— — vrNr —* m — 2— — 2 7, 9 („ M — t N„ — 9 G Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. V Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von eenn Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 8„. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſeüen entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 8 6 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„„=»„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Nur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Kane feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5E‿ — —— 1 — Dentſch und Wälſch Erzählungen Max und Marie v. öchlägel. Vierter Band. Inhalt: Der geſtiefelte Kater.— Der Garniſonsteufel. eipzig, Ernſt Julius Günther. 1876. .. † — An der Pforte der Ewighkeit. Von Max v. Schlägel. v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 1 4 6—- 3— 8— b — 1 2 d , J. Bis zu einer Höhe von zweitauſend Fuß herab ſind die Berge noch tief verſchneit, aber bereits ziem⸗ lich kräftig liegt die blendende Februarſonne auf dem großen kahlen Platz, den die nicht ſehr zahlreichen Kurgäſte zwiſchen zwei Reihen erſt kürzlich ange⸗ pflanzter Bäumchen umwandeln.... Jeder, der an einem ſolchen beginnenden klima⸗ tiſchen Kurorte den Winter in der kleinen von Zufall und Krankheit zuſammengewürfelten Geſell⸗ ſchaft launenhafter und reizbarer Menſchen zuge⸗ bracht und ihre wenigen Freuden und großen Be⸗ ſchwerden wie eine Familienangelegenheit monatelang mitgenoſſen hat, weiß, wie ihm die beſten darunter allmählig öde und unerträglich wurden, gleich dem Speiſezettel des Mittagstiſches, dem für einen Winter geſchloſſenen Miethkontrakt, und der ewig gleichen 1* Liebenswürdigkeit des anfangs vergötterten Bade⸗ arztes.. Wie eine Erlöſung erſcheint da die Ankunft eines neuen Gaſtes... wenn auch nur für kurze Zeit, denn die Friſche, die er vielleicht mitgebracht, welkt ſehr bald in dem Dunſtkreis von Hypochondrie und Modiſance, welcher ſich vor einen ewig blauen Himmel ſpannt... Wie von einem elektriſchen Schlage be⸗ rührt, machte die ganze Kurgeſellſchaſt von A.. Front gegen die Straße, als ein vierſpänniger, von einem munteren italieniſchen Vetturin gelenkter Reiſewagen zwiſchen den Weingärten zum Vorſchein kam und im ſcharfen Trabe längs der Promenade entlang fuhr. Die Fahrſtraße führte im Halbkreiſe um den Kurplatz herum und des herrlichen Frühlingswetters wegen war das Dach des Wagens zurückgeſchlagen. Man hatte daher alle Muſſe, die Inſaſſen derſelben zu muſtern. Auf dem Rückſitz, dunkel gekleidet und in Pelze gehüllt, ſaß eine Dame, ihr gegenüber ein Herr, welcher den Pelzrock von den Schultern auf die Kniee hatte fallen laſſen. Beide waren jung, blond und ſchön und gehörten offenbar den höheren Geſellſchaftskreiſen an, was man ſchon aus der Ruhe ſchließen mußte, mit der ſie die allgemeine Neugier über ſich ergehen ließen. 5 „Dieſe Leute ſehen viel zu anſtändig aus, als daß ſie die Abſicht haben könnten, länger als einen Tag in dieſem Neſt zu bleiben!“ behauptete Demjanoff, ein eleganter, beſtändig heiſerer Ruſſe und in Folge ſeiner gefürchteten Zunge das natürliche Haupt der Malkontenten in A... Er richtete jene Bemerkung an Herrn Wilſen, den Beſitzer eines Berliner Mode⸗ lagers, welcher ſich trotz ſeiner Sichelbeine ſehr ſtramm hielt und deſſen geſellſchaftliche Sicherheit ſich weniger auf dem Bewußtſein eigenen hervorragenden Werthes, als auf einer eingehenden Kenntniß der Schwächen höherſtehender Geſellſchaftskreiſe zu beruhen ſchien. Herr Wilſen hatte einen ſcharfen Blick auf das bleiche ruhige Geſicht der vorüberfahrenden Dame ge⸗ heftet und dann ſeinen Hut gezogen. Die Dame dankte faſt unmerklich und ebenſo mechaniſch hob der ihr gegenüberſitzende Herr den Hut. Erſt jetzt hatte Herr Wilſen Zeit auf die Be⸗ merkung ſeines Begleiters zu antworten. „Die Majorin von Frank hat ſchon unglaublichere Dinge ausgeführt.“ „Sie kennen die Dame? Eine intereſſante Er⸗ ſcheinung, aber das Geſicht ihres Mannes iſt mir ſympatiſcher. Es iſt edler geſchnitten. Ich habe ſelten in einem männlichen Antlitz ſo zarte Farben und feine Linien geſehen. Und dennoch iſt es feſt und energiſch. Der junge Mann ſcheint mir kaum älter als fünfundzwanzig und ſchon Major?“ „Major von Frank iſt in einer der letzten Schlach⸗ ten des Jahres 1871 gefallen“, berichtigte Wilſen. „Der Herr, welcher die Majorin begleitet, iſt ein Graf Gothau und gar nicht oder entfernt mit ihr ver⸗ wandt. Die Majorin kann noch nicht wieder gehei⸗ rathet haben, oder man hätte davon geſprochen. Auch wäre höchſt wahrſcheinlich unſer Geſchäft mit der Anfertigung der Ausſteuer betraut worden.“ „Dann iſt dieſer junge Mann alſo ihr Geliebter, mit dem ſie fern von Berlin die Zeit zubringt, bis die Sitte es erlaubt, bei Ihnen offiziell die Ausſteuer zu beſtellen“, entſchied Demjanoff. „Das glaube ich nicht“, meinte Wilſen.„Ob⸗ wohl der Major viel älter war als ſeine Frau, ſo ſprach man ſeiner Zeit von einer romantiſchen Ge⸗ ſchichte, von Entführung oder ſo etwas. Ich erinnere mich nicht mehr genau, aber die Sache machte Auf⸗ ſehen. Uns einfachen vielbeſchäftigten Leuten fehlt das Verſtändniß für derlei und darum auch das Gedächt⸗ niß. So viel iſt gewiß, daß die Majorin, eine ge⸗ borene von Marwitz und eine der reichſten Erbinnen der Mark, einen harten Kampf mit ihrer Familie zu — — 7 beſtehen hatte, bis ſie den damaligen Hauptmann Frank, der erſt im Kriege Major und nobilitirt wurde, heirathen konnte. Man ſah ſie und ihren Gatten ſtets beiſammen und ihr Verhältniß galt für muſter⸗ haft glücklich.“ „Und wer iſt dieſer Graf Gothau?“ fragte Dem⸗ janoff. Man weiß in unſeren einfachen Kreiſen nicht viel mehr von ihm, als daß er für ſehr hübſch und geiſt⸗ reich gilt und ſeit Jahren als Attaché bei verſchiedenen Geſandtſchaften verwendet wird. Er ſieht gegen früher etwas angegriffen aus. Ich ſah ihn öfter, denn er war ſtets ſehr aufmerkſam gegen ſeine Mutter und wartete in unſern Magazinen oft ſtundenlang, wenn die Gräfin bei uns Einkäufe machte. Wahrſcheinlich hat er ſich in der Kriegszeit, die ja nach jeder Rich⸗ tung hin ſo viele Opfer forderte, überangeſtrengt und reiſt nun zur Herſtellung ſeiner Geſundheit im Süden- Dort wird er mit der Majorin von Frank, die er ja kennen muß, zuſammengetroffen ſein und ſie reiſen beide mitſammen. Ich finde das ſehr einfach.“ „Wenn die Herrſchaften um einige Jahrzehnte älter wären, ich auch“, bemerkte der Ruſſe trocken. Die beiden Herren wurden unterbrochen durch den Kurarzt, der eben aus dem Stern kam und die 8 Mittheilung brachte, daß die Kurgeſellſchaft eine inte⸗ reſſante Vermehrung erhalten habe; die eben ange⸗ kommenen Fremden hätten auf unbeſtimmte Zeit Zimmer im Stern genommen. Damit drückte der vielbeſchäftigte Herr den Beiden die Hände und eilte davon. „Dann zeigen Sie ſich gefälligſt die nächſten Tage weder im Stern noch auf der Promenade, wenn wir die intereſſante Vermehrung nicht wieder einbüßen ſollen“, bat Demjanoff. „Und warum?“ „Die Herrſchaften haben Sie trotz Ihres Grußes zum Glück nicht wiedererkannt, und werden nicht ſehr erbaut ſein, Sie hier zu treffen.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Seien Sie barmherzig!“ ſagte Demjanoff faſt mitleidig mit der gebräuchlichen Redensart ſeiner Landsleute, wenn ihnen etwas beſonders unglaublich erſcheint. „Ein jugendlicher Attaché und eine reizende Wittwe ziehen ſich nicht in ein ſolches Neſt zurück, um das größte Modelager der Reſidenz in Ihrer ſchätzenswerthen Perſon dort wiederzufinden.“ Es wäre für Herrn Wilſen bei dem beſten Willen ſchwer geweſen dem Rathe Demjanoffs ———— 9 zu folgen, denn eben erſchien Majorin von Frank und Graf Gothau auf dem Kurplatz und ſchritten ge⸗ raden Wegs auf die Beiden zu. Der Graf war etwas kleiner als Frau von Frank, ſein Wuchs ſehr zierlich und ebenmäßig, ſeine übrigens ruhige und elegante Haltung hatte etwas von jener Unſicherheit und Scheu, mit welcher an die Umgangsformen der höchſten Geſellſchaft gewöhnte Menſchen ſich manchmal in Kreiſe begeben, deren Ge⸗ wohnheiten ihnen unbekannt ſind. Es iſt die Furcht vor dem Unzukömmlichen, welche da oft eine Zurück⸗ haltung hervorbringt, die vielfach für Ueber⸗ hebung gilt.. Im Gegenſatz zu ihrem Begleiter beſaß die hoch⸗ gewachſene ſchlanke Wittwe eine haſtige zuckende Energie der Bewegungen, und bei aller Unruhe eine überlegene Sicherheit, wie ſie nur eine ſchöne vor⸗ nehme Dame oder ein ſehr liebenswürdiger und ge⸗ bildeter Mann zur Schau tragen darf, ohne unaus⸗ ſtehlich zu werden. Wenn ſie ging, ſo rauſchte ihre Schleppe wie eine zornige Welle hinter ihr her und blieb ſie ſtehen um den Grafen auf irgend etwas aufmerkſam zu machen, ſo geſchah es zuweilen ſo un⸗ vermittelt und ohne Rückſicht auf die ihr Begegnenden, 10 daß die Letzteren in ihrem Spaziergang unterbrochen verwundert die neuen Ankömmlinge anſtarrten. Die Majorin kümmerte ſich darum nicht. Sie ſchien gewohnt, daß man rückſichtsvoll zur Seite wich wenn ſie erſchien und vernachläßigte Jemand dieſe Pflicht, ſo blieb ſie ruhig ſtehen, bis man ihr Platz zum Weiterſchreiten gemacht hatte. Sie beſaß eines jener nördlichen Geſichter mit etwas unbeweglichen Zügen, für die es keine anderen Mittel des Gefühlsausdrucks zu geben ſchien als die Farbe, keinen tiefeingegrabenen Schmerz und kein Lächeln des Entzückens und welche doch ſo unendlich traurig ausſehen können mit der lethargiſchen Ab⸗ ſpannung, den halbgeſchloß'nen Augen und der geiſter⸗ haften Bläſſe. Und Wally von Frank lächelte nicht, wenn ſie auch noch ſo lebhaft zu ihrem Begleiter ſprach und ihre Wimper hob ſich nicht ein einziges Mal um einen der Menſchen näher anzuſehen, die ihr ſo neugierig nachſtarrten. 4 Sie wäre wohl ebenſo theilnahmlos an Wilſen vorübergegangen, wenn dieſer nicht ſeinen Hut tief von ſeinem glänzend ſchwarzen Toupet gezogen hätte, daß es nicht wohl zu überſehen war. Wally erhob etwas den Kopf, ſah den Grüßen⸗ 44 den einen Augenblick durch ihre halbgeſchloßnen grauen Augen an und ſagte mit einem Gleichmuth, welche alle Vorausſetzungen Demjanoffs durcheinanderwarf: „Sieh da— Wilſen— Wie kommen denn Sie hieher?“ Wilſen ſprach von ſeiner angegriffenen Geſund⸗ heit, die einer Erholung dringend bedurft habe. So habe er denn das ſchmerzliche Opfer bringen und ſein Geſchäft, wenn auch unter der Obhut ver⸗ trauenswürdiger„Beamten“, einen Winter lang ver⸗ waiſt zurück laſſen müſſen. Die Wittwe hatte von all dem nichts vernommen als die Zeitbeſtimmung und fragte mechaniſch ihren Begleiter: „So, den ganzen Winter— wie lange ſind wir eigentlich von Berlin fort Gothau?“ Das feine Geſicht des Grafen erröthete leicht. Die Frage ſchien ihm peinlich, noch peinlicher aber die Anweſenheit Demjanoffs welcher, ohne vorgeſtellt zu ſein, neben Wilſen ſtehen geblieben war. „Seit dem Herbſt“, antwortete er und fügte dann, wie um die Sache vergeſſen zu machen die Frage hin⸗ zu, ob Mama vor Wilſen's Abreiſe in ſeinem Ge⸗ ſchäft geweſen ſei und wie ſie ausſähe. Herr Wilſen beſtätigte das vortreffliche Befinden 12 der Frau Gräfin im Monat November vorigen Jahres. Mit einem zerſtreuten Blick und einem freund⸗ lichen Kopfnicken hatte Wally ihren Weg fortgeſetzt. „Nun?“ fragte triumphirend Herr Wilſen, als er mit Demjanoff allein war. Der Geſchäftsmann hatte ſich durch die Erkennungſcene ſehr geehrt gefühlt und deßhalb keine Veranlaßung von ſeinen Kunden Uebles zu glauben. „Es ſind blos zwei Fälle möglich“, ſagte der Ruſſe nachdenklich.„Entweder Sie thun gut, für das neue Paar die Ausſteuer vorbereiten zu laſſen, oder die deutſchen Nihiliſten ſind den unſrigen noch um einige Naſenlängen voraus.“ „Aber das Einfachſte wäre doch anzunehmen, daß meine Freunde deßhalb ſo unbefangen miteinander verkehren, weil ihre Beziehungen die reinſten ſind.“ Der Ton, in welchem Wilſen das ſagte, klang etwas gereizt. Demjanoff erhob ablehnend die Hand: 3 „Seien Sie barmherzig lieber Freund!“ II. Herr Arthur Demjanoff ſollte von der Ausſteuer⸗ bedürftigkeit oder dem Nihilismus der Neuangekommenen noch gründlicher überzeugt werden. Denn ohne jede —ÿ———::4— 13 Ahnung ſeines weltmänniſchen Scharfblicks hatten ſie erklärt, an der Tafel des Stern theilnehmen zu wollen und waren Demjanoff gegenübergeſetzt worden. Herr Wilſen hatte es ſeit der Ankunft ſeiner Kunden vor⸗ gezogen, der Tafel fern zu bleiben, bei ſeiner Kennt⸗ niß ariſtokratiſcher Gewohnheiten wohl in der Abſicht, durch geſellſchaftliches Vordrängen nicht noch ſein Geſchäft zu ſchädigen, welches ohnehin ſchon durch ſeine Abweſenheit genug litt. Der ſfeptiſche Ruſſe ergriff ſofort eine Gelegenheit, an den Grafen Gothau bei Ueberreichung des Salzfaſſes das Wort zu richten. Der junge Mann hatte einige Male höflich geant⸗ wortet und das Geſpräch dann einſchlafen laſſen. Ueberhaupt ſchienen die Wittwe und er die Abſicht zu haben ſich auch an der Tafel auf ſich und ihre Flaſche Sekt zu beſchränken. Graf Gothau, nachdem er ſeine ariſtokratiſche Scheu vor dem fremden Menſchen über⸗ wunden, hatte nur mehr Blicke für Frau von Frank, welche er mit der eiferſüchtigen Dienſtbefliſſenheit eines bevorzugten Pagen bediente. Das Benehmen der Majorin war wechſelnd und allen Anweſenden mit Ausnahme des cyniſch lächelnden Demjanoff ein Räthſel. Oft ſchaute ſie mehrere Minuten lang in träumeriſcher Selbſtvergeſſenheit auf ihren Teller und ſchien nichts von alledem zu hören und zu ſehen, 14 was um ſie vorging, dann wieder überließ ſie ſich ohne erkennbare Urſache einer flackernden Luſtigkeit, mit welcher der Graf nicht immer gleichen Schritt zu halten vermochte. Nachdem auch die Majorin von Frank einige an ſie gerichtete Bemerkungen ihrer Nachbarn überhört hatte, gewöhnten ſich dieſe an die Art der neuen Gäſte, ließen ſie unbehelligt und kehrten zu ihren gewohnten Tiſchgeſprächen zurück. Dazu lieferten die materiellen Bedingungen ihres Aufenthaltes das nicht ſehr abwechſelnde doch unerſchöpfliche Thema. 1 Man erzählte ſich flüſternd und mit mißtrau⸗ iſchen Seitenblicken auf die Neuangekommenen einige neue Mißgriffe des Kurarztes, der ſich allmählig als der„craſſeſte Ignorant“ herausſtelle. Vor drei Mo⸗ naten noch unter dem beruhigenden Einfluß des Spät⸗ herbſtes hatte man ſich Glück gewünſcht, eine ſolche wiſſenſchaftliche Capazität an einem ſo wenig be⸗ kannten Kurorte gefunden zu haben. Verſchiedene Hauswirthe, an denen man anfangs die ganze Liebens⸗ würdigkeit der lateiniſchen Race bewundert hatte, ſtellten ſich immer mehr als ganz gewöhnliche Wege⸗ lagerer heraus und über den Wirth zum Stern und ſeine Mittagstafel hatte man nachgerade auf jede andere als mimiſch plaſtiſche Kritik verzichtet— was 10 half das Reden! Da alle jene Herrn einander in die Hände arbeiteten war man gezwungen, ſich langſam vergiften zu laſſen. In der Verurtheilung des gegen ſie in's Werk geſetzten Vergiftungs⸗ und Ausſaugecomplottes waren die Winter⸗Kurgäſte alle einig, unbeſchadet der Spal⸗ tungen, welche ſie ſich von Zeit zu Zeit unter ſich ſelbſt geſtatteten. Kein noch ſo ſcharfſichtiger Judenfeind z. B. hätte in dem leuchtenden Blond und der Stumpfnaſe der Madame Commerz nur eine ideale Andeutung ſemitiſchen Urſprungs entdeckt: dennoch war es ſtehend geworden, daß die Dame alle drei bis vier Tage ſich geräuſchvoll und mit allen Zeichen verächtlicher Ent⸗ rüſtung von der Tafel erhob und aus dem Saal rauſchte. Man iſt verwundert, ſchüttelt den Kopf und— vergiftet ſich weiter! Bei der Morgenpromenade des andern Tages nimmt der Kurarzt Herrn Arthur Dem⸗ janoff zur Seite und bittet ihn bei Tiſch doch die religiöſen Gefühle der Frau Commerz etwas mehr zu ſchonen. Der körperliche Zuſtand der Dame entſchul⸗ dige eine gewiſſe Reizbarkeit u. ſ. w.. „Aber ſeien Sie barmherzig“, haucht Demjanoff, denn er iſt in Folge vielen Sprechens heiſerer als je. 46 „Ich bin ja doch ein vernünftiger Menſch und werde doch nicht... pah! es iſt zu albern! Rittmeiſter Danner und ich ſprachen von ſeinen Reiſen und Aben⸗ teuern in Paläſtina, er hat alle merkwürdigen Stellen beſucht; aber die Bewohner, über die er ſich be⸗ klagt hat, ſind doch gegenwärtig Türken, und Frau Commerz iſt doch eine ganz unverſchleierte...“ „Ich muß bitten, keine Anzüglichkeit gegen meine weiblichen Patienten!“ erklärt der Doctor, dann eilt er hinweg und bringt Frau Commerz die beruhigende Mittheilung, daß Herr Arthur Demjanoff die Unzu⸗ kömmlichkeit ſeines Benehmens eingeſehen und abge⸗ beten habe. Am andern Tag erſcheint Frau Commerz mit der Miene einer Tiefgekränkten wieder und wirft Dem⸗ janoff einen vorwurfsvoll verſöhnten Blick zu. Das dauert ſo lange, bis Rittmeiſter Danner bei Erwäh⸗ nung ſeines vorjährigen Winteraufenthaltes von ſeiner Sehnſucht nach den Fleiſchtöpfen Egyptens ver⸗ lauten läßt.. So lebhaft Demjanoff ihm zunickte, das verhäng⸗ nißvolle Wort und— Frau Commerz ſind heraus. „Fatale Angelegenheit“, meint der Kurarzt kopf⸗ ſchüttelnd.„Frau Commerz hat einen Vetter, der Redacteur iſt und ſchreibt eben einen fulminanten 17 Artikel über den religiöſen Fanatismus der hieſigen Kurgäſte. Das kann einem Platze, der im Aufblühen iſt, ſehr ſchaden...“ „Das wäre noch nicht das Schlimmſte“, ſeufzte Demjanoff,„aber das Unweib hungert uns aus. Seit ſie auf ihrem Zimmer ißt, reicht der Braten nie mehr bis er zu mir kommt. Wiſſen Sie was, Doctor, ſagen Sie ihr ich ſei auch ein Jude. Mir kommt es nicht darauf an.“ „Auch die Dänin hat ſich beſchwert und will ab⸗ reiſen, weil die Preußen ſie inſultiren. Sie hat Frau von Franck angeſprochen und dieſe hat ihr nicht ge⸗ antwortet.“ „Aber Madame„Dagbladet“ verſteht ja kein Wort Deutſch.“ „Sie behauptet: alle Preußen verſtehen Däniſch, wenn ſie nur wollen.“ „Gott ſei Dank— ich glaube ſchon, Rittmeiſter Danner und ich ſeien die paſſionirteſten Preußen, ob⸗ wohl ich noch nie ein breiteres wiener Deutſch gehört habe, als aus ſeinem Munde. Doch ſagen Sie ein⸗ mal Ihre Warnung, Doctorchen! In welchen Be⸗ ziehungen ſtehen Ihrer Anſicht nach die beiden Leute zu einander.“ 3 Deer Doctor hob die Schultern ſehr hoch und ſagte mit Würde: v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. d0 18 „Frau von Frank iſt meine Patientin!“ „Seien Sie barmherzig! Trinkt alle Mittag ihre halbe Flaſche Röderer blanche und iſt bei jedem Wetter bis ſpät Abends im Freien....“ Der Doctor zog den Hut und ging. Die Ma⸗ jorin hatte ihn allerdings kommen laſſen, ihm von ihrer Schlafloſigkeit und nervöſen Aufregung erzählt und ihn gebeten, ihr eine ziemlich große Doſis von Opium zu verſchreiben, das ſie ohne Recept nicht in der Apotheke zu erhalten vermöge. Der Doctor hatte ſie natürlich vor Mißbrauch gewarnt, aber auf die Verſicherung Wally's, daß ſie damit umzugehen wiſſe, das Verlangte verſchrieben. Demjanoff hatte übrigens recht, daß die Lebens⸗ weiſe der intereſſanten Wittwe nicht die einer Kranken ſei; alle Tage faſt führten ſie und ihr Begleiter eine andere Partie aus, zu Wagen, zu Maulthier, zu Fuß, und zu allem gab ſie ſich mit der eigenthümlichen zer⸗ ſtreuten Haſt hin, welche ihr ganzes Auftreten kenn⸗ zeichnete. Der ſchärfſte Ritt gab ihren Wangen keine Röthe und glanzlos lagen ihre Blicke auf der fremdartigen Romantik der ſüdlichen Gebirgsgegend, welche ſie durchſtreiften. Der Wechſel der Temperatur nach Sonnenuntergang iſt in dieſen Gegenden und zu dieſer 19 Jahreszeit beſonders ſchroff. Wally dachte nie daran, ein Tuch zu nehmen, wenn ſie den Nachmittag auf allen Felſen herumgeklettert war und dann ſpät Abends im offenen Wagen heimfuhr. Da war es Gothau, der für die Freundin ſorgte, mit einer Zärt⸗ lichkeit, welche, ſo innig ſie war, wenig gemein hatte mit der eines Bruders. Je mehr ſich die Beiden an ihre tägliche Um⸗ gebung gewöhnten, deſto weniger ſchien dieſe für ſie vorhanden zu ſein. Immer rückſichtsloſer überließ ſich Wally ihren ſprunghaften Einfällen und immer offener nnd unverkennbarer wurde die Hingebung des jungen Grafen an ſie. Weit entfernt ihre auf⸗ fallenden Handlungen durch ſein Benehmen wieder gut machen zu wollen, ſanktionirte er ſie, indem er ſich ihnen, allerdings immer mit der ihm eigenen Ruhe und Zartheit, aber ohne Zurückhaltung, über⸗ ließ. Wenn es Wally gefiel, ſich auf die Treppe zur Kurhalle zu ſetzen während alle Anweſenden lächelnd an ihr vorübergingen, ſo ſaß Graf Gothau im nächſten Augenblick eine Stufe tiefer neben ihr. Wenn ſie in ihrer unbekümmerten Weiſe unter die Leute eilte, ſo wichen diejenigen, welche ihr nicht aus dem Wege gehen wollten gewiß zur Seite vor 2*½ 20 dem drohenden Blitz, der ſie aus den blauen Augen Gothau's traf... Und dennoch ſchien ſich Wally um ihren Be⸗ gleiter ebenſo viel oder ſo wenig zu kümmern, wie um die übrige Welt. III. Die Kurgeſellſchaft war übereingekommen, daß Rang und Stand nicht über die Sitte hinweg heben dürfen, daß der vertraute Umgang der Frau von Frank mit dem jungen Grafen als ſehr ſträflich zu betrachten ſei und daß man ſeine Mißbilligung gegen den Scandal dadurch beweiſen müſſe, daß man ſich völlig von den Beiden zurückziehe. Der Ausführung dieſes Entſchluſſes ſchien um ſo weniger ein Hinder⸗ niß entgegen zu ſtehen als die Wittwe und ihr jugend⸗ licher Ritter noch nicht den geringſten Verſuch gemacht hatten, ſich der übrigen Geſellſchaft anzuſchließen. Aber das Ignoriren ging ſchwerer, als man ge⸗ dacht hatte. Wally hielt die allgemeine Aufmerkſam⸗ keit fortwährend in Athem. Bald waren es die Maulthiertreiber und Bergführer, welche die unglaub⸗ lichſten Erzählungen von den Heldenthaten und der Todesverachtung der„Preußin“ im Gebirge erzählten, dann wieder brachte ſie ganze Nachmittage in der großen katholiſchen Pfarrkirche zu, während Graf Gothau geduldig vor dem Portale auf und ab⸗ ſchritt. Eines Morgens endlich fand man die enge Straße in welcher der Stern lag, ſthatſächlich verſperrt durch Kinder und Bettler, welche zu der„Principeſſe“ verlangten. Es ſtellte ſich heraus, daß eine Dame, welche der Beſchreibung nach nur Wally ſein kannte, in den Weingärten ſpazieren gegangen war und einem krankausſehenden und zerlumpten Ziegenhirten eine Tauſendguldennote geſchenkt hatte. Selbſt Herr Wil⸗ ſen ſchüttelte den Kopf und behauptete genau zu wiſſen, daß eine ſolche Wohlthätigkeit in den gegen⸗ wärtigen Vermögensverhältniſſen der Wittwe nicht ganz begründet ſei und auch ſpäterhin, wenn Herr von Marwitz, ihr Vater, das Zeitliche geſegnet haben werde als ein Unſinn zu betrachten ſein dürfte. Man ſah es dem gewiegten Kenner der hauptſtäd⸗ tiſchen Ariſtokratie an, daß er Frau von Frank von jetzt an unter die Kunden zweiten Ranges rechnen werde. Demjanoff hatte ſich bei all dem ſo über die Ge⸗ bühr angeſtrengt, daß ſein Halsleiden in ein bedenk⸗ lich akutes Stadium getreten war. Er vermochte nur mit großer Anſtrengung vernehmlich zu ſprechen 22 und hatte in der Nacht öfters Stickanfälle und uner⸗ trägliche Schmerzen. Düſter und eingefallen kam er wieder einmal zu Tiſche und nahm ſchweigend ſeinen Platz neben Ritt⸗ meiſter von Danner ein, der ihn alsbald fragte, wie er ſich befinde: „Schlecht!“ hauchte Demjanoff.„Ich habe heute Nacht zum erſten Mal ein Gefühl empfunden, über das ich bisher immer geſpottet: Furcht vor dem Tode! Haben Sie noch nie davon gehört, daß man ſich aus Furcht vor dem Tode das Leben nehmen kann?“ Rittmeiſter Danner glaubte ſeinen Tiſchnachbar am wirkſamſten zu beruhigen, indem er ihn aus⸗ lachte. „Selbſtmord aus Todesfurcht, das iſt zu ko⸗ miſch.“ Demjanoffs verfallne Züge ſahen nicht aus, als ob er die Sache komiſch finde. Andere Tiſchnachbarn miſchten ſich in's Geſpräch und es wurde natürlich auch wieder die Albernheit zum Beſten gegeben, daß Selbſtmord immer eine Feigheit ſei. Wally hatte etwas den Kopf erhoben und ſchien dem Geſpräch eine außergewöhnliche Beachtung zu ſchenken. Ihre Lippen zuckten höhniſch als ſie die 23 ebenangeführte Phraſe hörte, dann wieder winkte ſie unwillkürlich wie in ſtummem Einverſtändniß. Einer der Herrn, ein junger Gelehrter, benützte die Gelegenheit zu einem kleinen Vortrag aus dem Stegreif, und verbreitete ſich über die An⸗ ſchauungen über den Selbſtmord bei den Alten, vorzüglich bei den Römern, ein Volk, von dem trotz alles gegen⸗ wärtig üblichen Herabſehens auf claſſiſche Studien denn doch nicht geleugnet werden könne, daß es im Ver⸗ gleich zu ſeinem beſchränkten Geſichtskreis, und in An⸗ betracht, daß die Wiſſenſchaft noch in den Windeln lag, eine ganz leidliche Präciſion und Denken ent⸗ wickelt habe. Bei dieſem Volke ſei es ganz ſelbſtver⸗ ſtändlich geweſen, daß jedermann das Recht habe, ſich ein Leben zu nehmen, welches ihm unerträglich ge⸗ worden ſei. Plinius der Jüngere erzähle mit an⸗ muthiger Trockenheit den Selbſtmord eines von einer unheilbaren ſchrecklichen Krankheit Gequälten als et⸗ was Natürliches und ebenſo natürlich fand er es, daß der Scheidende ſeine Freunde einlud, um ſeinen letzten Augenbicken beizuwohnen. Die Alten kannten einen abſoluten Werth des Lebens nicht und wenn wir Modernen auf einer gewiſſen Höhe des Denkens ange⸗ langt ſind und uns einen Angenblick außer uns ſelbſt zu ſtellen vermögen, wird auch der Tod beziehungs⸗ 24 weiſe die freiwillige Herbeiführung desſelben viel von ihrem traditionellen Schrecken verlieren. „Sie ſind ja ein Heidenprofeſſor!“ rief Rittmeiſter Danner lachend und huſtend zugleich über ſeinen wohlgemeinten Scherz. „Religiöſe Standpunkte vermögen nur verwirrend auf die Reſultate des Denkens einzuwirken!“ ant⸗ worte der Heidenprofeſſor unerbittlich. Frau Commerz rückte ſehr geräuſchvoll mit ihrem Stuhl, da aber der Profeſſor die verſchiedenen Be⸗ kenntniſſe nicht einzeln anführte, glaubte ſie für dies⸗ mal ſitzen bleiben zu dürfen. Zudem hatte man etwas Unglaubliches erlebt. Frau von Frank ſprach mit Jemanden von der Tiſch⸗ geſellſchaft und noch dazu mit Demjanoff den ſie bis⸗ her ſo auffallend nicht beachtet hatte. „Dieſer Herr hat Recht“, ſagte ſie mit dem Tone tiefſter Ueberzeugung und blickte ihm mit einer Art trauriger Sympathie in die ſchmerzverzerrten Züge. „Wenn man ſich einmal von den tauſend liliputa⸗ niſchen Fäden losgeriſſen hat, mit denen uns Ge⸗ wohnheit und Fantaſie an die Welt feſſeln, wenn wir nur eine Minute lang darüber nachgedacht haben, daß der ſchmerzloſe Tod nichts anderes iſt, als ein Schlummer aus dem man nicht wieder zu erwachen 25 braucht, ſo iſt der Schritt über die dunkle Grenze leicht. Man wird ſich, wenn die Erinnerung eines großen Unglücks, ein nagender Vorwurf das Wohlge⸗ fühl der Exiſtenz hoffnungslos zum Gegentheil ver⸗ kehrt hat, ſich mit derſelben Ruhe die Pulsader ent⸗ zwei ſchneiden, mit welcher man irgend eine andere ſchmerzſtillende Operation an ſich vorgenommen hätte....7 Mochte es der Ernſt des geſprochenen Thema's ſein, oder die Ueberraſchung, Frau von Frank ge⸗ rade bei dieſem Anlaß das Wort ergreifen zu hören, alles ſchwieg.... Ueber Wally's marmorblaſſe Wangen flog ein leichtes Erröthen, als ſie in das überraſchte und erregte Antlitz Gothau's blickte. Unruhig ſtand ſie auf und rauſchte auf ihr Zimmer. Gothau folgte ihr dahin. „Vergeſſen Sie, was ich geſagt habe“, bat Wally mit einem innigeren Ton als je.„Man wird immer melancholiſcher in dieſer Krankenatmosphäre! Wir wollen einen Wagen nehmen und ein wenig auf die umliegenden Dörfer fahren. Man ſagt, daß die Armen das Leben lieben. Wir wollen verſuchen es von ihnen zu lernen und es einzelnen von ihnen zum Dank dafür etwas erträglicher geſtalten.“ 26 Sie ſchüttelte ihre blonden Locken und ein wärmerer Blick als je ſtreifte ihren Freund. „Ich brauche das nicht zu lernen“, ſagte Gothau ernſt,„denn ich liebe das Leben, um Sie zu lieben.“ „Gothau!“ rief Wally erſchreckt.„Erinnern Sie ſich, unter welchen Bedingungen ich in Ihre Beglei⸗ tung willigte, als wir auf dem Anhaltiſchen Bahn⸗ hof zuſammentrafen. Gothau, ſagte ich Ihnen, als man uns allein in ein Coupee geſpert hatte; es wäre unwahr, wenn ich leugnen wollte, daß ich von Ihrer Verehrung weiß, als ich noch Mädchen und Sie Knabe waren, und Sie verſichern mir ſo dringend, daß Sie meiner nicht vergeſſen haben, fuhr ich fort, daß ich befürchte, Sie möchten ſich, wenn ich Ihre Begleitung annehme, durch meinen Wittwen⸗ ſtand zu Fantaſien hinreißen laßen, die— vergeb⸗ lich wären. Verſprechen Sie mir darum, ſagte ich, daß Sie jeden Gedanken an andere Beziehungen zwiſchen uns, als rein freundſchaftliche ſorgfältig fern⸗ halten und mir nie von Liebe ſprechen wollen— dann wollen wir als gute Kameraden miteinander die Welt durchziehen und uns ſo gut als möglich unterhalten— bis, nun das werden wir ja ſehen... „Ich habe verſprochen, was ich nicht halten —— 276 kann, verachten Sie mich darum!“ ſagte Gothau dumpf. „Aber Sie müſſen es halten!“ rief Wally erregt und unruhig.„Auch ich halte was ich verſprochen, Sie dürfen nicht ſchwächer ſein als eine Frau. Nur noch wenige Tage, Ernſt!“ „Und dann.“ Wally ſah ihn mit einem langen Blick an. „Dann— werde ich Ihnen nicht mehr gefähr⸗ lich ſein.“ IV. Wieder hatte Wally große Summen an arme Leute gegeben und war dabei mit ihrer haſtigen träumeriſchen Art verfahren; Gothau hielt es für ſeine Pflicht, ihr von dieſem Beginnen abzurathen, wenn ſie es nicht vorziehe, ſein Vermögen für ihre Zwecke zu verwenden. Sie hatte ihn darauf lange und traurig angeſehen und ihre Geldſpenden eingeſtellt. Auch war ſie ru⸗ higer und ſehr nachdenkend geworden ſeit jenem Tag und blieb öfter als ſonſt allein auf ihrem Zimmer. Gegen Gothau war ſie ſanft und hörte ſeine Worte, mit denen er ſie aufzuheitern ſuchte, mit ruhiger Schwermuth an. So frei Wally auch in der Oeffentlichkeit mit Gothau verkehrte, ſo hatte ſie es immer mit echt weiblichem 28 Geſchick zu vermeiden gewußt, daß er die Abende allein mit ihr zubrachte. Um ſo freudiger erſtaunt war der junge Graf, als ſie ihn nach einem ziemlich ſchweigſamen Spaziergang einlud, den Thee bei ihr zu nehmen. Es dauerte bei der ſchlechten Bedienung lange bis alles ſervirt war. Ernſt machte Wally die Honneur's der Hausfrau und eine lange Pauſe trat ein, während welcher nur der Rauch aus den Taſſen emporſtieg und der Theekeſſel leiſe ziſchte. Es war wieder Froſt eingetreten und ein paar große Olivenblöcke glühten im Kamin... „Ich hätte dieſe Unterredung gern vermieden“, be⸗ gann die Wittwe mit etwas unſicherer Stimme, die aber nach und nach an Haſtigkeit zunahm.„Ich wollte von Ihnen gehen, ungeahnt, wie wir vor länger als einem halben Jahr zuſammengetroffen waren. Ihr edelmüthiges Benehmen der letzten Tage jedoch hat es mir unmöglich gemacht, mich wie ein ungetreuer Freund von Ihrer Seite wegzuſchleichen. „Ich weiß, daß Sie ein ſtarker charakterfeſter Mann ſind und mich entſchuldigen, auch vielleicht nicht verſtehen werden. Wir müſſen uns trennen, Gothau — und ich werde Ihnen auch ſagen warum!