Arm ſtreckte ſich gebieteriſch aus, und aus dem noch immer ſchoͤn geformten Munde, von einer ideal griechiſchen Naſe uͤberſchattet, rauſchte wie ein reißender Strom die klare bilderreiche Rede, vollkommen geeignet, die Gemuͤter der Menge zu be⸗ herrſchen. Anfangs machten dieſe Triumphe ſeines Be⸗ ſchuͤtzers dem Juͤnglinge viel Vergnuͤgen, als aber ein Gegner nach dem Andern beſiegt zu den Fuͤßen ſeines Proſtates hinſank, der ſich ſeines Sieges mehr wegen der Beſchaͤmung ſeiner Feinde, als wegen des Vergnüͤ⸗ gens zu erfreuen ſchien, das ſeine Freunde daruͤber em⸗ pfanden, da ahnete Milon dunkel, es moͤchte auch wol der Tag kommen, wo alle dieſe ungemeſſene Kraft ge⸗ gen ihn ſelbſt gerichtet werden ſollte. Aber auch der ernſte Mann hatte nach und nach — 161— den wißbegierigen, fuͤr alles Große und Erhabene em⸗ pfaͤnglichen Juͤngling liebgewonnen, den Verhaͤltniſſe und edle Neigung an ſeine Spuren feſſelten. Oft ruhte ſein Auge mit ſtillem Wohlgefallen auf den edlen, aus⸗ drucksvollen Zuͤgen des Suͤdlaͤnders, welche, obſchon, wie wir fruͤher erwaͤhnten, nicht mehr von dem friſchen Zauber der Jugend durchweht, doch nur ein um ſo geiſtvolleres und anziehenderes Bild geſtalteten. Die nachtſchwarzen Locken umwallten, wie Lavaſtroͤme, das ſtolze Haupt, aus welchem der Krater eines flammen⸗ den Blickes hervorgluͤhte und es war faſt unmoglich, die hohen klaren Anſichten zu hoͤren, welche der Juͤng⸗ ling uͤber die tiefſinnigſten Stellen des Plato ausſprach, oder in ſuͤdlicher Begeiſterung und Glut die Geſaͤnge der Odyſſee verlebendigen zu ſehen, ohne ſich unwill⸗ kuͤrlich zu ihm hingezogen zu fuͤhlen. Kleon umfaßte ihn jedoch nur mit jenem Gefuͤhle der Freundſchaft — wenn es nicht anders Entweihung iſt, ein Gemi⸗ ſche von Gewohnheit und Intereſſe ſo zu nennen— deſſen der kalte, berechnende Egoismus allein faͤhig iſt, und welche wie der ſchimmernde Regenbogen ſpurlos ſchwindet, mit den Momenten, welche ſie ins gehalt⸗ loſe Daſein gerufen haben. Der Fremde war im Winter gekommen. Nun nahte der Fruͤhling heran, und mit ihm das Feſt des Bachus, des Gottes der Bluͤten und des Weines, Schleſing. Herbſtnov. 11 — 162— welches in dieſer Jahreszeit begangen wurde. Von allen Seiten wurden die Vorbereitungen zur glaͤnzen⸗ den Feier aufs Eifrigſte betrieben; Kraͤnze wanden ſich ſchon um die Haͤupter und Arme der Flurgoͤtter, und die genußliebenden Athener freueten ſich im Voraus. Aber in Milons Gemuͤthe entſtand eine Unbehaglich⸗ keit, welche ſich nach und nach zur furchtbaren Angſt ſteigerte, ſo wie jene Feier naͤher und naͤher ruͤckte, als haͤtte eine Gottheit ihm in die Seele gefluͤſtert, daß das ruhige Gewebe ſeines bisherigen Lebens mit einem Schlage in ein duͤſteres, flammendurchzucktes Labyrinth verwandelt werden ſollte. Obſchon die Metoikoi oder Fremden an den Dionyſien nicht ſo wie bei den Pan⸗ atheneen*) gehalten waren, ſich mit kleinen Schiff⸗ lein in den Haͤnden der Prozeſſion anzuſchließen, um ihre Seefahrt von fremden Landen zu bezeichnen, ſo erwartete man doch von ihrer Ehrfurcht gegen die Goͤt⸗ ter, ſie auch hier gegenwaͤrtig zu ſehen, und die Tem⸗ pel der eben ſo gaſtfreien als religioſen Athener ſtan⸗ den, den der Furien ausgenommen, allen Ankoͤmm⸗ lingen offen. Am Morgen des Feſtes erſchien Milon der Sitte gemaͤß, ſchon fruͤher im Hauſe ſeines Proſtates, nahm *) Feier zu Ehren Minervas, der Schutzgoͤttin Athens. — 163— den Sohn deſſelben Euphron, einen Knaben von etwa vierzehn Jahren mit ſich, und eilte mit ihm auf dem kuͤrzeſten Wege nach den Tempel des Dionysius. In⸗ dem ſie den ſchmalen und abhaͤngigen Pfad hinauf klommen, der von Akropolis nach dieſer Straße fuͤhrte, bemerkten ſie, daß der Zug ſich bereits in Bewegung geſetzt hatte, und am Gipfel des Huͤgels angelangt, ſahen ſie ſchon die Kanephoroi, oder Jungfrauen mit den goldnen Koͤrben voruͤberziehen. In dieſem Augen⸗ blicke ergriff der Knabe ſeinen Arm, und mit ſeinem Finger auf eine Jungfrau der Gruppe hindeutend, ſagte er leiſe, aber in froͤhlichem Tone:„Siehe Mi— lon! das iſt meine Muhme und kuͤnftige Braut.“ Milon hatte bisher ſeine Aufmerkſamkeit mehr dem Schauſpiele im Ganzen, als einzelnen Perſonen deſſel⸗ ben zugewendet, aber da ſie ſo gewaltſam auf das Maͤdchen hingezogen wurde, blickte er ſie an— und ſein Schickſal war fuͤr immer entſchieden. Wer mag den geheimnißvollen Prozeß erklaͤren wollen, durch wel⸗ chen die Seele augenblicklich und unwiderruflich das entzuͤckende Bild ergreift, und in den tiefſten Schach⸗ ten ihres ewigen Seins feſthaͤlt? Es iſt ein Wun⸗ derwerk, welches die Liebe taͤglich bewirkt, und an wel⸗ ches das Herz glaubt, obſchon es die Philoſophie nicht an zu entraͤthſeln vermag! Die Liebe allein moͤchte ich den goͤttlichen Prometheusfunken gleichen, die beim erſten 11* — 164— Anblick wie der Strahl Jupiters zuͤndet, ſie iſt die aͤtheriſche Tochter des Olympus, befreit vom Staube des Eigennutzes und der Sinnlichkeit. Die Jungfrau, auf welche der Knabe hingedeutet hatte, war faſt die groͤßte und ſchlankeſte unter den ſechzehn Korbtraͤgerinnen, ihre Formen von der reizen⸗ den und maleriſchen Tracht der Kanephoroi gehoben, waren im hoͤchſten Grade anmuthig und vollkommen. Ihr Antlitz aber ſchien vorzuͤglich von den Goͤttern dazu gebildet, Herzen zu bezaubern und zu umſtricken. Ihre Stirn war vielleicht etwas hoͤher, als es der griechiſche Geſchmack forderte; aber, dieſer Fehler— wenn man anders das einen Fehler nennen kann, was den Stem⸗ pel der Gottheit am Menſchen noch anſchaulicher macht — ward nicht durch eine Stirnbinde bedeckt, wie man ſie in aͤhnlichen Faͤllen zu tragen pflegte. Im Gegen⸗ theile prangte ſie in ihrer vollen Hoheit dadurch, daß das Haar in der Mitte getheilt war, und in reizender Nachlaͤſſigkeit zu beiden Seiten herabfloß, waͤhrend die dichte Lockenfuͤlle durch eine Menge goldener Ringe feſt⸗ gehalten wurde, die ihres aͤcht attiſchen Urſprunges wegen der Gegenſtand der allgemeinen Bewunderung waren. Ihre ſchwarzen Augen blickten ſchuͤchtern und ſittſam, doch ſtrahlte aus ihnen jenes Gemiſch von Mut und Zaͤrtlichkeit, welches die Frauen ihrer Nation characteriſirt. Unter den ſanftgewoͤlbten, ineinanderflie⸗ — 165— ßenden Augenbraunen*½) erhob ſich eine Naſe im rein⸗ ſten griechiſchen Modell, ihr Mund war ein Bogen der Liebe, ihre Wangen umhauchte ein zartes Roth, wie die Farbe, welche manche edle Fruͤchte in der Mor⸗ gendaͤmmerung verklaͤrt, und im Sonnenſchein verſchwin⸗ det. Unter dem goldenen Korbe hervor, der auf ihrem ſchoͤnen Haupte ſchwebte, wallten lange Haare dunkler als der naͤchtliche Horizont im Gewitter, uͤber Hals und Nacken von beinahe ſchmerzerregender Weiße, und um das ganze zauberhafte Bild zu vollenden, lag ſolch ein blitzender Schein von Verſtaͤndigkeit und zarter Ironie uͤber ihr ganzes Weſen hingegoſſen, daß das Anſchauen ihres lieblichen Angeſichtes jedermann bezaubern mußte. So war das Aeußere des Maͤdchens beſchaffen, welches beſtimmt ſchien, das Weſen eines tiefen Den⸗ kers um ſo gewaltiger zu ergreifen, ja gaͤnzlich zu er⸗ ſchuͤttern, als die Schlange der Liebe, ſein, bis dahin in nur ernſten Sphaͤren kreiſendes Gemuͤt nie beunruhi⸗ get hatte. Die ſtillen Keime der, unwiderſtehlichen Leidenſchaft waren mit Rieſenma acht in ihm aufgegan⸗ gen, und er kannte ſich ſelbſt nicht mehr. Ein neues himmliſches Licht verklaͤrte ihm alles, ſogar die Strahlen der Morgenſonne, welche durch die Kuppel des Mar⸗ mortempels herabglitten, die goldnen Gefaͤße, und die *) Dieß galt bei den Griechen als vorzuͤgliches Attribut der Schoͤn⸗ heit. — 166— ſchneeweißen Bildſaͤulen um ihn her, ſchienen glaͤnzen⸗ der, der Fruͤhling duftender zu ſein.— Aber der Zug war bereits voruͤber, und um die Dionyſien nicht zu verſaͤumen, raffte er ſich aus ſeiner augenblicklichen Betaͤubung empor, und ſtuͤrzte mit ſeinem jungen Ge⸗ faͤhrten nach dem Tempel des Bachus. Er war mit den Verhaͤltniſſen des Hauſes nicht unbekannt. Megaline,— ſo hieß die Naͤuberin ſeines Herzens,— war eine reiche Erbin, welche nach dem Tode ihres Vaters unter Kleons Vormundſchaft gekommen, und von dieſem zur Gemalin des Euphron beſtimmt worden war, Milon hatte gar oft von dieſem Opfer der Convenienz und Habſucht ſprechen hoͤren, ohne ſich ſonderlich darum zu bekuͤmmern. Jetzt aber war der Fall anders. Der Liebende hetrachtete mit einem Gemiſch von Entſetzen und tiefem Ingrimme das ſchnoͤde Netz, welches der kalte Egoiſt um das Haupt der lieblichen Megaline gezogen hatte. Er maß ſchaudernd de faſt unuͤberſteigliche Kluft, welche das Schickſal zwiſchen ihm und, wie er homeriſch ſich auszudruͤcken pflegte, den umſchwirrenden Fittig ſeines Lebens geworfen hatte. Er kannte die ſtrengen Geſetze der Athener in dieſer Hinſicht, welche den Fremden, der ſeine Augen auf eine dieſer ſtreng bewachten Schoͤn⸗ heiten zu erheben wagte, mit dem Verluſte der Frei⸗ heit und des Eigenthums beſtraften. Er ſah aber wol — 167— ein, daß die fluͤchtige Vorliebe ſeines Proſtates fuͤr ihn ſich ſogleich in den bitterſten Haß verwandelte, wuͤrde er ſich vermeſſen, deſſen unwandelbaren Ent⸗ ſchluͤſſen hemmend in den Weg zu treten. Aber alle dieſe truͤben Ausſichten glitten ſpurlos von ſeiner, in Liebe gepanzerten Seele, wie die trojaniſchen Pfeile von der Ruͤſtung des goͤttlichen Achilleus. Auch nicht der leiſeſte Zweifel drang ihm ins zuverſichtliche Herz, ob ſeine Gluth auch Erwiederung faͤnde— ſo wahr iſt es, daß auf der goldenen Wolke, welche die heilige Liebe ins Gemuͤth ſenkt, auch ihre goͤttlichen Schweſtern, Hoffnung und Glaube niederſchwe⸗ ben. Griechenlands Frauen, obſchon nicht ſo ſclaviſch be⸗ handelt und eingeſchraͤnkt, wie die Weiber des Mor⸗ genlandes, fuͤhrten doch ein ſehr haͤusliches, zuruͤckge⸗ zogenes Leben. Sie bewohnten die ſogenannten Gyne⸗ kaͤen oder Frauengemaͤcher in dem innerſten Theile des Hauſes, und waren fuͤr jedes fremde maͤnnliche Auge unſichtbar. Ihr Umgang ſelbſt mit den naͤchſten Ver⸗ wandten war nur auf die nothwendigſten und alltaͤg⸗ lichſten Geſpraͤche beſchraͤnkt, welche das Gebiet der Wirthſchaftlichkeit und der Hausfuͤhrung nur mit aͤu⸗ ßerſt wenigen Ausnahmen uͤberſchritten. Edle in dem Gebiete des Reingeiſtigen ſchwebende Frauenliebe, wo⸗ durch die heterogenen Elemente in einander verſchmel⸗ — 168— zen, war den Griechen etwas hoͤchſt Seltenes, ſo viel auch Plato und ſo erhaben er davon ſchwaͤrmen mag. Dafuͤr wußten ſie ſich durch die vertraute, geiſt- und herzerhebende Freundſchaft der beruͤhmteſten Maͤnner ihrer Zeit zu entſchaͤdigen. Die Verehrung, welche eine Aſpaſia von den erleuchtetſten Genien ihrer Zeit ge⸗ noß, und die ſie ihrem freien, von allen Reizen der idealiſchen Welt geſchmuͤckten Umgange mit Jenen verdankte, mußte ſie theuer genug mit dem zweideu⸗ tigen Rufe erkaufen, der eben dadurch uͤber ihren ſitt⸗ lichen Chracter verbreitet wurde. Unter dieſen Umſtaͤnden beſchraͤnkte ſich die Gele⸗ genheit, welche Milon erhalten konnte, ſeine Geliebte zu ſehen, auf die feſtlichen Aufzuͤge, wobei Megaline als jungfraͤuliche Prieſterin ſtets zugegen war. Jene fanden jedoch in Athen und bei den zahlreichen Gott⸗ heiten des Alterthumes ſo haͤufig ſtatt, daß der gluͤhende Sirakuſaner ſich wenigſtens nicht allzuſehr zu beklagen hatte. Mit jener Fruchtbarkeit an Erfindung, welche die Liebe ſtets entfaltet, gelang es dem Juͤnglinge, ei⸗ nigemale ihr Auge auf ſich zu ziehen. Vorzuͤglich gluͤckte ihm dieß am Abende des zweiten Feſttages der Adoneia, welche zum Andenken an den getoͤdteten Liebling Cytherens und ihren Schmerz gefeiert wurde. Er ſtellte ſich an die Straße Xenika, wo ehedem das Haus des Redners Antiphon geſtanden hatte. Eben ——ÿ—ÿ—ᷣ——˖˖—„„ 4— — 169— zogen die Prieſterinnen der Venus vorbei, mit Seemu⸗ ſcheln(den ſogenannten Gaͤrten des Adonis) in den Haͤnden, in denen die heiligen Pflanzen und vorzugs⸗ weiſe der Lattich wuchſen, worauf Cypris ihren Liebling zur Schau geſtellt haben ſoll, die Weiber rauften ihr Haar, ſchlugen an ihre Bruſt, und erfuͤllten die Luft mit Heulen und Klagen. Hinter ihnen zog die Schaar der Jungfrauen in ehrfuͤrchtiger Stille und die unſin⸗ nigen Gebehrden ihrer Vorgaͤngerinnen nicht nachahmend. Megaline, glaͤnzend wie die Koͤnigin ihrer Gefaͤhrt⸗ innen, ſtreifte hart an dem Liebenden voruͤber, als er in ſuͤßem Schauern ſein Herz im Buſen hoch aufwallen fuͤhlte, und wie hingeriſſen von Empfindung ihren theuren Namen in dem Augenblicke mit zitternd be⸗ wegter Stimme ausſprach. Megaline ſtutzte, und heftete in augenblicklichem Unwillen ihr großes dunkles Auge auf den kuͤhnen Fremdling; als ſie aber das ſcheue, verklaͤrte Entzuͤcken bemerkte, mit welchem er auf ſie hinblickte, da ſchwand ihr Zorn, wie die Rauchwolke in heiterer Maienluft, und der ſcharfe Pfeil drang blitzſchnell in ihr Herz, daß es ihr den Athem hemmte. Ohne zu wiſſen, was ſie that, heftete ſie den Blick aͤngſtlich auf den Juͤngling, und als ſie dem Flammen⸗ ſtrahle ſeiner Augen begegnete, da uͤbergoß tiefer Pur⸗ pur ihre Wangen, und ſie ſenkte in regelloſer Verwir⸗ rung ihre Wimpern nieder. — 170— Das Bild des Fremden wollte auf dem uͤbrigen Wege zum Tempel nicht aus ihrem Gemuthe weichen. Sie ſuchte ihn forthin vergebens unter dem Haufen der Zuſchauer. Als ſie in die Vorhalle des Tempels trat, erblickte ſie ihm an dem Schaft der Saͤule lehnend, und denſeben gluͤhenden Blick auf ſie entſendend. Sie ſah ihn jedoch nur einen Augenblick, denn der Anfang des Gottesdienſtes nahm ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Von dieſem Tage an wurde dem armen Milon die Ungewißheit ſeiner Lage unertraͤglich. Wie mit tauſend Haken riß die Laſt ſeines Buſens an den eiſer⸗ nen Ketten der Verhaͤltniſſe, um ſie zu ſprengen. Um⸗ ſonſt! ſie klirrten nur feſter uͤber ihn zuſammen. Er beſuchte nun das Haus ſeines Proſtates noch eifriger als fruͤher; denn er empfand einen Troſt darin, in den Ringmauern deſſelben Hauſes mit ihr zu athmen. Ja, nach und nach geſtaltete ſich eine Art von Hoff⸗ nung in ihm, daß Menſchen und Geſetze in ſeinem Falle von ihrer fuͤhlloſen Strenge nachlaſſen muͤßten. Von dieſer Ahnung gewiegt, und zugleich in der Abſicht, die Meinung des Kleon uͤber dieſen Punkt einzuholen, lenkte er eines Abends, als ſich, wie gewoͤhnlich, eine Anzahl der ſcharfſinnigſten Dialektiker verſammelt hatte, die geiſtreiche Unterhaltung auf die Stelle des Plato, welche wir zum Motto unſers Aufſatzes gewaͤhlt haben. — 171— Indem er die Worte des Unſterblichen:„Meine Zunge kuͤndet von der Liebe“ begeiſtert ausrief, ergoß er ſich in ſo gluͤhenden Stroͤmen uͤber dieſen Affect, der ſich jetzt in das Mark ſeines Lebens gewandelt, erhob ihre Reinheit und Göttlichkeit in ſolcher Verklaͤrung, ſtieß in ſo bitterer Verachtung die Schranken um, welche Convenienz und niedrige Berechnungen um ihre Quelle bauen, daß ſeine Zuhoͤrer den Verzuckten in ſprachloſer Verwunderung anſtaunten. Aber ein kalter, aus Hohn, Mitleiden und Grimm gemiſchter Blick des Kleon drang wie Winterhauch in den bluͤhenden Fruͤhling ſeiner Rede, und ſchlang eine eiſige Rinde um den Krater ſeines Gefuͤhls. So irrte er, von den Furien unbefriedigter Leiden⸗ ſchaft gequaͤlt in rathloſer Verzweiflung, und ſchlich ganze Abende und Naͤchte verſtoͤrt und zerruͤttet um das Haus ſeines Proſtates, ohne daß er es uͤber ſich vermochte, hineinzutreten. An einem dieſer Abende be⸗ merkte er, daß ein ſchlankes, artiges Maͤdchen aus dem Hauſe ſchluͤpfte, welches er an dem bloßen Arme fuͤr eine Sclavin erkannte. Sie ging in die tiefer gelegene Stadt, und kehrte bald darauf zuruͤck. Dieſelbe Er⸗ ſcheinung wiederholte ſich am folgenden Tage, ſo daß Milon freudig zu glauben begann, die Goͤtter haͤtten ſich erbarmend, ihm dieſen Boten der Liebe geſendet. Er faßte daher Mut, und knuͤpfte mit dem Maͤdchen — 172— ein Geſpraͤch an. Durch viele, jedoch behutſame Um⸗ wege brachte er ſie endlich auf den Punct, wohin er ſie gewollt hatte. Aber zu ſeinem unendlichen Erſtau⸗ nen vernahm er nun, daß ſeine Perſon, ja ſelbſt ſeine Leidenſchaft und Gefuͤhle in den Gynekaͤen nicht unbe⸗ kannt waren, und daß man haͤufig davon geſprochen. Ja, er glaubte in dem Betragen des Maͤdchens eine Andeutung zu bemerken, daß ſelbſt Megalinen ſeine Gefuͤhle kein Geheimniß waren, obſchon er die Goͤtter allein fuͤr Mitwiſſer derſelben gehalten hatte. Die Sclavin, obwol ſcheu und behutſam, war kei⸗ neswegs abgeneigt, von ihrer reizenden Gebieterin zu ſprechen. Im Gegentheile ſchien ſie bei der Schilder⸗ ung der Vortrefflichkeiten ihres Gemuͤtes und der Schoͤnheit und Anmuth ihrer Perſon, jenes Vergnuͤgen zu empfinden, welches wir fuͤhlen, indem wir die Schuld der Dankbarkeit zuruͤckerſtatten. Als Milon in einem gezwungenen, lachenden Tone von der Ver⸗ bindung des jungen Euphron mit Megalnien ſprach, glaubte er bei dem Scheine einer Lampe, welche vor einem Tempel hing, ein verachtendes Laͤcheln uͤber die Zuͤge der Sclavin hingleiten zu ſehen, und von allen den unzaͤhligen Bedeutungen, welche dieſes Laͤcheln haben konnte, waͤhlte er die, welche ſeiner Liebe am guͤnſtigſten zu ſein ſchien. So pflegte er mehrere Tage hindurch Umgang mit — 173— der Sclavin, ohne daß er ihr ſein Geheimniß anzuver⸗ trauen wagte. Am ſiebenten Tage endlich, als er das Herz des Maͤdchens gewonnen zu haben meinte, brach der Zuſtand ſeines Innerſten hervor, und mit all' je⸗ ner leidenſchaftlichen Heftigkeit, welche ſeinen Character bezeichnete, beſchwor er ſie, ihm eine Unterredung mit Megalinen zu verſchaffen. Das Maͤdchen ſchauderte zuruͤck, als haͤtte ihr Fuß auf eine Schlange getreten. „Bei den Furien! junger Mann“ ſagte ſie, noch vor Schrecken bebend,„Eure Sinne haben ſich verwirrt. Entdeckt Euch Kleon in ſeinen Frauengemaͤchern, ſo wuͤrde er, kaͤmet Ihr auch mit dem Leben davon, euch in dieſe Tracht ſtecken, nnd weit genug von Athen entfernen.