— araaraa. aEAnhrArhchahnanhnhahnananbnanbunnhnanhnanhnhnhnhnhnhnh 82 5 L 4 2 ; anhr ⸗„„ franz, od engl.„2 Kr. ſh 11 Das Abonnement beträgt: 1 — für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: ſ 8—— 5 auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. ℛ. „ 30„ 1„ 12„—, 45„ f „ 1 2„, 27„ 2 1. — Leihbibliothek von Eduard Dutmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 8 Eararmnr nanananaganahane ar arrarararananaranaranhranar — — zur Erkenntniß Gottes kam. Eine Erzählung fuͤr Kinder und Kinderfreunde. Von 3 4 Landshut, 1917. in der Krull ſchen Buchhandlung. — — derts lebten auf einem alterthuͤmlichen, Erſtes Kapitel. Aufſicht uͤber Kinder ein Engels⸗ geſchaͤft. Zu Anfang des vorigen Jahrhun⸗ aber ſehr praͤchtigen Schloſſe, nahe an einem großen Walde, Graf Friderich und Graͤfinn Adelhaid von Eichenfels. Ein zartes, wunderſchoͤnes Knaͤblein, Namens Heinrich, das ſie unausſprech⸗ lich liebten, war ihr einziges Kind Allein bevor das Kind noch den Namen Bater aus ſprechen konnte, mußte der 8 edle Gunſ fort in den Keich Die — 4— fromme Graͤfinn blieb zuruͤck auf dem Schloſſe, und der einzige Troſt uͤber die Abweſenheit ihres Gemahls, die einzige † Freude in ihrer ſtilen Einſamkeit war ihr geliebter kleiner Heinrich. Sie hat⸗ te ſich vorgenommen, ganz der Erzie⸗ hung desſelben zu leben, und ihr ganzes Herz ſehnte ſich nach dem ſeligen Augen⸗ blicke, da ſie mit dem holden Knaben auf dem Arme ihrem theuren Gemahl wuͤrde entgegeneilen koͤnnen. Eines Abends ſaß die Graͤfinn mit ihrem Kinde auf dem Schooße in ihrem Zimmer. Margaretha, das Kindsmaͤd⸗ chen, ſtans neben ihr und hielt dem Kinde, freundlichſcherzend, einige friſch⸗ gepfluͤckte Blumen vor. Das Kind ſtreckte laͤchelnd die kleinen Haͤndchen darnach aus, und auch die Mutter laͤ⸗ chelte ſehr vergnuͤgt, und ergoͤtzte 69 an der Freude des Kindes. Da trat* auf einmal ein Diener, der mit dem Grafen ins Feld gezogen war, herein, und brachte die traurige Nachricht, der Graf ſey ſchwer verwundet, und ver⸗ lange vor ſeinem Ende, das vielleicht nahe ſey, ſeine Gemahlinn noch zu ſe⸗ hen. Die Graͤfinn ward todtenblaß und konnte mit ihren zitternden Haͤnden das Kind faſt nicht mehr halten. Der Bo⸗ the machte, als er den Schrecken der SFraͤfinn ſah, einige Hoffnung, ihr Gemahl koͤnne wohl noch davon kom⸗ men; indeß konnte er doch nicht ver⸗ hehlen, ſie muͤſſe Tag und Nacht ohne Aufhoͤren fahren, wenn ſie ihn noch ſicher am Leben antreffen wolle. Die Graͤfinn entſchloß ſich, augenblicklich abzureiſen. Sie benetzte ihr Kind mit heißen Thraͤnen.„Du guter kleiner Heinrich, ſagte ſie, ach, du weißt noch nicht einmal, warum deine Mutter —————— —— weinet! Armes Kind, du verlierſt dei⸗ nen Vater, ohne ihn zu kennen! O, wie ſchmerzt es mich, daß ich dich auf dieſer weiten beſchwerlichen Reiſe in das Kriegslager nicht mitnehmen kann!„/. „O Margaretha, rief ſie, indem ſie ſich zu dem Maͤdchen wandte, dir uͤbergebe ich das Liebſte, was ich hier zurück laſſe. Habe doch recht Acht auf das Kind! Laß es keinen Augenblick allein; auch nicht, wenn es ſchlaͤt. Verpflege es ſo ſorgfaͤltig, als waͤre ich zugegen. Trage es an jedem ſchoͤnen Tage, deſonders des Morgens, in den Garlen an die friſche Luft. Singe ihm ein Liedchen vor, rede mit ihm; zeige ihm oͤfters Blumen und andere ſchoͤne Dinge. Laß dem Kleinen nichts in die Hand, das ihm gefaͤhrlich wer⸗ den, womit er ſich ſtechen, oder das er — — 7— verſchlingen koͤnnte. Am wenigſten wirſt du dich unterſtehen, ihm etwas zu leid zu thun, und ihm Zorn und Unwillen uͤber ſeine kindliche Unbehuͤlf⸗ lichkeit empfinden zu laſſen. Die Auf⸗ ſicht uͤber kleine Kinder iſt ein Engels⸗ geſchaͤft. Sey du dem Kinde ein gu⸗ ter Engel!— Die Beſchließerinn, der ich das ganze Hausweſen uͤbergebe⸗ wird mir ſchon wieder erzaͤhlen, ob du alle meine Worte genau befolgt habeſt. Verſprich es mir, dieſe meine letzten Ermahnungen nie außer Acht zu laſſen, damit ich wenigſtens in dieſem Stuͤcke außer Sorge ſeyn koͤnne. Ich werde alle Stunden zaͤhlen, bis ich wieder zu⸗ zuruͤck komme. Wenn du mir das Kind dann heiter und froͤhlich in meine Ar⸗ me zuruͤckgeben wirſt, ſo werde ich dich zu Gllohnen wiſſen. Auch werde ich ——— 5 ——— dir etwas recht Schoͤnes mitbringen, das dir gewiß Freude machen ſoll.“ Margaretha verſprach alles. Die Graͤfinn kuͤßte das Kind, ſegnete es, und blickte mit naſſen Augen, indem ſie innerlich bethete, lange zum Him⸗ mel, gab dann das Kind Margarethen in die Arme, und ſtieg hierauf unter dem lauten Weinen und Jammern ih⸗ rer Dienerſchaft und Unterthanen in den Wagen, und fuhr noch bey einbre⸗ chender Nacht und einem heftigen Regen ab. Zweytes Kapitel. Großes Ungluͤck aus kleinem Un⸗ gehorſam. Margaretha war ein armes, ver⸗ waistes Landmaͤdchen. Sie hatte ein kindlich frommes Gemuͤth, einen hei⸗ N N — 9— tern froͤhlichen Sinn, und ein ſehr liebliches, bluͤhendes Ausſehen. Deß⸗ wegen hatte die Graͤfinn ſie zur Waͤr⸗ terinn des kleinen Heinrichs angenom⸗ men. Das gute fromme Maͤdchen be⸗ folgte alles, was die Graͤfinn ihr be⸗ fohlen hatte, genau, und es verging keine Stunde, in der ihr die Ermah⸗ nungen der Graͤfinn nicht zu Sinne gekommen waͤren. Denn ſie liebte die Graͤfinn als ihre groͤßte Wohlthaͤte⸗ rinn, und hatte an dem holden Kinde die herzlichſte Freude, ja ſie ehrte in demſelben ſchon ihren kuͤnftigen Grüfn und Herrn. Eines Tages ſaß Margaretha ne⸗ ben dem ſchoͤngeflochtenen Wiegenkorbe des ſchlafenden Kindes, und ſtrickte, Sie hatte den Korb, der ſich uͤber dem Haupte des Kindes zierlich empor⸗ woͤlbte, mit Roſen geſchmuͤckt, damit dem Kinde ſogleich bey dem Erwachen erwas Schoͤnes in die Augen falle. Ein feiner weißer Flor ſchuͤtzte das Kind, damit keine Fliege es im Schla⸗ fe ſtoͤre— und lieblicher und ſchoͤner als die friſchen Roſen ſchienen die ro⸗ then Wangen des ſchlafenden Kindes durch den zarten, durchſichtigen Flor. Da kamen einige herumziehende Mußſtkanten vor das Schloßthor, und ließen ſich da hoͤren. Die Leute im Schloſſe liefen alle zufammen und rie⸗ fen den Muſikanten herein in die un⸗ tere Stube, um ſich, weil die Herr⸗ ſchaft eben nicht zu Hauſe war, bey Muſik und Tanz einen luſtigen Nach⸗ mittag zu machen. Margaretha hoͤrte nichts lieber, als Muſik; dennoch blieb ſie, der Worte der Graͤfinn eingedenk, an dem Wiegenkorbe des ſchlafenden Kindes rutzig ſitzen. Da kam Soͤrge, der Gaͤrtnerjunge, eilig in das Zin⸗ mer.„Gretchen, rief er, komm doch auch herab! Du glaubſt nicht, wie luſtig es zugeht. Solche praͤchtige Muſik hab' ich noch nie gehoͤrt. Der eine hat ein Hackbrett, und ſchlaͤgt darauf zu, als wollte ers in Stuͤcke zerſchlagen. Ein kleiner Bube ſpielt den Triangel, der auch nicht uͤbel klingt; und ein großer, dickbakiger Junge blaͤßt das Poſthorn dazu, daß einem beyde Ohren klingen, faſt lauter als der Triangel! Komm doch ge⸗ ſchwind herunter!“ Margaretha ſagte, ſie duͤrfe das Kind keinen Augenblick verlaſſen.„Sey nur nicht ſo kindiſch, ſagte der leichtſinnige Burſche. Du wirſt wohl nicht allein die Heilige ma⸗ chen wollen. Das Kind ſchlaͤft ja, und du kannſt ihm ja nicht ſchlafen hel⸗ fen. Komm, komm, und zier dich —————— nicht ſo. In einem Viertelſtuͤnbchen biſt du wieder hier. Einen Reihen wirſt du mir nicht abſchlagen.““ Mar⸗ garetha ließ, wiewohl mit klopfendem Herzen, ſich bereden, und ging mit hinab. Sie hatte aber wenig Freude; eine große Angſt kam ſie an. Sie wollte gehen; allein die uͤbrigen hielten ſie auf. Zuletzt riß ſie ſich mit Gewalt los, und eilte zur Wiege des geliebten, ihr anvertrauten Kindes. Aber— welches Entſetzen ergriff ſie! Das Bettchen war leer— ſie ſah nichts mehr von dem Kinde. Sie faßte ſich zwar, und troͤſtete ſich mit der Hoffnung, es habe wohl nur jemand zum Scherze in ein anderes Bette ge⸗ legt, um ſie zu erſchrecken. Aber ſchon der Gedanke, die Graͤfinn koͤnnte die⸗ ſes inne werden, machte ſie zittern. von den Leuten im Schloſſe das Kind Sie eilte von Zimmer zu Zimmer— und ſah nirgends etwas von dem Kin⸗ de. Eine wahre Todesangſt ergriff ſie. Sie eilte hinab und rief unter die Tanzenden:„Der junge Graf iſt nicht mehr in ſeinem Bettchen; wer von euch hat mich ſo erſchreckt, und das Kind hinweggenommen?“ Niemand wußte etwas davon; kein Menſch war aus dem Zimmer gekommen. Alle hoͤr⸗ ten ſogleich auf zu tanzen, und die Muſikanten gingen fort, ohne das Trinkgeld abzuwarten. Alle, ſo viel ihrer in der Stube waren, eilten er⸗ ſchrocken hinauf; alles wurde durch⸗ ſucht. Bald zeigte ſich, daß außer dem Kinbe noch allerley Koſtbarkeiten fehlten. Was konnte man anders den⸗ ken, als das Kind ſey geraubt worden. Die allgemeine Luſtbarkeit verwan⸗ delte ſich nun in Weinen und Wehkla⸗ 4 8 3 1 1 6 3 1 gen. Es war ein Jammer, als truͤge man eine Leiche hinaus.„Ach Gott, rief die Beſchließerinn lautweinend, ach, die gute Graͤfinn— wie wird es erſt ihr ſeyn, wenn ſie das hoͤrt! Das iſt ihr Tod.“ Margaretha aber wollte verzweifeln, ſie waͤre im erſten Anfall der ſchrecklichſten Verzweiflung fortgerannt, und vielleicht gar in den Fluß geſprungen, wenn man ſie nicht aufgehalten haͤtte.„O du mein Gott, rief ſie mehrmals und voll des heftig⸗ ſten Schmerzens, wer haͤtte das ge⸗ glaubt, daß ein ſo kleiner Ungehorſam ſo große ſchreckliche Holgen haben koͤn⸗ ne!“ — 15— Drittes Kapitel. Der groͤßte Jammer einer guten Mutter. Indem nun alle Leute aus dem Schloſſe voll Schrecken und Verwir⸗ rung, weinend und jammernd, in dem Zimmer des Kindes beyſammen waren; indem Margaretha, halb wahnſinnig, ſcheu und verwildert aus ihren ſchwar⸗ zen Augen blickte, und mit zerrauften Haaren neben dem leeren Bettchen auf dem Boden ſaß, auf dem die Roſen, die den Wiegenkorb geſchmuͤckt hatten, zerſtreut und zertreten umher lagen: da ging mit einem Male ſchnell die Zimmerthuͤre auf— und bit Graͤfinn trat herein. Die Wunde des Grafen war nicht ſo gefaͤhrlich, als es Anfangs geſchie⸗ nen hatte. Sobald er ſich außer aler Gefahr befand, hatte die Graͤfinn, auf Zureden des Grafen und aus eig⸗ nem Antriebe ihres muͤtterlichen Her⸗ zens, die Ruͤckreiſe angetreten, um nur recht bald wieder bey ihrem lieben Kin⸗ de zu ſeyn. Sie war nur aus der Kutſche geſprungen, und ſogleich auf das Zimmer geeilt, wo ſie den kleinen Liebling ihres Herzens zu umarmen hoffte. Alles im Zimmer erſchrack bey dem Anblicke der Graͤfinn. Margaretha that einen lauten Schrey.