Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens den angenommen. 8 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Jicheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————ʒ—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darguf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 V .4 ——— Deutſch und wälſch. —— Erzählungen von Max und Marie v. öchlägel. Erſter Band. Inhalt: Ueber den Wolken.— Das Kreuz auf der Düne.— Die Deſerteure.— Roéël⸗B. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1876. Aeber den Wolken. 2 ———————y————— 1. ——— —4 — Erſtes Kapitel. Zwiſchen Alpenroſen. „Alſo da hinauf!“ ſagte der junge Mann in eleganter, etwas abgeriſſener Touriſtenkleidung, welcher bis an die Kniee in Krummholz und Alpenroſenſträuchern ſtand und ſich mit lächelnder Bedenklichkeit auf ſeinen Alp⸗ ſtock lehnte. Vor die enge Schlucht, in welcher er mit ſeinem Begleiter nun ſtundenlang emporgeſtiegen war, hatt, ſich ein wohl zweitauſend⸗Fuß hoher grauer Steinwall geſchoben, über deſſen ſenkrechte Wand, an unſichtbaren Felsvorſprüngen milliardenmal zerſplitternd, ein Waſſer⸗ ahl zur Tiefe ſtäubte, um als ſchäumender Gießbach im raſchen Fall durch Steingeröll und Grün den Hütten zuzueilen, deren blauer Rauch weit hinten in der Tiefe — zwiſchen den verdämmernden Umriſſen der Berge em⸗ 1* 4 porſtieg, ein letzter Gruß von den menſchlichen Woh⸗ nungen, die immer weiter und tiefer hinter den beiden Wanderern zurückgeblieben waren. „Alſo da hinauf!“ wiederholte der junge Mann, nachdem ſeine Blicke zurückgekehrt waren von einer Wanderung über die zerriſſenen Felsthürme, die über⸗ hängenden Schneefelder und blauen Eisbänke des Gletſchers, welcher die Schlucht, in der ſie ſtanden, noch um viertauſend Fuß überragend, die rechte Seite derſelben bildete und ſich in grauenerregendem Abſturz llückenlos an die mächtige Thalſperre anſchloß. Eine Prüfung der linken Seite, wo ein ſpitzzu⸗ aufender Bergkegel ſich in bewaldeten Steinterraſſen, Lawinengängen und Geröllſtreifen immer ſchroffer bis zu ſeinem kahlen Gipfel emporhob, war ebenſo erfolg⸗ los geblieben. Den einzigen Weg zur Fortſetzung der Bergreiſe ſchien in der That der ungeheure Quer⸗ riegel zu bilden, welcher ſich wie eine uneinnehmbare natürliche Verſchanzung an einer Wendung des Fuß⸗ pfades plötzlich vor dem Touriſten und ſeinem Führer aufgerichtet hatte. Letzterer, ein Mann aus der Gegend in halb bäuriſcher, halb ſtädtiſcher Tracht ließ den Torniſter des Reiſenden und den mit Milch gefüllten Holzkübel, den er an einem ſtarken Stock über der Schulter trug, 50 vorſichtig zu Boden gleiten, und ergötzte ſich eine Weile ſichtlich an der Ueberraſchung, welche ſich in den kecken, freundlichen Zügen ſeines jüngeren Begleiters aus⸗ drückte. In dieſem Augenblick ſchien das ſchlaue, bart⸗ loſe Geſicht des wohl fünfzigjährigen Bergführers eigentlich nur dazu vorhanden, um dem ungeheuer⸗ lichen Grinſen ſeines breiten Mundes zur Umgebung zu dienen, wie auch ſein ſchmächtiger, kurzer Ober⸗ körper vorzüglich die Beſtimmung hatte, die mächtigen Beine in Bewegung zu ſetzen, welche ohne ſichtbare Anwendung des Kniegelenks, ſtetig ſich fortbewegenden Maſchinen gleich, die Schlucht emporgeſchritten waren⸗ Dieſe ganze ſonderbare Zuſammenſtellung von Gliedmaßen und Körpertheilen, welche urſprünglich ganz verſchiedenen Menſchenkindern beſtimmt geweſen ſchienen, reckte und dehnte ſich behaglich, nahm einen Schluck ſehr ſtarkriechenden Enzianbranntweins, und bot dann die breite Flaſche dem jungen Manne hin, deſſen Haltung deutliche Spuren von Ermü⸗ dung zeigte. Mit einem luſtigen Zwinkern der Augen nahm der Führer es auf, daß ſein Schutzbefohlener mit den lebhafteſten Zeichen der Abneigung das ſcharfe, bei den Gebirgsbewohnern ſehr beliebte Getränk zurückwies, worauf er die Flaſche in die Seitentaſche ſeiner — — — V 6 über die Schulter hängenden Jacke ſchob. Dann ant⸗ wortete er: „Ja, Herr, da droben liegt der See! Und wenn wir in der Clubhütte übernachten und morgen auf die Saſſaplauna wollen, ſo werden wir wohl noch heute da hinauf müſſen!“ Damit ſetzte ſich der Mann ruhig auf ein erhöhtes Raſenſtück und brachte den Reſt einer ſteinharten, ſchwarzbraunen Wurſt zum Vorſchein, von der er herz⸗ haft ein Stück abriß und zwiſchen ſeinen gewaltigen Kinnladen zermalmte. Er ſprach ein eigenthümliches Gemiſch von Tyroler und Schweizer Mundart, wie man ſie in dieſen Grenzgegenden findet; denn ſie be⸗ fanden ſich in einem der am weiteſten nach Süden reichenden Thäler Vorarlbergs, kaum eine Stunde ent⸗ fernt von den mit ewigem Schnee bezeichneten Grenzen Graubündtens und Liechtenſteins. „Mein wackerer Freund“, ſagte der Fremde lächelnd, und ſein reines Hochdeutſch paßte gut zu ſeiner tiefen, klangvollen Stimme,„daß wir da hinauf gelangen, werde ich erſt glauben, wenn ich wirklich oben bin, oder wenn ihr uns die Leiter zu verſchaffen wißt, auf der Jacob im Traum die Engel auf⸗ und niederklettern ſah!“ 7 Der„wackere Freund“ wollte gar nicht zu ſich kommen vor Lachen. „Und doch hab' ich erſt geſtern ein Frauenzimmer hinaufgeführt!“ „Wohl eine Sennerin oder ſonſt eine Frau aus der Gegend....“ „Nein, nein“, ſchüttelte der Führer eifrig den Kopf,„ein Frauenzimmer aus Deutſchland— ein ſchönes gemüthliches Frauenzimmer— und laufen kann ſie!“ ſetzte er mit einem ernſten Blick auf die eigenen Gehwerkzeuge hinzu, als ob für ihn der wahre Werth des Menſchen erſt bei den Füßen beginne. „Die Chriſtine, wiſſens, meine Tochter, hat's ihr nicht nachthun können, und fürchten thut ſie ſich erſt gar nicht. Ich hätt' heut' mit ihr auf den Saſſaplauna⸗ gletſcher ſollen, aber der„Pfarrermeter“ iſt geſtern ſo tief geſtanden, und auf der Höh' iſt ſo viel Schnee gefallen, daß wir's uns verſpart haben. Meine Chriſtine iſt bei ihr droben geblieben, damit ſie ihr zu eſſen kochen kann. Der Führer blickte forſchend nach den Spitzen der Berge.“ „Der Föhnwind hat den Neuſchnee tüchtig weg⸗ geſchmolzen— vielleicht geht ſie morgen mit uns; ſie iſt ein ſehr gemüthliches Frauenzimmer.“ „Jung?“ fragte der Reiſende, der mit wenig In⸗ tereſſe zugehört, lakoniſch. Mit einem unglaublich ſchlauen Geſicht ſchloß der Alte die Augen zur Hälfte. „Jung— und ſchön!“ ſagte er nachdrücklich mit dem Kopf nickend—„ich hab' noch nicht oft ein ſo⸗ ſaubres Weibsbild geführt.“ „Und allein?“ Wieder nickte der Mann und ſein Geſicht wurde womöglich noch ſchlauer. „Ich hab' mich auch gewundert, daß ſie keine Furcht hat; aber da hat ſie gemeint, wenn ſie ihren„Schoßhund“ bei ſich hätt', da fürcht' ſie ſich net.“ „Einen Hund hat ſie auch noch mit hinaufge⸗ ſchleppt?“ Der ſchlaue Führer ſchüttelte ſich vor Lachen. „Ich hab' mich auch umg'ſchaut nach dem Viech, von dem ſie gered't hat, da hat ſie aber einen Rupulfer aus der Taſchen gezogen und hat geſagt, das wär ihr Schoßhund.“ 3 „Einen Rupulfer? was iſt das?“ „So eine Piſtolen, die immerfort ſchießt.“ „Ah, ein Revolver!—— Hört, lieber Freund, wenn Ihr es vermeiden könnt, ſo führt mich und 41 8— 5 9 die Dame nicht mitſamen auf den Gletſcher! Ich will lieber einen Tag in der Clubhütte warten.“ „Aber warum denn? Sie iſt ein ganz gemüth⸗ liches Frauenzimmer.... „Mag ſein“, ſagte der junge Mann ablehnend, und ein faſt ſtrenger Schatten legte ſich auf ſein heiteres Antlitz—„Ihr mögt vielleicht allen Grund haben, die Dame zu verehren, ich jedoch gehe nicht gern mit jungen Damen um, die eine Piſtole in der Taſche, allein auf Bergen herumklettern und in Club⸗ hütten campiren..... Die Sonne iſt übrigens ſchon hinter der Saſſaplauna untergegangen“, fügte er hinzu und knöpfte ſeinen braunen Lodenrock zu gegen die ſcharfe Luft, die hie und da aus den Schluchten des Gletſchers drang.„Nach meinen Erfahrungen im Hochgebirge iſt vom Sonnen⸗ untergang bis zur völligen Dämmerung nicht mehr weit, und da der Weg doch ſehr ſteil und beſchwer⸗ lich ſcheint—“ Der Führer wartete das Ende der Rede des Fremden nicht ab; bereits ſtand er auf ſeinen mäch⸗ tigen Füßen und nahm ſeine Laſt wieder auf. Dann ſetzte er ſich ohne weiteren Zeitverluſt in Bewegung. Der Fremde befeſtigte einen Buſch Alpenroſen von be⸗ ſonderer Farbenglut an ſeinem Hute, warf noch einen 40 Blick in das Thal, deſſen Tiefe in blauem Duft ver⸗ ſchwamm, hob das Auge bewundernd zu dem Horizont, wo rothgoldene Lichtſtreifen im grünlich⸗blauen Aether ſchwammen und ſtieg dann raſch dem Führer nach, der mit langen Schritten durch das Krummholz eilte. 9 Zweites Kapitel. Empor! Kaum erkennbar wand ſich der ſteile Zickzackweg hinauf zwiſchen der kümmerlichen Vegetation des Ge⸗ röllhaufens, mit dem der Verwitterungsprozeß der Jahrtauſende den Fuß des Gletſchers umkleidet hatte. Immer dürftiger wurde das Krummholz und blieb endlich ganz zurück; da und dort grüßte noch einſam ein Alpenroſenſtrauch mit ſeiner glühenden Pracht, doch bald erloſch auch ſie. Mühſam ſtieg der wenig eingeſchnittene Pfad durch Schuttgeröll und Reſte ſchwarzen Moores, das, in ungezählten Jahren von der langſamen Vermoderung unzähliger Pflanzen⸗ ſchichten gebildet, vielleicht einer einzigen Lawine, einem Felsſturz hatte weichen müſſen. Dann arbeiteten ſich die Wanderer in der tief in den Stein gegrabenen 12 trockenen Flußrinne weiter, welche, aus der Tiefe ſenk⸗ recht anzuſchauen, Ecke und Grenze bildete zwiſchen den Felſen der Saſſaplauna und dem Querwall, auf deſſen Rücken ſie gelangen mußten. Stetig ſchritt der Führer aufwärts, ſeine Füße ſetzten ſich automaten⸗ gleich vor einander und ſchienen inſtinktiv die kaum ſichtbaren Unebenheiten der glattgewaſchenen Rinne zu treffen; denn ein Ausgleiten war gleichbedeutend mit unaufhaltſamem Sturz in die dunkelnde Tiefe, aus der ſie emporgeſtiegen waren. Ohne Zaudern, vor⸗ ſichtig, aber mit ſicherem, furchtloſen Blick trat der Fremde genau dahin, wo der Fuß des Führers geruht hatte, und umging gleich Jenem die mächtigen Fels⸗ ſtücke, welche, von einem unſichtbaren Widerſtand auf⸗ gehalten, da und dort in dem Rinnſaal lagen und nur eines lauten Tones oder eines Gemſentrittes zu warten ſchienen, der ſie aus ihrer ſtarren Ruhe wecken und donnernd in die Tiefe führen ſollte. Hie und da löste ſich ein lockerer Stein unter dem leichten Tritt des Vorausgehenden und ſprang klirrend und in gewaltigen Sätzen zur Tiefe.... Immer mehr verflachte ſich die Rinne, in der ſie hinaufſtrebten, und jetzt verließ der Führer dieſelbe und wandte ſich nach links, wo ein breites Schneefeld von der Saſſa⸗ plauna herabreichte und ſich in jähem Abſturz an über⸗ ——; 4 13 hängenden Felſen verlor. Einen Augenblick hielt er dann an und blickte ſich um. Er hatte ein Seil abgenommen, das er um den Leib trug, und ſchien Anſtalten zu machen, ſeinen weniger geübten Gefährten mit ſich zu⸗ ſammenzubinden, um demſelben beim Ausgleiten als Stütze zu dienen. Der Schnee war hart und glatt, und kaum ſicht⸗ bar führte eine Spur menſchlicher Tritte in ſchräger Richtung aufwärts, um an den grauen ſcheinbar un⸗ wegſamen Wänden des Walles zu verſchwinden. „Iſt Ihre Bergſteigerin auch dieſen Weg ge⸗ gangen?“ fragte der Fremde, dem die Vorſtellung, daß eine Frau all dieſe Schwierigkeiten überwunden habe, bereits, ohne daß er es ſich eingeſtand, über manche bedenkliche oder rauhe Selle hinweggeholfen hatte. Der Führer nickte ſtolz. „Sie ließ ſich durch kein Zureden bewegen, ſich mit mir zuſammen zu binden“, ſagte er,„Sie können noch an den Fußſtapfen erkennen, wie ſicher ſie einge⸗ treten iſt.“ In der That zeigte der Schnee den Abdruck eines zierlichen Fußes, deſſen eine Kante ſich ſcharf auf der ſtark geneigten Fläche abzeichnete. Als der Führer ſich mit dem Stricke näherte, wehrte der Fremde ihn faſt unwillig ab. 14 „Glauben Sie, daß ich weniger Muth beſitze als eine Frau?“ Der Alte zuckte die Achſeln. „Ich hab' noch wenig Herrn geführt, die ſo über Alles weggegangen ſind, wie dies Frauenzimmer.— Und wenn man hier„glitſcht“, ſo weiß man nicht wo das Glitſchen aufhört; deßhalb mein' ich wär' es beſſer.... Der junge Herr machte eine kurze abweiſende Handbewegung. „Ich ſpreche Euch von jeder Verantwortung frei, wenn ich falle.... Und nun vorwärts!“ Mürriſch warf der Führer den Strick über die Schulter und ſetzte ſich in Marſch, indem er mit aller Kraft ſeiner Füße die genagelten Schuhe mit jedem Tritt in den Schnee ſchlug, um ſo eine Art von Weg für den Nachkommenden herzuſtellen. Trotzdem blieb es noch immer ein mühſames unſicheres Steigen auf der ſchiefen hartgefrorenen Fläche. Die Kräfte des jungen Mannes nahmen immer mehr ab; ſein Schritt wurde immer unſicherer, und dennoch widerſtrebte es ihm, die Hülfe in Anſpruch zu nehmen, die er noch eben ſo ſchroff zurückgewieſen. Endlich ſchien er völlig erſchöpft, er wagte nicht mehr — 15 den Fuß vorzuſetzen, weil jeder ſeiner ſchwankenden Tritte ihn in's Verderben führen konnte. Bleich ſtand er da, ſeine Kniee bebten und rath⸗ los wandte er den Blick nach der Höhe.— Ihm war, als ſollte er ſie nie ereichen... Da ſah er oben auf dem höchſten Theil des Joches klar und in faſt unnatürlicher Größe ſich gegen den Abendhimmel abzeichnend, eine weibliche Geſtalt. Wie losgelöſt von der Scholle auf der ſie ſtand, hoben ſich die ſchlanken Formen, umflattert von einem wehenden Schleier, in den glanzloſen Tag, den die Sonne nach ihrem Scheiden noch eine Weile zurückzulaſſen pflegt. Und als ob ſie ſelber etwas von dem lebendigen Schimmer ausſtrahle, der mit der Sonne verglüht, ſo umzitterte ein leuchtender Saum die Umriſſe der Erſcheinung. Ein heller klingender Jubelruf erſcholl, deſſen Echo weithin durch die Felſen der Saſſaplauna rollte, und noch da und dort aus fernen Schluchten neckiſch wiederkehrte, als es ſchon längſt verklungen ſchien. — Und der Führer ſchwang ſeinen Hut und gab jodelnd Antwort. Vor dem geheimnißvollen Reiz dieſes Zwiſchen⸗ falles wich die augenblickliche Ohnmacht aus den Gliedern des jungen Mannes und alle Furcht aus 16 geſſen, wie ablehnend er ſich noch eben über allein⸗ reiſende weibliche Touriſten ausgeſprochen und mit kühnen Schritten drang er über das Schneefeld vor⸗ wärts. Als es überwunden war, ſah er die weibliche Geſtalt nicht mehr. ſeinem Herzen: er hatte in einer Minute ſogar ver⸗ Drittes Kapitel. Der Lunaſee. Der Weg wurde, wenn auch nicht ungefährlicher, ſo doch bequemer. Kaum anderthalb Fuß breit in den faſt ſenkrechten Felſen eingeſchnitten und viel⸗ fach durch das Waſſer zerſtört, führte er in ſcharfen Zickzackwendungen empor. Endlich war die letzte Schwierigkeit beſiegt, und man ſtand auf der Höhe des Joches. So ermüdet und angeſtrengt der Fremde war — vor dem Anblick der ſich ihm bot, fiel Alles von ihm ab, und verſank hinter ihm wie der Pfad auf dem er gekommen. Der Führer war voraus⸗ geſchritten, ungerührt durch einen Anblick, für den er gleichgültig geworden durch jahrelange Gewohnheit, oder vielleicht mehr noch durch v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I. die Unempfänglichkeit 9 18 dieſer Lebensklaſſen für Naturſchönheit und Größe, die ihnen in dem Kampf um's Daſein nur um ſo gewaltigere Hinderniſſe entgegenſtellen, je erhabener und großartiger ſie dem Blick des entzückten Touriſten erſcheinen. Der junge Mann war ſtehen geblieben als habe ihn die regunsloſe Einſamkeit, die ihn umfing, in denſelben Bann gezogen, der auf, ihr lag. Nur ſeine Rechte hatte ſich langſam erhoben und den leichten Filzhut von dem wolligen Haar genommen, faſt un⸗ bewußt der feierlichen Audhcht elnes Perzens ſih wei⸗ genden Ausdruck gebend. uu en In einer Tiefe von vielleicht Huunder⸗ Fuß unter ihm lag, ſtill und unbewegt der See; ſchroff und grau wie die Wände eines erſtorbonen Kraters ſan⸗ ken die, Felſen ringsum zu ſeiner Fläche nieder, und ihre Schneeſtreifen, die bis an das Waſſer reich⸗ ten, ſpiegelten ſich blendendmeiß auf dem lieföinnen Grun de.— (Sonſt Alles todt, und. grau dewohine das Auge ſah— kein Baum, kein Thier, kein Vogel, keine Bewegung des Lehens.— Ein kühler grauer Duft ſchwamm über dem Bild des erhabenſten Todes, wie der letzte Athemzug einer geſtorbenen Welt.. Und kälter und dunkler ſtiegen die Schatten von 19 den Höhen und vereinigten ſich mit den Schatten aus der Tiefe, und ein eiſiger Hauch, in dem der warme Tropfen auf ſeiner Wange erſtarrte, weckte den jungen Mann aus ſeiner träumenden Unbeweglichkeit. Ein leichter Schauer überrieſelte ihn und mit raſchen Schritten folgte er der Richtung in welcher der Führer verſchwunden war, um in der belebenden Wärme der Hütte, die ein Felsbloch. ihm his dahin verborgen, Schutz zu ſuchen vor der überwältigenden Umarmung dieſer weltverlorenen Einſamkeit. uIIIo N 11l Viertes Kapitel. Ueber den Wolken. Vor der Thür der Touriſtenhütte hielt der junge Mann plötzlich an. Er erinnerte ſich der Dame, die hier oben war, und auf die er nicht mehr wie auf eine exzentriſche Abenteurerin herabzuſehen wagte, ſeit er wußte, wie furchtlos ſie Gefahren getrotzt, vor denen er, der kräftige Mann, gezittert hatte. Einer wohlhabenden Patrizierfamilie entſproſſen, in dem engbegrenzten Sittenkreis einer ehemals freien Reichsſtadt des deutſchen Nordens aufgewachſen, und behufs ſeiner ferneren Ausbildung auf Reiſen begegnete es dem achtundzwanzigjährigen Gutsbeſitzer Robert Frei heute zum erſten Mal, daß ſeine Grund⸗ ſätze und Empfindungen in den lebhafteſten Streit ge⸗ riethen, daß er mit einer Art ehrfurchtsvoller Scheu 21 der Bekanntſchaft mit einem Weſen entgegenſah, deſſen Lebensweiſe, ſo viel ihm bis jetzt davon bekannt ge⸗ worden, ihn nur zu dem größten Mißtrauen hatte auffordern können. Robert galt bei den Damen in der Regel für hübſch und hätte er ſich eine Frau gewählt, er wäre wohl von vielen Mädchen ſeiner Bekanntſchaft nicht zurückgewieſen worden. Gerade dieſer Umſtand hatte ihn vielleicht, ohne daß er es ſich ſelbſt geſtand, ab⸗ gehalten, eine eigene Familie zu gründen und ihm Frauen gegenüber ein gewiſſes ruhiges und ſelbſt⸗ bewußtes Auftreten gegeben, welches ſelten ſeine Wirkung verfehlte. Um ſo unbehaglicher mußte er es empfinden, daß ihm dieſe Ruhe ſchon mangelte, ehe er die Dame, mit der er an dieſem ſeltſamen Ort zuſammentreffen würde, noch von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht geſehen hatte. Die Hand am Drücker der Thüre ſtand er un⸗ ſchlüſſig ſtill. Da hörte er hinter derſelben ein hei⸗ ter klingendes Lachen.... Wie der Anblick des fremden Weſens, das ſeine Phantaſie wider ſeinen Willen nun ſchon ſtundenlang beſchäftigte, ihm über das gefährliche Schneefeld hinweggeholfen, ſo brachte dieſes helle übermüthige Lachen ihn vollends über die Schwelle. 2 . nf Der Aublick der ſich ihmi bot hätte dei iüngeit Mann der kebensſtuh Uind'utheites⸗ waͤr/ wo⸗ ſetne Grurndſäte nicht in Frage“ kamen, fäſt in⸗⸗ des Gelächter mit einſtimmen laſſen, welehem ſicht ſie vot ihm ehetden ihne den Niei nbendeſden unge Dalnie hingab.“ 31 nli 1 Aihd dn ſdins hin In der flackernden Beleuchültig des Herdfetes und des in die geöffnete Thüre fallenden leten Tuges⸗ ſcheins er ſchien ihm ihre⸗ Geſtalt won mittlerér Größe und eher zierlich als kräftig.“ Sie trug ein bis an die hochgeſchnürten Bergſchuͤhe reichendes Kleid von dunkelblauem waſſerdichtem Stoff, mit breiten weißen Schnüren reich beſetzt, an einet metallenen Kette hing ein großer Sonnenſchirm von dem Ledergürtel nieder, der ihre zurte T Taille eng ümſchloß. Ueber die Schul⸗ tern fiel ein ſbis lan die(Ellbogen reichender Kragen vom Stoff des Kleides, mit einer dicken weißen Quaſte, ünd der lange blaue⸗ Sihleier eines ſchwarzen Strohhutes vermiſchte ſich kokett mit dem reichen brau⸗ nen Haar, das aufelöſt u über den te Bagte der Febinden eede A1iHInde ü. 2nfA b 1131 Die Date hielt einie Kannzigtihe Pfannen in der Hand/ deren deimpfetiden Jüheilk Robert ſofort als eine Menge Theeblätter erkannte, welche luſte in ſchS ſiedender Milch umherwirbelten. 23 Mit beſtürzten Geſichtérit ſtanden der Führer und ſeine Tochter dor dem iſeltſämen Gericht, das ſie aus den getrockneten Kräutern bereitet hatten, die ihnen die Dame, mit ſdem Auftrag, cThee zu kochen, nus einer feſt“ verſchloſſenen Büchſe auf ein Blatt Papier geſchüttet hatte. atnatpin aie)t Rathlos hatten Chriſtine und ihr eben angelung⸗ ter Vater den ſeltſamen Grummet betrachtet, bis Er⸗ ſtere ſich erinnerte, daß das„Frauenzimmer“ den Thee mit Milch verlängt habe, und entſchloſſen den⸗ ſelben in die Pfanne voll ſiedender Milch geſchüttet hatte; in demſelben Augenblick wär die Dame heim⸗ gekommen und hätte die Barbarei entdeckt.— Der Führer war um ſo mehr überraſcht durch die Mun⸗ terkeit der Fremden, als ſeine Chriſtine bis vor Kür⸗ zem Pfarrersköchin geweſen, und eine Pfarrersköchin ſeiner Anſicht nach die höchſte Würdenträgerin irdiſcher Kochkunſt war.... Chriſtinen indeſſen liefen vor Beſchämung die hellen„Thränen über die rothen Wangenn, yltt mit nenn⸗ ru ee Kann. Kaum bemerkte die juige Dame das, als auch ihr fröhliches Lachen verſtummte. Mit einigen be⸗ gutigenden Worten an Väͤter! und Tochter ſtellte ſie den Milchthee zur Seite/ goß Wäſſer in eine andre Pfanne und ſchürte das Feuer an; und Alles das 24 mit Händen, deren Weiße und Zartheit ſcheinbar nie derbere Geräthe gehandhabt hatten, als Stickrahmen oder Feder. Obwohl ihr das Oeffnen der Thüre die Ankunft eines Fremden angezeigt haben mußte, hatte ſie ſich nicht umgewandt; freundlich mit Chriſtinen und dem alten Manne plaudernd, fuhr ſie in ihrer häuslichen Verrichtung fort. Gern hätte Robert ſich noch länger in das An⸗ ſchauen der graziöſen Geſtalt vertieft, aber ein Reſt jener ruhigen Zurückhaltung, die ihm Frauen gegen⸗ über eigen war, trieb ihm das Blut in die Wangen und raſch trat er in das Gaſtzimmer, zu dem ein paar flackernde Talgkerzen ihm durch die halbgeöffnete Thüre den Weg wieſen. In dem Lichte derſelben ſah Robert einen mit rohem Tannenholz getäfelten Raum. Die ganze Einrichtung deſſelben war zuſammengeſtellt aus zwei Tiſchen, einer rings um die Wand laufenden Holzbank, ein paar Brettſtühlen und einem niedrigen eiſernen Ofen. An einem der kleinen Fenſter ein Barometer, eine Schwarzwälder Uhr mit thatenlos niederhängendem Perpendikel, ſowie ein zerbrochener Spiegel, mit Siegellack zuſammengeklebt, vertraten den modernen Luxus, und die an die Wand gehefteten Plakate des deutſchen Alpenclubs im Verein mit einer 25 wenigverſprechenden Speiſekarte unterrichteten den Touriſten über das was er hier zu erwarten habe. Was jedoch die Aufmerkſamkeit des jungen Man⸗ nes am meiſten feſſelte, war eine Menge von Alpen⸗ blumen, die theis zierlich geordnet, theils in buntem Wirrwarr auf einem der Tiſche ausgebreitet lagen. Ein ziemlich gelehrt ausſehender Foliant mit vielen in Holz geſchnittenen Blättergerippen und Staubfäden lag aufgeſchlagen daneben und ein Skizzenbuch nebſt einem kleinem Aquarellfarbenkaſten lehnte ſich traulich an das trockene Regiſter der Wiſſenſchaft. In der Ecke ſtand ein Bergſtock mit aufgeſchraub⸗ tem Gletſcherbeil; ein paar zierliche Steigeiſen und andre für Gletſcherfahrten unentbehrliche Utenſilien lagen daneben. Unwillkürlich blickte Robert durch die halboffne Thüre zurück.— Es war ein ganz eigenthümliches Profil, zart und energiſch zugleich, das ſich von den Herdflammen hellroth angeglüht über die ſingende Theepfanne beugte. So ſehr es allen ſeinen Grundſätzen widerſpre⸗ chen mochte, Robert verharrte einen Augenblick in athemloſer Betrachtung der jugendlichen Züge: eine klarreine Stirn mit an den Schläfen durchſchimmern⸗ den blauen Adern, eine fein und ſcharf gezeichnete, 26 etwas gebogene Naſen mit trantsparenten rofigen Nüſtern, ein zarter ſtolzer Mund mit kaum erkenn⸗ baret Wölbung und endlich ein Kinn/ welches rund und weicheſich in den ſchlanken Hals verlor. Als habe ihr feiner Organismus dieſe Muſterung gefühlt, hob die Dame plötzlich däs vorgebeugte Ant⸗ litz, und Robert ſenkts den Blick vor dem mächtigen grauen Auge, das ihn voll und ruhig anſah, ohne Ueberraſchung, ohne Neugier, als ſei er einer der un⸗ zähligen Gegenſtände oder Menſchen, die uns auf Reiſen täglich begegnen, ohne daß ſie intereſſant genug wären, ſie zu bewundern oder gleichgül tig genug, ſie zu überſehn. Schon eine gewiſſe Nähe von Menſchen und Dingen zwingt unſer Auge, wenn auch noch ſo flüchtig, in ihren Bann. Robert trat von der Thür zurück, verwirrt, aber in ſeinem Vorurtheil nicht beſiegt. Welcher junge Mann unſerer heutigen Geſellſchaft beſitzt nicht jene alles bezweifelnde Lebensweisheit in Bezug auf das weibliche Geſchlecht, womit wir die Lücke in uuſetm Gemüth zu ſtopfen ſuchen, nachdem wir der Philiſter⸗ haftigkeit und Romantik früherer dcheiſerattonen ent⸗ wachſen zu ſein glauben! kthe n Diefer Neigung unſrer Zeit und der jungen Männerwelt iſtes wohl zuzuſchreiben, daß Robert, 27 wähtend eruſich auf eine: der harten ſchmalen Batke⸗ möglichſt weit von den Blumenſchätzen und det Farbenkaſben niederläßt, mit einem Achſelzucken und einem eigenthümlichen Lächeln, das ſeinem Münde nicht gut ſtehr, Wor ſich hinmurmelt? ide N ‚Sehr blaſtkt, oder ſehrokokett den Schow der Umſtand, daß ver die in Dame hiet oben) fern von aller Geſellſchaft, 6000 Füß hoch, un einem noch wenig hekannten Alpſee fand, allein mit einem Bauern und einer geweſenen Pfarrersköchin, hätte ihm beweiſen müſſen, das ger in Beidem irrte. Mit wem hätte ſie hier kokettixen ſollen? Daß er kommen werde, konnte ſie nicht ahnen, und blaſirt iſt nicht, wer Freude hat an Bergen und Blumen! Er beſ ſchloß, ſich nicht mehr um die Dame zu bekümmern, ma ahm einige Karten und Reiſebücher aus ſeinem Torniſter und vertiefte ſich an gelegent⸗ lich in toßographiſ che Studien. Er gewänn es auch über ſich, nicht aufzuſehen, als er die Derme eintretén und an ihret Platz gehen hörté! Sie mußte dabei dicht än ihm vorüber; er vernahm gleich dardüf das Rauſchen der welkendent Bluͤmén unt ihren Händen und fähe nicht auf. Da ſchob ihm feine reülhe Au Häiid eint dbene Tii iti den Aibckiget Vllbart —— 28 eines ſorgfältig zubereiteten Thee's unter ſeine Naſe. Das war nun allerdings nicht mehr gut zu ignoriren. Robert ſah den Führer mit einem ſo finſtern Blick an, daß dieſem das ſchlaue Lächeln auf dem Antlitz erſtarb und er ſogar vergaß, die gefüllte Zucker⸗ doſe vollends niederzuſetzen, die er in der Hand hielt. „Ich habe keinen Thee beſtellt“, ſagte Robert faſt rauh, indem er die Taſſe zurückſchob. Der Führer beugte ſich weit vor und ſagte mit einem Flüſtern, das vor der Thür noch verſtändlich ge⸗ weſen ſein mußte: „Das Frauenzimmer hat mir geſagt, daß ich Ihnen auch von der Brühe geben ſoll— oh ſie iſt ſehr gemüthlich!“ Dieſe vertrauliche, aber für alle Anweſenden hörbare Mittheilung brachte auf die Betheiligten ſicht⸗ lich eine peinliche Wirkung hervor; auf Robert's Lip⸗ pen kehrte das häßliche Lächeln zurück, während das Antlitz der jungen Dame ſich blutroth färbte bei der taktloſen Art, wie der Führer ihren Wink befolgte. Robert erhob ſich ein wenig und während ſein Mund noch das ſeltſame Lächeln nicht ganz verloren 29 hatte, verbeugte er ſich leicht nach der Richtung der Dame und ſagte: „Ich muß in der That Anſtand nehmen, Sie einer Labung zu berauben, die Sie unter ſo ſchwie⸗ rigen Umſtänden ſelbſt bereitet haben.... ich bin mit allem Nöthigen verſehen——⸗ Der junge Mann ſtockte...., denn das Aus⸗ ſehen der Dame hatte ſich merklich verändert. Ihr Antlitz wurde kühl und ſtolz; ruhig ſetzte ſie die Taſſe nieder, aus der ſie eben getrunken, und ſagte gleichgültig: „Ich dächte, hier oben wäre nicht der Platz, in olchen Dingen zwiſchen mein und dein ängſtlich zu unterſcheiden; meine Wirthe jedoch werden vielleicht die Entſchädigung entgegennehmen, welcher Sie die Taſſe Thee für werth halten...“ Damit wandte ſie ihre Aufmerkſamkeit wieder den Blumen zu, prüfte einige mit der Loupe, verglich ſie mit den Abbildungen im Buch, ſchlug die Regiſter nach, klebte getrocknete Exemplare auf ſteifen Carton, und fixirte die Umriſſe einiger ſeltenen und ſchönen Formen raſch und ſicher in dem Skizzenbuch. Robert war zu Muth, als habe er ſich eine Albernheit zu Schulden kommen laſſen, und das war für den won den Damen! wennoheen Mann ein bit⸗ teres Gefühl. Iiti annth = Naſch ſchlurfte er den Thee, aunh 438 zudsgerte ihn faſt, daß ſer denſelhem vortrefflich finden mußte⸗ n d Die Damen ſchien ſeinen Nwſebit oltt ane geſſen zu haben.— 1t 1 12 It P 1G14 nttolln rint Ke aen das dohnſuſß Bedürfniß, ahr zu beweiſen, da Er hob ſein 1 un hegann 1 war ſiS eeie e freundlicher Apgrn. bli d, als wir Si plötzlich hoch über der. Scluch in einer Frazenſinage i in mödieſer Einſamkzſt erner, 7 . Die Dame erhob⸗ das Antlit nicht, pyn. ihrer Be⸗ ſchäftigung. 1lu Jſ 390. Fffn E „Ich wußte nicht, daß mein 1 Wirth Fremde bei ſich habe: ich hiekte die zweite Geftelt aulf daßt Schne⸗ für einen Hirten; der ihm die Lebensmittel tragen K II IrIit' b fei ſollte⸗ dettn vir hier anüüftde Jale ucsd tijn 3 147 Der elegätte e beihtzahes das ditan eehne Gefühl, einen Gruß, der ein Paar Bauern gegolten, für ſich beanſprücht zunhaben, und fuhr um das -— —— —— — Geſpräch lebendig Zzu erhalten, im leichtem Tone fort: wtnn In„Es gehört ein ungewöhnlicher Muth dazu für eine Dame, den Wege zu machen, den wir heute zurückgelegt.“ Iuf himt hi and 4 „»Finden Sie? Ich. habe darüber wein Mrtheil, da. ich meinem Geſchlechte niemals weniger Muth⸗ zu⸗ geſchrieben, habe, als den Männern.“ 1 r. „Robert war betxoffen. n „Wenn die Kraft, wie man ſagt, die Erzeugerin des Muthes iſt, ſo iſt es doch wohl kaum zu bezweifeln, daß der. Mann ſeiner ganzen Brdaniſatmas nach hirr bevorzugt iſt.“ 411191 „Das beſtreite ich. Kraft und Muih, find ur nicht gleichbedeutend. Es gehört, jedenfalls mehr Muth dazu pon Seite, eines Schwächeren, daſſelbe zu leiſten, was der Starke ohne Anſtrengung und Gefahr vollbringt. Und daß ein feiger Rieſe das erbärmlichſte Schauſpiel iſt, werden Sie zugeben.“ „Das. letzte Argument ſpricht theilweiſe auch für meine Behauptung Was Sie Muth nennen, heii ich Hergismus.“ 5„Es iſt Frauenart, immer ngch. dem Jpealſt ſten zu gregtene lächelte die junge Dame und ihre weißen Händen ruhten auf den welken Blumen. 32 Robert war durch die Unterhaltung ſichtlich an⸗ gemuthet. „Glauben Sie nicht“, ſagte er ſanft und ſah ſein Gegenüber mit einem tiefen Blick ſeiner klaren ſchwarzen Augen an,„daß ich mich für einen berech⸗ tigten Anwalt der Männer halte; denn an manchen Stellen unſrer heutigen Wanderung, die, wie mir der Führer ſagte, von Ihnen mit Leichtigkeit überſchritten worden ſind, bin ich ermattet und— habe— mich gefürchtet.“ Ein leichtes Erröthen flog über das wunderbar zarte Antlitz der Dame; ihr Auge blitzte, wie aus Freude über das offene männliche Geſtändniß und eifrig ſagte ſie: „Auch ich mein Herr, habe mich gefürchtet.“ „Auch Sie? Aber der Führer ſagte doch... ⸗ „Thatſache iſt nur, daß ich keine Furcht zeigte und mich da aufrecht hielt durch den Willen, wo ich erliegen zu müſſen glaubte. Ich ſagte mir, daß man nicht auszugleiten brauche, ſo lange man He Füße ſei und einen Ort finde zu ihrer Stütze.. Ich fühlte, daß es die Gefahr nur vermehren müſſe, vor einem Wege zu erſchrecken, weil er zweitauſend Fuß hoch an einer Felswand entlang führte, während wir ihn ohne Zaudern überſchritten er ſeiner hätten, wenn der⸗ —y— ſelbe Weg zwölf Fuß hoch über dem Boden lag.