“ Ihre Stimme ſtockte und ihre Lippen bebten, als ſie ſo ſprechend, ihren nackten Arm erhob, und auf die Brandmale an ihrer Stirne deutete.„Wol, Maͤd⸗ chen!“ erwiederte der Liebende, und die Zaͤhren des Schmerzes quollen gewaltſam aus dem maͤnnlichen Auge, „wol Maͤdchen, das Brod des Sclaven, es iſt bitter, aber noch entſetzlicher die Qual desjenigen, der in ver⸗ zehrender Glut ohne Linderung lechzt. Ich beſchwoͤre dich, bei deinem Sehnen nach heiliger Freiheit, bei der Erinnerung an das Herz deines Vaters, und haſt du je geliebt, bei dem Andenken an die Seligkeit der Liebe, gewaͤhre mir, was ich flehe.“ Bei dieſen Worten — 174— blickte Milon flehend in das wirklich ſanfte und aͤcht weibliche Antlitz der Sclavin, und bemerkte Thraͤnen in ihren Augen, waͤhrend ſie von Ruͤhrung, wie eine Espe vom Zephyr, bewegt war. Endlich ſagte ſie leiſe und ſchnell, jedoch mit bewegter Stimme:„Erwartet mich morgen hier— wir wollen ſehen— wir wollen ſehen,“— und flog eilig, als fuͤrchtete ſie ihm mehr Hoffnung, oder etwas Gewiſſeres zu ſpenden. Man kann ſich wol denken, daß der Liebende puͤnct⸗ lich am beſtimmten Orte erſchien— aber die Sclavin kam nicht. Es wurde ſpaͤter und ſpaͤter, die Zahl der Fußgaͤnger auf den Straßen minderte ſich, die Thore der Stadt ſchloſſen ſich knarrend, die Klepſidra zeigte bereits auf Mitternacht,— und er harrte noch immer vergebens. Tauſend Gedanken durchkreuzten im wilden Chaos ſein Gemuͤt. Hatte er ſie uͤberſehen— un⸗ moͤglich!— oder war ſie krank,— oder war ihre Gebieterin ob ſeiner Frechheit erzuͤrnt— oder ſollte — unglaublich! ſollte ihn das Maͤdchen an Kleon verrathen haben!— Von ſolchen Zweifeln gemartert, wandelte er wie betaͤubt durch die oͤden Straßen auf und nieder, bis die Sterne allmaͤlig, wie vom Leuchten ermuͤdet, nur noch ſchwach flimmerten, und am er⸗ grauenden Horizont in ſanft gluͤhender Roͤthe entſchwan⸗ den. Nun öffneten ſich wieder knarrend die gewichti⸗ gen Fluͤgel der Stadtthore, und die Landleute zogen — 175— mit ſchwerbepackten Maulthieren unter Singen und Lachen nach dem Marktplatz. Jede Hoffnung, die Sclavin zu ſehen, war fuͤr heute verloren, und Milon verließ unmuthig und verſtoͤrt den Schauplatz ſeiner ge⸗ taͤuſchten Erwartungen. Nachdem er halb willenlos den ganzen Morgen in der Gegend herumgeſtreift hatte, befand er ſich gegen Mit⸗ tag in einem kleinen, den Eumeniden, geweihten Luſt⸗ waͤldchen, an der Straße nach Laurion. Hier ſetzte er ſich nieder, geſchwaͤcht an Geiſt und Koͤrper, und indem er die zahlreichen Fuhrwerke und Reiter angaffte, welche ſich zwiſchen der Stadt und den Minen der Republik hin und her bewegten, bemerkte er einen einzelnen Reiter, und erkannte in ihm zu ſeinem Erſtaunen Kleon, der ſich nach allem Anſcheine, nach den Mi⸗ nen begab, und weder links noch rechts blickte.„Jetzt, dachte er, iſt der Augenblick,“ und er ſtand ſchnell auf, und ging in die Stadt zuruͤck. Als er ſich nach dem Hauſe ſeines Proſtates be— gab, vernahm er zu ſeinem Schrecken, daß die ganze Familie die Stadt bereits verlaſſen und ſich nach einem Landhauſe naͤchſt den Minen begeben habe, ohne daß man genau wußte, wenn ſie zuruͤckkehren wuͤrden. Außer dem betruͤbenden Gedanken, daß er nun von Megalinen noch ſtrenger abgeſchieden ſei, erwachte wieder die Angſt mit neuer Kraft in ſeiner Seele, von — 176— der Sclavin verrathen worden zu ſein. Denn hätte ſonſt Kleon ſeinen Aufenthalt veraͤndert, ohne ihn davon zu benachrichten?— Er erinnerte ſich jedoch bald wie⸗ der, daß er die letzten Tage ſeines Proſtates Haus gar nicht beſucht hatte, und daß dieſer folglich keine Ge⸗ legenheit gefunden, ihm dieſe Veraͤnderung wiſſen zu laſſen. Durch dieſe Vorſtellung ermuthigt, beſchloß er, unter irgend einem Verwande ſich in ihren jetzigen Aufenthalt zu begeben, und die Gaſtfreundſchaft des Kleon in Anſpruch zu nehmen. Er kam an, wurde freundlich, insbeſondere von dem Knaben mit Freuden empfangen, und auf das Beſte bewirthet. Aber weder von Megalinen, noch aber von der Sclavin konnte er auch nur den Saum des Gewandes erblicken. Man vermied es ſichtbar, von ihr zu ſprechen, und ſelbſt der Knabe, welcher ſich fruͤher in dieſem Puncte ziemlich ungezwungen be⸗ nommen hatte, zeigte ſich jetzt aͤußerſt zuruͤckhaltend, ſo oft die Rede auf ſeine kuͤnftige Braut kam; und wußte dann dem Geſpraͤche mit mehr Geſchicklichkeit, als man ſeinem Alter haͤtte zutrauen ſollen, eine andere Wendung zu geben. Die Verzweiflung der Un⸗ gewißheit gab endlich Milon den Muth, den gefuͤrch⸗ teten Mann ſelbſt um das Befinden Megalinens zu fragen. Anfangs zuckte ein Strahl des Unwillens durch die buſchigten Augenbraunen bis an die Mund⸗ — 177— winkel, wie ihn der Juͤngling auf der Rednerbuͤhne gar oft an ihm geſehen hatte, wenn der weite Markt⸗ platz von Murren oder Widerſpruͤchen des Volkes er⸗ toͤnte— aber bald erſchien das kalte Laͤcheln wieder in ſeinem Angeſichte, und er erwiederte, mit froſtiger Hoͤflichkeit die Formel: 2ce αα¶rðQοαmö dyανν. Milon blieb ſo lange, als es ihm der Wohlſtand nur immer erlauben wollte, dann dachte er daran, ſich zuruckzuziehen. Mit gebrochenem Herzen und von un⸗ ausſprechlicher Wehmuth erfuͤllt, wandelte er am letzten Abende, welcher ihm auf der Villa vergoͤnnt war, un⸗ ter den oͤden Huͤgeln in der Naͤhe von Laurion, und gelangte unvermerkt auf den Platz, wo die Sclaven begraben zu werden pflegten. Der Mond brach durch die dichte Wolkenmaſſe mit ſeinen unheimlichen bleichen Strahlen, wie eine durch den Zorn des Himmels ver⸗ witterte Ruine durch eine duͤſtere Waldſchlucht hervor⸗ ragt, und beſchien mitleidig die letzten Ruheſtaͤtten jener Ungluͤcklichen, deren ſchmerzerfuͤlltes Antlitz ſeiner leuch⸗ tenden Scheibe im Leben nur Thraͤnen gezeigt hatte. Tiefe Stille herrſchte ringsum, nur zuweilen von dem unheimlichen Rufe des heiligen Vogels, oder dem Ge⸗ heule des Schakals unterbrochen. Ganz in den Abgrund ſeiner Troſtloſigkeit verſenkt, ſetzt ſich Milon halb be⸗ wußtlos auf einen der rohen, unanſehnlichen Grabſteine, und in der Verlorenheit ſeines Gemuͤtes ſehnte er ſich Schleſing. Herbſtnov. 12 — 178— unter den friedlichen Bewohnern der ſchweigenden Stadt zu ruhen, und mit dem letzten Pulsſchlage ſeines Her⸗ zens von deſſen nagenden Leiden zu geneſen. So ſaß er betruͤbt und innerlich vernichtet, bis nach und nach die Nachtgoͤttin ihren Wolkenſchleier immer tiefer herabbreitete, und ihrer Mitte ſich zu naͤherte. Sie ſchien jedoch nicht ſo friedlich enden zu wollen, als ſie ſich gezeigt; denn unheimlicher Sturm durchſauſte ihren Schoos, und eine geheimnißvolle Bewegung knuͤpfte ſich zwiſchen Himmel und Erde, als ſeien ſie in un— freundlichem Wortwechſel begriffen; die Sterne zogen ihre Leuchte ein, der Mond bedeckte wehmuͤthig ſeine halb abgewandte Scheibe, und die Nachtvoͤgel krochen zitternd in die Kluͤfte, wie die zarte Jungfrau bei har⸗ ten Kaͤmpfen wilder Maͤnner ſich zuruͤckzieht. Es war Mitternacht, als ein Mann, deſſen rieſi⸗ ger Schatten weithin uͤber die Graͤber ſich ſtreckte, vorſichtig, aber dennoch— wie es ſchien— ziemlich entſchloſſen heranſchlich. Seine hohe Geſtalt war in einen langen ſchwarzen Mantel gehuͤllt, deſſen Inneres mit einem Zeuche von grellrother Farbe uͤberzogen war, ſein Kopf war unbe⸗ deckt, und die langen, roͤthlichen, widrigglaͤnzenden Locken flogen unordentlich und verrwirrt um das lange eingefallene Antlitz, aus welchem die blaßgrauen Augen wie Irrwiſche durch das Dunkel gluͤhten. Halb ergrau⸗ — 179— end vor der unheimlichen Geſtalt zog ſich Milon unter einen großen Stein zuruͤck, wo er ſehen konnte, ohne geſehen zu werden. Der Mann legte den Mantel ab, und erſchien in einem blutrothen Unterkleide, deſſen Saͤume mit hiero⸗ glyphiſchen Characteren beſetzt waren. Seine ungewoͤhn⸗ liche Groͤße machte nur noch einen impoſanteren Ein⸗ druck, da ſeine Formen ausdruͤcklicher hervortraten, und ein nackter, herkuliſcher Arm bewies, daß auch hier die Kraft nicht vermißt werde. Er nahte ſich einem der friſch aufgeworfenen Graͤber, hob einen danebenlie⸗ genden Spaten auf, und fing an die Erde umzuwuͤhlen. Die ſpielende Leichtigkeit, mit welcher er dieſe muͤhſame Arbeit verrichtete, ließ naͤchſt der Staͤrke auch Uebung vermuten. Das Grab war geoͤffet, und ſich tief hinunter⸗ beugend verſuchte der Mann den Leichnam hervorzu⸗ ziehen. Da ſprang Milon ploͤtzlich vorwaͤrts, ergriff den Verbrecher bei der Bruſt und warf ihn zu Boden. Der Graͤber, welcher wol wußte, daß er bei einer That war ergriffen worden, welche, nach Athens Geſetzen, mit dem Tode beſtraft zu werden pflegte, und nicht anders glaubte, als daß derjenige, der ihn feſthielt, ein Diener der Gerechtigkeit ſei, erbebte, als traͤfe ihn bereits die Schlangengeißel der Furien, und auf die drohende und ſtolze Frage Milons entgegnete er, er 12* — 180— ſei ein theſſaliſcher Zauberer, und habe den Koͤrper aus⸗ gegraben, um ihn mittelſt gewiſſer unheimlicher Be⸗ ſchwoͤrungen auf Augenblicke ins Leben zu rufen und ſeine Zukunft zu befragen. Bei dieſen Worten des Theſſaliers flammte wie der Blitz, ein verzweifelter Ent⸗ ſchluß durch das zerruͤttete Gemuͤt des Liebenden. Und weßwegen, ſagte er milder, indem er ihm ein wenig mehr Luft ließ, weßwegen wollteſt du in den Schoos der Zukunft ſchauen? Das, verſetzte jener, und legte die Hand aufs Herz, muß hier bleiben. Wol, ſagte Milon, als ſein Vorſatz ihm ſelbſt klarer wurde, mache den Verſuch fuͤr mich, ich habe die Mittel in den Haͤnden, dich dafuͤr zu belohnen. Der Magier ſchien ſich einen Augenblick zu bedenken, dann erwiderte er: Es ſei, folgt mir!— Er hatte ſich indeß vom Boden erhoben, raffte den Leichnam empor, und verließ die Graͤber, indem der Jungling ihm in jener dnmpfen Betaͤubung folgte, welche gewoͤhnlich nach heftigen und außerordentlichen Erſchuͤtterungen einzutreten pflegt. Die dichte Wolken⸗ huͤlle hatte ſich nun wie ein Trauerkleid um den Him⸗ mel gelagert, der Sturm heulte drohender durch die friedlichen Oelbaͤume, und einzelne Blicke durchzuckten das Firmament nur ſchwach und in langen Zwiſchen⸗ raͤumen, von Donner begleitet.— Die beiden Wan⸗ derer klommen einige Zeit durch einen rauhen und — 1— ſteinigen Pfad, bis ſie an einem Felſen ſtanden; der Magier warf die Leiche nieder, und befahl ſeinem Be⸗ gleiter zu warten. Bald darauf verlor er ſich um eine Ecke, und ſchon glaubte Milon, daß jener ſein Heil in der Flucht geſucht habe, als er zuruͤckkehrte, an jeder Hand einen Knaben von etwa 7 bis 8 Jahren fuͤhrend, deren duͤrftiges Ausſehen, ſo wie das Brandmal auf ihrer Stirne ſie als die ungluͤcklichen Abkoͤmmlinge von Leibeigenen bezeichnete. Der Theſſalier trat Milon nahe, und ſprach in einem leiſen, doch feierlichen Tone: „Wenn das Blut, welches jetzt die Adern dieſer Kna⸗ ben ſchwellt, in die erſtarrten Gefaͤße der Leiche uͤber⸗ geht, dann wird ſie lebendig, und wir beſitzen den Spiegel der Zukunft.“ Als haͤtte der Phlegeton Flammenſtroͤme uͤber ſein Haupt ergoſſen, ſo prallte der Juͤngling vor dem Ent⸗ ſetzlichen zuruͤck, aus deſſen kaltem Moͤrderblick hoͤhniſches Wolgefallen leuchtete, und nach einer augenblicklichen Pauſe, waͤhrend welcher er alle Pein eines Verdamm⸗ ten zu fuͤhlen ſchien, rief er aus: Haſt du kein anderes Mittel Blutiger! um zu erfahren, was ſein wird? Nein, entgegnete der Theſſalier kalt. Wohlan denn, ſagte Milon, wir gehen, ich mit den Qualen des Zweifels und der Ungewißheit beladen, du aber Leichen⸗ raͤuber!— Halt! rief der Zauberer, als der Juͤngling ſich umwandte, um ſich zu entfernen, es giebt noch — 182— einen Ausweg, aber er fuͤhrt nicht ſo ſicher zum Ziele. Milon winkte ihm die Kinder wegzufuͤhren, fluͤſterte ihm aber noch vorher ins Ohr: Kruͤmme kein Haar auf ihrem Haupte, ſo lieb dir dein Leben iſt. Der Theſſalier lächelte, und ging mit den Kleinen fort, welche, obſchon ſie ſeine Worte nicht verſtanden hatten, doch halb todt vor Schreck zu ſein ſchienen. Einen Moment darauf kehrte er zuruͤck, gab die Lampe dem Juͤngling, und fuͤhrte ihn durch enge Pfade und zwi⸗ ſchen uͤberhangenden Felſen in eine Hoͤle, welche ſich in dem unzugaͤnglichſten Theile des Gebirges befand. Sie traten in das unheimliche Steingemach und Milon betrachtete mit innerem Grauen ſeine Um⸗ gebung. Die Waͤnde der Hoͤle erſchienen von uner⸗ meßlicher Hoͤhe, und eine undurchdringliche Finſterniß erfuͤllte den Raum, welche nur zoͤgernd und unwillig dem ſchwachen Scheine der Lampe in ihren Schoos zu dringen geſtattete. Eine dichte, zaͤhe Fluͤſſigkeit ſickerte in dem Geſteine, und die eingeſchloſſene Luft hatte eine dumpfe, erdruͤckende Schwere angenommen. Nach einem augenblicklichen Schweigen begann der Magier ſeine Operation. Er legte den Leichnam auf eine Marmortafel welche in der Mitte der Hoͤle lag, und jetzt ſah der Juͤngling, daß es ein junger Mann war, deſſen tiefe Wunden einen gewaltſamen Tod anzuzeigen ſchienen. — 183— Hierauf ergriff der Magier ein breites Opfermeſſer entfernte ſich, und ließ den Juͤngling, in tiefes Dunkel gehuͤllt zuruck. Draußen hatten ſich die Wolken in⸗ deſſen ihrer Buͤrde entladen. Dichter Regen goß gleich einem Waſſerfalle mit tobendem Geraͤuſche nieder, der Himmel ſtand in electriſchen Flammen, und der Donner in einander ſtiebender Wolken erſchuͤtterte die Grund⸗ feſten der Erde. Mitten durch vernahm Milon die eintoͤnige, haarſtraͤubende Beſchwoͤrungsformel des Ma⸗ giers, die wie Nachtgekraͤchze des Uhus klang, und ploͤtzlich durch Pferdegetrappel unterbrochen wurde. Nun ertoͤnte ein Laut des tiefſten Schmerzes und der To⸗ desangſt, wie bei dem Verſcheiden eines Thieres, hier⸗ auf folgte ſchwaches Stoͤhnen und nun ein Moment furchtbarer Stille. Jetzt trat der Theſſalier wieder mit der Lampe und einer Schale in der linken Hand herein, nahte ſich dem Todten, und ſuchte, wie es ſchien, mit vieler Erfahrenheit ſein Unternehmen be⸗ enden zu wollen Peoͤtzlich rauſchte es, wie Sturm von dem Hinter⸗ grunde der Hoͤle gegen den lichten Raum hin. Der Schein der Lampe wurde noch ſchwaͤcher und kleiner, ſo daß ſie nur wie ein Gluͤhfunken hervordrang, und erſtarb endlich allmaͤlig, waͤhrend eine Art blaſſer Helle ſich verbreitete, die jedoch von jener ausging. Milon horchte angſtvoll und wie krampfhaft erbebend auf die — 184— geheimnißvollen Stimmen, welche um ihn floſſen und auftauchten, als der Leichnam anfing zu athmen, zu ſeufzen, duͤſtere hohle Toͤne ausſtieß, und ſich mit Macht aufzurichten ſtrebte. Nun prallte der Theſſalier gleichſam ſelbſt ſchaudernd von dem Tiſche zuruͤck, waͤh⸗ rend der Todte ſich gegen ſie wendend von der Tafel herabſtieg. Im naͤchſten Moment ſtand er auf den Fuͤßen, ſtieß einen wilden und ſo durchdringenden Schrei aus, daß es wie ein Geſpenſt das Mark des Berges erſchütterte, heftete den ſtarren, glaͤſernen Blick wie ſtrafend auf die frechen Stoͤrer ſeiner Ruhe, ſchleu⸗ derte ſich ſelbſt vorwaͤrts und— ſtuͤrzte regungslos auf den Boden, ohne auch nur einen einzigen Laut auszu⸗ ſtoßen.— In troſtloſer Verzweiflung uͤber dieſen Er⸗ folg ſeiner Bemuͤhungen ſchlug der Theſſalier an ſeine Bruſt, raufte ſein Haar, und ſtand hierauf einige Zeit ſtill und unbeweglich. Doch als Milon ſprechen wollte, bemerkte er bei dem Scheine der Lampe, die jetzt wie⸗ der ihren fruͤhern Glanz erhielt, daß der Magier den Finger auf den Mund gelegt hatte. Das Stillſchwei⸗ gen mochte einige Minuten gedauert haben, da rang ſich mit Macht ein gewaltiger Entſchluß aus der Seele des Theſſaliers los, er ergriff das Opfermeſſer, und verſetzte ſich ſelbſt einige Wunden. Das hervorſprin⸗ gende Blut fing er mit der hohlen Hand auf, und ſprengte es mit verſchiedenen geheimnißvollen Spruͤchen — 485— in die Luft. Da wurde es dunkel wie vorher, un⸗ zaͤhlige Schattengeſtalten flogen hin und wieder, und in ihrer Mitte ſtand ploͤtzlich ein Phantom, bleich und durchſichtig, aber Lichtwellen aus ſeiner ganzen Geſtalt entſendend, wie der Mond am morgendlichen Himmel. Als die geſpenſtige Figur naͤher trat, erblickte Mi⸗ lon mit Entſetzen ſein Ebenbild, und ein Gefuͤhl von durchdringendem Schauer mit unbeſchreibbarer Angſt vermiſcht, uͤberfiel den ungluͤcklichen Juͤngling, ſeine Zunge klebte am Gaumen, ſein Haar ſtraͤubte ſich bor⸗ ſtig empor, und ſein Blick ſtarrte beinahe gedanken⸗ und bewußtlos die Erſcheinung an. Dieſe erwiederte auf die Beſchwoͤrungen des Magiers kein Wort, aber ſie geſtaltete ſich zum Bilde eines Mannes, der bleich und nur nothduͤrftig mit Lumpen bekleidet in einem Kerker gefeſſelt lag, deſſen Mauern ſich uͤber ihn empor⸗ zuthuͤrmen ſchienen. Wilde und phantaſtiſche weibliche Geſtalten erfuͤllten jetzt den Raum und ſtuͤrzten gegen das Bild, als wollten ſie es Glied vor Glied zerfleiſchen. Ein durchdringender Schrei und furchtbares Heulen er⸗ ſcholl nun in den Raͤumen; die furienartigen Weiber ergriffen den Gefangenen um ihn fortzuſchleppen,— da erſcholl ein dreifaches Wehe— die ganze Viſion verſchwand, und die Hoͤle war ſo dunkel wie der Erebus. Nachdem Milon ſein Geſchaͤft mit dem Magier ſo beendigt hatte, leitete ihn dieſer durch wilde und — 186— gekrummte Pfade auf die Heerſtraße, die von Laurion nach Athen fuͤhrte, und verließ ihn. Faſt willenlos folgte ihm der Juͤngling; der entſetzliche Spiegel ſeiner Zukunft ſtand ihm noch entſchleiert vor der Seele. Kerker— Feſſeln— vielleicht auch der Tod!