Grette Bon S alt 5 3— — — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 92 5 von. q˖½% 2 Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens b jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruͤckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 G 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 2 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 1 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3„„—„„= 2„—„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung„ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namenklich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— 1.: 5 8 . 8 4 ——— —.j—— 8 8 Deutſch und Wälſch. Erzählungen von Max und Marie v. öchlägel. Dritter Band. Inhalt: Tempeſta.— Humilitas. Die Grotte von San Martiuo. Das Paradies. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1876.* ——— . Tempeſta. Von Marie v. Schlägel. v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. III — Der Sommer des Jahres 1794 war ein unge⸗ woööhnlich heißer geweſen; die kühlen Winde, die von Nordweſten aus den Schluchten des Simplon hervor⸗ ſtrömend über die ſchimmernde Fläche des Lago Maggiore ſtreiften, hatten kaum vermocht, die drückende Schwüle für Stunden hinwegzuwehen, und der ver⸗ ſchmachteten Natur ein kurzes Aufathmen zu gewähren. Und des Nachts, wenn ſelbſt dieſe Winde ſchliefen, ſchien der unbewegliche See die Glut zurückzuſtrömen, welche die unermüdete Sonne den ganzen langen Tag über ihn ausgegoſſen hatte.— Als der Herbſt ins Land kam, fand er die Trauben an den Stöcken faſt vertrocknet; die Blätter der echten Kaſtanien hingen gelb und ſchwer an den rauhen Aeſten, und Flüſſe und Teiche waren faſt verſiegt. Frühreif und ſaftlos lagen Feigen und Granatäpfel unter ihren faſt ent⸗ laubten Büſchen; und nur die rieſigen goldenen Kür⸗ 1* 4 biſſe leuchteten mit ihren üppigen Ranken von den epheuumrankten Steinmauern der Gärten und Wieſen.. Die Sonne war im Untergehen; auf den Spitzen der Uferberge im Oſten lag noch ein heller Schimmer, aber auf dem See begannen bereits die leichten Abendnebel ihr lautloſes Spiel. Die Barken der Fiſcher lagen wie dunkle Punkte auf der däm⸗ merigen Waſſerfläche, und aus den umliegenden Ufer⸗ dörfern ſchwammen nur noch einzelne zitternde Glocken⸗ töne herüber zu dem Reiter, der im Schatten der Berge auf der Straße von Aronn am Lago Maggiore entlang in der Richtung auf Streſa ritt. Es war ein ſtattlicher Mann auf der Mittags⸗ höhe des Lebens. In üppiger Fülle quoll noch dunkles Haar unter dem Barett mit den nickenden Reiherfedern hervor; die Spitzenkrauſe fiel auf breite kräftige Schultern, und die vom kurzen ſpaniſchen Mantel nicht verhüllten Glieder waren bei aller Schönheit der Formen bei dem weichlichen Volke der Italiener von ſeltener Muskel⸗ ſtärke. Ein krauſer Vollbart verbarg die untere Hälfte des energiſch⸗geſchnittenen Geſichts und die tiefliegen⸗ den Augen blickten ſcharf und beobachtend über die reizvolle Uferlandſchaft hinweg. 8 Die Rechte ſtützte ſich nachläſſig auf die Hüfte, und in der Linken hielt er die Zügel ſeines pracht⸗ vollen Grauſchimmels, der mit ſonderbarer Beharrlich⸗ keit immer wieder auf die rechte Seite in die Nähe des Waſſers drängte, ohne daß ſein Reiter in Sinnen verloren, darauf zu achten ſchien. Ein zweites dunkles Pferd folgte in einiger Ent⸗ fernung, das geritten wurde von einem alten Manne in der damals üblichen Tracht eines Stallmeiſters fürſtlicher oder hochgeſtellter Perſönlichkeiten. Plötzlich verließ der Grauſchimmel bei einer kleinen Wieſe den Reitweg, und ſchritt langſam auf das von hohem Röhricht begrenzte Ufer zu, ohne daß ſein Herr ihm zu wehren ſuchte. Mit einigen raſchen Sätzen war der Stallmeiſter gefolgt; der Reiter winkte ihm jedoch beruhigend zu: „Haſſan hat Durſt nach dem ſcharfen Ritt“, ſ ſagte er mit ſonorer Stimme,„er iſt jetzt genugſam abge⸗ kühlt um endlich trinken zu dürfen“, fügte er hinzu, indem er dem ſchönen Thier ſchmeichelnd den Hals klopfte, eine Liebkoſung, die Haſſan mit leichtem Auf⸗ werfen des Kopfes erwiederte. Plötzlich hob das Thier die feinen Nüſtern in die Luft und hielt ſchnau⸗ bend an. „Was 5 iſt das? was fällt dem Haſſan ein?“ 6 fragte der Reiter und ſtreifte mit prüfendem Blick die Umgebung des Ortes,„er will plötzlich nicht mehr vorwärts, und konnte doch eben noch kaum die Zeit er⸗ warten, ehe er ans Waſſer kam? Vorwärts Haſſan, keine Launen!“ und leicht berührte die ſilberne Spornwinde Haſſans weiche Lenden. Allein das Thier bäumte ſich und war nicht vorwärts zu bringen. Der Reiter winkte ſeinem Diener. Dieſer ſprang raſch vom Pferde, befeſtigte es an einer der das Ufer ſäumenden rieſigen alten Weiden und ſchritt vorſichtig in das Röhricht hinein. Plötzlich ſtieß er einen Schrei aus und wich beſtürzt zurück. „Herr Graf, ein Todter liegt dort im Schilf“, ſtammelte er mit dem niederen Volksklaſſen eignen abergläubiſchen Grauſen vor Geſtorbenen. Gewandt ſchwang ſich der Graf vom Pferde, warf dem furchtſamen Diener die Zügel zu und ſchritt ſelbſt ohne Zögern in das Röhricht. ſtammes gelehnt, die Füße ſo nah am Waſſer, daß die Wellen beim leiſeſten Windhauch drüber hin ſpielen mußten, lag ein Menſch. Ein ungepflegter blonder Bart umgab ein eingefallenes Geſicht und volles blon⸗ des Haar krauſte ſich verwirrt über der fahlbleichen Stirn. Seine Kleidung war abgetragen und beſch mutzt 8 „ — 7 und die Schuhe trugen Spuren langer beſchwerlicher Wanderung. Er regte ſich nicht, als der Graf näher trat und ihn forſchend betrachtete; und auch ſein Aus⸗ ſehen war ganz das eines Todten. Der Graf ſchien indeß von ſeiner Prüfung befriedigt; er bog ſich nieder und berührte mit ſeiner Hand die Schulter des Da⸗ liegenden. Ohne ſich zu bewegen hob derſelbe langſam die blutloſen Lider und ſah den Grafen an. „Steht auf Mann“, rief dieſer„was wollt Ihr dort?“ „Sterben!—“ und ſchwer über die eingeſunkenen Augen ſanken die Lider. „Das bleibt Euch immer noch“, entgegnete der Graf„erſt lebt; Ihr ſeid zu jung zum Sterben.“ „Das Elend fragt nicht nach den Jahren“, ant⸗ wortete der Mann mit heiſerer Stimme;„laßt mich allein!“ Schweigend winkte der Graf ſeinem Diener, der voll banger Neugier durch das Schilf auf den ſprechen⸗ den Todten ſtarrte. „Die Feldflaſche“, befahl er und der Diener ſprang zu den Pferden um das Verlangte zu holen. Kaum hatte das Rohr ſich hinter ihm geſchloſſen, ſo flüſterte der Mann in franzöſiſcher Sprache: 8 „Mein Herr, ich bin auf der Flucht; aber ich bin kein Verbrecher, nur ſehr unglücklich; verlaſſen Sie mich!“ Ueberraſcht ſchaute der Graf den Sprecher, dem die fremde Sprache ſo geläufig und in der Weiſe Ge⸗ bildeter ſprach und doch allem Anſchein nach kein Fran⸗ zoſe war. Lächelnd ſchüttelte er den Kopf: „Die Borromei ſind keine Häſcher— wer Ihr auch ſein mögt, von mir fürchtet nichts!“ Dann nahm er dem zurückkehrenden Diener die Flaſche ab, und flößte vorſichtig dem Leidenden einige Tropfen feurigen Weines ein; die Wirkung war eine faſt augenblickliche; ein Schimmer von Farbe kehrte auf die Wangen des Mannes zurück, und mühſam verſuchte er ſich aufzurichten.. „Brod“, ſtammelte er und ſah den Diener mit verlangenden Augen an. „Hunger“, murmelte der Graf,—„ich ahnte es!“ Wieder eilte der Diener und brachte nach längerem Suchen aus einer der Satteltaſchen ein Stückchen Weißbrod hervor. In den Wein getaucht, wurde es dem Fremden an die Lippen gebracht, und mit faſt erſchreckender Gier aß er das Gebotene. „Mehr“ flehte er. „Es iſt nicht mehr vorhanden“, ſagte der Graf, „— 9 „aber verſucht, ob Ihr gehen könnt; ich nehmeé Euch mit mir nach Hauſe, und Ihr ſollt haben was Ihr wünſcht.“ Mißtrauiſch ſah der Fremde den Grafen an; aber die männlich ernſten Züge deſſelben ſchienen ihm Vertrauen einzuflößen; er verſuchte nochmals ſich zu erheben, ſank aber kraftlos zurück. Einen Augenblick ſann der Graf nach; dann ſagte er zu ſeinem Diener: „Wir müſſen ſehen, ihn auf Dein Pferd zu ſchaffen; vielleicht kann er ſich die kurze Zeit im Sattel halten.“ Deun vereinigten Kräften beider Männer gelang es auch bald, den durch Erſchöpfung und Hunger ge⸗ ſchwächten Mann außzurichten und in den Sattel zu⸗ heben; er ſchwankte zwar und wäre faſt an der andern Seite wieder hinabgeſtürzt, allein ein neuer Trunk aus der Feldflaſche und die Unterſtützung des Dieners hielten ihn bald im Gleichgewicht. Der Graf beſtieg ſeinen Grauſchimmel und ritt dicht an der Seite des Fremden; an der andern ſchritt der Diener und führte das Pferd mit dem ſeltſamen Reiter; ſo machte ſich die kleine Geſellſchaft auf den Heimweg. Unterdeſſen war es völlig dunkel geworden, und die Sterne funkel⸗ ten bereits im ſüdlichen Glanz am Himmel, als der -——— 10 Graf mit ſeinem Geretteten Streſa erreichte. Dort war die große Fähre, auf welcher er ſich nach ſeinem Schloß auf der herrlichſten Inſel des Lago Maggiore, nach Iſola Bella überſetzen zu laſſen pflegte. Mehrere Tage waren ſeitdem vergangen. Der Graf hatte ſeinen unbekannten Gaſt im Schutz der Dunkelheit glücklich auf die Fähre und in ſein Schloß gebracht. Dort bettete er ihn mit Hülfe des Dieners in einem entlegenen Zimmer ſeines großen Palaſtes und verbot dem im Dienſt ſeines Hauſes ergrauten Stallmeiſter auf das ſtrengſte ein Wort über die eigen⸗ thümliche Art und Weiſe verlauten zu laſſen, wie ſie⸗ zu dem Fremden gekommen waren. Derſelbe lag noch immer auf dem Lager, auf welches man ihn in jener Nacht gelegt. Es war keine eigentliche Krankheit, an welcher er litt, das hatte der Graf mit kundigem Blick ſofort erkannt; denn die Borromer waren nicht nur ein kunſtſinniges, ſondern auch ein gelehrtes Geſchlecht, das ſeine reichen Mittel vorzugsweiſe dazu verwandte ſich mit den hervor⸗ ragendſten Schätzen der Kunſt zu umgeben, und dem Gange der Wiſſenſchaft und der Literatur mit Ver⸗ ſtändniß und Geſchmack zu folgen. Daß ſie dabei treue Anhänger ihrer Kirche bleiben konnten, hatten viele ihres Stammes gezeigt; und noch heute glänzt 141 der Name Carlo Borromeo als heller Stern für die ganze katholiſche Chriſtenheit. Der Großvater des jetzigen Grafen Donato, Vi⸗ taliono I. hatte den kühnen Gedanken gehabt, aus dem öden Eiland, auf welchem nur wilde Feigen, Lor⸗ beer und verkümmerte Cypreſſen zwiſchen den Felſen und Schiefergeröll hervorwuchſen, einen Märchengarten zu ſchaffen, der noch heute die ſtaunende Bewunderung Aller hervorruft, die den Lago maggiore berühren; derſelbe hatte auch das einfache Landhaus zu einem ßen Pallaſt umbauen laſſen; auf ſeinen Befehl waren Waſſerkünſte, Grotten, und ſchattenkühle Wäld⸗ chen entſtanden, wo ſonſt die Sonnenſtrahlen in ſen⸗ gender din auf dem grauen Geſtein brüteten; und der einſt unbeachtete Rieſenfelsblock im See war durch ihn zur Reſidenz ſeines erlauchten Hauſes erhoben worden. Seine Nachkommen hatten das Wunderwerk gehegt und gepflegt, und was der Frühverblichene nicht hatte vollenden können, in ſeinem Sinne und nach ihtemn eigenen kunſtverſtändigen Geſchmacke ausgeführt. Von ihren Reiſen im ſüdlichen Italien brachten ſie Bildwerke und Gemälde, antike Kunſtſchätze und Sammlungen aller Art in ihr Inſelreich und die Säle. des Pallaſtes füllten ſich allmälig mit Meiſterwerken 12 Auch Graf Donato war ein feingebildeter, für feine Zeit ſehr aufgeklärter Mann; ſeine Religion war ihm wie eine Feſſel und ſein Reichthum wie eine Ver⸗ ſuchung geweſen; er war jetzt 45 Jahre alt, unverhei⸗ rathet; und lebte wenn er ſich nicht auf großen Rei⸗ ſen befand, Sommer und Winter auf Iſolabella in tiefſter Zurückgezogenheit ſeinen Studien und der Ver⸗ waltung ſeines ausgedehnten Eigenthums auf dem Feſtlande.. 3 Auf der Rückkehr von einer ſeiner Beſitzungen in der Nähe von Aronn, dem Geburtsort eines heilig⸗ geſprochenen Vorfahren St. Carlo hatte er, wie berich⸗ tet, den halbverſchmachteten Fremden aufgefunden, und ſeinem edlen Herzen folgend, denſelben ohne Bedenken auf ſein Inſelſchloß geführt. Er war Welt⸗ und Menſchenkenner genug, um zu ſehen, daß der Gerettete weder ein gewöhnlicher Menſch, noch ein Verbrecher ſein konnte, und ſein Intereſſe an ihm ſteigerte ſich von Tag zu Tage; denn in den kurzen Augenblicken, wo es dem ſichtlich Leidenden geſtattet war, mit ſei⸗ nem Retter zu reden, hatte jener eine ungewöhnliche Bildung und eine ruhige Sicherheit der Formen ge⸗ zeigt, daß der Graf nicht mehr zweifeln konnte, einen Menſch von Welt in ihm vor ſich zu haben. Sein vollendeter Takt, ſowie ſeine ärztliche Einſicht verhin⸗ ——————y 13 derten ihn jedoch, irgend eine Frage an den Geneſen⸗ den zu richten und dieſer ſelbſt war vielleicht wider Willen noch nicht im Stande, jetzt ſchon Aufſchlüſſe über ſein Leben zu geben. Täglich beſuchte Graf Donato ihn mehrmals in ſeinem Zimmer, und jedesmal war er erfreut, die raſch fortſchreitende Beſſerung zu bemerken. Nach und nach mußte der alte Stallmeiſter den Fremden zu Stunden ins Freie führen, wo der Park von allen Bedienſteten geräumt war, und wenn der mittelgroße hagere Mann in der dunklen ſpaniſchen Haustracht, die ihm Graf Donato hatte reichen laſſen, unter den Palmen und Orchideen umherwandelte, hier träumeriſch in ei⸗ nen farbenglühenden Blumenkelch ſtarrend, dort lieb⸗ koſend mit der Hand über Aloen und Orangen gleitend, wehmüthig lächelnd, als begrüße er alte Bekannte—, dann konnte ſich der Graf am Fenſter ſeines Studier⸗ zimmers des Gedankens oft nicht mehr erwehren, als müſſe der blonde bleiche Mann dort ein Künſtler ſein, gleichviel ob mit Pinſel oder Feder, und als werde er eines Tages die Beweiſe liefern, daß der Graf keinem Unwürdigen die Gaſtfreundſchaft der Wunderinſel ge⸗ währt habe. Zuweilen ging er dann ſelbſt hinaus zu dem Fremden, und in erheiternden Geſprächen führte er ihn in ſeinem kleinen phantaſtiſchen Pflanzenreich 14 umher; hier die mühevolle Erwerbung eines ausländi⸗ ſchen Gewächſes erzählend, dort die ſeltenen Eigen⸗ ſchaften einer überſeeiſchen Blume erklärend; immer voll Geiſt und Laune, und immer bemüht, dem ein⸗ einſilbigen Gaſt einen Blick angeregten Verſtändniſſes oder ein flüchtiges Lächeln abzugewinnen. Denn er hatte lange erkannt, daß es weniger körperliches als tiefes Seelenleiden war das der völligen Geneſung ſeines Schützlings entgegenwirkte. Als der Graf ſeinen Gaſt ſtark genug glaubte zu größeren Anſtrengungen, führte er ihn in ſeine Gemächer im Palaſt, um ihm die von alten Büchern, Inſekten, Mineralien und kunſtvoll geſchnitzten Gemmen reichen Sammlungen zu zeigen, die ſeine Vorfahren und er dort ausgeſtellt hatten, und mit Freude bemerkte er die erwachende Theilnahme im müden Geſicht ſeines Begleiters. Aber ſeine Beobachtungen reichten doch nicht hin, ihm den Stand oder Beruf ſeines geheim⸗ nißvollen Gaſtes errathen zu laſſen, wie er vielleicht gehofft hatte; denn derſelbe verrieth durch nichts, was etwa beim Anblick all der ſeltenen und ſchönen Dinge in ihm vorging. Gelehrter und Forſcher war er nicht, ſoviel ward dem Grafen klar, auch nicht Bildſchnitzer oder etwas Aehnliches; denn er hatte mit demſelben ruhigen Blick die ſeltenen Handſchriften und Karten 15 gemuſtert, wie er ihn über die werthvollen Gemmen und alten Münzen gleiten ließ.. Nur die Skulpturen und die Meiſterwerke der Malerei, die in beſonderen mit Oberlicht verſehenen Räumen aufbewahrt wurden, hatte der Graf ſeinem Gaſt bis dahin noch nicht gezeigt. Es war an einem hellen, klaren Spätherbſttage, als Donato in das Gemach ſeines Schützlings trat, und ihn aufforderte, die übrigen, ihm noch unbekann⸗ ten Räume ſeines ausgedehnten Pallaſtes mit ihm zu beſichtigen. In höflicher Bereitwilligkeit erhob ſich der Fremde und folgte jetzt ſchon mit ſicheren Schritten ſeinem Führer über Marmortreppen und verzierte Gänge in eins der oberen Stockwerke; dort öffnete der Graf eine hohe dunkle Thür von eingelegtem Holz mit reicher Vergoldung, und wie gebannt blieb der Fremde auf der Schwelle ſtehen. Es war ein rundes Gemach, das von oben ſein Licht empfing. Wellen von Sonnengold flutheten herab auf purpurrothe Wände und ein roſiger Schein floß über die marmornen Glieder der herrlichen Geſtalten, welche die größten Meiſter der Bildhauerkunſt im Laufe der Jahrhunderte geſchaffen; und der geläuterte Geſchmack kunſtſinniger Generationen hier verſammelt hatte. 16 Aber nur einen Augenblick zögerte der Fremde, dann trat er in die Rotunde, und ſein roſig angeſtrahl⸗ tes Geſicht erſchien dem Grafen plötzlich jung und ſchön unter dem Ausdrucke gerührter Ueberraſchung, der es verklärte. Alle Müdigkeit ſchien von ihm gewichen; mit elaſtiſchem Schritt ging er von einem Bildwerk zum andern und begrüßte ſie wie theure Freunde. Donato war nicht mehr verwundert, als ſein Schütz⸗ ling auch die ſeltenſten kannte und die Namen ihrer Schöpfer zu nennen wußte. Eine Weile überließ er ihn ſeinem Genuß, dann öffnete er lautlos eine an⸗ dere Flügelthür, geſpannt auf ſeinen Gaſt blickend, um ſſiich an deſſen neuer Ueberraſchung zu weiden. Aber war es nur das grellere Licht, oder legte ſich wirklich eine fahle Bläſſe über das eben noch ſo belebte Ge⸗ ſicht des Fremden? es ſchien, als wiche er zurück vor dem großen Bilde an der gegenüberliegenden Wand, das ihm aus koſtbarem Rahmen entgegenblickte. Starr ſchaute er in das geöffnete Gemach, und widerſtrebte mit ſo ungewohnter Heftigkeit der Hand des Grafen, der ihn über die Schwelle führen wollte, daß dieſer befremdet zur Seite trat, um die Thür wieder zu ſchließen. Aber mit einem gewaltſamen Entſchluß faßte ſich der Fremde und hob bittend die Hand, dann trat er wie furchtſam über die Schwelle: . 47 17 „Verzeiht mir, edler Graf!—“ flüſterte er er⸗ „Nicht hier“, wehrte der Graf ab, der ſich Vor⸗ würfe machte über ſeine Unvorſichtigkeit;„Ihr ſollt mir ſpäter berichten, was Euch zu ſagen gefällt— ich fürchte, ich habe Euch bereits zu ſehr ermüdet.“ „Nein nein“, bat der Fremde,„gewährt mir noch eine kurze Zeit hier zu verweilen!“ und haſtig ſchritt er an den Wänden entlang. Dort hingen Portraits und Landſchaften, Heiligenbilder und Scenen aus dem Leben, alle wohl geordnet und mit Unterſchriften verſehen. Vor dem großen Bilde hielt er inne und preßte wie unbewußt die Hand auf's Herz. Das Bild ſtellte einen Seeſturm vor. Auf den wildempör⸗ ten Wogen des Meeres treibt ein ſteuerloſes Boot, ein Mann in Fiſchertracht klammert ſich an den halbzer⸗ brochnen Maſt, und ſchaut angſtvoll nach Rettung aus; Schaum überdeckt ihn, der Sturm zerwühlt ſein blondes Haar und peiſcht ſein Kleid; am Himmel ja⸗ gen zerriſſene Wolken, fahlgelber Schein erfüllt die Luft; in der Ferne am Horizont verſchwindet ein großes Schiff, und mit ihm die Rettung für den un⸗ glücklichen Fiſcher... Der Graf war näher getreten: „Eine Perle meiner Sammlung“, ſagte er, in der v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. III. 18 Meinung, den Fremden feſſle die künſtleriſche Vollen⸗ dung des Werkes,„es iſt von dem berühmten hollän⸗ diſchen Seemaler Peter Molyn, oder Tempeſta*), wie man ihn in Rom nannte“, fuhr der Graf erklärend fort, als der Fremde unverwandt auf das Gemälde ſtarrte;„der Mann im Boot ſoll ſein eignes Portrait ſein... man ſagt... 2 Plötzlich ſtockte der Graf und ſchaute erregt und prüfend in das bleiche Geſicht ſeines Gaſtes. Mit bitterm Lächeln wandte ihm dieſer voll das Antlitz zu. „Nun, edler Graf“, ſagte er mit zitternder Stimme: „findet Ihr es ähnlich?“ „Wenn mich nicht Alles täuſcht“, rief Donato in heftiger Bewegung,„ſo ſeid Ihr ſelbſt—“ „Tempeſta“, vollendete der Fremde dumpf,„Ihr habt es errathen, Graf. Aber nicht der„berühmte Künſtler, der glückliche, beneidete Maler“, ſondern ein Verfehmter, Flüchtiger— der Mörder ſeines Weibes“, und ſchaudernd preßte er ſeine Hände vor das Geſicht, „ich habe mein Weib gemordet— jetzt liefert mich aus, wenn Ihr wollt.“ Erſchüttert ſchaute der Graf auf den jungen Mann, der in mühſam unterdrückter Aufregung vor ihm ſtand und deſſen düſterer Blick ſich nicht vom Boden *) Seeſturm. 19 erhob, als ſcheue er ſich, ſein Urtheil in den Zügen des ſchweigenden Grafen zu leſen, deſſen edlen Cha⸗ rakter und tiefe Bildung ihn mit der höchſten Ver⸗ ehrung erfüllte. Es war nicht die Furcht vor der Rache der Geſetze, die ihm ſeinem hochherzigen Wirthe gegenüber ſo lange den Mund verſchloſſen; ihm war, als könne er es nicht überleben, wenn dieſe ernſten Augen, die ihm oft ſo wohlwollend folgten, mit dem Blick eiſiger Verachtung auf dem entlarvten Verbrecher ruhen würden, wenn dieſer feingeſchnittene Mund, der nur die reinſte Lebensanſchauung geäußert, ihn kalt und kurz von der gaſtlichen Schwelle hinausweiſen würde in das alte Elend, in Schmach und Tod. Eine Weile vernahm man nichts im Gemach, als das ſchwere Athmen Tempeſta's, und das leiſe Rau⸗ ſchen des Sees, der an den Felſengrund der Inſel ſpülte. Die Sonne ſank allmählig zum Horizont, und langſam ſtiegen die Schatten an den Wänden herauf und verhüllten die ſchimmernden Farben der Gemälde mit eintönigem Grau. Da legte der Graf ſanft ſeine Hand auf die Schulter des in dumpfem Sinnen ver⸗ lorenen Malers: „Kommt, Signor Molyn, es wird Nacht; und Ihr bedürft der Ruhe.“ Mit einem leiſen Schrei ſank Tempeſta auf die 2* 20 Kniee und preßte ſeine glühende Stirn auf die Hand des Grafen, während er mit thränenerſtickter Stimme flüſterte: „Ich bin Eurer Huld nicht werth, aber habt Er⸗ barmen mit mir; ich bin noch unglücklicher als ver⸗ worfen.“ „Unter meinem Dach ſeid Ihr ſicher“, entgegnete der Graf ernſt,„morgen werde ich Cure Geſchichte hören— ein Borromeo hat noch nie ſeinen Gaſt verrathen.“. .„Nein, hört mich heute noch!“ flehte der Maler, „ich finde keine Ruhe, ehe Ihr wißt, wie ich zum Verbrecher ward, Ihr ſollt mein Richter ſein.“ „So kommt.“. Schweigend ſchritten die beiden Männer durch den dämmerigen Pallaſt. Im Studirzimmer hielt der Graf inne; vorſichtig verriegelte er die Thür zum Vorgemach, und ſchloß die dichten Falten der Vorhänge über dem Eingange; dann deutete er auf einen Sitz im Erker, wo der Blick über den immergrünen Hain hinausſchweifte, auf den im Abendwinde leiſe zittern⸗ den See, bis zu den Spitzen der Schnee⸗Gebirge, die von der ſcheidenden Sonne roſig angeglüht über die dunklen, bewaldeten Höhen der Vorberge herüberſchim⸗ merten. 21 „Setzt Euch, Signor“, ſagte er ernſt, aber in gütigem Tone,„und ſprecht ohne Scheu wie im Beichtſtuhl; ich weiß zu ſchweigen, wenn ich auch kein Prieſter bin.“ „Oh, Ihr ſteht mir höher als der Prieſter“, rief Tempeſta leidenſchaftlich,„Ihr ſeid Menſch und ver⸗ achtet nicht das Elend derer, die kleiner ſind denn Ihr! Ihr habt mehr als Euere Würde— Ihr habt ein Herz!“ „Womit ſoll ich beginnen, um Euch zu ſagen, wie es kam, daß ich ein Mörder ward? Warum kommt der Blitz und fällt die Eiche, die Jahrelang dem Sturm des Winters trotzte? wer ſtürzt den Felsblock von ſeinem tauſendjährigen Lager, daß er Vernichtung in die Tiefe trägt?“ „Ich bin nicht ruhig, nicht ſanft, das wußten die Freunde wohl, die mich Tempeſta nannten, nicht weil ich Stürme malte, ſondern weil der Sturm in meiner Bruſt, wenn er geweckt ward, wild tobte wie der Orkan der die Meeres⸗Wogen in meiner Heimath zu wilder Zerſtörung über den Frieden ihrer Dörfer trieb.... „Ich bin ein Holländer, wie Ihr wißt, aus der alten, feſten Stadt Haarlem; mein Vater war dort Zeich⸗ ner für die Fabriken für Seiden⸗, Silber⸗ und Goldſtoffe 22 ſchon als Knabe malte ich allerlei Muſter, aber auch Figuren und Schiffe auf jedes weiße Blatt, das ich fand; in den Sand, mit dem man die Zimmer be⸗ ſtreut, und an die weißen Wände meiner Kammer, bis es die Mutter entdeckte und dem Vater verrieth, damit ich beſtraft würde. Aber der Vater war ein ruhiger Mann,„wenn er zeichnen will, ſo mag er werden, was ich bin“, ſagte er,„es iſt ein ſichres Brot und nährt ſeinen Mann“.... Aber das Zeich⸗ nen auf beſtimmtem Raum und immer auf dieſelbe Weiſe behagte mir nicht; die Muſter langweilten mich und ich machte lieber Bildchen von Gewäſſern mit allerlei Schiffen und Fiſcherkähnen, als immer ver⸗ ſchlungene Arabesken, Sterne und Blumen oder ähn⸗ liche Dinge, wie man ſie in den Fabriken verlangte. Das verdroß den Vater und er verbot mir endlich das Zeichnen, mit dem ich die Zeit doch nur verlor, und brachte mich zu einem Buchdrucker in die Lehre. Aber dort las ich heimlich die Schriften die gedruckt wer⸗ den ſollten, und dachte beſtändig an all das Wunder⸗ bare das ſie enthielten, ſodaß die metallenen Zeichen die ich in die Käſten thun mußte, nicht immer an den rechten Platz geriethen. Als ich dem Beſitzer ein koſt⸗ bares Buch verdorben hatte, ſchickte er mich zu meinem Vater zurück und ich durfte wieder eine Weile zeichnen. 23 Eines Tages mußte ich eine Anzahl fertiger Blätter in die Fabrik tragen; da ſah ich viele Menſchen vor dem Hauſe eines reichen Krämers ſtehen. Neugierig trat ich hinzu, und ſah einen Mann, der auf einer Leiter ſtand, und über der Hausthür ein Bild zu be⸗ feſtigen ſuchte, das die Aufmerkſamkeit der Vorüber⸗ gehenden erregt hatte. Ich beſah es und begann laut zu lachen. Unwillig drehte ſich der Mann um und fragte, was ich wolle. Ich lachte nur noch lauter und ſagte endlich: „Euer Bild iſt ſchön, aber was ſtellt es vor? es iſt ja ſo blau wie der Mefrouw von Suplen Feſttags⸗ gewand mit den goldenen Knöpfen.“ Zornroth im Geſicht ſah der Mann mich an: „Freilich könnt Ihr nicht wiſſen, was es vor⸗ ſtellt, Ihr waret nie in dem ſchönen Italien, und werdet wohl auch nie dahin kommen, denke ich! ſonſt wüßtet Ihr, daß der Himmel dort noch blauer iſt, und daß die Orangen, die dort wachſen, noch gelber ſind, als dieſe da, Ihr Gelbſchnabel. Unter dem lauten Gelächter der Umſtehenden ging ich weiter, und von dem Augenblicke an war meines Lebens Wunſch, nach Italien zu gehen und dort ein großer Maler zu werden. Endlich ließ ſich mein Va⸗ ter erbitten und that mich zu einem Maler in die Lehre, der für die großen Kaufherrn die Schilder für ihre Gewölbe malte. Da ſtand ich dann ſpäter ſelbſt auf der Leiter und malte, was der Meiſter mir auf⸗ trug, Thiere und Früchte, Land und Waſſer, wie es eben gebraucht wurde. Aber am meiſten malte ich das Meer, wie ich es liebte, nicht glatt und ſilbern, ſon⸗ dern graugrün und ſchaumbedeckt, tobend und wild, wenn der Sturmwind darüber hinrast und die Schiffe umherſchleudert, wie welke Blätter. „Eines Tages ſagte mir der Meiſter, er könne mir nichts mehr lehren, und halte es für unrecht mich noch länger für ſich arbeiten zu laſſen. Es braver Mann, und hat nie erfahren, brauchte, um nur das war ein daß ich Jahre zu verlernen, was ich bei ihm gelernt;— wie man nicht malen ſoll. Als mein Vater ſtarb, ward ich frei, zu gehen wohin ich wollte, und ich ging nach Italien. Fragt nicht nach den Entbehrungen und Kämpfen, die es mich koſtete, um nur zu dem geweihten Boden Rom's zu gelangen, und nach den Anſtrengungen, einen Meiſter zu finden. Endlich gelang es; vom Farbenreiber ward ich der Schüler meines Herrn, dann ſein Freund; meine Bil⸗ der— ich malte faſt nur Seeſtürme, wurden bald geſucht und auch bezahlt, weil ſie anders ausſahen, als man gewohnt war. Die Wenigſten kannten ja —— 25 8 das Meer im Norden meiner Heimath, und das Wilde und Großartige wirkte vielleicht in ſeinen Stür⸗ nen doppelt anziehend, angeſichts des ewig blauen Himmels, und der faſt immer ruhigen Flut. Jahre⸗ lang lebte ich ein ungetrübtes, ſorgenfreies Leben. Tags malte ich meine Stürme, und Abends ſchaukelte ich mich im Kahne auf den gelben Fluten der Tiber, oder ſtreifte umher auf den Bergen, und zwiſchen den herrlichen Trümmer⸗Reſten von Roms großer Ver⸗ gangenheit. Ich hatte nicht viele Freunde geſucht; mein fremdartiges Weſen, meine Ruhe, die ſie hollän⸗ diſches Pflegma nannten, ermüdete ſie, und um ſo heftiger wurden ſie erſchreckt und ſaſt an mir irre, wenn einmal die Leidenſchaftlichkeit aus meinem In⸗ nern hervorbrach, wie die plötzlichen Stürme hier auf Eurem ſchönen See. Ich brauchte keine Freunde; die Liebe zur Natur und meine Kunſt füllten meine Zeit aus— und ich war glücklich, bis ich die Liebe zum Weibe kennen lernte. Da erſt ward ich der Tempeſta, den man in mir ſchaute, und ich fand keine Ruhe mehr, ehe ich das Weib gewann, das es mir an⸗ gethan.“ „Eigentlich war ſie ein Kind, und ſie iſt es ge⸗ blieben, bis zu ihrem letzten Augenblicke.“ Tempeſta ſchwieg und ſtarrte düſter vor ſich hin; 26 der roſige Schein hatte ſich von den Spitzen der Alpen an den Himmel geflüchtet, und langſam erblaſſend ließ er die Erde in tiefem Grau. Auch der Graf unterbrach die Stille mit keinem Wort. Endlich begann der Maler wieder mit leichter Stimme: „Sie war die Tochter armer Winzer, unwiſſend und vertrauend wie die Kinder des ſonnigen Südens, aufgewachſen wie die Blumen ihres kleinen Gartens und zart und ſchön wie dieſe. Ich fand ſie, als ich die Umgegend durchſtreifte, um Skizzen zu zeichnen für Hirtenſcenen und Landſchaftsbilder, wie meine Freunde zu thun pflegten. Denn unter dem heitern Himmel und angeſichts der ſchwerfälligen, trüben Ti⸗ ber vergaß ich nach und nach mein heimiſches Meer und die Wuth ſeiner Stürme, und begann zu malen wie die Anderen, Tempeltrümmer, von Epheu und Reben überwuchert, weidende Ziegen mit maleriſch verwilderten Hirtenknaben, Winzerinnen, die wie Ba⸗ chantinnen um ihre Kelter tanzten. Ihr kennt ſie, Graf; Bilder wie in Eurer Sammlung gefunden, und wie ſie von Fremden am meiſten begehrt wurden. „Es war an einem herrlichen Abende zur Zeit der Weinleſe. Ich ſtieg zwiſchen den Bergen empor, und 27 verſenkte mich mit einem unendlichen Wonnegefühl in den Genuß der entzückenden Natur. Endlich ſetzte ich mich auf den zerbrochnen Schaft einer umgeſtürzten Säule, und die Ranken der duftigen Waldrebe ver⸗ miſcht mit dem Purpur des wilden Weines, ſchwank⸗ ten über meinem Haupt. Wie ein großes Glück und eine gewaltige Sehnſucht kam es über mich als ich träumend in den goldnen Himmel ſtarrte und ein Gefühl dehnte mir die Bruſt, für das ich keinen Na⸗ men hatte. Da ſah ich ſie.... verflucht ſei jene Stumde...... 4 „Ich ſchaute ſie an, als hätte ich nie zuvor ein Weib geſehen, und ſie erröthete unter meinem Blick. Sei ein Weib auch noch ſo ſehr Kind, ſie wird ſtets die ſtumme Sprache verſtehen, die das entzückte Auge des Mannes zu ihr redet. Sie trug ein Körbchen mit Trauben, und als ich zu ihr trat und ſie in ihrer Sprache anredete, bot ſie mir die Früchte, die ſie eben in ihrem kleinen Weinberge gepflückt. Dann zeigte ſie mir von fern die Hütte ihres Vaters, und ſagte, ſie heiße Pia, und daß ſie zwei kleine Ziegen hätten, und ein ſchneeweißes Huhn und Tauben; und freute ſich wie ein Kind, als ich mit ihr ging um alles zu ſehen. Sie glitt leicht und zierlich neben mir dahin wie die grüngoldigen Lazerten, die über die grauen 28 Steine ſchlüpften, und wenn ſie lachte, klang es ſilbern wie das Glöckchen am Halſe ihrer Ziegen. Ihr Vater, der alte Cicillo war nicht daheim; ſie brachte mir Brot und Ziegenmilch und ſetzte ſich zu mir während ich davon genoß um ſie nicht zu kränken. Sie fragte viel und hörte andächtig auf meine Worte; denn ſie war nur ſelten drunten in der Stadt geweſen, die ihr wie ein Wunder erſchien. Meine Haare erregten ihr Wohlgefallen, ſie ſeien golden wie die Locken des Chriſtuskindes in der Kapelle der Madonna, die ihren waren glänzend und braun wie ihre unſchuldigen Augen... Dann zeichnete ich ſie; ſie ſaß ganz ſtill wie ein gehorſames Kind, und jubelte als ſie ſich dann betrachtete. Als ich endlich wieder hinabſtieg in meine finſtre Straße, in die Wohnung, wo ich ſo lange glücklich geweſen, kam ſie mir kalt und leer vor und zum erſten Mal im Leben fühlte ich mich allein. Am andern Tage ſtieg ich ſchon in der Frühe hinauf, und alle Tage blieb ich länger dort oben, ich ward nicht müde ſie anzuſehen, und ihrem kindlichen Geplauder zu lauſchen, ſie ſah mich gern kommen. Auch der Vater vertraute mir und ließ mich ungeſtört mit der lieblichen Pia allein. Endlich ertrug ichs nicht länger und ſagte ihr, daß ich ſie liebte. Ich weiß —,— 29 nicht ob ſie mich und meine Leidenſchaft jemals ver⸗ ſtand; damals glaubte ich es— ich hätte an Wunder geglaubt, wenn ſie es verlangt hätte! Sie ward mein Weib. Der alte Pater Senenzio traute uns an einem ſtillen nebelverhüllten Herbſttage und ich nahm ſie mit hinab in das Häuſermeer des ewigen Rom. Thor der ich war! ich wollte nicht wiſſen, daß die wilde Roſe verſchmachten muß hinter feuchten Mauern und daß die Nachtigall im Käfig verlernt zu ſingen.— Warum mußte ich das wilde Kind von ſeinen Bergen locken, vom ſchwachen Weib fordern, was der kräftige Mann nicht ertragen will,— das Losſagen von Allem, woran ihr kleines Kinder⸗Herz gehangen. Ich glaubte ſie würde es freudig thun um unſerer Liebe willen;— und ich— ich lebte fort wie immer und opferte ihr nichts. Ich malte den größten Theil des Tages und war zufrieden, wenn ich ſie anſehen konnte; ich malte ſie in allen Stellungen und Trachten, und ſo lange es ihr neu war, hielt ſie mir geduldig ſtill. Eines Tages verlor ſie die Geduld und warf die bunten Fetzen ab, und als ſie trotz meiner Bitten ſich weigerte mir ſtillzuhalten ſchalt ich Barbar das Kind mit heftigen Worten. Sie ſah mich ſcheu und entſetzt 30 an und ſtill ließ ſie ſich aufs neue in die Tücher klei⸗ den, aber ich ſah wie ihre Lippen zitterten, und wie ſie meinen Blick vermied. Was half es mir, daß ich ſie ſpäter nur noch zärtlicher küßte? ſie hatte mich im Zorn geſehen und fürchtete mich ſeit jener Stunde. Als nichts ihren alten Glauben an mich erneuen konnte, erfaßte mich wieder die Leidenſchaft; ich bat und flehte, weinte und fluchte zuletzt; und ſie fürchtete ſich nur noch mehr vor mir. Ich ſah's an ihrem ſcheuen Blick und an der Willenloſigkeit, mit der ſie ſich meiner Zärtlichkeit unterwarf. Und wieder ward ich Tempeſta, der vernichtende Sturm, der die eine Welt in Trümmer wirft........ „Wir lebten miteinander fort, ein Leben voll Elend und Glück; denn ich liebte ſie mehr als je, und ſie war ſanft und geduldig wie die Lämmer ihres Dorfes; — ſo ward es Frühling.. Als die erſte Schwalbe an ihrem Fenſter ſang, lehnte ſie die Stirn an die kalte Mauer und weinte, ganz leiſe, aber ich hörte ſie doch; ſeitdem weinte ſie oft heimlich in der Nacht, wenn ſie glaubte ich ſchliefe... Ich that als wiſſe ich es nicht; aber mein Herz blutete, und ich beſchloß, ſobald mein angefangenes Bild vollendet ſei, mit ihr hinaufzuziehen in ihre Berge, dort würden ihre blei⸗ chen Wangen die Farbe der Geſundheit wiederfinden, 31 dort würde ſie mich lieben wie damals, als ich ſie zuerſt geküßt!— Oh, hätte ich ſie gleich hinaufgetra⸗ gen zu ihrem Gärtchen, zu ihren Hühnern und Tauben, zu dem geſchwätzigen Vater Cicillo und den beiden weißen Ziegen!— Ich malte noch raſtlos fort; in einigen Tagen ſollte das Bild vollendet ſein; dann wollte ich ſie überraſchen mit der frohen Nachricht, und mich ſonnen in ihrem Glück! Es war am Vorabend des dazu beſtimmten Ta⸗ ges; ich hatte Pia verlaſſen um noch einiges Nöthige zu beſorgen, und ich wurde länger aufgehalten, als ich gehofft. Als ich zurück kam war die Sonne nahe dem Untergehen; der Himmel in Weſten war von finſteren Wolken bedeckt, und eine dumpfe Schwüle laſtete über der Stadt. Ich ging immer raſcher, je näher ich mei⸗ nem Hauſe kam; ein ſeltſames Gefühl von Unruhe trieb mich faſt laufend vorwärts. Pia war nicht am Fenſter, das kam öfter vor, aber es beunruhigte mich ſonſt nicht; heute flog ich die Treppen empor, der Athem verſagte mir als ich oben anlangte; mein Herz klopfte zum Zerſpringen. Haſtig riß ich die Thür auf — das Zimmer war leer. Pia! Pia! rief ich und ſtürzte ins Nebenzimmer;— aber auch dort war ſie nicht; eine wilde Angſt erfaßte mich,— wo war mein Weib? Auf ihrem Bett lag ein rothſeidenes Tüchlein, 32 das ich ihr einſt geſchenkt hatte; ich ergriff es und preßte es in meiner Verlaſſenheit an die Lippen; da fiel etwas daraus klingend zu Boden. Ich zitterte — und wagte nicht auf den Boden hin zu ſchauen; mir war als ſei dort etwas Schreckliches;— endlich bückte ich mich und hob das glänzende Metall auf— es war der Ring, den ich ihr an unſerm Hochzeits⸗ tage gegeben— das Lebewohl meines Weibes— ſie hatte mich verlaſſen... „Schluchzend brach ich neben dem Lager zuſammen, doch bald ſprang ich wieder empor, ein Hoffnungs⸗ ſtrahl erhellte mein Herz— nur wenig Stunden wa⸗ ren vergangen ſeit ich hier Abſchied von ihr genommen, ſie konnte noch nicht weit gekommen ſein, ich würde ſie finden, noch heute wollten wir zuſammen hinauf⸗ ſteigen zu ihrer Hütte, und dort wollte ich ſie um Vergebung anflehen für den Schmerz, den ſie mir be⸗ reitet. Ich ſtürzte hinab, zum Hauſe hinaus— aber voll Schrecken hielt ich inne— wohin hatte ſie ihren Schritt gewandt? Sie kam faſt niemals ohne mich hinaus; wie konnte ſie den Weg finden aus dem Ge⸗ wirr der unzähligen Gaſſen und Gäßchen? Dazu wur⸗ den die Wolken am Himmel immer drohender: ein gelblicher Schein zog ſich über den Himmel, und wie Heulen und Brauſen erklang es in der Luft. Binnen —. 22 00 kurzem mußte eines jener plötzlichen Sommergewitter zum Ausbruch kommen, wie ſie im Süden häufig ſind, ſchon grollten die Donner in der Ferne,— und ich wußte noch nicht, wo ich mein Weib ſuchen ſollte. Niemand hatte ſie geſehen und meine Sorge und Angſt wurde rieſengroß. Da fiel mein Blick auf die halb⸗ geöffnete Thür der gegenüberliegenden Kapelle;— dort pflegte Pia zu beten; ſie war fromm und glaubte an ihre Heiligen, wie ich einſt an die Märchen meiner Kindheit geglaubt. Vielleicht war ſie dort, und betete für mich und ſich.— Haſtig ſprang ich die wenigen Stufen empor, und trat in den dämmerigen weihrauch⸗ duftenden Raum. Am Weihwaſſerbecken hockte eine alte verhüllte Bettlerin, und ſtreckte mir die Hand ent⸗ gegen, halblaut ihre eintönigen Gebete murmelnd; aber ich beachtete ſie nicht und irrte ſuchend durch die nie⸗ deren Säulengänge. Die Kirche war leer; das Flämm⸗ chen der ewigen Lampe vor dem Altar flackerte bei den Windſtößen, die pfeifend durch zerbrochene Schei⸗ ben drangen, und dumpf dröhnten meine eiligen Schritte durch die ſchwüle Stille. Verzweiflungsvoll langte ich endlich wieder beim Ausgang an, die Alte ſaß noch dort und ließ murmelnd die Kügelchen ihres Roſen⸗ kranzes durch den Finger gleiten. Ich beſchloß ſie zu fragen: v. Schläget, Deutſch und Wälſch. III. 3 34 „War nicht vor Kurzem eine Dame hier, eine ſchöne junge Dame, beſinnt Euch Alte“, redete ich ſie an und warf ihr ein Goldſtück in den Schooß. Die Alte beſah es aufmerkſam; dann ſteckte ſie es vorſichtig ein, bekreuzte ſich, und betrachtete mich nachdenklich. „Laßt ſehen“ ſagte ſie endlich, und berührte ihre Fingerſpitzen als zähle ſie nach„da war der Herr mit dem weißen Haar, der mir die zwei Soldi gab, dann eine Nonne;— und ſpäter der alte Pater Angelo, der gab mir ſeinen Segen....