„U-——— 8 Leihbibliothek deatſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otftmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — 5 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonneament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eeeee ee Jee eeer — 4 beträgr:. 1 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — u—— auf 1 Monat: 1 Nr. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk.— Ff. „ 3„„—„ 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. kusane eile Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— e —————— Philipp Galen. Dritter Theil. „ 2 6,889R Peipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1861. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten. Erstes Anpitel. Mein Séhickſal erleidet eine Umwandlung. Bis zu dem Punkte, an welchen ich jetzt in mei⸗ ner Lebensbeſchreibung gelangt bin, wird mich der Leſer meiſt nur in zweiter Reihe unter den handeln⸗ den Perſonen angetroffen haben; er möge mich aber 4 znicht für unbeſcheiden halten, wenn er findet, daß ich in dem nun folgenden Drama ſogar eine der Haupt⸗ rollen übernehme und öfter von mir und meinen Em⸗ pfindungen rede, als es bisher geſchehen iſt. Weder mein eigener Wunſch, noch di Feyrgeizige Begierde, 5 unter hervorragenden NRenSen hedeutende Stel⸗ lung einzunehmen, hat mich auf die St 1 welche ich heute innehabe, es war vielmehr des fals Wille, daß ich zuerſt in ein 1 Gewint von Leiden Der Sohn 1. Gärtners. III. geworfen werden ſollte, bevor mich eine erhabene Vor⸗ ſehung, deren Güte und Weisheit ich daraus erſt recht begreifen und bewundern lernte, rettete und dann zum Lohne meiner Ausdauer und Ergebenheit in ihren unerforſchlichen Willen mit unverhofften Glücksgütern ſo reichlich ſegnete. Die erſten ſieben Jahre meines zweiten Lebensab⸗ ſchnittes, die gleichſam die Brücke zu meinem ſpäteren Standpunkte bildeten, verlebte ich inmitten des dem Leſer bereits bekannten Familienkreiſes in friedlichſter . Stille und völliger Unangefochtenheit von Außen her, weshalb ich dieſe Zeit auch nur im raſchen Fluge durcheilen will. Schloß dersbach hatte den Fürſten, ſeine junge Gemahlin, deren Vater und mich aufge⸗ nommen, ſobald die Vermählung der Erſteren in Dresden ihrer Liebe die Weihe gegeben. Hier auf dieſem, vom Strudel der Welt ſo weit abgelegenen Landſitze, im tttten einer paradieſiſch ſchönen Natur, und perſönlichen Neigung, das Leben vach alcen Runzse auszubeuten, hingegeben, bald den Studien und vald den edlen Genüſſen des 14 daſeins huldigend, verlebten wir in einer Kommenen Ruhe und⸗Friedfertigkeit unſere Tage. Nie hatte ich bis dabin ein glücklicheres Paar als meinen Freund Bruno und ſeine Elsbeth geſehen; ganz unſrer Buße 8 3 ihnen war ſo recht eigrnilich die Sonne des Glücks in ihrem ganzen Glanze aufgegangen, und lange ſchon waren in ihren Herzen die Froſtſchauer vergeſſen, die ſie einſt in W... zu überſtehen gehabt. Mein Freund lebte nur für ſeine Frau, wie er ſie ſtets un⸗ ter uns nannte, und ſie lebte nur für ihn, Beiden ſprudelte der Quell der Liebe alle Tage friſch und neu und im Kreiſe ihrer heranwachſenden Kinder eil⸗ ten ihnen die Tage ſo raſch dahin, daß ſie ſich oft ſtaunend anblickten, wenn die Rede davon war, daß ſchon wieder ein Jahr der Vergangenheit angehöre. Der Fürſt von Adersbach, um mit ſeiner äußeren Erſcheinung zuerſt zu beginnen, hatte längſt ſein ehe⸗ ⸗maliges blühendes Ausſehen, ſeine Friſche und männ⸗ liche Schönheit wieder erlangt, wenngleich ſein Geſicht hie und da noch die Spuren der in W... überſtan⸗ denen Krankheit zeigte, und ſein Vater hätte ihn ge⸗ wiß wieder unter ſeine ſchönen Kinder in Gnaden aufgenommen, wenn er mit ihm in Berührung getre⸗ ten wäre. Elsbeth war noch immer das holdſelige, leicht⸗ blütige, fügſame Weib, wie wir ſie früher kennen ge⸗ lernt, aber in ihrem ganzen Weſen machte ſich eine feine Ruhe, eine ſehr natürlich hervortretende Würde bemerklich, die ihr ehemals nicht in dem Gra 1*½ geweſen, und ich hätte wohl den Kritiker ſehen mögen, der, wenn er ſie neben ihrem Gemahl erblickte, zu behaupten gewagt, daß ſie nicht in dem Stande auf⸗ gewachſen ſei, dem ſie jetzt angehörte. In allen ihren Bewegungen und Geberden, in Worten und Werken, in Blick und Miene lag, wie der Duft auf einer Blume, jenes„vornehm“ genannte und mit Worten ſo ſchwer zu beſchreibende Etwas, welches eben ſo an⸗ ziehend wie gebieteriſch auf den feinfühlenden Men⸗ ſchen wirkt, wenn es natürlich und ohne Koketterie zu Tage tritt, und dann eine Zierde iſt, die der damit begabten Erſcheinung den Stempel der höchſten Gei⸗ ſtes⸗ und Herzensbildung aufdrückt. Auch der alte Waldſtein war noch geſund und friſch und niemals hatte ich ihn ſo gut bei Laune ge⸗ ſehen, wie jetzt, da er das Trübſal ſeines Lebens weit hinter ſich liegen ſah. Er bewohnte in dem geräumi⸗ gen Schloſſe einen dem Parke zunächſt gelegenen Flügel, um der freien Natur ſo nahe wie möglich zu ſein, er hatte ſeinen Wald, worin er jagte, ſeine Droſchke mit raſchen Pferden, worin er fuhr, und lebte ganz nach Belieben, nur dann den übrigen Mit⸗ gliedern des Hauſes ſich nähernd, wenn er ein liebe⸗ volles Bedürfniß nach ihnen empfand. Auch Herr von Transfeld, der frühzeitig gealtert und hinfällig — — geworden war, ging ſeinen gewohnten Lieblingsnei⸗ gungen nach; er unternahm ſeine täglichen Spazier⸗ gänge, las und ſchrieb, und wenn er mit Menſchen verkehren wollte, ſuchte er Einen von uns auf, um ihm ſein Anliegen mitzutheilen. Nur zu den Mahl⸗ zeiten Mittags und Abends fanden wir uns Alle ge⸗ wöhnlich zuſammen und Jeder trug dann zur allge⸗ meinen Erheiterung und Belehrung das vor, womit er ſich an dieſem Tage vorzugsweiſe beſchäftigt hatte. Außer den genannten Perſonen aber kamen auch noch viele andre mit uns in Berührung, allein ſie traten uns nicht ſo nahe oder beherrſchten unſre Auf⸗ merkſamkeit in dem Grade, daß ſie ſtörend auf den äußeren oder inneren Frieden der beſtehenden Ver⸗ hältniſſe eingewirkt hätten. Es hatten ſich nämlich ſehr bald einige benachbarte Gutsbeſitzer mit ihren Damen eingefunden, die dem Fürſten in Adersbach ſtets willkommen waren und häufig ſeine Gaſtfreund⸗ ſchaft in Anſpruch nahmen, dieſelbe auch mitunter er⸗ widerten. Außer ihnen beſuchten uns auf meines Freundes Einladung von Zeit zu Zeit verſchiedene gelehrte Herren aus allen Städten und Gegenden Deutſchlands, auch Künſtler kehrten dann und wann ein, und wo der Fürſt ihnen eine Unterſtützung an⸗ gedeihen laſſen konnte, gab er reichlich und 4 — daß man die Gabe nur als einen Zoll der Dankbar⸗ keit und Freundſchaft, nie aber als eine Bezahlung ihrer Dienſte und Leiſtungen hätte betrachten können. Die vortreffliche Kapelle, die der verſtorbene Fürſt von Adersbach geſchaffen, hatte ſein Erbe gern beibe⸗ halten und er machte ſich ein beſonderes Vergnügen daraus, junge talentvolle Muſiker ausbilden zu laſſen und ihnen ſpäter einen höheren Standpunkt in der großen Welt zuzuweiſen, als ſie ihn je in unſrer klei⸗ nen hätten erringen können. Faſt täglich führten dieſe jungen Leute Concerte im Schloſſe auf, und es war noch kein Jahr nach unſrer Ankunft auf Adersbach verfloſſen, ſo entwickelte ſich in meinem Freunde die⸗ ſelbe edle Leidenſchaft für Muſik, die ſeinen Pathen einſt zu dem Mäcen aller böhmiſchen Muſiker ge⸗ macht hatte. So lebten wir wie in einer kleinen Gelehrten⸗ und Künſtlerrepublik glücklich und zufrieden fort und es war außer mir kein Einziger unter uns, dem die Sehnſucht nach Außen hin und der Drang nach grö⸗ ßerem und lebhafterem Verkehr jemals eine Stunde getrübt hätte. Von ſeinen reichen Mitteln machte der Fürſt den weiſeſten und ausgedehnteſten Gebrauch,— viel mehr nooch, als der alte Fürſt es vor ihm gethan. Er ver⸗ wandte erſtaunliche Summen auf die Hebung der Inter⸗ eſſen und das geiſtige und leibliche Wohl ſeiner Unter⸗ thanen. Er baute nicht allein Fabriken und regte dadurch ihre Unternehmungsluſt in verſchiedenen In⸗ duſtriezweigen an, ſondern er errichtete ihnen auch freundliche und geſunde Wohnhäuſer, unterſtützte alle Familien, die deſſen bedürftig waren, und wandte ſeine ganze Aufmerkſamkeit der Erziehung ihrer Kinder zu, von denen er viele unterrichten, ſtudiren und in den Lebenszweigen ausbilden ließ, zu denen ſie ihre Neigung oder ihr Talent trieb. Aus dieſem Grunde ſchon wurde er von Allen auf das Höchſte geliebt und geehrt, Groß und Klein betrachtete ihn wie einen gütigen Vater, Jeder ſprach mit ihm nach Belieben, fragte ihn um Rath, legte ihm ſeine Be⸗ drängniſſe, Anſichten und Wünſche vor und ſo ent⸗ ſtand zwiſchen beiden Parteien ein Verhältniß, wie es nur ſelten unter Menſchen gefunden wird, denen das Geſchick ſo verſchiedene Standpunkte, Mittel und Kräfte zugewieſen hat. Große Aufmerkſamkeit, von einer beſonderen Lieb⸗ haberei und Einſicht darin unterſtützt, verwandte der Fürſt auch auf die Verbeſſerung ſeiner Grundſtücke, ſeines Parks und Schloßgartens, und hier waren Jahr ein, Jahr aus viele Menſchen beſchäftigt, die das Gute dem Schönen zufügten, das Leidliche verbeſſerten und das Unleidliche immer mehr und mehr aus dem Be⸗ reiche ſeiner Herrſchaft auszurotten ſtrebten. So wurden Wieſen entwäſſert, Wege verſchönert und angelegt, Wälder gehegt und gepflegt und in dem herrlichen alten Park ein Raſen gezogen, wie ihn bis dahin noch Niemand in Adersbach zu bewundern Gelegenheit gehabt hatte. Vor Allem aber wurde den Treibhäuſern, der Blumen⸗ und Obſtzucht eine große Sorgfalt gewidmet, und nie habe ich einen ſchöneren Blumenduft eingeſogen und eine herrlichere Farbenpracht geſehen, als in der Um⸗ gebung jenes Schloſſes, wo Flora und Pomona ihre Tempel errichtet zu haben und den ſtrebſamen Sterb⸗ lichen mit ihren göttlichen Gaben in reichſter Fülle ſich dankbar zu erweiſen ſchienen. Arbeit alſo gab es in unſrer kleinen Colonie, wie Bruno einſt verheißen, genug, und fleißige Hände und Köpfe fanden hinreichend zu ſchaffen und zu weben, ſo daß Keiner ſich über Langeweile beklagen konnte oder ſeine Stunden in ſchläfriger Trägheit zu ver⸗ bringen Veranlaſſung fand. Bei allen dieſen reichen und abwechſelnden Lebens⸗ genüſſen hatte der Fürſt nur mit einem Kummer zu kämpfen, dieſer aber war ſchmerzlich genug, um ihm manche ſüße Stunde zu verbittern und auch ihn fühlen —. — —-— zu laſſen, daß ſelbſt begüterte und beglückte Fürſten dem allgemeinen Schickſal der Sterblichen unterliegen. Dieſen Kummer verurſachte ihm der immer noch nicht geſchlichtete Zwieſpalt mit ſeiner Schweſter Hildegard, die ſeine Verbindung mit Elsbeth Waldſtein als eine vollendete Mißheirath betrachtete, wodurch nothwendig eine Trennung auf Lebenszeit zwiſchen ihnen erfol⸗ gen müſſe. 3 Bruno hatte jedes Jahr mehrmals an ſie geſchrie⸗ ben, namentlich zu ihren Geburtstagen, an denen ſie als Kinder immer ſo glücklich zuſammen geweſen wa⸗ ren; er hatte in dieſen Briefen ſein ganzes Herz ſprechen laſſen, wie es früher und auch jetzt noch war, zärtlich und warm, er hatte der Schweſter ſein Glück geſchildert und die Tugenden der braven Elsbeth in's hellſte Licht geſetzt, aber alles dies hatte ihm nichts geholfen und die ſparſamen und wortkargen Antworten der aufgebrachten Fürſtin waren ſogar von einer Be⸗ ſchaffenheit geweſen, daß er endlich alle Luſt verlor, die ſo ſehr begehrte Correspondenz länger fortzuſetzen. Am meiſten verwunderte und am tieſſten verletzte ihn mehrmals die ganz eigenthümliche Gefühlshärte und beinahe Empfindungsloſigkeit, die ſich in den Briefen aus B... ausſprach, und die Erklärung dieſer, der Schreiberin ſonſt gar nicht gewöhnlichen Stimmung * glaubte er einzig und allein in dem traurigen Miß⸗ geſchick zu finden, welches ihr ſelbſt durch ihre Ver⸗ bindung mit dem Fürſten von B... zu Theil gewor⸗ den war. Alle Nachrichten nämlich, die er von ver⸗ ſchiedenen Seiten über die Angelegenheiten am dortigen Hofe erhielt, ſtimmten darin überein, daß die junge Fürſtin ſowohl in ihrer Ehe wie in allen dortigen Verbindungen über die Maaßen unglücklich ſei. Die Ehe mit dem ausſchweifenden Fürſten war kinderlos geblieben und gleich nach der Vermählung hatte das häusliche Elend in vollen Ströͤmen ſich über das unſchuldige Haupt der jungen Fürſtin auszugießen be⸗ gonnen. Der tyranniſche, grauſam willkürliche und jeder Sitte, jedem Anſtande hohnſprechende Sinn des Fürſten hatte auch ſeine junge Gemahlin in den Be⸗ reich ſeiner unmenſchlichen Handlungen gezogen und ſie ſogar, als ſie ſich kühn dagegen auflehnte, mit öffentlicher Verachtung und beleidigender Härte beſtraft. Seine Brutalität gegen ſie und die ihr zunächſt Stehen⸗ den hatte keine Gränzen gekannt. Gleich vom erſten Tage an hatte er ſie auf die gröbſte Art vernach⸗ läſſigt. Favoritinnen von jederlei Herkommen, voll ſchaamloſer Geldgier und ſich überhebender Anmaßung hielten ihn nicht nur in ihren Netzen gefangen, ſondern kehrten ihre freche Stirn auch herausfordernd gegen 4* —3— — 11 die junge Fürſtin, die mit allen ihren Reizen und wunderbaren Gaben vergeblich gegen ſie anzukämpfen verſuchte. Außer dieſen leichtfertigen Damen um⸗ ſchwärmte den Fürſten eine Geſellſchaft nichtswürdiger Creaturen, Speichellecker und Günſtlinge; ſeine Rath⸗ geber und Lieblinge wählte er nicht ſelten aus der Hefe des Volkes, und ſelbſt die vornehmeren Cava⸗ liere, die ſeinen Hof bildeten, waren in ſeiner verfüh⸗ reriſchen Schule groß geworden und ließen alſo in ihrem Thun und Laſſen ſehr viel zu wünſchen übrig. Mit derſelben Leichtfertigkeit, mit welcher der Fürſt ſeine Vergnügungen betrieb, behandelte er auch ſeine Geſchäfte. Das Regieren war ihm eine Laſt, die er ſich von den Schultern und auf Leute zu wälzen ſuchte, die ihm ein ganz falſches Licht von dem Zu⸗ ſtande ſeines Landes und Volkes entwarfen und ihn immer tiefer in ihre Netze verſtrickten, bis es keine Rettung mehr als eine Reihe von Gewaltmaßregeln für ihn gab. So nahm es denn Niemanden Wun⸗ der, daß ſeine Regierung von Tage zu Tage mißlie⸗ biger wurde, bis endlich, da Leib und Seele Geknech⸗ teter nur eine gewiſſe Zeit lang den ſchmerzhaften Druck aushalten können, ſo daß ſie entweder zu Grunde gehen oder zum Widerſtande ſchreiten, eine offene Re⸗ bellion zum Durchbruch kam, die dem Gewaltherrſcher beinahe das Leben gekoſtet hätte. In Folge aller dieſer Mißhelligkeiten verließ er ſein Land, anfangs, wie es hieß, um ſich zu zerſtreuen und in einem entfernten ſüdlichen Lande Geneſung von leiblicher Krankheit zu ſuchen; ſodann aber, vor der langen Weile und dem drohenden Volksunwillen zurückbebend, blieb er immer länger aus und trieb ſich endlich mit einigen Günſtlingen an verſchiedenen Orten in der Welt umher. Paris, London und Rom wußten reichlich von ſeinen zahlloſen Thorheiten und Unmäßigkeiten zu erzählen, und als er auch da keine Befriedigung für ſeinen ruheloſen Geiſt fand und, an Leib und Seele ſich ermattet fühlend, des eklen Le⸗ bens überdrüſſig geworden war, überließ er ſich end⸗ lich den Jeſuiten, die ihn in der Schweiz in ein Klo⸗ ſter gezogen, wo ſie mit der Feſtigkeit ſeiner Reli⸗ gionsanſichten experimentirten, jedoch vergeblich ver⸗ ſuchten, ihn von ſeiner Krankheit zu heilen, welche ſogar einen ſo traurigen Verlauf nahm, daß man von Jahr zu Jahr ſeiner Auflöſung mit größerer Sicher⸗ heit entgegenſehen konnte. 4 Was die Fürſtin unter dieſen Umſtänden in der neuen Heimat litt, der ſie in ſo zarter Jugendblüthe alle ihre Kräfte und Neigungen geweiht hatte, kann —— man ſich leicht vorſtellen; glücklicher Weiſe fand ſie in der Liebe ihrer Unterthanen einen heilſamen Troſt und ſo blieb ſie in dem Lande, das ohne ſie ganz verwaiſt und jeder weiſen Führung beraubt geweſen wäre. Indem man ſie vertrauensvoll mit der ober⸗ ſten Leitung der öffentlichen Angelegenheiten belud, hatten die Landſtände auf ihren Wunſch einen Re⸗ gentſchaftsrath ihr zur Seite geſtellt, der, aus den drei Miniſtern des Fürſtenthums beſtehend, mit ihr das Wohl der Landeskinder erwog, aber leider nicht immer ſo handelte, wie ſie von ihm zu erwarten die Berechtigung zu haben glaubte. Denn auch im Schooße dieſes hohen Rahes waren Mißhelligkeiten ausgebro⸗ chen, Sonderintereſſen machten ſich nach allen Seiten hin geltend und vergebens war das nachdrucks⸗ loſe Anſtämmen einer unerfahrenen Frau gegen die ſchlauen Ränke und die habſüchtigen Begierden einer nimmerſatten Camarilla, deren ganzes Beſtreben auf die Souverainetät eines Nepotismus hinauslief, wie er noch nie in einem wohlorganiſirten Staatsleben Platz gegriffen hatte. Alle dieſe Nachrichten trafen allmälig und jedes⸗ mal das Herz des, ſeine Schweſter ſo zärtlich lieben⸗ den Bruders tief verwundend bei uns ein; die öffent⸗ lichen Blätter des Fürſtenthums, unter der Bevor⸗ 14 mundung des Regentſchaftsrathes ſtehend, ſprachen ſich zwar vorſichtig über die traurigen Verhältniſſe in B... aus, um ſo nachhaltiger und umfaſſender aber ſchilderten uns Privatmittheilungen die allgemeine Lage, und ſo lebten wir in beſtändiger Sorge um die nächſte Zukunft, die wir in Bezug auf das perſönliche Wohl der armen Fürſtin nur als eine höchſt traurige erachten konnten. Oft in der Stille der Nacht und in friedlichſter Einſamkeit berathſchlagte der Fürſt mit mir, wie ſei⸗ ner geliebten Schweſter wohl zu helfen ſei, aber das war eine vergebliche Bemühung und unſer guter Wille viel zu ſchwach, um auf irgend eine zweckentſprechende Weiſe thatkräftig einzugreifen. Theils ſtanden wir der Umgarnten zu fern, hatten auch allen Einfluß auf ſie verloren, theils reichten unſre Mittel bei Wei⸗ tee nicht aus, dem kranken Organismus ihrer Regie⸗ rung eine werkthätige Hülfe zu bieten. „Das hat man davon,“ ſagte eines Abends der Fürſt in tiefer Niedergeſchlagenheit,„wenn man durch eine ſogenannte große Heirath ſich glücklich zu machen und auf einen hohen Fuß zu ſtellen gedenkt. Das hätte mein Vater vorherſehen fönnen, wenn er offene Augen und Ohren gehabt und den Rathſchlägen ver⸗ ſtändiger Menſchen ſeinen Beifall geſchenkt hätte. 15 Aber nein, der Ehrgeiz ſtachelte auch ihn und ſo warf er ſein Kind wie eine Waare hin, ſie verſchachernd an den Meiſtbietenden, als könne er nicht die Zeit erwarten, ſie los zu werden. Er hätte ſich bedenken und Hildegard es ſo machen ſollen wie ich: frei einen Mann wählen, den ſie liebte, und glücklich ſein, wie ich es mit meiner herrlichen Elsbeth bin. Es giebt genug edle Männer von guter Geburt, deren Leben meine Schweſter zum Himmel umwandeln, und die ſie ſelbſt hätten glücklich und froh machen können.“ „Das iſt ſehr bald geſagt,“ erwiderte ich mit wehmüthigem Berzllopſan ⸗„Hildegard iſt ein Weib und hatte weder Deinen kräftigen Geiſt, noch hi Neigung, ihren angeborenen Fürſtenſtolz einem gelie ten Manne zum Opfer zu bringen. Wenn ich das Alles erwäge, kann ich ihr nicht verdenken, daß ſie gerade ſo und nicht anders gehandelt hat.“ „Aber ich, trotzdem ich das auch erwäge. Und was den kräftigen Geiſt und Willen betrifft, mein Freund, ſo hatte ſie ihn ſchon, glaube mir, ſie gerieth nur nicht in die rechten Hände, und das iſt das be⸗ klagenswertheſte Unglück von hochgeborenen Men⸗ ſchen.— In ähnlicher Weiſe unterhielten wir uns oft, was allerdings leichter ſein mag, als die rechten Wege zu 16 weiſen und zu wandeln, zumal wenn man ſelbſt auf ebener Bahn glatt dahin rollt und in ſeiner jugend⸗ lichen Phantaſte einen Berg für ein Thal und ein Thal für einen unmäßig hohen Berg hält. Doch ich muß nun wohl über mich ſelbſt einige Worte hinzufügen, denn es wird Zeit, daß der Leſer auch meine Beſtrebungen und Wünſche während der eben erwähnten ſieben Jahre kennen lernt. Ich hatte während dieſer Zeit faſt ununterbrochen verſchiedenen literariſchen Studien und Unterſuchungen meine ganze Kraft gewidmet und kann wohl ſagen, daß ich nicht allein ſehr fleißig geweſen war, ſondern ¼ auch manchen ſchönen Erfolg hinſichtlich meiner eigenen Ausbildung und Geiſtesklarheit erzielt hatte. Meine Freunde waren nicht ſo durchaus im Unrecht, wenn ſie behaupteten, ich ſei auf dem beſten Wege, ein trockner Gelehrter und Bücherwurm zu werden, denn mich zog mein freundlich gelegenes Arbeitszimmer mit ſeinen Karten, Büchern, Schriften aller Art auf eine wunderbare Weiſe an und wenige Vergnügungen außer demſelben wogen die Luſt und die Befriedigung auf, die ich bei und durch die Arbeit ſelbſt empfand. Ja, ich vertiefte mich oft ſo ſehr in die ſchwarzen geheim⸗ nißvollen Charaktere der Bücher in allen Sprachen und aus allen Zeitaltern, daß Bruno nicht ſelten mit — — 17 Gewalt mich denſelben entriß und ſich heftig über die Unermüdlichkeit beklagte, die ich in meiner eigenen Geſellſchaft blicken ließ, während ich in jeder anderen ſehr leicht ermüdete, das heißt mit deutlich erkennbarer Sehnſucht nach meinem Arbeitstiſch zurückblickte. In den erſten Jahren unſers Aufenthalts zu Adersbach hatte ich mit großem Fleiße unſre Erdumſeglungsreiſe niedergeſchrieben, alle unſere Erfahrungen geſammelt und ſie für die Leſewelt in Geſtalt eines populären Vortrages zurecht gelegt. Ein Künſtler aus Prag, der uns auf meine Veranlaſſung ſehr häufig beſuchte, hatte mit geſchickter Hand verſchiedene, ſehr wohl ge⸗ lungene Illuſtrationen dazu geliefert, und da die Mit⸗ tel vorhanden waren, hatte ich ſie auch in Kupfer ſtechen laſſen, um dann das Ganze in anſchaulicher Weiſe dem Publicum im Druck vorzulegen. Als ich mit dieſer Arbeit zu Stande gekommen, hatte ich unſre Sammlungen in Gemeinſchaft mit einem Gelehrten von der Univerſität Prag ſyſtematiſch geordnet und in einem Saale des Schloſſes aufgeſtellt. Alle dieſe Ar⸗ beiten hatten zu neuen Studien Veranlaſſung gegeben, ich hatte mich immer ſelbſtvergeſſener in die uner⸗ gründlichen Quellen menſchlichen Wiſſens und menſch⸗ licher Erfahrungen vertieft, und wenn ich einmal zum Nachdenken über mich ſelbſt kam und an meine Zu⸗ Der Sohn des Gärtners III. aaaaaaaa e—— — unft dachte, ſo ſah ich alle Tage mehr ein, daß, wenn ich ſo fortfahren würde, wie ich begonnen, mein Daſein ſehr gleichmäßig ſich abſpinnen und ich, ohne es zu ahnen, ein grauer und der äußeren Welt völlig entzogener Mann werden und bleiben würde. Das wäre nun allerdings kein beſonderes Unglück geweſen, allein daß auf dieſe Weiſe mein Leben ſpurlos ver⸗ rinnen würde, hatte ich früher nie geglaubt, wie es ja auch nie meine Abſicht geweſen war, nur mir ſelbſt und meinen Ideen zu leben, ohne der Welt irgend einen Nutzen zu bringen. Denn auch ich, obgleich ich ohne allen, Geiſt und Herz verzehrenden, ſelbſt⸗ quäleriſchen Ehrgeiz war, hatte wohl wie andere junge Renſchen meine perſönlichen Wünſche und Hoffnungen gehegt; auch mir war ein öffentliches Wirken, mit Nutzen für das Allgemeine und mit Auszeichnung für Ziel erſchienen, und der innere Drang, mein Glück meine Perſon, immer als ein ſehr begehrenswerthes und meine Exiſtenz mehr meinen eigenen Kräften und Fähigkeiten als dem Wohlwollen und der Freigebig⸗ keit meines hochſinnigen Freundes zu verdanken, hatte nicht ungehört an meine Bruſt geklopft und ſie zu ſtärkerem Wogen veranlaßt. Immer aber, wenn dieſe Wünſche in mir lebendig wurden, zog mich der Ge⸗ danke an Bruno, an unſer ruhiges, friedfertiges Leben — 19 und die Erinnerung an die uns ſo feſt verknüpfenden Verbindungen früherer Tage von dieſem Wunſche zurück, und nur von Zeit zu Zeit, wenn ich allein war, auf einſamen Wanderungen oder in der Stunde der Erſchöpfung nach langer Arbeit, brach das alte Streben wie eine nicht völlig vernarbte Wunde in mir von Neuem wieder auf. In ſolchen Momenten ſehnte ich mich nochmals in das friſchwogende Leben hinaus, ich wollte wieder wagen und ſchaffen, wieder ſammeln und einſchachteln, um für eine noch ſpätere Zeit Honig und Wachs in Fülle für mein ſtilles Haus zu gewinnen. Zu ſolcher Stunde kam mir das kleine Stillleben, wie ich es in Adersbach führte, zu eng und zu matt vor, ich fühlte, daß ich noch Beſſeres leiſten, daß ich meine Kräfte mit den Kräften Anderer meſſen könne, und wenn ich dabei einer Art ſtill⸗ liſpelnder Ahnung vertrauen wollte, ſo ſchien es mir, als ob mir eine noch reichhaltigere Quelle des Ler⸗ nens und Erfahrens vorbehalten ſei, die ich nur zu ſuchen brauche, um aus ihr einen köſtlichen Labetrunk zu ſchlürfen und mein Herz wie meinen Geiſt mit lebendigerem Inhalte zu füllen. Kam mir aber nach ſolchen Augenblicken Bruno wieder vor Augen, ſah ich ſein kräftiges Walten und Schaffen um mich her, begrüßte er mich mit der immer gleichen herzlichen Miene und Stimme, dann fiel ich wieder in den alten Bann zurück und glaubte die Ueberzeugung zu ge⸗ winnen, daß es mir doch nur von der Vorſehung be⸗ ſtimmt ſei, an ſeiner Seite und mit ihm zu altern und ſo meine Kräfte und Fähigkeiten ungenutzt mit meinem Leben hinſchwinden zu ſehen. Dieſer ſeltſame Zwieſpalt in meinem Innern machte mich oft traurig und rief wiederholt Zweifel gegen mich ſelbſt und an meiner Befähigung in mir wach. In ſolcher Stimmung zog ich mich gern von allem Umgang zurück, wogegen indeſſen Bruno, wenn er ſie merkte, wirkſam einſchreiten zu müſſen glaubte, indem er oft genng ſeine Meinung dahin ausſprach: es ſei meine Pflicht, etwas mehr Zeit auf meine Zerſtreuung zu verwenden, ich ſolle die Arbeit in den erſten beſten Winkel werfen und auf neue Reiſen gehen; die Wahl ſtände mir freigund die Mittel dazu lägen jeden Augenblick bereit, ſobald ich ſie nur verlangen würde. Solchen freundlichen Aufforderungen war bisweilen ſchwer zu widerſtehen, allein ich widerſtand ihnen aus alter Gewohnheit, arbeitete ruhig fort und blieb wo ich war, weil ich nicht glaubte, ferner noch ohne mei⸗ nen Freund freudig und heiter leben zu können. Und was konnte ich auch eigentlich Beſſeres verlangen und erreichen, als was ich ſchon vollauf beſaß? Hatte ich, der Sohn des armen Gärtners in W... es nicht weit genug gebracht? War ich nicht der Freund und Gefährte eines reichen, großen Mannes, eines Fürſten⸗ ſohns und jetzt ſelbſt Fürſten geworden? Waren nicht alle meine menſchlichen Bedürfniſſe weit über meine Erwartung hinaus befriedigt? Konnte ich Größeres wünſchen, angenehmer leben, herzlicher geliebt und ge⸗ achtet ſein?„O nein!“ ſagte ich mir oft und doch ſagte dazwiſchen wieder mein Herz:„O ja!“ denn eben dieſes Herz war todt in mir, lag trocken und verödet in meiner Bruſt; keine ſüßere Regung, kein höheres Streben füllte meine Seele aus und ein Tag verging wie der andere, ohne daß ich mir ſelbſt hätte zulächeln und ſagen können:„Heute haſt Du einen Fortſchritt im Leben gemacht, Du haſt ein Glück empfunden, wie auch andere Menſchen es empfinden und bedürfen, um ſich in ihrem irdiſchen Daſein wohl und behaglich fühlen zu können.“ Alles dies fiel nach Ablauf jener ſchon erwähnten ſieben Jahre mit Centnerſchwere auf mein Herz, als ich mich plötzlich und unerwartet in Adersbach ver⸗ einſamt und gerade mit einer neuen größeren Arbeit beſchäftigt fand. Es war nämlich eines Tages ein Brief aus W... angekommen, der die Meldung brachte, daß der alte Fürſt daſelbſt ſchwer erkrankt — und die Fürſtin es für erſprießlich halte, wenn Bruno poeerſönlich erſchiene und ſeinem Vater ſich vorſtellte. Wolle er mit ſeiner Frau nicht im Schloſſe wohnen, ſo ſtände das bairiſche Häuschen für ihn bereit und er könne dort alle Bequemlichkeiten finden, an die er in Adersbach gewöhnt ſei. So ungern Bruno ſich zu einer Reiſe nach W... entſchloß, ſo beſiegte doch der Gedanke an die ſchwere Krankheit ſeines Vaters alle Bedenklichkeiten, und noch an demſelben Abend, nur von dem alten Wald⸗ ſtein und Herrn von Transfeld begleitet, reiſte er mit Frau und Kindern ab, um die Verbindung mit den Seinigen, die ſeit ſeiner Verheirathung vollſtändig abgebrochen war, endlich wieder herzuſtellen. Ich, der ihn ebenfalls hatte begleiten ſollen, lehnte aus einer mir noch heute unbegreiflichen Laune ſeine Auf⸗ forderung ab, und da er wußte, wie ungern ich mich in W... wieder in den alten Verhältniſſen ſehen würde, ſo gab er meinen Bitten nach und ließ mich in Adersbach allein zurück. Nie in meinem Leben hatte ich, mich ſo einſam und verlaſſen gefühlt wie damals. Die ganze Welt ſchien mir plötzlich wie ausgeſtorben und alle Verbin⸗ dungen mit ihr däuchten mir abgeriſſen, ohne irgend eine mögliche Wiederanknüpfung. Daher kam es denn 23 wohl, daß ich bald nach der Abreiſe des Fürſten faſt Reue über meine Weigerung, ihn zu begleiten, empfand, und hätte er mir nur eine einzige Zeile zukommen laſſen, daß er meiner entbehre, ich wäre ihm auf der Stelle mit Courierpferden nachgereiſt. So ſeltſam raſch wechſeln die Stimmungen im Menſchenleben, das dadurch nur zu ſehr ſeine Gebrechlichkeit und Schwäche enthüllt. Und doch möchte ich ohne die Möglichkeit dieſes Wechſels nicht Menſch ſein, denn er iſt es allein, der ihn hebt und trägt auf der ſchaukelnden Woge des Daſeins, und nur die Bewegung, im In⸗ nern wie im Aeußern, ſchützt ihn vor geiſtigem und leiblichem Tod. Als ich damals einen Tag wie den anderen ruhig und ungewandelt aus der Nacht hervorgehen ſah, kam ein merkwürdig ebbeartiges Gefühl über mich. Mir war zu Muthe, als würde mich das Einerlei des Lebens erdrücken und als hätte ich meine Aufgabe in demſelben ganz und gar verfehlt. Ein nie empfun⸗ denes Sehnen in die Weite, die Fremde, einem un⸗ bekannten Ziele zu, erfaßte mich mit täglich wachſen⸗ dem Ungeſtüm. Wohin ich auch blickte, rückwärts und vorwärts, überall ſchien mir das Licht der bele⸗ benden, erwärmenden Sonne zu fehlen, und ich glaube, ich wäre ernſtlich krank geworden, wenn mein Allein⸗ ſein noch läͤnger gedauert hätte. Als es aber gerade am ſchlimmſten mit mir ſtand, da kam die Hülfe zur rechten Zeit. Der Fürſt kehrte mit ſeinem ganzen Gefolge nach vier Wochen zurück— jedoch wie um⸗ geſtaltet trat diesmal ſeine ganze Erſcheinung vor mich hin! Er ſchien ein ganz Anderer geworden zu ſein, denn theils ſtrahlte er von einer mir noch unbekann⸗ ten Freude, theils betrachtete er mich mit einer, wie mir vorkam, nur mit der größten Mühe zurückgehal⸗ tenen Aufregung, die größer und intenſiver war, als ſie die Freude des Wiederſehens veranlaſſen konnte. Er, der ſtets ſo ruhig, feſt, ſicher aufgetreten war, in deſſen Bewegungen ſogar immer eine Art plaſtiſcher, würdevoller Ruhe gelegen hatte, war lebhaft, beweg⸗ lich, beinahe unſtät geworden; ſeine lauten Begrüßun⸗ gen, ſein ſeltſames Anſtarren meiner Perſon wollten kein Ende nehmen und niemals hatte er mir ſo viel zärtliche Aufmerkſamkeiten erwieſen, wie gerade jetzt. Verwundert ſtand ich, als ich zum erſten Male wieder allein mit ihm war, vor ihm, ſuchte in ſeiner Seele zu leſen und konnte die Zeit nicht erwarten, bis er mir ſeine Erlebniſſe mittheilen würde. „Du bringſt diesmal viele Neuigkeiten mit,“ re⸗ dete ich ihn an,„und wie aus dem Glanze Deines Geſichts hervorgeht, nur gute.“ —2³ 25 „Gewiß, mein Freund, ſehr gute; dann aber— da Du doch Alles wiſſen mußt— auch ſchlimme. Höre mir zu. Zunächſt theile ich Dir mit, daß mein Vater geneſen iſt und daß ich— ja!— pöllig mit ihm ausgeſöhnt bin.“ „Ah, daher Deine überſprudelnde Freude, nun erkläre ich es mir. Das finde ich natürlich.“ „Nur Geduld! Ja, ich bin mit ihm ausgeſöhnt und er hat ſogar Elsbeth und unſre Kinder kommen laſſen und ihnen die freundlichſten Worte geſagt. Freundliche Worte von ihm aber kommen, wie Du weißt, den Liebkoſungen anderer Menſchen gleich. Auch meine Mutter war liebevoll gegen die Kinder und beklagte den unbegreiflich hartnäckigen Wider⸗ ſpruch meiner Schweſter. Doch davon nachher.— Jetzt aber muß ich von Deiner Mutter ſprechen,“ ſetzte er leiſer und von ſeiner lauten Freude gleichſam ſtill in ſich zurücktretend hinzu, ſo daß ich ſofort die Einſicht gewann: was er mir von meiner Mutter zu berichten habe, werde nicht ſo heiter lauten wie das bisher Vernommene. „Meine Mutter?“ fragte ich mit bebender Lippe. „Wie kommſt Du ſo plötzlich auf die? Sie lebt ja nicht mehr in W... Wo haſt Du ſie denn geſehn?“ „Aber ſie war doch in W..., Kurt, wenn auch nur auf kurze Zeit. Sie kam dahin, um noch einmal ihre Bekannten zu beſuchen, aber leider auch, um— nachdem ſie ſie geſehen— zu erkranken.“ „Ah!“ rief ich plötzlich von einer unwillkürlichen Ahnung ergriffen, aus—„Dein Geſicht verräth mir Alles— Du willſt mir ſagen, daß— ſie geſtor⸗ ben iſt!“ „Ja, mein Freund, faſſe Dich— ſie iſt todt!“ „Todt! O! Und ſo ſchnell? Wie kam das?“ „Sie ſtarb ſehr ſchnell, ja. Am Morgen war ſie noch geſund und am Abend ſchon todt. Sie wohnte in der Stadt, und auf dem Schloſſe wußte man nichts von ihrer Krankheit. Als aber von Dir eines Tages die Rede war, ſagte mir meine Mutter, daß Deine Mutter in W.. ſei und daß ſie ſie geſprochen habe; es würde ihr vielleicht wohl thun, mich nach Dir fra⸗ gen zu können. Als ich das hörte, ging ich zu ihr, um ſie zu beſuchen. Es war kurz vor Mittag. Das war der Tag ihrer Krankheit und ihres Todes. Der Arzt ſagte, ſie litte an der Brechruhr. Als ſie mich ſah und erkannte, flog das letzte Lächeln auf Erden über ihr ſo ſanftes und leidendes Geſicht. Sie hatte nur Deinen Namen auf den Lippen. Sie fragte mit der liebevollſten Zärtlichkeit nach Deinem Befinden und endlich— trug ſie mir die letzten Grüße an Dich— 27 auf, da ſie fühlte, daß ihr Ende mit raſchen Schrit⸗ ten herannahe.“ Ich ſank auf einen Stuhl, denn dieſe Nachricht ergriff mich tief und ſchmerzlich, zumal ſie ſo uner⸗ wartet kam. Meine Mutter war in der letzten Zeit immer ſo geſund geweſen, vor wenigen Wochen hatte ich noch die herzlichſten Briefe und ihren Dank für meine ihr zum Geburtstag geſandten Geſchenke erhal⸗ ten, und nun war ſie ſchon nicht mehr am Leben. O welcher, zu meinen anderen hinzukommende, neue herbe Schmerz! Obwohl ich ſeit meinem zwölften Jahre von meiner Mutter getrennt gelebt, ſo hatte ich ihr doch ſtets die Gefühle eines dankbaren Kindes be⸗ wahrt und meine Liebe zu ihr hatte ſich zwar nie in lauten, ſtürmiſchen Ergießungen, ſtets aber in einer ſanften, warmen Neigung geoffenbart. „Faſſe Dich und bezwinge Deinen Schmerz,“ ſagte der Fürſt in ſeiner gewöhnlichen früheren Ruhe,„es iſt ja auf keine Weiſe zu ändern. Als Menſch weißt Du, daß wir Alle ſterblich ſind, und als Mann mußt Du Dich in das Unvermeidliche fügen. Sieh— die⸗ ſen Ring gab mir Deine Mutter für Dich zur Erin⸗ nerung an ſie— ihre übrigen kleinen Beſitzthümer hat ſie aber ihren ärmeren Verwandten vermacht, wo⸗ mit Du wohl einverſtanden ſein wirſt, da Du durch mich viel reicher bedacht biſt als ſie Dich jetzt hätte bedenken können.“ „Woher weißt Du das Alles ſo genau?“ fragte ich ohne eigentliche Ueberlegung, vielmehr nur um in meinem ſtumpfen Gefühle eine meinen Kummer ab⸗ lenkende Frage zu äußern. „Ich kam zufällig hinzu, als ſie ihr Teſtament machte,“ erwiderte der Fürſt.„Man hatte auf ihr Verlangen raſch Anſtalten dazu getroffen. Doctor Hünerbein, her ſie behandelte, ward zum Teſtaments⸗ vollſtrecker ernannt, und er wird Dir in dieſen Tagen das Nähere darüber mit den nöthigen amtlichen Be⸗ richten mittheilen. Ich ſage Dir nur, was ich weiß und was mir Deine Mutter ſelbſt ſagte.“— Zwei Tage war ich nach Empfang dieſer Nach⸗ richt zu jeder Arbeit unfähig und ſie verbitterte mir die ſo lebhaft erſehnte Rückkehr meines Freundes. Während dieſer Zeit durchging ich in Gedanken das eigenthümliche Verhältniß, welches zwiſchen mir und meiner Mutter obgewaltet. Wir hatten eigentlich nicht viel Genuß von einander gehabt, und doch hat⸗ ten wir uns, namentlich in meinen Kinderjahren, ſo überaus zärtlich geliebt. O wie gern hätte ich, ſie jetzt noch einmal geſehen, ſie noch einmal an mein Herz gedrückt! Aber dieſer Wunſch kam nun zu ſpät. Erſt wenn unſre Lieben in der Erde ruhen, fühlen wir, was ſie uns geweſen ſind und wie wenig Zärt⸗ lichkeit— Alles in Allem gerechnet— wir an ſie verwendet haben! Nach dieſen zwei Tagen, in denen Niemand meine Gedanken unterbrach und meinen Schwerz ſtörte, kam der Fürſt abermals zu mir. „Kurt,“ ſagte er mit herzlichem Tone und ermun⸗ ternder Miene,„haſt Du nun Dein Leid bezwungen?“ „Es ſtürmt nicht mehr in mir, aber es bläſt ein wehmüthiger Wind durch meine Seele und ich möchte nach W... reiſen, um wenigſtens noch einmal auf dem Grabe meiner Mutter zu ſitzen.“ Das magſt Du ſpäter thun; für jetzt weiß ich erpas ganz Anderes und viel Wichtigeres für Dich. Ich habe nämlich noch andere Neuigkeiten von meiner Reiſe mitgebracht, die ich Dir aber erſt mittheilen wollte, nachdem Du über den Verluſt der Mutter in Ruhe gekommen wärſt. Haſt Du jetzt Aufmerkſam⸗ keit genug für meine neuen Nachrichten?“ Er ſprach dies mit merklich erhobener Stimme und, wie mir vorkam, mit auffallend belebtem Athem. Ich verſicherte ihm, daß ich völlig bereit wäre, Alles aufmerkſam anzuhören, was er mir zu ſagen haben würde. ————— —— 2—*—— Er ſetzte ſich ſodann mir gegeniber auf einen Stuhl, ſah mir feſt in's Auge und fing folgendermaßen zu ſprechen an: „Kurt, ich habe in W... ganz genaue Nachrichten über meine Schweſter erhalten; meine Eltern waren von jeder Kleinigkeit unterrichtet. Sie wird wahr⸗ ſcheinlich bald Wittwe ſein, ihr elender Mann liegt im Kloſter zu Z... auf der Gränze zwiſchen Italien 3 und der Schweiz, in den letzten Zügen. Da will ich mich denn mit ihr ausſöhnen, ich muß es, länger halte ich dieſe unnatürliche Zwietracht nicht aus. Sie bedarf eines kräftigen männlichen Beiſtandes, eines wahren Freundes, und wer kann ihr das mehr ſein als ich! Wie alle Nachrichten übereinſtimmend lauten, liegt ſie in den Händen von Menſchen, die es keineswegs gut mit ihr meinen. Man zwickt und zwackt ſie, wo man kann, man ſchmeichelt ihr und verdirbt ſie, man flüſtert ihr Liebesworte zuͦ und will ſich nur an ihr bereichern.. Das muß anders werden oder ſie geht zu Grunde.— Könnte ich bei ihr ſein, es würde ſich Alles bald anders geſtalten, aber ſo lange ihre Abneigung gegen 4 mich dauert, geht das nicht und zwingen mag ich ſie nicht, mir zu lächeln. Ich kann alſo jetzt nicht hin und mag auch nicht— ſtatt meiner aber— ſollſt Du zu ihr gehen,“ „Wie? Willſt Du mich als D Deinen Abgeſandten zu ihr ſchicken? Würde ſie mich als ſolchen anerken⸗ nen? Würde ſie meinen Rathſchlägen eben ſo leicht folgen wie den Deinigen?“ Der Fürſt lächelte ſeltſam.„Nein,“ ſagte er,„als mein Abgeſandter— öffentlich von ihr als ſolcher empfangen und anerkannt— ſollſt und kannſt Du nicht zu ihr gehen. Ich habe mir das Alles wohl überlegt. Im Gegentheil, ſie muß gar keine Ahnung von dem eigentlichen Zweck Deiner Sendung haben, ſonſt erreichſt Du ihn nicht. Du mußt alſo ganz im Stillen bei ihr wirken, allmälig ihr näher rücken, wie ein ſchlauer Feind einer ſtark vertheidigten Feſtung unmerklich näher rückt. Haſt Du ſie aber ſicher mit Deinen geſchickt angelegten Minen umgeben, ſind alle Unternehmungen gereift— dann verſuchſt Du einen kühnen Sturm und die Feſtung iſt unſer!“. „Das iſt ja ein förmlicher Feldzug!„ rief doh, entftammt von einer lange nicht empfundenen Freude, und fühlte plötzlich eine ungeheure deneaſt und Sturmesmacht in meinem Innern aufblitze „Ja, ja,“ fuhr er fort,„das iſt es und ich halte Dich für einen guten Feldherrn, weshalb ich Dir auch die Eroberung dieſer für mich ſo werthvollen Feſtung übertrage.“ —— 1 32 „Aber wie ſoll ich denn in ihre Nähe gelangen und unangefochten meine Minen legen?“ „Ja, ſiehſt Du, das war allerdings der ſchwierigſte Punkt und nur dem Zufall oder der Vorſehung konnte es gelingen, uns den richtigen und zugleich einen ſehr bequemen Weg zu bahnen. Lies einmal dieſe Zeitung — hier— dieſe Aufforderung— lies!“ Ich nahm das Blatt, welches er aus der Taſche zog, und las darin eine Aufforderung vom Hofmarſchall⸗ amt zu B..., daß man für die Ordnung der etwas vernachläſſigten Schloßbibliothek, die eine der ſchönſten und reichhaltigſten im ganzen Lande war, an Stelle des unheilbar erkrankten Bibliothekars einen geeig⸗ neten Gelehrten ſuche, der die lange vergrabenen Schätze dem öffentlichen Gebrauche zurückgeben ſolle und, wenn er ſich und Andern daſelbſt gefalle, als Hofbibliothekar ſeine dauernde Stellung in B... fin⸗ den könne. Als ich mit Leſen fertig war, lächelte ich heimlich, denn dieſer Aufruf kam mir wie für mich geſchaf⸗ fen vor. „Nicht wahr,“ ſagte der Fürſt,„das iſt etwas für Dich? Alle Deine ſtillen, lang gehegten Wünſche werden dadurch wie auf einen Schlag erfüllt. Du trittſt in eine neue, bewegtere, größere Welt. Neue Perſonen und Verhältniſſe wirken auf Dich und bringen Dein träges Blut in friſchen Umlauf. Nebenbei— für mich die Hauptſache— geräthſt Du in die Nähe meiner Schweſter. Es knüpfen ſich die alten Ver⸗ bindungen zwiſchen Dir und ihr von Neuem an. Sie ſieht Dich und alle ihre Rrüberdn Neigungen erwachen in ihrer Seele. Sie, die Dir von jeher wohlgewollt hat,— das kann ich Dir, wenn Du es nicht weißt, jetzt auf mein Ehrenwort mittheilen— zieht Dich an ſich. Sie kann nicht umhin, Dir ihr Vertrauen zu ſchenken— ſie begehrt in manchen Dingen Deinen Rath oder forſcht Dich aus. Du giebſt ihr den beſten Rath, den Du haſt, und wenn Du nicht mehr weiter kannſt, wagſt Du einen kühnen Schritt und verweiſeſt ſie an mich. Siehſt Du nun die Möoöͤglichkeit Deines ſieggekrönten Sturmes ein? Fühlſt Du nun, was ich durch dieſe Eroberung gewinne? Ich werde mit ihr ausgeſöhnt, ich fliege zu ihr— ich bin und werde ihr natürlicher Beſchützer, und jeder von uns Beiden hat einen herrlichen Vortheil davon. Natürlich gehſt Du nur ſehr langſam und vorſichtig zu Werke. Eile mit Weile führt ſicher zum Ziel. Daß es Dir in B... an Nichts fehle, wenn man Dir anfangs keine bedeutende Stellung anweiſt, dafür laß mich ſorgen. Und wenn Du auch von unten auf dienen und Dih Der Sohn des Gaͤrtners. III. 3 34 vor einigen dortigen Gewalthabern beugen mußt, diene und beuge Dich, mir zu Liebe. Endlich kommt Dein guter Wille, Deine natürliche Begabung doch zum Durchbruch und Du wirfſt alle ihre nichtsnutzigen Günſtlinge zu Boden und ſtehſt triumphirend— für mich triumphirend— über ihnen. Gefällt Dir das?“ „O ja, das gefiele mir wohl, obgleich ich Deine ſtegreiche Meinung von meinen Erfolgen noch nicht ſo ganz theilen mag, wie ich Dich überhaupt erſt in dieſem Punkte deutlicher verſtehen lernen muß. Biſt Du denn zunächſt ſo feſt überzeugt, daß man mich in B... haben will?“ Bruno lächelte auf eine ganz beſondere Weiſe, mehr innerlich als äußerlich, möchte ich ſagen.„Ich zweifle keinen Augenblick daran,“ erwiderte er,„und um gar nicht in die Irre zu laufen, bin ich ganz gegen meine Art einmal höchſt diplomatiſch zu Werke ge⸗ gangen. Nicht ich ſelber ſchrieb Deinetwegen nach B..., ſondern mein Vater that es auf meine Bitte an meiner Statt, empfahl Dich ſehr warm und glaubt Dir damit einen guten Dienſt erwieſen zu haben. So erwarte ich denn täglich eine Antwort, die natür⸗ lich über W... kommen wird, und Du magſt Dich, bis ſie eintrifft, immerhin auf Deine neue Stellung vorbereiten.“ 3⁵ Nachdem wir noch längere Zeit über das Vor⸗ liegende hin und her geſprochen und ich mich bei meinem Freunde bedankt hatte, als hätte ſeine Be⸗ mühung ſchon die erwartete Frucht getragen, entfernte ich mich, um über das neue Verhältniß, in welches ich möglicher Weiſe treten konnte, ungeſtört nachzu⸗ denken. Dieſes Nachdenken aber wurde von köſtlichen Hoffnungen begleitet, denn ich ſah mich in eine neue thatenreiche Laufbahn verſetzt, meine ſtockenden Säfte kamen in Fluß, meine ſchlummernden Kräfte ermun⸗ terten ſich, und als würde ich ſchon von dem friſchen Blute eines neuen Lebens durchſtrömt, träumte ich mir goldene Berge, wie ſie eine lebhaft angehauchte Phantaſie in der Regel in neuen Verhältniſſen er⸗ blickt, die das alltägliche, abgenutzte Daſein auffriſchen oder eine lang gehegte Hoffnung endlich in Wirklich⸗ keit verwandeln ſollen.. Schon am nächſten Tage packte ich meine Arbei⸗ ten ſorgſam ein und ſchlug meine Bücher zu, denn ich wollte die Zeit, die ich noch in Adersbach zu ver⸗ leben hatte, nützen, indem ich ſie ohne Abbruch mei⸗ nen Freunden widmete, die ich nun bald auf lange Zeit, wenn nicht für immer verlaſſen ſollte. Indeſſen vergingen noch einige Wochen, bevor von W... aus die erwartete Antwort einlief; ſie lautete, wie Bruno ——y—— —— 36 es vorausgeſagt, bejahend dahin, daß man geneigt ſei, Herrn Flemming das Amt eines Hofbibliothekars in B... zu übertragen, falls die damit verbundene Dotation, die angegeben und eigentlich ſehr unbedeu⸗ tend war, ſeinen Erwartungen entſpräche. Es ſei, hieß es weiter, mit dem Amte auch eine Dienſtwoh⸗ nung im fürſtlichen Schloſſe verbunden, für's Erſte aber und ſo lange der bisherige Bibliothekar noch lebe, müſſe Herr Flemming ſich mit einer kleineren darin begnügen. Dieſe Bedingungen wurden von mir nur einer kurzen Prüfung unterworfen und da mein Freund mir zu jenem unbedeutenden Gehalte einen ſehr bedeuten⸗ den Zuſchuß verhieß, ſo unterlag meine Annahme der dargebotenen Stelle keinem Bedenken. Erſt als meine zuſagende Antwort nach B... ab⸗ gegangen war, fiel mir der Gedanke ſchwer auf die Seele, daß dieſe neue Lebensepoche nothwendig mit einer Trennung von Bruno beginne, und das war eben kein angenehmer Anfang. Wir hatten einund⸗ zwanzig Jahre zuſammengelebt, die ganze Erde um⸗ reiſt, Freud' und Leid mit einander getragen und uns ziemlich gleiche Anſichten über die Verhältniſſe dieſer Welt angeeignet. Außerdem verband uns eine faſt brüderliche Zuneigung, die durch alle dem Leſer —— 37 geſchilderten Erlebniſſe von Jahr zu Jahr inniger geworden war, und nun ſollte das Alles wenigſtens durch eine äußere Trennung zerriſſen werden! Das war kein leichtes Unternehmen für uns Beide und am wenigſten für mich. Dennoch hielt ich keinen Augen⸗ blick den Schritt für unmöglich, ſchwer mochte er ſein, ja, und ſogar manches Weh im Gefolge haben, allein ein unbeſtimmter dunkler Trieb ließ mich meine Blicke hoffnungsvoll auf die Zukunft richten, das Getriebe eines vielleicht großartiger, als es in Wirklichkeit war, geträumten neuen Lebens lockte mich unwiderſtehlich an und— die Trennung ward beſchloſſen und ſchon auf die nächſten Tage unwiderruflich feſtgeſetzt.„Die Sterne ſtehen günſtig,“ ſagte ich mir, indem ich mir ſelbſt Muth einſprach,„es kommt allein auf Dich an, den Schatz des Lebens zu heben und die Fülle ſeiner Genüſſe auszubeuten; geh' alſo vorwärts und verſuche zu leiſten und zu vollbringen, was Du kannſt!“ Ich machte mich alſo wieder einmal reiſefertig. Meine Bücher, Schriften und ſonſtigen durch die Ge⸗ wohnheit mir liebgewordenen kleinen Beſitzthümer gin⸗ gen mir in einigen großen Kiſten voraus Fund meine Kleider, Wäſche und was dergleichen mehr iſt, wollte ich in verſchiedenen Koffern ſelbſt mit mir nehmen. Am Tage meines Abſchieds von Adersbach durch⸗ — — —ÿ——— S ———— — ꝗ—ꝭ—— —— 38 tobten mich ſonderbare Empfindungen und noch ein⸗ mal trat mein Vorhaben mit ganzer Klarheit in aller ſeiner meine Zukunft umgeſtaltenden Bedeutſamkeit mir vor die Seele. Es iſt nichts Geringfügiges, im vor⸗ gerückten Lebensalter eine neue Laufbahn einzuſchlagen, vor der man nicht weiß, zu welchem Ziele ſie führen und ob ſie den ſtillen Wünſchen in unſrer Bruſt ge⸗ nügen wird; wie es mir aber auch dabei ergehen würde, aushalten in dem neuen Berufe— das hatte ich mir feſt vorgenommen— wollte ich mit aller Conſe⸗ quenz meines ſtählernen Charakters und mit aller Zähig⸗ keit eines von Jugend auf nach einem höheren Ziele ſtrebenden Herzens. Selbſt wenn mir unerwartete Stürme entgegen blieſen, wollte ich nicht verzagen, ankämpfen gegen jeden und beſiegen auch den ſtärkſten Feind, wenn er mir nahen ſollte, denn, wenn ich in der Darlegung meiner damaligen Gefühle aufrichtig ſein will, ſo demüthigte mich faſt das Bewußtſein, immer auf den Armen Anderer getragen zu ſein und nie den Flügelſchlag meiner eigenen Kräfte verſucht zu haben. Jetzt endlich konnte ich beweiſen, daß ich auch fähig ſei, mit eigener Bruſt durch den Strom des Lebens zu dringen. Der Gedanke an Das, was ich aufgab, an die Genüſſe, an die ich gewöhnt war und nun einbüßte, trat mir nicht nahe, wie Mancher 39 vielleicht erwarten dürfte, ich war nicht ſo lecker und weichlich, darauf ein übergroßes Gewicht zu legen. Meine urſprüngliche einfache Natur war durch Auſtern, Champagner und ein auserleſenes Deſſert nicht ver⸗ dorben und verfeinert, ich konnte ſehr leicht und ohne mich unglücklich zu fühlen, mit Geringerem vorlieb nehmen, ja ich ſehnte mich ſogar danach, einmal ein kleines Minus zu verſuchen, wo ich ſo lange im Plus geſchwelgt hatte, und das Brod, welches ich mir durch meiner Hände Arbeit verdiente, ſchien mir nicht min⸗ der ſüß zu ſchmecken, als die köſtlichen Speiſen, die ich dem Wohlwollen und der Freundſchaft Anderer verdankte. Ueberdieß waren meine ſchon erſparten Mittel nicht unbedeutend, der Fürſt hatte mich längſt reich bedacht und auch jetzt gab er mir eine unver⸗ hofft glänzende Ausſteuer noch mit auf den Weg. „Das Beſte aber,“ ſagte er mir, als ich von ihm Abſchied nahm,„das Beſte, was ich Dir geben kann, ſind meine Wünſche, daß es Dir auf Deiner neuen Laufbahn wohl gehen möge, und die Hoffnung, daß Deine Erwartungen wie die meinigen ihre Erfüllung finden. Behalte ſtets den Hauptzweck im Auge, mich mit meiner Schweſter wieder auszuſöhnen, ohne die ich nun einmal nicht leben mag, und gedulde Dich, wenn es anfangs langſam damit vorwärts geht, wie Brief; ich bin gewiß, daß ſein Inh 40 auch ich mich darin gedulden werde. Hier aber habe ich noch zwei Briefe für Dich und beide bewahre ſorg⸗ fältig auf, bis Du ſie zur gehörigen Zeit an die rechte Perſon abliefern kannſt. Beide ſind, wie Du ſiehſt, an meine Schweſter gerichtet. Dieſen hier, den klei⸗ nen, überreichſt Du ihr bei Deiner Ankunft; er iſt beſtimmt, Dich würdig in Deine neue Stellung ein⸗ zuführen. Den zweiten, größeren aber überliefere ich Dir als eine Sache des innigſten Vertrauens zwiſchen uns Beiden. Sein Inhalt iſt ein höchſt wichtiger und nur im höchſten Nothfalle ſollſt und darfſt Du von ihm Gebrauch machen.“. „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte ich, nicht ohne große geiſtige Spannung, da ſein Geſicht und ſeine Stimme in dieſem Augenblick einen überaus ernſten Ausdruck und Ton annahmen. „Verſteh mich recht,“ fuhr er bedachtſam und doch, wie mir ſchien, nur mit Mühe ein feines Lächeln unterdrückend, fort.„Man kann nicht wiſſen, was Dir in B... begegnet und in welche Lebenslagen Du gerathen könnteſt. Sollte Dir dahe— was Gott verhüten möge!— irgend eine Gefahr drohen, ſei ſie beſchaffen, wie ſie wolle, und komme ſie, woher ſie wolle, ſo übergieb meiner Schweſter dieſen zweiten alt Dir in jedem 41 Falle Erleichterung, wenn nicht völlige Hülfe gewähren wird. Möglich allerdings, daß dieſer Fall nicht ein⸗ tritt; dann bleibt er uneröffnet in Deinen Händen und Du giebſt ihn mir zu gelegener Zeit wieder. Sollte indeſſen die Nothwendigkeit, vielleicht ohne Dein Wiſſen, es verlangen, das ſein Inhalt früher an's Tageslicht komme, ſo werde ich ſelbſt ihn veröffentlichen, und dieſe Nothwendigkeit werde ich am beſten aus den Nachrichten entnehmen, die Du mir, Deinem Ver⸗ ſprechen gemäß, von Zeit zu Zeit zukommen läſſeſt. In dieſen Deinen Nachrichten— ich mache Dir das zur unabweisbaren Pflicht— halte mich in genaueſter Kenntniß von Allem, was Du vorfindeſt und was Dir begegnet, ſei aber ſtets darin ſo aufrichtig und wahr, wie Du es viele Jahre lang in allen unſern Geſprächen und Verhandlungen gegen mich geweſen biſt, ja, ich mache Dich ſogar verantwortlich dafür, daß Du mir nicht einmal Deine geheimſten Gedanken und Empfindungen verhehlſt. In Allem alſo erinnere Dich, daß ich der beſte und zuverläſſigſte Freund bin, den Du auf de Welt haben kannſt. Bei mir— in meinem Herzen wie in meinem Hauſe— bleibt Dir immer eine Zufluchtsſtätte offen, wenn Dein Verbleiben in B... durch irgend ein Verhängniß ein immög⸗ liches walden ſollte.“ Nach dieſen Worten, die mich theils rührten, theils in noch größere Spannung verſetzten, weil ſie mit ganz beſonderem Nachdruck und einer eigenthümlichen Gefühlswärme geſprochen wurden, die mein Freund nur bei höchſt bedeutſamen Veranlaſſungen blicken ließ, umarmte er mich und führte mich dann an den meiner harrenden Wagen, nachdem ich ſchon zuvor von allen Seinigen den herzlichſten Abſchied genommen hatte. 4* Sweites Bnpitel. Wer ein Meiſter werden will, muß Lehrgeld be⸗ zahlen. Da ich, um nach B... zu gelangen, nur einen kleinen Umweg zu machen brauchte, wenn ich W.. berührte, ſo richtete ich meine Schritte zunächſt nach dieſem Orte. Ich ſehnte mich, meiner Mutter Grab zu beſuchen und beabſichtigte dann mit dem Doctor Hünerbein die erwähnte Teſtamentsangelegenheit zu ordnen. Beides führte ich in kurzer Zeit aus. Von dem Hofmedicus erhielt ich keine näheren Aufſchlüſſe über den Hintritt meiner Mutter, als die mir ſchon Bruno überbracht, und nachdem ich Einſicht in das Teſtament genommen, ſtimmte ich vollkommen dem letzten Willen der Erblaſſerin bei, ihre Hinterlaſſen⸗ ſchaft lieber den ärmeren Mitgliedern ihrer Familie — —— —— — —— — — 44 als mir zu überweiſen, der ja derſelben auf keine Weiſe benöthigt war. Natürlich machte ich auch den hohen Perſonen auf dem Schloſſe zu W... meine Aufwartung und wurde von ihnen ſehr wohlwollend und, wie mir ſchien, mit viel größerer Auszeichnung empfangen, als ſie mir je früher hatten zu Theil werden laſſen. Beide, der Fürſt wie die Fürſtin, trugen mir die herzlichſten Grüße an ihre fürſtliche Tochter auf und wünſchten mir den beſten Erfolg von meiner neuen Stellung. Da ich den Wunſch hegte, noch einmal in aller Ruhe das bairiſche Häuschen zu beſuchen, ſo machte ich mich an einem ſchönen Julitage zu Fuße dahin auf den Weg. Ich fand Alles unverändert vor. Das ſtille Haus lag in ſeinem unantaſtbaren Frieden wie früher da und wehmüthige Erinnerungen tauchten in meinem Geiſte auf, als ich die ſchönen Räume im oberen Stockwerke betrat und dabei an die innerhalb ſeiner Mauern verlebten glücklichen Stunden zurück⸗ dachte. Der neue Hofförſter kannte mich nicht per⸗ ſönlich; als er aber meinen Namen hörte, beeiferte er ſich, mir gefällig zu ſein und erkundigte ſich leb⸗ haft nach den Verhältniſſen ſeines Amtsvorgängers, worin ich ihm vollkommen Genüge leiſten konnte. Während meiner Anweſenheit im bairiſchen Häus⸗ 45 chen aber trug ſich das erſte Unglück zu, welches mir auf meinem neuen Ausfluge in die Welt begegnen ſollte. Schon als ich langſam und träumeriſch den Rückweg antrat, ſah ich von einem Hügelrücken im Walde den Himmel über der Stadt ſich ſeltſam rö⸗ then, und als ich die freier liegenden Höhen erreichte, von denen man einen weiten Ueberblick über die Ferne genießt, erkannte ich, daß in der Reſidenz eine nicht unbeträchtliche Feuersbrunſt wüthe. Mit beflü⸗ gelten Schritten eilte ich der Stadt zu, und wer be⸗ ſchreibt meinen Schreck, als ich das Gaſthaus, in welches ich eingekehrt, in Flammen ſtehen ſah. Das Feuer war ſo raſch ausgebrochen und hatte ſo ſchnell überhand genommen, daß an Rettung der darin be⸗ findlichen Gegenſtände nicht mehr gedacht werden konnte, und unter dem Verlorenen befanden ſich auch die Koffer, in denen meine Kleider, meine Wäſche und viele andere meiner Habſeligkeiten enthalten waren. Trotz des ſehr empfindlichen Verluſtes, der mich ge⸗ rade zur ungelegenſten Zeit betraf, frohlockte ich, daß ich meine Bücher, Schriften und werthvolleren Effec⸗ ten durch die Poſt vorausgeſandt, denn hätte ich auch dieſe verloren, ſo wäre meine Einbuße eine unloih größere und faſt unerſetzliche geweſen. 4 Auf dieſe Weiſe ſah ich mich gensthigt, vhnt alles 46 Gepäck und in dem Zuſtande, wie ich ging und ſtand, die nächſte abgehende Poſt nach B... zu benutzen, wobei ich die Erfahrung machte, daß man ſich im Ganzen außer aller Sorge befindet, wenn man in der Lage iſt, ſich ſelbſt eingeſtehen zu müſſen, daß man nun weiter nichts mehr zu verlieren hat. Dieſer phi⸗ loſophiſche Troſt beruhigte und ſtärkte mich ungemein, und da ich die Mittel beſaß, den Schaden zu erſetzen, ſo bereitete mir nur der Gedanke einige Verlegenheit, daß ich in der That vollſtändig abgebrannt in B... anlangte, wo die mich Empfangenden gewiß keine große Vorſtellung von mir gewinnen würden, wenn ſie mich alles Gepäckes baar in die ſtolze Reſidenz und an den Hof der prachtliebenden Fürſtin von B.. einziehen ſähen. Dennoch konnte ich nicht anders und ſo mußte ich mich in das Unvermeidliche fügen und hoffen, daß der ſpätere Eindruck, den ich her⸗ vorbringen würde, den erſten bald in Vergeſſenheit zu verſenken im Stande wäre. „Wenn dieſer Verluſt aber,“ konnte ich mich nicht enthalten zu denken,„eine Andeutung der anderen Dich erwartenden Verluſte iſt, dann wird es in B... erbaulich werden. Faſſe alſo Muth, Freund, nimm Deine ganze Philoſophie zuſammen und waffne Dich gegen das Kommende dadurch, daß Du Alles leicht 47 nimmſt, was Dir begegnen mag, und erſcheine es an⸗ fangs ſo ſchwer und unbequem wie möglich. Nur mit dieſem Entſchluſſe kommt man über alle Berge leicht und bequem hinweg.“— Wie ich aber auch philoſophiren mochte, ich fühlte mich dennoch durch dies erſte unerwartete Ereigniß etwas mehr eingeſchüchtert, als mir lieb war, und um mich auf andere Gedanken zu bringen, reiſte ich durch Thüringen nach dem kleinen Orte, in welchem meine Mutter bei ihrem nun auch bereits verſtorbenen Va⸗ ter gewohnt und wo noch die Verwandten lebten, denen ſie ihren Beſitz zugewandt hatte. Ich traf ſie alle geſund aber traurig an, denn trotz der ſo unver⸗ hofft angetretenen Erbſchaft ging ihnen der Verluſt meiner Mutter ſehr nahe und ſie vergoſſen in meiner Gegenwart zahlloſe Thränen. Nachdem ich ſie ſo gut ich konnte getröſtet, ſetzte ich meine Reiſe auf der Eiſenbahn fort und erreichte ſehr bald die Gränze des Fürſtenthums, dem ich auf längere Zeit als Beamter meine Kräfte weihen und in dem ich die beſten Jahre meines Lebens verbrin⸗ gen ſollte. Es lag weder in meinem Plan noch Wunſch, demſelben nur vorübergehend anzugehören, denn ich liebte es von jeher, einen einmal betretenen Weg geduldig bis zum Ende fortzuwandeln, ſelbſt 48 wenn er mich auf ungebahnte Pfade führen und mir unverhoffte Schwierigkeiten entgegentragen ſollte. Je näher ich der Reſidenz meiner neuen Gebiete⸗ rin kam, wozu ich mich zuletzt wieder der Poſt bedie⸗ nen mußte, um ſo größer und anhaltender wurde die Spannung meines Geiſtes. Wie würde man mich empfangen, dachte ich, was würde mir zunächſt be⸗ gegnen und welche Zukunft würde mich mein erſter Eintritt hoffen laſſen? Denn eine unbeſtimmte und meine früheren Erwartungen ſogar tief herabſpannende Ahnung ſagte mir, daß Alles, was mir von jetzt an geſchähe, anders ſein würde als bisher, und ſogar mein Schlaf in der letzten Nacht, ſonſt immer ſo feſt und tief, hatte mir im Traume wunderbare Schreck⸗ bilder gezeigt, die mich mehr abmahnten als einluden, näher zu treten, ſo daß ich faſt froh war, als das junge Tageslicht mich weckte und mir ringsum die Wahrnehmung geſtattete, daß der Himmel über mir hnoch blau, die Bäume grün und die Gräſer voll des erquickenden Duftes wären, den ich von jeher ſo ge⸗ liebt und der mich immer ſo freudig geſtärkt, wenn ich ihn auf einem Morgenſpaziergange in den Wäl⸗ dern und Auen Böhmens eingeathmet hatte. Nur ein Gedanke unter allen, die mich ſo nahe an meiner neuen Heimat befielen, war angenehm, 24 49 nur ein Bild, welches mir im Schlafen und Wachen vor der Seele ſchwebte, war klar und ungetrübt. Es war der Gedanke an die Fürſtin, deren Bild um ſo lebhafter in mir erwachte, je mehr ich mich ihr näherte und ſie zu ſehen und zu ſprechen hoffen durfte. Ich durchlief im Geiſte ihr ganzes Leben, ſo lange es mir bekannt war. Ich ſah ſie als Kind, der Elfe gleich, zwiſchen den Blumen im Schloßgarten ſpielen, ich hörte ſie mit den kleinen Vögelchen ſprechen und ach! ich ſah ſie noch einmal in das Waſſer zwiſchen den Eisſchollen verſinken, dem meine Hand in unbewußter Hülfsbereitſchaft ſie entriß. Dann aber wuchs ſie in meiner Erinnerung ſchnell rieſengroß und namenlos holdſelig empor. Ich ſah ſie als ſpielendes halber⸗ wachſenes Mädchen, der Sylphe ähnlich, mit wogen⸗ den Locken und blühenden Wangen von Baum zu Baum hüpfen und Schmetterlinge haſchen, und end⸗ lich ſah ich ſie als wunderbar ſchöne Jungfrau ruhig und majeſtätiſch ſich unter ihren Damen bewegen, mit dem Zauber ihres Lächelns Alle erfreuend und nit der Gluth ihres in heiterſter Bläue ſtrahlenden Auges Jeden verwundend oder entzückend. Damals ſchien ihr ein wonnevolles Eden auf Erden beſtimmt zu ſein; ſie war geliebt, verehrt von Allen, der lei⸗ ſeſte ihrer Winke und Wünſche machte alle Männer Der Sohn des Gaͤrtners. III. 4 — 50 ſelig, wenn ſie ſo glücklich waren, von ihr mit einem ſolchen beehrt zu werden. Und jetzt? Würde ſie auch jetzt noch die reine keuſche Eva im unentweihten Paradieſe ſein? Hatte der verſengende Strahl der Glücksſonne ihre Blüthe nicht geknickt oder der an⸗ haltende Sturm der unheilvollen Mißgeſchicke, die über ihr Haupt hingegangen, ihre Lebensquellen viel⸗ leicht nicht längſt verſandet? Würde ſie noch das holdſelige Lächeln auf den Lippen, den erwärmenden Sonnenblick im ſchimmernden Auge haben? Sie war noch jung, ſechs Jahre jünger als Bruno und ich, und wir zählten erſt dreiunddreißig Jahre. Sie ſtand alſo in dem beneidenswerthen Alter, in welchem das Weib erſt völlig zur Erkenntniß ſeiner ſelbſt und der es umgebenden Welt kommt und wo mit der höchſten Blüthe ſeines Geiſtes die üppigſte Reife ſeiner kör⸗ perlichen Schoͤnheit zuſammenfällt. Wenn ich mich aber ſelbſt betrachtete und die Veränderungen nach⸗ rechnete, die ich durchgemacht, ſo konnte ich mir ſagen, daß auch ſie ſolche erlitten haben müßte, denn ſie hatte heftigere und herzerſchütterndere Stürme über⸗ ſtanden als ich, da die Stürme des Lebens oft ſchwerer zu beſtehen ſind und tiefere Wunden ſchlagen, als die Stürme des Meeres, die allein ich nur ken⸗ nen gelernt. Wie würde ſie mich nun verwenden und mein geringes Wiſſen benutzen? Aus dem Briefe des Hof⸗ marſchalls an den Fürſten von W... ging hervor, daß man mir eine meinen Fähigkeiten entſprechende Stellung in B... anweiſen wolle; hatte denn aber der Herr Hofmarſchall oder die Fürſtin ſelbſt einen klaren Begriff von dieſen Fähigkeiten? Man mußte mich alſo erſt prüfen und das wollte man wahrſchein⸗ lich auch. Ich machte mich daher auf eine harte Probe gefaßt, ſetzte mich gleichſam ſattelfeſt zurecht, konnte aber dabei doch nicht umhin, in ſeltſamer Eigenliebe nach den beiden Briefen des Fürſten zu fühlen, die ich wohlverwahrt in der Bruſttaſche trug, und dabei geheimnißvoll zu lächeln, als hätte ich in ihnen ein Schiboleth gegen allerlei Angriffe und Ge⸗ fahren, die im Hinterhalte lauerten, den man mir vorausſichtlich von mancherlei Seite zu legen bereit ſein würde. Unter ſolchen Gedanken näherte ich mich endlich der fürſtlichen Reſidenz und kam zur Betrachtung der mich umgebenden äußeren Gegenſtände zurück, als der Poſtwagen plötzlich auf härteres Pflaſter rollte und raſſelnd das Thor erreichte, welches der Poſtillon auf heiſerem Horne mit einem munteren Reiterliede be⸗ grüßte. 8 1 52 Es war am Abend eines trüben Julitages, als ich in der Reſidenz des Fürſten von B... anlangte, einer Stadt von mittlerer Größe, die mir völlig un⸗ bekannt war, aber von deren Reizen und Vorzügen in Bezug auf bedeutende Werke der Architektur und die Schönheit ihrer Umgebungen ich viel gehört hatte. Sie lag auf einem langgeſtreckten breiten Hügelrücken, deſſen höchſte Spitze das fürſtliche Schloß krönte, im weiten Umkreiſe von einem grünen Kranze maleriſcher Weinberge umgeben, über deren Scheitel in weiterer Ferne die reich bewaldeten Felsgipfel eines viel be⸗ ſuchten Gebirges hervorragten. Die Straße, die un⸗ mittelbar vom Thore, welches mich einließ, ziemlich ſteil emporſtieg, war breit und mit grauen Baſalt⸗ quadern gepflaſtert; ich ſah überall ſchöne neue und mächtige Häuſer aufragen, aber wunderbar, zwiſchen ihnen traf man auch erbärmliche, hüttenähnliche Wohn⸗ ſtätten von ſehr hohem Alter und ruinenartigem Aus⸗ ſehen an, als wollten ſie den Fremden gleich von vorn herein auf die gewaltigen Contraſte aufmerkſam machen, denen er in dieſer Stadt in jederlei Form und Richtung auf Schritt und Tritt begegnen würde. Doch davon ſpäter. Der Poſtwagen nahm ſeine Richtung nach dem Schloſſe, fuhr alſo ſtets bergan, bog aber kurz vor 53 der letzten Höhe ſeitwärts und ſetzte mich vor dem Poſthauſe ab. Hier fragte ich einen Beamten nach dem beſten Gaſthofe der Stadt und er bezeichnete mir als ſolchen die„goldene Krone“, die ganz in der Nähe gelegen war. Da ich nicht das geringſte Gepäck bei mir hatte, ſo merkte kein Menſch auf mich, als ich den offenen Thorweg des erſten Hotels der Reſidenz paſſirte; nur zwei große fette Doggen, die ſchlafend den Ein⸗ gang mit ihren langgeſtreckten Gliedern faſt ver⸗ ſperrten, richteten ſich auf, als ich kam und beſchnüf⸗ felten mich, gleichſam als wollten ſie mittelſt ihrer feinen Naſe unterſuchen, ob ich gepäckloſer Mann auch würdig ſei, in die geheiligten Hallen eines ge⸗ krönten Hauſes einzutreten. Da ſich ſonſt Niemand, weder Hausknecht, noch Portier, noch Kellner blicken ließ, ſo trat ich durch eine etwas unſaubere Glasthür in das erſte Zimmer ein, deſſen Aufſchrift:„Gaſtſtube“ mich freundlichſt dazu einzuladen ſchien. Allein auch dieſe Stube war augenblicklich leer und ein eigenthümlicher, von Tabacks⸗ dampf und heißen Speiſen herrührender, mir ſtets ſehr widerwärtiger Geruch war nicht im Stande, mei⸗ nem Appetite eine beſondere Steigerung zu verleihen. Da dieſes Zimmer trotz des längſt hereingebrochenen Abends noch nicht erleuchtet war, aus dem nächſten Gemache aber, deſſen Thür halb offen ſtand, ein Lichtſchimmer hereinfiel, der freilich von einem düſtren Varinasnebel etwas ſtark gedämpft wurde, ſo trat ich auch da hinein und ſah an zwei oder drei Tiſchen je vier Männer ſitzen, die Whiſt ſpielten, dabei aber ſo ſchweigſam drein ſchauten wie die Wände, die ſie umgaben. Da ich auch hier keine Bedienung und nicht ein⸗ mal die Schnur einer Glocke fand, ſo ſah ich mir un⸗ befangen die nächſten vier Spieler an und glaubte in ihnen einfache Bürgersleute zu erkennen, die ſich hier eine Stunde auf ihre Weiſe vergnügten. Endlich, da mir die Geduld riß, wandte ich mich mit beſchei⸗ dener Frage an den Dickſten der Spieler— dicke Leute betrachte auch ich in der Regel für die gut⸗ müthigſten und zugänglichſten— ob er mir vielleicht den Aufenthalt des Wirthes oder eines ſeiner Trabanten angeben könnte, erhielt aber, weil die Hände die Karten und die Zähne eine lange Pfeife hielten, nur eine unverſtändliche grunzende Antwort, der endlich ein unwilliger Fingerzeig nach einer zweiten Thür folgte. Dieſem Winke gehorſam wendete ich mich nochmals einem anderen Zimmer zu und ſah hier ebenfalls um 5⁵ einige Spieltiſche mehrere Männer ſitzen, die aber Cigarren rauchten und in ihrem Gehaben einen ungleich höheren Rang als jene erſten in der Geſell⸗ ſchaft der Reſidenz einzunehmen ſchienen. Auch ſpielten ſie Vhombre, ließen in ihren dann und wann laut werdenden Ausrufen eine feine accentuirte Sprach⸗ weiſe vernehmen und redeten ſich gegenſeitig mit „Herr Geheimer Rath“ und dergleichen Ehrentiteln an. „Aha!“ dachte ich,„hier haſt Du ein höheres Beamtenthum vor Dir. Geſchwind, nähere Dich, mach' einen Kratzfuß und frage noch einmal nach irgend einer Bedienung.“ „Mein Herr,“ ſagte ich höflich wieder zu dem körperlich begabteſten Hofrath,„wo finde ich wohl den Wirth oder einen Kellner des Gaſthauſes?“ Der Angeredete erhob verwundert ſein mit einer Brille und vielem Fette geſegnetes Geſicht zu mir, warf dann einen fragenden Blick auf ſeine ſtill vor ſich niederblickenden Gefährten, als wolle er von ihnen vernehmen, ob es in ihrer hohen Geſellſchaft auch wohl ſchicklich ſei, einem nicht vorgeſtellten Fremden eine Antwort zu ertheilen, und ſagte dann ruhig: „Da müſſen Sie in das erſte Gaſtzimmer gehen und „Jean!“ rufen, dann wird man kommen und nach Ihren Befehlen fragen.“ Ich verneigte mich dankend gegen die geheimniß⸗ volle Geſellſchaft und ſchritt lächelnd in das große Gaſtzimmer zurück, um das mir anvertraute Stichwort „Jean“ auszuſtoßen, worauf in der That ein am anderen Ende des langen Saales um einen gedeckten Tiſch herumhuſchender Kellner herbeikam und nach meinen Wünſchen fragte. „Kann ich ein Zimmer bekommen?“ „Ganz nach Belieben. Werden Sie hier ſpeiſen?“ „Iſt dies Ihr beſtes Speiſezimmer?“ Der Kellner betrachtete mich mit einem verblüff⸗ ten Geſicht und ſagte dann:„Hier ſpeiſen alle Herren aus der Reſidenz— Sie können aber auch auf Ihrem Zimmer gegen eine beſondere Preiserhöhung ſpeiſen.“ „So werde ich hier vorlieb nehmen und bringen Sie mir das Beſte, was Sie haben.“ Nachdem der Kellner genickt und ſich entfernt hatte, ließ ich mich an dem einen Ende des langen Speiſetiſches nieder und bemerkte dabei durch den narkotiſchen Nebel, der das ganze Haus erfüllte, am entgegengeſetzten eine andere Geſtalt auftauchen, die ſo glücklich war, ein qualmendes Stearinlicht vor ſich zu haben, ſo daß ich beim Scheine deſſelben eine Uniform und noch dazu die eines Stabsofficiers wahr⸗ nehmen konnte. Dieſe eine Wahrnehmung hatte etwas 57 Tröſtendes in ſich, denn wo dieſe feinſchmeckenden Herren verkehren, dachte ich, muß es ſich leidlich genug leben laſſen. Bald darauf wurde mir auch durch Jean die Ehre eines Lichtes zu Theil und da ich ſonſt keine Beſchäftigung hatte, erlaubte ich meinen Augen, ſich auf den mir gegenüberſitzenden Herrn, vor dem ein Schoppen mit einem grünen Glaſe ſtand, zu richten und ihn etwas genauer zu betrachten. Da er daſſelbe Experiment auch ganz gemüthlich mit mir vornahm, ſo ließ ich mich in meiner Muſterung nicht ſtören und bemerkte ſehr bald, daß der Officier ein Mann etwa im Anfange der Vierzig war und ein ſehr anſprechen⸗ des Geſicht hatte, in dem zwar mehr Haar als Fleiſch, aber zugleich auch eine Biederkeit, mit einem leicht erkennbaren Humor gemiſcht, ſichtbar war, die mich augenblicklich auf angenehme Weiſe zu ſeinen Gunſten ſtimmte. Nachdem wir uns eine beträchtliche Weile gegen⸗ ſeitig betrachtet, dabei aber kein Wort gewechſelt hatten, brachte der Kellner dem Herrn einen ſehr hoch auf⸗ gehäuften Teller mit Fleiſch nebſt Zubehör, und da derſelbe ſogleich noch eine andere Speiſe beſtellte, ſo ſah ich, daß ich einen ſtarken Eſſer und alſo gewiß eine gutmüthige Perſon vor mir hatte, wie ich denn 1 58 immer gefunden habe, daß ſolche Leute umgänglicher und friedfertiger als jene feinſchmeckeriſchen Züngler ſind, die es für ein Zeichen von hoher Bildung und feinſtem Tone halten, ſich täglich nur einmal halb ſatt zu eſſen. „Darf ich um Ihr Gepäck bitten?“ ſagte der Kellner, von dem ſpeiſenden Gaſte zu mir herüber⸗ tretend. „Ich habe keins.“ „Ah ſo, ich bitte um Entſchuldigung.“ „Giebt es gute Schneider in der Stadt?“ fragte ich weiter, um den beſtürzten Kellner einigermaßen zu ermuntern. „O, ſehr! Der Hoſfſchneider iſt der beſte!“ „So beſtellen Sie ihn mir auf morgen früh, Punkt acht Uhr. Aber er muß pünktlich ſein, ich brauche nothwendig Kleider.“ Der Kellner, da er einen Mann nicht nur ohne Gepäck, ſondern auch ohne Kleider vor ſich ſah, warf mir einen mitleidigen Blick zu, indem er mich ohne Zweifel für einen armen Teufel hielt, und wollte ſich wieder entfernen, als ich ihm nachrief, mir eine Flaſche Wein zu bringen. .„Eine ganze?“ fragte er vorlaut, im Gehen ſich langſam herumwendend. 39 „Wie es Ihnen beliebt,“ antwortete ich;„wenn Ihnen aber eine halbe für mich hinreichend ſcheint, ordne ich mich ganz Ihrer Vorſchrift unter.“ Der Kellner entwich etwas ſchneller als er gekom⸗ men war, der Officier aber, dem meine Antwort ge⸗ fallen haben mußte, lächelte, trank ſein Glas leer und, mir eine kleine freundliche Verbeugung machend, ſagte „Jean iſt und bleibt ein dummer Kerl!“ „Ich ſcheine hier in kein beſonders gutes Haus gerathen zu ſein,“ lautete meine Antwort, die einer Frage ſo ähnlich wie ein Ei dem andern ſah. „Oho! Es iſt das beſte in der Stadt, das heißt ſchlecht genug und ungeheuer theuer, wie alles Uebrige, was man hier braucht.“ „Alles?“ „Nun ja, das muß man erfahren, und ich habe als Junggeſell die beſte Gelegenheit dazu. Wollen er: Sie lange hier wohnen?“ „In dieſem Hauſe nur bis morgen.“ „Haben Sie ſchon eine andere Wohnung?“ „Ich denke eine im Schloſſe zu erhalten; wenig⸗ ſtens war das eine Bedingung bei meiner Anſtellung am Hofe.“ Der Officier warf mir einen ſcharfen Blick zu, ob ich nicht vielleicht gar ein angehender Hoflakai ſei⸗ Plötzlich aber mußte ihm ſeine Menſchenkenntniß wohl Licht gegeben haben, denn er ſagte:„Ah ſo!“ nahm ſeinen Schoppen und ſein Glas und kam an mein Tiſchende herab, wo er ſich ganz gemüthlich mir gegen⸗ über ſetzte und ſich dann von Jean ſeinen Teller und auch das zweite Licht herunter bringen ließ. „Sie entſchuldigen,“ ſagte er höflich,„ich zeige gern Jedermann mein ganzes Geſicht und ſtelle mich Ihnen alſo vor: ich bin der Major Fuchs, Comman⸗ deur des Leibbataillons.“ Ich glaubte nicht recht verſtanden zu haben, nannte meinen Namen und fügte dann hinzu:„Alſo Herr von Fuchs!”“ „Bitte um Entſchuldigung, thun Sie mir nicht zu viel Ehre an; ich bin ein ganz gemeiner Fuchs, ohne namhafte Vorfahren und Anhang, mein Geſchlecht beginnt eigentlich erſt mit meinem Vater und hört wahrſcheinlich ſchon mit mir auf.“ Ich lächelte und ſah von meinem Teller empor, denn der Humor meines neuen Bekannten ſprach ſich ſo herzlich und behaglich in ſeinem intelligenten Ge⸗ ſicht und ſeinem klaren Auge aus, daß er mir von Augenblick zu Augenblick beſſer geftel. Dabei lag in ſeinem ganzen Weſen eine biedere Treuherzigkeit, wie ſie ſtets von großem Einfluß auf mich geweſen iſt und —ÿ—— 61 mich immer ſehr raſch— und faſt nie zu meinem Schaden— Vertrauen zu dergleichen Leuten faſſen ließ. In dem weiteren Geſpräche erfuhr ich denn auch von ihm, daß er gegenwärtig der einzige Stabs⸗ officier am Orte ſei, da ſeit der Entfernung des Fürſten ein Regiment Dragoner und ein anderes In⸗ fanterie⸗Bataillon nach der größeren zweiten Reſidenz verlegt ſei, und auch ich nahm keinen Anſtand, ihm von meinem Unglück zu erzählen, das mich auf der Reiſe hierher meines ganzen Gepäckes beraubt hatte. Dieſe Mittheilung ſchien ihm von Intereſſe zu ſein, er gab mir ſein Beileid zu erkennen, konnte ſich aber nicht enthalten, mit ungemeiner Gutmüthigkeit hinzuzufügen:„Da ſind Sie ja in Wahrheit abge⸗ brannt, ehe Sie hierher kamen; ich will hoffen, daß Ihr Beutel kein Compagniegeſchäft mit Ihren Klei⸗ dern getrieben hat!“ „Nein,“ erwiderte ich lächelnd,„der war in meiner Taſche wohl verſicher und ich bin glücklicher Weiſe in der Lage, meinen Verluſt verſchmerzen zu können. Wiſſen Sie vielleicht, wie es mit der Geſundheit Ihres Fürſten ſteht?“ Major Fuchs ſeufzte und ſtrich mit der Hand durch ſein borſtig hochſtehendes Haar.„Ach!“ ſagte er ſe N etwas leiſer,„daraus wird kein Menſch klug. Heute 62 fabelt man ſo— und morgen anders. Ich wollte— doch, laſſen Sie uns von etwas Anderem reden. Man ſpricht hier nicht gern vom Fürſten, und wenn ich Ihnen rathen darf, nehmen Sie ſeinen Namen ſo ſelten wie möglich in den Mund. Er iſt eſſigſauer und verdirbt Ihnen allen Geſchmack am Uebrigen.— Alſo Sie ſind der neue Bibliothekar im Schloſſe! Nun, der alte kann nicht leben und nicht ſterben, nicht ſitzen und nicht liegen, und Sie werden daher Ihre Aufgabe etwas ſchwer finden, ſich in Ihrem Laby⸗ rinth von Büchern zu orientiren. Oder haben Sie ſich mit einem Ariadne⸗Faden verſehen? Ohne den geht hier überdieß faſt Niemand aus. Sie müſſen nämlich wiſſen, es giebt bei uns mehr Labyrinthe als auf Kreta. Halten Sie ihn feſt, wenn Sie ihn haben, und haben Sie ihn nicht, ſo verſchaffen Sie ſich einen, ſo bald wie möglich.“ Ich glaubte ihn zu verſtehen, nahm wenigſtens die Miene davon an, bedankte mich bei ihm und er mpfahl ſich darauf, nachdem er lebhaft den Wunſch ausgeſprochen, daß es mir in meiner Hofſtelle recht gut gefallen und ich lange darin aushalten möge. Nachdem Herr Jean die Gnade gehabt, mich auf ein Zimmer zu führen, welches ganz der Einrichtung und Bedienung der unteren Gaſtſtuben entſprach, 1 63 glaubte ich einigen Grund zu haben, ernſthaft über verſchiedene Dinge nachzudenken, die ich ſchon an die⸗ ſem Abend wie in einer ahnungsvollen Phantasmagorie an meinen Sinnen hatte vorüberſchweben ſehen. Da⸗ bei war das Bett, in dem ich lag, ſo erbärmlich, daß ich mir eingeſtehen mußte, niemals in meinem Leben, nicht einmal in der Koje des ſchwediſchen Schiffes, ſchlechter als hier logirt geweſen zu ſein. Jedoch, was half's? Alles dies ſollte der bei Weitem noch angenehmere Vorſchmack der bitteren Gerichte ſein, die mir in der nächſten Zeit am Hofe zu B... auf⸗ getiſcht wurden. Um neun Uhr am nächſten Morgen, trotzdem er um acht Uhr beſtellt war, ließ ſich der Hofſchneider herab, mir ſeinen vornehmen Beſuch zu ſchenken, je⸗ doch nicht eher trat er bei mir ein, als bis er mir durch Jean ſeine mit einer großen Krone geſch mückte Karte hereingeſandt hatte, auf der in goldenen Buch⸗ ſtaben der Name:„Löwenzahn, Fürſtlicher Hofkleider⸗ macher“ ſtand. Nachdem ich Herrn Löwenzahn ein⸗ zutreten erſucht, kam oin ſehr windiger Kleidergeck hereingeſprungen, dem ſeine Aufgeblaſenheit und Eitel⸗ keit aus jeder Rockfalte hervorſah. Mit zahlloſen Verbeugungen und Erwähnungen verſchiedener hoher Herren Grafen, Kammerherren und ſonſtiger vorneh⸗ 64 mer Perſonen hörte er mein Geſuch an, mir für eine vollſtändige Ausſtattung Maaß zu nehmen, und bei jeder neuen Garnitur kam eine andere Hofgeſchichte, ein neuſter Hofſchnitt und eine moderuſte Hofmanier zum Vorſchein. Ich ließ ihn ſchwatzen und erwiderte keine einzige ſeiner Phraſen, die mir ſo langweilig waren, wie ſeine, von ihm ſelber Geiſtesproducte ge⸗ nannten, Kleider nothwendig, wobei ich kaum merkte, daß der Herr Hofſchneider, je länger er in meinem Zimmer blieb, immer wortkarger und zuletzt ſogar völlig ſchweigſam wurde. Als er fertig war, blieb er ruhig ſtehen und machte mir eine etwas trotzigere Verbeugung, als ſeine früheren geweſen waren. „Wann kann ich meine Kleider empfangen?“ fragte ich.„Ich brauche ſie ſehr nothwendig.“ Der Herr Hoſſchneider blickte ſich einigermaßen peſorgt forſchend im Zimmer um, und da er nicht fand, was er wahrſcheinlich ſuchte, feine, von verſchie⸗ denen Luxusgegenſtänden ſtrotzende Koffer, ſo lächelte er ſarkaſtiſch und antwortete endlich, daß er ſein Mög⸗ lichſtes thun wolle, mich in einigen Wochen zu be⸗ friedigen, da er ſehr eifrig für eine ganze Legion hoher Hofbeamter zu arbeiten habe. „Das thut mir leid,“ erwiderte ich,„dann kann 65 ich keinen Gebrauch von Ihrer Hülfe machen und werde mit einem Manne mich begnügen müſſen, der kein Hofkleidermacher iſt.“ „Erlauben Sie,“ rief er hitzig,„ſo war es nicht gemeint. Aber ſehen Sie— Sie haben ſehr viel beſtellt, weit über hundert Thaler an Werth und ich — ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, nicht ein⸗ mal dem Namen nach. Man muß mit unbekannten Kunden vorſichtig ſein, da die bekannten ſchon ſchlimm genug ſind.“ „Ach ſo, ich verſtehe. Sie wollen die Zahlung pränumerando?“ „Nein, nicht gerade Bezahlung, aber doch eine mich möglichſt ſicher ſtellende Caution!“ „Iſt Ihnen dies für's Erſte genug?“ fragte ich gleich⸗ gültig und warf einen Hundertthalerſchein auf den Tiſch. Der Hofkleidermacher ſtürzte ſich wie ein fürſtli⸗ cher Hofgeier darauf, betrachtete ſie gegen das Licht und rief:„O, vollkommen!“ worauf er das Papier in einem ſehr ſauberen Notizbuch unterbrachte, dieſes ſogleich in die Bruſttaſche ſteckte und ſich mit einer tiefen Verbeugung empfehlen wollte. „Halt!“ ſagte ich nun, raſch auf ihn zutretend. „Ich kenne Sie auch nicht und wer giebt mir für Sie Caution?“ 1 Der Sohn des Gärtners. III. 5 „O e ief der hierdurch tief gedemüthigte Mann, „das hat mir hier noch Niemand geſagt. Ich habe die Ehre, Fürſtlicher Hofſchneider zu ſein, mich kennt hier jeder Hund auf der Straße.“ „Wenn das iſt,“ ſagte ich zufriedengeſtellt,„ſo habe ich vor Ihnen Reſpect. Hunde beſitzen einen feineren Inſtinct, ob Jemand ein Spitzbube iſt oder nicht, als Menſchen. Wenn Sie mich aber länger als acht Tage warten laſſen, ſollen Sie bei mir die Tugend der Geduld in Bezug auf die Bezahlung ſtu⸗ diren, alſo beeilen Sie ſich.“ Unter den lebhafteſten Verſicherungen, daß er mich höchſt cavaliermäßig bedienen werde, verabſchie⸗ dete ſich der Windbeutel, den alle Hunde auf der Straße kannten, und ich begab mich in die Stadt, um mir vollſtändige neue Wäſche und was ſonſt zu dem Aeußern eines geſitteten Menſchen gehört, zu kaufen, da ich nichts mein nannte, als was ich an mir trug. Nachdem ich dies vollbracht, überlegte ich, ob ich mich in meinen Reiſekleidern, die allerdings von einer anſehenswerthen Beſchaffenheit waren, wohl auf das Schloß wagen könne, um, ſo zu ſagen, eine Art Vor⸗ ſchau zu halten. Da ich nicht fürchtete, der Fürſtin augenblicklich in den Weg zu laufen, ſo ging ich lang⸗ — 4 67 ſam durch die breite, ſchöne Lindenallee nach dem Schloſſe hinauf und ſchritt durch das große Portal, nachdem ich zuvor einen möglichſt genauen Ueberblick über das alte Prachtgebäude gewonnen hatte. Es lag in ſeiner vollen Höhe und Ausdehnung in ziemlicher Oede und Einſamkeit vor mir und rief mir in dieſer Geſtaltung ſehr klar in's Gedächtniß, daß in ähnlicher Weiſe auch ſeine Bewohner oft auf ihrer Höhe verlaſſen und einſam ſtehen. Es bildete ein etwas unregelmäßiges, ſehr weitläufiges Viereck, ſah mit ſeiner Hauptfront nach der der Stadt entge⸗ gengeſetzten Seite, war drei Stockwerke hoch und ſchloß einen weiten, öden Hof ein, den nichts ſchmückte als in der Mitte ein ſteinerner Brunnen, der, wahr⸗ ſcheinlich aus einer Bergquelle geſpeiſt, Tag und Nacht ſein Waſſer aus einem Löwenmaul hervormurmeln ließ. Die der Stadt zugekehrte Front, auf deren Mitte die Lindenallee zuführte, war in dem unteren Stockwerke durchbrochen und durch dieſe Lücke führte das ſäulengeſchmückte Portal in den Hof ein. Nach Außen hin zeigte das Schloß, wie ich ſpäter erſah, verſchiedene Thüren, die in den Garten und Park mündeten, das große Portal aber war der einzige Haupteingang, den es von der Stadtſeite her beſaß. Das ganze Gemäuer war ziemlich genau im Style 5 ——; 68 Ludwig's XIV. aufgeführt, grauweiß getüncht und mit nur wenigen Zierrathen der Architektur und Sculptur geſchmückt. Die Fenſter waren alle gleich groß, mit weißen Vorhängen dicht verſchloſſen und boten einen Anblick dar, als ob alle Bewohner darin, trotzdem es ſchon elf Uhr war, noch im tiefſten Schlafe lägen. Nach den drei von der Stadt abgewandten Seiten war es von einem ſehr ſchönen Park und Gartenan⸗ lagen umgeben, die eine hohe ſteinerne Mauer ein⸗ ſchloß, ſo daß kein Menſchenauge in das geheiligte Innere deſſelben eindringen konnte. Als ich durch das mächtige Portal auf den mit großen Baſaltquadern gepflaſterten Hof trat, ſah ich ſogleich, daß der ganze Raum deſſelben, mit Bauma⸗ terialien bedeckt, in wildeſter Unordnung ſich befand. Außer einigen Maurern und Tünchern war kein Menſch zu ſehen; kein einziger Diener in Livree, keine Equi⸗ page, kein Zeichen eines lebendigen Hofſtaates trat dem Beſchauer vor Augen. Endlich nach längerem Suchen, welche der vielen Thüren wohl eigentlich in 3 den bewohnten Theil des Schloſſes führen möge, fand ich an einer derſelben zur rechten Hand ein Schild, auf dem mit goldenen Buchſtaben und einer Krone darüber die Worte:„Deichmüller, Fürſtlicher Ober⸗ Kaſtellan“ zu leſen waren. 69 „Aha!“ dachte ich,„dieſem Herrn willſt Du Dei⸗ nen erſten Beſuch machen, da Dich doch kein Anderer empfängt.“ Und ſo ſchritt ich beherzt die paar Stu⸗ fen empor und zog die Glocke, da die Thür ſich als verſchloſſen erwies. Nach geraumer Zeit erſchien eine ſehr nett geklei⸗ dete aber ſchläfrige Magd, und als ſie mich mit einem prüfenden Blicke von oben bis unten beſchaut, fragte ſie, ob ich das Schloß beſichtigen wolle. „Nein, ich möchte nur den Herrn Kaſtellan ſprechen.“ „Der Herr Oberkaſtellan ſitzen beim Frühſtück.“ „Das thut nichts zur Sache. Melden Sie mich, ich heiße Flemming und bin der Bibliothekar der Schloßbibliothek.“ Noch einen Blick auf mich werfend, der gleichſam die Beſtätigung meiner Ausſage aus meiner Erſchei⸗ nung ziehen wollte, entfernte ſie ſich, indem ſie mir die Thür faſt vor der Naſe zuſchlug. So wartete ich denn mit meiner gewöhnlichen Langmuth in ſol⸗ chen Fällen noch etwa fünf Minuten, dann öffnete die Magd wieder die Thür und forderte mich auf, in ein Zimmer zu treten, wo mich der Herr Oberkaſtel⸗ lan empfangen würde. 2 3 Wenn der Herr Oberkaſtellan das Cereuonie 70 welches an dieſem Hofe obwaltete, nachahmte, ſo mußte daſſelbe ſehr langweilig oder der Herr ein übertriebener Hofmann ſein, denn er ließ mich in einem ſehr aufgeputzten Zimmer, welches von den herabgelaſſenen Vorhängen ziemlich verdunkelt war, beinahe eine Viertelſtunde auf ſeine Erſcheinung war⸗ ten, und ſelbſt dann kam er noch mit vollen Backen, kauend, mit der Serviette den Mund wiſchend und eine ganze Dunſtwolke von eben genoſſenem Weine mit ſich hereintragend. Dem entſprach auch ſein Aus⸗ ſehen; er war ſehr wohl beleibt, vollwangig und hatte einen ſtarken ſogenannten kupfernen Anſtrich über ſeiner Geſichtshaut. Weniger nach meinem Antlitz als nach meinem Rocke und Reiſehute ſchielend, führte er mich in ſeine innern Gemächer und fragte dann nach meinem Begehr, ohne mir einmal einen Stuhl anzubieten. So ſtellte ich mich denn noch einmal in meiner ganzen Würde dieſem, nach ſeinem Benehmen hochvermögenden Manne vor und bemerkte ſchließlich, daß ich nach dem Schreiben des Herrn Hofmarſchalls von Breitſpur, welches ich ihm zeigte, eine Wohnung im fürſtlichen Schloſſe zu beanſpruchen dächte. Der Herr that anfangs ſehr fremd oder war we⸗ nigſtens ſehr zerſtreut und in Gedanken wahrſcheinlich bei ſeiner noch nicht ganz geleerten Flaſche; endlich aber ſchien er ſich zu beſinnen, warf ſich vornehm in die Bruſt, räusperte ſich und ſagte nachläſſig:„Ah ja, ich weiß— der Herr Hofmarſchall hat mit mir davon geſprochen. Aber— Sie kommen gerade zu ſehr ungelegener Zeit hier an. Ihre eigentliche Amts⸗ wohnung hat Herr Doctor Kranefuß, der ſehr krank iſt, noch inne und die meiſten anderen Zimmer wer⸗ den reſtaurirt. Sie werden ſich alſo einſtweilen be⸗ helfen und etwas beſcheiden einrichten müſſen.“ „Es ſollte mir leid thun, wenn Sie mich für un⸗ beſcheiden hielten, ohne noch meine nähere Bekannt⸗ ſchaft gemacht zu haben.“ „O nein, durchaus nicht, ich bitte ſehr— ich be⸗ ſinne mich nur, wo ich Sie unterbringen ſoll. Ha, ja, ich habe noch ein Zimmerchen— warten Sie, ich hole nur die Schlüſſel.“ Nach zwei Minuten kam er mit einem großen Schlüſſelbunde zurück und bat mich, ihm zu folgen. „Werden wir auch nicht Ihrer Durchlaucht be⸗ gegnen?“ fragte ich, indem wir eine winzige Seiten⸗ treppe erſtiegen.„Ich bin in Reiſekleidern und möchte mich ihr nicht gern in dieſem Aufzuge vorſtellen.“ „Ihrer Durchlaucht? O, das geht hier ſo raſch nicht. Ueberdieß iſt ſie ja verreiſt!“ „Verreiſt iſt ſie? So. Wohin denn?“ 72 „Nach Norderney, ſchon ſeit zwei Wochen und in vier Wochen kommt ſie erſt wieder.“ Ich wußte nicht, ob ich mich über dieſe Benach⸗ richtigung freuen ſollte oder nicht, und ſo folgte ich ſchweigend und nachdenklich meinem Führer. Er ſchritt langſam und keuchend einen Abſatz der Treppe nach dem andern hinauf, ließ einen Corridor nach dem andern hinter ſich, öffnete, ſcheinbar im Zwieſpalt mit ſich, was er mir darbieten ſolle, bald dieſe, bald jene Thür, durch deren Spalten ich faſt überall in wüſte und leere Räume ſah, und ſchloß endlich im oberſten Hausraum eine Thür auf, welche die Nummer 71 auf ihrem Schilde trug, ſehr locker in den Angeln hing und in ein Zimmer führte, das, allen Schmuckes beraubt, ganz einfach weiß getüncht war, nicht einmal Vorhänge, ein unbezogenes Bett hinter einem alten Bettſchirm, einen Tiſch, ein paar alte Stühle, einen Schrank von Fichtenholz zeigte und die Ausſicht auf den leeren öden Hofraum bot. „So,“ ſagte er ſchmunzelnd,„das mag für's Erſte Ihr Zimmer ſein, Herr Bibliothekar. Wie geſagt, Sie müſſen einſtweilen vorlieb nehmen.“ Ich blickte mich etwas eingeſchüchtert in dem dürftigen Gemache um, prüfte die wurmſtichigen Möbel und blieb dann mit meinem Auge auf dem Fenſter 73 haften, durch welches ein Strahl der Mittagsſonne zu fallen ſich ſo eben vergebliche Mühe gab. „Es hat ja nicht einmal einen Vorhang,“ ſagte ich, als B Beginn meiner— unbeſcheidenen Ausſetzungen. „Jetzt nicht, nein, Sie haben Recht. Es iſt eben erſt neu geſtrichen. Aber bis heute Abend ſoll es anaeduh und zu Ihrer Aufnahme bereit ſein.“ Das Wort ausgeputzt“ that mir in dieſem Augen⸗ blick ſehr wohl und beruhigte mich etwas.„Alſo kann ich heute Abend einziehen?“ fragte ich noch ein— mal, in der Hoffnung, noch etwas von der beſchloſſenen Ausputzung zu vernehmen. „Ja, ja doch. Schicken Sie mir nur Ihre Sachen her.“ „Ich habe keine Sachen, wenn meine Kiſten noch nicht bei Ihnen angekommen ſind.“ „Bei mir iſt nichts angekommen,“ entgegnete er naſerümpfend.„Wo wohnen und ſpeiſen Sie jetzt?“ „In der goldenen Krone. Gut, daß Sie mich daran erinnern: kann mir Jemand hier das Früh⸗ ſtück beſorgen?“ „Sie meinen den Kaffee? O, kochen Sie ſich doch den ſelber, auf einer Maſchine, da wird er viel beſſer und iſt auch billiger. Der Hoft blechmeiſter Kurzkleiſch, mein Schwager, der am Markt wohnt, hat ſehr hübſche patentirte Dingerchen der Art.“ 74 Ich antwortete ihm nicht hierauf, denn ich wollte mein Verhältniß mit dieſem ungehobelten Manne nicht von vornherein verderben, ging alſo wieder mit ihm die Treppe hinab und empfahl mich kurz, meine Rück⸗ kehr am Abend verheißend. Das war alſo mein Einzug im fuürſtlichen Schloſſe zu B... Wenn alle Bibliothekare ſo willkommen ge⸗ heißen werden, wie ich, dann können ſie ſich gra⸗ tuliren. Als ich am Abend No. 71 wieder aufſuchte, war ich auf den verheißenen„Ausputz“ ſehr neugierig, und allerdings hatte irgend eine unbekannte Hand, der ich im Stillen meinen Dank ſagte, mit den vor⸗ handenen Mitteln etwas Sichtbares geleiſtet, denn ich fand meine Stube, die einem Bedientenzimmer im Schloſſe zu W... auf ein Haar glich, mit einem alten Mouſſelinvorhang, einem kattunenen Rouleau, einer vergilbten wollenen Tiſchdecke, einer Waſſerkaraffe mit ein paar Gläſern und einem Waſchbecken auf einem Tiſchchen in der hinterſten Ecke verziert, wobei ich aller⸗ dings zur Ehre der fürſtlichen Weißzeugkammer bemerken muß, daß mein Bett mit ſehr ſchönem Linnen über⸗ zogen war. Hier richtete ich mich denn ein und als erſt meine Bücherkiſten mit anderem Material gekom⸗ men und alles dies aufgeſtellt war, fand ich, daß ich 7⁵ auch hier denken, arbeiten und mich vergnügen konnte, ſo wie an jedem andern Orte der Welt, wo man in guter Geſellſchaft, das heißt, in ſeiner eigenen iſt. Meine Antrittsviſiten konnte ich natürlich erſt ab⸗ ſtatten, nachdem mich Herr Löwenzahn, der Hofſchnei⸗ der, zum äußerlich anſtändigen Menſchen gemacht hatte, und das geſchah Dank meiner prompten Be⸗ zahlung ſehr bald; bevor ich dem Leſer aber den Er⸗ folg dieſer Beſuche und dann mein erſtes Begegniß mit der Fürſtin ſchildere, muß ich ihm noch ein klei⸗ nes Bild von der Reſidenz, ihren Bewohnern und dem Leben daſelbſt entwerfen, da er mit mir gezwun⸗ gen ſein wird, einige Jahre in und unter denſelben auszuharren. Bis zu dem Augenblick alſo, wo Herr Löwenzahn mir meine Kleider ſchickte, die alle nach dem feinſten Hofſchnitt in B... angefertigt waren, verhielt ich mich ganz ruhig und kein Menſch in der Stadt wußte weder meinen Namen, noch bekümmerte man ſich um irgend einen Schritt, den ich unternahm. Ich be⸗ ſchäftigte mich täglich einige Stunden mit Leſen, hauptſächlich aber ſtreifte ich zu FJuß in den Umge⸗ bungen des Schloſſes und der Stadt herum, die ich wirklich ſchön und darin alſo einen Erſatz für man⸗ ches andere unbefriedigte Bedürfniß fand. In vie 76 zehn Tagen war ich daher nach allen Richtungen ſo bekannt, wie irgend ein Eingeborener, denn es ge⸗ hörte eben nicht zu den Lieblingsvergnügnngen der Reſidenzbewohner, in den Reizen der Natur zu ſchwel⸗ gen, die ſie umgab, oder nur ſich mit den Dingen zu beſchäftigen, die ihnen ſo nahe lagen, da man viel Intereſſantes noch näher und das Intereſaanteſte für vieles Geld im Auslande und auf Reiſen genießen konnte. Meinen Kaffee kochte ich mir auf den Rath des Herrn Oberkaſtellans auf einer mir von ihm bei ſeinem Schwager beſorgten Patentmaſchine ſelber, meine Mahlzeiten aber hielt ich in der goldenen Krone ab, welche im Vergleich mit den anderen Gaſt⸗ höfen, die ich der Abwechſelung wegen beſuchte, in der That noch golden war. Das einzige Vergnügen, welches ich hier genoß, entſprang aus der Bekanntſchaft mit dem Major Fuchs, der mein Tiſchnachbar blieb und den ich bald ſehr lieb gewann. Dieſer gutmüthige Mann hatte, wie ich ſpäter fand, nicht allein Humor, ſondern er hatte auch Geiſt, und zwar jene ganz beſondere Art von Geiſt, welche ich häufig unter Officieren gefunden habe, und die nicht nur in einer ſchnellen Auffaſſung und Durchführung der nothwendigen äußeren Formen, ſondern auch in einer charakteriſtiſchen Trefffähigkeit 77 in der Bezeichnung von Gegenſtänden, Verhältniſſen und Perſonen beſteht. Möglich, daß ſich dieſer Sol⸗ datengeiſt aus dem ſteten Zuſammenleben und dem ſogenannten Esprit de corps entwickelt, wenigſtens mit ihm im Zuſammenhange ſteht. Was der Eine dieſer Herren nicht weiß, weiß der Andere, und aus dem gemeinſamen Wiſſen und Können, abgeſehen von der ſpeciellen Bildung, geht eine leichte Art, ſich in Alles zu finden hervor, Alles mit dem treffendſten Worte zu bezeichnen, die ich nicht leicht unter ande⸗ ren Corporationen gefunden habe und die namentlich durch feine Form und die Beobachtung des äußeren Anſtandes die burſchikoſe Manier der Studenten weit übertrifft, die Jedermann Du anreden möchten und bei Weitem häufiger Renommiſten als Schüler der Muſen ſind. Vom Major Fuchs erfuhr ich nach und nach ver⸗ ſchie dene wiſſenswerthe Einzelnheiten, die ſich auf die Verhältniſſe des Fürſten, der Fürſtin, der Hof⸗ und Staatsbeamten, ſo wie auf das hier ſtark graſſirende Philiſterium des höheren Bürgerſtandes bezogen, und da ich ſeine Bemerkungen in der Folge durch eigene Erfahrungen vollkommen beſtätigt fand, ſo beeifere ich mich, ſie dem Leſer im Fluge vorzuführen, weil ich Hüberzeugt bin, daß ſie ihm eben ſo intereſſant er ſcheinen werden, wie ſie es mir damals waren. Von der Regierungsweiſe und dem Charakter des Fürſten konute mein neuer Bekannter allerdings wenig Gutes ſagen, ſo ſehr er ſich als ſein Diener bemühte, manche in der Außenwelt als laſterhaft verrufene Eigenſchaften in einem milderen Lichte darzuſtellen. Jedoch ſprachen wir nicht viel über dieſen erlauchten Herrn, er hatte ſein Land verlaſſen und kam hoffent⸗ lich nicht wieder; ſeine Zeit war abgelaufen und eine andere freundlichere Epoche dämmerte am Staats⸗ horizonte herauf. Um ſo häufiger ſprachen wir von der Fürſtin, und hier war es, wo nicht allein ich ſehr aufmerkſame Ohren, ſondern auch der Major einen überfließenden Mund bewährte. Er konnte nicht ge⸗ nug Lobenswerthes von ihr erzählen, alle Welt wäre begeiſtert, ſagte er, von ihrer Schönheit, ihrer ſanften Reſignation, ſelbſt in der Duldung des Schreeklichſten und Bitterſten, von ihrer Liebenswürdigkeit gegen Jedermann; und das Einzige, was man bei ihr an⸗ ders wünſchen möchte, wäre ein kräftigeres Auftreten und Durchgreifen gegen die Uebergriffe der ſie um⸗ gebenden Camarilla, der ihre Kräfte augenſcheinlich nicht gewachſen wären, und von der ſier gelenkt würde, trotzdem ſie zum Erſtaunen aller Betheiligten oft ge⸗ nug einen eigenen Willen und ein gebieteriſches Ge⸗ cechtigkeitsgefühl habe blicken laſſen.„Schade, daß ich bisweilen nicht auf ihrem Platze ſtehe,“ ſetzte er ingrimmig hinzu.„Ich würde dann eine Peitſche nehmen und die ganze verfluchte Clique zum Tempel hinausjagen, die mir die Galle überfließen macht, das warme Sonnenlicht mit ihrem behäbigen Schatten⸗ reichthum verdunkelt und den Genuß des Lebens verdirbt, da ſie nur auf Koſten der Fürſtin und des Landes ſchwelgt und alle übrigen Menſchenkinder nur zu ihrem unterthänigſten Dienſte geſchaffen und ver⸗ urtheilt hält. O meine theure liebe Fürſtin! Eine Stunde Deine Hand mit meiner Kraft ausgerüſtet, und Du ſollteſt Wunderdinge davon erleben!“ Ich mußte unwillkürlich lächeln. Die Augen des Majors nahmen hierbei einen ſo eigenthümlichen Ausdruck an, wie nur ein Mann mit einem ganzen Geſicht voller Haare ihn haben kann, wenn ſein Herz von einer tiefen Gefühlswärme belebt iſt und der grollende Geiſt ſeiner zur Unthätigkeit verurtheilten Männlichkeit in ihm erwacht.„Sie ſchildern,“ erwi⸗ derte ich,„die Fürſtin mit ſo glänzenden Farben und ſprechen mit ſo großer Begeiſterung von ihr, daß man beinahe meinen ſollte, Sie wären in ſie verliebt.“ „Oho! Was denken Sie denn? Wäre das etwas Seltſames und wollte ich das etwa läugnen? Auf Ehre nicht! Wir Alle ſind in ſie verliebt, bis über 80 die Ohren, nur leider! hat ſie ein Herz— nicht von Stein— aber gewiß von Eis.“ „So! Glaubt man das? Sagt man das?“ „Gewiß, und man weiß es auch. Noch nie hat ſie einem Herrn aus ihrer Umgebung eine freund⸗ lichere Miene gezeigt, als er ſie zu beanſpruchen das Recht hat.“ „Nun, das finde ich ganz natürlich. Sie iſt über ihre ganze Umgebung erhaben und dabei ſehr ſtolz. Wer könnte auch eine freundlichere Miene verlangen, als ihm gehührt?“ „Oho! Der Kitzel der Eitelkeit, wenn nicht der perſönlichen Zuneigung, verlangt oft eine ſolche Miene. Sie könnte wohl einmal Dieſen oder Jenen an⸗ lächeln, das ſchadete ihrem Rufe nichts und würde die ſpeichelleckeriſchen Creaturen vor Demuth und Hingebung ganz in den Staub ſinken laſſen.“ „Sie iſt alſo ſehr ernſt?“ „Immer, und kalt, daß man einen Froſtſchauer in ihrer Nähe fühlt, ſo ſchön ſie auch iſt.“ „Sie leidet wahrſcheinlich?“ „Das iſt es, Sie haben Recht, und darum wollen wir nicht mehr darüber ſprechen. Wer ſchaut einem Menſchen in's Herz, wenn er ſo oft verletzt und ge⸗ kränkt worden iſt wie ſie!“ 81 „Hat ſie denn den Fürſten wirklich einmal geliebt?“ „Nicht eine Stunde, und er ſie auch nicht! Das war Nord⸗ und Südpol, Fluth und Ebbe, Sonnen⸗ ſtrahl und Monddämmerung, Tag und Nacht. Aber erlauben Sie, das ſind nur dumme und ganz unpaſ⸗ ſende Vergleiche— ſchließen wir lieber dies Kapitel, ſonſt kommen wir wieder auf den Fürſten zu ſprechen, und ich trage noch immer ſeinen Rock.“— Daß eine Regierung, an deren Spitze ein Mann, wie der erwähnte Fürſt, Jahre lang geſtanden und mit gränzenloſer Willkür geherrſcht, keine ſegensreiche ſein und Niemanden beglücken konnte, leuchtet von ſelbſt ein. Die ganze Bevölkerung des Landes hatte lange Zeit einen unerhörten Druck erlitten und ſich nur mit Widerſtreben unter das eiſerne Joch des Ge⸗ walthabers gebeugt. Eine große Anzahl von Bürgern und Bauern, unerſetzliche Summen von Arbeitskraft mit fortnehmend, hatte das Land verlaſſen, weil die Steuern nicht mehr zu erſchwingen und der Erwerb nicht mehr geſchützt waren. Viele Häuſer in Städten und Dörfern ſtanden leer oder verfielen in Schutt, weil Niemand ein Intereſſe oder die Mittel oder auch die Luſt beſaß, ſie aufzubauen. Die Quellen der In⸗ duſtrie waren verſiegt, die Handwerker erlagen der Laſt eines veralteten Zunftzwanges. Die Geſetzgebung Der Sohn des Gärtners. III. 6 3 —,— —y—y-——— 82 ließ Vieles zu wünſchen übrig, denn die Vertretung des Rechtes lag weder in freien noch reinen Händen. Die Männer, die am Staatsruder ſaßen, waren theils habſüchtige und gewiſſenloſe Emporkömmlinge, oder ſo ſtark beeinflußte Perſönlichkeiten, daß ſie ſich auf keine Weiſe frei und geſetzlich zu regen wagten. Die beſten Kräfte des Landes ſchliefen in ruhmloſer Unthätigkeit oder wurden ſchonungslos beſeitigt, weil ſie ſich nicht knechtiſch den beliebten Maaßregeln unterwerfen woll⸗ ten. Die Behörden waren gut eingeölte und alſo gehorſame Räder des gewaltthätigen großen Trieb⸗ rads, der Laune eines tyranniſchen Fürſten; ſie durften keine ſelbſtſtändige Bewegung vornehmen und ſo war ihre Wirkung gleich Null. Die freie Meinungsäuße⸗ rung des Publicums wie der Beamten war unter⸗ drückt, es durfte weder geſprochen noch geſchrieben werden, was dem Ohr des Landesherrn, das nur an ſelaviſche Muſik gewöhnt war, unangenehm klang. Das kirchliche Leben war theils ganz aus der Mode gekommen, theils zu einer todten Form zuſammenge⸗ ſchrumpft, aus der kein grünes Reis hervorſproßte. Die Künſte wurden nur in ſo weit gepflegt, als ſie zur Unterhaltung des Hofes und zur Befriedigung der Eitelkeit gewiſſer Perſonen dienten. Alles was den liebſamen Maaßregeln der Hochwürdenträger der 83 Regierung und ihren kleinweltlichen Anſichten zu wider⸗ ſprechen ſchien, war verpönt, und wer ſich nur flüſternd dagegen aufzulehnen wagte, wurde beſtraft oder aus⸗ gewieſen. Niemand war Herr ſeines Eigenthums, ſeines Willens, ſeiner Fähigkeiten; der Magen war das größte Organ des Staats, er verſchlang Alles, er konnte Alles für ſich gebrauchen, denn er war hungrig, gierig, unerſättlich. Wo ſollte da nun die Luſt zur Arbeit, die Freudigkeit des Lebens herkom⸗ men, da Jeder auf irgend eine Weiſe Feſſeln zu tragen verdammt war und Niemand an einen ſelbſt⸗ ſtändigen Genuß ſeiner Mittel denken konnte? Wie der Fürſt nun ſelbſt gewaltet und gewirth⸗ ſchaftet, ſo walteten und wirthſchafteten ihm die näch⸗ ſten Beamten und Diener ſeines Hofes nach, denn die Kleinen machen es ja immer wie die Großen, und ſo kümmerte ſich Niemand um das Wohl oder Weh Derer, die im Schatten des Baumes ſtanden, deſſen Blätter jeden Sonnenſtrahl von Oben für ſich in An⸗ ſpruch nahmen. Eitle, geckenhafte, aufgeblaſene Men⸗ ſchen wurden in die bedeutſamſten Stellungen gebracht, Kenntniſſe brauchte Niemand zu beſitzen, nur Fügſam⸗ keit, knechtiſche Unterwerfung unter den Willen eines Einzigen. Jeder ſuchte zu erraffen und zu erhaſchen, weſſen er habhaft werden konnte,— wo es herkam, 6 ⁄6 wem er es nahm oder vorenthielt, war ihm völlig gleichgültig. Die Beamtenwelt war in unverſchmelzbare Kaſten zerſpalten, denn es herrſchte unter ihnen eine unge⸗ heure Titelſucht und eine Dünkelhaftigkeit vor, die nirgends ihres Gleichen hatte. Wer ein„Ober“ oder gar ein„ Geheimer⸗Ober“ vor ſeinen Titel ſetzen konnte, war ein ausgezeichneter und hochbeglückter Mann. Die Hofräthe waren ſtreng von den Gehei⸗ men Hofräthen, die Ober⸗Räthe von den Geheimen⸗ Oberräthen geſchieden, und wehe Dem, der es wagen wollte, die Schranke, die zwiſchen beiden lag, eigen⸗ mächtig zu überſchreiten. Der Geheime⸗Oberrath be⸗ handelte den Ober⸗ und zumal den gewöhnlichen Rath im Dienſte wie ſeinen Knappen; auf der Straße, bei irgend einer zufälligen Begegnung, war er für ihn gar nicht vorhanden. Jede Rangklaſſe hatte ihre eigenen Stadtviertel, ihre Vergnügungslokale, ihre be⸗ ſonderen Spiele und Unterhaltungen. Es galt für ein Vergehen, ſich beifallen zu laſſen, nur einen Blick in das Leben der höheren Klaſſen werfen zu wollen. Und wie die Großen es thaten, ſo thaten es auch hier die Kleinen. Einer ſchimpfte, raiſonnirte auf den Andern, Einer beneidete den Andern, Keiner gönnte ſeinem Nebenmann das tägliche Brot. 8⁵ Was nun die Reſidenzbewohner im Beſonderen anbetrifft, ſo herrſchten unter ihnen ſeltſame Zuſtände und ſchwer erklärliche Neigungen vor. Die Natur hatte unendlich viel für die Umgebung der Stadt ge⸗ than und der Kunſtſinn und die Liberalität des edlen Vaters des jetzigen Fürſten waren unermüdlich thätig geweſen, die Gaben derſelben zu benutzen und zu ver⸗ vollkommnen. Er hatte herrliche Kirchen, Prachtge⸗ bäude aller Art errichtet, Gärten und Spaziergänge geſchaffen und vielen Aermeren Häuſer gebaut oder ſeine Diener damit beſchenkt. Da die Herren Reſi⸗ denzler aber nun einmal an die gebratenen Tauben gewöhnt waren, ſo legten ſie ſelbſt die Hände in den Schooß und thaten nur den Mund auf, in der feſten Zuverſicht, es müßten auch ihnen die Braten aus der Luft noch ganz warm hineinfallen. Daher kam es denn, daß kein Privatmann an einen noch ſo noth⸗ wendigen Bau ſeine eigenen Mittel verwandte. Lieber ließen ſie ihre Häuſer zerfallen, denn wenn zwiſchen zwei Prachtgebäuden eine alte Baracke zuſammenbrach, mußte ja endlich doch der Fürſt ihnen eine neue bauen, wollte er ſich nicht alle Tage über eine er⸗ bärmliche Ruine ärgern. Darum ſah man auch die ſchönſten Häuſer und Gärten mit den verwittertſten Holzzäunen umgeben, denn für Schönheit, Zweckmäßig⸗ keit, Ordnung und Regelmäßigkeit hatte man hier nur Sinn und Bedürfniß, wenn man ſich nicht beſon⸗ ders darum zu bemühen brauchte. 