FihranhakannanhnnangpahnpararararrTT aarre Aararrcararhenennnne Erara , 0 4 2 1 3. ¹ Leihbibliothek. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von— 7. 8 Ednard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen.- 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bichere 4 Bücher 4 auf 1 Monat: 4 wer.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5, Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung G der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 2 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 4. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. b——— — —— Der Tſcherkeſſen Häuptling. Noman über Russland von William H. G. Kingston. Aus dem Engliſchen. In drei Bänden. „ — Viertes bis ſechstes Bändchen. —.— Stutigart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. 1 1 5 1 Erſtes Kapitel. Welch' heil'gen Namen auch Du angenommen haſt, Bedrückung komme! komm nnd freu Dich Deines Werks! In öde Wüſten hat der Erde ſchönſten Theil 3 Verwandelt Deine Wuth.. Thomson'’s Freiheit. So weit war Jvan in der Ausführung ſeiner Reiſe glücklich geweſen; es blieben jedoch immer noch manche Schwierigkeiten zu überwinden. Sie wurden jedoch all e durch die Geiſtesgegenwart und den Scharfſinn, den Javis jederzeit entwickelte, befeitigt. Derſelbe legte auch jeder⸗ zeit ſo edle und großmüthige Geſinnungen an den Tag, daß Ivan trotz ihrer Verſchiedenheit im Rang eine auf⸗ richtige Freundſchaft zu ihm zu fühlen anſieng, unab⸗ hängig von der Dankbarkeit, welche er ihm für ſeinen Beiſtand und ſeine Aufmerkſamkeit ſchuldig war. Deſſen ungeachtet war eine Veränderung in ihm vorgegangen, denn obgleich er wie immer dieſelbe Thä⸗ tigkeit und Einſicht entwickelte, ſo war er doch nicht mehr das fröhliche, ſorgloſe Weſen, das er anfangs zu ſeyn ſchien. Umſonſt gab ſich Ivan Mühe, die Urſache davon zu entdecken; Javis ſtierte zu Zeiten vor ſich hin, und ſprach im Gehen mit ſich ſelbſt, wie wenn ein wich⸗ tiger Gegenſtand ſeine Gedanken beſchäftigte; ſein Lachen war hohl und ſeine Freundlichkeit gezwungen und un⸗ natürlich. Der junge Conrin heftete oft einen fragenden Blick auf ihn und ſchien auch nicht im Klaren zu ſeyn, wem er den Grund dieſer Veränderung zuſchreiben ſolle. Dieſer war auch ſehr in Ivan's Gunſt vorgeſchritten. durch ſeine artige, beſcheidene Heiterkeit und durch ſein augenſcheinliches Streben, ſich ſeinem ſelbſt angenom⸗ Der Tſcherkeffen⸗Häuptling. II. 1 2 menen Herren gefällig zu zeigen. Nur mit großem Be⸗ dauern rief daher Jvan den Jungen am Morgen ihrer Abreiſe, während Javis fortgegangen war, um einige für ihre Reiſe nothwendige Bedürfniſſe einzukaufen, zu ſich, um ihm Lebewohl zu ſagen. „Wir müſſen nun abreiſen Conrin. Glaube mir, daß ich es ſehr ungern thue, wir kehren aber nicht zu dem Orte zuruͤck, woher wir kamen; waͤhrend Du zu Deinen Eltern und Freunden zurückkehren mußt. Hier nimm dieſe kleine Summe; es iſt alles, was ich erübri⸗ gen kann; Dir kann ſie jedoch auf Deiner Reiſe behülf⸗ lich ſeyn.“ Während er ſprach fielen beinahe die Thränen aus den Augen des Knaben.„Ach! warum wollen Sie mich ſo ſchnell von Ihrer Geſellſchaft ausſchließen, Herr?“ ſagte er, indem er das Geld von ſich wies.„Habe ich etwas gethan, das Sie beleidigt? Ich habe keine Hei⸗ math, keine Freunde, zu denen ich zurückkehren könnte; ich habe alles und auf immer verlaſſen! O, erlauben Sie mir, daß ich Sie als Ihr Diener begleite, ich werde Ihnen gewiß treu und redlich dienen.“ „Wir gehen aber weit von hier fort, Knabe,“ ſagte Ivan;„und vielleicht würdeſt Du Dein Geburtsland— Rußland nicht wieder ſehen.“ „Es iſt mir ganz gleichgültig, Herr, in welchen Theil des Landes oder in welchen Theil der Welt Sie gehen. Wohin Sie auch gehen, ich will Ihnen folgen. Aber erbarmen Sie ſich und ſtoßen Sie nicht eine Waiſe zu⸗ rück, die Ihren Schutz anſpricht.“ Als er ſah, daß Jvan immer noch zanderte, fügte er noch bei:„Glauben Sie nicht, ich ſey ein der Knecht⸗ ſchaft entnommener Leibeigener; nein, ich bin frei ge⸗ boren, und will auch frei leben; nie wird ein ſtolzer Herr mich als ſeinen Sklaven fordern.“ Die Augen des Knaben zeigten, als er ſo ſprach, einen Glanz, der den Stolz auf ſeine Unabhängigkeit verrieth. „Aber junger Conrin, ich bin, wie Du ſiehſt, nur „— 3 ein alter, armer Mann, ohne die Mittel, Dich zu un⸗ terſtützen, oder Deiner Jugend eine paſſende Beſchäfti⸗ gung zu geben.“ „Ich ſuche nicht den Lohn eines Dieners,“ antwor⸗ tete Conrin;„ich könnte jedoch vielleicht Gelegenheit finden, Ihnen zu dienen. Glauben Sie mir vor der Hand; wenn ich mich unbrauchbar zeigen ſollte, können Sie mich zuletzt immer noch fortſchicken.“ „Bedenke aber, daß wir Dich, obgleich wir alte Männer ſind, in fremde Länder führen werden, wo Du Strapazen und Beſchwerden ausgeſetzt ſeyn wirſt, denen Dein zartes Alter unterliegen wuͤrde. Du würdeſt dann bereuen uns gefolgt zu ſeyn,“ ſagte Ivan. „Ich fürchte keine Gefahr, in die Sie mich führen können,“ erwiederte der Knabe,„und bin an Beſchwer⸗ den zu ſehr gewöhnt, um ihnen zu erliegen. Zudem bin ich alter als ich zu ſeyn ſcheine, und begreife die Auf⸗ gabe, die ich unternehme, ganz gut.“ Jvan ſchien immer noch nicht entſchloſſen, dem ſon⸗ derbaren Wunſche des Knaben zu entſprechen, als Javis eintrat, worauf der Knabe ſogleich dieſem ſeine Sache vortrug. Javis unterſtützte ohne Zaudern ſeine Bitte, worauf Jvan endlich ſeine Zuſtimmung dazu gab, daß er ſie begleiten dürfe. „O, glauben Sie mir Herr, daß ich mir gewiß nie den geringſten Fehler als Diener zu Schulden kommen laſſen werde. Sie glauben nicht, wie ſehr ſich mein Herz durch Ihre Güte erleichtert fühlt.“ Das Vergnügen, das aus den Augen des Sprechers ſtrahlte, bezeugte die Wahrheit ſeiner Worte; Jvan hatte jedoch ſchon früher den Gedanken gehabt und jetzt kam er ihm von neuem in den Sinn, der Knabe habe ihre Verkleidung durchſchaut, und er konnte ſich des Verdachtes nicht erwehren, der Knabe, der ihnen ſo hartnäckig folgte, ſei ein von der ruſſiſchen Regierung geſchickter Spion, der ſie am Ende ihrer Reiſe, im 1 3 4 Augenblick, wenn ſte ſich zum Gelingen derſelben Glück wünſchen zu können glaubten, verrathen würde. Ivan wußte wohl, wie verſchieden die Mittel und Wege find, deren ſich jene bedient, um die Unvorſichtigen zu erwi⸗ ſchen, und daß ſich die Macht dieſer großartigen Erfin⸗ dung des Despotismus— der geheimen Polizei— bis an die Gränzen des Reiches erſtreckt. Zuletzt verwarf er jedoch dieſen Gedanken als dem Stempel, welchen die Natur ſtets in der Phiſiognomie ihrer Kinder ausdrückt, widerſprechend; und er fühlte ſich; wenn er dem Knaben in's Angeſicht ſchaute, über⸗ zeugt, daß er einer ſolchen Verrätherei unfähig wäre. Daß Conrin durch die Verkleidung, welche die Flüchtlinge angenommen hatten, nicht getaͤuſcht worden war, war Jvan feſt überzeugt, da er ſich jederzeit in einem ſolchen Tone und in ſo achtungsvollem Benehmen an ihn wandte, wie er es wahrſcheinlich nicht gegen einen armen wallfahrtenden Bauer an den Tag gelegt hätte, obgleich in Rußland die Kinder ſehr früh gelehrt werden, dem Alter mit Achtung und Ehrerbietung zu begegnen. Er verſuchte es auch nie, ſich in ihre Ge⸗ ſellſchaft zu drängen, und hielt ſich immer entfernt, bis man ihn aufforderte, näher zu treten; doch hatte Jpan zu verſchiedenen Zeiten zu bemerken geglaubt, daß die Augen des Knaben mit einem ernſten, fragenden Blick auf ihn gerichtet waren, wie wenn er wünſchte, ſeine wahren Gedanken zu erforſchen. Nachher ſchien es ihm aber immer wieder, er habe ſich in dieſer Idee geirrt. Er ſah jedoch deutlich, daß der Knabe jedenfalls etwas zu ver⸗ bergen wünſchte; was jedoch immer der Grund ſeiner Zuneigung ſeyn mochte, ſo war er ihm dankbar in dem Bewußtſeyn, daß er ein menſchliches Weſen weiter auf der Welt hatte, das ſich um ihn bekümmerte. Wir wollen unſere Reiſenden nicht auf jedem Tage ihrer langen und langweiligen Reiſe in Geſellſchaft der rückkehrenden Pilger begleiten, deren ſie bald ſehr über⸗ drüſſig wurden, und Javis war der Meinung, ſie könnten 3 — 5 es jetzt wagen, wieder ſchneller als dieſe zu reiſen. In dieſer Abſicht verließ er die Geſellſchaft, als ſte ge⸗ lagert hatte, um eine der zahlreichen wandernden Ban⸗ den ſeines Volkes, von denen er gehört hatte, daß ſie ſich in der Nachbarſchaft aufhielten, aufzuſuchen. Er kehrte am nächſten Morgen vor Tagesanbruch mit der Nachricht zurück, daß er einen Wagen aufgetrie⸗ ben habe, welcher in kurzer Entfernung vorwärts warte, wohin er den Ivan und ihren jungen Gefährten führte, ehe die Pilger ihren Marſch begonnen hatten. Dieſe waren, wie ſich denken läßt, bald weit hinter ihnen. Es gluͤckte den Reiſenden, Pferde und Wagen beſtändig zu wechſeln, entweder bei befreundeten Stämmen der Zigeuner oder bei Bauern, mit denen ſie in Verbindung traten, ſo daß ſie ſich bald den Gränzen des Reiches nahten, deren Ueberſchreiten wieder eine neue Schwie⸗ rigkeit bot und einen neuen Wechſel der Verkleidung erforderte. Seit ſie die Bande der Pilger verlaſſen hatten, hatten Ivan und ſeine Gefährten ſo viel als möglich eine ſüdweſtliche Richtung auf Querſtraßen und Neben⸗ wegen eingeſchlagen, ſowohl um der Beobachtung zu ent⸗ gehen, als auch, weil Javis mehr Ausſicht hatte, in den unbewohnteren Gegenden einige wandernde Stämme ſei⸗ nes Volkes zu begegnen. Erkundigungen zufolge, die er eingezogen hatte hoffte er eine Bande von ihnen in der Nachbarſchaft des Pruth gelagert zu finden. Die Reiſenden näherten ſich nun dieſem Fluſſe, wo er das Fürſtenthum Moldau von der ruſſiſchen Provinz Beßarabien trennt; ihr größtes Wageſtück beſtand nun darin, die ruſſiſchen Poſten an der Grenze zu paſſiren, obgleich ſie auch noch andere Gefahren zu beſtehen hatten, durch die zahlreichen von der kaiſerlichen Regierung ausgeſchickten Spionen, deren Wirkung ſich bis an die Grenzen der türkiſchen Provinzen erſtreckt. Während ſie weiterreiſten, bemerkten ſie eine Perſon vor ſich, die ſang und jauchzte, hie und da ſtillſtand, 6 um ſich umzuſehen, und dann wieder ihren Weg ver⸗ folgte. Als ſie in ihrer Nähe angekommen waren, drehte ſich dieſelbe, anſtatt einen Verſuch zu machen durch einen ſchnelleren Schritt zu entkommen, plötzlich um und gieng auf ſie zu. Javis erkannte in dieſem zerlumpten, ein⸗ fältigen Menſchen, der phantaſtiſch mit farbigen Lumpen und Flitterwerk behängt war, einen von ſeinem Volke. Einige wenige Worte, die Javis in der Zigeunerſprache zu ihm ſagte, brachten ihn ſchnell an ſeine Seite. Er ſagte ihm, daß nicht weit von hier ein Lager ihres Vol⸗ kes ſey, und erbot ſich zugleich, ſie dorthin zu geleiten. Als ſie das Lager zu Geſicht bekamen, ſprangen mehrere wild ausſehende Männer von den Zigeunern mit drohenden Geberden hervor; als ihnen jedoch Javis in ihrer eigenen Sprache zurief, ſagten ſie ihm ein herz⸗ liches obgleich rauhes Willkommen, und die Fremden fuhren ſofort in den Kreis des Lagers ein. 3. Hier verſammelten ſich alle Mitglieder des Stammes um die Reiſenden, und ſagten ihnen, daß ſie bereits von ihrer Annäherung benachrichrigt geweſen ſeyen, und ihnen bereitwillig ihren Beiſtand leiſten würden. Javis erklärte ihnen als Erwiederung die Wünſche ſeines Freundes und ſeine eigenen, und die Nothwendigkeit, ohne Verzug weiter zu reiſen. Mehrere Männer boten ſich freiwillig an, ſie an einem unbewachten Orte über den Fluß zu ſetzen, und ſich für ihre Sicherheit zu verbürgen, unter der Vorausſetzung, daß ſie die Kleidung und den Cha⸗ rakter ihres eigenen Volkes annehmen wollten, da ſie ſelbſt öfters mit Anderen ihres Stammes in der Moldau zuſammen zu kommen pflegten. Sie riethen ihnen auch, dieſe Verkleidung beizubehalten, bis ſie in den türkiſchen Provinzen angekommen wären, da zahlreiche Stämme ihres Volkes in der Gegend ſeyen, welche ihnen behülf⸗ lich ſeyn würden, überdieß würde ſie dieſer Anzug vor einem Angriff der zahlreichen Räuber, welche das Land überſchwemmten, bewahren, da ſie es nicht für der Mühe 7 werth halten würden, ſo ärmlich ausſehende Reiſende zu plündern. Ivan willigte gern in dieſen Vorſchlag ein, und nachdem ihnen ein Ueberfluß von Nahrungsmitteln vor⸗ geſetzt worden war, unternahm es Javis, die nothwen⸗ digen Anzüge zu richten. Die Zigeuner behandelten Jvan und ſeinen jungen Gefährten mit der größten Achtung. Während Javis ſein Geſchäft verrichtete, wurde ſeine Stirne umwölkter und finſterer als vorher. Als er an Jvan vorbeigieng warf er einen ſchnellen, unge⸗ wiſſen Blick auf ihn, ſein Geſicht nahm einen Ausdruck an, wie wenn ihn eine plötzliche Angſt überfallen hätte, dann beſtrebte er ſich wieder ruhig und gefaßt zu ſcheinen. Jvan war von den Anſtrengungen ſeiner Reiſe er⸗ müdet und nahm das ihm vom Zigeuner⸗Häuptling gemachte Anerbieten, in ſeinem Zelte auszuruhen, mit „Vergnügen an; er legte ſich dort auf einen Haufen von Fellen und verfiel bald in einen tiefen Schlaf; es war aber auch noch viel zu früh an der Zeit, um mit Si⸗ cherheit den Pruth überſchreiten zu können. Die dunkeln Schatten des Abends waren ſchon an⸗ gekommen und am Himmel gewahrte man drohende Zeichen einer ſtürmiſchen, rauhen Nacht, als Javis ſich, wie er glaubte von keinem Einzigen des Stammes be⸗ merkt, aus dem Lager wegſchlich. Er blickte bebend hinter ſich zurück, ſah Niemand folgen, und ſetzte dann ſeinen Weg weiter fort. Er ellte ſehr ſchnell fort, dann hielt er wieder an und zauderte; Furcht und Zweifel beklemmten ſeine Bruſt. Endlich nahm er allen ſeinen Muth zuſammen und rannte wieder eilig weiter. Seine Abſicht wagte er ſich kaum ſelbſt zu geſtehen. Konnte er, der bisher ſo Brave, Treue, von dem ganzen Stamm ſo Geliebte, konnte er ſich eine Verrätherei zu Schulden kommen laſſen? Der lang drohende Sturm brach nun plötzlich mit Wuth aus; die Blitze leuchteten glänzend und der Wind 8 heulte kläglich. Javis hielt nun an, er erblickte das ruſſiſche Wac aus, als ein hellerer und glänzenderer Blitz als die früheren aus den Wolken herabſchoß. Seine ugen waren auf einen Augenblick geblendet. Er ſchaute auf und wähnte eine ſchlanke, majeſtätiſche Figur vor ſich erſtehen zu ſehen. Die Stellung dieſes Phantoms ſeines Gehirns war drohend; das Ausſehen wild und zornig. Wie er glaubte, erblickte er den Geiſt ſeines Stam⸗ mes vor ſich, wie er ihm immer beſchrieben worden war. Er glaubte eine Stimme durch das Toben des Gewit⸗ ters hindurch zu vernehmen, die ihm die ſchrecklichen Worte zurief: 8 „Verflucht iſt der, welcher den Freund unſeres Stam⸗ mes auf ſeinem Wege hindert, doppelt verflucht iſt der Verräther des ihm geſchenkten Vertrauens, und dreifach verflucht iſt der Meineidige.“ ie Augen des Jungen rollten wild; ſein Herz ſchlug ſehr heftig, er zitterte an allen Gliedern. Er war unfähig, ſich zu bewegen. Er warf ſich auf die Erde nieder, wo er längere Zeit lag— er wußte ſelbſt nicht wie lang. Ein leichter Schlag auf die Schulter brachte ihn wieder zum Bewußtſein. „Stehe auf!“ fagte eine wohlklingende, aber vor Bewegung zitternde Stimme;“ ſtehe auf! Du konnteſt die gemeine That nicht vollbringen. Danke dem großen Geiſte, daß D — 9 Lager; Javis aber ließ ſich, als er wieder gefaßt war, auf die Kniee nieder. „Großer Geiſt,“ rief er,„ich werde Dir gehorchen! Nehme nur dieſen ſchweren Fluch von mir, und ich will dieſem Fremden folgen, wohin er auch immer gehen mag. Ich will ihn nie mehr verlaſſen, bis ich ihn in ſeinem Geburtslande in Sicherheit ſehe. Obgleich mein . Herz ſich in hoffnungsloſer Liebe verzehrt, will ich alles ſeinetwillen dulden. Laſſe mich durch dieſe ſchwere Prü⸗ 5 fung Verzeihung ſinden.“ Javis erhob ſich und floh in das Lager zuruck. Ivan erwachte ohne Ahnung der Gefahr und Ver⸗ rätherei, denen er entgangen war, und kam aus dem Zelte; bald darauf erſchien auch Javis, der alle Zeichen des Alters von ſich abgelegt hatte, in ſeinem wirklichen Charakter, und Ivan folgte gerne ſeinem Beiſpiel. Er kehrte in das Zelt zurück und kleidete ſich als junger Zigeuner; Conrin hatte auch ſchon denſelben Charakter angenommen. Als alles vorbereitet war, ſetzten ſich die Flücht⸗ linge mit ihren Zigeunerführern gegen das Ufer des Fluſſes in Bewegung. Das Wetter war immer noch finſter und ſtürmiſch, und der Wind rauſchte durch die wenigen, vereinzelten Bäume, welche am Ufer ſtanden. Hie und da kam ein flimmernder Stern zwiſchen den dun⸗ keln Wolkenmaſſen, die ſchnell über den Himmel getrieben wurden, zum Vorſchein. Das Waſſer warf ſchäumende Wellen, und für Augenblicke wurde dieſe wilde Scene durch glänzende Blitze erleuchtet, um nachher wieder in gänzliche Finſterniß zurückzufallen. Nachdem ſie an einem ſteilen Ufer hinabgeklimmt waren, ließen die Führer ein kleines Boot, das in dich⸗ 3 tem Geſträuch verſteckt geweſen war, ins Waſſer und ſtießen in den Strom als die Reiſenden ihre Sitze ein⸗ genommen hatten. Die Zigeuner, die mit der Oertlichkeit genau bekannt waren, und wohl wußten, daß ſich die ruſſiſchen Poſten in einer ſolchen Nacht nicht hinauswag⸗ ten, ſchienen frei von aller Sorge zu ſeyn. 10 Ivan ſagte auf dieſe Art dem ungaſtlichen Rußland mitten in Sturm und Ungewitter Lebewohl, indem er die Vergangenheit ſehr wenig bedauerte, und der Zukunft mit begeiſtertem Eifer und mit Zutrauen entgegenblickte. Die Zigeuner führten ihren leichten Nachen kühn und ſicher durch den tobenden Strom. Als Ivan am entgegengeſetzten Ufer landete, erleuchtete ein glänzender Blitz, dem ein lange anhaltender, ſtarker Donner folgte, die Gegend, und zeigte ihm Rußland zum letztenmal; er und ſeine Begleiter warfen noch einen Blick hinüber, ohne zu ſprechen. Die Führer ſchlugen nun eine Richtung quer über den wilden und unbebauten Grund ein, der ſich auf eine beträchtliche Strecke längs der Ufer des Pruth erſtreckt. Es war kein Regen gefallen, der ihrem Weiterkommen hinderlich geweſen waͤre; ſie verfolgten ihren Weg mit ſchnellen Schritten, wobei Javis den jungen Conrin un⸗ terſtützte, der kaum mit der Geſellſchaft Schritt halten konnte. Sie beeilten ſich ſo ſehr, in der Hoffnung, irgend eine Wohnung zu erreichen, ehe der Regen, der zu er⸗ warten war, ſiele; nachdem ſie mehrere Meilen zurück⸗ gelegt hatten, verrieth das Bellen von Hunden, daß ſie in der Nähe menſchlicher Wohnungen waren. Die Füh⸗ rer thaten als Erwiderung einen gellenden Pfiff, worauf ſtatt des grimmigen Bellens ein lautes Willkomm er⸗ ſchallte; die Flüchtlinge befanden ſich an dem Eingang in ein anderes Zigeunerlager. Der Häuptling kam her⸗ aus, und hieß ſie freundlich willkommen, nachdem Javis ihre Geſchichte erzählt hatte. Als die Führer ſich zur Rückkehr anſchickten, bot ihnen Ivan eine Belohnung für ihre Mühe an.„Nein,“ ſagten ſie, indem ſie dieſelbe ablehnten,„wir nehmen nichts von den Freunden unſeres Volkes, und von einem der von unſerem Bruder in der Nähe von Moskau ſo hoch geſchätzt wird. Nur von unſeren Feinden und von denen die uns bedrücken, verlangen wir Tribut; und 11 wenn ſie ihn nicht geben wollen, nehmen wir ihn. Möge das Schickſal Ihnen eine glückliche Reiſe gönnen.“ Nachdem ſie dieß geſagt hatten eilten ſie weg, um über den Fluß zurückzukehren. Gegen die Erwartung der Reiſenden heiterte ſich der Himmel wieder auf, ſobald ſie das Lager erreicht hatten; die Sterne ſchienen wieder glänzend, der Wind legte ſich, und der Sommerſturm war vorüber. Sie waren ſehr froh, Ruhe und Schutz in den freundlichen Zelten dieſes wilden Volkes zu finden, das, ſo unverträg⸗ lich es ſich auch gegen andere zeigen mochte, ſich gegen Ivan immer treu und redlich erwies. Eines von ihren kleinern mit Häuten bedeckten Zelten wurde zu Ivans Bequemlichkeit hergerichtet, und derſelbe hierauf einge⸗ laden, in daſſelbe zu treten, um auszuruhen. Der junge Conrin ſetzte ſich am Eingang deſſelben nieder, um für ſeinen Herrn zu wachen, während dieſer ſchlief; der Knabe verlangte jedoch zu viel von ſeinen Kräften, denn während er ſich einbildete zu wachen, ſenkte ſich ein feſter Schlaf auf ſeine matten Augen. Jvan ſchlief einige Stunden trefflich, da er von den Anſtrengungen der letzten Tage und von den Sorgen wegen ſeiner Entweichung ſehr ermüdet war. Als er wieder erwachte, die Vorhänge des kleinen Zeltes vorge⸗ ſchoben waren, und nur ein matter Lichtſchimmer durch dieſelben drang, wähnte er— vielleicht war es auch nur ein wachender Traum— eine liebliche Melodie berühre ſein Ohr. Als er lauſchte, verſiel er in jenen halb wa⸗ chenden halb träumenden Zuſtand, der nach einem feſten durch Anſtrengungen herbeigeführten Schlafe ſo köſtlich iſt; die Sylben klangen jedoch ganz deutlich und er fürchtete ſich zu bewegen, aus Furcht, die ſanſten Töne moͤchten ſich als eine Illuſion des Ohres im Traume erweiſen. Der Text der Melodie folgt hier; er wurde in einer hellen, vollen Stimme geſungen, welche Ivan als die des jungen Conrin zu erkennen glaubte. In Schwerterſpiel und Pulverdampf, 12 Wohin Dich auch die Welle trägt Auf tiefen, dunkeln Seen; So weit hin als die Winde weh'n In Thälern und auf Höhen; Welch Schickſal Deiner harren mag, Ob Freud und Luſt, ob Leid und Plag, Ich werde mit Dir gehen. Folg auf der Berge höchſte Höh'n, Auf ihre freien Gipfel, Und in die öde, dürre Haid, Wo keine Quell, kein Wipfel. Auch dorthin, wo der Simoon hauſt Und feurig durch die Eb'ne brauſt, Werd gern ich mit Dir gehen. Auch in den dunkeln Forſt hinein, Wo wilde Thiere wohnen; Und dorthin, wo die Sonn nicht ſcheint, In jeuen kalten Zonen. Selbſt in der Wüſte heißen Sand, In dieſes traurig öde Land, Ich werde mit Dir gehen. Auch auf das ſtolze Schlachtgefild⸗ Werd gern ich mit Dir ziehen, Und pſtanzen dort Dein Banner auf, Sobald die Feinde fliehen; Selbſt in den wilden, heißen Kampf, Ich werde mit Dir gehen. Und in dem finſtern Kerker ſelbſt, Würd gern ich mit Dir leben;* Denn nur der Dienſt für Dich allein Kann mir die Freiheit geben. Und käme Krankheit oder Schmerz, Und bräch' der Tod Dein liebes Herz, Ich würde mit Dir gehen. 13 Sobald die Töne verklungen waren, erwachte Ivan zu völligem Bewußtſeyn, ſprang von ſeinem Lager auf, und gieng vor das Zelt, wo er Javis und Conrtn fand, die auf ihn warteten; eine hohe Röthe überflog das Ge⸗ ſicht des Knaben, als er ſeine mufikaliſchen Leiſtungen entdeckt ſah. 4 „Ach, mein junger Page!“ ſagte Ivan,„warſt Du der gute Geiſt, der mich durch ſo ſanfte Weiſen aus dem Schlaf erweckte? Ich wußte nichts von Deiner Geſchicklichkeit im Singen; jetzt, da ich ſie aber entdeckt habe, werde ich Dich oft auffordern, meinen Geiſt zu erheitern, wenn er niedergedrückt iſt.“ „Ah, gerne wollte ich Ihnen den ganzen Tag fingen, wenn ich denken könnte, daß es Ihnen angenehm wäre, Herr,“ antwortete der Knabe. „In der That, es iſt mir ſehr angenehm; wie kamſt Du aber zu dieſer Kunſt, der geprieſenſten im Dienſte eines Pagen?“ fragte Jvan. „Ich lebte mit ſolchen, welche ihren Lebensunterhalt dadurch gewannen; ich konnte jedoch nie um's Geld ſingen; die Stimme verſagt mir, wenn meine Worte nicht vom Herzen kommen.“ „Gut, Knabe; ich hoffe, Dich oft zu hören; und nun, da Du ſiehſt, daß ich nicht der abgelebte alte Mann bin, der ich Anfangs zu ſeyn ſchien, willſt Du immer noch meinem Geſchicke folgen, da Du weißt, daß es ein gefährliches ſeyn wird? Ich möchte Dir nicht befehlen, mich zu verlaſſen.“ „Sagen Sie ſo, mein Herr? und ich möchte Sie nicht um Welten verlaſſen,“ antwortete Conrin. „Nun dann, mein guter Page, hoffe ich, daß wir lange nicht getrennt werden, und ich glaube überdieß, daß Du in meinem Lande eine Heimath finden wirſt, die Dir lieber ſeyn wird, als diejenige, welche Du ver⸗ laſſen haſt. Wir müſſen nun aber unſeren Weg gegen jenes geliebte Land fortſetzen.“ Der gaſtfreundliche Haͤuptling des Stammes unter⸗ 14 nahm es, ſie von einem Lager zum andern der zahlrei⸗ chen Banden dieſes Volkes, welche die Moldau durchzie⸗ hen, zu bringen, bis ſie die Donau erreichen konnten, wo dieſelbe die türkiſchen Provinzen durchſtrömt. Ivan und ſeine zwei Gefährten, welche durch ihre nächtliche Ruhe ſehr geſtärkt waren, ſetzten ſich, nachdem ſie ihrem gaſtfreundlichen Wirthe Lebewohl geſagt hat⸗ ten, auf den Pferden, welche ihnen diefer verſchafft hatte, in Bewegung. Sie wurden von einem Führer begleitet, der ihnen den Weg durch die Gegend zeigen ſollte, bis ſie wieder in ein anderes Lager dieſes Volkes kommen würden. Auf dieſe Art reiſten ſie ſchnell durch die gefürſtete Grafſchaft. Moldau, das einen Theil des alten Königreiches Dacien bildet, ſeufzte lange unter der eiſernen Herrſchaft der Türken; bis es durch die ſiegreichen Waffen der Ruſſen befreit wurde; das Volk freute ſich Anfangs über die Ausſicht auf Verbeſſerung des Landes unter dem ſegnen⸗ den Schutze einer chriſtlichen Regierung. Leider fand es aber zu ſeinem Schrecken, daß es nur die Herren gewech⸗ ſelt hatte, und daß ſeine neuen Beſitzer feſt entſchloſſen waren, ihm die Ketten, durch welche es gedrückt wurde, noch feſter anzulegen, daß dieſelben allen liberalen Einrich⸗ tungen und allen Verbeſſerungen im Allgemeinen noch mehr entgegen waren. Die armen Bauern hielten ſich kaum von ihren türkiſchen Herrn erlöſt, durch welche ſie geplündert und beraubt worden waren, ſo wurden ſie durch die ruſ⸗ ſiſche Occupationsarmee, welche im Lande eine Stellung bezog, in einen Zuſtand gänzlicher Hungersnoth verſetzt. Obgleich ſie bereits kaum ſelbſt im Stande waren, ihre Nahrung zu finden, wurden ihnen noch ihr Korn und ſonſtige Nahrungsmittel gewaltſam abgezwungen, um damit ihre raubgierigen Gäſte zu ſättigen, und die Vorräthe für die Armee, welche in den Krieg gegen die Türkei verwickelt war, zu ergänzen. Selbſt eine Unterſtützung von Korn, welche ihnen die menſchenfreundlichen Bewohner der be⸗ nachbarten öſterreichiſchen Provinzen ſchickten, wurde 13 nachdem ſie die Gränze überſchritten hatte, von den ruſ⸗ ſiſchen Soldaten weggenommen, welche auf dieſe Art die ausgehungerten Bauern ihres letzten Hülfsmittels be⸗ raubten. Sie konnten ſich an Niemand um Unterſtützung oder Beiſtand wenden; während ſie ihrem Mißgeſchicke unterlagen, und Tauſende durch die Hungersnoth und durch Seuchen hingerafft wurden, blieb das übrige Europa in gänzlicher Unwiſſenheit über die ſchändliche, unverantwortliche Tyrannei, die gegen ſie ausgeübt wor⸗ den war. Die niederen Klaſſen ſind in der That durch einen langen Zuſtand der Sklaverei und gänzliche Unſicherheit des Eigenthums ſo zum Vieh herabgewürdigt, daß ſie gegen das Ungemach ihrer Stellung beinahe ganz unem⸗ pfindlich ſind, während die oberen Klaſſen größtentheils auf eine beklagenswerthe Art demoralifirt ſind. Zufolge dieſes Standes der Dinge fanden die Rei⸗ ſenden große Strecken des Landes in gänzlicher Wildniß, und nur hie und da zeigten ſich geringe Spuren von Bebauung, obgleich der Boden an und für ſich üppig und fruchtbar zu ſeyn ſchien. Sie kamen nur durch wenige elende Dörfer, die in großer Entfernung von einander lagen. Die Bauern hatten ein rohes verwildertes Ausſehen, das noch durch ihr dunkles, nachläſſig über das Geſicht herabhängendes Haar, durch ihre ſchaafsledernen Klei⸗ der und Mützen und ziegenlederne, mit Stricken an den Fuß feſtgebundene Sandalen vermehrt wurde. Die Frauen find ſehr unreinlich und ſchmutzig. In jedem einſamen friedlichen Bauernhauſe, in dem unſere Flücht⸗ linge anhielten, wurden ſie von den Bewohnern gern aufgenommen, obgleich dieſelben in immerwährender Angſt wegen der wilden Räuberbanden zu ſeyn ſchienen, welche das Land in jeder Richtung durchzogen und ihren widerrechtlichen Tribut von den friedfertigen Landleuten gleich wie von unbeſchützten Reiſenden verlangten und 16 nicht ſelten bei ihren Räubereien auch noch Mordthaten begiengen. Die von Ivan und ſeinen Gefährten eingeſchlagenen Wege verdienten kaum dieſen Namen; doch führte ſie der leichte ſchlechte Karren, den Javis aufgetrieben hatte, ſchnell und ſicher auf denſelben fort. Verſchiedene Bäche und Flüſſe kreuzten ihren Weg. Einige von den erſteren waren beinahe ganz ausgetrocknet; über die letzteren kamen ſie in Boten, welche kleine Zigeunerabtheilungen führten, die abſichtlich zu dieſem Zwecke mitgenommen worden waren. Als ſie ſich der breiten Donau näherten, gingen ſie zu Fuß auf Wegen, welche kaum von einem anderen Menſchen als ihren wandernden Führern betre⸗ ten werden; nur mit großer Schwierigkeit erreichten ſie den Fluß, nachdem ſie ſich auf einer großen Strecke durch Sümpfe und Moräſte durchgearbeitet und eine Menge Pelikanen und anderes wildes Geflügel dieſer wüſten Gegend aus ihrer Ruhe aufgeſcheucht hatten. In einer ruhigen und ſchönen Nacht ſetzten ſie in einem durch ihre Freunde, die Zigeuner, geleiteten Boote über den ſchnellen aber glatten Strom; nach Verfluß einer Stunde landeten ſte in der türkiſchen Provinz Bulgarien. Der Ort, an welchem ſte über die Donau gegangen wa⸗ ren, lag ziemlich weit oberhalb der Stadt Galatz in der Walachei, in der Nähe von türkiſch Hirſova, das auf der Spitze ſteiler Felſen dicht am Strome liegt. Sie wagten es nicht, in den nun verwüſteten Platz einzutre⸗ ten, da die meiſten türkiſchen Städte, welche im letzten Kriege durch die Ruſſen genommen wurden, immer noch von ihren Truppen beſetzt waren. Der directe Weg der Reiſenden gieng nun auf einer ziemlich großen Ausdehnung auf dem rechten Donauufer fort gegen Siliſtria, einer häßlichen Stadt mit einem Fort, das auch durch die Ruſſen zerſtört worden war, welche nun eine Garniſon dort liegen hatten. Sie ver⸗ mieden deßhalb dieſen Platz, und giengen von der Straße ab quer durch die Gegend. —— — 4 17 Die Flecken, durch welche ſie kamen, zählten unge⸗ fähr fünfzig Häuſer, die aus Weidengeflecht, welches beworfen und übertüncht war, beſtanden, und ein nettes reinliches Ausſehen hatten. Die Männer trugen braune ſchaafslederne Mützen, Jacken von ungefärbter brauner Wolle, weite leinene Beinkleider und Sandalen von rohem Leder; die Frauen, welche ſich ohne Scheu vor Fremden zeigten, waren hübſch und nett gekleidet; alle trugen Netze; die Mädchen jedoch giengen mit unbedeck⸗ tem Kopfe und hatten ihre Haare geflochten und mit verſchiedenen Geldmünzen geſchmückt. Die meiſten Dörfer waren von Türken bewohnt, die erſten, durch welche ſie kamen, ausgenommen; hier fanden unſere Flüchtlinge zu ihrer großen Freude, daß die größere Zahl der einfachen und gewerbſamen Bevöl⸗ kerung aus Chriſten beſtand, von welchen ſie ſehr freund⸗ lich und zuvorkommend aufgenommen wurden. Die Dorfbewohner ſchienen in Aufmerkſamkeiten gegen ſie zu wetteifern, beſtanden darauf, daß ſie ausruhten und boten alle Erfriſchungen an, die ſie nur auftreiben konnten, ſo daß ſie in kurzer Zeit im Stande waren, ihren Weg fortzuſetzen. Sie legten hier wieder ihren Zigeuneranzug und Charakter ab, und nahmen eine Kleidung, die ſich der europäiſchen mehr näherte, und die ihnen mehr Achtung verſchaffte, als ſie in der anderen erwarten konnten. Sie verſchafften ſich wieder Pferde, um ihre Reiſe über die bulgariſchen Berge, welche einen Theil der großen Hämuskette bilden, nach Varna, dem Orte ihrer Be⸗ ſtimmung, fortzuſetzen, indem ſie hier ein Schiff zu finden hofften, auf welchem ſie einen anderen türkiſchen Hafen, der mit Tſcherkeſſten in Verbindung ſtände, errei⸗ chen konnten. —q—õ Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. II. 2 18 Zweites Kapitel. Meine Sprache! Himmel! Wär' ich doch wo man ſie ſpricht. Shakspeare. Ungeachtet der Hitze einer Mittagsſonne, welche mit dem ungetrübten Glanze eines ſüdlichen Klima's ſchien, waren unſer Held und ſeine zwei Gefährten, welche ſeit dem früheſten Morgen wanderten, immer noch unterwegs und begierig die Kuſte zu erreichen, von der ſie nun nicht mehr ſehr ferne waren. Sie hatten Berg nach Berg und Hügel um Hügel erſtiegen, welche von der Entfernung ſo ſteil und hoch ſchienen, daß man ſie für unerſteiglich gehalten hätte. So können oft im gewöhnlichen Leben Schwierigkeiten, die unſere Fortſchritte zu hemmen drohen, wenn man ſie nur von Weitem betrachtet, und vor denen der Feig⸗ herzige in Verzweiflung umwendet, wenn man ihnen muthig entgegentritt und ſie bekämpft, mit der Hälfte der Arbeit und Mühe, die man anfangs vermuthete, überwältigt werden. Sie hatten eben den Gipfel eines ſteilen Berges erreicht, den ſie ſehr mühſam erklimmen mußten, als ſte einen langen ſchimmernden Streifen von ſilberartigem Glanze erblickten. „Die Seel! die See!“ rief Ivan; die Parthie hielt einen Augenblick an und betrachtete mit Intereſſe und Neugierde das lange erſehnte Vorzeichen der nahen Voll⸗ endung ihrer mühſeligen Reiſe.„Vorwärts meine Freunde! Vorwärts!“ fügte er noch bei, indem er ſein Pferd zu ſchnellerem Gange antrieb, ungeduldig dieſe flüſſige Straße zu erreichen, welche ihn allein noch von ſeinem Heimath⸗ lande trennte.. Während ſie weiter ritten, wurde dieſer Streifen allmählig breiter und breiter, bis endlich eine große 19 Waſferfläche vor ihnen lag, die ſich in ſanften Wellen bewegte und wie polirtes Silber ausſah. Hie und da erblickte man das weiße kleine Segel eines lelchten Schifſchens, das einem Seevogel glich, der ruhig auf dem Waſſer ſchwamm; in weiterer Ferne ſah man die höheren Segel von größeren Schiffen, welche durch den von der Hitze verurſachten Dunſt hindurch, dünnen beweglichen Säulen eines weißen Rauches glichen. Die ganze Natur ſchien zu ſchlummern. Kein menſchliches Weſen, kein ſtummes Thier war weit und breit zu ſehen. Die Segel der wenigen Schiffe, welche in der Bucht ſchwammen, hiengen an den Segelſtangen herab ohne ſich zu bewegen, ebenſo wenig regte ſich das Schiffs⸗ volk. Kein Boot war ſichtbar. Alles hatte ſich der Ruhe ergeben bis die große Hitze des Tages vorüber war. Als die Reiſenden in die kleine Seeſtadt Varna kamen, fanden ſie die Straßen auch öde und leer, und erſt als ſie in die Nachbarſchaft der wenigen Kaffeehäuſer kamen, deren ſich der Platz rühmt, wurden einige Zeichen von Leben bemerkbar, und ſogar hier erwachten mehrere von den Hausbewohnern eben erſt von ihrem Mittags⸗ ſchlafe. In der Bude des Barbiers mochte der Meiſter ebenfalls erſt von ſeinem Schlummer erwachen, um ſeine Kunden zu bewillkommen, welche ſich jetzt einzeln lang⸗ ſam gegen ſeine Thüre bewegten, entweder um ihre Köpfe ſeiner Sorgfalt anzuvertrauen, oder um ſich mit ihren Freunden und mit Fremden zu unterhalten, welche den Ort mit Neuigkeiten verſehen konnten. Unſere Reiſenden begaben ſich zuerſt in die Cara⸗ vanſerei, in welche man ſie addreſſirt hatte, um dort ihre Pferde abzugeben, damit ſie wieder ihren Eigen⸗ thümern zugeſtellt würden, dann begaben ſie ſich in das beſte Kaffeehaus um ſich dort durch Nahrung und Ruhe zu ſtärken. Als ſie eintraten wachten einige wenige Gäſte, welche dort waren, auf, und blickten auf die Fremden; in kurzer 2 20 . Zeit war jedoch das Kaffeehaus wieder angefüllt. Es bildeten ſich größere und kleinere Gruppen, welche ihre Pfeifen ſtoppten, und ſich, während ſie das wohlriechende Kraut rauchten, über verſchiedene Gegenſtände in ernſtem und feierlichem Tone unterhielten. Hier bildete eine Gruppe Lauſchender einen Kreis um einen jener Mährchen⸗Er⸗ zähler, welche in jedem türkiſchen Kaffeehauſe anzutreffen ſind, hörten begierig den wunderbaren Geſchichten, die er erzählte, zu, und drückten ihre Zufriedenheit durch lautes Beifallruf en aus.— Ivan und ſeine Gefährten hatten ſich noch nicht lange niedergelaſſen als eine dampfende Schüſſel mit Pilau und andere türkiſche Leckerbiſſen vor ſie hingeſtellt wurden.. 1 Während er und ſeine Freunde ihr Mahl verzehr⸗ ten, hatte ſich eine Geſellſchaft von Männern in ihrer Nähe niedergelaſſen; bei dem Klang ihrer Sprache ſchlug ſein Herz mit dem größten Intereſſe und Vergnügen. Er hielt den Athem an ſich und lauſchte begierig. Er konnte ſich nicht irren, ſie redeten die Sprache, die er fruͤher nur aus dem Munde einer ſehr geliebten Perſon — ſeiner Mutter— gehört hatte. Dieſe Tone ſchlugen eine neue Saite ſeines Gefühles an. Es war ſeine Lan⸗ desſprache. Welchen Sturm von Empfindungen erweckten dieſe Worte, ſo gewöhnlich ſie auch waren, in ſeiner Bruſt! Er athmete kaum, aus Furcht eine Sylbe von dem Geſpräche, das aus dem Munde ſeiner neu gefun⸗ denen Landsleute kam, zu verlieren. Er konnte nicht ruhig bleiben. Er ſtand anf und näherte ſich ihnen. Er konnte ſeine Augen nicht von ihnen abwenden; er be⸗ trachtete die Phyſiognomieen derſelben um daraus ihre Charaktere zu leſen. Er hatte ein großes Verlangen ſte anzureden, hielt aber zaudernd zurück, aus Furcht die rechten Worte nicht zu ſinden. Er verſtand Alles was ſie ſagten und ihre Unterhaltung hatte tiefes In⸗ tereſſe für ihn bekommen, als er aber zu ſprechen ver⸗ 21 ſuchte, konnten ſeine Lippen das nicht hervorbringen, was er zu ſagen wünſchte. Er kehrte in Verzweiflung auf ſeinen Sitz zurück, bald ſtand er jedoch wieder auf, feſt entſchloſſen, ſie an⸗ zureden. Die Worte ſlogen nun ſchnell aus ſeinem Munde. Die Tſcherkeſſen ſtutzten anfangs, als ſie einen in fränkiſcher Kleidung ihre Sprache reden hörten; ein Ausdruck von Befriedigung gab ſich jedoch auf ihren Ge⸗ ſichtern zu erkennen, als er fortfuhr. Er erzählte ihnen, er ſey Tſcherkeſſe, und ſuche ſein Geburtsland zu er⸗ reichen, in welchem ſich alle ſeine Hoffnungen vereinten, er habe lange Zeit entfernt von demſelben gelebt und kenne ſelbſt nicht einmal deſſen Sitten und Gebräuche, durch viele Gefahren und Schwierigkeiten ſey er endlich bis hierher gekommen, wiſſe aber vor der Hand kein Mittel um ſeine Abſicht weiter zu verfolgen. Als er zu ſprechen aufgehört hatte, ſtand ein rauher von der Sonne gebräunter Mann in türkifcher Kleidung auf und rief: die Art, wie Sie weiter kommen, iſt ſehr einfach, denn mein Schiff liegt im Hafen und wartet nur auf günſtigen Wind oder überhaupt auf Wind um die Anker zu lichten um direkt nach jener Küſte zu ſegeln. Dieſe gute Geſellſchaft geht mit mir und bei Allah! wir werden unſer Ziel ſicher erreichen trotz aller Flotten der Ruſſen, welche uns auf unſerem Wege begegnen könnten, oder ich müßte nicht Reis Muſtapha ſeyn. Möge der Teufel ſie und ihre Nach⸗ kommen holen!“ Nachdem er auf dieſe Art ſeine ungewöhnlich lange Rede von ſich gegeben hatte, ſetzte er ſich nieder und ein großer Mann von ehrwürdigem Ausſehen ſtand auf um ſeine Worte zu beſtätigen. „Wer Sie auch ſeyn mögen, junger Fremder, der Sie in fränkiſchem Anzuge und Ausſehen unſere Sprache reden und wie Sie ſagen von unſerem Lande find, Sie werden in unſerer Geſellſchaft willkommen ſeyn und wenn Sie in guten Abſichten das Land der Atteghei beſuchen, 22² werde ich Sie vor allen Gefahren, die Ihnen begegnen können, ſo viel in meiner Macht ſteht, bewahren.“ Der Sprechende war als Tſcherkeſſe gekleidet. Auf ſeinem Kopfe trug er einen weißen Turban. Sein langer Bart hieng bis auf ſeine Bruſt herab. Er trug einen weiten ſeidenen Kaftan, in ſeinem Gürtel hatte er einen Dolch oder ein Cama mit einer breiten zweiſchneidigen Klinge und einem elfenbeinernen Handgriffe. Seine Ge⸗ ſichtsjüge waren hübſch und ſeine Augen glänzten mit dem Feuer und der Lebhaftigkeit der Jugend als er ſprach. Ivan's Herz ſchlug freudig und dankbar bei dieſen Worten, denn eine von den letzten und größten Schwie⸗ rigkeiten in der Ausführung ſeines Unternehmens war nun überwunden. „Ich nehme gerne Ihr gütiges Anerbieten an,“ ſagte er, nund ich glaube im Stande zu ſeyn, Ihnen und allen meinen Landsleuten zu beweiſen, daß ich nur nach Tſcherkeſſien gehe um ihre Sache zu unterſtützen. Vor der Hand bin ich ein Mann ohne Namen und ohne Freunde, es wird jedoch die Zeit kommen, wo ich Beides finden und im Stande ſeyn werde, Ihnen meine Dank⸗ barkeit für Ihre Großmuth zu beweiſen. Bis dorthin müſſen Sie ſich begnügen, unwiſſend über meine frühere Geſchichte zu bleiben. Mein erſtes Streben wird ſeyn mir durch Thaten einen edeln Namen zu erwerben und mich auf dieſe Art des Geſchlechtes, von welchem ich ſtamme, werth zu zeigen. Dann werde ich einen braven geehrten Herrn aufſuchen, der nicht erröthen wird, mich als ſeinen Sohn anzuerkennen. Bis ich meine Abſicht erreicht habe, ſchwur ich meinen Namen vor Allen zu verbergen. Nennen Sie mich vorerſt alſo nur Fremder! Ich bringe nur meine eigenen willigen Arme und zwei treue Gefährten mit mir.“ „Es iſt genug,“" erwiederte der alte Mann, der vorher geſprochen hatte.„Hadji Guz Beg iſt nicht erſt ſo wenige Jahre auf der Welt, daß er nicht in den Ge⸗ 23 ſichtsßügen der Männer leſen könnte. Den Ihrigen, jnnger Fremder, kann ich vollkommen trauen. Ich leſe in denſelben Wahrheit und Muth. Sagen Sie nicht mehr. Ich ſuche nicht in Ihre Beweggründe oder Pri⸗ vatgeheimniſſe einzudringeu. Ich habe Zutrauen zu dem Einen, und bin ſicher, daß hinter den Anderen keine Unehre verborgen liegt. Sie ſollen ſich zu uns geſellen.“ „Ich begebe mich vertrauensvoll in Ihre Gewalt,“ ſagte Ivan.„Sie werden auf dieſe Art im Staude ſeyn, meine Aufrichtigkeit zu erproben. Für die meiner Gefährten will ich verantwortlich ſeyn.“ Javis und der junge Conrin wurden nun auch ein⸗ geladen, ſich der Geſellſchaft anzuſchließen, mit welchen der oben genannte auf ſeine gewöhnliche Weiſe bald be⸗ kannt wurde. Es wurde beſtimmt, daß am nächſten Morgen bei Tagesanbruch der Türke Reis Muſtapha in das Kaffee⸗ haus kommen ſollte, um Ivan und ſeine Gefährten auf ſein Schiff zu bringen, worauf ſie bei günſtigem Winde ſogleich die Anker lichten wollten. Jvan war über ſein Glück, in Varna ein Schiff zu finden, das an die tſcher⸗ keſſiſche Küſte beſtimmt war, ſehr erfreut; denn er hatte nicht anders erwartet, als er werde genöthigt ſeyn, in verſchiedenen türkiſchen Seehäfen nachzuſehen, bis ſein Suchen von Erfolg ſeyn werde; dieß kam daher, daß dieſes Schiff nach ſeinem Austritte aus dem Bosphorus durch einen heftigen Windſtoß ſo weit gegen Norden ge⸗ trieben worden und dann genöthigt geweſen war, die Anker zu werfen, um ſich vor Schiffbruch zu retten. Dieſem Windſtoße war eine Stille gefolgt, welche das⸗ ſelbe glücklicher Weiſe für Ivan mehrere Tage hier auf⸗ gehalten hatte. Die bedeutendſte Perſon unter den Reiſenden war der Hadji Guz Beg, ein berühmter Tſcherkeſſenhäuptling, welcher eben von einer Wallfahrt zurückkehrte, die er während eines kurzen Friedens, den die Ruſſen um ihrer ſelbſt willen der Gegend bewilligt hatten, nach 24 Mecca unternommen hatte. Er ſprach viel von den Ländern, die er beſucht, und von den Abenteuern, die er beſtanden hatte; hauptſächlich auch von einem Beſuche, den er Mehemet Ali in Egypten gemacht hatte, wo ihn ſein Heldenbruder mit Achtung und Zuneigung aufnahm und ihn aufforderte, einige Zeit bei ihm zu verweilen. Aber Nachrichten von dem Kriege im Kaukaſus, welcher wieder begonnen hatte, beſtimmten ihn, ſchnell zurückzu⸗ kehren, um die Gefahren und Mühſeligkeiten desſelben zu theilen. Keiner konnte den alten Krieger Hadji be⸗ trachten, ohne von ſeinem unbezähmbaren Geiſte und ſeiner heldenmüthigen Tapferkeit uͤberzeugt zu ſeyn. Im Verlauf unſerer Geſchichte werden wir Gelegenheit haben, noch mehr von ihm zu ſagen. Die Geſellſchaft trennte ſich bald, um die Vorberei⸗ tungen zu ihrer Reiſe zu treffen. Der unermüdliche Ja⸗ vis gieng aus, um Kleider und andere Bedürfniſſe ein⸗ zukaufen, wobei er die Ueberreſte ihres Geldes beinahe erſchöpfte. Ivan hatte beſchloſſen, an den tſcherkeſſiſchen Kiten in der Kleidung ſeines Landes zu erſcheinen, und für immer alle Zeichen und Erinnerungen an ruſſiſche Knechtſchaft abzulegen. Conrin wünſchte gleichfalls, die⸗ ſelbe Art von Kleidung anzulegen, was ſein Herr gern illigte; während Javis, welcher keine Nation als die ſeinige betrachtete, die türkiſche Kleidung vorzog, welche in ſo fern angemeſſen war, als er auch dieſe Sprache redete. Javis kehrte erſt am ſpäten Abend zurück und brachte ein Schwert von ſchönem Damaſcener Stahl, das er nur mit großen Schwierigkeiten bekommen hatte; inen Dolch und ein Meſſer für Ivan und ein paar Pi⸗ ſolen für ſich ſelbſt mit. Ueberdieß hatte er für ſeinen Herrn einen ſchönen Tſcherkeſſenrock von dunkelm mit Silber geſticktem Tuche, eine rothe, mit Pelz verbrämte Mitze und die übrigen zum Anzuge nöthigen Stücke; und für dene Pagen ein hellfarbiges Oberkleid und eben jolche Weſt mit einem Mantel angeſchafft; für 25 letzteren brachte er auch noch einen ſcharfen, mit Silber eingelegten Dolch und Piſtolen. Es wäre ſchwer, die Gefühle von Befriedigung zu beſchreiben, mit welchen Ivan die Tracht ſeiner Vorältern anlegte. In Gedanken dachte er ſich an der Spitze einer getreuen Bande ſeines Stammes— wenn er in Wirklich⸗ keit den Rang eines Häuptlings anſprechen konnte— bereit, ſich auf die Belagerer ſeiner heimathlichen Küſten zu ſtürzen; er ergriff ſein Schwerdt und blickte es mit ernſten, entſchloſſenen Augen an, und gelobte ſich inner⸗ lich, dasſelbe nicht mehr in der Scheide ruhen zu laſſen, bis jene aus dem Lande getrieben ſeyen, oder mit dem⸗ ſelben in der Hand tapfer zu ſterben. Als er ſich ſeiner ganzen Höhe nach aufrichtete, ſeine Augen ſich erweiter⸗ ten und ſeine Gedanken von allen Scenen der Gegen⸗ wart abſtrahirten, glich er wirklich dem tapferen braven Krieger, den er ſich in der Einbildung dachte. Er gab ſo wenig Acht auf Alles, was ihn umgab, daß er nicht bemerkte, mit welchem Blicke ihn ſein jun⸗ ger Gefährte, der ſtill und unbemerkt in das Zimmer getreten war, betrachtete. Der Knabe ſtand wie auf dem Boden feſtgewurzelt, als er zuerſt ſeines Herrn in ſeiner neuen Kleidung anſichtig wurde, und wenn Ivan gewünſcht hätte, den Eindruck zu erfahren, den er auf Andere machte, ſo wäre ſeine Eitelkeit gewiß vollkom⸗ men befriedigt worden, wenn er in das Geſicht ſeines Pagen geſchaut hätte. Längere Zeit ſprach Keiner ein Wort; als endlich Jvan den Jungen bemerkte, rief er:„Ah! Conrin, kommſt Du, um Deinen Herrn in der Tracht der freien Bergbewohner zu begrüßen? Freue Dich mit mir, daß ich nicht mehr das Gefühl habe, ein Sklave und Ge⸗ noſſe in einem Lande der Tyrannei zu ſeyn; von nun an wirſt Du das Geſchick eines Mannes theilen, der entſchloſſen iſt, ſich über die Wiederwärtigkeiten des Schickſals zu erheben. Biſt Du immer noch entſchloſſen 26 Knabe, den Gefahren und Beſchwerden, denen ich ent⸗ gegengehe, zu trotzen, und Dich mit dem geringen Lohne zu begnügen, den ich zu geben im Stande bin? Willſt Du mich jetzt verlaſſen?“ „O, ſprechen Sie nicht ſo Herr,“ erwiederte der Knabe;„wohin Sie gehen, werde ich Ihnen willig fol⸗ gen, durch alle Gefahren und Mühſeligkeiten, ſelbſt in den Tod; der einzige Lohn, den ich für meine armſeligen Dienſte verlange, iſt, daß ich immer in Ihrer Nähe ſeyn darf, um ſie vor einem drohenden Uebel, das ich entdecken könnte, zu warnen. Sie zu pflegen, wenn Sie verwundet, an Ihrem Lager zu wachen, wenn Sie der herzloſen Sorge Fremder überlaſſen ſind, wird mein eif⸗ rigſtes Streben ſeyn. Sie auf Ihren Ausflügen zu be⸗ gleiten— Ihnen ins Feld zu folgen— an Ihrer Seite zu fechten,— Ihr Leben zu ſchützen, wird mein größtes Glück ſeyn.“ Hingeriſſen durch ſeine Gefühle ballte der Knabe ſeine Fäuſte mit Energie, als er ſprach; auf einmal ſtutzte er, aber verwirrt, wie wenn er mehr geſagt hätte, als er beabſichigt hatte. Jvan blickte ihn mit Erſtaunen an.