“ „Niemand weiter, ſo denkt doch nach“, drängte ich ungeduldig und reichte ihr eine zweite Münze da⸗ mit ſie ſich leichter beſinnen möchte. „Niemand weiter“, ſagte zögernd die Alte—„doch ja, vor zwei Stunden kam eine junge Dame herein; ich glaube, daß ſie jung war, denn ſie war tief ver⸗ ſchleiert; aber ſie ging leicht wie die Jugend, die nicht ſchwer zu tragen hat an der Sorge; ſie blieb nicht lange, und weinte, als ſie an mir vorüber kam!— Ihr habt wohl auf Euch warten laſſen, junger Herr?“ Ich beachtete die lauernde Frage nicht:—„Saht Ihr wohin ſie ging? ich lohne es Euch, wenn Ihr mich nicht täuſcht! ich muß ſie finden!“ Die Alte wiegte den verbundenen Kopf: „Sie that mir leid, das arme Blut, darum folgte 35 ich ihr zur Thür und ſchaute ihr nach! ſie ſtand einen Augenblick auf den Stufen und ſah ſich nach allen Seiten um, dann ging ſie raſch weiter;— dorthin“, ſagte die Alte und deutete über ihre Schulter,„nach der Richtung des Gebirges...“ „Ich danke Euch“, ſtieß ich hervor und gab ihr, was ich bei mir trug; dann flog ich die Stufen hinab, und eilte unaufhaltſam vorwärts; ich wußte jetzt, daß Pia mich verlaſſen hatte um in ihre Heimath zurück⸗ zukehren. Wie von einer ungeheuren Laſt befreit athmete ich auf; ich hatte nichts mehr zu fürchten; und erſt jetzt ward mir klar, wie Schreckliches ich gefürchtet hatte. Aber Pia war ein Kind und ohne die Leiden⸗ ſchaft des gereiften Weibes. Nur die Wolken die im⸗ mer drohender und ſchwerer am Himmel aufſtiegen, beunruhigten mich; wenn das Unwetter ſie noch unter⸗ wegs überraſchte, ſo konnte ihr bei der ſchon herein⸗ brechenden Dunkelheit ein ernſtlicher Unfall zuſtoßen. Immer elliger ſchritt ich vorwärts; am Horizont zuck⸗ ten ſchon die erſten röthlichen Blitze, und der Donner klang immer näher. Als ich den Hügel erreichte, wo ich Pia zuerſt geſehen, fielen bereits ſchwere Tropfen, und die gelblichfahlen Wolken über mir bargen, wie ich aus Erfahrung wußte, den von den Winzern ſo 3* 3 36 ſehr gefürchteten vernichtenden Hagel. Die Windſtöße folgten ſich in immer kürzeren Zwiſchenräumen; ſie be⸗ nahmen mir den Athem und peitſchten den ſtärker ſtrö⸗ menden Regen in mein Geſicht; es heulte und kochte in der Luft, und die Dämmerung begann ſich in Dunkelheit zu verdichten. Und mein zartes ſchüchter⸗ nes Weib allein in dieſem Aufruhr der Clemente! Wie ich vorwärts gekommen bin— ich weiß es nicht; aber ich fand den Weg, und jeder der flammen⸗ den von Donnerſchlägen begleiteten Blitze zeigte mir, daß es der rechte war. Endlich hatte ich die Stelle erreicht, wo ich Pia zuerſt geſagt, daß ſie mein Weib werden müſſe. Dort, zwiſchen den Stämmen der ſil⸗ bern ſchimmernden Oliven hatte früher ein Tempel geſtanden; ein Theil der ſäulengetragenen Vorhalle war noch wohlerhalten; Marmortrümmer lagen rings 3 umher und Epheu und wilde Roſen hatten ſie mit dichtem Gerank überſponnen. Hinter der letzten der ſchlanken weißen Säulen fiel der Hügel ſteil und un⸗ vermittelt ab zu einem Marmorſteinbruch, deſſen Grund von Geröll aller Art in wildem Durcheinander bedeckt war. In dieſer Halle wollte ich das Unwetter vorüber⸗ gehen laſſen; auch Pia, die jede Fußbreite dieſes Ber⸗ ges kannte würde einen Schutz gefunden haben; und wenn dann der Mond aufging und den Weg beleuch⸗ 97 57 tete, würde ich ſie finden, und wenn es erſt in ihrer Hütte war. Mühſam erreichte ich den Eingang der Halle und athemlos trat ich hinein. Da erklang es wie ein leichter Aufſchrei dicht neben mir, ich vernahm flüchtige Schritte und das leiſe Rauſchen von Frauenkleidern; und beim Schein der blendenden Blitze die das ganze Innere des Raumes zuckend erhellten, gewahrte ich eine weibliche Geſtalt; feuchte ſchwarze Haare floſſen aufgelöſt und ein bleiches Geſicht, und ein paar große dunkle Kinderaugen ſtarrten mir in Angſt und Ent⸗ ſetzen entgegen. „Pia!“ ſchrie ich in Schreck und Entzücken und ſchaute auf ſie wie auf eine überirdiſche Erſcheinung. Aber ſie wich mit einem erneuten Schrei zurück und entfloh— ich ſah wie ihr leichtes Gewand im Aus— gang der Halle verſchwand. Wild ſprang ich ihr nach— wußte ſie es nicht, oder hatten Furcht und Grauen ihre Sinne verwirrt, dicht neben jenem zweiten Ausgang war die ſteile Wand des Steinbruchs; und geblendet durch das wechſelnde Licht konnte ſie den ſchmalen Pfad verfeh⸗ len der hart am Rande zwiſchen den ſtachligen Aga⸗ ven und Epheu dahin führte. „Pia“, ſchrie ich wieder, und Verzweiflung erfaßte 38 mich, daß mein Weib ſich vor mir fürchtete.„Pia! bleib! oder ich tödte mich!“ Sie verſtand mich nicht, oder der Sturm, über⸗ tönt von dem Krachen des Donners, trug ihr meine in Todesangſt heransgeſtoßenen Worte anders zu— ſie floh unaufhaltſam weiter.— Plötzlich klang es wie das Rieſeln von Erde und Geröll.... größere Steine löſten ſich und ſtürzten polternd in die Tiefe — ein wilder Angſtruf; dann von unten herauf ein dumpfer entſetzlicher Ton— und dann war Todesſtille ringsum! ich horchte in wahnſinniger Spannung, im⸗ mer aufs Neue rief ich ihren Namen; allein alles blieb ſtill, nur der Donner rollte fort, ſchwächer und immer ſchwächer, und die erſterbenden Blitze beleuchteten die einſamen, ſchneeweiß ſchimmernden Säulen am Abſturz der Schlucht... «⸗. Tiefes Schweigen herrſchte im Gemach; nur die ſchweren unregelmäßigen Athemzüge Tempeſta's klan⸗ gen wie Stöhnen durch die Dunkelheit, und auch der Graf ſaß regungslos gegenüber dieſer wortloſen Qual. Endlich erhob er ſich leiſe und trat neben den in ſich Zuſammengeſunkenen. Sanft legte er die Hand auf ſeine Schulter. „Mein armer junger Freund!“ flüſterte er, und 39 ſeine Stimme bebte in unterdrückter Rührung„ich wußte, daß Ihr kein Verbrecher ſeid!“ Bebend nahm Tempeſta die Hand des Grafen und preßte ſie an ſeine glühende Stirn: „Ach! Ihr ſeid edel Graf! Ich danke Euch.— Aber ich bin doch der Mörder meines Weibes! In ſinnloſer Selbſtſucht habe ich ſie von mir geſcheucht in ihr Verderben;— der Gedanke trieb mich raſtloſer fort, als die Furcht vor menſchlicher Vergeltung... Wie von Furien gejagt floh ich an jenem Abend den entſetzlichen Ort; ich lief die ganze Nacht bis ich nicht mehr konnte, und vor Erſchöpfung liegen blieb. Bet⸗ telnd und hungernd bin ich von Rom bis Mailand gelangt; Wochen waren verfloſſen; meine Kleidung war zerfetzt, mein Bart verwildert, und ſcheu wichen die Leute, die mir begegneten, vor mir znrück. Nur noch des Nachts wagte ich mich auf die Straße; ich fürchtete: man würde mich ins Gefängniß werfen und mir graut vor der einſamen Haft; den Tod fürchtete ich nicht; aber mich ſchauderte vor dem Wahnſinn.. „Ich wollte in meine alte Heimat, nach Holland zu gelangen ſuchen; dort konnte ich hoffen, Hülfe zu finden; dort hatte ich Angehörige und Freunde. Aber als ich Mailand im Rücken ſhatte, begannen meine Kräfte mich zu verlaſſen; die Glut des Sommers hatte die wildwachſenden Früchte verſengt, und ich fand wenig um meinen Hunger zu ſtillen. So ſchleppte ich mich hin bis hinter Arona; aber dort fühlte ich, daß ich nicht weiter konnte... da beſchloß ich zu ſterben „Ich kroch ins hohe Schilf und wartete geduldig auf mein Ende... So fandet Ihr mich, Graf— jetzt wißt Ihr wen Ihr gerettet habt!......... Der Graf Donato Borromeo ließ den Unglück⸗ lichen nicht mehr von ſich. Unter erfundenem Namen behielt er ihn auf ſeinem lieblichen Eiland und entzog ihn damit allen Nachforſchungen, die, wie der Maler vorhergeſehen nach ihm gemacht wurden. Der Charak⸗ ter des Künſtlers, ſeine kurze ſtürmiſche Che, ſowie die Flucht ſeiner jungen Gattin die in Rom nicht un⸗ beſprochen geblieben waren, hatten den Verdacht ab⸗ ſichtlichen Mordes auf ihn gelenkt, und ſeine heimliche Entfernung war genügend geweſen, denſelben zu be⸗ ſiegeln. Die beſchränkten Verkehrsmittel jener Zeit, ſowie der ſchwerfällige Gang des damaligen Gerichts⸗ verfahrens, bei welchem es Monate bedurfte um eine Kunde von Rom bis Mailand zu bringen, erlaubten dem Grafen, alle Vorſichtsmaßregeln zu treffen, um von Jolabella den Verdacht fernzuhalten. Sieben Jahre lang lebte Tempeſta unter dem ſichern Dach des Hauſes Borromeo, und malte für ſeinen gütigen —-— 441 Freund eine ganze Reihe mehr oder minder werthvol⸗ ler Bilder, zum größten Theil italieniſche Landſchaften oder Hirtenſcenen, jedoch nur ſelten einen ſeiner früher ſo ſehr geſuchten Seeſtürme. Noch heute zeigt man den Reiſenden in dem großartigen Pallaſt auf der Inſel eim Zimmer mit den Bildern Tempeſta's, und fügt hinzu: was nach Ablauf der ſieben Jahre aus dem Maler geworden, wiſſe man nicht. Die einen meinten er ſei geſtorben und auf Jolabella begraben worden; andere Geſchichtsforſcher behaupteten hingegen, nach dem Tode des Grafen Donato, Tempeſta's Schützer, ſei Tenar vertrauend auf die indeß verfloſſene Zeit, nach Mailand übergeſiedelt, dort aber an ſeinen Bildern erkannt, und noch zur Haft gebracht worden, in welcher er ſehr bald, im Jahre 17014 geſtorben ſei. Humilitas. Max v. Schlägel. —— Erſtes Kapitel. Am Grabe des heiligen Karlo. Die letzten Wogen des Sturmes, der ſeit 1789 über die Welt dahingebrauſt war, hatten ſich gelegt; der deſpotiſche Sohn einer bacchantiſchen Freiheit war in ſeinem fernen Felſeneiland zur ewigen Ruhe ge⸗ bettet worden, und wie nach allen großen Erſchüt⸗ terungen und Leidenſchaften flüchtete die ernüchterte Menſchheit wieder zu den verlaſſenen Altären. Hoch und glänzend ragt der Dom von Mailand über die Stadt empor, in welche die Heere der Revo⸗ lution erobernd eingezogen waren und grüßte, ſelbſt ein„Marmorgebirge aus dem Norden“ mit ſeinen tauſend Spitzen und Thürmchen hinüber zu den im erſten Morgenſtrahl ſchimmernden Gletſchern der Alpen, die ſich leicht und zart am duftigen Frühlings⸗ himmel abhoben....“. Trotz der frühen Stunde ſtieg ein den höheren Ständen angehörender Mann die Stufen des Domes empor und trat durch das Portal, Einen Augenblick zögerte ſein Schritt, wie an die Stelle gebannt durch den überwältigenden Eindruck des ungeheuren Raumes, durch deſſen Tiefe Ströme goldnen Lichtes flutheten, während die von ſchlank emporſtrebenden Säulen getragenen Spitzbogen in ge⸗ heimnißvolle Dämmerung gehüllt waren. Dann aber, als ſei der tiefe freie Athemzug ſündhaft, den ihm die Erhabenheit dieſes von Menſchen errichteten Bau⸗ werkes abzwang, neigte der Andächtige das entblößte Haupt und ſchritt langſam durch die Kirche. Seine Kleider waren ſtreng nach den Regeln der wiederer⸗ wachten ariſtokratiſchen Zucht; Gang und Haltung trugen eine ſelbſtgerechte Frömmigkeit zur Schau, als ob er ſich zum Hofſtaat des Höchſten zähle. Bald erhielt er Geſellſchaft in der Perſon eines Kirchendieners, eines ſogenannten Cuſtode, ein geſchmei⸗ dig junger Mann in Prieſterkleidung, der obwohl noch ſchlaftrunken und hie und da ein Gähnen unter⸗ drückend, dennoch mit mechaniſcher Zungenfertigkeit die Merkwürdigkeiten des Ortes zu erklären begann: „Geſtern war Sankt Ambroſius und wir hatten eine ſchlimme Zeit“, plapperte derſelbe, der ſich wenig ehrfurchtsvoll in dem geweihten Raum bewegte und vor jedem Altar handwerkmäßig ſein Kreuz ſchlug. „Seht nur wie die Teppiche zertreten ſind. Das Land⸗ volk, das den Tag über hier war, zählt nach hundert⸗ tauſenden.“ „Es iſt Zeit geworden, daß die verblendete Menſchheit in Sack und Aſche Buße thut für ihre Frevel!“ murmelte der Fremde. Der Beſuch der Hunderttauſenden ſchien dem Cuſtode ſehr einträglich geweſen und der tiefre Grund ihrer Frömmigkeit ſehr gleichgültig. „Seht hier das Cruzifix, das im Jahre 1576 während der Peſt San Carlo Borromeo in einer Pro⸗ zeſſion von Barfüßigen durch die Stadt getragen hat“, fuhr er in ſeiner eintönigen Beredſamkeit fort und blieb vor einem Seitenaltar ſtehen. Mit haſtigen Schritten eilte der Fremde die Stu⸗ fen empor und drückte mehrmals die innere Fläche ſeiner Hand an die Lippen und dann an das Kreuz. Nicht ohne Verwunderung blickte ihn der Kirchen⸗ diener an; eine ſolche Frömmigkeit bei einem anſchei⸗ nend ſo hohen Herrn ſchien ihm ſeltſam. „Führt mich zum Grab des Heiligen!“ 48 „Das Grab wird nur einmal im Jahre, am Jah⸗ restage des Heiligen dem Volke gezeigt; an andern Tagen koſtet das Oeffnen der Gruft zehn Marenghi für den Kirchenſchatz. Nur die Glieder der gräflichen Familie ſind von der Taxe frei.“ „Ich weiß es— holt die Schlüſſel!“ Demüthig und mißtrauiſch zugleich zog ſich der Cuſtode zurück und bald darauf erſchien er mit einer großen brennenden Kerze wieder, ſchloß mit einer ge⸗ wiſſen Feierlichkeit das Gitter auf und begann zu der Grabſtätte des berühmten Borromäer hinabzuſteigen, deren Ausſtattung, wie der Cuſtode ſchüchtern bemerkte, vier Millionen gekoſtet hatte. Das Licht der Fackel rief einen ſeltſamen Wie⸗ derſchein wach an den ſilbernen Wänden der kleinen Krypta und den Relieffiguren aus edlem Metall, welche Scenen aus dem Leben San Carlo's darſtellten; es guckte da und dort über das Antlitz eines goldnen Kirchenfürſten oder Heiligen und bontraſtirte unheim⸗ lich mit der kleinen rothen Flamme der ewigen Lampe, welche von der metallnen Decke niederhing. „Der Todtenſchrein iſt aus Gold und ein Geſchenk Philipp IV. von Spanien“, erzählte der Cuſtode mit gedämpfter Stimme. „Oeffnet und laßt mich das Antlitz des Heiligen ſehen.“ „Das Oeffnen des Sarges koſtet...“ Eine gebieteriſche Bewegung des Fremden ſchloß dem um die Mehrung des Kirchenſchatzes beſorgten Cuſtode den Mund. Geräuſchlos theilte ſich die vordere Wand des Sarges und zeigte im Cardinalshut und mit allen Abzeichen ſeiner Würde geſchmückt den vertrockneten Leichnam des jugendlichen Kirchenfürſten, der ein Neffe Pius IV., ſchon als Knabe das Prieſtergewand getragen hatte, mit zweiundzwanzig Jahren Erzbiſchof von Mailand und Cardinal geweſen war. „Geh!“ ſagte der Fremde leiſe und befehlend, indem er die Wachsfackel ergriff, mit welcher der Cuſtode die ausgeſtreckte mit Gold und Juwelen bedeckte Ge⸗ ſtalt des Todten beleuchtete:„Geh! Ich bin Enrico Borromeo!“ „Excellenza!“ ſtammelte der Cuſtode, ſeine bebende Hand überließ dem Verwandten des Heiligen das Licht, und ſcheu und entſetzt zog er ſich zurück. Einen Augenblick war ihm geweſen, als ſchaue das Antlitz des vor Jahrhunderten Geſtorbenen ihm von den Schultern des Lebendigen entgegen, derſelbe große feſt geſchloſſene Mund mit den ſchmalen Lippen, das kurze gerade abfallende Kinn und die an den Schläfen eingedr kückte hohe Stirn mit dem dünnen Haar„ wie Schlägel, Deutſch und das Bild San Carlo's von kundiger Nonnen Hand meiſterhaft geſtickt im Domſchatz aufbewahrt wurde. Nur die großen ſchwärmeriſchen Augen voll innerlichem Gottvertrauen und überirdiſcher Sehnſucht beſaß der Lebendige nicht, deſſen Blick unſtät und lauernd unter halbgeſenkten Wimpern ſich bewegte und die fahle Bläſſe des Geſichts rührte nicht von Kaſteiung und Faſten her... Die beiden Borromeo waren allein. Die magere weiße Hand auf den Altar ſtützend, der die Leiche trug, mit der andern das Licht haltend, ſtand Graf Enrico vor den Reſten des herzensſtarken Mannes, der in einer Zeit mönchiſcher Verkommen⸗ heit die ſtrengſte Kirchenzucht gehandhabt, im wildeſten Gebirge die Glieder ſeiner Gemeinde aufgeſucht und um ihres ewigen Heils willen der Hirten ſchmale Koſt und hartes Lager getheilt hatte. Enrico Borromev dachte daran nicht. Er ſah in dem Ahnherrn nur den mächtigen Streiter für die alleinſeligmachende Kirche, welcher die Schweizer zur Vertilgung der Ketzerei aufgeboten, die Jeſuiten und Kapuziner als Kämpfer für den Katholicismus nach Luzern und Freiburg geführt, die päpſtliche Nunciatur in der Schweiz gegründet und das Schickſal ſeiner Familie wie es ſchien unlöslich mit der Sache des heiligen Stuhls verknüpft hatte. Die Revolution hatte auch dieſe Bande gelockert. Graf Vitaliano Borromeo II. obwohl er die Fran⸗ zoſen politiſch verabſcheute und 1800 ſein feſtes Schloß Arona eher verbrennen ließ als ihnen übergab, war wie viele italieniſche Edle von dem Gluthſtrom zer⸗ ſtörender Aufklärung mit fortgeriſſen worden, der ſeit Jahrzehnten von Frankreich aus über die Welt fluthete und als ihn der Tod überraſchte, hielt er ſtatt des Ge⸗ betbuch's noch ſeinen Voltaire zwiſchen den erſtarrten Fingern. Und Iſabella ſeine Gemahlin, nachdem ſie die Trauer um den viel älteren Mann abgelegt, lebte auf Iſola bella allein dem Dienſte des Schönen, oder der Eitelkeit und Weltluſt, wie ihr Schwager Enrico es nannte, wenn ſie die berühmteſten Schätze der Kunſt, die ſeltenſten Gewächſe ferner Länder mit ungeheurem Aufwand kommen ließ, um ihr von den blauen Flu⸗ then des Lago maggiore umkoſtes Eiland damit aus⸗ zuſtatten. Wie eine heidniſche Prieſterin lebte ſie dort, vergöttert von ihren Dienern und den Armen der um⸗ liegenden Ufer, aber die Kapelle des heiligen Carlo am Ufer verfiel immer mehr, und mit vorwurfsvoller Geberde hatte Enrico bei ſeiner letzten Anweſenheit 4* 52 die verſtaubten Spinngewebe zerriſſen, welche ſich dicht und alt vor den Eingang gezogen hatten. Und dennoch ſtrömte bei der Erinnerung an jenen Tag, da er die Schwägerin zum erſten Mal ſeit ſei⸗ nes Bruders Tode wiedergeſehen, heiße verzehrende Gluth durch Enricos Gehirn und vor ſeinem umflor⸗ ten Blick verwandelten ſich die juwelengeſchmückten Gebeine des Heiligen in ein ſchlummerndes verfüh⸗ reriſches Weib, an goldner Kette hing ein roſig Licht hernieder vor dem Lager, ſie ruhte auf dem entblöß⸗ ten weißen Arm und ihre Lippen lächelten im Traume. „Des Salons Blendwerk!“ ſtöhnte Enrico und preßte ſeine brennende Stirn an den kühlen Altarrand und flehte des Heiligen Fürbitte brünſtig an, Iſabel⸗ la's weltbefangenen Sinn zurückzuführen auf den Weg der Gnade— zur höhern Ehre Gottes, ſeiner Kirche und des erlauchten Hauſes Borromeo...! Mit aller Willenskraft ſeinen Geiſt zum Glauben zwingend, betete der Graf... Die Kerze in ſeiner Hand bewegte ſich und wie mit züngelnden Flammen zuckte es hell über eine Inſchrift oberhalb des Sarges. „Humilitas!“ murmelte Enrico mit abergläu⸗ biſchen Schauern, ſeine Geſtalt ſchrumpfte zuſammen und ſeine Blicke ſenkten ſich, als ob er den Gott be⸗ trügen könne, zu dem er bete. 53 „Durch die Demuth ſoll ſie die Demuth lernen und durch die Niedrigkeit wird unſer Haus wieder groß werden im Dienſte des höchſten und ſeiner hei⸗ ligen Kirche...“ Der⸗Cuſtode, beſorgt, daß dem Grafen ein Unfall zugeſtoßen ſei, beugte ſich hinter dem Gitter vor und berührte dabei die Schlüſſel, daß ſie leiſe klirrten. Enrico Borromeo ſtand auf und reichte dem Cuſtode das Licht und eine goldgefüllte Börſe: „Laßt in der Gruft des Heiligen hundert Meſſen leſen für die Seele einer Lebenden!“ Dann ſtieg Enrico die Treppe empor und verließ langſam und in demüthiger Haltung den Dom. 1 1 2———— qq·——— Zweites Kapitel. „Der geſchmückte Thron des Frühlings.“ Eine Fülle von Licht fluthete von Oſten über den meerähnlichen See und gleich einem verlornen Blumen⸗ ſtrauß ſchwam Iſola bella auf den leuchtenden Wogen. Dahinter tauchten die rothen Häuſer der Fiſcherinſel und weiterhin Iſola madre mit ihrem immergrü⸗ nen Wald aus den Fluthen empor. Um die glänzende Bucht ſchloß ſich ein Kranz von hellgrünen Hügeln und dunkleren Kaſtanienwäldern und wie eine Schnur blendend weißer Perlen, bald loſer bald dichter gereiht, ſchmiegten ſich die Uferdörfer und Landhäuſer in das keuſche Grün des Frühlings. Die Hügel öffneten ſich zu einer gewaltigen Schlucht und zwiſchen düſtern Vorbergen erhob ſich drohend und herrlich zugleich im blitzenden Eispanzer und mit roſenrothen Wolken ge⸗ krönt der Simplongletſcher... Roſiges Licht umfloß auch ein Frauenantlitz, für das die Natur nur Wonnen, keine Schrecken zu haben ſchien. Iſabella ſtand auf der höchſten der zehn Terraſſen, welche Vitaliano Borromeo I. einſt in der Form eines Tafelaufſatzes in den See hinaus gethürmt, an den Ecken abwechſelnd mit Statuen und Obelisken und zu oberſt mit einem großen Einhorn, dem Wap⸗ penbild ſeines Hauſes, geſchmückt hatte. Am Fuß der Terraſſen ſtanden die Citronen⸗Orangen und Myrthen⸗ bäume wie ein zum immergrünen Pflanzendaſein er⸗ ſtarrtes Menuett der Vorzeit, auf welche dunkle hohe Cypreſſen ernſt hernieder ſchauten. Zwiſchen ihren künſtlich verſchlungenen Alleen erblickte man das Ge⸗ ſchnörkel des altfranzöſiſchen Gärten, Muſchelgrotten, buntgefärbte Parterre's, dunkle Steinfiguren, glitzernde Waſſerwerke. Weiterhin verlor ſich der Blick in ein undurchdringliches Gewirr von zum Theil gewaltigen Bäumen von der nordiſchen Tanne bis zum Kame⸗ lienbaum und Nuccaſtamme. Iſabella, wie ſie ſich mit einer Hand auf die Brüſtung ſtützte, mit der andern ihre Augen gegen das blendende Morgenlicht ſchirmte, erſchien als die geborne Herrſcherin in dieſer zugleich erhabenen und ¹ ℳ träumeriſchen Welt. Ein weißſeidenes Morgengewand, deſſen Schleppe lang und ſchwer auf den grauen Mar⸗ morflieſen ruhte, ſchmiegte ſich weich an die hohe Ge⸗ ſtalt und entzückende Formen waren es, welche zu⸗ weilen zwiſchen ſeinem Faltenwurf ſich zeichneten. Nacken und Arme waren unbedeckt und ohne Schmuck; und von blendender Weiße erſchien auch das klare edel geſchnittene Antlitz, um welches die blauſchwar⸗ zen Haare in überreichen kaum zu bändigenden Wel⸗ len herabflutheten. Iſabella Borromeo ſchaute nach einem dunklen Punkt, der anfangs klein wie ein ſchwimmender Kä⸗ fer auf der golden glänzenden Seefläche lag. Sie er⸗ kannte, als er ſich näherte, bald ein kleines Boot, deſ⸗ ſen Ruder gleichmäßig und raſch, in das regungsloſe Waſſer tauchten. Das Fahrzeug nahm die Richtung auf Iſola bella, doch wäre es aus der Vogelperſpek⸗ tive wohl zu bemerken geweſen, daß der gewandte Ruderer, welcher zugleich den einzigen Inſaſſen desſel⸗ ben ausmachte, es ſo zu fahren wußte, daß er durch die ganze Breite von Iſola bella gegen etwaige neu⸗ gierige Blicke von der Fiſcherinſel gedeckt blieb. Dieſes Boot erregte ſo ſehr die Aufmerkſamkeit Iſabellas, daß das Blut auf ihren Wangen, faſt mit der Raſchheit kam und ging, mit welcher die Ruder — —— — 57 des Näherkommenden in's Waſſer fielen. Dieſer unter⸗ ſchied ſich anfangs wenig von den andern Schiffern der Gegend. Schneeweiß leuchtete ſein Hemd, auf dem Kopfe trug er eine rothe Mütze, welche an das türkiſche Fez und die phrygiſche Form erinnerte, und um die Lenden ein rothes Tuch. Er ſtand aufrecht im Boot, ſtoßweiſe die zwei langen Ruder handhabend, und ſo oft dieſe einſetzten, ſchwoll das Waſſer hoch auf vor dem Kiel. Jetzt wendete der Mann dicht vor den Gneis⸗ und Schieferfelſen, welche die Terraſſe der Borremei trugen, nach rechts, und die Ruder in einer Hand ver⸗ einigend hob er mit der andern ſeine Mütze von dem kurzen ſchwarzlockigen Haar. Ein kühngeſchnittenes gebräuntes Antlitz ſchaute zu Iſabella empor und eine Reihe blendend weißer Zähne blitzte zwiſchen dem ſchwarzen kurzgeſchornen Bart. Iſabella neigte ſich weit über das Geländer, nickend und lächelnd wie ein ſeliges Kind. Dann ſtreckte ſie die Hand nach dem immergrünen Baum⸗ dickicht der Inſel aus und ſtieg langſam, als ob ihr hochklopfendes Herz ihr nicht ſchneller zu gehen geſtatte die Treppen der Pyramide hinab. Der Barcajuol hatte ſein lockiges Haupt wieder mit der rothen Mütze bedeckt und ſeine kleine aber edelgeformte und musku⸗ löſe Geſtalt legte ſich mit aller Kraft in die Ruder— das Boot bog hart am Land um die Spitze der In⸗ ſel und war bald in dem überhängenden Gebüſch verſchwunden, deſſen unterſte Zweige auf der ſchwingen⸗ den Fluth ſchwammen. Dort, wo kein zufällig Vorbei⸗ fahrender das Fahrzeug bemerken konnte, hielt der Fährmann an, ſchlang die Kette desſelben um einen hervorragenden Stein der Mauer, welche den Grund der Inſel vor den Wellen ſicherte und ſchwang ſich leicht und graziös empor. Er ſtand vor einer ver⸗ nachläſſigten Grotte, deren Hintergrund eine alters⸗ graue Steinbank einnahm, während an jeder Seite ein ebenſolcher Delpfin den ſchuppigen Körper aufwärts reckte und den weitgeöffneten Rachen in ein Marmor⸗ becken ſenkte, das längſt vertrocknet war. Uralte Ei⸗ ben, Cedern und Lorbeerbäume umſtanden dieſen Ort, über den die Rieſentannen der nächſten Terraſſe dach⸗ ähnlich ihre dunklen Aeſte breiteten. Kein Sonnen⸗ ſtrahl drang bis hierher und die bläulich grüne Däm⸗ merung, welche das Antlitz des jungen Seemann's ſo eigenthümlich färbte, ſchien aus den Tiefen der blauen Fluth zu kommen, die nur wenige Schritte entfernt über braunen Felſen träumte. Zwiſchen den Bäumen erſchien Iſabella; die lan⸗ gen Wimpern herabgeſenkt über die ſchwarzen großen ———— 59 Augen und blieb in einiger Entfernung von dem Schif⸗ 8 9 fer ſtehen. Ein halb verlegenes verführeriſches Lächeln bebte um ihren Mund und faſt ſichtbar ſchlug ihr Herz gegen ſeine marmornen glatten Wände. Der Schiffer war auf ſie zugetreten, hatte ſein Haupt entblößt und das Knie gebeugt und indem er die ſchwärmeriſchen Augen zu ihr auf ſchlug, ſeufzte er leiſe: „Wie ſchön biſt Du!“ Ueber Iſabella's Geſtalt kam ein feuriges Leben. Ihre Arme um ſeinen Hals ſchlingend warf ſie ſich zu dem Schiffer nieder und wie das Girren der Wald⸗ taube klang ihr melodiſches Lachen.„Bin ich das? So danke dafür der ewigen Jugend dieſes Ortes und Deiner Liebe! Sie ſind der kaſtaliſche Quell, der täg⸗ lich neu durch meine Seele fluthet.“ Er ſchwieg und küßte ſie. Iſabella ſtand auf, und zog den Geliebten mit ſich empor und ſah ihm aufmerkſam in's Antlitz: „Du biſt ſo feierlich, ſo ernſt. Was fehlt Dir?“ „Es iſt wohl die Größe des Glückes die mich niederdrückt. Ein Nichts kann unſeres Paradieſes Verborgenheit zerſtören....“ Uebermüthig zuckte Iſabella die ſchönen Schultern. „Träumer! Wer ſoll uns ſtören? Bin ich nicht 60 Herrin hier? Und Du! Die Fiſcher Deiner Inſel ehren Dich wie einen angeſtammten Herrſcher!“ „Mit Unrecht, denn ich bin arm und niedrig ge⸗ boren wie ſie.“ Zürnend wehrte Iſabella dem Kuſſe des Geliebten: „Du frevelſt! Niedrig! Wer iſt niedrig? Das Alte, das mit feiger Angſt am Boden wurzelt, hoch darüber ſchwebt der Adler des Genie's. Durch die Welt trug Dich Dein Muth Luigi und als die Fah⸗ ne, der Du folgteſt, ſank— bliebſt Du aufrecht. In fernen Meeren ſuchteſt Du Dein Glück. Reich an Ruhm und Ehre mit weitem Blick kamſt Du wieder und wollteſt nicht, daß Dich Dein Volk bewundre. Al⸗ les was Dein war, gabſt Du Deinen Brüdern und das ordengeſchmückte Gewand des tapfern Kriegers vertauſchteſt Du wieder mit der Schifferkleidung...“ „Weil ich Dich geſehen“, unterbrach Luigi glühend die Geliebte.„Weil mir die Welt nichts bieten konnte was mir Dein Anſchaun erſetzt hätte, weil ich nicht in dem bunten Rock des fremden Söldlings unter meinem ſchlichten Volke paradiren wollte, das nur Ge⸗ ſang und Arbeit kennt...“ Begeiſtert hatte Iſabella ſeinen Worten gelauſcht: „Das iſt nicht niedrig— das iſt groß! Zwänge mich nicht das ſtrenge borromeiſche Geſetz, dem Paradies 64 das ich bewohne mit dem Mitmenſchen zu entſagen, ich reichte Dir vor aller Welt die Hand! Doch warum der herrlichen Verborgenheit entfliehn, die uns ſo glück⸗ lich macht? Wie ich auch heiße, wo ich auch wohnen mag, meines Lebens Inbegriff und Ruhe biſt Du.— Ich lebe nur für dieſe kurze Stunde, in der Du bei mir biſt und wenn Dein Ruderſchlag verhallt, warte ich auf den andern Morgen, der ihn mir wiederbringt. Sei glücklich, ſei unbekümmert wie ich; vertraue un⸗ ſerm Sterne, wie Du einſt dem Deinen vertrauteſt!“ Luigi antwortete nicht. Träumend irrte ſein Blick über ihre herrliche Geſtalt und in ihrem Anſchaun vergaß er Welt und Vergangenheit. „Weißt Du, daß Glück und Liebe abergläubiſch machen?“ begann Iſabella nach einer Pauſe wieder. „Höre mich an und ſpotte nicht. Man hatte mir aus Genua zwei auſtraliſche Bäume geſchickt von denen man ſagte, daß ſie dicht neben einander in den Bo⸗ den geſetzt werden müßten um zu blühen. Durch die Unaufmerkſamkeit des Gärtners wurden ſie weit von einander gepflanzt und als ich den Irrthum bemerkte, war es zu ſpät, und ein Umpflanzen konnte dem Le ben der zarten Fremdlinge gefährlich werden. Das Schickſal der beiden Zuſammengehörigen bekümmert mich. Sie kamen mir vor wie zwei Liebende, welche 62 ja auch nur durch ihre Vereinigung der höchſten Le⸗ bensäußerung fähig ſind. Ich dachte an Dich und mich und an unſere Verzweiflung, wenn man uns plötzlich auf unſern Inſeln feſthielte und nicht mehr zu einander ließe. Allmählig erſchienen mir die beiden Bäume wie Symbol unſerer Liebe und als ich ſie Knoſpen treiben ſah, rührte mich das faſt zu Thränen, denn es konnten ja nur Blätter daraus werden. Ei⸗ ner der Bäume, die weibliche Pflanze, wie mein Gärt⸗ ner ſagt, ſteht unter dem Balcon meines Schlafzimmers und ſpät des Nachts noch betrachtete ich den ſchim⸗ mernden hochauftrebenden Stamm und glaubte ein lei⸗ ſes Seufzen in den Zweigen zu vernehmen. Mir wurde bange um unß're Liebe. Da, in der letzten Nacht— der Mond ſchien hell, kein Hauch bewegte die Luft und alle Bäume ringsum ſtanden todtenſtill und träumten— da kam über meinen Fremdling ein ſeltſames faſt geſpenſtiſches Leben, die zarten Zweige begannen zu zittern und leiſe zu rauſchen und lang⸗ ſam wendeten ſich alle ihre Arme nach Oſten; mir war als ob ſelbſt der glänzende Stamm ſich neige— und einen lichten durchſichtigen Nebelſtreifen gegen Morgen ſende. Zitternd zog ich mich zurück— und immer mußte ich an Dich und unſere Liebe denken. Namenlos traurig macht mich der Gedanke, daß der 63 Baum der Liebe ſterben könne. Mit klopfendem Herzen trat ich hinaus, als der erſte Sonnenſtrahl die Inſel traf und ſiehe da— der Baum der Liebe ſtand in voller Blüthe. Der Morgenwind ſpielte in allen Zweigen, die Nachtigallen jubelten vor Lebensluſt und Liebes⸗ ſehnſucht..... Und ich jubelte aus vollem Herzen mit. Mein Gärtner weiß viel zur Erklärung des Wunders. Ich glaubte ihm nicht, denn während er ſprach, rief es laut in meinem Herzen:„Die Liebe iſt allmächtig!“ „Die Liebe iſt allmächtig!“ flüſterte Luigi hinge⸗ riſſen von der Begeiſterung der Geliebten und barg ſein Haupt an ihrer Bruſt. So ruhten ſie in ſeligem Weltvergeſſen, wortlos und traumlos, bis ſie erweckt wurden durch das ſtürmiſche Rauſchen der Zweige, die ſich über ihnen wölbten, durch die Wellen, die immer unruhiger und geſchwätziger an die Terraſſe ſpülten. Die Kette an Luigis Boot klirrte. Das Schiff hob und ſenkte ſich und drängte gegen die Mauer, wie ein ungeduldiges Roß. Luigi ſprang auf und ſah um ſich. Die grüne Dämmerung war faſt zur Dunkelheit geworden. „Es iſt ein Sturm im Anzug, wir müſſen ſchei⸗ den“, ſagte er, die Geliebte an ſich preſſend; denn ein 64 heftiger Windſtoß der ihm ein paar abgeriſſene Lor⸗ beerblätter in das Geſicht warf, fuhr pfeifend über die Inſel. Mit wilder Angſt hielt ſie ſeine beiden Hände. „Jetzt laſſe ich Dich nicht! So grollend und ſchwarz war das Waſſer noch nie!“ „Ich muß fort“ entgegnete Luigi ernſt. „Ich ſchwöre Dir, noch iſt keine Gefahr. Ich kenne den See von Kindheit an und in wenig Mi⸗ nuten vermag ich die Fiſcherinſel zu erreichen. Bleibe ich hier, ſo wird man mich für verunglückt halten und aufſuchen, ſobald der Sturm nachläßt. Unſer Geheimniß iſt dann in Gefahr. Drum leb wohl!“ „So gehl geh! verliere keinen Augenblick mehr!“ drängte Iſabella jetzt und ergriff mit ihren zarten Hän⸗ den die Kette, um das Boot am allzuheftigen Schwan⸗ ken zu verhindern. Leicht und ſicher ſprang Luigi hinein, löſte die Kette und griff zu den Rudern. Sein Abſchiedswort nahm der Sturmwind fort, aber ſeine Blicke ſagten Iſabella, daß er ſich kein ſchönres Loos wünſche, als in ihrem Dienſt zu leben und zu ſterben. Kaum hatte ſich die grüne Blätterbucht hinter dem tanzenden Boot geſchloſſen, als Iſabella die Ter⸗ raſſentreppe empor eilte. Der Wind griff wild in ihre Haare und peitſchte ihr weißes Gewand als wollte 65 er ſie hinabſtürzen in die Wellen, welche mit wilder Wucht gegen die Fundamente der Pyramide tobten und deren Schaum bis zu ihr emporſpritzte. Endlich ſtand ſie ganz oben und blickte um ſich. Die ſtahl⸗ blaue Farbe des See's hatte ſich in ein tief dunkles Grün verwandelt, über deſſen häuſertiefe Furchen die weißen Schaumkronen in raſtloſer Eile dahin jagten. Der Himmel war in düſteres Gelbgrau gehüllt, in dem die Ufer ringsum verſchwanden. Von Jſola Madre allein dämmerten noch leichte Umriſſe durch den Regen, der dort auf den See herniederpraſſelte; keck und kühn jedoch ragte die nähere Fiſcherinſel aus der Fluth, obſchon die Wellen bis an die Mauern ihrer rothen Häuſer zu rollen ſchienen. Eine große Menſchenmenge war am Ufer dieſer Inſel verſammelt und ſchaute dem kühnen Fährmann zu, der ſich vom Sturm mit raſender Eile an ihr Geſtade treiben ließ und zwanzig Hände waren bereit, ihn und ſein Boot in Sicherheit zu bringen. 1 Ein freudiges Lachen machte Iſabella's Geſtalt erbeben, als der Geliebte gerettet am Ufer ſtand und jetzt erſt fühlte ſie die ſchweren Tropfen, welche im⸗ mer dichter auf ſie niederfielen. Zuſammenſchauernd. eilte ſie hinweg. Vor dem Baum der Liebe ſtockte ihr Schritt— v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. III. 5 66 vom Sturm abgeſchüttelt und ringsum an den Bo⸗ den zerſtreut lagen die Wunderblüthen einer Nacht... Iſabella's Geſicht ward bleich und traurig, als ſie an der Reihe ihrer beſorgten Diener vorbei nach ihren Gemächern ſchritt. Drittes Kapitel. Lodovico der Erſte. Erſt nachdem er ſein Boot in Sicherheit gebracht hatte, fiel es Luigi auf, daß alle ſeine Freunde mit einer gewiſſen zärtlichen Ehrfurcht vor ihm zurückwichen, als er in das Dorf ging, und ihm keine der harmloſen oder neckiſchen Bemerkungen entgegenriefen, denen er ſonſt nach ſeinen oft tagelangen geheimnißvollen Fahr⸗ ten nicht entgangen war. Nur ſein Bruder Filiberto näherte ſich ihm und auch dieſer hatte ein ſeltſam feier⸗ liches Ausſehen und zog die rothe Mütze tief von dem braunen ſchlichten Haupthaar, als er Luigi anredete: „Haſt Du viel gefangen?“ fragte er und ſein ſanf⸗ tes Auge ſtreifte ſchüchtern den Boden von Luigi's naſſem Kahn. „Nichts!“ antwortete dieſer befremdet durch das 5*. 68 Benehmen des Bruders und verlegen wegen ſeiner Ant⸗ wort, die ſeit Wochen immer dieſelbe blieb.„Die Zeit war ungünſtig, die Fiſche fühlten den Sturm und gin⸗ gen auf den Grund.“ Filiberto ſchüttelte den Kopf: „Das Wetter war gut und Gieronimo brachte ſein halbes Boot voll perſiſcher Fiſche nach Haus. Aber Du biſt nicht zu einem ſo niedern Handwerk beſtimmt, darum verweigert der See Dir die Ernte und vint Dich unwillig an's Ufer zurück.“ „Du biſt ungerecht, Filiberto! Ich bin zu Euch zurückgekehrt, weil ich Ruhe und Glück in der Fremde nicht fand. Ich betrat den heimathlichen Strand mit dem feſten Entſchluß, nichts anderes zu ſein als Ihr und mit Eurem Loos zufrieden, Ruhe und Glück in Eurer Freundſchaft zu finden. Wenn ich noch ungeſchickt und läſſig in unſerm Handwerk bin“, fuhr Luigi mit ſtockender Stimme fort, indeß ſeine kühnen Augen den Boden ſuchten,„wenn ich Tage auf dem See verträume, ſo verzeiht mir. Ich will früher ausfahren und ſpäter heimkehren, um dies Verſäumte einzuholen.“ Das blaſſe, bartloſe und etwas kranke Geſicht von rührender Bruderliebe verklärt, hatte Filiberto belauſcht, dann nahm er Luigi's Arm und zog ihn in ihr ge⸗ meinſchaftliches Haus. 69 „Komm! Du verſtehſt mich nicht. Die Freunde wollen Beſſeres von Dir als Deine Fiſche!“ Erſtaunt folgte Luigi dem Bruder in ihr kahles ruinenhaftes Haus. Der gewaltige Heerd, auf dem ein großer Keſſel an dicker Kette niederhing, und ein paar Stühle, Netze, Ruder und Angeln bildeten die ganze Einrichtung der Küche, die zugleich Geſellſchaftszimmer, Wohngemach und Werkſtatt war. Der Sturmwind der manchmal ſtoßweis durch den Kamin und die zerbroch⸗ nen Fenſter fuhr, jagte das Feuer auf dem Heerde nach allen Seiten auseinander und machte den ſchweren Keſſel an ſeiner Kette ſchwanken. Immer wilder ertönte draußen das Sturmlied des großen See's, der an das Felſenfundament der Inſel pochte. „Du weißt es, daß wir Ihre Obrigkeit ſind“, be⸗ gann Filiberto mit einer gewiſſen Feierlichkeit, indem er vor ſeinem Bruder ſtehen blieb, der ſich ermüdet auf einen Stuhl geworfen hatte und in das flackernde Feuer ſchaute.„Die Herren in dieſen Ländern haben in den letzten dreißig Jahren ſo oft gewechſelt, daß es uns hier im See ſchwer wurde, immer genau zu wiſſen, wohin wir gehörten, und wer uns regierte. Bald wur⸗ den wir der Ufer⸗Gemeinde Pallanza zugetheilt, dann Streſa, dann wieder hieß es, daß allmonatlich der Richter von Laveno herüberfahren werde, um Recht zu 70 ſprechen und das Unrecht zu beſtrafen. Wir warteten vergeblich und fragten häufig an. Aber der Richter von Laveno iſt ein alter Mann, der einmal faſt ertrunken wäre im Sturm und nun das Waſſer mehr fürchtet als die Sünde— der ſagte, er wiſſe nichts von uns; wir hätten ſeit Alters her die größte Freiheit; man wiſſe nicht einmal ob wir zur Schweiz oder zu Mai⸗ land gehörten; Revolution und Krieg hatten alles auf den Kopf geſtellt und wir thäten am beſten unſre Hän⸗ del ſelbſt zu ſchlichten oder aus unſrer Mitte den Ver⸗ trauensmann zu wählen. Die Zeit ſei unſicher, jede Pflicht zugleich Gefahr und niemand kümmre ſich gern um fremde Dinge, wenn er es nicht müſſe. Auch ſollten wir froh ſein um unſre Freiheit und daß wir von allen Regierungen vergeſſen ſeien. Das wäre viel beſſer, als wenn ſich die Mächtigen der Erde zu viel um einen kümmerten. Es war kurz vor Deiner Ankunft, als mir der Richter von Laveno dieſen Beſcheid gab. Die ganze Inſel jubelte, daß man nun frei ſei. Aber als man den Vertrauensmann wählen ſollte, hatte keiner Ver⸗ trauen in die Weisheit des Andern, denn wenn der eine mehr Glück hatte im Fiſchfang, ſo war der andere ein beſſerer Schiffer, und ſprach das Alter von ſeiner Erfahrung, ſo trotzten die Jungen auf ihre Stärke und Kühnheit. So blieb es, bis Du kamſt. Du biſt erfahrner 9 71 als die Aelteſten und kühner als unſre Kühnſten; Du kennſt die ganze Welt und biſt zu uns zurückgekommen aus Liebe zur Heimath. Schon wenige Tage nach Dei⸗ ner Ankunft flüſterte man ſich zu, daß Du unſer Richter und Vertrauensmann werden müßteſt. Geſtern als Du fort warſt, hielt man großen Rath und wählte Dich.“ „Zum Richter?“ fragte Luigi voll Unruhe und Sorge ob dieſer neuen Pflicht. Er dachte an den Zau⸗ bergarten von Iſola bella und war zugleich doch halb beluſtigt durch die ſeltſame Würde, die man ihm zu⸗ gedacht. „Nein— der Richter von Loveno ſagt, daß wir weder zur Schweiz noch nach Mailand gehören, alſo gehören wir uns ſelbſt— die Fiſcherinſel wählte Dich— zum König...“ Filiberto hatte Knie und Nacken gebeugt; Luigi war aufgeſprungen und ein ſchmetterndes Lachen machte die zerbrochnen Scheiben klirren. „Der erſte Gebrauch, den ſie von ihrer Freiheit machten, war, daß ſie ſich einen König wählten.