„O Gott, rief ſie, ſey mir und ihr gnaͤdig!“ Die Graͤfinn ſah die todtenblaſſen Ge⸗ ſichter— die rothgeweinten Augen— Margarethens Verzweiflung— die leere Wiege mit Schrecken. Niemand wollte auf ihre Fragen antworten. Tauſend bange Ahnungen, tauſend ſchreckliche Gedanken zuckten gleich Bli⸗ tzen durch ihre Seele. Sie zitterte fuͤr das Leben ihres Kindes. Als ſie end⸗ lich die Geſchichte halb erfuhr und halb errieth— da war es ihr, als braͤchen Himmel und Erde auf ſie herein; ſie ſank in Ohnmacht und waͤre zu Boden gefallen, wenn nicht alles herbey geeilt waͤre, ſie zu halten. „O Sott, o Gott, rief ſie endlich zammernd, als ſie wieder zu ſich ſelbſt gekommen war, welch ein entſetzliches Leiden haſt Du mir aufgelegt! Ach, mein Kind, mein Kind, mein liebſtes Kind! O mein Gemahl, mein theuer⸗ ſter Gemahl, ach, dieſe Bothſchaft wird dir tiefere Wunden ſchlagen, als das Schwert der Feinde!— O du lieber, lieber, guter kleiner Heinrich, wo biſt du wohl jetzt? In welche Haͤn⸗ de biſt du gefallen? O, wenn du von — 18— Raͤubern verfuͤhrt werden und ohne Unterricht, ohne gute Sitten aufwach⸗ ſen ſollteſt— wie ſchrecklich waͤre das? Ich kann nicht einmal daran denken! Ach, lieber weinte ich an deinem klei⸗ nen Grabe! O dann waͤreſt du ein ſchoͤner Engel an Gottes Throne und ich haͤtte den Troſt, dich dort einſtens wieder zu ſehen! Aber jetzt fehlt mir auch dieſer einzige, dieſer ſuͤßeſte Troſt! Ach, was kann, was wird unter ſol⸗ chen Menſchen aus dir werden?“ „O Gott, rief ſie dann wieder, und ſiel auf die Knie nieder, und blick⸗ te mit gerungenen Haͤnden weinend zum Himmel. O guter Gott, Du einziger Troſt in allen Noͤthen! Mein Kind iſt zwar meinen Armen entriſſen, aber dei⸗ ner Hand kann es nicht entzogen wer⸗ den. Ich weiß nicht, in welchen fin⸗ ſtern Waͤldern, in welcher Raͤuberhoͤh⸗ — 19— le es ſich befinde; aber dein Auge ſieht es, wo es auch iſt. Ich kann ihm nichts Gutes und Liebes mehr erweiſen, aber Du und nur Du allein kannſt es erhalten. Du hoͤreſt ja das Schreyen der jungen Raben— o hoͤre auch das Flehen dieſes Kindes, das gewiß weint und wimmert und ſich nach ſeiner Mutter ſehnt.— Mir und meinem lieben Gemahl' aber gieb die Gnade, dieſen Verluſt zu ertragen! Obwohl zunaͤchſt Unvorſichtigkeit und Bosheit der Menſchen uns den kleinen Engel geraubt haben— ſo leßzeſt doch Du es zu. Du fuͤgteſt es ſo; Dir will ich mein Kind mit vertrauendem, wiewohl blutendem Herzen zum Opfer bringen. Ich weiß es gewiß, auch dieſer Schmerz wird mir unter deiner Leitung einmal zum Heile ſeyn.“ So rroͤſtete ſich die trauernde Mutter. Margaretha aber war ohne allen Troſt. Sie ſiel der Graͤfinn zu Fuͤßen und bat ſie um Verzeihung.„Ach, ſagte ſie zur Graͤfinn, wenn ich das Kind mit meinem Blute aus den Haͤn⸗ den der Raͤuber befreyen koͤnnte, ich wollte gerne den letzten Tropfen vergie⸗ ßen. Laſſet mich hinrichten; ich will gerne ſterben.“ Die Graͤfinn verzieh ihr.„Deine aufrichtige Reue verdient Vergebung, ſprach ſie; es ſoll dir kein eid geſchehen. Du ſiehſt aber, wie gut ichs meynte, wie weiſe mein Befehl war; du haſt es nun erfahren, was Ungehorſam, Leichtſinn, Hang zu Luſt⸗ barkeiten fuͤr großes Ungluͤck anrichten koͤnnen. Unſer aller Freuden auf dieſer Welt ſind nun fuͤr immer dahin, wie die Roſen hier, die welk und entblaͤt⸗ tert auf dem Boden umher liegen. — — 21— Machdem die Graͤfinn ſich von dem erſten Schrecken erholt und vernommen hatte, das Kind ſey erſt vor ein Paar Stunden geraubt worden, ſo ſchickte ſie ſogleich eine Menge Leute aus, es aufzuſuchen. Ein Bothe nach dem an⸗ dern kam wieder zuruͤck. Margaretha lief jedem entgegen, und weinte immer aufs neue, ſobald ſie ſchon von weitem ſeine troſtloſe Miene ſah. Endlich kam auch der letzte, ohne die geringſte Spur von dem Kinde entdeckt zu haben, und Margaretha weinte ſich faſt die Augen aus. Nach und nach wurde ſie zwar ruhiger; allein ſie war immer ſehr blaß und ging umher, wie ein Schatten. Jedermann hatte Mitleiden mit ihr. Auf einmal verſchwand ſie, und kein Menſch wußte, wo ſie hingekommen war. ——— I Viertes Kapitel. Die Raͤuberhoͤble. — Eine Zigeunerinn, ein altes, haͤß⸗ liches Weib mit pechſchwarzen Haaren und gelbbraunem Geſichte, hatte das Kind geraubt. Das Weib gab ſich, leichtglaͤubige Menſchen zu betruͤgen und zu beſtehlen, mit Wahrſagen ab. Unter dieſem Vorwande war ſie ſchon fruͤher einmal in das Schloß gekom⸗ men, und hatte alle Gelegenheiten wohl ausgekundſchaftet. Sie ſtand mit dem Aelteſten der drey Muſikanten im Ein⸗ verſtaͤndniſſe, und waͤhrend dieſer mit laͤrmender Muſik alle Leute im Schloſſe in die untere Stube lockte, war die Zigeunerinn durch ein kleines Thuͤrlein in der Gartenmauer, das der Gaͤrtner⸗ junge aus Unachtſamkeit offen gelaſſen hatte, in den Schloßgarten, und nuf einer wenig beſuchten Wendeltreppe in das Zimmer des Kindes geſchlichen, hatte das Kind und was ſie ſonſt in der Geſchwindigkeit zuſammenraffen konnte, genommen und war damit durch den Garten ſchnell in den nahen Wald ent flohen. Dort verbarg ſie ſich mit dem Kin⸗ de in ein Dickicht, bis es voͤllig Nacht war. In der finſtern Nacht' machte ſie ſich auf, und trug das Kind weiter. Sie ging auf lauter abgelegenen, heim⸗ lichen Wegen. Mit Lebensmitteln hatte ſie ſich hinreichend verſehen. Den Tag uͤber verſteckte ſie ſich wieder in dichtes Geſtraͤuch oder in das Korn. So wan⸗ derte ſie viele Meilen weit fort, bis ins Gebirg. Hier befand ſich, tief unter der Erde, eine ſchauerliche Hoͤhle, die ein Theil eines eingegangenen, halb⸗ verſchuͤtteten Bergwerkes war. Der Eingang dazu war von Felſentruͤm⸗ mern und verwachſenen Dornen ſo gut verſteckt, daß ihn nicht leicht ein Menſch finden konnte. Nachdem die Zigeunerinn lange durch Geſtein, Dorngeſtraͤuch und Brombeerſtauden gekrochen war, kam ſie an eine eiſerne Thuͤre, zu der ſie den Schluͤſſel hatte. Sie oͤffnete die Thuͤre und kam dann durch einen langen Gang, der wohl eine Stunde dauerte, endlich in die Hoͤhle. Dieſe Hoͤhle war der Aufenthalt von Raͤubern. Hier verbargen ſie ſich, um vor der ſtrafenden Gerechtigkeit ſicher za ſeyn. Hier verwahrten ſie in großen ſchweren Kuͤſten ihre geraubten Schaͤtze— eine Menge praͤchtiger Klei⸗ der und koſtbarer Geraͤthe, Gold und Sil⸗ Silber, Edelſteine und Perlen. Die Raͤuber, furchtbare Maͤnner, mit tro⸗ sigen Geſichtern und rauhen Baͤrten, ſaßen, als die Zigeunerinn mit dem Kinde ankam, eben beyſammen, tran⸗ ken, rauchten Tabak und ſpielten in den Karten. Sie hatten eine große Freude, als ſie vernahmen, dieſes Kind ſey der junge Graf Heinrich von Ei⸗ chenfels, und ſie uͤberhaͤuften die Zi⸗ geunerinn mit Lobſpruͤchen uͤber den ge⸗ lungenen Raub. Ein ſolches Kind vor⸗ nehmer Aeltern in ihre Gewalk zu be⸗ kommen, hatten ſie ſchon lange ge⸗ wuͤnſcht.„Du haſt dich trefflich ge⸗ halten, alte Großmutter! ſagte der Naͤuberhauptmann. Nun ſinb wir voll⸗ kommen ſicher. Wird einmal einer von uns geſangen, ſo drohe er nur, daß wir uͤbrigen, ſobald wir hoͤrten, — 2 . ————— — — man habe einem unſrer Spießgeſellen ein Leid gethan, dieſes Kind gemaͤß unſrer Abrede ſchrecklich zu Tode martern wuͤr⸗ den. Da wird man ſeiner gewiß ſcho⸗ nem, oder ihn vielleicht gar gehen laß ſen.“ Der Hauptmann befahl hierauf der Zigeunerinn, die den Naͤubern kochte und die Hauswirthſchaft fuͤhrte, wohl fuͤr das Kind zu ſorgen, damit es doch gewiß am Leben bleibe. In dieſer ſchauerlichen Hoͤhle kam nun das holde Knaͤblein zur Vernunft und lernte reden. Die Erinnerungen aus ſeiner erſten Kindheit erloſchen. Es wuß⸗ te nichts mehr von der Sonne, dem Monde, der ganzen ſchoͤnen Erde Got⸗ tes. Kein Strahl des Tages fiel je in dieſe Wohnung des Schreckens. Nur eine Lampe, die Tag und Nacht brann⸗ te, hing von dem dunklen. rufigen Ge⸗ woͤlbe der Hoͤhle herab, und rhelrt mit — 37— ihrem truͤben, rothen Schimmer die rau⸗ hen Felſenwaͤnde. An Lebensmitteln war kein Mangel. Die Raͤuber brachten Brod, Fleiſch, Gemuͤſe, und beſonders ſolche Speiſen, die ſich leicht anfbewah⸗ ren ließen, und auch Wein im Ueber⸗ fluſſe. Ein großes Faß mit Waſſer in einer Ecke der Hoͤhle, das ſie von Zeit zu Zeit friſch auffuͤllten, vertrat in dieſer unterirdiſchen Haushaltung die Stelle des Brunnens. Da ſie das Waſſer aber weit holen mußten, ſo ging die Zigenne⸗ rinn ſehr ſparſam damit um, und ſchaͤrf⸗ te es dem Kleinen ſehr ein, den Hahn immer wohl zu ſchließen. Eine Streu von Binſen, die jedoch mit praͤchtigen Teppichen bedeckt war, diente den Raͤu⸗ bern zum Nachtlager. Die Zigeunerinn ließ dem Kleinen nichts abgehen. Sie gab ihm reichlich 2* — 23 zu eſſen; allein ſie unterrichtete ihn gat nichk im Guten. Das Kind lernte we der leſen noch ſchreiben, und hoͤrte aut dem Munde dieſer boͤſen Menſchen nit ein Woͤrt von Gott. Nur einer unten den Raͤubern, ein Juͤngling und der Sohn ehrlicher Leute, den aber die Luſt zum Spielen zu dieſer ſchrecklichen Le⸗ bensart verleitet hatte, unterhielt ſich gerne mit dem Kleinen: uund brachte ihm; ſo oft er heimkam, etwas mit, ihm einen kleinen Zeitbertreib⸗ zu ma⸗ chen.