t nakenhri ometenprinz. tztes Wo Troubadour von Barbale Leihbibliochet deutſcher, engliſcher und nfranz öſiſcher Literatur Eduard Okltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für agscheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: dnf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Tr 2 Mk.— Pf. 55. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Färiciming der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejehixen, welche die⸗ ſe L von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— —, 3 S Deutſch und Wälſch. Erzählungen von AMax und Marie v. Schlägel. Zweiter Band. Inhalt: Der Kometenprinz.— Ein letztes Wort.— Reuterſtückſchen. 8 Der Tronbadour von Barbalena. ——-- ⸗oneeen Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1876 Der Kometen⸗Brinz. Drei Briefe einer Penſionärin von Maz v. Schlägel. v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. II. 1 —————— Erſtes Kapitel. Miß Pipe und Miß Pope. Theure Lotte! Morgen geht die Welt unter Mein Onkel, der als Advokat Alles anſtreitet, iſt zwar nicht ganz von dem Ernſt des kommenden Tages durch⸗ drungen, dem Millionen Köchinnenherzen, nachdem ſie mit dem Leben vorläufig abgeſchloſſen haben, erwar⸗ tungsvoll entgegen pochen; ich jedoch und Erna, die Dich tauſendmal grüßen läßt, ſind jetzt geneigt, an Alles zu glauben, auch an das Unglaublichſte, ſeit wir nicht mehr an der Exiſtenz von Miß Pipe und Miß Pope zweifeln können. Obwohl noch ganz betäubt von all' dem Neuen und Seltſamen, das auf mich einſtürmt, ſchreibe ich Dir dennoch, theure Freundin, gleich nach unſerer An⸗ kunft unter den ſchützenden Fittichen der beiden Weſen, 12 welche ſchon ſo lange unſere Phantaſie beſchäftigt hat⸗ ten, bis wir faſt geneigt waren, ſie als Geſchöpfe der⸗ ſelben in's Reich der Fabel zu verweiſen, und für des theuern Onkels erſten, einzigen und ſchlechteſten Witz zu erklären. Ich weiß nicht mehr, ob ich Dir ſchon einmal ausführlich von jenem Abende erzählt habe, an welchem zum ſo und ſovielten Male das Thema der engliſchen Converſationsſtunden in unſerem kleinen Familienkreiſe zur Verhandlung, und Dank Miß Pipe und Miß Pope, dießmal auch zur Entſcheidung kam. Die Stim⸗ men waren Anfangs getheilt, ob man einer gebildeten Engländerin von guter Familie mittels einer Annonce die angenehme Ausſicht eröffnen ſolle, durch Theilnahme an unſerm Familienleben uns in die Myſterien eng⸗ liſcher Sprache und Umgangsformen einzuweihen, ſich ſelbſt aber von der höheren Weihe deutſcher Art und Sitte begnaden zu laſſen,— oder ob man zu dem nicht mehr ganz neuen Nittel einer engliſchen Erziehe⸗ rin ſeine Zuflucht nehmen wolle. Mutter und Erna waren für die erſtere Idee, und hatten ſich die„gebildete alleinſtehende Engländerin“ bereits zu einem Ideale von feiner Sitte und Liebens⸗ würdigkeit, zum künftigen guten Engel unſres Hauſes herausſtaffirt(als ob für einen gewöhnlichen bürger⸗ — 5 lichen Hausſtand nicht zwei Engel wie Erna und ich genügten!)— was ihnen um ſo leichter wurde, als dieſelbe ja vorläufig noch nicht exiſtirte. Ich,— Du weißt, Mama behauptet ſtets, ich hätte die trockne und praktiſche Ader vom Onkel geerbt! — ich ſuchte zu dem Ziele einer engliſchen Converſa⸗ tionsſtunde— und darum handelte es ſich ja doch zu⸗ nächſt— auf dem nicht unbetretenen Wege einer eng⸗ liſchen Gouvernante zu gelangen. Das allerdings pro⸗ ſaiſche, aber haltbare Band, uns an einander zu feſ⸗ ſeln, ſollte ein gutes Salair und ein Miethscontract für ein Jahr ſein..... Es lag in der Natur des Gegenſtandes, daß er die tieferen Unterſchiede, welche zwiſchen dem Gemüthsleben von Erna und Mutter einerſeits, und Onkel und mir anderſeits unleugbar beſtehen, mit ins Gefecht zog, und nach einer Viertel⸗ ſtunde waren wir glücklich dabei angelangt, daß wir von allem Möglichen und Abſtrakten, nur nicht mehr von unſrer engliſchen Stunde ſprachen. Da zerhieb Onkelchen, der bisher in unheimlich erhabener Schweigſamkeit am untern Tiſchende gethront hatte, den gordiſchen Knoten unſerer mehr oder we⸗ niger geiſtreichen Hypotheſen. Er erhob ſich und ging einigemal im Zimmer auf und nieder, blieb dann plötzlich vor dem grünen Tiſch und Lampenſchirm 6 ſtehen und ſprudelte uns in ſeiner kurzen abgebrochenen Weiſe die Worte entgegen: „Engliſche Converſationsſtunde hier im Hauſe? Verlorne Zeit— wird im Leben nichts daraus— weder mit einer Lady noch mit einer Gouvernante... Wird immer deutſch geſchnattert dazwiſchen und iſt blos der Vorwand zu anderem Unfug— Engliſch lernt man nur in einem engliſchen Hauſe, und wer es da nicht lernen will, ſoll es ganz aufgeben— baſta!“ Onkels kategoriſches„Baſta!“ war wie immer das Signal zum heftigſten Zungengefecht. Mama'chen ſchob die Brille kampfgerecht und zog an den Bändern ihrer Haube bis ſie endlich mit der Erklärung zu Stande kam: „Mitgehen kann ich nicht, und allein laſſe ich meine Kinder nicht ſo weit fort! das könnte ich vor ihrem......(Mama'chen hatte in ihrem Eifer wieder einmal vergeſſen, daß ſie nicht auch Erna's Mutter, ſondern nur deren Tante iſt, und verbeſſerte ſich noch zur rechten Zeit)— vor Eliſabeth's verſtor⸗ benem Vater nicht verantworten. Nach England kom⸗ men die Kinder nicht, ſo lange ich lebe!“ Unter ihren Kindern verſteht ſie, wie Du weißt, Baſe Erna faſt noch mehr als mich, und ich liebe ſie — b— — — b— — — darum nur noch mehr; denn dadurch habe ich das Recht, Erna auch meinerſeits wie eine Schweſter an⸗ zuſehen und— zu mißhandeln. Nach ihrer feierlichen Erklärung wickelte Mama'⸗ chen ihre Filetſtrickerei zuſammen zum Zeichen, daß ihr Entſchluß unwiderruflich ſei. Erna, durch die Energie ihrer Tante ermuthigt, machte ebenfalls Front gegen ihren Papa: „Ich haſſe die Engländer“, ſagte ſie,„ſie ſind die unverſchämteſten Menſchen, die ich kenne.“ Erna's Haß ſchrieb ſich aus der Zeit her, da ſie noch kurze Kleider trug, und ein alter Engländer, den der Onkel einmal mitgebracht, ſie ſehr reſpektwidrig mit:„what a nice little creature!“ angeredet hatte. Auch ich,— meine Abneigung gegen Waſſerfahr⸗ ten kennſt Du ja!— ich ſtand an jenem Abend kühn anf Seiten meines Geſchlechtes und gab zu Protokoll, daß alle Pferdekräfte eines Great⸗Eaſtern mich nicht über den Kanal bringen würden.— Ich werde ja ſchon ſeekrank, wenn ich nur ein Schiff ſchwanken ſehe. Auch unſer kleiner ſüßer Azor, den Onkel immer neckt, hielt eine meiner Bewegungen für eine Auffor⸗ derung, gegen ſeinen Hausfeind Stellung zu nehmen. Sein weißſeidenes Fell ſträubend, ſprang er auf den Tiſch und bellte ganz wüthend..... Onkel ließ ihn bellen und uns reden... Du kennſt ſeine olympiſche Verachtung aller Weibesweisheit, mit der er ſich doch jahraus jahrein herumzankt.— Endlich, als unſere Entrüſtung uns eine Pauſe geſtattete, begann er wieder: „Ihr ſollt weder über den Kanal, noch über ein anderes Waſſer!— Das Landhaus der Miſſes Pipe und Pope iſt eine halbe Tagereiſe von hier, in präch⸗ tiger Gegend— mitten in lauter Gärten.“— Miß Pipe und Miß Pope! Dieſe Namen riefen einen nicht endenwollenden Sturm von Heiterkeit hervor, der ſelbſt auf Onkels ſtrenges Geſicht ein verſchämtes Lächeln zauberte. „Nun ja!“ meinte er—„drollig genug ſind die Namen; aber ſie bezeichnen zwei der beſten, freundlich⸗ ſten und gebildetſten Damen, die mir in meiner Advo⸗ katenpraxis vorgekommen..“—„Ei, ei“, meinte Mamaz'chen mit bedenklichem Kopfnicken zu dieſem un⸗ erhörten Lob im Munde unſeres etwas ſkeptiſchen On⸗ kels:„wie alt ſind denn dieſe Muſterladies?“— Und etwas wie verletzte Eitelkeit klang durch die Frage. Onkel ſchien die Bemerkung zu überhören, nur ſeine Stirne röthete ſich leicht als er fortfuhr: „Ich habe die Ehre, der Anwalt der beiden Da⸗ men zu ſein, ſchon ſeit ſie ſich auf dem Continent be⸗ finden, und ich habe ſie nie, in keiner Beziehung und 9 gegen Niemanden anders als durch und durch honett befunden. Und die Menſchen ſind ſelten, von denen man während zehnjähriger Bekanntſchaft nicht wenig⸗ ſtens ein Mal einen leiſen moraliſchen Naſenſtüber er⸗ hält, ſo daß man kopfſchüttelnd bei ſich denkt: das hätten ſie nicht ſagen— ſo hätten ſie nicht handeln dürfen. Die Miſſes waren, ſoviel ich auch mit ihnen zu thun habe, bei der Verwaltung ihres Vermögens immer human, ſelbſtlos, und wenn ich das Wort auf Damen anwenden darf, immer gleich chevaleresk, ſo daß es für mich bei meinen vielen andern, oft ſo un⸗ angenehmen Obliegenheiten jedesmal eine wahre Erho⸗ lung iſt, wenn die Damen meiner bedürfen. Und wenn die Miſſes trotz der günſtigſten Vermögensverhältniſſe zu dem Entſchluß gekommen ſind, ihr Haus einigen jungen Damen zu öffnen, ſo thun ſie es nur, weil ſie mit ihrem reichen Herzen und Wiſſen der Welt ſo viel als möglich nützen möchten, und ſich in der Einſam⸗ keit ihres zurückgezogenen Lebens nach ſreundlicheren jugendlichen Eindrücken ſehnen...“ Onkel ſchwieg und ſah ganz verklärt aus. Ma⸗ ma'chen betrachtete ihn wie aus den Wolken gefallen. Ich muß geſtehen, daß bisher, bei aller Liebe zu ihm, immer etwas zwiſchen mir und Onkel geſtanden hatte, nämlich ſein Mißtrauen und ſein abſprechendes Urtheil 10 gegen andere Menſchen. Ich ſuchte das zwar nicht ſo ernſthaft zu nehmen, und vor mir ſelber als eine nicht tiefer gehende Gewohnheit ſeines Advokatenlebens zu erklären, das ja mit ſeinen unangenehmen Erfahrungen die beſten Gemüther verbittern muß. Aber ich konnte doch nicht darüber hinaus, und ſagte oft im Stillen zu mir ſelbſt: ich habe den Onkel von Herzen lieb; aber ich könnte ihn noch viel lieber haben, wenn er nicht gar ſo ſchlecht von den Menſchen dächte!— Es mag viel Thorheit und Unwahrheit geben; aber ſo ſchlecht wie Onkel ſie macht, ſind die Menſchen doch nicht.— Und wenn ſie es wirklich wären, ſo will ich es lieber nicht glauben, weil ich ja doch unter ihnen leben muß— und offen geſtanden, auch recht gern unter ihnen lebe! Daher war es mir auch, als ob ein dunkler Flor zwiſchen uns fortgezogen würde, als ich Onkel ſo be⸗ redt und feurig das Lob der beiden Engländerinnen verkünden hörte, deren er, bei ſeiner bekannten Schweig⸗ ſamkeit in Geſchäftsſachen, bisher nie erwähnt hatte. „Ja, Onkel!“ rief ich,„wenn Du ihnen ſolches Lob ſpendeſt, dann müſſen die beiden Damen die lie⸗ benswürdigſten Weſen unter der Sonne ſein.— Ich kann die Stunde nicht erwarten, in der wir die Miſ⸗ ſes Pipe und Pope...“ 11 Trotz meiner Rührung kam ich über die fatalen Namen nicht hinaus. Daran war auch Erna ſchuld, welche über ihres Papa's Gemüthseigenſchaften pflicht⸗ ſchuldigſt und reſpektvollſt weniger nachgedacht und daher keinen Grund zu ſolch' innerlicher Verzückung hatte, wie ich. Kaum, daß ich den Mund ſpitzte, um die merk⸗ würdigen Namen auszuſprechen, brach ſie in ein ſo ſchallendes Gelächter aus, daß ſie uns Alle, ſelbſt ihren gerührten Papa fortriß, und daß Azor wahnſinnig bellend bald an dem Einen, bald an dem Andern in die Höhe ſprang. Mama'chen lachte zwar auch ein wenig mit, aber man ſah ihr an, daß ihr die Sache nicht ganz heimlich war. Und das war auch natürlich. Seit dem Tode von Erna's Mutter, die er auf den Händen getragen haben ſoll, hatte Onkel als Privatmann faſt keinen andern Frauenverkehr als mit ſeiner Schweſter und mit uns. Meine Mutter war ſeine Vertraute in allen Angelegenheiten, wo eine Frau ihm rathen konnte.— Mama hatte ſich ſo ſouverän gefühlt in der Verwal⸗ tung des Andenkens ihrer verſtorbenen Schwägerin, daß ſie nothwendig verblüfft ſein mußte durch die zehn⸗ jährigen engliſchen Bekanntſchaften, welche vom Onkel plötzlich aus dem Staub ſeiner Aktenfascikel hervorge⸗ 9 42 zaubert, und uns in feuriger Rede vorgeſtellt worden waren. Trotz ihrer Ueberraſchung benahm ſich Mama'chen jedoch ziemlich gut in der Angelegenheit: „Nun ja! wenn es nicht weit iſt, und keine ſolche Hungerpenſion, wie ſie gewöhnlich in den Zeitungen ſtehen“, meinte ſie zögernd. — Wohlan! man trat mit den Miſſes in Corre⸗ ſpondenz und die Sache wurde zur allſeitigen Zufrie⸗ denheit geordnet. Und trotz alledem— trotzdem wir die leibhafti⸗ gen Unterſchriften O. Pipe und J. Pope mit Augen geſehen, kam uns der Gedanke, mitten in Deutſchland auf ein Jahr nach England verſetzt zu werden, höchſt abenteuerlich und traumhaft vor, bis Onkels großer Landauer endlich in ſeiner ganzen ſafrangelber Nüch⸗ ternheit vor der Thüre hielt, und uns, nach einem rührenden Abſchied— als ginge es auf irgend einen unbekannten Planeten— auf einer erbärmlichen Land⸗ ſtraße der Miß Pipe und Pope'ſchen Wirklichkeit näher brachte..— Da ſind wir nun!— nous voilà arrivées, wie ich mich in ſchüchterner Erwartung des Miß Pipe und Pope'ſchen Unterrichts einſtweilen in der Sprache unſ⸗ rer beſiegten Erbfeinde ausdrücke. — 13 Aus der Beſchaffenheit der Gartenmauer und des baufälligen Portales, welches durch einen ungeheuren Gemüſegarten zu dem landſchaftlichen Beſitzthum der Miſſes Pipe und Pope leitete, hätte man leicht ein ungerechtes Urtheil über die Ordnungsliebe und den Schönheitsſinn unſerer künftigen Schutzengel bilden können. Zum Glück jedoch hatte das Intereſſe Onkel⸗ chens an den beiden Damen dieſer Möglichkeit bereits gründlich vorgebeugt: wir wußten nämlich ſchon, daß die beiden engelguten Damen ſich durch den Ankauf des Landgütchens nicht nur nicht die ländliche Idylle geſchaffen, die ſie ſich ausgemalt, ſondern ſich mitten in ein Weſpenneſt böſer Nachbarn geſetzt hatten, welche ſich über den Kauf, der ohne ihre nachbarliche Geneh⸗ migung vor ſich gegangen war, höchſt entrüſtet gezeigt, und nun jede Gelegenheit ergriffen, den beiden ſchutz⸗ loſen Damen, die in Folge ihrer Zurückgezogenheit mit den Gewohnheiten unſeres Landes wenig vertraut ſind, das Leben ſauer zu machen. Und wenn auch mein Onkel die Rechte der beiden Damen kräftig ver⸗ trat, und bis jetzt noch jeden Prozeß für ſie ſiegreich durchgefochten hatte, ſo konnte er doch nicht hindern, daß der Friede, von dem ſie geträumt, alsbald durch eine gerichtliche Citation unterbrochen wurde, wenn ſie es nur wagten, einen Baum zu pflanzen, welcher während ein paar Minuten des Tages einen Schatten von zwei Quadratſchuh Größe auf ein paar Kohlköpfe der Nachbarſchaft hätte werfen können.— Weil die beabſichtigte Erneuerung des Gartenthors die Integri⸗ tät eines der Gemeinde gehörigen Froſchgrabens ver⸗ letzt und ſeinen muntern Inſaßen den Raum für ihre Abendſerenaden um einige Zoll beſchränkt hätte, ſo that der herrſchende Gemeinderath Einſprache, und Onkel hatte jetzt alle Hände voll zu thun, nachzuwei⸗ ſen, daß die Beſitzer von Sternau, nach alten Urkun⸗ den das Recht der Fiſcherei ſchon ſeit Jahrhunderten in jenem Froſchgraben ausgeübt hätten, und daher in Folge des Ius possidentis auch berechtigt ſeien, eine geſundheitsſchädliche Pfütze um einige Fuß zu ver⸗ kleinern, nachdem ihnen die Erlaubniß zur Entwäſſe⸗ rung derſelben bisher hartnäckig verweigert worden Donnernd rollte unſer Landauer über die Holz⸗ brücke, welche den grünen Schimmel des angefochtenen Schloßgrabens überwölbte; dann knirſchten ſeine Räder auf dem weichen Sande des mit Buchsbaum eingefaßten Weges, und hielten endlich vor der Glasveranda eines langgeſtreckten Landhauſes mit grünen Läden, das ſich nur dadurch von einem engliſchen Herrniitze unterſcheidet, daß es Sternau heißt und mitten in Deutſchland liegt. 8 82 X Die beiden Damen haben es, wie mir Onkel eben⸗ falls mitgetheilt, nach ihrem Geſchmack vollſtändig um⸗ bauen laſſen. Du kannſt nicht von mir verlangen, theure Lotte, daß ich Dir den ceremoniös drolligen und doch ſo rüh⸗ renden Empfang, den uns die beiden Freundinnen Onkels bereitet haben, ausführlich ſchildere. Ich bin bei dergleichen Anläſſen vollkommen unzurechnungs⸗ fähig und mache auf Andere dabei gewöhnlich einen ganz falſchen Eindruck.— Meine Schüchternheit und Verlegenheit gilt oft für Hochmuth und Gemüthloſig⸗ keit.— Ich weiß das,— ich merke es ſofort an dem veränderten Benehmen derer, die mir herzlich entgegen⸗ gekommen ſind;— ich ärgere mich dann über mich ſelbſt— und dieſer Aerger macht mich natürlich auch nicht liebenswürdiger— und das ärgert mich wieder! — Theure Lotte! Du wirſt nicht wollen, daß ich mich die ganze Stufenleiter des Aergers über mich ſelber, den ich beim Empfang der zwei Damen empfand, Und die beiden Miſſes verdienten wirklich, daß ſie mich von meiner wahren Seite kennten, ſo lieb und gut ſind ſie! aber leider iſt dadurch, daß ich ſteif wie eine Telegraphenſtange ſtehen blieb, als Miß Pipe— Miß Pope, wollte ich ſagen— mich in ihre Arme 16 ſchließen wollte, die Art unſeres Verkehrs ſchon be⸗ ſtimmt. Die Damen ſind gütig und wohlwollend gegen mich aber reſervirt— ſehr reſervirt! Und es geht doch nicht, daß ich zu Miß Pipe— nein, es war ja Miß Pope— ſage: my very very dear Miss— ich hätte ſie auch gern umarmt, aber ich war zu albern dazu! Erna hat es in ſolchen Dingen leichter— ſie hat immer ein paar Thränen bei der Hand.— Ja, wer immer zur rechten Zeit weinen kann, der hat ſchon einen Freibrief auf das Wohlwollen ſeiner Mit⸗ menſchen! Doch ich werde ſelber ſentimental, und das iſt mißlich ohne verfügbare Thränen! Ich will Dir daher lieber die Honneurs in dem freundlichen Raum machen, den die Gaſtfreundſchaft der Miſſes Pipe und Pope uns zur Wohnung angewieſen hat. Sie haben ihn offenbar ſelber einmal bewohnt, vielleicht vor langer Zeit, als Miß Pipe's Antlitz noch nicht ſo reſignirt und Miß Pope's Taille noch ſchlanker war,— Ver⸗ ſchiedenes deutet darauf hin. Unſere Schritte hallten wie in einer Kirche wie⸗ der in dem ſteingeplatteten Corridor mit den ellen⸗ dicken Mauern, welcher zu unſerm Zimmer führte. Eine kühle reine Luft ſtrich hindurch und draußen auf den Dächern der Wirthſaftsgebäude lag golden und warm der Sonnenſchein.. Wenn man die letzte braune, glänzend lackirte Thüre mit dem blankgeputzten Meſſingdrücker öffnet, tritt man in den lauſchigſten traulichſten Raum, den man ſich nur denken kann. Er hat nichts von der gemüthloſen ſteifen verſchloſ⸗ ſenen Eleganz, wie ältere Damen ſie oft lieben— man glaubt in ein Abſteigequartier Aurora's gekom⸗ men zu ſein, ſo roſig iſt das Licht, das einem entge⸗ genfluthet. Alles iſt roth: die Wände, Sopha, Stühle, Tiſchdecke ſind roth gemuſtert, ſogar die Gardinen und Bettdecken haben rothe Streifen, und in einer altmo⸗ diſchen Ampel von Goldperlen ſitzt ein großer rother Vogel, und ſieht einen mit den runden Glasaugen wie verwundert an. Die. Fenſter liegen in tiefen, ge⸗ täfelten Niſchen, und der alte Schrank, der früher ſicher einmal braun war, ſchimmerte bereits ſtark in's röthliche... Man nimmt ja ſo leicht die Gewohn⸗ heiten ſeiner täglichen Umgebung an!— Auch iſt noch ein Ofen im Zimmer, der würdig ſeine Ecke ausfüllt, wie der Patriarch unter den übrigen Geräthen. Schnee⸗ weiß und anſcheinend unzugänglich hebt er ſeine zier⸗ liche Vaſe bis an die Decke und macht ganz den Ein⸗ druck, als übernähme er im Bewußtſein ſeiner Fähig⸗ keiten allein die Verantwortung für Behaglichkeit auch im eiſigſten Winter. v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. II. 0 18 Alles trägt das Gepräge altväteriſcher gediegener Solidität, mit einem leiſen Anflug von Altjüngferlich⸗ keit in ſeiner wehmüthig freundlichen Bedeutung.— Auf dem Schrank hat ein Schachbrett mit ſeiner gan⸗ zen karrirten Breite das zierliche Körbchen mit dem flügellahmen Zuckeramor und den verſtaubten Torten⸗ roſen in die Ecke gedrängt, und unter Glasglocken prangt eine Fülle von Roſen und anderen gemachten Blumen, vergilbt und verblichen wie die Geſichter derer, die ſie in lang vergangener roſiger Jugend ge⸗ tragen.— Jetzt gleiten die beiden ältlichen Weſen lautlos über die unter unſern Tritten hallenden Gänge und durch die niedern Thüren, die ſich ebenſo geräuſchlos öffnen und ſchließen— dieſe braunen Thüren, die ſo ernſt und ſchweigſam ausſehen, als hätten niemals ungeſtüm pochende Kinderhände ihren Widerſtand her⸗ ausgefordert, als ſeien ſie nie von ſtürmiſcher Jugend klirrend in's Schloß geworfen worden. Nur die Meſ⸗ ſingknöpfe und die metallenen Drücker haben etwas vom Geiſt der Neuzeit, denn ſie glänzen ſo ſelbſtzu⸗ frieden, als dächten ſie:„Wenn wir auch nicht von Gold ſind, ſo ſehen wir doch ſo aus, und das iſt heut⸗ zutage auch ſchon etwas.“ Ja, ja! der Verkehr mit der Außenwelt gibt eine gewiſſe Glätte!.. 19 Schade, daß mir allein das Leben nichts von meiner rauhen Schale nimmt, von meiner„Kälte und Schroffheit“, wie ſich Erna ausdrückt. Sie iſt ſo recht geſchaffen, durch den Gegenſatz zu beweiſen, wie viele ſchnell erlangte Zuneigung und warme Strahlen menſch⸗ licher Gunſt man entbehrt, wenn man nicht iſt wie ſie... offen und heiter, freundlich und hingebend für jeden der ihr nahe tritt. Allerdings vergißt Erna auch ſchnell — viel ſchneller wie ich— und es iſt vorgekommen, daß ſie nach Monaten ſich kaum an Perſonen erinnerte, für welche ſie noch vor Kürzem geſchwärmt, und um deretwillen ſie mich hart geſchmäht, weil ich zu kalt und ſchroff gegen ſie geweſen!— Doch ich will nicht ungerecht ſein— die Gegenwart bringt ihr ſo viel Liebe entgegen, die ſie erwidern muß, daß für Vergan⸗ genheit und Zukunft nicht viel übrig bleiben kann. Blos ſchroffe und kalte Naturen wie ich, haben Zeit zur Erinnerung... Erna iſt denn von den Miſſes Pipe und Pope auch bereits eines Vertrauens gewürdigt worden, deſ⸗ ſen ich mich nicht rühmen kann. Es iſt mir in der That ſelber, als ob ein kühler Hauch durch's Zimmer wehe, wenn ich erſcheine. Dazu kommt noch, daß Erna in Folge ihres Temperamentes viel geläufiger engliſch ſpricht, als ich, ſie plaudert keck und kunterbunt Alles 29* 20 heraus, was ihr durch das hübſche blonde Köpfchen geht; manchmal nicht allzu correkt, aber immer reizend, zuweilen ſogar hinreißend. Ich komme vor lauter Sorgfalt, richtig zu ſprechen, und vor ſteter Beſorg⸗ niß, Fehler zu machen, faſt nie zu einer längeren Rede... und es iſt nur natürlich, daß ſich die Da⸗ men, wenn ſie mit mir nicht weiter kommen, immer wieder an Erna wenden. Durch Erna erfahre ich, daß Miß Pipe und Pope weder verwandt noch durch äußeren Zwang u dem gemeinſamen Leben veranlaßt worden ſind, wie ſie es führen. Sie waren Freundinnen von früher Jugendzeit, beide ohne nähere Verwandte und unabhängig. Zu ſtolz und gefühlvoll, um Ehen nach dem alltäglichen Muſter einzugehen, und nicht glücklich genug Herzen zu finden, die zu ihnen paßten, hatten ſie, des Allein⸗ ſeins überdrüſſig, zuerſt zuſammen eine Wohnung be⸗ zogen, dann miteinander größere Reiſen gemacht, und ſich endlich auf einer derſelben in dieſem reizenden Winkel Deutſchlands angekauft, wo ſie jetzt gemeinſam die Chikanen böſer Nachbarn ertragen. Obwohl Ge⸗ genſätze im Innern wie im Aeußeren, niemals gleicher Meinung, ſelbſt in den alltäglichſten Dingen, verleben ſie doch in Frieden und Eintracht ihre Tage. Miß Pipe iſt die Aeltere. Alles an ihr iſt lang — — — 241 und ſchmal, von den Füßen bis zu dem Haupt mit den dünnen rothen Schmachtlocken, die melancholiſch wie naßgeregnete Weidenzweige an der Seite ihres ſommerſproſſigen Geſichts niederhängen. Auf der ſchma⸗ len Naſe ſitzt eine feine goldene Brille, und zwei waſ⸗ ſerblaue Augen mit farbloſer Umrahmung blicken oft wie anklagend drüber hinweg zum Himmel. Dabei iſt ſie, wo ſie ſich nicht durch„Kälte und Schroffheit“ zurückgeſtoßen fühlt, das harmloſeſte Gemüth und ihre Bemerkungen laſſen oft auf eine ebenſo vielſeitige als gründliche Bildung ſchließen. Miß Pope iſt in Allem das Gegentheil: vielleicht etwas oberflächlicher als ihre Freundin, jedenfalls aber Meiſterin ihrer geſelligen Form. Vertritt Miß Pipe mehr die gerade Linie und den rechten Winkel, ſo neigt Miß Pope entſchieden zur Kreisform. Alles an ihr iſt rund, von dem kleinen dunkelhaarigen Kopf mit der Stumpfnaſe bis zu der ganzen, kleinen, kugelrunden Figur.— Während Miß Pipe in ihrem rothbraunen Anzug und der geraden Haltung von ferne ausſieht, wie eine Stange Zimmt, rollt Miß Pope in ſanftem Dunkelblau wie eine reife Pflaume. Verzeih'! Indem ich dieſe liebloſe Schilderung niederſchreibe, möchte ich dem Inſtinkt der Miſſes faſt Recht geben, der ſie unwillkürlich von mir zurückweist... 22 Muß man durchaus urtheilslos ſein, um für gut zu gelten!? Gewiß iſt, daß man, wenn man allzuſehr zur Beobachtung geneigt iſt, überſehen kann, daß man umarmt und geküßt werden ſoll!— Bei dieſer Gelegenheit habe ich ganz drollige Ge⸗ danken: Du kennſt meine Abſicht, mich niemals zu ver⸗ heirathen, und daher kann ich mich tugendſamer Weiſe auch nicht verlieben. Wenn aber— die Unmöglich⸗ keit dieſes Falles in allen Ehren!— der Fall doch einträte, den man für den Höhepunkt des weiblichen Lebens ausgibt, ich glaube, ich würde vor lauter Nach⸗ denken über die Wunderbarkeit dieſes Ereigniſſes den Mann meiner Wahl, in Verzweiflung über meine „Schroffheit und Herzenskälte“ mir ſchließlich den Rücken wenden laſſen. Liebe! Das iſt einer der Schätze, welche das Le⸗ ben nur für Weſen hat, wie Erna. Sie iſt das, was man ‚„geſchaffen für die Liebe“ heißt. Wie komme ich zu dieſem tollen Thema? Lotte, vielleicht gelingt es mir, aufrichtig zu ſein mit Dir und mit mir!— Wenn ich mir Miß Pipe und Pope betrachte, werde ich den Gedanken nicht los, als ob ſie denn doch ihr Leben verfehlt hätten, trotz ihrer Bildung, trotz ihrer Güte, trotz ihrer ewigen Debatte... Mir iſt, als ob Miß Pipe weniger eckig, ſommerſproſ⸗ 23 ſig und kurzſichtig, und Miß Pope weniger„wellbred“ ſein würde, und nicht jede dritte Aeußerung ihrer Freun⸗ din„shocking“ fände, wenn jede von ihnen die Gat⸗ tin eines Gentlemans geworden wäre, meinetwegen ſo lang oder ſo kurz, als er für die reſpektive Länge oder Kürze unſerer beiden Beſchützerinnen angemeſſen wäre. Siehſt Du, in dieſer Anſicht beſtärkt mich auch noch die Tradition, daß Onkelchen ein ganz freund⸗ licher, umgänglicher und lebensluſtiger Herr geweſen ſein ſoll, ſo lange die gute Tante lebte.— Gewiß iſt es das größte Unglück, das Mutter und mich je be⸗ troffen, daß mein Vater ſtarb; aber dennoch bleibt die Erinnerung an jene kurze Ehe der Strahlenherd, von dem aus Mama'chens ganzes weiteres Leben ſein einziges Licht erhält. Ich glaube, daß es nicht gut iſt, wenn das Leben ohne einen ſolchen Mittelpunkt bleibt... Glaube nicht, daß ich dabei an mich denke!— Meine„Gemüthskälte“, meine„Schroffheit“ weiſen mir ja naturgemäß eine Ausnahmeſtellung an. Mich könnte nur einer verſtehen, der ebenſo ſchroff und kalt wäre, wie ich, und der erſt recht nicht— jedenfalls möchte ich ihn nicht.— Du ſiehſt alſo, daß ich über derlei Dinge um ſo vorurtheilsloſer nach⸗ 24 denken kann, als ich dabei perfönlich nicht in Betracht komme. Du haſt mich ſchon oft wegen meiner Entſagungs⸗ ſeligkeit ausgeſcholten, wie du meine Selbſterkenntniß nannteſt. Du ſagteſt mir, Stimmungen wie ſie mich manchmal beherrſchen, ſeien natürlich bei einem begab⸗ ten und zum Glück berechtigten Weſen, welches durch eine bevorzugte und angebetete Baſe jederzeit, ſelbſt im Herzen der eigenen Mutter in den Hintergrund gedrängt und zum Aſchenbrödel erniedrigt werde... Dieſe Stimmungen ſeien, ſobald ſie ein ſtehender Cha⸗ rakterzug würden, ungeſund und verwerflich, wie ja die beſten Eigenſchaften, auf die Spitze getrieben, 17 1 bedauernswerthen Schwächen ausarten könnten.— Du ſagteſt, ich ſei geſcheider und origineller und charakter⸗ bele wie Erna und, wenn auch in anderer, kräf⸗ tigerer Art, mindeſtens ebenſo hübſch wie ſie... Du wünſchteſt mir ein Stück geſunder Selbſtſucht, zu mei⸗ nem eigenen und Erna's Beſten, welche ich durch meine Anhimmelei ebenſo verzöge, als ich mir ſelber fortge⸗ ſetztes Unrecht thue. Ein Theil meiner beſten Eigen⸗ ſchaften verkümmere unter dem Druck der moraliſchen Unterordnung unter ein weniger bedeutendes Weſen, das mehr weich als gut ſei und im Grunde recht ſehr ſelbſtſüchtig — — Os— — — — * 25 Das ſchriebſt Du mir vergangenen Sommer, als ich Dir ganz zufällig— und gewiß nicht, um mich zu beklagen, mittheilte, daß Mama Erna mit auf un⸗ ſer Landgut genommen habe, während ich Onkelchens Hausſtand zu präſidiren hatte. Mehr theilnehmend als gerecht fragteſt Du mich damals, warum denn Erna nicht auch einmal die ſchönſten Sommermonate bei ihrem Papa in der Stadt zubringe... Du lieber Gott! Erna! Daraus ſieht man, daß Du ſie nicht kennſt! Erna iſt eben keines von den gewöhnlichen Weſen, an die man gewöhnliche Anforderungen ſtellt. Die Natur hat nun einmal zweierlei Grundformen: aus der einen gehen diejenigen hervor, welche den an⸗ dern ſchon Freude machen durch ihre bloße Exiſtenz, bei denen man nie fragt, was ſie geben, ſondern zu⸗ frieden iſt, daß ſie ſind.