“ Der junge Mann hatte ſchweigend und bewegungs⸗ 29 los zugehört. Nur ſeine Augen waren immer größer, ſeine Wangen immer bleicher geworden. „Bisher“, fuhr die Wittwe, indem ſie es vermied Gothau anzuſehen, mit ſchwermüthiger Ruhe fort, „habe ich es unterlaſſen, mit Ihnen von meinem Gatten zu ſprechen, weil ich vorausſetzen konnte, daß Ihnen das Thema kein willkommenes ſei. Heute kann ich die Erwähnung des edlen Todten nicht wohl umgehen. Sie wiſſen vielleicht, daß meine Verbindung mit Frank eine Heirath aus Neigung war, oder aus Eigenſinn, wie mein Vater ſagen würde. Mag' es ſo ſein. Man weiß ja nie wo die eine anfängt und die andere aufhört. Mein Vater konnte die ruhige Würde Frank's nicht ertragen, und haßt ihn, glaub' ich, jetzt nach ſeinem Tode noch. Auch in mir wallte anfangs das ariſto⸗ kratiſche Blut trotzig auf gegen die ſanfte wohl⸗ wollende Ueberlegenheit des bürgerlichen Hauptmann's — trotzdem ich fühlte, daß der Mann mich inte⸗ reſſirte, oder vielleicht weil ich es fühlte, gab ich meinem Vater recht. Es ging nicht wohl an, den Hauptmann von unſern Geſellſchaften auszuſchließen, da mein Vater ſonſt das ganze Offizierscorps beleidigt hätte, dem er früher angehörte. Ich hatte es daher übernommen, Frank fühlen zu laſſen, daß es nicht auffallen werde, wenn er ſich bei der nächſten Ein⸗ ladung entſchuldigen laſſe. Ich war ſehr ſchlecht und grauſam damals. Es war nur die Erfüllung einer Anſtandspflicht gegen die Tochter des Hauſes, daß er mich zum Tanz aufforderte und ſich mit mir unter⸗ hielt. Er that dieß in gemeſſenſter und zurückhaltend⸗ ſter Weiſe und dennoch gelang es mir, ihn zu ver⸗ höhnen und aufs Tiefſte zu verletzen. Ich verhöhnte ihn in dem, was ihm nach mir am theuerſten war, in ſeiner Standesehre, indem ich in dem Geſpräche, das ich ſelbſt herausgefordert, behauptete, daß ich von bürgerlichen Offizieren auch vor dem Feinde nicht viel Tapferkeit erwarten könne, da ihnen ja mit dem Be⸗ griff der Familienehre jede höhere Anſchauung von ihrer Pflicht mangeln müſſe. Indem ich das ſprach, fühlte ich ſelbſt, daß es abſcheulich war, was ich ſagte. Aber Frank ſchwieg und ſah) mich traurig an, als ob er mich tief bedaure. Das reizte mich noch mehr. Ich machte das Maß voll, indem ich mich entſchuldigte, in der Zerſtreuung vergeſſen zu haben, zu wem ich ſprach. Er ſchwieg und nach einigen Tagen hörte ich, daß er ſich mit einem ſeiner Kameraden, der das Geſpräch mit angehört und ſich gegen Frank beleidigend über mich ausgelaſſen, auf Tod und Leben gefordert habe. Nur durch die Er⸗ klärung ſeines Kameraden, daß er ſeine Aeußerungen 31 zurücknehme, gab Frank ſich zufrieden. Die Einzeln⸗ heiten dieſes Vorfalls, die ich von glaubwürdigſter Seite, nämlich durch meinen eigenen Bruder erfuhr, zeigten mir in Frank einen Mann von einer Herzens⸗ größe, wie ich ſie nie geahnt, die Liebe, gegen die ich mich ſo lange gewehrt, betäubte mich und ſinnlos von glühender Beſchämung ſchrieb ich an Frank und bat ihn mich zum Weib zu nehmen— wenn er mich noch lieben könne. Dann theilte ich meinem Vater mit, was ich ge⸗ than. Der ſtolze alte Mann erklärte, daß ich voll⸗ jährig ſei und ſeines Rathes nicht bedürfe. Am andern Tage reiſte er auf ſeine Güter und hat ſich niemals überzeugen laſſen, daß ich nicht einem ganz gewöhnlichen Theatercoup eine glänzende Zukunft ge⸗ opfert. Ich aber lernte in unſerer kurzen Ehe immer mehr erkennen, daß es eine bewußte Herzensgüte und erhabene Großmuth gibt, welche ſelbſt durch den Wechſel meiner Stimmungen nicht erſchüttert werden konnte. Ich liebte und quälte meinen Mann unſäg⸗ lich, aber mehr noch bewunderte ich, wie er alles das ertragen und mich immer gleich lieb behalten konnte mit ſeiner milden ſonnengleichen Wärme. Er war die Stütze und der Mittelpunkt meines verfahrenen haltloſen Gemüthes geworden und ich verlor alle Faſſung, als der entſetzliche Krieg ihn von meiner Seite rief. Ich ſchwor ihm, daß ich ihn nicht über⸗ leben wolle, wenn er falle. Er ſtrich mir beruhigend über die Stirn und ſagte: Ich will Dich nicht täuſchen Wally! der Krieg wird ſchrecklich werden, ich werde meine Pflicht thun bis zum Ende und das kann allerdings der Tod ſein! aber es würde mir das Sterben noch ſchwerer machen, wenn ich denken müßte, daß es auch dich unerbittlich nachzöge in die räthſel⸗ hafte Tiefe; ich weiß es, daß Du mit Deinem vollen Herzen jetzt nur mich kennſt, aber Du beſitzeſt zu viel Lebenskraft in Dir ſelbſt, um nicht eine noch ſo ſchreckliche Trennung zu überdauern. Ich kann nur ruhig von Dir ſcheiden, wenn Du mir verfprichſt ein Jahr nach meinem Tode noch leben zu wollen. Dann biſt Du Herrin Deiner Handlungen...“ Ich ver⸗ ſprach es, um ihm einen Schmerz zu erſparen. Er mußte ja wiederkommen. Er durfte ja nicht fallen...“ Wally ſchwieg und ſchaute mit geiſterhaften Zügen vor ſich hin. „Er iſt gefallen“, begann ſie dann leiſe wieder, „und ich habe mein Wort gehalten, ſo ſchwer es mir wurde. Ein halbes Jahr hatte ich halb betäubt da⸗ hingelebt, da kam mir der Gedanke, die Reiſe zu 33 machen, die wir beſchloſſen hatten und den Erinne⸗ rungen nachzutaſten, welche Frank, treu wie er war, von einer italieniſchen Wanderung aufbewahrte. Dann traf ich Sie Gothau, im Begriff, ebenfalls nach dem Süden zu gehen. Wie ſehr ich Ihnen danke mag Ihnen die Aufrichtigkeit dieſer Stunde beweiſen Meine Zeit iſt um. Ich käme mir ſelber wie die ſchalſte Comödiantin vor, wenn ich die Ausführung meines Entſchlußes nur eine Stunde hinausſchöbe. Heute vor einem Jahr, um eilf Uhr Nachts iſt Frank geſtorben— um dieſelbe Stunde werde ich ihm folgen. Ich habe alles vorbereitet und Opium genug zum ewigen Schlaf. Mein Teſtament iſt längſt ge⸗ macht. In jenem Schreibtiſch finden Sie, wenn alles vorbei iſt, noch einige Zeilen. Wenn Sie ſtark ge⸗ nug ſind dazu, ſo ſorgen Sie für ein paar Blumen auf mein Grab. Leben Sie wohl.“ Mit abgewandtem Geſicht reichte Wally ihrem Freunde die Hand. Er drückte ſie an die Lippen und ſagte tonlos: „Leben Sie wohl!“ Gothau hatte ſich erhoben. „Wohin wollen Sie?“ fragte ſie mit unbeſtimmter Beſorgniß. v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 3 — — B — 34 „Ihnen vorausgehen in die Ewigkeit!“ antwortete Gothau mit ſchmerzlichem Lächeln. Entſetzt ſtarrte die bleiche Frau ihn an: „Aber das dürfen Sie nicht. Sie beſitzen eine Mutter, Sie haben meinen Platz auszufüllen in dieſer Welt.. „Ich habe nichts mehr zu thun in dieſer Welt, wenn ſie Ihnen nicht mehr zum Wohnort dient. Ich kann Sie nicht ob Ihrer Trauer um den Todten an⸗ klagen, rechten Sie auch nicht mit mir wegen meiner Liebe für die Lebende.... Wally hatte ſich erhoben und ſtützte ſich mit zitterndem Arm auf den Tiſch: „Sie ſind grauſam, Gothau— Sie wollen mich zwingen zu leben.“ „Ich will nichts, als mit Ihnen ſterben, da ich nicht für Sie leben darf.“ Faſt drohend trat die Wittwe vor ihn hin: „Gothau— ich verbiete Ihnen, ſich ein Leid zu thun.“ 3 „Sie haben kein Recht dazu, denn Sie lieben mich nicht.“ Mit einem eigenthümlichen Blick düſtern Hohnes ſah Wally auf den Grafen: „Und nichts kann Sie hindern, Ihr junges hoff⸗ 2 30 nungsvolles Geſchick an ein geknicktes Leben zu knüpfen, deſſen Aufhören eine Wohlthat iſt?“ „Nichts— bei meiner Ehre!“ Mit gerungenen Händen und thränenloſen Augen, ein Bild der Rathloſigkeit und Verzweiflung ſtand Wally; dann kam eine wilde Energie über ſie, raſch trat ſie auf ihren Schreibtiſch zu, nahm aus demſelben einen verſiegelten Brief und überreichte ihn Gothau. „So wiſſen Sie denn, was Sie erſt nach meinem Tod erfahren ſollten. Ich habe ein Recht zu verlangen daß Sie am Leben bleiben, denn ich liebe Sie!“ Mit entzückter Haſt öffnete Gothau den Brief und drückte ihn, nachdem er ihn geleſen, an die Lippen. Dann ſtürzte er ihr zu Füßen und preßte ihre kalte herabhängende Hand an ſeine glühende Stirn:. „Der Uebergang war zu raſch Wally“, ſtammelte er.„Laſſen Sie mich nicht wahnſinnig werden vor Glück“; Schmerz und Freude zugleich ſchimmerte einen Augenblick über das apathiſche Antlitz Wally's. Dann war es nur mehr der Schmerz, der übrig blieb. „Sie mißverſtehen mich. Meine Liebe zu Ihnen, die ich kaum ahnte bis ſie in den letzten Tagen rieſen⸗ groß mir zum Bewußtſein kam, kann meinen Ent⸗ 3 ½ 36 ſchluß, wenn es nöthig wäre, nur beſtärken. Sie iſt ein Verrath an dem Andenken Frank's...“ „Ein Verrath, indem Sie erfüllen was er ſo ſehnlich wünſchte. Er hoffte, daß bei Ihrer Fähigkeit zu beglücken und das Glück zu empfinden, ein Jahr hinreichen werde, um dem Leben wieder Macht über Sie zu geben. Und das Leben iſt Menſchen wie wir, die Liebe. Sie wiſſen das ſo gut wie ich.“ Wally nickte. „Ich weiß es, und es hat ſich gezeigt, daß er Recht hatte, mich zu verachten. Deſſen ungeachtet ſoll mir ſein Andenken das Höchſte auf der Erde ſein.“ „Und Sie glauben es dadurch zu ehren, daß Sie ſich zerſtören, weil er Recht hatte, nicht Sie zu ver⸗ achten, aber bei dem Reichthum Ihrer Seele Sie auch nach ſeinem Weggang noch für fähig zu halten des reinſten Glücks... Das wäre das traurigſte Denk⸗ mal das Sie ihm ſetzen könnten.“ Wally zitterte leiſe. „Sie verwirren, Sie betäuben mich, Gothau!“ ſagte ſie mit halbem Schluchzen.„Was verlangen Sie von mir!“ „Nur das eine, was Ihr edler Gatte einſt von Ihnen verlangte, daß Sie nicht handeln unter dem — 37 erſten Anſturm der Verzweiflung; einen Tag ſchenken Sie mir noch, damit ich noch hoffen und für Augen⸗ blicke glückſelig ſein kann.“ „Und wenn ich morgen noch ebenſo entſchieden bin wie heute? Werden Sie mich dann— allein gehen laſſen?“ „Sie können mich dann zum Leben verurtheilen, wenn Sie ſo grauſam ſein wollen.“ Traumverloren ſchaute Wally in das bleiche Antlitz des Flehenden, dann wandte ſie ſich ab und ſagte haſtig: „Ja, ich will warten, Gothau, obwohl ich nicht einſehe, warum wir die Qual verlängern. Aber jetzt gehen Sie, ich flehe Sie an, gehen Sie!“ Gothau drückte einen Kuß auf die zitternd aus⸗ geſtreckte Hand und ging. In ſeinem Zimmer angekommen, warf er ſich in einen Stuhl und ſann, des Denkens faſt unfähig, über dies dunkle Räthſel eines Frauenherzens nach, für das er keine Löſung fand. Aber Wally wollte noch einen Tag leben und es war ihm, als ob dieſer Tag kein Ende nehmen könne. Immer tiefer brannten die beiden Kerzen herab, welche vor ihm auf dem Tiſche ſtanden und Gothau ſaß noch immer regungslos an derſelben Stelle. Da— es mußte zwei Uhr Morgens ſein, tönte eine Glocke ſchrill durch das Hotel, als ob Jemand in Todesangſt daran zöge. An allen Gliedern bebend, ſprang Gothau auf. Das Treppauf⸗ und Ablaufen vieler Menſchen ver⸗ kündete, daß das ganze Haus in Bewegung ſei. Mit wankenden Knieen trat Gothau hinaus unter die Leute, welche mit erſchreckt⸗neugierigen Geſichtern auf dem Corridor ſtanden und ihm den Weg ver⸗ ſperrten. „Todt!“ flüſterten ſie ſich ſchüchtern zu. Mit einem halblauten Schrei brach Gothau durch die Leute Bahn. Um zu Wally's Zimmer zu gelangen, mußte er an einer Reihe von Thüren vorüber, deren eine halb offen ſtand. Unwillkürlich blickte er hinein. In der Mitte der Stube ſaß der Ruſſe Demjanoff in einem Fauteuil und ſein bleiches ſtarres Todten⸗ antlitz ruhte an der Schulter ſeiner Feindin, der Madame Commerz. Sie war die erſte geweſen, welche das Läuten des von plötzlichen Erſtickungsanfällen Heimgeſuchten vernahm, und den Sterbenden unter⸗ ſtützte, als er in ſeiner Todesangſt ſich auf den Cor⸗ ridor getaſtet hatte. Gothau eilte vorüber. Wally ſtand unter ihrer Thüre, bebend, ſelber einer Todten gleich. 39 „Ich habe furchtbar gelitten, weil ich Sie für todt hielt!“ ſtöhnte Gothau. Ein Schauer ſchüttelte Wally's Geſtalt, und ängſtlich flüſterte ſie: „Ich habe ihn geſehen. O, der Tod iſt ſchrecklich. Ich bin feige geworden, Gothau, und Sie haben mich dazu gemacht!“ „Lebe, lebe für mich!“ flüſterte der Graf und zog die Geliebte in das Zimmer. „Wenn ich lebe, kann es ja nur für Dich ſein.“ Dicht neben einander, nur durch eine dünne Mauer getrennt, hielten Tod und Leben ihre erſte feier⸗ liche Wacht. —ÿyÿÿ——— Von Marie v. Schlägel. Der geſtiefelte Kater. Die Frau Reviſor Erdmann ſaß an ihrem Fenſter und ſtrickte, allein man ſah, daß ihre Gedanken nicht ganz bei der Sache waren; denn häufig ließ ſie die Nadeln ruhen und ſchaute geſpannt über den mit Linden beflanzten Platz vor dem Hauſe hinweg in eine Straße, die in gerader Linie zum Bahnhof führte. Hin und wieder auch prüfte ihr Blick die große Uhr, die im Nußbaumgehäuſe in einer Ecke ſtand und tag⸗ aus tagein ſeit undenklichen Jahren ſchon die Familie Erdmann unterrichtete, wie es an der Zeit ſei. Eben jetzt hob ſie aus um mit ſonorem faſt feierlichem Ton ſechs Uhr zu melden; Frau Erdmann ſtrickte ſchnell nur noch die angefangene Nadel ab; dann wickelte ſie die Arbeit zuſammen und begann langſam in dem kleinen altmodiſch aber freundlich eingerichteten Zimmer zwiſchen Thür und Fenſter umherzugehen. Plötzlich verklärte ſich ihr gutmüthiges etwas zu rundes Geſicht, das bei flüchtigem Blick faſt Aehnlichkeit mit dem Zifferblatt der alten Uhr verrieth, ſo gleichmäßig und behäbig ſahen beide aus. „Sie kommen“, flüſterte ſie und nickte halb be⸗ befriedigt, halb aufgeregt,„wenn nur die Brille beſſer wäre;“ ſetzte ſie, eifrig die Gläſer reibend, hinzu. Zwei weibliche Geſtalten waren auf dem Linden⸗ platz erſchienen, eine ältere, in beſcheidener Kleidung und eine jugendlich leichte, in moderner zierlicher Tracht; beide trugen Reiſetäſchchen und hinter ihnen ſchob ein Dienſtmann einen reſpektablen Koffer vor ſich her. Alle drei kamen auf das Haus zu, allein es dauerte noch eine ganze Weile, ehe die drei hohen Treppen erklommen waren; endlich gellte die Corridor⸗ klingel, zugleich wurde von innen die Thür aufgeriſſen und mit dem Ausruf: „Mama!“„„Paulinchen, mein Herzenskind““, lagen Mutter und Tochter ſich in den Armen. Paulinchen war die einzige Tochter der Frau Reviſor Erdmann; und wenn man beide nebeneinander ſah, hielt man es kaum für möglich, daß eine ſo alte, runde grauhärige Dame eine ſolche ſchlanke junge braunlockige Tochter haben könne, und zog kühne Schlüſſe auf das Aeußere des ſeligen Reviſors, die 45 leider aller Begründung entbehrten, denn auch der Reviſor, der einſt in ziemlich vorgerückten Jahren ſein Lotichen zum Altar geführt, war zwar ein ſehr großer dürrer Herr geweſen, allein auf Liebreiz hatten ſowohl er wie ſeine Gattin auch in ihren Blüthetagen kaum Anſpruch erheben dürfen. Er wurde auch täg— lich magerer und runzliger, und als er vor 6 Jahren das Zeitliche ſegnete, behauptete ſein Büreauchef allen Ernſtes, er ſei einfach vertrocknet. Paulinchen, das einzige Kind, mußte den braven aber etwas alltäglichen Leuten wohl von gütigen Feen in die Wiege gelegt worden ſein, ſo friſch und lieblich wuchs ſie heran und ſo wenig Reizung ver⸗ rieth ſie dem Vater oder der Mutter nachzuarten. Sie hatte mit 17 Jahren eine wohl gebildete Geſtalt; roſige Wangen, leuchtende braune Augen; und Hände und Füße wie ein richtiges Feenkind. Als ſie die Schule verließ faßte ihre Mutter, die in ſehr einfachen aber geordneten Verhältniſſen lebte, den Entſchluß Paulin⸗ chen theils zur Erholung, theils zur Ausbildung in der höheren Haushaltungskunſt zu ihrer Schwägerin, einer Paſtorin, aufs Land zu ſchicken, und heute, nach faſt zweijähriger Trennung war ihr„Herzenskind“ zu ihr zurückgekehrt, um ſie ſo lange als möglich nicht zu verlaſſen. Denn die Frau Reviſor war zu ver⸗ 46 nünftig und eine zu zärtliche Mutter um zu wünſchen, daß Paulinchen ſie nie wieder verlaſſen möchte. Jetzt ſaßen die beiden im trauteſten Beiſammen⸗ ſein auf dem roßhaarbezogenen flachlehnigen Canapee. Paulinchen's roſiges Mäulchen kam nicht einen Augenblick zur Ruhe und die glückliche Mutter horchte andächtig und betrachtete in ſeliger Rührung ihr ſo ſchön erblühtes Kind, während die alte Hanne, ein Erbſtück wie die Standuhr, geſchäftig hin und her ging um das Abendeſſen herzurichten. Plötzlich wurde draußen haſtig an der Klingel gezogen. Die Frau Reviſor wurde unruhig und Hanne ſtürzte vor die Gangthür, die man gleich darauf öffnen und geräuſch⸗ voll ſchließen hörte. Dann kam Hanne rothen Geſichts wieder herein und klirrte hörbar mit dem Theege⸗ räth. „Was war das?“ ſagte Paulinchen neugierig und ſah die Mutter an. Dieſe zog eben den grünen Lampenſchirm auf ihrer Seite tiefer herab und ſagte: „Meine Augen laſſen doch ſchon recht nach;— was das war? fragſt Du. Es wird jemand in die Wohnung gegenüber gewollt haben und fehlgegangen ſein, nicht wahr Hanne?“ — 47 „Ja wohl, Frau Reviſor“, beſtätigte Hanne, und klapperte nur noch lauter mit den Taſſen. „Es klang gerade als habe ſie jemand eingelaſſen“, begann Paulinchen wieder, die ſich für Alles inte⸗ reſſirte was um ſie her vorging,„wohnt denn ſonſt noch Jemand hier auf unſerm Gang?“ „Was denkſt du Herzenskind!“ wehrte die alte Frau ab;„wer ſollte hier noch wohnen?“ Das wußte Paulinchen allerdings nicht; ſie ließ den Gegenſtand fallen und war bald wieder ſo ſehr in ihre Erzählung vertieft, daß ſie nicht hörte wie Hanne das Zimmer verließ und ſich draußen noch allerlei zu ſchaffen machte. Das war auch nichts Auf⸗ fallendes. Die Rückkehr eines langentbehrten Hausgenoſſen bringt doch manche Veränderung mit ſich. Als die Mutter Paulinchen ziemlich ſpät in ihr enges aber zierliches Mädchenſtübchen führte, das neben ihrem eignen Schlafzimmer lag und von ihr eigenhändig ein⸗ gerichtet und geſchmückt war, hob das junge Mädchen die feine Naſe in die Luft: „Es riecht nach Tabak“, ſagte ſie als Reſultat ihrer Prüfung,„die Hanne hat doch nicht etwa auf ihre alten Tage das Rauchen angefangen?“ 48 Hanne brach in ein etwas lautes Gelächter aus, dann erklärte Sie entrüſtet: „Da iſt wieder der abſcheuliche Metzger mit der Cigarre herein gekommen— na, ich werd' ihm das Rauchen lehren, wenn er morgen kommt.“ „Mir ſcheint, daß er das bereits zur Genüge verſteht“, meinte Paulinchen ſpöttiſch, während Hanne das Fenſter aufmachte; dann verſchwanden Mutter und Tochter in ihre Zimmer. Drei Tage waren vergangen ſeit ihrer Rückkehr in die mütterlichen Arme; Paulinchen hatte ausgepackt und ſich eingerichtet und begann Beſuche bei ihren alten Bekannten zu machen. Eben war ſie zurückge⸗ kommen und vor dem Spiegel um das Hütchen von den glänzenden Flechten zu nehmen, als die Mutter herein kam. „Sag nur Mutter“, begann das junge Mädchen, „was war denn heut' Nacht für ein Geräuſch auf dem Corridor? erſt war's als ob eine Thür ginge, dann huſchte es auf dem Gange ein paar mal hin und her.“. „Ja ja, ich hab's auch gehört“, meinte die alte Frau nach kurzem Zögern und ſchürte das Feuer im eiſernen Ofen,„in der Nachbarſchaft müſſen viele Katzen ſein. Du weißt, ich laſſe gern das Küchen⸗ fenſter offen, da ſteigen ſie zuweilen herein.“ 4 49 „Ins Küchenfenſter?“ meinte Paulinchen un⸗ gläubig,„wir wohnen doch über 3 Treppen?“ „Oh, Katzen können ſpringen“, verſicherte die Mutter und verließ das Zimmer um nach dem Eſſen zu ſehen. Später als Hanne daſſelbe herein brachte, hatte Paulinchen auch die unnatürlich gewandten Katzen der Nachbarſchaft völlig vergeſſen. Die Tage vergingen, bei der Frau Reviſor Erd⸗ mann kam das Leben bald in's gewöhnliche Geleiſe. Paulinchen war der Sonnſchein der beiden alten Frauen und ihr klingendes Lachen belebte anmuthig die ſonſt ſo ſtillen Räume. Eine Abends war das junge Mädchen bei einer Freundin zum Thee geweſen und kam ſpäter als ſonſt. nach Hauſe. Eilig ſprang ſie der alten Magd voran, die 80 Stufen empor die ſie täglich hinauf und hinunter zurückzulegen hatte, öffnete mit ihrem Schlüſſel leiſe; um nur die Mutter nicht zu ſtören, eilte ſie in die Küche um dort noch eine vergeſſene Anordnung für den kommenden Tag zu treffen. Plötzlich blieb ſie in dem matterleuchteten Raume ſtehen, bückte ſich und hob zwei elegant ge arbeitete Herrn⸗Stiefel an das Licht. Erſtaunt be⸗ trachtete ſie dieſelben von allen Seiten, als könne ſie ſich das Räthſel ihrer Anweſenheit nicht erklären, dann wandte ſie ſich zu der alten herankeuchenden Hanne v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 4 50 um, die voll Entſetzen ihre junge Herrin an⸗ ſtarrte. „Wie kommen dieſe Stiefel in unſere Küche?“ fragte ſie ſtreng. Noch immer rang Hanne nach Athem und greift nach den Stiefeln, die Paulinchen ihr hartnäckig ent⸗ zog, indem ſie noch ſtrenger wiederholte: „Wem gehören dieſe Stiefeln?“ „Ach du lieber Himmel, das ſind ja dem ſeligen Herrn Reviſor ſeine!“ ſtieß ſie endlich verzweiflungs⸗ voll hervor. „So, ſo dem Papa gehören ſie“ ſagte Paulinchen und betrachtete halb mißtrauiſch, halb gerührt die zierlich geformte Fußbekleidung„trug denn der Papa ſo hübſche Stiefeln? ich dächte ſein Fuß ſei viel größer geweſen, den Morgenſchuhen nach zu urtheilen, die die Mama noch immer aufbewahrt.“ „Das ſind ſeine Sonntagsſtiefel,“ behauptete Hanne mit Nachdruck;„die Morgenſchuhe ſind ja ur⸗ alt und ausgetreten.“ „Was ſoll mit dieſen geſchehen?“ inquirirte das junge Mädchen jedoch beharrlich weiter. „Ich wollte ſie reinigen, weil ſie ſo eingeſtäubt ſind; dann will die Mama ſie wieder verwahren.“ „Die Sonntagsſtiefel vom ſeligen Papa“, ſagte oſſͤͤ — 51 das junge Mädchen traumverloren vor ſich hin, wie mechaniſch ergriff ſie ein Tuch, das auf der Stuhllehne hing und fuhr abſtäubend über das feine Leder, daß es tiefſchwarz erglänzte. „Jetzt ſind ſie ſauber“, ſagte ſie dann wohlgefäl⸗ lig und ließ ſie im Licht ſpiegeln„ich nehme ſie mit, und hebe ſie bei mir auf... Der arme Papa“, ſetzte ſie wehmüthig hinzu„wenn er doch noch lebte er war ſo gut“, und Pautlinchen drückte die Stiefeln an ihre Bruſt und verließ die Küche. Wie Lots ſalz⸗ gewordene Gattin ſtand Hanne und ſtarrte der ſchlanken Geſtalt nach bis ſie in ihrem Zimmer ver⸗ ſchwunden war. Dann blitzte es wie eine Erleuchtung aus ihren verſteinerten Zügen; ſie lachte in ſich hinein und nickte mehrmals mit dem ergrauten Haupt. Darauf verließ auch ſie die Küche und begab ſich zur Ruhe. Auch Paulinchen legte ſich, nachdem ſie die Stiefeln des ſeligen Refeliſors ſorglich neben das Bett geſtellt und bald verkündeten ihre ruhigen Athemzüge daß ſie feſt eingeſchlafen war. Alles war ſtill, auf den Straßen und im Hauſe; nur der Nachtwächter rief die zweite Nachtſtunde und vom Bahnhof herüber erſchallte der grelle Pfiff der kommenden und gehenden Lockomotive. Da öffnete leiſe 4* 52 mit einer Blendlaterne eine rieſige dunkle Geſtalt vor⸗ ſichtig die Thür zu dem Hauſe am Lindenplatz, wo Reviſors wohnten, und verſchloß ſie geräuſchlos wieder von innen. Die 3 Treppen knarrten eine nach der anderen unter einem leiſen aber gewichtigen Schritt, und mit einem undeutlich gemurmelten Fluch machte die dunkle Geſtalt ſchnaufend vor der Wohnung der Frau Erdmann Halt. Auch die Gangthür wurde geräuſchlos geöffnet, doch nicht wieder geſchloſſen und die Schritte tappten in den Gang hinein, bis vor Paulinchens Schlafzimmer. Der Thürdrücker gab ohne Widerſtand nach, und die Laterne mit dem Zipfel des Mantels beſchattend trat der nächtliche Gaſt in das jungfräuliche Gemach. Paulinchen vom Geräuſch erweckt öffnete die Augen, ſchloß ſie jedoch entſetzt von Neuem; als ein entſchloſſenes Mädchen verlor ſie die Geiſtesgegenwart nicht in dieſem furcht⸗ baren Augenblick. Daß ein Dieb bei ihr eingedrungen war ſtand außer allem Zweifel, aber ſie wußte auch, daß es das Beſte iſt, ſich unter ſolchen Umſtänden ſchlafend zu ſtellen. Glücklicherweiſe lag ſie tief in ihre Decken gehüllt; ſie hielt alſo die Augen geſchloſſen und athmete regelmäßig und hörbar. Der unheimliche Eindringling blieb einen Augen⸗ blick ſtehen und das Licht ſeiner Diebslaterne glitt als ſchmaler Streif über ſämmtliche Gegenſtände des Zimmers. Sie mochten ihm nicht des Mit⸗ nehmens werth erſcheinen, denn er rührte nichts an; Paulinchens kleine goldene Uhr lag glücklicherweiſe in einem verſchloſſenen Schränkchen. Jetzt trat die Geſtalt ein paar Schritt näher und dicht an das Bett. Paulinchen, in ihrer Todtes⸗ angſt, begann zu ſchnarchen wie ein Unterofficier auf Wache und kniff die Augen immer feſter zu. Trotz⸗ dem fühlte ſie wie der Lichtſchein jetzt voll auf ihr Geſicht viel, und das Herz ſtockte in ihrer Bruſt, ſie erwartete ihr Ende... Aber zu ihrem größten Erſtaunen geſchah ihr nichts. Der Dieb klappte ſeine Laterne zu, und nach⸗ dem er ſich anſcheinend überzeugt, daß hier nichts zu holen ſei, machte er Kehrt und verließ mit einem ſchwerfälligen Verſuch zu ſchleichen, das Zimmer. Was er hinaus gehend zwiſchen den Zähnen murmelte, klang allerdings nicht wie ein Segenswunſch; aber das gerettete Paulinchen hörte es nicht; eilig ſprang ſie auf und verriegelte leiſe die Thür; dann ſchlüpfte ſie wieder in's Bett und zog ſich die Decke noch weiter über den Kopf. Sie wußte, daß alle übrigen Thüren feſt verriegelt waren; der Dieb ſchien zwar noch mehrere zu ver⸗ 54 ſuchen, aber ſie widerſtanden ihm; und Gewalt ſchien er nicht anwenden zu wollen. Die Mutter wecken wollte ſie um keinen Preis; dieſelbe ſchlief nebenan und war in völliger Sicherheit, überdieß war es gefährlich für zwei einzelne Frauen mit ſolchem frechen Gauner anzubinden; wenn er ſie nicht todtſchlug, ſo entkam er jedenfalls ehe Hülfe zu beſchaffen war. Paulinchen verhielt ſich alſo ruhig und abwartend. Undeutlich glaubte ſie zu vernehmen wie die Gangthür wieder geöffnet werde, dann klang es wie ein leiſe geführtes Geſpräch... Gott im Himmel, es waren ihrer zwei; Einer hatte noch draußen geſtanden. Immer wieder ſegnete Paulinchen ihre Geiſtesgegenwart, und hörte ſich bereits am anderen Tage die ganze ſchreckliche Geſchichte natürlich in gebührender Beſcheidenheit ihrer ahnungsloſen Mama vortragen, und ſah das Entſetzen der alten treuen Hanne; darüber vergaß ſie ihre Angſt, zumal jetzt alles ſtill blieb, endlich ſiegte wieder die Müdigkeit und Paulinchens geſundes Schlafen klang bald natürlicher als je. Es war ſchon ſpät als ſie am andern Morgen erwachte; ihr erſter Blick fiel auf die Stiefeln an ihrem Bett und in raſcher Ideenverbindung trat ihr das ganze nächtliche Ereigniß vor die Seele. „Gottlob, die Stiefel hat er nicht geſehen“, rief eo 2 55 Paulinchen als ſie ſich raſch erhob und in die Kleider fuhr,„was wohl die Mama ſagen wird...“ Die Mama ſagte indeß zu Paulinchen's grenzen⸗ loſem Erſtaunen ſehr wenig, viel zu wenig gegenüber einem Ereigniß, das ſo grauenvoll hätte enden können. Ja, ſie behauptete ſogar, es ſei gar kein Einbrecher geweſen, und verſtieg ſich ſoweit, zu verſichern, daß ddies nicht das erſte Mal ſei, daß Jemand Nachts ihre Wohnung ſtatt der gegenüber liegenden geöffnet habe, da die Thüren alle gleiche Schlöſſer hätten; ſolche Verwechſelung käme in allen Häuſern mit vielen Miethspartheien vor, ſie habe nur bisher immer ver⸗ 2 3 ſäumt ein eigenes Schloß anbringen zu laſſen; aber . gleich morgen ſolle Hanne den Schloſſer holen. Ueb⸗ rigens ſolle Paulinchen ihr Abenteuer doch lieber Niemandem erzählen; damit ſie nicht als Gänschen vom Lande verſpottet würde.“ Das leuchtete dem Herzenskind ein, und ſie ver⸗ lor kein Wort mehr über die Geſchichte; im Stillen blieb ſie jedoch bei dem Glauben an den Dieb und fühlte ſich zum erſten Mal von ihrer Mutter„unver⸗ ſtanden.“ Wenn ſie Abends in ihr Zimmer ging, ver⸗ gaß ſie niemals feſt zu zuriegeln, und ihre Uhr wurde von nun an unter dem Kleiderſchrank verborgen. Aber ſeitdem blieb Alles ſtill und wenn wirklich 56 etwas hin und her huſchte ſo kannte Paulinchen das Geräuſch und beunruhigte ſich nicht weiter über die unheimlich gewandten Nachbarkatzen. Es war an einem ſtillen ruhigen Sonntagnach⸗ mittag; die Frau Reviſor trank bei einer alten Be⸗ kannten, zu der Paulinchen ſich nicht hingezogen fühlte den Kaffee und Hanne beſuchte unabänderlich die Nachmittagsgottesdienſte in der Martinskirche, um dort in Geſellſchaft einiger andrer alten Damen ein ungeſtörtes Schläfchen zu machen, wie das boshafte Paulinchen behauptete. Das junge Mädchen war ganz allein zu Hauſe. Sie ſaß in der Sophaecke, las mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem in einem ſpannenden Romane, der ihre jugendliche Phantaſie in der angenehmſten Weiſe aufregte. Wie vom Wirbelwind gefaßt flogen die Blätter durch ihre Finger und ſchon war ſie beim letzten Kapitel des ſtattlichen Bandes angelangt, wo es ſich endlich entſcheiden mußte ob treue Liebe be⸗ lohnt würde, oder ob der Verräther ſiegte— da gellte die Vorplatzklingel in der rückſichtsloſeſten Weiſe durch Paulinchens aufgeregte Seele. Erſchrocken ſprang ſie auf und das Buch entglitt ihren zitternden Fingern. Wer mochte das ſein, der ſo ungebildet an der Schelle riß. Vielleicht der Briefträger der ſeine — dienſtliche Eile dadurch ausdrücken wollte. Paulinchen ſprang an die Thür. Der Corridor war ſtockfinſter bei dem trüben Novembernachmittage, aber durch die Gardine ließ ſich eine hohe Geſtalt im loſen umge hängten Mantel erkennen.„Richtig der Peter“, dachte das junge Mädchen und öffnete. Aber ſtatt mit freundlichem Gruß den willkommenen Brief hinein zu reichen, drängte ſich die Geſtalt ſo ungeſtüm in die Spalte, daß Paulinchen faſt an die Wand gedrückt wurde, und ging mit großen Schritten den Gang ent⸗ lang bis zu einer Thür links, an welcher ſie ſtehen blieb, und einen Schlüſſel ins Schloß ſteckte; die Thür öffnete ſich, und fiel hinter dem Fremden klir⸗ rend ins Schloß. An allen Gliedern bebend, ſtand Paulinchen noch immer an der Wand und ſtarrte in den dunklen Gang hinein. Plötzlich ſchien eine furchtbare Ahnung in ihrem wie gelähmten Hirn zu dämmern; der Eindringling war der Dieb von neulich Nachts!— Er hatte da⸗ mals alle Gelegenheiten erhaſcht, und heute, wo er glaubte, daß das Haus wie gewöhnlich Sonntags, faßt völlig leer ſei, heute kam er um ſeine ſchwarzen Pläne auszuführen. Das mußte verhindert werden um jeden Preis. Aber wie? 58 In der Wohnung gegenüber war Niemand zu Hauſe, und bis ſie von unten Hülfe holte war der Gauner längſt über alle Berge. Er hatte ſich ja wie erſichtlich mit den beſten Nachſchlüſſeln verſehen und kannte Wege und Stege. Rathlos ſtand Paulinchen mit dem Thürdrücker in der eiſig kalten Hand. Plötzlich kam es über ſie wie höhere Eingebung;— ſie mußte den Gauner überliſten. Zitternd vor Angſt und Aufregung ſchlich ſie auf den Zehen bis an das verhängnißvolle Zimmer; mit angehaltenem Athen bog ſie ſich vor— Gott ſei Dank, der Schlüſſel ſteckt. Mit kühnem Griff erfaßte ſie ihn, drehte um, und leiſe knackend ſprang der Riegel ins Schloß. Sie war gerettet, und der Dieb den weder die Mutter noch Hanne glauben wollten war gefangen! Faßt wäre das tapfere junge Mädchen nach voll⸗ brachter Heldenthat umgeſunken! aber ſie hielt ſich auf⸗ recht und wankte in ihr Zimmer. Dort ſank ſie halb lachend, halb weinend in einen Lehnſtuhl und rang nach Athem. Eine Zeitlang blieb Alles ſtill, ſo geſpannt auch Paulinchen horchte. Der Dieb ſchien hin⸗ und herzu⸗ — 59 gehen und auszuräumen, denn Schubladen wurden auf⸗ gezogen und die Schränke geöffnet. Triumphirend lachte Paulinchen in ſich hinein; wie würde der Gauner wüthen, wenn er ſich über⸗ liſtet ſähe! Aber die Thür war feſt, und das Schloß ein Kunſtſchloß. Denn das Zimmer war des ſeligen Reviſors Arbeitszimmer und er ein vorſichtiger und gewiſſenhafter Beamter geweſen. Die Mutter hatte dasſelbe aus Pietät ganz unverändert gelaſſen, ſelten geöffnet und noch neulich als Paulinchen hineingehen wollte, hatte ſie ihr geſagt, der Schlüſſel ſei verloren gegangen, und ihr Schloſſer könne einen ſo künſtlichen nicht ſo bald herſtellen. Daß der Dieb hinein gekonnt hatte, ließ auf eine große Gewandheit in ſolchen Dingen ſchließen, und Paulinchens Ueberzeugung, daß ſie einen höchſt gefähr⸗ lichen Verbrecher gefangen habe, ward immer feſter und immer höher ſchlug ihr Herz von Stolz und Triumph... Da horch— eben hatte der Menſch bemerkt, daß er gefangen war, und wie Paulinchen geahnt, brach ſeine Wuth los, als nach immer neuen Verſuchen das Schloß ſeinen Bemühungen widerſtand. Er ſchien in ſeinem Schreck aller Vorſicht zu vergeſſen, denn er begann die Glocke zu ziehen und zwar ſo heftig, daß 60 Paulinchen ſich nicht wunderte, als das Läuten plötz⸗ lich verſtummte. „Er hat die Schnur abgeriſſen“, dachte ſie in richtiger Schlußfolgerung, und auf den Zehen an die Stubenthür ſchleichend, horchte ſie geſpannt, was er noch weiter beginnen werde. Da klang drüben das Fenſter— der Dieb ſah ſich dort nach einem Ausweg um. Paulinchen rieb ſich befriedigt die Hände— aus dem Fenſter konnte Niemand; nicht einmal der kühnſte Nachbars⸗Kater. „Nur Geduld“, murmelte ſie,„hinaus wirſt du ſchon kommen, aber nur, wenn es uns gefällt und irgendwo hin, wo es dir gewiß nicht gefällt!“ Dann ſetzte ſie ſich ermattet von den großen Ereig⸗ niß in ihre Ecke und las in ſtummer, wenn auch nicht völlig ſo tiefer Andacht wie vorhin das Schlußkapitel ihres Romans. Eben als ſich die vielgeprüften Liebenden officiell in die Arme ſinken, ertönte wieder die Schelle, aber diesmal erſchreckt Paulinchen nicht; den Ton kannte ſie. Als ſie leiſe hinausging um zu öffnen, legte ſie ſchon von Weitem den Finger auf den Mund und empfahl überhaupt den beiden draußenſtehenden, Herrin und Magd— durch energiſche Bewegungen das tiefſte Schweigen. 