“ Aufmerkſam hatte Robert den Worten der Dame gelauſcht. Ihr Geſichtsausdruck war ungemein leb⸗ haft geworden und das große graue Auge blickte ſelbſtbewußt und ſtolz. „Eine ſolche geiſtige Disciplin iſt in der That bewundernswerth.“ „Sie ſind ſehr gütig, mein Herr. Das Bedürf⸗ niß zu denken macht ſich nur zu bald fühlbar, wenn man die Geſellſchaft hinter ſich gelaſſen hat, und ihre oft verſtandenen Redensarten nicht mehr hört, die meiſtens prüfungslos hingenommen, trotzdem aber ſtreng geglaubt werden—— mit einem Wort: wenn man ganz allein iſt.“ „Sie lieben alſo die Einſamkeit?“ „Ja ſehr!“ ſagte die junge Dame überzeugungs⸗ innig, und ſchlug mit einem großen Blick die Augen auf.„Die Einſamkeit macht klüger und beſſer. So oft ich unter Menſchen komme, ſtaune ich anfangs ob all der geringfügigen, ja häßlichen Dinge, welche den Inhalt von ſo Vieler Leben ausmachen; aber nach kurzer Zeit iſt mir, als fühlte ich meine eigenen Pulſe erlahmen— als ſpräche und dächte ich ge⸗ nau wie alle andern; ſo daß die eigenen Worte mir v. Schlägel, Deutſchrund Wälſch. I. 3 34 oft fremd ins Ohr klingen— und dann muß ich fort!— wär's auch nur aus Furcht, zu werden wie die meiſten andern...“ Robert ſah eine Weile ſchweigend in die dam⸗ pfende Taſſe, die er ſich ohne ferneren Widerſtand friſch hatte füllen laſſen.. Er hatte geglaubt, eine kecke Abenteurerin hier zu finden, welche, nachdem ſie in irgend einer Weltſtadt alle Genüſſe durchgekoſtet, nun auf den ewigen Eisfeldern der Gletſcher Stär⸗ kung ſuche für ihre erſchlafften Nerven und Spiel⸗ raum für überſpannte Launen. Was er ſtatt deſſen fand, war ein urſprüngliches, tiefernſtes Weſen, das, wie es ſchien, aus innerſtem Drang zu den erhabenen Geheimniſſen der Natur emporſtieg, ohne Verbitterung, aber auch ohne Vergötterung einer Welt, die ihr nichts zu bieten ſchien. Dieſer Mund lächelte, als ſeien Hohn und Schmähung ihm fremd geblieben, dieſe reine Stirn ſchien nie getrübt von einem Hauch der Reue oder Schuld;— ihre Wangen waren ange⸗ haucht von der Friſche unverkümmerter Jugend, und die Stimme klang rein und voll, als habe ſie nie unter einer ſchmerzlichen Erinnerung gebebt. Als ſie ſchwieg, war es Robert, als müſſe er wieder dieſe ruhige klare Stimme hören, und ohne genau zu prüfen, ob ſeine Frage auch dem Sinne 35 nach das unterbrochene Geſpräch aufnahm, ſagte er: „Und die Einſamkeit ſelber, weit ab vom menſch⸗ lichen Verkehr und von menſchlicher Hülfe— be⸗ ängſtigt Sie nicht?“ „Oh nein mein Herr! Ich fühle mich hier ſicherer als unter tauſend Menſchen, und die Natur in ihren erhabenſten Gebilden iſt freundlich gegen jene, welche ſie kennen und lieben.“ Die junge Dame war mit ihrer Blumenleſe zu Ende. Sie ordnete diejenigen ihrer farbenprächtigen Lieblinge, welche ihr nicht zu künſtleriſchen oder wiſſenſchaftlichen Zwecken dienten, zu einem Strauß, und ſteckte ſie in ein Glas voll Waſſer. „Wir wollen den zarten Weſen ſo lange als möglich das Leben erhalten“, ſagte ſie heiter und erhob ſich, um das Zimmer verlaſſen. Robert hatte eine faſt ſchmerzliche Empfindung dabei. Ihm war, als ob er die junge Dame nicht ſcheiden laſſen könne, ohne die Sicherheit, ſie wieder⸗ zuſehen. „Der Führer ſagte mir“, begann er deßhalb haſtig,„daß Sie morgen den Saſſaplauna⸗Gletſcher beſuchen würden. Da auch ich zu dem Zweck hier bin, ſo bitte ich um die Erlaubniß, mich Ihnen an⸗ ſchließen zu dürfen.“ 3* — — Die junge Dame ſchien überraſcht,— dann ſagte ſie mit einem halb freundlichen, halb ängſt⸗ lichen Lächeln: „Ich bedaure— ich habe an den Felſen dort oben ein paar wunderſeltſame Blümlein entdeckt, die ich noch holen muß!— Ich bleibe noch einen Tag— vielleicht noch länger hier. Sie werden morgen ohne Zweifel ſchönes Wetter haben und eine herrliche Rund⸗ ſicht.— Das Queckſilber iſt wieder fortwährend im Steigen.... Wohin werden Sie den Abſtieg nehmen? Wahrſcheinlich über das Druſenthor nach der Schweiz?. „Wahrſcheinlich über das Druſenthor nach der Schweiz“, wiederholte der junge Mann langſam und faſt traurig.. Es war ihm nicht entgangen, daß das hübſche ſeltſame Weſen ſeine Wiederkunft nicht wünſchte. „Glück auf die Reiſe““ Die junge Dame ver⸗ naeigte ſich und ging. „Sie erwartet ſicher beſſere Geſellſchaft“, höhnte der Geiſt des Zweifels in ihm und er erröthete über ſich ſelbſt, weil es nur einiger ſchöner Worte und eines hübſchen Geſichtes bedurft hatte, ihn zu düpiren. Aufgeregt von all dem Unerwarteten, das er erlebt, trat Robert ins Freie. 37 Die Zacken der Berge hoben ſich in ſcharfen Umriſſen vom ſternbeſäten Nachthimmel ab, und dunkel ruhte ihr Fuß in dem ſchweigenden See. Voll und golden ſtieg der Mond herauf über den Bergen und ſein zitterndes Ebenbild grüßte empor aus der Fluth.. Ein unſichtbarer Waſſerfall rauſchte eintönig wie ferne Brandung und geheimnißvoll leuchteten die Schneeflocken aus den Schatten der Nacht. Und auch in Robert ward es rein und ruhig wie der Aether dieſer lichten Höhen und leiſe flüſterte er: „Ich will ihr nicht den Frieden dieſes herrlichen Ortes rauben!“ Fünftes Kapitel. Die weiße Nacht. Schon lange ſchien eine ungewiſſe Helle durch die Ritzen des Ladens in die Dachkammer, welche Robert als Schlafzimmer angewieſen war. Der Tag mußte doch längſt angebrochen ſein, um ſo mehr wunderte ſich der junge Mann, daß ſein Führer nicht gekommen war, ihn zu wecken, wie er es doch ver⸗ ſprochen hatte. Man brauchte noch mindeſtens vier Stunden zur Erklimmung des Gletſchers und dann noch weitere zwei bis zur höchſten Spitze des Saſſaplauna. Auch war es nicht angenehm, den größten Theil der mit⸗ unter ſehr beſchwerlichen Kletterparthie in der heißeſten Tageszeit zu machen. Der Abſtieg bis zur nächſten ſchweizeriſchen Alp erforderte mindeſtens ſechs Stunden ““ 39 und war nach Eintritt der Dunkelheit, oder bei et⸗ waigem Unwetter unausführbar. Ueberdieß war es Robert erwünſcht, aufzubrechen, ohne von der hübſchen Einſiedlerin, die mit ihm unter einem Dache wohnte, Abſchied zu nehmen. Die Erinnerung an die eigen⸗ thümliche Unterhaltung von geſtern Abend hatte ihn ohnehin lange genug nicht einſchlafen laſſen. Und auch jetzt, kaum daß er erwacht war, tönte ihre melo⸗ diſche Stimme ihm wieder im Ohr— ſah er wieder ihr energiſch ſanftes Geſicht, angeglüht von dem flackernden Herdfeuer, ſtrahlend im Schimmer einer ruhigen edlen Begeiſterung für das Schöne und Große. Umſonſt ſagte er ſich, daß er über das ſeltſame Weſen nichts wiſſe, als was ſie ſelbſt ihm geſagt,— daß ihre Art zu denken, ihre Erſcheinung und Lebens⸗ weiſe ſo weit ab lag von Allem, was er ſich unter einem begehrenswerthen Weibe bisher vorgeſtellt, er, der hübſche kluge Robert Frei, welcher Dank den Lehren ſeiner Angehörigen und ſeinen geordneten Ver⸗ hältniſſen, in der Beurtheilung der Frauen alt ge⸗ worden war, bevor er jung geweſen. Zum erſten Mal kam ein Zweifel an ſich über Robert. Der Gedanke an die intereſſante Unbekannte beſchäftigte ihn mehr, als er vor ſich ſelbſt entſchuldigen 40 konnte. Er hoffte, daß vor dem erſten Schimmer des hellen Tages dieſe Thorheit einer Nacht entweichen werde.— Doch dann lachte er bitter.. Als ob das noch von ihm und ſeiner Klugheit abhinge...! Die Dame hatte ihm ja deutlich genug zu verſtehen ge⸗ geben, daß ſie ſeine Geſellſchaft nicht wünſche, hatte ihn ſo unverblümt als möglich verabſchiedet! Sie war alſo doch noch klüger und ſtolzer als er, trotz ihrer Lebensweiſe, die ſo ſehr allen hergebrachten Begriffen von Frauenſitte widerſprach, daß es viel⸗ leicht bei jedem andern Weſen zum lebhafteſten Miß⸗ trauen hätte herausfordern müſſen.... Robert ſprang von ſeinem Lager auf und kleidete ſich haſtig an, während die eigenem Gedanken ihm über dem Kopf zuſammenſchlugen. „Was kümmert dich die Löſung dieſes hübſchen Räthſels!“ herrſchte er ſich zu.—„Wär's auch um nichts anderes, ſo hat ſie dem ſtolzen, zurückhaltenden Fremden ziemlich offen geſagt, er ſolle ſich ſeines Weges ſcheeren, und dieſen Wunſch muß der gebildete Mann erfüllen.“ Schwere Tritte auf der Treppe machten das Gebälk des Hauſes erzittern, und umfluthet von einem ſeltſamen mattgrellen Licht, ſtand die ſonderbare Ge⸗ ſtalt des Führers auf der Schwelle. 41 Ein Blick auf die Uhr belehrte Robert, daß der Morgen bereits weit vorgerückt ſei, und nicht eben freundlich rief er dem Eintretenden entgegen: „Ihr ſcheint mir nicht ſehr zuverläſſig, Mann — wenn Ihr mich rechtzeitig geweckt hättet, ſo könnten wir jetzt ſchon auf dem Gletſcher ſein!“ Mit dem eigenthümlichen Trotz, den dieſe Ge⸗ birgsbewohner allem Herriſchen entgegenſetzen, bäumte ſich der Alte gegen den Vorwurf der Unzuverläſſig⸗ keit— den härteſten, den man einem Bergführer machen kann, und faſt zornig ſtieß er den Laden auf: „Da ſchauens ſelber— ſeit vier Uhr iſt Alles ſo weiß, wie in einer Milchſchüſſel— der Nebel iſt dick zum Schneiden und wird jeden Augenblick dicker... Wenn Sie bei dem Wetter auf den Saſſa⸗ plauna wollen, ſo müſſen's halt allein gehen!“ Robert trat an die Dachluke und blickte hinaus. Der Führer hatte Recht: man konnte nicht fünf Schritt weit ſehen. Der See, die Berge, ſelbſt die nächſte Umgebung der Hütte war in demſelben dichten, gleichmäßigen Weiß verſchwunden, das der Alte treffend mit dem Inhalt eines Milchtopfs verglichen hatte. Nur die Form des großen Felsblocks, der die Hütte nach einer Seite hin deckte, zeichnete ſich ſchatten⸗ haft ab und ein dunkler, niederer Streifen dicht 42 hinter derſelben deutete die Schutzwehr an, welche gegen die Lawine des Saſſaplauna errichtet war. „Allerdings“, ſagte Robert,„bei dieſem Wetter iſt an eine Bergerſteigung nicht zu denken, aber den⸗ noch hättet Ihr mich früher wecken ſollen—“ „Wecken? und warum? Mir iſt hier oben die ſchwarze Nacht lieber als die weiße...“ „Weil ich zurückkehren will“, antwortete Robert. „Das iſt ganz unmöglich“, ſagte der Führer entſchieden;„wenn der Weg an den Felſen und über den Schnee nicht wär', dann könnt' man's wagen, aber ſo nicht.“ „So ſind wir alſo Gefangene!“ ſagte Robert ſinnend,„wie lange dauert ein ſolcher Nebel gewöhn⸗ lich an?“ Der Führer zuckte die Achſeln. „Manchmal' keine Stund'— und manchmal drei bis vier Tage..... 4 „Das iſt ja eine ganz angenehme Ausſicht!“ „Oh, wir haben Lebensmittel genug“, tröſtete der Führer,„etwa zehn Maß Wein und„dürre Land⸗ jäger“ und Brod für eine ganze Woche.“ Tröſtete ſich Robert mit dem Gedanken, daß er eine Mitgefangene habe, die in dieſer ſonderbaren Lage ſo lange aushalten mußte, wie er? Vieleicht ——- 43 war er ſich ſelber nicht ganz klar darüber; gewiß iſt nur, daß er— allein an dieſem Orte— unter ähn⸗ lichen Umſtänden ſich äußerſt unbehaglich gefühlt hätte. Mit einem Anflug von Humor fragte er: „Und muß unſere Hausgenoſſin— wie heißt ſie doch?..“ „Fräulein Wanda, hat ſie geſagt, daß wir zu ihr ſagen ſollen..“ „Schön— nährt ſich Fräulein Wanda während dieſer Zeit auch von dürren Landjägern?“ Robert hatte bereits in einigen armſeligen Wirths⸗ häuſern der Gegend mit den alſo benannten Nahrungs⸗ mitteln: an der Luft faſt ausgetrockneten Würſten— hinlänglich Bekanntſchaft gemacht, um nicht zu be⸗ zweifeln, daß ſie von Wanda's prächtigen, aber immer⸗ hin kleinen Zähnen bewältigt werden könnten. Er legte daher die Hand vertraulich auf den Arm des ziemlich rathlos dreinſchauenden Alten und ſagte: „In der Blechbüchſe meines Torniſters iſt für mehrere Tage kaltes Fleiſch, auch findet Ihr dort eine Doſe mit geſalzener Butter, ein Töpfchen Fleiſchex⸗ tract und Anderes.. Das Alles könnt Ihr an Euch nehmen und Fräulein Wanda verabreichen— ich ſelbſt werde mich an dürre Landjäger halten, mit denen ich bereits auf gutem Fuß ſtehe... Wenn Ihr aber mit einem Wort erwähnt, daß die Lebens⸗ mittel von mir herrühren, ſo iſt es mit unſerer Freundſchaft aus!“ Der Alte machte ein Geſicht, als ob nicht viel dazu gehöre, die Freundſchaft des kurzangebundenen jungen Herrn zu verlieren, gab indeſſen mit einem kräftigen Handſchlag das verlangte Verſprechen. „Und wie heißt Ihr? ſragte Robert. „Johann Evangeliſt Brand“, antwortete der Alte gravitätiſch. „Und nun geht hinunter, Johann Evangeliſt Brand, und laßt mir von Eurer Tochter einen Kaffee brauen, ſo gut, wie der Herr Pfarrer ihn nur je ge⸗ trunken hat.“ Die Scherze des jungen Herrn nach Gebühr be⸗ lachend, ſtieg Johann Evangeliſt Brand nach unten. Robert ordnete ſeinen Anzug mit einer Sorg⸗ falt, wie ſie eines belebtern Ortes und einer größeren Geſellſchaft würdig geweſen wäre. Die pracktiſch ele⸗ gante Bergtracht: ein kleiner, federngeſchmückter Filz⸗ hut, die kurze Joppe und die über's Knie reichenden Strümpfe, ſowie die hohen Schnürſchuhe mit den blanken Hacken ſtanden ſeiner ſchlanken, elaſtiſchen Ge⸗ ſtalt vortrefflich, und ſein hübſches, energiſches Geſicht 8 6 47 des gegenüberliegenden Ufers, während ſie ſelber durch den Nebel verborgen waren. „Ein Stück Himmel— ſo nah! mit Händen greifbar!“ murmelte Robert; allein er ſah nicht hin⸗ nunter auf das Spiegelbild in der Tiefe, ſondern auf das junge Mädchen, das mit leuchtenden Augen an ſeiner Seite ſtand. Unwillkürlich ſah Wanda jetzt herum bei dem ſeltſam innigen Ton, in welchem Robert ihre Worte wiederholte. Eine dunkle Röthe ſtieg in ihr Antlitz, ſie wandte ſich und ging, ohne die Blicke wieder zu Robert aufzuſchlagen, raſch ins Haus. Verwirrt und beſchämt blieb der junge Mann ſtehen, wie überraſcht durch die eigenen, faſt gegen ſeinen Willen laut gewordenen Gedanken. ..„Diesmal iſt die weiße Nacht kurz— der Wind hat ſich gedreht und der Nordoſt macht mit dem Nebel wenig Umſtände..“ Es war Johann Evangeliſt Brand, welcher neben dem Touriſten ſtand und in ſeiner ſchnarrenden Mundart dieſe für einen Bergſteiger ſo angenehme Botſchaft brachte. Und als wolle der Nordoſt, deſſen kräftigen Hauch Robert bereits deutlich an Stirn und Wange fühlte, die Weiſſagung des Evangeliſten Brand be⸗ 48 wahrheiten, ſo ballten ſich vor ihm die Nebel zu⸗ weißen Wolken zuſammen und gaben da und dort einen Winkel des Sees, eine düſtere Felswand— eine ragende Zinne— ein Stück des blauen Himmels frei... Von den Felſenzacken wehten ſie wie zer⸗ riſſene Schleier und entflohen über die zitternde Waſſerfläche, geſpenſterhaft die wallenden Gewänder nach ſich ſchleppend. Aber der Nordoſt ſpielte den Kehraus, und bald lag der düſter⸗ernſte Alpſee weit⸗ hin ſichtbar, verklärt im Glanz eines herrlichen Morgens. Sechstes Kapitel. Wildheuer und Wilderer. „Dann ſteht wohl unſerer Gletſcherfahrt für morgen nichts entgegen?“ begann Robert, nachdem er ſich eine Weile ſtumm in den Anblick des erhabenen Bildes vor ihm verſenkt hatte, das jetzt in dem hellen Sonnenſchein wohl anders, aber nicht weniger groß⸗ artig als bei ſeiner Ankunft erſchien.— Allein er wartete vergeblich auf Antwort. Brand ſchien voll⸗ ſtändig in Anſpruch genommen durch die Betrachtung der Berge jenſeits des Sees, deren geneigte Flächen der hier oben ſpät erwachende Frühling bereits da und dort mit grünem Schimmer überzogen hatte. Plötzlich wendete er ſich raſch nach Robert um und deutete auf das Taſchenperſpectiv, welches dieſer an einem Lederriemen an der Seite trug: v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I. 50 „Sieht man weit damit?“ „Das Inſtrument gilt für gut. Iſt an jenem Berg etwas Merkwürdiges zu entdecken?“ fragte Robert, indem er das Teleſkop aus ſeiner Umhüllung nahm. Der Führer antwortete nicht. Haſtig ergriff er das Fernrohr und kurze Zeit ſchien er für nichts mehr Sinn zu haben, als für die kleine Fläche, welche das Glas umfaßte. Dann gab er daſſelbe, wie es ſchien, mit Widerſtreben zurück. „Es ſind heute Gemſen da drüben— acht Stück!“ ſagte der alte Mann erregt und ſein Auge blitzte, wie das eines Jünglings.„Sehen Sie! dort— über dem Geröll, wo der Schnee aufhört und das Grüne an⸗ fängt! Sie weiden langſam aufwärts gegen das Schweizerthor.. Sehen Sie den prächtigen Bock an der Spitze, wie er den Kopf in den Rücken wirft und die Naſe in die Luft ſtreckt!“ Robert hatte mit dem Glas die zierlichen Thiere gefunden, wie ſie ſich gelbgrau von dem hellen Grün abhoben. Man ſah in der ungemein klaren Luft jede Bewegung der Gemſen, obwohl ſie in gerader Linie vielleicht eine halbe Stunde weit von der Hütte ent⸗ fernt ſein mochten. „Ein Gemsrücken wär' ſchon beſſer als dürre — Landjäger“, meinte Brand und zwinkerte den Touriſten von der Seite an, als wolle er prüfen, was für ein Geſicht dieſer zu der lockenden Ausſicht mache. Robert glaubte verſtanden zu haben. „So viel ich weiß“, ſagte er kühl,„beginnt die Gemsjagd erſt im Herbſt wieder, und dann nur für Eigenthümer.“ „Ach was Eigenthümer!“ brauſte der Alte auf —„die Gemſen tragen keine Zeichen am Ohr, wem ſie gehören!“ Robert ſetzte das Geſpräch in dieſer Richtung nicht fort. Er wußte, daß Rechts⸗ und Billigkeitsgründe wenig ausrichten gegen die Leidenſchaftlichkeit unge⸗ bildeter Menſchen. Der Alte hatte ſich inzwiſchen, wie es ſchien, un⸗ ruhig nach den Spitzen der Berge umgeſehen und ſagte nun mit mürriſcher Verlegenheit: „Sie wollen alſo morgen auf den Gletſcher?“ „Allerdings will ich das“, entgegnete Robert entſchieden,„ich habe nicht vor, hier wochenlang herumzuliegen.“ „Aber Sie unterhalten ſich inzwiſchen ganz gut — das junge Frauenzimmer—“ Robert glaubte ein ſpöttiſches Lächeln um den 4* 52 breiten Mund des alten Mannes zu entdecken und wurde glühend roth. „Brand“, ſagte er nach einer Weile ernſt,„ich habe Euch gedungen als Bergführer— nicht aber, um Eure unbeſcheidenen Bemerkungen anzuhören.“ „Hoho!“ ſagte der Alte trotzig—„kann ich was dafür, daß man heut' früh vor Nebel ſeine eigenen Füße nicht ſah?“ „Um ſo beſtimmter rechne ich darauf, daß wir morgen gehen—“ „Morgen hab' ich keine Zeit“, knurrte Brand und deutete auf die grünen Stellen über dem See, wo man vorhin die Gemſen geſehen.„Morgen muß ich zum „Wildheuen“ da drüben; dort wächſt das beſte Gras, das es hier herum gibt und meine Kuh gibt doppelt ſo viel Milch danach.“ „Hat es mit dem Gras ſolche Eile?“ Brand nickte, ohne aufzuſehen. „Es iſt ſo zart, daß ein heißer Tag es bis auf die Wurzeln verbrennt; Alles, was Sie da grün ſehen, iſt dann braun..“ „Ich will Euch nicht von Euren Obliegenheiten abhalten, obſchon es mir lieber geweſen wäre, wenn Ihr mich von denſelben ſchon geſtern unten im Dorf —— unterrichtet hättet! Ich werde alſo morgen allein auf den Gletſcher gehen..“ Brand zog die Schultern in die Höhe und ſah den jungen Mann von der Seite an, als ob er nicht an die Ausführung dieſes Entſchluſſes glaube. Auf ſeinem Geſicht lag dabei wieder jener ſpöttiſche Ausdruck bäneriſcher Ueberlegenheit, welcher Robert ſo ſehr er⸗ bitterte. Den Führer nun auch ſeinerſeits mit einem durchdringenden Blick meſſend, ſagte er: „Ihr wollt Euch wohl beim„Wildheuen“ das Rudel Gemſen näher betrachten, das Ihr heute ent⸗ deckt habt!“ Brand erhob mit zorniger Ueberraſchung den Kopf. „Der Herr wäre ein guter Finanzer worden!“ ſagte er mit einem ſo böſen ſchielenden Blick, daß es dem jungen Mann faſt war, als habe er mit ſeiner Bemerkung eine große Unvorſichtigkeit begangen. Bald darauf verabſchiedete ſich Brand. Er wollte ins Dorf hinunter ſteigen, um die Inſtrumente zum Wildheuen zu holen, wie er mit einem halb trotzigen, halb ängſt⸗ lichen Blick auf Robert betonte. „Und der Herr bleibt hier bis morgen?“ „Ja!“ Brand konnte ſicher ſein, daß der Fremde ihn ₰ 4 5 nicht verrieth, ſo lange derſelbe in der Weltabge⸗ ſchiedenheit des Lunaſee's ſich aufhielt. Das nächſte Dorf lag ſechs— die nächſte Feldjäger⸗ oder Zoll⸗ wache mindeſtens zehn Stunden entfernt. —., Siebentes Kapitel. Ungleiche Wege. Während Brand mit mächtigen Schritten gegen den Felſenwall zueilte, der den Lunaſee eindämmte und der Sage nach den Maßſtab für deſſen Tiefe bildete— trat Robert in die Küche, wo die Tochter des Führers damit beſchäftigt war, in einer unge⸗ heuren eiſernen Pfanne eine Art Eierkuchen zu backen; er ſah dieſer Beſchäftigung eine Weile zu und wollte ein Geſpräch mit dem Mädchen anknüpfen, aber jeder ſeiner Verſuche ſcheiterte an der Verſchiedenheit ihrer Idiome. Mit einem ganz ſeltſamen Gefühl von Befangen⸗ heit, wie er es einer Frau gegenüber bis jetzt noch nicht gekannt, trat Robert dann in die Stube. Wanda ſaß an ihrem gewöhnlichen Platz und ordnete die 56 dankte ſie ruhig und unbefangen, als habe er ihr nicht vor einer Stunde erſt Veranlaſſung gegeben, ſich raſch von ſeiner Seite zu entfernen. Es hatte ſie betrübt, daß er ihre reine Freude an der Natur mit einer jener Schmeicheleien kreuzte, wie ſie dieſelbe von jungen Herrn ſchon öfter in mehr oder minder taktloſer Weiſe zu hören gehabt hatte. Mit dem Taſtſinn einer un⸗ verfälſchten klaren Natur, hatte ſie ſich, ohne den Sinn ſolcher Reden recht zu verſtehen, ſtets von derlei Zu⸗ dringlichkeiten raſch und ſtreng zurückgezogen, wie manche Blume ihren Kelch verſchüchtert ſchließt bei jeder fremden Berührung. Als ſie allein war, wollte es ihr allerdings ſcheinen, als habe Robert denn doch nichts gemein mit den Männern, die durch ihre Schutzloſigkeit ſchon ſo oft zu kühnen Worten veran⸗ laßt worden. Auch ſein Auge, ſein Geſicht, ſeine Stimme waren ganz anders geweſen, als die jener Männer, vor deren Reden ihr graute. Vielleicht war ſie doch zu weit gegangen und es war ein Scherz von ihm geweſen.... freilich einer jener Scherze, die ſie nicht liebte, aber ſie war wohl zu ſtrenge da⸗ rin. Indeſſen zu einem Scherz ſchien er zu ernſt zu ſein,— ſeine Worte hatten geklungen, wie in tiefer Träumerei geſprochen.. letzte Ausbeute. Als Robert ſaſt ſchüchtern grüßte, 1 1 57 Glutröthe bedeckte ihr Geſicht.— Vielleicht hatten ſeine Worte gar nicht einmal ihr gegolten, und es war nur Zufall, daß er dabei ſie anſah... Ja! ohne Zweifel, ſo war's!— wie hatte ſie nur einen Augenblick vermuthen können, der zurück⸗ haltende ſtolze Mann werde reden wie jene Andern, die ihr ſo zuwider waren!—— Sie hatte ihn ver⸗ letzt zum zweiten Male, ohne daß er ihr Urſache dazu gegeben. Als Robert daher langſam näher trat, nahm ſie ſeinen Gruß mit einem Lächeln entgegen, das ihrem Antlitz die Heiterkeit und Friſche von ſechszehn Jahren gab, obwohl ſie vielleicht ſechs bis acht Jahre älter ſein mochte. „Sie finden mich wieder bei meiner gewohnten Beſchäftigung“, begann ſie mit ſanfter Freund⸗ lichkeit. „Sie lieben die Blumen ſehr?“ fragte Robert, erfreut auf das unerwartete Geſpräch eingehend. „So ſehr, daß ich ſogar bereit bin, alle Märchen zu glauben, die man ſich von der geheimnißvollen Macht und von dem halben Leben dieſer ſüßen Ge⸗ ſchöpfe erzählt.“ Wanda beſaß eine ſeltſame Gabe, den lebhaften Geiſt Roberts in einen beſtimmten Kreis zu bannen, 58 und angemuthet wie von Blumenduft durch ihre Worte, antwortete er: „Und dennoch nehmen Sie Ihren Lieblingen dieſes halbe Leben— oder glauben Sie an eine Fortdauer deſſelben, wenn Sie die Blumenleichen in Ihr großes Buch geklebt?“ „Gewiſſermaßen ja!“ antwortete Wanda tiefernſt, „kann der Menſch ihre Arten veredlen und verbreiten, ohne ſie genau zu kennen? Die veredelte Fortdauer in der Art iſt das Evangelium, das die ganze Natur durchdringt, nur wir egoiſtiſchen Menſchenkinder wollen Alles perſönlich und nur für uns. Das hat mein unvergeßlicher Vater oft geſagt, der Blumen liebte wie ſeine eigenen Kinder, und dennoch vielleicht die größten beſtehenden Sammlungen von„Blumenleichen“ hinterlaſſen hat. Wunderbare Blumen, geboren am Rande des ewigen Schnees und auf ausgeſtorbenen Gletſcherfeldern, blühen durch ſeine unermüdlichen Forſchungen und Beſtrebungen, jetzt— ſchöner als je zuvor in den Gärten der Ebene und ſchauen die Wogen des Meeres.“ Robert ſchaute lächelnd in das erregte Antlitz des jungen Mädchens, und ſagte dann mit einer Art gutherziger Ironie, vielleicht in der Abſicht, dem 59 hochfliegenden Geſpräch eine andere Wendung zu geben: „Auch ohne ſeine botaniſchen Erfolge hatte Ihr Papa gewiſſermaßen ein Recht zu ſeiner An⸗ ſchauung, als Vater einer ihm ſo ebenbürtigen Tochter!“ Robert bereute ſeinen Scherz faſt augenblicklich, als er die Augen Wanda's ſchmerzlich und faſt flehend auf ſich gerichtet ſah „O, ſprechen Sie nicht ſo zu mir! Dieſe Art Sprache auf die ich nicht zu antworten vermag, be⸗ ängſtigt und verwirrt mich.— Schon als Kind be⸗ gleitete ich meinen Vater auf ſeinen weiten und oft rauhen Wanderungen. Meine Mutter iſt früh geſtorben, und was man„Geſellſchaft“ nennt, hat mein Vater nie geliebt.“ „Und ſeit dem Tode Ihres Herrn Vaters ſind Sie ganz allein?“ „Ganz allein!“ wiederholte Wanda leiſe bei der ernſten Erinnerung.—„Anfangs wollte ich auch leben wie andere junge Mädchen, in einer Familie und mich beſchäftigen wie ſie. Entfernte Verwandte, die mein Vater nie gern gehabt, ſchrieben mir, daß ich die Lebensweiſe meines Vaters allein nicht fortſetzen könne, und verſprachen mir, mich wie eine Tochter aufzu⸗ 60 nehmen. Ich glaubte es und ging zu ihnen. Einen Winter brachte ich in der großen Stadt zu— zwiſchen hohen rauchgeſchwärzten Häuſern. Nicht einmal den Schnee auf den Dächern konnte ich ſehen! Und auch die Menſchen, die vorgaben mich zu lieben, waren ſo ganz anders wie mein Vater.— Ich hätte reden und mich betragen ſollen wie ſie, und dennoch konnte ich es mir nicht verbergen, daß ſie ſelbſt nicht immer glaubten, was ſie ſagten, und daß oft genug Hoffahrt und Gefallſucht die einzige Triebfeder ihres Benehmens war.— Auch meine Blumen, meine einzigen Freunde, kränkelten und ſtarben in der Luft.. Und als es Frühling wurde und die erſte Schwalbe zwitſchernd mein Fenſter ſtreifte, da hielt ich es nicht länger aus und ging in die Berge, nach denen ich mich geſehnt den ganzen langen Winter!— Seitdem lebe ich, wie Sie ſehen. Mein Vater konnte Vieles nicht vollenden — manche ſeltene Pflanze, die er ſuchte, fand er nicht. Ich kann ſein Andenken nicht beſſer ehren, als indem ich mit meinen ſchwachen Kräften ein Theilchen von dem zu ergänzen trachte, was ihm nicht mehr vergönnt war auszuführen.“ 3 „Und was beabſichtigen Sie mit dieſen ohne Zweifel ſehr werthvollen Sammlungen vorzunehmen?“ fragte Robert, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit —,— —— — 64 dieſer Erzählung eines ſeltſamen Jugendlebens ge⸗ lauſcht.— „Mein Vater äußerte manchmal den Wunſch, die Sammlungen, ſobald ſie eine gewiſſe Vollſtändig⸗ keit erreicht haben würden, einer hervorragenden natur⸗ wiſſenſchaftlichen Geſellſchaft zum Geſchenk zu machen, und auf dieſe Weiſe zum Gemeingut. Ich beſitze eine kleine Rente, welche mir jene Freiheit gewährt, die allein Werth für mich hat— die Freiheit, allein zu ſein und zu wandern... Ich werde alſo an dem, was mein Vater gewünſcht, nichts ändern.“ „Sie ſind edel!“ ſagte Robert voll Ueberzeugung. „Und dieſes Wandern hat Sie ne ermüdet, das Allein⸗ ſein niemals Ihre Sicherheit gefährdet?“ Wanda ſtützte wie in tiefem Nachdenken das Haupt in ihre Hand; dann ſchaute ſie, wie von einem ſchmerz⸗ lichen Gedanken bewegt, auf: „Ja, manchmal war ich müde, recht müde; dann ging ich an einen einſamen Ort wie dieſer hier und ruhte aus bei meinen Blumen... Das Gefühl der Gefahr hatte ich nie ſo ſtark als unter vielen Menſchen, wenn mann mich neugierig anſtarrte und mit Fragen und Rathſchlägen quälte.— Die Menſchen ſind ſehr deſpotiſch, ſie können es nicht ertragen, wenn man nur einen Schritt von dem Wege abweicht, den ſie 62 ſelber urtheilslos wandeln, nur weil es der Weg vieler Anderer iſt.. Als ob es nicht Menſchen geben könnte, die— zum Heerdendaſein nicht geſchaffen— die Be⸗ dingungen ihrer Exiſtenz aus ſich ſelber ſchöpfen und daher nicht nach der Schablone beurtheilt werden dürfen.“ Robert antwortete nicht ſogleich. Der ſanfte Vor⸗ wurf, welchen Wanda ausgeſprochen, traf auch ihn. Auch er hatte ja dieſes tiefinnerliche zarte und doch ſo ſtarke und ſelbſtändige Weſen, deſſen Herz rein war, wie die Luft ihrer Berge, nach Aeußerlichkeiten ſchon verurtheilt, noch ehe er ſie geſehen. „Ich fühle“, ſagte er endlich,„daß es bitter für Sie ſein muß, von gewöhnlichen Naturen den Maßſtab der Gewöhnlichkeit an ſich legen zu laſſen! Aber nicht alle Menſchen ſind geſchaffen wie Sie, nicht alle beſitzen Ihren umfaſſenden Geiſt, Ihr Gemüth das nur Güte und Selbſtloſigkeit kennt.. Für die meiſten Menſchen iſt das„Heerdendaſein“, die Geſell⸗ ſchaft, eine Stütze, und es iſt nur natürlich, daß ſie nicht begreifen, wie man entbehren kann, was ihnen ſelber unentbehrlich iſt. Die Nahrung, an der Ihr eigner Geiſt erſtarkte, verdanken Sie ja, wenn auch mittelbar doch zum großen Theil der Geſellſchaft.“ „Ich klage dieſelbe ja auch nicht an! Ich würde —— 63 ſie vielleicht beſſer verſtehen und mich wohl fühlen in ihr, wenn ich Vater und Mutter behalten hätte, oder wenn ich Brüder und Schweſtern beſäße, die mich lieben!“ „Das iſt's“, ſagte Robert, freudig, eine Löſung gefunden zu haben, welche Wanda von Tadel frei ſprach, ohne an ſeine tiefſten Ueberzeugungen zu rühren. —„Das iſt's! Die Familie iſt das mächtigſte Band, das uns mit der Geſellſchaft verknüpft.... Sehen Sie, mein eigenes Leben war ein in jeder Beziehung von dem Ihrigen abweichendes.. Als einziger Sohn einer Familie mit ziemlich ſtrengen Lebensanſchauungen wuchs ich auf, beobachtet und in jedem Detail meiner Kindheit geleitet, mit einer Zartheit, wie ſie ſelbſt für das zartere Gemüth eines Mädchens genügt hätte. Dennoch entwickelten ſich meine Eigenſchaften und Neigungen ſo ſelbſtändig, daß ich meinem Vater— einem Kaufmann von ſtrenger Redlichkeit und bei allem kaufmänniſchen Eifer ziemlich weiter Weltanſchauung, mit achtzehn Jahren ſagen konnte, daß ich ſeinen Stand, für den ich erzogen worden war, nicht liebe, daß mich vielmehr alle meine Wünſche zur Landwirthſchaft hin⸗ wieſen. Nachdem er ſich überzeugt, daß es ſich um mehr als eine Jugendphantaſie handle, ſchickte mich mein Vater ohne Weiteres auf eine landwirthſchaft⸗ 64 liche Schule, und als ich bei meinem Eifer für die Sache ziemlich raſch dieſelbe durchgemacht, beſaß ich durch die Güte meiner Eltern auch bereits ein kleines Gut in der Nähe meiner Vaterſtadt als Eigenthum, die neuerworbenenen Kenntniſſe praktiſch zu verwerthen. Erſt als ich älter wurde, dachte ich manchmal darüber nach, wie ſchwer es wohl meinem guten Vater werden müßte, ſein weitverzweigtes ſorgfältig geordnetes Ge⸗ ſchäft, mit dem er tauſendfach verknüpft war mit ſeiner ganzen Thätigkeit von Jugend auf, dereinſt fremden Händen zu übergeben, was ihn der Entſchluß gekoſtet haben mochte, den er mir ruhig und gütig verkündigte. — Sie ſehen, es gibt auch Freiheit in Abhängig⸗ keit und Beſchränkung, wenn Duldung und Liebe walten!“ Aufmerkſam hatte Wanda zugehört. „Und Sie ſind zufrieden in Ihrer neuen Thätigkeit?“ „Unendlich!— Nur mit Widerſtreben riß ich mich los von der geliebten Scholle, auf die ich Mühe und Sinnen nun ſeit manchem Jahr verwendet. Un⸗ gern überließ ich fremden Händen die Pflege deſſen, was ich ſelbſt geſchaffen— doch meine Eltern meinten, man müſſe auch ein Stück des Erdballs kennen lernen, auf dem man lebe. Ich begriff das zuerſt nicht;— denn 4 — was kommt darauf an, ob dieſes Stück, ein wenig größer oder kleiner!.. Oft wenn mich der Thaten⸗ drang zu mächtig erfaßte, löſte ich mein Boot vom Ufer und fuhr weit hinaus auf's Meer,— ſo weit, daß Erde und Himmel ineinanderſchwanden.. Dann kam ich müde nach Haus, war ruhig und froh und Garten, Flur und Haus erfchienen mir doppelt ſchön.. Mit gefalteten Händen und geſenkten Wimpern ſaß Wanda da. „Dort muß es ſchön ſein“, murmelte ſie faſt un⸗ bewußt.. dann blickte ſie auf.