— Du liebe Zeit! Erna auf dem Wäſchboden und in der Küche! Wenn Du ſie ge⸗ nauer kennteſt, täglich beobachtet hätteſt, würdeſt Du ſelber einſehen, daß das eine Ungereimtheit iſt. Wie würden ihre ſüßen kleinen Hände ausſehen bei ſolcher Arbeit! Und ſie kommt immer ſo friſch und roſig vom Lande heim, während meinem alten Küchenteint etwas mehr Qualm nichts mehr ſchadet. Ich zweifle heute ſo wenig als damals, als Du mir den Brief ſchriebſt, daß die faſt männliche Schärfe 26 Deines Verſtandes und Dein Intereſſe an meinem Wohlergehen Dich zu weit geführt hat. Was gibt Dir das Recht, mich für ſo werthvoll zu halten und Erna gering zu ſchäßen, weil ſie nimmt, was man ihr freudig gibt? Sie weiß ja nicht einmal, was man ihr oft opfert. Was iſt denn auch werthvoll? Man ſagt, Kohle und Diamant ſeien aus demſelben Stoff... Dennoch iſt der Diamant werthvoll und die Kohle blos nützlich. Laß mich eine gute Kohle ſein, da ich zum Juwel mich nicht eigne. Ich fürchte, daß es Deinem Scharfſinn auffallen wird, wenn ich gerade heute wieder auf jenen Brief zurückkomme, welcher, als ich ihn empfing, einen ſo gewaltigen Sturm in mir hervorgerufen hat. Ich will Dir nur geſtehen, einen Sturm des Zornes, weil Dir eine kleine Genugthuung für damals ſchuldig.— Ich weiß nicht, hat die fremde Umgebung meine Au⸗ gen geſchärft, oder habe ich mir bereits etwas von der„geſunden Selbſtſucht“ angeeignet, welche Du mir zu Erna's Wohl ſo ſehr anempfiehlſt— ich fürchte in der That, daß Erna nicht iſt, wie ich um ihrer ſelbſtwillen wünſchte, daß ſie wäre. Sie ſcheint jetzt faſt mit Geringſchätzung auf mich herabzuſehen, weil ich bei Miß Pipe und Pope nicht in derſelben Gunſt Du ſo wenig Verſtändniß für Erna hatteſt! Ich bin 27 ſtehe, wie ſie ſelbſt. Sie iſt launiſch, abſprechend und eigenwillig geworden in Dingen, wo ich nur um ihrer ſelbſt willen widerſprechen muß; und was mir am weheſten, ja vielleicht allein wehe thut, ſie ſucht es vor den Damen, in deren Hauſe wir uns befinden, nicht zu verbergen, daß ſie mich für geringer hält, wie ſie ſelbſt.— Das iſt nicht edel, fürchte ich. Wahrhaftig, ich traure nicht um die Zurückſetzung, die ich ſelbſt er⸗ fahre, mich ſchmerzt nur die Verirrung, in der ich Erna's Herz befangen ſehe und daß wir nicht mehr Schweſtern ſind, wie früher. Und doch vielleicht bin ich es, die ſich verändert hat in dem fremden Hauſe, vielleicht iſt es Neid, der häßlichſte Neid, der mich jedes Zucken ihres Mundes übelnehmen, in jedem Wort eine Demüthigung hören läßt. In einem Augenblicke halte ich mich für gren⸗ zenlos mißhandelt, im andern, wenn Erna mir, viel⸗ leicht aus Zufall, freundlich zulächelt, erſcheine ich mir als die undankbarſte bösartigſte Creatur unter der Sonne. So eben jetzt wieder, da ich dieſe Zeilen ſchreibe und Erna von dem Schnee, der heute Nacht fiel, einen Ballen an's Fenſter wirft um mich zu necken... Und gegen dies Kind bin ich hart und . da— der Hofhund bellt!— Sie wirft auch ihn mit dem friſchen Schnee... Mein Troſt verſagt... 28 Das Thier rüttelt wie wüthend an ſeiner Kette.— Ich will hinunter gehen, damit ſie keinen Schaden nimmt. Lotte! während ich fortfahre, brennt es in meinen Augen wie glühende Thränen; aber ich will nicht weinen, ich will nicht! Entſcheide Du zwiſchen mir und ihr. Als ich in den Hof kam, ſah ich Erna unweit des wüthenden Thieres, daſſelbe immer auf’s Neue reizend und wie unſinnig dabei lachend. Die goldenen Haare flogen wild um ihr Geſicht, und ihre Wangen glühten. Die Kette, welche den gewaltigen Newfound⸗ länder abhielt, ſie zu erreichen, war nicht ſtark; voll Todesangſt ſtürzte ich mich zwiſchen Erna und das Thier... Da ſah ich, wie Erna erbleichte und den Schnee, den ſie in der Hand hielt, fallen ließ— Miß Pipe und Pope kamen höchſt aufgeregt herbei. Miß Pipe mit den flatternden rothen Locken war weit vo⸗ ran— Miß Pope rpollte hinter ihr her, die Augen vor Entſetzen noch runder offen als gewöhnlich. Mitß Pipe ſah mich mit einem ſchmerzvoll an⸗ klagenden Blick an, und Miß Pope ſprudelte mir deutſch, als wolle ſie ſelbſt das Band der engliſchen Converſation zwiſchen uns zerſchneiden— entgegen: -— 29 „Das iſt kein Benehmen für junge Lady, zu rei⸗ zen böſe Hund, und zu verſetzen in Todesangſt das Haus! Das iſt ſehr shocking— indeed!“ Ich ſah auf Erna; ſie ſtand in der That da, als ſei ſie ſelbſt am meiſten durch meine Unart erſchreckt worden. Dieſer Anſicht waren ſichtlich auch die Miſſes Pipe und Pope! denn mit den Worten:„Kommen Sie, armes Kind; laſſen wir Ihre Couſine in einer Geſellſchaft, die ihr ſo ſehr zu gefallen ſcheint—“ nahm Miß Pope Erna bei der Hand und rollte mit ihr hinweg. Miß Pipe folgte, nachdem ſie mich mit ihren waſſerblauen Augen vorher noch ordentlich er⸗ tränkt hatte in ſanfter Anklage. Und Erna? höre ich Dich fragen.— Sie ging ſchweigend mit, ohne auch nur einen Blick der Bitte oder Entſchuldigung für mich. Faſt erſchien es mir, als ob ſie ſelber an meine Schuld geglaubt hätte, oder es für meine Beſtimmung hielt, den Tadel entgegenzu⸗ nehmen, den ſie ſelber verdient. Vielleicht bin ich wieder ungerecht und Erna's Benehmen entſprang nur augenblicklicher Verlegenheit, nicht der Selbſtſucht.— Mit klopfendem Herzen war⸗ tete ich auf ihr Zurückkommen. Sie kam lange nicht; kam auch nicht, um mit mir gemeinſam in den Salon 30 zum Thee zu gehen.— Niemand kümmerte ſich um mich— nur das Hausmädchen, welches gewohnt iſt, um dieſe Zeit unſer Zimmer für die Nacht zu ordnen, ſchien verwundert mich hier zu treffen. Ich fühlte, wie ich glühend roth wurde vor Scham.„Ich bin unwohl und möchte hier bleiben“, ſtotterte ich. Erna kam erſt ſpät. Sie ſchien keine Ahnung zu haben, wie ungerecht ſie gegen mich geweſen war. „Weißt Du ſchon, daß morgen die Welt unter⸗ geht?“ ſagte ſie in leicht beſorgtem Ton, und mit dem freundlichen Lächeln, welches ihr ſo gut ſteht, und das alle ihre blendend weißen Zähnchen ſehen läßt.— Dies Lächeln hat noch Alle bezaubert die es geſehen... und auch mein Unwille hielt davor nicht Stand. Heiße mich charakterlos, liebſte Lotte— heiße mich, wie Du willſt,— man kann eben doch nicht anders als ſie lieb haben. Mit welcher überſprudelnden Heiterkeit ſie mir die Debatte von Miß Pipe und Pope über den bevor⸗ ſtehenden Weltuntergang erzählen konnte! Wenn Erna auch ernſterem Nachdenken lieber aus dem Wege geht, als es aufſucht, ſo hält ihr lebhaftes Köpfchen den⸗ noch oft auf überraſchende Weiſe die Eindrücke feſt, welche ſich ihr zufällig und mühelos bieten. Lebhaft ——— 31 konnte ich nach ihrer Schilderung mir den ſanften Ei⸗ fer und die unerſchütterliche Conſequenz vorſtellen, mit welcher Miß Pipe alle berühmten Aſtronomen und alle humanitären Principien ihres mit Liebe zum ganzen Weltall erfüllten Herzens in's Gefecht führte für ihre Anſicht eines zu hoffenden friedlichen Ausgleichs zwi⸗ ſchen beiden ſich begegnenden Weltkörpern. Und ich hätte Erna umarmen mögen, als ſie mir mit dem pruden Ernſt von Miß Pope verſicherte, daß auch ſie eine ſolche Begegnung mit einem wildfremden Kome⸗ ten in der Einſamkeit des Univerſums, weitab von dem regelmäßigen planetariſchen Verkehr doch etwas außer allem Spaß, um nicht zu ſagen shocking fände. Es ſei zwar ſehr anerkennenswerth von den Herren Gelehrten— war nach Erna's Bericht Miß Pope in ihren Erklärungen fortgefahren,— daß ſie die Welt über den Ernſt des bevorſtehenden Weltabenteuers zu beruhigen ſuchten, indem ſie den Biela'ſchen Kometen für einen lockeren windigen Geſellen erklärten, welcher bei einem Zuſammenſtoß mit unſerer ſoliden combac⸗ ten Erde jedenfalls klein beigeben werde. Es ſei in⸗ deß ſchon shocking genug, meinte Miß Pope ferner, wenn Mutter Erde in ihrer gegenwärtigen Toilette etwa durch einen dicken Sternbrei hindurch ſteuern müſſe! Und wenn man ſelbſt nun gerade das Unglück 32 habe, mit einem ſolchen, von den Aſtronomen ſo ge⸗ ringſchätzig behandelten Weltſtäubchen in nähere Berüh⸗ rung zu kommen, ſo ſei das durchaus nicht nach Je⸗ dermanns Geſchmack. In. Bury St. Edmonds in Mittel England ſei einmal ein ganzer Pachthof durch ein ſolches„Weltſtäubchen“ eingeäſchert worden. Sie wolle die Auseinanderſetzungen ihrer gelehrten Freun⸗ din nicht im Geringſten antaſten, meinte Miß Pope weiter, aber da keiner der Herren Aſtronomen, um ſich von ſeiner Dichtigkeit zu überzeugen, ſich noch längere Zeit auf einem Kometen oder in einem Sternſchnup⸗ penring aufgehalten habe, und da man daher ein Ge⸗ wiſſes über das bevorſtehende Ereigniß nicht wiſſen könne, ſo ſei ſie der unmaßgeblichen Anſicht, daß man ſich von demſelben jedenfalls nicht unvorbereitet überraſchen laſſen ſolle. Sie mache daher ihren Vorſchlag, daß ſämmtliche Bewohner des Hauſes während der Dauer fraglicher Nacht wach und in ihren Kleidern zu blei⸗ ben hätten, um jedem unvorhergeſehenen Begebniß ge⸗ rüſtet und„mit Anſtand“ entgegentreten zu können... Miß Ophelia Pipe hätte dieſem Vorſchlag mit ihrem milden Lächeln, wenn auch aus andern Gründen, beigeſtimmt. „Wir werden alſo morgen Nacht aufbleiben, um dem Herrn Welteubummler unſer Compliment zu ——— —————— 33 machen, wenn er uns einige glühende Meteorſteine an den Kopf wirft“, ſchloß Erna ihren Bericht. —„Ein Grund mehr, um uns heute zur Ruhe zu be⸗ geben.“ Jetzt da ich dieſen Brief ſchließe, liegt ihr roſiges Geſichtlein ſanft ſchlummernd auf den rothberänderten Kiſſen der Miſſes Pipe und Pope— ſie träumt.... Ein Kinderlächeln umſpielt den Mund, der heute kein Wort der Vertheidigung für die Schweſter hatte!— Und dennoch habe ich ſie unendlich lieb! Was hätte ich auf der Welt zu thun, wenn ich ſie nicht lieben dürfte!— Mama's Herz würde durch die Liebe zu Erna wohl vollſtändig ausgefüllt, und für Onkel ſor⸗ gen, während die anderen auf dem Lande ſind, könnte auch eine gute Wirthſchafterin.— Darum ſage mir Nichts über Erna, ſo ſehr ich vielleicht Deine Kritik herausgefordert habe. Gott ſei Dank, Du kannſt es nicht, aber wenn Du mir meine Liebe für Erna neh⸗ men könnteſt, ſo hätteſt Du mir den einzigen Zweck genommen, für den ich leben darf. Sich nützlich ma⸗ chen, für eine Mutter oder einen Onkel ſorgen, das kann am Ende Jeder; aber ein Kind lieben, das uns mißhandelt und ſein Lächeln bezaubernder finden, als alle Weisheit der Welt, und für ihr Glück gerne Al⸗ les hingeben, ſelbſt das eigene Recht, das kann nicht v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. II. 3 34 Jedermann, vielleicht ſelbſt Du nicht, Lotte, denn Du biſt zu klug dazu! Und dennoch will ich Dir nicht verhehlen, daß ich dabei leide, in einer Sekunde mehr leide, als ein tage⸗ langer Sonnenſchein auf Erna's Antlitz mich zu er⸗ freuen vermag; daß ich mir ſelber ganz ernſthaft die Frage vorlegte, ob mein Herz, ſo oft gedemüthigt, mit einem Schlage jubelnd, und mit dem andern zum Tod betrübt, ob es erzittern würde, wenn das Schreckliche einträte, das Miß Irene Pope und mit ihr unzählige Köchinnen befürchten. Mama iſt alt und ſchwach, und oft recht müde, Onkel früh verbittert und vergrämt, vom Leben haben Beide wohl wenig mehr zu hoffen — Miß Ophelia Pipe würde ſich vielleicht aus Wiſ⸗ ſensdrang mit Wonne im Univerſum auflöſen, wie jener römiſche Gelehrte, der in den Krater ſprang; und Miß Irene würde ſich jedenfalls ihr ganzes jen⸗ ſeitiges Leben lang in dem Stolz ſonnen, vom Tode nicht in Schlafhaube und Negligé⸗ Jacke überraſcht worden zu ſein.—— Ich glaube wirklich, ich würde nicht erſchrecken.— Und doch— und doch—! Das Furchtbare könnte, dürfte nicht geſchehen! Armes Kind — arme Erna! Sie hat ja das Leben ſo lieb.. und dieſe Welt die ihr— der ſie ſo gut gefällt!— Nein, die Welt darf nicht untergehen— um Erna's ——— ——— 35 Willen! Der Sonnenſchein und Erna gehören zuſam⸗ men. Und wenn ſie auch manchmal grauſam iſt, wie ein Kind, das Käfer ſpießt, ohne zu denken, daß es weh thun könnte— ſie hat auch das Recht, ungerecht zu ſein. Die Welt darf nicht untergehen, weil Erna auf ihr leben und glücklich ſein muß.— Vergib mir, Wotte! ich hatte mit echt weiblicher Logik vergeſſen, daß Du ja auch noch auf der Welt biſt!— Nun ja, auch Deinetwegen muß die alte Welt am Leben blei⸗ ben, damit ich Dich lieben kann— und Erna, trotz⸗ dem Du mir ſagſt, daß ſie es nicht werh iſt. Du ſiehſt, ich nehme faſt Stellung gegen Dich, trotz⸗ dem ein Weltuntergang zwiſchen dieſem Brief und Deiner Antwort liegt. Ich kann nicht anders, ſchon jetzt erſcheint mir wie der ſchwärzeſte Verrath, was ich über Erna ſchrieb. Doch ich habe Dir einſt Aufrichtig⸗ keit gelobt, und daher magſt Du auch, wie ſonſt, un⸗ verkürzt erfahren, was in den letzten Tagen das Herz Deiner zwanzigjährigen Penſionärin bewegt hat. Be⸗ denke doch! Erna iſt ſo viel jünger wie ich, faſt zwei Jahre und ich bilde mir ein, daß man in dieſen zwei Jahren um Vieles älter wird... Mit achtzehn Jah⸗ ren tritt das Mädchen bei uns ja erſt in die Welt, und„Kriegsjahre zählen doppelt“, wie unſer Vetter. der Lieutenant ſagen würde. 3* 36 Nach dieſer militäriſchen Rechnung bin ich ſogar vier Jahre älter als Erna,— alſo eigentlich eine Matrone gegen ſie.— Ich ſehe voraus, daß ſolche „Lieutenantsanſchauungen“, wie du ſie nennen wirſt, deinen Beifall nicht erhalten werden; aber denke ſelbſt nach: bis achtzehn iſt man ſich immer zu jung, man hält die Menſchen für Barbaren, die ſich nur die lei⸗ ſeſte Andeutung über unſer Alter erlauben würden.— Bis neunzehn geht das noch; aber mit zwanzig ſteht das Leben einer jungen Dame ſtill und ſinnt nach.— Ich möchte dies zwanzigſte Jahr mit ei⸗ nem Januskopfe vergleichen.— Mein Leben beſaß ſchon früher das zweite Geſicht, das ohne Klage einem Weltuntergang entgegenſchauen würde, wenn nicht die Welt fortbeſtehen müßte, weil Erna ſie braucht, um glücklich zu ſein... Und ſie muß glücklich werden, Lotte; das ſiehſt du ſelber ein. Was ſoll das Kind mit Unglück und Trauer?— Unglück und Trauer paſſen nur für das andere Geſicht, das gleichmüthiger als Miß Pope dem welt⸗ vernichtenden Kometen entgegen harrt.— Ich glaube, daß ſelbſt der grauſamſte ſeines Stammes zur Milde geneigt ſein würde, wenn er Erna's liebliches Köpf⸗ chen ſähe, wie es auf dem reichen goldenen Locken⸗ geringel ſchlummert. Ich glaube, er würde ſie ſechs⸗ 37 ſpännig auf irgend ein ſtrahlendes Meteor holen laſ⸗ ſen, auf dem es Raum gibt für ſie und die Menſchen, die ihr aus Liebe dienen... Auf Wiederſehen dort, wenn dieſe Welt in Trümmer geht. Deine Eliſabeth. Zweites Kapitel. Der Welten Untergang. „Viele haben ſchon gedacht wie du und ſich ſelbſt zerfleiſcht in der ascetiſchen Wonne des Entſagens und ſich Opferns, und haben doch ſtets im Geheimen gehofft, daß das Leben ſie eines Beſſeren belehren werde— und das Leben hat ſich nicht die Mühe ge⸗ geben.— Es hat ſie einfach dort gelaſſen, wohin ſie ſich geſtellt, und ſchlimmer noch: ſie haben nicht ein⸗ mal denen genützt, deren Sohlen ſie ſich, die eigene Würde opfernd, auf's Haupt geſetzt, denn auch Jener Glück haben ſie nicht echt und wahr zu fördern ver⸗ mocht!— Was man iſt, wird man aus ſich ſelbſt...“ So ſchriebſt du mir!— O, es war hart und grauſam! Faſt wäre ich mir ſelber wie die erbärm⸗ lichſte Heuchlerin erſchienen; und jeder Wunſch, der —x —x in meinem Herzen ſich für Erna regt, iſt nach deiner Theorie ein Unrecht, da ſie nur durch des Schickſals Härte gut und glücklich werden kann. Jedwedes Steinchen, das ich aus ihrem Wege räume, treibt ſie weiter abwärts in Selbſtſucht, Schwäche und Zer⸗ fahrenheit... O, du biſt klug! und zu jeder andern Ziet hätten deine Zeilen, ſcharf und unerbittlich, wie du mir nie geſchrieben, mich irre gemacht an mir,— an Allem! — Aber indem du ſie niederſchriebſt, waren ſie ſchon widerlegt. Der Komet ſelbſt hat die Aufgabe über⸗ nommen, mir meinen Glauben an mich ſelbſt zu er⸗ halten; und während zu jeder andern Zeit dein Brief den gewaltigſten Aufruhr in mir hervorgerufen, kann ich dich jetzt mit epiſcher Breite und Ruhe widerlegen, durch das was geſchehen iſt. Ich werde in dieſem Beſtreben unterſtützt durch die angenehme Thatſache, die inzwiſchen auch zu dei⸗ ner Kenntniß gelangt ſein wird, daß die Welt noch ſteht, wenn es auch bei den Gewohnheiten der alten Dame nicht zu behaupten wäre, daß ſie ſich noch ge⸗ nau an der alten Stelle befände. Gewiß iſt jedoch, daß die betreffende Nacht im Hauſe der Miſſes Pipe und Pope Alles auf den Kopf geſtellt hat. Mir ſcheint, als habe Miß Pope das Scepter des guten Tons 40 und der Sitte für immer niedergelegt; ſie⸗verläßt faſt nur mehr mit gerötheten Augenlidern ihre Gemächer, in welche ſie ſich öfter als gewöhnlich zurückzieht;— auf Miß Pipe's Antlitz thront ein Zug dort nie ge⸗ ſehener Strenge.— Erna, das ſüße lachende Geſchöpf, ſitzt mit dem ſentimentalen Geſicht in der Ecke und lieſt zum erſten Mal— Gedichte!... Nur ich allein bin dieſelbe in meiner entſagungsſeligſten Stimmung. Doch ich habe dir epiſche Breite und Behaglich⸗ keit verſprochen, und fühle auch ſelbſt, daß ich ohne die ſtrengſte Ordnung dir kein treues Bild der Ereig⸗ niſſe geben könnte, die kometenartig über unſre kleine Welt dahingeſtürmt. Auf den Antrag der Miß Irene Pope, dem aus wiſſenſchaftlichen Gründen auch Miß Ophelia Pipe bei⸗ geſtimmt hatte, erwarteten wir den Kometen ſtehenden Fußes; Miß Ophelia in Zimmt, und Miß Irene im feſtlichen Pflaumenviolet. Erna und ich, als wir das ſahen, machten natürlich auch Sonntagstoilette. Wäh⸗ rend Miß Pipe's blaues Auge in ſeiner goldenen Um⸗ faſſung ſo zu ſagen faſt zerfloß in Milde und Huma⸗ nität für den ſich nähernden Kometen, deſſen Schweif, nach der Anſicht der Aſtronomen, von der Erde in feine Atome zertrümmert werden ſollte, deutete die Bläſſe auf Miß Pope's gewöhnlich ſehr lebhaft ge⸗ 41 färbten runden Wangen und die zunehmende Unſicher⸗ heit ihrer raſchen Bewegungen darauf hin, daß ſie die Annäherung des ungebetenen Gaſtes von weniger freund⸗ lichen Gemüthspolen aus betrachtete. Schon ſeit unſerem Hierſein hat ſich Miß Pipe täglich mehrere Stunden in den oberen Regionen des Hauſes auf geheimnißvolle Weiſe zu ſchaffen gemacht. Umfangreiche Pakete waren mit der Poſt gekommen, und mit einer, im Verhältniß zu ihrer Größe ganz außerordentlichen Raſchheit verſchwunden. Fremde Männer zeigten ſich und verſchwanden auf dieſelbe ſtumme räthſelhafte Weiſe, nachdem ſie mit Miß Ophe⸗ lia Pipe ſtundenlanges Zwiegeſpräch gepflogen, und das ganze Haus durch das Gehämmer erzittern gemacht hatten, welches aus den oberſten Räumen deſſelben zu ertönen ſchien. Miß Irene Pope hatte ihre kleinen runden Augen weit und verwundert geöffnet, als Miß Pipe Beſuche empfing, welche nicht auch zur Hälfte ihr ſelber galten, und mehrmals ziemlich deutliche Bemerkungen fallen laſſen über die ſtrenge Zurückhaltung, welche unver⸗ heirathete junge Damen im Verkehr mit der Außen⸗ welt ſich bis zu einem gewiſſen Alter ſchuldig ſeien. Miß Ophelia hatte dieſe ſanften Winke ihrer lebhaften formgewandten Freundin nur mit ihrem milden über⸗ 42 legenen Lächeln beantwortet und die Beſuche der frem⸗ den Männer und der geheimnißvolle Lärm in den oberen Regionen des Hauſes dauerte fort. Miß Irene hatte ſich durch das Schweigen ihrer Freundin noch niemals entwaffnen laſſen; es konnte daher wohl nur der Unſicherheit der Weltlage zuge⸗ ſchrieben werden, wenn ſie plötzlich keine Notiz mehr nahm von dem, was um ſie her vorging.— Und dennoch war ihr Benehmen wieder anders, als da ſie zuerſt ihrer Furcht vor dem Kometen Ausdruck gab. Manchmal, wenn ſie ſo daſaß in ſich ſelbſt verſunken, und plötzlich erröthend auffuhr wie in heimlichem Er⸗ ſchrecken, konnte ſie an eine religiöſe Schwärmerin ge⸗ mahnen, die ihrem himmliſchen Bräutigam entgegen⸗ ſeufzt.— Und dennoch religiöſe Schwärmerin war ſie auch wieder nicht, obwohl ſie es auf's äußerſte sho- cking gefunden hätte, wenn nicht alle Vierteljahr ein nahewohnender engliſcher Geiſtlicher im Haus den Gottesdienſt verrichten würde.— Und dieſer ſeltſame nie geahnte Ausdruck ſtand Miß Pope's Antlitz ſo un⸗ widerſtehlich komiſch, daß ich ſie nicht ohne innerliches Lachen anſehen konnte— und zwar vielleicht öfter als nöthig war! denn es fiel mir faſt zu ſpät auf, daß Miß Pope durch mein Anſchauen beunruhigt ſchien. Sie war überhaupt ſchweigſamer als ſonſt, und ſchüch⸗ ——-— 43 tern, als ob die feurigen Arme des Kometen bereits nach ihr langten, rollte ſie von einem Zimmer in's andere. Endlich kam der Weltuntergangs⸗Abend! Der Himmel war unbewölkt; die Sterne glitzerten aus ihren ungemeſſenen Fernen klar herüber durch die froſtige Atmoſphäre, und feierlich, wie Kinder zum Weihnachtsbaum, wurden wir von Miß Pipe alle Treppen des Hauſes empor bis in den Dachraum ge⸗ führt.— Athemlos vor Erwartung kletterten wir nach, endlich ſtanden wir vor der Leiter, welche zur Lucke und von da auf's Dach führte.— Schon durchzuckte mich die Befürchtung, Miß Pipe ſei mondſüchtig ge⸗ worden, als ſie die ſchmale Leiter hinan zu klimmen begann. Miß Pope folgte ſtumm und widerſtandslos, als würde ſie zum Richtplatz gebracht. Erna und mir blieb nichts übrig, als Miß Pi⸗ pe's Laterne nach, ebenfalls auf's Dach zu klettern. Daſſelbe war an ſeinem ſonſt ſpitz zulaufenden Giebel durch ein leichtes Gerüſt mit einer Art Plattform ver⸗ ſehen worden, welche ſelbſt unter Miß Ophelia's Elfen⸗ tritten ſich bog und ſtöhnte, und von einem heftigen Windſtoß unfehlbar in die Tiefe geſchleudert worden wäre. Ein neugierig zum Himmel blickendes Teleſkop nahm die Mitte des erhabenen Raumes ein, der außer⸗ dem noch von einem Quadranten, einer Himmelskarte 44 und andern Sternguckerapparaten gewiſſenhaft ausge⸗ ſtattet war. Mit leiſen, bangen Bewegungen, wie ehr⸗ fürchtig vor den Himmelsmächten, die ſie zu beſchwören kam, waltete Miß Ophelia in dem luftigen Obſervato⸗ rium. Miß Irene drückte ſich ſchon in den äußerſten Ecken herum, und Erna machte ein allerliebſt verdutz⸗ tes Geſicht, als ſei ſie in Zweifel, ob ſie das Alles ſehr unbehaglich oder höchſt komiſch finden ſolle. Im Schein der verſchließbaren Laternen, welche die Plattform erleuchteten, hatte Miß Pipe in verſchie⸗ denen Zeitſchriften nachgeſchlagen, welche ſich durch ihre Vignetten als aſtronomiſche darſtellten, auch mehrmals ihren Chronometer zu Rath gezogen und endlich das Teleſkop faſt ſteil wie eine kampfluſtige Kanone gen Himmel gerichtet. Nur einem Kopfe, der auf einem Halſe ſaß, wie er Miß Pipe zur Verfügung ſtand, konnte es gelingen, das Auge ſo an das Okular des Inſtrumentes zu bringen. Knieend mit zurückgelegtem Haupt ſchaute ſie empor in den unendlichen Raum, und wonnevolle Seufzer entrangen ſich ihrer Bruſt über die Wunder, welche ſie dort erblickte. Endlich ſchien ſie ſich unſrer zu erinnern. Mit einem ſchmerzlichen Seufzer riß ſie ſich los von den leuchtenden Welten, in deren Zauber ſie ſich verloren, 1—— —— 45 und die Augen wie verzückt nach oben gerichtet, ergriff ſie mich, keines Wortes mächtig, bei der Hand und führte mich zu dem Teleſkop.— Und in der That, Lotte!— was ſich auf dem kleinen Raum, den man mit dem Glaſe beherrſchte, zutrug, war wundervoll und herrlich... Meteore, in einer Zahl und Pracht, wie ich ſie nie geſehen, durchfurchten unaufhörlich den Horizont, und die ſchüchternen Sterne ringsum erlöſch⸗ ten für Sekunden in dem bluthrothen Glanze der halt⸗ los in die Tiefe ſtürzenden Funken des Univerſums ... Dieſer glühende Sternenregen in unerreichbaren Fernen hatte etwas ſeltſam Berauſchendes; wie eine unnennbare feurige Sehnſucht erfüllte es meine Bruſt und theilte ſich meinem Gehirne mit! Und ich kam mir ſelber vor, wie einer jener Irrſterne. Wie mit feurigem Strahl Ein Meteor Durchirrt den Aether . Und ſinkt und ſinkt Mit flammender Qual In's Weſenloſe— So flog mein Blick In's Meer der Ferne— Doch nirgends Raſt Für ſeine Schwingen Und keine Inſe 46 Im wogenden All... Doch fort— und fort! Die eignen Flammen Verzehren des Sternes— Des Herzens Mark————— ——— du ſiehſt mich mit bleichem Schrecken vor der eigenen That! Verſe!! Habe ich dir, als du, Erna und ich unſern„Nichtdichtungsverein“ gründeten, habe ich da nicht in deine Hand den Schwur geleiſtet, auf das Wachſamſte ſchon den erſten Symptomen jener „Kinderkrankheit“ zu begegnen, welche ſich in Jamben und Trochäen ſtatt in rothen Flecken und heiſern Keh⸗ len äußert!— Verzeih', Lotte! An den Verſen waren blos die Sternſchnuppen ſchuld, die wie feurige Flocken vor meinen Augen vom Himmel fielen und das ange⸗ ſtrengte Schauen durch das Glas, welches das Gehirn angreift, wie man ſagt. Bereits ſtand die Proſa in Geſtalt von Miß Irene Pope neben mir, von welcher Miß Ophelia Pipe emporgerichteten Blickes behauptete, daß ſie auch etwas von der Erſcheinung ſehen wolle. Mir kam es vielmehr vor, als ob Miß Irene nur mit innerm Widerſtreben der begeiſterten Einladung ihrer Freundin folge. Ihre unſichern Bewegungen gaben auch gleich dem Fernrohr eine andere Richtung. Da ſah ich trotz der ſchlechten Beleuchtung, daß Miß Pope mit allen Zeichen des Erſchreckens vom Okular des Inſtruments zurückwich. „Der Komet!“ rief Erna, den bleichen, verwirr⸗ ten Zügen Irenen's Worte verleihend, in ſcherzhaft ängſtlichem Ton, und blickte mit einer ganz unbeſchreib⸗ lich reizenden Grimaſſe in das Glas. „Hilf Himmel, da iſt ein Kometenprinz hängen geblieben!“ rief ſie laut mit der ganzen überſprudeln⸗ den Heiterkeit, die ihr zuweilen eigen iſt. Die jubelnde Ankündigung Erna's klang ſo ſonderbar, daß alle Sternſchnuppen⸗ und Entſagungsſeligkeit von mir ab⸗ fiel.— Eilig ſchob ich Erna, die gar nicht zu ſich kommen wollte vor Lachen, zur Seite, und ſah nun, durch das mächtige Glas in ganz erſchreckende Nähe gebracht, zuerſt den Gipfel der hohen Pappel, welche dicht neben dem Hauſe aus unſerm Garten emporragt. In einem Chaos von verdorrten Blättern, die durch das Teleſkop in ganz ungeheuerlicher Form erſchienen, ſaß— ebenfalls weit über menſchliches Maß vergrößert und in ganz unheimlicher Nähe— eine menſchliche Geſtalt, die dunklen Arme und Beine um den ſchlan⸗ ken Stamm der Pappel geſchlungen, und ein mächti⸗ ges, wie es ſchien, auf den Baum geſchraubtes Fern⸗ rohr auf unſre Plattform gerichtet. „Das iſt wahrhaftig ein Mann, der auf der r—— Pappel ſitzt und uns beobachtet“, rief auch ich jetzt.. Das Wort„Mann“ wirkte wie mit elektriſchem Schlag auf Miß Ophelia Pipe, und raſch wandte ſie ſich nach der von mir bezeichneten Richtung. Man konnte auch ohne Glas recht wohl die dunkle Geſtalt auf dem Baum erkennen. Die Pappel ſtand noch auf dem Pope⸗ und Pipe'ſchen Territorium und ſehr nah am Hauſe; die nächtlichen Kletterübungen des dunklen Mannes konnten daher nur ſehr beunruhigend auf unſre ohnehin durch die Wunder des Nachthimmels erregten Gemüther wirken. Dazu kam noch, daß ſich mit Einſchluß der beiden Dienerinnen nur ſechs Frauen im Hauſe befanden. Miß Pope hatte es zu shocking gefunden, daß unverheirathete junge Damen männliche Dienerſchaft im Hauſe beherbergten und der Gärtner hatte daher ſein Nachtquartier auswärts aufſchlagen müſſen.— Man konnte daher gar nicht wiſſen, ob die Inſpektion vom Baum aus nicht die Einleitung zu einem räuberiſchen Ueberfall bilden würde. In dieſem kritiſchen Augenblick benahm Miß Pipe ſich wunderbar. Entſchloſſen ſchritt ſie voran, die Bodenleiter hinab, und gleich erſchreckten Lämmern drängten ich und Erna ihr nach. Miß Pope ſah wahrhaftig bejammernswürdig aus in ihrer grenzen⸗ — — 49 loſen Angſt und Verwirrung. Auf unſerem Wege ab⸗ wärts erhielten wir Verſtärkung durch die Köchin und das Hausmädchen, und, eine entſchloſſene Schaar, ſtiegen wir hinab in den Hofraum und umringten den Fuß der Pappel. Händeringend und mit dem Antlitz einer Miſſethäterin war uns Miß Pope gefolgt. Der Mann befand ſich noch auf dem Baume; aber nicht mehr in der Spitze deſſelben. Er mochte bereits Unheil gewittert haben, denn er war jetzt un⸗ gefähr in der Mitte der Pappel. Als wir ankamen, hielt er mit Klettern ein.— Das war ſehr verdächtig!— Miß Pipe mochte fühlen, daß ihre Stimme zu ſchwach ſei, und betraute Erna mit der Aufforderung an den Eindringling, ſich zu erklären, was er in dem Garten und auf den Bäumen der Miſſes Pipe und Pope zu ſuchen habe. Erna hatte ſich von jeher zu ſehr als das enfant gätée der Welt gefühlt, als daß ſie, nachdem die erſte Ueberraſchung vorbei, ſich überhaupt mit dem Gedanken hätte abgeben ſollen, es könne ihr von irgend Jemand eine Gefahr drohen. Auch war die ganze Scene: der unſchlüſſig in der Mitte hängende Mann und die ihn belagernden ſechs Frauen— komiſch ge⸗ nug, um einem weniger jugendlichen Gemüth alle v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. II. 4 Dämonen des Uebermuths wachzurufen. Als daher Miß Ophelia ernſt und entſchloſſen, wie ein Feldherr vor dem entſcheidenden Angriff, das Kind mit der parlamentariſchen Miſſion betraute, durchbrach Erna's tolle Laune alle Schranken, und das blonde Locken⸗ haar zurückwerfend, rief ſie in übermüthigem Tone: „Herr Kometenprinz! Wir möchten Sie eben ſo dringend als höflich erſuchen, vollends auf den Boden herunter zu kommen und ſich näher in Augenſchein nehmen zu laſſen.— Auf unſerer ſoliden Erde gelten andere Gewohnheiten, als auf Ihrem landſtreicheriſchen Kometen— hier kann man nicht ohne hohe obrigkeit⸗ liche Genehmigung auf der erſten beſten Pappel ſein Nachtquartier aufſchlagen und den Leuten in die Schorn⸗ ſteine gucken!— Hier gehört ſogar jede Pappel Je⸗ mandem, und dieſe, auf der zu ſitzen Sie die Ehre haben, iſt Eigenthum der Miſſes Pipe und....“ „Schweigen Sie!“ unterbrach da Miß Ophelia im Tone tiefſter Entrüſtung die Suada meiner Baſe.— Der Mann auf dem Baume ſchien inzwiſchen des tollen Spuks müde geworden, vielleicht auch der etwas unbequemen Situation, denn er begann langſam ab⸗ wärts zu klettern.. Eine unheimliche Pauſe entſtand.