641 Alle Verſuche zu Fragen ſchnitt ſie ab mit ge⸗ flügelten Worten:„Still ſtill wenn Euch Euer Leben lieb iſt!“ Beſorgt und überraſcht huſchten beide Frauen ſo lautlos wie es ihre Körperverhältniſſe geſtatteten hinter dem voranſchwebenden Paulinchen her ins Wohnzimmer. Dort drehte das junge Mädchen ſich um, ergriff die Hände der rathlos und entſetzt dreinſchauenden Mutter und der alten Hanne und flüſterte geheimnißvoll: „Er iſt drin!“ „Wer?“ fragten beide wie aus einem Munde. „Der Dieb!“ „Gerechter Himmel! ein Dieb!“ „Ja ein Dieb! aber ſeid ruhig, ich habe ihn ein⸗ geſchloſſen! hörſt du, jetzt lärmt er wieder. Mit angſtbleichen Geſichtern ſtarrten Herrin und Magd ſich an. „Aber wie iſt er denn hereingekommen?“ fragte endlich die Hanne, die eher als ihre Herrin zur Be⸗ ſinnung kam,„die Thür war doch zu.“ „Ich habe ihn herein gelaſſen, ich dachte es ſei der Peter, er iſt eben ſo groß und trug eben ſolchen Mantel; er hat mich faſt todt gedrückt“, erklärte Paulinchen der Wahrheit gemäß. „Todtgedrückt?“ ſchrie die entſetzte Reviſorin 62 und umarmte krampfhaft ihre, der ſchrecklichen Gefahr entronnene Tochter.— „Ja, hinter der Thür“, fuhr Paulinchen kopf⸗ nickend fort, der Gang war finſter und ich war ja allein.“ „Mein armes geliebtes Kind“ ſtöhnte die ge⸗ ängſtigte Frau„nie nie laſſe ich dich wieder allein! Oh, mir ahnte ſchon den ganzen Tag nichts Gutes. Ich habe die Nacht von Raben und Füchſen geträumt, das bedeutet Gefahr...“ „Unheil und Hinterliſt“, verbeſſerte die in Traum⸗ büchern ſehr beleſene Hanne. „Ja und dann ging er an Papa's Zimmer“, be⸗ richtete Paulinchen weiter,„und ſchloß mit ſeinem Nachſchlüſſel auf. Ich wie der Wind hinterher und den Schlüſſel umgedreht, und gefangen war er!“ „Wo? wer?“ ſchrieen wie von einer furchtbaren Ahnung erfaßt die Reviſorin und die treue Hanne. „Ich ſage es ja, in Papa's Zimmer, iſt der Dieb“, wiederholte Paulinchen ärgerlich über das an⸗ ſcheinend abhanden gekommene Faſſungsvermögen ihrer Zuhörer„da— hörſt du nicht?“ Wohl hörten die Beiden das furchtbare Klopfen und Poltern des vor Angſt anſcheinend halb ſinnloſen Gauners; aber ſchreckensbleich ſtarrten ſie ſich nur ſtumm 63 in die weitgeöffneten Augen, während ſie zu gleicher Zeit wie gebrochen auf zwei Stühle ſanken. Selbſt das ſcharfſinnige Paulinchen fand den Schlüſſel nicht zu dieſem Benehmen, und ſie war ge⸗ neigt bei allem ſonſtigen Reſpect vor der Mutter dieſe und die Magd in Folge des Schreckens für geiſtes⸗ verwirrt zu halten, als die alte Hanne plötzlich auf⸗ ſprang mit allen Geberden der Verzweiflung aus der Thür ſtürzte, während die Reviſorin immerfort ſtöhnte:.* „Das iſt mein Tod! die Schande überleb' ich nicht!“ „Was überlebſt Du nicht,„welche Schande?“ fragte Paulinchen jetzt ihrerſeits geängſtigt; aber ein ſchreckliches Licht ſollte ihr aufgehen, als die Mutter jetzt in wirkliche Thränen ausbrach, und ſchluchzend rief: „Es war ja kein Dieb, es war ja unſer Poſt⸗ ſekretair!“ Unſer Poſtſekretair... Paulinchen kannte das geſammte Eigenthum ihrer Mutter, aber ein Poſt⸗ ſekretair war bis jetzt nicht darunter geweſen. Während ſie noch über dem Räthſel ſann, war Hanne auf die verhängnißvolle Thür zugeſtürzt und hatte in fliegender Haſt den Schlüſſel umgedreht. In demſelben Moment verſtärkte auch der Ge⸗ fangene, der Geräuſch im Corridor gehört haben mochte 64 ſein Andrängen und da der Widerſtand von außen nun nachließ flog die Thür unverhofft auf, und ein großer ſchlanker Mann mit erhitztem Geſicht fiel faſt aus dem Zimmer heraus über die alte Magd. „Sind Sie denn bei lebendigem Leibe wahn⸗ ſinnig?“ ſchnaubte er die halbbetäubt Daſtehende an, „mich da einzuſperren wie einen Einbrecher, und nicht zu öffnen, und wenn man das Haus einſchlägt!“ „Ach Du gütiger Himmel, Herr Poſtſekretair ich kann ja nichts dafür, ich komme ja eben erſt nach Hauſe,— unſer Fräulein meinte Sie wären....“ „Was wäre ich? wer meinte was?“ „Unſer Fräulein ein Dieb“, ſtotterte die Alte, die nicht wußte wie ſie dem Zornigen Rede ſtehen ſollte ohne ihr Fräulein anzuklagen.„Paulinchen wußte ja nicht, daß Sie bei uns wohnen...“ „Wer iſt das Fräulein? Seit wann haben Sie denn ein Fräulein“, fragte der halb noch ärgerliche halb beluſtigte junge Mann. „Ach ſeien Sie nur nicht böſe! ſeit ſiebzehn Jahren“, antwortete Hanne aufathmend, da das Un⸗ gewitter ſich zu verziehen begann;„ſie ſollte ja nicht wiſſen.... „Was ſollte ich nicht wiſſen?“ fragte eine helle ſilberne Mädchenſtimme, und die Lampe in der Hand 65 trat Paulinchen, dem der Kopf zu wirbeln begann bei all dem Unerwarteten, in den Corridor hinaus. „Das iſt unſer Fräulein“, rief Hanne erleichtert aus, indem ſie unbemerkt den Rückzug zu nehmen ſuchte. Stumm ſtanden ſich Paulinchen und der gefangene Poſtſekretair gegenüber. Endlich begann der junge Mann, deſſen hübſches friſches Geſicht die Lampe hell erleuchtete: „Sie ſehen mich in der größten Verlegenheit mein Fräulein, ich fand mich eingeſperrt, und die Hanne leugnet, daß ſie es gethan hat.“ Die Hannel ſagte der junge gar nicht üble Menſch ganz ohne weitere Umſtände; Paulinchen maß ihn mit einem würdevollen Blick und entgegnete: „Die Hanne hat Recht, ich habe Sie eingeſchloſſen, ich hielt Sie für einen Dieb und hatte wohl das Recht dazu, die Sie ſchon neulich Nachts...“ Erſchrocken über ihre Unvorſichtigkeit hielt das junge Mädchen tief erröthend inne. „Neulich Nachts? ich wohnte hier und komme allerdings meiſt, je nach meinem Dienſt, in der Nacht; glaube deßwegen jedoch noch grade kein Dieb zu ſein“, ſagte der junge Mann lächelnd;„übrigens bedaure ich v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 5 2Qb—.——— 66 lebhaft, wenn ich trotz aller meiner Vorſicht, Sie den⸗ noch geſtört haben ſollte.“ Verblüfft über ſolche Unbefangenheit ſah Pau⸗ linchen ihn ſchweigend an; er konnte noch fragen ob er ſie geſtört hatte, nachdem er eine Viertelſtunde lang in tiefer Nacht mit der Blendlaterne in ihrem eigenen Zimmer umherſpaziert war. Aber ſie mußte ſchweigen; die Sache war zu de⸗ likat, und eigentlich war es recht taktvoll von ihm ſich unwiſſend zu ſtellen. Zuletzt ſagte ſie: „Geſtört haben Sie mich grade nicht; ich hörte wohl Geräuſch, aber man ſagte mir, es ſei wohl der Kater geweſen.“ „Ein geſtiefelter Kater!“ lachte jetzt der junge Mann laut auf und mit einem Schlag erinnerte ſich Paulinchen ihres Fundes in jener Nacht. „Alſo daher kamen ſo plötzlich die Sonntagsſtie⸗ fel vom ſeligen Papa!“ rief es in ihrem Innern und Zorn erfaßte ſie gegen die abſcheuliche Hanne, die Schuld an allem war. Darum waren ſie auch wieder auf ſo räthſelhafte Weiſe verſchwunden, und darum war der Schlüſſel zum Arbeitszimmer ſtets verlegt. Ein Poſtſekretair wohnte darin, und ſie war jetzt be⸗ reits 4 Wochen mit ihm unter einem Dach und wußte nicht davon. Warum nur mochte die Mutter — — . “ 3 67 ihr ein ſolches oft gewiß nur mit der äußerſten Laft bewahrtes Geheimniß daraus machen. Sie verſtand es nicht, und war eben im Begriff ſich mit einer raſchen Verbeugung zu empfehlen, als das Wohnzimmer ſich noch einmal öffnete, und die Frau Reviſor, hochroth im Geſicht, mit gelöſten Haubenbänder auf der Schwelle erſchien. Die Stille draußen hatte ihr Muth gemacht, und ſie wagte es, ſich auf dem Schauplatz der troſtloſen Begebenheit zu zeigen. Als ſie die beiden jungen Leute ſich ſtumm gegen⸗ über ſtehen ſah, begann ſie, ſich wortreich gegen ihren Miether zu entſchuldigen, dieſer aber unterbrach ſie mit der höflichen Verſicherung, ſich nicht zu beun⸗ ruhigen, da er glücklicherweiſe heut keinen Dienſt habe, und nur das Zuſammentreffen mit einem durchreiſenden Freunde verſäumt habe. Dann bat er dem Fräu⸗ lein vorgeſtellt zu werden. „Der Herr ambulante Poſtſekretair Friedrich, meine Tochter“, kam die alte wie von Bangeslaſt befreit Dame dann der Aufforderung nach und haſtig fügte ſie hinzu: „Wenn Sie eintreten wollen und heut Abend den Thee bei uns nehmen, ſo würden Sie mir am ſicher⸗ ſten beweiſen, daß Sie mir nicht mehr böſe ſind!“ Einen Blick des Zweifels warf der hübſche Poſt⸗ 5 68 ſekretair auf ſeine liebliche Feindin, die mit geſenkten Augen daſtand, und ſie nur aufſchlug um ihn mit einem flehenden Blick anzuſehen. „Wenn Sie erlauben, bin ich ſo frei“, antwortete er, und folgte den Damen in das Wohnzimmer. Dort wurden auch die letzten Wirrniſſe gelöſt, und der Abend war einer der heiterſten, den ſowohl das tapfre Paulinchen, wie der ambulante Poſtſekretair hier oben verlebt hatten. Und als er ſpät Abends in ſein Zimmer gegangen war, erfuhr Paulinchen auch, warum ihre Mutter ihr die Anweſenheit des neuen Hausgenoſſen verſchwiegen hatte. Während das junge Mädchen ſich auf dem Lande befand, hatte der Herr Friedrich, der Sohn eines alten Bekannten des Reviſors, die Frau Erdmann be⸗ ſucht, und ihr, nachdem er ihr ſeine augenblickliche Wohnungsnoth geklagt, den Vorſchlag gemacht, ihn bei ſich aufzunehmen, bis er ein neues für ihn paſ⸗ ſendes Zimmer gefunden habe. Es ſchien ihm jedoch, der hauptſächlich Stille ſuchte für die wenigen Stunden Schlafs, die ihm ſein ſchwerer Beruf übrig ließ, nicht gelungen zu ſein; und die Frau Erdmann mochte ihn nicht vor die Thür ſetzen Auch war ihr die erhöhte Einnahme hauptſächlich ihrer Tochter wegen nicht un⸗ 69 angenehm; und ſie hoffte mit Sicherheit, Paulinchen, die draußen etwas eigne Anſichten bekommen zu haben ſchien, den Sachverhalt verhehlen zu können. Das Zimmer ihres Seligen ſtand ja doch leer, und der junge Mann kam gar nicht einmal täglich, und dann faſt nur des Nachts für wenige Stunden, da er zwiſchen zwei Haupt⸗Stationen einer ſehr befahrenen Bahnſtrecke als Poſtbeamter fuhr. Schon einmal, als der alte Zacharias, der Poſt⸗ diener, krank war, und ſein Stellvertreter den jungen Mann wecken mußte, wobei er ſich in Paulinchens Zimmer verirrte, ſchon damals bangte ihr für ihr Geheimniß, und die Geſchichte mit den Stiefeln trug auch nicht dazu bei um ſie zu beruhigen. Die Hanne hatte jedoch alles in's Geleis gebracht, und ſie gab ſich neuen Hoffnungen hin, bis das ganze Gebäude ihrer vereinigten Liſt ſo ſchmählich zuſammenbrach. Das Alles erzählte ſie ihrem aufhorchenden Töchter⸗ lein, die in Anbetracht mildernder Umſtände geneigt war, diesmal noch Gnade für Recht ergehen zu jaſſen. Der Herr Friedrich trank ſeinen Thee noch öfter bei der Frau Reviſor, und immer roſiger glühten Paulinchens Wangen bei ſeinem Erſcheinen. Uud als er nach ein paar Monaten eines Mittags drüben erſchien, 70 um die Wohnung zu kündigen, erſchraken Mutter und Tochter nicht; denn Friedrich war zwar an eine andre Station verſetzt, wo er nicht mehr hin und her zu⸗ fahren brauchte, aber er bat um die Erlaubniß Pau⸗ linchen ſpäter dahin entführen zu dürfen und ſtrah⸗ lend vor Wonne ſegnete die Frau Reviſor unter Hannen's gerührter Zuſtimmung das glückliche Paar. Der Garniſonsteufel. Max v. Schlägel. . —. ——ͤͤͤ Auf den erſten Blick war ſchwer zu begreifen, warum die Damen von Arnſtadt an dem kleinen Lieutenant Wladimir von Breda ſo abſonderliches Wohlgefallen fanden. Er hatte zwar Geiſt und Witz und, wenn er, was freilich ſelten genug vorkam, ruhig und beſcheiden auftrat, verfügte er auch über ein ganz anziehendes, geſelliges Benehmen. Aber da er von früheſter Jugend auf in einem Kadettenhaus er⸗ zogen worden war, erhob ſich ſeine Bildung wenig über die ſeiner Kameraden— meiſt wohlhabende Adelige, welche Dienſt und Rang mehr als eine ihnen gebührende Domäne und das Mittel ſich zu amu⸗ ſiren, denn als eine Stellung anzuſehen pflegten, welche Pflichten auferlegt und Ernſt und Wiſſen fordert. Wladimir von Breda hatte ein bartloſes mageres Geſicht von gelblicher Farbe mit ſehr ſchmalen Lippen und einer feinen ſtarkgebogenen Naſe. Seine Züge erhielten durch die Umrahmung glänzend ſchwarze Locken und durch zwei große dunkle Augen einen ſehr lebhaften energiſchen Ausdruck, der aber nicht inte⸗ reſſant genug war, das Erröthen mancher Mädchenr wenn ſie an ihm vorübergingen, oder die unverkenn⸗ bare Bevorzugung zu erklären, die ihm von Seite ge⸗ reifterer Damen zu Theil wurde. Wladimir beſaß einen zierlichen Wuchs, für ſeine Größe faſt zu breite Schultern, Hände und Füße, von faſt mädchenhafter Zartheit, und ſeine ganze Geſtalt erſchien in dem grünen kurzen Waffenrock und den grauen rothgalonirten Beinkleidern des zweiten Uhlanenregiments mehr elaſtiſch als kräftig. Das ziemlich ungebundene Leben der Offiziere ſeiner Abtheilung, an dem Wladimir redlich Theil nahm, hatte ſeinem Antlitz einen Ausdruck von Er⸗ müdung und trotzigem Leichtſinn gegeben, den man auf ſo jungen Geſichtern gern vermißt. Der Lieutenant ritt gut und vielleicht auch ſchön, aber da dieſes, wenn er nicht eben in Reih und Glied ſich befand, nur in einem meiſt ſehr beſchleu⸗ nigten Jagdgalopp oder im heftigen Kampf mit ſeinem ihm an Eigenſinn faſt ebenbürtigen kohlſchwarzen „ „ 75 Hengſte Cäſar zur Geltung kam, ſo war man als Zu⸗ ſchauer zuweilen nicht ganz ungefährdet. Wenn vom einen Ende des langen Marktplatzes ein ungewöhn⸗ liches Klappern von Pferdehufen vernehmbar wurde, ſo ſuchten die mit den Gewohnheiten der Garniſon Ver⸗ trauten gewöhnlich ſchleunigſt die Fußſteige. „Der wilde Breda! Der Garniſonsteufel!“ hieß es dann wohl, und Wladimir ward mit Blicken be⸗ dacht, die Alles eher als eine Bewunderung ſeiner kühnen Reiterthaten ausdrückten. Die Provinzſtadt trug überhaupt eine ſonderbares Gepräge. Das geſchäftliche und gewerbliche Leben drehte ſich faſt ausſchließlich um eine ziemlich ſtarke Cavalleriegarniſon. Die„Geſellſchaft“ befand aus Beamten⸗ und Adelsfamilien und den Offtzieren. Mit der übrigen Welt war Arnſtadt nur durch eine ſchlecht rentirende Sackbahn in Verbindung; ringsum lagen wendiſche Dörfer mit einer zurückgebliebenen, ſchwächlichen, knauſerigen und ſchmutzigen Bevöl⸗ kerung, und in der Mitte der zopfig kahlen meiſt ein⸗ ſtockigen Familienhäuſer mit erhöhtem Erdgeſchoß, einer Freitreppe in der Mitte und einer Einfahrt an der Seite, ſtand das Markgrafenſchloß mit ſeinen er⸗ grauten Schnörkeln und Skulpturen, verroſteten Eiſen⸗ gittern und blutigluſtigen Erinnerungen. Die weiße 76 Frau machte noch ungeſtört in ſeinen Zimmern ihre nächtlichen Spaziergänge und unter dem Thorweg, wo einſt eine bunte Geſellſchaft von Hellebardieren und Pagen ſich neckte, langweilte ſich jetzt ein Uhlanen⸗ poſten. Es war, als ob dieſes Markgrafenſchloß und ſeine Sitten noch immer ihre Schatten würfen in die Geſellſchaft von Arnſtadt und aus dieſer halbdunklen Beleuchtung mochten die Liebſchaften, tollen Reiter⸗ ſtücklein und Händel des wilden Breda weniger grell hervortreten, ihn vielleicht ſogar mit einem gewiſſen Nimbus umgeben. Trotz allem, was Wladimir zum„Garniſons⸗ teufel“ der Spießbürger und zum größten Querkopf des Regiments machte, war ſeine Zuverläſſigkeit in Chrenſachen unbeſtritten, ſeine Opferwilligkeit für Kameraden erprobt und ſein Muth über jeden Zweifel erhaben. Letztere Eigenſchaft erhielt durch Breda's außerordentliche Gewandtheit in Führung der Waffen noch mehr Gewicht. Für einen„Garniſonsteufel“ hatte Breda einen ſonderbaren Aufenthalt gewählt— er wohnte näm⸗ lich dicht neben der Garniſonskirche. Dieſe lag auf einem erhöhten mit alten Bäumen bepflanzten Platz, zwiſchen deſſen Pflaſter das Gras wuchs— kein 77 gutes Zeichen für die Frömmigkeit der alten Mark⸗ grafenſtadt. Das Haus, deſſen Erdgeſchoß der Lieute⸗ nant bewohnte und welches vor alter Zeit zur Kirche gehört hatte, war das einzige hier oben und den all⸗ einigen Zugang zu beiden bildete eine ſteile Treppe von ziemlicher Höhe. Dieſe Treppe pflegten an Sonn⸗ und Feſtagen die Andächtigen Arnſtadts auf⸗ und ab⸗ wärts zu ſteigen, manchmal in einige Verwirrung ge⸗ bracht durch den heidniſchen Hengſt Cäſar, welcher von ſeinem Herrn täglich ein paarmal in allen Gangarten hier auf und ab geritten wurde. Trotzdem ſich die Stallung ſeiner Pferde am Fuß des Berges befand, hatte Lieutenant von Breda die Ge⸗ wohnheit, nur an der Thür ſeiner Wohnung auf⸗ und abzuſitzen und erhöhte dadurch um ein bedeutendes die Ausſicht auf Gewinn derjenigen Spießbürger von Arnſtadt, welche gewettet hatten, daß er ſich binnen Jahresfriſt den Hals brechen werde. Wieder einmal war die Meſſe vorüber und der Lieutenant, welcher eben mit einem ganz ungewöhn⸗ lichen Tiefſinn die letzte junge Andächtige auf der Steintreppe hatte verſchwinden ſehen, wandte ſich vom Fenſter zurück nach dem Fähndrich von Doppelnaas, der vor einem hohen Wandſpiegel ſtehend, die Arie „Mit Adalgiſa Hand in Hand“ ſang. Der Fähndrich 78 nahm dabei alle möglichen Stellungen ein und ſchwang grimmig einen ſehr krummen türkiſchen Säbel, den er von Breda's Waffenſtänder heruntergenommen. „Haſt du noch keine Luſt, mit mir in den ‚Anker: zu kommen? Nachdem du dich nun faſt zwei Stunden bemüht haſt, die Orgel zu überſchreien, welche ſich ſo indiskret in unſer Geſpräch miſchte, dürfteſt du wohl Hunger haben.“ Dem Tone nach zu ſchließen, in welchem Breda das ſagte, gehörte der Fähndrich zu ſeinen beſonderen Freunden. Doppelnaas ſah nach der Uhr. „Ein Uhr? Ja, ich habe Hunger“, antwortete er dann, intonirte die„Heiligen Hallen“ aus der Zauberflöte, ſtieß das krumme Schwert in die Scheide und umgürtete ſich mit ſeinem Ordonnanzſäbel. Die beiden Freunde gingen. Breda war bei allem wilden Uebermuth, der ihn manchmal zu den tollſten Abenteuern trieb, kein urſprünglich heiteres Gemüth und der Fähndrich, der mit dem ſentimen⸗ talſten Geſichte die verkehrteſten Dinge ſingen und ſagen konnte, war ihm faſt unentbehrlich. Der Kopf des Fähndrichs, deſſen Leidenſchaft für das Theater⸗ ſpielen ſeine ſtreng ariſtokratiſchen Eltern in der Blüthe geknickt hatten, war eine Bibliothek aller mög⸗ 4 — 79 lichen Opernmelodien und Luſtſpieltexte und ſelbſt im Geſpräch war Niemand ſicher, ob er nicht ein Recita⸗ tiv aus den„luſtigen Weibern“ oder eine Reminiscenz aus„Staberl“ zur Antwort bekam. Leute, die ihn nicht kannten, fanden das manch⸗ mal ſehr unartig, ſo der neuernannte Regiments⸗ quartiermeiſter Schwammerling, auf welchen der Fähn⸗ drich, als er ihn zum erſten Mal ſah, mit einer im⸗ poſanten Attitüde zugetreten war und im tiefſten Baß zu ſingen angefangen hatte:„Mein werther Sir, ich bin ſehr hoch beglückt, den großen, den weltberühmten Ritter John Falſtaff hier zu ſeh'n....“ Die Liebe, welche, wie man ſagt, tiefſinnig macht, vorzüglich wenn ſie eine unglückliche iſt, machte den Fähndrich nur noch lauter und die innere Auf⸗ regung entlockte ihm die gefährlichſten Triller, an die er ſich ſonſt nie gewagt. Die Gnadenarie aus Robert und der Monolog eines„verliebten Holzhackers“ waren jetzt ſeine Lieblingsſtücke. Es war auf Breda jedesmal von durchſchlagen⸗ der Wirkung, wenn Doppelnaas nach einem verun⸗ glückten Stelldichein mit einem Hamletgeſicht und den düſtern Worten bei ihm eintrat:„Von halber Achte bis Viertel auf Eins ſind zwar blos fünf Stunden, aber wenn ſie ein Liebhaber mit einem Herzen voll 80 Verdacht durchpaßt, ſo werden ſie zu fünf qualvollen Zeiträumen, in denen fünf Ewigkeiten ſammt Familie commod d'rin Platz haben.“ Der Fähndrich war arm; ſeine Equipirung ſelbſt war auf monatliche Abzahlung geborgt und ſeine Braut und deren Mutter lebten von einer Land⸗ richters⸗Wittwenpenſion, deren Unzulänglichkeit man oft genug den Balltoiletten Lina's anſah. Denn Lina war die flinkſte und geſuchteſte Tänzerin der Garniſon und tanzte für ihr Leben gern! Wenn ſie aber auch ihre auf jedem„Harmonieball“ überzeichneten und für ganze Carnevals im Voraus beſchriebenen Tanz⸗ karten mit den hochadeligen Ermahnungsbriefen, welche der quiescirte Oberjägermeiſter von Doppelnaas dem Erben ſeines Namens allwöchentlich als moraliſche Zulage nach Arnſtadt ſchickte, in dieſelbe Sparbüchſe gelegt hätte, ſo hätte man davon noch nicht einmal den Myrthenkranz erſchwingen können, um Lina's jungfräuliches Haupt hochzeitlich damit zu ſchmücken, ſelbſt wenn zur Brauttoilette die letzte Ballrobe zweck⸗ mäßig abgeändert worden wäre. Und außerdem gab es noch andere kleine An⸗ näherungshinderniſſe, welche den Liebenden allerdings unerheblich erſchienen. Es bedurfte ja nur einer Gelegenheit, wodurch der König von den Soldaten⸗ 8¹ tugenden des Fähndrich's erfuhr, um ihn außer der Reihe avanciren zu laſſen, nur einer unerwarteten Erbſchaft, um die hohe Heirathscaution damit zu be⸗ ſtreiten. Nun kümmerte ſich der König um das Militär allerdings nicht viel und ſowohl Lina's Ver⸗ wandte als die Edlen von Doppelnaas waren arm, aber die Liebenden entkräfteten dieſe Einwände dadurch, daß ſie ſehr richtig bemerkten, auch der glücklichſte Zufall höre auf ein ſolcher zu ſein, wenn man ihn vorher wiſſe. Das ſicherſte Mittel zur Vereinigung des reiten⸗ den Junkers mit der galoppirenden Lina wäre ge⸗ weſen, wenn Doppelnaas ſeine Entlaſſung genommen hätte und in irgend einen Civildienſt übergetreten wäre;— aber ein Grauen erfaßte ihn, wenn er da⸗ ran dachte, für immer vom Pferd zu ſteigen;— und als er Lina ſeinen düſteren Gedanken mittheilte, fragte ſie ihn unter Anderem, ob in den einſamen Orten, wohin Bahnexpeditoren gewöhnlich verſetzt werden, die Tanzböden auch gewichſt ſeien? Der Fähndrich mußte das mit vor Rührung erſtickter Stimme verneinen und die Sache war damit erledigt, daß Doppelnaas ſich theatraliſch in den Lenden wiegend ſeinem Freunde Breda ſingend erklärte: „Ach du kannſt nicht begreifen, nicht fühlen, v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 6 82 Dieſe Schmerzen, die den Buſen durchwühlen, Dieſen Kampf zwiſchen Lina und nicht!“ Und darin hatte der Fähndrich allerdings Recht, denn ſo rückhaltlos ihm Breda jederzeit ſeine Börſe und ſeinen Credit zur Verfügung ſtellte, in dieſer An⸗ gelegenheit verweigerte der wilde Lieutenant jeden Beiſtand. Er hielt Verlobungen überhaupt für eine der geſchmackloſeſten Erfindungen der Philiſter und eine Heirath ſeines zwanzigjährigen Freundes mit der achtzehnjährigen Lina inſonders für eine Dumm⸗ heit. Wladimir und der Fähndrich fanden ihre Tiſch⸗ geſellſchaft bereits vollzählig. Da ſaß der Adjutant mit ſeinem diplomatiſchen Lächeln und der rothen Naſe, deretwegen er ſich nie photographiren laſſen konnte, weil ſie auf jedem Bilde ſchwarz zum Vor⸗ ſchein kam; Rittmeiſter Baron Braun, ein leiden⸗ ſchaftlicher Violinſpieler, unzuverläſſiger Kamerad und unangenehmer Vorgeſetzter, welcher mit allen hübſcheren Bürgersfrauen Romane anzuknüpfen ſuchte und dafür von ihren Eheherrn zuweilen vor die Thüre geſetzt wurde. Dann kamen zwei Profeſſoren, ein junger blonder, der die blauen Augen oft ganz erſchreckt von einem der Offiziere zum andern wandern ließ, wenn eine derbe Bemerkung ſein zartbeſaitetes Gemüth un⸗ — 83 angenehm berührt hatte, und ein älterer mit grauem Kopf und ſpitzigem Geſicht, welcher von ſeiner Suppe blos in den Pauſen aufſah, wo er den Löffel in die⸗ ſelbe verſenkte, um fofort mit erneuerter Haſt weiter zu eſſen. Lieutenant und Schöngeiſt von Bonſtedt ihm gegenüber war ein Schopenhauer⸗Enthuſiaſt und brachte eine Blumenleſe aus dem Frankfurter Weiſen zu jedem Nachtiſch. Rolf Gering, der Oberlieutenant mit dem heldenkühnen Schritt und dem langen dünnen Schnurrbart,„der Löwentödter“, wie er ſcherzweiſe genannt wurde, hatte nur ein mitleidiges Lächeln für die ſchnarrende Lebensweisheit ſeines Kameraden. Auch Rolf war Literaturkenner, er kaufte und lieh ſich alle Erzählungen für die reifere Jugend und alle Indianer⸗ und Jagdgeſchichten, deren er habhaft werden konnte, hatte aber ſelbſt wohl im Leben noch keiner Jagd beigewohnt und war der ſchlechteſte Reiter des Regiments. Dagegen wurde er einmal dabei er⸗ tappt, als er in ſeinem Zimmer eine gefangene Katze ſehr anhaltend mit Pfeil und Bogen beſchoß, und ein andermal konnte Rolfs großer lammfrommer Neufund⸗ länder nur durch die Kunſt des Veterinärarztes wieder zum Leben erweckt werden, nachdem ſein Herr ihn mit einem ſelbſtfabrizirten Laſſo faſt erdroſſelt hatte. Da war auch der Regimentsauditor mit dem . er ———V—— 84 affenähnlichen Geſicht und der neuernaunte Major Graf Lück mit dem ſchwarzgefärbten Haar und Bart und den blendend weißen falſchen Zähnen, von dem ſein Bedienter behauptete, er ſehe, bevor er Toilette gemacht, aus, wie ein ſchnurrbärtiger Todtenſchädel. Der Major hielt ſich immer zu den jungen Leuten, vielleicht um die Welt glauben zu machen, daß er ſelber uoch im Beſitz der Jugend ſei, deren Gewohnheiten er in mancher Richtung noch mit Vor⸗ liebe pflegte. Der Major war der erſte, der von dem Eintritt der beiden Freunde Notiz nahm. „Ah, da iſt ja unſer Don Juan und ſein Lepo⸗ rello!“ lachte er mit einer Vertraulichkeit, welche bei Breda offenbar keine Erwiederung fand. „Ah, heute war Meſſe!“ fügte er mit vielſagen⸗ dem Kopfnicken hinzu.„Da hat der Wolf wieder Re⸗ vue halten müſſen über die Lämmchen. Hat Ihnen unſre neue Schönheit ſchon Fenſterpromenade gemacht, Breda?“ Dem Lieutenant war die Herablaſſung ſeines Vor⸗ geſetzten ſichtlich nicht ſehr angenehm. Er ſetzte ſich und ſagte höflich ablehnend: „Ich vermag den Sinn Ihrer Fabel nicht zu er⸗ gründen, Herr Major....“ 85 „Ah, Sie ſind diskret, Herr Kamerad!“ fuhr der Major fort, indem er ein feines ſtark parfümirtes Battiſttaſchentuch leicht vor den Mund drückte.„Es iſt ſehr lobenswerth von einem jungen Offizier, wenn er in Bezug auf Frauen diskret iſt.“ Wladimir ſchwieg und nahm ſeine Serviette. Es war allgemein bekannt, daß der Major bei ältereu Offizieren jene lobenswerthe Eigenſchaft für entbehrlich hielt. Es war die Zahl der Eroberungen, die er in guter Laune zum Beſten gab, nicht zuverläſſiger als der Taufſchein den er ſich ſelber ausſtellte. Zudem klangen die Neckereien des Majors etwas hämiſch, als ob er Wladimir um Vorzüge beneide, welche er ſelber nicht immer mit Glück affektirte. Alle ſeine Freunde bewunderten des Lieutenants Geduld. Er ließ ſich ſonſt nicht immer durch den Rang eines Vorgeſetzten von einer aufbrauſenden oder ſchnei⸗ denden Antwort abhalten. Der Major, erſt ſeit we⸗ nigen Tagen in Arnſtadt, kannte jedoch von Wladimir wenig mehr, als man von ihm erzählte und das Schwei⸗ gen des Lieutenants gab ihm Muth, denſelben noch ſchärfer ins Korn zu nehmen. „Sie haben auch eine prächtig gelegene Wohnung. Ich habe Sie ſchon ſehr darum beneidet. Und da Sie dieſelbe wohl nicht freiwillig abtreten werden, ſo habe 86 ich mich entſchloſſen, Ihrem Hauseigenthümer den dop⸗ pelten Preis dafür zu bieten!“ Es lag etwas in dem ſcherzhaften Ton des Ma⸗ jors, als ob er ſolch einer Handlung fähig wäre. Das mochte auch Breda fühlen. Seine Geſichtsfarbe wurde etwas dunkler und den Vorgeſetzten mit einem Zlick ſei⸗ nes ſchwarzen Auges ſtreifend, ſagte er: „Das werden Sie nicht thun, Herr Major, denn das wäre unanſtändig!“ Der Major biß ſich mit Vorſicht auf die Lippen; denn um die Antwort Breda's für eine Beleidigung zu erklären, hätte er zugeſtehen müſſen, daß ſeine Drohung ernſt gemeint war. Er wandte ſich daher an den Jünger Schopenhauer's mit der Frage, ob es wahr ſei, daß auf dem Liebhabertheater der Harmonie ein von ihm verfaßtes Theaterſtück aufgeführtwerden ſolle.. „Ganz richtig, Herr Major!“ ſchnarrte der kriegeriſche Tragöde. „Und wie heißt das Stück, wenn man fragen darf?“ „Alter und neuer Adel, Herr Major.“ „Alter und neuer Adel!“ hüſtelte Graf Lück, dem es bekannt ſein mochte, daß Bonſtedt's Vater, als er ſich von ſeinem Baumwollengeſchäft znrückgezogen hatte, geadelt worden war, und betupfte ſeinen glatten, glänzenden Scheitel mit dem Battiſttuch.„Damit iſt — 87 wohl der Unterſchied zwiſchen Emporkömmliug und Sprößling aus guter Familie gemeint...“ „Mit nichten, Herr Major!“ antwortete der Dichterlieutenant.„Der Held iſt ein Schreiber und der neue Adel iſt der des Herzens.“ „Ein Schreiber? Adel des Herzens...?2“ pflanzte es ſich allarmirend fort durch die Reihen des könig⸗ lich beſoldeten Heldenthums. Wladimir hatte dieſem Geſpräche nur mit halbem Ohre zugehört. Seine Aufmerkſamkeit war in An⸗ ſpruch genommen durch die ziemlich lauten Scherze, welche ſich einige halbbetrunkene Handlungsreiſende am untern Ende der Tafel über die anweſenden Offiziere, vorzüglich über ſeine eigene kleine und zier⸗ liche Geſtalt erlaubten. Eben flog wieder ein Cham⸗ pagnerpfropfen knallend auf und zwiſchen dem blonden Profeſſor und dem„Löwentödter“ auf das Tiſchtuch. Der Letztere erzählte von einer Eisbärenjagd, die er nicht mitgemacht und der Profeſſor hörte ihm ſtau⸗ nend zu. Breda war ſehr bleich geworden und ſeine dunklen Augen öffneten ſich immer weiter. Die ausgelaſſenen Jünger Merkurs waren eben beſchäftigt, eine neue Flaſche zu entkorken und Wladimir glaubte zu be⸗ merken, daß man mit der Flaſche nach ihm zielte. In demſelben Augenblick fühlte er auch mit ziemlicher Kraft den ſpringenden Pfropfen an ſeiner Stirn und eine Schaumkaskade ergoß ſich über ſeine Uniform. Wie der Blitz war Breda aufgeſprungen, hatte ſeinen hinter ihm hängenden Säbel ergriffen und aus der Scheide geriſſen. Mit einem zweiten Sprung ſtand der kleine Lieutenannt wie ein zürnender Dämon auf dem Tiſch und ſchwirrend ſauſten ſeine flachen Hiebe auf die Köpfe der Uebermüthigen, welche im Schrecken ihre Stühle umwarfen und nach allen Seiten auseinander prallten. Aber während ein Theil ſich durch die Thüre rettete, hatte Breda Dem⸗ jenigen, der ihn beleidigt, den Rückzug dahin ver⸗ ſperrt und ſinnlos vor Betrunkenheit und Angſt kletterte der Angegriffene durch das Erdgeſ choßfenſter in's Freie. Aber bereits war ihm der wilde Lieutenant mit einem Sprung durch das Fenſter nachgefolgt und jagte hinter ihm und ſeinen fliehenden Genoſſen drein, ohne Mütze, den blanken Säbel in der Hand.... Da blieb Wladimir plötzlich wie an den Boden gefeſſelt ſtehen, ſein zornbleiches Geſicht bedeckte ſſch mit einer Scharlachröthe und die entblößte Waffe in ſeiner Hand ſank herab. Kaum drei Schritte vor ihm ſtand, durch die ſelt⸗ —„ —. 89 ſame Jagd aufgehalten, eine elegant gekleidete junge Dame und ſchaute mit halb erſchrecktem, halb neu⸗ gierigem Geſicht auf den kleinen Lieutenant, der die ſechs großen Menſchen vor ſich hergetrieben hatte und ſie nun faſt ebenſo verwundert anſtarrte, wie ſie ihn. Die junge Dame ſchien zuerſt das Seltſame dieſer Lage zu fühlen, ſie richtete mit der ganzen Grazie eines guterzogenen Mädchens das feine, aber keck und entſchieden zwiſchen roſig angehauchten Wangen hervorragende Näslein wieder geradeaus, und mit allerliebſtem Trotz wölbte ſich der volle kleine Mund, als der Lieutenant mit einer ritter⸗ lichen Verbeugung zurücktrat. Die großen klaren, blauen Augen, die mit vollendeter Ausdrucksloſigkeit an dem Offizier vorbeiſchauten, das ganze zierliche und hochmüthige Geſichtlein, das wie aus einem Porzellangemälde der Rococozeit geſchnitten ſchien, ſagten deutlicher, als Worte es auszudrücken ver⸗ mochten:„Mein Herr! Wie können Sie es wagen, mich zu grüßen, da Sie mir nicht vorgeſtellt ſind? Ich kenne Sie nicht!“ Der Lieutenant verſtand das, obſchon er bei der zuvorkommenden Art der Arnſtadter Damen eigentlich ein Recht gehabt hatte, es zu vergeſſen. 