„Du biſt in der That ein edler, braver Junge,“ ſagte er,„obſchon Du nicht von hoher Geburt oder Abſtammung biſt; ich ſchätze mich glücklich, einen ſo ergebenen und treuen Freund gefunden zu haben. Ich könnte Dich jetzt nicht in Dein Land zurückſchicken, wenn ich auch wollte, es würde meinem Herzen ſehr wehe thun, mich von Dir zu trennen; ich will Dich aber auch beſchützen, ſo lange ich lebe und mein Arm das Schwert führen kann. Wo⸗ hin ich auch gehe, wirſt Du mich begleiten; ich fürchte jedoch, daß Du in meinem Dienſte manchen Gefahren ausgeſetzt ſeyn wirſt, denn glaube mir, die Feinde mei⸗ nes Landes werden von ihrem Verſuche nicht ohne einen verzweifelten mörderiſchen Kampf abſtehen, und es ſteht hieieicht noch manches Jahr an, bis es wieder befreiet 1.*— 27 „O mein theurer Herr, Sie wiſſen nicht, welches Glück Ihre Worte in meiner Bruſt verurſachen,“ ant⸗ wortete Conrin.„Mit Ihnen werde ich zu allen Ge⸗ fahren und Schwierigkeiten lachen, und nichts fürchten, was mir auch begegnen mag.“ „Ich kenne Deine Zuneigung, mein guter Junge.“ Nun überlaſſe mich aber mir ſelbſt. Ich möchte gerne allein ſeyn, um über mein Vorhaben nachzudenken. We⸗ nige Tage werden uns an jene Ufer bringen, von denen ich nicht mehr znrückzukehren wünſche.“ Als der Page ſich entfernte, warf er noch einen Blick von Zuneigung auf ſeinen Herrn; und Jvan ver⸗ fiel wieder in die Gedankenreihe, in welcher er unter⸗ brochen worden war. Zuletzt ſtand er auf und gieng allein fort, da er keine Luſt zur Geſellſchaft hatte, ſelbſt nicht zu der ſei⸗ ner beiden treuen Gefährten. Er ſtieg auf den Gipfel der halb zerfallenen Citadelle der Stadt und blickte nach⸗ denkend auf die große Meeresfläche, welche ruhig und ſtill zu ſeinen Füßen ausgebreitet lag, und ſehnte ſich ſehr nach einem Winde, der die Segel des Schiffes an⸗ ſchwellen würde, um ihn und ſein Schickſal entweder zum Tod oder zum Sieg zu führen. Aber kein Lüftchen berührte ſeine Wangen, ſo lange er auch wartete; er blieb, bis die Sonne untergegangen war, nachdem ſie mit ihren letzten Strahlen noch das Land um ihn her und die See prächtig gefärbt hatte. Die Befeſtigungen waren überall zerſtört und zer⸗ fallen, was von der ſtrengen und langen Belagerung herrührte, welche die Stadt von den Ruſſen auszuhalten hatte, bis ſie verrätheriſcherweiſe durch das abſcheuliche Ungeheuer Juſuf Paſcha in ihre Hände ausgeliefert wurde. Er ſtand auf, und kehrte wieder in das Kaffeehaus zurück, vor welchem der junge Conrin ängſtlich ſeiner Ankunft harrte. Der Knabe ſchien betrübt und melan⸗ choliſch zu ſeyn, bis er ſah, daß die Züge ſeines Herrn einen freundlicheren Ausdruck angenommen hatten, wor⸗ 28 auf auch ſein Blick bald wieder heiterer wurde; er folgte ihm in das Haus, wo ſie Hadji, den Kapitän des Schiffes und die übrigen Paſſagiere trafen. Als Ivan in ſeiner Nationalkleidung eintrat, erkannte ihn Hadji kaum; ſobald er ihn jedoch wirklich erkannte, gieng er ihm mit ausgeſtreckten Armen entgegen und umarmte ihn. „Ah, mein Sohn,“ rief er, nun erkenne ich in Ih⸗ nen den wahren Sprößling des edeln Geſchlechtes der At⸗ teghei*) und willkommen ſollen Sie ſeyn, wenn Sie ſich mit Ihren jugendlichen Armen unſerem Kampfe für un⸗ abhängigkeit anſchließen wollen. Bismillah! Mit einem Gefolge von einigen Hun⸗ derten ſolcher Jungen, wie Sie, wollte ich jedes ver⸗ fiuchte ruſſiſche Fort an unſerer Küſte nehmen; hole ſie alle der Teufel! Sie haben vielleicht keinen Vater; ich will Ihnen die Stelle deſſelben vertreten, und Sie ſollen mir wie ein Sohn ſeyn. Ich will Sie gegen Alle be⸗ ſchützen, die es wagen ſollten, Ihnen entgegenzutreten; fürchten Sie nichts.“ „Ich möchte mir feinen tapferen Beſchützer wünſchen, edler Hadji,“ erwiederte Ivan;„ich werde in allen Dingen Ihren Weiſungen gerne folgen, und aus Ihren Erfahrungen Nutzen ziehen. Unter Ihrer Leitung hoffe ich bald den Ruf zu erlangen, nachdem ich dürſte, und mich nicht als unwürdiges Kind der Atteghei zu zeigen.“ „Sie ſprechen ſchön, junger Mann,“ ſagte der Hadji, eich bin nicht ſo alt, um nicht ein wenig eitel zu ſeyn; ſie brauchen keine Angſt zu haben, daß Sie ſich unter meiner Standarte keinen Namen erwerben können. Bis⸗ millah! Die Fahne Moskau's kennt ihr Ausſehen wohl. In wenigen Tagen will ich Ihnen mit dem Segen Allah's zeigen, was Fechten heißt!“ Mit dieſer und ähnlichen Unterredungen wurde die Zeit hingebracht, bis die Geſellſchaft Ruhe ſuchte. *) Der Name, den die Tſcherkeſſen ſich ſelbſt beilegen. 29 Beim erſten Strahle der Morgendämmernng ſtand Ivan von dem Teppiche am Ende des Saales, auf wel⸗ chem er die Nacht zugebracht hatte, auf und rief Javis und ſeinen Pagen, welche augenblicklich kamen, als ſie ihres Herrn Stimme hörten. Hadji und die übrige Ge⸗ ſellſchaft folgten bald ihrem Beiſpiele; an der Thüre des Kaffeehauſes kam ihnen der Reis eilig entgegen, um ſie zu benachrichtigen, daß ſich ein leichter, jedoch für die Reiſe günſtiger Wind erhoben habe. Sie begaben ſich in die Bucht, in welcher die leichte Zebeke mit ausgeſpannten Segeln vor Anker lag, und befanden ſich bald an Bord derſelben. Die Anker wurden gelichtet, und der Wind, der in dem Segel ſpielte, trieb das Schiff ruhig und langſam von den Küſten der Tür⸗ kei fort. Im fernen Hintergrunde erblickte man die blauen und unbeſtimmten Erhöhungen des Balkans; vor ihnen die ruhige See; um ſie herum waren viele Fiſcherboote und kleine Küſtenſchiffe, welche leicht auf der Oberfläche des Waſſers fortſchwammen; die Schiffer derſelben hatten ſehr maleriſche Kleidungen und buntfarbige Turbans.— Sobald ſie unter Segel waren, knieeten die andächtigen Muhamedaner der Geſellſchaft nieder, um ihr Morgen⸗ gebet zu verrichten; Ivan folgte ihrem Beiſpiele und dankte dem Himmel, daß er ihn ſo glücklich aus ſo man⸗ chen großen Gefahren geführt hatte. Drittes Kapitel. Der Sturm wurde wilder und wilder, Der Wind heult' von Süd und von Weſt, Der Donner rallt' ſchwer durch die Wolken, Der Regen verſinſtert, die Luft. Falconer, Mehrere Tage ſchwamm das leichte Fahrzeug, das unſeren Helden und ſeine Plane gegen ſein Geburtsland trug, ruhig und ſicher auf der unbewegten Oberfläche 3⁰ des blauen und glänzenden Waſſers, ohne durch einen jener heftigen, aber ſchnell vorübergehenden Stürme, we⸗ gen deren das euxiniſche Meer ſo bekannt iſt, beun⸗ ruhigt zu werden; oder, was von den Reiſendeu. noch viel mehr zu fürchten war, ohne einen von den ruſſiſchen Kreuzern zu begegnen. Alle an Bord wünſchten ſich Glück zu der ruhigen See und dem günſtigen Wetter, welche eine glückliche Beendigung der Reiſe zu verſprechen ſchienen, als ſie die bittere Erfahrung machen mußten, wie ungewiß und unſicher alle Dinge hier unten ſind. Der Wind, welcher bisher ganz zu ihren Gunſten geweſen war, drehte ſich nun verrätberiſcher Weiſe gegen Nordoſt, während ſich nun am Horizont dunkle, ſchwere Wolken zeigten. Der Wind ſieng ploͤtzlich an, in ſolchen heftigen, ſtarken Stößen zu blaſen, daß das leichte Fahr⸗ zeug, das der Kraft deſſelben nicht widerſtehen konnte, umgelegt wurde; ehe die ſchwerfälligen, türkiſchen Ma⸗ troſen Zeit hatten, Vorkehrungen dagegen zu treffen; als ſie jedoch die Segel aufzogen, richtete es ſich wie⸗ der auf. „Allah ſey gelobt!“ rief der unerſchrockene Kapitän des Schiffes, indem er hin und her rannte, das Schiffs⸗ volk ermunterte und ermuthigte, und in ihren Bemühun⸗ gen die Segel aufzuziehen unterſtützte;„an einem ſolchen Sommerſturm wie dieſer werden wir gut vorbeilaviren! Bah! das iſt nichts. Meine Brüder, meine theuren Brüder, arbeitet nur mit gutem Willen, ſo wird uns bei dem Segen des Propheten gewiß nichts geſchehen. Nehme Dich nur in Acht, Osmane,“ ſagte er hierauf, ſich gegen den Mann am Steuerruder wendend.„Wir müſſen uns eben eine Zeit lang vom Winde forttreiben laſſen, bis er wieder nachläßt. Zieht die Segelſtange ein, meine Leute;“ und als dieſe wieder auf das Verdeck herabſtiegen, nachdem ſie das untere Segel abgenommen und die oberen eingezogen hatten, rief er:„gut gemacht, meine lieben Brüder, Allah's Gnade iſt groß, wir kön⸗ nen zu dem Sturm lachen.“— 31 Durch ſolches und ähnliches Zurufen ermuthigte und ermunterte der Reis ſeine Leute; man hörte ihn nicht über dieſelben hineinfluchen und ſchwören, wie man es von den Schiffskommandanten civiliſirterer Nationen ge⸗ wöhnt iſt. Als der Schnabel des Schiffes vom Winde abgekehrt war, wurde es ſchnell fortgetrieben und hüpfte über die niederen, aber mit Schaum bedeckten, ziſchenden und glänzenden Wellen fort, welche der ſtarke Wind aufge⸗ trieben hatte. Der Wind legte ſich bald wieder ſo ziem⸗ lich, und der Schnabel des Schiffes wurde wieder gegen denſelben gedreht und nahezu in die Richtung gebracht, welche das Schiff nehmen ſollte, und dieſes durchſchnitt wieder kräftig die Wellen, während ſich die Wogen über demtſelben brachen und in den ſchönſten Regenbogenfarben ſpielten, deſſen ungeachtet aber die Paſſagiere ſehr be⸗ läſtigten. Für unſeren Helden, welcher früher nie auf der Oberfläche des Meeres geweſen war, war dieß eine neue und ſehr anziehende Scene. Die Waſſer, welche vor kurzem noch ſo friedlich und ruhig geſchienen hatten, waren nun mit einem glänzenden weißen Schaum bedeckt; die Wellen hüpften und tanzten ganz raſend in den ſon⸗ derbarſten Sprüngen; die dunkeln Wolken jagten einander am Himmel, und ſchnell verſchwand das Blaue und die Helle von demſelben. Aus den Blicken der Seefahrer, ſeiner Gefährten, hätte er abnehmen können, daß keine Gefahr vorhanden war, wäre er nicht zu ſehr mit der plötzlichen und für ihn außerordentlichen Veränderung, welche die Natur vorgenommen hatte, beſchäftigt ge⸗ weſen, um überhaupt nur einen Augenblick an Gefahr oder Unglück zu denken. Der junge Page ſtand in der Nähe ſeines Herrn und heftete einen ernſten und fragenden Blick auf deſſen Geſicht, da er aber in ſeinen ruhigen Blicken las, daß nichts zu fürchten war, ſchien er auch vollkommen be⸗ ruhigt. Javis, der in ſeinem Wanderleben ſchon manche 32. Meile auf der See zurückgelegt hatte, ſah ſogleich, daß von dieſem Sommerſturme keine Gefahr zu befürchten Matroſen bei ihren Verrichtungen Beiſtand. Er war als deſſen Beſchützer er ſich betrachtete, ſo treu ergeben war. Der junge Conrin allein blieb unter den vielen Leuten einſam und ſtill, ausgenommen wenn er Javis einige wenige leiſe Worte auf ſeine Fragen antwortete und belebt und der Ausdruck der Bewunderung gab ſich auf demſelben kund, als er das wechſelnde Spiel des Waſſers betrachtete, das anfangs ſo ruhig geſchienen hatte, und ſich jetzt ſo verſchieden und veränderlich zeigte. e ellu df ten ſchien, deren brennende Farben auf den tanzenden Wellen widerſtrahlten; der Wind legte ſich ſo ſchnell als er ſich erhoben hatte, an deſſen Statt entſtand aber ein dichter Nebel, ſo daß es ſeit der Zeit als die Schatten heit nirgends anlaufen oder ſonſt einen Unfall haben werde, er ſelbſt legte ſich auf ſeine Matte auf dem Ver⸗ decke nieder in Erwartung des Tageslichtes, wo er dann die tſcherkeſſiſche Küſte zu erblicken dachte, von welcher er ſeiner Rechnung nach nicht mehr weit entfernt ſeyn Die Nacht gieng ruhig vorüber, kaum war jedoch der Tag angebrochen und der Nebel durch den ſich wieder von Neuem hebenden Wind theilweiſe zerſtreut, ſo daß 2 33 an einigen Stellen lichte Oeffnungen waren, während er ſich an anderen in dicken Maſſen angeſammelt hatte, als der Mann am Maſtbaume Nachricht gab, daß er ein großes hohes Segel auf der Wetterſeite dicht neben ihnen erblickte. Als er auf dem Verdecke Allarm machte, ſprang der Reis von ſeiner Matte auf und eilte an das Steuer⸗ ruder. Der wachhabende Mann zeigte die Richtung des fremden Schiffes an, von welchem ſie jetzt augenſchein⸗ lich noch nicht bemerkt wurden, da ihre niederen Segel durch den Nebel verborgen waren. Unerſchrocken nahm der gefaßte Kapitän das Steuerruder, befahl die Segel⸗ ſtangen einzuziehen und nahm das Vordertheil des Schiffs vor den Wind, in der Hoffnung auf dieſe Art der Wach⸗ ſamkeit ihrer ſehr gefürchteten Feinde zu entgehen, denn es war nicht im Geringſten zu bezweifeln, daß der Fremde ein Ruſſe ſeyn mußte, da es unwahrſcheinlich war ein Schiff einer anderen Nation in dieſen Gewäſſern zu treffen. Während einiger in der größten Spannung zuge⸗ brachter Minuten ſchien dieſes Manöver geglückt zu ſeyn, und indem er Allah und ſeinen heiligen Propheten zur Unterſtützung anrief, flehte er ſie an, ſie möchten den Nebel wieder verdichten, um ihre Flucht zu begünſtigen; es war jedoch wenig Ausſicht hiezu vorhanden. Wenn der Wind ein wenig ſtärker wurde, ſo konnte er in einem Augenblick den dünnen Schleier, welcher ſie verbarg, wegblaſen und ſie ihren erbitterten Feinden ausſetzen. Ivan, Hadji und die übrigen Paſſagiere hatten ſich auf dem Verdecke verſammelt, und da dieſelben von der ſie bedrohenden Gefahr unterrichtet waren, ſo beſtrebte ſich der Erſtere, welcher am Meiſten dabei zu befürchten hatte, dieſelben mit Kraft zu bekämpfen. In die Hände der Ruſſen zu fallen, von welchen er wahrſcheinlich er⸗ kannt worden wäre, hätte ihm gänzlichen Untergang, entweder ewige Sclaverei oder den Tod gebracht. Der Hadji vergaß den neulich angenommenen hei⸗ Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. II. 3 „ 34 ligen Charakter, zog mit der einen Hand das Schwerdt, während er in der anderen einen Roſenkranz hielt, er verrichtete Gebete zu ihrer Sicherheit, ſtieß hie und da läſternde Worte gegen die Feinde aus und rief ſeinen Gefährten ermuthigende Worte zu. Die übrigen Reiſen⸗ den folgten dem frömmeren Theile ſeines Beiſpieles; die beiden Gefährten Ivan's ausgenommen, welche an ihres Herrn Seite ſtanden und entſchloſſen ſchienen, ihr Leben theuer zu verkaufen und eher nicht zuzugeben, daß er von ihren verhaßten Feinden gefangen genommen würde. Das Schiffsvolk befand ſich auf ſeinem Poſten und war gewärtig die Befehle, die der Kapitän für nöthig erachten würde, etwa eine Veränderung des Laufs des Schiffes ner das Einziehen oder Aufmachen der Segel, zu be⸗ olgen. 3 Die unteren Segel waren bereits wieder ausgeſpannt worden, die höheren traute ſich der Reis noch nicht zu entfalten, aus Furcht dem Feinde dadurch in's Geſicht zu fallen. Der Mann am Maſte gab die willkommene Nachricht, daß das ruſſiſche Schiff nicht mehr zu ſehen war; kaum war jedoch eine Minute vergangen, ſo traf ein plötzlicher Windſtoß auf die Zebeke und riß ihre Segel beinahe auseinander, da dieſe jedoch glücklicher Weiſe vor dem Wind waren, ſo entfernte ſie ſich nur um ſo ſchneller von der Gefahr. Die Hoffnung aller an Bord befindlicher Perſonen auf Entkommen war durch dieſen Zufall ſehr gehoben worden, ſie wurden aber ſchnell und bitter zu nichte gemacht, denn in demſelben Augenblick jagte der Wind⸗ ſtoß, welcher ſie getroffen hatte, den Nebel weg und zeigte eine große ruſſiſche Corvette in ziemlicher Ent⸗ fernung glücklicherweiſe; dieſelbe war von dem heftigen Windſtoße, der ſie unvorbereitet getroffen hatte, ganz auf die Seite gelegt worden und das Schiffsvolk war emſig beſchäftigt höhere Segel einzuziehen. Einen Augenblick herrſchte eine Todesſtille am Bord des tuͤrkiſchen Schiffes; ein Schrei der Verzweiflung ließ 35 ſich aber von dem Schiffsvolke hören, als ſte mit ihren Gläſern bemerkten, daß die Matroſen der Corvette ihre Mansver beendigt hatten, die Segel derſelben noch ge⸗ öffnet waren und das Vordertheil des Schiffes ſich ſchnell nach der Richtung drehte, in welcher ſie ſegelten. Sie kam ſtolz heran, durchſchritt kräftig die nun ziemlich hoch gehende See, alle Segel waren angeſchwollen wie wenn ſie von den Seilen, welche ſie hielten, reißen wollten. Es ſchien keine Macht könne ihren Lauf hemmen, als ſie das ſchäumende Waſſer auf die Seite drückte und die Wellen antrieb, welche ſie trugen. Manche Wange an Bord der Türken erbleichte im Vorgefühl des nahenden Ungewitters und manches Herz zitterte mit einer kaum früher gefühlten Furcht, als das Schiffsvolk auf ihren mächtigen Verfolger blickte, welcher ſeine Entfernung von ihnen ſchnell verminderte. Selbſt auf der Stirne des unerſchrockenen Kapitäns ſtanden große Schweißtropfen, als er das Steuerruder feſter in die Hand nahm und hie und da einen ſchnellen beſorgten „BZlick hinter ſich, und dann einen auf ſeine Segel und Maſten warf um zu ſehen, ob ſte den Wind gut ſiengen; denn er wußte, daß ſein Schiff am Beſten in der Rich⸗ tung vor dem Wind ſegelte, da es ſehr nieder im Waſſer gieng, und die Wellen, auf denen es forthüpfte, kaum zu berühren ſchien. Dunkle und dicke Wolkenmaſſen ſam⸗ melten ſich nun hinter dem Feind, wodurch ſeine Segel ſchneeweis ausſahen und viel näher zu ſeyn ſchienen, als ſie in Wirklichkeit waren. Bis jetzt hatte er ſeine Ka⸗ nonen noch nicht abgefeuert um ſich nicht aufzuhalten, da er gewiß war ſeine kleine Beute in kurzer Zeit zu er⸗ reichen.. Die Wuth der ſchäumenden unbezähmbaren Wellen wurde mit jedem Augenblick größer, während ans den dicken ſchweren Wolken, welche einander ſchnell und in Unordnung folgten, ein anhaltendes Rollen des Donners kam und heftige hellglänzende Blitze durch die Lüfte zuckten. 3* 36 Die aufgehende Sonne hatte einen Augenblick ihre Strah⸗ len auf dieſe Scene des Tumultes geworfen und die wie toll hüpfenden Wellen glänzend beleuchtet, verſteckte ſich aber wieder gleichſam erzürnt über den wilden Aufruhr hinter den Wolken und ließ die unruhigen Wellen in einem tiefen Dunkel. Große Wogen rollten an der Seite des kleinen Fahr⸗ zeuges hin oder folgten ſie demſelben und drohten es zu verſchlingen; keinen Augenblick ſchien es ſicher. Es tanzte jedoch immer vor ihnen her und ſchien von Welle zu Welle zu hüpfen; bald ſchoß der Schnabel des Schiffes in den ſchäumenden kochenden Keſſel, bald hob er ſich wieder hoch über die See, während unten ein dunkler Abgrund gähnte, und eine hohe Woge im Begriff ſchien über dem Schiff zu brechen und es zu begraben. In Zwiſchenräumen fiel auch noch aus den Wolken, um die Unordnung zu ver⸗ mehren, eine ſolche Fluth von dichtem ſtarkem Regen, daß dadurch ihr großer Verfolger ganz aus dem Geſicht verſchwand, wenn er ſich aber wieder legte, ſah man ihn immer näher. Zuletzt wurde der Ruſſe mißmuthig und ärgerlich über die lange Jagd, drehte das Schiff etwas und feuerte ſeine Wurfgeſchütze ab in der Hoffnung dem Türken einen Schaden zuzufügen, der es ihm möglich machte, ſchneller näher zu kommen; die Kugeln ſielen aber entweder in die hohen Wellen oder flogen ſie hoch über die Maſte weg, weil es natürlich bei der hoch gehenden See ſehr ſchwer war, ein beſtimmtes Ziel zu nehmen. Als die Zerſtörungsprojectile auf dieſe Art ſo weit über ihr Ziel weggiengen, brach der Reis in ein höhni⸗ ſches Gelächter aus, das aber eher von Verzweiflung herzu⸗ führen ſchien, und gab acht, wohin ſie ſielen. Die Cor⸗ vette fuhr fort zu feuern, ſo ſchnell die Mannſchaft nur laden konnte, ohne jedoch dem Schiffe den geringſten Schaden zu thun; da dieſes Manöver beſtändig wieder⸗ holt wurde, ſo wurde der Abſtand vom Schiffe auch wie⸗ der größer, bis ſie endlich die Hoffnung aufgaben, ein 37 ſo kleines Ziel auf dieſe Entfernung zu treffen, und ihre Verfolgung fortſetzend, den durch den veränderlichen Wind hin und her ſchwankenden Spuren der Zebeke folgte. Der Wind ſchien ſeiner eigenen Heftigkeit müde zu ſeyn, ſeine ganze Wuth verſchwendet zu haben, und um⸗ ſchlagen zu wollen; zuerſt verließ er das größere, hintere Schiff, welches ſich anſchickte, mehr Segel aufzuſpannen, als er plötzlich mit doppelter Wuth gegen Weſten umſchlug. Obgleich das türkiſche Fahrzeug auf dieſe Art wind⸗ wärts geſtellt war, ſo mußte der Verſuch, ein ſo zer⸗ brechliches, leichtes Fahrzeug mit der breiten Seite gegen den Wind zu bringen, demſelben ſicher den Untergang bringen; die wüthende See hätte es alsbald zernichtet; auf dieſe Art zu ſegeln war ſeine ſchwächſte Seite. Die einzige Ausſicht, die unvermeidliche und ſchnelle Zerſtö⸗ rung noch länger aufzuhalten war, immer vor dem Wind zu ſteuern, wodurch aber das Schiff unter den Schuß ſeines gigantiſchen Gegners kommen mußte Wenige Männer, ſo tapfer ſie auch ſind, ſtürzen ſich mit offenen Augen in einen gewiſſen Tod, wenn es zu ver⸗ meiden iſt. Es war kein Augenblick mit Berathung zu verlieren, und als der Wind wieder mit erneuerter Wuth blies, ward der Schnabel des Schiffes wiederum nach Oſten gedreht, worauf ſich daſſelbe ſchnell ſeinem Gegner näherte. Die gegenſeitige Stellung der Schiffe kann folgen⸗ dermaßen beſchrieben werden. Die Corvette war nördlich, der Schnabel derſelben gegen Südoſt gerichtet, während das kürkiſche Schiff gegen Oſten ſegelte; beide Schiffe näherten ſich auf dieſe Art auf den beiden Schenkeln eines Winkels, deſſen Spitze gegen Oſten gekehrt war⸗ Nun kam der entſcheidende Augenblick für die, welche ſich an Bord des türkiſchen Schiffes befanden; immer war noch eine entfernte Ausſicht auf Entkommen vorhan⸗ den, ohne Frage eine ſehr zweifelhafte, aber doch war ſie werth im Verzug vor der Gefangenſchaft den Untergang deshalb zu wagen. Sie konnten gegen den Ruſſen hin⸗ ſteuern unter dem Vorwand, ſich zu unterwerſen, dann 38 unter dem Hintertheile deſſelben hinfahren und vor dem Winde entwiſchen. Dieß war jedoch ein Verſuch, deſſen Erwähnung ſchon man als den Vorſchlag eines Tollen anſehen konnte. Im Augenblick als der Ruſſe den veränderten Lauf des Schiffes bemerkte, faßte die Corvette den Wind von der Seite, ohne ſich damit aufzuhalten, ein Segel ein⸗ zuziehen, und fieng wieder an, ſeine Geſchütze ſpielen zu laſſen, um ein Entkommen ganz undenkbar zu machen, und die bereits gewiſſe Beute zu faſſen, wenn auch der Wind abermals fehlſchlagen ſollte. Die Kugeln flogen jedoch wie vorher, ohne Schaden zu thun, durch die Lüfte oder ſchlugen in die Wellen; deren ſchäumendes Waſſer dadurch weit in die Höhe ſpritzte. Doch die höchſte Aeuſſerung menſchlicher Kraft und Thätigkeit ſchien nichts gegen den Aufruhr und Kampf der Elemente. Der Knall der Kanonen wurde durch das bei weitem ſtärkere Krachen des Donners und den Tumult der Wogen höhniſch übertönt. Der Blitz der Kanonen war nichts gegen das glänzende Wetterleuchten; und doch ſchien Niemand in beiden Schiffen die heftige Wuth der Elemente zu beachten, da ſie zu ſehr mit ihrer eigenen verzweifelten Jagd beſchäftigt waren. Während dieſes ſchrecklichen und kritiſchen Zeitrau⸗ mes war Jvan feſt und gefaßt, obgleich ihn ein ſchlim⸗ mes Loos zu erwarten ſchien. Auf der einen Seite ſah er Gefangenſchaft, Erniedrigung und hoffnungsloſe Ver⸗ bannung; auf der anderen einen gewiſſen Tod, wenn die Ruffen, wie es nur zu wahrſcheinlich war, da ſie keine werthvolle Priſe fanden, das Schiff verſenkten, das ihnen ſo viele Widerwärtigkeiten gemacht hatte; oder daſſelbe, im Fall es ſich nicht ergeben wollte, mit ihren Kanonen in Grund bohrten. Jvan betete ernſtlich nm das letztere Loos, denn was hatte das Leben für einen Werth für ihn, wenn all ſeine hohen Beſtrebungen vereitelt und ſeine Hoffnungen vernichtet waren? Was konnte er an⸗ ders als Elend und hoffnungsloſe Sklavexei, Ketten und ⁵ 39 Muͤhſeligkeiten erwarten, wenn er mit dem Leben davon⸗ kam? Javis hatte ihm ſein Schwert gebracht, das er faſt eigentlich mechaniſch in der Hand hielt, wie wenn es ihm eine Genugthuung geweſen wäre, mit dieſem in der Hand zu ſterben; während Javis, der finſtere Blicke auf den Feind warf, bereit war, ſeinen Herrn nach Mög⸗ lichkeit zu vertheidigen. Und der junge Conrin, wo war er in dieſer Zeit des Tumultes und der Gefahr? Ruhig und unerſchrocken ſtand er an ſeines Herren Seite. Sein Muth ſchien mit der Größe der Gefahr zu wachſen. Es war nicht Un⸗ kenntniß von der Gefahr ihrer Lage, welche ihm dieſes ruhige, furchtloſe Benehmen eingaben; denn er bewies es deutlich durch die unerſchrockenen Blicke, die er alle Augenblicke auf den kommenden Feind warf, worauf er ſeine dunkeln, glänzenden Augen wieder feſt auf das Ge⸗ ſicht ſeines Herrn heftete. Seine Stirn und ſeine Wan⸗ gen waren bläſſer als gewöhnlich, ſeine Lippen zuſam⸗ mengepreßt; es ſchien jedoch, daß, obgleich ein ſchreckli⸗ cher Tod allen an Bord befindlichen Perſonen bevorſtand, ſeine Züge das Gepräge von Zufriedenheit und Glück tru⸗ gen; er ſprach übrigens nichts und bewegte ſich auch nicht von ſeinem Poſten. Es war befremdend, daß ein ſo junger Knabe einen ſolchen Muth in dieſer drohenden Gefahr zeigte, vor der verwegene Seeleute in Angſt geriethen und ſich vor Schrecken bleich abwendeten. Der alte tapfere Hadji zeigte wohl, daß ſein Herz furchtlos, und daß er ein Truppenführer eines braven Volkes war, den keine Gefahr erſchrecken konnte; als er ſich vom Gebet erhob, ſchien er ſeine Feinde herauszu⸗ fordern und bereitete ſich. auf's Schlimmſte vor. Von ſeinen Gefährten und dem Schiffsvolke wurden viele durch ſein Beiſpiel ermuthigt und ſchüttelten ſich wacker die Hände, in der traurigen Hoffnung, zuletzt durch einen und denſelben Schlag ums Leben zu kommen; während Andere bleich und zitternd vor Schrecken ſich hinter den Bollwerken des Schiffes zu jchützen ſuchten. 40 Die Ruſſen ſetzten ihr Feuer ohne Unterbrechung fort, die Kugeln fielen immer näher bei ihrem Ziel, bis eine durch das Afterſegel des türkiſchen Schiffes gieng, und eine andere folgte, welche auf dem Verdecke auf⸗ ſchlug, den Boden anfriß und die Splitter nach allen Seiten warf, ehe ſie wieder über Bord ſprang. Einige andere fielen ein ohne Schaden zu thun. Sie waren jetzt aber den Ruſſen ſo nah, daß ſie nicht hoffen konn⸗ ten, ſeinen Geſchoſſen ſerner zu entgehen. Ein anderes von dieſen Projectilen kam an Bord, ſchlug einen Theil der Bollwerke nieder, traf einen Matroſen, der hinter denſelben ſtand und ſchleuderte ſeinen verſtümmelten Kör⸗ per in die See. Bei dieſem Ereigniß verlor ſelbſt der verwegene Kapitän ſeine Geiſtesgegenwart; ſein Muth verließ ihn auf einen Augenblick; er verließ ſeinen Po⸗ ſten, ſchlug die Hände aus Verzweiflung über dem Kopfe zuſammen und überließ das Schiff ſeinem Schickſale. In dieſem kritiſchen Momente ſprang Ivan zu ihm hin, ergriff ihn am Arme und nöthigte ihn, ſeinen Platz am Steuerruder wieder einzunehmen. „Schämen Sie ſich Reis Muſtapha! Sie haben ſich bisher als braver, guter Seemann gezeigt; zeigen Sie ferner, daß Sie wirklich einer ſind. Beachten Sie die Kugeln nicht, bis ſie uns in Grund bohren; dieß kann nur zuletzt unſer Schickſal ſeyn, wenn alle Hoffnungen zernichtet ſind. So lange Sie leben benützen Sie alle Mittel, die zu Gebot ſtehen, um zu entkommen, denn die Vorſehung kann uns noch von dem Untergang retten.“ „Ei, Ei, mein Bruder,“ unterbrach ihn der alte Hadji.„Geben Sie der Verzweiflung nicht Raum, ſo lange noch Hoffnung vorhanden iſt. Blos Feiglinge thun dieß. Glauben Sie, ich habe umſonſt zu Allah und ſeinen Propheten gebetet, und ſte werden auf dieſe Art ihre Diener verlaſſen? Bin ich umſonſt in ſeine heilige Stadt gereiſt, und habe ich umſonſt das heilige Kaaba geküßt? Hoffen Sie immer, daß unſere Zeit jetzt noch. nicht gekommen iſt,“ 4 — 41 „Der edle Hadji ſpricht wahr,“ fügte Ivan bei. „Nehmen Sie das Steuerruder, und ſegeln wir gerade darauf los, wir werden bald die Entſcheidung unſeres Schickſales erfahren.“ Der Reis gehorchte, nahm das Ruder aus der Hand von Javis, aber mit einem Blicke, der deutlich zeigte, daß er ohne alle Hoffnung war. Nun waren Sie der Corvette ganz nahe; die Ka⸗ nonen derſelben wurden nun jedoch weniger ſorgfältig gerichtet, weil der Ruſſe ſich ſicher glaubte, das Schiff zu nehmen. Der ſchreckliche, der gefürchtete Augenblick nahte, welcher aller Wahrſcheinlichkeit nach jedes menſchliche Weſen an Bord des türkiſchen Schiffes in die Ewigkeit befördern würde, denn ihr mächtiger Gegner ſchien ent⸗ ſchloſſen, ſie in Grund zu rennen, wenn ſie ihre Flagge nicht augenblicklich abnahmen, und ſelbſt dann war nur ſehr geringe Hoffnung vorhanden, dieſem Schickſale zu entgehen. Noch ein Augenblick und die nächſte hohe Welle brachte ſie zuſammen. Ein ſtärkerer Windſtoß als bisher kam nun und brachte das Schiff um ſo ſchnel⸗ ler in den Rachen ſeines Feindes. Ströme von Regen floſſen herab, während in den Wolken lauter Donner rollte und ein ſehr ſtarker, glänzender Blitz durch die Luft zuckte. Das Schiffsvolk ſtieß einen lauten Schrei der Verzweiflung aus; ſein Schickſal war beſiegelt. „Allah, beſchütze uns!“ rief der Hadji aus.„Dieß iſt eine ſchreckliche Zeit.“ Dem Tapferſten ſtockte der Athem; das Verdeck zitterte unter ihren Fuͤßen. Die Wellen ſchlugen über ihren Köpfen zuſammen und der dick fallende Regen ver⸗ hinderte alle Ausſicht. 3 Der junge Page blickte ſeinen Herrn ernſtlicher an; ſeine Glieder zitterten aber nicht; auch entſchlüpfte kein Wort ſeinen Lippen. Der gefürchtete Stoß kam nicht; das Schiff 42 ſchwamm immer auf den Wellen; der ſtarke Platzregen hörte auf. Abermals ſtieß das türkiſche Schiffsvolk einen Schrei aus; es war jedoch nicht mehr ein Schreckensſchrei. „Wo iſt der Giaour? wo iſt das ruſſiſche Schiff?“ hörte man pon jedem Munde. Sie waren an demſelben vorüber. Dort lag es feſt an einem Riffe, den Schnabel ge⸗ gen den Wind, den vorderſten Maſt auf dem Decke lie⸗ gend und zertrümmert; die Segelſtangen, Segel und Taue hiengen zerſtört an den Seiten herab; die Boll⸗ werke waren nicht mehr zu ſehen; das ſtolze ruſſiſche Schiff war geſcheitert und ſtand im Feuer. In dieſem Augenblicke der Verwirrung wurden noch einige kleine Geſchütze aus Erbitterung und Rache gelöſt, in der Hoffnung, noch irgend einen Schaden zu thun; die Kugeln ſielen jedoch wirkungslos in die Wellen und das Schiffsvolk war zu ſehr mit ſeiner eigenen Erhal⸗ tung beſchäftigt, um fernerhin dem hart verfolgten Schiffe Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Vom Verdecke des Türken ſtiegen laute Gebete für das Entrinnen aus dieſer Gefahr zum Himmel; Jvans Herz ſchlug ſchneller aus Dankbarkeit, als es aus Furcht geſchlagen hatte; während der junge Conrin ſeine Hände in ſtiller Andacht erhob, und bereit ſchien, ſeinem Herrn aus Freude zu Füßen zu fallen. Der Hadji rief, nachdem er ein kurzes Gebet ver⸗ richtet hatte:„Sagte ich Ihnen nicht, Reis, daß Allah uns beſchützen und daß ich nicht vergebens beten werde? Sehen Sie, wie der ehemalige gottloſe Kaffir nun durch die Rache des Himmels zerſchellt und vernichtet wurde gerade in dem Augenblick, wo er ſich ſeiner Beute ge⸗ wiß hielt. Ein andermal denken Sie nicht, daß es Ihr Kismet*) iſt, zu ſterben, das wird noch bei guter Zeit kommen; aber die Hoffnung muß man nie verlieren. *) Kismat— Schickſal. 4³ Glauben Sie, meine Landsleute köͤnnten gegen unſeren mächtigen Feind Stand halten, wenn ſie daͤchten, es ſey unſer Kismet beſiegt zu werden? Bah! Kismet iſt ein gutes Ding, wenn es auf Sieg hinzielt; außerdem iſt es ein Unding. Nein, meine Brüder, nein; ſtreitet ſo lange als möͤglich, und unterwerft Euch dem Schickſale nur, wenn es Euch überwältigt.“ Dieß waren keine Grundſätze, die der hochherzige Hadji blos predigte ſondern ſie werden wirklich auch von ſeinen Landsleut angewendet. Als die Gefahr abnahm, wuchs wieder der Muth des vor Schrecken bleichen Schiffsvolkes; ſie verſpotteten mit Geberden ihren verkrüppelten und nun unmächtigen Feind, als ihr leichtes Schiff vor dem Wind dahinflog. „Warum kommt Ihr denn nicht?“ ſchrieen Einige. Seh Giaour, ſeh feiger Kaffir, wir ſegeln von Dir weg, wa⸗ rum folgſt Du uns nicht wie vorhin? Komme nur, komme. Wir können nicht auf Dich warten. Wir müſ⸗ ſen eilig unſere Reiſe fortſetzen,“ Durch ſolche und ähnliche Ausdrücke gab das Schiffsvolk ſeine Freude über ſein Entkommen kund; bei ihrem ſchnellen Segeln verloren ſie die Corvette bald aus dem Geſicht. So lange man ihre Bewegungen unterſcheiden konnte, blieb ſie mit dem Schnabel gegen den Wind, das Verdeck war theilweiſe unter den Wel⸗ len, welche ſich in Fluthen über demſelben brachen. Dicke Rauchwolken ſtiegen von dem Theile des Verdeckes wo der vordere Maſt geſtanden war, und verbreiteten ſich hinter den noch ſtehen gebliebenen Maſten; nach und nach wurde jedoch der Qualm ſchwächer, und das Feuer ſchien gelöſcht zu ſeyn. Sie hatten ſo wenig Er⸗ barmen mit dem türkiſchen Fahrzeuge gehabt, daß dieſe nun gar kein Mitleid mit ihrem Schickſale fühlten, was auch immer ſeyn mochte. Nur die, welche ſelbſt einer gränzenloſen Gefahr entronnen ſind, wenn entweder Tod oder Sklaverei ſie hedrohte, können vollkommen die Gefühle der Dankbarkeit 44 und Zufriedenheit würdigen, welche unſeren Helden be⸗ ſeelten, als die letzten Topmaſtſegel des ruſſiſchen Schiffs hinter dem Horizonte hinabſanken; und nur die, welche einen geliebten Gegenſtand aus einer drohenden Gefahr errettet ſahen, können die Gefühle des jungen Conrin begreifen; denn Wenige lieben mit ſolcher Innigkeit, wie der ſonderbare begeiſterte Knabe ſeinen Herrn liebte. Sie ſetzten ihren Weg fort und ſegelten den ganzen Tag vor dem Winde, welcher ſie gegen ihre Beſtimmung brachte, jedoch unter im ährender Beſorgniß, auf einen anderen ruſſiſchen Kreuzer zu ſtoßen; es erſchien jedoch kein Segel, um ſie von Neuem in Schrecken zu ſetzen. Bei Nacht ließ der Wind, welcher immer günſtig ge⸗ blieben war, etwas nach; während von dem Maſte aus ſtrenge Wache gehalten wurde, um entweder einen etwai⸗ gen Feind oder die Kuͤſte zu entdecken, von der ſie, wie ſie wohl wußten, nicht mehr ferne ſeyn konnten. Viertes Kapitel. Chi va lontan dalla sua patria vede Cote da quel che già creder lontane, Che narrandole poi non se gli crede, E stimato bugiardone rimane. Orlan do furioso. Das Land der Tſcherkeſſenſtämme iſt gegen Norden von dem Kubanfluſſe begränzt, welcher es von dem Lande trennt, das die Tſchernemorskoi⸗Koſaken bewohnen, welche die Ruſſen, nachdem ſie die früheren Bewohner gänzlich zernichtet hatte,(dieſe Worte nicht in einem bildlichen Slun genommen), hierher legten, um dem Reiche als ſtarkes kräftiges Vorwerk zu dienen. Von den Mündungen des Kuban an iſt es durch das ſchwarze Meer begränzt, deren Ufer ſich von Nordweſt nach Südoſt ziehen bis Iskuria an der Mündung des Salamache⸗ Fluſſes, der es ſüdlich von der Provinz Mingrelien 1 4 4⁵ trennt, die nun dem Namen nach Rußland unterworfett iſt. Gegen Südoſt iſt das frühere Königreich Georgien, welches nun auch unter dieſelbe wohlthätige und weit ausgebreitete Herrſchaft gebracht iſt. Gegen Nordoſt fließen der Kuban, und viele in ihn einmündende Berg⸗ flüſſe innerhalb ſeiner gegenwärtigen Gränzen; die Ebene außerhalb iſt durch die Ruſſen erobert. Gegen Oſten ſind die Gränzen unbeſtimmt und reichen an jene natür⸗ lichen Befeſtigungen, die unzugänglichen Berge des Kau⸗ kaſus; aber ſelbſt die Stämme an der Küſte des kaſpi⸗ ſchen Meeres boten den eindringenden Ruſſen Trotz, und ſchloſſen ſich dem Bunde der patriotiſchen Tſcherkeſſen an. Das eigentliche Tſcherkeſſten iſt in Unter⸗ Abaſien, gegen Norden an den Kuban angränzend, und Ober⸗ Abaſten gegen Süden, eingetheilt; die Bewohner des erſteren ſind bei weitem civiliſtrter und gebildeter, als die anderen; doch ſtimmen beide in gleicher Verachtung ihrer Feinde überein. Dieſe beiden Abtheilungen ſind wieder in Provinzen getrennt; Kottakhaotzi, Khapſoukhi, Bredoukha, und Demirghoi find die von Unter⸗Abaſien, welches der Theil des Landes iſt, in den wir unſere Leſer nun führen werden. Die einzelnen Stämme ſind ſtreng von einander geſchieden, obgleich die Mitglieder derſelben in allen Theilen des Landes zerſtreut leben. . Der ganze, noch unabhängige Theil Tſcherkeſſiens iſt Bergland; dieſes allein war im Stande, der außer⸗ ordentlich überlegenen Macht, welche die Ruſſen gegen daſſelbe aufboten, zu widerſtehen; die Stämme in der Ebene haſſen jedoch gleichfalls ihre Unterjocher, und be⸗ nützen jede Gelegenheit, zu entkommmen und ſich an ihre immer freien Landsleute anzuſchließen. In der That ſind ganze Stämme oder doch der größere Theil derſelben ausgewandert, um ſich von dem Drucke Rußlands zu beſreien, überließen ſie ihre Heimath, ihre Felder und all ihr Eigenthum dem Verfall und der Zerſtörung. Es ſind keine Städte oder größere Orte in Tſcher⸗ keſſten; die Bewohner ziehen die Freiheit und Unabhän⸗ & 48 gigkeit des Berglebens dem Zwang und den Formalitä⸗ ten der Städte vor; jeder Häuptling wählt den ſchönſten und romantiſchſten Fleck zu ſeiner Wohnung, und ſein Gefolge und die von ihm Abhängigen laſſen ſich in klei⸗ nen Weilern in der Nachbarſchaft nieder. Die Hauptzuflüſſe des Kuban ſind der Kara⸗Kuban, der Ubin, der Aranos, der Laba und der Urup; die Flüſſe, welche ſich ins ſchwarze Meer ergießen, ſind der Sukhoi, der Mezi in der Nähe des ruſſiſchen Forts Ghelendjik, der Taughe, der Soubacki, der Ober⸗ und Unter⸗Abaſien trennt, der Kenehili, der Athena, der Ko⸗ dos und der Salmache, der das Land von Mingrelien ſcheidet. Zahlreiche andere Flüſſe und Bäche ziehen durch das ganze Land und befruchten die Thäler. Zu der Zeit, in welcher unſere Geſchichte vorfällt, hatten die Ruſſen nacheinander mehrere Forts innerhalb der Gränzen des Landes errichtet; die beiden Feſten Anapa und Ghelendjik an der Küſte wurden unter dem Schutze einer mächtigen Armee und dem Beiſtand der Kanonen ihre Schiffe erbaut. Auch haben ſie eine befeſtigte Linie nördlich vom Kuban angelegt; die be⸗ deutendſten, feſten Städte derſelben ſind: Ekatermodar, Labinskai, Stavrapol, Alexandrof und Georgivesk, und bilden eine Verbindungslinie zwiſchen dem ſchwarzen und kaſpiſchen Meer, welche der Valdi Kaukaſus genannt wird. Aber ſelbſt zwiſchen dieſen Städten können ſich die Ruſſen nur mit ſtarker Eskorte bewegen, weil ſie ſonſt große Gefahr laufen würden, von den Bergbewohnern abgeſchnitten zu werden, welche von ihren Höhen her⸗ abſteigen, und oft ſehr viele Streifereien unternehmen. Es ſind noch andere Forts von geringerer Wichtigkeit vorhanden, welche im Verlaufe der Geſchichte erwähnt werden.— Der Urſprung der Tſcherkeſſen gleich dem aller Na⸗ tionen, welche ihre Geſchichte blos durch Traditionen kennen, iſt in Dunkel gehüllt. Sie machen ſelbſt keinen Anſpruch darauf, zu wiſſen, von welcher Race ſie ab⸗ 47 ſtammen; es iſt jedoch gewiß, daß ſie von hohem Alter ſind, und jederzeit wegen ihrer Tapferkeit und anderer kriegeriſchen Tugenden wegen ihrer Gaſtfreundſchaft und der außerordentlichen Schönheit ihrer Frauen berühmt waren. Einſt bewohnten ſie einen ſehr ausgedehnten Landſtrich, der noch die Krimm und die Länder am Mar⸗ morameere und dem Pontus Euxinus begrief; die Stämme, welche in jenen Gegenden wohnten, ver⸗ miſchten ſich aber entweder mit den Tartaren, oder wurden ſie durch die überlegene Zahl dieſes Volkes ver⸗ trieben, ſo daß der reine Stamm nur noch in den Ber⸗ gen des Kaukaſus oder in den Ebenen in der Nähe der⸗ ſelben zu ſinden iſt. Es iſt wahrſcheinlich, daß die Tſcherkeſſen von Me⸗ diſcher Abkunft ſind, und einſt ſo civiliſirt, als eine der umgebenden Nationen waren, wenn nicht noch mehr; man muß jedoch zugeben, daß, obgleich ſie in Künſten und Wiſſenſchaften mit ihren Nachbarn nicht gleichen Schritt hielten, ſie doch in höͤherem Grade die gaſtfreien, großherzigen Sitten und die heroiſchen Tugenden, welche den Stolz der Nationen des Alterthums bilden, bewahrten. Die Stamme, welche ſich rühmen, zu der reinen Race zu gehören, die nicht mit fremdem Blute vermiſcht iſt, legen ſich ſelbſt den unterſcheidenden Namen Atteghei bei, und reden ihre Sprache wenigſtens in Groß⸗ und Klein⸗Karbadien mit der größten Reinheit. Dieſe Pro⸗ vinzen ſind ſeit undenklichen Zeiten durch die wahren Tſcherkeſſen bewohnt, welche ſich von dort über die an⸗ grenzenden Diſtrikte entweder durch Eroberung, oder da ſte das Land unbeſetzt fanden, ausbreiteten. Das Volk, dem wir den allgemeinen Namen Tſcher⸗ keſſen geben, nennt ſich ſelbſt Atteghei, viele Schrift⸗ ſteller erwähnen ihrer als Carbadier, von der oben ge⸗ nannten Provinz Carbadien, waͤhrend die Ruſſen und Türken ſie ohne Unterſchied Abaſter nennen. Es giebt vier Klaſſen der Geſellſchaft unter ihnen; zuerſt die der Pchees oder Prinzen, welche die Haͤupter 43 der maͤchtigen Staͤmme ſind; denn die Ouzdens oder Edeln, von denen viele gegenwärtig, keine wirkliche Macht beſitzen, es jedoch verabſcheuen, ihr Blut mit den, unter ihnen ſtehenden, zu vermiſchen; die Tocavs oder Freien; von dieſen beſitzen viele Vermögen und find den Edeln, im Blut ausgenommen, ganz gleich; und endlich die Diener oder Leibeigene, die im Kriege ge⸗ fangen werden, und zu Zeiten in die Stämme ihrer Herrn einverleibt werden, und die Freiheit erhalten. Die Macht der Prinzen hat in den letzten Jahren ſehr abge⸗ nommen, doch werden ſie von denen, in einem unterge⸗ ordneten Range ſtehenden, mit der größten Ehrfurcht behandelt. In manchen Stämmen ſind die Häuptlinge erblich, während in anderen das Oberhaupt unter den vorneh⸗ meren Edeln auf Lebzeit gewählt wird, den Fall ausge⸗ nommen, daß er ſich unfaͤhig zeigen ſollte, wo er dann abgeſetzt und durch einen anderen erſetzt wird. Zu Zeiten wird auch anſtatt eines Oberhaupts eines Stammes ein beſonderer Führer in den Krieg gewählt und der vorige beſorgt blos die bürgerlichen Angelegenheiten. In keinem Lande wird den in Rang oder Alter vor⸗ gehenden mehr Achtung erwieſen, und in keinem iſt der Geiſt des Zuſammenhaltens weiter gediehen; alle ſind verpflichtet, den Tod eines Angehörigen ihres Stammes an dem Mörder zu rächen, oder im Fall der Mörder nicht zu finden wäre, an irgend einem anderen Gliede ſeiner Familie; das lex Talionis iſt das Hauptgeſetz des Landes und muß es in allen Ländern ſeyn, wo keine mehierung aufgeſtellt iſt, von der die Gerechtigkeit ausgeht. Die Regierung gleicht in der That, ſo wie ſie iſt, mehr einem Freiſtaat, als einer Oligarchie, denn die Angehörigen jeden Standes geben ihre Meinung und Stimme bei öffentlichen Zuſammenkünften, obgleich die Prinzen und Häupter den größten Einfluß haben und ihren Anſichten die größte Achtung widerfährt. Es giebt 49 vielleicht kein Land, das freier iſt, und mit mehr Regel⸗ mäßigkeit und Ordnung regiert wird. Jeder Mann kann ſich, wenn er bedrückt wird, von ſeinem Oberhaupte losſagen, und unter den Schutz eines anderen ſtellen, und wechſelt dann ſeine Ländereien nach Belieben mit anderen, die er unbeſetzt findet, da Keiner das Recht hat, ſich Ländereien anzueignen, die er nicht bebaut. Obgleich ſie durch viele Generationen unter den Nachkommen eines Haͤuptlings geblieben ſind, ſo bindet ſte doch kein anderes Band, als das der Liebe und Ach⸗ tung, und jede Klaſſe bewahrt ihre Privilegien ſo ſorg⸗ fältig, daß es keinem Oberhaupte gelungen iſt, das Ganze unter ſeiner eigenen Macht zu vereinen. Sie haben nur wenige einfache Geſetze, die dem Zuſtande der Geſellſchaft ganz angemeſſen ſind, und ſo ſtreng gehalten werden, daß ſie im Verhältniß ſelten verletzt werden; jeder Stamm iſt für die Verbrechen eines einzelnen Mitgliedes verantwortlich, welches folglich zu⸗ nächſt ſeine eigenen Freunde verletzt. Alle Klagen wer⸗ den durch eine Juri geſchlichtet, die aus ſechs Mitglie⸗ dern des betreffenden Stammes zuſammengeſetzt iſt; es werden gewöhnlich Vermögensſtrafen feſtgeſetzt; ſo iſt die Strafe für einen Todſchlag zweihundert Stück Ochſen; ähnliche Strafen ſind auf Diebſtahl, Raub u. dgl. ge⸗ ſetzt. Wenn die Geldſtrafe auf die beſtimmte Zeit nicht gezahlt iſt, ſo führen die Kläger das Vieh weg und zerſtören Felder und Wohnungen ihrer Schuldner. Man muß ſich nicht denken, daß dieſe Stämme der Atteghei beſondere Racen ſind, ſondern es find blos Fa⸗ milien, die ſich vielleicht vor Alters durch einen feierlichen Eid ſich gegenſeitig in jeder Lage zu unterſtützen ver⸗ banden, und eine Brüderſchaft bildeten, die ſich gegen⸗ ſeitig als ſo nahe Verwandte betrachteten, daß ſie ſich unter einander nicht einmal verheiratheten. Der religiöſe Glauben des Volkes iſt auf den Glau⸗ ben an ein einziges, allmächtiges Weſen und die Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. II. 4 5⁰ Unſterblichkeit der Seele gegründet; ſie haben jedoch keine angeſtellten Prieſter. Die älteſten und ehrwürdigſten Häuptlinge, oder die, welche wegen ihrer Frömmigkeit beſonders bekannt ſind, verrichten die wenigen und ein⸗ fachen Ceremonien der Religion. Der Ort, wo die An⸗ dacht verrichtet wird, iſt irgend ein abgeſonderter Hain, mit alten, hohen Bäumen, welche von ihren Vorfahren ihres Alters wegen geheiligt wurden, und deren Gräber auch um dieſelben herumliegen. Nun fragen wir unſere Leſer, ob ein ſolcher Gottes⸗ dienſt nicht geeigneter iſt, das göttliche Weſen zu ver⸗ ehren, als der Aberglauben und der Bilderdienſt, der in tiefe Finſterniß geſunkenen Ruſſen, die kaum den Namen ihres Schöpfers kennen. Es iſt nicht der geringſte Zweifel, daß das Chriſten⸗ thum einſt die vorherrſchende Religion des Landes war, und man findet jetzt noch in allen Theilen deſſelben Kreuze, welche vom Volk mit der größten Verehrung betrachtet werden; auch ſind noch Ruinen von verſchie⸗ denen Kirchen vorhanden. Man ſagt, in einigen Gegen⸗ den des Innern, in den abgelegeneren Diſtrikten Unter⸗ Abaſiens bekenne ſich das Volk immer noch zu der chriſt⸗ lichen Religion, ohne alle Beimiſchung heidniſcher Ge⸗ bräuche.. Die Tſcherkeſſen theilen die Woche ein wie wir und betrachten auch den Sonntag als den geheiligten Tag. Oſtern wird bei ihnen als heiliges Feſt mit größtem Pomp gefeiert, und mit ſtrengem Faſten begonnen. Sie haben verſchiedene Heilige oder untergeordnete Gottheiten, Schutzheilige, wie ſie ſagen, der Luft, des Waſſers, der Erndte, des Sommers, zu deren Ehren ſie Feier⸗ lichkeiten und Feſte halten, wie in unſeren Ländern die Katholiken. Beſonders eines wird bei ihnen auf ähn⸗ liche Weiſe gefeiert wie das St. Johannis Feſt in Deutſch⸗ land, indem an einem Baume Blumen, Lichter und andere Zierrathen angebracht werden. Dieſe Tage aus⸗ genommen, erweiſen ſie ihren Schutzheiligen keine Auf⸗ 51 merkſamkeit und ſelbſt an dieſen beten ſie nicht zu denſelben ſondern bringen blos Schlachtopfer am Altare, ähnlich den heidniſchen Gebräuchen der alten Griechen und Römer. Sowohl ehe ſie in die Schlacht gehen als auch nach einem Siege begeben ſie ſich in ihre geheiligten Haine um dort zu beten. Bei ihren Heirathen finden keine religiöſen Cere⸗ monien ſtatt, das Paar verſpricht ſich blos die Ehe in Gegenwart ſeiner Freunde;(wie es nun in dem civili⸗ firten England auch der geſetzliche Weg iſt, Ehen zu ſchließen) hierauf werden Feſtlichkeiten und Spiele gegeben. Die Begräbniß⸗Ceremonien ſelbſt bei einem Ober⸗ haupte oder Krieger ſind einfach und beſtehen blos in einer Leichenrede, die über dem Grabe gehalten wird, während deſſen von denen, welche die Prozeſſion zur Ruheſtätte des Geſchiedenen begleiten, Hymnen geſungen werden. Der Jahrestag des Hinſcheidens wird durch Feſte gefeiert und über dem Grabe, das mit Blumen bedeckt wird, werden Gebete geſprochen. In den letzten Jahren wurde durch die Türken der Muhamedismus im Kaukaſus eingeführt und eine ziem⸗ liche Anzahl von Moſcheen errichtet, derſelbe hat jedoch keinen feſten Grund gefaßt; ihre alten Einrichtungen haben ſich zu feſt in das Herz des Volkes gegraben, und ob⸗ gleich ſich ſehr viele nun zu demſelben bekennen, ſo geſchieht es doch nur ſo weit derſelbe mit jenen alten Gebräuchen und mit ihren Neigungen übereinſtimmt. Die Tſcherkeſſen ſind im Allgemeinen ein ſehr nüch⸗ ternes mäßiges Volk und leben hauptſächlich von Mehl⸗ ſpeiſen, obgleich ſie geiſtige Getränke und Wein beſitzen, genießen ſie ihn mäßig und gönnen ſich denſelben wie auch das Fleiſch nur an ihren Hauptfeſten. „S ie ſind gaſtfreundſchaftlich in ſehr hohem Grade, ihre Gaſthäuſer ſind immer zur Aufnahme von Be⸗ ſuchen geöffnet; ſie wurden jedoch durch die zu oft auf Anſtiften der Ruſſen gegen ſie vesͤbte Verrätherei gelehrt u8 52 vorſichtig gegen Fremde zu ſeyn, welche ohne Empfehlung zu ihnen kommen. Jeden, der ihr Land unter dem Schutze eines ihrer Oberhäupter beſucht, ſind ſie jedoch bereit aufs Aeußerſte, ſelbſt mit ihrem eigenen Leben zu be⸗ ſchützen, und ſie wetteifern gegenſeitig mit einander in dem edeln Streben, ihren Gäſten Aufmerkſamkeit zu er⸗ weiſen. Sie hegen die größte Verehrung gegen das Alter, ſte hören auf die Rathſchläge der Aelteſten und befolgen ihre Befehle. Gegen das weibliche Geſchlecht zeigen ſie ebenfalls ritterliche Artigkeit. Das Lieblingsthema ihrer Sänger iſt nächſt den Thaten ihrer Krieger das Lob weiblicher Reize, und ſelbſt der ſtolzeſte Edle behandelt das niedere Mädchen mit aller Rückſicht und Achtung und hält es nicht unter ſeiner Würde ihr in irgend einer Beſchäftigung, welche ſie eben vornimmt, behülflich zu ſeyn. Die niederen Klaſſen haben die Gewohnheit, ihre Töchter auf den Matrimonial⸗Markt nach Konſtantinopel zu ſchicken,(wenn ſie damit einverſtanden ſind) und brauchen die größte Vorſicht, daß ſie ſicher dort an⸗ kommen. Auch treffen die Tſcherkeſſen ſolche Vorſichts⸗ maßregeln, daß ſie fortwährend Nachrichten über das Beſinden ihrer Töchter in der Türkei erhalten, und zwingen dieſelben nie gegen ihren Willen zu gehen und ſtellen ihnen auch nicht, wie es oft in den civilifirteſten Ländern Europas vorkommt, die traurige Alternative eine ver⸗ haßte Verbindung einzugehen oder auf das ganze Leben in ein Kloſter geſperrt zu werden. Die Edeln erlauben ihren Töchtern nie einen Mann zu heirathen, der im Range unter ihnen ſteht, und wenn ſie dieſelben nach Stambul ſchicken, ſo iſt es, damit ſie die Favorit⸗ Sultanin im Harem irgend eines Paſcha werden, eine Stelle, welche die ſchönen Mädchen als das glücklichſte Loos betrachten, das ihnen widerfahren kann, obgleich ſie die Freiheit ihrer Berge gegen ein reiches glänzendes Gefaͤngniß vertauſchen; ſie gewinnen jedoch, was ſie in — 53 der Heimath nie könneu, durch den Tod ihres Herrn gänzliche Freiheit und häuſig noch ein bedeutendes Ver⸗ mögen. Die tſcherkeſſtſchen Mädchen ſind in den türiki⸗ ſchen Harems ſehr geprieſen ſowohl wegen ihrer Schönheit als wegen ihrer verſchiedenen ſchönen und zweckmäßigen Arbeiten. Wir haben ſchon geſagt, daß keine Städte vor⸗ handen ſind und daß das Volk in Dörfern, kleinen Wei⸗ lern oder einzeln liegenden Höfen wohnt. Die Häͤuſer beſtehen nur aus einem einzigen Stock, ſind von Holz gebaut, übertüncht und mit zierlichen Strohdächern be⸗ deckt. Die Wohnung eines Oberhaupts hat mehrere abgeſonderte Abtheilungen; das Zimmer für die Frauen, das für den Herrn ſelbſt, und das Gaſthaus; ferner ſind in der Nähe Häuſer für die Dienerſchaft, Scheu⸗ nen und Stallungen für die Pferde und für das Vieh. Es iſt eigen das Innere eines Hauſes, welches das Ausſehen einer geringen Hütte hat mit koſtbaren ſeidenen Polſtern, prächtigen türkiſchen Teppichen, glänzenden Waffen und Schilden, eingelegten Tiſchen und anderen Gegenſtänden von Werth ausgeſchmückt zu ſehen. Einige von den Dörfern ſind befeſtigt, jedoch nur ſo, daß ſie gegen Geſchütze keinen Schutz gewähren. Sie ſind in der Regel am Ufer irgend eines ſchöoͤnen Stromes und in den maleriſchſten Gegenden erbaut. Ihre Sprache iſt von allen anderen Sprachen gänz⸗ lich verſchieden, aber die türkiſche und arabiſche Sprache verſtehen mehrere Häuptlinge, welche früher in der Türkei und in Egyptien gedient haben. Mehrere derſelben waren auch in ruſſiſchen Dienſten geweſen, haben es jedoch vor⸗ gezogen in ihr Geburtsland zurückzukehren und ihre Rechte zu vertheidigen, ſtatt unter einem Despoten in Lurus und in Fülle zu leben. „Ihrer Ausſage nach beläuft ſich die Zahl ihrer Kämpfer auf zweimalhunderttauſend, aber jeder Mann bei ihnen iſt Krieger. Die Künſte ſind auf einer niederen Stufe bei ihnen, doch beſitzen ſie eine große Geſchicklichkeit im Schmieden ihrer Schilde und Waffen, welche ſehr ſchön gearbeitet find. Sie machen auch Gold⸗ und Silberſtickereien, man muß jedoch geſtehen, daß von Viſſeenſchaft keine Spur bei ihnen zu finden iſt; auch haben ſie nicht ein⸗ mal Schriftzeichen für ihre Sprache; nur wenige von ihnen können türkiſch leſen, doch haben ſie die größte Achtung vor dem Koran, auf welchen ſie ihre Eide ablegen. 