„Er ſchenkte ihm allerley avon Holz ausgeſchnitzte ſchoͤnbemahlte Figu⸗ ren, die Abbildung einer Schaͤferey mit vielen Schaafen, nebſt Schaͤfer und Schaafhund, eines Gartens mit aller⸗ key Baͤumen, an denen gelbe und rothe Fruͤchte hingen, einen kleinen Spiegel und andere dergleichen Spielwerke fuͤr Kinder. Einmal kaufte er ihm eine klei⸗ — 29— a ne Floͤte, und lehrte ihn ein Liedchen be darauf ſpielen; ein anders Mal brachte ut er ihm einen Bund gemahlter Blumen ni und lehrte ihn, ſelbſt Blumen aus Pa⸗ te pier ausſchneiden, ſie zuſammen fuͤgen det und mit allerley Farben bemahlen. Der iſt Kleine beſchaͤftigte ſich auf dieſe Art de, manche Stunde. Das Liebſte aber aus ch allen ſeinen Spielſachen war dem Kinde pte ein kleines Bildniß ſeiner Mutter, das t, die Zigennerinn in dem Schloſſe ent⸗ a wandt hatte. Es war unvergleichlich on ſchoͤn und lieblich gemahlt, in Gold und u⸗ geſchliffenen Kriſtall gefaßt, und rings⸗ zit um mit Diamanten beſetzt. Die Zigeu⸗ nd nerinn ließ es ihm, aber nur hie und da er auf eine kurze Zeit, wenn ſie beſonders he guter Laune war. el Der junge Raͤuber betrachtete das uͤr Bild oͤfter, gedachte ſeiner eignen Mut⸗ eie ter und wiſchte ſich eine heimliche Thraͤ⸗ — 30e— ne aus dem Auge.„Armes Kind, ſagte er bey ſich ſelbſt, es war doch grauſam, dich einer ſolchen Mutter vom Herzen hinweg zu reißen. O wie ganz anders wuͤrdeſt du es bey ihr ge⸗ habt haben, als hier in dieſem ſchauer⸗ lichen Aufenthalte!— Und deine gute Mutter, wie wird ſie um dich weinen! Koͤnnte ich dich in ihre Arme zuruͤckbrin⸗ gen— wie gerne wuͤrde ich es thun! Aber ich ſelbſt bin wie ein Gefangener! Hundert Male waͤre ich ſchon entlaufen, wenn meine vorgeblichen Freunde mir ge⸗ traut und mich nicht immer ſo ſorgfaͤltig bewacht haͤtten.“ Er fuͤhrte mit dem Knaben allerley Geſpraͤche, erzaͤhlte ihm mancherley, das dem Kleinen Freude machte, und ſeinen Verſtand weckte; allein von Gott und Ewigkeit durfte er nicht mit ihm reden; das haͤtten die uͤbrigen Raͤuber nicht ge⸗ 2ͤ— 2&— litten, weil ſie ſich vor allem ſcheuten, was ihr Gewiſſen aufwecken konnte. Fuͤnftes Kapitel. Verſuch zu entrinnen. Da der Knabe etwas aͤlter wurde, war er ſehr neugierig zu wiſſen, wo die Maͤnner denn immer hingingen. Er bat ſie oͤfter, ihn mitzunehmen. Allein ſie wieſen ihn allemal kurz und rauh ab und vertroͤſteten ihn auf ein anders Mal. Einſtens waren ſie wieder auf den Raub ausgezogen. Die alte Zigeunerinn, die gar nicht mehr gut zu Fuße war und im⸗ mer zuruͤckblieb, war dem muntern Kna⸗ ben eine ſehr traurige Geſellſchaft. Sie war immer ſehr graͤmlich und ſaß, wer gen ihrer triefenden Augen, oft ſtunden⸗ lang hinter einem gruͤnen Lichtſchirm und klickte altes Leinenzeug oder zaͤhlte Geld, 4 1 3 ohne ein Wort zu reden. Dann ſchlief und ſchnarchte ſie wieder mehrere Stun⸗ den in Einem fort. Als ſie nun wieder einmal feſt einge⸗ ſchlafen war, faßte der Knabe Muth, zuͤndete eine Wachskerze an, ging in dem dunklen Gange, durch den die Raͤuber alle Male fortzogen„ immer weiter und weiter, und„kam endlich an die eiſerne Thuͤre. Es gelang ihm aber nicht, ſie zu oͤffnen, indem ſie mit einem ſchweren Schloſfe feſt verſchloſſen war. Traurig kehrte er zuruͤck. Allein der Gang, durch den er gekommen war, hatte mehrere ſchmale Nebengaͤnge 21 win denen man Stunden weit unter der Erde umher ge⸗ hen konnte. Der K Kleine ging in, den er⸗ ſten Gang, den er im Zuxuͤckgehen pe⸗ merkte, hinein. Nachdem er lange Zeit gegangen und ſeine Kerze bereits ausge⸗ brannt und am Erloͤſchen war, ſchien — 33— es ihm, als ſaͤhe er in weiter Ferne ein brennendes Licht. Voll Neugierde ging er darauf zu. Das roͤthlich ſtrahlende Licht wurde immer groͤßer und endlich ſo groß, daß es ihm als eine feurige, auf⸗ recht ſtehende Geſtalt vorkam. Er aber ging immer muthig vorwaͤrts, und ſtand endlich an einem Felſenriſſe, durch den die Morgenroͤthe herein ſchien, und durch den man bequem in das Freye hingus gehen konnte— und mit Einem Sprun⸗ ge war der hocherfreute Knabe hinaus. Wie es ihm aber war, als er, dieſem dunklen, unterirdiſchen Aufenthalte ent⸗ ronnen, nun das erſte Mal unter Gottes ſchoͤnem, blauen Himmel in einer praͤch⸗ tigen Gegend voll waldiger Berge da⸗ ſtand— das kann keine Zunge ausſpre⸗ chen. Es war ein herrlicher Sommer⸗ morgen. Die Sonne wollte eben aufge⸗ hen und der Morgenhimmel glaͤnzte wie — 34— Glut, und auf Wald und Gebirg ſchwebte ein roͤthlicher Duft. Der Bo⸗ den war uͤberall mit Gras und Blumen bedeckt; die Voͤgel ſangen. Unten im Thale ruhte ein heller See, in dem ſich das Morgenroth und die gruͤnen Gipfel der Berge umher mit wunderbarer Klar⸗ heit abſpiegelten. Der Knabe war wie vom Blite ge⸗ troſſen. Er war vor Erſtaunen außer ſich— es war ihm, als ſey er aus ei⸗ nem langen, tiefen Schlaf erwacht, und er taumelte wie ſchlaftrunken. Er konn⸗ te nur ſchauen— er fand lange keine Worte, ſein Erſtaunen anszudruͤcken. Endlich rief er:„Wo bin ich doch hin⸗ gekommen? Wie weit— wie unermeß⸗ lich weit iſt es um mich her! O wie ſchoͤn— wie herrlich iſt alles!“ Und dann ſtaunte er wieder eine hohe Eiche oder einen Felſen voll rüner Tannen,. oder den ſpiegelhellen See, oder einen bluͤhenden Strauch von Waldroſen an. Jetzt ging uͤber einen entfernten Tan⸗ nenhuͤgel zwiſchen goldenen Wolken die Sonne auf. Der Kleine ſah mit ſtar⸗ renden Augen hin; ihm war es, ein Feuer lodere empor und er meynte wirk⸗ lich, die Wolken, die er das erſte Mal ſah, fingen an zu breunen. Unverwandt ſah er hin— bis endlich die Sonne, von leichtem Morgenduft wie von einem zarten Flor bedeckt, golden, rund und ſchoͤn uͤber den Huͤgeln ſchwebte.„Was iſt doch das? Welch ein wunderbares Licht!“ rief der Knabe, und ſtand noch immer mit ſtarrenden Blicken und vor Verwunderung ausgeſtreckten Armen— bis er endlich, von dem zunehmenden Glanze geblendet, die Augen wegwen⸗ den mußte, — 36— Hiierauf ging er ein wenig umher; er getraute ſich aber kaum weiter zu ge⸗ hen, aus Furcht, die ſchoͤnen Blumen zu zertreten, mit denen der Boden uͤber⸗ all wie beſaͤet war. Auf einmal erblickte er ein junges Lamm, das ſich unter ei⸗ nem bluͤhenden Roſenſtrauche gelagert hatte.„Ey, ein Lamm, ein Lamm!“ rief er freudig. Er eilte hin und faßte es an. Das Lamm regte ſich, ſtand auf und bloͤckte. Der Kleine fuhr er⸗ ſchrocken zuruͤck.„Was iſt das? rief er. Das lebt ja! Es kann gehen— es hat eine Stimme! Die meinigen ſind alle ſtumm und todt und keines ruͤhtt ſich. Welch ein Wunder! Wer hat ihm doch das Leben gegeben?“ Er wollte ſich mit dem Lamme in ein Ge⸗ ſpraͤch einlaſſen; er that allerley Fragen an das Thierchen— und ward zuletzt aͤrgerlich, daß es nur immer mit dem — 37— naͤmlichen unverſtaͤndlichen Schrey ant⸗ wortete. Jetzt kam ein junger Hirt, ein ſchoͤ⸗ ner bluͤhender Juͤngling mit rothen Wan⸗ gen und gelben Haaren, herbey, der das Lamm vermißt und geſucht hatte. Er hatte dem Kleinen ſchon lange zugeſehen, und wußte nicht, was er von ihm hal⸗ ten ſolle. Der Knabe erſchrak zuerſt uͤber den Anblick des Juͤnglings. Da der Juͤngling ihn aber ſehr freundlich gruͤßte, ſo faßte der Kleine Muth.„O wie ſchoͤn biſt du!“ ſprach er zu dem Juͤnglinge.„Und ſag' mir doch, fuhr er fort, indem er mit weit ausgebreiteten Armen auf Himmel und Erde deutete, gehoͤrt dieſe große, große weite Hoͤhle dein? Darf ich nicht hier bey dir und bey deinem Lamme bleiben?“ Der Juͤngling verſtand das Kind nicht, und meynte gufangs, es ſey verruͤckt, Er * fragte es, wie es hieher gekommen ſey. Als nun der Kleine ſagte, daß er aus dem Boden herausgekrochen ſey, und dann von der alten Großmutter und den baͤrtigen Maͤnnern erzaͤhlte— da wurde es dem Hirten unheimlich; es kam ihn eine große Furcht an. Er nahm indeß den Knaben doch voll Mitleids auf den einen Arm, faßte ſein Lamm unter den Andern, und eilte ſo ſchnell davon, als ſetzten ihm die Raͤuber ſchon auf dem Fuße nach.. Sechstes Kapitel. Die Einſtedeley. In dem Gebirge lebte ein alter, ſehr ehrwuͤrdiger Einſiedler, der uͤber achtzig Jahre zaͤhlte, und, wegen ſeiner Weis⸗ heit und Froͤmmigkeit, unter dem Na⸗ men Vater Menrad, weit unſtr be⸗ ruͤhmt war. Zu dieſem dachte der Hir⸗ tenjuͤngling das gefundene Kind zu brin⸗ gen. Die Einſiedeley, zu der es nicht ſehr weit war, lag an der Seite eines Berges naͤchſt dem See, und glich einem Paradieſe. Die kleine, mit Rebenblaͤt⸗ tern uͤberkleidete und mit einem bemoos⸗ ten Schilfdache bedeckte Klausnerhuͤtte ſtand zwiſchen ſchattichten Fruchtbaͤu⸗ men, mitten in einem Garten voll der ſchoͤnſten Blumen und Kraͤuter. Hinter der kleinen Huͤtte erhob ſich ein Wein⸗ berg, und ſeitwaͤrts zog ſich ein ſchma⸗ les Kornfeld laͤngs dem Berge hin. Und wo ſonſt noch zwiſchen den Felſen ein uͤbriges Plätzchen war, ſtand ein Banm, der die herrlichſten Fruͤchte, oder wenigſtens ein Strauch, der koͤſtli⸗ che Beeren trug. Auf einem Felſen, der ſich weit uͤber den See hinaus bog, ragte die Kapelle mit ſpitzigem Thuͤrmlein em⸗ — 40— por, und eine Treppe, die in den Felſen eingehauen war, fuͤhrte dazu hinauf. Der ehrwuͤrdige Greis ſaß, als der Juͤngling mit dem Knaben durch das vergitterte Pfoͤrtchen des Gartens her⸗ ein kam, eben auf einer hoͤlzernen Bank unter einem Apfelbanme, wo man die praͤchtigſte Ausſicht uͤber den See hatte. Ein großes Buch, in dem er ſehr an⸗ daͤchtig las, lag vor ihm auf dem Ti⸗ ſche. Die wenigen Haare, die ſeine kahle Scheitel umgaben, und ſein gro⸗ ßer Bart waren weiß wie Schnee, ſei⸗ ne Wangen aber noch bluͤhendroth, wie die Wangen eines Juͤnglings. Mit treuherziger Leutſeligkeit ſtand er auf, gruͤßte beyde, hoͤrte die Erzaͤhlung des Juͤnglings mit freundlicher Aufmerk⸗ ſamkeit an, und fragte den Knaben um deſſen Namen, indem er ihn voll des in⸗ nigſten Mitleidens auf ſeine Arme nahm. Er ahnete bald, das Kind ſey vorneh⸗ men Aeltern von den Raͤubern geraubt worden.„Laß den Kleinen bey mir, ſagte er zu dem Juͤnglinge, und ſage fuͤr jetzt nocha keinem Menſchen davon. Ich hoffe, ſeine Aeltern ſind noch aufzufin⸗ den.— und hier iſt er indeß gegen die Nachſtellungen der Raͤuber am beſten geſchaßt.„ Sie fliehen meine Zells wie das Fener.„Gold und Silber iſt bey mire nicht zun holen, und guten Rath und heilſame Ermahnungen, die freylich oft mehr werth ſind als Gold und Sil⸗ ber, haſſen ſi ſie. Zu dem Knaben aber fprach er:„Sey mir herzlich gegruͤßt, lieber Heinrich! Ich will dein Vater feyn, und fuͤr dich ſorgen, bis ich dich dei⸗ nem Vater und deiner Mutter wieder zu⸗ ruͤck geben kann. Nenne mich von nun an nicht anders, als Vater!