— Hinter mir 51 hörte ich Miß Pope's herzbrechende Seufzer, und mein eigenes Herz pochte ſchneller. Plötzlich prallten wir ſämmtlich wie auf Com⸗ mando radienförmig auseinander— ein fünffacher Schrei des Entſetzens(Miß Pipe ſchreit niemals), der aus einer einzigen Kehle zu kommen ſchien, tönte durch den Frieden der Weltuntergangsnacht, denn noch ziemlich hoch oben über dem Boden hatte der Kometen⸗ prinz die Aeſte der Pappel losgelaſſen, und ſtand mit einem gewaltigen Sprunge in unſerer Mitte. Der Kometenprinz war ein Mann von Welt. Grell beleuchtet von der Blendlaterne der Miß Pipe verbeugte er ſich höflich und zog die Mütze.— War es die Aufregung all' des Vergangenen oder die ſelt⸗ ſame Lage, in welcher wir ihn gefunden, oder das Licht von Miß Pipe's Laterne, das voll und hell auf ihn fiel, während es die Gegenſtände in geringer Ent⸗ 1 fernung um ihn im Dunkel ließ, oder Alles zuſammen — oder war das Antlitz des Mannes, der vor uns ſtand, wirklich ſo ſchön und bleich, ſeine Haltung wirk⸗ lich ſo ruhig und edel!—— ich weiß es nicht!— je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr verwirren ſich meine Gedanken und Vorſtellungen.— Gewiß iſt, daß ich ganz ernſthaft gegen den Gedanken ankämpfen mußte, ob der elegante Mann mit dem halb erſtaunten, 4* 52 halb verlegenen Lächeln, der da in unſerer Mitte ſtand, wirklich ein Angehöriger unſerer Erde ſei, der durch irgend einen ſeltſamen Zufall in jene Lage ge⸗ rathen war, und nicht doch vielleicht ein Bewohner jener leuchtenden Meteore, die wir noch ſoeben beob⸗ achtet, und faſt erwartete ich, daß er räthſelhaft vor unſern Augen verſchwinden werde, ſo wie er erſchienen. Es dünkte mir auch ganz unmöglich, daß der Fremdling, der ſo ganz anders war, als all' die Män⸗ ner, die ich in unſerer kleinen Stadt geſehen und meiſt von Jugend auf gekannt, auf die zornpiepende Stim⸗ me der Miß Pipe: Uas er hier nolle?— in gewöhn⸗ lichem Deutſch oder einer anderen lebenden oder tod⸗ ten Erdenſprache antworten werde. Doch der Fremde verſchwand nicht, ſondern ver⸗ neigte ſich ſehr artig vor der Miß, und ein Zug ruhi⸗ gen, überlegenen Spottes ſchimmerte auf dem feinen, von einem zarten hellen Bart beſchatteten, männlich kühnen Antlitz, als er mit leicht fremdländiſchem Ac⸗ cent in deutſcher Sprache antwortete: „Ich konnte nicht ahnen, daß das Beſteigen die⸗ ſes Baumes die Damen ſo ſehr in Unruhe verſetzen werde! Die Pappel iſt der höchſte Punkt in der Nähe, und eine der geehrten Damen ſelbſt hat mir heute Morgen von jenem Fenſter aus die Erlaubniß ertheilt, — 53 ihn zu beſteigen, um das Phänomen zu beobachten, dem Sie ſelbſt eine ſo rege Theilnahme zugewendet...“ „Uelche Dame? Uelches Fenſter?“ fragte Miß Ophelia, indem ſie noch einige Zoll länger und ſchmä⸗ ler wurde. Der Fremde erhob mit leichter, graziöſer Bewe⸗ gung eine ſchmale feine Hand: „Dort, aus dem zweiten Fenſter, blickte eine Dame, welche mir ganz unzweideutig ihre Einwilligung ertheilte....“ Das blaue Auge voll unerbittlicher Strenge, wandte ſich Ophelia nach Irenen um. Die Hand des Fremden hatte nach einem der Fenſter von Miß Pope gedeutet, welches ſich in nächſter Nähe der Pappel befand. „Miß Pope!“ erklang kalt und forſchend die Stimme Ophelia's— ſie hatte ihre Freundin ſonſt immer beim Vornamen genannt—„Miß Pope, wir erwarten Ihre Aufſchlüſſe!“ Irene antwortete nicht. Mit einem verzweifelten Seufzer ſank ihre runde Geſtalt in die Arme der ihr an Fülle und Rundung ebenbürtigen Köchin. „Shocking!“ ziſchte es leiſe zwiſchen den ſchma⸗ len Lippen Ophelia's hervor, dann wendete ſie ſich an Erna und mich:„Wir haben hier nichts mehr zu thun!— Folgen Sie mir, meine Damen!“ Und mit den Schritten einer Minerva giug ſie uns voran, während die Dienſtmädchen ſich der ſcheinbar bewußt⸗ loſen Miß Pipe annahmen. Der Fremde hatte mit ruhigem Staunen der Scene beigewohnt. Als Miß Pipe ihm den Rücken wandte, zuckte er mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck überlegenen Gleichmuths die Achſeln, kreuzte die Arme und ging langſam auf die Gartenthüre zu, welche er ohne ſichtbare Anſtrengung gewandt überſprang. Erſft jetzt fiel es mir auf, daß Hiero, unſer großer Newfoundländer, der bei jeder nächtlichen Annäherung eines Menſchen an das Landhaus ein wüthendes Ge⸗ bell erhob, ganz ruhig geblieben war, und wieder über⸗ lief mich etwas wie geheimes Grauen. Als wir jedoch in das Haus traten, hörten wir Hiero, ganz außer ſich über ſeine Gefangenſchaft, wüthend von innen an Miß Pope's Zimmerthür kratzen. Jetzt erinnerte ich mich auch, daß Miß Pope gegen ihre Gewohnheit den gan⸗ zen Tag über den Hund nicht von ihrer Seite gelaſ⸗ fen hatte.. Räthſel über Räthſel! An unſerer Thüre angelangt, wünſchte Miß Pipe uns„wohl zu ſchlafen.“ Es klang mir wie der ſchnö⸗ deſte Spott. Nach ſolchen Ereigniſſen ſchlafen!... wW Und dennoch ſprachen Erna und ich faſt nichts mit einander über das Vorgefallene— Erna, die ſonſt bei dem unbedeutendſten Vorkommniß keinen ſcherz⸗ haften Einfall bei ſich behalten kann, war ſchweigſam und nachdenklich und auch ſie ſchlief nicht ein. Ich hörte es an ihren Athemzügen, daß ſie wachte— zum erſten Male in meiner Erinnerung. Eine gewiſſe traumhafte Stimmung iſt auch am Tage unter uns zurückgeblieben. Erna träumte noch immer; ſie hat zum erſten Mal, ſeit wir hier ſind, die Honigſchale unberührt gelaſſen, die ihr ganzes Entzücken war, als wir kamen. Miß Pope iſt faſt immer unrſichthar⸗ und die ſanfte Milde auf dem Antlitz von Miß Pipe hat einem Zug marmorner Strenge Platz gemacht, der ihr fremdartig und unheimlich zu Geſicht ſteht. Es iſt nur natürlich, daß auch auf die Dienſtboten dieſe Stimmung ſich überträgt,— ſcheu und geräuſchlos wandeln ſie durch die langen Corridore; ſelbſt der Gärtner vor meinem Fenſter lehnt ſchon ſeit einer Vier⸗ telſtunde unbeweglich auf ſeinem Schaufelſtiel und denkt nach, unzweifelhaft über die nächtliche Begeben⸗ heit, die ihm natürlich mitgetheilt worden iſt.— Hiero drückt ſich mit eingekniffenem Schwanz in den Ecken herum, als befürchte er, wieder aus unbekannten Ur⸗ 1 8 3 ½ 2 f ſachen von Miß Pope's zarten Händen eingefangen und in ein enges Zimmer geſperrt zu werden. Ich ſelbſt prüfe mich ängſtlich, ob ich noch die Alte bin, und ich ſchüttle den Kopf auch über mich. Ich bringe das feine bleiche Geſicht mit dem überle⸗ genen Lächeln, die zierlich kräftige Geſtalt mit der ſtol⸗ zen, ruhigen Haltung, wie die Blendlaterne der Miß Pipe mir ihn zeigte, nicht mehr aus den Gedanken.. Noch immer ſehe ich den Kometenprinzen mit einer Leichtigkeit, die auf eine ungewöhnliche Kraft ſchließen läßt, über das geſchloſſene Gartenthor ſpringen— noch immer klingt mir die ſanfte und doch ſo metall⸗ reiche Stimme im Ohr... Auch Erna, ich bin deſſen gewiß, denkt an ihn; eben jetzt! ich ſehe es an ihrem Geſicht... Aber Alles in mir ſträubt ſich, von ihm mit ihr zu reden!— Und doch verurſacht es mir ein leiſes Unbehagen, wenn ich denken muß, daß auch ſie ſich mit ihm beſchäftigt. Lotte, was rede ich da!— Ich möchte dir all' Das nicht ſagen, und doch drängt es mich wieder dazu, mit dir von ihm, von dem ſeltſamen Abenteuer zu ſprechen. Es iſt, als liege ein Bann auf dieſem Hauſe, ſeit jener Nacht— ein Bann auf unſeren Herzen und Zungen. Eben fährt Erna mit einem leiſen Schrei vom Fenſter auf— ihr Antlitz glüht.— Ein junger Herr kommt durch das Gartenthor und geht auf die Thüre des Hauſes zu— das Geſicht iſt mir bekannt, auch der Gang und die Haltung, er iſt's!... Ich muß ſchließen. Miß Pipe hat uns ſoeben ſagen laſſen, daß wir in das Empfangszimmer kommen möchten. Wir ſollen alſo ihrer Unterredung mit dem Kometen⸗ prinzen beiwohnen... Mein Herz pocht zum Zerſprin⸗ gen... Erna will noch raſch ein anderes Kleid an⸗ ziehen, und ſchilt mich, weil ſie behauptet, daß ich die 4 blauſeidene Taillenſchleife verlegt habe, welche Onkel ihr zum Geburtstage geſchenkt.— Sie iſt noch nie ſo heftig und ungerecht gegen mich geweſen..... Abends. Faſt wäre dieſer Brief nie in deine Hände ge⸗ kommen! Die angebrannte Ecke mag dir beweiſen, wie nahe die Vernichtung an ihm vorübergegangen iſt. Doch ich bedachte, wie ich dir, der älteren, vom Leben viel geprüften Freundin, ſeit Jahren die ge⸗ heimſten Gedanken meines Herzen mitgetheilt; ich dachte mit Schaudern daran, was aus mir werden ſolle, wenn ich dich jetzt entbehren müßte!... Und meine Hand, die den Brief ſchon über das Licht gehalten, zog ſich zurück. — So ſei es denn! Du ſollſt Alles erfahren, was ich in den letzten Stunden erlebt, gedacht und— ge⸗ litten...... Die Weltuntergangskomödie iſt zur Elegie gewor⸗ den, über die du ſchon ſo oft geſpottet. Aber jene Entſagungsſeligkeit, die mir ſo geläufig war, ſo lange es ſich nur um kleinere Dinge handelte, beſitze ich nicht mehr... Die wirkliche Entſagung iſt ſchwer, unend⸗ lich ſchwer⸗ geliebte Lotte!“ Miß Ophelia empfing uns mit ernſter, feierlicher Miene. „Meine Damen! Sie ſind erſt wenige Tage in 1 dieſem Hauſe und ſchon Zeuginnen eines ſehr ſchmerz⸗ lichen Vorfalls geweſen.— Ein junger Mann hat ſich in unſer Beſitzthum eingeſchlichen und behauptet, daß er von der Mitbeſitzerin dieſes Hauſes, Miß Pope, die Erlaubniß dazu erhalten habe, auf unſeren Bäumen Platz zu nehmen. Sie haben es ſelbſt gehört.— Ich bin daher Ihnen, ſowie Ihren Eltern, die Sie uns anvertraut, Aufſchluß darüber ſchuldig, in wie weit die von mir eingeleitete Unterſuchung die Wahrheit oder Unwahrheit dieſer Behauptung dargethan hat... Leider wurde bisher das Verhör der Miß Pope durch— das beſtändige Unwohlſein der Dame vereitelt— ſie wurde ohnmächtig, ſo oft ich verſuchte, ſie über das — — 59. Vorgefallene zu befragen. Erſt heute erlangte ich von Miß Pope die Erklärung, daß der junge Mann, deſ⸗ ſen Bekanntſchaft Sie auf eine anſcheinend ſo ſkanda⸗ löſe Weiſe gemacht haben, ſich ihr am 26. dieſes Mo⸗ nats, Nachmittags vier Uhr, als ſie eben zum Fenſter hinausgeſehen, in flehender Art genaht und ihr geſagt habe, daß ſie die ſchönſte Dame der Umgebung, ein Phänomen ſei!... Er habe die Bitte an ſie gerichtet, in ihrer Nähe bleiben und ſie immer anſehen zu dür⸗ fen und zur Bekräftigung der Aufrichtigkeit ſeiner Ge⸗ ſinnung die Hand wiederholt zum Himmel erhoben!... Meine Damen“, fuhr Miß Pipe athemholend mit fei⸗ erlicher Stimme fort,—„es iſt lehrreich für Ihre Un⸗ erfahrenheit und Jugend, zu erfahren, daß jede wohl⸗ erzogene engliſche Dame ſolche Worte für einen Hei⸗ rathsantrag anſehen muß... Ich habe meine beſon⸗ deren Gedanken über die Ehe; auch ziemt es mir nicht, die Raſchheit, mit welcher Miß Pope die Bewerbung eines ihr bis dahin ganz fremden jungen Mannes an⸗ genommen hat, einer Kritik zu unterziehen.— Ver⸗ werflich war es vorzüglich, daß der junge Mann ſich von ſeiner Leidenſchaft ſo weit hinreißen ließ, einen hohen Baum zu erklettern, um dem Gegenſtand ſeiner Neigung näher zu ſein und dadurch das Haus in Auf⸗ ruhr und Gerede zu bringen.— Soeben hat man mir —õ 60 den jungen Mann gemeldet, und nach Allem, von dem Sie Zeugen waren, und nach den Mittheilungen von Miß Pope, kann über den Zweck ſeines Beſuches kein Zweifel mehr herrſchen. Unſere Nachforſchungen haben inzwiſchen ergeben, daß der junge Mann Axel Hjelmar heiße, der Sohn eines bekannten ſchwediſchen Finanz⸗ mannes ſei, welcher eine Villa in der Nachbarſchaft angekauft habe und ſich hierher zurückzuziehen gedenke. Eine gegründete Erinnerung gegen dieſe Verlobung iſt alſo auch aus praktiſchen Gründen nicht zu erheben. — Nachdem ſich daher die jungen Damen überzeugt haben, daß die Poſition der Miß Pope eine durchaus vollſtändig geregelte, wollen wir den Herrn Axel Hjel⸗ mar empfangen. ‧Und ohne weiteres drückte Miß Ophe⸗ lia auf den Knopf des Timbre's der auf dem Tiſche ſtand. Das Hausmädchen erſchien, und Miß Pipe gab den Auftrag, Herrn Hjelmar vorzulaſſen. In meinem Kopfe wirbelte es. Das war ja nicht möglich! Das konnte nicht ſein! Das war ein ſo tol⸗ les Mißverſtändniß, wie man es in keiner Poſſe mehr hinnimmt. Der junge Mann hatte ja doch ſelber Alles zur Genüge aufgeklärt, für Jeden, den Zorn oder Ei⸗ telkeit nicht taub gemacht.— Auch Erna machte ein ganz enttäuſchtes Geſichtchen, als ob ihr ein hübſches —ᷣ—ᷣ—ᷣ—ÿ—ÿ;-õ-—— 61 Spielzeug, das man ihr gezeigt, nun plötzlich wieder genommen worden ſei. Ich wollte reden, aufklären, Miß Pipe vor einem faux pas bewahren, den ſie vielleicht bitter bereuen würde, aber ſchon öffnete ſich die Salonthüre und Axel Hjelmar trat ein. Der Kometenprinz trug moderne dunkle Kleidung; ſeine Bewegungen waren von ruhigſter Eleganz, und wieder lag das ſanfte, und doch ſo überlegene Lächeln jener Nacht auf ſeinem Antlitz. Ich habe dir verſprochen, ſtets aufrichtig zu ſein. Lotte, bei dieſem Lächeln war mir, als ob eine Strah⸗ lenfluth mein ganzes Herz durchzittre und als könnte ich mein Leben damit zubringen, ihn ſo lächeln zu ſehen! Erna riß dem Fauteuil, der neben ihr ſtand, eine ſeiner Chenillenfranſen, nach der andern aus. Hjel⸗ mar machte eine tiefe Verbeugung vor Miß Pipe, dann eine, um einen Schatten weniger tiefe vor uns und begann mit ſeiner eigenthümlich ſanften Stimme, und jener fremdartigen, ſo melodiſchen Betonung des Deutſchen, die ich nie vergeſſen werde: „Ich komme, um mich nochmals bei den Damen zu entſchuldigen wegen meiner Dreiſtigkeit. Ich bin der deutſchen Umgangsſprache noch nicht ganz mächtig 62 die Damen ſind, wie ich höre, Engländerinnen, und das Mißverſtändniß, ſo ſehr ich es auch bedauern mag, war natürlich...“ Miß Pipe öffnete weit ihre waſſerblauen Augen, und ihr Antlitz drückte den höchſten Grad von Span⸗ nung aus. „Oh, man hat nichts mißverſtanden, Sir; Miß Ppope hat mir genau mitgetheilt, was Sie ihr haben geſagt... Ich war ſehr hart, da ich nicht ahnen konnte Ihre Beziehungen...“ 3 Das bleiche Geſicht Axels drückte eine leichte Ueber⸗ raſchung aus; aber er hat, ſcheint's, eine merkwür⸗. dige Gewalt über ſich. „Meine Beziehungen?“ fragte er lächelnd und mit einem leiſen Anflug von Schwermuth— .„Meine Beziehungen zu Kometen und Meteoren ſind allerdings faſt ſo alt wie ich! Schon als Kind konnte ich Nächte verträumen im Anſchauen der Ge⸗ bilde des Himmels, die uns ſo unerreichbar ſind— und nur dieſe Leidenſchaft hat mich zu einem Schritt 4 bewegen können, der ſo viel Störung verurſacht hat! Allein die Gegend hier herum iſt ſo flach, wie ein Tiſch; in unſerm eignen Garten ſind die Bäume erſt angepflanzt und die Ausſicht von unſerem Hauſe verbaut.“ — —— — ᷣ * 63 Miß Pipe's Antlitz war ſehr ernſt geworden. Ihr ſtrafend auf Axel gerichtetes Auge ſchien den Argwohn auszudrücken, daß der junge Mann Luſt habe, ſich ſeiner Ehrenpflicht zu entziehen. „Ich ſpreche nicht von Ihren Beziehungen zu den Sternen und Himmelskörpern, ſondern von Ihren Pflichten gegen Miß Pope, mein Herr.“ Axel hob ſehr raſch das Geſicht; es war reizend in dem leichten Erröthen der Verlegenheit und des Staunens. „Miß Pope? Wer iſt Miß Pope? Ich kenne ſie nicht und habe noch weniger Beziehungen zu dieſer Dame, Madame!“ Die tugendhafte Entrüſtung von Miß Ophelia hatte ihren Höhepunkt ereicht. „Mein Herr! Entweder ſprechen Sie jetzt die Un⸗ wahrheit, oder Sie haben die Unwahrheit geſprochen am ſechsundzwanzigſten November, Nachmittags vier Uhr, als Sie gegen allen Anſtand und alle Sitte, meiner Hausgenoſſin und Freundin Miß Pope, der Dame, die Sie am Fenſter ſprachen, Ihre Liebe er⸗ klärten!“ „Mit welchen Worten hätte ich das gethan?“ fuhr Axel, und ſeinerſeits ernſt werdend, nicht ohne Schärfe fort. 64 „Sie haben geſagt, daß Irene ein Phänomen ſei.“. „Ich ſprach allerdings von einem Phänomen“, ſagte Axel, leicht lächelnd,—„von demſelben, dem auch Sie vom Dache Ihres Hauſes Ihr Intereſſe zu⸗ wendeten.“ „Sie ſagten, daß ſie die Schönſte und Höchſte der ganzen Gegend ſei...“ „Aller dings, die Pappel.“ „Sie wieſen zur Bekräftigung Ihrer Schwüre zum Himmel“, fuhr Miß Pipe faſt kreiſchend fort. „Zur Pappel, zur Pappel! auf welche ich klettern woollte, um eine weitere Umſchau zu haben!“ Ein unterdrücktes Lachen Erna's, die ſich müh⸗ ſam bis dahin gehalten, verurſachte, daß Miß Pipe uns raſch ihr entrüſtetes Antlitz zuwandte. Allein ſchon hatte Erna ihr Geſicht wieder in ernſte Falten gezogen, und der ſtrafende Blick Miß Ophelia's blieb auf mir haften. „Sie lachen, Miß Eliſabeth!“ ſagte ſie wie aufs Tiefſte verletzt.„Soll das heißen, daß Sie in dieſer Sache klarer ſehen wie ich? Dürfte ich Sie vielleicht um Ihre Meinung bitten?“. Ich fühlte wie ich erröthete. Aber Hjelmar's Blicke ruhten auf mir, als ſei es ihm intereſſant, — ——ÿÿÿ—X——FX—ꝛꝛ—ℳ— 65 meine Antwort zu hören und ein freudiger Muth ſchwellte mein Herz. Ich vergaß, daß Erna mich wie⸗ der verrathen; mir war, als müßte ich den ſchönen, ſeltſamen Mann wirklich aus der Gefahr retten, von Miß Pipe an Miß Pope verheirathet zu werden, und lauter und entſchiedener, als es vielleicht nöthig ge⸗ weſen wäre, antwortete ich: „Meine Meinung iſt, daß Miß Pope den Sinn der Worte, welche dieſer Herr an ſie gerichtet hat, völlig mißverſtanden hat!“ Eine dunkle Röthe ſchoß in Miß Pipe's Antlitz. Ihr Buſen hob und ſenkte ſich ſtürmiſch, und eine heftige Antwort ſchien auf ihren Lippen zu ſchweben, Axel kam ihr jedoch zuvor: „Es iſt, wie dieſe Dame ſagt! Ihre Freundin hat den Sinn meiner Worte leider mißgedeutet. So ſehr ich das Mißverſtändniß auch bedaure, ſo kann ich ihm eine tiefere Bedeutung ſchon deßhalb nicht bei⸗ legen, da eine Dame doch unmöglich auf eine Hul⸗ digung Werth legen könnte, welche ihr von einem völlig Fremden durch das Fenſter dargebracht würde.“ Und Axel Hjelmar erhob ſich; aber diesmal ver⸗ beugte er ſich viel weniger tief vor Miß Pipe als das erſte Mal, und viel tiefer vor Erna und mir. Erna war beim Aufſtehen an meine andre Seite getreten, v. Schlägel, Deutſch und Wälſch II. 3 5 66 und ſeine dunkelblauen Augen ruhten lange auf ihr. Vielleicht hätte ſein ſchönes Auge auch mich geſtreift, allein Erna deckte mich vollkommen mit ihrer Toi⸗ lette zu. Miß Pipe blieb aufrecht wie eine Kerze bei dem Abſchiedsgruß des jungen Mannes; Axel Hjelmar ver⸗ ließ mit der ihm eignen ruhigen Sicherheit den Salon. Miß Pipe rief Erna zu ſich und verließ mit ihr ebenfalls den Salon ohne mich eines Blickes zu wür⸗ digen. Ich achte ſie darum nicht geringer, denn es waren nicht ihre ſchlechteſten Eigenſchaften, die ihr dieſen Streich geſpielt hatten: ein unerſchütterliches Vertrauen in die Worte ihrer Freundin, eine rührende Weltunkenntniß, und die ewige Jugend, die ſie in der eigenen Bruſt fühlte. Ich verſtand es auch vollkom⸗ men, wenn ſie in Allem mich für die Schuldige und meine Aufrichtigkeit für eine Unverſchämheit hielt. Wenn es ſich für mich darum gehandelt hätte, zu ent⸗ ſcheiden zwiſchen Erna und einem andern Weſen, ſo wäre ja auch mein Urtheilsſpruch keinen Augenblick zweifelhaft geweſen.— 3 Mir ſcheint überhaupt, als ob all' Das weit hin⸗ ter mich zurückſänke, ſeit Axel Hjelmar hier war.— Eine ſolche Sicherheit und Ruhe in ſo jungen Jahren war ungewöhnlich. Und dabei bewies doch ſeine — 1 * . — 67 nächtliche Kletterpartie und der Sprung über das Gartenthor, daß er nicht frei war von dem Enthuſias⸗ mus und ſelbſt dem Uebermuth der Jugend. Mir ſcheint es, als ob er den ganz berechtigten Mittelpunkt mei⸗ nes Geiſtes bilden müſſe, als ſei in jener Weltunter⸗ gangsnacht, als ich ſein ſchönes bleiches Antlitz zum erſten Male ſah, wirklich eine Welt vernichtet— die alte dunkle Welt in meiner Bruſt und ſein Bild allein ſchwebe hell über den Trümmern. Selbſt Erna's Bild erſcheint mir verblaßt und farblos; mir iſt faſt, als müßte ich ihre Schönheit haſſen— und während ich an dich ſchreibe, denke ich doch nur an ihn!— Ein freudiger Stolz durchglüht mein Herz, daß ich Gele⸗ genheit hatte, für ihn einzutreten gegenüber den ſelt⸗ ſamen Phantaſien der beiden Damen. Ob er mir Dank weiß dafür— danach frage ich nicht; er hat mich wohl kaum bemerkt neben Erna's blendender Er⸗ ſcheinung. Es iſt ja gut ſo! Wenn der leiſeſte Hauch von Eigenſucht durch meine Bruſt zöge, ſo wäre es eine Schmach, ſo zu ſchreiben und zu fühlen, wie ich.— Eben ging er wieder an unſerm Garten vorbei. Er ſah nicht auf.— Ich ſchaute ihm nach und— dichtete. Schilt nicht, Lotte, daß ich mein Verſprechen nicht halte! Siehſt du, wenn Alles untergegangen iſt in 68 unſrer Bruſt, was allein darin geherrſcht, und wenn das Neue, Unbekannte wallt und wogt und ſtürmt, ſo kommen Vers und Reim mir vor, wie eine neue Weltordnung, kalt und unfruchtbar, aber doch als eine Form, in welcher der glühende Strom, der uns ſo all⸗ gewaltig, niegefühlt durchfluthet, langſam erſtarrt. Verurtheile die Dilettantenpveſte ſo hart Du willſt, Lotte es gibt Augenblicke, in denen nur Verſe retten: „Kometengleich erhob er ſich An meinem Lebenshimmel. Wie eilend doch vor ihm erblich Das andre Sterngewimmel!: Nun ſeh' ich ihn, nur ihn allein, Und ſtaune ſeiner Schöne, Er muß von reinerem Stamme ſein Als andre Erdenſöhne! Kometengleich, ſo kam er her, Und ſchön und fremd gleich jenen, Den Himmel läßt er ſternenleer, Das Herz voll Sehnſuchtsthränen! Begehren will ich ſeiner nicht, Nur ſtill von Ferne ſtehen, Und allen Glanz, und all mein Licht In ſeinem Antlitz ſehen! Will ſchauen ihn ſo lang ich kann, Den Blick nicht von ihm wenden; 69 Er wird vorüber gehn und dann Muß Alles, Alles enden!— Vorübergehn!— und tiefre Nacht Als je wird mich umgeben, Ich ſah an ſeiner Märchenpracht Mich blind für's ganze Leben. So eben kommt Erna zurück. Sie iſt ſehr laut und ausgelaſſen, und ſagt mir, daß Miß Pope neuer⸗ dings in Ohnmacht geſunken ſei, nachdem Miß Pipe ihr die Erklärung Hjelmar's mitgetheilt. Erna erzählte das mit ſo geſuchtem Humor und in ſo herzloſer Weiſe, daß es mir ſehr mißfiel. Es erſchien mir, als ſei es ihr hauptſächlich darum zu thun, von Hjelmar ſprechen zu können. Ich hörte ſie ſchweigend an— und nun da ſie ſelber ſchweigt, ſetze ich dieſe Zeilen an dich fori...... „Weißt Du was, Eliſabeth?“ nahm Erna aber, nachdem ſie ſich einige Mal vor dem Spiegel gedreht, das Geſpräch wieder auf, in einem verlegenen Ton, der ſcherzhaft ſein ſollte,—„dieſer Kometenprinz iſt ein ganz hübſcher junger Mann. Irene hat keinen ſo 70 üblen Geſchmack, daß ſie um jeden Preis von ihm ge⸗ heirathet ſein wollte.“ Wieder entſtand eine Pauſe, die ich nicht unter⸗ brach. „Iſt es dir nicht aufgefallen, Eliſabeth, daß er mich während ſeines ganzen Beſuches nicht aus den Augen ließ?— Glaubſt du nicht, daß ich ihm beſſer gefalle, als Miß Pope?“ Und Erna wollte gar nicht zu ſich kommen vor erzwungenem Lachen. Ich war verwirrt und wagte nicht, aufzuſehen. Es war ein ganz unnennbares Weh, das ich bei den Worten Erna's fühlte. Sie wurde ernſt und ſchien eine Antwort zu erwarten. „Ich weiß in der That nicht,— ich— habe nicht Acht gegeben...“ Zum erſten Mal erblickte ich einen forſchenden, bitterböſen Zug in Erna's lieblichem Kindergeſicht und höhniſch fragte ſie: „Du möchteſt wohl, daß er dich angeſehen hätte?“ Ich habe in dieſem Augenblicke entſetzlich gelitten. Bis dahin hatte ich kaum geahnt, was man unter der Liebe zu einem Manne verſteht;— jetzt plötzlich wußte ich, daß ich Axel Hjelmar liebe mit der ganzen Kraft meines Herzens. Schilt mich eine Thörin, Lotte, 71 verachte mich,— aber ich mag es dir nicht verſchwei⸗ gen und ich kann es auch nicht... wie es gekom⸗ men— ich weiß es nicht;— ob es recht iſt?— Was liegt denn daran! Ich hätte ihn ja nie begehrt — nie— nie!— 3 „Du liebſt ihn!“ ſagte ich zu Erna. Sie erſchrak; dann machte ſie ihr reizendſtes Schmollgeſichtchen: „Das weiß ich nicht, aber er gefällt mir!“ Wie beſchämt wendete ſie die gerötheten Wangen ab, um ſich plötzlich wieder nach mir umzudrehen und mit niedergeſchlagenen Augen zu fragen: „Glaubſt Du wirklich, daß ich ihm auch gefalle?“ Stumm ſtand ich eine Weile vor dem Kinde, das nicht begriff, wie es etwas auf der Welt geben könne, das ihr nicht gehören müßte, wenn ſie die Hand danach ausſtreckte.— Doch wie ſie neugierig verſchämt die Augen zu mir aufſchlug, wußte ich, daß ſie Recht hatte. Ich küßte ſie und ſagte: „Wer, der dich ſieht, iſt dir nicht zugethan? Er muß dich ja lieben!“— Und ich glaube auch, was ich ſagte. Ich habe überwunden.— Was es mich gekoſtet hat, frage nicht!— Und dennoch erſcheint mir mein 72 Opfer wie die jämmerlichſte Farce, denn wer, den Erna liebt, könnte wählen zwiſchen mir und ihr! Antworte mir noch nicht, Lotte, bis ein andrer Brief dir ſagt, daß ich ruhiger geworden. Jetzt kann ich Deine klugen verſtändigen Worte noch nicht ertra⸗ gen. Laß mich allein mit meinem Schmerz, den ich wie ein Heiligthum hüte; denn was bliebe mir jetzt noch, wenn dieſer Schmerz mir genommen würde!? Lebe wohl! was aus mir werden mag, weiß nur der Himmel! Eliſabeth. „ Drittes Kapitel. Shocking. Du haſt mir nicht geſchrieben, und ich danke dir. Ohne Zweifel haſt du gehofft, daß jene„Stimmungen“ von ſelber verſchwinden würden. Und ſie ſind ver⸗ ſchwunden,— das heißt, ſie haben Ereigniſſen Platz gemacht, ſo märchenhaft, daß ich oft faſt erſchreckt an's Herz greife, als ob Alles, was mit mir vorge⸗ gangen iſt, nicht wahr ſein könne. Es iſt das beredteſte Zeichen meiner Freundſchaft, das ich dir geben kann, wenn ich dir jetzt ſchon ſchreibe, da noch all das Wunderbare über mir zuſammen⸗ ſchlägt. Du ſelbſt erſcheinſt mir ja wie eine gütige Fee, die das Fünkchen von Selbſtbewußtſein und Hoffnung, das in mir ſchlummerte wach erhielt und nährte, damit das Leben mich nicht ſtumpf und für 74 immer gebrochen finde, wenn es mich ruft zu einem unendlichen, nie geahnten Glück.... Dir danke ich es, daß ich noch die Kraft habe, dieſes Glück feſtzu⸗ halten und ſeinen ganzen Zauber zu fühlen... Da⸗ rum ſollſt du auch den Jubel meiner Seele mitem⸗ pfinden, bis in ihre geheimſten Tiefen! Ich weiß es, du wirſt dich freuen; denn du liebſt mich. Ver⸗ nimm, wie Alles gekommen iſt. Erna hatte mich, faut de mieux, zur Vertrauten ihrer Koketterie gemacht. Denn Liebe konnte das nicht ſein, worüber ſie jetzt, da die erſte Ueberraſchung vorbei iſt, ſchon ſo ſcherzhaft plaudern kann. Es verletzte mich faſt und es ſollte mich doch freuen, daß ſie unter meinem Glück nicht leidet, ob⸗ wohl dadurch dies Glück ja erſt möglich wurde. Denn wäre ſie elend geworden, ich hätte nie den Muth be⸗ ſeſſen, glücklich zu ſein. Erna hatte gleich mir bemerkt, daß Axel jeden Tag mehrmals an unſerm Hauſe vorüberging und dann immer einem ſchmalen Weg folgte, welcher hinter der verhängnißvollen Pappel an unſerm Gar⸗ ten entlang und augenſcheinlich zu ſeiner Wohnung führte. Trotzdem friſcher Schnee auf allen Gartenwegen lag, mußte ich, ſo oft wir nur, ohne aufzufallen, das 75 Haus verlaſſen konnten, mit ihr in den Garten und in der Nähe des Gitters entlang gehen.. Der rück⸗ wärts vom Hauſe gelegene Theil des Miß Pipe und Pope'ſchen Gartens unterſchied ſich weſentlich von dem Gemüſegarten auf der Vorderfront. Im Sommer mußte jene Partie mit den verſchlungenen Wegen und überwachſenen Lauben eine Menge von traulichen ver⸗ ſteckten Plätzchen bieten; und auch jetzt, da der Schnee ſchwer auf allen Gebüſchen lag, konnte man die Win⸗ dungen des Weges kaum zehn Schritt weit über⸗ blicken. Du kannſt dir denken, Lotte, mit welchen Ge⸗ fühlen ich neben Erna oft ſtundenlang die kalten Wege auf- und niederging, um ihm zu begegnen! Und dennoch durchdrang es mich wie wilder Jubel, wenn ich ihn von ferne kommen ſah. Aber ich wagte nicht, die Blicke aufzuſchlagen, um nicht die freudige Bewunderung ſehen zu müſſen, mit welcher er Erna erblickte. Und doch war es mir, als ſei die Welt öde und ausgeſtorben, wenn ſeine leichten Schritte auf dem gefrorenen Schnee verklungen waren. Erna er⸗ zählte mir dann jeden Blick, jede Bewegung, ſtellte mimiſch die graziöſe Art dar, wie er den Hut gezogen, und ihre Phantaſie ſchien mir oft übergefällig, in dem unbedeutendſten Umſtand, in jeder manchmal vielleicht 76 ganz zufälligen Bewegung Axel's eine neue Huldigung zu erkennen. Aber es tönte wie leiſer Mißmuth durch alle ihre Schilderungen,— Axel war ſchon oft an uns vorüber⸗ übergegangen und hatte achtungsvoll gegrüßt, aber nie hatte er das Wort an uns gerichtet. Erna war ſicht⸗ lich ſehr ungehalten darüber... Ich ſtellte ihr vor, daß ich das von einem gebildeten Manne nach dem Vorgefallenen nur in Ordnung fände, und daß ich es für ſehr unſchicklich halten würde, eine Annäherung von ſeiner Seite herauszufordern. Da aber wurde Erna heftig. Sie beſitze ebenſo viel Erziehung als ich, behauptete ſie; Niemand könne etwas Uebles darin ſehen, wenn wir im Garten ſpazieren gingen, und nur der Neid ſpreche aus mir, weil der Kometenprinz ſie mehr anſehe, wie mich. Ich litt furchtbar bei ſolchen Reden. Ein an⸗ deres Mal verführte ſie mich jedoch faſt durch ihre Kindlichkeit. Axel war wieder einmal achtungsvoll grüßend an uns vorübergegangen, ſo ſehr auch Erna kokett das Köpfchen gedreht hatte. Schweigend war ſie darauf an meiner Seite in's Zimmer gegangen, und ſchien ſehr traurig,— zum erſten Mal. Jedoch konnte ſie ihrer alten Gewohnheit, alle fünf Minuten in den ——e —— Spiegel zu ſehen, nicht ganz entſagen, und plötzlich wendete ſie ſich mit einem ganz troſtloſen Geſicht nach mir um: „Jetzt weiß ich, warum er uns nicht anredet; ſieh einmal, was ich in der Kälte für eine häßliche rothe Naſe bekommen habe! Warum bleibt denn deine Naſe ſo weiß?