„Und der Reiz des Neuen, Formgewaltigen iſt Ihnen fremd ge⸗ blieben?“ Robert ſah ſie lange ernſt und mit einem Ausdruck an, als weilten ſeine Wünſche weit von hier. „Nicht fremd! Doch konnte dieſer Reiz die Sehnſucht nach der Heimath nicht betäuben— erſt ſeit heute— iſt dieſer Ort— mir lieber als die Heimath—“ Schwer athmend erhob ſich Robert und verließ das Zimmer. Verwundert ſchaute Wanda ihm lange nach, ihr überraſchtes Antlitz verrieth denilh, daß ne iün nicht v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I 66 verſtand. Sie war noch ein Kind mit dem Verſtande des gereiften Weibes. Sie dachte darum auch nicht lange nach über das ſonderbare Benehmen des jungen Mannes— warum ſollte es ihm nicht auch an einem Orte gefallen, deſſen erſter Anblick ſie in wortloſe An⸗ dacht verſenkt hatte? Ein lautes Geklingel, hier und da von einem kurzen Meckern unterbrochen, ſtörte Wanda in ihrer Träumerei. Die Thür öffnete ſich und mit freund⸗ lichem Gruß trat ein junger katholiſcher Geiſtlicher ein; meckernd und klingelnd folgte ihm ein kleiner kohl⸗ ſchwarzer Ziegenbock. Während der Geiſtliche ſich in einiger Entfernung von Wanda an den Tiſch ſetzte, lief das Böcklein ge⸗ raden Weges auf Wanda zu und verſuchte von ihren Blumenſchätzen zu naſchen, oder als ſie ihm lachend wehrte, die Schnüre ihres Kleides zu benagen. Die Mittel, welche Wanda anwendete, das muntere zutrauliche Thier in Schranken zu halten, das von der letzten Alp an dem jungen Mann unabläſſig gefolgt war— ſchienen nicht ſehr energiſch und der jugendliche Prieſter ſchaute heiter auf die Bemühungen der Fremden, ihren Hut, Schleier und Sonnenſchirm, ſowie Alles was das verzogene Thierchen für genießbar hielt, aus ſeiner Nähe zu räumen. Als ſie es endlich mit einem Häuf⸗ 4 6 1 ——- — lein Blätter abgefunden und beruhigt, konnte der Kap⸗ lan ihr mittheilen, warum er heraufgeſtiegen. Der alte Pfarrer des Dorfes ſei ſchwer krank geworden, und verlange die Tochter des Johann Brand zur Pflege, die ihm ſchon früher mehrmals aufgewartet habe. Die Entkräftung des hochwürdigen Herrn ſei eine ſehr große, und deshalb habe er, der Kaplan, ſich ſelbſt auf den Weg gemacht, dem freundlichen Vorge⸗ ſetzten dieſen Wunſch, der vielleicht ſein letzter ſei— zu erfüllen, und ihm die Chriſtine zu rufen. Dieſelbe ſei auch bereit, hinunter zu gehen, wenn die Dame es erlaube.... Der Führer, der ihm begegnet ſei, habe verſprochen, zur Nacht wieder in der Hütte zu ſein und dazubleiben, ſo lange ſeine Tochter unten ſei. Bereitwillig und nur ihre Theilnahme für den alten ſchwererkrankten Mann folgend, gab Wanda ohne Bedenken ihre Einwilligung. Während ſich Chriſtine zu dem Marſch rüſtete unterhielt Wanda ſich angelegentlich mit dem jungen Prieſter, der auch Botaniker war, über die Flora der Gegend und freute ſich kindlich, als ihr derſelbe Auf⸗ ſchluß über Namen und Art eigener Pflänzchen geben konnte, die ihr als merkwürdig aufgefallen waren, ohne daß ſie dieſelben bis jetzt in ihren Büchern gefunden hatte. 5* 9 ——— 68 Wenn ſie ſich nach dem Fenſter umgewendet, ſo hätte Wanda in das erregte Antlitz Roberts geſchaut, der mit bleichen Wangen und zuckenden Lippen ihren freundlichen Verkehr mit dem fremden jungen Manne beobachtete. Eben trat Chriſtine vor die Thür, um noch einen Krug Waſſer von der tiefliegenden eiſigkalten Quelle heraufzubringen. „War der Mann ſchon einmal hier in den letzten Tagen?“ fragte Robert ſchärfer, als er beab⸗ ſichtigte. Chriſtine antwortete mit Nachdruck, daß der Herr Kaplan zum erſten Male hier heraufkomme, ihre Blicke bekundeten deutlich, daß ſie der Anſchauung ihres Vaters— der junge Mann eigne ſich vor⸗ trefflich zum Zollbeamten— aus vollem Herzen bei⸗ ſtimmte. Robert ſeufzte tief und erleichtert auf, und ſeine Heiterkeit kehrte zurück, als er dem bald darauf heim⸗ eilenden Kaplan nachſah, der— wie froh, ſeine junge Kraft verwerthen zu können, in immer gewagteren Sätzen von Stein zu Stein ſprang. Wie Rabenflügel umflatterten ihn die Schöße ſeines langen Prieſterrocks, und wieder begleitete ihn das kohlſchwarze Böcklein, und ſprang meckernd und klingend in grotesken Sprüngen 69 hinter ihm drein. Langſamer und bedächtiger folgte ihnen die Chriſtine. Erſt als ſie Roberts Schritte in der Küche hörte, er⸗ innerte ſich Wanda, daß ſie ja jetzt ganz allein mit ihm ſei; und einem Gefühl gehorchend, für das ſie ſich ſelbſt keine Rechenſchaft zu geben vermochte, zog ſie ſich in das kleine einfache Gemach zurück, das ihr zum Schlafzimmer diente, noch ehe Robert in das Gaſtzimmer getreten war. Erſt als ſie ihn wieder fortgehen gehört, kam ſie zum Vorſchein. Robert hatte ſeinen Alpſtock genommen und war zwiſchen dem gewaltigen Geröll einer Stein⸗ lawine emporgeklettert, die vor langen Zeiten viel⸗ leicht— ehe die Jahre im Verein mit Wind und Wetter ſie zu Fall gebracht, als ſchroffe Zinne des⸗ ſelben Berges zum Himmel ragte, deſſen Fuß ſie jetzt in wildem Durcheinander bedeckte.— Es hatte einen wunderbaren Reiz für ihn, dem Adler gleich von ſtolzer Höhe herabzuſchauen auf die Hütte, in welcher das Weſen weilte, das ihm von Stunde zu Stunde theurer wurde— ſo theuer, daß er nur mit Schrecken des Augenblickes dachte, der ſie trennen mußte. Er ſah ſie, wie ſie aus der Hütte tretend, auf — ——— 70 den See hinunter ſchaute— wie ſie weitergehend ſich niederbeugte und Blume um Blume pflückte,— wie ſie dazwiſchen das Haupt hob, um mit den Blicken einem Vogel zu folgen, oder einem bunt⸗ farbigen Schmetterling der über ſie dahin geſchwebt war... Ein unbekanntes, unendlich ſüßes Ge⸗ fühl durchfluthete des jungen Mannes Bruſt.— Er erſchien ſich wie der erkorne Beſchützer dieſes ſtillen Friedens, und als ſei es ſeines Daſeins Zweck, dieſen Frieden zu breiten über Wanda's ganzes Leben.... Erſt als das junge Mädchen mit einem mäch⸗ tigen Blumenſtrauß in die Hütte zurückgegangen war, ſtieg Robert weiter. Er hörte das Pfeifen der Murmelthiere, und das Rieſeln der Steine, welche der Gemſen flüchtiger Tritt auf ihren ſteilen Pfaden losgelöſt; mit Entzücken ſchaute er tief in den blauen Himmel, und glaubte zum erſten Mal ganz zu ver⸗ ſtehen, was in der Seele Wanda's vorging beim An⸗ blick dieſer Größe. Es war faſt Abend als er heimkehrte. Wie von der Huld einer unſichtbaren Cöttin beſcheert, fand er heißen Thee, Fleiſch und Brod im Gaſtzimmer hergerichtet.— Er konnte ſich nicht irren— das Alles mußte für ihn ſein, obſchon 1 Niemand kam, um ihn zum Eſſen einzuladen. Er verſtand auch das und zweifelte nicht: ſie hatte ihn herniederſteigen ſehen und vorſorglich Alles für ihn bereitet. Achtes Kapitel. Der Schwärzer. Durch die Ankunft des Führers wurde Robert aus ſeinen Gedanken aufgerüttelt. Brand benahm ſich mehr ſcheu und demüthig als trotzig, und ſuchte Robert zu überreden, bis übermorgen zu warten, da⸗ mit ſie dann zuſammen auf den Gletſcher gehen könnten. Allein, und gar für Einen, ſei das viel zu gefährlich; der Herr wiſſe nicht den Weg zwiſchen den Eisſpalten und über die Schneebrücken, und könne daher leicht verunglücken. Uebermorgen, wenn er das Wildheu geholt, ſei es ja nur eine Ehre und ein Ver⸗ dienſt, den Herrn zu begleiten. Längſt hatte Robert ſeine Voreiligkeit bitter be⸗ reut, die ihn für den kommenden Tag ſeine Abreiſe von dem Orte feſtſetzen ließ, an welchem Wanda 73 ſchutzlos zurück blieb. Er hatte ſich geſagt, und da⸗ rin ſich wohl ebenſo ſehr getäuſcht, wie in manchem Anderen, daß er ſich leichter von ihr trennen würde, wenn er ſie geborgen an einer freundlichen Stätte wüßte. Robert war ein konſequenter junger Mann; er⸗ hätte ſich ohne Zweifel verpflichtet gefühlt, auf den Gletſcher zu ſteigen, wenn Brand bei ſeiner Weigerung geblieben wäre; ſo aber war es beſſer— Brand hatte von ſelber nachgegeben, und Robert zeigte ſich daher nicht unverſöhnlich. Da tönte ein ſchwerer Schritt in der Küche, und gleich darauf erſchien eine zwergartige Geſtalt auf der Schwelle des Gaſtzimmers. Der Menſch war ganz in ſchmutzige grobe Leinwand gekleidet; auf ſeinem einfältigen Geſicht lag ein faſt blödes Grinſen, und doch war es Robert, als ob derſelbe einen Blick des Einverſtändniſſes mit Brand wechſele, der auch durch die Ankunft des ſpäten Gaſtes durchaus nicht über⸗ raſcht ſchien. „Mir fehlen von meine beſte Gaiſen— hat ſich keine da herauf verſtiegen?“ fragte der Hirt, wie Brand ihn nannte, mit einem pfiffigen Zwinkern der Augen, das wenig zu dem für einen Hirten immerhin ernſten Zweck ſeines Erſcheinens paßte. 74 Brand verneinte kurz und verlegen; aber Robert antwortete: „Ein ſchwarzes Zicklein iſt dem Geiſtlichen, der heute da war, bis herauf gefolgt; hat ihn aber wieder hinunter begleitet— vielleicht war es Eures.“ Dem Hirten ſchien indeß wenig an dem Auf⸗ ſchluß zu liegen. „Es haben ſich mehere von meinen Thieren ver⸗ ſtiegen“, ſagte er, und ſetzte hinzu, indem er ſeinen Stock weglegte:„Es iſt ſpät, ich werde wohl die Nacht hier bleiben müſſen.“ 3 Brand antwortete zuſtimmend und beide traten dann in die Küche hinaus. Erſterer machte Feuer an, um eine Abendſuppe zu kochen, und der Hirt ſtellte ſich mit untergeſchlagenen Armen unter die Thür, und plauderte halblaut mit ihm. Robert kam die ganze Sache verdächtig vor. Es wollte ihm ſcheinen, als habe Brand die Ankunft des Hirten erwartet und öfter nach der Thür zurück⸗ geſpäht, während er mit demſelben plauderte.— Was hatten dieſe beiden Leute vor?— Auch die Nachgiebigkeit Brand's und ſein Beſtreben, Robert noch länger hier aufzuhalten, erſchienem ihm jetzt in einem ſeltſamen Licht. Von einer leichten Unruhe erfaßt, trat er aus dem Zimmer. Der Hirt lehnte am Thürpfoſten und betrachtete mit ſeinem breiteſten Grinſen eine Art von Stock, den er in der Hand hielt. Dieſer Stock ſchien von Eiſen und ſehr ſchwer. Robert erkannte, als er an dem Menſchen vorüberging, leicht den Lauf eines jener Gewehre, an denen Kolben und Schloß abzu⸗ ſchrauben und durch Knopf und Spitze zu erſetzen ſind, ſo daß ſie ein völlig harmloſes Ausſehen er⸗ halten. Brand rief alsdann dem Hirten ein paar Worte zu, welche wie ein Vorwurf klangen, und als Robert in die Gaſtſtube zurückkehrte, war der ſonderbare Stock verſchwunden. Robert glaubte aus alledem mit Sicherheit ſchließen zu können, daß der Hirte nicht wegen einer verlorenen Gais, ſondern auf Verabredung mit Brand hier herauf gekommen ſei, und daß beide, wenn nichts Schlimmeres, ſo doch wenigſtens auf unerlaubte Gemsjagd zu gehen beabſichtigten. „Ich gehe morgen ſehr früh ins Wildheu“, ſagte der Führer, als er Robert zum Nachtgruß mit forſchen⸗ dem Blick die Hand reichte. Robert ergriff ſie nur zögernd. „Und wann werdet Ihr wieder hier ſein?“ 82 „Wahrſcheinlich bald, ſchon um die Eſſensz itn, 76 meinte Brand, dem daran gelegen ſchien, mit Robert wieder auf guten Fuß zu kunnmnen oder doch ſeine Vorſicht einzuſchläfern. Robert zog ſich in ſeine Kammer zurück. Er fühlte, daß er und Wanda ſich in der Macht von Menſchen befanden, welche eine von den Geſetzen ſtreng verpönte Handlung vorhatten, und durch Miß⸗ trauen oder Widerſtand möglicherweiſe zu noch Schlimmerem verleitet werden konnten. Es beängſtigte ihn, daß er Wanda ſeinen Verdacht nicht mittheilen konnte, aber er beſchloß über ſie zu wachen und ſchlief erſt ein, als er um zwei Uhr Morgens den Aufbruch der beiden Männer vernommen. Es war etwa acht Uhr als Robert am andern Tage erwachte. Er glaubte noch das Echo des Schuſſes verhallen zu hören, das ihn geweckt. Seine Zweifel wurden bald gelöst, denn ein zweiter Knall drang von den Felſen des gegenüberliegenden Ufers herüber und rollte in bald ſtärkerem, bald ſchwächerem Widerhall durch die Schluchten des Saſſaplauna. Der junge Mann nahm ſein Fernrohr und war in wenigen Augenblicken im Freien. Vor der Hütte traf er Wanda, welche ebenfalls durch die Schüſſe hinaus gelockt worden war. „Was mag das ſein?“ fragte ſie ruhig. —— 8 „Es bedeutet, daß unſer Freund Brand nicht nur Bergführer, ſondern auch Wilddieb iſt— wenn nicht noch Aergeres.“— Und er erzählte Wanda ſeine Beobachtungen und Beſorgniſſe vom vorigen Abend. Sie ſchüttelte lächelnd das im friſchen Morgen roſig blühende Geſichtlein und ſagte: „Die Bauern im Gebirge ſind nach meinen Er⸗ fahrungen zu neun Zehntel Wilderer; und wenn es mir nicht um die zierlichen Thiere ſelbſt leid wäre, ſo würde ich auch nichts Unrechtes darin ſehen. Was Ihre Beſorgniſſe für unſere perſönliche Sicher⸗ heit anbelangt, ſo gehen Sie darin zu weit. Wenn Brand etwas beabſichtigte, ſo hätte er leichteres Spiel mit mir allein gehabt, als jetzt, wo wir unſer zwei ſind.“ Robert war nur halb überzeugt; aber auch die zweite Hälfte ſeiner Beſorgniſſe ging faſt unter in dem Lächeln, das wie Morgenſonnenſchein über Wanda's Antlitz ſtrahlte. „Brand fürchtete vielleicht Ihren Revolver, den Sie ihm gewiß nicht ganz ohne Abſicht gezeigt haben?“ „Ganz ohne Abſicht,“ verſicherte ſie dann— „in Folge einer kindiſchen Prahlſucht, deren ich mich aufrichtig ſchäme.“— 78 „Warum? ich finde das Tragen einer Waffe bei Ihrer Lebensweiſe ganz vernünftig— und noch ver⸗ nünftiger, ſie bei geeigneter Zeit zu zeigen... ver⸗ ſtehen Sie die Waffe auch zu führen?“...“ „Oh, Sie ſollen ſich überzeugen“, ſagte Wanda lachend, indem ſie ins Haus eilte. Sogleich erſchien ſie wieder, in der einen Hand einen zierlich ausge⸗ legten Taſchenrevolver, in der anderen ein ſchmales Brettchen, das ihr als Scheibe dienen ſollen. Sie ſtellte ſich in einer Entfernung von zwanzig Schritt davon auf und raſch hintereinander krachten die ſechs Schüſſe. Heiter wie ein Kind eilte Wanda auf die im⸗ proviſirte Scheibe zu und trug ſie herbei— alle Schüſſe hatten getroffen. Da flatterte ein graues Vögelchen ängſtlich ums Haus. „Armes Thier!“ ſagte Wanda, ohne auf die Lobeserhebungen Robert's zu achten,„wie habe ich es erſchreckt! Sie wußten wohl nicht“, fuhr ſie plaudernd fort,„daß wir im ſchlimmſten Fall nicht ganz allein hier oben ſind? An der Rückſeite des Hauſes hat das„Steinröthele“, das uns ſo angſtvoll umflattert, ſein Neſt, und fünf allerliebſte ſchreiende Junge drin. „Gar köſtliche Vögeli“, wie mir die Chriſtine ver⸗ ——— 79 ſichert.— Wir wollen das arme Thier, das um ſeine Kinderchen Sorge hat, nicht noch mehr ängſtigen“, ſagte Wanda und ſteckte ihre Waffe zu ſich. Robert horchte gerührt auf das Geplauder, das ihm Wanda's warmes, rückſichtsvolles Herz verrieth, während er ſein Fernrohr nach den Höhen jenſeits des Waſſers richtete. Lange blieben dieſelben ohne Leben und Bewegung. Endlich lösten ſich hoch oben, faſt an derſelben Stelle, wo man geſtern die Gemſen bemerkt, zwei menſchliche Geſtalten los, welche, wie erſchreckt durch das Schießen Wanda's, eilig aufwärts ſtiegen. Jetzt ſtanden ſie ſtill und ſchienen zu be⸗ rathen; dann ſtiegen ſie langſam abwärts, Einer hinter dem Andern.. Faſt war es den zögernden Bewegungen beider Männer anzumerken, daß ſie ſich beobachtet glaubten. Zuweilen blieben ſie ſtehen und ruhten ans, oder hielten Zwieſprach, bis ſie wieder Muth genug gefaßt, um weiter zu ſteigen. So waren ſie am Seeufer angelangt. Robert hatte flüchtig dem Gedanken Raum gegeben, die Beiden möchten fremde Wildſchützen ſein, vielleicht aus dem Prättigau, wo viel wildes Volk ſein ſollte, und die Ausſicht auf ein Zuſammentreffen mit ihnen in dieſer Einöde war jedenfalls beunruhigender, als die Rückkunft Brand's.— 80 Die beiden Geſtalten trugen große Packe auf dem Rücken; es waren alſo Wilddiebe mit ihrer Beute oder Schmuggler. Wanda war in's Haus gegangen. Mit Auf⸗ merkſamkeit verfolgte Robert jede Bewegung der Näherkommenden. Dieſe verſchwanden in dem tief eingegrabenen Bett eines Baches, der in den See mündete. Nach geraumer Zeit kam eine der Geſtalten am dieſſeitigen Ufer des Baches wieder zum Vorſchein. Es war ein Mann ohne Laſt und an den mächtigen Schritten, mit denen er über das Geröll eilte, das den letzten Theil des Weges amnschie⸗ erkannte Robert den Führer. Wenn auch die Einwürfe Wanda's ihn in ſeinen Beſorgniſſen nicht irre gemacht, ſo ſeufzte Robert doch erleichtert auf. Er zog die Gefahr, welche er zu kennen glaubte, einer unbekannten vor. Er verbarg das Fernrohr und ging dem Führer entgegen, der ihn bereits ſeit lange bemerkt haben mußte. Brand blieb einige Schritte von ihm ſtehen und fragte haſtig und wie unter dem Druck einer großen Beſorgniß:„Sind Finanzer da?“ Robert verneinte das. „Aber ich habe ſchießen hören⸗ fuhr Brand arg⸗ wöhniſch fort. 81 „Unſere Hausgenoſſin hat ihren Revolver pro⸗ birt..⸗ Brand ſchien beruhigt und kam langſam näher. „Was habt Ihr mit den Finanzern?“ fragte Robert,„fürchtet Ihr, daß ſie Euch Euer Wildheu nehmen?“ Brand kam ſichtlich in arge Verlegenheit. „Mein Wildhen muß ich ein andermal holen“, brummte er, indem ſeine Blicke den Boden ſuchten.— „Die Schwärzer haben mich dabei geſtört...“ „Die Schwärzer?“ Brand nickte bekräftigend, ohne aufzuſehen. „Ja, ja! Vierzehn Mann ſeark ſind ſie da hinten am Schweizerthor.. Sie haben mich angerufen und wie ich nicht hab' halten wollen, haben ſie zwei mal geſchoſſen.. Sie müſſen das Schießen gehört haben... „Allerdings hat man hier zwei Schüſſe vernommen — ich glaubte aber, ſie galten den Gemſen, die Euch beim Wildheuen ſtörten.“ Robert war ärgerlich über die plumpe Komödie, welche Brand mit ihm zu ſpielen ſchien, und er hatte daher in einem ſehr ſpöttiſchen Ton geſprochen; ab⸗ weiſend ſetzte er hinzu: „Ich habe immer gehört, daß die Schwärzer ohne v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I. 6 Noth ſich nicht zeigen, und noch weniger auf fried⸗ fertige Leute feuern...“ 5 „Es ſind Leute aus dem Montafun, die den Weg nicht recht kennen; ſie haben am Schlappinajoch ihren Führer verloren, der von einem Finanzer ange⸗ ſchoſſen iſt. Jetzt haben ſie einen andern Weg ge⸗ nommen und ſind ganz rabbiat... Die Clubhütte wollen ſie niederbrennen und Niemand mehr lebendig vom See hinunter laſſen, wenn ich ihnen nicht den Weg über die„todte Alp“ in's„Gamperdon“ zeige. — Und ſie thun's Herr! Es ſind lauter Romaniſche aus dem hinteren Montafun, und die führen mit den Finanzern lieber ganze Schlachten auf, als daß ſie ihre Päck hinwerfen thäten.— Sie müſſen ja den Mann geſehen haben, den ſie mir mitgegeben haben. Der geht da droben über die Stein' und zwei kommen von der anderen Seite um den See— und alle haben’s Gewehre...“ „Den Mann, der Euch begleitete, habe ich ge⸗ ſehen; aber ich vermuthete, daß es der Hirt von geſtern ſei, der ſeine Ziegen da ſuchte, wo ihr Euer Wildheu holen wollt.“ Brand ſtreifte den jungen Mann mit einem raſchen finſtern Blick. 83 „Der Hirt iſt nach einer ganz anderen Richtung gegangen und ſchon lang' wieder auf ſeiner Alp.“ Robert war geneigt, die Schmugglergeſchichte für eine Erfindung Brand's zu halten, welcher Mißtrauen gegen Robert gefaßt hatte und den Verdacht des Wild⸗ diebſtahls zu zerſtreuen ſuchte. Nach ſeiner Meinung wollte Brand ſich den Anſchein der gezwungenen Bei⸗ hülfe an einer ungeſetzlichen Handlung geben, um den Verdacht einer durch ihn allein und freiwillig be⸗ gangenen Ungeſetzlichkeit zum Schweigen zu bringen, wie es ja eine gewöhnliche Taktik unredlicher Menſchen iſt, die halbe Wahrheit zu geſtehen, um die ganze zu verbergen. Die Beſtimmtheit jedoch, mit der Brand bei ſeinen Behauptungen beharrte, und ſie erweiterte und be⸗ gründete, machten Robert wieder irre. Die Wilddieb⸗ und Schmugglergeſchichte ließ ſich ja recht gut ver⸗ einigen, und dann war ihre Lage hier oben, weit ab von jeder bewohnten Stätte, durchaus nicht angenehm. Sie waren dann ſchutzlos der Willkür einer über⸗ legenen Anzahl von rohen Menſchen preisgegeben, welche, gehetzt und verzweifelt, in jedem menſchlichen Weſen, das ihnen begegnete, einen Verräther und Feind ſehen mußten. Aber ebenſo raſch, wie ſie ſich der lebhaften 6* Phantaſie Robert's aufgedrängt, ſchwand dieſe Vor⸗ ſtellung wieder vor ſeinem kritiſchen Verſtande. Brand hatte einfach eine oder mehrere Gemſen geſchoſſen, welche er, da er Entdeckung fürchtete, ſofort weiter ſchaffen mußte. Da es auffallen würde, wenn er ohne Wildheu ſchon wieder in's Thal hinunterſteigen wollte, ſo erfand er die Schmugglergeſchichte, um ſeine Jagdbeute in Sicherheit zu bringen. Robert lächelte über ſich ſelbſt, daß er durch eine o plumpe Liſt ſich in eine förmliche Schauerromantik hatte verſetzen laſſen, und mit ſpöttiſchem Ton ſetzte er das Geſpräch fort: „Und um nun Euer und unſer Leben zu retten, wollt Ihr den Schmugglern den Weg zeigen?“ „Ich muß wohl, Herr!“ „Und wann kommt Ihr wieder?“ „Morgen früh, um den Herrn auf den Gletſcher zu führen. Die Chriſtine wird vor Abend wieder her⸗ kommen. Bleiben Sie hier, bis ich wieder komme?“ Robert zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Die einfachſte Weiſe, ſich der ſonderbaren Lage zu entziehen, war, Wanda von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu ſetzen und mit ihr in's Thal hinunter zu ſteigen! denn die Schwärzer, welche nach der Aus⸗ ſage des Alten den Ausgang des Thales bewachten, 85⁵ wurden von Robert in's Reich der Märchengeſtalten verwieſen.— Dann aber brachte man Brand, der fürchten mußte, mit ſeiner Jagdbeute entdeckt zu werden, in Verzweiflung; und ihr Weg führte durch eine rauhe Schlucht. Der Mann kannte dort jeden Stein, und Hinterhalte und Verſtecke gab es genug, wenn er und ſein Begleiter Uebels gegen ſie im Schilde führten... Es lag ihm daher daran, den Führer davon zu überzeugen, daß er von ſeiner Seite nichts zu fürchten habe. Daher ſagte er mit großer Beſtimmtheit: „Ich werde hier bleiben, bis Ihr wiederkommt, ſchon des Fräulein wegen, das ich unter ſolchen Um⸗ ſtänden nicht allein hier laſſen kann.“ Brand ſchien beruhigt. Wie dankbar ſtreckte er Robert die rauhe Hand hin; dieſer jedoch ſchien es nicht zu bemerken. Der Alte ſchlug dann mit raſchen Schritten den Weg nach dem Geröll ein, über das er gekommen war. Robert hielt es nicht für richtig, ihn zu beobachten. Wanda und er waren jedenfalls ſicherer, wenn Brand ſich ungefährdet fühlte. Neuntes Kapitel. Allein. Robert hielt ſich nicht für berechtigt, Wanda das Vorgefallene zu verſchweigen. Er verhehlte ihr auch nicht, was er von der Erzählung Brand's hielt. Wanda ſtimmte ihm bei und lachte herzlich über die Phantaſie des Führers, der aus einer todten Gemſe vierzehn mordbrenneriſche Schmuggler ge⸗ machte hatte.— Seine Fluchtgedanken erſchienen Robert in der leichten Atmoſphäre, welche Wanda's Heiterkeit um ihn verbreitete, nun ſelber ungereimt und er ſchwieg davon. „Wenn Brand uns wirklich hier oben in Gefahr glaubte, ſo würde er nicht heute Abend ſeine Tochter ſchicken wollen..“ ſchloß Wanda ihre humoriſtiſch beruhigende Beweisführung. 87 „Und wenn nun das Mädchen nicht kommt?“ fragte Robert. Wanda erſchrak ſichtlich und ſchwieg. Daran hatte ſie noch nicht gedacht. Sie war dann unter einem Dache mit dem ihr faſt fremden Manne, allein in dieſer Einöde... Alles in ihr empörte ſich gegen dieſen Gedanken.— Ihr feiner Takt hatte ſie trotz ihrer für ein Mädchen außerordentlichen Lebensweiſe bis jetzt vor Allem bewahrt, was auch nur leiſe die Grenze der zarteſten weiblichen Sitte und Zurück⸗ haltung überſchreiten konnte. Sie kannte Robert zwar ſchon als einen feingebildeten, ja edelmüthigen Mann, der nur um ſo mehr Rückſicht für ſie neh⸗ men würde, je mehr ſie in ſeine Macht gegeben war. Dennoch bedeckte die Glutröthe der Scham ihre Wangen, wenn ſie daran dachte, daß Chriſtine vor Einbruch der Nacht nicht bei ihnen ſein würde. Robert ſchrieb die ſichtliche Erregung Wanda's dem Umſtande zu, daß die Unſicherheit ihrer Lage endlich doch Eindruck auf ſie mache; ihre Unruhe war daher nicht geeignet, ihn ſelber zu beruhigen Doch hielt ihn, den Mann, ein erklärlicher Stolz davon zurück, zuerſt den Vorſchlag zur Flucht vor Gefahren zu machen, über welche das junge Mädchen vor wenig Augenblicken noch ge⸗ lacht.. Mit der Elaſticität, die ihrem Geiſte eigen, hatte Wanda indeſſen die Beſorgniſſe abgewieſen, die ſie noch eben gequält— indem ſie ſich ſagte, es ſei bis jetzt noch kein triftiger Grnnd für die Annahme vor⸗ handen, daß Chriſtine nicht erſcheinen werde. Mit der liebenswürdigſten Neckerei kündigte ſie Robert an, daß ſie nun als Herrin vom Hauſe an die Bereitung des Mittagsmahles denken müſſe. Ganz eigenthümlich durchſchauerten Robert dieſe Worte, an deren Abſichtsloſigkeit er nicht zweifeln konnte— und Gemſen, Wildheu, Hirten und Schmuggler ſanken unter in den Träumen, die gleich ſüßen Wogen ihm ans Herz ſchwollen. Das Mahl verlief ziemlich einſilbig, ſo ſehr Wanda ſich bemühte, den Gefährten ihrer Einſamkeit aufzuheitern. Aber auch ihre Beredtſamkeit ſtockte und verſtummte zuletzt unter den Blicken Robert's, die oft ſo tief und dunkel auf ihr lagen, als habe er Alles rings vergeſſen außer ihr, als hͤs er ſelbſt ihre Worte nicht um ihretwillen. Auch Wanda fühlte ſich ſeltſam beklommen, ob⸗ gleich Robert nie milder ausgeſehen als zu dieſer Stunde. 89 Sie ſuchte dieſem Zuſtande zu entgehen, ohne den jungen Mann zu verletzen und ſchlug ihm daher nach Tiſch einen Spaziergang vor. Seite an Seite gingen die Beiden durch das ernſte Paradies, das ſie ſeit einigen Stunden ganz allein beſaßen. Bald hatte Wanda ihre kindliche Unbefangenheit wiedergewonnen. Sie führte Robert zu geſchützten Stellen, wo der Raſen in friſcherem Grün den Felſen überkleidete, wo die Sonnenſtrahlen länger weilten und die Blumen des ſpäten Frühlings üppiger ſproßten. Sie ſuchte und fand immer neue und ſchönere, und freudig ſtellte ſie Robert ihre Lieblinge vor: Genzianen von allen Arten, von ſo reinem, tiefem Blau, als haben See und Himmel ſich vereinigt, ſie in ihre Far⸗ ben zu hüllen; das Alpenveilchen im lila Sammtge⸗ wand mit dem goldenen Herzen, auf winzigen Blätter⸗ füßchen ruhend; die ſtengelloſe Silene, in feurigem Roth leuchtend aus dem Sterngefilde der weißen Ane⸗ monen; den Seidelbaſt mit ſeinem zarten Laub und dem betäubend lieblichen Geruch— neugierig ſtreckte er ſeine rothen Büſchel hervor zwiſchen Zwergholz und Alpenbalſam, und neben ihm erblüht goldgelb und zier⸗ lich wie von Wachs die Bergaurikel mit den Silber⸗ blättern.— Stundenlang ſtreiften ſie ſo umher. So wenig Robert auch an die Erzählung Brand's von den Schmugglern glaubte, ſo konnte er dennoch die unheimliche Vorſtellung nicht abweiſen, daß jede ihrer Bewegungen von unſichtbaren Spähern beobachtet werde. So war es Abend geworden. Sie waren botaniſirend und plaudernd auf dem Felſenwall angekommen, zu welchem vor zwei Tagen Robert ſo bedenklich emporgeblickt hatte. Auf dem höch⸗ ſten Punkte des Grates ſetzten ſie ſich nieder, zwiſchen Alpenroſenſträuchern und verkrüppeltem Krumm⸗ holz, welches ſeine kurzen, gelben Zweiglein gleich kranken Kinderhändchen aus dem magern Erdreich ſtreckte.. Der Waſſerfall, der den Abfluß des Sees bildete, rauſchte bald ſtärker, bald ſchwächer, je nach der Rich⸗ tung des leichten Abendwindes, welcher den metallnen Spiegel des Sees kräuſelte. Wieder überzog ſich der weſtliche Himmel mit golden leuchtender Glut und immer tiefer und geheim⸗ nißvoller verſank die Schlucht zwiſchen bläulichen Schatten. Deutlich konnte man die Zickzackwendungen des gefahrvollen Pfades erkennen, welcher hier herauf führte. —— 941 „Laſſen Sie uns ausſchauen, ob die Chriſtine noch nicht kommt!“ hatte Wanda geſagt, als ſie Robert voran das Joch erſtiegen hatte. Je weiter der Abend vorrückte, deſto unruhiger war das junge Mädchen geworden— mit ſichtlicher Aufregung richtete ſie ihren zierlichen Operngucker auf die Stelle tief im Thal, wo die Erſehnte zuerſt erſcheinen mußte. Immer tiefer wurden die Schatten des Abends, immer blaſſer die Glut des Himmels— Chriſtine kam nicht. „Ich vermuthe, daß Chriſtine durch ihren Vater oder durch andere Gründe abgehalten worden iſta, unterbrach Robert das Schweigen—„und wenn ſie überhaupt noch käme“, fuhr er fort,„ſo müßten wir ſie bereits ſehen, denn ſie kann unmöglich daran denken, das Schneefeld nach angebrochener Dunkelheit zu über⸗ ſchreiten. Abwärts verhält ſich die Sache anders, da man von hier aus das Schneefeld in wenigen Minuten erreicht.“ Wanda's Antlitz war bleich. Ihre Lippen zitterten. „Dann laſſen Sie uns ſcheiden!“ ſagte ſie haſtig. „Ich will hinunterſteigen“ Robert war auf's Höchſte betroffen. 92 „Zu dieſer Stunde, mein Fräulein und ohne Führer? Es wird Mitternacht bis Sie an⸗ kommen...“ „Ich kann ja auch in der nächſten Alm bleiben. Dort habe ich beim Aufwärtsſteigen eine recht freundliche Frau geſehen, die mich gewiß auf⸗ nimmt.“ „Gut, mein Fräulein“! ſagte Robert entſchloſſen. Ich werde Sie begleiten.“ Wanda machte ein ganz verzweifeltes Geſichtlein und ſtotterte:. „Ich muß auf Ihre Begleitung verzichten...“ Rathlos blickte Robert ſie an und ſagte ſchmerzlich bewegt: „Ich weiß nicht, ob meine Theilnahme für Sie mir das Recht gibt, Sie auch gegen Ihren Willen zu beſchützen. Ich begreife überhaupt nicht, was Sie zu dieſer plötzlichen Flucht veranlaßt. Die Gefahr des Abſtiegs bei Nacht iſt jedenfalls drohender, als hundert Schmuggler in der Runde. Das Nichteintreffen Chriſtinen's erklärt ſich ſicher ganz natürlich.. Und wenn Ihnen hier oben auch wirklich Gefahr drohte, wir haben in Ihrem Revolver eine Waffe und ich würde mich eher in Stücke reißen, als Ihnen ein Un⸗ bill zufügen laſſen....“ ———— 93 Bleich und mit feuchten Augen hörte Wanda das Flehen des jungen Mannes. Dann ſagte ſie leiſe und kaum vernehmbar: „Ich weiß das Alles.— Auch ich glaube an keine Gefahr hier oben... Ich halte Sie für einen edlen guten Menſchen. Aber— Bedenken Sie!“ fuhr Wanda ſchwer athmend fort—„Meine Lebens⸗ weiſe iſt ungewöhnlich und vielen Mißdeutungen aus⸗ geſetzt. Deſto ſtrenger muß ich gegen mich ſelbſt ſein, ſonſt habe ich nicht einmal das Recht zum Stolz gegen Mißgunſt und Verleumdung. Verſtehen Sie mich denn noch nicht?“ fuhr das junge Mädchen faſt jammernd und ihre Hände faltend fort:„Nun ſo ſtellen Sie ſich vor, es wäre Ihre Schweſter, die hier oben weit ab von jedem menſchlichen Verkehr allein mit einem fremden Manne bleiben ſoll 4 „..... Robert erhob raſch das Geſicht. Dann ergriff er ihre Hand und hatte dieſelbe, ehe ſie es hindern konnte, ehrerbietig an ſeine Lippen geführt. „Ich verſtehe Sie!“ ſagte er mild und freundlich. „Sie verachten die Form und ehren die Sitte! Ich darf Sie darin nicht hindern, ſo ſchwer es mir wird, Sie an dieſem Orte zu verlaſſen, denn Sie müſſen mir erlauben, daß ich gehe.“ Wanda ließ ihre Hand in der ſeinigen ruhen und erhob das Antlitz nicht. „Verzeihen Sie mir!“ „Ich bitte nur um eine Gunſt“, hörte ſie die flehende Stimme Robert's ſagen,„daß ich Sie noch hier oben finde, wenn ich morgen wieder kommen werde.... Wanda nickte. Da fühlte ſie ihre Hand losgelaſſen und der kühle Abendwind, der dieſelbe ſtreifte, drang Wanda fröſtelnd bis ans Herz. Als ſie wieder aufblickte, war Robert bereits weit von ihr, mit großen Sprüngen, die weniger zur Vorſicht mahnende Strecke des Pfades hinab⸗ eilend.... 