5 Unter dem Bürgerſtande, dem großen und kleinen, herrſchte ein wahrhaft majeſtätiſches Philiſterium vor. Speculationsgeiſt, Unternehmungsluſt für Großes, Neues, Erſprießliches beſaß Niemand, und von dem Schönen hatte man nur den allergewöhnlichſten und materiellſten Begriff. Auf der Straße ſah man nur ſelten einen anſtändig gekleideten Menſchen, oder nur dann, wenn ein Geſchäft ihn durch dieſe oder jene Straße trieb; die herrlichen Spaziergänge um die Stadt lagen öde und leer, und wenn man einmal einem Menſchen begegnete, ſo war es ein Fremder oder Jemand, der ſeines Lebens überdrüſſig war. Dafür beſuchten die edlen Bewohner aber um ſo eifriger alle Tage und zwar zu derſelben Stunde ein und daſſelbe Bier⸗ oder Weinhaus, ſaßen dort Jahr aus, Jahr ein auf demſelben Platze, rauchten aus derſelben Pfeife, und mir wurde von glaubhaften Perſonen verſichert, daß es einen Mann in der Stadt gebe, der ſchon ſeit fünfundzwanzig Jahren auf demſelben Stuhle in einem Bierhauſe ſitze und alle Tage die zu ſeiner Fahne ſchwörenden Beiſitzer mit denſelben abgedroſche⸗ nen Redensarten tractire. Mochte nun auch Gott 87 weiß was Neues oder Intereſſantes in der Stadt oder außerhalb derſelben ſich zutragen, für dieſe Herren Phi⸗ liſter exiſtirte es nicht, ſie liefen nach ihrem Lokale, ſaßen, tranken, rauchten und ſchwatzten, als ob ſie die klügſten Männer der Welt wären und mit dem Dunſte ihres Mundes alle Wolken wegblaſen könnten, die der polternde Zeitgeiſt über ihre Häupter heraufzuführen für gut befand. Wie es nun die Herren in den Bier⸗ und Wein⸗ ſtuben machten, ſo trieben es auf ganz ähnliche Weiſe die Damen in ihren Kaffee⸗ und Theegeſellſchaften. Thee und Kaffee wurde ungeheuer viel in der Reſi⸗ denz conſumirt und dabei ſo laut geſchrieen, geläſtert, geklatſcht, beneidet und bekrittelt, daß man, wenn man es hörte, der Meinung werden mußte, die ganze Welt ſei ein Sodom und Gomorrha und nur die anweſen⸗ den Damen ſeien leibhafte Tugendengel. Seit dem Jahre 1830 aber war zu dieſen fried⸗ lichen Vorgängen noch eine neue Aufregung gekom⸗ men. Das Intereſſe für Politik war erwacht und nun brach ein wahres Fluthen und Stürmen in den entfeſſelten Zungen aus. Alle Welt war plötzlich von politiſcher Weisheit geſchwängert und es ſchien Jeder⸗ mann ein Kinderſpiel, einen großen Staat nach den beſten Zielen zu lenken. Selbſt die Jugend, männlich 88 und weiblich, riß die ungewaſchenen Mäuler auf und ſprudelte von demoſtheniſcher Beredtſamkeit über. Da gab es nichts, was man nicht lange gewußt, nicht beſſer gemacht, nicht mit einer leichten Handumdrehung umgewandelt hätte. Alle Welt beſtand aus geborenen Weltweiſen, Rechtsverſtändigen und gewaltigen Staats⸗ lenkern. Dabei zankten ſie ſich wie die Hunde um einen von Oben her ihnen zugeworfenen Knochen und hackten ſich vor Neid und Mißgunſt wie die Krähen die klugen Augen aus. Und trotzdem ſie auf Alles ſchimpften, Alles bekrittelten, Alles blamirten, fand unter Allen, Groß und Klein, Alt und Jung, Hoch und Niedrig ein Drängen und Reißen nach Gunſt und Gnade ſtatt, daß es eine wahre Luſt war, es an⸗ zuſehen, und wer ſich einen Titel, einen Beinamen, einen Orden verſchaffen konnte, rannte athemlos ſo lange hinter ſeiner Beute her, bis er ſie erwiſcht und geſichert glauben konnte. Am ſpaßhafteſten trat dieſe Erſcheinung unter den Krämern und höheren Hand⸗ werkern hervor. Unter ihnen gab ſich ein förmlicher Wettſtreit kund, Hoflieferant zu werden, mochten die Gebühren, die ſie für ihr Patent zu bezahlen hatten, auch hundertfach den Preis der Metze Salz über⸗ ſteigen, die der fürſtliche Ober⸗Hof⸗Mundkoch von ihnen entnahm. Sogar die Bürſtenmacher, Schornſteinfeger 89 und andere Spießbürger kauften ſich obige Hofcharge und waren dabei ſo aufgeblaſen, daß ſie ſich einbil⸗ deten, ſie regierten eigentlich den Staat, wenn ihnen auch nur geſtattet war, den Rock eines Geheimen Hof⸗ raths zu bügeln oder die Wichſe für die Stiefel des Mundkochs zu liefern oder gar die ſchadhaften Zähne einer Kammerjungfer zu repariren und die Friſur des Hofjägers zu ſteifen. So war damals die allgemeine kritiſche Lage des Landes und ſeiner Bewohner beſchaffen, als der Fürſt endlich der Heimat Lebewohl ſagte und ſeiner Gemah⸗ lin die Sorge überließ, den Augiasſtall zu reinigen, deſſen Unrath ſich ſeit Jahren durch unerhörte Schlaff⸗ heit in der Verwaltung und durch ſchrankenloſe Will⸗ kür im eigenen Schalten und Walten angehäuft hatte. Drittes Bapitel. Einführung in mein Amt und Vorſtellung bei Hofe. Da die höheren Hofbeamten die Abweſenheit der Fürſtin benutzt hatten, um ebenfalls kleine Ferienreiſen anzutreten, ſo konnte ich mich zur Zeit keinem derſelben perſönlich vorſtellen; mein Beſuch bei meinem Amts⸗ vorgänger aber hatte keinen anderen Erfolg, als daß ich mich mit eigenen Augen überzeugte, daß ich von ihm keinerlei Hülfe oder Anweiſung zu erwarten hätte, denn er war am ganzen Körper gelähmt und geiſtig faſt nur noch ein Kind. Der Archiv⸗Rath Schmelzer, mein nächſter Vorgeſetzter, auch ſchon ein alter und hinfälliger Mann, hatte ſich ſtets nur um ſein Archiv bekümmert, von der Verfaſſung der Bibliothek wußte er nichts, als daß ſie ſich in größter Unordnung be⸗ finde, was er mir, ſobald ich ihm meine Aufwartung 91 machte, ohne Hehl ſagte und mich dann bis zur Rückkehr des Hofmarſchalls von Breitſpur an den Kaſtellan verwies, der die Schlüſſel aufbewahrte, ſo lange die Maurer und Anſtreicher auch in dieſen ge⸗ heiligten Räumen ihr Weſen trieben. So blieb mir denn nichts weiter übrig, als mich zu dem allgemeinen Schloßtyrannen zu begeben, der, den halben Tag im Weinrauſche, die andere Zeit ſchlief, im nüchternen Zuſtande eine nie dageweſene Grobheit entwickelte und auf ſeinen Titel als Oberkaſtellan und ſeinen Orden über die Maaßen eingebildet war, welchen letzteren er von dem Fürſten aus dem einzigen Grunde empfangen, weil er ihm, der ſehr froſtig war, früher ſtets die Zimmer warm gehalten hatte. Indeſſen, mir lag die Sache am Herzen— und ſo ſah ich leicht über die Perſonen hinweg. Durch ein paar zur glücklichen Zeit angebrachte Worte gelangte ich vorläufig wenigſtens zum Anblick der ſehr anſehnlichen Bibliothek, deren Bücher, meiſt in ſehr ſchönen rothen, reich mit Gold verzierten Einbänden, dennoch in der gräßlichen Unordnung, in welcher ich ſie vorfand, einen ſehr traurigen Ein⸗ druck auf mich hervorbrachten. Man denke ſich ſechs lange und hohe Säle, vom Fußboden bis zur Decke mit Büchern vollgeſtopft, aber faſt alle durch einander 92 geworfen, hier haufenweiſe hoch aufgethürmt, dort auf dem Boden, auf Tiſchen und Stühlen umherliegend, und nirgends einen brauchbaren Katalog oder einen Menſchen, der mir Auskunft geben konnte, nach welchem Principe man früher bei der Aufſtellung verfahren— wo war der Anfang und das Ende und woher waren die Hülfsmittel zu beſchaffen, die mir die bevorſtehende Arbeit auf irgend eine Art erleichterten? Mich befiel ein Herzweh ohne Gleichen, als ich dieſes Chaos ſah, und der Ausdruck in jener Zeitung, die mir der Fürſt von Adersbach aus W... mitge⸗ bracht, daß die fürſtliche Bibliothek völlig von Neuem zu ordnen und aufzuſtellen wäre, fand hier ſeine volle Beſtätigung. Arbeit hatte ich alſo genug vor mir, jedoch vergingen mehrere Tage, ehe ich zu einem Ent⸗ ſchluſſe kam, wo ich beginnen, wie ich fortfahren ſolle, denn bei genauerem Hinblick nahm ich zu meinem Entſetzen war, daß die einzelnen Bücher nicht einmal nach den verſchiedenen Wiſſenſchaftszweigen geordnet waren, daß alle Sprachen wirr durch einander lagen und viele Bände weder eine Nummer noch eine ſonſtige Bezeichnung an ſich trugen. Da ich mich, um klar zu ſehen und wenigſtens von einigen Aufſtellungen einen allgemeinen Ueber⸗ blick zu gewinnen, täglich mehrere Stunden in der 93 Bibliothek aufhielt, kam von Zeit zu Zeit der Herr Oberkaſtellan herein, um nachzuſehen, ob ich auch nicht Unfug anſtifte, wenigſtens lag eine ſolche Demonſtra⸗ tion ſehr deutlich auf ſeinem inquiſitorartigen Geſicht ausgeprägt. Er fand mich halb verzweiflungsvoll und mit übereinander geſchlagenen Armen vor einem Wandſchrank ſtehen und wußte nicht, was dieſe meine nachdenkliche Stellung zu bedeuten habe. Auf ſein Befragen theilte ich ihm unverhohlen mit, daß ich über die Unordnung und Vernachläſſigung der koſt⸗ baren Bücher erſtaunt ſei, worauf er in behaglichſter Ruhe erwiderte, daß ihn das gar nicht wundere; aus dieſem Grunde habe man ja einen Büchermann ver⸗ ſchrieben und es könne nicht anders ſein, da mein Vorgänger die Bibliothek faſt in zwei Jahren nicht betreten und der Buchbinder die neu gebundenen Bücher ſtets ohne Anweiſung hineingetragen und da aufgeſtellt oder hingelegt habe, wo gerade Platz ge⸗ weſen ſei. Da ich nun für's Erſte noch nicht an die eigent⸗ liche Arbeit gehen konnte, weil ich etwaige Anweiſungen des Hofmarſchalls abwarten mußte, ſo entwarf ich mir wenigſtens einen Plan, nach dem ich ſpäter ver⸗ fahren wollte. So lebte ich denn in Erwartung der 3 Dinge, die da kommen ſollten, mehrere Wochen ruhig 94 weiter, beſchäftigte mich mit eigenen Arbeiten und ſetzte Nachmittags die begonnenen Spaziergänge fort, theils um mich zu erfriſchen, theils um meine über⸗ flüſſige Zeit nicht ganz nutzlos verſtreichen zu laſſen. Umgang, Verkehr hatte ich zu dieſer Zeit mit Nieman⸗ den, da ich eine gewiſſe Scheu trug, mit fremden Menſchen nähere Verbindungen anzuknüpfen, zumal der Major mich wiederholt warnte, irgend Wem mein Vertrauen zu ſchenken oder das eines Anderen für baare Münze entgegenzunehmen, da man nicht wiſſen könne, auf welche Weiſe und zu welchem Zwecke die fragliche Perſon meine Aeußerungen benutzen würde. Den Major ſelbſt traf ich damals nur im Speiſehauſe, einmal weil unſre Bekanntſchaft noch nicht zu weiteren Vertraulichkeiten gediehen war, und ſodann, weil ihn ſein Dienſt zu dieſer Zeit faſt den ganzen Tag in Anſpruch nahm. Mein Leben ſchlich daher ſehr einförmig einen Tag wie alle Tage hin, allein die Neuheit meiner Lage intereſſirte mich und ich hatte Muße vollauf, nach⸗ zudenken und die ſchönſten Pläne von der Welt für die Zukunft zu entwerfen, was, wie man weiß, einen regen Geiſt ja ſtets ſo angenehm beſchäftigt. Auf dieſe Weiſe vergingen mir leidlich genug einige Wochen. Die Ausbeſſerungen im Aeußern und ganz neues Leben in die Stadt und namentlich 95⁵ Innern des Schloſſes und die Aufkfriſchungen einiger Staatsgemächer ſchritten raſch vorwärts, Alles wurde wieder in bewohnbaren Stand geſetzt und erhielt ſeine Beſtimmung, mir ſelbſt aber wurde kein anderes Zimmer angewieſen, trotzdem es mich bedünken wollte, daß den Kutſchern und Lakaien mehr Aufmerkſamkeit widerfuhr als mir, ja daß man mich eigentlich ganz und gar vergeſſen oder gar nicht in Anſchlag gebracht zu haben ſchien. Den Kaſtellan deswegen mit Bitten oder Geſuchen anzugehen, hielt ich unter meiner Würde, und ſo wartete ich mit Geduld meine Zeit ab, die ja nicht ewig ausbleiben konnte. An den Fürſten in Adersbach ſchrieb ich mehrere Male, theilte ihm aber keine von meinen Unbequemlichkeiten mit, theils weil ich zu ſtolz war, ihn in meine Lage blicken zu laſſen, theils weil ich beſorgte, er werde durch ſeine Einwirkung eine Aenderung herbeizuführen ſuchen, die ich zunächſt mir ſelbſt und dann der Einſicht meines Oberen ver⸗ danken wollte. Als die vierte Woche meiner Anweſenheit in B... verſtrichen war, langte die Nachricht an, daß die Fürſtin noch weitere zwei Wochen ausbleiben würde, und als auch dieſe beinahe vorüber, begann man die Vor⸗ bereitungen zu ihrem Empfang zu treffen, was ein in . 96 das Schloß brachte. Hundert Hände wurden mit einem Male geſchäftig, Alles zu ſchmücken und zu verzieren, was die geliebte Fürſtin zuerſt mit den Augen ſehen und mit ihren Füßen betreten würde. Schon waren zwei Ehrenpforten, eine am Thore und die andere am Schloßportale entſtanden und die Blätter und Blumen, die ſie begrüßen ſollten, dufteten ſchon rings um mich her. Es war ein Gedränge ohne Ende und eine Arbeit ohne Raſt, da man wie immer das Hauptſächlichſte bis auf den letzten Moment ver⸗ ſchoben hatte. Endlich traf der Vorbote der hohen Frau, der Hofmarſchall von Breitſpur, ein. Es war eine ver⸗ trocknete Figur, kalt und hochmüthig, dabei von be⸗ ſchränktem Verſtande für alles außer ſeiner Sphäre Liegende, und nur ein Meiſter in der Kunſt, gegen Vornehmere den Rücken zu beugen und Untergebenen mit befehlshaberiſchem Tone ſeine Meinung einzubläuen. Er bekleidete ſeinen Poſten noch vom Fürſten her, war in früheren Jahren eine ſeiner Creaturen ge⸗ weſen und wurde von der Fürſtin nur beibehalten, weil ſie aus Grundſatz vor der Hand keine Ver⸗ änderung in der Beſetzung der höchſten Hofſtellen vornehmen wollte. Als ich ihn zum erſten Male ſah, bekam ich gleich die richtige Vorſtellung von ihm. Er war in ſeinem geſchniegelten Aeußern ganz der Mann, Alles mit dem Rücken zu betrachten und nur der Fürſtin und dem Spiegel ſein erhabenes Antlitz zuzuwenden. Ich hatte mich bei ihm melden laſſen und er war ſo gnädig, mich eines Morgens zu ſich zu berufen. Steif und kalt in ſeinem Benehmen, empfing er mich, wie etwa ein König ſeinen Barbier empfängt, betrachtete mich oberflächlich, hörte gar nicht auf das, was ich ſagte, und beſchäftigte ſich dabei mit der Durchſicht einiger Briefe, die von einer Damenhand geſchrieben zu ſein ſchienen. Auf meine dringende Bitte, mich in mein Amt einzuführen, lächelte er verſtohlen und er⸗ widerte, daß ich meine Inſtructionen von ſeinem Secre⸗ tair erhalten würde. Als ich darauf die Frage laut werden ließ, ob ich nicht bald meine Arbeit beginnen könne, da ich viel zu thun vorfände, ſagte er vornehm: „Natürlich werden Sie Ihre Arbeit ſogleich be⸗ ginnen. Wozu ſind Sie denn herbeſchieden? Ueber⸗ haupt fragen Sie mich nicht viel, ich habe keine Zeit, Ihnen meilenlange Antworten zu geben, und bin weder ein Hexenmeiſter noch ein Bücherwurm.“ „Ich habe auch keins von Beiden vorausgeſetzt,“ erwiderte ich mich verbeugend, worauf er mir den Der Sohn des Gärtners. III. 7 Rücken zukehrte, ohne im Geringſten meinen Gruß zu erwidern. Das war alſo mein höchſter Vorge⸗ ſetzter, und wenn mir es auch Niemand geſagt hätte, ich wußte es von vornherein, daß ich von ihm weder auf eine Hülfe zu hoffen, noch Einſicht in meine Ange⸗ legenheiten zu erwarten hätte. 3 Jetzt hatte ich alſo meine Beſtallung, und ohne Zögern begab ich mich an die Arbeit, deren Umfang und Schwierigkeit aber in einem Grade wuchs, wie ich es mir kaum vorgeſtellt. Allein das ſchreckte mich nicht, vielmehr entwickelte ſich von Tage zu Tage ein größerer Reiz an derſelben, und da ich gewohnt war, mir die Löſung ſchwerer Probleme zu ſtellen, ſo ging ich mit einer wahren Begier daran. Nichts⸗ deſtoweniger ſchritt ſie nur äußerſt langſam vor, es fehlte mir an materiellen Kräften, da zwei Hände an einem Tage nur wenig beſchaffen können. Ich ver⸗ ſuchte bei nächſter Gelegenheit, als ich den Hofmarſchall ſah, noch einmal eine Vorſtellung und bat ihn, mir einen oder zwei Diener taͤglich auf einige Stunden zuzuweiſen, die mir etwas zur Hand gehen könnten. Allein auch dieſe gewiß leicht zu beſchaffende Hülfe wurde mir auf rauhe Weiſe abgeſchlagen, indem man mir zu Gemüthe führte, daß hier ein Jeder in ſeinem Fache genug zu thun habe, und wenn ich der Mann 99 ſei, den man ſich in mir vorgeſtellt, ſo würde ich mir ſelbſt zu helfen wiſſen. Dieſer Beſcheid war ganz dazu angethan, mich von allen ferneren Geſuchen der Art zurückzuhalten und mich auf mich ſelbſt zu verweiſen. Ich arbeitete alſo fort, langſam aber ſtetig, und jeden Tag hatte ich die Freude, ein neues Fach ſich füllen zu ſehen und eine allmälige Ueberſicht über einzelne Theile des großen Ganzen zu gewinnen. Wie ſchwierig dieſe Arbeit war, mag man ſchon daraus entnehmen, daß es nicht einmal paſſende Leitern gab, um an die oberſten Fächer zu gelangen, und ſo mußte ich immer mit einem Arm voll Büchern vorſichtig hinauf klettern, um die ausgewählten an die richtige Stelle zu ſetzen. Ich half mir alſo wie es ging und vertröſtete mich einſtweilen auf die Ankunft der Fürſtin, von deren Einſehen und Theilnahme ich mir die größten Vor⸗ theile verſprach. Dann und wann that ich, wenn ich von meinem abgelegenen Corridor in das Hauptſtockwerk des Schloſ⸗ ſes hinabſtieg, in welchem ſich auch die Bibliothek im Anſchluß an die fürſtlichen Gemächer befand, im Vor⸗ übergehen einen Blick in dieſe ſelbſt. Alle wurden nach einander gelüftet, durchräuchert und ſtanden ſo⸗ mit den Bewohnern des Schloſſes zur Anſicht offen. 4 7— Bei dieſer Gelegenheit lernte ich oberflächlich den Zu⸗ ſammenhang und die Einrichtung derſelben kennen. Sie lagen nach dem Garten hinaus und beſtanden aus einer langen Reihe glänzender und überaus ſchö⸗ ner Räume. Als ich eines Tages, kurz vor der An⸗ kunſt der Fürſtin, in eins derſelben hineinblickte, trat ein Tapezierer oder Bohner daraus hervor, lud mich ein, näher zu kommen, und bezeichnete mir die Zimmer eins nach dem andern, indem er mir den Zweck nannte, zu welchem ſie zu dienen pflegten. „Sehen Sie“ ſagte der freundliche Mann,„dort hinter jener Thür liegen die Schlaf- und Ankleide⸗ gemächer der Fürſtin. Dieſe darf kein Fremder be⸗ treten, Niemand kennt ihre innere Einrichtung und man hält ſie verſchloſſen, um aller Neugier Schranken zu ſetzen. Hier aber, durch dieſe Reihe dürfen Sie dreiſt weiter vorſchreiten. Das ſind die Geſellſchafts⸗ zimmer der Fürſtin. Im hinterſten Saale ſpeiſt man gewöhnlich, im davorliegenden hält ſie ihre vertrau⸗ lichen Abendzirkel ab und in dieſem arbeitet und wohnt ſie, ſo lange ſie hier iſt.“ Nach dieſen Worten ging der Mann fort und ließ mich in meiner Betrachtung allein. Ich ſtand nicht ohne innere Bewegung ſtill und ſah mir Alles genau an. Das erſte Zimmer, vom Corridor aus gerechnet, 3 3 101 war ein Vorzimmer, einfach aber höchſt geſchmackvoll decorirt. Aus ihm trat man in das Arbeitszimmer. Es war ein mehr kleines als großes Gemach, wenig⸗ ſtens mit Divans, Seſſeln und Bequemlichkeitsgegen⸗ ſtänden aller Art faſt überfüllt. In einem Erkerfen⸗ ſter prangte ein zierlich mit Perlmutter ausgelegter Schreibtiſch von Roſenholz, mit tauſend Kleinigkeiten und Zierrathen beladen, wie ſie gegenwärtig die Zim⸗ mer und Möbel ſolcher Damen zu füllen pflegen. Dicht davor ſtand ein ſchöner Lehnſeſſel mit grünem Sammt überzogen, wie alle Möbel, und ſelbſt die Vorhänge waren von gleichem und die Teppiche von ähnlichem Stoff. An den, mit mattgrüner und ſilber⸗ durchwirkter Seidentapete geſchmückten Wänden be⸗ merkte ich einige Oelgemälde von wunderbarer Schön⸗ heit, und von dem mit reicher Stukkatur bekleideten Plafond hing ein ſchwerer Lüſtre herab, der von Gold und ſchön geſchliffenen Kryſtallen blitzte. Den Speiſeſaal bekam ich an dieſem Tage nicht zu ſehen, denn meine ganze Zeit nahm die Betrach⸗ tung des Geſellſchaftsraumes in Anſpruch, in den ich zunächſt trat. Es war ein großes Gemach, einfach aber doch prachtvoll geſchmückt. Beinahe in der Mitte, unter dem Kronleuchter von vergoldeter Bronze, der dreißig Wachskerzen trug, ſtand ein großer runder 1⁰0² Tiſch, mit einer carmoiſinrothen Sammtdecke behangen. Acht Seſſel, mit demſelben Stoff überzogen, nebſt zwei kleinen ſich gegenüberſtehenden Divans umgaben ihn, ſo daß etwa zwölf Perſonen bequem darum Platz nehmen konnten. Die Wände waren mit grauer, carmoiſinpunktirter Seide bedeckt und die Vorhänge von gleichem Stoff. An den etwa drei Fuß hoch vom Boden mit Mahagoniholz bekleideten Wänden ſtanden kleine Tiſche, mehr zur Zierrath als zu einem beſonderen Gebrauche beſtimmt, auch die Thüren waren von Mahagoniholz, reich mit Bronze ausgelegt. Die Hauptzierde des ganzen Gemachs aber war ein an der, den Fenſtern gegenüberliegenden Wand hängendes Gemälde in breitem, wundervoll gearbeiteten Gold⸗ rahmen. Es ſtellte die Fürſtin ſelbſt vor, in einem von Blumen gefüllten Garten gehend, in Lebensgröße und nach der Natur von einem genialen Meiſter ge⸗ malt, der zu dieſem Zweck aus Düſſeldorf hierher be⸗ rufen worden war. Vor dieſem Bilde, in tiefes Anſchauen verſunken, ſtand ich wohl eine halbe Stunde ſtill, und ich mag es gern geſtehen, daß mir dabei das Herz, nicht vor Freude, vielmehr vor einer unbeſtimmten, inneren Angſt und Beſorgniß klopfte. Denn das Bild, wel⸗ ches ſehr ähnlich ſein ſollte, wie ich ſchon gehört und 103 nun ſelber fand, ſtellte die Fürſtin dar, wie ich ſie früher gekannt, und doch war etwas Fremdes, Unbe⸗ kanntes, mich beinahe Quälendes hinzugekommen. Im Vorwärtsſchreiten begriffen, ſtand ſie einen Augenblick ſtill und blickte dabei ruhig, ernſt und würdevoll den Beſchauer mit dem vollen Geſicht an. Die Figur war mit einem Gewand von ſchwarzem Atlas bekleidet, über welches eine feine Spitzenman⸗ tille von ſchwarzen Blonden fiel. Hals, Nacken, Arme und Hände waren von allen Hüllen entblößt, und das dunkelblonde, faſt in's Kaſtanienbraune ſpielende Haar fiel in vollem Glanze und in kurzen, rings um Kopf und Hals geringelten Locken natürlich herab, welche nur eine einzige roſarothe prächtige Kamelie ſchmückte. Um den herrlichen Hals ſchlang ſich eine orientaliſche Perlenſchnur, vorn von einem in reichem Golde blitzen⸗ den Smaragd zuſammengehalten. Mit der linken Hand zog ſie die ſchweren Falten des Kleides etwas vom Boden auf, ſo daß man die zarte Spitze des ſchön geformten Fußes ſah. In der Rechten hielt ſie eine Roſe und hob ſie nach dem Geſicht empor, als wolle ſie den Duft derſelben einathmen. Aber dieſes Geſicht— wie ſoll ich das beſchreiben? Sinnend, ernſt, gedankenvoll blickte es mich an. Es waren alle die ſchönen Formen darin, die feinen Linien, die ſanf⸗ ten harmoniſchen Farben, die ich ſo wohl kannte und ſo oft bewundert; aber dennoch waren es die kindlichen Züge nicht mehr, die mich früher bezaubert und zu endloſer Betrachtung hingeriſſen hatten. Ein gleich⸗ ſam unter der roſigen Haut zuckender Schmerz ſchien um die volle und doch zarte Lippe zu ſchweben, an der höchſten Blüthe der Lebensfülle ſchien ein innerer Wurm zu nagen, und ach!— mochte dieſe Geſtalt alle Ueppigkeit, Fülle und Schönheit der Welt, dieſes Ge⸗ ſicht alle weiblichen Reize, die Gott erſchaffen, in ſich vereinigen— einen Reiz, den höchſten von allen für mich, beſaß es nicht— es fehlte ihm der Ausdruck der lebendig wirkenden, der innig fühlenden, der Glück und innere Befriedigung ſtrahlenden Seele. Wo in aller Welt war dieſe Seele geblieben, denn ſie war doch früher ſo ſichtbar auf dieſem Antlitz ausgeprägt geweſen? Hatte der Künſtler ſie nicht wiederzugeben verſtanden, oder war ſie wirklich für das Auge der Menſchen verſchwunden? Schlummerte ſie nur, tief unter der lebendigen Oberfläche, oder war ſie ausge⸗ löſcht für immer, durch Kummer, Sorge, Lebensqual und Schmerz? Lange, lange ſtand ich vor dem Bilde und ſuchte mir dieſe Fragen zu beantworten, aber ich vermochte es nicht. Mir fehlte vielleicht die Ruhe dazu, denn 1953 ich verſchlang mit einer Art Gier Zug für Zug, ver⸗ tiefte mich in Gedanken in das Auge, das, ſo ſchön blau, groß und voll, doch kalt, ruhig, antheillos mich gleichſam fragend anblickte, als wollte es ſagen:„Was willſt Du hier in B...2 Kommſt Du aus dem Jen⸗ ſeits, meiner Kindheit, und rufſt mir in's Gedächtniß zurück, was ich für immer verlaſſen, verloren habe, um es nie wieder zu finden, das Glück der Unſchuld, der Jugend, der göttlichen Hoffnung auf eine freuden⸗ reiche Zukunft?“ Unwillkürlich ſchüttelte ich den Kopf.„Nein,“ ſagte ich, halb laut flüſternd,„ich komme nicht, Dich zu ſtören, Dich zu quälen mit einer der Vergangen⸗ heit angehörenden Erinnerung, aber wenn ich könnte, wenn es möglich wäre, möchte ich die ſchöne Seele wieder wecken, die aus Deinem Antlitz verſchwunden iſt und ſich in das heilige keuſche Innere Deines lebensvollen Buſens zurückgezogen hat. Aber wo finde ich den glühenden Funken, dieſes Innere zu entflam⸗ men, dieſes kalte Herz aus ſeiner öden Verſunkenheit aufzuſtacheln? Ha, Bruno? Ja, Bruno! Soll er es ſein, der mir dieſen Funken zuſchleudert?“— Wie er ihr ähnlich ſieht! Daſſelbe Auge und doch ein ganz anderer Blick! Er iſt befriedigt vom Leben, das ihm alle ſeine wonnigen Quellen geöffnet hat— ihr iſt es verſchloſſen geblieben oder ſie ſtößt es faſt voll Abſcheu mit dem Fuße zurück. Er ſtrahlt von Glück und Seligkeit an der Seite ſeiner Elsbeth, in der Mitte ſeiner lachenden Kinder— und ſie ſteht ein⸗ ſam und verlaſſen auf ſchwindelnder Hohe ihrer Lebens⸗ laufbahn, nicht weinend, denn dazu iſt ſie zu ſtolz, aber krampfhaft im Innern von unſäglichem Weh er⸗ griffen, das ſie nur den Lüften preisgiebt, wenn kein menſchliches Auge ſie anblickt. Ach, was hilft da alle Majeſtät, aller Glanz, alle Macht— das höchſte Glück des Lebens, das ſüße, friedliche Menſchenglück, Du haſt es nicht, nein, nein, Du haſt es nicht, und wenn Deine glanzvolle Stirn auch das Glück mir vorlügen und Du behaupten willſt: Mir fehlt Nichts, denn ich bin Ich! ſo ſagſt Du mir, dem Beſchauer, dem Kenner Deines Lebens, keine Wahrheit damit.“ Ich hätte wohl noch eine Stunde vor dem Bilde geſtanden und der Fülle meiner Gedanken freien Lauf gelaſſen, wenn nicht der Tapezierer, der mich einge laden, näher zu treten, zurückgekehrt wäre und ver⸗ wundert ausgerufen hätte:„Was, ſind Sie noch hier? Aha! Sie ſehen ſich das Bild an! Ja, ſie iſt ſchön, unſre Fürſtin, nicht wahr?“ „Ja, ſie iſt ſchön— aber ſie ſcheint mir traurig „ ſoj 4* zu ſein.“ „Das ſoll ſie wohl ſein und ſie hat Grund dazu! Siebenundzwanzig Jahre alt, eine Fürſtin und ſchon ſo ſchlimme Erfahrungen gemacht— das iſt bitter, mein Herr!“ Ich wollte nichts mehr hören und ging; zu denken hatte ich genug, und an dieſem Abend fand ich meine Arbeit nicht ſehr gefördert, als ich Ueberſchau hielt und von meinem Fleiße die Summe zog. Der Tag der Rückkehr der Fürſtin war gekommen. Da man ſie ſchon am Nachmittag erwartete, ſo war, mit Ausnahme der Bierphiliſter und der Kaffee trin⸗ kenden Damen, die ganze Stadt auf den Beinen, um wenig den Wagen zu beäugeln, der die geliebte Herrſche brachte. Da ich gern im Schloſſe ſein wollte, wenn ſie anlangte, wo ich ſie, im Fenſter lie⸗ gend, bequem ausſteigen ſehen konnte, ſo verließ ich mein Zimmer nicht; dadurch entging mir aber das Treiben und Wogen auf den Straßen, das, wie ich am Abend hörte, über alle Maaßen lebhaft geweſen ſein ſoll. Nur der Lärm, das Jauchzen und Lachen der um das Schloß herum und namentlich bei der mit Laubgewinden geſchmückten Ehrenpforte verſam⸗ melten Menge drang wie das Rauſchen der Meerese wogen an mein Ohr und regte auch in mir ein Ge⸗ fühl freudiger Spannung an, wie es bei dergleichen Vorkommniſſen, wenn uns die Perſon intereſſirt, der es gilt, zu erwachen pflegt. Allein die Ankunft der Fürſtin verzögerte ſich bis zum Abend, und es mochte etwa acht Uhr ſein, als vom nahen Schützenberge her die Kanonenſchüſſe krach⸗ ten, mit denen man die Heimkehrende ſchon aus der Ferne begrüßte. Eine Viertelſtunde ſpäter ließ ſich auch das Hurrahrufen der Menge hören und endlich rollten die Reiſewagen heran, die langſam nach dem Schloſſe emporfuhren, da die große Menſchenmenge ihnen ein wiederholtes Halt gebot. Unter der auf dem Schloßhofe verſammelten bunten Dienerſchaar, zu der ſich auch einige begünſtigte Hofligferanten, Kinder und die neugierigſten Stadtdamen Fellt hat⸗ ten, entſtand ein Hin⸗ und Herwogen wie in einem unruhigen Bienenſchwarme; man theilte ſich und zwiſchen dem jauchzenden und Hüte und Tücher ſchwen⸗ kenden Menſchenknäuel kam der erſte Wagen heran, dem drei ſchwerbepackte andere folgten, und die Fürſtin, ſich überallhin freundlich verneigend, ſtieg heraus, drehte ſich noch einmal nach der verſammelten Menge um und verſchwand dann im Schloſſe, deſſen Treppen, Kopf an Kopf gedrängt, die zumeiſt 109 begünſtigte Damenwelt in Belagerungszuſtand erklärt hatte. Ich legte mich ſo weit aus dem Fenſter als ich konnte, um nur den erſten Anblick nicht zu verſäumen, und es gelang mir, die hohe Erſcheinung, die in ein leichtes ſeidenes Reiſemäntelchen gehüllt war, mehrere Augenblicke zu betrachten. Es war mir eigenthümlich dabei zu Muthe. War ſie noch größer, ſtärker gewor⸗ den, als ich ſie früher geſehn, oder war ich und alle meine Fähigkeiten in ganz kleine Verhältniſſe zuſam⸗ mengeſchrumpft?— genug, die Erſcheinung der Fürſtin imponirte mir ſo gewaltig, daß ich mein Herz klopfen und dabei eine blitzſchnelle wehmüthige Erinnerung an alle meine Jugenderlebniſſe in mir auftauchen fühlte. Wa Nrner unten geſchah, weiß ich nicht. Ich hatte mich ganz ſtill in die Tiefe meines dunklen öden Zimmers zurückgezogen und, den Kopf auf die Hand geſtützt, auf mein altes Kanapee geſetzt. Regungslos wie eine Bildſäule, von ſeltſamen Bildern und Er⸗ ſcheinungen erfüllt und umſchwirrt, ſaß ich lange da. Kein Menſch ſtörte mich, denn kein Menſch außer einem alten Schloßdiener betrak mein Zimmer,— und auch er kam nur Morgens und Abends, um meine Kleider zu reinigen und die nothwendigſten Bedürfniſſe meines ſehr einfachen Haushalts zu be⸗ ſorgen. Endlich, als ich bemerkte, daß ich immer trauriger wurde, ohne mir des eigentlichen Grundes bewußt zu ſein, nahm ich Hut und Stock und ging auf den Schloßhof hinab. Hier war Alles ſtill, und da es be— reits finſter war, brannten die Laternen ſchon. Ohne vor oder um mich zu ſehen, ſchritt ich nach der goldenen Krone, um zu Abend zu eſſen, wo ich indeſſen eine ſolche Fülle von rauchenden, trinkenden und laut durch einander ſchwatzenden Menſchen antraf, daß ich kaum einen Platz finden konnte. Alle ſprachen von den Einzelnheiten der Ankunft der Fürſtin, ihrem Ausſehen, ihrer Freundlichkeit, und Alle waren beglückt, daß ſie zu ihnen zurückgekehrt ſei. Dieſer Antheil, dieſe Freude machte auch mich wieder heiter, 1 als ich um elf Uhr nach Hauſe ging, um mein ſtilles Lager zu ſuchen, war mein Kopf ſchon voll von neuen Plä⸗ nen und die Hoffnung hatte ſich wieder in meinem Herzen eingefunden, daß auch mir es bald beſchieden ſein würde, der Fürſtin gegenüber zu ſtehen und ähn⸗ liche Worte aus ihrem Munde zu vernehmen, wie ſie das glückliche Volk heute von ihr beim Ausſteigen aus Ddem Wagen gehört haben wollte. 1 1 111 Am nächſten Morgen kleidete ich mich ſchon ſehr früh feſtlich an, weil ich die erſte beſte Gelegenheit wahrnehmen wollte, mich der Fürſtin vorzuſtellen; allein ich ſollte diesmal die Rechnung ohne den Wirth gemacht haben, denn wenn ich erwartet hatte, daß am Hofe zu B... die einfachen und wenig umſtänd⸗ lichen Sitten und Gebräuche herrſchten, wie ich ſie in W... kennen gelernt, daß ich mich blos melden zu laſſen brauchte, um angenommen und eingeführt zu werden, ſo unterlag ich darin einem ſehr verzeihlichen Irrthume. Bis um elf Uhr ging ich in die Bibliothek und arbeitete ruhig wie gewöhnlich fort; als ich aber nun die Stunde gekommen glaubte, mein Werk auszufüh⸗ ren, trat ich in den Corridor hinaus und ſah mich nach einem Diener um, der meinen Wunſch in Empfang nehmen könne. Allein ich bemerkte keinen, der mir geeignet dazu ſchien, denn ich wollte mich an keinen überhaſtigen und leichtfüßigen Windbeutel wenden; alle aber, die ich an dieſem Tage ſah, waren wie von der Tarantel geſtochen, liefen mit ſchwindelnder Eile Trepp' auf und ab und hatten weder Ohren, zu hören, noch ſo viel Zeit, mit mir ein paar Worte zu wechſeln. Zu⸗ fällig erfuhr ich nur, daß die Mimniſter und hoͤchſten * .. Herrſchaften der Stadt an dieſem Morgen der Fürſtin ihre Aufwartung machten und daß Letztere Mittags eine Tafel von vierzig Gedecken abhalten würde. Nicht beſſer erging es mir am Nachmittag nach dieſer Tafel. Die Fürſtin werde ſogleich ausfahren, ſagte man mir und Abends auf einem nahe gelegenen Landhauſe den Thee einnehmen, ſpäter aber eine kleine Geſellſchaft im Schloſſe um ſich verſammelt ſehen. Etwas eingeſchüchtert und nicht allzu ſiegreich geſtimmt, verbrachte ich dieſen Abend ſtill auf meinem Zimmer. Am nächſten Morgen jedoch fragte ich mei⸗ nen alten Schloßdiener nach dem gewöhnlichen Auf⸗ enthalt des Kammerdieners Ihrer Durchlaucht, und da dieſer Herr wahrſcheinlich keine Zeit hatte, zu mir zu kommen, begab ich mich zu ihm und fand ihn be⸗ ſchäftigt, ſich zum Dienſte des Tages auf's Feinne anzukleiden. „Können Sie mich bei Ihrer Durchlaucht melden?“ fragte ich ohne Weiteres den Mann, der mit ſeiner ſtillen und nachdenklichen Miene einen günſtigen Ein⸗ druck auf mich machte.„Ich bin der Bibliothekar Flemming, erſt vor Kurzem hier eingetroffen und wünſchte mich Ihrer Gebieterin vorzuſtellen.“ „Ah, ja wohl, ich habe ſchon davon gehört,“ er⸗ widerte der Mann mit höflicher Verneigung.„Melden zur Fürſtin in's Zimmer, aber—“ „Nun, was aber?“ „Ich darf es nicht, mein Herr. In Bezug auf die Meldung von Perſonen bei Ihrer Durchlaucht beſtehen ſehr beſtimmte Geſetze. Jeder Fremde wird erſt bei der Frau Oberhofmeiſterin gemeldet, und dieſe allein giebt den Befehl, daſſelbe bei der Fürſtin zu wiederholen oder thut es ſelbſt, wenn kein Grund dagegen vorliegt. Sind Sie denn ſchon bei der Gräfin Hohenheim geweſen?“ Dieſe Frage hatte ich jetzt am wenigſten erwartet und muß offen bekennen, daß ſie mich ein wenig be⸗ unruhigte. Denn an die Anweſenheit dieſer Dame, meiner alten Feindin von W... her, hatte ich in der Aufregung der letzten Tage noch mit keinem Gedanken gedacht und daß ſie mir auch hier wieder hindernd in den Weg treten ſollte, nachdem ich ihre böſe Einwirkung ein für alle Mal überwunden zu haben glaubte, war mir eine unerträgliche Vorſtellung. Ehe ich daher des Kammerdieners Frage beantwortete, beſchloß ich, mein Vorhaben noch einmal ruhig zu überlegen, ob ich vielleicht nichtdeinen anderen Eingang zur Fürſtin finden könnte, als den durch das Hofgeſetz vorgeſchrie⸗ benen. Ich ſagte dem Diener alſo, ich würde erſt Der Sohn des Gärtners. III. 8 114 zur Oberhofmeiſterin gehen, und zog mich langſam in meine Bibliothek zurück. Hier verweilte ich wohl eine Stunde, ruhig auf und abgehend und meinen nächſten Schritt nach allen Seiten überdenkend. Endlich kam ich zu dem Entſchluß, den hier herkömmlichen Weg zu beſchreiten und, ſo unangenehm mir dieſe Vermittelung war, mich erſt bei der Oberhofmeiſterin vorzuſtellen, bevor ich den Eingang bei der Fürſtin auf andere Weiſe verſuchte. Es ſchien mir dies um ſo räthlicher, weil ich mir nicht gleich von Anfang an eine neue Widerſacherin auf den Hals ziehen wollte, die mir hier ſehr nachtheilig werden konnte; vielleicht auch fand ich ſie mir günſtiger und die ſeitdem verfloſſenen ahrungen hatten möglicher Trat ſie mir dennoch geſtimmt als in W... Jahre und darin gemachte Erf Weiſe ihren Sinn gemildert. hindernd in den Weg, dann freilich blieb mir nichts liche Mauer, die ſich um Anderes übrig, als die menſch Gewalt zu durchbrechen die Fürſtin zog, mit Liſt oder und auch hier den Leuten zu z ſei, der allenfalls ohne ihre Hülfe ſich einer Fürſtin zu nahen wiſſe, die mir ehemals in ihrem väterlichen Hauſe ſo manches Wohlwollen erwieſen hatte. Bevor ich aber dem Leſer den ſeltſamen Erfolg meiner Vorſtellung bei der Oberhofmeiſterin mittheile, eigen, daß ich ein Mann 5 * — 115 halte ich es für meine Schuldigkeit, ihn mit derſelben, wie ſie ſich hier am Hofe zu B... darſtellte, etwas näher bekannt zu machen, zumal ich früher nur ſehr oberflächlich von ihr geſprochen habe. Die Gräfin von Hohenheim, ſeit zwei Jahren Wittwe und Mutter eines einzigen Sohnes, den ſie verzärtelte und verzog, um ihn einſt zu dem würdigen Erben der großen Güter ihres früh verſtorbenen Bru⸗ ders, des Majoratsherrn Grafen von Wetterau ge⸗ ſchickt zu machen, war damals als Oberhofmeiſterin am Hofe zu B..., wenn nicht die angeſehenſte, doch gewiß eine ſehr wichtige und einflußreiche Perſon, die namentlich in der Richtung des Verſagens, Ablehnens oder gar Zurückweiſens billiger Wünſche Niedrig⸗ ſtehender eine große Macht beſaß, durch ſolche Vor⸗ rechte aber keineswegs befriedigt, eine noch viel grö⸗ ßere Rolle zu ſpielen ſich bemühte. Als erſte Ehren⸗ dame der Fürſtin, von Jugend auf mit ihr bekannt und zufolge ihrer früheren Stellung als Erzieherin ſie zu leiten gewohnt, glaubte ſie ſich vollkommen be⸗ rufen, gleichſam eine politiſche und höfiſche Zionswäch⸗ terin am Hofe zu B... darzuſtellen, namentlich aber, als legale Hüterin des Schatzes der Ceremonie, die Förmlichkeiten der Etikette und was dahin gehört, auf eine etwas tyranniſche Weiſe ausüben zu dürfen. In 8*. 116 dieſer Beziehung hatte ſie wahrhaft drakoniſche Ge⸗ ſetze erlaſſen und namentlich allen Männern und jungen Frauen oder Mädchen eine heilige Furcht vor ihrer unbeſieglichen Machtvollkommenheit einzuflößen gewußt. In ihrem unbeſchreiblichen Dünkel nahm ſie faſt dieſelben Ehren in Anſpruch, die man der Für⸗ ſtin ſelber ſchuldig war, und wer ſich im Geringſten dagegen verging, konnte darauf rechnen, in das ſchwarze Hofbuch eingetragen zu werden, deſſen Seiten zu füllen ſie als eine ihrer erſten Aufgaben und Pflichten betrachtete. Außer dieſer Furcht aber hatte ſie bei ihrer ſehr unangenehmen Perſönlichkeit den ſie Umgebenden keine anderen Empfindungen, am wenigſten aber wohlthuen⸗ der Art, einzuflößen verſtanden; Niemand liebte und achtete ſie auffällig, und um nicht ganz einſam auf dem Gipfel ihrer Größe zu ſtehen oder wenigſtens für den Fall der Noth ſich einen eifrigen Helfershelfer beizugeſellen, hatte ſie eine neue platoniſche Bekannt⸗ ſchaft— ohne die ſie nun einmal nicht exiſtiren konnte— mit einem ihrer würdigen Hofmanne, dem Kammerherrn von Krachwitz geſchloſſen, der nun als ihr zweites Ich zu betrachten war, ihr in ihrem ſchweren Werke half und, von gleicher Geſinnung und Gehäſſigkeit gegen Andere beſeelt, ihr ganzes Ver⸗ — 117 trauen errungen hatte, wie es einſt in W... der liebe Herr Beau beſaß. Dieſer Herr von Krachwitz, um ihn gleich eben⸗ falls dem Leſer in Perſon vorzuſtellen, konnte im eigentlichen Sinne des Worts für den böſen Genius am Hofe zu B... gelten. Ein ungebildeter Geck, hochmüthig ohne Würde, unwiſſend bis zur Dumm⸗ heit, war er Honig gegen Höherſtehende, und Galle gegen Untergebene oder ſeine politiſchen Widerſacher. Auch er war in B... über die Maaßen gefürchtet, nicht etwa wegen ſeines Einfluſſes, denn den beſaß er ganz und gar nicht, oder höchſtens durch ſeine plato⸗ niſche Freundin, ſondern wegen ſeines allgemein be⸗ kannten mephiſtopheliſchen Weſens, das er in allen Verhältniſſen nach Außen zu kehren liebte und da⸗ durch einem Jeden peinlich und zuwider wurde. Einer giftigen Wespe vergleichbar, ſtach er Jedermann, der in ſeine Nähe kam; von Allen wußte er Schlimmes oder Schwächliches zu flüſtern, Niemand hatte eine Bedeutung für ihn; ohne alle Schaam in Bezug auf ſeine perſönlichen Verhältniſſe, verletzte er das Ehr⸗ gefühl Anderer bei jeder Gelegenheit. Jeden Augen⸗ blick zu ſtachlichten Ausfällen bereit, die er nicht im⸗ mer fein höfiſch, ſondern recht oft ſogar höchſt plebe⸗ jiſch grob hervorſprudelte, ſtand er ſtets auf der 118 Lauer, etwas Gebrechliches an Perſonen und Dingen zu entdecken und es zu gelegener Zeit allen Lüften zu vertrauen. Falſch, hinterliſtig und ſchlau, wie nur ein gewiegter, herzloſer Hofmann es ſein kann, be⸗ nutzte er die Schwächen Anderer, um für ſich ſelbſt ein Piedeſtal daraus zu bauen, und ohne Erbarmen, mit gränzenloſer Frechheit ſich über die Ueberwun⸗ denen erhebend, lachte er am herzlichſten, wenn er Andere dem Weinen nahegebracht ſah. Dieſem Charakter, wie ich ihn hier der Natur ge⸗ treu zu entwerfen verſucht, entſprach ganz ſeine äußere Erſcheinung. Er war groß gewachſen, überaus hager und abgelebt und hatte ein im Ganzen nichtsſagendes, wiewohl in manchen Theilen ſcharf gezeichnetes Geſicht. In ſeinen grauen, unſteten Augen funkelte ein un⸗ heimliches Feuer, ſeine ſchmalen bleichen Lippen waren in ſteter vibrirender Bewegung, gleichſam geſpannt, Jedermann etwas Verletzendes zu ſagen; der hervor⸗ ragendſte und auffälligſte Theil dieſes Geſichts aber war eine ungeheure Habichtsnaſe, auf deren Feinheit er ſich ſehr viel einbildete und die er immer hoch in der Luft trug, als wolle er ſchon durch dieſe Haltung anzeigen, wie erhaben er über allem gewöhnlichen Lumpenpack ſtehe. Um nun zu ſeiner mit ihm durch Geiſt, Charakter 119 und das Jagen nach einem und demſelben Ziele ver⸗ bundenen Gefährtin zurückzukehren, ſo muß ich erwäh⸗ nen, daß Gräfin Hohenheim, ſeitdem ſie aus den Jugendjahren in das zweifelhafte Alter, nur durch übertriebenen Putz auf ihrer Höhe ſich haltender Frauen getreten, noch eine andere Eigenſchaft ausge⸗ bildet hatte, deren allmälige Entwickelung an manchen Einzelnheiten ſchon in W... zu erkennen geweſen war. Sie gehörte oder zählte ſich vielmehr zu jener immer zahlreicher aber auch immer langweiliger wer⸗ denden Kategorie auserleſener Damen, denen man ſchon lange den Namen„Blauſtrumpf“ beigelegt hat, ohne daß ſie jedoch das Wiſſen beſaß, mit welchem man ſich dieſelben in der Regel verbunden denkt. Was mich betrifft, ſo hatte ich von jeher einen wah⸗ ren Reſpect vor ſolcherlei gelehrten oder gelehrt ſein wollenden Frauen gehabt, und wo ich ihnen aus dem Wege gehen kann, thue ich es auch heute gewiß noch. Sind ſie wirklich gelehrter oder— was bei ihnen daſſelbe ſagen will— geriebener, ſpitzfindiger als an⸗ dere Weiber von Fleiſch und Blut, ſo ſind ſie es ſtets auf Koſten ihrer Weiblichkeit, und wollen ſie es nur ſcheinen, ſo ſpielen ſie mit einer geiſtigen Macht und Größe, der ſie auf keine Weiſe gewachſen ſind und wodurch ſie jenes ganz naturwidrige und darum ſo 120 häßliche Gepräge erhalten, welches jeden Mann von Verſtand und Herz aus ihrer Nähe und ihrem Um⸗ gang ſcheucht. Gräfin Hohenheim nun gehörte zu jenen anmaßen⸗ den Damen, die nichts ſind, nichts beſitzen, nichts gründlich gelernt haben, was ſie berechtigte, ſich für klüger oder gebildeter als ihres Gleichen zu halten, aber mit eiſerner Conſequenz die Miene annehmen, als habe ſie Gott allein in ſeiner Gnade erſchäffen. Alles, was andere Leute wiſſen, können, verſtehen— dagegen, was ſie ſelbſt ſagen, thun und leiſten, iſt ohne Widerſpruch ächt, gut und ſchön. Mit wahrhaft tyranniſcher Frechheit und Dumnmdreiſtigkeit beherrſchen oder vielmehr überwältigen dieſe weiblichen Ungeheuer die Kreiſe, in denen ſie ſich bewegen, und wer das Unglück hat, zwiſchen ihre Zähne zu gerathen,— falls ſie noch welche haben— iſt eben ſo gut und ſicher aufgehoben wie in dem Rachen eines Haifiſches. Kalt und ſtolz ſchreiten dieſe ſich erhaben dünken⸗ den Weiber durch die ſie umgebende Welt, deren Licht und Wärme ihre Herzen vergebens überſtrahlt und das Eis ihres Buſens niemals ſchmilzt. Nie gerathen ſie in Unruhe, nichts weckt ihre erſtarrte Seele aus dem theilnahmloſen Schlummer auf, in den ſie ver⸗ iſt nutzlos, ſchlecht oder exiſtirt für ſie gar nicht, Alles. . 3 4 — 121 ſunken ſind; unbewegt iſt und bleibt ihre Oberfläche wie ihr Gemüth, und herzlos und dadurch am tiefſten verwundend ſchreiten ſie wie lebendige Bildſäulen ein⸗ her, überall, wohin ſie ihren Fuß ſetzen, ihren Platz mit einer Keckheit behauptend, als wären ſie von Gott ſelbſt als Strebepfeiler der Welt dahin geſtellt. So war das Innere dieſer Oberhofmeiſterin der Fürſtin von B... beſchaffen; ihr Aeußeres hatte ſich nicht verſchönert, ſeitdem ich ſie nicht wiedergeſehn, und nur durch die ſorgfältigſte Toilette, durch die ſegnende Kunſt einer Fülle ſpendenden Schneiderin und das unbezahlbare Genie ihres Friſeurs, log ſie dem Beſchauer eine Blüthe vor, die eigentlich nie für ſie exiſtirt hatte. Ihr ſteifer magerer Körper trug ſich noch immer in ſeiner ganzen unſchönen, erzwun⸗ genen Würde; ihre Haut war auch etwas mehr ein⸗ getrocknet und vergilbt als damals; ihre Zähne, die, wenn ſie ſchön ſind, das häßlichſte Geſicht verſchönern und mit einem gewiſſen idealiſchen Zauber verklären, wenn ſie aber häßlich ſind, das ſchönſte Geſicht verun⸗ ſtalten, ihre Zähne, ſage ich, ſchon früher niemals regelmäßig, geſund und weiß, ließen jetzt noch viel mehr zu wünſchen übrig, indem ſie ſich ſelbſt laut über den Verluſt vieler der Ihrigen beklagten. Ihre Haare, auf die ſie immer die zärtlichſte Sorgfalt ver⸗ 2 122 wandt, trug ſie noch wie damals in unzähligen kleinen Löckchen, die aber niemals den Eindruck von ſchel⸗ miſchen Amorettchen auf mich machten, wie einſt Herr Beau von ihnen behauptet, und in ihren kleinen grauen Augen ſprühte daſſelbe unheimliche, dämoniſche Feuer, welches ſie ſchon in ihren Jugendjahren für mich ſo widerwärtig gemacht hatte. Was aber end⸗ lich ihre Geberden, Bewegungen, ihren Gang, ihre Sprachweiſe anbelangt, ſo war ſie darin der voll⸗ kommenſte Typus der ſteifſten, unduldſamſten Hof⸗ etikette; langſam und feierlich ſchwebte ſie einher, und wenn ſie gar den nach Roſen duftenden Kopf mit der dünkelhafteſten Miene von der Welt nach hinten beugte und ihre Katzenaugen vornehm prüfend von oben bis unten über den ihr nahenden Menſchen in ihrer Einbildung ein, den ein vornehmes, geiſt⸗ reiches und erhabenes Weſen, wie ſie, nur dem ſtau⸗ nenden Bewunderer zeigen kann, um ihn vor ihrer Größe und Herrlichkeit in den Staub ſinken zu machen. Die Art und Weiſe, wie ſie mich bei der von mir nachgeſuchten Vorſtellung empfing, war ganz ſo, wie ich es beſorgt hatte, und Nichts berechtigte mich zu der Annahme, daß ſie jetzt eine beſſere Meinung von laufen ließ, dann nahm ſie den höchſten Standpunkt I — 123 mir hege, als ſie ſie früher in herzinniger Gemein⸗ ſchaft mit Veten Beau von mir gehegt. Sie ſtand in voller Hoftoilette mitten im Zimmer, als ich ein⸗ trat, ſah mich lange mit höhniſchen Blicken ſtolz und beinahe verächtlich an, und ohne im Geringſten Rück⸗ ſicht auf mein Alter, meine Ausbildung und meine Freundſchaft mit dem Fürſten von Adersbach zu nehmen, redete ſie mich vornehm wie zu jener Zeit an, als ich noch ein Knabe, ſie aber ſchon eine erwachſene Dame war. „Was wollen Sie hier?“ lautete dieſe erſte Begrüßung. Etwas verwundert über dieſe eigenthümliche An⸗ rede, ſtand ich einen Augenblick ſtill, ſagte dann aber ruhig und ernſt:„Wenn Sie das noch nicht wiſſen ſollten, Frau Gräfin, ſo erlaube ich mir Ihnen mitzu⸗ theilen, daß ich auf Empfehlung Sr. Durchlaucht des Fürſten von W..., meines alten? Beſchützers, durch die Gnade Ihrer Durchlaucht der Fürſtin von B... hier als Schloß⸗Bibliothekar angeſtellt und vom Herrn Hofmarſchall von Breitſpur bereits in mein Amt ein⸗ geführt bin. Mein Erſcheinen vor Ihnen hat alſo ganz einfach darin ſeinen Grund, Sie zu bitten, mir die Zeit zu beſtimmen, wann ich die Ehre haben kann, Ihrer Durchlaucht vorgeſtellt zu werden, um ihr zu⸗ nächſt meinen Dank für ihre Huld zu ſagen, ſodann 124 aber auch ihr die perſönlichen Aufträge zu überbringen, die mir ihre Durchlauchtigen Eltern zu dieſem Zweck übergeben haben.“ Die Oberhofmeiſterin, als ſie dieſe mit ſicherer Stimme vorgebrachten Worte hörte, wandte ſich etwas ſeitwärts und warf einen raſchen Blick in den Spiegel. Als ſie darin wahrſcheinlich ein ſehr erregtes und leidenſchaftliches Geſicht wahrgenommen, dem keine künſtliche Gewalt eine ſchönere Färbung zu geben vermochte, trat ſie wieder näher, lächelte ſarkaſtiſch und fragte:„Haben Sie etwas Schriftliches an Ihre Durchlaucht?“ „Ja,“ erwiderte ich dreiſt. „So geben Sie es mir.“ „Um Entſchuldigung! Was ich Schriftliches beſitze, ward mir nur zur Ueberreichung von Hand zu Hand anvertraut.“ Sie machte mir eine Grimaſſe, deren Bedeutung ich nicht überſehen konnte. Sie war ergrimmt und erfreut zugleich, daß ich es wagte, vor ihrer hochheiligen Perſon eine ſolche Sprache zu führen.„So!“ ſagte ſie.„Es iſt hier aber nicht Sitte, der Fürſtin von Hand zu Hand ein Schreiben zu überreichen, und nur durch mich, Ihrer Durchlaucht Dberhaſtneiſterin, pflegt dergleiche zu geſchehen.“ 125 „Pflegt!“ wiederholte ich mit Nachdruck.„Das mag ſein. Aber es giebt Ausnahmen von der Regel, Frau Gräfin. Und meine Sendung iſt eine ſolche Ausnahme.“ „Ich will nicht hoffen, daß Sie ſich einbilden, im Stande zu ſein, hier die Ausnahme zur Regel werden zu laſſen, wie Sie es an anderen Orten kennen gelernt und getrieben haben. Ich ſage Ihnen das gleich von vornherein, damit Sie ſich keine Illuſionen machen. In W... mögen Sie in gewiſſen Kreiſen eine wich⸗ tige Perſon geweſen ſein, hier bin ich es in allen.“ „Ihre Belehrung, gnädige Frau, kommt zu ſpät. Ich weiß, was Sie hier gelten und ich— das ſage ich Ihnen auch gleich von vornherein— werde geduldig meine Zeit abwarten, bis ich auch etwas gelte. Die gewiſſen Kreiſe, die Sie ſo nachdrücklich betonten, übergehe ich hier, überhaupt liegt das Vergangene weit hinter mir, und ich bin darauf und daran, mir eine Gegenwart zu gründen, deren Licht Sie hoffent⸗ lich mit aller Ihrer Macht und Herrlichkeit nicht ver⸗ dunkeln oder gar auslöſchen werden.“ „Aha! Da haben wir es! Alſo nochmals Krieg? Und Sie haben noch immer nicht gelernt, daß man mit einer Frau, die eben ſo harmlos wie friedliebend iſt, keinen Kampf beginnen darf?“ „Ihre Harmloſigkeit und Friedensliebe greife ich nicht an, die laſſe ich auf ſich beruhen. Auf Kampf aber war ich und bin ich überall gefaßt, wo ich Men⸗ ſchen begegne, die ohne allen ſtichhaltigen Grund meine Urfeinde ſind.“ „Alſo Sie halten mich für Ihre Urfeindin?“ „Wie es ſcheint, muß ich es, denn Sie geben ſich alle Mühe, mir dieſen Glauben beizubringen oder vielmehr mich in demſelben zu beſtärken.“ „Hahaha!“ lachte ſie höhniſch auf.„Was ſich gewiſſe Männer einbilden! Sie ſind ganz der Alte geblieben, ja, Sie ſcheinen ſogar noch vollkommnere Studien in Ihrer Hofcarriere gemacht zu haben. Doch— ſcherzen wir nicht— Sie wollen alſo die Fürſtin ſprechen?“ „Das will ich und wenn Sie mir nicht die Thür zu ihr öffnen, wird ſie mir ein Anderer öffnen.“ „Herr!“ ſagte ſie mit leuchtenden Baſiliskenaugen, „Halten Sie mich für eine Kammerfrau?“ „Sie wiſſen ſehr wohl, daß ich nur bildlich ſprach. Habe ich die Fürſtin erſt einmal geſprochen, ſo wird ſich das Uebrige von ſelbſt finden, denn ohne Zweifel haben Sie nicht vergeſſen, daß ſie die Tochter des Fürſten von W... iſt!“ Sie warf mir einen ſchneidenden Blick zu. Wenn 127 ich es bis jetzt noch nicht gewußt, dieſer Blick haͤtte es mir geſagt, daß ſie meine bitterſte Feindin war und bleiben würde.„Werden Sie mich bald Ihrer Durchlaucht melden, Frau Gräfin?“ fragte ich lächelnd, mit Vergnügen bei dem Gedanken verweilend, daß ihr meine Ruhe fürchterlich war. „Gedulden Sie ſich. Das geht ſo raſch nicht. Ihre Durchlaucht kehrt von einer langen Reiſe zurück. Sie iſt angegriffen und bedarf der Ruhe. Wenn die Zeit dazu gekommen iſt, werde ich Sie benach⸗ richtigen laſſen.“ Ich verbeugte mich höflich, ſie machte mir einen ſehr ceremoniellen Knix und ich ſchritt gedankenvoll zur Thür hinaus, meinem einſamen Zimmer zu. Wenn ich anfangs etwas ſtolz auf meinen erſten Strauß mit der fürſtlichen Oberhofmeiſterin war, der, wie mir ſchien, ihr die kleine Lehre gegeben haben mußte, erwachſene Leute nicht mehr wie Kinder und einen freien Mann nicht wie einen Knecht zu behandeln, ſo ſtellte ſich doch ſpäter bei längerer Ueberlegung eine unbehagliche Stimmung bei mir ein, als ich mir eingeſtehn mußte, daß ich für's Erſte nicht die ſiegreiche Partei ſei, da mein ſehnlichſter Wunſch, ohne Verzug der Fürſtin vorgeſtellt zu werden, durchaus nicht in Erfüllung ging. Ich wartete von einem Tage zum 8 —————— 128 andern— mir kam keine Meldung zu, und mit eini⸗ gem Unwillen kleidete ich mich eines Tages an, um zum Miniſter des Cultus zu gehen, da mir der Hof⸗ marſchall von Breitſpur bei einer zufälligen Begegnung im Schloſſe den Wink gegeben hatte, dieſem Herrn unverzüglich meine Aufwartung zu machen, der zwar nicht als mein Vorgeſetzter zu betrachten, aber doch als die erſte Autorität bezüglich der öffentlichen und privaten Bildungsanſtalten im Lande eine Perſon ſei, deren Gunſt ich nicht verſcherzen dürfe. Seine Excellenz empfing mich, nachdem ſie mich eine gute Stunde hatte warten laſſen, ſehr ungnädig, indem ſie mir bemerklich machte, daß ich ſchon ſo und ſo viel Wochen in der Reſidenz weile, ohne das Be⸗ dürfniß empfunden zu haben, mich ihrer hohen Pro⸗ tection zu verſichern. Ich hätte ihm erwidern können, daß mir von ſeiner Exiſtenz und ſeiner Autorität in Bezug auf die fürſtliche Bibliothek gar nichts bekannt geworden ſei, allein ich wollte mir keinen neuen Feind erwerben, nahm daher den Wiſcher hin und fragte, ob er mir ſonſt vielleicht etwas zu befehlen habe. „O mein Herr,“ ſagte er gereizt und mich viel⸗ leicht abſichtlich mißverſtehend,„ich habe Ihnen über⸗ haupt nichts zu befehlen, das iſt richtig, aber darauf SeeeoeoeT.. aufmerkſam machen muß ich Sie allerdings, daß man einen Mann in meiner Stellung nicht ganz außer Acht laſſen darf, wenn man durch die Gunſt der Empfehlung eines Fürſten Bibliothekar an der hieſigen Schloßbibliothek geworden iſt. Gehen Sie jetzt ruhig nach Hauſe und thun Sie ferner Ihre Schuldigkeit.“ Das that ich denn auch und meine nächſte Schul⸗ digkeit ſchien es mir zu ſein, darüber nachzudenken, wie der Herr Miniſter dazu komme, mich wie einen Schüler zu behandeln, was mein ruhiges Blut in eine gewiſſe Gährung zu verſetzen anfing. Erſt als ich am Abend dem Major mein neues Mißgeſchick erzählte, erfuhr ich, daß die Gräfin Hohenheim vor einigen Tagen bei Sr. Excellenz geſpeiſt habe, und nun war mir das Benehmen des Miniſters vollſtändig erklärt. Die Ueberzeugung, daß jene Perſon im Stande ſei, mir noch andere Verdrießlichkeiten zu bereiten und Gott weiß Wen auf den Hals zu hetzen, war keine erfreuliche, und ich fing an, einige Sorge darüber zu fühlen, wie lange es dauern würde, bis ich hier zu dem Ziel gelangte, welches mein Freund in Adersbach mir als ſo leicht erreichbar vorgeſpiegelt hatte. Da⸗ mals beſtätigte ſich mir eine Erfahrung, die ich auch früher ſchon gemacht, daß es nämlich nicht immer die Der Sohn des Gaͤrtners. III. 9 großen Sorgen des Lebens, gewiſſermaßen die Car⸗ dinalſorgen unſrer Exiſtenz ſind, die uns das ſchwerſte Herzeleid bereiten. In ſie ſchickt man ſich, wie in das Unvermeidliche, in die großen Naturnothwendig⸗ keiten; vielmehr ſind es die kleinen, ohne Ende alle Tage ſich wiederholenden Sorgen, die uns allmälig mürbe machen und unſer Herz mit Widerwillen und Ekel erfüllen, ſo daß wir unfähig zur Arbeit, unluſtig zum ferneren friſchen, freien Streben werden. Dieſe Unluſt zur Arbeit namentlich ſtellte ſich bei mir bald nach dem Beſuche beim Miniſter des Cul⸗ tus ein; was mir ſo leicht erſchienen: ein paar Worte mit der Fürſtin zu ſprechen oder ihr irgendwo zu be⸗ gegnen, ſo daß ſie mich ſehen mußte, ſtellte ſich von Tage zu Tage als eine größere Schwierigkeit dar, wenn ich nicht geradezu in ihr Zimmer dringen oder mich ſo lange vor ihr Fenſter ſtellen wollte, bis ſie mich ſah und erkannte. Bald war ſie ausgefahren, bald ausgegangen und Niemand konnte mir ſagen, wo ſie gerade zur Zeit ſei. Bald hatte ſie Damengeſell⸗ ſchaft, bald conferirte ſie mit den Miniſtern. Morgens war ſie noch nicht zum Empfange bereit, Mittags dauerte die Tafel länger als gewöhnlich, und Abends war ſie leidend oder hatte irgend eine andere Abhal⸗ tung— alles dies wurde mir bald von dieſem bald — —ü ——2—— 131 von jenem Lakaien geſagt, bis mich endlich der nahe⸗ liegende Argwohn beſchlich, alle Diener des Schloſſes ſeien durch ein mächtiges Drohwort von mir zurück⸗ geſchreckt oder dahin angewieſen worden, keinerlei Verbindungen mit mir einzugehen oder unerlaubte Beſtellungen anzunehmen,— ein Argwohn, der ſpäter ſich nur zu gut in der Wahrheit begründet zeigte, da mir, wie der Leſer erfahren wird, noch mancherlei Zurückſetzungen widerfahren ſollten, bis ich am längſt erwünſchten Ziele war— dem, die Fürſtin ſprechen zu können, wann es ihr oder mir beliebte. Um aber allen dieſen kleinen Verdrießlichkeiten aus dem Wege zu gehen, beſchloß ich einen Schritt, den ich längſt hätte thun ſollen— ich ſetzte mich nieder und ſchrieb an die Fürſtin, daß ich in B... als Bibliothekar eingetroffen ſei, daß ich das Glück habe, mit ihr wieder unter einem Dache zu leben und daß mir bisher alle Möglichkeit abgeſchnitten worden, ihr meine ehrfurchtsvolle Aufwartung zu machen und da⸗ bei einen Brief zu überreichen, den ich ihr nur perſön⸗ lich einhändigen dürfe.— Der Brief war ſehr bald geſchrie und ganz geeignet, mir zum Zweck zu verhelfen. Wie aber ſollte ich ihn der Fürſtin zukommen laſſen? Durch die Poſt? Nein, denn das war kein ſicheres Mittel, 9* 132² da es ja möglich war, daß die Oberhofmeiſterin auch die auf dieſem Wege kommenden Briefe in Empfang nahm und, wenn ſie den Verdacht hegte, daß der Brief von mir herrühre, ihn leicht leſen und unter⸗ ſchlagen konnte. Endlich theilte ich dem Major Fuchs meine neue Verlegenheit mit und er war glücklicher Weiſe mit dem Muth und der Einſicht begabt, mir den richtigen Weg anzudeuten.„Geben Sie mir den Brief,“ ſagte er nach kurzem Beſinnen,„ich gehe alle vier Wochen zur Fürſtin, um ihr meinen Rapport abzuſtatten, und wenn ich ihr dann meine Papiere überreiche, lege ich Ihren Brief hinein.“ „Gut. Aber ſieht ſie Ihre Papiere denn auch an und wiſſen Sie, daß ſie ſie nicht ungeleſen bei Seite legt?“ „Nein, das thut ſie nicht. Sie iſt pünktlich im Dienſte und noch immer habe ich gefunden, daß in Allem genau Beſcheid weiß, was ich ihr ſchriftlich überreicht habe.“ — 4„Da haben Sie ihn— nun ſeien Sie mein Oberho r und ſtellen Sie mich in der Geſtalt meines es vor, dann haben wir der Gräfin Hohenheim mit ihrer ganzen Sippſchaft ein N artiges Sühnpöhen geſchlagen.“ „Das iſt auch meine Freude, mein lieber Flem⸗ ming; ich liebe ſie eben ſo wenig wie alle die Men⸗ ſchen, die eine lebendige Barrikade von Amtswegen vorſtellen. Halloh! Schießen wir eine Breſche und verſuchen wir einen Sturm, das liegt in meiner Natur, denn ich bin ein geborener Soldat. Ueber⸗ morgen ſtatte ich meinen Rapport ab und dann wer⸗ den wir den Erfolg erleben.“ Wie der Major es verſprochen, ſo hielt er es redlich. Am dritten Tage hatte die Fürſtin meinen Brief empfangen, dabei den Ueberbringer ſcharf an⸗ geſehen und, als derſelbe bemerkt, daß er einem Freunde den Gefallen gethan, das Schreiben zu beſorgen, ge⸗ lächelt und es in der Hand behalten, bis die Audienz beendet war. Unfre Vermuthung erwies ſich als richtig. Die Fürſtin hatte meinen Brief geleſen, Niemanden davon ein Wort geſagt, aber dafür gehandelt. Den Beweis davon erhielt ich am Tage nach Abgabe des Briefes durch ihren Kammerdiener, der bei mir eintrat und meldete, daß mich Ihre Durchlaucht noch an dieſem Abend um halb neun Uhr bei ſich erwarte. „Wird ſie um dieſe Zeit allein ſein?“ erlaubte ich mir den ſtillen Kammerdiener zu fragen. „Ach nein, Herr Bibliothekar, ſie hat heute ihren 134 kleinen Zirkel. Es werden etwa ſechs Damen und eben ſo viele Herren zum Thee bei ihr ſein.“— Dieſe letzte Mittheilung dämpfte meine Freude, denn das hatte ich am wenigſten erwartet. Nicht in Anweſenheit anderer, mir ſehr gleichgültiger oder gar feindſelig geſinnter Menſchen wollte ich der Fürſtin vorgeſtellt werden und mit ihr reden. Warum that ſie mir das zu Leide? Hatte ſie keine Viertelſtunde des ganzen Tages für den Freund ihres Bruders übrig? Oder wurde ſie vielleicht von irgend einer Scheu, mir allein gegenüberzuſtehen und von den Ihrigen zu hören beherrſcht? Faſt kam es mir ſo vor. Oder wollte ſie gar die Neugierde einiger bevorzugter Perſonen befriedigen, mich ihnen als den neuen Bibliothekar vorſtellen, dem ſie ihrem Vater zu Ge⸗ fallen ein kleines Stück Brot hingeworfen, freilich aber ihn auch dabei mit der Ehre beglückt hatte, fürſtlicher Hofbibliothekar zu werden und mit ihr unter einem Dache zu wohnen? Oder endlich, hatte ſie ganz ohne alles Nachdenken den Befehl gegeben, mich zu einer Stunde zu ihr zu führen, die dem Ver⸗ gnügen gewidmet zu ſein pflegte, oder war ſie vielleicht gar dazu durch die Einwirkung der Oberhofmeiſterin veranlaßt worden? 3 Eine von allen dieſen Urſachen mußte vorhanden ſein, wenn nicht ſogar mehrere zu gleicher Zeit wirk⸗ ſam waren, das glaubte ich wenigſtens beſtimmt an⸗ nehmen zu dürfen. Allein was half all mein Sinnen und Grübeln darüber? Der Befehl war einmal ge⸗ geben und ich mußte ihm pünktlich nachkommen. So machte ich mich denn zu dem längſt gewünſch⸗ ten und nun wieder mir ſehr peinlich gewordenen . Schritte bereit. Um die feſtgeſetzte Zeit, auf die Minute, fand ich mich im Vorzimmer ein; der dort anweſende Kammerdiener meldete mich an und einen Augenblick darauf brachte er mir den Befehl, einzu⸗ treten, Ihre Durchlaucht wünſche mich auf einige Mi⸗ Lnuten in ihrem vertraulichen Zirkel zu empfangen. . Unter der Einwirkung einer eigenthümlichen Miß⸗ ſtimmung und doch mit vor Freude klopfendem Her⸗ zen trat ich über die verhängnißvolle Schwelle. Schon das erſte Arbeitszimmer war ſehr hell durch Kerzen und Sinumbralampen erleuchtet, aber das eigentliche Geſellſchaftszimmer, in dem die Seſſel um den großen runden Tiſch ſtanden, ſtrahlte in einem ſo übermäßi⸗ gen Glanze, daß ich beim erſten Blick faſt geblendet . wurde und meine Augen mit Gewalt zwingen mußte, durch die Verſammlung zu dringen und die einzige Perſon herauszuſuchen, die hier für mich von hoher 3 Bedeutung war. 136 Allein nur kurz war der Augenblick der Blendung meines Augenlichts, dann ſah ich klar und zu meinem nicht geringen Unbehagen zunächſt an der Thür die Oberhofmeiſterin mit ihrem Freunde, dem Kammer⸗ herrn von Krachwitz ſitzen, die bei meinem Eintreten, von deſſen Vorladung ſie, wie ich nun ſah, keine Ahnung hatten, ſichtbar ſtutzten und ſich fragende Blicke zuwarfen, die mich, wenn ich ſehr leicht in Ver⸗ legenheit zu bringen geweſen wäre, gewiß hätten aus der Faſſung werfen können. Aber nur flüchtig konnte der Blick ſein, den ich über dieſe beiden Geſtalten ſchweifen ließ, denn aus den anderen Perſonen her⸗ aus, die mich alle mit Erſtaunen betrachteten, weil ſie nicht wußten, was mein Eintreten bedeuten ſollte, ſuchte ich die Fürſtin auf, und da ſie, ihren Platz verlaſſend, mir einige Schritte entgegen kam, blieb ich unweit der Thür ſtehen und verbeugte mich ehr⸗ furchtsvoll vor ihr. Als ich aber dann mein Auge erhob und die Fürſtin in ihrer ganzen Schönheit und Majeſtät dicht vor mir ſtehen ſah, vergaß ich alles Uebrige, ſogar die Anweſenheit meiner Feindin. Ich war erſtaunt, überraſcht, denn ich fand nicht nur Alles auf ihrem Geſichte, wie ich es zu finden erwartet, ſondern noch viel mehr, was mich, wenn auch nicht jetzt gleich, doch ſpäter bei genauerer Ueber⸗ 5 137 legung vollkommen befriedigte. Das Bild an der Wand dieſes Saales war treu, auf keine Weiſe ge⸗ ſchmeichelt, nur die reine Natur dieſes ſeltenen Weibes war darauf wiedergegeben, und doch lag— für mich wenigſtens— auf dieſem lebendigen Geſichte noch etwas ganz Anderes, als der Künſtler mit den Farben hatte wiedergeben können. Mir ſchien es, als ob auch die Fürſtin nicht ganz frei von Verlegenheit ſei, indem ſie mir hier zum erſten Mal gegenüber trat. Sie blickte mir nicht ſo ganz unbefangen in's Auge, wie ich mit meinem ge⸗ wöhnlichen offenen Blick das ihre zu betrachten mir erlaubte. Vielleicht war ſie durch lange Gewohnheit und den Umgang mit weniger offenherzigen Menſchen weit davon entfernt, eine ſo freie Meinungsäußerung zu erwarten, wie ſie— ich fuͤhlte es ſelbſt— ſcharf ausgeprägt auf meinen Zügen liegen mußte. Der kalte, gleichſam herz⸗ und ſeelenloſe Blick aber, den ich ſchon bei der Betrachtung des Bildes angedeutet, trat beinahe erkältend und viel deutlicher noch aus dieſen lebendigen Augen hervor, und dabei ſprach, wenn nicht ein natürlicher Stolz, doch gewiß eine künſtliche höfiſche Zurückhaltung, die mich froͤſteln machte, aus allen ihren Zügen und Bewegungen. „Herr Bibliothekar!“ redete ſie mich mit unſicherer 138 und mir faſt heiſer klingender Stimme an,„Sie ſtellen ſich mir alſo vor! Ich danke Ihnen! Ihre Zeilen habe ich geleſen. Sie bringen mir Grüße von meinen b Eltern?“ „Die herzlichſten, Durchlaucht, und die aufrich⸗ tigſten, wohlgemeinteſten Wünſche, daß Sie ſich in jeder Beziehung wohl fühlen mögen.“ Bei dieſen langſam, laut und bei der um mich herrſchenden Stille ſehr verſtändlich geſprochenen Wor⸗ ten zuckte ein blitzartiges Lächeln um ihre feinen Lip⸗ pen, und doch konnte ich nicht umhin, darin etwas mit Gewalt zurückgehaltenes Schmerzliches wahrzu⸗ nehmen. „Ich danke Ihnen! Ein ander Mal mehr davon!“ fuhr ſte fort, die Augen einen Moment zu Boden ſchlagend, als könne ſie die gerade, offene Sprache meines ſie betrachtenden Auges nicht ertragen, weshalb ich den Ausdruck deſſelben zu mäßigen ſuchte.— „Aber Sie ſchrieben von einem Briefe, den Sie mir nur perſönlich übergeben dürften— wo iſt er?“ „Hier, Durchlaucht!“ „Von Wem iſt er?“ „Der Schreiber will ſich nur ſelbſt nennen und er rechnet ebenſo ſicher darauf, von Ihnen verſtanden zu werden, wie er die Beherzigung ſeiner Wünſche hofft.“ 2 139 Bei dieſen von mir mit leiſerer Stimme aber mit MNachdruck geſprochenen Worten geriethen die Muskeln ihres Geſichts in Bewegung, als wollten ſie ſtürmiſch durch einander laufen. Ohne Zweifel hatte ſie be⸗ griffen, wer der Schreiber des Briefes war, deſſen Na⸗ men ich in dieſer Geſellſchaft abſichtlich verſchwieg. Allein gewohnt, ſich zu beherrſchen und ihre Gefühle niederzu⸗ halten, nahmen ihre Züge bald die vorige Ruhe wie⸗ der an, nur konnte ſie nicht verhindern, daß eine flüch⸗ tige Röthe ihre Stirn und Wangen überzog, der dann plötzlich eine um ſo auffallendere Bläſſe folgte. Sie nahm mir den Brief aus der Hand— eine höchſt unceremoniöſe Handlung, wie mir ſogleich das verächtlich zuckende Geſicht der Oberhofmeiſterin erklärte — betrachtete die Aufſchrift, legte mit einer unwillkür⸗ lichen raſchen Bewegung die linke Hand auf ihr Herz, das wohl, ſobald ſie die Handſchrift erkannte, lauter als gewöhnlich ſchlagen mochte, und machte mir dann eine ſchweigende, kaum bemerkbare Verbeugung, die ich mir als den Wink meiner Entlaſſung deutete und, indem ich ſchnell einen Schritt zurücktrat, auf das Ceremoniöſeſte erwiderte. Eine Minute ſpäter war ich aus dem Zimmer ge⸗ treten und athmete die freiere Luft des Vorzimmers, des Corridors und endlich meiner eigenen Wohnung. 140 Das war alſo mein erſter Empfang Seitens der zärt⸗ lichſt geliebten Schweſter meines Freundes, das war Alles, was ſie mir zu ſagen, von mir zu hören hatte! O! Das war ſehr wenig, viel weniger, als ich er⸗ wartet, und doch— und doch— ſagte mir eine in⸗ nere Stimme, daß es nicht Alles war, was ſie auf dem Herzen hatte, denn, mochten Andere von dieſer erſten Vorſtellung denken, was ſie wollten— ich hatte nicht allein in ihren Aeußerungen, ihren kalt abge⸗ wogenen Blicken und Geberden geleſen— es war noch etwas Anderes in ihr, was mich nicht als ganz Fremden behandelte und was ich mir gleich nachher ungefähr ſo überſetzte: „Verzeihen Sie, Flemming, daß ich meiner augen⸗ blicklichen Umgebung Rechnung tragen muß; ich hätte Sie allein, ohne Zeugen empfangen ſollen— ich ſehe es zu ſpät ein. Gedulden Sie ſich! Ich bemerke zu meiner nicht geringen Ueberraſchung, Sie ſind der Alte geblieben, und in mir, unter der Aſche der mich jetzt umgebenden Verhältniſſe, inmitten meines Kum⸗ mers, meiner Sorgen, iſt ebenfalls noch ein kleiner Funken meines früheren Seins, eine Erinnerung an ein früh verſchwundenes Jugendglück ſitzen geblieben.“ Mit dieſer Ueberſetzung war ich für den Augen⸗ blick einigermaßen zufrieden, wenn ich mir auch ein⸗ ränmen mußte, daß die kurze, bündige Behandlung, die mir im Angeſicht der vornehmen Geſellſchaft offi⸗ ciell widerfahren, keine ſolche war, daß dieſe Geſell⸗ ſchaft ſelbſt in mir etwas Anderes als einen unter⸗ geordneten Diener, einen gemeinen Handlanger des höfiſchen Dienſtes erblicken und meinen Werth danach feſtſtellen konnte. Dieſe Wahrnehmung war an ſich ſchon hinreichend, meinen Muth etwas abzuſchwächen. Im Ganzen alſo war ich nicht ſehr erbaut, nicht befriedigt, am wenig⸗ ſten aber erwärmt und aufgeheitert durch meine erſte Vorſtellung bei Hofe. Meine neue Lage wollte mir plötzlich wieder drückender, ſchwieriger denn je erſchei⸗ nen, allein ich bezwang den in mir aufdämmernden Stolz und ſagte mit Ruhe zu mir:„Warten wir es ab. Der Berg iſt hoch und ſteil, den ich beſteigen will, aber mit Geduld gelange ich endlich doch auf den Gipfel. Einmal oben aber, wirft Dich, Kurt Flemming, kein Ceremoniel, kein feindlicher Angriff, keine widrige Luftſtrömung hinab und Du überſchauſt Alles klar und rein, was Deinen umwölkten Blicken jetzt noch entzogen iſt.“ Viertes Anpitel. Die erſten Symptome der Wühlerei meiner Feinde. Nachdem ich dieſe erſte Vorſtellung bei der Fürſtin, womit ich die Einführung in mein Amt eigentlich erſt für vollendet hielt, überſtanden hatte, kehrte meine Arbeitsluſt mit neuer Ausdauer zurück und ich ver⸗ lebte mehrere Wochen unausgeſetzt unter meinen Büchern, ohne daß etwas Erwähnenswerthes um mich her vor⸗ gefallen wäre. Mein größtes Vergnügen damaliger Zeit beſtand in endloſen Spaziergängen durch Feld und Wald, auf denen ich über meine Zukunft ernſtlich G 4 mit mir zu Rathe ging, wenn ſich mein Leben in B... wider Erwarten nicht auf eine wünſchenswerthe Weiſe geſtalten ſollte. Zwei bis drei Jahre nahm ich mir höchſtens an dieſem Orte zu bleiben vor; in dieſer Zeit konnte ich nicht nur die Bibliothek vollſtändig 143 geordnet, überſichtlich aufgeſtellt und zu Jedermanns Gebrauch nutzbar gemacht haben, ſondern ich hatte bis dahin auch meine begonnenen Privatſtudien und Arbeiten zu Ende gebracht, deren Vollendung ich mir ſeit meiner großen Reiſe als nächſte Aufgabe geſtellt. Was darüber hinauslag, kümmerte mich jetzt noch nicht, die Beſtimmung darüber wollte ich meinem Freunde überlaſſen, zu dem ich ja ſtets zurückkehren konnte, wenn es mir draußen in der Welt nicht mehr behagte. Ueber die letzten Vorfälle hatte ich ihm noch nichts geſchrieben und ich wollte damit noch eine laͤngere Zeit zurückhalten. Was konnte es ihm nützen, Dinge zu erfahren, die ihn doch nur gekränkt und erbittert hätten, und Alles, was ich bisher am Hofe ſeiner Schweſter erlebt und durchſchaut, war nicht dazu an— gethan, ſeine Beſorgniß für ihr Wohl, das ihm ſo ſehr am Herzen lag, zu beſchwichtigen, am wenigſten aber ihm eine Hoffnung auf eine ſehr raſche Aus⸗ ſöhnung zu geben, wie wir Beide ſie uns, ſanguiniſchen Sinnes, in Adersbach als ein ſo leichtes Unternehmen geträumt hatten. Eine neue Epoche in meinem Aufenthalt zu B.. ſollte der in die letzten Tage des September fallende Geburtstag der Fürſtin bezeichnen. Dieſer Tag war ein Feſttag im ganzen Lande, und namentlich in der 144 Reſidenz wurde er auf ganz beſondere Art gefeiert, um der verwaiſten Fürſtin die Liebe und Ergebenheit zur Anſchauung zu bringen, die man für ſie im Gegen⸗ ſatz zu ihrem auswärts lebenden Gemahl im Herzen bewahrte. Aber auch von der Fürſtin ſelbſt wurde dieſer Tag auf eine ganz eigene Weiſe feſtlich be⸗ gangen, die, als ich ſie vernahm, mir bewies, daß ihr Herz noch nicht völlig der Vergangenheit abgeſtorben ſei und daß ſie nicht vergeſſen habe, wie traulich und gemüthlich man in ihrem väterlichen Hauſe einſt dieſen Tag in ländlicher Zurückgezogenheit gefeiert habe. Allerdings war unter dieſer lebhafteren Bevölkerung und bei dem nach lauteren Vergnügungen drängenden Hange der Städter ein ſo völliges Abſchließen vom Allgemeinen nicht ſo gut wie dort durchzuführen, des⸗ halb hatte die Fürſtin denn auch einen Mittelweg eingeſchlagen, der alsbald die allgemeine Billigung erlangte und eine erwünſchte Betheiligung faſt ſämmt⸗ licher Parteien zur Folge hatte. Die Fürſtin pflegte früh am Morgen dieſes Tages, wenn es das Wetter irgend erlaubte, auf das Land zu fahren. Zwei Meilen von der Reſidenz entfernt, lag mitten im romantiſchen Gebirge ein beliebter Ver⸗ gnügungsort, die Felſenburg geheißen, wo eben ſo wohl große bedeckte Räume, wie niedlich abgelegene : richtungen zu beliebiger Benutzung einluden. Nach dieſem vom herrlichſten Laubwalde umgebenen Orte folgte der Fürſtin ebenfalls früh am Morgen der ganze Hofſtaat und ein großer Theil der wanderluſtigen Bevölkerung der Reſidenz, ſelbſt aus den benachbarten Ortſchaften kam Jung und Alt angepilgert, um den Tag in harmloſer Freude, bei ſchöner Muſik, Tanz und Spiel im Grünen zuzubringen, was ſich Alles rings um das mitten im Walde aufgeſchlagene fürſt⸗ liche Zelt abwickelte, in dem die Fürſtin ſelbſt mit ihrem Hofe es ſich wohl ſein ließ und in völliger Zwangloſigkeit bald Zuſchauerin, bald Theilnehmerin der verſchiedenen Vergnügungen war. Hier draußen in einem fürſtlichen Landhauſe, und wenn es das Wetter erlaubte, im Freien, wurden auch die officiellen Gratulationen angenommen und fanden in einer von der Oberhofmeiſterin beſtimmten Reihen⸗ folge je nach Rang und Stand der Anweſenden ſtatt, worauf ſpäter eine offene Tafel abgehalten ward, bei der die Geladenen mit der Fürſtin an einem Tiſche ſpeiſten, das große Publicum aber auf Koſten der Regentin an verſchiedenen Orten und in reichlichſter Fülle bewirthet wurde. Dieſe allgemeine Feſtfreude war der letzte Reſt Der Sohn des Gärtners. III. 4 10 146 der Hofſitte aus viel früherer Zeit in B..., wo der Großvater und Vater des jetzigen Fürſten noch für wirkliche Landesväter ihrer Unterthanen galten und mit ihnen auf dem beſten Fuße ſtanden. In den letzten Jahren der gewaltthätigen Regierung des jetzt abweſenden Fürſten war man, wie in vielen Dingen, auch von dieſer löblichen Gewohnheit abgegangen, ſie koſtete, da das fürſtliche Leben im Ganzen ungeheure Summen verſchlang, ſeiner Meinung nach zu viel und ſeinen nur die ſchärfſten Reize liebenden Sinn befrie⸗ digte das ländliche Vergnügen und das Verweilen in der Mitte ſeiner murrenden Unterthanen nicht mehr. Sobald er aber das Land verlaſſen hatte, ſtellte die Fürſtin, ihrer ſelbſt und des Volkes wegen, das Feſt in ſeiner urſprünglichen Form wieder her und erwarb ſich hierdurch noch mehr die Liebe ihrer Unterthanen, die ihr ſo ſchon von ganzem Herzen ergeben waren. Dies Alles erzäblte mir kurz vor dem erwähnten Tage Major Fuchs, und indem er hinzufügte, daß er ſelbſt nur Morgens hinaus reite, um ſeinen Glückwunſch abzuſtatten, Mittags aber wieder in der Stadt zurück ſei, weil ihn das Schwelgen der zahlreich geladenen Gäſte ſtets mit Ekel erfülle, ermahnte er mich, gar nicht den Miſanthropen zu ſpielen, mich vielmehr unter die Fröhlichen zu miſchen, da ich dann ja ſelbſt ſehen 147 würde, wie hübſch es da draußen unter den Alten und Jungen, den Hohen und Niederen ſei, die alle in neuſter Feſtkleidung und jubelnder Luſt ihren ge⸗ theilten Genüſſen nachgingen. Als ich dies hörte, nahm ich mir vor, der ſicher auch an mich ergehenden Aufforderung zu folgen und mich mit den übrigen Hofdienern nach der Felſenburg zu begeben. Mir lagen noch ſehr wohl die Geburts⸗ tage der fürſtlichen Kinder in W... im Gedächtniß und ich erinnerte mich gern an die kleinen Freuden, von denen ich ja auch dem Leſer manches Einzelne mitgetheilt habe. Ach! Ob die Fürſtin noch hier ſo glücklich war, wie ſie es damals als Prinzeſſin Hildegard, von Allen umworben und angebetet, geweſen? Ob ſie noch mit derſelben Harmloſigkeit das Leben genoß und daſſelbe Wohlgefallen an den kindlichen Spielen und Auftritten ihr Herz ſchwellen machte? Ich be⸗ zweifelte es ſehr. Wie war doch Alles hier in B... ſo ganz anders als in W..., das ſah ich ſo recht von Tage zu Tage mehr ein. Dort ein ſo einfaches, natürliches, faſt patriarchaliſches Leben, ſelbſt im Glanz und Ueberfluß des kleinen Hofes, hier ein geſchraubtes, künſtlich aufgeputztes, mit altem Flittertand prunken⸗ des Daſein! Dort ein ruhiger, gemeſſen fortſchreiten⸗ der, dankbar hinnehmender Genuß, hier ein aufgeregter, 10 148 wilder, nach Saus und Braus trachtender Taumel! Dort zwar ſtolze, ſich ihrer erhabenen Vorzüge be⸗ wußte, aber im Ganzen nüchterne und zufriedene Menſchen, hier ein übermüthiges, trotzig auf ſeine Privilegien pochendes, von Aufgeblaſenheit und Dünkel trunkenes Hofgeſchmeiß! Selbſt die Perſonen, die mir in W.. einſt die unangenehmſten, unwillkommenſten geweſen, ſchienen mir jetzt in der Rückerinnerung ihrer damaligen Anmaßung und Einbildung beraubt zu ſein, ſogar der Hofrath Beau kam mir nur als eine kindiſch eitle, ungefährliche und ſchadloſe Perſönlichkeit vor, und die Erzieherin der Prinzeſſin war gegen die jetzige Oberhofmeiſterin eine gelind ſchmollende, mehr charakterloſe als bedeutungsvolle Geſtalt, während ſie hier wie eine Regentin über der Regentin, gleichſam ein lebendig wandelndes und ſtrafendes Gericht ein⸗ herſchritt, Groll und Haß im Herzen brütend und auf ihren Mienen die kalte Grauſamkeit einer unerreich⸗ baren Nemeſis tragend. An alle dieſe Vergleiche, die ſich nur allmälig in mir entwickelten, als mein ſcharf beobachtendes Auge immer klarer und umſichtiger ward, wurde ich faſt täglich dringender gemahnt, wenn ich von einem Fenſter in meiner ſtillen Bibliothek aus, hinter deſſen Gardinen verborgen mich Niemand als Beobachter vermuthete, —————y yyy——n:— allein, dann und wann aber auch in Geſellſchaft anderer Perſonen, in den ſchattigen Gängen luſtwan⸗ deln ſah. Einmal kam ſie mit zwei jüngeren Damen langſam daher geſchritten, hinter ihr folgte die unver⸗ meidliche Gräfin Hohenheim, in vertraulichem Geſpräch mit Herrn von Krachwitz begriffen. Die Fürſtin wandelte langſam mit ihren Damen daher, trennte ſich dann von ihnen, zu denen ein paar Cavaliere traten, und ſetzte ihren Weg allein fort. Gedanken⸗ voll ſtand ſie gerade vor meinem Fenſter ſtill, be⸗ trachtete wehmüthig die vor ihr ausgebreitete ſchöne Landſchaft, blickte ſich gleichſam ſuchend unter den Blumen und Geſträuchen um und fiel in ein tiefes und, wie es ſchien, ſchmerzliches Nachſinnen zurück. „Wenn ich ihr jetzt nahen könnte,“ dachte ich, „ſo würde ich vielleicht Gelegenheit finden, einen tie⸗ feren Blick in ihr Herz zu werfen; ſie würde mich ſprechen laſſen und ich würde ihr Manches zu hören geben, was den lange verſchloſſenen Schrein ihrer Seele öffnen ſollte. Doch was iſt das? Sie hebt ihr feines Tuch gegen das Geſicht empor und ſtreift damit raſch über die Augen. Weint ſie oder fächelt ſie ſich nur Kühlung zu? Nein, bei Gott! Ihr Buſen hebt ſich ſchwer, ihr Herz iſt alſo übervoll und ſie denken wenigſtens, daß ſie Momente habe, in denen ſehnt ſich nach Erleichterung. Sie trocknet wirklich eine raſch hervorquellende Thräne; entweder giebt ſie ihrer Erinnerung eine kurze Audienz, oder ſie hegt Wünſche, die ſie keinem Sterblichen laut verrathen darf. Dooch— es iſt bald vorüber— da kommt die Oberhofmeiſterin mit dem geckenhaften Kammerherrn heran— ſie ſpricht zu der Fürſtin— und fort von den Augen flattert das Tuch, ſie bückt ſich nach einer kleinen Blume, und als ſie ihr roſiges Geſicht gegen die ſie ſtörenden Menſchen erhebt, iſt ihre Erinnerung in ihre Bruſt zurückgetreten, ihre heimlichen Wünſche ſind verſtummt und ſie iſt wieder die Fürſtin, die nur von Wohlſein, Zufriedenheit und dem Bewußt⸗ ſein der ihr aufgebürdeten Würde ſtrahlt. Keiner von allen Anweſenden ſieht ihr irgend ein Leid, ein Weh, eine innere Beklemmung an— nur ich, ich ſehe es, denn ich kenne ihre Erinnerungen, ihre jugend⸗ lichen Freuden, ihr— vereinſamtes Herz. Doch— bilde ich mir das nicht etwa blos ein? Wer ſagt mir, daß ich Recht und Jene Unrecht haben?“ Mir ſagte Niemand etwas darüber, und doch konnte ich mir von dieſem Augenblick an, der mich einen tiefen Blick in das zerriſſene Innere dieſer äußerlich ſo be⸗ vorzugten Frau thun ließ, nicht mehr verhehlen, zu 151 die ganze ſchwere Laſt ihrer jüngſten Vergangenheit und die leere, nüchterne, ſeelenloſe Gegenwart, die ſie umgab, niederdrückend auf ihre Seele fiel. O, was mochte ſie unter den Händen und der Willkür eines Mannes gelitten haben, der nur mit Soldaten, Jägern, Pferden, Hunden, Schmeichlern und Maitreſſen umzu⸗ gehen verſtand, die er nach Belieben liebkoſte, gängelte, prügelte oder mit Gold beſtach, und in ſelbſtvergeſſener Trunkenheit ſich allen Lüſten hingab, die eine gemeine Natur als den einzigen Tummelplatz für ihre freche Willkür betrachtet! Sie, mit ihrem feinen Gefühl, an eine unſchuldsvolle Umgebung, an liebende Eltern und Geſchwiſter gewöhnt— wie große Wunden mußte ihr das Taumelleben in B... reißen, und war es ein Wunder, daß endlich, da nirgends eine Abhülfe, ein Troſt, eine glättende Hand für ſie in's Mittel trat, ihr Herz erkaltete, ihr Auge Blicke warf, wie jenes Bild, ja, wie ich ſie in dem lebendigen Auge ſelbſt geſehen, als ſie mir an jenem unſeligen Abend in der vornehmen Geſellſchaft zum erſten Mal fragend ent⸗ gegentrat und, ohne eine befriedigende Antwort abzu⸗ warten, traurig in ihre jetzt gewöhnliche Hofſtimmung zurückſank?— Als der Tag des erwähnten Feſtes näher rückte, wartete ich nicht ohne Spannung, ob mir nicht irgend 152 ein Beamter die Einladung dazu bringen oder nur ein Wort fallen laſſen würde, daß ich auch an dem⸗ ſelben Theil zu nehmen berechtigt ſei. Ich wäre gern dabei geweſen, hätte gern aus nächſter Nähe die Fürſtin geſehen und vielleicht irgend ein freundliches Wort oder einen Blick von ihr erhaſcht, der mir die Gewißheit gegeben, daß ich nicht ganz aus ihrer Er⸗ innerung verſchwunden ſei. Fragend blickte ich Alle an, die mit mir in irgend eine Berührung kamen, aber Niemand verſtand dieſen Blick, Niemand viel⸗ leicht wollte ihn verſtehen. Am Tage vorher kam die Oberhofmeiſterin ſelber mit einer jüngeren Dame in die Bibliothek, und ohne mich eines Blicks zu wür⸗ digen oder meine Hülfe zu verlangen, begab ſie ſich in den Saal, in welchem die Werke der modernen Belletriſten aufgeſtellt waren. Da ich ſie ihren eige⸗ nen Weg gehen ſah, als ſei ſie hier zu Hauſe und könne ſchalten und walten nach Belieben, ſo wartete ich eine Weile geduldig in der Ferne das Kommende ab; als ich ſie aber plötzlich laut über die Unordnung klagen hörte, die unter den Büchern herrſche, trat ich ernſten Weſens hinzu, verbeugte mich und fragte nach ihren Wünſchen.⸗ „Sie ſind noch nicht weit in der Ordnung dieſer Bücher vorgeſchritten,“ ſagte ſie mit ihrer trock⸗ 15³ nen, harten Stimme,„das bedaure ich— beeilen Sie ſich.“ „Das geht ſo raſch nicht; ich habe dieſem Saale noch keine Aufmerkſamkeit widmen können, Frau Grä⸗ fin,“ erwiderte ich kalt aber höflich;„mich beſchäftigen noch die Geſchichtswerke, dann kommen die Philo⸗ ſophen und dann—“ „Ich will von der langen Reihe Ihrer noch aus⸗ zuführenden Großthaten nichts wiſſen,“ unterbrach ſie mich mit einer abſichtlich beleidigenden Härte.„Sie ſollten die Bücher ordnen, die man zunächſt braucht, ich wünſche das ſo.— Wo haben Sie Bulwer's Maltravers?“ Zufällig hatte ich das Buch vor Kurzem in der Hand gehabt, nachdem es ein Kammerherr geleſen und zurückgeſchickt.„Hier iſt es,“ erwiderte ich, nahm es von ſeinem Platze herunter und reichte es ihr hin. „Bitte,“ fuhr ſie vornehm fort, als ob ſie die Be⸗ rührung mit mir von Hand zu Hand ſcheue, und trat einen Schritt zurück, ſo daß ſelbſt die junge Hofdame über dieſe brutale Geberde erſchrak und erröthete, „ſchicken Sie es mir auf mein Zimmer!“ Das Blut ſtieg mir in den Kopf; ich legte das Buch mit zuckender Handbewegung auf einen Tiſch und ſagte, indem ich mich kalt abwandte:„Haben Sie die Güte, danach zu ſenden, mir ſtehen in der Bibliothek keine Lakaien zu Gebote.“ Ein drohender Blick flog mir entgegen, die junge Hofdame aber, mir heimlich einen freundlichen Wink gebend, nahm das Buch hinter dem Rücken der Ober⸗ hofmeiſterin vom Tiſche und folgte der Fortgehenden, mir eine flüchtige Verbeugung zu Theil werden laſſend, die ich auf das Höflichſte erwiderte. Unter dieſen Umſtänden konnte alſo von einer Einladung zu dem Feſte im Freien Seitens der rech⸗ ten Hand der Fürſtin nicht die Rede ſein, ich ver⸗ zweifelte aber immer noch nicht und hoffte am Ende von der linken, was mir jene verſagt. Allein auch hier hoffte ich vergebens. Einige Hofherren begeg⸗ neten mir noch denſelben Nachmittag im Schloſſe, ſelbſt der Hofmarſchall, der in vollſtem Dienſteifer dem Küchen⸗ und Kellermeiſter Anweiſungen gab, ſah mich gegen Abend die Bibliothek verlaſſen, aber auch er verrieth mit keiner Sylbe, daß ich Anſpruch auf die Theilnahme am Feſte des folgenden Tages habe. Am Abend erwartete ich mit Ungeduld das Er⸗ ſcheinen meines alten Schloßdieners, der mir aus Ge⸗ fälligkeit und für einen monatlichen Lohn die Stiefel putzte, in der Hoffnung, er würde mir gewiß eine Beſtellung auszurichten haben. Aber nein, auch er 15⁵ ſchwieg und ſo vertröſtete ich mich auf den Morgen des Feſtes ſelbſt. Schon gleich nach Tagesanbruch, als ich noch halb ſchlaftrunken im Bette lag, hörte ich mehrere Wagen vom Schloßhofe abrollen. Ich ſtand auf und blickte hinab. Es waren die Küchen⸗ und Kellerwagen mit einem ganzen Haufen von Lakaien, die voranfuhren, um die Vorbereitungen zu dem Eſſen zu treffen. Während ich Kaffee trank, erſchienen neue Wagen und viele Beamte, Cavaliere, mit einem abermaligen Troß von Dienern, ſtiegen ein und fuhren luſtig und ſeelenvergnügt davon. Ich hatte mein Fenſter geöff⸗ net und blickte nach den Einſteigenden hinab. Viele von ihnen ſahen mich ſogar im Fenſter liegen, nickten grüßend herauf, aber Keiner von ihnen fragte, ob ich mit wolle oder gab mir nur im Geringſten zu ver⸗ ſtehen, daß ich auch einen Platz in irgend einem Wagen beanſpruchen könne. Endlich, nachdem ich mich ſchon in feſtliche Kleider geworfen, ging ich hinab in's Schloß und kam eben zur rechten Zeit, um die Fürſtin ſelbſt abfahren zu ſehen, der unmittelbar alle Damen des Hofes und die noch zurückgebliebenen Cavaliere folgten. Gleich darauf wurde es ſehr ſtill im Schloſſe, ich ſah nirgends einen Menſchen mehr, der ſich noch dem 156 allgemeinen Zuge hätte anſchließen können. Endlich ging ich zu dem Oberkaſtellan hinab, um von ihm vielleicht noch zufällig eine Belehrung zu empfangen, da ich mir feſt vorgenommen hatte, an Niemanden eine Frage zu richten oder nur den Glauben blicken zu laſſen, ich halte mich für berechtigt, Theilnehmer der großen Parthie zu ſein. Als ich beim Kaſtellan eintrat, ſaß er wie gewöhn⸗ lich um dieſe Zeit am Frühſtückstiſch. Er war ſo gütig, mir einen Stuhl anzubieten, den ich ablehnte, und er ſagte dabei:„Ich bin heute der Einzige im Schloß, der nicht mit in's Grüne fährt; da draußen iſt es feucht und meine Gicht im Bein verträgt das nicht.“ Dieſer Mann ſagte frech, er ſei der Einzige im Schloß, der zu Hauſe bleibe, und doch ſah er mich vor ſich ſtehen. War ich denn kein Schloßbewohner ſo gut wie er und jeder andere Beamte? Das ſchien mir doch etwas unverſchämt, aber meine Laune war in der Wandlung begriffen; ich fing an, mein Geſchick mit der größten Gelaſſenheit zu tragen und drehte ihm daher ſehr bald den Rücken, um über den Hof zu ſchreiten und einen Blick auf die Straße nach der Stadt hinab zu werfen. Außerhalb des Portales, vor einem dem Schloſſe 157 zunächſt gelegenen Hauſe, dem fürſtlichen Miniſterial⸗ gebäude, ſtanden zwei bis drei Wagen in einer Reihe aufgefahren. In demſelben Augenblick, als ich hinaus⸗ trat, ſtiegen mehrere Räthe die Stufen davor her⸗ unter, kletterten raſch ein und fuhren wie der Wind die Lindenallee hinab. Das waren die letzten Wagen, die ich dem allgemeinen Ziele zuſtreben ſah. Plötz⸗ lich erwachte ein ſtolzes Gefühl in meiner Bruſt, ich wandte der ganzen Außenwelt den Rücken, ging auf mein Zimmer, kleidete mich wieder aus und begab mich dann in die Bibliothek, wo ich trotz des Wur⸗ mes, der an meinem Innern nagte, mehrere Stunden völlig ungeſtört arbeitete und endlich um zwei Uhr nach der goldenen Krone ging, um mein Mittagseſſen einzunehmen. Hier fand ich die ſonſt ſo beſetzte Tafel faſt leer. Nur einige alte Herren, einige Reiſende und ein fremder Officier, den Niemand kannte, ſaßen bei Tiſche. Ich aß ruhig was mir vorgeſetzt wurde, ohne zu wiſſen was es war. Als aber das Deſſert aufge⸗ tragen ward und der Officier und die alten Herren ſich ſchon entfernt hatten, ſprengte plötzlich ein Reiter vor die Hausthür und unmittelbar darauf trat Major Fuchs beſtäubt und erhitzt herein, denn es war ein ſehr warmer und trockener Tag. „Was,“ rief er mir zu, als er meiner unerwartet anſichtig wurde,„Sie ſind nicht draußen?“ Und dabei machte er, mir die Hand ſchüttelnd, ein ſo erſtauntes Geſicht, daß ich unwillkürlich lächeln mußte. „Wie Sie ſehen,“ erwiderte ich,„bin ich hier. Setzen Sie ſich, eſſen Sie Ihre Suppe und dabei will ich Ihnen erzählen, wie es mir ergangen iſt.“ So theilte ich ihm Alles mit, obwohl ich mich hütete, irgend eine Bitterkeit durchblicken zu laſſen; allein der Mann führte nicht umſonſt ſeinen Namen, er durch⸗ ſchaute augenblicklich das ganze Verhältniß, was um ſo leichter war, als ich ihm ſchon früher einige meiner kleinen Erlebniſſe am Hofe zum Beſten gegeben hatte. „Das iſt abſcheulich!“ rief er ergrimmt aus.„O, ich erkläre mir den ganzen Zuſammenhang. Sehen Sie, ſo geht es hier zu, und das dürfte doch eigent⸗ lich nicht vorkommen. Werden Sie mir nun Recht geben, daß ich mich, wo ich nur kann, von der gan⸗ zen Hofelique zurückziehe? Nein, nein, ein wilder Fuchs paßt nicht für ſo zahme Gänſe und Enten! Haha! Aber wiſſen Sie was? Wollen wir uns heute Nach⸗ mittag, dem ganzen erbärmlichen Volke zum Trotze, den Schwindel anſehen? Sprechen Sie nur ein Wort und ich reite Ihnen zu Liebe noch einmal mit hinaus. Sie können doch reiten, wie?“ * — auch nicht einmal den frohlockenden Gedanken gönnen, 159 2 an einen luſtigen Ritt mich ergriff.„Aber das Ver⸗ ſprechen müſſen Sie mir geben, daß mich Niemand von den Hofleuten zu ſehen bekommt, ich möchte ihnen daß es ihnen geglückt iſt, mir abſichtlich ein Vergnügen verſperrt zu haben.“ „Abgemacht! Das Verſprechen gebe ich Ihnen, wir ſchauen nur aus der Ferne zu. Aber ich habe nur ein etwas wildes Pferd für Sie—“ „Laſſen Sie es getroſt ſatteln— wann brechen wir auf?“ 3 „Sobald wir den Kaffee getrunken haben, drau⸗ ßen wird man uns doch keinen unter den Bäumen präſentiren.“— Er ſchickte den Hausknecht zu ſeinem Diener und eine Viertelſtunde ſpäter kamen die Pferde und wir ſtiegen auf. Das Pferd, welches ich ritt, machte ſchon in der Stadt und noch mehr im Freien einige gewaltſame Bemühungen, mich aus dem Sattel zu bringen, allein da ihm der Verſuch nicht glückte und ich bald voll⸗ * 160 ſtändig ſeiner Herr ward, ſagte der Major, der mich ſchon lange beobachtet hatte: „Mein lieber Flemming, ich habe vorher etwas Dummes geſprochen, als ich Sie fragte, ob Sie reiten könnten. Jetzt will ich daher eine geſcheidtere Frage thun und mich belehren laſſen, wie Sie als Studirter zu dieſen Künſten gekommen ſind und ob Sie nicht Luſt haben, mir, einem Infanterie⸗Officier, der nur das Nothwendigſte darin leiſtet, einigen Unterricht zu ertheilen?“ Ich lächelte und fand mich durch ſeine mir bisher bewieſene Freundſchaft aufgelegt, ihm einzelne Ab⸗ ſchnitte aus meinem früheren Leben zu erzählen, wo⸗ durch er denn erfuhr, daß ich mit dem Prinzen Bruno erzogen, mit ihm ſeine großen Reiſen gemacht und alſo auch früher ſchon mit der jetzigen Fürſtin von B.. bekannt geworden ſei, da ich zu ihrer Zeit am Hofe zu W.. gelebt hatte. Dieſe vertrauliche Mittheilung erweckte das ganze Intereſſe meines Gefährten und er wandte mir von dieſem Tage an eine noch größere Aufmerkſamkeit als ſchon früher zu. Er betrachtete mich lange und wie⸗ derholt, that noch verſchiedene Fragen in den Gränzen beſcheidener Zurückhaltung und ſagte dann: „Sehen Sie da, Sie ſind offen gegen mich geweſen 161 4 und ſo will ich es auch gegen Sie ſein. Nehmen Sie mir's nicht übel, wenn ich Sie dabei in einer Weiſe verletze, aber ich habe Sie von Anfang an für keinen gewöhnlichen Stockgelehrten gehalten. Sie beſitzen außer Ihrer Gelehrſamkeit noch etwas Anderes, was mir noch beſſer gefiel, ohne daß ich es näher zu be⸗ zeichnen gewußt, jetzt aber weiß ich, was es iſt: Sie haben in Ihrer Jugend nicht nur eine vortreffliche Erziehung genoſſen, ſondern auch ſtets im Kreiſe aus⸗ gezeichneter Menſchen gelebt. Das bleibt Einem am Leibe ſitzen und kein Sturmwind bläſt es uns ab. Aber Sie ſind außerdem auch ein erfahrener und weitgereiſter Mann, und das erhöht meine Achtung vor Ihnen, der ich nie aus Deutſchland herausgekom⸗ men bin und ſogar nur einen kleinen Kreis darin be⸗ ſchrieben habe. Nun kann ich mir Vieles aus Ihren früheren Bemerkungen über den hieſigen Hof und verſchiedene Perſönlichkeiten erklären. Ja, mein Lieber, wie ich Sie jetzt kenne und beurtheile, ſage ich Ihnen vorher, daß Sie unter dem ganzen Geſchmeiß hier keine große Anerkennung finden werden, zumal die Gräfin Hohenheim aus mir unbekannten Gründen Ihre Erbfeindin zu ſein ſcheint. Allein, daraus würde ich mir an Ihrer Stelle auch gar nichts machen. Geben Sie Acht, Sie dringen doch endlich durch die Der Sohn des Gärtners. III. 11 162 hieſige chineſiſche Mauer bis auf den Goldberg und nach dem Porzellanthurm, denn die Fürſtin weiß zu unterſcheiden und ſetzt ihren Willen zuletzt immer durch, vorausgeſetzt, daß ſie keinen perſönlichen Wider⸗ willen gegen Sie hegt. Glauben Sie mir, ſie iſt auf keine Weiſe ſchuld, daß bei uns noch die Phari⸗ ſäer und Schriftgelehrten ihres Mannes regieren, aber ſchon macht es ſich hier und da bemerkbar, daß ſie ein Auge und wahrſcheinlich auch einen Zahn auf ſie hat. Sie würde meiner Meinung nach ſchon längſt ein reinigendes Gewitter über die Köpfe dieſer viel⸗ vermögenden Herren haben hereinbrechen laſſen— denn Energie hat ſie wie Ihr Freund Bruno— aber ſie iſt noch nicht ganz frei von der Beſorgniß, der Fürſt könne noch einmal wiederkehren und dann das alte Spiel von Neuem beginnen. So lange behält ſie die nichtsſagenden Geſichter um ſich und duldet ſie— das iſt meine Meinung von ihr. Nun wiſſen Sie auch, warum ich mich nicht an den Hof gezogen ——— fühle. Der Fürſtin möchte ich ſchon nahe ſtehen, aber die jetzt gewaltigen Hofleute ſind mir zuwider. 5 Zwiſchen dieſen Menſchen und mir liegt gewiſſermaßen, 8 ohne daß ich ein Poltron bin, immer meine blanke Klinge, und das wiſſen ſie wohl und darum kommen ſie mir nicht zu nahe, denn weicht ein ehrlicher Mann 163 nur einen Fingerbreit vor ihnen zurück, ſo halten ſie ihn für einen Haſenfuß und werden frech und unver⸗ ſchämt. Und das laſſe ich mir von keinem ſchwänzeln⸗ den und faullenzenden Hofmann gefallen. Ich bin zwar kein geborener Edelmann, wie man zu ſagen pflegt, aber ſo viel Adel hat mir meine Bildung und meine Stellung verliehen, daß ich weiß, was ich mir ſelber ſchuldig bin.“ Dieſer Ausſpruch war wichtig für mich. Indem ich ihm nur von ganzem Herzen beiſtimmen konnte, fühlte ich mich mehr und mehr zu dem biederen Manne hingezogen, und von dieſem Tage an hatten er und ich einen Freund mehr an dieſem Orte. So war ich nicht mehr ganz allein in meiner verlaſſenen Stellung und von nun an beſaß ich einen Rückhalt und Rathgeber in allen kleinen über mich herein⸗ brechenden Nöthen. Damit glaube man aber nicht, daß ich mein ganzes Innere mit allen ſeinen geheimen Empfindungen und Gedanken dem neuen Freunde preisgegeben hätte, nein, das vermochte ich nicht, gab es ja doch Etwas in mir, was ich nicht einmal mei⸗ nem alten Freunde in Adersbach ſagen konnte, und obgleich ich verſprochen, ihm Alles mitzutheilen, was in B... außer und in mir vorginge, ſo hatte ich doch noch keine Sylbe von Dem verlauten laſſen, 11* 164 was mir das Herz ſo tief bewegte, ſeitdem ich in B... eingetroffen und alte Empfindungen aus der ſchönen Jugendzeit wieder in mir lebendig geworden waren. Unter verſchiedenen vertraulichen Geſprächen er⸗ reichten wir etwas ſpät am Nachmittage die Gebirgs⸗ gegend, in welcher das heutige Feſt begangen wurde. Ein herrlicher Forſt nahm uns zuerſt auf und erin⸗ nerte mich lebhaft an den heimatlichen Habichtswald, wo unſer ehemaliges Hochland in reizendſter Ein⸗ ſamkeit lag. Um uns den Blicken der auf dem Feſt⸗ platze Verſammelten nicht auszuſetzen, führte mich der Major auf Umwegen auf eine gebüſchreiche An⸗ höhe und hier ſtiegen wir von unſern Pferden, banden ſie feſt an und ſchritten nun zu Fuß vor⸗ ſichtig dem Getümmel entgegen, das ſich uns ſchon aus der Ferne durch die laute Muſik und das Durcheinanderbrauſen von tauſenden von Stimmen bemerklich machte. Da die Dämmerung ſehr nahe war, ſo fanden wir ſchon Alles im lebhafteſten Gange. Ueberall war Bewegung, überall Frohſinn, an manchen Stellen ſogar ein bacchantiſches Gewoge. Da, wo die Muſik am lauteſten erſcholl, verſuchten wir zuerſt vorzu⸗ dringen, hielten uns aber ſtets in ſolcher Entfernung, — 165 daß uns die eifrigſt Beſchäftigten nicht wahrnehmen konnten. Endlich hatten wir den beſten Ueberſichts⸗ punkt erreicht. Wir ſahen das fürſtliche blau und weiß geſtreifte Zelt, auf deſſen Spitzen die Banner des Landes im leiſen Abendwinde flatterten. Nicht weit davon entfernt waren drei große Tanzplätze unter den Bäumen errichtet, in deren Mitte die fürſtliche Kapelle aufgeſtellt war und rauſchende Muſik erſchallen ließ. Streng nach den Rangklaſſen geſon⸗ dert, denn auch hier herrſchte der in der Stadt geübte Kaſtendämon vor, erluſtigten ſich die Anweſenden. Hier ſchritten ſtolz die Damen der Ariſtokratie und die hochnaſigen Frauen der Geheimen⸗Räthe einher, dort waren die Unterbeamten mit dem höheren Bür⸗ gerſtande vereint, die für heute einen genußreichen Waffenſtillſtand geſchloſſen, und auf dem dritten Platze endlich raſte der kleine Bürger und ſeine wie junge Furien losgelaſſene wilde Jugend herum. Nur einige beuteluſtige Cavaliere vom Hofe ſchlichen wie die Kater von Platz zu Platz und prüften ſchlau, wo das plühendſte Geſicht zu finden, denn dieſe Herren ſind ſtets nach friſchem Fleiſche lüſtern und vergeſſen gern auf Augenblicke ihre ariſtokratiſchen Hautgouts, wenn ſie die plebejiſchen Gelüſte, die ſo häufig bei ihnen gefun⸗ den werden, auf billige Weiſe befriedigen können. Nachdem wir eine Weile an dieſer Stelle haar⸗ ſcharfe Beobachter abgegeben und der Major meine Lachmuskeln mit ſeinem beißenden Witz wiederholt in Bewegung geſetzt hatte, führte er mich an einen anderen Ort, wo wir ein neues und nicht minder intereſſantes Schauſpiel genoſſen. Auf einem freien, rings von Bäumen und Geſträuchen eingeſchloſſenen Raume hatte man ſechs endlos lange Büffets auf⸗ geſchlagen, die mit Allem, was den Appetit des Menſchen reizen und ſeinem Hunger Genüge thun kann, faſt überladen waren. Die auserleſenſten Spei⸗ ſen, Leckereien, Kuchen und Früchte, desgleichen alle möglichen Weinſorten wurden hier in Fülle und je nach Belieben von den zufolge ihrer Bedrängniß ſchwitzenden Lakaien, Küchen⸗ und Kellerdienern ver⸗ abreicht. In dieſer Gegend des Feſtplatzes ſchwirrte es wie in einem ungeheuren Bienenſchwarm; Hun⸗ derte drängten ſich von allen Seiten zugleich heran, überboten ſich gegenſeitig mit Ellbogenſtößen, um ſich Platz zu verſchaffen, und überſchütteten die Diener mit bittenden und flehenden Worten, ihrer uner⸗ müdlichen Geduld doch endlich gerecht zu werden. Angſt und Sorge war auf den Geſichtern der ferner Stehenden zu leſen, ob ſie heute wohl noch zum Zweck gelangen und das Begehrte erreichen würden, 167 Triumph und himnliſche Seligkeit dagegen auf den Mienen Derer, die mit hochemporgehaltener Schüſſel oder Flaſche durch die nun Andrängenden den Rück⸗ zug antraten, um an irgend einem heimlichen Plätzchen die ſchwer errungene Beute mit wahrer Habichtsgier zu verſchlingen. „Sehen Sie dieſe liebenswürdigen Schwelger und Sch hamoer ran,“ ſagte lachend der Major,„mit welcher Gier und Unerſättlichkeit ſie ſich auf allgemeine Un⸗ koſten vollſtopfen. Heiß! Das nenne ich ſich gütlich thun! Sehen Sie einmal, da möchten ſie mit den Händen in die vollen Schüſſeln fahren, weil es mit der kleinen Gabel zu langſam geht, und dort thun ſie, als ob ſie die Flaſchen mit hinunterſchlucken wollten, um nur den lieben Bauch ſo raſch wie möglich bis an den Hals zu füllen. Bei Gott, gegen dieſe unſre modernen Bacchanten erſcheinen ihre Collegen des Alterthums wie wahre Kinder. Sehen Sie dort, da liegen ſie im Graſe und wätzen ſich in purer Wolluſt wie die Säue, und da, bei Gott, haben ſie ſogar Körbe und dienſtfertige Hände mitgebracht, um ihre billige Beute heimlich mit nach Hauſe zu ſchleppen. Ah, das ſind brave Kämpen, ſie ſorgen wie die Hamſter für die morgige Ebbe und ſammeln für ihre Kleinen, wie es wackeren Eltern geziemt. Haha! Wenn das nicht ekelhaft wäre, könnte es lehrreich ſein! So mag es im Großen ausgeſehen haben, als Zeus die Welt vertheilte und zuletzt der arme Poet kam und ſich nur noch mit dem Himmel des arm gewordenen Gottes begnügen mußte!“ In ähnlicher Weiſe begleitete der heitere Major die allmälig ſich abwickelnden Vorgänge, und wenn wir auch weder unſern Appetit ſtillten, noch unſern Durſt löſchten, ſo vergnügten wir uns doch auf unſere Wieeiſe und erhaſchten ſogar noch den Anblick des Luſt⸗ feuerwerks, welches endlich nach hereingebrochenem Abend laut und glänzend genug durch die Lüfte emporſtieg und zuletzt mit den ſchönen Farben der bengaliſchen Flamme das Blättermeer und die würgen⸗ den Gruppen vergoldete. Den eigentlichen Mittelpunkt des ganzen Feſtes, den Hof, bekamen wir nicht zu ſehen, ſo nahe wollten wir uns nicht heranwagen, um der Gefahr zu ent⸗ gehen, von einzelnen Theilnehmern des Feſtes erkannt und den höheren Feſtordnern verrathen zu werden. So erfuhren wir auch nicht, welche Freuden die Fürſtin ſelbſt über den glänzenden Taumel empfand; ſie hatte ſich in ihr Zelt zurückgezogen, wo ſie im engeren Kreiſe der Bevorzugten ihr Mahl einnahm, um dann bald nach dem Feuerwerk ihren Wagen zu beſteigen und nach dem Schloſſe aufzubrechen. 169 Auch wir, vollſtändig geſättigt, obſchon kein Biſſen über unſre Zunge gekommen, ſuchten endlich unſre Pferde auf und ritten in harmloſem Geſpräch heim, zufrieden, wenn nicht Theilnehmer, doch gewiß in aller Ruhe Zuſchauer des großen Feſtes geweſen zu ſein. Nach dieſem ſeit langer Zeit entbehrten Ritte genoß ich unerwartet einer ſehr ruhigen Nacht, einer ruhigeren vielleicht, als wäre ich mit dem ganzen Hofe und dem größten Theile der Stadtbewohner auf der Felſenburg geweſen. Darum ſchmeckte mir auch am nächſten Morgen die Arbeit ſo gut und der Mittag kam ſo ſchnell heran, daß ich kaum wußte, wo die Zeit geblieben war. Als ich die erſte Hälfte meines Tagewerks beſchloſſen hatte und einen Blick auf die ſtillen und noch wüſt durch einander ſtehenden Bücherreihen warf, wandelte mich plötzlch die Luſt an, in dem ſchönen Sonnenſchein unter den grünen Bäumen des Schloßparkes zu luſtwandeln, und raſch ſchlug ich den Weg dahin ein, mich derſelben Thür zum Ausgange bedienend, durch welche die Fürſtin aus ihren Gemächern in den Garten zu gehen pflegte. Als ich an den erſten Blumenparthien hinabgeſchritten war und eben um die Ecke eines Gebüſches nach der 170 ſchönen Kaſtanienallee biegen wollte, welche den Schloß⸗ garten von dem eigentlichen Parke trennte, ſah ich unmittelbar vor mir die Fürſtin daherkommen und denſelben Weg nach dem Schloſſe zurück einſchlagen, den ich diesmal zufällig gewählt hatte. Sie ging langſam und allein, nur ihr kleines Windſpiel ſprang munter um ſie her, ihre Damen aber und unter ihnen die Oberhof⸗ meiſterin voran, folgten hundert Schritte hinterher, wo ſie mit einigen Herren im leiſen Geplauder begriffen waren. Die Fürſtin war in helle Seide gekleidet; den breitrandigen Strohhut mit den flatternden Bändern hielt ſie in der linken Hand und in ihren glänzenden Locken ſpielte der koſende Südwind, der von den großen Raſenflecken her den herrlichen Duft friſch getrockneten Heues herübertrug. Sie blickte ſtill vor ſich hin, wie tief in Gedanken verſunken; als ſie mich aber plötzlich an einer Stelle auf ſich zukommen ſah, wo ich ihr nicht ausweichen konnte, ging ſie augen⸗ ſcheinlich noch langſamer, erwiderte freundlich meinen ehrerbietigen Gruß, ſchien aber nichtsdeſtoweniger etwas betrübt zu ſein. Als ich ihre Miene den Ausdruck annehmen ſah, als ob ſie mit mir reden wolle, blieb ich ſtehen, näherte mich dann auf einen leiſen Wink und da ſagte ſie etwas haſtig und Fffenbar mit un⸗ willkürlicher Lebhaftigkeit: —— 171 „Warum ſind Sie geſtern nicht auf der Felſenburg geweſen? Ich habe Sie nirgends geſehen. Ich wollte mit Ihnen von unſerer Heimat reden und mich an meine Jugend erinnern, was ich an meinem Geburts⸗ tage ſo gern thue.“ „Gnädigſte Frau,“ entgegnete ich mit offener Dreiſtigkeit,„ich wäre unſäglich gern hinausgekommen, um Ihnen meine tief gefühlten Wünſche für Ihr Glück darzubringen, allein Niemand hat mich zu dem Feſte eingeladen, Niemand hat mir geſagt, daß ich würdig ſei, an demſelben Theil zu nehmen, und aus freien Stücken glaubte ich an keinem Orte erſcheinen zu dürfen, wo man nur Ihrer Durchlaucht wegen ver⸗ ſammelt iſt.“ „Wie?“ rief ſie erſtaunt,„man hat Sie nicht eingeladen? Iſt denn dazu nicht von ſelbſt Jeder geladen, der zu meinem Hofhalte gehört?“ „Mir ſind die Sitten und Gebräuche am hieſigen Ort noch unbekannt und ich bitte um Verzeihung, daß ich durch meine Abweſenheit gegen die hergebrachte Ordnung gefehlt habe.“ „O, laſſen Sie das! So lade ich Sie zu der⸗ gleichen Feierlichkeiten ein für alle Mal hiermit ſelbſt ein. Es thut mir leid, daß— daß Sie um ein Vergnügen gekommen ſind. Hoffentlich hat man nichts 172 Böſes damit bezweckt, daß man Ihnen, der Sie noch fremd hier ſind, meine Willensmeinung in dieſer Be⸗ ziehung verſchwieg. Aber es ſoll nicht wieder vor⸗ kommen, ich werde die nöthigen Befehle geben.“ Ich verneigte mich dankend und wollte ſchon wei⸗ ter gehen, weil ich eine Geberde ihrer Hand dahin deutete; allein ſie hatte damit ihren Damen nur einen Wink gegeben, von ihr fern zu bleiben, was dieſe ſogleich befolgten, indem ſie zurückgingen, wobei die Oberhofmeiſterin jedoch nicht unterlaſſen konnte, ihr Glas vor die Augen zu nehmen und mich mit einem wahrhaft furienartigen Blick zu betrachten. Die Fürſtin jedoch, ihren Weg nach dem Schloſſe langſam fort⸗ ſetzend, ſchien meine Begleitung zu wünſchen und ſo ſchritt ich, den Hut in der Hand, in angemeſſener Entfernung neben ihr her. „Ja,“ ſagte ſie, indem ihre Stimme einen weh⸗ müthigen Ton annahm,„Sie haben durch Ihr Aus⸗ bleiben auch mich um einen Genuß gebracht. Ich hätte ſo gern einmal mit Ihnen von meinen Lieben geſprochen, die Sie noch vor kurzer Zeit ſämmtlich geſehen haben.“ „Gnädigſte Frau,“ erwiderte ich feſt und kühn, „man kann überall von ſeinen Lieben ſprechen.“ „Ja, überall, aber nicht immer; man hat nicht —— 7 4— 173 alle Tage die Stimmung, in der ein ſolches Geſpräch wohlthätig und troſtreich iſt.“ „Sie haben nur zu befehlen, gnädigſte Frau; ſoll ich Ihnen vielleicht jetzt von der Zärtlichkeit und Liebe Ihres Bruders, des—“ „Schweigen Sie von ihm!“ unterbrach ſie mich mit einer beinahe heftigen Aufwallung.