— Aber der Geiſt der Liebe, der ihn allgewaltig ergriffen hatte, ließ ihn nicht deutlich in den Rahmen ſchauen, und der eiſige Froſt der Furcht vermochte nicht, den Kocytus in ſeinem Herzen zu kuͤhlen.„Kommt Martern“ ſprach er in die Nacht faſt rufend, als wollte er ſeine eigene Stimme bekaͤmpfen,„aber mein Herz ſollt ihr nicht wenden. Ich will dieß Feuer naͤhren, welches die Goͤtter in meiner Bruſt entzuͤndet haben, ſollte es auch ſeine Feſſeln ſprengen und mich verzehren.“ Nach und nach, als die kuͤhle Nachtluft durch das vorhergegangene Gewitter reiner und friſcher geworden, wurde ſeine furchtbar aufgeregte Phantaſie ruhiger, und der milde Thau der Hoffnung, der Liebe und der Ju⸗ gendluſt umhuͤllte wohlthaͤtig die graͤßlichen Ereigniſſe der naͤchſten Vergangenheit. Aber, als die ſchwarze Decke, welche uͤber ſeinem Haupte ſchwebte, ſich zu lichten begann, als die erſten Strahlen der Daͤmmer⸗ ung wie goldene Pfeile hervorſchoſſen, als das Licht die verjuͤngte Erde mit neuer, warmer Inbrunſt umfing, und Flur und Wald dem holden Ankoͤmmling entge⸗ genjauchzten, und die Lebenskraft auf den glaͤnzenden — 187— Wogen herabzuſchweben ſchien auf alle Weſen des Staubes, da war ihm die verlebte Nacht nur ein boͤſer Traummoment geworden, der mit der Sinnentaͤuſchung, die ihr geboren auch verſchwindet. Doch in ſeinem Innern war er durch Schrecken und Anſtrengung zur feſten, unerſchuͤtterlichen Entſchloſſenheit gereift. Furcht und unmaͤnnliches Zagen waren verſchwunden, kalte Beſonnenheit, ſo weit es naͤmlich ſeine heftige Leiden⸗ ſchaft zuließ, an ihre Stelle getreten. So trat er, dem eisbedeckten Hekla nicht unaͤhnlich, mit ſcheinbarer Indifferenz in die Thore der Minervenſtadt, und ſah der Zukunft mit dem feſten Vorſatze entgegen, ihren Zuͤgel zu ergreifen, und ſie nach ſeinem Willen zu geſtalten. Nach mehrern Tagen erfuhr Milon, daß Kleon und ſeine Familie in die Stadt zuruͤckgekehrt ſeien. Noch an demſelben Tage ging er an den gewohnten Ort ſeiner Zuſammenkunft mit der Sclavin, und ſiehe! ſie hatte bereits ſeiner gewartet und trat ihm entgegen. Leicht wußte ſie die Vorwuͤrfe wegen ihres Wortbruches zu beſeitigen, welche Milon uͤber ſie ausſtroͤmte. Sie erzaͤhlte naͤmlich, daß der Befehl zu ihrer unge⸗ ſaͤumten Abreiſe ſchnell und dringend gegeben worden ſei. Draußen bei den Minen habe ſie mit ihrer jun⸗ gen Gebieterin in einem ſehr anmuthigen Garten ge⸗ wohnt, deſſen Ringmauern zu uͤberſchreiten, ihr aufs — 188— ſtrengſte verboten worden ſei. Hier ſei ſie mit Mega⸗ linen in ſtiller Einſamkeit herumgewandelt, bis Sehn⸗ ſucht nach— ihm(ſie wollte, oder ſollte es ihm nicht verhehlen) ſie uͤbermannt, und ſie erkrankt ſei. Ein boͤsartiges Nervenleiden hatte die Liebenswuͤrdigſte ihres Geſchlechtes ergriffen, und die treue Sclavin durwachte die Naͤchte an ihrem Lager. Endlich haͤtten die Aerzte befohlen, ſie nach Athen zuruͤckzubringen, wo ſie ihrer gaͤnzlichen Geneſung entgegenharre. Von neuem drang nun Milon in ſie, ihn bei dem Gegenſtande ſeiner gluͤhenden Sehnſucht einzufuͤhren, und— mochte es die unwiderſtehliche Gewalt ſeiner Rede ſein, die wie ein wilder Bergſtrom reißend von dannen brauſte, oder kam die Sclavin in der Abſicht, ſich uͤberreden zu las⸗ ſen, genug, ſein Flehen wurde gewaͤhrt, und er fuͤr den naͤchſten Abend zum Gartenthor des Kleon be⸗ ſchieden. Ein ſuͤßer Traum ſchien dem Juͤngling das Klopfen ſeines ungeduldigen Herzens, als ihm der Untergang der Sonne die Gipfel der hochaufſchwebenden Zypreſſen in dem Garten ſeines Proſtates vergoldete. Er ſchalt ſich ſelbſt einen Wahnwitzigen, der die ſtille Hoffnung ſeines Innern nach Außen verkoͤrpert, und den entfes⸗ ſelten Wunſch fuͤr Gewaͤhrung genommen haͤtte, ſo zweifelte er, ob das Verſprechen der Sclavin wirklich in den Raum der verfloſſenen Nacht erklungen ſei. — 189— Aber indeſſen rauſchte ein zarter weiblicher Fuß durch den Sand, die Gartenthuͤr oͤffnete ſich, und im naͤch⸗ ſten Augenblicke befand ſich der Juͤngling im innern Hofraume. Die Mondeshelle, welche verraͤtheriſch jeden Schatten verſichtbarte, war ihrem Unternehmen un⸗ guͤnſtig, aber wie Menſchen, die aufs aͤrgſte gefaßt ſind, ſchritten ſie beſonnen fort, bis ſie eine Seiten⸗ ecke des Gebaͤudes erreichten. Hier hielt das Maͤdchen an, um ihm zu bedeuten, daß er, um die Frauenge⸗ maͤcher zu erreichen, durch das Schlafzimmer des Kleon gehen muͤßte. Sie hatte die Thuͤr offen ge⸗ laſſen, und ſo ſchluͤpften ſie denn, ſo leiſe und leicht, wie Schatten der Unterwelt durch das niedere Gemach, welches durch ſeine Kuͤhle und Lage als das Letzte der Reihe zu dieſem Gebrauche wol geeignet zu ſein ſchien. Milon jedoch, als er auf den Zehen uͤber den Boden ſchwebte, konnte ſich nicht enthalten, einen Blick des Hohnes und der Schadenfreude auf Kleon zu wer⸗ fen, der ruhig auf ſeinem Lager ſchlummerte. Einen Augenblick darauf trat der Liebende in das innerſte Frauengemach und fand den Gegenſtand ſeiner verzehrenden Sehnſucht in ſitzender Stellung, in einem Zuſtande, der ein Gemiſche von Angſt, Furcht und Erwartung zu ſein ſchien. Eine Lampe brannte auf einem Dreifuße vor ihr, welche nicht nur ein ſanftes Licht, ſondern auch ſuͤßen Duft verbreitete. Wie Juno, — 190— als Cypris Guͤrtel ſie mit allen Reizen der Schoͤnheit ſchmuͤckte, auf dem Ida neue Glut in Zeus Seele hauchte, ſo prangte nun die liebliche Megaline in der vollen Macht idealiſcher Schoͤnheit. Ein kurzes weißes Oberkleid, reich mit Gold geſtickt, umfloß ihren Leib, und da es nach griechiſcher Sitte ohne Aermel war, ſo drang der runde, roſige Arme gleich einer Abendwolke durch die blendende Huͤlle. Ein anderes weiteres Gewand gleichfalls von roſiger Farbe wallte bis zu den Fuͤßen herab, und ließ nur einen kleinen Theil der niedlichen goldenen Sandalen fuͤr das Auge ſichtbar werden. Sie hatte noch nie mit einem Manne, außer Kleon geſprochen, und ſaß nun tieferroͤthend und kaum ath⸗ mend da, ohne daß das verſchaͤmte Wort uͤber die jungfraͤulichen Lippen zu dringen vermochte. Aber auch der Jungling fuͤhlte ſich von dem Reichthum des Au⸗ genblickes ſo erfuͤllt, daß die Muͤndungen der Sprache verſchloſſen, die Quellen der Rede verſiegt ſchienen. Er ſchaute lautlos in das reine, goͤttliche Antlitz, er ſaugte den wonnigen Blick des Auges, deſſen Strahl einem Todten Glut einhauchen konnte, mit allen Po⸗ ren ſeines Weſens ein, und ſeine Organe, kaum maͤch⸗ tig genug, all den Ueberfluß zu empfangen, waren es noch weniger faͤhig, die uͤppigen Knospen der Empſin⸗ dung an den Tag zu foͤrdern, und ſo herrſchte denn — 191— anfangs ein tiefes Stillſchweigen, nur durch Seufzer und unarticulirte Laute nnterbrochen. Nach und nach jedoch nahmen die Gefuͤhle einen ruhigern und gere⸗ geltern Lauf, und eine Fuͤlle von Gedanken, Regun⸗ gen und Flammen rein uud lodernd wie das Opfer auf den Altaͤren ergoß ſich in traulicher Mittheilung, und ſtroͤmte, ein klarer heiterer Bach, durch die Auen der erſten Liebe. In dem kurzen Zeitraume, der ſie verband, hatten ſie ſich erkannt, als waͤren ſie ein Lebensalter beiſammen; das Wort war ins Herz, in die Seele des andern uͤbergegangen, ehe es noch den Lippen entſchluͤpft war, und die Antwort lag bereits, roſigneugeboren in dem Gemuͤte des Fragenden. So erzaͤhlten ſie ſich wechſelſeitig ihre Leiden, ihre Empfin⸗ dungen, von dem Embryokeime ihres Entſtehens, und indem ſie die ſuͤße Gegenwart mit vollen Zuͤgen genos⸗ ſen blickten ſie froͤhlich laͤchelnd auf die Schmerzen der Vergangenheit und den geheimnißvollen Schleier der Zukunft. Eben wollte Milon ſich zum Aufbruche ruͤſten, als die Sclavin, welche halb Ehrenhuͤterin, halb Wache an der Thuͤr ſtand, mit todtesbleichem Antlitz herein⸗ ſtuͤrzte, und zitternd verkuͤndigte, daß Kleon durch das unvorſichtige Geraͤuſch der Liebenden erweckt, dem Gemache mit eiligen Schritten ſich nahe. Entſetzen er⸗ griff alle bei dieſer Botſchaft. Milon wußte wol, — 2— daß Megaline als unter der Vormundſchaft des Kleon ſtehend, und bereits ſeinem Sohne verlobt, nicht minder der Schande, ja den Furien verfallen ſei, als er ſelbſt, deſſen Eindringen in die Gynekaͤen als Staatsverbrechen mit unerbittlicher Strenge beſtraft wurde. Es war keine Moͤglichkeit ſich zu verbergen, die Sandale des harten Mannes rauſchte ſchon an der Thuͤr— da ſah er die Geliebte, halb ohnmaͤchtig vor Scham und Angſt erbleichen, ſah ſie ſinken— und mit blitzſchnellem Entſchluſſe warf er ſich zu ihren Fuͤ⸗ ßen, indem er ſie mit lauter, faſt kreiſchender Stimme anflehte, ihm ſeine Frechheit zu vergeben; daß er ihre Gegenliebe zu erringen, mit unerhoͤrter Kuͤhnheit ſich hieher geſchlichen habe, daß er nun, eines Beſſern be⸗ lehrt, ſich gerne zuruͤckziehen wolle, wuͤrde ſie ihm nur verſprechen, ſein Entwiſchen nicht zu verhindern, und ihn dem Kleon nicht zu verrathen. Da ertoͤnte es aus dem Hintergrunde des Gema⸗ ches:„Ha! Baſtardſohn eines Heloten, du biſts be⸗ reits,“ und ſein Proſtates trat nun hervor. Stolz richtete ſich die hohe Geſtalt empor, und die Hand ſtreckte ſich weit aus, als wollte ſie den Blitzſtrahl aus Adlersklauen empfangen. Zorn durchzuckte bie buſchi⸗ gen Augenbraunen, und in den Mundwinkeln lagerte wieder jenes hoͤhniſche Laͤcheln, deſſen Anblick den Fremdling ſchon lange vorher erſchuttert hatte. Alſo — 193— das war es, fuhr er fort,— und der Ton ſeiner Stimme wurde mit jedem Worte kaͤlter und graͤßlicher — das war die Liebe zu dem Schoͤnen und Guten, das fuͤhrte dich in mein Haus, um mir zum Danke fuͤr meine Gaſtfreundſchaft das Gynekaͤon mit dem wolluͤſtigen Hauche deines Meerlandes zu entweihen? Fort mit dir, Barbar! Moͤge der Phlegeton dich verſchlingen! Hier aber treffe dich die ganze Strenge drakoniſcher Geſetze! Sclaven banden den noch immer auf dem Boden liegenden Juͤngling, und brachten ihn gefeſſelt in den Kerkerthurm der Stadt, der ſeitwaͤrts in einer wenig bewohnten und daher auch vernachlaͤſſigten Gegend lag. Megalinens Schmerz bei ihrem Wiedererwachen aus der tiefen Bewußtloſigkeit, glich der elegiſchen Trauer Cytherens, als das Blut des ſtrahlenden Adonis die Roſe gebar. Aber wie der Stahl in Flammen ſich haͤrtet, ſo trat das ſchuͤchterne und widerſpruchloſe Weſen des einſamen Maͤdchens, mit mehr als gewoͤhnlicher Kraft aus den Thraͤnen hervor, und ſie ſann anf Mittel zu ſei⸗ ner Rettung, was es auch koſte. Sie hatte 300 Talente an Gold und Edelſteinen zum Schmucke an feſtlichen Aufzuͤgen, daruͤber ſtand ihr das alleinige Recht zu, und ſie faßte den Entſchluß, ihm damit ſeine Freiheit zu erkaufen. So floß ihr der Reſt der Nacht in Hoffnung und abenteuerlichen Entſchluͤſſen hin, als Kleon eintrat, um ſie zu benachrichtigen, daß noch vor den herannah⸗ Schleſing. Herbſtnov. 13 — 194— enden Dionyſien ihre Vermaͤhlung mit ſeinem Sohne gefeiert werden ſolle. Doch ein wunderlicher Hohn durchzuckte die bleichen Zuͤge des Maͤdchens, und ſie rief aus: Nimmermehr Kleon ſoll dieß geſchehen, waͤh⸗ rend ich lebe! Nun machte ſie auch ihn in reißender Schnelligkeit mit dem Hergange der Sache bekannt, nannte ſich als die Schuldige, die ihn verleitet habe, erklaͤrte feſt und ernſt, daß Eros ſeinen Pfeil ihr ſo tief ins Herz gedruͤckt habe, daß er nur mit demſelben herausgeriſſen werden koͤnne, und ſchloß, indem ſie ihre Rechte ausſtreckte, nit den Worten:„Moͤgen die Goͤt⸗ ter richten zwiſchen dir und mir, aber eher ſollen dieſe Hand uud mein Leib in zwei getrennten Graͤbern ruhen, als das geſchieht, wovon du ſo eben geſprochen.“ Als haͤtte das Schlangenhaupt Meduſens ihn be⸗ rüͤhrt, ſo erſtarrte Kleon bei dieſer unerwarteten Kunde, noch mehr aber ſchauderte er zuruͤck bei der Anſpielung des Maͤdchens auf die Art und Weiſe, wie die Selbſt⸗ moͤrder dem Geſetze zu Folge in Athen begraben werden mußten. Aber ſein angeborner Stolz und die Wildheit ſeines Characters ließen auch hier ſeinen Willen als Geſetz erſcheinen, und er ſagte kalt und ſtreng: Und doch wird es geſchehen, Maͤdchen, trotz deines ohnmaͤch⸗ tigen Drohens. Bei den Goͤttern! iſt mein Blut mit der Schande eines Barbaren befleckt, daß eine Ver⸗ wandte von mir davon prahlt, den Parzen vorzugrei⸗ — 195— fen?— Da gluͤhte ein Strahl des Zornes uͤber das Weſen der Jungfrau, und indem ſie ein Opfermeſſer ergriff, das vor ihr auf dem Dreifuße lag, rief ſie aus: Das ſollſt du ſehen! und wuͤrde, waͤre ſie nicht zuruͤck— gehalten worden, ſich auf der Stelle durchbort haben. Kleon ſah nun ein, daß Gewalt und Heftigkeit hier nicht viel fruchten wuͤrden, und nachdem er ſie mit Muͤhe ein wenig beruhigt hatte, verließ er ſie. Es waren nur noch zwei Tage auf die Dionyſien, welche dieſes Jahr, ob des beſondern Reichthumes an edlen Trauben, und der vorzuͤglich ergiebigen Weinleſe mit prachtvollen Feſtlichkeiten begangen werden ſollten. Athen wimmelte von Fremden, welche weit und breit zu dieſer jubelnden Feier herbeiſtroͤmten. Der Kleina⸗ ſiate, und die Bewohner der gluͤcklichen joniſchen In⸗ ſeln, vor andern der Cyprer, der weiche Jonier, der rachſuͤchtige Chioſier, der feurige Sikuler, der tapfere Thebaner, und der abgehaͤrtete Macedonier zogen freu⸗ dig in die hehre Pallasſtadt ein. Ja ſelbſt der ferne Egypter verließ den Dienſt ſeines Iſis und Oſiris, um dem Geber der Kraft und der Freuden in der Goͤtter⸗ burg zu huldigen. Ein frohes Gewimmel durchrauſchte ganz Athen, wie den friſchergruͤnenden Hain am erſten Fruͤhlingsmorgen. Die Knaben zogen ſchon mit Epheu⸗ kraͤnzen durch die Straßen, und ſtille Froͤhlichkeit ſchwebte auf den Geſichtern. Aber Milon ſchmachtete im Ker⸗ 13* ker, die liebliche Megaline in den Feſſeln des tief⸗ ſten Schmerzens und bitteren Kummers. Gleichſam um ihrer Thraͤnen zu ſpotten, trat Kleon noch am Abende desſelben Tages in ihr Gemach, und befahl ihr, ſich auf das Feſt vorzubereiten, da ſie dem Zuge ſich beigeſellen muͤſſe. Megaline wußte wol, daß keine Jungfrau ſich dem Dienſte der Goͤtter entziehen duͤrfe, und traf die Anſtalten mit blutendem Herzen. In dieſem Zuſtande, von Liebe, Angſt und fiebri⸗ ſchen Ahnungen zerriſſen, und all ihrer Kraft benoͤthig⸗ end, um der verhaßten Bande ſich zu entledigen, blickte ſie innerlich ſchaudernd, auf den Tag, wo ſie im wil⸗ den Taumel und mit dem Ausdrucke raſender Froͤh⸗ lichkeit uͤbergoſſen durch die Straßen wuͤthen ſollte. Gegen Mitternacht vernahm ſie Fußtritte, wie von mehreren Maͤnnern im Vorhofe des Hauſes, und bei⸗ nahe in demſelben Augenblicke ſtuͤrzte ihre treue Dienerin herein, und erzaͤhlte mit bebenden Lippen: ſie habe ſo eben einen der Archonten und mehrere Sykophanten, ſammt andern gerichtlichen Perſonen, in die Flurhalle treten ſehen, und ſolcher Beſuch habe bei Kleon nichts Gutes zu bedeuten. Wie ein Pfeil erhob ſich die Jung⸗ frau von ihrem zaͤhrenbenetzten Lager, ſchluͤpfte ins Nebengemach, warf ein dort befindliches Oberkleid des Euphron um, und zeigte ſich feſt entſchloßen, die naͤchtliche Verſammlung zu belauſchen. — 197— Aus dem Aeußerſten der Frauengemaͤcher hatte fruͤher eine Thuͤr nach dieſer Halle gefuͤhrt; welche ſpaͤ⸗ terhin, als Megaline erwachſener geworden, zuge⸗ mauert und zur Niſche geſtaltet worden war, worin ein ziemlich koloſſaler Flurgott ſeinen Standpunkt ein⸗ nahm. Hatte man es abſichtlich gethan, oder war es eine Folge der Bequemlichkeit der Arbeiter— zwiſchen den Fuͤßen der Bildſaͤule war eine Luͤcke geblieben, worein man gewoͤhnlich Blumenvaſen ſtellte. Hinter den bluͤhenden Roſen dieſer Stelle barg nun die Jung⸗ frau ihr dunkelumlocktes Haupt, indeß Ohr und Auge wie Habichte durch den jenſeitigen Raum ſchwebten, um ihre Beute ſicher zu erfaſſen. Eine einzige Ampel erhellte nur duͤſter und geheim⸗ nißvoll den im edelſten Style erbauten Vorſaal, wel⸗ cher eine amphitheatraliſche Form hatte. Ringsum ſtanden ernſt und in ſonderbaren Geſtalten in aͤhnlichen Niſchen mamorne Goͤtterbildſaͤulen, und die Fronte war mit einem erhabenen Jupiter geſchmuͤckt, der von Phidias Meiſterhand verfertiget war. An den Saͤu⸗ len in doriſcher Form, welche hier das hohe Gewoͤlbe erhoben, ſtand ein langer halbrunder Tiſch, mit koſtbaren Teppichen aus Tyrus bedeckt, und daneben ſtand Harpo⸗ krates, den Finger geheimnißvoll auf den Mund preſſend. Nach der erſten Begruͤßung ließen ſich die herein⸗ tretenden Maͤnner ſtill und ernſt auf ihre Sitze nieder, — 198— und ſchienen fragend auf Kleon und die Urſache ihres Herbeſcheides zu horchen. Jener aber trat mit der Wuͤrde, die er durch ſein oͤffentliches Auftreten im Staate angenommen hatte, in die Mitte des Saales, und ſein Oberkleid maleriſch zuruͤckſchlagend, erzaͤhlte er mit grellen Farben die Ereigniſſe der vorigen Nacht, indem er den Antheil der Jumgfrau an dieſer Entweihung uͤberging. Er waͤlzte die ganze Laſt der Schuld auf den Fremden, der mit frecher Gewalt, und von ſchnoͤ⸗ der Luſt entflammt, die ſchlafende uͤberfallen habe, er ſchilderte mit gewohnter, hinreißender Beredſamkeit die Folgen, welche die Profanation ſolcher, durch die Sitte geheiligter Oerter fuͤr die allgemeine Ordnung und Po⸗ lizei herbeifuͤhren muͤſſe, er wies auf den Zorn ſeiner beleidigten Flurgoͤtter hin, und ſchloß damit, daß er das Blut des Frevlers als Suͤhnung dieſes Verbrechens forderte.