“ Filiberto erhob ſich ernſt und traurig. „Du ſpotteſt mit Unrecht, Luigi; wir ſind ohne Richter; aber auch ohne Recht. Die Diebe von Pallanza, die uns die Netze aus dem See ſtahlen, verlachen uns⸗ denn ihre Richter wiſſen nichts von uns und unſeren 72 uralten Privilegien auf den Forellenfang; mit Spießen und Stangen kommen die von Intra, wenn wir an der Flußmündung unſre Reuſen ſtellen und ihr Aelte⸗ ſter heißt uns Räuber. Kein Land, kein König ſchützt uns in unſern Rechten— ſo müſſen wir uns ſelber ſchützen.“ „Verzeih'!“ ſagte Luigi, dem Bruder die Hand reichend.„Ihr ſeid in einer ſeltſamen Lage. Wie Ihr mich nennt, iſt ja gleichgültig. Ihr habt Vertrauen zu mir und glaubt, daß ich Euch ſchützen will und kann. Ich habe meinen Arm noch nie verweigert, wenn ihn ein Freund, der ſchwächer war als ich, zu ſeinem Schutze forderte. Jede Macht auf Erden begann ja ähnlich; eine Handvoll Flüchtlinge gründeten in einem Sumpf des Meeres eine Stadt, die das morgenländiſche Kaiſerreich in Stücke ſchlug, mit ihren Flotten auf allen Meeren ſiegte und noch jetzt der Stolz Italiens iſt... Geh, Filiberto, geh zu den Freunden und ſag'’, daß ich ſie⸗ſchützen will! Und wahrlich nicht aus Eitel⸗ keit und Hoffarth!... Und morgen wollen wir bei Intra unſre Reuſen legen und Gottes Wetter über den, der uns dran hindern will!“ Freudig küßte Filiberto die Hand des angebeteten Bruders und eilte hinaus in den wetterſchwarzen Sturm, der an den Wänden rüttelte. a 73 Luigi blieb zurück und die wilde freudige Thaten⸗ luſt auf ſeinem Antlitz erloſch: „Iſabella!“ flüſterte er leiſe.„Die Liebe zu Dir darf mich nicht ſelbſtſüchtig und feig machen und meine Fiſcherkrone lege ich Dir zu Füßen.“ Der Jubelruf, der hundertſtimmig vor den Fenſtern erklang, bewies die Freude der Inſulaner, daß ſie einen König hatten.„Es lebe Lodovico der Erſte.“ Da kam Filiberto wieder und ihm nach drängte die Menge. In ihrer Mitte führten ſie einen bleichen hochgewach⸗ ſenen Mann, deſſen feine Kleidung vom Waſſer triefte, als ſei er eben aus dem See gezogen worden und auf deſſen Zügen noch bleich die Erinnerung an erlebte Todesſchrecken lag. „Heil unſerm König, Heil Lodovico I.“, rief das Volk. Filiberto meldete ſeinem Bruder in aller Ehr⸗ furcht, daß der Fremde mit einem umgeſtürzten Boot an's Ufer getrieben worden ſei, an deſſen Kiel er ſich in Todesangſt feſtgehalten habe, bis man ihn gerettet. Es ſei ein achtruderiges Boot, wie man ſie in Arona baue. „Und wo ſind die Andern?“ fragte Luigi bewegt. Unter dem häßlichen Hohn, der ſich über das Antlitz des Fremden legte, verſchwand die Erinnerung an die erlebten Schrecken. 74 „Die Schurken ſind unzweifelhaft ertrunken, wie ſie es verdienten“, ziſchte er,„nachdem ſie mich mit ihrer Verſicherung, daß das Wetter gut bleibe, auf den See gelockt hatten.“ Ernſt und ſtrenge ſah Luigi den Fremden an: „Die Stürme dieſes See's kann nur ein Gott vor⸗ herſeh'n. Eure Rede iſt ſo unbedacht als hart! Wenn Ihr es vermögt, ſorgt lieber für die Angehörigen derer, die für Euch den Tod gefunden haben.“ Die Züge des Fremden zeigten nur Stolz und Zorn: „Frecher Bauer! Hüte Deine Zunge!“ Eine lebhafte Unruhe entſtand: „Auf die Kniee mit ihm! Er hat unſern König beleidigt!“ Und zugleich ſtreckten ſich zwanzig Hände nach dem Schiffbrüchigen aus. Der aber rief empört: „Auf die Kniee vor Euch? Ihr Bettelvolk? Ihr feiert Euren Faſching ein paar Monate zu ſpät! Ich bin Graf Borromeo!“ Schüchtern wichen die Fiſcher, die ſich eben ihres neuen Königs gefreut hatten, vor dem erlauchten Na⸗ men zurück, ſelbſt Filiberto ſchaute beſorgt auf ſeinen Bruder. Aber über Luigi's Antlitz zuckte ein übermüthiges 5 dämoniſches Leuchten und mit gekreuzten Armen ſtand er vor dem Grafen: „Du biſt Enrico Borromeo, genannt der Fromme? Ich hätte es errathen ſollen aus Deinem Segensſpruch für Todte, die für Dich geſtorben ſind. Auf Deine Kniee, Enrico Borromeo und bitte die Seelen der Ertrunknen um Vergebung!“ Mit blitzenden Augen, ſtolzerhobnem Haupte ſtand Luigi vor dem Grafen und auch die Fiſcher ermann⸗ ten ſich: „Auf die Kniee vor unſerm König!“ riefen ſie und drückten zugleich den zornbebenden Grafen auf den Boden nieder. „Ein Räuberkönig biſt Dul!“ knirſchte Enrico, als ihn auf einen Wink Luigi's die Fiſcherfäuſte freiließen — und ſah ihn mit blutunterlaufenen Augen an. Mit olympiſcher Ruhe ſah Luigi auf den Wüthen⸗ den und ein erhabner Spott funkelte in ſeinen Augen, als er begann: „Ich bin ein König, ſo gut wie einer war am Anfang ſeines Reiches. Zu ſeinem Führer hat mich ein herrenloſes bedrängtes Volk erwählt. Mein Scepter iſt von Schilf, von Schaum die Krone, und ſchaukelnd auf trügeriſchen Wellen ruht mein Thron! Auch das hat er in unſrer Zeit gemein mit andern Thronen! 76 Die Kronen wandern und die Throne ſinken, doch ſei mein Reich auch nur von einem Tag, es iſt mein Reich! Und herrſche ich auch nur auf einem Stein, der ſich von jenen Bergen losgelöſt und in den See gewälzt— ich bin ſein Herrſcher! Der Erdball iſt nur ein glänzendes Stäubchen gegen ſeine Meiſter in den Regionen des Lichts! Ich bin der Fiſcherkönig, mag der Czar mich drum verachten! Ihr habt kein Recht dazu, Enrico Borromeo, ſo lang ihr hier und in mei⸗ ner Macht ſeid! Es war ein ſeltſamer Hohn des Schick⸗ ſals, daß gerade Ihr der erſte wart, der ſeine Kniee vor dem Inſelkönig beugen mußte. Geht! Filiberto wird Euch Kleider und Nahrung geben. Ihr ſeid naß und müde; eines Schiffers trocknes Wamms hli wär⸗ mer, als der naſſe Sammt des Edelmannes.“. Enrico's Züge hatten ſich allmählig zu einer lauern⸗ den, faſt ſ ſchadenfrohen Ruhe geglättet: 3„Der Sturm hat nachgelaſſen“, ſagte er auswei⸗ chend, indem er durch das trübe Fenſter ſchaute:„Rudre mich hinüber nach Iſola bella. Ich verſpreche Dir hohen Lohn für dieſe Fahrt und Deiner Späße will ich dann vergeſſen.“ Mit übermüthiger Keckheit ſchüttelte Luigi das lockige Haupt: „Ihr frevelt auf's Neue gegen meine Würde, * — —?: 77 Graf! Mein Wappen, ein goldnes Netz auf blauem Grunde iſt älter als das Eure. Meine Ahnen waren tapfre Ritter mit Angel und Harpune, weit und breit gefürchtet von den Hechten und Forellen. Ich diene Euch nicht um Gold. Doch meine Unterthanen werden gerne ihres Königs Gaſt nach jenem Orte bringen, wohin er verlangt.“ Mit einem ſtolzen Neigen des kühnen Hauptes ent⸗ ließ der Fiſcherkönig den Grafen Borromeo. Einen Augenblick ruhten die kalten Augen Enrico's auf dem Uebermüthigen, als wolle er ſich deſſen Züge und Geſtalt für alle Zeiten einprägen; dann folgte er Filiberto und den Andern, die ihn zum Ufer führten. Luigi war allein zurückgeblieben: „Iſabella iſt gerächt für all die Demüthigung, mit welcher dieſer Mann ihr Paradies vergiftet.“ Viertes Kapitel. Humilitas. Abenteuerliche Gerüchte drangen bis zu den Zim⸗ mern Iſabella's. Schiffer von Arona hatten ſich wäh⸗ rend des Sturmes bei Iſola bella an's Land gerettet und erzählten von dem Tode ihres Herrn, Enrico Bor⸗ romeo, der ſein Grab in den Wellen gefunden habe. Iſabella erſchrak. Enrico war der geborne Feind alles deſſen, was ſie hochhielt, ihrer Freiheit und jener Schön⸗ heit und Freude, der ſie huldigte. Dennoch erſchütterte ſie ſein Tod in demſelben Augenblick, da er auf dem Wege zu ihr war, auf's Tiefſte. Er war hart und falſch, ſie täuſchte ſich darüber nicht; er hatte faſt am Todtenbett des eignen Bruders die Hand ſchon gierig ausgeſtreckt nach deſſem Weib und Gut; aber er liebte ſie, Iſabella hatte das mit dem Inſtinkt des Weibes 79 raſch herausgefühlt aus ſeiner ſteifen eckigen Grandezza. Sie hatte ihn zuerſt verſpottet, dann, ſeit ſie Luigi liebte, bitter darum gehaßt und gefürchtet. Jetzt aber, da er todt war, ſchwanden Haß und Furcht. Der Tod des Schwagers erſchien ihr faſt wie ein Sühnopfer für die Rettung des Geliebten und inniges Mitleid mit dem Verunglückten erfüllte ihre Seele. Die Ausſagen der Schiffsleute ließen keinen Zwei⸗ fel übrig und in ernſteſter Stimmung begab ſich Iſa⸗ bella nach der Kapelle, um für die Ruhe des Todten zu beten. Tief in ihre Andacht verſunken, hörte ſie die leiſen Schritte Enrico's nicht, der hinter ſie getreten war und die Hände wie zum Gebet gefaltet doch nur ſie be⸗ trachtete. Endlich ſtand Iſabella auf, aber erſchreckt wich ſie zurück vor dem vom Tode Erſtandenen. Enrico reichte ihr die Hand: „Euch hier zu finden, Schwägerin, iſt mir ein Fingerzeig des Ewigen, daß er mein inbrünſtiges Ge⸗ bet erhört hat.“ „Ich betete“, ſtammelte Iſabella verwirrt.„Man ſagte, Ihr wäret todt— ertrunken!“ „Ich kam hierher, um dem Himmel Dank zu ſagen, für meine wunderbare Rettung. Jetzt habe ich ihm für mehr zu danken.“ Iſabella ſuchte ihre Hond zu befreien. Der ſtarr auf ihr ruhende Blick ihres Schwagers quälte und be⸗ unruhigte ſie: „Und Ihr ſeid nicht verletzt?“ fragte ſie verwirrt, denn ſie vermochte ſich nicht von einem Gedanken zu befreien, gegen den ſie ſich doch mit aller Seelenkraft wehrte, als ob die Rettung Enrico's ein großes Un⸗ glück ſei. „Ich bin nur in's Herz getroffen durch Eure Angſt, Madonna!“ verſetzte Enrico lächelnd mit geſpreizter Verehrung. „Sie iſt vorüber!“ ſagte Iſabella mit einem kalten Blick und ſuchte ſich zu befreien.„Womit kann ich Dir gefallen?“ fuhr ſie mit gemeſſener Höflichkeit fort.„Willſt Du die blätterloſen Palmen ſehen, die im letzten Herbſte von den Antipoden kamen. Die mexicaniſchen Azalen ſind in voller Blüthenpracht. Oder die Gemälde? Zu r„Flucht nach Egypten“ von Luca Giorda, den Du ſo ſehr liebſt, habe ich noch die„Galatea“ deſſelben Meiſters erworben. Oder willſt Du ſpeiſen und ſpäter eine Fahrt nach Iſola madre machen, um meine neuen Gärten zu beſehen? Sprich, es iſt die Gunſt der Gäſte, ihren Wirthen zu befehlen.“ — ¼.—— 81 „Wenn Du mich ehren willſt, ſo ſprich an meiner Seite ein Gebet für die Ruhe meines Bruders.“ „Für Vitaliano? Er war beſſer wie wir beide! Doch wenn Dich Bruderliebe drängt für ihn zu beten, ſo will ich Deiner harren! Ich gedenke Vitaliano's wie eine dankbare Schweſter jeden Morgen, ſo oft die Mor⸗ genſonne neu die Heimath überſtrahlt, die ich von ihm empfangen—“ 3 „Bleib'“, ſagte Enrico mit raſchem Athem und wie kalter Stahl ſenkten ſich ſeine Blicke in die ihren. —„Ich wollte von Gott die Verzeihung Vitaliano's erflehen, weil ich Dich zum Weib begehre.“ Enrico's Stimme klang gepreßt und wieder griffen ſeine zuckenden Finger nach der Hand Iſabella's. Aber ſie trat zurück, ſtarr und erſchreckt, als höre ſie etwas Ungeheures, Grauenvolles. „Mein Bruder war gut“, fuhr Enrico eifrig fort, wie um einen errungenen Vortheil zu verfolgen.„Aber er entfremdete Dich der Kirche und war Dein Herr! Ich will Dein Sclave ſein und Dich mit Gott verſöh⸗ nen. Das erhabne Wort, das über jenem Altar prangt, ſoll uns vereinen.“ Mit widerlicher Verzückung ſtreckte Enrico die Hand aus nach dem Worte, welches in alterthümlichen Lettern über dem Altar prangte: Humilitas! v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. III. 6 82 Da kam Bewegung in Jſabella's ſtarre Formen; leidenſchaftliche Gluth ſtrömte über ihr bleiches Antlitz. „Nenne die erhabene Einfalt des heiliggeſprochenen Kindes nicht mit demſelben Athem, mit dem Du den todten Bruder ſchmähſt.. Du und San Carlo! Faſt erſcheint es mir, als ob Du Dich neben ſein Rieſen⸗ ſtandbild bei Arona ſtellteſt und Dich zu ſeiner Größe aufzublähen ſtrebteſt. Du biſt das Werkzeug der Jeſui⸗ ten, gleich ihm— weiter nichts!“ Enricv's aufgerichtete Geſtalt ſank zuſammen und ſeine Züge wurden fahl: „Ich habe mit San Carlo nichts gemein, als ſeine Demuth!“ Wie eine zürnende Göttin mit hocherhobenem Haupt und blitzenden Augen ſtand Iſabella vor dem Heuchler: „So bleibe mir fern— denn demüthig bin ich nicht! Ich bin ſtolz und froh! Tritt hinaus und ſchau um Dich! Sieht dieſe Welt aus, als ob ſie in Sack und Aſche trauerte?“ Mit gebeugtem Haupte war Enrico ſeiner Schwä⸗ gerin zum Strand gefolgt.— Jeder Strauch und Baum glänzte, die Blumen dufteten berauſchend und die letz⸗ ten dunklen Wolken flüchteten über den ſchimmernden Simplon. 2 „Ich ſehe nur ein weites Grab geſtürzter Hoffarth und verſunkner Größe.“ 5 „Und Ich ſehe nur des Kampfes Ende, des Pa⸗ radieſes Licht und Frieden— das Wort„Kampf“, das einſt der Weltbezwinger in den ſtärkſten Lorbeer⸗ baum der Inſel ſchnitt, iſt längſt vernarbt, die Grä⸗ ber ſeiner Legionen deckt das Leben...“ „Mögeſt Du eben ſo glücklich ſein in Deiner letz⸗ ten Stunde.“ „Muß man den Tod fürchten, wenn man das Leben liebt? Ich bin nicht feig und Gott wird mir dereinſt vergeben, daß ich ſein herrlichſtes Geſchenk, das Leben hochhielt, und die Gemeinſchaft derer von mir wies, die Ihn nach ihrem eignen Bild— ver⸗ leumden.“ Mit raſchen Schritten verließ Iſabella ihren Schwa⸗ ger und ihre hohe Geſtalt verſchwand zwiſchen dem Laubwerk des Gartens. Ein rauhes Lachen gurgelte empor aus Enricv's brennend heißer Kehle und er ſah der ſchönen Wittwe ſeines Bruders mit einem Blicke nach, um den die Teufel ihn beneiden konnten. Lange blickte er dann vor ſich nieder. Es war, als ob er die Löſung aller dun⸗ keln Räthſel ſeiner Bruſt in den zarten Linien finde, welche Iſabella's kleiner Fuß im naſſen Sande des 6* 3 Gartenwegs zurückgelaſſen. Langſam folgte Enrico der reizenden Spur... Und wenn er nichts erreichte, als die Ubermüthige zu zwingen, nochmals in das verhaßte Angeſicht zu ſchauen— dieſes ſihen war Linderung für ſeinen Haß. Durch Orangenhaine führte ihn der zierliche Ab⸗ druck, an Wäldern von blühenden Camellien und Aza⸗ lien kam er vorbei, Magnolia grandiflora hob über ſeinem Haupte in Hunderten von ſchneeweißen Lilien⸗ kelchen ihr Opfer von Duft und Formenpracht zum Himmel. Er beachtete all die Pflanzenwunder nicht, den Strauch, der eine Blüthe auf der Mitte jedes Blat⸗ tes trägt, vergeblich rauſchte neben ihm das Zuckerrohr, Theeſtaude und Kampherbaum erzählten umſonſt von ihrer fernen Heimath. Ungeheure Agaven hingen mit ſcharlachrothen Blüthen von den Felſen, wenn Enrico abwärts in das Waſſer blickte. Er achtete auf nichts, als auf die Spuren der Gräfin. Manchmal verlor er ſie beim Ueberſchreiten eines Parket'’s, an einer Treppe — aber ſtets fand er ſie jenſeits wieder. Mit der ihr innewohnenden Gewalt der Leidenſchaft hätte Iſabella unermeßliche Entfernungen zwiſchen ſich und ihren Schwager legen mögen, als ſie ihn verließ. Die Furcht, daß er ihr in's Schloß folgen und ſeine Wer⸗ bung wiederholen könne machte ſie faſt krank. Ohne 85⁵ ein beſtimmtes Ziel eilte ſie durch den Garten nach dem entlegenſten Theil der Inſel. Sie fuhr überraſcht aus ihrem Nachdenken empor, als ſie ſich vor der Del⸗ phingrotte fand. Sie hatte hier jetzt nichts zu thun. Luigi kam erſt morgen wieder und dann war es nicht einmal ſicher, ob ſie für länger als für Augenblicke ihn ſehen konnte. Wo Enrico Borromeo weilte, da wohnte der Verrath... Luigi hatte ſich aus ſeinem Boote auf die Ter⸗ raſſe geſchwungen und ſtand vor ihr. Sein männliches Antlitz leuchtete vor Freude. 5 „Gern will ich jetzt an einen Himmel glauben, weil er diesmal meine Seufzer erhörte!“ Mit angſtvoller Aufmerkſamkeit durchforſchte Iſa⸗ bella die Züge des Geliebten: „Was wollteſt Du hier zu dieſer Stunde? Sprich, Luigi! Dein Schweigen martert mich!“ Luigi nahm aus dem Rachen des einen Delphin's ein dort verborgenes Papier und gab es Jſabella, in⸗ deß ſeine kühnen Augen verlegen den Boden ſuchten. Iſabella las: „Verzeih'! Ich wäre Deiner Liebe nicht werth, vermöchte ich nicht die Seligkeit eines Tages meinem armen bedrängten Volk zu opfern, das mich zu ſeinem Führer wählte. Morgen ſoll ich ihr Recht vertheidigen gegen die Gewaltthat böſer Nachbarn. Die Liebe darf nicht feig und fühllos machen.— Und wenn es ſieg⸗ reich iſt in dieſem Streit, ſo ſiegt mein Volk in Dei⸗ nem Namen, denn Du biſt ſeines Königs Seele.“ Iſabella ließ die Arme ſinken und lehnte trüb das Haupt an die Schulter des Geliebten. Hinter ihnen ſtand lauſchend Enrico. Sein Tritt war unhörbar geweſen, kein Zweig kniſterte bei ſeinem Näherkommen und ſein Antlitz war wie erſtarrt. Selbſt der Athem ſeines Mundes ſchien erloſchen und nur aus den Augen glühte unheimliches Leben. Iſabella ſchien ihren Blick zu fühlen, obwohl ſie ihrem Feinde den Rücken wandte; mit einem leiſen Schrei des Zornes wandte ſie ſich um. Einen Augen⸗ blick betrachtete ſie die vorgebeugte Geſtalt des Spähers, dann warf ſie den Kopf zurück, legte ihren Arm um Luigi's Nacken und wie ein unheimliches Lachen klang es: Humilitas! Enrico war verſchwunden. Mit weit offenen Au⸗ gen, am ganzen Körper bebend vor Erregung und mit der Hand am Griff des Meſſers wartete Luigi auf die Befehle ſeiner Herrin. Iſabella ſchüttelte traurig das Haupt: „ „ 87 „Ich wußte, daß die Ankunft dieſes Mannes Un⸗ heil bedeute. „Unſere Liebe aber wird vor ſeinem Haſſe ſicher ſein, wenn wir ſie ſelber über Alles ſtellen.“ „Geh', Luigi und thu', wozu die Deinen und Dein Herz Dich rufen, und wenn Du übermorgen wie⸗ derkehrſt, wirſt Du mir ſagen, daß ich Deiner werth bin!“ Mit einem traurig ſeligen Lächeln drängte Iſa⸗ bella den Geliebten von ſich und die Treppen empor⸗ eilend murmelte ſie: „Wenn wir uns wiederſehen, giebt es keine Tren⸗ nung mehr für uns!“ Wie todtmüde ging ſie nach dem Schloß und nickte gleichgültig zu der Meldung, daß Graf Borromeo nach dem Feſtlande gefahren ſei und anſcheinend nicht wie⸗ derkommen werde. In ihrem Studienzimmer angelangt, ſetzte ſie ſich an den Schreibtiſch aus Ebenholz und Florentiner Moſaik und ſchrieb einen kurzen förmlichen Brief an den Sach⸗ walter der gräflichen Familie Borromeo. Sie zeigte ihm an, daß ſie ſich zum zweiten Mal vermählen werde und getreu dem boromeiſchen Geſetz auf Schloß und Inſel Iſola bella verzichte, ſowie auch auf alles Erb⸗ theil ihres Gatten. Thränen floſſen über ihre Wangen, als ſie das Dokument verſiegelte. Dann trat ſie an das Fenſter und blickte hinaus auf eine Welt, die nicht mehr ihr gehörte und welche der Abend in glühenden Purpur tauchte. Raſch wandte ſie ſich ab und ihre Lippen flüſterten: Humilitas! Fünftes Kapitel. Die Vermählung. Freudige Aufregung herrſchte auf der Fiſcherinſel. Der erſte Schritt zur politiſchen Größe des neuen Staates war gethan. Die Strandbewohner, welche den Inſulanern die Fiſcherei unweit ihrer Ufer hatten ver⸗ wehren wollen, waren in die Flucht geſchlagen und bis in ihr Dorf verfolgt, daß ſie um Gnade baten und ewigen Frieden ſchworen. Mit harmloſen Fiſcher⸗ geräthen war man ausgezogen und mit den erbeuteten Waffen der Beſiegten kehrte man heim— Filiberto der Treue hatte dem Bruder einen Kranz aus Lorbeer⸗ zweigen um die rothe Mütze gelegt und ein Zehntel aller Fiſche ward ihm zugeſprochen. Der Abend ver⸗ ging in Feſtlichkeiten und in Jubel über die Niederlage der gewaltthätigen Bauern von Intra. 90 Des andern Morgens mit dem Früheſten erhob ſich Luigi von dem harten Läger und wolltte ſich ent⸗ fernen ohne den Bruder zu wecken. Aber Filiberto wachte. „Wohin willſt Du?“ „Auf den See— der Morgen iſt herrlich und gleich kleinen Caskaden ſpringen die Forellen aus dem Waſſer.“ „Für einen König ziemt ſich nicht ſo niedres Hand⸗ werk.“. „Ich übe es zu meiner Luſt. Leb' wohl!“ „Ein König mit dem Ruder!“ rief Filiberto un⸗ gehalten.„Laß' mich Dich begleiten!“ „Du bleibſt!“ ſagte Luigi ernſt.„Verlange von mir, was Du willſt, nur nicht meine Freiheit.“ Unzufrieden, doch gehorſam blieb Filiberto zurück. Der Strand war verlaſſen als Luigi dort ankam. Die Fiſcher ruhten noch von ihrem Siegesrauſch. Der See eerglänzte wieder wie ein leuchtendes Meer von Gold, wie eine Reihe von weißen Perlen ſchmiegten ſich die Uferdörfer in das keuſche Grün und im roſigen Schein eines herrlichen Alpenglühens ſchau⸗ ten die Simplonberge herüber.. Da beſchattete Luigi ſeine Augen gegen das blen⸗ dende Licht und ſchaute befremdet auf ein großes Boot, 91 welches ihm bisher durch die Häuſer der Fiſcher ver⸗ borgen geblieben war und nun um die Spitze der Inſel bog. Viele Menſchen waren darin und Waffen blitzten in der Sonne.. Neugierig ging Luigi näher zu dem Orte, wo das Boot landete. Aber der Widerſchein des Waſſers blen⸗ dete ihn, daß er die Ausſteigenden nicht zu erkennen vermochte. Eben wollte er beunruhigt nach dem Dorfe eilen, als er eine Stimme rufen hörte: „Faßt ihn, das iſt das Haupt der Aufrührer.“ Bereits hatten ihm einige der Soldaten den Rück⸗ weg abgeſchnitten. Aber Luigi wäre auch nicht mehr geflohen, ſeit er den Mann erkannt hatte, der die Sol⸗ daten gegen ihn hetzte. Es war Enrico Borromeo. Und hinter ihm, halb ohnmächtig von der unfreiwilligen Seefahrt keuchte der kluge Richter von Laveno. Immer enger zog ſich um Luigi der Kreis der Bewaffneten. Der Fiſcherkönig ging ruhig auf Enrico und den Richter zu: „Was wollt Ihr von mir!“ „Dich der gerechten Strafe überliefern wegen Em⸗ pörung gegen Eure geſetzliche Obrigkeit und Bruch des Landesfriedens“, eiferte der Richter und blickte den mächtigen Grafen an, ob er mit ihm zufrieden ſei. 92 Luigi fing an den Ernſt der Lage zu begreifen und daß er der Sieger in ſo vielen Schlachten nun der Beſiegte ſei. „Und habt Ihr mein Volk nicht von Euch gewie⸗ ſen, ſo oft es Euch auch um Entſcheidung bat, und ſelbſt erklärt, daß Ihr nicht wißt, wem dieſe Inſel angehöre?“ „Habe ich Dich etwa auch zum König gemacht und Euch geſagt, daß ihr Euch ſelber Recht verſchaffen ſollt?“ kreiſchte in Todesangſt der Richter. „Fort mit ihm!“ befahl Enrico.„Vor dem Gou⸗ verneur mag er ſich vertheidigen.“ Luigi erſchrak. Er wußte, daß der neue Gouver⸗ neur von Malland ſtets bereit war, jeden verſpäteten Freiheitsdrang ſtandrechtlich zur Ruhe zu bringen. Da blitzte in ſeinen Augen neue Hoffnung auf. In dichten Haufen ſtrömten die Fiſcher aus dem Dorf, um ihn zu befreien. Ein Schritt und er war bei ihnen. Aber bereits hatten die Soldaten ihre Gewehre auf die Menge angelegt. Flehend richtete Luigi ſeine Blicke auf Enrico: „Laßt nicht auf Unſchuldige ſchießen— ich bin der Eure.“ Raſch ſtieg er in das Boot, die Soldaten, die ſich gegen die Fiſcher in der Minderzahl fühlten, folgten 93 und ehe noch Filiberto und ſeine Freunde am Ufer angelangt waren, ſchwamm das Fahrzeug bereits im See. Vergebens forderte Filiberto die rathlos Zaudern⸗ den zur Verfolgung auf und ſprang der erſte in einen Kahn; aber niemand folgte. Die Flintenläufe der Sol⸗ daten blitzten in der Sonne. Man mußte Iſola bella umſegeln, wenn man nach Arona wollte. Als das Boot an der Spitze der Inſel angekommen war, bemerkten Filiberto und ſeine Freunde etwas ſehr Seltſames. Ein Mann ſtürzte ſich aus dem⸗ ſelben in's Waſſer und ſchwamm auf Iſola bella zu. Sechs acht Schüſſe wurden ihm nachgefeuert, man ſah Blitz und Rauch lange ehe man den Knall hörte— dann war der Schwimmer verſchwunden... „Unſer König iſt todt!“ wehklagte Filiberto dumpf und Thräne um Thräne rann aus ſeinen ſtarren Au⸗ gen hernieder über die bleichen bartloſen Wangen... Von Baum zu Baum, von Blume zu Blume ging Iſabella und nahm von allen, wie von geliebten Kin⸗ dern Abſchied. Den längſten Scheideblick warf ſie auf den„Baum der Liebe“. Er hatte gelogen— ihre Liebe blühte ſchöner und reiner als je, ſeit ſie alles, alles ihr geopfert, ſelbſt die ſchönſte Heimath dieſer Erde. 94 Sie bereute nichts. Da krachten die Schüſſe der Sol⸗ daten durch den ſtillen goldnen Morgen. Unweit der Inſel erſchien ein großes Schiff mit Bewaffneten, wel⸗ ches mit einer Haſt in den See hinausruderte, als flöhe es vor dem Schatten eines Ermordeten. Ueber Iſabella kam eine furchtbare Angſt. Ihre Kniee brachen faſt, als ſie die letzten Stufen zur Grotte hinabeilte. An der Stelle, wo Luigi die Terraſſe zu betreten pflegte, lag ausgeſtreckt der Körper eines Mannes. Sein weißes Hemd war naß und blutig, ein wachs⸗ gelbes Antlitz ſchaute mit den gebrochenen Augen em⸗ por... Mit einem rauhen Schrei, der nicht mehr ihrer Stimme glich, warf Iſabella ſich neben dem Ge⸗ liebten nieder. Verzweiflungsvoll hob ſie ſein Haupt empor und küßte ſein bleiches Antlitz und flüſterte die ſüßeſten Schmeichelnamen in ſein Ohr. Aber als ſie es losließ, fiel das Haupt zurück und wild und ver⸗ wirrt ſtarrte ſie um ſich, als ob auch die Natur ver⸗ ändert ſein müßte nach dem Unfaßbaren, gegen das ſie ſich mit allen Kräften ihrer Seele ſträubte. Dann warf ſie ſich wieder über den Todten und rüttelte ihn bei den Schultern und mit gellender un⸗ natürlicher Stimme rief ſie ihn beim Namen. Er ant⸗ wortete nicht. —„,— 95 „Todt!“ murmelte Iſabella, als ob der Sinn des Wortes ihr fremd wäre. Ihr Geiſt begann zu wanken. Geſchäftig ſetzte ſie ſich nieder und bettete das Haupt des Todten auf ihren Schooß und ſpielte mit den naſſen wirren Locken. Sie ſaß am äußerſten Rande der Mauer, an deren Fuß die Wellen leiſe plätſcherten. So blieb ſie lange in ſtummer Zwieſprach mit dem Todten. Die Nachti⸗ gall, welche ſich in einen Baum über ihrem Haupte verirrt hatte, flatterte nach den erſten Tönen ihres Liedes erſchreckt davon... Die Wellen plätſcherten immer lauter. Iſabella ſah zu ihnen hinab. „Es gibt Sturm“, flüſterte Iſabella,„dann muß er fort. Aber ich gehe mit ihm.“ Weit neigte ſie ſich vor, noch immer den Ermor⸗ deten auf ihrem Schooße haltend. Da— löſte ſich der Stein unter ihr oder verlor ſie den Halt?— Dumpf grollte das Waſſer auf und hielt mit Plätſchern inne. Den todten Geliebten feſt im Arm glitt Iſabella in die Tiefe. Der See hat ſein Geheimniß bewahrt und die Vereinigten nicht wieder herausgegeben. Aber um den Tod des Fiſcherkönigs und das räthſelhafte Verſchwin den Iſabella's flocht die Phantaſie des Volkes ihmn duftigen Märchenkranz. 96 Nur der finſtere menſchenſcheue Erbe von Iſola bella weilte oft an der Stelle, wo er Iſabella's zer⸗ riſſenen Schleier gefunden hatte und lauſchte mit einem düſteren Lächeln auf die murmelnde Fluth. Ueber der Delphingrotte aber prangte in leuchten⸗ den Metallbuchſtaben das Wort„Humilitas“— der Wahlſpruch des Heiligen, der zum Fluch geworden war. Die Grotte von San Nartino. Von Marie v. Schlägel. A₰ 5. Schlä gel, Deutſch und Wälſch. III ————— —— v“ — —— — Von den drei oberitalieniſchen Seen am Südab⸗ hang der Alpen, die durch den wechſelvollen Reiz ihrer Umgebung einen Weltruf erworben haben, iſt der See von Lugano, oder der Lago Ceresio der kleinſte, aber nicht der am wenigſten ſchöne. Die Seltſamkeit ſeiner Form, die breiten Flüſſen gleichenden langen Arme, welche ſich nach allen Richtungen in enge Alpenthäler verlieren und dadurch die wunderbarſten Lichtreflexe darbieten, geben ihm auf verhältnißmäßig engen Raum einen Zauber der Abwechſelung, wie man ihn in der Schweiz wohl kaum zum zweiten Male findet. Der längſte dieſer Arme bildet ein gegen Norden offenes Dreieck und umſchließt mit ſeiner lichtgrünen Fluth eine Art von Halbinſel, die ſich in ihrem höch⸗ ſten Gipfel, dem Monte San Salvatore mehr als dreitauſend Fuß über den Meeresſpiegel erhebt. Ein wahrhaft impoſanter Felscoloß ragt er an ſeiner weſt⸗ 7. 100 lichen Seite faſt ſenkrecht aus dem See empor, und verbreitet ſelbſt an dem ſonnigſten Tage einen finſtern kühlen Schatten über den hier tiefblauen See und das im üppigſten Grün prangende Land. In früheren Jahren ging die Sage von ihm, daß er keines Men⸗ ſchen Fuß bis auf ſeinen faſt ſpitz zulaufenden Gipfel laſſe— ſchon auf halbem Wege löſe ſich ein Felsblock unter dem kühnen Wanderer und ziehe ihn mit hinab in den bodenloſen Abgrund oder abrutſchendes Erd⸗ reich und fallende Steine begraben ihn auf ihrem Wege zur Tiefe. Dieſe Sage läßt ſich aus der Be⸗ ſchaffenheit des Bodens und dem mangelnden Pflanzen⸗ wuchs der oberen Region leicht erklären, aber die na⸗ turwüchſige Poeſie des Volkes, das wie die Schweizer durch die Ungunſt ſeines Bodens ſo lange abſeits vom Weltverkehr geblieben war, zog es vor, ihre unwirth⸗ lichen Höhen und Tiefen mit übernatürlichen Kräften auszuſtatten.- Jetzt wo die Schweiz das gelobte Land des Tou⸗ riſten, die große Station auf der Lebensreiſe der verſchiedenſten Stationen geworden iſt, hat die In⸗ duſtrie der Poeſie den Krieg erklärt, und Fuß⸗ und Fahrwege, ſelbſt Eiſenſchienen klimmen hinauf zu Höhen, zu denen ſich ſonſt nur Ziegenhirt und Gems⸗ jäger empor gewagt, und wo früher vielleicht Lämmer⸗ 40¹ geier und Adler horſteten, erklärt heute ein ſauber ge⸗ tünchtes Hotel mit rieſengroßen Buchſtaben in allen lebenden Sprachen ſeine Bereitwilligkeit, die Müden und Hungernden unter ſeinem internationalen Dach zu beherbergen. Auch der kaum zwanzig Schritt im Geviert meſ⸗ ſende Gipfel des San Salvatore hat es ſich gefallen laſſen müſſen, durch einen etwas ſteilen, ſonſt aber guten Reitweg, wenigſtens von der einen Seite, zu⸗ gänglich gemacht zu werden, und fromme Seelen haben dort oben ſogar ein Wallfahrtskirchlein erbaut. Daß man darauf mit Hülfe einer Reſtauration auch dem Irdiſchen im Menſchen Rechnung zu tragen geſucht hat, iſt eine ganz natürliche Folge, und bei dem großen Fremdenverkehr im Sommer auch wohl ſehr noth⸗ wendig. Es iſt kaum möglich, ſich einen zugleich liebliche⸗ ren und erhabeneren Anblick vorzuſtellen, als den man von dieſer kleinen ſchwindelerregenden Plattform ge⸗ nießt, und Worte vermögen nicht den vollen Zauber des Bildes wiederzugeben, das ſich an heitern Tagen im erſten Frühling dem trunkenen Auge darbietet, wenn der Schnee noch ringsum von den Gipfeln leuch⸗ tet, und das erſte friſche Grün der ausgedehnten Ka⸗ ſtanienwaldungen den Fuß der Gebirge umkleidet. 102 2 Von der blitzenden Waſſerfläche hebt ſich eine Bergterraſſe über die andere, weiß ſchimmernde Dörfchen tauchen aus den Wäldern und Feldern, nach allen Seiten öffnen ſich kleine und große Thäler, helle Lich⸗ ter wechſeln mit tiefdunklen Schatten— hier blickt ein Stückchen See grazianenblau zwiſchen grauen Fels⸗ wänden hervor, dort im Süden der bläuliche Duft liegt über der Lombardiſchen Ebene, und den Hinter⸗ grund des Bildes nach Südweſten abſchließend, ſchwebt der mit ewigem Schnee bedeckte Gipfel des Monteroſa rein und ſcharf gezeichnet in der klaren Luft über einer kleinen Welt von blendend weißen Gletſchern und Eis⸗ ſpitzen. Von Süden herauf, wie ein ſchmales Band zieht ſich die Gotthardſtraße— einer der älteſten und be⸗ deutendſten Alpenpäſſe, welche die Schweiz mit Italien verbinden, zwiſchen Felſen und See entlang, und wer ſchwindelfrei den Blick in die gefährliche Tiefe wagt, ſieht, wie man ſie einſt mit großer Kunſt und mühe⸗ vollſter Arbeit dem hier unzugänglichen Felſen abge⸗ rungen. So gefährlich dieſe Strecke erſcheint, ſo oft ſie ſchon durch Felſenſtürze unterbrochen wurde, der menſchliche Unternehmungsgeiſt iſt nicht davor zurück⸗ geſchreckt, dort auch einen Schienenweg anzulegen, der ſich mit der großen im Bau begriffenen St. Gotthards⸗ — 103 bahn vereinigen ſoll, allein ein Waldbrand an dieſer Seite des Salvatore der das lockere Erdreich ſeines einzigen Haltes, der Strauch⸗ und Pflanzenwurzeln be⸗ raubte, hat die Geſellſchaft gezwungen, dieſen Plan theil⸗ weiſe aufzugeben, da ein durch die Erſchütterung losge⸗ löſter Stein, ein paar Fuß breit herunterrutſchende Erde zahlloſe Menſchenleben ins Verderben ſtürzen könnte. Daher hört man jetzt Tag und Nacht das dumpfe Dröhnen der Minen im Innern des Berges, durch den man einen Tunnel führt, um die gefährliche Stelle ganz zu vermeiden. Nicht weit von dem Eingang deſſelben, wo der Berg am ſchroffſten und finſterſten emporſtarrt, ſchiebt ſich zur rechten Seite der Straße ein gewaltiger Fels⸗ vorſprung ſcharf und kantig in den See hinein, und bildet eine ruhige abgeſchloſſene Bucht. Das Waſſer iſt dort ſo durchſichtig, daß man bis auf das Funda⸗ ment hinabzuſehen glaubt, auf dem der ganze rieſige Kegel aufgethürmt iſt. Langfaſeriges Moos und Waſ⸗ ſerpflanzen ſchwimmen aus den Spalten hervor, und dazwiſchen in einem verſtoöhlen hinabgleitenden Sonnen⸗ ſtrahl ſilbern flimmernd ſteht die zierliche Forelle und der kleine aber immer raubluſtige Bürſchling. Auch bei ganz ſtillem Waſſer hört man in dieſer Bucht ein leiſes eintöniges Rauſchen und Gurgeln, . 104 das aus den zahlloſen kleinen Grotten hervordringt, und bei niedrigem Waſſerſtand kann man ſehen wie einige derſelben ſich tief und dunkel unter dem grauen Geſtein fortſetzen. Eine einzige der Grotten zeichnet ſich aus durch ihre ſeltſame Form und ungewöhnliche Größe; wie eine kuppelförmige Wölbung ſpannt ſich der Felſen über das hier tiefſchwarze Waſſer, und in der Mitte, meiſtens in einer Höhe mit dem Seeſpiegel, liegt ein großer flacher Stein. Auch bei der ſtärkſten Söitze dringt ein eiſig kalter Luftſtrom aus dieſer Höhle und mit eintönigem Fall ſickert das Waſſer einer wahrſcheinlich dort mündenden Quelle tropfenweis herab von der geborſtenen Wölbung. Wie Scheu und Grauſen überkömmt es auch dem muthigſten Touriſten in dieſer Einſamkeit, und wohl ſelten hat Einer ſeine ſichere Barke verlaſſen, um auf der ſchlüpfrigen von Schlamm überzogenen Steinplatte Fuß zu faſſen. Und die wenigſten von den Fremden, welche im goldenen Sonnenſchein in bunter zeltüber⸗ ſchatteter Barke auf rothen Kiſſen auf den See hinaus⸗ fahren und ſich bis in den Schatten dieſer abgelegenen Bucht wagen— wiſſen, daß in dieſer Grotte manch⸗ finſteres Trauerſpiel ſeinen gewaltſamen Abſchluß ge⸗ funden hat— manch verfehmtes Leben dem frühen Tode verfallen iſt. Denn dieſer Felſenvorſprung mit 105 ſeiner tiefen verſchwiegenen Bucht war vor noch nicht langer Zeit ein gemiedener Ort des Schreckens für alle die ſeine Beſtimmung kannten— es war eine Rich htſtätte. Am gegenüberliegenden Ufer dieſes Seearms liegt ein kleines freundliches Dorf— Campione. Seine mehrſtöckigen weißen Häuſer und der hohe Kirchthurm ſpiegeln ſich in der Fluth; ein rothbrauner Fels, der M. Generoto, bis faſt in den Sommer ſchneebedeckt, ragt über dem grünen Gürtel der echten Kaſtanien empor und zahlloſe Silberfäden— im Frühjahr ge⸗ dini Wildbäche— hängen von Klippe zu Klippe. ies Dorf mit ſeiner auf den Fiſchfang angewieſenen ſta alieniſch redenden Bevölkerung iſt noch heute eine Enelahe von Italien, und gehörte in früherer Zeit mit er Lombardei zu Oeſterreich. Wie es gekommen iſt, daß der Felsvorſprung des Salvatore am entgegenge⸗ ſetzten Ufer Eigenthum jener Regierung und ihre e Richt⸗ ſtätte geworden iſt, weiß Niemand mehr zu ſagen;— heute gehört auch dieſer unheimliche O Ort zum Schwei⸗ zergebiet.. Oberhalb des Grottenfelſens, den die St. Gott⸗ hardſtraße am Fuß des Kegels durchſchneidet, zur Linken in nächſter Nähe deſſelben, ſtand halb in eine Schlucht gedrückt noch vor einigen Jahren ein graues 106 ſteinernes Haus. Wie eine ungeheure Mauer ſtieg der Felſen in ſeinem ſteilſten Abſturz hinter demſelben em⸗ por; kein Baum, kein Strauch hatte Wurzel faſſen können an dem Rieſenwall, nur braune Flechten und Mooſe überzogen das Geſtein und machten den finſtern Charakter dieſer Stelle noch einförmiger und finſterer. Im Grunde der Schlucht fiel mit dumpfem Rauſchen ein dünner Waſſerſtrahl von Stein zu Stein; und gelbgrüne Giftpflanzen und breite Farrnwedel wucher⸗ ten in ſeiner Nähe auf dem feuchten kühlen Boden. Unwohnlich und kalt erſchien auch das einſame Haus mit den engen Fenſteröffnungen, deren erblindete Schei⸗ ben ausſahen, als hätte nie ein Regentropfen ſie be⸗ netzt, nie ein Sonnenſtrahl darin geblitzt, denn Son⸗ nenſtrahlen waren ſelten in dieſer engen Schlucht, und ſelbſt der Regen konnte vor dem überhängenden Geſtein kaum an die kahlen ungetünchten Wände gelangen. Wie von aller Bewegung entfernt, von allem Lebendi⸗ gen gemieden, lag das finſtere Gemäuer, obſchon es eine der belebteſten Straßen war, die nicht fern davon vorbeiführte, auf welcher Poſten und Fourgons, Fuß⸗ gänger und Reiter, Pferde und Mauleſel in beſtändi⸗ gem Wechſel vorüber kamen.. Und niemals hörte man einen Ton des Lebens aus den Mauern dringen— weder das Brüllen von 407 Kühen, noch die Stimmen von Schafen oder Ziegen, die doch der Aermſte beſaß— nicht einmal das Bel⸗ len eines Hundes unterbrach die Stille des Ortes. Auch keiner der Vorüberfahrenden oder Gehenden bog jemals von der Straße ab um mit einem Fuß über die Schwelle des Hauſes zu treten, ſondern Alle be⸗ ſchleunigten ihre Schritte und flohen aus der Umge⸗ bung deſſelben, als brächte ſchon ſein Anblick eine Ge⸗ fahr. Und dennoch war das Haus bewohnt.— Davon zeugte der ſchwache Lichtſchimmer, der oft bis tief in die Nacht aus den ſtumpfen Scheiben fiel, und der Rauch, der häufig ſchwarzgrau oder ſchwefelgelb aus der Schlucht hervorquoll und einen faſt unerträglichen Geruch verbreitete. Zu ſolchen Zeiten beeilten die Vorübergehenden ſich noch mehr als ſonſt hinwegzukommen, und mancher von ihnen ſchlug ein Kreuz über das andere, bis er ſich aus der verpeſteten Luft gerettet hatte. Selbſt der Poſtillon auf der von fünf ganz gleichen Schim⸗ meln gezogenen Poſt trieb ſein Geſpann mit unauf⸗ hörlichem Peitſchengeknall zu raſender Eile, und wenn einer der ängſtlich gewordenen Reiſenden den Kopf fragend aus dem Coupé ſteckte, hieß die halblaut her⸗ vorgeſtoßene Antwort: 108 „Die heilige Madonna ſchütze uns— der Teufel iſt wieder droben beim alten Roberto“ und raſſelnd flog die ſchwere Poſtkutſche auf dem ſteilen Wege da⸗ von. Wenn den Fragenden dieſe einfache glaubwür⸗ dige Erklärung nicht ganz einleuchten wollte und ſie ſich im nächſten Städtchen nähere Aufſchlüſſe erbaten, bekamen ſie die mit ſichtlicher Unluſt gegebene Aus⸗ kunft, der Ort heiße San Martino, und das Haus gehöre dem Henker von Campione. Es war gegen Abend im Monat April. Die faſt ſommerliche Wärme die in den vorhergehenden Wochen Wald und Flur mit dem üppigſten Frühlingsgrün ge⸗ ſchmückt und die Blüthen der Fruchtbäume zu einem raſchen nur zu kurzem Daſein gelockt hatte, war hin⸗ weg geweht von heftigen rauhen Stoßwinden. In gel⸗ ben dichten Wolken hatten ſie den Staub vor ſich her gejagt über die ſchäumende Waſſerfläche, und angſtvoll waren die Fiſcherbarken, die ſich unvorſichtig zu weit hinaus gewagt, vor dem aufgeregten Element geflohen. Kalte Regenſchauer mit Hagel gemiſcht klatſchten un— aufhörlich gegen das graue Geſtein der Salvatorewand; und weißliche Wolken ſchoben ſich dichtgeballt an den Berglehnen entlang, oder hingen ſich in ſchweren Flocken an vorſpringende Felſenſtücke, daß die hin⸗ durchſchimmernden Cascaden der Bergbäche ausſahen, ———— 109 als ſtürzten ſie vom niedern Himmel ſelber her⸗ unter. Es war acht Uhr. Aus dem einſamen Hauſe von San Martino fiel ſchon wieder der Lichtſchein auf die zwei halbdürren verkümmerten Oliven vor dem Fenſter, die einzigen Bäume, die dem kargen Boden ein trau⸗ riges Daſein abzugewinnen vermochten. Das Licht kam von einer eiſernen Hängelämpe, die in der Mitte eines großen Zimmers von der ſchwarzgeräucherten Decke hing; ein grüner Schirm beſchattete die Flamme, daß die Ecken des geräumigen Gemachs in völliger Däm⸗ merung geblieben wären, wenn nicht hin und wieder 85 ein aufflackerndes Scheit im Kamin auf die fernſten Winkel mit flüchtigem Schein erhellt hätte. Seltſame Dinge tauchten dann hervor unter dem irrenden Strahl — hier ein Todtenſchädel mit dunklen Augenhöhlen, dort Gläſer und Flaſchen mit fremdartigem Inhalt; hier blitzende Metallgefäße und dort wieder ſchöngebun⸗ dene Bücher mit goldbedruckten Einbänden. Im Uebri⸗— gen unterſchied ſich die Einrichtung des Raumes wenig von der in dieſen Gegenden gebräuchlichen. Nur viel⸗ leicht etwas behaglicher hätte ein ſcheinbar feinerer Geiſt das Gemach zu geſtalten gewußt. Einfache, aber ſauber geflochtene Matten verhüllten den rothen Ziegel⸗ ſteinboden. Das Holz im Kamin brannte auf zierlichen 110 Eiſengittern, und über dem großen ovalen Tiſch unter der Hängelampe breitet ſich ein Teppich von feinem grünen Tuch. An dieſem Tiſch vor einem aufgeſchlagenen Folian⸗ ten ſaß ein Mann; den linken Arm ſtützte er auf das Buch, und die auffallend weiße Hand war halb ver⸗ graben in einer Fülle blonder Haare, die unter dem hellen Lampenlicht faſt goldig ſchimmerten. Er ſchien zu leſen; dennoch lag dieſelbe Seite des Buches unum⸗ gewendet ſchon viel längere Zeit vor ihm, als das Studium der altmodiſchen Buchſtaben eigentlich erfor⸗ dert hätte. Der Mann regte ſich nicht, nur zuweilen zuckte die Hand unruhig in den Locken und ein tiefer Seufzer hob die breite Bruſt.