„Gerade von ihm zu hören, bin ich jetzt am wenigſten aufgelegt. Doch kann ich Ihnen den Troſt geben, daß ich den Brief geleſen habe, den Sie von Adersbach mitgebracht, und daß ich darüber nachdenken werde, wie ich dem Inhalte— er betrifft faſt allein Ihr Wohl— nach⸗ kommen ſoll. Haben Sie Geduld. Uebereilen Sie Nichts. Ich muß mich erſt wieder an Ihr Geſicht gewöhnen. Es ſpricht zu deutlich aus, daß Sie mit Vielem bei uns unzufrieden ſind—“ „Gnädigſte Frau—“ „Still, hören Sie mich an. Aber hier muß man ſein Geſicht in andere Falten legen als an anderen Orten.— Ach ja, mein Geſicht mag auch nicht daſſelbe mehr ſein, wie es in W... war. Doch ſtill— jetzt nichts mehr davon. Gehen Sie und arbeiten Sie ruhig weiter. Ich werde bei Gelegenheit die Bibliothek beſuchen, um Ihre Fortſchritte kennen zu lernen. Guten Morgen!“ 1 3 174 3 Da mit dieſen Worten eine nicht zu verkennende Handbewegung verbunden war und die Fürſtin ſich zugleich nach ihren Damen ummandte, ſo verbeugte ich mich und kehrte auf einem andren Wege in das Schloß zurück, nicht wiſſend, ob ſie mir wegen meines unzufriedenen Geſichts zürne oder nicht, wohl aber mit dem Gefühle, mit meinem Geſpräch über ihren Bruder etwas voreilig bei der Hand geweſen zu ſein. Am Nachmittage deſſelben Tages befand ich mich allein in der Bibliothek, weniger mit dem Ordnen der Bücher als im Gedanken beſchäftigt, das Geſpräch von dieſem Morgen nach allen Richtungen zu zerglie⸗ dern, als mir ein ſehr unverhoffter Beſuch in meinem Aſyle zu Theil werden ſollte. Ohne alle Ankündigung, keck und ſelbſtbewußt, als wäre er auch hier überall Herr und Gebieter, trat der Kammerherr von Krach⸗ witz bei mir ein, und ohne mich eigentlich zu begrüßen, ließ er ſeinem Zorne ſogleich freien Lauf, indem er mit hoch erhobener Naſe und blitzendem Auge ſagte: „Mein Herr, ich komme zu Ihnen, um meiner Ver⸗ wunderung über Ihr eigenthümliches Benehmen einen verſtändlichen Ausdruck zu geben.“ Als ich dieſe bedeutungsvollen Worte hörte, machte ich mich auf eine Scene gefaßt, nahm eine Stellung und Haltung an, wie ſie mir dem anſpruchsvollen Weſen dieſes Herrn gegenüber am Platze ſchien und entgegnete mit meiner gewöhnlichen Ruhe: „Wollen Sie ſich nicht ſetzen, Herr Kammerherr, um Ihre Meinung mit mehr Behaglichkeit von ſich zu geben?“ „Ich danke, mein Herr;“ lautete die hochtrabende Antwort,„wenn mir zu ſitzen beliebt, werde ich auch ohne Ihre Einladung dazu einen Stuhl finden, jetzt aber behagt es mir zu ſtehen und ſo ſtehe ich.“ „So ſtehen Sie,“ ſagte ich innerlich empört, aber immer meine gleichmäßige Ruhe bewahrend,„mir aber erlauben Sie wohl, Platz zu nehmen, da ich zufällig ermüdet bin.“ Dabei nahm ich den mir zu⸗ nächſt ſtehenden Stuhl und ließ mich gelaſſen darauf nieder, mir gar nicht das Anſehen gebend, als nähme ich das ſeltſame Erſtaunen wahr, das jeden Augen⸗ blick auf der Miene des Kammerherrn im Wachſen begriffen war. „Mein Herr,“ fuhr der aufgeblaſene Hofmann fort,„ich würde mich überaus wundern, wie ein Mann in Ihrer Stellung es wagen kann, einem Manne von meinen Verhältniſſen auf dieſe Weiſe gegenüber zu treten, wenn dieſelbe nicht ganz und gar mit Ihrem übrigen Verhalten in Einklang ſtände, einem Verhal⸗ ten, welches zu rügen ich in dieſem Augenblick hier⸗ her gekommen bin.“ 176 „Geniren Sie ſich nicht, Herr Kammerherr,“ ant⸗ wortete ich, ihn ruhig betrachtend,„ſprechen Sie nur Ihre Meinung über mein Verhalten getroſt bis zu Ende aus. Ich bin von meiner Jugend an ein lern⸗ begieriger Menſch geweſen und nehme auch jetzt noch alle Lehren gern an, die aus einem weiſen Munde kommen. So ſprechen Sie denn.“ „Mein Herr, ich bitte Sie, mich nicht ſo oft zu unterbrechen, ich bin gekommen, um zu reden, nicht aber um zu hören.“ „Gut, ſo werde ich hören— reden Sie!“ „Und da Sie mir ſelbſt ſagen, daß Sie von jeher ſo lernbegierig geweſen ſind und alſo gewiß auch Manches gelernt haben, ſo ſpreche ich Ihnen auch darüber meine Verwunderung aus, daß Sie nicht einmal wiſſen, was ſich der durchlauchtigen Fürſtin gegenüber geziemt.“ „Und was geziemt ſich ihr gegenüber nicht?“ „Eine ganz unbegründete Klage laut werden zu laſſen, die Niemanden berührt als den, der ſie auszu⸗ ſprechen ſich die überflüſſige Mühe gegeben.“ „Sie muß Sie aber doch wohl berührt haben, mein Herr, ſonſt würden Sie nicht gekommen ſein, um mir die⸗ ſen intereſſanten Vortrag zu halten. Welche Klage habe ich denn ohne allen Grund vor der Fürſtin ausgeſprochen?“ — ———— 177 „Die, daß kein beſonderer Wagen für Sie vor die Thür gefahren iſt, um Sie in aller Gemächlichkeit nach dem Feſtorte des geſtrigen Tages zu bringen.“ Jetzt lächelte ich, ja ich lachte beinahe, denn ich ſah nur zu gut ein, daß der Kammerherr oder irgend ein Anderer einen Verweis von der Fürſtin erhalten hatte.„Dieſe Klage habe ich gar nicht ausgeſprochen, mein Herr,“ entgegnete ich munter,„wie überhaupt gar keine Klage. Darüber wenigſtens befinden Sie ſich im ſtarken Irrthum. Im Gegentheil hat Ihre Durchlaucht, die mich draußen vermißt hat, gefragt, warum ich nicht auf der Felſenburg geweſen ſei, und da habe ich ihr geantwortet, wie es in meiner Lage ſehr natürlich war, daß mich Niemand aufgefordert hat, an der Fahrt Theil zu nehmen.“. „Ah! Sie erwarteten alſo eine ganz beſondere Einladung, vielleicht durch den Herrn Hofmarſchall oder den Oberceremonienmeiſter?“ „Nicht im Geringſten, ich erwartete ſie nicht ein⸗ mal von Ihnen, der Sie keins von Beiden ſind, ſo viel ich weiß.“ „So bekümmern Sie ſich künftig um das, was hier Mode iſt, den guten Rath erlaube ich mir Ihnen vor allen Dingen zu ertheilen, damit Sie nicht wieder in die Lage kommen, eine Unwahrheit auszuſprechen.“ Der Sohn des Gäaͤrtners. III. 12 „Sie verſprechen ſich, mein Herr— ſo nehme ich es wenigſtens an— Sie wollen ſagen: die Wahrheit, und damit Sie für die Gegenwart wie für die Zu⸗ kunft den rechten Begriff von mir haben, ſo ſage ich Ihnen, daß ich ſie ſtets und vor Jedem ſprechen werde, wie ich ſie heute ſchon zweimal geſprochen 1 habe.“ „Nun, wenn Sie auf dieſe Wahrheit beſtehen, ſo geſtatten Sie mir zu ſagen, daß dieſes„die Wahrheit⸗ Sagen“ für einen Mann von Ihrer gelehrten Bildung — die wir leider nicht beſitzen— keinen beſonderen Grad von Klugheit verräth.“ „Mein Herr, über den Grad von Klugheit in Bezug auf meine Handlungen und Ausſprüche geſtatte ich Ihnen auf keine Weiſe Richter zu ſein. Doch, was. hilft das lange Schwatzen über einen Gegenſtandnd, den wir Beide aus verſchiedenen Geſichtspunkten be⸗ trachten— mit einem Wort, Sie oder ein Anderer hat von Ihrer Durchlaucht einen Verweis erhalten und Sie kommen nun zu mir, um Ihre Galle raſch 4 wieder los zu werden. Sie haben ſich aber in mir geirrt und werden ſich ſtets irren, wenn Sie auf 6 aͤhnliche Weiſe mir die Ehre Ihres Beſuches ſchenken. Ich bin nicht der Mann, der vor leeren Ausflüchten und drohenden Mienen Reſpect hat, meine Autoritäten — — — 179 liegen auf einem anderen Felde.— Haben Sie mir jetzt ſonſt noch etwas mitzutheilen, ſo beeilen Sie ſich damit, denn wie Sie ſehen, bin ich im Dienſte Ihrer Durchlaucht beſchäftigt.“ Hiermit ſtand ich auf und trat an mein Pult. Der Kammerherr barſt beinahe vor Wuth und ſeine Naſe blähte ſich auf, als ſchnappe er nach Luft. „Mein Herr,“ rief er hoheitsvoll,„ich warne Sie! Sie vergeſſen ſich, mich und den Ort, wo Sie ſich befinden.“ „Nicht im Geringſten. Sie ſind der Kammerherr von Krachwitz, dies iſt die fürſtliche Bibliothek und ich, Kurt Flemming mit Namen, bin Bibliothekar Ihrer Durchlaucht, alſo durchaus an dem Platze, wohin ich kraft meines Amtes gehöre.“ „Es iſt gut— mit Ihnen zu ſtreiten, hahe ich weder Luſt noch Zeit— aber es wird ſich fin es wird ſich finden, mein Herr!“ „Ja, mein Herr, es wird ſich finden, ſage auch ich. Leben Sie wohl und grüßen Sie von mir Die⸗ jenigen, welche Sie abgeſandt haben, mir eine Lehre zu geben, nach der ich weder ein Bedürfniß gefühlt, noch die Neigung habe, ſie zu befolgen.“ Schon während ich mit der größten Gelaſſenheit dieſe Worte ſprach, war der Kammerherr verſchwunden, 12* 180 indem er ſo eilig wie möglich die Flucht ergriff, da er einen ganz Anderen in mir gefunden hatte, als er erwartet haben mochte. Ich aber, wohl wiſſend, daß ich mir einen unverſöhnlichen Feind auf den Hals gezogen und doch meine Herbheit keineswegs bereuend, weil ich mir gegen Menſchen dieſer Gattung eine ganz beſondere Richtſchnur vorgezeichnet, zog mich an mein Pult zu⸗ rück, machte mich im Stillen auf neue Angriffe ge⸗ faßt und fuhr dann in meiner gewöhnlichen Arbeit fort. Ohne daß ich es dem Leſer weitläufig aus einander zu ſetzen brauche, kann er ſich vorſtellen, daß mir von dieſer Stunde an nicht viel Freundlichkeit von den Herren des Hofes widerfuhr. Aber eine ſolche erwar⸗ tete und darum bemühte ich mich auch nicht. Ich ging ruhig und ungeſtört meinen ſtillen Gang fort. Ich ſuchte keine Geſelligkeit, ich trachtete nicht nach Gefährten. Meine Arbeit, der Verkehr mit meinem Innern, meine Correspondenz nach Außen und eine gelegentliche Unterhaltung mit dem Major Fuchs, dem ich von Tage zu Tage näher trat, je mehr ich ihn ſchätzen lernte, beſchäftigten mich ſo vollſtändig, daß ich kein Bedürfniß nach größerem Verkehr fühlte, und an die verächtlichen Blicke des Hofgeſindes war ich aus früherer Zeit ſo ſehr gewöhnt, daß ich keinen Kummer darüber empfand. Im Gegentheil, es gewährte mir oft ein lebhaftes Vergnügen, wenn ich bei der zu⸗ fälligen Begegnung mit dieſem oder jenem Herrn die finſteren Blicke ſah, die ſich auf mein Antlitz hefteten, viel weiter aber erſtreckten ſich die ſichtbaren Anfech⸗ tungen nicht, die mir widerfuhren, da Herr von Krach⸗ witz wahrſcheinlich das Seinige dazu beigetragen hatte, ſeine Collegen von meiner Mundfertigkeit und Ge⸗ laſſenheit zu überzeugen. Ob dieſe Herren mit mir ſprachen oder nicht, war mir ſehr gleichgültig, daß ſie meinen Gruß auf eine Weiſe erwiderten, die einer Beleidigung auf ein Haar glich, kümmerte mich wenig, ich war ganz unverwundbar dieſem Allem gegenüber, und weil ſie das merkten, blieben ſie ſtets in einiger Entfernung von mir. Auf den Herrn von Krachwitz aber hielt ich ein wachſames Auge, und ſein Dünkel und ſeine Aufgeblaſenheit prägten ſich alle Tage feſter in mein Gedächtniß ein. Dieſer Herr war, wie alle Welt in der Reſidenz wußte, ein Dummkopf vom reinſten Waſſer; er gehörte einer ſehr reichen Familie an und galt als das Non plus ultra vom modern⸗ ritterlichen Junkerthum. Als ſolcher ſei er zu fürchten, ſagte mir Major Fuchs, dem ich mein Erlebniß mit ihm mittheilte, ſonſt aber würde ſich Jedermann freuen, wenn er hörte, daß er ſeinen Mann an mir gefunden habe. Und daß er dieſen an mir finden ſollte, ſtand 182 bei mir feſt und es war, als ob, wenn ich ihm begeg⸗ nete, eine Ahnung mir zuflüſterte, daß ich ihn, wenn er es ſich noch einmal erlauben ſollte, mir gute Lehren zu geben, wie man ſie einem Schüler oder Bedienten 3 zu Theil werden läßt, beim Kragen faſſen und auf gewiſſe Weiſe aus meiner Nähe befördern würde, die ihm gewiß noch weniger behagte, als mir ſeine dumm⸗ ddereiſte herriſche Manier. Weit empfindlicher als das hochmüthige Benehmen dieſer Herren berührte mich dagegen die nachläſſige Weiſe, mit der die fürſtlichen Lakaien und ſonſtigen Diener gegen mich zu verfahren anfingen. Wahr⸗ ſcheinlich waren ſie von irgend Jemanden dazu auf⸗ gehetzt. Selten nur grüßte mich einer von ihnen, ja ihre Frechheit ging ſo weit, daß ſie meine Beſtellungen und Aufträge, die ich ihnen innerhalb der Gränzen meines Amtes ertheilte, unausgeführt ließen oder ver⸗ gaßen und, wenn ich ſie darüber zur Rede ſtellte, mir geradezu ſagten, ich hätte ihnen nichts zu befehlen. Alle dieſe kleinen Verdrießlichkeiten, die auf eine erſtaunliche Weiſe im Wachſen begriffen waren, machten 66 mir das Leben in B.. nicht eben behaglich, und da Y — ich der Fürſtin auch nicht näher rückte, ſo gab ich in einigen muthloſen Augenblicken faſt die Hoffnung auf, an dieſem Orte jemals zu meinem Zweck zu gelangen,. —* was mich jedoch keineswegs abſchreckte, ſo lange ich noch da war, unbeirrt auf dem einmal eingeſchlagenen Wege fortzuwandeln, und keinen Finger breit von den Grundſätzen abzuweichen, die ich mir als Mann von Ehre auf dieſem ſchlüpfrigen Pfade vorgezeichnet hatte. Da aber ſollte mit einem Male Etwas geſchehen, was meine Muthloſigkeit völlig beſeitigte und meine Hoffnungen auf das Friſcheſte belebte, und ſcheinbar war es ein an ſich unbedeutender Zufall, der dieſe Umwandlung in mir hervorbrachte und den ich nun dem Leſer ausführlich erzählen will. Fünftes Aapitel. Einer neuen Ehre folgen auch neue Verdrießlichkeiten. Eines Abends im October hielt ich mich beim Major Fuchs auf, den ich in freien Stunden jetzt öfter in ſeiner Wohnung beſuchte. Ich hatte an die⸗ ſem Tage eine große Freude gehabt und bedurfte da⸗ her eines Menſchen, der an meinen kleinen Begeg⸗ niſſen einen herzlichen Antheil nahm. Vor einigen Monaten nämlich war ſchon der erſte Theil meines großen Reiſewerks im Druck erſchienen, zu dem jener früher erwähnte Künſtler aus Prag nach unſern mit⸗ gebrachten Skizzen ſo ſchöne Illuſtrationen geliefert hatte. An dieſem Tage nun hatte mir mein Verleger aus Wien verſchiedene öffentliche Blätter zugeſandt, die einige überaus günſtige Kritiken jenes Werkes enthielten. Mit dieſen Blättern war ich zu meinem — Freunde geeilt und er freute ſich mit mir des erſten angenehmen Erfolges meiner jahrelangen Bemühungen und Arbeiten. Wir hatten eben zur Feier des Tages eine gute Flaſche Wein geleert, als der Diener des Majors eiligſt in's Zimmer trat und meldete, daß ein Lakai vom Schloß athemlos angelangt ſei, um mich ſo raſch wie möglich zu ſprechen. Ich ließ ihn herein⸗ kommen und er brachte von der Fürſtin den Befehl, ich möge ſogleich bei ihr erſcheinen, da ſie mich noth⸗ wendig zu ſprechen wünſche. Ich ſei ſchon im ganzen Schloſſe geſucht worden und erſt jetzt habe Ueber⸗ bringer zufällig meinen Anfenthaltsort erfahren. Natürlich begab ich mich ſchleunigſt auf den Weg, dem Befehle Folge zu leiſten und ließ in der Haſt meine ſchönen Kritiken beim Major liegen, der im augenblicklichen Beſitz des einzigen Exempla nes Werkes war, welches ich in Händen hatte dem Lakaien erfuhr ich unterwegs, daß Geſellſch der Fürſtin ſei und daß ſie befohlen habe, dieſelbe einzuführen, ſobald ich gefunden wür Meine anfängliche Freude, ſie allein zu war alſo wieder zerſtört, dennoch beeilte Hofkleidung anzulegen und vor dem hohen zu erſcheinen, deſſen Mitglieder mir der Di nannt hatte und die aus der gewöhnlichen 186 der Fürſtin beſtanden, zu der noch einige Damen und Herren aus der Stadt gekommen waren. Ohne mir viel Freude von dem Erfolge dieſer neuen Vorladung zu verſprechen, war ich doch äußerſt geſpannt, den Grund derſelben zu erfahren, und ſo trat ich denn bald in den Kreis ein, der wie damals im Geſellſchaftsſaal der Fürſtin und um den großen runden Tiſch verſammelt ſaß, auf welchem verſchiedene Kupferwerke, Bücher und Karten ausgebreitet lagen, woraus ich ſchloß, daß man ſich diesmal gelehrten Unterſuchungen oder Studien hinzugeben beliebe. Als ich mit dem Hut in der Hand eintrat, zu⸗ nächſt der Thür ſtehen blieb und einen Blick über die ſtille Verſammlung gleiten ließ, ſah ich zu meinem Bedauern ſogleich die Oberhofmeiſterin und ihren Krachwitz vertraulich neben einander ſitzen und ieder mit ihren Baſiliskenblicken muſtern. Ich ee ſie aber nicht weiter, machte nur aus der ung eine der Fürſtin allein geltende Ver⸗ und ſchritt dann auf ſie zu, die ſich erhoben mir mit einem Journale in der Hand etwas ls früher entgegentrat. Sie ab, Herr Bibliothekar,“ ſagte ſie mit lick auf ihren Kammerdiener, der mir ſogleich aus der Hand nahm und hinaustrug,„wir — 187 haben Sie ſchon mit Spannung erwartet, um aus Ihrem eigenen Munde eine Erklärung zu erhalten, die wir uns ſonſt nicht verſchaffen konnten. Sehen Sie da, wir leſen hier eben eine Kritik von einem Werke, welches ein Mann Ihres Namens verfaßt hat, und da dies Werk dieſelbe Reiſe zum Gegenſtande hat, die auch Sie unternommen, ſo ſind wir neu⸗ gierig, zu erfahren, ob Sie vielleicht der ſo gerühmte Autor ſind.“ Ich warf nur einen Blick auf das mir darge⸗ reichte Journal und erkannte ſogleich daſſelbe, welches ich eben bei meinem Freunde gelaſſen hatte.„Ich bin in der That der Verfaſſer, Durchlaucht!“ ſagte ich ruhig und mich hochachtungsvoll vor ihr ver⸗ neigend, die mit einem ſeltſam forſchenden Blicke vor mir ſtand und meine Antwort mit warmem An⸗ theil zu erwarten ſchien. „O,“ fuhr ſie leicht ſchmollend fort,„und wir er⸗ fahren erſt aus den Zeitungen, daß Sie ein ſo lehr⸗ reiches und unterhaltendes Buch geſchrieben? Das iſt nicht recht von Ihnen. Raſch, raſch, wo iſt das Werk, damit wir es kennen lernen und hoffentlich eben ſo bewundern, wie dieſer Herr Kritiker es gethan.“„ Ich verließ nach einigen erklärenden Worten der 188 Fürſtin Zimmer, eilte aus dem Schloß mit ſchnellen Schritten zu dem Major zurück und holte das Buch, womit ich in weniger als zehn Minuten wieder unter die gelehrte Hofgeſellſchaft trat. Sobald ich ſichtbar wurde, hob die Fürſtin den Kopf gegen mich auf und nahm mir den ſchweren Quartband aus der Hand, den ich ihr ehrerbietigſt darbot, legte ihn vor ſich auf den Tiſch und blätterte darin. Bei dem erſten Blick ſchon ſah ich ſie eine aufmerkſame Miene annehmen, denn die Stahlſtiche waren ausgezeichnet und der Text herrlich gedruckt; als ſte aber dann nach dem Titelblatt blickte und die nächſte Seite umſchlug, erbleichte ſie ſichtbar, beugte ſich tiefer auf das Buch und ſchickte ſich an, ruhig die Widmung zu leſen, die wohl ganz gegen ihre Er⸗ wartung an ihren Vater gerichtet war. Eine Zeit lang ſchien es, als habe die Fürſtin die Anweſenheit der ſie umgebenden Geſellſchaft ver⸗ geſſen, ſo ſehr vertiefte ſie ſich in den Inhalt dieſer Widmung. Sie fand darin die ganze unausſprechliche Dankbarkeit wieder, die ich für ihren Vater empfand und die ich mit lebhaften Worten ausgeſprochen hatte, indem ich der unzähligen Wohlthaten gedachte, die mir der gute Fürſt von W... ſeit meiner Kindheit durch eine vortreffliche Erziehung und durch die — Gnade erwieſen, ſeinem älteſten Sohn als unzertrenn⸗ licher Gefährte durch die Windungen des Lebens folgen zu dürfen. War ſie ſchon beim erſten Anblick dieſer Widmung ernſt geworden, ſo nahm ihr Geſicht allmälig, je weiter ſte im Leſen vorſchritt, einen Ausdruck wehmüthigen Nachſinnens an, der nie darauf ſichtbar ward, wenn ſie in Geſellſchaft Anderer ſich bewegte. Als ſie aber zu Ende geleſen, legte ſie die rechte Hand auf die aufgeſchlagene Seite, drehte den Kopf nach mir hin und nickte mir gleichſam beiſtimmend zu, wobei ich zu bemerken glaubte, daß ſie erfreut und von einem wohl⸗ wollenden Gefühle über den Erguß meines dankbaren Herzens bewegt ſei. Aber ſie ſprach kein Wort und blickte dann wieder ſinnend und gleichſam in der Erinnerung ihres Geiſtes nach etwas Entſchwundenem ſuchend, vor ſich nieder. Vielleicht hätte ſie noch ein Wort geſagt, das mich beglückt und Einige von den Anweſenden wahrſchein⸗ lich verletzt haben würde, wäre in dieſem Augenblick nicht eine Störung eingetreten, die dem allgemeinen Stillſchweigen, das nicht ohne Verlegenheit war, ein Ende machte. Die Thüren öffneten ſich nämlich, La⸗ kaien traten herein und brachten auf ſilbernen Platten den Thee und Kuchenwerk, wovon ſie zuerſt der 190 Fürſtin, dann den übrigen Damen und Herren darboten. Die Fürſtin dankte und blieb mit dem Inhalt des Buches beſchäftigt, die Anderen aber nahmen und ſetz⸗ ten ſich bequem nieder, indem ſie tranken und aßen. Die Lakaien, die mich mitten unter der Geſellſchaft in der Nähe der Fürſtin ſtehen ſahen, wußten nicht, ob ſie mir auch eine Taſſe anbieten ſollten, und ſuch⸗ ten das Auge der Oberhofmeiſterin, um ihren Willen darüber zu erfahren. Dieſe ſtand für dieſen voraus⸗ geſehenen Moment ſchon auf der Lauer. Mit einem wahren Habichtsblick hielt ſie die Diener von der Dar⸗ bietung ihres Getränks zurück, und dieſe traten, ohne mir ihre zweifelhafte Gunſt zu erweiſen, in den R grund des Zimmers, mit der Miene, ſich für's ganz aus dem Raume zurückziehen zu wollen. In dieſem Augenblick, der mir alles Blut vor peinlicher Erwartung zum Herzen trieb, erhob die Fürſtin ihr Auge und erfaßte mit einem Blick den ganzen Vorgang und die ſchnöde Gewaltthat der Ober⸗ hofmeiſterin. Sie rückte ihren Seſſel etwas vom Tiſche zurück, erhob mit einem gebieteriſchen Wink ihre Hand gegen ihren Kammerdiener und deutete dabei auf mich. Der aber ſtürzte wie in Verzweiflung hinaus und in zwei Minuten hielt ich wie alle Uebrigen meinen Thee * 191 in der Hand und fühlte, wie mir ein jetzt dienſt⸗ eifriger Lakai einen Stuhl hinſchob, den ich einnahm und nun, wie mit zur Geſellſchaft gehörig, zwiſchen der Fürſtin und der Oberhofmeiſterin ſitzen blieb, welche Letztere kaum ihre innere Wuth beherrſchen konnte und dem Kammerherrn von Krachvitz einige Worte in's Ohr flüſterte. Alle dieſe Vorgänge, die ſich ſchneller entwickelten als ich ſie erzählen kann, erregten bei einem Theile der Verſammlung ein ſichtbar mißfälliges Staunen; die Fürſtin aber bemerkte von demſelben nichts, ſchien vielmehr Alles in beſter Ordnung zu finden. Nach⸗ dem ſie den Damen und Herren einige Zeit gelaſſen, ihren Thee zu ſchlürfen, und unterdeß in dem Buche hin und her geblättert hatte, erhob ſie nna ihren Kopf und ſagte lebhaft, indem ſie ſich an alle An⸗ weſenden wandte, mich aber vorzugsweiſe anredete: „Ich bin überzeugt, dies Buch wird ſich ſehr hübſch leſen laſſen und ungemein lehrreich ſein, wir wollen es Alle nach und nach unſerer Kritik unter⸗ werfen. Wenn man aber in der Lage iſt, den Autor eines ſolchen Werkes ſelbſt bei ſich zu haben, der Alles mit eigenen Augen geſehen hat, was er hier nur be⸗ ſchreibt, ſo muß die Unterhaltung viel angenehmer ſein, wenn man ihn ſelbſt darüber reden hört. Er⸗ 192 füllen Sie alſo unſern Wunſch, Herr Flemming, und erklären Sie uns mit einigen Worten die Stahlſtiche. Was hat zuerſt dies reizende Bild zu bedeuten?“ Ich warf nur einen Blick auf das Blatt, welches ſie mit einem Finger bezeichnete, und ſah, daß darauf eine von deutſchen Auswanderern bewohnte Nieder⸗ laſſung in einem Seitenthale des Miſſiſſippi abgebil⸗ det war, deſſen theilweiſe ſtehen gebliebener Urwald eine ſchöne Staffage darbot. „Dies Bild,“ ſagte ich, mich an die Fürſtin wen⸗ dend und doch von Zeit zu Zeit einen Blick über die mich anglotzenden Zuhörer werfend,„verdankt ſeinen Urſprung einer Skizze Sr. Durchlaucht des Fürſten von Adersbach, da dies Thal eines kleinen Nebenfluſſes des Miſſiſſippi vorzugsweiſe ſeinen Beifall errang.“ Und indem ich nun auf die Oertlichkeit näher einging, erzählte ich, wie ich mit dem damaligen Erbprinzen von W... jene Anſiedlung beſuchte, einige Tage darauf wohnte, und Jener die dort in der wilden Einſamkeit lebenden Menſchen ſo lieb gewann, daß er ihnen ſpäter von New⸗Orleans aus eine bedeutende Unterſtützung an Vieh, Ackergeräth und ſonſtigen Lebensbedürfniſſen zukommen ließ. Während ich ſprach, erhob die Fürſtin kein Auge von dem Gegenſtande meiner Beſchreibung, als ich aber ſchwieg, nickte ſie befriedigt und ſchlug die Blät⸗ ter des Buches um, bis ſie die nächſte Abbildung traf.„Und was iſt das hier?“ fragte ſie ſtill und bedächtig. „Das, gnädigſte Frau, iſt eine Gegend in Vene⸗ zuela in der Nähe des Ausfluſſes des Orinoco, die auch Alexander von Humboldt ſo ſchön gefunden und beſchrieben hat. Auch hier hat Seine Durchlaucht, der Fürſt von Adersbach, längere Zeit mit mir und ſeinen Reiſegefährten gewohnt und daſelbſt einen Be⸗ weis ſeiner Menſchenliebe niedergelegt. Der Orinoco bot damals einen unbeſchreiblich wilden Anblick dar. Es war die Zeit ſeiner Ueberſchwemmung und er riß Häuſer, Inſeln und Wälder mit ſich fort. Eine ein⸗ geborene Familie verlor all ihr Hab' und Gut und Seine Durchlaucht ließ es ſich angelegen ſein, auch hier mit ſeinen reichen Mitteln den Unglücklichen zu helfen und eine unvergängliche Erinnerung an ſeine Perſon bei den dankbaren Menſchen zu hinterlaſſen.“ Indem ich nun näher auf jene Ueberſchwemmung ein⸗ ging, begann ich von der herrlichen tropiſchen Vege⸗ tation jener Gegend zu ſprechen, ſchilderte den Wald 4 verweilte umſtändlich bei den endloſen Blumen⸗ teppichen, die jenes Land ſo ſeltſam wie ſchön erſchei⸗ nem laſſen. 6 Sohn des Gärtners. III. 13 V 194 Während ich dabei bemüht war, meiner perſön⸗ lichen Anweſenheit an dieſen Orten keine Erwähnung zu thun, ſprach ich um ſo lebhafter von den Empfin⸗ dungen des Prinzen, als er in jenen ſüdlichen Strichen verweilte und beſchrieb den rieſigen Wuchs und die Fülle und Mannigfaltigkeit der Pflanzen mit ſo glän⸗ zenden Farben, wie ſie mir wohl zu Gebote ſtanden, wenn ich von meinem Gegenſtande ergriffen war. Alles horchte geſpannt und ſchweigend auf meine Erzählung, auch die Fürſtin, die kein Auge von dem Bilde verwandte. Nur wenn ich den Namen ihres Bruders mit abſichtlicher Vorliebe und merkſamer Be⸗ tonung ausſprach, zuckte es um ihren Mund mit einem eigenthümlichen Ausdruck, den ich mir noch nicht voll⸗ kommen zu erklären vermochte, da er ebenſowohl Theil⸗ nahme als ein ſchmerzliches Gefühl verrathen konnte. Je weiter ich aber kam, um ſo aufmerkſamer hörte ſie zu, desgleichen die Uebrigen, nur in dem Innern der Oberhofmeiſterin gährte ein allmälig anwachſender Sturm auf, der ſich endlich in einem verächtlichen Lächeln kundthat, als wolle ſte mich nur ausſprechen laſſen, um meiner lebhaften Darſtellung einige erläu⸗ ternde Worte beizufügen. Endlich war ich fertig. Die Fürſtin nickte mir nicht unfreundlich zu, aber ſie ſchwieg hartnäckig. 8 3 4 E 2 1 K —— Alles um ſie her war ſo ſtill, daß ich die einzelnen Athemzüge hören konnte. Da glaubte die Oberhof⸗ meiſterin den Zeitpunkt gekommen, das peinliche Still⸗ ſchweigen brechen und zugleich ihrem unwiderſtehlichen Drange, mir einen Streich zu verſetzen, Luft machen zu müſſen. „Finden Sie nicht, meine Damen,“ begann ſie mit höhniſchem Lächeln,„daß der Herr Bibliothekar ein Meiſter in der Schilderung der tropiſchen Vege⸗ tation iſt? Ja, das muß man ſagen, er erzählt gut und mit charakteriſtiſcher Unterſche eidung. Sie dürfen das aber für kein Wunder oder ein aus den Wolken gefallenes Talent halten— nein, das iſt es nicht; ich bin vielmehr ſo glücklich, Ihnen den Schlüſſel zu dem Räthſel geben zu können. Herr Flemming hat ſchon in ſeiner Jugend viel Gelegenheit gehabt, ſich mit der tropiſchen Vegetation zu beſchäftigen und darüber manche Erfahrung zu ſammeln. Sein Vater iſt Gärtner bei Sr. Durchlaucht dem Fürſten von W... geweſen, und da hat ohne Zweifel der geleh⸗ rige Sohn ſeine Studien gemacht, indem er ſeinem Vater in der Pflege der Treibhäuſer und Miſtbeete als Gehülfe zur Seite ſtand.“ „Um Verzeihung, meine Damen,“ ergriff ich ohne Zögern das Wort, ſobald die Oberhofmeiſterin den 133 4 ——— 196 Mund geſchloſſen hatte und noch ein ſchadenfrohes Lächeln auf einigen Geſichtern der Anweſenden im Kreiſe herumlief,„Frau Gräfin von Hohenheim be⸗ findet ſich mit dieſer ihrer Erklärung gewiſſermaßen in einem Irrthum, den zu berichtigen ich mir erlauben will. Mein Vater war allerdings Hofgärtner Sr. Durchlaucht des Fürſten von W..., ich bin aber nie Gehülfe bei ihm geweſen und konnte auch keine Er⸗ fahrungen bei ihm ſammeln, da Seine Durchlaucht die Gnade hatte, mich ſchon im zwölften Lebensjahre in das Schloß zu berufen, woſelbſt ich die Ehre ge⸗ noß, mit ſeinem älteſten Sohne, dem Erbprinzen und gegenwärtigen Fürſten von Adersbach, erzogen zu werden, deſſen Studien⸗ und Reiſegefährte ich war, bis ich im Auftrage deſſelben hierher kam, um mein geringes Wiſſen bei der Ordnung und Auf⸗ ſtellung der fürſtlichen Bibliothek zu verwerthen. In dieſem meinem ganzen, ziemlich bewegten Leben habe ich mich ſehr glücklich und meinem erhabenen Wohl⸗ thäter ſtets dankbar ergeben gefühlt, und um dieſem Gefühle einen vernehmbaren Ausdruck zu verleihen, habe ich mir eben erlaubt, Sr. Durchlaucht jenes Buch zu widmen, da ich ſeiner Großmuth auch die Erfahrungen und Anſchauungen verdanke, die in jenem Buche niedergelegt ſind.“ 197 Ich denke noch heute mit Vergnügen an den Augen⸗ blick, als dieſe kühne Rede ihr Ende erreichte. Sie hatte auf verſchiedenen Stellen gleich einem kalten Blitze eingeſchlagen, das heißt, mehr Schrecken als Unheil angerichtet. Alle Augen wandten ſich zuerſt auf die Fürſtin, die den heraufbeſchworenen Sturm mehr zu fühlen als zu ſehen ſchien, wenigſtens erhob ſie ihr Auge weder zu mir noch zu den übrigen An⸗ weſenden. Das von mir abſichtlich gebrauchte Wort: im Auftrage deſſelben, wühlte gewiß am heftig⸗ ſten in ihrer Bruſt und ſie erhielt vielleicht erſt da⸗ durch einen richtigen Einblick in die Abſicht ihres Bruders, deſſen Thaten und Handlungen ſie von jeher gewohnt war, auf energiſchen Willen und männliche Entſchlüſſe begründet zu finden. Die Oberhofmeiſterin aber warf meine Erklärung aus allen ihren geträumten Himmeln herab; ſie hatte mir eine Demüthigung bereiten wollen und ich hatte ſie öffentlich einer Unwahrheit geziehen, was ſie um ſo ſchneidender berührte, da alle Welt wußte, daß ſie wie jeder Andere, der mit den Verhältniſſen in W... bekannt war, von dem wahren Sachverhalt meiner dortigen Stellung unterrichtet ſein mußte. Sie ſchleu⸗ derte mir auch einen boshaſten Blick nach dem an⸗ dern zu, lächelte triumphirend gegen ihren Verbündeten, der mich gern am Kragen gepackt und aus dem Zim⸗ mer geworfen hätte, und tauſchte dann ringsum ver⸗ ſchiedene Winke aus, als möchte man nur Geduld haben, ſie würde mir ſchon die Strafe für dieſe meine ungebührliche Berichtigung ihrer Erklärung zur ge⸗ hörigen Zeit zu Theil werden laſſen. Dieſem hin und her flatternden Geberdenſpiel machte die Fürſtin dadurch ein Ende, daß ſie abermals mehrere Blätter umſchlug und, auf einen neuen Stich deutend, mich davon zu erzählen bat. „Es iſt dies der ſchöne Hafen von St. Francisco in Californien,“ erwiderte ich,„wo wir uns nach einem kurzen Beſuche der Goldminen im Innern des Landes, wieder einſchifften, um nach China und ſodann nach Oſtindien weiter zu ſegeln“— und indem ich mit lebhafter Erinnerung an jenem wunderbaren Orte ver⸗ weilte, beſchrieb ich, was ich daſelbſt geſehen und wie tief ſich der Reichthum des dortigen Natur⸗ und Menſchenlebens in unſre Seele gegraben hatte. „In Auſtralien ſind Sie nicht geweſen?“ fragte die Fürſtin, als ich endete. „Auch bis auf Auſtralien, Durchlaucht, erſtreckte ſich unſre Reiſe; die Beſchreibung deſſelben, eben ſo wie die von Aſien und ſpäter von Afrika, erfolgt aber erſt im zweiten und dritten Bande meines Reiſe⸗ 199 berichts, vorausgeſetzt, daß ich ſo viel Zeit übrig be⸗ halte, ihn für den Druck fertig zu machen.“ „O, ſo viel Zeit müſſen Sie ſich nehmen, das iſt nothwendig, ich wünſche es ſehr. Ihre Erzählungen intereſſiren mich ungemein, ich werde dies Buch Wort für Wort leſen. Wann kann der zweite Theil im Druck fertig ſein?“ „Es wird mindeſtens ein Jahr dazu gehören, Durchlaucht!“ ſagte ich nach einiger Ueberlegung. „Das iſt etwas lange,“ bemerkte die Oberhof⸗ meiſterin.„Können Sie ſich nicht beeilen, da Ihre Durchlaucht es wünſcht?“ „O, bitte, liebe Hohenheim!“ ſagte die Fürſtin, die Augen nicht von dem Buche aufſchlagend, aber die linke Hand leicht abwehrend gegen die böſe Frau erhebend. „Ich drucke die Bücher nicht und ſteche die Zeich⸗ nungen nicht in Kupfer oder Stahl,“ erwiderte ich, mich zur Oberhofmeiſterin wendend.„Beides erfordert viele Arbeit und alſo auch viele Zeit. Ich ſchreibe nur den Text dazu und damit bin ich längſt zu Stande gekommen.“ „Ich hätte nicht gedacht, daß ein ſolches Mach⸗ werk ſo viel Mühe verurſacht und ſo viel Zeit zu ſeiner Herſtellung erfordert.“ 200 „Um Entſchuldigung, Frau Gräfin,“ entgegnete ich kalt, aber ungemein höflich,„Sie irren abermals. Jenes Buch, alſo gedruckt und mit naturhiſtoriſchen Abbildungen verſehen, wie es hier vor Ihnen liegt, nennt man kein Machwerk—“ „Und wie nennt man es denn?“ unterbrach Herr von Krachwitz, ſeine Naſe drohend gegen mich hervor⸗ ſtreckend, meine Rede. Ich wollte ihm eben eine Antwort geben, als die Fürſtin mir zuvorkam und beſänftigend ſagte: „In Wahrheit, das Buch iſt prachtvoll ausgeſtattet, es iſt ein wahres Kunſtwerk. Ich danke Ihnen, mein lieber Flemming, für die angenehme Belehrung, die Sie uns heute haben zu Theil werden laſſen. Hoffentlich ſetzen Sie Ihre Erzählungen bald weiter fort. Der Winter mit ſeinen langen Abenden, den wir jetzt vor uns haben, iſt ganz geeignet dazu und ſo erfahren wir Armſeligen, die wir faſt nie aus unſern Häuſern herausgekommen ſind, wie es draußen in Gottes weiter Welt ausſieht. Noch einmal meinen herzlichen Dank für den heutigen Abend. Leben Sie wohl!“ Ich war bei dieſen Worten aufgeſtanden und hatte mich wiederholt ſchweigend verbeugt. Als ich ſah, daß ich entlaſſen war, ſchritt ich hinaus, als ich aber die Thür ſchloß, konnte ich nicht umhin, wahrzunehmen, daß der Gräfin Hohenheim mit meiner Entfernung ein Stein von der Bruſt fiel, da ſie meine Anweſen⸗ heit ohne Zweifel als eine Entweihung des erhabenen Kreiſes betrachtete, dem ſie als Oberprieſterin des Hofceremoniells die officielle Weihe gab. Ich war eigentlich froh, als das Cabinet der Fürſtin hinter mir lag, denn behaglich hatte ich mich unter den nichts⸗ ſagenden Geſichtern dieſer damen und dem Baſilisken⸗ blick dieſer Herren vom goldenen Schlüſſel nicht ge⸗ fühlt. Allein ich war in dieſem Augenblick ſehr weit entfernt, zu errathen, welche Folgen zunächſt dieſer Abend haben ſollte; am nächſten Morgen jedoch be⸗ kam ich eine Ahnung davon, als mir ein Lakai die Meldung überbrachte, daß mich Ihre gräfliche Gnaden, die Frau Oberhofmeiſterin, pünktlich um zwölf Uhr in ihrem Zimmer zu ſprechen wünſche. Nichtsdeſtoweniger war ich ſehr neugierig, was dieſe liebenswürdige Dame mir zu ſagen haben werde. Daß es nichts Angenehmes ſein würde, wußte ich vorher, hätte ich aber den Inhalt des Geſpräches und die Art und Weiſe, wie es von uns Beiden gefüthrt wurde, vorherſehen können, ſo würde ich es gewiß unterlaſſen haben, dem Rufe zu folgen, da ich nun und nimmermehr unter die Autorität dieſer Frau ge⸗ 20² ſtellt ſein konnte und ſie ihre Mittheilungen, wenn ſie mir ſolche von Seiten der Fürſtin zu machen hatte, durch einige Zeilen oder ernſtlichen Falles durch eine Citation vor meinen amtlichen Vorgeſetzten mir zu⸗ gehen laſſen mußte. Mit dem feſten Entſchluß, dieſer Gang ſolle die letzte Demüthigung meinerſeits vor dieſer Perſon ſein, trat ich ihn an. Schon als ich ſie in ihrem über⸗ mäßig mit Blumen und bunten Gegenſtänden allerlei Art ausgeputzten Zimmer in voller Hoftoilette ſtehen und mich erwarten ſah, wußte ich, daß mir ein neues Gewitter drohte, aber ihre froſtige Miene ließ mein Blut nicht mehr gerinnen, ich war bereits unempfäng⸗ lich für ihre Beleidigungen geworden, die ich mit möglichſtem Gleichmuth hinzunehmen, ja ſogar zu er⸗ widern mir ſelbſt mein Wort gab. „Mein Herr,“ empfing ſie mich ganz in dem Style, wie etwa ein brutaler Schulmonarch ſeinen verhaßteſten Schüler empfängt,„obgleich ich ſchon geſtern Abend im Geſellſchaftszimmer Ihrer Durchlaucht Ihnen meine Meinung zu erkennen gegeben habe, daß es für einen Mann von Ihrem Stande und Herkommen nicht paſ⸗ ſend ſei, in Gegenwart der Regentin und in der Mitte einer auserwählten Geſellſchaft ſeine Stellung aus den Augen zu verlieren und die Schärfe ſeines 203 Worts gegen eine Dame zu kehren, die, wenn man nicht Achtung vor ihrem Geſchlecht und ihrer amtlichen Würde hat, keine Waffen beſitzt, ſich zu vertheidigen, ſo ſehe ich mich bei Ihrer hartnäckigen Art, die her⸗ gebrachte Sitte zu ignoriren und alle Schranken der Etikette an dieſem Hofe zu durchbrechen, doch in mei⸗ ner Stellung als Oberhofmeiſterin Ihrer Durchlaucht genöthigt, Sie auf verſchiedene Punkte nachdrücklich aufmerkſam zu machen, die Sie niemals wieder be⸗ rühren dürfen, und Ihnen vielmehr die Gränzen an⸗ zuweiſen, innerhalb deren Sie ſich in Ihren ferneren Geſprächen ein für alle Mal zu bewegen haben werden.“ Von dem langen Satze, den ſie trotz gewiß unſäg⸗ lichen Vorſtudiums mit Mühe zu Ende gebracht, athemlos, hielt ſie einen Augenblick inne, den ich be⸗ nutzte, ihr einen Stuhl näher zu rücken und damit die Worte zu verbinden:„Sie bemühen ſich zu ſehr um mich, Frau Oberhofmeiſterin; es greift Sie die ceremoniöſe Anrede an einen noch immer nicht genug gebändigten Schüler an— ſetzen Sie ſich und kom⸗ men Sie zu Athem, ich habe eine Minute Zeit für Sie.“ Wären ihre Augen Dolche geweſen, ich wäre nach dieſen lächelnd geſprochenen Worten gewiß todt zu ihren Füßen niedergefallen, ſolche leidenſchaftliche Wuth 204 ſprach ſich in denſelben aus, aber dieſe oder eine ähnliche Antwort hatte ich ihr zugedacht für ihre neuliche Er⸗ klärung meiner vegetativen Abſtammung und ſo mußte ſie ſie hinnehmen, ohne mir in's Geſicht ſchlagen zu können, wie es vielleicht die Erhebung ihrer Hand andeuten wollte, die ſie mit ohnmächtig zitternder Aufwallung gegen mich ſchüttelte und dabei ausrief: „Mein Herr, auch dieſe neue Beleidigung werden Sie büßen, ich ſtehen Ihnen dafür, denn es wird Edelleute an dieſem Hofe geben, die eine Frau, welche in ihren Rechten iſt und von einem— einem Manne wie Sie find, gekränkt wird, zu rächen wiſſen werden.“ „Ich erwarte Ihre Edelleute, gnädige Frau, ſchicken Sie ſie zu mir. Zwar nur eines Gärtners Sohn, wie Sie aller Welt ſo ſchadenfroh erzählen, bin ich lange genug mit wahrhaften Edelleuten umgegangen, um die Grundſätze ihres Handelns mir angeeignet zu haben und als Mann, wenn nicht von Geblüt, doch von Ehre, mich in allen Fällen, welche die Intriguen und Kabalen einer an ſich gefahrloſen Hofpartei her⸗ beizuführen die Geſchicklichkeit und— ſage ich es offen— die ſchaamloſe Stirn haben werden, bewäh⸗ ren zu können.— Doch Sie wollten mir eine neue Ueberraſchung mit einer Vorleſung aus Ihrem ſelbſt⸗ verlegten Hofkalender bereiten— ich bitte darum, * 20⁵ denn jetzt bin ich geneigt, Alles zu hören, was Sie mir zu ſagen haben, ſelbſt wenn es eine noch größere Beleidigung enthielte, als Sie ſie bisher in ſo reicher Fülle über mich auszugießen beliebten.“ Nach dieſen Worten faßte ſie ſich und zwang ſich zur Ruhe, da ſie bemerkte, daß ich ohne alle Leiden⸗ ſchaft verfuhr und deshalb immer ſiegreich blieb; dann aber fuhr ſie fort:„Mein Herr, Ihre Abſtam⸗ mung leuchtet ſchon aus den plebejiſchen Worten her⸗ vor, die Sie an eine Dame von meiner Geburt und Stellung zu richten wagen, und da Sie in Ihrem mir bekannten Dünkel und Ihrer Anmaßung jedes rechte Maaß aus den Augen verlieren, ſo überheben Sie mich der Verpflichtung, mich der Sprache des ſo⸗ genannten guten Tones zu bedienen, und ſo ſage ich denn geradezu: mein Herr, wohl weiß ich aus frühe⸗ ren Zeiten, daß Sie ſich ſehr leicht über die Ihnen gezogenen Schranken erheben und ſich etwas Höheres dünken, als wozu Sie die Natur berufen hat, aber daß Sie ſo tactlos ſein würden, in Gegenwart unſrer verehrten und ſo hart geprüften Fürſtin von Perſonen und Dingen zu reden, die an u nſerem Hofe durchaus verpönt und aus dem Reiche der Möglichkeit geſtrichen find— das habe ich nicht gedacht und das verbitte ich mir in der That ernſtlich für alle künftigen Zeiten.“ Geſchwiſtern gegenüber, ſich nicht als Fürſt betragen hat.“ Da ich nicht verſtand, was ſie meinte und nur das Bild der ſo hart geprüften Fürſtin im Auge be⸗ hielt, die ich unwiſſentlich gekränkt haben ſollte, ſo erſchrak ich, richtete mich in die Höhe und blickte die Sprechende fragend an, die darin wahrſcheinlich einen kleinen Triumph gewahrte und mit lächerlichem Stolze fortfuhr: „Aha! Endlich alſo habe ich den Schlüſſel zu 44 Ihrem Gewiſſen gefunden— „Sie haben gar keinen Schlüſſel gefunden, Frau Gräfin,“ unterbrach ich ſie,„und am allerwenigſten den zu meinem Gewiſſen, da daſſelbe ſtets geöffnet iſt und alſo keines Schlüſſels bedarf. Doch, vergeſſen Sie Ihre Rede nicht, Sie wollten mir ſagen, was ich in Gegenwart der Fürſtin verbrochen habe und was ich künftig nicht wiederholen ſoll.“ „Sie haben von dem Fürſten von Adersbach ge⸗ ſprochen. Sein Name, mein Herr, darf hier nie ge⸗ nannt werden, eben ſo wenig, wie man irgend ein Geſpräch beginnen oder fortſpinnen darf, in dem ſeiner Verhältniſſe, Handlungen oder Geſinnungen nur im Entfernteſten Erwähnung geſchieht. 14 „Und warum nicht, erlaube ich mir zu fragen?“ „Weil der Fürſt von Adersbach, ſeinen Eltern und „Frau Oberhofmeiſterin,“ ſagte ich, mitleidig die Achſeln zuckend,„ich bedaure nur, daß der Fürſt von Adersbach nicht ſelber in dieſem Augenblick hier an⸗ weſend iſt, um Ihnen die einzig paſſende Antwort auf dieſe Ihre Beſchul digung zu geben, denn ich fühle mich auf keinen Fall berufen, vor Ihnen ſeine Ge⸗ ſinnungen und Handlungen in das rechte Licht zu ſtellen. Dieſe mögen alſo auf ſich beruhen. Im Uebrigen aber erkläre ich Ihnen, daß Ihre Aufforde⸗ rung, über ihn zu ſchweigen, für mich von gar keinem Gewicht iſt und dah nur die Fürſtin ſelbſt mir ver⸗ bieten kann, von ihrem fürſtlichen Bruder zu ſprechen.“ „Sie verbietet es Ihnen hiermit und durch mich, denn gerade ſie hat mich beauftragt, Ihnen dieſe ihre Willensmeinung zu erkennen zu geben.“ Die Lüge, die ſie mit dieſen Worten ausſprach, lag ihr auf den Lippen, im Auge, auf jeder Geſichts⸗ falte, aber wann iſt je ein Weib, wie dieſes, vor einer kleinen Lüge zurückgebebt? Auf mich aber machte dieſe ganze Sceue einen ſo widrigen Eindruck, daß ich offen und ehrlich zu Werke zu gehen beſchloß, wodurch man ſelbſt einer ſo intriguanten Perſon gegenüber, wie die Oberhofmeiſterin war, immer im Vortheile bleibt.„Frau Gräfin,“ ſagte ich daher,„geradeheraus geſagt, das glaube ich Ihnen nicht. Wenn Ihre -—õ——ö 5 — 1 —— 208 Durchlaucht einen Groll von dem Umfange und der Tiefe, wie Sie ihn mir zu ſchildern belieben, gegen ihren Bruder gehegt hätte, ſo würde ſie mich nicht haben rufen laſſen, um von einer Reiſe ſich Bericht erſtatten zu laſſen, bei der er die Hauptperſon war, oder in einem Buche zu leſen, in dem auf jeder Seite von ihm geſprochen wird. Ich muß alſo glauben, daß Sie perſönlich etwas gegen meinen geſtrigen Vor⸗ trag einzuwenden haben, und das ſetzt mich in Bezug auf den Fürſten von Adersbach um ſo mehr in Er⸗ ſtaunen, als Sie ſelbſt früher ihn ſo glühend bewun⸗ derten und für ihn ſchwärmten, da man ihn noch den hoffnungsvollen und ſchönen Erbprinzen von W... nannte und Sie noch keine Oberhofmeiſterin, vielmehr nur die Erzieherin der Prinzeſſin Hildegard und zu gleicher Zeit die Freundin von Herrn Beau, dem Turn⸗ lehrer des Prinzen, waren.“ „Mein Herr!“ fuhr ſie wie von einem Scorpion geſtochen auf,„das iſt ſtark! So weit habe ich noch keinen Menſchen ſeine— ich will mich milde aus⸗ drücken— ſeine Dreiſtigkeit treiben ſehen. Das, o das werden Sie bereuen, Herr Flemming! Warten Sie es ab, Sie kennen weder meine Macht, noch meinen ſtarken Willen, wenn es gilt, ein Ziel zu erreichen, das ich errei⸗ chen muß. Bei Ihnen will und werde ich es erreichen.“ ——— 209 „Ich ſtelle mich Ihnen ganz zur Verfügung, gnä⸗ dige Frau, und wenn das Meſſer, welches Sie mir in die Bruſt ſtoßen wollen, noch nicht ſcharf genug iſt, ſo geben Sie es mir, ich will es ſelber ſchleifen, damit Sie leichtere Arbeit finden, denn meine plebe⸗ jiſche Haut iſt etwas hart.“ „Herr! Sie ſind ein Dämon an Spott und Frech⸗ heit! Halten Sie mich für fähig, einen Banditen gegen Sie zu dingen?“ „Einen Banditen nicht,“ ſagte ich kalt und machte ſchon eine meinen Abſchied ankündende Ver⸗ beugung,„wohl aber einen Edelmann, wie Sie ſie lieben und ſich zu erziehen verſtehen!“ Mit dieſen ſie durchbohrenden Worten, deren Nach⸗ wirkung ich leider nicht mit eigenen Augen beobachten konnte, entfernte ich mich; ich hatte ſie geſprochen, in der feſten Ueberzeugung und gleichſam wie von einer inneren Ahnung angehaucht, daß ſie ſich bewahrheiten würden, denn eine unſägliche, mir unerklärliche Feind⸗ ſchaft, ſo wie der Durſt nach Rache, lag haarſcharf ausgeprägt auf der dolchartigen Miene, mit der mir dieſe Frau entgegengetreten war. Ob ich mich in Der Sohn des Gaͤrtners. III. 14 210 dieſer meiner Wahrnehmung geirrt, wird die Zu⸗ kunft lehren. Von dieſer Zeit an begann man, wie es unter der Oberleitung einer ſolchen Frau ſo natürlich iſt, Intriguen und Kabalen allerlei Art gegen mich in's Werk zu ſetzen, alle mir begegnenden Geſichter drück⸗ ten eine ſo offenbare Feindſeligkeit aus, daß ich mir nicht verhehlen konnte, meine Stellung werde, wenn dieſe Fehde ohne irgend eine günſtige Entſcheidung für mich fortgeſetzt würde, eine ſchwer haltbare, und mein Aufenthalt in B... kein ewiger ſein. Faſt noch. mehr aber als die heimlichen Angriffe der Gräfin Hohenheim ſchadeten mir die kleinen Begünſtigungen, die mir von Seiten der Fürſtin zu Theil geworden waren, indem ſie noch mehr Feinde gegen mich in Waf⸗ fen riefen, als ich ohnehin ſchon beſaß, denn der Neid der an einem kleinen Hofe lebenden Menſchen, gleichviel ob ſie eine hohe Stellung einnehmen oder nicht, ſpielt in dieſer Glückslotterie, bei welcher der Zufall von ſo großem Einfluß iſt, eine nicht unbe⸗ deutende Rolle und ſchon ein Lächeln des fürſtlichen Mundes genügt, einen Einzelnen in die Ungunſt einer ganzen Menge zu bringen, wenn dieſe ſo anmaßend iſt, jenes Lächeln nur für ſich allein in Anſpruch zu nehmen. Mein Amtsvorgänger, ein alter abgelebter 211 Mann, der früher nur ſeinen Wiſſenſchaften lebte und durch keinen fremden Fürſten an dieſe Stelle empfohlen worden, war nie in den vertrauteren Hofkreiſen geſehen worden, ja man hatte von ſeinem Daſein nicht einmal eine rechte Kenntniß gehabt. Nun kam ich, der das Glück genoß, ein früherer Bekannter der Fürſtin, und das Unglück, ein alter Gegner der Oberhofmeiſterin zu ſein, und da ich mir nicht gefallen laſſen wollte, unter dieſen feinen Damen und Herren eine Bedienten⸗ rolle zu ſpielen, vielmehr ihnen bewies, daß ein Mann von Bildung und Erfahrung trotz ſeiner geringen Herkunft ein Mann von Ehre ſein könne, ſo erregte mein Auftreten auf ſehr natürliche Weiſe gleich von Anfang an kein geringes Aufſehen und keine kleine Erbitterung. Und wie konnte es anders ſein? War mein Auftreten nicht ſogar höchſt bedenklich und ge⸗ fährlich? Konnte ich es mit dieſer Kühnheit nicht wagen, meine Stellung allmälig ſo auszudehnen, daß ſte bis an die Fürſtin ſelbſt hinanragte und am Ende gar Dieſen oder Jenen, der weniger wußte und ſich ungeſchickter benahm als ich, verdunkelte? Nein, das war unerträglich, unerhört, das mußte geahndet wer⸗ den, und zu dieſer Ahndung wurden von allen Seiten Mittel aufgeboten, um ſie nicht nur ſo bald, ſondern auch ſo fühlbar wie möglich für mich herheizuführen. 14* 3 212 Daß die Oberhofmeiſterin ſich alle Mühe geben würde, mich einzuſchüchtern und, wenn das nicht ge⸗ lang, mit Liſt oder Gewalt aus dem Sattel zu heben, war ſehr leicht vorauszuſehen; da ſie mich aber ſo feſt und unerſchütterlich auf meinem Sitze ſah, mußte ſie ſtärkere Hebel anwenden, um mich zum Wanken zu bringen. Einer ihrer erſten Handlanger war na⸗ türlich ihr neuer Buſenfreund, der Kammerherr von Krachwitz, und dieſen hetzte ſie wie einen vollblütigen Schweißhund auf mich los, in der Vorausſetzung, daß deſſen Kraft und Anſehen hinreichen würden, mir eine Grube zu graben, in die ich nothwendig ſtürzen mußte, zumal wenn auch andere Helfershelfer ihre Hand mit anlegten. Herr von Krachwitz war nun entweder durch natürliche Begabung oder durch die Kunſt ſeiner Meiſterin ſo gut dreſſirt, daß er vollkommen ſeine Schuldigkeit gegen mich erfüllte, und wir haben ja ſchon geſehen, wie er bei ſeinem erſten Beſuche alle Segel beiſetzte, mich in den Grund zu bohren. Da ihm dies aber nicht ganz nach Wunſch gelungen war, ſo wurden allmälig kräftigere Mittel verſucht, und weil man fürchtete, ich würde nach jenem erſten Abend bei der Fürſtin allmälig mehr und mehr Boden gewinnen, ſo ſuchte man mir von hinten her durch kleinliche Verläumdungen beim Hofmarſchall und dem Miniſter 1 213 des Cultus verſchiedene Hiebe beizubringen, gand auf ähnliche Weiſe, wie es vielleicht ehemals die Vorfah⸗ ren meiner Gegner in der Geſtalt von Raubrittern und Wegelagerern gegen ihre Widerſacher gethan hatten. Aber nicht allein von Oben her ſuchte man mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen, auch von Unten her ſtellte man mir Hinderniſſe oder wenigſtens Unbequemlichkeiten in den Weg, um mir das Leben in B... zu erſchweren und zu vergällen, was mir jedoch, ſobald ich die Machination bemerkte, nicht im Geringſten den Muth benahm, einſt dennoch alle dieſe Hinderniſſe mit kräftiger Hand aus dem Wege zu räumen. Einer der erbärmlichſten Gehülfen an dieſem Com⸗ plott gegen mich, freilich vielleicht nur auf Antrieb ſeiner Vorgeſetzten, war der Oberkaſtellan des Schloſſes. Dieſer an der Gicht leidende und dennoch faſt den ganzen Tag nicht aus dem Rauſche kommende Mann verkündete mir eines Tages mit rohen Worten, daß er ferner nicht im Stande ſei, mir meinen bisherigen alten Schloßdiener zum Stiefelputzer zu bewilligen, da derſelbe im fürſtlichen Dienſte anderweitig zu thun habe. Natürlich verurſachte mir dieſe Mittheilung nicht das beabſichtigte Herzweh. Ich erwiderte ihm, daß ich mich nach einer anderen Hülfe umſehen würde, — 214 und damit war die Sache abgethan. Schon an dem⸗ ſelben Abend ſchickte mir Major Fuchs einen ſeiner Diener, auf deſſen Treue ich mich verlaſſen konnte und von dem ich nun fortan zu meiner größten Be⸗ friedigung bedient wurde. Alle dieſe kleinen Aergerniſſe und Quälereien aber, und noch viele andere, die ich hier nicht weiter er⸗ wähnen will, brachten mein Blut, ſo ruhig es ſonſt floß und ſo unempfindlich ich von Geburt an gegen die Beleidigungen kleinlicher Seelen war, in einige Wallung, und trotz meines guten Muthes und meiner geſchmeidigen Fügſamkeit in alle mir aufgebürdeten Verhältniſſe ſah ich ein, daß ich einmal doch eine empfindliche Niederlage erleiden könnte, wenn mich kein glücklicher Zufall davor ſchützte. Vor der Hand bemühte ich mich nur, ſo vorſichtig wie möglich und jeden Augenblick ſchlagfertig zu ſein, um das Gefecht, wenn es an einer Stelle abgebrochen war, an der an⸗ dern ungeſchwächt wieder aufnehmen zu können. Das war gerade nicht ſehr angenehm und permehrte die Behaglichkeit meines ohnehin freudloſen Lebens durch⸗ aus nicht, ja es gab Augenblicke, in denen ich mich recht betrübt fühlte und Sehnſucht nach einem Wechſel meiner Lage empfand. Allein immer wieder hob mich mein elaſtiſcher Geiſt auf die Oberfläche empor, das Gedränge ———— 215 der Wogen um mich her ſchüttelte ich kräftig ab und mein Auge drang nach dem goldenen Stern, der über alle dieſem Gewirr in ewig gleichmäͤßiger Schönheit und Klarheit ſtrahlte, und wenn ich auch nicht mehr hoffen konnte, das mir von meinem Freunde vorgeſteckte Ziel bei ſeiner Schweſter ſo bald zu erreichen, ſ mein Vertrauen auf einen glücklicheren Umſchwung der Dinge doch keinen Augenblick und ich hielt wacker aus, o wankte wie ein rüſtiger Schwimmer, der ſein Ziel unverrückt in's Auge gefaßt hat und darauf losſteuert, trotz der Gewalt des widerſtrebenden Windes und der Ungunſt der gegen ihn wogenden Strömung. Das Schlimmſte bei allen dieſen kleinen Händeln und ewigen, aufreibenden Kämpfen war, daß mir viel von meiner koſtbaren Zeit und mit ihr die Luſt und Freude an der Arbeit, wie ſie mir früher innegewohnt, entzogen wurde. Da ich den ganzen Tag in der Bibliothek mit meinen Berufsgeſchäften zu thun hatte, ſo rückten meine Arbeiten, die ich für mich ſelbſt trieb, nur langſam vor und ich ſah mich endlich genöthigt, auch einige Stunden der Nacht mit zu Hülfe zu neh⸗ men, um ſo wenigſtens einige Fortſchritte zu ſpüren und dem Drängen in meiner Bruſt ein kleines Genüge zu thun. — Sernstes Anpitel. Der gewünſchte Umſchwung bereitet ſich auf uner⸗ wartete Weiſe vor. Trotz meiner ſeltſamen und unerquicklichen Lage in damaliger Zeit behielt ich merkwürdiger Weiſe, Dank meiner zähen Ausdauer und fortſchreitenden Bildſamkeit, noch immer Luſt, auch die Lage anderer Leute zu ſtudiren, mit denen mich meine Verhältniſſe in mehr oder minder nahe Berührung brachten, und unter dieſen war es ſelbſtverſtändlich die Fürſtin, der ich meine hauptſächlichſte Aufmerkſamkeit fortgeſetzt zu⸗ wandte. Wollte ich dabei recht aufrichtig gegen mich ſelber ſein, ſo mußte ich mir geſtehen, daß ich außer meiner von Jugend an für ſie gehegten Verehrung ein inniges und faſt zärtliches Mitleid mit ihr hegte. Denn obwohl eine mächtige und reiche Fürſtin, war —ööõõ 217 ſie doch auf keine Weiſe auf Roſen gebettet, ja, ihr Geſchick drückte härter und gewaltiger auf ſie, als auf manchen anderen Menſchen, der ſich im Vergleich mit ihr für viel überbürdeter hielt. Wenn ich Alles in Betracht zog, was ſie beſaß, genoß, ſo war es nicht der tauſendſte Theil von dem, was ſie zu beſitzen und zu genießen berechtigt war, denn ihre Freuden waren leicht zu überſchauen und lagen meiſt nur in den äußeren Vorzügen, die ihr die Gunſt des Him⸗ mels zugewandt. Was ihr Inneres betraf, ach, da war nicht viel Sonnenlicht zu erblicken, das ſah man wohl, wenn man ſie mit Augen betrachtete, wie ich ſie für ſie hatte, denn daß ihre Seele vergebens nach Oben rang, daß das Gewicht an ihrem Herzen, ihrem Willen, ihrer Abſicht ſie immer wieder zu Boden zog, konnte dem Beobachter nicht entgehen, der ihre Ver⸗ hältniſſe und Lage in Bezug auf ihre Perſon und ihr Land mit Nachdenken erwog. Doch von dieſem ihrem Innern werde ich noch in einer ſpäteren Zeit zu ſprechen Gelegenheit haben, hier will ich nur das offenkundiger daliegende Aeußere ihres Lebens in's Auge faſſen. Wenn ich zunächſt meine Blicke auf ihre Umge⸗ bung richtete, ſo fand ich nur zu leicht, wie ſchlecht ſie von allen Seiten unterſtützt und bedient ward. Es 218 waren meiſt erbärmliche, wenigſtens an Geiſt und Herz ſehr vernachläſſigte Menſchen, die ſie mit lächelndem Angeſicht umringten, ihr mit wichtiger Miene Rath ertheilten und mit unabläſſiger Selbſtſucht an ihrem Beſitz, ihrer Macht und Gunſt pflückten und riſſen. Keiner von Allen nahm ein wirkliches Intereſſe an ihrem perſönlichen Wohl und Weh, Keiner goß ihr Wahrheit in's Ohr, ſpendete ihr Nahrung für Geiſt und Herz, Alle heuchelten und krochen, liebedienerten und ſchmarotzten des leidigen perſönlichen Vortheils wegen um ſie herum. Mir kam es, als ich dieſes hohle Speichellecken, dies Buhlen und ehrgeizige Trach⸗ ten ſah, immer vor, als wiſſe die Fürſtin, oder fühle wenigſtens durch eine inſtinctartige Kraft, was ihr dieſe Menſchen ſeien, weshalb ſie ſich um ſie drängten, wozu ſie ſich um ſie beeiferten. Denn ein von der Natur in allen Dingen ſo hochbegabtes Weſen, ſo reich mit Vorzügen des Geiſtes und Körpers ausgeſtattet, in jeder Beziehung ihre ganze Umgebung überragend, konnte nicht wohl anders, mußte das Gewebe von Trug und Liſt durchſchauen, womit man ſie umſpann und in immer engere Netze einſchnürte. Das Gemeine im eeinzelnen Menſchen wie im ganzen Leben kann ſtets nur bis zu einem gewiſſen Punkte ſich als Edles, Hochherziges und Gutes darſtellen, bis zu dieſem 219 Punkte gelangt, fällt die Maske von ſelbſt, erliſcht der glänzende Schein und das nackte, kahle gewöhn⸗ liche Geſicht ſchaut nüchtern und ernüchternd aus der erkünſtelten Phyſiognomie hervor. Daß ſie dies Ge⸗ meine ſah, erkannte, wenigſtens fühlte, glaubte ich längſt an ihr wahrgenommen zu haben, aber als eine von ihren natürlichen Rathgebern verlaſſene Frau, ganz allein inmitten eines erbarmungsloſen, kalten Gedränges ſtehend, ohne Stütze, ohne Wegweiſer, wagte ſie es nicht, den ſummenden Wespenſchwarm um ſich her anzutaſten, um ihn nicht zu noch wilderem Summen aufzuregen. Die ſo wichtige Kunſt der auf den Gipfeln der Menſchheit ſtehenden Perſonen, die ſogenannte diplomatiſche Klugheit, verbot ihr ſogar, es merken zu laſſen, daß ſie das Spiel ihrer Um⸗ gebung durchſchaue, daß ſie den Schein von der Wirk⸗ lichkeit, die Lüge von der Wahrheit, den Flitter vom ächten Golde zu unterſcheiden wiſſe, denn hätte ſie erſt dieſe Unterſcheidung zu erkennen gegeben, dann wären ihr allenthalben offene Feinde aus der Erde gewachſen, die jetzt wenigſtens um ihres perſönlichen Vortheils willen eine lächelnde Miene gegen ſie an⸗ nehmen mußten. Offene Feinde ſind aber für einen Mann, einen Regenten oft noch ein Segen, einer Frau dagegen bieten ſte unüberſteigliche Hinderniſſe 220 dar, zumal unſerer Fürſtin, die noch nicht ſelbſtſtändige Herrſcherin war, nicht ganz nach ihrem Willen leben und regieren durfte und jeden Augenblick befürchten mußte, eine zur Zeit in den Hintergrund getretene Perſon könne unerwartet wieder an das Licht des Tages treten und Rechenſchaft von ihrem Thun und Laſſen fordern. 8 Ich will jedoch mit dieſer Schilderung der Um⸗ gebung der Fürſtin nicht geſagt haben, daß es in B... überhaupt keine wackeren Männer gegeben hätte. O ja, es gab ihrer genug, nur ſtanden ſie ihrer Ge⸗ bieterin theils zu fern, theils ſcheuten ſie die Ein⸗ miſchung in ihnen nicht ganz zugängliche Dinge oder trauten ſich zu wenig Einfluß zu, um dieſelbe, wenn ſie ſie wagten, mit Erfolg gekrönt zu ſehen. Da war zum Beiſpiel unter den der Fürſtin ſehr er⸗ gebenen Perſonen der vortreffliche Hofprediger, ein Mann von eben ſo großer Geiſtesbildung wie Herzens⸗ reinheit und chriſtlicher Tugendhaftigkeit, allein er war mehr Lamm als Hirt, mehr Bibelgelehrter als Welt⸗ oder politiſcher Wegweiſer, mehr Tröſter als Rathgeber. Außerdem hatte er ſelbſt unter der ge⸗ wichtigen Fuchtel ſeiner Gemahlin, einer der klatſch⸗ ſüchtigſten und böswilligſten Frauen der Reſidenz, ein für ſeine ſchwachen Schultern viel zu ſchweres Kreuz 221 zu tragen und durfte es nicht einmal wagen, eine Viertelſtunde länger bei Hofe zu verweilen, als durch⸗ aus ſein prieſterliches Amt erforderte, weil ſeine Frau ſonſt, natürlich ohne allen Grund, ihre ſchrankenloſe Eiferſucht gegen die ſchöne Fürſtin entfeſſelte und das beiſpielloſe Zaudern des Gemahls mit unnachſichtlicher Strenge beſtrafte, wovon ſich die Stadt ganz wunder⸗ ſame Geſchichten erzählte, die ich hier nicht gern wie⸗ derholen mag. Da war auch der Geheime⸗ Medicinalrath Doctor Tiburtius, der Leibarzt der Fürſtin, deren ganzes Vertrauen er beſaß, ein überaus ſcharfſichtiger und klarblickender Mann, der auf zwanzig Schritte weit eine Flaſche Moſelwein von einer Flaſche Rheinwein zu unterſcheiden vermochten der außerdem die Perſonen des Hofes genauer kannte, als irgend ein anderer Menſch und ihren reellen Werth ſogar nach Quentchen und Granen berechnen konnte. Aber er war zu ſehr Feinſchmecker und Schmarotzer, um ſich die edle Kund⸗ ſchaft zu verderben, und die ſichtbaren Louisd'or ſeiner vornehmen Patienten waren ihm lieber als die unſichtbare Ruhe und das Glück ſeiner Gebieterin. Da war auch endlich der Geheime⸗Hof⸗ und Cabinetsrath Jordan, ein gewiegter, ſchlauer Kopf, der es für rathſam hielt, nie auf einer beſtimmten 22² Parteiſeite zu ſtehen, und der ſtets, gleichſam aus der Vogelperſpective, auf die winzigen Hofleutchen nieder⸗ blickte, alle ihre Sünden und Gebrechen aus erſter Hand überſchauend, allein er unterlag der unüber⸗ windlichen Leidenſchaft, zu ſehr den Spaßmacher und Hanswurſt zu ſpielen, wobei er überall den Ernſt der Lage im Auge zu behalten vergaß. An einem guten Witz zu rechter Zeit war ihm mehr gelegen, als am Wohlbefinden aller Fürſten auf dem ganzen Erden⸗ runde, und wenn es das ſchwarze Hofbuch zu inter⸗ pretiren galt, kamen ihm ſo viele gute Einfälle, als das Geſetzbuch der Ehre und Sitte Paragraphen zählt, ein ernſtes Wort aber, pflegte man von ihm zu behaupten, könne er höchſtens im Schlafe ſprechen, da er ganz der Mann war, noch auf ſeinem Sterbe⸗ bette die heiterſten. Gloſſen über ſich ſelbſt zu machen. Von den zahlreichen Damen und Herren, welche die Fürſtin zunächſt umgaben, will ich kein Wort ſagen, denn die Möglichkeit der Exiſtenz ſolcher Per⸗ ſonen, wie ſie ſich offenkundig aller Welt darlegte, war mir ſchon am Hofe zu W... ein unlösbares Räthſel geweſen, wie viel mehr nicht an dieſem Hofe, gegen den jener für eine puritaniſche Erziehungsanſtalt gehalten werden konnte. Dieſe Damen waren ſo tief in die Maſchen der Putz⸗ und Gefallſucht, der Tänzelei 223 und Vergnügungswuth des Lebens verſtrickt, und dieſe Herren ſo in Pferdezucht und Hundedreſſur, i Jagd, Hazardſpiel, Sectgelage und Courmacherei auf⸗ gegangen, daß ſie nicht einmal die Angelegenheiten in ihren eigenen Familien zu ordnen Zeit behielten, viel weniger die einer anderen Perſon überdenken vnee wenn das Denken überhaupt eine Eigenſchaft r Species von Menſchen genannt werden kann. dün⸗ Kinder, von denen eine große Zahl Mitglieder des Fürſtenhauſes zu Pathen hatte, ließen ſie am liebſten vom Staate in öffentlichen Bildungsanſtalten erziehen, um ſo wenig Mühe und Koſten wie mög lich davon zu haben, und ihre Schulden, wenn ihnen noch Jemand borgte, bezahlte am letzten Ende die fürſtliche Schatulle, was jedesmal ein gewaltiges Jauchzen über die hohe Gnade und Großmuth des reichen Segen⸗ ſpenders zur Folge hatte. Alle dieſe Damen und Herren tanzten, uuſicirten, ſpeiſten, ritten, fuhren, jagten, charmirten unter einander einen und alle Tage und Nächte; was lag ihnen alſo daran, wenn andere 5. Leute weniger Sonnenſchein genoſſen und oft vor Sorge nicht aus und ein wußten?„Wer ſich der Arbeit, dem Nachdenken überläßt, der mag ſehen, wie er fertig wird,“ meinten ſie,„wir arbeiten nicht und denken nicht nach, alſo ſorgen und härmen wir uns —— 224 auch nicht,— und ein Thor iſt, wer es anders macht als wir.“ Alſo wer ſollte hier helfen, rathen, mit Wort und That einſchreiten? Vielleicht die drei Herren Miniſter? Daß ſich Gott erbarme! Auch das hätten ſie noch thun und leiſten ſollen? Schmachteten ſie nicht ſelbſt ſchon lange mit unnachahmlicher Geduld unter der erdrückenden Laſt ihres Amtsgewichts? Und gab es außer den leidigen Ste tsgeſchäften nicht noch ſo außerordentlich viele offieielle Diners, Soupers, Ar⸗ rangements und wie dergleichen ſchreckliche Ungeheuer alle heißen? Wo ſollte denn Luſt, Zeit und Verdauungs⸗ kraft herkommen, ſich noch um Allotria zu bekümmern, denen man doch einmal nicht abhelfen konnte, da ſie ein Erbſtück aus alter verroſteter Zeit waren, das man wohlweiſe als ein Noli me tangere betrachten müſſe, wenn man ſich nicht die Finger verbrennen wolle? So ſtand denn die arme Fürſtin allein auf ihrem allen Winden und Luftſtrömungen ausgeſetzten Platze und keine ſtarke Hand ſtreckte ſich aus, ſie gegen den Orkan ihrer Zeit zu ſchützen, deſſen Bewältigung ſelbſt einem Manne ſchwer fallen mochte, einer Frau aber endlich verderblich werden muß, wenn nicht einſichts⸗ volle Räthe oder ein kräftiges Parlament ihr rathend und zur rechten Zeit handelnd zur Seite ſtehen. 225 Schwankend zwiſchen den Gefühlen einer von perſön⸗ lichen Sorgen zu Boden gedrückten Frau und den gewichtigen Pflichten einer Regentin, ſaß ſie einſam auf ihrem, außen mit Flittern geſchmückten, innen aber mit Dornen beſäeten Throne und blickte ſich ver⸗ geblich nach einem rettenden Gedanken um, wenn ſie ihren Platz behaupten und ihrem Lande wie ſich ſelbſt Genüge thun wollte. Dasälles ſah nicht allein ich, das ſahen auch Major F und viele Andere ein, aber helfen konnten wir ihr L uig dazu waren wir zu unbedeutend und dazu waren wir auch nicht be⸗ rufen; ſo mußten wir alſo den Sturm wehen laſſen, wie er wollte, und die Fürſtin ſich ſelbſt und der Vorſehung überlaſſen, die ihr vielleicht in der letzten Stunde doch noch einen Rettungsanker ſandte, an den ſie ſich klammern und vor dem allgemeinen Weltbrande ſchützen konnte, der zu damaliger Zeit über ganz Europa aufzulodern begann. In dieſer traurigen Zeit— der erſte Winter, den ich in B... verlebte, hatte ſo eben Abſchied ge⸗ nommen— fiel ein bedeutungsvolles Ereigniß am Hofe vor und die erſte Nachricht davon ſchlug wie ein Blitz aus reiner Luft auf den Hof und das ganze Der Sohn des Gärtners. III. 15 * 226 Land herab. Und auch hier bewies der Zufall ſeine Launenhaftigkeit, indem er ihn gerade— in einen Maskenball herniederfallen ließ. Die Fürſtin, überhaupt zu ſolchen Feſtlichkeiten ſehr wenig geneigt und gerade jetzt am wenigſten zu einem Maskenſcherze geſtimmt, hatte dem allgemeinen Andrängen nach einem ſolchen Capitalvergnügen endlich nachgegeben und das bewilligt. Es ſollte zu⸗ gleich das letzte officielle rgnügen der Art in dieſem Winter ſein. 1 Der ganze Hof, alle in der Stadt durch Rang, Beſitz und Geburt ausgezeichneten Perſonen waren zu dieſem glänzenden Feſte geladen und auch ich, als Beamter des Hofes, war ausdrücklich dazu befohlen worden. Meiner damaligen Gemüthsſtimmung ent⸗ ſprechend hatte ich einen ſchwarzen Domino gewählt, war erſt ſpät an Ort und Stelle erſchienen und gab vielleicht den mißgeſtimmteſten Theilnehmer ab, den man in den lichtblitzenden Sälen finden konnte. Als ich in den großen Ballſaal des Schloſſes trat, fand ich ſchon Alles im beſten Gange. Die Pauken wirbelten, die Trompeten ſchmetterten, eine ungeheure Menge bunter Masken und im glänzendſten Schmuck prunken⸗ der Damen bewegte ſich auf und ab und nur ein kleiner Raum war den munteren Perſonen übrig ge⸗ — erhöhten Sitze und ſchaute mit faſt gleichgültigem Blick 227 8 blieben, deren Füße in elektriſcher Bewegung im Tanze über das ſpiegelglatte Parquet flogen. Langſam dem Mittelpunkte des Saales mich nähernd, wo auf erhöhtem Platze unter einem mit rothem Sammt drapirten Baldachin die Fürſtin ſaß, ſuchte ich mit meinen Augen durch die Menge zu dringen und die einzige Perſon zu erhaſchen, die in dieſem Gewirr meinen Antheil erregte. Endlich war ich ſo glücklich, ſie zu erblicken; als ich ſie aber in's Auge faßte, ſchrak ich wie vor einer noch nie geſehenen Erſcheinung zurück, denn war es eine innere Sympathie, die mich mit gleicher Neigung wie ſie erfüllt, oder war es ein bloßer Zufall, genug, ſie war außer mir die einzige Perſon, die in dem ganzen großen Saale und unter der zahlreichen Verſammlung ſchwarz gekleidet erſchien. Sie hatte das ſchöne Coſtüm einer ſoge⸗ nannten Königin der Nacht gewählt. Ernſt und feier⸗ lich floß ihr das lange ſchwarze Spitzengewand von den entblößten marmorweißen Schultern und, wie in eine halbdurchſichtige Wolke ſie hüllend, umſchloß ſie der ſternenbeſäete Florſchleier, den ein blitzendes Diamantendiadem auf dem reichen Lockenhaar befeſtigte. Gleich einer ernſten Trauergeſtalt ſaß ſie ſo auf ihrem in das wogende bunte Gewimmel zu ihren Füßen nieder. 15* Wohin blickten dieſe traumſchweren, faſt übermü⸗ deten Augen? Wen oder Was ſuchten ſie aus den wirbelnden Paaren und den grinſenden, mit lachenden Farben übertünchten Geſichtern heraus? War es ein Freudenfeſt, welches ſie hervorgezaubert— o warum ſah ſie ſelbſt ſo traurig und beinahe eingeſchüchtert wie eine Taube aus, die ſich vor den Geiern und Falken fürchtet, die um ſie her flatterten und Beute ſuchten? Ich hatte mich ihr gegenüber in einer Fenſter⸗ niſche aufgeſtellt und verwandte faſt kein Auge von ihr. Immer wieder uß ih mich fragen:„Wozu alle dieſe Mummerei, wozu dieſer geſuchte Scherz, da doch der Ernſt des Lebens in allen Herzen, die un⸗ geſehn unter dieſen bunten Hüllen ſchlagen, gebieteriſch den ihm gebührenden Tribut zu fordern hat? Daß ſich die ſonderbaren Menſchen doch ſolch ein Blend⸗ werk gefallen laſſen, daß ſie noch Luſt und Neigung verſpüren, zu ſpringen, zu hüpfen, zu trippeln, wo ſo viel Anlaß, ruhig und bedächtig einherzuſchreiten, vor⸗ handen iſt! Doch, das ſind hypochondriſche Gedanken, die nicht hierher gehoͤren, wird man ſagen, und ſo will auch ich davon ſchweigen und meine Grübeleien für mich behalten. Ein Narr freilich iſt, wer ſich eine überflüſſige Sorge macht, und ſo will ich unter — — 229 allen dieſen ſcheinbaren Narren auch kein wirklicher Narr ſein und mir den Kopf zerbrechen, warum die Menſchen ſo thöricht und närriſch ſind, das Weſen der Narrheit in einem ganz anderen Gewande zu ſuchen, als ſie ſich täglich unter uns auf dem Markte der Welt zeigt!— Das Feſt hatte ſeinen gewöhnlichen Fortgang ge⸗ nommen und war bis zur Tafel vorgeſchritten, die in mehreren Sälen an verſchiedenen kleinen Tiſchen von Geſellſchaften abgehalten ward, wie ſie durch Zufall oder Verabredung ſich zuſammengefunden hatten. Ich ſaß in einem vom Tanzſaal am weiteſten entfernt liegenden kleinen Eckzimmer des nach der Stadt her⸗ vorragenden Schloßflügels mit Major Fuchs und einigen Officieren ſeines Regiments, die der Masken⸗ ball eigens aus ihrer Garniſon nach der Reſidenz ge⸗ rufen hatte. Es waren ſehr liebenswürdige junge Leute von altem Adel und dem friſcheſten Humor, und wir wären Alle recht heiter geweſen, wenn Major Fuchs nicht gerade eine ſehr ernſte Stimmung gehabt hätte, die er von mir entnommen zu haben ſchien. Eben als die erſte Flaſche Champagner gebracht war, deſſen erſtes Glas ſtets auf die Geſundheit der Fürſtin geleert ward, glaubte ich, der ich dem Fenſter zunächſt ſaß, draußen auf der Straße ein Poſthorn ſchmettern zu hören, deſſen Klänge ſogar dicht am Schloßportale ſich zu wiederholen ſchienen. Ich achtete jedoch nicht weiter darauf und trank aus vollem Herzen das mir eben dargereichte Glas perlenden Weins auf das Wohl meiner geliebten Fürſtin leer. Dann aber, während im Kreiſe umher die Gläſer von Neuem ge⸗ füllt und geleert wurden, ſtand ich auf und, von einer unerklärlichen Unruhe gepeinigt, durchſchritt ich die Säle, ohne mir eigentlich des Zweckes, der mich um⸗ her trieb, bewußt zu ſein. In dem Augenblick, als ich mich dem Saale näherte, in welchem die Fürſtin ſelbſt mit den Auserwählteſten ihrer Gäſte bei Tafel ſaß, bemerkte ich den Kammer⸗ diener derſelben an der Thür ſtehen und ſehnſuchtsvoll rings im Kreiſe ſich umblicken. Sein Geſicht war merkwürdig bleich; beinahe erſchrocken oder beſtürzt flogen ſeine Augen umher, als ſuche er Jemanden, dem er eine wichtige Mittheilung machen könne. Als er meiner anſichtig wurde, gab er mir einen verſtänd⸗ lichen Wink und ich folgte ihm in eins der vielen Vorzimmer, welches augenblicklich leer ſtand. „Was giebt es, Herr Zöllner,“ fragte ich,„und warum machen Sie ein ſo bedenkliches Geſicht?“ „Ach, Herr Bibliothekar,“ erwiderte er,„ich bin in recht großer Verlegenheit. Sie können mir viel⸗ 231— leicht rathen, wie ich mich in dieſem beſonderen Falle benehmen ſoll. Sehen Sie, es iſt vor einigen Minuten eine Staffette angekommen, die einen Brief gebracht hat, der unmittelbar im Schloß an Ihre Durchlaucht, abgegeben und von ihr unverzüglich geöffnet werden ſoll. So ſteht es wenigſtens auf dem Couvert.“ „Nun gut, ſo geben Sie ihn doch ab,“ erwiderte ich,„es kommen ja öfter Briefe an, die es eilig haben und wichtig ſind. Wo iſt er her?“ „Ja, eben das iſt es, was mich bedenklich macht. Dieſer Brief iſt kein gewöhnlicher— er trägt ein ſchwarzes Siegel, Herr Bibliothekar.“ Jetzt erſchrak auch ich.„Haben Sie ihn hier?“ fragte ich raſch. „Da iſt er— er kommt aus 3... und ich will darauf wetten, daß die Aufſchrift von der Hand des Adjutanten des Fürſten herrührt.“ Ich nahm ihm den Brief ſchnell ab, den er in der Bruſttaſche verborgen gehalten hatte, las die Auſſchrift und die Note in der Ecke, ihn unverzüglich und eigen⸗ händig zu öffnen.„Dieſer Brief enthält ohne Zweifel eine wichtige Nachricht,“ ſagte ich. „Er wird todt ſein!“ flüſterte der Kammerdiener. „Aber ſoll ich ihn der armen Frau gerade jetzt geben, wo ſie vielleicht einmal eine frohe Stunde genießt?“ 232 Dieſe Worte des Kammerdieners gewannen mich für ihn; ich nickte ihm beifällig zu und ſagte:„Wollen Sie mir den Brief anvertrauen? Ich will ihn der Fürſtin ſo geben, daß ſie nicht erſchrickt.“ „Ja, ja, gern; da haben Sie ihn. Solche Briefe giebt man nicht mit Vergnügen ab.“ Ich nahm den Brief, prüfte die Aufſchrift, das Siegel, das Poſtzeichen noch einmal genau, und da letzteres den Namen des Ortes in der Schweiz trug, wo der kranke Fürſt verweilte, ſo zweifelte ich keinen Augen⸗ blick an der Wahrheit der Annahme Zöllner's. Aber wie ſollte ich nun den verhängnißvollen Brief der Fürſtin einhändigen? Ich dachte einige Augenblicke nach, dann gebot ich dem mich ſcharf betrachtenden Kammerdiener das tiefſte Schweigen und begab mich ohne Zögern in den kleinen runden Saal, in welchem die Fürſtin unter ihren Gäſten ſaß. Hier angekom⸗ men, bekümmerte ich mich nicht im Geringſten um das vorgeſchriebene Ceremoniell, welches jedem Unein⸗ geladenen die Annäherung an dieſe Tafel unterſagte, ſah auch nicht die dämoniſch mich verſchlingenden Augen der Oberhofmeiſterin und die verwunderten Blicke der hohen Herren vom Hofe, ſondern ſtellte mich der Fürſtin gerade gegenüber auf, ſo daß ſie mich ſehen mußte, ſobald ſie die Augen erhob. — Das dauerte nicht lange, und als ſie mich bemerkte, 5 ſchien ſie ſelbſt verwundert, warf mir aber einen freund⸗ lichen Blick zu, als ich mich verbeugte, und blieb dann etwas erſtaunt mit ihren Augen an meinem ſchwarzen Domino hängen. „Bringen Sie etwas?“ fragte ſie über den Tiſch herüber, als ſie auf meiner Miene den Ausdruck einer Meldung geleſen haben mochte. Ich verbeugte mich zuſtimmend und folgte dann ihrem Winke, indem ich mich um die Tafel herumbegab und wiß gict hinter ihren Stuhl ſtellte. „Waͤs hahen Sie, Herr Flemming?“ fragte ſie mich leiſe. Ich bückte mich nieder und ſagte:„Gnädigſte Frau, ich habe einen Brief, der aus 3... kommt und von Wichtigkeit ſcheint, den ich aber dennoch nicht in die⸗ ſem Augenblick überreichen möchte.“ Schnell wie ein Blitz fuhr ein ſeltſames Zucken über ihre Geſichtsmuskeln, das ich weder ein freudiges noch trauriges nennen konnte, und welches mir den⸗ noch verrieth, wie groß die Erregung ſei, die meine Meldung in ihr hervorrief. „Wie kommen Sie dazu?“ fragte ſie ſchnell. „Ein Courier hat ihn gebracht und ich habe ihn Ihrer Durchlaucht Kammerdiener abge⸗ nommen, damit er ihn nicht vor Aller Augen über⸗ reiche.“ „Ich danke Ihnen. Bewahren Sie ihn noch einen Augenblick. Ich wollte eben die Tafel aufheben uund thue es ſogleich. Gehen Sie auf mein Zimmer, dort werde ich den Brief in Empfang nehmen.“— Dieſen Befehl führte ich ſogleich aus und in we⸗ nigen Minuten erſchien die Fürſtin in ihrem Arbeits⸗ cabinet, an deren Thür ſie die begleitenden Damen und Kammerherren verabſchiedete, die vor Neugierde brannten, meine Meldung zu erfahgen, undgin neue Aufregung geriethen, als ſie mich d Thür die Fürſtin erwarten und ihr in das Zimmer folgen ſahen. Als die Fürſtin eingetreten war, ſeufzte ſie laut, blickte ſich forſchend ringsum und ſagte dann mit flie⸗ gendem Athem und bewegter Stimme: „Wir ſind allein— jetzt geben Sie den Brief her.“ Ich zog ihn aus der Taſche und reichte ihn hin, indem ich mit Bedeutung das ſchwarze Siegel nach oben kehrte. „Ah!“ rief ſie erſchrocken und fuhr einen Schritt zurück.„Meine Ahnung war nur zu wahr— blei⸗ ben Sie!“ Haſtig erbrach ſie das Siegel, nahm ſchnell den Inhalt aus dem Couvert und durchflog die wenigen. Zeilen, die das Schreiben enthielt. Als ſie damit fertig war, legte ſie es ruhig auf einen Tiſch, blickte, die Hände faltend, gen Himmel, ſeufzte noch einmal n auf und legte, bläſſer und bläſſer werdend, die Hand auf das hochklopfende Herz, worauf ſie nach einer Weile ſagte: „Flemming! Sie haben mir einen großen Dienſt erwieſen, daß Sie mir dieſen wichtigen Brief allein und ohne Zeugen überreichten. Sie können errathen, was er enthält. Vor allen Dingen nehme ich Ihre Verſchwiggenheit in Anſpruch, aber dann fordere ich noch endigs, de eigentlich nicht zu Ihrem Be⸗ rufe und Amte gehört.“ 4 „Befehlen Sie, gnädigſte Frau! Was Sie mir auch auftragen mögen, ich werde es ohne Zögerung befolgen.“ „So kehren Sie in den Ballſaal zurück, die Herren werden noch nicht auseinander gegangen ſein. Rufen Sie auf der Stelle meine Miniſter, den Major Fuchs und den Cabinetsrath Jordan hierher, aber laſſen Sie Keinen von ihnen merken, um was es ſich handelt. Dann, dann aber— gehen Sie zur Ruhe. Ach! ich werde heute noch Viel zu arbeiten haben.“ „Kann ich Ihrer Durchlaucht bei irgend einer Arbeit vielleicht von Nutzen ſein?“ Sie beſann ſich.„Nein,“ ſagte ſie feſt.„Heute nicht, aber ein andermal!“— Ich verbeugte mich und eilte davon, um den mir ertheilten Auftrag auszuführen. Ich fand die Herren mit Hülfe des Majors endlich auf, während ſchon Alles im Begriff war, das Schloß zu verlaſſen, und dann— nicht um zur Ruhe zu gehen, wie mir die Fürſtin gerathen, ſondern um recht, recht lebhaft das wichtige Ereigniß des Tages zu bedenken und mir alle Folgen auszumalen, die ſich daran knüpfen mußten, betrat ich mein abgelegenes Zimmer, das mich ruhe⸗ los bis beinahe zum anbrechenden ur und abſchreiten ſah. Die Vermuthung Zöllner's und meine eigene er⸗ wies ſich als richtig; der ſchwarzgeſiegelte Brief aus 3... hatte die Trauerbotſchaft gebracht, daß der Fürſt von B... endlich ſeinen Leiden erlegen ſei. Wie tief dieſe Nachricht, die alle ſtaatlichen Verhältniſſe unſers kleinen Landes umgeſtaltete, unſre Fürſtin ſelbſt auch ergriffen haben mochte, die Miniſter, Major Fuchs und der Cabinetsrath Jordan, als ſie, in Folge meiner Benachrichtigung, in der Nacht nach dem Balle bei ihr eintraten, fanden ſie ruhig und gefaßt und 4 4 237 berathſchlagten mit ihr, was nun zunächſt geſchehen und welche Form in der Befolgung der geſetzlich vor⸗ geſchriebenen Handlungen beobachtet werden müſſe. In wenigen Stunden war das Nothwendigſte für den nächſten Morgen verabredet und beſchloſſen, und als die Bewohner der Reſidenz nach dem ſchönen Feſte noch halb ſchlaftrunken erwachten, fanden ſie ſich über⸗ raſcht, eine regierende Fürſtin als Staatsoberhaupt zu haben, in der ſie noch vor wenigen Stunden nur die Stellvertreterin des abweſenden Fürſten erblickt hatten. 4 In kurzer Zeit befand ſich die ganze Stadt auf den Beinen und die Bevölkerung wogte in neugierigen Schaaren auf und nieder, das große Ereigniß des Tages beſprechend und ihrer Freude über das längſt Erſehnte den lauteſten Ausdruck gebend. Alles aber, was nur im Entfernteſten zum fürſtlichen Hofhalte ge⸗ hörte, hatte ſich in dem großen Feſtſaale des Schloſſes, aus dem die letzten Spuren des eben ſtattgehabten Feſtes ſchnell beſeitigt waren, verſammelt und beeilte ſich, der jungen Selbſtherrſcherin zuerſt ſein Beileid über ihren Wittwenſtand, ſodann aber ſeine Glück⸗ wünſche in Bezug auf das nach den Landesgeſetzen in ihre Hand gefallene Regiment auszuſprechen. Ich ſtehe davon ab, hier alle bei ſolchen Veran⸗ 238 3 laffungen zu Tage tretenden Ceremonieen, die einzel⸗ nen Vorfälle bei Hofe, in der Stadt und die damit in Zuſammenhang ſtehenden Feierlichkeiten im ganzen Lande zu erwähnen, nur bemerke ich, daß wochenlang eine ungeheure Regſamkeit in der Reſidenz herrſchte, da zu ihren bisherigen Bewohnern auch eine große Anzahl Deputirter aus allen Landestheilen mit ihrem Troß gekommen waren, um theils bei der Begrüßung der Fürſtin ihren Pflichten zu genügen, theils als Zuſchauer bei den im Frühjahr ſtattfindenden Hul⸗ digungsfeierlichkeiten ihre Neugier zu befriedigen, an die ſich eine ganze Reihe officieller und privater Feſt⸗ lichkeiten knüpfte, denen ich ſelbſt nur ſehr geringe Aufmerkſamkeit ſchenkte. Für mich war die Zeit bis zum Schluſſe aller dieſer Vergnügungen eine der unruhigſten und unbehaglich⸗ ſten, die ich bis dahin erlebt hatte. Alles um mich her ſchien feſſellos geworden zu ſein und den aus⸗ ſchweifendſten Hoffnungen und Erwartungen mit über⸗ fluthender Seele ſich hinzugeben. Ueberall ſprach man ſich lebhaft über das zunächſt zu Erwartende aus, da Jeder ſich ſelbſt ſagen konnte, daß es nothwendig beſſer als das bisher Erfahrene ſein müſſe. Die höheren und niederen Beamten hatten alle Hände voll zu thun, um den Anſprüchen ihrer Chefs zu genügen, denn daß ——————— 239 es gar Vieles, Großes und Kleines, im Bereiche der Regierung und Verwaltung zu beſchaffen gab, verſteht ſich bei einer ſo radikalen Umgeſtaltung, wie ſie hier vorauszuſehen und unter allen Umſtänden nothwendig war, von ſelbſt. Ich für meine Perſon hatte mit allen dieſen Din⸗ gen nichts zu thun und meine Vorgeſetzten, wenn ich eigentlich dergleichen hatte, bekümmerten ſich jetzt noch weniger um mich, denn je zuvor, da ihr Sinn mit ganz anderen Perſonen und Gegenſtänden beſchäftigt und ihre Zeit von wichtigeren Arbeiten in Anſpruch genommen war. In dieſer Beziehung alſo war ich keiner Beläſtigung, keiner Unruhe, keiner Unbequem⸗ lichkeit ausgeſetzt. Um ſo mehr aber beunruhigte mich das Schickſal der Fürſtin ſelbſt. Ich war ſo geſpannt auf ihre nächſten Erlaſſe und politiſchen Handlungen, wie nur je einer von ihren Räthen es ſein konnte, der mit ſeiner Erfindungsgabe dabei betheiligt war, aber nicht um dieſe Erlaſſe und Handlungen ſelbſt war es mir zu thun, ſondern allein um daraus zu erkennen, wie die Fürſtin ſich benehmen, welche Wege ſie ein⸗ ſchlagen, welche Perſonen ſie in ihre Nähe ziehen und welcherlei Leute Rath ſie anhören und befolgen würde. So hielt ich mein Auge feſt auf ſie gerichtet, ſo ver⸗ folgte ich jede Neuerung mit nie entwickelter Aufmerk⸗ ſamkeit, und zu meiner größten Befriedigung ſah und hörte ich, wie ſie langſam und ruhig auf dem geſetz⸗ lichen Wege vorſchritt, durch keine Leidenſchaft eines unruhigen Kopfes ſich beirren und ſtrenge das Recht wie die Sitte walten ließ, deren höchſte und ſelbſt⸗ ſtändige Ueberwachung jetzt in ihre Hand gelegt war. Perſönlich war ich ſeit jenem verhängnißvollen Maskenball nicht wieder mit ihr in Berührung ge⸗ kommen, ſo ſehr ich eine ſolche auch täglich, faſt ſtünd⸗ lich gewünſcht und gehofft hatte. Bei der allgemeinen Borſtellung und bei einigen anderen Gelegenheiten war ſte immer ruhig an mir vorübergeſchritten und hatte nicht das geringſte Zeichen blicken laſſen, daß ſie auch auf meine Hülfe bei irgend einer Arbeit, irgend einem Werke zu rechnen geſonnen ſei. Ach, ich wußte wohl, denn mir ſagte es Jedermann im Schloſſe, wenn ich es nur hören wollte: ſie hatte genng mit ſich ſelber zu thun und ihre Arbeiten mehrten ſich von Tage zu Tage; ihre höchſten Räthe ſaßen ſtundenlang bei ihr, beſtürmten ſie mit Vorſchlägen, Auseinanderſetzungen und allen den unendlich wichtigen Dingen, die ein ſo weltbewegender Herr bei ſolchen Gelegenheiten an's Tageslicht ziehen muß, um ſich nur recht das Anſehen eines umſichtigen, allweiſen und unentbehrlichen Mit⸗ gliedes der Regierung zu geben. Auch die Herren Hofleute und Andere, die es zu werden trachteten, ſtrömten ihr in hellen Haufen zu und umringten ſie mit honigſüßer Miene und endloſen Verbeugungen; Alle aber hatten lechzende Geſichter wie von großem Appetit und Durſt nach Ruhm, Ehre und Auszeich⸗ nung, Alle wollten irgend etwas erſchnappen, und wie⸗ viel Geduld, Anmuth und ausdauernde Kraft gehörte dazu, dieſe zahlloſen kniebeugenden Herren und Da⸗ men mit freundlicher Miene zu empfangen und wenig⸗ ſtens den guten Willen zu beweiſen, ihren Hoffnungen und Wünſchen nach Möglichkeit gerecht zu werden. Das erſte Mal ſah ich ſie genauer und länger einige Wochen nach dem Oſterfeſte wieder. Sie ging im Park auf und nieder, um den warmen Frühlings⸗ ſonnenſchein zu genießen und den Duft der Blumen und Blüthen einzuathmen, der ſich eben friſch aus den jungen Knospen entwickelt hatte. In ihrem ſchwarzen Traueranzuge ſah ſie ungemein bleich und abgeſpannt aus. Auch ſchien ſie zu fröſteln trotz der lieblichen Wärme, und hüllte ſich feſter in ihre Tücher ein. Auf ihrer ſonſt ſo reinen und klaren Stirn ſchwebte, als ſie mit freundlichem Gruße langſam an mir vorüber⸗ ging, eine trübe Wolke; offenbar war ſie erſchöpft von dem drückender denn je gewordenen Hofceremoniell, das ihr keine Stunde Erholung gönnte und nicht ein⸗ Der Sohn des Gärtners. III. 16 242 mal der Fürſtin gab, was man der gewöhnlichſten Arbeiterfrau zukommen läßt: Ruhe und Genuß im ge⸗ müthlichen Familienkreiſe. Außer dieſer körperlichen Erſchöpfung aber litt auch ihr Geiſt, denn Sorgen mancherlei Art beunruhigten ſie wie nie zuvor. Vor allen Dingen wußte ſie, daß Verbeſſerungen ſtattfinden mußten, wo Veränderungen beliebt wurden, und dieſe herbeizuführen, iſt eine ſchwere Aufgabe für eine Frau, die eine ſeit langer Zeit in Unordnung gerathene große Staatsmaſchine wiederherzuſtellen, zu lenken und in leidlichem Gange zu halten hat. Da galt es denn nicht allein, fleißig, ſondern auch vor⸗ und umſichtig zu ſein, da mußten Dinge und Perſonen berückſichtigt werden, die nicht gleich aus ihrem Machtkreiſe beſeitigt werden konnten, da gab es Anſichten und Meinungen zu ſchonen, deren Befolgung und Ausrottung gleich gefährlich erſchien, da war alſo überall guter Rath theuer, wenn er über⸗ haupt noch zu haben war. Als aber eines Tages die Fürſtin ihren hochweiſen Räthen ihre Meinung entwickelt und den Weg ange⸗ deutet hatte, auf welchem ihrer Anſicht nach allein dieſe Verbeſſerungen in's Leben gerufen werden könn⸗ ten, da traten ihr die alten ehrgeizigen Schnapphähne entgegen und ſuchten ihr mit feuriger Beredtſamkeit zu beweiſen, daß ſie ſich gänzlich auf einem Irrwege befinde, wenn ſie glaubte, man müſſe die Verbeſſerun⸗ gen von Oben her beginnen. Gott bewahre! Das dürfe Keiner von ihnen zugeben, denn das ſei nichts Anderes, als eine Revolution,— und eine Revolntion von Oben her ſei die allergefährlichſte, die man ſich auf der Welt denken könne. Viel beſſer und gerathener ſei es, den alten Schlendrian noch eine Weile fort⸗ gehen zu laſſen, bis er ſich endlich abgeſchliſſen habe, wodurch ſich— eine billige Flickerei— eine Verän⸗ derung hie und da von ſelbſt ergeben werde. Die bisher befolgte Maxime habe ſich Jahrhunderte lang erhalten und dadurch ſchon ihren unverwüſtlichen Werth bewieſen, kein vernünftiger Baumeiſter aber dürfe ſich einfallen laſſen, an einem ſo treu bewährten alten Mauerwerke zu rütteln, wenn der neu erbaute Thurm nicht umpurzeln und alle frommen Kirchengänger ſammt und ſonders unter ſeinen Trümmern begraben ſolle. „Meine Herren,“ entgegnete die Fürſtin lächelnd auf dieſen hochweiſen und altväteriſchen Rath,„Sie ſcheinen eine ganz beſondere Angſt vor dieſer von Ihnen mit Unrecht ſo benannten Revolution von Oben zu haben, die ich vielmebr eine nothwendige Reſtauration nennen möchte. Was würden Sie aber erſt ſagen, wenn meine Unterthanen, die ein Anrecht auf dieſe 16* 244 3 Reſtauration haben und ſie ſeit langer Zeit mit Herz⸗ klopfen erſehnen, mit Ihrem langen Zaudern unzu⸗ frieden würden und uns in einer ſchönen Nacht, wo— wir Alle recht ruhig und ſüß ſchlafen, mit einer Re⸗ volution von Unten her überfielen?“ Die hochweiſen Herren machten alle ein ſehr ver⸗ wundertes, langes und beinahe vor Schrecken bleiches Geſicht, dann aber faßten ſie wieder Muth, erhoben die von mühſeliger Arbeit ergrauten Köpfe und er⸗ widerten, wie von einem höheren Anflug begeiſtert: „Durchlaucht, o! Sie ſchüchtern uns damit nicht ein! Dazu haben wir ja unſere Polizei und unſere braven Soldaten! Mit Hülfe der Bajonette, der Säbel und der Kugeln aber ſind Sie allmächtig, wofür es Beiſpiele wie Sand am Meere giebt.“ „Auch der Beiſpiele vom Gegentheil ſind eine große Zahl!“ erwiderte die Fürſtin.„Nein, nein, meine Herren, Sie irren diesmal, das iſt nicht meine Anſicht, wie man heutzutage die Menſchen regieren muß. Alſo denken Sie weiter darüber nach. Polizei und Soldaten ſind gut und können ſelbſt in dem beſt⸗ geordneten Staate nicht entbehrt werden, aber be⸗ zwingen will ich damit mein Volk nicht, wo ich es durch weiſe, geſetzmäßige und der Zeit, in der wir leben, angemeſſene Maaßregeln zum Beſten leiten 245 kann. Nur auf dieſe Weiſe werde ich herrſchen, wenn ich doch einmal herrſchen ſoll, und Sie werden mir auf meine Weiſe helfen, wenn Sie nänlich wollen— wollen Sie aber nicht— ſo muß ich mich nach anderen Stützen umſehen, und damit, meine Herren, ſind Sie für heute entlaſſen.“ Dieſe Erklärung, die, als ſie bekannt wurde, alle Welt in Entzücken verſetzte und der Fürſtin die letzten ihr noch verſchloſſenen Herzen des Volkes gewann, war aber gerade dazu angethan, ſie mit einer der alten Zeit anhängenden Partei im Lande in Conflict zu bringen, und hatte ſie bis jetzt nur wenige ruhige und ſorgenloſe Stunden gehabt, jetzt ſollte ſie bald gar keine mehr haben. Kampf, Widerſpruch, Unzu⸗ friedenheit brachen aus allen Ecken hervor, die früher die Herbergen der frommſten Geſetzmäßigkeit geweſen waren, und was früher vor der Regentin auf den Knieen rutſchte, um nur ſeine Demuth und Hingebung zu beweiſen, das warf ſich jetzt in den ſchwerſten alt⸗ väteriſchen Harniſch, holte die verroſteten Waffen aus den Schränken und rief:„Knapp', ſattle mir mein Dänenroß!“ um ein ſiegreiches Turnier mit der Fürſtin ſelbſt zu halten, die, wie man überall ſchrie, die Re⸗ volution von Unten herausfordere, wenn ſie ſo kate⸗ goriſch mit ihren erſten Räthen umgehe und unzu⸗ 246 gänglich für ihren erprobten Rath und ihre weltbe⸗ kannte Weisheit bleibe. So ſtämmte und ſteifte ſich der ganze Anhang dieſer hochedlen Partei, die ſtets nur das Gute auf ihre Weiſe will und ihre Weiſe allein für gut hält, gegen die edlen und hochherzigen Regungen der Für⸗ ſtin, und wie es überall der Fall iſt, waren auch hier die Unfähigſten die Dreiſteſten, Unverſchämteſten, denn die Verdienſtvollen blieben allein in beſcheidener Ferne, um abzuwarten, bis ihre Zeit komme und ſie aus dem Staube der Vergeſſenheit hervorhole, wo ſie allerdings gewöhnlich ſehr lange ausharren und dulden müſſen, wenn ſie überhaupt vor Ankunft derſelben nicht dem Geſchicke aller Menſchen erliegen. Mit den Unfähigen und Vorlauten aber traten die Habſüchtigen heran, pochend und lärmend, als müſſe ihnen vor Allen der fetteſte Biſſen zufallen. Jeder wollte jetzt etwas haben, etwas werden. Keiner aber wollte geben, beitragen zum allgemeinen Guten, als wenn ſich das von ſelbſt machte und die Quelle der Labung uner⸗ ſchöpflich wäre. Als ſie aber nicht Alle zu gleicher Zeit aus dieſer Quelle ſchöpfen konnten, fingen ſie laut zu murren an, von nie erlebten Täuſchungen zu reden und— zuguterletzt— den verſtorbenen Fürſten zurückzuwünſchen, der ſie früher ſämmtlich geknechtet 247 und gefuchtelt, und nur Diejenigen aus ihrer Mitte herausgehoben hatte, die er zu Henkeln und Griffen bei ſeinem Schreckensregimente gebrauchen konnte. Alle dieſe Erſcheinungen, als ſie nach und nach immer klarer zu Tage traten, machten die Für⸗ ſtin allmälig ungeduldig und ließen ſie an der Er⸗ füllung der Aufgabe faſt verzweifeln, die ſie mit ſo großer Innigkeit und Hingebung zu löſen begonnen hatte. Da ihre bisher bewährteſten Räthe ſie in Stich ließen, ſuchte ihr Auge vergebens nach einem retten⸗ den Strohhalm. Ihre ſonnenklare Stirn beſchattete ſich mit echer immer dunkler und größer werdenden Wolke. Wo ſie nur irgend konnte, ſuchte ſie die Ein⸗ ſamkeit auf, um Ruhe und Frieden um ſich her zu haben, deren ſie nie mehr bedurft, aber auch nie mehr entbehrt hatte als gerade jetzt. Ihre Nächte, die ihr ſonſt wenig⸗ ſtens leibliche Ruhe verſtattet, verbrachte ſie jetzt mit Arbeiten, die aus der Erde zu wachſen ſchienen, bald mit dieſem, bald mit jenem Rath das Wichtigſte über⸗ legend; aber alles das half nichts, man kam keinen Schritt weiter und der Riß, der einmal zwiſchen ihr und den Gewalthabern entſtanden, wurde immer wei⸗ ter, bis endlich eine Kluft ſich aufthat, die keine von beiden Parteien mehr überſpringen konnte und die nur — — ——— — —— —õõ— —— 248 ein Mann von rüſtiger Thatkraft auszufüllen im Stande geweſen wäre, wenn, in Ermangelung deſſelben, ſie nicht weiter und weiter klaffen ſollte, bis ſich das murrende Volk hineinwarf und eine Brücke mit ſeinen Leibern baute, auf der die alten Miniſter hinaus und die neuen hin⸗ ein ſpazierten, um zu regieren, wie die Fürſtin, nicht aber die Partei es wollte, die dem alten zopfdeutſchen Schlendrian zu Liebe ſchon ſo oft einen ganzen Staat in Frage zu ſtellen den frechen Muth bewieſen hat. Mit Major Fuchs traf ich um dieſe Zeit ſehr häufig zuſammen und wir tauſchten ehrlich und offen unſere Meinungen aus, die völlig mit derjenigen über⸗ einſtimmten, welche die Fürſtin ausgeſprochen hatte, aber leider ſobald nicht zur Geltung bringen konnte. Der Major war ſeit den Huldigungsfeierlichkeiten ſo wenig am Hofe geweſen wie ich, er war kein Mann, der ſich auf⸗ drängte, und mich rief man nicht, trotzdem ich ſchon lange vergebens wartete, daß das Wort der Fürſtin: „Ein andermal ſollen Sie mir dienen!“ ſich erfüllen würde. Doch auch dieſe Zeit ſollte endlich herankommen und damit eine Periode in meinem Leben einleiten, die ich damals eben ſo wenig ahnen konnte, wie ſie auch der Leſer nicht ahnen wird. Siebentes Kapitel. Das Archiv. Ob die Fürſtin den warmen Antheil wahrnahm, mit dem ich ihre Schritte auf dem dornigen Pfade ihrer neuen ſelbſtſtändigen Regierung verfolgte, konnte ich auf keine Weiſe ergründen, ſo oft ich mich im Stillen bemühte, ihr Antlitz darüber auszuforſchen, wenn ich ihr einmal zufällig begegnete. Bisweilen allerdings hoffte ich es, wenn mich ein freundlicher Blick von ihr traf oder länger als ſonſt auf mir ver⸗ weilte, als ob er in meiner Seele leſen wolle; allein die Gelegenheit, dieſe Forſchungen weiter fortzuſetzen, kam zu ſelten und ging immer zu raſch vorüber, und da ich zu dieſer Zeit in keine nähere Berüh⸗ rung mit ihr trat, ſo blieb ich lange in meiner Ungewißheit ſchweben, die mir überaus peinlich war, 250 indem ich mich höchſt glücklich gefühlt hätte, wenn ſie eine beſtimmte Ueberzeugung von der Theilnahme und Ergebenheit gehabt, die ich ihr auf jedem Schritte ihres Lebens bewahrte. Nur einmal, es war etwa vierzehn Tage nach jener zuletzt erwähnten Begegnung im Park, begegnete ich ihr zweimal an einem Tage. Das erſte Mal fuhr ſie in der Allee vor dem Schloſſe an mir vorüber, und das zweite Mal trat ich ihr zu⸗ fällig in den Weg, als ſie gegen Abend mit ihren Damen im Park luſtwandelte. Beide Male trug ihr Geſicht, meiner Beobachtung nach, denſelben eigenthümlichen Ausdruck, den ich bis dahin noch nie bei ihr in Bezug auf mich wahrge⸗ nommen hatte, wenigſtens bildete ich mir das in mei⸗ ner freudigen Erregung ein. Ihr Auge ruhte ſcharf, ſinnend und zugleich forſchend auf mir, als habe ſie die Abſicht, mich anzureden und nach irgend etwas zu fragen, allein ſie ging langſam vorüber, mochte ſie nun der in ihr wohnende Stolz oder die ſteife Form der um ſie her ſtreng beobachteten Etikette davon ab⸗ gehalten haben. Ich konnte die ganze Nacht und den folgenden Tag dieſen eigenthümlichen Blick nicht aus meiner Erinnerung verbannen und es war mir immer zu Muthe, als müſſe ſie vor mich treten und mir eine —ᷣOVHQ::Q—::ʃ.yß:ͤ— — 251 Erklärung deſſelben zu Theil werden laſſen. Daß ich mich nicht ſo ganz in dieſer vielleicht krankhaften, aber mich zuletzt vollſtändig beherrſchenden Einbildung ge⸗ täuſcht, ſollte mir zwei oder drei Tage ſpäter klar werden, denn um dieſe Zeit etwa erſchien ihr Kammer⸗ diener bei mir in der Bibliothek und erſuchte mich im Namen ſeiner Gebieterin, am nächſten Morgen um zwölf Uhr vor ihr zu erſcheinen. Kaum konnte ich vor innerer Bewegung die feſt⸗ geſetzte Zeit erwarten; ſchon lange vorher ſtand ich in dem bei Hofe vorgeſchriebenen Anzuge in meinem Zimmer, und ſobald die Schloßuhr die Stunde aus⸗ geſchlagen, ſchloß ich mit bebender Hand meine Thür und trat den Weg nach dem unteren Stockwerk des Schloſſes an. Gleich nachdem ich angemeldet war, erhielt ich den Befehl einzutreten. Als ich vor der Fürſtin ſtand, fühlte ich mich, wunderbar genug, meiner ganzen mir eigenthümlichen Gemüthsruhe wiedergegeben und es kam das ſeltſame Gefühl über mich, als müßte ich mich ſelbſt bemitleiden, daß ich bisher daran gezweifelt, ſie erinnere ſich meiner nicht mehr oder habe im Strudel ihres bewegten Lebens mich ganz und gar vergeſſen. Dies Gefühl hauchte mir der Anblick ihres mir ſo wohlwollend entgegenblickenden und freundlich 252 mich willkommen heißenden Geſichts ein, das zwar etwas blaß und ſorgenvoll, aber keineswegs bekümmert und eingeſchüchtert ausſah. „Guten Morgen, Flemming,“ ſagte ſie mit ihrer ſtets ſo ſilberklaren und wohllautenden Stimme,„wir haben uns recht lange nicht geſprochen und recht Viel iſt geſchehen, ſeitdem Sie mir jenen bedeutſamen Brief brachten, der alle dieſe Veränderungen und Ver⸗ wickelungen zur Folge gehabt hat. Ach ja! Doch glauben Sie nicht, daß ich in dieſer Zeit nicht an Sie gedacht hätte und Ihrem ſtillen, Alles beobach⸗ tenden Weſen nicht mit innerer Theilnahme gefolgt wäre. Jedoch Sie können fich leicht denken, daß man in meinen Verhältniſſen nicht immer gerade in dem Augenblick etwas thun kann, wo man es am liebſten thäte, man muß ſich vielmehr nach den Umſtänden richten, die ſo oft tyranniſch über unſern Willen und unſre Neigung verfügen. So viel in Bezug auf die vergangene Zeit. Jetzt aber ſage ich Ihnen, daß ich recht viel mit Ihnen zu ſprechen gedenke, nur kann ich die paſſende Zeit und die innerliche Ruhe noch. nicht dazu finden. Gedulden Sie ſich alſo, wie ich mich auch in vielen anderen Dingen gedulde.— Heute aber berief ich Sie zu mir, weil ich ein ganz beſonderes Geſchäft für Sie habe, und ich erinnere —— —— — 253 mich und Sie zugleich daran, daß Sie mir von Nutzen zu ſein verſprachen, was ich dankbar im Voraus an⸗ nahm, da ich ja weiß, wie ſehr ich mich auf Ihre Umſicht und Ergebenheit verlaſſen kann. Dies Ge⸗ ſchäft muß aber heute, ſpäteſtens morgen beſorgt wer⸗ den, da mein Bruder Leo, den Sie ja auch kennen, ſeinen Beſuch für die nächſten Tage angemeldet hat. Sie wiſſen, daß der alte Archivrath Schmelzer ſchwer erkrankt iſt. Tiburtius hat mir heute Morgen ſogar geſagt, daß er an ſeinem Aufkommen zweifle. Schmel⸗ zer allein wußte im Archiv Beſcheid und nun fehlt mir Jemand, der ihn in ſeinem Amte vertritt. Jeder⸗ mann aber kann und mag ich die Einſicht in daſſelbe nicht gewähren, es enthält zu viele Dinge, die man nicht gern unter das Publicum kommen läßt. Ueber⸗ dies wird im Archiv keine große Ordnung herrſchen, der alte Herr war in der letzten Zeit etwas nach⸗ läſſig und hatte auch wohl nicht mehr den rechten Sinn für die ihm zugemeſſene Arbeit. Fehlt die Ordnung ganz, ſo muß ſie wieder hineinkommen und damit werde ich Sie betrauen. Doch das hat noch Zeit, für heute habe ich einen anderen Auftrag.“ Da ſie nach dieſen Worten ſchwieg und, gleichſam eine Antwort erwartend, mein Geſicht durchforſchte, verbeugte ich mich und ſprach einige Worte des Dankes, 254 ſo wie die Verſicherung aus, ich würde ihr Vertrauen zu würdigen wiſſen und auch fernerhin mich ganz ihren Befehlen unterordnen. „Das dachte ich wohl,“ fuhr ſie etwas lebhafter fort,„nun hören Sie, um was es ſich handelt. Der Vater des jüngſt verſtorbenen Fürſten war ein für das Wohl ſeines Landes und Volkes bis an ſein Lebens⸗ ende regſam ſorgender Mann. Noch kurz vor ſeinem Hinſcheiden faßte er den Entſchluß, weitreichende und nothwendige Reformen in der Regierung und Ver⸗ waltung einzuführen und dem Zeitgeiſte Rechnung zu tragen, der auch in jenen Tagen heftig vorwärts ſtrömte, ähnlich wie heute. Nun aber geſtatteten die Verhältniſſe anderer und mächtigerer Staaten keines⸗ wegs die von ihm beabſichtigten Verbeſſerungen und, einſehend, daß es ihm nicht mehr gelingen werde, ſeine Pläne durchzuführen, ſchrieb er ſeine Wünſche eigenhändig nieder und legte ſie in das Archiv, der Zukunft anheimſtellend, ob ſein Nachfolger ſie benutzen würde oder nicht. So viel ich weiß, iſt dieſe ſeine Hinterlaſſenſchaft niemals eröffnet worden, da nach ihm ein andres Syſtem an's Ruder kam, aber vor⸗ handen muß ſie„noch ſein. Ich habe ſie einſt ſelbſt geſehen und kann Ihnen ungefähr die Form beſchreiben, in welcher ſie aufbewahrt ward. Es war ein kleines * ———— 235 Packet, in gewöhnlicher Briefform, feſt in dunkle Wachsleinwand gebunden und mit drei Siegeln ver⸗ ſchloſſen, die des Fürſten Privatwappen zeigten. Auf der Rückſeite der Siegel war eine Aufſchrift angebracht, die etwa lautete:„Meine Pläne für eine Neugeſtal⸗ tung meines engeren und weiteren Vaterlandes.“ Dies Packet nun ſuchen Sie mir. Es muß in irgend einem Behältniß des Archivs verborgen liegen. Fin⸗ den Sie es, ſo bringen Sie es unverzüglich hierher, aber nur von Hand zu Hand überliefern Sie es mir. Ich habe heute und morgen Abend keine Geſellſchaft und werde allein ſein, um ungeſtört arbeiten zu kön⸗ nen. Hier haben Sie ſämmtliche Schlüſſel zu dem Archiv, ſelbſt die zu den geheimſten Fächern, die alle doppelt verſchloſſen ſind und wozu dieſer kleinſte Schlüſ⸗ ſel paßt. Bewahren Sie ſie ſorgfä ltig, ſie verſchließen für mich und das Land hoͤchſt wichtige Dinge. Wenn Sie im Archiv ſuchen, riegeln Sie die Thür hinter ſich zu, ich will keinen Dritten, wer es auch ſei, bei dieſer Arbeit zum Theilnehmer oder Belauſcher haben. Es iſt eine Vertrauensſache und Ihnen allein, wie Sie ſehen, ſchenke ich dies Vertrauen.“ Auf's Höchſte belebt und ermuntert durch dieſen mich ſo hoch ehrenden Auftrag, verſprach ich ihren Befehlen pünktlich nachzukommen und begab mich ohne Zögern an das mir ſehr leicht ſcheinende Werk. Nachdem ich meinem Diener, den mir Major Fuchs zur Dispoſition geſtellt und den ich auch in der Bibliothek zu meinem Handlanger angelernt, einige Aufträge gegeben, ſchloß ich die Thür des Archivs auf, das mit dem hinterſten Zimmer der Bibliothek in unmittelbarer Verbindung ſtand und aus dem ich ſooi oft den alten Archivrath hatte kommen ſehen, wenn er von ſeiner kurzen Arbeit ſich nach Hauſe begab. Gleich beim erſten Einblick in das noch nie von mir betretene Heiligthum und nachdem ich die ſtark mit Eiſen beſchlagene Thür hinter mir wieder geſchloſ⸗ ſen, die Fenſterläden, hinter denen ſich eiſerne Stangen befanden, dagegen geöffnet hatte, war ich betroffen von der Unordnung und Nachläſſigkeit, die in den beiden gewölbten Zimmern herrſchte, in denen man die wichtigſten Papiere der fürſtlichen Familie aufbe⸗ wahrte. Aehnlich wie früher in der Bibliothek lagen auch hier Tiſche und Stühle mit Schriftſtücken und Acten bedeckt und es dauerte einige Zeit, bis ich eine Einſicht in die Art und Weiſe der ehemaligen Auf⸗ bewahrung und Aordnung gewinnen konnnte. Rings an den Wänden beider Zimmer waren eiſerne Schränke aufgeſtellt, deren Thüren ich nicht zur Hälfte verſchloſſen fand und deren Inneres eine namenloſe Verwilderung 35 —— darbot. Auch hier war alſo ein Augiasſtall auszu⸗ tragen, und ich begab mich ſofort an die Arbeit, in⸗ dem ich die Aufſchriften der einzelnen Fächer las und die Eintheilung und den Umfang des Ganzen mir daraus zu eigen zu machen ſuchte. Die Unordnung, die ich hier vorfand, erklärte ſich übrigens ſehr leicht. Der alte Herr, der ſeit dreißig oder vierzig Jahren den Poſten eines Archivraths ver⸗ ſah, kränkelte beſtändig und lebte faſt die Hälfte des Jahres beurlaubt auf dem Lande, weshalb ich ihn auch lange nach meiner Ankunft in B... erſt kennen gelernt hatte. Er war der einzige Menſch, der das Archiv betrat und mit ſeinem Inhalt vertraut war. Theils in Folge ſeiner körperlichen und geiſtigen Schwäche, theils weil man es verſäumt, auch ihm zur rechten Zeit einen geeigneten Gehülfen zu geben, hatte er die Luſt an der ihm zugewieſenen Arbeit verloren und ſo war das Ganze allmälig in den Zuſtand gerathen, in dem ich es jetzt zu meinem Leidweſen antraf. Nachdem ich in einiger Zeit mir die nothdürf⸗ tigſte Ueberſicht verſchafft, ging ich zunächſt an die Durchſuchung der Fächer, in denen ich ihrem Inhalte nach das Packet des ehemaligen Fürſten vermuthen konnte, aber auch da ſollte ich in meiner lebhaft her⸗ Der Sohn des Gärtners. III. 17 25q vorbrechenden Hoffnung getäuſcht werden, denn nach kurzer Prüfung ergab ſich, daß der Inhalt der Papiere nur ſelten der Aufſchrift der verſchiedenen Fächer ent⸗ ſprach. So begab ich mich denn an die Oeffnung der nur dem kleinſten Schlüſſel zugänglichen Kaſten, und hier fand ich wenigſtens einige Ordnung und Sorgfalt in der Aufbewahrung der wichtigſten Acten⸗ ſtücke vor. Allein ſo viele Mühe ich mir gab, das von der Fürſtin begehrte Dokument ausfindig zu machen, es wollte mir nicht gelingen; und ſchon bei⸗ nahe drei Stunden hatte ich überall gekramt, als ich endlich eine Weile zu ruhen beſchloß, um bald wieder von Neuem zu beginnen. Nachdenklich ſtand ich vor den geöffneten Fächern und ſchaute prüfend und ſpähend in alle Ecken. Der Schweiß ſtand mir auf der Stirn und meine Kleider und Hände waren mit Actenſtaub bedeckt, denn mein Eifer war groß geweſen und meine Wünſche, das rechte Papier zu finden, hatten meine Arbeit be⸗ flügelt.. Als ich in dieſem Zuſtande, nicht ſehr befriedigt von meinem bisherigen Erfolge, mich eben wieder an die Arbeit begeben wollte, klopfte es an die Thür, die von der Bibliothek in's Archiv führte. Einiger⸗ maßen überraſcht und beinahe unwillig, da ich meinem 259 Diener den Befehl gegeben, mich in meiner Beſchäf⸗ tigung nicht zu ſtören, trete ich an die Thür und frage mit lauter Stimme, was es gebe und warum er klopfe. „Herr Bibliothekar,“ antwortete er,„der Herr Kammerherr von Krachwitz wünſcht Sie nothwendig zu ſprechen und will ſich nicht abweiſen laſſen.“ „Ich bedaure ſehr,“ erwiderte ich;„ich habe jetzt keine Zeit, ihn zu empfangen, und bin mit wichtigen Arbeiten beſchäftigt. In einer Stunde jedoch werde ich ihm zu Dienſten ſtehen.“ „Mein Herr,“ rief da die barſche Stimme des Kammerherrn mit ihrem unnachahmlichen Hofaccente durch die Thür,„laſſen Sie mich nicht warten, ich habe noch weniger Zeit übrig als Sie.“ „Ich bedaure,“ ſagte ich noch einmal,„Ihre Durchlaucht hat mir Eile in meiner Beſchäftigung aufgetragen und dieſem Befehle muß ich Folge leiſten.“ „Oeffnen Sie raſch, ich bin auch im Auftrage Ihrer Durchlaucht hier.