5 Sie ſind ſehr betriebſam und haben ihr Land auf den höchſten Grad von Cultur gebracht, was ihnen mög⸗ lich macht, unterſtützt von der Fruchtbarkeit des Bodens, die im Verhältniß zur Ausdehnung des Landes ſehr ſtarke Bevölkerung zu ernähren. Die Maiereien haben ein ſehr freundliches Ausſehen und ſind von ſchönen Baumgärten umgeben. Auch beſitzen ſie große Heerden von Schaafe und Vieh. Bei allen öffentlichen Gelegenheiten und im Kriege tragen die Häuptlinge glänzende Rüſtungen, welche ſehr viel Aehnlichkeit mit denen der alten Perſer haben, aus deren Land ſie dieſelbe gegenwärtig noch öfters beziehen. Bei Gelegenheiten, wenn beſondere Thätigkeit nöthig iſt und ſie nicht wollen, daß man ſie von ihren Gefährten unterſcheiden kann, tragen ſie auch unter ihrer gewöhn⸗ lichen Kleidung nur leichte gepanzerte Waffenroͤcke von ausgezeichneter Arbeit, deren viele im Land ſelbſt ver⸗ fertigt werden, andere auch von Perſien bezogen werden. Sie haben Gewehre und Piſtolen; viele benützen aber immer noch den langen Bogen und Pfeil, mit welchem ſte ihr Ziel ſicher und tödtlich treffen. Auch haben ſte lange Schwerdter und zweiſchneidige breite Meſſer, wie ſie bei den alten Römern im Gebrauch waren und dieſe ſind in ihren Händen eine ſehr mörderiſche Waffe; über⸗ dieß ſindet man noch bei ihnen ſcharf geſchliffene Säbel ohne Schutzſpangen am Degengefäß. Der gewöhnliche Anzug aller Klaſſen iſt elegant und maleriſch. Es giebt viele wilde Thiere in Tſcherkeſſien, wie 5⁵ Bären, Wölfe, Schakals und Hirſche, welche das Volk gerne jagt. Ihre Pferde ſind wegen ihrer ſchnellen Gang⸗ arten und ihrer Kraft berühmt und vielleicht ſind ſie die gewandteſten Reiter der Welt. Wir wollen nun den Charakter der Tſcherkeſſen zu⸗ ſammenfaſſen. Keiner ihrer Feinde ſelbſt kann läugnen, daß ſie die heldenmüthigſte Tapferkeit und den entſchloſſen⸗ ſten Muth, die unbegränzteſte Liebe zur Freiheit beſitzen, daß ſie ſo gaſtfreundlich ſind als es nur immer ihre Mittel erlauben, großmüthig im Extrem, tugendhaft in ihrem Leben und ſehr nüchtern und mäßig; daß ſie das Alter verehren, arrig und galant gegen Frauen und zuvor⸗ kommend gegen jeden Anderen ſind, beſonders gegen Fremde, menſchlich gegen ihre Gefangenen; daß ſie einen feſten Glauben an die göttliche Güte haben, ein tiefes Gefühl für Religion und daß ſie den Eid aufs ſtrengſte halten und ihn nie verletzen; dieß iſt der durchaus nicht übertriebene oder mit zu ſtarken Farben aufgetragene Charakter dieſes Volkes, das die Ruſſen unzähmbare Barbaren nennen, welche von der Oberfläche der Erde zu vertilgen eine Wohlthat für die Menſchheit wäre. Fünftes Kapitel. Schweigend ſtand Madoe, von Allen entfernt, Und dachte nur an ſeine Plane, In Träumen voll Hoffnung bald, bald aber auch Von Zweifeln und Aengſten gequälet. Southey. — Die nun wieder ruhige, ſpiegelähnliche Oberfläche des Waſſers war von dem Reflex des Himmels orange⸗ roth gefärbt, als die Sonne in majeſtätiſcher Pracht aus dem Ocean auftauchte. Die Segel des türkiſchen Schif⸗ fes wurden von den Strahlen derſelben hell beleuchtet 56 als daſſelbe von einem ſanften Wind getrieben, leicht durch die See von geſchmolzenem Golde dahin glitt. Als die Nebel nach und nach vom Horizonte wichen, und eine deutliche Ausſicht auf den Ocean eröffneten, ſo weit das Auge reichen konnte, rief der Mann am Maſte freudig aus:„Abaſten, Abaſten! Land, Land! das Land der Tſcherkeſſen!“ Dieſe Worte brachten eine electriſche Wirkung hervor. Alle an Bord wendeten ihren Blick nach Oſten. Der Hadji und die andächtigen Mohamedaner unterbrachen ihr Morgengebet, die Ma⸗ troſen ſtiegen an den Tauen und Strickleit ern hinauf; und als ein leichter, gasähnlicher Nebel gegen den Him⸗ mel aufgeſtiegen war, erhoben ſich in der Ferne die blauen Berge der hohen Kaukaſus⸗Kette über das Waſſer. Ivan's Herz ſchlug mit enthuſtaſtiſcher Freude, als er auf ſein Geburtsland blickte, das Land ſeiner Hoff⸗ nungen und ſeines Strebens. Die Erfüllung ſeiner ſehn⸗ ſüchtigen Wünſche, die Vollziehung ſeines Gelübdes war nicht mehr ferne. Er warf einen ernſten Blick auf dieſe Scene, als Berg hinter Berg und Hügel hinter Hügel aufſtieg. Da die Barke ſich ſchnell dem Lande näherte, konnte man bald die kleinſten Theile der Landſchaft unterſchei⸗ den; man ſah Berge von allen möglichen phantaſtiſchen Formen auf einander gethürmt und in einen grunen Mantel mit einer üppiger Vegetation gehüllt, welcher ſich vom Saum der glänzenden Waſſeerfläche bis auf die höchſten Pics erſtreckte, die ſich in den blauen Wolken zu verlieren ſchienen. Bäume vom verſchiedenſten Laub⸗ werk hiengen über ſteilen, ſchroffen Felſenabhängen und Klüften, welche ein lächelndes Thal begränzten, in dem ſich ein klarer Bach ſchlängelte; an den Abhängen wei⸗ deten Heerden von Vieh, während eine große Anzahl von Pferden in unbeſchränkter Freiheit über die wie Sammt ausſehende Ebene hin galoppirte. Das Schiff näherte ſich einem Theile des Landes, der viel weiter ſüdlich lag, als der Ort ihrer Beſtim⸗ » 57 mung; während ſie ruhig gegen die Küſte hinfuhren, betrachtete Ivan mit unverwandten Blicken die Scene vor ſeinen Augen. Soweit das Auge reichte graſten zahlreiche Heerden weißer Schafe, und von Felſen zu Felſen hüpften in munteren Sprüngen die langbeinigen, feingliedrigen Ziegen. Er blickte auf die unſcheinbaren Wohnungen ſeiner Landsleute, welche auf den Abdachungen der leicht an⸗ ſteigenden Hügel, mitten in Feldern von reifem Korne erbaut waren; die Maiereien waren von Gruppen mit Früchten beladener Bäume umgeben, zwiſchen denen ſich der von ihren häuslichen Herden aufſteigende Rauch in geraden Säulen erhob. Die ganze Umgebung glich der Wohnung der Zufriedenheit und des Friedens— doch leider nur ſcheinbar und trügeriſch. Ein einziger Tag konnte dieſen Platz in eine wüſte und traurige Einöde umwandeln. Der würdige Hadji war ganz begeiſtert vor Freude, gieng mit der Beweglichkeit und Thätigkeit der Jugend auf dem Verdecke hin und her und ſagte Ivan die Na⸗ men der verſchiedenen kleinen Päſſe, Buchten, Thäler und Berge, während ſie längs der Küſte hinfuhren. Im Vorbeigehen wurden ſie von mancher Bande von Kriegern gegrüßt, welche gegen den Kriegsſchauplatz nach Norden eilten, wo ihre Feinde gelandet waren. Manches tapfere Oberhaupt galoppirte in ſeinem Kampf⸗ ſchmucke, ſeiner in der Sonne glänzenden Rüſtung her⸗ bei, und ſchwang ſein funkelndes Schwert zur Begrü⸗ ßung; ſie waren gewöhnlich von einem großen Gefolge begleitet, das Verwünſchungen auf die Feinde ausſtieß und Siegeshymnen ſang. Keiner ſchien in Ivan's Gefühle ſo einzugehen, wie der junge Conrin, deſſen Augen den Glanz einer bei ihm ganz ungewoͤhnlichen Freude trugen, wenn er hin und wieder in das Geſicht ſeines Herren blickte, und dann die liebliche Scene betrachtete, deren Schönheit er mit der Begeiſterrng eines Liebenden zu genießen ſchien. 58 Der Ort, an welchem der Reis zu landen befahl, befand ſich in der Nähe der Bai von Pchad, welche ſie nun bald zu Geſicht bekamen. Hier bedeckte ein ſehr dichter Wald von Laubholz die Abhänge des Berges und die Küſte bis an's Ufer des Waſſers, und bot den Ein⸗ wohnern einen ſicheren Schutz, um feindliche Schiffe zu zerſtören, die es wagen ſollten, eine Landung hier zu verſuchen. Die Barke fuhr bald gegen den feinen, gel⸗ ben Sand an, der ſchon von naheſtehenden Bäumen be⸗ ſchattet war; als ſie ſich dem Ufer näherte, kam ein Mann in einer glänzenden Rüſtung und einem durch eine Adlersfeder geſchmückten Helm, welche ihn als Häupt⸗ ling bezeichneten, auf einem kohlſchwarzen Pferde gegen das Waſſer geritten; er trieb ſein edles Thier hierauf bis an die Gurten in die See, ſchwang ſein Schwert und winkte den Fremden artig an's Land. Nachdem er ſie gegrüßt hatte, zog er ſich wieder langſam und mit Würde vom Ufer zurück. 3 Als der Kiel des Schiffes bereits den Sand be⸗ rührte, wurde der Anker ausgeſetzt, die Segel wurden durch die vergnügten Matroſen ſchnell aufgerollt und eine allgemeine Heiterkeit herrſchte, daß dieſes gefährliche Abenteuer ſo glücklich überſtanden war. In einem Au⸗ genblick war das Schiff von Booten umgeben, welche die Ladung deſſelben an's Ufer bringen wollten, ehe man das Schiff ſelbſt an das flache Ufer unter den Schutz der Bäume zog. In das erſte ſtiegen der Hadji, unſer Held und ſeine zwei Gefährten, und als es den Strand Tſcherkeſſiens berührte, kamen die Eingeborenen ſchaarenweiſe herbei, um die Fremden an ihrer Küſte zu bewillkommnen. Ivan’s Herz ſchlug freudig, als ſein Fuß ſein Ge⸗ burtsland betrat, und er wäre gern aus Dankbarkeit gegen den Himmel niedergekniet und hätte den Boden geküßt, nachdem er ſich ſo lange geſehnt hatte, aber die ſie umgebende Menge verhinderte ihn daran, ſeine Ge⸗ fühle preiszugeben. Für einen Augenblick bemächtigte 3 1 59 ſich ſeiner jene Empfindung von Schwermuth und Einſam⸗ keit, jenes unbefriedigte Gefühl, das uns öfters über⸗ fällt, wenn wir unſere Wünſche erfüllt ſehen, und bedrückte ſeinen Geiſt, als er dem Hadji mit ſeinen zwei Beglei⸗ tern gegen den Ort folgte, wohin ſich der Häuptling zurückgezogen hatte. Sobald letzterer den Hadji herbeikommen ſah, ſprang er von ſeinem Pferde, übergab es ſeinem Reittnechte und beeilte ſich, ihm entgegenzugehen. Die beiden alten Männer, denn der edle Krieger ſchien in Jahren ſehr vorgerückt zu ſeyn, ſprangen auf einaader zu, ſetzten ihre Würde bei Seite, fielen ſich in die Arme und weinten vor Freude. „Mein Bruder!“ rief der bejahrte Häuptling;„biſt Du in der That wieder von Deiner langen, gefahrvollen Pilgerſchaft unter fremden Völkern zuruͤckgekehrt? Sehe ich den edeln Stolz unſeres Geſchlechts wieder am Leben und in voller Kraft? Allah ſey für dieſe Gnade ge⸗ prieſen!“ „Ja, mein Bruder!“ erwiederte der Hadji,„ja Allah iſt gnädig. Ich bin allen Gefahren entgangen, und ich freue mich, Dich immer munter und im Stande zu ſehen, die Waffen gegen unſere Feinde zu tragen, aber ſage mir mein Bruder, wie geht es meinem Sohne Alp, meinem vielgeliebten jungen Sohne? Lebt der Knabe? Erfüllt er immer, was ſeine Jugend verhieß?“ „Dein Sohn, Bruder, iſt Deines Namens werth. Er wohnt immer bei ſeinem Attalick; da er nun aber in allen kriegeriſchen Künſten erfahren iſt, iſt er nun im Stande, Dir ins Feld zu folgen, und er hat bereits manche Ehre gegen den Feind geerntet. Es wird Dein Herz erfreuen, ihn zu ſehen, und Du wirſt Deine eigene Jugend wieder durchzuleben wähnen, wenn Du Dich ſelbſt in ihm wieder erkennſt.“ „Allah und ſein Prophet ſeyen geprieſen!“ erwie⸗ derte der Hadji andächtig.„Dann bin ich zufrieden. Aber ſage, mein Bruder, lebt mein Weib immer noch, 6⁰0 um ſich an den wachſenden Verſprechungen unſeres Soh⸗ nes zu erfreuen?“ „Ja, ja, ſie lebt noch immer.“ „Allah ſey geprieſen!“ rief der Hadji wiederum. „Und ſage, lebt meine Schweſter noch, freut ſie ſich eben⸗ falls über die edeln Thaten Deiner wackeren Soͤhne? Zählen ſie nun auch zu den feſten ⸗Bollwerken unſeres Landes? Führen ſie ihre Pferde gleich dem Rollen des Donners unter die Feinde?“ Der alte Krieger ſchüttelte das Haupt, „Leider! mein Bruder, hat das Blei der verhaßten „Urus*) zwei derſelben in das Grab unſerer Väter ge⸗ ſchickt, wo ſie den Schlaf der Tapferen ſchlafen; die übrigen leben aber noch, um ihr Schickſal zu rächen.“ „Gott iſt groß,“ antwortete der Hadji und mit ſeines Propheten Hülfe werden wir an ihren Feinden volle Rache nehmen.“ „Allah iſt gnädig und wird uns Blut für Blut geben,“ erwiederte der Andere.„Denke jedoch nicht, daß ſte ſtarben ehe ſie ihre Feinde ihren Tod theuer bezahlen ließen. Nein, Hunderte der fklaviſchen Urus fielen durch ihre ſiegreichen Säbel; und in dieſem Gedanken höre ich auf zu klagen; was iſt jedoch das Leben von Tauſenden von Urus gegen das eines einzigen wahren Sohns der Atteghei?“ „Bosh! gar nichts. Wie Spreu bei Korn oder wie Schlacken bei reinem Gold; wir wollen ſie aber rächen, Bruder, ſagte der Hadji, indem er ſein Schwert anfaßte.„Mein Herz wird freudig ſchlagen, weinn ich mich einmal wieder in den Reihen der Feinde befinde.“ „Das wird bald der Fall ſeyn, denn ihre Schiffe landeten erſt kürzlich mit einer bedeutenden Macht an der Küſte im Norden, wo ſie jetzt in ihren Forts eingeſchloſſen geb*6) Urus iſt der Name, welchen die Tſcherkeſſen den Ruſſen eben. 8 61 ſind. Aber ſage, wer ſind dieſe Fremden, welche Dich begleiten? Was thun ſie hier?“ „Im erſten freudigen Augenblick des Wiederſehens dachte ich nicht an ſie, ich will nun aber die Pflichten der Gaſtfreundſchaft üben.“ Indem er Ivan vorſtellte, fügte der Hadji hinzu;„ich bringe Jemand mit, der unſer Landsmann iſt, mein angenommener Sohn und nächſt Alp in meiner Liebe; betrachte ihn um meinetwillen als ſolchen.“ „Mir wird er immer willkommen ſeyn,“ erwiederte der Häuptling, indem er Ivan's Hand faßte.„Und ich will glauben, daß er werth iſt, ein wahrer Sohn der Atteghei zu ſeyn. Aber komme, wir wollen uns nicht mehr länger hier aufhalten. Er und ſeine Gefährten ſollen uns begleiten, während einige Lon meinem Ge⸗ folge hier bleiben, um etwas Gepäck vom Schiffe nach⸗ zubringen. Wir wollen uns alle zuſammen in die Woh⸗ nung des edeln Prinzen von Pchad begeben, wohin ich eben zu gehen im Begriff war, als ich das Schiff landen ſah. Er wird Euch mit offenen Armen empfangen. Fort meine Deli Khans,“ ſagte er, indem er ſich an einige junge Leute, welche in ſeiner Umgebung ſtanden, wandte.„Bringt dem edeln Prinz die Nachricht von unſerer Ankunft und ſagt ihm, daß uns überdieß noch mehrere Fremde begleiten.“ Der Häuptling und ſein Bruder entfernten ſich nun vom Ufer des Meeres, begleitet von Ivan und gefolgt von einer zahlreichen Truppe rüſtiger, junger Bergbe⸗ wohner, von denen jeder vollkommen bewaffnet war mit einem über den Rücken geworfenen Gewehr, einem Schwerdte an der Seite, und einem Meſſer im Gürtel, neben welchem mehrere noch Piſtolen hatten. Der Anzug beſtand aus einem eng anliegenden Rocke von dunkeln, mit Silber durchwirkten Tuche ohne Kragen, der vorn offen und durch Schnüre geknöpft war, und lang herab⸗ hängende Aermel hatte. Der Saum deſſelben reichte bis 3 auf die Kniee hinab; ferner aus weiten Beinkleidern, 62 die eng anliegend waren, aus geſtickten Stiefeln von ſchön zubereitetem Leder, und Gürteln um ihre Weſten von demſelben Leder. Ihre Mützen waren von Schafs⸗ fellen oder von dunkelm Tuche, die ganze Kleidung war elegant und maleriſch.— Die Geſellſchaft gieng eine Strecke weit durch ein dichtes Gehölz bis an einen ſanften Abhang, der aber bald von ſteilen Felſen begränzt wurde, welche ſich unter dem Schutze hoher, weit ausgebreiteter Buchen und ehr⸗ würdiger Eichen, die ihre dichtbelaubten Aeſte beinahe bis an den Saum des Waſſers ausſtreckten, erhoben. Sie kamen bald an den Eingang eines ſchönen Thales, welches ſich in Krümmungen nach innen erſtreckte. Nach⸗ dem ſie einige Zeit in demſelben weiter gegangen, waren ſie von ſteilen Felſen und Hügeln mit jahen, ſchroffen Abgründen gänzlich eingeſchloſſen; letztere waren mit ſchoͤngeformten Linden, dunkelbelaubten Maulbeerbäumen, prächtigen Kaſtanien, dunkeln und ſilberfarbigen Oliven und manchen anderen Bäumen begränzt; und als ſie auf dem ſich, an der ſteilen Seite der Hugel fortwindenden Wege weiter giengen, kamen ſie unter Bäumen vorbei, die von dem hochrankenden Weinſtocke und dem zierlichen Hopfen ganz umſchlungen und noch untereinander durch natürliche Guirlanden dieſer Pflanzen verbunden waren. Die entferntere Gegend wurde immer durch das Laub der Bäume verdeckt; plötzlich hörte man den Knall von Feuerwaffen und als ſie aus dem Dickicht auf einen offe⸗ nen Platz auf die Spitze des Hügels traten, ſahen ſie eine Parthie junger Reiter im Galopp auf ſie zureiten, welche ihre Schwerdter ſchwangen, ihre Piſtolen abfeuerten und ihnen Glückwünſche und Grüße zuriefen, die von der Parthie des alten Häuptlings beantwortet wurden, als ſich beide mehr genähert hatten. Ein ſchönes Dorf von kleinen Hütten ſchaute zwi⸗ ſchen den Bäumen hervor, die nun zum Vorſchein ge⸗ kommen waren. Getrennt von den übrigen Wohnungen ſtand eine, die größere Anſprüche auf Schönheit und 63³ Größe machen konnte; dieſelbe war von verſchiedenen, anderen Gebäuden umgeben, welche zu ihr gehörten. Aus dem Hauptthore der Umzäunung, welche das Ganze um⸗ ſchloß, näherte ſich der Parthie eeiin Mann, deſſen Aus⸗ ſehen Ivan mit Bewunderung erfüllte. Sein langer, weicher, weißer Bart, die tiefen Linien, welche ſein ausdrucksvolles Geſicht durchfurchten, und ſeine magere Figur gaben ihn als einen Mann von ſehr vorgerücktem Alter kund, obgleich ſeine Augen immer noch den Glanz und das Feuer der Jugend hatten. Er gieng aufrecht und feſt in vollkommener Rüſtung mit dem Helme auf dem Kopf, mit Küraß und Beinharniſch von polirten und reich eingelegten Stahlplatten bekleidet, und mit einer edeln, würdevollen Miene ſeinen Gäſten entgegen, um ſie in ſeiner Wohnung willkommen zu heißen. Er drückte ihnen artig die Hände.„Willkommen, mein edler Freund;“ ſagte er, ſich an den Häuptling wendend,„und auch Sie, ehrwürdiger Hadji, der Sie durch den Segen Allah's von Ihren Reiſen zurückgekehrt ſind, um Weisheit und Kenntniſſe in unſer Land zu bringen. Willkommen ſind auch dieſe Fremden, die ich unter Ihrem Schutze als meine Söhne und Freunde empfangen werde. Mein Haus und Alles, was Mah⸗ omod zu Gebot ſteht, ſteht zu ihren Befehlen.—“ „Edler Prinz,“ erwiederte der Hadji als Wortführer der Parthie,„es iſt nicht mein geringſtes Glück, bei meiner Rückkehr in mein geliebtes Land Sie noch am Leben zu ſinden, und Ihr Volk mit Weisheit und Ge⸗ rechtigkeit regieren zu ſehen. Gerne nehmen wir Ihre bekannte Gaſtfreundſchaft an.“ Nachdem er dieß geſagt hatte, legte Hadii den Weg in das Gaſthaus zurück, auf welches der Prinz hinge⸗ wieſen hatte, der ihm dann mit der übrigen Geſellſchaft folgte, welche ſich nach ihrem Eintritt auf breiten Kiſſen oder Ottomanen, die das ganze Zimmer umgaben, nie⸗ derließ; ihre Waffen wurden durch aufwartende Diener an den Wänden aufgehängt. Der bejahrte Wirth wollte 8 64 ſich durchaus nicht ſetzen, bis ihn Hadji und ſein Bruder ernſtlich drängten, es zu thun. „Ruhen Sie einige Zeit hier aus,“ ſagte er,„bis meine Frauen eine Mahlzeit bereiten können, um Sie nach Ihrer Reiſe zu erfriſchen. Glauben Sie nicht, daß, obgleich ich täglich von einer Landung unſeres Todfein⸗ des bedroht bin, ich nicht wie in früheren Tagen ein Bankett für tauſend oder noch mehr von unſeren tapferen Kriegern veranſtalten könnte, wenn ſie mich mit einem Beſuch beehren würden.“ Die Unterhaltung wurde nun allgemein. Der Hadji hatte viele Fragen zu machen und manches zu erzählen; und nach und nach kamen noch verſchiedene Edle von niedererem Range und Anſehen aus der Nachbarſchaſt, die dem Prinzen von Pchad unterworfen waren, und nahmen auch auf dem Divan Platz. Jvan verhielt ſich ganz ſtill und lauſchte begierig der Unterhaltung, wäh⸗ rend ſeine zwei Diener erfurchtsvoll unter den anderen am vorderen Ende des Zimmers ſtanden. Der Gegenſtand des Geſprächs war zuletzt einzig und allein der Zuſtand des Landes; der Uzdem Achmet Beg, der Bruder des Hadji, machte dieſem mit den verſchiedenen militäriſchen Operationen die ſeit dem Wie⸗ derbeginne des Feldzugs ausgeführt worden waren, bekannt. 3 „Bismillah!“ rief der alte Häuptling.„Wir haben die verfluchten Urus immer geklopft, wenn es möglich war, ſie außer dem Schutze ihrer Feſtungen zu erreichen, in denen wir ſie einſperrten wie Schafe in ihrer Hürde. Sie ſprechen vom Beſetzen unſeres Landes, und haben in allem blos drei oder vier Forts in demſelben, die ſie blos vermittelſt ihrer Flotte halten können, und die wir ihnen eines Tages wegnehmen werden. Außer Anapa, das uns nicht mehr in Sorge ſetzt, als eine an ſeinen Stall gekettete Dogge, die nur bellt, deren Biß uns aber nicht erreichen kann; haben ſie nur Ghelendjik und ein anderes kleines Fort in der Nähe der See, und 6⁵ Aboon am Kuban, das wir einſchloßen und beinahe aushungerten. Da ſie uns jedoch dort keinen Schaden thun können, ſo wollten wir uicht manches koſtbare Menſchenleben auf's Spiel ſetzen, um es durchzuführen. Sie verſuchten einmal, eine Colonie und ein Fort bei Soudjouk Kalie anzulegen; ſie fanden uns jedoch dagegen vorbereitet. Wir ſielen über ſie her, wie eine Heerde Wölfe in eine Schafhürde, ehe ſie ihre Be⸗ feſtigungen erreichen konnten, und führten die Hälfte derſelben weg, um durch ſie unſere eigenen Felder be⸗ bauen zu laſſen, während die Uebrigen, welche wir in die See warfen, von ihren Schiffen aufgenommen wur⸗ den. Als ſie wegſegelten, ſahen ſie ein, daß es nicht vortheilhaft war, Korn zu ſehen, wo es ihnen nicht er⸗ laubt wurde, daſſelbe zu ernten; und mit dem Segen Allah's werden wir ſie bald aus allen Theilen des Landes vertrieben. „Allah ſey geprieſen, wir werden das Werk bald vollbringen;“ rief der Hadji.„Mein Herz ſehnt ſich darnach wieder mit ihnen zuſammenzukommen mit meinem treuen Schwerte in der Hand und ſie nach meiner ge⸗ wohnten beliebten Weiſe zu traktiren. Bismillah! Wir wollen uns auf eine Art mit ihnen einlaſſen, die gewiß den Roſt von unſeren Waffen nimmt. Was ſagen Sie mein Sohn?“ indem er ſich zu Ivan wandte,„wollen Sie die Kraft Ihres Armes an den harten Köpfen der Urus probiren, und den erſten Streich für die Freiheit unſeres Landes thun?“ „Sehr gerne werde ich Sie begleiten, mein edler Freund,“ ſagte Ivan.„Ich wünſche mir keinen beſſeren Führer unter dem ich dienen möchte, denn Sie wiſſen wohl wie begierig ich mich danach ſehne, mich des Ge⸗ ſchlechts, deſſen Sproſſe ich bin, würdig zu zeigen.“ „Dann,“ erwiederte der Hadji,„werde ich Sie mit der Gnade Allah's in Kurzem in ihre Reihen fuͤhren und wir wollen dann ſehen aus welchem Stoffe ſie gemacht Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling II. 5 ſind, wenn wir ſie in Stücke hauen. Es ſind Sklaven und Verfluchte. Ihre Mütter und Väter ſind Hunde.“ Die. Unterhaltung wurde durch den Eintritt mehrerer männlicher und weiblicher Sklaven unterbrochen, welche eine Mahlzeit trugen. Die Schüſſeln wurden auf ſchmale hölzerne Tafeln von ungefähr ein Fuß Höhe vor die ein⸗ zelnen Perſonen geſtellt, die auf Ottomanen rings im Zimmer herumſaßen. Der Wirth überreichte eigenhändig jedem Gaſte einen Becher mit leichtem Meet, eine Vor⸗ bereitungs⸗Ceremonie zur Mahlzeit. Er hätte ſich nicht niedergelaſſen, ehe er ſeinen Gäſten dieſe Artigkeit er⸗ wieſen hatte; auch wollte er trotz ſeines vorgerückten Alters das Mahl durchaus nicht theilen, bis er wieder⸗ holt aufgefordert worden war, es zu thun. Die Diener ſtanden umher, der Befehle eines jeden Gaſtes gewärtig. Das Mahl beſtand ans Hammelfleiſch, das auf ver⸗ ſchiedene Arten zubereitet war, fettem Geflügel, Paſte⸗ ten, Eingemachtem und Früchten, und wurde mit einer Schüſſel kräftiger, wohlduftender Suppe eröffnet, wozu für jede Perſon Löffel vorhanden waren, nach dieſem zog Jeder ein kleines Meſſer aus ſeinem Gürtel, um den Angriff zu beginnen. Ehe die Tiſche durch die Diener aufgeräumt wur⸗ den, erhob ſich der bejahrte Prinz von ſeinem Sitze, füllte ſeinen Becher mit Meet und trank auf das Wohl aller Gegenwärtigen der Reihe nach „Mit welchem Namen ſoll ich meinen jungen fremden Gaſt anreden?“ fragte er, indem er ſich gegen Ivan wandte. Obgleich er die Sprache unſeres Volkes ſpricht und ſein durchdringender Blick und ſeine hohe Statur in ihm einen Edeln zu erkennen geben, weiß ich doch ſeinen Namen noch nicht. Sagen Sie, unter welchem Namen ſoll er im Gedächtniß von Mahmood Indar wohnen?⸗ „Edler Prinz,“ erwiederte Ivan, indem er von ſei⸗ nem Sitze aufſtand,„Sie ſprechen wahr, denn ich bin, wie ich glaube, von der reinen Race der Atteghei, Na⸗ 67 men habe ich keinen. Ich liebe den nicht, welchen ich manches Jahr getragen habe, deßhalb verſchweige ich ihn, und den edeln Namen, den ich zu erſtreben trachte, ſage ich nicht bis ich Thaten vollbracht habe, welche mich des Geſchlechtes, dem ich entſproſſen bin, werth zeigen, meine Verwandtſchaft ſoll, wenn ich ihre Liebe fordere, nicht ſagen, ich ſey kein ächter Sproſſe ihres Stammes. Dieß habe ich bei dem glänzenden Himmel über uns geſchwo⸗ ren. Mein edler Freund Hadji Guz Beg hat mir an⸗ geboten, mir den Weg in die Reihen unſerer Feinde zu zeigen, und ich habe geſchworen, ihm zu folgen, ſelbſt gegen die Mündungen der Kanonen. Alle gaben dieſer Rede ihren Beifall und der Hadji ſprang auf ihn zu, um ihn zu umarmen.„Ich ſehe, mein zweiter Sohn, daß Sie ſich als wahrer Tſcherkeſſe erweiſen werden,“ rief er,„und mit Allah's Segen werden wir morgen ſchon aufbrechen, um unſere Feinde aufzuſuchen; heute Nacht wollen wir unter dem Dache unſeres edeln Wirthes ruhen.“ „Ich ſchätze mich glücklich, einen Krieger, der ſich ſo tapfer bewahrt hat, wie Sie, Hadji, aufzunehmen, und bin geehrt durch ſolche Gäſte, wie Sie und Ihre Freunde,“ antwortete der Prinz. Nachdem die Mahlzeit beendigt war, gieng die Ge⸗ ſellſchaft auf den reichen und üppigen Wieſen umher, welche ſich vom Hauſe an gegen einen klaren, freundli⸗ chen Bach hinabſenkten. Ein Obſtgarten von verſchiede⸗ nen Bäumen umgab die Wohnung, während vor der⸗ ſelben mehrere prächtige Kaſtanienbäume ſtanden, in deren kühlen Schatten ſich der Alte zu ſetzen pflegte, umgeben von ſeiner Jugend, die ſich im Graſe herumtummelte. Ju der Nachbarſchaft des Hauſes ſtanden die Maierei und die Scheunen, die mit allen Arten von Korn, dem Gewinne von den umliegenden ſehr gut bebauten Fel⸗ dern, gefüllt waren. Auf der Spitze des Berges graſten 5* 68 zahlreiche Heerden von Schafen und auf den reichen Wieſen große Heerden fetten Viehs. Unſer Held hatte ſich von ſeinen Gefährten getrennt, nur der Page war ihm gefolgt; als Ivan's Augen auf den Knaben fielen rief er: „Conrin, fühlſt Du Dich einſam und unbehaglich unter ſo vielen fremden Leuten?“ „Ach nein!“ antwortete der Page,„ich kann mich uich einſam oder unbehaglich in Ihrer Gegenwart ühlen.“ „Nun, wünſcheſt Du mir Glück dazu, daß ich endlich in dem Lande meiner Hoffnungen angekommen bin?“ fragte Ivan. „Ja, mein Herr, ja, was Ihnen Vergnügen macht, macht auch mein Herz freudig ſchlagen; möchten nun Ihre höchſten Wünſche erfüllt werden!“ „Dauk Page; aber immer iſt mein Herz noch voll von Furcht. Ich weiß nicht, und wage nicht einmal zu fragen, ob mein Vater noch lebt. Warum ſeußzeſt Du, Knabe? Macht Dich der Name Vater ſo ſeufzen?“ „Ach, mein Herr, ich kenne keinen, der Name klingt wie Spott an meinem Ohr. Ich fand, daß der gute und edle Freund, den ich für meinen Vater hielt, es nicht war; und nun fürchte ich zu fragen, wer es war.“ „Dieß iſt ſonderbar,“ ſagte Ivan.„Und Deine Mutter, Knabe?“ „Leider, mein Herr!“ ſagte der Page,„kannte ich nie die zaͤrtliche und gütige Sorgfalt derjenigen, die meine Mutter war.⸗ Des Knaben Augen füllten ſich mit Thränen. „Ich wünſchte Knabe, ich hätte Dich nicht nach Deinen Eltern gefragt, da Du bis zu Thränen gerührt biſt, aber trockne ſie; ich will Dir die Stelle Deiner beiden Eltern ſo viel nur immer in meiner Macht liegt, erſetzen; Du ſollſt mein Schickſal theilen, das, wie ich hoffe, zum Glück führen wird.“ Die Augen des Knaben glänzten plötzlich; er ſchaute 69 mit einem fragenden Blicke in Ivan's Geſicht und ein freudiges Lächeln ſpielte um ſeine Lippen. „Dieß iſt alles was ich verlange,“ erwiederte er. Ihr Schickſal zu theilen im Guten wie im Schlimmen, im Glücke wie im Elend. Sprechen Sie immer in ſolchen Worten zu mir, wie die ſoeben geſagten, ſie werden mich für alle Beſchwerden, die ich auszuſtehen habe, entſchädigen.“ „Ich könnte keine rauhen Worte gegen Jemand gebrauchen, der ſo unbeſchützt wie Du iſt. Aber ſage mir nun auch, was denkſt Du von meinen Landsleuten? Gleichen Sie jenen wilden Barbaren, als welche ſie die Ruſſen in der Welt verſchreien wollten? Aber, Dank, dem Himmel! Sie ſollen jetzt lernen, wie der wahre Muth ſeine Waffen der Tyrannei entgegenſetzt, wenn ſie auch gleich durch Heere von Sklaven geſchützt iſt. „Ich glaubte nicht ſie ſo zu finden, wie ſie ſind,“ erwiederte der Knabe;„ſie ſind viel artiger und gaſt⸗ freundlicher als das Volk in dem Lande, von welchem wir kommen. Der wahre Werth ſpricht ſchon aus den Augen, ſelbſt des Niederſten aus der Menge.“ „Du rühmſt ſie ſehr, guter Page, aber verdient,“ erwiederte Ivan.„Aber ſehe, die Geſellſchaft bewegt ſich gegen das Haus. Wir müſſen auch hin. Bleibe an meiner Seite, wie Du es die Pagen der Edeln thun ſiehſt.“ Sechstes Kapitel. Dem Rollen fernen Donners gleich Kommt dumpf das Poltern naͤher; Durch Drumianrig's Wälder hallet es, Wird lauter, immer lauter. Hogg. Als die Sonne am erſten Tage, den Ivan in ſei⸗ nem Geburtslande zugebracht hatte, hinter den Gewaͤſſern 7⁰ des Oceans hinabſank, den man durch eine Oeffnung zwiſchen den Hügeln hellblau und glänzend ſah, verſam⸗ melten ſich die Gäſte wieder in der gaſtfreundlichen Woh⸗ nung des Prinzen Mahmood, wo wiederum ein Mahl aufgetragen wurde, ganz in der Art des vorigen; als die Geſellſchaft ſich niedergelaſſen hatte, trat ein neuer Ankömmling im Gaſthauſe ein. Er hatte die hohe ar⸗ meniſche Pelzmütze auf, war in einen langen, faltigen Rock von dunkeln Tuche gekleiget, der um den Leib durch einen Gürtel gebunden war, an welchem er ein Din⸗ tengefäß, eine Feder und ein Buch angehängt hatte. Ein Sklave folgte ihm, der unter der Laſt des Ge⸗ päcks, das er am Thore von zwei Packpferden abgeladen Batie, beinahe erlag. Er nahm ſeinen Sitz ehrfurchtsvoll in ziemlicher Entfernung von den Häuptlingen und aß demüthig von dem Fleiſche, das ihm der Prinz vorzuſetzen befahl. 3„Woher kommt Ihr?“ fragte der Wirth den Frem⸗ den, der ein Hauftirer oder reiſender Kaufmann zu ſeyn ſchien.„Was bringt. Ihr Gutes zum Verkauf? Allah weiß, wir haben in dieſen Zeiten wenig andere Bedürf⸗ niſſe als Pulver und Blei.“ „Ich komme von der Stadt des Sultans,“ erwie⸗ terte der Armenier,„von dem reichen Stamboul und bringe Juwelen und Seidenwaaren für ihre liebenswuͤr⸗ digen Frauen und Töchter, und ſchöne Dolche und Schwer⸗ der für Sie, edle Häuptlinge. Ich bin jedoch ein Mann des Friedens und dachte nicht an Pulver und Blei.“ „Ihr werdet hier mit ſolchen Waaren einen ſchlechten Markt machen,“ antwortete der Prinz;„in meinem Hauſe ſeyd Ihr jedoch willkommen. Was bringt Ihr Neues von Stamboul. Habt Ihr nicht gehört, welche Maßregeln der große Sultan in unſerer Sache ergreift? Oder vergißt er die Kinder ſeines heiligen Glaubens, unterwirft er ſich willig der frechen Tyrannei des ſtolzen Moskau?“ „Ach, mein Vater,“ erwiederte der Kaufmann, 71. „obgleich Jedermann Ihrer Sache behülflich zu ſeyn wünſcht, und Mancher ſich gerne beeilen würde, Ihnen beizuſtehen, ſo iſt doch die Macht Rußlands groß, und keine Bewegung kann gemacht werden, ohne zu den Oh⸗ ren ihres Miniſters in der Hauptſtadt des Sultans zu gelangen, wo immer ein ganzes Heer von Spionen un⸗ terwegs iſt, um ihm jede Nachricht ſogleich zu überbrin⸗ gen. Der Sultan— Allah ſey ihm gnädig— würde aus eigenem Antrieb viel für Sie thun; wo iſt nun aber ſeine Macht ſeit der türkiſche Halbmond ſich vor den Adlern Moskau's geſenkt hat? Leider iſt die Größe der Osmanen dahin, mein Vater. Ihre alten Verbündeten, die Engländer, haben ſie verlaſſen und haben ſich auf die Seite ihrer Feinde geſchlagen. Welche Hülfe haben Sie? Sie können ſich nur der großen Macht, die ihnen gegenüberſteht, unterwerfen.“ „Welche Hülfe wir haben?“ rief der Hadji heftig. „Ihr ſeyd ein Mann des Friedens und der Gaſt unſeres Wirthes, ſonſt ſolltet ihr dieſe ſchändlichen Worte, die Ihr ſpracht, verſchlucken. Welche Hülfe! Wir haben die Hülfe Allah's in unſerer rechtmäßigen Sache, und die unſerer eigenen guten Schwerter, um unſere Heimath zu vertheidigen, und mit dem Willen des Himmels wer⸗ den wir dieſen verfluchten Urus zeigen, daß wir unſere Waffen zu führen verſtehen. Sie ſollen ſich aus ihren Verſtecken herauswagen, und wir wollen ihnen eine Leetion geben, die ſie nicht ſo bald vergeſſen werden. Geht in ihr Lager, Kaufmann. Sagt ihnen, ſie ſollen kommen, wir fürchten ſie nicht. Aber Mann, Ihr ſprecht falſch. Bosh! es iſt Unſinn. Ich ſelbſt komme auch von Stam⸗ boul, und die Engländer ſind wieder Freunde des Sul⸗ tans, und ich weiß zuverläſſig, daß ſie unſere Sache unterſtützen würden, wenn ihnen die Urus nicht die Ohren mit Unwahrheiten erfüllten. Es ſind manche edle Seelen unter ihnen, die bereit ſind, zu unſerem Beiſtand her⸗ beizueilen. Geht weg, Mann, ihr ſprecht von Sachen, die längſt vorüber ſind. Ihr wißt nicht was Ihr ſagt.“ 72 Der armeniſche Hauſirer blickte einen Augenblick verwirrt vor ſich hin; ſeine Sicherheit kehrte jedoch bald wieder zurück. „Wenn der edle Hadji eben von Stamboul zurück⸗ kehrt, habe ich nichts weiter zu ſagen. Ich habe einen weiten Weg durch das Land gemacht, ſeit ich jene Stadt verließ, ſo daß er alſo wahrſcheinlich neuere Nachrichten als ich bringt.“ „Der Hadji hat Recht,“ ſagte der Prinz.„Denn ich weiß ebenfalls, daß die Engländer unſere Freunde ſind, und wenn ſte uns nur Pulver und Blei ſchicken würden, würden wir ihnen ſehr dankbar ſeyn, und für immer ihre Freunde bleiben.“ 3 „Die Engländer, ſagen Sie, Prinz?“ antwortete der Armenier;„Sie betrügen ſich in den Engländern. Sie ſind eine Nation von Kaufleuten gleich mir, und unterſtützen keine Sache, in der ſie keinen Gewinn ma⸗ chen können; ſehr wenige ſind tapfere Krieger, die ihr Blut für Ihre Sache hingeben würden; von welchem Nutzen wären aber auch einige wenige Schwerter unter einer Nation von Kriegern? Nein Prinz, ich ſage Ih⸗ nen, erwarten Sie keine Hülfe von denſelben. Suchen Sie nicht mit einer ſo mächtigen Nation wie die Mosko⸗ viten Krieg zu führen. Ich ſage nicht, ſie ſollen Freunde ſeyn, es iſt aber Tollheit mit ihnen zu ſtreiten.“. „Mashallah!“ rief der Hadji, indem er dem Frem⸗ den einen wüthenden Blick zuwarf,„ich warnte Euch, Handelsmann, nicht von Frieden mit unſeren Feinden zu ſprechen, und dennoch thatet Ihr es wieder. Nehmt Euch in Acht, dieſe Worte noch einmal auszuſprechen. Die Engländer ſind eine brave Nation, und ich weiß, daß ſie gute Krieger ſind, denn ich bin ſchon mit vielen von ihnen zuſammengekommen, und alle, die in dieſes Land kommen, ſollen willkommen ſeyn. Was brauchen wir aber mehr als unſere eigenen Arme, um unſere Berge zu vertheidigen? Sprecht nicht wieder von Frie⸗ den. Bosh! ſolche Worte verabſcheue ich, ſie find niedrig.“ 73 „Ich ſehe, edler Hadji, daß Ihr Sklave Ihnen Unrecht that,“ erwiederte der Hauſirer.„Ich dachte an andere Nationen der Franken; meine eigene Nation iſt auch nicht wie die Ihrige eine Nation von Kriegern, die ſich ſo lange gegen ihre Feinde halten und ſo viele Jahre das Elend des Krieges tragen würden. Ich ſprach blos meine eigenen Gefühle aus, deßhalb zürnen Sie nicht über einen armen Kaufmann, der durchaus nicht die Ab⸗ ſicht hatte, Sie zu beleidigen.“ Der Zorn Hadji's hatte ſich ſo ſchnell gelegt als er entſtanden war, und er betrachtete den Armenier mehr mit Gefühlen der tiefſten Verachtung, als mit dem geringſten feindſeligen Gedanken. Der Hauſirer ſelbſt ſchien entdeckt zu haben, daß das vernünftigſte war, was er in dieſer Geſellſchaft thun konnte, ſich ganz ſtill zu verhalten. Er bat den Prinzen um die Erlaubniß, ſeine Güter den Frauen der Familie auskramen zu dürfen. „Ich gebe wenig für ſolche Dinge wie ihr ſie be⸗ ſitzt, Kaufmann, da aber die Frauen ſolche Gegenſtände wie feine Seide und Juwelen lieben, ſo könnt Ihr Euch in ihr Gemach begeben und ſehen, ob ſie etwas wählen wollen. Geht nun, es iſt ſpät, ſie werden ſich bald zur Ruhe begeben.“ Als der Armenier das Zimmer verließ, blickte ihm der Hadji mit Verachtung nach.„Warum ſpricht dieſer Sklave mit uns von Frieden mit den Urus?“ rief er; „man könnte denken, er ſey ein Freund von ihnen; er iſt aber nur ein herzloſer Sklave und keines weiteren Gedankens werth.“ Der größere Theil der Geſellſchaft begab ſich nun in die Verandah vor dem Hauſe und brachte dort eine Stunde mit Rauchen des ſo ſehr geprieſenen Tchibouks zu. . Ehe ſie ſich zur Ruhe begaben, kehrte der Hauſirer zurück, nachdem er manche von ſeinen Seidenwaaren bei den Frauen der Familie angebracht hatte. „Ihr Sklave,“ redete er den Hadji ehrerbietig an, „was Mahmood braucht, kann er ſich ſelbſt kaufen, er 74 werfuhr, daß Sie und mehrere andere edle Häuptlinge morgen gegen Norden reiſen, und es wäre ihm eine große Ehre und ein gutes Werk von Ihrer Seite, wenn Sie ihm erlauben wollten, in Ihrer Geſellſchaft mitzureiſen.“ „Fürchtet Ihr Kaufmann, daß Euere Freunde die Moskoviten Euch Euere ſchwere Laſt erleichtern möchten, wenn Ihr zufällig in die Nähe ihrer Forts kommt?“ Der Hauſirer ſtutzte. Was kümmert es aber mich? Ihr könnt mit uns gehen, wenn Enere Packpferde mit unſeren Roſſen gleichen Schritt halten können; aber glaubt nicht, daß wir uns wegen einiger Ballen Seide auch nur einen Augenblick aufhalten.“ „Dank, edler Häuptling,“ erwiederte der Hauſtrer, indem er ſich vor ihm verneigte;„ich weiß ihren Schutz zu würdigen. Aber ſagen Sie nicht, die Ruſſen ſeyen meine Freunde; ich kenne ſie nicht; ich haſſe ſie, ich ver⸗ abſcheue ſie, ich verfluche ſie.“ „Ihr thut wohl daran, Mann,“ erwiederte der Hadji.„Denkt aber ein andermal daran, daß, wenn Ihr von Frieden zwiſchen den Söhnen der Atteghei nnd den Moskoviten ſprecht, ſo lange ſie noch an unſeren Küſten ſind, Ihr riskiren könntet, einen Sprung von einem höheren Felſen zu machen, als Euch lieb wäre.“ „Ihr Knecht hört und wird Ihre Weiſung befol⸗ gen,“ erwiederte der Armenier; dann wandte er ſich gegen den Prinzen und überreichte ihm einen reich ver⸗ zierten Dolch.„Vielleicht, da der edle Prinz Mahmood nichts kaufen will, verſchmäht er nicht die Gabe dieſes Dolches von ſeinem Diener, welcher dadurch ſeine Liebe für die Atteghei und ſeinen Haß gegen die Moskoviten beweiſen möchte. Er würde ſeinem Sklaven die größte Ehre erweiſen, wenn er dieſen Dolch aus ſeinen Händen annehmen wollte.“ Der Prinz betrachtete den Dolch nachſinnend; der⸗ ſelbe ſchien von großem Werthe zu ſeyn. „Nehmt Euere Gabe zurück, Kaufmann,“ ſagte er; 7⁵ verwahrt ſich vor ſolchen Gaben. Sie gleichen nur zu ſehr den Beſtechungen, welche die Urus anwenden, um verrätheriſche Herzen für ihre Sache zu gewinnen. Mahmood dankt Euch, kann aber Euere Gabe nicht an⸗ nehmen.“ „Ihr Sklave wäre erfreut, wenn der Prinz die ge⸗ ringe Gabe annehmen wollte. Er könnte dieſelbe wie es ihm gefiele wieder vergelten.“ „Ich danke Euch, Kaufmann, ich habe aber ſchon geſagt, daß ich Euere Gabe nicht annehmen will;“ er⸗ wiederte der Prinz, deßhalb nehmt ſie zurück und geht in Frieden.“ Der Armenier nahm dieſem Wunſche gemäß den Dolch zurück und verbarg ihn in die Falten ſeiner Klei⸗ dung, während der Prinz dem Achmet Beg einige Worte ins Ohr flüſterte. Da die Nacht bereits ziemlich vorgerückt war, begab ſich die Geſellſchaft zur Ruhe. Sklaven traten in das Gaſthaus und brachten Kiſten und Decken von ſchwerem Seidenzeug und breiteten Sie auf dem Boden aus, um Betten für die Gäſte zu bilden, auf welche ſich dann die Reiſenden vergnügt niederließen um zu ſchlafen. Als der Prinz ſah, daß alle Anordnungen richtig getroffen waren, zog er ſich in einen Theil der Wohnung zurück, der für ihn ſelbſt beſtimmt war. Die Wände des Zimmers waren mit Tafeln ge⸗ ſchmückt, auf welchen Stellen aus dem Koran geſchrie⸗ beu ſtanden, überdieß waren die Waffen der Gäſte, nebſt einer Menge reicher Rüſtungen an denſelben aufgehängt. Die inneren Verzierungen bildeten einen ſtrengen Gegen⸗ ſatz gegen die urſprüngliche Einfachheit des Gebäudes und die einfachen Sitten und Gebräuche der Bewohner deſſelben. Das Benehmen der Häuptlinge war deſſen⸗ ungeachtet äußerſt zuvorkommend und ritterlich und glich in allem dem der Ritterſchaft des Mittelalters oder vielleicht noch mehr dem der Helden des alten Griechenlands. Auch die niederen Klaſſen und die Diener ſind ge⸗ 76 wiß weniger barbariſch und vielleicht intelligenter als die ſchottiſchen Hochländer derſelben Klaſſe vor einem Jahrhunderte, wenn es überhaupt nöthig iſt, ſo weit zurückzugehen. Den nächſten Morgen verſammelte der Uzdew Achmet Beg ſein Gefolge, das für die Nacht in die benachbarten Weiler vertheilt geweſen war; und als es bekannt wurde, daß der Hadji Guz Beg von ſeiner weiten Pilgerſchaft zurückgekehrt und im Begriffe war gegen die ihm immer gleich verhaßten Urus zu Feld zu ziehen, ſo traten zahl⸗ reiche Haufen junger Leute freiwillig ſeiner Standarte bei und überließen die Beſorgung ihrer Felder den alten Männern und Frauen. Achmet Beg ſelbſt hatte ſich, obgleich er das Oberhaupt des Stammes und ein ſehr geachteter Edler war, nicht den Ruf erworben, den ſein Bruder durch eine lange Reihe kühner und gewagter Unternehmungen gewonnen hatte. Obgleich letzterer von den jungen und verwegenen Geiſtern des Stammes als Kriegsfuhrer vorgezogen wurde, ſo fühlte der Aeltere, der einen ruhigen weniger ehrgeitzigen Charakter beſaß, nicht die geringſte Eiferſucht über die überlegenen mili⸗ täriſchen Talente ſeines Bruders. 