— Plötzlich ſchrak er zuſammen und ſchlug mit der Rechten wie mechaniſch ein Blatt nach dem andern um. Feſte Schritte erklangen vor der Thür, mit kräftigem Druck ward ſie geöffnet und ein faſt rieſiger Mann in einen langen Mantel gehüllt, deſſen einer Zipfel über die Schulter geſchlagen war, erſchien auf der Schwelle. Der Mann am Tiſche hob das Haupt und ſtand dann langſam auf; und wie das Licht ungehindert über ihn herab floß, ſah man in ein junges bleiches Geſicht, deſſen ernſte braune Augen ſeltſam abſtachen von dem blonden Haar und der mädchenhaften Weiße der Haut. „Nun“, begann der Eingetretene mit einer Stimme, die ganz den breiten Schultern und der gewölbten Bruſt entſprach,„nun, haſt Du Dich entſchloſſen, mich zu be⸗ gleiten?“ Der junge Mann antwortete nicht ſogleich und als der Andre näher in den Lichtkreis der Lampe trat, ſah man deutlich, daß ſie Vater und Sohn ſein muß⸗ ten; ſo unverkennbar war die Aehnlichkeit. Nur daß die faſt rohe Kraft in der Erſcheinung des Vaters beim Sohn gemildert war zu einer feſten Männlichkeit, und daß die Locken, die die ſchöne Stirn des Jüngeren be⸗ ſchatteten, über der breiteren niedrigen des Alten ſich in hartem Eiſengrau emporbuſchten. Etwas wie Härte und Trotz blickte auch aus den tiefliegenden Augen des Letzteren, und über die lebhaften runzelvollen Züge zuckte es zuweilen wie Hohn und Bitterkeit, während auf dem regelmäßig ſchönen Antlitz des Sohnes eine faſt unheimliche Ruhe lag, die nur ſelten durch ein ſchnell verlöſchendes Aufleuchten der ernſten Augen wohlthuend belebt wurde. „Nun“, wiederholte der Eingetretene,„gehſt Du mit? es iſt Zeit.“ „Ich möchte lieber bleiben, Vater“, entgegnete mit einer melodiſchen, aber etwas gedämpften Stimme der junge Mann— und nach kurzem Zögern ſetzte er 112 raſcher hinzu—„und ich wünſchte, daß Du auch hier bliebſt...“ Erſtaunt ſah der Alte den Sohn an. „Was ſind das wieder für neue Grillen?“ fragte er endlich mit ungeduldigem Ton—„warum ſoll ich nicht hingehen und dem einfältigen Tomaſo die kranke Kuh geſund machen,— es kann's ja doch kein andrer als der Henker von San Martino— und—“ ſetzte er mit höhniſchem Auflachen hinzu—„dunkel genug iſt's ja auch!“ „Das iſt's ja eben“, rief der Sohn mit unge⸗ wohnter Heftigkeit,—„das iſt's ja, daß Du Dich heim⸗ lich bei der Nacht wie ein Dieb in die Häuſer ſchleichen mußt— in denen ſie Dich und Deine Geſchicklichkeit ſo nöthig brauchen! Laß ſie kommen, offen, bei hellem Tage und Dich holen, wenn ſie Deiner bedürfen, ſtatt ſie Dir in Nebel und Finſterniß draußen auflauern, und ihren Fuß zu beflecken meinen, wenn ſie ihn über die Schwelle unſeres verrufenen Hauſes ſetzen.“ Unruhig hatte der alte Mann, der Henker von San Martino, wie er ſich ſelbſt genannt, den Sprecher angehört, jetzt entgegnete er heftig:„Das verſtehſt Du nicht— oder willſt es nicht verſtehen— Du biſt grade wie Deine Mutter; die wollte auch immer die Leute 113 anders machen wie ſie einmal ſind, trotzdem ſie vier⸗ undzwanzig Jahre lang die Frau eines Geächteten war, und klug genug um ſich doch ſonſt nichts daraus zu machen! Was habe ich davon, wenn ich bei Tage unter die Leute gehe! Weißt Du— daß es mich freut, wenn Kinder ſchreiend vor mir davon laufen, oder ihre Mütter die Fauſt hinter mir ballen? die alten Weiber drei Kreuze ſchlagen und ſich in der nächſten Kapelle mit Weihwaſſer waſchen, macht mich höchſtens lachen, aber daß die, die ich vielleicht vor Verarmung bewahrt, denen ich die einzige Kuh gerettet oder das letzte Pferd erhalten habe, auf die andre Seite gehen und die Au⸗ gen wegwenden von dem Henker, dem Unehrlichen, Aus⸗ geſtoßenen— das macht mich wild und empört mir das Blut. Und ich darf doch nicht auf ſie losſtürzen wie ich möchte und die Erbärmlichen mit der Fauſt ins Geſicht ſchlagen und ihnen zurufen:„das iſt der Gruß vom alten Roberto,— ſo lernt man es auf der urka..... ich kann es nicht, denn ich brauche ſie — hörſt Du, ich brauche ſie. Glaubſt Du, daß die paar Franken, mit denen ſie mich drüben reich zu be⸗ lohnen glauben— hinreichend ſind um davon zu leben oder etwas zu erſparen für die Zeit, wo man hier eine jüngere Kraft braucht? Frage die alte Antonia, wie viel mehr ſie dem Wuchrer auf dem Markt und in dem v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. III. 8 114 Laden geben muß damit ſie ihr erlauben, unſre Be⸗ dürfniſſe bei ihnen zu kaufen?“ Aufgeregt ging der alte Mann in dem Gemach hin und her, daß die Lampe unter dem Luftzug flackerte. Starr vor ſich hinſehend, hatte der junge Mann dem heftigen Ausbruch gelauſcht— ein gewaltiger Kampf ſchien ſeine Bruſt zerſprengen zu wollen, ſo kurz und haſtig kam ſein Athem aus derſelben hervor. Ehe er indeß zu einer Antwort kam, trat der Alte dicht vor ihn hin und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Laß es gut ſein, mein Junge“, ſagte er in be⸗ ſänftigendem Ton—„ich weiß Alles was Du mir ſagen kannſt.— Wir wollen nicht mehr davon ſprechen — laß Alles bleiben, wie es geweſen iſt— es iſt am beſten ſo!— Und dann“, ſetzte er halb lachend hinzu —„um die Wahrheit zu ſagen, ich habe mich ſo an dieſe Art Broderwerb gewöhnt, daß es mir eine Ent⸗ behrung ſein würde, müßte ich es aufgeben. Dieſe ein⸗ fältigen Bauern, die ohne mich nicht fertig werden kön⸗ nen und die mich doch mit Scheu und geheimem Grau⸗ ſen bei Nacht und Nebel in Ställe führen— ſind nicht einmal eines richtigen Zornes werth. Wenn ſie mit offnem Munde daſtehen und dem Hokuspokus zuſehen, den ich um mehr Geld zu bekommen, bei der Sache 1¹⁵ anwende, die feurigen Kreiſe und Zickzacke, die ich mit ein wenig Phosphor an die feuchten Wände ziehe, in andächtigem Entſetzen anſtarren und athemlos an der Thüre horchen, wenn ich ſie alle hinaustreibe, um un⸗ geſtört meine einfachen Mittel anwenden zu können, ſo kommen ſie mir niedriger und elender vor wie die armen Thiere, die hülflos meine Hände lecken,— und nicht dran denken daß es Henkershände ſind!— ich verachte ſie— und nehme den reichen Pinſeln das Geld ab.... ſie verdienen nichts beſſeres.... Gute Nacht, Felix“— beendete der alte Mann ſeine Rede und ſchritt dröhnend zur Thür hinaus. Felix hatte er den Sohn genannt— aber der junge Mann ſah nicht aus wie ein Glücklicher, als er ſich in den großen mit dunklem Leder gepolſterten Lehn⸗ ſtuhl ſinken ließ und die Hände vor das Geſicht preßte. Oft hatte er ſchon ſo dageſeſſen— lange Abende, wenn der Vater, der als Thierarzt eines weitverbreiteten Rufes genoß— ſeinem nächtlichen Berufe nachging.— Sein eigner Name klang ihm jedesmal wie eine Ver⸗ höhnung wenn er ihn von den Lippen des Vaters hörte. Außer den Alten hatte er ja niemand mehr, der ihn Felix nannte! Wie konnte der Henker, als deſſen Sohn geboren zu werden, ſchon lebenslängliche Schande 8* 116 bedeutete— dieſen Unglücklichen Felir nennen!„Es war die Mutter“, hatte der alte Mann auf einen frühe⸗ ren Vorwurf des Sohnes mit jenem Ton ſtolzer Pietät geantwortet, mit dem er den Namen ſeiner vor einem Jahre geſtorbenen Frau auszuſprechen pflegte, die— ſelbſt die Tochter eines Gerichteten,— dem Mann, deſſen Väter und Urväter ſchon die Gerechtigkeit zu ihren Rächern gemacht vierundzwanzig lange Jahre eine treue Gefährtin in Einſamkeit und Schande ge⸗ weſen war.—„Es war die Mutter“, klang es in Felix nach, und ihm war als glitte ihre weiche Hand be⸗ ruhigend über ſein Haar— als ſähe er in die tiefen braunen Augen, die einſt vor langen Jahren ſo ſehr geweint hatten, als ſie den jungen Knaben, wie ſie meinte für immer aus ihren Armen ließ— und die doch noch viel mehr weinte, als derſelbe Knabe, jetzt zum Mann gereift, müde und vom Leben betrogen, zu ihr zurückkehrte, ins Vaterhaus— zur Schande, von der ſie ihm mit dem Opfer des eignen Herzens, für immer losgekauft zu haben meinte. In ihrem frommen Aberglauben hatte ſie gewähnt ihm in dieſem Namen die Anwartſchaft auf ein Glück mitzugeben, das dem Knaben durch den furchtbaren, in ſeiner Famillie ſeit undenklichen Zeiten erblichenen Beruf von vornherein verſagt ſchien.— Sie wußte aus einem Leben voll 417 der herbſten Erfahrungen, was es heißt als Geächtete von der Geſellſchaft gemieden und gefürchtet zu werden, und ſie war die Erſte in dieſer Familie geweſen, die dem Brauch und dem Vorurtheil der Welt zu trotzen wagte, indem ſie den einzigen Sohn dem alten luch zu entziehen geſucht hatte. Ehe das Kind alt genug geworden war, um den Makel zu ahnen, der auf ſeiner unſchuldigen Stirn haftete, beſchloſſen die Eltern, ihn in einer entfernten Stadt unter fremdem Namen unterzubringen. Der Geiſt⸗ liche von Campione, ein würdiger Mann, bei dem das Chriſtenthum nicht mit dem Dogma aufhörte, bot mit Freuden ſeine Hand, um der Geſellſchaft ein brauch⸗ bares Mitglied zu erziehen und brachte ihn ſelbſt nach der alten Univerſitätsſtadt Padua zu einem Jugend⸗ freunde ins Haus, dem er jedoch Namen und Stand des Kindes nicht verrieth. Durch ihn gingen auch die Zahlungen für den Unterhalt und Unterricht des auf⸗ geweckten Knaben, der bei ſeiner Schönheit und Klug⸗ heit bald der Liebling aller Lehrer und Genoſſen ge⸗ worden war.— Mit der Leichtherzigkeit der Jugend hatte das Kind bald die letzte Erinnerung an eine frühere Heimath verloren; ſeltner und immer ſeltner glitt das Bild einer weinenden Frau, die ihn immer wieder küßte und nicht loslaſſen wollte, durch ſeine 118 kindlichen Träume, und bald vergaß er die zuerſt oft wiederholte Frage, warum denn der Vater, der ihn über das große Waſſer gefahren, nicht komme und ihm Zuckerwerk bringe, wie er es ihm doch verſprochen habe.— Die immer gleichlautende Antwort, der Va⸗ ter und die Mutter ſeien im Himmel, und er werde ſie niemals wiederſehen, ermüdete endlich das lebhafte Kind mehr, als daß ſie es eigentlich befriedigte, aber ſie hatte den gewünſchten Erfolg, und Felix erwähnte bald die früheren Tage nicht mehr. Die Zeit war ſchnell und ihm faſt unbewußt vergangen, wie es bei einer ungetrübten Jugend meiſt geſchieht, und aus dem Knaben war ein ſchöner ſtatt⸗ licher Jüngling geworden. Er hatte eben das Bacca⸗ laureat erworben und fing an die Hörſäle der aus⸗ gezeichnetſten Profeſſoren zu beſuchen, um ſich dem Studium der Medizin zu widmen, als der Mann, unter deſſen Dach er bis dahin gelebt hatte, unver⸗ muthet ſtarb. Seine Witwe verließ die Stadt, und Felix war genöthigt, von jetzt an auf eigenen Füßen zu ſtehen; aber die Geldbeiträge— aus der Erbſchafts⸗ maſſe ſeiner Eltern, wie es hieß, wurden ohne Unter⸗ brechung fortgeſetzt, Felix betrauerte den vöäterlichen Freund tief und aufrichtig; es ward ihm ſchwer, die liebgewordene Häuslichkeit zu entbehren und ſich an 119 die neue Lebensweiſe zu gewöhnen, aber die Claſtici⸗ tät der Jugend half ihm bald darüber hinweg. Der große Kreis gleichaltriger Genoſſen, das Studium, das ihn mit allen Sinnen gefangen nahm, das freie ſorgloſe Leben erfüllten ihn ſo ganz, daß er an Ver⸗ gangenes nicht mehr dachte, und für die Zukunft nicht bangte. So war er zweiundzwanzig Jahre alt ge⸗ morden, und ſeine Kraft und Schönheit waren ge⸗ wachſen mit jedem Jahre. Nanche Mutter, unter de⸗ ren Fenſter er vorüberſchritt, wünſchte im Stillen, der ſchlanke Student mit den treuherzigen kecken Augen unter dem blonden Lockengeringel ſei ihr eigener Sohn, die Profeſſoren, deren fleißigſter Hörer er war, liebten ihn und zeichneten ihn aus, wo ſie konnten— und manch blaues oder ſchwarzes Augenpaar ſah ihm ſehn⸗ ſüchtig träumend nach, bis ſein leichter Schritt in der Ferne verhallt war. Felix hatte wenig Acht gehabt auf den Vorzug, der ihm von jungen Mädchen bei jeder Gelegenheit vor ſeinen Kameraden gegeben worden war; er hatte mit ihnen gelacht und geſcherzt, aber ſie waren ver⸗ geſſen, wenn er ſie nicht mehr ſah und kein roſiges Mädchengeſicht mit lachenden oder Taubenaugen ſtörte ihn bei ſeinen fleißigen Studien, bei welchen ihn noch die Mitternacht fand. 120 Da war auch für ihn der Tag gekommen, an welchem das Verhängniß in Geſtalt eines Weibes zu ihm trat... Ein ſchönes Weib— wenn auch nur die Toch⸗ ter einer armen Witwe, der ſie durch die unermüdliche Thätigkeit ihrer kleinen geſchickten Hände ein einfaches vor Mangel geſchütztes Daſein bereitete. In ganz Padua hatte keine ſo unergründliche Räthſelaugen— und glänzendere Locken kräuſelten ſich noch nie über herrlichere Schultern. Die ganze männliche Jugend der alten Univerſitätsſtadt war einig darüber— und es gab kaum Einen, der nicht bereit geweſen wäre, für die bezaubernde Angiolina Gonza die Klinge zu ziehen, aber auch keinen der ſich rühmen durfte, ſie habe ihn mit einem Blick bemerkt... Nur Sonntags ſah man ſie ihre Wohnung verlaſſen, und ihrer Mut⸗ ter den Arm leihend, in die nahe ſiebenkuppelige Kirche des heiligen Antonius oder il Santo gehen, wie die Leute ſie kurzweg benennen. Um dieſe Kirche drängt ſich ein dichter Knäuel von hohen zum Theil vor Al⸗ ter ſchwarzen Häuſern, mit großen Fenſtern und Bal⸗ konen, verwitterten Fresken und zerbröckelndem Stuck; nach allen Richtungen zahlreiche enge, krumme Gaſſen durchziehen ihn, die breiter werdend noch innerhalb des Feſtungsbaues zwiſchen ſtillen Gärten enden.— In 121 einem dieſer Gärten lag ein kleines Haus. Um die hölzernen Stützen, die den aus den Fugen gerathenen Balkon trugen, rankten wilder Wein und das ſchar⸗ lachrothe zierliche Geisblatt, und üppig ſproßte das Gras zwiſchen den breiten Spalten des ſteingeglätteten Einganges. Dort wohnte die reizende Giolina, wie man ſie zu nennen pflegte, und auf dieſem Balkon hatte ſie geſeſſen, als Felix ſie zum erſten Mal ge⸗ ſehen... Ja— ſie war ſchön,— und immer noch, wenn ihr Bild vor die Seele des jungen Mannes trat, ergriff ihn derſelbe verzweiflungsvolle Schmerz, der ihn damals erfaßte, als es ihm klar wurde, daß ſie ihn verlaſſen hatte.— Auch heute in der ſtillen ein⸗ ſamen Nacht, als Felix in den Lehnſtuhl gedrückt, am Kamin ſaß, und in Erinnerung verloren, in die langſam verlöſchende Guth ſtarrte, auch heute übte ihre unvergeſſene Schönheit und Lieblichkeit den alten Zauber, er verbarg ſein Geſicht in beiden Händen, und halb unterdrücktes Schluchzen erſchütterte die zuſam⸗ mengeſunkene Geſtalt. Es war vor etwa zwei Jahren geweſen, Felix hatte wie gewöhnlich unter ſeinen alten Folianten ge⸗ ſeſſen, obſchon draußen die Frühlingsſonne warm über den alten Dächern von Padua lag, und der blaueſte Himmel ſich über die grünende Erde ſpannte. Da 122 polterten eilige Schritte auf der engen dunklen Treppe, und ungeſtüm die Thüre aufſtoßend drangen zwei ju⸗ gendliche Geſtalten in Felix Studierzimmer. „Sagt' ichs nicht“, rief lachend der Eine der muntern Studenten,„da hockt der hochgelehrte Herr Doctor wieder wie ein alter Uhu in ſeinem Bau und denkt nicht dran, daß es Sonntag iſt und die holden Mädchen der Stadt ſich die ſchönen Augen umſonſt nach ihm ausſehen.“. Heiter grüßend trat Felix ihnen entgegen: „Sie haben ja ihren glühendſten Bewunderer— was bedürfen ſie meiner!“ antwortete er ſcherzend. „O heilige Unſchuld!“ ſpottete der Andere— „glaubſt, ſie hätten deren je genug!— Aber es iſt wirklich Unrecht“, ſetzte er ernſt hinzu,„den herrlichen Tag hier in den öden Steinmauern zu verlieren— wir gehen nach St. Benino zum alten Bartolo, der ſchenkt den älteſten Barbern— den echten— wenn er grade bei Laune iſt— komm mit.“ Und unter Scherzen und Neckereien ſetzte einer der übermüthigen Jünglinge Felix den leichten Hut auf die Stirn, der andere bemächtigte ſich ſeines Ar⸗ mes und im Triumpf führten ſie den nun halb un⸗ willigen, halb lachenden Freund den unten harrenden Kameraden zu. 123 Plaudernd und ſingend zog die muntere Schaar durch die engen ſelbſt heute noch dämmerigen Gaſſen, bis ſie aus dem Häuſergewirr in eine breite Straße gelangten, die aus den Feſtungswällen in die freund⸗ liche Umgebung der Stadt führte. Plötzlich fühlte Felix, der zwiſchen ſeinen Freunden ging, ſeinen Arm heftig gepreßt, und eine aufgeregte Stimme flüſterte in ſein Ohr: „Sie iſt da!“ „Wer iſt da?“ fragte Felix überraſcht, aber er bekam keine Antwort, und als er den Blicken ſeines Begleiters folgte, ſah er wie dieſer wie verzückt zu einem Balkon hinaufſtarrte. Umrahmt von dem üppigen Laub des wilden Weins, untermiſcht mit ſcharlachrothen Geisblattsblüten, deſſen lange zierliche Ranken ſich ihr koſend über Haupt und Schultern legten, ſaß eine weibliche Geſtalt. Den Arm auf die ſteinerne Balluſtrade gelehnt, ſchien ſie träumend hinwegzuſehen über die Häuſer und Gärten ihrer Umgebung in eine unbegrenzte räthſelhafte Ferne. Denn ſie regte ſich nicht und die wunderbaren dunklen Augen hatten keinen Blick für das, was drunten vor⸗ ging. Da ſchrak ſie zuſammen, und auch Felix er⸗ wachte aus ſeinem unbewußtem Anſchauen; denn wie auf ein gegebenes Zeichen ſchwangen die Cameraden 124 die Hüte und ein donnerndes Evviva Angiolina la bella weckte ringsum den ſchlummernden Widerhall. Eine leichte Röthe flog über die klare Bläſſe ihrer Züge, ein flüchtiges Nicken, würdig einer Fürſtin, dankte der jugendlichen Huldigung, dann ſank ſie wieder in ihre ſcheinbare Theilnahmloſigkeit zurück. Singend zogen die Studenten weiter; aber Felix ſang nicht mehr mit. Still und in ſich verſunken, folgte er nur noch mechaniſch den Freunden; ſelbſt der feurigſte Barbern, den die günſtige Laune des alten Bartolo von St. Benino ihnen heute nicht vorenthielt, vermochte nicht, ihn ſeinen Sinnen zu entreißen, und die anfänglichen Bemühungen der Kameraden, den Träumer zu erwecken, ermüdeten an ſeiner zwar freund⸗ lichen aber theilnahmloſen Haltung. Sie ließen ihn dann in Ruhe, nur ein Einziger hörte nicht auf, ihn verſtohlen zu beobachten. Es war ein mittelgroßer hagerer Jüngling, ſein von gkanzloſem ſchwarzen Haar umgebenes Geſicht hatte die krankhaft gelbe Bläſſe vieler Italiener und unruhig flackerten die tiefliegenden Augen unter den buſchigen Brauen. Felix hatte niemals gern zu ſchaf⸗ fen gehabt mit dem etwas ſcheuen verſchloſſenen Men⸗ ſchen, obgleich dieſer ſich bei jeder Gelegenheit an ihn drängte; aber zu gutherzig, um ſich ſeiner energiſch 4 4* 125 zu entledigen, hatte er, obſchon mit innerem Wider⸗ ſtreben, ſeine Annäherung geduldet. Auch heute hatte Alberto wieder an ſeine Seite zu gelangen gewußt und den ahnungslos in ſich Verlorenen nicht aus den Augen gelaſſen. Beim Nachhauſegehen, das erſt ziemlich ſpät am Abend ſtattfand, ſchob er ſogar ſeinen Arm vertraulich unter den von Felix und hielt ſich eng an ſeiner Seite. Als ſie an Giolina's, bereits in Dunkelheit gehüllter Wohnung vorüberkamen, ſchrak Felix zurück unter dem heißen Odem, der unvermuthet ſeine Wange ſtreifte, und kaum verſtändlich klang es in ſein Ohr: „Gute Nacht, Amoroſo! Träume von der ſchönen Angiolina.“ Zugleich löſte ſich Alberto's Hand von dem bis ins Herz erſchrockenen Felix, und der ſeltſame Menſch verſchwand lautlos in einem Nebengäßchen. Alberto hatte ſich nicht getäuſcht. Der geſchärfte Blick der Eiferſucht, der das ſtille Entzücken in den ſchönen Zügen des blonden Studenten wahrgenommen— hatte auch bemerkt, was dieſer nicht ahnte, daß die reizende Angiolina ſelbſt nicht ungerührt zu bleiben ſchien bei deſſen bewunderndem Anſchauen. Er hatte ſogar beobachten wollen, daß in ihren Augen etwas wie freudiges Wiedererkennen aufgeblitzt war und ſein Verdacht wurde zur Gewißheit, als bei der Heimkehr ſein ſpähendes Auge in dem Schatten des Balkons eine weibliche Geſtalt entdeckte, die dunkel in das Laubwerk geſchmiegt, auf die Straße hinabzulauſchen ſchien.— Als er allein zurückkehrte, war dieſe Geſtalt ver⸗ ſchwunden. Das war der Anfang eines Gefühls geweſen, das immer gewaltiger anwachſend über zwei junge Herzen im Laufe der Wochen und Monate eine ſolche Fülle von Glück verbreitet hatte, daß ſie faſt mit Be⸗ dauern auf die übrigen Menſchen hinabgeſchaut hatten, die ja nicht glücklich werden konnten, weil die beiden Liebenden alle Wonne, die der Himmel zu vergeben hatte, in ihren eigenen jungen Herzen fühlten. Gern und freudig hatte die Mutter Angiolina's einen Bund geſegnet, der ihre ſchöne Tochter nicht allein ſo glückſelig machte, ſondern derſelben auch eine geſicherte, ſorgenloſe Zukunft an der Seite eines all⸗ gemein geachteten und geliebten Mannes verhieß. Denn die Italienerinnen, ſo leidenſchaftlich ſie zu lieben wiſſen, haben beſonders in gereiften Jahren eine be⸗ deutende Vorliebe für Reichthum und Rang in der Welt, und manche hat ſchon in einer Zeit, wo das deutſche Mädchen erſt zu den Gefühlen des Weibes erwacht, mit ihrem Herzen abgeſchloſſen, um nicht eine * 8 127 „geachtete Stellung“ im Leben zu verſcherzen. Das junge Mädchen freilich dachte nicht viel an dieſe Zu⸗ kunft; mit dem ganzen Feuer ihres ſüdlichen Tempe⸗ ramentes hing ſie an dem Geliebten und beide harrten ungeduldig einer Zeit entgegen, wo Felix ſeine Stu⸗ dien beendet haben würde, um ſich dann als Arzt eine eigene Heimath zu gründen. Er war ja nicht ganz mittellos, wie er wußte, und hatte keine Rückſichten zu nehmen, da er allein in der Welt ſtand. Seltſam— ſo lange er die Liebe nicht gekannt hatte, war es ihm ſelten in den Sinn gekommen, daß er ja Niemand auf der ganzen Erde habe, der zu ihm gehöre, daß er nicht einmal wiſſe, wo ſeine Heimath geweſen ſei.— Jetzt legte ſich oft wie eine trübe Wolke der Gedanke auf das Gemüth, daß er ſo ganz allein ſei, daß er keine Mutter bitten könne, ſegnend ihre Hand auf das Haupt ſeiner Braut zu legen, daß es kein Vaterhaus für ihn gäbe, in welches er einſt ſein junges Weib führen könnte. Angiolina verſuchte dann dieſe trübe Stimmung hinwegzuſcherzen, indem ſie ihn aufmerkſam machte, daß es vielleicht ſo viel beſſer ſei. Wer könne wiſſen, ob nicht ſeine Eltern hohen Ranges geweſen ſeien, den ſie ihm aus irgend einem Grunde bis zu ſeiner Groß⸗ jährigkeit vorzuenthalten wünſchten,— und ob ſie Groll in ſeiner Bruſt zum offenen Haß wachgerufen, 3 0 ſeine Wahl billigen und das arme Mädchen aus dem Volke in ihre Familie aufnehmen würden. Dann ſchwor ihr Felix unter Lachen und Küſſen, daß kein Grafenhaus ſich ſeiner Braut zu ſchämen haben würde, und daß Purpur eines Fürſtenmantels herrlich ſtehen müſſe zu den dunklen Locken. Das Verhältniß des ſchönen Felix zu der allge⸗ mein bewunderten Angiolina Gonza war bald kein Geheimniß mehr für die Kameraden; aber ſie begriffen raſch, daß die Neigung des jungen Mannes mehr war als die leidenſchaftliche Aufwallung eines lebensluſtigen Gemüthes, und ſie achteten den Ernſt, mit dem derſelbe unzeitige Neckereien abzulehnen verſtand. Nur Alberto, der ſich lange vergebens bemüht hatte, die Aufmerk⸗ ſamkeit des Mädchens auf ſeine Perſon zu lenken, mißgönnte Felix ihren Beſitz, wie er ihn von Anfang an um Alles beneidet hatte, was eine freigebige Na⸗ tur demſelben verliehen und verſtändige liebenswür⸗ dige Männer ihm anerkennend gewährt hatten. Er hörte nicht auf, Felix mit hämiſchen Bemerkungen und unzarten Neckereien zu verletzen, und brachte es end⸗ lich dahin, daß dieſer, in ſeinen heiligſten Empfindun⸗ gen verletzt, allen Verkehr mit ihm auf das Entſchie⸗ denſte ablehnte. Das hatte den lange genährten 129 und ſein Sinnen und Denken ging nur noch dahin, den glücklichen Nebenbuhler bei der Geliebten zu ver⸗ derben. Und von glänzendem Erfolg war ſein heimtückiſches Treiben gekrönt worden! Felix ſchauerte zuſammen und barg ſich tiefer in den Lehnſtuhl am erloſchenen Kamin, den das ge⸗ dämpfte Licht der Lampe nicht zu erreichen vermochte, als müſſe er ſich verbergen vor all der Schmach und Verzweiflung, die eine einzige Stunde über ſein nichts⸗ ahnendes in frohglücklichen Zukunftsträumen verſun⸗ kenes Herz gebracht hatte. Mit grauſamer Deutlichkeit erinnerte er ſich all der Einzelheiten des furchtbaren Tages, der ihm Schlag auf Schlag Chre, Liebe und Zukunft geraubt hatte. Damals hatte er geglaubt, er könne es nicht überleben, und nun lebte er ſeit einem Jahre hier, im Hauſe ſeines geächteten Vaters, das er noch rechtzeitig genug betreten hatte, um den Segen ſeiner ſterbenden Mutter zu empfangen. Mit dem Scharfblick einer von böſen Leidenſchaf⸗ ten erfüllten, von Neid und Haß geſtachelten Seele, hatte Alberto geahnt, daß eine dunkle Stelle im Leben ſeines Nebenbuhlers vorhanden ſein müſſe und daß ſie dort zu ſuchen ſei, wo die Erinnerung deſſelben ſich im v. Schlägel, Deutſe und Wälſch. III. 9 Nebel früheſter Kindheit verlor. Aus verſchiedenen Antworten, die Felix ihm auf frühere anſcheinend theilnahmvolle Fragen gegeben, hatte er mit Sicher⸗ heit zu entnehmen geglaubt, aus welcher Gegend des Landes Felix gekommen ſei; das große Waſſer, über das ihn einſt ſein Vater gefahren, konnte nach allem, was er aus Felix verworrenen Erinnerungen zuſammen⸗ ſtellte, nur einer der drei großen oberitalieniſchen Seen geweſen ſein; und auf dieſer Annahme forſchte und ſchloß er weiter. Sein Spürſinn, der ihn zuerſt aus Neugier, dann aus Luſt am Spioniren, wie einen Jäger der Fährte des Wildes, der Andeutung folgen ließ, die Felix ihm unbewußt gegeben, brachte ihn ſchnell auf die richtige Spur; es unterlag bald für ihn keinem Zweifel mehr, daß die Gegend in der Nähe des Lago Cereſio die Heimath des Jünglings ſei.— Und als erſt das bei ihm feſtſtand, hatte es nur noch einer Aeußerung Felix' bedurft, um das Dunkel, in dem er bisher dem Zufall vertrauend, umhergetappt war, plötzlich mit einem grellen Licht erhellte, daß er zuerſt wie geblendet daſtand, dann aber den Jubel⸗ ſchrei nicht zu unterdrücken vermochte, der ſich heiſer über ſeine Lippen rang. Mehrere Kameraden waren in Felix' Zimmer ge⸗ weſen, und das Geſpräch hatte, oft unvermittelt von 131 einem Gegenſtand zum andern überſpringend, ſich auch um die verſchiedenen vererbten und zufälligen Aehn⸗ lichkeiten gedreht. Jeder der jungen Leute wußte etwas zu berichten, wie er ſeinen Eltern, Geſchwiſtern oder ſonſt einem Anverwandten gleiche— nur Felix hatte geſchwiegen. Dann hatte einer der jungen Leute neckend geſagt: „Felix erinnert ſich leider ſeiner Eltern nicht— ich denke mir aber, ſein Vater muß Herzog oder doch mindeſtens Fürſt geweſen ſein; ſein Kopf iſt zu einer Krone wie geſchaffen, wer weiß, was wir noch er⸗ leben.“. Aber Felix, der ſinnend wie in weite Fernen ge⸗ ſchaut hatte, ſagte langſam: „Ihr meint, ich habe Alles vergeſſen?— Ich er⸗ innere mich meines Vaters noch ganz gut, er muß ſehr groß und ſtark geweſen ſein, denn ich weiß, daß mir zuerſt alle andern Männer, die ich ſah, klein und nie⸗ drig vorkamen, und wenn er mich auf ſeine Schultern hob, jubelte ich, weil ich meinte, ich könne jetzt über den dunklen Berg an unſerm Hauſe hinwegſehen.— Aber eine Krone trug er nicht“, hatte er lachend hin⸗ zugefügt—„wenigſtens keine von Gold und Silber; aber mir ſchwebt dunkel vor, als habe ich ihn bei meinen Ritten auf ſeinem breiten Rücken manchmal eine hohe Mütze von rothem Fell“....„was fehlt Dir Alberto“ fragte Felix ſich unterbrechend, denn wie dumpfes Stöhnen klang es von den Lippen des blei⸗ chen Studenten, aber Unwohlſein vorſchützend hatte derſelbe ſein Taſchentuch vors Geſicht gedrückt, und eilig das Zimmer verlaſſen. Jetzt war kein Zweifel mehr— jetzt war ihm Alles klar.— Er kannte den„hohen Berg am großen Waſſer“— war Alberto doch ſelber aus einem Städt⸗ chen am Lago Cereſio— und er kannte den rieſigen Mann mit der rothen Pelzmütze.— Als Alberto in den Ferien einmal zu Hauſe war, hatte er ihn heim⸗ lich in den Stall ſchleichen ſehen, in dem das Lieb⸗ lingspferd des Vaters krank lag, und auf unabläſſiges Fragen und Drängen endlich erfahren, wozu der Mann geholt werde und wer er ſei. In wilder Aufregung irrte der falſche Freund nach ſeiner verhängnißvollen Entdeckung durch die winkeligen Straßen der Stadt, bis er ſich— nach langer Zeit zum erſten Mal, unter dem Balkon des kleinen Hauſes in der Vorſtadt wiederfand.— Ein heller Lichtſchimmer ſiel auf die üppigen Ranken des wilden Weins— im Gemach ſaß Angiolina und harrte ihres Geliebten— ihres Prinzen, wie ſie ihn oft ſcherzend nannte— und ſang mit gedämpfter Stimme 133 ein Liebeslied. Sie ahnte nicht, daß drunten auf der Straße eine dunkle Geſtalt drohend die Hand aufhob, um ihr junges Glück in Trümmer zu ſchlagen.— Alberto ſtieg langſam die Treppe hinauf— ſein Fuß zögerte nicht als er die zerfallende Altane betrat, und verſtohlen lauſchte er einen Augenblick am Fenſter. Dann klopfte er mit feſter Hand und trat ins Gemach. Als er es nach einer Weile wieder verließ, war ſein Geſicht noch bleicher als gewöhnlich, aber ein triumphirendes Lächeln lag darauf— er war ge⸗ rächt.— Drinnen aber rangen Stolz und Liebe, Schmerz und Zorn den wildeſten Kampf in einer ſich grauſam betrogen wähnenden Mädchenſeele, bis der verderb⸗ lichſte Feind der Liebe, der Stolz, die Oberhand ge⸗ wann. Angiolina ſchwor in die Hand ihrer aufs äußerſte erzürnten Mutter, den Falſchen, Ehrloſen— den Geächteten nie wieder zu ſehen, der verworfen ge⸗ nug war, ein vertrauendes Mädchen zu umgarnen, um ſie, wenn ſie endlich ſein Weib geworden wäre, hinabzuziehen in ewige Schmach und Schande.— Denn Alberto, nicht zufrieden mit ſeinen Enthüllungen hatte hinzugefügt auch Felix müſſe wie alle ſeine Vor⸗ fahren dem Vater in ſeinem ſchrecklichen Beruf folgen, 134 — er ſei der einzige Sohn, und es gäbe keine Befrei⸗ ung von dieſem Geſetz.— Alles Andere hätte Angiolina's Liebe vielleicht überwunden— dieſe Enthüllung gab ihrem Gefühl den Todesſtoß—.„Für einen Menſchen, der ſelber die Hand aufhebe gegen das wenn auch verfehmte Leben von Anderen— für einen Mörder— denn etwas Andres ſei der Henker nicht— gäbe es nichts, als Haß und tödtlichſte Verachtung—“ ſo hatte Alberto behauptet und die Mutter unter Verwünſchungen und Schmähungen eingeſtimmt. Als Felix zur gewohnten Zeit das Gartenhaus aufſuchte war er aufs höchſte verwundert, Alles finſter zu ſehen. Umſonſt rief er unter der Altane Angio⸗ linas Namen, umſonſt beſchwor er ſie flehend zu er⸗ ſcheinen, Alles blieb dunkel und nach einigen Stunden angſtvollen Wartens kehrte er traurig und voll bangen Ahnungen in ſeine Wohnung zurück. Als er Licht anzündete, fiel ihm ein Brief in die Augen, der auf ſeinem Schreibtiſch lag. Mit zittern⸗ der Hand erbrach er ihn und las in fliegender Haſt die wenigen Zeilen— immer wieder las er die furchtba⸗ ren Worte als könne er den Sinn nicht faſſen— dann lachte er laut auf und brach ohnmächtig zuſam⸗ men.— 135 Als am andern Morgen der anbrechende Tag ins Zimmer fiel, beleuchtete er das bleiche Geſicht eines jungen Mannes, der in dieſem fahlen Schimmer aus⸗ ſah wie ein längſt Geſtorbener. Unheimlich groß la⸗ gen die braunen Augen in den Höhlen und das ſonſt ſo ſorgfältig geordnete Haar hing wirr über die finſtre Stirn. Mit bebenden Händen ſchloß er ein kleines Ränzel, das er mit den nothwendigſten Kleidungſtücken und einigen Büchern gefüllt hatte, ſteckte den geheim⸗ nißvollen Brief zu ſich und verließ ohne Jemand zu benachrichtigen das Haus. Als die Thür mit dum⸗ pfen Ton ſich hinter ihm ſchloß, war ihm als lege er den Deckel auf ſeinen eigenen Sarg.... Aus langem ſchmerzvollem Sinnen war ihm endlich der Gedanke aufgedämmert, ſelbſt an Ort und Stelle nachzuforſchen, ob Alles wahr ſei— ob jener Mann über deſſen unmenſchliches Amt— er und die Kamera⸗ den oft voller Abſcheu und Verachtung in jugendlichem Eifer heftige Wortgefechte geführt hatten— ob jener Mann, der Henker von San Martino— ſein Va⸗ ter ſei.— Nach einer anſtrengenden Reiſe, auf welcher er ſich Tag und Nacht keine Ruhe gegönnt— langte er endlich in Melida an, einer der letzten Stationen am Lago Cereſio vor San Martino. Dort verließ er ge⸗ 136 gen Abend die Poſt, und machte ſich zu Fuß auf den Weg. Wie das Vorſpiel zu etwas Schrecklichem wachte bei jedem Schritt vorwärts eine dunkle Erinnerung um die andere bei ihm auf— dies große Waſſer zu ſeiner Rechten mußte er ſchon einmal geſehen haben, und grade ſo ſchroff und finſter hatte die Felswand ausgeſehen, über die hinzuſchauen er auf ſeines Vaters Schulter ſich einſt höher emporgeſtreckt. Unwillkürlich beflügelte er ſeine Schritte, immer ſteiler wurde die Straße, jetzt bog er um einen Felſenvorſprung,— aus einer ſchon im Dunkel gehüllten Schlucht fiel ein Lichtſchein auf zwei dürre Oliven unter dem Fenſter und eintönig murmelnd floß ein Waſſerſtrahl von Stein zu Stein.— Faſt lauernd eilte er näher— — dort die drei verwitterten Stufen führten zu einer Thür, ſie war nur angelehnt— was hatte man in San Martino von Dieben zu fürchten?— haſtig ſtieß er ſie auf— dann die andre, aus die ein ſchmaler Lichtſtreif. drang, und voll fiel jetzt der Schein einer eiſernen Hängelampe auf die erdfahlen erregten Züge des athemloſen Mannes. Plötzlich gellte ein wilder Schrei durch das Gemach— eine gebeugte magere Frauengeſtalt erſchien im Lichtkreis der Lampe, einen Augenblick zögerte ſie, dann ſchwankte ſie auf den jungen Mann zu, und mit dem halb ſchmerzerfüllten halb ent⸗ — ᷣ——ro „—— 137 zückten Ruf:„Felix! mein Sohn!“ ſank ſie an die Bruſt des wie im Fieberfroſt bebenden jungen Mannes... Das war Felix Eintritt in das vor 18 Jahren von ihm verlaſſene Elternhaus— und er betrat es nur um gleich darauf in die Arme der jammernden Frau in Fieberphantaſie zuſammenzubrechen...... Lange bange Wochen hatte die unermüdliche Mutter im Ver⸗ eine mit dem heilkundigen Vater mit der Krankheit um das Leben des einzigen Kindes gerungen, bis ſeine Jugendkraft endlich den von ihm oft beklagten Sieg errang.— Als er auf den ſtarken Arm des Vaters geſtützt zum erſten Mal als Geneſender ſein Bett und Zimmer verließ legte ſich die Mutter, die ſchon lange krank geweſen, von Angſt und Nachtwachen völlig er⸗ ſchöpft, auf ihr Lager nieder, um es lebend nicht wie⸗ der zu verlaſſen. Wie ſehnſüchtig wünſchte Felix an ihrer Stelle zu ſein, als ſie die Augen für immer ſchloß! Denn vom Leben hatte er nichts zu erwarten als qualvolle Erinnerungen und eine verlaſſene einſame Zukunft! Er war eines Studiums müde, das er nur fort⸗ ſetzte um ſich ſelbſt zu entfliehen, das ihm aber keine Früchte tragen konnte. Denn ſo viel ſtand feſt bei ihm— unter die Menſchen wollte er nicht mehr zu⸗ rückkehren; ſeine Kraft zum Widerſtand hatte ihn ver⸗ 138 laſſen, ſeit er unter das Dach ſeines Elternhauſes zu⸗ rückgekehrt war— um ihre Schmach zu theilen; ihm blieb fortan nichts übrig als in Einſamkeit das Ende ſeines Lebens abzuwarten, das er nicht ſelbſt herbei⸗ führen durfte; er hatte ſeiner ſterbenden Mutter ver⸗ ſprechen müſſen, nicht die Hand an ſich ſelbſt zu legen; und ſo ſchwer es ihm oft wurde, er hielt den Schwur, ohne welchen ſie nicht in Frieden ſterben konnte; denn mit der nimmermüden Ausdauer, die nur das Mutter⸗ herz kennt, hoffte ſie für den Sohn noch Glück von einer Zukunft, die dieſem finſter dünkte wie eine Gruft. Ein Jahr war vergangen, ſeitdem Felix und der Vater der todten Mutter auf einer der weniger ſchwer zugänglichen Felsterraſſen des Salvatore mit eigenen Händen das Grab gegraben hatten. Kein Kreuz, kein Stein bezeichnete die Stelle, wo die Ueberreſte eines tapfern, vom Leben hartgeprüften Weibes die letzte Ruheſtatt gefunden. Aber die zierlichen Cyclamen überrankten es mit den ſilbernſchimmernden Blättern, und die„rothen Blumen des Salvatore“, die an keiner andern Stelle der ganzen Gegend gefunden wurden überdeckten den Ort mit ihren leuchtenden Sterndol⸗ den, und verbreiteten an ſonnigen Abenden einen wahr⸗ haft berauſchenden Duft. Wie ein Hauch des Friedens überkam es Felix 139 bei dieſer Erinnerung; auch für ihn würde ja einmal die Zeit kommen wo er ſich zum ewigen Schlummer ausſtrecken durfte. Wie eine Ahnung jener Ruhe legte es ſich auf ſeine heiße Stirn, auf die brennenden Au⸗ gen— ſchwer ſank ſein Kopf an die Lehne ſeines Stuhls zurück und bald verkündete ſein ruhiges Ath⸗ men, daß er eingeſchlafen war. Plötzlich fuhr er er⸗ ſchrocken von ſeinem Sitze empor; ihm war als habe er einen heftigen Schlag gegen die Hausthür vernom⸗ men; die Lampe war erloſchen, und nur das Licht des Mondes, an deſſen voller Scheibe graue Wolken raſt⸗ los vorüber glitten, erhellte mit unſicherem Schimmer das kühlgewordene Gemach. Fröſtelnd und noch halb traumbefangen trat Felix näher ans Fenſter, da krachte es zum zweiten Mal daß die Scheiben klirrten und gleich darauf erdröhnte ein dritter Schlag dumpf durch die tiefe Stille des einſamen Hauſes. Erregt eilte Felixr aus dem Zimmer. Auf dieſe Weiſe pflegte der Vater doch ſonſt nicht Einlaß zu begehren, wenn die alte Antonia einmal aus irgend einem Grunde die Hausthür zur Nacht hinter ihm geſchloſſen hatte. Um ſo überraſchter war Felix als er auf den Flur hinaustretend, bemerkte, daß eine breite Welle des fah⸗ len Mondlichts, in die halboffenſtehende Hausthür floß: Das war ſeltſam; ſelbſt Unfug und Schabernack hatten 140 ſich bisher noch nie bis an den Eingang der Furka⸗ ſchlucht gewagt— ſie war gleich gemieden von Gu⸗ ten wie von ſchlechten Menſchen.— Forſchend trat Felix ins Freie. Vom leiſe rauſchenden See herüber ſtrich ein kühler Wind er raſchelte in den dürren Zwei⸗ gen der Oliven und jagte flüchtige Wolkenſchatten über die hellbeſchienene Salvatorwand— und die fallende Quelle rauſchte ihr einförmiges Lied und mit kniſtern⸗ dem Geräuſch flohen ſilbern ſchimmernde Streifen über das feuchte Moos— die giftigen Schlangen, die zu Zeiten in ungezählter Menge dieſe Seite des Felſens unheimlich belebten. Sonſt regte ſich kein Laut des Lebens ringsum und ſo weit auch Felix vortrat und mit angehaltenem Athem lauſchte, Alles blieb ſtill und ſeinem lauten wiederholten„Werda“ antwortete nur ein dumpfer Wiederhall.