“ Nur eine Secunde dachte ich nach und ſchon hatte ich den Schlüſſel umgedreht, denn es konnte leicht möglich ſein, daß die Fürſtin mir einen, meine jetzige Arbeit betreffenden Auftrag durch den Kammerherrn nachſendete. Ich öffnete alſo die Thür und trat ihm 17* 260 ganz in dem Zuſtande entgegen, wie ich ihn vorher angedeutet habe. Als der feine Kammerherr mich mit hoch gerö⸗ thetem Geſicht, ſchweiß⸗ und ſtaubbedeckt vor ſich ſtehen ſah, ſtutzte er, nahm aber gleich darauf eine ſehr übermüthige Miene an und ſagte, ſeine lange Naſe mit einer gewiſſen impertinenten Dumndreiſtigkeit mir entgegen ſtreckend:„Ei, wie kommen Sie in das Archiv und was thun Sie darin in Abweſenheit des Archivraths?“ „Mein Herr,“ erwiderte ich mit kalter und abſicht⸗ lich feſtgehaltener Ruhe,„darüber bin ich Ihnen keine Rechenſchaft ſchuldig. Ich wiederhole Ihnen nur, daß ich mich in dieſem Augenblicke im Dienſte Ihrer Durchlaucht befinde.“ „So, nun gut, das werden wir unterſuchen.“ „Hierin haben Sie nichts zu unterſuchen, ich bin auf einen Specialbefehl der Fürſtin hiek.“ „O gewiß, ja freilich, aber das werden wir bald erfahren.“— „Wollen Sie jetzt vielleicht die Gewogenheit haben,“ fuhr ich fort, indem ich die Thür des Archivs von der Bibliothek aus zuſchloß,„mir zu ſagen, warum Sie mich in einer Eile erfordernden Arbeit unterbrechen und was Sie mir ſo Wichtiges mitzu⸗ theilen haben?“ 261 „Mein Herr, es iſt Alles und zu jeder Zeit wich⸗ tig, was ich Ihnen mitzutheilen habe.“ „Gut, gut, Sie mögen von Ihrem Geſichtspunkt aus Recht haben, ich ſtreite nicht dagegen— aber mit einem Wort: was wünſchen Sie?“ „Ich bitte mir ſogleich einige Bücher aus, die über das Coſtüm der Johanniter⸗ und Malteſer⸗Ritter handeln. Es müſſen doch dergleichen in der Bibliothek vorhanden ſein.“ „Iſt das ſo eilig?“ „Sehr. Wir brauchen ſie zu einer Berathung, die heute Abend in der Geſellſchaft der Fürſtin ſtatt⸗ finden ſoll.“ „Herr Kammerherr,“ ſagte ich, von ſeinem immer grober werdenden Tone verletzt, aber noch in der größten Ruhe?„die Fürſtin hat heute Abend keine Geſellſchaft bei ſich.“ „Woher wiſſen Sie das?“ rief er trotzig und mit ſeiner dünkelhaften Miene mich vom Kopfe bis zum Fuße meſſend. „Ganz einfach daher, weil ſie ſelbſt es mir erſt vor Kurzem geſagt hat.“ Nach dieſen Worten, die er wahrſcheinlich nicht erwartet hatte, machte er mir eine ironiſche Verbeu⸗ gung, lächelte höhniſch und erwiderte in⸗ näſelndem vornehmen Hoftone: 262 „Da Sie ſo vortrefflich von Allem unterrichtet ſind, Herr Bibliothekar, ſo beſcheide ich mich und ver⸗ melde Ihnen meinen Reſpect. Aber jetzt“— fuhr er plötzlich wieder mit groberem Tone fort—„wozu der Aufenthalt?— Geben Sie mir das Buch und dann mögen Sie in Ihrer wichtigen Beſchäftigung zerafte „Das Buch köͤnnen Sie in dieſem Augenblick nicht erhalten,“ ſagte ich höflich aber beſtimmt.„Es i*ſt mir ſelbſt noch nicht zu Geſicht gekommen und ich weiß nicht, wo es ſteht. Es aber zu ſuchen, fehlt mir jetzt durchaus die Zeit.“ „Wie, Herr Bibliothekar, Sie ſchlagen mir mein Verlangen ab?“ „Ja, aus dem angeführten Grunde. Doch halt— ſuchen Sie es ſich ſelbſt— in jenem Zimmer und etwa im dritten oder vierten Repoſitorium muß es ſtehen.“ „Ich bitte mir den Katalog aus!“ befahl der Kam⸗ merherr mit gebieteriſcher Miene und Stimme. „Wolfram,“ ſagte ich zu meinem Diener, der, mit ſeiner Arbeit beſchäftigt, noch in unſrer Nähe ſtand, aber in ſtaunender Betroffenheit über die Frechheit dieſes vornehmen Herrn aus dem Fenſter ſah,„geben Sie dem Herrn Kammerherrn den Katalog, ſo weit er fertig iſt.“ 263 Der Diener gehorchte und einen Augenblick ſpä⸗ ter hielt Herr von Krachwitz den Katalog in der Hand, in dem er wüthend blätterte, plötzlich aber auf mich losfuhr und ſchrie:„Wo ſteht das Buch verzeichnet?“ „Da Sie mir den Titel bisher nicht genannt haben,“ erwiderte ich mit Eiſeskälte,„ſo weiß ich es ſo wenig wie Sie. Sie ſehen, ich bin bei Weitem noch nicht fertig mit der Aufſtellung der vielen Bücher.“ „Herr!“ kreiſchte er auf,„wozu ſind Sie Bi⸗ bliothekar?“ „Wolfram,“ wandte ich mich zu meinem Diener, der ſich vor Angſt kaum zu laſſen wußte,„gehen Sie hinaus, der Herr Kammerherr hat mit mir allein zu ſprechen.“ Wolfram befolgte augenbl licklich meinen Wink; Herr von Krachwitz aber geberdete ſich um ſo heftiger, je ruhiger und höflicher ich wurde, was ſeinen Jähzorn außerordentlich anzufachen ſchien. „Wozu ich Bibliothekar bin, fragen Sie?“ fuhr ich nun in gleich ruhigem Tone fort.„Wenn Sie das nicht wiſſen, will ich es Ihnen ſagen: um die Bücher, die Sie hier in unſä äglicher Unordnung liegen ſehen, zu ordnen, nicht aber, um von Ihnen 264 — höchſt unpaſſende und mich verletzende Worte zu ver⸗ nehmen.“ „Herr, wollen Sie auch gegen Männer von Stande grob und widerſpenſtig ſein, wie Sie es leider ſchon oft gegen die Damen geweſen ſind?“ Da er dabei eine Grimaſſe ſchnitt, die ſo lächer⸗ lich in ihrem puterhaften Zorne wie häßlich in ihrer Form war, ſo drehte ich mich langſam nach der Wand um, der ich bisher den Rücken zugekehrt, wie um in den dort hängenden Spiegel zu blicken. „Ich habe Ihnen, Herr von Krachwitz,“ ſagte ich darauf,„für den Augenblick nichts auf Ihre Be⸗ leidigungen zu erwidern, aber wenn Sie einen recht klugen, ſchönen und beſonnenen Mann— einen Mann von Stande— ſehen wollen, der Seinesgleichen allein nur Ehre erwieſen ſehen will, die Ehre eines Anderen aber bei jeder Gelegenheit mit Füßen tritt, ſo blicken Sie in dieſen Spiegel!“ Und dabei trat ich mit einer tiefen Verbeugung raſch zur Seite und deutete auf das Glas, welches ſein brutales Geſicht in ſeiner ganzen verzerrten Wildheit zurückwarf. In dieſem Augenblick war es, wo der Kammer⸗ herr, wie von einer Tarantel geſtochen, in die Höhe fuhr; er ſchäumte vor Wuth, erhob die geballte Fauſt drohend gegen mich und kreiſchte mit kirſch⸗ 265 rothem Geſicht und einer Stimme, daß die Wände bebten: „Herr! Sie ſind ein vorlauter, übermüthiger her⸗ gelaufener Schlingel— ich werde Ihnen das Brot nehmen, welches Sie eſſen! Ich begreife die Fürſtin nicht, wie Sie einen ſolchen Menſchen in ihre Dienſte nehmen kann. Aber das kommt daher, wenn Leute Ihres Schlages, von gemeinem Herkommen, durch Protection—“ So weit kam der Kammerherr nur im Ausbruche ſeiner Wuth. Mir ſtieg das Blut wie eine ſchwarze Wolke aus dem Herzen nach dem Kopfe, ſo daß mein Bewußtſein einen Augenblick faſt verſchwunden war. Dann aber, noch ehe ich mir ſelbſt recht klar machte, was ich thun wollte, hatte ich ſchon gehandelt, den Kammerherrn am Rockkragen gefaßt, ihn mit un⸗ widerſtehlich kräftiger Hand der Thür zugedreht, die⸗ ſelbe mit der andern Hand geöffnet und— ehe er es ſich verſah, polterte der Mann von Stande die Treppe hinunter, auf dieſe Weiſe die Bibliothek und mich zugleich von ſeiner Gegenwart befreiend. Mit keuchender Bruſt und mächtig ſchlagendem Herzen trete ich nach dieſem, raſch wie ein Moment vorübergegangenen, Auftritt in das Archiv zurück. Vor meinen Augen flimmert Alles durch einander, 266 Schränke, Schriftſtücke und was ſonſt noch mich um⸗ gab. Mich hierhin und dorthin wendend und doch eigentlich nichts ſehend, als eine nebelgleiche trübe Wolke, die mir das Sonnenlicht draußen verdüſtert, greife ich in den erſten beſten Kaſten des vor mir ſtehenden Schrankes, wühle einen ganzen Haufen ver⸗ gilbter Actenſtücke auf und, wie von einer höheren Hand geleitet, ergreife ich ein Packet. In dieſem Augenblick kommt mir das Sehvermögen wieder, ich halte das Packet vor die Augen— ja, es iſt mit ſchwarzer Wachsleinwand überzogen, auf der einen Seite mit drei Siegeln verſchloſſen, auf der andern mit der genannten oder einer ähnlichen Aufſchrift ver⸗ ſehen— es iſt in der That das von der Fürſtin ſo ſehnlichſt gewünſchte Packet. Plötzlich alles Vorgefallene vergeſſend, trete ich aus dem Archiv, ſchließe es zu, ſäubere mich vom Staube, bringe auf meinem Zimmer meine Toilette in Ordnung und ſteige dann wieder nach den Ge⸗ mächern der Fürſtin hinab. Da kommt mir ihr Kam⸗ merdiener entgegen und erwidert auf meine Frage, ob ich Ihre Durchlaucht ſprechen könne, daß ſie aus⸗ gefahren und zwar mit dem Prinzen Leo, der unver⸗ muthet vor zwei Stunden angekommen ſei und nur wenige Tage in B... verbleiben werde. V 267 Auf dieſe Worte ſtecke ich mein Packet in die Bruſttaſche und ſchreite in den Hof hinab. Da fällt mir plötzlich der Kammerherr wieder ein ein dunk⸗ les Gefühl ſagt mir, daß die erlebte Scene mit ihm raſche Folgen haben werde und, von einem inſtinct⸗ artigen Triebe geleitet, ſchlage ich den Weg nach der Wohnung des Majors Fuchs ein, den ich um dieſe Nachmittagsſtunde beſtimmt zu Hauſe vermuthete. Leider war er nicht gleich anweſend, da ich ihn aber noch an dieſem Tage ſprechen wollte, ſo beſchloß ich ihn zu erwarten und ſetzte mich auf ſein Sopha. Den Kopf träumeriſch in die Hand geſtützt, ſann ich über die ſeltſamen Verflechtungen und Verwicklungen im Menſchenleben nach. Wie wunderbar war es mir doch von jeher ergangen, wie war bei mir immer alle Zukunft anders geworden, als Vergangenheit und Gegenwart erwarten ließen! Was hatten mir alle meine Pläne, Vorſätze, Entſchließungen geholfen, ich war von einem Extrem in's andere, von der Tiefe auf die Höhe, aus der Ebbe in die Fluth, aus dem Nichts in den Glanz des Lebens gerathen, ein großer Theil meiner Wünſche war mir erfüllt worden, ich hatte eine vortreffliche leibliche und geiſtige Ausbil⸗ dung erlangt, hatte die ganze Erde und das ſie um⸗ gürtende Meer geſehen, tauſend Gefahren beſtanden, 268 die Menſchen in ihren Qualen und Gebrechen und in dem herrlichſten Glanze ihrer Macht und ihres Reichthums beobachtet und nun— hier— hier ſollte mir ein ſo winziger, hohlköpfiger, unbedeutender Menſch, der zufällig eine in der Welt angeſehene Stellung ein⸗ nahm, meinen Weg durchkreuzen, abſchneiden, mich in das Nichts, die Ebbe des Lebens, die Fluth mei⸗ ner Kämpfe und Gefahren zurückſchleudern? Oder wie— ſollte es vielleicht ganz anders kommen, ſollte dieſer Vorfall gerade zu meinem Glücke bei⸗ tragen?!— Kaum war dieſer ſeltſame Gedanke in meinem Hirne aufgetaucht— wie oder warum oder wo⸗ durch mir ein Glück in den Weg geworfen werden ſollte, war mir noch gar nicht klar geworden— ſo durchſtrömte mich plötzlich ein ſo freudiger, wohlthä⸗ tiger, alle meine Geiſteskräfte belebender Muth' und mein Herz wurde von einer ſo unerklärlichen, alle meine Bedenken überflügelnden Hoffnungsfreudigkeit ergriffen, daß ich mir ſelbſt als ein gänzlich umge⸗ wandelter Menſch erſchien und meinem Freunde, als er jetzt gerade kam, anſtatt mit einem über meine nächſte Zukunft in Zweifel befangenen, mit lächeln⸗ dem Antlitz entgegentrat. Als der haſtig die Treppe heraufſtürmende Major, * 269 dem ſein Diener ſchon meine Anweſenheit gemeldet, mich ſo vor ſich ſah, rief er aus: „Beim Himmel, Flemming, iſt es denn wahr oder haben Sie ſich einen Scherz erlaubt, wie ich beinahe aus Ihrer ſchalkhaften Miene entnehmen möchte?“ „Iſt meine Miene ſchalkhaft?“ fragte ich.„Nein, lieber Major, das iſt ſie gewiß nicht, wenn ſie mein inneres Gefühl ausdrückt— aber was ſoll denn wahr ſein?“ „Daß Sie ſich vergeſſen haben— „Ich, mich vergeſſen? Erzählen Sie, raſch, was 74 haben Sie gehört?“ „Ei, mein Gott, was iſt da noch zu erzählen! Der Kammerherr von Krachwitz läuft wie närriſch in der ganzen Stadt umher und erzählt, der Bibliothekar der Fürſtin ſei verrückt geworden, er habe ihn ge⸗ prügelt und die Treppe hinuntergeworfen, weil er auf Befehl der Fürſtin ein Buch von ihm gefordert. Er aber wolle die Kanaille todtſchießen, die ihm einen ſolchen Schimpf angethan.“ „Was,“ rief ich,„das erzählt der Kammerherr laut aller Welt? Er ſollte ſich vielmehr ſchämen und ganz ſtill ſchweigen—“ „Haben Sie ihn denn im Ernſt die Treppe hinun⸗ ter geworfen?“ 270 „Tüchtig! So hab' ich ihn gepackt und beſeitigt, und nun laſſen Sie mich den Vorfall der Wahrheit gemäß erzählen.“ Ich theilte ihm nun die ganze Geſchichte Wort für Wort, mit Ausnahme des mir von der Fürſtin gegebenen Auftrags mit. Als ich fertig war, lachte der Major in ſeinem vollen gewöhnlichen Humor und reichte mir die Hand.„Das war brav,“ ſagte er, „ſo muß man ſie tractiren, wenn ſie die Ehre in den Schuhſchnallen ſtatt im Herzen und in der Seele ſuchen, ich hätte es nicht anders gemacht. Vorwärts denn, Sie ſind auf dem beſten Wege, ſich einen Namen zu machen, vor dem die Fuchsſchwänzer Reſpect haben, und ich ſtatte Ihnen ſchon im Voraus meinen Glück⸗ wunſch ab.“ „Ich danke Ihnen— aber was wird nun zunächſt geſchehen?“ d „Nun, das iſt doch klar genug. Er wird und⸗ muß Sie fordern, denn das iſt ſo Sitte bei unſern Edelleuten.“ „Pah! Er wird mir die Ehre nicht anthun, ich bin kein Edelmann in ſeinen Augen.“ „Nein, ein Edelmann gerade nicht, aber ein fürſt⸗ licher Beamter, und das adelt bis zu einem gewiſſen Punkt, er muß und wird Sie fordern, ſage ich 271 Ihnen, und ſo viel ich weiß, hat er ſchon ſeinen Secundanten, den Oberjägermeiſter der Fürſtin, damit beauftragt.“ „So. Und wer wird mein Secundant ſein?“ „Wie Sie fragen können! Wer denn anders als ich! Da haben Sie meine Hand und mit ihr Alles, was ich beſitze, Geld, Zeit, Rang— Alles, Alles ſtelle ich zu Ihrer Dispoſition, denn ſo iſt es Sitte bei Leuten, die nicht von Fürſten zu Edelleuten ernannt, wohl aber von Gott zu Ehrenmännern erſchaffen ſind.“ Ich drückte ihm herzlich und vollkommen befriedigt die Hand und von nun an war unſer Freundſchafts⸗ bund für alle Zukunft beſiegelt. Wir beſprachen noch Alles des Breiten und Langen hin und her und ver⸗ fügten uns dann nach meiner Wohnung im Schloſſe, um daſelbſt den Sendboten des Kammerherrn zu er⸗ warten, der, wie der Major meinte, nicht lange mehr ausbleiben würde. Der Major Fuchs war noch nie in meinem Zim⸗ mer geweſen. Ich hatte mich geſchämt, ihn zu bitten, mich zu beſuchen, da ich noch immer die mir vom Oberkaſtellan bei meiner Ankunft angewieſene erbärm⸗ liche Wohnung innehatte. 272 „ Wie,“ rief er, als er ſie kaum betreten und ſich ganz erſtaunt darin umgeblickt,„in dieſem Hunde⸗ ſtalle wohnen Sie? Das iſt ja unmöglich, Sie haben mich in das Quartier eines fürſtlichen Packträgers geführt!“ „Sie irren, es iſt meine Wohnung; ſo hat man mich abgeſpeiſt und ich— daran können Sie meine Geduld und Beſcheidenheit, aber auch meinen Stolz erkennen— ich habe es bis jetzt ruhig hingenommen, da ich alle Tage eine Wandlung der Dinge erwartete.“ „Nun, die wird jetzt gekommen ſein, aber wahr⸗ ſcheinlich nicht zu Ihren Gunſten, denn Alles bei Licht beſehen, werden Sie in dieſem Gefecht den Kürzeren ziehen.“ „Ich ſehe noch gar nicht ein, daß das nothwendig geſchehen muß. Die Fürſtin wird mich begnadigen, wenn ſie den Vorgang der Wahrheit gemäß erfährt.“ „Ha! Wer wird ihr denſelben der Wahrheit ge⸗ mäß berichten?“ „Ich ſelbſt— oder— e, und einem Jeden von uns wird ſie ihr Vertrauen ſchenken, verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Sie haben kein übles Vertrauen zu uns Beiden — Apropos— können Sie ſchießen?“ „Welche Frage, Major! Sie wiſſen, ich bin mit 273 dem Erbprinzen von W... erzogen, und da war das Schießen eine unſrer jugendlichen Meiſterſchaften. Ich werde Ihnen noch heute Abend eine Probe meiner Kunſt ablegen.“ Wir ſaßen noch nicht lange in meinem Zimmer, ſo polterte der Herr Oberjägermeiſter die Treppe herauf, um ſeinen Auftrag an mich, den angeblichen Beleidiger des Herrn Kammerherrn auszurichten. Als er uns Beide in einem ſo armſeligen Gemache fand, glaubte er uns demgemäß behandeln zu dürfen und ließ ſeinem rauhen Weſen den ungezügeltſten Lauf. Nachdem ich ihm jedoch in der Perſon des Major Fuchs meinen Secundanten vorgeſtellt und ihn alle Verabredungen mit dieſem zu treffen erſucht hatte, wurde er etwas ruhiger und zeigte ſich geneigt, ſogleich das nöthige„Arrangement“ zu treffen. Um die Herren nicht zu ſtören, ging ich eine halbe Stunde in den Park hinab und als ich nach dieſer Zeit in mein Zimmer zurückkehrte, †rr den Major allein und ſchon meiner wartend. Er lachte herzlich.„Das war ein Wortſchwall,“ rief er in beſter Laune,„wie ihn ſo ſeltſam und prächtig noch kein Herausforderer hat hören laſſen. Der Herr Kammerherr, meinte er unter Anderm, habe es in ſeiner Stellung eigentlich nicht nöthig, Ihnen Der Sohn des Gaͤrtners. III. 18 den Hals zu brechen, da Sie in der Meinung der Leute bereits ſo gut wie gerichtet wären und ſein guter Ruf unantaſtbar im ganzen Lande feſtſtände, allein er wolle diesmal ein Uebriges thun und Ihnen die Ehre erweiſen, drei Kugeln vom feinſten Kaliber mit Ihnen zu wechſeln.“ „Das wird ihm ſchwer werden,“ ſagte ich heiter. „Er wird mit einer genug haben.“ „Das iſt Ihre Sache. Ich habe Alles angenom⸗ men, wie er es vorſchlug, und ſo werden wir uns morgen früh um ſechs Uhr an eine Stelle im nächſten Walde begeben, die er mir genau bezeichnet hat. Sind Sie damit zufrieden?“ „Vollkommen und ich danke Ihnen für Ihre Müh⸗ waltung.“ „Bitte! Nun habe ich aber noch etwas Neues. Der Bruder der Fürſtin, Prinz Leo, iſt mit einem ganzen Troß aus W... angekommen. Sie ſind nach der Felſen⸗ burg gefahren, die der Prinz gern ſogleich ſehen wollte, da er nur einige Tage hier bleibt. Die Fürſtin iſt ſpät abge⸗ fahren und wird alſo vor Nacht nicht zurückkehren— da werden Sie ihr heute nicht mehr Ihre wichtige Nachricht mittheilen können, von der Sie vorher ſprachen.“ „Das iſt übel, ich hätte ihr gern etwas einge⸗ händigt, was ich ihr nur ſelbſt übergeben darf.“ 1 255 „Verſchieben Sie das auf morgen, nach dem Duell. Dann haben Sie gleich die beſte Gelegenheit, ein Gnadengeſuch bei ihr einzureichen, wenn es nöthig werden ſollte.“— Nach dieſem Geſpräch forderte ich meinen Freund und Secundanten auf, mich eine Strecke vor die Stadt zu begleiten, denn ich wollte es nicht zu dunkel werden laſſen, um ihm noch eine Probe meiner Schieß⸗ fertigkeit abzulegen. Ich ſteckte alſo meine ſchönen Piſtolen, ein Geſchenk Bruno's, ein und verließ mit ihm das Schloß und die Stadt. Beim Austreten aus dem Stadtthor kaufte ich von einer Hökerin drei hart geſottene Eier. „Was!“ ſagte der Major, als ich ſie vorſichtig in die Taſche ſteckte,„haben Sie einen ſo großen Appetit, daß Sie nicht auf Ihr Abendbrod warten können?“ „Geduld, mein Freund, kommen und ſehen Sie, wozu ich ſie benutzen will.“ Als wir den Wald in der nächſten Nähe der Stadt erreicht hatten, ſank gerade die Sonne hinter den Bäumen herab, aber es war noch hell genug, um mich hoffen zu laſſen, meine Probeſchüſſe würden ge⸗ lingen. Nachdem wir uns eine abgelegene freie Stelle ausgeſucht, gab ich dem Major die drei Eier, ſtellte 18 276 mich etwa zehn Schritte von ihm entfernt auf und bat ihn dann, ein Ei nach dem andern langſam und etwa zwanzig Fuß hoch in die Luft zu werfen. Dies war ein Spiel, welches wir im Waldhauſe und auch in Adersbach noch unzählige Male verſucht hatten und ich war ein ſo trefflicher Schütze geweſen, daß ich immer unter drei Eiern zwei zu treffen gewiß ſein konnte. Als der Major meine Abſicht begriff, wurde er ſehr begierig, den Erfolg zu ſehen, und er warf, nach⸗ dem ich beide Piſtolen geladen, ruhig und gleichmäßig das erſte Ei in die Luft. Das Glück war mir günſtig, mein Auge war ſicher und mein Arm ruhig geblieben; ich traf das Ei und die zerſchmetterten Stücke flogen rings umher. „Ha!“ rief der Major entzückt,„ich bekomme Re⸗ ſpect vor Ihnen, das macht Ihnen hier kein Cava⸗ lier nach.“ „Still, werfen Sie das zweite Ei und bringen Sie durch Ihr vorzeitiges Lob mein Blut nicht in Unruhe.“ Das zweite Ei ſtieg empor und eine Secunde ſpäter flogen auch ſeine Schaalen und ſein Inhalt auf den Raſen umher. „Soll ich die Piſtolen noch einmal laden?“ fragte ich,„oder haben Sie genug geſehen?“ „Bei Gott, ja!— Nein, ſchonen Sie das Pulver — 277 und laſſen Sie uns lieber das dritte Ei brüderlich theilen. Da haben Sie die Hälfte— ich bin nicht verſchwenderiſch mit meiner Achtung und Zuneigung, aber wenn Sie wollen wie ich, ſo eſſen Sie das und — die Brüderſchaft iſt fertig. Sie ſind ein Cava⸗ lier, wie ich ihn ſobald nicht in einem Gelehrten ge⸗ funden habe.“ Jeder von uns aß fröhlich ſein halbes Ei, dann umarmten wir uns, wie es Brauch iſt, und der Bund war geſchloſſen. „Der arme Kammerherr!“ rief der Major freudig aber doch etwas bedenklich.„Verfahre gnädig mit ihm! Wenn er eine ſolche Schußfertigkeit bei Dir vermuthet, hätte er gewiß auf Säbel beſtanden!“ „Das wäre ihm wo möglich noch übler bekommen, denn in ſolcherlei Künſten ſind wir in unſrer Jugend Meiſter geweſen. Wir waren nicht allein Cavaliere, ſondern auch Studenten, mein lieber Fuchs, das mußt Du bedenken.“. „Du wirſt ihn doch nicht todtſchießen wollen?“ „Gott bewahre mich davor! Aber einen Denkzettel will ich ihm wenigſtens geben, den er durch das ganze Leben mit herumtragen ſoll.“ „Damit bin ich einverſtanden. Wenn er Dich aber tödtlich verletzt?“ 278 „Keine unnöthige Sorge, mein Lieber; alle Kugeln treffen nicht und noch weniger tödten ſie!“ Ich will den mir nun bevorſtehenden Zweikampf, von denen in Büchern ſo oft die Rede iſt, daß man ſich die Beſchreibung eines neuen füglich erſparen kann, hier nur ſehr kurz und in ſeinen Hauptmomen⸗ ten zeichnen, dieſe aber muß ich erwähnen, da ſie von einigem charakteriſtiſchen Intereſſe ſind und außerdem von ungewöhnlichen Folgen begleitet waren. Schon lange vor ſechs Uhr begab ich mich am nächſten Morgen zu dem Major und fuhr mit ihm und ſeinen beiden Dienern, von denen der eine, Wolfram, Zeuge der Beleidigung des Kammerherrn geweſen und mir ſehr treu ergeben war, in einem verſchloſſenen Wagen nach dem zum Rendezvous be⸗ ſtimmten Orte im Stadtwalde. Einen Arzt hatte die Gegenpartei mitzubringen verſprochen. Als wir auf der Stelle anlangten, fanden wir ihn, einen jungen Mann, auch ſchon in der Geſellſchaft des Kammer⸗ herrn und ſeines Secundanten vor. Zeugen hatten wir außerdem nicht, worüber die Secundanten eben⸗ falls Verabredung getroffen. Als die nöthigen Vorbereitungen beendigt waren und mein Gegner und ich unſere Plätze hinter zwei⸗ on einander entfernten Barrieren ein⸗ zehn Schritte v gebot der Oberjägermeiſter die Waf⸗ genommen hatten, fen noch einen Augenblick zu ſenken. Als es geſchehen, fuhr er zu mir gewendet fort: „Wie die Sachen einmal ſtehen, ſcheinen Sie mir der Schuldigſte zu ſein, Herr Bibliothekar. Beliebt es Ihnen vielleicht, ſich in unſrer Gegenwart vor dem Herrn von Krachwitz zu entſchuldigen und ihn für die ihm angethane Beleidigung um Vergebung zu bitten?“ „Ich ſoll mich entſchuldigen?“ rief ich, einiger⸗ maßen verwundert.„Bitte, nein, der Herr Kammer⸗ herr hat darin den Vortritt, er hat mich zuerſt be⸗ leidigt und meine Selbſthülfe war nur eine einfache Folge ſeines Benehmens— ich habe einen Zeugen dafür, Herr Oberjägermeiſter!“ „Keine Worte, keine Worte!“ ſchrie jetzt der Kam⸗ merherr dazwiſchen.„Es iſt unnütz, vollkommen un⸗ nütz— ich muß ſein Blut ſehen Selbſt der Oberjägermeiſter verwies dem vor Wuth Schäumenden ſeine Heftigkeit, ich aber, noch immer die Piſtole geſenkt haltend, ſagte ruhig und mit höflichſtem Tone:„Herr von Krachwitz, da Sie wider die Verabredung das Wort genommen haben, ſo er⸗ 11“ —— 280 lauben Sie wohl auch mir eine Bemerkung. Nehmen Sie ſich in Acht, mich jetzt noch zu kränken oder, was daſſelbe iſt, die Sitte ſo weit zu vergeſſen, daß Sie voreilig nach meinem Blute ſchreien. Ich bin jetzt nicht in der Laune, dergleichen von Ihnen zu ertragen. Nur einen Rath erlaube ich mir Ihnen noch zu geben. Wenn Sie jetzt noch einige wichtige Worte zu ſprechen haben, ſo ſprechen Sie ſie, denn bald werden Sie nicht mehr ſprechen können.“ „Was! Wollen Sie mich tödten, Herr?“ ſchrie mein Gegner entſetzt auf. „Gott bewahre mich davor! Mordgedanken habe ich nicht, aber kennzeichnen will ich Sie ein für alle Mal, damit man Ihnen Ihr Handwerk anſehe und Ihnen auf hundert Schritt wie einem wüthenden Thiere aus dem Wege gehe.“ „Genug, genug der Worte!“ rief jetzt der Secun⸗ dant des Gegners und trat mit dem Major bei Seite.„Nehmen Sie Ihre Stellungen ein, meine Herren! Wenn der Major Drei gezählt hat, kann Jeder nach Belieben ſchießen.“ Wir ſtellten uns alſo auf, Jeder dem Andern die linke Seite darbietend. Die lange ſpitze Naſe des Kammerherrn ragte frei und hoch wie ein Windmühlen⸗ flügel in die Luft. Er bewegte ſich aber mit ſeinem 8 hätte, wenn nicht der Major und Wolfram abwechſelnd mir die Wunde in der Bruſt feſt zugedrückt hätten, was mir trotz meiner Betäubung allmälig einen ſehr empfindlichen Schmerz verurſachte. Da ſaß nun der treue Freund inmitten eines Haufens ſchon mit meinem Lebensblute getränkter Tücher, die man aus meiner Commode oder wo man ſie ſonſt finden konnte, zuſammengerafft hatte, von Augen⸗ blick zu Augenblick ſehnſüchtig eine Hülfe erwartend, und ich lag auf meinem Bette in der armſeligen Wohnung, die kaum mit dem Nothwendigſten verſehen war, und keine Hülfe, keine Erleichterung, keine Er⸗ quickung wollte ſich weder für mich noch für jenen blicken laſſen, während um meinen verhältnißmäß viel leich⸗ ter verwundeten Gegner ein Dutzend Perſonen mit allen möglichen Hülfsmitteln ſich bemühten und die ganze Stadt in Allarm ſetzten, ob der ungeheuerlichen und ſchändlichen Behandlung, die einem ſo angeſehenen Edelmann, einem Hofherrn, durch ein ſo armſeliges, bücherwurmartiges Weſen, wie ich war, zu Theil ge⸗ worden. Denn kaum war das Ereigniß in den Mund der Leute gerathen, ſo wurden alle Equipagen beſpannt, die Freunde des Kammerherrn beeiferten ſich, ſein Schickſal in allen Häuſern bekannt zu machen oder ſich wenigſtens in ſeiner Wohnung als Theilnehmende 284 zu melden, da ſie nicht in ſein Zimmer zu kommen und ihm zu helfen vermochten. Allein, ſo ſehr ich im erſten Augenblick im Nach⸗ theil und von aller Welt vergeſſen ſchien, es ſollte ſich Alles bald ganz anders geſtalten— und zwar auf eine Weiſe, wie weder ich noch meine wenigen Freunde es ſich im Entfernteſten träumen ließen. Eben das tauſendzüngige Gerücht, welches des Kammerherrn Mißgeſchick überlaut auspoſaunte, trug auch das meinige herum, und zwar zu Ohren, die eigentlich für's Erſte damit nicht hätten beſtürmt werden ſollen. Am Hofe war es der Prinz Leo, dem zuerſt durch irgend einen Hofherrn die große Mähr hinterbracht wurde: Kammerherr von Krachwitz habe durch ein vom Zaune gebrochenes Duell mit einer ſehr unter⸗ geordneten Perſon— die Naſe verloren, die unglück⸗ licher Weiſe ſehr groß und deshalb der Kugel ſeines Gegners am neiſten preisgegeben geweſen ſei. Bei dieſer mit allem Ernſte vorgetragenen Jeremiade ſoll der junge Prinz in ſeinem heiteren Sinne unbändig gelacht haben, und lief darauf ſogleich zu ſeiner Schweſter, der Fürſtin, um ihr die höchſt ſpaßhafte Geſchichte zu erzählen, daß ihr edler Kammerherr einen ſo hervor⸗ ragenden Theil ſeiner vornehmen Perſon eingebüßt habe. Die Fürſtin, noch von den Zeiten des ver⸗ 4 —— 285 ſtorbenen Fürſten her ſich ſolcher damals ſehr häufigen Vorfälle nur mit Widerwillen erinnernd, wurde ſehr erzürnt und vergaß darüber ganz nach dem Gegner des Verletzten zu fragen, als plötzlich der alte Kam⸗ merdiener des Prinzen Leo, der mich noch von W... her kannte, in übermäßiger Beſtürzung erſchien und berichtete, daß ich derjenige geweſen, der Herrn von Krachwitz die Naſe abgeſchoſſen, aber ſelbſt auf den Tod verwundet im Schloſſe liege, von wo man ſchon vergeblich nach allen Seiten nach einem Arzte ge⸗ ſchickt habe. Wie ich ſpäter erfahren, brachte dieſe unerwartete Mittheilung eine große Wirkung im fürſtlichen Zim⸗ mer hervor. Die Fürſtin erſchrak ſichtbar, ließ ſo⸗ gleich ihren Kammerdiener Zöllner kommen, dem ſie in allen Dingen vertraute, und befahl ihm, ſich ſofort zu mir zu begeben und ihr dann Nachricht zu bringen, was denn eigentlich vorgefallen ſei und wie es mit mir ſtehe. So waren denn Zöllner und der alte Diener des Prinzen Leo, der ſich nicht abhalten ließ, jenen auf ſeinem Gange zu begleiten, die erſten Perſonen aus dem Schloſſe, die dem Major in ſeinen Bemühungen um mich zu Hülfe kamen. Sie fanden mich in mei⸗ nem jämmerlichen Zimmer auf dem Bette liegend, — 286 über und über mit Blut bedeckt, Alles um mich her in Unordnung und den Major ſelbſt in einer Ver⸗ faſſung, die beinahe der Verzweiflung glich, weil noch immer nicht die nothwendige Hülfe erſchien. Während nun Zöllner bei meinem Anblick ganz den Auftrag ſeiner Gebieterin vergaß und ſogleich verſchiedene Perſonen nach Aerzten in der Stadt ſandte, lief der Kammerdiener des Prinzen Leo zu ſeinem Herrn zurück, den er noch bei der Fürſtin traf, um hier mit kläglicher Miene den Anblick zu ſchildern, der ihm ſo eben zu Theil geworden war. Aber er konnte anfangs gar nicht zu Worten kommen, denn die Oberhofmeiſterin war ſo eben in jähem Entſetzen bei der Fürſtin eingetreten und klagte mit Zetergeſchrei über den gräßlichen Mordanfall, den ich auf ihren Buſenfreund gewagt. Endlich aber brach der alte Diener ſich Bahn, überſchrie die Oberhofmeiſterin und rief:„Ach, Durchlaucht, was habe ich geſehn, und es iſt keine Hülfe da! Der gute Herr Flemming liegt in einem erbärmlichen Dachkämmerchen und verblutet ſich. Kein Arzt iſt bei ihm und nur ein Officier, der auch ſchon ganz blutig iſt, hält ihm die ſchreckliche Wunde zu.“ Bei dieſer alles Uebrige in den Hintergrund drän⸗. genden Meldung fuhr die Fürſtin wie eine entfeſſelte ——2łO 287 Stahlfeder empor. Ganz bleich geworden, bezwang ſie ihren Zorn oder welche Empfindung ſie ſonſt be⸗ wegen mochte, und befahl den Anweſenden, ihr augen⸗ blicklich zu folgen, ſie wolle ſich perſönlich von dem Vorgange überzeugen, worauf ſie dem alten Diener zurief, ſie nach meinem Zimmer zu führen. So geſchah es denn, daß plötzlich die drei erſten Perſonen des Hofes bei mir eintraten und mich in der eben beſchriebenen Lage fanden. „Mein Gott!“ rief die Fürſtin, Alles mit einem Blick überfliegend, mit einem Gedanken erfaſſend,„wie kommt er denn in dieſe abgelegene Kammer?“ „Durchlaucht,“ erwiderte der Major, der ſich in dieſem Augenblick nicht mäßigen konnte, mit feſter und vorwurfsvoller Stimme, während er ſeine über mich hin gebeugte Stellung beibehielt,„dies iſt ja Herrn Flemming's Wohnzimmer und man hat es nicht der Mühe werth gehalten, ihm je ein anderes an⸗ zuweiſen.“ Der Majpr hat mir nachher ſelber erzählt, daß ihn das nun Folgende mit einer großen Freude, aber auch mit einer noch größeren Verwunderung erfüllt habe. Ein unbeſchreiblicher, aber blitzartig ſchnell 8 vorübergehender Ausdruck ſchmerzlicher Ueberraſchung flog bei ſeinen Worten und indem ſie ſich noch ein⸗ 2883 mal rings umblickte, über das engelgleiche Antlitz der Fürſtin. Gleichſam als begriffe ſie plötzlich durch in⸗ nere Eingebung, wie man mir bisher in ihrem Schloſſe begegnet ſei, wandte ſie ſich theilnehmend zu mir und trat dicht neben den Major an mein Lager heran. Dies war der Augenblick, wo ich, wie durch ihre magnetiſche Nähe bezaubert, die Augen aufſchlug und, meine Beſinnung vollſtändig wieder erhaltend, Alles begriff, was um mich her vorging, als hätte ich es geträumt und riefe es jetzt klar wieder in meine Erinnerung zurück. „Flemming,“ ſagte ſie mit gütig blickendem Auge, „wie geht es Ihnen? Erkennen Sie mich, ſind Sie Ihrer Sinne mächtig?“ „Vollkommen, gnädigſte Frau, und ich bedaure von ganzem Herzen, daß Sie einem ſo peinlichen An⸗ blicke preisgegeben ſind. Ich habe nichts dazu bei⸗ getragen, Sie demſelben auszuſetzen. Aber bitte, be⸗ fehlen Sie gnädigſt, daß ein Arzt komme, ich ver⸗ blute ſonſt.“ „Es ſind ſchon zwei Stunden her,“ fiel der Major ein,„daß wir einen oder den anderen erwarten, aber für uns ſcheint keiner zu Hauſe zu ſein.“ „Ja, ja doch, Alles ſoll ſogleich geſchehen. Liebe Hohenheim, Les— o Zöllner, da biſt Du ja— ge⸗ 289 ſchwind, man hole Doctor Tiburtius, meinen Leibarzt, herbei, er muß im Schloſſe ſein, es iſt gerade die Zeit, wo er hier ſeine Kranken beſucht.“ Die Gräfin Hohenheim und der Kammerdiener entfernten ſich ſogleich, um den herriſch ausgeſprochenen Befehlen der Fürſtin nachzukommen; ihr Bruder aber blieb bei ihr und ſetzte ſich mir gegenüber auf einen Stuhl, der am Fußende des Bettes ſtand, indem er mir ſein Beileid ausdrückte, ſeinen alten Bekannten in dieſem Zuſtande wiederzufinden. „Was haben Sie da in der Hand?“ fragte mich die Fürſtin, unverwandt jeden meiner Blicke verfolgend. Sie hatte das mit Blut bedeckte, von der Kugel durchlöcherte Packet wahrgenommen, welches mir das Leben gerettet und jetzt, ich weiß nicht wie, in meine linke Hand gekommen war, ſei es nun, daß es mir der dunkle Trieb, es der Fürſtin auf jeden Fall zu bewahren oder ſonſt ein Grund in Erinnerung ge⸗ bracht. „Es iſt das Packet,“ antwortete ich mit ſchwacher Stimme,„welches Sie mir geſtern zu ſuchen befahlen, bei welcher Arbeit ich von dem Kammerherrn von Krachwitz auf das Tödtlichſte beleidigt ward.“ „Ha! Geben Sie es her. O Männer, Männer! Der Sohn des Gärtners. III. 19 290 Welche wilde Leidenſchaft bewegt Eure Bruſt!— Aber wie, kommt denn noch kein Arzt?“ Dieſe letzten Worte waren an den mit keuchendem Athem zurückkehrenden Kammerdiener Zöllner gerichtet, der mit der Meldung hereintrat, Doctor Tiburtius folge ihm auf dem Fuße nach, was denn auch geſchah, worauf ſich die Fürſtin ſogleich zurückzog, vorher aber noch zum Major ſagte: „Herr Major, ich mache Sie dafür verantwortlich, daß Niemand den Kranken ſtört. Weichen Sie keinen Schritt aus dieſem Zimmer, bis der Verband angelegt iſt und Doctor Tiburtius ſeinen Ausſpruch gefällt hat. Ich werde Befehle geben, daß Herrn Flemming ſofort ein andrer Wohnort angewieſen wird, ſobald er dahin gebracht werden kann. Wenn der Kranke aber in Ruhe iſt, kommen Sie zu mir und berichten mir treulich und Wort für Wort die Thatſache, wie ich es von einem Manne, wie Sie ſind, erwarten kann.“ Nach dieſen Worten warf ſie mir noch einen be⸗ ruhigenden Blick zu, der ich ſie mit meinen Augen verfolgte, ſo lange ich ſie damit erreichen konnte; dann ſah ich ſie noch an der Thür der rückkehren⸗ den Oberhofmeiſterin begegnen, die mit unheim⸗ lichen Blicken und erwartungsvoller Spannung in allen Zügen der Entwicklung des ſeltſamen Vorfalls entgegen ſah, und endlich war ſie verſchwunden, flüchtig wie eine Erſcheinung im Traume, wofür ich in meinem ſchwachen Zuſtande auch noch lange nachher ihren Beſuch zu halten geneigt war. 19* Jehtes Mapitel. Der ſchrecklichſte Augenblick aus des Majors Fuchs Leben. Außer dem Major Fuchs und Wolfram blieb nun auch der Prinz Leo in meinem Zimmer, bis Doctor Tiburtius mich unterſucht, verbunden und ſchließlich die Erklärung abgegeben hatte, weder das Herz noch die Lungen ſeien verletzt, die Kugel habe blos eine Rippe zerſchmettert und eine Arterie derſelben zer⸗ riſſen, ſei dann aber unter der Haut nach dem Rücken herum gelaufen, wo er ſie ſehr bald herausſchnei⸗ den werde. Dieſe Operation fand denn auch bald an mir ſtatt, nachdem eine Stunde ſpäter noch zwei Aerzte berufen waren, und als ſie geglückt, erklärte mich der Leibarzt der Fürſtin außer augenblicklicher Gefahr 293 und gab ſonſt auch die beruhigendſten Verſicherungen ab. Für den jungen Prinzen, der mir immer ſehr ergeben geweſen, hatte der ganze Vorfall ein ſo hohes Intereſſe, daß er ſogar der Operation beiwohnte und ſich dabei gewiſſe kleine Dienſte vorbehielt; erſt als ich in ein reines Bett gebracht und gleich darauf in tiefen Schlaf verfallen war, verließ er mich, um alles Erlebte nach eigener Anſchauung der Fürſtin mit⸗ zutheilen. Auch der Major Fuchs begab ſich bald nachher und nachdem ein junger Arzt an meinem Bette Platz genommen, zur Fürſtin, um ihr den befohlenen Rap⸗ port abzuſtatten, und hier war es, wo ſie den Vorfall in allen Einzelnheiten vernahm, wie ſie wirklich der Reihe nach auf einander gefolgt waren. Auch glaubte ſich mein Freund berufen, der Fürſtin klar und offen auseinander zu ſetzen, welchen Unbilden Seitens vieler höheren und niederen Beamten, ſogar der geringſten Diener, ich vom Tage meiner Ankunft an preisgegeben geweſen ſei und daß ich alle dieſe Zurückſetzungen mit der langmüthigſten Geduld und ohne mich im Geringſten zu beklagen ertragen habe, in der feſten Vorausſicht, daß ſich meine Verhältniſſe doch einmal auf die eine oder andere Weiſe beſſern würden. Dieſer Vortrag, den mein Freund mit Wärme — ————— 294 und rückichtsloſer Shärfe zu Ende führte, ohne ſich von der Anweſenheit der Gräfin Hohenheim im Ge⸗ ringſten beengen zu laſſen, rief bei der aufmerkſam zuhörenden Fürſtin eine ſittliche Entrüſtung hervor, und als die innerlich ergrimmte Oberhofmeiſterin die Miene annahm, ſich zurückziehen zu wollen, ſagte die Fürſtin zu beiden anweſenden Perſonen,„Bleiben Sie! Sie, Herr Major, ſollen Zeuge ſein, wie ich die Sache Ihres Freundes führe; ich bin Ihnen beſon⸗ ders zu Dank verpflichtet, daß Sie mir über gewiſſe Dinge in meiner Nähe, von denen ich keine Ahnung hatte, die Augen geöffnet haben. Und Sie, Gräfin Hohenheim, laſſen Sie ſogleich Herrn von Breitſpur rufen.“ Als der Hofmarſchall bei der Fürſtin erſchien, hatte auch er keine Ahnung, daß er der Erſte ſein werde, über den ein an dieſem Orte noch nie ſo ſtrenge geübtes Strafgericht abgehalten werden ſolle, im Gegentheil bezog er die erzürnte Miene der Fürſtin auf die Kränkung, die einem ihrer erſten Cavaliere in der Perſon des Kammerherrn von Krachwitz widerfahren ſei, und demgemäß nahm er ſelbſt eine erbitterte, aber augenſcheinlich triumphirende Miene an. „Herr von Breitſpur,“ empfing ihn die Fürſtin, 295⁵ „Sie wiſſen ohne Zweifel, was geſtern und heute ſich in unſrer Nähe ereignet hat?“ „Leider, ja, Durchlaucht, der arme Herr von Krach⸗ witz iſt auf eine pöbelhafte Weiſe von dem Bibliothe⸗ kar behandelt worden und hat noch dazu eine ſehr verhängnißvolle Verwundung erlitten.“. „Herr von Breitſpur, ich verbitte mir alle der⸗ gleichen Urtheile, die ich nur als Vorurtheile bezeich⸗ nen muß; auch handelt es ſich in dieſem Augenblick weniger um die Verwundung des Herrn von Krach⸗ witz, als vielmehr um eine Reihe von Zurückſetzungen und Kränkungen, die man ganz gegen meine Abſicht und meinen Willen, aus irgend einem mir unbekannten Grunde, über einen von meinen Dienern zu verhän⸗ gen ſich bemüßigt gefunden hat.“ 4 Der Hofmarſchall gerieth bei dieſen Worten in keine geringe Verwirrung; er ſah bald die Fürſtin, bald die Oberhofmeiſterin an, die ihn durch ihre herausfordernden Blicke wieder von der rechten Spur abbrachte, auf die ihn die Worte der Fürſtin bereits zu leiten angefangen hatten. „Durchlaucht,“ ſagte er ſtockend und ſtot⸗ ternd,„ich weiß nicht, worauf Sie hinzudeu⸗ ten belieben, ich— ich hoffe aber, daß nicht ich die Veranlaſſung zu der Annahme gegeben habe, 296 als ſei gegen irgend Jemand ein Attentat verübt worden.“ „Aha! Sie wollen mich nicht verſtehen— ſo will ich mich denn deutlicher ausdrücken. Ohne Zweifel iſt Ihnen bekannt, welche Wohnung meinem Bibliothe⸗ kar im Schloſſe zugewieſen iſt, denn daß er eine Dienſtwohnung darin beziehen ſollte, iſt von nir angeordnet worden, ſobald ich ſeine Anſtellung ge⸗ nehmigt hatte.“ „Nein, Durchlaucht, dieſe ihm zugewieſene Woh⸗ nung iſt mir nicht bekannt.“ „So gehen Sie ſogleich und ſehen Sie ſich die⸗ ſelbe mit eigenen Augen an. Ich erwarte hier Ihre Rückkehr und Meldung darüber.“ Der Hofmarſchall, der jetzt den Sturm über ſein Haupt hereinbrechen ſah, hatte die Sprache verloren, er verbeugte ſich nur und entfernte ſich dann ſo ſchnell, als hätte ihn ein Windſtoß fortgeführt. Der Major aber blieb in einer höchſt peinlichen Lage zurück, da die Fürſtin, heftig bewegt, ſchweigend im Zimmer auf und nieder ging, die Oberhofmeiſterin dagegen wäh⸗ rend der ganzen Zeit ein verlegenes Stillſchweigen beobachtete und bald aus dem Fenſter, bald ſeitwärts auf die zürnende Fürſtin blickte. Nach etwa zehn Minuten kam der Hofmarſchall 5 297 mit einer etwas verſtörten Miene zurück, verbeugte ſich und blieb dann zwiſchen dem Major und der Ober⸗ hofmeiſterin ſtehen. „Nun?“ fragte die Fürſtin mit erwartungsvollem Ernſte,„was bringen Sie mir für eine Meldung?“ „Durchlaucht, ich habe das Zimmer geſehen und es thut mir leid, daß kein beſſeres gewählt worden iſt. Ich habe aber nicht gewußt, daß Durchlaucht dieſen— dieſen—“ „Er heißt Flemming, Herr Hofmarſchall, und iſt mein Bibliothekar, wenn Sie es nicht wiſſen— alſo was haben Sie nicht gewußt?“ „Ah, Flemming, ja, Bibliothekar Flemming, ja, daß Ihre Durchlaucht dieſen Herrn mit Ihrer Protection beehren. Hätte ich nur die geringſte Ahnung davon gehabt, ich würde mein ganz beſon⸗ deres Augenmerk auf ihn gerichtet haben.“ „Herr von Breitſpur, ich protegire alle meine Diener,“ entgegnete die Fürſtin mit königlichem Stolze und unnachahmlicher Würde,„die großen und die kleinen, die vornehmen und die geringen, und ich bitte Sie daher, daß auch Sie keinen Unterſchied darin machen wollen.“. „Ich werde Ihro Durchlaucht Befehlen allerunter⸗ thänigſt nachkommen, kann aber verſichern, daß hier 298 nur eine Nachläfſigkeit des Oberkaſtellans vorliegt, den ich ſofort zur Rechenſchaft ziehen werde.“ „Thun Sie das und mit aller Strenge. Vor allen Dingen aber will ich, daß der Kranke, ſobald er transportirt werden kann, einige paſſende und gut möblirte Zimmer erhalte, nicht nach dem unruhigen Hofe, ſondern nach dem ſtillen Garten hinaus, und daß darin nichts fehle, was irgend zu ſeiner Bequem⸗ lichkeit und zu ſeiner Geneſung beitragen kann. Dazu gehört vor allen Dingen, daß ſeine Bedienung ge⸗ regelt und ſeine Bedürfniſſe aus der Küche beſorgt werden. Außerdem aber geben Sie Befehl, daß mir alle zwei Stunden über ſeinen Zuſtand rapportirt werde, bis er außer Gefahr iſt.“ Der Hofmarſchall verbengte ſich ſtumm und warf nur einen ganz verdutzten Blick auf die hämiſch lächelnde Oberhofmeiſterin. Dann wurde er entlaſſen, und gleich nach ihm erhielten die beiden anderen An⸗ weſenden ihre Verabſchiedung. Natürlich ſtürzte der Hofmarſchall, auf's Tiefſte verletzt, in ſeinem vollen Grimm zum Oberkaſtellan, um das nächſte Donnerwetter über diſen ergehen zu laſſen. Der behaglich beim Frühſtück Sitzende ent⸗ ſchuldigte ſich damit, daß der Bibliothekar zu einer Zeit angekommen ſei, wo das ganze Schloß einer ———— ———— 299 Reparatur unterworfen worden und daß man ſeine eigenen Anweiſungen falſch verſtanden habe. Daß er vom Hofmarſchall ſelber keinen beſonderen Auftrag er⸗ halten, wagte er dieſem jedoch nicht in's Geſicht zu ſagen, der ſich ſeiner Schuld ohne Zweifel nur zu gut bewußt war. Nachdem der Herr Kaſtellan alſo jetzt ganz directe und genaue Befehle erhalten und den grimmigen Zorn des Hofmarſchalls bis auf die Neige hatte ausbaden müſſen, ging die Sache ihren weiteren Gang und alle Vorkehrungen wurden getrof⸗ fen, mich, der ich in meinem leidenden Zuſtande keine Ahnung von dem Vorgefallenen hatte, künftig meinen dienſtlichen Verhältniſſen gemäß zu behandeln. Durch den Major, die herbeigerufenen Aerzte und verſchiedene andere Perſonen, die einen tieferen Ein⸗ blick in den Vorfall des Tages gethan, wurde nun meine Geſchichte auf eine dem Kammerherrn minder günſtige Weiſe überall erzählt und bald war ein ſo völliger Meinungsumſchlag erfolgt, wie man es bei gloſen Geiſte, wie ihn leider das Publi⸗ cum in ſolchen Dingen hat, nur zu oft zu erleben pflegt. Satm es denn bald dahin, daß die Einen lachten, daß ich den eitlen Kammerherrn des hervor⸗ ragendſten Theils ſeines Geſichtes beraubt, die Anderen aber mich als einen höchſt gefährlichen Menſchen ver⸗ einem ſo urthei 300 ſchrieen. Natürlich traf das Urtheil der mir freund⸗ lich oder feindlich geſinnten Parteien mich perſönlich ſehr wenig, im Ganzen aber hatte ich großen Vortheil davon, denn man behandelte mich nach meiner etwas ſpät erfolgenden Geneſung mit viel größerer Achtung als zuvor und legte mir den Beinamen:„Der Naſen⸗ 3 g abſchneider“ bei, worüber ich mit Major Fuchs herzlich lachte, als er es mir eines Tages erzählte. In der That, es iſt eine ſonderbare und oft un⸗ begreifliche Welt, in der wir leben! Ein Menſch kann ſo gute Eigenſchaften haben wie er wlll, ſich ſo⸗ gar auszeichnen— ich ſpreche hier natürlich nicht von mir, ſondern ganz im Allgemeinen— und man geht gleichgültig, ohne alle innere Theilnahme an ihm vor⸗ über, ja man bemäkelt und bekrittelt ihn oft wegen Kleinigkeiten, die man an Anderen großartig, genial und liebenswürdig findet, indem man ihn nicht mit ſeinem eigenen, ſondern nach einem der Mode oder Laune unterworfenen beliebigen Maaße mißt. Hat er aber erſt eine die Intereſſen Einzelner anregende, wo möglich blutige, That ausgeführt, dann erweckt er einen Antheil— im Guten oder Schlinmen— den alle ſeine anderen Eigenſchaften vorher nie zu Stande bringen konnten, und wären ſie die vortrefflichſten von der Welt, ja man findet nun Seiten an ihm heraus, ——— 301 die ihn plötzlich zum Löwen des Tages machen und ihm ein für alle Mal einen Ruf und Namen begründen, den er ſich auf keine andere Weiſe ſo raſch hätte er⸗ ringen können. Aehnlich erging es alſo auch mir. Durch mein Duell und meine Schützenkunſt gelangte ich zu einem Rufe, den mir alle Gelehrſamkeit und Erfahrung der Welt nicht hätten verſchaffen können, und plötzlich öffneten ſich mir alle Thüren, die mir ohne dieſen Fall vielleicht ewig verſchloſſen geblieben wären. Man nannte mich einen ſehr unterrichteten, erfahrenen, ge⸗ lehrten und Gott weiß mit welchen Eigenſchaften aus⸗ gerüſteten Mann, der der allgemeinſten Theilnahme würdig ſei. Daß mich dieſer plötzliche Ruf aber nicht im Geringſten aus meiner Gemüthsruhe brachte und daß ich die mir geöffneten Thüren nicht ſogleich be⸗ ſchritt, brauche ich dem Leſer wohl nicht noch beſonders mitzutheilen, da er, hoffe ich, eine genügende Einſicht in mein Weſen und meinen Charakter gewonnen hat, um mich richtiger als jenes wankelmüthige und nur nach dem äußeren Scheine fragende Publicum in jener kleinen Reſidenz zu beurtheilen. . Nur noch zweier Perſonen muß ich hier gedenken, die durch die zuletzt erwähnten Vorfälle in eine, theils in Bezug auf mich, theils auf ſich ſelbſt und Andere ————— 302 ganz veränderte Lage geriethen. Ich meine damit die Oberhofmeiſterin und Major Fuchs. Erſtere konnte es unter den ſo plötzlich für mich ſich günſtiger geſtaltenden Verhältniſſen nicht wagen, offen gegen mich Partei zu nehmen. In den Kreiſen, die ſie beherrſchte, wühlte ſie zwar im Stillen ununter⸗ brochen zu meinem Nachtheil fort, ließ auch ganz ſelt⸗ ſame Winke über den Grund der Theilnahme der Fürſtin fallen, deren Betragen ſie nicht begreifen zu können erklärte, mir ſelbſt aber ging ſie aus dem Wege, wo ſie nur konnte, und traf ſie mich bei der Fürſtin oder ſonſt wo, ſo lächelte ſie mich ſogar auf eine ganz eigenthümliche und höfiſche Weiſe an, was mich beſtimmte, vor wie nach auf meiner Huth zu ſein, da ich ſie ſchon zu lange nach allen Richtungen hin kannte, um nicht gewiß zu ſein, daß ſie jetzt ebenſo meine geheime Feindin blieb, wie ſie mir früher als offene Widerſacherin auf jedem Schritte meines Lebens entgegengetreten war. Eine bei Weitem angenehmere Geſtaltung ſeiner Verhältniſſe aber erfuhr der Major Fuchs, und dieſe hatte er wohl für ſeine mir erwieſene Freundſchaft und die mannigfachen Opfer, die er mir gebracht, verdient. Die Fürſtin war auf ihn aufmerkſam geworden und fand an ſeinem humoriſtiſchen Weſen, das mit ſo * 2 303 vieler Gutmüthigkeit, Ehrlichkeit und ritterlichen Eigen⸗ ſchaften verbunden war, das größte Gefallen. Sie zog ihn daher häufig an den Hof, lud ihn in ihre vertraulichen Zirkel ein und bewies ihm auf mannig⸗ fache Weiſe ihr Vertrauen und ihre Achtung. Nichts⸗ deſtoweniger aber dictirte ſie ihm, wie es Brauch war, vorher eine Strafe für ſeinen, einem Militair unter⸗ ſagten Antheil an einem Zweikampf; dieſe Strafe jedoch beſtand in einer ſechswöchentlichen Verbannung aus der Reſidenz, das heißt in einem ihm zuerkannten Urlaube, den er zu einer längſt beabſichtigten Reiſe nach der Schweiz benutzte, wozu er noch obendrein das Reiſegeld erhielt. Als er aus dieſer Verbannung zurückkehrte und ſich— wie es einem Beſtraften ge⸗ ziemt— bei der Fürſtin meldete, empfing ſie ihn ſehr gnädig und ſchenkte ihm am anderen Tage ein koſt⸗ bares Vollblutpferd, deſſen Beſitz, wie ſie erfahren, von jeher die ganze Schwärmerei des mit Mitteln nicht ſehr reich geſegneten Biedermanns geweſen war. Was mich nun ſelbſt betrifft, ſo war ich vierzehn Tage recht gefährlich krank, und es gab ſogar Augen⸗ blicke, in denen Doctor Tiburtius an meiner Wieder⸗ geneſung verzweifelte. Dank meiner kräftigen Conſti⸗ tution aber überwand ich ſelbſt die Schwäche nach einer ſo überaus ſtarken Blutung, und nach einigen Wochen war ich ſchon im Stande, in meine neue Wohnung gebracht zu werden, die mir unterdeſſen bereitet worden war. Als ich zum erſten Mal nach einer ruhigen Nacht die Augen darin aufſchlug, fühlte ich mich wie neu geboren, denn ich ſah Alles um mich her, woran mein Auge ſeit langen Jahren gewöhnt geweſen, und das Auge iſt ja in dieſer Beziehung der verwöhnteſte aller unſrer Sinne.. Die beiden Zimmer, die mir nebſt einem ſehr ge⸗ räumigen Schlafgemach von jetzt an zur Wohnung angewieſen waren, lagen ſehr angenehm im hohen Erdgeſchoß des Schloſſes nach dem Garten hinaus, gerade unter den Zimmern, welche die Fürſtin inne hatte, und mittelſt einer eiſernen Wendeltreppe konnte ich, ohne die großen Treppen und Corridore zu be⸗ rühren, unmittelbar aus meinem eigenen Wohnzimmer in das Archiv und durch daſſelbe in die Bibliothek gelangen.— Die Einrichtung darin entſprach ganz dem feinen Geſchmack der Zeit und den Anſprüchen, die ein ge⸗ bildeter Mann, der in guter Geſellſchaft zu leben gewohnt iſt, an ſeine Wohnung zu ſtellen pflegt; meine jetzigen Gemächer waren bisher für Fremde von Auszeichnung beſtimmt geweſen, hatten aber lange und ſchon vor meiner Ankunft hierſelbſt leer geſtanden 30⁵ und nur einige neue Ausſchmückungen waren darin angebracht, die der Herr Oberkaſtellan, durch des Hof⸗ marſchalls Eifer angeregt, ſchleunigſt aus anderen Zimmern dahin hatte bringen laſſen, weil man ja nicht wiſſen konnte, ob nicht auch dieſe Wohnung von der Fürſtin einſt in Augenſchein genommen wer⸗ den würde. Allein auch in anderer Beziehung war für mich auf das Wohlwollendſte Bedacht genommen. Nicht allein erhielt ich meinen eigenen Diener, Wolfram, den Major Fuchs bereitwilligſt mir ganz abtrat, da ich einmal an ihn gewöhnt war, und dem man nun in der Nähe der meinigen eine Wohnung im Schloß anwies, ſondern mein Tiſch wurde auch aus der fürſt⸗ lichen Küche beſorgt, was immer ſo reichlich geſchab, daß ich oft meinen Freund Fuchs zu Gaſte bitten konnte, und außerdem ward mir die Erlaubniß zu Theil, von dem erſten Tage meiner Geneſung an, wohin und wann es auch ſei, mich einer zu meinem Gebrauch ſtets bereitſtehenden fürſtlichen Equipage zu bedienen. Auf dieſe Weiſe war mein früheres Mißgeſchick unerwartet in das Gegentheil umgeſchlagen und das Bewußtſein davon trug nicht wenig dazu bei, meine Geneſung zu befördern und mir meine raſch geſchwun⸗ Der Sohn des Gärtners. III.. 20 ÿypy, 306 denen Kräfte allmälig wiederzugeben: Meinem Gegner ging es leider nicht ſo nach Wunſch. Seine Wunde heilte zwar noch ſchneller als die meinige, aber nach der Verſicherung einiger Hofherren, die ſich jetzt ohne mein Zuthun nach und nach bei mir einfanden und mir vorredeten, ſie hätten mich von jeher in der Stille ganz außerordentlich geliebt und wegen meiner Kennt⸗ niſſe geſchätzt, ſah ſein Geſicht mit der verſtümmelten Naſe ſo entſetzlich verſtört aus, daß ihn kein Menſch wiederzuerkennen im Stande ſei, weshalb er nach einigen Monaten, von tief verletzter Eitelkeit getrieben, der Reſidenz und allen bisherigen Freunden den Rücken kehrte und ſich in die Einſamkeit ſeiner Beſitzungen auf dem Lande zurückzog, womit natürlich die Aus⸗ ſcheidung aus ſeinem bisherigen Verhältniß am Hofe verbunden war. Acht Wochen, von denen ich ſechs im Bette zubringen mußte, vergingen mir ungewöhnlich raſch, denn Major Fuchs und Andere beſuchten mich, ſo oft ſie konnten, und ließen mir alle mögliche Unterhaltung zu Theil wer⸗ den; als ich nach dieſer Zeit aber, noch ziemlich bleich und abgemagert, zum erſten Male von Doctor Tiburtius die Erlaubniß erhielt, eine Treppe zu ſteigen, bat ich die Fürſtin ſchriftlich um ihre Genehmigung, ihr perſönlich mich vorſtellen und meinen Dank abſtatten zu dürfen. 4 —— 307 Dieſe Bitte wurde gewährt und mir dabei die Stunde des Empfangs beſtimmt. Von mannigfachen Gefühlen bewegt und nicht ganz ohne Herzklopfen, im Bewußtſein meiner unerlaubten Selbſthülfe, trat ich den kurzen Gang an und fand die Fürſtin, meiner ſchon harrend, in ihrem Empfangzimmer allein. Als ich langſam und nicht ohne Mühe auf ſie zuſchritt und mich verbeugte, ſah ſie mich theilneh⸗ mend und wohlwollend lange prüfend an, ohne daß ich irgend eine innere Regung von Zorn oder Unwillen auf ihren ſonſt ſo ſprechenden Zügen hätte wahrnehmen können, wie ich insgeheim befürchtet; als ich ihr aber mit warmen Worten meinen innigſten Dank für ihre große Güte abgeſtattet hatte und mich ihr nun zur Verfügung ſtellte, um jede Strafe zu erleiden, die ſie mir wegen meiner Handlungsweiſe zuerkennen würde, lächelte ſie ſogar und ſagte: „Mein lieber Flemming! Wie mich dünkt, ſind Sie mit dem Verluſt von mehr als fünfzig ſchönen und der Geſundheit geweihten Tagen, in denen Sie überdieß noch Schmerzen ertragen mußten, reichlich genug beſtraft, womit ich nicht geſagt haben will, daß Sie gerade etwas in meinen Augen beſonders Straf⸗ würdiges begangen haben. In einer Beziehung ſo⸗ gar finde ich Ihre Handlungsweiſe lobenswerth. Wie 20* 308 mir Major Fuchs verſichert hat, ſind Sie auf das Bitterſte beleidigt und haben dafür einen Unverſchäm⸗ ten gezüchtigt, der auch mich dadurch verletzt hat, daß er meinen Entſchluß, Sie in meine Dienſte zu nehmen, bekrittelt und bemäkelt hat. Wäre mir dieſe Aeuße⸗ rung vor Ihrer feindlichen Begegnung zu Ohren ge⸗ kommen, ſo hätte ich ſelbſt meine Rechte vertheidigt, allerdings auf eine andere Weiſe als Sie, ſo aber haben Sie dies Geſchäft übernommen und damit wollen wir dieſe Angelegenheit für beſeitigt erachten.“ Nachdem ſie mich noch nach einigen anderen Dingen gefragt, die das Archiv betrafen, und über die Auf⸗ findung jenes Packets, das ſie zu benutzen ſuchen werde, ihre Befriedigung geäußert, verabſchiedete ſie mich, indem ſie mir die Schlüſſel zum Archive wieder überreichte und zu bewahren empfahl, da ich bei der fortdauernden Krankheit des Archivraths vielleicht noch mehr darin zu thun finden würde.„Nehmen Sie Ihre Geſundheit in Acht,“ ſagte ſie ſchließlich,„Sie ſehen angegriffen aus, und ſobald Sie mir irgend einen Wunſch vorzutragen haben, ſprechen Sie ihn mir perſönlich aus, dann ſind Sie und bin ich ſicher, daß weder mir noch Ihnen entzogen wird, was uns Beiden gebührt.“ — 309 In den erſten Wochen nach meiner Geneſung arbeitete ich nur ſehr wenig; mir fehlte ſowohl die alte Luſt dazu, wie es mir auch meine Kräfte nicht geſtatteten. Ich fühlte mich in der That ſehr ſchwach und etwa nach einem Jahre erſt war vollſtändig die frühere Rüſtigkeit und meine ganze Kraftfülle in mich zurückgekehrt. Statt meiner gewöhnlichen Arbeit in der Bibliothek und der Fortſetzung meiner ſchriftſtelle⸗ riſchen Bemühungen aber las ich ſehr viel, und dazu gab mir die herrliche Schloßbibliothek Anreiz genug. Im Auguſt trat die Fürſtin ihre gewöhnliche Reiſe nach einem norddeutſchen Badeorte an. Es war ein⸗ mal die Rede davon, daß ich ſie begleiten ſolle, Doctor Tiburtius aber ſprach ſich dagegen aus und ſo blieb ich während der ſechswöchentlichen Abweſenheit der Fürſtin mir ſelbſt und dem Major Fuchs überlaſſen, der kurz vor der Abreiſe der Fürſtin von ſeinem Ur⸗ laube in B... wieder eintraf. Da gerade in dieſer Zeit die Regierung des kleinen Landes mit gewiſſen Schwierigkeiten verknüpft war und die Fürſtin unaus⸗ geſetzt in Kenntniß der vorliegenden Geſchäfte bleiben mußte, ſo begleitete ſie ein Miniſter und einige bevor⸗ zugte Räthe, an welche beinahe täglich Rapporte und Aunfragen abgingen, die dann ſtets mit der nothwen⸗ 4 digen Eile aus der Ferne her erledigt wurden. Ich 3 310 ſelbſt benutzte die ſchöͤne Jahreszeit mit aller Ge⸗ mächlichkeit und Bequemlichkeit, indem ich faſt jeden Tag weitere Ausflüge zu Wagen unternahm, wobei ich mich bald von Dieſem bald von Jenem begleiten ließ. Mehrere Tage aber brachte ich mit der Ab⸗ faſſung eines ſehr genauen Berichtes über alle am Hofe zu B... ſtattgefundenen Vorfälle an den Fürſten von Adersbach zu; ich verſchwieg ihm Nichts, was meine Perſon betraf, fügte aber von der Fürſtin nur ſehr Weniges hinzu, da mich eine unerklärliche Scheu abhielt, ſelbſt meinem vertrauteſten Freunde Mitthei⸗ lungen über ſie zu machen, weniger aus Beſorgniß, dieſelben dem Papiere zu übergeben, als aus Furcht, in meinen Andeutungen Empfindungen zu verrathen, deren Enthüllung mir gleich einem Staatsverbrechen gegen die geheiligte Perſon meiner Gebieterin erſchie⸗ nen wäre. Umgehend erhielt ich von Bruno einen ſehr freu⸗ digen und mir zur völligen Geneſung Glück wünſchen⸗ den Brief.„Die Geſchichte mit der verlorenen Naſe,“ ſchrieb er,„hat mich vor Lachen ſchüttern gemacht, obgleich Elsbeth immer ſagt:„der arme Mann! Ohne Naſe!“ Aber ſo oft ſie das wiederholt, lache ich um ſo lauter und herzlicher, denn einen faullenzenden Kammerherrn, der bisher ſo hochnaſig war, ganz ohne ——————— 311 dieſelbe herumſchnüffelnd ſich zu denken, iſt zu komiſch. Siehſt Du, wie gut ſich die Lehren des alten Förſters, meines Schwiegervaters, belohnten? Man kann nie wiſſen, wozu man das, was man in der Jugend er⸗ lernt, einmal im Leben gebrauchen mag. Wir haben das Schießen nach den Eiern gleich wieder vekſucht, aber obwohl Elsbeth die Dingerchen ruhig und lang⸗ ſam mit eigener Hand emporwarf, ſo konnte ich doch von dreien immer nur eins treffen. Du haſt Deine Geſchicklichkeit alſo beſſer bewahrt als ich. Nichts⸗ deſtoweniger machte mir Elsbeth Lobeserhebungen, aber was will das ſagen, ſie weiß ja, daß ich ſie immer küſſe, ob ſie mich nun loben oder tadeln mag, und diesmal küßte ich das herzige Weib erſt recht. Sie grüßt Dich herzlich und hat eine große Sehnſucht nach Dir, die ſie aber wohl eine Weile noch wird be⸗ zwingen müſſen, wie ich ſelbſt ſie bezwinge. Nur Eins in Deinem ausführlichen Berichte muß ich rügen. So ſehr ich Dich gebeten habe, von meiner Schweſter recht viel und jedes Einzelne aus ihrem Leben zu berichten, ſo ſind alle Deine Mittheilungen darüber doch nur ſehr mangelhaft. Gott weiß, was Dich ab⸗ hält, mir ganz zu vertrauen und mir Alles, Alles zu ſagen! Denn daß Du nicht mehr von ihr wiſſen oder wenigſtens denken ſollteſt, als was Du mir ſchreibſt, N — 2 312 iſt, wie ich die Sache betrachte, geradezu unmöglich. Haſt Du denn noch immer nicht mit ihr von mir ge⸗ ſprochen? Denkt ſie gar nicht mehr an mich? Iſt keine Hoffnung vorhanden, daß ihre alte Liebe zu mir wieder erwacht?— Sobald Du darüber etwas Ge⸗ wiſſes erfährſt, und gewährte es auch nur einen Schim⸗ mer von Hoffnung, ſo ſchreibe es mir, Du glaubſt nicht, wie ich mich nach ihr ſehne, da ich außer Els⸗ beth und meinen Kindern nichts auf der Welt kenne, was mir mehr am Herzen liegt als ſie.⸗ Einige Tage ſpäter, nachdem ich lange mit mir darüber zu Rathe gegangen war, antwortete ich auf dieſen herzlichen Brief: daß bis jetzt zwiſchen der Fürſtin und mir nur vorübergehend von ihm die Rede geweſen ſei, daß aber bisher nur ich allein ſei⸗ nen Namen genannt habe. Das Gefühl für ihn ſei bei ſeiner Schweſter gewiß nicht ganz verloren ge⸗ gangen, es ſcheine vielmehr nur zu ſchlummern, jedoch ſei ich des Momentes gewärtig, wo es erwachen werde, und nach ihrer Rückkehr würde ich Alles aufbieten, um ſeinen Wünſchen nachzukommen und jenes ſchlum⸗ mernde Gefühl zur neuen Flamme anzufachen.— Ende Septembers kehrte die Fürſtin endlich von ihrer Badereiſe zurück und ich muß geſtehen, daß mir die Zeit ſehr lang geworden war, bis ich ſie wieder⸗ 313 ſah. Sie ſtrahlte von Geſundheit und Friſche und ſchien außerordentlich glücklich, wieder zu Hauſe zu ſein. Diesmal ſtand ich in der vorderſten Reihe der ſie Begrüßenden und ich erhielt einen der ſonnigſten Blicke, die ſie an dieſem Tage ſo reichlich an ihre Diener vertheilte. Sprechen aber konnte ich ſie nicht ſogleich, denn ſie hatte unglaublich viel zu thun und hielt täglich mehrere Conferenzen mit ihren Räthen ab. Erſt drei oder vier Tage nach ihrer Rückkehr ließ ſie mich rufen, und zu meiner Verwunderung fand ſich bald nach mir Major Fuchs ein, dem ſie auch die Ehre einer Vorladung hatte angedeihen laſſen. „Meine Herren,“ ſagte ſie freundlich zu uns,„ich kann mir Sie Beide jetzt kaum noch ohne einander denken, und da ich weiß, daß Sie ſich gegenſeitig hier ergänzen, ſo will ich den Wunſch, den ich in Bezug auf Sie hege, Ihnen Beiden zugleich ausſprechen. Es iſt meine Abſicht, im kommenden Herbſt und Win⸗ ter alle Donnerstage Abends eine kleine Geſellſchaft um mich zu verſammeln, wie ich es ſchon früher ge⸗ übt; es wird da freilich von ſehr wichtigen Dingen keine Rede ſein, aber damit uns der Stoff nicht aus⸗ gehe, werde ich mich bemühen, Männer und Frauen von Bildung aus allen Klaſſen der Geſellſchaft zu mir zu berufen. Mögen Sie denn auch Beide ſtets in 314 dieſer Geſellſchaft erſcheinen, und Sie, Herr Flemming, bereiten ſich vor, uns diesmal ohne jede Störung recht viel von Ihren Abenteuern zu Waſſer und zu Lande zu erzählen.“ Wir dankten, nicht wenig überraſcht, ob dieſer großen uns widerfahrenden Ehre und ſtellten uns ſchon am nächſten Donnerstag Abend zu der feſtge⸗ ſetzten Zeit in den Gemächern der Fürſtin ein. Wir fanden eine Geſellſchaft von etwa ſechszehn bis zwan⸗ zig Perſonen daſelbſt vereinigt, die ſich ohne allen Zwang auf und ab bewegten und ohne Hehl ihre Meinungen äußerten, ſobald ſie danach gefragt wurden. Die Geſellſchaft verſammelte ſich in den Zimmern, welche die Fürſtin gewöhnlich bewohnte und die ich ſchon früher beſchrieben habe. Die drei großen Ge⸗ mächer waren alle gleich hell erleuchtet und angenehm erwärmt, in denen man anfangs, bald mit Dieſem, bald mit Jenem redend auf⸗ und abſchritt, bis die Verſammlung vollzählig war. War dies der Fall, ſo zog man ſich in das Zimmer zurück, in welchem das Portrait der Fürſtin hing, und hier ließ man ſich auf die Divans und Seſſel nieder, die ſo bequem und einladend um den großen runden Tiſch im Kreiſe ſtanden. Hier wurden nun meiſt zuerſt die Vorgänge — — 31⁵ draußen in der großen Welt beſprochen, Artikel aus Zeitungen und Journalen verleſen und in offenſter Weiſe allerlei Bemerkungen daran geknüpft. Da⸗ zwiſchen wurden Zeichnungen betrachtet, Gedichte reci⸗ tirt, auch bisweilen ein klaſſiſches Drama vorgeleſen, woran alle Eingeladenen, je nach ihrer Neigung oder ihrem beſonderen Geſchick, Theil nahmen. Die ver⸗ ſchiedenen Leiſtungen wurden in der Regel ſehr offen⸗ herzig und bisweilen ſcherzhaft kritiſirt und Jeder empfing den ihm gebührenden Beifall, wenn er Aus⸗ gezeichnetes geleiſtet hatte. Während dieſer Beſchäf⸗ tigungen wurde Thee herumgereicht, Punkt zehn Uhr aber begaben wir uns in den Speiſeſaal, wo ein leckeres Souper eingenommen wurde, bei welchem nicht immer die vornehmſten Anweſenden die Ehre genoſſen, der Fürſtin zunächſt zu ſitzen. Mir war dieſelbe zwar noch nie zu Theil geworden, Major Fuchs aber hatte ſchon zweimal das Glück gehabt und ſtand im Begriff, ſo ſtolz darauf zu werden, daß ſein Triumph, den ihm Jedermann gönnte, klar auf ſeinem gut⸗ müthigen Geſicht zu leſen war. Nach dem Souper blieb man noch einige Minuten beiſammen, ſprach noch Einzelnes über Dies und Jenes und trennte ſich dann ſo heiter und harmlos, wie man zuſammengekommen war. Wir hatten ſchon vier oder fünfmal ein ſolches — ——CQCꝑCQC—᷑——ꝛ—ÿ—ꝑ—;;;— — 310 kleines Feſt mitgemacht, als ſich ein Vorfall bei einem derſelben zutrug, den ich genauer zu beſchreiben ge⸗ nöthigt bin, weil ſich unmittelbar daran ein wichtiger Fortſchritt in meinem Lebensgange knüpfte. Dieſer Vorfall wurde ganz unabſichtlich von Major Fuchs herbeigeführt, da er keine Ahnung hatte und haben konnte, daß das, was er der ganzen Verſammlung zu hören gab, einige der Anweſenden ſo nahe berührte und von großem Einfluſſe auf ihre gegenwärtige Stim⸗ mung ſein mußte. Major Fuchs war überhaupt ſehr bald, ohne ſein beſonderes Zuthun und indem er ganz allein ſeinen natürlichen Humor und ſeine charak⸗ teriſtiſche Biederkeit in allen weltlichen Anſchauungen zur Wirkung brachte, der Hauptheld des Donnerstags geworden, und namentlich protegirten ihn die älteren Damen augenſcheinlich, während die jüngeren vor ihm, dem Unverheiratheten, eine gewiſſe erklärliche Scheu hegten, ihm aber dennoch ſehr wohlwollten und es auf ihre Art durch neckende Scherzreden und ge⸗ legentliche Anſpielungen bewieſen, wie es bei der jungen Damenyelt eben eine allgemein geübte Sitte geworden iſt. Mein Freund beſaß eine unnachahm⸗ liche Manier, ernſte Dinge auf eine komiſche Weiſe zu erzählen. Die Komik lag weniger in den gebrauch⸗ ten Worten als in dem draſtiſchen energiſchen Ge⸗ 317 ſichtsausdruck, der bei ihm mit einer unbeſchreiblichen Gutmüthigkeit und Natürlichkeit gepaart zu Tage trat. Es war faſt zur Regel geworden, zu lachen, ſobald er nur den Mund aufthat, und wenn er ſich dann ver⸗ wundert nach dem Grunde der allgemeinen fröhlichen Stimmung rings umſchaute, konnte auch der Ernſt⸗ hafteſte ſein Lächeln nicht gut unterdrücken. Daher freute ſich jeder an den Donnerstagsfreuden Theil⸗ nehmende auf ſein Erſcheinen, und blieb er einmal aus, ſo war man gewiß, daß der Scherz für den Abend keinen rechten Eingang in die Geſellſchaft fand. Am fröhlichſten aber wurde Alles geſtimmt, wenn es einem herausfordernden Mitgliede der Damenwelt gelang, den bärtigen Krieger zur Erzählung irgend einer Epiſode aus ſeinem Leben zu bewegen, worin er eine kleine Thorheit begangen. In ſolchen Fällen war ſein barmloſes Darſtellungstalent überwiegend und es ſprach ſich in ſeinen Mittheilungen eine Wahr⸗ heitsliebe, verbunden mit einer an Naivetät gränzen⸗ den Selbſtverläugnung aus, die, ſo weit wenigſtens meine Erfahrung reichte, noch niemals ihres Gleichen gefunden hatte. So ſtrebte man denn mit einer wah⸗ ren Leidenſchaft dahin, ihn von Zeit zu Zeit zu ſolchen Vorträgen anzuſpornen, und Gelegenheiten zu erfin⸗ den, in denen ſein Talent ſich mit Glanz zeigen 318 könne; namentlich waren die jüngeren Damen uner⸗ müdlich, ſeine Offenberzigkeit herauszufordern und ihm einen Köder hinzuwerfen, den er, mochte er wollen oder nicht, ergreifen mußte, wollte er ſich nicht taub oder blind ſtellen. Da hierzu ſeinerſeits noch ein erſtaunliches Gedächtniß und ein unerſchöpflicher Anek⸗ dotenreichthum kam, der ihn niemals zu Wiederholungen veranlaßte, ſo ſprudelte die Quelle der allgemeinen Ergötzung überaus reichlich und Keiner war in der Geſellſchaft, der ſich nicht ſtets an den harmloſen Ergüſſen erquickte, mit denen er nicht allein die Thor⸗ heiten der Welt, ſondern vorzugsweiſe ſeine eigene geißelte, die er als ein Bruchtheil der allgemeinen großen Weltthorheit zu betrachten liebte. An dem Abend nun, den ich ſchon vorher ange⸗ deutet, hatten ſich mehrere Damen verſchworen, den guten Major ſo recht nach Herzensluſt zum Sprechen zu bringen, und das Glück wollte dem Unternehmen inſofern wohl, als gerade an dieſem Abend die Ober⸗ hofmeiſterin durch Unpäßlichkeit abgehalten ward, an der Geſellſchaft Theil zu nehmen, und ihre ſtrenge Mentormiene alſo dem unſchuldigen Gebahren der jüngeren Welt keine zu engen Gränzen zu ziehen drohte.— Als man die Ueberzeugung von dem Ausbleiben wies nur zu deutlich, —— — dieſer ſo wenig beliebten Hofgröße erlangte, entwickelte ſich augenblicklich eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit unter den jüngeren Damen, und ihr ſchelmiſches Lächeln be⸗ daß ſie es diesmal auf einen Hauptſchlag gegen den guten Major abgeſehen hatten, der ſeinerſeits ungemein heiter geſtimmt in unſere Mitte trat., Als man nun nach vollzählig gewordener Ver⸗ ſammlung Platz genommen und einige in der Stadt umherlaufende Neuigkeiten zuerſt beſprochen hatte, rich⸗ teten ſich allmälig alle Blicke auf den ernſt ſchweigen⸗ den Major, der, wie man recht gut wußte, kein Freund von ſolchen Beſprechungen war. „Meine Damen,“ leitete die Fürſtin ſelbſt, ohne jedoch abſichtlich die Partei der jungen Damen zu er⸗ greifen, das Folgende ein, nich ſehe ein Geſicht unter uns, dem das begonnene Thema nicht ſonderlich ge⸗ fällt. Der Herr Major liebt es nicht, das Geſpräch auf bekannte abweſende Perſönlichkeiten gebracht zu ſehen, da ſie unſern Waffen gegenüber völlig ſchutzlos unſrer Gnade oder Ungnade preisgegeben ſind. Kom⸗ men wir alſo ſeiner Neigung entgegen und bitten wir ihn, uns lieber eine noch nichk vernommene Geſchichte aus ſeinem ereignißreichen Leben zul erzählen, davon haben ſowohl wir, wie auch er einen größeren Genuß.“ 320 „Ach ja, ach ja!“ ließen ſich da ſogleich einige friſche Stimmen vernehmen und Aller Augen richteten ſich, ſchon im Voraus vor Freude blitzend, auf meinen Freund, der dicht neben mir und der Fürſtin gerade gegenüber ſaß. 1 „Meine Damen,“ nahm mit ſeinem gewöhnlichen Ernſte, der dennoch einen höchſt komiſchen Eindruck machte, der Major das Wort,„was ſoll ich Ihnen wieder erzählen? Meine Hauptſchickſale kennen Sie bereits, und verſchiedene Einzelnheiten, die noch übrig ſind, bieten zu wenig Intereſſe dar, als daß ich es wagen könnte, Sie damit zu unterhalten oder zu lang⸗ weilen, was am Ende hier Eins und daſſelbe ſein dürfte.“ Man ſchwieg einen Augenblick, gleichſam um ſich auf einen ernſthafteren Angriff vorzubereiten. Plötz⸗ lich aber flüſterte eine junge Dame einer älteren etwas zu und dieſe faßte ſogleich den Gegenſtand auf, wandte ſich forſchend nach dem Antlitz der Fürſtin, die, wie ſie gewöhnlich that, mit einem Bleiſtift flüchtige Skiz⸗ zen bekannter Landſchaften auf ein vor ihr liegendes Papier warf, und ſagte dann:„Durchlaucht erlauben uns gewiß, noch einmal eine Bitte auszuſprechen, die ſchon früher einmal an den Herrn Major gerichtet ward, und die er uns zu erfüllen gewiſſermaßen verſprochen hat.“ 321 Die Fürſtin nickte, ohne von ihrer Arbeit aufzu⸗ ſehen, lächelnd ihre Beiſtimmung zu, der Major aber, der das Gewitter nahen ſah und ihm gern aus dem Wege gehen wollte, ſagte kurz und komiſch genug: „Ich wüßte mich keiner Bitte zu erinnern, deren Erfüllung ich auch nur gewiſſermaßen verſprochen hätte.“ 3 „O Herr Major,“ rief eine junge Dame lebhaft aus,„Sie werden doch heute kein ſchlechteres Gedächt⸗ niß haben als ſonſt? Beſinnen Sie ſich, geſchwind, und ſtellen Sie unſre Geduld auf keine zu harte Probe.“ „Wenn Sie nur die Güte haben wollten, die Bitte noch einmal auszuſprechen, mein gnädiges Fräulein,“ wandte ich mich an die Dame,„mein Freund, deſſen Gutmüthigkeit wir Alle ſo hundertfältig erprobt haben, würde ſich dann gewiß ſogleich Ihren Wünſchen fügen.“ „Was war es?“ fragte die Fürſtin und warf einen kurzen Blick auf die muthigſte der angreifenden Damen. Dieſe ſchwieg, die ältere aber, die vorher ge⸗ ſprochen, erwiderte dreiſt:„der Herr Major hat ein⸗ mal verheißen, uns den glücklichſten Moment ſeines Lebens zu erzählen.“ Der Sohn des Gärtners. III. 21 ———rrrrͤſſnn 322 Alles lachte, denn man wußte ſchon, worauf ſich die Anſpielung bezog. Der Major aber proteſtirte mit mäßiger Gegenwehr, indem er das Wort„Indis⸗ cretion“ hören ließ. „Herr Major,“ nahm die ruhig weiter zeichnende Fürſtin das Wort,„es iſt Niemand unter uns indis⸗ cret. Erzählen Sie alſo getroſt und ich verſpreche Ihnen, kein Wort aus Ihrem Munde ſoll über dieſe Wände hinaus dringen.“ Der Major bereitete ſich ſchon vor, ſein Opfer auf den geſchmückten Altar zu legen, und räuſperte ſich, als Einleitung ſeiner Erzählung höchſt komiſche Blicke nach allen Seiten werfend.„Alſo meinen glücklichſten Lebensmoment wollen Sie hören?“ „Ja, ja, und Sie haben uns ſchon einmal ange— deutet,“ fuhr die ältere Dame fort,„daß es der Mo⸗ ment Ihrer erſten Liebe geweſen iſt.“ Alles lachte jetzt laut, mit großer Freude dem Kommenden entgegenſehend. Der Major aber ſeufzte und ſagte:„Ach, meine Damen, Sie trauen mir viel⸗ leicht nicht zu, daß ich mich auch einmal verliebt habe, aber dennoch iſt es ſo, und das war allerdings mein ſeligſter Moment.“ „Weiter!“ ſagte die Fürſtin, als das Gelächter ringsum verſtummt war. b V V „Nun ja,“ begann der Major ſeine Erzaͤhlung, „es war alſo zur Zeit, als ich Fähnrich geworden war und zum erſten Mal den Degen trug. Natürlich hielt ich mich mit ſolchem Schmucke an der Seite für un⸗ überwindlich und glaubte, der Sieg müſſe ſich an jeden meiner Schritte heften.“ „Der Sieg im Felde?“ ſchaltete eine luſtige Dame ein. „Nicht im Felde allein, mein gnädiges Fräulein, auch an anderen Orten. Nun, ich will mich nicht zieren und es offen bekennen— ja, ich liebte, ſchon von meinen Knabenjahren an— lachen Sie nicht, meine Damen— mir war damals gar nicht lächer⸗ lich zu Muthe— ich liebte alſo dieſe eine Dame oder vielmehr dieſes eine Mädchen von meiner frühſten Jugend an—“ „Sie werden doch nicht immer eine und dieſelbe geliebt haben?“ warf eine ältere Dame leiſe zwei⸗ felnd ein. „Immer dieſelbe, gnädige Frau, und das war eben mein Schickſal. Ich war nämlich damals ſo blöde, wie ich noch heute bin— ja, ja, lachen Sie nur— aber es iſt doch nur zu wahr! Meine kleine Angebetete nun war die Tochter meines Generals und ich fühlte beinahe eine göttliche Verehrung für 21 ſie, ohne doch jemals nur in ihre unmittelbare Nähe gelangt zu ſein. Denn ich war ein armer Fähnrich von bürgerlicher Geburt, ich wollte mir erſt einen Na⸗ men erringen und ſie— war eben die Tochter meines Generals, was ſo viel beſagen wollte, als ob ſie eine Tochter Jupiter's geweſen wäre. Genug, meine Sehn⸗ ſucht nach ihr kannte keine Gränzen, ich ſchlief keine Nacht, ich aß nichts und wurde ganz mager bei mei⸗ nem Schmerz.“ „Weiter, weiter!“ riefen mehrere Damen, nachdem ſie ein leiſes Kichern hatten hören laſſen. „Da wollte es das Glück,“ fuhr der Major fort, „daß der Prinz von L... in unſre Garniſon kam, bei welcher Gelegenheit der General, der beiläufig ſehr geizig war, ein großes Feſt veranſtalten mußte. Auch wir Fähnriche erhielten eine Einladung und wurden, als der Prinz auf dem Feſte erſchien, dem⸗ ſelben namentlich vorgeſtellt. Als mein anrüchiger Name„Fuchs“ genannt wurde, ſpitzte er die Ohren, als ob man ihm einen Verwandten angekündigt habe, denn Sie müſſen wiſſen, daß der Prinz von L. einen Fuchs in ſeinem Wappen führt.„Ah,“ ſagte er,„ſind Sie ein Sohn von meinem alten Fuchs?“ Nein, Durchlaucht, erwiderte ich, mich verbeugend, nicht von Ihrem, denn der iſt ja von Adel, aber 325 vom alten gewiß, denn mein Vater hat vierzig Jahre in Ihrer Armee gedient. Alles ſah mich verblüfft an, daß ich dies wagte, der Prinz aber lächelte, gab mir die Hand und ſagte: „Nun, Sie ſcheinen ein würdiger Sprößling des alten Fuchſes zu ſein, den ich kenne, er hat zu ſeiner Zeit, wie man ſagt, eine gute Klinge geführt. Können Sie auch ſo gut tanzen wie reden, mein lieber Fuchs?“ Wenn Ew. Durchlaucht ſo gütig ſein wollen, mir eine Dame zur Tänzerin zu verſchaffen, ſo will ich mein Möglichſtes verſuchen, aber mit einem Fähnrich, der noch dazu ein Fuchs iſt, tanzt keine Dame gern. „Exeellenz,“ wandte ſich der Prinz zu meinem General,„das iſt ein ſchlauer Burſche, er ſpielt auf Ihhre Tochter an— wollen wir ihn einmal glücklich machen?“ Der General verbeugte ſich beiſtimmend und das Reſultat vom Ganzen war, daß ich die Ehre hatte, meiner Angebeteten vorgeſtellt zu werden und mit ihr zu tanzen. Als ich ihre Hand berührte, meine Damen, durchzuckte mich ein göttergleiches Gefühl, ich glaubte ſterben zu müſſen und doch war mir das Leben nie ſüßer vorgekommen. Aber ach, meine Damen, alles Glück iſt nur ein Schein und das meinige war noch dazu ein ſehr raſch aufblitzender und dann auf ewig 326 verſchwindender Schein. Denn denken Sie, eben als ich im erſten Walzer an der Seite meiner Angebeteten dahin ſchwebe, fährt ein Huſarenrittmeiſter mit ſeiner Tänzerin wie eine Windsbraut gegen mich, erſchüttert mich bis in meine Grundveſten— ich wanke— tau⸗ mele, und da ich meine Tänzerin halb vor Liebesglut, halb vor Verzweiflung feſt umſchlungen halte, reiße ich ſie mit in's Verderben und wir ſtürzen Beide, zum Geſpött der ganzen vornehmen Geſellſchaft, der Länge nach auf den Boden.“ 3 Allgemeines Gelächter verhinderte einen Augenblick die Fortſetzung der Erzählung, der Major aber, durch ſeine Jugenderinnerungen in Feuer gerathen, fuhr bald mit erhobener Stimme fort:„Ach ja, Sie lachen, und auch damals lachte Alles um mich her, wodurch ſich meine ſchwankenden Sinne nur noch mehr ver⸗ wirrten. Und das Schlimmſte dabei war, daß meine Tänzerin, als ich vom Boden aufſprang und ſie über⸗ all ſuchte— verſchwunden war. Statt ihrer aber trat der Prinz an meine Seite, hob den Finger drohend in die Höhe und ſagte lachend:„Junger Fuchs, junger Fuchs, das war nicht ſchlau, das hätte mein alter Fuchs nicht gethan!“ „Aber was iſt denn das für ein glücklicher Mo⸗ ment,“ bemerkte die Fürſtin, die anfangs ernſter ge⸗ —— „— 327 — worden war, lächelnd, als der Major ſchwieg, ner ſcheint mir im Gegentheil ſehr unglücklich geweſen zu ſein.“. „Gedulden ſich Ihro Durchlaucht nur einen Augen⸗ blick, der glücklichſte Moment kommt noch. Was da⸗ nials um mich her vorging, wußte ich nicht, denn ich wagte meine Augen gegen Niemand aufzuſchlagen. Plötzlich aber hatte der Prinz meine Hand ergriffen und mich in ein Seitengemach geführt, wohin man, wie ich alsbald ſah, die Tochter des Generals gebracht hatte, die jetzt weinend auf einem Sopha ſaß.„Leiſten Sie augenblicklich Abbitte,“ flüſterte mir der Prinz zu,„ich werde helfen.“ Mit dieſen Worten leitete er mich zu meiner Liebe, ſprach ihr einigen Troſt zu und forderte ſie auf, mir zu vergeben und zum Be⸗ weiſe dafür mir die Hand zu reichen. Auch ich ſtam⸗ melte jetzt einige unverſtändliche Worte und— o Glück! die reizende Hand meiner Angebeteten ſtreckte ſich mir entgegen und da der Prinz zu gleicher Zeit meinen Kopf der Hand zuneigte, ſo wagte ich es, ſie zu ergreifen und einen Kuß darauf zu drücken— und das, meine Damen, das war mit dem holdſeligen Blick der Vergebung, der mich traf, der glücklichſte Moment meines Lebens— auf Ehre!“ „O, vl riefen Alle, ziemlich enttäuſcht — 328 durch einander,„das iſt nicht wahr, das iſt nicht wahr!“ „Wenn der junge Fuchs, das heißt, der Sohn des alten Fuchſes„auf Ehre“ ſagt,“ betheuerte der Major, aufſtehend und ſeine Hand auf's Herz legend, „ſo können Sie ihm ſchon glauben.“ „Ja, ja,“ rief die ältere Dame, die den Faden der ganzen Erzählung eingefädelt,„wir glauben es Ihnen ſchon; aber da ſind Sie ja ſehr zu bedauern. Ein einfacher Kuß auf einen ledernen Handſchuh, das war doch kein beſonderes Glück!“ „Und doch, gnädige Frau, ich war ſchon dadurch ſehr hoch beglückt.“ „Ja, wenn es noch ein wirklicher Kuß geweſen wäre, nicht wahr?“ fuhr die Dame fort, ſich lächelnd an ihre jüngeren Gefährtinnen wendend.„Oder haben Sie den vielleicht ſpäter auch noch erhalten, Herr Major?“ „Auf Ehre, nein, meine Gnädige. Aber ich habe mich damit getröſtet, daß irgend einmal eine Andere nachholen würde, was Jene verſäumt. Allein— bis jetzt wenigſtens habe ich mich auch darin getäuſcht und in dieſer Täuſchung werde ich wohl bis zu meinem Lebensende beharren müſſen.“ Die Fürſtin warf dem Major einen freundlichen ——— — — —9— 329 Blick zu, lächelte und wandte ſich dann wieder zu— ihrer Zeichnung. Die anderen Damen aber wollten ſich mit dieſer Erzählung nicht zufrieden geben und nach einigem Hin⸗ und Herreden begann die frühere Sprecherin noch einmal: „Herr Major, Sie haben uns den ſchönſten Mo⸗ ment Ihres Lebens zum Beſten geben wollen; wie uns aber insgeſammt ſcheint, ſo iſt derſelbe eher peinlich als ſchön geweſen. Sie haben uns diesmal alſo nicht vollſtändig befriedigt, und um Ihnen Ge⸗ legenheit zu geben, es wieder gut zu machen, ver⸗ urtheilen wir Sie auf der Stelle, uns dafür auch den ſchrecklichſten Moment Ihres Lebens zu ſchildern, der vielleicht eben ſo komiſch und angenehm iſt, wie jener ernſthaft und unglücklich war.“ Ueber das bärtige Geſicht des Majors lief— eine ſeltene Erſcheinung bei ihm— ein ernſter Schat⸗ ten. Er beſann ſich, während Alles aufmerkſam ſchwieg, eine Weile, dann ſagte er:„Ach nein, meine Damen, darin kommt weder etwas Komiſches noch etwas Angenehmes vor— der ſchrecklichſte Moment meines Lebens war ſehr ſchrecklich, durch und durch.“ „Erzählen Sie, erzählen Sie!“ riefen Alle durch einander.„Geſchwind, Herr Major!“ „Aber meine Damen,“ fuhr der Major aufſtehend 330 fort,„Sie verlangen da etwas ſehr Ernſthaftes von mir, worauf ich eigentlich nicht vorbereitet bin. Es iſt Nichts zum Lachen dabei, Alles iſt, wie gehar ſehr ernſt.“ ruhig die wieder zeichnende Fürſtin,„erzählen Sie lieber.“ „Sie befehlen, Durchlaucht, und ſo geſchehe es.— Es war auch noch in meinen Fähnrichsjahren, als ich einſt Urlaub bekam und meinen Bruder beſuchte, der, einige Jahre älter als ich, damals in Halle ſtudirte. Eines Tages wurde eine Waſſerparthie nach einem be⸗ nachbarten Dorfe unternommen und ſechs oder ſieben Studenten, die den Kahn ſelbſt ruderten und lenkten, bildeten die Geſellſchaft. Die Saale war in jenem Sommer gerade überaus reißend, und da unſer Fahr⸗ zeug nicht beſonders kunſtgerecht geſteuert und außer⸗ dem von den luſtigen Muſenſöhnen in heftig ſchaukeln⸗ der Bewegung erhalten wurde, ſo erlaubten ſich einige vorſichtige Halloren, die demſelben Ziele zuruderten, eine Warnung über das Waſſer her uns zuzurufen. Allein die jungen Studenten kümmerte dieſe wohlge⸗ meinte Warnung nur wenig, ſie wurden ſogar noch übermüthiger, indem ſie ſich bemühten, den Nachen umzuwerfen, allein dieſer war vernünftiger als ſeine „Machen Sie keine weitere Bemerkung,“ ſagte Q— 331 Inſaſſen und hielt ſich wacker auf den rollenden Wellen in ziemlichem Gleichgewicht. Da kamen wir in eine abgelegene, wiewohl von der Juliſonne ſehr anmuthig beſchienene Gegend. Das Waſſer ſchien hier ruhiger zu fließen, die Luft war ſo einladend warm, daß von einem unſrer Gefährten der Vorſchlag gemacht wurde, ſich au dieſer Stelle zu baden. Ein Gleiches hatten auch die Halloren beab⸗ ſichtigt und zu dieſem Behufe, nachdem ſie uns weit vorausgefahren waren, einen kleinen Anker ausgewor⸗ fen, an dem nun ihr Fahrzeug, leiſe von den Wellen geſchaukelt, auf dem Fluſſe ſtill lag. Auf die Bitte meines Bruders geſtatteten ſie es, daß wir unſern Kahn an den ihrigen banden und ſo lagen auch wir bald vor Anker feſt, nun ohne Zögern uns zu unſerm Vorhaben anſchickend. „Sie können doch ſchwimmen, meine Herren?“ rief da ein alter Hallore uns zu.„Wenn Sie es nicht können, ſo dürfen Sie hier nicht baden, die Saale iſt ringsum über zwölf Fuß tief.“ „Ja, ja, jat“ riefen die Muſenſöhne dem freund⸗ lichen Graukopf entgegen und warfen ſchon ihre leich⸗ ten Röcke ab. Wer aber nicht„Ja!“ rief, das war ich, denn ich ſchwamm nicht beſſer, als eine Bleikugel und hatte noch nie in meinem Leben den Fuß in das — — — 332 Waſſer geſetzt. Eigentlich hätte mein Bruder das wiſſen können, allein er war zu leichtſinnig oder glaubte vielleicht, ich als Soldat, der einen Degen trage, müſſe Alles, alſo auch dieſe leicht zu erlernende Kunſt verſtehen. Ich ſelbſt aber war damäls auf meinen kurz zuvor errungenen Rang ſo ſtolz und eingebildet, daß ich mich ſchämte, meine Ungeſchicklichkeit einzuge⸗ ſtehen, und ſo that ich wie alle Uebrigen, indem ich mit affenartiger Nachahmung meine Kleider zuſammen⸗ legte, wie ſie, meinen koſtbaren Degen aber vor jeder Entweihung ganz abſonderlich vorſichtig bei Seite brachte. Endlich waren wir zu dem Unternehmen fertig. Einer der Studenten nach dem andern ſprang in's Waſſer, bis zuletzt ich allein in dem Kahne zurück— blieb. Es war ein ernſter Moment, meine Damen, der bald noch ernſter werden ſollte. Ich kann nicht läugnen, ich hatte einige Angſt, das Waſſer ſchien mir ſo kalt und die Luft ſo warm zu ſein, daß ich gern in letzterer zurückgeblieben wäre und eigentlich keinen rechten Grund auffand, meinen ſicheren Aufenthalt mit dem viel unſicherern zu vertauſchen. Allein der dumme Dünkel, man könne einen Soldaten für feige oder für weniger geſchickt als andere Leute ſeines Alters halten, beſtegte meine Bedenklichkeiten und ich ſetzte b 333 mich erſt ganz vorſichtig auf den Rand des Kahns, um das Waſſer zu verſuchen. Es ſchien mir noch kälter zu ſein, als vorher, und beinahe hätte ich ſelbſt jetzt noch erklärt, nicht ſchwimmen zu können, wenn nicht einer der Studenten mich aufgefordert hätte, mich zu beeilen, es ſei zu ſchön in der Saale. Da faßte ich mir ein Herz, aber nicht eher ließ ich mich in das Waſſer gleiten, als bis ich noch einmal den blauen Himmel über mir und die grüne Erde rings um mich herzlich ſehnſüchtig angeſchaut hatte. Dann, mit einem wahren Verzweiflungsgrimm, ließ ich mich los, meine Seele dem allmächtigen Schöpfer be⸗ fehlend.“ Als der Major in ſeiner Erzählung ſo weit ge⸗ kommen war, ſchwieg Alles rings umher in der größten Spannung, obwohl einige Damen bei der genauen Schilderung der Einzelnheiten vorher ein leiſes Kichern hatten hören laſſen. Alle nahmen den innigſten An⸗ theil an dem Geſchick des übermäßig kühnen Fähnrichs und vergaßen darüber ganz, daß er noch jetzt als Major wohlbehalten in ihrer Mitte ſaß. Vor Angſt und Beſorgniß aber athmeten ſie laut und richteten ihre Augen in zunehmender ſtarrer Bewegungsloſigkeit auf den Erzähler. Nicht ſo ich, der ein ganz anderes Ziel vor ſich hatte. Ich blickte nach der Fürſtin hin⸗ —————— 334 über, die, ihre Bleifeder ruhend laſſend, in ihrem Seſſel zurückgelehnt ſaß und den Major feſt, aber wie von einem inneren Entſetzen gepackt anſchaute, ſo daß ihr Buſen in großer Bewegung ſich hob und ſenkte und die Bleiche des Schreckens ihr ſonſt ſo roſiges Geſicht ü berzog. „Meine Damen,“ fuhr nun der Major in ſeiner Erzählung fort,„wie Sie ſich denken können, ver⸗ ſchwand ich ſehr bald unter der Oberfläche des Waſ⸗ ſers, und ohne daß ich mir die geringſte Mühe darum gegeben hätte, ſank ich raſch tiefer und tiefer, bis ich plötzlich den Grund des Fluſſes unter meinen Füßen fühlte und nun erſt der ſchreckliche Gedanke wie Orgel⸗ gebraus mich umrauſchte: Du wirſt ſterben müſſen, wenn Du nicht wieder emporkommſt. Sterben, ſo jung noch, ſo voller Hoffnungen und Wünſche, und noch dazu ſterben den gemeinen Waſſertod, dem man nur kranke Hunde oder blinde Katzen preisgiebt, den Selbſtmörder in ihrer Verzweiflung ſuchen und der die Geſichter der Ertrunkenen ſo gräßlich entſtellt! Alles dies ging mir in einem Augenblick im Kopfe herum, aber noch viel mehr, ſo daß ich es Ihnen kaum ſagen kann. Alles was ich je erlebt, Schönes und Gutes, Alles was ich für meine Zukunft hoffte, Großes und Bedeutſames, zog wie ein blitzartig vor⸗ 33⁵ überziehendes Bild an meinem inneren Auge vorbei und, von dem allmächtig gewordenen Selbſterhaltungs⸗ trieb beſeelt, ſtoße ich meinen Fuß gewaltſam gegen den Boden und ſiehe da, das Waſſer hebt mich, trägt mich empor, plötzlich wird es über mir lichter, ich tauche dus dem glasgrünen Waſſer auf und Gottes belebende Sonne erfreut meine Sinne wieder mit ihrem roſigen Lichte. Da aber, meine Damen, packt mich zum erſten Mal Angſt und Beſorgniß, denn wehe, ich ſinke wieder, ich ringe mich noch einmal mit krampfhafter Anſtrengung empor, ſchnappe nach Luft, ich kämpfe und kämpfe, aber mein Gewicht iſt ſchwerer als mein Widerſtand, und ich ſinke zum zweiten Mal tief unter, ohne mehr die Kraft und das Nachdenken zu beſitzen, noch einmal nach Oben zu ſtreben, da meine Beſinnung faſt ganz geſchwunden war. Ja, ich wäre verloren geweſen, wenn Gott nicht in ſeiner Barmherzigkeit und Güte mir unerwartet einen Retter geſandt hätte. Ein junger Hallore, noch halb ein Kind, der fern von den Uebrigen umher⸗ ſchwamm, hatte mein langes Untenbleiben bemerkt, mein Auftauchen und Wiederunterſinken geſehen und Verdacht geſchöpft. Mit allen Kräften ſtrebte er nach der Stelle, wo ich zuletzt aufgetaucht, läßt ſich auf den Grund des Waſſers ſinken und erblickt mich, als ich eben im Begriff zu verſcheiden bin. Ohne an ſich, ſeine Eltern, ſeine Geſchwiſter und ſeine ſchwache Kraft zu denken, faßt er mich bei den Haaren und zieht mich mit einem gewaltigen Ruck empor. Kaum aber hat er mich an die Luft gebracht, ſo erwacht mein Bewußtſein wieder und die Gefahr, die ich laufe, ſteht mir klar vor Augen. Dem Inſtinct der Selbſt⸗ erhaltung folgend, ſchlinge ich meine Arme um ihn und ſo ſinkt er wieder mit mir in die Tiefe hinab, um mit mir zu ſterben, wenn keine Hülfe naht. Aber die Hülfe nahte wirklich, ſeine Gefährten be⸗ merkten die Gefahr, in der wir Beide ſchwebten, zu rechter Zeit und ſtürzten ſich nun insgeſammt in die Tiefe, uns zu retten. Wie es gelungen, weiß ich nicht mehr, erſt nach einer oder zwei Stunden kehrte ich in einem Bauernhauſe zur Beſinnung zurück, und die Einzigen, die ich an meinem Bette ſitzen ſah, waren mein Bruder und der junge Hallore. Von nun an erfolgte meine Wiederherſtellung ſehr raſch und man konnte mich am Abend auf einem Lei⸗ terwagen nach der Stadt fahren, wo ich am andern Tage ſchon völlig geneſen war. Meinen erſten Gang richtete ich nach der Wohnung des jungen Halloren, um ihm meinen Dank für ſeine Hülfe zu ſagen. Alles was ich und mein Bruder an baarem Vermögen beſaß, —— 335* hatte ich zuſammengerafft, um es ihm anzubieten. Als ich ſein Haus in einer kleinen dunklen Gaſſe betrat, ſah ich den Knaben mit ſeinem Schweſterchen auf dem Flure ſpielen.„Mein junger Freund,“ ſagte ich,„ich danke Dir herzlich für den Beiſtand, den Du mir geſtern geleiſtet haſt. Wäre ich ein reicher Mann, ich würde Dich fürſtlich belohnen— ſieh aber her, das iſt Alles, was ich Dir bieten kann, denn ich ſelbſt bin eigentlich nur ein armer Menſch.“ Da aber hätten Sie, meine Damen, den jungen Halloren ſehen ſollen. Er wies meine ausgeſtreckte Hand mit ſeinen beiden zurück und drückte ſie dabei freundſchaftlichſt. Mit edlem Kopfſchütteln ſodann und einem mir unvergeßlichen Blicke ſagte er:„Junger Herr, nicht um eine Belohnung von Ihnen zu erhalten, bin ich untergetaucht und habe Sie hervorgeholt; mir galt es, ein Menſchenleben zu retten, das koſtbarer vielleicht war, als das meine, und danken Sie Gott, wie ich ihm danke, daß es mir gelungen iſt. Gehen Sie ruhig Ihres Weges und genießen Sie das Wenige, was Sie beſitzen, in Frieden, ich aber bin der Sohn eines Halloren und be⸗ gnüge mich mit dem, was mein Vater mir giebt.“— Das, meine Damen, war die Erzählung von dem ſchreck⸗ lichſten Moment meines Lebens und nun habe ich Ihre Auf⸗ merkſamkeit gewiß lange genug in Anſpruch genommen.“ Der Sohn des Gärtners. III. 1 22. 2 Alles ſchwieg, als dieſe Erzählung beendet war, Jeder war ernſt geworden und man konnte eine lange Zeit das lebhafte Athmen der Anweſenden vernehmen, bis ſich ein allmälig laut werdendes Murmeln bemerk⸗ lich machte, das auch mich aus meinem betäubungs⸗ artigen Zuſtande weckte, der ich wie ein Falke die Bewegungen, das Mienenſpiel der bis tief in die Seele erſchütterten Fürſtin beobachtet hatte. Plötzlich aber, nachdem ſie einen raſchen, funkelnden Blick auf mich geworfen, ſteht ſie auf, ſtößt ihren Seſſel zurück, thut einige heftige Schritte durch's Zimmer und drückt dabei die linke Hand feſt auf das gewiß mächtig ſchlagende Herz. Alle Damen und Herren erheben ſich ebenfalls, ganz erſchrocken auf die Bewegung der Fürſtin ſchauend, die ſie Alle auf die Erzählung des Majors zurück⸗ führten, während ich der Einzige in der Geſellſchaft war, der den Grund derſelben beſſer kannte. „Was iſt Ihnen, Durchlaucht?“ fragte ſchnell hinzutretend eine Dame,„Sie ſind ganz bleich ge⸗ worden?“ „Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich— ein Augen⸗ blick, und es geht vorüber!“ ruft die Fürſtin und ſchreitet in's Nebenzimmer, wo ſie ſich hinter der Thür verbirgt, während im Verſammlungsſaale Alle um V den Major ſich gruppiren, der ſich ganz ſeiner Ver⸗ zweiflung überläßt, die Fürſtin in einen ſo großen Schrecken verſetzt zu haben.„Mein Gott,“ ruft er halblaut,„habe ich ihr mit meinen dummen Worten ſo wehe gethan? Sehen Sie wohl, ich wußte es ja, daß ich Ihnen nichts Spaßhaftes erzählen würde!“ Während dies in unſerm Zimmer vorgeht, erholt ſich die Fürſtin raſch. Sie tritt aus dem Nebenzim⸗ mer mit, ihre Miene beherrſchender Ruhe wieder ein, wirft einen großen flammenden Blick über uns Alle und verſucht dann zu lächeln, was ihr jedoch nur halb gelingt. Kaum ſieht der Major die Fürſtin wieder, ſo eilt er auf ſie zu.„Gnädigſte Frau,“ ruft er, die Hände vor ſeiner Bruſt faltend,„verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen mit meiner leider ſehr wahrheitsgetreuen Er⸗ zählung ſo wehe gethan!“ „Nein, Herr Major,“ antwortete ſie, wunderbar ruhig und mit einem wahren Engelslächeln,„Sie haben mir nicht wehe, vielmehr haben Sie mir— ſehr wohl gethan!“ In dieſem Augenblick trat der Kammerdiener Zöllner ein und meldete, daß die Tafel ſervirt ſei. Die Fürſtin bat um des Majors Arm, Beide ſchritten in den Speiſeſaal und wir Andern folgten langſam 22* 1 6 * v 1 . 4 5 als ich am ganzen Abend geweſen war, denn mein Herz ſagte mir, daß die eben erlebten Augenblicke nicht ohne Folgen für mich bleiben würden. Die Unterhaltung bei Tafel entwickelte ſich dieſen Abend ungewöhnlich matt, weil die Fürſtin in ihrem ſeltſamen Schweigen verharrte und nur dann und wann ein einzelnes Wort hören ließ, wenn ſie nicht umhin konnte, ihre Meinung auszuſprechen. Der Major an ihrer Seite trug auf ſeinem verdutzten Geſicht die deutlichen Spuren ſeiner noch fortwirkenden Verzweif⸗ lung, daß er allein es geweſen, der dieſe allgemeine Stockung der ſonſt ſo lebhaften Unterhaltung hervor⸗ gerufen habe. Ich, der ich an dieſem Abend zufällig ſehr weit von der Fürſtin entfernt ſaß, blieb aus ſehr natürlichen Gründen ſtill und wagte es nur ſelten, meine Augen auf das Antljitz derſelben zu richten, die tief in ernſte Gedanken und Erinnerungen verſunken ſchien. Als die Tafel aber überraſchend früh aufge⸗ hoben wurde, bildeten ſich in allen Ecken kleine Grup⸗ pen, da zuletzt Jedermann in Verlegenheit geratben war und nicht wußte, wie dieſer ſeltſame Abend endigen würde. Während wir nun, nur halblaut redend, hier und da zerſtreut umherſtanden, winkte die Fürſtin den Major zu ſich heran und ſagte ihm folgende Worte, 341 die mir derſelbe ſchon am nächſten Morgen, ſobald er mich ſah, hinterbrachte, da er nicht im Entfernteſten vermuthen konnte, daß ich einſt ſelbſt der Fürſtin den Dienſt erwieſen, den der junge Hallore ihm in der Saale hatte zu Theil werden laſſen. Ich aber, trotz⸗ dem er mir ein ſolches Vertrauen erwies, konnte es nicht über mich gewinnen, ihm eine Erklärung zu geben, die mir eben ſo leicht wie ihm verſtändlich ge⸗ worden wäre, denn ich dachte mir, es möchte der Fürſtin vielleicht nicht angenehm ſein, wenn es bekannt würde, daß ſie mir perſönlich ſo überaus verpflichtet ſei. „Herr Major,“ ſagte die Fürſtin mit dem Aus⸗ drucke der Rührung und eines herzlichen Wohlwollens auf ihrem ſchönen Geſicht, das die bleichere Farbe und die innere Regung nur noch hinreißender gemacht hatte,„Sie dürfen aus meinem Schweigen nicht ent⸗ nehmen, daß mich die Erzählung Ihres ſchrecklichſten Lebensmomentes verſtimmt oder erzürnt habe, ach nein! ganz das Entgegengeſetzte findet ſogar ſtatt, und Sie ſehen mich nur tief bewegt, denn ich nehme einen größeren und innigeren Antheil an Ihrer Erzählung, als Sie ſich vorſtellen können. Und ſo danke ich Ihnen denn für dieſelbe. Damit Sie aber nicht länger im Unklaren über die eigentliche Urſache meiner Bewegung bleiben, ſo will ich Ihnen mittheilen, daß ich mich einſt als Kind in einer ähnlichen Lage befunden habe, wie Sie in der Saale, und daß ein kühner junger Menſch mir einen gleichen Dienſt wie Ihnen der junge Hallore erwies. Sie haben alſo nur in mir die Er⸗ 3 innerung an jene ſchrecklichſte Stunde auch meines Lebens aus ihrem Schlummer geweckt und mir und vielleicht auch einem Anderen damit eine Wohlthat erwieſen. Ich bitte Sie aber, daß Sie dieſe meine Worte Niemanden als höchſtens Ihrem vertrauteſten Freunde mittheilen, denn ich mag nicht, daß man mehr. darüber ſpricht oder fabelt, als in der Wahrheit der Thatſache, die hier nur ſehr Wenigen bekannt, begrün⸗ det iſt. Leben Sie wohl und vergeſſen Sie nicht, bis heute über acht Tage uns wieder eine intereſſante Geſchichte aus Ihrem Leben mitzutheilen.“ Bald nach dieſer geheimen Unterredung verab⸗ ſchiedete uns die Fürſtin. Als ich aber beinahe zu⸗ letzt an die Reihe kam, ihr meine Abſchiedsverbeugung —— · zu machen, ſagte ſid ruhig und ohne eine Miene zu„ voerziehen: „Bleiben Sie noch einen Augenblick!“ Bis die Letzten ſich entfernt hatten, blieb ich, 4 einem Verbrecher, der ſeinen Richterſpruch erwartet, nicht unähnlich, in einem Winkel des Zimmers ſtehen; als aber der aufwartende Diener ſeinen Poſten an 347 ſich mit mir herzlich über mein Glück, ohne zu ahnen, wieviel er vielleicht ſelbſt durch ſeine geſtrige Er⸗ zählung dazu beigetragen hatte, mir daſſelbe zu ver⸗ ſchaffen. Um elf Uhr ließ ich mich bei der Fürſtin mel⸗ den. Sie war allein und ſaß in dem ſchwarzen Trauerkleide, das ſie noch immer trug, vor ihrem Schreibtiſch. Als ich eintrat, ſtand ſie ſogleich auf und ſchritt mir lächelnd entgegen. Beinahe ſtam⸗ melnd brachte ich meinen Dank vor, denn ich war zu tief bewegt. „Danken Sie nicht für eine Kleinigkeit, mein alter Freund,“ ſagte ſie,„die mir ſo wenig gekoſtet hat. Es wäre mir allerdings ein Leichtes, Ihnen eine Ihren Kenntniſſen und Erfahrungen noch entſprechendere höhere Stellung anzuweiſen, allein ich will Sie nicht als einen Protegirten in's Gerede bringen und wünſche Sie auch nicht mit Geſchäften unangenehmer Art zu ſehr zu belaſten. In der Ihnen heute verliehenen Stellung haben Sie nur mit mir perſönlich zu thun und behalten Zeit, und hoffentlich auch Luſt, mit mir zu bedenken und zu bereden, was um mich her nöthig iſt. So möchte ich es von jetzt an zwiſchen uns ge⸗ halten ſehen, da ich Ihnen mein volles Vertrauen ſchenke und in keiner Weiſe mich in Ihnen zu täuſchen 348 fürchte. Wollen Sie die Bibliothek beibehalten— denn die Verwaltung des Archivs wird Ihnen wenig Zeit fortnehmen— ſo behalten Sie ſie; wo nicht, ſo wird ſich ein geeigneter Mann ja wohl dazu finden laſſen. Was wollen Sie alſo thun?“ „Laſſen Sie mir in Ihrer Gnade auch die Biblio⸗ thek,“ bat ihn.„Sie nährt meinen Geiſt und ich bin bereits befreundet mit ihr; auch mäͤchte ich die Freude haben, das begonnene Werk in Bezu Suf Ordnung und Aufſtellung ganz zu vollbringen, und wenn ich nur noch einen tauglichen Gefährten erhalte, ſo wird ees mir, denke ich, in Jahresfriſt gelingen.“ „Damit bin ich einverſtanden.— Nun noch Eins, mein lieber Flemming. Es iſt aber ein Geheimniß, was ich Ihnen anvertraue und vor Ihnen hat es hier nur Ihr verſtorbener Amtsvorgänger gekannt, dem ich — zu vertrauen Urſache hatte und der in früheren. hren Ihre jetzige Wohnung innegehabt hat. Aus Ihrem Wohnzimmer führt von der Wendeltreppe aus, die in das Archiv mündet, über der vierzehnten Stufe eeine Seitenthür in dieſes mein eigenes Zimmer. Sehen Sie, hier hinter dieſem Sopha, der leicht beweglich auf Rollen ſteht, iſt die verborgene Thür. Das iſt der einfache Mechanismus. Hier dieſer Glockenzug ſetzt eine Klingel in Bewegung, die am Fuß der Treppe 4 32 4———— ———-—— in einem dunklen Winkel hängt. Sie werden ſie fin⸗ den, wenn Sie mit Licht hinein leuchten. Ich habe dieſe Einrichtung ſo vörgefunden. Früher mag ſie zu andern, vielleicht böſen Zwecken gedient haben, wir wollen ſie jetzt zu guten benutzen. So können Sie ungeſehn zu mir kommen, jeden Augenblick, wann ich Ihrer bedarf, und die Zeit iſt jetzt da, wo dies öfter geſchehen wird. Namentlich aber werde ich Sie zu mir berufen, wenn Sie mir bei einer Arbeit helfen ſollen, denn einer Hülfe, wie Sie ſie leiſten können, bedarf ich. So bewahren Sie alſo auch dies Ge⸗ heimniß. Ich liebe es nicht, ſelbſt von meinen ver⸗ trauteſten Dienern beobachtet zu werden, es knüpfen ſich zu leicht Beſprechungen daran, die mindeſtens überflüſſig, wenn nicht unangenehm ſind. Sind Sie damit einverſtanden?“ Ich wollte mich eben in eine weitläufige Dank⸗ ſagung einlaſſen, als die Oberhofmeiſterin gemeldet ward.„Ah,“ ſagte die Fürſtin,„da kommt Ihre beſte Freundin gerade zur rechten Zeit. Laſſen Sie die Gräfin eintreten, Zöllner.“ 3 Als die Gräfin Hohenheim mit ihrer ganzen ober⸗ hofmeiſterlichen Würde hereinrauſchte, um ſich wieder als geneſen zu melden, und dabei mich, dem die Freude das Geſicht hochroth gefärbt hatte, vor der Fürſtin 350 ſtehen ſah, hielt ſie verwundert eine Weile in ihrem Gange inne und trat dann ſtolz mit höfiſchen Schrit⸗ ten näher, mich weiter keines Blickes würdigend. Auf ihrer fahlen Wange brannte plötzlich ein rother Fleck, als wäre ihr eine höchſt unerwartete Ueberraſchung zu Theil geworden. „Sehen Sie da, liebe Hohenheim,“ ſagte die Für⸗ ſtin, nachdem ſich jene noch einmal tief verneigt hatte, „da iſt mein nenuer Archiv⸗Rath, Sie können ihm gleich Ihre Glückwünſche ausſprechen.“ Die Angeredete fuhr faſt erſchrocken einen Schritt zurück und ihr böſes Auge warf einen durchbohrenden Blick auf mich. Dann aber flog ein unheimliches ſpitzes Lächeln um ihre dummen Lippen, ſie verbeugte ſich in ceremoniöſeſter Form vor mir und ſagte kalt: „Auf den Befehl Ihrer Durchlaucht gratulire ich dem Herrn Archiv⸗Rath!“ worauf ſie ihre Meldung ab⸗ ſtattete und um Erlaubniß bat, ſich wieder entfernen zu dürfen, da ſie wohl ſah, daß die Unterredung der Fürſtin mit mir noch nicht ihr Ende erreicht hatte. In wenigen Minuten war ich mit der Fürſtin wieder allein. Sie lächelte, als die Gräfin abgetreten zwar, und ſagte:„Nun wird es in wenigen Minuten die ganze Stadt wiſſen, welches Glück Ihnen wider⸗ fahren iſt, und das iſt mir lieb. Ich möchte Sie 1. gern mit allen Leuten in gutem Einvernehmen ſehen, denn es iſt peinlich, Jemanden geringgeſchätzt zu fin⸗ den und verkleinern zu hören, den man zu achten Ur⸗ ſache hat. Gehen Sie alſo recht bald zu den Herren Miniſtern und ſtellen ſich ihnen in meinem Namen vor. Man wird Sie anders empfangen als früher, ich bürge dafür. Und wenn man Ihnen von Seiten meiner nächſten Umgebung wohlwollend entgegenkommt, wenigſtens mit einem ſo ſcheinenden Geſicht, ſo machen Sie ein ähnliches. Denken können Sie darüber was Sie wollen, das thue ich auch. Darum bitte ich Sie. So hoffe ich denn, daß bald eine allgemeine, wenig⸗ ſtens äußerliche Verſöhnung, ſelbſt mit dem Hofmar⸗ ſchall zu Stande kommen wird.“ „An mir ſoll es nicht liegen, wenn die Herren noch länger mit mir unzufrieden ſind, gnädigſte Frau — aber zu der Oberhofmeiſterin brauche ich doch nicht mehr zu gehen? Zwiſchen ihr und mir wird und kann keine Eintracht herrſchen, unſer Zwieſpalt ſchreibt fich von zu alten Zeiten her.“ Die Fürſtin lächelte heiter.„Ja,“ ſagte ſie,„ich weiß es, ſie kann nicht herrſchen, denn Ihr Beide ſeid wie Stein und Stahl!“ „Ich nehme den Stahl für mich in Anſpruch, Durchlaucht, wenn Sie es gütigſt erlauben.“ — 35⁵5² zum Zunder, bitte ich. Mögen Sie ſie denn bei Seite liegen laſſen, die böſe Frau hat es um Sie verdient, denn ſie allein hat Ihnen, wie ich jetzt weiß, eine ſo ungewöhnliche kalte Aufnahme bei uns be⸗ reitet.“— Als ich aus den Zimmern der Fürſtin in mein eigenes zurückkehrte, ſchien die Novemberſonne hell und freundlich herein. Der Anblick, obgleich ich ihn ſchon ſo oft genoſſen, überraſchte mich doch diesmal auf eine ganz eigenthümliche Weiſe und that mir un⸗ endlich wohl.„Großer Gott,“ ſagte ich dankbar, „Du läſſeſt jetzt endlich die Sonne nicht allein in mein Zimmer, ſondern auch in mein Herz ſcheinen, denn lange habe ich nur Wolken und Schatten zu ſehen bekommen. So haſt Du mich denn unerwartet glücklich gemacht und ich habe wieder eine Lebensſtufe errungen, von der herab ſich die Welt nur in Freude und Glanz darſtellt. O, laß mich lange ſo glücklich bleiben, wie ich es dieſen Augenblick bin, denn mich verhärtet das Glück nicht, mich macht es beſſer und reiner, und darum haſt Du es mir auch gewiß ge⸗ geben. O, meine arme Mutter, die D Du ſchon lange da unten in kühler Erde ruhſt, könnteſt Du doch jetzt einmal 31 mir treten und den frohen Schlag meines „Ja, ja doch, aber machen Sie mich nur nicht ¹ — 4 4 3⁵³ Herzens fühlen, Du würdeſt glücklich ſein gleich mir und mich gewiß wieder an Dein Herz drücken, wie Du es thateſt, als ich ein Knabe war und von dem Fluſſe herkam, aus dem ich dieſelbe gerettet, die mir jetzt jene geringe That ſo glänzend belohnt. O, meine Mutter— Dir würde ich auch ſagen, welche anderen Wünſche noch in meiner Bruſt leben— doch nein, nein, nein, auch Dir nicht, auch Dir nicht, denn ſelbſt dem guten Gott da oben, der mir ſeine Sonne zum Gruße ſendet, ſage ich es nicht, und ſo mag es denn allein in meiner Bruſt wohnen, wo Niemand, Nie⸗ mand es ſieht, noch hört, als ob es auf dem ſtillen Grunde des Meeres läge. O, es iſt ſchrecklich, ſchreck⸗ lich, ſeine Gefühle in ſo tiefes Waſſer ſenken zu müſ⸗ ſen, durch das man nicht ſchwimmen kann. Ich bin noch ſchlimmer daran als der axme Major und die kleine Prinzeß; Jenerxhatte doch noch einen Halloren, und dieſe mich zum Beiſtande, aber wen habe ich? Niemand! Und ſo werde ich wohl einſt verſinken und nicht mehr zur Oberfläche der Freude, des Glücks, der Lebenswonne zurückkehren.“ Ende des dritten Theils. 