„Maͤnner von Athen!“ rief er in hoͤchſter Gereiztheit aus,„ſoll ein frecher Juͤngling von frem⸗ den Kuͤſten, nicht viel beſſer, als ein Barbar, nach dem geheiligten Sitze der Goͤtter kommen, um ſie mit dem Kothe ſeiner Wolluſt und Niedrigkeit zu beſudeln? und ſeine Zunge ſich deſſen ruͤhmen? Nimmermehr! Nicht ſoll der an den Gaben des großen Zeus ſich ſonnen, der ſein Ebenbild in meinem Atrion zu erzuͤrnen wagte. Die Sclaverei ſuͤhnt nicht ſolche Thot! Er ſterbe!— Theils aus dem angeborenen Haſſe gegen die Si⸗ — 199— kuler, theils hingeriſſen durch Kleons Rede, wagten die Maͤnner nur ſchwache Entwuͤrfe, und neigten ſich bald ſeiner Meinung zu. Jetzt war nun noch das Wann? und Wie? zu beſtimmen. Nach manchen Hin⸗ und Wiederreden wurde der erſte Tag nach den Dionyſien dazu beſtimmt, und weil der junge Mann maͤch⸗ tige Freunde in ſeiner Vaterſtadt hatte, wurde beſchloſſen, ihn heimlich im Kerker erdroſſeln zu laſſen. Der Blut⸗ befehl wurde auf der Stelle ausgefertiget und unterzeichnet, und ſchon ſtrahlte die Morgenroͤthe durch die Kuppel des Saales, als die furchtbare Sitzung aufgehoben wurde. Krampfhaft und beinahe fuͤhllos, die eigene Bruſt mit den zarten Haͤnden zerfleiſchend, taumelte Megaline in ihr Gemach, und ſank bewußtlos an der Schwelle zu Boden. Doch wie nach dem letzten, furchtbaren Donnerſchlage der dunkle Horizont ſich lichtet, und die Strahlen der Sonne wieder erquickend durchdringen, ſo erhob ſich ihr Geiſt mit neuer Schnellkraft, und ſann erfinderiſch auf die ſchnelle Rettung des Geliebten. Mit⸗ unter flehte ſie inbruͤnſtig zu der ſchaumgebornen Venus, ihre heilige Flamme zu ſchuͤtzen, und eben blickte ſie voll Vertrauen auf die roſigen Wolken, aus denen die himmliſche Cypris gewaͤhrend zu laͤcheln ſchien, als eine Dienerin mit dem Schmuck und den andern noͤthigen Dingen zu der morgenden Feier ins Zimmer trat. Da fuhr ein Gedanke wie verklaͤrend durch ihre Seele, und — 200— ein uͤppiger weiblicher Arm ſtreckte ſich aus den Wolken und zeigte auf den epheubekraͤnzten Thyrſus. Ohne Zoͤgern gab ſie Befehl, einige der vornehmſten Jung⸗ frauen Athens zu ſich einzuladen, welche unter ihre vertrauteſten Geſpielinnen gehoͤrten. Sie waren ihr ganz ergeben, und ſo gewann ſie von ihnen mit leichter Muͤhe das Verſprechen, ſie zu einem vorgeblichen Scherze durch ihre Mitwirkung zu unterſtuͤtzen, und ihrem Beiſpeile unbedingt zu folgen. Um Mitternacht deſſelben Tages begann Mega⸗ line ſich fuͤr die Ceremonie des Feſtes zu ſchmuͤcken. Nachdem ſie, der Sitte gemaͤß, ſich gebadet und das ſchoͤne Haar geſalbt, legte ſie ein Gewand an, weiß wie Schnee, und flocht in ihre Haar die goldnen Ringe, und die weißen Bluͤten, mit welchen ſie Milon zum erſten Male erblickt hatte. Die treue Sclavin folgte ihrem Beiſpiele. Sie bereitete ihr Epheukleid, ihre Muͤtze, ihre Rehhaut und ihren Thyrſus, denn obſchon Sclavin, ſollte ſie morgen als Bachantin erſcheinen, eine Verkleidung, die, wurde ſie entdeckt, ihr das Leben gekoſtet haben wuͤrde. So bekleidet und ge⸗ ſchmuͤckt, warteten ſie mit Ungeduld auf die Morgen⸗ daͤmmerung und den Beginn des Feſtes. Endlich vernahm man das erſte Rauſchen der ge⸗ waltigen Zimbeln, welche durch die dunkeln Straßen ertoͤnend, den Anfang der Dionyſien verkuͤndigten. — 201— Mit klopfendem Herzen und unſicherem Schritte begab ſich nun Megaline ſammt ihrer Sclavin in den Tem⸗ pel des Bachus. Die Menge hatte ſich bereits in dem großen Vorhofe verſammelt, und man bemerkte zahl⸗ reiche Juͤnglinge und Maͤdchen, deren Weſen jenen unruhigen Zuſtand des Vergnuͤgens ausdruͤckten, der bei den erſten Bewegungen der Aufregung vorhanden iſt, wie die zitternde Woge des Meeres unmittelbar vor einem Sturme. Nun erſchienen die Bachanalen und Bachantinnen, ſammt den Jungfrauen, welche bei dieſem Feſte eine Hauptrolle zu ſpielen hatten; ein Theil der Letztern warf bei dem Eintritte in den Tempel Megalinen einen bedeutſamen Blick zu, um zu be⸗ kraͤftigen, daß ſie ihr Verſprechen nicht vergeſſen haͤtten. Hierauf gab der Archont und der Prieſter jedem In⸗ dividuum ein heiliges Gefaͤß, und wieſen ihnen ihre Rollen an, dann ſtuͤrzte die Maſſe ins Freie, die Pfeifen und Floͤten ließen ihre durchdringenden Toͤne erſchallen, die Zimbeln tobten mitten darein, und tauſend Mal wiederhallte das Echo durch die hohe Woͤlbung des Tempels. 3 Den Zug eroͤffnete ein Juͤngling in feines Leinen gekleidet, mit einer Krone von Tannenzweigen auf dem Haupte, eine Tiegerhaut bedeckte wie ein Mantel ſeine Schultern, und in ſeiner Hand trug er ein goldenes Gefaͤß mit Wein, um welches eine bluͤhende Weinrebe — 202— ſich ſchlang. Hierauf folgte eine Ziege fuͤhrend eine junge Bachantin von außerordentlicher Schoͤnheit, die ſittig und ob ihrer Rolle erroͤthend, die Wimpern nie⸗ derſchlug. Ein Epheukranz mit Veilchen prangte auf ihrer ſchneeigen Stirne, und hielt die uͤppige Locken⸗ fuͤlle zuſammen. Nach ihr kam eine andere Bachan⸗ tin, die ein Koͤrbchen mit Feigen trug, hierauf kam das geheimnißvolle Lychnon. Zunaͤchſt ſtroͤmte nun die Maſſe der Bachanals und Bachantinnen in ihrer wilden und grotesken Tracht. Einige ritten, gleich Silen, auf Eſeln, Andere fuͤhrten Ziegen zum Opfer, noch Andere taumelten wie Betrunkene mit dem Thyr⸗ ſus in den Haͤnden, und ihr Geſchrei:„Jo Evoë Bacche!“ von dem verwirrten Getoͤſe tauſend verſchie⸗ dener Inſtrumente begleitet, durchbebte die Morgenluft, und warf die erſte Saat raſender Verzuͤckung in die Gemuͤter der Menge. Der groͤßte Theil von ihnen trug unangezuͤndete Fackeln in den Haͤnden, die ſie anzuͤnden wollten, ſobald die Abendſchatten heraufzo⸗ gen, um ihnen die wilden und ungebahnten Pfade beim Herumſchweifen in den Gebirgen zu erhellen. Nun folgten die Traͤger der heiligen Gefaͤße und dann die Kanephoroi mit ihren Koͤrben, worin die geheim⸗ nißvollen Embleme dieſer uralten Feier verborgen waren. Zwiſchen goldgelben Fruͤchten und dem gruͤnenden Laube, welches die Myſterien bedeckte, ſtreckten zahlloſe Schlan⸗ — 203— gen ihre Koͤpfe aus, zogen und ſchlangen ſich um das goldene Geflechte der Koͤrbe, waͤhrend die ſpitzigen Zungen und ihre blitzenden Augen der verwunderten Menge zu drohen ſchienen. Die Kanephoroi trugen Gewaͤnder von der blendenden Weiße des Schwangefieders, und Arme, Fuͤße und Nacken, wol nur bei ſolchen Gele⸗ genheiten von der Sonne oder der freien Luft gekuͤßt, wuͤrden von demſelben Stoffe erſchienen ſein, haͤtte die koͤrperliche Bewegung nicht einen zarten Kamin dar⸗ uͤber ausgegoſſen. Hinter den Jungfrauen endlich zogen Bachanalen mit den gemeinern Emblemen des Gottes; Einige mit Epheu und Veilchen bekraͤnzt, und in Wei⸗ berkleidern, ſie trugen Handſchuhe mit Blumen um⸗ wunden, und ahmten, indem ſie gingen, die Gebehr⸗ den betrunkener Maͤnner nach. So wie der geweihte Zug ſich in die Straßen durch zwei dichte Menſchenreihen fortbewegte, welche von der ganzen Bevoͤlkerung der Stadt gebildet wurden, ſcholl das Getoͤſe der Pfeifen, Floͤten, Zimpeln und Pauken durch einander und die Bachanten begannen ihre Or⸗ gien. Zuerſt war der Tanz langſam und gemaͤßigt, nach und nach jedoch flammte eine wunderbare Ver⸗ zuͤkung durch ihr Weſen, ihre Bewegungen wurden ſchneller, ihre Blicke wilder, und ſo wie das Geſchrei: „Evoë Bacche!“ hoch in die Wolken emportobte, da ſchien ein ploͤtzlicher Wahnſinn die ganze unzaͤhlige — 204— Menge zu ergreifen, und im Anſchauen der raſenden Gebehrden der Bachanten als begeiſterter Weſen, wur⸗ den ſie ſelbſt noch wilder. Auf dieſe Weiſe taumelte der ungezuͤgelte regelloſe Haufe den ganzen Tag durch die Straßen, wo Gaſtmaͤhler, Spiele, Schaugepraͤnge und Luſtbarkeiten aller Art im Gange waren. Mitten unter dieſem leichtſinnigen und gedanken⸗ loſen Haufen wurde Megaline von Angſt und Furcht verzehrt, indem ſie auf das Erſcheinen des erſten Ster⸗ nes mit Ungeduld harrte. Endlich verglomm der letzte Lichtſtrahl des Tages, das Firmament wurde fahl und dunkel, und der erſehnte Moment kam. Auf einmal erjauchzte es von tauſend und abermal tauſend Zun⸗ gen:„Die Sterne! die Sterne!“ und in einem Au⸗ genblicke warf ſich ein blutrother Schein wie zauber⸗ haft hervorgerufen, auf all' die unzaͤhligen Bildſaͤulen, Vaſen, Urnen und Saͤulengaͤnge. Myris, welche den ganzen Tag an der Spitze der Bachantinnen geweſen war, rief ihren regelloſen Gefaͤhrtinnen zu, ihr zu einem ergoͤtzlichen Abenteuer zu folgen, und ſogleich ſtuͤrzten ſie mit furchtbarem Geſchrei, und die Fackel uͤber ihre Haͤup⸗ ter ſchwingend, mit reißender Geſchwindigkeit gegen die einſameren, und unbewohnteren Theile der Stadt. Die Menge gedankenlos, von Freude und Wein berauſcht folgte in Erwartung eines außerordentlichen Abenteuers, wel⸗ ches die Aufregung des Augenblickes noch erhoͤhen ſollte. — 205— Megaline leitete den Strom gegen die Gegend, wo ſich das Stadtgefaͤngniß befand, und kaum hatten ſie das duͤſtere, unheimliche Gebaͤude erreicht, deſſen Anblick den Athenern in dem Augenblicke des hoͤchſten Jubels nur noch verhaßter erſchien, da erhob Myris ihre Stimme, und an allen Gliedern vor Bewegung zitternd, rief ſie aus:„Laßt alle Athener frei ſein zum Dienſte des wonnigen Gottes,“ und mit dieſen Worten ſtuͤrzte ſie gegen die Thuͤre des Kerkers, und ſchlug mit ihrem Thyrſus daran. Die Bachantinnen, welche nur auf dieſes Zeichen warteten, ſchwangen ihre brennenden Fackeln ums Haupt, ſtreckten den Arm empor, und erhoben ein be⸗ taͤubendes Geſchrei, hierauf ſtuͤrzten ſie gleichfalls zum Thore nach, ſchlugen es alsbald mit ihrem Thyrſus in Truͤmmern, und ſtuͤrzten in das Gefaͤngnißhaus. Die ungluͤcklichen, in den verſchiedenen Theilen des Ge⸗ baͤudes befindlichen Gefangenen vernahmen mit Ent⸗ ſetzen das raſende Geſchrei und wilde Heulen der Ba⸗ chantinnen, und das Schickſal des Pentheus zu thei⸗ len fuͤrchtend, verbargen ſie ſich in den dunkelſten Winkeln ihres Kerkers. Die Fackeln jedoch, welche hell aufflackerten und die duͤſteren Gewoͤlbe zu entzuͤn⸗ den droheten, ließen ſie leicht entdecken, und ſie fanden ſtatt des Todes— die Freiheit. Zugleich mit den. Bachanalen ſtroͤmte auch die Wolksmenge, durch ein — 206— Abenteuer der Art hoͤchlich ergoͤtzt, in die duͤſtern Mau⸗ ern, und der Schrei der Freude und froͤhliches Lachen erſcholl wol zum erſten Male ſeit ihrer Gruͤndung in dieſen Waͤllen des Jammers und der Furien. Eben lag Milon auf ſeinem von Thraͤnen benetzten Strohhaufen, und verſenkte ſich immer tiefer in Schmerz und Sehnſucht, als das ungeheure Getoͤſe ihn aus ſeinen Traͤumen erweckte. In demſelben Augenblicke borſt mit furchtbarem Gekrache die Thuͤr ſeines Kerkers in Stuͤcke, und ſein Waͤchter in den Klauen eines rieſigen Bachana⸗ len, wie der Habicht in den Krallen des Adlers erbebend, ſchrie:„Das iſt er!“ Bei dieſen Worten ſchleuderte der Wilde den Beſchließer mit gewaltiger Kraft an die Wand, und ſtuͤrzte wie ein grimmig Raubthier auf den Gefangenen los, indem er mit einer Schlachtkeule die ſchweren Ketten um ſeinen Leib wie ſchwache Faͤden zerſchlug. Die Feſſeln losreißen, ihn ergreifen und wie mit Sturmesfluͤgel in die Straße tragen, war das Werk eines Augenblickes. Milon, unbekannt mit dem Schickſal, das ihn erwartete, mußte der Gewalt nach⸗ gehen, und beſtrebte ſich vergebens aus den grinſenden Zuͤgen der wilden Schwaͤrmer ihre Abſichten zu errathen. Aber unter den unzaͤhligen Koͤpfen, welche wie ein un⸗ ruhiges Meer hin und her wogten, glaubte er ein Mal Myris Anblick geſehen zu haben, ein Anblick, der ihm milden Troſt in das bewegte Gemuͤt hauchte. — 207— In wenigen Augenblicken tobte die ungeheuere Men⸗ ſchenmaſſe wieder durch die oͤde Straße zuruͤck, und Milon wurde von den raſenden Haufen mitgeriſſen. Der Wahnſinn hatte nun ſeine hoͤchſte Stufe erreicht. Die auflodernden Fackeln, die Zimbeln und Pauken, das Schreien, Heulen, der raſende Tanz wurde jeden Augenblick wilder, die Entzuͤckung des Haufens war ſchrankenlos, in keinem Zaume mehr zu halten. So ſprengten ſie, waͤhrend jeder Mund ſein Eove Bacche! lallte, die Stadtgitter, und ſtuͤrzten wie Hoͤllengeiſter gegen das Gebirge. Milon wurde auf einen Karren geworfen, der auch zugleich das Ebenbild eines Gottes trug, und beinahe von den Blumen, welche auf ihn geſtreuet wurden, erſtickt, konnte er nicht bemerken, was man vorhabe. Nach einiger Zeit jedoch, erkannte er den Eingang ins Gebirge, und bald darauf vernahm er zu ſeinem Troſte das Rauſchen der Meereswogen zu ſeinen Fuͤßen. Der Wagen hielt, man deutete ihm auszuſteigen, ſich zu ba⸗ den, und mit weißen Gewaͤndern zu bekleiden. Nachdem dieß geſchehen war, murde er zu einer Felſenhoͤhle ge⸗ fuͤhrt, wo zahlreiche Fackeln, in die Kluͤfte gepflanzt, ein helles Licht verbreiteten, und wo eine koͤſtliche Mal⸗ zeit ſeiner harrte. Sich ſelbſt uͤberlaſſen, genoß er nur we⸗ nige Biſſen und ſchaute ahnungsvoll und nachſinnend um ſich her. Da rauſchte ein weibliches Gewand, und herein — 208— trat— Megaline in der Mitte zweier Bachatinnen, von denen die eine Myris war. Einen Augenblick feſſelte ihn die uͤberſchwengliche Wonne an ſeine Stelle, in dem naͤchſten aber lagen ſich die Liebenden in den Ar⸗ men und Thraͤnen, dieſe getreuen Dolmetſcher der Freude, verdeutlichten das Entzuͤcken, das keine Worte fand. Die Erſte, welche das Stillſchweigen brach, war Myris. Was ich auch immer moͤge gewirkt haben, ſagte ſie geruͤhrt, das Geſchenk meiner Freiheit aus der Hand meiner lieblichen Gebieterin belohnt mich reich dafuͤr. Aber ich beſchwoͤre Euch bei eurer heiligen Liebe und bei den Goͤttern meines Vaterlandes— denn ich ſtamme aus Syrakus— gebt mich meinen Eltern, meiner Liebe wieder. In den Tagen der Sclaverei haͤtte ich willig mein Herzblut hingegeben, um mir damit eine Umarmung von ihr zu erkaufen. Jetzt aber, da die Luft der Freiheit meine Wangen faͤchelt, iſt meine Sehnſucht unwiderſtehlich geworden. Ich muß ſie ſehen, oder— Sie wollte fortfahren, aber ihr Gefuͤhl hatte ſie uͤbermannt. Theils aus Gewohnheit, theils aus Liebe ſank ſie vor Megalinen aufs Knie, und barg ihr Antlitz in ihren Schoos. Die Liebenden verdankten ihr zu viel, um ihre Bitte zu verweigern, und die naͤchſte Eos begruͤßte drei gluͤckliche Menſchen auf den blauen Wogen des Oceans. Die Roſe von Padua. Novelle. Wenige Stunden von dem großen, prachtvollen, un⸗ ſterblichen Venedig, der einzigen Stadt, der ſtolzen Meerkoͤnigin, welche in ihrem Innern die ungeheuerſten Erinnerungen verbirgt, liegt Padua in einem freund⸗ lichen, ſonnigen Thale. Wenn der Reiſende in den unzaͤhligen Wundern der herrlichen Venezia ſich ſatt geſchwelgt, wenn ihm in den großartigen Ueberreſten einer kolloſſalen Vergangenheit getaucht, Tage und Monate, in ſuͤßer Bewußtloſigkeit, gleich einzelnen Stunden voruͤbergegangen ſind, wenn ſeine Seele von dem Betrachten und Erſtaunen ſo vieler Kunſtſchaͤtze, von den wehmuͤthig ſuͤßen Empfindungen einer ſtolzen, in ſich ſelbſt zuſammen geſunkenen Vergangenheit, welche ihm von allen Seiten uͤberwaͤltigt, von den gewaltigen Kookroſten zwiſchen der kleinlichen lebendigen Jetztzeit und der ſteinernen, ſie umgebenden Vergangenheit er⸗ muͤdet iſt, wenn er mit dem ſterbenden Loͤwen von Stillancus geweint, an deſſen Triumphſaͤulen ſich mit ſtiller Reſignation gelehnt, in die nun leeren Kerker Schleſing. Herbſtnov. 14 — 210— der Staatsinquiſition herabgeſtiegen, auf dem ſtolzen Pialto die Sonne uͤber Venedig auf ewig ſinken geſehn, und trauernd auf den Ruinen des modernen Karthago geſeſſen: dann ſehnt er ſich, erſchoͤpft von ſo vielen außerordentlichen Eindruͤcken, wieder nach der ſtillen Einfoͤrmigkeit eines beſchraͤnkten Schauplatzes, und ſein Auge, abgeſpannt von der Unendlichkeit eines ewigen graͤnzenloſen Meerſpiegels, oder dem ſchaͤumenden Auf⸗ ruhr eines ungeheuern Seeſturmes, begehrt nach dem wohlthuenden Anblick einer gruͤnen bluͤhenden, geheger⸗ ten Natur, und der reizenden Mannigfaltigkeit von Buͤſchen, Baͤumen, Wieſen und Roſenhecken. Nach⸗ dem dieſe Sehnſucht ihn gleichſam unwiderſtehlig er⸗ griffen, nimmt er in einer ſchoͤnen italieniſchen Nacht ſtillen, herzlichen Abſchied von all dem, was ihn ſo wehmuͤthig und doch wieder ſo wonnevoll ergriffen und ſteigt in das Packetboot, welches ihm die kleine Strecke bis nach Meſtra fuͤhrt. Ruhig und heiter wie die Nacht ſelbſt iſt der adriatiſche See, das ſchwaͤrzlichgruͤne geheimnißvolle Dunkel deſſelben wird nur durch die ſchwachſaͤumenden Furchen durchkreutzt, welche die Gon⸗ del hinein graͤbt. Nur ſchwach wie ein Traum dringt das Geraͤuſch der um dieſe Zeit ſo regſamen Bevoͤlkerung Venedigs heruͤber, und bald erſtirbt es ganz, bis nun blos das einfoͤrmige Schlagen der Ruder das tiefe Schweigen — 211— unterbricht.