— Kopfſchüttelnd entſchloß Felix ſich endlich ſeine fruchtloſen Unterſuchungen einzuſtellen, und ſchritt wie⸗ der auf das Haus zu. Als er die Stufen betrat, fuhr er ſeltſam berührt zurück, denn auf der hellen Fläche des Thürpfoſtens zur Linken zeichneten ſich ſcharf und dunkel die Umriſſe einer ſchwarzen Tafel ab, die, wie Felix beim Nähertreten bemerkte mit drei großen Nä⸗ geln befeſtigt war.— Daher alſo die dröhnenden Schläge die ihn ſo —— 141 unſanft geweckt hatten— aber was konnte die Er⸗ ſcheinung zu bedeuten haben? Troß allen Sinnens war es Felix unmöglich ſich das Räthſel zu deuten, und in ſeltſamer Aufregung legte er ſich endlich ſpät zur Ruhe. Aber der Schlaf ließ jetzt lange auf ſich warten, und der frühe Tag dämmerte ſchon über den Bergen, ehe die aufgeregte Phantaſie des jungen Man⸗ nes ermüdet und ein bleiſchwerer Schlaf ſeine brennen⸗ den Augen ſchloß. Als er ſpät am andern Morgen erwachte, lag goldiger Sonnenſchein über der Erde, und über dem tiefblauen See, aber um ihn war Alles ſtill und als Felix der alten Magd rief um ſie zu fragen, ob der Vater denn nicht heimgekommen ſei, erfuhr er zu neuer Ueberraſchung, derſelbe ſei erſt ſehr ſpät zurückgekehrt aber nach kurzer Raſt ſogleich wieder fortgegangen. Das war nicht vorgekommen, ſeit Felix im Va⸗ terhauſe war, und doppelt ſchwer bedrückte ihn all das Räthſelhafte, das ſeit geſtern vorgegangen war. Sein erſter Gang war vor die Thür; aber die ſchwarze Tafel war verſchwunden, und ſchon wollte Felix ſich überreden er habe alles geträumt, als er die Spuren der Nägel im Thürpfoſten wiederfand. Die alte Magd, die er herbei rief, wollte nichts von Allem gehört ha⸗ ben und voller Ungeduld wartete er nun auf die Rück⸗ 142 kehr des Vaters. Zu ſeiner gewohnten Arbeit, dem Laboriren, den Unterſuchungen und dem Studium ſeiner alten und neuen wiſſenſchaftlichen Werke, die er mit in die Einſamkeit genommen, fehlte Ruhe und Luſt, und das Haus wollte er nicht verlaſſen, ehe der Va⸗ ter wieder da war. Langſam ſchritt der Tag vor, es wurde hoher Mittag— dann ſenkte ſich die Sonne wieder zu den roſig angehauchten Berggipfeln; die Un⸗ geduld des jungen Mannes fing an, ſich bis zur Be⸗ ſorgniß zu ſteigern. Englich tönten Schritte vor dem Hauſe, ſie näherten ſich der Zimmerthür, und dieſelbe langſam öffnend, erſchien die hohe Geſtalt des Vaters auf der Schwelle. „Vater!“ rief Felix beſtürzt und eilte auf den alten Mann zu—„Vater was iſt Dir geſchehen, wie ſiehſt Du aus?“ Abwehrend winkte der Alte mit der Hand, dann ließ er ſich ſchwer in den Lehnſtuhl ſinken. „Nichts, nichts mein Junge“, ſagte er mit eigen⸗ thümlich heiſerer Stimme während ſein Blick den ängſt⸗ lich fragenden Augen des Sohnes auszuweichen ſuchte—„ich bin weit herum geweſen— bei Tage wie Du gewünſcht haſt“— ſetzte er mit einem Ver⸗ ſuch zum Scherz hinzu—„das muß wohl angreifen⸗ der geweſen ſein wie bei Nacht.“ 143 „Antonia ſagt, Du ſeiſt gegen Morgen hier ge⸗ weſen.“ „Es iſt wahr“, beſtätigte der Alte„ich holte ein nothwendiges Mittel, an das ich vorher nicht gedacht hatte... es giebt viel krankes Vieh in der Gegend ... ſetzte er mit einem Tone hinzu, der die Anſtren⸗ gung verrieth, die es ihn ſichtlich koſtete, um ruhig zu erſcheinen. Dabei prüften ſeine Augen verſtohlen Fe⸗ lix Geſicht, wie jemand, der erforſchen will, wie weit ihm der andere Glauben ſchenkt, und zugleich lauernd, als erwarte er eine Frage, vor deren Beantwortung er ſich ſcheue.. Aber Felix ſchien dieſe Frage ſelbſt zu fürchten. Er war ans Fenſter getreten und trommelte an den Scheiben. Endlich begann er indem er den Vater ſcheu anſah: „Es war hier ſehr unruhig die Nacht— haſt Du früher ſchon unter Ruheſtörungen zu leiden gehabt?“ Unruhig ſchob ſich der Alte im Lehnſtuhl hin und her, ehe er antwortete:„Nein nie— was gab es? Du wirſt wohl geträumt haben— ich war an Deinem Bett ehe ich ging,— Du ſchliefſt nicht ruhig.“ „Ich habe nicht geträumt Vater“, entgegnete Felix beſtimmt—„man träumt nicht von nächtlicher⸗ 144 weile ans Haus genagelten ſchwarzen Tafeln, wenn man am lichten Morgen die Nagelſpuren findet.“ Der Alte war zuſammengezuckt, aber er be⸗ zwang ſich: „Es wird ſich Jemand einen ſchlechten Scherz er⸗ laubt haben— man braucht hier ja keine Rückſichten zu üben... wo iſt die Tafel?“ fragte er dann. „Sie iſt jetzt fort“, antwortete Felix und ſah den Alten mißtrauiſch an,„ich dachte Du habeſt ſie ent⸗ fernt.“ Der Alte antwortete nicht, nach einer Weile fragte er in unbefangenem Ton: „Warſt Du heute aus?“ „Nein, ich wartete auf Dich.“ „Die Luft iſt mild und ſchön— Du ſollteſt noch einen Spaziergang machen, Du ſitzeſt zu viel. „Ich bin zbgeſpani⸗ Vater! Die ſchlechte Nacht und die Aufregung. „Du würdeſt beſſer ſchlafen, wenn Du Dich recht müde gingeſt— es iſt noch früh; Du könnteſt zugleich in Melida einen Auftrag für mich ausrichten,— es iſt heller Mondſchein“... redete der alte Mann ihm eindringlicher zu. „Was brauchſt Du?“ „Verſchiedenes vom Apotheker.“ 145 Hausapotheke findeſt Du noch von 8 „In meiner§ Allem— ich habe ſie erſt neulich vervollſtändigt.“ Ungeduldig rückte der Alte auf dem Stuhle hin und her; es lag ihm ſichtlich daran, den Sohn fort⸗ zuſchaffen, aber er kannte denſelben zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ſeine Verſuche heute ohne Erfolg bleiben würden; augenſcheinlich verſtimmt ſtellte er ſeine Be⸗ mühungen ein. Eine Weile herrſchte tiefe Stille im Gemach, nur der Pendel der großen Kukuksuhr tickte einförmig weiter. Draußen ſank die Sonne tiefer. Die Schatten der Berge legten ſich immer breiter auf den See, über deſſen glatter Fläche ein leichter bläulicher Duft ſchwebte. Felix lehnte am offnen Fenſter und ſtarrte in die Abend⸗ landſchaft hinaus; der Alte ruhte mit geſchloſſenen Au⸗ gen im Stuhl. Plötzlich fuhr er auf, die Uhr hob zum Schlagen aus und der Kukuk erſchien über dem Ziffer⸗ blatt und ahmte mit ſeltener Naturtreue achtmal den Ruf ſeiner lebenden Brüder nach. Zugleich klang es in das offne Fenſter hinein wie fernes Glockengeläut. Voll und wie vom Waſſer getragen ſchienen die Klänge über den See heran zu ſchwimmen, ein leichter Windſtoß wehte den Abendnebel auseinander und vom gegenüber⸗ liegenden Ufer leuchtete das Kreuz eines hochgelegenen Kirchleins auf unter dem ſcheidenden Sonnenſtrahl. v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. III. 10 146 „Die Glocken von Campione“, rief Felix aus, „was ſoll das heißen, Vater?“ Aber der Alte antwortete nicht; er war aufge⸗ ſprungen und blickte angeſtrengt auf den See hinaus. Eigenthümlich berührt von dem fremdartigen Be⸗ nehmen deſſelben beobachtete Felir den alten Mann, der nur mit Mühe eine ungeheure Aufregung zu be⸗ herrſchen ſchien; ſein Geſicht war bleich und ein un⸗ heimliches Licht brach aus ſeinen tiefliegenden Augen. Schweigend ſtanden ſie nebeneinander und lauſch⸗ ten auf die feierlichen Klänge, die bald näher, bald wie aus weiter Ferne durch die Luft zitterten, da be⸗ rührte Felix den Arm ſeines Vaters. „Sieh nur, welch eine eigenthümliche Barke! Sie kommt aus der Richtung von Campione— aber es . iſt kein Fiſcherboot, dazu rudern ſie zu ſchnell.“ „Es ſind viele Barken auf dem See“, ſagte der Alte,„welche meinſt Du?“ aber ſeine Stimme klang hohl, und es ſchien Felix als bebe der rieſige Mann an allen Gliedern. „Jene kohlſchwarze dort mit dem ungewöhnlich hohen Vordertheil— es ſcheint, es ſind Soldaten drin— es blitzt wie Waffen.“ Immer bleicher ward der alte Mann— das Stehen ſchien ihn ſehr zu ermüden, denn mit einem 147 tiefen Seufzer ſetzte er ſich wieder tief in den Lehnſtuhl zurück.— Felix, in die Beobachtung des Fahrzeugs verloren, ſah nicht, wie er verſtohlen die Hände rang, und ſich wiederholt den Schweiß von der Stirne wiſchte. „Es hält auf San Martino zu“, begann Felix wieder,„ſie rudern gut— das Boot fliegt wie ein Pfeil durch das Waſſer, ich werde es bald genauer unterſcheiden können— aber ich habe ja ein Fernrohr“, fügte er ſich erinnernd hinzu und wandte ſich um daſ⸗ ſelbe zu holen. Haſtig fuhr der Alte empor und ſtreckte die Hand aus, um den Sohn zurückzuhalten, aber langſam ließ er ſie wieder ſinken, wie Jemand, der nicht mehr gegen Unvermeidliches kämpfen mag. Felix fand das Geſuchte ſchnell, und das Rohr richtend, nahm er ſeinen Beobachtungspoſten wieder ein. Plötzlich fing ſeine Hand an, heftig zu beben. Athemlos ſtarrte er in das Glas. „Vater“, ſtieß er dann in abgebrochenen Sätzen hervor.„Es ſind Soldaten mit Kähnen— mit blan⸗ ken Waffen und ein Prieſter— er hielt ein ſchwarzes Kreuz— und mitten unter ihnen ſitzt Einer— mit Ketten an den Händen— Vater ſie kommen hier⸗ her—“ ſchrie er mehr als er ſprach, und packte den 10* aus der Bruſt des gequälten alten Mannes hervor, 148 Arm des alten Mannes, der den Kopf auf die Bruſt geſenkt, ſelber daſaß wie ein Verurtheilter. „Sie kommen hierher“, beſtätigte er tonlos,„ich wußte es— die ſchwarze Tafel... ich hoffte Du hätteſt nichts gehört— oh Felix, Felix“, brach er in heftigſtem Schmerz aus und ſtreckte dem Sohn die ge⸗ falteten Hände entgegen—„geh, ich beſchwöre Dich— geh fort, ſo weit Dich Deine Füße tragen— mein gräßliches Amt laſtet ohnehin ſchwer genug auf mir.“ Aber Felix regte ſich nicht. Das Geſicht in die Hände vergraben ſaß er da und der kraftvolle Körper zuckte wie im Krampf. Mit unendlich ſchmerzvollem Ausdruck ruhten die Augen des Vaters auf dem Sohn, der wie gebrochen von der Wucht eines furchtbaren Schlages lautlos daſaß— dann erhob er ſich vorſichtig und ſchlich aus der Thür. Als er nach einer Weile wieder eintrat, hob Felix das bleiche entſtellte Geſicht und ſtarrte ihn an wie ein Bewußtloſer— raſch ging der Alte auf ihn zu und wollte ihm die Hand auf die Schulter legen, aber mit einem unartikulirtem Laut ſprang Felir empor und ſtürzte aus der Thür. „Dem Himmel ſei Dank, er geht!“ rang es ſich 149 dann trat er wieder ans Fenſter und beobachtete an⸗ ſcheinend ruhig das Boot. Die Sonne war völlig hinter den Bergen verſun⸗ ken, grau lagen die gewaltigen Steincoloſſe um das nachtgraue Waſſer, und nur noch undeutlich ſah man den dunklen Rumpf der Barke vom Waſſerſpiegel ab⸗ heben, bis er hinter dem Felsvorſprung der Furka verſchwand. Im nächſten Augenblick gellte ein ſchnei⸗ dender Pfiff durch die Luft, noch einer und wieder einer, und fand in San Martino ſein dreimaliges Echo— dann wurde das Fenſter geſchloſſen; der alte Roberto verließ das Haus, und ſtieg auf einem kaum erkennbaren Fußpfad eilig zu der Bucht hinunter. Plötzlich wich er zurück— eine dunkle Geſtalt löſte ſich von einem Gebüſch ab und vertrat ihm den Weg, der hier hart am Abgrund in ſteiler Senkung zum See abfiel. „Felix!— Unglücklicher, fort von hier!“ rief der Alte, entſetzt den Sohn erkennend, aber dieſer machte keine Bewegung, ſich zu entfernen. „Er darf nicht ſterben durch Dich“, preßte er halb⸗ laut hervor und wies auf die Bucht hinab.—„Hörſt Du, er darf nicht! Du mußt ihn retten, oder“, fügte er hinzu, indem er ſich vorbeugte und den Alten mit unheimlich funkelnden Augen anſah—„ich reiße Dich 150 mit mir hier hinunter, daß das Waſſer Deine und meine Schande bedeckt!“ Erſchreckt war Roberto einen Schritt zurückgewichen; der Felſen trat hier weit über den Waſſerſpiegel her⸗ aus; wilde Roſen und Brombeergeſtrüpp wucherten um die mit ſchlüpferigem Moos bedeckten Steine, Epheu und Cyelamen rankten darüber und ſilberne Agaven ſtreckten ihre ſtachlichen Blätter aus dem Grün hervor; aber es gab keinen Baum oder Strauch, an dem man ſich hätte halten können, und ein Kampf auf dem abſchüſſigen Boden mußte für Beide gleich ver⸗ derblich werden. Einen Augenblick ſtanden Vater und Sohn ſich mit feindſeligen Blicken gegenüber, dann flog ein ſelt⸗ ſames Zucken über Roberto's verwitterte Züge und langſam erhob er die Hand. „Du biſt krank, Felix“, ſagte er mit beruhigen⸗ dem Ton, wie man zu einem Kinde ſpricht,„ich will mit Dir heimgehen, nur einen Augenblick laß mich hinunterſteigen und mit den Leuten reden— ich komme gleich zurück!“ Felix lachte kurz und höhniſch—„ja wenn es zu ſpät iſt!“— Und wieder vortretend ſetzte er drohend hinzu:„Zuerſt ſchwöre mir, daß Du keine Hand an ihn legen willſt!“ 151 Ruhig entgegnete Roberto:„Sei unbeſorgt— es iſt noch zu früh— erſt wenn der Vollmond auf die Grotte ſcheint, ſteige ich noch einmal hinab.“ „Um ihn zu retten?“ „Um zu thun, was ich thun muß.“ Und ehe Felix ſich deſſen verſah, fühlte er ſich von dem rieſen⸗ ſtarken Arm des Vaters unwiderſtehlich auf die Seite gedrängt und mit weiten Schritten eilte derſelbe den gefährlichen Pfad hinab. Einen Augenblick zögerte Felix verwirrt, dann folgte er dem Vorausgegangenen. Schon nach einigen Schritten hörte er dumpfes Gewirr von Stimmen; näherkommend unterſchied er diejenige des Vaters, der mit dem Anführer der Soldaten ſprach. Leiſe ſchlich Felix am Rande des Felſens über der Grotte entlang, dort wuchs hohes Geſträuch, daß eine gebückte Geſtalt ſich drin verbergen konnte. Er ſchlüpfte hinein und horchte vornübergebeugt; aber das Gurgeln des Waſſers machte es unmöglich, die Worte zu verſtehen. Noch war der Mond hier durch die Berge verdeckt, auf dem See zitterte ſchon ſein ſilbernes Licht, aber die Bucht lag in ſo tiefem Schatten, daß Felix die dunkle Form der Barke mehr errieth als erkannte. Darum ſah er auch nicht, wie zwei Geſtalten dieſelbe geräuſchlos ver⸗ 152 ließen, und auf den Felſen ſtiegen, um dicht hinter ihm Poſto zu faſſen. Eine Weile herrſchte tiefe Stille, die nur unter⸗ brochen ward durch das Murmeln des Waſſers, das auch die eintönigen Gebete verſchlang, welche der Prie⸗ ſter dem anſcheinend apathiſchen armen Sünder im Kahn unabläſſig vorſprach. Da zitterte ein Lichtſtreif über die dunkle Fluth, er wurde breiter und breiter, voll ſchwamm der Mond über die Berge herauf und erfüllte die Bucht mit ſanf⸗ tem Licht. Es glitt auf den leichten Wellen bis an den Fuß des Felſens heran und ſchimmerte in den Tropfen, die von den gekreuzten Rudern der Barke in den See zurückfielen;— es blitzte auf den Flinten⸗ läufen der Soldaten,— auf dem ſilbernen Cruzifix, das der greiſe Prieſter in den ſchwachen Händen hielt, und auf den ſchweren vom Abendthau feuchten Ketten, die ſich um die Füße und Hände eines Mannes ſchlangen, welcher mit auf die Bruſt geſenktem Haupt im Boot ſaß und kein Zeichen des Lebens von ſich gab. Athemlos ſchaute Felix hinunter. Da erklang die tiefe Stimme des alten Roberto in feſtem Commando⸗ ton und augenblicklich kam Bewegung unter die regungs⸗ loſe Gruppe. Die Soldaten ſprangen auf, daß das Boot ſchwankte und ſich mit dumpfem Ton an der 153 Felswand rieb. Auf ihren Antrieb erhob ſich langſam auch der Verurtheilte, ſeine Ketten klirrten leiſe als er wie mechaniſch den Fuß bewegte, um das ſchwanke Bret zu betreten, das vom Kahn auf dem unter dem Waſſerſpiegel verborgenen flachen Stein in der Grotte führte. Ehe er es betrat, erhob er den dunkeln Kopf und ſchaute mit todtesbleichem Geſicht zum Nachthim⸗ mel empor, da gellte vom Felſen herab ein wilder Schrei durch die ſtille Luft. Aber im gleichen Augenblick packten kräftige Hände Felix' weit vorgebeugten Körper, unwiderſtehlich hoben ſie ihn vom Rande zurück und drückten ihn mit eiſer⸗ ner Gewalt an den Boden nieder— eine Weile rang er noch wie ein Verzweifelter gegen die Uebermacht, dann wurden die geſpannten Muskeln ſchlaffer und ſchlaffer, ſchwer ſank ſein Kopf auf das feuchte Moos zurück,— Felix war ohnmächtig. ...... Als er die Augen wieder aufſchlug und ſich mit wirrem Blick umſah, griff er an ſeine Stirn, wie um ſich zu überzeugen, daß er nicht träume; denn er be⸗ fand ſich in dem wohlbekannten Zimmer ſeines Vaters; die Hängelampe verbreitete ihr gedämpftes Licht, im Kamin brannte ein helles Feuer, und neben dem Stuhl, 154 in welchem Felix lag, ſtand der Vater und betrachtete ihn mit beſorgtem Blick. „Dem Himmel ſei Dank, daß Du aufwachſt!“ ſagte der alte Mann mit heiterem Geſicht, als Felix ſich raſch emporrichtete—„Deine Ohnmacht dauerte mir ſchon zu lange!“ „Was iſt mit mir vorgegangen, Vater?“ fragte Felix haſtig und augenſcheinlich noch nicht völlig zum klaren Bewußtſein zurückgekehrt,„habe ich denn Alles nur geträumt?“— Da fiel ſein Blick aus dem Fen⸗ ſter auf die ſich zum Untergange neigende röthliche Scheibe des Mondes, und wie ein Blitz durchzuckte ihn die Erinnerung an das Vorgefallene.„Alberto!“ rief er angſtvoll—„Du haſt ihn gemordet.“ Ruhig drückte der Vater den Aufſ Prirgenden in den Stuhl zurück. „Still!“ flüſterte er dicht am Ohr des Sohnes— „er lebt und wartet auf ſeinen Befreier!“ „Vater!“ rief Felix freudig und ergriff die Hand Roberto's,„Vater, wie ſoll ich Dir danken!“ „Dadurch, daß Du mein Wort vollendeſt und ihn befreiſt! Es wird Zeit, daß Du hinabſteigſt, damit Ihr über die gefährlichſte Stelle hinwegkommt, ehe es ganz finſter wird. Er muß die Nacht auf dem Sal⸗ vatore bleiben, dort iſt er ſicher— und morgen nach —— 155 der Schweiz hinunterſteigen. Hier nimm“, fügte Ro⸗ berto hinzu, indem er dem Sohn eine gefüllte Taſche hinreichte,„es iſt Mundvorrath drin und Geld—“ Aber Felix regte ſich nicht; düſter vor ſich hin⸗ ſtarrend nagte er mit den Zähnen an der Unterlippe, die Aufforderung des Vaters ſchien er nicht gehört zu haben. „Nimm, es iſt hohe Zeit“, wiederholte Roberto lauter,„lange kann der Arme ſeine qualvolle Lage nicht mehr ertragen.“ „Ich kann es nicht, Vater— ich nicht!“ brach Felix endlich heftig aus,„Du weißt nicht, was der Elende an mir verbrochen hat.“ „Du kennſt ihn?“ fragte Roberto verwundert. „O ja, ich kenne ihn, den feigen Verräther“— rief Felix leidenſchaftlich—„er wäre der Strafe werth geweſen, der Du ihn entzogen haſt— aber Du ſollteſt Deine Hand nicht beflecken— Vater, der Henker iſt der ſchlimmſte Mörder— er mordet kalten Blutes und für Geld!“ „Felix!“ rief der Alte warnend—„ſeit mehr als zwanzig Jahren heißt man mich den Henker von San Martino.“ Schaudernd wandte Felix ſich ab und ſchlug die Hände vors Geſicht. ——— 156 Lächelnd trat Jobert neben den erſchütterten Sohn. „Beruhige Dich, Felix“, ſagte er mit ſo ſanfter weicher Stimme, daß der junge Mann wie unbewußt die Hände niedergleiten ließ und athemlos in die un⸗ gewöhnlich milden Züge des Vaters ſchaute,„beruhige Dich!— Ich bin kein Mörder— meine Hand iſt rein von Menſchenblut!“ „Iſt's möglich!“ ſtammelte Felix und ſtarrte noch halb ungläubig den Alten an,„Du wärſt...“ ...„Kein Mörder“, wiederholte Roberto ernſt und faſt feierlich—„ſo wenig wie Du, mein Sohn, obſchon ich ſeit langen Jahren die Schmach und Schande meines Namens trage...“ „Aber warum, warum?“ fragte Felix faſt zornig. „Warum?“ wiederholte der Alte träumeriſch. „Weil ich der Sohn des Henkers war!— Du haſt's ja kennen gelernt! Nur daß keine Mutterhand mich zu erlöſen ſuchte von dem Fluch, der mein Leben für immer zerſtörte,— der nun auch das Deine geſtreift hat“, ſetzte er wehmüthig hinzu.„Schon meine Vor⸗ väter hatten„das Schwert der Gerechtigkeit“ geführt wie mein Vater ſein Amt zu nennen pflegte— es waren rauhe Zeiten damals und rauhe Menſchen;— ein Leben hatte nicht den Werth und die Bedeutung 157 wie heute— man ſchlug es um geringere Dinge willen in die Schanze..... ſie hatten Streiche ver⸗ dient und mußten ſie nun tragen hieß es, und die Ge⸗ richte machten nicht viel Umſtände. Ich war der einzige Sohn wie Du, und es war gar keine Rede davon, daß ich etwas anderes werden könne als meine Vorfahren geweſen waren. Denn die ganze Familie war unehrlich bis ins dritte Glied, und keine Zunft hätte den Sohn des Henkers als Genoſſe aufgenom⸗ men..... Wohin hätte ich mich auch wenden ſollen? Die Mutter hatte ich früh verloren, der Vater war ein ſtrenger harter Mann und duldete keine Aeußerung ſchwächlichen Mitleids mit den ihm Verfallenen; aber er zwang mich auch nicht, dabei zu ſein; denn die Männer unſerer Familie waren rieſenſtark. Es gab auch mit den Jahren immer weniger zu thun— der Vater ſagte oft unwillig, das Geſchlecht entarte immer mehr— bald würden alle Miſſethäter ungeſtraft um⸗ hergehen.— Ich ſchwieg dazu, hoffte daß Campione bald aufhören würde ſeine eigene Richtſtätte zu haben. Noch war der Vater ein kräftiger geſunder Mann. Seit einigen Jahren war ich verheirathet. Deine Mutter, wie Du weißt, entſtammte auch aus einer ge⸗ ächteten Familie, ſie verlor nichts, als ſie mir ihre Hand gab, und mit mir hoffte ſie auf endliche Erlö⸗ 158 ſung von dem ererbten Fluch. Du warſt unſer ein⸗ ziges Kind geblieben. Da ſtarb der Vater plötzlich — und ich ward ſein Nachfolger. So war es von Alters her geweſen, ich konnte nichts mehr dran än⸗ dern. Jahrelang lebten wir in ungetrübtem Frieden. Campione iſt klein, und ſeine Bewohner waren nicht beſſer und ſchlechter als ihre Nachbarn. Schon hatte ich gelernt ruhig zu ſchlafen und die Furcht vor den drei nächtlichen Schlägen weckte mich nicht mehr bei jedem Geräuſch da— nie werde ich mein Entſetzen und die Verzweiflung Deiner Mutter vergeſſen— da donnerten ſie in einer Mondnacht wie die geſtrige plötzlich durch unſer ruhiges Haus, und als ich hinaus ſtürzte hing die ſchreckliche ſchwarze Tafel an der Thür. Die ganze Nacht berriethen wir, wie das Gräßliche zu verhindern ſei und endlich fanden wir das Mittel. Ich ſtieg hinunter, um die nöthigen Vorbereitungen zu machen — und jubelte faſt laut: Das Waſſer ſtand hoch über dem Stein!— Die Grotte iſt eng wie Du weißt und der Umfang der Platte bietet nicht Platz für viele. Darauf baute ich meinen Plan. Ruhig erwarteten wir das Kommende. Als die Sonne hinter dem Generoſo verſchwand begannen die Glocken von Cam⸗ pione ihren Sterbegeſang, und die ſchwarze Barke die Du geſehen haſt, tauchte qus dem Abendnebel hervor. 159 In ſieberhafter Erregung beobachte ich ihr Näherkom⸗ men.— Mußte ich gegen meinen Willen zum Mörder werden oder würde das Rettungswerk mir gelingen? Ich weiß nicht, wie ich ſoviel Faſſung bewahrte, um nicht ſelbſt alles zu verderben. Als das Boot landete, und ich den Verurtheilten ſah, wie er bleich und ruhig zwiſchen ſeinen Wächtern ſaß, und nur die Augen hob, um ſeinen Henker mit einem Blick des ſchmerzlichſten Vorwurfs anzuſehen, da wußte ich, daß er unſchuldig war und daß ich ihn retten würde mit Gefahr des eignen Lebens. Es gelang mir, ihm ein paar Worte zuzuflüſtern und einen Augenblick blitzte es wie Hoff⸗ nung in ſeinen dunklen Augen auf— er war ja noch ſo jung!— Dann wurden ſeine Züge bleicher wie zu⸗ vor, und verächtlich wandte er ſich von mir ab.— Er traute mir nicht und hielt Alles für eine Liſt, um mir die Arbeit zu erleichtern. Widerſtandslos ließ er ſich über das Brett führen, ich ſah, wie er zuſammen ſchauderte als ſein Fuß in das eiſige Waſſer verſank, aber ruhig ging er weiter.— Die Soldaten und der Prieſter blieben draußen. Der Prieſter betete laut.— In der Grotte war es faſt finſter und das Rauſchen der Quelle verdeckte meine Worte. Endlich glaubte er mir— und that wie ich ihm geheißen. Als ich dann die Soldaten aufforderte hineinzuſchauen und ſich von der Vollſtreckung zu überzeugen lehnten ſie, wie ich gehofft, voll Scheu und Grauſen ab und bald glitt das Boot wieder über den ſchimmernden See zu⸗ rück. Nach einer Stunde ſtieg ich wieder hinab und befreite ihn. In der Nacht führte ich ihn auf den Salvatore, und von dort ſtieg er ſpäter in die Schweiz hinab.— Daß er unſchuldig verurtheilt ſei, hat er mir geſagt.... Das war mein erſter„Mord“— lächelte Robert—„den zweiten kennſt Du!“ „Vater“, rief Felix ſchluchzend und warf ſich an die Bruſt des bewegten alten Mannes—„kannſt Du mir vergeben?“ Leiſe ſtrich Robert über die blonden Locken des Sohnes—„ich habe Dir nichts zu vergeben, mein Kind— die Schmach meines Namens iſt dieſelbe ge⸗ blieben.— Die Mutter und ich hatten ſie nicht mehr geachtet, aber Deinetwegen hat ſie mich oft zu Boden gedrückt.“ „Laß gut ſein Bater“, tröſtete Felix mit feuchten Augen,„was kümmert uns die Verachtung der Welt, wenn unſere Hände rein ſind.“ Sanft ſchob der Alte ihn von ſich: „Wir vergeſſen, daß ein Geretteter unſrer harrt“, ſagte er,„es iſt mir heute nicht ſo leicht gemacht; das Waſſer war flach, und die Soldaten wollten ſich den ſel⸗ 16¹ tenen Anblick nicht entgehen laſſen, aber der alte Prieſter hat mir ohne ſein Wiſſen geholfen, indem er ihnen ihre Rohheit vorwarf, dann zogen ſie ſich zurück, — und nun komm mein Junge— denke jetzt nicht an ſeine Schuld gegen Dich— er iſt durch die Todes⸗ angſt beſtraft genug.“ Erſt halb beſiegt erhob ſich Felixr. Es war ihm peinvoll dem Mann gegenüber zu treten, den er haßte ſeit Angiolinens Abſchiedsbrief ihn als den Verräther bezeichnet hatte. Er würde zwar ebenſo gehandelt ha⸗ ben, wie vorhin, auch wenn er gewußt hätte, wer der Verurtheilte ſei; aber ihn wiederzuſehen, mit ihm zu reden— neben ihm zu ſein— das erſchien dem jun⸗ gen, von Alberto ſchmählich betrogenen Mann unmög⸗ lich. Nur die wiederholte Verſicherung des Alten, daß er ſelbſt zu ſehr erſchöpft ſei, vermochte Felix endlich ſich auf den Weg zu machen. Mit einer Blendlaterne in der Hand ſtieg er langſam den ſteilen Pfad hinab, unter Strauchwerk verborgen lag drunten ein kleiner Nachen, er ſtieg hinein und ruderte leiſe bis an den Eingang der Grotte—. Vorſichtig öffnete er die La⸗ terne und ließ den Lichtſtrahl voll auf den flachen Stein fallen. Täuſchten ihn ſeine Augen?— Unbewegt ſtand das dunkle Waſſer über der Platte, von oben herunter hing ein loſer Strick aber der Stein war v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. III. 4 11 leer. Wiederholt ließ Felix das Licht über die triefen⸗ den Wände gleiten, die metalliſch ſchimmerten unter dem grellen Schein, nichts regte ſich, als die fallenden Tropfen die mit dumpfem Ton von der Wölbung in das Waſſer fielen. Kopfſchüttelnd wendete Felix den Nachen und ruderte langſam am Felſen entlang. For⸗ ſchend ſchaute er in jede Spalte, er prüfte jeden Fels⸗ block, aber nichts war zu entdecken was einer menſch⸗ lichen Geſtalt glich. Es war zu ſpät!— Der Un⸗ glückliche, des Wartens müde, hatte ſich losgemacht, und des Ortes unkundig war er vom Stein in den dort unergründlich tiefen See geſtürzt. Mit Centner⸗ ſchwere fiel dieſer Gedanke auf das Gemüth des jun⸗ gen Mannes,— wenn Alberto verunglückt war, ſo trug Felix die Schuld, weil er aus Haß gezögert hatte, zu ſeiner Befreiung herbei zu eilen. Das durfte nicht ſein— ſo hart konnte er nicht dafür beſtraft werden! Wenn Alberto ihm auch Koſtbareres genommen hatte als das Leben, wenn er auch ein verurtheilter Ver⸗ brecher war, Felix zitterte davor, Schuld zu ſein an dem Tode eines Menſchen, und mit raſtloſer Angſt ſetzte er ſeine Nachforſchungen fort.— Es gab noch einen Ausweg. Alberto wußte, daß Felix der Sohn des Henkers ſei, und wollte ſeine Rettung durch den Vater nicht durch die Rache des Sohnes wieder ver⸗ 163 eiteln; und er war in den See geſprungen, um ſchwim⸗ mend aus dem Bereich des Gefürchteten zu kommen. Aber Felix bedachte auch, wie eiſig das Waſſer gerade in dieſer Bucht war, und daß es dem Waghalſigen leicht verderblich werden könnte. Unermüdlich ſuchte er weiter.— Wohin das Licht fiel, löſten ſich Schat⸗ ten ab, groteske und wilde Formen aller Art traten ihm aus der Finſterniß entgegen und ſchienen mit Ge⸗ ſpenſterarmen nach ihm zu greifen, aber die Geſtalt eines Menſchen war nicht darunter. Er ſah endlich ein, daß ſein Suchen vergeblich ſei und niedergeſchlagen ruderte er den Nachen wieder an ſeinen Platz. Als er die Kette um einen überhängenden Stein ſchlang, hielt er lauſchend inne, denn er glaubte unterdrückte Athem⸗ züge zu vernehmen. Regungslos horchte er eine Weile, da vernahm er es deutlicher und diesmal war kein Zweifel mehr— dort in dem Geſtrüpp mußte Jemand verſteckt ſein. Felix trat näher und leuchtete unter die Büſche, da bewegte ſich etwas, ein menſchlicher Fuß ſuchte ſich unter welkem Moos zu verbergen. Er⸗ leichtert athmete Felix auf. „Alberto!“ ſagte er ernſt, aber ſeine Stimme bebte—„Alberto, komm hervor, ich bin es, Felix, der Vater ſchickt mich, um Dich auf den Salvatore zu führen. Dort erſt biſt Du in Sicherheit.“ 11* 164 Einen Augenblick blieb Alles ſtill, als ob der Ver⸗ ſteckte mit einem Entſchluß ringe; dann bewegten ſich die Büſche und ein Kopf mit naſſem ſchwarzem Haar hob ſich langſam draus hervor.— „Ich bin in Deiner Gewalt“, ſagte eine heiſere Stimme—„liefre mich aus, wenn Du willſt.“ Felix erhob abwehrend die Hand: 1 „Sei unbeſorgt, ich bin kein Verräther!— Aber jetzt iſt keine Zeit zum Reden— wir müſſen hier fort ſein— ehe es Tag wird.— Komm!— aber erſt nimm das“, ſagte Felix indem er aus der umgehäng⸗ ten Taſche ein Fläſchchen nahm—„Du wirſt es nöthig haben.“ Haſtig griff Alberto nach dem Wein; ſeine Züge waren entſtellt und er zitterte vor Kälte in den durch⸗ näßten Kleidern. „Meinſt Du, daß Du noch eine Stunde ſteigen kannſt?“ fragte Felix dann ängſtlich—„Du biſt er⸗ ſchöpft, aber oben kannſt Du ausruhen.“ „Oh, man kann viel, wenn es ums Leben gehet“, entgegnete Alberto bitter und richtete ſich vollends em⸗ por—„es war kein Spiel bis hierher zu gelangen!“ fügte er ſchaudernd hinzu und deutete auf die ſchwarze Fluth zu ſeinen Füßen. ——— ⅓ 165 „So komm.“ Vorſichtig den ſchmalen Pfad ſuchend ſtieg Felix voran, und erſt mühevoll, dann immer kräftiger folgte ihm der Andre. Eilig überſchritten ſie die ſtille Straße, am Hauſe Robert's, das in tiefem Schatten lag, glit⸗ ten ſie vorüber, und dann begann die gefährliche Wan⸗ derung an der Salvatorwand empor. Nur geübte Kletterer, wie beide Männer waren, konnten es unter⸗ nehmen, dort hinauf zu gelangen; bei der Dunkelheit wäre es unthunlichtgeweſen, aber im Oſten begann der Tag zu grauen, und außerdem kannte Felix den Pfad genau. Jeden Vortheil benutzend, hier ein Felsſtück um⸗ gehend, dort Halt im Wurzelwerk ſuchend, dann wie⸗ der auf Händen und Füßen klommen ſie empor; öfter mußte Alberto ausruhen, und ſich mit Wein und einem Viſſen Brod ſtärken; auch Felix unterſtützte ihn wo der Weg es erlaubte, bis ſie endlich nach zwei Stunden angeſtrengteſter Wanderung auf dem Gipfel angelangt waren. Ein überhängender Felsblock bildete dicht unter der Plattform eine Höhle, deren hoch mit welkem Moos bedeckter Boden andeutete, daß ſie ſchon von Menſchen benutzt worden ſei. „Meine Burg“, ſagte Felix, als er Alberto hienein führte. Völlig erſchöpft warf ſich dieſer auf das weiche Lager, eine Weile drehte er ſich hin und her, dann 166 bekundeten ſeine tiefen regelmäßigen Athemzüge, daß er eingeſchlafen war. Von widerſtreitender Empfindung bewegt betrach⸗ tete Felix den Schlummernden, dann bückte er ſich, holte eine wollene Decke aus einem Winkel hervor, und breitete ſie vorſichtig über Alberto's ausgeſtreckten Körper. Die Taſche legte er neben ihn; dann nahm er ſeine Schreibtafel und ſchrieb darauf mit Bleifeder in deutlich feſten Zügen: „Du bedarfſt meiner nicht mehr— dort rechts führt der Weg in die Schweiz, Du kannſt ihn nicht verfehlen— halte Dich nur immer zur Rechten. Ich kann Dich nicht begleiten, aber ich wünſche Dir Glück auf Deinen Weg.— Werde ein Anderer, Alberto, und verſuche Dein Verbrechen zu ſühnen. Ich lerne viel⸗ leicht Dir zu vergeben, noch kann ich es nicht!— Lebewohl!—“ Das Täfelchen legte er neben den Schlafenden, daß dieſer es beim Erwachen ſogleich erblicken mußte, und verließ geräuſchlos die Höhle. Vor derſelben, am jähen Abſturz des Felſens ließ er ſich auf einen Stein nieder, denn auch er bedurfte einer kurzen Raſt, ehe er den Heimweg antreten konnte. Noch war es nicht ganz Tag, in dunkeln Umriſ⸗ ſen zeichneten ſich die Berge gegen den nächtlich grauen 167 Himmel ab, und die Thäler lagen in dichten Nebel⸗ maſſen verborgen. Allmählig jedoch begannen die Ge⸗ genſtände um ihn herum deutlicher hervorzutreten; ein lichter roſiger Schimmer erſchien hinter den weißen Spitzen der Schneeberge, es wurde heller und glänzen⸗ der; einzelne Strahlen ſchoſſen empor, der ganze Ho⸗ rizont begann ſich purpur zu färben, und dann, hinter den aufleuchtenden Berggipfeln empor, hob ſich lang⸗ ſam und majeſtätiſch der feurige Sonnenball. Und wie er herauf ſchwebte wich die Dämmerung von den Höhen und glitt immer tiefer hinab in die Schluchten und Thäler; die Nebelmeere begannen zu wallen und zu wogen; ſie ballten ſich zuſammen und zerriſſen, graue Wälder, tiefblaue Seeen tauchten daraus her⸗ vor, da und dort funkelte das Kreuz eines Kirchleins golden über den weißen Häuſern zu ſeinen Füßen, und immer ſiegreicher verfolgte das Licht ſeinen Weg bis zu den fernſten fliehenden Schatten. Sinnend ſchaute Felir den immer herrlicher er⸗ wachenden Morgen; ſein Blick ruhte wie traumver⸗ loren auf der Gletſcherwelt des Monteroſa um deſſen Eiszacken ſich die letzten Nebelwolken drängten, und blutroth angehaucht wie losgelöſt von der Erde ſchwebte ſein höchſter Gipfel duftig in der reinen Luft. Jetzt trafen auch die erſten warmen Strahlen den Schlä⸗ 168 fer in der Höhle, und unruhig bewegte er ſich auf ſeinem Lager.— Bei dem Geräuſch fuhr Felix zuſammen und er⸗ hob ſich raſch— Alberto durfte ihn beim Erwachen nicht mehr finden. Mit einem langen Blick nahm er Abſchied von dem wunderbaren Bilde, das ihn ſchon zu lange hier oben gefeſſelt hielt, dann ſtreifte ſein Auge die eingefallenen Züge des einſtigen Studienge⸗ noſſen, um deſſen bleiche Stirn das naſſe Haar wirr herabhing und deſſen Glieder zuweilen zuckten wie im Krampf. Er hatte den ſchleichenden Menſchen nie ge⸗ liebt, dann war eine Zeit gekommen, wo er ihn haſſen mußte wie ſeinen ſchlimmſten Feind, und doch als er jetzt vor ihm lag, ein trauriges Bild von Elend und Verfall, überkam es ihm wie tiefes Mitleid mit dem Unglücklichen; und ein ſchwerer Seufzer hob ſeine Bruſt, als er ſich raſch abwandte und geräuſchlos die kleine Plattform verließ.... Wochen waren vergangen; die Gluth des Som⸗ mers lag über den Thälern und Höhen, Feigen und Phyrſiche begannen zu ſchwellen und ſich zu färben; das Gras ſchwankte in den Wieſen, die blitzenden Silberfäden der Caskaden waren verſiegt unter den ſengenden Sonnenſtrahlen und ſelbſt die Felſen ſchie⸗ 169 nen Wärme auszuhauchen. Der See lag blau und glatt wie ein Stahlſpiegel zwiſchen den gewaltigen Uferbergen, in den Morgen⸗ und Abendſtunden erſchie⸗ nen die Barken der Fiſcher und die rothen zeltüber⸗ ſpannten Gondeln der Luſtfahrenden auf demſelben... Einer dieſer glühend heißen Tage war eben vor⸗ über, ein friſcher Lufthauch kräuſelte das laue Waſſer zu zierlichen Wellen, und ſpielte mit den bunten Wim⸗ peln der unzähligen Boote, die ſeit dem einbrechenden Abend den See belebten. Auf den Straßen wogte es von Reitern und Fußgängern und der Geſang auf dem Waſſer fand ſeinen Wiederhall von allen Seiten des grün verhüllten Ufers. Die ſchrägen Abendſtrahlen vergoldeten auch den Gipfel des St. Salvatore und fielen auch auf den Felsvorſprung des Furka, der in dem warmen goldnen Licht ſo friedlich dalag als habe ſein ſchweigender Ruheſtein kein finſtres Geheimniß zu verbergen.— Die wilden Roſen kleideten ihn mit ihren ſchimmernden Blüthen und aus den grünem Moos und Epheuranken leuchteten die duftenden Kelche der Bergveilchen hervor. Die ſchrägen Strahlen glitten auch bis in die Schlucht von San Martino und ſchlüpften durch das offene Fenſter des grauen Hauſes bis in das geräumige Ge⸗ mach— wo Felix am Bett des Vaters ſaß, und in 170 banger Sorge deſſen immer zunehmende Schwäche be⸗ obachtete. Der alte Roberto war krank; ſchon ſeit Wochen hatte er ſeine nächtlichen Gänge einſtellen müſſen, und mit wachſender Unruhe beobachtete der Sohn die langſamen aber ſichern Fortſchritte eines Leidens, das ſich längſt in dem kräftigen Körper vor⸗ bereitet haben mußte. Seit Felix die Geſchichte des Vaters kannte, hing er an den alten Manne mit der ganzen Wärme eines jungen Herzens, das ſich allein und fremd in der Welt fühlt, und ſeine kindliche Liebe verbreitete über das Leben Roberto's wieder etwas von dem Licht, das derſelbe mit dem Tode ſeiner Frau für immer erloſchen glaubte. Roberto fühlte deutlich, daß ſein Ende nahe ſei, aber um den Sohn nicht zu betrüben heuchelte er eine Kraft, deren ſtetes Sinken er längſt gefühlt hatte, und eine Luſt am Leben die er nicht empfand. Er war alt und ſehnte ſich nach Ruhe; und für Felix hoffte er von ſeinem Tode die endliche Befreiung von der alten Schmach. Felix konnte dann den Ort verlaſſen, der ihm ſo viel Unheil gebracht, und in einem fremden Lande, wo niemand ihn kannte, oder ſich um ſeine Vorfahren kümmerte ein neues glückliches Leben beginnen......... Schweigend ruhte er in ſeinen Kiſſen und folgte mit den Blicken dem langſamen wandernden Sonnenſtrahl. 4741 Da ertönte ein leiſes Pochen an der Thür; ge⸗ ſpannt ſchauten Vater und Sohn auf dieſelbe, und vergaßen über die Ungewöhnlichkeit des Creigniſſes, das einladende Herein. Denn noch nie hatte ein frem⸗ der Fuß dieſe Schwelle betreten, oder eine andre Hand als die der alten Antonia dieſe Thür berührt,— und Antonia war, wie beide wußten, jetzt nicht im Hauſe. Noch einmal pochte es lauter wie zuvor, zugleich bewegte ſich der Drücker und die Thür wurde geräuſch⸗ los geöffnet. Auf der Schwelle erſchien eine ſchlanke Frauengeſtalt. Ein ſchwarzes Gewand floß in weichen Falten bis zu den Füßen herab, und ein dichter ſchwar⸗ zer Schleier lag verhüllend um Haupt und Schultern. Einen Augenblick ſtand die Erſcheinung regungslos im Rahmen der Thür, dann trat ſie einen Schritt vor⸗ wärts mitten in den Lichtſtreif des Sonnenſtrahl's und ſchlug langſam den Schleier zurück. Wie gebannt ſtarrten die Männer in das bleiche regelmäßige Geſicht, das mit dem Zlick der Todesangſt in den großen dunklen Augen von unendlich rührender Schönheit er⸗ ſchien, da erhob das Mädchen die gefalteten Hände, und mit bebender Stimme flüſterte ſie leiſe und angſtvoll: „Felix!“ „Angiolina!“ brach es in unterdrücktem Jubelruf von den Lippen des jungen Mannes.— hÜgÜÜÜRmRnngBRhRhRhhhhSS 172 „Du kommſt zu mir?!“ „Felix kannſt Du mir vergeben?“ ſchluchzte das Mädchen, und glitt, ehe er es verhindern konnte, zu ſeinen Füßen nieder. Kraftvoll hob er ſie empor und preßte ſie feſt in ſeine Arme: „Du kommſt zu mir, Du liebſt mich noch?“ ſtam⸗ melte er immer wieder zwiſchen Lachen und Weinen; aber ſie rang ſich aus ſeinen Armen los: „Ich liebe Dich!“ ſagte ſie feſt—„aber ich bin nur gekommen, um Deine Vergebung zu erflehen, dann gehe ich und Du ſollſt nie wieder von mir hören.“ „Angiolina“, rief Felix ſchmerzvoll,„noch immer ſteht Dir das Vorurtheil der Welt höher als unſre Liebe!“— „Halt ein Felix“, bat ſie, indem ſie flehend die Hand erhob—„erinnere mich nicht an meinen grau⸗ ſamſten Irrthum; er trug ſeine Strafe in ſich— Du weißt nicht was ich gelitten habe ſeit ich Dich verließ! Ich habe nie aufgehört Dich zu lieben, und ſeit die Mutter todt iſt— ſeit ich Alles weiß—“ fügte ſie kbebend hinzu,„habe ich nur noch eine Sehnſucht ge⸗ annt— zu Deinen Füßen Deine Vergebung zu er ſlohen“......... „Und doch verſchmähſt Du mich?“ rief Felix bitter. 