4 Der Sohn des Gärtners. III. Druck von Oswald Kollmann in Leipzig. „U-——— 8 Leihbibliothek deatſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otftmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — 5 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonneament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eeeee ee Jee eeer — 4 beträgr:. 1 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — u—— auf 1 Monat: 1 Nr. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk.— Ff. „ 3„„—„ 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. kusane eile Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— e —————— Philipp Galen. Dritter Theil. „ 2 6,889R Peipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1861. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten. Erstes Anpitel. Mein Séhickſal erleidet eine Umwandlung. Bis zu dem Punkte, an welchen ich jetzt in mei⸗ ner Lebensbeſchreibung gelangt bin, wird mich der Leſer meiſt nur in zweiter Reihe unter den handeln⸗ den Perſonen angetroffen haben; er möge mich aber 4 znicht für unbeſcheiden halten, wenn er findet, daß ich in dem nun folgenden Drama ſogar eine der Haupt⸗ rollen übernehme und öfter von mir und meinen Em⸗ pfindungen rede, als es bisher geſchehen iſt. Weder mein eigener Wunſch, noch di Feyrgeizige Begierde, 5 unter hervorragenden NRenSen hedeutende Stel⸗ lung einzunehmen, hat mich auf die St 1 welche ich heute innehabe, es war vielmehr des fals Wille, daß ich zuerſt in ein 1 Gewint von Leiden Der Sohn 1. Gärtners. III. geworfen werden ſollte, bevor mich eine erhabene Vor⸗ ſehung, deren Güte und Weisheit ich daraus erſt recht begreifen und bewundern lernte, rettete und dann zum Lohne meiner Ausdauer und Ergebenheit in ihren unerforſchlichen Willen mit unverhofften Glücksgütern ſo reichlich ſegnete. Die erſten ſieben Jahre meines zweiten Lebensab⸗ ſchnittes, die gleichſam die Brücke zu meinem ſpäteren Standpunkte bildeten, verlebte ich inmitten des dem Leſer bereits bekannten Familienkreiſes in friedlichſter . Stille und völliger Unangefochtenheit von Außen her, weshalb ich dieſe Zeit auch nur im raſchen Fluge durcheilen will. Schloß dersbach hatte den Fürſten, ſeine junge Gemahlin, deren Vater und mich aufge⸗ nommen, ſobald die Vermählung der Erſteren in Dresden ihrer Liebe die Weihe gegeben. Hier auf dieſem, vom Strudel der Welt ſo weit abgelegenen Landſitze, im tttten einer paradieſiſch ſchönen Natur, und perſönlichen Neigung, das Leben vach alcen Runzse auszubeuten, hingegeben, bald den Studien und vald den edlen Genüſſen des 14 daſeins huldigend, verlebten wir in einer Kommenen Ruhe und⸗Friedfertigkeit unſere Tage. Nie hatte ich bis dabin ein glücklicheres Paar als meinen Freund Bruno und ſeine Elsbeth geſehen; ganz unſrer Buße 8 3 ihnen war ſo recht eigrnilich die Sonne des Glücks in ihrem ganzen Glanze aufgegangen, und lange ſchon waren in ihren Herzen die Froſtſchauer vergeſſen, die ſie einſt in W... zu überſtehen gehabt. Mein Freund lebte nur für ſeine Frau, wie er ſie ſtets un⸗ ter uns nannte, und ſie lebte nur für ihn, Beiden ſprudelte der Quell der Liebe alle Tage friſch und neu und im Kreiſe ihrer heranwachſenden Kinder eil⸗ ten ihnen die Tage ſo raſch dahin, daß ſie ſich oft ſtaunend anblickten, wenn die Rede davon war, daß ſchon wieder ein Jahr der Vergangenheit angehöre. Der Fürſt von Adersbach, um mit ſeiner äußeren Erſcheinung zuerſt zu beginnen, hatte längſt ſein ehe⸗ ⸗maliges blühendes Ausſehen, ſeine Friſche und männ⸗ liche Schönheit wieder erlangt, wenngleich ſein Geſicht hie und da noch die Spuren der in W... überſtan⸗ denen Krankheit zeigte, und ſein Vater hätte ihn ge⸗ wiß wieder unter ſeine ſchönen Kinder in Gnaden aufgenommen, wenn er mit ihm in Berührung getre⸗ ten wäre. Elsbeth war noch immer das holdſelige, leicht⸗ blütige, fügſame Weib, wie wir ſie früher kennen ge⸗ lernt, aber in ihrem ganzen Weſen machte ſich eine feine Ruhe, eine ſehr natürlich hervortretende Würde bemerklich, die ihr ehemals nicht in dem Gra 1*½ geweſen, und ich hätte wohl den Kritiker ſehen mögen, der, wenn er ſie neben ihrem Gemahl erblickte, zu behaupten gewagt, daß ſie nicht in dem Stande auf⸗ gewachſen ſei, dem ſie jetzt angehörte. In allen ihren Bewegungen und Geberden, in Worten und Werken, in Blick und Miene lag, wie der Duft auf einer Blume, jenes„vornehm“ genannte und mit Worten ſo ſchwer zu beſchreibende Etwas, welches eben ſo an⸗ ziehend wie gebieteriſch auf den feinfühlenden Men⸗ ſchen wirkt, wenn es natürlich und ohne Koketterie zu Tage tritt, und dann eine Zierde iſt, die der damit begabten Erſcheinung den Stempel der höchſten Gei⸗ ſtes⸗ und Herzensbildung aufdrückt. Auch der alte Waldſtein war noch geſund und friſch und niemals hatte ich ihn ſo gut bei Laune ge⸗ ſehen, wie jetzt, da er das Trübſal ſeines Lebens weit hinter ſich liegen ſah. Er bewohnte in dem geräumi⸗ gen Schloſſe einen dem Parke zunächſt gelegenen Flügel, um der freien Natur ſo nahe wie möglich zu ſein, er hatte ſeinen Wald, worin er jagte, ſeine Droſchke mit raſchen Pferden, worin er fuhr, und lebte ganz nach Belieben, nur dann den übrigen Mit⸗ gliedern des Hauſes ſich nähernd, wenn er ein liebe⸗ volles Bedürfniß nach ihnen empfand. Auch Herr von Transfeld, der frühzeitig gealtert und hinfällig — — geworden war, ging ſeinen gewohnten Lieblingsnei⸗ gungen nach; er unternahm ſeine täglichen Spazier⸗ gänge, las und ſchrieb, und wenn er mit Menſchen verkehren wollte, ſuchte er Einen von uns auf, um ihm ſein Anliegen mitzutheilen. Nur zu den Mahl⸗ zeiten Mittags und Abends fanden wir uns Alle ge⸗ wöhnlich zuſammen und Jeder trug dann zur allge⸗ meinen Erheiterung und Belehrung das vor, womit er ſich an dieſem Tage vorzugsweiſe beſchäftigt hatte. Außer den genannten Perſonen aber kamen auch noch viele andre mit uns in Berührung, allein ſie traten uns nicht ſo nahe oder beherrſchten unſre Auf⸗ merkſamkeit in dem Grade, daß ſie ſtörend auf den äußeren oder inneren Frieden der beſtehenden Ver⸗ hältniſſe eingewirkt hätten. Es hatten ſich nämlich ſehr bald einige benachbarte Gutsbeſitzer mit ihren Damen eingefunden, die dem Fürſten in Adersbach ſtets willkommen waren und häufig ſeine Gaſtfreund⸗ ſchaft in Anſpruch nahmen, dieſelbe auch mitunter er⸗ widerten. Außer ihnen beſuchten uns auf meines Freundes Einladung von Zeit zu Zeit verſchiedene gelehrte Herren aus allen Städten und Gegenden Deutſchlands, auch Künſtler kehrten dann und wann ein, und wo der Fürſt ihnen eine Unterſtützung an⸗ gedeihen laſſen konnte, gab er reichlich und 4 — daß man die Gabe nur als einen Zoll der Dankbar⸗ keit und Freundſchaft, nie aber als eine Bezahlung ihrer Dienſte und Leiſtungen hätte betrachten können. Die vortreffliche Kapelle, die der verſtorbene Fürſt von Adersbach geſchaffen, hatte ſein Erbe gern beibe⸗ halten und er machte ſich ein beſonderes Vergnügen daraus, junge talentvolle Muſiker ausbilden zu laſſen und ihnen ſpäter einen höheren Standpunkt in der großen Welt zuzuweiſen, als ſie ihn je in unſrer klei⸗ nen hätten erringen können. Faſt täglich führten dieſe jungen Leute Concerte im Schloſſe auf, und es war noch kein Jahr nach unſrer Ankunft auf Adersbach verfloſſen, ſo entwickelte ſich in meinem Freunde die⸗ ſelbe edle Leidenſchaft für Muſik, die ſeinen Pathen einſt zu dem Mäcen aller böhmiſchen Muſiker ge⸗ macht hatte. So lebten wir wie in einer kleinen Gelehrten⸗ und Künſtlerrepublik glücklich und zufrieden fort und es war außer mir kein Einziger unter uns, dem die Sehnſucht nach Außen hin und der Drang nach grö⸗ ßerem und lebhafterem Verkehr jemals eine Stunde getrübt hätte. Von ſeinen reichen Mitteln machte der Fürſt den weiſeſten und ausgedehnteſten Gebrauch,— viel mehr nooch, als der alte Fürſt es vor ihm gethan. Er ver⸗ wandte erſtaunliche Summen auf die Hebung der Inter⸗ eſſen und das geiſtige und leibliche Wohl ſeiner Unter⸗ thanen. Er baute nicht allein Fabriken und regte dadurch ihre Unternehmungsluſt in verſchiedenen In⸗ duſtriezweigen an, ſondern er errichtete ihnen auch freundliche und geſunde Wohnhäuſer, unterſtützte alle Familien, die deſſen bedürftig waren, und wandte ſeine ganze Aufmerkſamkeit der Erziehung ihrer Kinder zu, von denen er viele unterrichten, ſtudiren und in den Lebenszweigen ausbilden ließ, zu denen ſie ihre Neigung oder ihr Talent trieb. Aus dieſem Grunde ſchon wurde er von Allen auf das Höchſte geliebt und geehrt, Groß und Klein betrachtete ihn wie einen gütigen Vater, Jeder ſprach mit ihm nach Belieben, fragte ihn um Rath, legte ihm ſeine Be⸗ drängniſſe, Anſichten und Wünſche vor und ſo ent⸗ ſtand zwiſchen beiden Parteien ein Verhältniß, wie es nur ſelten unter Menſchen gefunden wird, denen das Geſchick ſo verſchiedene Standpunkte, Mittel und Kräfte zugewieſen hat. Große Aufmerkſamkeit, von einer beſonderen Lieb⸗ haberei und Einſicht darin unterſtützt, verwandte der Fürſt auch auf die Verbeſſerung ſeiner Grundſtücke, ſeines Parks und Schloßgartens, und hier waren Jahr ein, Jahr aus viele Menſchen beſchäftigt, die das Gute dem Schönen zufügten, das Leidliche verbeſſerten und das Unleidliche immer mehr und mehr aus dem Be⸗ reiche ſeiner Herrſchaft auszurotten ſtrebten. So wurden Wieſen entwäſſert, Wege verſchönert und angelegt, Wälder gehegt und gepflegt und in dem herrlichen alten Park ein Raſen gezogen, wie ihn bis dahin noch Niemand in Adersbach zu bewundern Gelegenheit gehabt hatte. Vor Allem aber wurde den Treibhäuſern, der Blumen⸗ und Obſtzucht eine große Sorgfalt gewidmet, und nie habe ich einen ſchöneren Blumenduft eingeſogen und eine herrlichere Farbenpracht geſehen, als in der Um⸗ gebung jenes Schloſſes, wo Flora und Pomona ihre Tempel errichtet zu haben und den ſtrebſamen Sterb⸗ lichen mit ihren göttlichen Gaben in reichſter Fülle ſich dankbar zu erweiſen ſchienen. Arbeit alſo gab es in unſrer kleinen Colonie, wie Bruno einſt verheißen, genug, und fleißige Hände und Köpfe fanden hinreichend zu ſchaffen und zu weben, ſo daß Keiner ſich über Langeweile beklagen konnte oder ſeine Stunden in ſchläfriger Trägheit zu ver⸗ bringen Veranlaſſung fand. Bei allen dieſen reichen und abwechſelnden Lebens⸗ genüſſen hatte der Fürſt nur mit einem Kummer zu kämpfen, dieſer aber war ſchmerzlich genug, um ihm manche ſüße Stunde zu verbittern und auch ihn fühlen —. — —-— zu laſſen, daß ſelbſt begüterte und beglückte Fürſten dem allgemeinen Schickſal der Sterblichen unterliegen. Dieſen Kummer verurſachte ihm der immer noch nicht geſchlichtete Zwieſpalt mit ſeiner Schweſter Hildegard, die ſeine Verbindung mit Elsbeth Waldſtein als eine vollendete Mißheirath betrachtete, wodurch nothwendig eine Trennung auf Lebenszeit zwiſchen ihnen erfol⸗ gen müſſe. 3 Bruno hatte jedes Jahr mehrmals an ſie geſchrie⸗ ben, namentlich zu ihren Geburtstagen, an denen ſie als Kinder immer ſo glücklich zuſammen geweſen wa⸗ ren; er hatte in dieſen Briefen ſein ganzes Herz ſprechen laſſen, wie es früher und auch jetzt noch war, zärtlich und warm, er hatte der Schweſter ſein Glück geſchildert und die Tugenden der braven Elsbeth in's hellſte Licht geſetzt, aber alles dies hatte ihm nichts geholfen und die ſparſamen und wortkargen Antworten der aufgebrachten Fürſtin waren ſogar von einer Be⸗ ſchaffenheit geweſen, daß er endlich alle Luſt verlor, die ſo ſehr begehrte Correspondenz länger fortzuſetzen. Am meiſten verwunderte und am tieſſten verletzte ihn mehrmals die ganz eigenthümliche Gefühlshärte und beinahe Empfindungsloſigkeit, die ſich in den Briefen aus B... ausſprach, und die Erklärung dieſer, der Schreiberin ſonſt gar nicht gewöhnlichen Stimmung * glaubte er einzig und allein in dem traurigen Miß⸗ geſchick zu finden, welches ihr ſelbſt durch ihre Ver⸗ bindung mit dem Fürſten von B... zu Theil gewor⸗ den war. Alle Nachrichten nämlich, die er von ver⸗ ſchiedenen Seiten über die Angelegenheiten am dortigen Hofe erhielt, ſtimmten darin überein, daß die junge Fürſtin ſowohl in ihrer Ehe wie in allen dortigen Verbindungen über die Maaßen unglücklich ſei. Die Ehe mit dem ausſchweifenden Fürſten war kinderlos geblieben und gleich nach der Vermählung hatte das häusliche Elend in vollen Ströͤmen ſich über das unſchuldige Haupt der jungen Fürſtin auszugießen be⸗ gonnen. Der tyranniſche, grauſam willkürliche und jeder Sitte, jedem Anſtande hohnſprechende Sinn des Fürſten hatte auch ſeine junge Gemahlin in den Be⸗ reich ſeiner unmenſchlichen Handlungen gezogen und ſie ſogar, als ſie ſich kühn dagegen auflehnte, mit öffentlicher Verachtung und beleidigender Härte beſtraft. Seine Brutalität gegen ſie und die ihr zunächſt Stehen⸗ den hatte keine Gränzen gekannt. Gleich vom erſten Tage an hatte er ſie auf die gröbſte Art vernach⸗ läſſigt. Favoritinnen von jederlei Herkommen, voll ſchaamloſer Geldgier und ſich überhebender Anmaßung hielten ihn nicht nur in ihren Netzen gefangen, ſondern kehrten ihre freche Stirn auch herausfordernd gegen 4* —3— — 11 die junge Fürſtin, die mit allen ihren Reizen und wunderbaren Gaben vergeblich gegen ſie anzukämpfen verſuchte. Außer dieſen leichtfertigen Damen um⸗ ſchwärmte den Fürſten eine Geſellſchaft nichtswürdiger Creaturen, Speichellecker und Günſtlinge; ſeine Rath⸗ geber und Lieblinge wählte er nicht ſelten aus der Hefe des Volkes, und ſelbſt die vornehmeren Cava⸗ liere, die ſeinen Hof bildeten, waren in ſeiner verfüh⸗ reriſchen Schule groß geworden und ließen alſo in ihrem Thun und Laſſen ſehr viel zu wünſchen übrig. Mit derſelben Leichtfertigkeit, mit welcher der Fürſt ſeine Vergnügungen betrieb, behandelte er auch ſeine Geſchäfte. Das Regieren war ihm eine Laſt, die er ſich von den Schultern und auf Leute zu wälzen ſuchte, die ihm ein ganz falſches Licht von dem Zu⸗ ſtande ſeines Landes und Volkes entwarfen und ihn immer tiefer in ihre Netze verſtrickten, bis es keine Rettung mehr als eine Reihe von Gewaltmaßregeln für ihn gab. So nahm es denn Niemanden Wun⸗ der, daß ſeine Regierung von Tage zu Tage mißlie⸗ biger wurde, bis endlich, da Leib und Seele Geknech⸗ teter nur eine gewiſſe Zeit lang den ſchmerzhaften Druck aushalten können, ſo daß ſie entweder zu Grunde gehen oder zum Widerſtande ſchreiten, eine offene Re⸗ bellion zum Durchbruch kam, die dem Gewaltherrſcher beinahe das Leben gekoſtet hätte. In Folge aller dieſer Mißhelligkeiten verließ er ſein Land, anfangs, wie es hieß, um ſich zu zerſtreuen und in einem entfernten ſüdlichen Lande Geneſung von leiblicher Krankheit zu ſuchen; ſodann aber, vor der langen Weile und dem drohenden Volksunwillen zurückbebend, blieb er immer länger aus und trieb ſich endlich mit einigen Günſtlingen an verſchiedenen Orten in der Welt umher. Paris, London und Rom wußten reichlich von ſeinen zahlloſen Thorheiten und Unmäßigkeiten zu erzählen, und als er auch da keine Befriedigung für ſeinen ruheloſen Geiſt fand und, an Leib und Seele ſich ermattet fühlend, des eklen Le⸗ bens überdrüſſig geworden war, überließ er ſich end⸗ lich den Jeſuiten, die ihn in der Schweiz in ein Klo⸗ ſter gezogen, wo ſie mit der Feſtigkeit ſeiner Reli⸗ gionsanſichten experimentirten, jedoch vergeblich ver⸗ ſuchten, ihn von ſeiner Krankheit zu heilen, welche ſogar einen ſo traurigen Verlauf nahm, daß man von Jahr zu Jahr ſeiner Auflöſung mit größerer Sicher⸗ heit entgegenſehen konnte. 4 Was die Fürſtin unter dieſen Umſtänden in der neuen Heimat litt, der ſie in ſo zarter Jugendblüthe alle ihre Kräfte und Neigungen geweiht hatte, kann —— man ſich leicht vorſtellen; glücklicher Weiſe fand ſie in der Liebe ihrer Unterthanen einen heilſamen Troſt und ſo blieb ſie in dem Lande, das ohne ſie ganz verwaiſt und jeder weiſen Führung beraubt geweſen wäre. Indem man ſie vertrauensvoll mit der ober⸗ ſten Leitung der öffentlichen Angelegenheiten belud, hatten die Landſtände auf ihren Wunſch einen Re⸗ gentſchaftsrath ihr zur Seite geſtellt, der, aus den drei Miniſtern des Fürſtenthums beſtehend, mit ihr das Wohl der Landeskinder erwog, aber leider nicht immer ſo handelte, wie ſie von ihm zu erwarten die Berechtigung zu haben glaubte. Denn auch im Schooße dieſes hohen Rahes waren Mißhelligkeiten ausgebro⸗ chen, Sonderintereſſen machten ſich nach allen Seiten hin geltend und vergebens war das nachdrucks⸗ loſe Anſtämmen einer unerfahrenen Frau gegen die ſchlauen Ränke und die habſüchtigen Begierden einer nimmerſatten Camarilla, deren ganzes Beſtreben auf die Souverainetät eines Nepotismus hinauslief, wie er noch nie in einem wohlorganiſirten Staatsleben Platz gegriffen hatte. Alle dieſe Nachrichten trafen allmälig und jedes⸗ mal das Herz des, ſeine Schweſter ſo zärtlich lieben⸗ den Bruders tief verwundend bei uns ein; die öffent⸗ lichen Blätter des Fürſtenthums, unter der Bevor⸗ 14 mundung des Regentſchaftsrathes ſtehend, ſprachen ſich zwar vorſichtig über die traurigen Verhältniſſe in B... aus, um ſo nachhaltiger und umfaſſender aber ſchilderten uns Privatmittheilungen die allgemeine Lage, und ſo lebten wir in beſtändiger Sorge um die nächſte Zukunft, die wir in Bezug auf das perſönliche Wohl der armen Fürſtin nur als eine höchſt traurige erachten konnten. Oft in der Stille der Nacht und in friedlichſter Einſamkeit berathſchlagte der Fürſt mit mir, wie ſei⸗ ner geliebten Schweſter wohl zu helfen ſei, aber das war eine vergebliche Bemühung und unſer guter Wille viel zu ſchwach, um auf irgend eine zweckentſprechende Weiſe thatkräftig einzugreifen. Theils ſtanden wir der Umgarnten zu fern, hatten auch allen Einfluß auf ſie verloren, theils reichten unſre Mittel bei Wei⸗ tee nicht aus, dem kranken Organismus ihrer Regie⸗ rung eine werkthätige Hülfe zu bieten. „Das hat man davon,“ ſagte eines Abends der Fürſt in tiefer Niedergeſchlagenheit,„wenn man durch eine ſogenannte große Heirath ſich glücklich zu machen und auf einen hohen Fuß zu ſtellen gedenkt. Das hätte mein Vater vorherſehen fönnen, wenn er offene Augen und Ohren gehabt und den Rathſchlägen ver⸗ ſtändiger Menſchen ſeinen Beifall geſchenkt hätte. 15 Aber nein, der Ehrgeiz ſtachelte auch ihn und ſo warf er ſein Kind wie eine Waare hin, ſie verſchachernd an den Meiſtbietenden, als könne er nicht die Zeit erwarten, ſie los zu werden. Er hätte ſich bedenken und Hildegard es ſo machen ſollen wie ich: frei einen Mann wählen, den ſie liebte, und glücklich ſein, wie ich es mit meiner herrlichen Elsbeth bin. Es giebt genug edle Männer von guter Geburt, deren Leben meine Schweſter zum Himmel umwandeln, und die ſie ſelbſt hätten glücklich und froh machen können.“ „Das iſt ſehr bald geſagt,“ erwiderte ich mit wehmüthigem Berzllopſan ⸗„Hildegard iſt ein Weib und hatte weder Deinen kräftigen Geiſt, noch hi Neigung, ihren angeborenen Fürſtenſtolz einem gelie ten Manne zum Opfer zu bringen. Wenn ich das Alles erwäge, kann ich ihr nicht verdenken, daß ſie gerade ſo und nicht anders gehandelt hat.“ „Aber ich, trotzdem ich das auch erwäge. Und was den kräftigen Geiſt und Willen betrifft, mein Freund, ſo hatte ſie ihn ſchon, glaube mir, ſie gerieth nur nicht in die rechten Hände, und das iſt das be⸗ klagenswertheſte Unglück von hochgeborenen Men⸗ ſchen.— In ähnlicher Weiſe unterhielten wir uns oft, was allerdings leichter ſein mag, als die rechten Wege zu 16 weiſen und zu wandeln, zumal wenn man ſelbſt auf ebener Bahn glatt dahin rollt und in ſeiner jugend⸗ lichen Phantaſte einen Berg für ein Thal und ein Thal für einen unmäßig hohen Berg hält. Doch ich muß nun wohl über mich ſelbſt einige Worte hinzufügen, denn es wird Zeit, daß der Leſer auch meine Beſtrebungen und Wünſche während der eben erwähnten ſieben Jahre kennen lernt. Ich hatte während dieſer Zeit faſt ununterbrochen verſchiedenen literariſchen Studien und Unterſuchungen meine ganze Kraft gewidmet und kann wohl ſagen, daß ich nicht allein ſehr fleißig geweſen war, ſondern ¼ auch manchen ſchönen Erfolg hinſichtlich meiner eigenen Ausbildung und Geiſtesklarheit erzielt hatte. Meine Freunde waren nicht ſo durchaus im Unrecht, wenn ſie behaupteten, ich ſei auf dem beſten Wege, ein trockner Gelehrter und Bücherwurm zu werden, denn mich zog mein freundlich gelegenes Arbeitszimmer mit ſeinen Karten, Büchern, Schriften aller Art auf eine wunderbare Weiſe an und wenige Vergnügungen außer demſelben wogen die Luſt und die Befriedigung auf, die ich bei und durch die Arbeit ſelbſt empfand. Ja, ich vertiefte mich oft ſo ſehr in die ſchwarzen geheim⸗ nißvollen Charaktere der Bücher in allen Sprachen und aus allen Zeitaltern, daß Bruno nicht ſelten mit — — 17 Gewalt mich denſelben entriß und ſich heftig über die Unermüdlichkeit beklagte, die ich in meiner eigenen Geſellſchaft blicken ließ, während ich in jeder anderen ſehr leicht ermüdete, das heißt mit deutlich erkennbarer Sehnſucht nach meinem Arbeitstiſch zurückblickte. In den erſten Jahren unſers Aufenthalts zu Adersbach hatte ich mit großem Fleiße unſre Erdumſeglungsreiſe niedergeſchrieben, alle unſere Erfahrungen geſammelt und ſie für die Leſewelt in Geſtalt eines populären Vortrages zurecht gelegt. Ein Künſtler aus Prag, der uns auf meine Veranlaſſung ſehr häufig beſuchte, hatte mit geſchickter Hand verſchiedene, ſehr wohl ge⸗ lungene Illuſtrationen dazu geliefert, und da die Mit⸗ tel vorhanden waren, hatte ich ſie auch in Kupfer ſtechen laſſen, um dann das Ganze in anſchaulicher Weiſe dem Publicum im Druck vorzulegen. Als ich mit dieſer Arbeit zu Stande gekommen, hatte ich unſre Sammlungen in Gemeinſchaft mit einem Gelehrten von der Univerſität Prag ſyſtematiſch geordnet und in einem Saale des Schloſſes aufgeſtellt. Alle dieſe Ar⸗ beiten hatten zu neuen Studien Veranlaſſung gegeben, ich hatte mich immer ſelbſtvergeſſener in die uner⸗ gründlichen Quellen menſchlichen Wiſſens und menſch⸗ licher Erfahrungen vertieft, und wenn ich einmal zum Nachdenken über mich ſelbſt kam und an meine Zu⸗ Der Sohn des Gärtners III. aaaaaaaa e—— — unft dachte, ſo ſah ich alle Tage mehr ein, daß, wenn ich ſo fortfahren würde, wie ich begonnen, mein Daſein ſehr gleichmäßig ſich abſpinnen und ich, ohne es zu ahnen, ein grauer und der äußeren Welt völlig entzogener Mann werden und bleiben würde. Das wäre nun allerdings kein beſonderes Unglück geweſen, allein daß auf dieſe Weiſe mein Leben ſpurlos ver⸗ rinnen würde, hatte ich früher nie geglaubt, wie es ja auch nie meine Abſicht geweſen war, nur mir ſelbſt und meinen Ideen zu leben, ohne der Welt irgend einen Nutzen zu bringen. Denn auch ich, obgleich ich ohne allen, Geiſt und Herz verzehrenden, ſelbſt⸗ quäleriſchen Ehrgeiz war, hatte wohl wie andere junge Renſchen meine perſönlichen Wünſche und Hoffnungen gehegt; auch mir war ein öffentliches Wirken, mit Nutzen für das Allgemeine und mit Auszeichnung für Ziel erſchienen, und der innere Drang, mein Glück meine Perſon, immer als ein ſehr begehrenswerthes und meine Exiſtenz mehr meinen eigenen Kräften und Fähigkeiten als dem Wohlwollen und der Freigebig⸗ keit meines hochſinnigen Freundes zu verdanken, hatte nicht ungehört an meine Bruſt geklopft und ſie zu ſtärkerem Wogen veranlaßt. Immer aber, wenn dieſe Wünſche in mir lebendig wurden, zog mich der Ge⸗ danke an Bruno, an unſer ruhiges, friedfertiges Leben — 19 und die Erinnerung an die uns ſo feſt verknüpfenden Verbindungen früherer Tage von dieſem Wunſche zurück, und nur von Zeit zu Zeit, wenn ich allein war, auf einſamen Wanderungen oder in der Stunde der Erſchöpfung nach langer Arbeit, brach das alte Streben wie eine nicht völlig vernarbte Wunde in mir von Neuem wieder auf. In ſolchen Momenten ſehnte ich mich nochmals in das friſchwogende Leben hinaus, ich wollte wieder wagen und ſchaffen, wieder ſammeln und einſchachteln, um für eine noch ſpätere Zeit Honig und Wachs in Fülle für mein ſtilles Haus zu gewinnen. Zu ſolcher Stunde kam mir das kleine Stillleben, wie ich es in Adersbach führte, zu eng und zu matt vor, ich fühlte, daß ich noch Beſſeres leiſten, daß ich meine Kräfte mit den Kräften Anderer meſſen könne, und wenn ich dabei einer Art ſtill⸗ liſpelnder Ahnung vertrauen wollte, ſo ſchien es mir, als ob mir eine noch reichhaltigere Quelle des Ler⸗ nens und Erfahrens vorbehalten ſei, die ich nur zu ſuchen brauche, um aus ihr einen köſtlichen Labetrunk zu ſchlürfen und mein Herz wie meinen Geiſt mit lebendigerem Inhalte zu füllen. Kam mir aber nach ſolchen Augenblicken Bruno wieder vor Augen, ſah ich ſein kräftiges Walten und Schaffen um mich her, begrüßte er mich mit der immer gleichen herzlichen Miene und Stimme, dann fiel ich wieder in den alten Bann zurück und glaubte die Ueberzeugung zu ge⸗ winnen, daß es mir doch nur von der Vorſehung be⸗ ſtimmt ſei, an ſeiner Seite und mit ihm zu altern und ſo meine Kräfte und Fähigkeiten ungenutzt mit meinem Leben hinſchwinden zu ſehen. Dieſer ſeltſame Zwieſpalt in meinem Innern machte mich oft traurig und rief wiederholt Zweifel gegen mich ſelbſt und an meiner Befähigung in mir wach. In ſolcher Stimmung zog ich mich gern von allem Umgang zurück, wogegen indeſſen Bruno, wenn er ſie merkte, wirkſam einſchreiten zu müſſen glaubte, indem er oft genng ſeine Meinung dahin ausſprach: es ſei meine Pflicht, etwas mehr Zeit auf meine Zerſtreuung zu verwenden, ich ſolle die Arbeit in den erſten beſten Winkel werfen und auf neue Reiſen gehen; die Wahl ſtände mir freigund die Mittel dazu lägen jeden Augenblick bereit, ſobald ich ſie nur verlangen würde. Solchen freundlichen Aufforderungen war bisweilen ſchwer zu widerſtehen, allein ich widerſtand ihnen aus alter Gewohnheit, arbeitete ruhig fort und blieb wo ich war, weil ich nicht glaubte, ferner noch ohne mei⸗ nen Freund freudig und heiter leben zu können. Und was konnte ich auch eigentlich Beſſeres verlangen und erreichen, als was ich ſchon vollauf beſaß? Hatte ich, der Sohn des armen Gärtners in W... es nicht weit genug gebracht? War ich nicht der Freund und Gefährte eines reichen, großen Mannes, eines Fürſten⸗ ſohns und jetzt ſelbſt Fürſten geworden? Waren nicht alle meine menſchlichen Bedürfniſſe weit über meine Erwartung hinaus befriedigt? Konnte ich Größeres wünſchen, angenehmer leben, herzlicher geliebt und ge⸗ achtet ſein?„O nein!“ ſagte ich mir oft und doch ſagte dazwiſchen wieder mein Herz:„O ja!“ denn eben dieſes Herz war todt in mir, lag trocken und verödet in meiner Bruſt; keine ſüßere Regung, kein höheres Streben füllte meine Seele aus und ein Tag verging wie der andere, ohne daß ich mir ſelbſt hätte zulächeln und ſagen können:„Heute haſt Du einen Fortſchritt im Leben gemacht, Du haſt ein Glück empfunden, wie auch andere Menſchen es empfinden und bedürfen, um ſich in ihrem irdiſchen Daſein wohl und behaglich fühlen zu können.“ Alles dies fiel nach Ablauf jener ſchon erwähnten ſieben Jahre mit Centnerſchwere auf mein Herz, als ich mich plötzlich und unerwartet in Adersbach ver⸗ einſamt und gerade mit einer neuen größeren Arbeit beſchäftigt fand. Es war nämlich eines Tages ein Brief aus W... angekommen, der die Meldung brachte, daß der alte Fürſt daſelbſt ſchwer erkrankt — und die Fürſtin es für erſprießlich halte, wenn Bruno poeerſönlich erſchiene und ſeinem Vater ſich vorſtellte. Wolle er mit ſeiner Frau nicht im Schloſſe wohnen, ſo ſtände das bairiſche Häuschen für ihn bereit und er könne dort alle Bequemlichkeiten finden, an die er in Adersbach gewöhnt ſei. So ungern Bruno ſich zu einer Reiſe nach W... entſchloß, ſo beſiegte doch der Gedanke an die ſchwere Krankheit ſeines Vaters alle Bedenklichkeiten, und noch an demſelben Abend, nur von dem alten Wald⸗ ſtein und Herrn von Transfeld begleitet, reiſte er mit Frau und Kindern ab, um die Verbindung mit den Seinigen, die ſeit ſeiner Verheirathung vollſtändig abgebrochen war, endlich wieder herzuſtellen. Ich, der ihn ebenfalls hatte begleiten ſollen, lehnte aus einer mir noch heute unbegreiflichen Laune ſeine Auf⸗ forderung ab, und da er wußte, wie ungern ich mich in W... wieder in den alten Verhältniſſen ſehen würde, ſo gab er meinen Bitten nach und ließ mich in Adersbach allein zurück. Nie in meinem Leben hatte ich, mich ſo einſam und verlaſſen gefühlt wie damals. Die ganze Welt ſchien mir plötzlich wie ausgeſtorben und alle Verbin⸗ dungen mit ihr däuchten mir abgeriſſen, ohne irgend eine mögliche Wiederanknüpfung. Daher kam es denn 23 wohl, daß ich bald nach der Abreiſe des Fürſten faſt Reue über meine Weigerung, ihn zu begleiten, empfand, und hätte er mir nur eine einzige Zeile zukommen laſſen, daß er meiner entbehre, ich wäre ihm auf der Stelle mit Courierpferden nachgereiſt. So ſeltſam raſch wechſeln die Stimmungen im Menſchenleben, das dadurch nur zu ſehr ſeine Gebrechlichkeit und Schwäche enthüllt. Und doch möchte ich ohne die Möglichkeit dieſes Wechſels nicht Menſch ſein, denn er iſt es allein, der ihn hebt und trägt auf der ſchaukelnden Woge des Daſeins, und nur die Bewegung, im In⸗ nern wie im Aeußern, ſchützt ihn vor geiſtigem und leiblichem Tod. Als ich damals einen Tag wie den anderen ruhig und ungewandelt aus der Nacht hervorgehen ſah, kam ein merkwürdig ebbeartiges Gefühl über mich. Mir war zu Muthe, als würde mich das Einerlei des Lebens erdrücken und als hätte ich meine Aufgabe in demſelben ganz und gar verfehlt. Ein nie empfun⸗ denes Sehnen in die Weite, die Fremde, einem un⸗ bekannten Ziele zu, erfaßte mich mit täglich wachſen⸗ dem Ungeſtüm. Wohin ich auch blickte, rückwärts und vorwärts, überall ſchien mir das Licht der bele⸗ benden, erwärmenden Sonne zu fehlen, und ich glaube, ich wäre ernſtlich krank geworden, wenn mein Allein⸗ ſein noch läͤnger gedauert hätte. Als es aber gerade am ſchlimmſten mit mir ſtand, da kam die Hülfe zur rechten Zeit. Der Fürſt kehrte mit ſeinem ganzen Gefolge nach vier Wochen zurück— jedoch wie um⸗ geſtaltet trat diesmal ſeine ganze Erſcheinung vor mich hin! Er ſchien ein ganz Anderer geworden zu ſein, denn theils ſtrahlte er von einer mir noch unbekann⸗ ten Freude, theils betrachtete er mich mit einer, wie mir vorkam, nur mit der größten Mühe zurückgehal⸗ tenen Aufregung, die größer und intenſiver war, als ſie die Freude des Wiederſehens veranlaſſen konnte. Er, der ſtets ſo ruhig, feſt, ſicher aufgetreten war, in deſſen Bewegungen ſogar immer eine Art plaſtiſcher, würdevoller Ruhe gelegen hatte, war lebhaft, beweg⸗ lich, beinahe unſtät geworden; ſeine lauten Begrüßun⸗ gen, ſein ſeltſames Anſtarren meiner Perſon wollten kein Ende nehmen und niemals hatte er mir ſo viel zärtliche Aufmerkſamkeiten erwieſen, wie gerade jetzt. Verwundert ſtand ich, als ich zum erſten Male wieder allein mit ihm war, vor ihm, ſuchte in ſeiner Seele zu leſen und konnte die Zeit nicht erwarten, bis er mir ſeine Erlebniſſe mittheilen würde. „Du bringſt diesmal viele Neuigkeiten mit,“ re⸗ dete ich ihn an,„und wie aus dem Glanze Deines Geſichts hervorgeht, nur gute.“ —2³ 25 „Gewiß, mein Freund, ſehr gute; dann aber— da Du doch Alles wiſſen mußt— auch ſchlimme. Höre mir zu. Zunächſt theile ich Dir mit, daß mein Vater geneſen iſt und daß ich— ja!— pöllig mit ihm ausgeſöhnt bin.“ „Ah, daher Deine überſprudelnde Freude, nun erkläre ich es mir. Das finde ich natürlich.“ „Nur Geduld! Ja, ich bin mit ihm ausgeſöhnt und er hat ſogar Elsbeth und unſre Kinder kommen laſſen und ihnen die freundlichſten Worte geſagt. Freundliche Worte von ihm aber kommen, wie Du weißt, den Liebkoſungen anderer Menſchen gleich. Auch meine Mutter war liebevoll gegen die Kinder und beklagte den unbegreiflich hartnäckigen Wider⸗ ſpruch meiner Schweſter. Doch davon nachher.— Jetzt aber muß ich von Deiner Mutter ſprechen,“ ſetzte er leiſer und von ſeiner lauten Freude gleichſam ſtill in ſich zurücktretend hinzu, ſo daß ich ſofort die Einſicht gewann: was er mir von meiner Mutter zu berichten habe, werde nicht ſo heiter lauten wie das bisher Vernommene. „Meine Mutter?“ fragte ich mit bebender Lippe. „Wie kommſt Du ſo plötzlich auf die? Sie lebt ja nicht mehr in W... Wo haſt Du ſie denn geſehn?“ „Aber ſie war doch in W..., Kurt, wenn auch nur auf kurze Zeit. Sie kam dahin, um noch einmal ihre Bekannten zu beſuchen, aber leider auch, um— nachdem ſie ſie geſehen— zu erkranken.“ „Ah!“ rief ich plötzlich von einer unwillkürlichen Ahnung ergriffen, aus—„Dein Geſicht verräth mir Alles— Du willſt mir ſagen, daß— ſie geſtor⸗ ben iſt!“ „Ja, mein Freund, faſſe Dich— ſie iſt todt!“ „Todt! O! Und ſo ſchnell? Wie kam das?“ „Sie ſtarb ſehr ſchnell, ja. Am Morgen war ſie noch geſund und am Abend ſchon todt. Sie wohnte in der Stadt, und auf dem Schloſſe wußte man nichts von ihrer Krankheit. Als aber von Dir eines Tages die Rede war, ſagte mir meine Mutter, daß Deine Mutter in W.. ſei und daß ſie ſie geſprochen habe; es würde ihr vielleicht wohl thun, mich nach Dir fra⸗ gen zu können. Als ich das hörte, ging ich zu ihr, um ſie zu beſuchen. Es war kurz vor Mittag. Das war der Tag ihrer Krankheit und ihres Todes. Der Arzt ſagte, ſie litte an der Brechruhr. Als ſie mich ſah und erkannte, flog das letzte Lächeln auf Erden über ihr ſo ſanftes und leidendes Geſicht. Sie hatte nur Deinen Namen auf den Lippen. Sie fragte mit der liebevollſten Zärtlichkeit nach Deinem Befinden und endlich— trug ſie mir die letzten Grüße an Dich— 27 auf, da ſie fühlte, daß ihr Ende mit raſchen Schrit⸗ ten herannahe.“ Ich ſank auf einen Stuhl, denn dieſe Nachricht ergriff mich tief und ſchmerzlich, zumal ſie ſo uner⸗ wartet kam. Meine Mutter war in der letzten Zeit immer ſo geſund geweſen, vor wenigen Wochen hatte ich noch die herzlichſten Briefe und ihren Dank für meine ihr zum Geburtstag geſandten Geſchenke erhal⸗ ten, und nun war ſie ſchon nicht mehr am Leben. O welcher, zu meinen anderen hinzukommende, neue herbe Schmerz! Obwohl ich ſeit meinem zwölften Jahre von meiner Mutter getrennt gelebt, ſo hatte ich ihr doch ſtets die Gefühle eines dankbaren Kindes be⸗ wahrt und meine Liebe zu ihr hatte ſich zwar nie in lauten, ſtürmiſchen Ergießungen, ſtets aber in einer ſanften, warmen Neigung geoffenbart. „Faſſe Dich und bezwinge Deinen Schmerz,“ ſagte der Fürſt in ſeiner gewöhnlichen früheren Ruhe,„es iſt ja auf keine Weiſe zu ändern. Als Menſch weißt Du, daß wir Alle ſterblich ſind, und als Mann mußt Du Dich in das Unvermeidliche fügen. Sieh— die⸗ ſen Ring gab mir Deine Mutter für Dich zur Erin⸗ nerung an ſie— ihre übrigen kleinen Beſitzthümer hat ſie aber ihren ärmeren Verwandten vermacht, wo⸗ mit Du wohl einverſtanden ſein wirſt, da Du durch mich viel reicher bedacht biſt als ſie Dich jetzt hätte bedenken können.“ „Woher weißt Du das Alles ſo genau?“ fragte ich ohne eigentliche Ueberlegung, vielmehr nur um in meinem ſtumpfen Gefühle eine meinen Kummer ab⸗ lenkende Frage zu äußern. „Ich kam zufällig hinzu, als ſie ihr Teſtament machte,“ erwiderte der Fürſt.„Man hatte auf ihr Verlangen raſch Anſtalten dazu getroffen. Doctor Hünerbein, her ſie behandelte, ward zum Teſtaments⸗ vollſtrecker ernannt, und er wird Dir in dieſen Tagen das Nähere darüber mit den nöthigen amtlichen Be⸗ richten mittheilen. Ich ſage Dir nur, was ich weiß und was mir Deine Mutter ſelbſt ſagte.“— Zwei Tage war ich nach Empfang dieſer Nach⸗ richt zu jeder Arbeit unfähig und ſie verbitterte mir die ſo lebhaft erſehnte Rückkehr meines Freundes. Während dieſer Zeit durchging ich in Gedanken das eigenthümliche Verhältniß, welches zwiſchen mir und meiner Mutter obgewaltet. Wir hatten eigentlich nicht viel Genuß von einander gehabt, und doch hat⸗ ten wir uns, namentlich in meinen Kinderjahren, ſo überaus zärtlich geliebt. O wie gern hätte ich, ſie jetzt noch einmal geſehen, ſie noch einmal an mein Herz gedrückt! Aber dieſer Wunſch kam nun zu ſpät. Erſt wenn unſre Lieben in der Erde ruhen, fühlen wir, was ſie uns geweſen ſind und wie wenig Zärt⸗ lichkeit— Alles in Allem gerechnet— wir an ſie verwendet haben! Nach dieſen zwei Tagen, in denen Niemand meine Gedanken unterbrach und meinen Schwerz ſtörte, kam der Fürſt abermals zu mir. „Kurt,“ ſagte er mit herzlichem Tone und ermun⸗ ternder Miene,„haſt Du nun Dein Leid bezwungen?“ „Es ſtürmt nicht mehr in mir, aber es bläſt ein wehmüthiger Wind durch meine Seele und ich möchte nach W... reiſen, um wenigſtens noch einmal auf dem Grabe meiner Mutter zu ſitzen.“ Das magſt Du ſpäter thun; für jetzt weiß ich erpas ganz Anderes und viel Wichtigeres für Dich. Ich habe nämlich noch andere Neuigkeiten von meiner Reiſe mitgebracht, die ich Dir aber erſt mittheilen wollte, nachdem Du über den Verluſt der Mutter in Ruhe gekommen wärſt. Haſt Du jetzt Aufmerkſam⸗ keit genug für meine neuen Nachrichten?“ Er ſprach dies mit merklich erhobener Stimme und, wie mir vorkam, mit auffallend belebtem Athem. Ich verſicherte ihm, daß ich völlig bereit wäre, Alles aufmerkſam anzuhören, was er mir zu ſagen haben würde. ————— —— 2—*—— Er ſetzte ſich ſodann mir gegeniber auf einen Stuhl, ſah mir feſt in's Auge und fing folgendermaßen zu ſprechen an: „Kurt, ich habe in W... ganz genaue Nachrichten über meine Schweſter erhalten; meine Eltern waren von jeder Kleinigkeit unterrichtet. Sie wird wahr⸗ ſcheinlich bald Wittwe ſein, ihr elender Mann liegt im Kloſter zu Z... auf der Gränze zwiſchen Italien 3 und der Schweiz, in den letzten Zügen. Da will ich mich denn mit ihr ausſöhnen, ich muß es, länger halte ich dieſe unnatürliche Zwietracht nicht aus. Sie bedarf eines kräftigen männlichen Beiſtandes, eines wahren Freundes, und wer kann ihr das mehr ſein als ich! Wie alle Nachrichten übereinſtimmend lauten, liegt ſie in den Händen von Menſchen, die es keineswegs gut mit ihr meinen. Man zwickt und zwackt ſie, wo man kann, man ſchmeichelt ihr und verdirbt ſie, man flüſtert ihr Liebesworte zuͦ und will ſich nur an ihr bereichern.. Das muß anders werden oder ſie geht zu Grunde.— Könnte ich bei ihr ſein, es würde ſich Alles bald anders geſtalten, aber ſo lange ihre Abneigung gegen 4 mich dauert, geht das nicht und zwingen mag ich ſie nicht, mir zu lächeln. Ich kann alſo jetzt nicht hin und mag auch nicht— ſtatt meiner aber— ſollſt Du zu ihr gehen,“ „Wie? Willſt Du mich als D Deinen Abgeſandten zu ihr ſchicken? Würde ſie mich als ſolchen anerken⸗ nen? Würde ſie meinen Rathſchlägen eben ſo leicht folgen wie den Deinigen?“ Der Fürſt lächelte ſeltſam.„Nein,“ ſagte er,„als mein Abgeſandter— öffentlich von ihr als ſolcher empfangen und anerkannt— ſollſt und kannſt Du nicht zu ihr gehen. Ich habe mir das Alles wohl überlegt. Im Gegentheil, ſie muß gar keine Ahnung von dem eigentlichen Zweck Deiner Sendung haben, ſonſt erreichſt Du ihn nicht. Du mußt alſo ganz im Stillen bei ihr wirken, allmälig ihr näher rücken, wie ein ſchlauer Feind einer ſtark vertheidigten Feſtung unmerklich näher rückt. Haſt Du ſie aber ſicher mit Deinen geſchickt angelegten Minen umgeben, ſind alle Unternehmungen gereift— dann verſuchſt Du einen kühnen Sturm und die Feſtung iſt unſer!“. „Das iſt ja ein förmlicher Feldzug!„ rief doh, entftammt von einer lange nicht empfundenen Freude, und fühlte plötzlich eine ungeheure deneaſt und Sturmesmacht in meinem Innern aufblitze „Ja, ja,“ fuhr er fort,„das iſt es und ich halte Dich für einen guten Feldherrn, weshalb ich Dir auch die Eroberung dieſer für mich ſo werthvollen Feſtung übertrage.“ —— 1 32 „Aber wie ſoll ich denn in ihre Nähe gelangen und unangefochten meine Minen legen?“ „Ja, ſiehſt Du, das war allerdings der ſchwierigſte Punkt und nur dem Zufall oder der Vorſehung konnte es gelingen, uns den richtigen und zugleich einen ſehr bequemen Weg zu bahnen. Lies einmal dieſe Zeitung — hier— dieſe Aufforderung— lies!“ Ich nahm das Blatt, welches er aus der Taſche zog, und las darin eine Aufforderung vom Hofmarſchall⸗ amt zu B..., daß man für die Ordnung der etwas vernachläſſigten Schloßbibliothek, die eine der ſchönſten und reichhaltigſten im ganzen Lande war, an Stelle des unheilbar erkrankten Bibliothekars einen geeig⸗ neten Gelehrten ſuche, der die lange vergrabenen Schätze dem öffentlichen Gebrauche zurückgeben ſolle und, wenn er ſich und Andern daſelbſt gefalle, als Hofbibliothekar ſeine dauernde Stellung in B... fin⸗ den könne. Als ich mit Leſen fertig war, lächelte ich heimlich, denn dieſer Aufruf kam mir wie für mich geſchaf⸗ fen vor. „Nicht wahr,“ ſagte der Fürſt,„das iſt etwas für Dich? Alle Deine ſtillen, lang gehegten Wünſche werden dadurch wie auf einen Schlag erfüllt. Du trittſt in eine neue, bewegtere, größere Welt. Neue Perſonen und Verhältniſſe wirken auf Dich und bringen Dein träges Blut in friſchen Umlauf. Nebenbei— für mich die Hauptſache— geräthſt Du in die Nähe meiner Schweſter. Es knüpfen ſich die alten Ver⸗ bindungen zwiſchen Dir und ihr von Neuem an. Sie ſieht Dich und alle ihre Rrüberdn Neigungen erwachen in ihrer Seele. Sie, die Dir von jeher wohlgewollt hat,— das kann ich Dir, wenn Du es nicht weißt, jetzt auf mein Ehrenwort mittheilen— zieht Dich an ſich. Sie kann nicht umhin, Dir ihr Vertrauen zu ſchenken— ſie begehrt in manchen Dingen Deinen Rath oder forſcht Dich aus. Du giebſt ihr den beſten Rath, den Du haſt, und wenn Du nicht mehr weiter kannſt, wagſt Du einen kühnen Schritt und verweiſeſt ſie an mich. Siehſt Du nun die Möoöͤglichkeit Deines ſieggekrönten Sturmes ein? Fühlſt Du nun, was ich durch dieſe Eroberung gewinne? Ich werde mit ihr ausgeſöhnt, ich fliege zu ihr— ich bin und werde ihr natürlicher Beſchützer, und jeder von uns Beiden hat einen herrlichen Vortheil davon. Natürlich gehſt Du nur ſehr langſam und vorſichtig zu Werke. Eile mit Weile führt ſicher zum Ziel. Daß es Dir in B... an Nichts fehle, wenn man Dir anfangs keine bedeutende Stellung anweiſt, dafür laß mich ſorgen. Und wenn Du auch von unten auf dienen und Dih Der Sohn des Gaͤrtners. III. 3 34 vor einigen dortigen Gewalthabern beugen mußt, diene und beuge Dich, mir zu Liebe. Endlich kommt Dein guter Wille, Deine natürliche Begabung doch zum Durchbruch und Du wirfſt alle ihre nichtsnutzigen Günſtlinge zu Boden und ſtehſt triumphirend— für mich triumphirend— über ihnen. Gefällt Dir das?“ „O ja, das gefiele mir wohl, obgleich ich Deine ſtegreiche Meinung von meinen Erfolgen noch nicht ſo ganz theilen mag, wie ich Dich überhaupt erſt in dieſem Punkte deutlicher verſtehen lernen muß. Biſt Du denn zunächſt ſo feſt überzeugt, daß man mich in B... haben will?“ Bruno lächelte auf eine ganz beſondere Weiſe, mehr innerlich als äußerlich, möchte ich ſagen.„Ich zweifle keinen Augenblick daran,“ erwiderte er,„und um gar nicht in die Irre zu laufen, bin ich ganz gegen meine Art einmal höchſt diplomatiſch zu Werke ge⸗ gangen. Nicht ich ſelber ſchrieb Deinetwegen nach B..., ſondern mein Vater that es auf meine Bitte an meiner Statt, empfahl Dich ſehr warm und glaubt Dir damit einen guten Dienſt erwieſen zu haben. So erwarte ich denn täglich eine Antwort, die natür⸗ lich über W... kommen wird, und Du magſt Dich, bis ſie eintrifft, immerhin auf Deine neue Stellung vorbereiten.“ 3⁵ Nachdem wir noch längere Zeit über das Vor⸗ liegende hin und her geſprochen und ich mich bei meinem Freunde bedankt hatte, als hätte ſeine Be⸗ mühung ſchon die erwartete Frucht getragen, entfernte ich mich, um über das neue Verhältniß, in welches ich möglicher Weiſe treten konnte, ungeſtört nachzu⸗ denken. Dieſes Nachdenken aber wurde von köſtlichen Hoffnungen begleitet, denn ich ſah mich in eine neue thatenreiche Laufbahn verſetzt, meine ſtockenden Säfte kamen in Fluß, meine ſchlummernden Kräfte ermun⸗ terten ſich, und als würde ich ſchon von dem friſchen Blute eines neuen Lebens durchſtrömt, träumte ich mir goldene Berge, wie ſie eine lebhaft angehauchte Phantaſie in der Regel in neuen Verhältniſſen er⸗ blickt, die das alltägliche, abgenutzte Daſein auffriſchen oder eine lang gehegte Hoffnung endlich in Wirklich⸗ keit verwandeln ſollen.. Schon am nächſten Tage packte ich meine Arbei⸗ ten ſorgſam ein und ſchlug meine Bücher zu, denn ich wollte die Zeit, die ich noch in Adersbach zu ver⸗ leben hatte, nützen, indem ich ſie ohne Abbruch mei⸗ nen Freunden widmete, die ich nun bald auf lange Zeit, wenn nicht für immer verlaſſen ſollte. Indeſſen vergingen noch einige Wochen, bevor von W... aus die erwartete Antwort einlief; ſie lautete, wie Bruno ——y—— —— 36 es vorausgeſagt, bejahend dahin, daß man geneigt ſei, Herrn Flemming das Amt eines Hofbibliothekars in B... zu übertragen, falls die damit verbundene Dotation, die angegeben und eigentlich ſehr unbedeu⸗ tend war, ſeinen Erwartungen entſpräche. Es ſei, hieß es weiter, mit dem Amte auch eine Dienſtwoh⸗ nung im fürſtlichen Schloſſe verbunden, für's Erſte aber und ſo lange der bisherige Bibliothekar noch lebe, müſſe Herr Flemming ſich mit einer kleineren darin begnügen. Dieſe Bedingungen wurden von mir nur einer kurzen Prüfung unterworfen und da mein Freund mir zu jenem unbedeutenden Gehalte einen ſehr bedeuten⸗ den Zuſchuß verhieß, ſo unterlag meine Annahme der dargebotenen Stelle keinem Bedenken. Erſt als meine zuſagende Antwort nach B... ab⸗ gegangen war, fiel mir der Gedanke ſchwer auf die Seele, daß dieſe neue Lebensepoche nothwendig mit einer Trennung von Bruno beginne, und das war eben kein angenehmer Anfang. Wir hatten einund⸗ zwanzig Jahre zuſammengelebt, die ganze Erde um⸗ reiſt, Freud' und Leid mit einander getragen und uns ziemlich gleiche Anſichten über die Verhältniſſe dieſer Welt angeeignet. Außerdem verband uns eine faſt brüderliche Zuneigung, die durch alle dem Leſer —— 37 geſchilderten Erlebniſſe von Jahr zu Jahr inniger geworden war, und nun ſollte das Alles wenigſtens durch eine äußere Trennung zerriſſen werden! Das war kein leichtes Unternehmen für uns Beide und am wenigſten für mich. Dennoch hielt ich keinen Augen⸗ blick den Schritt für unmöglich, ſchwer mochte er ſein, ja, und ſogar manches Weh im Gefolge haben, allein ein unbeſtimmter dunkler Trieb ließ mich meine Blicke hoffnungsvoll auf die Zukunft richten, das Getriebe eines vielleicht großartiger, als es in Wirklichkeit war, geträumten neuen Lebens lockte mich unwiderſtehlich an und— die Trennung ward beſchloſſen und ſchon auf die nächſten Tage unwiderruflich feſtgeſetzt.„Die Sterne ſtehen günſtig,“ ſagte ich mir, indem ich mir ſelbſt Muth einſprach,„es kommt allein auf Dich an, den Schatz des Lebens zu heben und die Fülle ſeiner Genüſſe auszubeuten; geh' alſo vorwärts und verſuche zu leiſten und zu vollbringen, was Du kannſt!“ Ich machte mich alſo wieder einmal reiſefertig. Meine Bücher, Schriften und ſonſtigen durch die Ge⸗ wohnheit mir liebgewordenen kleinen Beſitzthümer gin⸗ gen mir in einigen großen Kiſten voraus Fund meine Kleider, Wäſche und was dergleichen mehr iſt, wollte ich in verſchiedenen Koffern ſelbſt mit mir nehmen. Am Tage meines Abſchieds von Adersbach durch⸗ — — —ÿ——— S ———— — ꝗ—ꝭ—— —— 38 tobten mich ſonderbare Empfindungen und noch ein⸗ mal trat mein Vorhaben mit ganzer Klarheit in aller ſeiner meine Zukunft umgeſtaltenden Bedeutſamkeit mir vor die Seele. Es iſt nichts Geringfügiges, im vor⸗ gerückten Lebensalter eine neue Laufbahn einzuſchlagen, vor der man nicht weiß, zu welchem Ziele ſie führen und ob ſie den ſtillen Wünſchen in unſrer Bruſt ge⸗ nügen wird; wie es mir aber auch dabei ergehen würde, aushalten in dem neuen Berufe— das hatte ich mir feſt vorgenommen— wollte ich mit aller Conſe⸗ quenz meines ſtählernen Charakters und mit aller Zähig⸗ keit eines von Jugend auf nach einem höheren Ziele ſtrebenden Herzens. Selbſt wenn mir unerwartete Stürme entgegen blieſen, wollte ich nicht verzagen, ankämpfen gegen jeden und beſiegen auch den ſtärkſten Feind, wenn er mir nahen ſollte, denn, wenn ich in der Darlegung meiner damaligen Gefühle aufrichtig ſein will, ſo demüthigte mich faſt das Bewußtſein, immer auf den Armen Anderer getragen zu ſein und nie den Flügelſchlag meiner eigenen Kräfte verſucht zu haben. Jetzt endlich konnte ich beweiſen, daß ich auch fähig ſei, mit eigener Bruſt durch den Strom des Lebens zu dringen. Der Gedanke an Das, was ich aufgab, an die Genüſſe, an die ich gewöhnt war und nun einbüßte, trat mir nicht nahe, wie Mancher 39 vielleicht erwarten dürfte, ich war nicht ſo lecker und weichlich, darauf ein übergroßes Gewicht zu legen. Meine urſprüngliche einfache Natur war durch Auſtern, Champagner und ein auserleſenes Deſſert nicht ver⸗ dorben und verfeinert, ich konnte ſehr leicht und ohne mich unglücklich zu fühlen, mit Geringerem vorlieb nehmen, ja ich ſehnte mich ſogar danach, einmal ein kleines Minus zu verſuchen, wo ich ſo lange im Plus geſchwelgt hatte, und das Brod, welches ich mir durch meiner Hände Arbeit verdiente, ſchien mir nicht min⸗ der ſüß zu ſchmecken, als die köſtlichen Speiſen, die ich dem Wohlwollen und der Freundſchaft Anderer verdankte. Ueberdieß waren meine ſchon erſparten Mittel nicht unbedeutend, der Fürſt hatte mich längſt reich bedacht und auch jetzt gab er mir eine unver⸗ hofft glänzende Ausſteuer noch mit auf den Weg. „Das Beſte aber,“ ſagte er mir, als ich von ihm Abſchied nahm,„das Beſte, was ich Dir geben kann, ſind meine Wünſche, daß es Dir auf Deiner neuen Laufbahn wohl gehen möge, und die Hoffnung, daß Deine Erwartungen wie die meinigen ihre Erfüllung finden. Behalte ſtets den Hauptzweck im Auge, mich mit meiner Schweſter wieder auszuſöhnen, ohne die ich nun einmal nicht leben mag, und gedulde Dich, wenn es anfangs langſam damit vorwärts geht, wie Brief; ich bin gewiß, daß ſein Inh 40 auch ich mich darin gedulden werde. Hier aber habe ich noch zwei Briefe für Dich und beide bewahre ſorg⸗ fältig auf, bis Du ſie zur gehörigen Zeit an die rechte Perſon abliefern kannſt. Beide ſind, wie Du ſiehſt, an meine Schweſter gerichtet. Dieſen hier, den klei⸗ nen, überreichſt Du ihr bei Deiner Ankunft; er iſt beſtimmt, Dich würdig in Deine neue Stellung ein⸗ zuführen. Den zweiten, größeren aber überliefere ich Dir als eine Sache des innigſten Vertrauens zwiſchen uns Beiden. Sein Inhalt iſt ein höchſt wichtiger und nur im höchſten Nothfalle ſollſt und darfſt Du von ihm Gebrauch machen.“. „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte ich, nicht ohne große geiſtige Spannung, da ſein Geſicht und ſeine Stimme in dieſem Augenblick einen überaus ernſten Ausdruck und Ton annahmen. „Verſteh mich recht,“ fuhr er bedachtſam und doch, wie mir ſchien, nur mit Mühe ein feines Lächeln unterdrückend, fort.„Man kann nicht wiſſen, was Dir in B... begegnet und in welche Lebenslagen Du gerathen könnteſt. Sollte Dir dahe— was Gott verhüten möge!— irgend eine Gefahr drohen, ſei ſie beſchaffen, wie ſie wolle, und komme ſie, woher ſie wolle, ſo übergieb meiner Schweſter dieſen zweiten alt Dir in jedem 41 Falle Erleichterung, wenn nicht völlige Hülfe gewähren wird. Möglich allerdings, daß dieſer Fall nicht ein⸗ tritt; dann bleibt er uneröffnet in Deinen Händen und Du giebſt ihn mir zu gelegener Zeit wieder. Sollte indeſſen die Nothwendigkeit, vielleicht ohne Dein Wiſſen, es verlangen, das ſein Inhalt früher an's Tageslicht komme, ſo werde ich ſelbſt ihn veröffentlichen, und dieſe Nothwendigkeit werde ich am beſten aus den Nachrichten entnehmen, die Du mir, Deinem Ver⸗ ſprechen gemäß, von Zeit zu Zeit zukommen läſſeſt. In dieſen Deinen Nachrichten— ich mache Dir das zur unabweisbaren Pflicht— halte mich in genaueſter Kenntniß von Allem, was Du vorfindeſt und was Dir begegnet, ſei aber ſtets darin ſo aufrichtig und wahr, wie Du es viele Jahre lang in allen unſern Geſprächen und Verhandlungen gegen mich geweſen biſt, ja, ich mache Dich ſogar verantwortlich dafür, daß Du mir nicht einmal Deine geheimſten Gedanken und Empfindungen verhehlſt. In Allem alſo erinnere Dich, daß ich der beſte und zuverläſſigſte Freund bin, den Du auf de Welt haben kannſt. Bei mir— in meinem Herzen wie in meinem Hauſe— bleibt Dir immer eine Zufluchtsſtätte offen, wenn Dein Verbleiben in B... durch irgend ein Verhängniß ein immög⸗ liches walden ſollte.“ Nach dieſen Worten, die mich theils rührten, theils in noch größere Spannung verſetzten, weil ſie mit ganz beſonderem Nachdruck und einer eigenthümlichen Gefühlswärme geſprochen wurden, die mein Freund nur bei höchſt bedeutſamen Veranlaſſungen blicken ließ, umarmte er mich und führte mich dann an den meiner harrenden Wagen, nachdem ich ſchon zuvor von allen Seinigen den herzlichſten Abſchied genommen hatte. 4* Sweites Bnpitel. Wer ein Meiſter werden will, muß Lehrgeld be⸗ zahlen. Da ich, um nach B... zu gelangen, nur einen kleinen Umweg zu machen brauchte, wenn ich W.. berührte, ſo richtete ich meine Schritte zunächſt nach dieſem Orte. Ich ſehnte mich, meiner Mutter Grab zu beſuchen und beabſichtigte dann mit dem Doctor Hünerbein die erwähnte Teſtamentsangelegenheit zu ordnen. Beides führte ich in kurzer Zeit aus. Von dem Hofmedicus erhielt ich keine näheren Aufſchlüſſe über den Hintritt meiner Mutter, als die mir ſchon Bruno überbracht, und nachdem ich Einſicht in das Teſtament genommen, ſtimmte ich vollkommen dem letzten Willen der Erblaſſerin bei, ihre Hinterlaſſen⸗ ſchaft lieber den ärmeren Mitgliedern ihrer Familie — —— —— — —— — — 44 als mir zu überweiſen, der ja derſelben auf keine Weiſe benöthigt war. Natürlich machte ich auch den hohen Perſonen auf dem Schloſſe zu W... meine Aufwartung und wurde von ihnen ſehr wohlwollend und, wie mir ſchien, mit viel größerer Auszeichnung empfangen, als ſie mir je früher hatten zu Theil werden laſſen. Beide, der Fürſt wie die Fürſtin, trugen mir die herzlichſten Grüße an ihre fürſtliche Tochter auf und wünſchten mir den beſten Erfolg von meiner neuen Stellung. Da ich den Wunſch hegte, noch einmal in aller Ruhe das bairiſche Häuschen zu beſuchen, ſo machte ich mich an einem ſchönen Julitage zu Fuße dahin auf den Weg. Ich fand Alles unverändert vor. Das ſtille Haus lag in ſeinem unantaſtbaren Frieden wie früher da und wehmüthige Erinnerungen tauchten in meinem Geiſte auf, als ich die ſchönen Räume im oberen Stockwerke betrat und dabei an die innerhalb ſeiner Mauern verlebten glücklichen Stunden zurück⸗ dachte. Der neue Hofförſter kannte mich nicht per⸗ ſönlich; als er aber meinen Namen hörte, beeiferte er ſich, mir gefällig zu ſein und erkundigte ſich leb⸗ haft nach den Verhältniſſen ſeines Amtsvorgängers, worin ich ihm vollkommen Genüge leiſten konnte. Während meiner Anweſenheit im bairiſchen Häus⸗ 45 chen aber trug ſich das erſte Unglück zu, welches mir auf meinem neuen Ausfluge in die Welt begegnen ſollte. Schon als ich langſam und träumeriſch den Rückweg antrat, ſah ich von einem Hügelrücken im Walde den Himmel über der Stadt ſich ſeltſam rö⸗ then, und als ich die freier liegenden Höhen erreichte, von denen man einen weiten Ueberblick über die Ferne genießt, erkannte ich, daß in der Reſidenz eine nicht unbeträchtliche Feuersbrunſt wüthe. Mit beflü⸗ gelten Schritten eilte ich der Stadt zu, und wer be⸗ ſchreibt meinen Schreck, als ich das Gaſthaus, in welches ich eingekehrt, in Flammen ſtehen ſah. Das Feuer war ſo raſch ausgebrochen und hatte ſo ſchnell überhand genommen, daß an Rettung der darin be⸗ findlichen Gegenſtände nicht mehr gedacht werden konnte, und unter dem Verlorenen befanden ſich auch die Koffer, in denen meine Kleider, meine Wäſche und viele andere meiner Habſeligkeiten enthalten waren. Trotz des ſehr empfindlichen Verluſtes, der mich ge⸗ rade zur ungelegenſten Zeit betraf, frohlockte ich, daß ich meine Bücher, Schriften und werthvolleren Effec⸗ ten durch die Poſt vorausgeſandt, denn hätte ich auch dieſe verloren, ſo wäre meine Einbuße eine unloih größere und faſt unerſetzliche geweſen. 4 Auf dieſe Weiſe ſah ich mich gensthigt, vhnt alles 46 Gepäck und in dem Zuſtande, wie ich ging und ſtand, die nächſte abgehende Poſt nach B... zu benutzen, wobei ich die Erfahrung machte, daß man ſich im Ganzen außer aller Sorge befindet, wenn man in der Lage iſt, ſich ſelbſt eingeſtehen zu müſſen, daß man nun weiter nichts mehr zu verlieren hat. Dieſer phi⸗ loſophiſche Troſt beruhigte und ſtärkte mich ungemein, und da ich die Mittel beſaß, den Schaden zu erſetzen, ſo bereitete mir nur der Gedanke einige Verlegenheit, daß ich in der That vollſtändig abgebrannt in B... anlangte, wo die mich Empfangenden gewiß keine große Vorſtellung von mir gewinnen würden, wenn ſie mich alles Gepäckes baar in die ſtolze Reſidenz und an den Hof der prachtliebenden Fürſtin von B.. einziehen ſähen. Dennoch konnte ich nicht anders und ſo mußte ich mich in das Unvermeidliche fügen und hoffen, daß der ſpätere Eindruck, den ich her⸗ vorbringen würde, den erſten bald in Vergeſſenheit zu verſenken im Stande wäre. „Wenn dieſer Verluſt aber,“ konnte ich mich nicht enthalten zu denken,„eine Andeutung der anderen Dich erwartenden Verluſte iſt, dann wird es in B... erbaulich werden. Faſſe alſo Muth, Freund, nimm Deine ganze Philoſophie zuſammen und waffne Dich gegen das Kommende dadurch, daß Du Alles leicht 47 nimmſt, was Dir begegnen mag, und erſcheine es an⸗ fangs ſo ſchwer und unbequem wie möglich. Nur mit dieſem Entſchluſſe kommt man über alle Berge leicht und bequem hinweg.“— Wie ich aber auch philoſophiren mochte, ich fühlte mich dennoch durch dies erſte unerwartete Ereigniß etwas mehr eingeſchüchtert, als mir lieb war, und um mich auf andere Gedanken zu bringen, reiſte ich durch Thüringen nach dem kleinen Orte, in welchem meine Mutter bei ihrem nun auch bereits verſtorbenen Va⸗ ter gewohnt und wo noch die Verwandten lebten, denen ſie ihren Beſitz zugewandt hatte. Ich traf ſie alle geſund aber traurig an, denn trotz der ſo unver⸗ hofft angetretenen Erbſchaft ging ihnen der Verluſt meiner Mutter ſehr nahe und ſie vergoſſen in meiner Gegenwart zahlloſe Thränen. Nachdem ich ſie ſo gut ich konnte getröſtet, ſetzte ich meine Reiſe auf der Eiſenbahn fort und erreichte ſehr bald die Gränze des Fürſtenthums, dem ich auf längere Zeit als Beamter meine Kräfte weihen und in dem ich die beſten Jahre meines Lebens verbrin⸗ gen ſollte. Es lag weder in meinem Plan noch Wunſch, demſelben nur vorübergehend anzugehören, denn ich liebte es von jeher, einen einmal betretenen Weg geduldig bis zum Ende fortzuwandeln, ſelbſt 48 wenn er mich auf ungebahnte Pfade führen und mir unverhoffte Schwierigkeiten entgegentragen ſollte. Je näher ich der Reſidenz meiner neuen Gebiete⸗ rin kam, wozu ich mich zuletzt wieder der Poſt bedie⸗ nen mußte, um ſo größer und anhaltender wurde die Spannung meines Geiſtes. Wie würde man mich empfangen, dachte ich, was würde mir zunächſt be⸗ gegnen und welche Zukunft würde mich mein erſter Eintritt hoffen laſſen? Denn eine unbeſtimmte und meine früheren Erwartungen ſogar tief herabſpannende Ahnung ſagte mir, daß Alles, was mir von jetzt an geſchähe, anders ſein würde als bisher, und ſogar mein Schlaf in der letzten Nacht, ſonſt immer ſo feſt und tief, hatte mir im Traume wunderbare Schreck⸗ bilder gezeigt, die mich mehr abmahnten als einluden, näher zu treten, ſo daß ich faſt froh war, als das junge Tageslicht mich weckte und mir ringsum die Wahrnehmung geſtattete, daß der Himmel über mir hnoch blau, die Bäume grün und die Gräſer voll des erquickenden Duftes wären, den ich von jeher ſo ge⸗ liebt und der mich immer ſo freudig geſtärkt, wenn ich ihn auf einem Morgenſpaziergange in den Wäl⸗ dern und Auen Böhmens eingeathmet hatte. Nur ein Gedanke unter allen, die mich ſo nahe an meiner neuen Heimat befielen, war angenehm, 24 49 nur ein Bild, welches mir im Schlafen und Wachen vor der Seele ſchwebte, war klar und ungetrübt. Es war der Gedanke an die Fürſtin, deren Bild um ſo lebhafter in mir erwachte, je mehr ich mich ihr näherte und ſie zu ſehen und zu ſprechen hoffen durfte. Ich durchlief im Geiſte ihr ganzes Leben, ſo lange es mir bekannt war. Ich ſah ſie als Kind, der Elfe gleich, zwiſchen den Blumen im Schloßgarten ſpielen, ich hörte ſie mit den kleinen Vögelchen ſprechen und ach! ich ſah ſie noch einmal in das Waſſer zwiſchen den Eisſchollen verſinken, dem meine Hand in unbewußter Hülfsbereitſchaft ſie entriß. Dann aber wuchs ſie in meiner Erinnerung ſchnell rieſengroß und namenlos holdſelig empor. Ich ſah ſie als ſpielendes halber⸗ wachſenes Mädchen, der Sylphe ähnlich, mit wogen⸗ den Locken und blühenden Wangen von Baum zu Baum hüpfen und Schmetterlinge haſchen, und end⸗ lich ſah ich ſie als wunderbar ſchöne Jungfrau ruhig und majeſtätiſch ſich unter ihren Damen bewegen, mit dem Zauber ihres Lächelns Alle erfreuend und nit der Gluth ihres in heiterſter Bläue ſtrahlenden Auges Jeden verwundend oder entzückend. Damals ſchien ihr ein wonnevolles Eden auf Erden beſtimmt zu ſein; ſie war geliebt, verehrt von Allen, der lei⸗ ſeſte ihrer Winke und Wünſche machte alle Männer Der Sohn des Gaͤrtners. III. 4 — 50 ſelig, wenn ſie ſo glücklich waren, von ihr mit einem ſolchen beehrt zu werden. Und jetzt? Würde ſie auch jetzt noch die reine keuſche Eva im unentweihten Paradieſe ſein? Hatte der verſengende Strahl der Glücksſonne ihre Blüthe nicht geknickt oder der an⸗ haltende Sturm der unheilvollen Mißgeſchicke, die über ihr Haupt hingegangen, ihre Lebensquellen viel⸗ leicht nicht längſt verſandet? Würde ſie noch das holdſelige Lächeln auf den Lippen, den erwärmenden Sonnenblick im ſchimmernden Auge haben? Sie war noch jung, ſechs Jahre jünger als Bruno und ich, und wir zählten erſt dreiunddreißig Jahre. Sie ſtand alſo in dem beneidenswerthen Alter, in welchem das Weib erſt völlig zur Erkenntniß ſeiner ſelbſt und der es umgebenden Welt kommt und wo mit der höchſten Blüthe ſeines Geiſtes die üppigſte Reife ſeiner kör⸗ perlichen Schoͤnheit zuſammenfällt. Wenn ich mich aber ſelbſt betrachtete und die Veränderungen nach⸗ rechnete, die ich durchgemacht, ſo konnte ich mir ſagen, daß auch ſie ſolche erlitten haben müßte, denn ſie hatte heftigere und herzerſchütterndere Stürme über⸗ ſtanden als ich, da die Stürme des Lebens oft ſchwerer zu beſtehen ſind und tiefere Wunden ſchlagen, als die Stürme des Meeres, die allein ich nur ken⸗ nen gelernt. Wie würde ſie mich nun verwenden und mein geringes Wiſſen benutzen? Aus dem Briefe des Hof⸗ marſchalls an den Fürſten von W... ging hervor, daß man mir eine meinen Fähigkeiten entſprechende Stellung in B... anweiſen wolle; hatte denn aber der Herr Hofmarſchall oder die Fürſtin ſelbſt einen klaren Begriff von dieſen Fähigkeiten? Man mußte mich alſo erſt prüfen und das wollte man wahrſchein⸗ lich auch. Ich machte mich daher auf eine harte Probe gefaßt, ſetzte mich gleichſam ſattelfeſt zurecht, konnte aber dabei doch nicht umhin, in ſeltſamer Eigenliebe nach den beiden Briefen des Fürſten zu fühlen, die ich wohlverwahrt in der Bruſttaſche trug, und dabei geheimnißvoll zu lächeln, als hätte ich in ihnen ein Schiboleth gegen allerlei Angriffe und Ge⸗ fahren, die im Hinterhalte lauerten, den man mir vorausſichtlich von mancherlei Seite zu legen bereit ſein würde. Unter ſolchen Gedanken näherte ich mich endlich der fürſtlichen Reſidenz und kam zur Betrachtung der mich umgebenden äußeren Gegenſtände zurück, als der Poſtwagen plötzlich auf härteres Pflaſter rollte und raſſelnd das Thor erreichte, welches der Poſtillon auf heiſerem Horne mit einem munteren Reiterliede be⸗ grüßte. 8 1 52 Es war am Abend eines trüben Julitages, als ich in der Reſidenz des Fürſten von B... anlangte, einer Stadt von mittlerer Größe, die mir völlig un⸗ bekannt war, aber von deren Reizen und Vorzügen in Bezug auf bedeutende Werke der Architektur und die Schönheit ihrer Umgebungen ich viel gehört hatte. Sie lag auf einem langgeſtreckten breiten Hügelrücken, deſſen höchſte Spitze das fürſtliche Schloß krönte, im weiten Umkreiſe von einem grünen Kranze maleriſcher Weinberge umgeben, über deren Scheitel in weiterer Ferne die reich bewaldeten Felsgipfel eines viel be⸗ ſuchten Gebirges hervorragten. Die Straße, die un⸗ mittelbar vom Thore, welches mich einließ, ziemlich ſteil emporſtieg, war breit und mit grauen Baſalt⸗ quadern gepflaſtert; ich ſah überall ſchöne neue und mächtige Häuſer aufragen, aber wunderbar, zwiſchen ihnen traf man auch erbärmliche, hüttenähnliche Wohn⸗ ſtätten von ſehr hohem Alter und ruinenartigem Aus⸗ ſehen an, als wollten ſie den Fremden gleich von vorn herein auf die gewaltigen Contraſte aufmerkſam machen, denen er in dieſer Stadt in jederlei Form und Richtung auf Schritt und Tritt begegnen würde. Doch davon ſpäter. Der Poſtwagen nahm ſeine Richtung nach dem Schloſſe, fuhr alſo ſtets bergan, bog aber kurz vor 53 der letzten Höhe ſeitwärts und ſetzte mich vor dem Poſthauſe ab. Hier fragte ich einen Beamten nach dem beſten Gaſthofe der Stadt und er bezeichnete mir als ſolchen die„goldene Krone“, die ganz in der Nähe gelegen war. Da ich nicht das geringſte Gepäck bei mir hatte, ſo merkte kein Menſch auf mich, als ich den offenen Thorweg des erſten Hotels der Reſidenz paſſirte; nur zwei große fette Doggen, die ſchlafend den Ein⸗ gang mit ihren langgeſtreckten Gliedern faſt ver⸗ ſperrten, richteten ſich auf, als ich kam und beſchnüf⸗ felten mich, gleichſam als wollten ſie mittelſt ihrer feinen Naſe unterſuchen, ob ich gepäckloſer Mann auch würdig ſei, in die geheiligten Hallen eines ge⸗ krönten Hauſes einzutreten. Da ſich ſonſt Niemand, weder Hausknecht, noch Portier, noch Kellner blicken ließ, ſo trat ich durch eine etwas unſaubere Glasthür in das erſte Zimmer ein, deſſen Aufſchrift:„Gaſtſtube“ mich freundlichſt dazu einzuladen ſchien. Allein auch dieſe Stube war augenblicklich leer und ein eigenthümlicher, von Tabacks⸗ dampf und heißen Speiſen herrührender, mir ſtets ſehr widerwärtiger Geruch war nicht im Stande, mei⸗ nem Appetite eine beſondere Steigerung zu verleihen. Da dieſes Zimmer trotz des längſt hereingebrochenen Abends noch nicht erleuchtet war, aus dem nächſten Gemache aber, deſſen Thür halb offen ſtand, ein Lichtſchimmer hereinfiel, der freilich von einem düſtren Varinasnebel etwas ſtark gedämpft wurde, ſo trat ich auch da hinein und ſah an zwei oder drei Tiſchen je vier Männer ſitzen, die Whiſt ſpielten, dabei aber ſo ſchweigſam drein ſchauten wie die Wände, die ſie umgaben. Da ich auch hier keine Bedienung und nicht ein⸗ mal die Schnur einer Glocke fand, ſo ſah ich mir un⸗ befangen die nächſten vier Spieler an und glaubte in ihnen einfache Bürgersleute zu erkennen, die ſich hier eine Stunde auf ihre Weiſe vergnügten. Endlich, da mir die Geduld riß, wandte ich mich mit beſchei⸗ dener Frage an den Dickſten der Spieler— dicke Leute betrachte auch ich in der Regel für die gut⸗ müthigſten und zugänglichſten— ob er mir vielleicht den Aufenthalt des Wirthes oder eines ſeiner Trabanten angeben könnte, erhielt aber, weil die Hände die Karten und die Zähne eine lange Pfeife hielten, nur eine unverſtändliche grunzende Antwort, der endlich ein unwilliger Fingerzeig nach einer zweiten Thür folgte. Dieſem Winke gehorſam wendete ich mich nochmals einem anderen Zimmer zu und ſah hier ebenfalls um 5⁵ einige Spieltiſche mehrere Männer ſitzen, die aber Cigarren rauchten und in ihrem Gehaben einen ungleich höheren Rang als jene erſten in der Geſell⸗ ſchaft der Reſidenz einzunehmen ſchienen. Auch ſpielten ſie Vhombre, ließen in ihren dann und wann laut werdenden Ausrufen eine feine accentuirte Sprach⸗ weiſe vernehmen und redeten ſich gegenſeitig mit „Herr Geheimer Rath“ und dergleichen Ehrentiteln an. „Aha!“ dachte ich,„hier haſt Du ein höheres Beamtenthum vor Dir. Geſchwind, nähere Dich, mach' einen Kratzfuß und frage noch einmal nach irgend einer Bedienung.“ „Mein Herr,“ ſagte ich höflich wieder zu dem körperlich begabteſten Hofrath,„wo finde ich wohl den Wirth oder einen Kellner des Gaſthauſes?“ Der Angeredete erhob verwundert ſein mit einer Brille und vielem Fette geſegnetes Geſicht zu mir, warf dann einen fragenden Blick auf ſeine ſtill vor ſich niederblickenden Gefährten, als wolle er von ihnen vernehmen, ob es in ihrer hohen Geſellſchaft auch wohl ſchicklich ſei, einem nicht vorgeſtellten Fremden eine Antwort zu ertheilen, und ſagte dann ruhig: „Da müſſen Sie in das erſte Gaſtzimmer gehen und „Jean!“ rufen, dann wird man kommen und nach Ihren Befehlen fragen.“ Ich verneigte mich dankend gegen die geheimniß⸗ volle Geſellſchaft und ſchritt lächelnd in das große Gaſtzimmer zurück, um das mir anvertraute Stichwort „Jean“ auszuſtoßen, worauf in der That ein am anderen Ende des langen Saales um einen gedeckten Tiſch herumhuſchender Kellner herbeikam und nach meinen Wünſchen fragte. „Kann ich ein Zimmer bekommen?“ „Ganz nach Belieben. Werden Sie hier ſpeiſen?“ „Iſt dies Ihr beſtes Speiſezimmer?“ Der Kellner betrachtete mich mit einem verblüff⸗ ten Geſicht und ſagte dann:„Hier ſpeiſen alle Herren aus der Reſidenz— Sie können aber auch auf Ihrem Zimmer gegen eine beſondere Preiserhöhung ſpeiſen.“ „So werde ich hier vorlieb nehmen und bringen Sie mir das Beſte, was Sie haben.“ Nachdem der Kellner genickt und ſich entfernt hatte, ließ ich mich an dem einen Ende des langen Speiſetiſches nieder und bemerkte dabei durch den narkotiſchen Nebel, der das ganze Haus erfüllte, am entgegengeſetzten eine andere Geſtalt auftauchen, die ſo glücklich war, ein qualmendes Stearinlicht vor ſich zu haben, ſo daß ich beim Scheine deſſelben eine Uniform und noch dazu die eines Stabsofficiers wahr⸗ nehmen konnte. Dieſe eine Wahrnehmung hatte etwas 57 Tröſtendes in ſich, denn wo dieſe feinſchmeckenden Herren verkehren, dachte ich, muß es ſich leidlich genug leben laſſen. Bald darauf wurde mir auch durch Jean die Ehre eines Lichtes zu Theil und da ich ſonſt keine Beſchäftigung hatte, erlaubte ich meinen Augen, ſich auf den mir gegenüberſitzenden Herrn, vor dem ein Schoppen mit einem grünen Glaſe ſtand, zu richten und ihn etwas genauer zu betrachten. Da er daſſelbe Experiment auch ganz gemüthlich mit mir vornahm, ſo ließ ich mich in meiner Muſterung nicht ſtören und bemerkte ſehr bald, daß der Officier ein Mann etwa im Anfange der Vierzig war und ein ſehr anſprechen⸗ des Geſicht hatte, in dem zwar mehr Haar als Fleiſch, aber zugleich auch eine Biederkeit, mit einem leicht erkennbaren Humor gemiſcht, ſichtbar war, die mich augenblicklich auf angenehme Weiſe zu ſeinen Gunſten ſtimmte. Nachdem wir uns eine beträchtliche Weile gegen⸗ ſeitig betrachtet, dabei aber kein Wort gewechſelt hatten, brachte der Kellner dem Herrn einen ſehr hoch auf⸗ gehäuften Teller mit Fleiſch nebſt Zubehör, und da derſelbe ſogleich noch eine andere Speiſe beſtellte, ſo ſah ich, daß ich einen ſtarken Eſſer und alſo gewiß eine gutmüthige Perſon vor mir hatte, wie ich denn 1 58 immer gefunden habe, daß ſolche Leute umgänglicher und friedfertiger als jene feinſchmeckeriſchen Züngler ſind, die es für ein Zeichen von hoher Bildung und feinſtem Tone halten, ſich täglich nur einmal halb ſatt zu eſſen. „Darf ich um Ihr Gepäck bitten?“ ſagte der Kellner, von dem ſpeiſenden Gaſte zu mir herüber⸗ tretend. „Ich habe keins.“ „Ah ſo, ich bitte um Entſchuldigung.“ „Giebt es gute Schneider in der Stadt?“ fragte ich weiter, um den beſtürzten Kellner einigermaßen zu ermuntern. „O, ſehr! Der Hoſfſchneider iſt der beſte!“ „So beſtellen Sie ihn mir auf morgen früh, Punkt acht Uhr. Aber er muß pünktlich ſein, ich brauche nothwendig Kleider.“ Der Kellner, da er einen Mann nicht nur ohne Gepäck, ſondern auch ohne Kleider vor ſich ſah, warf mir einen mitleidigen Blick zu, indem er mich ohne Zweifel für einen armen Teufel hielt, und wollte ſich wieder entfernen, als ich ihm nachrief, mir eine Flaſche Wein zu bringen. .„Eine ganze?“ fragte er vorlaut, im Gehen ſich langſam herumwendend. 39 „Wie es Ihnen beliebt,“ antwortete ich;„wenn Ihnen aber eine halbe für mich hinreichend ſcheint, ordne ich mich ganz Ihrer Vorſchrift unter.“ Der Kellner entwich etwas ſchneller als er gekom⸗ men war, der Officier aber, dem meine Antwort ge⸗ fallen haben mußte, lächelte, trank ſein Glas leer und, mir eine kleine freundliche Verbeugung machend, ſagte „Jean iſt und bleibt ein dummer Kerl!“ „Ich ſcheine hier in kein beſonders gutes Haus gerathen zu ſein,“ lautete meine Antwort, die einer Frage ſo ähnlich wie ein Ei dem andern ſah. „Oho! Es iſt das beſte in der Stadt, das heißt ſchlecht genug und ungeheuer theuer, wie alles Uebrige, was man hier braucht.“ „Alles?“ „Nun ja, das muß man erfahren, und ich habe als Junggeſell die beſte Gelegenheit dazu. Wollen er: Sie lange hier wohnen?“ „In dieſem Hauſe nur bis morgen.“ „Haben Sie ſchon eine andere Wohnung?“ „Ich denke eine im Schloſſe zu erhalten; wenig⸗ ſtens war das eine Bedingung bei meiner Anſtellung am Hofe.“ Der Officier warf mir einen ſcharfen Blick zu, ob ich nicht vielleicht gar ein angehender Hoflakai ſei⸗ Plötzlich aber mußte ihm ſeine Menſchenkenntniß wohl Licht gegeben haben, denn er ſagte:„Ah ſo!“ nahm ſeinen Schoppen und ſein Glas und kam an mein Tiſchende herab, wo er ſich ganz gemüthlich mir gegen⸗ über ſetzte und ſich dann von Jean ſeinen Teller und auch das zweite Licht herunter bringen ließ. „Sie entſchuldigen,“ ſagte er höflich,„ich zeige gern Jedermann mein ganzes Geſicht und ſtelle mich Ihnen alſo vor: ich bin der Major Fuchs, Comman⸗ deur des Leibbataillons.“ Ich glaubte nicht recht verſtanden zu haben, nannte meinen Namen und fügte dann hinzu:„Alſo Herr von Fuchs!”“ „Bitte um Entſchuldigung, thun Sie mir nicht zu viel Ehre an; ich bin ein ganz gemeiner Fuchs, ohne namhafte Vorfahren und Anhang, mein Geſchlecht beginnt eigentlich erſt mit meinem Vater und hört wahrſcheinlich ſchon mit mir auf.“ Ich lächelte und ſah von meinem Teller empor, denn der Humor meines neuen Bekannten ſprach ſich ſo herzlich und behaglich in ſeinem intelligenten Ge⸗ ſicht und ſeinem klaren Auge aus, daß er mir von Augenblick zu Augenblick beſſer geftel. Dabei lag in ſeinem ganzen Weſen eine biedere Treuherzigkeit, wie ſie ſtets von großem Einfluß auf mich geweſen iſt und —ÿ—— 61 mich immer ſehr raſch— und faſt nie zu meinem Schaden— Vertrauen zu dergleichen Leuten faſſen ließ. In dem weiteren Geſpräche erfuhr ich denn auch von ihm, daß er gegenwärtig der einzige Stabs⸗ officier am Orte ſei, da ſeit der Entfernung des Fürſten ein Regiment Dragoner und ein anderes In⸗ fanterie⸗Bataillon nach der größeren zweiten Reſidenz verlegt ſei, und auch ich nahm keinen Anſtand, ihm von meinem Unglück zu erzählen, das mich auf der Reiſe hierher meines ganzen Gepäckes beraubt hatte. Dieſe Mittheilung ſchien ihm von Intereſſe zu ſein, er gab mir ſein Beileid zu erkennen, konnte ſich aber nicht enthalten, mit ungemeiner Gutmüthigkeit hinzuzufügen:„Da ſind Sie ja in Wahrheit abge⸗ brannt, ehe Sie hierher kamen; ich will hoffen, daß Ihr Beutel kein Compagniegeſchäft mit Ihren Klei⸗ dern getrieben hat!“ „Nein,“ erwiderte ich lächelnd,„der war in meiner Taſche wohl verſicher und ich bin glücklicher Weiſe in der Lage, meinen Verluſt verſchmerzen zu können. Wiſſen Sie vielleicht, wie es mit der Geſundheit Ihres Fürſten ſteht?“ Major Fuchs ſeufzte und ſtrich mit der Hand durch ſein borſtig hochſtehendes Haar.„Ach!“ ſagte er ſe N etwas leiſer,„daraus wird kein Menſch klug. Heute 62 fabelt man ſo— und morgen anders. Ich wollte— doch, laſſen Sie uns von etwas Anderem reden. Man ſpricht hier nicht gern vom Fürſten, und wenn ich Ihnen rathen darf, nehmen Sie ſeinen Namen ſo ſelten wie möglich in den Mund. Er iſt eſſigſauer und verdirbt Ihnen allen Geſchmack am Uebrigen.— Alſo Sie ſind der neue Bibliothekar im Schloſſe! Nun, der alte kann nicht leben und nicht ſterben, nicht ſitzen und nicht liegen, und Sie werden daher Ihre Aufgabe etwas ſchwer finden, ſich in Ihrem Laby⸗ rinth von Büchern zu orientiren. Oder haben Sie ſich mit einem Ariadne⸗Faden verſehen? Ohne den geht hier überdieß faſt Niemand aus. Sie müſſen nämlich wiſſen, es giebt bei uns mehr Labyrinthe als auf Kreta. Halten Sie ihn feſt, wenn Sie ihn haben, und haben Sie ihn nicht, ſo verſchaffen Sie ſich einen, ſo bald wie möglich.“ Ich glaubte ihn zu verſtehen, nahm wenigſtens die Miene davon an, bedankte mich bei ihm und er mpfahl ſich darauf, nachdem er lebhaft den Wunſch ausgeſprochen, daß es mir in meiner Hofſtelle recht gut gefallen und ich lange darin aushalten möge. Nachdem Herr Jean die Gnade gehabt, mich auf ein Zimmer zu führen, welches ganz der Einrichtung und Bedienung der unteren Gaſtſtuben entſprach, 1 63 glaubte ich einigen Grund zu haben, ernſthaft über verſchiedene Dinge nachzudenken, die ich ſchon an die⸗ ſem Abend wie in einer ahnungsvollen Phantasmagorie an meinen Sinnen hatte vorüberſchweben ſehen. Da⸗ bei war das Bett, in dem ich lag, ſo erbärmlich, daß ich mir eingeſtehen mußte, niemals in meinem Leben, nicht einmal in der Koje des ſchwediſchen Schiffes, ſchlechter als hier logirt geweſen zu ſein. Jedoch, was half's? Alles dies ſollte der bei Weitem noch angenehmere Vorſchmack der bitteren Gerichte ſein, die mir in der nächſten Zeit am Hofe zu B... auf⸗ getiſcht wurden. Um neun Uhr am nächſten Morgen, trotzdem er um acht Uhr beſtellt war, ließ ſich der Hofſchneider herab, mir ſeinen vornehmen Beſuch zu ſchenken, je⸗ doch nicht eher trat er bei mir ein, als bis er mir durch Jean ſeine mit einer großen Krone geſch mückte Karte hereingeſandt hatte, auf der in goldenen Buch⸗ ſtaben der Name:„Löwenzahn, Fürſtlicher Hofkleider⸗ macher“ ſtand. Nachdem ich Herrn Löwenzahn ein⸗ zutreten erſucht, kam oin ſehr windiger Kleidergeck hereingeſprungen, dem ſeine Aufgeblaſenheit und Eitel⸗ keit aus jeder Rockfalte hervorſah. Mit zahlloſen Verbeugungen und Erwähnungen verſchiedener hoher Herren Grafen, Kammerherren und ſonſtiger vorneh⸗ 64 mer Perſonen hörte er mein Geſuch an, mir für eine vollſtändige Ausſtattung Maaß zu nehmen, und bei jeder neuen Garnitur kam eine andere Hofgeſchichte, ein neuſter Hofſchnitt und eine moderuſte Hofmanier zum Vorſchein. Ich ließ ihn ſchwatzen und erwiderte keine einzige ſeiner Phraſen, die mir ſo langweilig waren, wie ſeine, von ihm ſelber Geiſtesproducte ge⸗ nannten, Kleider nothwendig, wobei ich kaum merkte, daß der Herr Hofſchneider, je länger er in meinem Zimmer blieb, immer wortkarger und zuletzt ſogar völlig ſchweigſam wurde. Als er fertig war, blieb er ruhig ſtehen und machte mir eine etwas trotzigere Verbeugung, als ſeine früheren geweſen waren. „Wann kann ich meine Kleider empfangen?“ fragte ich.„Ich brauche ſie ſehr nothwendig.“ Der Herr Hoſſchneider blickte ſich einigermaßen peſorgt forſchend im Zimmer um, und da er nicht fand, was er wahrſcheinlich ſuchte, feine, von verſchie⸗ denen Luxusgegenſtänden ſtrotzende Koffer, ſo lächelte er ſarkaſtiſch und antwortete endlich, daß er ſein Mög⸗ lichſtes thun wolle, mich in einigen Wochen zu be⸗ friedigen, da er ſehr eifrig für eine ganze Legion hoher Hofbeamter zu arbeiten habe. „Das thut mir leid,“ erwiderte ich,„dann kann 65 ich keinen Gebrauch von Ihrer Hülfe machen und werde mit einem Manne mich begnügen müſſen, der kein Hofkleidermacher iſt.“ „Erlauben Sie,“ rief er hitzig,„ſo war es nicht gemeint. Aber ſehen Sie— Sie haben ſehr viel beſtellt, weit über hundert Thaler an Werth und ich — ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, nicht ein⸗ mal dem Namen nach. Man muß mit unbekannten Kunden vorſichtig ſein, da die bekannten ſchon ſchlimm genug ſind.“ „Ach ſo, ich verſtehe. Sie wollen die Zahlung pränumerando?“ „Nein, nicht gerade Bezahlung, aber doch eine mich möglichſt ſicher ſtellende Caution!“ „Iſt Ihnen dies für's Erſte genug?“ fragte ich gleich⸗ gültig und warf einen Hundertthalerſchein auf den Tiſch. Der Hofkleidermacher ſtürzte ſich wie ein fürſtli⸗ cher Hofgeier darauf, betrachtete ſie gegen das Licht und rief:„O, vollkommen!“ worauf er das Papier in einem ſehr ſauberen Notizbuch unterbrachte, dieſes ſogleich in die Bruſttaſche ſteckte und ſich mit einer tiefen Verbeugung empfehlen wollte. „Halt!“ ſagte ich nun, raſch auf ihn zutretend. „Ich kenne Sie auch nicht und wer giebt mir für Sie Caution?“ 1 Der Sohn des Gärtners. III. 5 „O e ief der hierdurch tief gedemüthigte Mann, „das hat mir hier noch Niemand geſagt. Ich habe die Ehre, Fürſtlicher Hofſchneider zu ſein, mich kennt hier jeder Hund auf der Straße.“ „Wenn das iſt,“ ſagte ich zufriedengeſtellt,„ſo habe ich vor Ihnen Reſpect. Hunde beſitzen einen feineren Inſtinct, ob Jemand ein Spitzbube iſt oder nicht, als Menſchen. Wenn Sie mich aber länger als acht Tage warten laſſen, ſollen Sie bei mir die Tugend der Geduld in Bezug auf die Bezahlung ſtu⸗ diren, alſo beeilen Sie ſich.“ Unter den lebhafteſten Verſicherungen, daß er mich höchſt cavaliermäßig bedienen werde, verabſchie⸗ dete ſich der Windbeutel, den alle Hunde auf der Straße kannten, und ich begab mich in die Stadt, um mir vollſtändige neue Wäſche und was ſonſt zu dem Aeußern eines geſitteten Menſchen gehört, zu kaufen, da ich nichts mein nannte, als was ich an mir trug. Nachdem ich dies vollbracht, überlegte ich, ob ich mich in meinen Reiſekleidern, die allerdings von einer anſehenswerthen Beſchaffenheit waren, wohl auf das Schloß wagen könne, um, ſo zu ſagen, eine Art Vor⸗ ſchau zu halten. Da ich nicht fürchtete, der Fürſtin augenblicklich in den Weg zu laufen, ſo ging ich lang⸗ — 4 67 ſam durch die breite, ſchöne Lindenallee nach dem Schloſſe hinauf und ſchritt durch das große Portal, nachdem ich zuvor einen möglichſt genauen Ueberblick über das alte Prachtgebäude gewonnen hatte. Es lag in ſeiner vollen Höhe und Ausdehnung in ziemlicher Oede und Einſamkeit vor mir und rief mir in dieſer Geſtaltung ſehr klar in's Gedächtniß, daß in ähnlicher Weiſe auch ſeine Bewohner oft auf ihrer Höhe verlaſſen und einſam ſtehen. Es bildete ein etwas unregelmäßiges, ſehr weitläufiges Viereck, ſah mit ſeiner Hauptfront nach der der Stadt entge⸗ gengeſetzten Seite, war drei Stockwerke hoch und ſchloß einen weiten, öden Hof ein, den nichts ſchmückte als in der Mitte ein ſteinerner Brunnen, der, wahr⸗ ſcheinlich aus einer Bergquelle geſpeiſt, Tag und Nacht ſein Waſſer aus einem Löwenmaul hervormurmeln ließ. Die der Stadt zugekehrte Front, auf deren Mitte die Lindenallee zuführte, war in dem unteren Stockwerke durchbrochen und durch dieſe Lücke führte das ſäulengeſchmückte Portal in den Hof ein. Nach Außen hin zeigte das Schloß, wie ich ſpäter erſah, verſchiedene Thüren, die in den Garten und Park mündeten, das große Portal aber war der einzige Haupteingang, den es von der Stadtſeite her beſaß. Das ganze Gemäuer war ziemlich genau im Style 5 ——; 68 Ludwig's XIV. aufgeführt, grauweiß getüncht und mit nur wenigen Zierrathen der Architektur und Sculptur geſchmückt. Die Fenſter waren alle gleich groß, mit weißen Vorhängen dicht verſchloſſen und boten einen Anblick dar, als ob alle Bewohner darin, trotzdem es ſchon elf Uhr war, noch im tiefſten Schlafe lägen. Nach den drei von der Stadt abgewandten Seiten war es von einem ſehr ſchönen Park und Gartenan⸗ lagen umgeben, die eine hohe ſteinerne Mauer ein⸗ ſchloß, ſo daß kein Menſchenauge in das geheiligte Innere deſſelben eindringen konnte. Als ich durch das mächtige Portal auf den mit großen Baſaltquadern gepflaſterten Hof trat, ſah ich ſogleich, daß der ganze Raum deſſelben, mit Bauma⸗ terialien bedeckt, in wildeſter Unordnung ſich befand. Außer einigen Maurern und Tünchern war kein Menſch zu ſehen; kein einziger Diener in Livree, keine Equi⸗ page, kein Zeichen eines lebendigen Hofſtaates trat dem Beſchauer vor Augen. Endlich nach längerem Suchen, welche der vielen Thüren wohl eigentlich in 3 den bewohnten Theil des Schloſſes führen möge, fand ich an einer derſelben zur rechten Hand ein Schild, auf dem mit goldenen Buchſtaben und einer Krone darüber die Worte:„Deichmüller, Fürſtlicher Ober⸗ Kaſtellan“ zu leſen waren. 69 „Aha!“ dachte ich,„dieſem Herrn willſt Du Dei⸗ nen erſten Beſuch machen, da Dich doch kein Anderer empfängt.“ Und ſo ſchritt ich beherzt die paar Stu⸗ fen empor und zog die Glocke, da die Thür ſich als verſchloſſen erwies. Nach geraumer Zeit erſchien eine ſehr nett geklei⸗ dete aber ſchläfrige Magd, und als ſie mich mit einem prüfenden Blicke von oben bis unten beſchaut, fragte ſie, ob ich das Schloß beſichtigen wolle. „Nein, ich möchte nur den Herrn Kaſtellan ſprechen.“ „Der Herr Oberkaſtellan ſitzen beim Frühſtück.“ „Das thut nichts zur Sache. Melden Sie mich, ich heiße Flemming und bin der Bibliothekar der Schloßbibliothek.“ Noch einen Blick auf mich werfend, der gleichſam die Beſtätigung meiner Ausſage aus meiner Erſchei⸗ nung ziehen wollte, entfernte ſie ſich, indem ſie mir die Thür faſt vor der Naſe zuſchlug. So wartete ich denn mit meiner gewöhnlichen Langmuth in ſol⸗ chen Fällen noch etwa fünf Minuten, dann öffnete die Magd wieder die Thür und forderte mich auf, in ein Zimmer zu treten, wo mich der Herr Oberkaſtel⸗ lan empfangen würde. 2 3 Wenn der Herr Oberkaſtellan das Cereuonie 70 welches an dieſem Hofe obwaltete, nachahmte, ſo mußte daſſelbe ſehr langweilig oder der Herr ein übertriebener Hofmann ſein, denn er ließ mich in einem ſehr aufgeputzten Zimmer, welches von den herabgelaſſenen Vorhängen ziemlich verdunkelt war, beinahe eine Viertelſtunde auf ſeine Erſcheinung war⸗ ten, und ſelbſt dann kam er noch mit vollen Backen, kauend, mit der Serviette den Mund wiſchend und eine ganze Dunſtwolke von eben genoſſenem Weine mit ſich hereintragend. Dem entſprach auch ſein Aus⸗ ſehen; er war ſehr wohl beleibt, vollwangig und hatte einen ſtarken ſogenannten kupfernen Anſtrich über ſeiner Geſichtshaut. Weniger nach meinem Antlitz als nach meinem Rocke und Reiſehute ſchielend, führte er mich in ſeine innern Gemächer und fragte dann nach meinem Begehr, ohne mir einmal einen Stuhl anzubieten. So ſtellte ich mich denn noch einmal in meiner ganzen Würde dieſem, nach ſeinem Benehmen hochvermögenden Manne vor und bemerkte ſchließlich, daß ich nach dem Schreiben des Herrn Hofmarſchalls von Breitſpur, welches ich ihm zeigte, eine Wohnung im fürſtlichen Schloſſe zu beanſpruchen dächte. Der Herr that anfangs ſehr fremd oder war we⸗ nigſtens ſehr zerſtreut und in Gedanken wahrſcheinlich bei ſeiner noch nicht ganz geleerten Flaſche; endlich aber ſchien er ſich zu beſinnen, warf ſich vornehm in die Bruſt, räusperte ſich und ſagte nachläſſig:„Ah ja, ich weiß— der Herr Hofmarſchall hat mit mir davon geſprochen. Aber— Sie kommen gerade zu ſehr ungelegener Zeit hier an. Ihre eigentliche Amts⸗ wohnung hat Herr Doctor Kranefuß, der ſehr krank iſt, noch inne und die meiſten anderen Zimmer wer⸗ den reſtaurirt. Sie werden ſich alſo einſtweilen be⸗ helfen und etwas beſcheiden einrichten müſſen.“ „Es ſollte mir leid thun, wenn Sie mich für un⸗ beſcheiden hielten, ohne noch meine nähere Bekannt⸗ ſchaft gemacht zu haben.“ „O nein, durchaus nicht, ich bitte ſehr— ich be⸗ ſinne mich nur, wo ich Sie unterbringen ſoll. Ha, ja, ich habe noch ein Zimmerchen— warten Sie, ich hole nur die Schlüſſel.“ Nach zwei Minuten kam er mit einem großen Schlüſſelbunde zurück und bat mich, ihm zu folgen. „Werden wir auch nicht Ihrer Durchlaucht be⸗ gegnen?“ fragte ich, indem wir eine winzige Seiten⸗ treppe erſtiegen.„Ich bin in Reiſekleidern und möchte mich ihr nicht gern in dieſem Aufzuge vorſtellen.“ „Ihrer Durchlaucht? O, das geht hier ſo raſch nicht. Ueberdieß iſt ſie ja verreiſt!“ „Verreiſt iſt ſie? So. Wohin denn?“ 72 „Nach Norderney, ſchon ſeit zwei Wochen und in vier Wochen kommt ſie erſt wieder.“ Ich wußte nicht, ob ich mich über dieſe Benach⸗ richtigung freuen ſollte oder nicht, und ſo folgte ich ſchweigend und nachdenklich meinem Führer. Er ſchritt langſam und keuchend einen Abſatz der Treppe nach dem andern hinauf, ließ einen Corridor nach dem andern hinter ſich, öffnete, ſcheinbar im Zwieſpalt mit ſich, was er mir darbieten ſolle, bald dieſe, bald jene Thür, durch deren Spalten ich faſt überall in wüſte und leere Räume ſah, und ſchloß endlich im oberſten Hausraum eine Thür auf, welche die Nummer 71 auf ihrem Schilde trug, ſehr locker in den Angeln hing und in ein Zimmer führte, das, allen Schmuckes beraubt, ganz einfach weiß getüncht war, nicht einmal Vorhänge, ein unbezogenes Bett hinter einem alten Bettſchirm, einen Tiſch, ein paar alte Stühle, einen Schrank von Fichtenholz zeigte und die Ausſicht auf den leeren öden Hofraum bot. „So,“ ſagte er ſchmunzelnd,„das mag für's Erſte Ihr Zimmer ſein, Herr Bibliothekar. Wie geſagt, Sie müſſen einſtweilen vorlieb nehmen.“ Ich blickte mich etwas eingeſchüchtert in dem dürftigen Gemache um, prüfte die wurmſtichigen Möbel und blieb dann mit meinem Auge auf dem Fenſter 73 haften, durch welches ein Strahl der Mittagsſonne zu fallen ſich ſo eben vergebliche Mühe gab. „Es hat ja nicht einmal einen Vorhang,“ ſagte ich, als B Beginn meiner— unbeſcheidenen Ausſetzungen. „Jetzt nicht, nein, Sie haben Recht. Es iſt eben erſt neu geſtrichen. Aber bis heute Abend ſoll es anaeduh und zu Ihrer Aufnahme bereit ſein.“ Das Wort ausgeputzt“ that mir in dieſem Augen⸗ blick ſehr wohl und beruhigte mich etwas.„Alſo kann ich heute Abend einziehen?“ fragte ich noch ein— mal, in der Hoffnung, noch etwas von der beſchloſſenen Ausputzung zu vernehmen. „Ja, ja doch. Schicken Sie mir nur Ihre Sachen her.“ „Ich habe keine Sachen, wenn meine Kiſten noch nicht bei Ihnen angekommen ſind.“ „Bei mir iſt nichts angekommen,“ entgegnete er naſerümpfend.„Wo wohnen und ſpeiſen Sie jetzt?“ „In der goldenen Krone. Gut, daß Sie mich daran erinnern: kann mir Jemand hier das Früh⸗ ſtück beſorgen?“ „Sie meinen den Kaffee? O, kochen Sie ſich doch den ſelber, auf einer Maſchine, da wird er viel beſſer und iſt auch billiger. Der Hoft blechmeiſter Kurzkleiſch, mein Schwager, der am Markt wohnt, hat ſehr hübſche patentirte Dingerchen der Art.“ 74 Ich antwortete ihm nicht hierauf, denn ich wollte mein Verhältniß mit dieſem ungehobelten Manne nicht von vornherein verderben, ging alſo wieder mit ihm die Treppe hinab und empfahl mich kurz, meine Rück⸗ kehr am Abend verheißend. Das war alſo mein Einzug im fuürſtlichen Schloſſe zu B... Wenn alle Bibliothekare ſo willkommen ge⸗ heißen werden, wie ich, dann können ſie ſich gra⸗ tuliren. Als ich am Abend No. 71 wieder aufſuchte, war ich auf den verheißenen„Ausputz“ ſehr neugierig, und allerdings hatte irgend eine unbekannte Hand, der ich im Stillen meinen Dank ſagte, mit den vor⸗ handenen Mitteln etwas Sichtbares geleiſtet, denn ich fand meine Stube, die einem Bedientenzimmer im Schloſſe zu W... auf ein Haar glich, mit einem alten Mouſſelinvorhang, einem kattunenen Rouleau, einer vergilbten wollenen Tiſchdecke, einer Waſſerkaraffe mit ein paar Gläſern und einem Waſchbecken auf einem Tiſchchen in der hinterſten Ecke verziert, wobei ich aller⸗ dings zur Ehre der fürſtlichen Weißzeugkammer bemerken muß, daß mein Bett mit ſehr ſchönem Linnen über⸗ zogen war. Hier richtete ich mich denn ein und als erſt meine Bücherkiſten mit anderem Material gekom⸗ men und alles dies aufgeſtellt war, fand ich, daß ich 7⁵ auch hier denken, arbeiten und mich vergnügen konnte, ſo wie an jedem andern Orte der Welt, wo man in guter Geſellſchaft, das heißt, in ſeiner eigenen iſt. Meine Antrittsviſiten konnte ich natürlich erſt ab⸗ ſtatten, nachdem mich Herr Löwenzahn, der Hofſchnei⸗ der, zum äußerlich anſtändigen Menſchen gemacht hatte, und das geſchah Dank meiner prompten Be⸗ zahlung ſehr bald; bevor ich dem Leſer aber den Er⸗ folg dieſer Beſuche und dann mein erſtes Begegniß mit der Fürſtin ſchildere, muß ich ihm noch ein klei⸗ nes Bild von der Reſidenz, ihren Bewohnern und dem Leben daſelbſt entwerfen, da er mit mir gezwun⸗ gen ſein wird, einige Jahre in und unter denſelben auszuharren. Bis zu dem Augenblick alſo, wo Herr Löwenzahn mir meine Kleider ſchickte, die alle nach dem feinſten Hofſchnitt in B... angefertigt waren, verhielt ich mich ganz ruhig und kein Menſch in der Stadt wußte weder meinen Namen, noch bekümmerte man ſich um irgend einen Schritt, den ich unternahm. Ich be⸗ ſchäftigte mich täglich einige Stunden mit Leſen, hauptſächlich aber ſtreifte ich zu FJuß in den Umge⸗ bungen des Schloſſes und der Stadt herum, die ich wirklich ſchön und darin alſo einen Erſatz für man⸗ ches andere unbefriedigte Bedürfniß fand. In vie 76 zehn Tagen war ich daher nach allen Richtungen ſo bekannt, wie irgend ein Eingeborener, denn es ge⸗ hörte eben nicht zu den Lieblingsvergnügnngen der Reſidenzbewohner, in den Reizen der Natur zu ſchwel⸗ gen, die ſie umgab, oder nur ſich mit den Dingen zu beſchäftigen, die ihnen ſo nahe lagen, da man viel Intereſſantes noch näher und das Intereſaanteſte für vieles Geld im Auslande und auf Reiſen genießen konnte. Meinen Kaffee kochte ich mir auf den Rath des Herrn Oberkaſtellans auf einer mir von ihm bei ſeinem Schwager beſorgten Patentmaſchine ſelber, meine Mahlzeiten aber hielt ich in der goldenen Krone ab, welche im Vergleich mit den anderen Gaſt⸗ höfen, die ich der Abwechſelung wegen beſuchte, in der That noch golden war. Das einzige Vergnügen, welches ich hier genoß, entſprang aus der Bekanntſchaft mit dem Major Fuchs, der mein Tiſchnachbar blieb und den ich bald ſehr lieb gewann. Dieſer gutmüthige Mann hatte, wie ich ſpäter fand, nicht allein Humor, ſondern er hatte auch Geiſt, und zwar jene ganz beſondere Art von Geiſt, welche ich häufig unter Officieren gefunden habe, und die nicht nur in einer ſchnellen Auffaſſung und Durchführung der nothwendigen äußeren Formen, ſondern auch in einer charakteriſtiſchen Trefffähigkeit 77 in der Bezeichnung von Gegenſtänden, Verhältniſſen und Perſonen beſteht. Möglich, daß ſich dieſer Sol⸗ datengeiſt aus dem ſteten Zuſammenleben und dem ſogenannten Esprit de corps entwickelt, wenigſtens mit ihm im Zuſammenhange ſteht. Was der Eine dieſer Herren nicht weiß, weiß der Andere, und aus dem gemeinſamen Wiſſen und Können, abgeſehen von der ſpeciellen Bildung, geht eine leichte Art, ſich in Alles zu finden hervor, Alles mit dem treffendſten Worte zu bezeichnen, die ich nicht leicht unter ande⸗ ren Corporationen gefunden habe und die namentlich durch feine Form und die Beobachtung des äußeren Anſtandes die burſchikoſe Manier der Studenten weit übertrifft, die Jedermann Du anreden möchten und bei Weitem häufiger Renommiſten als Schüler der Muſen ſind. Vom Major Fuchs erfuhr ich nach und nach ver⸗ ſchie dene wiſſenswerthe Einzelnheiten, die ſich auf die Verhältniſſe des Fürſten, der Fürſtin, der Hof⸗ und Staatsbeamten, ſo wie auf das hier ſtark graſſirende Philiſterium des höheren Bürgerſtandes bezogen, und da ich ſeine Bemerkungen in der Folge durch eigene Erfahrungen vollkommen beſtätigt fand, ſo beeifere ich mich, ſie dem Leſer im Fluge vorzuführen, weil ich Hüberzeugt bin, daß ſie ihm eben ſo intereſſant er ſcheinen werden, wie ſie es mir damals waren. Von der Regierungsweiſe und dem Charakter des Fürſten konute mein neuer Bekannter allerdings wenig Gutes ſagen, ſo ſehr er ſich als ſein Diener bemühte, manche in der Außenwelt als laſterhaft verrufene Eigenſchaften in einem milderen Lichte darzuſtellen. Jedoch ſprachen wir nicht viel über dieſen erlauchten Herrn, er hatte ſein Land verlaſſen und kam hoffent⸗ lich nicht wieder; ſeine Zeit war abgelaufen und eine andere freundlichere Epoche dämmerte am Staats⸗ horizonte herauf. Um ſo häufiger ſprachen wir von der Fürſtin, und hier war es, wo nicht allein ich ſehr aufmerkſame Ohren, ſondern auch der Major einen überfließenden Mund bewährte. Er konnte nicht ge⸗ nug Lobenswerthes von ihr erzählen, alle Welt wäre begeiſtert, ſagte er, von ihrer Schönheit, ihrer ſanften Reſignation, ſelbſt in der Duldung des Schreeklichſten und Bitterſten, von ihrer Liebenswürdigkeit gegen Jedermann; und das Einzige, was man bei ihr an⸗ ders wünſchen möchte, wäre ein kräftigeres Auftreten und Durchgreifen gegen die Uebergriffe der ſie um⸗ gebenden Camarilla, der ihre Kräfte augenſcheinlich nicht gewachſen wären, und von der ſier gelenkt würde, trotzdem ſie zum Erſtaunen aller Betheiligten oft ge⸗ nug einen eigenen Willen und ein gebieteriſches Ge⸗ cechtigkeitsgefühl habe blicken laſſen.„Schade, daß ich bisweilen nicht auf ihrem Platze ſtehe,“ ſetzte er ingrimmig hinzu.„Ich würde dann eine Peitſche nehmen und die ganze verfluchte Clique zum Tempel hinausjagen, die mir die Galle überfließen macht, das warme Sonnenlicht mit ihrem behäbigen Schatten⸗ reichthum verdunkelt und den Genuß des Lebens verdirbt, da ſie nur auf Koſten der Fürſtin und des Landes ſchwelgt und alle übrigen Menſchenkinder nur zu ihrem unterthänigſten Dienſte geſchaffen und ver⸗ urtheilt hält. O meine theure liebe Fürſtin! Eine Stunde Deine Hand mit meiner Kraft ausgerüſtet, und Du ſollteſt Wunderdinge davon erleben!“ Ich mußte unwillkürlich lächeln. Die Augen des Majors nahmen hierbei einen ſo eigenthümlichen Ausdruck an, wie nur ein Mann mit einem ganzen Geſicht voller Haare ihn haben kann, wenn ſein Herz von einer tiefen Gefühlswärme belebt iſt und der grollende Geiſt ſeiner zur Unthätigkeit verurtheilten Männlichkeit in ihm erwacht.„Sie ſchildern,“ erwi⸗ derte ich,„die Fürſtin mit ſo glänzenden Farben und ſprechen mit ſo großer Begeiſterung von ihr, daß man beinahe meinen ſollte, Sie wären in ſie verliebt.“ „Oho! Was denken Sie denn? Wäre das etwas Seltſames und wollte ich das etwa läugnen? Auf Ehre nicht! Wir Alle ſind in ſie verliebt, bis über 80 die Ohren, nur leider! hat ſie ein Herz— nicht von Stein— aber gewiß von Eis.“ „So! Glaubt man das? Sagt man das?“ „Gewiß, und man weiß es auch. Noch nie hat ſie einem Herrn aus ihrer Umgebung eine freund⸗ lichere Miene gezeigt, als er ſie zu beanſpruchen das Recht hat.“ „Nun, das finde ich ganz natürlich. Sie iſt über ihre ganze Umgebung erhaben und dabei ſehr ſtolz. Wer könnte auch eine freundlichere Miene verlangen, als ihm gehührt?“ „Oho! Der Kitzel der Eitelkeit, wenn nicht der perſönlichen Zuneigung, verlangt oft eine ſolche Miene. Sie könnte wohl einmal Dieſen oder Jenen an⸗ lächeln, das ſchadete ihrem Rufe nichts und würde die ſpeichelleckeriſchen Creaturen vor Demuth und Hingebung ganz in den Staub ſinken laſſen.“ „Sie iſt alſo ſehr ernſt?“ „Immer, und kalt, daß man einen Froſtſchauer in ihrer Nähe fühlt, ſo ſchön ſie auch iſt.“ „Sie leidet wahrſcheinlich?“ „Das iſt es, Sie haben Recht, und darum wollen wir nicht mehr darüber ſprechen. Wer ſchaut einem Menſchen in's Herz, wenn er ſo oft verletzt und ge⸗ kränkt worden iſt wie ſie!“ 81 „Hat ſie denn den Fürſten wirklich einmal geliebt?“ „Nicht eine Stunde, und er ſie auch nicht! Das war Nord⸗ und Südpol, Fluth und Ebbe, Sonnen⸗ ſtrahl und Monddämmerung, Tag und Nacht. Aber erlauben Sie, das ſind nur dumme und ganz unpaſ⸗ ſende Vergleiche— ſchließen wir lieber dies Kapitel, ſonſt kommen wir wieder auf den Fürſten zu ſprechen, und ich trage noch immer ſeinen Rock.“— Daß eine Regierung, an deren Spitze ein Mann, wie der erwähnte Fürſt, Jahre lang geſtanden und mit gränzenloſer Willkür geherrſcht, keine ſegensreiche ſein und Niemanden beglücken konnte, leuchtet von ſelbſt ein. Die ganze Bevölkerung des Landes hatte lange Zeit einen unerhörten Druck erlitten und ſich nur mit Widerſtreben unter das eiſerne Joch des Ge⸗ walthabers gebeugt. Eine große Anzahl von Bürgern und Bauern, unerſetzliche Summen von Arbeitskraft mit fortnehmend, hatte das Land verlaſſen, weil die Steuern nicht mehr zu erſchwingen und der Erwerb nicht mehr geſchützt waren. Viele Häuſer in Städten und Dörfern ſtanden leer oder verfielen in Schutt, weil Niemand ein Intereſſe oder die Mittel oder auch die Luſt beſaß, ſie aufzubauen. Die Quellen der In⸗ duſtrie waren verſiegt, die Handwerker erlagen der Laſt eines veralteten Zunftzwanges. Die Geſetzgebung Der Sohn des Gärtners. III. 6 3 —,— —y—y-——— 82 ließ Vieles zu wünſchen übrig, denn die Vertretung des Rechtes lag weder in freien noch reinen Händen. Die Männer, die am Staatsruder ſaßen, waren theils habſüchtige und gewiſſenloſe Emporkömmlinge, oder ſo ſtark beeinflußte Perſönlichkeiten, daß ſie ſich auf keine Weiſe frei und geſetzlich zu regen wagten. Die beſten Kräfte des Landes ſchliefen in ruhmloſer Unthätigkeit oder wurden ſchonungslos beſeitigt, weil ſie ſich nicht knechtiſch den beliebten Maaßregeln unterwerfen woll⸗ ten. Die Behörden waren gut eingeölte und alſo gehorſame Räder des gewaltthätigen großen Trieb⸗ rads, der Laune eines tyranniſchen Fürſten; ſie durften keine ſelbſtſtändige Bewegung vornehmen und ſo war ihre Wirkung gleich Null. Die freie Meinungsäuße⸗ rung des Publicums wie der Beamten war unter⸗ drückt, es durfte weder geſprochen noch geſchrieben werden, was dem Ohr des Landesherrn, das nur an ſelaviſche Muſik gewöhnt war, unangenehm klang. Das kirchliche Leben war theils ganz aus der Mode gekommen, theils zu einer todten Form zuſammenge⸗ ſchrumpft, aus der kein grünes Reis hervorſproßte. Die Künſte wurden nur in ſo weit gepflegt, als ſie zur Unterhaltung des Hofes und zur Befriedigung der Eitelkeit gewiſſer Perſonen dienten. Alles was den liebſamen Maaßregeln der Hochwürdenträger der 83 Regierung und ihren kleinweltlichen Anſichten zu wider⸗ ſprechen ſchien, war verpönt, und wer ſich nur flüſternd dagegen aufzulehnen wagte, wurde beſtraft oder aus⸗ gewieſen. Niemand war Herr ſeines Eigenthums, ſeines Willens, ſeiner Fähigkeiten; der Magen war das größte Organ des Staats, er verſchlang Alles, er konnte Alles für ſich gebrauchen, denn er war hungrig, gierig, unerſättlich. Wo ſollte da nun die Luſt zur Arbeit, die Freudigkeit des Lebens herkom⸗ men, da Jeder auf irgend eine Weiſe Feſſeln zu tragen verdammt war und Niemand an einen ſelbſt⸗ ſtändigen Genuß ſeiner Mittel denken konnte? Wie der Fürſt nun ſelbſt gewaltet und gewirth⸗ ſchaftet, ſo walteten und wirthſchafteten ihm die näch⸗ ſten Beamten und Diener ſeines Hofes nach, denn die Kleinen machen es ja immer wie die Großen, und ſo kümmerte ſich Niemand um das Wohl oder Weh Derer, die im Schatten des Baumes ſtanden, deſſen Blätter jeden Sonnenſtrahl von Oben für ſich in An⸗ ſpruch nahmen. Eitle, geckenhafte, aufgeblaſene Men⸗ ſchen wurden in die bedeutſamſten Stellungen gebracht, Kenntniſſe brauchte Niemand zu beſitzen, nur Fügſam⸗ keit, knechtiſche Unterwerfung unter den Willen eines Einzigen. Jeder ſuchte zu erraffen und zu erhaſchen, weſſen er habhaft werden konnte,— wo es herkam, 6 ⁄6 wem er es nahm oder vorenthielt, war ihm völlig gleichgültig. Die Beamtenwelt war in unverſchmelzbare Kaſten zerſpalten, denn es herrſchte unter ihnen eine unge⸗ heure Titelſucht und eine Dünkelhaftigkeit vor, die nirgends ihres Gleichen hatte. Wer ein„Ober“ oder gar ein„ Geheimer⸗Ober“ vor ſeinen Titel ſetzen konnte, war ein ausgezeichneter und hochbeglückter Mann. Die Hofräthe waren ſtreng von den Gehei⸗ men Hofräthen, die Ober⸗Räthe von den Geheimen⸗ Oberräthen geſchieden, und wehe Dem, der es wagen wollte, die Schranke, die zwiſchen beiden lag, eigen⸗ mächtig zu überſchreiten. Der Geheime⸗Oberrath be⸗ handelte den Ober⸗ und zumal den gewöhnlichen Rath im Dienſte wie ſeinen Knappen; auf der Straße, bei irgend einer zufälligen Begegnung, war er für ihn gar nicht vorhanden. Jede Rangklaſſe hatte ihre eigenen Stadtviertel, ihre Vergnügungslokale, ihre be⸗ ſonderen Spiele und Unterhaltungen. Es galt für ein Vergehen, ſich beifallen zu laſſen, nur einen Blick in das Leben der höheren Klaſſen werfen zu wollen. Und wie die Großen es thaten, ſo thaten es auch hier die Kleinen. Einer ſchimpfte, raiſonnirte auf den Andern, Einer beneidete den Andern, Keiner gönnte ſeinem Nebenmann das tägliche Brot. 8⁵ Was nun die Reſidenzbewohner im Beſonderen anbetrifft, ſo herrſchten unter ihnen ſeltſame Zuſtände und ſchwer erklärliche Neigungen vor. Die Natur hatte unendlich viel für die Umgebung der Stadt ge⸗ than und der Kunſtſinn und die Liberalität des edlen Vaters des jetzigen Fürſten waren unermüdlich thätig geweſen, die Gaben derſelben zu benutzen und zu ver⸗ vollkommnen. Er hatte herrliche Kirchen, Prachtge⸗ bäude aller Art errichtet, Gärten und Spaziergänge geſchaffen und vielen Aermeren Häuſer gebaut oder ſeine Diener damit beſchenkt. Da die Herren Reſi⸗ denzler aber nun einmal an die gebratenen Tauben gewöhnt waren, ſo legten ſie ſelbſt die Hände in den Schooß und thaten nur den Mund auf, in der feſten Zuverſicht, es müßten auch ihnen die Braten aus der Luft noch ganz warm hineinfallen. Daher kam es denn, daß kein Privatmann an einen noch ſo noth⸗ wendigen Bau ſeine eigenen Mittel verwandte. Lieber ließen ſie ihre Häuſer zerfallen, denn wenn zwiſchen zwei Prachtgebäuden eine alte Baracke zuſammenbrach, mußte ja endlich doch der Fürſt ihnen eine neue bauen, wollte er ſich nicht alle Tage über eine er⸗ bärmliche Ruine ärgern. Darum ſah man auch die ſchönſten Häuſer und Gärten mit den verwittertſten Holzzäunen umgeben, denn für Schönheit, Zweckmäßig⸗ keit, Ordnung und Regelmäßigkeit hatte man hier nur Sinn und Bedürfniß, wenn man ſich nicht beſon⸗ ders darum zu bemühen brauchte. 