“ Ich verſicherte Erna, daß meine Naſe ganz auf eigne Hand und ohne mein Verſchulden handle, wenn ſie bei acht Grad unter Null nicht erröthe, und daß das beſte Mittel gegen rothe Naſen im Winter das ſei: in einem geheizten Zimmer zu bleiben. „Ach, du biſt einfältig!“ meinte Erna ärgerlich, und gab mir gleich darauf eine ihrer Taillen; ich ſollte ſie enger nähen, weil ſie nichts damit anzu⸗ fangen wiſſe! Und das Kleid war doch bereits faſt zu eng. Plötzlich glaubte Erna in der That den Grund entdeckt zu haben, warum Arxel ſie nicht anſprach: weil ich ihr immer wie ein Polizeidiener zur Seite bleibe. Ich ſagte, daß ich ſie mit Vergnügen ihre Pro⸗ menaden allein machen laſſen würde. Da fing ſie an zu weinen, weil ich ſo boshaft ſei!— Ich wiſſe recht wohl, daß es den Miſſes Pipe und Pope auffallen müſſe, wenn ſie allein bei dieſen Temperatur im Gar⸗ ten auf und abginge. Ich wollte Erna fragen, ob unſre Eltern wohl ihr Benehmen billigen würden; aber ich fühlte, daß ich mich des Rechtes dazu begeben hatte. Schweigend half ich ihr daher bei ihrer Toi⸗ lette. Sie trug nur noch ihre beſten Kleider, und es hatte mich ſchon längſt gewundert, daß unſere Spazier⸗ gänge und die auffallende Gartentoilette Erna's den beobachtenden Augen von Miß Pipe entgangen waren. „Du ſollſt zwar mit mir gehen“, belehrte ſie mich,„aber nur ſo lange man uns vom Hauſe aus beobachten kann. Wenn du ihn„von ferne kommen ſiehſt, ſo mußt du wie zufällig zurück⸗ bleiben oder umkehren, damit man dich nicht mehr ſieht.“ Erſtaunt ſah ich ſie an. In Wochen hätte ich nicht erfinden können, was in dem Kopfe des Kindes die Geburt eines Augenblicks war. Ich wollte ihr ſagen, daß das unweiblich, unwürdig ſei, allein ich fühlte, daß ſie auch dieſer Bemerkung falſche Beweg⸗ gründe unterſchieben könnte. Alſo verſprach ich Erna, ihren Wünſchen thunlichſt nachzukommen, während ich im Stillen hoffte, daß Axel auch der Alleinwandeln⸗ „— 79 den fernbleiben werde; ich hoffte es ja auch— um meinetwillen! Zugleich aber ward mir klar, daß ich annſ der Grenze deſſen angekommen war, was ich für Erna thun durfte. Wir ſtiegen in den Garten hinab. An der Pap⸗ pel blickte ich zufällig zum Fenſter der Miß Pope em— por, und mir war, als ſähe ich einen kleinen beleibten Schatten raſch in den Hintergrund des Zimmers gleiten. Faſt war mir, als befände ich mich ſelbſt auf der abſchüſſigen Bahn der Sünde. Aber Erna war heute aufgeregter als je. Es wäre ohne Erfolg ge⸗ weſen und hätte nur zu einer neuen peinlichen Scene geführt, wenn ich ihr von der heutigen Promenade hätte abrathen wollen.— Wir hatten nicht lange zu warten. „Der Kometenprinz! Geh' jetzt, geh'!“ flüſterte Erna mir haſtig zu.— Ich hätte ihn um die Welt nicht ſo nennen können! Sie mußte ihn doch nicht ſo lieb haben, wie ich! Schweigend wandte ich mich um und kehrte ein Stück des Weges zurück. Aber ich hätte mich in den Schnee niederwerfen müſſen, wenn ich hätte verhindern wollen, daß Axel mich ſähe. Auch ſchwöre ich dir, daß ich nicht von dem blendenden Boden vor mir emporſah, als ich ſeine kniſternden Schritte hörte, ſeine Nähe ſpürte. 80 Plötzlich, dicht bei mir, hörten die Schritte auf. Ich erſchrak, ſah aber nicht auf; vielmehr ſchloß ich die Augen ſagar, um mit keinem Blick Veranlaſſung zu geben, mich anzureden, und um die Enttäuſchung in ſeinen Zügen nicht zu ſehen, wenn er be⸗ merkte, daß ich nicht Erna war... Da hörte ich eine leiſe, tiefe Stimme neben mir, die wie vor Er⸗ regung bebte: „Mein Fräulein!“ Gewiß! er täuſchte ſich; er hielt mich für Erna. Wie das möglich ſein konnte, am hellen Tage, drei Schritte von mir entfernt, begriff ich freilich nicht, aber Liebende ſind ja nicht immer zurechnungsfähig, ſagt man... Ohne Zweifel hätte ich mich mit raſchen Schritten entfernen ſollen, aber ich konnte nicht; ich war wie gelähmt. Mein Leben hätte ich hingeben mögen, um noch einmal ſeine leiſe zitternde Stimme zu hören.— Und dann konnte er mir ja etwas für Erna zu ſagen haben, und ſcheuchte ihn vielleicht aus der Nähe meiner Baſe, wenn ich ihn nicht anhörte. „Mein Fräulein!“ hörte ich noch einmal. „Endlich treffe ich Sie allein, ohne Ihre Freundin! Ich habe dieſen Augenblick erſehnt und gefürchtet! Gern hätte ich eine ſchicklichere Gelegenheit gewählt, mich Ihnen zu nähern; allein das unglückliche Miß⸗ 81 verſtändniß von neulich erlaubt mir nicht, Ihr Haus wieder zu betreten.“— In dieſem Augenblick hörte ich raſche Schritte auf dem Gartenwege kniſtern, und einen leiſen Schrei der Entrüſtung und des Schmerzes; und als ich die Augen erhob, ſtand ich vor Miß Pipe und Miß Pope. „Shocking!“ ſagte Miß Ophelia mit vernichtender Stimme, während Miß Pope ſich nach einem paſſen⸗ den Platz umſah, um in Ohnmacht zu ſinken. Und hinter mir hörte ich das zornige Weine einer weiblichen Stimme— es war Erna. Da vernahm ich jenſeits des Gitters Hjelmar's Stimme, welche deutlich ſagte: „Verehrte Damen! Meine Kühnheit allein trägt die Schuld an dieſem Zuſammentreffen mit der jungen Dame, welches ſo ſehr Ihr Mißfallen zu erregen ſcheint. Wenn Sie mich anhören wollen, bin ich bereit, Ihnen alle Aufklärungen zu geben, welche Sie von einem Ehrenmanne verlangen können...... 4 Aber im höchſten Zorndiskant unterbrach ihn die Stimme Miß Pipe'’s: „Wir kennen Ihre Aufklärungen’, mein Herr, und müſſen auf alle weiteren verzichten. Zum zweiten Mal nähern Sie ſich in unziemli chſter veziſe den v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. II. 82 Damen dieſes Hauſes. Ich finde keine Worte zur Bezeichnung Ihres Benehmens.— Gehen Sie, wenn wir nicht den Schutz der Behörden anrufen ſollen, um uns von Ihrer beleidigenden Gegenwart zu be⸗ freien!— Gehen Sie, mein Herr!“ Mir war, als könnte ich dieſe Worte nicht über⸗ leben. Obwohl ich ihn nicht anzuſehen wagte, fühlte ich die Todtenbläſſe, die Axels Antlitz bedeckte und ſie legte ſich wie Reif auf ſein Herz. „Madame!“— hörte ich da laut und zornig ſeine Stimme zwiſchen den Seufzern Miß Pope's und dem leiſen zornigen Weinen Erna's. „Gehen Sie“, ſchrie Miß Pipe wie außer ſich. Ihr blaßblaues Auge ſchillerte förmlich vor Zorn hinter der goldenen Brille und ihre Geſichtsfarbe ward zum hellen Krebsroth.—„Gehen Sie, wenn ich uns nicht durch den Gärtner auf unſerm eigenen Grund und Boden beſchützen laſſen ſoll.— Und Sie verfügen ſich auf Ihr Zimmer“, wandte Miß Pipe ſich dann halblaut in eiſigem Tone zu mir.„Sie werden Ihren Verwandten Rechenſchaft über Ihr Benehmen ablegen. — In meinem Hauſe ſoll Ihnen keine Gelegenheit zu einer Wiederholung deſſelben geboten werden.“ Ich ging. Es war ja jetzt gleichgültig, was mit mir geſchah... Ich ſah noch, wie Miß Pope mich 83 mit einem Blick ſchmerzlichen Vorwurfs anſchaute aus ihren runden Augen, und hörte hinter mir Miß Pipe mit begütigendem Tone zu Erna ſagen: „Sie haben allen Grund, über Ihre Couſine zu weinen, mein Kind; aber geben Sie ſich Ihrem Kum⸗ mer nicht zu ſehr hin. Vielleicht beſſert ſie ſich noch unter ſtrengerer Aufſicht. Unſre eigenen Gewohnheiten und der Friede dieſes Hauſes jedoch geſtatten uns leider nicht, den Verſuch zu dieſer Beſſerung zu machen..“ Und Erna ſchluchzte noch lauter, als ſei ihr durch meine Schlechtigkeit das bitterſte Unrecht ge⸗ geſchehen. Eine Art von ſtumpfem Trotz kam über mich und ſchweigend ging ich auf unſer Zimmer. Nur hin und wieder befiel mich eine dumpfe Angſt, daß meine Mutter und der Onkel ſchlecht von mir denken müßten, wenn Miß Pipe mich anklagen würde. Und ich zweifelte nicht, daß ſie ihre Drohung ausführen würde. Da kam Erna zu mir herein. Ihre Augen zeigten noch die Spuren des Weinens und das Näschen war röther als je. „O, du falſche herzloſe Perſon!“ rief ſie.„Mich ſo zu betrügen..!“ 6* 84 Mit einer Art von Staunen ſah ich ſie an.— ...„Du biſt ihm zu Gefallen gegangen... Du haſt ihn angeredet... er hat eigentlich mich ge⸗ ſucht. Ich konnte mich nicht enthalten zu fragen: „Warum haſt du denn das den Damen Pipe und Pope nicht erklärt, wenn du doch ſo ſehr davon überzeugt biſt?—“ Erna erröthete flüchtig, aber mit der ihr eigenen Logik rief ſie: „Siehſt du?— Du geſtehſt es ſelber ein, daß du verliebt in ihn biſt!—“ Ich zuckte zuſammen; ſie hatte ja Recht! In der Hauptſache wenigſtens... im Herzen verrieth ich ſie ja tauſendmal. „Er hat mich angeredet ohne mein Zuthun“, ſagte ich ſanfter,„ich konnte ihm nicht ausweichen. Ohne Zweifel wollte er mir einen Auftrag an dich geben, und wurde nur durch die Dazwiſchenkunft der Miſſes Pipe und Pope verhindert.. Erna ſah mich groß mit verwunderten Augen an. „Glaubſt Du wirklich? O, dieſe dummen Frauen⸗ zimmer, daß ſie gerade dazu kommen mußten! Meinſt Du nicht, daß Du nochmals mit ihm zuſammentreffen könnteſt?“ — 85 Allein ich war an der Grenze deſſen angelangt, was ich für Erna thun durfte. „Nein, Erna,“ ſagte ich beſtimmt,„ich bin deinen Wünſchen ſchon willfähriger geweſen, als ich ſollte. Laß es dir genug ſein, daß ich unſern Eltern gegen⸗ über all den Tadel auf mich nehmen will, den du verdient hätteſt— daß ich einen Makel auf mir ruhen laſſe, der vielleicht mein ganzes Leben verdunkelt und den dein glückliches Naturell leichter ertragen hätte. Mehr kann ich nicht. Ich kann mich auch deinetwegen nicht fortwährend einem fremden Mann in den Weg werfen, der uns beide vielleicht ſchon im Stillen be⸗ lächelt! Ich glaube auch, daß es für das liebendſte Weib eine Grenze giebt, die es nicht überſchreiten darf.— Das einzig Richtige und Erlaubte ſcheint mir für dich, jetzt abzuwarten, was Axel Hjelmar be⸗ ginnen wird.“ Ich ſah es an Erna's halb verlegenem, halb ſchmollendem Geſichtchen, daß ſie nicht meiner Meinung war, mich vielleicht gar nicht einmal ganz verſtand. Doch verſuchte ſie keinen Widerſpruch. Ich hatte noch nie ſo ernſt zu ihr geſprochen.— An der Tafel der Miſſes Pipe und Pope zu erſcheinen, weigerte ich jedoch entſchieden, ſo ſehr Erna der Anſicht war, ich ſolle doch aus dem ganzen kleinen Zank nicht ſo viel 86 machen. Ich klagte die Damen bei mir ſelbſt nicht an; aber es war mir, als ſei es nicht meine Pflicht, ihre immer deutlicher zu Tage tretenden Schwächen vor mir ſelber zu entſchuldigen, wenn ich fortgeſetzt dar⸗ unter zu leiden hatte. Jede Zufälligkeit reichte für ſie hin, mich im ungünſtigſten Lichte zu ſehen; und doch fühlte ich, daß die oberflächlichſte Beobachtung meines Weſens hätte hinreichen müſſen, um alle dieſe Mißverſtänd⸗ niſſe zu verhüten, die mich immer tiefer in der Gunſt der Miſſes Pipe und Pope ſtellten. Was hatte ich mich alſo um ihr Urtheil zu kümmern, das, ſoweit es von Miß Pipe ausging, doch zum guten Theil von Eifer⸗ ſucht und verletzter Eitelkeit diktirt wurde.— Vor einer faſt vierzigjährigen Thörin, welche die gleich⸗ gültigſte Bitte eines viel jüngeren Mannes für einen Heirathsantrag anſieht, ſchlage ich die Augen nicht nieder, war mein Entſchluß. Die Miſſes acceptirten mein Fernbleiben von ihrer Tafel, und ließen mir auf meinem Zimmer ſervieren. Sie behielten Erna faſt den ganzen Tag bei ſich und auch den Thee brachte man mir auf das Zimmer; ich hatte Zeit genug zum Nachdenken. Es wurde ſpäter Abend und Erna kam noch immer nicht. Man hatte mich alſo ganz vergeſſen. Eine grenzenloſe Traurigkeit, eine Art Heimweh über⸗ — 87 kam mich, und doch, wenn ich daran dachte, daß ich aus ſeiner Nähe fort und nach Hauſe ſollte, erſtickte mich faſt der Schmerz. Mein Kopf wurde wüſt und glühend, und mein Herz pochte zum Zerſpringen; ich glaubte auf der Stelle ſterben zu müſſen. In Todesangſt zündete ich ein Licht an und riß das Fenſter auf. Der Mond ſchien hell auf die beſchneiten Dächer, und auf das glitzernde Strauchwerk des Gartens. Da ſah ich ganz deutlich eine ſchwarze Geſtalt über das Eingangsthor des Gartens ſpringen und ſich raſch meinem Fenſter nähern. Unweit deſſelben blieb ſie ſtehen und hob den Arm empor. Erſchreckt prallte ich zurück; denn ein harter Gegenſtand war dicht über meinem Haupte in's Zimmer geflogen und am Boden entlang gerollt. Wüthend ſchlug Hiero an und drohte ſeine Kette zu zerreißen. Ich hob den Gegenſtand vom Boden auf; es war ein Brief, um ein Steinchen gewickelt. Ich eilte an's Fenſter und ſah noch die dunkle Geſtalt den Garten verlaſſen.— Kein Zweifel, es war Hjel⸗ mar!— Meine erſte Bewegung war, den Brief zu ver⸗ bergen. Aber meine Hand, die ihn krampfhaft um⸗ ſchloſſen hielt, ſank ſchlaff herab.— Der Brief war ja an Erna gerichtet— konnte nur an ſie ſein. Doch ich hatte ein Recht ihn zu leſen, war als die Aeltere von uns beiden gewiſſermaßen dazu verpflichtet... Langſam entfaltete ich das Papier und las in zier⸗ lichen feſten Charakteren folgende Worte: „Mein Fräulein! Ich muß Sie wiederſehen! Seit jener Nacht, da ich ſie zum erſten Male erblickte, das ſchöne Antlitz ſtrahlend von hoher Begeiſterung, während der Himmel ringsum ſeine leuchtenden Kometengrüße zu uns herniederſchickte, wich die Sehn⸗ ſucht nach Ihnen nicht mehr von mir, und treibt mich raſtlos um die Stätte, wo Sie weilen,— gleich einem jener Irrſterne, die kein Ziel und keine feſte Bahn haben im Weltall. Zwiſchen jubelnder Hoffnung und tiefſter Verzweiflung taumle ich immer wieder zu dem leuchtenden Mittelpunkt meines Lebens... Sie haben zu entſcheiden, ob meine Liebe zu fruchtlos zer⸗ ſtörenden Gluth werden ſoll, an der mein nach Glück dürſtendes Herz zu Grunde geht... Ich muß Sie wiederſehen... Wann Sie auch morgen in den Garten kommen, ich werde in der Nähe ſein.— Sollte aber der ganze Tag vergehen, ohne daß ich ein Zeichen der Huld von Ihnen erhalte, ſo werde ich übermorgen nach meiner Heimath zurückkehren und den Ort zu ver⸗ geſſen ſuchen, der mich um jene Träume ärmer ge⸗ 89 macht hat, die man die ſchönſten im Leben nennt. Axel Hjelmar.“ Der Brief zitterte in meiner Hand. Meine Zähne ſchlugen aneinander. Mir war, als ſei ich geſtorben für Schmerz und Freude, und als ſei ich es, die hinaus ziehen müßte in ein fremdes ödes Land, um dort verlaſſen und einſam mein Leben zu vertrauern.— Da kam Erna. Sie ſchalt, daß ich bei dieſer Kälte das Fenſter geöffnet habe.— Ich gab ihr den Brief— er war ja ihr Eigenthum... Wie ein Kind über eine neue Puppe freute ſie ſich darüber und ſprang jubelnd da⸗ mit im Zimmer herum. Flüchtig war mir wohl der Gedanke gekommen, daß Erna's Antlitz vielleicht ſehr viel Scherz und Muthwillen, aber nichts weniger als Begeiſterung ausgedrückt habe,— eine Empfindung, deren ich Erna's Gemüth gar nicht für fähig hielt. Und mein Herz hatte gewaltig gepocht... Aber es wurde ſogleich wieder ſtill,— todesſtill,— Axel hatte auf einem ſchönen Antlitz jene Begeiſterung geſehen,— das war das meine nicht... Das Lexikon der Liebe iſt ja reich und ihre Logik iſt ſo ſtrenge nicht.— Erna blieb vor mir ſtehen. „Wie wird Papa ſich wundern!“ ſagte fie ver⸗ 90 gnügt.„Du mußt morgen ſchon in aller Frühe hin⸗ unter gehen in den Garten, damit der arme Kometen⸗ prinz nicht ſo lange ſtehen und frieren muß,— und ihm ſagen...“ „Ich?“ fragte ich außer mir vor Erſtaunen. „Natürlich du! Ich kann doch nicht, nachdem es. heute den Skandal gegeben hat!“ meinte Erna weiner⸗ lich.— Nein, ſie konnte ihn nicht lieben! „Erna“, begann ich ernſt,„ich habe dir bewieſen, daß ich zu jeder Aufopferung bereit bin, die eine Schweſter von der andern billigerweiſe fordern kann. — Meine Ehre und Selbſtachtung kann ich dir nicht opfern... Ich werde nicht gehen!“ „Aber dann reiſt er ja ab!“ jammerte Erna. „Das Einfachſte und Würdigſte iſt, du begiebſt dich zu Miß Pipe und erſuchſt ſie, dir eine Unter⸗ redung mit Herrn Hjelmar hier im Hauſe zu geſtatten; dann wird es ſich zeigen, ob er mehr Muth hat, wie du.“ 4 „Das geht nicht“, erklärte Erna verdrießlich;„ich will dir aber zeigen, daß ich Muth habe,— ich werre ſelber gehen, wenn du ſo eigenſinnig biſt!“ „Ich fühle mich verpflichtet, dich darauf aufmerk⸗ ſam zu machen, daß ſich das nicht ſchickt!“ „Aber ich will gehen, ich will!“ rief Erna trotzig. 91 „Ich kann dich weder verhindern noch verrathen.“ antwortete ich kurz. 3 Erna beruhigte ſich denn auch allmählig und er⸗ zählte mir die ganze Nacht hindurch, was ſie zur Brauttoilette wählen würde, und was ſie ſpäter als Frau anziehen wolle; wie viele Dienſtboten ihr wohl geſtattet ſein dürften und Aehnliches mehr. Von Hjelmar ſelbſt ſprach ſie nur wenig.— Sie konnte ihn unmöglich lieben! Am andern Morgen war ſie ſehr früh munter. Als ſie verlangte, daß ich ihr beim Ankleiden helfen ſolle, weigerte ich mich. Ich konnte ſie nicht ſchmücken für ihn! Die Eisblumen am Fenſter deuteten auf einen kalten Morgen. Erna jammerte im Voraus, weil ſie wahrſcheinlich wieder eine rothe Naſe haben werde. Endlich ging ſie. Es war anzunehmen, daß zu dieſer frühen Stunde Niemand im Hauſe ſie beobachten werde.— Es dauerte eine lange, lange Zeit, gewiß eine Viertelſtunde, ehe ſie zurückkehrte.— Im Geiſt ſah ich ſie beieinander ſtehen— ſie umarmten ſich über den Gartenzaun und ſein ſchönes Antlitz ſtrahlte vor Glück und Seligkeit... Ich vergrub mein Ge⸗ ſicht in die Kiſſen, um dieſe Bilder loszuwerden und um das laute Schluchzen zu unterdrücken. 92 Endlich kam Erna zurück; aber ihr Gang war nicht raſch und elaſtiſch wie ſonſt. Das Glück drückte ſie wohl nieder. Als ſie eintrat, wagte ich nicht ſie anzuſehen. Endlich ſchlug ich ſchüchtern die Augen zu ihr auf. Der Ausdruck ihres Geſichts war verlegen, ge⸗ ärgert, beſchämt. „Du biſt von den Damen entdeckt worden?“ fragte ich raſch. Erna ſchüttelte den Kopf:„Alles ſchläft noch im Hauſe.“ 1 „Er iſt noch nicht dageweſen?“ „O ja“, antwortete Erna gedehnt. „Nun— bin ich deines Vertrauens nicht mehr würdig?“ forſchte ich weiter. Erna ſah mich eine Weile wie prüfend an; dann zuckte ſie die Achſeln, als laſſe ihre Vernunft ſie hier im Stich, ging an's Fenſter, ſchaute in den Garten hinab und wendete ſich endlich wie gelangweilt und ärgerlich um:. „Ich habe nie einen verrückteren Menſchen ge⸗ ſehen— er liebt dich!...“ Das Wort klang mir zuerſt im Ohr, als gelte es nicht mir; dann zuckte und bebte Alles in mir und ich rief: — . —————:— — 4—õ— —— — —— 93 „Quäle mich wie du willſt, Erna! aber nur hierin ſcherze nicht!— nur hierin nicht!“ „Wenn du ſo gefroren hätteſt, wie ich“, ſagte Erna mit einer Art reſignirten verdrießlichen Humors, „ſo wäreſt du auch nicht zum Scherzen aufgelegt. Er hat es mir ſelber geſagt, daß der Brief an dich war. Er iſt ganz außer ſich, daß du geſtern ſeinetwegen geſcholten wurdeſt, und wollte durchaus von mir wiſſen, ob du ihn wieder liebteſt...“ Erna ſtockte.— Ich war betäubt, verwirrt, kaum eines klaren Gedankens fähig. —„Und du haſt geantwortet?...“ ſtotterte ich. „Gewiß. Ich ſagte ihm, daß dir nichts ferner liege, als ihn zu lieben.— Das Geſicht hätteſt du ſehen ſollen!“ „Aber das wußteſt du nicht! Dazu hatteſt du kein Recht!“ rief ich außer mir. Mit ungeheucheltem Erſtaunen ſah Erna mich an: „Ich konnte doch unmöglich annehmen, daß du in den Narren verliebt ſein und mich zu ihm ſchicken würdeſt?“ „O Erna, du haſt keine Ahnung, weſſen das Herz einer Schweſter fähig iſt.— Ich liebe ihn unſinnig — grenzenlos!— Aber ich hätte nie mit einem Seuf⸗ zer euer Glück getrübt, wenn er dich gewählt hätte. 94 Auch jetzt noch würde ich lieber verzichten, als daß du unglücklich wäreſt.“ Erna lachte etwas gezwungen. „Unglücklich, ich?— ſeinetwegen? Nun deßhalb beunruhige dich nicht. In der Nähe gefiel er mir gar nicht mehr ſo gut wie auf der Pappel... Aber wenn du ihn heirathen willſt, mußt du dich eilen, denn er will heute noch nach Schweden.“— Weiter hörte ich nichts. Ich war dem Beiſpiel von Miß Pope gefolgt und in Ohnmacht gefallen. Als ich wieder zu mir kam, kniete Erna neben mir und rieb mit dem Ausdruck rathloſeſter Seelen⸗ angſt meine Hände. „Stirb nicht, Schweſterchen! Ich bitte dich, ſtirb nicht!“ flehte ſie mit einem Geſicht, das den Schmerz nicht kannte, und deßhalb faſt komiſch ausſah in ſeiner Verzweiflung. Was würden Papa und Tante ſagen, wenn ich dich nicht mehr zurückbrächte! Und die Miſſes Pipe und Pope würden gewiß glauben, ich habe dich todtgequält! O Eliſabeth, ſtirb nicht. 8 Ich will ja gern den Kometenprinzen nachlaufen und ihm ſagen, daß du ihn auch lieb haſt! Gewiß, das will ich, nur ſtirb nicht, bitte, bitte!“ Mit dieſer Miſchung von Selbſtſucht und Gut⸗ 8 herzigkeit plauderte Erna, ehe ich die Augen aufſchlug.. — — 95 Sobald ſie jedoch gewahrte, daß ich zum Bewußtſein zurückgekehrt war, ſprang ſie raſch empor, und war aus dem Zimmer, ehe ich ſie zurückrufen konnte. Es dauerte lange, bis ich völlig zu mir kam. Kaum hatte ich mich mit vieler Mühe emporgerichtet, als Erna wieder erſchien, mit einem Geſicht, wie ſie es vor Jahren als Kind gemacht, als ſie mir zu Weihnachten eine geheimnißvolle Schachtel geſchenkt, aus der beim Oeffnen ein kleiner ſchwarzer Teufel mit rother Zunge und blauen Hörnern mir entgegen⸗ hüpfte. „Er iſt da“, flüſterte ſie geheimnißvoll.— In meinem Kopf war es noch ſo wirr von der kaum überwundenen Bewußtloſigkeit, daß ich einen Augen⸗ blick glaubte, ſie meine den ſchwarzen Teufel mit der rothen Zunge und den blauen Hörnern. „Wer iſt da?“ fragte ich unſicher. „Der Kometenprinz!“ flüſterte Erna eifrig. „Ich traf ihn noch an derſelben Stelle, wo ich ihn vorhin verlaſſen. Ich glaube, der närriſche Menſch hatte geweint. Als ich ihm ſagte, daß du ihn auch ganz unſinnig gern habeſt, und faſt geſtorben wäreſt, weil er nach Schweden reiſen wolle...“ „Das haſt du zu ihm geſagt?“ rief ich erſchrocken und mein Geſicht glühte vor Scham. 96 Erna nickte ſtolz, als ſei das eine That, auf welche ſie ſich ganz beſonders zu Gute thue.„Als ich ihm das ſagte“, fuhr ſie fort,„wurde er ganz bleich, und ſeine Augen wurden ſo groß, daß ich mich ordentlich vor ihm fürchtete und ſchnell davon lief.. Du mußt ſelber zu ihm gehen, ſonſt kommt der arme Menſch noch vollends um den Verſtand. Halb hat er ihn ohnehin ſchon verloren!“ 6 Mir ward ſo glückſelig, ſo unendlich ſſtill zu Muth, als wäre ich am Ziele meines Lebens ange⸗ langt und hätte Nichts mehr zu fürchten und zu wünſchen. „Kommel“ ſagte ich, indem ich Erna's Hand er⸗ faßte. Sie zögerte, legte das Ohr an die Thüre und flüſterte: „Mir iſt, als hörte ich Miß Pope auf dem Cor⸗ ridor umherrollen!“ Ein hoher Muth ſchwellte meine Seele. „Was liegt daran, Erna! ich habe keine Furcht. Meine Liebe iſt mein Stolz und meine Ehre.“— „Ich fürchte mich auch nicht“, flüſterte Erna und ſchnellte reſolut das Köpfchen in die Höhe.„Irene hätte ihn gerne genommen, wenn er ſie nur gewollt hätte.“ 3 d ——— 97 Erna war ganz umgewandelt. Sie machte der Miß Pope ſogar ein ironiſches Compliment, als wir an ihr vorübergingen. Axel Hjelmar hatte den Gartenzaun überſtiegen und kam uns auf halbem Wege entgegen.— Wir reichten uns die Hand. Auch ohne Worte wußten wir, daß uns von nun an Nichts mehr trennen könne. Wir hatten uns nicht zu verbergen geſucht. Es war daher natürlich, daß man uns ſchon von Weitem ſah, als auf den Allarmruf Miß Pope's das ganze ſtreitbare Perſonal des Hauſes kampfbereit anrückte. Niß Pipe hatte diesmal den Gärtner gleich mit ge⸗ bracht. Auch Miß Pope— ich erröthete für ſie— trug ihr elegiſches Antlitz zur Schau, als ob ſie doch noch hoffte, Axel durch ihren tiefen Schmerz zu rühren. „Darf ich bleiben?“ fragte mich Hielmar's bittende Augen. Ich drückte leiſe ſeine Hand, er hielt ſie feſt und führte mich den Anrückenden entgegen. Erna betrug ſich bewunderungswürdig. Wie ein munteres Hühnchen ſtolzirte ſie an Axels linker Seite unſeren Gebieterinnen entgegen. Ehe noch Miß Pipe zu Worte kommen und den Gärtner, dem die ganze Geſchichte nicht recht geheuer ſchien, in das Vordertreffen kommandiren konnte, „ 6 v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. II. 98 hatte ſich Axel, ohne meine Hand loszulaſſen, verbeugt und mit bewegter Stimme geſagt: „Verzeihen Sie mir, meine Damen, daß wir durch die Eigenthümlichkeit unſeres erſten Zu⸗ ſammentreffens gezwungen waren, einige Förmlich⸗ keiten zu umgehen, und daß ich Ihnen daher unter frreiem Himmel zwiſchen Schnee und Eis unſere Ver⸗ lobung mittheilen muß. Ich werde mich noch heute an die Eltern meiner Braut wenden, um ihren Segen zu einer Verbindung zu erflehen, von der wir Beide unſer Lebensglück hoffen.“ Axel iſt ein Mann, ein ganzer, ernſter feſter Mann, trotz ſeiner fünfundzwanzig Jahre. Ich hatte bis jetzt Miß Pipe noch niemals mit offenem Munde geſehen. Diesmal aber blieb derſelbe weit und erſtaunt geöffnet, bei einer Erklärung von der man ſagt, daß ſie in England mehr als anders⸗ wo Mittelpunkt und einziges Streben junger Damen ſei.— Endlich ſagte ſie ſehr hochmüthig: „Wir ſtehen mit Miß Eliſabeth in keinen ver⸗ wandſchaftlichen Beziehungen und können daher nur vom Standpunkt einer allgemeinen Moral, und der uns zuſtehenden Hausordnung unſeren Tadel über das Benehmen der Miß und i raſchen Entſchlüſſe ausdrücken.“ 99 Axel preßte, wie um mich zu tröſten, meine Hand Das Verdammungsurtheil der ganzen Welt hätte mich gleichgültig gelaſſen in dieſem Augenblick. Dann irrte ein unbeſchreibliches Lächeln über ſein Geſicht und mit eiſigem Tone ſagte er:. „Wenn das Ehrenwort eines unbeſcholtenen Mannes genügt, Sie über den Charakter Ihrer Haus⸗ genoſſin zu beruhigen, ſo verſichere ich Ihnen, daß meine Braut erſt nach meiner dreimaligen nicht miß⸗ zudeutenden Erklärung, daß ich ſie liebe— und nach⸗ dem ſie mich durch ihre Weigerung ſehr unglücklich gemacht— erſt heute darein gewilligt hat, mir eine Unterredung zu gewähren. Das kann ſelbſt de⸗ ſtrengſten engliſchen Etiquette genügen, für welche ja wWie es ſcheint, ein paar zu einem Fenſter emporge⸗ rufene mißverſtandene Worte genügen, um daraus einen Heirathsantrag zu formuliren...“ Miß Pipe erbleichte und Miß Pope war ver⸗ ſchwunden, da ihr der beſchneite Weg kein paſſender Platz ſcheinen mochte für eine Ohnmacht.„Ich konnte dich nicht ungeſtraft beleidigen laſſen!“ ſagte Axel mir ſpäter.„Das einzige Mittel, ſie gerecht gegen Andere zu machen, iſt oft, die Menſchen auf ihr eigenes richtiges Maß zurückzuführen.“ Es iſt ein Jüngling mit der Klugheit eines gereiften Mannes. 7* 100 Die männliche Sprache Axel's blieb auch nicht ohne Eindruck auf Miß Pipe und ſie ſchien etwas unſicher, als ſie ſagte: „Aber ich ſelbſt habe doch geſtern das Fräulein getroffen! Und wenn keine Unterredung ſtattfand, war es doch gewiß nicht Schuld des Fräuleins!“ Ich ſchwieg, auch Axel wußte nichts zu ant⸗ worten. Da hörte ich dicht unlen mir die halb keche, halb ſchüchternde Stimme Erna's: „Ich allein war Schuld, daß Eliſabeth ihm be⸗ gegnete...“ Es war eine halbe Unwahrheit, was ſie ſagte, aber ſie fühlte doch ihre Pflicht, für mich einzutreten. Sie ſchien überhaupt aus ihrer kindlichen Selbſtſucht, die wir ja ſelbſt ſo lange genährt, aufgerüttelt, und eine Ahnung davon zu haben, daß es auch andere Schickſale und Intereſſen gebe als ihre eigenen. Auf Miß Pipe machte das Geſtändniß Erna's ſichtl ichen Eindruck. „Wir konnten nur nach dem urtheilen, was wir ſahen“, ſagte ſie halb entſchuldigend, indem ſie ſich mir näherte.„Ich kann Ihnen vorbehaltlich der Einwilligung Ihrer Frau Mutter nur alles Glück wünſchen.“ 101 Unbequem blieb ihr die Sache indeß doch. Es erſchien mir faſt, als habe ſie ſich durch ihr langes Zuſammenleben mit Miß Pope ſo ſehr mit letzterer verkörpert, daß ſie auch die Heirathsangelegenheit Irenens, nachdem das erſte Entſetzen über das „shocking“ der Sache vorüber, und den ſpäten Triumph der ſelbſtgewählten Schweſter zur Hälfte als ihren eigenen betrachtet, und den künftigen Mann Irenen's als den natürlichen Beſchützer des gemein⸗ ſamen Hausweſens angeſehen. Ich habe Axel gefragt, wie er ſo ſchnell Intereſſe für mich habe gewinnen können. Er antwortete lächelnd, er ſei zwar berechtigt, mir meine Frage zu⸗ rückzugeben, aber er wolle aufrichtig ſein... Mein erſter Anblick auf dem Obſervatorium Miß Pipe’'s habe ihm meine Schönheit(lache nicht, Lotte; er iſt ebenſo thöricht wie du!) und meine Empfänglichkeit für das Schöne und Großartige dargethan.— Der Umſtand, daß ich ihn ſo kühn gegen die Gefahr, von Miß Pope geheirathet zu werden, in Schutz genommen, habe ihn mit hoher Bewunderung für meine Wahr⸗ heitsliebe und meinen Charakter erfüllt, und ihn zu⸗ gleich mit der ſüßen Hoffnung erfüllt, daß ich ihn wiederlieben könne.— Mein Benehmen am Garten⸗ zaun bürgte ihm für meinen„echt weiblichen Zartſinn“ 102 — kurz, er conſtruirt ſich aus allen möglichen Kleinig⸗ keiten ein wahres Muſterweſen zuſammen.— Und ich— gewöhne mich allmählig daran, mich ſelber da⸗ für zu halten, weil er mich liebt! Da haſt du nun endlich deinen Willen, Lotte! Ueberhaupt einiges abgerechnet, ſpricht Axel oft ganz wie du, und mein Reſpekt vor dir nimmt von Tag zu Tag zu. Ich bin ordentlich eiferſüchtig, wenn ich denke, daß ihr euch einmal kennen lernen werdet. Zwiſchen Erna und Axel iſt bereits ein ganz er⸗ trägliches Verhältniß hergeſtellt. Sie necken ſich harm⸗ los wie Kinder und er ſcheint ſie bereits ſehr genau zu kennen. Auch unſere äußeren Verhältniſſe ſind ge⸗ regelt. Axel's Vater ſcheint unbedingtes Vertrauen in den Geſchmack ſeines Sohnes zu beſitzen und hat telegraphiſch ſeine Einwilligung geſchickt. Miß Pipe hat auf ihre Anfrage, wie ſie ſich verhalten ſolle, vom Onkel den Auftrag erhalten, uns gewähren zu laſſen, bis er ſelber gekommen ſei und ſich den vom Himmel gefallenen Schwiegerneffen angeſehen habe. Mama'chen kann nicht reiſen... Wie wird ſie den Kopf ſchütteln, daß ein vernünftiger Menſch mit geſunden Augen über ihre Gold⸗Erna hinweg mich heirathen könne! Erna ſelbſt hat, wie es ja ganz natürlich, hie und da Rückfälle, ehe ſie ſich an ihre neue Seelentoilette ge⸗ 103 wöhnt.