3 Ivan war ſehr erfreut als er ſah, mit wem er eine Freundſchaft geſchloſſen hatte, da er an Bord des Schif⸗ fes, wo jener wenig über Gegenſtände des Kriegs geſpro⸗ chen hatte, nicht dachte, daß der ruhige Hadji jener überall bekannte, tapfere Krieger ſey; obgleich derſelbe unter ſeinen Freunden ſich öfters vollbrachter Thaten, oder ſolcher, die erſt ausgeführt werden ſollten, zu rüh⸗ men ſchien, ſo war es leicht aus der Aufmerkſamkeit, die man ſeinen Worten erwies, zu erſehen, daß bei dieſem Rühmen keine Anmaßung war. Eine tapfere Reiterſchaar war nun vor dem Hauſe des Prinzen Mahmood verſammelt, die Häuptlinge in prächtigen, glänzenden Rüſtungen, welche theils von po⸗ lirten Stahlplatten, theils von fein gearbeiteten Ketten gemacht waren; ſie trugen Mäntel von verſchiedenen 77 Farben, und hatten Schwerter mit reich verzierten Hand⸗ griffen umgegurtet. Die Dolche in ihren Gürteln waren gleichfalls von ſehr ſchöner Arbeit. Viele führten Piſtolen bei ſich und der größere Theil hatte überdieß noch lange Flinten über den Rücken gehängt, und auf dieſe Art die Waffen der alten und neueren Zeit mit einander ver⸗ miſcht. Von den Dienern waren viele mit langen Gewehren, andere mit großen Bogen und Köchern, die mit Pfeilen gefüllt waren, bewaffnet; ſie trugen im Gürtel kurze, zweiſchneidige Schwerter, oder beſſer Dolche, und ſchmale Säbel an ihrer Seite. Als Ivan aus dem Hauſe trat, fand er ein ſehr lebhaftes Pferd zu ſeinem Gebrauch am Thore in Be⸗ reitſchaft, wo es durch den Reitknecht Achmet Beg's ge⸗ halten wurde. Hadji gieng ihm entgegen, als er kam, führte ihm das Roß zu und übergab es ihm mit den Worten: „Laſſen Sie mich der Erſte ſeyn, mein Sohn, der Sie mit einem Streitroſſe von der ächten Zucht der Atteghei verſieht, welches den Weg in die Reihen der Moskoviten wohl kennt; wenn Sie daſſelbe nicht als Geſchenk annehmen wollen, ſo könuen Sie es mir erſe⸗ tzen, wenn wir einen Zug in ihr Land gemacht und reiche Beute weggeführt haben. Bis dorthin nehmen Sie daſſelbe von einem Vater, welcher Sie liebt. Es ſind noch zwei weitere hier, welche nicht erwähnt zu werden verdienen, für den Gebrauch Ihres Reitknechts und Pagen, doch kommt Ihnen wahrſcheinlich kein Koſack der Ebene gleich. Ivan dankte ihm herzlich für das ihm zu ſo gele⸗ gener Zeit gemachte Geſchenk, ſchwang ſich vergnügt in den leichten Sattel, wobei Javis den Bügel hielt, wel⸗ cher ſodann gleichfalls ſeinem Beiſpiele folgte. Auch der junge Conrin zeigte ſich als kein geringer Reiter, als er leicht auf ſein kleines aber wohl proportionirtes und munteres Pferd ſprang. 3. 78 Die ganze Geſellſchaft war zur Abreiſe bereit, als der bejahrte Prinz ſelbſt erſchien, und noch jedem Gaſte als Bügeltrunk einen Becher Meet überreichte; denn dieß verlangt die ritterliche Sitte, welche in dieſem Lande immer noch beibehalten wird. „Möge der Segen Allah's Euch begleiten, meine Söhne!“ ſagte das alte Oberhaupt;„mögen Eure Arme über Eure Feinde ſiegen und möge der Tod Eure Rei⸗ hen fliehen. Ich wünſchte auch noch die Kraft zu haben, mein Gefolge in's Feld zu führen, da jetzt aber meine tapferen Soͤhne meinen Platz einnehmen, ſo muß ich zu Hauſe bleiben, um unſere Länder vor dem Feind zu ſchützen. Sollte es der Wille Allah's ſeyn, daß ſie fallen, ſo müßte ich auch mein Schwert angürten, und meinen letzten Athemzug im Getuͤmmel der Schlacht aushauchen. Nun behüte Euch der Himmel, meine Söhne!“ Der ehrwürdige Prinz drückte hierauf allen Häupt⸗ lingen, welche der Reihe nach herritten, noch die Hand, worauf ſich die Cavalcade in Bewegung ſetzte. Als ſie aus dem Hofe der fürſtlichen Wohnung ritten, tönte der Ruf„Ogmaff! Ogmaff! Lebewohl! Lebewohl!“ von allen Seiten von den verſammelten Dienern und Skla⸗ ven des Häuptlings; und der laute Ruf„Vo⸗ri⸗va⸗ka“ erfüllte die Lüfte als Abſchiedsgruß für die Krieger, die zur Vertheidigung des Landes fortzogen. Sie zogen in einem lebhaften Schritt weiter; Ivan ritt an der Seite des Hadji, der ihn auf der Reiſe auf alles Bemerkenswerthe aufmerkſam machte, und ihm die tſcherkeſſiſche Art zu fechten und andere intereſſante und wichtige Gegenſtände erklärte. In den hinterſten Reihen kam der armeniſche Kauf⸗ mann mit ſeinen Packpferden, leichten, thätigen Thieren, die nur aus Knochen und Haut gebildet waren, deſſen⸗ ungeachtet aber mit den feurigen Roſſen der Krieger Schritt hielten, obgleich der Boden rauh und uneben war, Ihr Weg gieng durch eine Gegend, die ſo wild 79 war, wie wenn noch nie ein anderer Fuß ſie betreten hätte, als die wilden Thiere des Waldes; bald führte er über gähnende, ſchwindelnde Abgründe, bald durch finſtere, wilde Schluchten und durch fruchtbare Thäler, mitten zwiſchen gigantiſchen, nackten Felſen hin, welche ſich in tauſend verſchiedenen Geſtalten erheben. Dann hatten ſie wieder irgend einen hohen Berg zu erſteigen mitten durch Laubwaldungen hindurch, und auf der Höhe fanden ſie einen fruchtbaren, wohl ange⸗ bauten Boden, der weit außer dem Bereich ihrer Feinde war. Gelegenheitlich ſahen ſie auch mitten auf den bei⸗ nahe unzugänglichen Felſen der Berge irgend eine Al⸗ penhütte, deren in Felle gekleideter Bewohner ſeine Heerden von Ziegen hütete. Als ſie weiter ritten, kamen ihnen Wildpret aller Art in den Weg, wilde welſche Hahnen, Faſanen, Haſen und Hirſche, auf welche viele von der Geſellſchaft Jagd machten, indem ſie ihnen entweder nachjagten, oder dieſelben mit ihren ſicher treffenden Pfeilen erlegten. Als ſie durch einen wilden Felſenweg ritten, erblickten ſie plötzlich einen ungeheuern wilden Bär in ihrem Weg. „Ein glückliches Omen für unſere bevorſtehende Erpedition,“ rief der Hadji.„Nun, meine Deli Khans, wir wollen Jagd auf dieſes große Ungeheuer machen, wie wir es auf die wilden Urus thun würden.“ Nachdem er dieſe Worte geſagt hatte, ſpornte er ſein Roß mit dem Feuer und der Gewandheit der Jugend, ritt, gefolgt von Ivan undden jüngeren Maͤnnern der Geſellſchaft, gegen die Beſtie, welche grimmig ihre Zähne zeigte, als ſie ſich gegen ihre Verfolger umſchaute, und dann hinter den Felſen zu entkommen ſuchte, als ſie die Zahl ihrer Feinde ſah. Der Hadji war jedoch ſchnell vor ihr, und als der Bär ſah, daß keine Hoffnung vorhanden war, ſeinen thätigen Gegnern zu entkommen, ſtellte er ſich zur Wehr. Indem er ſein ſcharfes Gebiß blöcktenund vor Wuth ſchäumte, ſchickte er ſich an, ſich auf die vor⸗ derſten ſeiner Verfolger zu ſtürzen; aber ohne alle Furcht 8⁰ ritt der alte aber gewandte Jäger gerade auf ihn zu, bog ſich vom Sattel herab, und ſtieß dem Thiere ein kurzes Schwert tief in ſeinen dicken Hals; daſſelbe machte einen letzten, verzweifelten Verſuch, auf das Pferd ſeines Gegners zu ſpringen; der Hadji ließ jedoch ſein Pferd auf die Seite ſpringen, und die ſtolze Beſtie fiel um und hauchte ohne Kampf das Leben aus. Das Beifallsgeſchrei derjenigen von ſeinen Freunden, welche dieſe Scene noch mit angeſehen hatten, folgte der kühnen That des alten Kriegers. „Bosh! das iſt nichts,“ rief er aus.„Ich that es blos um zu ſehen ob meine Augen nichts von ihrer Schärfe oder meine Arme von ihrer Kraft verloren hatten; aber Allah ſey geprieſen, beide haben durch meine lange Ruhe nicht im mindeſten gelitten.“ Der Leichnam des Bären wurde den wilden Thieren des Berges zur Nahrung überlaſſen, welche weniger ge⸗ wiſſenhaft ſind als die Bekenner der mahomedaniſchen Religion. Doch ſind in der That wenige tſcherkeſſiſche Bergbewohner ſtrenge Beobachter der Gebräuche dieſer Religion, und ſie würden es auch nicht verſchmähen, wenn ſie in Noth ſind, von dem unreinen Thiere zu eſſen. „Wir werden bald ein edleres Wild finden als die⸗ ſes,“ ſagte der Hadji, indem er ſich gegen Jvan wandte, der in dem Augenblick angekommen war, als der Bär ſeinen Todesſtreich erhielt; und Sie ſollen beides werden, ein guter Jäger und ein guter Krieger. Aber Inshallah! das Jagen iſt ein Spiel, das ſich für Knaben und junge Männer nur dann ſchickt, wenn ſie keine Feinde haben, mit denen ſie ſich einlaſſen können, und ich that es blos, um meine Sehnen nach meiner Reiſe ein wenig anzu⸗ ſpannen.“ Die ganze Geſellſchaft zog nun durch ein tiefes, romantiſches Thal, wo kaum ein Hauch die leichten Guir⸗ landen, welche die von den Felſen herabhängenden Schling⸗ pflanzen bildeten, bewegten. Allles ſchien feierlich, die 8¹ ganze Natur umher, als Achmet Beg's Gefolge einen leiſen Geſang anſtimmten, in welchem ſie die Thaten manches Häuptlings beſchrieben, der kürzlich im Kampfe gegen die Ruſſen gefallen war. Die ganze Geſellſchaft ſiel in einem kräftigen und vollen Chor ein, die Töne des Ay⸗a⸗ri⸗ra ſchwellten und erſtarben an den Abhängen und in den entfernten Bergwäldern. Als ſie einen hohen Berg hinabſtiegen, der mit Bäumen bekränzt war, erblickten ſie, als ſie aus dem Schutze derlelben heraustraten, eine Ausſicht auf die vor ihnen liegende See und auf das Fort Ghelenditk, das an der Seite einer tiefen Bucht erbaut war. Weit hinter dieſem dehnte ſich eine lange Linie weißer Berge aus. Als die Geſellſchaft von Kriegern dieſes Bild be⸗ trachtete, kamen Verwünſchungen und Flüche von ihren Lippen, und der Hadji blickte geſpannt einen ſteilen Fuß⸗ weg hinab, auf welchem man die Außenſeite des Forts erreichen konnte; da er aber die Nutzloſigkeit des Wun⸗ ſches einſah, begnügte er ſich damit, auszurufen: „Die verfluchten Feiglinge! Laßt uns dieſelben nur außerhalb ihrer Mauern und ohne Kanonen begeg⸗ nen, und wir wollen ſie bald beſſere Manieren lehren, als uns ohne eingeladen zu ſeyn einen Beſuch zu machen.“ Es befremdete die Häuptlinge, daß ſie keine von den Schildwachen begegnet hatten, welche auf allen Höhen längs der Küſte in der Nachbarſchaft des Feindes auf⸗ geſtellt ſind. „Die Männer von Hyderbey pflegen auf ihren Po⸗ ſten nicht zu ſchlafen,“ rief der Hadji ſeinem Bruder zu.„Wie kommt es, daß ſie dieſe Hoͤhen nicht be⸗ wachen?“ „Wielleicht ſind ſie unſeren Feinden näher gerückt,“ erwiederte der Häuptling,„um jeden zu ſchießen, der ſein Geſicht über die Mauern des Forts erhebt.“ Die Gegend vor ihnen ſchien ſtill und ruhig Nur wenige weiße Segel von ruſſiſchen Schiffen ſchwammen Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. II. 6 82 auf dem glatten Spiegel der Gurine. Im Fort wat alles ſo ſtill, daß daſſelbe nur einem verwüſteten Erd⸗ aufwurfe glich. Die Dächer der Gebäude ſchauten kaum über die Mauern heraus und die ſtolze Flagge Rußlands war kaum zu erkennen, da ſie regungslos an ihrer Stange herunterhieng. Nicht das leiſeſte Lüftchen bewegte die Luft, und tiefes Stillſchweigen herrſchte über dieſer ruhigen Scene, als daſſelbe plötzlich durch den lauten Donner der Artil⸗ lerie gebrochen wurde; dieſem folgte ein unaufhörliches Knallen von Musketen, welches aber von dem Kriegs⸗ geſchrei der Atteghei noch bei weitem übertönt wurde. „Allah ſey zeprieſen, hier iſt ohne Aufſchub ein Werk für uns,“ rief der tapfere Hadji in freudigem Tone.„Bismillah! wir werden über ſie herfallen und unſeren Freunden behülfllich ſeyn, wer ſie auch immer ſeyn mögen. Folgt mir, brave Krieger.“ Nachdem er dieß geſagt hatte, ſpornte er ſein Pferd, galoppirte mit ſeinem Bruder und Ivan an der Seite und von der übrigen Geſellſchaft gefolgt, auf einem ſehr ſteilen Pfade die bewaldete Seite des Berges hinab. Sie mußten manchen ſteilen Abhang hinabklettern und durch ausgetrocknete Betten von Winterſtrömen reiten, da ſie ihren Weg in wilder Haſt ſo viel als möglich in gerader Linie über Stock und Stein fortſetzten. Nichts konnte ihren Lauf hemmen. Siebentes Kapitel. Es war ein Weſen, das entzückte, Durch ihre Nähe ſchon beglückte. Wordsworth. Im vorhekgehenden Kapitel verſuchten wir die ro⸗ Mantiſche ländliche Schönheit der tſcherkeſſiſchen Küſte, von der See aus betrachtet, zu beſchreiben. Wir müſſen 5 5 8 5* 83 nun unſern Leſern eine ebenſo großartige und noch lieb⸗ lichere Scene vor Augen führen. Auf der Südſeite eines hohen mit dem verſchieden⸗ artigen Laubwerk prächtiger Bäume dicht bedeckten Berge war etwa zwei oder dreihundert Fuß über dem Fuß derſelben ein breites und ausgedehntes Plateau oder eine Terraſſe, welche ſich auf einer Seite in einen tiefen Abgrund endigte, während ſich auf der anderen Seite der Berg in majeſtätiſcher Größe erhob; und auf den Abhaͤngen deſſelben ſchauten mitten zwiſchen den Bäumen zackigte Felſen von allen möglichen Formen heraus, an welchen zarte Schlingpflanzen hinaufrankten. In einem Einſchnitte des Berges ſtrömte ein glänzender Bach herab, und hüpfte von Felſen zu Felſen, bald war er dem Auge durch überhängende Bäume oder vorſpringende Felsſtücke verborgen, bald erſchien er wieder heller und und luftiger als zuvor, bis er ſich in einer ſtaubähnli⸗ chen Säule in ein Baſſin ſtürzte, von welchem er ſich durch die ſchmale Ebene des Plateaus ſchlängelte und in ſeinem Laufe verſchiedene gut bebaute Felder befruch⸗ tete, dann ſich abermals in Regen und Schaum aufge⸗ löſt über einen ſteilen Abgrund hinabſtürzte in ein ſchönes, grünes und breites Thal; dort vereinigte er ſich mit den reinen Gewäſſern eines ſchnellen Bergſtromes, wel⸗ cher ſich durch dieſes Thal ſeinen Weg nach der See gebahnt hatte. Gegen Oſten hin ſah man, ſo weit das Auge ſchweifte, Hügel und Berge von jeder Form; einige der⸗ ſelben erhoben ſich ſanft und wellenförmig und waren mit Getreidefeldern oder grünen Weiden bedeckt, auf welchen zahlreiche Heerden von Schafen und Vieh graſten, andere waren bis auf ihre hohen Gipfel mit praͤchtigen Waͤldern bewachſen; viele erhoben ſich auch ſteil und jäh und waren felſig und nackt. Ueber allen ſah man eine Kette von blauen Bergen, von welchen ſich immer einer über den anderen erhob; zuerſt deutlich und be⸗ 3 6 84 ſtimmt, dann wurden ſie immer unbeſtimmter und ſchwä⸗ cher, bis ſie ſich in dem azurblauen Himmel ver⸗ loren. In derſelben Richtung hin dehnte ſich auch die Terraſſe auf eine ziemliche Strecke aus, verengte ſich allmählig und ſchloß ſich an die ſteilen Abfälle des Berges an. Einige wohl bebaute Hügel von geringer Erhöhung erhoben ſich an der entgegengeſetzten Seite des Thals, welches ſich gegen die See hin immer mehr verengte, und nach einer plötzlichen Wendung zwiſchen ſteile und unerſteigbare Ränder eingezwängt war⸗ Die gegen die See gekehrte Seite der Berge, welche die Seitenwände des Thales bildeten, können nur durch die leichtfüßigen Ziegen oder durch die ebenſo rüſtigen als waghalſigen Bergjäger erklimmt werden. Dieß war in der That eine Stellung, welche ſehr paſſend war, um einen Rückzug zu ſichern, und eine Feſtung gegen jeden eindringenden Feind zu bilden, die durch einige wenige tapfere und entſchloſſene Männer vertheidigt werden konnte; aus dieſer Rückſicht wurde dieſer Ort auch von einem tapferen Häuptlinge eines zahlreichen Stammes auserleſen, der von den Ruſſen aus ſeinen früheren angeerbten Beſitzungen vertrieben worden war.. Seine Reſidenz ſtand ganz in der Nähe des erfri⸗ ſchenden Waſſerfalles, deſſen reine Gewäſſer vor den Thoren derſelben vorbeifloſſen. Das Haus war von Höfen und Ställen umgeben, die mit allen Arten von Hausthieren und allen Sorten von Federvieh angefüllt waren. Gut angelegte Obſtgärten umgaben die Gebäude, und die Bäume waren gegenwärtig mit Früͤchten beladen. Die Wohnung beſtand aus verſchiedenen abgeſon⸗ derten Gebäuden, die im gewöhnlichen Style der tſcher⸗ keſſiſchen Architektur erbaut waren; eines davon war jedoch mit mehr Sorgfalt und Aufmerkſamkeit angelegt als die übrigen. Es war dieſes das für den Aufenthalt der Frauen beſtimmte Gebäude; daſſelbe war mit Pal⸗ liſaden umgeben, die übrigens nicht ſo hoch waren, daß — — 85 dadurch die Ausſicht genommen worden wäre. In der Front erblickte man das liebliche Thal über manche über manche ſteile Hügel und Felſen hinweg und im Hintergrunde die glänzende blaue See. Vor demſelben lag ein Blumengarten, an deſſen zum Schutz angebrachten Gittern Schlingpflanzen hinaufgezogen waren; ihre zarten Stängel trugen feine, hübſche Blumen, die in zierlichen Feſtons herabhiengen. Im Inneren war jedoch erſt das Hauptkleinod dieſes Verſteckes zu finden. Auf einem Kiſſen von reicher Seide ſaß ein junges Mädchen, ſo lieblich als eine von Eva's Töchtern nur ſeyn kann und blickte durch das offene Thor. Ihre Augen vom tiefſten Blau und von blendendem Glanze und beſchattet von langen, ſeidenen Augenwimpern, blickten auf die maleriſche Ausſicht, die vor ihr lag; ihre zarten, ſchoͤn geformten Lippen waren etwas geoffnet und ließen ihre perlenähnlichen Zähne ſehen. Ihre Züge waren vollkommen regelmäßig, und ihre helle Geſichtsfarbe war auf ihren hübſchen gerun⸗ deten Wangen unmerklich roſenroth gefärbt. Ihr raben⸗ ſchwarzes Haar wurde durch ein ſilbernes über die Stirne gehendes Band zuſammengehalten und fiel in langen Flechten auf den Rücken hinab, und von ihrem Kopfe hieng ein Schleier von weißem Gaze, welcher ihre ſchlanke, zierliche Figur nicht verbergen konnte. Der Rock den ſie trug war von blauer Seide, mit Silber geſtickt; ihre weiten Muſſelin⸗Beinkleider wurden durch einen ſchön gearbeiteten Gürtel zuſammengehalten, den ſie um die Hüften trug, und kleine Pantoffeln von farbigem Leder, auf welches ſchöne Arabesken mit Silber geſtickt waren, vervollſtändigten ihren Anzug. Neben ihr lag ein geſtickter Gürtel, an welchem ſie augenſcheinlich erſt gearbeitet hatte, da der goldene Faden immer noch, ohne daß ſie es vielleicht wußte, in ihren Fingern hieng. „In einiger Entfernung von dieſem lieblichen Ge⸗ ſchöpfe ſaß ein kleines Mädchen, das emſig mit Spinnen 86 beſchäftigt war; ihre kleinen lebhaften und durchdringen⸗ den Augen und ihre dunkle Geſichtsfarbe und die unre⸗ gelmäßigen Züge derſelben gaben zu erkennen, daß ſie nicht von tſcherkeſſiſcher Abkunft war; wahrſcheinlich war ſie auf einem Raubzuge gegen die tartariſchen Kalmucken als Sklave mitgenommen worden. Während der Arbeit warf ſie hie und da einen ſchnellen Blick auf ihre junge Gebieterin, wie wenn ſie ſich Mühe geben wollte einen Blick von ihr zu erhaſchen, jedoch erfolglos; und ſie ſchien ſich zu fürchten, ſie aus ihrem Nachdenken aufzuſchrecken, von welcher Natur auch ihre Gedanken ſeyn mochten. Ein zahmes, ſchneeweißes Böcklein hüpfte vor der Thuͤre herum; es wurde immer kühner, da es nicht ge⸗ — ſtraft wurde und ſprang endlich ins Zimmer herein. Aber ſelbſt die poſſterlichen Sprünge des artigen Thier⸗ chens ſchreckten ſie nicht auf; und das kleine Mädchen fuhr eifrig in ihrem Geſchäfte fort, und verzweifelte daran, die Gedanken ihrer Gebieterin auf Angelegenheiten des gegenwärtigen Augenblicks zu leiten. Endlich berührte der Schall eines fernen Fußtrittes, der ſich dem Hauſe näherte ihr Ohr, und ſie erwachte aus ihren Träumereien.„Laufe, Buda, laufe!“ rief ſie mit einer ſilberhellen Stimme,„beeile Dich Mädchen! und ſehe wer ſich nähert; aber wer es auch ſeyn mag, verhindre ihn hierher zu kommen. Sage, ich könne heute Niemand ſehen; ich bin ein wenig unpäßlich; es wäre mir ſehr unangenehm Fremde zu ſehen. Führe ſie in das Gaſtzimmer aber nicht hierher. Sage, wenn es Freunde ſind, ich wolle ſie an einem anderen Tage ſehen, aber jetzt kann ich nicht. Geh Kind!“ Das kleine Mädchen flog, um dieſen Befehlen zu gehorchen; die junge Schönheit blieb in lauſchender Stellung ſtehen; dann rief ſie dem Kinde nach:„Bleibe, Buda, bleibe, es iſt nicht nöthig. Meine Befürchtungen betrogen mich. Es ſind die Fußtritte meines Vaters. Beeile Dich, Buda, ihn in meine Wohnung einzuführen.“ 1 87 Waͤhrend ſie ſprach erſchien der Gegenſtand ihres Nachfinnens am Eingange des Gemachs und wurde der herrſchenden Etikette gemäß durch die jugendliche Sklavin eingeführt. Als er eintrat bückte er ſich, da die hohen Federn ſeines Helmes die Thürſchwelle berührten; und als ſeine reizende Tochter ſich von ihrem ſeidenen Kiſſen erhob, um ihn zu empfangen und zu bewillkommnen, umarmte er ſie zärtlich. Er war ein Krieger von gebieteriſcher, majeſtätiſcher Statur, in vollſtändiger Rüſtung. Sein Panzerhemd war vom ſchönſt polirten Stahle und reich mit Gold eingelegt. Sein dunkler gerollter Schnurr⸗ und Kinn⸗ bart waren noch nicht mit jenen Farben gemiſcht, welche die Annäherung des Alters verrathen, obgleich ſeine ernſten und feinen Züge von manchen Furchen durchzogen waren, welche auf tiefes Nachdenken und zahlreiche Sor⸗ gen ſchließen ließen. Er nahm ſeinen glänzenden Helm vom Kopfe; ſeine Tochter nahm ihm demſelben ehrer⸗ bietig ab und legte ihn neben ſich nieder, nachdem ſie von ihrem Vater, der ſich auf die Ottomane niederge⸗ laſſen hatte, aufgefordert worden war, an ſeiner Seite niederzuſitzen. „Es iſt ſchon lange Zeit mein Vater,“ ſagte das ſchöne Mädchen,„daß Du mich nicht mehr mit Deiner Gegenwart erfreut haſt; und ach, welches Vergnügen machſt Du mir, wenn Du kommſt! Ich war vorhin traurig und gedankenvoll, nun fühle ich mich leicht und glücklich. Sage, was hielt Dich ſo lange abweſend?“ „Meine theure, ſanfte Ina,“ antwortete der Häupt⸗ ling, ein dieſen Zeiten des Kriegs und der Gefahr habe ich ſo manches zu beſorgen; und es ſteht einem Krieger nicht an, ſich ſeinen Pflichten einen Augenblick zu ent⸗ ziehen, ſelbſt wenn ihm dieſer eine gewünſchte Zuſam⸗ menkunft mit einem ſo geliebten Gegenſtande, wie Du mir biſt, brächte. Ich komme ſo eben von einer Mu⸗ ſterung zurück, die ich über die geringen Ueberbleibſel der treuen Anhänger, welche die Feinde Arslan Gherrei 88 übrig gelaſſen haben, vornahm, um zu ſehen, ob ſie wohl mit Waffen, Pferden und Nahrungsmitteln für einen Feldzug verſehen ſind. Aber warum, Ina, warſt Du eben jetzt traurig und gedankenvoll?⸗ „O, frage mich nicht, mein Vater! nun, da ich wieder glücklich bin,“ erwiederte die Tochter.„Ich fühlte mich blos einen Augenblick unwohl, und fürchtete, es möchten Gäſte angekommen ſeyn, die ich nicht gerne empfangen hätte. Ich bin nun wieder wohl, mein Vater, da Du bei mir biſt.“ „Ich habe Dir Sachen von Wichtigkeit mitzuthei⸗ len,“ ſagte der Häuptling;„Du weißt, Ina, daß ich Dich ſo innig liebe, daß ich mich nicht für alle Reiche des Sultans der Osmanen von Dir trennen würde; aber nun, Theure, zwingt mich die ſtrenge Nothwen⸗ digkeit des Kriegs, Dich zu verlaſſen, und ich muß eilen, mich mit meinen Landsleuten zu vereinigen, um unſere Feinde zu bekämpfen. Ich könnte leicht fallen und Dich unbeſchützt zurücklaſſen.“ „Spreche nicht ſo, mein Vater,“ rief die liebliche Ina.„Sicher beſchützt Dich der Himmel, wie er es bisher gethan hat. Aber warum dieſe plötzliche Eile? Bleibe doch nur noch eine kurze Zeit bei mir, bei Deinen Feldern und Dienern. Es wird nichts vorge⸗ fallen ſeyn, das Dich ſo ſchnell wegruft.“ „Es kann nicht ſeyn, theure Tochter. Nun höre auf meine Worte. Ich habe Dir bereits geſagt, daß der tapfere Khan, der edle Khoros Kaloret Dich geſehen hat, daß er Dich liebt. Er iſt reich und brav; Hun⸗ derte von Dienern gehorchen ſeinen Befehlen und folgen ihm in die Schlacht. Er hat zahlreiche Sklaven, welche ſeine Felder beſorgen, reiche Weiden, auf welchen große Heerden von Vieh graſen; unzählige Schafheerden laufen zuf ſeinen Bergen, und Keiner kann ſich edlerer Roſſe „Und reicherer Rüſtungen rühmen. Was ſoll ich weiter von ihm ſagen? Er hat ſeinen Bruder hierher geſandt, der eben als Abgeordneter von ihm ankam, um Dich um 89 Deine Hand zu bitten; ich habe lang mit ihm geſpro⸗ chen. Er ſagt, er liebe Dich treu und aufrichtig— er opfere freudig die Hälfte ſeiner Beſitzungen, um Dich zu gewinnen. Nun, zittere nicht, meine geliebte Tochter. Du weißt wohl, daß Pferde, Vieh, die reichſten Rü⸗ ſtungen als nichts zu betrachten ſind, im Vergleich mit Dir, daß ich um Deinetwillen Alles geben würde, was ich beſitze; aber ich hätte doch in dieſen Kriegszeiten, wenn ich mich niederlege, einen tapferen Beſchützer für Dich gefunden, der dich vor Gefahren bewahren kann, und könnte aus dem Lande der ſeligen Geiſter herab mein Kind glücklich ſehen. Es ſind Viele da, die gerne mein Sohn würden, Deine Hand annehmen und mir in mei⸗ nen Beſitzungen folgen würden; aber Keiner ſchien mir Ina's Herz zu gewinnen. Sage, mein Kind, willſt Du die Braut des Khan's werden?“ „O, mein Vater, in der That, wirllich, ich fühle Deine gutgemeinte, großmüthige Abſicht,„rief Ina leb⸗ haft und bewegt.„Wo andere Väter den Wunſch ihrer Töchter nicht befragen, unterwirfſt Du Dich willig dem meinigen. Ich habe den Khan auch geſehen, ich möchte aber nicht ſeine Braut ſeyn, ich kann nicht von Liebe träumen, zu einem der ihm gleicht. Um Deinetwillen, mein Vater, würde ich heirathen, wenn Du wünſcheſt; aber immer ſollte es Einer ſeyn, den Du auch lieben könnteſt, der Dir als Sohn gehorchen und folgen würde. Ach! hätte Allah einen aus mir gemacht, daß ich Dir in die Schlacht folgen und Deine Gefahren und Siege theilen könnte. Wenn ich dieſen Khan heirathete, würde ich Dich nicht mehr ſehen; ich würde weit fort auf ſeine Bergwohnung geführt, die von dem. Schauplatze des Kriegs und Kampfes entfernt iſt, und Du wäreſt allein ohne ein Kind, das Dich pflegt, allein wenn Du krank oder verwundet biſt, oder wenn Du ſiegreich zurückkehrſt, ſo wäre Niemand da, der Dir einen freudigen Willkomm bieten würde. O, mein Vater, laſſe mich immer Deine Tochter bleiben, laſſe mich hier bleiben, um Deinen 9⁰ Haushalt und Deine Heerden zu beſorgen, wenn Du mich nicht mit Dir gehen laſſen willſt. Ach! wie viel gerner als das Weib des reichſten Edeln zu werden, würde ich Dir in’s Feld folgen, um Dich im Lager zu pflegen, Deine Nahrung zu bereiten, Dein Page und Aufwärter zu ſeyn. Dieß kann ich thun.⸗ „Leider, meine Tochter, kann ich Dich nicht hier laſſen, denn ich muß Alle mitnehmen, die ich in's Feld führen kann. Es ſind ſo Wenige, daß ich nicht genug zurücklaſſen kann, um unſere Heimath zu vertheidigen, und würden unſere Feinde den Eingang dieſes Paſſes gewinnen, ſo wäre mein Haus und meine Felder ihre Beute, Dann, meine Ina, wärſt Du nicht ſicherer und glücklicher, als das Weib eines mächtigen Häuptlings, unter deſſen Banner Tauſende von Kriegern fechten, als wenn Du mir in die Beſchwerden eines Feldzuges folgſt?“ „Nein, o nein,“ erwiederte die Tochter.„Ich liebe den Khan nicht; ich kann ihn nicht lieben; er iſt brav, aber ſtolz, hochmüthig und grauſam; ſeine Unterthanen gehorchen ihm mehr aus Furcht, als aus Liebe. Aus ſeinen Zügen ſchon erkennt man ſeinen Charakter; es iſt kein ächter Sohn der Atteghei und ich möchte nur einen Sproſſen des äͤchten Stammes heirathen. O, ſage dem Bruder des Khan's, Du könneſt Dich nicht von mir trennen, ich ſeye Dein einziges Kind, Dein Nach⸗ folger; ich ſey der Gedanken des Khans nicht werth; Tſcherkeſſten habe genug geprieſenere Madchen, als mich. O ſage mir, daß Du es thun willſt, und pflanze wieder Glück in das Herz Deiner Tochter. Gerade nur ſeine Gedanken machten mich traurig und niedergeſchlagen.“ Der Häuptling blickte ſeine Tochter mit inniger Zuneigung an; doch ſchienen einen Augenblick die Ge⸗ bräuche ſeines Landes mit ſeiner Liebe zu ſtreiten. Die Natur triumphirte aber über die Gewohnheit. 4„Ich will Deinen Willen thun, meine Ina,“ rief er, indem er ſie umarmte.„Ich will dem ſtolzen Khan ſagen laſſen, daß ſelbſt er, das eiſige Herz meiner Tochter ₰ 91 nicht ſchmelzen kann. Nun, weine nicht, meine Tochter, Du ſollſt mich nicht gegen Deinen Willen der Sorge eines Fremden überlaſſen.“ „Ich danke Dir, ich danke mein Vater,“ ſagte Ina, ſeine Umarmung zärtlich erwiedernd.„Du haſt den Frieden und die Freude wieder in mein Herz eingeführt, und freudig werde ich Dir in's Lager folgen.“ „Das kann nicht ſeyn,“ erwiederte der Häuptling, „Dein zarter Körper iſt nicht im Stande, die Beſchwer⸗ den eines Kriegerlebens zu ertragen; für Deine Sicher⸗ heit ſoll jedoch beſſer geſorgt werden; ich will Dich zu der Familie meines Verwandten, des edeln Häuptlings Aitek Tcherei bringen. Seine Ländereien ſind außerhalb des Bereichs der Gefahr zwiſchen den feſten Felſen der Berge, und dem Kriegsſchauplatze doch ſo nahe, daß ein ſchnellfüßiger Bote den Ort in zwei Tagen erreichen kann. Dorthin wlll ich Dich führen, Ina, ehe ich in's Feld gehe, und dort wirſt Du mit einer Gefährtin von Deinem Alter ſicher und zufrieden ſeyn. Morgen nach Sonnenaufgang bereite Dich vor, mir zu folgen mit Deinen Frauen und Sklaven; ich muß nun fort in das Gaſthaus, um Deine Botſchaft dem jungen Khan Beſin Kaloret zu überbringen, der begierig auf eine Antwort wartet; und hätte er nicht einen Eid geſchworen, Frieden zu halten, ſo würde wahrſcheinlich der ſtolze Tartaren Khan eine abſchlägige Antwort übel aufnehmen. Und nun, Ina, lebe wohl bis morgen früh, wo ich Dich mit meinem Gefolge begleiten werde, um Dich auf Deinem Weg zu beſchützen.“ Der Häuptling ſtand auf und umarmte ſeine Tochter noch einmal zärtlich, als ſie ihm ſeinen Helm überreichte. Er ſetzte denſelben wieder auf und verließ das Zimmer, von ſeiner Tochter bis an die Thüre begleitet. Sie folgte ihm mit den Augen, bis er das Gaſthaus erreicht hatte; dann kehrte ſie auf ihr Lager zurück, bedeckte das Geſicht mit beiden Händen und machte ihren überſtrö⸗ menden Gefühlen in einer Fluth von Thränen Luft.“ 9² Die kleine Sklavin Buda war erſtaunt, ihre Herrin ſo mißvergnügt zu ſehen, und näherte ſich ſchüchtern. „O, meine theure Gebieterin, warum weinen Sie?“ rief ſie aus. Ina blickte das kleine Mädchen mit Zuneigung und Dankbarkeit an.„Ich weine nicht wegen Sorgen, Buda, nur darüber, daß ich ein ſchwaches, thörichtes Maͤdchen bin, das unwerth iſt, eine Tochter Tſcherkeſſtens zu ſeyn, die alle brav und kühn ſeyn ſollen. Ich weine, weil ich die Gefahren meines Vaters nicht theilen ſoll, und weil ich ihn vielleicht nicht wieder ſehen, ſeine Stimme nicht mehr hören werde. Ich weine auch aus Freude, daß er mich ſo liebt, daß er ſich nicht von mir trennen will. Ich darf aber ähnlichen Gedanken keinen Raum geben, ſonſt hören meine Thränen nicht zu fließen auf. Ich muß meine Seele ſtärken, alles was ſich ereignen mag mit dem Muthe einer Tochter der Atteghei zu tragen, da ich nicht die Kraft ihrer Söhne habe. Nun beeile dich, Buda, wir haben viel zu thun, um die Vorbereitungen zur Reiſe zu treffen. Rufe die Frauen von den Feldern, ſage ihnen, daß wir unſere Heimath verlaſſen müſſen, ſage ihnen, ſie ſollen ſich beeilen, unſere Habſeligkeiten zur Abreiſe zu richten. Gehe, lebhaft, Buda gehe.“ Als die kleine Sklavin fortſprang, um dem Willen ihrer Gebieterin zu folgen, hüpfte das Böckchen durch die Thüre in das Zimmer, ſprang blöckend zu ſeiner hübſchen Beſchützerin und blickte ſie mit ſeinen ſanften, zutraulichen Augen an. Sie bückte ſich und hob es in ihre Arme.„Ah, mein lieber Geſpiele, auch Dich muß ich zum letztenmal ſehen; vielleicht werde ich nie wieder Deine luftigen Sprünge betrachten; Du wirſt nicht mehr kommen und das Futter aus meiner Hand holen. Wenn ich fort bin wirſt Du wild auf den Bergen herumlaufen, ohne ein Zimmer in dem Du Schutz findeſt, und wirſt die Sorge Deiner Herrin vermiſſen, oder vielleicht haſt Du ein noch ſchlimmeres Schickſal, fällſt in die Häͤnde derer, die noch ſchlimmer find als die Wolfe, in die V1 93³ Hände unſerer gierigen Feinde. Lebewohl, niedliches Thierchen! Blicke mich noch einmal mit Deinen ſanften Augen an, dann gehe, vergeſſe mich und ſey glücklich unter den wilden Heerden Deines Geſchlechtes.“ Das kleine Thier hörte auf mit ſeinen munteren Sprüngen, wie wenn es ihre Worte oder den Ton ihrer Stimme verſtanden hätte, und ſchien ungern ihre Seite zu verlaſſen. Alle Hausbewohner waren den Reſt des Tages ſehr geſchäftig und thätig. Die Frauen waren emſig be⸗ ſchäftigt alle leicht fortzubringenden Gegenſtände von Werth, welche die Familie beſaß, einzupacken, da alle die Nothwendigkeit hiervon ſehr wohl einſahen. Ina ſelbſt wachte darüber, daß die Verrichtungen alle pünkt⸗ lich und geordnet vollzogen wurden; denn ein tſcherkeſ⸗ ſiſches Mädchen ſelbſt vom höchſten Range betrachtet es nicht als eine Erniedrigung, ihre Haushaltsgeſchäfte zu beſorgen, ſondern hält es im Gegentheil für eine Ehre, denſelben vorzuſtehen. Achtes Kapitel Ma il barbaro signor, che sol misura Quanto loro e“ dominio oltre si stenda E per se stima ogni virtute oscura, Cui titolo regal chiara non renda, Non pudò soffrir, che'n cio ch'egli procura, Seco di merto il cavalier contenda; E se ne crucciasi, ch'oltra ogni segno Di ragione il trasporta ira e disdegno. La Gerusalamme liberata, Canto v. Der Häuptling Arslan Gherrei war einer von den tapferſten Edeln Tſcherkeſſiens. Er war edelmüthig in ſeinem Betragen, artig und zuvorkommend und äußerſt ruhig und gemäßigt; aber es ſprach ſich eine Melancholie in ſeinen Jügen aus, die beinahe an Strenge gränzte. Er hielt ſich entfernt von ſeinen Landsleuten, ausgenom⸗ 34 men im Kriegsrathe oder auf dem Kampfplatze, wo ſeine Rathſchläge geachtet wurden und man ſeiner Stan⸗ darte gern folgte. Bei ihren Banketten und anderen fröhlichen Geſellſchaften und Gelagen war er ſelten zu finden; er zog ſeinen häuslichen Herd und die Geſell⸗ ſchaft ſeiner Tochter vor. So war der Vater der ſchönen Ina, der Patriot mit Leib und Seele, der Kriegsheld Tſcherkeſſiens; da wir aber ſpäter Gelegenheit haben werden, die Einzelnheiten ſeiner Geſchichte zu berichten, ſo wollen wir jetzt ſeinen Fußſtapfen in das Gaſthaus folgen, wo der junge Edle, der Bruder des Khans Ka⸗ loret, geſpannt ſeine Rückkehr mit Ina's Antwort auf den Heirathsantrag ſeines Bruders erwartete, und ſich die Mögligkeit nicht träumen ließ, ein tſcherkeſſiſches Mädchen könne ein ſo hohes Anerbieten ausſchlagen. Der junge Khan, der auf dem Divan am vorderen Ende des Gemaches ſaß und ſeinen Reitknecht zur Be⸗ dienung bei ſich hatte, erhob ſich von ſeinem Sitze als der Häuptling eintrat. Er war ein ſchlanker Junge mit harten Geſichtszügen und herkuliſchem Körperbau, von Kopf bis zu Fuß in eine Kettenruſtung gekleidet, über welche er einen dunkeln Mantel von dichtem Tuche trug; auf dem Kopfe hatte er einen Helm oder eigent⸗ lich eine Kappe von Blech, die am Rande herum mit einem dicken Pelze verbrämt war, wodurch ſein Geſicht einen Anſchein von Wildheit erhielt, der durch ſeine überhängende und gefurchte Stirne durchaus nicht ge⸗ mildert wurde. An ſeiner Seite hieng ein ſchweres, zweiſchneidiges Schwert, deſſen Handgriff reich mit Gold eingelegt und durch Juwelen verziert war, gleichwie es auch der Handgriff des Dolches war, den er im Gürtel ſtecken hatte. Seine übrigen Waffen, wie auch die ſeines Reitknechtes hiengen an der Wand über ſeinem Haupte. Sein Reitknecht hatte keine Rüſtung an, ſeine Mütze war von demſelben farbigen Pelze, welcher an der ſeines Herrn war; ſein Anzug von dunkelm Tuch war knapp anliegend. Dieſer Mann war von unterſetzterer Statur 55 als der Khan, wohlbeleibt und hatte dieſelbe unange⸗ nehme, häßliche Geſichtsbildung. Der Khan ſchien ſehr begierig auf die Erwiederung des Häuptlings, doch be⸗ müuͤhte er ſich, ſeine Begierde zu verbergen; ehe jedoch einer von ihnen ſprach, bat ihn ſein Wirth, ſeinen Sitz wieder einzunehmen und er ſelbſt ſetzte ſich dann auf ein Kiſſen gegenüber von ihm, und wartete, bis ſein Gaſt die Unterredung begann. „Edler Uzden, welche Antwort ſendet das glänzende Tageslicht meinem tapferen Bruder? Will ſie die Kö⸗ nigin ſeines Frauengemachs und die zukünftige Mutter unſeres edeln Geſchlechtes ſeyn? Wenn wird ſie bereit ſeyn, meinen Bruder auf ihrem Wege in deſſen Heimath zu empfangen, und wenn ſoll ich wieder mit einem glänzenden Gefolge von Unterthanen kommen, wie es ihr Rang und ihre Schönheit gebieten, um ſie im Braut⸗ anzuge in die Arme ihres ſie ſehnfüchtig erwartenden Gemahls zu bringen 22 „Es kann nicht ſeyn,“ antwortete der Häuptling ernſt,„ich ſpreche nicht mit Verachtung von dem edeln Khan, Ihrem Bruder, aber meine Tochter iſt mir wie ein Sohn, und ſelbſt nicht um alle Reiche Stambouls werde ich mich gegen ihren Willen von ihr trennen. Ina iſt noch jung und liebt mich wie es nur ein Sohn könnte. Sagen Sie Ihrem edeln Bruder, daß ſie noch bei ihrem Vater bleiben will; daß ſie der einzige glän⸗ zende Juwel iſt, den ich liebe, daß ich ihr mehr werth bin als die reichſte Rüſtung oder als Pferde von der reinſten und edelſten Race. Es giebt andere Mädchen der Atteghei, welche gerne die Heimath Ihres Bruders theilen und die Mutter von eben ſo braven und kriege⸗ riſchen Söhnen, wie er ſelbſt, würden; möge Allah dieſem Hauſe Freude ſenden! Meine Tochter kann aber ſeine Braut nicht werden. Es iſt genug Khan, ich habe meine Antwort gegeben.“ Die Stirne des jungen Beſin Khan verfinſterte ſich, als er dieſe Worte hörte.„Muß ich denn mit dieſer 96 Antwort zu meinem Bruder zurückkehren? Muß ich gehen und dem Führer von tauſend tapferen Kriegern ſagen, daß ein ſchwaches Mädchen ſich ſeinem Willen nicht beugen will? Wie Uzden! dieß ſagen Sie mir ins Geſicht? Muß ich ſolche Worte wie dieſe in meines Bruders Ohr ſagen? Glauben Sie, er werde darauf hören? Er wird ſagen, ich lache über ſeinen Bart. Er wird ſagen, ich ſolle umkehren und ſeine Braut zurück⸗ bringen; Sie kennen meinen Bruder nicht, wenn Sie glauben er werde Worte wie dieſe ruhig anhören. Er wird nicht ruhen. Er wird mich mit einer anderen Botſchaft zurückſchicken und mich nicht eher empfangen, bis ich mit ſeiner Braut zurückkehre. Sagen Sie mir alſo, o Häuptling, die ſanfte Braut werde ihre bishe⸗ rige Umgebung verlaſſen, Sie werde kommen und in das Frauengemach meines Bruders eingehen. Sie wird dort bald glücklich ſeyn, wenn ſie auch anfangs die väterliche Heimath betrauert; ſie wird meines Bruders Stolz, ſein glänzendſter Juwel, ſeine zarteſte Blume ſeyn. Er wird Ihnen, Uzden, eine Rüſtung ſchicken durch welche kein Schwert dringt; vier edle Roſſe von der reinſten Race, die flink ſind wie der Wind; eine ſchöne Heerde fetten Viehes und Schafheerden. Verſchmähen Sie dieſe Dinge nicht.“ „Habe ich nicht geſagt Khan, meine Tochter ſey mir mehr als Rüſtung oder Pferde?“ erwiederte Arslan Gherrei;„warum ſprechen wir wie Kinder? Mein Wort iſt geſprochen, meine Tochter kann nicht die Braut des Khans ſeyn. Seyen Sie nicht thöricht und über⸗ bringen Sie dieſe Botſchaft Ihrem Bruder; und nun Khan ſprechen wir nicht weiter über dieſen Gegenſtand⸗ Erfriſchungen ſind bereit für Sie, ehe Sie zurückkehren, wenn Sie keine zu große Eile haben, bringen Sie lieber dieſe Nacht in meinem Hauſe zu, und reiſen Sie morgen mit Tagesanbruch ab, denn ich ziehe mit dem kleinen Gefolge, das mir geblieben iſt, gegen den Feind, und muß vorher meine Tochter bei der Familie meines 97 Verwandten, des Aitek Tcherei, in Sicherheitbringen. Blei⸗ ben Sie alſo bis morgen, dann ziehen Sie in Frieden, und vielleicht das nächſte Mal, wenn wir uns wieder begegnen, iſt es auf dem Schlachtfelde gegen die Urus, denn ich war oft Zeuge Ihrer Tapfarkeit und ſah Sie manchen Feind in Staub ſtrecken.“ „Ich kann nicht bleiben, ich muß eilig fort, ich brauche keine Nahrung, wenn dieß die einzige Antwort iſt, Häuptling, die Sie meinem Bruder ſenden können,“ rief der junge Edle heftig aus.„Er wird ſolche Worte wie dieſe nicht geduldig ertragen. Sein Geiſt wird ſich nicht ängſtlich dieſer Weigerung unterwerfen. Es iſt Thorheit, dieß zu denken. Sein Anerbieten wurde nicht gemacht, um ausgeſchlagen zu werden.“ „Sie ſprechen thörichte Worte, Khan; Ihr Bruder iſt kein Kind, um durch eine Sache wie dieſe in Zorn zu gerathen;“ erwiederte der Häuptling ernſt.„Ihre Gefühle nehmen Ihnen das Urtheil, warten Sie und Sie werden morgen beſſer über dieſen Gegenſtand denken.“ „Sie kennen meinen Bruder wenig. Er erwartet nun geſpannt die Antwort, die ich ihm bringen ſoll, und ich werde mich nicht länger verweilen, um noch mehr ſolche Worte zu hören,“ rief der junge Khan, noch mehr gereizt, als vorher.„Mein Pferd, Kiru!“ indem er ſich an ſeinen Reitkuecht wandte.„Reiche mir meine Waffen. Bringe mir mein Pferd. Befehle meinem Ge⸗ folge, aufzuſteigen, und fort von hier.“ Sein Reitknecht überreichte ihm, ſeinem Befehle zu⸗ folge, ſeine Flinte und ſeine Piſtolen, und eilte aus dem Zimmer, um ſeine Befehle zu vollziehen, während der junge Khan zornig und hochmüthig gegen die Thüre ſchritt, wo er ſtehen blieb und vor Wuth ſchäumte, bis ſein Pferd vorgeführt wurde. Er beſtieg daſſelbe ſodann, ohne ſeinem edeln Wirthe den gebrauchlichen Abſchieds⸗ gruß zu bieten; dieſer war ſehr unangenehm berührt und erſtaunt über dieſen Mangel an ritterlicher Höflich⸗ Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling⸗ II. 7 98 keit, und über dieſes hitzige, zornige Temperament, und gieng weiter in das Haus hinein. Gefolgt von ſeinem Reitknechte und den Unterthanen ſeiner Familie galoppirte der erzürnte, junge Edle ganz wüthend auf der flachen Teraſſe hin, bis er den ſteilen Pfad an der Seite des Berges erreichte, auf welchem 3 er ſeinen Weg fortſetzte; dann zog er durch das Thal in der Richtung gegen die See und wandte ſich hierauf f gegen Norden längs der Küſte hin. — Neuntes Kapitel. Sein Herz ſchlug aus Mitleid für Andere nie, Ihr Leiden macht Freud ihm und Luſt.— Sein Aug war des Falken; das Zwilicht ſein Tag; Sein Wuchs gliech den Tannen des Bergs; Sein Geiſt war das Feu'r, das ſeine Höhle ausſpie; Er fürchtete Nichts als den Geiſt ſeines Bergs. Hogg. Zwiſchen den hervorragenden Spitzen der hohen, finſteren, zerriſſenen Berge, welche den noch gigantiſche⸗ ren, ſchauerlicheren Elborus umgeben, iſt ein tiefes Thal, das noch wilder und fürchterlicher iſt, als die vielen an⸗ deren Schluchten und Klufte, die durch gewaltige Erd⸗ revolutionen in die Berge geriſſen wurden; daſſelbe bildet den einzig möglichen Zugang in einen weiten Keſſel, der von allen Seiten von beinahe fenkrecht emporſteigenden Felſen umgeben iſt. Die hohen, ſpitzigen Gipfel der⸗ ſelben ſind ſelbſt für die wilden Ziegen und die leicht⸗ füßigen Gemſen unerſteiglich. 4 Es ſchien, daß die Natur dieſen Ort beſonders ge⸗ bildet hatte, um Geächteten als Feſtung zu dienen, da ein Dutzend oder zwanzig Männer den Eingang jederzeit gegen ein ganzes Heer von Feinden vertheidigen konnten. Aus dieſem Grunde hatten die Vorfahren des gegen: wärtigen Beſitzers der Gegend dieſen Ort zu einer„ ͥ— ₰——— 99 Niederlaſſung gewählt, vermuthlich mit der zweiteren Rück⸗ ſicht auf ihre außergeſetzliche Stellung, daß ſte von dieſem feſten Punkte aus über die Nachbarn herfallen und dieſe berauben konnten, und daß ſie einen ſicheren Platz hatten, wohin ſie ſich mit ihrer Beute ohne Furcht vor Repreſ⸗ ſalien zurückziehen konnten. Sey dem, wie ihm wolle, ihre Nachfolger hatten immer dieſelbe Beſchäftigung be⸗ folgt; ſie ſielen uͤber die unvorbereiteten, argloſen Bauern der Ebene her, führten ihnen ihr Vieh und nicht ſelten ſie ſelbſt als Sklaven fort. Der erſte des gegenwärtigen Geſchlechts, der den wilden Ort bewohnte, war ein Khan von hohem Range in der Tartarei, einer von den vielen, welche mit dem geächteten König in die Berge des Kaukaſus entwiſchten, als derſelbe durch die Ruſſen unter der um ſich greifenden Katharina vom Thron geſtürzt wurde. Hier wurden ſie gaſtfreundlich und freudig von dem braven Volke aufge⸗ nommen, von deſſen Blut ſie urſprünglich abſtammten; eine große Anzahl derſelben ließ ſich deßhalb mit ihrem Gefolge, die ihnen im Guten wie im Böſen anhiengen, in Abaſien nieder und bildeten auf dieſe Art mächtige Stämme in ihrer neuen Bergheimath. Von den Raubzügen ſeines Vorgängers beſaß Kho⸗ ros Kaloret Khan große Heerden Vieh und Schafe, eine große Anzahl Sklaven und eine Zucht ſehr lebhafter Pferde, von der Race, welche ſie aus der Tartarei mit⸗ gebracht hatten. Da er einen Ueberfluß an Vermögen hatte, ſo unterließ er die räuberiſchen Ausfälle, die in geſetzloſeren Zeiten gemacht worden waren. Er ſtand auch an der Spitze einer großen Menge von Untertha⸗ uen, welche ihm als ihrem erblichen Herren und Ge⸗ bieter unbedingten Gehorſam leiſteten, ſo daß er abge⸗ ſehen von ſeinem Range eine Perſon von hohem Anſehen im Lande war; doch war er eigentlich mehr gefürchtet wegen der Macht, die er hatte, Böſes zu thun, als geliebt wegen der Wohlthaten, die er ſeinen Nachbarn . 7¾ erwies. 1⁰⁰⁶ Sein Charakter war, da er nie getadelt wurde, ſtolz und heftig, ſo daß keiner ſeiner Unterthanen es wagte, ſeinen geringſten Befehlen entgegenzuhandeln; in die Schlacht folgten ſie ihm jedoch gerne, denn er war ein tapferer, unerſchrockener Führer, und die Ruſſen hatten oft die Macht ſeines Armes bei ſeinen kühnen Angriffen gefühlt. Sobald dieſe die Feindſeligkeiten gegen die Stämme des Kaukaſus begannen, ſo führte ſein Vater ſchon ſeine Unterthanen aus den unzugänglichen Schlupf⸗ winkeln heraus gegen dieſelben, und erwies ſich als einen ihrer erbitterſten und unverſöhnlichſten Feinde. Er nahm eine ſtarke Rache für die Uebel, welche die Crim Tar⸗ tarei ihrerſeits hatte leiden müſſen. Einſt ſchickte er ihnen einige von ſeinem Volke ent⸗ gegen, um ſie durch dieſelben in einen Hinterhalt zwiſchen ſehr ſteilen Bergen zu locken, wo er ſich ſelbſt mit einer bedeutenden Abtheilung befand; als ſie ſich nun wirklich verleiten ließen und an dem Orte ankamen, fiel er über ſte her und ſchlachtete mehrere Hunderte von ihnen. Die anderen, welche in den Höhlen und Felſen Zuflucht ſuch⸗ ten, wurden gleich wilden Beſtien gejagt. Mehrere Tage dauerte die wilde Jagd fort; alle Zugänge wurden ſo ſtreng bewacht, daß auch nicht ein Einziger zurückkam, um die Kunde ihres Unfalls zu überbringen. Die, welche nicht gefangen wurden, oder durch das Schwerdt ſielen, verhungerten in den öden Bergen. Der junge Khan und ſein Bruder hatten von ihrem Vater dieſelbe bittere Stimmung gegen ihre Feinde er⸗ erbt; es war aber mehr Rache als Liebe zu ihrer ange⸗ nommenen Heimath, was ihre Bruſt beſeelte; und der unzähmbare, ſtrenge Charakter des Aelteren verleitete denſelben öfters zu Exceſſen ſelbſt gegen ſeine nächſte Umgebung, wie ſie ſich ſein Vater nicht hatte zu Schulden kommen laſſen. 3 So warb der Bewerber um die Hand der hübſchen Ina; und obgleich Arslan Gherrei ihn nicht gerne hatte, ſo war er doch nicht mit deſſen wirklichem Charakter 1⁰1 3 bekannt; er konnte ihm auch nicht, ohne ihn tödtlich zu beleidigen, ſeinen Antrag ohne triftigen Grund verwei⸗ gern, da er von Seiten ſeiner Mutter aus demſelben Geſchlechte jedoch von einer königlichen Linie abſtammte. Das Haus des Häuptlings, in deſſen Nähe ein hoher Wachthurm errichtet war, war quer durch das Felſenthal gebaut, das in die grüne, runde Ebene oder den Keſſel führte, welcher oben näher beſchrieben wurde, und hatte auf große Entfernung die Ausſicht auf jeden, der ſich demſelben näherte. Deer Khan gieng unter der Verandah vor dem Hauſe in heftiger Aufregung mit großen Schritten auf und ab. „Siehſt Du Jemand kommen?“ rief er einem Pagen zu, der auf der Spitze drs Wachtthurms aufgeſtellt war. „Warum zögert mein Bruder ſo lange? Warum ſendet er keinen Boten aus, um die Ankunft meiner Braut melden zu laſſen? Sicher würde er es nicht verſäumen, Jemand vorauszuſchicken, um mir Zeit zu geben, das ſchöne Mädchen mit der ſchuldigen Ehrerbietung unter⸗ wegs zu empfangen. Er iſt nicht gewohnt, gegen meine Befehle zu handeln. Siehſt Du Niemand kommen, Sklave?“ ſchrie er abermals.„Siehſt Du Niemand kommen?“ „Bei meinem Kopfe Khan, ich ſehe im ganzen Thale nicht den kleinſten Gegenſtand in Bewegung,“ erwiederte der Page. „Bin ich Euer Khan, daß Ihr Euch nicht beeilt?“ rief er zu einigen Dienern, die in geringer Entfernung warteten.„Zand nehme das flinkſte Pferd aus dem Stalle, reite drei Stunden gegen Ghelendjik und kehre unverzüg⸗ lich wieder zurück; ſehe, daß Du mir Nachrichten von meiner kommenden Braut oder von den Botſchaften mei⸗ nes Bruders bringſt.“ Der Mann beeilte ſich dem Befehle Folge zu leiſten, und der Khan ſetzte ſeinen unregelmäßigen und bewegten Spaziergang wie zuvor fort, indem er ſehr häufig ſeinen 1⁰0² Blick in das Thal hinabſchweifen ließ; dann rief er wieder dem Wachpoſten zu, ob er noch Niemand kommen ſehe. Dieſelbe Antwort wie vorhin. Seine Ungeduld wuchs. „Sattle mir ein Pferd Burſche, eile, laufe. Bin ich nicht Euer Khan, daß Du Dich nicht mehr beeilſt?