5 Unter dem Bürgerſtande, dem großen und kleinen, herrſchte ein wahrhaft majeſtätiſches Philiſterium vor. Speculationsgeiſt, Unternehmungsluſt für Großes, Neues, Erſprießliches beſaß Niemand, und von dem Schönen hatte man nur den allergewöhnlichſten und materiellſten Begriff. Auf der Straße ſah man nur ſelten einen anſtändig gekleideten Menſchen, oder nur dann, wenn ein Geſchäft ihn durch dieſe oder jene Straße trieb; die herrlichen Spaziergänge um die Stadt lagen öde und leer, und wenn man einmal einem Menſchen begegnete, ſo war es ein Fremder oder Jemand, der ſeines Lebens überdrüſſig war. Dafür beſuchten die edlen Bewohner aber um ſo eifriger alle Tage und zwar zu derſelben Stunde ein und daſſelbe Bier⸗ oder Weinhaus, ſaßen dort Jahr aus, Jahr ein auf demſelben Platze, rauchten aus derſelben Pfeife, und mir wurde von glaubhaften Perſonen verſichert, daß es einen Mann in der Stadt gebe, der ſchon ſeit fünfundzwanzig Jahren auf demſelben Stuhle in einem Bierhauſe ſitze und alle Tage die zu ſeiner Fahne ſchwörenden Beiſitzer mit denſelben abgedroſche⸗ nen Redensarten tractire. Mochte nun auch Gott 87 weiß was Neues oder Intereſſantes in der Stadt oder außerhalb derſelben ſich zutragen, für dieſe Herren Phi⸗ liſter exiſtirte es nicht, ſie liefen nach ihrem Lokale, ſaßen, tranken, rauchten und ſchwatzten, als ob ſie die klügſten Männer der Welt wären und mit dem Dunſte ihres Mundes alle Wolken wegblaſen könnten, die der polternde Zeitgeiſt über ihre Häupter heraufzuführen für gut befand. Wie es nun die Herren in den Bier⸗ und Wein⸗ ſtuben machten, ſo trieben es auf ganz ähnliche Weiſe die Damen in ihren Kaffee⸗ und Theegeſellſchaften. Thee und Kaffee wurde ungeheuer viel in der Reſi⸗ denz conſumirt und dabei ſo laut geſchrieen, geläſtert, geklatſcht, beneidet und bekrittelt, daß man, wenn man es hörte, der Meinung werden mußte, die ganze Welt ſei ein Sodom und Gomorrha und nur die anweſen⸗ den Damen ſeien leibhafte Tugendengel. Seit dem Jahre 1830 aber war zu dieſen fried⸗ lichen Vorgängen noch eine neue Aufregung gekom⸗ men. Das Intereſſe für Politik war erwacht und nun brach ein wahres Fluthen und Stürmen in den entfeſſelten Zungen aus. Alle Welt war plötzlich von politiſcher Weisheit geſchwängert und es ſchien Jeder⸗ mann ein Kinderſpiel, einen großen Staat nach den beſten Zielen zu lenken. Selbſt die Jugend, männlich 88 und weiblich, riß die ungewaſchenen Mäuler auf und ſprudelte von demoſtheniſcher Beredtſamkeit über. Da gab es nichts, was man nicht lange gewußt, nicht beſſer gemacht, nicht mit einer leichten Handumdrehung umgewandelt hätte. Alle Welt beſtand aus geborenen Weltweiſen, Rechtsverſtändigen und gewaltigen Staats⸗ lenkern. Dabei zankten ſie ſich wie die Hunde um einen von Oben her ihnen zugeworfenen Knochen und hackten ſich vor Neid und Mißgunſt wie die Krähen die klugen Augen aus. Und trotzdem ſie auf Alles ſchimpften, Alles bekrittelten, Alles blamirten, fand unter Allen, Groß und Klein, Alt und Jung, Hoch und Niedrig ein Drängen und Reißen nach Gunſt und Gnade ſtatt, daß es eine wahre Luſt war, es an⸗ zuſehen, und wer ſich einen Titel, einen Beinamen, einen Orden verſchaffen konnte, rannte athemlos ſo lange hinter ſeiner Beute her, bis er ſie erwiſcht und geſichert glauben konnte. Am ſpaßhafteſten trat dieſe Erſcheinung unter den Krämern und höheren Hand⸗ werkern hervor. Unter ihnen gab ſich ein förmlicher Wettſtreit kund, Hoflieferant zu werden, mochten die Gebühren, die ſie für ihr Patent zu bezahlen hatten, auch hundertfach den Preis der Metze Salz über⸗ ſteigen, die der fürſtliche Ober⸗Hof⸗Mundkoch von ihnen entnahm. Sogar die Bürſtenmacher, Schornſteinfeger 89 und andere Spießbürger kauften ſich obige Hofcharge und waren dabei ſo aufgeblaſen, daß ſie ſich einbil⸗ deten, ſie regierten eigentlich den Staat, wenn ihnen auch nur geſtattet war, den Rock eines Geheimen Hof⸗ raths zu bügeln oder die Wichſe für die Stiefel des Mundkochs zu liefern oder gar die ſchadhaften Zähne einer Kammerjungfer zu repariren und die Friſur des Hofjägers zu ſteifen. So war damals die allgemeine kritiſche Lage des Landes und ſeiner Bewohner beſchaffen, als der Fürſt endlich der Heimat Lebewohl ſagte und ſeiner Gemah⸗ lin die Sorge überließ, den Augiasſtall zu reinigen, deſſen Unrath ſich ſeit Jahren durch unerhörte Schlaff⸗ heit in der Verwaltung und durch ſchrankenloſe Will⸗ kür im eigenen Schalten und Walten angehäuft hatte. Drittes Bapitel. Einführung in mein Amt und Vorſtellung bei Hofe. Da die höheren Hofbeamten die Abweſenheit der Fürſtin benutzt hatten, um ebenfalls kleine Ferienreiſen anzutreten, ſo konnte ich mich zur Zeit keinem derſelben perſönlich vorſtellen; mein Beſuch bei meinem Amts⸗ vorgänger aber hatte keinen anderen Erfolg, als daß ich mich mit eigenen Augen überzeugte, daß ich von ihm keinerlei Hülfe oder Anweiſung zu erwarten hätte, denn er war am ganzen Körper gelähmt und geiſtig faſt nur noch ein Kind. Der Archiv⸗Rath Schmelzer, mein nächſter Vorgeſetzter, auch ſchon ein alter und hinfälliger Mann, hatte ſich ſtets nur um ſein Archiv bekümmert, von der Verfaſſung der Bibliothek wußte er nichts, als daß ſie ſich in größter Unordnung be⸗ finde, was er mir, ſobald ich ihm meine Aufwartung 91 machte, ohne Hehl ſagte und mich dann bis zur Rückkehr des Hofmarſchalls von Breitſpur an den Kaſtellan verwies, der die Schlüſſel aufbewahrte, ſo lange die Maurer und Anſtreicher auch in dieſen ge⸗ heiligten Räumen ihr Weſen trieben. So blieb mir denn nichts weiter übrig, als mich zu dem allgemeinen Schloßtyrannen zu begeben, der, den halben Tag im Weinrauſche, die andere Zeit ſchlief, im nüchternen Zuſtande eine nie dageweſene Grobheit entwickelte und auf ſeinen Titel als Oberkaſtellan und ſeinen Orden über die Maaßen eingebildet war, welchen letzteren er von dem Fürſten aus dem einzigen Grunde empfangen, weil er ihm, der ſehr froſtig war, früher ſtets die Zimmer warm gehalten hatte. Indeſſen, mir lag die Sache am Herzen— und ſo ſah ich leicht über die Perſonen hinweg. Durch ein paar zur glücklichen Zeit angebrachte Worte gelangte ich vorläufig wenigſtens zum Anblick der ſehr anſehnlichen Bibliothek, deren Bücher, meiſt in ſehr ſchönen rothen, reich mit Gold verzierten Einbänden, dennoch in der gräßlichen Unordnung, in welcher ich ſie vorfand, einen ſehr traurigen Ein⸗ druck auf mich hervorbrachten. Man denke ſich ſechs lange und hohe Säle, vom Fußboden bis zur Decke mit Büchern vollgeſtopft, aber faſt alle durch einander 92 geworfen, hier haufenweiſe hoch aufgethürmt, dort auf dem Boden, auf Tiſchen und Stühlen umherliegend, und nirgends einen brauchbaren Katalog oder einen Menſchen, der mir Auskunft geben konnte, nach welchem Principe man früher bei der Aufſtellung verfahren— wo war der Anfang und das Ende und woher waren die Hülfsmittel zu beſchaffen, die mir die bevorſtehende Arbeit auf irgend eine Art erleichterten? Mich befiel ein Herzweh ohne Gleichen, als ich dieſes Chaos ſah, und der Ausdruck in jener Zeitung, die mir der Fürſt von Adersbach aus W... mitge⸗ bracht, daß die fürſtliche Bibliothek völlig von Neuem zu ordnen und aufzuſtellen wäre, fand hier ſeine volle Beſtätigung. Arbeit hatte ich alſo genug vor mir, jedoch vergingen mehrere Tage, ehe ich zu einem Ent⸗ ſchluſſe kam, wo ich beginnen, wie ich fortfahren ſolle, denn bei genauerem Hinblick nahm ich zu meinem Entſetzen war, daß die einzelnen Bücher nicht einmal nach den verſchiedenen Wiſſenſchaftszweigen geordnet waren, daß alle Sprachen wirr durch einander lagen und viele Bände weder eine Nummer noch eine ſonſtige Bezeichnung an ſich trugen. Da ich mich, um klar zu ſehen und wenigſtens von einigen Aufſtellungen einen allgemeinen Ueber⸗ blick zu gewinnen, täglich mehrere Stunden in der 93 Bibliothek aufhielt, kam von Zeit zu Zeit der Herr Oberkaſtellan herein, um nachzuſehen, ob ich auch nicht Unfug anſtifte, wenigſtens lag eine ſolche Demonſtra⸗ tion ſehr deutlich auf ſeinem inquiſitorartigen Geſicht ausgeprägt. Er fand mich halb verzweiflungsvoll und mit übereinander geſchlagenen Armen vor einem Wandſchrank ſtehen und wußte nicht, was dieſe meine nachdenkliche Stellung zu bedeuten habe. Auf ſein Befragen theilte ich ihm unverhohlen mit, daß ich über die Unordnung und Vernachläſſigung der koſt⸗ baren Bücher erſtaunt ſei, worauf er in behaglichſter Ruhe erwiderte, daß ihn das gar nicht wundere; aus dieſem Grunde habe man ja einen Büchermann ver⸗ ſchrieben und es könne nicht anders ſein, da mein Vorgänger die Bibliothek faſt in zwei Jahren nicht betreten und der Buchbinder die neu gebundenen Bücher ſtets ohne Anweiſung hineingetragen und da aufgeſtellt oder hingelegt habe, wo gerade Platz ge⸗ weſen ſei. Da ich nun für's Erſte noch nicht an die eigent⸗ liche Arbeit gehen konnte, weil ich etwaige Anweiſungen des Hofmarſchalls abwarten mußte, ſo entwarf ich mir wenigſtens einen Plan, nach dem ich ſpäter ver⸗ fahren wollte. So lebte ich denn in Erwartung der 3 Dinge, die da kommen ſollten, mehrere Wochen ruhig 94 weiter, beſchäftigte mich mit eigenen Arbeiten und ſetzte Nachmittags die begonnenen Spaziergänge fort, theils um mich zu erfriſchen, theils um meine über⸗ flüſſige Zeit nicht ganz nutzlos verſtreichen zu laſſen. Umgang, Verkehr hatte ich zu dieſer Zeit mit Nieman⸗ den, da ich eine gewiſſe Scheu trug, mit fremden Menſchen nähere Verbindungen anzuknüpfen, zumal der Major mich wiederholt warnte, irgend Wem mein Vertrauen zu ſchenken oder das eines Anderen für baare Münze entgegenzunehmen, da man nicht wiſſen könne, auf welche Weiſe und zu welchem Zwecke die fragliche Perſon meine Aeußerungen benutzen würde. Den Major ſelbſt traf ich damals nur im Speiſehauſe, einmal weil unſre Bekanntſchaft noch nicht zu weiteren Vertraulichkeiten gediehen war, und ſodann, weil ihn ſein Dienſt zu dieſer Zeit faſt den ganzen Tag in Anſpruch nahm. Mein Leben ſchlich daher ſehr einförmig einen Tag wie alle Tage hin, allein die Neuheit meiner Lage intereſſirte mich und ich hatte Muße vollauf, nach⸗ zudenken und die ſchönſten Pläne von der Welt für die Zukunft zu entwerfen, was, wie man weiß, einen regen Geiſt ja ſtets ſo angenehm beſchäftigt. Auf dieſe Weiſe vergingen mir leidlich genug einige Wochen. Die Ausbeſſerungen im Aeußern und ganz neues Leben in die Stadt und namentlich 95⁵ Innern des Schloſſes und die Aufkfriſchungen einiger Staatsgemächer ſchritten raſch vorwärts, Alles wurde wieder in bewohnbaren Stand geſetzt und erhielt ſeine Beſtimmung, mir ſelbſt aber wurde kein anderes Zimmer angewieſen, trotzdem es mich bedünken wollte, daß den Kutſchern und Lakaien mehr Aufmerkſamkeit widerfuhr als mir, ja daß man mich eigentlich ganz und gar vergeſſen oder gar nicht in Anſchlag gebracht zu haben ſchien. Den Kaſtellan deswegen mit Bitten oder Geſuchen anzugehen, hielt ich unter meiner Würde, und ſo wartete ich mit Geduld meine Zeit ab, die ja nicht ewig ausbleiben konnte. An den Fürſten in Adersbach ſchrieb ich mehrere Male, theilte ihm aber keine von meinen Unbequemlichkeiten mit, theils weil ich zu ſtolz war, ihn in meine Lage blicken zu laſſen, theils weil ich beſorgte, er werde durch ſeine Einwirkung eine Aenderung herbeizuführen ſuchen, die ich zunächſt mir ſelbſt und dann der Einſicht meines Oberen ver⸗ danken wollte. Als die vierte Woche meiner Anweſenheit in B... verſtrichen war, langte die Nachricht an, daß die Fürſtin noch weitere zwei Wochen ausbleiben würde, und als auch dieſe beinahe vorüber, begann man die Vor⸗ bereitungen zu ihrem Empfang zu treffen, was ein in . 96 das Schloß brachte. Hundert Hände wurden mit einem Male geſchäftig, Alles zu ſchmücken und zu verzieren, was die geliebte Fürſtin zuerſt mit den Augen ſehen und mit ihren Füßen betreten würde. Schon waren zwei Ehrenpforten, eine am Thore und die andere am Schloßportale entſtanden und die Blätter und Blumen, die ſie begrüßen ſollten, dufteten ſchon rings um mich her. Es war ein Gedränge ohne Ende und eine Arbeit ohne Raſt, da man wie immer das Hauptſächlichſte bis auf den letzten Moment ver⸗ ſchoben hatte. Endlich traf der Vorbote der hohen Frau, der Hofmarſchall von Breitſpur, ein. Es war eine ver⸗ trocknete Figur, kalt und hochmüthig, dabei von be⸗ ſchränktem Verſtande für alles außer ſeiner Sphäre Liegende, und nur ein Meiſter in der Kunſt, gegen Vornehmere den Rücken zu beugen und Untergebenen mit befehlshaberiſchem Tone ſeine Meinung einzubläuen. Er bekleidete ſeinen Poſten noch vom Fürſten her, war in früheren Jahren eine ſeiner Creaturen ge⸗ weſen und wurde von der Fürſtin nur beibehalten, weil ſie aus Grundſatz vor der Hand keine Ver⸗ änderung in der Beſetzung der höchſten Hofſtellen vornehmen wollte. Als ich ihn zum erſten Male ſah, bekam ich gleich die richtige Vorſtellung von ihm. Er war in ſeinem geſchniegelten Aeußern ganz der Mann, Alles mit dem Rücken zu betrachten und nur der Fürſtin und dem Spiegel ſein erhabenes Antlitz zuzuwenden. Ich hatte mich bei ihm melden laſſen und er war ſo gnädig, mich eines Morgens zu ſich zu berufen. Steif und kalt in ſeinem Benehmen, empfing er mich, wie etwa ein König ſeinen Barbier empfängt, betrachtete mich oberflächlich, hörte gar nicht auf das, was ich ſagte, und beſchäftigte ſich dabei mit der Durchſicht einiger Briefe, die von einer Damenhand geſchrieben zu ſein ſchienen. Auf meine dringende Bitte, mich in mein Amt einzuführen, lächelte er verſtohlen und er⸗ widerte, daß ich meine Inſtructionen von ſeinem Secre⸗ tair erhalten würde. Als ich darauf die Frage laut werden ließ, ob ich nicht bald meine Arbeit beginnen könne, da ich viel zu thun vorfände, ſagte er vornehm: „Natürlich werden Sie Ihre Arbeit ſogleich be⸗ ginnen. Wozu ſind Sie denn herbeſchieden? Ueber⸗ haupt fragen Sie mich nicht viel, ich habe keine Zeit, Ihnen meilenlange Antworten zu geben, und bin weder ein Hexenmeiſter noch ein Bücherwurm.“ „Ich habe auch keins von Beiden vorausgeſetzt,“ erwiderte ich mich verbeugend, worauf er mir den Der Sohn des Gärtners. III. 7 Rücken zukehrte, ohne im Geringſten meinen Gruß zu erwidern. Das war alſo mein höchſter Vorge⸗ ſetzter, und wenn mir es auch Niemand geſagt hätte, ich wußte es von vornherein, daß ich von ihm weder auf eine Hülfe zu hoffen, noch Einſicht in meine Ange⸗ legenheiten zu erwarten hätte. 3 Jetzt hatte ich alſo meine Beſtallung, und ohne Zögern begab ich mich an die Arbeit, deren Umfang und Schwierigkeit aber in einem Grade wuchs, wie ich es mir kaum vorgeſtellt. Allein das ſchreckte mich nicht, vielmehr entwickelte ſich von Tage zu Tage ein größerer Reiz an derſelben, und da ich gewohnt war, mir die Löſung ſchwerer Probleme zu ſtellen, ſo ging ich mit einer wahren Begier daran. Nichts⸗ deſtoweniger ſchritt ſie nur äußerſt langſam vor, es fehlte mir an materiellen Kräften, da zwei Hände an einem Tage nur wenig beſchaffen können. Ich ver⸗ ſuchte bei nächſter Gelegenheit, als ich den Hofmarſchall ſah, noch einmal eine Vorſtellung und bat ihn, mir einen oder zwei Diener taͤglich auf einige Stunden zuzuweiſen, die mir etwas zur Hand gehen könnten. Allein auch dieſe gewiß leicht zu beſchaffende Hülfe wurde mir auf rauhe Weiſe abgeſchlagen, indem man mir zu Gemüthe führte, daß hier ein Jeder in ſeinem Fache genug zu thun habe, und wenn ich der Mann 99 ſei, den man ſich in mir vorgeſtellt, ſo würde ich mir ſelbſt zu helfen wiſſen. Dieſer Beſcheid war ganz dazu angethan, mich von allen ferneren Geſuchen der Art zurückzuhalten und mich auf mich ſelbſt zu verweiſen. Ich arbeitete alſo fort, langſam aber ſtetig, und jeden Tag hatte ich die Freude, ein neues Fach ſich füllen zu ſehen und eine allmälige Ueberſicht über einzelne Theile des großen Ganzen zu gewinnen. Wie ſchwierig dieſe Arbeit war, mag man ſchon daraus entnehmen, daß es nicht einmal paſſende Leitern gab, um an die oberſten Fächer zu gelangen, und ſo mußte ich immer mit einem Arm voll Büchern vorſichtig hinauf klettern, um die ausgewählten an die richtige Stelle zu ſetzen. Ich half mir alſo wie es ging und vertröſtete mich einſtweilen auf die Ankunft der Fürſtin, von deren Einſehen und Theilnahme ich mir die größten Vor⸗ theile verſprach. Dann und wann that ich, wenn ich von meinem abgelegenen Corridor in das Hauptſtockwerk des Schloſ⸗ ſes hinabſtieg, in welchem ſich auch die Bibliothek im Anſchluß an die fürſtlichen Gemächer befand, im Vor⸗ übergehen einen Blick in dieſe ſelbſt. Alle wurden nach einander gelüftet, durchräuchert und ſtanden ſo⸗ mit den Bewohnern des Schloſſes zur Anſicht offen. 4 7— Bei dieſer Gelegenheit lernte ich oberflächlich den Zu⸗ ſammenhang und die Einrichtung derſelben kennen. Sie lagen nach dem Garten hinaus und beſtanden aus einer langen Reihe glänzender und überaus ſchö⸗ ner Räume. Als ich eines Tages, kurz vor der An⸗ kunſt der Fürſtin, in eins derſelben hineinblickte, trat ein Tapezierer oder Bohner daraus hervor, lud mich ein, näher zu kommen, und bezeichnete mir die Zimmer eins nach dem andern, indem er mir den Zweck nannte, zu welchem ſie zu dienen pflegten. „Sehen Sie“ ſagte der freundliche Mann,„dort hinter jener Thür liegen die Schlaf- und Ankleide⸗ gemächer der Fürſtin. Dieſe darf kein Fremder be⸗ treten, Niemand kennt ihre innere Einrichtung und man hält ſie verſchloſſen, um aller Neugier Schranken zu ſetzen. Hier aber, durch dieſe Reihe dürfen Sie dreiſt weiter vorſchreiten. Das ſind die Geſellſchafts⸗ zimmer der Fürſtin. Im hinterſten Saale ſpeiſt man gewöhnlich, im davorliegenden hält ſie ihre vertrau⸗ lichen Abendzirkel ab und in dieſem arbeitet und wohnt ſie, ſo lange ſie hier iſt.“ Nach dieſen Worten ging der Mann fort und ließ mich in meiner Betrachtung allein. Ich ſtand nicht ohne innere Bewegung ſtill und ſah mir Alles genau an. Das erſte Zimmer, vom Corridor aus gerechnet, 3 3 101 war ein Vorzimmer, einfach aber höchſt geſchmackvoll decorirt. Aus ihm trat man in das Arbeitszimmer. Es war ein mehr kleines als großes Gemach, wenig⸗ ſtens mit Divans, Seſſeln und Bequemlichkeitsgegen⸗ ſtänden aller Art faſt überfüllt. In einem Erkerfen⸗ ſter prangte ein zierlich mit Perlmutter ausgelegter Schreibtiſch von Roſenholz, mit tauſend Kleinigkeiten und Zierrathen beladen, wie ſie gegenwärtig die Zim⸗ mer und Möbel ſolcher Damen zu füllen pflegen. Dicht davor ſtand ein ſchöner Lehnſeſſel mit grünem Sammt überzogen, wie alle Möbel, und ſelbſt die Vorhänge waren von gleichem und die Teppiche von ähnlichem Stoff. An den, mit mattgrüner und ſilber⸗ durchwirkter Seidentapete geſchmückten Wänden be⸗ merkte ich einige Oelgemälde von wunderbarer Schön⸗ heit, und von dem mit reicher Stukkatur bekleideten Plafond hing ein ſchwerer Lüſtre herab, der von Gold und ſchön geſchliffenen Kryſtallen blitzte. Den Speiſeſaal bekam ich an dieſem Tage nicht zu ſehen, denn meine ganze Zeit nahm die Betrach⸗ tung des Geſellſchaftsraumes in Anſpruch, in den ich zunächſt trat. Es war ein großes Gemach, einfach aber doch prachtvoll geſchmückt. Beinahe in der Mitte, unter dem Kronleuchter von vergoldeter Bronze, der dreißig Wachskerzen trug, ſtand ein großer runder 1⁰0² Tiſch, mit einer carmoiſinrothen Sammtdecke behangen. Acht Seſſel, mit demſelben Stoff überzogen, nebſt zwei kleinen ſich gegenüberſtehenden Divans umgaben ihn, ſo daß etwa zwölf Perſonen bequem darum Platz nehmen konnten. Die Wände waren mit grauer, carmoiſinpunktirter Seide bedeckt und die Vorhänge von gleichem Stoff. An den etwa drei Fuß hoch vom Boden mit Mahagoniholz bekleideten Wänden ſtanden kleine Tiſche, mehr zur Zierrath als zu einem beſonderen Gebrauche beſtimmt, auch die Thüren waren von Mahagoniholz, reich mit Bronze ausgelegt. Die Hauptzierde des ganzen Gemachs aber war ein an der, den Fenſtern gegenüberliegenden Wand hängendes Gemälde in breitem, wundervoll gearbeiteten Gold⸗ rahmen. Es ſtellte die Fürſtin ſelbſt vor, in einem von Blumen gefüllten Garten gehend, in Lebensgröße und nach der Natur von einem genialen Meiſter ge⸗ malt, der zu dieſem Zweck aus Düſſeldorf hierher be⸗ rufen worden war. Vor dieſem Bilde, in tiefes Anſchauen verſunken, ſtand ich wohl eine halbe Stunde ſtill, und ich mag es gern geſtehen, daß mir dabei das Herz, nicht vor Freude, vielmehr vor einer unbeſtimmten, inneren Angſt und Beſorgniß klopfte. Denn das Bild, wel⸗ ches ſehr ähnlich ſein ſollte, wie ich ſchon gehört und 103 nun ſelber fand, ſtellte die Fürſtin dar, wie ich ſie früher gekannt, und doch war etwas Fremdes, Unbe⸗ kanntes, mich beinahe Quälendes hinzugekommen. Im Vorwärtsſchreiten begriffen, ſtand ſie einen Augenblick ſtill und blickte dabei ruhig, ernſt und würdevoll den Beſchauer mit dem vollen Geſicht an. Die Figur war mit einem Gewand von ſchwarzem Atlas bekleidet, über welches eine feine Spitzenman⸗ tille von ſchwarzen Blonden fiel. Hals, Nacken, Arme und Hände waren von allen Hüllen entblößt, und das dunkelblonde, faſt in's Kaſtanienbraune ſpielende Haar fiel in vollem Glanze und in kurzen, rings um Kopf und Hals geringelten Locken natürlich herab, welche nur eine einzige roſarothe prächtige Kamelie ſchmückte. Um den herrlichen Hals ſchlang ſich eine orientaliſche Perlenſchnur, vorn von einem in reichem Golde blitzen⸗ den Smaragd zuſammengehalten. Mit der linken Hand zog ſie die ſchweren Falten des Kleides etwas vom Boden auf, ſo daß man die zarte Spitze des ſchön geformten Fußes ſah. In der Rechten hielt ſie eine Roſe und hob ſie nach dem Geſicht empor, als wolle ſie den Duft derſelben einathmen. Aber dieſes Geſicht— wie ſoll ich das beſchreiben? Sinnend, ernſt, gedankenvoll blickte es mich an. Es waren alle die ſchönen Formen darin, die feinen Linien, die ſanf⸗ ten harmoniſchen Farben, die ich ſo wohl kannte und ſo oft bewundert; aber dennoch waren es die kindlichen Züge nicht mehr, die mich früher bezaubert und zu endloſer Betrachtung hingeriſſen hatten. Ein gleich⸗ ſam unter der roſigen Haut zuckender Schmerz ſchien um die volle und doch zarte Lippe zu ſchweben, an der höchſten Blüthe der Lebensfülle ſchien ein innerer Wurm zu nagen, und ach!— mochte dieſe Geſtalt alle Ueppigkeit, Fülle und Schönheit der Welt, dieſes Ge⸗ ſicht alle weiblichen Reize, die Gott erſchaffen, in ſich vereinigen— einen Reiz, den höchſten von allen für mich, beſaß es nicht— es fehlte ihm der Ausdruck der lebendig wirkenden, der innig fühlenden, der Glück und innere Befriedigung ſtrahlenden Seele. Wo in aller Welt war dieſe Seele geblieben, denn ſie war doch früher ſo ſichtbar auf dieſem Antlitz ausgeprägt geweſen? Hatte der Künſtler ſie nicht wiederzugeben verſtanden, oder war ſie wirklich für das Auge der Menſchen verſchwunden? Schlummerte ſie nur, tief unter der lebendigen Oberfläche, oder war ſie ausge⸗ löſcht für immer, durch Kummer, Sorge, Lebensqual und Schmerz? Lange, lange ſtand ich vor dem Bilde und ſuchte mir dieſe Fragen zu beantworten, aber ich vermochte es nicht. Mir fehlte vielleicht die Ruhe dazu, denn 1953 ich verſchlang mit einer Art Gier Zug für Zug, ver⸗ tiefte mich in Gedanken in das Auge, das, ſo ſchön blau, groß und voll, doch kalt, ruhig, antheillos mich gleichſam fragend anblickte, als wollte es ſagen:„Was willſt Du hier in B...2 Kommſt Du aus dem Jen⸗ ſeits, meiner Kindheit, und rufſt mir in's Gedächtniß zurück, was ich für immer verlaſſen, verloren habe, um es nie wieder zu finden, das Glück der Unſchuld, der Jugend, der göttlichen Hoffnung auf eine freuden⸗ reiche Zukunft?“ Unwillkürlich ſchüttelte ich den Kopf.„Nein,“ ſagte ich, halb laut flüſternd,„ich komme nicht, Dich zu ſtören, Dich zu quälen mit einer der Vergangen⸗ heit angehörenden Erinnerung, aber wenn ich könnte, wenn es möglich wäre, möchte ich die ſchöne Seele wieder wecken, die aus Deinem Antlitz verſchwunden iſt und ſich in das heilige keuſche Innere Deines lebensvollen Buſens zurückgezogen hat. Aber wo finde ich den glühenden Funken, dieſes Innere zu entflam⸗ men, dieſes kalte Herz aus ſeiner öden Verſunkenheit aufzuſtacheln? Ha, Bruno? Ja, Bruno! Soll er es ſein, der mir dieſen Funken zuſchleudert?“— Wie er ihr ähnlich ſieht! Daſſelbe Auge und doch ein ganz anderer Blick! Er iſt befriedigt vom Leben, das ihm alle ſeine wonnigen Quellen geöffnet hat— ihr iſt es verſchloſſen geblieben oder ſie ſtößt es faſt voll Abſcheu mit dem Fuße zurück. Er ſtrahlt von Glück und Seligkeit an der Seite ſeiner Elsbeth, in der Mitte ſeiner lachenden Kinder— und ſie ſteht ein⸗ ſam und verlaſſen auf ſchwindelnder Hohe ihrer Lebens⸗ laufbahn, nicht weinend, denn dazu iſt ſie zu ſtolz, aber krampfhaft im Innern von unſäglichem Weh er⸗ griffen, das ſie nur den Lüften preisgiebt, wenn kein menſchliches Auge ſie anblickt. Ach, was hilft da alle Majeſtät, aller Glanz, alle Macht— das höchſte Glück des Lebens, das ſüße, friedliche Menſchenglück, Du haſt es nicht, nein, nein, Du haſt es nicht, und wenn Deine glanzvolle Stirn auch das Glück mir vorlügen und Du behaupten willſt: Mir fehlt Nichts, denn ich bin Ich! ſo ſagſt Du mir, dem Beſchauer, dem Kenner Deines Lebens, keine Wahrheit damit.“ Ich hätte wohl noch eine Stunde vor dem Bilde geſtanden und der Fülle meiner Gedanken freien Lauf gelaſſen, wenn nicht der Tapezierer, der mich einge laden, näher zu treten, zurückgekehrt wäre und ver⸗ wundert ausgerufen hätte:„Was, ſind Sie noch hier? Aha! Sie ſehen ſich das Bild an! Ja, ſie iſt ſchön, unſre Fürſtin, nicht wahr?“ „Ja, ſie iſt ſchön— aber ſie ſcheint mir traurig „ ſoj 4* zu ſein.“ „Das ſoll ſie wohl ſein und ſie hat Grund dazu! Siebenundzwanzig Jahre alt, eine Fürſtin und ſchon ſo ſchlimme Erfahrungen gemacht— das iſt bitter, mein Herr!“ Ich wollte nichts mehr hören und ging; zu denken hatte ich genug, und an dieſem Abend fand ich meine Arbeit nicht ſehr gefördert, als ich Ueberſchau hielt und von meinem Fleiße die Summe zog. Der Tag der Rückkehr der Fürſtin war gekommen. Da man ſie ſchon am Nachmittag erwartete, ſo war, mit Ausnahme der Bierphiliſter und der Kaffee trin⸗ kenden Damen, die ganze Stadt auf den Beinen, um wenig den Wagen zu beäugeln, der die geliebte Herrſche brachte. Da ich gern im Schloſſe ſein wollte, wenn ſie anlangte, wo ich ſie, im Fenſter lie⸗ gend, bequem ausſteigen ſehen konnte, ſo verließ ich mein Zimmer nicht; dadurch entging mir aber das Treiben und Wogen auf den Straßen, das, wie ich am Abend hörte, über alle Maaßen lebhaft geweſen ſein ſoll. Nur der Lärm, das Jauchzen und Lachen der um das Schloß herum und namentlich bei der mit Laubgewinden geſchmückten Ehrenpforte verſam⸗ melten Menge drang wie das Rauſchen der Meerese wogen an mein Ohr und regte auch in mir ein Ge⸗ fühl freudiger Spannung an, wie es bei dergleichen Vorkommniſſen, wenn uns die Perſon intereſſirt, der es gilt, zu erwachen pflegt. Allein die Ankunft der Fürſtin verzögerte ſich bis zum Abend, und es mochte etwa acht Uhr ſein, als vom nahen Schützenberge her die Kanonenſchüſſe krach⸗ ten, mit denen man die Heimkehrende ſchon aus der Ferne begrüßte. Eine Viertelſtunde ſpäter ließ ſich auch das Hurrahrufen der Menge hören und endlich rollten die Reiſewagen heran, die langſam nach dem Schloſſe emporfuhren, da die große Menſchenmenge ihnen ein wiederholtes Halt gebot. Unter der auf dem Schloßhofe verſammelten bunten Dienerſchaar, zu der ſich auch einige begünſtigte Hofligferanten, Kinder und die neugierigſten Stadtdamen Fellt hat⸗ ten, entſtand ein Hin⸗ und Herwogen wie in einem unruhigen Bienenſchwarme; man theilte ſich und zwiſchen dem jauchzenden und Hüte und Tücher ſchwen⸗ kenden Menſchenknäuel kam der erſte Wagen heran, dem drei ſchwerbepackte andere folgten, und die Fürſtin, ſich überallhin freundlich verneigend, ſtieg heraus, drehte ſich noch einmal nach der verſammelten Menge um und verſchwand dann im Schloſſe, deſſen Treppen, Kopf an Kopf gedrängt, die zumeiſt 109 begünſtigte Damenwelt in Belagerungszuſtand erklärt hatte. Ich legte mich ſo weit aus dem Fenſter als ich konnte, um nur den erſten Anblick nicht zu verſäumen, und es gelang mir, die hohe Erſcheinung, die in ein leichtes ſeidenes Reiſemäntelchen gehüllt war, mehrere Augenblicke zu betrachten. Es war mir eigenthümlich dabei zu Muthe. War ſie noch größer, ſtärker gewor⸗ den, als ich ſie früher geſehn, oder war ich und alle meine Fähigkeiten in ganz kleine Verhältniſſe zuſam⸗ mengeſchrumpft?— genug, die Erſcheinung der Fürſtin imponirte mir ſo gewaltig, daß ich mein Herz klopfen und dabei eine blitzſchnelle wehmüthige Erinnerung an alle meine Jugenderlebniſſe in mir auftauchen fühlte. Wa Nrner unten geſchah, weiß ich nicht. Ich hatte mich ganz ſtill in die Tiefe meines dunklen öden Zimmers zurückgezogen und, den Kopf auf die Hand geſtützt, auf mein altes Kanapee geſetzt. Regungslos wie eine Bildſäule, von ſeltſamen Bildern und Er⸗ ſcheinungen erfüllt und umſchwirrt, ſaß ich lange da. Kein Menſch ſtörte mich, denn kein Menſch außer einem alten Schloßdiener betrak mein Zimmer,— und auch er kam nur Morgens und Abends, um meine Kleider zu reinigen und die nothwendigſten Bedürfniſſe meines ſehr einfachen Haushalts zu be⸗ ſorgen. Endlich, als ich bemerkte, daß ich immer trauriger wurde, ohne mir des eigentlichen Grundes bewußt zu ſein, nahm ich Hut und Stock und ging auf den Schloßhof hinab. Hier war Alles ſtill, und da es be— reits finſter war, brannten die Laternen ſchon. Ohne vor oder um mich zu ſehen, ſchritt ich nach der goldenen Krone, um zu Abend zu eſſen, wo ich indeſſen eine ſolche Fülle von rauchenden, trinkenden und laut durch einander ſchwatzenden Menſchen antraf, daß ich kaum einen Platz finden konnte. Alle ſprachen von den Einzelnheiten der Ankunft der Fürſtin, ihrem Ausſehen, ihrer Freundlichkeit, und Alle waren beglückt, daß ſie zu ihnen zurückgekehrt ſei. Dieſer Antheil, dieſe Freude machte auch mich wieder heiter, 1 als ich um elf Uhr nach Hauſe ging, um mein ſtilles Lager zu ſuchen, war mein Kopf ſchon voll von neuen Plä⸗ nen und die Hoffnung hatte ſich wieder in meinem Herzen eingefunden, daß auch mir es bald beſchieden ſein würde, der Fürſtin gegenüber zu ſtehen und ähn⸗ liche Worte aus ihrem Munde zu vernehmen, wie ſie das glückliche Volk heute von ihr beim Ausſteigen aus Ddem Wagen gehört haben wollte. 1 1 111 Am nächſten Morgen kleidete ich mich ſchon ſehr früh feſtlich an, weil ich die erſte beſte Gelegenheit wahrnehmen wollte, mich der Fürſtin vorzuſtellen; allein ich ſollte diesmal die Rechnung ohne den Wirth gemacht haben, denn wenn ich erwartet hatte, daß am Hofe zu B... die einfachen und wenig umſtänd⸗ lichen Sitten und Gebräuche herrſchten, wie ich ſie in W... kennen gelernt, daß ich mich blos melden zu laſſen brauchte, um angenommen und eingeführt zu werden, ſo unterlag ich darin einem ſehr verzeihlichen Irrthume. Bis um elf Uhr ging ich in die Bibliothek und arbeitete ruhig wie gewöhnlich fort; als ich aber nun die Stunde gekommen glaubte, mein Werk auszufüh⸗ ren, trat ich in den Corridor hinaus und ſah mich nach einem Diener um, der meinen Wunſch in Empfang nehmen könne. Allein ich bemerkte keinen, der mir geeignet dazu ſchien, denn ich wollte mich an keinen überhaſtigen und leichtfüßigen Windbeutel wenden; alle aber, die ich an dieſem Tage ſah, waren wie von der Tarantel geſtochen, liefen mit ſchwindelnder Eile Trepp' auf und ab und hatten weder Ohren, zu hören, noch ſo viel Zeit, mit mir ein paar Worte zu wechſeln. Zu⸗ fällig erfuhr ich nur, daß die Mimniſter und hoͤchſten * .. Herrſchaften der Stadt an dieſem Morgen der Fürſtin ihre Aufwartung machten und daß Letztere Mittags eine Tafel von vierzig Gedecken abhalten würde. Nicht beſſer erging es mir am Nachmittag nach dieſer Tafel. Die Fürſtin werde ſogleich ausfahren, ſagte man mir und Abends auf einem nahe gelegenen Landhauſe den Thee einnehmen, ſpäter aber eine kleine Geſellſchaft im Schloſſe um ſich verſammelt ſehen. Etwas eingeſchüchtert und nicht allzu ſiegreich geſtimmt, verbrachte ich dieſen Abend ſtill auf meinem Zimmer. Am nächſten Morgen jedoch fragte ich mei⸗ nen alten Schloßdiener nach dem gewöhnlichen Auf⸗ enthalt des Kammerdieners Ihrer Durchlaucht, und da dieſer Herr wahrſcheinlich keine Zeit hatte, zu mir zu kommen, begab ich mich zu ihm und fand ihn be⸗ ſchäftigt, ſich zum Dienſte des Tages auf's Feinne anzukleiden. „Können Sie mich bei Ihrer Durchlaucht melden?“ fragte ich ohne Weiteres den Mann, der mit ſeiner ſtillen und nachdenklichen Miene einen günſtigen Ein⸗ druck auf mich machte.„Ich bin der Bibliothekar Flemming, erſt vor Kurzem hier eingetroffen und wünſchte mich Ihrer Gebieterin vorzuſtellen.“ „Ah, ja wohl, ich habe ſchon davon gehört,“ er⸗ widerte der Mann mit höflicher Verneigung.„Melden zur Fürſtin in's Zimmer, aber—“ „Nun, was aber?“ „Ich darf es nicht, mein Herr. In Bezug auf die Meldung von Perſonen bei Ihrer Durchlaucht beſtehen ſehr beſtimmte Geſetze. Jeder Fremde wird erſt bei der Frau Oberhofmeiſterin gemeldet, und dieſe allein giebt den Befehl, daſſelbe bei der Fürſtin zu wiederholen oder thut es ſelbſt, wenn kein Grund dagegen vorliegt. Sind Sie denn ſchon bei der Gräfin Hohenheim geweſen?“ Dieſe Frage hatte ich jetzt am wenigſten erwartet und muß offen bekennen, daß ſie mich ein wenig be⸗ unruhigte. Denn an die Anweſenheit dieſer Dame, meiner alten Feindin von W... her, hatte ich in der Aufregung der letzten Tage noch mit keinem Gedanken gedacht und daß ſie mir auch hier wieder hindernd in den Weg treten ſollte, nachdem ich ihre böſe Einwirkung ein für alle Mal überwunden zu haben glaubte, war mir eine unerträgliche Vorſtellung. Ehe ich daher des Kammerdieners Frage beantwortete, beſchloß ich, mein Vorhaben noch einmal ruhig zu überlegen, ob ich vielleicht nichtdeinen anderen Eingang zur Fürſtin finden könnte, als den durch das Hofgeſetz vorgeſchrie⸗ benen. Ich ſagte dem Diener alſo, ich würde erſt Der Sohn des Gärtners. III. 8 114 zur Oberhofmeiſterin gehen, und zog mich langſam in meine Bibliothek zurück. Hier verweilte ich wohl eine Stunde, ruhig auf und abgehend und meinen nächſten Schritt nach allen Seiten überdenkend. Endlich kam ich zu dem Entſchluß, den hier herkömmlichen Weg zu beſchreiten und, ſo unangenehm mir dieſe Vermittelung war, mich erſt bei der Oberhofmeiſterin vorzuſtellen, bevor ich den Eingang bei der Fürſtin auf andere Weiſe verſuchte. Es ſchien mir dies um ſo räthlicher, weil ich mir nicht gleich von Anfang an eine neue Widerſacherin auf den Hals ziehen wollte, die mir hier ſehr nachtheilig werden konnte; vielleicht auch fand ich ſie mir günſtiger und die ſeitdem verfloſſenen ahrungen hatten möglicher Trat ſie mir dennoch geſtimmt als in W... Jahre und darin gemachte Erf Weiſe ihren Sinn gemildert. hindernd in den Weg, dann freilich blieb mir nichts liche Mauer, die ſich um Anderes übrig, als die menſch Gewalt zu durchbrechen die Fürſtin zog, mit Liſt oder und auch hier den Leuten zu z ſei, der allenfalls ohne ihre Hülfe ſich einer Fürſtin zu nahen wiſſe, die mir ehemals in ihrem väterlichen Hauſe ſo manches Wohlwollen erwieſen hatte. Bevor ich aber dem Leſer den ſeltſamen Erfolg meiner Vorſtellung bei der Oberhofmeiſterin mittheile, eigen, daß ich ein Mann 5 * — 115 halte ich es für meine Schuldigkeit, ihn mit derſelben, wie ſie ſich hier am Hofe zu B... darſtellte, etwas näher bekannt zu machen, zumal ich früher nur ſehr oberflächlich von ihr geſprochen habe. Die Gräfin von Hohenheim, ſeit zwei Jahren Wittwe und Mutter eines einzigen Sohnes, den ſie verzärtelte und verzog, um ihn einſt zu dem würdigen Erben der großen Güter ihres früh verſtorbenen Bru⸗ ders, des Majoratsherrn Grafen von Wetterau ge⸗ ſchickt zu machen, war damals als Oberhofmeiſterin am Hofe zu B..., wenn nicht die angeſehenſte, doch gewiß eine ſehr wichtige und einflußreiche Perſon, die namentlich in der Richtung des Verſagens, Ablehnens oder gar Zurückweiſens billiger Wünſche Niedrig⸗ ſtehender eine große Macht beſaß, durch ſolche Vor⸗ rechte aber keineswegs befriedigt, eine noch viel grö⸗ ßere Rolle zu ſpielen ſich bemühte. Als erſte Ehren⸗ dame der Fürſtin, von Jugend auf mit ihr bekannt und zufolge ihrer früheren Stellung als Erzieherin ſie zu leiten gewohnt, glaubte ſie ſich vollkommen be⸗ rufen, gleichſam eine politiſche und höfiſche Zionswäch⸗ terin am Hofe zu B... darzuſtellen, namentlich aber, als legale Hüterin des Schatzes der Ceremonie, die Förmlichkeiten der Etikette und was dahin gehört, auf eine etwas tyranniſche Weiſe ausüben zu dürfen. In 8*. 116 dieſer Beziehung hatte ſie wahrhaft drakoniſche Ge⸗ ſetze erlaſſen und namentlich allen Männern und jungen Frauen oder Mädchen eine heilige Furcht vor ihrer unbeſieglichen Machtvollkommenheit einzuflößen gewußt. In ihrem unbeſchreiblichen Dünkel nahm ſie faſt dieſelben Ehren in Anſpruch, die man der Für⸗ ſtin ſelber ſchuldig war, und wer ſich im Geringſten dagegen verging, konnte darauf rechnen, in das ſchwarze Hofbuch eingetragen zu werden, deſſen Seiten zu füllen ſie als eine ihrer erſten Aufgaben und Pflichten betrachtete. Außer dieſer Furcht aber hatte ſie bei ihrer ſehr unangenehmen Perſönlichkeit den ſie Umgebenden keine anderen Empfindungen, am wenigſten aber wohlthuen⸗ der Art, einzuflößen verſtanden; Niemand liebte und achtete ſie auffällig, und um nicht ganz einſam auf dem Gipfel ihrer Größe zu ſtehen oder wenigſtens für den Fall der Noth ſich einen eifrigen Helfershelfer beizugeſellen, hatte ſie eine neue platoniſche Bekannt⸗ ſchaft— ohne die ſie nun einmal nicht exiſtiren konnte— mit einem ihrer würdigen Hofmanne, dem Kammerherrn von Krachwitz geſchloſſen, der nun als ihr zweites Ich zu betrachten war, ihr in ihrem ſchweren Werke half und, von gleicher Geſinnung und Gehäſſigkeit gegen Andere beſeelt, ihr ganzes Ver⸗ — 117 trauen errungen hatte, wie es einſt in W... der liebe Herr Beau beſaß. Dieſer Herr von Krachwitz, um ihn gleich eben⸗ falls dem Leſer in Perſon vorzuſtellen, konnte im eigentlichen Sinne des Worts für den böſen Genius am Hofe zu B... gelten. Ein ungebildeter Geck, hochmüthig ohne Würde, unwiſſend bis zur Dumm⸗ heit, war er Honig gegen Höherſtehende, und Galle gegen Untergebene oder ſeine politiſchen Widerſacher. Auch er war in B... über die Maaßen gefürchtet, nicht etwa wegen ſeines Einfluſſes, denn den beſaß er ganz und gar nicht, oder höchſtens durch ſeine plato⸗ niſche Freundin, ſondern wegen ſeines allgemein be⸗ kannten mephiſtopheliſchen Weſens, das er in allen Verhältniſſen nach Außen zu kehren liebte und da⸗ durch einem Jeden peinlich und zuwider wurde. Einer giftigen Wespe vergleichbar, ſtach er Jedermann, der in ſeine Nähe kam; von Allen wußte er Schlimmes oder Schwächliches zu flüſtern, Niemand hatte eine Bedeutung für ihn; ohne alle Schaam in Bezug auf ſeine perſönlichen Verhältniſſe, verletzte er das Ehr⸗ gefühl Anderer bei jeder Gelegenheit. Jeden Augen⸗ blick zu ſtachlichten Ausfällen bereit, die er nicht im⸗ mer fein höfiſch, ſondern recht oft ſogar höchſt plebe⸗ jiſch grob hervorſprudelte, ſtand er ſtets auf der 118 Lauer, etwas Gebrechliches an Perſonen und Dingen zu entdecken und es zu gelegener Zeit allen Lüften zu vertrauen. Falſch, hinterliſtig und ſchlau, wie nur ein gewiegter, herzloſer Hofmann es ſein kann, be⸗ nutzte er die Schwächen Anderer, um für ſich ſelbſt ein Piedeſtal daraus zu bauen, und ohne Erbarmen, mit gränzenloſer Frechheit ſich über die Ueberwun⸗ denen erhebend, lachte er am herzlichſten, wenn er Andere dem Weinen nahegebracht ſah. Dieſem Charakter, wie ich ihn hier der Natur ge⸗ treu zu entwerfen verſucht, entſprach ganz ſeine äußere Erſcheinung. Er war groß gewachſen, überaus hager und abgelebt und hatte ein im Ganzen nichtsſagendes, wiewohl in manchen Theilen ſcharf gezeichnetes Geſicht. In ſeinen grauen, unſteten Augen funkelte ein un⸗ heimliches Feuer, ſeine ſchmalen bleichen Lippen waren in ſteter vibrirender Bewegung, gleichſam geſpannt, Jedermann etwas Verletzendes zu ſagen; der hervor⸗ ragendſte und auffälligſte Theil dieſes Geſichts aber war eine ungeheure Habichtsnaſe, auf deren Feinheit er ſich ſehr viel einbildete und die er immer hoch in der Luft trug, als wolle er ſchon durch dieſe Haltung anzeigen, wie erhaben er über allem gewöhnlichen Lumpenpack ſtehe. Um nun zu ſeiner mit ihm durch Geiſt, Charakter 119 und das Jagen nach einem und demſelben Ziele ver⸗ bundenen Gefährtin zurückzukehren, ſo muß ich erwäh⸗ nen, daß Gräfin Hohenheim, ſeitdem ſie aus den Jugendjahren in das zweifelhafte Alter, nur durch übertriebenen Putz auf ihrer Höhe ſich haltender Frauen getreten, noch eine andere Eigenſchaft ausge⸗ bildet hatte, deren allmälige Entwickelung an manchen Einzelnheiten ſchon in W... zu erkennen geweſen war. Sie gehörte oder zählte ſich vielmehr zu jener immer zahlreicher aber auch immer langweiliger wer⸗ denden Kategorie auserleſener Damen, denen man ſchon lange den Namen„Blauſtrumpf“ beigelegt hat, ohne daß ſie jedoch das Wiſſen beſaß, mit welchem man ſich dieſelben in der Regel verbunden denkt. Was mich betrifft, ſo hatte ich von jeher einen wah⸗ ren Reſpect vor ſolcherlei gelehrten oder gelehrt ſein wollenden Frauen gehabt, und wo ich ihnen aus dem Wege gehen kann, thue ich es auch heute gewiß noch. Sind ſie wirklich gelehrter oder— was bei ihnen daſſelbe ſagen will— geriebener, ſpitzfindiger als an⸗ dere Weiber von Fleiſch und Blut, ſo ſind ſie es ſtets auf Koſten ihrer Weiblichkeit, und wollen ſie es nur ſcheinen, ſo ſpielen ſie mit einer geiſtigen Macht und Größe, der ſie auf keine Weiſe gewachſen ſind und wodurch ſie jenes ganz naturwidrige und darum ſo 120 häßliche Gepräge erhalten, welches jeden Mann von Verſtand und Herz aus ihrer Nähe und ihrem Um⸗ gang ſcheucht. Gräfin Hohenheim nun gehörte zu jenen anmaßen⸗ den Damen, die nichts ſind, nichts beſitzen, nichts gründlich gelernt haben, was ſie berechtigte, ſich für klüger oder gebildeter als ihres Gleichen zu halten, aber mit eiſerner Conſequenz die Miene annehmen, als habe ſie Gott allein in ſeiner Gnade erſchäffen. Alles, was andere Leute wiſſen, können, verſtehen— dagegen, was ſie ſelbſt ſagen, thun und leiſten, iſt ohne Widerſpruch ächt, gut und ſchön. Mit wahrhaft tyranniſcher Frechheit und Dumnmdreiſtigkeit beherrſchen oder vielmehr überwältigen dieſe weiblichen Ungeheuer die Kreiſe, in denen ſie ſich bewegen, und wer das Unglück hat, zwiſchen ihre Zähne zu gerathen,— falls ſie noch welche haben— iſt eben ſo gut und ſicher aufgehoben wie in dem Rachen eines Haifiſches. Kalt und ſtolz ſchreiten dieſe ſich erhaben dünken⸗ den Weiber durch die ſie umgebende Welt, deren Licht und Wärme ihre Herzen vergebens überſtrahlt und das Eis ihres Buſens niemals ſchmilzt. Nie gerathen ſie in Unruhe, nichts weckt ihre erſtarrte Seele aus dem theilnahmloſen Schlummer auf, in den ſie ver⸗ iſt nutzlos, ſchlecht oder exiſtirt für ſie gar nicht, Alles. . 3 4 — 121 ſunken ſind; unbewegt iſt und bleibt ihre Oberfläche wie ihr Gemüth, und herzlos und dadurch am tiefſten verwundend ſchreiten ſie wie lebendige Bildſäulen ein⸗ her, überall, wohin ſie ihren Fuß ſetzen, ihren Platz mit einer Keckheit behauptend, als wären ſie von Gott ſelbſt als Strebepfeiler der Welt dahin geſtellt. So war das Innere dieſer Oberhofmeiſterin der Fürſtin von B... beſchaffen; ihr Aeußeres hatte ſich nicht verſchönert, ſeitdem ich ſie nicht wiedergeſehn, und nur durch die ſorgfältigſte Toilette, durch die ſegnende Kunſt einer Fülle ſpendenden Schneiderin und das unbezahlbare Genie ihres Friſeurs, log ſie dem Beſchauer eine Blüthe vor, die eigentlich nie für ſie exiſtirt hatte. Ihr ſteifer magerer Körper trug ſich noch immer in ſeiner ganzen unſchönen, erzwun⸗ genen Würde; ihre Haut war auch etwas mehr ein⸗ getrocknet und vergilbt als damals; ihre Zähne, die, wenn ſie ſchön ſind, das häßlichſte Geſicht verſchönern und mit einem gewiſſen idealiſchen Zauber verklären, wenn ſie aber häßlich ſind, das ſchönſte Geſicht verun⸗ ſtalten, ihre Zähne, ſage ich, ſchon früher niemals regelmäßig, geſund und weiß, ließen jetzt noch viel mehr zu wünſchen übrig, indem ſie ſich ſelbſt laut über den Verluſt vieler der Ihrigen beklagten. Ihre Haare, auf die ſie immer die zärtlichſte Sorgfalt ver⸗ 2 122 wandt, trug ſie noch wie damals in unzähligen kleinen Löckchen, die aber niemals den Eindruck von ſchel⸗ miſchen Amorettchen auf mich machten, wie einſt Herr Beau von ihnen behauptet, und in ihren kleinen grauen Augen ſprühte daſſelbe unheimliche, dämoniſche Feuer, welches ſie ſchon in ihren Jugendjahren für mich ſo widerwärtig gemacht hatte. Was aber end⸗ lich ihre Geberden, Bewegungen, ihren Gang, ihre Sprachweiſe anbelangt, ſo war ſie darin der voll⸗ kommenſte Typus der ſteifſten, unduldſamſten Hof⸗ etikette; langſam und feierlich ſchwebte ſie einher, und wenn ſie gar den nach Roſen duftenden Kopf mit der dünkelhafteſten Miene von der Welt nach hinten beugte und ihre Katzenaugen vornehm prüfend von oben bis unten über den ihr nahenden Menſchen in ihrer Einbildung ein, den ein vornehmes, geiſt⸗ reiches und erhabenes Weſen, wie ſie, nur dem ſtau⸗ nenden Bewunderer zeigen kann, um ihn vor ihrer Größe und Herrlichkeit in den Staub ſinken zu machen. Die Art und Weiſe, wie ſie mich bei der von mir nachgeſuchten Vorſtellung empfing, war ganz ſo, wie ich es beſorgt hatte, und Nichts berechtigte mich zu der Annahme, daß ſie jetzt eine beſſere Meinung von laufen ließ, dann nahm ſie den höchſten Standpunkt I — 123 mir hege, als ſie ſie früher in herzinniger Gemein⸗ ſchaft mit Veten Beau von mir gehegt. Sie ſtand in voller Hoftoilette mitten im Zimmer, als ich ein⸗ trat, ſah mich lange mit höhniſchen Blicken ſtolz und beinahe verächtlich an, und ohne im Geringſten Rück⸗ ſicht auf mein Alter, meine Ausbildung und meine Freundſchaft mit dem Fürſten von Adersbach zu nehmen, redete ſie mich vornehm wie zu jener Zeit an, als ich noch ein Knabe, ſie aber ſchon eine erwachſene Dame war. „Was wollen Sie hier?“ lautete dieſe erſte Begrüßung. Etwas verwundert über dieſe eigenthümliche An⸗ rede, ſtand ich einen Augenblick ſtill, ſagte dann aber ruhig und ernſt:„Wenn Sie das noch nicht wiſſen ſollten, Frau Gräfin, ſo erlaube ich mir Ihnen mitzu⸗ theilen, daß ich auf Empfehlung Sr. Durchlaucht des Fürſten von W..., meines alten? Beſchützers, durch die Gnade Ihrer Durchlaucht der Fürſtin von B... hier als Schloß⸗Bibliothekar angeſtellt und vom Herrn Hofmarſchall von Breitſpur bereits in mein Amt ein⸗ geführt bin. Mein Erſcheinen vor Ihnen hat alſo ganz einfach darin ſeinen Grund, Sie zu bitten, mir die Zeit zu beſtimmen, wann ich die Ehre haben kann, Ihrer Durchlaucht vorgeſtellt zu werden, um ihr zu⸗ nächſt meinen Dank für ihre Huld zu ſagen, ſodann 124 aber auch ihr die perſönlichen Aufträge zu überbringen, die mir ihre Durchlauchtigen Eltern zu dieſem Zweck übergeben haben.“ Die Oberhofmeiſterin, als ſie dieſe mit ſicherer Stimme vorgebrachten Worte hörte, wandte ſich etwas ſeitwärts und warf einen raſchen Blick in den Spiegel. Als ſie darin wahrſcheinlich ein ſehr erregtes und leidenſchaftliches Geſicht wahrgenommen, dem keine künſtliche Gewalt eine ſchönere Färbung zu geben vermochte, trat ſie wieder näher, lächelte ſarkaſtiſch und fragte:„Haben Sie etwas Schriftliches an Ihre Durchlaucht?“ „Ja,“ erwiderte ich dreiſt. „So geben Sie es mir.“ „Um Entſchuldigung! Was ich Schriftliches beſitze, ward mir nur zur Ueberreichung von Hand zu Hand anvertraut.“ Sie machte mir eine Grimaſſe, deren Bedeutung ich nicht überſehen konnte. Sie war ergrimmt und erfreut zugleich, daß ich es wagte, vor ihrer hochheiligen Perſon eine ſolche Sprache zu führen.„So!“ ſagte ſie.„Es iſt hier aber nicht Sitte, der Fürſtin von Hand zu Hand ein Schreiben zu überreichen, und nur durch mich, Ihrer Durchlaucht Dberhaſtneiſterin, pflegt dergleiche zu geſchehen.“ 125 „Pflegt!“ wiederholte ich mit Nachdruck.„Das mag ſein. Aber es giebt Ausnahmen von der Regel, Frau Gräfin. Und meine Sendung iſt eine ſolche Ausnahme.“ „Ich will nicht hoffen, daß Sie ſich einbilden, im Stande zu ſein, hier die Ausnahme zur Regel werden zu laſſen, wie Sie es an anderen Orten kennen gelernt und getrieben haben. Ich ſage Ihnen das gleich von vornherein, damit Sie ſich keine Illuſionen machen. In W... mögen Sie in gewiſſen Kreiſen eine wich⸗ tige Perſon geweſen ſein, hier bin ich es in allen.“ „Ihre Belehrung, gnädige Frau, kommt zu ſpät. Ich weiß, was Sie hier gelten und ich— das ſage ich Ihnen auch gleich von vornherein— werde geduldig meine Zeit abwarten, bis ich auch etwas gelte. Die gewiſſen Kreiſe, die Sie ſo nachdrücklich betonten, übergehe ich hier, überhaupt liegt das Vergangene weit hinter mir, und ich bin darauf und daran, mir eine Gegenwart zu gründen, deren Licht Sie hoffent⸗ lich mit aller Ihrer Macht und Herrlichkeit nicht ver⸗ dunkeln oder gar auslöſchen werden.“ „Aha! Da haben wir es! Alſo nochmals Krieg? Und Sie haben noch immer nicht gelernt, daß man mit einer Frau, die eben ſo harmlos wie friedliebend iſt, keinen Kampf beginnen darf?“ „Ihre Harmloſigkeit und Friedensliebe greife ich nicht an, die laſſe ich auf ſich beruhen. Auf Kampf aber war ich und bin ich überall gefaßt, wo ich Men⸗ ſchen begegne, die ohne allen ſtichhaltigen Grund meine Urfeinde ſind.“ „Alſo Sie halten mich für Ihre Urfeindin?“ „Wie es ſcheint, muß ich es, denn Sie geben ſich alle Mühe, mir dieſen Glauben beizubringen oder vielmehr mich in demſelben zu beſtärken.“ „Hahaha!“ lachte ſie höhniſch auf.„Was ſich gewiſſe Männer einbilden! Sie ſind ganz der Alte geblieben, ja, Sie ſcheinen ſogar noch vollkommnere Studien in Ihrer Hofcarriere gemacht zu haben. Doch— ſcherzen wir nicht— Sie wollen alſo die Fürſtin ſprechen?“ „Das will ich und wenn Sie mir nicht die Thür zu ihr öffnen, wird ſie mir ein Anderer öffnen.“ „Herr!“ ſagte ſie mit leuchtenden Baſiliskenaugen, „Halten Sie mich für eine Kammerfrau?“ „Sie wiſſen ſehr wohl, daß ich nur bildlich ſprach. Habe ich die Fürſtin erſt einmal geſprochen, ſo wird ſich das Uebrige von ſelbſt finden, denn ohne Zweifel haben Sie nicht vergeſſen, daß ſie die Tochter des Fürſten von W... iſt!“ Sie warf mir einen ſchneidenden Blick zu. Wenn 127 ich es bis jetzt noch nicht gewußt, dieſer Blick haͤtte es mir geſagt, daß ſie meine bitterſte Feindin war und bleiben würde.„Werden Sie mich bald Ihrer Durchlaucht melden, Frau Gräfin?“ fragte ich lächelnd, mit Vergnügen bei dem Gedanken verweilend, daß ihr meine Ruhe fürchterlich war. „Gedulden Sie ſich. Das geht ſo raſch nicht. Ihre Durchlaucht kehrt von einer langen Reiſe zurück. Sie iſt angegriffen und bedarf der Ruhe. Wenn die Zeit dazu gekommen iſt, werde ich Sie benach⸗ richtigen laſſen.“ Ich verbeugte mich höflich, ſie machte mir einen ſehr ceremoniellen Knix und ich ſchritt gedankenvoll zur Thür hinaus, meinem einſamen Zimmer zu. Wenn ich anfangs etwas ſtolz auf meinen erſten Strauß mit der fürſtlichen Oberhofmeiſterin war, der, wie mir ſchien, ihr die kleine Lehre gegeben haben mußte, erwachſene Leute nicht mehr wie Kinder und einen freien Mann nicht wie einen Knecht zu behandeln, ſo ſtellte ſich doch ſpäter bei längerer Ueberlegung eine unbehagliche Stimmung bei mir ein, als ich mir eingeſtehn mußte, daß ich für's Erſte nicht die ſiegreiche Partei ſei, da mein ſehnlichſter Wunſch, ohne Verzug der Fürſtin vorgeſtellt zu werden, durchaus nicht in Erfüllung ging. Ich wartete von einem Tage zum 8 —————— 128 andern— mir kam keine Meldung zu, und mit eini⸗ gem Unwillen kleidete ich mich eines Tages an, um zum Miniſter des Cultus zu gehen, da mir der Hof⸗ marſchall von Breitſpur bei einer zufälligen Begegnung im Schloſſe den Wink gegeben hatte, dieſem Herrn unverzüglich meine Aufwartung zu machen, der zwar nicht als mein Vorgeſetzter zu betrachten, aber doch als die erſte Autorität bezüglich der öffentlichen und privaten Bildungsanſtalten im Lande eine Perſon ſei, deren Gunſt ich nicht verſcherzen dürfe. Seine Excellenz empfing mich, nachdem ſie mich eine gute Stunde hatte warten laſſen, ſehr ungnädig, indem ſie mir bemerklich machte, daß ich ſchon ſo und ſo viel Wochen in der Reſidenz weile, ohne das Be⸗ dürfniß empfunden zu haben, mich ihrer hohen Pro⸗ tection zu verſichern. Ich hätte ihm erwidern können, daß mir von ſeiner Exiſtenz und ſeiner Autorität in Bezug auf die fürſtliche Bibliothek gar nichts bekannt geworden ſei, allein ich wollte mir keinen neuen Feind erwerben, nahm daher den Wiſcher hin und fragte, ob er mir ſonſt vielleicht etwas zu befehlen habe. „O mein Herr,“ ſagte er gereizt und mich viel⸗ leicht abſichtlich mißverſtehend,„ich habe Ihnen über⸗ haupt nichts zu befehlen, das iſt richtig, aber darauf SeeeoeoeT.. aufmerkſam machen muß ich Sie allerdings, daß man einen Mann in meiner Stellung nicht ganz außer Acht laſſen darf, wenn man durch die Gunſt der Empfehlung eines Fürſten Bibliothekar an der hieſigen Schloßbibliothek geworden iſt. Gehen Sie jetzt ruhig nach Hauſe und thun Sie ferner Ihre Schuldigkeit.“ Das that ich denn auch und meine nächſte Schul⸗ digkeit ſchien es mir zu ſein, darüber nachzudenken, wie der Herr Miniſter dazu komme, mich wie einen Schüler zu behandeln, was mein ruhiges Blut in eine gewiſſe Gährung zu verſetzen anfing. Erſt als ich am Abend dem Major mein neues Mißgeſchick erzählte, erfuhr ich, daß die Gräfin Hohenheim vor einigen Tagen bei Sr. Excellenz geſpeiſt habe, und nun war mir das Benehmen des Miniſters vollſtändig erklärt. Die Ueberzeugung, daß jene Perſon im Stande ſei, mir noch andere Verdrießlichkeiten zu bereiten und Gott weiß Wen auf den Hals zu hetzen, war keine erfreuliche, und ich fing an, einige Sorge darüber zu fühlen, wie lange es dauern würde, bis ich hier zu dem Ziel gelangte, welches mein Freund in Adersbach mir als ſo leicht erreichbar vorgeſpiegelt hatte. Da⸗ mals beſtätigte ſich mir eine Erfahrung, die ich auch früher ſchon gemacht, daß es nämlich nicht immer die Der Sohn des Gaͤrtners. III. 9 großen Sorgen des Lebens, gewiſſermaßen die Car⸗ dinalſorgen unſrer Exiſtenz ſind, die uns das ſchwerſte Herzeleid bereiten. In ſie ſchickt man ſich, wie in das Unvermeidliche, in die großen Naturnothwendig⸗ keiten; vielmehr ſind es die kleinen, ohne Ende alle Tage ſich wiederholenden Sorgen, die uns allmälig mürbe machen und unſer Herz mit Widerwillen und Ekel erfüllen, ſo daß wir unfähig zur Arbeit, unluſtig zum ferneren friſchen, freien Streben werden. Dieſe Unluſt zur Arbeit namentlich ſtellte ſich bei mir bald nach dem Beſuche beim Miniſter des Cul⸗ tus ein; was mir ſo leicht erſchienen: ein paar Worte mit der Fürſtin zu ſprechen oder ihr irgendwo zu be⸗ gegnen, ſo daß ſie mich ſehen mußte, ſtellte ſich von Tage zu Tage als eine größere Schwierigkeit dar, wenn ich nicht geradezu in ihr Zimmer dringen oder mich ſo lange vor ihr Fenſter ſtellen wollte, bis ſie mich ſah und erkannte. Bald war ſie ausgefahren, bald ausgegangen und Niemand konnte mir ſagen, wo ſie gerade zur Zeit ſei. Bald hatte ſie Damengeſell⸗ ſchaft, bald conferirte ſie mit den Miniſtern. Morgens war ſie noch nicht zum Empfange bereit, Mittags dauerte die Tafel länger als gewöhnlich, und Abends war ſie leidend oder hatte irgend eine andere Abhal⸗ tung— alles dies wurde mir bald von dieſem bald — —ü ——2—— 131 von jenem Lakaien geſagt, bis mich endlich der nahe⸗ liegende Argwohn beſchlich, alle Diener des Schloſſes ſeien durch ein mächtiges Drohwort von mir zurück⸗ geſchreckt oder dahin angewieſen worden, keinerlei Verbindungen mit mir einzugehen oder unerlaubte Beſtellungen anzunehmen,— ein Argwohn, der ſpäter ſich nur zu gut in der Wahrheit begründet zeigte, da mir, wie der Leſer erfahren wird, noch mancherlei Zurückſetzungen widerfahren ſollten, bis ich am längſt erwünſchten Ziele war— dem, die Fürſtin ſprechen zu können, wann es ihr oder mir beliebte. Um aber allen dieſen kleinen Verdrießlichkeiten aus dem Wege zu gehen, beſchloß ich einen Schritt, den ich längſt hätte thun ſollen— ich ſetzte mich nieder und ſchrieb an die Fürſtin, daß ich in B... als Bibliothekar eingetroffen ſei, daß ich das Glück habe, mit ihr wieder unter einem Dache zu leben und daß mir bisher alle Möglichkeit abgeſchnitten worden, ihr meine ehrfurchtsvolle Aufwartung zu machen und da⸗ bei einen Brief zu überreichen, den ich ihr nur perſön⸗ lich einhändigen dürfe.— Der Brief war ſehr bald geſchrie und ganz geeignet, mir zum Zweck zu verhelfen. Wie aber ſollte ich ihn der Fürſtin zukommen laſſen? Durch die Poſt? Nein, denn das war kein ſicheres Mittel, 9* 132² da es ja möglich war, daß die Oberhofmeiſterin auch die auf dieſem Wege kommenden Briefe in Empfang nahm und, wenn ſie den Verdacht hegte, daß der Brief von mir herrühre, ihn leicht leſen und unter⸗ ſchlagen konnte. Endlich theilte ich dem Major Fuchs meine neue Verlegenheit mit und er war glücklicher Weiſe mit dem Muth und der Einſicht begabt, mir den richtigen Weg anzudeuten.„Geben Sie mir den Brief,“ ſagte er nach kurzem Beſinnen,„ich gehe alle vier Wochen zur Fürſtin, um ihr meinen Rapport abzuſtatten, und wenn ich ihr dann meine Papiere überreiche, lege ich Ihren Brief hinein.“ „Gut. Aber ſieht ſie Ihre Papiere denn auch an und wiſſen Sie, daß ſie ſie nicht ungeleſen bei Seite legt?“ „Nein, das thut ſie nicht. Sie iſt pünktlich im Dienſte und noch immer habe ich gefunden, daß in Allem genau Beſcheid weiß, was ich ihr ſchriftlich überreicht habe.“ — 4„Da haben Sie ihn— nun ſeien Sie mein Oberho r und ſtellen Sie mich in der Geſtalt meines es vor, dann haben wir der Gräfin Hohenheim mit ihrer ganzen Sippſchaft ein N artiges Sühnpöhen geſchlagen.“ „Das iſt auch meine Freude, mein lieber Flem⸗ ming; ich liebe ſie eben ſo wenig wie alle die Men⸗ ſchen, die eine lebendige Barrikade von Amtswegen vorſtellen. Halloh! Schießen wir eine Breſche und verſuchen wir einen Sturm, das liegt in meiner Natur, denn ich bin ein geborener Soldat. Ueber⸗ morgen ſtatte ich meinen Rapport ab und dann wer⸗ den wir den Erfolg erleben.“ Wie der Major es verſprochen, ſo hielt er es redlich. Am dritten Tage hatte die Fürſtin meinen Brief empfangen, dabei den Ueberbringer ſcharf an⸗ geſehen und, als derſelbe bemerkt, daß er einem Freunde den Gefallen gethan, das Schreiben zu beſorgen, ge⸗ lächelt und es in der Hand behalten, bis die Audienz beendet war. Unfre Vermuthung erwies ſich als richtig. Die Fürſtin hatte meinen Brief geleſen, Niemanden davon ein Wort geſagt, aber dafür gehandelt. Den Beweis davon erhielt ich am Tage nach Abgabe des Briefes durch ihren Kammerdiener, der bei mir eintrat und meldete, daß mich Ihre Durchlaucht noch an dieſem Abend um halb neun Uhr bei ſich erwarte. „Wird ſie um dieſe Zeit allein ſein?“ erlaubte ich mir den ſtillen Kammerdiener zu fragen. „Ach nein, Herr Bibliothekar, ſie hat heute ihren 134 kleinen Zirkel. Es werden etwa ſechs Damen und eben ſo viele Herren zum Thee bei ihr ſein.“— Dieſe letzte Mittheilung dämpfte meine Freude, denn das hatte ich am wenigſten erwartet. Nicht in Anweſenheit anderer, mir ſehr gleichgültiger oder gar feindſelig geſinnter Menſchen wollte ich der Fürſtin vorgeſtellt werden und mit ihr reden. Warum that ſie mir das zu Leide? Hatte ſie keine Viertelſtunde des ganzen Tages für den Freund ihres Bruders übrig? Oder wurde ſie vielleicht von irgend einer Scheu, mir allein gegenüberzuſtehen und von den Ihrigen zu hören beherrſcht? Faſt kam es mir ſo vor. Oder wollte ſie gar die Neugierde einiger bevorzugter Perſonen befriedigen, mich ihnen als den neuen Bibliothekar vorſtellen, dem ſie ihrem Vater zu Ge⸗ fallen ein kleines Stück Brot hingeworfen, freilich aber ihn auch dabei mit der Ehre beglückt hatte, fürſtlicher Hofbibliothekar zu werden und mit ihr unter einem Dache zu wohnen? Oder endlich, hatte ſie ganz ohne alles Nachdenken den Befehl gegeben, mich zu einer Stunde zu ihr zu führen, die dem Ver⸗ gnügen gewidmet zu ſein pflegte, oder war ſie vielleicht gar dazu durch die Einwirkung der Oberhofmeiſterin veranlaßt worden? 3 Eine von allen dieſen Urſachen mußte vorhanden ſein, wenn nicht ſogar mehrere zu gleicher Zeit wirk⸗ ſam waren, das glaubte ich wenigſtens beſtimmt an⸗ nehmen zu dürfen. Allein was half all mein Sinnen und Grübeln darüber? Der Befehl war einmal ge⸗ geben und ich mußte ihm pünktlich nachkommen. So machte ich mich denn zu dem längſt gewünſch⸗ ten und nun wieder mir ſehr peinlich gewordenen . Schritte bereit. Um die feſtgeſetzte Zeit, auf die Minute, fand ich mich im Vorzimmer ein; der dort anweſende Kammerdiener meldete mich an und einen Augenblick darauf brachte er mir den Befehl, einzu⸗ treten, Ihre Durchlaucht wünſche mich auf einige Mi⸗ Lnuten in ihrem vertraulichen Zirkel zu empfangen. . Unter der Einwirkung einer eigenthümlichen Miß⸗ ſtimmung und doch mit vor Freude klopfendem Her⸗ zen trat ich über die verhängnißvolle Schwelle. Schon das erſte Arbeitszimmer war ſehr hell durch Kerzen und Sinumbralampen erleuchtet, aber das eigentliche Geſellſchaftszimmer, in dem die Seſſel um den großen runden Tiſch ſtanden, ſtrahlte in einem ſo übermäßi⸗ gen Glanze, daß ich beim erſten Blick faſt geblendet . wurde und meine Augen mit Gewalt zwingen mußte, durch die Verſammlung zu dringen und die einzige Perſon herauszuſuchen, die hier für mich von hoher 3 Bedeutung war. 136 Allein nur kurz war der Augenblick der Blendung meines Augenlichts, dann ſah ich klar und zu meinem nicht geringen Unbehagen zunächſt an der Thür die Oberhofmeiſterin mit ihrem Freunde, dem Kammer⸗ herrn von Krachwitz ſitzen, die bei meinem Eintreten, von deſſen Vorladung ſie, wie ich nun ſah, keine Ahnung hatten, ſichtbar ſtutzten und ſich fragende Blicke zuwarfen, die mich, wenn ich ſehr leicht in Ver⸗ legenheit zu bringen geweſen wäre, gewiß hätten aus der Faſſung werfen können. Aber nur flüchtig konnte der Blick ſein, den ich über dieſe beiden Geſtalten ſchweifen ließ, denn aus den anderen Perſonen her⸗ aus, die mich alle mit Erſtaunen betrachteten, weil ſie nicht wußten, was mein Eintreten bedeuten ſollte, ſuchte ich die Fürſtin auf, und da ſie, ihren Platz verlaſſend, mir einige Schritte entgegen kam, blieb ich unweit der Thür ſtehen und verbeugte mich ehr⸗ furchtsvoll vor ihr. Als ich aber dann mein Auge erhob und die Fürſtin in ihrer ganzen Schönheit und Majeſtät dicht vor mir ſtehen ſah, vergaß ich alles Uebrige, ſogar die Anweſenheit meiner Feindin. Ich war erſtaunt, überraſcht, denn ich fand nicht nur Alles auf ihrem Geſichte, wie ich es zu finden erwartet, ſondern noch viel mehr, was mich, wenn auch nicht jetzt gleich, doch ſpäter bei genauerer Ueber⸗ 5 137 legung vollkommen befriedigte. Das Bild an der Wand dieſes Saales war treu, auf keine Weiſe ge⸗ ſchmeichelt, nur die reine Natur dieſes ſeltenen Weibes war darauf wiedergegeben, und doch lag— für mich wenigſtens— auf dieſem lebendigen Geſichte noch etwas ganz Anderes, als der Künſtler mit den Farben hatte wiedergeben können. Mir ſchien es, als ob auch die Fürſtin nicht ganz frei von Verlegenheit ſei, indem ſie mir hier zum erſten Mal gegenüber trat. Sie blickte mir nicht ſo ganz unbefangen in's Auge, wie ich mit meinem ge⸗ wöhnlichen offenen Blick das ihre zu betrachten mir erlaubte. Vielleicht war ſie durch lange Gewohnheit und den Umgang mit weniger offenherzigen Menſchen weit davon entfernt, eine ſo freie Meinungsäußerung zu erwarten, wie ſie— ich fuͤhlte es ſelbſt— ſcharf ausgeprägt auf meinen Zügen liegen mußte. Der kalte, gleichſam herz⸗ und ſeelenloſe Blick aber, den ich ſchon bei der Betrachtung des Bildes angedeutet, trat beinahe erkältend und viel deutlicher noch aus dieſen lebendigen Augen hervor, und dabei ſprach, wenn nicht ein natürlicher Stolz, doch gewiß eine künſtliche höfiſche Zurückhaltung, die mich froͤſteln machte, aus allen ihren Zügen und Bewegungen. „Herr Bibliothekar!“ redete ſie mich mit unſicherer 138 und mir faſt heiſer klingender Stimme an,„Sie ſtellen ſich mir alſo vor! Ich danke Ihnen! Ihre Zeilen habe ich geleſen. Sie bringen mir Grüße von meinen b Eltern?“ „Die herzlichſten, Durchlaucht, und die aufrich⸗ tigſten, wohlgemeinteſten Wünſche, daß Sie ſich in jeder Beziehung wohl fühlen mögen.“ Bei dieſen langſam, laut und bei der um mich herrſchenden Stille ſehr verſtändlich geſprochenen Wor⸗ ten zuckte ein blitzartiges Lächeln um ihre feinen Lip⸗ pen, und doch konnte ich nicht umhin, darin etwas mit Gewalt zurückgehaltenes Schmerzliches wahrzu⸗ nehmen. „Ich danke Ihnen! Ein ander Mal mehr davon!“ fuhr ſte fort, die Augen einen Moment zu Boden ſchlagend, als könne ſie die gerade, offene Sprache meines ſie betrachtenden Auges nicht ertragen, weshalb ich den Ausdruck deſſelben zu mäßigen ſuchte.— „Aber Sie ſchrieben von einem Briefe, den Sie mir nur perſönlich übergeben dürften— wo iſt er?“ „Hier, Durchlaucht!“ „Von Wem iſt er?“ „Der Schreiber will ſich nur ſelbſt nennen und er rechnet ebenſo ſicher darauf, von Ihnen verſtanden zu werden, wie er die Beherzigung ſeiner Wünſche hofft.“ 2 139 Bei dieſen von mir mit leiſerer Stimme aber mit MNachdruck geſprochenen Worten geriethen die Muskeln ihres Geſichts in Bewegung, als wollten ſie ſtürmiſch durch einander laufen. Ohne Zweifel hatte ſie be⸗ griffen, wer der Schreiber des Briefes war, deſſen Na⸗ men ich in dieſer Geſellſchaft abſichtlich verſchwieg. Allein gewohnt, ſich zu beherrſchen und ihre Gefühle niederzu⸗ halten, nahmen ihre Züge bald die vorige Ruhe wie⸗ der an, nur konnte ſie nicht verhindern, daß eine flüch⸗ tige Röthe ihre Stirn und Wangen überzog, der dann plötzlich eine um ſo auffallendere Bläſſe folgte. Sie nahm mir den Brief aus der Hand— eine höchſt unceremoniöſe Handlung, wie mir ſogleich das verächtlich zuckende Geſicht der Oberhofmeiſterin erklärte — betrachtete die Aufſchrift, legte mit einer unwillkür⸗ lichen raſchen Bewegung die linke Hand auf ihr Herz, das wohl, ſobald ſie die Handſchrift erkannte, lauter als gewöhnlich ſchlagen mochte, und machte mir dann eine ſchweigende, kaum bemerkbare Verbeugung, die ich mir als den Wink meiner Entlaſſung deutete und, indem ich ſchnell einen Schritt zurücktrat, auf das Ceremoniöſeſte erwiderte. Eine Minute ſpäter war ich aus dem Zimmer ge⸗ treten und athmete die freiere Luft des Vorzimmers, des Corridors und endlich meiner eigenen Wohnung. 140 Das war alſo mein erſter Empfang Seitens der zärt⸗ lichſt geliebten Schweſter meines Freundes, das war Alles, was ſie mir zu ſagen, von mir zu hören hatte! O! Das war ſehr wenig, viel weniger, als ich er⸗ wartet, und doch— und doch— ſagte mir eine in⸗ nere Stimme, daß es nicht Alles war, was ſie auf dem Herzen hatte, denn, mochten Andere von dieſer erſten Vorſtellung denken, was ſie wollten— ich hatte nicht allein in ihren Aeußerungen, ihren kalt abge⸗ wogenen Blicken und Geberden geleſen— es war noch etwas Anderes in ihr, was mich nicht als ganz Fremden behandelte und was ich mir gleich nachher ungefähr ſo überſetzte: „Verzeihen Sie, Flemming, daß ich meiner augen⸗ blicklichen Umgebung Rechnung tragen muß; ich hätte Sie allein, ohne Zeugen empfangen ſollen— ich ſehe es zu ſpät ein. Gedulden Sie ſich! Ich bemerke zu meiner nicht geringen Ueberraſchung, Sie ſind der Alte geblieben, und in mir, unter der Aſche der mich jetzt umgebenden Verhältniſſe, inmitten meines Kum⸗ mers, meiner Sorgen, iſt ebenfalls noch ein kleiner Funken meines früheren Seins, eine Erinnerung an ein früh verſchwundenes Jugendglück ſitzen geblieben.“ Mit dieſer Ueberſetzung war ich für den Augen⸗ blick einigermaßen zufrieden, wenn ich mir auch ein⸗ ränmen mußte, daß die kurze, bündige Behandlung, die mir im Angeſicht der vornehmen Geſellſchaft offi⸗ ciell widerfahren, keine ſolche war, daß dieſe Geſell⸗ ſchaft ſelbſt in mir etwas Anderes als einen unter⸗ geordneten Diener, einen gemeinen Handlanger des höfiſchen Dienſtes erblicken und meinen Werth danach feſtſtellen konnte. Dieſe Wahrnehmung war an ſich ſchon hinreichend, meinen Muth etwas abzuſchwächen. Im Ganzen alſo war ich nicht ſehr erbaut, nicht befriedigt, am wenig⸗ ſten aber erwärmt und aufgeheitert durch meine erſte Vorſtellung bei Hofe. Meine neue Lage wollte mir plötzlich wieder drückender, ſchwieriger denn je erſchei⸗ nen, allein ich bezwang den in mir aufdämmernden Stolz und ſagte mit Ruhe zu mir:„Warten wir es ab. Der Berg iſt hoch und ſteil, den ich beſteigen will, aber mit Geduld gelange ich endlich doch auf den Gipfel. Einmal oben aber, wirft Dich, Kurt Flemming, kein Ceremoniel, kein feindlicher Angriff, keine widrige Luftſtrömung hinab und Du überſchauſt Alles klar und rein, was Deinen umwölkten Blicken jetzt noch entzogen iſt.“ Viertes Anpitel. Die erſten Symptome der Wühlerei meiner Feinde. Nachdem ich dieſe erſte Vorſtellung bei der Fürſtin, womit ich die Einführung in mein Amt eigentlich erſt für vollendet hielt, überſtanden hatte, kehrte meine Arbeitsluſt mit neuer Ausdauer zurück und ich ver⸗ lebte mehrere Wochen unausgeſetzt unter meinen Büchern, ohne daß etwas Erwähnenswerthes um mich her vor⸗ gefallen wäre. Mein größtes Vergnügen damaliger Zeit beſtand in endloſen Spaziergängen durch Feld und Wald, auf denen ich über meine Zukunft ernſtlich G 4 mit mir zu Rathe ging, wenn ſich mein Leben in B... wider Erwarten nicht auf eine wünſchenswerthe Weiſe geſtalten ſollte. Zwei bis drei Jahre nahm ich mir höchſtens an dieſem Orte zu bleiben vor; in dieſer Zeit konnte ich nicht nur die Bibliothek vollſtändig 143 geordnet, überſichtlich aufgeſtellt und zu Jedermanns Gebrauch nutzbar gemacht haben, ſondern ich hatte bis dahin auch meine begonnenen Privatſtudien und Arbeiten zu Ende gebracht, deren Vollendung ich mir ſeit meiner großen Reiſe als nächſte Aufgabe geſtellt. Was darüber hinauslag, kümmerte mich jetzt noch nicht, die Beſtimmung darüber wollte ich meinem Freunde überlaſſen, zu dem ich ja ſtets zurückkehren konnte, wenn es mir draußen in der Welt nicht mehr behagte. Ueber die letzten Vorfälle hatte ich ihm noch nichts geſchrieben und ich wollte damit noch eine laͤngere Zeit zurückhalten. Was konnte es ihm nützen, Dinge zu erfahren, die ihn doch nur gekränkt und erbittert hätten, und Alles, was ich bisher am Hofe ſeiner Schweſter erlebt und durchſchaut, war nicht dazu an— gethan, ſeine Beſorgniß für ihr Wohl, das ihm ſo ſehr am Herzen lag, zu beſchwichtigen, am wenigſten aber ihm eine Hoffnung auf eine ſehr raſche Aus⸗ ſöhnung zu geben, wie wir Beide ſie uns, ſanguiniſchen Sinnes, in Adersbach als ein ſo leichtes Unternehmen geträumt hatten. Eine neue Epoche in meinem Aufenthalt zu B.. ſollte der in die letzten Tage des September fallende Geburtstag der Fürſtin bezeichnen. Dieſer Tag war ein Feſttag im ganzen Lande, und namentlich in der 144 Reſidenz wurde er auf ganz beſondere Art gefeiert, um der verwaiſten Fürſtin die Liebe und Ergebenheit zur Anſchauung zu bringen, die man für ſie im Gegen⸗ ſatz zu ihrem auswärts lebenden Gemahl im Herzen bewahrte. Aber auch von der Fürſtin ſelbſt wurde dieſer Tag auf eine ganz eigene Weiſe feſtlich be⸗ gangen, die, als ich ſie vernahm, mir bewies, daß ihr Herz noch nicht völlig der Vergangenheit abgeſtorben ſei und daß ſie nicht vergeſſen habe, wie traulich und gemüthlich man in ihrem väterlichen Hauſe einſt dieſen Tag in ländlicher Zurückgezogenheit gefeiert habe. Allerdings war unter dieſer lebhafteren Bevölkerung und bei dem nach lauteren Vergnügungen drängenden Hange der Städter ein ſo völliges Abſchließen vom Allgemeinen nicht ſo gut wie dort durchzuführen, des⸗ halb hatte die Fürſtin denn auch einen Mittelweg eingeſchlagen, der alsbald die allgemeine Billigung erlangte und eine erwünſchte Betheiligung faſt ſämmt⸗ licher Parteien zur Folge hatte. Die Fürſtin pflegte früh am Morgen dieſes Tages, wenn es das Wetter irgend erlaubte, auf das Land zu fahren. Zwei Meilen von der Reſidenz entfernt, lag mitten im romantiſchen Gebirge ein beliebter Ver⸗ gnügungsort, die Felſenburg geheißen, wo eben ſo wohl große bedeckte Räume, wie niedlich abgelegene : richtungen zu beliebiger Benutzung einluden. Nach dieſem vom herrlichſten Laubwalde umgebenen Orte folgte der Fürſtin ebenfalls früh am Morgen der ganze Hofſtaat und ein großer Theil der wanderluſtigen Bevölkerung der Reſidenz, ſelbſt aus den benachbarten Ortſchaften kam Jung und Alt angepilgert, um den Tag in harmloſer Freude, bei ſchöner Muſik, Tanz und Spiel im Grünen zuzubringen, was ſich Alles rings um das mitten im Walde aufgeſchlagene fürſt⸗ liche Zelt abwickelte, in dem die Fürſtin ſelbſt mit ihrem Hofe es ſich wohl ſein ließ und in völliger Zwangloſigkeit bald Zuſchauerin, bald Theilnehmerin der verſchiedenen Vergnügungen war. Hier draußen in einem fürſtlichen Landhauſe, und wenn es das Wetter erlaubte, im Freien, wurden auch die officiellen Gratulationen angenommen und fanden in einer von der Oberhofmeiſterin beſtimmten Reihen⸗ folge je nach Rang und Stand der Anweſenden ſtatt, worauf ſpäter eine offene Tafel abgehalten ward, bei der die Geladenen mit der Fürſtin an einem Tiſche ſpeiſten, das große Publicum aber auf Koſten der Regentin an verſchiedenen Orten und in reichlichſter Fülle bewirthet wurde. Dieſe allgemeine Feſtfreude war der letzte Reſt Der Sohn des Gärtners. III. 4 10 146 der Hofſitte aus viel früherer Zeit in B..., wo der Großvater und Vater des jetzigen Fürſten noch für wirkliche Landesväter ihrer Unterthanen galten und mit ihnen auf dem beſten Fuße ſtanden. In den letzten Jahren der gewaltthätigen Regierung des jetzt abweſenden Fürſten war man, wie in vielen Dingen, auch von dieſer löblichen Gewohnheit abgegangen, ſie koſtete, da das fürſtliche Leben im Ganzen ungeheure Summen verſchlang, ſeiner Meinung nach zu viel und ſeinen nur die ſchärfſten Reize liebenden Sinn befrie⸗ digte das ländliche Vergnügen und das Verweilen in der Mitte ſeiner murrenden Unterthanen nicht mehr. Sobald er aber das Land verlaſſen hatte, ſtellte die Fürſtin, ihrer ſelbſt und des Volkes wegen, das Feſt in ſeiner urſprünglichen Form wieder her und erwarb ſich hierdurch noch mehr die Liebe ihrer Unterthanen, die ihr ſo ſchon von ganzem Herzen ergeben waren. Dies Alles erzäblte mir kurz vor dem erwähnten Tage Major Fuchs, und indem er hinzufügte, daß er ſelbſt nur Morgens hinaus reite, um ſeinen Glückwunſch abzuſtatten, Mittags aber wieder in der Stadt zurück ſei, weil ihn das Schwelgen der zahlreich geladenen Gäſte ſtets mit Ekel erfülle, ermahnte er mich, gar nicht den Miſanthropen zu ſpielen, mich vielmehr unter die Fröhlichen zu miſchen, da ich dann ja ſelbſt ſehen 147 würde, wie hübſch es da draußen unter den Alten und Jungen, den Hohen und Niederen ſei, die alle in neuſter Feſtkleidung und jubelnder Luſt ihren ge⸗ theilten Genüſſen nachgingen. Als ich dies hörte, nahm ich mir vor, der ſicher auch an mich ergehenden Aufforderung zu folgen und mich mit den übrigen Hofdienern nach der Felſenburg zu begeben. Mir lagen noch ſehr wohl die Geburts⸗ tage der fürſtlichen Kinder in W... im Gedächtniß und ich erinnerte mich gern an die kleinen Freuden, von denen ich ja auch dem Leſer manches Einzelne mitgetheilt habe. Ach! Ob die Fürſtin noch hier ſo glücklich war, wie ſie es damals als Prinzeſſin Hildegard, von Allen umworben und angebetet, geweſen? Ob ſie noch mit derſelben Harmloſigkeit das Leben genoß und daſſelbe Wohlgefallen an den kindlichen Spielen und Auftritten ihr Herz ſchwellen machte? Ich be⸗ zweifelte es ſehr. Wie war doch Alles hier in B... ſo ganz anders als in W..., das ſah ich ſo recht von Tage zu Tage mehr ein. Dort ein ſo einfaches, natürliches, faſt patriarchaliſches Leben, ſelbſt im Glanz und Ueberfluß des kleinen Hofes, hier ein geſchraubtes, künſtlich aufgeputztes, mit altem Flittertand prunken⸗ des Daſein! Dort ein ruhiger, gemeſſen fortſchreiten⸗ der, dankbar hinnehmender Genuß, hier ein aufgeregter, 10 148 wilder, nach Saus und Braus trachtender Taumel! Dort zwar ſtolze, ſich ihrer erhabenen Vorzüge be⸗ wußte, aber im Ganzen nüchterne und zufriedene Menſchen, hier ein übermüthiges, trotzig auf ſeine Privilegien pochendes, von Aufgeblaſenheit und Dünkel trunkenes Hofgeſchmeiß! Selbſt die Perſonen, die mir in W.. einſt die unangenehmſten, unwillkommenſten geweſen, ſchienen mir jetzt in der Rückerinnerung ihrer damaligen Anmaßung und Einbildung beraubt zu ſein, ſogar der Hofrath Beau kam mir nur als eine kindiſch eitle, ungefährliche und ſchadloſe Perſönlichkeit vor, und die Erzieherin der Prinzeſſin war gegen die jetzige Oberhofmeiſterin eine gelind ſchmollende, mehr charakterloſe als bedeutungsvolle Geſtalt, während ſie hier wie eine Regentin über der Regentin, gleichſam ein lebendig wandelndes und ſtrafendes Gericht ein⸗ herſchritt, Groll und Haß im Herzen brütend und auf ihren Mienen die kalte Grauſamkeit einer unerreich⸗ baren Nemeſis tragend. An alle dieſe Vergleiche, die ſich nur allmälig in mir entwickelten, als mein ſcharf beobachtendes Auge immer klarer und umſichtiger ward, wurde ich faſt täglich dringender gemahnt, wenn ich von einem Fenſter in meiner ſtillen Bibliothek aus, hinter deſſen Gardinen verborgen mich Niemand als Beobachter vermuthete, —————y yyy——n:— allein, dann und wann aber auch in Geſellſchaft anderer Perſonen, in den ſchattigen Gängen luſtwan⸗ deln ſah. Einmal kam ſie mit zwei jüngeren Damen langſam daher geſchritten, hinter ihr folgte die unver⸗ meidliche Gräfin Hohenheim, in vertraulichem Geſpräch mit Herrn von Krachwitz begriffen. Die Fürſtin wandelte langſam mit ihren Damen daher, trennte ſich dann von ihnen, zu denen ein paar Cavaliere traten, und ſetzte ihren Weg allein fort. Gedanken⸗ voll ſtand ſie gerade vor meinem Fenſter ſtill, be⸗ trachtete wehmüthig die vor ihr ausgebreitete ſchöne Landſchaft, blickte ſich gleichſam ſuchend unter den Blumen und Geſträuchen um und fiel in ein tiefes und, wie es ſchien, ſchmerzliches Nachſinnen zurück. „Wenn ich ihr jetzt nahen könnte,“ dachte ich, „ſo würde ich vielleicht Gelegenheit finden, einen tie⸗ feren Blick in ihr Herz zu werfen; ſie würde mich ſprechen laſſen und ich würde ihr Manches zu hören geben, was den lange verſchloſſenen Schrein ihrer Seele öffnen ſollte. Doch was iſt das? Sie hebt ihr feines Tuch gegen das Geſicht empor und ſtreift damit raſch über die Augen. Weint ſie oder fächelt ſie ſich nur Kühlung zu? Nein, bei Gott! Ihr Buſen hebt ſich ſchwer, ihr Herz iſt alſo übervoll und ſie denken wenigſtens, daß ſie Momente habe, in denen ſehnt ſich nach Erleichterung. Sie trocknet wirklich eine raſch hervorquellende Thräne; entweder giebt ſie ihrer Erinnerung eine kurze Audienz, oder ſie hegt Wünſche, die ſie keinem Sterblichen laut verrathen darf. Dooch— es iſt bald vorüber— da kommt die Oberhofmeiſterin mit dem geckenhaften Kammerherrn heran— ſie ſpricht zu der Fürſtin— und fort von den Augen flattert das Tuch, ſie bückt ſich nach einer kleinen Blume, und als ſie ihr roſiges Geſicht gegen die ſie ſtörenden Menſchen erhebt, iſt ihre Erinnerung in ihre Bruſt zurückgetreten, ihre heimlichen Wünſche ſind verſtummt und ſie iſt wieder die Fürſtin, die nur von Wohlſein, Zufriedenheit und dem Bewußt⸗ ſein der ihr aufgebürdeten Würde ſtrahlt. Keiner von allen Anweſenden ſieht ihr irgend ein Leid, ein Weh, eine innere Beklemmung an— nur ich, ich ſehe es, denn ich kenne ihre Erinnerungen, ihre jugend⸗ lichen Freuden, ihr— vereinſamtes Herz. Doch— bilde ich mir das nicht etwa blos ein? Wer ſagt mir, daß ich Recht und Jene Unrecht haben?“ Mir ſagte Niemand etwas darüber, und doch konnte ich mir von dieſem Augenblick an, der mich einen tiefen Blick in das zerriſſene Innere dieſer äußerlich ſo be⸗ vorzugten Frau thun ließ, nicht mehr verhehlen, zu 151 die ganze ſchwere Laſt ihrer jüngſten Vergangenheit und die leere, nüchterne, ſeelenloſe Gegenwart, die ſie umgab, niederdrückend auf ihre Seele fiel. O, was mochte ſie unter den Händen und der Willkür eines Mannes gelitten haben, der nur mit Soldaten, Jägern, Pferden, Hunden, Schmeichlern und Maitreſſen umzu⸗ gehen verſtand, die er nach Belieben liebkoſte, gängelte, prügelte oder mit Gold beſtach, und in ſelbſtvergeſſener Trunkenheit ſich allen Lüſten hingab, die eine gemeine Natur als den einzigen Tummelplatz für ihre freche Willkür betrachtet! Sie, mit ihrem feinen Gefühl, an eine unſchuldsvolle Umgebung, an liebende Eltern und Geſchwiſter gewöhnt— wie große Wunden mußte ihr das Taumelleben in B... reißen, und war es ein Wunder, daß endlich, da nirgends eine Abhülfe, ein Troſt, eine glättende Hand für ſie in's Mittel trat, ihr Herz erkaltete, ihr Auge Blicke warf, wie jenes Bild, ja, wie ich ſie in dem lebendigen Auge ſelbſt geſehen, als ſie mir an jenem unſeligen Abend in der vornehmen Geſellſchaft zum erſten Mal fragend ent⸗ gegentrat und, ohne eine befriedigende Antwort abzu⸗ warten, traurig in ihre jetzt gewöhnliche Hofſtimmung zurückſank?— Als der Tag des erwähnten Feſtes näher rückte, wartete ich nicht ohne Spannung, ob mir nicht irgend 152 ein Beamter die Einladung dazu bringen oder nur ein Wort fallen laſſen würde, daß ich auch an dem⸗ ſelben Theil zu nehmen berechtigt ſei. Ich wäre gern dabei geweſen, hätte gern aus nächſter Nähe die Fürſtin geſehen und vielleicht irgend ein freundliches Wort oder einen Blick von ihr erhaſcht, der mir die Gewißheit gegeben, daß ich nicht ganz aus ihrer Er⸗ innerung verſchwunden ſei. Fragend blickte ich Alle an, die mit mir in irgend eine Berührung kamen, aber Niemand verſtand dieſen Blick, Niemand viel⸗ leicht wollte ihn verſtehen. Am Tage vorher kam die Oberhofmeiſterin ſelber mit einer jüngeren Dame in die Bibliothek, und ohne mich eines Blicks zu wür⸗ digen oder meine Hülfe zu verlangen, begab ſie ſich in den Saal, in welchem die Werke der modernen Belletriſten aufgeſtellt waren. Da ich ſie ihren eige⸗ nen Weg gehen ſah, als ſei ſie hier zu Hauſe und könne ſchalten und walten nach Belieben, ſo wartete ich eine Weile geduldig in der Ferne das Kommende ab; als ich ſie aber plötzlich laut über die Unordnung klagen hörte, die unter den Büchern herrſche, trat ich ernſten Weſens hinzu, verbeugte mich und fragte nach ihren Wünſchen.⸗ „Sie ſind noch nicht weit in der Ordnung dieſer Bücher vorgeſchritten,“ ſagte ſie mit ihrer trock⸗ 15³ nen, harten Stimme,„das bedaure ich— beeilen Sie ſich.“ „Das geht ſo raſch nicht; ich habe dieſem Saale noch keine Aufmerkſamkeit widmen können, Frau Grä⸗ fin,“ erwiderte ich kalt aber höflich;„mich beſchäftigen noch die Geſchichtswerke, dann kommen die Philo⸗ ſophen und dann—“ „Ich will von der langen Reihe Ihrer noch aus⸗ zuführenden Großthaten nichts wiſſen,“ unterbrach ſie mich mit einer abſichtlich beleidigenden Härte.„Sie ſollten die Bücher ordnen, die man zunächſt braucht, ich wünſche das ſo.— Wo haben Sie Bulwer's Maltravers?“ Zufällig hatte ich das Buch vor Kurzem in der Hand gehabt, nachdem es ein Kammerherr geleſen und zurückgeſchickt.„Hier iſt es,“ erwiderte ich, nahm es von ſeinem Platze herunter und reichte es ihr hin. „Bitte,“ fuhr ſie vornehm fort, als ob ſie die Be⸗ rührung mit mir von Hand zu Hand ſcheue, und trat einen Schritt zurück, ſo daß ſelbſt die junge Hofdame über dieſe brutale Geberde erſchrak und erröthete, „ſchicken Sie es mir auf mein Zimmer!“ Das Blut ſtieg mir in den Kopf; ich legte das Buch mit zuckender Handbewegung auf einen Tiſch und ſagte, indem ich mich kalt abwandte:„Haben Sie die Güte, danach zu ſenden, mir ſtehen in der Bibliothek keine Lakaien zu Gebote.“ Ein drohender Blick flog mir entgegen, die junge Hofdame aber, mir heimlich einen freundlichen Wink gebend, nahm das Buch hinter dem Rücken der Ober⸗ hofmeiſterin vom Tiſche und folgte der Fortgehenden, mir eine flüchtige Verbeugung zu Theil werden laſſend, die ich auf das Höflichſte erwiderte. Unter dieſen Umſtänden konnte alſo von einer Einladung zu dem Feſte im Freien Seitens der rech⸗ ten Hand der Fürſtin nicht die Rede ſein, ich ver⸗ zweifelte aber immer noch nicht und hoffte am Ende von der linken, was mir jene verſagt. Allein auch hier hoffte ich vergebens. Einige Hofherren begeg⸗ neten mir noch denſelben Nachmittag im Schloſſe, ſelbſt der Hofmarſchall, der in vollſtem Dienſteifer dem Küchen⸗ und Kellermeiſter Anweiſungen gab, ſah mich gegen Abend die Bibliothek verlaſſen, aber auch er verrieth mit keiner Sylbe, daß ich Anſpruch auf die Theilnahme am Feſte des folgenden Tages habe. Am Abend erwartete ich mit Ungeduld das Er⸗ ſcheinen meines alten Schloßdieners, der mir aus Ge⸗ fälligkeit und für einen monatlichen Lohn die Stiefel putzte, in der Hoffnung, er würde mir gewiß eine Beſtellung auszurichten haben. Aber nein, auch er 15⁵ ſchwieg und ſo vertröſtete ich mich auf den Morgen des Feſtes ſelbſt. Schon gleich nach Tagesanbruch, als ich noch halb ſchlaftrunken im Bette lag, hörte ich mehrere Wagen vom Schloßhofe abrollen. Ich ſtand auf und blickte hinab. Es waren die Küchen⸗ und Kellerwagen mit einem ganzen Haufen von Lakaien, die voranfuhren, um die Vorbereitungen zu dem Eſſen zu treffen. Während ich Kaffee trank, erſchienen neue Wagen und viele Beamte, Cavaliere, mit einem abermaligen Troß von Dienern, ſtiegen ein und fuhren luſtig und ſeelenvergnügt davon. Ich hatte mein Fenſter geöff⸗ net und blickte nach den Einſteigenden hinab. Viele von ihnen ſahen mich ſogar im Fenſter liegen, nickten grüßend herauf, aber Keiner von ihnen fragte, ob ich mit wolle oder gab mir nur im Geringſten zu ver⸗ ſtehen, daß ich auch einen Platz in irgend einem Wagen beanſpruchen könne. Endlich, nachdem ich mich ſchon in feſtliche Kleider geworfen, ging ich hinab in's Schloß und kam eben zur rechten Zeit, um die Fürſtin ſelbſt abfahren zu ſehen, der unmittelbar alle Damen des Hofes und die noch zurückgebliebenen Cavaliere folgten. Gleich darauf wurde es ſehr ſtill im Schloſſe, ich ſah nirgends einen Menſchen mehr, der ſich noch dem 156 allgemeinen Zuge hätte anſchließen können. Endlich ging ich zu dem Oberkaſtellan hinab, um von ihm vielleicht noch zufällig eine Belehrung zu empfangen, da ich mir feſt vorgenommen hatte, an Niemanden eine Frage zu richten oder nur den Glauben blicken zu laſſen, ich halte mich für berechtigt, Theilnehmer der großen Parthie zu ſein. Als ich beim Kaſtellan eintrat, ſaß er wie gewöhn⸗ lich um dieſe Zeit am Frühſtückstiſch. Er war ſo gütig, mir einen Stuhl anzubieten, den ich ablehnte, und er ſagte dabei:„Ich bin heute der Einzige im Schloß, der nicht mit in's Grüne fährt; da draußen iſt es feucht und meine Gicht im Bein verträgt das nicht.“ Dieſer Mann ſagte frech, er ſei der Einzige im Schloß, der zu Hauſe bleibe, und doch ſah er mich vor ſich ſtehen. War ich denn kein Schloßbewohner ſo gut wie er und jeder andere Beamte? Das ſchien mir doch etwas unverſchämt, aber meine Laune war in der Wandlung begriffen; ich fing an, mein Geſchick mit der größten Gelaſſenheit zu tragen und drehte ihm daher ſehr bald den Rücken, um über den Hof zu ſchreiten und einen Blick auf die Straße nach der Stadt hinab zu werfen. Außerhalb des Portales, vor einem dem Schloſſe 157 zunächſt gelegenen Hauſe, dem fürſtlichen Miniſterial⸗ gebäude, ſtanden zwei bis drei Wagen in einer Reihe aufgefahren. In demſelben Augenblick, als ich hinaus⸗ trat, ſtiegen mehrere Räthe die Stufen davor her⸗ unter, kletterten raſch ein und fuhren wie der Wind die Lindenallee hinab. Das waren die letzten Wagen, die ich dem allgemeinen Ziele zuſtreben ſah. Plötz⸗ lich erwachte ein ſtolzes Gefühl in meiner Bruſt, ich wandte der ganzen Außenwelt den Rücken, ging auf mein Zimmer, kleidete mich wieder aus und begab mich dann in die Bibliothek, wo ich trotz des Wur⸗ mes, der an meinem Innern nagte, mehrere Stunden völlig ungeſtört arbeitete und endlich um zwei Uhr nach der goldenen Krone ging, um mein Mittagseſſen einzunehmen. Hier fand ich die ſonſt ſo beſetzte Tafel faſt leer. Nur einige alte Herren, einige Reiſende und ein fremder Officier, den Niemand kannte, ſaßen bei Tiſche. Ich aß ruhig was mir vorgeſetzt wurde, ohne zu wiſſen was es war. Als aber das Deſſert aufge⸗ tragen ward und der Officier und die alten Herren ſich ſchon entfernt hatten, ſprengte plötzlich ein Reiter vor die Hausthür und unmittelbar darauf trat Major Fuchs beſtäubt und erhitzt herein, denn es war ein ſehr warmer und trockener Tag. „Was,“ rief er mir zu, als er meiner unerwartet anſichtig wurde,„Sie ſind nicht draußen?“ Und dabei machte er, mir die Hand ſchüttelnd, ein ſo erſtauntes Geſicht, daß ich unwillkürlich lächeln mußte. „Wie Sie ſehen,“ erwiderte ich,„bin ich hier. Setzen Sie ſich, eſſen Sie Ihre Suppe und dabei will ich Ihnen erzählen, wie es mir ergangen iſt.“ So theilte ich ihm Alles mit, obwohl ich mich hütete, irgend eine Bitterkeit durchblicken zu laſſen; allein der Mann führte nicht umſonſt ſeinen Namen, er durch⸗ ſchaute augenblicklich das ganze Verhältniß, was um ſo leichter war, als ich ihm ſchon früher einige meiner kleinen Erlebniſſe am Hofe zum Beſten gegeben hatte. „Das iſt abſcheulich!“ rief er ergrimmt aus.„O, ich erkläre mir den ganzen Zuſammenhang. Sehen Sie, ſo geht es hier zu, und das dürfte doch eigent⸗ lich nicht vorkommen. Werden Sie mir nun Recht geben, daß ich mich, wo ich nur kann, von der gan⸗ zen Hofelique zurückziehe? Nein, nein, ein wilder Fuchs paßt nicht für ſo zahme Gänſe und Enten! Haha! Aber wiſſen Sie was? Wollen wir uns heute Nach⸗ mittag, dem ganzen erbärmlichen Volke zum Trotze, den Schwindel anſehen? Sprechen Sie nur ein Wort und ich reite Ihnen zu Liebe noch einmal mit hinaus. Sie können doch reiten, wie?“ * — auch nicht einmal den frohlockenden Gedanken gönnen, 159 2 an einen luſtigen Ritt mich ergriff.„Aber das Ver⸗ ſprechen müſſen Sie mir geben, daß mich Niemand von den Hofleuten zu ſehen bekommt, ich möchte ihnen daß es ihnen geglückt iſt, mir abſichtlich ein Vergnügen verſperrt zu haben.“ „Abgemacht! Das Verſprechen gebe ich Ihnen, wir ſchauen nur aus der Ferne zu. Aber ich habe nur ein etwas wildes Pferd für Sie—“ „Laſſen Sie es getroſt ſatteln— wann brechen wir auf?“ 3 „Sobald wir den Kaffee getrunken haben, drau⸗ ßen wird man uns doch keinen unter den Bäumen präſentiren.“— Er ſchickte den Hausknecht zu ſeinem Diener und eine Viertelſtunde ſpäter kamen die Pferde und wir ſtiegen auf. Das Pferd, welches ich ritt, machte ſchon in der Stadt und noch mehr im Freien einige gewaltſame Bemühungen, mich aus dem Sattel zu bringen, allein da ihm der Verſuch nicht glückte und ich bald voll⸗ * 160 ſtändig ſeiner Herr ward, ſagte der Major, der mich ſchon lange beobachtet hatte: „Mein lieber Flemming, ich habe vorher etwas Dummes geſprochen, als ich Sie fragte, ob Sie reiten könnten. Jetzt will ich daher eine geſcheidtere Frage thun und mich belehren laſſen, wie Sie als Studirter zu dieſen Künſten gekommen ſind und ob Sie nicht Luſt haben, mir, einem Infanterie⸗Officier, der nur das Nothwendigſte darin leiſtet, einigen Unterricht zu ertheilen?“ Ich lächelte und fand mich durch ſeine mir bisher bewieſene Freundſchaft aufgelegt, ihm einzelne Ab⸗ ſchnitte aus meinem früheren Leben zu erzählen, wo⸗ durch er denn erfuhr, daß ich mit dem Prinzen Bruno erzogen, mit ihm ſeine großen Reiſen gemacht und alſo auch früher ſchon mit der jetzigen Fürſtin von B.. bekannt geworden ſei, da ich zu ihrer Zeit am Hofe zu W.. gelebt hatte. Dieſe vertrauliche Mittheilung erweckte das ganze Intereſſe meines Gefährten und er wandte mir von dieſem Tage an eine noch größere Aufmerkſamkeit als ſchon früher zu. Er betrachtete mich lange und wie⸗ derholt, that noch verſchiedene Fragen in den Gränzen beſcheidener Zurückhaltung und ſagte dann: „Sehen Sie da, Sie ſind offen gegen mich geweſen 161 4 und ſo will ich es auch gegen Sie ſein. Nehmen Sie mir's nicht übel, wenn ich Sie dabei in einer Weiſe verletze, aber ich habe Sie von Anfang an für keinen gewöhnlichen Stockgelehrten gehalten. Sie beſitzen außer Ihrer Gelehrſamkeit noch etwas Anderes, was mir noch beſſer gefiel, ohne daß ich es näher zu be⸗ zeichnen gewußt, jetzt aber weiß ich, was es iſt: Sie haben in Ihrer Jugend nicht nur eine vortreffliche Erziehung genoſſen, ſondern auch ſtets im Kreiſe aus⸗ gezeichneter Menſchen gelebt. Das bleibt Einem am Leibe ſitzen und kein Sturmwind bläſt es uns ab. Aber Sie ſind außerdem auch ein erfahrener und weitgereiſter Mann, und das erhöht meine Achtung vor Ihnen, der ich nie aus Deutſchland herausgekom⸗ men bin und ſogar nur einen kleinen Kreis darin be⸗ ſchrieben habe. Nun kann ich mir Vieles aus Ihren früheren Bemerkungen über den hieſigen Hof und verſchiedene Perſönlichkeiten erklären. Ja, mein Lieber, wie ich Sie jetzt kenne und beurtheile, ſage ich Ihnen vorher, daß Sie unter dem ganzen Geſchmeiß hier keine große Anerkennung finden werden, zumal die Gräfin Hohenheim aus mir unbekannten Gründen Ihre Erbfeindin zu ſein ſcheint. Allein, daraus würde ich mir an Ihrer Stelle auch gar nichts machen. Geben Sie Acht, Sie dringen doch endlich durch die Der Sohn des Gärtners. III. 11 162 hieſige chineſiſche Mauer bis auf den Goldberg und nach dem Porzellanthurm, denn die Fürſtin weiß zu unterſcheiden und ſetzt ihren Willen zuletzt immer durch, vorausgeſetzt, daß ſie keinen perſönlichen Wider⸗ willen gegen Sie hegt. Glauben Sie mir, ſie iſt auf keine Weiſe ſchuld, daß bei uns noch die Phari⸗ ſäer und Schriftgelehrten ihres Mannes regieren, aber ſchon macht es ſich hier und da bemerkbar, daß ſie ein Auge und wahrſcheinlich auch einen Zahn auf ſie hat. Sie würde meiner Meinung nach ſchon längſt ein reinigendes Gewitter über die Köpfe dieſer viel⸗ vermögenden Herren haben hereinbrechen laſſen— denn Energie hat ſie wie Ihr Freund Bruno— aber ſie iſt noch nicht ganz frei von der Beſorgniß, der Fürſt könne noch einmal wiederkehren und dann das alte Spiel von Neuem beginnen. So lange behält ſie die nichtsſagenden Geſichter um ſich und duldet ſie— das iſt meine Meinung von ihr. Nun wiſſen Sie auch, warum ich mich nicht an den Hof gezogen ——— fühle. Der Fürſtin möchte ich ſchon nahe ſtehen, aber die jetzt gewaltigen Hofleute ſind mir zuwider. 5 Zwiſchen dieſen Menſchen und mir liegt gewiſſermaßen, 8 ohne daß ich ein Poltron bin, immer meine blanke Klinge, und das wiſſen ſie wohl und darum kommen ſie mir nicht zu nahe, denn weicht ein ehrlicher Mann 163 nur einen Fingerbreit vor ihnen zurück, ſo halten ſie ihn für einen Haſenfuß und werden frech und unver⸗ ſchämt. Und das laſſe ich mir von keinem ſchwänzeln⸗ den und faullenzenden Hofmann gefallen. Ich bin zwar kein geborener Edelmann, wie man zu ſagen pflegt, aber ſo viel Adel hat mir meine Bildung und meine Stellung verliehen, daß ich weiß, was ich mir ſelber ſchuldig bin.“ Dieſer Ausſpruch war wichtig für mich. Indem ich ihm nur von ganzem Herzen beiſtimmen konnte, fühlte ich mich mehr und mehr zu dem biederen Manne hingezogen, und von dieſem Tage an hatten er und ich einen Freund mehr an dieſem Orte. So war ich nicht mehr ganz allein in meiner verlaſſenen Stellung und von nun an beſaß ich einen Rückhalt und Rathgeber in allen kleinen über mich herein⸗ brechenden Nöthen. Damit glaube man aber nicht, daß ich mein ganzes Innere mit allen ſeinen geheimen Empfindungen und Gedanken dem neuen Freunde preisgegeben hätte, nein, das vermochte ich nicht, gab es ja doch Etwas in mir, was ich nicht einmal mei⸗ nem alten Freunde in Adersbach ſagen konnte, und obgleich ich verſprochen, ihm Alles mitzutheilen, was in B... außer und in mir vorginge, ſo hatte ich doch noch keine Sylbe von Dem verlauten laſſen, 11* 164 was mir das Herz ſo tief bewegte, ſeitdem ich in B... eingetroffen und alte Empfindungen aus der ſchönen Jugendzeit wieder in mir lebendig geworden waren. Unter verſchiedenen vertraulichen Geſprächen er⸗ reichten wir etwas ſpät am Nachmittage die Gebirgs⸗ gegend, in welcher das heutige Feſt begangen wurde. Ein herrlicher Forſt nahm uns zuerſt auf und erin⸗ nerte mich lebhaft an den heimatlichen Habichtswald, wo unſer ehemaliges Hochland in reizendſter Ein⸗ ſamkeit lag. Um uns den Blicken der auf dem Feſt⸗ platze Verſammelten nicht auszuſetzen, führte mich der Major auf Umwegen auf eine gebüſchreiche An⸗ höhe und hier ſtiegen wir von unſern Pferden, banden ſie feſt an und ſchritten nun zu Fuß vor⸗ ſichtig dem Getümmel entgegen, das ſich uns ſchon aus der Ferne durch die laute Muſik und das Durcheinanderbrauſen von tauſenden von Stimmen bemerklich machte. Da die Dämmerung ſehr nahe war, ſo fanden wir ſchon Alles im lebhafteſten Gange. Ueberall war Bewegung, überall Frohſinn, an manchen Stellen ſogar ein bacchantiſches Gewoge. Da, wo die Muſik am lauteſten erſcholl, verſuchten wir zuerſt vorzu⸗ dringen, hielten uns aber ſtets in ſolcher Entfernung, — 165 daß uns die eifrigſt Beſchäftigten nicht wahrnehmen konnten. Endlich hatten wir den beſten Ueberſichts⸗ punkt erreicht. Wir ſahen das fürſtliche blau und weiß geſtreifte Zelt, auf deſſen Spitzen die Banner des Landes im leiſen Abendwinde flatterten. Nicht weit davon entfernt waren drei große Tanzplätze unter den Bäumen errichtet, in deren Mitte die fürſtliche Kapelle aufgeſtellt war und rauſchende Muſik erſchallen ließ. Streng nach den Rangklaſſen geſon⸗ dert, denn auch hier herrſchte der in der Stadt geübte Kaſtendämon vor, erluſtigten ſich die Anweſenden. Hier ſchritten ſtolz die Damen der Ariſtokratie und die hochnaſigen Frauen der Geheimen⸗Räthe einher, dort waren die Unterbeamten mit dem höheren Bür⸗ gerſtande vereint, die für heute einen genußreichen Waffenſtillſtand geſchloſſen, und auf dem dritten Platze endlich raſte der kleine Bürger und ſeine wie junge Furien losgelaſſene wilde Jugend herum. Nur einige beuteluſtige Cavaliere vom Hofe ſchlichen wie die Kater von Platz zu Platz und prüften ſchlau, wo das plühendſte Geſicht zu finden, denn dieſe Herren ſind ſtets nach friſchem Fleiſche lüſtern und vergeſſen gern auf Augenblicke ihre ariſtokratiſchen Hautgouts, wenn ſie die plebejiſchen Gelüſte, die ſo häufig bei ihnen gefun⸗ den werden, auf billige Weiſe befriedigen können. Nachdem wir eine Weile an dieſer Stelle haar⸗ ſcharfe Beobachter abgegeben und der Major meine Lachmuskeln mit ſeinem beißenden Witz wiederholt in Bewegung geſetzt hatte, führte er mich an einen anderen Ort, wo wir ein neues und nicht minder intereſſantes Schauſpiel genoſſen. Auf einem freien, rings von Bäumen und Geſträuchen eingeſchloſſenen Raume hatte man ſechs endlos lange Büffets auf⸗ geſchlagen, die mit Allem, was den Appetit des Menſchen reizen und ſeinem Hunger Genüge thun kann, faſt überladen waren. Die auserleſenſten Spei⸗ ſen, Leckereien, Kuchen und Früchte, desgleichen alle möglichen Weinſorten wurden hier in Fülle und je nach Belieben von den zufolge ihrer Bedrängniß ſchwitzenden Lakaien, Küchen⸗ und Kellerdienern ver⸗ abreicht. In dieſer Gegend des Feſtplatzes ſchwirrte es wie in einem ungeheuren Bienenſchwarm; Hun⸗ derte drängten ſich von allen Seiten zugleich heran, überboten ſich gegenſeitig mit Ellbogenſtößen, um ſich Platz zu verſchaffen, und überſchütteten die Diener mit bittenden und flehenden Worten, ihrer uner⸗ müdlichen Geduld doch endlich gerecht zu werden. Angſt und Sorge war auf den Geſichtern der ferner Stehenden zu leſen, ob ſie heute wohl noch zum Zweck gelangen und das Begehrte erreichen würden, 167 Triumph und himnliſche Seligkeit dagegen auf den Mienen Derer, die mit hochemporgehaltener Schüſſel oder Flaſche durch die nun Andrängenden den Rück⸗ zug antraten, um an irgend einem heimlichen Plätzchen die ſchwer errungene Beute mit wahrer Habichtsgier zu verſchlingen. „Sehen Sie dieſe liebenswürdigen Schwelger und Sch hamoer ran,“ ſagte lachend der Major,„mit welcher Gier und Unerſättlichkeit ſie ſich auf allgemeine Un⸗ koſten vollſtopfen. Heiß! Das nenne ich ſich gütlich thun! Sehen Sie einmal, da möchten ſie mit den Händen in die vollen Schüſſeln fahren, weil es mit der kleinen Gabel zu langſam geht, und dort thun ſie, als ob ſie die Flaſchen mit hinunterſchlucken wollten, um nur den lieben Bauch ſo raſch wie möglich bis an den Hals zu füllen. Bei Gott, gegen dieſe unſre modernen Bacchanten erſcheinen ihre Collegen des Alterthums wie wahre Kinder. Sehen Sie dort, da liegen ſie im Graſe und wätzen ſich in purer Wolluſt wie die Säue, und da, bei Gott, haben ſie ſogar Körbe und dienſtfertige Hände mitgebracht, um ihre billige Beute heimlich mit nach Hauſe zu ſchleppen. Ah, das ſind brave Kämpen, ſie ſorgen wie die Hamſter für die morgige Ebbe und ſammeln für ihre Kleinen, wie es wackeren Eltern geziemt. Haha! Wenn das nicht ekelhaft wäre, könnte es lehrreich ſein! So mag es im Großen ausgeſehen haben, als Zeus die Welt vertheilte und zuletzt der arme Poet kam und ſich nur noch mit dem Himmel des arm gewordenen Gottes begnügen mußte!“ In ähnlicher Weiſe begleitete der heitere Major die allmälig ſich abwickelnden Vorgänge, und wenn wir auch weder unſern Appetit ſtillten, noch unſern Durſt löſchten, ſo vergnügten wir uns doch auf unſere Wieeiſe und erhaſchten ſogar noch den Anblick des Luſt⸗ feuerwerks, welches endlich nach hereingebrochenem Abend laut und glänzend genug durch die Lüfte emporſtieg und zuletzt mit den ſchönen Farben der bengaliſchen Flamme das Blättermeer und die würgen⸗ den Gruppen vergoldete. Den eigentlichen Mittelpunkt des ganzen Feſtes, den Hof, bekamen wir nicht zu ſehen, ſo nahe wollten wir uns nicht heranwagen, um der Gefahr zu ent⸗ gehen, von einzelnen Theilnehmern des Feſtes erkannt und den höheren Feſtordnern verrathen zu werden. So erfuhren wir auch nicht, welche Freuden die Fürſtin ſelbſt über den glänzenden Taumel empfand; ſie hatte ſich in ihr Zelt zurückgezogen, wo ſie im engeren Kreiſe der Bevorzugten ihr Mahl einnahm, um dann bald nach dem Feuerwerk ihren Wagen zu beſteigen und nach dem Schloſſe aufzubrechen. 169 Auch wir, vollſtändig geſättigt, obſchon kein Biſſen über unſre Zunge gekommen, ſuchten endlich unſre Pferde auf und ritten in harmloſem Geſpräch heim, zufrieden, wenn nicht Theilnehmer, doch gewiß in aller Ruhe Zuſchauer des großen Feſtes geweſen zu ſein. Nach dieſem ſeit langer Zeit entbehrten Ritte genoß ich unerwartet einer ſehr ruhigen Nacht, einer ruhigeren vielleicht, als wäre ich mit dem ganzen Hofe und dem größten Theile der Stadtbewohner auf der Felſenburg geweſen. Darum ſchmeckte mir auch am nächſten Morgen die Arbeit ſo gut und der Mittag kam ſo ſchnell heran, daß ich kaum wußte, wo die Zeit geblieben war. Als ich die erſte Hälfte meines Tagewerks beſchloſſen hatte und einen Blick auf die ſtillen und noch wüſt durch einander ſtehenden Bücherreihen warf, wandelte mich plötzlch die Luſt an, in dem ſchönen Sonnenſchein unter den grünen Bäumen des Schloßparkes zu luſtwandeln, und raſch ſchlug ich den Weg dahin ein, mich derſelben Thür zum Ausgange bedienend, durch welche die Fürſtin aus ihren Gemächern in den Garten zu gehen pflegte. Als ich an den erſten Blumenparthien hinabgeſchritten war und eben um die Ecke eines Gebüſches nach der 170 ſchönen Kaſtanienallee biegen wollte, welche den Schloß⸗ garten von dem eigentlichen Parke trennte, ſah ich unmittelbar vor mir die Fürſtin daherkommen und denſelben Weg nach dem Schloſſe zurück einſchlagen, den ich diesmal zufällig gewählt hatte. Sie ging langſam und allein, nur ihr kleines Windſpiel ſprang munter um ſie her, ihre Damen aber und unter ihnen die Oberhof⸗ meiſterin voran, folgten hundert Schritte hinterher, wo ſie mit einigen Herren im leiſen Geplauder begriffen waren. Die Fürſtin war in helle Seide gekleidet; den breitrandigen Strohhut mit den flatternden Bändern hielt ſie in der linken Hand und in ihren glänzenden Locken ſpielte der koſende Südwind, der von den großen Raſenflecken her den herrlichen Duft friſch getrockneten Heues herübertrug. Sie blickte ſtill vor ſich hin, wie tief in Gedanken verſunken; als ſie mich aber plötzlich an einer Stelle auf ſich zukommen ſah, wo ich ihr nicht ausweichen konnte, ging ſie augen⸗ ſcheinlich noch langſamer, erwiderte freundlich meinen ehrerbietigen Gruß, ſchien aber nichtsdeſtoweniger etwas betrübt zu ſein. Als ich ihre Miene den Ausdruck annehmen ſah, als ob ſie mit mir reden wolle, blieb ich ſtehen, näherte mich dann auf einen leiſen Wink und da ſagte ſie etwas haſtig und Fffenbar mit un⸗ willkürlicher Lebhaftigkeit: —— 171 „Warum ſind Sie geſtern nicht auf der Felſenburg geweſen? Ich habe Sie nirgends geſehen. Ich wollte mit Ihnen von unſerer Heimat reden und mich an meine Jugend erinnern, was ich an meinem Geburts⸗ tage ſo gern thue.“ „Gnädigſte Frau,“ entgegnete ich mit offener Dreiſtigkeit,„ich wäre unſäglich gern hinausgekommen, um Ihnen meine tief gefühlten Wünſche für Ihr Glück darzubringen, allein Niemand hat mich zu dem Feſte eingeladen, Niemand hat mir geſagt, daß ich würdig ſei, an demſelben Theil zu nehmen, und aus freien Stücken glaubte ich an keinem Orte erſcheinen zu dürfen, wo man nur Ihrer Durchlaucht wegen ver⸗ ſammelt iſt.“ „Wie?“ rief ſie erſtaunt,„man hat Sie nicht eingeladen? Iſt denn dazu nicht von ſelbſt Jeder geladen, der zu meinem Hofhalte gehört?“ „Mir ſind die Sitten und Gebräuche am hieſigen Ort noch unbekannt und ich bitte um Verzeihung, daß ich durch meine Abweſenheit gegen die hergebrachte Ordnung gefehlt habe.“ „O, laſſen Sie das! So lade ich Sie zu der⸗ gleichen Feierlichkeiten ein für alle Mal hiermit ſelbſt ein. Es thut mir leid, daß— daß Sie um ein Vergnügen gekommen ſind. Hoffentlich hat man nichts 172 Böſes damit bezweckt, daß man Ihnen, der Sie noch fremd hier ſind, meine Willensmeinung in dieſer Be⸗ ziehung verſchwieg. Aber es ſoll nicht wieder vor⸗ kommen, ich werde die nöthigen Befehle geben.“ Ich verneigte mich dankend und wollte ſchon wei⸗ ter gehen, weil ich eine Geberde ihrer Hand dahin deutete; allein ſie hatte damit ihren Damen nur einen Wink gegeben, von ihr fern zu bleiben, was dieſe ſogleich befolgten, indem ſie zurückgingen, wobei die Oberhofmeiſterin jedoch nicht unterlaſſen konnte, ihr Glas vor die Augen zu nehmen und mich mit einem wahrhaft furienartigen Blick zu betrachten. Die Fürſtin jedoch, ihren Weg nach dem Schloſſe langſam fort⸗ ſetzend, ſchien meine Begleitung zu wünſchen und ſo ſchritt ich, den Hut in der Hand, in angemeſſener Entfernung neben ihr her. „Ja,“ ſagte ſie, indem ihre Stimme einen weh⸗ müthigen Ton annahm,„Sie haben durch Ihr Aus⸗ bleiben auch mich um einen Genuß gebracht. Ich hätte ſo gern einmal mit Ihnen von meinen Lieben geſprochen, die Sie noch vor kurzer Zeit ſämmtlich geſehen haben.“ „Gnädigſte Frau,“ erwiderte ich feſt und kühn, „man kann überall von ſeinen Lieben ſprechen.“ „Ja, überall, aber nicht immer; man hat nicht —— 7 4— 173 alle Tage die Stimmung, in der ein ſolches Geſpräch wohlthätig und troſtreich iſt.“ „Sie haben nur zu befehlen, gnädigſte Frau; ſoll ich Ihnen vielleicht jetzt von der Zärtlichkeit und Liebe Ihres Bruders, des—“ „Schweigen Sie von ihm!“ unterbrach ſie mich mit einer beinahe heftigen Aufwallung.