90 Er ſah der jnngen Dame nach, bis er die ſchottiſche Schärpe an einer Ecke des Platzes ver⸗ ſchwinden ſah, wie vor wenig Stunden auf der Kirchentreppe. Dann machte er die Beobachtung, daß er die Aufmerkſamkeit des Sonntagsſtraßenpublikums der ſtillen Stadt bereits in höherem Grade erregte, als ſeinen Vorgeſetzten angenehm ſein konnte, und bemerkte die von ihm Vertriebenen heftig geſtikulirend in vorſichtiger Entfernung in der Geſellſchaft einiger Straßenjugend und zweier Poliziſten, die ihnen an⸗ dächtig zuhörten und achſelzuckend nach Breda her⸗ überſchielten. Wladimir hielt es daher endlich für angemeſſen, ſich mit graziöſer Nachläſſigkeit auf dem linken Abſatz herumzudrehen und ohne die gaffenden Kellner unter der Hausthüre oder die Köpfe ſeiner Kameraden, welche die Fenſter ſchmückten, einer weiteren Aufmerkſamkeit zu würdigen, in den Speiſe⸗ ſaal des„goldenen Anker“ zurückzukehren. Major Graf Lück hatte ſich, wahrſcheinlich um ſeine jugendlichen Anſchauungen nicht mit ſeiner Würde als Stabsoffizier in Widerſtreit zu bringen, eilig empfohlen. Rittmeiſter Baron Braun und der Adjutant waren ihm gefolgt, nicht ohne daß erſterer einige Worte von dem guten Einvernehmen mit der hieſigen — — ᷣ— 91 Bürgerſchaft ſprach, welches Breda durch ſeine Thor⸗ heiten in bedenklicher Weiſe ſtöre. Seine Bemerkungen wurden, als„in eigener Sache“ gethan, keiner weiteren Aufmerkſamkeit gewürdigt, und die jüngeren Offiziere, an ihrer Spitze der Mann des Rechts, der affenähnliche Regimentsauditor Heulbach, beglück⸗ wünſchten Breda eben ſo aufrichtig als lärmend wegen der ſummariſchen Juſtiz, welche er an den Muth⸗ willigen geübt. Der Tragöde bedauerte, daß der Vorfall nicht früher ſtattgefunden habe, da die Scene im„Herzens⸗ adel“ jedenfalls von durchſchlagender Wirkung ge⸗ weſen wäre, der„Löwentödter“ fand, Wladimir habe auf dem Tiſche ausgeſehen, wie der berühmte Häuptling der Schwarzfüße,„die fliegende Schlange“, als er vom Pferde herab ſechs Feinde mit dem Laſſo fing. Der Auditor verſicherte, er werde dem Oberſt die Sache darſtellen und ihn bitten, Wladimir ſofort einige Tage Zimmerarreſt zu diktiren, damit man antworten könne, die Sache ſei erledigt, wenn eine Reclamation der Civilgerichte käme, und in der Mitte des Saales raſte Junker Doppelnaas in einem beſorgnißerregenden Zuſtande der Aufregung, indem er mit dröhnender Stimme die Arie des Marcel aus den Hugenotten ſchrie:„Stoßet ſie— ſchlaget ſie: viff, paff, puff! Piff! Paff! Puff!“ Lieutenant Breda ſchien ſich um alles Das herz⸗ lich wenig zu kümmern und war ſichtlich froh, als er durch das Fenſter den glänzend ſchwarzen Rücken ſeines Cäſars gewahrte, der von einem Reitknecht in ſilbergrauer Livrée eben vorgeführt wurde. „Hört!“ unterbrach Breda ſeine Kameraden ziem⸗ lich kurz:„Ich hätte Luſt zu einem Jagdgalopp nach der Eremitage! Wer macht mit?“ Alles ſchwieg. Man wußte, was Breda unter einem Jagdgalopp verſtand. Nur der große, unge⸗ ſchlachte von Zedderitz, welcher vor wenigen Monaten erſt von der Artillerie herüberverſetzt worden war, ein Großhans und Randalirer erſter Sorte, deſſen bäu⸗ eriſche Derbheit bei den Damen manchmal für kind⸗ liche Unverdorbenheit galt, trat vor. Er ſchien eifer ſüchtig auf den Ruf Breda's und hatte ihn, um eben⸗ falls für einen Teufelskerl zu gelten, ſchon einigemal, zwar ſehr plump, aber nicht ohne einen gewiſſen töl⸗ piſchen Muth nachgeahmt Wladimir ſchien dieſe Geſellſchaft indeß die am wenigſten zuſagende und er erwiederte in ſeiner rück⸗ ſichtsloſen Weiſe: — y æ 93 „Pah— ich reite querfeldein über Alles, was mir vorkommt und Ihr Trakhener iſt zu alt!“ „Wohin Sie mit Ihrem ſpathlahmen Cäſar kommen, dahin reite ich Ihnen nach!“ gab Zedderitz derb zur Antwort. Breda ſah ganz vergnügt auf, als habe es einen wilden Reiz für ihn, einmal einem Widerſpruch zu begegnen. „Holla! das wäre etwas Neues! Uebrigens verſtehen Sie den blauen Teufel, Kamerad, wenn Sie behaupten, Cäſar habe den Spath; ein kleiner Hahnentritt iſt es, ſonſt nichts! Doch wir können es ja probiren! Ich wette einen Korb Champagner gegen eine Flaſche: nicht zum Schlagbaum kommen Sie, ſo liegen Sie ſammt Ihrem Trakhener auf der Naſe!“ Die Kameraden ſahen den tölpiſchen Zedderitz, der ohne ſein rothes Haar und die Sommerſproſſen die ſein breites Geſicht zierten, ein ganz leidlich ausſehender Junge geweſen wäre, voll Mitleid an. Sie wußten, Breda wäre in die Hölle geritten, damit ſich der gegneriſche Fuchs, der trotz ſeines Alters eine auffallend ſchöne Figur machte, den Schweif ver⸗ brannte. „Seine Knochen riskirt man alle Tage!“ lachte 94 Zedderitz,„und wenn ich auch verliere, trinke ich doch mit.“ „Das Vergnügen ſollen Sie haben!“ entgegnete Breda.„Und nun laſſen Sie ſich Ihren Fuchs 4 bringen. Ich habe Eile. Wer zuerſt am Felſenthor der Eremitage anlangt mit oder ohne Unfall— ge⸗ winnt. Baſta!“ Zedderitz verließ den Anker. Durch das Fenſter ſah man, wie er ſeine ungeſchlachten Beine in Be⸗ wegung ſetzte und nach Hauſe lief. Es dauerte nicht lange, ſo kam er hoch zu Roß wieder. Der Fuchs war einige Tage im Stall„ geſtanden und tänzelte wie ein Fünfjähriger die Straße herauf. Breda war noch nicht aufgeſtiegen und, wie gewöhnlich nach einem aufregenden Ereigniß, hatte ſich ein zahlreiches Publikum verſammelt, welches bald 4 das Fenſter betrachtete, durch welches der„Garniſons⸗ teufel“ den Knopfreiſenden gejagt hatte, bald den 4 Lieutenant ſelbſt anſah, der ſich einſtweilen damit be⸗ 6 ſchäftigte, durch Knallen mit einer langen Hetzpeitſche Cäſar in eine ſolche Aufregung zu verſetzen, daß die Pflaſterſteine unter ſeinen Hufen knirſchten und der Reitknecht Mühe hatte, ihn zu halten. „So? Sind Sie endlich da?“ ſagte Breda als Zedderitz herangeritten war, mit ironiſcher Ruhe. „Nun, dann kann's ja losgehen! Oberlieutenant! Klatſchen Sie dreimal in die Hände und dann laſſen wir laufen!“ Sämmtliche im„Anker“ anweſende Offiziere waren Breda auf die Straße gefolgt. „Und heute Abend, wenn ihr euch bis dahin nicht die Hälſe gebrochen habt, rauchen wir hier gemeinſchaftlich die Friedenspfeife und trinken das Feuerwaſſer der Wittwe Clicquot“, rief der„Löwen⸗ tödter“ Rolf Gering, indem er feierlich die Hände erhob, um das Zeichen zu geben. Breda ſchwang ſich in den Sattel, der„Löwen⸗ tödter“ klatſchte und die wilde Jagd ging ab, während der Fähndrich hinterdrein ſang: „Friſch auf Kameraden, auf's Pferd, auf's Pferd, In's Feld, für die Freiheit gezogen!“ Die Dahinſprengenden machten ein furchtbares Getöſe. Die Menſchenknäuel auf dem Markte prallten auseinander, wie Waſſer, in das man einen Stein geworfen, dort humpelte ein Mütterlein wie in Todesangſt über die Straße, da riß ein Bürger mit einem halblauten Fluch ſein ſpielendes Kind in den Hausflur, konnte aber doch nicht ſo ſehr mit ſeinen Gewohnheiten brechen, daß er nicht die Mütze 96 gerückt hätte, Fenſter öffneten ſich und neugierige Köpfe kamen zum Vorſchein... Die beiden Tollköpfe jagten immer weiter die lange Straße hinab. In großen Flocken hing der weiße Schaum an Cäſar's Gebiß und heftete ſich an ſeine ſchwarzen Flanken, mit langen, ſicheren Sprüngen ſauſte der Trakhener⸗ Fuchs hinter ihm her. Da hob der wilde Breda ſich in den Bügeln, um über den Kopf ſeines mächtigen Thieres wegzuſehen— einige hundert Schritte vor ſich ſah er wieder eine zierliche Mädchengeſtalt, kaum größer als er ſelbſt und die leuchtenden Farben einer ſchottiſchen Schärpe. Während Breda keinen Blick von dieſer Er⸗ ſcheinung verwandte, welche ihn heute ſchon zum dritten⸗ mal feſſelte, bemerkte er nicht, daß wenige Schritte davon entfernt ein Dienſtmädchen einen Kinderwagen über die Straße zog, gänzlich unbekümmert um das, was um ſie her vorging. Der kleine Weltbürger in dem Wägelchen ſtreckte die runden Händchen vor Luſt in die Höhe beim Anblick der anſtürmenden Pferde .. Da hört das Dienſtmädchen den heilloſen Lärm, läßt im Schreck den Wagen mitten auf der Straße ſtehen und rennt kreiſchend davon. Jetzt bemerkt auch Breda das Hinderniß, aber zu ſpät! Cäſar iſt nur noch einige Pferdelängen —y von dem Kind entfernt— ihn pariren auf dem ſpiegel⸗ glatten Pflaſter iſt unmöglich, ausweichen der ſichre Sturz! Breda ward ſehr blaß und ſeine Lippen ſchloſſen ſich feſt. Im nächſten Augenblick mußte der Wagen ſtürzen und der Säugling lag zertreten unter den Hufen des Hengſtes— oder Caeſar mußte den Kinder⸗ wagen„nehmen.“ Breda ſtieß einen unartikulirten Schrei zorniger Verzweiflung aus und ſeine Sporen gruben ſich tief in die Flanken des ſchnaubenden Thiers. Der Rappe hob die Vorderfüße hoch in die Luſt— in gewaltiger Sprung— das Kuirſchen der vier aufprallenden Eiſen auf den Steinen... dann be⸗ gannen die Hufe Cäſar's zu rutſchen wie auf Glatteis und Roß und Reiter wälzten ſich in einem dunklen, ſtaubigen Knäuel am Boden... Lieutenant Zedderitz raſte vorüber. Aber Cäſar hatte den höchſten Sprung ſeines Pferdelebens umſonſt gethan und der wilde Breda war vergeblich geſtürzt, denn im letzten Augenblick, ehe das dahinſtürmende Pferd den Säugling er⸗ reichte, ſtürzte auch ein ſchönes Mädchen, verzweifelte Angſt im Antlitz, auf den Wagen zu und riß ihn hinweg. Dann ſtürtzte ſich die junge Dame an allen Gliedern bebend auf das grün ansgeſchlagens Korb⸗ v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 98 geflechte, während der Säugling ihr lallend die Händ⸗ chen entgegenſtreckte. Cäſär beſann ſich zuerſt und richtete ſich mühſam und oftmals den Halt verlierend auf den glatten 5 Steinen in die Höhe.— Auch Breda erhob ſich auf einem Arm, von dem ihm der Waffenrock in Fetzen herunterhing. Er ſah in ein erſchrecktes Mädchenangeſicht, das ſich über ihn beugte und athemlos fragte: „Um Gotteswillen, Sie ſind verwundet!“ „Nur mein Rock, Fräulein,“ antwortete Wladi⸗ mir, indem er auf die Füße ſprang und nach dem Zügel Cäſar's griff.„Und damit“, fügte er mit einem ſengenden Blick hinzu,„iſt ein Augenblick zu Ihren Füßen nicht zu theuer erkauft.“ Zorniger Stolz ſprühte aus den blauen Augen der jungen Dame und ihre Wangen färbten ſich purpurn. Dann wandte ſie dem Lieutenant den Rücken, warf noch einen Blick nach dem geretteten Säugling, um den ſchreiend und geſtikulirend einige Weiber und das treuloſe Dienſtmädchen verſammelt waren, und ging raſch hinweg. Eine Frau hob das Kind aus dem Wagen und drückte es inbrünſtig an's Herz und ein Mann im Schurzfell ſchüttelte gegen den Lieutenant die geballte Fauſt. Hinkend trat Breda auf den Rappen zu und ſchwang ſich in den Sattel. Im kurzen Trab kam Zedderitz, der ſeinen Fuchs erſt nach einiger Zeit hatte anhalten können, die Straße herunter. Schon bei den erſten Schritten Cäſar's bemerkte Breda, wie der„Hahnentritt“ ſeines Lieblingsthieres einen ſolchen Grad erreicht hatte, daß von einer Fort⸗ ſetzung des ſonderbaren Hürdenrennens wohl nimmer⸗ mehr die Rede ſein konnte. „Herr Kamerad!“ wendete er ſich an Zedderitz, „Sie haben die Wette gewonnen. Cäſar werde ich wohl niemals wieder zur Eremitage reiten“ „Von einem Gewinn der Wette kann unter der⸗ gleichen Umſtänden nicht die Rede ſein“, antwortete Zedderitz in großmüthigem Ton. „Was? wollen Sie mir aus Mitleid einen Korb Champagner ſchenken?“ fuhr Breda auf. „Merken Sie ſich, ich kann mir ſowohl ein anderes Pferd kaufen, als eine verlorene Wette bezahlen. So, jetzt wollen wir heimreiten. Daß Sie Ihren Fuch⸗ ſen bis an's Felſenthor quälen, davon enthebe ich Sie!“ Als die Beiden wieder auf dem Marktplatz des 7*½ 100 Städtchens anlangten, fanden ſie dort faſt alle jüngern Offiziere der Garniſon verſammelt, welche dem Ausgang des Abenteuers entgegenharrten. Breda wollte nach Hauſe, um einen andern Rock anzu⸗ ziehen, aber der wilde Schwarm nahm ihn in die Mitte und führte ihn, als ob er der Sieger wäre, in den Anker. „Eine ſolche Uniform iſt des Reiters ſchönſter Schmuck!“ hieß es. Rolf Gering behauptete, daß die Arrapahoes manchmal in noch derangirterem Anzug Feuerwaſſer tränken und Bonſtedt war in Verzweiflung darüber, daß auch dieſer zerriſſene Aermel dem Liebhabertheater der„Harmonie“ verloren ging. Die Hand auf Cäſar's Widerriſt ging Fähndrich Doppelnaas mit Herold⸗Schritten neben ſeinem Freunde her und deklamirte: „O ſchöner Tag, wenn endlich der Soldat In's Leben heimkehrt, in die Menſchlichkeit; Zum frohen Zug die Fahnen ſich entfalten, Und heimwärts ſchlägt der ſanfte Friedensmarſch.“ Kaum war die Geſellſchaft im Anker angelangt als das Bachanal begann. Der von Breda ver⸗ lorene Korb Champagner war nur die Einleitung. Bald begnügte ſich die Weinlaune nicht mehr mit 101 den tollen Sprüngen der immer ſchwereren Zungen, es wurden die Tiſche aneinandergerückt und Volti⸗ girübungen über Flaſchen und Teller gemacht. Eine Geſellſchaft von böhmiſchen Harfeniſtinnen zog vor⸗ über und wurde mit Jubel hereingeholt. Zu ihren ſchwermüthigen Weiſen bildete die ganze Geſellſchaft den ſtürmiſchen Chorus. Die Stimmung wurde immer ausgelaſſener. Breda ſchleuderte eine leere Champagnerflaſche über die Schulter gegen den weißen Porzellanofen, daß ſie ein ſchwarzes Loch hineinſchlug und dann mit dumpfem Kollern auf den Boden rollte. Ein Offizier, dem ſie das Ohr geſtreift, rief: „Herr Kamerad, ich muß um etwas mehr Vor⸗ ſicht bitten!“ 1 „Herr Kamerad“, brauſte Breda auf, ſo höhniſch und verletzend, wir nur er es konnte,„Ihre Weich⸗ herzigkeit für leere Flaſchen würde Sie vortrefflich zum Kellner qualifiziren!“ „Sie werden morgen von mir hören“, ſagte der Andere bedeutſam, indem er aufſtand. „Fällt euch nicht ein, euch wegen dieſer Baga⸗ telle zu fordern!“ rief da Oberlieutenant Arnhold, der allezeit Friedfertige und Gefällige, wenn er nur alle Tage die Ausgaben für ſeine vielſeitigen Lebensbe⸗ dürfniſſe im Whiſt gewann.„Sogleich gebt euch die 102 Hand und helft mir, eine kleine Bank zu arran⸗ giren— nicht Hazard— nur um die Zeit todt⸗ zuſchlagen.“ Die Böhminnen geigten und klimperten einen Czardas und der Fähndrich, der ſich ſelber zum Kapell⸗ meiſter gemacht hatte, ſchlug wie ein Verſeſſener mit Breda's Hetzpeitſche einen falſchen Takt und ſang eine ganz unmögliche Melodie dazu. In den Pauſen hörte man das Rauſchen der Karten und das Klappern des Geldes. Breda ſpielte nicht. Er gewann faſt ſtets und das langweilte ihn. Die größten Tollköpfe der Garniſon hatten ſich um ihn geſammelt und horchten auf ſeine Worte, wie auf die ihres natürlichen Vorge⸗ ſetzten. Er ſchien in dieſer Atmoſphäre erſt aufzu⸗ leben, ſein Lachen klang mettallrein durch das Geſchrei der Andern und ſeine Scherze wurden faſt genial. Zedderitz ſchien ſich unbehaglich zu fühlen, weil ſein Gegner gefeiert wurde, während er doch als Sieger das erſte Anrecht auf die allgemeine Aufmerkſamkeit zu haben glaubte. Nachdem er ſichtlich lange mit einem Entſchluß gekämpft, zog er Breda auf die Seite und als ihm Wladimir ob dieſer Geheimthuerei ver⸗ wundert folgte, begann Zedderitz: e— in — 85 en 103 „Auf ein Wort!— Lieben Sie Alwine von Stern?“ Breda ſah ſeinen Kameraden mit drolliger Ver⸗ wunderung an: „Komiſche Frage das! Sind Sie mein Beicht⸗ vater?“ „Spotten Sie nicht, ich rede im Ernſt. Machen Sie Anſprüche auf das Mäͤdchen?“ „Sie ſprechen, als wären Sie Alwinen's heim⸗ licher Bruder! Anſprüche! Ich bin zweiundwanzig Jahre alt und Offizier! Wie kann man da An⸗ ſprüche auf ein Mädchen machen?“ antwortete Breda, auf deſſen Geſicht ſich ein leiſes Unbehagen aus⸗ drückte. „Ach, Sie wollen mich nur nicht verſtehen, Herr Kamerad! Ich meine, ob Sie in näheren Beziehungen zu der Dame ſtehen.“ „Sie werden immer luſtiger, mein Beſter! Und das ſoll ich Ihnen ſagen? Wiſſen Sie denn nicht, daß ich anſtandshalber Nein’ ſagen müßte, auch wenn dem ſo wäre, wie dem nicht iſt?“ „Herr Kamerad, hören Sie, ich liebe Alwine!“ ſtieß Zedderitz verzweifelt heraus. „Ah!“ ſagte Breda, als ſei ihm eine ſehr in⸗ 104 tereſſante, aber für ihn höchſt gleichgültige Neuigkeit mitgetheilt worden... „Und ſie liebt mich wieder!“ „Was Sie mir da ſagen!“ „Ja gewiß, ſie liebt mich! Nur eine Flüchtige Illuſion, eine Täuſchung ihrer ſelbſt, eine Verpflichtung, die ſie in Folge deſſen übernommen hat, hindern ſie, mir... Sie lachen ja fortwährend, Herr Kamerad!“ „Entſchuldigen Sie! Ich lache nur, weil mir einmal eine ganz ähnliche Geſchichte erzählt wurde, nicht von Alwine— bewahre!. Doch fahren Sie fort... Ihnen anzugehören für's Leben und noch einige Zeit darüber hinaus, nicht wahr?“ „Da Sie es ſchon wiſſen, ſo begehe ich keine Indiskretion!“ ſeufzte Zedderitz, der ſich in ſeiner neuen Lage als Geliebtwerdender ſehr unbehaglich zu fühlen ſchien, wie erleichtert.—„Leſen Sie dieſen Brief.“ Breda zog tiefſinnig die Augenbrauen in die Höhe und las—— „Ja, ja, da ſteht's! Sie hat ſich blenden laſſen, aber die Einfachheit und Treue... Sie, Herr Kamerad!“ „Ja wohl— ich glaube, es iſt nicht anders aufzufaſſen“, meinte Zedderitz verſchämt. 1 Das ſind alſo 4— d—— — 105 „Gewiß nicht!— Alſo Einfachheit und Treue in Ihrer Geſtalt trägt doch einen himmliſcheren Stempel an ſich, als alle Genialität,— das ſoll ich ſein?“ „Ja, ſo wenigſtens vermuthe ich...“ „Meine Beſcheidenheit geräth damit auf's Leb⸗ hafteſte in Widerſpruch. Doch leſen wir weiter: Als alle Geniatät, welche nichts unter ihrer glänzenden Oberfläche birgt... Das bin alſo wieder ich?“ „Allerdings!“ ſagte Zedderitz und nahm eine herausfordernde Haltung an. „... Alſo: welche nichts birgt“, las Breda weiter—„als Egoismus und Eitelkeit...“ Der„Garniſonsteufel“ faltete das Blatt zu⸗ ſammen und gab es zurück:„Sie beſtehen alſo da⸗ rauf, daß ich dieſer eitle und eigenſüchtige Menſch bin?“ Zedderitz ſank etwas der Muth: „Herr Kamerad, ich ſage gar nichts... ich ver⸗ muthete nur...“ „Alſo Sie vermuthen, daß ich derjenige ſei, den Fräulein Alwine von Stern gerne los ſein möchte, um Sie zu beglücken, he? Sie neigen ſchweigend das Haupt? Nun alſo! Seien Sie glücklich! Ich gebe Ihnen meinen feierlichen Segen!“ ——— 1 106 Zedderitzen's Sommerſproſſen verklärten ſich. „Ich habe von Ihnen keinen Umſchlag zu be⸗ fürchten?... Die Sache iſt abgemacht?...“ „Abgemacht der Pferdehandel, blos daß es bei unſerem Geſchäft keine geſetzlich garantirten Mängel gibt.“ Ein furchtbares Getöſe lenkte in dem Augenblick die Aufmerkſamkeit der Beiden wieder der Geſell⸗ ſchaft zu. Rolf Gering war, als er ſeinen Freun⸗ den eben mit großer Kunſtfertigkeit und einigen über⸗ einandergethürmten Stühlen einen Angriff berittener Commanchen bildlich darſtellen wollte, mit den Stüh⸗ len zuſammengebrochen und der Länge nach unter den Tiſch gefallen, wo er liegen blieb. Mit der Würde eines Saraſtro ſtreckte der Fähndrich, den die ebenfalls nicht mehr ganz zu⸗ rechnungsfähigen Harfeniſtinnen mit allen möglichen Tönen zu begleiten ſuchten, von ſeinem Kapellmeiſter⸗ ſtuhl über den Gefallenen die Hand aus: „So wandelt er an Freundeshand Vergnügt und froh in's beſſ're Land!“ „Banko!“ rief die aufgeregte Fiſtelſtimme Arn⸗ hold's aus der Ecke.—„Ich halte die zehn Louis⸗ d'ors!“ — 5 107 „Die Liebe iſt der wahre Herzensadel!“ ſchluchzte Bonſtedt mit der Rührungsſeligkeit des Champag⸗ ners.—„Es lebe die Liebe!“ Das war ein Wort, das der Fähndrich aus dem wildeſten Tumult heraushörte. Mit einem Sprung avancirte er auf den Tiſch und das ſchäumende Glas leerend rief er: „Dem Liebchen! Doch das Glas iſt leer! Die Kugel ſauſt, es blitzt der Speer— Bringt meinem Kind die Scherben!“ Der Junker erſchrak, denn während er das Glas ſchwang, hatte Breda das ſeinige dem rothen Zedderitz klirrend vor die Füße geworfen: „Bringt meinem Kind die Scherben!“ „Die Königin!“ rief's vom Tiſch der Spieler. „Die Königin iſt todt, es lebe die Königin!“ jauchzte Breda, indem er eine Flaſche an der Tiſch⸗ kante den Hals abſchlug. Da trat der Wirth ſchüchtern ein und wendete ſich an Breda mit der Anzeige, daß Polizeirottmeiſter Huber die Herren bitten laſſe, etwas ruhiger zu ſein, da er ſonſt, wenn er nicht ſelber Ungelegenheiten haben wolle, ſeine Anzeige machen müßte. „Hört, Kinder!“ rief Breda, der den Wirth ruhig angehört hatte und gab mit zwei Gläſern ein gellen⸗ des Zeichen.„Köhler ſagt mir, daß Rottmeiſter Huber Ungelegenheiten habe, wenn wir noch länger fortlärm⸗ ten. Ihr wißt, Huber iſt ſtets ſo artig und zuvor⸗ kommend gegen uns, als ob er noch Wachtmeiſter beim Regiment wäre. Und er war ein ſchneidiger Unteroffizier, auf den man ſich verlaſſen konnte. Auch für Köhler iſt es nicht angenehm, unſertwegen immer Vorladungen auf's Amt zu bekommen, wenn wir ihm auch eine etwaige Strafe bezahlen wollten. Ich ſchlage daher vor, nach Hauſe zu gehen!... Den Ofen ſetzen Sie auf meine Rechnung, Köhler“, wandte ſich Breda dann wieder an den Wirth,„und den Ober⸗ lieutenant da unten“, er deutete auf Rolf Gering, welcher unter dem Tiſch indianerhaft ſchnarchte,„den Oberlieutenant laſſen Sie durch Rottmeiſter Huber in ſeine Wohnung abliefern.“ Während ſich Alles zum Aufbruch rüſtete und der Spieler Arnold ſeinen Gewinn zu ſich ſteckte, fiel Breda's Blick auf die ärmlichen Geſtalten der Harfeniſtinnen, die halbſchlummernd noch mit den müden Fingern über die Saiten⸗ irrten. Er nahm ſeine Mütze vom Nagel und reichte ſie herum; und mit einem tiefen mitleidigen Blick ſeiner wilden Augen ſagte er: „Etwas für die Kunſt in Lumpen, Kinder!“ Dann vermehrte er die Summe heimlich mit fahren! Decker! Fürchtet er ſich ſchon wieder vor ſeinem Gaul, weil er ſich nicht ordentlich auf dem Sattel zu ſitzen getraut? Der lahme Fuchs darf ſich wirklich geſchmeichelt fühlen, daß er einem ſechs Schuh langen Menſchen ſolchen Reſpekt einzuflößen vermag. Grade ſitzen ſoll Er.“ Ein Lufthieb mit der Hetzpeitſche bringt den lah⸗ men Fuchſen zu einigen Bockſprüngen und Rekrut Decker klammert ſich ängſtlich an die Mähne. „Er iſt mir ein ſchöner Ritter, Decker! Gut, daß wir Frieden haben, Er hat ſchon genug Furcht vor ſeinem eigenen Gaul. Ich muß euch den Verſtand ein wenig durcheinanderrütteln. Galopp— keinen will ich ſehen, der mir falſch anſprengt— alſo Ga⸗ lopp— marſch! Ja, du meine Zeit! Decker! Rekrut Decker! Laſſe Er doch ſeinem Pferde mehr Luft! Er reißt ihm ja die Kinnladen auseinander! Mit den Beinen muß Er ſich halten, daß Er nicht herunter⸗ fällt, nicht mit den Zügeln!— Da haben wir's,— da liegt er ſchon! Auf! wieder aufgeſeſſen und ſich geſchämt! Was? Wehgethan hat Er ſich? Hier auf dem weichen Loh? Daß Er ſich nur nicht in ſeinem Bett noch ein Bein bricht! Laß Er ſich nicht aus⸗ lachen!... Ja, nur zugeritten, Verehrteſte! Was geht es denn die andern an, wenn einer aus Furcht 112 herunterfällt? Galopp, Galopp, flott! Kirchner! Rekrut Kirchner! Er hängt auch droben wie eine reife Frucht! Suche Er ſeine Bügel wieder zu bekommen und nehme Er den rechten Trenſenzügel auf! Ach, ſchau Er mich nicht ſo barmherzig an, wie eine Mutter Gottes! Es geht Ihm noch nicht an's Leben.... Ja, wer hat Ihm denn geſagt, daß Er Schritt reiten ſoll, um ſeine Bügel zu faſſen? Im Galopp muß das geſchehen! 4 Es iſt halb neun! Noch eine halbe Stunde, dann iſt die Gefahr vorüber, noch heute vom Oberſten eitirt zu werden und ein Tag der Freiheit iſt ge⸗ wonnen. Da erſcheint über der Thüre der Reitſchul⸗ brüſtung das derbe Geſicht des erſten Wacht⸗ meiſters. „Abtheilung Trab, marſch— Schritt, marſch! Was gibt's, Weber?“ „Der Herr Lieutenant möchten ſogleich zum Herrn Oberſt kommen.“ „Uebernehmen Sie für die nächſten Tage meine Abtheilung, Weber!“ ſagte Wladimir mit einem Seufzer der Reſignation,„und haben Sie ein Auge auf Decker, daß der Menſch doch endlich ſitzen lernt!“ Ee A E mnttneen — 2 re aagfewererderzi 113 Als Breda auf die Regimentskanzlei kam, konnte der Oberſt, ein kleiner Mann mit dickem, ſchwarzem Schnurrbart, der immer fußhohe Mützen trug und bei jedem dritten Worten ſtotterte, die ſtrenge Amts⸗ miene kaum beibehalten, welche er nach all den ein⸗ gelaufenen Klagen dem Lieutenant gegenüber annehmen zu müſſen glaubte. „Sie ſind geſtern... tata... mit Lieutenant Zedderitz in voller Carrière... tatata... durch die Stadt geritten.. tata.. Breda ſchwieg. 2.. Tatata.„. dann ſind Sie... tatatata.. niedergefallen!...“. „Wenn das ein erſchwerender Umſtand iſt, ſo ver⸗ ſichere ich, daß es ganz unabſichtlich geſchah und mir ſehr weh gethan hat!“ erwiderte Breda. „Schweigen Sie! Es iſt unpaſſend für einen Offizier, die... tata... luſtige Perſon eines öffent⸗ lichen Schauſpiels abzugeben. Sie aber ſind mit Ihrem lahmen Rappen und dem zerfetzten Rock durch die Stadt gezogen, als wäre vor den Thoren eine Schlacht geliefert worden... Sie haben in dieſer unpaſſenden Kleidung den ganzen Abend in der Ge⸗ ſellſchaft Ihrer Kameraden zugebracht...“ „Aber dieſen Kameraden, Herr Oberſt...“ v. Schlägel, Leutſch und Wälſch. IV. 8 1474 11◻ „Schweigen Sie! Sie haben an einigen Civi⸗ liſten, von denen Sie allerdings... tatata... herausgefordert worden ſind, ſehr ſummariſche Juſtiz geübt; für alle dieſe Vergehungen erhalten Sie... tatata... drei Tage Zimmerarreſt... In einer Stunde wird der Herr Adjutant... tatata Ihren Säbel holen... tatata... Guten Morgen, Herr Lieutenant!“ Breda machte eine Verneigung und ging. Die Arreſtdauer war mehr als nachſichtig, und eher eine Conceſſion an das„Spießbürger⸗ und Philiſterthum“, als eine eigentliche Strafe. Dennoch war es für den wilden Lieutenant, der ſo ſtarker Erregungen bedurfte, um ſich nicht zu lang⸗ weilen, ein ſeltſames Gefühl, als er Cäſars braunen Stellvertreter die Kirchentreppe hinaufritt, mit der Ueberzeugung, daß er in den nächſten drei Tagen nicht wieder herunterreiten werde. Als ihm ſein ſilbergrauer Reitknecht die Zügel abnahm, überreichte er Breda zugleich eine Zeitung und einen Brief. 4 „Was ſoll's damit?“ fragte der Lieutenant, als er die Zeitung nahm, die er ſonſt nie las. „Leſen Sie nur!“ ſagte der Burſche mit einem Ausdruck, als erwarte er, daß ſein Herr ſofort einen 115 kleinen„jüngſten Tag“ in Scene ſetzen werde. „Sie haben Ihnen in die Zeitung geſetzt, Herr Lieutenant!“ „Ei, dann ſind wir ja auf dem beſten Wege, be⸗ rühmt zu werden, Georg!.... Hm! der Mann muß um Stoff zu Leitartikeln verlegen ſein. Geſtern, ſchreibt er, glaubte man nicht in der friedlichen Pro⸗ vinzialſtadt eines deutſchen Staates zu wohnen, welche zu ihrem Schutze(da ſteht ein Rufzeichen in Klam⸗ mern! Wie fein! Wie ironiſch!) eine Garniſon von Landeskindern hat, ſondern man glaubte(Gewandt⸗ heit im Ausdruck iſt des Mannes Schwäche nicht), in einer polniſchen Stadt zu ſein, in welche zur Strafe ein Koſakenpulk von den Ufern der Wolga gelegt worden iſt(das Bild iſt nicht ſchlecht, aber etwas weit hergeholt). Kaum war das empörende Schauſpiel vorüber, daß in Folge eines Wortwechſels bei Tafel achtbare Kaufleute von einem durch ſeine Rückſichtsloſigkeit (wie zart!) bereits berüchtigten Herrn mit blankem Säbel bis auf die Straße verfolgt wurden, ſo machte derſelbe Herr in Geſellſchaft eines Andern die Straßen der Stadt zur Rennbahn, wobei einer der Reiter in frevelhaftem Uebermuth ſogar einen Säugling als Barrière für die Sprünge ſeines Pferdes benützte. Wir proteſtiren hiemit feierlich(potz tauſend!) gegen r ſolche Akte der Barbarei und fordern von den zuſtän⸗ digen Militärbehörden exemplariſche Züchtigung der Ex⸗ cedenten. Sodann fordern wir, daß die Polizei⸗ ſtunde auch gegen dieſe Herren in Anwendung komme, denn indem wir dieſe Zeilen ſchreiben, Morgens fünf, tönt uns das um dieſe Zeit nichts weniger als melodiſche Klirren der Schleppſäbel in's Ohr.“ O du unverſchämter Scribler! Denuncirt noch den Kame⸗ raden, der die Stalljour hat, denn wir Andern waren alle um vier zu Hauſe. Da ſieht man wieder deutlich, wie die Zeitungen lügen! So einem Demokraten iſt nichts heilig, ſelbſt nicht das Hinterſtübchen im Anker .., Doch er ſoll diesmal ſeinen Meiſter gefunden haben in der Polemik!“ fuhr Breda grimmig lächelnd fort.„Mit dem Säbel will ich ihm in's Geſicht ſchreiben, daß es ein gefährliches Geſchäft iſt, den öffentlichen Sittenrichter zu ſpielen, und wenn er ſich mir nicht gegenüberſtellt— mit der Peitſche auf den Rücken! Kennſt du aus Zufall den Mann, der das Blatt da ſchreibt? Jung? Groß? Breiſchulterig?“ „Nein, Herr Lieutenant! Er wohnt in der Hintergaſſe über vier Treppen und iſt ein ganz nichts⸗ nutziger kranker Zwerg, der ſechs Kinder und eine böſe Frau hat. Er hat auch ſchon einmal lange auf der Feſtung geſeſſen, der ſchlechte Menſch, wegen 1 † Majoritätsbeleidigung, und zieht noch heute über den Herrn Kriegsminiſter los, ſagen die Leute. Und dabei hat er kaum das Leben mit ſeinen Kindern, denn das Schandblatt kauft Niemand, ſagen die Leute,— wenn er nicht ſo ſchimpfen thät, könnte er reich ſein, ſagen die Leute. Der verdient es, daß der Herr Lieutenant einmal über ihn f— kommen.“ „Meinſt du?“ Breda ſah ſinnend vor ſich nieder. „Arm, alt und unglücklich und dennoch ſein Leben lang bekennend, um was er gelitten? Er iſt falſch 5 berichtet worden und meint Gutes zu ſtiften. Mag er ſein Elend in Frieden weiter tragen. Ich will es ihm nicht ſchwerer machen.“ Wladimir's Blick fiel auf den Brief, den er noch immer in der Hand hielt: „Ah! Von Alwine! Die iſt ja noch gröber als das Tagblatt! Nur nicht ſo ehrlich! Sie klagt mich an, ſie aus Eiferſucht verleumdet, verrathen, ver⸗ 4 nichtet zu haben, entehrt vor der ganzen Welt! b Eiferſucht! Als ob ſie jemals ernſthaft Glauben für das beanſprucht hätte, was ſie mir ſchwor! Als ob ſie je unſer Verhältniß anders betrachtet hätte, als eine Zerſtreuung in der Langweile dieſer öden Stadt, 1148 über welche ſie ſo elegiſch ſeufzte, während ſie an mir vorüber nach einem andern ſchielte. Nun ſpricht ſie von ihrer verrathenen, unter die Füße getretenen Liebe und rechnet auf die Ehrenhaftigkeit des tölpiſchen Zedderitz, daß er ihr Briefchen hübſch für ſich behalten habe. Und Zedderitz, der Biedermann erzählt fein ausführlich, was ich geantwortet, und verſchweigt ſorgſam, was er gefragt. Und nachdem ſie mich ohne Streit aus Ueberdruß verlaſſen und bei ihrem neuen Geliebten über mich geſchmäht, macht ſie mich verant⸗ wortlich für ihren zertretenen Ruf, den ich nicht wieder aufzurichten vermocht hätte mit dem Opfer eines Lebens. Das iſt häßlich, mehr noch, das iſt widerwärtig! Sie ſchwört mir höchſt theatraliſch Rache. Wahrſcheinlich ſoll der Knabe Zedderitz der Ritter ſein, der für ſie zu Felde zieht. Nur zu! Ich bin in der Laune, es mit einem Dutzend ſeines Schlages aufzunehmen.“ Sinnend lehnte Breda am Fenſter. Da ſchrak er zuſammen. Das Blatt der Kokette entfiel ſeiner Hand und fiel unbeachtet zu Boden. Der wilde Lieutenant drückte die heiße Stirn an die Scheiben und ſtarrte auf den öden Platz auf dem eben wieder die zierliche Mädchengeſtalt erſchien, welche ſeit geſtern nun ſchon zum dritten Mal in den aufregendſten —* Augenblicken dieſer bewegten Tage in ſeine Bahn ge⸗ treten war, die ihn mit einem ſtolzen Blick zurückge⸗ wieſen hatte, als er ſie zu grüßen wagte, und ſich mit dem Ausdruck des tiefſten Schreckens über ihn beugte, als ſie ihn verwundet glaubte. Mehr noch als ihre Schönheit und Grazie hatte Breda den Muth bewundert, mit dem ſie ſich vor die Hufe ſeines Pferdes geworfen, um das gefährdete Kind zu retten. Ja— es war nicht zu leugnen— ſie hatte ihn vielleicht vor einer That bewahrt, welche einen dunklen Schatten auf ſein ganzes Leben geworfen hätte. Und wie hatte er ihr gelohnt? Er hatte ihr in demſelben Augenblick, da das tiefſte Intereſſe für ihn aus ihren Zügen ſprach, mit einer kecken Redensart geantwortet, die ihr wie Hohn klingen mußte, ſo ſehr vielleicht manche andere Dame von Arnſtadt davon entzückt geweſen wäre. Es war nicht zu leugnen, die Tochter des pen⸗ ſionirten Generals von Thyngen unterſchied ſich in Allem und Jedem von der Geſellſchaft, in welche ihr greiſer Vater und ſie ſeit wenigen Wochen eingeführt worden waren, obſchon ſie allen Anforderungen, welche die gute Lebensart an Neuankommende ſtellt, gewiſſen⸗ haft nachkamen und denjenigen Familien, die die Ge⸗ ſellſchaft Arnſtadt's bildeten, jede Rückſicht erwieſen. 120 Obgleich daher Niemand eigentlichen Grund hatte, ſich über eine Vernachläſſigung von Seite der Neuange⸗ kommenen zu beklagen, ſo war die Arnſtadter Geſell⸗ ſchaft mit der Art, wie der General und ſeine Tochter ſich gaben, doch nur halb zufrieden. Einem alten quiescirten Herrn konnte man etwas ſtolze Zurück⸗ haltung wohl noch vergeben, aber daß ein achtzehn⸗ jähriges Mädchen ſo wenig Intereſſe für alle die Dinge zeigte, welche die weibliche Jugend Arnſtadt's bewegten— daß ſie mit aufmerkſamen Augen der Aufzählung der renommirteſten Tänzer zuhören und ſchließlich mit einem ruhigen Lächeln geſtehen konnte, ſie liebe den Tanz nicht,— das war den Arnſtadter jungen Damen doch außer allem Spaß. Auch die Art, wie Thekla von Thyngen durch die Straßen ging, war zum mindeſten auffallend. So ſchritt ſie durch den dichteſten Schwarm von Offizieren, welche ſie wie ein Wunder anſtarrten, ohne die Augen niederzuſchlagen, aber auch ohne ſich um einen einzigen mehr zu bekümmern, als nöthig war, um ihnen mit ruhiger Sicherheit auszuweichen, wenn ſie nicht⸗ artig genug waren, zur Seite zu treten. „Das Alles iſt gemacht“, hieß es,„um aufzufallen.