2 Wanda zog ihr weißes Tuch und wehte grüßend zum Abſchied. Robert ſchwang alz Antwort den Hut. Er war am Schneefeld angekommen, mit raſchen, ſichern Schritten eilte er darüber. Von jetzt an waren die Schwierigkeiten des Abſtiegs für einen kräftigen Mann nicht mehr von Bedeutung. Wanda wendete ſich nun. Auf ihrem Antlitz ſtrahlte ein ernſter Friede. Sie ſchien ſehr glücklich, wohl deshalb, weil Robert ſo edel war. 95 Der See lag ebenſo feierlich und todtestraurig zwiſchen ſeinen grauen Ufern, wie an jenem Abend, da ihn Robert zum erſten Mal erblickt hatte. Zwiſchen den Steintrümmern, an denen ſie ihr Weg vorüberführte, glaubte Wanda eine Brwegung zu bemerken, als wenn ein Menſch raſch hinter einen Felsblock ſchlüpfe. Sie ſchauerte zuſammen und ging ſchneller. Als ſie aber die kleine Hütte ſo ſtill und friedlich vor ſich iegen ſah, lächelte ſie über die eigne Angſt. Zwölftes Kapitel. Die Wacht. Die Nacht war völlig hereingebrochen. Die Win⸗ dungen des ſteilen Wegs, der vom Lunaſee zu Thal führte, lagen in tiefem Dunkel. Nur noch das Schnee⸗ feld leuchtete hervor und von ihm ab hob ſich die dunkle Geſtalt eines Mannes, welcher mit tollkühner Eile gegen den Lunaſee empordrang. Jetzt hatte er das Schneefeld überſchritten und verſchwand in den finſtern Schatten der Felswand, um bald nachher auf der Höhe des Jochs wieder zu erſcheinen. Der Mond ging eben auf und nicht lange, ſo erſchien auch ſein Spiegelb=ild auf der regungsloſen Fläche des Sees.. Der Mann, der raſch am Ufer des träumenden Sees entlang ſchritt, kümmerte ſich um die ſeltſamen 8 3 Lichter und Schatten nicht, die der Vollmond in dieſen reinen Lüften zu geſpenſtiſchem Leben rief. Immer raſcher wurde des Mannes Lauf, immer keuchender ſein Athem. Da endlich ſtand er ſtill. Die erleuchteten Fenſter der Touriſtenhütte hoben ſich warm von dem bleichgelben Ton der Mondſcheinland⸗ ſchaft ab. Vorſichtig ſchlich der Mann näher und ſah durch's Fenſter. Wanda ſaß an ihrem gewöhnlichen Platz am Tiſch und band die Blumen, die ſie von Zeit zu Zeit probeweiſe um den Hut mit dem blauen Schleier legte. Ein zierliches Sträußlein, wie gemacht um einen Herrenhut zu ſchmücken, ſtand in einem Glaſe neben ihr. Wanda rüſtete ſich wie es ſchien zur Abreiſe. Ein kleiner gepackter Torniſter hing reiſefertig in der Ecke und traulich lehnte ſich ein Bergſtock gegen ihn. Der Mann am Fenſter ſchien ſich nicht von dem rei⸗ zenden Bilde trennen zu können. Da horchte er plötzlich auf, als habe er Ver⸗ dächtiges vernommen und ſchlüpfte raſch in den Schatten des Felsblocks, der die Hütte, bis man dicht vor ihr ſtand, den Blicken der aus dem Thal Kom⸗ menden verbarg. Ueber dem ſteilen Uferrand des See'’s erſchien ein v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I. 8 98 andrer Schatten, das Klirren der von ſeinen Tritten losgelöſten Steine beweis, daß es ein Schat⸗ ten von Fleiſch und Blut war. Der Schatten näherte ſich dem Fenſter und ſchaute hinein.... vorgebeugt wie der Tiger zum Sprung lauerte der zuerſtgekommene hinter ihm.. Der zweite Ankömmling zog ſich vom Fenſter zurück und näherte ſich dem ſteilen Ufer des See's.— Ein rother Blitz, als wenn man Stahl und Feuerſtein aneinanderſchlüge, blendete den Späher an dem Felſen... und drüben auf den Bergen leuchtete es Antwort— zwei⸗ dreimal.—— Dann kehrte der Späher an das Fenſter zurück, wo er regungslos Wanda bei ihrer Arbeit zuſah. Nach einer Weile blitzte es am andern Ufer wie⸗ der auf, tiefer und wie fragend,— der Mann am Fenſter gab Antwort. Dießmal mußte auch Wanda den Feuerſchein be⸗ merkt haben, denn ſie ſtand auf und näherte ſich dem Fenſter, wie um zu ſehen ob ein Gewitter drohe— deutlich zeichneten ſich die Umriſſe ihrer graziöſen Ge⸗ ſtalt von dem erleuchteten Hintergrunde des Zim⸗ mers ab. 3 Der Mann am Fenſter zog ſich raſch zurück. Der 99 am Felſen neigte ſich vor, als ſei er bereit, ſich auf den Gegner zu ſtürzen. Wanda kehrte an den Tiſch zurück und die beiden Beobachter begaben ſich in ihre alten Stellungen. Da erſchienen auf dem erhöhten Wieſenplan hinter der Hütte, ſich ſcharf gegen den vom Monde grell erleuch⸗ teten Felſen abzeichnend, eine Reihe von dunklen Ge⸗ ſtalten, in regelmäßigen Abſtänden einer in die Fuß⸗ ſtapfen des andern tretend und nach dem Joch zu⸗ gehend, von dem der Weg zum Thal führte. Jede der Geſtalten trug einen gewaltigen Pack auf dem Rücken, welcher einem rieſigen Höcker glich.— Ge⸗ beugt und lautlos ging einer der ſeltſamen Wanderer nach dem andern vorüber,— es waren wohl zwanzig.— Kurze Zeit nachdem der ſchattenhafte Zug ver⸗ ſchwunden war, ertönte fernher ein langgezogenes Pfeifen, das wohl auch für den Laut eines großen Vogels hätte gelten können. Der Mann am Fenſter bewegte ſich unruhig, als ob er zwiſchen ſeiner Pflicht, die ihn hinweg⸗ rief, und der Macht des Anblicks ſchwanke, der ihn hier gefeſſelt hielt. Endlich ſchien er entſchloſſen. Er verſuchte leiſe das Fenſter zu öffnen..... In dieſem Augenblicke löſte ſich die andere Ge⸗ ſtalt vom Felſen los, ſtürzte ſich auf den Mann am Fenſter und riß ihn zu Boden. Ein kurzer, ſtummer Ringkampf entſtand— endlich gelang es dem Angegriffenen, den einen Arm zu erheben und ihn mächtig auf das Haupt des Gegners niederfallen zu laſſen— die Arme des Angreifenden löſten ſich und der Andere entfloh..... Wanda hatte ein unbeſtimmtes Geräuſch vor der Hütte vernommen und öffnete das Fenſter. „Chriſtine, biſt du es?“ Niemand antwortete. Der am Boden Liegende drückte ſich näher an die Mauer, um nicht von ihr bemerkt zu werden und hielt den Athem an. Ein Schauer überrieſelte Wanda und raſch ſchloß ſie das Fenſter. Es war zum erſten Mal, daß die Einſamkeit ſie ängſtigte. Bald darauf verſchwand das Licht und ein leiſes Klirren verkündete, daß Wanda die Thüre der Hütte ſchloß. Dreizehntes Kapitel. Die Eisgrotte. Beim erſten bleichen Tagesſchimmer, den die noch unſichtbare Sonne zu den Felſenſpitzen des Lunaſees emporſandte, war Wanda aufgeſtanden. Sie hatte ſchlecht geſchlafen. Es war doch ſeltſam, allein, ſo ganz allein zu ſein. Sie dachte an Robert: Ob er wohl wiederkommen werde, nachdem ſie ihn erbar⸗ mungslos hinweggeſchickt,— um einer Laune wegen! Männer denken ja in ſolchen Dingen anders. Sie zweifelte daran, daß er noch einmal den rauhen Pfad zurücklegen werde um ihretwillen... Um ihretwillen! — Wie das Wort ſie durchſchauerte, ängſtlich und wonnig zugleich! Gewiß, wenn er wiederkam, war er gut, ſehr gut, beſſer als alle andern Männer, die ſie ſchon kennen gelernt und die ſie mehr erſchreckt als 102 angezogen hatten. Wenn er wiederkam, bewies das auch, daß er ſie ſehr lieb hatte, daß ſeine Blicke, ſeine warmen Worte, ſein Abſchied mehr waren als die Erregung eines Augenblicks, die man im nächſten ſchon vergißt. Wenn er wiederkam, wollte ſie auch recht freundlich und gut mit ihm ſein, ſo gut, wie er es verdiente. Aber, wenn er nun nicht mehr kam... 2 Faſt mit Jubel dachte ſie daran, daß er ſeinen Torniſter noch hier habe— aber dieſer Troſt ver⸗ ſagte, denn er konnte ſein Eigenthum nachſchicken laſſen durch den Führer.... Wanda wurde bleich bis an die roſigen Lippen bei dieſem Gedanken. Es war ihr, als habe ſie dann keinen Zweck und Wunſch mehr und als ſei dieſer Ort, der ihr noch geſtern ſo reizend erſchienen, nichts als eine öde Inſel und ſie ſelber kam ſich vor wie ein ſchwankes Boot, das führerlos im weiten Weltmeer trieb...... Thränen ſtanden in ihren klaren grauen Augen, als ſie daran dachte, daß Robert vielleicht nicht mehr kommen werde!—— Unruhig trat ſie hinaus in den friſchen, ſonnen⸗ loſen Morgen; da und dort röthete ſich eine Felſen⸗ ſpitze, ſonſt war Alles grau und todt und über dem See ſchwebte bewegungslos ein leichter Nebel. ——— 103 Sie ſtieg den ſteilen, ſteinigen Pfad empor, der zu der Wieſe mit den Blumen führte. Aber auch die Blumen freuten ſie nicht. Immer mußte ſie da⸗ ran denken, ob Robert kommen werde. Da ſtieß ſie einen leiſen Schrei aus und trat erſchreckt einen Schritt zurück. Der Felsblock, welcher vor der Hütte emporragte, war gegen den See hin etwas ausgehöhlt und überhängend und in dieſer Höhlung lag auf den Boden hingeſtreckt ein ſchlafen⸗ der Mann! 2* Wanda machte eine Bewegung zur Flucht, aber Geſtalt und Kleidung des Mannes fielen ihr auf. Schüchtern trat ſie näher, dann hielt ſie erbleichend die Hände vor's Geſicht.... der Mann, der unter dem Felſen ſchlummerte— war Robert! Sein Hut, mit dem er ſich gegen die kalte Nachtluft zu ſchützen geſucht, ließ den oberen Theil ſeines Antlitzes frei. Die Stirne war blutig.... Wanda zweifelte nicht: Robert war geſtürzt und dann zurückgekehrt, weil er den Weg in der Dunkel⸗ heit nicht gefunden. Er hatte die Thüre verſchloſſen gefunden mit den Riegeln, die ſie in egoiſtiſcher Furcht kaltherzig vorgeſchoben, und dann die Nacht im Freien zubringen müſſen! Wanda war außer ſich über die eigene Härte 104 und dennoch war ihr, als habe ſie nicht anders handeln können. Doch ſoviel war gewiß, Robert durfte nicht länger auf der feuchten Erde liegen. Haſtig trat ſie auf den Schlafenden zu und rüttelte ihn am Arm. „Sie dürfen nicht hier auf der Erde liegen!“ rief ſie. Verwirrt öffnete er die Augen und ſprang empor: „Sind die Schmuggler wieder da?“ „Welche Schmuggler?“ Robert ſah in Wanda's erſchrecktes Geſicht, fühlte ihre warme Hand, die heftig in der ſeinen zuckte und ihm war, als habe er alles das, was wirr durch ſeine Erinnerung ſtürmte, nur geträumt. „Sie ſind verwundet, durch meine Schuld“, ſagte Wanda. Unwillkürlich fuhr Robert mit der Hand nach der Stirne. Ja, da war noch der Denkzettel, den ihm der Schmuggler zurückgelaſſen. „Verzeihen Sie mir“, ſagte er mit bebender Stimme,„daß ich über Sie gewacht habe auch gegen Ihren Willen..... 4 j „Gewacht, alſo drohte mir Gefahr?“ 105 „Gefahr genug für ein ſchutzloſes Mädchen, denk' ich. Sie waren der Gewalt eines rohen, her⸗ gelaufenen Menſchen preisgegeben..... 4 „Und Sie haben mich beſchützt“, ſagte Wanda, noch vor Gefahren ſchaudernd, die vorbei waren, indem ſie die Hände faltete,—„Sie, den ich kalt⸗ herzig hinausgeſtoßen in die Nacht und Gefahr!“ „Sie mußten das thun“, ſagte Robert ernſt und innig,„aber ich mußte zurückkehren und an Ihrer Thüre wachen.“ Ueber Wanda's Wangen floſſen Thränen der Rührung und Dankbarkeit. Da hörten ſie den lauten Zuruf einer männ⸗ lichen Stimme. Raſch wendeten ſich die Beiden um. Es war Brand, welcher mit Chriſtinen aus der letzten Mulde emporſtieg. „Der Herr Pfarrer iſt heute Nacht geſtorben“, ſchluchzte Chriſtine ihre Entſchuldigung.„Er hat mich immer ſo gern g'habt und hat meine Hand net losgelaſſen, bis er todt war.“ Robert war inzwiſchen auf den Führer zugetreten und ſagte ſtreng: „Eure Freundſchaft mit den Schmugglern wäre uns hier oben faſt theuer zu ſtehen gekommen. Sie zogen hier vorüber und Einer wollte in die Hütte 106 brechen, wenn ich ihn nicht dann verhindert hätte.“ „Die Schmuggler?“ ſagte Brand und ſein Antlitz hatte einen Ausdruck der Ueberraſchung, welcher un⸗ möglich erheuchelt ſein konnte. „Nun ja— die Schmuggler, die Ihr da oben traft und denen Ihr den Weg zeigen mußtet; es waren aber nicht vierzehn, ſondern einundzwanzig...“ Und in kurzen Worten erzählte Robert den ganzen Vorgang. Brand hatte den defekten Hut abgenommen und fuhr ſich verſchiedene Male über die kahle Stirne, auf welcher der kalte Schweiß in großen Tropfen perlte. „Es iſt gerade, als ob mich unſer Herrgott für mein Lüg'n hätt' ſtrafen wollen. Sie müß'n net bös ſein, Herr! Aber wie ich die Gemſ'n da drob'n g'ſeh'n hab', da han ich kei Ruh mehr g'habt und wie mir der Herr g'ſait hat', daß er das Wildern für etwas Schlechts halt', ſo hab' ich Ihne nimmer traut, und wie ich mit dem Hirt und der Gems, die wir gleich drob'n verſchnitt'n hab'n abgekommen bin, da hab' ich Furcht kriegt, Sie könnten ein hoher Förſter oder Finanzer oder ſo was aus Wien ſein, der zum Spionieren da rauf kommen iſt und hab' 107 mir die G'ſchicht von den vierzehn Schwärzern aus⸗ gedenkt, damit Sie ſich fürchten und nicht aus der Hütt' weggeh'n ſollt'n, bis ich die Gems nach Bludenz zu meinen Wirth gebracht hätt'. Von den Kerlen, die heut' Nacht da warn, weiß ich nichts. Das is die reine Wahrheit“, verſicherte Brand ganz verzweifelt, „und wenn Sie jetzt wirklich lein Herr Finanzer ſind und mich und meine Chriſtine in's Unglück bringen woll'n, ſo muß ich mir's halt gffall'n laſſen.“ „Ich bin weder ein Finanzer, noch werd' ich Euch Uebles zufügen“, ſagte Robert gerührt durch die Ver⸗ zweiflung des Alten.„Aber wie ſteht's heute mit dem Gletſcher? Das Wetter ſcheint hübſch zu werden“, fügte er auf die gerötheten Bergſpitzen zeigend, bei.„Ich möchte nicht gern unverrichteter Sache ins Thal ſteigen und zu einem längeren Aufenthalt möchte ich mir nach den Erfahrungen dieſer Nacht die Clubhütte doch nicht erwählen....“ Robert ſtockte. Er hatte an Wanda gedacht, welche ja auch unmöglich hier bleiben konnte und ſein Geſicht wurde ſehr traurig. Mit überwallender Dankbarkeit ſtreckte Brand eine Hand aus. „Wo ein Menſch hingeht, da führ' ich den Herrn △ 108 hin, und will mich lieber Hundertmal verfall'n, als leiden, daß der Herr ſich den Fuß verſtaucht. Dieſe verdammt'n Schwärzer.. Wenn ich je einem begegne beim Wildern, dann ſchallt's!“... Brand ſah an Robert's Lächeln, daß er ſeine Sache nicht beſſer machte durch vieles Reden und folgte ſeiner Tochter in die Hütte. Wanda und Robert ſtanden ſich gegenüber. „Sie haben mich vor wenigen Tagen gefragt, ob ich nicht mit Ihnen den Gletſcher beſuchen wolle. Ich habe mich damals geweigert— heute bitte ich darum, daß ich Sie begleiten darf.“ Wanda's Stimme war ſehr leiſe und zitterte. Es hatte ſie eine furchtbare Angſt ergriffen, daß ſie ihn nun verlaſſen müſſe. Etwas Aehnliches ſprachen auch Robert's Worte aus, als er antwortete:. „Jede Stunde, die ich länger in Ihrer Nähe zu⸗ bringen darf, iſt ein großes Glück für mich.“ Wanda entfernte ſich raſch, um ihren Torniſter in Ordnung zu bringen. Chriſtine ſtand bereits am Herd, um ein Frühſtück zu bereiten. Bald war die kleine Geſellſchaft marſchfertig vor der Hütte verſammelt. Man nahm Abſchied von Chriſtinen, welche wieder in's Thal hinabſteigen ſollte⸗ 109 Wanda und Robert wollten nicht nach der Hütte zu⸗ rückkehren, ſondern über den Gletſcher hinweg nach einem ſchweizeriſchen Badeort hinabſteigen.„Das wird eine rauhe Fahrt“, ſagte Brand, der ſie bis an ihren Beſtimmungsort begleiten ſollte. Wanda meinte, ſie habe ſchon ſchlimmere Wege gemacht und Robert lächelte, als ob er ſagen wollte, daß es mit ihr keinen rauhen Weg mehr gebe in dieſer Welt. Langſam und ernſt, wie es gewiegten Bergſteigern zukommt, machten ſich die Drei auf den Weg, von Chriſtinen's Jodlern begleitet bis hoch in den Felſen⸗ ſpalt, den ſie emporſtiegen. Brand ſtieg voraus, dann kam Wanda, und Robert beſchloß den Zug. Er verwendete kein Auge von der graziöſen Geſtalt, welche leicht und ſicher wie eine Gemſe dem Führer folgte. Wanda's langjährige Uebung war nicht zu verkennen und manchmal ſchaute ſie ſich mit einem Lächeln reinſter erhabenſter Freude nach ihrem Begleiter um. Man ſtieg immer höher— immer tiefer blieben die niederen Formen, die den See umgaben, hinter und unter ihnen zurück, neue Berggeſtalten tauchten auf, größer ward die Welt und weiter. Man kam nur langſam fort auf dem ſteilen Felſen⸗ 410 pfad, der bald zwiſchen engen Schluchten oder an faſt ſenkrechten Wänden über Geröll und Schnee dahin führte. Mehrmals hatte man bereits geraſtet, da auf einer letzten Felſenkuppe ſtrömte ihnen eiſig ein er⸗ friſchender Hauch entgegen, Brand ſchwang jubelnd den Hut und raſch eilten Wanda und Robert ihm nach. Wie ein erſtarrter Rieſenwaſſerfall der Urwelt wallte, die ganze Breite der Schlucht ausfüllend, ein gewaltiger Eisſtrom ihnen entgegen, ein weites Thor öffnete ſich an ſeinem Fuß, aus dem ein Bergſtrom ſchäumend hervorſtürzte, um unter der Schneefläche zu verſchwinden, welche den Rand des ewigen Eiſes um⸗ ſpannend von den Wanderern bis zu der Grotte die trügeriſche Brücke bildete. Und über der Grotte ſtieg das Eis empor wie ein ungeheurer Dom mit vielfach geborſtener Wölbung, in deſſen Spalten ſich das Licht des Tages azurblau brach— und weiter ſtrebte das Gletſcherfeld aufwärts zwiſchen weißen Gipfeln. Rechts und links ſtürzten andere Ferner herab und weit hinten, wie außer dem Erdenballe, losgelöſt in der reinen klaren Luft, ſenkte eine Schneepyramide vom blendendſten Weiß ihre ſchrägen Firnfelder nach abwärts. — 111 Ueberwältigt von dem erſten Einblick in eine Welt, die ihm bisher fremd geweſen, ſprang Robert auf die Schneebrücke und eilte auf die blauſchimmernde Grotte zu. Raſch und geängſtigt folgten ihm Wanda und der Führer. Jetzt ſtand Robert am Rande des Schnee's dicht vor der Grotte.— Blaue Eiszacken hingen herab, aus jeder Spalte rauſchte ein Waſſerſtrom... Ihm war, als müſſe ſein Blick eindringen in die letzten Geheimniſſe dieſer kalten todten Welt Da ertönten die Eiswände von dem marker⸗ ſchütternden Schrei einer weiblichen Simme— Ro⸗ bert war verſchwunden, der unterwaſchene Sand der Schneebrücke war gebrochen und hatte ihn mit ſich in die Tiefe geführt. Brand hatte ſich das Seil vom Leib geriſſen und war an den Rand vorgetreten, ohne Rückſicht darauf, daß derſelbe auch unter ſeinem Gewichte weichen könne. „Seien Sie unbeſorgt“, wendete er ſich dann an Wanda, welche athemlos, Verzweiflung im Antlitz, neben ihm ankam.„Die letzten Gewitter haben den Bach anſchwellen laſſen und den Schnee unterwühlt — jetzt iſt das Waſſer wieder klein und nur die 112 große Höhlung iſt zurückgeblieben; er ſizt e etwas kühl aber ganz trocken da unten.“ Ein dumpfer Laut, der auf den Zuruf Brand's antwortete, gab den erſtarrten Wangen Wanda's wieder neues Leben. Nachdem er die Feſtigkeit des Bodens, auf dem ſie ſtanden, ſorgfältig geprüft, ließ Brand den Strick in die Tiefe gleiten. Er ſpannte ſich ſogleich. Aber rathlos hielt der Führer nach den erſten Hebeverſuchen ſchon ein. Er war zu ſchwach, den jungen Mann, der ihn faſt um Kopflänge überragte, an den Tag zu befördern. Da trat Wanda ruhig an das Seil und ergriff es. Brand machte neue gewaltige Anſtrengungen, Robert half ſeinerſeits durch Klettern in dem weichen Schnee. Endlich erſchien die ſchneebedeckte Geſtalt des jungen Mannes wieder auf der Oberfläche— aber Wanda brach vor Anſtrengung und Erregung erſchöpft zuſammen. Robert eilte auf ſie zu und zog ihr die Hunde vom Geſicht. Ihre Hände bluteten. „Der Herr hätte elend erfrieren müſſen da drun⸗ ten“, ſagte Brand,„wenn mir das Frauenzimmer nicht geholfen hätte. Eine ſolche Kraft hat meine 113 Chriſtine nicht. Ich ſelber wär' nicht im Stand ge⸗ weſen, den Herrn zu„lupfen“, und bis wir Leut' ge⸗ holt hätten, wär's zu ſpät geweſen....“ Stumm und ernſt ſah Robert eine Weile zu Boden. Dann ſagte er zu Wanda und ſeine Stimme zitterte ſchmerzbewegt: „Unzweifelhaft— es wäre hart für mich geweſen, zu ſterben, hier, wenige Schritte von Ihnen— und dennoch weiß ich nicht, ob ich das Leben ferner noch für werthvoll halten kann, wenn alles das, was ich in den letzten Tagen gefühlt und ohne daß ich es mir ſelbſt geſtand, erſehnt mit meinem ganzen Herzen, nichts weiter als ein welkes Blatt für df Erinnerung ſein ſoll. Ich habe meine Heimath zärtlich geliebt, und plötzlich graut mir vor dem Gedanken dahin zu⸗ rückzukehren..... Wanda!“ fuhr er inniger fort und drückte feſter ihre beiden Hände—„mir liegt am Leben nichts mehr, wenn ich nicht für Sie leben darf. Gehen Sie mit mir, Wanda, werden Sie mein Weib!“ Wanda antwortete nicht. Sie konnte nicht vor heftigem Weinen— aber der leiſe Druck ihrer Hände ſagte ihm, daß ſie ſein eigen ſei! „Und“, fuhr Robert nach einer Weile ſtockend fort, als laſte noch etwas ſchwer auf ſeiner Seele v. Schlägel Deutſch und Wälſch. I. 8 114 —„und wenn du mit mir im hohen Norden wohnſt, wo es nur Dünen ſtatt der Berge gibt und einen un⸗ ermeßlichen formenloſen Horizont, der den ſehnſüchtigen Blick ohne Antwort läßt— wirſt du dich dann nicht ſtets nach den Wundern dieſer Berge ſehnen?“ Wanda weinte nicht mehr. Mit einem leuchten⸗ den Blick und einem Lächeln freudiger Gewißheit ſchüttelte ſie das reizende Haupt. „Nein— denn ich kenne jetzt andere ſchönere Wunder: die Wunder des Herzens!“ Das Kreuz auf der Düne. † 1 ) Marie v. Schlägel. — —————— Ein heißer Auguſttag an der Meeresküſte neigte ſich zu Ende. Der leichte Windhauch, der hin und wieder kleine plätſchernde Wellen an den Strand ge⸗ worfen, war immer mehr eingeſchlafen und hatte ſich endlich ganz gelegt— zum großen Verdruß zweier junger Männer, die in ihrem kleinen Boot am Morgen mit vollen Segeln ausgefahren waren, und nun, noch ziemlich weit vom Punkt der Abfahrt entfernt, ſich mit aller Kraft in die Ruder legen mußten. „Nur noch eine Stunde hätten wir ſegeln ſollen“, meinte der Eine derſelben nach einer langen Pauſe, „ich bin jetzt ſchon müde, und wenn man bedenkt, daß wir ſeit heute früh nichts gegeſſen haben...“ „Und noch weniger getrunken, ſeit wir die letzte Hülle des edlen Rebenſaftes den Göttern der ſalzigen Tiefe geopfert haben!“ lachte der Andere, man müßte 118 wirklich ans Land fahren, um ſich nach irgend einer menſchlichen Behauſung umzuſehen.“ „Um dann unverrichteter Sache noch müder als vorher heimwärts zu rudern— nein Arnold“, ſagte halb verdrießlich der Erſte, ein mittelgroßer, ſchlanker, junger Mann mit auffallend gebräunter Geſichtsfarbe und tiefdunklen Augen—„wenn auch nur ein Stroh⸗ dach zu ſehen wäre, aber dieſer kahle Küſtenſtrich ſcheint ſo öde und verlaſſen, als ſei er noch nie von civiliſirten Weſen betreten.“ „Darin irrſt Du, Juan“, entgegnete der Andere, deſſen friſches blühendes Geſicht, umgeben von blondem Lockengewirr, mit dem Bärtchen auf der Oberlippe und den blitzenden blauen Augen keck and fröhlich in die Welt ſchaute,„ſiehſt Du nicht dort auf der höchſten der weißen Dünen das große Kreuz, das ſich gegen den hellen Hintergrund erhebt?— Dort, weiter links — das können doch unmöglich die Seehunde errichtet haben!“ Langſam wandte der Angeredete die Augen nach der bezeichneten Richtung. Der weiße Sand des Ufers hob ſich dort in langer ununterbrochener Reihen⸗ folge zu kleinen Dünenhügeln, auf deren höchſtem ein rieſiges, dunkles Kreuz einſam zum Himmel ragte. In dieſem Augenblick berührte der Feuerball der * ————-— — 119 ſinkenden Sonne den Saum des Meeres und warf eine leuchtende roſigſchimmernde Straße auf die ſpiegel⸗ glatte Fläche bis an den Fuß der Düne. „Ach ſieh doch!“ rief der junge Mann, den der Andere Arnold genannt hatte,„das iſt ja wie die goldene Straße im Märchen, die zu der verwunſchenen Königstochter führt! Komm, Juan, laß uns auf der Lichtſtraße an's Land fahren: wo das Kreuz iſt, ſind gewiß auch menſchliche Wohnungen nicht fern; und nur wer auf dem goldenen Wege kommt, kann die ſchöne Prinzeſſin erlöſen. 6 Und ſchon wandte er das leichte Fahrzeug mit der Spitze dem Lande zu. „Laß do) die Poſſen“, wehrte der Andere ab— „es mag eine hübſche Königstochter ſein, was wir da finden, vorausgeſetzt, wir finden überhaupt Etwas— eine unverwunſchene Bauerndirne mit einer Flaſche Wein in der Hand und einem eßbaren Stück Brod im Haus, wäre mir lieber als ſämmtliche zu erlöſende Prinzeſſinnen.“ Aber Juan ruderte trotzdem mit ſeinem Freund in der eingeſchlagenen Richtung fart. Nach einigen kräftigen Ruderſchlägen waren ſie im Stande, etwas mehr von der Küſte zu unterſchei⸗ den, die vom Sonnenlicht gluthroth angehaucht dalag, wie eine ſchlummernde Welt. Kein Baum, kein 120 Strauch ringsum; nur die ſchlanken Halme des trandhafers umgaben lautlos und regungslos den Fuß der Düne, und im Hintergrund über einer weiten Wieſenniederung zeichnete ſich ein dunkler Streifen ab, der Wald, welcher ſich in dem Badeort, woher die jungen Männer kamen, bis hart an die Küſte vorſchob. Plötzlich erhob Arnold ſich halb im Boot:„Sagt ich's nicht! da ſitzt die Königstochter und ſchaut aus nach ihrem Erlöſer!“ rief er freudig und pfeilſchnell trieb er das Boot dem Lande zu. Es war allerdings ein eben ſo ſeltſames als liebliches Bild, das ſich den erſtaunten Blicken der Freunde bot. Unter dem rieſigen wie aus Maſt⸗ bäumen zuſammengefügten Kreuz ſaß in der maleriſchen Tracht dieſes Küſtenſtrichs ein junges Mädchen. An dem dunklen Stamm, an welchen ſie das hellblonde Haupt lehnte, hing ein Kranz, aus Schilfblättern und Wieſenblumen gewunden, und zu ihren Füßen zu⸗ ſammengekauert ruhte ein großer ſchneeweißer Vogel — ein wilder Schwan. Als der Kiel des Bootes zwiſchen den hellen Kie⸗ ſeln des Strandes knirſchend auflief, hob ſie langſam die Hand über die Augen, wie geblendet von dem flimmernden Licht; und der Vogel, deſſen unbeholfenen — 1241 Bewegungen man anſah, daß der eine Flügel gelähmt war, ſchlug ein paar Mal mit der andern ſeiner brei⸗ ten Schwingen und ſtieß einen heiſern Schrei aus. Das Mädchen fuhr ihm wie beruhigend mit der Hand über den gebogenen Hals; dann erhob ſie ſich und blieb, die herankommenden Männer erwartend, ſtehen. Jetzt ſtanden ſie dicht vor dem ſchlanken Mäd⸗ chen, die, mit dem Schwan zur Seite, wohl im Stande war, die Frauengeſtalten der halbverklungenen nordiſchen Sagen neu in die Erinnerung zu rufen. Die etwas mehr als mittelgroße Figur war vom ſchönſten Ebenmaß, das ihren feingeformten Gliedern jene ruhige Anmuth der Bewegungen gab, welche ſelbſt durch harte Arbeit, durch Anſtrengung und Ent⸗ behrung nie ganz zerſtört werden kann. Arnold griff an ſeinen Hut und war eben im Begriff die„Schwanenjungfrau“ im Märchenſtil anzu⸗ reden, als zu ſeinem großen Erſtaunen der ſonſt ſo ruhige Juan raſch einen Schritt vortrat, ehrerbietig den leichten Panamahut zog und in etwas ausländiſch klingendem Deutſch ſagte: „Wir ſind an's Land gekommen, weil das Kreuz uns vermuthen ließ, daß Menſchen in der Nähe ſeien. Wir ſind müde und hungrig— giebt es hier ein Wirthshaus oder dergleichen?“ 122 Das Mädchen lächelte leicht, dann ſagte ſie in richtigem Hochdeutſch: „Das einzige Wirthshaus der Gegend iſt im näch⸗ ſten Dorf, eine gute Stunde von hier— allein, wenn die Herren mit Brod, Schinken und Milch vorlieb nehmen wollen, ſo will ich es herbei holen; unſer Haus iſt ganz in der Nähe.“ Wirklich ſahen die jungen Männer in einiger Entfernung, halb durch eine Düne verdeckt, das moos⸗ bewachſene Strohdach eines Hauſes, das indeß kaum mehr als den Namen einer Hütte verdiente. „Wir werden mit Ihnen gehen“, erklärte Arnold zuvorkommend, aber das junge Mädchen wehrte faſt ängſtlich ab: „Unſer Haus iſt nicht gut genug für Stadtleute“, ſagte ſie, während eine dunkle Röthe das lichte Weiß ihres Geſichts überfluthete—„es iſt ja auch viel ſchöner draußen“, fügte ſie hinzu, und eilte raſchen Schrittes die Düne herab; der Schwan ſchwankte auf⸗ geregt hinter ihr her. Schweigend ſahen die jungen Männer ihr nach, bis ſie hinter der Düne verſchwunden war; und als ſei alles Licht von ihr ausgegangen, erſtarb zugleich der roſige Schimmer und ein weißer Duft ſchwebte von der Niederung herüber. 8 Arrnold plötzlich fragte: 123 „Wenn das nicht ein Märchen iſt“, begann Ar⸗ nold, indem er ſich nach dem Freund umwandte, aber er hielt inne, denn die ſtets etwas farbloſen Wangen deſſelben waren von einer aſchgrauen Bläſſe und ſeine tiefliegenden Augen hafteten unverwandt an der Stelle, wo das Mädchen verſchwunden war.„Was haſt Du? was iſt Dir?“ fragte Arnold erſchrocken, aber Juan hob abwehrend die Hand: „Nichts, nichts! Die ungewohnte Anſtrengung, der Hunger...“ und wie völlig erſchöpft ließ er ſich auf die Raſenbank am Fuß des Kreuzes ſinken, und ſtützte den Kopf in die Hand. Schweigend ſetzte Ar⸗ nold ſich neben ihn und kein Wort ward gewechſelt, bis das Mädchen wieder erſchien und aus einem ſauber geflochtenen Weidenkörbchen die angebotenen Vorräthe hervorholte. Arnold ließ ſich nicht lange nöthigen, ſondern machte ſich mit dem Appetit der Jugend über das harte Schwarzbrod und den Schinken her; aber Juan ſchien jede Luſt dazu verloren zu haben; ſeine Lippen berührten kaum die friſche Milch, die das Mädchen ihm in einem buntbemalten Napf bot. Wie traum⸗ verloren folgten ſeine Augen jeder ihrer ruhigen Be⸗ wegungen und er ſchrak ſichtlich zuſammen, als 124 „Es iſt hier ſehr einſam, ſchönes Kind— wohnen Sie immer hier?“ „Gewiß, wo ſollte ich ſonſt ſein! Es iſt mein elterliches Haus und ich kenne kaum etwas Anderes, außer dem nächſten Kirchdorf, wo ich zur Schule ging.“ „Sie ſprechen aber nicht den Dialect der hieſigen Gegend— haben Sie in Ihrer Schule Hochdeutſch gelernt?“ „Dort auch, aber ich ſpreche wohl wie die Mutter, ſie iſt nicht von hier.“ „Was treibt denn Ihr Vater in dieſer abge⸗ legenen Gegend?“ „Mein Vater iſt todt“, antwortete das Mädchen kurz und wandte ſich zum Gehen, wie um einem weitern Examen auszuweichen. Bei dieſer Bewegung erwachte Juan aus ſeinem Sinnen, und mit dem ſanfteſten Tonfall ſeiner tiefen melodiſchen Stimme ſagte er: „Wollen Sie mir nicht zuvor ſagen, was dies Kreuz bedeutet? Hat hier ein Unglück ſtattgefunden?“ „Das Mädchen blieb ſtehen und ſah dem Fragenden klar in’s Geſicht. Er ſah nicht ſo unternehmend aus wie der Andere, der ſie ohne Weiteres„ſchönes Kind“ genannt, und faſt Alles allein gegeſſen hatte. „Ein großes Unglück“, beſtätigte ſie dann mit ernſtem Ton.„Auf der Sandbank— dem dunklem 125 Streifen dort, ein paar hundert Schritt vom Lande, iſt vor Jahren in einer Sturmnacht ein großes Schiff geſtrandet; und der Capitain, viele Reiſende und viele von der Mannſchaft ſind ertrunken. Die Uebrig⸗ bleibenden haben dann von den Maſtbäumen dies Kreuz aufgerichtet.“ „Können Sie ſich deſſen erinnern?“— „Nein, Herr! ich war damals ein kleines Kind, vielleicht drei oder vier Jahre alt; aber die Mutter hat oft davon geſagt, wie furchtbar der Sturm gehauſt hat, daß das Meer bis auf die Dünen kam und unſer Haus in großer Gefahr war. Einige der Ge⸗ retteten ſind zuerſt bei uns geblieben und ſpäter haben ſie die Anderen, die das Meer an den Strand warf, im Dorf begraben.“ Juan hatte mit unverkennbarer Spannung ge⸗ lauſcht, nach einer Pauſe ſagte er: „Sie wiſſen wohl nicht, wie das Schiff hieß und woher es kam?“ „Doch, Herr, die Mutter hat oft erzählt, daß es gerade ſo hieß wie ich— die Eliſabeth— und daß es aus Südamerika..“ Erſchrocken hielt das Mädchen inne, denn Juan war aufgeſprungen, hatte ihren Arm erfaßt, daß es ſchmerzte, und rief nun mit vor Erregnng heiſerer Stimme: „Die Eliſabeth! o, es iſt kein Zweifel! Und wer war bei Euch? wen haben ſie gerettet? einen alten Mann und ein kleines Mädchen, nicht war, fünf Jahre alt und hellblond wie Du— ſo erinnere Dich doch, Mädchen!“ Aber Eliſabeth, oder Elſe, wie ſie genannt wurde, war ſo erſchrocken, daß ſie ſich an nichts erinnerte; angſtvoll ſah ſie den heftigen jungen Mann an und bat: „Laſſen Sie mich los, Herr!— Ich weiß es nicht, fragen Sie die Mutter—“ „Wo iſt Deine Mutter?“ fragte Juan, gab aber ihren Arm nicht frei,„ſo rufe ſie doch!“ „Die Mutter iſt im Hauſe— ich will ſie holen, wenn Sie mich loslaſſen... Sie thun mir ja weh —“, ſagte Elſe faſt weinerlich. Arnold, der bisher ein ſtummer Zeuge des ſelt⸗ ſamen Auftritts geweſen war, ſtand jetzt auf und legte dem Freund die Hand auf die Schulter: „Beruhige Dich doch, Juan! Du ängſtigſt das arme Mädchen zu Tode“, ſagte er ernſter, als ſonſt ſeine Art war,„was ſoll das Kind von Dingen wiſſen, die vor langen Jahren geſchehen ſind! Du hörſt ja, daß die Mutter mehr weiß!