“ Ein Pferd war bald vorgeführt; als er im Sattel ſaß, ritt er wüthend den ſteilen Berg hinab, kehrte je⸗ doch bald wieder auf dem Rücken des keuchenden Pferdes von ſeinem fruchtloſen Suchen zurück. Sein Blut war durch dieſen hitzigen ſtarken Ritt natürlich nur noch mehr in Wallung gekommen; er warf einem Sklaven, der zitternd daſtand um ihm das Pferd abzunehmen, die Zügel hin, und fieng von neuem ſeinen eiligen Gang vor der Wohnung an. Eine andere Stunde vergieng als der Aufpaſſer auf dem Wachthurme die Nachricht gab, daß er einen Reiter das Thal heraufkommen ſehe. Als derſelbe näher kam, zeigte es ſich, daß es einer der am Morgen abgeſchickten Boten war; er meldete, daß er von keinem einzigen von der Eskorte des jungen Khan Nachricht bekommen konnte. Die Schatten des Abends begannen das Thal in tiefes Dunkel zu hüllen, als der Poſten abermals rief, er ſehe eine Parthie Reiter näher kommen. Der Khan ſchwang ſich augenblicklich auf ein mit einer prächtigen Decke geſatteltes Pferd, und ließ ſeinen Bannerträger vor ſich her reiten. Sein Neitknecht und Pagen folgten ihm mit ſeinen bedeutenderen Unterthanen; er galoppirte das Thal hinab um die erwartete Braut zu empfangen. Wie groß war aber ſein Unwillen, ſeine Wuth, als er nicht die ſchlanke Figur ſeines Bruders oder den weißen Schleier der Braut gewahrte, ſondern an ihrer Statt nur den verwirrten und ängſtlichen Haufen Unterthanen ſah, der mit ſeinem Bruder fortgezogen war. „Wo iſt mein Bruder und wo meine Braut?“ rief er, indem er mit gezogenem Säbel wüthend auf ſie zu ritt.„Sagt Sklaven, oder ich haue Euch zuſammen.“ „Allah iſt groß, wir wagen nicht zu ſagen Khan, — — 1⁰³ wo Ihr Bruder iſt. Wir wiſſen es nicht— wir können nicht ſprechen,“ antwortete der vorderſte des Trupps. „Die hübſche Tochter des Uzden Arslan Gherrei iſt bei ihrem Vater.“ „Was! Kommt ſie nicht mit meinem Bruder? Sprecht Sklaven; antwortet, ich frage Euch,“ ſchrie der Khan. „Wir wiſſen nur dieß Khan, bei meinem Haupte ſpreche ich die Wahrheit,“ erwiederte der erſte Sprecher: „Der Bruder des Khan's reiste von Uzden Arslan Gherrei ab im höchſten Zorne, daß er ihm ſeine Tochter nicht laſſen wollte, um ſie zur Königin Ihres Frauen⸗ gemachs zu machen. Wir reisten dann gegen das Kaſtell der Urus Ghelendjik, wo uns Beſin Khan nur von Kiru begleitet, befahl, noch eine Tagreiſe weiter zu gehen und ihn dann zu erwarten. Zwei Tage kam er nicht. Wir warteten noch den dritten, dann giengen wir um ihn zu ſuchen. Wir hörten, daß ein blutiges Gefecht zwiſchen Einigen von den Stämmen an der Küſte und den Urus vorgefallen war, und wir dachten unſer junger Khan habe auch dabei ſeyn wollen; aber alle, die wir um Nachricht uͤber ihn befragten, wandten ſich auf die Seite und wollten nicht antworten. Wir begaben uns dann an die Küſte, wo der Kampf vorgefallen war, und fanden hier unter Haufen von gemeinen Soldaten der Urus, welche bereits von Raubvögeln und wilden Thieren unkenntlich gemacht waren, den Säbel des jungen Herrn zerbrochen, ſeine eiſerne Kappe und ſeinen Bruſtharniſch mit einem tiefen Schnitt in der Mitte.“ Als er ſprach, öffneten die Reiter ihre Reihen, und zeigten auf einem ledigen Roſſe die übel zugerichteten Waffen Beſin Khan's. „So wahr Allah groß iſt, iſt dieß Alles was wir wiſſen,“ fügte der Mann bei. Die Wuth des Khan's ſchien auf einen Augenblick gedämpft, durch den Schlag, der ihn durch ſeines Bru⸗ ders nur zu wahrſcheinlichen Tod getroffen hatte. Er war jedoch plotzlich wieder wie umgewendet, 104 „Was für Lügen ſagt Ihr hier, Elende?“ rief er aus.„Iſt es Gebrauch bei den Häuptern von Abbaſeik, daß ſte ihre Kriegsgefährten verlaſſen, wenn ſie erſchla⸗ gen auf dem Felde liegen? Obgleich er nicht ſeine eigene Familie bei ſich hatte, glaubt Ihr die anderen Edeln hätten ſeinen Leib nicht von dem Orte weggebracht, wo er erſchlagen lag. Nein dieß können nicht die Waffen meines Bruders ſeyn. Wenn Ihr gelogen habt, ſollt 8 Ihr es theuer büßen. Folgt mir nach Hauſe. Wir wollen ſehen, wenn Licht gebracht wird, ob dieß die Waffen meines Bruders ſind.“ 1 Er wandte ſein Pferd um und ritt eilends nach Hauſe, dort warf er ſich in ſeinem Hauptzimmer auf einen Divan, und befahl Lichter und die Waffen ſeines Bruders vor ſich zu bringen. Er prüfte ſie genau. „Leider mein Khan!“ ſagte einer von ſeinen Dienern, „kenne ich nur zu gut den Handgriff ſeines Säbels. Oft ſah ich ihn in der Hand Ihres edeln Bruders.“ 6 „Still Thor!“ antwortete der Khan wüthend,„glaubt Ihr, ich kenne meines Bruders Schwert nicht? Ja dieß find ſeine Waffen, und die ſollen es theuer büßen, welche dieſe Unwürdigkeit an meines Vaters Sohn begangen haben. Er hätte lebend ſeine Waffen nicht auf dem Felde gelaſſen, und bei Allah und ſeinem Propheten ſchwöre ich, ich werde Rache nehmen. Er könnte in die Hände der Urus gefallen ſeyn; aber nein, Bezin Khan wird nicht lebendig gefangen genommen. Ich will zu den Häuptlingen der Atteghei gehen, welche in dieſen Kampf verwickelt waren, und werde ſie es theuer büßen laſſen, daß ſie auf dieſe Art meinen Bruder verließen, als er erſchlagen wurde. Wenn er in der Nähe war und das Getöſe des Kampfes hörte, ſo hat er ſich gewiß in das dichteſte Handgemenge geſtürzt; und wenn er durch dieſe verhaßten Urus fiel, ſo will ich meine Rache an allen von dieſem verfluchten Geſchlechte, die mir in die Hände fallen, doppelt ausüben. Was iſt auch das Blut eines ganzen Heeres ſolcher Männer wie ſie ſind, gegen einen einzigen Tropfen Blut meines edeln 1⁰⁵ Bruders? Er wäre für mich geſtorben, und ſollte ich ruhen, ſo lange ich lebe, ehe er gerächt iſt? Nein ſeine Geiſter rufen mir aus dem Grabe.“ Er ſtand auf und lief ſehr aufgeregt durch das Zim⸗ mer, indem er die geballten Fäuſte in die Luft ſtreckte. „Vielleicht biſt du doch nicht erſchlagen, mein Bru⸗ der!“ Wo Du auch immer ſeyſt, aus den Händen des 5 ſtolzen Uzden Arslan Gherrei will ich Dich fordern. Er muß wiſſen, wo Du biſt. Warum ſollte er mir ſeine Tochter verweigern? Bin ich nicht ein Edler wie er? Habe ich nicht mehr getreue Diener, mehr Vieh und Schafheerden? Warum verweigert er es dann, das Mädchen in mein Frauengemach gehen zu laſſen?“ Den nächſten Morgen war eine ſtolze kriegeriſche Truppe bereit, dem Khan zu folgen, als er in reicher glänzender Rüſtung ſein Banner vor ſich hertragen ließ, ſeine Bergheimath verließ und ſich unterwegs nirgends aaufhielt, ſondern in wuthendem Galopp gleich einem von einem hohen Felſen auf die Ebene ſtürzenden Waſſer⸗ falle dahin ſprengte. Die Truppe Reiter ritt aus dem Thale hinaus, längs dem Rande ſteiler Abgründe hin an den jähen Abhängen der rauhen Berge hinab, in dem ausgetrock⸗ neten Felſenbette des Winterbaches fort, ohne die Zügel aaanzuziehen. Die Bewohner der Doͤrfer und Weiler ſprangen heraus als ſie den polternden Hufſchlag von Pferden hörten, als der ſtolze Khan und ſeine Gefährten durch dieſelben galoppirten; Keiner grüßte ihn jeboch, als er an ihnen vorüber kam und gleich einer Windsbraut ihrem Geſichte entſchwand. 3 „Ci, ei,“ riefen die alten Bauern.„Iſt der Khan wieder auf einem Raubzuge? Wehe dem unglücklichen Volke auf der Ebene, das ihm in die Klauen fällt; oder wenn er gegen die Ruſſen reitet, werden Manche ſeine Ankunft verfluchen, wenn er über die verſtümmelten Körper ihrer Landsleute weggaloppirt. 1⁰⁶ Zehntes Kapitel. Blick hin Und wenn Du ſie betrachtet Deine That, Die frevelhafte That, ſo richte ſelbſt Und ſehe, ob Du Dich bereden kannſt, Daß Gnade Du noch anzuſprechen und zu hoffen. Beaumont und Fletſcher. Wie ſchon bemerkt, war der junge Khan Beſin Ka⸗ loret von ſeinem Bruder, dem ſtolzen Khan der Berge Khoros Kaloret, dem landesüblichen bei ſolchen Gelegen⸗ heiten nothwendigen Gebrauche zufolge, abgeſchickt worden, um von dem Uzden Arslan Gherrei die Hand ſeiner lie⸗ benswürdigen Tochter zu verlangen; er hatte ſie bei ſei⸗ nen Zügen in jenen Theil des Landes öſters geſehen, und war von ihrer Schönheit und dem Rufe ihrer Ge⸗ ſchicklichkeit ganz hingeriſſen. Der junge Abgeordnete kam mit der Vollmacht, reiche Geſchenke anzubieten, welche ſein Bruder ih⸗ rem Vater beſtimmt hatte, im vollen Vertrauen, daß ſeine glänzenden Anerbietungen angenommen werden wür⸗ den; denn wer konnte daran zweifeln, daß der Antrag eines ſo mächtigen und jungen Edeln, eines Mannes dem Tauſende von tapferen Kriegern gehorchten und in den Krieg folgten, der große Heerden von Vieh und Schafen, ſchöne Pferde und reiche Rüſtungen beſaß, von Erfolg ſeyn werde. Khoros war, wie ſchon bemerkt, von heftigem, rach⸗ gierigem Charakter, ſo daß ſein Bruder, obgleich er ihn liebte, doch die Wuth ſeines ihn übermannenden Zornes fürchtete, da er wohl wußte, daß ein Fehlſchlagen dieſer Angelegenheit dieſen aufs Aeußerſte reizen würde. Als er den Uzden verließ hiengen ſeine Gedanken an Rache oder an Ausführung dieſes Gegenſtandes und wäre er nicht durch den Eid gebunden geweſen, den er mit vielen anderen Edeln eingegangen hatte, alle Strei⸗ tigkeiten unter einander in Ruͤckſicht auf die dringende „ 107 Gefahr in der das Land ſchwebte, zu unterlaſſen, ſo hätte er ſich wahrſcheinlich entſchloſſen, unmittelbar mit einer ſtarken Abtheilung ſeiner Unterthanen zurückzukehren und das Mädchen trotz ihres Weigerns gewaltſam fort⸗ zuführen. Unter dieſen Umſtänden nahm ihm der Auf⸗ ruhr ſeiner Gefühle alles Urtheil, er wußte nicht was er anfangen ſollte; ſein verſchmitzter Reitknecht errieth ſeine Gedanken und erſann einen Plan, von dem er nicht zweifelte, daß ihn ſein Gebieter annehmen werde. Als der Khan anfieng die Zügel etwas anzuziehen, begann er vorſichtig ſeinen Operationsplan zu entwickeln, von welchem er dachte, man könne durch ihn den gewünſchten Gegenſtand erhalten. „Warum giebt mein junger Gebieter dem Zorne und der Verzweiflung Raum wegen der Thorheit eines bleichen Mädchens? Warum hält er es für unmöglich, den Wünſchen ſeines edeln Bruders zu gehorchen? Giebt es nicht manche Wege dieſen Gegenſtand zu erlangen?“ „Was meinſt Du, Kiru? ſpreche!“ rief der Khan. „Auf was zielen dieſe Worte von Dir?“ „Der Häuptling Arslan Gherrei und ſeine hübſche Tochter kommen morgen mit nur wenigen Unterthanen, die er zurückgelaſſen hat, dieſen Weg und werden in der Nähe des ruſſiſchen Forts Ghelendjik vorüberziehen,“ erwiederte der liſtige Rathgeber.„Könnte mein Herr nicht die Ruſſen dazu veranlaſſen, einen Ausfall zu ma⸗ chen und den Häuptling und ſeine Tochter, wenn ſie vorüberkommen, gefangen zu nehmen? Sie werden mei⸗ nem Herrn die ſchöne Tochter als Belohnung geben und er kann ſie dann ſeinem Bruder, unſerem Gebieter, bringen, um unſere Heimath. durch ihre Gegenwart zu verherrlichen. „Was ſind das für Worte, die ich höre?“ rief der junge Edle in erzürntem Tone und mit gerunzelter Stirn.„Willſt Du, daß ich den Verräther an meinem Lande mache? Willſt Du, daß ich meinen Eid breche, indem ich mit den verfluchten Urus gemeinſchaftliche 108 Sache mache? Nein, Kiru, nein. Sind es nicht meine Todfeinde? Habe ich ſie nicht geſchlagen wie die Mäher das reife Korn mit ihren Sicheln abmähen? Nein Kiru, es kann nicht ſeyn.“ Er ſtieß ſeinem Pferde die Sporen in die Flanken und galoppirte wieder fort, um den Verſuchungen ſeines Dieners zu entgehen. Er dachte jedoch im Weiterreiten über dieſen Gegenſtand nach, und da ſeine Phantaſie einmal durch dieſe Anſtiftung ſeines Dieners erregt war, konnte er trotz des ſchnellen Reitens die Idee nicht aus ſeinem Geiſte verbannen. Unglücklicherweiſe hielt er wieder an, um zu hören, was ſein Reitknecht noch weiter zu ſagen haben moͤchte; der gleich dem Verſucher zum Böſen, als er die Wirkung ſah, die ſein Vorſchlag ge⸗ macht hatte, immer weiter zu gehen wagte. „Denkt der Khan, mein Gebieter, ich wolle ihn überreden, Freundſchaft mit den verhaßten Urus zu ſchlie⸗ ßen? Nein, nein! Ich liebe ſie nicht. Mein Herr deutet meine Worte falſch. Ich meinte bloß, er ſolle ihren Beiſtand benutzen, um dieſen Gegenſtand zu ge⸗ winnen, dann mag er ſie ohne Dank verlaſſen. Er mag wieder ſein Schwert in ihrem Blute baden, wie wenn er nie mit ihnen geſprochen hätte. Was macht es, wenn einige Männer auf jeder Seite erſchlagen werden? Dieß iſt eine Kleinigkeit im Vergleich mit der Ausfüh⸗ rung der Befehle ſeines Bruders.“ 3 „Das kann ſeyn, Kiru, aber wird mon nicht ſagen, ich habe den Namen unſerer Familie dadurch befleckt, daß ich mit unſeren Feinden in Verbindung getreten bin?“ ſagte der junge Khan. „Niemand braucht es zu wiſſen was Sie gethan haben,“ erwiederte der Verſucher.„Ueberlaſſen Sie das der Sorge ihres treuen Dieners. Werden nicht auch manche Urus in dem Kampfe erſchlagen und auf dieſe Art unſere Sache gefördert? denn der Häuptling Arslan Gherrei iſt auch tapfer und mächtig, und es wird man⸗ cher von ſeinem Gefolge entkommen, um den Vorfall zu 109 erzählen, und während alle im Gefechte begriffen ſind, kann der Khan vorbrechen und das ſchöne Mädchen weg⸗ führen, wie wenn er es von den Feinden errettet hätte. Hat Ihr Diener nicht wohl geſprochen, Khan?“ „Dein Plan iſt gut, Kiru,“ eerwiederte er, ſchon beinahe entſchloſſen, den liſtigen Eingebungen ſeines Ver⸗ ſuchers zu folgen.„Aber wie kann ich Einlaß in das Fort unſerer Feinde bekommen?“— „Das iſt leicht; denn ſie ſehen diejenigen, die ſie auf ihre Seite zu gewinnen hoffen, immer gern, und wir können ſie leicht betrügen. Sagen Sie nur ein Wort und ich werde gehen, um ſie auf ihre Ankunft vorzubereiten,“ ſagte der ſchlechte Rathgeber. „Du überzeugſt mich ſehr, Kiru; ſind aber nicht immer die Spionen der Atteghei auf der Wache, um die Bewegungen der Urus zu beobachten, und werden ſie nicht ſogleich eine größere Macht ihres Volkes zuſam⸗ menziehen, wenn ſie dieſelben ihre Verſchanzungen ver⸗ laſſen ſehen?“ .„Das ſoll auch meine Sorge ſeyn,“ antwortete der Reitknecht.„Ich will auch die Spionen täuſchen und dieſelben in verſchiedenen Richtungen ausſchicken, damit die Straße frei bleibt. Auf dieſe Art iſt nichts zu fürchten.“ „Deine Ueberredung iſt mächtig, Kiru,“ erwiederte der Khan, jetzt kaum noch zaudernd,„und ich ſehe keinen anderen Weg, auf dem ich meines Bruders Wünſche aus⸗ führen könnte.“ 4„Wir ihaben dann keine Zeit zu verlieren, Khan,“ ſagte der Reitknecht.„Wir wollen uns beeilen, das Komplot auszuführen, und wir wollen dieſen thörichten Ruſſen zeigen, wie wir ſie taͤuſchen können.“ Der junge Khan war nun feſt entſchloſſen, dieſen Act der Verrätherei und Thorheit zu begehen. Er war⸗ tete deßhalb bis ſein Gefolge ankam, ſandte ſte gegen die Heimath voraus, während er und ſein Reitknecht ſich gegen das Kaſtell Ghelendjik bewegten, und ſich ſo viel 110 als möglich hinter Bäumen und Felſen hielten, um von den Wachen der Tſcherkeſſen nicht bemerkt zu werden, bis ſie in der Abenddämmerung vor den Mauern deſſel⸗ ben iamen. Das Fort Ghelendjik war anf der öſtlichen Seite einer tiefen Bucht erbaut, deren ruhige Gewäſſer vor allen Winden, welche das ſchwarze Meer bewegen, geſchützt ſind. Hohe und ſteile Berge erheben ſich in einiger Ent⸗ fernung vom Ufer rings um dieſelbe, und ſchließen auf der Seite wo das Fort ſtand, eine breite, ſandige Ebene ein, deren Ausdehnung über die Musketenſchußweite von den Bergen ausreicht. Weiter gegen Norden hin erſtreckte ſich eine Kette hoher Kalkfelſen, deren Spitzen ſich in ſchroffen Zacken erheben, und eine unüberſteigbare Bar⸗ riere für Truppen bilden; während ſich auf der anderen Seite das Land in waldigen Vorgebirgen oder Caps, welche in der Richtung gegen Pchad eine Reihe ſchöner Baien und Buchten bilden, weit in die See binein erſtreckt. Die Mauern der Forts, hinter welchen die Ruſſen durch die Wachſamkeit ihrer Feinde eingeſchloſſen waren, waren von Stein erbaut; theilweiſe waren aber auch nur hohe Erdaufwürfe vorhanden, und auf dieſen Palli⸗ ſaden errichtet; auf der ganzen Umfaſſung erblickte man in einer langen Linie die Mündungen ihrer Kanonen vom ſchwerſten Kaliber, die jederzeit mit Kugeln und Kartätſchſchroten ganz voll geladen ſind. Ein tiefer Graben umgab die ganze Umfaſſung, und vor dieſem waren noch vorgeſchobene Redouten. In Zwiſchenräumen von nur wenigen Ruthen ſah man hinter den rohen zu Palliſaden gehauenen Baumſtämmen, die Bayonette der Schildwachen glänzen, welche beſtändig auf der Wache ſeyn müſſen, um einen Ueberfall ihrer unermüdlichen immer drohenden Feinde zu vereiteln. Die Vorraths⸗ häuſer und Barracken waren von Holz erbaut, und zwar theilweiſe ſo ſchlecht, daß ſie der bedauernswürdigen Garniſon, die ſich im Ganzen auf ungefähr viertauſend 111 Mann belief, kaum Schutz gewährten. Die Tſcherkeſſen ſind aber ſo wachſam und beharrlich, daß die Ruſſen trotz dieſer großen Macht ſich nie aus den Mauern her⸗ auswagen können, ohne beſchoſſen zu werden, und die zum Eintreiben des nöthigen Holzes und Waſſerbedarfes commandirten Abtheilungen müſſen immer durch Artil⸗ lerie vor den Angriffen der Eingeborenen geſchützt wer⸗ den. Alle Bäume in der Nachbarſchaft wurden von den Ruſſen gefällt, theils zum Baue des Forts, theils damit die Bergbewohner im Falle eines Angriffs keinen Schutz hinter denſelben finden ſollten, ſo daß die Gegend in der nächſten Umgebung des Forts einen öden und wüſten Anblick bot und einen ſtrengen Gegenſatz gegen die reiche, freundliche Gegend weiterhin bildete. In einem Gebäude von etwas beſſerem Ausſehen, als die übrigen, ſaß auf einem Feldſopha der Comman⸗ dant des ruſſiſchen Forts. Die tiefen Furchen auf ſeiner finſtern Stirne verriethen ſeinen Unwillen über den ſchlechten Erfolg der kaiſerlichen Waffen, und er brütete ſinſtere, ſtrenge Rache gegen die tapferen Bergbewohner been ihrer entſchloſſenen Vertheidigung ihres Geburts⸗ andes. Es war einer, mit dem unſere Leſer bereits bekannt ſind; der Pflegvater unſeres Helden, Baron Galetzoff. Der Gouverneur wurde in ſeinem Brüten durch den Eintritt eines Offiziers unterbrochen, welcher mit der Meldung kam, ein eingeborner Häuptling, als welchen ihn ſeine Kleidung auswies, ſey blos von einem Diener begleitet, am Fort angekommen, und ſcheine Mitthei⸗ lungen von Wichtigkeit machen zu wollen. 3„Man ſoll ihn einlaſſen,“ ſagte der Baron.„Aber eine Compagnie mit aufgepflanzten Bayonetten ſoll ihn am Eingange des Forts umgeben; ich werde ſodann kommen, um ihn zu ſprechen. Ich kann dieſen Berg⸗ bewohnern nicht trauen; hinter jeder ihrer Handlungen lauert Verrätherei. Rufen Sie meinen Dollmetſcher und ich will hören, was dieſer Räuberhäuptling zu ſagen 112 hat, und laſſen Sie die Truppen unter die Waffen treten, damit er unſere Stärke ſehe, und es ſeinen Landsleuten hinterbringe, denn er kommt doch blos hierher, um zu ſpioniren.“ Als der Khan und ſein Reitknecht in das Fort ein⸗ gelaſſen wurden, erhob ſich der Mond langſam über die Berge und warf ſeine glänzenden Strahlen auf die ruhigen Gewäſſer, auf die aufgepflanzten Bayonette der Truppen und die Degen der Öfftziere, die in Gruppen umherſtanden in ihren reichen, verſchiedenen Uniformen, und den ſtolzen und kriegeriſch ausſehenden Fremden be⸗ trachteten, während das entfaltete Banner Rußlands mit dem dunkeln Adler über ihren Köpfen wehte. Ein Trupp Koſaken in ihrer wilden, maleriſchen Tracht ſaßen auf ihren kleinen, flinken, mit geſtickten Satteldecken verſehenen Pferden. Sie hatten ſchöne, verzierte Waffen, und als ſie auf dem Sammelplatz ga⸗ loppirten, hielten ſte ihre Speere vorwärts, deren Spitzen im Mondſcheine hell glänzten. Die Truppen waren auf beiden Seiten in langen und dichten Linien aufgeſtellt; die Bayonette glichen einer ſpitzigen Mauer von glän⸗ zendem Strahle. In verſchiedenen Theilen des Forts brannten die Lagerfeuer der Soldaten, und eine Menge Diener begleiteten den Gouverneur mit Fackeln, welche einen eigenthümlichen, rothen Schein auf die Umgebung warfen. Die elenden Gebäude, und die finſteren, unregel⸗ mäßigen Feſtungswerke waren in Schatten gehüllt; nur die bunten, glänzenden, kriegeriſchen Rüſtungen fielen heller in die Augen, und ſchienen des ruhigen Glanzes des Mondes zu ſpotten, welcher an dem tiefblauen Himmel unter Myriaden von Sternen hinſchwebte. Als der ruſſiſche Gouverneur an dem Thore des Forts ankam, erblickte er die gebieteriſche Figur des jungen Khan Beſin Kaloret und deſſen Reitknecht, der dicht hinter ihm ſtand, und eine Piſtole mit aufgezogenem Hahnen in der Hand hielt. Der Bergkrieger ſtand 113 unerſchrocken und furchtlos unter der imponirenden, großen Macht der ruſſiſchen Truppen, die ihn umgaben. „Wer ſind Sie,“ begann der Baron,„daß Sie es ſo frecher Weiſe wagen, ſich meinem Lager zu nähern? Wiſſen Sie nicht, daß ich das Recht und die Macht habe, Sie augenblicklich für die vielen, durch Sie und Ihre barbariſchen Landsleute verübten Grauſamkeiten erſchießen zu laſſen? Sprechen Sie, was bringt Sie hierher?“ „Ich fürchte Ihre Macht nicht,“ antwortete der Khan ruhig;„auch würde ich nicht ungerächt ſterben; ich komme aber mit Friedensgedanken hierher; ich komme, um Ihren Beiſtand in einer wichtigen Angelegenheit an⸗ zuſprechen; ich kann jedoch nicht reden, wenn ſo Viele in der Nähe ſtehen, die meine Worte hören.“ Der ruſſiſche General blickte im Bewußtſeyn ſeiner eigenen, ſchlechten Abſichten auf die Piſtole, welche der Diener Kiru hielt. Der Khan bemerkte dieſen Blick. „Laſſe den Hahnen Deiner Piſtole vor, Kiru. Wir haben hier nichts zu fürchten,“ ſagte er, und als der Reitknecht gehorcht hatte, befahl der Baron den Solda⸗ ten, ſich weiter zurückzuziehen. „Nun, ſagen Sie mir Ihr Anliegen,“ ſagte der General,„und ſagen Sie mir, wer Sie find.“ „Es thut nichts zur Sache, wer ich bin,“ erwie⸗ derte der Khan,„mein Anliegen iſt aber Folgendes: ich möchte in den Beſitz eines ſchönen Mädchens, der Tochter eines Hänptlings gelangen, welche morgen mit einer ſchwachen Bedeckung in der Nähe vorüberkommt. Obgleich die Escorte tapfer iſt, werden ſie dieſelbe doch leicht überwältigen, wenn Sie meinen Rath be⸗ folgen. Hören Sie mich an, General der Maskowiten. Wenn Sie hundert von Ihren Fußtruppen mit mir ſchicken wollen, ſo werde ich Sie an einen Ort führen, wo Sie ſich in Hinterhalt legen können, bis der Häupt⸗ ling und ſeine Bande auf dem Wege angezogen kommt. Dann können ſie vorbrechen, und dieſelbe, wenn ſie es Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. II. 8 114 ſo wollen, zu Gefangenen machen, und als meine Be⸗ lohnung fordere ich die Tochter des Häuptlings.“ „Wer bürgt mir für das Gelingen des Plans,“ antwortete der Baron zweifelnd;„wie kann ich wiſſen, daß keine Verrätherei im Spiel iſt? ich kann Ihren Landsleuten nicht trauen.“ „Daß ich Ihnen nichts Falſches ſage, können Sie daraus abnehmen, daß ich mich unter Ihre Truppen in Ihr Lager wage. Wenn Sie zweifeln, ſo erſchlagen Sie mich; ich bin ganz in Ihrer Macht.“ Die Unbefangenheit, mit welcher der Khan ſprach, trug dazu bei, den Verdacht, welchen der Baron gefaßt hatte, zu beſchwichtigen, doch zanderte er immer noch, dem Fremden zu trauen. „Wenn ich auch Ihrer Anweiſung Folge leiſte,“ ſagte der General,„wie iſt ein Erfolg möglich? Denn wir werden ja ſo ſtreng von den feindlichen Spionen bewacht, daß Niemand das Fort unbemerkt verlaſſen kann.“ „Daran habe ich auch gedacht,“ erwiederte der Khan. „Mein Reitknecht, auf den ich mich ganz ſicher verlaſſen kann, wird fortgehen, um die Spione durch falſche Nachrichten irre zu leiten, und Niemand ſoll unſere Fortſchritte bemmen. Den Ort, den ich ausgeſucht habe, iſt auch ganz in der Nähe, ſo daß ſie leicht, wenn es nöthig iſt, Unterſtützung ſchicken fönnen. Wollen Sie alſo auf meine Vorſchläge eingehen?“ 4 3 „Wie kann ich von Ihrer Aufrichtigkeit verſichert ſeyn?“ fragte der Baron nochmals;„ich muß eine Geißel als Bürge dafür haben, daß Sie mich nicht hin⸗ tergehen, Sie ſelbſt müſſen bleiben und Jemand aus⸗ ſchicken, um den Platz zu zeigen; und wenn das Mäd⸗ chen, von dem ſie ſprechen, gefangen wird, ſollen Sie Ihre Belohnung haben.“ „Das kann nicht ſeyn,“ erwiederte der Khan eben ſo mißtrauiſch;„ich muß Ihre ſtreitbare Mannſchaft ſelbſt an den Ort des Hinterhaltes führen, und muß auch in 115 der Nähe feyn, um die Tochter des Häuptlings wegzu⸗ führen, damit Niemand erfährt, daß ich etwas von dem Ueberfall wußte. Im Uebrigen verfahren Sie nach Ihrem Willen; Sie mißtrauen mir aber immer noch. Nun gut. Ich will meinen Reitknecht vor Tagesanbruch fortſchicken, um die Gegend von Spionen zu reinigen, und nach ſei⸗ ner Rückkehr ſoll er als Geißel zurückbleiben, um meine Aufrichtigkeit zu beweiſen. Iſt es nicht ſo recht?“ Der Baron gieng zuletzt in den vorgeſchlagenen Plan ein, und wünſchte ſich ſelbſt Glück in der Hoffnung, durch die Gefangennehmung eines Häuptlings mit ſeiner ganzen Familie und den Frauen, und durch Zurückbehalten der⸗ ſelben als Geißeln, deſſen Gefolge und Unterthanen auch zur Unterwerfung zu bewegen, und endlich noch durch Gefangenhaltung des jungen Khans in der gleichen Ab⸗ ſicht, von dieſem eine ſtrenge Wiedervergeltung einer etwaigen Verrätherei ſeiner Landsleute ausüben zu kön⸗ nen. Der Baron verdoppelte die verlangte Anzahl In⸗ fanterie, gab ihr einige leichte Geſchütze und eine Ab⸗ theilung Koſaken zur Unterſtützung bei; letztere hatten überdieß noch den beſonderen Befehl, den Khan zu be⸗ wachen, und ihn, im Falle er zu entweichen verſuchen ſollte, zu tödten. Nachdem die Berathung beendigt war, wurde der Verräther in eine für ihn eingerichtete Hütte geführt, wo ihm Erfriſchungen angeboten wurden; auch blieb kein Mittel unverſucht, namentlich wurden ihm Verſprechun⸗ gen koſtbarer Geſchenke gemacht, wenn er die Sache der Tſcherkeſſen verlaſſen und auf ruſſiſche Seite übertreten würde. Seine Begierde konnte jedoch nicht erregt wer⸗ den. Nur allein die Rache für die Beleidigung, die er ſeiner Familie angethan glaubte, leitete ihn. Er wandte ſich verächtlich von ihren verführeriſchen Anbietungen ab; um jedoch keinen Verdacht zu erregen, gab er vor, Ge⸗ fallen an dieſen Vorſchlagen zu finden. 116 Nicht ſo ſein Reitknecht, der die reichen Geſchenke und Vortheile, die ſeinem Herrn geboten wurden, zu theilen hoffte, und deßhalb beſchloß, das Aeußerſte zu thun, um den Khan zu bewegen, in die Vorſchläge der Ruſſen einzugehen. Den nächſten Morgen, ehe die Sonne aufgieng, ſchlich ſich Kiru aus dem Fort weg und es gelang ihm voll⸗ kommen, die Spionen der Tſcherkeſſen abzuleiten, da dieſe ſich nicht entfernt von einer ſolchen Verrätherei träumen ließen. Bei ſeiner Rückkehr wurde er aber zu ſeiner großen Verwunderung als Gefangener eingeſetzt. Wie groß war der Schrecken des Khans, als er ſah, wie verſchieden die getroffenen Maßregeln von denen waren, welche er vorgeſchlagen hatte, und daß er ganz in der Macht ſeiner Feinde war. Er war nun aber zu weit vorgeſchritten, um wieder zurückgehen zu können, er be⸗ ſchloß alles zu wagen, um Ina in ſeine Gewalt zu bekommen und hoffte, in der Verwirrung mit ihr entwei⸗ chen zu können. Es iſt gewiß, daß er zuerſt nicht die Abſicht hatte, den Verräther an ſeinen Landsleuten zu machen, und wenn er nicht zur Verzweiflung gebracht worden wäre, als er ſich überliſtet ſah, hätte er ſein eigenes Schwert nie gegen ſie gezogen. Wenn ſeine Landsleute ihn Ina retten ſahen, ſo wäre ſie ihm als Preis zugefallen, und er dachte die meiſten ihrer Freunde werden ſich durch die Schnelligkeit ihrer Pferde retten. Eilftes Kapitel. Mit eingelegter Lanze jagten ſie herab Mit Windesſchnelligkeit; Vor ihnen war nur Furcht und Flucht Und hinter ihnen Tod. James Montgomery. Die Dienerſchaft Arslan Gherrei's war den anderen Morgen fruhzeitig auf den Beinen, um die Reiſe ſogleich — 117 antreten zu können, wenn der Häuptling den Befehl zum Aufbruche geben ſollte. Mehrere Hausſklaven, Kal⸗ mucken und ſelbſt Ruſſen, die zu Gefangenen gemacht worden waren und ein oder zwei Polen, die vom Feinde deſertirt waren, ihre Anhänglichkeit an die Tſcherkeſſen aber noch nicht durch Ziehen ihrer Schwerter gegen ihre früheren Herren bewieſen hatten, waren beſchäftigt, das von den Frauen in Bereitſchaft gelegte Gepäck auf kleine, ſtämmige Pferde aufzupacken. Leichtere Pferde waren für die Frauen beſtimmt; eines, das ſehr feine Glieder, glatte Haare und eine lange flatternde Mähne und eben ſolchen Schweif hatte, war beſtimmt, die zarte Figur der Tochter des Häuptlings zu tragen. Das ſchöne Thier trug eine reiche ſcharlachrothe mit Gold geſtickte Decke; die Zügel waren von feinem Leder mit Golddraht um⸗ wunden, und auf dem Kopfe war ein Strauß wilder Blumen befeſtigt. Das edle Thier ſchien der Sorgfalt mit der es behandelt wurde bewußt, und ſtolz auf die Laſt zu ſeyn, die es zu tragen gewöhnt war. Nachdem ein frugales Mahl eingenommen war, trai die ſchöne Ina aus ihrer Wohnung heraus in die friſche Morgenluft, und wurde von ihrem Vater, dem Häuptling, zu ihrem Pferde geführt. Außer ihrer ge⸗ wöhnlichen Kleidung trug ſie jetzt noch einen ſcharlach⸗ rothen mit Gold geſtickten Mantel und einen Hut, deſſen Krempe an einer Seite hinaufgeſchlagen war; in dieſem Umſchlage wogte eine weiße Feder, die durch eine werth⸗ volle Juwelen⸗Agraffe gehalten wurde; ein dichter, fal⸗ tiger Schleier hieng von ihrem Kopfe herab, damit ſie ſich nach Gefallen vor den Sonnenſtrahlen oder den neugierigen Blicken Fremder ſchützen konnte. Sobald die junge Gebieterin das Pferd beſtiegen hatte, folgten die Frauen und die ganze übrige Geſell⸗ ſchaft dieſem Beiſpiele; ihr Vater ritt ihr zur Seite, um ihren Zelter an ſchwierigen Stellen des Weges zu führen. Nächſt dieſem folgten die weiblichen Diener und Sklaven, dann die Sklaven mit den Packpferden. Der 118 Zug bewegte ſich über das oben beſchriebene Plateau oder die Terraſſe, gieng an der ſteilen Seite des Berges hinab, dann durch das Thal gegen die See; auf dem Wege geſellten ſich noch kleine Reiterbanden von zehn bis zwanzig Mann zu ihnen, ſo daß die Zahl der Krieger als ſie bei der Ausmündung des Thales gegen die See⸗ küſte ankamen, ſich nahezu auf hundert belief. Viele von dieſen waren Edle von geringem Ver⸗ mögen und Einfluſſe, welche froh waren ſich der Standarte eines ſo tapferen Führers wie Uzden Arslan Gherrei anſchließen zu können; andere waren Bauern und Frei⸗ gelaſſene, die ſeit Jahren zum Gefolge ſeiner Familie gehörten. Mehrere trugen vollſtändige Rüſtungen, andere blos Bruſtharniſche und Helme, noch andere waren ohne alle ſchützende Rüſtung, alle waren jedoch vollſtändig mit Waffen ausgerüſtet; leichte Flinten biengen über ihre Rücken, Säbel an der Seite und im Gürtel trugen ſie Piſtolen und das Cama oder den Dolch. Die Uebrigen trugen den tſcherkeſſiſchen Waffenrock, die Tuch⸗ oder Pelzmütze und einen weiten Mantel über die Schultern, ſo daß die Geſellſchaft ein kühnes, kriegeriſches Ausſehen hatte; die Roſſe curbettirten und tänzelten, und das Banner des Führers, das an der Spitze getragen wurde, flatterte luſtig im Morgenwind. Es war in der That eine Truppe von ſtattlichem, tapferen Ausſehen, werth von einem ſolchen Häuptling geführt zu werden. Ina's Augen glänzten auch vor Begeiſterung und Freude, als ſte neben ihrem Vater an der Spitze derſelben hinritt, und auf beiden Seiten von einigen der am meiſten Begünſtigten und Geehrten bewacht wurde. Um die rauheren und ſchwierigeren Uebergänge über die Berge zu vermeiden, hatte der Häuptling ſeiner Tochter wegen einen Weg längs der Seeküſte gewählt, wo ſie eine ziemlich große Strecke gegen Norden auf der Ebene bleiben konnten, ehe ſie ſich in das Innere des Landes gegen den Ort ihrer Beſtimmung wenden mußten. Nach⸗ 119 dem ſie ziemlich lange Zeit am Ufer des hellen Baches hingeritten waren, der durch das Thal fließt, kamen ſie durch die enge Schlucht, welche den Ausgang bildet, an die offene Merresküſte, deren glänzender, harter Sand durch die Wellen der See beſpült wurde. Zu ihrer Rechten erhoben ſich großartige, hohe Berge, die mit Bäumen von den verſchiedenſten Formen und Farben bedeckt waren. Oefters kamen ſie unter den weitverzweigten Aeſten hoher Bäume vorbei, deren angenehmer Schatten ſie vor der Hitze der Sonne ſchützte, die nun ſchon hoch am Himmel ſtand; ebenſo erquickend war der ſanftwehende, kühle Seewind. Der Anführer hielt ſeine kleine Truppe bei einander, einige wenige junge Männer ausgenommen, die in allen Richtungen hin galoppirten, ſowohl um ſich zu verſichern, daß nirgends ein Feind verſteckt war, als auch um ſich mit kriegeriſchen Spielen zu unterhalten; bald warfen ſie den Speer mit ſicherer Hand auf ein Ziel, bald galoppirten ſie ihre ſtolzen Pferde auf den ſteilen Seiten des Berges zwiſchen Felſen, welche kaum für die leicht⸗ füßigen, flinken Ziegen erſteigbar ſchienen; dann ſtürzten ſie ſich in die kühlen Gewäſſer der klaren, blauen See und ſchwammen mit ihren gut abgerichteten Pferden eine große Strecke gleichlaufend mit dem Ufer hin. Dort vereinigten fich mehrere zu einem Scheingefecht, jagten einander nach oder flohen vor einander auf der feſten, ſandigen Küſte des Oceans. Sie bemühten ſich Alle ihre Reitkunſt vor der ſchönen Tochter des Häuptlings glänzen zu laſſen, deren beifälliges Lächeln Jedem eine reiche Belohnung für eine Entwicklung von überlegener Gewandtheit oder überlegenem Muthe war. Sie näherten ſich nun den Umgebungen von Ghe⸗ lendjik. Obgleich wenig von den Feinden zu befürchten war, die höchſtens ihre Verſchanzungen verließen, wenn ſie durch Hungersnoth gezwungen wurden, in der Umge⸗ gend zu fouragiren, und dann nie ohne eine ſehr ſtarke Abtheilung als Bedeckung, ſo hielt es doch Arslan — 120 Gherrei als guter Befehlshaber für nöthig, ſeine Leute vorſichtiger zu führen und die Dehli Khans mußten in allen Richtungen hin ſtrengere Wache halten. Um das Fort zu umgehen war es nöthig, das Ufer des Sees zu verlaſſen und ſich auf rauhen, felſtgen Wegen gegen das Innere zu wenden. Ein reißender und tiefer Strom, der Mezi, kreuzte jedoch ihren Weg, ehe ſie einen Theil der Berge erreichen konnten, der für ihre Pferde und für das Gepäck practicabel war. Die nächſte Furth war dicht an der Mündung des Stroms, ſte mußten daher, damit die Frauen und das Gepäck ohne naß zu werden, auf das andere Ufer gebracht wer⸗ den konnten, wieder an die Küſte der See zurückkehren, welche ſie auf eine kurze Strecke verlaſſen hatten, um durch ein ſchattiges Wäldchen auf der Ebene zu ziehen. Die jungen Männer ſtürzten ſich jedoch alle ins Waſſer, ſchwammen ſchnell mit ihren Pferden durch den Strom unnd galoppirten auf der anderen Seite dem Reſte der Geſellſchaft entgegen, um ihnen beim Ueberſetzen behülf⸗ lich zu ſeyn, was denn auch, obgleich mit vielen Schwie⸗ rigkeiten, wegen der Tiefe des Waſſers, bewerkſtelligt wurde. 5 Nachdem die kleine kriegeriſche Bande ſich wieder geordnet hatte, wandte ſie ſich wieder von der See ab, und bewegte ſich auf den ſandigen Ufern des Stroms gegen die Oeffnung einer großen Schlucht, durch welche deſſen Waſſer floßen. Man kann nicht leicht eine wildere großartigere Gegend ſehen, als die, welche nun vor ihren Augen lag. Zwiſchen den ſchäumenden Waſſern des Stroms, welche ſich über deſſen Felſenbett hinſtürzten, wuchſen in Felſenriſſen, wo ſie Wurzel faſſen konnten, Weiden, Hollunderbäume und andere Bäume und Geſträuche. Die Schlucht war auf beiden Seiten von dunkeln hohen Felſen eingefaßt, welche mit herabhängenden Stauden und Schlingpflanzen bedeckt waren, die in dicken Feſtons her⸗ abfielen, und die Seiten der Berge, welche ſich hoch 121 über die Meeresküſte erhoben, und deren Gipfel mit dickbelaubten Bäumen gekrönt waren, ſind ſo ſteil, daß ſelbſt die leichten flüchtigen Pferde der Tſcherkeſſen die⸗ ſelben nur auf einem engen ſich hin und herſchlängelnden jähen Saumwege mühſam erklettern können. Ina blickte die ſteile Seite des Berges mit Zweifel und Zaudern über die Möglichkeit denſelben zu erſteigen, an; da ſie jedoch ihren Vater im Begriff ſah, es zu unternehmen, ſchickte ſie ſich an, ihm zu folgen. Mehrere Reiter, welche vorausgeſchickt worden waren, um einen Weg durch die dichtverſchlungenen Zweige der Bäume und Stauden, welche ihren Fortſchritt hemmten, zu bahnen, waren eben im Begriff die Seiten des Berges zu erſteigen, als ein lautes Geſchrei der übrigen Bande, die Luft erfüllte und ſie zurückrief. In dieſem Au genblick hörte man den ſchrecklichen Knall von Kanonen, welche einen Hagel von Kartätſchſchroten über ſie ergoſſen, von welchen mehrere von den Vorderſten zu Boden geſtreckt wurden. Arslan Gherrei wandte ſich gegen die Richtung, von welcher der Eiſenregen kam, rief mehreren von ſei⸗ nen Begleitern zu, ihm zu folgen, und galoppirte wüthend ohne einen Augenblick zu zaudern, gegen eine Erhöhung, die ſanft aufſtieg und auf welcher nun eine Reihe leichter Feldgeſchütze mit einer Bedeckung von ruſſiſchen Truppen erſchien, die vorher hinter der Anhöhe, die ſie nun be⸗ ſetzt hatten, verdeckt geweſen waren. Zu gleicher Zeit blitzten auf der Seite des Berges, wo ihr beabſichtigter Weg lag, eine Menge feindlicher Bajonette. Die Hälfte der Tſcherkeſſenbande ſtieß ihr fürchter⸗ liches Kriegsgeſchrei aus und rannte mit eingelegter Lanze unter der Anführung ihres tapferen Häuptlings gegen die Geſchütze an. Das heftige Musketenfeuer mit welchem ſie während des Vorrückens empfangen wurden, brachte ſie nicht aus der Faſſung; mit unwiderſtehlicher Kraft trieben ſie die Kanoniere von ihren Poſten und brachten die Bedeckung zum Weichen. Die Ruſſen, von paniſchem Schrecken ergriffen ſowohl durch das Kriegs⸗ 12² geſchrei als durch den ungeſtümen Angriff, leiſteten ge⸗ ringen Widerſtand, als die Tſcherkeſſen die Kanonen nah⸗ men, nnd ſie mit mehreren von ihren Vertheidigern in den Strom ſtürzten; dieſe waren eben im Begriff die errun⸗ genen Vortheile noch weiter zu benützen gegen die Soldaten, welche die Höhe beſetzt hatten, als ſie durch ein lautes Geſchrei ihrer Kameraden zurückgerufen wurden. Als ſie ſich umwandten, erblickten ſte das entgegengeſetzte Uſer des Stroms durch eine ſtarke Abtheilung des Feindes beſetzt, welche, als ſie vorbeiritten, ein ſehr ſtarkes Feuer auf ſie gab, überdieß erſchienen hinter allen Bäu⸗ men, welche den Berg bekränzten, immer mehr Feinde. Sie warfen deßhalb ihre Pferde herum und galoppirten trotz der Kugeln, welche ſie beſtändig umſauſten, wieder zuruck, um dem Ruf ihrer Freunde zu folgen. Die Parthie, welche ſie zur Unterſtützung ihres ge⸗ wagten Angriffes zurückgelaſſen hatten, ſchien bisher nicht mit dem Feinde handgemein geworden zu ſeyn, denn kein Einziger von ihnen war gefallen; in dem Augenblick jedoch, als ſie ſich wieder vereinigten, ſah man eine ſtarke Abtheilung Koſacken in vollem Laufe zum Angriff gegen ſie vorrücken.. „Hier iſt Verrätherei im Werke, oh! Männer der Atteghei! ſonſt wären wir nicht in dieſe Falle gekommen; nun meine Freunde müſſen wir uns einen Weg durch unſere Feinde bahnen oder ſterben nachdem wir zuerſt unſere Rache an ihren Köpfen gekühlt haben. Laßt uns nicht vergeſſen, daß wir für die fechten, die wir zu be⸗ ſchützen verbunden ſind. Vorwärts meine braven Ge⸗ fährten— vorwärts Männer der Atteghei, unſere feigen Gegner ſollen ſehen, daß wir einen ſolchen Feind wie ſie nicht fürchten. Wir wollen uns einen Weg durch ihre dichten Reihen hauen, und an den Kanonen ihres Forts vorbeiziehen; diejenigen, welche unſeren Angriff überleben, mögen uns dann, wenn ſie wollen, noch wei⸗ ter folgen. Vorwärts tapfere Krieger, vorwärts!“ rief ihr edler Führer. — 123 3 Auf dieſe Worte ſtieß die Bande wieder ihr furcht⸗ bares Kriegsgeſchrei aus, welches das ſtarke Knallen der Musketen noch übertönte, und ritt ungeſtümm vorwärts um dem Angriff zu begegnen, den die vorrückenden Ab⸗ theilungen der wilden Koſacken machen zu wollen ſchienen. Beide Parthieen ſtürzten mit wildem Kriegsgeſchrei aufeinander; ihre Augen traten aus den Höhlen heraus; ihre Hände hielten die Säbel krampfhaft; die Hufe ihrer Roſſe berührten kaum den Boden, ihre Naſenlöcher waren weit geöffnet und ſie ſchnaubten wild. Das Krachen beim Zuſammenſtoßen der feindlichen Reiter war ſchrecklich; Viele von den vorderſten Reihen der Koſacken wurden aber durch die überlegene Gewandtheit der tſcherkeſſiſchen Krieger beſiegt; ſelbſt die thätigen Pferde derſelben unter⸗ ſtützten ihre Reiter, wenn dieſe ihre Schwerter ſchnell um ihren Kopf ſchwangen und mit furchtbarer Gewalt auf den ungedeckten Leib ihrer Feinde fallen ließen, wäh⸗ rend die Säbel von jenen auf ihren ſtählernen Bruſt⸗ harniſchen und Helmen abprallten. Der Anlauf der Bergbewohner war ſo kräftig, daß die Reiter der Ebene anfangs beſtürzt vor ihrem ver⸗ zweifelten Angriff, zurückwiechen. Es wäre ihnen ge⸗ lungen, ſich einen Weg durch die Maſſen ihrer Gegner zu bahnen, wenn ſie nicht bereits zu ſehr geſchwächt und ihre Reihen durch das tödliche Feuer der Infanterie ge⸗ lichtet geweſen wären, welche noch jetzt immer fortfuhr, ihren Nachzug aus der Ferne zu beſchießen; denn erſt ein kleiner Theil derſelben hatte den Ort erreicht, wo⸗ hin ſich das Gefecht gezogen hatte. Gegen dieſe ſetzten ſich nur einige wenige Reiter zur Wehr, die ſich immer ſchnell umdrehten und gegen ſie anritten, wenn ſie ſich zu nähern wagte; ſie bekümmerten ſich wenig um die Infanterie und verachteten ſie nun da die Geſchütze zer⸗ ſtört waren; aber die Stärke der Koſacken war über⸗ wiegend, ſo daß nur die entſchloſſenſte und verzweifeltſte Tapferkeit die Tſcherkeſſen beſtimmen konnte den ungleichen Kampf zu beſtehen. 124 Ihre Bewegungen waren überdieß durch ihre Frauen ſehr gehemmt. Die junge Ina war ohne Furcht mitten in dieſen Scenen verzweifelten Kampfes und bemühte ſich auf ihrem Zelter an die Seite ihres Vaters zu reiten, ſie war bereits vom Feinde umgeben, als der Häuptling ſich einen Weg nach ihr bahnte und ihr einen Durch⸗ gang zum Entkommen öffnete. Ungeachtet des helden⸗ müthigſten und verzweifeltſten Kampfes wurden jedoch die Tſcherkeſſen endlich gegen den Strom zurückgetrieben, und es ſchien ihnen nichts übrig zu bleiben, als ihr Leben theuer zu verkaufen, oder ſich ihren verabſcheuten Feinden als Gefangene zu ergeben. Der Muth des Häupt⸗ lings ſchreckte ſelbſt dann noch nicht vor der Gefahr zu⸗ rück; er dachte nur an ſeine geliebte Ina und was wohl ihr Schickſal ſeyn werde, im Fall er ſiele. Seine Landsleute ſammelten ſich wieder um ihn; abermals erhoben ſie ihr Kriegsgeſchrei und erneuerten den Angriff, nachdem ſie ſich eine kurze Strecke zurück⸗ gezogen hatten. Sie flogen mit furchtbarer Gewalt dahin, es war aber nur um die Hoffnungsloſigkeit ihres Ver⸗ ſuches einzuſehen. Die Angriffe der Feinde ſchienen hauptſächlich gegen den Häuptling Arslan Gherrei ſelbſt gerichtet, welcher durch ſeine hohe Feder, ſeinen prächtigen Dolch, ſeine reiche glänzende Rüſtung, ſeine ungeſtüme Tapferkeit und ſein edles Benehmen leicht erkenntlich war. Die Koſacken drängten ſich um ihn, doch manche von ihnen bießen in's Gras zu den Füßen ſeines Pferdes. Er und ſein Streit⸗ roß ſchienen durch einen Zauber geſchützt zu ſeyn, denn die Kugeln ſchlugen rings um ſte ein ohne den geringſten Schaden zu thun. Das edle Thier war ebenſo energiſch im Kampfe; es ſprang vorwärts, trat die Feinde nieder oder packte die vorderſten Pferde mit dem Maule und ſuchte ſie zu überwältigen*), ¹⁰) Eine bekannte Thatſache. Die arabiſchen Pferde fechten be⸗ ſtändig auf dieſe Art mit oder ohne ihre Reiter. 12⁵ Ina dachte mitten in dem Gemetzel nnd dem lauten Getöſe des Kampfes nur an ihren Vater und folgte ihm immer mit den Augen, wenn ihn die Zufälle des Gefechtes von ihrer Seite führten. Gegen ſie wurden vom Feinde auch manche verzweifelte Angriffe gemacht, in der augenſcheinlichen Abſicht, ſich in den Beſitz eines ſo lieblichen Preiſes zu ſetzen; es ſchlugen jedoch zu vrele tapfere Herzen für ſie, als daß der Feind an einen Er⸗ folg hätte denken können, ſo lange dieſe noch ihre Waffen führen konnten. Einer ihrer Gegner, der öfters den Angriff leitete, ſprengte immer ungeſtümm auf Ina an, ſo oft ſie von ihrem Vater getrennt war; es ſchien jedoch, als vermiede er mit dem Häuptling, handgemein zu werden, und als er einmal Ina ſchon erreicht hatte, und Arslan Gherrei zu ihr zurückkehrte, ſo ſetzte der Koſakenofſizier, der er zu ſeyn ſchien, den Kampf in einer anderen Richtung hin, fort. Er war ein Mann von bedeutender Größe und Stärke in Koſaken⸗Uniform gekleidet, mit der Ausnahme, daß eine Kappe ſeine Züge verbarg; als jedoch im Schar⸗ mützel ſeine Weſte aufflog, enthüllte ſie ein Panzerhemd von Ketten, und als ihm die Kappe zu gleicher Zeit vom Kopfe ſiel, zeigten ſich die ſtolzen Züge des jungen Khan Beſin Kaloret. Ein Schrei des Abſcheus erhob ſich unter der Bande ſeiner angenommenen Landsleute, als ſie den Verräther entdeckten, und mancher Arm ſuchte ihn niederzuhauen; ſeiner Schande bewußt, ſchien er jedoch den Kampf zu meiden. Da er die Wirkung ſeiner Anführung auf die Koſaken ſah, und befürchtete, er möchte am Ende noch ſeine Beute verlieren, ſo ſtürzte er ſich wieder verzweifelt in den Kampf, welcher nun heftiger als je geworden war. Die Kinder der Berge blieben immer furchtlos. Sie nahmen die Frauen in die Mitte und beſchloßen, ſich durchzuhauen, oder bei dem Verſnuche zu ſterben. Ihr Kriegsgeſchrei wurde über ihren Köpfen erwiedert, und als ſie aufblickten, ſahen ſie eine Bande Krieger mitten 126 zwiſchen den Bäumen auf der Spitze des Berges, welche im ſtärkſten Laufe herabjagt⸗n, um ſich mit ihnen zu vereinigen. 4 Die ruſſiſche Infanterie hatte keine Zeit gehabt, die ihr drohende Gefahr zu bemerken, ſo war die friſche Bande tſcherkeſſiſcher Krieger ſchon auf ihr, hieb viele mit ihren ſcharfen Säbeln zuſammen, ritt andere nieder, und ſtürzte den Reſt über die Felſen hinab, bis Keiner mehr übrig war, um ihren wüthenden Lauf zu hemmen. Als die tapferen Männer den Strand erreichten, ſtellte ſich ihnen eine ſtarke Abtheilung ruſſicher Infan⸗ terie in einem Carrée mit gefällten Bajonetten entgegen. Aber ähnlich einem wilden Bergſtrome, der von einem Alpenſee losbricht, konnte nichts der Wucht ihres Stoßes widerſtehen. Indem ſie ihre Stimmen zu einem lauten, gellenden Schrei von furchtbarem Tone eoneentrirten, galoppirten ſie mit erhobenen Säbeln auf den von Stahl gebildeten Wall. 4 Die Reihen der Ruſſen bewegten ſich, ſchwankten und wichen, ehe der verzweifelte Angriff kam, welcher eher von einem Heere wilder Geiſter, als von Männern wie ſie, ausgeführt ſchien. Die wilden Reiter, welche über ihre niedergerennten Körper hin ſprengten, um ihre hart bedrängten Landsleute zu unterſtützen, wurden von einem Reiter von edelm Ausſehen ohne alle ſchützende Rüſtung in der einfachen Landestracht angeführt; ſein Schwerdt richtete aber eine ſchreckliche Verheerung unter ſeinen Feinden an, als er ſich einen Weg durch ihre Reihen bahnte. Unter den neu angekommenen Truppen der Tſcher⸗ keſſen waren verſchiedeue Häuptlinge in Rüſtung, von welchen ſich einige unſerem jungen Führer anſchloßen, und andere mit ihrem Gefolge den errungenen Vortheil über die Infanterie weiter verfolgten, um eine Wieder⸗ vereinigung derſelben unmöglich zu machen. Der junge Held flog gleich einem Wetterleuchten dahin, gefolgt von ſeinem Reitknechte, einem jungen 12²⁷. Pagen, der ſich dicht an ſeiner Seite hielt, und einer tapfern Reiterſchaar. Sie ſchrieen laut, um ihren Lands⸗ leuten von dem nahenden Erſatze Kunde zu geben, und ſtürzten ſich wüthend und mit einem ſo kräftigen Stoße auf die Koſaken, daß dieſe ſogleich wenigſtens für den Augenblick vertrieben wurden, und Arslan Gherrei mit ſeinem Gefolge Zeit hatte, ſich von ſeinen Anſtrengungen zu erholen. Aber die auseinander geſprengten Koſaken ſammelten ſich bald wieder, um ſich für den Stoß, den ſie erlitten hatten, als ſie ſich dem Siege ſo nahe glaubten, zu rächen, drängten ſich in überlegener Anzahl um den Häuptling Arslan Gherrei, und griefen ſein Gefolge mit einer ſolchen Wuth an, daß er bald von ihnen getrennt und ganz von den Feinden umringt war. Sein muthiges Roß drehte ſich hin und her, und bäumte ſich hoch, ge⸗ horſam dem Zügel, bis es eine Wunde in den Hals be⸗ kam, durch den Blutverluſt ſchwach und dadurch in ſei⸗ nen Bewegungen unſicher wurde. Hart gedrängt von der Uebermacht, war der Häuptling nahe daran, beſiegt zu werden, wenn nicht der junge Anführer, von dem oben die Rede war, ſeine Gefahr bemerkt hätte, und zu ſeiner Rettung herbeigeeilt wäre. In demſelben Augenblick machte Khan Beſin mit einer ſtarken Abtheilung Koſaken einen wüthenden An⸗ griff gegen den Ort, wohin Ina durch das Gedränge der Kämpfenden getrieben worden war, und wo ſie ſich getrennt von ihrem Vater und nur von wenigen Tſcher⸗ keſſen umgeben fand. Er ergriff die Zügel ihres Pfer⸗ des nach einer verzweifelten Vertheidigung ihrer Bewa⸗ chung und war auf dem Punkte, ſie fortzuführen, als der fremde, junge Anführer, gefolgt von einer kleinen Abtheilung, auf ihn zujagte, alles, was ihm im Wege war, niederhieb, und den Khan ſo hart drängte, daß er genöthigt war, ſeine Beute fahren zu laſſen, um ſich ſelbſt zu vertheidigen. Als Ina nun wieder für den Au⸗ genblick geſichert bei den Frauen und einigen Dienern 128 ihres Vaters war, beeilte er ſich, ſich wieder an die Kämpfer anzuſchließen. 