„Gerade von ihm zu hören, bin ich jetzt am wenigſten aufgelegt. Doch kann ich Ihnen den Troſt geben, daß ich den Brief geleſen habe, den Sie von Adersbach mitgebracht, und daß ich darüber nachdenken werde, wie ich dem Inhalte— er betrifft faſt allein Ihr Wohl— nach⸗ kommen ſoll. Haben Sie Geduld. Uebereilen Sie Nichts. Ich muß mich erſt wieder an Ihr Geſicht gewöhnen. Es ſpricht zu deutlich aus, daß Sie mit Vielem bei uns unzufrieden ſind—“ „Gnädigſte Frau—“ „Still, hören Sie mich an. Aber hier muß man ſein Geſicht in andere Falten legen als an anderen Orten.— Ach ja, mein Geſicht mag auch nicht daſſelbe mehr ſein, wie es in W... war. Doch ſtill— jetzt nichts mehr davon. Gehen Sie und arbeiten Sie ruhig weiter. Ich werde bei Gelegenheit die Bibliothek beſuchen, um Ihre Fortſchritte kennen zu lernen. Guten Morgen!“ 1 3 174 3 Da mit dieſen Worten eine nicht zu verkennende Handbewegung verbunden war und die Fürſtin ſich zugleich nach ihren Damen ummandte, ſo verbeugte ich mich und kehrte auf einem andren Wege in das Schloß zurück, nicht wiſſend, ob ſie mir wegen meines unzufriedenen Geſichts zürne oder nicht, wohl aber mit dem Gefühle, mit meinem Geſpräch über ihren Bruder etwas voreilig bei der Hand geweſen zu ſein. Am Nachmittage deſſelben Tages befand ich mich allein in der Bibliothek, weniger mit dem Ordnen der Bücher als im Gedanken beſchäftigt, das Geſpräch von dieſem Morgen nach allen Richtungen zu zerglie⸗ dern, als mir ein ſehr unverhoffter Beſuch in meinem Aſyle zu Theil werden ſollte. Ohne alle Ankündigung, keck und ſelbſtbewußt, als wäre er auch hier überall Herr und Gebieter, trat der Kammerherr von Krach⸗ witz bei mir ein, und ohne mich eigentlich zu begrüßen, ließ er ſeinem Zorne ſogleich freien Lauf, indem er mit hoch erhobener Naſe und blitzendem Auge ſagte: „Mein Herr, ich komme zu Ihnen, um meiner Ver⸗ wunderung über Ihr eigenthümliches Benehmen einen verſtändlichen Ausdruck zu geben.“ Als ich dieſe bedeutungsvollen Worte hörte, machte ich mich auf eine Scene gefaßt, nahm eine Stellung und Haltung an, wie ſie mir dem anſpruchsvollen Weſen dieſes Herrn gegenüber am Platze ſchien und entgegnete mit meiner gewöhnlichen Ruhe: „Wollen Sie ſich nicht ſetzen, Herr Kammerherr, um Ihre Meinung mit mehr Behaglichkeit von ſich zu geben?“ „Ich danke, mein Herr;“ lautete die hochtrabende Antwort,„wenn mir zu ſitzen beliebt, werde ich auch ohne Ihre Einladung dazu einen Stuhl finden, jetzt aber behagt es mir zu ſtehen und ſo ſtehe ich.“ „So ſtehen Sie,“ ſagte ich innerlich empört, aber immer meine gleichmäßige Ruhe bewahrend,„mir aber erlauben Sie wohl, Platz zu nehmen, da ich zufällig ermüdet bin.“ Dabei nahm ich den mir zu⸗ nächſt ſtehenden Stuhl und ließ mich gelaſſen darauf nieder, mir gar nicht das Anſehen gebend, als nähme ich das ſeltſame Erſtaunen wahr, das jeden Augen⸗ blick auf der Miene des Kammerherrn im Wachſen begriffen war. „Mein Herr,“ fuhr der aufgeblaſene Hofmann fort,„ich würde mich überaus wundern, wie ein Mann in Ihrer Stellung es wagen kann, einem Manne von meinen Verhältniſſen auf dieſe Weiſe gegenüber zu treten, wenn dieſelbe nicht ganz und gar mit Ihrem übrigen Verhalten in Einklang ſtände, einem Verhal⸗ ten, welches zu rügen ich in dieſem Augenblick hier⸗ her gekommen bin.“ 176 „Geniren Sie ſich nicht, Herr Kammerherr,“ ant⸗ wortete ich, ihn ruhig betrachtend,„ſprechen Sie nur Ihre Meinung über mein Verhalten getroſt bis zu Ende aus. Ich bin von meiner Jugend an ein lern⸗ begieriger Menſch geweſen und nehme auch jetzt noch alle Lehren gern an, die aus einem weiſen Munde kommen. So ſprechen Sie denn.“ „Mein Herr, ich bitte Sie, mich nicht ſo oft zu unterbrechen, ich bin gekommen, um zu reden, nicht aber um zu hören.“ „Gut, ſo werde ich hören— reden Sie!“ „Und da Sie mir ſelbſt ſagen, daß Sie von jeher ſo lernbegierig geweſen ſind und alſo gewiß auch Manches gelernt haben, ſo ſpreche ich Ihnen auch darüber meine Verwunderung aus, daß Sie nicht einmal wiſſen, was ſich der durchlauchtigen Fürſtin gegenüber geziemt.“ „Und was geziemt ſich ihr gegenüber nicht?“ „Eine ganz unbegründete Klage laut werden zu laſſen, die Niemanden berührt als den, der ſie auszu⸗ ſprechen ſich die überflüſſige Mühe gegeben.“ „Sie muß Sie aber doch wohl berührt haben, mein Herr, ſonſt würden Sie nicht gekommen ſein, um mir die⸗ ſen intereſſanten Vortrag zu halten. Welche Klage habe ich denn ohne allen Grund vor der Fürſtin ausgeſprochen?“ — ———— 177 „Die, daß kein beſonderer Wagen für Sie vor die Thür gefahren iſt, um Sie in aller Gemächlichkeit nach dem Feſtorte des geſtrigen Tages zu bringen.“ Jetzt lächelte ich, ja ich lachte beinahe, denn ich ſah nur zu gut ein, daß der Kammerherr oder irgend ein Anderer einen Verweis von der Fürſtin erhalten hatte.„Dieſe Klage habe ich gar nicht ausgeſprochen, mein Herr,“ entgegnete ich munter,„wie überhaupt gar keine Klage. Darüber wenigſtens befinden Sie ſich im ſtarken Irrthum. Im Gegentheil hat Ihre Durchlaucht, die mich draußen vermißt hat, gefragt, warum ich nicht auf der Felſenburg geweſen ſei, und da habe ich ihr geantwortet, wie es in meiner Lage ſehr natürlich war, daß mich Niemand aufgefordert hat, an der Fahrt Theil zu nehmen.“. „Ah! Sie erwarteten alſo eine ganz beſondere Einladung, vielleicht durch den Herrn Hofmarſchall oder den Oberceremonienmeiſter?“ „Nicht im Geringſten, ich erwartete ſie nicht ein⸗ mal von Ihnen, der Sie keins von Beiden ſind, ſo viel ich weiß.“ „So bekümmern Sie ſich künftig um das, was hier Mode iſt, den guten Rath erlaube ich mir Ihnen vor allen Dingen zu ertheilen, damit Sie nicht wieder in die Lage kommen, eine Unwahrheit auszuſprechen.“ Der Sohn des Gäaͤrtners. III. 12 „Sie verſprechen ſich, mein Herr— ſo nehme ich es wenigſtens an— Sie wollen ſagen: die Wahrheit, und damit Sie für die Gegenwart wie für die Zu⸗ kunft den rechten Begriff von mir haben, ſo ſage ich Ihnen, daß ich ſie ſtets und vor Jedem ſprechen werde, wie ich ſie heute ſchon zweimal geſprochen 1 habe.“ „Nun, wenn Sie auf dieſe Wahrheit beſtehen, ſo geſtatten Sie mir zu ſagen, daß dieſes„die Wahrheit⸗ Sagen“ für einen Mann von Ihrer gelehrten Bildung — die wir leider nicht beſitzen— keinen beſonderen Grad von Klugheit verräth.“ „Mein Herr, über den Grad von Klugheit in Bezug auf meine Handlungen und Ausſprüche geſtatte ich Ihnen auf keine Weiſe Richter zu ſein. Doch, was. hilft das lange Schwatzen über einen Gegenſtandnd, den wir Beide aus verſchiedenen Geſichtspunkten be⸗ trachten— mit einem Wort, Sie oder ein Anderer hat von Ihrer Durchlaucht einen Verweis erhalten und Sie kommen nun zu mir, um Ihre Galle raſch 4 wieder los zu werden. Sie haben ſich aber in mir geirrt und werden ſich ſtets irren, wenn Sie auf 6 aͤhnliche Weiſe mir die Ehre Ihres Beſuches ſchenken. Ich bin nicht der Mann, der vor leeren Ausflüchten und drohenden Mienen Reſpect hat, meine Autoritäten — — — 179 liegen auf einem anderen Felde.— Haben Sie mir jetzt ſonſt noch etwas mitzutheilen, ſo beeilen Sie ſich damit, denn wie Sie ſehen, bin ich im Dienſte Ihrer Durchlaucht beſchäftigt.“ Hiermit ſtand ich auf und trat an mein Pult. Der Kammerherr barſt beinahe vor Wuth und ſeine Naſe blähte ſich auf, als ſchnappe er nach Luft. „Mein Herr,“ rief er hoheitsvoll,„ich warne Sie! Sie vergeſſen ſich, mich und den Ort, wo Sie ſich befinden.“ „Nicht im Geringſten. Sie ſind der Kammerherr von Krachwitz, dies iſt die fürſtliche Bibliothek und ich, Kurt Flemming mit Namen, bin Bibliothekar Ihrer Durchlaucht, alſo durchaus an dem Platze, wohin ich kraft meines Amtes gehöre.“ „Es iſt gut— mit Ihnen zu ſtreiten, hahe ich weder Luſt noch Zeit— aber es wird ſich fin es wird ſich finden, mein Herr!“ „Ja, mein Herr, es wird ſich finden, ſage auch ich. Leben Sie wohl und grüßen Sie von mir Die⸗ jenigen, welche Sie abgeſandt haben, mir eine Lehre zu geben, nach der ich weder ein Bedürfniß gefühlt, noch die Neigung habe, ſie zu befolgen.“ Schon während ich mit der größten Gelaſſenheit dieſe Worte ſprach, war der Kammerherr verſchwunden, 12* 180 indem er ſo eilig wie möglich die Flucht ergriff, da er einen ganz Anderen in mir gefunden hatte, als er erwartet haben mochte. Ich aber, wohl wiſſend, daß ich mir einen unverſöhnlichen Feind auf den Hals gezogen und doch meine Herbheit keineswegs bereuend, weil ich mir gegen Menſchen dieſer Gattung eine ganz beſondere Richtſchnur vorgezeichnet, zog mich an mein Pult zu⸗ rück, machte mich im Stillen auf neue Angriffe ge⸗ faßt und fuhr dann in meiner gewöhnlichen Arbeit fort. Ohne daß ich es dem Leſer weitläufig aus einander zu ſetzen brauche, kann er ſich vorſtellen, daß mir von dieſer Stunde an nicht viel Freundlichkeit von den Herren des Hofes widerfuhr. Aber eine ſolche erwar⸗ tete und darum bemühte ich mich auch nicht. Ich ging ruhig und ungeſtört meinen ſtillen Gang fort. Ich ſuchte keine Geſelligkeit, ich trachtete nicht nach Gefährten. Meine Arbeit, der Verkehr mit meinem Innern, meine Correspondenz nach Außen und eine gelegentliche Unterhaltung mit dem Major Fuchs, dem ich von Tage zu Tage näher trat, je mehr ich ihn ſchätzen lernte, beſchäftigten mich ſo vollſtändig, daß ich kein Bedürfniß nach größerem Verkehr fühlte, und an die verächtlichen Blicke des Hofgeſindes war ich aus früherer Zeit ſo ſehr gewöhnt, daß ich keinen Kummer darüber empfand. Im Gegentheil, es gewährte mir oft ein lebhaftes Vergnügen, wenn ich bei der zu⸗ fälligen Begegnung mit dieſem oder jenem Herrn die finſteren Blicke ſah, die ſich auf mein Antlitz hefteten, viel weiter aber erſtreckten ſich die ſichtbaren Anfech⸗ tungen nicht, die mir widerfuhren, da Herr von Krach⸗ witz wahrſcheinlich das Seinige dazu beigetragen hatte, ſeine Collegen von meiner Mundfertigkeit und Ge⸗ laſſenheit zu überzeugen. Ob dieſe Herren mit mir ſprachen oder nicht, war mir ſehr gleichgültig, daß ſie meinen Gruß auf eine Weiſe erwiderten, die einer Beleidigung auf ein Haar glich, kümmerte mich wenig, ich war ganz unverwundbar dieſem Allem gegenüber, und weil ſie das merkten, blieben ſie ſtets in einiger Entfernung von mir. Auf den Herrn von Krachwitz aber hielt ich ein wachſames Auge, und ſein Dünkel und ſeine Aufgeblaſenheit prägten ſich alle Tage feſter in mein Gedächtniß ein. Dieſer Herr war, wie alle Welt in der Reſidenz wußte, ein Dummkopf vom reinſten Waſſer; er gehörte einer ſehr reichen Familie an und galt als das Non plus ultra vom modern⸗ ritterlichen Junkerthum. Als ſolcher ſei er zu fürchten, ſagte mir Major Fuchs, dem ich mein Erlebniß mit ihm mittheilte, ſonſt aber würde ſich Jedermann freuen, wenn er hörte, daß er ſeinen Mann an mir gefunden habe. Und daß er dieſen an mir finden ſollte, ſtand 182 bei mir feſt und es war, als ob, wenn ich ihm begeg⸗ nete, eine Ahnung mir zuflüſterte, daß ich ihn, wenn er es ſich noch einmal erlauben ſollte, mir gute Lehren zu geben, wie man ſie einem Schüler oder Bedienten 3 zu Theil werden läßt, beim Kragen faſſen und auf gewiſſe Weiſe aus meiner Nähe befördern würde, die ihm gewiß noch weniger behagte, als mir ſeine dumm⸗ ddereiſte herriſche Manier. Weit empfindlicher als das hochmüthige Benehmen dieſer Herren berührte mich dagegen die nachläſſige Weiſe, mit der die fürſtlichen Lakaien und ſonſtigen Diener gegen mich zu verfahren anfingen. Wahr⸗ ſcheinlich waren ſie von irgend Jemanden dazu auf⸗ gehetzt. Selten nur grüßte mich einer von ihnen, ja ihre Frechheit ging ſo weit, daß ſie meine Beſtellungen und Aufträge, die ich ihnen innerhalb der Gränzen meines Amtes ertheilte, unausgeführt ließen oder ver⸗ gaßen und, wenn ich ſie darüber zur Rede ſtellte, mir geradezu ſagten, ich hätte ihnen nichts zu befehlen. Alle dieſe kleinen Verdrießlichkeiten, die auf eine erſtaunliche Weiſe im Wachſen begriffen waren, machten 66 mir das Leben in B.. nicht eben behaglich, und da Y — ich der Fürſtin auch nicht näher rückte, ſo gab ich in einigen muthloſen Augenblicken faſt die Hoffnung auf, an dieſem Orte jemals zu meinem Zweck zu gelangen,. —* was mich jedoch keineswegs abſchreckte, ſo lange ich noch da war, unbeirrt auf dem einmal eingeſchlagenen Wege fortzuwandeln, und keinen Finger breit von den Grundſätzen abzuweichen, die ich mir als Mann von Ehre auf dieſem ſchlüpfrigen Pfade vorgezeichnet hatte. Da aber ſollte mit einem Male Etwas geſchehen, was meine Muthloſigkeit völlig beſeitigte und meine Hoffnungen auf das Friſcheſte belebte, und ſcheinbar war es ein an ſich unbedeutender Zufall, der dieſe Umwandlung in mir hervorbrachte und den ich nun dem Leſer ausführlich erzählen will. Fünftes Aapitel. Einer neuen Ehre folgen auch neue Verdrießlichkeiten. Eines Abends im October hielt ich mich beim Major Fuchs auf, den ich in freien Stunden jetzt öfter in ſeiner Wohnung beſuchte. Ich hatte an die⸗ ſem Tage eine große Freude gehabt und bedurfte da⸗ her eines Menſchen, der an meinen kleinen Begeg⸗ niſſen einen herzlichen Antheil nahm. Vor einigen Monaten nämlich war ſchon der erſte Theil meines großen Reiſewerks im Druck erſchienen, zu dem jener früher erwähnte Künſtler aus Prag nach unſern mit⸗ gebrachten Skizzen ſo ſchöne Illuſtrationen geliefert hatte. An dieſem Tage nun hatte mir mein Verleger aus Wien verſchiedene öffentliche Blätter zugeſandt, die einige überaus günſtige Kritiken jenes Werkes enthielten. Mit dieſen Blättern war ich zu meinem — Freunde geeilt und er freute ſich mit mir des erſten angenehmen Erfolges meiner jahrelangen Bemühungen und Arbeiten. Wir hatten eben zur Feier des Tages eine gute Flaſche Wein geleert, als der Diener des Majors eiligſt in's Zimmer trat und meldete, daß ein Lakai vom Schloß athemlos angelangt ſei, um mich ſo raſch wie möglich zu ſprechen. Ich ließ ihn herein⸗ kommen und er brachte von der Fürſtin den Befehl, ich möge ſogleich bei ihr erſcheinen, da ſie mich noth⸗ wendig zu ſprechen wünſche. Ich ſei ſchon im ganzen Schloſſe geſucht worden und erſt jetzt habe Ueber⸗ bringer zufällig meinen Anfenthaltsort erfahren. Natürlich begab ich mich ſchleunigſt auf den Weg, dem Befehle Folge zu leiſten und ließ in der Haſt meine ſchönen Kritiken beim Major liegen, der im augenblicklichen Beſitz des einzigen Exempla nes Werkes war, welches ich in Händen hatte dem Lakaien erfuhr ich unterwegs, daß Geſellſch der Fürſtin ſei und daß ſie befohlen habe, dieſelbe einzuführen, ſobald ich gefunden wür Meine anfängliche Freude, ſie allein zu war alſo wieder zerſtört, dennoch beeilte Hofkleidung anzulegen und vor dem hohen zu erſcheinen, deſſen Mitglieder mir der Di nannt hatte und die aus der gewöhnlichen 186 der Fürſtin beſtanden, zu der noch einige Damen und Herren aus der Stadt gekommen waren. Ohne mir viel Freude von dem Erfolge dieſer neuen Vorladung zu verſprechen, war ich doch äußerſt geſpannt, den Grund derſelben zu erfahren, und ſo trat ich denn bald in den Kreis ein, der wie damals im Geſellſchaftsſaal der Fürſtin und um den großen runden Tiſch verſammelt ſaß, auf welchem verſchiedene Kupferwerke, Bücher und Karten ausgebreitet lagen, woraus ich ſchloß, daß man ſich diesmal gelehrten Unterſuchungen oder Studien hinzugeben beliebe. Als ich mit dem Hut in der Hand eintrat, zu⸗ nächſt der Thür ſtehen blieb und einen Blick über die ſtille Verſammlung gleiten ließ, ſah ich zu meinem Bedauern ſogleich die Oberhofmeiſterin und ihren Krachwitz vertraulich neben einander ſitzen und ieder mit ihren Baſiliskenblicken muſtern. Ich ee ſie aber nicht weiter, machte nur aus der ung eine der Fürſtin allein geltende Ver⸗ und ſchritt dann auf ſie zu, die ſich erhoben mir mit einem Journale in der Hand etwas ls früher entgegentrat. Sie ab, Herr Bibliothekar,“ ſagte ſie mit lick auf ihren Kammerdiener, der mir ſogleich aus der Hand nahm und hinaustrug,„wir — 187 haben Sie ſchon mit Spannung erwartet, um aus Ihrem eigenen Munde eine Erklärung zu erhalten, die wir uns ſonſt nicht verſchaffen konnten. Sehen Sie da, wir leſen hier eben eine Kritik von einem Werke, welches ein Mann Ihres Namens verfaßt hat, und da dies Werk dieſelbe Reiſe zum Gegenſtande hat, die auch Sie unternommen, ſo ſind wir neu⸗ gierig, zu erfahren, ob Sie vielleicht der ſo gerühmte Autor ſind.“ Ich warf nur einen Blick auf das mir darge⸗ reichte Journal und erkannte ſogleich daſſelbe, welches ich eben bei meinem Freunde gelaſſen hatte.„Ich bin in der That der Verfaſſer, Durchlaucht!“ ſagte ich ruhig und mich hochachtungsvoll vor ihr ver⸗ neigend, die mit einem ſeltſam forſchenden Blicke vor mir ſtand und meine Antwort mit warmem An⸗ theil zu erwarten ſchien. „O,“ fuhr ſie leicht ſchmollend fort,„und wir er⸗ fahren erſt aus den Zeitungen, daß Sie ein ſo lehr⸗ reiches und unterhaltendes Buch geſchrieben? Das iſt nicht recht von Ihnen. Raſch, raſch, wo iſt das Werk, damit wir es kennen lernen und hoffentlich eben ſo bewundern, wie dieſer Herr Kritiker es gethan.“„ Ich verließ nach einigen erklärenden Worten der 188 Fürſtin Zimmer, eilte aus dem Schloß mit ſchnellen Schritten zu dem Major zurück und holte das Buch, womit ich in weniger als zehn Minuten wieder unter die gelehrte Hofgeſellſchaft trat. Sobald ich ſichtbar wurde, hob die Fürſtin den Kopf gegen mich auf und nahm mir den ſchweren Quartband aus der Hand, den ich ihr ehrerbietigſt darbot, legte ihn vor ſich auf den Tiſch und blätterte darin. Bei dem erſten Blick ſchon ſah ich ſie eine aufmerkſame Miene annehmen, denn die Stahlſtiche waren ausgezeichnet und der Text herrlich gedruckt; als ſte aber dann nach dem Titelblatt blickte und die nächſte Seite umſchlug, erbleichte ſie ſichtbar, beugte ſich tiefer auf das Buch und ſchickte ſich an, ruhig die Widmung zu leſen, die wohl ganz gegen ihre Er⸗ wartung an ihren Vater gerichtet war. Eine Zeit lang ſchien es, als habe die Fürſtin die Anweſenheit der ſie umgebenden Geſellſchaft ver⸗ geſſen, ſo ſehr vertiefte ſie ſich in den Inhalt dieſer Widmung. Sie fand darin die ganze unausſprechliche Dankbarkeit wieder, die ich für ihren Vater empfand und die ich mit lebhaften Worten ausgeſprochen hatte, indem ich der unzähligen Wohlthaten gedachte, die mir der gute Fürſt von W... ſeit meiner Kindheit durch eine vortreffliche Erziehung und durch die — Gnade erwieſen, ſeinem älteſten Sohn als unzertrenn⸗ licher Gefährte durch die Windungen des Lebens folgen zu dürfen. War ſie ſchon beim erſten Anblick dieſer Widmung ernſt geworden, ſo nahm ihr Geſicht allmälig, je weiter ſte im Leſen vorſchritt, einen Ausdruck wehmüthigen Nachſinnens an, der nie darauf ſichtbar ward, wenn ſie in Geſellſchaft Anderer ſich bewegte. Als ſie aber zu Ende geleſen, legte ſie die rechte Hand auf die aufgeſchlagene Seite, drehte den Kopf nach mir hin und nickte mir gleichſam beiſtimmend zu, wobei ich zu bemerken glaubte, daß ſie erfreut und von einem wohl⸗ wollenden Gefühle über den Erguß meines dankbaren Herzens bewegt ſei. Aber ſie ſprach kein Wort und blickte dann wieder ſinnend und gleichſam in der Erinnerung ihres Geiſtes nach etwas Entſchwundenem ſuchend, vor ſich nieder. Vielleicht hätte ſie noch ein Wort geſagt, das mich beglückt und Einige von den Anweſenden wahrſchein⸗ lich verletzt haben würde, wäre in dieſem Augenblick nicht eine Störung eingetreten, die dem allgemeinen Stillſchweigen, das nicht ohne Verlegenheit war, ein Ende machte. Die Thüren öffneten ſich nämlich, La⸗ kaien traten herein und brachten auf ſilbernen Platten den Thee und Kuchenwerk, wovon ſie zuerſt der 190 Fürſtin, dann den übrigen Damen und Herren darboten. Die Fürſtin dankte und blieb mit dem Inhalt des Buches beſchäftigt, die Anderen aber nahmen und ſetz⸗ ten ſich bequem nieder, indem ſie tranken und aßen. Die Lakaien, die mich mitten unter der Geſellſchaft in der Nähe der Fürſtin ſtehen ſahen, wußten nicht, ob ſie mir auch eine Taſſe anbieten ſollten, und ſuch⸗ ten das Auge der Oberhofmeiſterin, um ihren Willen darüber zu erfahren. Dieſe ſtand für dieſen voraus⸗ geſehenen Moment ſchon auf der Lauer. Mit einem wahren Habichtsblick hielt ſie die Diener von der Dar⸗ bietung ihres Getränks zurück, und dieſe traten, ohne mir ihre zweifelhafte Gunſt zu erweiſen, in den R grund des Zimmers, mit der Miene, ſich für's ganz aus dem Raume zurückziehen zu wollen. In dieſem Augenblick, der mir alles Blut vor peinlicher Erwartung zum Herzen trieb, erhob die Fürſtin ihr Auge und erfaßte mit einem Blick den ganzen Vorgang und die ſchnöde Gewaltthat der Ober⸗ hofmeiſterin. Sie rückte ihren Seſſel etwas vom Tiſche zurück, erhob mit einem gebieteriſchen Wink ihre Hand gegen ihren Kammerdiener und deutete dabei auf mich. Der aber ſtürzte wie in Verzweiflung hinaus und in zwei Minuten hielt ich wie alle Uebrigen meinen Thee * 191 in der Hand und fühlte, wie mir ein jetzt dienſt⸗ eifriger Lakai einen Stuhl hinſchob, den ich einnahm und nun, wie mit zur Geſellſchaft gehörig, zwiſchen der Fürſtin und der Oberhofmeiſterin ſitzen blieb, welche Letztere kaum ihre innere Wuth beherrſchen konnte und dem Kammerherrn von Krachvitz einige Worte in's Ohr flüſterte. Alle dieſe Vorgänge, die ſich ſchneller entwickelten als ich ſie erzählen kann, erregten bei einem Theile der Verſammlung ein ſichtbar mißfälliges Staunen; die Fürſtin aber bemerkte von demſelben nichts, ſchien vielmehr Alles in beſter Ordnung zu finden. Nach⸗ dem ſie den Damen und Herren einige Zeit gelaſſen, ihren Thee zu ſchlürfen, und unterdeß in dem Buche hin und her geblättert hatte, erhob ſie nna ihren Kopf und ſagte lebhaft, indem ſie ſich an alle An⸗ weſenden wandte, mich aber vorzugsweiſe anredete: „Ich bin überzeugt, dies Buch wird ſich ſehr hübſch leſen laſſen und ungemein lehrreich ſein, wir wollen es Alle nach und nach unſerer Kritik unter⸗ werfen. Wenn man aber in der Lage iſt, den Autor eines ſolchen Werkes ſelbſt bei ſich zu haben, der Alles mit eigenen Augen geſehen hat, was er hier nur be⸗ ſchreibt, ſo muß die Unterhaltung viel angenehmer ſein, wenn man ihn ſelbſt darüber reden hört. Er⸗ 192 füllen Sie alſo unſern Wunſch, Herr Flemming, und erklären Sie uns mit einigen Worten die Stahlſtiche. Was hat zuerſt dies reizende Bild zu bedeuten?“ Ich warf nur einen Blick auf das Blatt, welches ſie mit einem Finger bezeichnete, und ſah, daß darauf eine von deutſchen Auswanderern bewohnte Nieder⸗ laſſung in einem Seitenthale des Miſſiſſippi abgebil⸗ det war, deſſen theilweiſe ſtehen gebliebener Urwald eine ſchöne Staffage darbot. „Dies Bild,“ ſagte ich, mich an die Fürſtin wen⸗ dend und doch von Zeit zu Zeit einen Blick über die mich anglotzenden Zuhörer werfend,„verdankt ſeinen Urſprung einer Skizze Sr. Durchlaucht des Fürſten von Adersbach, da dies Thal eines kleinen Nebenfluſſes des Miſſiſſippi vorzugsweiſe ſeinen Beifall errang.“ Und indem ich nun auf die Oertlichkeit näher einging, erzählte ich, wie ich mit dem damaligen Erbprinzen von W... jene Anſiedlung beſuchte, einige Tage darauf wohnte, und Jener die dort in der wilden Einſamkeit lebenden Menſchen ſo lieb gewann, daß er ihnen ſpäter von New⸗Orleans aus eine bedeutende Unterſtützung an Vieh, Ackergeräth und ſonſtigen Lebensbedürfniſſen zukommen ließ. Während ich ſprach, erhob die Fürſtin kein Auge von dem Gegenſtande meiner Beſchreibung, als ich aber ſchwieg, nickte ſie befriedigt und ſchlug die Blät⸗ ter des Buches um, bis ſie die nächſte Abbildung traf.„Und was iſt das hier?“ fragte ſie ſtill und bedächtig. „Das, gnädigſte Frau, iſt eine Gegend in Vene⸗ zuela in der Nähe des Ausfluſſes des Orinoco, die auch Alexander von Humboldt ſo ſchön gefunden und beſchrieben hat. Auch hier hat Seine Durchlaucht, der Fürſt von Adersbach, längere Zeit mit mir und ſeinen Reiſegefährten gewohnt und daſelbſt einen Be⸗ weis ſeiner Menſchenliebe niedergelegt. Der Orinoco bot damals einen unbeſchreiblich wilden Anblick dar. Es war die Zeit ſeiner Ueberſchwemmung und er riß Häuſer, Inſeln und Wälder mit ſich fort. Eine ein⸗ geborene Familie verlor all ihr Hab' und Gut und Seine Durchlaucht ließ es ſich angelegen ſein, auch hier mit ſeinen reichen Mitteln den Unglücklichen zu helfen und eine unvergängliche Erinnerung an ſeine Perſon bei den dankbaren Menſchen zu hinterlaſſen.“ Indem ich nun näher auf jene Ueberſchwemmung ein⸗ ging, begann ich von der herrlichen tropiſchen Vege⸗ tation jener Gegend zu ſprechen, ſchilderte den Wald 4 verweilte umſtändlich bei den endloſen Blumen⸗ teppichen, die jenes Land ſo ſeltſam wie ſchön erſchei⸗ nem laſſen. 6 Sohn des Gärtners. III. 13 V 194 Während ich dabei bemüht war, meiner perſön⸗ lichen Anweſenheit an dieſen Orten keine Erwähnung zu thun, ſprach ich um ſo lebhafter von den Empfin⸗ dungen des Prinzen, als er in jenen ſüdlichen Strichen verweilte und beſchrieb den rieſigen Wuchs und die Fülle und Mannigfaltigkeit der Pflanzen mit ſo glän⸗ zenden Farben, wie ſie mir wohl zu Gebote ſtanden, wenn ich von meinem Gegenſtande ergriffen war. Alles horchte geſpannt und ſchweigend auf meine Erzählung, auch die Fürſtin, die kein Auge von dem Bilde verwandte. Nur wenn ich den Namen ihres Bruders mit abſichtlicher Vorliebe und merkſamer Be⸗ tonung ausſprach, zuckte es um ihren Mund mit einem eigenthümlichen Ausdruck, den ich mir noch nicht voll⸗ kommen zu erklären vermochte, da er ebenſowohl Theil⸗ nahme als ein ſchmerzliches Gefühl verrathen konnte. Je weiter ich aber kam, um ſo aufmerkſamer hörte ſie zu, desgleichen die Uebrigen, nur in dem Innern der Oberhofmeiſterin gährte ein allmälig anwachſender Sturm auf, der ſich endlich in einem verächtlichen Lächeln kundthat, als wolle ſte mich nur ausſprechen laſſen, um meiner lebhaften Darſtellung einige erläu⸗ ternde Worte beizufügen. Endlich war ich fertig. Die Fürſtin nickte mir nicht unfreundlich zu, aber ſie ſchwieg hartnäckig. 8 3 4 E 2 1 K —— Alles um ſie her war ſo ſtill, daß ich die einzelnen Athemzüge hören konnte. Da glaubte die Oberhof⸗ meiſterin den Zeitpunkt gekommen, das peinliche Still⸗ ſchweigen brechen und zugleich ihrem unwiderſtehlichen Drange, mir einen Streich zu verſetzen, Luft machen zu müſſen. „Finden Sie nicht, meine Damen,“ begann ſie mit höhniſchem Lächeln,„daß der Herr Bibliothekar ein Meiſter in der Schilderung der tropiſchen Vege⸗ tation iſt? Ja, das muß man ſagen, er erzählt gut und mit charakteriſtiſcher Unterſche eidung. Sie dürfen das aber für kein Wunder oder ein aus den Wolken gefallenes Talent halten— nein, das iſt es nicht; ich bin vielmehr ſo glücklich, Ihnen den Schlüſſel zu dem Räthſel geben zu können. Herr Flemming hat ſchon in ſeiner Jugend viel Gelegenheit gehabt, ſich mit der tropiſchen Vegetation zu beſchäftigen und darüber manche Erfahrung zu ſammeln. Sein Vater iſt Gärtner bei Sr. Durchlaucht dem Fürſten von W... geweſen, und da hat ohne Zweifel der geleh⸗ rige Sohn ſeine Studien gemacht, indem er ſeinem Vater in der Pflege der Treibhäuſer und Miſtbeete als Gehülfe zur Seite ſtand.“ „Um Verzeihung, meine Damen,“ ergriff ich ohne Zögern das Wort, ſobald die Oberhofmeiſterin den 133 4 ——— 196 Mund geſchloſſen hatte und noch ein ſchadenfrohes Lächeln auf einigen Geſichtern der Anweſenden im Kreiſe herumlief,„Frau Gräfin von Hohenheim be⸗ findet ſich mit dieſer ihrer Erklärung gewiſſermaßen in einem Irrthum, den zu berichtigen ich mir erlauben will. Mein Vater war allerdings Hofgärtner Sr. Durchlaucht des Fürſten von W..., ich bin aber nie Gehülfe bei ihm geweſen und konnte auch keine Er⸗ fahrungen bei ihm ſammeln, da Seine Durchlaucht die Gnade hatte, mich ſchon im zwölften Lebensjahre in das Schloß zu berufen, woſelbſt ich die Ehre ge⸗ noß, mit ſeinem älteſten Sohne, dem Erbprinzen und gegenwärtigen Fürſten von Adersbach, erzogen zu werden, deſſen Studien⸗ und Reiſegefährte ich war, bis ich im Auftrage deſſelben hierher kam, um mein geringes Wiſſen bei der Ordnung und Auf⸗ ſtellung der fürſtlichen Bibliothek zu verwerthen. In dieſem meinem ganzen, ziemlich bewegten Leben habe ich mich ſehr glücklich und meinem erhabenen Wohl⸗ thäter ſtets dankbar ergeben gefühlt, und um dieſem Gefühle einen vernehmbaren Ausdruck zu verleihen, habe ich mir eben erlaubt, Sr. Durchlaucht jenes Buch zu widmen, da ich ſeiner Großmuth auch die Erfahrungen und Anſchauungen verdanke, die in jenem Buche niedergelegt ſind.“ 197 Ich denke noch heute mit Vergnügen an den Augen⸗ blick, als dieſe kühne Rede ihr Ende erreichte. Sie hatte auf verſchiedenen Stellen gleich einem kalten Blitze eingeſchlagen, das heißt, mehr Schrecken als Unheil angerichtet. Alle Augen wandten ſich zuerſt auf die Fürſtin, die den heraufbeſchworenen Sturm mehr zu fühlen als zu ſehen ſchien, wenigſtens erhob ſie ihr Auge weder zu mir noch zu den übrigen An⸗ weſenden. Das von mir abſichtlich gebrauchte Wort: im Auftrage deſſelben, wühlte gewiß am heftig⸗ ſten in ihrer Bruſt und ſie erhielt vielleicht erſt da⸗ durch einen richtigen Einblick in die Abſicht ihres Bruders, deſſen Thaten und Handlungen ſie von jeher gewohnt war, auf energiſchen Willen und männliche Entſchlüſſe begründet zu finden. Die Oberhofmeiſterin aber warf meine Erklärung aus allen ihren geträumten Himmeln herab; ſie hatte mir eine Demüthigung bereiten wollen und ich hatte ſie öffentlich einer Unwahrheit geziehen, was ſie um ſo ſchneidender berührte, da alle Welt wußte, daß ſie wie jeder Andere, der mit den Verhältniſſen in W... bekannt war, von dem wahren Sachverhalt meiner dortigen Stellung unterrichtet ſein mußte. Sie ſchleu⸗ derte mir auch einen boshaſten Blick nach dem an⸗ dern zu, lächelte triumphirend gegen ihren Verbündeten, der mich gern am Kragen gepackt und aus dem Zim⸗ mer geworfen hätte, und tauſchte dann ringsum ver⸗ ſchiedene Winke aus, als möchte man nur Geduld haben, ſie würde mir ſchon die Strafe für dieſe meine ungebührliche Berichtigung ihrer Erklärung zur ge⸗ hörigen Zeit zu Theil werden laſſen. Dieſem hin und her flatternden Geberdenſpiel machte die Fürſtin dadurch ein Ende, daß ſie abermals mehrere Blätter umſchlug und, auf einen neuen Stich deutend, mich davon zu erzählen bat. „Es iſt dies der ſchöne Hafen von St. Francisco in Californien,“ erwiderte ich,„wo wir uns nach einem kurzen Beſuche der Goldminen im Innern des Landes, wieder einſchifften, um nach China und ſodann nach Oſtindien weiter zu ſegeln“— und indem ich mit lebhafter Erinnerung an jenem wunderbaren Orte ver⸗ weilte, beſchrieb ich, was ich daſelbſt geſehen und wie tief ſich der Reichthum des dortigen Natur⸗ und Menſchenlebens in unſre Seele gegraben hatte. „In Auſtralien ſind Sie nicht geweſen?“ fragte die Fürſtin, als ich endete. „Auch bis auf Auſtralien, Durchlaucht, erſtreckte ſich unſre Reiſe; die Beſchreibung deſſelben, eben ſo wie die von Aſien und ſpäter von Afrika, erfolgt aber erſt im zweiten und dritten Bande meines Reiſe⸗ 199 berichts, vorausgeſetzt, daß ich ſo viel Zeit übrig be⸗ halte, ihn für den Druck fertig zu machen.“ „O, ſo viel Zeit müſſen Sie ſich nehmen, das iſt nothwendig, ich wünſche es ſehr. Ihre Erzählungen intereſſiren mich ungemein, ich werde dies Buch Wort für Wort leſen. Wann kann der zweite Theil im Druck fertig ſein?“ „Es wird mindeſtens ein Jahr dazu gehören, Durchlaucht!“ ſagte ich nach einiger Ueberlegung. „Das iſt etwas lange,“ bemerkte die Oberhof⸗ meiſterin.„Können Sie ſich nicht beeilen, da Ihre Durchlaucht es wünſcht?“ „O, bitte, liebe Hohenheim!“ ſagte die Fürſtin, die Augen nicht von dem Buche aufſchlagend, aber die linke Hand leicht abwehrend gegen die böſe Frau erhebend. „Ich drucke die Bücher nicht und ſteche die Zeich⸗ nungen nicht in Kupfer oder Stahl,“ erwiderte ich, mich zur Oberhofmeiſterin wendend.„Beides erfordert viele Arbeit und alſo auch viele Zeit. Ich ſchreibe nur den Text dazu und damit bin ich längſt zu Stande gekommen.“ „Ich hätte nicht gedacht, daß ein ſolches Mach⸗ werk ſo viel Mühe verurſacht und ſo viel Zeit zu ſeiner Herſtellung erfordert.“ 200 „Um Entſchuldigung, Frau Gräfin,“ entgegnete ich kalt, aber ungemein höflich,„Sie irren abermals. Jenes Buch, alſo gedruckt und mit naturhiſtoriſchen Abbildungen verſehen, wie es hier vor Ihnen liegt, nennt man kein Machwerk—“ „Und wie nennt man es denn?“ unterbrach Herr von Krachwitz, ſeine Naſe drohend gegen mich hervor⸗ ſtreckend, meine Rede. Ich wollte ihm eben eine Antwort geben, als die Fürſtin mir zuvorkam und beſänftigend ſagte: „In Wahrheit, das Buch iſt prachtvoll ausgeſtattet, es iſt ein wahres Kunſtwerk. Ich danke Ihnen, mein lieber Flemming, für die angenehme Belehrung, die Sie uns heute haben zu Theil werden laſſen. Hoffentlich ſetzen Sie Ihre Erzählungen bald weiter fort. Der Winter mit ſeinen langen Abenden, den wir jetzt vor uns haben, iſt ganz geeignet dazu und ſo erfahren wir Armſeligen, die wir faſt nie aus unſern Häuſern herausgekommen ſind, wie es draußen in Gottes weiter Welt ausſieht. Noch einmal meinen herzlichen Dank für den heutigen Abend. Leben Sie wohl!“ Ich war bei dieſen Worten aufgeſtanden und hatte mich wiederholt ſchweigend verbeugt. Als ich ſah, daß ich entlaſſen war, ſchritt ich hinaus, als ich aber die Thür ſchloß, konnte ich nicht umhin, wahrzunehmen, daß der Gräfin Hohenheim mit meiner Entfernung ein Stein von der Bruſt fiel, da ſie meine Anweſen⸗ heit ohne Zweifel als eine Entweihung des erhabenen Kreiſes betrachtete, dem ſie als Oberprieſterin des Hofceremoniells die officielle Weihe gab. Ich war eigentlich froh, als das Cabinet der Fürſtin hinter mir lag, denn behaglich hatte ich mich unter den nichts⸗ ſagenden Geſichtern dieſer damen und dem Baſilisken⸗ blick dieſer Herren vom goldenen Schlüſſel nicht ge⸗ fühlt. Allein ich war in dieſem Augenblick ſehr weit entfernt, zu errathen, welche Folgen zunächſt dieſer Abend haben ſollte; am nächſten Morgen jedoch be⸗ kam ich eine Ahnung davon, als mir ein Lakai die Meldung überbrachte, daß mich Ihre gräfliche Gnaden, die Frau Oberhofmeiſterin, pünktlich um zwölf Uhr in ihrem Zimmer zu ſprechen wünſche. Nichtsdeſtoweniger war ich ſehr neugierig, was dieſe liebenswürdige Dame mir zu ſagen haben werde. Daß es nichts Angenehmes ſein würde, wußte ich vorher, hätte ich aber den Inhalt des Geſpräches und die Art und Weiſe, wie es von uns Beiden gefüthrt wurde, vorherſehen können, ſo würde ich es gewiß unterlaſſen haben, dem Rufe zu folgen, da ich nun und nimmermehr unter die Autorität dieſer Frau ge⸗ 20² ſtellt ſein konnte und ſie ihre Mittheilungen, wenn ſie mir ſolche von Seiten der Fürſtin zu machen hatte, durch einige Zeilen oder ernſtlichen Falles durch eine Citation vor meinen amtlichen Vorgeſetzten mir zu⸗ gehen laſſen mußte. Mit dem feſten Entſchluß, dieſer Gang ſolle die letzte Demüthigung meinerſeits vor dieſer Perſon ſein, trat ich ihn an. Schon als ich ſie in ihrem über⸗ mäßig mit Blumen und bunten Gegenſtänden allerlei Art ausgeputzten Zimmer in voller Hoftoilette ſtehen und mich erwarten ſah, wußte ich, daß mir ein neues Gewitter drohte, aber ihre froſtige Miene ließ mein Blut nicht mehr gerinnen, ich war bereits unempfäng⸗ lich für ihre Beleidigungen geworden, die ich mit möglichſtem Gleichmuth hinzunehmen, ja ſogar zu er⸗ widern mir ſelbſt mein Wort gab. „Mein Herr,“ empfing ſie mich ganz in dem Style, wie etwa ein brutaler Schulmonarch ſeinen verhaßteſten Schüler empfängt,„obgleich ich ſchon geſtern Abend im Geſellſchaftszimmer Ihrer Durchlaucht Ihnen meine Meinung zu erkennen gegeben habe, daß es für einen Mann von Ihrem Stande und Herkommen nicht paſ⸗ ſend ſei, in Gegenwart der Regentin und in der Mitte einer auserwählten Geſellſchaft ſeine Stellung aus den Augen zu verlieren und die Schärfe ſeines 203 Worts gegen eine Dame zu kehren, die, wenn man nicht Achtung vor ihrem Geſchlecht und ihrer amtlichen Würde hat, keine Waffen beſitzt, ſich zu vertheidigen, ſo ſehe ich mich bei Ihrer hartnäckigen Art, die her⸗ gebrachte Sitte zu ignoriren und alle Schranken der Etikette an dieſem Hofe zu durchbrechen, doch in mei⸗ ner Stellung als Oberhofmeiſterin Ihrer Durchlaucht genöthigt, Sie auf verſchiedene Punkte nachdrücklich aufmerkſam zu machen, die Sie niemals wieder be⸗ rühren dürfen, und Ihnen vielmehr die Gränzen an⸗ zuweiſen, innerhalb deren Sie ſich in Ihren ferneren Geſprächen ein für alle Mal zu bewegen haben werden.“ Von dem langen Satze, den ſie trotz gewiß unſäg⸗ lichen Vorſtudiums mit Mühe zu Ende gebracht, athemlos, hielt ſie einen Augenblick inne, den ich be⸗ nutzte, ihr einen Stuhl näher zu rücken und damit die Worte zu verbinden:„Sie bemühen ſich zu ſehr um mich, Frau Oberhofmeiſterin; es greift Sie die ceremoniöſe Anrede an einen noch immer nicht genug gebändigten Schüler an— ſetzen Sie ſich und kom⸗ men Sie zu Athem, ich habe eine Minute Zeit für Sie.“ Wären ihre Augen Dolche geweſen, ich wäre nach dieſen lächelnd geſprochenen Worten gewiß todt zu ihren Füßen niedergefallen, ſolche leidenſchaftliche Wuth 204 ſprach ſich in denſelben aus, aber dieſe oder eine ähnliche Antwort hatte ich ihr zugedacht für ihre neuliche Er⸗ klärung meiner vegetativen Abſtammung und ſo mußte ſie ſie hinnehmen, ohne mir in's Geſicht ſchlagen zu können, wie es vielleicht die Erhebung ihrer Hand andeuten wollte, die ſie mit ohnmächtig zitternder Aufwallung gegen mich ſchüttelte und dabei ausrief: „Mein Herr, auch dieſe neue Beleidigung werden Sie büßen, ich ſtehen Ihnen dafür, denn es wird Edelleute an dieſem Hofe geben, die eine Frau, welche in ihren Rechten iſt und von einem— einem Manne wie Sie find, gekränkt wird, zu rächen wiſſen werden.“ „Ich erwarte Ihre Edelleute, gnädige Frau, ſchicken Sie ſie zu mir. Zwar nur eines Gärtners Sohn, wie Sie aller Welt ſo ſchadenfroh erzählen, bin ich lange genug mit wahrhaften Edelleuten umgegangen, um die Grundſätze ihres Handelns mir angeeignet zu haben und als Mann, wenn nicht von Geblüt, doch von Ehre, mich in allen Fällen, welche die Intriguen und Kabalen einer an ſich gefahrloſen Hofpartei her⸗ beizuführen die Geſchicklichkeit und— ſage ich es offen— die ſchaamloſe Stirn haben werden, bewäh⸗ ren zu können.— Doch Sie wollten mir eine neue Ueberraſchung mit einer Vorleſung aus Ihrem ſelbſt⸗ verlegten Hofkalender bereiten— ich bitte darum, * 20⁵ denn jetzt bin ich geneigt, Alles zu hören, was Sie mir zu ſagen haben, ſelbſt wenn es eine noch größere Beleidigung enthielte, als Sie ſie bisher in ſo reicher Fülle über mich auszugießen beliebten.“ Nach dieſen Worten faßte ſie ſich und zwang ſich zur Ruhe, da ſie bemerkte, daß ich ohne alle Leiden⸗ ſchaft verfuhr und deshalb immer ſiegreich blieb; dann aber fuhr ſie fort:„Mein Herr, Ihre Abſtam⸗ mung leuchtet ſchon aus den plebejiſchen Worten her⸗ vor, die Sie an eine Dame von meiner Geburt und Stellung zu richten wagen, und da Sie in Ihrem mir bekannten Dünkel und Ihrer Anmaßung jedes rechte Maaß aus den Augen verlieren, ſo überheben Sie mich der Verpflichtung, mich der Sprache des ſo⸗ genannten guten Tones zu bedienen, und ſo ſage ich denn geradezu: mein Herr, wohl weiß ich aus frühe⸗ ren Zeiten, daß Sie ſich ſehr leicht über die Ihnen gezogenen Schranken erheben und ſich etwas Höheres dünken, als wozu Sie die Natur berufen hat, aber daß Sie ſo tactlos ſein würden, in Gegenwart unſrer verehrten und ſo hart geprüften Fürſtin von Perſonen und Dingen zu reden, die an u nſerem Hofe durchaus verpönt und aus dem Reiche der Möglichkeit geſtrichen find— das habe ich nicht gedacht und das verbitte ich mir in der That ernſtlich für alle künftigen Zeiten.“ Geſchwiſtern gegenüber, ſich nicht als Fürſt betragen hat.“ Da ich nicht verſtand, was ſie meinte und nur das Bild der ſo hart geprüften Fürſtin im Auge be⸗ hielt, die ich unwiſſentlich gekränkt haben ſollte, ſo erſchrak ich, richtete mich in die Höhe und blickte die Sprechende fragend an, die darin wahrſcheinlich einen kleinen Triumph gewahrte und mit lächerlichem Stolze fortfuhr: „Aha! Endlich alſo habe ich den Schlüſſel zu 44 Ihrem Gewiſſen gefunden— „Sie haben gar keinen Schlüſſel gefunden, Frau Gräfin,“ unterbrach ich ſie,„und am allerwenigſten den zu meinem Gewiſſen, da daſſelbe ſtets geöffnet iſt und alſo keines Schlüſſels bedarf. Doch, vergeſſen Sie Ihre Rede nicht, Sie wollten mir ſagen, was ich in Gegenwart der Fürſtin verbrochen habe und was ich künftig nicht wiederholen ſoll.“ „Sie haben von dem Fürſten von Adersbach ge⸗ ſprochen. Sein Name, mein Herr, darf hier nie ge⸗ nannt werden, eben ſo wenig, wie man irgend ein Geſpräch beginnen oder fortſpinnen darf, in dem ſeiner Verhältniſſe, Handlungen oder Geſinnungen nur im Entfernteſten Erwähnung geſchieht. 14 „Und warum nicht, erlaube ich mir zu fragen?“ „Weil der Fürſt von Adersbach, ſeinen Eltern und „Frau Oberhofmeiſterin,“ ſagte ich, mitleidig die Achſeln zuckend,„ich bedaure nur, daß der Fürſt von Adersbach nicht ſelber in dieſem Augenblick hier an⸗ weſend iſt, um Ihnen die einzig paſſende Antwort auf dieſe Ihre Beſchul digung zu geben, denn ich fühle mich auf keinen Fall berufen, vor Ihnen ſeine Ge⸗ ſinnungen und Handlungen in das rechte Licht zu ſtellen. Dieſe mögen alſo auf ſich beruhen. Im Uebrigen aber erkläre ich Ihnen, daß Ihre Aufforde⸗ rung, über ihn zu ſchweigen, für mich von gar keinem Gewicht iſt und dah nur die Fürſtin ſelbſt mir ver⸗ bieten kann, von ihrem fürſtlichen Bruder zu ſprechen.“ „Sie verbietet es Ihnen hiermit und durch mich, denn gerade ſie hat mich beauftragt, Ihnen dieſe ihre Willensmeinung zu erkennen zu geben.“ Die Lüge, die ſie mit dieſen Worten ausſprach, lag ihr auf den Lippen, im Auge, auf jeder Geſichts⸗ falte, aber wann iſt je ein Weib, wie dieſes, vor einer kleinen Lüge zurückgebebt? Auf mich aber machte dieſe ganze Sceue einen ſo widrigen Eindruck, daß ich offen und ehrlich zu Werke zu gehen beſchloß, wodurch man ſelbſt einer ſo intriguanten Perſon gegenüber, wie die Oberhofmeiſterin war, immer im Vortheile bleibt.„Frau Gräfin,“ ſagte ich daher,„geradeheraus geſagt, das glaube ich Ihnen nicht. Wenn Ihre -—õ——ö 5 — 1 —— 208 Durchlaucht einen Groll von dem Umfange und der Tiefe, wie Sie ihn mir zu ſchildern belieben, gegen ihren Bruder gehegt hätte, ſo würde ſie mich nicht haben rufen laſſen, um von einer Reiſe ſich Bericht erſtatten zu laſſen, bei der er die Hauptperſon war, oder in einem Buche zu leſen, in dem auf jeder Seite von ihm geſprochen wird. Ich muß alſo glauben, daß Sie perſönlich etwas gegen meinen geſtrigen Vor⸗ trag einzuwenden haben, und das ſetzt mich in Bezug auf den Fürſten von Adersbach um ſo mehr in Er⸗ ſtaunen, als Sie ſelbſt früher ihn ſo glühend bewun⸗ derten und für ihn ſchwärmten, da man ihn noch den hoffnungsvollen und ſchönen Erbprinzen von W... nannte und Sie noch keine Oberhofmeiſterin, vielmehr nur die Erzieherin der Prinzeſſin Hildegard und zu gleicher Zeit die Freundin von Herrn Beau, dem Turn⸗ lehrer des Prinzen, waren.“ „Mein Herr!“ fuhr ſie wie von einem Scorpion geſtochen auf,„das iſt ſtark! So weit habe ich noch keinen Menſchen ſeine— ich will mich milde aus⸗ drücken— ſeine Dreiſtigkeit treiben ſehen. Das, o das werden Sie bereuen, Herr Flemming! Warten Sie es ab, Sie kennen weder meine Macht, noch meinen ſtarken Willen, wenn es gilt, ein Ziel zu erreichen, das ich errei⸗ chen muß. Bei Ihnen will und werde ich es erreichen.“ ——— 209 „Ich ſtelle mich Ihnen ganz zur Verfügung, gnä⸗ dige Frau, und wenn das Meſſer, welches Sie mir in die Bruſt ſtoßen wollen, noch nicht ſcharf genug iſt, ſo geben Sie es mir, ich will es ſelber ſchleifen, damit Sie leichtere Arbeit finden, denn meine plebe⸗ jiſche Haut iſt etwas hart.“ „Herr! Sie ſind ein Dämon an Spott und Frech⸗ heit! Halten Sie mich für fähig, einen Banditen gegen Sie zu dingen?“ „Einen Banditen nicht,“ ſagte ich kalt und machte ſchon eine meinen Abſchied ankündende Ver⸗ beugung,„wohl aber einen Edelmann, wie Sie ſie lieben und ſich zu erziehen verſtehen!“ Mit dieſen ſie durchbohrenden Worten, deren Nach⸗ wirkung ich leider nicht mit eigenen Augen beobachten konnte, entfernte ich mich; ich hatte ſie geſprochen, in der feſten Ueberzeugung und gleichſam wie von einer inneren Ahnung angehaucht, daß ſie ſich bewahrheiten würden, denn eine unſägliche, mir unerklärliche Feind⸗ ſchaft, ſo wie der Durſt nach Rache, lag haarſcharf ausgeprägt auf der dolchartigen Miene, mit der mir dieſe Frau entgegengetreten war. Ob ich mich in Der Sohn des Gaͤrtners. III. 14 210 dieſer meiner Wahrnehmung geirrt, wird die Zu⸗ kunft lehren. Von dieſer Zeit an begann man, wie es unter der Oberleitung einer ſolchen Frau ſo natürlich iſt, Intriguen und Kabalen allerlei Art gegen mich in's Werk zu ſetzen, alle mir begegnenden Geſichter drück⸗ ten eine ſo offenbare Feindſeligkeit aus, daß ich mir nicht verhehlen konnte, meine Stellung werde, wenn dieſe Fehde ohne irgend eine günſtige Entſcheidung für mich fortgeſetzt würde, eine ſchwer haltbare, und mein Aufenthalt in B... kein ewiger ſein. Faſt noch. mehr aber als die heimlichen Angriffe der Gräfin Hohenheim ſchadeten mir die kleinen Begünſtigungen, die mir von Seiten der Fürſtin zu Theil geworden waren, indem ſie noch mehr Feinde gegen mich in Waf⸗ fen riefen, als ich ohnehin ſchon beſaß, denn der Neid der an einem kleinen Hofe lebenden Menſchen, gleichviel ob ſie eine hohe Stellung einnehmen oder nicht, ſpielt in dieſer Glückslotterie, bei welcher der Zufall von ſo großem Einfluß iſt, eine nicht unbe⸗ deutende Rolle und ſchon ein Lächeln des fürſtlichen Mundes genügt, einen Einzelnen in die Ungunſt einer ganzen Menge zu bringen, wenn dieſe ſo anmaßend iſt, jenes Lächeln nur für ſich allein in Anſpruch zu nehmen. Mein Amtsvorgänger, ein alter abgelebter 211 Mann, der früher nur ſeinen Wiſſenſchaften lebte und durch keinen fremden Fürſten an dieſe Stelle empfohlen worden, war nie in den vertrauteren Hofkreiſen geſehen worden, ja man hatte von ſeinem Daſein nicht einmal eine rechte Kenntniß gehabt. Nun kam ich, der das Glück genoß, ein früherer Bekannter der Fürſtin, und das Unglück, ein alter Gegner der Oberhofmeiſterin zu ſein, und da ich mir nicht gefallen laſſen wollte, unter dieſen feinen Damen und Herren eine Bedienten⸗ rolle zu ſpielen, vielmehr ihnen bewies, daß ein Mann von Bildung und Erfahrung trotz ſeiner geringen Herkunft ein Mann von Ehre ſein könne, ſo erregte mein Auftreten auf ſehr natürliche Weiſe gleich von Anfang an kein geringes Aufſehen und keine kleine Erbitterung. Und wie konnte es anders ſein? War mein Auftreten nicht ſogar höchſt bedenklich und ge⸗ fährlich? Konnte ich es mit dieſer Kühnheit nicht wagen, meine Stellung allmälig ſo auszudehnen, daß ſte bis an die Fürſtin ſelbſt hinanragte und am Ende gar Dieſen oder Jenen, der weniger wußte und ſich ungeſchickter benahm als ich, verdunkelte? Nein, das war unerträglich, unerhört, das mußte geahndet wer⸗ den, und zu dieſer Ahndung wurden von allen Seiten Mittel aufgeboten, um ſie nicht nur ſo bald, ſondern auch ſo fühlbar wie möglich für mich herheizuführen. 14* 3 212 Daß die Oberhofmeiſterin ſich alle Mühe geben würde, mich einzuſchüchtern und, wenn das nicht ge⸗ lang, mit Liſt oder Gewalt aus dem Sattel zu heben, war ſehr leicht vorauszuſehen; da ſie mich aber ſo feſt und unerſchütterlich auf meinem Sitze ſah, mußte ſie ſtärkere Hebel anwenden, um mich zum Wanken zu bringen. Einer ihrer erſten Handlanger war na⸗ türlich ihr neuer Buſenfreund, der Kammerherr von Krachwitz, und dieſen hetzte ſie wie einen vollblütigen Schweißhund auf mich los, in der Vorausſetzung, daß deſſen Kraft und Anſehen hinreichen würden, mir eine Grube zu graben, in die ich nothwendig ſtürzen mußte, zumal wenn auch andere Helfershelfer ihre Hand mit anlegten. Herr von Krachwitz war nun entweder durch natürliche Begabung oder durch die Kunſt ſeiner Meiſterin ſo gut dreſſirt, daß er vollkommen ſeine Schuldigkeit gegen mich erfüllte, und wir haben ja ſchon geſehen, wie er bei ſeinem erſten Beſuche alle Segel beiſetzte, mich in den Grund zu bohren. Da ihm dies aber nicht ganz nach Wunſch gelungen war, ſo wurden allmälig kräftigere Mittel verſucht, und weil man fürchtete, ich würde nach jenem erſten Abend bei der Fürſtin allmälig mehr und mehr Boden gewinnen, ſo ſuchte man mir von hinten her durch kleinliche Verläumdungen beim Hofmarſchall und dem Miniſter 1 213 des Cultus verſchiedene Hiebe beizubringen, gand auf ähnliche Weiſe, wie es vielleicht ehemals die Vorfah⸗ ren meiner Gegner in der Geſtalt von Raubrittern und Wegelagerern gegen ihre Widerſacher gethan hatten. Aber nicht allein von Oben her ſuchte man mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen, auch von Unten her ſtellte man mir Hinderniſſe oder wenigſtens Unbequemlichkeiten in den Weg, um mir das Leben in B... zu erſchweren und zu vergällen, was mir jedoch, ſobald ich die Machination bemerkte, nicht im Geringſten den Muth benahm, einſt dennoch alle dieſe Hinderniſſe mit kräftiger Hand aus dem Wege zu räumen. Einer der erbärmlichſten Gehülfen an dieſem Com⸗ plott gegen mich, freilich vielleicht nur auf Antrieb ſeiner Vorgeſetzten, war der Oberkaſtellan des Schloſſes. Dieſer an der Gicht leidende und dennoch faſt den ganzen Tag nicht aus dem Rauſche kommende Mann verkündete mir eines Tages mit rohen Worten, daß er ferner nicht im Stande ſei, mir meinen bisherigen alten Schloßdiener zum Stiefelputzer zu bewilligen, da derſelbe im fürſtlichen Dienſte anderweitig zu thun habe. Natürlich verurſachte mir dieſe Mittheilung nicht das beabſichtigte Herzweh. Ich erwiderte ihm, daß ich mich nach einer anderen Hülfe umſehen würde, — 214 und damit war die Sache abgethan. Schon an dem⸗ ſelben Abend ſchickte mir Major Fuchs einen ſeiner Diener, auf deſſen Treue ich mich verlaſſen konnte und von dem ich nun fortan zu meiner größten Be⸗ friedigung bedient wurde. Alle dieſe kleinen Aergerniſſe und Quälereien aber, und noch viele andere, die ich hier nicht weiter er⸗ wähnen will, brachten mein Blut, ſo ruhig es ſonſt floß und ſo unempfindlich ich von Geburt an gegen die Beleidigungen kleinlicher Seelen war, in einige Wallung, und trotz meines guten Muthes und meiner geſchmeidigen Fügſamkeit in alle mir aufgebürdeten Verhältniſſe ſah ich ein, daß ich einmal doch eine empfindliche Niederlage erleiden könnte, wenn mich kein glücklicher Zufall davor ſchützte. Vor der Hand bemühte ich mich nur, ſo vorſichtig wie möglich und jeden Augenblick ſchlagfertig zu ſein, um das Gefecht, wenn es an einer Stelle abgebrochen war, an der an⸗ dern ungeſchwächt wieder aufnehmen zu können. Das war gerade nicht ſehr angenehm und permehrte die Behaglichkeit meines ohnehin freudloſen Lebens durch⸗ aus nicht, ja es gab Augenblicke, in denen ich mich recht betrübt fühlte und Sehnſucht nach einem Wechſel meiner Lage empfand. Allein immer wieder hob mich mein elaſtiſcher Geiſt auf die Oberfläche empor, das Gedränge ———— 215 der Wogen um mich her ſchüttelte ich kräftig ab und mein Auge drang nach dem goldenen Stern, der über alle dieſem Gewirr in ewig gleichmäͤßiger Schönheit und Klarheit ſtrahlte, und wenn ich auch nicht mehr hoffen konnte, das mir von meinem Freunde vorgeſteckte Ziel bei ſeiner Schweſter ſo bald zu erreichen, ſ mein Vertrauen auf einen glücklicheren Umſchwung der Dinge doch keinen Augenblick und ich hielt wacker aus, o wankte wie ein rüſtiger Schwimmer, der ſein Ziel unverrückt in's Auge gefaßt hat und darauf losſteuert, trotz der Gewalt des widerſtrebenden Windes und der Ungunſt der gegen ihn wogenden Strömung. Das Schlimmſte bei allen dieſen kleinen Händeln und ewigen, aufreibenden Kämpfen war, daß mir viel von meiner koſtbaren Zeit und mit ihr die Luſt und Freude an der Arbeit, wie ſie mir früher innegewohnt, entzogen wurde. Da ich den ganzen Tag in der Bibliothek mit meinen Berufsgeſchäften zu thun hatte, ſo rückten meine Arbeiten, die ich für mich ſelbſt trieb, nur langſam vor und ich ſah mich endlich genöthigt, auch einige Stunden der Nacht mit zu Hülfe zu neh⸗ men, um ſo wenigſtens einige Fortſchritte zu ſpüren und dem Drängen in meiner Bruſt ein kleines Genüge zu thun. — Sernstes Anpitel. Der gewünſchte Umſchwung bereitet ſich auf uner⸗ wartete Weiſe vor. Trotz meiner ſeltſamen und unerquicklichen Lage in damaliger Zeit behielt ich merkwürdiger Weiſe, Dank meiner zähen Ausdauer und fortſchreitenden Bildſamkeit, noch immer Luſt, auch die Lage anderer Leute zu ſtudiren, mit denen mich meine Verhältniſſe in mehr oder minder nahe Berührung brachten, und unter dieſen war es ſelbſtverſtändlich die Fürſtin, der ich meine hauptſächlichſte Aufmerkſamkeit fortgeſetzt zu⸗ wandte. Wollte ich dabei recht aufrichtig gegen mich ſelber ſein, ſo mußte ich mir geſtehen, daß ich außer meiner von Jugend an für ſie gehegten Verehrung ein inniges und faſt zärtliches Mitleid mit ihr hegte. Denn obwohl eine mächtige und reiche Fürſtin, war —ööõõ 217 ſie doch auf keine Weiſe auf Roſen gebettet, ja, ihr Geſchick drückte härter und gewaltiger auf ſie, als auf manchen anderen Menſchen, der ſich im Vergleich mit ihr für viel überbürdeter hielt. Wenn ich Alles in Betracht zog, was ſie beſaß, genoß, ſo war es nicht der tauſendſte Theil von dem, was ſie zu beſitzen und zu genießen berechtigt war, denn ihre Freuden waren leicht zu überſchauen und lagen meiſt nur in den äußeren Vorzügen, die ihr die Gunſt des Him⸗ mels zugewandt. Was ihr Inneres betraf, ach, da war nicht viel Sonnenlicht zu erblicken, das ſah man wohl, wenn man ſie mit Augen betrachtete, wie ich ſie für ſie hatte, denn daß ihre Seele vergebens nach Oben rang, daß das Gewicht an ihrem Herzen, ihrem Willen, ihrer Abſicht ſie immer wieder zu Boden zog, konnte dem Beobachter nicht entgehen, der ihre Ver⸗ hältniſſe und Lage in Bezug auf ihre Perſon und ihr Land mit Nachdenken erwog. Doch von dieſem ihrem Innern werde ich noch in einer ſpäteren Zeit zu ſprechen Gelegenheit haben, hier will ich nur das offenkundiger daliegende Aeußere ihres Lebens in's Auge faſſen. Wenn ich zunächſt meine Blicke auf ihre Umge⸗ bung richtete, ſo fand ich nur zu leicht, wie ſchlecht ſie von allen Seiten unterſtützt und bedient ward. Es 218 waren meiſt erbärmliche, wenigſtens an Geiſt und Herz ſehr vernachläſſigte Menſchen, die ſie mit lächelndem Angeſicht umringten, ihr mit wichtiger Miene Rath ertheilten und mit unabläſſiger Selbſtſucht an ihrem Beſitz, ihrer Macht und Gunſt pflückten und riſſen. Keiner von Allen nahm ein wirkliches Intereſſe an ihrem perſönlichen Wohl und Weh, Keiner goß ihr Wahrheit in's Ohr, ſpendete ihr Nahrung für Geiſt und Herz, Alle heuchelten und krochen, liebedienerten und ſchmarotzten des leidigen perſönlichen Vortheils wegen um ſie herum. Mir kam es, als ich dieſes hohle Speichellecken, dies Buhlen und ehrgeizige Trach⸗ ten ſah, immer vor, als wiſſe die Fürſtin, oder fühle wenigſtens durch eine inſtinctartige Kraft, was ihr dieſe Menſchen ſeien, weshalb ſie ſich um ſie drängten, wozu ſie ſich um ſie beeiferten. Denn ein von der Natur in allen Dingen ſo hochbegabtes Weſen, ſo reich mit Vorzügen des Geiſtes und Körpers ausgeſtattet, in jeder Beziehung ihre ganze Umgebung überragend, konnte nicht wohl anders, mußte das Gewebe von Trug und Liſt durchſchauen, womit man ſie umſpann und in immer engere Netze einſchnürte. Das Gemeine im eeinzelnen Menſchen wie im ganzen Leben kann ſtets nur bis zu einem gewiſſen Punkte ſich als Edles, Hochherziges und Gutes darſtellen, bis zu dieſem 219 Punkte gelangt, fällt die Maske von ſelbſt, erliſcht der glänzende Schein und das nackte, kahle gewöhn⸗ liche Geſicht ſchaut nüchtern und ernüchternd aus der erkünſtelten Phyſiognomie hervor. Daß ſie dies Ge⸗ meine ſah, erkannte, wenigſtens fühlte, glaubte ich längſt an ihr wahrgenommen zu haben, aber als eine von ihren natürlichen Rathgebern verlaſſene Frau, ganz allein inmitten eines erbarmungsloſen, kalten Gedränges ſtehend, ohne Stütze, ohne Wegweiſer, wagte ſie es nicht, den ſummenden Wespenſchwarm um ſich her anzutaſten, um ihn nicht zu noch wilderem Summen aufzuregen. Die ſo wichtige Kunſt der auf den Gipfeln der Menſchheit ſtehenden Perſonen, die ſogenannte diplomatiſche Klugheit, verbot ihr ſogar, es merken zu laſſen, daß ſie das Spiel ihrer Um⸗ gebung durchſchaue, daß ſie den Schein von der Wirk⸗ lichkeit, die Lüge von der Wahrheit, den Flitter vom ächten Golde zu unterſcheiden wiſſe, denn hätte ſie erſt dieſe Unterſcheidung zu erkennen gegeben, dann wären ihr allenthalben offene Feinde aus der Erde gewachſen, die jetzt wenigſtens um ihres perſönlichen Vortheils willen eine lächelnde Miene gegen ſie an⸗ nehmen mußten. Offene Feinde ſind aber für einen Mann, einen Regenten oft noch ein Segen, einer Frau dagegen bieten ſte unüberſteigliche Hinderniſſe 220 dar, zumal unſerer Fürſtin, die noch nicht ſelbſtſtändige Herrſcherin war, nicht ganz nach ihrem Willen leben und regieren durfte und jeden Augenblick befürchten mußte, eine zur Zeit in den Hintergrund getretene Perſon könne unerwartet wieder an das Licht des Tages treten und Rechenſchaft von ihrem Thun und Laſſen fordern. 8 Ich will jedoch mit dieſer Schilderung der Um⸗ gebung der Fürſtin nicht geſagt haben, daß es in B... überhaupt keine wackeren Männer gegeben hätte. O ja, es gab ihrer genug, nur ſtanden ſie ihrer Ge⸗ bieterin theils zu fern, theils ſcheuten ſie die Ein⸗ miſchung in ihnen nicht ganz zugängliche Dinge oder trauten ſich zu wenig Einfluß zu, um dieſelbe, wenn ſie ſie wagten, mit Erfolg gekrönt zu ſehen. Da war zum Beiſpiel unter den der Fürſtin ſehr er⸗ gebenen Perſonen der vortreffliche Hofprediger, ein Mann von eben ſo großer Geiſtesbildung wie Herzens⸗ reinheit und chriſtlicher Tugendhaftigkeit, allein er war mehr Lamm als Hirt, mehr Bibelgelehrter als Welt⸗ oder politiſcher Wegweiſer, mehr Tröſter als Rathgeber. Außerdem hatte er ſelbſt unter der ge⸗ wichtigen Fuchtel ſeiner Gemahlin, einer der klatſch⸗ ſüchtigſten und böswilligſten Frauen der Reſidenz, ein für ſeine ſchwachen Schultern viel zu ſchweres Kreuz 221 zu tragen und durfte es nicht einmal wagen, eine Viertelſtunde länger bei Hofe zu verweilen, als durch⸗ aus ſein prieſterliches Amt erforderte, weil ſeine Frau ſonſt, natürlich ohne allen Grund, ihre ſchrankenloſe Eiferſucht gegen die ſchöne Fürſtin entfeſſelte und das beiſpielloſe Zaudern des Gemahls mit unnachſichtlicher Strenge beſtrafte, wovon ſich die Stadt ganz wunder⸗ ſame Geſchichten erzählte, die ich hier nicht gern wie⸗ derholen mag. Da war auch der Geheime⸗ Medicinalrath Doctor Tiburtius, der Leibarzt der Fürſtin, deren ganzes Vertrauen er beſaß, ein überaus ſcharfſichtiger und klarblickender Mann, der auf zwanzig Schritte weit eine Flaſche Moſelwein von einer Flaſche Rheinwein zu unterſcheiden vermochten der außerdem die Perſonen des Hofes genauer kannte, als irgend ein anderer Menſch und ihren reellen Werth ſogar nach Quentchen und Granen berechnen konnte. Aber er war zu ſehr Feinſchmecker und Schmarotzer, um ſich die edle Kund⸗ ſchaft zu verderben, und die ſichtbaren Louisd'or ſeiner vornehmen Patienten waren ihm lieber als die unſichtbare Ruhe und das Glück ſeiner Gebieterin. Da war auch endlich der Geheime⸗Hof⸗ und Cabinetsrath Jordan, ein gewiegter, ſchlauer Kopf, der es für rathſam hielt, nie auf einer beſtimmten 22² Parteiſeite zu ſtehen, und der ſtets, gleichſam aus der Vogelperſpective, auf die winzigen Hofleutchen nieder⸗ blickte, alle ihre Sünden und Gebrechen aus erſter Hand überſchauend, allein er unterlag der unüber⸗ windlichen Leidenſchaft, zu ſehr den Spaßmacher und Hanswurſt zu ſpielen, wobei er überall den Ernſt der Lage im Auge zu behalten vergaß. An einem guten Witz zu rechter Zeit war ihm mehr gelegen, als am Wohlbefinden aller Fürſten auf dem ganzen Erden⸗ runde, und wenn es das ſchwarze Hofbuch zu inter⸗ pretiren galt, kamen ihm ſo viele gute Einfälle, als das Geſetzbuch der Ehre und Sitte Paragraphen zählt, ein ernſtes Wort aber, pflegte man von ihm zu behaupten, könne er höchſtens im Schlafe ſprechen, da er ganz der Mann war, noch auf ſeinem Sterbe⸗ bette die heiterſten. Gloſſen über ſich ſelbſt zu machen. Von den zahlreichen Damen und Herren, welche die Fürſtin zunächſt umgaben, will ich kein Wort ſagen, denn die Möglichkeit der Exiſtenz ſolcher Per⸗ ſonen, wie ſie ſich offenkundig aller Welt darlegte, war mir ſchon am Hofe zu W... ein unlösbares Räthſel geweſen, wie viel mehr nicht an dieſem Hofe, gegen den jener für eine puritaniſche Erziehungsanſtalt gehalten werden konnte. Dieſe Damen waren ſo tief in die Maſchen der Putz⸗ und Gefallſucht, der Tänzelei 223 und Vergnügungswuth des Lebens verſtrickt, und dieſe Herren ſo in Pferdezucht und Hundedreſſur, i Jagd, Hazardſpiel, Sectgelage und Courmacherei auf⸗ gegangen, daß ſie nicht einmal die Angelegenheiten in ihren eigenen Familien zu ordnen Zeit behielten, viel weniger die einer anderen Perſon überdenken vnee wenn das Denken überhaupt eine Eigenſchaft r Species von Menſchen genannt werden kann. dün⸗ Kinder, von denen eine große Zahl Mitglieder des Fürſtenhauſes zu Pathen hatte, ließen ſie am liebſten vom Staate in öffentlichen Bildungsanſtalten erziehen, um ſo wenig Mühe und Koſten wie mög lich davon zu haben, und ihre Schulden, wenn ihnen noch Jemand borgte, bezahlte am letzten Ende die fürſtliche Schatulle, was jedesmal ein gewaltiges Jauchzen über die hohe Gnade und Großmuth des reichen Segen⸗ ſpenders zur Folge hatte. Alle dieſe Damen und Herren tanzten, uuſicirten, ſpeiſten, ritten, fuhren, jagten, charmirten unter einander einen und alle Tage und Nächte; was lag ihnen alſo daran, wenn andere 5. Leute weniger Sonnenſchein genoſſen und oft vor Sorge nicht aus und ein wußten?„Wer ſich der Arbeit, dem Nachdenken überläßt, der mag ſehen, wie er fertig wird,“ meinten ſie,„wir arbeiten nicht und denken nicht nach, alſo ſorgen und härmen wir uns —— 224 auch nicht,— und ein Thor iſt, wer es anders macht als wir.“ Alſo wer ſollte hier helfen, rathen, mit Wort und That einſchreiten? Vielleicht die drei Herren Miniſter? Daß ſich Gott erbarme! Auch das hätten ſie noch thun und leiſten ſollen? Schmachteten ſie nicht ſelbſt ſchon lange mit unnachahmlicher Geduld unter der erdrückenden Laſt ihres Amtsgewichts? Und gab es außer den leidigen Ste tsgeſchäften nicht noch ſo außerordentlich viele offieielle Diners, Soupers, Ar⸗ rangements und wie dergleichen ſchreckliche Ungeheuer alle heißen? Wo ſollte denn Luſt, Zeit und Verdauungs⸗ kraft herkommen, ſich noch um Allotria zu bekümmern, denen man doch einmal nicht abhelfen konnte, da ſie ein Erbſtück aus alter verroſteter Zeit waren, das man wohlweiſe als ein Noli me tangere betrachten müſſe, wenn man ſich nicht die Finger verbrennen wolle? So ſtand denn die arme Fürſtin allein auf ihrem allen Winden und Luftſtrömungen ausgeſetzten Platze und keine ſtarke Hand ſtreckte ſich aus, ſie gegen den Orkan ihrer Zeit zu ſchützen, deſſen Bewältigung ſelbſt einem Manne ſchwer fallen mochte, einer Frau aber endlich verderblich werden muß, wenn nicht einſichts⸗ volle Räthe oder ein kräftiges Parlament ihr rathend und zur rechten Zeit handelnd zur Seite ſtehen. 225 Schwankend zwiſchen den Gefühlen einer von perſön⸗ lichen Sorgen zu Boden gedrückten Frau und den gewichtigen Pflichten einer Regentin, ſaß ſie einſam auf ihrem, außen mit Flittern geſchmückten, innen aber mit Dornen beſäeten Throne und blickte ſich ver⸗ geblich nach einem rettenden Gedanken um, wenn ſie ihren Platz behaupten und ihrem Lande wie ſich ſelbſt Genüge thun wollte. Dasälles ſah nicht allein ich, das ſahen auch Major F und viele Andere ein, aber helfen konnten wir ihr L uig dazu waren wir zu unbedeutend und dazu waren wir auch nicht be⸗ rufen; ſo mußten wir alſo den Sturm wehen laſſen, wie er wollte, und die Fürſtin ſich ſelbſt und der Vorſehung überlaſſen, die ihr vielleicht in der letzten Stunde doch noch einen Rettungsanker ſandte, an den ſie ſich klammern und vor dem allgemeinen Weltbrande ſchützen konnte, der zu damaliger Zeit über ganz Europa aufzulodern begann. In dieſer traurigen Zeit— der erſte Winter, den ich in B... verlebte, hatte ſo eben Abſchied ge⸗ nommen— fiel ein bedeutungsvolles Ereigniß am Hofe vor und die erſte Nachricht davon ſchlug wie ein Blitz aus reiner Luft auf den Hof und das ganze Der Sohn des Gärtners. III. 15 * 226 Land herab. Und auch hier bewies der Zufall ſeine Launenhaftigkeit, indem er ihn gerade— in einen Maskenball herniederfallen ließ. Die Fürſtin, überhaupt zu ſolchen Feſtlichkeiten ſehr wenig geneigt und gerade jetzt am wenigſten zu einem Maskenſcherze geſtimmt, hatte dem allgemeinen Andrängen nach einem ſolchen Capitalvergnügen endlich nachgegeben und das bewilligt. Es ſollte zu⸗ gleich das letzte officielle rgnügen der Art in dieſem Winter ſein. 1 Der ganze Hof, alle in der Stadt durch Rang, Beſitz und Geburt ausgezeichneten Perſonen waren zu dieſem glänzenden Feſte geladen und auch ich, als Beamter des Hofes, war ausdrücklich dazu befohlen worden. Meiner damaligen Gemüthsſtimmung ent⸗ ſprechend hatte ich einen ſchwarzen Domino gewählt, war erſt ſpät an Ort und Stelle erſchienen und gab vielleicht den mißgeſtimmteſten Theilnehmer ab, den man in den lichtblitzenden Sälen finden konnte. Als ich in den großen Ballſaal des Schloſſes trat, fand ich ſchon Alles im beſten Gange. Die Pauken wirbelten, die Trompeten ſchmetterten, eine ungeheure Menge bunter Masken und im glänzendſten Schmuck prunken⸗ der Damen bewegte ſich auf und ab und nur ein kleiner Raum war den munteren Perſonen übrig ge⸗ — erhöhten Sitze und ſchaute mit faſt gleichgültigem Blick 227 8 blieben, deren Füße in elektriſcher Bewegung im Tanze über das ſpiegelglatte Parquet flogen. Langſam dem Mittelpunkte des Saales mich nähernd, wo auf erhöhtem Platze unter einem mit rothem Sammt drapirten Baldachin die Fürſtin ſaß, ſuchte ich mit meinen Augen durch die Menge zu dringen und die einzige Perſon zu erhaſchen, die in dieſem Gewirr meinen Antheil erregte. Endlich war ich ſo glücklich, ſie zu erblicken; als ich ſie aber in's Auge faßte, ſchrak ich wie vor einer noch nie geſehenen Erſcheinung zurück, denn war es eine innere Sympathie, die mich mit gleicher Neigung wie ſie erfüllt, oder war es ein bloßer Zufall, genug, ſie war außer mir die einzige Perſon, die in dem ganzen großen Saale und unter der zahlreichen Verſammlung ſchwarz gekleidet erſchien. Sie hatte das ſchöne Coſtüm einer ſoge⸗ nannten Königin der Nacht gewählt. Ernſt und feier⸗ lich floß ihr das lange ſchwarze Spitzengewand von den entblößten marmorweißen Schultern und, wie in eine halbdurchſichtige Wolke ſie hüllend, umſchloß ſie der ſternenbeſäete Florſchleier, den ein blitzendes Diamantendiadem auf dem reichen Lockenhaar befeſtigte. Gleich einer ernſten Trauergeſtalt ſaß ſie ſo auf ihrem in das wogende bunte Gewimmel zu ihren Füßen nieder. 15* Wohin blickten dieſe traumſchweren, faſt übermü⸗ deten Augen? Wen oder Was ſuchten ſie aus den wirbelnden Paaren und den grinſenden, mit lachenden Farben übertünchten Geſichtern heraus? War es ein Freudenfeſt, welches ſie hervorgezaubert— o warum ſah ſie ſelbſt ſo traurig und beinahe eingeſchüchtert wie eine Taube aus, die ſich vor den Geiern und Falken fürchtet, die um ſie her flatterten und Beute ſuchten? Ich hatte mich ihr gegenüber in einer Fenſter⸗ niſche aufgeſtellt und verwandte faſt kein Auge von ihr. Immer wieder uß ih mich fragen:„Wozu alle dieſe Mummerei, wozu dieſer geſuchte Scherz, da doch der Ernſt des Lebens in allen Herzen, die un⸗ geſehn unter dieſen bunten Hüllen ſchlagen, gebieteriſch den ihm gebührenden Tribut zu fordern hat? Daß ſich die ſonderbaren Menſchen doch ſolch ein Blend⸗ werk gefallen laſſen, daß ſie noch Luſt und Neigung verſpüren, zu ſpringen, zu hüpfen, zu trippeln, wo ſo viel Anlaß, ruhig und bedächtig einherzuſchreiten, vor⸗ handen iſt! Doch, das ſind hypochondriſche Gedanken, die nicht hierher gehoͤren, wird man ſagen, und ſo will auch ich davon ſchweigen und meine Grübeleien für mich behalten. Ein Narr freilich iſt, wer ſich eine überflüſſige Sorge macht, und ſo will ich unter — — 229 allen dieſen ſcheinbaren Narren auch kein wirklicher Narr ſein und mir den Kopf zerbrechen, warum die Menſchen ſo thöricht und närriſch ſind, das Weſen der Narrheit in einem ganz anderen Gewande zu ſuchen, als ſie ſich täglich unter uns auf dem Markte der Welt zeigt!— Das Feſt hatte ſeinen gewöhnlichen Fortgang ge⸗ nommen und war bis zur Tafel vorgeſchritten, die in mehreren Sälen an verſchiedenen kleinen Tiſchen von Geſellſchaften abgehalten ward, wie ſie durch Zufall oder Verabredung ſich zuſammengefunden hatten. Ich ſaß in einem vom Tanzſaal am weiteſten entfernt liegenden kleinen Eckzimmer des nach der Stadt her⸗ vorragenden Schloßflügels mit Major Fuchs und einigen Officieren ſeines Regiments, die der Masken⸗ ball eigens aus ihrer Garniſon nach der Reſidenz ge⸗ rufen hatte. Es waren ſehr liebenswürdige junge Leute von altem Adel und dem friſcheſten Humor, und wir wären Alle recht heiter geweſen, wenn Major Fuchs nicht gerade eine ſehr ernſte Stimmung gehabt hätte, die er von mir entnommen zu haben ſchien. Eben als die erſte Flaſche Champagner gebracht war, deſſen erſtes Glas ſtets auf die Geſundheit der Fürſtin geleert ward, glaubte ich, der ich dem Fenſter zunächſt ſaß, draußen auf der Straße ein Poſthorn ſchmettern zu hören, deſſen Klänge ſogar dicht am Schloßportale ſich zu wiederholen ſchienen. Ich achtete jedoch nicht weiter darauf und trank aus vollem Herzen das mir eben dargereichte Glas perlenden Weins auf das Wohl meiner geliebten Fürſtin leer. Dann aber, während im Kreiſe umher die Gläſer von Neuem ge⸗ füllt und geleert wurden, ſtand ich auf und, von einer unerklärlichen Unruhe gepeinigt, durchſchritt ich die Säle, ohne mir eigentlich des Zweckes, der mich um⸗ her trieb, bewußt zu ſein. In dem Augenblick, als ich mich dem Saale näherte, in welchem die Fürſtin ſelbſt mit den Auserwählteſten ihrer Gäſte bei Tafel ſaß, bemerkte ich den Kammer⸗ diener derſelben an der Thür ſtehen und ſehnſuchtsvoll rings im Kreiſe ſich umblicken. Sein Geſicht war merkwürdig bleich; beinahe erſchrocken oder beſtürzt flogen ſeine Augen umher, als ſuche er Jemanden, dem er eine wichtige Mittheilung machen könne. Als er meiner anſichtig wurde, gab er mir einen verſtänd⸗ lichen Wink und ich folgte ihm in eins der vielen Vorzimmer, welches augenblicklich leer ſtand. „Was giebt es, Herr Zöllner,“ fragte ich,„und warum machen Sie ein ſo bedenkliches Geſicht?“ „Ach, Herr Bibliothekar,“ erwiderte er,„ich bin in recht großer Verlegenheit. Sie können mir viel⸗ 231— leicht rathen, wie ich mich in dieſem beſonderen Falle benehmen ſoll. Sehen Sie, es iſt vor einigen Minuten eine Staffette angekommen, die einen Brief gebracht hat, der unmittelbar im Schloß an Ihre Durchlaucht, abgegeben und von ihr unverzüglich geöffnet werden ſoll. So ſteht es wenigſtens auf dem Couvert.“ „Nun gut, ſo geben Sie ihn doch ab,“ erwiderte ich,„es kommen ja öfter Briefe an, die es eilig haben und wichtig ſind. Wo iſt er her?“ „Ja, eben das iſt es, was mich bedenklich macht. Dieſer Brief iſt kein gewöhnlicher— er trägt ein ſchwarzes Siegel, Herr Bibliothekar.“ Jetzt erſchrak auch ich.„Haben Sie ihn hier?“ fragte ich raſch. „Da iſt er— er kommt aus 3... und ich will darauf wetten, daß die Aufſchrift von der Hand des Adjutanten des Fürſten herrührt.“ Ich nahm ihm den Brief ſchnell ab, den er in der Bruſttaſche verborgen gehalten hatte, las die Auſſchrift und die Note in der Ecke, ihn unverzüglich und eigen⸗ händig zu öffnen.„Dieſer Brief enthält ohne Zweifel eine wichtige Nachricht,“ ſagte ich. „Er wird todt ſein!“ flüſterte der Kammerdiener. „Aber ſoll ich ihn der armen Frau gerade jetzt geben, wo ſie vielleicht einmal eine frohe Stunde genießt?“ 232 Dieſe Worte des Kammerdieners gewannen mich für ihn; ich nickte ihm beifällig zu und ſagte:„Wollen Sie mir den Brief anvertrauen? Ich will ihn der Fürſtin ſo geben, daß ſie nicht erſchrickt.“ „Ja, ja, gern; da haben Sie ihn. Solche Briefe giebt man nicht mit Vergnügen ab.“ Ich nahm den Brief, prüfte die Aufſchrift, das Siegel, das Poſtzeichen noch einmal genau, und da letzteres den Namen des Ortes in der Schweiz trug, wo der kranke Fürſt verweilte, ſo zweifelte ich keinen Augen⸗ blick an der Wahrheit der Annahme Zöllner's. Aber wie ſollte ich nun den verhängnißvollen Brief der Fürſtin einhändigen? Ich dachte einige Augenblicke nach, dann gebot ich dem mich ſcharf betrachtenden Kammerdiener das tiefſte Schweigen und begab mich ohne Zögern in den kleinen runden Saal, in welchem die Fürſtin unter ihren Gäſten ſaß. Hier angekom⸗ men, bekümmerte ich mich nicht im Geringſten um das vorgeſchriebene Ceremoniell, welches jedem Unein⸗ geladenen die Annäherung an dieſe Tafel unterſagte, ſah auch nicht die dämoniſch mich verſchlingenden Augen der Oberhofmeiſterin und die verwunderten Blicke der hohen Herren vom Hofe, ſondern ſtellte mich der Fürſtin gerade gegenüber auf, ſo daß ſie mich ſehen mußte, ſobald ſie die Augen erhob. — Das dauerte nicht lange, und als ſie mich bemerkte, 5 ſchien ſie ſelbſt verwundert, warf mir aber einen freund⸗ lichen Blick zu, als ich mich verbeugte, und blieb dann etwas erſtaunt mit ihren Augen an meinem ſchwarzen Domino hängen. „Bringen Sie etwas?“ fragte ſie über den Tiſch herüber, als ſie auf meiner Miene den Ausdruck einer Meldung geleſen haben mochte. Ich verbeugte mich zuſtimmend und folgte dann ihrem Winke, indem ich mich um die Tafel herumbegab und wiß gict hinter ihren Stuhl ſtellte. „Waͤs hahen Sie, Herr Flemming?“ fragte ſie mich leiſe. Ich bückte mich nieder und ſagte:„Gnädigſte Frau, ich habe einen Brief, der aus 3... kommt und von Wichtigkeit ſcheint, den ich aber dennoch nicht in die⸗ ſem Augenblick überreichen möchte.“ Schnell wie ein Blitz fuhr ein ſeltſames Zucken über ihre Geſichtsmuskeln, das ich weder ein freudiges noch trauriges nennen konnte, und welches mir den⸗ noch verrieth, wie groß die Erregung ſei, die meine Meldung in ihr hervorrief. „Wie kommen Sie dazu?“ fragte ſie ſchnell. „Ein Courier hat ihn gebracht und ich habe ihn Ihrer Durchlaucht Kammerdiener abge⸗ nommen, damit er ihn nicht vor Aller Augen über⸗ reiche.“ „Ich danke Ihnen. Bewahren Sie ihn noch einen Augenblick. Ich wollte eben die Tafel aufheben uund thue es ſogleich. Gehen Sie auf mein Zimmer, dort werde ich den Brief in Empfang nehmen.“— Dieſen Befehl führte ich ſogleich aus und in we⸗ nigen Minuten erſchien die Fürſtin in ihrem Arbeits⸗ cabinet, an deren Thür ſie die begleitenden Damen und Kammerherren verabſchiedete, die vor Neugierde brannten, meine Meldung zu erfahgen, undgin neue Aufregung geriethen, als ſie mich d Thür die Fürſtin erwarten und ihr in das Zimmer folgen ſahen. Als die Fürſtin eingetreten war, ſeufzte ſie laut, blickte ſich forſchend ringsum und ſagte dann mit flie⸗ gendem Athem und bewegter Stimme: „Wir ſind allein— jetzt geben Sie den Brief her.“ Ich zog ihn aus der Taſche und reichte ihn hin, indem ich mit Bedeutung das ſchwarze Siegel nach oben kehrte. „Ah!“ rief ſie erſchrocken und fuhr einen Schritt zurück.„Meine Ahnung war nur zu wahr— blei⸗ ben Sie!“ Haſtig erbrach ſie das Siegel, nahm ſchnell den Inhalt aus dem Couvert und durchflog die wenigen. Zeilen, die das Schreiben enthielt. Als ſie damit fertig war, legte ſie es ruhig auf einen Tiſch, blickte, die Hände faltend, gen Himmel, ſeufzte noch einmal n auf und legte, bläſſer und bläſſer werdend, die Hand auf das hochklopfende Herz, worauf ſie nach einer Weile ſagte: „Flemming! Sie haben mir einen großen Dienſt erwieſen, daß Sie mir dieſen wichtigen Brief allein und ohne Zeugen überreichten. Sie können errathen, was er enthält. Vor allen Dingen nehme ich Ihre Verſchwiggenheit in Anſpruch, aber dann fordere ich noch endigs, de eigentlich nicht zu Ihrem Be⸗ rufe und Amte gehört.“ 4 „Befehlen Sie, gnädigſte Frau! Was Sie mir auch auftragen mögen, ich werde es ohne Zögerung befolgen.“ „So kehren Sie in den Ballſaal zurück, die Herren werden noch nicht auseinander gegangen ſein. Rufen Sie auf der Stelle meine Miniſter, den Major Fuchs und den Cabinetsrath Jordan hierher, aber laſſen Sie Keinen von ihnen merken, um was es ſich handelt. Dann, dann aber— gehen Sie zur Ruhe. Ach! ich werde heute noch Viel zu arbeiten haben.“ „Kann ich Ihrer Durchlaucht bei irgend einer Arbeit vielleicht von Nutzen ſein?“ Sie beſann ſich.„Nein,“ ſagte ſie feſt.„Heute nicht, aber ein andermal!“— Ich verbeugte mich und eilte davon, um den mir ertheilten Auftrag auszuführen. Ich fand die Herren mit Hülfe des Majors endlich auf, während ſchon Alles im Begriff war, das Schloß zu verlaſſen, und dann— nicht um zur Ruhe zu gehen, wie mir die Fürſtin gerathen, ſondern um recht, recht lebhaft das wichtige Ereigniß des Tages zu bedenken und mir alle Folgen auszumalen, die ſich daran knüpfen mußten, betrat ich mein abgelegenes Zimmer, das mich ruhe⸗ los bis beinahe zum anbrechenden ur und abſchreiten ſah. Die Vermuthung Zöllner's und meine eigene er⸗ wies ſich als richtig; der ſchwarzgeſiegelte Brief aus 3... hatte die Trauerbotſchaft gebracht, daß der Fürſt von B... endlich ſeinen Leiden erlegen ſei. Wie tief dieſe Nachricht, die alle ſtaatlichen Verhältniſſe unſers kleinen Landes umgeſtaltete, unſre Fürſtin ſelbſt auch ergriffen haben mochte, die Miniſter, Major Fuchs und der Cabinetsrath Jordan, als ſie, in Folge meiner Benachrichtigung, in der Nacht nach dem Balle bei ihr eintraten, fanden ſie ruhig und gefaßt und 4 4 237 berathſchlagten mit ihr, was nun zunächſt geſchehen und welche Form in der Befolgung der geſetzlich vor⸗ geſchriebenen Handlungen beobachtet werden müſſe. In wenigen Stunden war das Nothwendigſte für den nächſten Morgen verabredet und beſchloſſen, und als die Bewohner der Reſidenz nach dem ſchönen Feſte noch halb ſchlaftrunken erwachten, fanden ſie ſich über⸗ raſcht, eine regierende Fürſtin als Staatsoberhaupt zu haben, in der ſie noch vor wenigen Stunden nur die Stellvertreterin des abweſenden Fürſten erblickt hatten. 4 In kurzer Zeit befand ſich die ganze Stadt auf den Beinen und die Bevölkerung wogte in neugierigen Schaaren auf und nieder, das große Ereigniß des Tages beſprechend und ihrer Freude über das längſt Erſehnte den lauteſten Ausdruck gebend. Alles aber, was nur im Entfernteſten zum fürſtlichen Hofhalte ge⸗ hörte, hatte ſich in dem großen Feſtſaale des Schloſſes, aus dem die letzten Spuren des eben ſtattgehabten Feſtes ſchnell beſeitigt waren, verſammelt und beeilte ſich, der jungen Selbſtherrſcherin zuerſt ſein Beileid über ihren Wittwenſtand, ſodann aber ſeine Glück⸗ wünſche in Bezug auf das nach den Landesgeſetzen in ihre Hand gefallene Regiment auszuſprechen. Ich ſtehe davon ab, hier alle bei ſolchen Veran⸗ 238 3 laffungen zu Tage tretenden Ceremonieen, die einzel⸗ nen Vorfälle bei Hofe, in der Stadt und die damit in Zuſammenhang ſtehenden Feierlichkeiten im ganzen Lande zu erwähnen, nur bemerke ich, daß wochenlang eine ungeheure Regſamkeit in der Reſidenz herrſchte, da zu ihren bisherigen Bewohnern auch eine große Anzahl Deputirter aus allen Landestheilen mit ihrem Troß gekommen waren, um theils bei der Begrüßung der Fürſtin ihren Pflichten zu genügen, theils als Zuſchauer bei den im Frühjahr ſtattfindenden Hul⸗ digungsfeierlichkeiten ihre Neugier zu befriedigen, an die ſich eine ganze Reihe officieller und privater Feſt⸗ lichkeiten knüpfte, denen ich ſelbſt nur ſehr geringe Aufmerkſamkeit ſchenkte. Für mich war die Zeit bis zum Schluſſe aller dieſer Vergnügungen eine der unruhigſten und unbehaglich⸗ ſten, die ich bis dahin erlebt hatte. Alles um mich her ſchien feſſellos geworden zu ſein und den aus⸗ ſchweifendſten Hoffnungen und Erwartungen mit über⸗ fluthender Seele ſich hinzugeben. Ueberall ſprach man ſich lebhaft über das zunächſt zu Erwartende aus, da Jeder ſich ſelbſt ſagen konnte, daß es nothwendig beſſer als das bisher Erfahrene ſein müſſe. Die höheren und niederen Beamten hatten alle Hände voll zu thun, um den Anſprüchen ihrer Chefs zu genügen, denn daß ——————— 239 es gar Vieles, Großes und Kleines, im Bereiche der Regierung und Verwaltung zu beſchaffen gab, verſteht ſich bei einer ſo radikalen Umgeſtaltung, wie ſie hier vorauszuſehen und unter allen Umſtänden nothwendig war, von ſelbſt. Ich für meine Perſon hatte mit allen dieſen Din⸗ gen nichts zu thun und meine Vorgeſetzten, wenn ich eigentlich dergleichen hatte, bekümmerten ſich jetzt noch weniger um mich, denn je zuvor, da ihr Sinn mit ganz anderen Perſonen und Gegenſtänden beſchäftigt und ihre Zeit von wichtigeren Arbeiten in Anſpruch genommen war. In dieſer Beziehung alſo war ich keiner Beläſtigung, keiner Unruhe, keiner Unbequem⸗ lichkeit ausgeſetzt. Um ſo mehr aber beunruhigte mich das Schickſal der Fürſtin ſelbſt. Ich war ſo geſpannt auf ihre nächſten Erlaſſe und politiſchen Handlungen, wie nur je einer von ihren Räthen es ſein konnte, der mit ſeiner Erfindungsgabe dabei betheiligt war, aber nicht um dieſe Erlaſſe und Handlungen ſelbſt war es mir zu thun, ſondern allein um daraus zu erkennen, wie die Fürſtin ſich benehmen, welche Wege ſie ein⸗ ſchlagen, welche Perſonen ſie in ihre Nähe ziehen und welcherlei Leute Rath ſie anhören und befolgen würde. So hielt ich mein Auge feſt auf ſie gerichtet, ſo ver⸗ folgte ich jede Neuerung mit nie entwickelter Aufmerk⸗ ſamkeit, und zu meiner größten Befriedigung ſah und hörte ich, wie ſie langſam und ruhig auf dem geſetz⸗ lichen Wege vorſchritt, durch keine Leidenſchaft eines unruhigen Kopfes ſich beirren und ſtrenge das Recht wie die Sitte walten ließ, deren höchſte und ſelbſt⸗ ſtändige Ueberwachung jetzt in ihre Hand gelegt war. Perſönlich war ich ſeit jenem verhängnißvollen Maskenball nicht wieder mit ihr in Berührung ge⸗ kommen, ſo ſehr ich eine ſolche auch täglich, faſt ſtünd⸗ lich gewünſcht und gehofft hatte. Bei der allgemeinen Borſtellung und bei einigen anderen Gelegenheiten war ſte immer ruhig an mir vorübergeſchritten und hatte nicht das geringſte Zeichen blicken laſſen, daß ſie auch auf meine Hülfe bei irgend einer Arbeit, irgend einem Werke zu rechnen geſonnen ſei. Ach, ich wußte wohl, denn mir ſagte es Jedermann im Schloſſe, wenn ich es nur hören wollte: ſie hatte genng mit ſich ſelber zu thun und ihre Arbeiten mehrten ſich von Tage zu Tage; ihre höchſten Räthe ſaßen ſtundenlang bei ihr, beſtürmten ſie mit Vorſchlägen, Auseinanderſetzungen und allen den unendlich wichtigen Dingen, die ein ſo weltbewegender Herr bei ſolchen Gelegenheiten an's Tageslicht ziehen muß, um ſich nur recht das Anſehen eines umſichtigen, allweiſen und unentbehrlichen Mit⸗ gliedes der Regierung zu geben. Auch die Herren Hofleute und Andere, die es zu werden trachteten, ſtrömten ihr in hellen Haufen zu und umringten ſie mit honigſüßer Miene und endloſen Verbeugungen; Alle aber hatten lechzende Geſichter wie von großem Appetit und Durſt nach Ruhm, Ehre und Auszeich⸗ nung, Alle wollten irgend etwas erſchnappen, und wie⸗ viel Geduld, Anmuth und ausdauernde Kraft gehörte dazu, dieſe zahlloſen kniebeugenden Herren und Da⸗ men mit freundlicher Miene zu empfangen und wenig⸗ ſtens den guten Willen zu beweiſen, ihren Hoffnungen und Wünſchen nach Möglichkeit gerecht zu werden. Das erſte Mal ſah ich ſie genauer und länger einige Wochen nach dem Oſterfeſte wieder. Sie ging im Park auf und nieder, um den warmen Frühlings⸗ ſonnenſchein zu genießen und den Duft der Blumen und Blüthen einzuathmen, der ſich eben friſch aus den jungen Knospen entwickelt hatte. In ihrem ſchwarzen Traueranzuge ſah ſie ungemein bleich und abgeſpannt aus. Auch ſchien ſie zu fröſteln trotz der lieblichen Wärme, und hüllte ſich feſter in ihre Tücher ein. Auf ihrer ſonſt ſo reinen und klaren Stirn ſchwebte, als ſie mit freundlichem Gruße langſam an mir vorüber⸗ ging, eine trübe Wolke; offenbar war ſie erſchöpft von dem drückender denn je gewordenen Hofceremoniell, das ihr keine Stunde Erholung gönnte und nicht ein⸗ Der Sohn des Gärtners. III. 16 242 mal der Fürſtin gab, was man der gewöhnlichſten Arbeiterfrau zukommen läßt: Ruhe und Genuß im ge⸗ müthlichen Familienkreiſe. Außer dieſer körperlichen Erſchöpfung aber litt auch ihr Geiſt, denn Sorgen mancherlei Art beunruhigten ſie wie nie zuvor. Vor allen Dingen wußte ſie, daß Verbeſſerungen ſtattfinden mußten, wo Veränderungen beliebt wurden, und dieſe herbeizuführen, iſt eine ſchwere Aufgabe für eine Frau, die eine ſeit langer Zeit in Unordnung gerathene große Staatsmaſchine wiederherzuſtellen, zu lenken und in leidlichem Gange zu halten hat. Da galt es denn nicht allein, fleißig, ſondern auch vor⸗ und umſichtig zu ſein, da mußten Dinge und Perſonen berückſichtigt werden, die nicht gleich aus ihrem Machtkreiſe beſeitigt werden konnten, da gab es Anſichten und Meinungen zu ſchonen, deren Befolgung und Ausrottung gleich gefährlich erſchien, da war alſo überall guter Rath theuer, wenn er über⸗ haupt noch zu haben war. Als aber eines Tages die Fürſtin ihren hochweiſen Räthen ihre Meinung entwickelt und den Weg ange⸗ deutet hatte, auf welchem ihrer Anſicht nach allein dieſe Verbeſſerungen in's Leben gerufen werden könn⸗ ten, da traten ihr die alten ehrgeizigen Schnapphähne entgegen und ſuchten ihr mit feuriger Beredtſamkeit zu beweiſen, daß ſie ſich gänzlich auf einem Irrwege befinde, wenn ſie glaubte, man müſſe die Verbeſſerun⸗ gen von Oben her beginnen. Gott bewahre! Das dürfe Keiner von ihnen zugeben, denn das ſei nichts Anderes, als eine Revolution,— und eine Revolntion von Oben her ſei die allergefährlichſte, die man ſich auf der Welt denken könne. Viel beſſer und gerathener ſei es, den alten Schlendrian noch eine Weile fort⸗ gehen zu laſſen, bis er ſich endlich abgeſchliſſen habe, wodurch ſich— eine billige Flickerei— eine Verän⸗ derung hie und da von ſelbſt ergeben werde. Die bisher befolgte Maxime habe ſich Jahrhunderte lang erhalten und dadurch ſchon ihren unverwüſtlichen Werth bewieſen, kein vernünftiger Baumeiſter aber dürfe ſich einfallen laſſen, an einem ſo treu bewährten alten Mauerwerke zu rütteln, wenn der neu erbaute Thurm nicht umpurzeln und alle frommen Kirchengänger ſammt und ſonders unter ſeinen Trümmern begraben ſolle. „Meine Herren,“ entgegnete die Fürſtin lächelnd auf dieſen hochweiſen und altväteriſchen Rath,„Sie ſcheinen eine ganz beſondere Angſt vor dieſer von Ihnen mit Unrecht ſo benannten Revolution von Oben zu haben, die ich vielmebr eine nothwendige Reſtauration nennen möchte. Was würden Sie aber erſt ſagen, wenn meine Unterthanen, die ein Anrecht auf dieſe 16* 244 3 Reſtauration haben und ſie ſeit langer Zeit mit Herz⸗ klopfen erſehnen, mit Ihrem langen Zaudern unzu⸗ frieden würden und uns in einer ſchönen Nacht, wo— wir Alle recht ruhig und ſüß ſchlafen, mit einer Re⸗ volution von Unten her überfielen?“ Die hochweiſen Herren machten alle ein ſehr ver⸗ wundertes, langes und beinahe vor Schrecken bleiches Geſicht, dann aber faßten ſie wieder Muth, erhoben die von mühſeliger Arbeit ergrauten Köpfe und er⸗ widerten, wie von einem höheren Anflug begeiſtert: „Durchlaucht, o! Sie ſchüchtern uns damit nicht ein! Dazu haben wir ja unſere Polizei und unſere braven Soldaten! Mit Hülfe der Bajonette, der Säbel und der Kugeln aber ſind Sie allmächtig, wofür es Beiſpiele wie Sand am Meere giebt.“ „Auch der Beiſpiele vom Gegentheil ſind eine große Zahl!“ erwiderte die Fürſtin.„Nein, nein, meine Herren, Sie irren diesmal, das iſt nicht meine Anſicht, wie man heutzutage die Menſchen regieren muß. Alſo denken Sie weiter darüber nach. Polizei und Soldaten ſind gut und können ſelbſt in dem beſt⸗ geordneten Staate nicht entbehrt werden, aber be⸗ zwingen will ich damit mein Volk nicht, wo ich es durch weiſe, geſetzmäßige und der Zeit, in der wir leben, angemeſſene Maaßregeln zum Beſten leiten 245 kann. Nur auf dieſe Weiſe werde ich herrſchen, wenn ich doch einmal herrſchen ſoll, und Sie werden mir auf meine Weiſe helfen, wenn Sie nänlich wollen— wollen Sie aber nicht— ſo muß ich mich nach anderen Stützen umſehen, und damit, meine Herren, ſind Sie für heute entlaſſen.“ Dieſe Erklärung, die, als ſie bekannt wurde, alle Welt in Entzücken verſetzte und der Fürſtin die letzten ihr noch verſchloſſenen Herzen des Volkes gewann, war aber gerade dazu angethan, ſie mit einer der alten Zeit anhängenden Partei im Lande in Conflict zu bringen, und hatte ſie bis jetzt nur wenige ruhige und ſorgenloſe Stunden gehabt, jetzt ſollte ſie bald gar keine mehr haben. Kampf, Widerſpruch, Unzu⸗ friedenheit brachen aus allen Ecken hervor, die früher die Herbergen der frommſten Geſetzmäßigkeit geweſen waren, und was früher vor der Regentin auf den Knieen rutſchte, um nur ſeine Demuth und Hingebung zu beweiſen, das warf ſich jetzt in den ſchwerſten alt⸗ väteriſchen Harniſch, holte die verroſteten Waffen aus den Schränken und rief:„Knapp', ſattle mir mein Dänenroß!“ um ein ſiegreiches Turnier mit der Fürſtin ſelbſt zu halten, die, wie man überall ſchrie, die Re⸗ volution von Unten herausfordere, wenn ſie ſo kate⸗ goriſch mit ihren erſten Räthen umgehe und unzu⸗ 246 gänglich für ihren erprobten Rath und ihre weltbe⸗ kannte Weisheit bleibe. So ſtämmte und ſteifte ſich der ganze Anhang dieſer hochedlen Partei, die ſtets nur das Gute auf ihre Weiſe will und ihre Weiſe allein für gut hält, gegen die edlen und hochherzigen Regungen der Für⸗ ſtin, und wie es überall der Fall iſt, waren auch hier die Unfähigſten die Dreiſteſten, Unverſchämteſten, denn die Verdienſtvollen blieben allein in beſcheidener Ferne, um abzuwarten, bis ihre Zeit komme und ſie aus dem Staube der Vergeſſenheit hervorhole, wo ſie allerdings gewöhnlich ſehr lange ausharren und dulden müſſen, wenn ſie überhaupt vor Ankunft derſelben nicht dem Geſchicke aller Menſchen erliegen. Mit den Unfähigen und Vorlauten aber traten die Habſüchtigen heran, pochend und lärmend, als müſſe ihnen vor Allen der fetteſte Biſſen zufallen. Jeder wollte jetzt etwas haben, etwas werden. Keiner aber wollte geben, beitragen zum allgemeinen Guten, als wenn ſich das von ſelbſt machte und die Quelle der Labung uner⸗ ſchöpflich wäre. Als ſie aber nicht Alle zu gleicher Zeit aus dieſer Quelle ſchöpfen konnten, fingen ſie laut zu murren an, von nie erlebten Täuſchungen zu reden und— zuguterletzt— den verſtorbenen Fürſten zurückzuwünſchen, der ſie früher ſämmtlich geknechtet 247 und gefuchtelt, und nur Diejenigen aus ihrer Mitte herausgehoben hatte, die er zu Henkeln und Griffen bei ſeinem Schreckensregimente gebrauchen konnte. Alle dieſe Erſcheinungen, als ſie nach und nach immer klarer zu Tage traten, machten die Für⸗ ſtin allmälig ungeduldig und ließen ſie an der Er⸗ füllung der Aufgabe faſt verzweifeln, die ſie mit ſo großer Innigkeit und Hingebung zu löſen begonnen hatte. Da ihre bisher bewährteſten Räthe ſie in Stich ließen, ſuchte ihr Auge vergebens nach einem retten⸗ den Strohhalm. Ihre ſonnenklare Stirn beſchattete ſich mit echer immer dunkler und größer werdenden Wolke. Wo ſie nur irgend konnte, ſuchte ſie die Ein⸗ ſamkeit auf, um Ruhe und Frieden um ſich her zu haben, deren ſie nie mehr bedurft, aber auch nie mehr entbehrt hatte als gerade jetzt. Ihre Nächte, die ihr ſonſt wenig⸗ ſtens leibliche Ruhe verſtattet, verbrachte ſie jetzt mit Arbeiten, die aus der Erde zu wachſen ſchienen, bald mit dieſem, bald mit jenem Rath das Wichtigſte über⸗ legend; aber alles das half nichts, man kam keinen Schritt weiter und der Riß, der einmal zwiſchen ihr und den Gewalthabern entſtanden, wurde immer wei⸗ ter, bis endlich eine Kluft ſich aufthat, die keine von beiden Parteien mehr überſpringen konnte und die nur — — ——— — —— —õõ— —— 248 ein Mann von rüſtiger Thatkraft auszufüllen im Stande geweſen wäre, wenn, in Ermangelung deſſelben, ſie nicht weiter und weiter klaffen ſollte, bis ſich das murrende Volk hineinwarf und eine Brücke mit ſeinen Leibern baute, auf der die alten Miniſter hinaus und die neuen hin⸗ ein ſpazierten, um zu regieren, wie die Fürſtin, nicht aber die Partei es wollte, die dem alten zopfdeutſchen Schlendrian zu Liebe ſchon ſo oft einen ganzen Staat in Frage zu ſtellen den frechen Muth bewieſen hat. Mit Major Fuchs traf ich um dieſe Zeit ſehr häufig zuſammen und wir tauſchten ehrlich und offen unſere Meinungen aus, die völlig mit derjenigen über⸗ einſtimmten, welche die Fürſtin ausgeſprochen hatte, aber leider ſobald nicht zur Geltung bringen konnte. Der Major war ſeit den Huldigungsfeierlichkeiten ſo wenig am Hofe geweſen wie ich, er war kein Mann, der ſich auf⸗ drängte, und mich rief man nicht, trotzdem ich ſchon lange vergebens wartete, daß das Wort der Fürſtin: „Ein andermal ſollen Sie mir dienen!“ ſich erfüllen würde. Doch auch dieſe Zeit ſollte endlich herankommen und damit eine Periode in meinem Leben einleiten, die ich damals eben ſo wenig ahnen konnte, wie ſie auch der Leſer nicht ahnen wird. Siebentes Kapitel. Das Archiv. Ob die Fürſtin den warmen Antheil wahrnahm, mit dem ich ihre Schritte auf dem dornigen Pfade ihrer neuen ſelbſtſtändigen Regierung verfolgte, konnte ich auf keine Weiſe ergründen, ſo oft ich mich im Stillen bemühte, ihr Antlitz darüber auszuforſchen, wenn ich ihr einmal zufällig begegnete. Bisweilen allerdings hoffte ich es, wenn mich ein freundlicher Blick von ihr traf oder länger als ſonſt auf mir ver⸗ weilte, als ob er in meiner Seele leſen wolle; allein die Gelegenheit, dieſe Forſchungen weiter fortzuſetzen, kam zu ſelten und ging immer zu raſch vorüber, und da ich zu dieſer Zeit in keine nähere Berüh⸗ rung mit ihr trat, ſo blieb ich lange in meiner Ungewißheit ſchweben, die mir überaus peinlich war, 250 indem ich mich höchſt glücklich gefühlt hätte, wenn ſie eine beſtimmte Ueberzeugung von der Theilnahme und Ergebenheit gehabt, die ich ihr auf jedem Schritte ihres Lebens bewahrte. Nur einmal, es war etwa vierzehn Tage nach jener zuletzt erwähnten Begegnung im Park, begegnete ich ihr zweimal an einem Tage. Das erſte Mal fuhr ſie in der Allee vor dem Schloſſe an mir vorüber, und das zweite Mal trat ich ihr zu⸗ fällig in den Weg, als ſie gegen Abend mit ihren Damen im Park luſtwandelte. Beide Male trug ihr Geſicht, meiner Beobachtung nach, denſelben eigenthümlichen Ausdruck, den ich bis dahin noch nie bei ihr in Bezug auf mich wahrge⸗ nommen hatte, wenigſtens bildete ich mir das in mei⸗ ner freudigen Erregung ein. Ihr Auge ruhte ſcharf, ſinnend und zugleich forſchend auf mir, als habe ſie die Abſicht, mich anzureden und nach irgend etwas zu fragen, allein ſie ging langſam vorüber, mochte ſie nun der in ihr wohnende Stolz oder die ſteife Form der um ſie her ſtreng beobachteten Etikette davon ab⸗ gehalten haben. Ich konnte die ganze Nacht und den folgenden Tag dieſen eigenthümlichen Blick nicht aus meiner Erinnerung verbannen und es war mir immer zu Muthe, als müſſe ſie vor mich treten und mir eine —ᷣOVHQ::Q—::ʃ.yß:ͤ— — 251 Erklärung deſſelben zu Theil werden laſſen. Daß ich mich nicht ſo ganz in dieſer vielleicht krankhaften, aber mich zuletzt vollſtändig beherrſchenden Einbildung ge⸗ täuſcht, ſollte mir zwei oder drei Tage ſpäter klar werden, denn um dieſe Zeit etwa erſchien ihr Kammer⸗ diener bei mir in der Bibliothek und erſuchte mich im Namen ſeiner Gebieterin, am nächſten Morgen um zwölf Uhr vor ihr zu erſcheinen. Kaum konnte ich vor innerer Bewegung die feſt⸗ geſetzte Zeit erwarten; ſchon lange vorher ſtand ich in dem bei Hofe vorgeſchriebenen Anzuge in meinem Zimmer, und ſobald die Schloßuhr die Stunde aus⸗ geſchlagen, ſchloß ich mit bebender Hand meine Thür und trat den Weg nach dem unteren Stockwerk des Schloſſes an. Gleich nachdem ich angemeldet war, erhielt ich den Befehl einzutreten. Als ich vor der Fürſtin ſtand, fühlte ich mich, wunderbar genug, meiner ganzen mir eigenthümlichen Gemüthsruhe wiedergegeben und es kam das ſeltſame Gefühl über mich, als müßte ich mich ſelbſt bemitleiden, daß ich bisher daran gezweifelt, ſie erinnere ſich meiner nicht mehr oder habe im Strudel ihres bewegten Lebens mich ganz und gar vergeſſen. Dies Gefühl hauchte mir der Anblick ihres mir ſo wohlwollend entgegenblickenden und freundlich 252 mich willkommen heißenden Geſichts ein, das zwar etwas blaß und ſorgenvoll, aber keineswegs bekümmert und eingeſchüchtert ausſah. „Guten Morgen, Flemming,“ ſagte ſie mit ihrer ſtets ſo ſilberklaren und wohllautenden Stimme,„wir haben uns recht lange nicht geſprochen und recht Viel iſt geſchehen, ſeitdem Sie mir jenen bedeutſamen Brief brachten, der alle dieſe Veränderungen und Ver⸗ wickelungen zur Folge gehabt hat. Ach ja! Doch glauben Sie nicht, daß ich in dieſer Zeit nicht an Sie gedacht hätte und Ihrem ſtillen, Alles beobach⸗ tenden Weſen nicht mit innerer Theilnahme gefolgt wäre. Jedoch Sie können fich leicht denken, daß man in meinen Verhältniſſen nicht immer gerade in dem Augenblick etwas thun kann, wo man es am liebſten thäte, man muß ſich vielmehr nach den Umſtänden richten, die ſo oft tyranniſch über unſern Willen und unſre Neigung verfügen. So viel in Bezug auf die vergangene Zeit. Jetzt aber ſage ich Ihnen, daß ich recht viel mit Ihnen zu ſprechen gedenke, nur kann ich die paſſende Zeit und die innerliche Ruhe noch. nicht dazu finden. Gedulden Sie ſich alſo, wie ich mich auch in vielen anderen Dingen gedulde.— Heute aber berief ich Sie zu mir, weil ich ein ganz beſonderes Geſchäft für Sie habe, und ich erinnere —— —— — 253 mich und Sie zugleich daran, daß Sie mir von Nutzen zu ſein verſprachen, was ich dankbar im Voraus an⸗ nahm, da ich ja weiß, wie ſehr ich mich auf Ihre Umſicht und Ergebenheit verlaſſen kann. Dies Ge⸗ ſchäft muß aber heute, ſpäteſtens morgen beſorgt wer⸗ den, da mein Bruder Leo, den Sie ja auch kennen, ſeinen Beſuch für die nächſten Tage angemeldet hat. Sie wiſſen, daß der alte Archivrath Schmelzer ſchwer erkrankt iſt. Tiburtius hat mir heute Morgen ſogar geſagt, daß er an ſeinem Aufkommen zweifle. Schmel⸗ zer allein wußte im Archiv Beſcheid und nun fehlt mir Jemand, der ihn in ſeinem Amte vertritt. Jeder⸗ mann aber kann und mag ich die Einſicht in daſſelbe nicht gewähren, es enthält zu viele Dinge, die man nicht gern unter das Publicum kommen läßt. Ueber⸗ dies wird im Archiv keine große Ordnung herrſchen, der alte Herr war in der letzten Zeit etwas nach⸗ läſſig und hatte auch wohl nicht mehr den rechten Sinn für die ihm zugemeſſene Arbeit. Fehlt die Ordnung ganz, ſo muß ſie wieder hineinkommen und damit werde ich Sie betrauen. Doch das hat noch Zeit, für heute habe ich einen anderen Auftrag.“ Da ſie nach dieſen Worten ſchwieg und, gleichſam eine Antwort erwartend, mein Geſicht durchforſchte, verbeugte ich mich und ſprach einige Worte des Dankes, 254 ſo wie die Verſicherung aus, ich würde ihr Vertrauen zu würdigen wiſſen und auch fernerhin mich ganz ihren Befehlen unterordnen. „Das dachte ich wohl,“ fuhr ſie etwas lebhafter fort,„nun hören Sie, um was es ſich handelt. Der Vater des jüngſt verſtorbenen Fürſten war ein für das Wohl ſeines Landes und Volkes bis an ſein Lebens⸗ ende regſam ſorgender Mann. Noch kurz vor ſeinem Hinſcheiden faßte er den Entſchluß, weitreichende und nothwendige Reformen in der Regierung und Ver⸗ waltung einzuführen und dem Zeitgeiſte Rechnung zu tragen, der auch in jenen Tagen heftig vorwärts ſtrömte, ähnlich wie heute. Nun aber geſtatteten die Verhältniſſe anderer und mächtigerer Staaten keines⸗ wegs die von ihm beabſichtigten Verbeſſerungen und, einſehend, daß es ihm nicht mehr gelingen werde, ſeine Pläne durchzuführen, ſchrieb er ſeine Wünſche eigenhändig nieder und legte ſie in das Archiv, der Zukunft anheimſtellend, ob ſein Nachfolger ſie benutzen würde oder nicht. So viel ich weiß, iſt dieſe ſeine Hinterlaſſenſchaft niemals eröffnet worden, da nach ihm ein andres Syſtem an's Ruder kam, aber vor⸗ handen muß ſie„noch ſein. Ich habe ſie einſt ſelbſt geſehen und kann Ihnen ungefähr die Form beſchreiben, in welcher ſie aufbewahrt ward. Es war ein kleines * ———— 235 Packet, in gewöhnlicher Briefform, feſt in dunkle Wachsleinwand gebunden und mit drei Siegeln ver⸗ ſchloſſen, die des Fürſten Privatwappen zeigten. Auf der Rückſeite der Siegel war eine Aufſchrift angebracht, die etwa lautete:„Meine Pläne für eine Neugeſtal⸗ tung meines engeren und weiteren Vaterlandes.“ Dies Packet nun ſuchen Sie mir. Es muß in irgend einem Behältniß des Archivs verborgen liegen. Fin⸗ den Sie es, ſo bringen Sie es unverzüglich hierher, aber nur von Hand zu Hand überliefern Sie es mir. Ich habe heute und morgen Abend keine Geſellſchaft und werde allein ſein, um ungeſtört arbeiten zu kön⸗ nen. Hier haben Sie ſämmtliche Schlüſſel zu dem Archiv, ſelbſt die zu den geheimſten Fächern, die alle doppelt verſchloſſen ſind und wozu dieſer kleinſte Schlüſ⸗ ſel paßt. Bewahren Sie ſie ſorgfä ltig, ſie verſchließen für mich und das Land hoͤchſt wichtige Dinge. Wenn Sie im Archiv ſuchen, riegeln Sie die Thür hinter ſich zu, ich will keinen Dritten, wer es auch ſei, bei dieſer Arbeit zum Theilnehmer oder Belauſcher haben. Es iſt eine Vertrauensſache und Ihnen allein, wie Sie ſehen, ſchenke ich dies Vertrauen.“ Auf's Höchſte belebt und ermuntert durch dieſen mich ſo hoch ehrenden Auftrag, verſprach ich ihren Befehlen pünktlich nachzukommen und begab mich ohne Zögern an das mir ſehr leicht ſcheinende Werk. Nachdem ich meinem Diener, den mir Major Fuchs zur Dispoſition geſtellt und den ich auch in der Bibliothek zu meinem Handlanger angelernt, einige Aufträge gegeben, ſchloß ich die Thür des Archivs auf, das mit dem hinterſten Zimmer der Bibliothek in unmittelbarer Verbindung ſtand und aus dem ich ſooi oft den alten Archivrath hatte kommen ſehen, wenn er von ſeiner kurzen Arbeit ſich nach Hauſe begab. Gleich beim erſten Einblick in das noch nie von mir betretene Heiligthum und nachdem ich die ſtark mit Eiſen beſchlagene Thür hinter mir wieder geſchloſ⸗ ſen, die Fenſterläden, hinter denen ſich eiſerne Stangen befanden, dagegen geöffnet hatte, war ich betroffen von der Unordnung und Nachläſſigkeit, die in den beiden gewölbten Zimmern herrſchte, in denen man die wichtigſten Papiere der fürſtlichen Familie aufbe⸗ wahrte. Aehnlich wie früher in der Bibliothek lagen auch hier Tiſche und Stühle mit Schriftſtücken und Acten bedeckt und es dauerte einige Zeit, bis ich eine Einſicht in die Art und Weiſe der ehemaligen Auf⸗ bewahrung und Aordnung gewinnen konnnte. Rings an den Wänden beider Zimmer waren eiſerne Schränke aufgeſtellt, deren Thüren ich nicht zur Hälfte verſchloſſen fand und deren Inneres eine namenloſe Verwilderung 35 —— darbot. Auch hier war alſo ein Augiasſtall auszu⸗ tragen, und ich begab mich ſofort an die Arbeit, in⸗ dem ich die Aufſchriften der einzelnen Fächer las und die Eintheilung und den Umfang des Ganzen mir daraus zu eigen zu machen ſuchte. Die Unordnung, die ich hier vorfand, erklärte ſich übrigens ſehr leicht. Der alte Herr, der ſeit dreißig oder vierzig Jahren den Poſten eines Archivraths ver⸗ ſah, kränkelte beſtändig und lebte faſt die Hälfte des Jahres beurlaubt auf dem Lande, weshalb ich ihn auch lange nach meiner Ankunft in B... erſt kennen gelernt hatte. Er war der einzige Menſch, der das Archiv betrat und mit ſeinem Inhalt vertraut war. Theils in Folge ſeiner körperlichen und geiſtigen Schwäche, theils weil man es verſäumt, auch ihm zur rechten Zeit einen geeigneten Gehülfen zu geben, hatte er die Luſt an der ihm zugewieſenen Arbeit verloren und ſo war das Ganze allmälig in den Zuſtand gerathen, in dem ich es jetzt zu meinem Leidweſen antraf. Nachdem ich in einiger Zeit mir die nothdürf⸗ tigſte Ueberſicht verſchafft, ging ich zunächſt an die Durchſuchung der Fächer, in denen ich ihrem Inhalte nach das Packet des ehemaligen Fürſten vermuthen konnte, aber auch da ſollte ich in meiner lebhaft her⸗ Der Sohn des Gärtners. III. 17 25q vorbrechenden Hoffnung getäuſcht werden, denn nach kurzer Prüfung ergab ſich, daß der Inhalt der Papiere nur ſelten der Aufſchrift der verſchiedenen Fächer ent⸗ ſprach. So begab ich mich denn an die Oeffnung der nur dem kleinſten Schlüſſel zugänglichen Kaſten, und hier fand ich wenigſtens einige Ordnung und Sorgfalt in der Aufbewahrung der wichtigſten Acten⸗ ſtücke vor. Allein ſo viele Mühe ich mir gab, das von der Fürſtin begehrte Dokument ausfindig zu machen, es wollte mir nicht gelingen; und ſchon bei⸗ nahe drei Stunden hatte ich überall gekramt, als ich endlich eine Weile zu ruhen beſchloß, um bald wieder von Neuem zu beginnen. Nachdenklich ſtand ich vor den geöffneten Fächern und ſchaute prüfend und ſpähend in alle Ecken. Der Schweiß ſtand mir auf der Stirn und meine Kleider und Hände waren mit Actenſtaub bedeckt, denn mein Eifer war groß geweſen und meine Wünſche, das rechte Papier zu finden, hatten meine Arbeit be⸗ flügelt.. Als ich in dieſem Zuſtande, nicht ſehr befriedigt von meinem bisherigen Erfolge, mich eben wieder an die Arbeit begeben wollte, klopfte es an die Thür, die von der Bibliothek in's Archiv führte. Einiger⸗ maßen überraſcht und beinahe unwillig, da ich meinem 259 Diener den Befehl gegeben, mich in meiner Beſchäf⸗ tigung nicht zu ſtören, trete ich an die Thür und frage mit lauter Stimme, was es gebe und warum er klopfe. „Herr Bibliothekar,“ antwortete er,„der Herr Kammerherr von Krachwitz wünſcht Sie nothwendig zu ſprechen und will ſich nicht abweiſen laſſen.“ „Ich bedaure ſehr,“ erwiderte ich;„ich habe jetzt keine Zeit, ihn zu empfangen, und bin mit wichtigen Arbeiten beſchäftigt. In einer Stunde jedoch werde ich ihm zu Dienſten ſtehen.“ „Mein Herr,“ rief da die barſche Stimme des Kammerherrn mit ihrem unnachahmlichen Hofaccente durch die Thür,„laſſen Sie mich nicht warten, ich habe noch weniger Zeit übrig als Sie.“ „Ich bedaure,“ ſagte ich noch einmal,„Ihre Durchlaucht hat mir Eile in meiner Beſchäftigung aufgetragen und dieſem Befehle muß ich Folge leiſten.“ „Oeffnen Sie raſch, ich bin auch im Auftrage Ihrer Durchlaucht hier.