“ Der Alte bewirthete hierauf ſeine Gaͤſte mit Milch und Brod, und nach⸗ dem der Jüngling ſich erquickt hatte, rgriff er ſeinen Hirtenſtab, um zu Fenne Heerde zuruͤck zu kehren. Der Kleine wollte das nicht zugeben. Er weinte und hielt ihn am Kleide. Allein da der Juͤngling verſprach, bald wieder zu kommen, und ihm das Lamm ſchenk⸗ te, ſo gab er ſich zufrieden, und zeigte uͤber das Geſchenk, das in ſeinen Augen einen unermeßlichen Werth hatte, eine ganz ungemeine Freude. 1 Siebentes Kapitel. Die Sonne und die dlumsn Da der Juͤngling fort war, ſetzte der mitleidige Greis den Knaben, um ſich in ein Geſpraͤch mit ihm einzulaſſen, ne ben ſich auf die Bank.„Lieber Heinrich, fing er an, weißt du denn gar nichts von deinem Vater und von deiner Mut⸗ ter à7⸗ „O ja, ſagte Heinrich, ich habe ei⸗ ne ſchoͤne Mutter— hier in meiner Ta⸗ ſche. Da ſieh einmal!“ Er zog das kleine Bildniß heraus, das er zu ſich geſteckt harte, und das in einem ſchoͤnen Futteral von rothem Safian wohl ver⸗ ſchloſſen war. Der arme Kleine hatte das Bildniß ſeiner Mutter noch nie am Sonnenlichte geſehen. Er erſtaunte jetzt uͤber die Klarheit und Schoͤnheit desſel⸗ ben, und uͤber den Glanz der blitzenden Diamanten, die es umgaben, vergingen ihm die Augen. „ Wie es doch bey dir ſo helle iſt! 4 ſprach er.„Aber ſag' mir nur, fuhr er fort, und zeigte auf die Sonne, wer hat denn die ſchoͤne goldene Lampe da droben angezuͤndet, die alles rings umher ſo hell macht? Ich kann ſie nicht einmal anſehen vor Glanz. Die in unſrer Hoͤhle war dagegen nur truͤb und armſelig.— Und wie kommts denn, daß ſie immer hoͤher und hoͤher hinaufruͤckt? Als ich ſie zuerſt ſah, kam ſie hinter den Baͤu⸗ men hervor, und in kurzer Zeit war ſie ſchon ſo hoch droben, daß ich ſie nicht mehr haͤtte erreichen koͤnnen, wenn ich auch auf dem hoͤchſten Baum geſtanden waͤre. Wie iſt doch dieß gemacht, daß ſie ſo frey ſchwebt und ſich ſo bewegt? Man ſtieht doch nirgends eine Schnur. Was treibt ſie denn? Und wer ſteigt wohl da hinauf, kiſches Oel lauachiugſe⸗ ßen?“.. 2l. fes große ſchoͤne Licht die Sonne nenne, 5 und daß es wohl ſchon tauſendmal laͤnger, als der kleine Heimich! lebe, immer e laufe und in Einem fort ſo brenne, ohne eines Tropfen Oels zu beduͤrfen. „Das begreife ich nicht!“ ſagte Heinrich.„Aber was Du da fuͤr wun⸗ derſchoͤne Blumen haſt!“ fing er wieder an, und ſtand auf, und ſprang zu den Beetchen hin, deren jedes einem vollen Blumenkorbe glich.„O wie unvergleichlich ſchoͤn roth und gelb und blau ſie bemahlt ſind! Und wie alle die unzaͤhligen Blaͤtt⸗ chen ſo ſchoͤn und zart, eines wie das andere, ausgeſchnitten ſind! Und aus was wohl alle dieſe Blaͤttchen ſeyn moͤ⸗ gen? Papier iſt dies keines, ja Seide iſt nichts dagegen. Sag', haſt Du alle dieſe Blumen gemacht?) O da mußt du lange gebraucht haben! In einigen ſind gar unbeſchreiblich feine und zarte Zaͤſer⸗ chen. Da gehoͤrte eine feine Scheere da⸗ zu, und ſcharfe Augen. Ich habe wohl 3 ¹ 1 * 4 8 4* 1 1 auch ſchon Blumen gemacht; aber ſo ſchoͤn kann ichs nicht.“ Menrad ſagte, daß kein Menſch eine ſolche Blume machen koͤnne, und daß ſie alle von ſelbſt aus der Erde gekommen ſeyen. Allein Heinrich wollte das nicht glanben.„Das kann gar nicht ſeyn, ſprach er; da will ich doch viel lieber glauben, Du habeſt ſie gemacht.“ Der Greis zeigte dem Knaben die zierliche Sa⸗ menkapſel der gefuͤllten Mohnblume, ſchuͤt⸗ telte ihm die winzigkleinen runden Koͤrn⸗ lein auf die Hand und ſagte ihm, in je⸗ dem ſolchen Koͤrnlein ſtecken eine Menge ſolcher großer purpurrothen Blumen, die daraus hervor kaͤmen, wenn man die Koͤrnlein in die Erde lege— und ſo ſeyen auch alle uͤbrigen Blumen aus aͤhnlichen kleinen Koͤrnlein gekommen. Der Knabe ſah den Greis an, ob das ſein Ernſt ſey, und ſprach:„Aus einem lchen =— winzigkleinen Kuͤgelein ſollte eine ſo große, ſchoͤne Blume kommen? Da muͤßte ja ein ſolches Koͤrnlein unendlich kuͤnſtlicher eingerichtet ſeyn, als die kuͤnſt⸗ lichſte goldene Taſchenuhr.“„Das iſt es auch!“ ſagte Menrad.„Aber wer hat denn das Koͤrnlein gemacht?“ ſagte der Kleine.„Es waͤre, duͤnkt mich, doch noch leichter, alle dieſe Blumen zu ma⸗ chen, als ein einziges ſolches Koͤrnlein!“ Er betrachtete die Blumen aufs neue, ging immer von einem Blumenbeetchen zum andern und konnte ſich nicht ſatt daran ſehen. Indeß wurde es ihm an der Sonne zu heiß.„Was dieſe Lam⸗ pe fuͤr eine Hitze hat! rief er. Sie iſt ſo weit weg, und macht einem doch ſo warm! Es iſt ein wunderbares Licht!“ Menrad fuͤhrte den Kleinen wieder unter den Apfelbaum, der bereits Bank und Tiſch lieblich beſchattete.„ Da iſt es doch recht kuͤhl und angenehm, ſagte Heinrich, indem er zum Baume aufblick⸗ te. Der Baum iſt gerade wie ein gruͤ⸗ ner Schirm, der nicht nur gegen das zu heftige Licht, ſondern auch gegen die Hi⸗ tze ſchuͤtzt. Wie groß er iſt und wie viele tauſend Blaͤttchen er hat! Der Stamm iſt, wie ich ſehe, wohl aus Holz gemacht. Aber doch glaube ich bald nicht mehr, daß Du dieſe unzaͤhlige Menge von Blumen und Blaͤttern gemacht habeſt. f Das Stuͤck Arbeit unße Böch gat u groß! 774 3 e Achtes Kayitel. 1. Aeauter ud Siame. 4 364 Indeß ging der Greis in die SHü und beſorgte ein kleines mrlszemahf Er brachte zuerſt Much und Brod, und Sn dnn nm „ dann fuͤr den Knaben Butter und He⸗ nig, und ein niedliches Koͤrblein voll der ſchoͤnſten Aepfel; fuͤr ſich aber Wur⸗ zeln und Kraͤuter, eine große, goldgelbe Melone und etwas rothen Wein in ei⸗ ner hellen, glaͤſernen Flaſche. Heinrich ließ es ſich ſehr gut ſchmecken, und ſag— te zu dem Greiſe:„Aber wo nimmſt du denn alle die guten Sachen? Ziehſt du bisweilen auch auf den Raub aus?“ Vater Menrad erzaͤhlte ihm unter dem Eſſen, wie wunderbar alles gewach⸗ ſen ſey.„Sieh', ſagte er, da er eben nach einem Apfel griff, ihn fuͤr Hein⸗ rich zu ſchaͤlen und zu zerſchneiden, dieſe Aepfel hier im Koͤrblein bekam ich von dieſem Baume. Aus den duͤnnen Zweig⸗ lein des Baumes kommen von Zeit zu Zeit ganze Koͤrbe voll ſolcher ſchoͤnen Aepfel hervor.“„Iſt das aber auch 3 — 50o— wahr?“ ſagte Heinrich, indem er Men⸗ rad bedenklich anſahg. Vater Menrad nahm den Knaben auf den Arm, beug⸗ te einen Aſt herab, und zeigte ihm die kleinen, gruͤnen Aepfelein.„Siehſt du nun, ſagte er, wie ſie aus den Zweig⸗ lein hervor kommen. Sie werden nun immer groͤßer und groͤßer, und zuletzt ſo groß, und ſo ſchoͤn gelb und roth, wie dieſe hier in dem Koͤrbchen. Der ganze große Baum ſelbſt aber, ſagte Menrad, indem er den Apfel zerſchnitt, kam aus einem ſolchen kleinen Kernlein, wie hier an dem Meſeer eines haͤngt. Ich habe dieſen Baum da noch als ein ſolches Kernlein gekannt. In einem je⸗ dem ſolchen Kerne ſteckt ein ſolcher Baum, ja wohl eine unzaͤhlige Menge ſolcher Baͤume. Ja aus dem einzigen Kern⸗ lein koͤnnte man ſo viele Aepfel bekom⸗ men, daß ſie die Welt nicht faſſen wuͤr⸗ e de, und daß ein Menſch, wenn er auch ewig lebte, ſi ſie nicht zaͤhlen koͤnnte. „Auch das Brod hier kommt aus aͤhnlichen Koͤrnlein, fuhr Menrad fort, indem er dem Knaben einige Getreid⸗ koͤrnlein zeigte, die er aus der Huͤtte mit⸗ gebracht hatte. Es iſt da wie mit dem Apfelkerne oder den Samenkoͤrnlein der Blumen. Aus einem einzigen ſolchen Getraidkörnlein koͤnnten wir viele tau⸗ ſend ſolche Brode bekommen, wie das hier auf dem Tiſche.“ Menrad beſchrieb es ihm ausfuͤhrlich, wie das zugehe, und zeigte waͤhrend des Geſpraͤches auf ſein reiches Kornfeld, wo man vor Kurzem nichts als Erdſchollen geſehen. Heinrich⸗ ſprang hin, und fand zu ſeiner großen Freude bereits in jeder Aehre kleine Koͤrnlein. — — 5— „Und ſo, beſchloß Vater Menrad, iſt es mit allen gruͤnen Gewaͤchſen, die du weit und breit umher erblickeſt. Alle, das Gras hier zu unſern Fuͤßen, die bluͤhenden Roſenſtraͤuche dert, die un⸗ zaͤhligen Kornaͤhren und die Reben, die dort die Huͤtte und den Huͤgel uͤber der Huͤtte bedecken, die ungeheuren Eichen und Fichten dort auf dem Berge und das kleine Moos hier am Stamme des Apfelbaums— gruͤnten und bluͤhten aus ſolchen Koͤrnlein auf, oder koͤnnen we⸗ nigſtens daraus gezogen werden. Alles, was du hier auf dem Tiſche erblickeſt, Milch und Butter, die aus Gras kom⸗ men, der Honig, der aus Blumen be⸗ reitet wird, das nahrhafte Brod und der ſtaͤrkende Wein; alle die Kraͤuter und Wurzeln und Fruͤchte hier, die Kreſſe, der Rettich, die große, ſchoͤne Melone; auch die Zweige, aus denen dieſe netten G— 53— Fruchtkoͤrblein geflochten, das Holz, aus dem Teller und Becher gedreht worden, ja ſogar Tiſch und Bank haben wir ſolchen kleinen Koͤrnlein zu danken. Ich brauchte ſie nur in die Erde zu legen, um hier einen Apfelbaum, und dort hunderttauſende von Aehren aus der Er⸗ de hervorkommen zu machen, und ſo meinen Aufenthalt, der vorhin eine Wuͤ⸗ ſte war, mit allem, was ſchoͤn iſt, reichlich auszuſchmuͤcken, und an allem, was zum Leben nothwendig iſt, Ueber⸗ fluß zu haben.“ Dem Knaben waren dieß lauter Wunderdinge. Wie er vorhin alles voll Erſtaunen anſchaute, ſo hoͤchſt erſtaunt hoͤrte er jetzt der Erzahlung des Einſied⸗ lers zu. Neuntes Kapitel. Die Auelle und der Regen. — Indeß hatte ſich die Sonne gewen⸗ det; die Blumenbeete des Gartens lagen im Schatten. Einige Blumen, die Menrad vorzuͤglich liebte, waren an der Sonnenhitze etwas welk geworden. Ob⸗ wohl er auf baldigen Regen hoffte, ſo wollte er dennoch aus weiſer Vorſicht wenigſtens ſeine Lieblingsblumen etwas begießen. Er nahm ſeine Gießkanne, fuͤhrte den Knaben an der Hand, und ging zur Quelle, die reichlich aus einem großen, mit Moos bewachsnen Felſen hervorbrach. Heinrich ſchlug vor Erſtaunen die Haͤnde zuſammen.„Welch eine Menge Waſſer das iſt, rief er, die da aus dem Steine herausrinnt! Alle Augenblick⸗ meyne ich, es muͤſſe aufhoͤren, ung in⸗ mer fließt es gleich ſtark fort. W at doch die Menge Waſſer oben hineinge⸗ goſſen, und wo nimmt man Waſſer ge⸗ nug her, nachzufuͤllen?— Du ſollteſt die Oeffnung verſchließen und das Waſ⸗ ſer mehr ſparen; ſonſt geht es dir aus.