“ Der Umſtand jedoch, daß General von Thyngen, weil, wie er angab, Thekla keine Mutter mehr habe, die — — 121 Beſuche aller unverheiratheten Offiziere, ſelbſt die des ewig jungen Grafen Lück, ablehnte, bewies, daß er Bekanntſchaften für ſeine Tochter nicht ſuchte. Ueber⸗ haupt mußte die Arnſtadter Geſellſchaft ſchon nach wenigen Wochen zu der etwas beſchämenden Erkennt⸗ niß gelangen, daß die Aufmerkſamkeit, welche ihr von General Thyngen erwieſen worden war, weniger ein Tribut, den ihr der General zollte, als eine Pflicht ſei, die er ſich als Mann von Welt ſchuldig zu ſein glaubte, denn er hatte zwar Gegenbeſuche mit aus⸗ gezeichneter Höflichkeit empfangen, alle Einladungen für ſich und ſeine Tochter jedoch abgelehnt und ſchien den ungeſtörten Aufenthalt in dem kleinen Eigenthum an der„Seufzerallee“, das er ſich gekauft, allen ge⸗ gellſchaftlichen Vortheilen Arnſtadt's vorzuziehen. Und dennoch war es unverkennbar, daß Thekla die ſorg⸗ fältigſte Erziehung genoſſen haben mußte und daß ſie die weibliche Jugend Arnſtadt's ebenſoſehr an Geiſt wie an Schönheit und Grazie übertroffen hätte, wenn ſie in die Schranken getreten wäre. Thekla von Thyngen ſchien dieſen Chrgeiz nicht zu beſitzen, denn ſelbſt in der Kirche pflegte ſie den verborgenſten Platz zu erwählen. Ihre Kirchenbeſuche waren in letzter Zeit häufiger geworden. Aber dabei auch konnte ſie nicht die Abſicht haben, vor der Welt mit ihrer 122 Frömmigkeit zu glänzen, denn an Werktagen wußte von ihren frommen Wanderungen kaum jemand Anderes als der Küſter oder der Garniſonsteufel, wenn er zufällig, was freilich ſelten genug vorkam, zu Hauſe war. Dem wilden Breda war es nicht eingefallen, in einem Hauſe Beſuch zu machen, in das man ihn nicht mit ſanfter Gewalt gezogen hatte. Die Arnſtadter Geſellſchaft war daran gewöhnt, daß er es mit dem geſelligen Codex ſehr leicht nahm, und die meiſten Mütter wußten hundert Entſchuldigungen für die Zer⸗ ſtreuungen des wohlhabendſten Offiziers der Garniſon⸗ in der ſtillen Zuverſicht, er werde eben aus Zer⸗ ſtreuung wohl noch einmal ihre Tochter heirathen. Breda's Herz pochte jetzt mit gewaltigen Schlägen, als Thekla, ohne emporzublicken, an ſeinem Fenſter vor⸗ überging. Jetzt war der Augenblick, daß er ſich ihr nähern, ihr danken konnte... Der Platz war leer; nur das beſtaubte Laub der alten Bäume zitterte leiſe in der Sommergluth. Breda ergriff ſeine Mütze und öffnete haſtig die Thür. Aber mit einem halbunterdrückten zornigen Fluch blieb er ſtehen— der rothnäſige Adjutant trat ein und erſuchte ihn um ſeinen Säbel. Breda war 123 Gefangener und von dieſem Augenblick an auf Chren⸗ wort verpflichtet, ſeine Wohnung nicht zu verlaſſen, bis ihm ſeine Waffe zurückgeſtellt wurde. Der etwas pe⸗ dantiſche Adjutant hielt es außerdem noch für nöthig, den Lieutenant darauf aufmerkſam zu machen, daß Ge⸗ lage in der Wohnung den Vorſchriften über den Zim⸗ merarreſt zuwiderlaufen. Breda reichte mißmuthig ſeinen Ordonnanzſäbel und ſagte:„Wäre der Oberſt im Anker geweſen, ſo würde ihm der Champagner auch für's erſte verleidet ſein. Bezüglich der Gelage kann er ſich alſo be⸗ ruhigen.“ Der Adjutant machte ein ſaures Geſicht zu dieſer reſpektwidrigen Bemerkung und ging, nachdem er der ihn begleitenden Ordonnanz Breda's Säbel übergeben, im Gefühl ſeiner Wichtigkeit von dannen. Mit einem Seufzer der Entſagung kehrte Breda an’s Fenſter zurück, um Thekla noch einmal zu ſehen, wenn ſie ihre Andacht verrichtet hatte und zurückkehrte. Aber ſeine Augen öffneten ſich immer weiter vor un⸗ willigem Erſtaunen, denn durch das geöffnete Fenſter ſtrömten ihm plötzlich die luſtigen Klänge eines Leier⸗ kaſtens entgegen, welcher dicht unter ſeinem Fenſter mit verzweifelter Energie„Feinliebchen unter dem Rebendach“ zum Beſten gab. — 124 Zu gleicher Zeit öffnete ſich wieder die Thüre, mit hoch tragiſchem Schrittund trauerumdunkeltem Ant⸗ litz trat Fähndrich und Opernenthuſiaſt Doppelnaas über die Schwelle, vergeblich bemüht, den Monolog Maria Stuart's der Berliner Poſſenmelodie anzu⸗ paſſen: „Ich bin gefangen, ich bin in Banden.“ „Unausſtehlich biſt du!“ rief Breda ärgerlich, denn eben jetzt ging Thekla vorüber und legte ein Geldſtück auf den vom Fähndrich zur Zerſtreuung ſeines Freundes requirirten Muſikkaſten. „Unausſtehlich?“ wiederholte der Junker vom Fenſter zurücktretend, wo er mit erhobener Hand dem Orgelmann Schweigen geboten.„Blos unglücklich, theurer Freund! Namenlos unglücklich!“ „He?“ ſagte Breda, indem er gutmüthig⸗miß⸗ trauiſch den Junker anſah.„Iſt das Citat oder Ernſt?“ „Der entſetzlichſte Ernſt!“ betheuerte der Junker, indem er aufgeregt im Zimmer auf⸗ und abſchritt. „Die Cabale hat geſiegt. Der alte Herr' hat erklärt, er würde nie ſeinen Segen geben zu einer Verbindung der Doppelnäſe mit einer Landrichterswittwenpenſion und die Frau Landrichterin hat mich gebeten, meinen Verkehr mit ihrer Tochter einzuſtellen. O Leonore...“ &— *x½ 125 420 Der Fähndrich war im Begriff, das Miſerere aus dem Troubadour anzuſtimmen, als ihn Breda unterbrach: „Bei der ganzen Sache wundert mich nur das Eine, daß die Landrichterin dich nicht ſchon längſt vor die Thüre geſetzt hat.“ Doppelnaas nahm eine hochromantiſche Stellung an:„So wiſſe denn! Lina und ich ſind dennoch entſchloſſen: „Und legt ihr zwiſchen mich und ſie Auch Berge, Thal und Hügel, Geſtrenge Herrn, ihr trennt uns nie...“ „Denn Tolle hält kein Zügel“, vollendete Breda trocken. Ueberraſcht, auf ſeinem eigenſten Felde angegriffen zu werden, ſtarrte der Fähndrich den Lieutenant an, dann wendete er ſich ſchmerzlich bewegt ab mit der Platen'ſchen Sentenz: „Von den Schmerzen eines Kranken fühlt ewig der Geſunde nichts.“ Breda legte dem Junker die Hand auf die Schulter und ſagte leiſe: „Wer ſagt dir, daß ich nicht noch toller bin?“ „Auch du, mein Brutus?“ rief Doppelnaas pathetiſch. „Laß das!“ ſagte Breda wie ärgerlich über ſeine Offenherzigkeit.„Was deine unſelige Liebſchaft be⸗ trifft, ſo würdeſt du mir, da du mich einmal mit deinem Vertrauen beehrt haſt, einen Dienſt erweiſen, 5 wenn du mir ſagteſt, was aus der ganzen Sache werden ſoll?“ „Du fragſt und ich, ich kann nur ſchweigen!“ deklamirte Doppelnaas in improviſirten Jamben, in⸗ dem er die eine Hand bühnengerecht ausſtreckte, die andere mit dem Säbelkorb an's Herz drückte.„Weiß ich's denn ſelbſt?“ „Das iſt eben das Traurigſte, daß du es nicht. weißt und dir auch nicht klar darüber zu werden trachteſt. In einigen Jahren hat Lina ihre Blüthe⸗ zeit hinter ſich und jene Grenze erreicht, wo man eine gefeierte Frau ſein kann, aber wenn unverheirathet, „alte Jungfer“ und„Ballſchrecken“ genannt wird. Du biſt dann noch jung und lebensluſtig; ſchöne Mädchen, welche jetzt noch die Penſion beſuchen, treten als neue reizende Erſcheinungen auf die geſellſchaftliche Bühne,„ eine von ihnen kann dir dann beſſer gefallen und...“ Doppelnaas war trotz aller Opern⸗Romantik kein Freund von romantiſchen Schwüren. Offenbar leuchtete ihm das, was Breda ſagte, auch ein. Er ſchaute eine Weile rathlos vor ſich hin, dann füllten 427¼ ſich ſeine Augen mit Thränen, und mit einer Ge⸗ berde, die einen franzöſiſchen Balletmeiſter in Ver⸗ zückung verſetzt hätte, ſank er auf das Sopha und ver⸗ barg ſein Geſicht in den Kiſſen. Nach einigen Secunden ſtand er wieder auf, nahm Breda's Hand und ſagte mit ſeltenem Ernſt: „Ich habe mir daſſelbe ſchon hundertmal geſagt; aber es nützt uns allen beiden nichts. Es kann eine Zeit kommen, wo ich die Lina nimmer mag, wo ſie auch keinen andern mehr bekommt— dann mach' ich eben den ‚ſchlechten Kerl'.“ „Und glaubſt du, daß Lina ſich mit dieſer ver⸗ lockenden Ausſicht begnügen werde...?“ „Vielleicht wird ſie meiner früher überdrüſſig als ich ihrer— dann macht eben ſie den ‚ſchlechten Kerl' ſtöhnte Doppelnaas.„Sie kann dann träumen von entſchwundener Luſt— „Iſt das nicht werth der herben Fluth der Thränen? Nur der iſt elend, der in öder Bruſt Nichts zu beweinen hat, nichts rückzuſehnen!“ Als der Oberſt ſchon am Morgen des dritten Tages, ehe noch die Arreſtzeit abgelaufen war, den Adjutanten abſchickte, um dem Lieutenant ſeinen Säbel zu bringen, traf jener die Kirchentreppe faſt 128 verſtopft durch einen in Unordnung gerathenen Braut⸗ zug, deſſen myrthenbekränzter, glanzlederner Vortrab immer wieder in wilder Flucht auf ſeine Reſerve zurück⸗ prallte, ſo oft er es auch verſuchte, an der Wohnung des„Garniſonsteufels“ vorüberzukommen. Dieſer in⸗ ſpicirte eben von ſeinem Hochparterrefenſter aus einen prächtigen Grauſchimmel, welcher hie und da an der kräftigen Fauſt Georg's ſich emporbäumte und dann wieder nach allen Richtungen der Windroſe ausſchlug. Vor dem Fenſter ſtand ein jüdiſcher Roßkamm, welcher mit der dieſem edlen Stamme eigenthümlichen Bered⸗ ſamkeit dem„Herrn Baron“ die Vorzüge des Schimmels beſchwor, und wenn der letztere nicht von dem be⸗ rüchtigten Flügelpferde der Poeten in gerader Linie abſtammte, ſo trug daran wohl nur der Umſtand ſchuld, daß Herr Gerſon Itzig von jenem edlen Thier nichts wußte. Ohne ſcheinbar auf das Geplapper des Hebräers zu hören und ohne die Ausrufe lauter Entrüſtung zu beachten, welche von der„Toéte“ des zum Stehen ge⸗ brachten Brautzuges herüberdrangen, commandirte Lieutenant Breda ruhig wie auf der Reitſchule ſeinem Burſchen die Gangarten, in welchen er den vorge⸗ ſchlagenen Stellvertreter Cäſar's ſehen wollte. „Hochfeines Thier, ſag' ich Ihnen, Herr Baron! — ——“— 129 Laſſe zuſammen kommen alle Offizierspferde im König⸗ reich und ich verſchenke den Schimmel an einen Karrenführer, wenn er nicht das hochnobelſte iſt, Herr Baron! Werden Aufſehen machen, wenn Sie droben ſitzen, Herr Baron! Werden die Damen von Arnſtadt rufen: ‚Gott der Gerechte!e werden ſie rufen, wo hat der hübſche Herr Lieutenant von Breda das Thier hergekriegt!! Und Itzig Gerſon wird das hören und ſich freuen— denn Itzig iſt glücklich, wenn er ſeine gnädigen Kunden zufriedenſtellen kann und freut ſich ſelber, wenn er ein ſchönes Pferd unter einem flotten Reiter ſieht. Und das ſind Sie, Herr Baron!“ fuhr Itzig Gerſon mit großer Ueberzeugungsinnigkeit fort—„weiß Gott, das ſind Sie! Hab' es heute zu meiner Frau geſagt. Rebecca, hab' ich geſagt— wenn einer den Schimmel verdient, ſo iſt es der Herr Baron von Breda— denn er iſt doch der beſte Reiter der Welt. Und wiſſen Sie, was meine Frau geſagt hat? Itzig,“ hat ſie geſagt, ‚der Herrr Lieute⸗ nant iſt auch der ſchönſte Offizier der Garniſon. Ja, ſo hat ſie geſagt. Und Rebecca hat Geſchmack. Ihr gefällt nicht ſo leicht Einer.“ Wladimir ſtreifte mit einem Blick unheimlichen Spottes das häßliche, bartloſe Geſicht mit der langen, über einen zahnloſen Mund herabhängenden Naſe und v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 9 130 die dürre Geſtalt des Schmeichlers, deſſen mit Tom⸗ bakringen geſchmückte lange rothe Finger ſich betheu⸗ ernd in die Luft geſtreckt hatten. Die Achtung, welche der Lieutenant dadurch vor dem Geſchmacke der Frau Rebecca gewann, ſchien ſeinem moraliſchen Gleichge⸗ wicht völlig ungefährlich und ruhig commandirte er weiter: „Kopf höher! Einfältiger! Nicht deinen Kopf, ſondern dem Schimmel ſollſt du die Naſe höher halten! So— jetzt laß ihn ruhig im Trab an⸗ gehen... So.. So. Ha. Ha.. 4 „Sehen Sie dieſen Schritt, Herr Baron!“ ſeufzte Itzig Gerſon mit ſentimentaler Bewunderung.„Wie das Thier die Beine ſetzt, dieſen ſanften Trab, wie eine Wiege... Und wie es Hals und Schweif trägt, das herrliche Thier— ſtolz wie eine ſchöne Dame! Iſt nicht ſo, Herr Baron? Wie eine Tänzerin, nicht anders! Hundert und zwanzig Carlin ſind ein Spott⸗ geld, Herr Baron! Geb' Ihnen den Schimmel blos dafür, weil ich's einmal geſagt habe. Und Itzig Gerſon nimmt ſein Wort nicht zurück. Ein Anderer kriegte den Schimmel nicht um zweihundert. Aber Ihnen geb' ich den Schimmel gern, Herr Baron! Werd' ſelber haben meine Freude d'ran, wenn das ſchönſte Thier den beſten Reiter bekommt. Reden Sie 131 kein Wort weiter, Herr Baron und laſſen Sie den Schimmel in den Stall führen.— Abgemacht!“ Und mit großmüthiger Entſchloſſenheit rückte Itzig Gerſon den fettigen Cylinder in den Nacken, verſenkte die rothen Hände tief in die Taſchen ſeines langen Rockes und klimperte in Erwartung der klang⸗ volleren Louisd'ors mit einigen großen Kupfermünzen. „Ich kaufe kein Pferd, ehe ich es unter dem Reiter geſehen habe!“ antwortete Breda lakoniſch und ein eigenthümliches Zucken bewegte ſeine Unterlippe. „So reiten Sie es, Herr Baron!“ rief Itzig Gerſon, deſſen ſchäbiges Antlitz vor fieberhafter Er⸗ regung glühte.„Gehen gar nicht mehr herunter, wenn Sie einmal oben ſitzen...“ „D aswäre mir nicht angenehm!“ meinte Breda. „Uebrigens würde ich dann noch immer nicht wiſſen, wie ſich der Schimmel unter dem Reiter ausnimmt, zudem habe ich Zimmerarreſt...“ „So laſſen Sie es durch Ihren Bedienten reiten,“ drängte Itzig Gerſon. „Meinen Bedienten? Ein ſo edles Thier?“ rief Breda mit ſcheinbarer Entrüſtung.„Das iſt nicht Ihr Ernſt. Zudem reitet er nicht ſchön, wenn auch gut. Das wäre zu Ihrem Nachtheil, Itzig... Ich 9* 132 weiß übrigens eine Auskunft, Gerſon: Sie müſſen mir ihn ſelber vorreiten...“ „Ich?“ kreiſchte der Roßkamm und prallte mit allen Zeichen des Entſetzens zurück.„Das iſt nicht Ihr Ernſt, Herr Baron! Ich bin Familienvater und zwanzig Jahre auf keinem Pferd mehr geweſen.“ „Wenn der Schimmel ſo lammfromm iſt und ſo prächtig geht, und ſo lächerlich gut geritten iſt, daß er von ſelber die ganze Schule durchmacht, wenn man ihn in die Reitſchule jagt, und wenn ihn ein Kind regieren kann, ſo muß es Ihnen ja eine Kleinig⸗ keit ſein, den Schimmel da ein paar Mal auf⸗ und abzutraben...“ „Aber ich bin kein Reiter, Herr Baron! Ich bin ein elender alter Jüd, der ſich vor jedem bellen⸗ den Hund fürchtet und ſchon herunterfällt, wenn er nur ein Pferd ſieht...“ Breda zuckte die Achſeln. „Wenn Sie nicht wollen, ſo muß ich eben an⸗ nehmen, daß Alles wahr iſt, was man über den Schimmel ſagt, daß er ein Bocker⸗ und Durchgeher“ iſt, daß er bei jedem zweiten Schritt ſtolpert, daß er nicht aufſitzen läßt..... „Gott meiner Väter! Wie können die Leut' aber lügen...“ rief Gerſon in wahrhafter Entrüſtung. 133 „Purer Neid, weil ſie Ihnen das ſchöne Pferd nicht gönnen, Herr Baron...“ „Ich hätte Ihnen hundert Louisd'or gegeben, wenn Sie den Schimmel nur einmal auf⸗ und abge⸗ ritten hätten... „Hundertzwanzig“, warf Gerſon trotz ſeiner Seelenangſt berichtigend ein. „Hundert! Sie gewinnen dann immerhin Ihre vierzig Carlin.— Wenn Sie jedoch den Schimmel nicht reiten, ſo muß ich annehmen, daß Sie mich be⸗ logen haben und aus dem Handel wird nichts...“ Gleichmüthig wandte ſich Breda um und machte Miene, in das Innere des Zimmers zurückzutreten. Itzig Gerſon rannte unruhig hin und her. „Warten Sie, Herr Baron!“ flehte er.„Sein Sie nicht ſo hart! Will Ihnen geben den Schimmel um hundert, aber laſſen Sie ihn reiten von Jemand anders... Wladimir machte einen Schritt in's Innere des Zimmers. Gerſon Itzig hatte ſich einen Augenblick mit vor Angſt weitoffenen Augen den Schimmel angeſehen, der in dieſem Augenblick graziös den Kopf zu Georgs Hand niederbog und mit dem Huf ſcharrte. 134 In Gerſon Itzig kämpften Feigheit und Gold⸗ durſt um den Sieg, endlich rief er: „Ich will, Her Baron! Weiß Gott! Ich will reiten den Schimmel! Laſſen Sie auflegen einen guten Sattel und einen feſten Zügel und ich will reiten! Meine Frau und meine Kinder ſollen mir verzeihen, aber ich will reiten!“ Georg gab Gerſon die Trenſe des Schimmels und holte den Sattel. Der Brautzug benützte dieſe Pauſe, um ſich wieder in Bewegung zu ſetzen. Das Brautpaar war eben am Portal angelangt, als Georg mit dem Sattel fertig war. Nochmal wandte ſich Itzig Gerſon nach dem Lieutenant um. „Herr Baron! Ich geb' Ihnen den Schimmel um neunundneunzig Carlin, wenn Sie mir erlaſſen den Ritt!“ „Glaubſt du, ich will dir dadurch vom Preiſe abdrücken, ſchmutzige Krämerſeele!“ brauſte Breda auf. „Gott der Gerechte, ich ſitze ja ſchon oben“, keuchte Itzig Gerſon bei der drohenden Haltung des Lieutenants, indem er mit unſicherem Fuß den Bügel ſuchte. Georg half nach und endlich hockte Itzig Gerſon, Leichenbläſſe im Antlitz, den Kopf zwiſchen den Schultern, mit einem Rücken, wie ihn ein zorniger ———— —— 135 Kater nicht hätte energiſcher wölben können und mit aufgezogenen Knieen auf dem ſprächtigen Thier, welches ungeduldig den Kopf bewegte, den Georg noch immer an den Zügeln feſthielt. Als er auf der Höhe der Situation angelangt war und die znckenden Flanken des muthigen Renners unter ſich fühlte, hätte Itzig Gerſon ſeinerſeits hundert ſeiner unbeſchnittenen Louisd'ors dafür gegeben, wenn er wieder mit heiler Haut auf ſeinen Füßen geſtanden hätte, aber bereits hatte Georg auf einen Wink ſeines Herrn dem Grauſchimmel die Freiheit gegeben. Von ſeinem ſeltſamen Reiter mehr beunruhigt als geleitet, machte das Thier einige muntere Lancaden, welche Herrn Itzig Gerſon vom Sattel auf den Hals und wieder zurück in den Sattel beförderten, und endlich raſte der tapfere Itzig mit fliegenden Rockſchößen und ſich verzweiflungsvoll an die Mähne klammernd unter den Haufen neugieriger Frauen, welche, um das Brautpaar beim Heraustreten zu ſehen, an der Kirchenthüre Poſto gefaßt hatten und nun kreiſchend auseinanderrannten. Der unglückliche Ritter ſchrie aus Leibeskräften mit. In dem Augenblick, wo Georg das Pferd auf⸗ fing, drehte ſich der Sattel und Herr Gerſon ſank mehr todt als lebendig in die Arme des Reitknechts. —ꝛ—— ——— — Itzig verdankte ſeine Befreiung der Ankunft des Regimentsadjutanten, welcher ſtarr vor Staunen dem ſeltſamen Schauſpiel eine Weile zuſah und dann mit gravitätiſcher Amtsmiene in die Wohnung des Lieutenants trat. „Ich hatte den Auftrag, Ihnen Ihren Säbel zurückzuſtellen“, erklärte der etwas pedantiſche Ober⸗ lieutenant mit der rothen Naſe.„Allein ehe ich dies thue, halte ich es für meine Pflicht, dem Herrn Oberſt vorerſt Meldung zu machen über die Weiſe, wie Sie ſich in Ihrem Arreſte die Zeit vertreiben.“ Es war nicht Breda's Art, einer Drohung anders als mit Trotz zu begegnen. „Ich zweifle nicht, daß ich dann nochmals drei Tage eingeſperrt werde“, antwortete er, aber„ich werde den Arreſt nicht halten..“ Des Adjutanten Naſe bleichte ſich bis zum Roſen⸗ roth eines ſanften Alpglühens. „Sie wagen es, einen Ihnen vom Herrn Oberſt zu diktirenden Zimmerarreſt nicht halten zu wollen, Herr Lieutenant?“ „Unmöglich, Adjutant!“ ſagte Breda, auf welchen der Schreck ſeines Vorgeſetzten faſt erheiternd wirkte. „Ich muß nämlich heute Nachmittag dem Kaffee⸗ kränzchen in der Eremitage beiwohnen.“ —— —— Da die Gleichgiltigkeit des„Garniſonsteufels“ gegen alle derartigen geſelligen Veranſtaltungen män⸗ niglich bekannt war, ſo mußte dieſe Mittheilung dem pflichteifrigen Faktotum des Herrn Oberſten wie der bitterſte Hohn klingen, er nahm den Säbel des Lieutenants wieder demonſtrativ unter den linken Arm und wollte zur Thüre hinaus. Da legte ihm Breda die Hand auf die Schulter und ſagte halblaut: „Oberlieutenant! Ich bin verliebt!“ Dieſe außerdienſtliche Meldung ſchien auf den Adjutanten einigen Reiz auszuüben. Er drehte, in⸗ dem er noch immer die Thürklinke in der Hand hielt, halb mißtrauiſch den Kopf über die Schulter. „Verliebt? Sie? Das iſt wohl nichts Neues!“ Ohne die Hand von der Schulter ſeines Vorge⸗ ſetzten zu entfernen, nickte Breda mit einem Geſichte, auf welchem Spott und Melancholie wohl ſchwer zu trennen geweſen wären. „Es iſt verdammt neu, Oberlieutenant! So neu, daß ich der größten Dummheit fähig wäre, nur um ſie heute Nachmittag mit ihren zierlichen Fingerchen die Zuckerbretzel in eine der geblumten Kaffeeſchalen der Eremitage tauchen zu ſehen. Ich wäre im Stande, wenn Sie mich daran hinderten, 138 Sie, wenn mein Arreſt aus wäre, dafür über den Haufen zu ſchießen, Oberlieutenant... Geliebt habe ich ſchon einigemal, Oberlieutenantchen, aber ber⸗ liebt, ſo verliebt war ich im Leben nicht!“ Hatte des Adjutanten Naſe auch gewiſſenhaft den Eindruck der leichthingeworfenen Drohung durch ein leiſes Erbleichen wiedergegeben, ſo zappelte ſeine Neu⸗ gier an den Aeußerungen Breda's bereits wie der Fiſch an der Angel. Der Oberlieutenant war der eifrigſte Colporteuer der Arnſtadter Skandalchronik und eine neue Liebſchaft des wilden Breda der will⸗ kommenſte Stoff. Der Oberlieutenant glaubte ſich da⸗ her ein ſehr verſchmitztes Geſicht ſchuldig zu ſein, lehnte den Säbel Breda's in die Ecke des Zimmers und ſagte: „Wenn Sie von einem älteren Kameraden, der die Welt kennt, Rath annehmen wollen, ſo laſſen Sie ſich mit keiner Frau ein. Es kommt nichts Gutes da⸗ bei heraus, ſo glatt die Sache auch ausſehen mag. Ich könnte Ihnen ein Kapitelchen davon erzählen! Wiſſen Sie, warum ich das letzte Gartenfeſt der „Harmonie“ nicht mitmachte? Weil mir eine verhei⸗ rathete Frau mit öffentlichem Skandal gedroht hatte, wenn ich mit einer jungen Dame länger als drei Minuten plaudere. Und ich weiß, ſie wäre deſſen 139 fähig. Prächtiges Weib, aber ein wahrer Satan in ihrer Leidenſchaft! Hüten Sie ſich vor den Frauen, Breda...“ Der Lieutenant ſchwieg. Er war zu ehrlich, eine Verwunderung über eine Geſchichte zu heucheln, von der er wußte, daß ſie erlogen war. Der Adjutant liebte zuweilen, wenn die Tagesgeſchichte arm war ſie durch pikante Anekdoten, deren Held er ſelbſt gerne geweſen wäre, zu ergänzen. Obwohl er in ſeinem Privatleben das unſchuldigſte Lamm von der Welt war, glaubte er allen Grund zu haben, ſich für einen Schwernöther zu halten, der den Ehemännern ſehr gefährlich werden könnte, wenn er nur gewollt hätte. Da ihn das Schweigen Breda's nicht zu einer zweiten Erzählung ermunterte, ſo empfahl ſich der Adjutant mit der Verſicherung, daß er kein Spaßver⸗ derber ſei und daher für diesmal durch die Finger ſehen wolle. Noch an allen Gliedern bebend, aber demüthig wie immer, wenn man ihn bezahlte, trat Gerſon Itzig ein. Der Lieutenant empfing ihn gütig: „Ich will Euch eine Anweiſung an meinen 140 Wechsler geben, Itzig. Der Schimmel iſt mein! Nehmt den Scherz nicht übel.“ Gerſon Itzig wand ſich vor Ergebenheit. „Uebelnehmen! Beleidigen Sie mich nicht, Herr Baron! Wie könnt' ich Euer Gnaden was übel nehmen! Noch zehnmal will ich herunterfallen, wenn es Euer Gnaden Spaß macht...“ „Danke, Itzig, nehme den Willen für's Werk!“ Itzig ging. Breda hatte ihn bereits vergeſſen, als ſich die Thüre kaum hinter dem Pferdehändlrr ſchloß. Da erregte der Brautzug, welcher nach beendeter Ceremonie eben die Kirche verließ, des„wilden Lieute⸗ nants“ Aufmerkſamkeit. An der Spitze ſchritt die Braut an der Seite ihres Neuvermählten;— ſie war noch zu weit entfernt, als daß Breda hätte ſehen können, ob ſie ſchön oder häßlich ſei. Er hatte daher vollkommene Freiheit, ſich Thekla's reizendes Antlitz vorzuſtellen, gekrönt von Myrthen, eingerahmt von dem bräutlichen Schleier, mit vor Rührung ſchimmern⸗ den Augen und um den kleinen trotzigen Mund ein Lächeln des Glücks... Traumverloren ſtand Wladimir... Da ſtieß er ein leiſes höhniſches Lachen aus und wandte ſich ab. Unter der Myrthenkrone aus dem duftigen Schleier 141 hatte ein purpurnes Köchinnenantlitz mit runden, blöden Augen zu ihm emporgeblickt. Wladimir ſchellte. Georg erſchien: „Gehe zum Fähndrich und ſage ihm, daß er heute nach Tiſch mit mir nach der Eremitage reiten müſſe. Er müſſe, hörſt du? Um zwei Uhr ſattelſt du den neuen Schimmel und den kleinen Braunen und bringſt ſie uns an den Anker’. Nun, wie läßt ſich der Schimmel an?“ Georg machte ein ſehr bedenkliches Geſicht: „Wenn man ihm zu nahe kommt, ſchlägt er hin⸗ aus, daß die Standſäulen ſplittern!“ „Das nennt Itzig ſtallfromm!“ lachte Breda, während Georg's Antlitz bewies, daß er die Sache nicht ſo angenehm fand.„Nun, wir haben ja ſchon mehr als ein wildes Thier zahm gemacht! Nicht, Georg?“ Georg brummte etwas wie Zuſtimmung und ſah aus, als ob er auf fernere derartige Experimente zu Gunſten ſeiner graden Glieder gern verzichtet hätte. Ein blankes Geldſtück aber, womit ihm ſein Herr die Pflege des Schimmels empfahl⸗ legte ſich beſänftigend auf ſeinen Groll. Die Eremitage lag etwa eine Stunde vor der 142 Stadt und war ein Luſtſchloß der einſtigen Mark⸗ grafen geweſen. Aber wie über das Reich dieſer ge⸗ fürchteten Herren und ihr prächtiges Schloß zu Arn⸗ ſtadt, ſo war auch über ihr Trianon, die Eremitage, die Zeit dahingezogen mit dem eiſigen Hauch der Ver⸗ ödung. Die Ausſtattung des Hauptgebäudes und der zahlreichen Pavillons war in beliebtere Schlöſſer des gegenwärtigen Landesherrn gebracht worden, die Stukkatur der Wände war abgefallen, die Moſaik der Fußböden zerbröckelt, die Nixen, Tritone, Delphine gähnten vergeblich zu den verwilderten Buchsbaum⸗ hecken empor, kein belebender Waſſerſtrahl plätſcherte mehr in den zerklüfteten Steinbaſſins, in welchen das welke Laub des vergangenen Herbſtes bei jedem Wind⸗ hauch unheimlich rauſchte. In das Leben Arnſtadt's und der Gegenwart ragte die Eremitage nur noch herein durch eine Uhlanenabtheilung, welche man der guten Stallungen wegen hierher verlegt hatte, und eine Kaffeewirthſchaft, welche des Sommers ihre grünlakirten Tiſche weit unter die uralten Bäume des Parks vorſchob und von der eleganten Welt Arnſtadt's zum bevorzugteſten Vergnügungsort gewählt worden war. Auch einen Eremiten neueſter Art beſaß die Eremitage wieder. Während in vergangenen Jahr⸗ 143 hunderten von Zeit zu Zeit ein galanter Landgraf 5 3 g ſich mit ſeiner zeitweiligen„Gebieterin“ auf Wochen hieher zurückgezogen hatte, hauſte Oberlieutenant von Donald, ohne daß die böſeſten Zungen vou Arnſtadt etwas von einer ſolchen Verſchönerung ſeiner Einſam⸗ keit gewußt hätten, nun ſchon zwei Jahre hier, richtete ſeine Rekruten ab und dreſſirte zwei junge„Braune“, welche inzwiſchen ein ganz geſetztes Alter erlangt hatten, aber von dem Oberlieutenant noch immer auf Trenſe geritten wurden und ganz erbärmlich gingen. Den Kameraden, welche dem regelmäßigen Dienſtgange nach Donald hätten ablöſen müſſen, behagte es natür⸗ lich ſehr, daß er für ſie an einem Orte blieb, der im Winter„Kleinſibirien“ genannt wurde und nur in den ſchönſten Sommermonaten hie und da„Welt“ ſah. Auch der Oberſt hatte nichts gegen die freiwillige Verbannung Donald's einzuwenden, denn im Arn⸗ ſtadter Kaſernen⸗ und Reitſchulleben war dieſer nicht unerſetzlich, auch hatte er ſeinen Vorgeſetzten gegenüber, vielleicht ohne es zu wollen, eine ſo überlegene kau⸗ ſtiſche Art, daß er den meiſten derſelben, ſo wenig ſie formell an ihm zu tadeln wußten, etwas unbequem war. Seinen Leuten gegenüber hielt ſich Donald für das Muſter eines militäriſchen Wütherichs; Thatſache war jedoch, daß jeder Mann ſeines Zuges ſo ziemlich 144 nach eigenem Belieben über ſich verfügte und ſeinen Abtheilungskommandanten als den beſten und zuver⸗ läſſigſten Kameraden anſah, deſſen vornehmſte Auf⸗ gabe es war, ihn gegen die ungerechten Anforderungen des Schwadrons⸗und Regimentscommandeurs in Schutz zu nehmen. Der Oberlieutenant, der in jeder Geberde und in jedem Worte den feingebildeten Mann verrieth, hatte die bedeutendere Hälfte ſeiner bisherigen Dienſt⸗ zeit in„Königsurlaub“ zugebracht und, wie man ſagte ſein nicht unbedeutendes Vermögen in weiten Reiſen und Anderem, was er für ſeine Ausbildung nothwendig erachtete, verausgabt. Als er mit ſeinem Vermögen und, wie man annehmen muß, auch mit ſeiner Ausbildung fertig war, hätte er ſich vielleicht als Adjutant eines begabten Fürſten ſehr wohl ge⸗ fühlt und bald unentbehrlich gemacht; in den klein⸗ lichen Kamaſchendienſt und den großen Klatſch Arnſtadt's wußten ſich jedoch ſeine geläuterten Lebens gewohnheiten und weltweiſen Anſchauungen nicht einzufügen und ſo hatte er vorgezogen, für eine ver⸗ hältnißmäßige perſönliche Freiheit nach und nach mit den ſchlechteſten Rekruten des ganzen Regiments die alte Tretmühle des Reglements durchzumachen und ſeine beiden ewig jungen Braunen„abzubiegen“. 8 145 Donald hatte ſich allmählig daran gewöhnt, die Eremitage als ſeine ureigenſte Domäne, den Kaffeewirth, bei dem er aß, als ſeinen Majordomus, den ihm anvertrauten Zug Uhlanen als eine Art Leibwache anzuſehen und wurde in dieſer Vorſtellung nur hie und da geſtört durch den Beſuch eines miß⸗ liebigen Vorgeſetzten, dem er eine kleine Rüge mit einer boshaften Antwort vergalt, und durch die Sonntagsausflüge und Kaffeekränzchen der Arnſtadter Geſellſchaft, welche, wie Donald in ſeinem Grimm ſich einmal ausdrückte, den melancholiſch⸗ernſten Platz unter den hohen Buchen einige Stunden lang in einen wahren Trödelmarkt von verſchoſſenem Barege, zerknittertem Piqué und gewaſchenen Strohhüten ver⸗ wandelten. Und das Schlimmſte war, daß Donald, da ſich ſeine Uhlanen bei dergleichen Anläſſen nicht immer mit der ihrer Stellung zukommenden Zurückhaltung benahmen, ſolchen Feſtlichkeiten nicht einmal aus dem Wege gehen konnten. Jeder Blick, den er aus dem Fenſter warf, traf auf den bunten geputzten Scharm, der mit einer wahren Wuth des Vergnügens durch einander ſchwirrte und ſich unterhalten zu wollen ſchien um jeden Preis. Und wenn er ſich in die hinterſte Scke ſeines großen Zimmers zurückzog, ſo verfolgten v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 10 ihn auch dorthin die quickenden Töne einer aſthma⸗ tiſchen Geige oder das ſtumpfe Gezupfe einer Harfe, welche ſich mit dem dieſen Inſtrumenten eigenen In⸗ ſtinkt überall hinfinden, wo mehrere über Kleingeld verfügende Menſchen unter freiem Himmel ſchlechte Getränke einnehmen. An dent Tage, da der Garniſonsteufel dem rothnäſigen Adjutanten mit offener Meuterei und einem Zweikampf auf Leben und Tod gedroht hatte, wenn er ihn nicht zu dem Kaffeekränzchen laſſe, zu welchem auch, nach beſtimmter Ausſage ſeines Kut⸗ ſchers, General von Thyngen mit ſeiner Tochter zu fahren beabſichtigte— an dieſem Tage war auch in Donald der Entſchluß zur Reife gelangt, jenem Kaffee⸗ kränzchen einmal keck in's Antlitz zu ſchauen und daſ⸗ ſelbe wenigſtens die Koſten ſeines Mißvergnügens tragen zu laſſen. In ſeinem mit Schnüren in den Regimentsfarben reichbeſetzten Hausrock, eine türkiſche Mütze auf dem Haupte und eine lange Pfeife im Munde, ließ er die ſchöne und unſchöne Welt Arnſtadt's vor ſeinem Fenſter vorüberdefiliren. Donald war ein hübſcher Mann von etwa vier⸗ unddreißig Jahren, mehr zierlich als kräftig gewachſen und ſein Geſicht mit dem dichtem blonden Schnurr⸗ 147 bart, den blauen Augen, einer feinen geraden Naſe und dem ſtarken Kinn war ſchon wegen des ſpöttiſchen Ausdrucks, der faſt beſtändig darauf lag, nicht ge⸗ wöhnlich. Mas von ſeinem Leben und ſeinen Gewohnheiten in die Oeffentlichkeit gedrungen war, konnte nur dazu beitragen, um vorzüglich die Damenwelt einigermaßen für den Mann zu intereſſiren, deſſen Anzug und Hal⸗ tung am Fenſter ihr doch deutlich beweiſen mußten, daß ſie geſellſchaftlich nicht für ihn vorhanden war. Seltſam wirkte heute auf den an die Einſamkeit gewöhnten Mann der erſte Blick auf das bunte, lebensluſtige Gewühl. Da blieb ſein bis dahin ziel⸗ los umherſchweifendes Auge haften auf einem turban⸗ artigen Strohhut, der in der geſchmackloſeſten Weiſe mit gelben und Roſa Bändern überladen war. Die Dame darunter ſchlug die ſchwarzen Augen kokett zu einem rothen Lieutenant auf, welcher ſteif, nur nicht ſo ſchlank wie eine Lanze, neben ihr ſaß... So, mit dieſem verzweifelt ausdrucksvollen Blick, mußte er das Mädchen ſchon irgendwo geſehen haben... In der Regel pflegte Donald ſich Arnſtadter Frauenge⸗ ſichter nicht zu merken; er kannte überhaupt von die⸗ ſem Ort nur Kaſerne und Cxercirplatz, und ritt, wenn 10* 148 r ſeine Amtsgeſchäfte verrichtet, ſtets ſofort wieder heim, als ob das ſchlechte Pflaſter der Markgrafen⸗ ſtadt ſeinem Pferde die Hufe verſenge. Aber dieſes großblumige Jaconnetkleid mit ſeinem verwirrenden Labyrinth zahlloſer Volants, das leichte Mäntelchen aus ſchwarzer Seide, dieſes beſtändige ſüßliche Lächeln um den ſinnlichen Mund mußte er ſchon irgendwo ge⸗ ſehen haben; es mußte ihm ſchon bei anderer Gelegen⸗ heit aufgefallen ſein, daß die energiſchen Roſen dieſer etwas eingefallenen Wangen nicht blos von der Blüthe der Jugend herrühren konnten. Wie er in ſeinem einſamen Leben und regen Gedankengang, wenn er eine Entdeckung gemacht zu haben glaubte, ſich gewöhnt hatte, ſchlug Donald mit Daumen und Zeigefinger ein Schnippchen, ſo laut, daß ein Inſtitut junger Fräuleins, welches offiziell zum Kaffeekräuzchen geführt wurde, zur großen Entrüſtung der Vorſteherinnen„wie ein Mann“ die mitunter ganz zierlichen Köpfchen zu dem Fenſter des Einſiedlers umwandte. Donald erinnerte ſich plötzlich, wo er den groß⸗ blumigen⸗ Jaconnet und dies nimmermüde Augen⸗ paar ſchon einmal geſehen— es war vor wenigen Wochen, in der Mathildengrotte und im traulichſten Verkehr mit Wladimir Breda. 