4 Als der verrätheriſche Khan ſich wieder gefaßt hatte, und den Fremden ohne Rüſtung bemerkte, ſtürzte er auf ihn zu, in der Hoffnung, ihn als Opfer ſeiner Rache zu erlegen. Ihre Schwerter kreuzten ſich; ein furcht⸗ barer Kampf entſpann ſich zwiſchen beiden; der eine wurde von ſeinem Anhange der andern von den Koſaken unter⸗ ſtützt. Der Sieg ſchien zweifelhaft, Beſin Khan's Kraft war jedoch vorherrſchend, und er war eben im Begriff, ſeine Waffe auf das Haupt ſeines ungedeckten Gegners fallen zu laſſen, nachdem er das Schwert des jungen Helden auf die Seite geſchlagen hatte, als ein Schuß aus der Piſtole des jungen Pagen die Bruſt des Ver⸗ räthers traf. Er wankte im Sattel. Einen Augenblick verſuchte er noch, ſich im Sitze zu erhalten, aber ver⸗ gebens. Seine Waffe ſiel kraftlos an ſeiner Seite herab, ſeine Kniee waren nicht mehr im Stande, die Flanken ſeines Pferdes zu drücken; ſeine Augen rollten wild um⸗ her, er fiel ſchwer auf den Boden, wo ſein Leib durch die Pferde der Kämpfer zertreten wurde. Ein durchdringender Schrei entſchlüpfte den Lippen des Pagen, als ſein Herr gerettet war; Arslan Gherrei vereinigte ſich nun mit ihm, und die beiden Anführer fochten Seite an Seite, und leiteten ihre Gefolge in manchem harten Strauß, bis die Koſaken endlich am Siege verzweifelten, und nur noch daran dachten, ſich ſelbſt zu retten. Während ſie fort galoppirten, luden ſie jedoch ihre kurzen Gewehre und feuerten ſie auf ihre hitzigen Verfolger ab. Der Häuptling rief ſeinen Landsleuten laut zu, von der Verfolgung abzuſtehen, denn ſie hatten immer noch manche Gegner zu bekämpfen. Die, welche ihn hörten, gehorchten; andere folgten jedoch ihren Feinden ohne Ordnung, bis unter die Kanonen des Forts Ghelendjik. Um den Sieg vollſtändig zu machen, hatten die Tſcher⸗ keſſen immer noch eine ſtarke Infanterie⸗Abtheilung zu 1²⁹ beſtegen, welche während der ganzen Dauer des Gefechts ein kräftiges Feuer auf die Reiter gegeben hatte. Die Tſcherkeſſen⸗Häuptlinge ſammelten ihre Gefolge wieder und griefen die Feinde mit vereinter Macht an; ſie brachen die Reihen derſelben, hieben ſie nieder, trieben ſie in die See und führten Viele derſelben, welche ihre Waffen wegwarfen und um Gnade baten, als Ge⸗ fangene weg. Nur Wenigen von den Ruſſen gelang es, zu entkommen, und zwar nur durch die Unterſtützung einer ſtarken Truppen⸗Abtheilung mit Artillerie, welche ihnen vom Fort entgegengeſchickt wurde. Zufrieden mit ihrem Siege verſammelten die Tſcher⸗ keſſen⸗Anführer ihr Gefolge. Viele waren damit beſchäftigt ihre verwundeten und todten Landsleute zu ſuchen und ſie auf ihre Pferde zu legen; andere mit Aufſuchen der ruſſiſchen Waffen nnd Munition, welche in dieſer Zeit ſehr koſtbar war; noch andere die Gefangenen, die ge⸗ macht worden waren, wegzuführen. Unter den Todten fand man den Leichnam des Ver⸗ räthers Beſin Khan, und jeder Krieger, der an ihm vorübergieng, warf einen Stein anf denſelben und mur⸗ melte dabei leiſe einen Fluch; ſie ließen ihn auch bei den Leichen der verhaßten Urus liegen um unter dieſen zu faulen oder von den wilden Thieren des Waldes und den Raubyögeln aufgefreſſen zu werden— die größte Schmach, die ſie ihm anthun konnten. Die ruſſiſchen Gefangenen folgten willig ihren neuen Herren und waren froh die Beſchwerden und Gefahren des Feldes gegen die Sicherheit und Freiheit des Landes zu vertauſchen; ſie zogen der eiſernen Tyrannei in der kaiſerlichen Armee eine Sklaverei unter den gutherzigen Tſcherkeſſen vor. 3 Sobald das Gefecht vorüber war, eilte Arslan Gherrei an den Ort, wohin Ina und ihre Frauen ſich begeben hatten in ängſtlicher Erwartung zu erfahren ob weder ſie noch ihre Dienerſchaft durch das feindliche Feuer gelitten Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling II. 9 hatte. Alle waren unverſehrt und ſeine liebliche Tochter hatte ſich, obgleich ſie noch etwas bleich war, bereits wieder ziemlich vom Schrecken erholt, den ihr die Gefahr in der ſie ſich befand, eingejagt hatte. Ihre Bewun⸗ derung und Dankbarkeit war groß, als ſie den Fremden ſo heldenmüthig zu ihrer Hülfe herbeieilen ſah, und ſie ſehnte ſich mit weiblicher Begierde danach ihm ihren tiefen Dank auszudrücken; als ſie jedoch umherblickte um ihn zu entdecken war er nirgends zu ſehen. „O, mein Vater!“ rief Ina, als der Häuptling angeritten kam,„der Himmel ſey gelobt, daß Du un⸗ verſehrt dieſem ſchrecklichen Kampfe entgangen biſt, und daß ich Dich wieder nach den furchtbaren Gefahren, denen Du augsgeſetzt warſt, erblicke!“ Ich dachte nicht mehr in Deine Arme gedrückt zu werden!“ „Allah beſchützte mich durch jenen edeln jungen Fremden, mein Kind,“ erwiederte der Häuptling;„wir wollen uns aber nicht länger hier verweilen, laß uns von dieſer Scene des Todes wegeilen.“ .„Gern will ich gehen,“ ſagte Ina.„Aber erſt wollen wir unſerem tapferen Retter danken, denn wiſſe, mein Vater, als Du von mir getrennt warſt, umgaben mich jene ſchrecklichen Koſacken; er kam aber gleich einem ſchützenden Engel mit Blitzesſchnelle herbei und rettete mich von der Macht des verrätheriſchen Khans. O, mein Vater, ich bin ihm viel Dank ſchuldig!“ „'Ich will ihn ſuchen, meine Ina,“ erwiederte der Häuptling.„O hätte mir der Himmel nur einen ſolchen Sohn aufgehoben, der mein Herz durch ſo edle Thaten erfreuen würde, ich wäre ganz gluͤcklich; aber der Wille Allah's geſchehe, er iſt groß.“ Nachdem er mehrere von der Bande beſehligt hatte, Ina und ihre Frauen auf den Berg zu eskortiren, ritt er umher um die Führer der Abtheilung, die ihm ſo zeitig zu Hülfe gekommen war, aufzuſuchen. Zuerſt er⸗ kannte er den bejahrten Krieger Uzden Achmet Beg; er ſprang von ſeinem Pſerde herab und beeilte ſich, ihm v 131 zu danken. Die zwei Anführer drückten einander freund⸗ lich die Hände; wenige Worte genügten die Dankbarkeit des Einen zu zeigen, von welchem der Andere wohl wußte, daß er bei ähnlicher Gelegenheit ebenſo gegen ihn gehan⸗ delt hätte. Als er ſich umwandte ſiel ſein Blick auf den Hadji Guz Beg, der ihm entgegenkam; er erkannte ihn jedoch anfangs kaum nach ſeiner langen Abweſenheit, da er überdieß durch den Staub des Kampfes etwas ent⸗ ſtellt war. „Biſt Du es wirklich mein Vater, mein Freund?“ rief er.„Sey willkommen in unſerem Geburtslande, und wir haben heute ſchon geſehen, daß Du unter den verweichlichten Nationen, in deren Ländern Du gereiſt biſt, den Gebrauch Deines ſcharfen Schwertes nicht ver⸗ lernt haſt. Ich danke Dir braver Hadji für Deine zei⸗ tige Unterſtützung.“ „O das iſt nichts,“ erwiederte Hadſi lachend,“ ich werde den Urus bald zeigen, daß ich ſie nicht gerner habe als früher. Und ich freue mich ſehr Uzden Dich zu ſehen, und keine Zeit verloren zu haben Deinetwegen meine Klinge im Blute der verfluchten Urus zu baden.“ „Dank, ſchönen Dank mein Vater,“ antwortete der Häuptling.„Wer iſt aber der tapfere junge Krieger⸗ der ſo wacker zu meiner Hülfe herbeieilte, als ich von den Koſacken ſo hart bedrängt war?“ „Es iſt mein Freund mein angenommener Sohn,“ erwiederte der Hadji;„ein ächter Sohn der Atteghei⸗ was er heute bewieſen hat; er ſagt jedoch ſeinen Namen nicht, und ich weiß ſelbſt nicht einmal woher er kommt. Er will zuerſt irgend eine That vollbringen, um ſich ſelbſt einen Namen zu gewinnen, und ſich ſeines Vaters und ſeines Stammes werth zu zeigen; und glücklich wird der Vater ſeyn, deſſen Sohn er iſt.“ „In der That er wird glücklich ſeyn,“ erwiederte Arslan Gherrei ſeufzend;„denn er iſt wohl werth, der 9 iſt er gegangen? Laß mich eilen ihm zu danken.“ Bedauern in ſeinem Gegner ſeinen früheren Freund Thad⸗. 132 Sohn des tapferſten unſerer Häuptlinge zu ſeyn. Wohin „Als ich ihn zuletzt ſah,“ erwiederte Hadji, wa er dicht hinter den fliehenden Feinden, welche er ver⸗ folgte; ich dachte, er werde zuruͤckgekehrt ſeyn. Bi hat er und ſein Gefolge bereits die Seite des erge erſtiegen.“ 1 „Allah verhüte, daß der brave Junge durch Feuer des Feindes gefallen iſt oder in die Gewalt de ſelben kam; denn ſie würden ihn wohl ſchwerlich gi empfangen.“ Man ſuchte in allen Richtungen nach dem tapfer Fremden; er war jedoch nirgends zu finden, und die Häuptlinge riefen endlich die ubrig gebliebenen Krieger zuſammen, und beeilten ſich dem ſchon vorausgegangenen Theile der Bande zu folgen. Zwölftes Kapitel.„ Nach jenem Paſſe gieng der Bande Rückzug nun; Dumlarigs Zorn trotzt tapfer ſie, Der wüthend ſie verfolgt, umſonſt 1 Den ſchlimmen Paß zu ſtürmen ſucht Und tollkühn ſetzet fort den Kampf, Der ihn beraubt der Zeit nur und der Leuüs ogg. Als unſer Held die zurückziehenden Truppen der Ruſſen angriff, erblickte er einen jungen Officier, der ſich Mühe gab, ſeine Leute in ein Carrée zu ſtellen, und ſie dicht bei einander zu halten, um die verzweifel⸗ ten Angriffe der wilden Berg⸗Cavallerie abzuwehren. Sie wurden jedoch wieder und wieder geworfen, und als es einmal bei einem fürchterlichen Angriffe⸗ Ivan gelang bis dicht an den Ofſicier zu reiten, den er zum Gefangenen zu machen hoffte, erkannte er zu ſeinem — 4 138 3 deus Stanisloff. Ehe er Zeit hatte ihm zuzurufen, er ſolle ſich ergeben, war einer der tſcherkeſſiſchen Reiter aauf dem Punft ihn niederzuhauen; er warf ſich jedoch dazwiſchen und parirte den Hieb mit ſeinem eigenen Schwerte, und errettete dadurch ſeinen Freund vom Untergang. Ein Schuß ſtreckte gleich nachher den Tſcher⸗ eſfeen nieder, und Ivan rief Thaddeus bei ſeinem Namen und forderte ihn auf ſich zu ergeben. In dieſem Augen⸗ blick erkannte ihn der junge Pole, die Ruſſen drangen bber verzweifelt vorwärts um ihren Officier zu retten und JIvan ſah ſich genöthigt mit ſeinem Gefolge zu weichen. Nachher hatte er keine Gelegenheit mehr ſich Thaddeus ſo weit zu nähern um ihn ſprechen zu können, denn der Rückzug der geſchlagenen Infanterie wurde bald durch die Ankunft einer ſtarken Truppenabtheilung von Ghelendjik gedeckt und die tſcherkeſſiſchen Krieger waren genöthigt von der Verfolgung ihrer Beute abzuſtehen. Gleich der letzten ſchweren Wolke eines Gewitters machten die Bergbewohner einen kräftigen Angriff auf die Ueberreſte der zurückziehenden Ruſſen, und galoppirten dann gleich einem Sturmwinde, ehe die friſchen Truppen ankamen, davon, um wieder zu ihren Gefährten zu ſtoßen. Als Ivan die Gefangenen muſterte, hörte er eine Stimme, die ihn beim Namen rief. Er ſtutzte und wandte ſich, um zu ſehen woher ſie kam, denn es ſchien ihm als erkenne er die Stimme; und in einem elenden Zuſtande, die Kleider zerriſſen und mit Blut befleckt, ſah er ſeinen ehemaligen Diener, den treuen Karl, in den Händen eines Bergbewohners, der auf das Verſprechen einer geringen Belohnung einwilligte, ſeine Beute an ſeinen jungen Anführer abzutreten. Sobald Karl befreit war ſprang er an Jvans Seite um ihm ſeinen Dank auszudrücken.„Mein ehrlicher, guter Freund,“ ſagte unſer Held,„mein Herz ſchlägt freudig, daß ich Deine alten, zutraulichen Züge wieder ſehe. Verbanne alle Furcht, denn Niemand hier wird Dich ſchlecht behandeln. Du ſollſt die Freiheit haben ⸗ überall hin zu gehen, wohin es Dir gefällt, ſelbſt zu Deinen Landsleuten in das Kaſtell Ghelendjik zurückzu⸗ kehren.“ „O, mein theuerer Herr,“ erwiederte Karl,„ich bitte Sie, ſprechen Sie nicht davon, mich zurückzuſchicken; denn dieß iſt der letzte Platz in der mir bekannten Welt, wohin ich zurückzukehren wuͤnſchte. Laſſen Sie mich wie früher Ihr Diener ſeyn, denn ich gebe kein Glas Quaß für die Freiheit, die wir gewinnen, wenn wir Soldat werden. Ich will Ihnen folgen, wohin ſie immer gehen.“ „Schön, mein guter Freund,“ erwiederte Ivan; „Du kannſt nach Deinem Willen thun; wir haben jedoch keine Zeit zu verlieren, ſonſt könnten wir alle in die Hände der Ruſſen fallen. Bleibe deßhalb an meiner Seite bis wir außerhalb des Bereiches des Feindes an⸗ gekommen ſind.“ Nach dieſen Worten ritt Ivan mit ſeinen Gefährten weiter und Karl hielt ſich an deſſen Seigbügel. Während der ganzen Dauer des Gefechtes und des Getümmels, welches wir beſchrieben haben, waren der junge Conrin und Javis immer an der Seite Jvans im dichteſten Kampfgewühl; der junge Page wehrte manchen gegen ſeinen Herrn geführten Streich ab, wäh⸗ rend der Reitknecht beſchäftigt war ihn zu beſchützen, und kaum an ſich ſelbſt zu denken ſchien. Die Augen des Knaben funkelten mit einem beinahe übernatürlichen Glanze und ſeine Lippen waren dicht zuſammengepreßt, als er ſich mit dem Schwerte in der Hand in das dich⸗ teſte Handgemenge ſtürzte; ſein Leben ſchien aber bezau⸗ bert zu ſeyn, denn weder Stahl noch Kugeln erreichten n.. Als unſer Held, gefolgt von ſeinen beiden Dienern und einer Abtheilung Bergbewohner, die nicht geringe Schwierigkeit hatten, mehrere von den Gefangenen fort⸗ zuſchleppen, und überdieß mit den von dem Feinde ge⸗ nommenen Waffen ſchwer beladen waren, in ſchnellem Schritte längs des Seeufers hinritt, hörten ſie ein lautes Geſchrei und erblickten, als ſie ſich umdrehten, eine ſtarke Abtheilung friſcher Koſacken aus dem Fort, die in vollem Galopp gegen ſie anritten. Ihre Pferde waren ſowohl durch das Geſecht als durch die Verfolgung bereits ermüdet, ſie hatten deßhalb geringe Ausſicht durch die Flucht zu entkommen, und da ihnen der Feind auch an Zahl ſehr überlegen war, konnten ſie ebenſowenig hoffen, gen. Was war nun zu thun? Es war beſſer tapfer zu ſterben mit Front gegen den Feind als auf ſchimpf⸗ licher Flucht niedergehauen zu werden; und auf jede Gefahr hin befahl Ivan ſeinen Leuten umzukehren und ſich dem Angriffe des kommenden Feindes entgegenzu⸗ ſtellen, obgleich die beiderſeitige Stärke ſehr verſchieden war; Einer der tſcherkeſſiſchen Reiter rief jedoch ſeinen Gefährten zu, ſie ſollten ihm folgen und kletterte an einem ſehr ſteilen dicht mit Bäumen bewachſenen Ravin hinauf. Hier konnten ſie jedenfalls mit Vortheil fechten, wenn die Koſacken es verſuchen ſollten, ihnen zu folgen; die meiſten von der Bande hatten jedoch für dieſen Tag ſchon genug geſochten. Sie folgten gerne ihrem Führer auf den Berg, welcher für die Thiere beinahe unerſteig⸗ bar ſchien. Karl erkletterte mit größerer Haſt als die Uebrigen und mit äußerſter Gewandtheit die Felſen, um ſeinen früheren Herren zu entkommen, und blickte nur hie und da flüchtig zurück, um zu ſehen ob Ivan folgte, welcher, als er ſah, daß es nicht nöthig war, noch weiter zu fechten, hinter der Bande hin ritt; ſie hatten bereits eine beträͤchtliche Höhe erſtiegen, als die Koſacken am Fuß des Berges ankamen. Ihre Pferde, obgleich flink, konnten es doch den tſcherkeſſiſchen Pferden, die eine ziegenähnliche Gewandt⸗ heit im Klettern haben, nicht gleich thun; und als ſie umherritten, um einen praktieabeln Weg aufzuſuchen, auf dem ſie folgen könnten, fielen eine Menge von ihnen als Ziel der Bergbewohner. Sie erwiederten vergebens die Schuſſe, die ſo gefährlich in ihre Reihen einſchlugen, 136 und als ſie endlich nach längerem verzweifelten Hin⸗ und Herreiten den Weg fanden, auf welchem die Tſcherfeſſen entkommen waren und einen Verſuch machten zu folgen, waren ſie dem feindlichen Feuer immer mehr preisgege⸗ ben; bis endlich ihre Officiere daran verzweifelten, den Feind zu überwältigen und nachdem ſie eine ziemliche Anzahl Leute verloren hatten, die übrigen zuſammenriefen und im Galopp in das Fort zurückkehrten, und unſeren Helden und ſeine Bande ungehindert weiter ziehen ließen. Von dem Orte, den ſie erreicht hatten, war es viel leichter aufwärts als abwärts zu ſteigen, ſie ſetzten deß⸗ halb ihren Marſch gegen die Höhe fort über Gerölle, abgebrochene Baumſtämme und kamen endlich nach un⸗ ſäglicher Mühe und von Felſen zu Felſen kletternd auf dem Plateau an, welches auf dem Gipfel des Berges lag, und als ſie die Gegend durchſtreiften, erblickten ſie die Banden Arslan Gherrei's und Hadji's mit der Tochter des Häuptlings und ihren Frauen.. Sobald Ivan und ſeine kleine Bande auf dem Gipfel des Berges erſchien erblickten ihn ſogleich die ſcharfen Augen des Hadji; er ſpornte ſein Pferd, ritt ihm ent⸗ gegen und zog ihn durch ſeine Umarmungen beinahe vom Pferd. Mit dem Ausdrucke der größten Freude rief er ihm zu:„Wilikommen in meinen Armen, mein Sohn! Ich fürchtete, einer der zukünftigen Helden der Atteghei möchte durch einen jener ſchelmiſchen Koſacken erſchlagen worden ſeyn, da man nach dem Gefecht Sie nirgends finden konnte. Mein Herz ſchlägt freudig, Sie wieder lebend zu finden, denn Sie haben heute tüchtig gefochten und ſind werth ein Sohn der Atteghei genannt zu wer⸗ den! Meine Augen waren auf Sie gerichtet, als Sie zuerſt die Koſacken angriffen, und ich hatte dann volles Zutrauen, daß Sie unſerem Lande keine Schande machen würden, denn Sie ſielen wacker über dieſelben her, und einer der edelſten von unſeren Uzden ſagt, ſie ſeyen ihm tapfer zu Hülfe gekommen, als er hart von unſeren Feinden bedrängt war. Seine ſchöne Tochter ſucht Ihnen — 137 ihre Dankbarkeit dafür zu erkennen zu geben, daß Sie dieſelbe aus den Händen Beſin Khan's, des feigen Ver⸗ räthers, erretteten. So mein Sohn, Sie haben keine Zeit verloren, ſich als einen tapferen Krieger bekannt zu machen, und das Lob des Häuptlings, den Sie erretteten, iſt der ſtolzeſte Lohn, den Sie verdienen konnten.“ „Ich bin in der That glücklich, deſſen Lob gewonnen zu haben,“ erwiederte Ivan,„und nicht weniger über das Ihrige, mein gütiger Freund. Ich hoffe aber unter Ihrer Leitung bald mehr Lorbeeren in der Sache meines Landes zu erndten.“ Sie warteten bis Arslan Gherrei und ſeine Bande ankam; dieſer Häuptling ſtieg von ſeinem Pferde und gieng Ivan entgegen, der ebenfalls abſaß. „Mein tapferer, junger Held,“ rief er, indem er ihn umarmte,„obgleich Sie, wie ich höre, ein Fremder in unſerem Lande ſind, ſo haben Sie ſich heute ſo tapfer als der bravſte unſerer Häuptlinge gezeigt, und ich bin Ihr großer Schuldner, nicht allein dafür, daß Sie mir das Leben retteten, ſondern auch dafür, daß Sie mein einziges Kind aus den Händen unſerer Feinde befreiten. Glauben Sie nicht, daß, wenn mir das Geſchick fehlt, meine Gefuͤhle auszudrücken, mein Herz deßhalb weniger dankbar iſt. Auch mein Kind ſehnt ſich darnach, ſich zu Ihren Füßen zu werfen, und Ihre Dankbarkeit auszu⸗ drücken.“ „Sprechen Sie nicht ſo, edler Häuptling, denn Sie ſchulden mir nichts,“ rief Ivan.„Ich übte blos die Pflichten eines Kriegers, und verdiene keinen Dank da⸗ für, und ſagen Sie Ihrer ſchöͤnen Tochter, daß es mein größtes Glück iſt, ihr einen Dienſt erwieſen zu haben. Der Dank Aller gebührt jedoch meinem Vater, dem Hadii Guz Beg; denn er war es, der uns den Weg in'’s Ge⸗ fecht zeigte.“ „Keinen Dank dafür, meine Freunde;“ rief der Hadji,„denn ich war ſeit Jahren nicht ſo glücklich, 138 Inshallah! wir ließen nicht wenige von unſeren Feinden auf dem Schlachtfeld zurück. Wir wollen uns aber nicht länger hier aufhalten, der Tag iſt kurz, und wenn wir noch mehr Zeit verlieren, werden wir unſeren Konak nicht vor Anbruch der Dunkelheit erreichen.“ Sie beſtiegen deßhalb ihre Pferde und holten die übrige Geſellſchaft ein, wobei ſie an dem armeniſchen Trödler mit ſeinen Packpferden vorüber kamen. Dieſer war auf dem Gipfel des Hügels geblieben, als Hadji's Bande in's Gefecht hinunter galoppirte, und hörte nur aus der Ferne dem Kampf zu, ohne ſich nahe genug an den Rand der Felſen vor zu wagen, um auch ſehen zu können, was unten vorgieng. „Ah, Handelsmann! rief der Hadji im Vorbeigehen lachend aus;„Ihr ſeht friſch und geſund aus; als bloßer Zuſchauer des Kampfes ſeyd Ihr ſauberer geblieben, als wir. Wie denkt Ihr, daß derſelbe Euern Freunden, den Ruſſen gefallen habe? Ihr werdet aber eine reiche Erndte machen; denn es ſind wenige von unſerem Gefolge da, die nicht etwas für Eure Güter auszutauſchen haben.“ Ina blickte unſeren Helden ernſt an, als er vorüber⸗ ritt, ein unerklärliches Gefühl von Schüchternheit hielt ihn aber ab, ſie anzureden; er verneigte ſich jedoch tief, grüßte ſie ehrerbietig und ritt dann auf ſeinen Platz an des Hadji Seite. Nicht ſo jedoch ſein Page, der junge Conrin, der ſich in ihre Nahe machte, und heimlich ihre ſchönen Züge ſtrenge prüfte, als ihr Schleier zufällig auf die Seite geweht wurde; dieſelben ſchienen ihm jedoch nicht das Vergnügen zu gewähren, das ſie ſo ſehr ver⸗ dienten, denn ein leichtes Runzeln der Stirne und ein Blick voll Unzufriedenheit zeigten ſich auf dem Geſichte des Knaben; dennoch ſchien er ſo bezaubert zu ſeyn, daß er ſeine Augen nicht von ihr wegwenden konnte. Die kriegeriſche Bande hatte nun eine andere Höhe dicht über der Bai von Ghelenjik erſtiegen, als man den Knall von Musketenſchüſſen hörte. Als ſie gegen das Fort hinabſchauten, ſahen ſie eine Rauchwolke gegen den 39 Himmel ſteigen, und bemerkten eine ruſſiſche Compagnie in Linie, und vor dieſer einen Mann in der Landestracht, der durch ihr Feuer fiel. Ein Gefühl der Entrüſtung und Rache bewegte ihre Bruſt, da ſie glaubten, irgend ein Freund ſey grauſam ermordet worden; ſie ſchwangen ihre Waffen und gaben durch Verwunſchungen und Ver⸗ ſprechungen der Nache ihren Unwillen zu erkennen. Sie waren jedoch genöthigt, Schutz zu ſuchen, denn ihr Er⸗ ne war ein Signal zum Löſen aller Kanonen des Forts. „Bismillah! ich wünſche, wir hätten einen Theil ihres Pulvers und ihrer Kugeln, wenn ſie dieſelben auf dieſe Art gegen die Felſen und Bäume verſchwenden können,“ rief der Hadji.„Aber wen wagten die Feig⸗ linge auf dieſe Art vor unſeren Augen zu erſchießen?“ Ein junger Bergbewohner, der als Wache dicht an das Fort vorgeſchoben war, erſchien eben. „So eben ſtarb der verrätheriſche Reitknecht des Khans Beſin, der uns alle dieſen Morgen durch falſche Nachrichten täuſchte,“ ſagte der Jüngling;„nun hat er den Lohn ſeiner Betrügerei empfangen, denn die Ruſſen haben ihre Wuth über ihre eigene Niederlage an ihm ausgelaſſen.“ „ SDieß iſt gut,“ rief der Hadji.„Sie haben uns eine Aufgabe erſpart, für die ſie geeigneter ſind.“ Da man es unmöglich fand, den Ort zu erreichen, den ſie urſprünglich noch vor Einbruch der Nacht zu er⸗ reichen beabſichtigt hatten, ſo wählte man einen näher gelegenen Konak, und ſchickte einen Boten voraus, um den Wirth von ihrer nahen Ankunft zu benachrichtigen. Die Schatten des Abends waren ſchon ziemlich groß, als ſie ein freundliches Doͤrfchen erblickten, das in einem Thale mitten zwiſchen den Bergen lag und von hohen Bäͤumen beſchattet wurde. Die Kamine mit den aus ihnen emporſteigenden Rauchwolken, und die Schafhirten, welche ihre Heerden nach Hauſe trieben, boten ein Bild ländlicher Schönheit und Ruhe, in vollkommenem Gegen⸗ 140 ſatze zu demjenigen, in welchem ſie vor Kurzem ſelbſt eine Rolle geſpielt hatten. Als unſere Reiſenden die Wohnung des Oberhauptes im Orte erreicht hatten, ſtieg. eben der Mond hinter den Bergen auf, warf ſeine blei⸗ chen Goldſtrahlen auf ihre Gipfel, und ergoß einen ſilberartigen Schein über die dunkeln Wälder und tiefen Schluchten des Thals. Eine große Anzahl von Sklaven ſprang herbei, um die Pferde der Häuptlinge abzuneh⸗ men, welche dann von dem Reitknechte des Herrn vom Hauſe in das Gaſthaus geführt wurden, indem er ſelbſt abweſend war, und in den Päſſen von Ghelendjik, durch welche ſie erſt gekommen waren, Wache hielt. Ina und ihre Dienerſchaft wurden der Sorge der Frau und der Töochter des Wirths überlaſſen. Als Ivan abſtieg, bemerkte er, daß der armeniſche Kaufmann die ruſiſchen Gefangenen mit unzufriedenem Blicke betrachtete, welche Unzufriedenheit ſich noch ſtei⸗ gerte, als er Karl in ſeiner Nähe ſah. Javis hatte den Hauſtrer auch mit einem durchdringenden Blicke be⸗ trachtet. „Es iſt etwas in dem Blicke dieſes Mannes, das mir nicht gefällt,“ ſagte er, indem er ſich an Ivan wandte.„Ich will ihn ſtreng bewachen, denn, wenn ich mich nicht täuſche, ſo wird er ſich nicht als aufrichtiger Freund Tſcherkeſſiens bewähren.“ Als der Mann, ohne Ahnung deſſen, was über ihn geſprochen worden war, mit ſeinen Packpferden weiter zog, um ſeine Wohnung bei einem der Dorfbewohner, der mit ihm in gleichem Range ſtand, zu ſuchen, kam Karl zu Jvan, der unter der Verandah des Gaſthauſes ſtand, und die liebliche Scene vor ſich betrachtete.“ „Pst, Herr, pst!“ ſagte er.„Bemerkten ſie den reiſenden Kaufmann nicht? Woher kam er? Ich bin über⸗ raſcht, ihn in dieſer Geſellſchaft zu ſehen, denn, wenn meine Augen mich nicht täuſchen, ſah ich ihn erſt vor wenigen Nächten, als ich die Wache vor dem Quartier des Barons hatte, zweimal an mir vorübergehen, und 141 3 beidemal ſiel ein Lichtſtrahl auf ſeine Züge, ſo daß ich alſo nicht denken kann, ich habe mich getäuſcht. Er blieb eine Stunde lang mit dem Gouverneur eingeſchloſſen und nahm dann ſeinen Weg gegen die Berge.“ „Iſt dieß in der That ſo?“ ſagte Ivan.„Der Mann muß ſtreng bewacht werden; denn es iſt nicht rathſam, einem Spionen freien Lauf zu laſſen. Höre, Javis, ich gebe Dir den Auftrag, die Bewegungen des Krämers ſtreng zu bewachen. Meine Freunde ſcheinen keinen Ver⸗ dacht gegen ihn zu haben; ich will jedoch mit dem Hadji ſprechen und ihn überreden, Dir eine gewandte Perſon zu Deinem Beiſtand zu ſchicken, welche Dir zugleich nö⸗ thigenfalls als Führer dienen kann. Während er noch ſprach, erſchien der Hadii ſelbſt, und Jvan verlor keine Zeit mit ihm, von dem Verdacht zu ſprechen, der gegen die Ehrlichkeit des Armeniers ent⸗ ſtanden war. „Sie denken, er ſeye ein Spion?“ erwiederte er; ich hielt ihn für einen Buben, als er den Prinzen von Pchad zu überzeugen trachtete, es ſey nicht rathſam, ſich mit Rußland einzulaſſen. Nicht rathſam, fürwahr! Wir wollen morgen das Weitere ſehen. Der Geſelle ſoll aber überwacht werden, und es ſoll ihn theuer zu ſtehen kommen, wenn er ſich als Verräther erweist.“ „Sie ſind ſtill, mein Sohn; an was denken Sie?“ „Ich denke an einen theuern Freund, den ich einſt hatte, und der in den Reihen der Feinde iſt,“ erwiederte Jvan. Es iſt ein edler Pole, der, wenn er den wahren Zuſtand dieſes Landes kennen würde, nach meiner feſten Ueberzeugung ſein beſtes Blut für unſere Sache hingeben würde, ſtatt gegen uns zu fechten. Ich rettete ihm heute das Leben, und ich trachte darnach, Mittel zu finden, um ihn zu ſehen, und auf unſere Seite zu bringen. Sagen Sie, mein Vater, wie kann ich dieß ausführen?“ „Ich weiß es nicht recht,“ erwiederte der Hadji. „Wir könnten unter irgend einem Vorwande Einen in das Fort ſchicken; aber dieſe ruſſichen Schelme ſind nun 142 mißtrauiſch geworden, und unſere jungen Leute können ſie jetzt nicht mehr ſo leicht übertölpeln, wie ſie es früher zu thun pflegten. Es war ein ſchlechtes Syſtem, und unſere Eltern ſchafften es ab. Es war einſt allgemeiner Gebrauch bei den jungen Leuten, zu den Urus zu gehen, und ſich als große Freunde derſelben auszugeben, und dann alle Geſchenke, die ſie ſich dadurch verſchaffen konnten, ſortzuſchleppen und in den Bart zu lachen. Sie müſſen ſich nun eben gedulden, und es kann vielleicht lange Zeit vergehen, bis Ihre Wünſche erfüllt werden.“ Ihre Unterredung wurde durch die Ankündigung unterbrochen, daß die Abendmahlzeit aufgetragen war, und zu gleicher Zeit kam auch ihr Wirth von ſeiner Wache zurück. Er warf beim Eintritt ſeinen weiten, dunkelfarbigen Wachmantel ab, bot allen ſeinen Gäſten einen freundlichen Willkomm, und machte ihnen Glück⸗ wünſche über den Erfolg ihrer heutigen Affaire. Dreizehntes Kapitel. Bildſäulen gleich von dunkelm Erz, Der veteranen Krieger Blick war ernſt und kalt; Der Stirne finſtres Runzeln war die einz'ge Antwort nur, Macht, daß das Blut erſtarrt. 2 Der Gefangene. Der Zorn und die Wuth des Baron Galetzoff waren ohne Gränzen als, ſtatt daß ſeine Truppen mit einer Anzahl Gefangener zurückkehrten, zuerſt die Tchernemorsky Koſacken in Unordnung und Schrecken im Fort ankamen, mit der Nachricht von dem gänzlichen Mißlingen ihres wohlgeleiteten Planes, den Häuptling Arslan Gherrei und ſein Gefolge aufzuheben und von der gefährlichen Lage, in welcher die Flüchtigen die Infanterie zurückge⸗ laſſen hatten. Er verlor keine Zeit, friſche Truppen zu commandiren, um ihren Rückzug zu decken und er lächelte — 143 mit grimmiger Befriedigung, als er hörte, daß der An⸗ ſtifter des Plans gefallen war. Er beſchloß ſeine Rache an dem Geißel, welcher noch da war, zu befriedigen; dieſer hatte ſein Leben für das Mißlingen der Unternehmung verwirkt. Da der Verräther Kiru Verdacht faßte, daß der Ueberfall nicht ganz nach Wunſch ausgefallen war, machte er einen verzweifelten und beinahe erfolgreichen Verſuch zu entwiſchen, er wurde jedoch von Soldaten zurückgeſchleppt, worauf man ihm Handeiſen anlegte, ihn an einen Pfoſten ankettete, und ihn ſtreng bewachen ließ. Sobald der Gonverneur von der Unterſtützung ſeiner geſchlagenen Truppen zurückkehrte, wurde der Ge⸗ fangene vor ihn gerufen. „Verräther, Du haſt mich hintergangen!“ rief er⸗ „Statt einen Eurer Häuptlinge gefangen zu nehmen, ſind meine Truppen geſchlagen worden; und ehe eine Stunde vorgeht, ſollſt Du ſterben.“ Der Tartar blickte ihn furchtlos an. „Wenn ich ſterbe,“ ſagte er, ſo werden mich mein Herr und mein Stamm ſicher rächen; Sie wagen nicht mich umbringen zu laſſen.“ „Sprichſt Du von Deinem Herrn, Barbar?“ ſagte der Gouverneur.„Dein verrätheriſcher Herr fault nun unter den Leichen meiner tapferen Soldaten, die er be⸗ trog! Erwarte keine Hülfe von ihm.“ Der Verräther ſtutzte bei dieſen Worten und ſein Muth ſchien gebrochen.„Ruſſe, ſprechen Sie Worte der Wahrheit? Iſt mein Herr wirklich gefallen?“ fragte der Gefangene. „Ich ſage Dir die Wahrheit,“ erwiederte der Ge⸗ neral.„Dein Herr hat den Lohn für ſeine Verrätherei empfangen, und Du wirſt bald ſein Loos theilen. Ich gebe Dir zehn Minuten, Dich vorzubereiten; nach dieſen ſtirbſt Du. Führt ihn weg!“ rief er zu den Wachen, die den Grfangenen hielten. 3 „Da mein Herr gefallen iſt, was habe ich noch mit 144 dem Leben zu thun? Ich trotze Euch, ich lache zu Euern Drohungen. Thut mit mir was ihr wollt, ich werde mich jedoch noch rächen.“ Und mit herkuliſcher Kraft warf er die Soldaten, die ihn hielten, bei Seite, beinahe hatte er die Kehle des Gouverneurs erreicht, als er auf den Boden niedergeworfen wurde. Die Handeiſen und Ketten wurden ihm wieder angelegt, wobei er alle erdenklichen Schimpfwörter brauchte, um ſeinen Henkern ſeine Ver⸗ achtung zu zeigen. Nach Verfluß der anberaumten Zeit wurde er vor die Wälle der Feſtung hinaus geführt, wo er wieder an einen Pfoſten gekettet wurde, um ihm jede Möglichkeit des Entkommens abzuſchneiden. Sein ſeichtes Grab war zu ſeinen Füßen gegraben. Sein Muth war in der That eines beſſeren Schickſals und einer beſſeren Sache werth, denn die Zubereitungen beängſtigten ihn keinen Augenblick. 3. Eine Kompagnie Soldaten marſchirte auf und als ſte ihre Musketen anſchlugen, ſtreckte er ſeine gefeſſelten Hände verächtlich gegen ſie aus, ſtieß mit ſchrecklichem Gebrüll das Kriegsgeſchrei ſeines Stammes aus, und fiel von unzähligen Kugeln durchbohrt. Ehe das noch warme Blut in den Adern ſtockte, wurde der Körper in das für denſelben beſtimmte Loch geworfen und zugedeckt, ſo daß wenige Minuten nachdem hier ein meuſchliches Weſen in der vollen Kraft und Energie des Lebens ge⸗ ſtanden, ſein Leichnam für immer dem Geſichte verborgen war, und nur ein wenig friſch aufgeworſene Erde den Schauplatz der Tragödie verrieth. Niemand wird Mitleiden mit dem Schickſale Kiru's haben, das er ſo wohlverdient erlitt, obſchon nicht aus den Händen ſeiner Henker. Es wäre jedoch wünſchens⸗ werth für den ruſſiſchen Namen, daß er nicht durch viel ſchwärzere Grauſamkeiten gebrandmarkt wäre. Die Gar⸗ niſon des Forts blieb den übrigen Theil des Tages unter den Waffen, in beſtändiger Bereitſchaft, weil ſie befürch⸗ teten ihr geſchwächter Zuſtand möchte die Einwohner in 145 3. Verſuchung führen, einen Angriff zu unternehmen, im Falle ſie in der Nachbarſchaft eine hinreichende Macht auf⸗ treiben konnten; ihre Furcht war jedoch grundlos und drn Tag vergieng ruhig, ohne daß ſich ein Feind blicken ließ. Einige Stunden nach Einbruch der Dunkelheit be⸗ merfte man bei dem äußerſten Piket eine Figur, die ſich vorſichrig im Schatten der Felſen gegen dieſen Poſten ſchlich. Als die Perſon geſtellt wurde, gab ſie Parole und Feldgeſchrei und erhielt die Erlaubniß, an das Thor des Forts zu gehen, wo ſie, nachdem die gleiche Vorſicht angewendet worden war, eingelaſſen und in das Quartier des Gouverneurs geführt wurde. Der Baron blickte mit einem Ausdrucke von Zufriedenheit auf dieſelbe als ſie eintrat. „Ah, mein treuer Armenier,“ rief er, es freut mich Sie ſicher hierher zurückgekehrt zu ſehen. Was bringen Sie für Neuigkeiten aus dem feindlichen Lande? denken die Barbaren daran, uns anzugreifen?“ „Ich bringe Ihnen einige Neuigkeiten, die Ihnen gefallen werden, edler General, obgleich ſie nicht von beſonderer Wichtigkeit ſind,“ erwiederte der ſcheinbare Armenier in ganz reinem Ruſiiſch. „So laſſen Sie mich ſchnell hören, denn ich habe gute Nachrichten nöthig, um meinen Geiſt nach dem Unglück dieſes Morgens wieder aufzurichten,“ ſagte der Gouverneur.„Und warum kamen Sie nicht, um mir Nachricht zu geben, daß eine ſo bedeutende Macht der Tſcherkeſſen in Bewegung war?“ 8 „Ich wußte es ſelbſt nicht, bis zu dem Augenblick, als ich die Truppen im Gefecht ſah,“ antwortete der Spion.— „Gut, gut, ich glaube Ihnen; aber nun Ihre Neui g⸗ keiten,“ ſagte der General. „Zuerſt, die Barbaren haben eine Unternehmung vor— ich weiß zwar jetzt noch nicht welche, werde es aber morgen ſicher entdecken— unter der Leitung des Der ſcherkeſſen⸗Häuptling II. 10 146 alten Rebellen Guz Beg, der eben von ſeiner Pilgerreiſe nach Mecca zurückgekehrt iſt, und keine Zeit verloren hat, ſeine Landsleute zu neuen Feindſeligkeiten gegen die Ruſſen, ihre rechtmäßigen Herren, aufzuſtiften. Er hätte mich beinahe zuſammengehauen, als er meinen Verſuch, den alten Mahmood, Prinzen von Pchad, zu einem Friedensſchluß mit dem Kaiſer zu überreden vernahm. Ich war genöthigt, ſtill zu ſeyn, um meinen Hals zu ſichern. Der Hadji, wie er nun genannt wird, kam durch eine Stadt im Norden der Türkei, ich glaube Varna, und nahm dort einen jungen Mann, der ein Ruſſe zu ſeyn ſcheint, obgleich er die tſcherkeſſiſche Sprache vollkommen geläufig ſpricht, und ſeine zwei Gefährten zu ſich, welche die Stelle eines Reitknechts und eines Pagen bei ihm verſehen. Es ſind jedenfalls Ruſſen, denn ich hörte ſie mit einander ſprechen und ich habe ſtrengen Verdacht, daß ihr Herr ein Officier des Kaiſers iſt, der deſertirt iſt, denn ich hörte ihn mit einem der Gefangenen, die gemacht wurden, wie mit einem alten Bekannten ſprechen; er nannte ihn Karl.“ „Er iſt es!“ rief der General beinahe ſchreiend. „Ich vermuthete es von dem Augenblick an, als Sie von ihm ſprachen. Möge der Fluch das Haupt des Ver⸗ räthers treffen. Es iſt Einer, den ich als Sohn ange⸗ nommen hatte. Ich will ihn aber für ſeine niedrige Undankbarkeit züchtigen. Der Bube, der zum Gefangenen gemacht wurde, oder vielmehr deſertirt iſt, war einſt ſein Diener und ein Leibeigener von mir. Nun hören Sie mich. Ich werde dem eine ſchöne Belohnung geben, der ihn in meine Gewalt bringt. Haben Sie Luſt dieſelbe zu gewinnen?“ „Ich möchte gerne etwas thun, um Ihnen gefällig zu ſeyn, General, und noch mehr, um die Belohnung zu gewinnen,“ antwortete der Spion.„Ich weiß aber nicht wie ich es angreifen ſoll.“ „Es muß geſchehen,“ ſagte der Baron.„Locken Sie ihn in die Nähe des Forts, daß man ihn gefangen —— 147 ¹ 1 nehmen kann, oder bewachen Sie ſeine Bewegungen; vielleicht könnte man ihn ſchlafend in der Nachbarſchaft treffen; ich würde dann eine ſtarke Abtheilung ſenden, um ihn aufgreifen zu laſſen. Aber hören Sie, er muß als Gefangener vor mich gebracht werden; meine Befehle muſſen befolgt werden. Befolgen Sie welchen Plan Sie wollen; ich möchte lieber ſeinen Kopf als den von tau⸗ ſend Tſcherkeſſen. „Ihre Befehle ſollen befolgt werden, General,“ antwortete der Spion.„Ich werde all meinen Witz an⸗ wenden um Ihre Abſicht auszuführen.“ „Erinnern Sie ſich, daß Sie eine große Belohnung zu erwarten haben, wenn es Ihnen gelingt. Sie können nun zurückkehren, man könnte Sie ſonſt bei den Bar⸗ baren vermiſſen, und kommen Sie morgen Nacht gewiß um mir Nachricht von Ihren Fortſchritten zu bringen.“ „Ich werde Ihre Befehle unſehlbar befolgen,“ er⸗ wiederte der Spion, indem er mehrere Verbeugungen machte, verließ dann das Fort und kehrte in das Dorf, das er verlaſſen hatte, zurück, ohne den geringſten Ver⸗ dacht zu hegen, daß ſeine Bewegungen beobachtet worden waren. Wir müſſen nun den Schritten von Javis des treuen Reitknechts unſeres Helden, folgen, der ſtrenge Wache vor dem Hauſe hielt in welchem der Armenier ſeine Woh⸗ nung genommen hatte, in Geſellſchaft mit einem thä⸗ tigen liſtigen Burſch, den ihm der Hadji als Führer beigegeben hatte. Sie hatten noch nicht lange gewartet, als ſie den Armenier aus dem Hauſe treten ſahen, in⸗ dem er ſeinem Wirth ſagte, er müſſe noch vor Einbruch der Nacht dem Häuptlinge des Ortes einen Beſuch machen, um ihm einige Waaren zu bringen, die jener von ihm gekauft habe, da er den anderen Morgen vielleicht ſchon frühzeitig aufzubrechen genöthigt ſey. Um ſeinen Wirth zu täuſchen ſchlug er zuerſt den Weg gegen das Haus des Häuptlings ein, von dem er geſprochen hatte, dann 10 148 drehte er aber plötzlich um und eilte in der Richtung gegen das Fort Ghelendjik. Javis und ſein Führer folg⸗ ten ihm auf demſelben Wege über Hügel und Thal über Felſen und durch Bäche bis ſie in der Nachbarſchaft von Ghelendjik ankamen. Glücklicherweiſe für ihr Vorhaben war der Mond durch viele dunkle Wolken verfinſtert; der Zigeuner ließ ſeinen Führer unter dem Schutze einiger Felſen zurück und ſchliech ſich vorſichtig vorwärts bis er dicht bei dem Piket ankam, wo er das Feldgeſchrei geben hörte, wo⸗ rauf der Armenier, der einige Worte in ruſſiſcher Sprache an die Wache richtete, ſogleich die Erlaubniß erhielt, weiter zu gehen. Javis hielt ſich vorſichtig in ſeinem Verſtecke und wartete bis er den Spionen aus dem Fort heraus kommen ſah; er hörte ſodann wie ihm der wach⸗ habende Offfcier das Feldgeſchrei für die folgende Nacht —„der Adler Rußlands“— übergab, worauf er ſich ſchnell entfernte. Javis folgte ihm wieder bis an das Haus, das er verlaſſen hatte. Vor dem Hauſe des Häuptlings fand Javis den Hadji und Ivan, welche ſeine Ankunft begierig erwar⸗ teten, und denen er erzählte, was er geſehen hatte. „Laßt den Schurken heute Nacht ruhen,“ ſagte der Erſtere,„morgen wollen wir ihm eine Ueberraſchung machen, die er ſich gewiß nicht träumen läßt. Er kann uns jetzt keinen Schaden thun.“ „Ich habe an einen Plan gedacht,“ ſagte Javis, „durch den Sie mit Lieutenant Stanisloff in Verbindung treten können, ohne alle Gefahr weder für ihn noch für Sie ſelbſt. Ich hörte das Feldgeſchrei für morgen Nacht geben, und ich biete mich an den verrätheriſchen Arme⸗ nier vorzuſtellen, und unter dieſer Maske in das Fort zu gehen, wo es meinem Witze ſchon gelingen ſoll Ihren Freund aufzufinden, ihm eine Botſchaft von Ihnen zu überbringen und dann wieder zu entkommen ohne daß mich der Gouverneur ſieht, da dieſer mich wahrſcheinlich 149 erkennen würde. Was ſagen Sie zu meinem Plane, Herr? Soll ich es verſuchen?“ „Obgleich ich mich danach ſehne, meinen Freund zu ſehen, moͤchte ich doch nicht, daß Du ſo große Gefahr laufſt, denn wenn man dich entdeckt, iſt Dein Tod ge⸗ wiß,“ ſagte Ivan. „O fürchten Sie nichts für mich, Herr,“ erwie⸗ derte Javis,„mein Leben iſt nur von geringem Werthe und die Gefahr iſt auch nicht ſo groß als ſie ſcheint; denn dieſe dickköpfigen Ruſſen unterſcheiden mich bei Nacht nicht ſo leicht von dem Armenier. Ich werde auch mor⸗ gen ohne Zweifel im Stande ſeyn weitere Nachrichten von dem Manne zu erhalten.“ Den nächſten Morgen erſchien der Armenier mit ſeinen bepackten Laſtpferden wie zu einer Reiſe bereit. Er grüßte lächelnd die Häuptlinge, die vor dem Gaſt⸗ hauſe verſammelt waren; der Ausdruck von Schrecken trat bald, an die Stelle dieſes Lächelns, als er die finſteren Blicke bemerkte, die von allen Seiten auf ihn gerichtet waren, und noch mehr als er von einer Anzahl Bewaffneter umgeben wurde. „Wohin geht Ihr ſo ſchnell, Armenier?“ ſagte der Hadji ernſt.„Habt Ihr Eile, Eure Freunde die Urus zu beſuchen? Warum werdet Ihr ſo blaß? Zieht den verrätheriſchen Spionen von ſeinem Pferde,“ fügte er bei, indem er ſich gegen ſeine Diener wandte,„und ſchleppt ihn herbei. Wir wollen ſeinen Fall richten, und wenn er ſchuldig erfunden wird, ſo kennt er die Strafe des Svionen.“ Der unglückliche Krämer zitterte heftig, als er auf einen offenen von Bäumen umgebenen Platz in der Nähe des Ortes geſchleppt wurde. Hier verſammelten ſich bald die Häuptlinge und mehrere reiche Tocavs oder Freie und andere einflußreiche Männer aus der Nachbarſchaft, welche gerufen wurden um Gericht zu halten. Die Richter ſetzten ſich mit der erforderlichen For⸗ malität uud Gravität auf einer Grasbank in einem Halb⸗ 1⁵⁰ kreiſe herum, in welchen der vor Schrecken zitternde Armenier gebracht wurde. Die Zeugen gegen denſelben, Javis und ſein Führer wurden ebenfalls vorgerufen. Zuerſt machte Javis ſeine Ausſage, welche Ivan ver⸗ dollmetſchte, und hierauf ſein Führer. „Sagtet Ihr nicht Armenier, Ihr ſeyd ein Mann des Friedens und ein Freund der Atteghei?“ fragte der Häuptling des Orts, der Präfident der Verſammlung war.„Seht zu, daß Ihr keine Lügen geſprochen und Euch als Freund unſerer Feinde erwieſen habt. Beant⸗ wortet mir die Frage: wohin giengt Ihr vergangene Nacht?“ „Wohin ich gieng?“ wiederholte der Armenier zit⸗ ternd;„ich gieng vom Hauſe, von meinem guten Konak fort, um meine Stirne nach der Hitze des Tages zu kühlen. Ich verließ ſicher den Ort nicht.⸗ „O, Sohn des Teufels! denkt Ihr ſo unſere Wach⸗ ſamkeit zu hintergehen? Antwortet die Wahrheit oder Ihr ſterbt auf der Stelle. Warum giengt Ihr in das Lager unſerer Feinde?“ „O, ſchont mein Leben, edle Häuptlinge!“ ſchrie der Armenier, indem er auf die Kniee fiel.„Ich bin blos ein armer Krämer und ich gieng blos hin um meine Wisien zu verkaufen. O bringt mich nicht um, tapfere dle!“ „Wißt Ihr nicht, daß es verpönt iſt, ſich in Unter⸗ handlungen mit dem Feinde einzulaſſen?“ ſagte der Prä⸗ ſident.„Und was nützen den ÜUrus ſolche Waaren wie Ihr ſie führt? Ihr ſeyd aber voll Lügen. Ihr giengt ohne Waaren, heimlich und bei Nacht hin. Ihr wußtet das Feldgeſchrei des Feindes. Man ſah Euch in das Fort hineingehen und bald darauf wieder zurückkommen. Eure eigenen Worte verdammen Euch. Was ſagen Sie dazu, Uzden's?“ wandte er ſich an die anderen Richter, „hat ſich der Armenier als unſchuldig oder ſchuldig er⸗ wieſen?“ Die Häuptlinge ſtanden alle auf und ſprachen das Urtheil des Boͤſewichts mit den feierlichen Worten aus: — 15⁵¹ „Er iſt ſchuldig; er ſterbe den Tod des Spionen.“ Das erbärmliche Weſen hatte kein Wort zu ſeiner Vertheidigung hervorzubringen; er ſchrie nur laut um Gnade und erhob ſeine Hände in flehender Stellung; denn er wußte das ſchreckliche Schickſal wohl, das ſeiner harrte. Die ſtrengen Krieger verzogen keine Miene als ſte den Dienern befahlen ihn wegzuführen. Sein Ver⸗ brechen gehörte zu den ſchwerſten und es konnte ihm keine Gnade zu Theil werden; keine Stimme ſprach zu ſeinen Gunſten; kein Auge blickte mitleidig auf ihn. In einiger Entfernung von dem Orte ſtand ein hoher, ſenkrechter Felſen, an deſſen Fuß ein ſchäumen⸗ der wilder Bergſtrom über ein rauhes ſteiniges Bett hinſtürzte. Der armeniſche Böſewicht wurde ohne wei⸗ teren Verzug auf einem ſteilen Fußwege auf den Gipfel dieſes Felſen geſchleppt, wo ihm auf des Hadji Befehl ſeine hohe aſtrachaniſche Mütze abgenommen und ſein dunkler Rock und übrige Kleidung ausgezogen wurde, und er dann unter Schreien und Sträuben an den Rand des Abgrundes gebracht wurde. Da er auf dieſe Art ſein ſchreckliches Loos vor Augen ſah, ſchrie er laut um Gnade und Mitleid; ſein Geſchrei traf aber an die Ohren von Maͤnnern, welche durch dieſen verzweifelten Krieg alles Mitleid für ihre grauſamen Feinde verloren hatten. Als er vor Schrecken bebend am Rande des finſteren Abgrundes angefkommen war, ſuchte er ſich in letzter Verzweiflung noch an die Umſtehenden anzuklammern, und verſuchte ſie mit ſich hinabzuziehen; man riß aber ſeine Hände von ihrem Halte los, und zwei kräftige Sklaven, welche als ſeine Henker beſtimmt waren, hoben ihn vom Boden weg und warfen ihn mit außerordent⸗ licher Stärke weit über den Rand der Felſen weg. Er ſtieß einen letzten verzweiflungsvollen Schrei aus, als er mit dem Kopfe voraus in den dunkeln Abgrund flog; er ſchien ſich an der Luft halten zu wollen, und ſuchte irgend einen Gegenſtand zu erhaſchen, um ſein Leben, wenn auch nur auf wenige Augenblicke, zu verlängern. 