— In ſolchen betrachtet ſie mich ganz ver⸗ wundert, daß ſich jetzt Alles um mich dreht, und be⸗ handelt Axel ſpöttiſch, wie einen Sonderling. Nachſchrift: Heute Morgen brachte die ſafran⸗ gelbe Reiſekutſche meinen guten Onkel. Axel gefällt ihm vortrefflich, und in einem Vierteljahr, wenn der„alte Schwede“, wie Onkel ſagt, hierherzieht, ſoll Hochzeit ſein... Erna und ich gehen wieder nach Hauſe. Onkel ſcheint von ſeiner hohen Meinung für die Miſſes Pipe und Pope etwas zurückgekommen und bemerkte mir eben lächelnd, daß eine Woche unter demſelben Dach mehr zur Kenntniß eines Menſchen beitrage, als zehnjährige Bekanntſchaft in Glacéhandſchuhen. Ich werde tieftraurig vor Glück, wenn ich daran denke, wie Alles ſo ganz anders iſt, wie vor wenig Tagen. Ich bin an das Glück nicht gewöhnt, das merke ich jetzt, da es mich mit ſeinen Schätzen faſt er⸗ drückt. Oft ſitze ich ſtill mit geſchloſſenen Augen und halte Axel's Hand in der meinen... Dann denke ich auch an dich, und wie Recht du hatteſt, mir nicht zu glauben, daß ich auf Alles verzichtet habe. Jetzt erſt fühle ich, wie ſehr ich das Glück nöthig hatte.. Axel läßt dich grüßen. Ich habe ihm von dir 1⁰4 erzählt, und auch er dankt dir für jedes ermunternde Wort, womit du mich aufrüttelteſt aus meiner Lethargie und mir einen Theil der Kraft erhielteſt ihn zu lieben. Eliſabeth. + — η 58 — ☛ ₰ — S Von Marie v. Schlägel. — „Iſt das Dein letztes Wort, Margarethe?“ „Mein letztes!“— Es war mehr ein Seufzer, als ein deutliches Wort, aber der junge Mann der voll ſchmerzlichen Zorns die Frage hervorgeſtoßen, hatte es doch ver⸗ ſtanden. Mit zuſammengepreßten Lippen ſtand er vor dem jungen Mädchen, das er Margarethe genannt hatte, und ſtarrte vor ſich nieder auf den Boden. Auch das Mädchen ſchwieg, aber um den feinen Mund legte ſich ein Zug unendlichen Weh's, und es ſchien, als ſpreche ſie nicht, weil ſie all ihrer Kraft bedurfte, um die heiß heraufquellenden Thränen zurückzudrängen. Sie ſaß auf einer Bank in einem der entlegeneren Boskets der öffentlichen Anlagen, die ſie durchſchreiten mußte, um von ihrer Wohnung zu dem Inſtitut zu gelangen, an welchem ſie unterrichtete. Neben ihr 108 lagen ein paar Bücher und ein dunkler Schirm, deſſen Ausſehen deutlich den langen Gebrauch verrieth, ebenſo wie die überaus einfache Kleidung, und das Strohhüt⸗ chen, das auf den ſchweren dunkelblonden Flechten ſaß. Das Mädchen wäre vielleicht ſehr hübſch geweſen, wenn ihre Geſichtsfarbe blühender, die großen Augen heller, und der feine Mund weniger energiſch geſchloſ⸗ ſen wäre; der Ausdruck ſchweigender Ergebung, der über der ganzen Erſcheinung lag, machte ſie überdies um Jahre älter ausſehen, als ſie wirklich war. Es war Herbſt und um die Mittagszeit. Die Anlagen waren faſt leer; nur hin und wieder fuhr am äußern Gitter eine Droſchke vorüber, oder verſpätete Arbeiter ſchritten eilig durch die verlaſſenen Wege. Die Luft war warm und mild; am Himmel zogen weiße Wölkchen; die Schwalben ſchoſſen hin und her in der Geſchäftigkeit, die ſie kurz vor ihrem Scheiden an den Tag zu legen pflegen, und zuweilen fiel langſam ein goldgelbes Blatt von der großen Linde auf das mit einzelnen brennendrothen Herbſtblumen bepflanzte Beet, und auf die Schulter des jungen Mannes der an den eichenen Stamm gelehnt, ſchweigend mit den weißen Zähnen ſeinen blonden Schnurrbart zerbiß. Endlich hob er ſeine braunen Augen vom Boden und ſah das vor ihm ſitzende Mädchen an. 109 „Margarethe!“ begann er wieder mit ſo weichem Ton, daß das Mädchen zuſammenzuckte und angſtvoll wie ein gejagtes Reh zu ihm empor ſah—„Marga⸗ rethe, ſei barmherzig! Du weißt, daß ich Niemand auf der Welt habe als Dich— und Du kannſt mich von Dir ſtoßen.— Du haſt mich nie geliebt!“ ſtieß er in ausbrechender Bitterkeit hervor. Margarethe fuhr auf: „Alfred!“ Aber ſogleich ſank ſie in ihre frühere Stellung zurück:„Du quälſt mich abſichtlich“, ſagte ſie leiſe. „Und was thuſt Du?! Seit einer Stunde flehe ich Dich an, mein Weib zu werden, mit mir zu gehen in die neue Welt— ich habe genug für uns beide, und mit der Zeit wird es immer mehr werden— dann ſorgen wir reichlich für Deine Mutter und für die kleine Ina.“ „Wenn ſie bis dahin nicht verhungert ſind“, er⸗ gänzte das junge Mädchen eintönig. Alfred ſtampfte zornig mit dem Fuß auf dem Boden, daß ein Rothkehlchen, welches eben einem bun⸗ ten Käfer zu Liebe ſich dem Platz genähert hatte, voll Schrecken davonflog;— aber er entgegnete nichts. „Du weißt, daß die Mutter kränklich iſt— ſie kann wenig für den gemeinſchaftlichen Hausſtand thun 110 und Ina wächſt heran... ehe ſie nicht ſelbſt im Stande iſt, vorläufig für ſich und die Mutter zu ſor⸗ gen, bin ich hier nothwendig— und das dauert noch lange,— viel zu lange!“ ſetzte ſie, einen unausgeſpro⸗ chenen Gedanken beantwortend, leiſe hinzu.. „Für das Kind, das es nicht verſteht, und eine eigenſüchtige, herriſche Mutter, die es Dir nicht dankt, gibſt Du mich auf, und ſchickſt mich fort; und doch willſt Du mich glauben machen, daß Du mich liebſt; wenn Du mich liebteſt wie ich Dich, dann dächteſt Du an nichts, als an mich und mein Glück!“ 1 Margarethe ließ ſchweigend dieſe Vorwürfe über ſich ergehen; ſie verſuchte nicht den jungen Mann von ihrer Liebe zu ihm zu überzeugen; aber ihre ganze ge⸗ brochne Haltung, ihre müde Unterwerfung ſagten deut⸗ licher als Worte, daß ſie unter dem Zwieſpalt zwiſchen der Pflicht und der. heißen Sehnſucht ihres Herzens alles dahinter zu laſſen und ihm zu folgen, unaus⸗ ſprechlich litt. Da tönten drei helle Glockenſchläge durch die leiſe Stille.— „Um Gotteswillen, die Mutter wird erzürnt ſein, daß ich nicht komme“ rief Margarethe ängſtlich, nahm Bücher und Schirm und ſprang von ihrem Sitz empor. Alfred trat vor ſie hin und ſah ſie mit düſteren Augen an. — 111 „Alſo Du verſchmähſt mich trotz meines Flehens? — Bedenke, daß es ein Abſchied fürs ganze Leben iſt! — noch iſt es Zeit— ich könnte es Dir nicht ver⸗ geben, wenn Du mich jetzt gehen läßt!“ „Lebewohl!“ Wie ein heißer qualvoller Aufſchrei klang es von den bleichen Lippen des jungen Mädchens: Und ſie ſtreckte ihm flehend die Hand entgegen. Aber Alfred drehte ſich ſo haſtig um, daß er ſie faſt ſtreifte, und ohne ein Wort des Abſchieds ſtürmte er er fort. Einen Augenblick ſtand Margarethe regungslos; dann ließ ſie die Hand ſinken, und ging langſam mit müdem Schritt ihrer abgelegenen Wohnung zu. Vor der Thür derſelben ſprang ihr ein etwa ſiebenjähriges Mädchen entgegen: „Endlich kommſt Du!“ rief ſie ſchon von Weitem; „wo warſt Du denn ſo lange? die Mutter zankt ſchon ſeit einer halben Stunde— und mich hungert“, ſetzte ſie leiſe hinzu. Liebevoll ſtrich Margarethe mit der mageren Hand über die blonden Zöpfe des lieblichen Kindes, dann gab ſie ihr die Bücher zu tragen, und trat mit ihr in das kleine Wohnzimmer. Am Fenſter in einem bequemen Lehnſtuhl ſaß eine 112 ältliche Dame; das Strickzeug lag unberührt auf einem Tiſchchen, und ſie hielt ein abgegriffnes Buch anſchei⸗ nend aus einer Leihbibliothek, in dem ſie eifrig zu leſen ſchien. „Guten Tag Mutter!“ ſagte das junge Mädchen freundlich;„entſchuldige, daß ich mich verſpätet ich... „Ja, ich weiß ſchon, Du haſt immer Entſchuldi⸗ gungen“, entgegnete die Angeredete in herbem Ton. „Es iſt gewiß angenehmer, bei dem ſchönen Wetter ſpazieren zu gehen, als zu Hauſe ſeine Pflicht zu thun. Da ſieh— ein Uhr!— aber freilich, wenn man krank und hülflos iſt“..... Seufzend hörte Margarethe dieſe Vorwürfe an, aber ſie verſuchte kein Wort mehr. Sie wußte, daß die Mutter auf keine Gründe hörte, wenn ſie in dieſer Stimmung war; in welcher ſie nur klagen konnte und das tiefſte Mitleid mit ſich ſelbſt empfand. Sie hatte unterdeß Hut und Duch abgelegt, und verließ als die gereizte Frau ſchwieg, geräuſchlos das Zimmer. Die Frau Doctor Meinhold hatte einſt in beſſern, faſt glänzenden Verhältniſſen gelebt; ihr Mann war ein geſuchter Arzt, ſein Einkommen ein bedeutendes geweſen. Allein er wie ſeine Frau hatten nicht zu rechnen verſtanden, und ſie hatten Alles verbraucht, ohne zu bedenken, daß ſie beide ohne Vermögen waren, 113 und für zwei allerdings jetzt noch ſehr jugendliche Töchter zu ſorgen hatten. Seine Stellung verlange eine gewiſſe Repraeſentation, pflegte er zu ſeiner eignen Entſchuldigung zu ſagen; ein Arzt würde ſeine größte Praxis verlieren, wenn er ſich nicht unter Menſchen ſehen ließe; und ſeine Frau hatte es ſich angelegen ſein laſſen, ihm darin nicht nachzuſtehen, zumal oft genug geſagt worden war, daß ſie wohl eine Frau ſei,„die ſich ſehen laſſen könne.“ Noch jetzt nach Krankheit und Kummer trug ihr Geſicht Spuren großer Schönheit, die man, wenn auch durch Entbehrung und Sorge beeinträchtigt, in den Zügen Margarethen's wieder erkennen konnte; und auch Ina hatte den gleichen feinen Geſichtsſchnitt.— Als dann der Doctor Meinhold in den Jahren ſeiner beſten Manneskraft von einer verheerenden Epidemie plötzlich dahingerafft wurde, ſtand ſeine Wittwe mit den beiden Kindern ohne Hülfsmittel und ohne die Fähigkeit ſelbſt etwas zu erwerben da. Schmerz, Zorn und Angſt warfen die leicht erregbare Frau ſelbſt aufs Krankenlager, und nur der thatkräftigen Hülfe eines Freundes ihres verſtorbenen Gatten hatten ſie es zu danken, daß nicht Alles für ſie verloren war.— Die⸗ ſer Freund ſorgte dafür, daß der ziemlich werthvolle Nachlaß vortheilhaft verkauft wurde; er verſchaffte v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. II. 8 114 der 13 jährigen Margarethe den unentgeldlichen Beſuch eines guten Inſtituts, und ſtand dem früh reifenden Mädchen auch in den folgenden Jahren treu zur Seite, wenn die kränklich gebliebene Mutter mit ihren nutz⸗ loſen Klagen und vergeblichen immer neu geäußerten Wünſchen das arme Kind unaufhörlich quälte. Die kärglichen Zinſen, durch heimliche von dem Freunde vermittelte Zuſchüſſe erhöht, reichten nothdürftig hin, die kleine Familie wirklich vor Mangel zu ſchützen, und Margarethe als ſie ſechzehn Jahr alt war, übernahm nach vollendeter Ausbildung eine Lehrerinnenſtelle an demſelben Inſtitut, wo ſie unterrichtet worden war. Margarethe war ein ſanftes ſtilles Kind, und er⸗ trug mit rührender Geduld die Launen ihrer ſelbſt⸗ ſüchtigen Mutter, welche die kleinſte ihr durch den Haushalt etwa auferlegte Bemühung wie eine perſön⸗ liche Beleidigung hinnahm, und am liebſten in ihrem Lehnſtuhl den ganzen Tag leſend zubrachte. „Sie müſſe ſich zerſtreuen“, behauptete ſie,„um überhaupt das Leben ertragen zu können, und da ihr Nichts andres mehr zu Gebot ſtand, ſo las ſie aus einer benachbarten Leihbibliothek, am liebſten Geſchich⸗ ten, in denen unbekannte, verſchollene, unverheirathete Erbonkel plötzlich wieder auftauchen, oder reiche Freier ſich um arme ſchöne Töchter bewerben.... 115 Da ſie ſelbſt für ſich auf letzteren Glücksfall nicht mehr wohl rechnen konnte, ſo concentrirte ſie ihre Hoffnungen und Pläne auf eine ihrer Töchter.— Nicht etwa auf Margarethe— dies hausbackene poe⸗ ſieloſe ſtille Geſchöpf mit dem unſcheinbaren blaſſen Geſichtchen und dem geräuſchloſen Weſen ſchien ihr nicht geſchaffen, ihre Glücksträume zu verwirklichen.— Aber Ina, die heiter lachende Ina mit den blonden Locken und den Rehaugen, die den ganzen Tag lachte und ſang, und wo ſie nur konnte in den Spiegel ſchaute. Ina war ganz das Mädchen, ihr Glück durch eine gute Parthie zu machen. Daß ſie noch ſo ſehr jung war, kümmerte die eitle Mutter wenig; das ver⸗ lor ſich ja von Tag zu Tag.— Und wenn dieſe Lieb⸗ lingstochter erſt glänzend verſorgt war, dann wurden auch für ſie ſelbſt Wohlſtand und Genuß aufs Neue beginnen. Solche Träume trugen die kranke Frau hinweg über die täglichen Entbehrungen und ſelbſt über die Vereinſamung, die ſie ſonſt am ſchmerzlichſten empfand. Heut war ſie durch Margarethes ungewöhnlich langes Ausbleiben von Minute zu Minute gereizter geworden, und gab ſich keine Mühe es zu verbergen. Als die Tochter nach kurzer Zeit mit dem einfachen Mittagsmahl wieder ins Zimmer trat, gahen ihr die 8* 116 feinſten Mienen und die ſpitzigen Bemerkungen der Mutter die traurige Gewißheit, daß wieder eine Reihe trüber unfreundlicher Tage zu erwarten ſtand. Und grade heute, was hätte das junge Mädchen gegeben für ein warmes mitfühlendes Mutterherz, um ihre Verzweiflung dort auszuweinen, um hinwegzukom⸗ men über das troſtloſe Gefühl des Verlaſſenſeins, das ihr die Bruſt zu zerſprengen drohte. Aber ſie mußte ſchweigen, und auf die Nacht warten, wo ſie endlich ungeſehen den Thränen ihren Lauf laſſen konnte. Daß ſie von Alfred ſcheiden mußte hatte ſie ſich längſt geſagt; aber datz er ſie nicht verſtehen wollte und im Zorn von ihr ging, das war ſchwerer als Alles was ſie je erlebt. Und wie ſehr hatte ſie ihn geliebt, ſeit dem erſten Mal, wo ſie ſeine Augen mit dem Blick bewundernder Liebe auf ſich ruhen geſehen. Sie wußte es noch, als ſei es geſtern geweſen. Der nun verſtorbene Freund ihres Vaters, dem ſie ſchon ſo viel verdankte, hatte ſie einmal mit hinausgenommen in einen Sommergarten, wo man bei munterer Mili⸗ tärmuſik im Freien ſeinen Kaffee trank, alte Bekannte traf und neue gewann. Dort waren ſie in einer Laube geſeſſen und Margarethe hatte in das Gewirr hinaus⸗ geſchaut, wie in einen bunten Traum. Plötzlich war der Eingang verdunkelt worden 117 durch eine hohe breitſchultrige Männer⸗Geſtalt, die mit leichtem Sommeranzug, den Strohhut in der Hand an ihren Tiſch trat. „Guten Tag Onkelchen“, ſagte eine jugendliche Stimme,„ich war völlig überraſcht, als ich Dich hier erblickte.... wie kommt es... ach ich bitte um Entſchuldigung“, wandt er ſich mit höflicher Vernei⸗ gung gegen Margarethe, die er jetzt erſt bemerkte, und bewundernd betrachtete er die zarte jugendliche Erſchei⸗ nung, auf deren Wangen das ungewöhnte Vergnügen die Farbe der Geſundheit hervorgezaubert hatte; und deren große Augen freudig blitzten bei den Tackten eines Straußiſchen Walzers. „Ingenieur Wernau, Taugenichts von einem Neffen, der ſeinen armen Onkel ſo vernachläſſigt, den ich eigent⸗ lich verbannen ſollte“, ſtellte der alte Herr vor; aber ſeine Blicke ſprachen deutlich das Gegentheil, ſo ſtolz ruhten ſie auf dem ſchönen hochgewachſenen Jüngling, der ſich lachend auf die Bank ſetzte und den Strohhut neben ſich niederlegte. Die Sonnenlichter tanzten über ſein blondes welliges Haar, ſie funkelten zurück aus den ſchelmiſchen braunen Augen, und um die trotzigen Lippen zuckte der jugendliche Uebermuth. Margarethe ſah ihn verſtohlen an; ſie glaubte niemals ein ſchöneres Geſicht, ein gefälligeres Benehmen geſehen zu haben. 118 Die einzigen Herrn denen ſie begegnet, waren die Lehrer an ihrem Inſtitut, und dieſe waren meiſt ältliche blaſſe Männer mit gebeugter Haltung und ernſten oft recht verdrießlichen Geſichtern; ſie trugen ſtets Bücher, hatten die größte Eile und gönnten der kleinen Unterlehrerin kaum einen flüchtigen Gruß. Margarethens Entzücken ſtieg immer höher, als der junge Mann ihr dann ſeinen Arm bot und ſie durch die ſchattigen Gänge führte, zu duftenden Blu⸗ menbeeten, Vögel⸗ und Pflanzenhäuſern, und zuletzt zu einem Teich, wo farbige Gondeln lagen. In eine ſolche Gondel mußte ſie ſteigen; und er nahm ſelbſt die Ruder. Zuerſt fürchtete ſich ſich heimlich ein wenig, aber es war doch ſo ſchön auf dem hellen Waſſer zu ſchweben, zwiſchen den breiten grünen Waſſerlilien⸗ blättern und den langhalſigen ſchneeweißen Schwänen, die ſo zutraulich bis an die Gondel heranſchwammen .... Und gar als es dunkelte und die bunten Lam⸗ pen in den Gängen angezündet wurden!— Margarethe hatte zwar ſchüchtern behauptet,— nach Hauſe zu müſſen, aber der alte Herr hatte alle Verantwortung auf ſich genommen; er ſelbſt ſaß lange bei Bekannten bei einem Glaſe Bier und ſprach von Politik und Tagesneuigkeiten. Nun ſtreifte ſie an Alfreds Arm durch die verſchlungenen Gänge wie ge⸗ 119 tragen von der Muſik, die bald näher bald ferner ihre ſüßen Weiſen durch die farbige Dämmerung zu ihnen ſandte— und hörte mit pochendem Herzen auf die immer wärmer klingenden Worte ihres ſtattlichen Führers. Er fragte ſie, ie es gekommen, daß er ſie nie zuvor geſehen, und beluſtigte ſich über die kind⸗ lichen Bemerkungen und Freudenäußerungen ſeiner nied⸗ lichen Begleiterin... Es war ein Tag ſo ſchön, wie Margarethe nie geglaubt, ihn je zu erleben, und als ſie ſpät nach Hauſe kam mit ihm allein— denn den Onkel hatten ſie unterwegs bei ſeiner Wohnung ver⸗ laſſen,— da ſchien es ihr, als ob das Leben nichts ſei als eine unendliche Wonne, ſie hörte kaum das zornige Schelten der durch Langeweile aufs äußerſte gereizten Mutter, und lachte nur, als die kleine Ina ſagte: Gretchen ſieht aus wie Weihnachten. Die ganze Nacht tanzten Gondeln, bunte Lampen, Muſikanten und Lauben durch ihre Träume, und noch tagelang glaubte ſie ſeinen Händedruck beim Abſchied zu fühlen und hörte die leiſe geflüſterten Worte: wir ſehen uns wieder!— Sie ſahen ſich wieder. Es traf ſich ein paar Tage ſpäter zufällig— ganz gewiß nur zufällig, daß er um die Mittagszeit durch dieſelben Anlagenzu gehen hatte wie Margarethe; es verſtand ſich von ſelbſt, 120 daß er ſie grüßte und ſich erkundigte, wie ihr der Nachmittag bekommen ſei, ob ſie ſich auch Abends nicht erkältet habe, und was die gute Sitte bei dergleichen Gelegenheiten von wohlerzogenen jungen Männern ſonſt noch fordert. Immer häufiger begegneten ſie ſich; zuletzt täglich, wenn auch nur auf kurze Augenblicke, und Margarethe fühlte mit dem ſichern Inſtinkt eines liebenden Her⸗ zens, daß er nur ihretwegen kam, und daß er ſie liebte, wie ſie ihn. Dann endlich hatte er es ihr in deutlichen Worten geſagt, und noch klarer in dem Briefe, den er ihr in die Hand drückte. Er ſagte ihr darin ſie müſſe ſeine Frau werden, wenn er ſo viel er⸗ worben habe, um mit ihr leben zu können; das ſei vielleicht ſchon in einem Jahre der Fall; dann käme er um ſie zu holen. Er habe jetzt ſchon als Ingeni⸗ eur guten Verdienſt; derſelbe mehre ſich täglich, und wenn ſie ihn liebe, wie er glaube, würde ſie nicht zö⸗ gern ihm die Hand zureichen, wenn auch die Zukunft die er ihr biete, vorläufig noch keine ſichre ſei.— Strahlenden Blickes hatte Margarethe bis dahin geleſen; der lieblichſte Traum ihres Lebens nahte ſich ſeiner Erfüllung; daß er von der Mutter und Ina, die doch auf ſie angewieſen waren, kein Wort ſprach, fiel ihr nicht auf, für dieſe zu ſorgen erſchien ihr ſo 121 ſelbſtverſtändlich. Als ſie weiter geleſen, floſſen frei⸗ lich ihre Thränen die ganze Nacht,— er hatte ihr Lebewohl geſagt für lange Zeit, und ſie würde ihn nicht wiederſehen, ehe er käme um ſie zu holen. Die folgenden Tage erſchienen ihr wie in Nebel gehüllt; es war alles ſo grau, ſo öde und leer, ſeit ſie Mittags ſeine hohe Geſtalt nicht mehr wie ſonſt, ſchon von ferne erblickte, und ſeine Stimme nicht mehr hörte, denn er war wirklich abgereiſt,„um ſich und ihr den Abſchied zu erſparen“, wie er ſchrieb. Die Tage floſſen unter der gewohnten Arbeit; der Winter verging, die Anlagen bedeckten ſich mit friſchem 3 ging 9 9 ſch Grün, fröhliche Menſchen füllten die Gänge, Kinder ſpielten, Wagen rollten;— dann kam die Sonnen⸗ glut, Staub lag auf dem Raſen und hüllte die Bäume und Büſche in fahles Grau; es wurde Herbſt; die Blätter fingen an gelb zu werden, und Aſtern und Sonnenblumen blühten nur noch einzeln auf den kahl⸗ gewordenen Beeten. Eines Tages ging Margarethe wie ſonſt zum Inſtitut. Da täuſchten ſie ihre Augen — das konnte nur Alfred ſein, ſo aufrecht ging nur er— und nur er trug den leichten Hut ſo keck auf dem dichten Haar. Sie beſchleunigten beide ihre Schritte, jetzt ſtanden ſie ſich gegenüber und ihre Hände lagen ineinander.... Sie ſagten ſich nicht viel; 122 ihre Zeit war kurz gemeſſen, und die Allee zu belebt; aber Alfred gab ihr einen Brief, und in der Nacht las Margarethe, was ihr Freund ihr ſchrieb. Als der Tag graute, ſaß ſie noch neben ihrem unberührten Lager; das Licht war heruntergebrannt, und in der farbloſen Beleuchtung des Morgens er⸗ ſſchienen ihre Züge fahl wie die einer Geſtorbenen.— Alfred ſagte ihr wieder mit den zärtlichſten Wor⸗ ten, daß er ſie liebe, mehr als je, und daß jetzt die Zeit da ſei, wo ſie ihr Wort halten und ihm folgen müſſe als ſein Weib; er habe eine kleine Anſtellung als Techniker bekommen, die ihm erlaube, mit beſchei⸗ denen Anſprüchen einen Haushalt zu führen und in ihrer Hand läge jetzt ſein Glück. In einigen Jahren, wenn ſeine Stellung ſich verbeſſert habe, ſolle die Mutter mit Ina zu ihnen kommen— gleich jedoch könne er nichts für ſie thun...“ Dies wars's, was wie eine eiſige Hand ſich auf das heiße Herz des jungen Mädchens gelegt hatte— wenn ſie fortging— wer ſorgte für Mutter und Schweſter?! wovon ſollten ſie leben, wenn Marga⸗ rethens Verdienſt ausfiel In halb wahnſinniger Angſt erſann ſie die abenteuerlichſten Pläne; aber keiner war ausführbar... wenn ſie fortging ſo klopfte das Geſpenſt des Hungers unerbittlich an die 123 Thür der kränkelnden Mutter, und legte ſeine dürre Hand auf den blonden Scheitel der lieblich heran⸗ blühenden Schweſter! Es war unmöglich! Sie konnte Beide nicht ihrem Schickſal überlaſſen! Und doch! Sollte ſie ihr junges Leben vertrauern, ihr Glück da⸗ hin geben, ihrer Liebe entſagen um dieſes Geſpenſtes willen. Aber es wich nicht; immer wieder ſah ſie es vor ſich mit den hohlen Wangen, es ſtreckte die Arme aus, über das welkende und über das knospende Leben und immer wieder ſtöhnte ſie aus gequältem Herzen: Ich konnte ſie nicht verlaſſen!— Denn Al⸗ fred konnte nichts für ſie thun, er hatte es klar aus⸗ geſprochen— in Jahren noch nicht.... Vielleicht würde er warten; aber wer weiß wie lange es noch dauerte, bis eine glückliche Wendung eintrat, und dann war ſie alt und müde für ihn und ſeine friſche Manneskraft. Als der Tag graute, fand er das junge Mäd⸗ chen entſchloſſen und feſt;— ſie mußte ſich von Alfred trennen, und wenn ſie darüber zu Grunde gehen ſollte — ſie konnte Mutter und Schweſter nicht opfern für ihr eigenes Glück. Das hatte ſie Alfred heute geſagt; mit flehenden, überzeugenden Worten, aber er hatte nicht hören wol⸗ len, und jetzt war er fortgeſtürmt, im Zorn. Sie 124 kannte ſeinen Trotz nur zu gut, ſie wußte, daß er nicht vergab, wenn er ſich beleidigt glaubte. Als auch die nächſten Tage kein Lebenszeichen mehr von Alfred brachten, als Wochen und Monate vergangen waren, da konnte Margarethe ſich nicht mehr verhehlen, daß er fort ſei auf Nimmerwiederſehen. Sie trug ſchweigend das Loos, das ſie ſich hatte wäh⸗ len müſſen, und verrieth auf keine Weiſe das Opfer, das ſie für Mutter und Schweſter gebracht. Aber ihr Geſicht wurde täglich ſchmaler und durchſichtiger, und mehr als einmal ſagte ihr die Inſtitutsvorſtehe⸗ rin mit wohlwollender Teilnahme:„Sie ſtrengen ſich an meine Gute; Sie müſſen ſich mehr Ruhe gönnen, damit ſie nicht krank werden.“ Margarethe lächelte nur in ihrer müden Weiſe und meinte, ſie ſei völlig geſund. Die Mutter bemerkte nichts; in ihre Zutunfts⸗ Träume eingeſponnen, hatte ſie keinen Blick für das Leiden ihrer Tochter; ſie war im Gegentheil feſt über⸗ zeugt, daß ſie die beſte nachſichtigſte Mutter von der Welt ſei, und außerdem mehr zu beklagen als irgend Jemand anders. Und Ina, die Margarethe in der erſten Zeit zu⸗ weilen des Nachts leiſe weinen hörte, beruhigte ſich nach Kinderart bald mit dem Beſcheid, Margarethe 125 habe Böſes geträumt, und hatte am andern Morgen Alles vergeſſen. Aber auch bei ihrem eintönigen Leben verfloß die Zeit, wie ſie unaufhaltſam verfließt, ob wir ſie mit Lachen oder mit Weinen hinbringen, und zwei Jahre waren vorüber, die nicht die kleinſte Veränderung in ihrem Daſein hervorgerufen hatten. Eines Tages jedoch als Margarethe zu Hauſe kam, ſah ſie zu ihrer größ⸗ ten Ueberraſchung die Mutter nicht am Fenſterplatz ſitzen. Beunruhigt trat ſie ins Wohnzimmer, aber be⸗ ſtürzt blieb ſie ſtehen, die Mutter ſaß auf dem Sopha und neben ihr ein junger Mann. Margarethe erkannte augenblicklich das gutmüthige rothe Geſicht, das durch die enge Halsbinde und wohl mehr durch Verlegen⸗ heit eine noch tiefere Färbung angenommen hatte. Die dünnen Haare lagen ſauber geſcheitelt nach rechts und links; im Jabot glänzte eine rieſige Buſennadel, de⸗ ren Umfang Verdacht erweckte, und die dicken Hände, in denen er ſeinen funkelnden Cylinder drehte, ſteckten in apfelgrünen, an den Nähten mehrfach geſprengten Glacéhandſchuhen. Der junge Mann war der Sohn aus einem be⸗ nachbarten Materialladen, wo ſie hin und wieder ihre kleinen Bedürfniſſe ſelbſt einkaufte, und ſeine unbe⸗ holfenen Verſuche der letzten Zeit, den Ritter zu ſpie⸗ 126 len, hatte ihr zuweilen ein mitleidiges Lächeln entlockt. Sie hatte wohl bemerkt, daß er ſie mit beſonderer Zu⸗ vorkommenheit bediente, und Ina zeigte oft genug triumphirend die neuerdings immer größer werdenden Zuckerdüten, durch welche er die tiefſte Sprache des Herzens auf die Entfernung zu reden verſuchte. Allein dies hatte nur die Wirkung gehabt, daß ſie möglichſt vermied den Laden zu betreten, und der Schweſter ſtreng unterſagte noch ferner ſolche Geſchenke anzuneh⸗ men— ein Verfahren, das ſie aufrecht erhielt, trotz⸗ dem die Kleine energiſch dagegen proteſtirte. Und jetzt ſitzt er neben der Mutter in ſeinem feinſten Ballanzug und Ina liebkoste die größte Bon⸗ bondüte, die ſie je beſeſſen. Ein Gefühl peinlichſter Beklommenheit kam über ſie, als der junge Herr Buchner ſich erhob und ihr eine ungelenke Verbeugung machte, ganz wie hinter dem Ladentiſch; nur daß heute ſeine zu kurzen Aermel durch ungeheure Manſchetten die Verbindung mit ſeinen behandſchuhten Händen aufrecht zu erhalten ſuchten, und auch der Geruch ſeiner alltäglichen Beſchäftigung durch Ströme von wohlriechenden Eſſenzen verdeckt war. Er räuſperte ſich heftig, wobei er noch viel röther wurde, und ſetzte ſich nach einigen unartikulirten Lau⸗ ten wieder auf die äußerſte Sophakante zurück. 127 „Der Herr Buchner erzeigt uns die Ehre, uns in Perſon mitzutheilen, daß er von heute an, als Theilhaber in das Geſchäft ſeines Vaters eingetreten iſt“, begann endlich die Doctorin, um der ſchwülen Pauſe ein Ende zu machen. „Ja wohl“, fiel der Beſucher wie von einer Laſt befreit mit ſtolzem Ton ein—„und daß es von heute an heißt, Buchner und Sohn.... Wir ver größern das Geſchäft— Kaffee und Zucker finden Sie jetzt bei uns in der feinſten Qualität, und wenn Sie uns wieder beehren Fräulein Margarethe...“ Erſtaunt ſah das junge Mädchen ihn an— was berechtigte ihn, ſie beim Vornamen zu nennen, und die Mutter ſah ſo vielſagend und gütig aus, wie nie.... Wie Angſt kam es über ſie; flehend ſah ſie die Mutter an, und ſagte: „Ich bitte mich zu entſchuldigen— ich habe draußen zu thun“; ſie erhob ſich und verließ eilig das Zimmer. Erſt nach einer Viertelſtunde hörte ſie den ſchweren Tritt ihres Beſuchers auf der Treppe, und gleich darauf hüpfte Ina zu ihr in die Küche, die halbgeleerte Düte im Arm. „Schau“ ſagte ſie glücklich,„die hat mir der Herr Buchner mitgebracht; und er hat geſagt, ich ſolle ihn 128 Du nennen, und bekäme alle Tage ſolche, wenn Du erſt ſeine Frau wärſt.“ Ein eiſiger Schreck durchzuckte Margarethe, ſie mußte ſich ſetzen. Alſo das bedeutete der neue Cylin⸗ der und die apfelgrünen Glacés! „Und was ſagte die Mama?“ fragte ſie geſpannt. „Oh, die hat es gar nicht gehört“, erklärte das Kind;„er ſagte es mir gleich draußen, und gab mir die Düte damit ich Dir allein ſagen ſollte....“ „Nun was denn? ſo ſprich doch“..... „Daß Du ihn heirathen ſollteſt“, ſprudelte Ina hervor,„und daß er Dich lieb hätte, ganz fürchterlich lieb, und ſeidene Kleider ſollteſt Du haben, und...“ Da legte ſich Margarethe's Hand feſt auf den plappernden Mund. „Schweig!“ ſagte ſie mit klangloſer Stimme, daß die Kleine ſie erſchreckt von der Seite anſah—„Herr Buchner hat Spaß gemacht! Und erzähle es niemand, hörſt Du, ſonſt bekommſt Du keinen Reisbrei heute Mittag... und zu Weihnachten kommt das Chriſt⸗ kind auch nicht zu Dir.“ „Ich erzähle gar nichts“ ſagte Ina weinerlich,„die Mama hat geſagt, Du ſollteſt zu ihr kommen“, rich⸗ tete ſie dann etwas verſpätet eine ihr aufgetragene Botſchaft aus, und verſchwand aus der Küche. 