149 Donald mochte unter allen ſeinen Kameraden den Garniſonsteufel am liebſten leiden und vorſichtig hatte er damals ſeinen ewig jungen Braunen wieder zur Seite gelenkt und dann ſeine Uhlanen zu irgend einer unnöthigen Uebung zuſammenblaſen laſſen, damit keiner ſich in die Nähe jenes abgeſchiedenen Plätzchens verliere und den den Beiden erwünſchten Frieden des ſtillen Sommermorgens ſtöre.., Und jetzt wogte derſelbe großblumige Jaconnet energiſch auf und nieder bei den ſchmachtenden Blicken des plumpen Zedderitz; die gelben und roſenrothen Flaggen des Turbanhutes, welche einſt mit Breda's grüner Uniformbruſt und dem dunklen Blätterbalda⸗ chin ein ſo wirkungsvolles Farbenſpiel gegeben, wog⸗ ten ſiegesgewiß bei jeder Schwenkung des geſchminkten Hauptes, und als das ſchwarze Mäntelchen von Futterſeide, deſſen Zipfel bisher als Mantel der Liebe das ſüße Geheimniß verhüllte, ſich leicht verſchob, ſah Donald von ſeinem erhabenen Standpunkte ganz deut⸗ lich, wie der nicht allzu niedliche gelbe Glacéhandſchuh — Donald hätte ſchwören mögen, daß er ein dreimal gewaſchener war— in der weißen Hirſchledertatze Zedderitzens ſanft entſchlummert war. Der kleine Herr auf der andern Seite des Tiſches, mit dem hohen Rockkragen, dem noch höheren Cylinder und den ſtrah⸗ 150 lenförmigen aus dem Genick emporſtrebenden grauen Haaren, anſcheinend der glückliche Vater, nickte der bauſchlockigen alten Dame, die in kaſtanienbrauner Seide und in einem weißen geſtickten Shawl ihm zur Seite ſaß, mit einem Seitenblick nach dem reizenden Töchterchen bewundernd zu, worauf die Mutter mit einem wohlwollenden Lächeln ihr ſpitzes Profil wie⸗ der den liebenswürdigen Anſtrengungen des Lieute⸗ nants zuwandte. Ein lauter Wortwechſel in der Nähe löſte den gelben Glacéhandſchuh und gab auch Donald's Blicken eine andere Richtung. Rolf Gering der„Löwen⸗ tödter“ befand ſich in lebhafteſter Meinungsverſchieden⸗ heit mit einem Herrn, deſſen Fuß in die Schnur des Neufundländers gerathen war, den Rolf Gering bei ſolcher Gelegenheit angeblich ſeiner Wildheit wegen „an die Kette“ legte. Das große Thier, das ein kleiner Knabe ſtraßenweit jagen konnte, zog heulend die Schlinge immer feſter und trotz der ernſteſten Vor⸗ ſtellung des Gefangenen, deſſen Fuß nahe daran war, guillotinirt zu werden, ließ der„Löwentödter“ das andere Ende der Schnur nicht los. Er mußte näm⸗ li nach ſeinen Erfahrungen mit Gewißheit annehmen, e„Renommirbeſtie“ würde dann trotz alles Pfeifens mit eingekniffenem Schwanze das Weite ſuchen und 151 vielleicht mitten in der Nacht durch ihren Jammer an der Hauspforte ihren Herrn und ſeine Nachbarſchaft aus dem beſten Schlummer wecken. Vergeblich ſuchte der„Löwentödter“ dem Unglück⸗ lichen, der in ſeine Gewalt gerathen war, begreiflich zu machen, wie in ähnlicher Lage die Bewohner der Pampa's ſelbſt das vornehmſte ihrer Gliedmaßen, den Kopf, aus der beſtrickenden Umarmung des Laſſo's zu befreien wußten, bis endlich der herzukommende Lieutenant von Bonſtedt im Intereſſe eines har moniſchen Aktſchluſſes ſich erbot, das„wilde Thier“ ſo lange zu halten, bis die Entwickelung vollſtändig vor ſich gegangen ſei. Der Befreite empfahl ſich dann auch ſchleunigſt, denn der„Löwentödter“ ſah ihn an, als ob er bedaure, nicht an ihm einen der ſelbſtfabri⸗ zirten buntgefiederten Pfeile probiren zu können, mit welchen er zur Verzweiflung ſeines Hauswirths und zur größten Angſt Aller, die mit ihm zu thun hatten, ſchon ſeit acht Tagen die Eingangsthüre ſeiner Woh⸗ nung tätowirte. Es war an der Zeit, daß der Platz frei wurde; denn eben trabten zwei feurige Rappen durch das künſtliche Felſenthor, welches gleichſam den Eingang zu den Parkanlagen der Eremitage bildete und von Donald's Stube aus ſichtbar war. Die Rappen zogen einen ſehr zierlichen Phabton und 8 152 wurden von einem militäriſch ausſehenden alten Herrn mit Meiſterſchaft gelenkt. An ſeiner Seite ſaß eine junge Dame mit einem Geſichtchen, einer Haltung und einem Anzuge, an welchen auch das empfindliche Auge Donald's vergeblich etwas auszuſetzen verſucht hätte. Das einfach elegante Sommerkleid von Mull bauſchte ſich in ſeinen erſten duftigen Falten empor aus dem blauen Atlasgürtel und der kleine mit Korn⸗ blumen verzierte Florentiner Strohhut hob ſich gold⸗ gelb ab vom Grün der hohen Bäume. Die zierlichſten Händchen, die Donald je geſehen zu haben glaubte, waren in chamoisfarbige Handſchuhe gekleidet und die eine davon ruhte läſſig auf den weißen Mullwolken, während die andere den blaugefütterten Schirm aus mattgelber Seide hielt. Alle Köpfe drehten ſich, als der hübſche Wagen auf dem Sande des Platzes kniſterte. Ein in Hecht⸗ blau und Silber gekleideter Diener ſprang vom Hinterſitz und nahm Zügel und Peitſche aus den Händen des alten Herrn, der nun ausſtieg und mit aller Rückſicht der jungen Dame auf den Boden half. Dann reichte er ihr den Arm und führte ſie, während der Wagen zur Seite fuhr, mit würdevoller Anſpruchs⸗ loſigkeit an den einzigen leeren Tiſch neben Zedderitz, da und dort mit einem leichten Heben des Hutes den 15 3 0 G◻ achtungsvollen Gruß der anweſenden Offiziere er⸗ widernd und die allgemeine Aufmerkſamkeit ſcheinbar nicht bemerkend. Donald war an ſeinem Fenſter unruhiger ge⸗ worden, als es für einen Einſiedler und Menſchen⸗ feind paſſend war. Während die Arnſtadter Geſell⸗ ſchaft keinen Augenblick in Zweifel war, daß ſie den General außer Dienſt von Thyngen mit ſeiner Toch⸗ ten vor ſich hatte, den einige derſelben ja bereits perſönlich kennen gelernt, erſchien dem einſiedleriſchen Oberlieutenant das Ganze wie eine Ueberraſchung gütiger Feen. „Das iſt ja Alles wie es ſein muß!“ geſtand Donald ſich überraſcht.„Dieſes Geſpann hätte ich ſelbſt nicht beſſer zuſammenſtellen können; Alles paßt bis zur Kokarde des Kutſchers. Und wie reizend der Alte fährt und mit ſeiner Tochter oder Nichte oder was ſie ſonſt iſt, umgeht; wie galant er ihren Ritter macht, als ob er das ganze Geſchlecht ehren wollte in dem niedlichen Geſchöpf! Und ſie iſt nicht erröthend und kichernd herunter gehüpft, wie es ſich jede Arnſtadter Dame ſchuldig zu ſein geglaubt hätte, ſondern mit dem Anſtand einer Prinzeſſin zur Erde geſtiegen...“ Er war ſchon im Begriff, den„Löwentödter“ 154 anzurufen, der eben mit den Schritten eines Niebe⸗ ſiegten ſeinen Hund unter dem Fenſter vorüberführte, ſo wenig Donald ſich ſonſt auch um Beide be⸗ kümmerte, da ſah er Wladimir und den Junker Doppel⸗ naas in einem ſehr entſchiedenen Jagdgalopp durch das Felſenthor ſprengen. Der Schimmel Itzig's ſah prächtig aus. Weit bog ſich ſein edler Kopf her⸗ unter an die breite Bruſt und bei jedem ſeiner mäch⸗ tigen Sprünge ſchnaubten die zartrothen Nüſtern. Keck und feſt ſaß Wladimir im Sattel und rief eben dem Junker zu, was dieſer von Rechtswegen ſelber hätte wiſſen ſollen, daß ſein Brauner beharrlich mit der Vorderfüßen rechts, mit dem Hintertheile links galop⸗ pire. Das dadurch hervorgerufene kameelgangartige Schwanken erhöhte bedeutend den komiſchen Anblick des Junkers, wecher mit offenen Knieen und fliegenden Ellbogen, die Epauletten bis zu den Ohren emporge⸗ zogen, aber das Antlitz ſtrahlend im Bewußtſein ſeiner Reiterkühnheit daherſegelte. Wohl wenige ſeiner Kameraden ſchwärmten ſo ſehr für ihren Stand wie Doppelnaas und dennoch war in Wirklichkeit keiner von dem⸗ Ideale eines Cavalleriſten weiter entfernt als er. Vor der Wohnung Donalds angelangt, parirte Breda ſeinen Schimmel auf der Stelle, daß derſelbe mit den Vorderbeinen hoch emporſtieg und ſprang dann mit einer leichten Bewegung aus dem Sattel, während einige Uhlanen herzuſprangen, um die Pferde zu halten. Als der Schimmel ſtand, hielt auch der Braune mit einem plötzlichen Ruck an und ſchlug da⸗ bei ſo kräftig aus, daß Doppelnaaſen's Antlitz einen Augenblick zwiſchen den beiden Pferdsohren unſicht⸗ bar wurde und die Uhlanen raſch zur Seite ſprangen. Doch ſchnell beſonnen, ahmte der Fähndrich den Sprung ſeines Freundes nach, wobei ihm jedoch der Säbel zwiſchen die Füße kam, ſo daß ihn nur ein hülfreicher Uhlane am Fallen hinderte. Donald hatte richtig vorausgeſehen, daß Breda bei ihm vorſprechen werde. „Du kommſt doch mit?“ wandte ſich der wilde Lieutenant an den Fähndrich, dem er noch immer ob ſeines jämmerlichen Reitens gram war.„Donald iſt neugierig, ob du wirklich ein ſolch drolliger Kauz biſt, wie man ſich erzählt.“ Aber der Fähndrich ſtreckte die Hand ſchnſüchtig nach den grünlackirten Kaffeetiſchen aus und fing zum großen Ergötzen der die Pferde haltenden Uhlanen zu trällern an: „Zu ihr zieht'’s mich hin, Wo ich geh', wo ich bin.“ ⁴ 156 „Du biſt ein Narr!“ antwortete Breda, aber weniger energiſch als ſonſt und wandte dem Junker den Rücken. Dieſer blieb einen Augenblick ſtehen und ſprach pathetiſch hinter ihm drein: „Geh hin! und mag dich Gott bewahren, Nur ein Atom von jener Gluth, Die mich verzehrte, zu erfahren!...“ Dang ging er mit Hamletſchritten der Stelle zu, wo er Lina's ſchlanke Geſtalt in der vollen Pracht eines vermittelſt alter Sammtbänder ſtraßen⸗ fähig gemachten Tarlatankleides durch die Büſche ſchimmern ſah. Breda war inzwiſchen die Treppe hinaufgeeilt und Donald kam ihm mit ausgeſtreckter Hand ent⸗ gegen. „Da biſt du ja endlich wieder, Herzensjunge!“ ſagte der Einſiedler mit ſeiner eigenthümlich zier⸗ lichen Ausſprache.„Und noch dazu an einem Dage, an dem mich eure Arnſtadter faſt aus meiner Höhle räuchern mit ihren Havanna's zu drei Pfennigen und ihrer Muſik. Sage mir doch“, fuhr Donald fort und legte ſeinen Arm unter den Breda's und zog ihn zum Fenſter,„jage mir... Aber Breda erhielt keine Auskunft darüber, was 157 er eigentlich ſagen ſolle. Und wenn auch, ſo hätte er die Frage wohl unbeantwortet gelaſſen. Die ſtumme Auf⸗ merkſamkeit der beiden Freunde hatte als gemeinſamen Brennpunkt Thekla von Thyngen, an deren Tiſch eben Major Graf Lück getreten war und eine für ſeine Verhältniſſe geradezu tollkühne Beweglichkeit des Rückens zeigte. Er ſchien über die ſichtliche Zurück⸗ haltung des General damit hinwegkommen zu wollen, daß er deſſen Schweigen nicht bemerkbar werden ließ. Alwine von Stern hatte ſeit der Ankunft Wladi⸗ mir von Breda's eine ganz beunruhigende Lebhaftigkeit entwickelt. Der roth und gelbe Turban bewegte ſich in wahrhaft nervöſen Zuckungen und ihr Lachen drang manchmal herausfordernd bis zu dem Fenſter Donald's. Hätte Wladimir für etwas Anderes Zlicke ge⸗ habt, als für Thekla's reizend ernſtes Kindergeſicht, es würde ihm nicht entgangen ſein, daß an dem Tiſch des Appellationsrathes von Stern von ihm und zwar nicht in günſtiger Weiſe, die Rede ſei. So⸗ gar Zedderitz ſchien ſich unbehaglich zu fühlen bei der Energie, mit welcher die ganze Sternfamilie über den eben Angekommenen losfuhr, der kein anderes Ver⸗ brechen begangen hatte, als ſich mit Alwine Stell⸗ dicheins zu geben, ſo lange ſie es wünſchte und ſich nicht todtzuſchießen, als ſie ihn verließ. 158 Ein roſiger Schimmer hatte ſich über Thekla's Antlitz ergoſſen, als Wladimir auf den Platz ſprengte; nur wie aus weiter Ferne drang das Geplapper des Majors an ihr Ohr, das zur Hälfte auch an ſie ge⸗ richtet war. Da ſchrak ſie zuſammen und blickte bang nach dem Tiſch der Familie Stern. Wort für Wort drang all das Häßliche, was ſie von Wladimir von Breda ſprachen, an ihr Ohr. Sie mußte jeden Ton der lauten brutalen Stimmen vernehmen, Faſer für Faſer zertraten ſie ihr das erſte keimende Glück aus dem Herzen, das ſie ſelber erſt zur Hälfte geahnt. Und unermüdlich mit grauſamſter Hartnäckigkeit mehr⸗ ten ſich die Anklagen dort, und mit tödtlichſter Monotonie plapperte hier der Major die abgedroſchen⸗ ſten Redensarten und die Harfen und Geigen kratzten mißtönig dazwiſchen. Und die am häßlichſten über Wladimir ſprach, ſagte es mit ihren eigenen Lippen, daß ſie ſeine Braut geweſen ſei und ihn mit Verachtung von ſich geſtoßen habe ob ſeines unwürdigen Lebens, und Vater und Mutter gaben ihrer vernünftigen Tochter Recht und ſelbſt der Offizier,— es war derſelbe, der damals an Wladimir's Seite geritten war, als er ſtürzte— ſchwieg anfangs und beſtätigte dann Alles, was ſie von ſeinem Freunde ſagten! * 159 Thekla wagte die Augen nicht aufzuſchlagen, denn ihr war, als müſſe Jedermann ihr anſehen, daß er ihr theuer geweſen, über den ſie hier ſo er⸗ barmungslos den Stab brachen, daß ſie, um ihn täglich von ferne zu ſehen, ſogar eine Frömmigkeit heuchelte, die ſie nicht beſaß. Doch nein— ſie hatte ja gebetet für ihn... Sie hoffte, die furchtbaren Zungen würden er⸗ müden und hielt ſich wankend am Tiſch. Aber ſtets neu gebar ſich die Läſterung drüben, wenn Eines ſchwieg, aus dem Mund des Andern, und der Major ihr gegenüber ſchwatzte immer neue Albernheiten und die Geigen und Harfen wimmerten ohrenzerreißend dazwiſchen. 3 Thekla war es, als ob Alles ſich mit ihr im Kreiſe drehe, ſie glaubte es nicht mehr ertragen zu können, ohne laut hinauszuweinen; bitend neigte ſie ſich zum Ohr des Vaters, ſie für eine Viertel⸗ ſtunde zu entlaſſen. Der alte Herr begriff das, hatte er ja ſelbſt den Major im Stillen bereits einigemal in einen ſchöneren Welttheil gewünſcht. Eben verſchwand Thekla's zierliche Geſtalt hinter der Buchsbaumhecke, welche die ausgetrockneten Waſſer⸗ künſte umgab, als Breda ſeinem Freunde kurz die Hand reichte. 160 „Ich ſehe dich ſpäter wieder, Donald...“ „Aber ſo ſage mir doch erſt, lieber Junge...“ „Entſchuldige mich für dieſen Augenblick. Später will ich dir ſagen, ſo viel du willſt“, antwortete Breda erregt und eilte aus der Thür. „Aber ich will ja nur wiſſen! Breda! Wladi⸗ mir! Da rennt er ſchon! Was nur plötzlich in den Jungen gefahren iſt! Sonſt konnte er Stun⸗ den lang hier oben ſitzen und ſchweigend mit mir rauchen und heute bat er nicht einmal Zeit, mir den Namen der Leute zu ſagen, die plötzlich hierherge⸗ kommen ſind wie Schwäne in einen Gänſeſtall...“ Donald war wieder an das Fenſter getreten. An dem Tiſch, der zuerſt ſeine Aufmerkſamkeit ge⸗ feſſelt, ſaßen nur mehr Herr und Frau Appellations⸗ rath von Stern und tauſchten bewundernde Blicke us über den Anſtand ihrer Tochter, deren Turban an der Seite einer Uhlanenmütze eben in der Rich⸗ tung der Waſſerkünſte im Grünen verſchwand. Donald ſchlug ſein Schnippchen. „Wo hatte ich nur meine fünf Sinne! Die Dulcinea aus der Mathildengrotte und der rothe Zedderitz liegen dem armen Jungen in den Gliedern! Hm! Es iſt ſchon traurig genug, ſich in ein ſolches 161 Weſen aus Langweile zu verlieben, aber von ihm verrathen zu werden, muß abſcheulich ſein!“ „Da ſchwärmt der Knabe hin!“ deklamirte der Fähndrich, als Wladimir, ohne ihn zu bemerken, dicht an dem Tiſch vorübergeeilt war, wo die wie⸗ derverſöhnte Landrichterswittwe mit mütterlichem Stolz auf das Glück ihres Töchterleins blickte. Das Haupt derer von Doppelnaas hatte nämlich den rührenden Bitten ſeines Sohnes nachgegeben und ſein Ver⸗ dammungsurtheil zurückgezogen. Obſchon das den Liebenden in Wahrheit nicht einen Schritt weiter⸗ half, ſo wurde die Gnade des geſtrengen Papa's doch als hohe Gunſt des Schickſals aufgenommen. Die Frau Landrichterin war von dem Jubel der jungen Leute mit fortgeriſſen worden und die Sache ſtand nach dem Urtheil vernünftiger Leute ſchlimmer als je. Indeß ſchritt Thekla eilig vorwärts, fie fühlte nur die einzige brennende Sehnſucht, allein zu ſein und ſich, wenn auch nur eine Viertelſtunde lang, ungeſtört ihrem Schmerz überlaſſen zu können. In unförmlicher verzerrter Geſtalt erſchienen ihr die bemooſten Tritone und Delphine, an denen ſie vorübereilte. Da ſah ſie auf der andern Seite des v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 11 Baſſin's einen Offizier mit einer Dame ihr entgegen⸗ kommen. Sie hatte Alwine von Stern vorhin nur mit einem entſetzten Blicke geſtreift; aber das Antlitz, das ſo höhniſch lachen konnte über Wladimir, hätte ſie in hundert Jahren nicht vergeſſen. Es war ihr, als könnte ſie eher vor Scham und Groll in die Erde ſinken, als an dieſem Weib vorübergehen. Wladimir erblickte noch den hellen Schimmer ihres Kleides, als ſie raſch in den einſamen ſchlecht⸗ gehaltenen Weg einbog, der in die grüne Dämme⸗ rung des Waldes führte. Wie bunte Schatten ſah Breda ſeine einſtige Geliebte am Arm des rothen Zedderitz vorüberwan⸗ deln. Er beachtete kaum ihr höhniſches Verziehen des Mundes und hörte das plumpe verlegene Lachen des Zedderitz ohne ſich umzuwenden. Aber Alwine, die es mit dem, was das Vor⸗ urtheil einem jungen Mädchen als Brauch vorſchrieb, nicht immer ſehr genau nahm, blieb ſtehen und ſchaute ihm nach, wie er in dem Dunkel des Wegs nach der Mathildengrotte zu verſchwand, wohin ſie noch eben Thekla von Thyngen ſehr raſch hatte gehen geſehen. Ein häßliches Gefühl in ihrer Bruſt brachte die ver⸗ letzende Leichtigkeit, mit der Breda ſie abgetreten, ſo⸗ 163 fort in Verbindung mit dieſer Dame, welcher er offenbar nachging. „Folgen wir!“ ſagte ſie zu ihrem Begleiter. „Ich will doch ſehen, ob er an dem Orte, wo er mich auf den Knien um meine Liebe gebeten, die Blicke aufzuſchlagen wagt. Vielleicht auch erleben wir in der Mathildengrotte etwas recht Inter⸗ eſſantes.“ Alwine mußte das wiſſen. Zedderitz zögerte in einem unbeſtimmten Gefühl, daß es für den gegen⸗ wärtigen Geliebten einer Dame doch keine ſehr ehren⸗ volle Aufgabe ſei, deren früherem Galan nachzu⸗ gehen und ihn bei anderen Abenteuern zu ſtören. Alwine bemerkte die Unſchlüſſigkeit des Lieute⸗ nants und fragte ſpitz: „Wenn Sie vor Breda Furcht haben, ſo werde ich allein gehen!“ Zedderitz wurde ſehr roth und lachte brutal: „Furcht? hoho! Ich habe ihm ſchon gezeigt, daß ich keine Furcht vor ihm habe.“ „Dann kommen Sie!“.. Die Romantik der Mathildengrotte war von der dankbaren Nachwelt und denjenigen Liebenspärchen Arnſtadts, welche die Offentlichkeit bei ihren Zu⸗ ſammenkünften vermeiden wollten, ohne jede Kritik 164 übernommen worden. Die Letzteren wählten ſich die einſamen Morgenſtunden zu ihren Beſuchen und an ſchönen Sonntagsnachmittagen ſtand dort die romane⸗ leſende Bürgersfrau der Neuzeit in ſanfter Rührung vor den uralten Bäumen In ihrer Rinde konnte eine gefällige Phantaſie noch da und dort die einge⸗ ſchnittenen Zeichen wahrnehmen, durch welche ein ga⸗ lanter Markgraf den Namen ſeiner von der Mark⸗ gräfin aus Arnſtadt vertriebenen Freundin an künftige Generationen überliefert hatte. Ueber die Zuſammen⸗ künfte in der Mathildengrotte, die ſchwärmeriſche Liebe des Markgrafen und die Leiden der ſchönen Mathilde war in einigen Chroniken viel Rührendes zu leſen, und die Verfolgungswuth der böſen Mark⸗ gräfin, welche durchaus ihren Mann für ſich allein haben wollte, wurde von der humanen Ehefrau der Nachwelt nach Gebühr verurtheilt. Und dabei hätte es doch Jede ihrem eigenen Gatten ſehr übel vermerkt, wenn er mit einer noch ſo ſchönen„Ilde“ ſich nur eine Viertelſtunde in die Einſamkeit einer Grotte hätte zurückziehen wollen. Dieſe Grotte beſtand aus einem niſchenartig ausgehöhlten großen Felsblock und darin war eine aus demſelben Material gehauene Bank. Letztere war mit feuchtem Moos überwachſen, die Wände der 165 Höhle erſchienen ſchwarz vor Feuchtigkeit und mäßig große Perſonen mußten der concaven Wölbung wegen, wenn ſie darunter ſaßen, ſich beſtändig ſchief halten. Das ſtörte aber die Romantik des Ortes wenig; denn zur Schonung heller Kleider konnte man ja ein Schnupftuch auf die Bank breiten und nicht alle Leute neigten zu Schnupfen oder Genickſchmerz. Ein über jeden Zweifel erhabener Vortheil der Grotte war je⸗ doch ihre völlige Abgeſchiedenheit von der übrigen Welt,— dichtes Gebüſch umgab ſie— nur daß daſ⸗ ſelbe leider auch die Näherkommenden verbarg, deren Schritte das ſammtne Moos des Waldbodens nicht hörbar werden ließ. Hierher hatte ſich Thekla geflüchtet und unbe⸗ kümmert um den drohenden Schnupfen und ihr helles Kleid war ſie wie gebrochen auf die Bank geſunken. Sie hatte ſich geirrt, als ſie glaubte, daß ſie weinen werde. Groß und glanzlos ſtarrten ihre Augen in das grüne Blättermeer, durch das nur von fernher manchmal ein beſonders ſchriller Geigen⸗ ton die Nähe von Menſchen verkündete. Dann zuckten die verſchlungen in ihrem Schooße ruhenden Hände Thekla's krampfhaft, und ſcheu ſah ſie ſich um.— Sie fürchtete die Menſchen ſeit ſie wußte, daß der, den ſie 166 über Alles geſtellt, trotzdem er ſie beleidigt, ſchlecht und verworfen war— ſeit ſie gehört hatte, daß die⸗ jenigen erbarmungslos ſich verfolgen konnten, die ſich einſt geliebt... Sie fürchtete und haßte auch ihn, den Unwür⸗ digen, und machte ihn verantwortlich für den zer⸗ ſtörten Frieden ihrer jungen Bruſt. Sie haßte ihn weil er überhaupt vor ſie getreten war und ſie ihn lieben mußte. Da ſprang ſie mit einem leiſen Schrei des Schreckens auf und wollte fliehen. Wladimir von Breda vertrat ihr den Ausweg.— Neben ihren übrigen unbeſtreitbaren Vortheilen für geheimnißvoll Liebende hatte die Mathildengrotte auch noch dieſen, daß man ſie wegen des dichten mauerartigen Buſch⸗ werks, von dem ſie umgeben war, auf demſelben Wege verlaſſen mußte, auf dem man gekommen. Bleich wie ein Marmorbild, an allen Gliedern bebend und nur die großen Augen mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck von Zorn, Furcht und Scham auf Wladimir gerichtet, ſtand Thekla da. „Mein Fräulein...“ begann Wladimir und ſein flackernder Blick irrte unſtät über die liebreizende Geſtalt.„Mein Fräulein...“ Als ob der Ton ſeiner Stimme wieder Kraft 167 und Leben über ſie ausgöße, wollte ſie an ihm vor⸗ über eilen. Er verſperrte ihr auf's Neue die Bahn. „Mein Fräulein! Ich folgte Ihnen ſeit Wo⸗ chen und war glücklich, wenn ich Sie nur ſekunden⸗ lang ſah. Ich habe Ihnen zu danken...“ Da richtete ſich Thekla's zierliche Geſtalt mit faſt ſoldatiſcher Energie in die Höhe und ihre Zlicke machten ihren Verfolger verſtummen. „Schweigen Sie! Gehen Sie! Jedes Wort, das Sie mir ſagen, iſt eine Beleidigung. Ich habe einen Vater, der Sie zur Rechenſchaft ziehen wird, wenn Sie nicht gehen.“ Breda wurde ſehr roth und ſeine Augenbraunen zogen ſich etwas in die Höhe: „Mein Fräulein, wenn ich Furcht hüätte, hieße man mich nicht den Garniſonsteufel. Aber ſeit ich Sie geſehen habe, fühle ich, daß ich der ärmſte Teu⸗ fel der Welt bin, wenn Sie mich nicht lieben,“ Und Breda ließ ſich auf ein Knie nieder und breitete die beiden Arme aus, ſo daß Thekla von den⸗ ſelben umfaßt werden mußte, wenn ſie fliehen wollte. Sie prallte zurück und ihre kleinen Fäuſte ball⸗ ———— —— —— — ten ſich. Das halbironiſche Lächeln Breda's weckte alle Kraft der Verneinung in ihrer Bruſt. „Jedes Ihrer Worte iſt eine Schmach!“ herrſchte ſie ihm zu. 4 Mit einem finſtern Blick ſprang Bladi⸗ mir auf: „Es iſt keine Schmach, von einem ehrlichen Mann geliebt zu werden!“ „Sie ſind kein ehrlicher Mann!“ Wladimir fuhr heftig zuſammen und ward ſehr bleich. Ein paarmal ſchlug er die Augen auf, wie ungewiß, ob er recht gehört habe, dann trat er ge⸗ meſſen und ohne Gruß ſeitwärts, um Thekla durch⸗ zulaſſen. Aber der Weg war neuerdings verſperrt durch den ziemlich verblüfft dreinſchauenden Zedderitz, wel⸗ cher ſich von Alwine widerſtandlos in das Vorder⸗ treffen hatte commandiren laſſen. „Wir wüſſen um Entſchuldigung bitten, daß wir geſtört haben!“ hörte man die höhniſche Stimme Alwinen's zu Zedderitz ſagen. „Wie bitten um Entſchuldigung, daß wir ge⸗ ſtört haben!“ wiederholte der Lieutenant, dem nicht ganz wohl bei der Sache ſchien und man hörte dem Ton ſeiner Stimme an, daß er nicht recht wußte, ob — 169 das, was er ſage, eine Unverſchämtheit oder eine Anforderung der Lebensart ſei. Noch ehe ſich Breda von ſeiner ſprachloſen Ueber⸗ raſchung erholt hatte über eine ſolche Frechheit von Zedderitz, den er als unſchädlichen dummen Jungen zu betrachten gewohnt war, waren dieſer und ſeine Geliebte bereits wieder verſchwunden. Thekla ſuchte nicht mehr zu fliehen. Sie ſah Wladimir mit kalter Verachtung an und ſagte mit ſchneidender Schärfe: „Sind Sie nun zufrieden mit der Schmach, die man mir angethan hat?“ Mit geſenkten Blicken ſtand Breda vor ihr. „Verzeihen Sie mir!“ ſagte er dumpf.„Der Mund, der Sie beleidigt hat, ſoll verſtummen 1 Thekla antwortete nicht. Ihre Faſſung war zu Ende, ein Schauer ſchüttelte ihre Geſtalt und ver⸗ wirrt eilte ſie hinweg. Auch Zedderitz hatte es ſehr eilig gehabt hinweg⸗ zukommen, denn ſo ſehr Wladimir eilte, ihn zu er⸗ reichen, traf er ihn auf dem ganzen Weg von der Mathildengrotte nach dem Tritonenbaſſin doch nicht mehr. Wohl aber vereinigte er ſich mit Doppelnaas, welcher, nachdem Lina und ihre Mutter aufgebrochen waren, ſeinen Waffenbruder Breda ſuchte, um mit ———yyyy 170 ihm nach Hauſe zu reiten. Der Fähndrich war in ſehr unternehmender Stimmung; an der Mütze, welche keck auf der einen Seite ſeiues luſtigen Ge⸗ ſichtes hing, prangte ein friſcher Eichenzweig, ſein Säbel klirrte hinter ihm her und mit lauter Stimme ſang er: „Er wirbt nicht lange, er zeigt nicht Gold, Im Sturm erringt er der Minne Sold.“ „Haſt du Zedderitz geſehen?“ fragte Breda kurz. „Er hat ſveben nach ſeinem„geſchwinden Roß“ geſchickt, um nach Hauſe zu reiten. Ich dächte, wir thäten daſſelbe... Trab, trab, mein Rößlein, trab!... „Sei vernünftig und komm! Zedderitz hat mich auf das Empörendſte beleidigt..“ unterbrach ihn Wladimir und eilte zwiſchen den verlaſſenen Kaffee⸗ tiſchen ſo ſchnell vorwärts, daß dem Fähndrich der Rachechor, den er gerade anſtimmen wollte, in der Kehle ſtecken blieb. Eben fuhr der Phaöton des Generals durch das Felſenthor. Bleich und regungslos ſaß Thekla neben ihrem Vater. Auf dem Platz wurde der Trakhener⸗Fuchs vor⸗ geführt, auf den der rothe Lieutenant mit ſichtlicher 171 Ungeduld wartete. Eiliger, als es ſonſt ſeine Ge⸗ wohnheit war, ſchwang ſich Zedderitz in den Sattel. Da ſah er plötzlich in das Geſicht Breda's, der wie ein zürnender Dämon mit flammendem Blick und zuckenden Lippen vor ihm ſtand und den Fuchſen bei der Kandare ergriff. „Was ſoll das? Weg da!“ rief Zedderitz, deſſen Sommerſproſſen auf dem angſtfahlen Antlitz häßlich hervortraten, und gab dem Fuchs die Sporen. Aber ein kräftiger Riß von Breda's Fauſt ver⸗ urſachte, daß das Thier nur mit den Vorderfüßen hoch in die Luft ſtieg und ſich faſt mit ſeinem Reiter rückwärts überſchlagen hätte. „Herunter!“ befahl Breda, immer noch den Zügel haltend und mit der Spitze der Reitgerte auf den Boden deutend. „Herunter, Plump von Pommerland, herunter von der Mähre!“ rief der Junker in theatraliſcher Kampfſtellung mit freier Benützung Bürger's. Plump von Pommerland hielt es für das Ge⸗ rathenſte, abzuſteigen. „Was wollen Sie von mir?“ fragte er mit einem Verſuch, heftig zu werden. Breda ließ den Fuchs los, der ſofort umkehrte —— ————ö 472 und auf den Stall zutrabte, und trat ganz nahe vor Zedderitz hin: „Ich wollte dir ſagen, du Gaſſenjunge, daß ich dich peitſchen werde, wo ich dich finde, wenn ich dir binnen drei Tagen nicht dein freches Geſicht auf der Menſur entzweigehauen habe. So, jetzt kannſt du gehen! Marſch!“ Zedderitz machte wüthend einen Schritt vorwärts, aber Breda erhob gebieteriſch die Reitgerte und Doppel⸗ naas pfiff mit großer Geſchicklichkeit das Trompeten⸗ ſignal zum Abmarſchiren. „Marſch!“ wiederholte Breda und die Gerte zuckte in ſeiner Hand, während der Fähndrich ein⸗ dringlich das Signal zum Trabe gab. Zedderitz war nicht feig, aber vor dem flam⸗ menden Blick und der entſchloſſenen Haltung ſeines Gegners überkam ihn ein unheimliches Grauen. Mit einem erzwungenen höhniſchen Lächeln wandte er ſich ab und ging. Sein Schritt wurde immer raſcher und er hatte ſich bereits in derſelben Thüre, durch die der Trakhener verſchwunden war, in Sicherheit gebracht, ehe das Signal zum Galopp ver⸗ klungen war, mit welchem der Fähndrich die Stufen⸗ leiter cavalleriſtiſcher Gangarten beſchloß. Während Letzterer das Satteln der beiden Pferde ——— 173 zu beauſſichtigen ging, eilte Breda die Treppe hinauf und trat bei Donald ein. „Du mußt mir ſekundiren, Donald!“ ſagte er kurz. Donald legte das umfangreiche hippologiſche Werk, mit dem er im Intereſſe der Ausbildung ſeiner jungen Braunen neuerdings wieder ſeine Bi⸗ bliothek bereichert hatte, zur Seite, ließ die türkiſche Pfeife folgen, erhob ſich vom Sopha und ſagte eben ſo lakoniſch: „Gern. Gegen wen?“ „Gegen Zedderitz. Er hat ein Weſen, für das ich mein Leben laſſen könnte, auf das Frechſte ver⸗ höhnt.“ Donald machte eine Grimaſſe wie vor einigen Stunden, als die Muſikgeſellſchaft des Kaffeekränz⸗ chens ihre Inſtrumente zu ſtimmen begann. „Da haben wir's!“ ſagte er mit wohlwollender Ironie, indem er Breda ſeine Hand auf die Schulter legte.„Beſter Freund! Ich habe das Alles kommen ſehen und kann mir die ganze Geſchichte haarklein denken. Darum rathe ich dir aufrichtig, vertrage dich wieder mit Zedderitz. Er iſt ein einfältiger unge⸗ hobelter Burſche und ſo oft ich ihm begegne, empfinde ich ein unwiderſtehliches Verlangen, ihm drei Straf⸗ — 4 .— 174 ſtallwachen zu diktiren wegen ſeines dummen Ausſehens. Aber, nimm mir's nicht übel, jene Perſon iſt es wahrhaftig nicht werth, daß er ſich ihretwegen ſchlägt. Und du haſt ſchon gar keine Urſache, ihren Ritter zu ſpielen... Donald!“ unterbrach ihn Breda ernſt.„Du ſcheinſt mir die Angelegenheit doch nicht ſo genau zu kennen, wie du dir einbildeſt...“ „Na, und ob ich ſie kenne!“ lachte Donald. „Mathildengrotte, he? Mein ungezogener Brauner fraß dicht bei euch eine mäßige Buche rattenkahl und ihr merktet es nicht. Und vor einer Stunde erſt ſah ich mit eigenen Augen...“ Donald war eben im Begriff, ſeinen Beobach⸗ tungen die hirſchlederne Umklammerung des gewaſche⸗ nen gelben Handſchuhs beizufügen und dadurch das Mißverſtändniß aufzuklären, als ihn Breda mit zorn⸗ bebender Stimme unterbrach: „Kein Wort mehr!... wenn du es nicht für dringend nothwendig hältſt, daß auch wir Händel be⸗ kommen.. „Das verhüte Gott!“ ſagte Donald, der ſeinen jüngeren Freund aufrichtig liebte, gutmüthig. Dann ſeufzte er tief auf ob ſolcher heroiſchen Unbefangen⸗ heit, zuckte die Achſeln und fuhr fort:„Ich ſekundire 3 3 175 einem Freunde, auch wenn er ſich wegen des alten Kattunrockes ſchlägt, den mein cichorienkundiger Major⸗ domus an einem langen Beſenſtiel in ſeinem Kraut⸗ acker aufhängt, zum ſteten Mißvergnügen meines al⸗ bernen Braunen.— Waffen?“— „Säbel! Seine Waffe wird er wohl zu führen verſtehen!...