“ Menrad ſagte ihm, daß dieſes Waſſer wohl ſchon ſo lange, als die Sonne leuchte, in Einem fort ohne Auf hoͤren da heraus fließe, niemals abnehme und keines Auffuͤllens beduͤrfe. Er ſagte ihm, daß der ganze See, den Heinrich fuͤr einen ungeheuer großen Spiegel angeſe⸗ hen hatte, nichts ſey, als lauter Waſ⸗ ſer. Das waren dem Kleinen wieder neue Wunder. Menrad kehrte mit der gefuͤllten Kan⸗ ne zuruͤck, und fing an, ſeine Blumen zu begießen.„Ach, was machſt du da? ſagte Heinrich, da verdirbſt du ja — 56— deine Blumen; jetzt wird die Farbe ab⸗ gehen.“ Menrad ſagte laͤchelnd, daß Blumen und Kraͤuter, Kornhalme und Reben, Straͤuche und Baͤume, die auch auf eine gewiſſe Art lebten, das Waſſer ſo nothwendig haͤtten, als der Menſch das Trinken.„Aber, ſagte Heinrich, wer kann denn allen dieſen Gewaͤchſen genug Waſſer zutragen? Wer ſteigt da hinauf und begießt die Baͤume hoch dort droben auf der Spitze jenes Berges?“ Menrad ſagte ihm:„Dafuͤr iſt ſchon geſorgt.“„Auf welche Art, ſiehſt du vielleicht eher, als wir denken!“ fuͤgte er noch hinzu, indem er nach dem Ge⸗ woͤlke blickte. Nach einer Weile kam wirklich eine Wolke uͤber den Berg her— und es fing an, erſt ſehr ſanft und dann ſehr ſtark zu regnen. Das war fuͤr Hein⸗ rich abermals eine wunderbare Erſchei⸗ — 57— nung.„Das iſt eine gute Einrichtung, ſagte er; ſie erſpart dir viele Arbeit. Das Waſſer faͤllt ſo ſchoͤn, in tauſend und tauſend Tropfen, herab, als kaͤme es aus einer Gießkanne.— Aber wer ließ denn dieſe Wolke, wie du das wun⸗ derliche Ding nenneſt, kommen? Wer brachte das Waſſer da ſo hoch hinauf? Wie kommts doch, daß die Wolke ſo frey ſchwebt, und nicht herunterfaͤllt?“ „Das ſollſt du ſchon noch hoͤren!“ ſag⸗ te Menrad. Der Kleine ſah aber dem Gewoͤlke noch lange zu, bis es ſich ver⸗ zog und der Himmel wieder hell und blau wurde. Unter dem Anſtaunen lauter neuer Gegenſtaͤnde, unter Freude und Bewun⸗ derung kam dem Knaben der Tag ſehr ſchnell herum. Denn hundert Dinge, die andre Menſchen aus Gewohnheit gleichguͤltig anſehen— ein goldgruͤnes 1 58— Kaͤferlein, das auf einem Roſenblatte ſaß; ein geſtreiftes Schneckchen, das nach dem Regen am Baumſtamme hin⸗ aufkroch; die funkelnden Tropfen, die gleich Diamanten an allen Blaͤttchen hingen; eine Grasmuͤcke, die auf einem Baumzweige ihr herrliches Abendlied an⸗ ſtimmte, und dann munter von Baum zu Baum flog; die Ziegen des Einſied⸗ lers, die gegen Abend aus den Bergen zuruͤck kamen— waren dem Kleinen höchſt wundervolle Erſcheinungen, und gaben Anlaß zu mancherley Fragen und Antworten. Endlich ging die Sonne jenſeits des See's unter.„O weh, rief Heinrich erſchrocken, jetzt taucht ſich die Sonnen⸗ lampe dort in das Waſſer; dann loͤſcht ſie aus und alle unſre Freude hat ein Ende, Wenn wir gleich eine Lampe an⸗ 3 59— zuͤnden— die wird uns in dieſem gro⸗ ßen, weiten Raum wenig helfen.“ Vater Menrad beruhigte ihn.„Hab' keine Sorge, ſprach er. Jetzt gehen wir bald ſchlafen. Dazu brauchen wir kein Licht. Bis wir ausgeſchlafen haben, kommt die Sonne dort auf der entge⸗ gen geſetzten Seite zwiſchen jenen Ber⸗ gen wieder herauf. So lauft ſie, ohne nur einen Augenblick ſtille zu ſtehen, beſtaͤndig im Kreiſe umher, und lauch⸗ tet und erwaͤrmet alles.“ Zehntes Kapitel. Die wichtigſte Frage und die richtigſte Antwort. Heinrich kam auf ſeine alten Fragen zuruͤck, die der weiſe Mann mit Vor⸗ ſatze nicht ſogleich beantwortet hatte, ſondern vielmehr die Wißbegierde des — 60— Knaben noch immer mehr reizte.„Ja, was macht denn, fragte er wieder, daß die Sonne immer ſo lauft? Und wer hat dieſes große, große ſchoͤne Gewoͤlbe da oben gebaut, und es ſo ſchoͤn blau bemahlt? Wer hat das viele Waſſer in jenen Felſenſtein dort eingeſchloſſen, daß es ſo reichlich und ohne Auf hoͤren her⸗ ausfließt? Wer leitet den Lauf der Wolken, daß ſie ſo frey in der Luft her⸗ bey ſchweben, und alle Gewaͤchſe mit ſo unzaͤhligen funkelnden Tropfen befeuch⸗ ten? Wer lehrte die Voͤgel, ohne daß ſie eine Floͤte haben, ſo ſchoͤne Lieder ſpielen? Wer hat Blumen und Baͤu⸗ me in ſo kleine Koͤrnlein verborgen, daß ſie, an Ort und Stelle, wo wir es ha⸗ ben wollen, herauskommen, den Boden weit und breit mit einem Teppiche von Gras und Blumen bedecken, und uns mit ſo herrlichen Geſchenken uͤberhaͤufen? Wer hat alles ſo gut und ſo ſchoͤn ein⸗ gerichtet?“. „So meynſt du denn wirklich, ſag⸗ te Vater Menrad, daß Jemand ſey, der dieſe ſchoͤne Einrichtung gemacht habe?“ „O ja freylich, ſagte Heinrich; das iſt ganz gewiß. Wer daran zweifeln wollte, muͤßte ja gar keinen Verſtand haben. Die Maͤnner in der Hoͤhle mußten lange arbeiten, wenn ſie dieſelbe nur ein wenig vergroͤßern wollten. Ein⸗ mal wollte die Hoͤhle gar einfallen, und da hatten ſie viele Muͤhe, ſie zu ſtuͤtzen. Und an dieſem ſchoͤnen, großen Ge⸗ woͤlbe ſieht man nicht einmal einen Pfei⸗ ker! Unſre Lampe in der Hoͤhle zuͤndete ſich nicht von ſelbſt an, und wenn wir nicht im Finſtern ſitzen wollten, mußten wir wohl auf ſie Acht haben, und immer friſches Oel nachgießen. Und das Waſſer⸗ gefaͤß mußte auch immer friſch gefuͤllt werden, wenn wir nicht Durſt leiden wollten. Was eine einzige Blume aus⸗ zuſchneiden fuͤr Muͤhe koſte, und was fuͤr ein richtiges Augenmaaß man haben muͤſſe, weiß ich gar gut. Daß dieß al⸗ les, was wir hier herum erblicken, nicht von Menſchenhaͤnden koͤnne gemacht ſeyn, begreif ich wohl. Wer aber Derjeni⸗ ge ſey, der dieſes Alles gemacht habe, das moͤchte ich eben wiſſen.“ Jetzt— als der Knabe von der Gro⸗ ße, Schoͤnheit und weiſen Einrichtung der Welt ſo lebhaft geruͤhrt, und von der Menge der Wohlthaten, die uͤberalk ſeinen Blicken begegneten, gleichſam uͤber⸗ waͤltigt war, und von Wißbegierde brannte, inne zu werden, wer denn die⸗ ſer große Wohlthaͤter ſey, von dem gl⸗ les herruͤhre— jetzt war der Augenblick gekommen, da der ehrwuͤrdige Greis zu — — 63— dem Knaben von Gott— von Gottes Allmacht, Weisheit und Guͤte reden konn⸗ te. Mit tiefer Ehrfurcht, mit geruͤhrter Stimme, mit Augen voll Thraͤnen ſag⸗ te ihm der Greis, daß Heinrich recht habe, daß Einer ſey, der dieſes Alles gemacht habe, und daß man dieſen All⸗ maͤchtigen, Allweiſen, Allguͤtigen, der alle Dinge hervorgebracht und der auch den Menſchen das Leben gegeben habe— Gott, unſern lieben Vater im Himmel, nenne. Wie es dem Knaben dieſen Morgen geweſen, als ihm die Sonne das erſte Mal aufging und mit ihren lieblichen Strahlen alles rings umher vergoldete— ſo, ja noch wunderbarer war es ihm jetzt zu Muthe. Der Gedanke an Gott ging gleichſam als eine Sonne in ſeinem Innern auf, die ihn von Innen heraus erleuchtete und erwaͤrmte, und ihm die ganze Welt umher in einem ſchoͤnern, freundlichern Lichte, als einen Inbegriff von unzaͤhligen Wohlthaten eines liebe⸗ vollen Vaters ſehen ließ. „Ja, liebes Kind, fuhr Menrad fort, als er die Ruͤhrung des Knaben bemerkte, Gott iſt Derjenige, der Al⸗ les, was du ſiehſt, gemacht hat. Er hat jenes ſchoͤne, blaue Gewoͤlbe, das wir Himmel nennen, gebildet. Er hat die Sonne angezuͤndet und leitet ihren Lauf; nicht nur enthuͤllt ſie uns die Wun⸗ der ſeiner Werke, und leuchtet uns bey unſern Geſchaͤften; an ihren warmen Strahlen werden auch die Fruͤchte reif und adesacht. wie die Speiſen an dem Feuer. Er laͤßt reichliches Waſſer aus der Erde hervorquellen und aus den Wolken herabtroͤpfeln, uns zu traͤnken und alles zu erfriſchen. Er breitete auf unſerm Fußhodin den farbigen Teppich von Gras und Blumen aus. Er gab den Blumen Farbe und Wohlgeruch. Er gibt uns aus der rauhen Erdſcholle reichliches Brod, und laͤßt aus den Ber⸗ gen köſtlichen Wein fuͤr uns hervorrin⸗ nen. Er beladet die Aeſte der Baͤume mit Fruͤchten aller Art, und laͤßt uns in den gruͤnen Thaͤlern gleichſam Baͤche von Milch fließen, und Felſen und hohle Baͤume von Honig triefen. Er ſchuf den Baum, der uns mit ſeinem Schat⸗ ten kuͤhlt, und mit ſeinem Holze waͤrmt. Er lehrte die Voͤgel ihre Lieder, mit denen ſie uns erheitern. Er bekleidete das Lamm, das hier zu deinen Fuͤßen ruht, mit zarter Wolle, aus der dein und mein Kleid gemacht iſt. Er gibt alles, was wir zur Wohnung und zum Nachtlager beduͤrfen. Er machte alles ſo ſchoͤn, damit wir Freude an ſeinen Werken haben und Ihn lieben und der⸗ — 66— noch viel ſchoͤnere Gegenden, als du hier um uns her erblickeſt, wo wir dann bey Ihm noch groͤßere Freuden ha⸗ ben werden. Und obwohl wir Ihn jetzt noch nicht ſehen koͤnnen, ſo ſieht Er doch uns uͤberall, und hoͤrt jeves unſrer Worte, und weiß ſogar unſre Gedan⸗ ken. Mit Ihm koͤnnen wir jeden Au⸗ genblick reden. Er leitet alle unſre Schick⸗ ſale. Er erloͤste dich aus jener Hoͤhle und ließ dich auf den Armen zu mir hieher tragen. Er iſt unſer groͤßter Wohlthaͤter, unſer beſter Freund, unſer liebreichſter Vater.“ Heinrich hoͤrte dem frommen Greiſe mit der groͤßten Aufmerkſamkeit und mit geruͤhrtem Herzen zu, und verwandte kein Auge von i=hm. Es war unter dieſen Geſpraͤchen Nacht geworden, ohne daß der Kleine darauf geachtet hatte. Der einſt zu Ihm kommen moͤchten— in Mond, der vorhin als ein kleines, kaum bemerkbares Woͤlklein am Himmel ſchweb⸗ te, leuchtete jetzt im reinſten Glanze, und ſtand, von unzaͤhlichen hellfunkelnden Sternen umgeben, hoch uͤber dem See. Der See glich einem hellen Spiegel und man glaubte dann einen zweyten Him⸗ mel mit Mond und Sternen zu entde⸗ cken, und in die Unendlichkeit zu blicken. Kein Blaͤttchen der Baͤume umher regte ſich; es herrſchte eine feyerliche Stille. Ein neues, noch nie empfundnes Ge⸗ fuͤht— das Gefuͤhl der Andacht, der Anbethung, der Raͤhe Gottes regte ſich in Heinrichs Herzen. Und nnn faltete der ehrwuͤrdige Greis die Haͤnde und blickte zum Himmel und bethete dem Knaben vor— und auch der Kleine er⸗ hob ſeine Haͤndchen das erſte Mal zum Himmel und ſprach ihm jedes Wort nach. Die Thraͤnen floßen dem guten — 68— Knaben reichlich uͤber die Wangen, daß der Gott, den er bisher nicht kannte, ihm dennoch ſchon ſo viel Gutes erwie⸗ ſen habe. Und als der Greis das Ge⸗ beth vollendet hatte, ſetzte Heinrich zur großen Freude des frommen alten Man⸗ nes aus eigenem Antriebe noch hinzu: „Ich danke Dir auch noch, lieber Gott, daß Du mich aus meiner finſtern Hoͤhle befreyt und zu dieſem guten Manne ge⸗ fuͤhrt haſt, der mir ſo viel Schoͤnes und Erfreuliches von Dir erzaͤhlte.