8-— 1 —y--— 129 Die Unterhaltung zwiſchen Mutter und Tochter war eine ſo lebhafte wie ſie das kleine Gemach ſeit Jahren nicht vernommen. Die Mutter verſuchte die Tochter zu überreden den Antrag anzunehmen, weil die Buchners, wenn ſie auch nicht die feinſte Bildung beſäßen, doch wohlhabend ſeien, und zu den Honorationen des Städtchens zählten. Unbarmherzig warf ſie der Tochter ihre verblühende Jugend vor, und behauptete endlich, Margarethe wolle für ihre arme kranke Mut⸗ ter auch nicht das kleinſte Opfer bringen. Aber das junge Mädchen blieb feſt. Sie ſagte auch heute nichts von dem größten aller Opfer, das ſie vor Jahren gebracht, denn was ſie damals gethan, war ja ſo ſelbſt⸗ verſtändlich geweſen; aber ſie erklärte mit einer Energie, die ſie ihrer Mutter gegenüber nur ſelten entwickelte, daß ſie Alles für dieſe und die Schweſter thun wolle, was ſie könne, aber verkaufen würde ſie ſich nun und nimmer. Sie könne für Herrn Buchner nichts empfin⸗ den, und halte es auch nicht ehrenhaft, den jungen Mann ohne Erwiderung ſeiner Neigung zu heirathen. Dabei blieb Margarethe, und als die Doctorin . endlich erkannte, daß ſie nachgeben müſſe, fand ſie ſich zu Margarethes Ueberraſchung leichter als erwartet, dahin ab, daß eine Verbindung mit einem Material⸗ händler auch eigentlich unter ihrem Stande geweſen v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. II. 9 —äÿõ 130 wäre; und der zierliche Korb den ſie ihm flocht, wurde in Folge deſſen mit der Leutſeligkeit einer herablaſſen⸗ den Fürſtin verabreicht. Seitdem durfte Ina zu ihrem Leidweſen ihren neuen Freund nicht mehr beſuchen, und ihre Einkünfte in Zuckerwaaren verminderten ſich um ein Beträchtliches. Daß die Doctorin ſpäter dennoch, wenn ſie ſich irgend einen Wunſch verſagen mußte, nicht unterlaſſen konnte, mit eigenthümlicher Betonung zu äußern, daß ſie es beſſer hätte haben können, wenn gewiſſe Leute weniger ſtarrſinnig und hochmüthig geweſen ſeien,— das kränkte Margarethe wenig. Sie fühlte daß es eine Grenze gab, die ſelbſt ihre Opferwilligkeit nicht überſchreiten durfte. Jahre waren ſeit jenem Tage verfloſſen. Das zu⸗ nehmende Leiden und der endliche Tod der Mutter hatten wenig verändert in der Lebensweiſe der beiden Schweſtern. Ina war jetzt achtzehn Jahre alt und die Mutter hatte noch die erblühende Schönheit ihrer Lieblingstochter bewundern dürfen, ehe der Tod ihren Zukunftsträumen für immer ein Ziel ſetzte. Auch an Margarethe war die Zeit nicht ſpurlos vorübergegangen; aber ſie hatte die feinen Züge ge⸗ ſchärft, das volle Haar gelichtet, und die klaren ſanf⸗ ten Augen trüber und ernſter gemacht. Sie lachte ſelten, und nur der Zärtlichkeit und Munterkeit Ina's gelang es, ihr zuweilen ein Lächeln abzugewinnen, welches die faſt ganz verlorene Aehnlichkeit mit der jungen Schweſter wieder auf Augenblicke hervorrief. Es war ein wundervoller Frühlingstag. Am ge⸗ öffneten Fenſter, wo Ina ſaß, blühten Hyacynthen und Tulpen, frühe Schmetterlinge tanzten in der Sonne und ein ſanfter Wind der in dem dunkelblonden Haar des ſchönen Mädchens ſpielte, trug einen be⸗ lebenden Hauch von friſchem Laube in das freundliche Zimmer. Ina nähte emſig und ſang zuweilen wie ſelbſt⸗ vergeſſen, einzelne Takte einer heitern Melodie vor ſich hin. Es war der Tanz— den ſie nicht ver⸗ . geſſen hatte, ſeit ſie im Winter mit Bekannten den erſten größern Ball beſucht hatte. Denn Margarethe, die nur für ſie lebte, ſuchte die Jugend ihrer Schweſter ſo viel als möglich mit jenen Freuden zu erheitern, die ihr verſagt geblieben waren. Und Ina war ein gutes, herziges Kind und umfing die ältere Schweſter, ſo wenig ſie den vollen Umfang ihrer Hingebung ahnte, mit der zärtlichſten Liebe. Draußen erklangen feſte elaſtiſche Schritte; ſie erhob neugierig das Köpfchen, ſenkte es aber ſofort . 3 9* ———— 132 vor dem feſten, eigentlich etwas zu unbeſcheidenen Blick der ſie aus zwei braunen Augen traf. An der andern Seite ging immer langſamer, ein hochgewach⸗ ſer, breitſchultriger Mann mit ſehr gebräuntem Ge⸗ ſicht, deſſen Farbe ſeltſam von dem blonden Haar und Bart abſtach. Jetzt kehrte er wahrhaftig um— Ina bemerkte es ohne aufzuſchauen— und jetzt ging er mit entſchloſſenem Schritt auf das Haus zu. „Himmel, er kommt hierher— wo nur Marga⸗ rethe bleibt... Margarethe... ſie hört mich nicht . da klopft es ſchon..... noch einmal. herein“, brachte e das erſchrockne Mädchen müh⸗ ſam hervor. die Thür flog auf, auf der Schwelle ſtand der unbeſ bendri Herr und ſtreckte mit feuchten Augen die Arme aus: „Margarethe! meine Margarethe“, und er wollte auf ſie zuſtürzen. Aber Ina erhob ſich mit der ganzen Würde ihrer 18 Jahre: „Mein Herr!“ ſtammelte ſie. „Margarethe, kennit Du mich denn nicht mehr, ich bin's ja, Alfred. „Ich bin nicht Margareihe, rief das junge Mädchen halb beunruhigt, halb verwirrt;„ich heiße Ina, Margarethe iſt meine Schweſter.“ Die Arme des Fremden ſanken langſam herab..... „Inau, ſagte er leiſe, und eine Erinnerung ſchien in ihm aufzudämmern...„Thor, der ich war!“ Dann trat er näher: „Verzeihung“, bat er in etwas ausländiſch klin⸗ gendem Deutſch,„ich wurde durch eine Aehnlichkeit ge⸗ täuſcht; Sie gleichen auffallend Ihrer Schweſter.“ So ſehr Ina die Schweſter liebte, ſo hatten doch der Spiegel und ihre jugendlichen Bewundrer ihr häu⸗ fig genug zu verſtehen gegeben, daß ſie hübſch ſei; und hübſch konnte doch kein Menſch Margarethe nen⸗ nen, wenn er ſie auch noch ſo lieb hatte... ſie war ja ganz alt, dreißig Jahre— das iſt ein halbes Greiſenthum nach den Begriffen Achtzehnjähriger...... Sehr galant fand Ina alſo dieſe Bemerkung nicht, ſie entgegnete dagegen ſehr gemeſſen: „Wenn Sie meine Schweſter zu ſprechen wün⸗ ſchen, ſo will ich ſie rufen; nehmen Sie gefälligſt Platz.“ Damit ſchwebte ſie aus dem Zimmer. Sinnend ſah Alfred Wernau noch lange auf die geſchloſſene Thür.... das alſo war Ina, ſich des kleinen Mädchens nur dunkel erinnernd, da er ja die Wohnung der Doctorin nie betreten... Gerade ſo, nur weniger friſch, hatte Margarethe damals ausgeſehen; zehn Jahre waren vergangen, — 134 ſeit er ſie im Zorn verlaſſen hatte und allein nach Amerika gegangen war.... Wie mochte ſie jetzt ausſehen?... In halber Bangigkeit ſtarrte er auf die Thür, die Schweſter blieb lange aus. Er war zurückgekommen mit der Abſicht Marga⸗ rethe zu heirathen, wenn ſie noch frei ſei, denn bald war ihm eine Ahnung aufgegangen, was für ein ſtarkes, treues Herz er aufgegeben. Nach und nach hatte er auch ihr Opfer ganz begriffen und würdig befunden, als er drüben in dem Lande der höchſten Selbſtſucht und ihres Dogma's:„Hilf Dir ſelbſt“, er⸗ kennen mußte, daß es nicht immer möglich iſt, ſich ſelbſt zu helfen, nicht einmal dem ſtarken Manne— wie viel weniger einer kranken Frau und einem Kinde. Als der Kampf mit dem Leben ihm ſpäter Früchte trug, kehrte er in die alte Welt zurück, um, wenn möglich noch jetzt zu erringen, was ihm damals verſagt war. Als er ſie dann in unveränderter faſt noch größerer Lieblichkeit am offenen Fenſter ſah, war der ſonſt ſo beſonnene gereifte Mann wie ein ſtürmiſcher Jüngling ins Haus geeilt; und jetzt ſaß er dort, und ſchaute halb ſehnſüchtig, halb angſtvoll auf die Thüre, aus welcher das Trugbild verſchwunden war. Endlich öffnete ſie ſich.... Noch bleicher als ſonſt, ſchwankend, mit von Weinen gerötheten Augen 13⁵ trat Margarethe, auf den Arm der Schweſter geſtützt ins Zimmer, aber ein verklärtes Lächeln lag auf ihren Zügen, als ſie ihm ſtumm und bebend die Hand bot. Verwirrt hatte ſich Alfred erhoben..... ihm ſchien als drehe ſich das Zimmer mit ihm im Kreiſe... das war alſo ſeine Margarethe.... Kaum vermochte er die ſchmerzliche Ueberraſchung zu unterdrücken, die er em⸗ pfand; um ſie zu verbergen, beugte er ſich auf die magern Hände nieder und drückte ſie an ſeine Lippen... dann führte er die tief erſchütterte Margarethe zum Sopha. Stundenlang ſaß er zwiſchen den beiden Schweſtern erzählend, fragend, immer wieder irrten, ihm ſelbſt unbewußt ſeine Augen von der Margarethe, die jetzt vor ihm ſaß, zu ihrem ſchönen Ebenbild und als er ſie verließ, ſaßen die beiden noch auf bis tief in die Nacht und Ina konnte nicht müde werden, von dem „alten Jugend⸗Freunde“ wie Margarethe ihr den Fremden einfach bezeichnet, zu ſprechen. Dieſer ging in ſeinem Hotel ruhelos auf und ab und rang mit einem Entſchluſſe... Er war ja heute gekommen, um Margarethe zu heirathen, ſie war ſeine Braut ge⸗ weſen und ihm treu geblieben, warum wurde es ihm denn jetzt ſo ſchwer, das entſcheidende Wort zu ſpre⸗ chen; warum ſchrieb er ihr nicht und bot ihr zum zweiten Male ſeine Hand?— 136 Vor ſeinem Geiſte verwirrte ſich das Bild der zwei Schweſtern; er nannte die eine Margarethe, und doch war es eine Ina, zu der er ſprach. Sie ſah ihn mit ſtrahlenden Augen an, während die andere, ſeine Braut, bleich und müde und vor der Zeit verwelkt daneben ſaß..... Stundenlang kämpfte er mit ſich, endlich gewann ſeine beſſre Natur die Oberhand; er ſetzte ſich und ſchrieb, nicht viel, aber in Haſt, als fürchte er, daß ihn ſein Entſchluß gereuen möge; dann klingelte er noch ſpät in der Nacht und übergab dem ſchlaftrunkenen Aufwärter den Brief zur ſofortigen Beſorgung, ſo bald es Tag ſei. Ina ſchlief noch feſt, aber Margarethe war ſchon im Wohnzimmer thätig, als ihr der Brief überbracht wurde. Als ſie ihn geleſen hatte war ſie ſehr roth, dann lehnte ſie den Kopf in's Sopha, und ſchluchzte leiſe in die Kiſſen. Nach langer Zeit erhob ſie ſich, glättete ihr Haar, und ordnete ihren Anzug; dann horchte ſie am Schlaf⸗ zimmer, wo Ina noch immer den ungeſtörten Schlaf der Jugend ſchlief, verſchloß die Thür und ſetzte ſich geräuſchlos in einen Lehnſtuhl. Dort ſaß ſie lange, lange.. Die Sonne ſtieg immer höher, auf der Straße 137 erwachte das Geräuſch des täglichen Verkehrs, in re⸗ gelmäßigen Zwiſchenräumen ſteckte der Kukuk der kleinen Schwarzwälderuhr den Kopf rufend ins Zimmer. Margarethe regte ſich nicht, nur zuweilen zerknitterte ſie den Brief in der Hand und murmelte abgebrochene Worte.. „Er liebt mich nicht mehr.... ich habe es gleich gefühlt; die Veränderung iſt zu groß aber er iſt edel; er will mir ſein Wort halten........ er liebt Ina, oder er wird ſie bald lieben,... und ſie . ſie iſt ſo hübſch, viel mehr als wie ich je⸗ mals war, und ſie ſprach die ganze Nacht von ihm — ſogar im Traume....... Und wieder ſtarrte ſie ſchweigend vor ſich hin und preßte nur wie unbe⸗ wußt die Hand auf's Herz. Endlich klang die Hausthür. Raſch erhob ſie ſich und horchte. Regelmäßige Athemzüge verkündeten Ina's Schlummer;— da ertönten auch ſchon Tritte auf der Treppe, jetzt klopfte es und Alfred trat in's Zimmer. Er ſah ſehr bleich und verwacht aus und die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Aber er war noch immer ſchön; in der vollen Blüthe der Kraft faſt ſchöner als vor zehn Jahren. Ruhig trat er auf Margarethe zu und bot ihr die Hand— ſehr ruhig für einen Mann der ſo eben 138 um die Hand der Jugendgeliebten geworben und ebenſo ruhig legte auch Margarethe ihre kalte Hand in die ſeine. Was ſie dann mit einander ſprachen, er immer lauter und erregter, ſie leiſe und ruhig wie immer, erfuhr ſelbſt die Schweſter nicht, nur daß ſeine Züge ſich wie unbewußt immer mehr aufhellten, konnte Ina bemerken, die— wie leider nicht zu verſchweigen iſt, durch das laute Geſpräch geweckt ans Schlüſſel⸗ loch ſchlich,— nur um ein einzigesmal hineinzuſehen!— Verſtehen konnte ſie nichts; dann fuhr ſie jedoch plötzlich zurück und ſchlüpfte ins Bett, denn ſie hörte ganz deutlich, daß Stühle gerückt wurden, und daß Alfred lauter ſagte, als zuvor: „Iſt das Dein letztes Wort, Margarethe?“ und Margarethe antwortete mit faſt feierlicher Stimme: 1 „Mein letztes, Alfred!— ich bin nicht jung ge⸗ nug zu ſolchem Schritt, und habe auch, offen geſtanden, nicht mehr den Muth dazu; vergib mir meine Offen⸗ heit, Du weißt, ich konnte nie heucheln.... es iſt auch beſſer wenn Alles klar iſt zwiſchen uns. Damals mußte ich vergeſſen.. laſſen wir jetzt das Ver⸗ gangene todt und vergangen ſein.. 31 „Aber ich darf Dein Freund bleiben, nicht wahr Margarethe?“ 139 „Gewiß, lieber Alfred; mein Freund und— Bruder—“ ſetzte ſie leiſe hinzu. Hätte Ina das Aufleuchten in Alfred's Blick ſehen können, bei dieſem Wort, und der haſtigen Be⸗ wegung mit welcher er ſich wieder über die Hand der Schweſter beugte, ihr Herz würde noch ſtärker geklopft haben, als jetzt, wo ſie ſich wie eine kleine Verbrecherin vor der eben eintretenden Schweſter unter der Decke verbarg.... „Steh auf, Langſchläferin“ ſcherzte Margarethe; „es war ſchon Beſuch da“. „Ich hab's gehört“, bekannte Ina,„iſt er fort?“ „Er kommt heute Abend zum Thee wieder; aber jetzt eile Dich ein wenig; ich bin ſehr früh aufgeſtan⸗ den und möchte mich ein Wenig niederlegen; meine Stunde laß für heute abſagen!“ Blitzſchnell war Ina neben der Schweſter: „Du biſt doch nicht krank? Du ſiehſt angegriffen aus... was haſt Du?...“ „Nichts, nichts, Kind“ wehrte dieſe faſt in unge⸗ wohnter Heftigkeit ab,„ich bin nur müde— laß mich nur kurze Zeit allein ſein.“ Als Ina gehorſam das Zimmer verließ, ſah ſie an der Schwelle, daß die Schweſter ſich aufs Bett legte und ruhig athmend da⸗ lag. Stundenlang lag ſie ſo; ſie ſchlief nicht, die 4 140 großen Augen hafteten an der Decke des Zimmers, und ihre Hände bewegten ſich unaufhörlich. Als Al⸗ fred Abends erſchien, war ſie ruhig, bleich und gelaſ⸗ ſen wie immer; und jedoch ſelbſt der Jugendfreund ahnte nicht, daß heute Eine den furchtbarſten Kampf gekämpft und den ſchwerſten Sieg errungen über das eigene verzweifelnde Herz. Auch nach Jahren, als Alfred und Ina längſt ein glückliches heiteres Paar waren, verrieth ſie mit keiner Andeutung, daß es eine Liebe giebt, welcher das Glück des Geliebten höher ſteht, als das eigne, und keine Opfer kennt, wenn es gilt, ihm dies Glück zu bereiten. — — 80 — — — — — — — — Se Marie v. Schlägel. Wenn ener ene woare Geſchicht' vertellen will, denn hürt ſickt, dat he anfängt:„Doa wier mal“ Min Geſchicht is ok woar. Alſo: Doar wir'n mal en Mann un ene Fru, de wullen toſam up Reiſen gahn. De Fru wier ick; wer de Mann wier, dat ſegg ick nich; äwer min Mann wir't, de Preiſte hart ſeggt, un de müß't weten. Reiſen is ſchön, äwer am ſchönſten is't doch, wenn twei jung' luſtig Minſchen toſam ſünd, de ſick äwer nix argern, un ümme eene Anſicht hebben; denn nix ſtürt dat Vergnäugen mier, as wenn een„hü“ will, wenn de anne„hott“ möcht. De irſt Raſt höllen wi in Eiſenach; äwe doar geföllt uns dat glik ſo god, dat wi ne Tid lang ſitten bliwen wullen. Wie fünn ok ne lütte Hüſung, akkrat 144 as'n Vagelbuurken, un tröken mit Sack und Pack doar rin. Dat Hus leg an'n Anfang von denn Barg, wo de olle Wartburg up de bäwerſt Spitz ſteiht; un vör uns, na dei anne Siet, leg de Stadt mit all de lütten windſchewen Hüſ' de ſo ſit ſün, dat en binah in den Schoſtein kiken kann, wenn he ſick'n beten up de Tehn reckt. Aewer natürlich giwt dat doar ok grötere Straten mit bäte Hüſ' un an de Barg rundüm ſün väle ſchöne„Villas“ as dat hüt to Dag heit, un wenn dat Dings man jüſt vier Wänn un'n Dack hätt. Aewer dat ſchadt' nich, wenn t vorn Dur is, möt't ne„Villa“ ſin; dat hört ſich doch na wat an. Een dervon wir äwer'ne richtige feine Villa, nit'n lütten Thurn un Balkongs, un een Goarn ründüm mit ſchöne Blomen un Böhm, un mit Trep⸗ pen un lütte Waterkünſt. Ick har's all oft ankeken un bi mi dacht, wer doar woll wohnen dehr. Aewer dat wier, as wenn dat Hus leerig ſtünn; ſin Dag wier doan keen Minſch to ſeihn, as af un to een ollen Mann mit een düſtern Rock, de na de Blomen kek. Een Sündag ſtünn wi an't Finſter un freun uns äwer dat ſchöne Wäre, doa wat mit ens en groten Larm un Geſchrie, un as wi recht tokieken, kümmt een groten Troß Minſchen de Strat entlang; an dat 145 griſe Tüg un de grönen Büſch up de Mützen kennten wi gliek dat dat de Berliner Turners wieren, de nach Eiſenach kamen ſülln. Vör de ſchöne Villa bleven ſe hollen; doa ſtünn werre de oll Mann mit den düſtern Rock un'n griſen Boart, un een von de Turners höll'ne Rehr. Wat he ſähr, verſtünn ick nich— un as ſe ut wier, reten's all de Mützen von'n Kopp un ſchriegen luthals: hoch, hoch und abermals hoch. Un de olle Mann wink mit de Hand'un dienert' un nick⸗ köppt, un dunn ſchriegen ſe ümme duller un toletzt tröken ſe langſam af, up de olle Wartburg rup. „Wen mag dat ſchöne Hus tothüren?“ frög ick unſen Wirth. „Dat weitens nich?“ ſähr de Mann un kek mi 2 gans mitleidig an,„dat s ja Fritz Reutern ſin.“ Dat Fritz Reuter in Eiſenach wahnt un ſick doa en Hus bug har, dat wüßt' ick, äwer dat min oll be⸗ rühmten Landsmann ſo'n nüdlich Schlot hätt— dat hapf nich dacht! „Olling“, ſegg ick to min'n Mann,„wat meenſt Du, wi ſün Mekelnbörger; Vadder het mi ſeggt, ick ſüllt ok jo un jo nich vergäten, un grüßen ſin oll Fründ Reuter von em;— wi künn' em eens biſäuken.“ v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. II. 10 146 „Wat föllt Di in, Kinning“, ſeggt min Mann, „dat geit nich— ſe let uns nich rin.“ „Wat ward ſe nich“, ſegg ick,„ſe is nich ſo bös, un wi willn ja nix von em! Sin Bild hew wi, un Stammbäuke ſün nich mihr Mod— wi grüßen ja blot dat Handwerk.“ „Schön“, ſeggt mi Mann,„äwer ick frag' em toirſt.“ So würt makt. He frög an un't duurt nich lang, ſo käm de Antwurt von den'n ollen goden Mann ſin egen Hand. Un en goden ollen Mann fünn' wi, as wi hengüngen, mit'n griſen Boart; een beeten krumm höll he ſich unde Hänn bewerten em wat; äwer de Ogen keken uns ſo frünlich an, un he ſtrak mi äwer und ſähr: Min oll lütt lew' Fru to mi, un ick müßt mi upp'n Sopha bi em dal ſetten. Un ſe wier eben ſo frünlich as he; un wenn ſe nich jeden rinn leht, ſo har ſe gans Recht, denn de Lühr lepen ehr dat Hus bal in, un dachten ſe künn'n denn ollen Mann ankieken, as ſe upp een anne Flach dat Kalw mit de fief Been ore dat Kind mit de twee Köpp ankeken hebben, blos dat ſe dat hier unſünſt harrn. Se het mi vertellt, an een Dag in's Sommer wiern eens hunnerttwintig Frömm' dor weſt: de har 's äwe nich rin laten. 147 Hübſch wier't in de Villa, dat möt woar ſin, und de Möh wihrt, rin togahn. Sin Stuw wier recht, as'n ſick'ne Stuw denkt, wo ene in Rauch nach⸗ denken un„ſimuliren“ will— grot und hell mit ſchöne Saken un grote Bille an de Wänn'; he un ſin Lewiſ' wieren ok damang, in Lebensgröt, un ſe wieren ok recht ſchon; äwer wenn de Lebennigen doar unne ſitten, gefalln een'n de Afbillungen doch nich ſo recht. An een Siet wier ehr lütt Wahnſtuw', ſo recht week un warm, un väle Bäuke har's doa in, gans dicht bi em dat, hei's ümme afraupen künn. Eene anne grote Stuw wier as'n Gvarn, mit väle Blomen un Böhm in Pött, un allelei roares Krut. Ehr beiden Staatsſtuwen hätt ſe mi ſpärehen wiest; dat wier akkrat as'n lütt„Muſeum“, as dat up hochdütſch heit; äwer dat beſt doain wier doch Fritz Reutern ſin egen Afbild ut Marmor, dat heit, man blot de Kopp; de ſtünn upp'n pickſwartes Poſtoment und wier grugelich ähnlich, man blot, dat he ſüs nich ſo witt utſeeg. Als wir noch ſo in'n beſten Klönen upp'n So⸗ pha ſitten, kloppt dat mit eens gans liſing an de Dör, un'n Mäten ſteckt denn Kopp rin:„Herr Doctor Reuter ſüll doch en lütten Ogenblick rute kamen.“ 10* —— 148 He har nich recht Luſt, äwe ſtünn doch up un gung rut; äwer duurt nich lang, is he werre doar: „Du, Lewiſ', do abuten is een, de will mi afſlut een Rock anmäten— ich bruck keen Rock!“ „Min lew Reute“, ſeggt ſe, un grifflacht ſick 'n beten,„wat wuſt Du keen Rock bruken! Dien ſeihn all lecker ut; unſ Gärtner dreggt ſick fine as Du. Gah man rut, dat duurt nich lang!“ He brummelt noch allelei in'n Boart, ſchöw' ſich äwer doch langſam ut de Dör. As he rut wier, enſchulligt ſe ſick bi uns, un ſähr,„wenn ehr Mann mal eens eenen Rock har, an denn he gewöhnt wier, denn wier he em nich aftocomplimentirn, un ſe müſt em mit Liſten beluuren. Se har em ok denn Schniere äwern Hals ſchickt; dat wier mal werre de höchſt Tied.“ He künn ſich äwer ſo bal nich doaäwer tröſten, dat hei een niegen Rock hebben ſüll... 1 As wi furtgüngen, laden de Beeden uns ſo fründlich in, werre to kamen, dat wir ſehgen, ſei meinen dat ſo; äwer he wür denn ball werre krank un wi ſeegen em de nächſte Tied nich. Blot ich güng noch henn un wenn to ehr un ſe vertell mi allelei von frühern Tiden; äwer dat kann ick hier nich utpoſaunen. Wier wiern all'n poar Wochen in Eiſenach; de Welt würr doa ümme ſchöner, un de Böhm ümme 149 gröne, un in den'n Gaſthusgoarn„to'n Löwen“, wo wi to'n Eten güngen, blöhten de Roſen un ſungen de Nachtigallen, un kämen alle Dag mier Frömme. Eins ſeten wi doar ok un luurten up uns Mid⸗ dag, un de Kellner löppt ümme hen un her un röppt: „Gleich, gleich, meine Herrſchaften“, äber bringt uns nix. Endlich ward minen Mann de Tid lang un he ſteiht up un ſeggt: ob ſe uns nu wat gäben wulln ore nich— ſüs güng'n wi furt. Mit eens giwt dat⸗ in de Lauw doabi enen Bautz up denn Diſch, dat de Biergläſ' danzen, un'ne Stimm röppt: „To'’n Donnewette, Du Bengel, hürſt Du nich, dat de Herrſchaften eten willn! Dat fün min lewen Frünn un möten god upwoart warn, ſegg ich Di, verſtanden?“ Un toglik kümmt en Herr mit een griſen Boart ut de Lauw rut un ſtütt't ſick upp ſin Krückſtock up uns to, un ſien lütten gälen Affenpinſcher trippelt hinne em an. Wi kenn'n em glik, dat de oll Herr, de uns do ſin Frünn nennt hett, keen anne as Fritz Reuter wier. He ſett' ſick bi uns dal un klag' uns, dat he krank weſt wier, un dat em dat Krüz noch ſo weih dähr; ſüs güng't doch werre beter. Unnedeß bröcht de Kellner in alle Ihl von dat beſte wat he har, un ſo l. as ſin Dag nicht vorher, 150 un wull ok nich mier Geld as ſüs, dat wi uns binah ſcheniren dehren, dat to nehmen. Un ſo blewt ok, ſo lang wi dor äten. Fritz Reuter blew bi uns ſitten, de Sünn' ſchien ſo warm, wi ſäten in'n Schatten von en poar grote olle Linnenböhm, un dat Vertellen güng ümme luſtiger. So ſpröken wi ok von ſin letzten Biſök in Meklenborg — wur he mit ſo vel Halloh un Himphaup upnahmen wier— un he ſähr: „In Punzendörp— Se as Mekelnbörger möten dat Neſt ja kennen— is mi dunn wat Luſtiges paſſirt, dat war'k Se vertellen. Se weten villicht noch, dat mal vör Joahrn in de Zeitung ſtahn hat, ick wier dot— 1s wier äwerſt nich woar. As ick nu in Punzendörp Abends vörn Gaſthus ankäm, ſün richtig all were weck doa, de't all ihre wüſt harrn as ick, dat ick dor hen käm, un ſe möken enen groten Larm un Geſchrie, un ſchlepen mi in de Gaſtſtuw' rin:„Fritz Reuter hoch!“— Alles ſprüng up, blot en blew ſitten un läſ' in ſin Zeitung. Ick kenn' em, de Mann har all lang'n Haß up mi, wil ick em in en Gedicht bröcht har. Jereein har em glik rutkennt an ſin Redensoart: ꝛc. pp. un in dergleichen Sachen.“ Ick ſähr Reutern, dat ick dat ſchöne Led von Lott un de Katt utwennig wüſt, un he lacht und 151 ſegt:„Hürns man wiere to.— Ick güng alſo up den Mann los un ſegg: Gun Dog, Herr Penkuhn!“ Aber he kiekt mi blot an und ſeggt:„Het Se de Düwel denn noch nich hahlt?“— Dat ſeg he ia ſülbn— ick lat em alſo ſitten, un ball wiern wi an'n annern Diſch in't beſte Vergnögen toſam. Herr Penkuhn ſet achte ſine grote Zeitung un rögt ſich nich; äwer ick ſeeg, dat dat Blatt in ſine Hand bäwert, wenn ick wat Luſtiges vertellen dehr; äwer he let ſich nix marken. As dat ſpät wür un wi to Bed gahn wulln, ſteht he mit eens up un kümmt up mit to:„Ick hew hürt, dat Se morgen na Bramborg willen; enen goden Wagen war'n Se nich finnen un mit de Poſt is dat en leeges Geſchäft. Ick lühr ok hen, Se känen mit mi führen.“ Und domit güng he ut de Dör. Oll Herr Penkuhn de fürcht't ſich nich! Dew'n annern Morgen holl he richtig vör de Dör; ick ſteg bi em in un he packt mi noch de Föt in'n Fotſack, dat ick warm ſitten ſüll; he har ok enen. In beſten Fräden reiſen wi af, nut wir, as har ick em ni biſungen. As wi in Bramborg vörn Gaſthus an⸗ kamen, ſteiht de Husknecht doar un helpt mi ut denn Fotſack rut. As he Penkuhnen ſinen nehmen will, ſeggt dat doa in: Miau! Penkuhn foahrt rüm: Dunnewette, doa is dat ———— 152 Dierth werre in den'n Fotſack kragen, nu ſitt ick hier mit de olle Katt!“ Unnedeß hohlt de Husknecht richtig ne wittbunte Katt ut den'n Fotſack un ſett' ſe up de Ihrd, un ſe ſchüürt ſick um Herr Penkuhnen ſin Föt rüm un ſeggt ganz kläglich: Miau. Un de Husknecht langt werre in den Fotſack un ſeggt: Herr Penkuhn— hier is noch ein! un holt noch ein rut, un ſo noch mal un ümme to, bet he richtig noch ſös niegeborne lütte Katten rutekrägen hätt. As ick vör Lachen to mie kehm, wir Herr Penkuhn verſwunnen, un ich hew em ock nicht werre ſeihn.— Bald. dorupp wir he dod. Un Fritz Reuter wür mit eins ganz iernſthaft un kek ſtuhr vör ſich hen. Da käm de Kellner ran un flüſtert em wat int Uhr, äwer ich verſtünn', dat he ſähr: „Herr Doctor Jolly is all to Hus gahn.“ „Herje, denn is't hoge Tid“, ſähr de oll Herr un ſtünn ilig up, adſchüs, adſchüs, wie ſein uns noch!“ un doamit gäw he uns de Hand un bünnelt af. „Der Herr Doctor eſſen um dieſe Zeit zu Mit⸗ tag“ verſtännigt uns de Kellner. Wi hebben em äwer nich werre ſeihn, he wür von friſchen krank, un wi reiſen ok bal af. Ru is he dod. Wat he as Dichter weſt is, dat 153 weet wi all; äwer dat he noch bet in de letzte Tid enen goden fründlichen Mann wier, un wat he bi alle Wehdag un Krankheit noch hen un wenn vör Läuſchens vertellen künn, dat hätt nich jereein ſo to weiten krägen, as min Oll' un ick, und doarüm hew ick diſſe lütte Geſchicht vertellt. — Von Max v. Schlägel. Erſtes Kapitel. Je m'en moque. „Gehen Sie nicht weiter, chère amie! Ich ver⸗ ſichere Ihnen, Sie ſehen von dort oben nichts Anderes als hier, was ſie in dieſem Thale überhaupt von je⸗ dem beliebigen Platze aus erblicken können— ein kleines Hotel am Ufer eines kleinen Sees. Da oben ſehen Sie genau daſſelbe und einige tauſend Meter geradanſteigender brauner Felſen von tödtlichſter Ein⸗ förmigkeit. Sie echauffiren ſich ganz umſonſt, ma ehhdre, auf dieſem unmöglichſten aller Wege. Es giebt keine andere Ausſicht hier zu Land. Während ich bereits ſeit vier Wochen in dem kleinen Hotel ſchlecht ſchlafe, wenig eſſe und mich ganz erſchrecklich langweile, angeſichts des kleinen Sees, mir halbtodt vor Ermüdung ſeinen Anblick nochmals aus einer 158 Höhe von fünfhundert Metern zu verſchaffen— je m'en moque!“ Die Dame deren Franzöſiſch an Raſchheit mit den Wellen des blaugrauen Poschiavino wetteiferte, an deſſen Ufern ſie dahinſchritt, blieb ſtehen und ihre angenehmen, aber nicht mehr ganz jugendlichen Züge hatten einen Ausdruck angenommen, als ſei„je m'en moque“ ein unwiderruflicher Entſchluß. Die Dame war etwas beleibt, ihre Glieder ſchie⸗ nen immer einen halben Tact hinter den raſchen Sprüngen ihres Geiſtes zurückzubleiben und ihr in den nothgedrungenen Zwiſchenpauſen ziemlich lauter Athem deutete an, daß er für eine ſeiner Obliegenheiten ge⸗ rade ausreichte. Die Sprecherin, der Mundart nach aus Genf, ſtand eben vor einer alterthümlichen Brücke von echt italieniſcher Bauart, deren zerbröckelter Bogen von der Hauptſtraße ab auf einen der ſchlechten Karrenwege führte, wie ſie an den engen ſteilen Wänden des Puſchlav zahlreich nach allen Richtungen emporführen. Ihr Ziel ſind die weißen Ställe und Scheunen, welche ſtattlich von Stein gebaut aus dem Grün ſelbſt der höchſtgelegenſten Halden herabſchimmern und den an ſich etwas einförmigen Thalſeiten Anmuth und Leben verleihen. 159 Die Genferin hatte den Arm ihrer Begleiterin ſanft berührt, als wolle ſie dieſe ebenfalls am Ueber⸗ ſchreiten der Brücke hindern. Die andere Dame, hoch und ſchlank und etwa dreißig Jahre alt, wandte ſich lächelnd um und ſagte mit ſehr melodiſcher Stimme, aber jener etwas harten Betonung des Franzöſiſchen, wie ſie den Italienerinnen eigen iſt: „So ſchmerzlich ich Ihre Geſellſchaft vermiſſen würde, ſo drängt es mich doch zu der Frage, warum Sie ſchon vier Wochen in einer Gegend zubringen, die Sie ſo abſcheulich finden.“ Die Genferin ſah ihrer Begleiterin in's Geſicht, als habe ihr dieſe eine ganz überraſchende Mittheilung gemacht, und antwortete achſelzuckend: „Was wollen Sie? Das kleine Hotel iſt in der Mode! Ich trage ja auch die Tunica, obwohl die⸗ ſelbe für meine Figur ganz unmöglich iſt.“ „Das iſt allerdings ein zwingender Grund, ſich zu langweilen“, meinte die Italienerin mit feinem Lächeln, während die langen ſchwarzen Wimpern ſich über das große träumeriſche Auge ſenkten.„Aber Sie ſind ja verheirathet! Warum, wenn Sie es für nöthig halten, der Mode jedes Opfer zu bringen, wa⸗ 160 rum veranlaſſen Sie nicht wenigſtens Ihren Gatten, ſich mit zu langweilen?“ „Mein Gatte? je m'en moque! Ga veut dire“, fügte die Genferin, über ihre Lebhaftigkeit erröthend, hinzu,„das heißt, wir betrachten einen getrennten Landaufenthalt im Sommer als das einzige Mittel, es im Winter miteinander auszuhalten.“ Das Lachen der Genferin klang etwas gezwungen und auch über das Antlitz der Italienerin flog es wie ein leichter Schatten. „uUnd Sie ſind doch ſo lebensluſtig und heiter“, ſagte die Letztere, als ſetze ſie damit den Vergleich fort, den ſie ſchweigend begonnen. Madame zuckte reſignirt die Achſeln: „Immer Papageien, das iſt den Männern noch läſtiger als— toujours perdrix!“ Dann fügte ſie, wie um den Gegenſtand des Geſprächs zu wechſeln, hinzu:„Und Sie wollen wirklich den abſcheulichen Weg da hinaufſteigen?“ „Ich möchte wol“, ſagte die Italienerin und ſandte einen Blick voll unbeſtimmter, ſchwermüthiger Sehnſucht nach der Höhe.„Ich fürchte nur, daß Sie mir zürnen, wenn ich Sie nicht nach Le Preſe zurück⸗ begleite.