“ „Ich bezweifle, ob er überhaupt etwas Vernünf⸗ tiges verſteht. Doch wie du willſt. Ich ziehe in ſolchen Fällen Piſtolen vor, ſchon der geringeren Er⸗ hitzung wegen. Wenn ich dir aber rathen darf, ſo mußt du dein unverantwortliches Atempoſchlagen unter⸗ laſſen. Das iſt einem Naturſchläger gegenüber, der ſich den Teufel um Nachhieb und Parade kümmert, doppelt gefährlich. Und einmal könnteſt du damit doch zu ſpät kommen.— Wann?“ „Uebermorgen..“ „Verwünſcht eilig. Nun, wenn noch ein Funke geſunden Menſchenverſtandes in dir ſteckt, brauchſt du wohl nicht ſo lange, um einzuſehen, daß die Sache Unſinn iſt... Die Sekundanten ſtehen über's Kreuz, natürlich, und ihr macht die Sache unter euch ab. Seit ich einem lieben Freund mit meinem Se⸗ kundantenhieber eine größere Schmarre in's Geſicht gekratzt habe, als ſein Gegner mit der ſchönſten Quart 176 erzielt hätte, ſekundire ich nur mehr als abgetretener Sekundant.— Gäſte?“ „Niemanden als den Unparteiiſchen und den Arzt. Auch möchte ich nicht, daß über die Sache ge⸗ ſprochen wird!“ „Das iſt vernünftig von dir“, ſagte Donald väterlich.„Alſo morgen, wenn ich von Zedderitz komme, werde ich bei dir vorſprechen. Und wenn Zedderitz die Sache beizulegen wünſcht... 2“ „So werde ich ihm bei der Parade vor euch Allen in's Geſicht ſchlagen. Für ſein Benehmen gibt es keine Abbitte...“ „Herr du meine Seele! Iſt das eine Hitze und ein Haß! Und Alles.... O König Wiswamitra! Der Junker, den ich da unten die Pferde andekla miren höre, kann dir das Citat ergänzen.“ „Ich kann alſo auf dich zählen?“ fragte Breda ſcheidend. „Wie der Rekrut auf ein Donnerwetter!“ er⸗ gänzte Donald, den Freund vor die Thüre begleitend. Breda traf den Fähndrich mit dem Fuß im Bügel des geliehenen Pferdes und mit lauter Stimme rufend: „Friſch auf, mein Wüſtenroß aus Alexandria!“ 174 Drei Tage ſpäter ward die Geſellſchaft von Arn⸗ ſtadt, welche bereits ſeit geraumer Zeit aus Mangel an Neuigkeiten gezwungen war, ſich ſelbſt ſolche zu fabriziren, durch die Nachricht von dem Zweikampf zwiſchen dem Garniſonsteufel und dem Lieutenant von Zedderitz und von ſeinem ſchrecklichen Ausgang in bleiches Entſetzen geſtürzt. Wenn man den erſten Berichterſtattern glauben durfte, ſo waren von den beiden Duellanten und einem großen Muſikpult, welches in dem Saal ſtand, wo das Duell ſtattge⸗ funden hatte, nur mehr die Säbel und die Sekun⸗ danten übrig geblieben. Genauere Einzelheiten wieſen endlich nach, daß die beiden Lieutenants zwar noch lebend in ihre betreffenden Wohnungen gebracht, aber von den beigezogenen Aerzten aufgegeben worden ſeien. Endlich klärte ſich die Begebenheit dahin auf, daß die Helden des Tages allerdings mit großer Erbitterung auf einander eingedrungen ſeien und mehrmals ſogar Arzt und Sekundanten in Lebensgefahr gebracht hätten, daß ſie auch durch einen gleichzeitigen furchtbaren Hieb ſich und das Muſikpult kampfunfähig gemacht und ſchwer verwundet hätten. Aber ſowohl die furcht⸗ bare Steilquart, welche das Geſicht des Lieutenants Zedderitz von der Stirne bis zum Kinn in zwei un⸗ gleiche Hälften getheilt habe, als auch die Prim, v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 12 178 welche dem Garniſonsteufel klaffend vom Wirbel bis an das Geſicht reichte, ſeien bereits mit einigen Dutzend Wundnadeln wieder nothdürftig geflickt und könnten, ſoweit nicht andere Zufälle dazuträten, nach Anſicht des Arztes keine anderen Folgen haben, als für Zed⸗ deritz eine lebenslängliche Entſtellung, und für Breda vielleicht Jahre lang einige Unbequemlichkeit beim Tragen der militäriſchen Kopfbedeckung. Dieſe Nach⸗ ichten, welche der Wahrheit ziemlich nahekamen, ver⸗ dankte man dem rothnäſigen Adjutanten, der ſie unter dem Siegel des Dienſtgeheimniſſes weiter gab, und um einige Zoll gewachſen ſchien, ſeit es ihm möglich geworden war, eine intereſſante Erzählung und die Wahrheit zugleich zum Beſten zu geben. In ſeiner doppelten Eigenſchaft als Berichterſtatter des Oberſten und der wißbegierigen Damen Arnſtadts hatte es d Adjutant nicht unterlaſſen dürfen, den Urſachen des Duells nachzuforſchen und ſeine Erhebungen im Zu⸗ ſammenhalt mit den Aeußerungen Breda's bei Auf⸗ hebung des Zimmerarreſtes ließen in dem Lieutenants⸗ wechſel der geheimen Appellationsrathstochter Alwine von Stern die Veranlaſſung des betrübenden Vorfalls mit Sicherheit vermuthen. Das ſtolzbeſcheidene Be⸗ nehmen dieſer Dame ſelbſt, als ſie ſich zum Mittel⸗ vunkte des allgemeinen Intereſſes gemacht ſah, ihre er 8₰ 5 179 geheimnißvollen ausweichenden Antworten konnten jenen Verdacht nur beſtätigen, und da es ſich ſchon ſeit einigen ihrer Liebſchaften nicht mehr um ihren Ruf handelte, wurde Alwinens gefährliche Anziehungs⸗ kraft von der Arnſtadter Damenwelt nach Gebühr bewundert und vielleicht ſogar ein wenig beneidet. Alwine nahm daraus die erwünſchte Veranlaſſung, ihren gelbrothen Turban, den großblumigen Jaconnet und das dünne Mäntelchen der Liebe noch viel un⸗ verdroſſener ſpazieren zu tragen. Solchen Ereigniſſen gegenüber trat es etwas in den Hintergrund, daß Rolf Gering„der Löwentödter“, welcher ſeinen Hund, um ihn an die Bewachung ſeiner Wohnung zu gewöhnen, an der Thürklinke an⸗ gebunden hatte, denſelben bei ſeiner Rückkehr todt wiederfand— durch unerwartete Dazwiſchenkunft eines Stuhlbeins glücklich erdroſſelt. Völlig unbeachtet jedoch blieb es angeſichts jener blutigen Tragödie, daß Lieutenant van Bonſtedt's „Herzensadel“ wegen ſeiner brandrothen Tendenzen, wie es in dem betreffenden Erlaß des Regiments⸗ commando's hieß, einige Tage vor der Aufführung verboten und dem poetiſchen Lieutenant nur die unangenehme Wahl gelaſſen wurde, um ſeine Ent⸗ laſſung einzukommen oder wegen ungeeigneten Be⸗ 12*½ 180 nehmens vor ein Ehrengericht geſtellt zu werden.— Drei Menſchen gab es, welchen die immerhin ſchwere Verwundung des Garniſonsteufel ſehr zu Herzen ging.— Doppelnaas, der ſeinen im Wund⸗ fieber tobenden Freund aufopfernd pflegte, durfte laut ſtrenger Mahnung des Arztes ſeine Operntexte und Citate nur mehr murmeln,— Donald ließ ſeine jungen Braunen zum erſten Mal die ganze Schwere ſeines Zorns und ſeiner Peitſche fühlen und nannte, ſo lange Breda nicht außer Gefahr war, ſeinen Freund wohl zehnmal des Tages einen unver⸗ antwortlich albernen Jungen, welcher nicht das ge⸗ ringſte Mitleid verdiene, weil er blos durch ſein ver⸗ rücktes Atempoſchlagen zugleich mit Zedderitz abgeführt worden ſei. Der Oberlieutenant ging gewöhnlich dann am heftigſten mit dem Verwundeten in's Gericht, wenn ihn ein ganz unerträgliches Feuchtwerden der Augen, dem er ſeit dem Zweikampf von Zeit zu Zeit unterworfen war, in ſeinen hippologiſchen Studien zum Beſten der jungen Braunen erfolgreich hinderte. Thekla von Thyngen endlich war, als ihr der Gene⸗ ral ahnungslos die Kunde mittheilte, in krampfhaftes Weinen ausgebrochen und aus dem Zimmer geſtürzt. Der alte Herr war über dieſe Wirkung ſeiner Stadt⸗ neuigkeiten um ſo betroffener, da ſeine Tochter, wie 181 er ſich oft zu rühmen pflegte, wahre Korporalsnerven hatte und da auch der herbeigerufene Arzt den völlig normalen körperlichen Zuſtand der jungen Dame be⸗ ſtätigte. Die Traurigkeitsanfälle Thekla's wiederholten ſich noch einige Mal. Weil jedoch der Arzt ſehr weiſe den Zuſtand für eine jener unerklärlichen Stim⸗ mungen erklärt hatte, denen junge Damen in Thekla's Alter manchmal unterworfen ſeien und die durch all⸗ zuängſtliche Sorgfalt nur geſteigert würden, ſo ſtellte ſich der General taub und blind. Erſt als er nach einigen Tagen die Nachricht brachte, daß die beiden Tollköpfe außer Gefahr ſeien, äußerte ſich die Melancholie Thekla's in weniger akuter Geſtalt nnd allmählich ging ſie wieder wie früher ihren Beſchäftigungen nach, ſtickte und malte, pflegte ihre Blumen, fütterte ihre Vögel und las ihrem Vater die Zeitung vor, wie ſie es wegen ſeiner ſchwächer werdenden Augen gewohnt war. Auch den neuen Bekannten, den Papa bei einem Morgenritt nach der Eremitage kennen gelernt und eingeladen hatte, ihn zu beſuchen und an dem er großes Wohl⸗ gefallen zu finden ſchien, empfing ſie mit jungfräu⸗ licher Würde. Seit dem Tode ihrer Mutter und bei der Abneigung des Generals gegen unſympathiſche 182 Hausgenoſſen ſpielte ſie ſelbſt ganz reizend die Haus⸗ frau. Oberlieutenant Donald kam ſich anfangs aus⸗ nehmend komiſch vor und wurde von den Arnſtadtern wie ein Offizier aus einer fremden Garniſon ange⸗ ſtaunt, als er zum zweiten Mal in zwei Jahren auf dem beſterzogenen ſeiner beiden jungen Braunen und in ſeiner neueſten Uniform außerdienſtlich in die machen. Auch ſein vierfüßiger Zögling war ſehr verwundert, daß Donald ihn ohne jeden Belehrungs⸗ verſuch ruhig in die Stadt traben ließ und ſorgfältig allen Staub zu vermeiden ſuchte; er zeigte ſich dafür in ſeiner Weiſe ſo erkenntlich, daß Donald ganz ver⸗ wundert beſchloß, eine Zeit lang das Nichtdreſ⸗ ſiren unter die Zahl ſeiner Lehrmittel aufzunehmen. Köhler, der Wirth vom Anker, der in Donald einen neuen Abonnenten für ſeinen Mittagstiſch ver⸗ muthete, war von geradezu beängſtigender Liebens⸗ würdigkeit, als dieſer ſein Pferd bei ihm einſtellte; und der Beherrſcher des Haarſchneidekabinets, wo der Einſidler zum erſten Mal eintrat— denn bis jetzt hatte er ſich ſtets von ſeinem Trompeter ordonnanz⸗ mäßig ſcheeren laſſen— hatte ſo viel zartſinnige Er⸗ kundigungen, ob er die Haare in genialer Unordnung 183 zurückzukämmen oder glatt an die Schläfen geleimt zu tragen gewohnt ſei, ob ſein Schnurrbart Brillantine oder Cosmetik vorziehe u. ſ. w., daß Donald die auf ſeinem Kopf wühlenden Finger des Künſtlers vor⸗ kamen, wie die Fäuſte eines Schergen der Arnſtadter Geſellſchaft, der ihn erbarmungslos wieder in das Strafhaus der Langweile, des Vorurtheils und des Klatſches zurückzuſchleppen unternahm. Nachdem der Oberlieutenant noch ſeine hirſch⸗ ledernen Reithandſchuhe mit weißen glacéledernen von feinſtem Schnitt und beſter Arbeit vertauſcht hatte, ſtand er endlich vor der mit vergoldeten Pfeilen ge⸗ krönten Gartenthüre, welche zu dem Garten und dem faſt ganz zwiſchen Bäumen verborgenen reizen den Wohnhauſe des Generals führte. Donald wartete ein wenig, um das außergewöhnliche Herzklopfen, welches ihm der kurze Weg verurſacht haben mochte, vorübergehen zu laſſen. Da daſſelbe aber immer zu⸗ nahm, ſo trat er, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß ſeine Stimme bei der erſten Begrüßung etwas un⸗ ſicher ſein werde, entſchloſſen ein. Ein freundlicher Gärtnerburſche mit blendend weißen Aermeln bejahte ſeine Frage, ob der General zu ſprechen ſei, und wies ihm zwiſchen den ſorg⸗ fältig gepflegten Blumenrabatten den Weg zum Haupt⸗ ———————— 184 eingang der Wohnung, welche mit ihren geöffneten Thüren, weißen Vorhängen und glänzenden Spiegel⸗ ſcheiben wie ein zufriedenes Antlitz in den duftenden, blühenden Garten ſchaute. Dem Oberlieutenant, welcher in der ruinenhaften, düſteren Einſamkeit der Eremitage immer verbitterter geworden war, je enger er ſich an ſie angeſchloſſen, ward es in dieſer hellen, farbigen Welt ſo ſonderbar wehmüthig⸗freundlich zu Muth, daß er dem General, der ihm im leichten Hausanzug und mit dem freund⸗ lichſten Antlitz entgegenkam, gerührter die Hand drückte und feuriger dankte für ſeine Einladung, als es bei derlei Anläſſen ſeine Gewohnheit war. Der General hatte ſichtlich eine große Freude, in dem trotz aller Geſelligkeit an gemüthvollen und wahrhaft gebildeten Menſchen ſehr armen Arnſtadt einen noch jungen Mann gefunden zu haben von ſo urſprünglichem Geiſt, ſo reicher Welterfahrung und ſo angenehmen Umgangsformen. Er machte die Honneurs des Hauſes mit einer liebenswürdigen Leb⸗ haftigkeit, welche Donald völlig hinriß und die zwiſchen den beiden im Alter nnd Rang ſich ſo fern ſtehenden Männern im Verlauf einer Stunde faſt eine Art kameradſchaftlichen Verhältniſſes herſtellte. Durch die Reichhaltigkeit der ihrer Unterhaltung zur 185 Verfügung ſtehenden Stoffe verſprach die Bekannt⸗ ſchaft eine für beide Theile ſehr lohnende zu werden. Ein weiteres Bindeglied zwiſchen beiden Herren ſchienen die Jagd und das Schachſpiel zu bieten, welche Beide gleich ſehr liebten. In letzterem glaubte Donald während ſeiner zweijährigen Verbannung etwas außer Uebung ge⸗ kommen zu ſein.„Um ſo mehr Hoffnung werde er haben, hie und da gegen die Angriffe der leichten Reiterei ſich zu halten“, ſcherzte der General. Noch ehe Donald der reizenden Tochter des Hauſes vorgeſtellt war, erſchien es ausgemacht, daß er den General, ſo oft er Dienſtes halber abkommen konnte, beſuchen mußte, und der alte Herr drohte ihm ſcherzhaft, ihn ſelber aus ſeiner Klauſe zu holen, wenn er zu lange mit der Wiederholung ſeiner Be⸗ ſuche ſäume. Gleichzeitig mit dem Kaffee, den der Diener des Generals ſervirte, erſchien auch in einem niedlichen Hauskleide, das Geſicht beſchattet vom Gartenhut aus ſtrahlenförmig gefalteter grauen Leinwand, Thekla, nach der ſich Donald bis jetzt bei der Bewunderung einer ſeltenen Pflanze ſchüchtern, aber vergeblich um⸗ geſehen hatte. Wie in der Oeffentlichkeit, ſo war auch im 186 Hauſe ihr Auftreten ganz anders, als das der meiſten Mädchen ihres Alters. Da war nichts von jener ſogenannten Weltläufigkeit, deren Verdienſt hauptſächlich darin beſteht, in anmuthiger Weiſe über allerlei Dinge zu ſprechen, die man nicht ver⸗ ſteht. Ebenſo weit entfernt war Thekla auch von der beliebten Kindlichkeit in jenem Alter, da ſich in jedem vernünftigen Mädchen ganz andere Gefühle zu regen beginnen, als das Intereſſe für Schaukel und Puppe. Thekla zeigte nichts von all' dem. Sie war eine ſehr gebildete und beſcheidene junge Dame, welche nicht die geringſte Abſicht verieth, dem Oberlieutenant durch ihre Kenntniß der Gebräuche der Reſidenz zu imponiren, die aber dennoch auf jede dahin bezügliche Frage klar und natürlich Antwort gab. Auch machte ſie im Verlaufe des Geſprächs kein Hehl daraus, daß ihr Vater bereits von ſeiner Bekanntſchaft mit Donald geſprochen habe und daß ſie in ihm einen be⸗ ſtändigen Gaſt ihres Hauſes erblicke. Wenn ſie ſchwieg, lag ein Hauch von Schwermuth über ihrem ganzen Weſen, der nicht recht zu ihren friſchen und etwas entſchiedenen Antworten paßte. Einzelne Ausdrücke und Anſchauungen der jungen Dame bewieſen ganz deutlich den ſteten innigen Verkehr mit ihrem Vater und die militäriſchen Wendungen und Behauptungen, 187 welche ſie manchmal zum Beſten gab, klangen in ihrem Munde zuweilen ungemein drollig. „Sie lieben wohl die Muſik ſehr?“ fragte Donald, als ſein Blick durch das Fenſter des Gartenſalons auf einen hübſchen Erhardt ſchen Flügel fiel. „Oh gewiß!“ antwortete Thekla.„Aber ich ſelbſt habe nicht das geringſte Talent dazu. Hin und wieder allerdings ſpiele ich mir ſelber vor und manchmal verlangt der Papa mich zu hören. Dann gehorche ich eben auf ſeine Gefahr.“ Da legte ſich der General in's Mittel: „Meine Tochter iſt in der falſchen Anſicht be⸗ fangen, daß man bloß dann die Befugniß habe, eine Kunſt zu treiben, wenn man fühle, es in derſelben auch zur Vollkommenheit bringen zu können. Dabei ſpielt ſie die ſchwierigſten Stücke mit Fertigkeit. Wenn alle Leute, welche nicht beſſer ſpielen, der Muſik entſagen wollten, würden ja neun Zehntel ſämmtlicher Klaviere ausſterben.“ „Das wäre wahrhaftig kein Unglück!“ meinte Thekla und entlockte dadurch den beiden Herren ein herzliches Lachen. „Und wenn man fragen darf,“ begann Donald wieder, den die Unterhaltnng ungemein anmuthete, — 188 „in welchen Künſten trauen Sie ſich wirkliche Er⸗ folge zu?“ Thekla neigte ſinnend das energiſche Geſichtlein. Nach einer Weile blickte ſie wieder auf: „Ich glaube, daß ich ganz erträglich reite; im Armeeſpiel gewinne ich von Papa zwei Partien unter dreien und im Floretfechten hat Papa ſich zu wehren.“ „Das ſind Fertigkeiten und keine Künſte, liebes Kind!“ ſagte der General, durch die Enthüllungen Thekla's etwas in Verlegenheit gebracht. „Ein Beweis mehr, daß ich nicht zur Künſtlerin geboren bin!“ antwortete Thekla mit einem Lächeln, das aber ſogleich wieder in ſinnendem Ernſt unter⸗ ging. Donald empfahl ſich darauf, um nach einigen Tagen wieder zu kommen. Der Zwiſchenraum von einem Beſuche zum andern wurde immer kürzer, dann wiederholten ſich die Beſuche alle Tage und der Oberlieutenant erwog bereits allen Ernſtes die Frage, ob er nicht bei dem bevorſtehenden Abtheilungswechſel das kommende Vierteljahr einen ſeiner Kameraden die idylliſche Einſamkeit der Eremitage wolle genießen laſſen. Donald verleugnete es ſich ſelber ſchon lange 189 nicht mehr, daß es nicht die Schachpartien mit dem General und die Mittheilungen aus deſſen reichen Er⸗ fahrungen waren, welche ihn täglich in das gaſtliche Haus führten. Hatte er ſich ja neulich mit Schrecken dabei ertappt, daß er beim Verlaſſen von des Generals Wohnung ſtatt in den Anker ſich nach der ſogenannten Seufzerallee, welche das Beſitzthum ſeiner Freunde be⸗ grenzte, gewendet und dort im Mondſchein geſchwärmt hatte, wie bereits vor fünfzehn Jahren einmal. Aller Spott über ſich ſelbſt half ihm nicht über ſeinen ſtockenden Athem, über das ſtürmiſche Pochen ſeines Herzens weg, wenn er Thekla's leichten Schritt auf den Gartenwegen vernahm und den freundlichen Gruß ihrer hellen Stimme hörte. Auch Thekla hatte etwas von ihrer Unbefangen⸗ heit eingebüßt. Der General ſchien Donald nicht mehr wie einen Freund, ſondern wie einen Sohn an⸗ zuſehen und mit dem Vertrauen einer redlichen Soldatennatur erblickte er in dem unbeſchränkten Ver⸗ kehr der jungen Leute nichts Ungehöriges. Oft, wenn der alte Herr ausgegangen war oder Briefe ſchrieb, war Donald ſtundenlang allein mit Thekla im trau⸗ teſten Geſpräch. Dann kam es vor, daß ihn das junge Mädchen plötzlich und mit einer Art fieber⸗ hafter Haſt nach ſeinen dienſtlichen Obliegenheiten, ſeinen Vorgeſetzten, ſeiner Familie fragte. Alles ſchien ſie zu intereſſiren, was Donald anging, ſelbſt ſeine Freunde... Und wie gerne gab er ihr Aufſchluß! Daß er dabei lieber von ſich und ſeiner guten Mutter ſprach, als von ſeinen Freunden, war verzeihlich. Thekla hörte ihm aufmerkſam zu, nur manchmal kam es ihm vor, als ob ſie zerſtreut und unbefriedigt ſei. Er zürnte ihr darum nicht! Wie lange hatte er mit den ent⸗ feſſelten Gewalten ſeiner eigenen Bruſt gekämpft und ſich geſagt:„Du biſt zu alt für ſie, Donald du biſt zu alt! Zu alt und kalt für dieſe jugendfrohe Bruſt, in welcher der Kuß der Liebe erſt die ganze Kraft entfeſſelt. Du kannſt ihr nicht mehr geben, was ſie verlangen kann, den Glauben an die Welt, an das Glück und an dich ſelbſt...“ Alle Weisheit, die er gegen ſich zu Felde führte, war unterlegen... ging es ihr vielleicht ebenſo?... Eines Tages, als Donald mit dem General, wie immer bei gutem Wetter, im Garten eine Schachpartie machte, wurde der alte Herr abgerufen. Er beauf⸗ tragte ſeine Tochter, ihn zu vertreten bei dem Spiel, und begab ſich raſch in's Haus. Schweigend nahm Thekla dem Oberlieutenant gegenüber Platz, und ſein Herz pochte in immer ſchnelleren Schlägen, als 191 er ſo nah in ihre Züge ſah.— Irrte er ſich, oder färbten auch ihre Wangen ſich mit jäher Gluth?— Hob und ſenkte auch ihr Buſen ſich nicht ſtürmiſcher? — Und hatte ſie nicht einen flüchtigen Blick um ſich geworfen, wie um ſich zu überzeugen, daß ſie Beide jetzt ganz allein ſein?. Die Sonne lag ſo warm auf dem blühenden Garten, die Roſen und Nelken dufteten faſt betäubend, kein Blatt der Linde, in deren Schatten ſie ſaßen, regte ſich— es war ſo ſtill ringsum— ſo ein⸗ ſam... Dem Oberlieutenant ward es ſo beklommen— die Bruſt ward ihm faſt zu eng, um noch länger ſein ſüßes Geheimniß zu bergen— jetzt war der Augen⸗ blick gekommen, denn Thekla ſaß regungslos und hob die Augen nicht von den zierlichen Figuren des Schach⸗ bretes. Die Springer, Könige und Bauern waren frei⸗ lich auch reizend und beſondere Lieblinge des Generals, der ſie aus einem ſelbſtgezogenen Orangenbäumchen hatte anfertigen laſſen. Zu des Baumes Lebzeiten war es den jahrelangen Bemühungen des Generals allerdings nicht gelungen, denfelben zum Fruchttragen zu veranlaſſen; als der ſchon recht kräftige Stamm indeß eines kalten Winters unverhofft das Zeitliche ſegnete, beſchloß der alte Herr, wenigſtens die Ueber⸗ reſte zu ſeiner Dienſtbarkeit zu zwingen, die ſie ihm im Leben ſo hartnäckig verweigert hatten, und ſie in Geſtalt von Schachfiguren endlich nach ſeinem Willen zu lenken. Dem Oberlieutenant war dieſe Geſchichte ſeit der erſten Partie bereits in allen Einzelheiten bekannt und er hatte die Figuren damals auch genügend be⸗ wundert. Heute intereſſirten ſie und ihre Aufſtellung ihn wenig— er ſah nur Thekla, die ſich eben in lieblicher Befangenheit zu ihm beugen wollte... die Lippen wie zu einer Frage halb geöffnet... Er bog ſich vor, um in ihren Augen zu leſen, was ſein Herz ahnte, daſſelbe ſüße, berauſchende Geheimniß, das ſeine Pulſe ſtocken machte;— näher neigte er ſich zu ihr— er wollte ihr ſagen„ da was war das?... ein dumpfer Krach— ein leichter Aufſchrei Thekla's, und im nächſten Augenblick bildeten Tiſch, Stuhl, Oberlieutenant und Schachbret nur noch 4 einen verworrenen Knäuel, aus dem ein paar grüne Stuhlbeine flehend zum Himmel ragten. Dieſe unſeligen Stuhlbeine, die Gußeiſen heuchelten und weder Eiſen noch gegoſſen waren!— Die zwei vorderen in ihrer ungeahnten Hohlheit hatten die Laſt des beſchwerten Lieutenantsherzens allein nicht 4. zu tragen vermocht und verſtändißinnig ſeiner Bewegung folgend, waren ſie nur etwas zu früh in die Kniee geſnnken. Rathlos ſtand Thekla vor dem unvorhergeſehenen Fall; aber als ſie, ſich beſinnend, dem Lieutenant zu Hilfe kommen wollte, war dieſer bereits, glühend roth vor Scham und Ingrimm, auf ſeine Füße geſprungen, unter denen einige der künſtlichen Figürchen ſeufzend endeten. Seine unſtäten Augen glaubten um Thekla's Lip⸗ pen ſchon jenes verrätheriſche Zucken zu ſehen, das bei jungen Damen ihres Alters bei derlei traurigen Vor⸗ fällen meiſtens einem erbarmungsloſen Gelächter vor⸗ anzugehen pflegt— und er hatte ſich lächerlich gemacht — unſterblich lächerlich, wie er meinte— in demſelben Augenblick, wo er die Hand nach ſeinem Erdenglück ausſtreckte!.. Wenn Thekla lachte... ihn auslachte! ... Nein, das ertrug er nicht— fort, nur fort! ſo ſchnell als möglich! Und niemals wollte er zurückkehren zu der Stelle, wo er aus ſeinem Himmel geſtürzt war! Ehe Thekla ein Wort hervorbringen konnte, hatte er ſich niedergebeugt, einen Kuß auf ihre Hand ge⸗ drückt, und war dann wie gehetzt aus dem Garten geſtürzt. So eilte er auch, ohne ihn zu bemerken, an dem vorſchriftsmäßig grüßenden Fähndrich Doppel⸗ naas vorüber, der, eben von Breda's Krankenbett kommend, eine Erholungspromenade machte. v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 13 i9 Verblüfft blieb der Junker ſtehen und ſah dem Davoneilenden nach, dann betrachtete er ſich die Gartenthür mit Kennermiene, drehte ſich auf dem Abſatz um und ſagte kopfſchüttelnd: „Die fremden Eroberer kommen und gehen. Wir ſalutiren, aber wir bleiben ſtehen.“ Oberlieutenant Donald kam die nächſten Tage nicht zum General. Er blieb in der Eremitage. Die beiden Braunen, welche in der letzten Zeit, da ihr Lehrer und Gebieter an Anderes gedacht hatte, mertwürdig gut gegangen waren, fühlten die Rück⸗ kehr zur Einſamkeit und waren widerſetzlicher als je. Am dritten Tage fuhr der General bei Donald vor. Dieſer vermochte kaum ſeine heftige Bewegung zu verbergen. Sollte Thekla wirklich ſo weit über den Frauen ihres Alters ſtehen, daß ſein Ungeſchick, ſeine Rath⸗ loſigkeit und kindiſche Flucht ſie nicht enttäuſcht hatten? Sollte ſie ihn dennoch und noch immer lieben? Er hatte es ſchon überwunden gehabt und ſich in den letzten Tagen haarklein bewieſen, daß er nicht zum Ehemann geſchaffen ſei, daß nach dem erſten Taumel neuer Gefühle, wenn er wieder er ſelbſt und ſie mit wenigen Veränderungen wieder 195 das Weſen von ehemals war, ſie beide ſich gegen⸗ ſeitig mit ausgeſuchtem Zartſinn langweilen würden. Er mußte ſich alſo ſchon aus Menſchenfreundlichkeit Glück wünſchen, der Gefahr, daß man ſich ernſtlich in ihn verliebe, entgangen zu ſein. Und nun kam Thekla's Vater mit einem Geſichte, auf welchem eine ſchwere Sorge zu leſen ſtand, die Sorge um das Glück ſeiner Tochter, ſagte ſich der Oberlieutnant. — Und noch ehe der alte Herr Zeit gewann, ſeinem jungen Freunde die Hand zu drücken, hatte dieſer bereits beſchloſſen, ſich für Thekla's Glück zu opfern. Er ſchwor im Herzen einen ſchweigenden Eid, in den ſpäteſten Jahrzehnten ſeiner Che jedes Gähnen ſtandhaft zu unterdrücken und den verzogenſten Pinſcher ſeiner Frau unermüdlich mit Bonbons zu füttern. Die Einleitung des Geſprächs von Seite des alten Herrn entſprach vollſtändig Donald's Erwar⸗ tungen. Der General machte ſeinem jungen Freunde ſanfte Vorwürfe, daß er ſich ſchon zwei Tage nicht habe ſehen laſſen, ertwähnte auch beiläufig, daß The⸗ kla ſich über das Ausbleiben ihres Gaſtes gewundert habe und beforgt ſei, ohne Wiſſen und Willen viel⸗ leicht die Veranlaſſung zu dem Fernbleiben Donald's gegeben zu haben. Das Alles war nach Donald's 13* 196 Anſicht nicht mißzuverſtehen. In dem General hatte das Herz des Vaters völlig über die Zurückhaltung des Weltmannes geſiegt. „Es iſt vielleicht eigenſüchtig von mir“, ſchloß der alte Herr,„Sie gerade jetzt wieder in unſer Haus einladen zu wollen, da mir ernſte Gedanken vielleicht den Reſt von Unterhaltungsgabe rauben, der mir geblieben iſt..„ Donald verbeugte ſich erröthend: „Ich würde mich glücklich ſchätzen, wenn ich dazu beizutragen vermöchte jene ernſten Gedanken 5 6 8 zu zerſtreuen.“ Dem alten Herrn ſchien es ſchwer, zum eigent⸗ lichen Zwecke ſeines Beſuches zu gelangen. Eine Pauſe entſtand, in welcher der General wie auf⸗ geregt im Zimmer auf⸗ und abſchritt und Donald mit einer Art reſignirten Glücks den kommenden Er⸗ öffnungen entgegenſah. Plötzlich blieb Thekla's Vater vor Donald ſtehen, ſah ihn forſchend an und fragte mit gepreßter Stimme: „Kennen Sie einen Lieutenant Ihres Regiments, Wladimir von Breda?“ Donald hatte ſich bereits unhörbar geräuſpert, um auf die Frage:„Lieben Sie meine Tochter?“ 197 mit einem lauten, opferfreudigen:„Ja, Herr Ge⸗ neral!“ antworten zu können. Die Erkundigung des Generals brachte ihn daher etwas außer Faſſung. Er wußte, daß Breda nicht des beſten Rufes genoß, aber zu ehrlich, um den Freund zu verleugnen, antwortete Donald mit etwas anderer Betonung, als er beabſichtigt hatte: „Ja, Herr General!“ „Sie müſſen mich nicht mißverſtehen, Donald!“ fuhr der General eifrig fort.„Bei meinen Fragen leiten mich die beſten Beweggründe...“ Donald verneigte ſich etwas ironiſch. Jeden⸗ falls zeugte es von einer gewiſſen Offenheit, ſich bei dem projektirten Bräutigam der Tochter ſelbſt über deſſen Umgang zu unterrichten. „Was iſt denn dieſer Breda eigentlich für ein Menſch?“ begann der Genneral wieder, welchem das Verhör, das er anzuſtellen für nöthig fand, ebenſo ſchwer zu werden ſchien, als es Donald mißfiel. „Etwas wild und leichtſinnig, nicht wahr? Man nennt ihn ja den Garniſonsteufel!“ „Breda hat den Kern zu einem braven, ſogar hervorragenden Manne in ſich!“ ſagte Donald ernſt. „Er iſt ein tüchtiger Offizier und eine edle, ritter⸗ liche Natur. Er iſt vielleicht manchmal mißleitet — 198 worden, aber niht wilder und leichtſinniger, als wir waren.“ Der General hatte mit einem ganz verklärten Ausdruck zugehört, als würde ihm eine ſehr frohe Botſchaft verkündet. Dann fragte er lächelnd: „Als wir? Sie wiſſen, ſcheint es, ſehr genau, was ich einige Jahrzehnte vor Ihrer Geburt ge⸗ trieben habe! Doch ich will kein Phariſäer ſein und Ihnen geſtehen, daß mir Ihr Freund darum nicht weniger werth iſt, weil er einige Thorheiten gemacht hat. Das giebt, wie Sie richtig bemerken, manchmal die ehrenwertheſten Männer. Es iſt Ihnen ohne Zweifel kein Geheimniß, was ich allerdings erſt heute erfahre, daß ſich der Lieutenant geſchlagen hat und verwundet worden iſt wegen einer Beleidigung, die man in ſeiner Gegenwart meiner Tochter angethan hat... „Ich muß im Gegentheil geſtehen, Herr General, daß mir dieſe Sache ſo neu als möglich iſt.“ „Aber Breda hat ſich doch geſchlagen?“ rief der General verwirrt. „Ja, und ich habe ihm ſekundirt.“ „Und die Urſache des Duells?“ „Iſt eine Dame, aber nicht Ihre Fräulein Tochter.“ — 199 „Sonderbar!— und man nennt meine Tochter auch nicht in dieſer Angelegenheit?“ „Niemand, ſo viel mir bekannt iſt. Dagegen proclamirt ſich ein gewiſſes Fräulein Alwine von Stern bei Jedermann, der es zu hören wünſcht, als den Gegenſtand der Eiferſucht der beiden Duellanten, um deſſen Beſitz und Neigung es ſich allein gehandelt habe. Und ſo ſehr ich mich natürlich im eigenen Ur⸗ theil beſcheide, meine Wahrnehmungen ſtimmen mit der offenherzigen Erklärung jener Dame überein.“ Verwirrt, betäubt ging der General eine Weile im Zimmer auf und ab. Endlich begann er wieder: „Sie wiſſen ohne Zweifel auch, daß Lieutenant von Breda, den man ganz außer Gefahr glaubte, in einem unbewachten Augenblick den Verband von ſeiner Wunde geriſſen und ſich faſt verblutet hat?“ „Allerdings weiß ich das“, ſagte Donald ernſt. „Dieſe Handlung iſt um ſo unbegreiklicher, als Breda ſonſt ein ſehr lebensfroher junger Mann iſt. Auch be⸗ ſtätigen die Aerzte ſeine völlige Zurechnungsfähig⸗ keit... „Sonderbar, ſonderbar“, murmelte der General. „Und das Alles dieſes Fräuleins von Stern wegen, glauben Sie?“ 200 „So weit ich in der Angelegenheit ſehe und ſo ſehr ich dieſe Geſchmacksverirrung meines Freundes bedauern muß— ja!“ 3 Der General, der weitere Fragen nicht für zu⸗ läſſig halten mochte, reichte dem Oberlieutenant die Hand zum Abſchied: „Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Mit⸗ theilungen“, ſagte er beim Einſteigen.„Leider liegt es nicht in meiner Macht, Ihnen meine Fragen zu erklären, die Ihnen, ich fühle es wohl, höchſt ſeltſam erſcheinen müſſen. Entſchuldigen Sie mich damit, daß ich in Dingen, die mir ungemein nahe gehen, ſelber den trübſten Zweifeln über⸗ laſſen bin.“ Der Oberlieutenant verneigte ſich tief, die beiden Rappen zogen an und in ſcharfem Trab rollte der Wagen gegen die Stadt. Düſter in die Ecke gelehnt, ſaß der General und dachte darüber nach, wie er ſeinem theuren einzigen Kinde die Nachrichten mittheilen wolle, die er von dem Oberlitenant erhalten, einem Mann, von dem er wußte, daß er die Wahrheit ſprach. Bei der Nachricht von der verzweifelten That Breda's, die ihr eine allzudienſtfertige Dienerin nebſt allen in Umlauf geſetzten Uebertreibungen mitgetheilt hatte, war Thekla bleich und entſtellt vor Schrecken zu ihrem Vater geeilt und hatte ihm erklärt, daß ſie die Urſache des Duells ſei und wahrſcheinlich auch durch ihre Härte die Schuld trage an dem düſteren Nach⸗ ſpiel. Mit einer Energie, wie ſie den alten Herrn eben ſo ſehr erſchreckte, als er ſie bewunderte, erklärte Thekla, daß ſie Wladimir von Breda grenzenlos liebe und es nicht überleben werde, wenn er ihret⸗ wegen ſterbe. Ihr Vater, ohne Kraft zu einem Vor⸗ wurf, hatte ſein weinendes Kind zu beruhigen geſucht, wobei ihn die inzwiſchen eingeholte Nachricht, daß Breda vorläufig außer Gefahr ſei, erfolgreich unter⸗ ſtützte. Dann war der General zu Donald gefahren, dem einzigen Menſchen an ſeinem neuen Wohnort, dem er ſich näher angeſchloſſen hatte und deſſen Urtheil und Offenheit er unbedingt bertraute. Er hatte allen Grund, von den erhaltenen Nachrichten unbefriedigt zu ſein. Die Verantwortlichkeit, deren ſein gutes un⸗ ſchuldiges Kind ſich anklagte, hatte ein nach Donald's Andeutungen wenig achtbares Weſen freiwillig über⸗ nommen und den Lieutenant dadurch noch überdies dem Härteſten, der Lächerlichkeit preisgegeben. Wer hatte hier Recht? Die Selbſtanklage ſeiner Tochter oder die Prahlerei der Andern? War ſeine Tochter durch ihr allzu reges Zartgefühl und ihre Liebe zu einer völlig unrichtigen Beurtheilung des Vorfalls 292 hingeriſſen worden, oder hatte Fräulein von Stern zur Schamloſigkeit die Lüge geſellt? Wer auch die eigentliche Urſache des Zweikampfes war, ſo viel erſchien dem General gewiß: Thekla mußte durch die Nachricht, daß ein ähnliches Ge⸗ ſtändniß, wie ſie es vor ihrem Vater in höchſter Herzensangſt geſtammelt, von einem andern Mädchen in verwerflicher Weiſe öffentlich ausgeſprochen werde, ſich tief verletzt fühlen. Und dann— wenn ſie die Gefahr des Geliebten ſo ſchwer ertrug, wie erdrückend mußte erſt ſeine Schmach auf ihr laſten! Der General, deſſen Muth noch Niemand anzu⸗ zweifeln gewagt hatte, zitterte bei dem Gedanken an die Wirkung, welche ſeine Mittheilungen auf Thekla hervorbringen konnten und er beſchloß, ihr vorreſt Alles, was er von Donald erfahren, zu verſchweigen, bis vielleicht die Zeit eine Löſung des Räthſels brachte, oder ſeiner Tochter die Ruhe ihres Herzens wiedergab. Auch Donald befand ſich in einer nichts weniger als behaglichen Skimmung. Nachdem man in ſchweren Kämpfen beſchloſſen, ſich zu opfern und der Gatte eines reizenden Mädchen zu werden, iſt es mißlich zu er⸗ fahren, daß dieſes Opfer nicht im Mindeſten verlangt werde. Donald hatte ſich bei Ankunft Thyngen's bereits mit Anmuth darein ergeben, daß ſeine eigene heiraths⸗ 203 fähige Perſon den Mittelpunkt des Geſprächs bilden werde und war dann eine Stunde lang ausgefragt worden über einen ihm zwar lieben und recht inte⸗ reſſanten Freund, der aber durch ſeine geſchmackloſe Verranntheit in Punkto„Weiber“ die Theilnahme einer ſo hervorragenden jungen Dame und ihres Vaters doch eigentlich gar nicht verdiente. Ferner hatte Donald eine Stunde lang ſolche Fragen beant⸗ wortet, ohne daß ſeiner eigenen verzeihlichen Neugier die geringſie Rechnung getragen worden war und er ſtand vor einem Räthſel, welches ihm zu Vermu⸗ thungen der ausſchweifendſten Art den freieſten Spiel⸗ raum ließ!