9 1 15² Der Abgrund wat ſo tief, daß man kein Geräuſch hörte als er in das niedere und felſige Bett des Stromes fiel, und deſſen Waſſer ſchwemmten den verſtümmelten Körper bald aus dem Geſichte fort. „So ſollen alle Spionen und Verräther ſterben,“ rief die verſammelte Menge, als ſie ſich von dieſer Richt⸗ Scene zurückzog. Vierzehntes Kapitel. Asc. Flieh' den Dioeles aus verhaßter Sklaverei. Dio. Die Ehr verbietet mir, des Herzens Wunſch. zu folgen. Der Gefangene. In der Nachbarſchaft von Ghelendjik waren Gerüchte im Umlauf, daß die Ruſſen einen Ausfall aus ihren Feſtungswerken zu machen beabſichtigten, ſo daß der Hadji und Achmet Beg, in der Hoffnung Beſchäftigung für ihre Schwerter zu finden, den Entſchluß faßten, an dem Orte zu bleiben um ihren Freunden beizuſtehen, und Jvan freute ſich darüber, weil er dadurch Gelegen⸗ heit hatte, den Verſuch, mit ſeinem Freunde Thaddeus zu communiciren, zu wagen. Arslan Gherrei wurde auch von Hadji zum Bleiben überredet, damit er mit ſeiner mächtigen Hülfe zum Vertreiben der Feinde mit⸗ wirken und ſeiner Tochter Ina mehr Zeit gönnen könne, ſich von der Anſtrengung zu erholen. Ivan erwartete in großer Spannung den Abend, an, welchem Javis den Verſuch machen wollte, in das Fort zu gehen, und er beſchloß ihn bis in die Nähe der Mauern zu begleiten, in der Hoffnung, mit Thaddeus zuſammenzukommen. Jedermann war vergnügt über die Nachricht der bevorſtehenden Bewegungen der Ruſſen; viele bewachten das Fort aufmerklſam während des ganzen Tages, wäh⸗ rend andere Berathungen über zukünftige Plane hielten. 153 3. Die Deli Khau's oder jungen Männer brachten ihre Zeit mit kriegeriſchen Uebungen zu, durch welche ihr Körper an Strapazen gewöhnt und ſie zu kühnen Krie⸗ gern gebildet wurden. Durch die Verwendung des Hadji erhielt Javis den Anzug des Armeniers. Als der Abend anbrach und er in demſelben erſchien, ſtutzten die Umſtehenden vor Schrecken und glaubten, der Krämer ſey vom Tode erſtanden, ſo ahnlich war die Verkleidung. Sobald es dunkel war, begab er ſich von ſeinem früheren Führer geleitet und in Begleitung Ivan's auf den Wegz dieſer wünſchte aus Beſorgniß für die Sicherheit ſeines Gefährten und aus Begierde, ſeinen Freund zu ſehen, ſo viel als möglich in der Nähe zu bleiben bis das Abenteuer beendigt war. Als Javis an dem äußerſten Piket ankam, gab er die richtige Antwort auf das Anrufen der Schildwache, und er erhielt die Erlaubniß weiter zu gehen, während Ivan hinter den Felſen verſteckt blieb. 3 „Werda?“ rief die Schildwache am Thore des Forts. „Ein Freund Rußlands,“ antwortete er.„Das Feldgeſchrei:„Der Adler Rußlands!“— Die Zugbrücke ward herabgelaſſen. Der vorgebliche Armenier gieng in das Fort. Der Officier der Wache, der keinen Verdacht eines Betrugs hegte, befehligte einen Soldaten, um den Spionen in die Wohnung des Gou⸗ verneurs zu führen. Als der Abenteurer und ſein Begleiter ſo weit vom Thore weg waren, daß man ſie nicht mehr verſtehen konnte, ſagte erſterer in ruſſiſcher Sprache zu dem Sol⸗ daten, indem er ihm zugleich ein Geldſtück in die Hand drückte: „Mein Freund, ich weiß den Weg in die Wohnung des Gouverneurs wohl; hier nehme dieß um Dir gütlich zu thun; ihr habt hier, denke ich, ein hartes Leben. Ah! Du dachteſt, ich könne Deine Sprache nicht reden. Höre Mann, ich komme von Deiner Gegend, und hätte eine Bitte an Dich. Ich habe keine Eile, den Gouver⸗ 154 neur zu ſehen, wir wollen alſo nicht eilen; die beſtimmte Zeit iſt noch nicht da und er liebt keine Unregelmäßig⸗ keiren. Nun ſage, wie gefällt Dir das Leben, das ihr hier führt?“ „Wie? Es gefällt mir ganz und gar nicht,“ ant⸗ wortete der Mann; denn wir haben nichts als harte Schläge und dieſe teufliſchen Bergbewohner gönnen uns nie Ruhe; wir können uns nie von einem Augenblick zum andern ſagen, wenn ſie über uns herfallen. Wenn wir nur wenige Ruthen über das Fort hinausgehen, ſo dürfen wir ſicher ſeyn, daß ſie einige von unſeren Leuten wegſchießen. Es iſt keine Beute zu gewinnen und man kann ſich nicht die geringſte Unterhaltung verſchaffen.“ „Du machſt kein anziehendes Bild von Euerem Leben hier, mein Freund,“ ſagte Javis,„und ich denke dieß iſt der Grund, warum ſo viele von Eueren Leuten zum Feinde übergehen, wo ſie ſicher ſind, gut behandelt zu werden, und wo ſie wenig zu thun haben. Oefters ſelbſt heirathen ſie die ſchönen Frauen des Landes, und da das Land voll von Kriegern iſt, ſind ſie nicht genöthigt, gegen ihre Landsleute zu kämpfen. Ich muß mich nur wundern, wie es dem General möglich iſt, nur einen einzigen Soldaten bei ſich zu behalten; ich möchte jedoch keine ſolche Idee im Lager predigen. Nun, mein Freund, kennſt Du auch den Lieutenant Stanisloff vom 76ſten Regiment?“ „Ob ich den Lieutenant Stanisloff kenne? Ja, ge⸗ wiß,“ antwortete der Soldat,„ich bin ſein Diener, und er iſt ein guter, leutſeliger Herr. Dieſe Nacht trifft ihn die Reihe aufs Piket, er wird daher in ſeiner Wohnung ſeyn, wenn er noch nicht aufgezogen iſt.“ „Willſt Du dann zu ihm eilen mein Freund und ihn hierher rufen,“ ſagte Javis, als ſie ſich einer Reihe ſchlechter Hütten näherten, welche den jüngeren Officieren gehörten.„Sage ihm, es habe ihm Jemand eine Nach⸗ richt von Wichtigkeit zu überbringen. Denke daran, daß Du mit Niemand über das glückliche Leben ſprichſt, das 155 3 8 die Deſerteure unter den Tſcherkeſſen führen. Man könnte ſonſt ſagen ich habe Dich üherredet überzugehen, und dieß wäre nicht als Freund Rußlands gehandelt.“ Javis zog ſich unter die Dachtraufe eines Zeug⸗ hauſes zurück, wo er in dem dunkeln Schatten ſicher vor Beobachtung bleiben konnte, während in anderen Theilen des Forts alles geſchäftig und belebt war. Grup⸗ pen von Soldaten ſaßen um ihre Feuer herum und kochten ihre Suppen; andere trommelten auf Pauken und verſchafften ſich dadurch eine kleine Unterhaltung. Große Haufen umgaben die Marketender⸗Buden und Hütten, in denen geiſtige Getränke geſchenkt wurden, und tranken hohe Becher mit Quaß oder Gläſer mit Vodka. Hier marſchierten Abtheilungen hin und her, um Wachen abzulöſen und man hörte ihren feſten, regel⸗ mäßigen Tritt durch das Getümmel und den Lärm des Lagers hindurch. In wenigen Minuten erſchien Thaddeus in einen Mantel gehüllt und ſchon für die Nachtwache gerichtet. Als er Javis ſah ſchien er ärgerlich und wandte ſich mit verächtlichem Tone an ihn. „Was wollt Ihr von mir, Armenier? Wenn Ihr eine Euerer werthen Mittheilungen zu machen habt, ſo dächte ich, der Gouverneur ſey die geeignetſte Perſon, der ein Spion ſeine Meldungen machen kann. „Pſt, Herr,“ ſagte Javis,„treten Sie näher, Sie verſtehen mich falſch. Ich bringe eine Botſchaft von Einem der Sie liebt, und der nicht zufrieden ſeyn wird, bis er ſte wieder geſehen hat. Erinnern Sie ſich der Nacht nicht mehr, die Sie in dem Zigeunerlager in der Mah⸗ von Twer zubrachten? Dort ſahen Sie mich zu etz. „Täuſchen mich meine Sinne?⸗ rief Thaddeus; „ſeyd Ihr nicht der armeniſche Spton, der uns ſeit längerer Zeit Nachrichten vom Feinde überbringt?“ „Von außen ſehen Sie, daß ich derſelbe bin; ich möchte aber nicht, daß meine Seele dort wäre, wo jetzt 156 Ivan Galetzoff erwartet Sie dicht beim Fort. Er hat Ihnen viel zu ſagen, kann ich ihm ſagen, daß Sie kom⸗ men werden; Sie können keine Schwierigkeit haben, denn ich kann Sie verſichern, daß heute Nacht kein An⸗ griff auf das Fort gemacht werden wird. Thaddeus beſann ſich kaum einen Augenblick, ehe er antwortete:„Ja, ja, ſagt ihm, ich werde auf jede Gefahr hin kommen, um ihn zu ſehen. Wo werde ich ihn finden?“ Felſens, der aus dem Sande hervorragt, über deſſen Spitze ein großer Baum ſeine Zweige ausbreitet? Dicht bei dieſem Felſen werde ich Sie erwarten und Sie zu ihm führen.“ „Geht denn, mein Freund; ich werde Euch trauen. Wie könnt Ihr aber das Fort verlaſſen? Befürchtet Ihr nicht, der Gouverneur könnte Euch erkennen?“ ſagte Thaddeus. 4 „Ich fürchte mich nicht und werde ihn leicht täuſchen.“ „Das Schickſal begünſtige dieſes gewagte Abenteuer, mein Freund! Ich muß nun auf meinen Poſten eilen,“ ſagte Thaddeus. Er beauftragte ſeinen Diener, den vorgeblichen Ar⸗ menier in die Wohnung des Barons zu begleiten und gieng dann fort; Javis folgte dem Soldaten. Es war ein ſchwerer Augenblick für Javis, als er vor den Baron trat; er ſchlug jedoch die Augen nicht vor deſſen ſtolzem, gebieteriſchen Blick nieder und ver⸗ beugte ſich vor ihm in der Art des Armeniers. „Ihr ſeyd zu guter Zeit zurückgekehrt, mein erge⸗ bener Bote,“ ſagte der Baron.„Haben die Barbaren nun ihren Plan gebildet, das Fort anzugreifen?“ 8 Erfolg zu thun, mein edler General,“ erwiederte Javis un⸗ erſchrocken,„und haben bereits angefangen, ſich in ihre Heimath zu begeben.“ die ſeinige iſt. Aber zu meiner Botſchaft. Ihr Freund .„Erinnern Sie ſich eines eigenthümlich geformten — „Sie haben alle Hoffnung aufgegeben, dieß mit 157 „Dieß iſt gut,“ erwiederte der General.„Und ſagen Sie mir, was für einen Plan haben Sie erdacht, um den jungen Renegaten, der meinen Namen trägt, zu fangen? Ich muß ihn bis morgen Nacht mindeſtens in meiner Gewalt haben.“ „Ich habe an verſchiedene Plane gedacht, mein Herr General, von denen ich Erfolg hoffen kann; ich habe jedoch ein böſes Spiel, denn ich fürchte, daß ich bereits bei dieſen Barbaren verdächtigt bin, und ich wäre heute Nacht nicht zurückgekehrt, wenn es nicht Ihr Wunſch geweſen wäre. Ich möchte nicht gerne länger als rath⸗ ſam iſt, wegbleiben, und mit Ihrer Erlaubniß, Herr General, werde ich ſchnell wieder zurückkehren.“ Nun, ſo gehen Sie denn,“ ſagte der Baron,„und laſſen Sie mich morgen von ſich hören.“ „Ich werde Ihren Befehlen unfehlbar nachkommen,“ antwortete Javis, verbeugte ſich und eilte aus der Hütte dem Thore zu, wo ihn der Soldat erwartete, um ihn an das Thor des Forts zu geleiten. „Wenn ein Ruſſe aus dem Fort zu den Tſcherkeſſen entweicht, ſind Sie ſicher, daß er bei ihnen gut behan⸗ delt wird?“ fragte der Mann. „O gewiß, mein Freund, ſie empfangen ihn mit offenen Armen,“ erwiederte Javis.„Du mußt aber jetzt nicht mit mir darüber ſprechen. Wir ſehen uns vielleicht bald wieder. Lebewohl!“ Der Abenteurer erhielt die Erlaubniß, aus dem Thore und am Piket vorüber zu gehen, ohne daß er befragt wurde; er eilte zu dem Ort, den er Thaddeus angezeigt hatte und wartete unter dem Schutze eines überhängen⸗ den Felſens längere Zeit auf deſſen Ankunft, bis er zu fürchten begann, er möchte durch irgend einen Zufall verhindert worden ſeyn, ſeinen Poſten zu verlaſſen. Endlich vernahm ſein ſcharfes Ohr den Ton von Tritten, und auf ſein Anrufen mit unterdruͤckter Stimme antwor⸗ tete ihm Thaddeus ſelbſt. Javis fuͤhrte ihn dann auf einen ſteilen, mit Bäu⸗ 1⁵⁸ men beſetzten Ravin, unter deren Schatten er ſeinen Herrn gelaſſen hatte. Ivan erwartete begierig die Ankunft ſei⸗ nes Freundes, und als er ihn erblickte, ſprang er aus ſeinem Verſtecke hervor, und beide Freunde lagen ſich in den Armen. .„Du wußteſt nicht,“ ſagte Ivan,„daß ich ein Tſcherkeſſe bin; ich bin aber ſtolzer darauf, dieſen Namen zu tragen, als wenn ich die höchſte Stelle des Kaiſers von Rußland begleiten würde. Aber, Thaddeus, mein erprobter, aufrichtiger Freund, dieß trübt mein Glück, daß ich Dich in der Kleidung der Feinde meines Landes und gegen ihre Freiheit und ihre Rechte bewaffnet wie⸗ der ſehe. „O, halte mir dieß nicht vor, mein Freund,“ er⸗ wiederte Thaddeus,„denn, glaube mir, ich folge nicht gerne der Standarte Deiner Feinde. Wie konnte ich es aber anders machen? Mein Vater bleibt ein Geißel in ihrer Hand, und wenn ich aus ihren Reihen deſertiren würde, ſo würden ſie ihre Rache an ihm auslaſſen.“ „Aber warum ziehſt Du Dein Schwert überhaupt, wenn es gegen die Sache der Freiheit iſt?“ rief Ivan. „Sicher wäre es auch Deinem Vater lieber, Dich einer anderen Fahne folgen zu ſehen.“ „Kannſt Du ſo ſprechen, IJvan, der Du ſo gut wie ich Soldat biſt? Willſt Du mich überreden, ein un⸗ thätiges, ſriedliches Leben zu führen?“ 4 „Dann, mein theurer Thaddeus, verlaſſe die ver⸗ haßte Standarte, unter welcher Du nun dienſt, und Du wirſt von den edeln Kriegern dieſes Landes mit offenen Armen begrüßt werden,“ rief Jvan.„Sie lieben die Polen, denn ſie haben von den Leiden derſelben ge⸗ hört, und fühlen eine Zuneigung für dieſelben, wie für Brüder.“ „Jvan, mein Freund, Du brichſt mir das Herz,“ rief Thaddeus leidenſchaftlich.„Ich fühle die Gerechtig⸗ keit Eurer Sache, aber ich bin Soldat des Kaiſers ge⸗ worden, Und willſt Du, daß ich gleich einem Verrä⸗ 15⁵9 3 ther meine Farben verlaſſe? Es war unrecht von mir, in dieſen Dienſt zu treten; ich ſtrebte eben nach militä⸗ riſchem Ruhme, ohne Rückſicht auf die Sache, für welche ich focht. Doppelt fühlte ich mein Unrecht, als ich ge⸗ ſtern ſah, wie Deine Landsleute durch ihre verzweifelte Tapferkeit eine dreifach überlegene Anzahl ſklaviſcher, ruſſiſcher Soldaten vor ſich her trieben. Dir, Ivan, verdanke ich mein Leben; denn, hätteſt Du mich nicht mit Deinem Schwerte beſchüzt, ſo wäre meine Lauf⸗ bahn für immer beendigt geweſen; in jenem Augenblicke erkannte ich Dich erſt. Halte mich aber nicht für un⸗ dankbar, wenn ich auf der Seite Deiner Feinde bleibe.“ „Spreche nicht von Dankbarkeit, Thaddeus,“ ant⸗ wortete Ivan,„aber laſſe mich Dich von den Reihen meiner Feinde und von ſicherem Untergange wegziehen,“ „Nein, Jvan, ſo ſehr ich das Schickſal bedaure, das uns trennt, ſo kann ich es nicht ändern, ſo lange der Kaiſer die Dienſte verlangt, die ich ihm anbot; daß ich Dich liebe, ſiehſt Du ſchon daraus, daß ich heimlich und allein hierher komme; denn ich bin bereits der De⸗ ſertion von meinem Poſten ſchuldig; ich that es jedoch im Vertrauen, daß kein Ueberfall auf das Fort gemacht wird, und daß ich das Leben meiner Waffengefährten dadurch nicht in Gefahr bringe. Daß nicht Liebe zur Ruhe die Urſache meiner Weigerung iſt, erhellt aus dem Leben, das wir im Fort führen, und ich bin insbeſon⸗ dere allen Schikanen des tyranniſchen Baron Galetzoff ausgeſetzt. Ich weigere mich aber, weil mir meine Pflicht als Soldat nicht erlaubt, meine Standarte zu ver⸗ laſſen, bis ich von dem Dienſteide befreit bin, und über⸗ dieß, weil ich nicht meinen Vater um meinetwillen der Verfolgung ausſetzen möchte.“ „Thaddeus, mein Freund, Du haſt mich gegen meinen Wunſch bekehrt,“ rief Ivan.„Ich ſehe Deine triftigen und uneigennützigen Gründe, und kann blos das harte Schickſal verwünſchen, das uns auf dieſe Art einander gegenüberſtellt. Im Herzen wollen wir jedoch 3 immer vereint ſeyn, und uns beſtreben, die Gräuel des Kriegs zu mindern.“ „Ich werde thun, was in meiner Macht liegt,“ ſagte Thaddeus.„Aber nun, mein Freund, muß ich auf meinen Poſten eilen, man könnte mich ſonſt ver⸗ miſſen. Ich habe manche Feinde, die Ihr Aeußerſtes thun würden, um mich auf einer Verletzung meiner Pflichten zu ertappen. Graf Erintoff, der kürzlich hier angekommen iſt, und der weiß, daß ich Dein Freund bin, iſt mein Oberſt, und würde gerne einen Vorwand finden, um mich zu verderben.“ „Ah!“ rief Ivan,„ich ſehne mich, dieſem Mann im Felde zu begegnen, um ihn für ſeine Schlechtigkeiten zu züchtigen.“ „Er verdient die Züchtigung wohl. Ich ſollte aber nicht von ihm ſprechen; nun, lebe wohl. Ich weiß nicht, wann wir uns wieder ſehen werden; glaube aber, meine Freundſchaft wird unabänderlich dieſelbe bleiben.“ Indem er dieß ſagte, drückte er die Hände ſeines Freundes innig, und eilte dann zurück, um den ver⸗ laſſenen Poſten wieder einzunehmen. Javis und der Führer, die ſich während der Unter⸗ redung etwas zurückgezogen hatten, näherten ſich nun wieder; und auf ihrem Rückwege in das Dorf erzählte Javis ſeinem Herren die Abenteuer, die er im Fort ge⸗ habt hatte.. Als Ivan in das Gaſthaus trat, ſtand der Hadji von ſeinem Lager auf, hörte mit großem Vergnügen dem Berichte ſeiner Abenteuer zu, und lachte herzlich über den Erfolg der Verkleidung von Javis, und über den Plan, Jvan zu fangen.. „So, der General der Urus denkt alſo, wir be⸗ reiten uns vor, ihn anzugreifen?“ rief er.„Bismillah! wir wollen ſeine Befürchtungen wahr machen. Ich werde Nachts nicht mehr ſchlafen, bis ich einen Plan erdacht habe, ihn zu überfallen.“ — .1 161 Fünfzehntes Kapitel. Mein Name„Sancho“ iſt; in trag des Kriegers wert. 8 Soll durch Verrätherei und ſolche ſchlechte That Ich ſchänden meinen Stand, beflecken meinen Namen? Nein! Lopez de Vega. Wie oft im Leben iſt man genöthigt, eine Wohnung, wo man ſich behaglich fühlt, oder irgend eine anziehende Vergnügungsſcene zu verlaſſen, um an einen Ort, oder zu Perſonen zu gehen, die man verachtet, oder um ſich in das Treiben der gemeinen Welt zu miſchen! So müſſen wir auch jetzt unſern Leſer von dem ſchönen, ro⸗ mantiſchen Tſcherkeſſien und ſeinen tapferen Bewohnern in das Abſcheu erregende Fort Ghelendjik und vor deſſen finſtern Gouverneur führen. Baron Galetzoff war eben erſt von einem Umritt um die Feſtungswerke nach Hauſe gekommen und wollte ſich eben für die Nacht auf ſein Lager werfen, als ſein Diener in das Zimmer trat, um den Grafen Erintoff anzumelden. Er warf ſeinen Mantel um, und ſtand mißmuthig auf, um ſeinen Gaſt zu empfangen. „Sie kommen zu einer ungewöhnlichen Stunde, Herr Graf,“ ſagte er in barſchem Tone.„Soll ich denn nie Ruhe haben, weder vor Freunden, noch vor Feinden? Was führt Sie hierher?“ 3 „Ich komme mit Neuigkeiten, die Sie intereſſiren werden, die ich Ihnen aber allein ſagen möchte, Herr General,“ erwiederte der Graf, indem er auf den Diener blickte, der immer noch da ſtand. „Was thuſt Du hier? Geh, Burſche,“ ſagte der Baron zu dem Diener, der ſich eilig entfernte.„Nun, Herr Graf, Ihre Neuigkeiten,“ fuhr er fort, indem er ſich gegen ſeinen Gaſt wandte, und ſeine Geſichtszüge ein wenig verlängerte.„Es iſt ſchon ſpät, und ich möchte Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. II, 11 mich gerne zur Ruhe begeben, verlieren Sie alſo keine Zeit.“ „Meine Neuigkeiten ſind nicht von allgemeiner Wich⸗ tigkeit,“ erwiederte der Graf;„Ihnen, Herr Baron, denke ich, werden ſie aber ziemliche Befriedigung ge⸗ währen. Vor kurzem fand ich den unbefleckten Offizier, Lieutenant Stanisloff, ſtrauchelnd, wenn ich ihn nicht gar der Verrätherei überweiſen kann. Da er heute Nacht eine der Außenwache zu beziehen hatte, dachte ich, er möchte vielleicht mit dem Erzverräther, Ihrem ehma⸗ ligen, angenommenen Sohne in Verbindung ſtehen, den ich, wie ich Ihnen ſchon erzählte, unter der Horde bar⸗ bariſcher Bergbewohner erkannte, mit denen wir geſtern ein Gefecht hatten. Ich wartete deßhalb einige Zeit, nach dem ich meine Runde gemacht hatte, und kehrte auf ſeinen Poſten zurück; als ich aber rief, erhielt ich keine Antwort. Er war nirgends zu finden. Ich ließ deßhalb meine Ordonnanz zurück, um Acht zu geben, wenn er komme, und empfahl ihr Stillſchweigen; zu⸗ gleich rief ich auch Andere als Zeugen herbei, daß der⸗ ſelbe im Angeſichte des Feindes ſeine Poſten verlaſſen habe. Meine Ordonnanz kam eben zurück und meldete mir, daß er nach langer Abweſenheit in der Richtung von den Bergen her zurückgekehrt ſey. Er iſt alſo ganz in Ihrer Macht; ich wollte ihn jedoch nicht arretiren laſſen, ohne erſt Ihre Wünſche zu vernehmen.“ „Dann beeilen Sie ſich, arretiren Sie ihn, und bringen Sie ihn ſogleich hierher,“ ſagte der Baron. „Morgen ſoll er ſterben.“. Der Graf eilte fort, um den Befehl zu befolgen, und während ſeiner Abweſenheit, die ziemlich lange dauerte, gieng der Baron mit großen Schritten und zor⸗ nigen Geberden im Zimmer auf und ab. Endlich kehrte der Graf mit Thaddeus Stanisloff, ſeinem Gefangenen, in Begleitung einer ſtarken Bedeckung urück.. „Lieutenant Stanisloff,“ ſagte der Baron, indem 8 1 163 Jer ihn ſtolz anblickte.„Sie waren vor dem Feinde von Ihrem Poſten anweſend. Sie hatten eine Unterredung mit einem Erzverräther des Kaiſers und ſtehen im Ver⸗ dachte einer beabſichtigten Deſertion von ihrer Fahne.“ „Wer mich auch anklagt,“ rief Thaddeus, indem er den Blick des Barons feſt erwiederte,„ſpricht eine abſcheuliche Unwahrheit, wenn er ſagt, ich habe jetzt oder jemals gegen meinen dem Kaiſer geſchworenen Dienſt⸗ eid gefehlt.“ „Ich klage Sie an,“ rief der Graf, indem er vor⸗ wärts trat.„Ich ſelbſt habe entdeckt, daß Sie von Ihrem Poſten abweſend waren.“ „Dieß iſt wahr,“ erwiederte Thaddeus feſt,„wer aber in Betreff des Uebrigen Ihr Angeber war, iſt ein ein niedriger Verläumder.“ „Wiſſen Sie nicht, daß ſchon für das, was ſie zu⸗ geben gethan zu haben, Ihre Strafe der Tod iſt?“ ſagte der Baron.„Geſtehen Sie deßhalb wo ſie waren, wi⸗ drigenfalls Sie keine Gnade zu erwarten haben.“ „Ich erwarte keine Gnade aus Ihren Händen,“ antwortete Thaddeus. Wenn ich den Tod verdiene, bin ich bereit, ihn zu leiden.“ „Hören Sie mich, halsſtarriger Jüngling,“ rief der Baron,„Sie haben eine Unterredung mit meinem ehe⸗ maligen angenommenen Sohne gehabt. Thun Sie es wieder, aber in Begleitung treuer Wachen, und wenn ich ihn ſicher in den Mauern dieſes Forts ſehe, ſollen Sie nicht allein freigelaſſen und für Ihr Verbrechen nicht beſtraft werden, ſondern auch ſchnell in der Armee vor⸗ rücken und zu Ehre und Auszeichnung gelangen.“ Bei dieſen Worten ſchien der Gefangene nach Athem zu ringen.„Baron Galetzoff, ich bin in Ihrer Gewalt, ſonſt ſollten Sie die Beſchimpfung, die Sie mir eben angethan haben, theuer bezahlen. Glauben Sie, ein Sohn meines unglücklichen, unterjochten Landes könne ſo tief geſunken ſeyn, um einen ſo niedrigen Vorſchlag 3 11* ruhig anzuhoͤren? Nein! Man hat uns aus unſerer Heimath vertrieben, unſer Land weggenommen, unſere Felder verheert, unſer Königreich geſtürzt und unſere einſt ſtolzen Familien ruinirt; unſere Ehre kann man uns aber nicht rauben. Ich war dem Kaiſer, unſerem Unterdrücker immer getreu. Ich verachte ihre Bosheit. Mehr werde ich nicht ſprechen.“ Der finſtere, ſtrenge Blick des Barons ſenkte ſich vor dem edeln Unwillen des Gefangenen, der ohne Furcht vor ihm ſtand und ſeine Arme auf der Bruſt kreuzte. „Wahnſinniger,“ ſchrie der Baron wüthend,„der Scha⸗ den fällt auf Ihr eigenes Haupt. Keine Macht des Him⸗ mels noch der Erde ſoll Sie retten.“ Thaddeus ſprach nichts; er blickte nur gegen den Himmel und ſchien deſſen Hülfe anzurufen. „Graf Erintoff, ich übergebe dieſen Gefangenen Ihrer Aufſicht, und Sie werden Maßregeln ergreifen, daß er nicht entwiſcht.“ „Ich werde Ihre Befehle ſtreng befolgen, Herr General,“ ſagte der Graf mit einem bedeutungsvollen, boshaften Blicke. Thaddeus wurde unter ſtrenger Bedeckung in eine elende, erbarmliche Hütte gebracht, welche für den Zweck eines Gefängniſſes für das Fort erbaut worden war. Er brachte die Nacht unruhig und ſchlaflos zu. Entrüſtung über die gemeinen Vorſchläge des Generals wandte zuerſt alle Gedanken von ſeinem eigenen ihn bedrohenden Schickſale ab. Er freute ſich darüber, daß Jvan entkommen war, er ſehnte ſich aber, ihn von der Gefahr zu benachrichtigen, der er ausgeſetzt war, und die Unmöglichkeit dieß zu thun, vermehrte noch die Bit⸗ terkeit ſeiner Gefühle. Zeitweiſe erbitterte ihn auch der Gedanke an ſein eigenes elendes Schickſal. „Wie dunkel, wie ſchlecht iſt alles um mich her,“ rief er in der Qual ſeines Geiſtes aus.„Enden auf dieſe Weiſe meine Träumereien von militäriſchem Ruhme? Muß ich mit beſchimpftem, entehrten Namen ſterben; —,— 16⁵ wird mein Charakter als Offtzier gehäſſig verdächtigt? Die wenigen Lebenstage meines Vaters würden noch verkürzt, wenn er die Geſchichte der Entehrung und des unzeitigen Todes ſeines Sohnes erführe. Ich kann ſolche Gedanken nicht ertragen! Hätte doch Ivan's unglückli⸗ ches Schwert mich lieber auf dem Schlachtfelde nieder⸗ gehauen, als mich zu einem ſolchen Ende gerettet? Er denkt jetzt nicht daran, daß meine Begierde ihn zu ſehen, die Urſache meines Elends iſt. Nein! es bleibt mir keine Hoffnung mehr, kein einziger Lichtſtrahl in der Welt, ſo will ich mich denn vorbereiten, meinem unver⸗ meidlichen Schickſale als ein Mann entgegen zu gehen, und meine Kameraden ſollen wenigſtens zuletzt noch ſagen, daß ich mit Muth und Feſtigkeit ſtarb. O, Himmel, gieb mir Kraft, mein Schickſal zu tragen.“ Er betete und ſchlummerte dann ſelbſt auf dem harten Boden noch vor Tagesanbruch ein, und vergaß auf dieſe Art ſein hartes Schickſal einige Augenblicke. Er wurde durch den Eintritt eines Soldaten mit einem geöffneten Briefe erweckt, den ihm ſein grauſamer Kerkermeiſter in der Hoffnung ſchickte, ſein Elend dadurch noch zu vermehren. Er war von dem treuen Freunde ſeines Vaters und enthielt die Anzeige des Todes von dieſem, und den letzten Segen, den er ſeinem Sohne ertheilte. „Der Himmel ſey geprieſen,“ rief er, indem er auf die Kniee niederſiel,„daß mir dieſer Jammer erſpart wurde. Das Uebrige wird leicht zu tragen ſeyn.“ Und mit Ernſt und Würde bereitete er ſich vor, alles was ihm noch weiter begegnen könnte, ruhig zu ertragen. Bald darauf erſchien Graf Erintoff, der von Thaddeus mit hochmüthiger Kälte empfangen wurde.„Ich komme, um zu hören,“ ſagte der Graf,„ob Sie nicht beſſer über die Vorſchläge des Gouverneurs gedacht haben, und bereit find, denſelben Folge zu leiſten, oder ob Sie das Schickſal erleiden wollen, das Sie verdienen.“ „Und wäͤre ich an den Pfahl gebunden, ſo würde ich dieſes niederträchtige Anerbieten verſchmähen, wie ich es jetzt thue,“ erwiederte der Gefangene.„Ich habe nichts mehr zu ſagen.“ „Wenn dieß Ihre Antwort iſt, ſo erwarten Sie keine Gunade,“ erwiederte der Graf ſtolz und verließ das Ge⸗ fängniß zur großen Beruhigung des Gefangenen. Thaddeus wurde mehrere Stunden wieder ſeinen Gedanken überlaſſen, als das Thor ſeines Gefängniſſes geöffnet und er von einer Abtheilung Soldaten abgeholt wurde, um vor ein Kriegsgericht geſtellt zu werden. „Ich fürchte, daß es Dir hart gehen wird, Stanis⸗ loff,“ ſagte der die Abtheilung commandirende Offizier, indem er einen mitleidigen Blick auf den Gefangenen warf. Du mußt Dich auf das Schlimmſte vorbereiten.“ „Fürchte nicht für mich, mein Freund,“ antwortete Thaddeus;„denn ich hoffe, daß weder Du, noch meine anderen Brüder, die Offiziere, mich falſch beurtheilen werden, obgleich ich von dem Spruche des Gerichts voll⸗ kommen überzeugt bin.“ „Denke nicht, daß Dein Charakter leiden wird,“ antwortete der Andere.„Wir alle fühlen ein warmes Intereſſe für Dein Schickſal.“ „Dieſes iſt bereits beſtimmt,“ ſagte der Gefangene. „Ich bin bereit, Dich zu begleiten.“ Als er vor die höheren Offiziere der Garniſon ge⸗ ſtellt wurde, kann man ſich den Gang des Proceßver⸗ fahrens denken, da der Gouverneur ſeine Verurtheilung beſchloſſen hatte. Er war überwieſen, ſeinen Poſten, deſſen Bewachung ihm anvertraut worden war, verlaſſen zu haben, was ſein eigener Oberſt bezeugte; als man aber im Zweifel war, ob er mtt dem Feinde communicirt habe, traten zwei Diener des Grafen Erintoff hervor, und ſchworen, ihn mit einem der tſcherkeſſiſchen Häupt⸗ linge im Geſpräch geſehen und gehört zu haben, daß er demſelben das Verſprechen gegeben habe, ihn von den Bewegungen der Nuſſen zeitig zu benachrichtigen. Obgleich man großen Zweifel in die Glaubwürdig⸗ 167 keit der Männer ſetzte, die als ſchlechte Subjecte bekannt waren, ſo mußten Sie doch als Zeugen angenommen werden, da ihr eigener Oberſt für ihre Rechtlichkeit ſchwor. Ungeachtet des überwiegenden Einfluſſes gegen den Gefangenen war doch eine allgemeine Theilnahme für ihn vorhanden, ſowohl im Gerichte als in der ganzen Garniſon, Dieſe Theilnahme war in der That ſo groß, daß der Graf, als die Nachricht bekannt wurde, daß er vom Gerichte vom Tode verurtheilt ſey(da die Maſſe von der Ungerechtigkeit des Urtheilsſpruches überzeugt war) dem Gouverneur ſeine Befürchtung mittheilte, ein allgemeiner Aufſtand möchte die Folge ſeyn, wenn man zu ſolchen äußerſten Maßregeln mit dem Gefangenen ſchreite.* „Wir wollen ſehen,“ rief der Baron wüthend,„ob meine Macht nicht höher ſteht;“ indeſſen werde ich ihre Hoffnungen zu Nichte machen, wenn ſie den Gefaugenen zu retten denken.“ Nachdem das Todesurtheil Thaddeus bekannt ge⸗ macht worden war, wurde er ins Gefängniß zurückge⸗ führt, um dort die Vollziehung des Urtheils zu erwar⸗ ten, während der Gouverneur den Grafen zu einer Pri⸗ vatberathung rufen ließ. Erſt kürzlich war zwiſchen Anapa und Ghelendjik ein Fort errichtet worden zu einer Zeit, wo der größere Theil der patriotiſchen Kräfte in einem anderen Theile des Landes beſchäftigt, viele bei einem religiöſen Feſte und andern ländlichen Beſchäftigungen wegen abweſend waren, ſo daß die wenigen, die zur Bewachung der Küſte zurückgeblieben waren, nicht die Macht hatten, die Abſicht der Ruſſen als ſie landeten zu vereiteln; und nach einem oder einigen Tagen, als Andere zu ihrer Unterſtützung herbeieilten, waren die Verſchanzungen ſchon ſo hoch, um einem Angriffe zu widerſtehen. Die in dieſem Fort liegende Garniſon war in der letzten Zeit durch Krank⸗ heiten ſowohl als durch Verluſte, die ſie beim Fouragiren von Waſſer und Holz hatte, ſehr geſchmolzen, weßhalb . 168 der Baron beſchloſſen hatte, Verſtärkung dorthin zu ſchi⸗ cken, und zugleich den Grafen mit dem Verbrecher dorthin zu ſenden, erſteren unter dem Vorwande die Feſtungs⸗ werke zu beſichtigen. „Er iſt dort fremd,“ fügte er mit teufliſchem Lächeln bei.„Und während man hier im Ungewiſſen über ſein Schickſal bleibt, fönnen Sie, Herr Graf, für die Voll⸗ ziehung des Urtheils beſorgt ſeyn.“ „Ich werde Ihre Befehle befolgen, Herr General, und hoffe in wenigen Tagen die Nachricht zurückzubringen, daß ſie pünktlich vollzogen ſind,“ erwiederte der Graf als er die Wohnung des Gouverneurs verließ, um die Vor⸗ bereitungen für die Reiſe zu treffen. Thaddeus war auf ſein bevorſtehendes Schickſal vor⸗ bereitet, und erwartete jeden Augenblick zur Execution abgeholt zu werden; er war deßhalb ſehr erſtaunt bei Anbruch der Dämmerung auf eine Kriegs⸗Brigg gebracht zu werden, ohne daß man ihn von ſeiner Beſtimmung benachrichtigte. Als er an die Küſte geführt wurde, fand ſein ergebener Diener Gelegenheit ſich ihm auf einen Augenblick zu nähern unter dem Vorwande ihm Lebe⸗ wohl zu ſagen. „Seyen Sie nicht weichherzig, mein Herr,“ flüſterte er ihm zu.„Sie werden gerettet werden, ehe Sie es erwarten. Ich habe entdeckt wohin man Sie bringt und will Ihnen helfen oder bei dem Verſuche umkommen.“ Thaddeus wurde nun mit vier Compagnien Soldaten unter den Befehlen des Grafen an Bord gebracht, wor⸗ auf die Brigg augenblicklich die Anker lichtete und gegen Norden ſegelte; da der Wind aber nur ſchwach war, machte ſie waͤhrend der Nacht nur geringe Fortſchritte. Als ſie den anderen Morgen in der Nähe des Ufers ſtand, durchbohrten mehrere Flinten⸗Schüſſe ihre Segel und man bemerkte eine Abtheilung Reiter, die am Rande der Klippe hin galoppirten. Die Kanonen der Brigg wurden augenblicklich abgefeuert, die Kugeln ſchlugen aber nur an die harten Felſen, und der dumpfe Schall 169 wiederhallte längs dem Ufer hin. Die Reiter waren verſchwunden, aber immerwährend beunruhigten Schüſſe von verſchiedenen Richtungen her das Schiff, und der Befehlshaber befahl endlich, nachdem er zum Abſchiede noch eine Salve gegeben hatte, weiter in die See zu fahren da er die Nutzloſigkeit eines ſolchen Kampfes mit einem vereinzelten und verſteckten Feinde wohl einſah. Thaddeus wurde immerwährend im ſtrengſten Ge⸗ wahrſam gehalten und Niemand hatte die Erlaubniß ſich mit ihm zu unterhalten. Leichte und veränderliche Winde verzögerten ihre Reiſe ſo daß ſie erſt gegen Ende des Tages den Ort ihrer Beſtimmung erreichten, obgleich die Entfernung nur kurz war. Das Fort, in welches Thaddeus gebracht wurde, war weiter von der Seeküſte entfernt als Ghelendjik und konnte von den Kanonen der Flotte nicht ſo leicht be⸗ ſchützt werden wie dieſes; im übrigen war es jedoch ebenſo feſt. Und bis zur See hin war ein befeſtigter Weg gefuührt, ſo daß man mit dieſer immer ohne einen Ueberfall der Tſcherkeſſen befürchten zu müſſen in Ver⸗ bindung bleiben konnte. Die Gegend umher war wild und rauh, hohe dunkle Felſen ſtiegen überall aus dem Sande hervor und gliechen in ihren phantaſtiſchen Formen Thürmen, welche die Ebene beherrſchten. Die Feſte war von dunkeln Quaderſteinen erbaut, auf einer Erhöhung, die ſich vom Ufer an weit in das Land hinein erſtreckte. Sie ſtand auf dem öſtlichen am weiteſten im Lande liegenden Theile dieſer Höhe, und war auf einer Seite durch ſteile beinahe ſenkrechte Felſen geſchützt, während ſich in der Front das Terrain all⸗ mählig ſanft gegen die Ebene verflachte, und die Ver⸗ theidigung allein von den Kanonen abhieng, die ſo geſtellt waren, daß ſie die ganze Fläche mit einem Hagel von Kugeln überſchütten konnten. Ein ſandiger ſteiniger Boden in der Front und auf einer Seite eine Reihe niederer Felſen waren ſehr guün⸗ ſtig. Dieſe Lage war hauptſächlich deßhalb gewählt worden, weil in der Nähe eine Bucht war, in der die Kriegsſchiffe Schutz fanden. Als ſie das Ufer erreicht hatten befahl der Graf Thaddeus in ſtrenge Haft in das Fort zu bringen, wäh⸗ rend er ſelbſt umhergieng um die Feſtungswerke zu be⸗ ſichtigen. Die Verſtärkungsmannſchaft, die er mitgebracht hatte, war dem commandirenden Officiere ſehr willkom⸗ men; der ſich ſehr über die geringe Garniſon beklagte, die man ihm zum Schutze des Forts gegeben hatte. Der Graf benachrichtigte diefen ſofort, daß der Ge⸗ fangene, den er mit ſich gebracht habe, den nächſten Morgen bei Tagesanbruch auf Befehl des Gouverneurs von Ghelendjik erſchoſſen werden ſolle; er zeigte ihm den ſchriftlichen Befehl des Barons und gab ihm den Wunſch zu erkennen, daß er Lieutenant Stanisloff mit dem Schickſale, das ihm bevorſtand bekannt machen möge. Der Gouverneur blickte mitleidig auf Thaddeus als er ihm die Botſchaft des Gouverneurs überbrachte, dieſer empfieng ſie aber ohne eine Bewegung zu verrathen und richtete folgende Worte an den Officier: „Ich fordere Sie auf meinen Namen zu verthei⸗ digen, wenn Sie etwas Nachtheiliges über mich reden hören ſollten; ſagen Sie daß ich meiner Fahne und meinem Eide getreu ſtarb. Dieß iſt alles um was ich Sie bitte.“. 4 „Ich werde mein Möoͤglichſtes thun um Ihren Cha⸗ rakter zu vertheidigen,“ ſagte der Officier. „Leben Sie wohl!“ rief Thaddeus,„bis morgen früh. Verſchieben Sie die Execution wo möglich bis die Sonne aufgeht. Ich möchte noch einmal dieſes glänzende Geſtirn ſehen, ſeine Strahlen werden meine Kräfte ſtärken“ „Es ſoll nach Ihren Wünſchen geſchehen, wenn es mir möglich iſt es ſo einzurichten,“ erwiederte der Offi⸗ cier als er ſich aus dem Gefängniſſe entfernte, und Thad⸗ — — 171 deus wieder ſich ſelbſt und ſeinen Gedanken über ſein unglückliches Schickſal überließ. Die Nacht war anfangs heiter und ſchoͤn; gegen Morgen aber erhoben ſich mächtige Windſtöße und heul⸗ ten durch die Felſen und die Gebäude des Forts. Der Donner rollte in lauten Schlägen über ſeinem Haupte hin, und glänzende Blitze erleuchteten das kleine dunkle Gefängniß zwiſchen den Barren der einzigen Oeffnung hindurch, durch welche Licht und Luft eingelaſſen werden konnte. Der Tumult des Gewitters erweckte Thaddeus aus einem Schlummer, in den er gefallen war. Es ſchien mit größerer Wuth als anfangs zu toben; er richtete ſich auf und betrachtete jeden Blitz. Der Wind war zu einem Orkane gewachſen. Das Gewitter gieng jedoch ſchnell vorüber und alles war wieder ruhig bis auf das Getöſe der Bran⸗ dung des Oceans, wenn ſeine Gewäſſer an die Felſen und Höhlen des Ufers anprallten, und das entfernte Rauſchen des Windes in den Bäumen des benachbarten Berges. Die Dämmerung brach ſchon hervor. Thaddeus deſſen Körper durch ſeine geiſtigen Leiden erſchopft war, hatte ſich auf die harte Pritſche geworfen, welche als Sitz und Lager in ſeinem Gefängniſſe dienen mußte und war in einen tiefen Schlaf gefallen, als er durch ein furchtbares Geſchrei aufgeſchreckt wurde, das bis in die abgelegenſten Theile des Forts drang. Nach und nach erhob es ſich von allen Seiten und wurde noch lauter als das Heulen des kurz vorhergegangenen Gewitters durch das Geſchrei der Soldaten, welche auf ihre Allarm⸗ plätze auf die Wälle ſprangen. Bald ſchien der Donner der Kanonen und das Knallen der Musketen mit dem Lärm des Kriegsgeſchreis wetteifern zu wollen; dieſes triumphirte jedoch über alles und kam immer näher und näher. Thaddeus fühlte, daß es keine Täuſchung ſeyn konnte; er hatte das furchtbare Geſchrei erſt vor weni⸗ gen Tagen gehört, als ſie durch die Reiterei der Berge angegriffen worden waren. Das Knallen der Kanonen hatte aufgehört; man hörte ſodann das Geſchrei der ruſſiſchen Soldaten und dieſem folgte ein durchbohrendes Schreien um Gnade und das Geſchrei der Todesangſt und Verzweiflung, wel⸗ ches durch den lauten Ruf„Allah, Allah,“ der von allen Seiten ertönte, übertäubt wurde. Nun war ein augenblickliches Stillſchweigen, dann ein Geräuſch von Fußtritten, wie von Männern, die in einem verzweifel⸗ ten Kampfe begriffen ſind. Selbſt dem, der die Furcht vor dem Tode bereits abgelegt hatte, ſchlug das Herz ſchneller, und ſtockte beinahe der Athem. Das Geſchrei kam bis dicht an das Gefängniß und die Blitze der Flin⸗ ten erleuchteten die Wände des Zimmers. Das fremde eigenthümliche Geräuſch wurde verwirrter; das Knallen der Gewehre hörte auf bis auf wenige vereinzelte Schüſſe, und auch das Geſchrei der Kämpfenden gieng vorüber. Da Thaddeus die Lokalitäten des Forts nur wenig kannte, ſo konnte er nicht entdecken, welche Richtung die Kämpfenden eingeſchlagen hatten, als er wieder das Geräuſch von Fußtritten einer Abtheilung Männer hörte, die ſich gegen ſein Gefängniß bewegten. In dem Augen⸗ blick hörte er auch ein lautes und lebhaftes Musketen⸗ feuer, und er ſchloß, daß eine Abtheilung Ruſſen von ihrem Rückzuge an die Küſte abgeſchnitten worden ſey, ſich in irgend ein feſtes Gebäude geworfen habe und ſich verzweifelt vertheidige. Sie ſchienen Erfolg zu haben, denn das Feuern nahm zu; hierauf entſtand wieder eine unheildrohende Pauſe, welcher eine furchtbare Exploſion folgte, wie wenn ein gewaltiges Erdbeben die Erde er⸗ ſchüttert hätte; die Mauern des Gefängniſſes wurden in ihrem Fundament gerüttelt; die Thüre flog auf und das Zimmer ſtürzte ein und begrub den Gefangenen unter ſeinen Trümmern. 173 Sechzehntes Kapitel. Der Marſch ſey ſtill; nicht Trommel, nicht Trom⸗ petenſchall, Der Waffen Klirren nicht verrathe unſer Nah'n dem Feind. Nur leis und ſtill, dem Panther gleich, der ſchleichend Lybiens Wüſt durchzieht Und unverhofft ſich auf die Beute ſtürtzt Conſtantin Palaeologus. Wir müſſen nun verſchiedene Vorfälle erwähnen, die ſich zugetragen hatten, während Thaddeus von Ghelen⸗ djik in das Fort transportirt wurde, in welchem wir ihn verließen. Die Worte, welche Javis an deſſen Diener gerichtet hatte, als er in ſeiner Verkleidung das Fort beſuchte, hatten ſich dem Verſtande deſſelben tief eingeprägt. Seine Einbildungskraft war durch das Ge⸗ mälde von häuslichem Glück erregt worden, das ſo ſehr mit dem ſchlechten Leben contraſtirte, das er im Lager führte. Wie ſein Herr, war er auch Pole, jedoch nicht ſo gewiſſenhaft, wie jener, um nicht zu deſertiren. Da er gehört hatte, daß deſſen ehmaliger Freund unter den Tſcherkeſſen ſey, ſo beſchloß er, zu dieſem zu fliehen und ihn aufzufordern, irgend ein Mittel zu finden, um den Gefangenen zu retten; denn es war im Fort wohl be⸗ kannt, wohin dieſer geführt worden war. In der Nacht, als er auf einer Außenwache war, warf er Muskete und Mantel bei Seite und ſloh eilig gegen die Berge hin, wo er bald von einer der vielen hier aufgeſtellten, aufmerkſamen Wachen aufgegriffen wurde. Der Hadji ſaß mit Ivan im Gaſthauſe und ſprach mit dieſem verſchiedene Plane, ihre Feinde von ihren Küſten zu vertreiben, als ihr Wirth mit einem Gefan⸗ genen ankam. Sobald Jvan mit dem gefangenen Sol⸗ daten ſprach., ſchrie dieſer vor Freude laut auf, und ſprang auf ihn zu, um ſich ihm zu Füßen zu werſen, 1 174 „O, Herr!“ rief er,„um Sie aufzuſuchen, entwich ich aus dem Fort. Mein armer Herr, Lieutenant Sta⸗ nisloff, wurde auf Befehl des Gouverneurs ergriffen, weil er, wie man ſagt, weglief, um Sie zu ſehen und wird nun deßhalb erſchoſſen werden; jedermaun im Lager hat ihn aber ſo gern, daß der Gouverneur es nicht wagte, ihn hier erſchießen zu laſſen, weil er eine Meu⸗ terei befürchtete, zu der Viele ſehr geneigt ſind, und ihn daher in ein Fort geſchickt hat, das in geringer Ent⸗ fernung von hier gegen Norden liegt. Dieſes ſoll, wie man behauptet, kein ſehr feſter Platz ſeyn, und Sie könnten ihn wahrſcheinlich retten, wenn Sie es bei Zeiten nehmen würden. Nur auf dieſe Art konnte ich hoffen, das Leben meines armen Herrn gerettet zu ſehen, und da ich ohnedem im Fort ein elendes Leben führe, ſo gieng ich davon, um Ihnen alles zu ſagen, „Mein Freund, ich bin Dir ſehr dankbar,“ ant⸗ wortete Ivan; und erzählte dann die Geſchichte des Man⸗ nes den verſammelten Häuptlingen. „Bismillah!“ rief der Hadji, indem er aufſprang. „Dieß iſt etwas für uns! Wir wollen unverzüglich auf⸗ brechen, und mit dem Segen Allahs werden wir dieſes verfluchte Fort nehmen, ehe die Sonne aufgeht.“ „Ich danke Ihnen, mein edler Vater, für Ihre Schnelligkeit,“ rief Ivan. Ich würde keinem anderen Führer ſo gerne folgen, um meinen Freund zu retten, Ich zweifle nicht am Erfolge.“ „Bleibe!“ ſagte der vorſichtigere Bruder des Hadji Achmet Beg.„Wir müſſen den Gegenſtand näher be⸗ trachten. Wir haben kaum Leute genug zu der Unter⸗ nehmung und ſchaue den Himmel an. Der leichte Wind, der weht, kommt direkt vom Platze herz das Schiſſ wird alſo geraume Zeit brauchen, um ihn zu erreichen, und wenn wir vor demſelben ankämen, wäre unſer Zweck verfehlt.“ „Dieß iſt richtig,“ antwortete Ivan,„Sie ſprechen 175 wahr. In meiner Hitze, meinen Freund zu retten, über⸗ ſah ich dieſen Punkt.“ „Ich auch!“ fügte der Hadji bei.„Mashallah! Wenn nur die Rede vom Fechten iſt, ſo vergeſſe ich alles um mich her, wie der wildeſte Deli Khan.“ „Nun dann,“ ſagte Achmet Beg,„mache ich den Vor⸗ ſchlag, daß wir einen treuen Wächter aufſtellen, der das Schiff längs der Küſte überwacht, und uns Nachricht giebt, wenn es angekommen iſt. Mittlerweile wollen wir ſo viele Krieger, als nur immer möglich iſt, für die Unternehmung ſammeln. Was halten Sie davon, Uzden's?“ „Der Rath iſt gut,“ ſagte Arslan Gherrei.„Und ich werde gerne meine wenigen Untergebenen zum Sturme eiten.“— „Wohl denn, dieſer Punkt wäre bereinigt,“ rief der Hadji heiter, und wandte ſich dann zu ſeinem Wirthe: „Nun Uzden, wollen Sie einen treuen, ergebenen Mann fortſchicken, der an die Küſte eilt, um das Schiff zu überwachen? Und du, mein Bruder, ſchicke einige von Deinen Leuten fort, um alle Krieger zuſammenzurufen, die man in der Nachbarſchaft auftreiben kann. Bei einer ſolchen Gelegenheit darf man keine Zeit verlieren.“ Der Wirth, ſo wie auch Achmet Beg beeilten ſich, dieſe Anordnungen zu treffen. In die Naͤhe und Ferne nach allen Richtungen hin eilten die Boten, und brachten auf ihren flinken Roſſen die Nachricht in alle Dörfer und auf alle Berge. Die Nachricht verbreitete ſich gleich einem Wetterleuchten, Hadji Guz Beg ſey zurückgekehrt, und habe keinen Au⸗ genblick verloren, ſeinen alten Ruhm durch Leitung einer Expedition gegen den Feind aufrecht zu erhalten. Wo die Boten hinkamen, nahmen die jungen Männer ihre Waffen, entweder Flinten oder Bogen von den Wänden herab, gürteten ihre Schwerter um, füllten ihre Mehl⸗ taſchen mit Mundvorrath, und warfen ihre Mäntel über die Schulter. Nachdem ſie in einem Augenblicke auf 176 dieſe Art ausgerüſtet waren, eilten ſie auf den beſtimmten Sammelplatz. Keiner wußte, was eigentlich der Zweck der Expedition ſeyn ſollte, es war jedoch hinreichend, zu wiſſen, daß man gegen die verabſcheuten Urus zog, und daß der berühmte Guz Beg ſich an die Spitze der Un⸗ ternehmung ſtellte. 1 Zum Sammelplatze war ein tieſes Thal beſtimmt, welches noch ungefaͤhr zwei Meilen von dem Fort ent⸗ fernt war, das angegriffen werden ſollte. Ehe die Sonne am folgenden Tage ihre höchſte Höhe am Himmel erreicht hatte, fand Hadji ſechshundert Streiter unter feiner Standarte verſammelt. Viele von ihnen waren ſelbſt Häuptlinge von Bedeutung, die durch die Ausſicht unter der wohlbekannten Leitung eines ſo tapferen Anführers Ruhm zu ernten, angezogen worden waren. Sie kamen bepanzert und von einer Reiterſchaar umgeben. Andere waren kühne Bauern, die ſich im Waffenhandwerke einen Ruf erworben hatten, ebenfalls zu Pferd(mit ihren Knechten zu Fuß) und waren be⸗ gierig, mit den Oberhäuptern ſelbſt in kühnen Thaten zu wetteifern. Viele waren anch unabhängige Freie, die von ihren einſamen Bergwohnungen kamen, keinen be⸗ ſonderen Führer anerkannten, und für ſich ganz nach ihrer Neigung und ihrem Gutdünken fochten; ſie waren mit Gewehr, Schwerdt und Dolch bewaffnet. Was auch ihr Rang und Name war, alle waren ſie von einem Ge⸗ fühle beſeelt— vom tiefſten Haſſe des gemeinſchaftlichen Feindes.. Während ſie ſich zum Abmarſche vorbereiteteu, ver⸗ kündete das laute Rufen der Menge die Ankunft neuer Kämpfer; es war ein edler, junger Reiter mit einer Bande berittener Männer von ſeinem Alter, die eben aus dem Walde heraus kamen. Der Jüngling ritt vor⸗ wärts, als man Platz für ihn machte, ſprang von ſei⸗ nem Pferde und ſtürzte ſich dem Hadji zu Füßen. „Mein Sohn! mein Sohn! Freude meines Herzens!“ rief der Hadji, indem er den ſchlanken, wohlgewachſenen 177 Jüngling umarmte.„Willkommen, dreimal willkommen biſt Du mir in dieſem Augenblick!. Alp, mein Sohn; Du haſt meine Hoffnungen nicht betrogen, und Du kannſt Dich jetzt als tapferer Krieger zeigen.“ Dann ſchien er ſich zu ſchämen, daß er ſeine Ge⸗ fühle vor den verſammelten Kriegern ſo Preiß gegeben hatte und er fügte nur noch bei, indem er jedoch immer die Hand des Jünglings hielt, und ihn gerührt an⸗ blickte. „Alp, Du biſt ein Krieger geworden, und dieß ſind keine Zeiten zur Ruhe. Beweiſe Deinen Landsleuten, daß Du den Tapferſten gleich biſt.“ „Ich darf nur Deinen Fußſtapfen folgen, ſo iſt es mir nicht bange, einen Ruf zu erlangen.“ 5 „Nun, meine Freunde,“ rief der Hadji, indem er ſich von der Seite ſeines Sohnes losriß;„Laß die Fuß⸗ mannſchaft unter der Führung des Uzden Achmet Beg vorausgehen. Die Reiter werden ſchnell folgen.“ Unter den ſchattigen Bäumen hatten ſich die Mäd⸗ chen des Dorfes verſammelt, um den Abmarſch der Krieger anzuſehen und ſie durch ihr Gebet zu ermuthigen. Unter ihnen war die liebliche Ina; ihre glänzenden Augen betrachteten nicht die jungen Reiter, die um ſie herumgaloppirten, um ein Lächeln von ihr zu gewinnen, ſondern waren nur auf ihren Vater gerichtet, deſſen hohen Federbuſch man über die Menge weg bemerkte. Als er ſeine Tochter unter den Frauen erblickte, ſuchte Arslan Gherrei Ivan auf. „Junger Krieger,“ ſagte er;„ich habe mich ſelbſt beſtrebt, Ihnen für Ihre zeitige Hülfe zu danken, als mir die Feinde ſo hart zuſetzten; meine Tochter wünſcht aber auch ein Gleiches zu thun.“ Indem er dieß ſagte, führte er Ivan zu Ina, und während ſie miteinander ſprachen, ſtand er ſelbſt etwas ſe itwärts und blickte ſie nachdenkend an. Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. II. 1² 178 „Edler Fremder,“ ſagte Ina mit zitternder Stimme, „ich wollte Ihnen für die unſchätzbare Wohlthat danken, die Sie mir erwieſen, indem Sie meinen edeln Vater aus den Händen der Feinde erretteten. Auch ich ver⸗ dankte Ihrer Tapferkeit meine Rettung, als ich nahe daran war, in die Hände unſerer Feinde zu fallen. Ich kann Ihnen nur mit Gebeten zum Himmel für Ihre Sicher⸗ heit vergelten; und darum werde ich auch Allah bitten.