“— „Oh, je m'en moque! Pardon“, verbeſſerte ſich 161 die redſelige Dame,„ich wollte ſagen, daß Sie ſich gut unterhalten mögen! Aber Sie werden ſehen. Sie ſehen nichts! Welche Idee, auf dieſen Wegen herum⸗ zuklettern“, fuhr ſie fort, indem ſie zu den Höhen empor und dann auf ihren zierlichen Remontoir ſah. „Es iſt jetzt fünf, wenn Sie um ſieben nicht bei uns zu Tiſche ſind, ſo laſſe ich Sie ſuchen Adieu!“ Und damit wendete Madame ſich um und ſchritt trotz der glühenden Sonnenhitze raſch von dannen. Die Signora rief ihr nach, den Schirm zu öffnen, wenn ſie ihren Teint nicht für immer verderben wolle. „Mein Teint? Je m'en moque!“ tönte es lachend zurück.„Ich habe ja nicht mehr die Aufgabe, einen Mann zu bekommen, ſondern mich deſſelben nur von Zeit zu Zeit zu entledigen.“ . Schlägel, Deutſch nnd Wälſch. II. Zweites Kapitel. Che miracolo! Man ſah doch etwas mehr von der Höhe, als Madame behauptet hatte. Hinter den bewaldeten Thal⸗ ſeiten tauchten ernſte Bergrieſen empor, die röthlich weiße Marmorpyramide des Saſſalbo, die blauen ſchimmernden Wände des Pelu⸗ und Veronagletſchers, ein gewaltiger, tannenſtarrender Klotz theilte der Monte Cavaglia das enge Thal in zwei Hälften, nach Norden verfolgte das Auge ſchwindelnd die kühnen Wendungen des Berninapaſſes, während im Süden die rothbraunen Apricaberge grüßten, welche das weinreiche Veltlin vom Val Camonica und Lago d' Iſeo trennen. Und von den hohen Bergen und den weißſchäumenden Waſſerläufen ſank das Auge der Südländerin hinab zu den freundlichen Dörfern und 163 Häuſern, die ſich in dem an manchen Stellen kaum fünf Minuten breiten Thale drängen, auf Poschiavo, das wahrhaft königlich daliegt mit ſeinem uralten romaniſchen Glockenthurm in einem Kranz von Gärten, auf San Carlo, Annunziata, Barbalena, die ſich zwiſchen die Felſen drücken, und allerdings auch auf das kleine ſchloßähnliche Hotel, das mit ſeinem hellen Farben und hübſchen Formen am Ufer des blaugrünen Lago di Poschiavo träumt. Die Schatten auf dem Antlitz der Signora wur⸗ den immer dunkler, der Ausdruck ihrer großen räthſel⸗ haften Augen immer trüber und ſinnender, trotzdem die Sonne immer heller, die ſie ungebende Welt immer freundlicher wurde, je höher ſie ſtieg. Die Art der Madame Medard hatte heute zum erſten Mal keinen günſtigen Eindruck auf die Itali⸗ enerin gemacht. Dieſe fand heute die Selbſtironie Madame's affectirt und deren Bonhomie herzlos. Madame hatte das Heiligſte, Liebe und Che in eine Linie geſtellt mit den erbärmlichſten Trivialitäten des Lebens, die man eine Weile entbehren mußte, um ſie wieder erträglich zu finden. Madame hatte die Stirn, das lachend einzugeſtehen— das war abſcheulich. Die Italienerin blieb plötzlich ſtehen auf dem glatten Felſenweg mit den ausgefahrenen Gleiſen und . 11* ———— 164 ihr Blick ſenkte ſich zu dem Gewirr von braunen Fel⸗ ſen und ſchwarzgrünen Sträuchern zu ihren Füßen, ohne es zu ſehen. Mit der Hand auf dem pochenden Herzen, wie tief erſchreckt, ſtand ſie lange und ſchaute in den Abgrund. Hatte ſie das Recht, ſo hart mit Madame Medard in's Gericht zu gehen? Weilte ſie nicht ſelber an den eis⸗ und ſchneeſtarrenden Pforten Italiens, während ihr Gatte in ſeinem Palaſt am Arno die Prachtliebe ſeiner Ahnen überbot und in der Befriedigung glänzen⸗ der Launen vielleicht ſelber jene Thorheit nicht mehr glaubte, die ihn mit der namenloſen Künſtlerin ver⸗ einigt hatte? Die Italienerin ballte die kleine Fauſt, daß die Näßhte ihrer ſchmalen Handſchuhe ſich dehnten, und ihr Auge flammte düſter.. 3 Nein, nein! Ihr Schickſal hatte nichts gemein mit dem der Madame Medard. Es war ein ſchreck⸗ licher Irrthum, der ſie mit dem Marcheſe vor den* Altar geführt, aber es war nicht Ueberdruß, nicht Laune, was ſie trennte. Er war ſtolz und herriſch und liebte nichts an ihr, als ihr Geſicht, wie er ſich hübſche Bilder zum Schmucke ſeiner Paläſte kaufte. Von dem mächtigen Flügelſchlage einer freien Künſtler⸗ ſeele verſtand er nichts. Halb Nonne und halb 165 Ritterdame ſollte ſie den Blick nicht erheben und tief verloren ſtehen bleiben vor den Erzeugniſſen jener Kunſt, die ihr reiches Füllhorn ausſchüttete über das herrliche Florenz, ſollte nicht mehr die edle Form, den Schnitt der Züge bewundern dürfen ſelbſt im Antlitz eines Bettlers. Die Künſtlerin Virginia Naffei war rein und ſtolz und frei geweſen, begeiſtert für alles Schöne und verſtanden von allen Guten. Die Marcheſa Dalonzetti war todt für ihre Freunde, für die Welt, für die Kunſt— nur nicht für die Befehle ihres Gatten. Sie hatte ihn geliebt, den ſchönen ſtolzen Jüngling, der ihr ſo glühend von ſeiner Leidenſchaft ſprach. Er kaufte ſie, wie man eines ihrer reizen⸗ den Aquarelle kaufte, und da ſie um keinen andern Kaufpreis feil war, mit ſeinem Namen. Und als ſie ſich trennten, gab er ihr ſelbſt die Freiheit nicht wieder. Er ſei es ſeinem alten Namen ſchuldig, das Aufſehen einer Eheſcheidung zu vermeiden, antwortete er auf ihr trotziges Verlangen. Sie mußte ſeinen Namen tragen, ſelbſt als ſie ihm nicht mehr ange⸗ hörte, ſo wollte es ſeine Eigenſucht. Er durfte der Welt, die ſo lange zu ihm emporgeſehen hatte, nicht eingeſtehen, daß er das eine Mal, da er ihre Vor⸗ urtheile gering geachtet, ſich geirrt habe. Das war's allein, warum ſie den gehaßten Namen tragen ————— 166 mußte bis an ihr Ende. Wenn ſie ihm Alles ver⸗ ziehen hätte, dieſe Tyrannei, ſie noch der Form nach an ſich zu ketten. da ſie doch für immer getrennt waren, verzieh ſie ihm nie, nie! Und die Marcheſa ſtieß ihren zierlichen Fuß auf den abgeſchliffenen Fels, auf dem ſie ſtand. „Che miracolo! Welch' ein Wunder!“ Es war eine tiefe, volltönende Stimme in ihrer nächſten Nähe, die das wie in andächtiger Ueberzeugung ſagte. Virginia Dalonzetti warf mit unwilliger Energie den Kopf in die Höhe. Vor ihr ſtand ein einfacher Bauer in der maleriſchen Tracht der Gegend, weißen, von einem rothen Band gehaltenen Strümpfen, ſchwarzen Kniehoſen, rother Weſte, kleinem Hut mit bunter Schnur. Der Mann hatte die Arme über der Bruſt gekreuzt und betrachtete die Marcheſa mit einem unverkennbaren Ausdruck hoher Bewunderung in jener halb theatraliſchen Haltung, wie ſie dem niedern italieniſchen Volke eigen iſt. Der Mann war groß und ſchlank und ſeine Geſtalt von einem ſeltenen Ebenmaß. Das Geſicht hatte vielleicht einen zu kräf⸗ tigen Schnitt, die Naſe war zu kühn vortretend, die Augenbrauen waren zu buſchig, um für ſchön gelten zu können, aber der Ausdruck van Stolz und In⸗ 167 telligenz, der auf ſeiner hohen, breiten Stirn und in den klugen braunen Augen lag, verſöhnte etwas mit der Don Quixot'ſchen Zeichnung des Profils. Die Marcheſa war nicht furchtſam. Sie war als Mädchen wochenlang nur von einer Kammerfrau be⸗ gleitet in den wildeſten Gegenden des Apennien um⸗ hergeſtreift, ohne daß ihre Studien geſtört worden wären und ſie hatte ihren beſorgten Freunden oft ver⸗ ſichert, daß Raub und Gewaltthat meiſt durch Un⸗ freundlichkeit oder beleidigende Furcht herausgefordert würden. Ein freundliches Wort, ein Gruß, ein heiteres Geſichk ſei der beſte Freipaß in jenen Gegen⸗ den, wohin der feingegliederte Mechanismus des geſell⸗ ſchaftlichen Schutzes nicht mehr reicht. Auch heute fühlte ſie nichts weniger als Furcht bei dem ſonder⸗ baren Gruß und dem Anſtarren des Mannes, der ihr hier, einige tauſend Fuß über jeder bewohnten Stätte gegenüberſtand wie der angeſtammte Herrſcher dieſer dürftigen Scholle. Hinter ihm, da, wo der Weg ſich wieder in's Thal ſenkte, ſtand ein Karren mit zwei weißen Ochſen, welche traulich die Köpfe aneinander⸗ rieben. Etwas von dem einſtigen Uebermuth der Künſt⸗ lerin und der Trotz gegen den ihr aufgedrungenen —QOQO—-—ñꝛñL˖ÿ—— 168 Rang regte ſich in ihr, ſie warf das ſchöne Haupt in den Nacken und rief lachend: „Hört die Glocken da unten im Thal— die er⸗ zählen Euch von Wundern, Freund!“ Der Bauer legte die Hand auf die Bruſt und ſagte mit faſt feierlicher Stimme: „Da unten erzählen ſie von der Madonna, ich habe ſie geſehen.“ Virginia erröthete leicht bei dieſer emphatiſchen Schmeichelei. Der Stolz der Marcheſa regte ſich in ihr und ohne Lächeln ſagte ſie: „Der Weg dort führt wieder in das Thal?“ „Si, Signora— nach San Carlo und meiner Heimat Barbalena. Aber es iſt kein Weg für zarte Füße.“ „Ich danke Euch.“ Virginia ging an dem Bauer vorüber. Der Weg, den ſie einſchlug, war verſperrt durch das Ochſen⸗ fuhrwerk. Da ſprang der Bauer ihr voran, griff den beiden Thieren in die Hörner und drückte ſie mit der ganzen Schwere ſeines Körpers zur Seite, daß eines halb über dem Abgrund ſchwebte. Und als die Marcheſa vorüber war, eilte der Bauer ihr raſch vor⸗ aus, ohne ſich ihr zudringlich zu nähern, doch nah genug, um ihr beizuſpringen, wenn ſie auf dem hart ” 169 am Abgrunde dahin führenden ſteilen Pfad aus⸗ glitt. Doch Virginia ſtrauchelte nicht. Feſt und ſicher und ohne ſich ſcheinbar um den Mann zu kümmern, der ihr mit einer gewiſſen wiegenden Anmuth voran⸗ eilte, ſtieg ſie abwärts. Unten angekomuten, blieb der Bauer ſtehen und die ausgeſtreckte Hand würdevoll von einer Thalſeite nach der andern bewegend, ſagte er: „Hier iſt San Carlo— ehe die Sonne hinter dem Pizzo di Verona untergegangen iſt, könnt Ihr Le Preſe erreicht haben.“ Das künſtleriſche Intereſſe der Marcheſa ſchien, ſeit ſie ſich bewohnten Stätten näher fühlte, wieder zu erwachen.— „Ihr wißt wo ich wohne?“ ſagte ſie freundlich, „ich erinnere mich nicht, Euch je geſehen zu haben.“ „Die Tabaksernte hat noch nicht begonnen und die Stauden ſtehen dicht!“ ſagte der Landmann von Barbalena mit ſeiner ruhigen Galanterie. Virginia erinnerte ſich, daß ſie ſchon mehrmal einen Fußweg eingeſchlagen hatte, welcher meiſt zwiſchen Tabaksfeldern bis zum Fuß des Monte Ca⸗ voaglia und an das Dorf Barbalena ſich erſtreckte. Sinnend betrachtete ſie ihren Begleiter, der in 170 ſtreiften Felsblock lehnte. „Ihr ſeid gefällig geweſen gegen mich“, fuhr ſie fort.„Ihr habt Euer Fuhwerk meinetwegen im Stich gelaſſen und es nimmt vielleicht Schaden.“ „Auch ich bin Menſch, Padrona!“ antwortete der Bauer ruhig, als ob er damit andeuten wollte, daß er die Pflichten gegen ſeine Gattungsgenoſſen höher ſtelle, als die gegen ſeine Ochſen. Virginia ſtand wie unſchlüſſig. Der Bauer, der mit jedem Schritt, jeder Bewegung eine immer auf's Neue überraſchende körperliche Anmuth zeigte, hatte ihr künſtleriſches Intereſſe und ihre Neugier ungemein an⸗ geregt, aber gegen dieſe Eindrücke ſträubte ſich die Mar⸗ cheſa mit der ganzen Kraft ihrer aufgedrungenen Würde. Da dachte die Marcheſa an ihren Gatten Er beherrſchte, er unterdrückte ſie ſelbſt in dem verloren⸗ ſten Erdenwinkel, auf den einſamſten Wegen, erſtickte ſelbſt hier die lauterſte Regung einer freigeborenen Künſtlerbruſt. Nein— das ſollte er nicht. Seine maßloſe Herrſchſucht hatte ihren Gatten ſelbſt um alle Rechte auf ihr Herz gebracht, jetzt gehörte es wieder ganz und voll der Kunſt. Sie war nicht ſchlecht genug, um vor dem Urtheil der Schlechten zu bangen. e 171 Noch einmal ſchweifte ihr Blick wohlgefällig über die Geſtalt ihres Führers. „Wenn Ihr morgen eine Stunde Zeit für mich habt, ſo könnt Ihr in Le Preſe nach der Marcheſa Dalonzetti fragen“, ſagte ſie haſtig, als fürchte ſie, daß ihr eigener Entſchluß ſie reuen möge. Ueber das ſonnenverbrannte, wol ſechsunddreißig⸗ jährige Geſicht des Bauern zuckte eine helle freudige Ueberraſchung. Dann legte er die Hand auf die Bruſt und neigte ſchweigend das Haupt: „Tauſend Dank, Madonna!“ Die Marcheſa ging raſch hinweg und ihre Wan⸗ gen glühten, noch lange in halber Scham, als habe ſie ein Unrecht begangen. —— Drittes Kapitel. Die Welt in der Taſche. Das palaſtähnliche kleine Hotel Le Preſe an der Grenze zwiſchen Graubünden und Italien iſt nur etwa vier Monate im Jahre, zwei im Frühling und zwei im Herbſt, von Fremden beſucht, dann aber auch voll bis unter ſein flaches Dach. Le Preſe liegt am Ausgang des vom Engadin herunterführenden Ber⸗ minapaſſes und dient einem Theile der zwiſchen den Hochthälern der Südſchweiz und Italien wechſelnden vornehmen Reiſewelt gleichſam als Uebergangsſtation. Le Preſe iſt eingerichtet wie die meiſten der itali⸗ eniſchen oder ſchweizeriſchen Hotelpenſionen, in denen der blaſirte anſpruchsvolle Reiſende der Jetztzeit ſo willig auf einen Theil ſeiner perſönlichen Freiheit ver⸗ zichtet. Alle die engliſchen und amerikaniſchen Geld⸗ 173 fürſten, die deutſchen Ariſtokraten, die Herren und Damen aus allen Welttheilen, die da einträchtig ver⸗ 1 ſammelt waren, ertrugen ſtillſchweigend die ſelbſtgenüg⸗ 1 ſame Oberhoheit eines Direttore, auf deutſch Ober⸗ kellners, der ſein weiß und rothes, mit einem glänzend ſchwarzen Backenbart geziertes Geſicht wie ein höherer Polizeibeamter zwiſchen ihnen ſpazieren trug, und die Grobheit der Kellner, welche aus einheimiſchen Bauern⸗ jungen vermittels etwas Franzöſiſch und eines ſchwar⸗ zen Leibrocks in lepreſiſche Ganymede umgeſtempelt waren. Nur die Dame aus Genf erlaubte ſich in ihrer ironiſchen Zungenfertigkeit manchmal eine ziem⸗ lich laute und eingehende Kritik vorkommender Un⸗ zukömmlichkeiten. Sie erreichte damit jedoch nichts Anderes, als daß das Wachspuppengeſicht des Direc⸗ tors verbindlich lächend eine nicht mißzuverſtehende 2 Bewegung nach der Pforte des Hotels machte und daß eine ruſſiſche Fürſtin, welche einer alten Karten⸗ ſchlägerin nicht ganz unähnlich ſah, athemlos vor Lachen flehte:„Haben Sie Barmherzigkeit.“ Einer der Hauptreize Le Preſes war ein lauſchiger, buſchreicher kleiner Garten, welcher das Hotel vom See trennte. Zwiſchen den Bäumen hindurch ſchimmerte der blau⸗ grüne Waſſerſpiegel. Buntbemalte Boote ſchaukelten in einer niedlichen Hafenanlage von Tropffſteinfelſen. ———— 174 Trotz dieſes kleinen, noch überdies mit einer Schaukel geſchmückten Paradieſes, trotz der Schein⸗ pracht im Innern des Hotels, der Atlasdraperien aus gelbem glänzenden Percal, welche über gemalte Mar⸗ morbaluſtraden hingen, ſchien es der Mehrzahl der zeitweiligen Einwohner des kleinen Hotels nicht beſſer zu gehen, als Madame Medard— ſie langweilten ſich unſäglich. Das mag ſie entſchuldigen, daß ſie mit einer faſt indiscreten Neugier Marcheſa Dalonzetti, beobachteten, welche ihnen in ſo Vielem ein Räthſel war und nun vollends für alle Welt ſichtbar an einem von Bäumen freien Platz des Gartens vor ihrer Staffelei ſaß und mit vollem Eifer beſchäftigt war, die Geſtalt eines lebensgroßen wirklichen Bauern aus der Umgegend, der vor ihr ſtand, abzuzeichnen. In ſeinen Sonntagskleidern, mit blendend weißen Strümpfen und einer Weſte von brennendſtem Schar⸗ lach, den einen Fuß graziös vorgeſetzt und die Jacke keck über die eine Schulter geworfen, ſtand der Land⸗ mann von Barbalena vor ihr und erwiederte mit einem herausfordernden Lächeln ſtolzen Glücks die neugierigen Blicke, welche auf ihn und die Künſtlerin gerichtet waren. Madame Medard ſaß neben der ruſſiſchen Fürſtin 175 in einem Schaukelſtuhl und warf hier und da einen erſtaunten Blick auf die Malerein. „Das iſt ſehr ſonderbar!“ ſagte ſie nach einer Weile halb im Monolog und halb zu der Ruſſin ge⸗ wendet.„Ich bin ſehr zufrieden, wenn mir keiner von dieſen garſtigen Bauern auf einſamen Wegen be⸗ gegnet. Wenn es nur noch ein Bauer oder Schäfer aus dem Vaudevill wäre, mit glänzenden Schuhen, buntſeidenen Schleifen und geſchminkt wie unſer Herr Direttore— dann würde er ſich allenfalls noch für das Album einer gebildeten Dame eignen, aber ein wirklicher Bauer, der den Pflug führt und ſogar nach rohem Tabak riecht— je m'en moque.“ Mii tiefſinnigem Blick hatte die Fürſtin⸗Karten⸗ ſchlägerin ſich eine Weile die Beſchäftigung der Itali⸗ 5 enerin angeſehen. Dann wendete ſie ſich mit einem tiefen Seufzer und ſichtbar ſehr beunruhigt an Ma⸗ dame Medard und flüſterte geheimnißvoll: „Es iſt mir ein Räthſel, wie die Marcheſa ihre Malergeräthſchaften verpackt. Ich war ſchon einigemal in ihrem Zimmer und habe jene Staffelei dort nie bemerkt.“ „Die Staffelei wird eben zerlegbar ſein und in jedem Koffer untergebracht werden können“, meinte Madame. 176 „Zerlegbar!“ ſagte die Ruſſin mit ganz unheim⸗ lichem Intereſſe, und ihre von dicken halbergrauten Brauen beſchatteten Augen funkelten.„Wenn ich Malerin wäre, würde ich die Staffelei und alles zum Malen Nöthige ſtets bei mir tragen.“ „Doch nicht etwa im Portemonnaie?“ lachte Madame Medard. „Im Portemonnaie, wenn es ſein muß“, er⸗ wiederte die Ruſſin mit einem ſiegesgewiſſen Blick. „O, der menſchliche Geiſt iſt eine gute Sache. Es giebt merkwürdige raumerſparende Mechanismen... Man kann in den Fall kommen, daß man einem ſolchen Werkzeug das Leben verdankt.“ „Doch nicht einer Malerſtaffelei?“ „Warum nicht? Jener Maler, der von den Steppenvölkern gefangen wurde, hat ſich nur durch ſeine Kunſt befreit...“ „Ich weiß, er hat die Fratzen ſeiner Peiniger an die Wand gemalt— une belle revanche! Ach“, rief⸗ Madame Medard plötzlich, als habe ſie eine leuchtende Idee,„jetzt verſtehe ich Alles. Die Marcheſa iſt auf ihrer einſamen Kletterpartie dieſem alpinen Kirgiſen in die Hände gefallen und hat ſich um den Preis ſeines Portaits losgekauft. Promenaden, bei denen man derlei Aventüren hat— je w'en moque. Ich 9 7 164 beſitze nicht einmal ein ſolch' lebensrettendes Talent. Mais que diable faites-v us laà, duchesse?“ prallte ſie pötzlich entſetzt zurück vor all' den ſonderbaren Gegenſtänden, welche die Ruſſin mit düſterm Schwei⸗ gen und einer gewiſſen Feierlichkeit aus der Taſche geholt und auf den Tiſch gelegt hatte. „Kennen Sie das?“ fragte die Fürſtin, indem ſie eine auf kunſtvolle Weiſe zuſammengerollte Kugel von Fiſchbeinen und Drähten emporhob. Madame Medard ſchüttelte den Kopf. „O, das iſt eine gute Sache“, lächelte die Ruſſin ſichtlich geſchmeichelt durch das Staunen ihrer Zu⸗ ſchauerin.„Kennen Sie es jetzt?“ Madame Medard ſtreckte abwehrend die Hände voor, denn Drähte und Fiſchbeine ſtarrten bedenklich nach allen Himmelsrichtungen. „Das iſt eine künſtliche Taſchenſpinne!“ rief die Genferin. Die Ruſſin lächelte ſtolz, brachte einen aus zu⸗ ſammenſchobenen Blechröhren beſtehenden Stiel zum Vorſchein, überzog das Fiſchbeingeſtell mit einem kleinen Knäuel von Seidenrips und ſchwenkte den in's Leben gerufenen Sonnenſchirm cokett über dem greiſen Haupte... Dann legte ſie ihn, wie ein Feldherr v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. II. 12. 178 nach gewonnener Schlacht ſeinen Commandoſtab, zu dem Uebrigen. Und ſodann begann die Völkerwanderung aus ihren Taſchen auf's Neue. „Attendez!“ ſagte Madame Medard mit tiefem Ernſt.„Ich will ein Verzeichniß von dem Allen auf⸗ nehmen. Eine ſolche Sammlung von möglichen und unmöglichen Gegenſtänden trifft man nicht ſobald wieder in einer Taſche zuſammen.“ Und ſie ſchrieb:„Drei ineinandergeſchobene Trink⸗ becher.— Drei Flacons von verſchiedener Größe für Waſſer, um nicht in die Gefahr zu kommen, friſches Ouellwaſſer trinken zu müſſen, Cau de Cologne und prr! Liqueur.„Le petit verre“ iſt das größte von allen, wie mir ſcheint.— Zwei Meſſer, eins zum Ab⸗ ſchneiden von Blumen, eins zum Kürzen der... doch davon ſpricht man nicht.— Eine Scheere zu de ſelben Zweck.— Eine Feile ditto.— Ein Schrauben⸗ zieher. Mon dieu, was machen Sie denn damit?“ Die Fürſtin neigte ſich mit der Miene einer düſtern Entſchloſſenheit über den Tiſch: „Es iſt mir ſchon vorgekommen, daß man aus Verſehen meine Zimmerthür von außen zugeſchloſſen hatte. Denken Sie ſich meine Lage, wenn ich nicht das Schloß abzuſchrauben vermocht hätte?“ 479 „Aber dem Kellner läuten war doch ein⸗ facher.“ Die Ruſſin ſchüttelte unwillig das Haupt. 1„Die wenigſten Glockenzüge in den Hotels ſind in Ordnung. Manchmal hören die Kellner aus Bos⸗ heit nicht. In einzelnen Fällen haben die Zimmer gar keine Glockenzüge. Ein elektriſcher Taſchen⸗ telegraph iſt eine gute Sache, aber wie ſoll ich bei geſchloſſener Thür die Leitung an die Glockendrähte befeſtigen!“ „Allerdings ſchwierig. Sollte nicht ein kleiner geräuſchloſer Sprengapparat, um Oeffnungen in den Mauern herzuſtellen, damit verbunden werden können?“ 3 „Sie ſpotten, Madame!“ ſagte die Fürſtin ver⸗ letzt.„Sie würden die Sache ernſter nehmen, wenn Sie, wie ich, ſchon während eines ganzen Mittageſſens in Ihrer Stube eingeſchloſſen geweſen wären und die Klingelſchnur abgeriſſen hätten, ohne daß man Ihnen öffnete.“ „Während des Mittageſſens? Das wäre aller⸗ ddings ſehr traurig“, beſtätigte Madame Medard über⸗ zeugungsinnig.„So ſchlecht es ſei, das Diner iſt das Einzige, was den Aufenthalt hier erträglich macht. Notiren wir weiter... 12* —.—— —— 180 „Du savon... je m'en moque! Ein Porte⸗ monnaie mit achttauſend Frans in Gold. Um die Taille eingenäht zehntauſend Rubel in Kaſſenſcheinen. — Das wird den Herren Räubern, denen Sie einmal in die Hände fallen, ſehr angenehm ſein!“ „Räuber?“ rief die Ruſſin mißtrauiſch.„Für die Räuber habe ich meine Revolver.“ Madame Medard rückte beunruhigt zur Seite. Die Ruſſin holte eine jener mörderiſchen Waffen, auf's Zierlichſte eingelegt, aus der Taſche. Die gelben Meſſingſtifte, welche aus den Zündlöchern hervor⸗ ſchauten, bewiefen, daß die Waffe geladen war. „So oft ich in ein Hotel komme, laſſe ich aus Verſehen meinen Revolver losgehen. Dann weiß die ganze Nachbarſchaft, daß ich bewaffnet bin.“ „Daher alſo neulich der Schuß, bei dem das ganze Haus zuſammenlief, und über den der Direttore keine Auskunft geben wollte?“ Die Ruſſin nickte, als habe ſie eine große Schlau⸗ heit verübt, und war im Begriff in ihrer Miniatur⸗ weltausſtellung fortzufahren. Aber Madame Medard legte den zierlichen Gold⸗ ſtift ermüdet aus der weißen rundlichen Hand „Assez Madame! Ich danke Ihnen. Ich will nicht weiter in Ihre Toilettengeheimniſſe eindringen..“ 181 „Aber meine Taſchenhängematte, meine Strick⸗ leiter in einer Nußſchale müſſen Sie ſehen!“ rief die Ruſſin geängſtigt, ihre Zuhörerin zu verlieren. „Eine Hängematte, die mit mir reißt, eine Strick⸗ leiter, die ich nicht erklettern kann— je m'en moque!“ lachte die Genferin.„Wenn Sie nicht etwa ein kleines Taſchenhotel mit einem ſchiffbaren See in petto haben, ſo halte ich ihr Pochepourri für ſehr unvollſtändig.“ Mit einem häßlichen Seitenblick ſteckte die Ruſſin ihre ausgekramten Gegenſtände wieder regelrecht in ihre ſechs Taſchen. —— Viertes Kapitel. Vor der Staffelei. Madame Medard war zur Marcheſa getreten, welche die Umriſſe des Bauern in kühnen, leichten Linien angedeutet hatte und eben daran ging, mit einer Hand, die ziemlich viel Routine verrieth, einzelne Farben aufzutragen. Mit der den Künſtlern bei der Arbeit geſtatteten Freiheit malte die Marcheſa, ohne auf ihre Freundin zu achten, weiter und ſetzte auch das Geſpräch fort, das ſie halb mit ſich ſelber, halb mit ihrem Modell führte:. „Armes Volk, das der Boden nicht zu ernähren vermag, der es geboren! Wunderbare Sehnſucht, die den Menſchen immer wieder zu der Scholle treibt, auf der ſeine Wiege geſtanden. Und nachdem die Gold⸗ 183 ſendungen aufhören und Sie annehmen mußten, daß Ihr Vater todt ſei, wer ſ Studien?“— „Niemand, Signora“, ſagte der Bauer mit einer eigenthümlich traurigen Melodie der Stimme. 4 3„Die Prieſter hier zu Lande machen keines zu ihres Gleichen, der ſie nicht bezahlt. Zudem liebten ſie mich nicht.“ orgte dann für Ihre „Verzeihung guter Freuud!“ unterbrach die Mar⸗ cheſa mit milder Stimme,„Sie neigen das Haupt zu 3 tief. Dieſe Schatten um die Augen kann ich nicht brauchen. Sehen Sie mir in's Geſicht... So! Das iſt der richtige Ausdruck!“ Die Marcheſa beeilte ſich, dieſen Ausdruck feſt⸗ zuhalten. Des Bauers Antlitz war in dieſem Augenblicke faſt ſchön. Es leuchtete, als ob er in's Feuer blickte. „Die Prieſter liebten Sie nicht“, nahm die Marcheſa das vorige Geſpräch wieder auf.„War⸗ um nicht, wenn Sie doch auch Prieſter werden 4 wollten?“ „Sie ſagten, daß ich nicht den rechten Glauben habe. Ich ſtellte Fragen, die ſie nicht beantworten konnten und darum für ſündhaft erklärten. Nächte lang ſchlief ich nicht und hielt mich für verflucht von —— 184 Gott, weil ſich gegen Mancherlei, was mir ge⸗ lehrt wurde, Alles in mir ſträubte. Der Böſe habe große Macht über mich, ſagten meine Lehrer denen ich das klagte, und riethen mir Gebet und Faſten.“ Der Bauer ſchwieg, als 8 er den Stimmen in ſeinem Innern mißtraute, welche ihm ſagten, daß die ſonnige Geſtalt da vor ihm nichts gemein habe mit den finſteren Gewalten, die über ſeine Jugend ge⸗ herrſcht hatten. Die Marcheſa ſah zu ihm auf mit einem Blick, der bis in ſeine Seele leuchtete, und malte weiter. „Und als man einen Band weltlicher Gedichte bei mir fand“, fuhr der Bauer faſt verlegen fort, zi man mich aus und ich wurde Knecht.“ Deer Pinſel der Marcheſa ruhte und ihre weiße Hand lag unthätig auf der Stange. „Armer Mann“, ſagte ſie mit tiefer Simme und der Blick, den ſie auf den Erzähler richtete, galt nicht dem Modell, ſondern allein dem Menſchen.„Wie hieß der Dichter, dem Ihr Eure Entlaſſung ver⸗ dankt?“ „Petrarca. 4 Virginia ſah eine Weile vor ſich nieder und als ſie wieder zu dem Bauern redete, lag in ihrer Stimme 185 nichts mehr von der wohlwollend heitern Herablaſſung von eben. Der Prieſterzögling, welcher zum Pflug verurtheilt wurde um des Sängers der Liebe willen, ſtand ihr mehr als gleich, und ihre Gnade konnte ihn nicht ehren. Faſt ſchüchtern klang es, als ſie ſagte: „Ich danke Ihnen für heute und weiß nicht, ob ich wagen darf, Sie einzuladen...“ Ddie Künſtlerin ſtockte. Der Ausdruck bleichen Schrecks in den Zügen ihres Gaſtes machte ſie ver⸗ ſtummen.. „Laſſen Sie mich wiederkommen, Padrona“, flehte ſeine tiefe männliche Stimme.„Ich will mich ganz ruhig halten und nichts mehr ſprechen. Das Bild kann noch nicht fertig ſein!“.— „Allerdings iſt es das noch nicht“, antwortete Virginia mit ſtockender Stimme, indem ſie ihr Maler⸗ geräth einpackte, ohne aufzublicken.„Aber ich möchte Sie nicht von Ihren Berufspflichten zurückhalten, die Ihnen vielleicht ſchwer genug werden. Ich fühle, daß ich Ihnen kaum eine Entſchädigung bieten kann.“ „Ich bin der Knecht und Sie ſind die Her⸗ rin“, ſagte der Bauer leiſe und flehend.„Laſſen— 6 Sie mich wiederkommen, bis das Bild fertig iſt.⸗ die Marcheſa weiter rauſchte. 186 „Nun gut, wenn Sie nichts verſäumen, mag es ſo ſein. Kommen Sie morgen— nein, über⸗ morgen um dieſelbe Zeit und erwarten Sie mich hier. Wie iſt ihr Name?“ „Pietro Moro von Barbalena.“ Die Marcheſa hatte ihr Malergeräth geordnet und ſtand jetzt auf. Wie eine mächtige Schlange rauſchte die Schleppe ihres ſchwarzen Kleides über die weißen Steine des Gartens, als Virginia mit. einem leiſen Kopfnicken an ihrem Modell vor⸗ überging. „Der hübſche Bauer macht Ihnen ja in aller Form den Hof“, lachte Madame Medard, indem ſie ſich an ihre Freundin anſchloß.„Wenn Sie ihn anſehen, verdreht er die Augen, als ob er zwiſchen jedem Endreim Petraca's, den er an Sie adreeſſirt, einen Geißelhieb ſeiner ehemaligen Kloſterbrüder ſpüre!“ „Madame“, entgegnete Virginia ernſt und zu⸗ rückweiſend und ihr gelblicher Teint röthete ſich leicht—„Madame es giebt Schickſale, über die man bei allem Esprit nicht ſpotten kann, ohne zu verletzen... Betroffen blieb Madame Medard ſtehen, während 187 „Ah, das war ſtark“, murmelte ſie.„Wir ſtehen, ſcheint es, am Anfang eines kleinen Romans. Zu allen Zeiten war die Kunſt die Freundin der Liebe— pamour— ohl je m'en moque.“ Und da ſie glück⸗ lich bei dieſem beruhigenden Reſultat ihrer ſämmtlichen Lebenserfahrungen angelangt war, begab auch Ma⸗ dame Medard ſich zur Tafel. Fünftes Kapitel. Die Auſtralier. Pietro Moro ſchritt inzwiſchen den Poschiavino entlang, welcher dem träumenden Wanderer ſeine blaugrauen Fluthen entgegenwälzte. Und Pietro Moro, der einſtige Prieſterzögling, hing nie gekannten Träumen nach. Ihm war als ſei er eine Stunde lang im Himmel geweſen und nun wieder auf die Erde verſetzt worden. Er war nicht traurig darum⸗ er durfte ja übermorgen dahin zurückkehren und noch; mals die Seligkeit ihres Anblicks genießen... Die längſtvergeſſenen Verſe des lorbeergekrönten Dichter⸗ fürſten wachten wieder in ihm auf und er murmelte ſie vor ſich hin, während ihm ſchien, als entſtrömten die melodiſchen Worte ſeinem eigenen Herzen— an ſie. 189 Ein Mann, der mit einer langen Angelruthe aus Rohr zwiſchen den Weiden des raſch dahinſchießenden Poschiavino Forellen für Le Preſe fing, rief den lang⸗ ſam dahin Schreitenden an. Pietro hörte es nicht. Eine ſchmucke Dirne, auf dem kohlſchwarzen, glänzenden Haar einen ſchweren Korb, ging ſo hart an ihm vor⸗ über, daß ihr Arm ihn ſtreifte, und lächelte ſchelmiſch. Sie lächelte umſonſt— Pietro ſah ſie nicht. Er ſuchte einen Endreim Petrarca's und ihm war, als. dürfe er ſeine Madonna nicht wiederſehen, ehe er den⸗ ſelben gefunden. Da eben, als der vergeſſene Reim Wort für Wort vor ſeiner Seele aufdämmerte, fühlte er ſich derb am Arm ergriffen:— „Cospetto di Bacco!“ hörte er neben ſich eine bekannte Stimme, und raſſelnd fuhren Pietro's weiße Ochſen ihren Karren über den baufälligen Brücken⸗ bogen, an dem ſich am Tage zuvor die Marcheſa von Madame Medard getrennt.„Sangue di Dianal Hat Dich die Madonna von Tirano mit Blindheit und Taubheit geſtraft für Deine Wallfahrt? Verdient: hätteſt Du's. Haſt Dich immer für einen vernünftigen Menſchen ausgegeben, der ſich nichts um die Schwarzen ſcheert, und jetzt, wo's alle Hände voll zu thun giebt, läßt Du Dir Madonnen im Traum erſcheinen und 190 läufſt in die Wallfahrtskirche von Tirano! Ich hätte heute den letzten Tabak heimbringen ſollen und muß um Deinetwegen nach der Bergwieſe.