“ Juan ließ Elſen's Arm los und trat einen Schritt zurück. 426 „Ruf Deine Mutter“, bat Arnold,„aber bitte ſie, raſch zu kommen, es wird bald Nacht und wir müſſen fort.“ „Es wird nicht dunkel heute, es iſt Vollmond“, erklärte Juan, und wies auf die volle Mondſcheibe, die im Oſten über der Dunſtſchicht emporſchwebte, duftig und roſig wie ein ungeheurer Ballon.„Ich gehe nicht, ehe ich Alles weiß“, ſetzte er mit einem Ton hinzu, der keinen Widerſpruch erlaubte, und reſig⸗ nirt ſetzte Arnold ſich nieder. Das Mädchen war indeß fortgegangen, kam aber raſch zurück und blieb in einiger Entfernung ſtehen. „Sie können die Mutter heut' nicht ſprechen“, ſagte ſie eben laut genug, um gehört zu werden,„ſie hat ihre ſchlimme Stunde, dann ſpricht ſie mit Nie⸗ mand, auch nicht mit mir, und geht ſtundenlang in der Nacht herum, beſonders wenn der Vollmond am Himmel ſteht—— gute Nacht und glückliche Reiſe“, fügte ſie raſch hinzu⸗ und ehe noch einer der jungen Männer zu einer Antwort kam, war ſie fortgeeilt und hinter der Düne verſchwunden. Gleich darauf knarrte eine Thür und die Freunde hörten deutlich, wie von innen klirrend ein Riegel vorgeſchoben wurde. Stumm ſahen ſie ſich an. Ueber Juan's Lippen flog ein halb bitteres, halb trotziges Lächeln, Arnold aber lachte laut auf und ſagte: „Für diesmal iſt es nichts mit der Erlöſung, es bleibt immer die alte Geſchichte; und man braucht doch nur die rechte Stunde, den rechten Ort und das rechte Wort! Dann macht es ſich ganz von ſelbſtu!“ Juan ſchwieg und ſie verließen die Düne, nach⸗ dem Arnold heimlich ein Geldſtück auf die Raſenbank hatte gleiten laſſen. Schweigend ſchoben ſie das Boot in's Waſſer, über das jetzt eine leichte Briſe kühl dahin flog, bald blähten ſich die weißen Segel und raſch ſchoß das kleine Fahrzeug durch das ſilbern flimmernde Element. Gleich darauf erhob ſich ein von dichtem grauen Haar bedeckter Kopf über den Dünenrand, und die hohe, etwas gebeugte Geſtalt einer alten Frau erſchien auf dem Hügel. Eine Weile ſtand ſie regungslos in dem dunklen Schatten des Kreuzes, den das Mond⸗ licht auf den weißen Sand zeichnete, und ſah dem verſchwindenden Boot nach; dann bückte ſie ſich plötz⸗ lich und hob das Geldſtück auf, das wie ein Leucht⸗ käfer aus der Raſenbank blitzte. „Gold!“ murmelte ſie,„es iſt lange her, daß ich keins mehr geſehen, faſt ſo lange als dies Kreuz hier ſteht.. es brennt“, rief ſie plötzlich laut und ſchleu⸗ 129 derte das Goldſtück von ſich; aber augenblicklich be⸗ reute ſie ihre raſche That und begann danach zu ſuchen, lautlos aber unermüdlich, bis es ihr nach faſt einer Stunde vergeblicher Mühe hinter einem der rundgeſchliffenen Strandkieſel entgegenblitzte. Faſt zärtlich hob ſie es auf und betrachtete es lange. „Er kommt wieder“, flüſterte ſie,„er kommt wieder und bringt mehr— jedes Wort ſoll er mir mit Gold aufwiegen, und ich weiß viel, was ich ihm ſagen kann... o, er ſoll ſich wundern, und die Elſe auch“, lachte ſie halblaut in ſich hinein, dann wandte ſie ſich um, den wiedergefundenen Schatz feſt in der Hand haltend, und ſchritt eilig auf die weite Wieſenfläche zu. Geiſterhaft glitt ihr langer Schatten hinter ihr drein, bis ſie im leiſe raſchelnden Schilf verſchwand... Als Arnold am andern Morgen wie gewöhnlich in das Zimmer ſeines Freundes trat, fand er den⸗ ſelben zu ſeiner Verwunderung nicht mehr vor. Juan liebte es ſonſt, lange zu ſchlafen und es mußten ganz beſondere Beweggründe ſein, die ihn nach einem ſo anſtrengenden Tage, wie der geſtrige, ſchon zu ſo früher Stunde hinausgetrieben hatten. Arnold ſetzte 9 v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I. 9 ſich nieder und beſchloß, Juan's Rückkehr abzu⸗ warten. Die beiden jungen Männer waren Söhne großer Kaufherren, Arnold's Vater lebte in H., ſein Haus hatte Verbindungen mit faſt allen Erdtheilen und Commanditen in den meiſten hervorragenden See⸗ ſtädten. Seine liebſte und vielleicht einträglichſte Ver⸗ bindung indeß unterhielt er mit Juan's Vater, einem der größten Plantagenbeſitzer in Braſilien, welchen er bereits in ſeiner Lehrzeit kennen gelernt und zum Freund gewonnen hatte. Seitdem waren ſie in ſteten Beziehungen zu einander geblieben; und als Juan das nöthige Alter erreicht hatte, ſandte ſein Vater ihn als Volontair in das Geſchäft ſeines Freundes, nach Europa. Die Freundſchaft der Väter übertrug ſich auch auf die Söhne, wenn ſchon die lebhafteren Aeußerungen derſelben mehr auf Arnold's Seite waren. „Juan erſchien trotz ſeiner größeren Jugend ernſter und gemeſſener als der ſtets heitere Arnold: und dieſer ahnte kaum, welch' eine Gewalt der Leidenſchaften und Tiefe der Empfindungen unter dieſer kühlen Außen⸗ ſeite ſchlummerte. Um ſo mehr hatte Juan's geſtriges Aufflammen ihn überraſcht, ſein mehr als je ver⸗ ſchloſſenes Geſicht hatte ihm indeß nichts verrathen, und direct zu fragen hatte Arnold während der 134 ſtummen Heimfahrt nicht gewagt. Er fühlte dunkel, daß es nicht gut ſei, von Juan erzwingen zu wollen, was dieſer nicht freiwillig gab. Als nach einer Weile des Wartens der Freund nicht erſchien, begab Arnold ſich nach den Ställen, wurde aber in neues Staunen verſetzt durch die Nach⸗ richt, daß Juan bereits in aller Frühe ſein Pferd hatte ſatteln laſſen und fortgeritten war, wohin wußte man nicht.. Das war ſeltſam, denn ſie hatten ſtets ihre Ritte zuſammen gemacht. Unmuthig, weil er nun nicht wußte, was er mit ſeinem Morgen beginnen ſollte, zog Arnold ſich in ſein Zimmer zurück, um bei dem neueſten Roman das Räthſel zu vergeſſen, das zu er⸗ gründen er vorläufig aufgeben mußte. Unterdeß ritt Juan in langſamem Schritt durch den thaufriſchen Wald. Lautlos berührten die zier⸗ lichen Hufe ſeines Rappen den weichen moosbewach⸗ ſenen Pfad; und nur das leiſe Knirſchen des Leder⸗ zeuges und hin und wieder ein muthiges Schnauben des lebhaften Thieres, dem das langſame Tempo nicht behagte, unterbrachen die Ruhe der Waldeinſamkeit und miſchten ſich in das Morgenconcert der Vögel⸗ ſcharen, die pfeifend und zwitſchernd die Kronen der dichtbelaubten Buchen belebten. Zitternde Sonnen⸗ 9* ³ ſtrahlen irrten über den grünen Boden und blitzten in den Thautropfen, die an jedem Halm, an jeder der feinen Federn des üppigen Farrnkrautes hingen. Aus niederm Gebüſch erhob zuweilen ein Reh den kleinen Kopf mit den ausdrucksvollen Augen und ſah neugierig dem in ſich verſunkenen Reiter nach, der es nicht bemerkte, und ſich kaum zur Seite bog, wenn langherabhängende Zweige ihm feucht die Wange ſtreiften. Ernſte Gedanken— Vergangenheit und Zukunft, hatten den jungen Mann in ihren Bann gezogen, und vergeblich mühte er ſich, um Klarheit in ſeinen Geiſt zu bringen. Der Anblick des jungen Mädchen, und noch mehr ihre Worte, hatten ein Bild in ſeiner Seele herauf⸗ beſchworen, das lange vergeſſen war unter den wech⸗ ſelnden Eindrücken des reifenden Lebens. Er ſah ſich wieder als etwa ſiebenjährigen Knaben auf der Be⸗ ſitzung ſeines Vaters und neben ſich den Jugendfreund, den eben ſo alten Sohn des Nachbars, der ihm mit freudeſtrahlendem Geſicht mittheilte, daß er am Tage vorher ein Schweſterchen bekommen habe, und ihn nun aufforderte, mitzugehen, um das kleine Wunder anzu⸗ ſtaunen. Er erinnerte ſich, wie ſpäter er, der nie kleine Kinder geſehen, ſich mit ſcheuer Bewunderung 133 über die Wiege des kleinen Mädchens gebeugt, die lichtblond und roſig wie ein Wachsengelchen in ihren Kiſſen lag. Die Mutter war eine ſchöne Frau aus germaniſchen Blut und hatte die Kennzeichen ihres Stammes auf das Töchterchen vererbt. Von der Zeit an hatte Juan das kleine Mädchen als auch ihm ge⸗ hörig betrachtet, und als es älter wurde und gehen lernte, kein größeres Vergnügen gekannt, als den Wärter deſſelben zu machen. Das Kind liebte den ruhigen dunklen Knaben faſt mehr als den eigenen, etwas ſtürmiſchen Bruder, der nichts mit ihr anzu⸗ fangen wußte, als ſie beſtändig zu necken. Da war plötzlich ein böſes Fieber über die Kinder der Gegend gekommen, unzählige erkrankten und ſtarben, und die genaſen, blieben ſiech und konnten ſich nur ſchwer wieder erholen. Auch die kleine fünfjährige Elvira war davon befallen worden, als aber die Krankheit glücklich vorüber war, blieb ihre Geſundheit ſo zart, daß man ſich endlich zu einer dauernden Luftver⸗ änderung entſchließen mußte. Mit ſſchwerem Herzen, aber für das Wohl ihrer Kinder zu jedem Opfer be⸗ reit, entſchloſſen ſich die Eltern, das Kind zu Ver⸗ wandten nach Europa zu ſchicken. Sie ſelbſt konnten es nicht begleiten; die Geſundheit der Mutter erlaubte keine Seereiſe und den Vater hielten ſeine ausge⸗ —— 134 dehnten Beſitzungen unerbittlich feſt. In Begleitung einer erpropten Wärterin und eines alten Mannes, der mehr langjähriger Freund als Diener des Hauſes war, wurde die Kleine von den Eltern auf eins der beſten Schiffe gebracht, dem Capitain noch beſonders anempfohlen, und mit den heißeſten Thränen entlaſ⸗ ſen... Es war ein Abſchied für's Leben... Das Schiff ſcheiterte nicht weit von der ihm beſtimmten Küſte und faſt Alles ertrank. Die Verzweiflung der Eltern ſpottete jeder Beſchreibung, trotzdem ließen ſie nicht nach mit Forſchen und Suchen und noch einmal war ein ſchwacher Hoffnungsfunke aufgeblitzt. Einer der geretteten Matroſen hatte irgendwo geäußert, es ſei auch ein kleines Kind gerettet worden, wo es in⸗ deß geblieben ſei, wiſſe er nicht. So genau man aber auch am Ort des Schiffbruchs nachgeforſcht hatte, von dem Kinde oder ſeinen Begleitern gab es keine Spur, und man mußte ſich an den Gedanken gewöhnen, daß der große grüne Hügel auf dem Kirchhof des Küſten⸗ dorfes— den Namen wußte Juan nicht mehr— mit ſo manchem andern damals plötzlich verſunkenen Leben, auch das frühvollendete des kleinen Lieblings barg. Die Mutter war bald darauf vor Gram geſtorben und vor dem Vater durfte fortan der Name des Kindes nicht mehr genannt werden... 135 Das Alles war erwacht in Juan's aufgeregtem Geiſt, als er ſich geſtern Abend ſo unerwartet dem blonden Mädchen unter dem Kreuz gegenübergeſehen, und kaum hatte er das Ende der ſchlafloſen Nacht erwarten können, um ſelbſt ſeine Nachforſchungen zu beginnen. In ſeiner Verſunkenheit hatte er nicht auf den Weg geachtet, und war daher etwas beſtürzt, als er bemerkte, daß er denſelben verloren hatte. Ihn wiederzufinden wäre vergeblich geweſen; ſo beſchloß er, an den Saum des Waldes zu reiten und Rund⸗ ſchau zu halten. Raſcher lenkte Juan jetzt ſein Pferd vorwärts und nach einer kurzen Zeit ſah er eine grüne Fläche durch die lichter werdenden Stämme ſchimmern. Das mußte der Anfang der Wieſenniederung ſein, welche ſich bis zu den Dünenhügeln hinzog. Vorſichtig führte er den Rappen durch das hohe Gras, und die Sonne zum Compaß wählend, ſah er endlich nach faſt einer Stunde die weißen Hügel herüber ſcheinen und be⸗ merkte auch den dunklen Rauch eines Kamins. Hoch auf pochte ſein Herz— das war die einſame Hütte, deren Eintritt ihnen geſtern verwehrt worden war, und zu ſeinen Füßen erkannte er jetzt auch das halb⸗ verſumpfte Bett eines früher wohl nicht unbedeuten den Waſſerlaufes. Das mußte der einſtige Abfluß des 136 Sees ſein, den hier der Wald verdeckte, und dem man ſpäter einen andern Canal gegraben hatte, er führte ſicher zu der Hütte, der Wohnung des frühern Schleuſenwärters, deſſen Wittwe und Tochter dort noch hauſten, obſchon die alte Schleuſe keiner Aufſicht mehr bedurfte. Das hatte man ihm, wie er ſich jetzt erinnerte, bereits— gelegentlich der Beſichtigung der neuen kunſtvollen Schleuſenwerke mit eiſernen Zug⸗ brücken und gemauertem Bett— erzählt, und hinzu⸗ gefügt, der Alte habe ſich ertränkt; warum, wiſſe Niemand, und mit ſeiner Wittwe habe Keiner gern zu ſchaffen, ſie ſei boshaft und wunderlich, und das arme junge Ding, die Elſe, die eben ſo gut als hübſch ſei, recht zu beklagen. Aber hatte man nicht auch geſagt, ſie käme glück⸗ licherweiſe bald fort, ſie heirathe einmal einen jungen Schiffer aus dem Dorf, der es bald zum Capitain bringen würde? Eiskalt fiel es Juan auf's Herz; unwillkürlich preßte er dem Rappen die Sporen in die Weichen, daß er ſich hoch aufbäumte unter der ungewohnten Behandlung. Dann, als könne Juan nicht zeitig genug kommen, um dies „Unglück“ zu verhindern, trieb er das Thier zu immer kühneren Sprüngen über den unſichern Wie⸗ ſenboden. 137 „Holla hoh! nicht ſo hitzig, wenn man über fremder Leute Grund und Boden reitet“, rief da plötzlich eine rauhe Stimme, und dicht vor dem Reiter richtete ſich eine Frauengeſtalt empor, daß das er⸗ ſchreckte Thier jäh zur Seite ſprang, und faſt ſeinen Herrn in's hohe Gras geſchleudert hätte. Schon wollte Juan zornig entgegnen, da fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, ob dies nicht etwa Elſe's Mutter— nein, die Wittwe des Schleuſenwärters ſei. So nah am Ziel hatte er ſich nicht gewähnt; und unter günſtigeren Umſtänden konnte er kaum ſein Werk beginnen. Er zog alſo ſeinen Hut und ſagte ſanft: „Ich bitte um Entſchuldigung, ich habe den Weg verloren, und wollte die Zeit einbringen; ich möchte zu der Wittwe des Schleuſenwärters, könnt Ihr mir ſagen, ob ich ſie zu Hauſe treffe?“ Ein Zlitz des Verſtändniſſes zuckte über die runzeligen, etwas verſtörten Züge der Alten, dann kicherte ſie halblaut: 3 „Glaube kaum, daß ſie zu Hauſe iſt! Iſt ſelten zu Hauſe, aber die Elſe wird da ſein, der ſoll's ja doch wohl gelten, heh?“ Juan runzelte die Stirn: „Ich ſage Euch ja, daß ich die Mutter ſprechen 138 will!“ wiederholte er ungeduldig.„Wenn Ihr es nicht wißt, ſo kann ich ſelber nachſehen“, und er wandte ſein Pferd herum. „Wie das junge Blut gleich überkocht!“ lachte das Weib,„habt's ja gar zu eilig, junger Herr! Was ſoll denn die alte Trude?“ „Das kann ich ihr nur ſelber ſagen.“ „So ſagt's nur gleich, ich bin die Trude.“ Juan fühlte etwas wie Herzklopfen; die Alte ſchien nicht ſo leicht zugänglich, wie er es ſich gedacht hatte. Wenn er es gleich anfangs mit ihr verſah, durfte er kaum auf Erfolg rechnen. Und dabei empörte es ihn tief, daß das ſchöne Mädchen in ſolchen Händen ſei. Nach kurzem Zögern beſchloß er, ohne Umſchweif auf ſein Ziel loszugehen. „Die Elſe wies mich geſtern an Euch, Ihr wüßtet mehr von dem Schiff, das vor Jahren hier geſtrandet iſt“, begann er dann mit ſichtlicher Anſtrengung.„Wollt Ihr mir nicht Alles ſagen, was Ihr darüber wiſſet? Ich verlange es nicht umſonſt“, und ließ eine ſchwere Börſe durch ſeine Finger gleiten. Ein habſüchtiges Lächeln fuhr wie Wetterleuchten über das verwitterte Geſicht des Weibes; eine Weile ſchien ſie zu ſchwanken, dann bückte ſie ſich, raffte ein —= 139 Tuch vom Boden auf, in das ſie die Kräuter geſammelt hatte, und ſagte kurz: „Kommt!“ Eilig ſchritt ſie voran durch das raſchelnde Gras und Juan ritt langſam in ihrer Spur nach. Als ſie an der kleinen, aber gut gehaltenen Hütte anlangten, erhob ſich ein wildes Geſchrei von Hühnern, Enten und Gänſen, die aus ihrer Beſchaulichkeit auf⸗ geſtört wurden, und der Schwan mitten unter ihnen ſchlug aufgeregt mit der geſunden Schwinge. Juan ſchwang ſich vom Pferd, befeſtigte es an einem Pfoſten und ging um's Haus herum der Alten nach, die ihn auf der Schwelle erwartete. „Die Elſe iſt in's Dorf“, ſagte ſie mit ihrer heiſern Stimme, indem ſie eine niedere, braune Holz⸗ thür öffnete,„kommt herein und ruht aus.“ Das Gemach unterſchied ſich in nichts von den gewöhnlichen Bauernſtuben der Gegend: einfache braun⸗ angeſtrichene Möbel, ein Bret mit buntbemalten Taſſen und Töpfen, gemachte Blumen in kleinen vergoldeten Vaſen, ſchlechte Lithographieen und grellbunte Bilder⸗ bögen an den weißgetünchten Wänden. Nur die beſſere Luft und die größere Reinlichkeit, ſo wie die Abweſenheit von Hühnern und ſonſtigen Thieren ließ errathen, daß noch eine andere Hand hier waltete, als 140 die knöcherne der Alten, mit der ſie auf einen Bret⸗ ſtuhl deutete und in ihrer kurzen Weiſe ſagte: „Setzt Euch.“ Juan wollte ſich niederlaſſen, als ſein Blick auf eine Photographie in Goldrahmen fiel, die zwiſchen den Fenſtern an der Wand hing, ſie ſtellte einen jungen Seemann vor, mit friſchen männlichen Zügen. „Wer iſt das?“ fragte er mit zitternder Span⸗ nung. Einen Augenblick zögerte die Alte, dann ſagte ſie feſt: „Das iſt mein Sohn.“ „Ihr habt einen Sohn?“ fragte Juan ungläubig. „Ich dachte, es ſei der Bräutigam Eurer Tochter..“ Mißtrauiſch ſah die Alte ihn an: „Was wiſſet Ihr davon? Wer erzählt den vor⸗ nehmen Leuten draußen von der Elſe oder ihrem Bräutigam! Die Elſe hat keinen Bräutigam!“ ſetzte ſie energiſch hinzu. Erleichtert athmete Juan auf. Dann ließ er ſich auf den angewieſenen Sitz nieder und ſagte in bitten⸗ dem Ton, indem er unbewußt mit ſeiner Börſe ſpielte:. „Ihr wolltet mir ſagen, was Ihr von dem ge⸗ ſcheiterten Schiff wißt...“. 141 „Was gehen Euch Dinge an, die vor vielen Jahren geſchehen ſind?“ fragte das Weib, ſtatt zu antworten, und ſtützte ſich mit der harten, braunen Hand auf den Holztiſch,„laßt die Todten ruhen, es iſt nicht gut, nach Sachen zu fragen, über die Gras ge⸗ wachſen iſt!“ „Ich muß es wiſſen! Es geht mir mehr an als Ihr glaubt, und Euch vielleicht auch!— Sind viele damals ertrunken?“ forſchte Juan weiter, ohne ſich ab⸗ ſchrecken zu laſſen. „Viele, viele!— fragt den Todtengräber im Dorfe drüben; der weiß, wie viele unter dem großen Hügel liegen— wenn er's nicht längſt vergeſſen hat!“ „Und iſt Niemand gerettet worden?“ fragte Juan athemlos,„wißt Ihr nichts von einem kleinen Mäd⸗ chen mit blonden Haaren— ſo wie die Elſe— oder von einem alten Mann?“ „Jung oder alt, danach hat das Meer nicht ge⸗ fragt⸗ beharrte die Alte in ihrer dunklen Redeweiſe. Juan ſah ein, daß er ſo nicht weiter komme; er beſchloß eine andere Tactik; raſch leerte er ſeine Börſe auf den Tiſch, daß Gold und Silber klirrend durch⸗ einander rollten, und ſagte: „Wißt Ihr wie viel das iſt?“ Die kleinen grauen Augen des Weibes blitzten 142 auf, ihre Finger regten ſich, als wolle ſie das Geld zuſammenraffen, aber ſie bezwang ſich und ſagte ruhig: „Viel Geld, wer's hat, hat Macht.“ „Es iſt Euer, wenn Ihr mir ſagt, wie Ihr zu der Elſe kamt.“ Die Alte blieb auffallend ruhig, als komme ihr dieſe Frage durchaus nicht unerwartet. Finſter ſah ſie den jungen Mann von unten auf an und murrte endlich: „Die Elſe iſt mein Kind— was ſollte ich mit fremden Bälgen— ich bin arm...“ „Was wollt Ihr mehr— noch einmal ſo viel— das Dreifache? Ihr ſollt es haben, mein Wort darauf, nur ſagt mir, woher Ihr das Kind habt— Ihr wißt nicht, Weib, was Ihr verſchweigt!“ „Wer ſagt mir, daß Ihr nicht lügt? Ich kenne Euch nicht... Wenn ich's Euch geſagt habe, geht Ihr fort und ich habe das Nachſehen...“ „Soll ich's Euch denn ſchwören?“ rief Juan zitternd vor Ungeduld,„ich bin reich— ich gebe Euch was Ihr wollt— morgen ſchon.“ „So kommt morgen und bringt das Geld mit.“ „Dann macht Ihr es eben ſo und vertröſtet mich wieder.“ 143 Die Alte lachte vergnügt: „Ich ſehe ſchon, ich muß Euch den Willen thun — was thut man nicht einem ſo hübſchen jungen Herrn zu Gefallen!“ ſchmunzelte ſie, ſtrich das Geld vom Tiſch und begann zu zählen. „Fünfzig Thaler— das Dreifache macht hundert⸗ undfünfzig— macht das Hundert voll...“ „Meinetwegen...“ „Bleibt's dabei?“ „Wollt Ihr's ſchriftlich?!“ „Schon gut, ſchon gut!“ beruhigte die Alte,„ich glaub's!— ja, ja, die Elſe— ſie iſt hübſch, nicht wahr?“ Zornröthe ſtieg in Juan's Geſicht, aber er be⸗ zwang ſich. „Darum handelt es ſich nicht— ich will wiſſen, woher Ihr ſie habt— ſie iſt damals mit dem großen Schiff gekommen?“ Die Alte zuckte die Achſeln. „Wenn Ihr's ſo genau wißt, warum fragt Ihr mich?“ Juan ſchwieg, um nicht Alles zu verderben. Die Alte aber begann von ſelber: „Es war eine ſchlimme Nacht damals, als die Kanonenſchüſſe über das Waſſer krachten.„Ein Schiff 144 in Noth“, ſagte mein Seliger— damals lebte er noch— zündete ſich die Laterne an und ging hinaus, obſchon es in Strömen regnete. Unſere Kleine wachte auf und ſchrie, weil ſie nicht mit ſollte— ſie war ge⸗ rade ſehr krank. Die Schüſſe kamen immer näher und plötzlich gab's einen großen Krach— das Schiff war auf der Sandbank aufgelaufen. Nur wenige hatten ſich retten können, denn die Boote waren von der Brandung umgeworfen und Alles in's Meer geſtürzt.. Als es Tag wurde, kam mein Mann zurück; ſein Mantel war ganz naß und er trug etwas da⸗ runter...“ „Ein kleines Mädchen“, rief Juan athemlos. Die Alte ließ ſich nicht ſtören. „.. Er warf den Mantel ab und legte mir etwas auf den Schooß—„da, Alte“, ſagte er,„noch einen Mund zu unſerer ſchmalen Koſt.“ Es war ein kleines Mädchen, eben ſo alt wie unſere Elſe und mit eben ſo gelben Haaren. Sie ſah ganz weiß aus und hatte die Augen geſchloſſen. Sie war aber nicht todt und kam in der Wärme zu ſich. Mein Mann hatte ſie einem alten Herrn abgenommen den die Wellen an's Land geworfen; ſie war an ihm feſtge⸗ bunden und wol durch ihn vor dem Ertrinken be⸗ wahrt; der alte Mann war aber gleich darauf ge⸗ 145 ſtorben, er liegt auch da drüben“, ſetzte die Alte hin⸗ zu, indem ſie mit dem Daumen über ihre Schallen deutete und Juan lauernd anſah. „Kein Zweifel“, murmelte dieſer in tiefſter Be⸗ wegung,„ſie iſt es— Elvira! Und dann weiter?“ forſchte er haſtig. „Was noch weiter?“ fragte die Alte wie erſtaunt, „iſt das noch nicht genug? Ich denke Ihr wollet wiſſen, wie ich zu der Elſe gekommen bin? Aber jetzt ſagt mir auch, warum Ihr das Alles wiſſen wollt— kennt Ihr ihre Eltern?“ „Später, ſpäter!“ rief Juan,„hat ſich denn in der Folge Niemand nach dem Kinde erkundigt? Habt Ihr keine Nachforſchungen angeſtellt?“ Die Alte ſchwieg und ſah nachdenklich vor ſich hin. „Niemand“, ſagte ſie dann feſt.„Wir haben wol hier und da gefragt, aber Keiner wollte etwas von dem Mädchen wiſſen. Das Schiff kam von weit her— aus Südamerika glaube ich— das iſt zu weit, um nachzufragen.“ „Habt Ihr's denn in keine Zeitung ſetzen laſſen?“ „In die Zeitungen?“ fragte die Alte erſtaunt, „ſo was iſt nur für reiche Leute, und wir hatten kaum v. Schlägel Deutſch und Wälſch. I. 10 4 146. das liebe Brod... es iſt uns ſauer genug geworden, Alle durchzubringen.“ „Ihr ſpracht von Eurer Kleinen“, ſuchte Juan das Geſpräch in eine andere Richtung zu lenken,„wo iſt ſie?“ „Todt“, antwortete die Alte rauh und ſtarrte auf einen Fleck. „Weiß die Elſe, daß ſie nicht Euer Kind iſt?“ fragte Juan nach einer ſtummen Pauſe. „Die Elſe? nein. Wozu auch? Sie hätte ſich vielleicht Dinge in den Kopf geſetzt, die nicht für armer Leute Kinder paſſen— und nachher war ſie ja unſere einzige Tochter.“ Juan fragte nichts mehr. Er erklärte der Alten mit kurzen Worten dann das Nöthige in Bezug auf Elſe und ſeine Abſicht, ſie ihrem Vater zurückzuführen, und verlangte von ihr das tiefſte Schweigen, auch gegen Elſe, bis er ihr Erlaubniß geben würde, zu reden. Die Alte verſprach Alles; ihre Freude über die vorausſichtlich glänzende Zukunft machte einen faſt unheimlichen Eindruck auf den jungen Mann; er ſah nach der Uhr und erhob ſich zum Gehen. Da er⸗ klangen leichte Schritte vor der Thür, die ganze Thier⸗ welt des Hofes gerieth in lärmende Aufregung und der Schwan ſchrie und flatterte unaufhörlich. 147 8 „Ruhig, Peter, ruhig Peter“, beſänftigte eine friſche jugendliche Stimme den geflügelten Invaliden, „ich bin ja wieder da.“. „Die Elſe“, flüſterte die Alte haſtig, da öffnete ſich auch ſchon die Thür und vom hereinfluthenden Tageslicht umfloſſen erſchien das junge Mädchen auf der Schwelle. Einen Moment zögerte ſie, als ſie Juan erblickte und erröthete tief, dann trat ſie unbefangen einen Schritt näher. „Sie ſehen, ich bin kein Freund vom langen Warten“, ſagte Juan, indem er ihr entgegen ging und ihr die Hand bot, in welche ſie ohne Zögern die ihre legte—„Sie haben mich ſelbſt an— an Ihre Mutter verwieſen.“. „Haben Sie erfahren, was Sie wiſſen wollten?“ fragte Elſe freundlich,„konnte die Mutter Ihnen Aus⸗ kunft geben?“ „Gewiß Elſe“, antwortete die alte Frau raſch und legte ſchmeichelnd ihre dürre Hand auf die Schulter des Mädchens,„der junge Herr iſt ein ſehr freund⸗ licher Herr und hat ſich lange mit mir alten unge⸗ lehrten Frau unterhalten.“ „So lange, daß es die höchſte Zeit iſt, heimzu⸗ reiten“, ſagte Juan raſch, der, ſo ungern er ſich ſchon „ 10* 148 von dem jungen Mädchen trennte, doch fühlte, daß er bei ſeiner heutigen Aufregung nicht im Stande ſein werde, ſich zu beherrſchen; er konnte ja wiederkommen, immer wieder, bis er— wie Arnold ſich ausgedrückt haben würde— die ſchöne Prinzeſſin aus den Händen der Hexe befreit habe, um ſie zuletzt, wie in allen Märchen, ſelber zu heirathen. Dieſer Gedanke ſtimmte Juan ſo froh, daß er völlig vergaß, ſich zu fragen, ob die Elſe ihn auch leiden möge; er wußte im Gegentheil ganz genau, wie es kommen würde, und je eher er jetzt ging, um. ſo raſcher konnte er die nöthigen Anſtalten treffen. Er verließ nach kurzem Abſchied das Zimmer, gefolgt von der Alten, die ihm den näheren Weg zeigen wollte. Dann band er ſein Pferd los, hing ſich die Zügel über den Arm und folgte dem raſch voran⸗ ſchreitenden Weib. „Ich komme morgen wieder“, ſagte er, als er ſicher war, nur von ihr gehört zu werden,„dann ordnen wir das Andere; aber noch einmal— ſagt der Elſe noch nichts.“ „Wie Ihr wollt“, verſprach die Alte,„vergeßt nur das Geld nicht! Dort iſt der Weg, haltet Euch nur immer links, dann könnt Ihr nicht fehlen“, und 149 ehe Juan antworten konnte, war ſie umgekehrt und bald außer Hörweite. * .* Als Juan im Badeorte anlangte, war es Zeit zum Mittageſſen. Raſch kleidete er ſich um und be⸗ gab ſich in den Seiſeſaal. Arnold ſaß ſchon an ſeinem Platz. Mit kurzem Gruß ſetzte Juan ſich neben ihn. Kopfſchüttelnd betrachtete Arnold den ſeit geſtern ſo ſeltſamen Freund, dann ſagte er ſcherzend: „O Selim, Du haſt Dich traurig verändert! Was iſt's mit Dir? Hat Dich das unglückſelige Weib vergiftet mit ihren Thränen?... Ich fürchtete heut Morgen ſchon, ſie hätte mich mit ihrem Schwarzbrod vergiftet! Aber davon haſt Du ja nichts gegeſſen. Was! Suppe auch nicht?— Du biſt doch nicht krank?“ fügte er plötzlich mit beſorgtem Ton hinzu, da auf Juan's Wangen die Farbe kam und ging. „Nicht krank, Arnold, nur etwas erſchöpft, ver⸗ zeih'; ich hatte eine ſchlechte Nacht und ſuchte mich mit einem frühen Ritt zu erfriſchen; beim Rückweg bin ich aber grade in die heißeſte Zeit gekommen— weiter iſt es nichts.“ „Wo warſt Du? Ich habe den halben Weg durchſtreift— Du warſt doch nicht beim Dünenkreuz?“ fragte er wie von einem neuen Gedanken erſchreckt. 150 „Ich bin kein Märchenprinz“, ſagte Juan aus⸗ weichend,„hätteſt Du vielleicht Luſt, einmal hinüber zu reiten?“ „Behüte der Himmel“, wehrte Arnold lachend ab:„wir würden dort am Ende gar weder Kreuz noch Haus mehr finden; überdies zeigen ſich ver⸗ wunſchene Prinzeſſinnen nur bei Vollmond in ihrer wahren Geſtalt— bei hellem Tage ſehen ſie oft täuſchend aus wie Kuhmägde.“ Juan lachte gezwungen, aber ihm fiel eine Laſt von der Seele— vor Arnold war er ſicher. Denn Niemand, auch dieſer nicht, ſollte von der ſeltſamen Geſchichte erfahren, eh' Alles klar war. Arnold hätte in den nächſten Tagen noch oft Gelegenheit gehabt, die Veränderung in Juan's Weſen wahrzunehmen, aber gewohnt, ſeinen Freund oft eigene Wege gehen zu ſehen, ließ er ihn gewähren und ent⸗ ſchädigte ſich im Verkehr mit ſeinen neuen Bekannt⸗ ſchaften, die alle den ſtets heitern Arnold lieber ſahen, als den ſchweigſamen Braſilianer. Juan ritt indeß täglich hinaus zu dem einſamen Haus an der Düne und täglich wuchs in ſeinem Herzen die Liebe zu dem blonden Mädchen, das ja ſchon ſein Kinderherz beſeſſen hatte. Elſe ſelbſt, oder 151 Elvira, wie er ſie im Stillen nannte, ſah den jungen Mann ſtets gleich freundlich kommen und gehen und hatte, da er ſich in ſeiner ruhigen Weiſe mit ihr be⸗ ſchäftigte, bald alle Schüchternheit vor ihm verloren. Er ſaß oft ſtundenlang bei ihr unter dem Kreuz und horchte mit Entzücken auf ihre kindlichen Reden. Der Schwan, der ſich bald mit ihm auf freundſchaftlichen Fuß geſtellt, legte dann oft den ſchlanken Hals auf ſeine Knie und ſträubte die ſchneeigen Federn unter Juan's ſchmeichelnder Hand. Elſe erzählte von ihrer einſamen Kindheit, vom Meer, von ihren Thieren, aber von einem Verlobten ſprach ſie nie und Juan fragte auch nicht weiter; die Alte hatte ja geſagt, daß Elſe frei ſei. Mitgetheilt hatte ſie auf Juan's Wunſch dem jungen Mädchen vorläufig noch nichts, es ge⸗ währte ihm eine ſüße Beruhigung, in ihrer Nähe zu ſein und er fürchtete das entſcheidende Wort, das ja die liebliche Idylle beendigen mußte. Aber die Zeit ihres Badeaufenthalts war bereits vorüber und Arnold hatte ſchon einmal zur Abreiſe gedrängt; aber Juan hatte in einem Ton, der keinen Widerſpruch erlaubte, erklärt, er bleibe noch, und ohne ihn wollte auch Arnold nicht gehen. So entſchloß ſich Juan endlich, die Sache zur Entſcheidung zu bringen. Beim Abſchied hatte er 152 heute die Alte aufgefordert, das junge Mädchen vor⸗ ſichtig von dem bevorſtehenden Wechſel zu unterrichten, und nach ein paar Tagen, um Elſe Zeit zu laſſen all' das Seltſame zu begreifen, wollte er wiederkommen, ihr ſeine Liebe geſtehen, und wenn ſie dann ſeine Frau geworden, mit ihr zurückkehren in ſein und ihr fernes Vaterland. In den heiterſten Zukunftsträumen lenkte Juan den Rappen durch den dämmerigen Wald heimwärts; alle ſeine Gedanken waren bei dem geliebten Mädchen, die wohl jetzt ſchon erfahren hatte, wer ſie ſei und wie wunderbar ihr Schickſal ſich umgeſtaltet hatte... ... Wohl wußte Elſe Alles— die alte Frau, die ſie bis dahin Mutter genannt, hatte es ihr geſagt, ſobald die Hufſchläge des Rappens in der Ferne ver⸗ klungen waren. Aber die Wirkung ihrer Mittheilung war nicht ganz diejenige geweſen, die Juan ſich ge⸗ träumt. Als Elſe, die von Schreck und Staunen zu⸗ erſt ganz betäubt geweſen, ſich etwas geſammelt hatte, war ſie plötzlich nachdenklich geworden und hatte ge⸗ ſeufzt: „Was Gerhard wohl ſagt, wenn er das hört! Ob er mich wohl noch eben ſo lieb hat?“ Verblüfft hatte die Alte ſie angeſtarrt, dann aber mit einer Fluth von Worten ihr begreiflich zu machen 153 geſucht, daß ſie ſich Den jetzt aus dem Kopf ſchlagen müſſe. Gerhard ſei wohl gut genug geweſen, ſo lange Elſe arm und ſeinesgleichen geweſen, jetzt werde ſie ein reiches Fräulein und könne in kürzeſter Zeit eine vornehme Frau ſein, wenn ſie nur die Augen aufthun und ſehen wolle, wie der reiche junge Herr ſich in ſie verguckt habe. Den müſſe ſie nehmen; denn ihm verdanke ſie ja allein ihr großes Glück und ohne ihn könne ſie gar nichts. Aus dem Gerhard und ihr könne und würde es im Leben nichts werden, dafür würde ſie ſelbſt ſchon ſorgen. Dabei hatte ſie auf den Tiſch geſchlagen, daß Elſe ſich faſt vor ihr gefürchtet hatte, und war aus dem Zimmer geſtürzt. Weinend war das junge Mädchen zurückgeblieben; daun ſtand ſie auf, nahm das Bild von der Wand und küßte es wiederholt, wie um dem jungen Mann zu verſichern, daß ſie ihm treu ſei und bleiben werde, was auch komme. Den folgenden Tag hatte ihr die Alte mit Zu⸗ reden keine Ruhe gelaſſen; bald pries ſie mit beredten Worten ihre glänzende Zukunft, von der ſie für ſich ſelbſt goldene Berge zu erwarten ſchien, dann wieder ermahnte ſie Elſe doch vernünftig zu ſein, und ſchließ⸗ lich bat ſie ſogar; aber Elſe ſchwieg zu Allem und ſeufzte nur zuweilen aus tiefſtem Herzen. So kam 154 der Tag, den Juan zum entſcheidenden gewählt hatte. In ernſter Stimmung, wie ſie großen Ver⸗ änderungen in unſerm Leben meiſt vorauszugehen pflegt, ritt er den Weg, den er ſchon ſo oft gemacht, daß ſein gelehriges Pferd faſt keines Lenkens mehr bedurfte. Unwillkürlich hielt er es an, als er am Waldſaume angelangt war; mit welchen Gefühlen würde er am Abend den Weg zurückmachen? Da lag der weite Wieſengrund vor ihm, wie Wellen wogte das Gras und Schilf im Winde, der von dem durch die Dünen verdeckten Meer friſch herüber ſtrich, und deutlich ſichtbar ſchwebte eine graue Rauchwolke über der Stelle, wo das niedrige Strochdach die Geliebte barg. Nur langſam ritt er drauf zu— er wollte den wichtigen Augenblick noch ſo lange als möglich hinausſchieben. Kurz hinter dem Gehöft ſtieg er ab, ließ das Pferd frei im Graſe weiden und wollte eben um das Haus herumgehen, als er die zornige Stimme der Alten vernahm. Unwillkürlich blieb er ſtehen; deut⸗ lich drang jedes Wort aus dem offnen Fenſter zu ihm heraus: „Und ich ſage Dir zum letzten Mal, Du ſollſt! Gleich wird er kommen, dann zeigſt Du ihm Dein 155 freundlichſtes Geſicht und verſprichſt ihm Alles, was er will!