“ „Fräulein,“ erwiederte Ivan,„Gebete von dieſen ſauften Lippen werden mein Herz ermuthigen; ich bitte Sie jedoch, nicht zu denken, daß Sie mir Dankbar⸗ keit ſchuldig ſind. Es war blos die Vollziehung eines Gelübdes, das ich dem Himmel gethan habe, unſeren Feinden Schaden zuzufügen, wo ich es immer thun kann; und bis jetzt bin ich noch nicht werth, unter die Krieger der Atteghei gezählt zu werden.“ „O, ja, gewiß Sie ſind werth einer der tapferſten genannt zu werden,“ erwiederte Ina;„denn wer könnte edler fechten als Sie es thaten?“ B„Nein Fräulein, ich kann jetzt dieſe Ehre noch nicht verlangen; Ihr Gebet wird aber meine Arme ſtärken, um dieſelbe zu erreichen,“ antwortete unſer Held.„Ich muß nun weiter, denn ſehen Sie, die Herren beſteigen ihre Pferde. Fräulein, leben Sie wohl.“ „Leben Sie wohl!“ antwortete Ina;„und möge Ihnen der Himmel günſtig ſeyn und Sie vor Gefahr beſchützen.“ „Und möge Allah auch mein Kind beſchützen,“ fügte ihr Vater bei, indem er vortrat.„Ich dachte, meine theure Ina, welch großer Segen ein ſolcher Sohn wäre, wie dieſer tapfere Jüngling; aber Allahs Wille geſchehe! Ich muß nun auch eilen, mein Gefolge zu führen. Lebe⸗ wohl mein Kind.“ Er beſtieg ſein Kampfroß und jagte der Cavaleade im Galopp nach, während ſeine Tochter ihm mit einem gerührten, ängſtlichen Blicke folgte. Als Ivan forteilte, um ſein Pferd zu beſteigen, kam ——— ——,—y———B—B—’’ꝛꝛ:j—— 179. Conrin herbei, der ihn ängſtlich aus einiger Entfernung beobachtet hatte, während er ſich mit Ina unterhielt. Die Stirne des Knaben war mit einer Röthe überzogen, wie wenn er auf einem Fehler ertappt worden wäre, und in ſeinen Augen war ein Ausdruck von Unzufrie⸗ denheit. „Ah, mein ergebener Conrin,“ ſagte Ivan,„ich muß Dich auf einige Zeit verlaſſen; Du biſt zu jung um eine ſo gewagte Unternehmung mitzumachen. Ich möchte Dein Leben nicht wieder den Gefahren eines ſolchen wilden Kampfes ausſetzen.“ „O! verachten Sie meine Dienſte nicht, Herr,“ ſagte der Knabe mit einem flehenden Blicke.„Bin ich ein einziges Mal Ihren Befehlen ungehorſam geweſen? Habe ich etwas gethan, das Ihnen mißfällt, weil Sie mich unter Fremden zurücklaſſen wollen, während Sie Gefahren ausgeſetzt ſind? Verrieth ich Furcht, als Sie die Koſacken⸗Reiterei angriffen?“ „Nein Knabe, in der That nicht,“ antwortete Ivan mit Nachdruck.„An jenem Tage verdankte ich Dir mein Leben, und ich wäre undankbar, wenn ich mich nicht be⸗ ſtreben würde, das Deinige zu beſchützen; aus dieſem Grunde möͤchte ich Dich hier in Sicherheit zurücklaſſen.“ „Was kümmert mich aber mein Leben, wenn das Ihrige in Gefahr iſt,“ antwortete Conrin.„Glauben Sie, Herr, ich werde Sie überleben, wenn Sie um⸗ kommen?“ „Du biſt zu ſehr aufgeregt, Knabe,“ erwiederte Ivan.„Ich bin Dir für Deine Zuneigung dankbar; Du wirſt jedoch Jedermann gütig gegen Dich finden, und Viele werden Dich lieben und beſchützen. Ich weiß, das Javis Dich liebt und Dich mit ſeinem eigenen Leben beſchützen würde, bis Du ſtark genug wäreſt, um Dich ſelbſt zu beſchützen.“ „Javis liebt mich!“ ſagte der Knabe verdrüßlich; „was iſt aber ſeine Liebe gegen die Ihrige? Laſſen Sie .12² 180 ſich erweichen, mir die Erlaubniß zu geben, daß ich Sie begleite.“ 3„Es kann nicht ſeyn,“ entgegnete Ivan ſchmeichelnd. Ich zweifle nicht an Deinem Muthe, ſo wenig als daran, daß Du eines Tages ein tapferer Krieger werden wirſt; Dein Arm hat aber jetzt noch nicht die hinlängliche Kraft, um mit Männern zu kämpfen. Wenn ich ver⸗ wundet werde, wird mich Javis pflegen; und wenn ich falle, wird Dir der Himmel gewiß einen anderen Beſchützer geben.“ „Wenn Sie fallen habe ich den Schutz des Himmels auf dieſer Welt nicht nöthig,“ erwiederte der Page mit einem verzweifelnden Blicke. „Du ſprichſt ſonderbar, Knabe,“ ſagte Ivan.„Ich dachte blos an Deine Wohlfahrt.“ Während er ſprach ritt Arslan Gherrei herbei. „Uzden,“ ſagte Ivan, indem er ſich an ihn wandte, (denn da es gebräuchlich iſt, eine Perſon nur bei ihrem Titel anzureden, ſo wußte Ivan den Namen des Häupt⸗ lings noch nicht)„ich habe einen ergebenen Pagen, der mir aus fernen Landen gefolgt iſt, und ich möchte ihn nicht gern den Gefahren des Kriegslebens ausſetzen, ob⸗ gleich er mich fortwährend um die Erlaubniß bittet, mich begleiten zu dürfen. Ich möchte ihn ſicher wiſſen; wenn ich falle, würden Sie mir die Gunſt erweiſen, ſein Be⸗ ſchützer zu ſeyn?“ 3 „Ich werde alles thun, was ſie verlangen, mein edler Freund,“ antwortete der Häuptling. Ich will ihn, wenn Sie es wünſchen, bei meiner Tochter unterbringen.“ „Er könnte keine beſſere, gütigere Gebieterin haben,“ antwortete Ivan, der Conrin bat, ihm zu folgen, und mit dem Häuptlinge an den Ort zurückkehrte, wo die Frauen immer noch ſtanden. „Ich bin wieder zurückgekehrt, Fräulein,“ ſagte Jvan, indem er ſich gegen Ina wandte,„um Ihnen einen Diener zu bringen, der gern zu mehr kriegeriſchen Dienſten verwendet werden möchte. Es iſt ein braver 181 Junge und ich verdanke ihm viel. Ich überlaſſe ihn deßhalb mit der Erlaubniß Ihres Vaters Ihrer gütigen Sorge, er wird Ihnen ſo ergeben ſeyn, als er es mir war.“ „Gern will ich Ihre Wünſche befolgen, edler Frem⸗ der,“ entgegnete Ina;„denn es iſt ein artiger Knabe, und ich werde ihn mehr wie einen Bruder als wie einen Diener behandeln.“ „Ich danke Ihnen für Ihre Güte, Fräulein,“ ant⸗ wortete Ivan.„Höre Conrin,“ fügte er bei, indem er den Knaben rief,„ich laſſe Dich während meiner Abwe⸗ ſenheit zum Dienſte dieſes Fräuleins zurück, dieſe Aufgabe wird Dir beſſer gefallen als mir ins Feld zu folgen. Lebe wohl! Mögeſt Du unter ihrer gütigen Sorge ſo glücklich ſeyn, als Du es verdienſt.“ Der Knabe ſenkte betrübt den Blick. „Noch einmal leben Sie wohl, Fräulein,“ ſagte Ivan, indem er ſich verneigte. Dann beſtieg er ſein Pferd und begleitete den Häuptling, um die Parthie des Hadji einzuholen, die nun ſchon einen bedeutenden Vor⸗ ſprung hatte. 1 Unſer Held ritt an die Seite des Hadji, der ganz begeiſtert war, ſich wieder an der Spitze einer großen, wohl ausgerüſteten Bande zu ſehen. Auf der anderen Seite ritt ſein Sohn Alp, dem er Unterricht und Be⸗ lehrung über die Kriegskunſt gab, wie er ſie in Egypten ausüben ſah; denn er war ein hoher Bewunderer des tapferen Paſcha Mahomed Ali, der nach Hadji's Mei⸗ nung, wenn ihm nicht durch die Europäiſchen Mächte die Hände gebunden wären, die ruſſiſchen Eroberer vor den Thoren Moskau's ſelbſt bedrohen würde, ſtatt ein Unterthan der Pforte zu bleiben. „Es iſt ein Glück für Dich, daß Du in Zeiten, wie dieſe ſind, geboren biſt, wo ſo wenig Ausſicht auf Frieden vorhanden iſt, da Du von Jugend auf für den Krieg erzogen wurdeſt, wirſt Du ein großer Führer werden,“ ſagte der alte Krieger.„Und ſollte ich fallen 182 mein Sohn, ſo vergeſſe Deinen Vater nicht und ruhe nicht bis Du dieſe verfluchten Giaours von unſeren Küſten vertrieben haſt. Denke oder träume bis dorthin nicht von Frieden; der Geiſt Deines Vaters wird ſo lange keine Ruhe in ſeinem Grabe finden. Laſſe keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, die Urus anzugreifen. Jeden Morgen, wenn Du erwachſt, denke noch vor dem Morgengebet daran, wie Du ihren Untergang herbei⸗ führen kannſt.“ Mit ſolchen Worten ſuchte er den Weg kurzweilig zu machen; und als Jvan herbeiritt rief er: „Ah, mein tapferer Junge, ich ſtelle Ihnen den Sohn vor, von welchem ich Ihnen ſprach; mögen Sie Brüder in der Liebe wie in edeln Waffenthaten ſeyn.“ Die jungen Männer ſchüttelten ſich freimüthig die Hände zum Bunde ihrer Freundſchaft und Brüderſchaft. Gegen Abend war die ganze kleine Armee, ſowohl Reiter als Fußmannſchaft in dem oben erwähnten Thale verſammelt; ſie trafen hier ſchon vierhundert Mann, welche von den benachbarten Weilern geſammelt waren, ſo daß der Hadji ſich an der Spitze von tauſend Streitern befand. Er hielt nun eine Anrede an dieſelben, und die Bekanntmachung des beabſichtigten Zweckes der Expedition wurde mit lautem Beifallsgeſchrei aufgenommen. „Dieſes Beifallsrufen wärmt mein Herzblut,“ rief der Hadji.„Dieß höre ich gern, und nun Männer der Atteghei müſſen wir mit Grabesſtille zu Werk gehen, und ſo vorſichtig wie der Luchs. Wir wollen unſere Pferde und Gewehre hier laſſen und ſehen, ob tſcherkeſ⸗ ſiſcher Stahl nicht beſſer iſt als ruſſiſches Blei.“ Wiederholtes Rufen verkündete den Beifall der Bande zu dieſem Vorſchlage. Die Thätigeren und Be⸗ kannteren wurden nun in vier Abtheilungen getheilt, jede von ungefähr hundert und fünfzig Mann, die alles Gepäck ablegten und nur ihre Schwerter und ihre langen, breiten Dolche behielten. Der Hadji ſelbſt ſetzte ſich an die Spitze einer Bande, und ſein Sohn Alp führte 18³ die verwegenſten und thätigſten von den Dehli Khans, die ihm aus Rückſicht für den Ruf ſeines Vaters gern folgten. Arslan Gherrei führte eine dritte Abtheilung von den tapferſten Kriegern, denen ſich Ivan als Frei⸗ williger anſchließen wollte, als er einſtimmig zum Führer der vierten Bande erwählt wurde. Einige wenige waren zu dem weniger ruhmvollen aber nothwendigen Dienſt der Bewachung der Pferde und derjenigen Waffen, welche bei Seite gelegt worden waren, beſtimmt; der Reſt unter Achmet Beg bildete einen Cordon um das Fort, um den Feind am Entweichen zu verhindern. Die Wachen, die zur Beobachtung des Schiffs aus⸗ geſchickt worden waren, brachten die Nachricht, daß es ſoeben in der Bai angekommen ſey, und daß Truppen ausgeſchifft worden ſeyen; dieß ſchwächte jedoch den Eifer der Bergbewohner nicht; Ivan war in großer Unruhe, die Execution könnte an ſeinem Freunde voll⸗ zogen werden, ehe ſie das Fort angreifen konnten. Die Nacht war ſchon weit vorgerückt bis alle Vor⸗ bereitungen getroffen waren; und auf ein vom Anführer gegebenes Zeichen rückte die Armee vorſichtig und unter tiefem Schweigen gegen das Fort an. Ein Sturm ent⸗ lud ſich nun mit ſchrecklicher Wuth über ihren Köpfen, und der Hadji ſchlug vor, ſich nicht länger zu verweilen (da man ihre Fußtritte wegen des Sturmes nicht hören werde) und ſogleich den Sturm zu unternehmen. Der Plan wurde jedoch auf den Rath des Achmet Beg nicht ausgeführt. Bleibe, mein Bruder,“ ſagte dieſer;„obgleich der Feind das Geräuſch unſerer Fußtritte nicht hört, ſo würden die leuchtenden Blitze unſere Ankunft verrathen. Und als ſie an den Saum des Waldes in die Nähe des Sees kamen, und das Fort vor Augen hatten, fügte er bei:„Sehe die glänzenden Bajonette der Schildwachen auf ihren Poſten. Warte, bis ſte des Sturmes über⸗ druſſig werden, und dann vielleicht unter ihren Mauern 184 Schutz ſuchen, und nicht mehr in dieſer Richtung her⸗ ſehen.“ 5„Dein Rath iſt gut, antwortete der Hadji.„Wir wollen es ſo machen.“ Aufmerkſam auf den Haupt⸗Anführer hielten alle die einzelnen Abtheilungen, und erwarteten ungeduldig den Befehl, wieder vorzurücken. Während unſer Held den Befehl zum Angriff erwar⸗ tete, däuchte es ihm, als bemerke er eine zarte, ſchlanke Figur, die eben vorſchritt, und ſich unter den dunkeln Maſſen menſchlicher Weſen bewegte, die ihn umgaben. Er blickte ſcharf durch die Dunkelheit, um einen Schein von dem Gegenſtande zu erhalten, als der Blitz glän⸗ zend leuchtete. Alles war wieder finſter um ihn, als er einen ſo ſchwachen Seufzer neben ſich hörte; er wandte ſich um; ſein Page Conrin ſtand an ſeiner Seite. Er redete ihn erzürnt an:„Was iſt das, Knabe? Ich überließ Dich der Sorge des Fräulein Ina. Han⸗ delſt Du ſo bald gegen meine Befehle?⸗ . Ein ſchwacher Seufzer war die Antwort. Endlich fand der Knabe Worte zu ſprechen.„Und vergeſſen Sie ſo bald Ihr Verſprechen, Herr? Sagten Sie nicht, ich könne ihnen durch alle Gefahren und Mühſeligkeiten ſolgen? ſoll ich in Sicherheit in der Heimath bleiben, während Sie der Gefahr ausgeſetzt ſind? Erlauben Sie nun, daß ich Sie begleite; es wird mir kein Leid ge⸗ ſchehen; mein Leben iſt in Ihrer Nähe bezaubert?“ 3 Ehe Ivan Zeit hatte, zu antworten, fiel der Regen in Strömen aus den dunkeln Wolken herab, und das Blitzen hörte auf. 23 „Nun iſt es Zeit, vorzurücken,“ rief der Hadji den um ihn verſammelten Führern zu.„Du, mein Sohn Alp, haſt die Aufgabe mit Deinen ſtolzen Dehli Khan's, die ſteilen Felſen, welche die rechte Seite des Forts bil⸗ den, zu erſteigen. Du, Uzden Arslan Gherrei, formirſt Deine Abtheilung links von mir, und wir wollen mit einander auf der ſanft geneigten Fläche in der Front 185 vorrücken. Wir haben oft Seite an Seite gefochten und können am beſten mit einander der Gefahr entgegen⸗ gehen, während unſere Rüſtungen uns in der am meiſten ausgeſetzten Stellung beſchützen werden. Sie, Fremder, mit ihrem leichtgekleideten Gefolge müſſen von der linken Seite her ſtürmen, und zwar ſo weit gegen die See hin, als es wegen des rauhen, felſigen Bodens nur immer möglich iſt; und Du, mein Bruder, halte Dich in Be⸗ reitſchaft, den von uns der Hilfe nöthig hat, zu ver⸗ ſtärken. Und nun, Anführer, rücken Sie mit Ihrem Gefolge im Namen Allah's vor.“ Die Führer eilten an die Spitze ihrer Abtheilungen und ſchlichen ſich mitten unter dem lauten Toben des Gewitters nnd den Strömen von Regen in der tiefen Dunkelheit bis dicht an die Mauer des Forts. 4 Die Schildwachen hatten auf ihren Poſten die Koͤpfe in ihre Mäntel gehüllt, und hatten keine Ahnung von der Gefahr, die ſie bedrohte; oder wurden, wenn ſie über die Mauern weg ſahen, durch den Regen geblendet und ſahen nichts durch den dunkeln Schleier, welcher alle Gegenſtände verdeckte. Unſer Held erreichte mit Hülfe eines Führers, den er dicht neben ſich behielt, den Graben des Forts im ſüdweſtlichen Winkel in dem Augenblicke, als die anderen Abtheilungen auf ihren beſtimmten Poſten angelangt waren. Sie ſchmiegten ſich ſo an den Boden an, daß man ſie kaum von den Felſen und dem Geſtrüppe, das denſelben bedeckte, unterſcheiden konnte, ſelbſt wenn ſich Himmel aufgeheitert und den Sternen erlaubt hätte, in Licht zu verbreiten. Hier warteten die kühnen Bergbewohner und wagten kaum zu athmen, ehe der Hadji das verabredete Signal zum Angriffe gab. Es herrſchte eine wahre Grabesſtille unter ihnen und kein menſchliches Weſen im Fort be⸗ merkte den, in dichten Maſſen verſammelten Feind, oder ließ ſich auch nur träumen, daß die Gefahr ſo nahe ſey. Der Regen hatte aufgehört und das Gewitter hatte 186 ſich gelegt, als das kalte Tageslicht nach und nach zum Vorſcheine kam; aber noch ehe daſſelbe einen Strahl von Helle auf die Scene geworfen hatte, brach die tiefe, wohlklingende Stimme Hadji's durch den Ruf„Allah! Allah!“ das Stillſchweigen der Luft, und dieſer Ruf wurde bald von allen Seiten durch die freudigen Krieger wiederholt, die nun ungeſtümm zum Sturme vorrückten. Sie hatten den Gipfel der Wälle erreicht, ehe ſich die Schildwachen von ihrem paniſchen Schrecken erholen konnten. Der geringe Widerſtand, den ſie leiſten konn⸗ ten, war nutzlos und ſie ſanken durch die kräftigen Arme der Stürmenden. Wohin ſich auch die ruſſiſchen Soldaten wandten, als ſie im Schrecken und in Unordnung aus ihren Ba⸗ racken hervorkamen, fanden ſie ſich von Feinden umgeben. Selbſt die Seite, die ſie als unzugänglich betrachteten, hatte Alp Beg mit ſeinen jugendlichen, rüſtigen Beglei⸗ tern erſtiegen; während auf der Seeſeite Ivan und ſeine Bande die Verſchanzungen erſtiegen, und Alle, die einen Widerſtand zu leiſten ſuchten, von den Wallen getrieben hatte. Einige von den Entſchloſſenſten der Garniſon machten einen verzweifelten Verſuch, zu den Kanonen zu gelangen, welche bald einen Hagel von Kartätſchen aus⸗ ſchütteten; in wenigen Minuten waren jedoch die Män⸗ ner, welche feuerten, durch die Bergbewohuer zuſammen⸗ gehauen. 3 Auf allen Seiten erhob ſich jenes furchtbare Ge⸗ ſchrei, das ſelbſt die tapferſten Herzen beben machte. Unzählige Feinde ſchienen aus den dunkeln Wolken her⸗ aus unter die Ruſſen gekommen zu ſeyn, als die Tſcher⸗ keſſier die Feſtungswerke erſtiegen hatten. Arslan Gher⸗ rei und der Hadji hatten mit der Hauptmacht in der Front angegriffen; der Letztere hatte jedoch für ſich ge⸗ kämpft und ſich mit ſeinem Sohne Alp vereinigt, der rechts von ihm war, während der tapfere Kommandeur des Forts eine ſtarke Truppen⸗Abtheilung verſammelte, um obigen Häuptlingen in ihrem ſiegreichen Laufe ent⸗ 187 gegenzutreten. Die Ruſſen eröffneten ein furchtbares Feuer, durch welches Viele von den Stürmenden fielen; außerdem rannten Manche in die Spitzen der Bajonette, als die Ruſſen, durch das Beiſpiel ihrer Offiziere ermu⸗ thigt, ihnen mit gefällten Gewehren entgegengiengen. Dieſe fochten überhaupt ſo tapfer, daß viele von den Tſcherkeſſen für den Augenblick zurückgetrieben wurden, und Arslan Gherrei ſich von Ruſſen umgeben fand. Einige von den Kühnſten drangen vor, um ihn zu er⸗ greifen, ſein Schwert hielt ſie aber entfernt; ſie ſchienen jedoch entſchloſſen, ſich ſeiner zu bemächtigen; als unſer Held, der zwei ſo ſtarke Truppen⸗Abtheilungen ſo lange in unentſchiedenem Gefechte mit einander begriffen ſah, einige von ſeinen Männern zuſammen nahm, und ſich einen Weg nach jenem Orte erkämpfte. Es war jetzt ſo hell geworden, daß man Gegenſtände auf eine kurze Ent⸗ fernung erkennen konnte; als er daher den heldenmü⸗ thigen Arslan Gherrei hart bedrängt und ſich gegen ein Heer von Feinden vertheidigen ſah, rief er ihm llaut ſeinen Namen zu und ſtrengte ſeine äußerſten Kräfte an, um ihn zu erreichen. Er ſchrie laut, als er gleich einem Tiger über die ihm entgegenſtehenden Streiter herfiel, und ſich einen Weg zur Rettung des edeln Häuptlings bahnte. Und noch einmal fochten dieſe zwei tapferen Krieger Seite an Seite, und drängten die Feinde vor ſich zurück; Keiner konnte ihren Armen widerſtehen. Als ſich nun auch noch ihr Gefolge mit ihnen vereinigte, zog ſich der Feind gegen ein ſteinernes Gebäude zurück, in welchem Viele Raum fanden, und aus welchem ſie dann ein heftiges Feuer auf die Stürmenden eröffneten, wäh⸗ rend ſich die Uebrigen mit dem Rücken gegen die Mauer gekehrt, vertheidigten. Das Feuern dauerte nur wenige Minuten, als eine furchtbare Exploſton ausbrach. Die Erde erbebte heftig und die Kämpfenden wurden in ihrem tödtlichen Gefechte unterbrochen, mit den herabſallenden Trümmern bedeckt, und in Rauch und Dampf gehüllt. 4 188 Jvan ſchaute umher. Arslan Gherrei ſtand unver⸗ ſehrt neben ihm. Um ſie herum und mitten unter den gefallenen Trümmern lagen die Körper ihrer letzten Geg⸗ ner und ſelbſt viele von ihrer eigenen Parthie durch die herabfallenden Trümmer erſchlagen. Wohin ſich Ivan auch wandte, war immer der kühne, junge Page an ſeiner Seite, ohne Furcht vor dem Gefechte. Unverſehrt durch die Schwerdter der Feinde und die fallenden Trümmer drang er mit dieſem vor, kämpfte wie der tapferſte Krieger und dachte blos an die Sicherheit ſeines Herrn. Bei dem Lichte der brennenden Balken, welche wü⸗ thend ziſchten, eilte Jvan haſtig hin und her, um ſeinen Freund aufzuſuchen, und als ſich der Dampf und Rauch anfhellten, erblickte er ein menſchliches Weſen, das ſich Muͤhe gab, ſich aus den Trümmern eines kleinen Ge⸗ bäudes herauszuarbeiten. Er gieng, von mehreren von ſeinen Leuten gefolgt, über die rauchenden Trümmer auf dieſen Ort zu. In wenigen Minuten war er ſo glücklich, ſeinen Freund Stanisloff zu umarmen, und ihn von ſeinen Feſſeln befreit zu ſehen, während lautes Jauchzen die Freude ſeiner Befreier darüber verkündete. Mittlerweile hatten der ehrwürdige Hadji und ſein tapferer Sohn das Fort von allen, die ſich ihnen ent⸗ gegenſetzten, gereinigt. Der junge Alp trieb die Ruſſen gegen das Ufer der See ſo daß als das Magazin auf⸗ flog aller Widerſtand aufgehört hatte. Als die Sieger durch das Fort eilten, verkündete der Knall der Schiffs⸗ Kanonen, daß viele von den Feinden das Ufer erreicht hatten und in ihrer Einſchiffung unterſtützt wurden. Eine Abtheilung eilte deßhalb Alp zu Hülfe um die Ueber⸗ reſte der geſchlagenen Feinde gefangen zu nehmen oder gänzlich zu vernichten. Als die Sonne in majeſtätiſchem Glanze über den Bergen aufgieng, welche Scene der Verwüſtung und Zerſtörung beleuchtete ſie! Auf allen Seiten ſah man die Körper geſchlachteter Ruſſen mit ſchrecklichen Wun⸗ 189 den von dem breitſchneidigen Cama, das tief in die Bruſt der Opfer eingedrungen war und ſein Werk ſicher that. Ihre Geſichtsfarbe war ſchwarzgelb und ihre Glieder durch ſchreckliche Convulſionen gekrümmt. Unter ihnen lagen in der Nähe der Mauern die Leichname vieler Bergbewohner, welche ihre Säbel noch feſt in ihren erſtarrten Händen hielten und deren kleine durch Kugeln erzeugte Todeswunden man kaum bemerkte. Viele waren von den Bajonetten der Vertheidiger des Caſtells durchbohrt worden, als ſie ſich von der Bruſtwehr herab auf ſie ſtürzten. Weiter gegen die Mitte hin lagen bei ihren er⸗ ſchlagenen Gatten und Vätern die Leichname mehrerer Frauen und Kinder, die bei dem erſten ſchrecklichen Kriegs⸗ geſchrei aus ihren Hütten geſprungen, in der Dunkelheit und Verwirrung umgeſtoßen, erſchlagen und von den wilden Kämpfern beider Parthieen zertreten worden waren. Um die rauchenden Trümmer des Magazins herum, das in die Luft geflogen war, lagen die Ueberreſte des tapferen Commandeurs und der wenigen ergebenen Soldaten, die mit ihm eine Zuflucht im anſtoßenden Gebäude geſucht hatten; und unter Stein und Erdhäufen hervor ſah man die Leichname mehrerer von den wilden Bergbewohnern, die im Angriffe deſſelben begriffen geweſen waren. Mehrere Wachhäuſer und Baracken hatten ebenfalls Feuer gefangen und ſtanden in hellen Flammen wodurch die Verwirrung und Zerſtörung noch vermehrt wurde. Parthien der Sieger rannten durch das Fort, von denen Einige die Wohnungen der Officiere plünderten, andere die Waffen der Beſiegten auflaſen und mehrere die Ge⸗ fangenen ſammelten, die ihre Waffen abgelegt hatten. Die Kanonade hörte bald auf und die Brigg ſegelte fort und nahm die geringen Ueberbleibſel der Garniſon, welche zuerſt an das Ufer entkommen waren mit ſich; die bei weitem größere Zahl war aber erſchlagen oder zu Ge⸗ fangenen gemacht. Keiner der Häuptlinge von Bedeutung war gefallen, 190 da ſie für dieſe Art Gefecht durch die bepanzerten Waffen⸗ röcke, die ſie unter ihrer Kleidung trugen, wohl geſchützt waren; dieſer Sieg war jedoch durch ihren Anhang theuer erkauft; von dieſem waren ſechzig Mann durch ruſſiſche Kugeln und durch die Exploſion des Magazins gefallen. Achmet Beg hatte trotz ſeines vorgerückten Alters ſeine Kampfbegierde nicht mäßigen können; und hatte mit der ungeſtümen Tapferkeit ſeines Bruders des Hadji, als der Kampfruf erſcholl, ſeine Poſten außerhalb der Wäͤlle verlaſſen, dieſe erſtiegen und ſich mit vielen ſeiner Anhänger in das Kampfgewühl geſtürzt. Von Anſtren⸗ gung erſchöpft ſtand er da gleich der Bildſäule eines be⸗ jahrten Mars auf ſein mit dem Blut der Feinde getränktes Schwert geſtützt und von dem Dampfe und Rauch des Kampfes umgeben. Alp Beg kehrte nun von der Verfolgung der Feinde zurück, von denen er die meiſten zuſammengehauen hatte, ehe es den Uebrigbleibenden gelang zu den Boten der Brigg zu entkommen. Unter den Letzteren war wahr⸗ ſcheinlich Graf Erintoff; denn als Ivan und Thaddeus ihn ſuchten war er nirgends zu finden. Die Häuptlinge verſammelten ſich nun in der Mitte des Forts, wohin unſer Held auch ſeinen geretteten Freund führte, der mit warmen und aufrichtigen Glückwünſchen von ſeinen tapferen Befreiern empfangen wurde. Es wurden jedoch nur wenige Worte gewechſelt, denn es war immer noch viel zu thun und alle waren begierig zurückzukehren um ihren Freunden die Nachricht von ihrem Erfolge zu über⸗ bringen. An Ivan's Seite ſtand der junge Conrin mitten unter wilden bärtigen Kriegern; ein einziger glühender Fleck war auf ſeinen ſanft blaſſen Wangen und ſeine Augen funkelten mit demſelben überirdiſchen Glanze wie nach dem vorigen Kampfe. Seine Glieder bebten zeit⸗ weiſe und ſein Arm zitterte durch die Anſtrengung, die er gemacht hatte, denn die Waffe, die er in der Hand hielt, war von mehreren Blutſtreifen geröthet. Wie 191 mochte auch ein ſo zarter Jüngling von ſo ſchwacher Conſtitution ſich in ſolche blutige Scenen wagen! Der Knabe ſchaute ſeinem Herrn mit einem ausdrucksvollen Blicke von Zufriedenheit und Freude in's Geſicht, daß Ivan den Unwillen, den er über die Unbedachtſamkeit des Jungen gefühlt hatte, vergaß, ſeine Hand auf deſſen Schulter legte und ſagte: „Es war deiner eigenen Sicherheit wegen mein braver aber unbeſonnener Conrin, daß ich Dir verbot mich zu begleiten, und auch um meiner ſelbſt willen. Denn mein Schmerz wäre in der That groß geweſen und ich hätte mir fortwährend Vorwürfe machen müſſen, wäreſt Du gefallen oder auch nur verwundet worden. Deßhalb, wenn Du mich liebſt begebe Dich nicht wieder in ſolche Gefahr.“ Der Knabe brach in Thränen aus.„Es wäre meine größte Freude zu Ihren Füßen zu ſterben, wenn ich glauben könnte, daß Sie mich ſo lieben wie ich es wünſchel“ rief er leidenſchaftlich.„Und ich bin für alle Gräuel dieſer Scene hinreichend entſchädigt, da nun der Augen⸗ blick gekommen iſt, wo ich Sie ſicher weiß.“ „Knabe, Du wirſt Deinen tapferen jungen Muth vor der Zeit abnützen, wenn Du ihn ſo mißbrauchſt. Um meinetwillen wenn nicht um Deiner ſelbſt willen mache mir dieſe Sorge nicht wieder,“ ſagte Ivan.„Und nun muß ich Dich als Deſerteur Deiner Gebieterin zu⸗ rückbringen.“ „Haben Sie mir denn vergeben, Herr?“ fragte der Knabe. „Ja, Conrin, ja, ich habe Dir vergeben und gern, weil Du nicht gelitten haſt. Aber ſiehe die Häuptlinge ziehen fort, ich muß mich ihnen anſchließen.“ Die Oberhäupter hatten Rath gehalten, in welchem beſchloſſen worden war, das Fort ganz zu zerſtören. Ach⸗ met Beg wollte freiwillig mit einem Theile ſeines Gefolges zurückbleiben um das Demoliren zu bewerkſtelligen. Die Uebrigen verließen das Fort, nachdem die Zugbrücke zu 192 ihrem Auszuge herabgelaſſen worden war. Sie wurden mit Freudengeſchrei von der Abtheilung außerhalb der Wälle empfangen; Alle waren mit Waffen und anderer Beute, die ſie im Fort gefunden hatten, beladen und bewachten ſorgfältig die wenigen Gefangenen, die ſie gemacht hatten. Eine traurigere Prozeſſion folgte, welche auf ſchnell errichteten Tragbähren die Leichname ihrer erſchlagenen Kameraden trugen; die Träger wechſelten in Zwiſchen⸗ räumen mit triumphirenden Siegesgeſängen und Lamen⸗ tationen über ihre frühzeitig geſtorbenen Freunde ab. Die ſiegreiche kleine Armee zog zuerſt wieder in das kleine Thal, wo ſie ihre Pferde, Gewehre, Mäntel und Vor⸗ räthe gelaſſen hatte, und wo man den Erſchlagenen die letzte Ehre erwies. Es war jedoch ein Troſt für alle rechtgläubigen Muhamedaner, daß, da ſie für die Ver⸗ theidigung des Landes gefallen waren, ihre Seelen ſchnell in's Paradies eingelaſſen würden. Die Begräbnißcere⸗ monien waren deßhalb nur kurz, obgleich der Schmerz um die gefallenen Freunde nicht geringer war. Die Häuptlinge ließen eine Abtheilung zurück um die Leichen in ihren letzten Ruheplatz in dieſem ſtillen Thale zu bringen, und eilten zurück um die Päſſe von Ghelendjik zu vertheidigen, im Falle die Garniſon die Abweſenheit der vielen Bewohner benützen ſollte um eine Verheerung des Landes zu verſuchen. N Siebenzehntes Kapitel. Er iſt's! Er iſt’s! O! reine ungetrübte Freud, Es iſt mein Sohn. Rod. Mein Vater? 3 Diego. Darf trau'n ich meiner Frend? Umarm' ich wirklich meinen wackern Sohn? O! helſe mir, laß ſammeln mich den Geiſt, Und Athem ſchöpfen, daß ich preiße Dich nach meiner Schuld. Haſt edel Dich gezeigt mein Sohn, Dein Blut, von dem Du ſtammſt, Ehr gemacht; Haſt reichlich mir erſetzt, was Du von dieſeu Adern hier empfienaſt, Das Leben gab ich Dir, Du mehr als dieſes mir. Cid. Lord Holland. Diego. — Kaum war ein Tag vergangen ſeit die Bande tapferer Krieger die Nachbarſchaft Ghelendjik's verlaſſen hatte, als ſie ſieggekrönt wieder zurückkehrte. Eines der verab⸗ ſcheuten Forts des Feindes war dem Boden gleich ge⸗ macht und auf dieſe Art ein Glied der Kette, welche die Ruſſen um das ganze Land zu werfen trachteten, entzwei gebrochen. Dieß zeigte ihnen was ſie zu thun vermochten; es erhöhte ihren Muth, es entflammte ihren Eifer. Sie gelobten von Neuem ſich nicht zu ergeben ſo lange ſich noch ein Arm erheben konnte. Der edle Hadji war ſehr erfreut über den Erfolg dieſer erſten Unternehmung, die er ſeit ſeiner Rückkehr in ſein Vaterland unternommen hatte; und nicht weniger über die Tapferkeit, die ſein Sohn bewieſen hatte. Er ſprengte an der Spitze der Abtheilung hin, ſo fröhlich als der jüngſte Krieger derſelben. Der heroiſche Arslan 13 Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. II. 194 Gherret auf ſeinem ſchwarzen Kampfroſſe mit ſeinen hohen wallenden Federn ritt neben ihm her; ſeine Züge trugen immer, wenn er nicht durch den Kampf aufge⸗ regt war, denſelben ſtrengen Ausdruck. In allen den kleinen Weilern, durch welche ſie zogen, kamen die Frauen heraus um ſie zu bewillkommen, ſtreu⸗ ten Blumen auf ihren Weg und ſangen Triumph und Preishymnen für den Sieg. Viele fragten nach ihren Gatten, Vätern oder Brüdern und erhoben Wehklagen ſtatt der Triumphgeſänge, wenn ihnen der Tod eines Geliebten angekündigt wurde. 4 An der Seite unſeres Helden ritt ſein Freund Thad⸗ deus, dem er ein Roß verſchafft hatte, und der nun die Ereigniſſe erzählte, die ihm kürzlich begegnet waren, und den Verſuch, den Graf Erintoff gemacht hatte, ſich zu rächen. „Mein theurer Thaddeus, Du wirſt Dich nun von aller Verbindlichkeit gegen den Kaiſer frei betrachten?“ ſagte Ivan.„Und Du kannſt nun ohne Dir Gewiſſens⸗ biſſe zu machen, der Sache beitreten für welche ein Mann auſſer der Vertheidigung ſeines eigenen Landes allein rechtmäßig fechten kann, für die Vertheidigung der theuer⸗ ſten Freiheiten, der Heimath und der Familien eines tapferen Volkes gegen die Macht der Tyrannei, die das⸗ ſelbe unterjochen möchte.“ „Glaube mir, mein Freund,“ antwortete Thaddeus, nich fühle für die rechtmäßige, vom Himmel geheiligte Sache, für die Sache, die der wahre ritterliche Geiſt gerne vertheidigt, und bin gegen den Miethlingsdienſt, der einen Tyrannen oder Eroberer auf den Thron ſetzen möchte, und ihm beiſteht, ein Volk zu bedrücken, das er die Pflicht hat zu regieren.“ „Ich freue mich, von Dir Gefühle ausſprechen zu hören, die den meinigen ſo ähnlich ſind,“ rief Ivan, nund an deren Wahrheit zu glauben Du vor Allen ge⸗ rechte Urſache haſt.“ 3 195 „Seit wir abreisten, habe ich viel über den Gegen⸗ ſtand nachgedacht, ſelbſt noch als der Tod über mir ſchwebte,“ erwiederte der junge Pole.„Eine der Ur⸗ ſachen, wegen deren ich Eurer Parthei beizutreten mich weigerte, iſt nun weggefallen. Mein Vater iſt nicht mehr. Die Knechtſchaft, unter der ſein edler Geiſt ſeufzte, und der Schmerz über die Unterjochung ſeines Landes haben endlich ſeinem Leben ein Ende gemacht.“ „Dann,“ ſagte Ivan, haſt Du keinen vernünftigen Grund, Dich länger an Rußland gebunden zu halten.“ „Ich thue es auch nicht; ich betrachte mich von meinem Eide, dem Kaiſer zu dienen, befreit,“ antwortete Thaddeus.„Kannſt Du mich aber tadeln, wenn ich zau⸗ dere, mein Schwert gegen meine ehemaligen Waffenbrü⸗ der zu ziehen, von denen viele durch die Bande der Freundſchaft mit mir verbunden waren?“ „Du haſt dieß auch nicht nöthig,“ antwortete Ivan, und von nun an werde ich dich als meinen Waffenbruder begrüßen; denn Tſcherkeſſien hat Feinde genug, ohne die Wenigen zu zählen, die mit Dir in Freundſchafts⸗Ver⸗ häͤltniſſen ſtehen. Die wilden, kühnen Koſaken ſollen Deine Gegner ſeyn, und auf den Baͤnken des Kuban werden ſie Dir Gelegenheit genug geben, Credit und Ruf unter uns zu gewinnen.“ „Dränge mich nicht länger über dieſen Gegenſtand, mein Freund,“ entgegnete der Pole,„Ich habe kaum noch gelernt, mich wieder als zu den Lebenden gehörig zu betrachten, ſo ſchnell und unverhofft war meine Er⸗ löſung vom Tode. Vieles ſtimmt mich zu ernſtlichem Nachdenken.“ Die beiden Freunde verfielen nun längere Zeit wie⸗ der in Stillſchweigen; denn auch Ivan's Gedanken waren mit Zuſammenſtellungen beſchäftigt, die zwar unbeſtimmt und ungewiß aber doch voll Hoffnung waren, nämlich, wer wohl der edle Häuptling war, deſſen Namen er ge⸗ 13 196 hört hatte, und deſſen edles Benehmen, herriſcher Muth, Ernſt und Melancholie ihm Gefühle von Liebe und Be⸗ wunderung eingeflößt hatten, wie er ſie nicht gewöhnt war für Andere zu empfinden; er konnte jetzt aber keine Gelegenheit finden ihn anzureden.. Als ſich die Parthie dem ſchönen Thale näherte, das ſie den vorhergehenden Tag verlaſſen hatte, ſah man eine Gruppe ſchlanker, reizender Figuren mit Blumen⸗ Guirlanden unter den Bäumen; ihre hellen Stimmen ſangen den ſiegreichen Kriegern Begrüßungs⸗ und Be⸗ glückwünſchungslieder. Die Häuptlinge ſtiegen von ihren Pferden, und warfen die Zügel ihren Reitknechten zu, als ſie die freie Waldſtelle erreichten, die bereits als die romantiſche Gerichtshalle der Nachbarſchaft erwähnt wurde. Die Mädchen giengen den Kriegern entgegen, jede war begierig, denjenigen von ihren tapferen Vertheidigern, den ſie am liebſten hatte, zu begrüßen; lieblicher als alle kam Ina herbei, und ſiel freudig in die Arme ihres Vaters. Dieſe eine zärtliche Umarmung ſeines Kindes war für das Herz des edeln Helden eine hinreichende Entſchädigung für alle Gefahren und Beſchwerden des Kriegs. Die Frau und die Töchter des Häuptlings des Ortes kamen ebenfalls herbei, um dieſen und ſeine Söhne zu begrüßen; und manches ſchüchterne Mädchen verrieth ihre bisher verborgene Liebe für irgend einen tapferen Jüngling, durch ihre Freude über ſeine wohlbehaltene Zurückkunft aus der Schlacht. 3 Es wa eine ſehr intereſſante Scene. Diana ähn⸗ liche Figurenr von Frauen, die in farbige, reich verzierte Röcke gekleidet waren, und lange weiße Schleier trugen, die zierlich von ihren Köpfen herabfielen; gläuzende, reiche Rüſtungen, eingelegte Waffen und hohe Federn der edeln Häuptlinge; Gruppen muthiger Pferde, und Banden von Dienern, die auf der grünen Fläche ver⸗ ſammelt, von dem glänzenden Laubwerke hoher Bäume umgeben, und vom blauen Himmelsgewölbe bedeckt wa⸗ 197 ren, bildeten ein Gemälde, wie es ſich Titian oder Ru⸗ bens nicht ſchöner zum Copiren wünſchen konnten. Es erinnerte an die romantiſchen Tage des Ritterthums, das nun von allen andern Ländern als dem der heldenmüthi⸗ gen Atheghei verſchwunden iſt. Neben Jvan ſtand Thaddeus ganz entzückt von die⸗ ſer ſchönen edeln Scene, mehr als uber alle andere jedoch von der Lieblichkeit Ina's, die er zuerſt erblickte, als ſie in die Arme ihres Vaters ſank. Er war ganz bezaubert als er ſie anblickte, und konnte ſeine Augen nicht von ihr abwenden; nie hatte er ein lieblicheres, reizenderes Weſen geſehen. Es war ihm, wie wenn er aus den dunkeln Regionen des Tods in ein prächtiges Paradies ein⸗ gegangen wäre. Kaum waren die erſten Begrüßungen vorüber, als der Hadji auf Ivan zugieng, ihn an der Hand faßte, und ihn in die Mitte der verſammelten Häuptlinge führte, indem er ausrief:„Ich wende mich an Dich, mein edler Freund Arslan Gherrei und an Sie alle, wackere Häuptlinge. Ich habe heute eine heitere Pflicht zu er⸗ füllen. Hier ſteht Einer, den ich ſtolz meinen Freund nenne; mit mir kam er auf dieſe unſere Landesküſten; aber bis auf dieſen Augenblick weiß ich ſeinen Namen noch nicht. Er hatte einen Eid abgelegt und Niemand konnte denſelben mißbilligen, ſeinen Namen oder ſeine Abkunft nicht zu ſagen, bis er ſich ſelbſt durch ruhm⸗ würdige Thaten einen Namen erkämpft, und ſich würdig erwieſen hätte, zu dem ächten Geſchlechte der Atteghei zu gehören. Ich fordere Sie Alle, die Sie Zeugen ſei⸗ ner Waffenthaten waren, und ſeine heldenmüthige Tapfer⸗ keit ſahen, als er gegen die Feinde unſeres Landes kämpfte, auf, zu bezeugen, daß er werth iſt, eines der edelſten Kinder der Atteghei genannt zu werden. Ich fordere Sie Alle auf zu erklären, ob Sie ihn als einen Bruder, als den Tapferſten von den Tapfern unter uns aufneh⸗ men wollen?“ 198 „Wir thun es, wir bezeugen es,“ rief man von allen Seiten;„er iſt ein ächter Sohn der Atteghei. Wir begrüßen ihn als tapferen Waffenbruder.“ Indem ſie ähnliche Ausdrücke ausriefen, kam jeder Häuptling herbei, um ihm als Beweis der Zuſtimmung die Hand zu reichen. Das Herz unſeres Helden ſchlug ſchneller, und das Blut floß tumultariſch mit einer Art gerechten, edeln Stolzes über den Beifall ſeiner Lands⸗ leute durch die Adern, aber mehr noch durch die Hoff⸗ nung, ſeine heißeſten Wünſche befriedigt zu ſehen. „Ich wußte, meine Freunde, daß Sie blos eine Meinung haben konnten,“ ſagte der Hadji.„Aber zu Dir Arslan Gherrei ſpreche ich in's Beſondere, denn zweimal warſt du Zeuge der Tapferkeit des fremden Kriegers, zweimal hat er das für unſer Land ſo theure Leben aus der Gefahr errettet.“ „Sicher weiß ich es, wie brav und edel er iſt,“ antwortete der Häuptling, indem er vortrat,„und gerne begrüße ich ihn als einen Sohn der Atteghei.“ „Junger Krieger, Sie hören, was von mehreren der tapferſten Häupter Tſcherkeſſtens über Sie geſpro⸗ chen wurde. Was bedarf es mehr, um Sie Ihres Eides zu entbinden?“ rief der Hadji. „Ich bin von den ſtolzen Gefühlen meines Herzens überwältigt,“ rief unſer Held.„Einen höheren Preis kann ich nie erwarten. Ich will mein Geheimniß nicht länger bei mir behalten. Der Name, den ich bei der Geburt trug war Selem Gherrei!“ „Was! ſage den Namen noch einmal,“ rief Arslan Gherrei, indem er vorwärts ſprang. Er ergriff ſeine Hand und drückte ſie heftig, während er ihm ernſt in's Geſicht blickte. „Edler Junge, woher kommſt Du? kann ein ſeliger Geiſt vom Tode auferſtehen? ſpreche, ehe mein Herz vor Ungeduld zerberſtet; ſage, wer gab Dir dieſen Namen?“ „Meine Mutter,“ erwiederte unſer Held,„Als Kind 199 ward ich mit ihr von einem rnſſiſchen Befehlshaber weg⸗ geführt, ſie pflegte beſtändig meine Jugend, bis der Tod ſie von mir riß.“ „Es iſt genug; Du biſt es— Dubiſt mein Sohn, mein lang betrauerter Sohn. Es bedarf nicht weiter, um mich zu überzeugen,“ rief der Häuptliug, indem er den Jüngling in ſeine Arme drückte, während Thränen der Freude aus ſeiner lange verſiegten Thränenquelle ſeine Augen füllten. „Bin ich! bin ich, edler Häuptling, Dein Sohn?“ rief der Jüngling, nicht weniger gerührt, und fiel auf die Kniee nieder, indem er die Umarmung ſeines neu⸗ gefundenen Vaters erwiederte.„Schenkt mir der Him⸗ mel in der That dieſen großen Segen? Sehe, ich trug von Kindheit an dieſes Amulet und habe es immer als Heiligthum bewahrt. Dieß mag meine Geburt erweiſen.“ Ich habe keinen Beweis nöthig, um zu glauben, daß Du mein Sohn biſt. Die Natur ſpricht laut für Dich, doch erinnere ich mich dieſes Amulets ganz wohl,“ rief der Häuptling. Du biſt in der That mein Sohn, und Allah ſey für ſeine Güte geprieſen. Ich fühlte es als ich Dich zuerſt gleich einem Schutzengel an meiner Seite fechten und mich vom Tode erretten ſah; ich fühlte es als ich zuerſt Deine männliche Stimme Dein Gefolge zum Gefecht ermuntern hörte. Ja, mein Herz ſchlug freudig darüber, daß ein neuer Krieger die Sache der Atteghei verfocht; und der Himmel iſt Zeuge, wie ſtolz und dankbar ich nun bin. Sehen Sie, Häuptlinge, ich ſtelle Ihnen hier meinen Sohn vor. Der gütige Him⸗ mel hat mir den einzigen Wunſch, den ich hatte, erfüllt,“ fügte er bei, indem er ſeinen Sohn aufhob.“„Nachdem Sie Alle Zeugen ſeiner Tapferkeit waren, koͤnnen Sie ermeſſen, wie ſtolz ich auf ihn bin.“. „Habe ich nicht auch eine Schweſter, mein Vater? laſſe ſie unſere Freude auch theilen,“ rief ſein Sohn, indem er ſich eilig umdrehte, um Ina zu umarmen, die vor Bewegung zitternd zu dem Orte herbeigetreten war. „Meine Schweſter, meine ſanfte Schweſter!“ 200 „O, mein Bruder! Allah ſey geprieſen, daß ich dieſen theuern Namen ansſprechen kann. Nun kann ſich das Herz meines Vaters freuen, daß er den lange ge⸗ wünſchten Sohn endlich gefunden hat. Bereits giebt mein Herz ſchon etwas von der Liebe, die unſer Vater allein forderte, an Dich ab, mein Bruder,“ ſagte ſie mit einem ſanften Lächeln, das durch ihre herabfallenden Freudenthränen durchblickte. Die Häuptlinge hatten ſich artig in einige Entfer⸗ nung zurückgezogen, um Arslan Gherrei nicht in ſeinen Gefühlen von Glück zu ſtören; ſie blickten jedoch mit innigſtem Intereſſe auf den einſt ſo ſtrengen, finſteren Kämpen ihres Landes, der nun in Rührung zerſchmolz, als er auf ſeinen neu gefundenen, tapferen Sohn blickte. Der Hadji war ebenfalls ſehr erfreut.„Ich wußte, mein Freund,„daß nur ein edler Vater einen ſo tapfe⸗ ren Sohn, wie mein junger Freund Selem Gherrei iſt, beſitzen konnte. Sagt, Krieger, ſind Sie einander nicht gegenſeitig werth?“— „Ja, ja! Möge Allah unſerem tapferen Kämpen Arslan Gherrei und ſeinem wackeren Sohne, dem jungen Selem, ein langes und glückliches Leben verleihen,“ riefen die verſammelten Krieger aus.„Selem Gherrei lebe hoch!“ wiederhallte durch den Wald, als ſie in einem kriegeriſchen Zuge weiter marſchirten, und Jeder im Vorbeigehen Selem und ſeinen ſtolzen, glücklichen Vater die Hand drückte; auch konnten ſie ſich nicht verſagen, einen bewundernden, aber ehrerbietigen Blick auf die ſchöne Ina zu werfen, die neben ihrem neu gefundenen Bruder ſtand, und ſich auf ſeinen Arm ſtützte. Dann erſcholl der Geſang eines wandernden Sän⸗ gers, der durch die ſchnell verbreitete Nachricht von der Erſtürmung des Forts angezogen, ſich hierher begeben hatte, um den Sieg durch ſeine Mühe zu verherrlichen; und hier fand er einen Stoff, der ſeiner Leier wohl werth war, Nachdem er dieſe geſtimmt hatte, brach er in eine —— 201— laute, triumphirende Siegeshymne aus; dann änderte er das Thema und beſchrieb den wilden Angriff der Ruſſen, durch welchen der edle Häuptling Arslan Gherrei ſeines Weibes und Sohnes beraubt wurde; dann verfiel er in einen Ausbruch leiſen Schmerzes, der ſich nach und nach bis zur Wuth gegen die Eroberer ſteigerte. Hierauf zählte er die vielen, blutigen Kämpfe auf, in welchen der Häuptling gefochten hatte, um ſich an ſeinen Fein⸗ den zu rächen, beſchrieb dann die Ankunft des jungen Fremden, ſein Fechten an der Seite ſeines Vaters, deſſen und ſeiner Schweſter Befreiung vom Feinde durch ihn. Gegen das Ende wurden ſeine Töne ſchmelzend und pa⸗ thetiſch, als er ein Gemälde der beiderſeitigen Ueberra⸗ ſchung und Freude machte, bls ſie allmählig in eine Freudenhymne übergiengen, in welche mehrere andere Sänger von nicht geringerem Werthe einſtimmten, die nach und nach herbeigekommen waren. Auch eine Bande Mädchen verſtärkte den Chor der Barden; ſie traten vor, umgaben die Gruppe mit ihren Blumenguirlanden und ſielen mit ihren hellen, klangreichen Stimmen in die Melodie ein. Der Barde veräuderte ſodann ſein Thema und be⸗ ſang die Rettung des jungen Polen; während ſeines Geſanges waren alle Augen auf Thaddeus gerichtet; und als Ina den Blick voll Entzuüͤckung über die Schönheit ihrer Züge und ihrer Figur, den er auf ſie heftete, be⸗ merkte, ſenkte ſie ihren Blick auf den Boden und errö⸗ thete, ſie wußte ſelbſt nicht, warum; während er, der tapfere Soldat, von demſelben verſchämten Gefühle er⸗ griffen wurde. Der Barde hatte ſeinen Geſang beendigt, worauf eine Parthie Muſtkanten leichte und gefällige Melodieen ſpielte und viele der jungen Bergbewohner trotz der An⸗ ſtrengungen des Gefechts und des Marſches die Dorf⸗ mädchen zum Tanze führte; die Edeln ſchauten mit Bei⸗ fall zu, bis Boten aus dem Hauſe des Tocav kamen, 202 um zu melden, daß ein Bankett zum Empfange der Krieger bereit ſey. Unſer Held, den wir in Zukunft bei ſeinem wahren Namen Selem Gherrei nennen müſſen, ergrief die Hand von Thaddeus.„Meine ſanfte Schweſter,“ ſagte er. „Ich will keine Zeit verlieren, Dich mit einem Manne bekannt zu machen, der unter verſchiedenen Verhältniſſen ſich als mein Freund bewährt hat, und es, wie ich hoffe, auch in Zukunft bleiben wird.“ „Der Freund meines Bruders iſt auch mir will⸗ kommen,“ antwortete ſie in türkiſcher Sprache, welche Thaddeus etwas verſtand.„Ich kann mich jedoch nicht mit ſolchen Artigkeiten befaſſen, wie Sie dieſelben in Frangiſtan gewöhnt ſind. Ich habe nur wenige Worte, um meine Gefühle in der Sprache, die ich nun rede, auszudrücken.“ „Denke nicht ſo gering von Dir, Ina,“ ſagte Se⸗ lem.„Mein Freund iſt einer jener edeln Polen, in deren Land, wie Du ohne Zweifel gehört haſt, die Ruſſen wie wilde Bären gehaust haben, und doch zaudert er noch, ſein Schwert gegen ſolche Feinde zu ziehen. Ich muß es Deiner ſanften Ueberredungsgabe überlaſſen, ihm Entſchuldigungen dafür beizubringen, wenn er ſich uns anſchließt?“ 3 „Ich fürchte kaum, gegen Ihre Wünſche ungehorſam ſeyn zu können, ſchönes Fräulein,“ ſagte Thaddeus;„ich bitte Sie deßhalb, befehlen Sie mir nichts gegen mein Gewiſſen.“ „Fürchten Sie ſich deßhalb nicht,“ antwortete Ina. „Unter den Söhnen der Atteghei ſind aber die Forde⸗ rungen der Freundſchaft jeder anderen gleich. Sicher wollen Sie die Seite meines Bruders auf dem Schlacht⸗ felde nicht verlaſſen. Seine Feinde werden auch Ihre Feinde, ſeine Freunde auch die Ihrigen ſeyn.“ „Höoͤren Sie auf, Fräulein, halten Sie ein,“ rief Thaddeus ernſt.„Sie werden ſonſt zu ſchnell einen —— — 203 Sieg erringen. Die ſanften Toͤne ihrer Stimme ſind zu beredt, um ihnen widerſtehen zu können.“ „Still, mein Freund,“ unterbrach ihn Selem auf ruſſiſch und mit Lächeln.„Du bringſt den galanten Styl des Hofes von St. Petersburg mit Dir, wenn Du mit Complimenten anfangſt. Ich muß das Privilegium des Bruders in Anſpruch nehmen, um ſolchen Reden Einhalt zu thun, Du könnteſt ſonſt meiner artigen Schweſter den Kopf verrücken. Erinnere Dich, daß ſie nicht an Phraſen der Schmeichelei gewöhnt iſt.“ „Ihr Blick verkündet, daß Complimente keinen Ein⸗ fluß auf ſte ausüben,“ antwortete Thaddeus. „Es giebt nicht leicht eine Frau, in welchem Klima es auch ſey, und nur Wenige ſelbſt vom edleren Ge⸗ ſchlechte, die für Schmeichelet unempfindlich ſind,“ ent⸗ gegnete Selem; dann ſagte er wieder in ſeiner eigenen Sprache:„Verzeihe mir, meine Schweſter, daß ich in einer Sprache redete, die Du nicht verſtehſt. Ich ſchalt blos meinen Freund darüber, daß er Dir ſolche Com⸗ plimente machte, wie ſie die Schönen in den Städten Frangiſtan's zu empfangen gewöhnt ſind.“ „Dein Freund, mein Bruder, wird gewiß keine Redensarten gebrauchen, welche anzuhören für ein Mäd⸗ chen der Berge unpaſſend wäre. Er ſieht zu verſtändig, zu gut aus,“ ſagte Ina, indem ſie ſtark erröthete. Ein anderer Bote kam nun an, der den Helden des Tages, den jungen Tſcherkeſſenhäuptling und ſeinen pol⸗ niſchen Freund zum Feſte rief, wo die anderen Häupt⸗ linge ihre Ankunft erwarteten. Beide waren jedoch ſehr unzufrieden, als ſie ſahen, daß die Hauptzierde fehlte; denn, obgleich man dem ſchönen Geſchlechte die ritter⸗ lichſte Ehrerbietung erweist, ſo iſt es Gebrauch des Landes, daß bei Feſtmahlen keine Frau gegenwärtig iſt, Privat⸗Gelegenheiten ausgenommen, wo ſie ihre Herren bedienen. Gegen ſeinen Willen war alſo Selem gendͤthigt, 20⁴ k0 ſich von ſeiner neu gefundenen, ſchönen Schweſter zu trennen, und der junge Pole warf manchen verſtohlenen Blick nach ihr, als ſie ſich mit ihren Frauen und den Töchtern des Wirthes zurückzog; die beiden Freunde folgten dann dem tapferen Arslan Gherrei, deſſen Herz freudig ſchlug über die Wiederauffindung ſeines Sohnes, und begaben ſich an den Ort, wo das Feſt gehalten wurde. —— ——— —y— Fnfſſſſſſnſine ſſſiſſſſiſſſſſſſſſſiſnmnſnnſnhn 8 9 10 11 1 3 1 3 16 2 1 5 1