173 „Weil ich Deiner nicht werth bin“, unerbrach Angiolina ihn ſchluchzend—„ich ſtieß Dich einſt von mir, weil ich nicht ertragen konnte das Weib des künftigen Henkers von Campione zu heißen, wie Al⸗ berto Dich nannte; ich wußte nicht, daß mein Vater— durch den Strick geendet hat“, ſtieß ſie leidenſchaftlich hervor und verbarg das Geſicht in den Händen. Da erklang vom Bett die vor Aufregung bebende Stimme des alten Roberto: „Angiolina, meine Tochter komm näher zu mir.“ Das junge Mädchen ſchrack zuſammen, ſie hatte völlig vergeſſen, daß ſie nicht allein waren, und mit niedergeſchlagenen Augen näherte ſie ſich dem Lager des Alten. Roberto hatte ſich aufgerichtet; ihre kalte Hand in ſeiner fieberheißen haltend zog er ſie zu ſich heran und prüfte mit forſchendem Blick ihre Züge. Befrem⸗ det ſah Felix auf die Gruppe. „Wie hieß Dein Vater mein Kind?“ fragte Ro⸗ berto mit ſanfter Srimme: „Franzesco Gonza“— „Woher?“ „Aus Pruſinpiano“ „Wann ſtarb ere.... „Vor achtzehn Jahren“..... 174 „Haſt Du keine Erinnerung an ſeine Züge?“ ſetzte Roberto immer haſtiger ſeine Fragen fort, während Angiolina bittende Blicke zu Felix hinübergleiten ließ —„wie ſah er aus?“ 3 „Wenn die Mutter zornig ward, ſagte ſie, ſähe ich aus wie er“, flüſterte das junge Mädchen kaum hörbar. „Kein Zweifel, er iſt's“, rief der alte Mann freu⸗ dig aus,—„ja, ja Du gleichſt ihm,— Du haſt die⸗ ſelben Züge— denſelben Blick, mit dem er mir ſagte, daß er unſchuldig verurtheilt ſei!“ „Mein Vater— unſchuldig— woher wißt Ihr.“— „Ich bin nicht umſonſt der Henker von San Mar⸗ tino. Man übergab ihn mir, aber ich bin kein Mörder, ich rettete ihn...“ „Er war's, Angiolina's Vater“, rief Felix in höchſter Aufregung—„aber was ward aus ihm?“ „Ich weiß nicht,— er wollte über's Meer fliehen.... Seltſam, daß er nie ein Lebenszeichen gable... „Er konnte mit der Mutter nicht mehr leben— 3 und mich hat er nie gekannt“, flüſterte das junge Mäd⸗ chen tief erröthend—„die Mutter klagte ſich im Ster⸗ ben an, daß ſie Schuld an ſeinem Tode ſei.. und mich bat ſie um Vergebung, daß ſie auch mich un⸗ 175 glücklich gemacht habe in ihrem ſündigen Hochmuth...“ ſetzte ſie weinend hinzu...... Tief erſchüttert ſchwiegen ale drei— der Son⸗ nenſtrahl war immer höher empor gerückt an der grauen Wand; jetzt erloſch er und die Dämmerung einer Sommernacht breitete ſich über die friedenvolle Welt. Da ſtreckte Roberto ſeine zitternden Hände aus: „Wo ſeid Ihr“, flüſterte er, mit veränderter Stimme,„ich ſehe Euch nicht mehr?“ „Wir ſind hier Vater“, ſagte Felix ängſtlich und Angiolina's Hand in die ſeine nehmend legte er die taſtenden Finger des Vaters auf die ihren. „Kommt näher— ganz nahe“, bat der Alte— und mit Anſtrengung fuhr er fort:„Angiolina Gonza, willſt Du das Weib meines Sohnes werden, und nicht von ihm laſſen, es ergehe Euch wie es wolle?“ Und Felix ſchlang den Arm um ihren Leib und flüſterte zärtlich: „Willſt Du, Angiolina?“ In Thränen ausbrechend ſank das Mädchen neben dem Bett des Sterbenden auf die Knie. „Es giebt ja für mich kein Glück ohne ihn!“ „Segen, Segen über Euch“, ſtammelte der alte Mann mit brechender Stimme—„die Mutter hatte recht.... Felixr.... nun doch glücklich..... 4 176 dann ſank die erhobene Rechte ſchwer zurück auf die Kiſſen, ein Seufzer— und der letzte Henker von San Martino hatte geendet...... Leiſe weinend war Felix neben Angiolina auf die Knie geſunken. Lange verharrten beide regungs⸗ los neben dem Entſchlafenen, dann erhob ſich der junge Mann, und richtete ſanft das in den Kiſſen vergra⸗ bene Geſicht der Geliebten empor: „Weine nicht“, bat er innig—„er hat ſich längſt nach Ruhe geſehnt“, und wehmüthig lächelnd ſetzte er hinzu—„als er ſah, daß ich nicht mehr allein ſei, iſt er zur Mutter gegangen um ihr zu ſagen, daß ihr Sohn glücklich iſt.“ Unter Thränen lächelnd ſah das ſchöne Mädchen zu ihm empor. Die ganze linde Sommernacht ſaßen die Wieder⸗ vereinten beiſammen und hielten die feierliche Wacht an dem Lager des Todten. Mit leiſer Stimme er⸗ zählten ſie ſich ihr Leben in dem vergangenen Jahr, und von vielem verborgenem Weh und heimlicher Bit⸗ terkeit, von banger Sehnſucht und verſtohlenen Thrä⸗ nen hatte Angiolina dem Geliebten zu berichten. Denn die Mutter hatte ſie zwingen wollen, einen Andern zu heirathen, und ihr keine Ruhe gelaſſen mit Klagen 14 und Vorwürfen. Auch von Alberto ſprachen ſie, und daß er ſich ihr nach ſeinem Verrath an Felix wieder hatte nähern wollen. Aber ſo ſehr auch die Mutter den ſchmeichleriſchen Menſchen begünſtigte, Angiolina ſelbſt hatte ihn voll unverhohlenen Abſcheu's von ſich gewieſen, und ſeine Drohungen verachtet. Das Letzte, was ſie vor Monaten von ihm gehört war, daß er die Frau eines Jugendbekannten mit ſeiner Leidenſchaft verfolgt habe. Von dem Manne ſei ihm dann eines Tages in ſchonungsloſen Worten das Haus verboten worden; bei dem darauffolgenden Wortwechſel habe Alberto voller Wuth das Meſſer gezogen, und dem Unbewaffneten in die Bruſt geſtoßen. Der ſchwer Ver⸗ wundete ſei noch denſelben Tag geſtorben, und Alberto entflohen; was weiter aus ihm geworden wiſſe ſie nicht. Darauf erzählte Felix der tiefbewegten Geliebten, wie vor nicht langer Zeit Alberto als zum Tode Verurtheilter in Ketten nach San Martino gebracht, aber von ſeinem Vater gerettet, und durch ihn ſelbſt auf dem Salvatorberg in Sicherheit gebracht worden ſei. Als er nach einigen Tagen wieder hinauf geſtiegen war, hatte Alberto ſich bereits in die Schweiz geflüch⸗ tet; auf der zurückgelaſſenen Schreibtafel hatte er mit kurzen Worten ſeinem Retter gedankt, und ihm ver⸗ v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. III. 12 178 ſichert,— außer Angiolina und ihrer Mutter habe er Niemandem das Geheimniß von Felix Herkunft ver⸗ rathen, wenn dieſe, was anzunehmen ſei, geſchwiegen hätten, ſo würde ſeiner Rückkehr nach Padua nichts im Wege ſtehen, wenn er anders ſeinem erwählten Beruf treu bleiben und ſich dort niederlaſſen wolle. Felix fügte hinzu, dieſe Mittheilung hatte für ihn kei⸗ nen Werth gehabt, denn er hätte den Gedanken nicht ertragen eine Stadt wiederzuſehen, wo er das höchſte Glück und das größte Elend ſeines Lebens erfahren. Unter Thränen und Küſſen verſicherte ihn das Mädchen, die Mutter habe, wie Alberto richtig errathen, aus Hochmuth geſchwiegen, und ſie ſelbſt— wollte ſie in ihrer Anklage fortfahren, aber Felix verſchloß ihr den Mund. Als der Tag graute, begannen Beide ſein und des Vaters geringfügiges Eigenthum zu ordnen; mit Hülfe des jungen Mädchens ſchaffte er das Nothwen⸗ digſte in den Kahn und ruderte mit der Geliebten nach Campione hinüber. Mit dem Pfarrer des Orts hatte er eine lange Unterrednng; dann kehrte er, nach⸗. dem er die Braut untergebracht, mit dem Geiſtlichen nach San Martino zurück. Nachdem er mit demſelben 4 Alles für ein ſtilles Begräbniß des Vaters geordnet, und ihm das Verſprechen abgenommen hatte, denſelben, —— 179 wie er oft gewünſcht, neben ſeiner Frau zu begraben, nahm er den letzten Abſchied von dem Todten, da das Leben ihn zu neuen Pflichten rief; dann empfahl er die alte treue Magd der Fürſorge des Geiſtlichen und verließ das graue Haus, um es nie wieder zu betreten. An der Seite ſeines ihm in aller Stille an⸗ getrauten Weibes verließ er Campione und kehrte nach Padua zurück, um dort einen neuen mit Erfolg ge⸗ krönten Wirkungskreis anzutreten. Mit Roberto's Leiche verließ der letzte Bewohner das einſame Haus in der Furkaſchlucht. Es zog kein neuer Nachfolger über die verrufene Schwelle, denn nach wenigen Monaten löſte in Folge von Grenzre⸗ gulirung die Schweiz dieſe Enklave von Italien ab, und Campione verlor ſeine ſchrecklichen Rechte an die Grotte von San Martino. Das Haus, welches die Schmach von Generationen bedeckt hatte, blieb einſam und verlaſſen; und Wind und Wetter konnten unge⸗ hindert ihr Zerſtörungswerk beginnen. Bald ſanken Thür und Fenſter aus den verroſteten Angeln, Schnee und Regen drangen in die leeren Räume und über⸗ zogen die Wände und den Boden mit grünem Moder, — die verwitternden Steine fielen aus den Fugen. Die beiden Oliven vor dem Fenſter ſtarben ab und ihre ſilbernen Stämmchen verſchwanden unter dem 12* —p- 180 immer üppiger aufſchießenden Giftpflanzen, die bis über die Schwelle wucherten, und Schaaren von Schlangen bevölkerten die zerbröckelnden Ruinen. Der Pfad an der Salvatorewand iſt ungangbar geworden durch fallendes Geſtein, Heidekraut und wilder Thy⸗ mian haben zwei einſame Gräber überdeckt und die rothen Blumen mit ihrem Gerank erſtickt, und die Höhle am Gipfel iſt längſt zuſammen geſtürzt. Aber in kühnen Windungen zieht ſich jetzt eine dem Felſen abgetrotzte ſchmale Straße bis hinauf zu der Plattform und oben erheben ſich weithinſichtbar die weißen Mau⸗ ern des Wallfahrtskirchleins von St. Salvatore. 8 — — Das Paradies. Von Max von Schlägel. Erſtes Kapitel. Der Allerweltsprieſter. Trotz ihrer trefflichen Beſchaffenheit, welche ſie mit den meiſten ſchweizeriſchen Verkehrswegen theilte, iſt die Straße, welche in der Nähe Lugano's an der nörd⸗ lichen Seite des Salvatorberges bis Carona anſteigt, in der Regel ſehr einſam, denn hinter der Ortſchaft fällt der Bergrücken Arboſtora ſteil ab in den See, der ihn, hier die Grenze zwiſchen Teſſin und Italien bildend, gleich einem breiten blauen Bande eng um⸗ ſchließt. Nur an Markttagen begegnet man einem regeren Verkehr. Es war daher natürlich, daß der Mann, welcher ein paar hundert Fuß abwärts von der Straße in ſeinem abgelegenen und verwilderten Weinberg die Reben ſchnitt, ſich dicht am Wege zu thun machte, als 184 er einen Fremden ſo früh am Tage und im Jahre hier heraufkommen ſah. Der Bauer gab ſich ſo wenig Mühe, ſeine Neu⸗ gier zu verbergen, und grüßte ſo zutraulich, daß der 3 einſame Wanderer lächelnd ſtehen blieb und ſichtlich mehr aus Gutmüthigkeit, als weil es ihm gerade Be⸗ dürfniß war, ein Geſpräch anknüpfte. „Der Frühling iſt im Anzug“, ſagte er ſtatt jeden Grußes und deutete aufwärts nach dem gewaltigen Kaſtanienbaum, deſſen Blätter eben weißlich grün aus der braunen Knospenhülle gebrochen waren. Der Landmann, ſo richtig bei dem gepackt, was ihm am meiſten am Herzen lag, wiſchte ſich mit dem Aermel die Schweißtropfen von der Stirn und gab mit ſchlauem Geſicht die alte Weisheit zum beſten, es fehle nur noch ein warmer Regen, dann werde über Nacht alles in voller Blüthe ſtehen. Dann fügte er zögernd die Frage bei, wohin der Wanderer wolle. 1 „Nach Carabbia“, ſagte der Fremde lächelnd. „Kennt Ihr den Pfarrer Lazzardi?“ „Ich bin nicht aus Carabbia, ſondern von da unten aus Cadepiano“, berichtete der Bauer wichtig, 3 „aber den Allerweltsprieſter kenne ich doch!“ „Den Allerweltsprieſter?“ „Ja, man nennt ihn ſo“, fuhr der Bauer fort, 185 durch die raſche Frage unſicher gemacht.„Er kennt keinen Unterſchied zwiſchen Einheimiſchen und Frem⸗ den und manchmal ſind Leute bei ihm und er trinkt mit ihnen Kaffee und ſteigt mit ihnen auf den Berg, ohne daß man weiß, was dieſe Leute eigentlich für einen Glauben haben.“ „Nun und vernachläſſigt er darüber ſeine Pfarr⸗ kinder?“ Das Geſicht des Fremden war etwas ſtrenger ge⸗ worden. „Ganz und gar nicht“, beeilte ſich der Bauer zu verſichern.„Die Armen in Carabbia ſtehen ſich nicht ſchlecht dabei. Aber man ſpricht eben davon, weil man das bei den anderen geiſtlichen Herrn nicht ge⸗ wöhnt iſt. Und die Geſchichte mit dem jungen Mäd⸗ chen, das ihn ſo oft beſucht, iſt auch nicht in der Ordnung.“ Mit der Neigung ungebildeter Menſchen, die Er⸗ folge ihres Nachdenkens für ſo merkwürdig zu halten, als ſie ihnen ſelbſt ſchwer wurden, wäre der Bauer unzweifelhaft in ſeinen Bemerkungen fortgefahren, wenn nicht der Fremde mit einem freundlichen Kopfnicken das Geſpräch abgebrochen und ſeinen Weg fortgeſetzt hätte. So rüſtig ſeine Füße ausſchritten, ſo weltmüde und ſchlaff erſchienen einen Augenblick ſeine Züge: 186 „Ueberall daſſelbe“, murmelte er.„Das Beſte iſt nichts werth, wenn man es nicht genau auf ihre Art vollbringt!“ Beim Weiterſchreiten ſcheuchte der ſonnenhelle Mor⸗ gen wieder die Schatten von dem Antlitz des Wande⸗ rers und etwas wie kühne Sehnſucht ſchimmerte in ſeinen grauen Augen auf, wenn da und dort ein be⸗ ſchneiter Gipfel über die mit Dörfern überſäeten Vor⸗ berge grüßte. Bei einer ſcharfen Wendung der Straße ſtand der Wanderer plötzlich vor einem altersgrauen bis zur halben Höhe mit Epheu überkleideten Kirchlein. Hart am Bergrand aufragend, zeichnete ſich der zierliche Thurm mit dem durchſichtigen Glockenhaus und flachen Dach ſcharf und unvermittelt von den gegenüberliegen⸗ den Wänden der tiefen grünen Schlucht ab, welche ſich ziemlich ſteil nach abwärts ſenkte zu einer Bucht des See's, der ſich um Salvatore und Arboſtora wand und hin und wieder zum Vorſchein kam. Wie Schutz ſuchend drängten ſich die Dächer eines armſeligen Dorfes an das natürliche Fundament der Kirche. Der Fremde trat in den kleinen Vorplatz, wo Gras und gelbe Blumen luſtig zwiſchen den alters⸗ grauen Steinplatten hervorſprießten, ſetzte ſich auf die — — — —— 187 niedere Umfaſſungsmauer und ſchaute hinunter auf die qualmenden Schornſteine. Da erhielt er Geſellſchaft in Geſtalt eines kleinen Hundes, der luſtig an ihm emporſprang. Aber allſo⸗ gleich ertönte eine ſehr ſanfte Männerſtimme: „Sei nicht unbeſcheiden, Mars! Hieher!“ Auf der Steintreppe des ruinenhaften Häuschens, welches neben der Kirche am Abhang ſtand, und über die Dächer des Dorfes hinausragte, erſchien ein etwa vierzigjähriger Herr von ſchlanker, faſt zierlicher Ge⸗ ſtalt, den die ſchwarzen Strümpfe und Schnallenſchuhe als Geiſtlichen kennzeichneten. Sein dunkles Haar, als er gegen den Ankömmling das einfache Hauskäppchen hob, war leicht mit grau gemiſcht, aber das bleiche ausdrucksvolle Geſicht wurde durch ein mildes großes Auge belebt und die Bewegungen des Prieſters waren elaſtiſch und von unbewußter Eleganz. „Mars! Mars!“ rief der Prieſter noch einmal freundlich drohend, als das Hündchen nach einem prüfenden Blick auf ſeinen Herrn ſeine zärtlichen An⸗ griffe erneuerte. „Ein kriegeriſcher Name für ein ſo freundliches Thier!“ ſagte der Fremde, indem er den Gruß des Geiſtlichen erwiederte. Das Aufziehen der Augenbrauen und das feine 188 Lächeln um den etwas ſtarken Mund des Prieſters bewies, daß er für den Zufall, der ihm einen gebilde⸗ ten Menſchen in dieſer ſchönen Einöde zuführte, nicht unempfänglich war und er anwortete: „Als einſamer Landpfarrer verfällt man zuweilen auf ſonderbare Grillen.“ Dann betrachtete er den Fremden genauer. Ein Zucken und Leuchten flog über ſein Geſicht und zögernd ſtreckte er die Hand aus:„Ihre Züge ſind mir bekannt, aber die lange Einſamkeit hat mein Gedächtniß er⸗ müdet.“ „Wir ſahen uns Jahre lang faſt täglich“, ſagte der Fremde in tiefer Bewegung.„Es iſt freilich ſchon zwölf Jahre her. Sie waren Lehrer an der Militär⸗ ſchule in Turin und ich war Ihr Schüler.“ „Carloni!“ rief der Prieſter aus und ſchloß den Ankömmling in die Arme.„Ich habe Ihrer oft ge⸗ dacht und die Ungewißheit über Ihr Schickſal beküm⸗ merte mich tief. Seien Sie mir willkommen, mein edler junger Freund!“ Und mit jugendlicher Regſamkeit führte er den Ankömmling die wenigen Stufen zu ſeiner Wohnung empor und drückte ihn mit liebevoller Vertraulichkeit auf eine der ſteifen Ruhebänke nieder, welche an den Wänden des großen kühlen Gemaches ſtanden. 189 Carloni betrachtete mit Intereſſe das kahle Zim⸗ mer mit der überweißten Stukkatur, dem alterthüm⸗ lichen Kamine und den unbequemen Geräthen. Auf dem Kamin waren mit kindlicher Genauigkeit einige Photographieen und Viſitenkarten aufgeſtellt und eine Reihe buntbemalter umgeſtürzter Taſſen ward gekrönt von Orangen in jedem Zuſtande des Verdorrens. Der Prieſter legte dem einſtigen Schüler die Hand auf die Schulter. „Geſtatten Sie mir vor Allem eine Frage, Car⸗ loni, die nicht oberflächlicher Neugier entſpringt. Ich allein kannte ja damals Ihren Seelenzuſtand, als Sie ſo plötzlich die Schule verließen und einer vorausſicht⸗ lich ſo ruhmvollen Zukunft entſagten. Haben Sie in der Welt die Verwirklichung Ihrer Ideale gefunden?“ Carloni ſaß eine Weile ſchweigend und ſchaute auf den rothen Backſteinboden des Zimmers. Der Prieſter betrachtete ihn mit einer Bewegung, als habe die Beantwortung ſeiner Frage für ihn eine tiefe per⸗ ſönliche Bedeutung. „Ich habe für ſie gekämpft und Blut und Leben für ihre Verwirklichung eingeſetzt“, ſagte Carloni leiſe. „Und ſind Sie glücklich?“ fragte der Prieſter dringend. 4 1 190 Carloni ſah ihn nachdrücklich mit großen Augen an. Dann füllten ſich dieſe mit Thränen und er ſtützte das Haupt in ſeine Hand. „Sie ſind müde!“ ſagte Lazzardi und bei aller Theilnahme drückte ſein Ton einen gewiſſen ſelbſtzu⸗ friedenen Triumph aus. „Vom Leben und vom Wandern!“ ſeufzte Carloni. Der Prieſter verfolgte das Geſpräch für den Augen⸗ blick nicht. Er öffnete das Fenſter und rief einer un⸗ ſichtbaren Tereſina zu, daß ſie für eine Flaſche Wein und ein Frühſtück ſorgen möge. Nach kurzer Zeit deutete Tereſina durch ein Klopfen an der Thüre an, daß im Nebenzimmer aufgetragen ſei. „Kommen Sie!“ ſagte Lazzardi, indem er den ehemaligen Schüler unter den Arm faßte und dorthin führte.„Bei einer Flaſche piemonteſiſchen Weins wol⸗ len wir von alten Zeiten reden.“ Ein Strom goldenen Lichts blendete ihn und un⸗ willkürlich trat Carloni in die offene Balkonthüre, durch welche daſſelbe hereindrang. Er ſtand wie auf einem hohen Thurm, ſo tief und ſenkrecht ſetzte ſich die Wand des Berges unter dem Pfarrhaus fort. Das landſchaftliche Bild war daſſelbe, wie er es durch den Thorbogen der Kirche erblickt hatte, nur reicher, voller und weiter erſchien es von hier oben. 191 Der Pater hatte inzwiſchen Wein in die Gläſer geſchenkt und reichte das eine derſelben ſeinem Gaſte, während er ſelbſt das andere ergriff. Sie ſtießen an und ſahen ſich ernſt in die Augen. Und in der That war es ſchwer, einen paſſenden Trinkſpruch zu finden für zwei Männer, von denen einer ſein Leben der Be⸗ kämpfung deſſen geweiht hatte, was Beruf und Glau⸗ ben des andern bildete. Aber Lazzardi fand das verſöhnende Wort. „Auf die ſchönen Stunden des Vertrauens in Turin. Wir wollen einander die Alten bleiben, Car⸗ loni!“ Carloni preßte die dargebotene Hand. „Was unſere Freundſchaft einſt nicht erſchüttert, ſoll ſie jetzt nicht ſtören!“ „Und nun erzählen Sie!“ drängte der Prieſter. „Wir wollen annehmen, der ſchwärmeriſche Militär⸗ eleve, der ſich in keine Disciplin fügen konnte, und ſein noch jugendlicher Lehrer gingen wieder unter den Platanen jenes Hofes auf und nieder und Sie mach⸗ ten Ihrem gepreßten Herzen in feurigen Dithyramben Luft, wie damals. Reden Sie wie einſt, Carloni, ohne Furcht mich zu verletzen, denn ich weiß ja, daß Ihre Seele rein iſt, wenn wir auch verſchiedene Wege wan⸗ deln zu demſelben Ziel!“ 192 „Und welches iſt dies Ziel?“ „Das Glück der Menſchheit und die Ruhe des eigenen Herzens.“ „Die Ruhe des Herzens! Einſt quälte Sie ja auch all' das Neue, das die Welt durchſtrömte und dem Ihr reger Geiſt ſich bei aller Pflichttreue nicht verſchließen konnte. Und den Frieden des Herzens ha⸗ ben Sie hier gefunden?“ „Ja“, ſagte der Prieſter überzeugungsinnig.„Ich habe nicht die Kraft und den Muth wie Sie, Carloni! Mein Geiſt bedurfte der Stütze, um nicht in der troſt⸗ loſeſten Verwirrung umherzutaſten und der Zweifel iſt die Hölle auf Erden. Ich fühlte, daß Turin nicht der Platz ſei, mich jenen mächtigen Strömungen zu ent⸗ ziehen, von denen Sie ſich tragen ließen, die den kaum geweihten Prieſter aber zermalmt und zu einem zer⸗ brochenen Werkzeug ſeines Herrn gemacht hätten. Ich dachte nach und ſah ein, daß das Schlimmſte, was man meinem Stande vorwarf, darin beſtehe, daß ſeine Vertreter eben Menſchen und darum eben menſchlichen Gebrechen und Leidenſchaften unterworfen ſind. Ich beſchloß ſo demüthig und ſo gut zu werden, und in dem ehrwürdigen Rahmen, dem ich angehörte, ſo viel zum Glück der Menſchen beizutragen, als ich vermöchte. Ihre Entfernung, die ich mit all' meinen Argumenten 193 nicht zu hindern vermochte, bewies mir, daß meine geiſtigen Fähigkeiten und meine Gemüthseigenſchaften nicht ausreichten für die Stellung, die ich einnahm. Es erſchien mir, als ob viel Unruhe und Unglück in der Welt dadurch entſtehe, daß ſich der Einzelne über⸗ hebe und einer unbeſtimmten Allgemeinheit alle ſeine Kräfte zuwende, welche für das Wohl eines engeren Kreiſes vielleicht erſprießlich geweſen wären.“ „Das iſt vielleicht ein Unglück für Einzelne, aber nur ein Vorübergehendes. Denn was man dem Gan⸗ zen gibt, fluthet wieder zu dem Einzelnen zurück“, unter⸗ brach Carloni. „Ich weiß das nicht“, entgegnete ſanft der Prie⸗ ſter.„Ich vermag nicht in die Zukunft zu ſchauen und ſehe nur die Wirkungen der„Idee“ auf die Gegen⸗ wart. Wer das Volk kennt und weiß, wie ein herz⸗ liches Wort von Mund zu Mund, ein freundlicher Rath oft mehr wirkt, als hochtönende politiſche Erlaſſe zu ſeinem Beſten, der wird auch meinen Entſchluß billigen, mir dort eine Thätigkeit zu ſuchen, wo ich innerhalb des Rahmens meiner beſchworenen Pflicht unzweideutig Gutes wirken kann. Ich fand dieſe Pfarrei ausgeſchrieben und nähere Erkundigungen über die Verhältniſſe derſelben belehrten mich, daß ich hier wirklich nützen konnte, und daß hier wenigſtens keiner v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. III. 13 194 meiner Zuhörer mit Citaten aus allen Philoſophen der Neuzeit meinen Vortrag und mein Gemüth zugleich in die Enge trieb. Und ich habe es gut getroffen. Die hieſige Bevölkerung, durch meinen Vorgänger, einen etwas heißblütigen dogmatiſchen Herrn der Kirche ent⸗ fremdet, findet darin jetzt gewiſſermaßen einen Mittel⸗ punkt, und im Beichtſtuhl habe ich ſchon manche für unvereinbar gehaltene Intereſſen ausgeſöhnt; manchen geſtörten Hausfrieden wieder hergeſtellt. Es mag ſein, daß vom gegenwärtigen Standpunkt die Zuneigung der Leute zu mir eine Gefahr iſt, aber ich ſelbſt kann mich nicht darum verdammen, daß ich dieſe armen ge⸗ plagten Menſchen mit ihrem Looſe ausſöhne und dazu beitrage, daß ſie ſich untereinander in Frieden und Eintracht ihr kümmerliches Leben tragen helfen. Und ich glaube, ſie wären demjenigen nicht dankbar, der ſich mit dem Schwerte des Geiſtes vor das Paradies ſtellte, auf das ſie hoffen, und um deſſen willen ſie alle Unbilden dieſes Lebens ruhig ertragen. Doch Sie wollten mir ja von Ihren Schickſalen erzählen, Car⸗ loni!“ 1 „Meine Geſchichte iſt die meines Volkes“, ant⸗ wortete Carloni.„Unſere himmelſtürmendſten Träume und kühnſten Entſchlüſſe erfroren unter dem Hauch ſo⸗ genannter Geſetzlichkeit und als die Zeit der That 195 kam, waren unſere Kräfte aufgerieben und der Funke der Begeiſterung in uns glücklich erſtickt. Ich lernte das als Phraſe verhöhnen, was das Gebet meiner Jugend geweſen war und diejenigen verachten, zu denen ich einſt emporgeblickt. Mit einer Verwünſchung zog ich in Schlachten, die im Voraus ſchon verloren wa⸗ ren und ließ mich einkerkern um Thaten, für welche wenige Jahre ſpäter man den Miethling, der ſie auf Be⸗ fehl vollführte, mit Geld und Ehren lohnte. Ich habe alle Sieges⸗ und Trauertage meines Landes miterlebt und kenne manchen ſeiner Kerker. So bin ich dreißig Jahre alt geworden und habe die Hälfte meines Le⸗ bens dahingegeben um zu fühlen, daß ich überflüſſig war. Noch ſchwöre ich zu derſelben Fahne wie einſt und meine Wünſche für Recht und Freiheit ſollen nur mit mir begraben werden— aber Welt und Menſchen ſind anders als ich ſie dachte. Ich weiß nicht, ob Sie Recht haben, Lazzardi, ob der beglückende Irrthum je an die Stelle der Wahrheit treten kann...“ „Was Sie Irrthum nennen, iſt mir Wahrheit geworden“, unterbrach der Prieſter,„und Ihre Wahr⸗ heit erſcheint mir als öde unfruchtbare Verneinung und Verzweiflung.“ Dann faßte er den jungen Freund ſcharf ins Auge und fuhr fort: 13* 196 „Sie waren an der letzten Schilderhebung bethei⸗ ligt und ſind Flüchtling! Seien Sie aufrichtig! Sie wiſſen, daß ich nicht danach frage, was der Menſch glaubt, ſondern blos nach dem was er iſt.“ „Sie haben Recht!“ ſagte Carloni dumpf.„Ich habe kein Vaterland mehr.“ „Wo wohnen Sie?“ „In Lugano. Zufällig hörte ich im Gaſthaus von Tiſchnachbarn Ihren Namen nennen, und alle Treue, die Sie mir erwieſen, aller Schmerz, den ich Ihnen verurſacht, traten mir wieder lebhaft vor die Seele. Als ich ſicher war, daß es wirklich mein geliebter Lehrer ſei, der in meiner Nähe weile, eilte ich hierher.“ „Sie ſollen ſich nicht getäuſcht haben in dem alten Freunde Ihrer Jugend.“ So plauderten die beiden. Da gab es zu fragen und zu antworten von beiderſeitigen Bekannten und doch wurde kein Wort geſprochen, das den andern hätte verletzen können. Als Carloni Miene machte, Abſchied zu nehmen, war es ſchon ſpät am Nachmittage. Ein leichter Duft lag auf dem Grunde der Schlucht. Schatten, welche am Morgen die eine Thalſeite verhüllt hatten, waren an die gegenüberliegende Berglehne gewandelt und 197 einzelne vorher unſichtbare Bergvorſprünge und Baum⸗ gruppen, die jetzt hell beleuchtet waren, gaben der am Morgen ſo ruhigen Gegend etwas märchenhaft Phan⸗ taſtiſches. „Ich werde Sie begleiten“, ſagte der Prieſter. „Wenn ich auch heute nicht mehr nach Lugano kann, ſo gehe ich doch mit bis zu den Landhäuſern am Fuße des Berges. Ich habe dort Freunde...“ Der Prie⸗ ſter ſtockte, wie betroffen durch ſeine eigene Mittheil⸗ ſamkeit und verbeſſerte ſich:„Man hat eine hübſche Rundſchau von dort...“ „Ich erinnere mich“, antwortete Carloni, dem das Benehmen ſeines Freundes auffallen mochte.„Ich fragte nach dem Namen und man nannte mir einen, der nirgends zutreffender ſcheint als hier.“ „Das Paradies“, ergänzte Lazzardi mit leiſer tie⸗ fer Stimme.„Sie haben Recht, landſchaftlich trifft der Name zu. Bis zum Paradieſe alſo werde ich Sie begleiten.“ Carloni beſaß Zartgefühl genug, um dem Prieſter nicht mit Fragen läſtig zu fallen und bald ſchritten die beiden Männer von„Mars“ in munteren Sprün⸗ gen umkreiſt die Straße abwärts, welche Carloni we⸗ nige Stunden vorher emporgeſtiegen war. Carloni, obwohl er an die Einſamkeit gewöhnt, 198 gerne ſeinen Gedanken nachhing, fiel es dennoch auf, daß der Pater ſehr ſchweigſam geworden war. Es ſchienen jedoch keine traurigen Betrachtungen, die ihn beſchäftigten, denn der Ausdruck ſeiner Züge ſprach von Glück und Zufriedenheit, ſein Schritt war kühn und elaſtiſch, der an drei Seiten aufgekrämpte Hut ſaß keck auf dem geweihten Haupte und die Schöße des langen Rocks flatterten. Es war in der That eine herrliche Ausſicht, die man einige Schritte oberhalb des Paradieſes bei der Gruppe von ſechs ungeheuren Kaſtanienbäumen genoß. Im weiten Kranze und wie in das Waſſer gebaut, umfaßt Lugano mit ſeinen großen Hotels und ſtatt⸗ lichen Gebäuden die tiefblaue Seebucht, dahinter ſteigen grüne Hügel ſanft empor, mit Dörfern überſät, gekrönt von den graziöſen Thürmen der Kirchen. Wie alte Warten ſchauen von den höchſten Punkten die Vogel⸗ heerden über den See und da und dort glänzt noch ein einſames Winzerhäuschen. Den weißen Hinter⸗ grund bilden die ſchroffen Vorberge der Alpen und über ihnen ragt das noch tief verſchneite Hochgebirge blendend in den azurnen Himmel. Unten in den Ufer⸗ gärten des See's ſpiegelt da und dort die weiße Mag⸗ nolia ſich in der ſtahlblauen Fluth und Mandel⸗ und Pfirſichbaum überkleiden ſich mit roſigem Schimmer. 199 Während Carloni's Blick weit über die herrliche Landſchaft und den von ſchroffen Bergen eng umſchloſ⸗ ſenen See irrte, ſchien der Prieſter nur Augen zu ha⸗ ben für ein kleines Landhaus, welches durch ſeinen Garten und die Landſtraße vom Ufer des See's ge⸗ trennt, weniger durch die Pracht und Schönheit, als durch die Abſonderlichkeit ſeines Styls dem Beſchauer auffallen mußte. Es war mit einem hellen Braun übertüncht, welches an verſchiedenen Stellen fleckig wurde und hatte wohl urſprünglich aus einem ein⸗ ſtöckigen Mittelbau beſtanden, welcher von zwei etwas vortretenden Seitenflügeln überragt wurde. Nun war aber der Mittelbau um ein Stockwerk erhöht worden, ohne daß man den beiden Giebeln zur Seite dieſelbe Gunſt zu Theil werden ließ und das Ganze hatte da⸗ durch trotz ſeines unbeſtreitbaren Alters jenes ſonder⸗ bare unfertige Ausſehen erhalten, welches endlich auch Carloni auffallen mußte. Einige ebenfalls von Moder⸗ flecken überzogene gemalte Fenſter machten den Ein⸗ druck, als ob es mit der Harmonie des Gebäudes im Innern nicht beſſer beſtellt wäre. Die Breite des Hauſes benahm den Obenſtehen⸗ den faſt völlig den Einblick in den Garten, nur ein Stück der Mauer wurde ſichtbar, welche denſelben von Straße und Ufer trennte und in dieſer Ecke ragte ein ——— 200 erhöhtes mit gelben Heckenroſen überkleidetes Berceau empor, ein reizendes Plätzchen, hinter deſſen lauſchigem Schutz man im Sommer ungeſehen das lebhafte Trei⸗ ben der Straße beobachten konnte. Carloni glaubte hinter dem noch nicht ſehr dich⸗ ten Laubwerk eine weibliche Geſtalt wahrzunehmen. Gleich darauf trat dieſelbe aus der Laube, ſtieg die wenigen Tropfſteinſtufen in den Garten hinab und verſchwand im Schutz des Hauſes. Als ſich Carloni wieder zu dem Prieſter wendete, ſah er deſſen Blick mit zugleich forſchendem und ängſtlichem Ausdruck auf ſich gerichtet. Unwillkürlich drängte ſich bei Carloni die Vermuthung auf, daß jenes ſonderbar geſtaltete Haus das Ziel ſeines Freundes ſei. Er erwartete, daß Lazzardi hier eintreten werde. Allein obwohl Mars mit der einladendſten Haltung an der Thür ſtehen geblieben war, ging ſein Herr vorüber und be⸗ gleitete ſeinen einſtigen Schüler noch eine Strecke über Paradiſo hinaus. Erſt weit von dem gelben Hauſe entfernt, nahm Lazzardi Abſchied. Seine Haltung war verlegen und ſcheu und ſeine Einladung, recht bald wieder nach Carabbio zu kommen, hatte etwas Erzwungenes. Carloni war eine edel und ritterlich angelegte Natur. Als er langſam zur Stadt ſchritt, wandte er 201 kein einziges Mal das Antlitz zurück, um den Pater zu beobachten, aber er wußte mit Beſtimmtheit, daß derſelbe ſeine Schritte nach dem gelben Hauſe gelenkt hatte. Es war keine Redensart geweſen, als Carloni dem einſtigen Lehrer geſtanden hatte, er ſei„müd vom Leben und vom Wandern“. Er hatte mit einer tiefen Bewegung die alte Freundſchaft erneuert, als er daſ⸗ ſelbe treue Gemüth wiedergefunden zu haben glaubte, wie er es verlaſſen, treu ſeinem Gott und treu ſeinen Freunden. Er hatte mit einer Art feierlicher Achtung zu dieſer einfachen Tugend und beſcheidenen Pflicht⸗ erfüllung emporgeblickt, die ihm plötzlich als etwas ſo Erhabenes und ewig Ruhiges erſchien gegenüber dem ruhelos wallenden ſtürmenden Strom der eigenen Tha⸗ ten und Gedanken... Und plötzlich war ihm das reine Bild des ſelbſt⸗ loſen Prieſters verwirrt. Das Geſchwätz des Bauern, alle Anklagen gegen den Stand, dem Lazzardi ange⸗ hörte, tauchten wieder empor in ſeiner verdüſterten Seele und warfen ihre Schatten auch auf die herrliche Welt, die ihn umgab. Zweites Kapitel. Gegen den Sturn. Carloni hatte der Einladung des Paters keine Folge geleiſtet. Er benützte ſeinen Aufenhalt in Lu⸗ gano, zu dem er aus politiſchen Gründen gezwungen war, zu Ausflügen in die Umgegend und ſein ruhe⸗ ¹ loſer Geiſt trieb ihn zu immer kühneren Unternehmun⸗ gen. Mit einem Segelboot hatte er trotz der zu dieſer Jahreszeit ſehr unbeſtimmten und oft gefährlichen Winde bereits die ſämmtlichen Ufer des vielverzweigten See's abgeſtreift und jetzt fing er an führerlos und blos mit einer guten Spezialkarte aus gerüſtet die zunachüliegen⸗ den bedeutenderen Höhen zu erklimmen. Es war ungefähr vierzehn Tage nach dem Be⸗ ſuche bei Lazzardi, als Carloni noch ziemlich ſpät am Vormittag und bei zweifelhaftem Wetter den Monte 203 Salvatore zu beſteigen beſchloß, welcher mit ſeinen ſtei⸗ len faſt tauſend Meter hohen Felsmauern hinter Para⸗ diſo ſich empor thürmte. Es war zum erſtenmal, daß Carloni wieder die Straße entlang und an dem Hauſe vorbeikam, in welcher ſeiner Ueberzeugung nach Pater Lazzardi damals eingetreten war. Er grollte dem Prieſter, der ihm ebenfalls fernge⸗ blieben war, noch immer, er hatte ſo wenig, zu denen man emporblicken konnte, und es wurde ihm ſchwer denen zu vergeben, die er wieder von dem Sockel herab ſtürzen mußte, auf den er ſie geſtellt. Carloni warf nur einen flüchtigen Blick auf Haus und Garten— das Berceau hatte ſich inzwiſchen ſo dicht belaubt, daß kein neugieriger Blick mehr in ſein Inneres dringen konnte und die gelben Roſen bedeckten es in zahlloſer Menge. Am Fuße der Terraſſe träumte ein Schau⸗ kelſtuhl in der gewitterſchwülen Luft. Niemand von den Bewohnern des Hauſes zeigte ſich. Carloni ſchritt vorüber und ſchlug bald darauf einen Seitenpfad ein, der ihn im ſteilen Zickzack an der ſcheinbar unerſteiglichen Bergwand emporführte. Der Kampf mit dem Felſen, die Anſtrengung, welche das Emporklimmen erforderte, war dem Kampf ge⸗ wöhnten Mann ein hoher Genuß. Seine Augen fun⸗ kelten und ſeine Wangen hatten ſich mit einem hellen Roth gefärbt, als er die von einer kleinen Wallfahrts⸗ kirche gekrönte ſchmale Spitze betrat. Mit gekreuzten Armen ſtand der Flüchtling und ſchaute hinunter auf das herrliche Stück Welt, das ſich zu ſeinen Füßen ausdehnte, von den zackigen Eisſpitzen des Monte Roſa bis zu den immergrünen Gefilden der lombardiſchen Ebene. Schmal ſchlang ſich der vielverzweigte See um den Fuß des Berges und ein winziges Dampf⸗ ſchiff näherte ſich, eine ungeheure Rauchwolke nach⸗ ſchleppend, der Brücke von Melida, die ſich wie ein dunkler Faden über den einen Seearm ſpannt. Eine Poſt mit fünf liliputaniſchen Schimmeln kroch auf dem ſchmalen, weißen Streifen neben dem See, welcher die Kunſtſtraße bedeutete, gegen Süden. Da lag auch Carabbia mit ſeinem grauen grünüberwachſenen Kirch⸗ thurm: aber die Schlucht an der es lag, erſchien von hier oben wie ein kleiner Graben. Carloni wendete ſich nach rückwärts— da war der ſtattliche weiße Häuſerkranz von Lugano und dicht daneben das rei⸗ zende Paradiſo.— Auf dem ſchmalen Rande, welcher zwiſchen den Mauern der Kapelle und dem ſenkrechten Felſenabſturz noch übrig war, begab ſich Carloni nach der Rückſeite des Platau's um vielleicht hier einen freieren Ausblick na h Süden zu gewinnen. Plötzlich blieb er überraſcht ſtehen. Im Schatten der Kirche 205 auf dem harten Felsboden ausgeſtreckt ruhte ein junges Mädchen hart am Rande des Abgrunds. Der Schlum⸗ mer ſchien ſie überraſcht zu haben, als ſie vor Ermü⸗ dung ausruhte; denn der breite Strohhut lag zerknit⸗ tert unter den braunen Flechten und den ſchmalen weißen, von langen Halbhandſchuhen bedeckten Fin⸗ gern war ein Strauß rother Blumen entfallen, welche an Form dem Hollunder ähnlich, ſich in reizender Un⸗ ordnung über ihren Schoos ausgebreitet hatten. Car⸗ loni erinnerte ſich nicht, unter den ernſt ſchönen, nur ſelten naiven Geſichtsformen des Südens, jemals ei⸗ nen ſolchen Ausdruck von rührender und unberührter Jungfräulichkeit begegnet zu ſein, wie er ſie in dieſem kaum mehr als achtzehnjährigen Zügen ausgeprägt fand. Dazu mochte auch die blendende Weiße des Ge⸗ ſichts beitragen, welche ein Gewebe blauer Adern an den Schläfen durchſchimmern ließ und die etwas vol⸗ len Lippen, zwiſchen denen eine Reihe weißer Zähne hervorblitzte. Die kaum entwickelte Geſtalt des jungen Mädchens beſaß noch die friſchen Formen der erſten Jugend, die durch das dunkle leichte Kleid kaum ver⸗ borgen waren. Kleid, wie Schuhe bewieſen, daß ihr ſolche Spaziergänge nichts Seltenes waren. Carloni, der ſich nicht mehr von der Stelle zu rühren wagte, ſielen die röthlich grauen Wolken auf, 206 welche vom Süden her mit raſender Geſchwindigkeit emporgeſtiegen waren und bereits einige Bergſpitzen vollſtändig eingehüllt hatten. Er war mit Wind und Wetter vertraut und konnte nicht zweifeln, daß einer jener Orkane im An⸗ zuge ſei, welche vernichtend über die Erntehoffnungen von ganzen Gegenden dahinbrauſen, während nach wenigen Minuten ſchon wieder der Himmel lächelnd auf die geknickten Halme und entwurzelten Bäume her⸗ abblickt. Dabei war die Luft drückend, daß Carloni der Schweiß von der Stirn perlte und die Schläfe⸗ rin unruhig und wie von Träumen geängſtigt, ſich bewegte. Carloni machte abſichtlich Geräuſch. Das junge Mädchen ſchlug die Augen auf und blickte verwirrt um ſich. Dann bedeckte eine dunkle Röthe ihr Geſicht, ſie ſprang auf, ergriff ihren Strohut und eilte hinweg. Vor dem Blick des großen braunen Auges, der einen Augenblick mit dem Ausdruck von Scham und Schrecken auf ihn geruht hatte— war Carloni verſtummt, und nach wenigen Secunden bereits ſah er das junge Mädchen bedeutend tiefer, wo der Weg eine Strecke eben über eine grüne Terraſſe führte, wie ein aufge⸗ ſcheuchtes Reh dahin eilen. Er warf einen beſorgten Blick zum Himmel, der 207 ſich immer mehr verdüſterte, hob dann raſch die Blu⸗ men auf, welche das Mädchen zurückgelaſſen und folgte ihr nach, ſo raſch als es der ſteile vielfach gewundene Weg geſtattete. Hier und da ſah er die Geſtalt des lieblichen Flüchtlings auf einer tiefer gelegenen Win⸗ dung des Weges erſcheinen und wieder hinter Felſen und Büſchen verſchwinden..... Da ſauſten die erſten Stöße des Unwetters über ihn dahin. Auf der Fläche des See's, der von hier oben dunkelblau erſchienen war, huſchten ſie wie ſchwarze Schatten und die Büſche und Halme des Berges legten ſich faſt zur Erde nieder vor ſeinem Warnungsſignal. Und dann kam er ſelbſt herangebrauſt in einer dichten braungelben Wolke, welche Höhen und Tiefen verſchlang. Von den Bergen wirbelte er den trocknen Staub zum Himmel und auf dem Waſſer nahm er die Kämme der im Nu entſtandenen Wellen ab und warf ſie als feuchten Nebel in die Luft. Düſter⸗ roth ſchaute die Sonne noch einige Augenblicke durch die verdunkelte Atmosphäre, dann verſchwand ſie ganz. Und auch um Carloni wurde es grau und düſter. Der Sturm faßte in ſeine Kleider und ſuchte ihn in den Abgrund zu ſchleudern. Die Blitze fuhren grell von einem Horizont zum andern und dumpf grollte der Donner auf gegen das Heulen des Sturmes. Mäch⸗ 208 tige Hagelſchloßen wetterten hernieder und zerſplitter⸗ ten mit hellem Ton an den Felſen. Aber Carloni hielt nicht ein. Er dachte an das ſcheue, rührende Geſchöpf, welches durch ihn aus ſei⸗ nem Schlummer emporgeſcheucht und dem Unwetter in die Arme getrieben worden war. Er ſagte ſich, daß die Fremde, wenn er es dem Sturm überließ ſie zu wecken, in der Kapelle ſichern Schutz gefunden und daß blos ſeine Neugier an ihrem Verderben ſchuld ſei, wenn ſie in dieſem entſetzlichen Aufruhr aller Elemente in die Tiefe ſtürze. Mit der Heftigkeit des Unwetters ſteigerte ſich auch ſeine Angſt und ohne Rückſicht auf die eigene Sicherheit eilte er abwärts. Da an einer Stelle, wo die Felſen weit über die Tiefe hinausragten, entdeckte er die Flüchtige wie ſie feſt an einen Strauch geklam⸗ mert, alle Unbill des Unwetters über ſich ergehen ließ und in ſtummer ſtarrer Verzweiflung in den Abgrund ſtarrte, zu dem niederzuſteigen ſie nicht mehr den Muth beſaß. Stumpf und wie erloſchen wendeten ſich ihre Au⸗ gen auf den Fremden, der ohne viel zu fragen, ſeinen Regenmantel nahm und ihr um die Schultern warf. „Hier können Sie nicht bleiben!