— Nach kurzer Weile landet er, und ſteigt ſogleich in den ſchon bereiten Wagen, wo ſich kurzer Schlummer auf die ermuͤdeten Wimpern ſenkt; erwacht er nun aber in der Kuͤhle des heranbrechenden Morgens — welch ein uͤberraſchendes Schauſpiel ſtellt ſich ſeinen Blicken dar. Rings umher eine bluͤhende Natur, gruͤne uͤppige Felder mit Frucht⸗ und Oelbaͤumen beſaͤet, da⸗ zwiſchen ſaftige Wieſen von Baͤchen durchſchnitten, und im Hintergrunde die hohen blauſchwarzen Berge, welche den Apenninen anzugehoͤren ſcheinen. Nur von ferne, wie eine kleine Silberplatte glaͤnzt ein Theil der Mee⸗ resflaͤche, im hellen Sonnenſcheine, wie ein flimmern⸗ des Andenken, welches Venedig nachgeſendet. Vor ihm aber erhebt ſich eine ſchoͤne, aͤcht italieniſche Stadt mit den bunten Thuͤrmen und den flachen gruͤnlichen Haͤuſern, und die iſt— Padua, der uralte Sitz italieniſcher Gelehrſamkeit. In den Fruͤhſtunden iſt alles rege, ein Theil der Studenten mit den kleinen Lippen⸗ und Knebelbaͤrten ſitzt vor Pedrocchi, dem ſchoͤnſten Kaffehauſe Europas, und raucht behaglich die Zigarre, waͤhrend aus den großen Glaͤſern vor ihnen das Aromades friſch bereiteten Kaffes duftet, andere ſchreiten bedaͤchtig, oder im froͤhlichen Geſpraͤche nach den ſo eben beginnenden Collegien, waͤhrend noch andere in den Hallen ſelbſt auf und nieder gehen und die Ankunft der Profeſſoren erwarten, oder wol auch nach 14* — 212— dieſem und jenem ſchoͤnen Maͤdchen ſpaͤhen, das aus einem Fenſter gegenuͤber unter den Vorhaͤngen verſtohlen hervorblinzelt. Einige Stunden ſpaͤter jedoch iſt es oͤde und lautlos in den Straßen, denn die Juͤnger der Wiſſenſchaften lagern in den Hoͤrſaͤlen, und nur dieſe ſchaffen das oͤffentliche Leben in Padua. Es iſt die Stadt der Gelehrſamkeit im Allgemeinen, und ſchon ſeit fruͤher Zeit behauptet es ehrenvoll dieſen Rang und ſeinen ſtolzen Namen Gadova la doth. Der ruhige ernſte Charakter ſeiner Bewohner, der fried⸗ liche Ton, der nur da herrſcht, ſteht mit dem erwaͤhn⸗ ten Titel und ſeiner wiſſenſchaftlichen Tendenz im beſten Einklange. Nicht immer war es alſo geweſen. Es mochte um die Mitte des ſechzehnten Jahrhunderts(etwa um das Jahr 1547) ſein, als Padua die hoͤchſte Stufe ſeines Glanzes erreicht zu haben ſchien. Noch ruhte der Nim— bus auf ſeinem Haupte, welchen Taſſo, Galllaͤi, Arioſto und Guarini ſeinen unſterblichen Zoͤglingen, um dieſe Wiege ihrer Bildung dankbar gewoben hatten. Aus allen Nationen der civiliſirten Welt ſtroͤmten Juͤnglinge dahin, wie fromme Pilger, um die erhabe⸗ nen Lehren der Natur der Wiſſenſchaft, ſo wie die ſpitzfindigen Geburten der Dogmatik und Jurispru⸗ denz aus dem Munde der großen Meiſter zu hoͤren, welche daſelbſt ihren Sitz aufgeſchlagen hatten. Allein — 213— ſo lobenswerth die Wißbegierde dieſer Juͤnglinge an ſich war, ſo fuͤhrte doch ihre Menge und die Verſchiedenheit ihrer Abſtammung und Natur manche Uebelſtaͤnde mit ſich. Schon ihr Ehrgeiz und der Durſt nach Aus⸗ zeichnungen fuͤhrte Neid, und daraus andere Mißhellig⸗ keiten unter ihnen herbei, indem ſie, anſtatt einen ſolchen Wettſtreit mit Fleiß und eifrigem Streben zu ſchlichten, ſich ganz anderer Waffen bedienten. Hierzu kam noch Nationaleiferſucht, und eine Art von Zwie⸗ tracht, welche durch das Mißverhaͤltniß der Gluͤckszu⸗ ſtaͤnde bei jungen Leuten gewoͤhnlich zu entſtehen pflegt, und ſo geſchah es denn, daß in den Umgebungen, ja manchmal ſelbſt in den Straßen der Stadt blutige Duelle zwiſchen einzelnen und ganzen Parteien ſtatt fanden, daß faſt jede Nacht verbrecheriſche, meuchel⸗ moͤrderiſche Auftritte gebahr, und daß die verſtuͤmmelten Leichname und Blutſpuren vor den Haͤuſern nur zu ſehr den traurigen Beweis lieferten, wie alle Achtung vor Ordnung und dem Geſetze mit Fuͤßen getreten wuͤrde, und wie die Schuͤler, außer in den Hoͤrſaͤlen, keine andere Autoritaͤt als die der phyſiſchen Staͤrke anerkannten. Es waren dieſe Auftritte um ſo bedauerlicher, als gerade um dieſe Zeit mehrere der vornehmſten Veneti⸗ aniſchen Familien ihren Aufenthalt in Padua nahmen. Die ſtolzen Pallaͤſte, deren Ueberreſte jetzt ganz leer — 24— ſtehen, waren zu der Zeit von ausgezeichneten Herr⸗ ſchaften, und zahlreicher glaͤnzender Dienerſchaft er⸗ fuͤllt, und jeder Tag brachte ein anderes Feſt, welches immer an Glanze die vorigen zu uͤbertreffen ſchien. Kein Wunder wenn auch diejenigen, welche zu ganz anderm Zwecke, als ſich der Luſt und dem Vergnuͤgen zu weihen, mit in den Kreis dieſes immerwaͤhrenden Taumels gezogen wurden, denn da ſelbſt das Streben nach Gelehrſamkeit damals noch ein Vorrecht der hoͤ⸗ hern Klaſſe war, ſo ſtammten auch die Meiſten der Studenten aus angeſehenen und beruͤhmten Geſchlech⸗ tern, und jede Familie ſuchte, je nachdem ihre Ver⸗ bindungen ſie dazu veranlaßten oder der Zufall es ſo fuͤgte, dieſen und jenen hoffnungsvollen jungen Mann an ihr Haus zu feſſeln, und ſo eine Bekanntſchaft zu knuͤpfen, welche fuͤr die Folge wichtige Reſultate nach ſich ziehen koͤnnte, abgeſehen davon, daß ſchon der Umgang mit ſo gebildeten und dem Dienſte der Muſen ergebenen Maͤnnern an ſich ſelbſt hoͤchſt angenehm ſein mußte. War nun dieſer Umſtand auf der einen Seite fuͤr dieſe ſelbſt von hohem Nutzen, indem es ihnen auch jene aͤußere Abgeſchliffenheit der Formen verlieh, welche oft nothwendiger iſt, als innere Gediegenheit, ſo fuͤhrte es anderſeits wieder die traurigen Folgen herbei, daß gerade dieſe Begegnungen Urſache wurden zu neuen Reibungen zwiſchen den Studenten, und ein verwei⸗ — — 215— gerter Tanz, ein kalter Blick, ein leichtes Wort, oder irgend eine unbedeutende Gunſt, welche von ſchoͤnen Damen in augenblicklicher Laune dem einen verſagt und den andern gewaͤhrt wurde, eine unheilvolle Saat der Zwietracht warfen, welche nur zu oft in Mord und blutigen Raufereien aufging, ſo daß der Haͤndel und Unthaten kein Ende ward. Es war irgend ein außerordentlicher Anlaß, zu deſſen Ehre im Palaſte Vanezzi, den Sitz des reichſten wie des aͤlteſten unter dem Paduaniſchen Edlen, ein großes Feſt gegeben wurde, das aus einem maskirten Balle und andern Beluſtigungen beſtand, und bei welchem Vanezzi in ſeinen Prunkgemaͤchern den Adel der ganzen Nachbarſchaft verſammelt hatte. Auch mehrere vor⸗ nehme Studenten, namentlich die Sproͤßlinge der mit dem Hauſe Vanezzi verwandten Geſchlechter, fehlten nicht. Unter ihnen machte ſich bemerkbar: Alleſſandre Bettola, der Neffe einer fuͤrſtlichen Familie, Cosmo Vanezzi, ein entfernter Verwandter des edlen Wirthes, der Florentiner Boudelimonte, vor allen aber Giulio Alberti, der Erbe einer der groͤßten Beſitzungen im noͤrdlichen Italien. Giulio Alberti war nicht aus bloßer Hoͤflichkeit eingeladen worden, obgleich ſeine Freundſchaft mit dem jungen Vanezzi jeden Anſchein aufhob, als ſei ihm mehr Aufmerkſamkeit zu Theil geworden, als — 216— den uͤbrigen Gaͤſten. Es war naͤmlich, was die jungen Leute noch nicht wußten, von einer Verbindung der Haͤuſer Alberti und Vanezzi die Rede, welche das Band dieſer Familie enger knuͤpfen und durch eine Ehe zwiſchen den Erben von Alberti und der einzigen Tochter Va⸗ nezzi's das beiderſeitige große Vermoͤgen vereinigen ſollte. Die Eltern hatten jedoch, obgleich die Unterhandlungen bereits im Gange waren, den Entſchluß gefaßt, den Kindern nichts davon mitzutheilen. In Italien war es, und iſt es auch jetzt noch nicht Sitte, daß unverheiratete Frauen in Geſellſchaft kommen. Die Verſorgung der Soͤhne und Toͤchter, wurden allein von den Haͤuptern der Familien geleitet, und es traf ſich nicht ſelten, daß die, welche ein un⸗ aufloͤsliches Band fuͤr das ganze Leben ſchließen ſollten, ſich nicht eher ſahen, als bis alle Voranſtalten getroffen und nichts mehr zu thun war, als den entworfenen Vertrag zu vollziehen. Bis zur Zeit, wo man daran denken konnte, die Toͤchter in den heiligen Eheſtand treten zu laſſen— in Italien bis zum vierzehnten oder funfzehnten Jahre— ließ man ſie in einem Kloſter, da die Muͤtter ſelten Zeit und Faͤhigkeit genug hatten ſich ihrer Erziehung zu widmen. Der Marcheſe Vanezzi hatte jedoch, aus einer unbekannten Grille, nicht zugegeben, daß ſeine Bianca auf dieſelbe Weiſe auferzogen werde, und ihr Einfluß — 217— war mit den Jahren ſo groß auf ihren ſtolzen und ziemlich harten Vater geworden, daß er trotz aller Sitte und Regel, ihr erlaubt hatte, an dem glaͤnzenden Feſte das er angeordnet hatte Theil zu nehmen. „Aber“ hatte er auf ihre Bitte erwiedert,„nur unbekannt.“ Er kuͤßte ſie auf die Stirne, worauf ſie leichten Herzens ſich entfernte, um ſich zu dem ver⸗ heißenen Vergnuͤgen vorzubereiten. Die Marcheſe widerſprach ihrem Gemale niemals, denn ſie war dazu gewoͤhnt worden, nur nach ſeinen Befehlen zu handeln. Sie hatte ſich nur aus Nach⸗ giebigkeit gegen die Wuͤnſche ihrer Familie verheiratet, ohne eine Frage dabei an ihr Herz zu thun, und blieb dieſer Aufopferung des eigenen Willens auch im Eheſtande treu, ſo daß Bianca von Seite der Mutter, waͤre ſie ihrem Wunſche wirklich entgegen geweſen, keine Weigerung zu befuͤrchten hatte. Der Pallaſt war erleuchtet, die Gaͤſte waren er⸗ ſchienen, ſtrahlend von Diamanten und reichen Stof⸗ fen. Es war ein Glanz wie ihn Padua noch nicht geſehen hatte. Was Wunder, daß Bianca, die ein aͤhnliches nur getraͤumt hatte, wie bezaubert durch das bunte Gedraͤnge ſchwaͤrmte, und nicht ermuͤdete, im⸗ mer vom Neuen ſich in die Woge der Geſellſchaft zu ſtuͤrzen, und auf's Neue zu bewundern und zu ſtau⸗ nen, bis ſie endlich erſchoͤpft auf einer Eſtrade ſtehen 7 — 218— blieb. Ihr Herz ſchlug laut von Wonne; um freier umher blicken zu koͤnnen, hatte ſie unwillkuͤhrlich die Larve abgenommen, und aus jeder Miene, jeder Be⸗ wegung ſprach der Jubel ihrer Seele. Nachdem ſie ſo, ohne daran zu denken, daß ſie ſelbſt der Gegenſtand der Aufmerkſamkeit werden koͤnne, ſich nur ihren Be⸗ trachtungen hingab, ertoͤnte ploͤtzlich eine ſanfte Stimme ihr zur Seite, ſie befeſtigte ſchnell die Larve und wen⸗ dete ſich um. „Engliſches Weſen,“ ſagte die Maske,„biſt du vom Himmel herabgeſtiegen, um ihn durch dein Er⸗ ſcheinen auf die Erde zu uͤbertragen?“ „Nein, nein,“ ſagte lachend Bianca, die ſich un⸗ ter der Larve voll Muthes fuͤhlte,„ich komme von keinem Himmel, Signor; aber faſt ſcheint mir hier alles himmliſch, denn haſt du je etwas ſo Reizendes, ſo Praͤchtiges geſehen?“ „Nie, nie! O, haͤtte ich dich nicht geſtoͤrt,“ fuͤgte die Maske ſeufzend hinzu, „Das haſt du nicht.“ „Und doch“ ſagte die Maske,„bin ich bekuͤm⸗ mert, denn mein Sprechen hat den ſuͤßeſten Zauber geloͤſt, der je einen Sterblichen gefeſſelt hat. Erſt als ich geſprochen hatte, trat ein neidiſches Gewoͤlke zwiſchen die Sonne und ihren Verehrer— Deine Larve, lieb⸗ liche Donzzelo.“ — 219— „Still Signor, ich bitte dich, ſtill! Ich haͤtte ſie nicht abnehmen ſollen, und deine Rede erinnert mich an mein Unrecht.“ „Dann will ich ſtumm ſein, und glauben ich habe getraͤumt.“ In demſelben Augenblick erſcholl die Muſik zum froͤhlichen Tanze, und veranlaßte den Ritter, um Biancas Hand zu bitten, die ſie ihm auch nach eini⸗ gem Zaudern gewaͤhrte. Er war eine herrliche Geſtalt, an deſſen Seite jetzt Bianca, wie es ſchien, unbemerkt und unbeachtet in den Reihen der Taͤnzer dahin ſchwebte. Sie ſprachen zuſammen, er ſterblich verliebt, ſie ſchwim⸗ mend im Entzucken uͤber dieſen neuen Taumel, in dem alle ihre Sinne, wie betaͤubt, unter zu gehen drohten. Er ſah, hoͤrte, dachte nichts als Bianca; er brannte vor Begierde, ihren Namen zu erfahren, kannte aber Niemand, an den er ſich haͤtte wenden koͤnnen, und waͤhrend er ſich noch daruͤber beſann, ob er ſeine Taͤnzerin ſelbſt darum anſprechen ſollte, war ſie ſchon verſchwunden. Der Marcheſe Vanezzi hatte im Boruͤbergehen, da er niemanden mit ihr ſprechen ſah, und den in ſeine Gedanken verſunkenen Cavalier nicht beachtete, Vianca bei der Hand genommen, und ſie, ohne daß ſie dem Fremden ein Lebewohl ſagen konnte, in das dichteſte Gedraͤnge entfuͤhrt. — 220— Giovani da Castel Franco— dieß war der Name des jungen Mannes, auf den Bianca's Anblick einen ſo tiefen Eindruck gemacht hatte— ſtammte von einer alten Familie und war der Sohn eines be⸗ jahrten Mannes, der in ihm das einzige Band ſah, das ihm noch an die Erde feſſelte. Die Familie hatte fruͤher große Guͤter in der Naͤhe von Castel Franco beſeſſen, woher auch ihr Name ſtammte; aber Kriege und andere Unfaͤlle hatten den groͤßten Theil ihres Reichthums verſchlungen, ſo daß der jetzige Erbe eines großen Namens, eben nicht viel mehr als dieſen Na⸗ men beſaß, und kaum im Stande war, nur den aͤußern Schein in etwas aufrecht zu erhalten. Seinen Sohn hatte er jedoch auf eine ſeinem Range ange⸗ meſſene Weiſe erziehen laſſen. Giovani hatte in der Periode, von der wir ſprechen, die Univerſitaͤt bereits ſeit einem Jahre verlaſſen. Waͤhrend der Studienzeit hatte er ſich ſtets ausgezeichnet, und durch ſeine großen Talente, koͤrperlichen Schoͤnheiten, ſeine Geſchicklichkeit in allen ritterlichen Uebungen, und durch ſein liebens⸗ wuͤrdiges Benehmen die allgemeine Achtung und Be⸗ wunderung erworben. Er war der Stolz der Univer⸗ ſiaͤt, und das Muſter, das Andern zur Nachahmung anempfohlen wurde. Ein Student nur hatte ihm ſtets die Krone ſtreitig gemacht. Alleſſandro Bettola war ihm faſt gleich an hoher Geburt, koͤrperlichen und gei⸗ 4 — 221— ſtigen Vorzuͤgen, da aber Giovani ihn dennoch uͤber⸗ fluͤgelte, ſo hatte er einen kaum verhohlenen, bittern Haß gegen dieſen gefaßt. Die Eiferſucht, welche zwi⸗ ſchen beiden beſtand, wurde bei Alleſſandro ungluͤckli⸗ cher Weiſe noch durch die Sage genaͤhrt, daß zwiſchen ihren Familien ein alter Streit herrſche. Noch ehe Giovani die Univerſitaͤt verließ, fielen Haͤndel vor, in denen dieſer ſich einer Partei angeſchloſſen hatte, die gegen einige Freunde Bettolas auf⸗(geſtanden war) getreten war. Bei einem Zuſammentreffen kam es zu einem Kampf, bei welchem Bettola einen Schlag er⸗ hielt, den er, wie ihm ſein Haß zufliſterte, Giovani's Arm zu danken hatte. Die traurigen Folgen, die dieſes wahrſcheinlich auf der Stelle gehabt haͤtte, wurden durch zeitliche Vermittlung verhindert; aber Alleſſandro bewahrte das Gefuͤhl, daß ſeine Ehre gekraͤnkt ſei, weß⸗ wegen er, wenn die Gelegenheit ſich darboͤte, blutige Rache nehmen muͤſſe. Bald darauf wurde Giovani zuruͤckberufen, und als er Padua und Alleſſandro Bettola verließ, glaubte er, daß er mit dem Schauplatze des Haſſes auch den Haß ſelbſt auf ewig hinter ſich laſſe. Giovani eilte von der Univerſitaͤt zu ſeinem Vater der auf einem großen, aber in ſchlechtem Stande be— findlichen Schloſſe lebte, das in der Mitte einer kleinen — 222— Beſitzung gelegen war, deſſen ganze Umgegend fruͤher ſeinen Vorfahren gehoͤrt hatte. Ein großer Theil der Laͤndereien der ehemaligen Grafſchaft Caſtel franco war jetzt in den Haͤnden des Grafen Spoleto, deſſen ange⸗ borner Stolz nicht wenig durch das Bewußtſein erhoͤht wurde, daß er jetzt im Stande ſei, das alte Haus ſeines Nachbars ſo ganz zu verdunkeln. Trotz dem lebten die beiden Familien auf einem freundſchaftlichen Fuße, und ſo ſehr auch dem alten Caſtel franco das Blut in das Geſicht ſtieg, wenn der ſtolze Spoleto im Gefuͤhle ſeine Anſehens und Reichthums eine etwas zu hohe Miene annahm, ſo wußte er doch ſich zu be⸗ herrſchen, da ſein letztes Gut trotz ſeines geringen Um⸗ fanges, doch noch Spoleto verſchuldet war, und faſt gaͤnzlich von ihm abhing. Dieſes Gut aber und ein Pallaſt in Padua, die unveraͤußerliche Nachlaſſenſchaft ſeiner verſtorbenen Gattin, war das einzige Beſitzthum des Erben der einſt ſo gewaltigen Grafen von Caſtel franco. Die Familie Spoleto beſtand aus dem Grafen und einer einzigen Tochter, die bereits Witwe und weder durch perſoͤnliche Reize, noch durch Geiſt oder Charakter beſonders anziehend war. Durch den Tod ihres Gemals, war ſie Gebieterin eines ſehr betraͤcht⸗ lichen Vermoͤgens, und, da die Grafſchaft Spoleto einſtmal auch auf ſie uͤbergehen mußte, die reichſte Erbin in Italien geworden. Auch fehlte es ihr keines⸗ 8⁸ — 223— wegs an Bewerbern; aber einige hatte Donna Clara zuruͤckgewieſen, andere durch ihren Stolz oder ihre heftigen Launen zuruͤckgeſcheucht ſo daß, als Giovani wieder auf ſeines Vaters Schloß ankam, ſie noch im⸗ mer unvermaͤlt war. Giovani's Schoͤnheit machte Eindruck auf die Witwe, und erweckte Gefuͤhle in ihr, die, da ſie in ihrer erſten Ehe mit einem alten widerwaͤrtigen Nobile verbunden war, vielleicht noch ganz bei ihr geſchlum⸗ mert hatten. Anfangs war ſie ſelbſt unzufrieden mit ſich, daß ſich ſolche Empfindungen gegen einen