“ „Ich kann nicht, Mutter; ich kann von Gerhard nicht laſſen; ich habe ihn lieb und er hat mein Wort.“ „Ach was, Dein Wort! Du biſt unmündig und haſt kein Recht, was zu verſprechen. Jetzt biſt Du reich und er paßt nicht mehr für Dich.“ „Wenn Das das ganze Glück iſt, von dem Du mir immer erzählſt, ſo will ich lieber arm bleiben und den fremden Leuten ihr Geld laſſen. Ich kenne ja den alten Mann in Amerika, der mein Vater ſein ſoll, nicht, und Du ſagſt, er denkt, daß ich längſt todt bin. Laß mich dableiben, Mutter, und den Ge⸗ hard heirathen— ich will Dir auch eine gehorſame Tochter bleiben, wenn Du mich nicht verſtößt...“ Und leiſes Schluchzen klang dazwiſchen. 3 Juan ſtand wie verſteinert. Das hatte er nicht zerwartet. Seine junge— und doch wie alte! Liebe hatte nie daran gedacht, daß ſie nicht freudige Er⸗ wiederung finden würde, ſobald Elſe's Schüchternheit durch die Kenntniß ihrer gleichartigen Lebensſtellung völlig gehoben ſei— und nun verwarf ſie ihn um den einfachen armen Seemann, der alſo doch ihr Bräutigam war. Wie betäubt lehnte Juan den 156 Kopf an die graue Mauer— da begann die Stimme der Alten wieder: „Laß das Heulen, Elſe; es nützt Dir nichts. Du heiratheſt den jungen Herrn, ſage ich, und dem Ger⸗ hard gibſt Du Dein Wort zurück...“ „Ich kann nicht, Mutter.“ „So muß ich es ſelbſt thun.“ „Das wirſt Du nicht, Mutter“, rief Elſe angſt⸗ voll und Juan hörte wie ſie aufſprang.„Das wirſt Du nicht— denn da Du mich doch zwingſt es zu ſagen— es iſt zu ſpät— ich bin ſeine Frau!“ Todtenſtille herrſchte in dem kleinen Gemach und draußen auf der ſonnbeſchienenen Wieſe. Wie im Traum hörte Juan die blauen Sommerfliegen durch die Luft ſummen und die ſchlaftrunkenen Wellen leiſe an den Strand zu plätſchern. Da erhob ſich die Stimme der Alten wieder; faſft kreiſchend rief ſie: 5 „Du lügſt!“„ „Ich lüge nicht, Mutter, ſo wahr mir Gott helfe!“ „So bleibe denn elend und niedrig, wie Du ge⸗ weſen biſt, Du gottverdammtes Geſchöpf!“ ſchrie das erboste Weib,„habe ich darum gelogen und betrogen, daß Du Dich jetzt an einen elenden Schiffer wegwirfſt, 157 der nichts iſt und nichts hat und bei dem Du am Hungertuch nagen kannſt! Die ganze Geſchichte, die ich dem Herrn aufgebunden habe, iſt nicht wahr; ich hab's ihm weis gemacht, weil er's durchaus nicht anders wollte und weil ich das Elend hier ſatt hatte. Das fremde Kind iſt gleich todt geweſen und mein Alter hat es unter dem Kreuz begraben. Wir haben aber all' Denen, die nachfragten, nichts verrathen, ſonſt hätten ſie vielleicht auch wiſſen wollen, wohin all' das Geld gekommen iſt, das der alte Mann bei ſich hatte... Und jetzt, wo Alles ſo ſchön im Gang iſt— wo wir reicher werden ſollten wie der reichſte Bauer im Land, jetzt verdirbſt Du mir die ganze Herrlichkeit— o Du...“ Aus ihren Worten klang eine ſo wilde Wuth, daß der vor Erregung faſt betäubte Juan ſich unwill⸗ kürlich zuſammenraffte und mit einem drohenden „Halt“ an's offene Fenſter ſprang. Bleich wich die Alte zurück und ließ die zum Schlag erhobene Hand ſinken; dann wandte ſie ſich um und rannte aus der offnen Thür querfeldein. Juan machte keinen Verſuch zu ihrer Verfolgung; einen Augenblick ſah er ihr nach, dann ging er mit müdem Schritt in's Haus. Mitten im Gemach ſtand Elſe mit thränennaſſen Wangen und ſtreckte ihm flehend die Hände entgegen: 158 „Ich kann nichts dafür, Herr! gewiß, ich wußte nichts davon— ich hätte es ja nun und nimmermehr gelitten!“ rief ſie mit bebender Stimme und auf's Neue in Thränen ausbrechend, ſchluchzte ſie laut. chen und nahm ihre Hand: „Beruhige Dich, Kind“, ſagte er mit klangloſer Stimme,„ich habe Alles gehört. Niemand wird Dich von Gerhard trennen“, fügte er raſch hinzu, als das Mädchen ihn mit ſcheuen Augen anſah,„es iſt ja Alles meine Schuld—“; er unterbrach ſich, ließ ihre Hand haſtig los und wandte ſich um. Pkötzlich ſchrack er zuſammen, eine Hand berührte ſeinen Arm und mit zitternder Stimme bat Elſe: „Können Sie uns vergeben, Herr?“ und die ge⸗ falteten Hände aufhebend, fügte ſie hinzu, indem ſie in ſeine feuchtgewordenen Augen blickte:„O, thun 1 Sie der alten Frau nichts zu Leide!“ Mit ſchmerzvollem Blick ſah Juan das Mäd⸗ chen an.. „Sie hat mir mehr angethan, als Du ahnſt“, flüſterte er,„aber ſei ruhig— ich erhebe meine Hand nicht gegen ſie— um Deinetwillen! Aber“ ſetzte er 159 beſorgt hinzu,„Du darſſt nicht hier bleiben, Elſe— wenn ſie wiederkommt...“ „Sie thut mir nichts“, verſicherte Elſe,„aber ich will doch lieber zuerſt fortgehen.“ „Wohin willſt Du gehen?“ „In's Dorf, zu Gerhard's Mutter.“ „Zu Gerhard's Mutter“, wiederholte Juan leiſe, wie mechaniſch und ſtarrte in's Leere. Dann raffte er ſich zuſammen:„Ich kann Dich nicht allein gehen laſſen— ich werde Dich begleiten—“ „O, mein Herr, bitte, nicht!“ wehrte Elſe faſt ängſtlich ab, daß Juan ſie befremdet anſah,„mir ge⸗ ſchieht gewiß nichts— ich möchte lieber allein gehen“, fügte ſie mit tiefem Erröthen hinzu. Juan fing an zu begreifen. „Wie Du willſt“, ſagte er ſanft,„nur verſprich mir, daß ſie Dich hier nicht mehr vorfindet.“ „Sie kommt ſo bald noch nicht“, verſicherte Elſe, „aber beſſer iſt es immer, wenn ich eine Weile fort⸗ gehe und ſpäter...“, ſie ſtockte. „Später kommt Gerhard und nimmt ſeine Frau mit ſich“, ergänzte Juan im Stillen den unter⸗ brochenen Satz; aber er ſagte nichts. Einen Augen⸗ blick ſtanden die beiden jugendlichen Geſtalten ſich ſtumm gegenüber. 160 „Leb wohl, Elſe“, ſtieß Juan plötzlich hervor, drückte einen Kuß auf die Stirn des Mädchens und war zur Thür hinaus, eh' Elſe ſich recht beſinnen konnte. Als ſie ihm nacheilte, ſah ſie ihn bereits, ſein Pferd zu wilden Sätzen antreibend, über die blumen⸗ überſäeten Wieſen ſprengen. * * Am Abend deſſelben Tages trat Juan zu Arnold in's Zimmer:„Ich reiſe morgen“, ſagte er kurz, „kommſt Du mit?“ „Morgen? warum ſo...“,— wollte Arnold fragen, aber ein Blick in Juans angegriffene Züge und abweiſende Augen rieth ihm, nicht zu vollenden. Im Grunde war er froh, den Freund von hier fort⸗ zubringen, wo ihm der Aufenthalt, ſeinem veränderten Aeußern nach zu ſchließen, ſo wenig gut gethan, und ſo begnügte er ſich achſelzuckend zu ſagen: „Wie Du willſt— natürlich reiſen wir zu⸗ ſammen.“ * Die alte Frau, Gerhard's Mutter, zu der Elſe gegangen war, gerieth einige Tage ſpäter in nicht ge⸗ ringes Erſtaunen, als der Briefbote in's Haus kam, — 161 ohne einen Brief von ihrem Sohn zu bringen. Hin⸗ gegen verlangte er ihre Unterſchrift für den richtigen Empfang eines Werthbriefes, Poſtſtempel H. Da ſie ſtatt ihres Namens indeß nur ein Kreuz machen konnte, wurde Elſe zu Hülfe gerufen und dann unter vielen Vermuthungen die Siegel in feierlicher Vorſicht gelöſt. Ein weißes Blatt lag drin mit der Auſſchrift: „Zu Elſen's Ausſteuer...“ und beim Auseinander⸗ falten fiel ein Blatt Papier heraus, das den Frauen unverſtändlich war, von dem herbeigeholten Schul⸗ meiſter indeß für eine nicht unbedeutende Anweiſung auf eins der größten Handelshäuſer in H. erklärt wurde. Elſe errieth leicht, woher es kam, und wollte Einwendungen machen; die alte Frau aber war ſo glücklich über das Geſchenk, daß ſie nicht wagte ihr Glück zu ſtören; ſie hätte dadurch auch nur zu Er⸗ örterungen Anlaß gegeben, die ſie vor Gerhard's Rück⸗ kehr vermeiden wollte. Darum ließ ſie die Alte ge⸗ währen, die den von ſeiner Wichtigkeit durchdrungenen Schulmeiſter beauftragte, das Geſchäft ſo bald als möglich zu ordnen. Nicht lange darauf kam Gerhard ſelbſt, nunmehr Capitain eines Kauffahrteifahrers, und nahm Elſe, v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I. 11 162 nachdem ſie ihm angetraut worden, mit ſich auf ſeiner Reiſe nach der Türkei. * Im nächſten Sommer, als Arnold ſeinen Beſuch des Seebades wiederholte, auf welchem Juan ihn nicht begleitete, ſchrieb er an ſeinen Freund unter Andern Folgendes: „Was nun die Erkundigungen betrifft, die ich einziehen ſollte, ſo will ich ſie Dir der Reihe nach mittheilen;— die alte Hexe, die die verwunſchene Prin⸗ zeſſin gefangen hielt, hauſt noch in ihrer Höhle, in die wir damals nicht hinein durften, und ſoll noch wunderlicher und menſchenſcheuer ſein als ſonſt. Die Leute glauben alles Ernſtes, ſie habe ſich dem Teufel verſchrieben und warten nur mit heimlichem Grauſen auf den Tag, wo ſie als ſchwarzer Rabe krächzend zum Rauchfang hinausfahren wird. Der wilde Schwan, der auf ſeinem Flügel hinkte und mit dem es ſicherlich auch nicht mit rechten Dingen zu⸗ ging, iſt leider etwas zu früh verunglückt. Er muß ſeine Spaziergänge zu weit ausgedehnt haben, denn bei der letzten großen Jagd auf Waſſervögel, die alljährlich in den Niederungen veranſtaltet werden, hat ein Sonntagsjäger den armen Invaliden 163 vollends todtgeſchoſſen— ſtatt des erwarteten Triumphs aber nur ein unſterbliches Gelächter ge⸗ erntet...Die blonde Königstochter iſt fort. Es muß unterdeß Jemand gekommen ſein, der das Erlöſen beſſer verſteht, denn ſie hat geheirathet— einen Schiffscapitain, ſagen die Leute; ich aber— im Ver⸗ trauen geſagt— glaube, daß es der fliegende Hol⸗ länder war, denn Niemand konnte mir ſagen, wohin ſie gekommen iſt. Vielleicht begegnet ſie Dir, wenn Du zurückfährſt, mit ihrem Geſpenſterſchiff— dann aber, Juan, ſieh Dich nicht um!— ſetzt alle Segel ein und macht, daß Ihr vorüberkommt— es iſt ge⸗ 8 fährlich, Räthſel zu ergründen, die uns nicht aufge⸗ geben ſind...“ Juan, als er ſo weit geleſen, ließ die Hand mit dem Brief ſinken und lächelte trübe— er ſelber wußte es am beſten. 8 4 Die Deſerteure. Von Max v. Schlägel. Beredtes Zeugniß von der untergegangenen Macht und Größe der einſtigen Meeresrepublik Venedig geben die uralten Steinkreuze, welche man in einigen un⸗ wegſamen Schluchten Südtyrols antrifft und welche noch heute die nördlichſten Grenzen Italiens und deutſcher und italieniſcher Stammeseigenthümlichkeit bezeichnen. Selten einmal ſteht ein beſonders pflicht⸗ eifriger Grenzer oder ein einſamer Touriſt vor den bemoosten Steinen, auf welchen kaum mehr kenntlich der geflügelte Löwe eingegraben iſt. Einer dieſer Steine, von den Tyrolern gemeinhin 15„San Marco“ geheißen, ſteht auch im Thal der „ſchwarzen Rienz“, einer engen Schlucht, welche ſich zwiſchen die bizarren, 8— 10,000 Fuß hohen Dolomit⸗ rieſen„Schwalbenkofel“,„Monte Piano“,„Drei Zin⸗ nen“ einzwängt und von einem zeitweiſe ſehr wilden Gießbach in jähem Fall durchſtrömt wird. 168 Eine ziemlich urſprüngliche Waſſerleitung, welche von ausgehöhlten Baumſtämmen in einander gefügt und von den höchſten Fluthen der„ſchwarzen Rienz“ unerreichbar an der Berglehne entlang läuft, iſt eben „San Marco“ das einzige Zeichen menſchlicher Kultur. Die Waſſerleitung beginnt am Ende der Schlucht in einem tiefen dumpfen, von faſt ſenkrechten Wänden umgebenen Keſſel, welcher gegen den Ausgang des Thales hin noch überdieß durch eine wuchernde Vege⸗ tation abgeſchloſſen iſt. Hier verdunſtet erſt im Hoch⸗ ſommer der ſchmutzige Schnee der Lawinenreſte, welche ſich brückenähnlich über den Lauf der Rienz wölben, und daneben vermodern uralte Baumſtämme, welche das reißende Bergwaſſer nach jedem Hochgewitter z Thal führt. Bunte Beeren bedecken den Boden, 1 isländiſche Moos ſtreut ſeine grellen Farben in das ſaftige Grün, aus ſtacheligen Sträuchern glühen traubenförmig ſcharlachrothe Berberitzen, die zarte blaue pyrenäiſche Akelei, Phyteuma comosum, und die gelbe Edelraute nicken von den grellbunten Felſen. Ein betäubender ſcharfer Geruch ſteigt aus den vom Schnee noch feuchten, von der ſüdlichen Sonne durch⸗ glühten Moorboden, über den die ſchwarze rauten⸗ förmig gezeichnete Kreuzotter lautlos ſchlüpft. In dem von rothen Felszacken und ewigem Eis einge⸗ 169 rahmten Stück Himmels, der tiefblau ſich über dieſe wilde zerklüftete Welt ſpannt, kreiſt mit ruhigem Flügel⸗ ſchlag der Steinadler. An einem ſolchen ſchwülen Hochſommernachmittage des Jahres 1866 lagerte an dieſem abgelegenen Berg⸗ winkel eine Gruppe von zwölf Männern. Sie hatten das venezianiſche Grenzzeichen gewiſſermaßen zum Mittelpunkt ihres Lagers gemacht. Einzelne Montur⸗ ſtücke und die Waffen, welche ſie trugen, kennzeichneten ſie als öſterreichiſche Soldaten verſchiedener Abthei⸗ lungen. Die ganze Gruppe ſchien auf das Aeußerſte erſchöpft und die Gier, mit welcher einzelne der Leute die Beeren ſammelten und aßen, ließ darauf ſchließen, daß ſie große Entbehrungen durchgemacht hatten. Die Geſichter der Soldaten, von denen keiner älter als 25 Jahre ſchien, hatten alle, wenn auch unter ſich ſehr verſchieden, ein ausgeſprochen italieniſches Gepräge und zeigten ſtumpfe Troſtloſigkeit oder wilde Verzweif⸗ lung. Die ganze Haltung der Lagernden, die Haſt, mit der ſie aufſprangen, als von fernher der Ton einer menſchlichen Stimme zu ihnen drang, hatte etwas Scheues und Drohendes zugleich. Es war eine helle klingende Frauenſtimme, welche ihre vollen, aber ungeſchulten Jodler keck in die Luft wirbelte und immer näher kam. 170 Die Bewaffneten hielten eine kurze erregte Be⸗ rathung in italieniſcher Sprache. Mit lebhaften Ge⸗ berden deutete der eine, in der zerfetzten Uniform eines Tyroler⸗Jägers, nach dem ſchwindelerregenden Pfad, der an einer Seite des Tobels kaum erkennbar an den Felſen emporführte.. Ein Blick auf einige ſeiner Kameraden, welche völlig erſchöpft umherlagen, ließ die Hand des elaſti⸗ ſchen Gebirgsſohnes ſinken und ſeine feurige Anrede verſtummen. Das braune runde Geſicht des Kaiſerjägers, welcher als der Anführer der kleinen Schaar erſchien, ſuchte den Boden und verzweiflungsvoll zerrte ſeine Hand an dem kleinen ſchwarzen Bärtchen, das ſeine Ober⸗ lippe bedeckte... Die heiteren Töne kamen immer näher, immer ſchmetternder wurde das muntere deutſche Lied von den zerklüfteten Wänden zurückgeworfen und das Echo rollte klingend fort in den Felſenſpalten und wenn man es erſtorben glaubte, kam es neckiſch und mit erneuter Macht zurück: „Auf der Alm da gibt's kein Sünd'.“ Ein langer brauner Kerl im weißen Rock der öſterreichiſchen Linien⸗Infanterie, der Ausſprache nach ein Mailänder, ſchlich ſich mit geſpannter Flinte hinter einen Baum. Ein wild ausſehender Burſche aus den —— 174 Cadoriner Bergen rief ihm halblaut rauhe ſhhwekber⸗ ſtändliche Worte zu und deutete mit einem wilden Blick auf das kurze breite Meſſer, das er ſelbſt in der Hand hielt. Und der bleiche, feine Venezianer, welcher ſich im abgetragenen braunen Rock eines öſterreichiſchen Ar⸗ tilleriſten gegen den Stein des heiligen Markus lehnte, gab dem Cadoriner ziſchend Beifall. Ein Rauſchen im Gebüſch verkündete das Näher⸗ kommen der luſtigen Sängerin. Voll Angſt, Haß und Scheu richteten ſich die Blicke der Bewaffneten nach der Stelle, wo die Zweige rauſchten. „Auf der Alm.. 44 Das Ende des Jodlers blieb der thaufriſchen ro⸗ ſigen Dirne, die eben aus dem Gebüſch trat, in der Kehle, als ſie mit einem Schritt plötzlich den zwölf wildausſehenden Menſchen gegenüberſtand, an einer Stelle, wo ſie ſo oft nur den leiſen Tritten der Gemſen und— den geheimſten Gedanken ihres Herzen ge⸗ lauſcht. Mit unſicherer Hand legte der Lombarde ſein Ge⸗ wehr an, mit vorgebeugtem Leibe und das Meſſer auf ſeinem Rücken bergend, ſtand der Cadoriner, der Ve⸗ nezianer hatte ſich mit äußerſter Anſtrengung am Grenzſtein ſeines Vaterlandes etwas aufgerichtet und 172 ſtarrte das Mädchen mit großen ſchwarzen Augen aus leichenblaſſem Antlitz an. Aber raſch trat der Kaiſerjäger auf das Mädchen zu, wie aus Furcht, daß eine Gewaltthat an ihr ver⸗ übt werden möchte, ehe er es hindern könnte. Die Sängerin, deren kräftige Geſtalt durch die ſchwarze Puſterthaler Tracht noch mehr hervorgehoben wurde, war etwas bläſſer geworden und die goldene Troddel, welche über den breiten Rand ihres flachen Filzhutes fiel, zitterte leiſe. Sonſt gab das junge an⸗ muthige Weſen kein Zeichen von Furcht und ſchaute dem Kaiſerjäger keck in das Geſicht. „Was willſt Du hier?“ fragte der junge Soldat deutſch und verſuchte es vergeblich, ſeinen Worten einen ſtrengen einſchüchternden Ton zu geben. Das junge Mädchen hatte ſich von ihrer Ueber⸗ raſchung erholt: „»Was ich hier will? Nach unſerem Brunnen will ich ſchaun...“ gab ſie mit dem trotzig⸗jovialen Ton zur Antwort, wie er in manchen Thälern Tyrols den Mädchen eigen iſt.—„Na, jetzt glaub' ich's, daß wir ſeit heut früh keinen Tropfen Waſſer mehr hab'n in Schluderbach“, fuhr ſie fort, indem ſie mit unge⸗ heuchelter Entrüſtung auf einen Stamm der Waſſer⸗ leitung zutrat, welcher aus ſeiner Lage geriſſen worden 173 war und halbverkohlt das Feuer des kleinen Bivouaks ſpeiſte.„Iſt das eine Art mit unſerem Brunnen ein Feuer anzuzünden, daß unſerem Vieh die Zung aus'm Hals hängt vor Durſt in der Hitz! Feuer anmachen mit unſerem Brunnen, der meinem Vater mehr als 1000 Gulden und drei braven Burſchen das Leben koſtet hat, die bei der Arbeit von der Lawine zu'deckt word'n ſind... Ein Feuer anmachen mit unſerem Brunnen... Ihr ſeid's wohl gar damiſch?“ Das Mädchen hatte beim Anblick ſolcher Barba⸗ rei und im Gefühl ihres guten Rechts ſichtlich alle Furcht vergeſſen. Mit geballten Fäuſten und ge⸗ rötheten Wangen ſtand ſie da, die ſilbernen Ketten, mit denen ihr Mieder verſchnürt war, klirrten leiſe an einander, und ihre Augen, ſchwarz und glänzend wie die breiten kunſtvoll geflochtenen Zöpfe, welche ihr Geſicht einrahmten, blitzten. Nur der Kaiſerjäger ſchien ſie zu verſtehen, einige der anderen ſchüttelten den Kopf beim Klang der ihnen verhaßten Sprache und murrten:„Nix deutſch!“ „Du ſcheinſt nicht zu wiſſen, daß wir Krieg haben“, ſagte der Kaiſerjäger, der ſich wie zum Schutz des Mädchens zwiſchen ſie und die Büchſe des Mailänders geſtellt hatte.„Es war nicht klug von Dir, hier oben herumzuſtreifen...“ 174 „Was? auf unſerem eigenen Boden ſoll ich nicht mehr hingehn können wo ich will?“ ſagte die Puſter⸗ thalerin verächtlich.—„Was geht mich der Krieg an, den der Kaiſer mit den welſchen Kanatzen führt?“ Wenn's mir nachging, ſo hätt' er ſchon längſt das welſche G'ſindel aus unſerem Oeſterreich'nausg jagd. Fürcht'n ſoll ich mich auf unſerem Bodeu, den wir der Gemeind' Auronza um ſchweres Geld abgehandelt hab'n? Die welſch'n Hungerleider geb'n nix umſonſt. — Na! Das fällt der Nandl von Schluderbach net ein— da gehör' ich her und net ihr— daß ihr's wißt und wenn ihr net macht, daß ihr weiter kommt, ſo hol ich mein Vater, den Förſter, und der verſteht kein Spaß und wo der mit ſeinem Doppelſpanner hinhalt', da ſchnallt's...“ Und raſch wollte ſich das Mädchen wenden. Aber ſchon hatte ſie der Kaiſerjäger beim Handge⸗ lenk erfaßt. „Was? Angreifen auch noch?“ rief ſie außer ſich vor Zorn, ihr Antlitz war todtenbleich und ihre Lip⸗ pen zuckten.„Sag' ich's doch— keiner taugt was von dieſen welſchen Hallunken— keiner! Räuber und Spitzbub'n ſind's alle! Wenn nur der Hund da wär, das dumme Vieh, das jedem Eichkatzl nach⸗ rennen muß— Waldmann! Hieher! Faß an! Huſſah!“ Ein Flintenlauf, der ſeine dunkle Höhlung in ihr Geſicht ſtreckte und das blitzende Meſſer, welches der Cadoriner auf ihre Bruſt hielt, machten die Nandl von Schluderbach verſtummen und nur das hörbare Knirſchen ihrer kleinen ſtarken Zähne bewies, wie ſehr in dem freien trotzigen Gebirgskind ſich alles gegen dieſe Vergewaltigung empörte. Der Kaiſerjäger rief dem Cadoriner und Lombar⸗ den herriſch zu, ob ſie mit dieſem Weſen ihre letzte Hoffnung auf Rettung tödten wollten. Meſſer und Flintenlauf zogen ſich etwas zurück und in dem Auge des Mädchens blitzte es wie Vek⸗ ſtändniß. „Höre!“ ſagte der Kaiſerjäger mit ruhigerer Stimme, indem er das Mädchen fortwährend feſthielt. „Es war nicht gut für Dich, daß Dushieher gekommen biſt. Wir alle ſind Italiener und ſollen von den Oeſterreichern gezwungen werden, gegen unſer eigenes Vaterland zu kämpfen. Das wollten wir nicht. Wir ſind aus Salzburg davongelaufen und haben unter den ſchrecklichſten Entbehrungen den Weg über die Tauern gemacht. Manchmal fanden wir gute Leute und waren gut gegen ſie, dann wieder wurden wir 176 gehetzt wie die wilden Thiere. Drei Mann haben wir zurücklaſſen müſſen, weil ſie nicht mitkommen konnten. Wenn ſie den Oeſterreichern in die Hände fallen, werden ſie erſchoſſen. Daſſelbe Loos trifft uns, wenn wir nicht zu den Truppen Viktor Emanuels kommen können. Du wirſt alſo begreifen, daß wir lieber zehn Gehöfte niederbrennen, als uns fangen laſſen. Wir hätten hier nicht Halt gemacht, wenn wir nicht ge⸗ z mußt hätten. Unſere Lebensmittel ſind zu Ende, unſere Kräfte erſchöpft und es bleibt uns nichts übrig, als das nächſte Haus zu überfallen, ſeine Einwohner zu tödten, uns ſatt zu eſſen und weiter zu ziehen...“ Nandl's Augen öffneten ſich weit und mächtig. Das nächſte Haus war das ihres Vaters und das einzige im ganzen Schluderbacher Thal. Bis zur nächſten Ortſchaft braucht man mehr als vier Stun⸗ den. Aber ihr Geſicht wurde wieder ruhiger. Sie verſtand ganz gut italieniſch und hatte auch die Worte des Kaiſerjägers verſtanden, als er den Andern er⸗ klärte, ſie dürften ihre einzige Hoffnung nicht um⸗ bringen. Die angeborene Schlauheit der Tyroler wird in dieſen ſüdlich gelegenen Thälern durch den Ver⸗ kehr mit ihren italieniſch redenden Nachbarn nur er⸗ höht. Auch Nandl, deren Heimathhaus die letzte deutſche Anſiedelung gegen Süden war, hatte etwas 177 von dieſer Eigenſchaft. Ihr Geſicht verrieth daher nichts von den Beobachtungen und Gedanken, die ihr wirr durch das hübſche Köpflein fuhren. Sie verhehlte auch ſorgfältig den Eindruck, den die kurze Mitthei⸗ lung des Kaiſerjägers auf ſie gemacht, denn ein Blick in deſſen offenes Geſicht und ehrliche Augen hatten ſie überzeugt, daß er die Wahrheit ſprach. Zudem bewies die Geläufigkeit und Richtigkeit, mit welcher derſelbe ihre Sprache redete, eine höhere Bildung. Nandl wußte das zu beurtheilen, denn ſie war von den Schulſchweſtern in Brunnecken erzogen und ihr Vater war ein unterrichteter und aufgeklärter Mann. Ihre Augen funkelten jetzt weniger wild, wenn auch ihre kirſchrothen Lippen ſich noch immer trotzig wölbten. „Wenn wir hier in dieſem Thale ausruhen dürf⸗ ten und uns Jemand mit Lebensmitteln verſehen möchte ſo würden wir ohne ein Kind zu beleidigen weiter ziehen.— Wir können auch bezahlen!“ fuhr der Kaiſerjäger in halb ſchüchternem, halb drohendem Tone fort, indem er eine lange mit blitzenden Silber⸗ gulden gefüllte Börſe zog. Nandl warf einen verächtlichen Blick auf das Geld, dann einen trotzigen in das hübſche Geſicht vor ihr und ſchwieg. „Wenn Du uns dazu verhelfen wollteſt“, begann v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I. 12 der junge Menſch wieder,„ſo würden wir Dich frei⸗ laſſen.“ Nandl ſchwieg. „Antwort!“ drängte der Jäger. „Zuerſt auslaſſ'n;“ entſchied Nandl, indem ſie auf ihr Handgelenk deutete, das Jener noch immer umſchloſſen hielt. Die Finger des Jägers lösten ſich, aber er beobachtete die Dirne ſcharf, wenn auch nicht un⸗ freundlich. b „Alſo zu eſſen und zu trinken ſoll ich euch auch noch verſchaff'n zum Dank, daß ihr unſeren Brunnen verdorben und ein ehrbares Mädel mißhandelt habt?“ Der ärgerlich gutmüthige Spott, mit dem Nandl das ſagte, bewies, daß ſie ihre Lage überblickte und daß die Deſerteure ebenſo viel von ihr, als ſie von ihnen zu fürchten hatten. Es war ihr keineswegs gleichgilig, ein Dutzend verzweifelnder Menſchen in der Nähe ihres Gehöftes zu wiſſen, welche, gut be⸗ waffnet, wie ſie waren, mit den paar Knechten und Weibsleuten von Schluderbach bald fertig geworden wären. Ihr Entſchluß, das Verlangen der Flücht⸗ linge zu erfüllen, war daher raſch gefaßt und ſie ver⸗ kündete denſelben in der ihr eigenen trotzigen Art. „Ich ſag' halt mit meinem Vater: Wenn ich 179 Kaiſer wär', ich thäts das ganze welſche Geſindel aus meinem Land'nausjag'n. Wenn ihr mir verſprecht, daß ihr mir die Röhr'n runter holt, die ſeit dem vorigen Herbſt da droben liegt, und den Brunnen wieder macht und euch nimmer wieder auf zehn Stunden um Schluderbach ſehen laßt's— ſollt's ein Faß Wein hab'n und Käs und Schinken, daß ihr für acht Tag g'nug habt.“ Raſch theilte der Unterhändler ſeinen Gefährten das Anerbieten mit. Einige brachen in lauten Jubel aus, Andere, wie der Cadoriner und der Mailänder, ſetzten in die Redlichkeit des Mädchens Zweifel, welche von dem Kaiſerjäger mit Wärme widerlegt wurden. Nandl verſtand jedes Wort, aber ſie hütete ſich, es merken zu laſſen. Nur einmal, als der Venezianer meinte, das Sicherſte ſei doch, ſie ſtumm zu machen, ſchauerte ſie zuſammen, und als der Jäger das für eine Schandthat erklärte, zu der er nie die Hand bieten werde, vergaß ſie faſt ihre Rolle und ſah ihn mit erſtaunten und dankbaren Augen an. Es entging ihr nicht, daß der Cadoriner ſogar den Verdacht ausſprach, der Jäger wolle ſeine Schick⸗ ſalsgefährten im Stiche laſſen und ſich mit Hilfe des Mädchens retten. Es wäre faſt zu blutigen Händeln 4 12* 180 gekommen, wenn nicht die Anderen begütig end da zwiſchen getreten wären. Endlich kam man überein, daß die zwei am wenigſten ermüdeten Leute Nandl bis in die Nähe des Förſterhauſes begleiten ſollten, von wo man jede Be⸗ wegung auf der Straße beobachten konnte. Bei Ein⸗ bruch der Dunkelheit mußten die Lebensmittel dort abgeliefert ſein, oder das Haus ſollte an allen Ecken in Flammen ſtehen. Der Kaiſerjäger ſchloß ſich dem Cadoriner und einem anderen Manne, der Nandl mit⸗ gegeben wurde, freiwillig an. Stumm und von den bangen Erwartungen der Zurückbleibenden gefolgt, machte man ſich auf den Weg... Gegen Mitternacht kamen die Abgeſandten, mit Lebensmitteln reich beladen, wieder beim„San Marco“ an. Nandl hatte Wort gehalten. Sic hatte in ihrer entſchiedenen Art dem Kaiſerjäger aufgetragen, ſich am anderen Morgen mit ſeinen Gefährten nicht mehr im Keſſel blicken zu laſſen:„damit der Vater nix merke, denn der ſei gut kaiſerlich und könnt' es ſich ſein Lebetag nicht verzeihen, daß ſeine Tochter ſolchen welſchen Ausreißern durchgeholfen habe.“ Dea Förſter merkte in der That nichts von der ſelbſtſtändigen Handlung ſeiner Tochter, nur ſpäter wunderte er ſich über das unerklärliche Verſchwinden 481 eines Faſſes von ſeinem beſten Rothen und vieler Würſte und Schinken aus Keller und Vorrathskammer. „Das waren gewiß wieder ſo welſche Vagebonden,“ lautete das Reſultat ſeines Nächdenkens. „Gewiß Niemand anderes Vater,“ beſtätigte der Wahrheit gemäß Jungfer Nandl. In jener Nacht aber hatte ſie noch lange, in halber Erwartung der Mordbrenner, mit des Vaters geladenem„Doppelſpanner“ am Fenſter ge⸗ ſtanden und über das vom Vollmond beleuchtete Thal hinübergeblickt nach der Schlucht der„ſchwarzen Rienz“ und mit bebender Stimme gemurmelt:„Wenn's nur er nicht iſt!“... Die ſtille mondſcheinbeſchienene tannenumfriedete Ruhe des einſamen Förſterhauſes wurde nicht geſtört und als Nandl nach der durchwachten Nacht heraus⸗ trat in den kühlen Gebirgsmogen, plätſcherte ihr wie zum Gruß das Waſſer des wieder hergeſtellten Brun⸗ nens entgegen. Auch die Deſerteure hatten Wort ge⸗ halten.— Als Nandl mit ſtockendem Athem und zitternden Knieen in der Schlucht ankam, war Alles ſtill und einſam, ſelbſt die Spuren des kleinen Lagers waren weggeräumt. Sauber und ſorgfältig war die neue Brunnenröhre zwiſchen die alten gefügt. Da beugte ſich Nandl erröthend nieder auf den Stein des 182 heiligen Markus. Mit ſcharfer Klinge war in das Moos geritzt: „Ewigen Dank ſeiner unvergeßlichen Retterin! Carlo.“ Nandl ging raſch hinweg, als ſei es eine Sünde, noch länger an dieſem Platze zu verweilen.——. Was ihr Vater härter und ablehnender gegen die Welſchen wurde, war ſie von der Zeit milder: Längſt hatte der Krieg mit der Abtretung Venedigs ſein Ende erreicht und das Kreuz im Thale der ſchwarzen Rienz hatte nicht mehr blos hiſtoriſche Bedeutung. Da hielt eines glühenden Sommernachmittags ein ſauberes, von zwei ſchwarzen Maulthieren gezogenes Wägelchen vor dem Forſthaus Schluderbach. Mit ihrer gewöhnlichen etwas trotzigen Unbeküm⸗ mertheit trat Nandl vor die Thüre. Da erſchrak ſie ſehr und wollte wieder zurück. Aber bereits war der Fremde vom Wagen geſprungen und hatte ihre Hand erfaßt. In geläufigem Deutſch, aber mit italieniſcher Lebhaftigkeit erklärte ihr der einſtige Kaiſerjäger und Deſerteur, nunmehrige Gutsbeſitzer Carlo Moroni, daß er ſie nie vergeſſen habe und nun gekommen ſei, um ſie zu fragen, ob ſie ſeine Frau werden und ihm in ſeine Heimath folgen wolle, welche nur einige Stunden jenſeits der Grenze liege. ——— 183 Zum erſten Male in ihrem Leben wurde Nandl von ihrer Geiſtesgegenwart vollſtändig im Stiche gelaſſen. Sie vermochte es nicht einmal zu hindern, daß ihr herzukommender Vater, welcher eben im Begriff war, auf die Jagd zu gehen, jetzt nach Jahren ohne ihr Zuthun erfuhr, wohin ſein Wein und ſeine Würſte gekommen waren. Das Auftreten und die Erzählung des jungen Italieners, wie treu er die Erinnerung an die tyroler Förſterstochter im Herzen getragen, Jahre lang, bis ihm ſeine Stellung erlaubte, zu ihr zu kommen und um ſie anzuhalten, hätten auch das Herz eines auf ſeine Tochter weniger ſtolzen Vaters gerührt. Zudem ſah er ein, daß er, da die Italiener ja nicht mehr zum Reiche gehörten und ihm ſeine Würſte nicht ge⸗ ſtohlen hatten, eigentlich keinen triftigen Grund mehr habe, ihnen zu zürnen. Er war daher ſehr zum Verzeihen und Segnen geſtimmt, wußte aber nicht recht, was er aus dem Geſichte ſeiner Tochter machen ſolle, und that, was nachſichtige Väter bei dergleichen Ge⸗ legenheiten immer thun— er ließ die beiden jungen Leute allein. Voll der freudigſten Hoffnungen ergriff Carlo die Hand der Nandl. Doch dieſe riß ihre Hand 184 aus der ſeinen, warf den ausdrucksvollen Kopf zurück und blitzte ihn aus ihren ſchwarzen Augen zürnend an: „Hollah! Ihr habt's ja ſehr eilig, Herr. Aber heut' geht's nicht wie damals beim San Marco — heut iſt die Nandl in ihres Vaters Haus und läßt ſich zu nix zwingen. Und wenn das ganze Wägerl und das G'ſchirr von Deine langohrige Röß’ln von blankem Gold wär'— ich möcht Dich doch net zum Mann— ich kann die Welſchen einmal nit leiden!