— Sogar die Befürchtung, daß Thekla Sinnestäuſchungen unterworfen ſei, lag innerhalb die⸗ ſes Kreiſes— dagegen ward Donald nicht von dem leiſeſten Zweifel in den eigenen Scharfſinn beunruhigt. Von den zwei Menſchen, welche über die ganze verwickelte Angelegenheit am beſten Aufſchluß hätten geben können, war Zedderitz durch die Art ſeiner Ver⸗ wundung am Sprechen verhindert und Breda's Ge⸗ müthsſtimmung ſchien derart, daß es gefahrbringend für ihn ſein mußte, den dunklen Hintergrund der letz⸗ ten Ereigniſſe wieder vor ihm heraufzubeſchören. Auch darüber waren Wochen dahingegangen. 204 Breda war raſcher, als man es erwarten durfte, ge⸗ neſen. In Civilkleidern und, wie es ſchien, gerüſtet, zu ſeiner Erholung einen längeren Urlaub anzutreten, ſtand er am Fenſter ſeiner Wohnung. Sein Geſicht war bleich und angegriffen und hatte einen düſteren, verdroſſenen Ausdruck, welcher durch das zum Zweck der Verbände ganz kurz geſchnittene Kopfhaar noch ge⸗ ſteigert wurde. Es war Sonntag. Breda ſchaute zerſtreut auf die Menſchen, welche an ſeinem Fenſter vorüber nach der Kirche gingen, ſichtlich ohne an dieſelben zu denken. Manchmal drangen die Töne der benachbarten Orgel voll und deutlich in's Zimmer. Breda achtete nicht auf ſie. Da trat Fähndrich Doppelnaas mit bühnenge⸗ rechten Schritten in's Zimmer. Das Ausſehen ſeines Freundes, den er zum erſten Mal wieder im Straßenanzug ſah, machte ihn ſehr betroffen und er griff in die Saiten des Minneſängers, um ſeinem Staunen Ausdruck zu geben: „O weh, wohin geſchwunden ſind alle deine Haar'!.. Ohne Lächeln, aber gütig reichte ihm Breda die Hand: 2 2 05 „Wie geht es Deiner Braut? Liebt ſie Dich noch immer?“ In dieſer Weiſe hatte der wilde Lieutenant noch nie von der Neigung ſeines Freundes geſprochen. Und der Junker glaubte ſeiner Rührung keinen beſſeren Ausdruck verleihen zu können, als indem er ſich kokett in den Hüften wiegte, ſeinem luſtigen Geſicht den lieblichſten Ausdruck verlieh und zu ſingen be⸗ gann: „O, das iſt ja leichte Mühe, Wenn man ſo wie ich gefällt, Und ſie hat auf heute frühe Mich ſchon wieder hinbeſtellt. Da wird Mama, das Ungeheuer In die Klatſchviſite geh'n.... Ein Fähndrich, fängt er einmal Feuer Bleibt nicht anf halbem Wege ſteh'n— Bleibt nicht ſo leicht, bleibt nicht ſo leicht Auf haa—albem We—e- e- ge ſteh'n!“ Breda hörte den Schluß der Melodie nicht mehr. Er ſchien der Orgel zu lauſchen, die ernſt und feierlich in immer volleren Tönen zu ihm hinein⸗ drang. Da pochte es wieder an ſeiner Thüre und Ober⸗ lieutenant Donald erſchien auf das„Herein“. Er hatte von der bevorſtehenden Abreiſe Breda's gehört 206 und kam, ihm Lebewohl zu ſagen. Vielleicht führte ihn, ohne daß er es ſich geſtand, auch ein wenig die Hoffnung zu ſeinem Freunde, endlich Aufſchluß über die Räthſel zu erhalten, welche durch die Zeit nicht an Intereſſe für ihn verloren hatten. Der General hatte ihn nicht mehr beſucht und ſo oft er ſelbſt daran dachte, Thekla wieder zu ſehen, war ihm das Blut heiß in die Wangen geſtrömt und derjenige der beiden Braunen, den er eben ritt, hatte einen heftigen Sprung vorwärts gemacht, da er die Sporen tief in den Weichen fühlte. „Ich wollte dich nicht reiſen laſſen, ohne dir vorher die Hand zu drücken!“ ſagte Donald, ebenfalls betroffen durch das veränderte Ausſehen Breda's. „Das iſt ſchön von dir, ich danke!“ antwortete Breda, indem er mechaniſch ſeine Hand in die des Freundes legte, ohne daß eine Muskel in ſeinem Ant⸗ litz zuckte oder ſeine Blicke ihren faſt unheimlich ſtarren Ausdruck verloren. Der Junker zog ſich ſchweigend zurück, um ſein Stelldichein nicht zu verſäumen und verſprach aus Rückſicht vor dem ihm weniger bekannten Oberlieute⸗ nant in ſchlichter Proſa, binnen einer Stunde wieder zu kommen, um Breda zur Eiſenbahn zu begleiten. Als der Fähndrich glücklich und ſtolz wie ein 207 Triumphator hinweggeſchritten war, begann Donald 1 wieder: „Und wohin wirſt du dich zunächſt wenden?“ 1 Breda nannte einen kleinen Ort an der Grenze des Landes. „Aber was thuſt du denn in dieſem abſcheulich⸗ ſten und langweiligſten Neſt deutſcher Erde, wohin ſich nur je eine Kopfbahn verlaufen hat?“ rief Donald. „Haſt du Verwandte dort?“ —„Nein—“ /„Eine Liebſchaft?“ Breda ſah ſeinen Freund mit einem Zlick an, daß er die Frage nicht wiederholte. „Aber was willſt du denn dort? Ich wartete dort einmal nur zwei Stunden auf den Anſchluß der t Poſt, um zu einem in der Nachbarſchaft begüterten Freunde zu gelangen und langweilte mich bis zur Wuth in dem öden Städtchen. Zudem ſoll es dort der vielen Sümpfe wegen nicht einmal geſund ſein!“ „Geſund genug“— ſagte Breda und blickte auf den Boden. Nach einer Weile begann er wieder: „Wenn du mir dein Ehrenwort gibſt, nicht über die Sache zu ſprechen und dich nicht um mich zu be⸗ 208 kümmern, will ich dir ſagen, warum ich Urlaub ge⸗ nommen habe.“ „Mein Ehrenwort;“ ſagte Donald eifrig,„nun?“ Breda betrachtete den Freund mit müder Auf⸗ merkſamkeit, als verurſachte es ihm ein flüchtiges Intereſſe, die Wirkung ſeiner Worte zu beobachten und ſagte dann ruhig: „Ich will mich dort todtſchießen.“ Bleich und mit offenem Munde blieb Donald ſtehen. Dann verſuchte er zu glauben, daß Breda ſeinen Scherz mit ihm treibe, und ſagte erzwungen lachend: „Aber das kannſt du doch, viel bequemer hier beſorgen.“ „Nein!“ ſagte Breda entſchieden, und ein leiſer Schauer des Widerwillens ſchüttelte ihn.„Hier läuft das ganze Philiſterpack, das ich ſo ſehr haßte im Leben, an meinem Sarg zuſammen und dann... es geht einfach nicht.“ „Und dann? Was haſt du noch für Gründe?“ fragte Donald weiter, den die einfachen, trüben Worte Breda's mehr überzeugten von deſſen Ernſt, als es pathetiſche Verzweiflung gethan hätte.„Du kannſt mir ja vertrauen, denn mein Wort ſchützt dich gegen jeden Verrath!“ 209 „Ich mag es ihretwegen nicht“, begann Breda wieder und ſeine Stimme zitterte leiſe.„Sie hat mich ja doch einmal gekannt und es könnte ſie erſchrecken.“ „Sehr zarte Rückſichten für eine Dame von dem Zuſchnitt des Fräulein von Stern!“ ſagte Do⸗ nald höhniſch, um vielleicht den Zorn Breda's zu reizen und ihn ſo auf andere Gedanken zu bringen. „Du biſt toll, Breda!“ Breda ſchien ſich nur mit Mühe in dem Ideen⸗ gang des Freundes zurechtzufinden. Dann ſagte er matt lächelnd! „Alwine? Wer ſpricht von ihr?“ „Aber von wem im Namen des Himmelrs ſprichſt denn du?“ „Von Thekla von Thyngen— die mich einſt mit eigener Geſahr vor dem Mord an einem Kinde bewahrt hat— und die mich verachtet...“ Es war ein ſehr gedehntes Ah! der Ueberraſchung, das der Oberlieutenant ausſtieß. Es kam ihm vor als ob er Monate lang noch viel verrückter geweſen ſei, als Breda in dieſem Augenblick. „Alſo Thekla's wegen willſt du dich todtſchie⸗ ßen!“ ſagte er kleinlaut. Breda ſtützte ſich ſinnend auf die Fenſterbrüſtung. v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 14 210 „Nicht ihretwegen allein— obwohl mir ihre Verachtung nahe genug geht. Auch nicht, weil ich weiß, daß ſie Recht hat— das ahnte ich früher ſchon manchmal mitten im tollſten Lärm und Taumel— das iſt es alſo nicht allein. Die Hauptſache iſt, daß mich Alles, was mir bisher über mich ſelbſt weggeholfen hat, anwidert bis zum Ekel und daß ich weder Luſt noch Grund zu etwas Beſſerem habe. Beſſer, was iſt überhaupt beſſer?— Vielleicht ſie— und ſie verachtet mich! Darum ſage, daß ich Recht habe, Donald, wenn ich mir aus dem Wege gehe.“ Donald war edelmüthig genug, um über das un⸗ behagliche Gefühl, welches ihm die nicht mehr anzu⸗ zweifelnden Beziehungen zwiſchen Thekla und Wladi⸗ mir verurſachten, raſch hinwegzukommen, und die Theilnahme, mit welcher er zu ſeinem Freunde ſprach, war von keinem Hauch der Eigenſucht getrübt: „Höre, mein guter Wladimir! Ich will mich nicht ſtellen, als ob ich Stimmungen, wie die deine nicht verſtände. Ich habe ſie ſchon einigemal, wenn auch aus andern Urſachen und mit weniger Energie durchgemacht. Denn, wenn ich jedesmal, wenn mir meine eigene ſchlechte Geſellſchaft läſtig war, nicht mehr hätte leben können, ſo hätte ich mich ſchon ein dutzend Mal todtſchießen müſſen. Höre, Wladimir, ich habe 211 neulich, als mich in meinen alten Tagen auch einmal der heilige Wahnſinn ritt, dem Oberſten geſagt, daß ich bei dem nächſten Abtheilungswechſel auch mit her⸗ 1 einmöchte und kann das jetzt nicht wohl mehr zurück⸗ nehmen, ohne allerlei Vermuthungen wachzurufen. Melde du dich für die Eremitage— ein Vierteljahr da draußen iſt reichlich ſo gut wie Todtſchießen und hat den Vortheil, daß man nachher flott weiter⸗ lebt.“ Breda ward ſichtlich etwas erwärmt, wenn auch nicht umgeſtimmt:„Danke dir, Donald“, ſagte er, dem Freund die Hand auf die Schulter legend.„Ich habe Zeit genug zum Nachdenken gehabt und würde gern das Aeußerſte, da es ohnedies immer ein wenig wie Prahlerei ausſieht, unterlaſſen— aber es geht nicht! Bisher brauchte ich vor Niemandem die Augen niederzuſchlagen; denn die, mit denen ich ver⸗ kehrte, waren nicht beſſer als ich und wenn ſie mir nicht gefielen, forderte ich ſie vor meine Klinge. Nun aber hat mich ein Bauernjunge in Offiziersuniform beſiegt b zu Pferde und bei den Frauen und war mir eben⸗ 3 bürtig auf der Menſur, und dasjenige Weſen, bei welchem ich Liebe und Verehrung gelernt habe, ver⸗ aachtet mich. Wenn du ſie liebteſt wie ich und wenn ſie dir geſagt hätte:„Sie ſind kein ehrlicher Mann!“ 14* 212 — mit denſelben zuckenden Lippen, demſelben Ton und Blick— und wenn du ſo ſehr fühlteſt, daß ſie Recht hat, wie ich— du ſchöſſeſt dich auch todt, Donald! Und wenn durs nicht thäteſt, währeſt du den Schuß Pulver nicht werth!“ Leidenſchaftslos und in einfacher natürlicher Hal⸗ tung hatte Breda ſeinem Freunde derart die Noth⸗ wendigkeit, ſich todtzuſchießen, entwickelt, und immer mehr kam Donald zur Ueberzeugung, daß er es hier nicht mit einer augenblicklichen Aufwallung zu thun habe, ſondern mit dem Endergebniß monatelanger, mit der ganzen Hartnäckigkeit eines Kranken gehegter Grübelei. Auch hatte Breda bereits den Beweis ge⸗ geben, daß er vor einer ſolchen That nicht zurück⸗ ſchrecke. Die Sorge um den Freund wurde in Donald jetzt zur heißen Angſt. Er ſträubte ſich mit aller Kraft ſeiner Seele dagegen, den hoffnungsvollen, ritterlichen jungen Mann, der vor ihm ſtand, verloren zu geben. Wie von der Angſt um das eigene Leben gehetzt, ſuchte ſein Geiſt nach Möglichkeiten der Rettung. Da leuchtete es in ſeinen Augen auf: „Ich weiß nicht, welches Recht Thekla von Thyngen zu ihrem harten Urtheil hatte. Aber das weiß ich, daß ihr Vater jene Meinung nicht theilt und — 213 ſie hat das Recht verloren, dich gering zu ſchätzen, ſeit du dich für ſie geſchlagen haſt.“ „Das weißt du?“ ſagte Breda.„Ich hatte doch abſichtlich auf Zedderitzens breiten Mund gezielt, daß er nicht plaudern ſollte. Allerdings hätte er ſich nicht eine Frechheit gegen Thekla zu Schulden kommen laſſen, ich würde keine Verſuchung geſpürt haben, ihn Lebensart zu lehren. Aber das hätte ich auch für die nächſte beſte Frau gethan, die von einem Tölpel be⸗ leidigt worden wäre, und wenn ſie deßhalb auch widerwillig ſich zu einer Art Dankbarkeit entſchlöſſe — ich wäre nicht niedrig genug, ſie anzunehmen.“ „Und wenn deine That ſie von deiner Ritterlich⸗ keit und deinem Edelmuth überzeugt hätte und ſie be⸗ reits bitter bereute, dir weh gethan zu haben?“ Breda ging heftig bewegt im Zimmer auf und ab. „Wozu das?“ ſtieß er abgebrochen heraus.„Ich liebe ſie ſo ſehr, daß wenn ſie mir ſagte, ich ſei ein ausgezeichneter Menſch, ich dumm genug wäre, ihr zu glauben und vielleicht ſelber vor mir Reſpekt be⸗ kommen würde. Doch ſie wird ſich hüten! Und hörſt du? Ich habe dein Ehrenwort, zu ſchweigen gegen Jedermann, und ich entbinde dich davon nur mit deinem Leben. Sonſt käme ich mir vor wie der er⸗ bärmlichſte Comödiant. Es iſt bald Zeit, daß ich ab⸗ 214 reiſe“, fuhr Breda mit aufgeregter Haſt fort,„der Fähndrich ſcheint in den Armen der Liebe mich ver⸗ geſſen zu haben. Gleichviel!“ Breda zog die Uhr. Sie ſtand. „Du ſiehſt es ſelbſt, meine Zeit iſt abgelaufen. Wollen wir gehen?“ Breda nahm die kleine Reiſetaſche, die auf dem Stuhl lag, mit Sorgfalt auf und hing ſie um. Sie enthielt die Waffen, mit denen er ſeinem Leben ein Ende machen wollte. Donald vertrat ihm den Weg. Sein Geſicht war entſtellter als das ſeines Freundes und mit zuckendem fieberhaftem Griff faßte er deſſen Arm: „Thekla liebt dich und verzweifelt, wenn du ſtirbſt. Du darfſt ſie nicht elend machen, Wladimir — denn— ich liebe ſie ſelber!“ Das Haupt abgewandt, hielt Donald noch immer des Freundes Arm feſt. In ſeiner höchſten Herzens⸗ angſt hatte er ſich der ſeltſamen Fragen des Generals erinnert und ſie verſtanden. Stumpf und mißtrauiſch ſtand Breda an der Thür. Von der furchtbaren Erſchütterung ſeiner Seele kam aber Nichts an die Oberfläche. „Höre, Wladimir“, begann Donald wieder. „Nur eine Viertelſtunde Friſt gewähre mir und ich 215 bringe dir die Beſtätigung deſſen, was ich behauptet. Oder ich ſage dir, daß du recht haſt...“ Eine lange Pauſe entſtand, dann antwortete Breda: „Geh! Aber vergiß dein Wort nicht. Ich werde dich hier erwarten.“ Und Breda ſetzte ſich wie gebrochen auf einen Stuhl. Unſchlüſſig blieb Donald ſtehen. „Sei ruhig, Donald! Ich lüge nicht Donald ging. Er blieb lange aus, aber Breda merkte es nicht und als Donald wiederkam, fand er den Freund noch in derſelben Stellung, wie er ihn verlaſſen hatte. Mit bleichem regungsloſem Geſicht ſchaute Wladimir zu ihm auf. „Thekla erwartet dich—“ ſagte Donald leiſe. Mit einem Satz ſprang Breda empor, ſeine Lippen bebten und ſeine dunklen Augen flammten. Das wehmüthige Antlitz Donald's ließ keinen Zweifel zu— ſchluchzend warf ſich Wladimir an die Bruſt ſeines Freundes. „Du biſt ein edler Menſch, Donald!“ Lange hielten ſich die Freunde umſchlungen. Sie hörten nicht das Pochen des Junkers, der endlich leiſe die Thüre öffnete und hereinblickte. Bei dem 14 . 24 6 unerwarteten Anblick zog Doppelnaas den vorge⸗ ſchobenen Kopf wieder zurück und murmelte: „Bei Männern, welche Liebe fühlen, Da braucht man einen Fähndrich nicht...“ Die Beſatzung der Eremitage rüſtete ſich zum Abmarſch. Gepackte Fourgons und hochbeladene Fouragewägen beſchränkten einigermaßen den Raum, in welchen ſich an andern Tagen die ſchulreitenden Uhlanen und die vorbeifahrenden Equipagen Arnſtadts einträchtig theilten. Auch Donald beaufſichtigte mit ſaurem Geſicht das Packen ſeiner Koffer und warf hie und da einen gleichgiltigen Blick durch das Fenſter auf die ſchöne Welt Arnſtadts, welche unter den be⸗ reits herbſtlich gefärbten Buchen heute zum letzten Mal ihre bunten Sommertoiletten zur Schau trug. Die Geſellſchaft hatte noch ſo ziemlich ihr altes Ge⸗ ſicht. Nur hätte Donald vergeblich nach Alwine von Stern's Turban, nach dem ſtrahlenförmig gekämmten Hinterhaupte ihres Vaters und der ſpitzen Naſe und dem weißen Kaſchmir ihrer Mutter geſucht. Die Stern⸗Familie hatte ſich von der Geſellſchaft und der Oeffentlichkeit zurückgezogen, ſeit Papa Zedde⸗ ritz, ein wenig gebildeter und nicht allzu artiger Landedelmann, Alwinen, die ſich ja ſelber ſür die 217 Urſache des Duells ausgegeben, auf dem Marktplatze mit der Peitſche gedroht hatte. Da die Arnſtadter Geſellſchaft, wenn auch nicht das Vorgehen, ſo doch die Entrüſtung des alten Zedderitz vollkommen billigte, und ſich nach dem„Skandal“ gegen die Familie Stern ziemlich ablehnend verhalten zu müſſen glaubte, ſo hatte der penſionirte geheime Appellationsgerichtsrath von Stern beſchloſſen, nach einer benachbarten Provinz⸗ ſtadt überzuſiedeln, wo ſeine Tochter vielleicht neue Trabanten fand. Nicht anweſend war auch von Bonſtedt, welcher dem Rathe des Oberſten folgend, unter die Theater⸗ dichter gegangen war, wo er den Mangel an Talent durch Freiſinn zu erſetzen ſuchte. Sehr bemerkbar machte ſich dagegen Fähndrich von Doppelnaas: der⸗ ſelbe führte ſeine Lina trotz ihrer langen Schleppe im Sturmſchritt mitten über den Reitſchulplatz, während Mame Landrichters Wittwe ihnen nur müh⸗ ſam zu folgen vermochte. Seine Eingabe an den oberſten Kriegsherrn, ihn ohne die vorgeſchriebene Kaution, ohne das feſtge⸗ ſetzte Alter und bevor er noch Lieutenaut war, hei⸗ rathen zu laſſen, trotzdem es in keiner ſtehenden Armee der Welt einen verheiratheten Fähndrich gibt, war abſchläglich beſchieden worden und Doppelnaas 218 hatte dieſen„Zopf“, wie er ſich ausdrückte, mit ſeinem Entlaſſungsgeſuch beantwortet. Daſſelbe war wegen „Formfehlern“ anfangs zur Vorlage höheren Ortes ungeeignet befunden worden, denn es führte das nicht allzu beſcheidene Motto: „Aber das Genie, ich meine ſeinen Geiſt, Man nicht auf der Wachtparade weiſt.“ Endlich war dem Fähndrich die nachgeſuchte Entlaſſung gewährt worden und er führte ſeinen Säbel zum letzten, die Schleppe ſeiner erklärten Braut zum erſten Mal in das letzte Kaffeekränzchen der Eremitage. Seinen Freunden kündigte er dieſen Ent⸗ ſchluß mit den tiefempfundenen Worten an: „Ich muß das Weib beſitzen Und wenn ich d'rüber— Poſtexpeditor werden ſoll!“ Kaum weniger ſtolz, aber hie und da ſchüchtern nach ſeinen neuen Beinkleidern blickend, ging Rolf Gering„der Löwentödter“ an der Seite ſeiner neuer⸗ rungenen Dogge ſpazieren, von der männiglich wußte, daß ſie ihren Herrn bei den erſten indianiſchen Uebungen, die er mit ihr angeſtellt, auf den Boden geworfen und zwei Stunden lang durch Knurren nnd Zähnefletſchen am Aufſtehen verhindert hatte, bis end⸗ lich die Dazwiſchenkunft des Pferdewärters den Ge⸗ fangenen befreite. 219 Mit wehmüthigem Spott hatte Donald dem großen Kind und ſeinem Spielzeug nachgeſehen, als er durch das Geräuſch galoppirender Pferde veran⸗ laßt wurde, ſeine Blicke nach dem Felſenthor zu wenden. Ein Uhlanenoffizier und eine Dame im dunkel⸗ grünen flatternden Reitkleid und wehenden Schleier auf dem kleinen Herrenhut ſprengten heran. Ein Reitknecht in Livrée folgte im ſcharfen Trab. Weiter hinten erſchien ein von zwei Rappen gezogener Phaöton. Bleich trat Donald vom Fenſter zurück, um nicht geſehen zu werden. Er hatte Thekla und Wla⸗ dimir erkannt, mit denen zuſammenzutreffen er ſeit Monaten mit ſo viel Geſchick vermieden hatte. Wladimir warf einen Blick zum Fenſter ſeines Freundes empor, dann ſprang er mit der ihm eige⸗ nen Spannkraft aus dem Sattel und eilte neben das Pferd ſeiner Braut, um ſie beim Abſteigen auf ſeine Hand treten zu laſſen.. Kaum berührten Thekla's Füße den Boden, ſo ſtand vor ihnen auch ſchon der ewig junge Major Graf Lück, deſſen Theilnahme an jungen ſchönen Damen durch ihre Verlobung und Heirath nicht abge⸗ ſchwächt zu werden pflegte. Während er Thekla die fadeſten ſeiner Fadheiten ſagte, bemerkte Wladimir —— 220 plötzlich eine ſehr rothe Naſe und ein ſehr ſchlaues Antlitz in der Nähe ſeiner Wange und hörte die Stimme des Adjutanten flüſtern: „War ein geſcheidter Einfall, Breda, ſich zu ver⸗ loben! Werde es auch nächſtens thun— denn dieſe Weiber(er meinte nemlich die Frauen Anderer) können einem die Hölle heiß machen.“ Daß ein ſolcher Rath einen zum Heirathen gerade nicht ermunternden Doppelſinn enthielt, fiel dem be⸗ liebten Erzähler nicht auf. Während Major Graf Lück mit ſeinem battiſtenen Taſchentuch Wolken der neueſtentdeckten Wohlgerüche um ſich verbreitete und Wladimir in größer Angſt ſchwebte, die allzufreimüthigen Mittheilungen des Ad⸗ jutanten möchten das Ohr ſeiner Braut erreichen, war auch der Wagen des Generals angelangt. Herr von Thyngen erblickte ſeine Tochter und ihren Bräutigam nicht ſobald in der Geſellſchaft des Grafen Lück, als er, ſchon im Begriff, ſich ihnen bei⸗ zugeſellen, auf dem Abſatz Kehrt machte und zu Do⸗ nald emporſtieg. Der„Einſiedler“ kam beim Eintritt des Gene⸗ rals, von dem er in der letzten Zeit ſich faſt auf⸗ fallend zurückgezogen hatte, in ſichtbare Verlegenheit. Die Gewandtheit und warme Herzlichkeit des alten Herrn ſtellte jedoch eine gewiſſe Unbefangenheit wie⸗ der her. Nachdem ſie ſchon ziemlich lange geplaudert, warf der General wie zufällig die Frage hin: „Sagten Sie mir nicht einmal, daß Sie der Stellung als Ordonnanzoffizier oder Adjutant eines Prinzen vor jeder anderen Verwendung den Vorzug geben würden?“ „Allerdings,“ antwortete Donald achſelzuckend. „Ich bin an einem kleinen Hof aufgewachſen und nur, weil mein Vater in einer größeren Armee raſchere Beförderung für mich hoffte, hier eingetreten. Das Avancement, wohl auch durch meine Schuld, blieb aus, und die Eremitage und Arnſtadt ſind der ge⸗ eignete Ort, um auch hervorragendere Perſönlichkeiten, wie mich, in Vergeſſenheit zu bringen.“ „Ich komme aus der Reſidenz“, begann der General nach einer Pauſe wieder.„Ich habe wegen der Jugend Wladimir's die königliche Erlaubniß zur Heirath einholen müſſen... Aber was fehlt Ihnen, Donald? Sie werden ja bleich wie die Wand...“ „Nichts, nichts, Herr General... Ich glaube, ich leide etwas... am Sumpffieber...“ ſtotterte Donald. „Ah bah— hier zwiſchen lauter Wäldern— Langeweile haben Sie! hier muß man ja die Noſtalgie 222 bekommen. Es freut mich jetzt doppelt, daß ich die Gelegenheit hatte, mit dem Prinzen Hermann von Ihnen zu reden. Er läßt Sie durch mich einladen, ſich bei ihm vorzuſtellen und wenn Sie ſich beide ge⸗ fallen und Sie Luſt haben, ſo könnten Sie wohl an die Stelle des Rittmeiſters von Koch treten, der Ge⸗ ſundheits⸗Rückſichten halber aus der Umgebung Seiner lebensluſtigen Hoheit ausſcheiden muß. Sie wiſſen ohne Zweifel, daß Prinz Hermann der genialſte und leutſeligſte unſerer Prinzen iſt...“ Donald war aufgeſprungen und faßte die Hand ſeines Gönners: „Herr General! Wie ſoll ich Ihnen danken!?“ „Dadurch daß Sie mich in Zukunft bei Seiner Hoheit protegiren!“ lächelte der General.„Aber jetzt muß ich nach den Kindern ſehen. Sie kommen doch zu mir, wenn Sie aus der Reſidenz zurück ſind? Die Kinder werden nach ihrer Hochzeit eine längere Reiſe unternehmen, bei der ich dem jungen Fahrzeug ihres Glücks nicht als Ballaſt dienen mag. Ich bin dann ganz allein. Dann machen wir nach langer Zeit wieder eine Schachpartie, he? Das Schachſpiel iſt wieder reparirt. Sie kommen doch?“ „Gewiß, Herr General!“ verſprach Donald glühend vor Verlegenheit und Rührung. 1 223 Der General fand nun allerdings die Kinder unten nicht mehr vor. Dieſelben waren, nachdem ſie ſich des Majors und des Adjutanten glücklich ent⸗ ledigt hatten, nach der Mathildengrotte gewandelt. Da ſaßen ſie nun, unbeſorgt um neue Störungen. Thekla auf der Steinbank und Wladimir ihr zu Füßen, ihre Hände haltend und mit dunklen tiefen Augen zu ihr aufblickend: „Als du mir hier an dieſer Stelle jenes fürchter⸗ liche Wort entgegenſchleuderſt“, begann Wladimir mit leiſer Stimme,„war ich ſo ſehr von meinem Unwerth überzeugt, daß es mir jetzt noch unglaublich erſcheint, wie du mich lieben kannſt...“ Tekla ließ ihre Hand auf ſeiner Schulter ruhen und beugte ſich lächelnd zu ihm: „Solche Menſchen, wie du, erſchafft der liebe Gott in ſeinen beſten Stunden, ſagt Papa, und ich bin ſeine gehorſame Tochter! Was die andern, die ſchlechter ſind, als du, aus dir gemacht haben, das iſt weniger deine Schuld, als die ihre, und ich will dir nicht blos ein treues Weib, ſondern auch dein beſter Kamerad ſein, daß du die andern künftig ent⸗ behren kannſt.“ — 224 Mit ſtummem Jubel ſprang Breda auf und drückte die Geliebte an ſeine Bruſt: „Ich will ja nichts mehr von der Welt, nichts als dich!“ Thekla hat Wort gehalten. Sie ward ihres Mannes beſter Kamerad und iſt es heute noch, und V ſelbſt die ziemlich militäriſche Zucht und Aufſicht, die ſie bei aller Mutterliebe ihren Kindern angedeihen läßt, hindert ſie nicht, ihren Mann zu begleiten, wenn er wieder einmal einige Tage„über Land“ reitet, oder ſeine vier Ponies einſpannt, um mit den Kame⸗ raden in X. eine Flaſche Wein zu trinken. Sie fährt dann auf den ſchlechten Landwegen mit ihm, fällt, wenn nöthig, mit um, nimmt, während ihr Mann bei alten Freunden einen vergnügten Abend zubringt, bei der Majorin oder Oberſtin eine Taſſe Thee... Vor Kurzem, als ſie an einem wenig bekannten Eiſenbahnknotenpunkt auf den Zug warten mußten, ging ein ſeltſames Paar an ihnen vorüber, vor dem die niedern Bahnbedienſteten die Mütze zogen. Der’ Mann ſang eine Arie vor ſich hin und die Frau, deren verblichene Kleider an einſtige Eleganz erinner⸗ ten, ſeufzte hörbar. Rittmeiſter von Breda hätte 1 nur die Hand auszuſtrecken gebraucht, um den Mann n Eir wand ihe 225 zu erreichen, der da, einen Eichenzweig auf der ſchief⸗ geſetzten Dienſtmütze, Sporen an den Füßen und eine Reitgerte ſchwingend, an ihm vorübertänzelte und in dem er auf den erſten Blick ſeinen einſtigen Leporello Doppelnaas erkannte. Ein unbeſtimmtes Gefühl hielt ihn davon zurück. Da wendete ſich jener ſelbſt ſo raſch um, daß ſeine Gattin einen weiten Bogen um ſeine Axe beſchrieb, ſtreckte die Hand aus und ſang: „Du ſiehſt mich an und kennſt mich nicht, Dn holdes Engelsangeſicht!“ Doppelnaas, welcher auf dieſer Station Allein⸗ herrſcher war, hatte offenbar nichts gelernt und nichts vergeſſen. Das friſche, fröhliche Reiterleben lag ihm immer noch mehr in den Gliedern, als für ihn und ſeine Frau gut war. Breda wäre es lieber geweſen, wenn dieſes Zuſammentreffen nicht ſtattgefunden hätte, welches Doppelnaas vielleicht unzufrieden mit ſeiner neuen Lage und Lina noch mehr zur Dulderin machen konnte. So aber überließen ſich die beiden Paare ganz und unbefangen dem Reiz ihrer Erinnerungen, und„Rittmeiſters“ verſäumten abſichtlich den nächſten Zug, um länger bleiben zu können. Während die beiden Frauen ſich von ihren Kindern erzählten, be⸗ klagte ſich Doppelnaas bei ſeinem Freunde bitter über v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. IV. 15 den„Zopf“, der ihn endlich auf dieſe öde Station verſetzt habe, nachdem er durch ſeine Fähndrichs⸗ neigungen an belebteren Orten Alles auf den Kopf geſtellt, auf irgend einem geliehenen Gaul das an⸗ ſchnaubende Dampfroß inſpicirt und wichtige dienſt⸗ liche Angelegenheiten mit Citaten erledigt hatte. Breda hielt ſich für verpflichtet, dem Freunde zu ſagen, daß er jetzt nicht mehr toller Fähndrich ſei, ſondern Be⸗ amter und Familienvater, der gegen Staat und Weib und Kind ernſte Pflichten habe, und das luſtige Leben von ehemals lieber vergeſſen ſolle. Aber er er⸗ reichte nichts Anderes damit, als daß Stationschef Doppelnaas die Hand pathetiſch nach dem Glaſe Punſch ausſtreckte, das vor ihm ſtand und mit thränenfeuchten Augen rief: 3 Sprichſt du zur Blume: Laß ab vom Licht! Wird ſie dir ſagen: Das kann ich nicht! „Pegaſus im Joche!“ ſeufzte Breda mit weh⸗ müthigem Spott, als er an der Seite ſeiner Gattin mit dem nächſten Zuge nach ſeiner Garniſon weiter⸗ fuhr. Leipzig. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz — Verlag von Ernſt Julius Günther in Neipzig. Robespierre. Geſchichtlicher Roman von Karl Martenburg. 2 Bände. 8⁰. Eleg. ſgeh. Preis 4 Mark 50 Pf. — Mi⸗ Wilden der Ooſelllchaft. Eine Erzählung von Mar von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Krieg und Frieden. Novellenbuch von Levin Schükking. 3 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 7 Mark 50 Pf. Verlag von Ernſt Julius Günther in Neipzig. Johannes Scherr: Aichel. Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Dritte, neu durchgeſehene Auflage. 2 ſtarke Bände. Glegant. broſchirt 9 Mark. Grkreuzigte oder Das Paſſionsſpiel von Wildisbuch. Zweite Auflage. 1 Band. 8⁰. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Novelleubuch Johaunes Scherr. 6 Bände. Preis pro Band 4 Mark 50 Pfg. See —————— — — Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Chriſtoph Pechlin. Eine internationale Liebesgeſchichte von Wilhelm Kaabe. 2 Bände. Eleg. broſch. Preis 8 Mark. Weiſter oder Die Geſchichten vom verſunkenen Garten. Von Wilhelm Raabe. 1 Band. Eleg. broch. Preis 4 Mark 50 Pf. ſinfrxgeündr. Eine Erzählung von Friedrich Gerſtäcker. 1 Band. Preis 2 Mark 50 Pf. 3 Bände. Der Majoratsherr. Roman aus der Gegenwart 3 Bände. Eleg. broch. 10 Mk. 50 Pf. Die Jagd nach dem Glücke. Roman von Otto Müller. 8⁰. Eleg. geh. Preis 12 Mk. von Ottv Müller. Roman von f. C. Schubert. 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 10 Mk. 50 Pf. „wſ Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Zur linken Hand. Novelle von Edmund Höfer. 1 Band. 8. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Stephan L Lawrence. R Koman von Mrs. Edwardes. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. 4 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 12 Mk. Debenham's Gelübde. Roman von A. B. Edwards. Aus dem Engl. von Anna Wünn. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Mark 50 Pf. Gewonnen— nicht umworben. Roman von James Payn. Autoriſtrte Ausgabe. 3 Bände. 80. Eleg geh. Preis 8 Mark. Verlag von Das Thurmkätherlein. Roman aus dem Elſaß von Auguſt Becker. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 12 Mark. Der nene Abälura. Noman von Zulius Groſſe. 2 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 5 Mark 25 Pf. ffene Wunden. Novellen von Julius Groſſe. Inhalt: Graziana.— Die neue Hagar.— Lorbeer und Myrte. 3 Bände. 80. Eleg. broch. Preis 7 Mark 50 Pf. Ernſt Julius Günther in Leipzig. —= ,. 12 Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Lebeusräthſel. Novellen Kark Irenzel. Inhalt: Luerezia's Becher.— Im Thurm.— Ein alter Mann.— Der Stern des Oſtens. 2 Bde. Preis 6 Mark. uriker. Ein Roman aus der Napoleoniſchen Zeit von Karl Frenzel. 5 Bde. 8. Eleg. geh. Preis 13 Mark 50 Pf. Geheimuiſſe. Vovellen von Karl Frenzel. Inhalt Der Schmuck des Inea.— Herodias.— Die alte Geige.— Roewer. 2 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 6 Mark. Verlag von Ernſt Julius Günther in Neipzig. Anna's Geheimniß. Roman von 4 M. S. Schwartz. 3 2 Bände. Preis 2 Mark ord. von Novellen M. S. Schwart. 4 3 Bände. Preis 9 Mark ord. 6 Schattenbilder. Novellen von— Emilie Flygare⸗Carlén. 4 4 Bände. Preis 12 Mark ord. 4 “— 5 Der letzte Athenienſer von 6 Dictor Kydberg. 4 Bände. Preis 12 Mark ord. 8* DInranmmnrnwnnmmmmmrnnnnnmmmrnnnnmmmrannnaunmmmmnnnunmnnm — “ ſſſſſſſſſſſſiſſſfüfſfüüf 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 13 1 1 . 4 3 5 4 4 1 3