unbedeu⸗ tenden, armen Juͤngling in ihr Herz einſchleichen konn⸗ ten, bald jedoch gab ſie der ungeſtuͤmmen Gewalt der Leidenſchaft nach, und beſchloß, ihn aus ſeiner Tiefe zu ſich zu erheben. Sie gab Giovani haͤufige Gele⸗ genheit, ſich von dem Vorzuge zu uͤberzeigen, mit dem ſie ihn beehrte; aber der junge Graf erwiederte, ent⸗ weder aus abſichtlicher oder unfreiwilliger Blindheit, ihr Entgegenkommen keineswegs, ſo daß die liebe kranke Dame, zuletzt aus Verzweiflung ihrem Vater den Zu⸗ ſtand ihres Herzens offenbarte, und ihn bat, oder vielmehr aufforderte, waͤhrend der Abweſenheit Giova⸗ ni's, den alten Caſtel franco auszuholen, und ihm in ſeinem Namen zu verſtehen zu geben, daß er deſ⸗ ſen Sohn Erlaubniß ertheile, ſich um die ſchoͤne Witwe und Erbin zu bewerben. — 224— Spoleto wollte ſeiner Tochter Vorſtellungen wegen dieſer Mißheirat machen, er zaͤhlte ihr alle die glaͤn⸗ zenden Buͤndniſſe auf, die ſich ihr darboten, aber Alles umſonſt; Donna Clara hat ihren Kopf aufge⸗ ſetzt, und der Vater wußte, daß dann nichts mehr auszurichten ſei, es koſtete jedoch noch einen harten Kampf ehe er ſich dazu entſchließen konnte, ſelbſt den Antrag zu einer ſolchen Verbindung zu machen, aber da er einſah, daß weder Caſtel franco noch ſein Sohn von ſelbſt auf einen ſo abenteuerlichen Gedanken kom⸗ men konnten, ſo ſah er ſich ſchon genoͤthigt ſelbſt den erſten Schritt zu thun. Der alte Graf nahm den Wink mit unverhehlter Freude auf, er war außer ſich vor Entzuͤcken uͤber den Gedanken, daß er den kaͤrg⸗ lichen Ueberreſt der Familienguͤter von ſeinen Laſten be⸗ freien, und den Glanz des Hauſes wieder herſtellen koͤnnte. Er beſchloß, keine Zeit zu verlieren, und Giovani das Gluͤck, daß ſich ihnen dargeboten in ſeinem gebuͤhrenden Lichte vorzuſtellen. Giovani war nach einer Abweſenheit von nur wenigen Tagen nach Caſtel franco zuruͤckgekehrt und der alte Graf hatte ſogleich eine Gelegenheit benutzt, den Gegenſtand, der ihm ſo ſehr am Herzen lag zu beſprechen. Er fing damit an, ihm ſeine Wuͤnſche aus⸗ einander zu ſetzen, daß er bald ſich dazu anſchicken moͤge, den alten Namen ſeiner Familie durch eine — 225— angemeſſene Verbindung fortzupflanzen; erinnerte ihn an das edle Blut, das in ſeinen Adern rollte und ſetzte ſeinen Sohn, der den Vater ſo oft uͤber ſein zer⸗ ruͤttetes Vermoͤgen hat beklagen hoͤren, nicht wenig durch die Erklaͤrung in Staunen, daß jede Famile Ita⸗ liens ſtolz ſein muͤſſe, wenn ſie ſich mit dem Caſtel franco verbinden koͤnne. Den Schluß der Rede bildete eine unumwundene Hindeutung auf die Tochter Spole⸗ to's, als eine Dame, die er gerne als ſeine Schwiegertoch⸗ ter ſehen wuͤrde, und welcher Giovani daher ofters als bisher ſeine Aufwartung zu machen habe, damit er ſich die reiche Witwe geneigt mache. Giovani gab eine ausweichende Antwort, und war keineswegs ſo freudig von dieſer Nachricht ergriffen, als der alte Graf, der bereits das Vermoͤgen, das Donna Clara beſaß, und noch zu erwarten hatte, in Gedan⸗ ken abſchaͤtzte. Die gezwungene Annaͤherung der beiden Familien foͤrderte die Sache nicht im Geringſten, denn Gio⸗ vani ſchien entſchloſſen, ſich nicht zu verlieben, und was noch weit ſchlimmer war, ohne Liebe nicht zu heiraten. Donna Claras Leidenſchaft nahm jedoch trotz, oder vielleicht eben wegen dieſer Gleichguͤltigkeit mit jedem Tage zu, ſo, daß zur ſelben Zeit, wo er zur feſten Ueberzeugung gekommen war, daß er ſie nicht ausſtehen koͤnne, ſie mit faſt einer wahnſinnigen Glut Schleſing. Herbſtnov. 15 — 226— ſich zu ihm hingeriſſen fuͤhlte. Spoleto nahm an dem ganzen Treiben nur geringen Antheil, da er der Mei⸗ nung war, daß in kurzer Zeit der Antrag erfolgen, und die Vermaͤlung ſtatt finden werde, und es ihm nicht im mindeſten einfiel, daß irgend jemand Cla⸗ ras Hand ausſchlagen koͤnne. Er wartete daher mit wurdevoller Geduld, und ſchrieb die Verzoͤgerung, wenn ihm manchmal doch die Zeit etwas lang zu dauern ſchien, der natuͤrlichen Schuͤchternheit und Zaghaftigkeit eines jungen Mannes zu, der ploͤtzich zu einer ſo un⸗ gehofften Ehre ſich aufſchwingen ſoll. Der arme Graf! Wie irrte er ſich! Nach einem wochenlangen Zaudern, daß aber aus ganz andern Ge⸗ fuͤhlen entſprang, als Spoleto dachte, warf ſich Gio⸗ vani zu ſeines Vaters Fuͤßen, erklaͤrte ihm, Donna Clara ſage ihm nicht im mindeſten zu, und weigerte ſich auf das Beſtimmteſte, ſie zu heiraten. Zuerſt erſtaunte Caſtel franco, dann aber gerieth er in die fuͤrchterlichſte Wuth, und haͤtte nicht das Schick⸗ ſal ſchon fruͤher dafuͤr geſorgt, ſo wuͤrde er den armen Giovani auf der Stelle enterbt haben. Der Juͤngling empfand es ſchmerzlich, daß ſeinem Vater ſo viel daran lag, ihn um alles Lebensgluͤck zu bringen, und ſuchte ihn von ſeinen Anſichten zu be⸗ kehren; aber hier war alle Beredſamkeit verloren. Sprach er von ſeiner zu großen Jugend, ſo bekam er — 227— zur Antwort, ſie wuͤrde ſchon vergehen; erklaͤrte er, er koͤnne Donna Clara nicht lieben, ſo laͤchelte der Graf mit großer Verachtung und fragte, ob man eine ſolche Verbindung um eines ſo abgeſchmackten, unerhoͤrten Grundes wegen aufgeben duͤrfe. Er ſtellte darauf den Unterſchied der Jahre vor, denn Donna Clara war bei weitem aͤlter, als erz aber der alte Graf erwie⸗ derte, ſie ſei noch jung genug, den beiden fuͤrſtlichen Haͤuſern Erben zu geben. Kurz, Beide blieben feſt, und die Unterredung endete zu Beider Unzufrieden⸗ heit. Etwas mußte jedoch geſchehen, und Vater und Sohn ſtimmten wenigſtens darin uͤberein, daß Giovani augenblicklich Caſtel franco verlaſſen muͤſſe. Dem Alten blieb es uͤberlaſſen, eine haltbare Entſchul⸗ digung fuͤr die ploͤtzliche Abreiſe zu erſinnen, damit die Spoleto's den ihnen angedrohten Schimpf nicht ahnen moͤchten— eine ſchwere Aufgabe, weßhalb der Graf auch von Neuem ſeinen Sohn mit Bitten beſtuͤrmte und nicht eher abließ, als bis er ihm mit ſeinem Fluche gedrohet hatte, wenn er in drei Monaten, wo beide Familien ſich in Padua vereinigen wuͤrden, nicht bereit waͤre, ſeinen Ungehorſam wieder gut zu machen und die Tochter Spoleto's zum Altare zu fuͤhren. Giovani klagte bitter uͤber die peinliche Stellung, in die er ſich verſetzt ſah, und dankte Gott, als er ihr einſtweilen wenigſtens durch Reiſen entgehen konnte. 15* — 228— Die Zeit, hoffte er, werde die Geſinnungen ſeines Vaters aͤndern, und ihm ſeine Liebe wieder ſchenken. Die ihm gegebene Friſt war ſchon bis auf unge⸗ faͤhr vierzehn Tage verfloſſen, als er in Padua an⸗ kam. Er nahm ſeine Wohnung in dem Pallaaſte ſei⸗ ner Familie und erfuhr daſelbſt, daß ſeines Vaters Reiſe um drei Wochen aufgeſchoben worden ſei. Gio⸗ vani's Anſicht und Entſchluß hatte ſich waͤhrend ſei⸗ ner Reiſe in nichts geaͤndert, ſo daß er ſich uͤber den Aufſchub nicht wenig gluͤcklich fuͤhlte, und ſein Vor⸗ recht als Nobile benutzte, um am Tage ſeiner Ankunft ſogleich das vielverſprechende Feſt Vanezzi's zu beſu⸗ chen. Er ging maskirt, weil er nur einige Stunden unerkannt dort zuzubringen dachte, und nahm nur an der Freude des Tages Theil, weil der Anblick Bian⸗ ca's ihn wonnig berauſcht, und ihn ſeinem Vorſatze, nur aus der Ferne zuzuſchauen, untreu gemacht hatte. Als er aus ſeinem Nachſinnen uͤber den Stand und Namen ſeiner ſchoͤnen Taͤnzerin erwacht war, und ſie zu ſeinem groͤßten Schrecken nicht mehr in ſeiner Naͤhe ſah, ſprang er haſtig auf, und eilte ihr durch alle Saͤle nach, bis er ſie an dem Arme des Marcheſe Vanezzi wieder fand, der ſich mit einigen vornehmen Perſonen unterhielt. In demſelben Augenblick verließ ſie ihren Vater und zog ſich nach einer Fenſterbruͤ⸗ — 229— ſtung zuruͤck, wohin ihr Giovani auf der Stelle nach⸗ folgte, und ſogleich ein Geſpraͤch anknuͤpfte, bei dem es ſich bald ergab, wer Bianca war, und daß auch er ihr nicht ganz unbekannt ſei. Sie erinnerte ihn an die Auszeichnungen, deren er auf der Univerſitaͤt theilhaftig geworden, und die ihr von einem Ver⸗ wandten damals mitgetheilt worden waren, und ge⸗ ſtand offen, obwohl erroͤthend, daß ſie oft ihn, von dem ſo viel geſprochen wurde, zu ſehen gewuͤnſcht habe. Lange bevor die Zeit herankam, wo die Fremden ſchie⸗ den, waren Giovani und Bianca ſo heiß verliebt in einander, als es nur zwei jugendliche, und noch dazu italieniſche Herzen zu ſein vermochten. Wir haben bereits erwaͤhnt, daß unter den Gaͤ⸗ ſten auch einige adelige Studenten waren. Insbeſon⸗ dere war Bianca dem Giulio vorgeſtellt worden, und da ſie beide dabei ihre Masken abgenommen hatten, ſo ward Giulio auf der Stelle ſo von der Schoͤnheit der rei⸗ zenden Vanezzi eingenommen, daß er, zur Freude ihres Va⸗ ters, geneigt ſchien, ihr ſeine Aufmerkſamkeit zu widmen. Ihre Ehe hing zwar allerdings nicht von einer gegenſeitigen Leidenſchaft ab, aber Vanezzi hatte doch Gefuͤhl genug, um einzuſehen, daß ein wenig Liebe den Plaͤnen der Eltern nicht ſchaden und vielleicht das Gluͤck des Paares foͤrdern koͤnnte. Aber ſo liebens⸗ wuͤrdig Giulio Bianca fand, eben ſo langweilig erſchien — 230— er in ihren Augen, da ſie ſeine Bekanntſchaft erſt nach ihrer intereſſanten Unterredung mit Giovani ge⸗ macht hatte. Außer Giulio hat jedoch noch ein boͤſer Genius dem Feſte beigewohnt, und ein wachſames Auge auf ſein Treiben gehabt. Dies war Alleſſandro Bettola, der durch einen ungluͤcklichen Zufall unbemerkt neben Giovani, als dieſer zuerſt Bianca anredete geſtanden, und ſogleich ſeines Nebenbuhlers Stimme erkannt hatte. Was Giovani geſagt, was Bianca geantwortet hatte, wußte er nicht, aber er bewachte von nun an jede ih⸗ rer Bewegungen, ſah ſie zuſammen tanzen, lachen, ſpre⸗ chen, errieth die Abſicht des Marcheſe mit Giulio, und beſchloß ſogleich, aus dieſer Verwickelung den Untergang Giovani's herbeizufuͤhren. Als Giovani von dem Feſte zurückkehrte, und mit Ruhe uͤber ſeine Lage nachdachte, draͤngten ſich ihm nichts weniger als troͤſtliche Gedan⸗ ken auf. Er fuͤhlte, daß er nicht mehr ohne Bianca leben koͤnne, und er war uͤberzeugt, daß auch ſie ſeinen Waͤnſchen nicht abgeneigt ſein wuͤrde, aber nur zu deutlich erkannte er auch die faſt unuͤberſteiglichen Hin⸗ derniſſe, die ſich ſeinem Gluͤcke entgegen ſtellten. Jetzt fuͤhlte er erſt bitterlich ſeine eigene Armuth, und wie wenig Hoffnung ihm blieb, die Einwilligung des rei⸗ chen Vanezzi zu gewinnen. — . — 231— Acht Tage etwa nach dieſem Ereigniſſe mochte es ſein als ein neuer Doge in Venedig erwaͤhlt wurde. Dieſes war ein Ereigniß, welches nicht bloß in der Meerſtadt allein, ſondern in ganz Italien, ja in den fernſten Weltgegenden Antheil und Aufſehen erregte, denn bei der Abhaͤngigkeit und Furcht, welche der maͤch⸗ tige Seeſtaat uͤberall zu erregen und zu unterhalten wußte, und bei der Organiſation deſſelben, wodurch der Doge, wenn auch ſcheinbar der Signoria nur bei⸗ geordnet, und dem furchtbaren Rathe der Zehn unter⸗ worfen, doch in Krieg⸗ und Friedensbeſchluͤſſen eine entſcheidende Stimme hatte, war es fuͤr die kleinern Maͤchte wirklich keine gleichguͤltige Sache, ob die Wahl auf einen friedliebenden, ſtillen, oder kriegeriſchen und eroberungsſichtigen Patrizier fiele, und alles erwartete mit aͤngſtlicher Spannung ob der neue Fuͤrſt als Ge⸗ ſetzgeber oder aber als Feldherr ſich zu verewigen ſuchen wuͤrde. Bekannt iſt es, mit welchem Aufwande an Pracht und Feſtlichkeit die ſtolze Republik das gluͤckliche Er⸗ gebniß ihrer geendigten Wahl zu feiern pflegte. Auch die Nobili von Gadova welche an der Erwaͤhlung Theil zu nehmen berechtigt waren, und von ihrem Rechte Gebrauch machten, fehlten dabei nicht, und ih⸗ nen ſchloſſen ſich alle jene an, welche durch ihre Ge⸗ burt oder ſonſtigen Verhaͤltniſſe ihnen naͤher ſtanden, — 232— aber auch die niedern Claſſen ließen eine ſolche Gele⸗ genheit nicht voruͤber, ihre Schauluſt zu befriedigen, und bei ihrem einfoͤrmigen Leben ſich Stoff zum Ge⸗ ſpraͤche fuͤr mehrere Wochen zu ſammeln. Vorzuͤglich aber war die„erlauchte“ Univerſitaͤt mit ihren Lehrern geladen, um durch den Glanz ihrer Gelehrſamkeit, die Feſte genußvoller zu machen, und die Schuͤler wurden daher durch nichts aufgehalten, jenem innern Triebe der Neugier und Ergoͤtzungsluſt zu folgen, welcher der Jugend ohnedieß ſo natuͤrlich. Mit den letztern war auch Caſtel Franco nach Venedig gekommen, und ſein Name ſo wie ſeine Perſsoͤnlichkeit verſchaffte ihm bald Zutritt in den Kreis der Hoͤhern, ſo daß er bei den Luſtbarkeiten wirklichen Antheil nehmen konnte, ohne ſich mit dem bloßen, muͤßigen Zuſehen begnuͤgen zu muͤſſen. Die feierliche Vermaͤlung des Dogen mit dem Meere, ſollte, da der Zeitpunkt gerade in die Periode der kurzen Tage fiel, am Abend bei Fackelbeleuchtung ſtatt finden. Die Gondeln der großen patriziſchen Familien wur⸗ den bereits ſeit mehrern Tagen hierzu in den erforder⸗ lichen Stand verſetzt, und an der ganzen Riva de Schi⸗ avoni waren Lampenſaͤulen und Tribunen fuͤr die Zu⸗ ſchauer errichtet. Es war an dieſem denkwuͤrdigen Abende, daß das — 233— Meer ein in ſeiner Art eben ſo ſeltenes als prachtvolles Schauſpiel darbot. So weit das Auge zu blicken vermochte, ſah man nur hellfarbige, blendend erleuchtete Gondeln, mit den Wappen der ſtolzen Patrizier⸗Fa⸗ milien in Goldfarbe geſchmuͤckt, waͤhrend die Ruderer deren, nach dem Range ihrer Herrſchaft, oft zehn bis zwoͤlf auf einem kleinen Fahrzeug beſchaͤftigt waren, in der Reihe mit goldgeſtickten Gewaͤndern, ihre Arme ſymmetriſch und taktmaͤßig bewegten, wie es den veneti⸗ aniſchen Gondolieri faſt ausſchließlich eigen iſt. Es ſchien, als habe das Meer nun einmal all' ſeinen tief verhuͤllten Glanz erſchloſſen, und ſeine, Tritonen und Proteiden in ihren Muſchelkaͤhnen auf die Oberflaͤche geſendet. Die zahllos gluͤhenden Lampen und Lichter, tauchten ſich liebkoſend in die milde, ſpiegelglatte Fluth, und leuchteten wieder herauf wie Freudenfeuer, welche die braͤutliche See angezuͤndet, um die Verlobung mit gebuͤhrendem Glanze zu begehen. Sie hatte ſich aber auch heute in lieblicher Koketterie ganz mit Sanftmuth und Freundlichkeit umgeben. Des Himmels dunkel⸗ blaue Farbe ruhte auf ihren Wangen, ein ſuͤßer kaum zu bezeichnender Duft entfloß ihrem Schooße, und wie zaͤrtliche Seufzer, toͤnte daß Plaͤtſchern und Rauſchen, welches theils die Ruderſchlaͤge, theils das Auftauchen neugieriger Fiſche hervorbringen mochte. Vom Ufer heruͤber jedoch erglaͤnzte es am wunderbarſten. Der — 2³4— Markusplatz mit ſeinen Wundergebaͤuden und Saͤulen, ſo wie die Piazzetta mit den Loͤwenkolonnen ſchienen ganz in Feuer zu ſtehen, und die gedraͤngte Menſchen⸗ maſſe unten ſtrahlend zu erleuchten; aus den Fenſtern der Prokuratieen blickten zahlreiche, ſchoͤn geſchmuͤckte Frauen, die weißen Tuͤcher hoch in den Haͤnden ſchwin⸗ gend, und ſo den lieben Anverwandten und Freunden druͤben auf den Meere ſuͤße Gruͤße zuwinkend. Schon lange harrte alles in geſpannter Erwartung, auf den Beginn des Feſtes, da wurde endlich ein Ka⸗ nonenſchuß gehoͤrt, und— gleich dem Herrſchergeſpann Neptuns wogte der majeſtaͤtiſche Bucentoro einher. Die reiche Goldverzierung am Bord deſſelben brach ſich in den vieltauſend Kerzen zum praͤchtigſten Wiederſcheine und von den hohen Wimpeln wehete die ſtolze, unbe⸗ ſiegte Fahne der gewaltigen Republik, die Muſikchoͤre, welche ſich rings umher auf Gondeln befanden, ſtimm⸗ ten eine rauſchende Triumphweiſe an und unter dem Gelaͤute der vielen Glocken von den hellerleuchteten Kir⸗ chen in Venedig, und auf den maleriſchen Inſeln rings umher, unter dem Donner der Kanonen, welche an der Riva aufgeſtellt waren, und dem betaͤubenden Evowageſchrei einer zahlloſen Menge, welches bald aus dem Meere, bald wie aus ferner Sphaͤre zu toͤnen ſchien, ſegelte der Traͤger des Dogen bis in die Gegend der Kirche Maria della Salute, und hielt dort ſtille. . — 235— In demſelben Augenblicke war der Bucentoro von den Gondeln der Senatoren und der erſten Familien um⸗ geben, der Patriarch von ſeiner Gondel zum Dogen hinuͤber, und einige der aͤlteſten Nobili folgten ihm, als naͤchſte Zeugen und zugleich Waͤchter, uͤber die ge⸗ naue Beobachtung der hergebrachten Formen. Nach einem kurzen ſtillen Gebete, nahm der Doge den ein⸗ fachen goldenen Reif aus den Haͤnden des Patriarchen, und warf ihn mit den Worten:„ Durch dieſen Ring o Meer! ſeieſt du mir und der ſiegreichen Republik Venedig verlobt fuͤr immerdar!