“ Vater Menrad nahm hierauf den Knaben bey der Hand und fuͤhrte ihn in ſeine Zelle. Hier machte er ihm ein Nachtlager von weichem Mooſe, uͤber das er einen Teppich breitete, und deckte den Knaben mit ſeinem eigenen Man⸗ tel zu. 8 Eilftes Kapitel. Sine Reiſe in's Gebirg. — Bater Menrad behielt den Knaben den Sommer uͤber bey ſich, um ihn noch mehr zu unterrichten, und ihm manche Ausdruͤcke und Unarten abzugewoͤhnen, die er unter jener ſchlimmen Geſellſchaft angenommen hatte. Auch dachte er, hier bey der einfachen Nahrung und der geſunden Bergluft wuͤrde der Kleine, den der Aufenthalt in der unterirdiſchen Woh⸗ nung ſehr blaß gemacht hatte, ſich am beſten erholen, und ſeine Aeltern wuͤr⸗ den dann eine deſto groͤßere Freude ha⸗ ben. Heinrich fing auch bald an, wie der aufzubluͤhen— ſchoͤn und hold wie eine Roſe am Strahle der Morgenſonne. Gegen Mitte des Herbſtes beſchloß Vater Menrad, der ehmals weit umher gekommen war, und viele Staͤdte geſe⸗ hen hatte, ſeinen Wanderſtab noch ein⸗ mal zu ergreifen und unter die Menſchen zuruͤck zu kehren, um die Aeltern des Kindes aufzuſuchen. Er hatte den Va⸗ ter jenes Juͤnglings, der den Knaben zu ihm gebracht hatte, einen frommen und klugen Landmann, der tiefer im Ge⸗ birge wohnte, erſucht, den Knaben zu ſich zu nehmen, bis er ihn wieder abho⸗ len wuͤrde. Dahin wollte er den klei⸗ nen Heinrich zuerſt bringen. An einem ſchoͤnen, heitern Herbſt⸗ morgen, als kaum der Morgenſtern auf⸗ gegangen war, weckte er den Kleinen, ging mit ihm zur Kapelle, und verrich: tete ein inbruͤnſtiges Gebeth, daß Gott dieſe Reiſe ſegnen wolle. Nachdem ſie hierauf ein Fruͤhſtuͤck genommen, und ſich mit Lebensmitteln auf die Reiſe ver⸗ ſehen hatten, machte Menrad ſich auf — 71— den Weg, und Heinrich begleitete ihn vool Freude. Sie gingen lauter einſame Fußſteige, die nur von Alpenhirten und Gemsjaͤgern beſucht wurden. Gegen Mit⸗ tag kamen ſie an eine Felſenwand, an der hoch uͤber ihnen Ziegen kletterten. Hier ſetzten ſie ſich in den Schatten, um auszuruhen, und ein kleines Mittags⸗ mahl zu halten. Der Knabe des Ziegenhirten kam herbey, dem ehrwuͤrdigen Vater Men⸗ rad die Hand zu kuͤſſen. Der kleine Heinrich ſprang auf und ſchrie voll Ver⸗ wunderung laut:„Je, ein kleiner Menſch, wie ich! O, das iſt ſchoͤn! Das hab' ich noch gar nicht gewußt, daß es noch mehrere kleine Menſchen ge⸗ be; ich glaubte, ich ſey der einzige auf Erden. O, nicht wahr, du gehſt mit uns?“ Der Hirtenknabe erboth ſich, dem Vater Menrad die Reiſetaſche zu tragen. Sie gingen miteinander weiter und Heinrich redete mit dem Hirtenkna⸗ ben ſo angelegentlich, daß er beynahe auf ſonſt nichts mehr achtete. A Hierauf kamen ſie in ein kleines gruͤnes Thal zwiſchen hohen Felſen, wo eine Heerde Schaafe weidete, die eben dem Manne gehoͤrte, zu dem Menrad reiste. Heinrich hatte uͤber ein Paar kleine Laͤmmchen, die erſt ein Paar Tage alt waren, eine ganz unbeſchreibliche Freude, und ſtreichelte ſie unter allerley ſuͤßen Benennungen. Indeß ſchaute ſich der Greis nach dem Hirten um. Seitwaͤrts unter ei⸗ nem überhaͤngendem Felſen, aus dem eine klare Quelle hervorbrach, ſah er das Hirtenmaͤd'chen ſitzen, das in einer Hand den Hirtenſtab, und in der an⸗ dern, zu ſeiner Verwunderung, ein Buch hielt, 3 hielt, und ganz in das Leſen vertieft ſchien. Er ging zu ihr hin. Sie war weiß gekleidet und hatte einen gruͤnen Hut auf. Ihre Geſichtsbildung war ſehr ſanft, und in ihren Mienen be⸗ merkte man eine ſtille Schwermuth. Sie hatte den Vater Menrad noch nie geſehen; allein ſie erkannte ihn ſogleich aus der Beſchreibung, ſtand auf und gruͤßte ihn freundlich und mit ſichtba⸗ rem freudigem Vertrauen. Menrad ſagte zu ihr:„Du mußt dieſe Heerde noch nicht lange weiden. Als ich den Mann, dem ſie gehoͤrt, kuͤrzlich ſprach, ſagte er mir nichts von dir.“ Sie antwortete, daß ſie ſchon mehrere Jahre im Gebirge die Schaafe huͤthe; allein in den Dienſt dieſes guten Mannes ſey fie erſt vor drey Tagen ge⸗ kommen.„ Woher biſt du denn, frag⸗ 4 — 14— te er weiter, und warum biſt du ſo traurig?“ Das Maͤdchen brach ſo⸗ gleich in Thraͤnen aus.„Ach, ſagte ſie, ich bin weit her. Eine jugendliche Unbeſonnenheit hat mich in das groͤßte Ungluͤck geſtuͤrzt. Ich war bey einer ſehr guten Herrſchaft im Dienſt; aus Leichtſinn ließ ich ihr einziges, liebens⸗ wuͤrdiges Kind nur einige Augenblicke allein. Da ward es von Raͤubern ent⸗ wendet. Vor Jammer und Traurig⸗ keit konnte ich es bey dieſer guten Frau nicht mehr aushalten, und ihre Leiden nicht mehr anſehen, und fluͤchtete mich in's Gebirg. Hier lebe ich nun in die⸗ ſer Einſamkeit, und bethe taͤglich zu Gott, Er wolle das Unheil, das ich an⸗ richtete, wieder gut machen, das Kind wieder an das Tageslicht bringen, und den unbeſchreiblichen Jammer der Mut⸗ teer wieder in Freude verwandeln. Gott — 275— wird ſich ja doch noch meiner Thraͤnen erbarmen, die nur Er und dieſe Felſen hier fließen ſehen!“ Vater Menrad ſagte mit geruͤhrter Stimme:„Ich denke, Gott hat dein Gebeth dieſen Augenblick erhoͤrt.“ Er zog das Portraͤt von Heinrichs Mutter hervor, das er, um die Mutter leichter zu entdecken, mit auf die Reiſe genom⸗ men hatte, zeigte es dem Maͤdichen und ſprach:„Kennſt du dieſes Bildniß?“ Das Maͤdechen ſchrie vor Schrecken und Freuden laut auf:„O Gott! das iſt das Bildniß der Graͤfinn von Ei⸗ chenfels, der Mutter des geraubten Kindes!“ G Auf den Schrey des Maͤdſchens kam der kleine Heinrich herbey geſprun⸗ gen. Er betrachtete die neue Geſtalt mit ſtarren Augen, und ſagte voll Mit⸗ leids:„Was weineſt du und was fehlt dir? Biſt du vielleicht hungrig? Sieh, da haſt du Brod und zwey Aepfell iß!“ Menrad aber ſprach zu dem Maͤd' chen:„Sieh, dieſer Kleine iſt das Kind, das zugleich mit dem Bildniſſe geraubt wurde.“ Da war es dem Maͤdechen nicht anders, als braͤche der Freudenſchrecken ihr das Herz. Sie ſank auf die Knie und rief mit hoch zum Himmel erhobenen Haͤnden:„Ja, guter, barmherziger Gott, Du haſt mein Gebeth, das ich Tag und Nacht zu Dir hinauf ſchickte, erhoͤrt! O ſieh jetzt auch meinen Dank gnaͤdig an, Ausſprechen kann ich ihn nicht!“ Und hierauf umarmte ſie den kleinen Hein⸗ rich unter heißen Thraͤnen.„O gruͤß dich Gott, liebſter Heinrich, ſagte ſie; ſo hat dich denn Gott uns wieder ge⸗ ſchenkt! O, biſt du es denn wirklich, oder traͤume ich nur?— Ja, du biſt es; du ſiehſt deinem Vater ſo aͤhnlich, wie ein Thautropfen dem andern! O wie wird ſich deine Mutter freuen! O freue dich doch auch; ſieh, wir gehen jetzt zu deinem Vater und deiner Mut⸗ ker.„ Vater Menrad wiſchte ſich eine Thraͤne ab, und ſagte:„Sey geprie⸗ ſen, guter Gott! Deine heilige Vor⸗ ſicht waltet ſichtbar uͤber dieſem Kinde. Du trockneſt die Thraͤnen dieſer armen Jungfrau, die ohne Unterlaß zu Dir hinauf weinte. Du ſchenkeſt guten Ael⸗ tern ihr innig geliebtes Kind wieder. Du kroͤneſt ſogleich meine erſten Tritte mit Segen, und erſpareſt mir altem Manne lange Rachforſchungen. Deine Huld und Erbarmung ſey ewig geprie⸗ ſen!⸗ *α Menrad ging hierauf mit Heinrich und Margaretha zur Huͤtte des braven Bauers, die nur ein halbes Stuͤndchen entfernt war. Der kleine Ziegenhirt uͤbernahm es, einſtweilen die Schaafe zu huͤthen. „Iſt dieß mein Vater und meine Mutter?“ fragte Heinrich, als Bauer und Baͤuerinn ihnen an der Huͤttenthuͤre voll Freundlichkeit entgegen kamen, und es war ihm ſehr leid, als er hoͤrte, ſie ſeyen es nicht.„Sie ſind ſo freundlich! ſagte er. Mein Vater und meine Mut⸗ ter koͤnnen nicht freundlicher ſeyn. Ich waͤre gleich bey ihnen geblieben.“ Sie aßen hier einiges Wenige; dann ſetzten ſie von dem Hirtenjuͤnglinge, dem Soh⸗ ne des guten Hausvaters, begleitet, ihre Reiſe weiter fort, kamen gegen Abend aus den Bergen herab in ein weites Thal, wo Heinrich uͤber die vielen Haͤu⸗ ſer des großen Dorfes ſehr erſtaunte, und fuhren mit Anbruch des Morgens auf einem Bauernwagen, den der wa⸗ kere Juͤngling gut zu lenken wußte, ab, in der Hoffnung, etwa in drey Tagen in Eichenfels einzutreffen. Zwoͤlftes Kapitel. Der unerwartete Beſuch. Den erſten Tag ließ ſich die Reiſe ſehr gut an. Das Fahren, und die vie⸗ len Ortſchaften, Schloͤſſer und Doͤrfer, die an dem Wagen gleichſam vorbeyflo⸗ gen, machten dem kleinen Heinrich eine ganz ungemeine Freude, und ſo oft er wieder ein Ritterſchloß auf einem ent⸗ fernten Berge erblickte, fragte er alle⸗ mal, ob das noch nicht Sichenfe aeg. ern Ta⸗ Allein gegen Abend des and ges kamen ſie an einen dicken Wald. Die Wege waren ſo ſchlecht, daß es kaum durchzukommen war. Dazu erhob ſich ein fuͤrchterlicher Sturmwind, und der Negen ſtuͤrzte in Stroͤmen herab. Die Nacht brach ein, und es wurde ſehr finſter. Sie waren genoͤthigt, in einem Wirthshauſe mitten im Walde, der we⸗ gen Naͤubereyen ſehr verſchrien war, zu uͤbernachten. Indeß aßen ſie etwas zu Nacht, und begaben ſich zur Ruhe, um morgen recht fruͤhe aufbrechen zu koͤnnen. Muͤde von der Reiſe ſchliefen alle bald ein; nur Menrad, der den kleinen Heinrich zu ſich in die Kammer genommen hatte, blieb noch auf, und kniete bis gegen Mitternacht an dem Tiſche, auf dem ein Kerzenlicht brann⸗ te, und las und bethete. Da entſtand plötzlich ein großer Laͤrm vor dem Hauſe. Mehrere raute Maͤnnerſtimmen ließen ſich hoͤren. Es — 81— wurde mit Gewalt an die Hausthuͤre und Fenſterlaͤden gepocht. Alles im Hauſe fuhr erſchrocken aus dem Schlafe auf. Vater Menrad trat aus ſeiner Kammer.„Ach Gott! rief ihm Gret⸗ chen entgegen. Ich fuͤrchte, es ſind die Raͤuber und wollen uns den jungen Grafen wieder nehmen.