“ Nur eine Secunde dachte ich nach und ſchon hatte ich den Schlüſſel umgedreht, denn es konnte leicht möglich ſein, daß die Fürſtin mir einen, meine jetzige Arbeit betreffenden Auftrag durch den Kammerherrn nachſendete. Ich öffnete alſo die Thür und trat ihm 17* 260 ganz in dem Zuſtande entgegen, wie ich ihn vorher angedeutet habe. Als der feine Kammerherr mich mit hoch gerö⸗ thetem Geſicht, ſchweiß⸗ und ſtaubbedeckt vor ſich ſtehen ſah, ſtutzte er, nahm aber gleich darauf eine ſehr übermüthige Miene an und ſagte, ſeine lange Naſe mit einer gewiſſen impertinenten Dumndreiſtigkeit mir entgegen ſtreckend:„Ei, wie kommen Sie in das Archiv und was thun Sie darin in Abweſenheit des Archivraths?“ „Mein Herr,“ erwiderte ich mit kalter und abſicht⸗ lich feſtgehaltener Ruhe,„darüber bin ich Ihnen keine Rechenſchaft ſchuldig. Ich wiederhole Ihnen nur, daß ich mich in dieſem Augenblicke im Dienſte Ihrer Durchlaucht befinde.“ „So, nun gut, das werden wir unterſuchen.“ „Hierin haben Sie nichts zu unterſuchen, ich bin auf einen Specialbefehl der Fürſtin hiek.“ „O gewiß, ja freilich, aber das werden wir bald erfahren.“— „Wollen Sie jetzt vielleicht die Gewogenheit haben,“ fuhr ich fort, indem ich die Thür des Archivs von der Bibliothek aus zuſchloß,„mir zu ſagen, warum Sie mich in einer Eile erfordernden Arbeit unterbrechen und was Sie mir ſo Wichtiges mitzu⸗ theilen haben?“ 261 „Mein Herr, es iſt Alles und zu jeder Zeit wich⸗ tig, was ich Ihnen mitzutheilen habe.“ „Gut, gut, Sie mögen von Ihrem Geſichtspunkt aus Recht haben, ich ſtreite nicht dagegen— aber mit einem Wort: was wünſchen Sie?“ „Ich bitte mir ſogleich einige Bücher aus, die über das Coſtüm der Johanniter⸗ und Malteſer⸗Ritter handeln. Es müſſen doch dergleichen in der Bibliothek vorhanden ſein.“ „Iſt das ſo eilig?“ „Sehr. Wir brauchen ſie zu einer Berathung, die heute Abend in der Geſellſchaft der Fürſtin ſtatt⸗ finden ſoll.“ „Herr Kammerherr,“ ſagte ich, von ſeinem immer grober werdenden Tone verletzt, aber noch in der größten Ruhe?„die Fürſtin hat heute Abend keine Geſellſchaft bei ſich.“ „Woher wiſſen Sie das?“ rief er trotzig und mit ſeiner dünkelhaften Miene mich vom Kopfe bis zum Fuße meſſend. „Ganz einfach daher, weil ſie ſelbſt es mir erſt vor Kurzem geſagt hat.“ Nach dieſen Worten, die er wahrſcheinlich nicht erwartet hatte, machte er mir eine ironiſche Verbeu⸗ gung, lächelte höhniſch und erwiderte in⸗ näſelndem vornehmen Hoftone: 262 „Da Sie ſo vortrefflich von Allem unterrichtet ſind, Herr Bibliothekar, ſo beſcheide ich mich und ver⸗ melde Ihnen meinen Reſpect. Aber jetzt“— fuhr er plötzlich wieder mit groberem Tone fort—„wozu der Aufenthalt?— Geben Sie mir das Buch und dann mögen Sie in Ihrer wichtigen Beſchäftigung zerafte „Das Buch köͤnnen Sie in dieſem Augenblick nicht erhalten,“ ſagte ich höflich aber beſtimmt.„Es i*ſt mir ſelbſt noch nicht zu Geſicht gekommen und ich weiß nicht, wo es ſteht. Es aber zu ſuchen, fehlt mir jetzt durchaus die Zeit.“ „Wie, Herr Bibliothekar, Sie ſchlagen mir mein Verlangen ab?“ „Ja, aus dem angeführten Grunde. Doch halt— ſuchen Sie es ſich ſelbſt— in jenem Zimmer und etwa im dritten oder vierten Repoſitorium muß es ſtehen.“ „Ich bitte mir den Katalog aus!“ befahl der Kam⸗ merherr mit gebieteriſcher Miene und Stimme. „Wolfram,“ ſagte ich zu meinem Diener, der, mit ſeiner Arbeit beſchäftigt, noch in unſrer Nähe ſtand, aber in ſtaunender Betroffenheit über die Frechheit dieſes vornehmen Herrn aus dem Fenſter ſah,„geben Sie dem Herrn Kammerherrn den Katalog, ſo weit er fertig iſt.“ 263 Der Diener gehorchte und einen Augenblick ſpä⸗ ter hielt Herr von Krachwitz den Katalog in der Hand, in dem er wüthend blätterte, plötzlich aber auf mich losfuhr und ſchrie:„Wo ſteht das Buch verzeichnet?“ „Da Sie mir den Titel bisher nicht genannt haben,“ erwiderte ich mit Eiſeskälte,„ſo weiß ich es ſo wenig wie Sie. Sie ſehen, ich bin bei Weitem noch nicht fertig mit der Aufſtellung der vielen Bücher.“ „Herr!“ kreiſchte er auf,„wozu ſind Sie Bi⸗ bliothekar?“ „Wolfram,“ wandte ich mich zu meinem Diener, der ſich vor Angſt kaum zu laſſen wußte,„gehen Sie hinaus, der Herr Kammerherr hat mit mir allein zu ſprechen.“ Wolfram befolgte augenbl licklich meinen Wink; Herr von Krachwitz aber geberdete ſich um ſo heftiger, je ruhiger und höflicher ich wurde, was ſeinen Jähzorn außerordentlich anzufachen ſchien. „Wozu ich Bibliothekar bin, fragen Sie?“ fuhr ich nun in gleich ruhigem Tone fort.„Wenn Sie das nicht wiſſen, will ich es Ihnen ſagen: um die Bücher, die Sie hier in unſä äglicher Unordnung liegen ſehen, zu ordnen, nicht aber, um von Ihnen 264 — höchſt unpaſſende und mich verletzende Worte zu ver⸗ nehmen.“ „Herr, wollen Sie auch gegen Männer von Stande grob und widerſpenſtig ſein, wie Sie es leider ſchon oft gegen die Damen geweſen ſind?“ Da er dabei eine Grimaſſe ſchnitt, die ſo lächer⸗ lich in ihrem puterhaften Zorne wie häßlich in ihrer Form war, ſo drehte ich mich langſam nach der Wand um, der ich bisher den Rücken zugekehrt, wie um in den dort hängenden Spiegel zu blicken. „Ich habe Ihnen, Herr von Krachwitz,“ ſagte ich darauf,„für den Augenblick nichts auf Ihre Be⸗ leidigungen zu erwidern, aber wenn Sie einen recht klugen, ſchönen und beſonnenen Mann— einen Mann von Stande— ſehen wollen, der Seinesgleichen allein nur Ehre erwieſen ſehen will, die Ehre eines Anderen aber bei jeder Gelegenheit mit Füßen tritt, ſo blicken Sie in dieſen Spiegel!“ Und dabei trat ich mit einer tiefen Verbeugung raſch zur Seite und deutete auf das Glas, welches ſein brutales Geſicht in ſeiner ganzen verzerrten Wildheit zurückwarf. In dieſem Augenblick war es, wo der Kammer⸗ herr, wie von einer Tarantel geſtochen, in die Höhe fuhr; er ſchäumte vor Wuth, erhob die geballte Fauſt drohend gegen mich und kreiſchte mit kirſch⸗ 265 rothem Geſicht und einer Stimme, daß die Wände bebten: „Herr! Sie ſind ein vorlauter, übermüthiger her⸗ gelaufener Schlingel— ich werde Ihnen das Brot nehmen, welches Sie eſſen! Ich begreife die Fürſtin nicht, wie Sie einen ſolchen Menſchen in ihre Dienſte nehmen kann. Aber das kommt daher, wenn Leute Ihres Schlages, von gemeinem Herkommen, durch Protection—“ So weit kam der Kammerherr nur im Ausbruche ſeiner Wuth. Mir ſtieg das Blut wie eine ſchwarze Wolke aus dem Herzen nach dem Kopfe, ſo daß mein Bewußtſein einen Augenblick faſt verſchwunden war. Dann aber, noch ehe ich mir ſelbſt recht klar machte, was ich thun wollte, hatte ich ſchon gehandelt, den Kammerherrn am Rockkragen gefaßt, ihn mit un⸗ widerſtehlich kräftiger Hand der Thür zugedreht, die⸗ ſelbe mit der andern Hand geöffnet und— ehe er es ſich verſah, polterte der Mann von Stande die Treppe hinunter, auf dieſe Weiſe die Bibliothek und mich zugleich von ſeiner Gegenwart befreiend. Mit keuchender Bruſt und mächtig ſchlagendem Herzen trete ich nach dieſem, raſch wie ein Moment vorübergegangenen, Auftritt in das Archiv zurück. Vor meinen Augen flimmert Alles durch einander, 266 Schränke, Schriftſtücke und was ſonſt noch mich um⸗ gab. Mich hierhin und dorthin wendend und doch eigentlich nichts ſehend, als eine nebelgleiche trübe Wolke, die mir das Sonnenlicht draußen verdüſtert, greife ich in den erſten beſten Kaſten des vor mir ſtehenden Schrankes, wühle einen ganzen Haufen ver⸗ gilbter Actenſtücke auf und, wie von einer höheren Hand geleitet, ergreife ich ein Packet. In dieſem Augenblick kommt mir das Sehvermögen wieder, ich halte das Packet vor die Augen— ja, es iſt mit ſchwarzer Wachsleinwand überzogen, auf der einen Seite mit drei Siegeln verſchloſſen, auf der andern mit der genannten oder einer ähnlichen Aufſchrift ver⸗ ſehen— es iſt in der That das von der Fürſtin ſo ſehnlichſt gewünſchte Packet. Plötzlich alles Vorgefallene vergeſſend, trete ich aus dem Archiv, ſchließe es zu, ſäubere mich vom Staube, bringe auf meinem Zimmer meine Toilette in Ordnung und ſteige dann wieder nach den Ge⸗ mächern der Fürſtin hinab. Da kommt mir ihr Kam⸗ merdiener entgegen und erwidert auf meine Frage, ob ich Ihre Durchlaucht ſprechen könne, daß ſie aus⸗ gefahren und zwar mit dem Prinzen Leo, der unver⸗ muthet vor zwei Stunden angekommen ſei und nur wenige Tage in B... verbleiben werde. V 267 Auf dieſe Worte ſtecke ich mein Packet in die Bruſttaſche und ſchreite in den Hof hinab. Da fällt mir plötzlich der Kammerherr wieder ein ein dunk⸗ les Gefühl ſagt mir, daß die erlebte Scene mit ihm raſche Folgen haben werde und, von einem inſtinct⸗ artigen Triebe geleitet, ſchlage ich den Weg nach der Wohnung des Majors Fuchs ein, den ich um dieſe Nachmittagsſtunde beſtimmt zu Hauſe vermuthete. Leider war er nicht gleich anweſend, da ich ihn aber noch an dieſem Tage ſprechen wollte, ſo beſchloß ich ihn zu erwarten und ſetzte mich auf ſein Sopha. Den Kopf träumeriſch in die Hand geſtützt, ſann ich über die ſeltſamen Verflechtungen und Verwicklungen im Menſchenleben nach. Wie wunderbar war es mir doch von jeher ergangen, wie war bei mir immer alle Zukunft anders geworden, als Vergangenheit und Gegenwart erwarten ließen! Was hatten mir alle meine Pläne, Vorſätze, Entſchließungen geholfen, ich war von einem Extrem in's andere, von der Tiefe auf die Höhe, aus der Ebbe in die Fluth, aus dem Nichts in den Glanz des Lebens gerathen, ein großer Theil meiner Wünſche war mir erfüllt worden, ich hatte eine vortreffliche leibliche und geiſtige Ausbil⸗ dung erlangt, hatte die ganze Erde und das ſie um⸗ gürtende Meer geſehen, tauſend Gefahren beſtanden, 268 die Menſchen in ihren Qualen und Gebrechen und in dem herrlichſten Glanze ihrer Macht und ihres Reichthums beobachtet und nun— hier— hier ſollte mir ein ſo winziger, hohlköpfiger, unbedeutender Menſch, der zufällig eine in der Welt angeſehene Stellung ein⸗ nahm, meinen Weg durchkreuzen, abſchneiden, mich in das Nichts, die Ebbe des Lebens, die Fluth mei⸗ ner Kämpfe und Gefahren zurückſchleudern? Oder wie— ſollte es vielleicht ganz anders kommen, ſollte dieſer Vorfall gerade zu meinem Glücke bei⸗ tragen?!— Kaum war dieſer ſeltſame Gedanke in meinem Hirne aufgetaucht— wie oder warum oder wo⸗ durch mir ein Glück in den Weg geworfen werden ſollte, war mir noch gar nicht klar geworden— ſo durchſtrömte mich plötzlich ein ſo freudiger, wohlthä⸗ tiger, alle meine Geiſteskräfte belebender Muth' und mein Herz wurde von einer ſo unerklärlichen, alle meine Bedenken überflügelnden Hoffnungsfreudigkeit ergriffen, daß ich mir ſelbſt als ein gänzlich umge⸗ wandelter Menſch erſchien und meinem Freunde, als er jetzt gerade kam, anſtatt mit einem über meine nächſte Zukunft in Zweifel befangenen, mit lächeln⸗ dem Antlitz entgegentrat. Als der haſtig die Treppe heraufſtürmende Major, * 269 dem ſein Diener ſchon meine Anweſenheit gemeldet, mich ſo vor ſich ſah, rief er aus: „Beim Himmel, Flemming, iſt es denn wahr oder haben Sie ſich einen Scherz erlaubt, wie ich beinahe aus Ihrer ſchalkhaften Miene entnehmen möchte?“ „Iſt meine Miene ſchalkhaft?“ fragte ich.„Nein, lieber Major, das iſt ſie gewiß nicht, wenn ſie mein inneres Gefühl ausdrückt— aber was ſoll denn wahr ſein?“ „Daß Sie ſich vergeſſen haben— „Ich, mich vergeſſen? Erzählen Sie, raſch, was 74 haben Sie gehört?“ „Ei, mein Gott, was iſt da noch zu erzählen! Der Kammerherr von Krachwitz läuft wie närriſch in der ganzen Stadt umher und erzählt, der Bibliothekar der Fürſtin ſei verrückt geworden, er habe ihn ge⸗ prügelt und die Treppe hinuntergeworfen, weil er auf Befehl der Fürſtin ein Buch von ihm gefordert. Er aber wolle die Kanaille todtſchießen, die ihm einen ſolchen Schimpf angethan.“ „Was,“ rief ich,„das erzählt der Kammerherr laut aller Welt? Er ſollte ſich vielmehr ſchämen und ganz ſtill ſchweigen—“ „Haben Sie ihn denn im Ernſt die Treppe hinun⸗ ter geworfen?“ 270 „Tüchtig! So hab' ich ihn gepackt und beſeitigt, und nun laſſen Sie mich den Vorfall der Wahrheit gemäß erzählen.“ Ich theilte ihm nun die ganze Geſchichte Wort für Wort, mit Ausnahme des mir von der Fürſtin gegebenen Auftrags mit. Als ich fertig war, lachte der Major in ſeinem vollen gewöhnlichen Humor und reichte mir die Hand.„Das war brav,“ ſagte er, „ſo muß man ſie tractiren, wenn ſie die Ehre in den Schuhſchnallen ſtatt im Herzen und in der Seele ſuchen, ich hätte es nicht anders gemacht. Vorwärts denn, Sie ſind auf dem beſten Wege, ſich einen Namen zu machen, vor dem die Fuchsſchwänzer Reſpect haben, und ich ſtatte Ihnen ſchon im Voraus meinen Glück⸗ wunſch ab.“ „Ich danke Ihnen— aber was wird nun zunächſt geſchehen?“ d „Nun, das iſt doch klar genug. Er wird und⸗ muß Sie fordern, denn das iſt ſo Sitte bei unſern Edelleuten.“ „Pah! Er wird mir die Ehre nicht anthun, ich bin kein Edelmann in ſeinen Augen.“ „Nein, ein Edelmann gerade nicht, aber ein fürſt⸗ licher Beamter, und das adelt bis zu einem gewiſſen Punkt, er muß und wird Sie fordern, ſage ich 271 Ihnen, und ſo viel ich weiß, hat er ſchon ſeinen Secundanten, den Oberjägermeiſter der Fürſtin, damit beauftragt.“ „So. Und wer wird mein Secundant ſein?“ „Wie Sie fragen können! Wer denn anders als ich! Da haben Sie meine Hand und mit ihr Alles, was ich beſitze, Geld, Zeit, Rang— Alles, Alles ſtelle ich zu Ihrer Dispoſition, denn ſo iſt es Sitte bei Leuten, die nicht von Fürſten zu Edelleuten ernannt, wohl aber von Gott zu Ehrenmännern erſchaffen ſind.“ Ich drückte ihm herzlich und vollkommen befriedigt die Hand und von nun an war unſer Freundſchafts⸗ bund für alle Zukunft beſiegelt. Wir beſprachen noch Alles des Breiten und Langen hin und her und ver⸗ fügten uns dann nach meiner Wohnung im Schloſſe, um daſelbſt den Sendboten des Kammerherrn zu er⸗ warten, der, wie der Major meinte, nicht lange mehr ausbleiben würde. Der Major Fuchs war noch nie in meinem Zim⸗ mer geweſen. Ich hatte mich geſchämt, ihn zu bitten, mich zu beſuchen, da ich noch immer die mir vom Oberkaſtellan bei meiner Ankunft angewieſene erbärm⸗ liche Wohnung innehatte. 272 „ Wie,“ rief er, als er ſie kaum betreten und ſich ganz erſtaunt darin umgeblickt,„in dieſem Hunde⸗ ſtalle wohnen Sie? Das iſt ja unmöglich, Sie haben mich in das Quartier eines fürſtlichen Packträgers geführt!“ „Sie irren, es iſt meine Wohnung; ſo hat man mich abgeſpeiſt und ich— daran können Sie meine Geduld und Beſcheidenheit, aber auch meinen Stolz erkennen— ich habe es bis jetzt ruhig hingenommen, da ich alle Tage eine Wandlung der Dinge erwartete.“ „Nun, die wird jetzt gekommen ſein, aber wahr⸗ ſcheinlich nicht zu Ihren Gunſten, denn Alles bei Licht beſehen, werden Sie in dieſem Gefecht den Kürzeren ziehen.“ „Ich ſehe noch gar nicht ein, daß das nothwendig geſchehen muß. Die Fürſtin wird mich begnadigen, wenn ſie den Vorgang der Wahrheit gemäß erfährt.“ „Ha! Wer wird ihr denſelben der Wahrheit ge⸗ mäß berichten?“ „Ich ſelbſt— oder— e, und einem Jeden von uns wird ſie ihr Vertrauen ſchenken, verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Sie haben kein übles Vertrauen zu uns Beiden — Apropos— können Sie ſchießen?“ „Welche Frage, Major! Sie wiſſen, ich bin mit 273 dem Erbprinzen von W... erzogen, und da war das Schießen eine unſrer jugendlichen Meiſterſchaften. Ich werde Ihnen noch heute Abend eine Probe meiner Kunſt ablegen.“ Wir ſaßen noch nicht lange in meinem Zimmer, ſo polterte der Herr Oberjägermeiſter die Treppe herauf, um ſeinen Auftrag an mich, den angeblichen Beleidiger des Herrn Kammerherrn auszurichten. Als er uns Beide in einem ſo armſeligen Gemache fand, glaubte er uns demgemäß behandeln zu dürfen und ließ ſeinem rauhen Weſen den ungezügeltſten Lauf. Nachdem ich ihm jedoch in der Perſon des Major Fuchs meinen Secundanten vorgeſtellt und ihn alle Verabredungen mit dieſem zu treffen erſucht hatte, wurde er etwas ruhiger und zeigte ſich geneigt, ſogleich das nöthige„Arrangement“ zu treffen. Um die Herren nicht zu ſtören, ging ich eine halbe Stunde in den Park hinab und als ich nach dieſer Zeit in mein Zimmer zurückkehrte, †rr den Major allein und ſchon meiner wartend. Er lachte herzlich.„Das war ein Wortſchwall,“ rief er in beſter Laune,„wie ihn ſo ſeltſam und prächtig noch kein Herausforderer hat hören laſſen. Der Herr Kammerherr, meinte er unter Anderm, habe es in ſeiner Stellung eigentlich nicht nöthig, Ihnen Der Sohn des Gaͤrtners. III. 18 den Hals zu brechen, da Sie in der Meinung der Leute bereits ſo gut wie gerichtet wären und ſein guter Ruf unantaſtbar im ganzen Lande feſtſtände, allein er wolle diesmal ein Uebriges thun und Ihnen die Ehre erweiſen, drei Kugeln vom feinſten Kaliber mit Ihnen zu wechſeln.“ „Das wird ihm ſchwer werden,“ ſagte ich heiter. „Er wird mit einer genug haben.“ „Das iſt Ihre Sache. Ich habe Alles angenom⸗ men, wie er es vorſchlug, und ſo werden wir uns morgen früh um ſechs Uhr an eine Stelle im nächſten Walde begeben, die er mir genau bezeichnet hat. Sind Sie damit zufrieden?“ „Vollkommen und ich danke Ihnen für Ihre Müh⸗ waltung.“ „Bitte! Nun habe ich aber noch etwas Neues. Der Bruder der Fürſtin, Prinz Leo, iſt mit einem ganzen Troß aus W... angekommen. Sie ſind nach der Felſen⸗ burg gefahren, die der Prinz gern ſogleich ſehen wollte, da er nur einige Tage hier bleibt. Die Fürſtin iſt ſpät abge⸗ fahren und wird alſo vor Nacht nicht zurückkehren— da werden Sie ihr heute nicht mehr Ihre wichtige Nachricht mittheilen können, von der Sie vorher ſprachen.“ „Das iſt übel, ich hätte ihr gern etwas einge⸗ händigt, was ich ihr nur ſelbſt übergeben darf.“ 1 255 „Verſchieben Sie das auf morgen, nach dem Duell. Dann haben Sie gleich die beſte Gelegenheit, ein Gnadengeſuch bei ihr einzureichen, wenn es nöthig werden ſollte.“— Nach dieſem Geſpräch forderte ich meinen Freund und Secundanten auf, mich eine Strecke vor die Stadt zu begleiten, denn ich wollte es nicht zu dunkel werden laſſen, um ihm noch eine Probe meiner Schieß⸗ fertigkeit abzulegen. Ich ſteckte alſo meine ſchönen Piſtolen, ein Geſchenk Bruno's, ein und verließ mit ihm das Schloß und die Stadt. Beim Austreten aus dem Stadtthor kaufte ich von einer Hökerin drei hart geſottene Eier. „Was!“ ſagte der Major, als ich ſie vorſichtig in die Taſche ſteckte,„haben Sie einen ſo großen Appetit, daß Sie nicht auf Ihr Abendbrod warten können?“ „Geduld, mein Freund, kommen und ſehen Sie, wozu ich ſie benutzen will.“ Als wir den Wald in der nächſten Nähe der Stadt erreicht hatten, ſank gerade die Sonne hinter den Bäumen herab, aber es war noch hell genug, um mich hoffen zu laſſen, meine Probeſchüſſe würden ge⸗ lingen. Nachdem wir uns eine abgelegene freie Stelle ausgeſucht, gab ich dem Major die drei Eier, ſtellte 18 276 mich etwa zehn Schritte von ihm entfernt auf und bat ihn dann, ein Ei nach dem andern langſam und etwa zwanzig Fuß hoch in die Luft zu werfen. Dies war ein Spiel, welches wir im Waldhauſe und auch in Adersbach noch unzählige Male verſucht hatten und ich war ein ſo trefflicher Schütze geweſen, daß ich immer unter drei Eiern zwei zu treffen gewiß ſein konnte. Als der Major meine Abſicht begriff, wurde er ſehr begierig, den Erfolg zu ſehen, und er warf, nach⸗ dem ich beide Piſtolen geladen, ruhig und gleichmäßig das erſte Ei in die Luft. Das Glück war mir günſtig, mein Auge war ſicher und mein Arm ruhig geblieben; ich traf das Ei und die zerſchmetterten Stücke flogen rings umher. „Ha!“ rief der Major entzückt,„ich bekomme Re⸗ ſpect vor Ihnen, das macht Ihnen hier kein Cava⸗ lier nach.“ „Still, werfen Sie das zweite Ei und bringen Sie durch Ihr vorzeitiges Lob mein Blut nicht in Unruhe.“ Das zweite Ei ſtieg empor und eine Secunde ſpäter flogen auch ſeine Schaalen und ſein Inhalt auf den Raſen umher. „Soll ich die Piſtolen noch einmal laden?“ fragte ich,„oder haben Sie genug geſehen?“ „Bei Gott, ja!— Nein, ſchonen Sie das Pulver — 277 und laſſen Sie uns lieber das dritte Ei brüderlich theilen. Da haben Sie die Hälfte— ich bin nicht verſchwenderiſch mit meiner Achtung und Zuneigung, aber wenn Sie wollen wie ich, ſo eſſen Sie das und — die Brüderſchaft iſt fertig. Sie ſind ein Cava⸗ lier, wie ich ihn ſobald nicht in einem Gelehrten ge⸗ funden habe.“ Jeder von uns aß fröhlich ſein halbes Ei, dann umarmten wir uns, wie es Brauch iſt, und der Bund war geſchloſſen. „Der arme Kammerherr!“ rief der Major freudig aber doch etwas bedenklich.„Verfahre gnädig mit ihm! Wenn er eine ſolche Schußfertigkeit bei Dir vermuthet, hätte er gewiß auf Säbel beſtanden!“ „Das wäre ihm wo möglich noch übler bekommen, denn in ſolcherlei Künſten ſind wir in unſrer Jugend Meiſter geweſen. Wir waren nicht allein Cavaliere, ſondern auch Studenten, mein lieber Fuchs, das mußt Du bedenken.“. „Du wirſt ihn doch nicht todtſchießen wollen?“ „Gott bewahre mich davor! Aber einen Denkzettel will ich ihm wenigſtens geben, den er durch das ganze Leben mit herumtragen ſoll.“ „Damit bin ich einverſtanden. Wenn er Dich aber tödtlich verletzt?“ 278 „Keine unnöthige Sorge, mein Lieber; alle Kugeln treffen nicht und noch weniger tödten ſie!“ Ich will den mir nun bevorſtehenden Zweikampf, von denen in Büchern ſo oft die Rede iſt, daß man ſich die Beſchreibung eines neuen füglich erſparen kann, hier nur ſehr kurz und in ſeinen Hauptmomen⸗ ten zeichnen, dieſe aber muß ich erwähnen, da ſie von einigem charakteriſtiſchen Intereſſe ſind und außerdem von ungewöhnlichen Folgen begleitet waren. Schon lange vor ſechs Uhr begab ich mich am nächſten Morgen zu dem Major und fuhr mit ihm und ſeinen beiden Dienern, von denen der eine, Wolfram, Zeuge der Beleidigung des Kammerherrn geweſen und mir ſehr treu ergeben war, in einem verſchloſſenen Wagen nach dem zum Rendezvous be⸗ ſtimmten Orte im Stadtwalde. Einen Arzt hatte die Gegenpartei mitzubringen verſprochen. Als wir auf der Stelle anlangten, fanden wir ihn, einen jungen Mann, auch ſchon in der Geſellſchaft des Kammer⸗ herrn und ſeines Secundanten vor. Zeugen hatten wir außerdem nicht, worüber die Secundanten eben⸗ falls Verabredung getroffen. Als die nöthigen Vorbereitungen beendigt waren und mein Gegner und ich unſere Plätze hinter zwei⸗ on einander entfernten Barrieren ein⸗ zehn Schritte v gebot der Oberjägermeiſter die Waf⸗ genommen hatten, fen noch einen Augenblick zu ſenken. Als es geſchehen, fuhr er zu mir gewendet fort: „Wie die Sachen einmal ſtehen, ſcheinen Sie mir der Schuldigſte zu ſein, Herr Bibliothekar. Beliebt es Ihnen vielleicht, ſich in unſrer Gegenwart vor dem Herrn von Krachwitz zu entſchuldigen und ihn für die ihm angethane Beleidigung um Vergebung zu bitten?“ „Ich ſoll mich entſchuldigen?“ rief ich, einiger⸗ maßen verwundert.„Bitte, nein, der Herr Kammer⸗ herr hat darin den Vortritt, er hat mich zuerſt be⸗ leidigt und meine Selbſthülfe war nur eine einfache Folge ſeines Benehmens— ich habe einen Zeugen dafür, Herr Oberjägermeiſter!“ „Keine Worte, keine Worte!“ ſchrie jetzt der Kam⸗ merherr dazwiſchen.„Es iſt unnütz, vollkommen un⸗ nütz— ich muß ſein Blut ſehen Selbſt der Oberjägermeiſter verwies dem vor Wuth Schäumenden ſeine Heftigkeit, ich aber, noch immer die Piſtole geſenkt haltend, ſagte ruhig und mit höflichſtem Tone:„Herr von Krachwitz, da Sie wider die Verabredung das Wort genommen haben, ſo er⸗ 11“ —— 280 lauben Sie wohl auch mir eine Bemerkung. Nehmen Sie ſich in Acht, mich jetzt noch zu kränken oder, was daſſelbe iſt, die Sitte ſo weit zu vergeſſen, daß Sie voreilig nach meinem Blute ſchreien. Ich bin jetzt nicht in der Laune, dergleichen von Ihnen zu ertragen. Nur einen Rath erlaube ich mir Ihnen noch zu geben. Wenn Sie jetzt noch einige wichtige Worte zu ſprechen haben, ſo ſprechen Sie ſie, denn bald werden Sie nicht mehr ſprechen können.“ „Was! Wollen Sie mich tödten, Herr?“ ſchrie mein Gegner entſetzt auf. „Gott bewahre mich davor! Mordgedanken habe ich nicht, aber kennzeichnen will ich Sie ein für alle Mal, damit man Ihnen Ihr Handwerk anſehe und Ihnen auf hundert Schritt wie einem wüthenden Thiere aus dem Wege gehe.“ „Genug, genug der Worte!“ rief jetzt der Secun⸗ dant des Gegners und trat mit dem Major bei Seite.„Nehmen Sie Ihre Stellungen ein, meine Herren! Wenn der Major Drei gezählt hat, kann Jeder nach Belieben ſchießen.“ Wir ſtellten uns alſo auf, Jeder dem Andern die linke Seite darbietend. Die lange ſpitze Naſe des Kammerherrn ragte frei und hoch wie ein Windmühlen⸗ flügel in die Luft. Er bewegte ſich aber mit ſeinem 8 hätte, wenn nicht der Major und Wolfram abwechſelnd mir die Wunde in der Bruſt feſt zugedrückt hätten, was mir trotz meiner Betäubung allmälig einen ſehr empfindlichen Schmerz verurſachte. Da ſaß nun der treue Freund inmitten eines Haufens ſchon mit meinem Lebensblute getränkter Tücher, die man aus meiner Commode oder wo man ſie ſonſt finden konnte, zuſammengerafft hatte, von Augen⸗ blick zu Augenblick ſehnſüchtig eine Hülfe erwartend, und ich lag auf meinem Bette in der armſeligen Wohnung, die kaum mit dem Nothwendigſten verſehen war, und keine Hülfe, keine Erleichterung, keine Er⸗ quickung wollte ſich weder für mich noch für jenen blicken laſſen, während um meinen verhältnißmäß viel leich⸗ ter verwundeten Gegner ein Dutzend Perſonen mit allen möglichen Hülfsmitteln ſich bemühten und die ganze Stadt in Allarm ſetzten, ob der ungeheuerlichen und ſchändlichen Behandlung, die einem ſo angeſehenen Edelmann, einem Hofherrn, durch ein ſo armſeliges, bücherwurmartiges Weſen, wie ich war, zu Theil ge⸗ worden. Denn kaum war das Ereigniß in den Mund der Leute gerathen, ſo wurden alle Equipagen beſpannt, die Freunde des Kammerherrn beeiferten ſich, ſein Schickſal in allen Häuſern bekannt zu machen oder ſich wenigſtens in ſeiner Wohnung als Theilnehmende 284 zu melden, da ſie nicht in ſein Zimmer zu kommen und ihm zu helfen vermochten. Allein, ſo ſehr ich im erſten Augenblick im Nach⸗ theil und von aller Welt vergeſſen ſchien, es ſollte ſich Alles bald ganz anders geſtalten— und zwar auf eine Weiſe, wie weder ich noch meine wenigen Freunde es ſich im Entfernteſten träumen ließen. Eben das tauſendzüngige Gerücht, welches des Kammerherrn Mißgeſchick überlaut auspoſaunte, trug auch das meinige herum, und zwar zu Ohren, die eigentlich für's Erſte damit nicht hätten beſtürmt werden ſollen. Am Hofe war es der Prinz Leo, dem zuerſt durch irgend einen Hofherrn die große Mähr hinterbracht wurde: Kammerherr von Krachwitz habe durch ein vom Zaune gebrochenes Duell mit einer ſehr unter⸗ geordneten Perſon— die Naſe verloren, die unglück⸗ licher Weiſe ſehr groß und deshalb der Kugel ſeines Gegners am neiſten preisgegeben geweſen ſei. Bei dieſer mit allem Ernſte vorgetragenen Jeremiade ſoll der junge Prinz in ſeinem heiteren Sinne unbändig gelacht haben, und lief darauf ſogleich zu ſeiner Schweſter, der Fürſtin, um ihr die höchſt ſpaßhafte Geſchichte zu erzählen, daß ihr edler Kammerherr einen ſo hervor⸗ ragenden Theil ſeiner vornehmen Perſon eingebüßt habe. Die Fürſtin, noch von den Zeiten des ver⸗ 4 —— 285 ſtorbenen Fürſten her ſich ſolcher damals ſehr häufigen Vorfälle nur mit Widerwillen erinnernd, wurde ſehr erzürnt und vergaß darüber ganz nach dem Gegner des Verletzten zu fragen, als plötzlich der alte Kam⸗ merdiener des Prinzen Leo, der mich noch von W... her kannte, in übermäßiger Beſtürzung erſchien und berichtete, daß ich derjenige geweſen, der Herrn von Krachwitz die Naſe abgeſchoſſen, aber ſelbſt auf den Tod verwundet im Schloſſe liege, von wo man ſchon vergeblich nach allen Seiten nach einem Arzte ge⸗ ſchickt habe. Wie ich ſpäter erfahren, brachte dieſe unerwartete Mittheilung eine große Wirkung im fürſtlichen Zim⸗ mer hervor. Die Fürſtin erſchrak ſichtbar, ließ ſo⸗ gleich ihren Kammerdiener Zöllner kommen, dem ſie in allen Dingen vertraute, und befahl ihm, ſich ſofort zu mir zu begeben und ihr dann Nachricht zu bringen, was denn eigentlich vorgefallen ſei und wie es mit mir ſtehe. So waren denn Zöllner und der alte Diener des Prinzen Leo, der ſich nicht abhalten ließ, jenen auf ſeinem Gange zu begleiten, die erſten Perſonen aus dem Schloſſe, die dem Major in ſeinen Bemühungen um mich zu Hülfe kamen. Sie fanden mich in mei⸗ nem jämmerlichen Zimmer auf dem Bette liegend, — 286 über und über mit Blut bedeckt, Alles um mich her in Unordnung und den Major ſelbſt in einer Ver⸗ faſſung, die beinahe der Verzweiflung glich, weil noch immer nicht die nothwendige Hülfe erſchien. Während nun Zöllner bei meinem Anblick ganz den Auftrag ſeiner Gebieterin vergaß und ſogleich verſchiedene Perſonen nach Aerzten in der Stadt ſandte, lief der Kammerdiener des Prinzen Leo zu ſeinem Herrn zurück, den er noch bei der Fürſtin traf, um hier mit kläglicher Miene den Anblick zu ſchildern, der ihm ſo eben zu Theil geworden war. Aber er konnte anfangs gar nicht zu Worten kommen, denn die Oberhofmeiſterin war ſo eben in jähem Entſetzen bei der Fürſtin eingetreten und klagte mit Zetergeſchrei über den gräßlichen Mordanfall, den ich auf ihren Buſenfreund gewagt. Endlich aber brach der alte Diener ſich Bahn, überſchrie die Oberhofmeiſterin und rief:„Ach, Durchlaucht, was habe ich geſehn, und es iſt keine Hülfe da! Der gute Herr Flemming liegt in einem erbärmlichen Dachkämmerchen und verblutet ſich. Kein Arzt iſt bei ihm und nur ein Officier, der auch ſchon ganz blutig iſt, hält ihm die ſchreckliche Wunde zu.“ Bei dieſer alles Uebrige in den Hintergrund drän⸗. genden Meldung fuhr die Fürſtin wie eine entfeſſelte ——2łO 287 Stahlfeder empor. Ganz bleich geworden, bezwang ſie ihren Zorn oder welche Empfindung ſie ſonſt be⸗ wegen mochte, und befahl den Anweſenden, ihr augen⸗ blicklich zu folgen, ſie wolle ſich perſönlich von dem Vorgange überzeugen, worauf ſie dem alten Diener zurief, ſie nach meinem Zimmer zu führen. So geſchah es denn, daß plötzlich die drei erſten Perſonen des Hofes bei mir eintraten und mich in der eben beſchriebenen Lage fanden. „Mein Gott!“ rief die Fürſtin, Alles mit einem Blick überfliegend, mit einem Gedanken erfaſſend,„wie kommt er denn in dieſe abgelegene Kammer?“ „Durchlaucht,“ erwiderte der Major, der ſich in dieſem Augenblick nicht mäßigen konnte, mit feſter und vorwurfsvoller Stimme, während er ſeine über mich hin gebeugte Stellung beibehielt,„dies iſt ja Herrn Flemming's Wohnzimmer und man hat es nicht der Mühe werth gehalten, ihm je ein anderes an⸗ zuweiſen.“ Der Majpr hat mir nachher ſelber erzählt, daß ihn das nun Folgende mit einer großen Freude, aber auch mit einer noch größeren Verwunderung erfüllt habe. Ein unbeſchreiblicher, aber blitzartig ſchnell 8 vorübergehender Ausdruck ſchmerzlicher Ueberraſchung flog bei ſeinen Worten und indem ſie ſich noch ein⸗ 2883 mal rings umblickte, über das engelgleiche Antlitz der Fürſtin. Gleichſam als begriffe ſie plötzlich durch in⸗ nere Eingebung, wie man mir bisher in ihrem Schloſſe begegnet ſei, wandte ſie ſich theilnehmend zu mir und trat dicht neben den Major an mein Lager heran. Dies war der Augenblick, wo ich, wie durch ihre magnetiſche Nähe bezaubert, die Augen aufſchlug und, meine Beſinnung vollſtändig wieder erhaltend, Alles begriff, was um mich her vorging, als hätte ich es geträumt und riefe es jetzt klar wieder in meine Erinnerung zurück. „Flemming,“ ſagte ſie mit gütig blickendem Auge, „wie geht es Ihnen? Erkennen Sie mich, ſind Sie Ihrer Sinne mächtig?“ „Vollkommen, gnädigſte Frau, und ich bedaure von ganzem Herzen, daß Sie einem ſo peinlichen An⸗ blicke preisgegeben ſind. Ich habe nichts dazu bei⸗ getragen, Sie demſelben auszuſetzen. Aber bitte, be⸗ fehlen Sie gnädigſt, daß ein Arzt komme, ich ver⸗ blute ſonſt.“ „Es ſind ſchon zwei Stunden her,“ fiel der Major ein,„daß wir einen oder den anderen erwarten, aber für uns ſcheint keiner zu Hauſe zu ſein.“ „Ja, ja doch, Alles ſoll ſogleich geſchehen. Liebe Hohenheim, Les— o Zöllner, da biſt Du ja— ge⸗ 289 ſchwind, man hole Doctor Tiburtius, meinen Leibarzt, herbei, er muß im Schloſſe ſein, es iſt gerade die Zeit, wo er hier ſeine Kranken beſucht.“ Die Gräfin Hohenheim und der Kammerdiener entfernten ſich ſogleich, um den herriſch ausgeſprochenen Befehlen der Fürſtin nachzukommen; ihr Bruder aber blieb bei ihr und ſetzte ſich mir gegenüber auf einen Stuhl, der am Fußende des Bettes ſtand, indem er mir ſein Beileid ausdrückte, ſeinen alten Bekannten in dieſem Zuſtande wiederzufinden. „Was haben Sie da in der Hand?“ fragte mich die Fürſtin, unverwandt jeden meiner Blicke verfolgend. Sie hatte das mit Blut bedeckte, von der Kugel durchlöcherte Packet wahrgenommen, welches mir das Leben gerettet und jetzt, ich weiß nicht wie, in meine linke Hand gekommen war, ſei es nun, daß es mir der dunkle Trieb, es der Fürſtin auf jeden Fall zu bewahren oder ſonſt ein Grund in Erinnerung ge⸗ bracht. „Es iſt das Packet,“ antwortete ich mit ſchwacher Stimme,„welches Sie mir geſtern zu ſuchen befahlen, bei welcher Arbeit ich von dem Kammerherrn von Krachwitz auf das Tödtlichſte beleidigt ward.“ „Ha! Geben Sie es her. O Männer, Männer! Der Sohn des Gärtners. III. 19 290 Welche wilde Leidenſchaft bewegt Eure Bruſt!— Aber wie, kommt denn noch kein Arzt?“ Dieſe letzten Worte waren an den mit keuchendem Athem zurückkehrenden Kammerdiener Zöllner gerichtet, der mit der Meldung hereintrat, Doctor Tiburtius folge ihm auf dem Fuße nach, was denn auch geſchah, worauf ſich die Fürſtin ſogleich zurückzog, vorher aber noch zum Major ſagte: „Herr Major, ich mache Sie dafür verantwortlich, daß Niemand den Kranken ſtört. Weichen Sie keinen Schritt aus dieſem Zimmer, bis der Verband angelegt iſt und Doctor Tiburtius ſeinen Ausſpruch gefällt hat. Ich werde Befehle geben, daß Herrn Flemming ſofort ein andrer Wohnort angewieſen wird, ſobald er dahin gebracht werden kann. Wenn der Kranke aber in Ruhe iſt, kommen Sie zu mir und berichten mir treulich und Wort für Wort die Thatſache, wie ich es von einem Manne, wie Sie ſind, erwarten kann.“ Nach dieſen Worten warf ſie mir noch einen be⸗ ruhigenden Blick zu, der ich ſie mit meinen Augen verfolgte, ſo lange ich ſie damit erreichen konnte; dann ſah ich ſie noch an der Thür der rückkehren⸗ den Oberhofmeiſterin begegnen, die mit unheim⸗ lichen Blicken und erwartungsvoller Spannung in allen Zügen der Entwicklung des ſeltſamen Vorfalls entgegen ſah, und endlich war ſie verſchwunden, flüchtig wie eine Erſcheinung im Traume, wofür ich in meinem ſchwachen Zuſtande auch noch lange nachher ihren Beſuch zu halten geneigt war. 19* Jehtes Mapitel. Der ſchrecklichſte Augenblick aus des Majors Fuchs Leben. Außer dem Major Fuchs und Wolfram blieb nun auch der Prinz Leo in meinem Zimmer, bis Doctor Tiburtius mich unterſucht, verbunden und ſchließlich die Erklärung abgegeben hatte, weder das Herz noch die Lungen ſeien verletzt, die Kugel habe blos eine Rippe zerſchmettert und eine Arterie derſelben zer⸗ riſſen, ſei dann aber unter der Haut nach dem Rücken herum gelaufen, wo er ſie ſehr bald herausſchnei⸗ den werde. Dieſe Operation fand denn auch bald an mir ſtatt, nachdem eine Stunde ſpäter noch zwei Aerzte berufen waren, und als ſie geglückt, erklärte mich der Leibarzt der Fürſtin außer augenblicklicher Gefahr 293 und gab ſonſt auch die beruhigendſten Verſicherungen ab. Für den jungen Prinzen, der mir immer ſehr ergeben geweſen, hatte der ganze Vorfall ein ſo hohes Intereſſe, daß er ſogar der Operation beiwohnte und ſich dabei gewiſſe kleine Dienſte vorbehielt; erſt als ich in ein reines Bett gebracht und gleich darauf in tiefen Schlaf verfallen war, verließ er mich, um alles Erlebte nach eigener Anſchauung der Fürſtin mit⸗ zutheilen. Auch der Major Fuchs begab ſich bald nachher und nachdem ein junger Arzt an meinem Bette Platz genommen, zur Fürſtin, um ihr den befohlenen Rap⸗ port abzuſtatten, und hier war es, wo ſie den Vorfall in allen Einzelnheiten vernahm, wie ſie wirklich der Reihe nach auf einander gefolgt waren. Auch glaubte ſich mein Freund berufen, der Fürſtin klar und offen auseinander zu ſetzen, welchen Unbilden Seitens vieler höheren und niederen Beamten, ſogar der geringſten Diener, ich vom Tage meiner Ankunft an preisgegeben geweſen ſei und daß ich alle dieſe Zurückſetzungen mit der langmüthigſten Geduld und ohne mich im Geringſten zu beklagen ertragen habe, in der feſten Vorausſicht, daß ſich meine Verhältniſſe doch einmal auf die eine oder andere Weiſe beſſern würden. Dieſer Vortrag, den mein Freund mit Wärme — ————— 294 und rückichtsloſer Shärfe zu Ende führte, ohne ſich von der Anweſenheit der Gräfin Hohenheim im Ge⸗ ringſten beengen zu laſſen, rief bei der aufmerkſam zuhörenden Fürſtin eine ſittliche Entrüſtung hervor, und als die innerlich ergrimmte Oberhofmeiſterin die Miene annahm, ſich zurückziehen zu wollen, ſagte die Fürſtin zu beiden anweſenden Perſonen,„Bleiben Sie! Sie, Herr Major, ſollen Zeuge ſein, wie ich die Sache Ihres Freundes führe; ich bin Ihnen beſon⸗ ders zu Dank verpflichtet, daß Sie mir über gewiſſe Dinge in meiner Nähe, von denen ich keine Ahnung hatte, die Augen geöffnet haben. Und Sie, Gräfin Hohenheim, laſſen Sie ſogleich Herrn von Breitſpur rufen.“ Als der Hofmarſchall bei der Fürſtin erſchien, hatte auch er keine Ahnung, daß er der Erſte ſein werde, über den ein an dieſem Orte noch nie ſo ſtrenge geübtes Strafgericht abgehalten werden ſolle, im Gegentheil bezog er die erzürnte Miene der Fürſtin auf die Kränkung, die einem ihrer erſten Cavaliere in der Perſon des Kammerherrn von Krachwitz widerfahren ſei, und demgemäß nahm er ſelbſt eine erbitterte, aber augenſcheinlich triumphirende Miene an. „Herr von Breitſpur,“ empfing ihn die Fürſtin, 295⁵ „Sie wiſſen ohne Zweifel, was geſtern und heute ſich in unſrer Nähe ereignet hat?“ „Leider, ja, Durchlaucht, der arme Herr von Krach⸗ witz iſt auf eine pöbelhafte Weiſe von dem Bibliothe⸗ kar behandelt worden und hat noch dazu eine ſehr verhängnißvolle Verwundung erlitten.“. „Herr von Breitſpur, ich verbitte mir alle der⸗ gleichen Urtheile, die ich nur als Vorurtheile bezeich⸗ nen muß; auch handelt es ſich in dieſem Augenblick weniger um die Verwundung des Herrn von Krach⸗ witz, als vielmehr um eine Reihe von Zurückſetzungen und Kränkungen, die man ganz gegen meine Abſicht und meinen Willen, aus irgend einem mir unbekannten Grunde, über einen von meinen Dienern zu verhän⸗ gen ſich bemüßigt gefunden hat.“ 4 Der Hofmarſchall gerieth bei dieſen Worten in keine geringe Verwirrung; er ſah bald die Fürſtin, bald die Oberhofmeiſterin an, die ihn durch ihre herausfordernden Blicke wieder von der rechten Spur abbrachte, auf die ihn die Worte der Fürſtin bereits zu leiten angefangen hatten. „Durchlaucht,“ ſagte er ſtockend und ſtot⸗ ternd,„ich weiß nicht, worauf Sie hinzudeu⸗ ten belieben, ich— ich hoffe aber, daß nicht ich die Veranlaſſung zu der Annahme gegeben habe, 296 als ſei gegen irgend Jemand ein Attentat verübt worden.“ „Aha! Sie wollen mich nicht verſtehen— ſo will ich mich denn deutlicher ausdrücken. Ohne Zweifel iſt Ihnen bekannt, welche Wohnung meinem Bibliothe⸗ kar im Schloſſe zugewieſen iſt, denn daß er eine Dienſtwohnung darin beziehen ſollte, iſt von nir angeordnet worden, ſobald ich ſeine Anſtellung ge⸗ nehmigt hatte.“ „Nein, Durchlaucht, dieſe ihm zugewieſene Woh⸗ nung iſt mir nicht bekannt.“ „So gehen Sie ſogleich und ſehen Sie ſich die⸗ ſelbe mit eigenen Augen an. Ich erwarte hier Ihre Rückkehr und Meldung darüber.“ Der Hofmarſchall, der jetzt den Sturm über ſein Haupt hereinbrechen ſah, hatte die Sprache verloren, er verbeugte ſich nur und entfernte ſich dann ſo ſchnell, als hätte ihn ein Windſtoß fortgeführt. Der Major aber blieb in einer höchſt peinlichen Lage zurück, da die Fürſtin, heftig bewegt, ſchweigend im Zimmer auf und nieder ging, die Oberhofmeiſterin dagegen wäh⸗ rend der ganzen Zeit ein verlegenes Stillſchweigen beobachtete und bald aus dem Fenſter, bald ſeitwärts auf die zürnende Fürſtin blickte. Nach etwa zehn Minuten kam der Hofmarſchall 5 297 mit einer etwas verſtörten Miene zurück, verbeugte ſich und blieb dann zwiſchen dem Major und der Ober⸗ hofmeiſterin ſtehen. „Nun?“ fragte die Fürſtin mit erwartungsvollem Ernſte,„was bringen Sie mir für eine Meldung?“ „Durchlaucht, ich habe das Zimmer geſehen und es thut mir leid, daß kein beſſeres gewählt worden iſt. Ich habe aber nicht gewußt, daß Durchlaucht dieſen— dieſen—“ „Er heißt Flemming, Herr Hofmarſchall, und iſt mein Bibliothekar, wenn Sie es nicht wiſſen— alſo was haben Sie nicht gewußt?“ „Ah, Flemming, ja, Bibliothekar Flemming, ja, daß Ihre Durchlaucht dieſen Herrn mit Ihrer Protection beehren. Hätte ich nur die geringſte Ahnung davon gehabt, ich würde mein ganz beſon⸗ deres Augenmerk auf ihn gerichtet haben.“ „Herr von Breitſpur, ich protegire alle meine Diener,“ entgegnete die Fürſtin mit königlichem Stolze und unnachahmlicher Würde,„die großen und die kleinen, die vornehmen und die geringen, und ich bitte Sie daher, daß auch Sie keinen Unterſchied darin machen wollen.“. „Ich werde Ihro Durchlaucht Befehlen allerunter⸗ thänigſt nachkommen, kann aber verſichern, daß hier 298 nur eine Nachläfſigkeit des Oberkaſtellans vorliegt, den ich ſofort zur Rechenſchaft ziehen werde.“ „Thun Sie das und mit aller Strenge. Vor allen Dingen aber will ich, daß der Kranke, ſobald er transportirt werden kann, einige paſſende und gut möblirte Zimmer erhalte, nicht nach dem unruhigen Hofe, ſondern nach dem ſtillen Garten hinaus, und daß darin nichts fehle, was irgend zu ſeiner Bequem⸗ lichkeit und zu ſeiner Geneſung beitragen kann. Dazu gehört vor allen Dingen, daß ſeine Bedienung ge⸗ regelt und ſeine Bedürfniſſe aus der Küche beſorgt werden. Außerdem aber geben Sie Befehl, daß mir alle zwei Stunden über ſeinen Zuſtand rapportirt werde, bis er außer Gefahr iſt.“ Der Hofmarſchall verbengte ſich ſtumm und warf nur einen ganz verdutzten Blick auf die hämiſch lächelnde Oberhofmeiſterin. Dann wurde er entlaſſen, und gleich nach ihm erhielten die beiden anderen An⸗ weſenden ihre Verabſchiedung. Natürlich ſtürzte der Hofmarſchall, auf's Tiefſte verletzt, in ſeinem vollen Grimm zum Oberkaſtellan, um das nächſte Donnerwetter über diſen ergehen zu laſſen. Der behaglich beim Frühſtück Sitzende ent⸗ ſchuldigte ſich damit, daß der Bibliothekar zu einer Zeit angekommen ſei, wo das ganze Schloß einer ———— ———— 299 Reparatur unterworfen worden und daß man ſeine eigenen Anweiſungen falſch verſtanden habe. Daß er vom Hofmarſchall ſelber keinen beſonderen Auftrag er⸗ halten, wagte er dieſem jedoch nicht in's Geſicht zu ſagen, der ſich ſeiner Schuld ohne Zweifel nur zu gut bewußt war. Nachdem der Herr Kaſtellan alſo jetzt ganz directe und genaue Befehle erhalten und den grimmigen Zorn des Hofmarſchalls bis auf die Neige hatte ausbaden müſſen, ging die Sache ihren weiteren Gang und alle Vorkehrungen wurden getrof⸗ fen, mich, der ich in meinem leidenden Zuſtande keine Ahnung von dem Vorgefallenen hatte, künftig meinen dienſtlichen Verhältniſſen gemäß zu behandeln. Durch den Major, die herbeigerufenen Aerzte und verſchiedene andere Perſonen, die einen tieferen Ein⸗ blick in den Vorfall des Tages gethan, wurde nun meine Geſchichte auf eine dem Kammerherrn minder günſtige Weiſe überall erzählt und bald war ein ſo völliger Meinungsumſchlag erfolgt, wie man es bei gloſen Geiſte, wie ihn leider das Publi⸗ cum in ſolchen Dingen hat, nur zu oft zu erleben pflegt. Satm es denn bald dahin, daß die Einen lachten, daß ich den eitlen Kammerherrn des hervor⸗ ragendſten Theils ſeines Geſichtes beraubt, die Anderen aber mich als einen höchſt gefährlichen Menſchen ver⸗ einem ſo urthei 300 ſchrieen. Natürlich traf das Urtheil der mir freund⸗ lich oder feindlich geſinnten Parteien mich perſönlich ſehr wenig, im Ganzen aber hatte ich großen Vortheil davon, denn man behandelte mich nach meiner etwas ſpät erfolgenden Geneſung mit viel größerer Achtung als zuvor und legte mir den Beinamen:„Der Naſen⸗ 3 g abſchneider“ bei, worüber ich mit Major Fuchs herzlich lachte, als er es mir eines Tages erzählte. In der That, es iſt eine ſonderbare und oft un⸗ begreifliche Welt, in der wir leben! Ein Menſch kann ſo gute Eigenſchaften haben wie er wlll, ſich ſo⸗ gar auszeichnen— ich ſpreche hier natürlich nicht von mir, ſondern ganz im Allgemeinen— und man geht gleichgültig, ohne alle innere Theilnahme an ihm vor⸗ über, ja man bemäkelt und bekrittelt ihn oft wegen Kleinigkeiten, die man an Anderen großartig, genial und liebenswürdig findet, indem man ihn nicht mit ſeinem eigenen, ſondern nach einem der Mode oder Laune unterworfenen beliebigen Maaße mißt. Hat er aber erſt eine die Intereſſen Einzelner anregende, wo möglich blutige, That ausgeführt, dann erweckt er einen Antheil— im Guten oder Schlinmen— den alle ſeine anderen Eigenſchaften vorher nie zu Stande bringen konnten, und wären ſie die vortrefflichſten von der Welt, ja man findet nun Seiten an ihm heraus, ——— 301 die ihn plötzlich zum Löwen des Tages machen und ihm ein für alle Mal einen Ruf und Namen begründen, den er ſich auf keine andere Weiſe ſo raſch hätte er⸗ ringen können. Aehnlich erging es alſo auch mir. Durch mein Duell und meine Schützenkunſt gelangte ich zu einem Rufe, den mir alle Gelehrſamkeit und Erfahrung der Welt nicht hätten verſchaffen können, und plötzlich öffneten ſich mir alle Thüren, die mir ohne dieſen Fall vielleicht ewig verſchloſſen geblieben wären. Man nannte mich einen ſehr unterrichteten, erfahrenen, ge⸗ lehrten und Gott weiß mit welchen Eigenſchaften aus⸗ gerüſteten Mann, der der allgemeinſten Theilnahme würdig ſei. Daß mich dieſer plötzliche Ruf aber nicht im Geringſten aus meiner Gemüthsruhe brachte und daß ich die mir geöffneten Thüren nicht ſogleich be⸗ ſchritt, brauche ich dem Leſer wohl nicht noch beſonders mitzutheilen, da er, hoffe ich, eine genügende Einſicht in mein Weſen und meinen Charakter gewonnen hat, um mich richtiger als jenes wankelmüthige und nur nach dem äußeren Scheine fragende Publicum in jener kleinen Reſidenz zu beurtheilen. . Nur noch zweier Perſonen muß ich hier gedenken, die durch die zuletzt erwähnten Vorfälle in eine, theils in Bezug auf mich, theils auf ſich ſelbſt und Andere ————— 302 ganz veränderte Lage geriethen. Ich meine damit die Oberhofmeiſterin und Major Fuchs. Erſtere konnte es unter den ſo plötzlich für mich ſich günſtiger geſtaltenden Verhältniſſen nicht wagen, offen gegen mich Partei zu nehmen. In den Kreiſen, die ſie beherrſchte, wühlte ſie zwar im Stillen ununter⸗ brochen zu meinem Nachtheil fort, ließ auch ganz ſelt⸗ ſame Winke über den Grund der Theilnahme der Fürſtin fallen, deren Betragen ſie nicht begreifen zu können erklärte, mir ſelbſt aber ging ſie aus dem Wege, wo ſie nur konnte, und traf ſie mich bei der Fürſtin oder ſonſt wo, ſo lächelte ſie mich ſogar auf eine ganz eigenthümliche und höfiſche Weiſe an, was mich beſtimmte, vor wie nach auf meiner Huth zu ſein, da ich ſie ſchon zu lange nach allen Richtungen hin kannte, um nicht gewiß zu ſein, daß ſie jetzt ebenſo meine geheime Feindin blieb, wie ſie mir früher als offene Widerſacherin auf jedem Schritte meines Lebens entgegengetreten war. Eine bei Weitem angenehmere Geſtaltung ſeiner Verhältniſſe aber erfuhr der Major Fuchs, und dieſe hatte er wohl für ſeine mir erwieſene Freundſchaft und die mannigfachen Opfer, die er mir gebracht, verdient. Die Fürſtin war auf ihn aufmerkſam geworden und fand an ſeinem humoriſtiſchen Weſen, das mit ſo * 2 303 vieler Gutmüthigkeit, Ehrlichkeit und ritterlichen Eigen⸗ ſchaften verbunden war, das größte Gefallen. Sie zog ihn daher häufig an den Hof, lud ihn in ihre vertraulichen Zirkel ein und bewies ihm auf mannig⸗ fache Weiſe ihr Vertrauen und ihre Achtung. Nichts⸗ deſtoweniger aber dictirte ſie ihm, wie es Brauch war, vorher eine Strafe für ſeinen, einem Militair unter⸗ ſagten Antheil an einem Zweikampf; dieſe Strafe jedoch beſtand in einer ſechswöchentlichen Verbannung aus der Reſidenz, das heißt in einem ihm zuerkannten Urlaube, den er zu einer längſt beabſichtigten Reiſe nach der Schweiz benutzte, wozu er noch obendrein das Reiſegeld erhielt. Als er aus dieſer Verbannung zurückkehrte und ſich— wie es einem Beſtraften ge⸗ ziemt— bei der Fürſtin meldete, empfing ſie ihn ſehr gnädig und ſchenkte ihm am anderen Tage ein koſt⸗ bares Vollblutpferd, deſſen Beſitz, wie ſie erfahren, von jeher die ganze Schwärmerei des mit Mitteln nicht ſehr reich geſegneten Biedermanns geweſen war. Was mich nun ſelbſt betrifft, ſo war ich vierzehn Tage recht gefährlich krank, und es gab ſogar Augen⸗ blicke, in denen Doctor Tiburtius an meiner Wieder⸗ geneſung verzweifelte. Dank meiner kräftigen Conſti⸗ tution aber überwand ich ſelbſt die Schwäche nach einer ſo überaus ſtarken Blutung, und nach einigen Wochen war ich ſchon im Stande, in meine neue Wohnung gebracht zu werden, die mir unterdeſſen bereitet worden war. Als ich zum erſten Mal nach einer ruhigen Nacht die Augen darin aufſchlug, fühlte ich mich wie neu geboren, denn ich ſah Alles um mich her, woran mein Auge ſeit langen Jahren gewöhnt geweſen, und das Auge iſt ja in dieſer Beziehung der verwöhnteſte aller unſrer Sinne.. Die beiden Zimmer, die mir nebſt einem ſehr ge⸗ räumigen Schlafgemach von jetzt an zur Wohnung angewieſen waren, lagen ſehr angenehm im hohen Erdgeſchoß des Schloſſes nach dem Garten hinaus, gerade unter den Zimmern, welche die Fürſtin inne hatte, und mittelſt einer eiſernen Wendeltreppe konnte ich, ohne die großen Treppen und Corridore zu be⸗ rühren, unmittelbar aus meinem eigenen Wohnzimmer in das Archiv und durch daſſelbe in die Bibliothek gelangen.— Die Einrichtung darin entſprach ganz dem feinen Geſchmack der Zeit und den Anſprüchen, die ein ge⸗ bildeter Mann, der in guter Geſellſchaft zu leben gewohnt iſt, an ſeine Wohnung zu ſtellen pflegt; meine jetzigen Gemächer waren bisher für Fremde von Auszeichnung beſtimmt geweſen, hatten aber lange und ſchon vor meiner Ankunft hierſelbſt leer geſtanden 30⁵ und nur einige neue Ausſchmückungen waren darin angebracht, die der Herr Oberkaſtellan, durch des Hof⸗ marſchalls Eifer angeregt, ſchleunigſt aus anderen Zimmern dahin hatte bringen laſſen, weil man ja nicht wiſſen konnte, ob nicht auch dieſe Wohnung von der Fürſtin einſt in Augenſchein genommen wer⸗ den würde. Allein auch in anderer Beziehung war für mich auf das Wohlwollendſte Bedacht genommen. Nicht allein erhielt ich meinen eigenen Diener, Wolfram, den Major Fuchs bereitwilligſt mir ganz abtrat, da ich einmal an ihn gewöhnt war, und dem man nun in der Nähe der meinigen eine Wohnung im Schloß anwies, ſondern mein Tiſch wurde auch aus der fürſt⸗ lichen Küche beſorgt, was immer ſo reichlich geſchab, daß ich oft meinen Freund Fuchs zu Gaſte bitten konnte, und außerdem ward mir die Erlaubniß zu Theil, von dem erſten Tage meiner Geneſung an, wohin und wann es auch ſei, mich einer zu meinem Gebrauch ſtets bereitſtehenden fürſtlichen Equipage zu bedienen. Auf dieſe Weiſe war mein früheres Mißgeſchick unerwartet in das Gegentheil umgeſchlagen und das Bewußtſein davon trug nicht wenig dazu bei, meine Geneſung zu befördern und mir meine raſch geſchwun⸗ Der Sohn des Gärtners. III.. 20 ÿypy, 306 denen Kräfte allmälig wiederzugeben: Meinem Gegner ging es leider nicht ſo nach Wunſch. Seine Wunde heilte zwar noch ſchneller als die meinige, aber nach der Verſicherung einiger Hofherren, die ſich jetzt ohne mein Zuthun nach und nach bei mir einfanden und mir vorredeten, ſie hätten mich von jeher in der Stille ganz außerordentlich geliebt und wegen meiner Kennt⸗ niſſe geſchätzt, ſah ſein Geſicht mit der verſtümmelten Naſe ſo entſetzlich verſtört aus, daß ihn kein Menſch wiederzuerkennen im Stande ſei, weshalb er nach einigen Monaten, von tief verletzter Eitelkeit getrieben, der Reſidenz und allen bisherigen Freunden den Rücken kehrte und ſich in die Einſamkeit ſeiner Beſitzungen auf dem Lande zurückzog, womit natürlich die Aus⸗ ſcheidung aus ſeinem bisherigen Verhältniß am Hofe verbunden war. Acht Wochen, von denen ich ſechs im Bette zubringen mußte, vergingen mir ungewöhnlich raſch, denn Major Fuchs und Andere beſuchten mich, ſo oft ſie konnten, und ließen mir alle mögliche Unterhaltung zu Theil wer⸗ den; als ich nach dieſer Zeit aber, noch ziemlich bleich und abgemagert, zum erſten Male von Doctor Tiburtius die Erlaubniß erhielt, eine Treppe zu ſteigen, bat ich die Fürſtin ſchriftlich um ihre Genehmigung, ihr perſönlich mich vorſtellen und meinen Dank abſtatten zu dürfen. 4 —— 307 Dieſe Bitte wurde gewährt und mir dabei die Stunde des Empfangs beſtimmt. Von mannigfachen Gefühlen bewegt und nicht ganz ohne Herzklopfen, im Bewußtſein meiner unerlaubten Selbſthülfe, trat ich den kurzen Gang an und fand die Fürſtin, meiner ſchon harrend, in ihrem Empfangzimmer allein. Als ich langſam und nicht ohne Mühe auf ſie zuſchritt und mich verbeugte, ſah ſie mich theilneh⸗ mend und wohlwollend lange prüfend an, ohne daß ich irgend eine innere Regung von Zorn oder Unwillen auf ihren ſonſt ſo ſprechenden Zügen hätte wahrnehmen können, wie ich insgeheim befürchtet; als ich ihr aber mit warmen Worten meinen innigſten Dank für ihre große Güte abgeſtattet hatte und mich ihr nun zur Verfügung ſtellte, um jede Strafe zu erleiden, die ſie mir wegen meiner Handlungsweiſe zuerkennen würde, lächelte ſie ſogar und ſagte: „Mein lieber Flemming! Wie mich dünkt, ſind Sie mit dem Verluſt von mehr als fünfzig ſchönen und der Geſundheit geweihten Tagen, in denen Sie überdieß noch Schmerzen ertragen mußten, reichlich genug beſtraft, womit ich nicht geſagt haben will, daß Sie gerade etwas in meinen Augen beſonders Straf⸗ würdiges begangen haben. In einer Beziehung ſo⸗ gar finde ich Ihre Handlungsweiſe lobenswerth. Wie 20* 308 mir Major Fuchs verſichert hat, ſind Sie auf das Bitterſte beleidigt und haben dafür einen Unverſchäm⸗ ten gezüchtigt, der auch mich dadurch verletzt hat, daß er meinen Entſchluß, Sie in meine Dienſte zu nehmen, bekrittelt und bemäkelt hat. Wäre mir dieſe Aeuße⸗ rung vor Ihrer feindlichen Begegnung zu Ohren ge⸗ kommen, ſo hätte ich ſelbſt meine Rechte vertheidigt, allerdings auf eine andere Weiſe als Sie, ſo aber haben Sie dies Geſchäft übernommen und damit wollen wir dieſe Angelegenheit für beſeitigt erachten.“ Nachdem ſie mich noch nach einigen anderen Dingen gefragt, die das Archiv betrafen, und über die Auf⸗ findung jenes Packets, das ſie zu benutzen ſuchen werde, ihre Befriedigung geäußert, verabſchiedete ſie mich, indem ſie mir die Schlüſſel zum Archive wieder überreichte und zu bewahren empfahl, da ich bei der fortdauernden Krankheit des Archivraths vielleicht noch mehr darin zu thun finden würde.„Nehmen Sie Ihre Geſundheit in Acht,“ ſagte ſie ſchließlich,„Sie ſehen angegriffen aus, und ſobald Sie mir irgend einen Wunſch vorzutragen haben, ſprechen Sie ihn mir perſönlich aus, dann ſind Sie und bin ich ſicher, daß weder mir noch Ihnen entzogen wird, was uns Beiden gebührt.“ — 309 In den erſten Wochen nach meiner Geneſung arbeitete ich nur ſehr wenig; mir fehlte ſowohl die alte Luſt dazu, wie es mir auch meine Kräfte nicht geſtatteten. Ich fühlte mich in der That ſehr ſchwach und etwa nach einem Jahre erſt war vollſtändig die frühere Rüſtigkeit und meine ganze Kraftfülle in mich zurückgekehrt. Statt meiner gewöhnlichen Arbeit in der Bibliothek und der Fortſetzung meiner ſchriftſtelle⸗ riſchen Bemühungen aber las ich ſehr viel, und dazu gab mir die herrliche Schloßbibliothek Anreiz genug. Im Auguſt trat die Fürſtin ihre gewöhnliche Reiſe nach einem norddeutſchen Badeorte an. Es war ein⸗ mal die Rede davon, daß ich ſie begleiten ſolle, Doctor Tiburtius aber ſprach ſich dagegen aus und ſo blieb ich während der ſechswöchentlichen Abweſenheit der Fürſtin mir ſelbſt und dem Major Fuchs überlaſſen, der kurz vor der Abreiſe der Fürſtin von ſeinem Ur⸗ laube in B... wieder eintraf. Da gerade in dieſer Zeit die Regierung des kleinen Landes mit gewiſſen Schwierigkeiten verknüpft war und die Fürſtin unaus⸗ geſetzt in Kenntniß der vorliegenden Geſchäfte bleiben mußte, ſo begleitete ſie ein Miniſter und einige bevor⸗ zugte Räthe, an welche beinahe täglich Rapporte und Aunfragen abgingen, die dann ſtets mit der nothwen⸗ 4 digen Eile aus der Ferne her erledigt wurden. Ich 3 310 ſelbſt benutzte die ſchöͤne Jahreszeit mit aller Ge⸗ mächlichkeit und Bequemlichkeit, indem ich faſt jeden Tag weitere Ausflüge zu Wagen unternahm, wobei ich mich bald von Dieſem bald von Jenem begleiten ließ. Mehrere Tage aber brachte ich mit der Ab⸗ faſſung eines ſehr genauen Berichtes über alle am Hofe zu B... ſtattgefundenen Vorfälle an den Fürſten von Adersbach zu; ich verſchwieg ihm Nichts, was meine Perſon betraf, fügte aber von der Fürſtin nur ſehr Weniges hinzu, da mich eine unerklärliche Scheu abhielt, ſelbſt meinem vertrauteſten Freunde Mitthei⸗ lungen über ſie zu machen, weniger aus Beſorgniß, dieſelben dem Papiere zu übergeben, als aus Furcht, in meinen Andeutungen Empfindungen zu verrathen, deren Enthüllung mir gleich einem Staatsverbrechen gegen die geheiligte Perſon meiner Gebieterin erſchie⸗ nen wäre. Umgehend erhielt ich von Bruno einen ſehr freu⸗ digen und mir zur völligen Geneſung Glück wünſchen⸗ den Brief.„Die Geſchichte mit der verlorenen Naſe,“ ſchrieb er,„hat mich vor Lachen ſchüttern gemacht, obgleich Elsbeth immer ſagt:„der arme Mann! Ohne Naſe!“ Aber ſo oft ſie das wiederholt, lache ich um ſo lauter und herzlicher, denn einen faullenzenden Kammerherrn, der bisher ſo hochnaſig war, ganz ohne ——————— 311 dieſelbe herumſchnüffelnd ſich zu denken, iſt zu komiſch. Siehſt Du, wie gut ſich die Lehren des alten Förſters, meines Schwiegervaters, belohnten? Man kann nie wiſſen, wozu man das, was man in der Jugend er⸗ lernt, einmal im Leben gebrauchen mag. Wir haben das Schießen nach den Eiern gleich wieder vekſucht, aber obwohl Elsbeth die Dingerchen ruhig und lang⸗ ſam mit eigener Hand emporwarf, ſo konnte ich doch von dreien immer nur eins treffen. Du haſt Deine Geſchicklichkeit alſo beſſer bewahrt als ich. Nichts⸗ deſtoweniger machte mir Elsbeth Lobeserhebungen, aber was will das ſagen, ſie weiß ja, daß ich ſie immer küſſe, ob ſie mich nun loben oder tadeln mag, und diesmal küßte ich das herzige Weib erſt recht. Sie grüßt Dich herzlich und hat eine große Sehnſucht nach Dir, die ſie aber wohl eine Weile noch wird be⸗ zwingen müſſen, wie ich ſelbſt ſie bezwinge. Nur Eins in Deinem ausführlichen Berichte muß ich rügen. So ſehr ich Dich gebeten habe, von meiner Schweſter recht viel und jedes Einzelne aus ihrem Leben zu berichten, ſo ſind alle Deine Mittheilungen darüber doch nur ſehr mangelhaft. Gott weiß, was Dich ab⸗ hält, mir ganz zu vertrauen und mir Alles, Alles zu ſagen! Denn daß Du nicht mehr von ihr wiſſen oder wenigſtens denken ſollteſt, als was Du mir ſchreibſt, N — 2 312 iſt, wie ich die Sache betrachte, geradezu unmöglich. Haſt Du denn noch immer nicht mit ihr von mir ge⸗ ſprochen? Denkt ſie gar nicht mehr an mich? Iſt keine Hoffnung vorhanden, daß ihre alte Liebe zu mir wieder erwacht?— Sobald Du darüber etwas Ge⸗ wiſſes erfährſt, und gewährte es auch nur einen Schim⸗ mer von Hoffnung, ſo ſchreibe es mir, Du glaubſt nicht, wie ich mich nach ihr ſehne, da ich außer Els⸗ beth und meinen Kindern nichts auf der Welt kenne, was mir mehr am Herzen liegt als ſie.⸗ Einige Tage ſpäter, nachdem ich lange mit mir darüber zu Rathe gegangen war, antwortete ich auf dieſen herzlichen Brief: daß bis jetzt zwiſchen der Fürſtin und mir nur vorübergehend von ihm die Rede geweſen ſei, daß aber bisher nur ich allein ſei⸗ nen Namen genannt habe. Das Gefühl für ihn ſei bei ſeiner Schweſter gewiß nicht ganz verloren ge⸗ gangen, es ſcheine vielmehr nur zu ſchlummern, jedoch ſei ich des Momentes gewärtig, wo es erwachen werde, und nach ihrer Rückkehr würde ich Alles aufbieten, um ſeinen Wünſchen nachzukommen und jenes ſchlum⸗ mernde Gefühl zur neuen Flamme anzufachen.— Ende Septembers kehrte die Fürſtin endlich von ihrer Badereiſe zurück und ich muß geſtehen, daß mir die Zeit ſehr lang geworden war, bis ich ſie wieder⸗ 313 ſah. Sie ſtrahlte von Geſundheit und Friſche und ſchien außerordentlich glücklich, wieder zu Hauſe zu ſein. Diesmal ſtand ich in der vorderſten Reihe der ſie Begrüßenden und ich erhielt einen der ſonnigſten Blicke, die ſie an dieſem Tage ſo reichlich an ihre Diener vertheilte. Sprechen aber konnte ich ſie nicht ſogleich, denn ſie hatte unglaublich viel zu thun und hielt täglich mehrere Conferenzen mit ihren Räthen ab. Erſt drei oder vier Tage nach ihrer Rückkehr ließ ſie mich rufen, und zu meiner Verwunderung fand ſich bald nach mir Major Fuchs ein, dem ſie auch die Ehre einer Vorladung hatte angedeihen laſſen. „Meine Herren,“ ſagte ſie freundlich zu uns,„ich kann mir Sie Beide jetzt kaum noch ohne einander denken, und da ich weiß, daß Sie ſich gegenſeitig hier ergänzen, ſo will ich den Wunſch, den ich in Bezug auf Sie hege, Ihnen Beiden zugleich ausſprechen. Es iſt meine Abſicht, im kommenden Herbſt und Win⸗ ter alle Donnerstage Abends eine kleine Geſellſchaft um mich zu verſammeln, wie ich es ſchon früher ge⸗ übt; es wird da freilich von ſehr wichtigen Dingen keine Rede ſein, aber damit uns der Stoff nicht aus⸗ gehe, werde ich mich bemühen, Männer und Frauen von Bildung aus allen Klaſſen der Geſellſchaft zu mir zu berufen. Mögen Sie denn auch Beide ſtets in 314 dieſer Geſellſchaft erſcheinen, und Sie, Herr Flemming, bereiten ſich vor, uns diesmal ohne jede Störung recht viel von Ihren Abenteuern zu Waſſer und zu Lande zu erzählen.“ Wir dankten, nicht wenig überraſcht, ob dieſer großen uns widerfahrenden Ehre und ſtellten uns ſchon am nächſten Donnerstag Abend zu der feſtge⸗ ſetzten Zeit in den Gemächern der Fürſtin ein. Wir fanden eine Geſellſchaft von etwa ſechszehn bis zwan⸗ zig Perſonen daſelbſt vereinigt, die ſich ohne allen Zwang auf und ab bewegten und ohne Hehl ihre Meinungen äußerten, ſobald ſie danach gefragt wurden. Die Geſellſchaft verſammelte ſich in den Zimmern, welche die Fürſtin gewöhnlich bewohnte und die ich ſchon früher beſchrieben habe. Die drei großen Ge⸗ mächer waren alle gleich hell erleuchtet und angenehm erwärmt, in denen man anfangs, bald mit Dieſem, bald mit Jenem redend auf⸗ und abſchritt, bis die Verſammlung vollzählig war. War dies der Fall, ſo zog man ſich in das Zimmer zurück, in welchem das Portrait der Fürſtin hing, und hier ließ man ſich auf die Divans und Seſſel nieder, die ſo bequem und einladend um den großen runden Tiſch im Kreiſe ſtanden. Hier wurden nun meiſt zuerſt die Vorgänge — — 31⁵ draußen in der großen Welt beſprochen, Artikel aus Zeitungen und Journalen verleſen und in offenſter Weiſe allerlei Bemerkungen daran geknüpft. Da⸗ zwiſchen wurden Zeichnungen betrachtet, Gedichte reci⸗ tirt, auch bisweilen ein klaſſiſches Drama vorgeleſen, woran alle Eingeladenen, je nach ihrer Neigung oder ihrem beſonderen Geſchick, Theil nahmen. Die ver⸗ ſchiedenen Leiſtungen wurden in der Regel ſehr offen⸗ herzig und bisweilen ſcherzhaft kritiſirt und Jeder empfing den ihm gebührenden Beifall, wenn er Aus⸗ gezeichnetes geleiſtet hatte. Während dieſer Beſchäf⸗ tigungen wurde Thee herumgereicht, Punkt zehn Uhr aber begaben wir uns in den Speiſeſaal, wo ein leckeres Souper eingenommen wurde, bei welchem nicht immer die vornehmſten Anweſenden die Ehre genoſſen, der Fürſtin zunächſt zu ſitzen. Mir war dieſelbe zwar noch nie zu Theil geworden, Major Fuchs aber hatte ſchon zweimal das Glück gehabt und ſtand im Begriff, ſo ſtolz darauf zu werden, daß ſein Triumph, den ihm Jedermann gönnte, klar auf ſeinem gut⸗ müthigen Geſicht zu leſen war. Nach dem Souper blieb man noch einige Minuten beiſammen, ſprach noch Einzelnes über Dies und Jenes und trennte ſich dann ſo heiter und harmlos, wie man zuſammengekommen war. Wir hatten ſchon vier oder fünfmal ein ſolches — ——CQCꝑCQC—᷑——ꝛ—ÿ—ꝑ—;;;— — 310 kleines Feſt mitgemacht, als ſich ein Vorfall bei einem derſelben zutrug, den ich genauer zu beſchreiben ge⸗ nöthigt bin, weil ſich unmittelbar daran ein wichtiger Fortſchritt in meinem Lebensgange knüpfte. Dieſer Vorfall wurde ganz unabſichtlich von Major Fuchs herbeigeführt, da er keine Ahnung hatte und haben konnte, daß das, was er der ganzen Verſammlung zu hören gab, einige der Anweſenden ſo nahe berührte und von großem Einfluſſe auf ihre gegenwärtige Stim⸗ mung ſein mußte. Major Fuchs war überhaupt ſehr bald, ohne ſein beſonderes Zuthun und indem er ganz allein ſeinen natürlichen Humor und ſeine charak⸗ teriſtiſche Biederkeit in allen weltlichen Anſchauungen zur Wirkung brachte, der Hauptheld des Donnerstags geworden, und namentlich protegirten ihn die älteren Damen augenſcheinlich, während die jüngeren vor ihm, dem Unverheiratheten, eine gewiſſe erklärliche Scheu hegten, ihm aber dennoch ſehr wohlwollten und es auf ihre Art durch neckende Scherzreden und ge⸗ legentliche Anſpielungen bewieſen, wie es bei der jungen Damenyelt eben eine allgemein geübte Sitte geworden iſt. Mein Freund beſaß eine unnachahm⸗ liche Manier, ernſte Dinge auf eine komiſche Weiſe zu erzählen. Die Komik lag weniger in den gebrauch⸗ ten Worten als in dem draſtiſchen energiſchen Ge⸗ 317 ſichtsausdruck, der bei ihm mit einer unbeſchreiblichen Gutmüthigkeit und Natürlichkeit gepaart zu Tage trat. Es war faſt zur Regel geworden, zu lachen, ſobald er nur den Mund aufthat, und wenn er ſich dann ver⸗ wundert nach dem Grunde der allgemeinen fröhlichen Stimmung rings umſchaute, konnte auch der Ernſt⸗ hafteſte ſein Lächeln nicht gut unterdrücken. Daher freute ſich jeder an den Donnerstagsfreuden Theil⸗ nehmende auf ſein Erſcheinen, und blieb er einmal aus, ſo war man gewiß, daß der Scherz für den Abend keinen rechten Eingang in die Geſellſchaft fand. Am fröhlichſten aber wurde Alles geſtimmt, wenn es einem herausfordernden Mitgliede der Damenwelt gelang, den bärtigen Krieger zur Erzählung irgend einer Epiſode aus ſeinem Leben zu bewegen, worin er eine kleine Thorheit begangen. In ſolchen Fällen war ſein barmloſes Darſtellungstalent überwiegend und es ſprach ſich in ſeinen Mittheilungen eine Wahr⸗ heitsliebe, verbunden mit einer an Naivetät gränzen⸗ den Selbſtverläugnung aus, die, ſo weit wenigſtens meine Erfahrung reichte, noch niemals ihres Gleichen gefunden hatte. So ſtrebte man denn mit einer wah⸗ ren Leidenſchaft dahin, ihn von Zeit zu Zeit zu ſolchen Vorträgen anzuſpornen, und Gelegenheiten zu erfin⸗ den, in denen ſein Talent ſich mit Glanz zeigen 318 könne; namentlich waren die jüngeren Damen uner⸗ müdlich, ſeine Offenberzigkeit herauszufordern und ihm einen Köder hinzuwerfen, den er, mochte er wollen oder nicht, ergreifen mußte, wollte er ſich nicht taub oder blind ſtellen. Da hierzu ſeinerſeits noch ein erſtaunliches Gedächtniß und ein unerſchöpflicher Anek⸗ dotenreichthum kam, der ihn niemals zu Wiederholungen veranlaßte, ſo ſprudelte die Quelle der allgemeinen Ergötzung überaus reichlich und Keiner war in der Geſellſchaft, der ſich nicht ſtets an den harmloſen Ergüſſen erquickte, mit denen er nicht allein die Thor⸗ heiten der Welt, ſondern vorzugsweiſe ſeine eigene geißelte, die er als ein Bruchtheil der allgemeinen großen Weltthorheit zu betrachten liebte. An dem Abend nun, den ich ſchon vorher ange⸗ deutet, hatten ſich mehrere Damen verſchworen, den guten Major ſo recht nach Herzensluſt zum Sprechen zu bringen, und das Glück wollte dem Unternehmen inſofern wohl, als gerade an dieſem Abend die Ober⸗ hofmeiſterin durch Unpäßlichkeit abgehalten ward, an der Geſellſchaft Theil zu nehmen, und ihre ſtrenge Mentormiene alſo dem unſchuldigen Gebahren der jüngeren Welt keine zu engen Gränzen zu ziehen drohte.— Als man die Ueberzeugung von dem Ausbleiben wies nur zu deutlich, —— — dieſer ſo wenig beliebten Hofgröße erlangte, entwickelte ſich augenblicklich eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit unter den jüngeren Damen, und ihr ſchelmiſches Lächeln be⸗ daß ſie es diesmal auf einen Hauptſchlag gegen den guten Major abgeſehen hatten, der ſeinerſeits ungemein heiter geſtimmt in unſere Mitte trat., Als man nun nach vollzählig gewordener Ver⸗ ſammlung Platz genommen und einige in der Stadt umherlaufende Neuigkeiten zuerſt beſprochen hatte, rich⸗ teten ſich allmälig alle Blicke auf den ernſt ſchweigen⸗ den Major, der, wie man recht gut wußte, kein Freund von ſolchen Beſprechungen war. „Meine Damen,“ leitete die Fürſtin ſelbſt, ohne jedoch abſichtlich die Partei der jungen Damen zu er⸗ greifen, das Folgende ein, nich ſehe ein Geſicht unter uns, dem das begonnene Thema nicht ſonderlich ge⸗ fällt. Der Herr Major liebt es nicht, das Geſpräch auf bekannte abweſende Perſönlichkeiten gebracht zu ſehen, da ſie unſern Waffen gegenüber völlig ſchutzlos unſrer Gnade oder Ungnade preisgegeben ſind. Kom⸗ men wir alſo ſeiner Neigung entgegen und bitten wir ihn, uns lieber eine noch nichk vernommene Geſchichte aus ſeinem ereignißreichen Leben zul erzählen, davon haben ſowohl wir, wie auch er einen größeren Genuß.“ 320 „Ach ja, ach ja!“ ließen ſich da ſogleich einige friſche Stimmen vernehmen und Aller Augen richteten ſich, ſchon im Voraus vor Freude blitzend, auf meinen Freund, der dicht neben mir und der Fürſtin gerade gegenüber ſaß. 1 „Meine Damen,“ nahm mit ſeinem gewöhnlichen Ernſte, der dennoch einen höchſt komiſchen Eindruck machte, der Major das Wort,„was ſoll ich Ihnen wieder erzählen? Meine Hauptſchickſale kennen Sie bereits, und verſchiedene Einzelnheiten, die noch übrig ſind, bieten zu wenig Intereſſe dar, als daß ich es wagen könnte, Sie damit zu unterhalten oder zu lang⸗ weilen, was am Ende hier Eins und daſſelbe ſein dürfte.“ Man ſchwieg einen Augenblick, gleichſam um ſich auf einen ernſthafteren Angriff vorzubereiten. Plötz⸗ lich aber flüſterte eine junge Dame einer älteren etwas zu und dieſe faßte ſogleich den Gegenſtand auf, wandte ſich forſchend nach dem Antlitz der Fürſtin, die, wie ſie gewöhnlich that, mit einem Bleiſtift flüchtige Skiz⸗ zen bekannter Landſchaften auf ein vor ihr liegendes Papier warf, und ſagte dann:„Durchlaucht erlauben uns gewiß, noch einmal eine Bitte auszuſprechen, die ſchon früher einmal an den Herrn Major gerichtet ward, und die er uns zu erfüllen gewiſſermaßen verſprochen hat.“ 321 Die Fürſtin nickte, ohne von ihrer Arbeit aufzu⸗ ſehen, lächelnd ihre Beiſtimmung zu, der Major aber, der das Gewitter nahen ſah und ihm gern aus dem Wege gehen wollte, ſagte kurz und komiſch genug: „Ich wüßte mich keiner Bitte zu erinnern, deren Erfüllung ich auch nur gewiſſermaßen verſprochen hätte.“ 3 „O Herr Major,“ rief eine junge Dame lebhaft aus,„Sie werden doch heute kein ſchlechteres Gedächt⸗ niß haben als ſonſt? Beſinnen Sie ſich, geſchwind, und ſtellen Sie unſre Geduld auf keine zu harte Probe.“ „Wenn Sie nur die Güte haben wollten, die Bitte noch einmal auszuſprechen, mein gnädiges Fräulein,“ wandte ich mich an die Dame,„mein Freund, deſſen Gutmüthigkeit wir Alle ſo hundertfältig erprobt haben, würde ſich dann gewiß ſogleich Ihren Wünſchen fügen.“ „Was war es?“ fragte die Fürſtin und warf einen kurzen Blick auf die muthigſte der angreifenden Damen. Dieſe ſchwieg, die ältere aber, die vorher ge⸗ ſprochen, erwiderte dreiſt:„der Herr Major hat ein⸗ mal verheißen, uns den glücklichſten Moment ſeines Lebens zu erzählen.“ Der Sohn des Gärtners. III. 21 ———rrrrͤſſnn 322 Alles lachte, denn man wußte ſchon, worauf ſich die Anſpielung bezog. Der Major aber proteſtirte mit mäßiger Gegenwehr, indem er das Wort„Indis⸗ cretion“ hören ließ. „Herr Major,“ nahm die ruhig weiter zeichnende Fürſtin das Wort,„es iſt Niemand unter uns indis⸗ cret. Erzählen Sie alſo getroſt und ich verſpreche Ihnen, kein Wort aus Ihrem Munde ſoll über dieſe Wände hinaus dringen.“ Der Major bereitete ſich ſchon vor, ſein Opfer auf den geſchmückten Altar zu legen, und räuſperte ſich, als Einleitung ſeiner Erzählung höchſt komiſche Blicke nach allen Seiten werfend.„Alſo meinen glücklichſten Lebensmoment wollen Sie hören?“ „Ja, ja, und Sie haben uns ſchon einmal ange— deutet,“ fuhr die ältere Dame fort,„daß es der Mo⸗ ment Ihrer erſten Liebe geweſen iſt.“ Alles lachte jetzt laut, mit großer Freude dem Kommenden entgegenſehend. Der Major aber ſeufzte und ſagte:„Ach, meine Damen, Sie trauen mir viel⸗ leicht nicht zu, daß ich mich auch einmal verliebt habe, aber dennoch iſt es ſo, und das war allerdings mein ſeligſter Moment.“ „Weiter!“ ſagte die Fürſtin, als das Gelächter ringsum verſtummt war. b V V „Nun ja,“ begann der Major ſeine Erzaͤhlung, „es war alſo zur Zeit, als ich Fähnrich geworden war und zum erſten Mal den Degen trug. Natürlich hielt ich mich mit ſolchem Schmucke an der Seite für un⸗ überwindlich und glaubte, der Sieg müſſe ſich an jeden meiner Schritte heften.“ „Der Sieg im Felde?“ ſchaltete eine luſtige Dame ein. „Nicht im Felde allein, mein gnädiges Fräulein, auch an anderen Orten. Nun, ich will mich nicht zieren und es offen bekennen— ja, ich liebte, ſchon von meinen Knabenjahren an— lachen Sie nicht, meine Damen— mir war damals gar nicht lächer⸗ lich zu Muthe— ich liebte alſo dieſe eine Dame oder vielmehr dieſes eine Mädchen von meiner frühſten Jugend an—“ „Sie werden doch nicht immer eine und dieſelbe geliebt haben?“ warf eine ältere Dame leiſe zwei⸗ felnd ein. „Immer dieſelbe, gnädige Frau, und das war eben mein Schickſal. Ich war nämlich damals ſo blöde, wie ich noch heute bin— ja, ja, lachen Sie nur— aber es iſt doch nur zu wahr! Meine kleine Angebetete nun war die Tochter meines Generals und ich fühlte beinahe eine göttliche Verehrung für 21 ſie, ohne doch jemals nur in ihre unmittelbare Nähe gelangt zu ſein. Denn ich war ein armer Fähnrich von bürgerlicher Geburt, ich wollte mir erſt einen Na⸗ men erringen und ſie— war eben die Tochter meines Generals, was ſo viel beſagen wollte, als ob ſie eine Tochter Jupiter's geweſen wäre. Genug, meine Sehn⸗ ſucht nach ihr kannte keine Gränzen, ich ſchlief keine Nacht, ich aß nichts und wurde ganz mager bei mei⸗ nem Schmerz.“ „Weiter, weiter!“ riefen mehrere Damen, nachdem ſie ein leiſes Kichern hatten hören laſſen. „Da wollte es das Glück,“ fuhr der Major fort, „daß der Prinz von L... in unſre Garniſon kam, bei welcher Gelegenheit der General, der beiläufig ſehr geizig war, ein großes Feſt veranſtalten mußte. Auch wir Fähnriche erhielten eine Einladung und wurden, als der Prinz auf dem Feſte erſchien, dem⸗ ſelben namentlich vorgeſtellt. Als mein anrüchiger Name„Fuchs“ genannt wurde, ſpitzte er die Ohren, als ob man ihm einen Verwandten angekündigt habe, denn Sie müſſen wiſſen, daß der Prinz von L. einen Fuchs in ſeinem Wappen führt.„Ah,“ ſagte er,„ſind Sie ein Sohn von meinem alten Fuchs?“ Nein, Durchlaucht, erwiderte ich, mich verbeugend, nicht von Ihrem, denn der iſt ja von Adel, aber 325 vom alten gewiß, denn mein Vater hat vierzig Jahre in Ihrer Armee gedient. Alles ſah mich verblüfft an, daß ich dies wagte, der Prinz aber lächelte, gab mir die Hand und ſagte: „Nun, Sie ſcheinen ein würdiger Sprößling des alten Fuchſes zu ſein, den ich kenne, er hat zu ſeiner Zeit, wie man ſagt, eine gute Klinge geführt. Können Sie auch ſo gut tanzen wie reden, mein lieber Fuchs?“ Wenn Ew. Durchlaucht ſo gütig ſein wollen, mir eine Dame zur Tänzerin zu verſchaffen, ſo will ich mein Möglichſtes verſuchen, aber mit einem Fähnrich, der noch dazu ein Fuchs iſt, tanzt keine Dame gern. „Exeellenz,“ wandte ſich der Prinz zu meinem General,„das iſt ein ſchlauer Burſche, er ſpielt auf Ihhre Tochter an— wollen wir ihn einmal glücklich machen?“ Der General verbeugte ſich beiſtimmend und das Reſultat vom Ganzen war, daß ich die Ehre hatte, meiner Angebeteten vorgeſtellt zu werden und mit ihr zu tanzen. Als ich ihre Hand berührte, meine Damen, durchzuckte mich ein göttergleiches Gefühl, ich glaubte ſterben zu müſſen und doch war mir das Leben nie ſüßer vorgekommen. Aber ach, meine Damen, alles Glück iſt nur ein Schein und das meinige war noch dazu ein ſehr raſch aufblitzender und dann auf ewig 326 verſchwindender Schein. Denn denken Sie, eben als ich im erſten Walzer an der Seite meiner Angebeteten dahin ſchwebe, fährt ein Huſarenrittmeiſter mit ſeiner Tänzerin wie eine Windsbraut gegen mich, erſchüttert mich bis in meine Grundveſten— ich wanke— tau⸗ mele, und da ich meine Tänzerin halb vor Liebesglut, halb vor Verzweiflung feſt umſchlungen halte, reiße ich ſie mit in's Verderben und wir ſtürzen Beide, zum Geſpött der ganzen vornehmen Geſellſchaft, der Länge nach auf den Boden.“ 3 Allgemeines Gelächter verhinderte einen Augenblick die Fortſetzung der Erzählung, der Major aber, durch ſeine Jugenderinnerungen in Feuer gerathen, fuhr bald mit erhobener Stimme fort:„Ach ja, Sie lachen, und auch damals lachte Alles um mich her, wodurch ſich meine ſchwankenden Sinne nur noch mehr ver⸗ wirrten. Und das Schlimmſte dabei war, daß meine Tänzerin, als ich vom Boden aufſprang und ſie über⸗ all ſuchte— verſchwunden war. Statt ihrer aber trat der Prinz an meine Seite, hob den Finger drohend in die Höhe und ſagte lachend:„Junger Fuchs, junger Fuchs, das war nicht ſchlau, das hätte mein alter Fuchs nicht gethan!“ „Aber was iſt denn das für ein glücklicher Mo⸗ ment,“ bemerkte die Fürſtin, die anfangs ernſter ge⸗ —— „— 327 — worden war, lächelnd, als der Major ſchwieg, ner ſcheint mir im Gegentheil ſehr unglücklich geweſen zu ſein.“. „Gedulden ſich Ihro Durchlaucht nur einen Augen⸗ blick, der glücklichſte Moment kommt noch. Was da⸗ nials um mich her vorging, wußte ich nicht, denn ich wagte meine Augen gegen Niemand aufzuſchlagen. Plötzlich aber hatte der Prinz meine Hand ergriffen und mich in ein Seitengemach geführt, wohin man, wie ich alsbald ſah, die Tochter des Generals gebracht hatte, die jetzt weinend auf einem Sopha ſaß.„Leiſten Sie augenblicklich Abbitte,“ flüſterte mir der Prinz zu,„ich werde helfen.“ Mit dieſen Worten leitete er mich zu meiner Liebe, ſprach ihr einigen Troſt zu und forderte ſie auf, mir zu vergeben und zum Be⸗ weiſe dafür mir die Hand zu reichen. Auch ich ſtam⸗ melte jetzt einige unverſtändliche Worte und— o Glück! die reizende Hand meiner Angebeteten ſtreckte ſich mir entgegen und da der Prinz zu gleicher Zeit meinen Kopf der Hand zuneigte, ſo wagte ich es, ſie zu ergreifen und einen Kuß darauf zu drücken— und das, meine Damen, das war mit dem holdſeligen Blick der Vergebung, der mich traf, der glücklichſte Moment meines Lebens— auf Ehre!“ „O, vl riefen Alle, ziemlich enttäuſcht — 328 durch einander,„das iſt nicht wahr, das iſt nicht wahr!“ „Wenn der junge Fuchs, das heißt, der Sohn des alten Fuchſes„auf Ehre“ ſagt,“ betheuerte der Major, aufſtehend und ſeine Hand auf's Herz legend, „ſo können Sie ihm ſchon glauben.“ „Ja, ja,“ rief die ältere Dame, die den Faden der ganzen Erzählung eingefädelt,„wir glauben es Ihnen ſchon; aber da ſind Sie ja ſehr zu bedauern. Ein einfacher Kuß auf einen ledernen Handſchuh, das war doch kein beſonderes Glück!“ „Und doch, gnädige Frau, ich war ſchon dadurch ſehr hoch beglückt.“ „Ja, wenn es noch ein wirklicher Kuß geweſen wäre, nicht wahr?“ fuhr die Dame fort, ſich lächelnd an ihre jüngeren Gefährtinnen wendend.„Oder haben Sie den vielleicht ſpäter auch noch erhalten, Herr Major?“ „Auf Ehre, nein, meine Gnädige. Aber ich habe mich damit getröſtet, daß irgend einmal eine Andere nachholen würde, was Jene verſäumt. Allein— bis jetzt wenigſtens habe ich mich auch darin getäuſcht und in dieſer Täuſchung werde ich wohl bis zu meinem Lebensende beharren müſſen.“ Die Fürſtin warf dem Major einen freundlichen ——— — — —9— 329 Blick zu, lächelte und wandte ſich dann wieder zu— ihrer Zeichnung. Die anderen Damen aber wollten ſich mit dieſer Erzählung nicht zufrieden geben und nach einigem Hin⸗ und Herreden begann die frühere Sprecherin noch einmal: „Herr Major, Sie haben uns den ſchönſten Mo⸗ ment Ihres Lebens zum Beſten geben wollen; wie uns aber insgeſammt ſcheint, ſo iſt derſelbe eher peinlich als ſchön geweſen. Sie haben uns diesmal alſo nicht vollſtändig befriedigt, und um Ihnen Ge⸗ legenheit zu geben, es wieder gut zu machen, ver⸗ urtheilen wir Sie auf der Stelle, uns dafür auch den ſchrecklichſten Moment Ihres Lebens zu ſchildern, der vielleicht eben ſo komiſch und angenehm iſt, wie jener ernſthaft und unglücklich war.“ Ueber das bärtige Geſicht des Majors lief— eine ſeltene Erſcheinung bei ihm— ein ernſter Schat⸗ ten. Er beſann ſich, während Alles aufmerkſam ſchwieg, eine Weile, dann ſagte er:„Ach nein, meine Damen, darin kommt weder etwas Komiſches noch etwas Angenehmes vor— der ſchrecklichſte Moment meines Lebens war ſehr ſchrecklich, durch und durch.“ „Erzählen Sie, erzählen Sie!“ riefen Alle durch einander.„Geſchwind, Herr Major!“ „Aber meine Damen,“ fuhr der Major aufſtehend 330 fort,„Sie verlangen da etwas ſehr Ernſthaftes von mir, worauf ich eigentlich nicht vorbereitet bin. Es iſt Nichts zum Lachen dabei, Alles iſt, wie gehar ſehr ernſt.“ ruhig die wieder zeichnende Fürſtin,„erzählen Sie lieber.“ „Sie befehlen, Durchlaucht, und ſo geſchehe es.— Es war auch noch in meinen Fähnrichsjahren, als ich einſt Urlaub bekam und meinen Bruder beſuchte, der, einige Jahre älter als ich, damals in Halle ſtudirte. Eines Tages wurde eine Waſſerparthie nach einem be⸗ nachbarten Dorfe unternommen und ſechs oder ſieben Studenten, die den Kahn ſelbſt ruderten und lenkten, bildeten die Geſellſchaft. Die Saale war in jenem Sommer gerade überaus reißend, und da unſer Fahr⸗ zeug nicht beſonders kunſtgerecht geſteuert und außer⸗ dem von den luſtigen Muſenſöhnen in heftig ſchaukeln⸗ der Bewegung erhalten wurde, ſo erlaubten ſich einige vorſichtige Halloren, die demſelben Ziele zuruderten, eine Warnung über das Waſſer her uns zuzurufen. Allein die jungen Studenten kümmerte dieſe wohlge⸗ meinte Warnung nur wenig, ſie wurden ſogar noch übermüthiger, indem ſie ſich bemühten, den Nachen umzuwerfen, allein dieſer war vernünftiger als ſeine „Machen Sie keine weitere Bemerkung,“ ſagte Q— 331 Inſaſſen und hielt ſich wacker auf den rollenden Wellen in ziemlichem Gleichgewicht. Da kamen wir in eine abgelegene, wiewohl von der Juliſonne ſehr anmuthig beſchienene Gegend. Das Waſſer ſchien hier ruhiger zu fließen, die Luft war ſo einladend warm, daß von einem unſrer Gefährten der Vorſchlag gemacht wurde, ſich au dieſer Stelle zu baden. Ein Gleiches hatten auch die Halloren beab⸗ ſichtigt und zu dieſem Behufe, nachdem ſie uns weit vorausgefahren waren, einen kleinen Anker ausgewor⸗ fen, an dem nun ihr Fahrzeug, leiſe von den Wellen geſchaukelt, auf dem Fluſſe ſtill lag. Auf die Bitte meines Bruders geſtatteten ſie es, daß wir unſern Kahn an den ihrigen banden und ſo lagen auch wir bald vor Anker feſt, nun ohne Zögern uns zu unſerm Vorhaben anſchickend. „Sie können doch ſchwimmen, meine Herren?“ rief da ein alter Hallore uns zu.„Wenn Sie es nicht können, ſo dürfen Sie hier nicht baden, die Saale iſt ringsum über zwölf Fuß tief.“ „Ja, ja, jat“ riefen die Muſenſöhne dem freund⸗ lichen Graukopf entgegen und warfen ſchon ihre leich⸗ ten Röcke ab. Wer aber nicht„Ja!“ rief, das war ich, denn ich ſchwamm nicht beſſer, als eine Bleikugel und hatte noch nie in meinem Leben den Fuß in das — — — 332 Waſſer geſetzt. Eigentlich hätte mein Bruder das wiſſen können, allein er war zu leichtſinnig oder glaubte vielleicht, ich als Soldat, der einen Degen trage, müſſe Alles, alſo auch dieſe leicht zu erlernende Kunſt verſtehen. Ich ſelbſt aber war damäls auf meinen kurz zuvor errungenen Rang ſo ſtolz und eingebildet, daß ich mich ſchämte, meine Ungeſchicklichkeit einzuge⸗ ſtehen, und ſo that ich wie alle Uebrigen, indem ich mit affenartiger Nachahmung meine Kleider zuſammen⸗ legte, wie ſie, meinen koſtbaren Degen aber vor jeder Entweihung ganz abſonderlich vorſichtig bei Seite brachte. Endlich waren wir zu dem Unternehmen fertig. Einer der Studenten nach dem andern ſprang in's Waſſer, bis zuletzt ich allein in dem Kahne zurück— blieb. Es war ein ernſter Moment, meine Damen, der bald noch ernſter werden ſollte. Ich kann nicht läugnen, ich hatte einige Angſt, das Waſſer ſchien mir ſo kalt und die Luft ſo warm zu ſein, daß ich gern in letzterer zurückgeblieben wäre und eigentlich keinen rechten Grund auffand, meinen ſicheren Aufenthalt mit dem viel unſicherern zu vertauſchen. Allein der dumme Dünkel, man könne einen Soldaten für feige oder für weniger geſchickt als andere Leute ſeines Alters halten, beſtegte meine Bedenklichkeiten und ich ſetzte b 333 mich erſt ganz vorſichtig auf den Rand des Kahns, um das Waſſer zu verſuchen. Es ſchien mir noch kälter zu ſein, als vorher, und beinahe hätte ich ſelbſt jetzt noch erklärt, nicht ſchwimmen zu können, wenn nicht einer der Studenten mich aufgefordert hätte, mich zu beeilen, es ſei zu ſchön in der Saale. Da faßte ich mir ein Herz, aber nicht eher ließ ich mich in das Waſſer gleiten, als bis ich noch einmal den blauen Himmel über mir und die grüne Erde rings um mich herzlich ſehnſüchtig angeſchaut hatte. Dann, mit einem wahren Verzweiflungsgrimm, ließ ich mich los, meine Seele dem allmächtigen Schöpfer be⸗ fehlend.“ Als der Major in ſeiner Erzählung ſo weit ge⸗ kommen war, ſchwieg Alles rings umher in der größten Spannung, obwohl einige Damen bei der genauen Schilderung der Einzelnheiten vorher ein leiſes Kichern hatten hören laſſen. Alle nahmen den innigſten An⸗ theil an dem Geſchick des übermäßig kühnen Fähnrichs und vergaßen darüber ganz, daß er noch jetzt als Major wohlbehalten in ihrer Mitte ſaß. Vor Angſt und Beſorgniß aber athmeten ſie laut und richteten ihre Augen in zunehmender ſtarrer Bewegungsloſigkeit auf den Erzähler. Nicht ſo ich, der ein ganz anderes Ziel vor ſich hatte. Ich blickte nach der Fürſtin hin⸗ —————— 334 über, die, ihre Bleifeder ruhend laſſend, in ihrem Seſſel zurückgelehnt ſaß und den Major feſt, aber wie von einem inneren Entſetzen gepackt anſchaute, ſo daß ihr Buſen in großer Bewegung ſich hob und ſenkte und die Bleiche des Schreckens ihr ſonſt ſo roſiges Geſicht ü berzog. „Meine Damen,“ fuhr nun der Major in ſeiner Erzählung fort,„wie Sie ſich denken können, ver⸗ ſchwand ich ſehr bald unter der Oberfläche des Waſ⸗ ſers, und ohne daß ich mir die geringſte Mühe darum gegeben hätte, ſank ich raſch tiefer und tiefer, bis ich plötzlich den Grund des Fluſſes unter meinen Füßen fühlte und nun erſt der ſchreckliche Gedanke wie Orgel⸗ gebraus mich umrauſchte: Du wirſt ſterben müſſen, wenn Du nicht wieder emporkommſt. Sterben, ſo jung noch, ſo voller Hoffnungen und Wünſche, und noch dazu ſterben den gemeinen Waſſertod, dem man nur kranke Hunde oder blinde Katzen preisgiebt, den Selbſtmörder in ihrer Verzweiflung ſuchen und der die Geſichter der Ertrunkenen ſo gräßlich entſtellt! Alles dies ging mir in einem Augenblick im Kopfe herum, aber noch viel mehr, ſo daß ich es Ihnen kaum ſagen kann. Alles was ich je erlebt, Schönes und Gutes, Alles was ich für meine Zukunft hoffte, Großes und Bedeutſames, zog wie ein blitzartig vor⸗ 33⁵ überziehendes Bild an meinem inneren Auge vorbei und, von dem allmächtig gewordenen Selbſterhaltungs⸗ trieb beſeelt, ſtoße ich meinen Fuß gewaltſam gegen den Boden und ſiehe da, das Waſſer hebt mich, trägt mich empor, plötzlich wird es über mir lichter, ich tauche dus dem glasgrünen Waſſer auf und Gottes belebende Sonne erfreut meine Sinne wieder mit ihrem roſigen Lichte. Da aber, meine Damen, packt mich zum erſten Mal Angſt und Beſorgniß, denn wehe, ich ſinke wieder, ich ringe mich noch einmal mit krampfhafter Anſtrengung empor, ſchnappe nach Luft, ich kämpfe und kämpfe, aber mein Gewicht iſt ſchwerer als mein Widerſtand, und ich ſinke zum zweiten Mal tief unter, ohne mehr die Kraft und das Nachdenken zu beſitzen, noch einmal nach Oben zu ſtreben, da meine Beſinnung faſt ganz geſchwunden war. Ja, ich wäre verloren geweſen, wenn Gott nicht in ſeiner Barmherzigkeit und Güte mir unerwartet einen Retter geſandt hätte. Ein junger Hallore, noch halb ein Kind, der fern von den Uebrigen umher⸗ ſchwamm, hatte mein langes Untenbleiben bemerkt, mein Auftauchen und Wiederunterſinken geſehen und Verdacht geſchöpft. Mit allen Kräften ſtrebte er nach der Stelle, wo ich zuletzt aufgetaucht, läßt ſich auf den Grund des Waſſers ſinken und erblickt mich, als ich eben im Begriff zu verſcheiden bin. Ohne an ſich, ſeine Eltern, ſeine Geſchwiſter und ſeine ſchwache Kraft zu denken, faßt er mich bei den Haaren und zieht mich mit einem gewaltigen Ruck empor. Kaum aber hat er mich an die Luft gebracht, ſo erwacht mein Bewußtſein wieder und die Gefahr, die ich laufe, ſteht mir klar vor Augen. Dem Inſtinct der Selbſt⸗ erhaltung folgend, ſchlinge ich meine Arme um ihn und ſo ſinkt er wieder mit mir in die Tiefe hinab, um mit mir zu ſterben, wenn keine Hülfe naht. Aber die Hülfe nahte wirklich, ſeine Gefährten be⸗ merkten die Gefahr, in der wir Beide ſchwebten, zu rechter Zeit und ſtürzten ſich nun insgeſammt in die Tiefe, uns zu retten. Wie es gelungen, weiß ich nicht mehr, erſt nach einer oder zwei Stunden kehrte ich in einem Bauernhauſe zur Beſinnung zurück, und die Einzigen, die ich an meinem Bette ſitzen ſah, waren mein Bruder und der junge Hallore. Von nun an erfolgte meine Wiederherſtellung ſehr raſch und man konnte mich am Abend auf einem Lei⸗ terwagen nach der Stadt fahren, wo ich am andern Tage ſchon völlig geneſen war. Meinen erſten Gang richtete ich nach der Wohnung des jungen Halloren, um ihm meinen Dank für ſeine Hülfe zu ſagen. Alles was ich und mein Bruder an baarem Vermögen beſaß, —— 335* hatte ich zuſammengerafft, um es ihm anzubieten. Als ich ſein Haus in einer kleinen dunklen Gaſſe betrat, ſah ich den Knaben mit ſeinem Schweſterchen auf dem Flure ſpielen.„Mein junger Freund,“ ſagte ich,„ich danke Dir herzlich für den Beiſtand, den Du mir geſtern geleiſtet haſt. Wäre ich ein reicher Mann, ich würde Dich fürſtlich belohnen— ſieh aber her, das iſt Alles, was ich Dir bieten kann, denn ich ſelbſt bin eigentlich nur ein armer Menſch.“ Da aber hätten Sie, meine Damen, den jungen Halloren ſehen ſollen. Er wies meine ausgeſtreckte Hand mit ſeinen beiden zurück und drückte ſie dabei freundſchaftlichſt. Mit edlem Kopfſchütteln ſodann und einem mir unvergeßlichen Blicke ſagte er:„Junger Herr, nicht um eine Belohnung von Ihnen zu erhalten, bin ich untergetaucht und habe Sie hervorgeholt; mir galt es, ein Menſchenleben zu retten, das koſtbarer vielleicht war, als das meine, und danken Sie Gott, wie ich ihm danke, daß es mir gelungen iſt. Gehen Sie ruhig Ihres Weges und genießen Sie das Wenige, was Sie beſitzen, in Frieden, ich aber bin der Sohn eines Halloren und be⸗ gnüge mich mit dem, was mein Vater mir giebt.“— Das, meine Damen, war die Erzählung von dem ſchreck⸗ lichſten Moment meines Lebens und nun habe ich Ihre Auf⸗ merkſamkeit gewiß lange genug in Anſpruch genommen.“ Der Sohn des Gärtners. III. 1 22. 2 Alles ſchwieg, als dieſe Erzählung beendet war, Jeder war ernſt geworden und man konnte eine lange Zeit das lebhafte Athmen der Anweſenden vernehmen, bis ſich ein allmälig laut werdendes Murmeln bemerk⸗ lich machte, das auch mich aus meinem betäubungs⸗ artigen Zuſtande weckte, der ich wie ein Falke die Bewegungen, das Mienenſpiel der bis tief in die Seele erſchütterten Fürſtin beobachtet hatte. Plötzlich aber, nachdem ſie einen raſchen, funkelnden Blick auf mich geworfen, ſteht ſie auf, ſtößt ihren Seſſel zurück, thut einige heftige Schritte durch's Zimmer und drückt dabei die linke Hand feſt auf das gewiß mächtig ſchlagende Herz. Alle Damen und Herren erheben ſich ebenfalls, ganz erſchrocken auf die Bewegung der Fürſtin ſchauend, die ſie Alle auf die Erzählung des Majors zurück⸗ führten, während ich der Einzige in der Geſellſchaft war, der den Grund derſelben beſſer kannte. „Was iſt Ihnen, Durchlaucht?“ fragte ſchnell hinzutretend eine Dame,„Sie ſind ganz bleich ge⸗ worden?“ „Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich— ein Augen⸗ blick, und es geht vorüber!“ ruft die Fürſtin und ſchreitet in's Nebenzimmer, wo ſie ſich hinter der Thür verbirgt, während im Verſammlungsſaale Alle um V den Major ſich gruppiren, der ſich ganz ſeiner Ver⸗ zweiflung überläßt, die Fürſtin in einen ſo großen Schrecken verſetzt zu haben.„Mein Gott,“ ruft er halblaut,„habe ich ihr mit meinen dummen Worten ſo wehe gethan? Sehen Sie wohl, ich wußte es ja, daß ich Ihnen nichts Spaßhaftes erzählen würde!“ Während dies in unſerm Zimmer vorgeht, erholt ſich die Fürſtin raſch. Sie tritt aus dem Nebenzim⸗ mer mit, ihre Miene beherrſchender Ruhe wieder ein, wirft einen großen flammenden Blick über uns Alle und verſucht dann zu lächeln, was ihr jedoch nur halb gelingt. Kaum ſieht der Major die Fürſtin wieder, ſo eilt er auf ſie zu.„Gnädigſte Frau,“ ruft er, die Hände vor ſeiner Bruſt faltend,„verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen mit meiner leider ſehr wahrheitsgetreuen Er⸗ zählung ſo wehe gethan!“ „Nein, Herr Major,“ antwortete ſie, wunderbar ruhig und mit einem wahren Engelslächeln,„Sie haben mir nicht wehe, vielmehr haben Sie mir— ſehr wohl gethan!“ In dieſem Augenblick trat der Kammerdiener Zöllner ein und meldete, daß die Tafel ſervirt ſei. Die Fürſtin bat um des Majors Arm, Beide ſchritten in den Speiſeſaal und wir Andern folgten langſam 22* 1 6 * v 1 . 4 5 als ich am ganzen Abend geweſen war, denn mein Herz ſagte mir, daß die eben erlebten Augenblicke nicht ohne Folgen für mich bleiben würden. Die Unterhaltung bei Tafel entwickelte ſich dieſen Abend ungewöhnlich matt, weil die Fürſtin in ihrem ſeltſamen Schweigen verharrte und nur dann und wann ein einzelnes Wort hören ließ, wenn ſie nicht umhin konnte, ihre Meinung auszuſprechen. Der Major an ihrer Seite trug auf ſeinem verdutzten Geſicht die deutlichen Spuren ſeiner noch fortwirkenden Verzweif⸗ lung, daß er allein es geweſen, der dieſe allgemeine Stockung der ſonſt ſo lebhaften Unterhaltung hervor⸗ gerufen habe. Ich, der ich an dieſem Abend zufällig ſehr weit von der Fürſtin entfernt ſaß, blieb aus ſehr natürlichen Gründen ſtill und wagte es nur ſelten, meine Augen auf das Antljitz derſelben zu richten, die tief in ernſte Gedanken und Erinnerungen verſunken ſchien. Als die Tafel aber überraſchend früh aufge⸗ hoben wurde, bildeten ſich in allen Ecken kleine Grup⸗ pen, da zuletzt Jedermann in Verlegenheit geratben war und nicht wußte, wie dieſer ſeltſame Abend endigen würde. Während wir nun, nur halblaut redend, hier und da zerſtreut umherſtanden, winkte die Fürſtin den Major zu ſich heran und ſagte ihm folgende Worte, 341 die mir derſelbe ſchon am nächſten Morgen, ſobald er mich ſah, hinterbrachte, da er nicht im Entfernteſten vermuthen konnte, daß ich einſt ſelbſt der Fürſtin den Dienſt erwieſen, den der junge Hallore ihm in der Saale hatte zu Theil werden laſſen. Ich aber, trotz⸗ dem er mir ein ſolches Vertrauen erwies, konnte es nicht über mich gewinnen, ihm eine Erklärung zu geben, die mir eben ſo leicht wie ihm verſtändlich ge⸗ worden wäre, denn ich dachte mir, es möchte der Fürſtin vielleicht nicht angenehm ſein, wenn es bekannt würde, daß ſie mir perſönlich ſo überaus verpflichtet ſei. „Herr Major,“ ſagte die Fürſtin mit dem Aus⸗ drucke der Rührung und eines herzlichen Wohlwollens auf ihrem ſchönen Geſicht, das die bleichere Farbe und die innere Regung nur noch hinreißender gemacht hatte,„Sie dürfen aus meinem Schweigen nicht ent⸗ nehmen, daß mich die Erzählung Ihres ſchrecklichſten Lebensmomentes verſtimmt oder erzürnt habe, ach nein! ganz das Entgegengeſetzte findet ſogar ſtatt, und Sie ſehen mich nur tief bewegt, denn ich nehme einen größeren und innigeren Antheil an Ihrer Erzählung, als Sie ſich vorſtellen können. Und ſo danke ich Ihnen denn für dieſelbe. Damit Sie aber nicht länger im Unklaren über die eigentliche Urſache meiner Bewegung bleiben, ſo will ich Ihnen mittheilen, daß ich mich einſt als Kind in einer ähnlichen Lage befunden habe, wie Sie in der Saale, und daß ein kühner junger Menſch mir einen gleichen Dienſt wie Ihnen der junge Hallore erwies. Sie haben alſo nur in mir die Er⸗ 3 innerung an jene ſchrecklichſte Stunde auch meines Lebens aus ihrem Schlummer geweckt und mir und vielleicht auch einem Anderen damit eine Wohlthat erwieſen. Ich bitte Sie aber, daß Sie dieſe meine Worte Niemanden als höchſtens Ihrem vertrauteſten Freunde mittheilen, denn ich mag nicht, daß man mehr. darüber ſpricht oder fabelt, als in der Wahrheit der Thatſache, die hier nur ſehr Wenigen bekannt, begrün⸗ det iſt. Leben Sie wohl und vergeſſen Sie nicht, bis heute über acht Tage uns wieder eine intereſſante Geſchichte aus Ihrem Leben mitzutheilen.“ Bald nach dieſer geheimen Unterredung verab⸗ ſchiedete uns die Fürſtin. Als ich aber beinahe zu⸗ letzt an die Reihe kam, ihr meine Abſchiedsverbeugung —— · zu machen, ſagte ſid ruhig und ohne eine Miene zu„ voerziehen: „Bleiben Sie noch einen Augenblick!“ Bis die Letzten ſich entfernt hatten, blieb ich, 4 einem Verbrecher, der ſeinen Richterſpruch erwartet, nicht unähnlich, in einem Winkel des Zimmers ſtehen; als aber der aufwartende Diener ſeinen Poſten an 347 ſich mit mir herzlich über mein Glück, ohne zu ahnen, wieviel er vielleicht ſelbſt durch ſeine geſtrige Er⸗ zählung dazu beigetragen hatte, mir daſſelbe zu ver⸗ ſchaffen. Um elf Uhr ließ ich mich bei der Fürſtin mel⸗ den. Sie war allein und ſaß in dem ſchwarzen Trauerkleide, das ſie noch immer trug, vor ihrem Schreibtiſch. Als ich eintrat, ſtand ſie ſogleich auf und ſchritt mir lächelnd entgegen. Beinahe ſtam⸗ melnd brachte ich meinen Dank vor, denn ich war zu tief bewegt. „Danken Sie nicht für eine Kleinigkeit, mein alter Freund,“ ſagte ſie,„die mir ſo wenig gekoſtet hat. Es wäre mir allerdings ein Leichtes, Ihnen eine Ihren Kenntniſſen und Erfahrungen noch entſprechendere höhere Stellung anzuweiſen, allein ich will Sie nicht als einen Protegirten in's Gerede bringen und wünſche Sie auch nicht mit Geſchäften unangenehmer Art zu ſehr zu belaſten. In der Ihnen heute verliehenen Stellung haben Sie nur mit mir perſönlich zu thun und behalten Zeit, und hoffentlich auch Luſt, mit mir zu bedenken und zu bereden, was um mich her nöthig iſt. So möchte ich es von jetzt an zwiſchen uns ge⸗ halten ſehen, da ich Ihnen mein volles Vertrauen ſchenke und in keiner Weiſe mich in Ihnen zu täuſchen 348 fürchte. Wollen Sie die Bibliothek beibehalten— denn die Verwaltung des Archivs wird Ihnen wenig Zeit fortnehmen— ſo behalten Sie ſie; wo nicht, ſo wird ſich ein geeigneter Mann ja wohl dazu finden laſſen. Was wollen Sie alſo thun?“ „Laſſen Sie mir in Ihrer Gnade auch die Biblio⸗ thek,“ bat ihn.„Sie nährt meinen Geiſt und ich bin bereits befreundet mit ihr; auch mäͤchte ich die Freude haben, das begonnene Werk in Bezu Suf Ordnung und Aufſtellung ganz zu vollbringen, und wenn ich nur noch einen tauglichen Gefährten erhalte, ſo wird ees mir, denke ich, in Jahresfriſt gelingen.“ „Damit bin ich einverſtanden.— Nun noch Eins, mein lieber Flemming. Es iſt aber ein Geheimniß, was ich Ihnen anvertraue und vor Ihnen hat es hier nur Ihr verſtorbener Amtsvorgänger gekannt, dem ich — zu vertrauen Urſache hatte und der in früheren. hren Ihre jetzige Wohnung innegehabt hat. Aus Ihrem Wohnzimmer führt von der Wendeltreppe aus, die in das Archiv mündet, über der vierzehnten Stufe eeine Seitenthür in dieſes mein eigenes Zimmer. Sehen Sie, hier hinter dieſem Sopha, der leicht beweglich auf Rollen ſteht, iſt die verborgene Thür. Das iſt der einfache Mechanismus. Hier dieſer Glockenzug ſetzt eine Klingel in Bewegung, die am Fuß der Treppe 4 32 4———— ———-—— in einem dunklen Winkel hängt. Sie werden ſie fin⸗ den, wenn Sie mit Licht hinein leuchten. Ich habe dieſe Einrichtung ſo vörgefunden. Früher mag ſie zu andern, vielleicht böſen Zwecken gedient haben, wir wollen ſie jetzt zu guten benutzen. So können Sie ungeſehn zu mir kommen, jeden Augenblick, wann ich Ihrer bedarf, und die Zeit iſt jetzt da, wo dies öfter geſchehen wird. Namentlich aber werde ich Sie zu mir berufen, wenn Sie mir bei einer Arbeit helfen ſollen, denn einer Hülfe, wie Sie ſie leiſten können, bedarf ich. So bewahren Sie alſo auch dies Ge⸗ heimniß. Ich liebe es nicht, ſelbſt von meinen ver⸗ trauteſten Dienern beobachtet zu werden, es knüpfen ſich zu leicht Beſprechungen daran, die mindeſtens überflüſſig, wenn nicht unangenehm ſind. Sind Sie damit einverſtanden?“ Ich wollte mich eben in eine weitläufige Dank⸗ ſagung einlaſſen, als die Oberhofmeiſterin gemeldet ward.„Ah,“ ſagte die Fürſtin,„da kommt Ihre beſte Freundin gerade zur rechten Zeit. Laſſen Sie die Gräfin eintreten, Zöllner.“ 3 Als die Gräfin Hohenheim mit ihrer ganzen ober⸗ hofmeiſterlichen Würde hereinrauſchte, um ſich wieder als geneſen zu melden, und dabei mich, dem die Freude das Geſicht hochroth gefärbt hatte, vor der Fürſtin 350 ſtehen ſah, hielt ſie verwundert eine Weile in ihrem Gange inne und trat dann ſtolz mit höfiſchen Schrit⸗ ten näher, mich weiter keines Blickes würdigend. Auf ihrer fahlen Wange brannte plötzlich ein rother Fleck, als wäre ihr eine höchſt unerwartete Ueberraſchung zu Theil geworden. „Sehen Sie da, liebe Hohenheim,“ ſagte die Für⸗ ſtin, nachdem ſich jene noch einmal tief verneigt hatte, „da iſt mein nenuer Archiv⸗Rath, Sie können ihm gleich Ihre Glückwünſche ausſprechen.“ Die Angeredete fuhr faſt erſchrocken einen Schritt zurück und ihr böſes Auge warf einen durchbohrenden Blick auf mich. Dann aber flog ein unheimliches ſpitzes Lächeln um ihre dummen Lippen, ſie verbeugte ſich in ceremoniöſeſter Form vor mir und ſagte kalt: „Auf den Befehl Ihrer Durchlaucht gratulire ich dem Herrn Archiv⸗Rath!“ worauf ſie ihre Meldung ab⸗ ſtattete und um Erlaubniß bat, ſich wieder entfernen zu dürfen, da ſie wohl ſah, daß die Unterredung der Fürſtin mit mir noch nicht ihr Ende erreicht hatte. In wenigen Minuten war ich mit der Fürſtin wieder allein. Sie lächelte, als die Gräfin abgetreten zwar, und ſagte:„Nun wird es in wenigen Minuten die ganze Stadt wiſſen, welches Glück Ihnen wider⸗ fahren iſt, und das iſt mir lieb. Ich möchte Sie 1. gern mit allen Leuten in gutem Einvernehmen ſehen, denn es iſt peinlich, Jemanden geringgeſchätzt zu fin⸗ den und verkleinern zu hören, den man zu achten Ur⸗ ſache hat. Gehen Sie alſo recht bald zu den Herren Miniſtern und ſtellen ſich ihnen in meinem Namen vor. Man wird Sie anders empfangen als früher, ich bürge dafür. Und wenn man Ihnen von Seiten meiner nächſten Umgebung wohlwollend entgegenkommt, wenigſtens mit einem ſo ſcheinenden Geſicht, ſo machen Sie ein ähnliches. Denken können Sie darüber was Sie wollen, das thue ich auch. Darum bitte ich Sie. So hoffe ich denn, daß bald eine allgemeine, wenig⸗ ſtens äußerliche Verſöhnung, ſelbſt mit dem Hofmar⸗ ſchall zu Stande kommen wird.“ „An mir ſoll es nicht liegen, wenn die Herren noch länger mit mir unzufrieden ſind, gnädigſte Frau — aber zu der Oberhofmeiſterin brauche ich doch nicht mehr zu gehen? Zwiſchen ihr und mir wird und kann keine Eintracht herrſchen, unſer Zwieſpalt ſchreibt fich von zu alten Zeiten her.“ Die Fürſtin lächelte heiter.„Ja,“ ſagte ſie,„ich weiß es, ſie kann nicht herrſchen, denn Ihr Beide ſeid wie Stein und Stahl!“ „Ich nehme den Stahl für mich in Anſpruch, Durchlaucht, wenn Sie es gütigſt erlauben.“ — 35⁵5² zum Zunder, bitte ich. Mögen Sie ſie denn bei Seite liegen laſſen, die böſe Frau hat es um Sie verdient, denn ſie allein hat Ihnen, wie ich jetzt weiß, eine ſo ungewöhnliche kalte Aufnahme bei uns be⸗ reitet.“— Als ich aus den Zimmern der Fürſtin in mein eigenes zurückkehrte, ſchien die Novemberſonne hell und freundlich herein. Der Anblick, obgleich ich ihn ſchon ſo oft genoſſen, überraſchte mich doch diesmal auf eine ganz eigenthümliche Weiſe und that mir un⸗ endlich wohl.„Großer Gott,“ ſagte ich dankbar, „Du läſſeſt jetzt endlich die Sonne nicht allein in mein Zimmer, ſondern auch in mein Herz ſcheinen, denn lange habe ich nur Wolken und Schatten zu ſehen bekommen. So haſt Du mich denn unerwartet glücklich gemacht und ich habe wieder eine Lebensſtufe errungen, von der herab ſich die Welt nur in Freude und Glanz darſtellt. O, laß mich lange ſo glücklich bleiben, wie ich es dieſen Augenblick bin, denn mich verhärtet das Glück nicht, mich macht es beſſer und reiner, und darum haſt Du es mir auch gewiß ge⸗ geben. O, meine arme Mutter, die D Du ſchon lange da unten in kühler Erde ruhſt, könnteſt Du doch jetzt einmal 31 mir treten und den frohen Schlag meines „Ja, ja doch, aber machen Sie mich nur nicht ¹ — 4 4 3⁵³ Herzens fühlen, Du würdeſt glücklich ſein gleich mir und mich gewiß wieder an Dein Herz drücken, wie Du es thateſt, als ich ein Knabe war und von dem Fluſſe herkam, aus dem ich dieſelbe gerettet, die mir jetzt jene geringe That ſo glänzend belohnt. O, meine Mutter— Dir würde ich auch ſagen, welche anderen Wünſche noch in meiner Bruſt leben— doch nein, nein, nein, auch Dir nicht, auch Dir nicht, denn ſelbſt dem guten Gott da oben, der mir ſeine Sonne zum Gruße ſendet, ſage ich es nicht, und ſo mag es denn allein in meiner Bruſt wohnen, wo Niemand, Nie⸗ mand es ſieht, noch hört, als ob es auf dem ſtillen Grunde des Meeres läge. O, es iſt ſchrecklich, ſchreck⸗ lich, ſeine Gefühle in ſo tiefes Waſſer ſenken zu müſ⸗ ſen, durch das man nicht ſchwimmen kann. Ich bin noch ſchlimmer daran als der axme Major und die kleine Prinzeß; Jenerxhatte doch noch einen Halloren, und dieſe mich zum Beiſtande, aber wen habe ich? Niemand! Und ſo werde ich wohl einſt verſinken und nicht mehr zur Oberfläche der Freude, des Glücks, der Lebenswonne zurückkehren.“ Ende des dritten Theils. 4 Der Sohn des Gärtners. III. Druck von Oswald Kollmann in Leipzig.