“ und abermals erſcholl das betaͤubende Gejauchze, die maͤchtigen Trompeten und Paukenſanfaren faſt uͤbertoͤnend. Ploͤtzlich aber erſcholl zwiſchendurch ein Schrei der Angſt und des Schreckens, doch er drang nicht bis in den Bucentoro, und nur die Zuſchauer der zweiten Gondelreihe ahnten irgend ein ungluͤckliches Ereigniß, und gaben ihren Ruderern Befehl ſich zuruͤckzuziehen. Mit jeder Mi⸗ nute aber wuchs der Laͤrm, und die Beſtuͤrzung wurde immer allgemeiner. Wie es bei dergleichen Vorfaͤllen gewoͤhnlich zu ge⸗ hen pflegt, waren die Antworten welche man erhielt noch verwirrter als die Fragen. Endlich konnte man erfahren, daß die Gondel des Conte Vanezzi von Ga⸗ dova von einer andern angeſtoſſen worden, ſich geneigt habe, und die Tochter des Grafen, welche auf einem — 236— Sitz ohne Lehne ruhend ganz in das Wunderbare des Schauſpiels verloren geweſen, durch den ploͤtzlichen Stoß uͤber Bord geſchleudert worden ſei. Waͤhrend alles von Entſetzen und Angſt laut aufgeſchrieen habe, ſei ein junger Menſch von einer benachbarten Gondel ins Meer geſprungen, ſo mit augenſcheinlicher eigener Lebensge⸗ fahr das Maͤdchen zu retten trachtend. Man habe, da er unter den Fahrzeugen fortſchwimmen mußte, ſchon auf beider Rettung verzichtet, als man ihn ploͤtlich in der Ferne mit ſeiner Laſt habe auftauchen, bald aber wieder in Dunkel der Nacht verſchwinden ſehen. Der alte verzweifelnde Vater habe bereits mehrere Gondolieri ausgeſendet, um an allen Ufern den Verlornen nach⸗ zuſpaͤhen, und harre todesaͤngſtlich in den Saͤulengaͤn⸗ gen der Prokuratieen. Indeſſen gab es auf einer kleinen Inſel jenſeits des Canal grande zwei Gluͤckliche. Wohl war es Gio⸗ vani, welcher immer in der Naͤhe Bianca's ſich hal⸗ tend ihr, ſein Barett abwerfend, blitzſchnell nachſprang. Der Geiſt der Liebe leitete ſeine Bemuͤhungen, unter den Boden einer Gondel erfaßte er ſie, und ſchnell ſie emporhebend, trug er die theuere Laſt nach der kleinen einſamen Inſel. Bianca ſchien leblos, er legte ſie vor ſich auf den Boden, und betrachtete mit einer Art von Entzuͤcken die engelſchoͤnen bleichen Zuͤge, und konnte gar nicht ſatt werden im Schauen, ohne ſich zu erinnern — 237— ſie ſei ja todt. Dann neigte er ſich mit wonnebeben⸗ dem Herzen auf ſie hinab, und kuͤßte ſie einmal und noch viele Male auf die kalten Lippen; und der ſuͤße Zauber der Liebe ſchien ſie wieder zu beleben, ſie ſchlug die Augen auf, und ſchloß ſie laͤchelnd wieder, um den ſchoͤnen Traum nicht allzuſchnell zu zerſtoͤren. Als ſie aber ſich feſter umſchlungen, und ſeine Lippen warm auf den ihrigen fuͤhlte, als ſie ihren Namen mit den ſanfteſten Schmeicheltoͤnen gerufen hoͤrte;— da wagte ſie es, freier aufzublicken, und ein ſchwaches:„wo bin ich?“ hervor zu rufen. Giovani legte ihren Kopf an ſeine Bruſt, und erzaͤhlte ihr leiſe, als fuͤrchtete er behorcht zu werden, von ihrem Sturze ins Meer, von ſeiner Liebe, vom Schwimmen, von dem Entzuͤcken als ſie in ſeinen Armen war, und ſie hoͤrte ſtillſelig zu, kein Woͤrtchen erwiedernd, um den wohlthaͤtigen Rede⸗ ſtrom nicht zu hemmen.— Da rief es ploͤtzlich im Dunkeln mit ſtarkem Tone: Bianca, und ſie rief faſt unbewußt: Lon gui? In dieſem Augenblicke ſprang ein junger Mann mit zwei Fackeltraͤgern ans Ufer und eilte athemlos herbei.„Gott ſei Dank“ rief er„ich habe Euch gefunden, kommt ſchnell, Euer Vater liegt ohnmaͤchtig auf der Piazzetta!„Was ſagt ihr Bettola?“ ſtammelte Bianca mit der Angſt einer liebenden Toch⸗ ter,„o kommt, o kommt!“ und ſie erhob ſich auf ihre zitternden Fuͤße, und warf noch einen innigen Blick —-õÿ— — 238— des Dankes auf den finſter blickenden Giovani„Lebt wol mein edler Retter!“ hauchte ſie, und reichte ihm die kleine noch feuchte Hand.„Ei Graf“ ſagte Bet⸗ tola uͤberraſcht und zwang ſich zu freundlichen Gruͤßen, „Ihr habt Signora gerettet?— Nehmt unſern auf⸗ richtigſten Dank dafuͤr! Seht hier koͤmmt noch eine Gondel, nun koͤnnt ihr gleich heim fahren, denn es wird euch in den naſſen Kleidern auch nicht eben ſehr angenehm zu Mute ſein.“ „Lebt wol bis auf Wiederſehen!“— und ſie ſtiegen in die Gondel und verſchwanden ſchnell, waͤhrend ihnen Giovani noch lange ſchweigend und traͤumeriſch nachſah, bis ihn die harrenden Gondolieri an die Heimkehr mahnten. Als er zuruͤckkahm ſah er die Fenſter des Dogen⸗ palaſtes hochbeleuchtet, und froͤhliche Paare ſchienen ſich im großen Prunkſaale zu bewegen. Giovani eilte gleichguͤltig darunter hinweg, ohne ſich hinaufzuſehnen, denn ſie, Bianca naͤmlich, konnte unmoͤglich oben ſein. Als er an's Eck der Piazzetta gelangte, ſah er viel muͤßiges Volk ſtehen und einer Saͤnfte nachſchauen, deren Traͤger ſo eben ſchnellen Schrittes unter dem Uhrbogen ſich verloren. Man murmelte und ſchwatzte viel, und einigemal hoͤrte er deutlich den Namen: Vanezzi; dieß machte ihn aufmerkſam.„Benedetto — 239— „ Alberti!“ rief endlich ein ſchon ziemlich bejahrtes Blumenmaͤdchen„der die ſchoͤne Signora gerettet hat!“ Ei wie Fiora, ſagte ein Fachine, welcher die Arme in⸗ einander geſchlagen, da ſtand und gaffte, der Signor Alberti hat ſie gerettet, ſagte man doch, ein junger Graf habe ſich eigens deßwegen ins Waſſer geſtuͤrzt? —„Warum nicht gar, erwiederte die Andere,“ habt Ihrs nicht gehoͤrt, was der Signor Bettola geſagt hat, der ſie mitbrachte;— das iſt ein gar kluger und wacke⸗ rer Herr, er gibt mir fuͤr meine Blumen immer einen Saldo mehr— nun der erzaͤhlte, er habe ſie am Ufer gefunden und einen Fremden bei ihr, welchen er in der Eile und beim ungewiſſen Fackellichte fuͤr Alberti erkannt habe. Die Signora wollte gerne ſprechen, und wahrſcheinlich in das Lob ihres Retters mit ein⸗ ſtimmen, allein der beſorgte Vater hieß ſie ſchweigen, und jede Anſtrengung vermeiden. Ja Gott ſegne ihr den jungen Herrn!—„Gott ſegne ihn“ wiederholte der Laſttraͤger„na die Signora wird ihm ſchon ver⸗ gelten!“ Es iſt leicht zu ermeſſen, wie Giovani beim An⸗ hoͤren dieſes Geſpraͤches zu Mute war, allein nicht Eigennutz oder verletzte Eitelkeit war es, was ihn ſo bewegte, nur Schmerz uͤber die beiſpielloſe Treuloſigkeit Bettola's und der Gedanke an die Folgen derſelben durchkreuzete ſein Gemuͤt. Bianca's war er gewiß, — 240— ſie hatte ihn erkannt, und konnte nimmer zu ſo ſchnoͤdem Betruge ihre Einwilligung geben; allein wer ſtand dafuͤr, daß nicht der alte Vanezzi durch Dank⸗ barkeit zu dem Wunſche einer Verbindung ſeiner Toch⸗ ter mit Alberti geleitet werden duͤrfte, ein Wunſch, der ſo nahe lag, da ſein Rang wie ſein Reichthum ihn zu einer ſogenannten hoͤchſt vortheilhaften Parthie machten! In toͤdtlicher Furcht beſchloß nun Giovani alles aufzubieten, um ſeine Anſpruͤche zu verfechten. Zwei Tage ſpaͤter kam er an der Kirche des heili⸗ gen Antonio voruͤber, und da eben Meſſe geleſen wurde, ſo trat er hinein, und kniete unter den uͤbrigen An⸗ daͤchtigen vor dem Hochaltare nieder. Eine Dame, welche mit einer aͤltlichen Frau dicht neben ihm kniete, ließ ihren Roſenkranz fallen, den er ſchnell aufhob; ſie buͤckte ſich ebenfalls und ihre Stirne beruͤhrte ſeine Wange. Er zog ſich verwirrt zuruͤck, und erkannte zu ſeinem großen Entzuͤcken ſeine geliehte Bianca. Sie zog ihren Schleier feſter um das Geſicht, und ſchien von ganzer Seele dem Gottesdienſte anzuhoͤren. Als Bianca aufſtand, erhob ſich auch Giovani, aber eine leichte Verbeugung bedeutete ihm, zuruͤck zu blei⸗ ben, und ihr nicht zu folgen. Giovani beſuchte jetzt oͤfters die Kirche des heiligen Antonio; Bianca war zwar nicht immer dort, aber wenn ſie erſchien, wurde er ſtets mit einem Blicke, oft mit einem Worte — 241— begluͤckt. Ein Regenguß hatte einmal Bianca gezwun⸗ gen, in der Vorhalle zuruͤck zu bleiben, und da Caſtel Franco nicht unbekannt war, ſo trat die Fungna zu⸗ ruͤck, waͤhrend er mit ihrer Gebieterin ſprach, und er ihr ſeine Liebe erklaͤrte. Dieſes Geſtaͤndniß wurde ihm theils durch die guͤnſtige Gelegenheit, theils durch die bevorſtehende Ankunft ſeines Vaters abgezwungen. Die Art, wie Bianca ſeine leidenſchaftlichen Worte aufnahm bewies ihm, daß ſeine Liebe ihr nicht unwillkommen ſei, daß ſie dieſelbe ſogar theile. Giovani beſchloß ſich nun an Vanezzi zu wenden, und wenn er ſeine Einwilligung erhielte, dem Sturm zu trotzen, dem die getaͤuſchte Hoffnung Spoletos und ſeines Vaters Zorn uͤber ihn ergehen laſſen wuͤrden. Einen Tag nach ſeiner Unterredung machte er dem Marcheſe Vanezzi ſeine Aufwartung. Er wurde vor⸗ gelaſſen, aber kalt aufgenommen. Er ließ ſich jedoch nicht abſchrecken, ſondern ſuchte mit achtungsvoller Vor⸗ ſicht das Geſpraͤch auf den Zweck ſeines Beſuchs zu lenken; aber der Marcheſe fiel ihm ploͤtzlich in die Rede und fing ſelbſt davon an, er wiſſe, daß er ihm die Ehre erwieſen habe, ſeine Tochter ſeiner Bewunderung werth zu machen, er muͤſſe ihm jedoch bemerklich ma⸗ chen, daß ihm dieſe Bemerkung unangenehm ſei, und daß er ihn daher hoͤflichſt erſuchen muͤſſe, den Pallaſt Vanezzi nicht mehr mit ſeiner Gegenwart zu beehren. Schleſing. Herbſtnov. 16 — 242— Giovani fuͤhlte, daß ihm das Blut kochend in das Geſicht ſtieg, aber er unterdruͤckte ſeinen Zorn uͤber dieſe Behandlung, und beſchloß wo moͤglich eine Er⸗ klaͤrung mit Bianca ſelbſt zu haben. Umſonſt jedoch ging er nach der Kirche, ſie erſchien nicht mehr daſelbſt, und Giovani fing an ſich einzu⸗ bilden, ſie vermeide ihn abſichtlich. Und doch wenn er wieder an das Erroͤthen der Liebe dachte, mit welchem ſie ſein Geſtaͤndniß aufgenommen hatte, ſo mußte er glauben, daß nur eine fremde Gewalt ihre Zuſammen⸗ kunft geſtoͤrt habe. Aleſſandro Bettola war im Spiele. Er hatte ſich feſt vorgeſetzt, den goldenen Traum Giovani's zu zer⸗ ſtoͤren. Sein erſter Schritt war, daß er ſich mit Giu⸗ lio Alberti in naͤhere Verbindung ſetzte, deſſen Cha⸗ rakter ganz dazu geeignet war, in jede gewaltſame Maßregel einzugehen. Er brachte das Geſpraͤch auf die Tochter Vanezzi's und entdeckte, daß ihre Schoͤn⸗ heit einen großen Eindruck auf Giulio gemacht habe. Er ſparte darauf keine Muͤhe, dieſe Neigung noch mehr zu entflammen, ihre Tugenden, ihren Adel, ihr großes Vermoͤgen in ein recht helles Licht zu ſetzen, und ſchuͤrte die Flamme ſo lange, bis er das Ge⸗ fuͤhl zu einer wahren Leidenſchaft geſteigert hatte. Bet⸗ tola hatte waͤhrend deß Caſtel Franco ſorgfaͤltig im Auge behalten, und ſo nur zu bald die Zuſammen — 243— kuͤnfte Giovani's mit Bianca in der Antoniuskirche erfahren, was er ſogleich ſeinem neuen Freunde Al⸗ berti mittheilte, nicht ohne einzelne Punkte dazu zu dichten, die den Letztern auf den hoͤchſten Grad erbit⸗ tern mußten. Giulio's erſter Gedanke war, Gio⸗ vani zum ehrlichen Zweikampf zu fordern. Dann dachte er— ein damals gar nicht ungewoͤhnlicher Aus⸗ weg— ihn heimlich zu uͤberfallen und zu erdolchen. Aber Aleſſandro hielt ihn davon ab, ſein Haß be⸗ gnuͤgte ſich nicht mit einer ſo ſchnellen Entwicklung. Den Tag, nachdem Giovani ſich dem alten Va⸗ nezzi offenbaret hatte, trat dieſer in das Gemach ſeiner Tochter, welche die Larve in der Hand hielt, die ſie in jener unvergeßlichen Nacht getragen hatte, und welche die ſuͤßeſten Erinnerungen in ihr erweckte. Sie ſprang anf, aber ihr Vater befahl ihr, ihren Sitz wieder ein⸗ zunehmen, und warf ihr, ohne weitere Einleitung, mit Haͤrte vor, daß ſie ein geheimes Verhaͤltniß mit Gio⸗ vani de Caſtel Franco angeknuͤpft habe. Bianca wollte antworten, vermochte es aber nicht. Vanezzi erklaͤrte ihr mit zunehmendem Grimme, daß er alles wiſſe, was vorgegangen waͤre, daß Giovani ein armſeliger Aben⸗ teurer ſei, der ſeine Gedanken nicht ſo hoch erheben ſolle; daß er andere Abſichten mit ihr habe, und ſie es ſich daher gefallen laſſen muͤſſe, bis zu derer Erfull⸗ ung den Pallaſt nicht zu verlaſſen. Alleſſandro, von 46* — 244— der Abſicht Giovani's unterrichtet, hatte Giulio Al⸗ berti angeregt, ohne Zeitverluſt ſich um Bianca's Hand zu bewerben, und dem Vater ihre Intrigue mit dem jungen Caſtel Franco zu verrathen. Dieſer, der nicht mehr nach dem Pallaſte Vanezzi's zuruͤckkehren konnte, ſetzte Alles in Bewegung, um eine Unterredung mit Bi⸗ anca zu erhalten. Aber umſonſt wartete er in der Kirche des heiligen Antonio, umſonſt ſchwaͤrmte er nach Sonnen⸗ untergang um ihren Pallaſt, alle Hoffnungen ſchlugen fehl. Um dieſelbe Zeit traf auch ſein Vater, und bald darauf Graf Spoleto mit ſeiner Tochter, in Padua ein, die, da der alte Graf ſich alle Muͤhe gegeben, ſei⸗ nes Sohnes langes Ausbleiben mit dringenden Geſchaͤf⸗ ten zu entſchuldigen, mit der leidenſchaftlichſten Unge⸗ duld ihrer Ankunft in Padua entgegengeſehen hatte. Das veraͤnderte Ausſehen uͤberraſchte den Grafen, und- er verlangte, daß er ihm die Urſache ſeines Gram's nicht verhehle. Giovani erzaͤhlte, was vorgefallen war, und obgleich der Graf eine Verbindung mit Vanezzi fuͤr eben ſo wuͤnſchenswerth, als die mit Spoleto ge⸗ halten haͤtte, ſo ließ er doch, da jede Moͤglichkeit des Erfolges ihm benommen ſchien, den Gedanken fahren, und drang nun noch mehr in den Sohn, ſich der rei⸗ chen Witwe zu naͤhern. Trotz allem Widerſtreben mußte Giovani noch denſelben Abend ſeinen Vater nach dem Pallaſte Spoleto's begleiten, und Tags darauf — 245— mit einer Botſchaft fuͤr Donna Clara wieder dahin zuruͤckkehren. Als er hereintrat, ſah er zu einer andern Seite Alleſſandro den Pallaſt verlaſſen. Alleſſandro Bettola, ein Verwandter Donna Clara's, hatte lange ſelbſt nach der Hand ſeiner Couſine geſtrebt, und als ſie daher das Geſpraͤch auf Caſtel Franco lenkte, leicht ihre Gedanken errathen, und daher die Wahrheit und die Verlaͤumdung nicht geſpart. Die Nachricht von dem Liebesverhaͤltniß mit Bianca, hatte die Witwe nicht wenig in Flamme geſetzt, aber der Anblick Gio⸗ vani's genuͤgte, jeden Groll gegen ihn zu verſcheuchen, der ſich mit um ſo groͤßerer Heftigkeit gegen ihre ver⸗ haßte Nebenbuhlerin wandte. Als er ſie verlaſſen hatte, eilte ſie zu ihrem Vater, theilte ihm den Grund von Giovani's Abneigung mit, und beſchwor ihn, ſie von der Beſchimpfung zu retten, mit welcher ſie das Benehmen Caſtel Franco's bedrohe. Der ſtolze Spoleto beſchloß, eine Erklaͤrung von Caſtel Franco zu verlangen, der ihn jedoch durch die Verſicherung beſchwichtigte, daß er ſeinem Sohne jeden Gedanken an Bianca Vanezzi verboten habe, und daß dieſe auch bereits mit Giulio Alberti verlobt ſei. Giovani allein wollte der Nachricht von einer Verbin⸗ dung Bianca's keinen Glauben ſchenken, und erklaͤrte in leidenſchaftlicher Aufregung, daß, wenn ſie wirklich Statt finden ſollte, er ſeinem Vater gehorchen, und — 246— Donna Clara zum Altare fuͤhren wolle. Caſtel Franco beſchloß, ſich an den alten Vanezzi zu wenden, der ihn zwar Anfangs mit etwas verletzender Kaͤlte empfing, zuletzt jedoch, als dieſer ſeinen Plan mit der Familie Spoleto entwickelte, ſich gaͤnzlich mit ihm uͤber die zu ergreifenden Mittel verſtaͤndigte. Nach dieſer Unterredung begab ſich Vanezzi zu ſei⸗ ner Tochter, die ſeit ihrem letzten Beſuche in einer troſtloſen Apathie gelebt hatte. Er ließ ihre Dienerin⸗ nen ſich entfernen, ſetzte ſich neben ſie, und ergriff ihre Hand.„Bianca,“ ſagte er,„ſieh mich an; ſprich, mein Kind, Du zweifelſt an Deines Vaters Liebe, an ſeiner Guͤte.“— Sie druͤckte ſeine Hand. —„Hore mich, meine theure Bianca, und ſage ſelbſt, ob mir nicht Dein Gluͤck am Herzen liegt. Du liebſt Giovani Caſtel Franco.“— Bianca zitterte heftig; eine brennende Roͤthe uͤberzog ihr Geſicht und ihren Hals.—„Du liebſt Giovani Caſtel Franco; Du thuſt mir leid, und mehr noch, wenn Du es ihm ge⸗ zeigt haben ſollteſt— denn er iſt im Begriff, ſich mit des Grafen Spoleto einziger Tochter, der reichen Witwe Donna Clara, zu verbinden.“ Bianca ſprang von ihrem Sitze auf, preßte mit einem Blick des Zweifels und des Entſetzens beide Haͤnde vor ihre Stirne, und zitterte krampfhaft; ſchnell aber ging die Erſchuͤtterung wieder in Ruhe uͤber, und — 247— laͤchelnd rief ſie:„es iſt falſch!“— Auf Vanezzi's feierliche Erklaͤrung, daß er die Nachricht von Giova⸗ ni's Vater ſelbſt erhalten habe, fiel ſie bewußtlos dem Grafen in die Arme, und erholte ſich erſt ſpaͤt wieder. Sie bat, man moͤge ſie allein laſſen. Vanezzi um⸗ armte ſein Kind, und verließ das Zimmer. Alleſſandro Bettola war nicht wenig aufgebracht, als er vernahm, daß eine Verbindung zwiſchen Gio⸗ vani und Donna Clara doch noch moͤglich ſei, und er nahm ſich vor, Alles zu deren Bruch zu wagen. Er beredete ſeine von Liebe und Eiferſucht verblendete Cuſine, nach ſeiner Vorſchrift einen Brief zu ſchreiben, durch welchen Giovani auf immer von Bianca losgeriſſen werden ſollte. Aleſſandros Plan war, wenn Bianca ein Mal unaufloͤslich mit Alberti verbunden waͤre, Giovani die Urſache zu verrathen, wie er um den Gegenſtand ſeiner Liebe betrogen worden ſei, dadurch ihm Clara ewig zu verlei⸗ den, und Spoleto's Rache auf ihn zu leiten. Der Brief wurde durch einen Diener Vanezzi's, den Aleſſandro dazu gewonnen hatte, beſorgt. Der Graf, der die Livree der Vanezzis erkannte, eilte ſogleich zu ſeinem Sohne, um ſich nach dem Inhalte des Schrei⸗ bens zu erkundigen. Giovani war in einem faſt be⸗ wußtloſen Zuſtande. Als er ſeinen Vater hereintreten hoͤrte, fuhr er auf, ſah ihn lange verſtoͤrt an, und — 248— fragte endlich:„Iſt es auch moͤglich? Waͤre es wirk⸗ lich ſo, Vater? „Ich weiß nicht, was Du meinſt.— Man ſagte mir nur, daß ein Diener Vanezzi's“—„Hier,“ unterbrach ihn Giovani,„nimm, lies die Luͤge. Es iſt falſch, es kann nicht ſein, man hat ihr Gewalt gethan.“ Der alte Mann las, und gab das Papier ruhig zuruͤck.„Und doch,“ ſagte er,„ſehe ich nicht ab, wie man daran zweifeln kann. Vanezzi ſelbſt ſagte mir, ſie ſei verlobt, und werde bald ſich vermaͤlen; und hier giebt ſie Dir Dein Wort zuruͤck.“ „Verraͤtherei!“ ſtoͤhnte Giovani,„Und kann Dich das befremden, mein Sohn, daß Vanezzi's Toch⸗ ter den reichen Alberti unſerm armen Hauſe vor⸗ ziehe? Frauen ſehen auf Glanz, und ſelbſt die junge Bianca.— „Nichts weiter! Kein Wort, kein Wort gegen Bianca.