“ Und mit dieſem energiſchen Ausſpruch drehte ſie ſich um und ging mit raſchen Schritten in den Wald, der ſich hinter dem Förſterhauſe an der Berglehne ent: lang zog. Traurig, ſeiner ſchönſten Hoffnungen beraubt, ſtand Carlo eine Weile an derſelben Stelle, dann fragte er den Knecht des Förſters, der ſich ſeiner Maulthiere angenommen hatte, um den nächſten Weg nach dem Thal der„ſchwarzen Rienz“ und ging lang⸗ ſam dahin. Ohne viel auf ſeinen Pfad zu achten, war er in dem ſchwülen Keſſel angelangt, über den die Dolomit⸗ zinken hoch in den blauen Himmel ragten. Wie da⸗ mals wölbte ſich der graue Schnee noch hoch über das 185 Geröll der langſam dahinſickernden ſchwarzen Rienz und hart am Rande des Schnees blühten Seidelbaſt und Crocus. Da ſchrak er heftig zuſammen. Ueber die Feldmark des heiligen Markus gelehnt und den Stein mit beiden Armen umſchlingend, kniete die Nandl und ſchluchzte herzbrechend. Leiſe trat Carlo näher. Mit einem Satz ſprang die Dirne auf und wollte fliehen. Aber die flehende Stimme Carlo's hielt ſie zurück: „Hier hätteſt Du mich damals umkommen laſſen ſollen, Nannetta! Wenn ich gewußt hätte, daß Du mich mein Leben lang ob meines Vaterlandes verachten würdeſt, wäre ich lieber in den Tod ge⸗ gangen!“ Die Nandl wandte den Kopf halb über die Schul⸗ ter ihm zu. Die Thränen liefen ihm über das hübſche männliche Geſicht. Sie wendete ſich vollends, ſah ihn aufmerkſam an und ſagte dann: „Narriſcher Bueb! Wenn ich Dich net gern und immer an Dich denkt hätt', thät's mich dann ſo ärgern, daß Du ein Welſcher biſt?“ Wieder ergriff Carlo ihre Hand; diesmal wehrte ſie ihm nicht. 186 „Meine Mutter war eine Deutſche!“ lächelte er. „Alſo bin ich blos ein halber Italiener.“ Verklärt ſah ihn die Nandl an: „Siehſt Du's... Warum haſt Du mir das nicht gleich g'ſagt. Ich hab's doch g'wußt, daß ich einem ganzen Welſch'n nicht ſo gut ſein könnt' wie Dir!—— Ueber das alte bemooſte Grenzzeichen der Lagunen⸗ ſtadt reichten ſich zwei treue kühne Menſchen die Hand zu einem glücklichen Bunde, und hoch über ihnen im blauen Aether umkreiſte ein Steinadler die höchſte der„drei Zinnen“. S 8 — — 20 — Fsd 5 8 8 — S 2 8 Marie von Schlägel. 1 83 3 1 ““ Am Genferſee, unweit der ſavoyſchen Grenze, lag zwiſchen niedern Vorbergen ein kleines freundliches Dorf. Dichtbelaubte Eichen und Nußbäume unſchat⸗ teten ſeine grauen ſteinernen Häuſer, und Felder und Weingärten zogen ſich in friſchem Grün bis zu den Kuppen der Hügel empor. Der Mai ging zu Ende, Obſtbäume und Flieder waren verblüht; in den Gebüſchen ſchlugen Schaaren von Nachtigallen, und der leichte Hauch des Südwinds trug den eintönigen Ruf des Kuckucks weithin über die in reicher Farbenpracht ſchimmernden Wieſen und das wogende Korn. Vor den Thüren der niedern Häuſer ſaßen arbei⸗ tende Frauen, und Kinder und Hausthiere lagen in buntem Durcheinander neben der grasbewachſenen Landſtraße. Allein man hörte kaum einen Laut, denn die Sonne brannte ſengend vom blauen Himmel herab 190 und der Tag war heiß und ſchwül wie im Hoch⸗ ſommer. Da öffnete ſich die Thüre des ſtattlichſten der Häuſer am Ende des Dorfes, das mit ſeinem weißen Anſtrich, den grünen Läden und dem wein⸗ und gly⸗ cinenumrankten Laubengange faſt den Eindruck von Wohlhabenheit und Behaglichkeit machte. Ein alter Mann und ein junges Mädchen traten heraus und wanderten, nach einem Zlick auf den wolkenloſen Himmel, auf der ſtaubigen Landſtraße, rechts und links freundlich grüßend, zum Dorfe hinaus. Die Blicke faſt aller Dorfbewohner folgten den Dahinſchreitenden theils mit ſpöttiſchen, theils mit be⸗ wunderndem Ausdruck, bis ſie hinter grünen Hecken verſchwanden. Es war ein ſeltſames Paar. Der Mann war auffallend klein und ſchmächtig, langes weißes Haar fiel faſt bis auf ſeine Schultern herab und ein ebenſolcher Bart umgab den unteren Theil ſeines runzeligen, ſonnegebräunten Geſicht, aus dem ein paar ſcharfe ſchwarze Augen unter tiefdunklen Brauen hervorblitz⸗ ten. Ein ſchneeweißer Anzug verhüllte in unzähligen Falten ſeine mageren Glieder und um den runden Strohhut war einer jener langen weißen Schleier ge⸗ 191 ſchlungen, wie man ſie in ſüdlichen Ländern zum Schutz gegen die Sonnenſtrahlen zu tragen pflegt. An den Füßen trug er ſtarke Bergſchuhe und von ſeiner Schulter hing an breitem Lederriemen eine un⸗ geheure grüne Botaniſirkapſel. Das Mädchen an ſeiner Seite überragte ihn faſt um Haupteslänge. Das elegante hellgraue Sommer⸗ kleid umſchloß kräftige und zugleich zierliche Formen, ein großer Strohhut umſchattete ein jugendlich ſchönes Geſicht mit ernſten braunen Augen und unter dem weißen Schleier ſtahlen ſich blonde natürliche Locken hervor. In einer der feinen Hände in grauen Hand⸗ ſchuhen trug ſie einen zierlichen weißen Sonnenſchirm, während die andere eine leichte Mappe hielt. Lange ſchritten ſie ſchweigend neben einander her. Zuweilen blieb der alte Herr ſtehen, um die am Grabenrande wachſenden Kräuter und Büſche zu prü⸗ fen, oder er trocknete, ſeinen Hut in den Nacken ſchie⸗ bend, mit einem ſeidenen Taſchentuch die feuchte Stirn. Die Straße zog ſich in vielfachen Windungen zwiſchen den Hügeln hin, bald begrenzt von uralten Eichen, die ſich wie ein Hohlweg über den Wanderern wölbten, bald von bunten Wieſen und Weingärten, um deren niedere Rebſtöcke ſich die erſten grünen Blätter buſchten. Abermals blieb der Alte ſtehen. 192 „Ich möchte wiſſen, was die Leute hier zu Lande eine halbe Stunde nennen!“ ſagte er tief athmend; „da laufen wir bereits ſtundenlang herum, und ich ſehe weder Sümpfe, noch ein altes Schloß darin!“ „Wir werden es ſchon finden, Onkelchen“, tröſtete die weiche Stimme des jungen Mädchens;„wir haben ja noch Zeit und finden vielleicht bald Jemand, der uns den Weg zeigt.“ „Zeigen werden ſie ihn ſchon“, antwortete der Alte,„aber wer ſoll ſie verſtehen? Unſer ehrliches Deutſch iſt für ſie ſo gut wie chineſiſch oder chaldäiſch, und ihr Kauderwelſch iſt nicht für civiliſirte Ohren ge⸗ macht.“ „Ich verſtehe es ein wenig“, beſchwichtigte das Mädchen ſanft den Aufgeregten;„ſieh, drüben ſitzt eine Alte, die Ziegen hütet, ich werde ſie fragen.“ „Verſuche Dein Glück, Roſe“, brummte der alte Herr und ſetzte ſich auf einen Baumſtumpf. Leichten Schrittes eilte das Mädchen über eine abgemähte Wieſe und näherte ſich der Alten, die ihr freundlich lächelnd entgegen ſah. „Können Sie mir den Weg nach den Sümpfen zeigen?“ redete ſie dieſelbe an. Die Alte ſchüttelte den Kopf und zuckte die Achſeln. 193 In der Meinung, ſie ſei taub, wiederholte das junge Mädchen ihre Frage lauter und ſetzte hinzu: „Nach den Sümpfen mit dem alten Schloß darin.“ „Nach Roöll⸗B0 will das Fräulein?“ antwortete die Alte in ſeltſam rauhem, aber verſtändlichem halb italieniſchem Idiom;„dort unten liegt das alte Schloß — aber geht nicht hin, ſchöne Dame, in Roẽll⸗B hauſen die Eulen und das Fieber ſchläft in den Sümpfen.“ „Ich werde es nicht wecken“, lächelte das junge Mädchen. Dankend warf ſie der Alten ein Geldſtück in den Schooß und kehrte zurück, gefolgt von einem Strom von Segenswünſchen. Der alte Herr winkte ihr ſtumm, ſich neben ihn zu ſetzen, und deutete auf das liebliche Bild, das vor ihnen ausgebreitet lag. Sie befanden ſich auf der Höhe eines der kleinen Hügel, die in weitem Umkreiſe eine grüne Niederung einſchloſſen. Zur Linken ſchim⸗ merte die ſtählerne Fläche des See's zwiſchen hohen Gebüſchen und ſchlanken Baumſtämmen hervor, die Jurakette am jenſeitigen Ufer lag wie in leichten Flor gehüllt, aus dem noch einzelne Schneeflocken weiß her⸗ vorleuchteten; gegenüber bildeten die Vorberge der Savoyer⸗Alpen, beſät mit Gehöften, Dörfern und Landhäuſern, den Hintergrund, und zur Rechten, durch v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I. 13 194 ein hohes Thor von rieſigen Nußbäumen, ſah man die gigantiſchen Formen des Montblanc ſich anſcheinend in die Unendlichkeit verlieren. „Das iſt herrlich, das iſt wunderbar!“ flüſterte Roſe mit gefalteten Händen;„man vergißt Hitze und Ermüdung bei dem großartigen Anblick.“ „Der Montblanc könnte deutlicher ſein“, meinte der alte Herr und betrachtete nachdenklich das weiße Gewölk, das ſich um die Spitze des Berges ſchob; nich fürchte, mit dem ſchönen Wetter iſt es vorbei.“ „Vielleicht bekomuen wir zur Nacht ein Gewitter“, ſagte Roſe;„laß uns aufbrechen, damit Du heute noch die Sumpfflora unterſuchen kannſt, morgen möchte es zu feucht ſein.“ Sie erhoben ſich und ſchritten raſch vorwärts, den grünen Pfad zwiſchen dichten Hecken hinunter, den die Alte angegeben. „Dort iſt das Schloß!“ rief Roſe plötzlich freudig und deutete auf einen niederen grauen Steinwall, der in einiger Entfernung mitten in blühenden Wieſen lag. „Ein ſchönes Schloß!“ lachte der alte Herr halb ingrimmig, halb befriedigt, endlich am Ziel zu ſein. „Und dies ſind wohl die berühmten Sümpfe?— Ganz gewöhnliche Wieſen ſind's, mit der ganz ge⸗ 195 meinen Flora vermuthlich;— ja, ja, es ließ ſich denken; was verſteht das Volk hier von Flora und Botanik!“ 4 „Komm nur“, drängte Roſa,„es ſind wirklich die Trümmer eines Schloſſes, man ſieht ſogar noch ganz deutlich den Einſchnitt der Burggraben, und die⸗ ſer ſchmale Erdwall war vielleich der einzige Zugang in früheren Zeiten.“ Leichten Schrittes eilte ſie voran auf der Er⸗ höhung, die in gerader Linie auf die Trümmer zu⸗ führte. Aber der Weg war länger, als es den Anſchein hatte. Immer weiter traten die belaubten Hügel zu⸗ rück, immer ebener ward die Fläche, und die rothen und blauen, von dem alten Herrn ſo ſehr mißachteten Wieſenblumen verwandelten ſich allmälig in breite, ſcharfe Gräſer, Schilf und Sumpfgewächſe. Der Boden ward weicher und dunkler; hier und da ſchim⸗ merten Waſſerlachen durch das Röhricht und das ein⸗ tönige Lied der Unken ſchwoll an zu dumpfem klagen⸗ den Chor. Die Schwüle war faſt erſtickend geworden: ein heißer Hauch ſchien vom Boden aufzuſteigen und nicht eines der leichten ſchlanken Gräſer regte ſich in der unbewegten Luft. Blaue und grüne Libellen und 13 196 Schmetterlinge ſchwebten träge über großen gelben Blumenkelchen und aus den Schachtelhalmen leuchteten ahlloſe rothe Punkte, der farbenprächtige, aber gif⸗ tige Schmuck der Sumpfniederungen. Der alte Herr ward immer unruhiger; er verließ bald rechts, bald links den erhöhten Pfad, um hier ein unſcheinbares Gras zu pflücken, dort mit großer Mühe und völliger Nichtachtung ſeiner weißen Klei⸗ der aus einer Waſſerlache eine Blume zu fiſchen, die er triumphirend in ſeine Blechkapſel verſenkte. Roſe ſchritt indeß unaufhaltſam vorwärts. Die unſcheinbaren Trümmer tauchten immer höher und gewaltiger aus der Fläche, je näher ſie ihnen kam, und endlich ſtand ſie vor einem breiten, flachen Dop⸗ pelgraben, der durch einen Erdwall getrennt und mit Waſſer angefüllt, das graue Gemäuer rings umgab. Rathlos ſtand das junge Mädchen vor dem un⸗ erwarteten Hinderniß und warf ſehnſüchtige Blicke hinüber zu dem wohlerhaltenen gewölbten Thorbogen, dem einzigen Zugange zu dem vor Zeiten vermuthlich ſehr feſten ſtattlichen Schloſſe, aus deſſen innerem er⸗ höhten Raume grüne Sträucher herüberſchauten. Der Bau war viereckig; ſeine einſt ungeheuer breiten, zuſammengeſtürzten Ringmauern, deren Reſte dem Zahn der Zeit widerſtanden hatten, füllten mit 497 ihren Trümmern den inneren Raum und ragten zum Theil verwittert aus dem Waſſer des Burggrabens hervor, und grün und golden ſchimmernde Eidechſen huſchten durch die Lücken des Gerölls, oder ſonnten ſich träge auf den flachen Steinen. Eine der vier Ecken ward gebildet durch den Unterbau eines großen runden Thurmes, deſſen behauene, feſt in einander ge⸗ fügte Quadern ſeltſam abſtachen gegen das graue Schindeldach, das die obere Oeffnung ſchloß. Hirten oder Jäger mochten es errichtet haben, um bei Un⸗ wetter einigen Schutz zu finden in dieſer öden, unbe⸗ wohnten Gegend. Roſe's Wunſch, die Ruinen genauer zu erforſchen, ward immer lebhafter, und prüfend ſchritt ſie am Graben entlang, um vielleicht einen Uebergang zu fin⸗ den. Bald entdeckte ſie auch dicht unter dem grünlich ſchillernden Waſſerſpiegel eine Reihe flacher Steine, die bei etwas Geſchicklichkeit und mit Hülfe ſtarker Stiefeln leicht als Brücke dienen konnten. Das junge Mädchen beſaß beide Erforderniſſſe, und gleich darauf ſtand ſie, einen hellen Jubelruf ausſtoßend, der weithin über die ſchweigenden Moore klang, unter dem altersgrauen Thorbogen. Etwas bedächtiger und das weiße Haupt über ſeine eigene Leicht fertigkeit tadelnd ſchüttelnd, folgte ihr der Onkel nach 198 Mit dem Entzücken eines Kindes irrte Roſe durch die grün überwucherten Steinhaufen, während der alte Herr ſich auf einen Stein ſetzte, die Brille her⸗ vorzog und den Inhalt ſeiner Kapſel zu prüfen be⸗ gann. „Habe ich nicht immer geſagt“, rief er heiter dem Mädchen zu und deutete auf ſeine Schätze,„hier oder nirgends müßte ich die verſchiedenen Orchisarten fin⸗ den, nach denen ich ſchon ſo lange geſucht?— Es giebt ihrer acht— ſechs habe ich bereits; es handelt ſich nur noch um zwei, freilich die ſeltenſten ihrer Gattung. Ich werde indeß ſogleich fortgehen, um die Umgebung der Burggräben zu unterſuchen; dieſer grüne Moder ſcheint mir vielverſprechend.“ „Und ich werde verſuchen, das Bild zu ſkizziren, das dieſer Thorbogen umſchließt“, entgegnete das junge Mädchen nach einem flüchtigen Betrachten der halbwelken, unſcheinbaren Kräuter;„ſtelle Dich einmal hierher, Onkelchen, iſt es nicht herrlich— über⸗ raſchend?“ Es war in der That ein Vorwurf für einen Maler, dieſe weite grüne Wieſenfläche im Vorder⸗ grund, die ſich immer höher hob zu den welligen Hügeln mit ihren ſchimmernden Dörfern und Winzer⸗ häuschen bis zu dem gewaltigen Gebirgsſtock, deſſen 199 höchſte Spitze, der Montblanc, in blendender Weiße einſam, wie losgelöſt, über den Wolken ſchwamm. Und das Ganze eingerahmt durch das verwitterte Ge⸗ ſtein, von welchem einzelne Epheuranken und zierliche Gräſer leicht und loſe hernieder hingen. Das junge Mädchen ließ ſich, nieder und legte den Strohhut ab, da die Wölbung Schatten gewährte. Dann nahm ſie ihr Zeichengeräth aus der Mappe und begann die Vorbereitungen zu ihrer Skizze. Der alte Herr ſtand auf, um zu gehen. „Ein paar Stunden haben wir noch bis Abend; ich will ſehen, was ich finde; unterhalte Dich indeß, ſo gut Du kannſt.“ Mit der Hand winkend entfernte er ſich vorſichtig auf demſelben Wege, auf dem ſie ge⸗ kommen waren, und Roſe ſah ſeine weiße Geſtalt bald hüpfend, bald watend in dem Röhricht auf und nieder tauchen, bis ſie hinter dem Schloſſe ver⸗ ſchwand. Lange Zeit ſaß Roſe eifrig zeichnend auf ihrem Steine; ſie hatte Eile, denn die Wolkengebirge thürm⸗ ten ſich immer höher und dichter um den Bergkoloß und ſie fürchtete, ſeine Umriſſe bald ganz verſchwinden zu ſehen. Ringsum war Alles lautlos; Schaaren blauer Fliegen ſtanden blitzend in der Sonne, Bienen ſummten, und in langen Zwiſchenräumen fuhr ein 200 leichter Windſtoß ſauſend durch die Büſche und über die Wieſen hin, daß das Gras ſich wellenförmig hob und ſenkte. Endlich ließ ſie den Stift ruhen, und das Blatt nehmend, hielt ſie es vergleichend empor. „Für eine Damenarbeit gar nicht ſo übel“, ſagte plötzlich eine ſonore Männerſtimme hinter ihr, daß Roſe erſchreckt zuſammenfuhr,„nur der Berg iſt nicht getreu,— freilich, die Wolken verwirren die Linien!“ Roſe erröthete bis in den Nacken, der zwiſchen dem Lockengeringel hervorſchimmerte; langſam ver⸗ ſchloß ſie ihre Mappe, erhob ſich und ſtand nun dem Sprechenden gegenüber. Dieſer ſtarrte ſie einen Augenblick wie erſchrocken an, dann zog er ſeinen Hut und ſagte höflich: „Verzeihung für die unartige Unter brechung, mein Fräulein; ich bin nicht gewöhnt, Damen in meinem Eulenneſte zu ſehen.“ „Ich habe um Entſchuldigung zu bitten, daß wir hier eingedrungen ſind“, entgegnete Roſe ruhig;„wir hielten die Ruinen für verlaſſen.. mein Onkel ſucht Blumen in den Sümpfen“, ſetzte ſie raſch hinzu, als der junge Mann ſich unwillkürlich nach einer zweiten Perſon umſah, auf die ſich das„wir“ be⸗ ziehen konnte. 201 „Ah, das erklärt mir die ſeltſame weiße Erſchei⸗ nung, die über den Gräſern auftauchte“, ſagte der junge Mann lächelnd.„Ihr Herr Onkel iſt ganz in der Nähe“, fügte er hinzu, als Roſe vor das Thor trat. Wirklich erſchien der Naturforſcher ſoeben jenſeits des Burggrabens und ſchickte ſich an, die unſichere Fuhrt zu betreten, beladen mit Kräutern und Blumen, und bis oben hinauf mit ſchwarzem Moor befleckt. „Ich habe ſie, ich habe ſie!“ rief er ſchon von Weitem,„alle beide Arten— o, dieſe Sümpfe ſind ein Eldorado für einen Botaniker!“ Er verſtummte vor Verwunderung, als er ſeine Nichte, die er, wie er glaubte, in tiefſter Einſamkeit zurückgelaſſen hatte, in der Geſellſchaft eines jungen Mannes wiederfand, deſſen knapper, feiner Jagdanzug und vornehme Haltung ihn als einen Mann von Weellt kennzeichneten. „Der Herr iſt Beſitzer dieſes Schloſſes“, ſagte Roſe erläuternd. Der junge Mann lachte: „Sie ſind allzu gütig, mein Fräulein! Aller- dings gehört dieſer Sumpf mit dem Steinhaufen da⸗ rin mir; ich hatte indeß bisher keinen Grund, auf dieſen Beſitztitel ſtolz zu ſein; erſt jetzt iſt derſelbe mir 202 von Werth, da er mir erlaubt, Sie hier willkommen zu heißen.“ Roſe verneigte ſich leicht und der alte Herr legte ſeine Bürde auf den Boden, um ſeinerſeits den Hut zu ziehen, als ein heftiger Windſtoß pfeifend in den Thorbogen fuhr und die Kräuter durcheinander wir⸗ belte. Mit einem Angſtruf warf ſich der Botaniker über ſeine bedrohten Schätze; ein zweiter, ſchärferer Windſtoß folgte und zugleich ertönte das dumpfe Grollen eines fernen Donners. Erſchreckt ſchaute Roſe zum Himmel. Jetzt erſt bemerkte ſie, daß fahlgelbe ſchwere Wolken ſich im Süden übereinander gethürmt hatten; der Montblanc war völlig verſchwunden, das Blau des Himmels verwandelte ſich zuſehends in drohendes Grau und große ſchwere Regentropfen fielen klatſchend auf die durchglühten Steine. „Ein Gewitter iſt im Anzuge“, ſagte das junge Mädchen mit einem beſorgten Blick über des Onkels und ihre eigene leichte Kleidung;„laß uns eilen, Onkel, vielleicht iſt es noch möglich, vor dem völligen Ausbruch nach Hauſe zu kommen.“ Sie raffte Mappe und Strohhut vom Boden auf und wollte mit flüchtigem Gruß an dem Fremden vor⸗ über aus der Ruine eilen. 203 Aber der junge Mann vertrat ihr den Weg. „Vergebung, mein Fräulein,„es iſt ganz unmög⸗ lich, und wenn Sie im nächſten Dorfe wohnten“, ſagte er beſtimmt.„Ich ſah das Gewitter lange drohen uud eilte hierher, um noch vorher unter Dach zu kommen.“ Roſe ſah ſich um. „Hierher? Ich ſehe nirgends die Möglichkeit eines Unterkommens; der alte Thurm ſcheint verſchloſſen“, ſagte ſie rathlos. „Allerdings iſt er das; allein ich beſitze natürlich die Schlüſſel zu meinem Schloſſe“, ſagte der Fremde mit ſcherzhafter Betonung.„Es iſt freilich kein Au⸗ fenthalt für Damen, und wenig geeignet, Gäſte dahin einzuladen, allein es iſt mindeſtens ein trockener Raum; das Dach iſt dicht.“ Er ſchritt voran, auf den Thurm zu, denn der Donner grollte immer lauter und der Regen begann reichlicher zu fallen. Ohne Widerrede folgte ihm der alte Herr, ſeine Pflanzen feſt im Arme haltend, und Roſe ſchloß ſich ihm an, da ſie ſelbſt die Unmöglichkeit einſah, unge⸗ fährdet nach Hauſe zu kommen. Der Fremde öffnete mit einem alterthümlichen Schlüſſel die ſchwere braune Holzthüre des Thurmes 204 und ſchritt mit einer Entſchuldigung voran über die grasbewachſene Schwelle. Drinnen ſtieß er einen La⸗ den auf und öffnete die halbblinden Scheiben eines in die ellendicke Mauer eingefügten Fenſters. In dem von beiden Seiten einfallenden Lichte unterſchied man einen ziemlich großen runden Raum. Die Wände waren mit heller Farbe getüncht; eine Seite ward eingenommen von einem ungeheuern rauchgeſchwärzten Camin, an der andern, in einer Art Niſche, ſtand ein eiſernes Feldbett: ein rohgearbeiteter Tiſch, zwei hochlehnige Stühle und ein Schränkchen bildeten die einfache Ausſtattung. „Sie ſehen, auf Beſuch bin ich hier nicht einge⸗ richtet“, entſchuldigte ſich der junge Mann, indem er ſeine Gäſte zum Sitzen einlud,„die Hochgewitter pflegen jedoch ſchnell vorüber zu ziehen, und dann ſind Sie aus Ihrer Haft erlöſt.“ „Wir müſſen dankbar ſein, überhaupt einen Schutz zu finden“, ſagte Roſe freundlich;„wer hätte in dieſer Ruine ein Zimmer vermuthet!“ „Es iſt mein Aſyl“, entgegnete der Schloßherr, „ich habe ſchon manche Nacht hier zugebracht. Auch bin ich nicht ganz ohne Hülfsmittel“, ſetzte er, das Schränkchen öffend, hinzu.„Sehen Sie, hier ſind Lichte und Zündhölzchen, in dieſem Blechkäſtchen iſt 205 engliſches Gebäck, und hier vor Allem ein paar Flaſchen Wein... Leider beſitze ich jedoch nur ein einziges Glas.“ 4 Er wollte ſeine Vorräthe auf den Tiſch ſtellen; aber der Profeſſor wehrte ihn voll Angſt für ſeine Schätze ab, mit denen er ohne Umſtände den Tiſch bedeckt hatte, um ſie vor dem völligen Verwelken zu ordnen. Draußen folgten ſich Blitze und Donner immer 3 raſcher, der Regen floß in Strömen und heftige Wind⸗ ſtöße warfen die Holzthüre hin und her, daß ſie in den roſtigen Angeln knarrte. Der Fremde drückte ſie in's Schloß und zündete die Lichter eines zweiarmigen alterthümlichen Leuchters an.„Das Unwetter wird ärger, als ich fürchtete“, ſagte er,„der Tag war zu unnatürlich heiß.— Hoffentlich fürchten Sie ſich nicht vor Gewittern, Fräulein?“ „Nur ein wenig in der Nacht“, antwortete Roſe unbefangen, als ſpräche ſie mit einem alten Bekannten; „die Gewitter bei uns zu Lande ſind wohl ſelten, aber durchaus nicht ungefährlich; man hört faſt jedesmal von Unglücksfällen.“ „Darüber darf unſere Gegend nicht klagen. Es ſind meiſtens Hochgewitter, die raſch vorüberbrauſen; wir fürchten nur den Hagel für unſere Reben. Sie haben wohl die ausgedehnten Weinberge bemerkt?“ —— 206 „Wie ſollte ich nicht! Man ſagte mir, der Wein ſei der Reichthum und der Segen dieſes Landes.“ „Wie man's nehmen will! In ungeſchickten Händen verkehrt ſich ja der Segen ſo leicht zum Fluche!“ Verwundert blückte Roſa zu dem jungen Manne auf, in deſſen Stimme es klang wie leiſe Bitter⸗ keit... hatte er ſelbſt, deſſen ſchöne Züge ihr ſo edel und männlich erſchienen, bereits unter dieſen„un⸗ geſchickten Händen“ zu leiden gehabt? Er bemerkte ihren Blick und ſagte in leichterem Tone: „Mich wundert, daß Sie das Nahen des Un⸗ wetters nicht bemerkten, es war kaum zu verkennen.“ „Ich war in die herrliche Fernſicht und meine Arbeit ſo ſehr vertieft, daß ich in dieſer köſtlichen Ein⸗ ſamkeit an Nichts mehr dachte, und auch der Onkel vergißt alles Andere über ſeinen Blumen; er iſt Botaniker mit Leib und Seele.“ „Und Sie intereſſiren ſich nicht für dieſes Studium? Lieben Sie die Blumen nicht?“ „Weil ich ſie zu ſehr liebe, kann ich es nicht leiden, daß man ſie auseinander zupft und zerrt und in ihre kleinſten Theile zerlegt, bis weder Form noch Farbe zu erkennen ſind! Der Onkel ließ mich früher beſonders ſchöne Exemplare malen, aber ich konnte 207 ihn nie zufriedeuſtellen; meine Bilder ſeien ungenau und machten den Forſcher nur irre, behauptete er.“ Die Augen des jungen Mannes ruhten ſinnend auf dem lebhaft ſprechenden Mädchen. Als ſie erröthend ſchwieg, ſagte er leiſe: „Ja, ja, das iſt der Unterſchied zwiſchen Kunſt und Wiſſenſchaft! Der Genius der Poeſie flieht vor dem Mikroſkop des Gelehrten...“ „Das iſt das Beſte, was er thun kann“, warf der Profeſſor trocken ein.„Der Genius der Poeſie hat die Wiſſenſchaft um keinen Schritt weiter gebracht; er mag ſehr angenehm ſein für Dichter und junge Damen— der Gelehrte hält ſich indeß an die ein⸗ fachen Thatſachen; er muß es zum Heil der Menſch⸗ heit!“ „Der Menſch lebt nicht von Brod allein“, ſagte der junge Mann halblaut, daß es wie ein Seufzer klang, und wieder ſtreifte ein theilnehmender Blick Roſe's ſein ernſtes Geſicht. Er war anders wie die jungen Leute, die ſie bisher kennen gelernt. Wer mochte es ſeln— was trieb er in der Welt, im bürger⸗ lichen Leben?— Vielleicht war er ein verwandter Nachkomme jenes Geſchlechts, welches das Schloß im Sumpf gebaut hatte, und deſſen einſtige Größe zer⸗ fallen war wie ſeine gewaltigen Mauern?... 208 Den Kopf an die Stuhllehne geneigt, wickelte Roſe die Bänder ihres Strohhuts um ihre Finger und ſann nach über den Wechſel der Zeiten. Der Fremde ſchichtete Reiſigholz im Camin übereinander und der Onkel, der die Lichter ganz zu ſich herangezogen hatte, war eifrig beſchäftigt, ſein Taſchenmikroſkop ineinander zu ſchrauben. In's Fenſter drang ein kühler Hauch und auf dem Schindeldach praſſelte es betäubend, wie fallende Hagelſchloßen. „Die armen Reben“, ſagte der junge Mann plötzlich in ſchmerzlichem Tone,„die Hoffnung eines ganzen Jahres geht in Trümmer, wohin dieſe Schloßen reichen!“ „Fliegenophrys— Wespenophrys— Spinnen⸗ ophrys—“ murmelte der Profeſſor ordnend,„ich habe ſie ſämmtlich! Werden die Collegen Augen machen! Die letzten zwei ſind wahre Perlen ihrer Gattung.“ Der fahle Schimmer, der in das Mauerfenſter gedrungen war, ward immer undeutlicher und ver⸗ ſchwand ganz, und Sturm und Hagel brauſten ohne Unterbrechung fort, wenn auch der Donner ſchwächer und die Blitze ſeltener wurden. Roſe ward unruhig und erhob ſich. „Es ſcheint, als ob es den ganzen Abend ſo fortregnen wollte,“ 209 ſagte ſie beſorgt,„es wird ſchwie⸗ rig ſein, nach Hauſe zu gelangen.“ Der junge Schloßherr war neben ſie getreten: „Schwierig?“ ſagte er mit ſeltſamer Betonung und ein ſchelmiſcher Zug erhellte ſein ernſtes Geſicht. „Sehen Sie her!“ Er ſtieß die Thüre auf und mit einem leiſen Schrei wich Roſe zurück, daß auch der Onkel aufmerk⸗ ſam ward und näher trat. Der Abend war hereingebrochen und ein ein⸗ förmiges graues Licht lag über der Gegend. Aber war es noch dieſelbe Gegend, die ſie vorhin im Sonnenſchein unter blauem Himmel bewundert? Verſchwunden waren Berge und Hügel; ver⸗ ſchwunden der weite, grüne Wieſengrund... Statt ſeiner dehnte ſich eine eintönige Wieſenflüche ſoweit das Auge reichte, und das flackende Licht ferner Blitze ſpiegelte ſich zuckend in dem dunklen See. „Wir ſind auf einer Inſel“, ſagte der junge Mann ruhig,„von aller Welt abgeſchloſſen wie Ro⸗ binſon im ſtillen Ocean und wie er ohne Hülfsmittel, an's Land zu nna nur daß zu uns kein Schiff gelangen kann, dazu iſt das Waſſer zu ſeicht, und ſchwimmen oder waten verbietet ſich durch die Boden⸗ beſchaffenheit.“ v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I. ⸗ 14 210 „Mein Himmel, was fangen wir denn an?“ ſagte Roſe ängſtlich, und der Onkel, beſorgt um das Schickſal ſeiner erbeuteten Seltenheiten, fuhr ſich auf⸗ geregt durch das weiße Haar. „Wir müſſen warten, bis das Waſſer ſich ver⸗ laufen hat“, ſagte der Schloßherr unbewegt,„das kann ſehr raſch— in einigen Stunden geſchehen, aber auch tagelang dauern, zumal wenn es ſo fortregnet wie jetzt“ „Meine armen Pflanzen! meine unerſetzlichen Orchis!“ jammerte der Botaniker händeringend: „wenn ich ſie verliere, iſt Alles verloren, das entſetz⸗ liche Waſſer ruinirt allen Nachwuchs! Wenn ich nur Löſchpapier hätte,— nur eine alte Zeitung! Ein Botaniker ſollte nie ohne Löſchpapier ausgehen!“ Der junge Mann machte ſich an ſeinem Schränk⸗ chen zu ſchaffen und plötzlich lag ein Packet alter Beitunaen vor dem froh erſtaunten Profeſſor. „O, Sie Prachtmenſch; laſſen Sie ſich umarmen!“ jubelte er, von neuen Hoffnungen belebt.„ZJetzt bin ich gerettet— ich kann meine Orchis preſſen, und wenn ich die ganze Nacht darauf ſitzen ſollte!“ „Das würde wohl kaum genügen“, meinte der Schloßherr mit einem ſcherzhaften Seitenblick auf die winzige Geſtalt des Naturforſchers,„ein paar Trümmer 211 unſerer einſtigen Größe werden beſſere Dienſte leiſten.“ Er trat in die geöffnete Thüre. „Sie werden ſich doch nicht der Steine wegen dem Regen ausſetzen!“ rief Roſe erſchrocken;„Onkel, das darfſt Du nicht zugeben!“ „Warum nicht, liebes Kind? Für die Wiſſen⸗ ſchaft muß man kein Opfer ſcheuen“, entgegnete der alte Herr, indem er ſich vorſichtig außerhalb dem Be⸗ reich des in die Thüre dringenden Regens hielt. Nach wenig Augenblicken kehrte der junge Mann zurück und legte einen großen Stein an den Camin. „Der iſt nicht glatt genug“, ſagte der Botaniker und verſuchte ihn aufzuheben; aber machtlos ſanken ſeine Hände herab, ohne den Stein von der Stelle gerückt zu haben. „Iſt dieſer gut?“ fragte der Schloßherr, zum zweiten Male zurückkehrend, und legte eine große, glatt behauene Platte neben den andern Stein, ohne daß man ihm eine ungewöhnliche Anſtrengung angemerk, hätte, denn die Tropfen auf ſeiner Stirn konnten ebenſowohl vom Regen herrühren. Bewundernd ſchaute Roſe den jungen Athleten an, deſſen feingeformten Gliedern ſie eine ſolche Kraft nie⸗ mals zugetraut hätte, dann ſchloß ſie die Thüre. 14* — 212 „Jetzt iſt's genug, Onkel“, ſagte ſie ernſt,„wir dürfen die Güte dieſes Herrn nicht mißbrauchen— wir werden ſie ohnehin noch lange genug in Anſpruch nehmen müſſen.“ „Würde Ihnen das ein großes Opfer ſein?“ fragte der junge Mann halblaut. Roſe ſchüttelte den Kopf. „Vielleicht erwartet man Sie zu Hauſe und ängſtigt ſich Ihretwegen.“ „Uns erwartet Niemand; die Hausleute ſind ge⸗ wohnt, uns unregelmäßig kommen und gehen zu ſehen.“ Wieder ſchwiegen Beide. Der Schloßherr zündete das Feuer im Camin an, das luſtig emporloderte, und ſtellte die Steine nach den Anweiſungen des Profeſſors daneben auf. Dann trug er Wein und Gebäck herbei und bat ſeine Gäſte, ſich zu erfriſchen, da es auf dem„Feſtlande“ bereits neun Uhr ſei. Der Profeſſor ließ ſich, nachdem er ſeine Aus⸗ beute in Sicherheit wußte, nicht lange nöthigen, und auch Roſe begann zu empfinden, daß ſie ſeit dem frühen Mittag Nichts genoſſen hatte. Der Schloßherr berührte Nichts von dem Gebäck; nur den Wein trank er, den Roſe in dem einzigen vorhandenen Glaſe ge⸗ laſſen. 213 Der alte Herr zog ſeine Cigarrentaſche hervor. „Zum guten Wein gehört ein gutes Blatt“, ſchmunzelte er und trat an den Camin, um die Cigarre anzuzünden. Der Schloßherr warf einen bittenden Blick auf Roſe; dieſe lachte: „Ein deutſches Gelehrtenkind wächſt auf im blauen Dunſt!— Rauchen Sie nicht?“ „Gewiß, allein es iſt mir nicht zum Lebensbedürf⸗ niß geworden. Ich füge mich nicht gern einer Herr⸗ ſchaft— ſelbſt nicht der meiner Gewohnheiten.“ Er hatte den andern Stuhl zum Camin gerückt und ſchürte das Feuer, daß es hell aufflammte und die Funken kniſternd in den dunklen Schlot auf⸗ ſtiegen. Roſe betrachtete verſtohlen ſein hellbeleuchtetes Ge⸗ ſicht; ſie glaubte ihm, daß er keinen Zwang dulde, ſo trotzig zuckte es um die Lippen und ſo finſter blitzte es auf in der Tiefe ſeiner dunklen Augen. Als die Steine trocken und erwärmt waren, wurde die kunſtloſe Preſſe mit vereinigten Kräften hergeſtellt. Dann ſetzte der alte Herr ſich, behaglich rauchend, auf das Feldbett. Roſe ſtellte ihre Füße auf das Camingitter und faltete eine der Zeitungen zu einem kunſtloſen Fächer, und in Gedanken ver⸗ 214 loren ſtarrte der junge Mann auf ihre zierlichen Finger. Draußen brauſte der Wind und fuhr zuweilen heulend in den Rauchfang, daß die Flammen weit in's Gemach züngelten, und eintönig rieſelte der Regen auf das Schindeldach. Lange herrſchte tiefe Stille in dem angenehm durchwärmten Raume. Plötzlich erklangen ziemlich unmelodiſche Töne hinter den jungen Leuten, daß Beide zugleich die Köpfe umwandten. Das weiße Haupt des Botanikers war an die Lehne des Bettes zurückgeſunken; die ausgegangene Cigarre lag, ſeiner herabhängenden Hand entfallen, am Boden, und regelmäßige geräuſchvolle Athemzüge hoben feine ſchmale Bruſt. „Er ſchläft“, flüſterte Roſe mit halbverlegenem Blick auf den Schloßherrn;„wir müſſen ihn wecken.