“ ſagte er dann und 209 löſte die Hand der Erſchreckten von dem Strauch und bot ihr den Arm. Wie ein folgſames Kind ergriff ſie denſelben und ließ ſich abwärts führen. Als ſie den Fuß des Berges erreichten, hatte der Sturm nachgelaſſen; aber der Regen fiel in Strömen hernieder und Carloni fühlte das Zittern des weichen zarten Arm's der auf dem ſeinen ruhte. „Sie müſſen ſo raſch wie möglich nach Hauſe!“ ſagte er beſtimmt, als das Mädchen den Arm aus dem ſeinigen zog und ihn bleich und in ſprachloſer Verwirrung anblickte. „Ich wohne nicht weit!“ ſagte ſie ſchüchtern— „dort.“ Sie deutete auf das gelbe Haus mit den gemal⸗ ten Fenſtern und den zurückgebliebenen Seitenflügeln welches dicht vor ihnen auftauchte. Carloni konnte ſich eines ſehr unangenehmen Ge⸗ fühls nicht erwehren. Förmlich begleitete er die junge Dame auf der menſchenleeren Straße zur Hinterthüre ihres Hauſes, wo ſeinerzeit Mars ſtehen geblieben war und läutete. Dann nahm er ſeinen Regenrock zurück und ein ſchüch⸗ ternes:„Ich danke Ihnen ſo ſehr, mein Herr!“ in Empfang, ſah die großen Augen befangen und neugierig v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. III. 14 210 zugleich auf ihn und die Blumen gerichtet, die er in der Hand hielt, hörte noch die freundlichen Vorwürfe der Dienerin, warum Fräulein immer fort gehen müſſe, „wenn der Teufel ſpazieren fahre“, und entfernte ſich raſch aus der Nähe des Hauſes mit dem Entſchluſſe, ihm nie wieder nahe zu kommen. Drittes Kapitel. Die beiden Weihe. Verdroſſen lehnte Carloni an einem der Fenſter des ſtattlichen Hotel de Parc in Lugano und blickte hinüber zum Monte Salvatore, an deſſen Fuße ſich weißglänzend das„Paradies“ ausdehnte und wieder hinaus auf den See, der ſich eben in Millionen Wel⸗ len weißſchäumend aufbäumte unter dem ſcharfen Hauch des Mittagswindes den„Breva“ wie er auf den oberitalieniſchen Seen den Eintritt der beſſern Jahres⸗ zeit anzuzeigen pflegt. Trotz des friſchen wie zum Se⸗ geln geſchaffenen Windes, trotz des herrlichen blauen Himmels der ſich von einer Bergſpitze zur andern wölbte, fühlte Carloni keine Verſuchung zu jenen Aus⸗ flügen, die ihn noch vor wenigen Tagen ſo hohen Ge⸗ nuß bereitet hatten. Die Berge beengten ſeine Bruſt, 14* 242 das immer neue Anrauſchen der Wellen an's Geſtade ermüdete ihn... Und doch erſchrak er vor dem Ge⸗ danken, Lugano zu verlaſſen. Endlich leuchtete ein Schimmer von Intereſſe auf ſeinem Antlitz. Der Wind hatte an Heftigkeit zuge⸗ nommen und zwei große Fiſchadler verſuchten verge⸗ bens ihm entgegen ihren Flug nach Süden zu nehmen. Immer aufs Neue ſtürmten ſie mit ihren breiten an den Spitzen umgebogenen Flügeln gegen die un⸗ ſichtbare Wand, die ſich ihnen entgegenſchob und immer wieder wurden ſie zurückgeſchleudert. Der eine der Vögel warf ſich kühn mit ausgebreiteten Schwingen ſeinem Verhängniß entgegen und kämpfte hoch in der Luft, der andere ſuchte flach über dem Waſſer die feindliche Luftſchicht zu durchdringen— unwillkürlich ergriff Carloni Partei für den kühnen Kämpfer in der Höhe und es war ihm als ob blos eines der beiden Thiere ſein Ziel erreichen könne... Seine Fäuſte ballten ſich, als er ſah wie der kühne Vogel abermals mit zerzau⸗ ſten Flügeln von ſeinem luftigen Kampfplatze herab⸗ geſtürzt wurde und wie der niedre ſtetige Flügelſchlag. des andern faſt den Kamm der Wellen berührend langſam vorwärts drang. Plötzlich warf ſich der eine der beiden Adler hoch in die Luft und als ob er über die reißendſte Strö⸗ 213 mung emporgeſtiegen ſei, flog er ohne Kampf nach Süden— den andern hatte eine außergewöhnlich große Welle erfaßt und weit hinten unweit des Stran⸗ des flatterte er mit naſſem ſchwerem Gefieder und krächzend umher, unfähig dem hoch fliegenden Gefähr⸗ ten zu folgen. Ein düſterer Triumpf ſchimmerte auf dem Antlitz Carloni's, wie der eines Siegers, der ſelber zum Tod verwundet das Schlachtfeld in den Händen der Seinen ſieht und wirre Gedanken ſchwirrten durch ſeine Seele in denen der Name eines heuchleriſchen Prieſters einen ziemlich breiten Raum einnahm. Es pochte... Scharfen Auges ſah Carloni zur Thür und erſchrak faſt, als der Prieſter eintrat: „Sie ſind nicht zu mir gekommen“, ſagte Lazzardi ſanft, indem er ein Lächeln verſuchte. Carloni ſchien es nicht zu bemerken, daß ihm der Prieſter die Hand entgegenſtreckte „Ihre Seelſorge beſchäftigt Sie ohne Zweifel ſo ausreichend, daß Beſuche Sie nur in der Ausübung Ihrer ernſten Pflichten hindern können.“ „Im Gegentheil“, erwiderte der Prieſter, wiewohl betroffen durch den kühlen Ton Carloni's mit großer Sanftmuth,„die Beſuche hochgebildeter Fremder, die mir manchmal zu Theil werden erfriſchen mein Gemüth 214 und meinen Muth und kommen ſo wieder denen zu gut, deren Einſamkeit ich theile. Eine ſolche Erinne⸗ rung hilft mir über Monate hinweg, in denen ich wieder Zeit zum Nachdenken habe und jedes freundliche oder belehrende Wort kommt auf dieſe Weiſe zu ſeinem vollen Recht.“ Carloni ſchwieg. Er erinnerte ſich, daß es Augen⸗ blicke gab, in denen Lazzardi auf das Geſpräch des Jugendfreundes gern verzichtete. 8 „Heute nun, ich muß es geſtehen“ fuhr der Prie⸗ ſter, durch Carloni's Schweigen immer unſicherer fort, „heute komme ich nicht blos aus eigenem Antrieb, ſondern im Namen einer Schutzbefohlenen, der Sie vor wenig Tagen einen Dienſt geleiſtet, vielleicht das Leben gerettet haben.“ So ſehr ſich Carloni mühte ruhig zu bleiben, das verrätheriſche helle Roth ſtieg in ſeine Wangen bei den zögernd und wie mühſam geſprochenen Worten des Paters. „Ich habe Sie der Beſchreibung nach ſogleich er⸗ kannt. Fiammetta hat den lebhaften Wunſch, ihrem Begleiter im Sturm den wohlverdienten Dank zu ſa⸗ gen für ſeine Ritterlichkeit.“ Carloni bemerkte nichts davon, daß der Prieſter öfter innehielt, als koſte ihn die Mittheilung ſeiner 215 Botſchaft die äußerſte Ueberwindung. Ueber ſeine Züge ſchimmerte ein unruhiges Leuchten, er antworiete: „Ich hatte allerdings Gelegenheit, einer Dame, welche durch meine Ankunft auf dem Salvatore ge⸗ ſtört worden war, einen Dienſt zu leiſten und dadurch meine vorherige Ungeſchicklichkeit wieder auszugleichen. Wer iſt Fiammetta?“ „Meine Mündel“, fuhr Lazzardi wie mit ruhiger Ergebung fort.„Die Tochter eines Freundes, der wie Sie, müde und gebrochen vom Kampf mit der Welt hierherflüchtete und im Kreiſe ſeiner Familie und im Anſchaun einer herrlichen Natur zu vergeſſen ſuchte, daß es draußen in der Welt noch andere Intereſſen gab, um deren willen ſich die Menſchen bis auf den Tod befehden und einen äußeren Glanz, um den man oft Tiefe und Gehalt des ganzen Lebens opfert. Mein armer Freund hatte ein junges ſchönes Weib— Fi⸗ ammettas Mutter— welche ſo ganz geſchaffen war, in jener Welt zu blenden und zu gefallen und die wie ich längſt geahnt, ihm und den Trümmern ſeines Ver⸗ mögens nur mit halbem Herzen hierher gefolgt war. Ein Jahr lang verſicherte mir mein Freund mit einen Eifer, der mich bedenklich machte, ſtets aufs Neue, wie glücklich er ſei in der Geſellſchaft ſeiner heranwachſen⸗ den Tochter und ſeiner noch immer engelſchönen Frau. 216 Zwar ſei letztere anfangs nicht mit dem abgeſchiedenen Leben einverſtanden geweſen, aber er habe ſie über— zeugt und ihr Schweigen beweiſe, daß ſie ihm zuſtim⸗ me, der Arme! Er glaubte die Einſamkeit zu lieben und er liebte nur die Einſamkeit zu zweien. Noch er⸗ innere ich mich, mit welcher Ungeduld er auf die Rück⸗ kunft ſeiner Frau harrte, als ſie in Venedig ihre Mutter beſuchte. Wochenlang vor dem verabredeten Tag der Zurückkunft ſtand er auf dem Belvedere ſei⸗ nes Gartens, prüfte jeden ſich nähernden Wagen nach ſeinen Inſaſſen und Fiammetta mußte den ganzen Tag Feſtkleider tragen, denn Zufall oder Sehnſucht konnten die Mama ja ſchon um Wochen früher nach Hauſe führen! Da kam eines Tages ſtatt derſelben ein Brief, worin ſie ihm anzeigte, daß ſie nicht die Kraft in ſich fühle, in der Abgeſchiedenheit, die er ihr aufgedrungen habe, weiter zu leben. Sie habe ſich daher entſchloſſen nicht hierher zurückzukehren. Zuccardi, ſo hieß Fiam⸗ metta's Vater, gab mir ſchweigend den Brief, als ich ihn wie ſeit Jahren faſt täglich, beſuchte, trotzdem ſeine religiöſen Anſchauungen mit den meinigen nichts ge⸗ mein hatten. Ich habe niemals ein Bild ſo troſtloſer Verzweiflung geſehen, als Zuccardi's Antlitz in dieſem Augenblick. Sie müſſen nach Venedig reiſen, ſagte ich, und wenn auch das Herz Ihrer Gattin ſich in einer 217 Verirrung befindet, wenn ſie Ihren Schmerz ſieht ſo wird dieſelbe doch der Stimme der Pflicht Gehör ſchen⸗ ken. Zuccardi ſchüttelte troſtlos das Haupt und ſah mich mitleidig an.„Es iſt möglich, daß ich ſie beſtim⸗ men könnte zurückzukehren; aber auch ich kann nicht mehr mit einer Frau leben, die aufgehört hat mich zu ieben. Bis jetzt habe ich mich zu täuſ chen geſucht, ich hielt es für Liebe, daß ſie mich, von deſſen innerm Leben ſie nie eine Ahnung hatte, mit Hülfe der Zer⸗ ſtreuungen der Geſellſchaft und einer großen Stadt, mit guter Miene zu ertragen ſuchte. Als ſie mit mir allein ſein mußte, blieb ihr nichts als die Langweile. Ich weiß jetzt, daß ſie nur ſich ſelber liebt, und würde ſie nicht zurückrufen, und wenn ich nach ihrer Gegen⸗ wart verſchmachtete.“— Ich hielt es für meine Pflicht, den tiefverletzten Mann an ſeine damals zehnjährige Tochter zu erinnern, welche doch naturgemäß auf die Erziehung der Mutter hingewieſen ſei. Aber Zuccardi ließ mich nicht zu Ende ſprechen ſondern rief aufs heftigſte bewegt, daß ſeine Tochter von ihrer Mutter nur das Geſicht, von ihm aber das Herz habe.— Er dürfe nicht dies Herz, das einzige Erbtheil, das er ihr bieten könne, in dem Kinde ſchon ermorden, nicht das ſüße Geſchöpf zu einem lächelnden und kokettiren⸗ den Schemen heranbilden, das einſt kalten Blutes 218 Gatten und Tochter verlaſſen, aber Thränen darum vergießen könne, wenn eine Freundin einen neuen Kleiderſchnitt acht Tage früher auf dem Markusplatz zeige, als ſie ſelbſt. Dabei blieb es, fuhr Pater Laz⸗ zardi bewegt fort. Fiammetta blieb im Hauſe ihres Vaters, den ja hierin auch die Beſtimmungen der Landesgeſetze zur Seite ſtanden; da ſeine Mittel ihm die Beiziehung einer tüchtigen Erzieherin nicht geſtat⸗ teten, ſo unternahm er es mit unermüdlicher Ausdauer ſeine Tochter ſelbſt zu bilden. Nur ihre guten Anla⸗ gen und ein Gemüth, das ſie mit all ſeinem Stolz und ſeiner Weichheit von ihrem Vater geerbt hatte, konnten den Gefahren widerſtehen, welche in der Lehr⸗ methode mich oft mit banger Sorge erfüllt hatten. Als mein Freund ſtarb, hinterließ er eine Waiſe von ſechszehn Jahren, welche die alten und üeuen Spra⸗ chen, ſowie die Geſchichte aller Völker und Zeiten kannte und durch naturwiſſenſchaftliche und ſchöngei⸗ ſtige Kenntniſſe mich oft zum Verſtummen brachte, während ſie mit muſterhafter Gewiſſenhaftigkeit dem kleinen Hausweſen vorſtand. Aber ſie beſaß auch, durch die Schüchternheit ihres Geſchlechts vielleicht noch verſchärft, jene Scheu vor der Berührung mit fremden Menſchen, welche ihren Vater in ſeinen letzten Lebensjahren faſt nie die Mauer ſeines Gartens hatte ui 219 überſchreiten laſſen. Zuccardi, als er ſein Ende nahen fühlte, nahm mir als ſeinem Teſtamentsvollſtrecker die feierliche Zuſage ab, die Freiheit und Selbſtentwicklung Fiammettas nach jeder Richtung, vorzüglich gegen ihre Mutter, zu wahren. Ihre Mutter machte einige for⸗ melle Anſtrengungen, Fiammetta zu ſich zu nehmen, aber auf die beſtimmte Erklärung der letzteren, daß ſie auch nach des Vaters Tode in den Verhältniſſen zu bleiben wünſche, in denen ſie ſich bis jetzt wohl gefühlt hatte, verzichtete die noch immer lebensluſtige Frau gerne darauf, eine Tochter in die Welt einzu⸗ führen, welche dem Triumphe ihrer eigenen Schönheit gefährlich werden konnte. So lebt nun mein Mündel ſeit zwei Jahren in völliger Abgeſchiedenheit, ohne andere Freunde als mich und eine immer heitere Die⸗ nerin, welche von hier gebürtig, als Kind auf die Straße geſetzt, ihre Jugend bei Verwandten tief in Algier zugebracht hat, nach dem Tode derſelben hierher zurückgekehrt iſt und der Geſellſchaft ſo ferne ſteht, wie ihr Herrin. Ihre kleine Wirthſchaft und die große Bibliothek ihres Vaters genügten ihr vollkommen, ihre lebhafte Phantaſie findet hohen Genuß an den Werken unſerer Poeſie und Schauſpiele lieſt ſie mit wahrem Feuereifer. Manchmal auch, wenn die elegante Welt Lugano's und die Fremden am Ufer auf und nieder⸗ —— 220 gehen, wirft ſie einen Blick durch den grünen Blätter⸗ ſchleier ihrer Laube, aber was ſie da ſieht, handhohe Abſätze und thurmähnliche Haarfriſuren, auffallende und lächerliche Moden, ſchreiende Farben, können ihren geſunden Sinn nicht locken, ſich einer Geſellſchaft wie⸗ der anzuſchließen, deren Berührung ſie fliehen gelernt hat. Manchmal auch macht ſie ſich, da ſie die Blu⸗ men gar ſehr liebt, auf, klettert allein in die wildeſten Regionen des Arboſtora und ſpricht dann wohl in meinem Pfarrhaus vor.“ Der Prieſter ſchwieg und ſah ſinnend hinaus auf den See, als folge er ſeinem Mündel im Geiſte auf ihren verwegenen Fahrten. Die Aufklärungen des Prieſters über ein Weſen, das Carloni nur ſo flüchtig bekannt war, fielen dem letzteren nicht auf. Es war ihm, als ob er innig an der Angelegenheit betheiligt ſei und faſt vorwurfsvoll fragte er: „Und Sie haben keinen Verſuch gemacht Fiam⸗ metta der Geſellſchaft zurückzugeben, der ſie doch ſchließ⸗ lich angehört?“ „Nein“, ſagte der Prieſter entſchieden, indem er Carloni voll in's Geſicht ſah.„Der Wunſch des To⸗ den und Fiammettas eigener Entſchluß verbot es, und dann“, fügte er leiſer hinzu„hätte ich Niemanden in 221 der Runde gewußt, gut genug, daß ihr reiner edler Sinn ſich an ihm hätte freuen können.“ Carloni erinnerte ſich an das ſchlafende Kinder⸗ geſicht auf dem Monte Salvatore und gab im Stillen dem Pater Recht. „Ich erzähle Ihnen das Alles“, nahm der Prie⸗ ſter, ſich zuſammenraffend das Geſpräch wieder auf, „weil Fiammetta, welche ein lebhaftes Gefühl für em⸗ pfangene Wohlthaten beſitzt, ſich Ihnen gegenüber nicht ganz ſo benommen hat, wie ſie es nachher als das richtige erkannte. Sie bittet mich, Ihnen zu ſagen, daß ſie überraſcht und erſchreckt, nicht undankbar war, als ſie ſo ſehr gegen jede Form fehlte. Es wird Ihnen das natürlich erſcheinen bei einem Weſen, das zwar die Form kennt aber ſelten Gelegenheit hat, ſie zu üben. Und dazu mußten Sie Fiammettas Ver⸗ gangenheit kennen.“ „Fräulein Zuccardi ſchuldet mir keinen Dank und hat ſich in keiner Weiſe gegen mich vergangen“, an⸗ wortete Carloni einfach. „Ich kann darüber nicht entſcheiden“, ſagte der Prieſter und die folgenden Worte ſchienen nur in Folge eines eiſernen Entſchluſſes über ſeine Lippen zu kommen.„Ich habe Fiammetta verſprochen, Sie zu ihr zu bringen.“ 3 222 Der Prieſter ſeufzte tief auf, als er zu Ende war. Carloni hörte es nicht. Seine Blicke waren ge⸗ ſenkt und um ſeine Lippen ſpielte das ſchwermüthig heitere Lächeln eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat. Dann richtete er keck das Haupt empor und griff nach ſeinem Hut.„Kommen Sie!“ Der Prieſter folgte ihm mit müden Schritten. Viertes Kapitel. Fiammetta. Einen Augenblick hatte ſie rathlos, von den Klet⸗ terroſen, wie von einem Rahmen eingefaßt in dem Aus⸗ gang des Berceau's geſtanden, dann war ſie leicht und leidenſchaftlich über die Tropfſteinſtufen herabgeeilt und hatte mit einer Haſt, als ob ſie fürchtete daß ihr Muth ſie unterdeß wieder verlaſſe, den beiden Män⸗ nern die Hände entgegengeſtreckt. Weder Fiammetta noch Carloni erinnerten ſich ſpäter daran, was in je⸗ ner erſten Viertelſtunde zwiſchen ihnen geſprochen wor⸗ den war. Nur wie durch einen Schleier ſah der Flüchtling wie Pater Lazzardi mit traurigem Geſichte aufſtand und nach den Roſenſtöcken ſchaute, welche der Vater Fiammettas dem Prieſter nach ſeiner Tochter am dringendſten an das Herz gelegt hatte. Den bei⸗ 224 den, die im Schatten des Berceaus zurückgeblieben waren, fiel es nicht auf, daß ſie ihr erſtes Zuſammen⸗ treffen mit einer Art Feierlichkeit behandelten, daß es auf ihren Zungen und Gedanken wie ein Bann lag, den die Erinnerung an das herkömmliche nur hie und da mit einer erzwungenen Redensart oder einer ge⸗ wagten Behauptung durchbrach, welcher der Geiſt des andern nicht zu folgen vermochte. Manchmal ſchwiegen ſie auch und während Car⸗ loni zwiſchen den leiſe ſchwankenden Zweigen auf den See hinausblickte, wo die buntbemalten Boote zogen, betrachtete Fiammetta ſchüchtern und neugierig ſein ernſtes Antlitz. Carloni ſchien ihren Zlick zu fühlen und wenn er ſich wendete, vermied er in ihr Antlitz zu blicken, um ſie nicht zu verſcheuchen. „Lazzardi ſagte mir, daß Sie heute an dem einen Ort, morgen an dem anderen ſeien“, begann Fiammetta wieder, als ſeien dieſe Worte die Fortſetzung ihrer Gedanken.„Haben Sie denn keine Heimath?“ „Was iſt Heimath? Jene Scholle auf der wir geboren ſind und die uns meiſt zu eng wird, wie dem Vogel das Ei, wenn unſrer Seele Flügel wachſen? Iſt das die Heimath, wo man ermüdet ausruht, und ſei es Jahre lang? Wenn man ſich gekräftigt fühlt, zieht man weiter. Wenn man viel gewandert iſt, ver⸗ — lieren ſelbſt erhabene Naturgebilde ihren feſſelnden Reiz und nähren eher die Sehnſucht nach Neuem, als daß ſie dieſelbe ſtillen...“ „Die Eindrücke der Kindheit werden doch die bleibendſten ſein...“ „Und wenn man nun in einer großen Stadt mit engen Straßen und thurmhohen Gebäuden geboren und gewohnt iſt, die kurzen Ferien und damit die Flucht aus ihr als höchſte Wonne ein ganzes Jahr lang zu erſehnen, eine Stadt, in deren nie müdem Treiben man vergeſſen und ein Fremder iſt, wenn man ſich ihm nur eine kurze Zeit entzogen? Man kann ſich dann wohl noch eins fühlen mit den Küm⸗ merniſſen und der Sehnſucht ſeines Volkes— aber eine Heimath hat man nicht mehr!“ „Ich habe nicht das Recht, Ihnen zu widerſpre⸗ chen, denn ich war glücklicher“, begann Fiammetta nach einer Pauſe wieder.„In dieſem unſcheinbaren Häus⸗ chen, welches meine Jugend beſchützte, iſt jede Stelle geheiligt durch die Erinnerung an meinen edlen Vater; jeder Baum erzählt mir von ſeiner rührenden Sorg⸗ falt für alles was ihm gehörte. Die herrliche Land⸗ ſchaft, die mich umgibt, bietet in jeder Jahreszeit, in jeder Beleuchtung faſt neue Schönheiten und Räthfel, und läßt in meiner Bruſt die Sehnſucht nicht ſterben, v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. III. 15 26 ihren Wundern nachzuſteigen und ihre Geheimniſſe zu erforſchen. Und doppelt glücklich fühle ich mich hier, wenn ich zurückkehre... Ich möchte dieſen Ort nicht verlaſſen um alles in der Welt!... Aber wenn es für Sie auch keine Stätte gibt, nach der Sie ſich um ih⸗ rer ſelbſt willen zurückſehnen, ſo ſucht Ihr Geiſt vielleicht die Heimath dort, wo jene wohnen, die Sie lieben.“ „Auch dieſen Troſt muß ich entbehren. Mein Vater war ein höherer Offizier und ſtarb vor dem Feinde, als ich kaum zwei Jahre alt war. Meine Mutter hatte ihn ſehr geliebt, und allen Halt verloren, als er fiel. Ich war ein ſogenanntes ſtilles Kind und vermochte wenig zu ihrer Zerſtreuung beizutragen. Raſtlos irrten wir in der Welt umher, von einer Stadt zur andern, von dem berühmten Bad zu jenem und nichts brachte ihren kranken Nerven, wie die Aerzte ihren Zuſtand nannten, Geneſung. Der Wechſel be⸗ täubte ſie; aber er heilte ſie nicht. So wurde ich ſechs Jahre alt; wir befanden uns in Genua zum Gebrauch der Seebäder, als mich eines Morgens Mama's un⸗ gewöhnlich langer Schlummer und ihr ſtarres Aus⸗ ſehen überraſchte... Ich ſuchte ſie zu wecken, aber ſie erwachte nicht und mein lautes Weinen rief die Leute herbei. Dieſe holten den Arzt... Sie war todt. Schon ſeit einiger Zeit pflegte ſie wegen Schlaf⸗ loſigkeit Opium zu nehmen. Sie hatte zu viel genoſſen, aus Zufall wie man ſagte. Je älter ich werde, deſto, weniger glaube ich an jenen Zufall, ſie hatte mir am Abend zuvor noch Papa's Bild gezeigt und uns beide abwechſelnd geküßt. Ich weiß auch, daß ſie mir mit einem Geſichte, das mich erſchreckte, zuflüſterte:„Er hat mich in der letzten Nacht gerufen— ich muß zu ihm.“ Und dann hat ſie mich wieder faſt erſtickt mit Küſſen, daß ich zu weinen begann. Zuletzt ſtieß ſie mich von ſich. Ich habe ihr nie gegrollt. Sie war zu ſehr der Liebe bedürftig, um ohne Liebe leben zu können! Meine Verwandten brachten mich in eine Mi⸗ litärerziehungsanſtalt, in der ich wegen der Verdienſte meines Vaters große Vortheile genoß. Ich blieb lange ein ziemlich blöder ſtiller Knabe und lernte wenig Und als ich erwachte, hörte ich jene wilden Freiheits⸗ hymnen, die damals die Jugend Italien's elektriſirten. Ich lief davon...“ Mit einer Art ſchmerzlicher Ironi hatte Carloni ſo weit erzählt und dabei angelegentlich die lichten Finger Fiammettas betrachtet, welche einen Zweig, der neben ihr herabhing, ohne es zu wiſſen, zerpflückten; da wurde Carloni's Erzählung unterbrochen durch Pa⸗ ter Lazzardi, welcher draußen vorbeiging und anfragte, ob Carloni nicht den Garten beſehen wolle. 15* 228 Letzterer hob das Geſicht und ſah überraſcht in die bleichen Züge und die thränenfeuchten Augen Fi⸗ ammetta's. „Ich danke Ihnen“, ſagte er leiſe als das junge Mädchen an ihm vorüber und die Tropfſteinſtufen hinabeilte. Auch Lazzardi bemerkte die kindliche Trauer auf ihrem Antlitz. „Herr Carloni iſt ſchon ſehr unglücklich geweſen“, gab ſie ſeiner ſtummen Frage Antwort. Der Prieſter nickte beſtätigend. Dann blieb er ſtehen, um auf Carloni zu warten und legte ihm mit überwallender Güte den Arm um die Schulter: „Vergeſſen Sie, was vergangen iſt und ruhen Sie ſich aus bei uns, armer Freund!“ Und Fiammetta lächelte ihm freundlich und ermunternd zu. Ein niegefühltes Behagen fluthete durch Carloni's Bruſt, als er in der Mitte der Beiden durch den Gar⸗ ten ging und im Geiſte bat er den einſtigen Lehrer demüthig um Vergebung, daß er an ihm gezweifelt. Die Pfirſich⸗ und Mandelbäume ſtanden in voller Blüthe, die Feigen hatten ſchon Früchte angeſetzt; man bewunderte die Glycinien, welche die ganze Gartenfront des Hauſes überrankten und ihre blauen Blüthentrau⸗ ben zu hunderten von den Balcons herniederhängen 229 ließen, die Bienen ſummten, herrliche Citronenfalter gaukelten umher, und zahlloſe Eidechſen huſchten an den heißen Gartenwänden entlang. Von gewaltigen Stimmungen beherrſcht behält der menſchliche Geiſt oft eine faſt mechaniſche Beobach⸗ tungsfähigkeit des Kleinſten. So machte auch Carloni plötzlich die Bemerkung, daß die gewöhnlichen Beet⸗ blumen im Garten Fiammetta's fehlten. Er fragte ſie, ob ſie dieſelben nicht liebe. Sie lächelte und nickte, als freue ſie ſich über den Scharfblick ihres neuen Freundes. „Die gepflanzten Blumen kommen mir vor wie eingeſperrte Vögel. Ich liebe ſie mehr im Freien, auf den Bergen und im Wald. Da ſind ſie meine Freunde und ich beſuche ſie, ſo oft ich kann. Die ganze Gegend hier herum iſt ein Blumengarten. Ich werde morgen ſehen ob die ſchönen weißen Narciſſen noch nicht blü⸗ hen, von denen die Felder wie mit Sternen überſäet ſind. Vielleicht gibt es auch noch Schneeglöckchen? Nicht? Ach da müſſen Sie mitkommen!“ Fiammetta ſah von einem zum andern und ſchien ihre Worte halb zu bereuen. „Fiammetta kennt die Gegend genau“, ſagte der Prieſter als müſſe er ſeine Mündel vor jedem Miß⸗ verſtändniß ſicher ſtellen durch ſein Vertrauen.„Sie 230 können ſich unbeſorgt ihrer Führung überlaſſen. Ihr könntet ja“, fuhr er nach einigem Nachſinnen halb zu Fiammetta gewendet fort„den Weg durch den Wald nach Carabbia nehmen. Maddalena wird Euch beglei⸗ ten und meiner Tereſina, die ja nur eine ungeſchickte Bäuerin iſt, behülflich ſein, im Pfarrhof ein gutes Mittagseſſen herzuſtellen. Willſt Du, Waddalena?“ wandte er ſich an die Ex⸗Afrikanerin, welche über die Schwelle der Hausthüre trat. Maddalena's Geſicht jedoch zeigte ſtatt Freude nur düſtere Verzweiflung. Die ſchwarzen krauſen Haare hingen ihr wirr in die rothglühende Stirn und ein derber Kohlenſtrich theilte das feurige Roth ihrer lin⸗ ken Wange in zwei ungleiche Hälften. Krampfhaft hielt die ſchwarzäugige Dirne einen Bratſpieß mit einem halbverbrannten Huhn in der Hand und ſeufzte tief ergriffen: „Ich bin Ihrer Gnade nicht würdig Herr Pfarrer! Während ich den Riſotto umrührte habe ich das Huhn verbrennen laſſen. Das arme Huhn! Goldgelb war es und weich wie Butter— und jetzt iſt es braun und ausgedorrt wie ein Araber! Ich bin nicht wür⸗ dig mehr, daß ſie noch Nachſicht mit mir haben; Fräu⸗ lein, das fühle ich. Ich vermag höchſtens für die Beduinen zu kochen und für die Spaniolen, das ruch⸗ 23¹ʃ loſeſte Geſindel, das ich in Algier kennen gelernt. Ein Spanier iſt ſchlechter, als drei Kabylen— für einen Spanier wäre ſogar dies Huhn noch zu gut!“ Lachend und verlegen ob der redſeligen Verzweif⸗ lung ihrer Dienerin eilte Fiammetta in die Küche um zu ſehen, wie ſich das verbrannte Huhn erſetzen laſſe In tiefſter Reſignation folgte ihr Maddalena. Indeſſen trat der Pater mit Carloni in den ſo⸗ genannten„Saal“ des Hauſes, ein großes alterthüm liches Gemach im Erdgeſchoß, deſſen Decke mit Himmel blau und Wolken bemalt war. Ein Flügel ſtand in der Ecke, Gemälde hingen an den Wänden, unter de⸗ nen vorzüglich eines die Aufmerkſamkeit Carloni's er⸗ regte. Es war ein Kreuzgang von ungeheuren Dimen⸗ ſionen, deſſen maſſige, wie aus Felsblöcken zuſammen⸗ gefügte Säulen ſich in eine ſcheinbar unendliche Däm⸗ merung fortſetzten. Eine Proceſſion von Prieſtern mit Kreuz und Fahne zog einher und Carloni war es, als ob ſein Geiſt willenlos hineingezogen werde in dieſe erdrückende Fernſicht.. dunkel und räthſelhaft wie die Tiefen der Leidenſchaft. Fünftes Kapitel. Kinder im Walde. Es war ein herrlicher wunderbar klarer und durchſichtiger Morgen, wie ihn nur der Süpabhang der Alpen kennt, als Carloni an der Seite Fiammet⸗ ta's das Thal entlang ſchritt, welches ſüdweſtlich von Paradiſo nach dem Seearm von Figino ſich erſtreckt und in ſeiner Mitte mit der von Carabbia ſich herabſenken⸗ den Schlucht zuſammentrifft. Dieſe Schlucht wollten ſie dann empor ſteigen, bei Pater Lazzardi tafeln und vielleicht in ſeiner Begleitung auf der Bergſtraße. zurückkehren. Zum erſten Mal ſeit ihres Vaters Tode trug Fiammetta ein helles Kleid. Sie hatte plötzlich ent⸗ deckt, daß ihr Anzug das Maß einer vernünftigen Einfachheit überſteige und einen Theil der Nacht dazu 233 verwendet, um ſich einen Anzug ſo hübſch und zierlich, als es ihre Garderobe geſtattete, zuſammen zuſtellen. Die Umriſſe ihrer jugendlichen üppigen Büſte ſchim⸗ merten durch eine zarte Hülle von Tüll und Spitzen und die Farbe ihres feinen roſigen Geſichtleins wurde außerordentlich gehoben durch den ſchwarzen venezia⸗ niſchen Schleier, der in dieſen Gegenden noch häufig getragen wird. Mit weichen elaſtiſchen Schritten ging ſie neben Carloni her, ihre Augen blitzten und ihr Mund öffnete ſich halb, wenn ein Windhauch die friſchen Lüfte der Schneeberge ihr entgegentrug. Manch⸗ mal auch hob ſie das zierliche Näschen in die Luft und blickte in das Grün zur Seite der Straße. Ihre Finger drückten das Gebüſch zur Seite und mit dem triumphirenden Lächeln eines Kindes brachte ſie ein paar duftende Veilchen zum Vorſchein, welche ſie Car⸗ loni anbot. Man hatte die Straße verlaſſen und war in den 1 Wald getreten. Da und dort leuchtete noch an einer beſondern ſchattigen Stelle eine Schneeroſe. Der röth⸗ liche Schimmer mit dem ſich ihr gewöhnlich blendend weißes Blüthenkleid überzogen hatte, verkündete, daß ſie bald ſterben müſſe, erklärte Fiammetta ihrem Freunde. Bei jedem Schritt bewunderte Carloni mehr die unge⸗ mein zarten Inſtinkte der zierlichen in die Alpen ver⸗ 2 23 pflanzten Venezianerin. Die Materie erſchreckte ſie nicht, ſondern wurde von ihr belebt und mit tauſend un⸗ ſichtbaren Fäden ſchien ſie an die Natur gefeſſelt; manchmal war es ihm, als beſtehe eine geheime Wech⸗ ſelbeziehung zwiſchen ihr und all den zarten Weſen, für deren kurzes Blühen und Leben ſie ſo voller Mit⸗ empfindung war. So ſcheu ſie noch geſtern manchmal gegen ihren Gaſt geweſen, ſo offen und vertrauend zeigte ſich Fi⸗ ammetta heute. Sie gingen am Rande des Waldes entlang. Der helle Sonnenſchein, der auf den Fluren draußen lag, drang gedämpft zu ihnen herein und Maddalena, welche in dem landesüblichen bunten Kopf⸗ tuch der Expedition beiwohnte und mit ihren hohen Holzſandalen hinterher klapperte, gab der Unterhaltung zuweilen dadurch eiue humoriſtiſche Wendung, daß ſie von dem oder jenem Kraut, von dem der Butterblumen und von dem ſtacheligen Ilax behauptete, daß dieſel⸗ ben auch in Algier wüchſen und eine Lieblingsſpeiſe der Araber ſeien.„Dieſe Araben eſſen alles“, war der ſtete Refrain ihrer Erzählung, und dabei ſchüttelte ſie ſich vor Abſcheu. Manchmal auch, wenn alles ſchwieg, und weicherer Boden ſelbſt den Schall von Maddalena's Schritten dämpfte, klang das Geläute der Dorfkirchen traumhaft von der Höhe. 235 Fiammetta kannte ſie alle. „Das iſt das helle Glöcklein von Mantagnuola“ ſagte ſie leiſe, wie um die traulichen Laute nicht zu ſtören,„jener ſonore Baß iſt St. Agno. Nächſte Woche iſt Kirchenfeſt und Markt dort, der größte der Gegend und Maddalena freut ſich ſo ſehr darauf, daß ich ſie wohl oder übel dorthin begleiten muß. Dieſe zänkiſchen Stimmen, die alle anderen überſchreien wollen, ſind die Glocken von St. Pietro⸗Pambio, wohin Madda⸗ lena jeden Sonntag zur Meſſe geht.“ „Ich bin zum letzten Mal dort geweſen“, erklärte Maddalena—„der Pfarrer gefällt mir nicht mehr. Er predigt wie für die Araber, bei welchen man das Geld nicht eher aus der Hand geben darf, bis man die Waare hat und vor denen das Schwein im Stalle nicht ſicher iſt. Ich habe nicht geſtohlen und brauche nicht erſt den Pfarrer von Pambio, um mir zu ſa⸗ gen, daß ſo etwas nicht ehrlich ſei. Da lob ich mir unſern ehrwürdigen Herrn von Carabbia, der weiß wie er für anſtändige Menſchen zu predigen hat!“ Es war, als ob ſich bei Nennung ſeines einſtigen Lehrers eine kühle Hand auf Carloni's warmpulſen⸗ des Herz legte. Er mußte ſich geſtehen, daß der Prie⸗ ſter bis jetzt nur richtig gehandelt hatte, indem er Fiammetta's Unberührtheit hoch hielt und nicht ohne 23 Grund jeden ſeiner Bekannten ihr aufdrang; und als Carloni Gelegenheit gehabt hatte, ihm einen höchſt unbedeutenden Dienſt zu leiſten, war es der Prieſter geweſen, der ihn nicht verleugnet und ſogar bei ſeiner Schutzbefohlenen eingeführt hatte. Daß er die Einla⸗ dung welche Fiammetta in ihrer Herzensunſchuld an Carloni gerichtet hatte, dadurch von jedem Hauch einer Unſchicklichkeit zu befreien ſuchte, daß er ihnen Mad⸗ dalena zur Begleitung gab, dafür konnte ihm ein red⸗ licher Mann nur danken und die Weiſe wie Lazzardi es gethan, zeugte vom lebhafteſten Zartgefühl. Und doch vermochte Carloni den Gedanken nicht los werden, daß die Macht des Prieſters eine ihm feindliche ſei, und zwiſchen ihm und Fiammetta ſtehe. Ihm war als müſſe er ihn haſſen und manchmal war er verſucht umzublicken, ob er nicht zwiſchen den weißen Stämmen der Birken die geſchmeidige Geſtalt und den Dreiſpitz derſelben auftauchen ſehe: „Schneeglöckchen! Schneeglöckchen! Und ſo friſch, als ſeien ſie eben erſt aus der Erde geſchlüpft.“ Mit dieſem Jubelruf ſprang Fiammetta behend hinab in eine kleine Mulde, wo in der That Glöcklein an Glöcklein, noch die zarten Vorboten des Frühlings ſtanden, nachdem der, den ſie verkündeten ſchon längſt in's Land gezogen war. 237 Fiammetta kniete nieder und brach mit Haſt von ihren Lieblingen ſo viel ſie erreichen konnte; dann ſetzte ſie ſich an den erhöhten Rand der Wieſe, um ſie zu einem Strauß zu binden. Trotzdem ſie fortwährend mit ihm plauderte und ihm ihr Entzücken mittheilte, ſchien ſie den Freund, der ſich neben ihr niederließ faſt vergeſſen zu haben. Carloni war es, als ob er ein Recht habe ſich gekränkt zu fühlen und auf ſie eiferſüchtig zu ſein und er fragte traurig: „Weihen ſie Alles, was Sie lieben, einem frühen Tode wie dieſe Blumen?“ Fiammetta, welche bereits ein Stück Faden aus der Taſche gezogen hatte, ſchaute überraſcht auf und ſagte eifrig: „Wenn ich ſie pflücke, leben ſie länger als hier und dienen guten Menſchen zur Freude. Vor dem Abend wären die armen ſüßen Geſchöpfe hier ver⸗ ſchmachtet. Im Glaſe halten ſie ſich noch eine ganze Woche, alſo verlängere ich ihr Leben, wenn ich ſie mitnehme. Ich werde ſie Pater Lazzardi bringen, er liebt die Blumen und pflegt ſie gut.“ „Ihre Blumen...“ ſagte Carloni leiſe. „Warum blos meine? Ja, allerdings, weil ihm ſonſt Niemand welche bringt.“ 238 „Aber Ihre Orangen läßt er verdorren... fuhr Carloni mißmuthig fort. Fiammetta lachte laut und klingend. „Haben Sie das geſehen? Nicht wahr, die alt⸗ modiſchen Taſſen mit den blauen golddurchwirkten Ge⸗ wändern und den gelben, runzlichen Köpfen ſehen luſtig aus. Ich brachte ihm ſonſt immer einige Orangen mit, wenn ich zu ihm kam, aber da er keine davon ißt, und auch keine kopfloſen Taſſen mehr hat, habe ich es aufgegeben....“ Carloni lachte. Aber der Ton dieſes Lachens drang ihm ſelbſt unheimlich trocken und gepreßt in's Ohr... Er hatte ſich neben Fiammetta niedergelaſſen und betrachtete unverwandten Blicks die Bewegung ihrer Finger und das geſenkte vom Eifer leicht ge⸗ röthete Antlitz. Maddalena's Aufmerkſamkeit war, als ſie ihre Herrin beim Pflücken von Gewächſen ſah, welche nach ihrer Meinung nicht einmal ein Araber genießen konnte, völlig in Anſpruch genommen worden von einer ländlichen Gruppe, einem Hauſirer welcher einige Hundert Schritt vom Wald entfernt mitten auf freiem Felde ſaß und vor einigen jungen Bäuerinnen ſeinen Kram, der ausſchließlich aus bunten Taſchen⸗ tüchern beſtand, ausbreitete. Die Tücher prangten in der günſtigen Beleuchtung der Mittagsſonne in 9539 239 den brennendſten Farben und noch glühender waren die Worte des jugendlichen, gebräunten jungen Mer⸗ kur's, der ſie den ländlichen Damen anpries. Mit rathloſen, ernſten Geſichtern ſaßen dieſe da und hiel⸗ ten mit den Augen ſtumme Zwiegeſpräche, denn dieſ Wahl war eine ernſte Sache in einer Gegend, wo Wohlhabenheit und Cleganz der jungen Mädchen meiſt nach dem Aufwand beurtheilt wurde, welche ſie an den Bändern ihrer hohen Holzſandalen und ihren Kopftüchern zur Schau trugen. Maddalena war durch die abgeſchiedene Lebens⸗ weiſe ihrer jungen Herrin und die einſame Lage des gelben Hauſes vor einem größeren Bekanntenkreis be⸗ wahrt worden, nicht aber vor der landesüblichen Ge⸗ wohnheit, das bunte Kopftuch für das begehrens⸗ wertheſte Beſitzthum eines jungen Mädchens zu halten. Dazu mochte auch die Erkenntniß beitragen, daß dieſe Tracht ſehr gut zu ihrem tiefſchwarzen krauſen Haar und zur lebhaften Farbe ihres Geſichtes ſtanden. Trotz⸗ dem ſie alle ihre Erſparniſſe in Tüchern und Sanda⸗ len angelegt hatte und einen Vorrath davon beſaß, der einem beſcheidenen Hauſirer genügen konnte, ſo übten die grellen Muſter und die lockenden Geberden des Händlers eine energiſche Gewalt auf ſie aus, der ſie nur ſo lange widerſtand, bis ſie ihre Herrin und 240 deren Begleiter auf dem Raſen ſitzen und ſcheinbar in das eifrigſte Geſpräch vertieft ſah. Fiammetta und Carloni waren allein. Die Mulde war tief genug, um ſie den Blicken der Leute auf dem Felde zu verbergen, zu denen Maddalena ſich geſellt hatte. Das junge Mädchen war verſtummt, ihre Hände regten ſich unabläſſig und der kleine Strauß wurde immer größer.... Carloni's Herz ſchlug ſo mächtig, daß ihm das Athmen ſchwer wurde. Endlich hielt Fiammetta inne und betrachtete prüfend ihr zierliches Werk....... „Wiſſen Sie, daß die Blumen, die Sie auf dem Salvatore gepflückt, noch in meinem Zimmer blühn?“ Fiammetta ſah nicht auf, aber ihr Antlitz färbte ſich glühend roth. Die Birke über ihnen, welche mit ihrem Wipfel in das Sonnenlicht ragte, zitterte leiſe, als der Wind darüber ſtrich, dann wieder ruhten ihre Zweige regungs⸗ los. Schweigſam war alles ringsum, kein Halm bewegte ſich, als ſei die Zeit ſtill geſtanden über den beiden. Carloni ergriff Fiammettas Hand, welche leiſe zitterte: „Sie dürfen auch dieſe Blumen keinem andern 241 Manne geben, wenn Sie mich nicht traurig machen wollen.“ Fiammetta's kindliches Antlitz erhielt einen ern⸗ ſten Ausdruck und die braunen Augen treuherzig auf ihn gerichtet, reichte ſie Carloni ſchweigend den Strauß. Carloni ergriff denſelben und preßte ihn heftig an die Lippen. Da ſprang Fiammetta auf. Ihr feines Gehör hatte Geräuſch vernommen. Ein paar murillliſche Engelsköpfe erſchienen in den Büſchen und ſahen ſich ſchüchtern um. Dann kam auch die unleugbar irdiſche und ſogar etwas zerlumpte Kleidung des kleinen Pärchen's zum Vorſchein. Das Mädchen hielt einen Strauß ſchneeweißer ſternförmiger Narciſſen in der kleinen Hand und der Junge ſuchte auf dem Rücken einen Bund Weidenruthen zu verbergen, welche er ſich vermuthlich in einem Weingarten, wo ſie zum Auf⸗ binden der Reben hätten dienen ſollen, für ſeine Zwecke angeeignet hatte. Mit einer etwas ſelbſtſüchtigen Artigkeit bot die Kleine ihre Blumen dar. Fiammetta nahm ſie mecha⸗ niſch, und hielt ſie in der Hand, ohne ihnen einen Blick zu gönnen. Carloni gab den Kindern ein Geld⸗ ſtück und ſie entfernten ſich jubelnd. Statt ihrer tauchte Maddalena zwiſchen den Bäumen auf. Sie v Schlägel, Deutſch und Wälſch. III. 16 242 hatte ihren heutigen blauen Turban mit einem gelb und rothgeſtreiften vertauſcht und ſchien ſich ſehr zu wundern, als ihre Herrin die gewaltige Veränderung in ihrem Ausſehen nicht bemerkte. Den Reſt des Weges waren alle ſehr ſchweigſam. Auch Maddalena neigte ausnahmsweiſe zur Nachdenk⸗ lichkeit. Der Hauſirer hatte ihr, nachdem die Bäue⸗ rinnen fort waren und er ſein Urtheil abzugeben hatte, welches Muſter ihr am beſten kleide, aus ſeiner Be⸗ wunderung für ihre Perſon kein Hehl gemacht und ihr Dinge geſagt, die ihr um ſo merkwürdiger klangen, als ſie dieſelben zum erſtenmal mit eigenen Ohren hörte. Man hatte die ſteile Schlucht erreicht, welche nach Carabbia aufwärts führte. Die Dächer des Dorfes verſchwanden faſt in dem welligen Laubwerk, das ſie umgab und hoch über ihnen ragte das epheu⸗ umrankte Kirchlein. Auf dem Balcon des Pfarrhau⸗ ſes, wie auf einem Wartthurm harrte bereits Lazzardi und winkte freundlich mit dem Tuch. Nur Madda⸗ lena erwiderte den Gruß. Die Schritte der beden Andern wurden immer langſamer, je näher ſie dem Ziel ihrer Wanderung kamen und„Mars“, der ihnen entgegen kam, ſuchte ſie vergeblich durch Vorausſprin⸗ gen zu größerer Eile zu ermuntern. 