— Aber es iſt vorbei,“ rief er nach einer Pauſe,„und ſo vernichte ich ihr Bild! So reiß ich es aus meinem Herzen.“ Und er zerriß den Brief und warf die Stuͤcke von ſich, und ſtarrte ihnen dann nach, als ob er ſein Leben mit ihnen zugleich von ſich geſtoſſen haͤtte. 1 Der Graf ergriff ſeine Hand.„Mein Sohn,“ ſagte er, dieſe Leidenſchaft reibt Dich auf. Glaube — 249— meinem Alter; Dir bluͤht noch manches Gluͤck; ein junges, leichtſinniges Maͤdchen— ſchon gut; ich ſchweige davon; aber willſt Du nicht dem ſtolzen, uͤbermuͤthigen Vanezzi zeigen, daß Deiner ein hoͤhres Loos wartet, als er Dir bieten konnte? Donna Clara liebt Dich“— „Nimmermehr!“ „Nicht zu ſchnell, Giovani. Hoͤre Deinen Vater, Deinen alten, armen, zu Grunde gerichteten Vater! Nein, nein, wende dich nicht ab von mir, ſieh mich an, blick' auf mich!“ Giovani wendete ſich, und ſah ſeinen Vater vor ſich knieen. Er ſprang auf ihn zu, und hob ihn auf. „Vater,“ ſagte er endlich erſchuͤttert,„ich wollte lie⸗ ber, Du verlangteſt mein Leben. Aber um Deinet⸗ willen will ich mich, meine Hoffnung, meine Liebe opfern. Ich will Donna Clara ſehen, und ihr heute Nacht— hoͤrſt Du— heute Nacht meine Hand rei⸗ chen. Nichts weiter, und ſorge nur, daß meine Ver⸗ . bindung insgeheim vollzogen wird. Water, gehe jetzt, ich muß allein ſein.“ Caſtel Franco druͤckte die Hand ſeines Sohnes, und verließ weinend das Zimmer, um 1 V ſogleich nach dem Palazzo Spoleto zu eilen, und dort die Geſinnung Giovani's mitzutheilen. Zur beſtimmten Stunde erſchien er ſelbſt, und ver⸗ hehlte der Witwe die Gefuͤhle nicht, welche ihn bisher ſo ferne gehalten haͤtten, machte jedoch zuletzt ſeinen — 250— Antrag, welchen Donna Clara, ſo kuͤhl er auch lau⸗ tete, mit Freuden aufnahm. Sie hatte nichts dagegen, daß die Verlobung ſo ſchnell vor ſich gehen ſollte, da Giovani ſich aͤußerte, daß er ſich darnach ſehne, Pa⸗ dua zu verlaſſen, ein Vorhaben, das Donna Clara nur erwuͤnſcht ſein konnte. Nachdem alle dieſe Punkte in Ordnung gebracht waren, entfernte ſich Giovani⸗ der den unheilvollen Plan gefaßt hatte, Bianca um jeden Preis noch einmal zu ſehen, und ihr ihre Treu⸗ loſigkeit vorzuhalten. Endlich war es Abend geworden. Giovani beglei⸗ tete ſeinen Vater nach dem Pallaſte Spoleto's, wo in Gegenwart eines Prieſters, eines Notars und einiger Zeugen die feierliche Verlobung ſtatt fand, der die Ver⸗ maͤlung ſelbſt folgen ſollte, ſobald ſie auf den Beſiz⸗ zungen des Grafen Spoleto angekommen ſein wuͤrden. Giovani kehrte mit ſeinem Vater fruͤhzeitig zuruͤck, um Donna Clara ihre Anſtalten treffen zu laſſen. Ddie Verlobung war auf den Wunſch Giovani's ſo geheim gehalten worden, daß ſelbſt Bettola davon nicht in Kenntniß geſetzt worden war. Die Nacht war dunkel, der Mond drang nur ſpaͤrlich durch das duͤſtere Gewoͤlk, das der Wind am Himmel hinjagte. Aber das Wetter war nicht truͤber als Giovani's Sinne, waͤhrend er, in ſeinen Mantel gehuͤllt, langſam auf V I — 251— und ab ging. Als er um die Ecke einer Straße bog, kamen vier Perſonen auf ihn zu, die aus einer froͤhli⸗ chen Geſellſchaft zuruckkehrten.„Gute Nacht, Alberti,“ ſagte ein Anderer, der auf ſie zutrat, und den Gio⸗ vani an der Stimme erkannte. „Ach, Bettola ſeid Ihr das? Ich habe mit Euch zu ſprechen.“— Er nahm Bettola beim Arme und ging mit ihm weiter. Die drei Uebrigen folgten.„Ich habe heute Vanezzi geſehen,“ fuhr Giulio fort,„in vierzehn Tagen iſt die ſchoͤne Bianca mein.“ „Und Giovani da Caſtel Franco?“ „Was geht der mich an? Vanezzi hat ihm ſeine Tochter verweigert, und er heiratet, hoͤre ich, die reiche Donna Clara.“ „Wo? Wirklich in vierzehn Tagen?“ „Dann iſt meine Hochzeit.“ „Das meine ich eben. Giovani liebte Bianca, und ſie ihn. Glaubt ihr, daß ſie ihn noch liebt?“ „Seid Ihr toll, Bettola?“ „Man ſagt, ſie thue nichts, als weinen und ſeufzen.“ „Bettola, wollt Ihr mich raſend machen? Habt Ihr etwas gehoͤrt? Was iſt vorgefallen?“ Waͤhrend dieſes Geſpraͤches waren ſie in der Naͤhe des Pallaſtes Caſtel Franco angekommen. — 252— So ſage es heraus,“ fragte Giulio wiederholt, was Du gehoͤrt haſt.“ „Die ganze Stadt weiß es. Erſte Liebe iſt ſtark, Giulio.“ Er hielt inne, und fuͤgte dann leiſe, die Hand auf Alberti's Dolch legend, hinzu:„Ihr wer⸗ det das zu Hilfe nehmen muͤſſen. Doch ſtill! Da ſchleicht ſich JFemand aus dem Hauſe der Caſtel Fran⸗ co's. So ſpaͤt? Zuruͤck! Ich will ihm nachſpuͤren.“ Giulio's Freunde verbargen ſichz nach wenigen Minu⸗ ten kehrte Bettola zuruͤck, und ſagte eilig:„Er iſt's, er ſelbſt, allein! Aber wen haben wir bei uns? Spina! Ach, einen guten Schlaͤger. Grimani! Einen treuen Freund. Der Andere?“—„Es iſt der junge Buon⸗ delmonte, aber“—„Der Florentiner? Schafft ihn fort, er taugt nicht fuͤr unſer Geſchaͤft.“ „Was fuͤr ein Geſchaͤft?“ „Kommt nur, daß wir keine Zeit verlieren.“ Gri⸗ mani und Buondelmonte waren im Gehen zuruͤckge⸗ blieben. Bettola benutzte das, nahm Alberti und Spina beim Arme, und fuͤhrte ſie ſchnell eine lange Arkade hindurch, bis ſie die Perſon faſt erreicht hatten, die vorher aus dem Pallaſte Caſtel Franco getreten war. „Was iſt das?“ rief Bettola.„Schlaͤgt er nicht die Straſſe ein, die zu Vanezzi fuͤhrt? Bleibt hier in der Naͤhe, ich will ihm allein folgen.“ — 253— Bettola ſchlich hinter den Saͤulen fort, bis er uͤher⸗ zeugt war, er koͤnne die Geſtalt nicht mehr aus den Augen verlieren. Es ließ ſich nicht mehr bezweifeln, daß es Giovani war. Er wollte nicht ſcheiden ohne ein letztes Lebewohl. Er blickte ſich vorſichtig um; Alles ſchien ſtill, in Bianca's Zimmer war Licht. Er nahm eine Strickleider, warf ſie auf den Balken, der unter dem Fenſter hervoragte, befeſtigte ſie an ei⸗ nem eiſernen Stabe unten, und ſtieg behutſam hinauf. Bettola bewachte geſpannt jede ſeiner Bewegungen, und eilte dann zu ſeinen Freunden, damit ſich ſelbige von der Wahrheit ſeiner Angabe uͤberzeugten. Giovani war verſchwunden, aber die Leiter war noch da, alſo kein Zweifel, daß Bianca ihren Geliebten eingelaſſen habe. Nach einer kurzen Berathung beſchloſſen ſie, unten auf Giovani's Ruͤckkehr zu warten, und dann ihre Rache zu nehmen. Das Erſte, was Giovani ſah, als er auf den Balken trat, war Bianca ſelbſt; ſie ſaß, abgewendet von ihm, wie es ſchien, in tiefe Gedanken verſunken. Er oͤffnete das Fenſter, doch ſo leiſe, daß es nicht ge⸗ hoͤrt wurde. In demſelben Augenblicke ſchlug Bianca in leidenſchaftlicher Aufregung die Haͤnde zuſammen, und rief:„O Giovani! haͤtte ich Dich nie geſehen, Dich nie gekannt!“ Giovani naͤherte ſich ihr.„Bianca!“ ſagte er leiſe. — 254— „Ha! dieſe Stimme!“ rief ſie aufſpringend und ihn verſtoͤrt anblickend.„Nein, es kann nicht ſein. Ich bin verwirrt, es iſt ein Traum.“ „Nein, meine ſuͤße Bianca, es iſt Giovani,“ Er ſchloß ſie in ſeine Arme. Sie hatte die Beſin⸗ nung verloren. Er trug ſie nach einen Seſſel. „Bianca,“ ſagte er endlich, vor ihr kniened,„kannſt Du mir dieſe Kuͤhnheit vergeben?“ „Wie kommſt du hierher? Sprich! hat mein Vater eingewilligt?“ Dieſe Worte erinnerten Giovani an den Zweck ſei⸗ nes Beſuches. Die Freude an ihrem Anblick hatte Alles, was geſchehen war, aus ſeinem Gedaͤchtniß ge⸗ loͤſcht; er ſprang auf, und ſagte heftig:„Nein, Sig⸗ nora Vanzzi, ich hatte vergeſſen. Euer Vater hat mich beſchimpft, mir ſein Haus verboten, mich behan⸗ delt wie einen Bettler. Ich habe es ertragen. Ich habe mehr gethan. Ich habe heute Abend etwas gethan, wozu nur Eure Grauſamkeit mich treiben konnte; und jetzt bin ich hierher gekommen— bekannt mit der Gefahr, die ich laufe— Euch Eure Grauſamkeit vorzuhalten, und dann Abſchied zu nehmen auf im⸗ mer.“ Bianca ſtarrte ihn an.„Treuloſigkeit! Grauſam⸗ keit! Und das werft Ihr mir vor? „Ja beides! Bianca, ich liebte Dich mehr, als je — 255— ein Mann geliebt hat, und glaubte, falſcher Engel, meine Liebe werde erwiedert:“ Bianca weinte heftig, und Giovani fuhr fort! „Ich wendete mich an Deinen ſtolzen Vater, und wurde mit Verachtung zuruͤckgeſtoſeen. Mein Blut kochte, aber es war Dein Vater. Ich hoffte trotz dem, ich hoffte noch, bis ich dieſes abſcheuliche Papier, die⸗ ſen Abſagebrief erhielt; habe ich das verdient? Mußte gerade Deine Hand mir den Todesſtoß verſetzen?“ Bianca fuhr von ihrem Sitze auf.„Giovani, wer von uns iſt wahnſinnig? Was ſoll das?“ „Hier,“ antwortete Caſtel Franco, ihr die Stuͤcke des Briefes hinwerfend,„blick hin, nimm es zuruͤck. Es war mein Todesurtheil.“ Bianca nahm zitternd, bleich, das Papier auf. „Bei allem, was mir heilig iſt,“ rief ſie ploͤtzlich, die Haͤnde aufhebend,„es iſt falſch. Ich habe das nicht geſchrieben, nie geſehen.“ „Wie? Laͤugneſt Du, mir das geſchickt zu ha⸗ ben?“ „Bei meinem Leben, bei meiner Seele, es iſt falſch.“ Ein Betrug? Ein...... 5 „Ich ſchwoͤre es! Und Giovani, Du wirſt mich wieder lieben?“ — 256— „Fluch! Tauſendfaͤltiger Fluch auf ſie Alle!“ ſtoͤhnte Giovani.. „Und auch mein Vater hat mich betrogen! Weine nicht, weine nicht, mein Leben! ſprich, ſage mir, daß Du mich haſſeſt, daß Du mich verabſcheueſt!“ „Ich Dich haſſen?— Nimmermehr!“ „Und doch mußt Du, Bianca. Dieſen Brief— Thor, ſich ſo hintergehen zu laſſen— dieſer Brief trieb mich zur Verzweiflung. Bianca, ich hielt Dich fuͤr falſch, ich glaubte, Du habeſt Dich mit Alberti verbunden, und in meiner Verzweiflung ward— ward ich einer Andern Gatte!“ Bianca ſtieß einen durchdringenden Schrei aus, und fiel leblos in ſeine Arme. In demſelben Augenblicke naͤherten ſich Fußtritte. Er legte ſeine ſchoͤne Buͤrde auf ein Lager und zog ſein Schwert, aber eine kurze Ueberlegung ſagte ihm, daß er, trotz des ihm geſpielten Betruges, ſeine Hand nicht gegen Bianca's Vater erheben koͤnne. Waren es Diener die herbei kamen, ſo durfte er ihnen noch we⸗ niger begegnen, um Bianca's Ruf nicht zu gefaͤhrden. Er beſchloß daher, ſich zu entfernen, druͤckte einen Kuß auf ihre kalten Lippen, und verließ ihr Gemach. Als er das Fenſter ſchloß, ſah er mehrere Dienerinnen her⸗ eintreten. Er zoͤgerte noch einen Augenblick und ſtieg ſodann den Balken herunter. — 257— Bettola, Alberti und Spina hatten waͤhrenddeß mit aͤngſtlicher Erwartung auf die Ruͤckkehr ihres Opfers geharret. Schon wollten ſie die Leiter entfernen und im Hauſe Laͤrm machen, als Giovani ploͤtzlich erſchien. Aber kaum hatte er den Boden betreten, als Alberti und Bettola hinter einer Saͤule vorſprangen, und ehe er ſich zur Wehr ſetzen konnte, ihn niederſtachen. „Das von Giulio Alberti!“ rief eine Stimme, als der Dolch ſich in ſeine Seite bohrte,„das wird Dich lehren, Bianca zu beſuchen. 47 „Schurke! Feiger Schurke!“ rief Giovani, mit dem Moͤrder ringend,„laßt mich! Ach!“ „und das von Bettola!“ ſchrie Aleſſandro,„das iſt der Lohn fuͤr den Schlag, den du mir einſt gege⸗ ben haſt.“ „Bettola!“ ſtoͤhnte Giovani. „Ja, Bettola, den Du genug beleidigt haſt,“ rief dieſer. Giovani antwortete nicht mehr. Das Leben war unter den Streichen der blutgierigen Meuchler entwichen. Der andere Morgen erſchien ſchoͤn und roſig, und die Nacht welche eine ſo ſchnoͤde That bedeckt hatte, entfloh wie mit ſcheuem Gewiſſen. Die ungluͤckliche Bianca aber war in einen langen Schlummer der Er⸗ ſchoͤpfung verfallen, und erhob ſich am Morgen bleich, Schleſing. Herbſtnov. 17 — 258— verſtoͤrt und ungewiß, ob das in dieſer Nacht Erlebte wahr, oder nur ein furchtbar ſchoͤner Traum geweſen. Sie war von ihren Frauen in ein anderes Gemach gefuͤhrt worden, und dieſe Umgebung ſelbſt trug dazu bei ſie noch mehr zu verwirren. Doch ſchon nach ei⸗ nigen Minuten, als ſie wieder in ihr Gemach trat, ward es ihr klar wie ſehr Alles entſetzliche Wirklichkeit geweſen ſei, und ſie erinnerte ſich in grauſamer Selbſt⸗ quaͤlerei an jedes der verletzenden Worte, welche der Geliebte wie in tiefer Verzweiflung ausgeſtoſſen zu ha⸗ ben ſchien. Noch toͤnte es in ihren Ohren.„Es war mein Todesurtheil!“ und das mit erſtickter Stimme hervorgezwungene Geſtaͤndniß:„in meiner Verzweiflung ward ich der Braͤutigam einer Andern!“ Ihre irren Blicke fielen auf den zerriſſenen und in Stuͤcken am Boden liegenden Brief, ſie hoh jene auf, und preßte ſie an ihre Lippen; dann ſank ſie in ubennaliſe Er⸗ ſchoͤpfung auf das Sofa zuruͤck. Ihr Vater trat herein, ſcheinbar um ihren Geſund⸗ heitszuſtand beſorgt. Er hatte wohl erfahren, wie es Caſtel Franco ergangen, und war mit dieſer Suͤhnung ſeiner verletzten Hausehre wohl zufrieden, doch hielt er es fuͤr nicht gemeſſen, Bianca in ihrer jetzigen Aufge⸗ regtheit das Schickſal ihres Giovani auch nur ahnen zu laſſen, ſondern that, als ob niemals etwas vorge⸗ fallen ſei. Er nahm ihre Hand, ſtreichelte ihr die — 259— Wangen wie gewoͤhnlich, und ſagte, wie von ohngefaͤhr: „weißt Du wohl, Bianca, daß die reiche Clara, die Tochter des alten Spoleto auch ſchon einen Gemal ge⸗ funden, und zwar einen recht huͤbſchen, jungen, den Grafen Caſtel Franco, derſelbe, welcher Dir vormals den Hof machte? Nun, ich dachte wohl, der wuͤrde ſich von Einem Mißlingen nicht abſchrecken laſſen, und ſein Gluͤck anderswo verſuchen; und iſt Signora Clara auch nicht ganz ſo reich wie Du, ſo hat ſie doch immer ein reſpektables Vermoͤgen.“— Bei je⸗ dem Worte, das er ſo ſprach, wurde Bianca blaͤſſer und blaͤſſer. Der Graf, ohne es bemerken zu wollen, fuhr fort:„Deine Neigung fuͤr dieſen Unwuͤrdigen, mein Kind, iſt ein Gegenſtand des Stadtgeſpraͤchs geworden, und ganz Padua ruͤmpft die Naſe uͤber Dich. Daß er ein Unwuͤrdiger geweſen, hat er wohl dadurch bewieſen, daß er ſo ſchnell die verlaſſen konnte, welche er mit der gluͤhendſten Inbrunſt zu lieben vorgab. Auf, meine Tochter, waffne Dich mit Ehrgefuͤhl und Rache, wenn die Liebe zu Deinem Vater Dich allein nicht vermoͤgen kann, Deine verwerfliche Neigung auf⸗ zuopfern, ſo fordert es Deine verletzte Weiblichkeit; faſſe einen Entſchluß, daß man nicht ſage: der elende Caſtel Franco habe eine Vanezzi verſchmaͤht.— Gift und Tod! ich werde wahnſinnig, wenn ich nur an die Moglichkeit denke.„Komm' mein Kind,“ fuhr er — 260— im ſchmeichelnſten Tone fort,„ſei vernuͤnftig, ſieh den Alberti, was haſt Du an ihm auszuſetzen? iſt er nicht jung, ſchoͤn, gebildet, reich und aus einem der erſten Haͤuſer? Ganz Padua beneidet Dich die Begluͤckte, welcher er ſeine Verehrung offentlich bezeigt; benuͤtze dieſen Augenblick, zeige dem Unwuͤrdigen, daß Du ſelbſt mit ihm nur leichtes Spiel triebſt, und reiche— aber ſchon morgen— Giulio Deine Hand vor dem Altare.“ Bianca ſaß lautlos, denn in ihrem Kopfe tobte und wirbelte es wunderbar; ſie hatte nicht die Kraft etwas zu erwiedern, noch jetzt gegen den Zorn des ſtol⸗ zen Grafen anzukaͤmpfen. Dieſer aber meinte ſie uͤber⸗ redet zu haben, und ging froͤhlichen Herzens fort, um Alberti dieſe freundliche Neuigkeit zu verkuͤnden, und die noͤthigen Vorbereitungen zu treffen. Am Morgen des folgenden Tages war die ganze Stadt von den Feſtlichkeiten erfuͤllt, welche die heute erfolgende Vermaͤlung des ſchoͤnſten und reichſten Maͤdchens in Padua mit dem eben ſo reichen Erben mit ſich fuͤhren wuͤrde. Die Straſſen nach der Kirche wurden mit Bogen und Blumenpforten geſchmuͤckt, der Boden mit Roſenblaͤttern beſtreut, und allenthal⸗ ben vertheilte Fackeln ſtrahlten ein glaͤnzendes Licht von ſich. Der Hochzeitszug hatte begonnen, und die rauſchende, vorziehende Muſik verkuͤndete das Heran⸗ nahen deſſelben.— Da, ploͤtzlich toͤnten tiefe, traurige — 261— Poſaunentoͤne die entgegengeſetzte Seite herauf, und ſchwarzumhuͤllte Fackeln ließen ſich von ferne ſehen.— Es war ein Leichenzug! Die Hochzeiter ſtutzten, und ſchon wollten ſie um⸗ kehren, denn der Aberglaube jener Zeiten ſah ein boͤſes Zeichen in dieſer Begegnung; allein der alte Graf, der jede neue Verzoͤgerung fuͤrchtete, beſtand darauf, ſich nicht irre machen zu laſſen. Zwiſchen dieſen Reden war der Leichenzug immer weiter heraufgekommen, und man konnte den Sarg in der Naͤhe erblicken. Ein einfaches ſchwarzes Kreuz, und das zerbrochene Wap⸗ pen der Caſtel Franco waren obenauf zu ſehen. Sechs ſchwarz gekleidete Juͤnglinge trugen ihn, und hinten⸗ nach wankte, todtenbleich der alte greiſe Vater und Spoleto, um ſo dem deſignirten Eidam die letzte Ehre zu erzeigen. Jetzt waren ſie bei den Hochzeitern. Die rauſchenden luſtigen Toͤne, waren wie ehrerbiethig vor der Macht der Trauer verſtummt, und die klagenden Poſaunen allein blieſen ihr erſchuͤtterndes Miſerere.— Da, ploͤtzlich blitzte ein Degen in der Luft, und der alte Caſtel Franco ſtand vor Vanezziz ſeine Bruſt hob ſich gewaltig, ſein Auge gluͤhte furchtbar; er bebte wie ein Eſpenlaub. „Habe ich dich, alter Süͤnder?“ rief er ſtark, ei! Hochzeit um Hochzeit, Du haſt mir bei der meinigen aufgeſpielt, ich will's vergelten 1 262 Und bei dieſen Worten fuhr der Stahl durch Bi⸗ ancais weiſſe Bruſt. Auch hinter ihnen ertoͤnte ein Todesſchrei, und die hoͤhniſchen Worte:„Dieß, Bet⸗ tola, ſenden die Giovani als Zugabe zu dem Backen⸗ ſtreich.“ In der Kirche St. Antonio ſteht ein reiches Mo⸗ nument, darunter liegt die ſchoͤne Bianca Vanezzi. Dicht dabei iſt ein einfacher Grabſtein mit dem Wap⸗ pen der Caſtel Franco's.— Druck von C. P. Melzer in Leipzig. ſſſſſſſſſſnnnſmnfiſüiſt 17 1 ſſſſſſſſſniſifiſiſiſſiiiſſſſſſſſſſſſiſſſſſſſinſinnſninnidnn 3 1 8 8 9 10 11 12 1 4 15 16