“ Der Mann, der das Alles in gutmüthig mür⸗ riſchem Tone hervorſtieß, war auf dieſelbe Art, aber ſchlechter gekleidet wie Pietro, der ſeinen Feſtſtaat trug; er war um einen Kopf kleiner, aber noch breiter und kräftiger, als der junge Bauer, was ihm bei der Kürze ſeines Körpers und ſämmtlicher Gliedmaßen etwas zwerghaft Athletiſches gab. Der Mann war etwa fünfzig Jahre alt, ſein Geſicht war bartlos und von der Sonne faſt zinnoberroth gebrannt. In der kaum zwei Finger hohen Stirn, der breiten Naſe und den hervortretenden Backenknochen lag eine derbe, rückſichtsloſe Energie, während die grauen Augen des Mannes trotz ſeiner ſcheltenden Worte mit faſt väter⸗ licher Güte auf dem angeblichen Wallfahrer ruhten. „Mit dem Tabak iſt es nicht ſo ſchlimm, Quirino“, agte Pietro kleinlaut, als ob ihn die Lüge drücke die er ſich ſeinem Dienſtherrn und Verwandten gegen⸗ über hatte zu Schulden kommen laſſen.„Roſa wird den Reſt ſchon geſchnitten haben.“ Quirino ſah ſeinen Knecht überraſcht an: „Roſa? Früher haſt Du doch nie gelitten, daß ich Roſa auf das Feld ſchickte und haſt lieber ſelbſt 191 für Drei gearbeitet oder noch ſpät nach Abendläuten, damit ſie ſich nicht anſtrengte. Hat Dir das auch die Madonna von Tirano geſagt, daß die Roſa Tabak ſchneiden ſolle, während Du beteſt?“ Pietro Moro wagte ſeinem Herrn nicht in die ſcharfen, gutmüthigen Augen zu blicken. „Höre, Pietro“, fuhr der kleine Athlet fort, indem er ſeinem viel größern Knechte die breite Hand auf die Schulter legte,„höre, Pietro! Laß das Beten und Wallfahren den Weibern und halte Dich tüchtig dran, daß wie raſch unſere Ernte einbringen.“ „Ich kann nicht“, murmelte Pietro. Uebermorgen muß ich wieder nach Tirano. Ich habe ein Gelübde gethan... „Corpo di Dio, Du biſt verrückt, Pietro!“ rief Quirin. Pietro widerſprach nicht. Langſam ſchritten die Beiden dahin am pfeil⸗ ſchnell fließenden blaugrauen Poschiavino. Mit be⸗ dächtigem Schritt folgten ihnen die weißen Ochſen. Pietro und Quirin bogen von der Hauptſtraße ab in einen Nebenweg, der am Fuße des Monte Cavaglia entlang nach Barbalena führt. Ohne daß ſich Jemand um ſie kümmerte bogen die Ochſen genau an derſelben Stelle ein. Wohl eine ——— 492 Viertelſtunde lang waren die Männer ſchweigend den ſchlechten Karrenweg emporgeſchritten, als ihnen ein kleiner, hoch mit grünen Tabaksblättern beladener Wagen denſelben verſperrte. An dem erhöhten Rande des Wagens ſaß ein junges Mädchen, das manchmal wie ein Vogel vor dem Einſchlafen ein paar Tacte eines melancholiſchen Liedes vor ſich hinſang und dann wieder wachend weiterträumte. „Ecco la Rosa“, ſagte Quirin nnd in ſeinen Augen leuchtete eine große Zärtlichkeit. Das Mädchen blieb ſitzen, auch als Pietro und ihr Vater vor ihr ſtanden. Indem ſie ihre friſchen braunen Augen von dem Einen zum Andern wandern ließ, ſagte ſie einfach: „Ich habe den Wagen zu voll geladen und konnte ihn nicht bergauf ziehen. Da wartete ich auf Euch.“ Und ſie lachte, daß zwei Reihen ſtarker, blendend weißer Zähne zwiſchen den dunkelrothen Lippen ſicht⸗ bar wurden und ihr Geſicht, das eine leicht kaſtanien⸗ braune Färbung hatte, ward anmuthig und reizend unter dem Ausdruck von Frohſinn und Herzensgüte, den das kleine Mißgeſchick darauf hervorrief. „Wenn Dir das die Madonna von Tirano nicht ve rboten hat, ſo faß an!“ ſagte Quirin zu Pietro, der wie in tiefem Nachdenken auf das Mädchen ſchaute 193 Als ſich Roſa vom Raſen erhob, erſchien ihre Geſtalt weder beſonders ſchlank noch hervorragend ſchön. Sie war ein Bauernmädchen wie tauſend andere in dieſen Gegenden und ſchwang ſich ohne beſondere Grazie auf das Ochſenfuhrwerk ihres Vaters. Rührend an dem achtzehnjährigen Geſicht jedoch war der Ausdruck einer warmen, faſt kindlichen Hingebung, wenn daſſelbe ſich zu Pietro wendete. „Als Du fort warſt, Vater“, fuhr das Mädchen fort, indeß ihre friſchen Augen wieder zu Quirin wanderten,„kaum nach einer Stunde war Nachbar Bertolini da und fragte nach Dir und ſagte, daß ihm der Preis recht ſei, den Du für das Haus und die Felder verlangt haſt und daß er auch den Vertrag unterſchrieben und die Sache nun ihre Richtigkeit habe.“ „Evviva!“ rief Quirin mit jugendlicher Lebendig⸗ keit, indem er ſeinen Hut vom Kopfe nahm und ſchwenkte.„In einer Woche geht es nach Auſtralien Direct nach dem Goldlager gehen wir, das ich damals ſo dummer Weiſe verlaſſen habe, vielleicht eine Stunde bevor das Gold kam. Aber der plötzliche Tod von Roſe's Mutter hatte mich um den Verſtand gebracht. Da packte ich mein kleines Röschen zuſammen und fuhr ab. Fünfzehn Jahre hat mich meine Dummheit v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. II. 13 nicht ſchlafen laſſen. Freut Euch, Kinder! Wir kehren nur als reiche Signori in unſer Bergloch zu⸗ rück.... Auch Du ſollſt ein Signore werden, Pietro!“ Pietro lehnte mit finſterer Entſ löhloſſenheit am Tabakswagen. „Ich gehe nicht mit Euch nach Auſtralien!“ ſagte er faſt unhörbar. Aber Roſa hatte es gehört. Mit einem Satz war ſie vom Ochſenfuhrwerk zur Erde geſprungen, hatte ihres Vaters Hand erfaßt und ſah ihn mit kindlicher Verzweiflung wie Hülfe ſuchend an: „Vater, Pietro will nicht mit!“ „Er muß mit“, Diavolo! ſchrie der fünf Fuß hohe Rieſe zornig und trat vor ſeinen Knecht.„Hat Dich denn die Madonna von Tirano wirklich toll gemacht? Ich bin zu alt, um Alles allein zu thun, ich kann ſterben und dann wäre Roſa verlaſſen unter Menſchen, die nicht beſſer ſind als Räuber. Du haſt es ver⸗ ſprochen, daß Du mitgehſt und jetzt mußt Du mit. Mit Gewalt, wenn Du niüht gutwilig gehſt. Corpò del Diavolo!“ Und wie des Auswanderers Backenknochen glühten, ſeine grauen Augen blitzten und ſeine mächtige Mus⸗ kulatur ſich reckte, konnte man es glauben, daß er den 8 Hals. 195 Verſuch nicht geſcheut hätte, den langen Pietro auch mit Gewalt zu dem verlaſſenen Goldlager bei den Antipoden zu ſchleppen. Da hob auch Pietro trotzig das finſtere Geſicht. „Ich bin ein Menſch wie Du, Quirin, wenn ich auch Dein Knecht war. Du kannſt mich nicht zwingen, wenn ich nicht will.“ „Berechino!“ knirſchte Quirin.„Lügt uns ein Jahr lang an und läßt mich Haus und Feld ver⸗ kaufen und geht dann nicht mit. Demonio!“ Und außer ſich vor Zorn griff er nach dem ſichel⸗ artigen Meſſer, das an ſeiner Hüfte hing. Hochaufgerichtet ſtand Pietro Moro, ohne einen Schritt zu weichen. Er erhob keine Hand den drohen⸗ den Angriff abzuweiſen oder zu erwiedern. Da warf ſich Roſa ſchluchzend an ihres Vaters Der alte Goldgräber wurde weich. Er ſtreichelte mit der unbewaffneten Hand ziemlich plump dic Wangen ſeiner Tochter. „Er iſt es gar nicht werth, daß man ſich ſo viel um ihn kümmert!“ knurrte Quirin.„Jetzt kommt der entlaufene Mönch ja recht ſtark zum Vorſchein. Wir werden unſern Weg über's Meer auch ohne ihn finden. 13* 196 Weine nicht, Roſa. Der undankbare verlogene Burſche iſt es nicht werth.“ Roſa ſchien dieſe Anſicht nicht ganz zu theilen. „Komm in's Haus“, wendete ſich Quirin dann rauh und kurz an ſeinen Knecht.„Ich werde Dir Deinen Lohn auszahlen und dann kannſt Du Dich bei der Madonna von Tirano als Miniſtrant ver⸗ dingen.“. Pietro ſchwieg und folgte langſam ſeinem Herrn und Roſa, welche ſich ſchluchzend auf ihren Vater ſtützte. Die Ochſen, auf dem ſchmalen Weg durch den Wagen mit den Tabaksblättern aufgehalten, hatten es verſucht, zuerſt links, dann rechts an dem⸗ ſelben vorbeizukommen. Als das nicht gelang, ſtieß der eine von ihnen ein unmuthiges Brüllen aus und als auch das nicht half, ließ er ſich auf ſeine unter⸗ geſchlagenen Beine nieder. Bald folgte auch ſein Begleiter dieſem Beiſpiel. 8 I 4 Sechstes Kapitel. Die Serenade. Die Marcheſa war durch die Aeußerung der Madame Medard tief verſtimmt worden. Auch be⸗ merkte ſie oder glaubte ſie zu bemerken, daß ihre Handlung unter den übrigen Gäſten zum Gegenſtande eines Geſprächs gemacht worden war. Die Stimmung, in der ſie ſich befand, ließ ſie zuſammenzucken bei jedem Lachen, jedem Flüſtern, das zu ihr drang. Ein tiefer Groll erfaßte ſie und noch vor Ende der Tafel brach ſie auf und ging mit ſtolz erhobenem Haupte aus dem gemeinſchaftlichen Saale. Aufgeregt ſchritt ſie in ihrem Zimmer auf und nieder. Dieſer in der Trivialität des Herkömmlichen verottete goldene Pöbel verſtand nicht, was das Allernatürlichſte und Einfachſte war für eine Künſtlerin— eine intereſſante 198 Geſtalt, einen hübſchen Kopf eine maleriſche Tracht feſtzuhalten durch die Kunſt. Dieſe niedrigen Seelen konnten nicht begreifen, daß es ein geiſtiges Intereſſe gab, das weit zu erheben vermochte über alles Andere... daß ein Adonis für den wahren Künſt⸗ ler nur Modell und vergeſſen war, nachdem er ſeine Geſtalt der Leinwand ſeines zweiten Schöpfers ge⸗ borgt... Virginia vergaß, daß die anderen Bewohner des Hotels ſie bis jetzt nur als Marcheſa nicht als Künſtlerin kannten und daß deren Ueberraſchung und Aufmerkſamkeit viel eher der Entdeckung eines ſeltenen Malertalents galten, als durch mißgünſtige Ver⸗ muthungen hervorgerufen ſein mochte. Virginia glaubte zu fühlen, wie richtig ihr einſtiger Gatte die Welt beurtheilt hatte, als er ſie ſo ängſtlich vor der Gefahr mißverſtanden zu werden, bewahren wollte. Aber daß er ſie zu Conceſſionen an Menſchen und Vorurtheile zwang, die ſie verachtete, daß er ihr lieber den härteſten Druck auferlegte, als daß er ſie frei gewähren ließ und jeden Spötter und Verläumder ſtrafte, das verzieh ſie ihm nie, das zeigte, daß er weniger Achtung vor ihr hatte, als vor der Meinung der Welt. Virginia vergaß, daß es keinen ſchwerern Kampf 8 199 giebt, als den mit der öffentlichen Meinung, mag dieſe im Rechte ſein oder nicht, und daß es für die treueſte Aufopferung des kühnſten und feſteſten Mannes ein vergebliches Bemühen wäre, eine falſche Beurthei⸗ lung ſeiner Frau durch die Menge zu verbeſſern, welche jene ſelbſt durch eine weiſe Beſchränkung leicht hätte vermeiden können. Virginia ſah in dem Geflüſter der Leute bei der heutigen Tafel, in ihren indiscreten Blicken nur den finſteren Geiſt ihrer Ehe, der ſie bis in dieſen Ge⸗ birgswinkel verfolgte und ſie auch hier noch marterte. Virginia war ſehr unglücklich. Da dachte ſie an die Blicke faſt abgöttiſcher Verehrung, mit welchen der junge Bauer ſie betrachtet hatte. Sie fühlte keinen Zorn bei den nicht mißzuverſtehenden Beweiſen einer jede Rückſicht verachtenden grenzenloſen Hingebung. Wie ſtolz hatte der junge Bauer dageſtanden und hatte, mit geſpannter Aufmerkſamkeit ihrer Befehle harrend, die Gaffer, die ihn umſtanden, keines Blickes gewürdigt. Sie war Weib genug, um zu fühlen, daß Pietro Moro mit geſchloſſenen Augen ihre Befehle vollziehen würde, und wenn ſie ihm Schande und Tod brächten und jeden ihrer Wünſche höher ſtellen als göttliches und menſchliches Gebot... 200 Es war dunkel geworden und ſinnend blieb Vir⸗ ginia am Fenſter ſtehen. Das Gebüſch des Gartens lag ſchwarz und formlos unter ihr und zwiſchen den einzelnen Stämmen einzelner Akazien leuchtete ge⸗ heimnißvoll der See, der leiſe an die Tropfſteinfelſen des kleinen Hafens ſchlug. In überweltlicher Größe zeichneten ſich die Umriſſe der dunklen Berge von der gelben Dämmerung ab, welche den baldigen Aufgang des Mondes verkündete. Da ſah Virginia, wie eine dunkle Geſtalt ſich leicht über die niedere Brüſtung des Gartens ſchwang und in den ſchwarzen Büſchen verſchwand. Ihr Herz ſchlug heftig, ſie war ſich nicht klar darüber warum. Da erklang in den Büſchen eine männliche Stimme; leiſe, tief und harmoniſch be⸗ gann ſie eine unbekannte, vielleicht noch nie geſungene Melodie, die immer weicher anſchwoll gleich dem Lichte des unſichtbaren Mondes, das in immer reicheren Fluthen hinter den Bergen emporwallte. Jetzt erſchien die goldene Scheibe des Mondes und zitterte in einer breiten goldenen Straße über den See und die Wege des Gartens. Das Gebüſch, hinter dem der Sänger ſich verbarg, erzitterte und Funken irrten über die Blätter, als ob ſie von der Sonne träumten. Und immer voller, melodiſcher und wilder erklang 201 des Sängers Lied und wie fortgeriſſen von der ſtür⸗ miſchen Sehnſucht ſeiner Töne trat er hervor aus dem Laub und zu Virginia's Fenſter empor klang metall⸗ rein und klingend ſein rührendes:„Addio!“ „Pietro!“ murmelte die Gräfin und trat erſchreckt vom Fenſter zurück, obſchon ſie ſeit den erſten Tönen geahnt, wer der Sänger war und wem das Lied galt. 4 Aber mit der lauen Luft der Herbſtnacht ſtrömten die leidenſchaftlich ſchönen Töne ihr berauſchend in's Zimmer nach. Da hörte Virginia wie dicht neben ihr die Bal⸗ conthür geöffnet wurde. In den benachbarten Zimmern wohnte die ruſſiſche Fürſtin, welche ſelbſt von den ſpleeniſchen Engländern ſorgfältig vermieden wurde, ſich aber deſſen ungeachtet für den natürlichen Mittel⸗ punkt der kleinen Geſellſchaft anſah und daher auch den Geſang unter ihren Fenſtern für ein eigens zu ihrer Abendunterhaltung veranſtaltetes Concert halten mochte. In ihrem hellen Nachtgewande ſtand ſie auf dem Balcon und lehnte ſich über das Geländer und nickte beifallſpendend mit dem bejahrten Haupte im Mondſchein und winkte mit der Hand. Wie überraſcht ſchaute der Sänger einen Augen⸗ blick empor, dann verſchwand er im Schatten der dem 202 Balcon zunächſt ſtehenden Akazie, es rauſchte in den Zweigen und mit einem gewaltigen Sprung ſtand Pietro neben der Fürſtin. Die auf alle Gefahren und Zufälligkeiten des Lebens ſorgfältig vorbereitete alte Dame verzichtete bei der Raſchheit und Originalität des Ueberfalls auf jeden Verſuch, zu ihrem Taſchenarſenal zu gelangen und bediente ſich gegen den ungebetenen Beſucher der⸗ jenigen Waffe, welche der Frau in den ſeltenſten Fällen verſagt— ſie ſchrie jammervoll um Hülfe. Pietro hatte ſeinen Irrthum bereits wahrge⸗ nommen, ſich über die Baluſtrade geſchwungen und war von dem nicht allzu hohen Altan in den Garten hinuntergeſprungen. Da erſchien unter der Thür des Hotels der Direttore, der ſich nach der Urſache der Ruheſtörung umſah. Auch andere Kellner liefen herzu, um den Ein⸗ dringling zu faſſen. Aber ſofort wälzten ſich ein paar von ihnen, von der Hand des Flüchtlings nieder⸗ geworfen, auf dem klirrenden Kies... und die dunkle Geſtalt des Sängers ſprang mit einem ge⸗ waltigen Satz über das niedere Gartengeländer. Fluchend erhoben ſich die niedergeworfenen Kellner vom Boden und gingen geſticulirend in's Haus. 203 Die Marcheſa, die ſich in ihrer Herzensangſt weit aus dem Fenſter gelehnt hatte, trat raſch zurück, denn das Puppengeſicht des Direttore ſchaute grell vom Mond beleuchtet auffallend zu ihr empor. Siebentes Kapitel Der Brief. „Una lettera per Lei, Signora Marchesa!“ Mit dieſen Worten verbeugte ſich am andern Morgen, als ſie zum Frühſtück in den Speiſeſaal ging, der Diret⸗ tore vor Virginia, tiefer als gewöhnlich, um das häß⸗ liche Lächeln zu verbergen, das ſich in ſeinen glänzend ſchwarzen Backenbart verlor. Mit finſterm Stolz nahm die Künſtlerin den Brief entgegen. Da erbleichte ſie und ihre Hand zitterte. Dröhnend klang die Tiſchglocke durch das Haus. „E servio!“ lächelte der Direttore wieder mit einem forſchenden Blick auf die Marcheſa und öffnete vor ihr weit die beiden Flügelthüren des Speiſeſaals. Virginia hatte nicht mit der Wimper zucken und ihre Umgebung mit eiſiger Verachtung ſtrafen wollen — und nun hielt ſie in der bebenden Hand einen Brief aus Florenz. Die Aufſchrift war von der Hand ihres Gatten. Der erſte Brief ſeit den erſten ſechs Monaten ihrer ewigen Trennung, der erſte, ſeit Alles aus und entſchieden war zwiſchen ihnen! Was konnte er ihr zu ſagen haben, da Alles zu Ende war? Eine gräßliche Unruhe peinigte die Marcheſa. Sie hätte in ihr Zimmmer gehen und das Couvert von dem räthſelhaften Schreiben reißen mögen— ſie durfte nicht. Eiſige Ruhe und Verachtung hatte ſie ja dieſen gaffenden, höflich unverſchämten Menſchen gegen⸗ über gelobt und ſie wollte ſtark ſein. Sie war ſtark. Die ganze Procedur eines De⸗ jeuners ging an ihr vorüber mit der erdrückenden Wichtigkeit ſeiner Details und in jedem unbeachteten Augenblick klirrte ihre Gabel hörbar auf dem Teller. Aber ſie war ſtark— bis rings die Nüſſe des Deſſerts krachten. Und als die unförmlich dicke Amerikanerin, welche das Präſidium führte, ſich erhob, ging auch Virginia mit ruhigen, langſamen Schritten aus dem Saal. Stufe um Stufe ſtieg ſie die Treppe empor wie eine Todmüde. In ihrem Zimmer angelangt hielt ſie noch einen . Augenblick den verſchloſſenen Brief mit beiden Händen, dann riß ſie mit Fieberhaſt die Einhüllung herunter. Keiner Bewegung mächtig ſtarrte ſie auf die wenigen Zeilen, dann preßte ſie mit einem leiſeu Schrei höchſter Wonne die Lippen auf das Papier und warf ſich ſchluchzend auf das Sopha. In krampfhaftem Weinen bewegte ſich ihr Kör⸗ per noch lange, dann richtete ſie ſich mit verklärtem Antlitz auf und ſchellte. Der Kellner erſchien: „Beſorgen Sie mir einen Wagen, der mich nach dem Comerſee fährt. In einer Stunde reiſe ich ab.“ Der Kellner ging. Wieder und wieder ruhte ihr Auge auf den Zeilen, die eine Männerhand ſicht⸗ lich in höchſter Erregung niedergeſchrieben. „Virginia! Sechs Monate habe ich um Dich ge⸗ trauert wie um eine Todte. Jetzt ertrag ich es nicht mehr. Ich will nicht zu Dir eilen, weil Du darin eine That der Gewalt erblicken könnteſt, die uns auf's Neue entfremden würde. So höre denn, was Dir mein Stoz noch nie geſtand. Nur Eiferſucht war es, die mich Dir jeden freien Athemzug mißgönnen ließ, nichts Anderes, ich ſchwöre es, nichts Anderes, Vir⸗ ginia! Nicht die Welt, nicht ihr Brauch— was lag mir an den Menſchen, wenn Du nich liebteſt! Ich war eiferſüchtig auf Alles, auf die Künſtler mit denen Du verkehrteſt, auf die lebloſen Statuen und Gemälde, die Du bwunderteſt, ich gönnte Dich ſelbſt nicht der . 207 Kunſt. Ich wollte Dich allein haben, Virginia, alle Liebe, jeden Blick, jeden Athemzug, und Deine Ent⸗ fremdung ſtrafte mich dafür. Ich bin klug und ſanft geworden in der langen Krankheit, welche die Tren⸗ nung von Dir mir war. Ich bin ein armer, an Geiſt und Herzen gebrochener Mann, der von den Reſten einſtiger Gluth noch leben möchte, die Du vielleicht für ihn bewahrt. Komm zu mir, Virginia! und ich will Dein treuer Diener, nicht mehr Dein Herr ſein! 8 Luigi.“ Die Marcheſa nahm ruhig ihr Malergeräth und ſtellte es in einer Ecke zuſammen. Dann ordnete ſie den Inhalt ihrer Koffer. Die ihr ſonſt ſo theuren Werkzeuge ihrer Kunſt ließ ſie ſtehen und wandte keinen Blick mehr darnach zurück, als ſie das Zimmer verließ... Nur als der Kellner ſie auf die ver⸗ geſſenen Dinge aufmerkſam machte, ſagte ſie ihm, er ſollte mit denſelben machen, was er wollte. Dann ließ ſich die Marcheſa der Madame Me⸗ dard melden. Sie war ſo unendlich glücklich, daß ſie von Niemanden in Unfrieden ſcheiden wollte. Der Wagen ſtand hochbepackt mit Koffern vor dem Thor des Hotels und mit einem Antlitz, das ſein Glück nicht verbergen konnte, ſtieg die Marcheſa am Arme der Madame Medard die Treppe herunter. 208 Würdevoll machte der Direttore die Honneurs des Hauſes. „Und Sie wollen noch nicht zu Ihrem Gatten zurückkehren?“ ſagte Virginia ſanftlächelnd zu der Genferin, welche ihr früher ſo viele öde Stunden durch ihr Geplauder verkürzt hatte. Madame ſchüttelte energiſch den Kopf: „Pas encore— Es iſt noch zu heiß dazu. In der Hitze langweilt man ſich noch mehr als ſonſt, und wenn man ſich langweilt, zankt man ſich. Im Winter dagegen, wenn man gezwungen iſt, die Füße an daſſelbe Feuer zu ſtrecken und ſich gegenſeitig die Zei⸗ tung vorzuleſen, accommodirt man ſich eher.“ „und wenn Ihr Gatte Sie nun plötzlich zu ſich riefe?“ 1 „Er wird ſich hüten. Und wenn er es thäte— je m'en moquerai bien! Doch reden wir von etwas Vernünftigem! Was ſoll ich mit dem jungen Bauern anfangen, wenn er wieder kommt, um gemalt zu werden. Sie haben ihn doch für morgen beſtellt?“ Die Marcheſa wurde purpurroth. Im Taumel des Glücks hatte ſie den armen Pietro, der ihre Ge⸗ danken doch einige Stunden faſt ausſchließlich beſchäf⸗ tig hatte, gründlich vergeſſen. Die Worte der Gen⸗ ferin riefen ihr plötzlich wieder Alles in's Gedächtniß 211 Daß ſie ſodann ſich von dieſem Bauern, wie bereits allgemein bekannt, Serenaden bringen läßt und dann nach Empfang eines Briefes mit Hinterlaſſung von Original und Bild plötzlich abreiſt. Ein Gegenſtand, welcher als Beweis und Product ſolcher Excentricität anzuſehen war, beſaß bei einigem Inſtinct für den Scandal immer eine gewiſſe Anziehungskraft und be⸗ reits war auch ein Gentleman mit ſehr großen, farb⸗ loſen Augen, grauem Angeſicht, ſpitzem Backenbart und ſtets offenem, zahnloſen Munde im Begriff, das un⸗ vollendete Bild zu erſtehen. In dieſem Augenblick trat Pietro Moro im Sonntagsſtaat von der Straße her in den Garten, mit ruhiger Sicherheit auf alle die noblen Leute blickend, die ihn umſtanden, und in der halb theatraliſchen Haltung, die ihm eigen war. Er lehnte fich ruhig an den Baum, an welchem er geſtern geſtanden, und ſchien auf die Marcheſa zu warten. Da ertönte plötzlich eine unangenehme ſpöttiſche Stimme: „Ecco il trovatore di Barbalena!“ Der Direttore rief das in einem Tone, als ob er ſeinen Gäſten den Anfang eines bereits angeſagten Schauſpiels verkünde. Die allgemeine Aufmerkſamkeit wendete ſich nach 14*⅔ 212 Pietro, der mit übereinandergeſchlagenen Armen und herausfordernder Miene die Blicke Aller aushielt. Das Wachspuppengeſicht des Direttore verfärbte ſich etwas. Seine Würde war in Frage geſtellt und mit Ingrimm gedachte er des derben Stoßes, den der nächtliche Sänger ihm verſetzt. Raſch trat er auf den Bauer zu und fragte herriſch: „Was ſucht Ihr hier?“ „Ich erwarte meine Gebieterin.“ „Wer iſt Eure Gebieterin?“ „Die Marcheſa Dalonzetti.“ „Die Marcheſa iſt abgereiſt.“ „Das iſt nicht wahr. Sie hat mir geſagt zu kommen.“ „Frecher Burſche!“ ſchrie der Direttore wüthend. „Sie iſt abgereiſt und Du haſt hier nichts zu ſuchen — Man bettelt und ſtiehlt hier nicht—“ Erbleichend wich der Direttore zurück vor dem Blick, mit dem Pietro auf ihn zuſchritt: „Ich habe noch nie gebettelt und geſtohlen!“ Pietro's lange Geſtalt war noch höher und ſeine Glie⸗ der reckten ſich. 1 Der Direttore war in's Haus geeilt, um Unter⸗ ſtützung zu holen... Madame Medard ließ ſich von der Ruſſin eben — 213 zum dritten Mal ihr nächtliches Abenteuer erzählen und nahm die Mittheilung ihres unabänderlichen Ent⸗ ſchluſſes entgegen, nach ſolchen Ereigniſſen eine voll⸗ kommene Rüſtung aus zwölf Lagen aufeinandergeſteppter Seide zu tragen, die des Nachts und unter beſonders bedrohlichen Verhältniſſen durch eine eben ſo herge⸗ denl Kapuze mit ſtarkem Viſir vervo llſtändigt werden onnte. „Denn“, erklärte die alte Dame ganz einleuchtend, „es iſt nicht anzunehmen, daß ein Mörder der Ge⸗ räuſch vermeiden muß, ſich einer Schießwaffe bedient. Er wird mich alſo mit einem Meſſer zu tödten ver⸗ ſuchen. Und dagegen iſt zwölffache Seide eine gute Sache...⸗ „Ob ich erſticke oder erſtochen werde, je m'en moque!“ lachte Madame Medard und ging auf Pietro zu „Marcheſa Dalonzetti läßt Ihnen alles Glück wünſchen und ſchickt Ihnen Das zum Andenken. Sie iſt geſtern abgereiſt.“ Pietro wurde ſehr blaß und ſeine Augen öffneten ſich zu erſchreckender Größe. Dann warf er der Gen⸗ ferin einen finſtern, mißtrauiſchen Blick zu und ſchob das Geſchenk zurück. „Es iſt nicht wahr!“ 214 „Ihr ſeid drollig, guter Freund!“ ſagte Madame Medard etwas betroffen ob der einfachen Antwort. „Glaubt Ihr etwa, daß ich Euch die Anweſenheit der Marcheſa vorenthalten will, um ſelbſt Euer unwider⸗ ſtehliches Antlitz zu malen? Je m'en moque! Ich wiederhole Euch, die Marcheſa iſt nach Florenz zu ihrem Gatten gereiſt und läßt Euch grüßen. Da Ihr ſo unhöflich ſeid, das Geſchenk der Gräfin zu ver⸗ ſchmähen, ſo werde ich es im Bureau des Hotels deponiren, bis Ihr es abholt.“ Und damit wandte Madame Medard dem Bauern den Rücken. Aber dieſer erhielt ſofort wieder Geſellſchaft in Geſtalt des Engländers, welcher das angefangene Bild kaufen wollte. Derſelbe hatte ſich ihm mit britiſcher Unbefangenheit genähert, als ob er die Aehnlichkeit des Portraits prüfen wolle. Pietro erkannte ſein Bild und riß es dem Alten aus der Hand, deſſen Kinn⸗ laden noch vor Erſtaunen zitterten, als Pietro mit ſeinem Raube ſtolzen Schrittes, aber bleich wie ein Todter, den Garten verlaſſen hatte.* Er war kaum auf der Straße angelangt, als ein halb Dutzend Kellner, angeführt von dem wüthenden Direttore, ihm nachſtürzten, um ihm das Bild wieder abzunehmen. Da erhielt Pietro eine ganz unerwartete Unter⸗ —— ——“,— —— ſtützung. Es war Quirin, der den ſonderbaren Wall⸗ fahrten ſeines entlaſſenen Knechtes nachgeſpürt hatte und der ſich nun mit ſeiner breiten Geſtalt und das ſichelförmige Meſſer drohend in der Hand zwiſchen ihn und ſeine Verfolger ſtellte. Der Goldgräber war im ganzen Thal des Pos⸗ chiavino bekannt durch ſeine Stärke und Entſchloſſen⸗ ⸗ heit. Der Direttore und ſeine Mannſchaft ſchrieen und geſticulirten, aber Keiner wagte den Auswanderer anzugreifen. Quirin faßte ſeinen Schützling unter den Arm und zog ihn fort. Die beiden Manner ſprachen kein Wort. Nur manchmal fielen die Blicke Quirin's mit einem Aus⸗ druck fanatiſchen Haſſes und abergläubiſcher Furcht auf das Bild, das Pietro in der Hand trug. Erſt als ſie in Barbalena angelangt waren und Pietro auf der Schwelle zögerte, legte ihm Ouirin die Hand auf die Schulter und ſagte: „Du biſt krank, Pietro— komm! Roſa ſoll Dich pflegen.“ Willenlos ließ ſich Pietro in die Stube ziehen. Dort aber ſank er gebrochen auf die Bank und ſchluchzte herzbrechend. Bleich und zitternd ſtand Roſa vor ihm. Da flüſterte ihr der Vater leiſe in's Ohr: 216 * „Die Ingleſi haben ihn verhext mit ihrem Malen, wie meine arme Schweſter. Schon der erſte von die⸗ ſen blonden Teufeln, der in unſer Thal gekommen iſt, hat die arme Nanetta gemalt, und ſeit der Zeit iſt ſie um den Verſtand gekommen und hat nicht mehr ge⸗ lacht und gegeſſen, und wie wir ihr das Bild ver⸗ brannt haben, um die Hexerei zu zerſtören, iſt ſie bei der Nacht fort und wir haben nie wieder von ihr gehört. Der Zauber war ihr ſchon im Blut. Wenn wir das Bild eine Viertelſtunde früher verbrannt hätten, ſagte der Meßner, ſo wär ihr geholfen geweſen.“ Und eingedenk dieſer Lehre ſchlich der Quirin leiſe neben den ſchluchzenden Pietro und nahm unbe⸗ merkt das Bild und trug es in die Küche, wo er es in's Feuer ſteckte. Als er wieder in's Zimmer trat, ſaß Roſa neben Pietro, das Haupt an ſeiner Schulter, und weinte mit ihm. Unſicher taſtete Pietro nach ihren Händen und richtetete die trüben Augen Vergebung flehend auf ſie: „Ich möchte mit Euch nach Auſtralien gehen, wenn Ihr mich noch wollt!“ „Evviva!“ brüllte Quirin, daß die Beiden er⸗ ſchreckt auffuhren.„Eyviva! Das Verbrennen hat geholfen. Die Hexerei war noch nicht im Blut.“ ———— ———— 217 Quirin war ein aufgeklärter Mann— er glaubte nicht an Gott, aber an den Teufel, und der letzte Hexenproceß im republikaniſchen Puſchlav, welches heutzutage noch ſelbſtſtändig zum Todte verurtheilen kann, hatte erſt 1782 ſtattgefunden. Engvereinigt ſtanden die drei Menſchen in dem ärmlichen Zimmer— draußen lag der Schatten des Monte Cavaglia gleich einem rieſigen Wegweiſer nach Oſten auf dem im rothen Abendſchimmer glühenden — Thal, und wie traumumfangen verhallten in der Ferne die Töne des Aveläutens von Poschiavo. Ende des zweiten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Chriſtoph Pechlin. Eine internationale Liebesgeſchichte von Wilhelm Kaabe. 2 Bände. Eleg. broſch. Preis 8. Mark. Weiſter Autor oder Die Geſchichten vom verſunkenen Garten. Von Wilhelm Raabe. 1 Band. Eleg. broch. Preis 4 Mark 50 Pf. 1 12 4 P Dan Uintergehündr. Eine Erzählung von Friedrich Gerſtäcker. 1 Band. Preis 2 Mark 50 Pf. — Verlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. Keuelm Chillingly. Roman von Edward Bulwer. Aus dem Engliſchen 3 Bände. Eleg. geh. Preis 15 Mk. Das Geſchlecht der Zukunft. b Roman von Edward Bukwer. Aus dem Engliſchen von Jenny Piorkowska. Autoriſtrte Ausgabe. 1 Band. 8. Geheftet. Preis 3 Mk. Die Lovels auf Arden. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 10 Mark 50 Pf. Verlag von Ernſt Julius Günther in eipzig. Bariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen— von Mar von Schlägel. 1. Abth.: Nach uns die Sündflut! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 Bände. Preis 13 Mark 50 Pf. BDer ebengretter. Humoriſtiſcher Roman von 6 Graf illrich Bandiſſin. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 6 Mark. In engen Kreiſen. Roman von 1 Graf Alrich Bandiſſin 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 10 Mark 50 Pf. — 4 — S—— —— 8 Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Dor Yull nan Nunltanz. Roman von Otto Müller. 3 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 12 Mk. Der Majoratsherr. Roman aus der Gegenwart von Ottv Müller. 3 Bände. Eleg. broch. 10 Mk. 50 Pf. Die Jagd nach dem Glücke. Roman f. C. Schubert. 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 10 Mk. 50 Pf. 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