243 Der Empfang des Pfarres war herzlich und hatte anfangs die Unbefangenheit, mit welcher er vor wenig Wochen den einſtigen Schüler aufgenommen. Aber kaum hatte er einen Blick auf das traumhaft zerſtreute Antlitz Fiammettas und den Blumenſtrauß in Carloni’'s Hand geworfen, als ſeine Stirne ſich leicht umdüſterte.— Ernſt waltete er ſeiner Pflichten als Wirth und es zeigte ſich, daß die unſichtbare Te⸗ reſina auch ohne Maddalena's Hülfe fertig geworden war. Eine faſt herausfordernde Fröhlichkeit war über Carloni gekommen, auf welche der Prieſter nicht einging. Vergeblich verſchwendete„Mars“ ſeine Lieb⸗ koſungen an Fiammetta, die ihn ſonſt immer ſtür⸗ miſch bewillkommt hatte. Die aufwartende Madda⸗ lena überbot ſich an Zerſtreutheiten und auch Car⸗ loni's ſiegesgewiſſe Heiterkeit ermüdete an der ge⸗ drückten Stimmung, welche in dem kühlen Zimmer herrſchte. Endlich brach man auf. Der Prieſter hatte in einer Weiſe, die keinen Widerſpruch zuließ, ſeinen Ent⸗ ſchluß kundgegeben, die kleine Geſellſchäft zu begleiten. Fiammetta und Carloni gingen etwas voraus. Der Prieſter wollte ſich ihnen anſchließen aber Maddalena, die bereits mehrmals eine Gelegenheit geſucht hatte, ſich ihm zu nähern, hielt ihn zurück: 16* „Ehrwürdiger Herr!“ ſagte ſie mit ihrem ſchlaue⸗ ſten Geſicht.„Es gibt bald eine Hochzeit.“ Der Prieſter wandte ſich ſo heftig nach ihr um, daß Maddalena entſetzt zurück prallte. „Ganz gewiß“, verſicherte ſie, nachdem ſie ſich ge⸗ faßt, mit einigem Selbſtgefühl:„Es gibt nämlich einen, der mich heirathen will.“ Maddalena hatte erwartet, daß das Erſtaunen des Prieſters ſich bei dieſer Nachricht noch erheblich ſteigern werde. Statt deſſen jedoch ſagte derſelbe mit einem Seufzer, der wie Erleichterung klang: „Die Ehe iſt zum Glück der Menſchen von Gott eingeſetzt. Wenn ein würdiger, arbeitſamer Mann den Du liebſt, um Dich freit, ſo gebe ich Dir mit Freuden meinen Segen. Nur mußt Du Dich prüfen, ob Dein Gemüth zu dem Deines Mannes paßt. Du biſt leicht erregt und heftig; wenn Dein Mann dieſelbe Eigenſchaft beſitzt, ſo werdet ihr auch ſchwer zu der Nachſicht und Duldung gelangen, die alle Eheleute für einander haben müſſen.“ „Wie lange kennſt Du Deinen Verlobten?“ Maddalena war als Gegenſtand dieſer Verhand⸗ ung ungemein geſtiegen in ihrer eigenen Meinung und entgegnete ſtolz: „Seit heute!“ ———ͤͤͤͤͤͤ— Der Prieſter wurde verwirrt. Abenteuerliche Ge⸗ danken jagten ihm durch den Kopf. Er warf einen raſchen mißtrauiſchen Blick auf den vorauswandelnden Carloni und fragte athemlos: „Seit heute.. wer?“ „Der Mann mit den Schnupftüchern!“ „Der Mann...... 2 „Mit den Schnupftüchern! Kein anderer, Herr Pfarrer, obwohl er wahrſcheinlich auch noch einen Vor⸗ und Zunamen hat, wie jeder Chriſtenmenſch. Als mein Fräulein und der Herr dort Blumen ſuchten“ haben der Mann mit den Schnupftüchern und ich die Sache abgemacht. Er hat mir ſogleich dieß prächtige Tuch als Brautgeſchenk verehrt.“ Und Maddalena deutete triumphirend auf ihren Turban. Lazzardi wiegte ernſt den Kopf: „Und einen Mann, mit dem Du auf der Straße einmal zuſammengetroffen biſt, der, wenn ich Dich recht verſtehe, keine bleibende Wohnſtätte hat, und handelnd landauf, landab zieht, willſt Du Dich und Dein ganzes Leben auf Gnade und Ungnade übergeben, weil er durch ein Geſchenk Deiner Eitelkeit geſchmeichelt hat? Schäme Dich Maddalena!“ Das Mädchen hatte bei dieſer Ermahnung Aehn⸗ lichkeit mit einem Kinde, dem ſein Spielzeug genom⸗ men werden ſoll. „Aber er will mich ja heirathen!“ „Iſt es darum Deine Pflicht auch ihn heirathen zu wollen?“ Maddalena nickte: „Wenn man den nicht will, der einen will, dann gibts ja gar keine Eheleute; denn denjenigen, der ei⸗ nen nicht will, bekommt man ja ohnedem nicht.“ Mit einiger Unruhe hatte Lazzardi manchmal auf das vorauswandelnde Paar geſchaut. Mit geſenktem Haupte ging Fiammetta neben ihrem Begleiter, der leiſe und eindringlich zu ihr zu ſprechen ſchien... Mit wenigen Schritten hatte der Prieſter ſie er⸗ reicht und war zwiſchen ſie getreten. Seine Züge hat⸗ ten einen ernſten faſt ſtrengen Ausdruck angenommen. Er verließ die Seite ſeiner Mündel nicht mehr, bis ſie mit kurzem Gruß und niedergeſchlagenen Au⸗ gen in dem gelben Hauſe verſchwunden war. Madda⸗ lena folgte ihr etwas übler Laune, daß der Pfarrer ſich ſo wenig um die wichtige Angelegenheit kümmerte, die ſie ihm anvertraut hatte. Schweigend gingen die beiden Männer am Ufer entlang. Lugano, ſein ſchöner See und alle Berge der Oſtſeite waren in roſenrothes Licht getaucht. ———— —— 247 Vor dem Hotel de Pare unter der Marmorſta⸗ tue Tell's, der den Pfeil emporhält, nahm der Prieſter Abſchied. „Ich habe Ihnen eine ſchmerzliche Nachricht mit⸗ zutheilen, Carloni!“ ſagte er und ſeine Züge drückten eine ſeltſame Miſchung von Beruhigung und Theil⸗ nahme aus. Der ſchweizeriſche Bundesrath hat dem Druck Ihrer Regierung nachgegeben und um dem po⸗ litiſchen Treiben hier an der Grenze zu ſteuern, den Canton Teſſin aufgefordert, binnen acht Tagen Mazzini und alle anderen hier anweſenden Flücht⸗ linge auszuweiſen. Davon werden Sie jedenfalls mit⸗ betroffen werden.“ Lazzardi drückte ſeinem einſtigen Schüler raſch die Hand und ließ ihn ohne eine Antwort abzuwar⸗ ten, allein. Carloni ſtand noch an derſelben Stelle, als der weiße Arm des Tell ſich nur mehr undeutlich von dem geheimnißvollen Dunkel des leiſe rauſchenden Waſ⸗ ſers abzeichnete. Auf die roſige Dämmerung ſeiner Träume hatte ſich finſtere troſtloſe Nacht gelegt. Vertrieben und ruhelos von Land zu Land gehetzt in demſelben Augenblick, da ſein Herz zum erſten Mal die Heimath gefunden hatte an dem Orte,„wo jene wohnte, die er liebte.“ 1 I Sechstes Kapitel. Der Markt zu Agno. „Ich möchte dieſen Ort nicht verlaſſen um alles in der Welt“, hatte Fiammetta geſagt. Carloni fühlte, daß er ihr Eden theilen, aber ihr daſſelbe nicht entreißen durfte. Er erſchrak vor der grauſigen Oede, die bei dieſem Entſchluß in ſeiner Seele einzog, aber er war kein ſchlechter Menſch und ſchwankte keinen Augenblick. Er wollte gehen ohne den demüthigenden Befehl abzuwarten, ein Land ver⸗ laſſen, welches das Aſylrecht mit dem es prunkte, auf jedes Stirnrunzeln mächtiger Nachbarn hin verleugnete; — er wollte ohne Abſchied gehen. Ohne Abſchied von Lazzardi, weil er das heuchleriſche Bedauern des Prie⸗ ſters nicht hätte ertragen können, von Fiammetta nicht, weil die zarten Sommerfäden, welche eine beginnende Liebe zwiſchen ihnen geſponnen, beſſer in laue Luft zerfloſſen, als gewaltſam zerriſſen wurden. Er wollte von ihr gehen wie er genaht, ungeahnt, unerſehnt und unbeweiut— ſie ſollte glücklich bleiben in ihrem Pa⸗ radieſe,„das ſie nicht verlaſſen mochte um alles in der Welt.“ Und dennoch blieb er. Für jeden folgenden Tag wurde der Wagen beſtellt, der ihn nach Lago maggi⸗ ore führen ſollte, von dort wollte er nach Turin. Noch einmal wollte er den aufgeklärten Deſpoten ihren Verrath an jeder hochherzigen Regung ihres Volkes in's Geſicht ſchleudern und dann in den Kerker ſtei⸗ gen, wenn es ſein mußte, für immer... Er war todtmüde und eine ſtille Zelle, wo ihn niemand ſtörte jahrelang, und alle trügeriſchen Träume langſam ſtar⸗ ben, ſchien ihm eine dankenswerthe Wohlthat. Was ihm Pater Lazzardi mitgetheilt, hatten in⸗ zwiſchen die Zeitungen beſprochen. Nur hieß es, habe die freiſinnige Kantonsregierung bei der Bundesgewalt Vorſtellungen gegen die Maßregel erhoben. Niemand glaubte an Erfolg, ſo ſehr man ihn auch wünſchte, hatte der Wirth des Hötels Carloni mitgetheilt. Carloni fühlte wie die für todt gehaltene Hoffnung dennoch wieder aufglimmte in ſeinem Herzen, unwill⸗ kürlich theilte ſich ihm die Aufregung der Bürger von Lugano mit, die ſich in ihrer ſtaatlichen Selbſtändig⸗ keit bedroht ſahen. Carloni's Bruſt hob und ſeine Fäuſte ballten ſich — da ſchallte plötzlich die Kunde durch die Stadt: Eben ſei der Regierungscommiſſär zu dem todtkranken Mazzini in der Villa Nathan gegangen um ihm mit⸗ zutheilen—, daß er bei Vermeidung der Auslieferung den Kanton in vierundzwanzig Stunden zu verlaſſen habe. Carlonis Geſtalt ſank zuſammen und das Feuer ſeiner Augen erloſch. Dann klingelte er dem Kellner und beſtellte einen Wagen nach dem Lago maggiore. Bald darauf fuhr er in einem Zweiſpänner des Hôtels langſam durch die ſchwarzen Menſchenmaſſen, welche ſich zwiſchen dem Hôtel de Parc und der Villa Nathan den Qnai entlang drängten. Hoch über ſie emporragend ſtreckte der marmorne Guglielmo Tell ſei⸗ nen pfeilbewaffneten Arm empor zum freien blauen Himmel.... Dann ſtieg der Wagen die Schlangenwindungen der Straße nach Luino empor. Lange hat man dort noch einen reizenden Blick auf Lugano und den See⸗ arm von Porlezza. Nur Paradiſo ſieht man nicht. Der Wagen hatte die Höhe erreicht und fuhr im ſcharfen Trabe wieder abwärts. Es fiel Carloni auf, 251 daß die Straße außergewöhnlich belebt war. Immer zahlreicher wurden die Wagen und Fußgänger, als er an dem kleinen Muzzano⸗See vorüber gefahren war und ſich inmitten mächtiger Pappelreihen einer ziem⸗ lich weitläufigen Ortſchaft näherte, die von ihrer hoch⸗ gelegenen Kirche wie von einer Feſtung überragt wurde. Reizlos und öde ſchien die Gegend durch die ſie fuhren, die hohen Berge waren verſunken hinter nie⸗ deren eintönigen Vorbergen und melancholiſch lag eine blaue Seebucht zwiſchen ſchilfumbuſchten Ufern. „Hier ſind wir wieder am Luganerſee“, erklärte der Kutſcher der ſich der bizarren Form ſeines hei⸗ mathlichen Gewäſſers zu freuen ſchien. Carloni ſchwieg und lauſchte dem ſonoren Klang der Kirchenglocke. Ihm war, als müſſe er ihn ſchon gehört haben. Wagen voll jubelnder Menſchen fuhren vorüber, die Köpfe der Pferde waren mit rothgefärb⸗ ten Schilfwedeln geſchmückt und die Mädchen bedeckt mit künſtlichen Blumen aus Papier und Silberdraht. Die Burſche trugen gefärbte Schilfbüſchel auf den Hüten und entlockten perlengezierten kleinen Pfeifen eine gellende Muſik. Arm in Arm und die ganze Breite der Straße einnehmend, in braunen Mancheſter⸗ röcken und die hübſchen ſüdlichen Geſichter von Luſt geröthet, kommt eine Anzahl Arbeiter ſingend des 252 Weges— eine andere Schaar begegnet ihnen. Ohne ihr Lied zu unterbrechen, bleiben die erſten dicht vor den andern ſtehen, dieſe ſtimmen ein und helfen die Schlußverſe mit zu Ende ſingen. Dann erſt ziehen ſie jubelnd und plaudernd mitſammen in's Dorf. Auch Reihen von Mädchen begegnen dem langſam fahrenden Wagen. Sie haben ihre ſchönſten Kopftücher auf, die Bänder ihrer Sandalen ſind von farbigem Sammt und ihre Strümpfe von den lebhafteſten Farben. „Was bedeutet das alles?“ fragte Carloni den Kutſcher. „Es iſt Markt in St. Agno.“ Markt in Agno— es waren die Kirchenglocken von Agno geweſen, welche Fiammetta erkannt hatte und auf den Markt von Agno wollte ſie die neugie⸗ rige Maddalena führen. Carloni war ſehr bleich geworden. „Können wir nicht außen um das Dorf herum⸗ fahren?“ fragte er den Kutſcher. Dieſer ſchüttelte den Kopf und deutete auf die Weinberge und den See, welche für die Straße eine ſchmale Lücke ließen. „Die Straße geht über den Markt.“ Carloni war im Begriff, dem Kutſcher größte Eile zu gebieten, als er durch die immer dichter wer⸗ —e mußte, raſcher als im langſamſten Schritt vorwärts zu kommen. Buden zu beiden Seiten des Weges ſorgten für den Bedarf an künſtlichen Blumen und anderen Spielerein, mit denen ſich die Menge in mehr oder weniger abenteuerlicher Weiſe geſchmückt hatte. Am ſeltſamſten erſchienen die kleinen Pyramiden von buntgefärbten Blumenſträußen, welche hoch über den Köpfen der Menge von den Händlern auf Stangen getragen und feil geboten wurden. Carloni blickte die fröhlichen Geſichter, die an dem Wagen vorüber flutheten nicht an. Er hielt die Blicke ſtarr auf den Boden des Wagens gerichtet, damit ſie nicht Fiammet⸗ tas erröthendem Kinderantlitz begegnen ſollten. Da ſchrak er heftig zuſammen, denn er hatte ganz deutlich ſeinen Namen rufen gehört— aber er ſah nicht auf. Da blieb der Wagen plötzlich ſtehen. Der Kut⸗ ſcher hatte den lebhaften Geſtikulationen eines jungen Mädchen's gehorcht, welches die Bude eines hübſchen Schnupftuchhändlers verlaſſen und ſich zu dem Wagen durchgedrängt hatte. Maddalena's unter der glühenden Wüſtenſonne gereifte Phantaſie hatte die Feſttoilette der italieniſchen Schweizerin in Anbringung zeitgemäßer Schmuckgegenſtände noch um ein Erkleckliches überboten. dende Menge ſich von der Unmöglichkeit überzeugen 254 Auf ihrem himmelblauen mit rothen Füllhörnern durchwirkten Turban und an ihrer Bruſt prangten wohl ein halb Dutzend Sträuße, ein mächtiger mit buntem Papier überzogener und mit Watte umwickel⸗ ter Spinnrocken ragte, von ihrem Gürtel feſtgehalten, über ihre linke Schulter empor und in der Rechten trug ſie zum Schutz ihres lebhaften Teints einen Sonnenſchirm in Geſtalt eines gewaltigen Veilchens aus Papier. „Herr Carloni!“ rief ſie aufgeregt in den Wagen. „Das Fräulein iſt auf der Feſtwieſe drunten und be⸗ ſieht ſich die Wilden. Wie wird ſie ſich freuen, daß Sie gekommen ſind. Fräulein wollte erſt gar nicht mitgehen, als ich ihr aber ſagte, der Herr Carloni kommt gewiß auch, war ſie gleich dabei.“ Carloni verſuchte ein Lächeln. Dann befahl er dem Kutſcher, weitere Befehle vor dem Dorfe zu er⸗ warten und ſtieg aus. Er hatte nicht das Recht Fi⸗ ammetta in den Augen ihrer eigenen Dienerin blos⸗ zuſtellen. Langſam folgte er Maddalena, welche ſich ener⸗ giſch durch die fröhliche Menge Bahn brach. Bei den „Wilden“ wie Maddalena eine Bude mit Papageien, Affen und einem falſchen Albino bezeichnet hatte, war Fiammetta nicht anzutreffen. Bei den ungeheuren 255 Keſſeln von Riſotto, welche im Freien dampften na⸗ türlich noch weniger, und vergeblich durchſuchte Mad⸗ dalena die Menge, welche die Weinfäſſer umlagerte nach ihrer Herrin. Auch Carloni konnte ſich einer gewiſſen Beunru⸗ higung nicht entſchlagen. Er deutet auf ein Erlen⸗ gebüſch, welches die Feſtwieſe begrenzte und ſich bis an den Uferſand des Sees erſtreckte. Mit weiten Schritten eilte Maddalena voraus. Alle Entſchlüſſe Carloni's wankten, als er Fiam⸗ metta dicht am Waſſer auf dem Bord eines verlaſſenen Bootes ſitzen ſah. Sie beobachtete mit großer Auf⸗ merkſamkeit die ſanften Wellen, welche in regelmäßigen Zwiſchenräumen an's Ufer rollten und faſt ihre Soh⸗ len berührten. Als ſie ſich rufen hörte wandte ſie den Kopf und wie heller Sonnenſchein glänzte es über ihr Geſicht. Mit einem glücklichen Lächeln ging ſie Carloni entgegen und reichte ihm die Hand: „Ich glaubte nicht, daß Sie ſich des Marktes von Agno erinnern würden“, ſagte ſie halblaut mit geſenk⸗ ten Augen und die Farbe ihrer Wangen wurde etwas dunkler. Maddalena hielt die Gelegenheit für günſtig wieder in den Erlen zu verſchwinden aus denen ſie eben hervorgetreten. Auch Carloni war zu einem Entſchluß gekommen. 256 „Meine Anweſenheit iſt in der That nur vom Zufall herbeigeführt worden“, ſagte er, indem er mit ruhiger Freundlichkeit den Gruß Fiammettas erwiderte und kein Zug in ſeinem bleichen Antlitz verrieth den Sturm ſeiner Seele.„Ich war im Begriff, nach Ita⸗ lien zu reiſen, wohin mich unaufſchiebbare Angelegen⸗ heiten rufen. Ich hatte mir vorgenommeu, ſofort nach meiner Ankunft in Turin den Pater Lazzardi brief⸗ lich zu bitten, daß er mich wegen meines formloſen Abſchiedes auch bei Ihnen gebührend entſchuldigen möge. Als ich eben beim Paſſiren von Agne mit Ihrem Mädchen zuſammentraf, konnte ich mich nur glücklich ſchätzen, daß es mir vergönnt war, Ihnen perſönlich Lebewohl zu ſagen.“ Bei dieſen wohlwollenden höflichen Worten, welche Carloni an ſie richtete, war Fiammetta immer bleicher geworden. Mit einer Scheu, als ſei er ihr plötzlich wieder ein Fremder geworden, ſchauten ihre großen Kinderaugen zu ihm empor. Sie antwortete nichts, aber Carloni ſprach, ohne ſie anzuſehen immer wieder von dem und jenem, wie glücklich ſie ſei, in ihrem Pa⸗ radies und daß ſie den Rath eines Freundes hören und ſich durch nichts bewegen laſſen möge, dieſe herr⸗ liche Abgeſchiedenheit aufzugeben. Fiammetta wandelte automatengleich neben ihm 25( und ſchien ſorgfältig die ſonderbaren Doppel⸗Spuren zu ſtudiren, welche Maddalena's Sandalen auf dem weichen Sande zurückgelaſſen. Die Ex⸗Afrikanerin hatte inzwiſchen in möglichſt gerader Richtung die Erlenbüſche und die Menſchen⸗ menge durchbrochen und ſtand endlich wieder freundlich nickend vor der Schnupftücherbude. Aber mit dem jugendlichen Beherrſcher derſelben war eine weſentliche Veränderung vorgegangen. Ohne Maddalena zu beachten nahm er ſehr zärtlichen Ab⸗ ſchied von einer jungen Bäuerin, welche ſchon vorher Maddalena's Abneigung herausgeſordert hatte. Die Wangen der letzteren glühten auf wie beim ärgſten Küchenfeuer und ihre Augen funkelten, als habe ſie es mit einem der verabſcheuten Kabylen zu thun, ſie ſtützte die Arme in die Seite, daß Spinnrocken und Veilchen gefahrdrohend nach beiden Seiten ſtarr⸗ ten und begann: „Meiſter Simon! Ich ſehe, Ihr habt Anlage zur Eiferſucht und das iſt eine ſehr ſchlimme Eigenſchaft. Meine Tante in Algier, welche im Uebrigen eine ganz vortreffliche Perſon war, iſt durch die Eiferſucht ein wahrer Satan geworden; als ich kaum erwachſen war, hat ſie mich geklopft wie eine Matratze, wenn mein Onkel, der arme brave Mann, mir nur das Geſicht v. Schlägel Deutſch und Wälſch. III. 17 ſtreichelte. Und obwohl meine Tante von Haus aus die nüchternſte Perſon war, fing ſie aus Eiferſucht zu trinken an und wenn Jemand, der ſie necken wollte ihr erzählte, der Onkel ſehe dieſe oder jene grade vor⸗ übergehende Frau gerne, ſtürzte ſie auf die Straße und faßte die Betreffende bei den Haaren. Meine Tante war die beſte Seele von der Welt, aber ihre Eiferſucht trieb mich fort. Meiſter Simon! Ich bin wahrhaftig nicht von Algier fortgegangen, um mich auch von Euch wie eine Matratze prügeln zu laſſen und einen Trunkenbold zum Mann zu bekommen. Nun wißt Ihr, wonach Ihr Euch zu richten habt und ich will Euch jetzt auch ſagen, daß der fremde Herr, der Euch ſo galant gegen die dumme Bäuerin gemacht hat, der Amoroſe meines Fräulein's iſt. Baſta!“ Verblüfft lauſchte Simon dieſer kräftigen Stand⸗ rede, aber er hatte keine Gelegenheit, zu antworten, denn dicht vor ſeiner Bude hatte ſich mit echt italieni⸗ ſcher Unbefangenheit ein alter Barde aufgepflanzt deſſen Geſicht und Kleider von verſunkner Pracht er⸗ zählten, mehr noch als der heulende Pathos ſeiner Recitative, die er mit zahnloſem Munde vortrug und am Schluß jeder Zeile mit einem Schlag des Trian⸗. gels begleitete. Sofort hatte ſich ein Kreis von Zu⸗ hörern gebildet; während die Bauern andächtig zu⸗ 259 hörten, machten ſich einige freigeiſtige Städtler, welche mit großen Kalabreſern, langen Straußenfedern, Sammt⸗ röcken und hohen Stiefeln angerückt waren, über den armen Alten luſtig. Aber dieſer ſang und declamirte unverdroſſen weiter; das erlogene Pathos des Hun⸗ gers wurde zum Feuer des Patrioten, der von Licht und Völkerfreiheit ſang, und die Wangen ſeines zit⸗ ternden Hauptes glühten. Da erklang dicht neben ihm ein Triller wie aus der Bruſt einer robuſten Nachtigall und ihr ſchmettern⸗ des Pfeifen übertönte das Heldenlied.... Entrüſtet wandte ſich der Heldenſänger um und ſchaute in ein luſtiges Geſicht mit ſtruppig rothem Bart, dem die täuſchend nachgeahmten Laute ent⸗ ſtrömten.... Mit der Würde eines Granden trat der Straßen⸗ ſänger auf den Nachahmer der Vogelſtimme zu. „Ihr ſcheint ja große Eile zu haben, geſchätzter Herr!“ Die rothbärtige Nachtigall verſtummte nnd der Sänger beendete ſein Lied. Dann ſammelte er die Kupfermünzen ein und überließ mit einer würdigen Verbeugung ſeinem Rivalen das Feld. Dieſer ahmte die bekannteſten Vogelſtimmen nach und ſchloß mit einem Gewieher, welches bei den auf⸗ 17 ½ 260 geklärten Kleinbürgern nun ebenſo wieherndes Geläch⸗ ter hervorrief. In dieſem Augenblicke drängte Maddalena den Vogelkünſtler zur Seite und arbeitete ſich durch die Menge. Sie hatte Fiammetta erblickt, wie ſie bleich und todtenblaß zu wanken begann uund von Carloni unterſtützt werden mußte. „Der Lärm und das Gedränge haben Deine Herrin ſehr erſchöpft“, ſagte Carloni, indem er Fiam⸗ metta aufrecht hielt. Hole den Wagen, er kann nur wenige Schritte entfernt ſein.“ Maddalena ſtürmte fort und war in wenigen Augenblicken wieder mit dem Wagen zur Stelle. Dann hoben ſie und Carloni Fiammetta leicht in den Wagen. Als dieſelbe die Bewegung des Fahrens ſpürte kam ſie wieder zu ſich. Verwirrt ſchlug ſie die Augen auf und murmelte:„Leben Sie wohl!“ „In dieſem Zuſtande kann ich Sie nicht verlaſſen!“ ſagte Carloni beſtimmt wie damals auf dem Salva⸗ tore.„Nach dem Paradies, Kutſcher!“ Allmählig ſchien der Ohnmächtigen das Bewußt⸗ ſein zurückzukehren, aber ſie ſchwieg hartnäckig und ſchaute mit trüben Augen auf die Gegend durch die ſie rollten, als wäre ihr dieſelbe völlig unbekannt. Erſt als der Wagen vor dem gelben Hauſe hielt 261 und Carloni ihr heraus geholfen, ſagte ſie nochmals, als wiederhole ſie einen auswendig gelernten Spruch: „Leben Sie wohl!“ 1 Carloni athmete ſehr kurz und ſein Antlitz bedeckte eine fahle Bläſſe— er machte einen Schritt vorwärts, als wenn er die Geliebte an ſeine Bruſt reißen wolle... aber wie durch eine unſichtbare Gewalt zurückgehalten blieb er ſtehen, zog höflich den Hut und ſprang in den Wagen, der ſogleich mit ihm zurück⸗ rollte. Es war zu ſpät um die Reiſe noch heute fortzu⸗ ſetzen. Eine Strecke von Paradiſo entſernt ſtieg Car⸗ loni aus, ließ den Wagen zurück in's Hotel fahren und begab ſich ſelbſt auf Umwegen dahin. Es war ſchon dunkel als er an der Villa Nathan vorbeikam. Eine ungeheure jubelnde Menſchenmenge verſperrte ihm den Weg und an dem geöffneten Fenſter einer Glasveranda ſtand Mazzini und hielt eine kurze An⸗ ſprache, worin er den Bürgern von Lugano für ihre großmüthige Gaſtfreundſchaft dankte. Ein donnerndes Hoch antwortete. „Was iſt geſchehen?“ fragte Carloni mit klopfen⸗ dem Herzen einen nebenſtehenden Bürger.„Reiſt Maz⸗ zini ab?“ „„Wenn er nicht freiwillig geht, ſo kann er bleiben 262 ſo lange er will“, antwortete der Gefragte.„Die Can⸗ tons⸗Regierung hat nach Bern telegraphirt, daß die Ausweiſung der Italiener große Unzufriedenheit im Lande hervorrufen und vielleicht gar nicht auszufüh⸗ ren ſei, und daß der Eidgenoſſenſchaft die Ruhe im Innern näher ſtehen müſſe, als diplomatiſche Gefälligkei⸗ ten gegen das Ausland. Daraufhin erklärte ſich die Bun⸗ des⸗Regierung für unbefugt, in die Souveränetät des Kantons einzugreifen und nahm das Ausweiſungsde⸗ kret zurück. Wir ſind freie Bürger von Teſſin und verrichten keiner Regierung Schergendienſte“, ſchloß der Mann. Berauſcht von Glück und Wonne taumelte Car⸗ loni hinweg. Er hatte wieder eine Heimath„wo jene wohnten, die er liebte.“ Aus dem prächtigen Garten des Hotel de Parc ertönte Muſik. Raketen fuhren ziſchend über ſeine thurmhohen Cypreſſen empor, kleine Feuerballon'’s ſtiegen immer höher in den dunklen Nachthimmel, Feuerräder ſprühten und warfen ihre farbigen Lichter auf reiche Damentoiletten und auf den marmornen Tell am Quai; geheimnißvoll blitzte es aus dem ſchlummernden See und von den Bergen ſchallte der Widerhall. Das elegante Hotel feierte den Beginn der wärmeren Jahreszeit. 4 4 263 von fremden Sprachen zu begeben, das ihm durch das Gitter entgegenſummte; er ſtieg in eines der Boote, welche zur Benützung der Fremden am QWuai lagen und ſeine kräftigen Ruderſchläge führten ihn raſch in den See hinaus. Wie eine Guirlande erſchienen die Gebäude der Stadt, immer farbiger und heller ſprühte der Garten des Hotels ſeine Feuergarben in die Dunkel lagen die Berge; am Fuße des Salvatore ſchimmerte da und dort ein einſames Licht— es kam aus dem Landhauſe von Paradiſo. Unwillkürlich hatte Carloni das Boot dahin ge⸗ lenkt und fuhr hart am Ufer entlang. Wenn die Ge⸗ liebte auch längſt ſchon ausruhte von der bitteren Stunde, die er ihr verurſacht, in der Abſicht ſie vor langem Leiden zu bewahren, ſo war es ihm doch hohe Wonne, ihr nahe zu ſein. Er erkannte das Haus an den ſonderbaren Umriſſen, die ſich deutlich gegen der weſtlichen Himmel abhoben..... Da hielten ſeine Ruder inne und athemlos ſchaute er emvor. Auf der niedern Mauer, welche die Straße vom See trennte, glaubte er eine Geſtalt zu erkennen, welche in den See hinabſah und deren lichte Gewän⸗ der durch die Nacht ſchimmerten. Carloni lockte es nicht, ſich zwiſchen das Geſchwirr —-—õ 264 Leiſe fuhr er an einer Stelle wo man landen konnte, an's Ufer, ſchwang ſich über die Mauer auf die Straße und ging auf die Geſtalt zu. Manchmal fuhr noch eine Rakete empor und verſtäubte funken⸗ ſprühend und ſchweigſam in die Nacht, einzelne Takte der Muſik rollten über die Wellen..... Die ſchim⸗ mernden Gewänder regten ſich nicht. Carloni trat näher. Mit einem leiſen Schrei ſchreckte die Geſtalt em⸗ por und wollte durch die geöffnete Gartenthür fliehen, aber die flehende Stimme Carloni's hielt ſie zurück: „Fiammetta! Ich finde nirgends Ruhe als bei Dir!“ flüſterte er und breitete die Arme aus. Sie barg ihr Haupt an ſeiner Bruſt, ohne Ueber⸗ raſchung und Scheu, als wäre hier ihre Heimath und flüſterte: „Ich dachte eben darüber nach, ob ewiges Ver⸗ geſſen nicht wünſchenswerther ſei, als ein langes Le⸗ ben voll fruchtloſer Sehnſucht— nach Dir!“ Die Gartenthüre des gelben Hauſes knarrte, die Blätter des Berceau's rauſchten und die letzte Rakete, welche vom andern Ufer ziſchte, ſtreute ihre farbigen Sterne aus über vier Glückliche. Denn auch Madda⸗ lena hatte, nachdem ſie lange dem rührenden Lied vor 265 ihrem Fenſter gelauſcht, leiſe die Hinterthür des Hauſes geöffnet und mit dem Manne draußen flüſternd, ohne Zweifel das Kapitel über die Eiferſucht fort⸗ geſetzt. — ·——— Siebentes Kapitel. Die Schlange im Paradieſe. Wieder ſtieg Carloni die einſame ſteile Straße von Corona empor, aber ſein Gang war friſch und elaſtiſch, ſeine Lippen wölbten ſich in freudigem Trotz und kühn blickten die grauen Augen empor zu den vollen Blätterkronen der mächtigen Kaſtanien, an deren berſtenden Blätterhüllen er einſt ſinnend das Nahen des Frühlings prophezeiht hatte. Wieder blieb er an der Wendung der Straße ſtehen und warf durch den Thorbogen des epheuum⸗ rankten Kirchleins einen Blick hinab in die romantiſche Schlucht. Sie hatte jetzt eine beſondere Weihe, denn Seite an Seite war er dort mit Fiammetta heraufge⸗ ſtiegen, zum erſten Mal das Leben einer reinen Liebe im Herzen. 267 Wie einſt ſetzte er ſich auf die niedrige Mauer und ſah hinab in die qualmenden Schornſteine des Dorfes, aber Niemand ſtörte ihn dabei. „Mars“ war von der unſichtbaren Tereſina ein⸗ geſchloſſen worden, damit er nicht dem Pfarrer in die Kirche folge. Das dreimalige Klingeln der Miniſtran⸗ tenſchelle und das Murmeln der andächtigen Schaar bewies, daß die Meſſe bei ihrem Höhepunkt, der Com⸗ munion angekommen ſei. Carloni erinnerte ſich, daß es Sonntag ſei. Sonntag! Sein ganzes künftiges Leben erſchien ihm jetzt ein einziger Tag der Ruhe und des Friedens, da Fiammetta ihn liebte. Endlich war die Meſſe zu Ende. Erſt drängte ſich die Dorfjugend mit ſchüchterner Un⸗ gezogenheit aus der Kirche. Dann kamen die Alten — die Männer mit der Würde der Einfalt, daß ſie ihre Pflicht gethan, die Frauen noch mechaniſch ein Gebet murmelnd und ſchon mit dem halben Herzen im Dorf. Das Alles ſah Carloni, denn glückliche Liebe iſt ſcharfſichtig und er verſtand auch das Erröthen und das Augen Niederſchlagen der jungen Dirne, die an jenem huſtenden Burſchen ſo dicht vorüber mußte. Endlich waren ſie alle vorbei, nicht ohne mit ernſter Neugier den Fremden angeſtaunt zu haben, der ihnen ſo freundlich zunickte. 268 Nach einiger Zeit erſchien auch Pater Lazzardi. Er war noch in den Kleidern, in denen er die Meſſe gehalten hatte und die ſteife ſchwarze Mütze gab ſeinem bleichen Antlitz etwas Ascetiſches, der Erde Fremdes, das wie mit eiſigem Hauch Carloni's glühende Wünſche ſtreifte. Der Pater war ſichtlich betroffen, als er den einſtigen Schüler ſah. Ein Blick in deſſen Antlitz machte ſeine Züge nur noch finſterer. Ernſt erwiederte Lazzardi den Gruß Carloni's und lud ihn mit einer kühlen Handbewegung ein ihm zu folgen. Die zum Balkon führende Thüre war verſchloſſen und das Empfangszimmer des Prieſters erſchien un⸗ heimlich öde. Es fiel Carloni auf, daß die vertrock⸗ neten Orangen von ihren Taſſen verſchwunden waren. Der Prieſter blieb aufrecht in der Mitte des Zim⸗ mers ſtehen und nur in ſeinen leiſe bebenden Lippen verrieth ſich die Unruhe, mit welcher er den Mitthei⸗ lungen ſeines Gaſtes harrte. „Sie wiſſen ohne Zweifel bereits“, begann Car⸗ loni,„daß die uns Flüchtlingen drohende Ausweiſung zurückgenommen iſt, daß uns alſo nichts mehr hindert, in Lugano oder einem andern Orte des Cantons uns niederzulaſſen und das Bürgerrecht zu erwerben.“ — 269 Lazzardi neigte zuſtimmend das Haupt. Carloni fuhr fort: „Ich werde von dieſem günſtigen Verhältniſſe Ge⸗ brauch machen und Lugano zu meinem bleibenden Aufenthalt wählen. Zu dieſer Wahl hat mich vor⸗ züglich eine Rückſicht beſtimmt— die Liebe zu Fiam⸗ metta.“ Obwohl er eine ähnliche Mittheilung geahnt, ſchien der Prieſter einen Augenblick erſtarrt. „Und Fiammetta?“ fragte er und ſeine Stimme klang hohl und unheimlich. „Fiammetta will mir angehören. Sie iſt voll Ver⸗ trauen zu Eurer Ehrwürden, daß Sie Ihren Segen zu unſerm Bunde geben werden. Sie hat mir mit Thränen in den Augen von Ihrer väterlichen Sorg⸗ falt und Aufopferung erzählt, für die ja auch ich jetzt ein Recht habe, Ihnen zu danken.“ Der Prieſter hatte mit geſenktem Haupte regungs⸗ los zugehört, jetzt erhob er raſch das Antlitz: „Sie haben kein Recht, mir zu danken!“ ſagte er entrüſtet:„denn wenn ich es zu verhindern vermag, wird Fiammetta nie Ihre Gattin!“ Befremdet trat Carloni einen Schritt zurück: „Und warum, wenn ich fragen darf?“ „Weil Sie nicht der edle, ſelbſtloſe Menſch ſind, 270 dem ich vertraute, weil dieſe Zerſtreuung, zu der Sie in einem Augenblick der Unthätigkeit und des Ueber⸗ druſſes ein argloſes Kind mißbrauchen, für das Herz meiner Mündel das Elend eines Lebens bedeuten würde. Noch zwei Jahre habe ich nach dem Willen ihres Vaters und nach dem Geſetze das Recht, über Fiammetta zu wachen. So lange wird ſie nie die Ihre werden und ich will allen Einfluß, der mir bei ihr geblieben iſt, anwenden, daß ſie nach Ablauf dieſer Friſt geheilt ſein wird, wenn Sie ſelbſt inzwiſchen Ihre Laune nicht vergeſſen haben ſollten.“ Bleich und ruhig ſtand Carloni vor dem erzürn⸗ ten Prieſter. „Ihre Sorge für die Tochter des Freundes macht Sie ungerecht. Sie ſcheinen anzunehmen, daß ich Fiammetta an mich zu feſſeln geſucht habe, als ich ſelbſt nicht Herr meines eigenen Schickſals war. Eure Ehr⸗ würden ſind darin im Irrthum. Als mir die drohende Ausweiſung bekannt geworden, blieb ich Fiammetta fern und wollte mich in Vergeſſenheit bringen, wenn ſie wirklich an mich dachte. Geſtern, im Begriff mich den Behörden meiner Heimath auszuliefern, traf ich in Agno, durch das ich fahren mußte, wieder mit ihr zuſammen und konnte ihrer Begegnung nicht aus⸗ weichen, ohne ſie vor ihrer eigenen Dienerin bloszu⸗ 271 ſtellen. Trotzdem ich mich nicht mehr darüber täuſchen konnte, daß Fiammetta meine Gefühle erwiderte, zwang ich mich zur Verſtellung, um ſie zu heilen. Ihr Un⸗ wohlſein veranlaßte mich, ſie in meinem Wagen nach Hauſe zu bringen. Bei meiner Rückkehr nach Lugano erfuhr ich, daß ich bleiben darf. Wieder war es ein Zufall, den eine fromme Seele Schickung nennen würde, daß ich Fiammetta noch ſpät in die düſterſte Schwer⸗ muth verſunken vor ihrem Hauſe am Ufer des See's traf. Ich konnte nicht mehr darüber im Zweifel ſein, daß ich mik ihrer Liebe ihr Leben zerſtörte, wie das meine. So begab es ſich. Ich ſchwöre es Ihnen bei meiner Ehre, die mir bisher als höchſtes Gebot galt.“ Die Geſtalt des Prieſters hatte unter dieſen Er⸗ öffnungen manchmal leiſe gebebt und milder, aber im⸗ mer noch entſchieden, antwortete er: „Vergeben Sie mein hartes Urtheil über Ihre Perſon. Ich konnte das alles nicht ahnen. An der Hauptſache ändert es jedoch nichts. Sie müſſen den ſchwerſten Kampf über Fiammetta's und Ihr eignes Herz ergehen laſſen um Fiammetta's willen. Ich will Ihnen glauben, daß es Ihnen im Augenblick ernſt iſt mit Ihrer Sehnſucht nach Ruhe; aber Ihr Geiſt hat die Raſtloſigkeit und Zerfahrenheit von Jugend auf eingeſogen und wenn der erſte Rauſch vorüber, wird 272 ſich Ihr Blick wieder ſehnſüchtig nach der Ferne wen⸗ den, und jede Wandlung der Politik, jedes aufregende Zeitereigniß kann der Tod Ihrer Liebe ſein... Ich darf meine Mündel nicht in dieſem Strome entfeſſelter Ideen untergehen laſſen.“ Ruhig hatte Carloni zugehört. „Woher wiſſen Sie“, fragte er trübe,„daß jener Strom nicht längſt ſein Ufer ſuchte? Ob die Liebe nicht der Tod jener himmelſtürmenden Raſtloſigkeit ſein würde, die nach den Sternen griff, weil ſie das Glück der Erde nicht erreichen konnte; ob nicht die Ruhe einer gleichgeſtimmten Seele Quelle und Ziel jener Sehnſucht war, welche die Welt mit dem Schwerte beglücken wollte weil es ihr mit der Palme nicht gelang?“ „Fiammetta iſt zu gut für ſeeliſche— Verſuche“, entgegnete der Prieſter kalt. Carloni richtete ſich auf, das helle Roth flammte wieder über ſeine Wangen: „Und das iſt die Freiheit, die Sie Fiammetta nach dem Wunſche ihres Vaters wahren wollten?“ Lazzardi zuckte zuſammen: „Ich bewahre ihr dieſe Freiheit, indem ich ſie nicht willenlos dem Sturm Eurer Leidenſchaft über⸗ gebe.“ Achtes Kapitel. Schluß. Wochen ſind ſeitdem verfloſſen. Ein kleiner Hoch⸗ zeitszug tritt aus dem epheuumkleideten Portal der Pfarrkirche von Carabbia und ſteigt in die bereitſtehen⸗ den Wagen. Das eine Paar beſteht aus Fiammetta und Carloni, das andere aus Maddalena und— dem Mann mit den Schnupftüchern, welcher die Stelle eines Gärtners und Hausmannes bei Carloni ſeiner vagabundirenden Lebensweiſe vorgezogen hat. Carloni hatte es nur dem aufopfernden Eifer ſeines einſtigen Lehrers zu danken, daß ſo ſchnell alle Hinderniſſe hinweg geräumt worden waren, welche der Einbürgerung und Verehelichung von Flüchtlingen im Canton entgegenſtanden. Deßhalb blieb er auch ſtehen und verſuchte den 278 Pater mit faſt flehenden Worten zu bewegen, mit ihnen nach dem Paradieſe zu fahren. Wie in der letzten Zeit ſo lehnte der Pfarrer auch heute die Einladung ab. Ein ehemaliges Mit⸗ glied ſeiner Gemeinde, das in ein hoch gelegenes Dorf jenſeits des See's übergeſiedelt ſei und nun ſeiner Auf⸗ löſung ſich nahe fühle, habe nach ihm geſchickt, um aus ſeiner Hand die letzten Tröſtungen der Religion zu empfangen. Carloni möge ihm daher verzeihen und bei ſeiner jungen Gattin entſchuldigen, wenn er ihr Hochzeitmahl nicht theile. Herzlich nahmen die beiden Männer Abſchied und lange ſchaute der Pfarrer den ſich entfernenden Wagen nach. Lazzardi war in den letzten Wochen ſehr alt geworden und ſein Haar zur Hälfte ergraut. Dann legte er den Chorrock ab und ſtieg hinunter zum Ge⸗ ſtade des See's, um ſich an das andere Ufer über⸗ ſetzen zu laſſen——— Hand in Hand ſchweigenden Glück's ſaßen Fiam⸗ metta und Carloni unter den Roſen und ließen lang⸗ ſam den Purpur erlöſchen, welchen die ſcheidende Sonne über die Berge ausgegoſſen hatte, und die tief⸗ blauen Schatten der Nacht immer dichter auf ſie her⸗ abſinken. Manchmal ertönte aus der Feigenlaube des an⸗ —— —— 3z—-—„ — R—, ſſſſſ 279 dern Ende des Gartens Maddalena's Stimme, welche zwiſchen dem Mann mit den Schnupftüchern und den Kabylen aus irgend einer unverkennbaren Urſache wenig ſchmeichelhafte Vergleiche zog, draußen auf der Straße zog eine Schaar junger Bauern, ihre melan⸗ choliſchen Lieder ſingend. In Lugano erwachten die erſten leuchtenden Knoſ⸗ pen der Lichtguirlande, die im Sommer allabendlich den See umfaßt, und ein fernes Läuten floß mit dem Winde bald ſchwächer bald ſtärker von den Bergen... Da deutete Fiammetta auf einen Feuerſtreifen, der wie eine rieſige glühende Schlange dicht unter dem Gipfel des Monte Bré ſichtbar wurde, der viertauſend Fuß hoch am andern Ufer emporſteigt. Die Schlange ſchien den Berg herab zu kriegen und wurde immer größer. Eine ungeheure dunkle Rauchwolke ſchwebte über dem Gipfel des Berges. „Ein Waldbrand“, ſagte Fiammetta.„Die thörich⸗ ten Bauern zünden das dürre Gras ihrer Wieſen an, um beſſere Weide zu bekommen und vernichten damit oft den ganzen Holzreichthum ihrer Gemeinde.“ „Das Feuer nimmt an Ausdehnung zu“, beſtä⸗ tigte Carloni.„Es ſieht faſt aus wie ein— Fiam⸗ metta! Selbſt die todte Natur feiert mit Flammen unſere Vereinigung.“ 8b 2 80 Das Lachen und Plaudern in der Feigenlaube war verſtummt. Carloni zog ſein Weib an ſich und engverſchlungen wandelten ſie auf den kniſternden Gartenwegen nach ihrer Wohnung. Wenige Tage ſpäter kamen Leute aus der Dorf⸗ ſchaft Bré nach Carabbia und theilten mit, daß Laz⸗ zardi bei ſeiner Heimkehr in den Waldbrand gerathen und wahrſcheinlich verunglückt ſei. Hirten, welche in der Nähe des brennenden Waldes geweſen, ſahen ihn einen Fußweg einſchlagen, der zwiſchen dichtem Geſtrüpp am Bergrand abwärts führte und vom Feuer in wenigen Minuten erreicht ſein mußte. Sie hatten den Geiſtlichen durch Rufen und Pfeifen gewarnt, aber obwohl er ſie gehört haben mußte, hatte er ihnen keine Antwort gegeben und war immer raſcher gegen das Feuer gegangen, bis ihn Rauch und Flammen völlig eingehüllt hatten. Als der Brand erloſchen war, hatte man die ganze verwüſtete Fläche nach ihm abge⸗ ſucht, aber keine Spur gefunden. Wahrſcheinlich war er vom Rauch betäubt und vom Feuer geblendet, von einem der ſchroffen Felſen in den See geſtürzt. Ende des dritten Bandes. chmidt in Reudnitz⸗Leipzig. 9 Druck von Richard Verlag von Ernſt Julius Günther in eipzig. 77. Lebensräthſel. b Novellen 3 von Kark Irenzel. Inhalt: Lucrezia's Becher.— Im Thurm.— Ein alter Mann.— Der Stern des Oſtens. 2 Bde. Preis 6 Mark. Lurifer.. Ein Roman aus der Rapoleoniſchen Zeit von Karl Frenzel. 5 Bde. 8. Eleg. geh. Preis 13 Mark 50 Pf. Geheimniſſe. V — Uovellen von Kark Frenzel. Inhalt: Der Schmuck des Inea.— Herodias.— Die alte Geige.— Roewer. 2 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 6 Mark. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Johannes Scherr: Michel. Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Dritte, neu durchgeſehene Auflage. 2 ſtarke Bände. Elegant. broſchirt 9 Mark. Grekreuzigtr oder Das Paſſionsſpiel von Wildisbuch. Zweite Auflage. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Norelleubuch von Johannes Scherr. 6 Bände. Preis pro Band 4 Mark 50 Pfg. Roman von Otto Müller. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 12 Mk. Der Majoratsherr. Roman aus der Gegenwart von Otto Müller. 3 Bände. Eleg. broch. 10 Mk. 50 Pf. Die Jagd nach dem Glücke. Roman f. C. Schubert. 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 10 Mk. 50 Pf. —— 7 8 — “ 9 10 11 eR ſſſſſſ 4 ℳ ſſſ 13 ſſſſüſſinnnmmſſiiſ 14 ſſüſſſſ 7 1 ſiſſ 9 ——