“ Menrad be⸗ fahl ihr, zu ſchweigen und ging hinun⸗ ter. Auch die Wirthsleute ſchienen ſehr erſchrocken und ſagten, ſie getrauten ſich nicht, die Thuͤre zu oͤffnen. Die Maͤn⸗ ner draußen polterten aber in Einem fort, und drohten, die Thuͤre zu er⸗ brechen. Menrad, der ein Mann voll Mu⸗ thes war, ſagte:„Die Thuͤre kann uns nitht ſchuͤtzen; Gott aber wird un⸗ ſer Schutz und Schirm ſeyn. In ſei⸗ ner Hand ſind wir alle. Laßt uns ſe⸗ — 82— hen, ob wir mit den Maͤnnern nicht guͤtlich zurecht kommen koͤnnen.“ Er oͤffnete die Thuͤre; vier baum⸗ ſtarke bewaffnete Maͤnner mit Baͤrten traten trotzig herein, und einer derſel⸗ ben trug eine brennende Pechfackel. „Wir muͤſſen alle Stuben und Kam⸗ mern des Hauſes in Augenſchein neh⸗ men, ſagten ſie; unſer Gebiether wird mit mehreren Leuten ſogleich nachkom⸗ men, und das ganze Haus muß ihm zu Geboth ſtehen.“ Menrad fragte, wer denn ihr Gebiether ſey?— und ihre Antwort verſetzte ihn in ein eben ſo großes als angenehmes Erſtaunen. Er war Sraf Friedrich von Eichenfels, Heinrichs Vater. Der Graf habe, er⸗ zaͤhlten dieſe ſeine Dienſtleute, nachdem er gar ſchwer verwundet, von ſeiner Wunde aber wieder hergeſtellt worden, das Heer nicht verlaſſen, ſondern mit⸗ ſtreiten wollen, bis der Friede erkaͤmpft waͤre. Der Friede ſey nun zu Stande gekommen, und der Graf ſey wirklich mit ihnen und ſeinen uͤbrigen Leuten, die nicht an der Tuͤrkiſchen Graͤnze be⸗ graben worden, auf dem Heimwege. Die Nachricht, daß es Friede ſey, erfuͤllte alles mit Freude. Alle im Hauſe beeiferten ſich, die braven Krie⸗ ger zu bedienen. Dieſe wurden auch ſehr freundlich und zutraulich, und ent⸗ ſchuldigten ihr voriges ungeſtuͤmmes Betragen mit der ſchlechten Witterung. In einem ſolchen ſchrecklichen Sturm und Platzregen, ſagten ſie, ſey es auch einem Krieger zu verzeihen, wenn er um Mitternacht nicht gerne lange vor der Hausthuͤre ſtehen moͤge. Auch er⸗ zaͤhlten ſie, ſie haͤtten ſich in dem fin⸗ ſtern Walde verirret, und das Haus ſicher nicht gefunden; allein das bren⸗ nende Licht habe ihnen zum Leitſtern ge⸗ dient, und ihnen wieder auf den rechten Weg geholfen. Der kleine Umſtand, daß die bren⸗ nende Kerze, bey der Menrad noch ſo ſpaͤt bethete, den Grafen hieher leitete, war fuͤr den frommen Greis, der es gewohnt war, in allem die Spuren der goͤttlichen Vorſehung zu ſehen, ſehr ruͤhrend, und er dankte Gott herzlich fuͤr dieſe gluͤckliche Fuͤgung. —— Dreyzehntes Kapitel. Freude eines edlen Vaters. — Indeß kam der Graf an, ein gro⸗ ßer, anſehnlicher Mann, von ſehr edler Geſichtsbildung und einnehmendem, ſanften Betragen. Er nahm den alten Vater Menrad ſogleich mit auf ſein Zimmer, hieß ihn Platz nehmen, befahl von ſeinem eigenen Weine zu bringen, ſchenkte dem edlen Greiſe das erſte Glas ein, trank auf ſeine Geſundheit, und hieß ihn nach altdeutſcher Sitte mit dem Glaſe anſtoßen. Seyd mir von Herzen willkommen, ehrwuͤrdiger Vater! ſagte der Graf. Nach einem ſolchen Ritte und bey ſol⸗ chem ſtuͤrmiſchen Wetter unter Dach und in eine warme Stube zu kommen, iſt angenehm. Aber dennoch iſt mir der An⸗ blick eures frommen, treuherzigen Ge⸗ ſichtes noch lieber, und thut mir recht im Herzen wohl— und ich muß euch nur ſogleich mein ganzes Herz oͤffnen. Alle meine Leute ſind, wie ihr ſeht, froͤhlich und guter Dinge, weil es nach vielen blutigen Auftritten wieder der Heimath zugeht. Allein ich, ihr An⸗ fuͤhrer— wie es denn in dieſer Welt — 86— oft ſo geht! bin wohl der einzige Trau⸗ rige unter ihnen. Ich fuͤrchte, es ſteht bey mir zu Hauſe nicht alles ſo recht, wie es ſeyn ſoll! Meine Gemahlinn iſt zwar geſund und wohl. Wegen mei⸗ nes einzigen Sohnes aber bin ich ſehr bekuͤmmert. Meine Gemahlinn ſchrieb mir ſchon lange Zeit her nichts Be⸗ ſtimmtes von ihm, und erſt in ihrem letzten Schreiben meldete ſis mir, ich werde ihn in dieſer Welt wohl nicht mehr ſehen.— Ihr ſeyd mit vielen Rittern bekannt, Vater Menrad; denn ihr waret vor Zeiten auch ein tapferer Kriegsmann. Ihr ſeyd eben auf der Reiſe, und vielleicht weit herum gekom⸗ men. Wißt ihr nicht, wie es in Ei⸗ chenfels ſteht? Wenn ihr mir keine gute Auskunft geben koͤnnet, ſo gebt mir wenigſtens Troſt.“ Vater Menrad antwortete mit dem froͤhlichſten Geſichte von der Welt: „Da kann ich euch die allerbeſten Nach⸗ richten geben. Euer Sohn iſt geſund und der liebenswuͤrdigſte Knabe, den ich in meinem Leben geſehen habe.“ „Ihr kennet ihn?“ rief der Graf ſehr begierig.„O ſehr wohl! ſagte Men⸗ rad. Indeß hat ſich mit dem Kinde, waͤhrend ihr im Felde waret, allerley zugetragen.“ Menrad erzaͤhlte dem er⸗ ſtaunten Grafen alles, was er von der Geſchichte des Kindes wußte. Er zeigte ihm, zu mehrerer Beſtaͤtigung, das ſchoͤ⸗ ne Bildniß der Graͤfinn.„Ja, das iſt ſie, ſagte der Graf, nach dem Leben getroffen. Ob ſie wohl jetzt noch ſo bluͤ⸗ hend ausſieht? Ach, die arme Frau hat vieles, vieles ausgeſtanden!— Aber wo iſt der Knabe denn jetzt?“„Hier im Hauſe!“ ſagte Menrad.„Hier im Hauſe, rief der Graf, und fuhr auf, daß der Stuhl umſtuͤrzte. O warum haſt du mir dieſes denn nicht ſogleich ge⸗ ſagt, alter Vater? Auf der Stelle fuͤhre mich zu ihm.“ Menrad nahm das Kerzenlicht vom Tiſche, und der Graf folgte ihm in die Kammer an das Bette ſeines Sohnes. Der Kleine ſchlief ſo ſanft wie die Un⸗ ſchuld, und ſah ſo ſchoͤn aus, wie ein Engel. Der Graf konnte ihn an dem Glanze des Lichtes nicht genug betrach⸗ ten.„Da trift es wohl recht zu, ſagte Menrad, Gott giebt ſeinen Kindern ihr Gluͤck im Schlaf.“ Dem Grafen aber traten die Thraͤnen in die Augen. „Mein Gott, ſagte er, als ich in den Krieg zog, war er ein weinendes Kind⸗ lein und jetzt iſt er ein holder Knabe. O meine gute, liebvolle Gemahlinn! Jetzt erſt verſtehe ich deine Briefe, und — danke dir fuͤr die zarte Schonung, mit der du mir einen unermeßlichen Jam⸗ mer erſparteſt.“„Heinrich, liebſter Heinrich, rief er hierauf und nahm den Knaben bey der Hand, und kuͤßte ihn ſanft, wache auf, ſieh, dein Vater iſt da!“ Der kleine Heinrich rieb ſich die Augen, ſtarrte ſeinen Vater an, und konnte nicht ſogleich aus dem Schlafe kommen.„Du biſt es?“ ſagte er end⸗ lich voll Freude und mit dem freundlich⸗ ſten Laͤcheln; o gruͤß dich Gott, liebſter BVater! Iſt meine Mutter auch bey dir?“ Der Graf nahm den Kleinen in ſeine Arme, und weinte die ſuͤßeſten Thraͤnen.„Gottes heilige Vorſicht hat dich wunderbar gerettet, liebes Kiud, ſprach er. Ich kann Gott nicht genng danken, daß Er dich mir wieder ſchenk⸗ te.“„Ich auch nicht, ſagte Heinrich. O der gute Gott; Er iſt doch gar ſo 5 liebreich und freundlich gegen uns, daß Er uns ſolche große Freuden macht.“ Der Graf war zoͤchſt erfreut, und als der Knabe erſt vollends wach und mun⸗ ter geworden, ſo hatte er uͤber ſeine na⸗ tuͤrlichen lebhaften Antworten und Fra⸗ gen ein Entzuͤcken, das gar nicht zu be⸗ ſchreiben iſt.„O Menrad, ſagte er, wie vielen Dank bin ich euch ſchuldig! Meine ganze Grafſchaft waͤre zu we⸗ nig, euch fuͤr den Unterricht, den ihr dem Knaben gegeben habt, zu beloh⸗ nen.“ Margaretha war indeß auch in die Kammer gekommen und ſtand ſchuͤchtern in der Ferne. Der Graf gruͤßte ſie freundlich, both ihr die Hand, und ſprach ihr Muth ein.„Aber die Raͤu⸗ ber, fuhr er mit großem Unwillen fort, ſollen mir ihre Miſſethaten ſchwer buͤ⸗ ßen!“ Er gab noch in der Nacht den — 91— Beherzteſten ſeiner Leute Befehle und Vollmachten, ſie in ihrem Schlupfwin⸗ kel aufzuſuchen, und gefangen nach Ei⸗ chenfels zu bringen. Dann ſprach er wieder mit ſeinem Sohne, und waͤre die ganze Nacht bey ihm aufgeblieben, wenn Menrad ihn nicht erinnert haͤtte, daß ſie alle des Schlafes beduͤrften, um morgen bey Zeit, und friſch und froͤhlich in Eichenfels einzutreffen. Vierzehntes Kapitel. Die getroͤſtete Mutter. Die gute, edle Graͤfinn lebte indeß auf ihrem Schloſſe Eichenfels voll Trau⸗ rigkeit und Bekuͤmmerniß. Sie hatte die Friedensbothſchaft ſogleich vernom⸗ men, und hoffte nun ihren Gemahl bald zu ſehen. Sie brach aber daruͤber in Thraͤnen aus.„Ach, du mein Gott, ſagte ſie, ich bin doch recht ungluͤcklich! Was alle Welt mit Freube erfuͤllt, macht mir unausſprechlichen Jammer. Jede arme Soͤldnersfrau freut ſich auf die Zuruͤckkunft ihres Mannes— und ich kann an die Ankunft meines Ge⸗ mahls nicht ohne Schrecken denken. Ach, welch ein Jammer wartet auf ihn; wie werde ich ihm die ſchreckliche Geſchichte beybringen! O fuͤr uns beyde ſchlaͤgt in dieſer Welt wohl keine freudige Stunde mehr!“ Es war ihr immer ganz unbeſchreiblich bange. Sie fand nirgends Raſt und Ruhe. Sie ging bald von einem Zimmer in das andere, bald in ihre Schloßkapelle, bald in den Garten. Wo ſie ging und ſtand, be⸗ thete ſie in ihrem Herzen zu Gott. Im Gebethe, in dem Gedanken, daß Gott alle Schickſale der Menſchen lenke, und die verworrenſten Begebenheiten zu ei⸗ nem gluͤcklichen Ausgange leiten koͤnne, fand ſie allein Beruhigung. „Du guter Gott, ſagte ſie, da ſie ſich eben wieder in die dunkelſte Laube des Gartens zuruͤckgezogen und lange ſchmerzlich geweint hatte, o erbarme Dich doch meiner, erbarme Dich mei⸗ nes Gemahls— mache Du dieſer mei⸗ ner ſchrecklichen Qual ein Ende— denn Du kannſt es allein! O laß un⸗ ſer Wiederſehen in Freude ſeyn. Du haſt aus den weiſeſten Abſichten Vater und Mutter und Kind von einander getrennt und weit in der Welt zer⸗ ſtreut— o ſchenke uns unſer liebes Kind wieder und fuͤhre uns alle drey wieder zuſammen. Du haſt ſchon un⸗ zaͤhlige Thraͤnen getrocknet— o trock⸗ ne auch die meinigen! Du biſt ja der Allbarmherzige, und Leid in Freude zu verwandeln, iſt dein hiebſtes Geſchäft O9 Vater, Vater, liebſter Vater, ſo ſuͤndig ich bin, ſo bin ich doch auch dei⸗ ne Tochter, und darf Dich Vater nen⸗ nen— und nenne Dich auf das Ge⸗ heiß Deines Sohnes getroſt Vater. O Du liebſt mich gewiß mehr, als ich mein Kind! O hoͤre— hoͤre mich, und ver⸗ ſtoße dein Kind, deine Tochter nicht, die keine andere Zuflucht hat, als Dich.“ Indem ſie ſo bethete, hoͤrte ſie einen Fußtritt. Sie blickte auf— und ſieh, Margaretha, die eben mit der uͤbrigen Geſellſchaft angelangt war, kam den langen, duͤſtern Bogengang des Gar⸗ tens herab, gerade auf die Laube zu. Ein Strahl von Hoffnung ſiel in das Herz der Graͤfinn, als ſie Margarethen erkannte und das heitere Geſicht des Moͤdchens erblickte; es war ihr als ſaͤhe ſie einen Engel des Himmels.„O be⸗ ſte, gnaͤdige Graͤfinn, fing Margaretha an, ich bringe euch die froͤhlichſten Nachrichten von eurem lieben Heinrich⸗ Er lebt— und bald werdet ihr ihn wie⸗ derſehen.“ Margaretha hatte kaum an⸗ gefangen zu erzaͤhlen; ſo trat Vater Menrad in die Laube, um die Graͤfinn auf die Ankunft ihres Sohnes und Ge⸗ mahls vorzubereiten. Der kluge Mann wußte alles ſehr weislich einzulenken. Die Graͤfinn war nun voll freudiger Hoffnung, ihren Gemahl und ihren Sohn in einigen Tagen zu ſehen, und fuͤhrte Vater Menrad in das Zimmer, das ſie einſt mit Heinrich bewohnt hatte. 1 Als ſie nun die Thure oͤffnete, ſieh, da eilte ihr Gemahl mit ihrem Sohne Heinrich auf dem Arme ihe entgegen. ⸗Sie konnte nichts als die Worte her⸗ vorbringen:„O mein Gemahl! O mein Kind!“ und ſank dem Grafen in die Arme. Sie weinte lange ſprachlos, und benetzte bald das Angeſicht ihres Kindes, bald das ihres Gemahls mit den ſuͤßeſten Thraͤnen.„Nun will ich gerne ſterben, ſagte ſie endlich, da ich dieß noch erlebt habe! O wie wunder⸗ bar weiß doch Gott alles zu lenken. Ich zitterte, dir, liebſter Gemahl, ohne unſern lieben Heinrich entgegen zu kom⸗ men, und nun bringſt du im erſten Au⸗ genblick des Wiederſehens ihn mir auf deinen Armen entgegen!— O Gott, in meinem ganzen Leben kann ich Dir nicht genug danken, daß Du dieſe ſchreckliche Geſchichte ſo freubig geendet haſt. Mein Leben lang will ich in kei⸗ nem Leiden mehr verzagen. Du weißt am Ende alles recht zu machen.— 9 mein Heinrich, was fuͤr ein lieber Kna⸗ be biſt du indeß geworden! O mein Gemahl, — — 97.— Gemahl, welch' ein ſeliges Wiederſehen hat Gott uns allen Dreyen bereitet! Er hat uns alle Drey von einander getrennt; Er hat uns wunderbar wieder zuſammen gefuͤhrt. Ihm ſey Anbethung, Lob und Dank!“ Alle Drey wein⸗ ten Thraͤnen der Freude und des Dan⸗ kes gegen Gott; Margaretha weinte mit, und auch Vater Menrad konnte, innigſt bewegt, ſich der Thraͤnen nicht enthalten. Nachdem ſich die erſte ungeſtuͤmme Freude etwas gelegt hatte, fing Heinrich an, der Mutter ſeine Geſchichte zu er⸗ zaͤhlen. Er that es mit großer Lebhaf⸗ tigkeit und die Mutter mußte bald wei⸗ nen und bald laͤcheln. Beſonders leben⸗ dig ſchilderte er den Augenblick, wie es ihm war, da er durch den Felſenriß das erſte Mal in die Welt eintrat. Mit noch mehr Freude und Ruͤhrung ſprach er aber von jenem unvergeßli⸗ chen Augenblicke, da Vater Menrad ihm das erſte Mal von Gott ſagte, und es ſtanden ihm, waͤhrend er redete, immer die hellen Thraͤnen in den Augen. „Wahrhaftig, ſprach der Graf, ich wuͤnſchte bald, meine Kindheit auch in einer ſolchen Hoͤhle zugebracht zu haben. Wir ſind des Anblickes der herrlichen Werke Gottes zu gewohnt, und Ge⸗ wohnheit iſt der Tod alles geiſtigen Le⸗ bens. O daß wir Gottes Werke auch ſo, wie Heinrich, auf einmal und nach⸗ dem wir bereits zur Vernunft gekom⸗ men, erblicken koͤnnten, welchen uͤber⸗ waͤltigenden Eindruck wuͤrden ſie auf uns machen! Du guter Gott, wie wuͤrden wir uͤber deine Macht erſtaunen, deine Weisheit bewundern, uns deiner Guͤte freuen— wie wuͤrden wir es bey dem Anplike deines ſchoͤnen Himmels und deiner wundervollen Erde fuͤhlen: Was ſo zu Herzen geht, muß aus irgend ei⸗ nem liebvollen Herzen kommen!“ Die Graͤfinn ſagte:„Wie es dem guten Heinrich war, als er aus ſeinem unterirdiſchen Aufenthalte das erſte Mal auf Gottes ſchoͤne Erde herauf kam, ſo wird es uns einmal ſeyn, wenn wir aus dieſem Erdenleben in den Him⸗ mel verſetzt werden. Denn ich denke, wie Heinrichs Spielzeuge— jene Blu⸗ men und Laͤmmer und Baͤume, an de⸗ nen er in ſeiner Hoͤhle doch manche Freude hatte— nur ſehr unvollkommene Abbildungen dieſer herrlichen Werke Gotteès ſelbſt waren, ſo moͤgen wohl alle ſichtbare Schoͤnheiten und alle Freu⸗ den dieſer Welt kaum ein Schatten ge⸗ gen die Schoͤnheiten und Freuden des Himmels ſeyn. Nur die Freude auf 5* Erden, unſre Geliebten nach langer ſchmerzlicher Trennung wiederzuſehen, mag uns ein wahres Vorgefuͤhl geben von jener Freude des Himmels, unſre Geliebten dort wiederzuſehen; denn wirk⸗ lich fuͤhle ich mich in dieſer Stunde des Wiederſehens ſo ſelig, als waͤre ich be⸗ reits in dem Himmel!“ Fuͤnfzehntes Kapitel. Das Gute belohnt, das Boͤfe beſtraft. Nach einigen Tagen kamen die Leu⸗ te des Grafen mit der Raͤuberbande, die ſie gluͤcklich in der Hoͤhle beyſam⸗ men gefunden hatten, in Eichenfels an. Die Raͤuber waren alle zwey und zwey zuſammen geſchloſſen. Ein Wagen mit Kuͤſten, worin ſich lauter geraubte Koſt⸗ barkeiten befanden, folgte dem Zuge, — 101— und zu oberſt auf dem Wagen ſaß die aalte Zigeunerinn. Die Naͤuber hatten eden entronnenen Knaben gar nicht auf⸗ geſucht; denn da ſie die eiſerne Thuͤre feſt verſchloſſen fanden, und der Felſen⸗ riß, durch den er entkam, ihnen unbe⸗ kannt war, weill ein hoͤchſt baufaͤlliger, gefaͤhrlicher Gang, in den ſie ſich nie hinein gewagt hatten, dahin fuͤhrte: ſo glaubten ſie, Heinrich ſey entweder in einen der unermeßlich tiefen Abgruͤnde des alten Bergwerkes gefallen, oder von einem eingeſtuͤrzten Gange lebendig begra⸗ ben worden. Die Raͤuber waren daher ſehr er⸗ ſtaunt, als ſie bey ihrem Einzuge in * Eichenfels den jungen Grafen neben ſei⸗ nem Vater unter dem Schloßthore ſte⸗ hen ſahen, und ſie konnten gar nicht egreifen, wie er durch die eiſerne Thuͤre heraus gekommen,„Wir glaub⸗ ten, brummte der Hauptmann voll Ver⸗ druß, kein Menſch in der Welt ſey uns an Liſt und Tapferkeit gewachſen, und nun muß uns ſogar ein Kind uͤberli⸗ ſten und uns in Ketten und Bande bringen. Das iſt ſehr aͤrgerlich. Nun ſehe ich es aber doch ein, was ich nie⸗ mals glauben wollte: Wenn der Dieb reif iſt, ſo holt ihn ein hinkender Buͤt⸗ tel ein.“ Jener Muſikant mit dem Hackbrette, der ſich auch unter ihnen befand, ſprach bey ſich ſelbſt:„Wir raubten dieſes Kind, damit es uns der⸗ einſt zur Rettung dienen moͤge; allein, nun gereicht gerade dieſes Kind uns zum Untergange. Die Leute moͤgen wohl recht haben, die da ſagen: Wer Boͤ⸗ ſes thut, findet am Ende immer, daß eer ſich verrechnet habe.“ Der Juͤng⸗ ling, der gegen den kleinen Heinrich in⸗ mer ſo freundlich und gefaͤllig geweſen, und kein ganz verdorbenes Gemäͤth hat⸗ te, ſagte:„Das hat Gott ſo gefuͤgt, daß der Kleine entkam, und ich freue mich, daß er lebt, obwohl das mein Tod ſeyn wird. Gott zeigt auch hier wieder ſeine Macht, die Unſchuld zu ret⸗ ten und die Schuldigen zu ſtrafen Nun geht an uns allen in Erfuͤllung, was mir meine Mutter immer gefagt hat:„Wenn ſich der Boͤſe auch in den Mittelpunkt der Erde verkriechen koͤnnte, ſo wuͤßte ihn Gottes ſtrafende Gerechtigkeit doch zu finden und ihn zur verdienten Strafe zu— ziehen.“ Als Heinrich den Juͤngling in ſeinen Ketten unter den Raͤubern erblickte, ging es ihm ſehr zu Herzen, und er bat ſeinen Vater inſtaͤndig, dem armen Menſchen, der ihm ſo viel Gutes erwieſen habe, doch kein Leid zu thun. Der Graf ſagte, er koͤnne fuͤr jetzt noch nichts verſprechen; er werde ihn aber ſo gelinde behandeln, als es in ſeiner Macht ſtehe. Da ſich bey dem Verhoͤre fand, daß der junge Menſch niemals Blut vergoſſen, und mehr der Diener der Raͤuber, als ſelbſt ein Raͤu⸗ ber geweſen ſey, ſo wurde er zwar nicht hingerichtet, aber dennoch zum le⸗ benslaͤnglichen Gefaͤngniſſe verurtheilt⸗ Der Graf milderte aber die Strafe da⸗ hin, daß er ſo lange, bis er hinrei⸗ chende Beweiſe von aufrichtiger Beſſe⸗ rung gegeben habe, in ein Arbeitshaus geſchickt werden ſolle, dann aber zu den Seinigen wieder zuruͤckkehren duͤrfe⸗ „Sieh, ſagte der Graf zu ihm, als man ihn abfuͤhrte, wie nichts Boͤſes unbeſtraft bleibt, ſo wird auch alles Gute belohnt. Die Linderung deiner Strafe haſt du dei⸗ ner Freundlichkeit gegen meinen Sohn zu danken. Ja, was du meinem Kinde ge⸗ N than haſt, will ich dir an deiner armen Mutter vergelten. Halte dich gut und mache, daß ich dich bald zu ihr zuehafſn den koͤnne.“ Die uͤbrigen Raͤuber bekamen in⸗ deß alle den blutigen Lohn, den ſie durch ihre blutigen Thaten verdient hatten. Die Zigeunerinn kam auf immer in das Zuchthaus. Das geraubte Gut wurde den Eigenthuͤmern, die man noch entde⸗ ken konnte, zuruͤckgegeben; von dem uͤbri⸗ gen aber auf Verwendung des Grafen ein großes Waiſenhaus gebaut. Margaretha blieb in den Dienſten der Graͤfinn, wie vorher, und hatte nun nach langem Leiden auch wieder frohe Ta⸗ ge. Den Gaͤrtnerjungen Goͤrge hatte man wegen ſeines Leichtſinns und ſeiner Nachlaͤßigkeit laͤngſt fortjagen muͤſſen; er — 106— hatte ſich uͤberdies noch dem Trunke und andern Schlechtigkeiten ergeben, und war in ſeinen ſchoͤnſten Jugendjahren bereits an der Auszehrung geſtorben. Der Juͤng⸗ ling aus dem Gebirge reiste, von dem Grafen reichlich beſchenkt, wieder zu ſei⸗ nen Aeltern zuruͤck. Den guten Vater Menrad haͤtte der Graf gerne fuͤr immer auf ſeinem Schloſſe behalten. Er blieb zwar einige Zeit; al⸗ lein er ließ ſich nicht bewegen, ſeine Ein⸗ ſiedeley ganz mit einem graͤflichen Schloſſe zu vertauſchen:„Ich will den Reſt mei⸗ ner Tage vollends Gott widmen, ſagte er, und das glaube ich am beſten in der Einſamkeit thun zu koͤnnen. Ich habe lange genug in der Welt gelebt, und weiß aus Erfahrung, was an ihr iſt. Sich auf die beſſere Welt vorbereiten, iſt das Beſte, was wir in dießer Welt thun koͤn⸗ —,— —,— — —,— nen.“ Der ehrwuͤrdige Greis ſegnete bey dem Abſchiede, der ſehr traurig war, den Grafen, die Graͤfinn, und den klei⸗ nen Heinrich, der ſich faſt nicht von ihm wollte trennen laſſen. Die graͤfliche Fa⸗ milie begleitete den guten Mann herab unter das Schloßthor an den Wagen. Er ſtieg ein, blickte alle noch einmal lieb⸗ reich an, und ſprach noch, bevor der Wa⸗ gen abfuhr:„Lebet wohl und der Frie⸗ de Gottes ſey mit euch. Im Him⸗ mel ſehen wir uns wieder!“ 3 Tennninffſnfffffffſſſnſinſe 8 9 11 12 13 14 15 16 17 * 8* 3 1 . f ¹ b, 8 6 5 4 4 & — 1 1 f 8 4. 4 4 4 4 5