“ „Warum? Laſſen Sie ihn doch ſchlafen!“ wehrte derſelbe leiſe ab;„der Tag war heiß und ermüdend, und Ihr Ontel iſt alt.“ Er erhob ſich, löſte eine der zuſammengerollten Decken des Feldbettes und breitete ſie, nachdem er die unbequeme Lage des Schlafenden behutſam verbeſſert hatte, über denſelben hin. Dann zog er ſeinen Stuhl 215 näher an den Camin, legte ein Scheit Holz auf's Feuer und ſagte in gedämpftem Tone: „Sind Sie müde, Fräulein Roſe?“ „Nicht im Geringſten!“ antwortete das junge Mädchen, leicht zuſammenſchreckend, als ſie ihren Namen von den Lippen des Fremden hörte. Er ſprach hn aus, wie einſt ihre Eltern, und wie ſie es ſeit Jahren nicht wieder gehört hatte; und ihr ſchien, als habe der Name noch nie ſo weich undz melodiſch geklungen. „Roſe“, wiederholte der junge Mann,„der Name iſt in Deutſchland nicht gebräuchlich— wer gab Ihnen denſelben?“ „Meine Großmutter— ſie war Franzöſin.“ „Wie kommt es, daß Sie bei Ihrem Onkel ſind, der doch für wenig Anderes Verſtändniß zu haben ſcheint, als für ſeine Kräuter?“ „Meine Eltern ſind todt“, antwortete Roſe leiſe und trübe,„mein Onkel und ſeine Schweſter ſind meine einzigen Vewandten.“ „Alſo auch noch eine Tante!“ ſeufzte der Schloß⸗ herr faſt mitleidig.„Ich möchte wiſſen, ob es ein un⸗ abweisbares Naturgeſetz iſt, Tanten zu haben!— Hoffentlich gleicht ſie ihrem Bruder nicht!— Ich bitte um Vergebung“, unterbrach er ſie erröthend,„ich wollte Sie nicht verletzen.“ 216 Roſe ſenkte die Augen und beſchattete ihr Geſicht mit dem Fächer. „Sie gleicht ihm nicht“, antwortete ſie dann zögernd, „ſie iſt in Allem der Gegenſ ſatz zu ihm.“ „Und Sie ſind genöthigt, mit den beiden alten Herrſchaften zu leben?— Armes Kind!“ ſagte der Schloßherr kaum hörbar.—„Wie alt ſind Sie?“ fragte er plötzlich unvermittelt. Mit großen Augen ſah Roſe den Fragenden an. Aber ſeine Züge drückten keine gewöhnliche Neugier aus, im Gegentheil lag ein ſolches Gemiſch von Schwer⸗ muth und Theilnahme in ſeinen großen braunen Augen, daß das junge Mädchen völlig vergaß, wie wenig gebräuchlich in der guten Geſellſchaft eine ſolche Frage war, und ruhig antwortete:„Neunzehn Jahre.“ „Jung genug, um die Wahrheit zu ſagen!“ mur⸗ melte der Schloßherr.„Zehn Jahre weniger als ich— das iſt eine lange Zeit! Ich möchte wiſſen, ob nach zehn Jahren Ihre Augen noch denſelben Kinderblick haben, wie jetzt, ob Sie noch ſo heiter lachen können, wie vorhin.“ Und träumeriſch ſtarrte er in die Glut. Nach einer Weile begann er wieder: „Als ich Sie heute Nachmittag von fern auf den Trümmern von Roöll⸗Bô ſitzen und zeichnen ſah, faßte 2174 es mich wie Zorn, daß ſogar die Sümpfe mein ein⸗ ziges Aſyl nicht zu ſchützen vermochten vor der Ent⸗ deckugsſucht reiſender Künſtlerinnen, die ſich nicht ſcheuen, die erhabenſte Natur durch ihren Pinſel zu beleidigen!— Ich möchte Ihnen dieſen unverdienten Verdacht abbitten... Für Sie iſt die Kunſt kein unentſiegeltes Geheimniß— Sie faſſen mit der Seele auf.“ Die freudige Ueberraſchung, die Roſe bei dieſen Worten empfand, ließ ſie erkennen, daß der leichte Tadel des Fremden ſie wirklich verletzt hatte. „Wenn nur die Kraft dem Wollen gleichkäme!“ ſagte ſie lebhaft.„Gegenüber ſolchem großartigem Bilde ſinkt mir nur zu oft der Muth.“ „Das müſſen Sie überwinden, denn Sie haben wirklich Talent. Meine Schweſter malt auch, und ſtraft mich zu meinem Geburtstage regelmäßig für die Sünden des ganzen Jahres mit einem ihrer Ge⸗ mälde... ſie und ihre Freundinnen mögen Jhnnen meinen früheren Horn abbitten.“ „Hat Ihre Schweſter mehrere Freundinnen?“ „Gott ſegne Sie für dieſe Frage! ſie beweiſt mir, daß Sie höchſtens eine haben. Eine iſt erlaubt.“ Roſe lachte leiſe und melodiſch und ſchüttelte den Kopf. 218 „Was, mehr als eine?“ fragte der junge Mann in komiſchem Entſetzen. „Gar keine!“ antwortete Roſe ernſthaft. „Wie kommt das!“ „Es liegt an mir; ich fühlte nie das Bedürfniß, mich einem der jungen Mädchen meiner Heimath anzuſchließen.“ „Sie wären eine ſeltſame Ausnahme ihres Ge⸗ ſchlechts, wenn Sie ebenfalls keine Tante hätten!“ „Was haben Ihnen dieſe armen Weſen gethan“, ſcherzte Roſe,„daß Sie dieſelben mit Ihrem Haß ver⸗ folgen?“ „Sie leben bei einer Tante und fragen noch?! — Ich habe drei, verſtehen Sie wohl, drei Tanten! Sie haben mich gequälet, geärgert blau und blaß, ſingt Ihr Heine... wen kann er anders meinen, als die Tanten? Sie haben mich aus der Stadt auf die Campagne, aus der Campagne hierher in die Sümpfe getrieben— ſie haben mich als liebende Vorſehung faſt erdrückt und erſtickt— und wenn ich einſt als verknöcherter Hageſtolz hier in meinem Thurme vermodere, ſo iſt es ihr Werk!“ ſtieß er ſo heftig her⸗ vor, daß der Botaniker vom Schlafe auffuhr. Erſchreckt hielt der junge Mann den Athem an; als der alte Herr ſich jedoch nur ſchwerfällig auf die andere Seite drehte und ruhig weiter ſchlief, wandte 219 er ſich wieder an Roſe und fragte in ſeltſam ein dringlichem Tone: „Hat Ihre Tante Sie verheirathen wollen?“ Das war wieder eine ſeiner ſonderbaren, unver⸗ mittelten Fragen, die, gerade wie der Blick ſeiner aus⸗ druckvollen Augen, den Grund ihrer Seele erforſchen zu wollen ſchienen. Wie durfte er ſie, die Unbekannte, nach ſolchen Dingen fragen? Aber Roſe konnte dem jungen Mann nicht zürnen, der ihr in der fremdartigen Umgebung, in der ſie ſich befanden, um Mitternacht allein gegenüberſaß ſund in unverhohlener Spannung ihrer Antwort harrte. „Man ſagt, es ſei dies die Schwäche der meiſten alleinſtehenden Damen“, antwortete ſie nach kurzem Zögern.„Sie möchten ihren Lieben gern ein Glück verſchaffen, das ihnen ſelbſt verſagt oder genommen worden iſt.“ „Halten Sie das Heirathen für ein Glück?“ Roſe antwortete nicht; der junge Mann ging mit ſeinen Fragen doch wohl etwas zu weit Er wartete indeß ihre Antwort gar nicht ab. „Ich halte eine paſſende Heirath für das größte Glück der Erde“, ſagte er erregt;„aber das iſt es ge⸗ rade, was mir bisher das Leben ſo ſehr verbittert hat, daß man mich durchaus zu einem ſolchen Glück 220 zwingen will, weil alle Andern beſſer als ich zu wiſſen behaupten, was für mich paßt!... Und eine unglückliche Che iſt doch das entſetzlichſte Elend der Welt!... Lieber alleit ſein— o, viel lieber ein ganzes Leben lang einſam ſein!“... Die Funken ſprühten unter der heftig ſchürenden Hand des Schloßherrn, der wie in wachem Traume ſeine innerſten Gedanken dem jungen Mädchen ihm gegenüber preisgab, als müſſe ſie, die Fremde, ver⸗ ſtehen, was Niemand von den Seinen je verſtanden hatte. Roſe war ſehr bleich geworden, als die Leiden⸗ ſchaftlichkeit des jungen Mannes, die ſie bisher nur in der Tiefe ſeiner Augen verſtohlen wetterleuchten geſehen, ſo unvermuthet hervorbrach, allein ſie ſchwieg. Er hatte ja nur Empfindungen Worte gegeben, die in ihrem eigenen Herzen ſich ſchon häufig ſchüchtern geregt hatten und die ſie immer wieder zu erſticken verſuchte, weil ſie ihr den ruhigen Blick in's Leben trübten, deſſen ſie, die Waiſe vor Allem bedurfte. Der Fremde hatte Recht; die Tante, ſonſt die gutherzigſte Seele von der Welt, hatte zuerſt freilich nur leiſe und in Andeutungen, dann immer gewalt⸗ ſamer durch Ueberredung und Vorſtellungen, mit Hei rathsplänen Roſe's Glück begründen wollen; beſonders 221 in neueſter Zeit, als der Sohn einer Jugendfreundin als„gemachter Mann“ in ſeine Vaterſtadt zurückge⸗ kehrt war und ſeine unzweideutigen, vielbeneideten Huldigungen der ſchönen jungen Waiſe zu Füßen legte. Roſe hatte nichts gegen den Mann, als das Eine, daß ſie ihn nicht liebte; ſie hielt feſt an dem„Vor⸗ urtheil junger, unerfahrener Mädchen“, wie die Tante ihr Widerſtreben nannte, das zu einer glücklichen Ehe in erſter Linie gehöre, während doch nach den Er⸗ fahrungen der alten ledigen Dame die ſogenannten Neigungsheirathen die allergefährlichſten und bedenk⸗ lichſten waren. Noch war eine entſcheidende Antwort nicht von ihr verlangt worden, da ihre Zurückhaltung dem Be⸗ werber keine Annäherung erlaubt hatte. Wie eine Er⸗ löſung begrüßte ſie daher den Vorſchlag des Onkels, ihn in die Schweiz zu begleiten, obſchon ſie wußte, daß er ſie mehr zu ſeiner Bequemlichkeit, als zu ihrem Vergnügen mitnahm, als er, der Aufforderung der Naturforſchergeſellſchaft ſeiner Heimath nachkommend, ſich aufmachte, um die Frühlingsflora der ſüdlichen Cantone zu unterſuchen. Sie war froh, eine Zeitlang, fern den heimiſchen, oft ſo kleinlichen Einflüſſen, in einer erhabenen Natur ſich ſelber leben zu können, denn der Onkel wußte Nichts von dem, was um ihn her vorging, und der Gemüthszuſtand ſeiner verwaiſten Nichte intereſſirte ihn weniger, als die Beſchaffenheit der Mooſe in Neu⸗See⸗ land oder Kamtſchatka. Sich ſelbſt überlaſſen, hoffte ſie, Klarheit in die eigenen verworrenen Empfindungen zu bringen, um dann bei der Heimkehr unbeirrt ihr Schickſal ſelber zu entſcheiden. Wochen waren bereits vergangen, Roſe glaubte ruhig und kühl geworden zu ſein, wie die Schneeberge, die ſie in unwandelbaren feſten Umriſſen täglich an derſelben Stelle wiederfand; ſie hatte ſich mit Ge⸗ danken vertraut gemacht, ihr Leben ebenſo ruhig und kühl geſtalten und die Träume ihrer Jugend ſchmerz⸗ los erblaſſen zu ſehen, wie das Alpenglühen, das die weißen Gipfel des Gebirges faſt allabendlich in ſeine roſigen Gluthen tauchte... Mit feſtgefalteten Händen ſaß das junge Mädchen vor dem Caminfeuer, deſſen zuckende Lichter über ihr erregtes Geſicht ſpielten; in dieſem Augenblick hatte ihr Herz Nichts gemein mit dem ewigen Eis der Alpenfirnen— es war, als habe das milde Wehen eines ungeahnten Frühlings die Feſſeln des Winters gelöſt, als brauſe neues Adern, wie die Frühlingsbäche von den Bergen, be⸗ wildes Leben durch ihre — 998 223 lebend und verheerend zugleich; ihre Augen blitzten, ihre Bruſt hob und ſenkte ſich ungeſtüm, als ſie der fernen Heimath gedachte und der Bande, denen ſie ſo glücklich entronnen war, und in ihrer Seele rief es laut: lieber allein ſein! lieber ein ganzes Leben lang einſam ſein! Da begann der Schloßherr wieder zu ſprechen. Sein Geſicht hatte den kühlen, ablehnenden Ausdruck angenommen, mit dem er Roſe zuerſt einen flüchtigen Augenblick lang gegenüber geſtanden hatte, und in leiſen, leidenſchaftsloſem Tone erzählte er ihr von dem Leben und Treiben ſeiner Vaterſtadt Genf, deren Lichter Roſe allabendlich am gegenüberliegenden See⸗ ufer wie eine goldene Brandung flimmern ſah. Er ſprach von ſeiner Schweſter, und dann von der Mut⸗ ter, und ſeine Züge wurden weich bei ihren Namen. Es ſchien Roſe jedoch, als läge unbewußte Nachſicht und milde Schonung in ſeinen Worten; ſie mochte wohl eine zarte, ſchwache Natur ſein, die von den drei ledigen energiſchen Schweſtern ihres verſtorbenen Mannes mehr als zuträglich beeinflußt ward.— Von ſich ſelber ſprach er nicht mehr. Roſe ſaß ſchweigend vor dem Schloßherrn; aber ſie hatte jene Art und Weiſe zuzuhören, die oft den Verſchloſſenſten zum Reden veranlaßt. Sie bemerkte 4 ) 2 224 wie die Nacht vorrückte. Die Lichter brannten herunter, die Gluth im Camin, der es an Nahrung fehlte, ver⸗ glomm allmählig und fiel in Aſche zuſammen, die von den vereinzelten Windſtößen als grauer Hauch in's Gemach getrieben wurde, und es ſchien Roſe, als habe ſich eine kalte, graue Aſchenſchicht auch über das Herz des Schloßherrn gelegt, ſeit er mit ſeinen Ge⸗ danken wieder in die Alltagswelt zurückgekehrt war, die er für eine kurze Weile vergeſſen hatte. Plötzlich ſtand er auf. Die Lichter erloſchen ziſchend und in das Fenſter fiel mit fahlem Schimmer das erſte Tagesgrauen, in welchem die beiden jugend⸗ lichen Geſichter bleich und erſtorben ausſahen, wie die Geiſter des verſunkenen Schloſſes. „Ich bin ein Egoiſt, Fräulein Roſe“, ſagte der Schloßherr in leichtem Tone;„der Tag bricht an und Sie haben noch kein Auge geſchloſſen. Es wird immer⸗ hin noch Stunden dauern, ehe Sie aufbrechen können und die verſchlafen Sie am beſten— ſehen Sie, Sie gähnen ſchon!“ Er öffnete vorſichtig die Thüre und trat in's Freie. Roſe folgte ihm. Der Regen hatte aufge⸗ hört; ein kalter Lufthauch wehte durch die Trümmer, unter dem das junge Mädchen fröſtelnd zuſammen⸗ ſchauerte. Auf den Mooren ringsum ſtand das Waſſer 225 dunkel und unbewegt und einzelne Gruppen Schilf und Röhrich ragten geſpenſterhaft daraus hervor. Am öſtlichen Himmel dämmerte ein bleicher gelber Schein und weiße Wolkenmaſſen ſchoben ſich um die in finſteren, unbeſtimmten Umriſſen verſchwimmenden Berge. „Bis Mittag wird das Waſſer ſich ſoweit ver⸗ laufen haben, daß Sie wagen können, Ihr Gefäng⸗ niß zu verlaſſen“, ſagte der Schloßherr mit einem forſchenden Blick in Roſe's überwachtes Geſicht,— es verrieth ihm Nichts, weder Ungeduld noch Freude, und ſchweigend kehrte der junge Mann in's Gemach zurück. Als Roſe eintrat, ſah ſie, daß er ihr mit viel Geſchick eine Art Ruhebett zuſammengeſtellt hatte. Der Onkel ſchlief noch immer und murmelte eben im Traume:„Fliegenophyrs— Spinnenophrys— alle acht... „Hierher ſetzen Sie ſich, Fräulein Roſe, und ver⸗ ſuchen, zu ſchlafen“, beſtimmte der Schloßherr in einem Tone, der keinen Widerſpruch zuließ.„Ich gehe unterdeß, um mich zu überzeugen, wie weit das Waſſer gekommen iſt. Vielleicht iſt es ſeichter, als es zu befürchten war.“ Gehorſam wie ein Kind ſetzte Roſe ſich auf das improviſirte Lager. Der Schloßherr hüllte ſie in die v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I. 2 15 226 5 zweite Fenſter. „Sie müſſen ſchlafen, damit Sie geſund bleiben, ſonſt laden Sie mir eine Schuld auf, an der ich ſchwer zu tragen hätte. Es wird ſchon gehen, wenn Sie nur wollen. Hierher legen Sie den Kopf— iſt es jetzt bequem? Ja? Nun, dann geben Sie mir Ihre Hand und ſagen Sie: Gute Nacht, Roger!— ich heiße Roger— oder habe ich es ſchon einmal ge⸗ ſagt? Nun?...“ „Gute Nacht, Monſieur, ich danke Ihnen!“ ant⸗ wortete Roſe leiſe und ſtreckte ihre kleine Hand aus. Er bückte ſich und drückte einen Kuß darauf; dann ſchloß ſich die Thüre hinter ihm. Roſe horchte noch eine Zeit lang, wie die Trümmer unter ſeinen leichten Schritten klirrten, dann war Alles ſtill. Decke des Feldbettes und ſchloß das Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als der Botaniker erwachte. Verwundert rieb er ſeine Augen und ſah ſich in dem ungewohnten Raume um. Erſt nach und nach kam ihm die Erinnerung an ſein geſtriges Abenteuer zurück. Zugleich fiel ſein Blick auf das ſchlafende Mädchen, die g leichmäßig athmend auf ihrem harten Lager ruhte. Leiſe ſtand er auf, ſtreckte und dehnte ſeine ſteifen 227 Glieder und trat dann vor die Thüre. Auf dem flachen Steine nnter dem Thorbogen ſaß der junge Fremde, anſcheinend ganz in die Betrachtung des morgendlichen Bildes verſunken. Als er Schritte hörte, ſprang er auf, aber ein Zug von Enttäuſchung glitt über ſein ſchönes, dunkles Geſicht, als er den alten Herrn bemerkte. Höflich grüßend zog er den Hut und ſagte: „Wie haben Sie geſchlafen?“ „Schlecht!“ beklagte ſich der Naturforſcher, der nach Art vieler alter Leute ſelten zugab, gut geſchlafen zu haben,—„das Unwetter von geſtern liegt mir noch in allen Gliedern.“ Der Schloßherr lächelte verſtohlen. „Und das Fräulein?“ erkundigte er ſich in förm⸗ lichem Tone. „Ach die Jugend ſchläft immer gutd; ſie iſt leicht gebettet!“ „Die junge Dame lebt immer bei Ihnen?“ fragte der Fremde leichthin, wie um das Geſpräch nicht ſtocken zu laſſen. „Seit faſt ſechs Jahren. Der Vater, mein ſeliger Schwager, war Arzt; eine Epidemie raffte ihn und ſeine Frau in drei Tagen hin. Seitdem haben wir das Mädchen zu uns genommen. Meine 15* 228 Schweſter hat oft ihre liebe Noth mit ihr“, plauderte der alte Herr redſelig fort,„ſie iſt ſo ganz anders wie ein Mädchen unſerer Stadt und hat darum auch keinen rechten Verkehr mit ihnen. Aber ich hoffe die Reiſe ſoll ihr gut thun, ſie iſt ſchon viel verſtändiger geworden.“ „Armes Kind!“ tönte es durch die Seele des Schloßherrn,„ſolchen Händen iſt Deine Jugend an⸗ vertraut!“ Geſchickt lenkte er dann das Geſpräch in eine andere Richtung, erklärte dem Naturforſcher die Ge⸗ gend, nannte ihm die Namen der Berge, die duftig und faſt greifbar nahe in der reinen Luft ſchwammen, und warf hin und wieder verſtohlen ungeduldige Blicke hinter ſich. Roſe erſchien nicht; die Jugend hatte energiſch ihr Recht verlangt und ſie ſchlief noch immer. Daher bemerkte ſie auch nicht, daß der Fremde geräuſchvoll unter der Thüre erſchien. Er hatte den alten Herrn unter einem Vorwande verlaſſen und ſtand nun vor⸗ gebeugten Hauptes lauſchend auf der Schwelle. Roſe's ſchönes Haupt ruhte leicht geneigt an der hohen Stuhllehne; die Hände waren über die Bruſt gefaltet, und in weichen Ringeln fielen die halbge⸗ löſten blonden Haare über die zartgeformten Schultern. 229 Die langen, auffallend dunklen Wimpern beſchatteten ihre ſchlummergerötheten Wangen und ein friedliches Lächeln lag um den kleinen, halbgeöffneten Mund. Der Fremde athmete raſcher, ſeine Hände zuckten, als wolle er ſie nach der Schlafenden ausſtrecken, und in ſeinen Augen ſchimmerte es feucht: „Wenn die Kinder im Schlafe lächeln, ſpielen ſie mit den Engeln“, murmelte er, ſich einer alten Kinderſage erinnernd, und preßte die Hände auf die Bruſt, als fürchtete er, der laute Schlag ſeines Herzens könne Roſe's Schlummer ſtören. Da regte das junge Mädchen ſich unruhig unter ſeinen Blicken, lautlos wie ein Schatten glitt er hinaus. Wenige Minuten darauf erſchien auch Roſe im Freien, heiter und friſch wie der Morgen um ſie her. Sie ſchloß ſich den Herren an, und in lebhaften Geſprächen wandelten ſie unter den grünumrankten Trümmern umher. Die Luft war rein und kühl; die Berge ſtanden in feinen, ſcharfen Umriſſen gegen den blauen Himmel, und auf dem See, der das Schloß umgab, blitzten zitternde Sonnenlichter. Die Spitzen der Gräſer erſchienen bereits über der Waſſerfläche und einzelne große Blumenkelche ſchwankten im Morgenwind. 230 Immer höher ſtieg die Sonne, und in den Dörfern begannen die Mittagsglocken ihr harmoniſches Ge⸗ läut. „Zwölf Uhr!“ ſagte Roſe, ſich plötzlich ihrer Lage erinnernd, die ſie über dem Reiz der Gegend faſt vergeſſen hatte.„Das Waſſer ſteht immer noch fußhoch— wann wird es ſoweit geſunken ſein, um eiuen Uebergang zu erlauben?“ „Für Sie noch lange nicht!“ ſagte der Schloß⸗ herr nach einem prüfenden Blick auf ihre Fußbekleidung, „jedenfalls nicht vor morgen.“ Erſchrocken ſah Roſe ihn an, und der Onlel rief ängſtlich: „Bis dahin ſind wir ja längſt verhungert!“ Der junge Mann lachte. „Dafür wäre Rath zuf ſchaffen— ich könnte hinüber waten und Mundvorrath herbeiholen.“ Roſe warf ihm einen Blick zu, als fürchtete ſie, er machte ſich über ihr Mißgeſchick luſtig, und der Naturforſcher rief: „Dann können wir es auch!“ „Sie vielleicht, aber die junge Dame auf keinen Fall.“ Aergerlich riß der alte Herr an ſeinem Barte. „Giebt es ſonſt gar keine Möglichkeit, aus dieſem 231 verwünſchten Neſte zu kommen?“ rief er mehr unge⸗ duldig als höflich. „Es gäbe vielleicht eine“, ſagte der Schloßherr zögernd,„es fragt ſich nur, ob ſie Ihnen zuſagt.“ „Uns ſagt Alles zu, was uns aus dieſer Ratten⸗ falle befreien kann, nicht wahr, Roſe?“ Das junge Mädchen erglühte und ihr ſchüchterner Blick ſchien den Schloßherrn für die Unart ihres Onkels um Vergebung zu bitten: „Wir möchten Ihre Gaſtfreundſchaft nicht gern mißbrauchen“, ſagte ſie leiſe;„auf welche Weiſe könnten wir das Schloß verlaſſen?“ „Es giebt nur eine“, antwortete Roger faſt be⸗ fangen.„Ich kenne jeden Fubßbreit dieſes Sumpfes — ich müßte Sie hinüber tragen...“ Roſe ſchrak zuſammen und ward ſehr bleich. Der Botaniker jedoch klatſchte in die Hände: „Herrlich!“ jubelte er,„an dieſen Ausweg habe ich gar nicht gedacht! Sie tragen das Mädchen hin⸗ über und ich wate in Ihrer Spur.“ Als ſo über Roſe verfügt ward, ohne ihre Ein⸗ willigung abzuwarten, flammte es zornig auf in ihren Augen und ſie wollte Etwas entgegnen. Ein flehender Blick des Schloßherrn jedoch feſſelte ihre Zunge. 2 232 Nach kurzem Nachdenken ſah ſie auch ſelber ein, daß es am beſten ſei, ſich zu fügen. Sie konnte un⸗ möglich noch tagelang in dieſer Einöde wartend zu⸗ bringen, und kannte den Onkel genügend, um zu wiſſen, daß er ſie nöthigenfalls allein zurücklaſſen würde. Das durfte unter keinen Umſtänden geſchehen. Erröthend ſenkte ſie den Kopf, als ſie flüſterte: „Ich fürchte, die Laſt wird für Sie zu ſchwer fein... „Glauben Sie, daß die Steine geſtern Abend leichter waren?“ ſcherzte der Schloßherr. Der Botaniker, der plötzlich ſeine Ungeduld, fort⸗ zukommen, nicht mehr zügeln konnte, war eilig in den Thurm zurückgekehrt, um ſeine Pflanzen einzupacken. Als er, beladen mit Botaniſirkapſel und Zeichenmappe, wieder unter dem Thorbogen erſchien, ſtand Roſe auf dem flachen Steine, und der Schloßherr bat ſie in ſeltſam zitterndem Tone, ihre Arme recht feſt um ſeinen Hals zu legen. Erröthend gehorchte ſie. Er ſchlang beide Arme um ihre ſchlanke Geſtalt und hob ſie anſcheinend ohne große Anſtrengung vom Boden empor. Dann ſchritt er vorſichtig den Erdwall hinab, der die Trümmer trug. Ohne Zögern fand ſein Fuß die flachen Steine 32 233 im Burggraben, und vorwärts ſchreitend wie auf ebenem Boden trug der Schloßherr ſeine Laſt durch das unter ſeinen Schritten rauſchende Waſſer. Roſe mußte doch ſchwerer ſein, wie er gedacht, denn ſein Geſicht, das dem ihren ſo nahe war, glühte; ſein Athem flog, und immer kürzer und langſamer wurden ſeine Schritte. Er hielt ſie feſt an ſich ge⸗ drückt und ſie fühlte ſeine braunen Locken an ihre heiße Wange ſtreifen. Alles war lautlos rings sum; Felder und Wein: gärten lagen verödet, denn die Näſſe des Bodens er⸗ laubte keine Feldarbeit. Endlich war das Waſſer ganz ſeicht, der Fremde betrat feſteren Boden, und nach wenig weiteren Schritten ſtand er am Fuße der Anhöhe, von welcher Roſe mit dem Onkel geſtern herabgeſtiegen war. Zögernd ließ der Schloßherr das junge Mädchen auf den Boden gleiten, und mit leiſen, ſchüchternen Worten dankte ſie ihm. Er hielt ihre Hand und wollte ſprechen, da rief Roſe ängſtlich: „Wo iſt der Onkel? ich ſehe ihn nicht!“ In ihre eigenen Gedanken vertieft, hatten Beide den Schrei nicht vernommen, der hinter ihnen aus⸗ geſtoßen ward— jetzt ſahen ſie den alten Herrn weit hinten im Sumpfe bis an die Bruſt im Waſſer ſtehen, 234 und ſchwache Hülferufe klangen halb vom Winde ver⸗ weht zu ihnen herüber. Eine der ſeltſamen Orchis, wie ſie ſchon geſtern an ſeiner nächtlichen Gefangenſchaft ſchuld waren, hatte das zierliche Haupt von einer Erhöhung neu⸗ gierig aus dem Waſſerſpiegel geſtreckt. Noch einmal unterlag der Profeſſor ihrem Zauber, und in dem Wunſche, ſie zu erbeuten, verließ er den ſicheren Erd⸗ wall, auf dem er platſchend hinter ſeinem Führer her⸗ geſchritten war. Aber noch ehe er die Hand aus⸗ ſtrecken konnte nach der koſtbaren Pflanze, wich der Boden unter ſeinen Füßen— hoch ſpritzte das Waſſer rings empor und ſchlug über dem unglücklichen Natur⸗ forſcher zuſammen. Aber ſofort erſchien er wieder ſchnaubend und ſprudelnd an der Oberfläche, ſein triefendes Gepäck hoch empor hebend und den durch⸗ näßten Hut wild über ſeinem tropfenden Haar ſchwingend, rief er laut um Hülfe. Und ſchon nahte ihm dieſelbe in der Geſtalt des Schloßherrn, der die eben durchſchrittene Waſſerfläche noch einmal durchmaß, während Roſe ihm ängſtlich nachſchaute. Erleichtert athmete ſie auf als der Onkel mit Hülfe ſeines Netters den Erdwall wieder gewann, und nun, ohne rechts oder links zu blicken, ſoviel Blumenhäupter auch ringsum auf dem Waſſer ſchwammen, hinter ſeinem Führer drein ſchritt, bis er wie ein an der Sonne ſchmelzender Schneemann triefend am feſten Lande ſtand. Hier nahm der Schloßherr kurzen Abſchied von ſeinen Geretteten, Roſe's dankbaren Blick mit ſtummem Händedruck erwidernd und den wortreichen Dank des alten Herrn höflich, aber kühl zurückweiſend. „Sie müſſen uns jedenfalls beſuchen“, rief der Letztere noch einmal;„fragen Sie nur in Vignetän nach dem Profeſſor Herb, oder beſſer, nach dem„weißen Herrn“, jedes Kind dort kennt uns.“ Roſe ſagte Nichts, aber in ihren ſchimmernden Augen las der Scheidende ihre Zuſtimmung. Tage waren ſeitdem vergangen. Roſe ſaß am frühen Morgen unter dem Lauben⸗ gange vor ihrer Wohnung. Aber die weibliche Arbeit ruhte in ihrer Hand, und träumeriſch ſchweifte ihr Blick über die blühenden Wieſen und grünen Hecken hinaus in die duftumhüllte Ferne. Da tönten leichte Schritte auf der Landſtraße und ein Schatten fiel auf den ſonnebeſchienenen Eingang der Laube. Vom Morgenlicht umfloſſen, von Weinlaub und den blauen Dolden der Glyeine wie in einen blühen⸗ den Ramen gefaßt, ſtand der Schloßherr von Roöll⸗Bö. 236 Eine heiße Blutwelle ſtieg in Roſe's Geſicht und raubte ihr faſt den Athem; wie heraufbeſchworen von der Macht ihrer träumenden Gedanken ſtand Der⸗ jenige vor ihr, deſſen Bild nicht von ihr weichen wollte, ſeit die blühenden Hecken am Rande der Sümpfe ſich über ihm geſchloſſen hatten. „Nun?“ fragte Roger befremdet,„haben Sie heute keinen Gruß für mich?“ Das junge Mädchen bot ihm ſchüchtern die Hand: „Der Onkel wird ſich ſehr freuen, Sie zu ſehen; erlauben Sie mir, ihn zu rufen.“ „Laſſen Sie ihn ſchlafen!“ wehrte Roger lächelnd ab⸗ nicht wahr, er ſchläft noch?“ und Roſe mußte es zugeſtehen. „Da ich Sie bereits im Freien ſah, wollte ich mich doch überzeugen, wie Ihre Gefangenſchaft Ihnen bekommen iſt“, fuhr der Schloßherr fort und ließ ſich Roſe gegenüber nieder. „Der Onkel hat ſeinem Forſcherdrange eine leichte Erkältung zu danken“, entgegnete Roſe, indem ſie ihre Arbeit wieder aufnahm, obgleich die Nadel in ihrer Hand zitterte.„Mir geht es gut.“ „Sie ſind bleich“, ſagte der Schloßherr nach einem forſchenden Blick in ihre Züge, daß Roſe be⸗ fangen den Kopf ſenkte.„Die Hitze war freilich groß, 23⁷ das Waſſer um Roöll⸗Bô iſt bereits ſpurlos verſchwunden“, fuhr er fort, und nahm vorſichtig ein paar Blumenſtengel aus der Taſche ſeines leich⸗ ten Sommerrocks.„Sehen Sie her, ich habe für Ihren Herrn Onkel Etwas aus den Sümpfen mitge⸗ bracht— die Orchis, an der ſein Herz hängt!“ Roſe betrachtete die Blumen und ein ſchelmiſches Lächeln flog über ihre ernſten Züge. „Ich bezweifle, ob er Ihnen gebührend dankbar ſein wird“, ſagte ſie;„es thut mir leid, Sie zu ent⸗ täuſchen, aber dies iſt die allergewöhnlichſte Art, die Das Geſicht des Schloßherrn bekam einen neckiſch betroffenen Zug. „O weh, das bedaure ich unendlich! Sie ſehen, Fräulein Roſe, meine Pflanzenkenntniß läßt viel zu wünſchen übrig! Ich verſtehe mich nur auf eine Art Blumen— auf Roſen.“ Als Roſe ſchwieg, fuhr Roger fort: „Mein Großonkel, von dem ich den Trümmer⸗ haufen da unten geerbt habe, galt für einen Sonder⸗ ling. Er liebte nur Zweierlei— jene Reſte ver⸗ ſunkener Größe und ſeine Roſen! ſeine kleine Cam⸗ pagne bot den herrlichſten Noſenflor, den ich je geſehen. In ſeinem Teſtamente beſtimmte, er, das alte Geröll 238 dürfe nicht abgetragen und die Sümpfe nicht ent⸗ wäſſert werden, und den Erben empfahl er ſeine Roſen ſo dringlich, als ſeien ſie lebende Weſen. Er behauptete nämlich, in directer Linie Nachkomme des edlen Geſchlechts deren von Roöll⸗B0 zu ſein, die in ihrem Wappen drei rothe Roſen auf grünen Grunde führten und nun mit ihm erloſchen ſind...“ „Schönſten guten Morgen, Herr Roger!“ ertönte plötzlich eine Stimme über dem jungen Manne, und zwiſchen dem Weinlaub ward der weiße Kopf des alten Herrn ſichtbar, der auch gleich darauf unten erſchien, umwallt von den Falten eines großblumigen Schlaf⸗ rocks und die brennende Pfeife in der Hand. Nach den erſten Begrüßungen wandte er ſich an Roſe: „Sorge für den Kaffee, Kind, es iſt ſchon ſpät.“ Und als das junge Mädchen fortgeeilt war, ſagte er kopfſchüttelnd:„Die Roſe vergißt jetzt Alles! Junge Leute ſollten nicht zerſtreut ſein, das paßt nur für das ermüdete Alter. Bitte bleiben Sie, Herr Roger, Sie dürfen mir eine Erfriſchung nicht abſchlagen!“ fuhr er dringend fort, als der junge Mann ſich erhob, um zu gehen, und ließ ſich dampfend auf die Bank nieder. Als Roſe die Küche betrat, ſah ihr die Wirthin eine gutmüthige, runde Schweizerin, in großer Spannung entgegen: „Ich wußte nicht, daß Sie Heren Sylvain kennen“, begann ſie auch ſogleich:„wo haben Sie denn ſeine Bekanntſchaft gemacht?“ Roſe ſah ſie befremdet an: „Wer iſt Herr Sylvain?“ „Nun, der junge Mann, der da bei Ihrem Herrn Onkel ſitzt, wiſſen Sie denn das nicht?“ „Ich habe ſeinen Namen nicht beachtet“, wich Roſe der neugierigen Fragerin aus,„man lernt auf Reiſen ſo viel Leute kennen.“ „Solche wie Herr Sylvain gewiß nicht!“ be⸗ hauptete die Frau eifrig.„Solche giebt's nicht viel! Wiſſen Sie“, fuhr ſie redſelig fort,„er iſt einer von den Großen aus der Stadt, aber er ſieht nicht hoch⸗ müthig auf das arme Landvolk herunter, wie die Andern, obgleich er einer der Reichſten iſt. Haben Sie ſeine ſchöne Campagne nicht bemerkt, die letzte rechts hinauf, die Seeroſe? das ſchöne Schlößchen unter den Eichen und Ulmen und die vielen weißen Figuren im Garten. Seine Roſen ſind ja berühmt!“ Roſe erinnerte ſich recht wohl des Schlößchens, das, im gothiſchen Styl erbaut und von Wein und 240 Roſen umrankt, am Ende einer Allee uralter Eichen zum Vorſchein kam. Es war die ſchönſte Campagne unter all' den ſchönen und geſchmackvollen Anlagen der Gegend, und die Ausſicht, die man theilweiſe von der Straße aus wahrnehmen konnte, eine ebenſo liebliche wie groß⸗ artige. „Ich habe nicht gewußt, wem das Schloß gehört“, antwortete ſie leichthin. „Dem jungen Herrn Silvain gehört es, erwiderte die Frau, froh, dem zurückhaltenden Mädchen gegen⸗ über einmal nach Herzenluſt reden zu können.„Er hat aber noch ein großes Haus in der Stadt; ſeine Mutter und Schweſter leben bei ihm, und die drei Schweſtern ſeines ſeligen Vater.“ Das waren die Tanten, von denen Roger mit ſo viel Bitterkeit geſprochen— es konnte kein Irrthum obwalten; aber warum hatte er ihr ſeinen vollen Namen verſchwiegen? „Noch iſt er nicht verheirathet“, erzählte die Frau weiter,„aber verlobt iſt er ſeit Langem... was fehlt Ihnen, Fräulein?“ unterbrach ſie ſich, als das junge Mädchen zuſammenzuckte. „Nichts, ich habe mich ein wenig verbrannt“, ent⸗ gegnete Roſe, die den Kaffee bereitete, ruhig. ece 241 „Verlobt mit der reichſten Erbin der Stadt“ ſprach die Alte weiter,„die Verwandten von Beiden haben die Partie ſchon lange beſchloſſen, aber er mag 2 ſich wohl noch nicht binden, er iſt ja noch ſo jung.“ Als Roſe hartnäckig ſchwieg, begann die Frau wieder:„Das Mädchen kann ſich Glück wünſchen zu einem ſolchem Manne, der ebenſo gut iſt, wie reich. .. Sehen Sie dort die Weinberge— ſie ſind faſt alle vom Hagel zerſtört; aber die armen Leute brauchen ſich nicht zu grämen; ſie gehen zu Herrn Silvain, der läßt Keinen in Noth kommen... Er iſt freilich ein wenig ſonderbar und hat ſeltſame Einfälle;— ſo hauſt er tagelang da unten in dem alten Schloſſe im Sumpfe und geht allem Beſuche aus dem Wege: aber er kümmert ſich nicht darum, was die Leute ſagen, er weiß wohl, daß die reichen Leute ſich mehr er⸗ lauben dürfen, als andere.“ Der Kaffee war indeß fertig geworden und die Frau trug ihn hinaus in die Laube. Roſe folgte ihr, aber ſie blieb ſtill und einſylbig, und lehnte den Vor⸗ ſchlag des Onkels, ihn am Nachmittag noch einmal nach Roöll⸗B0 zu begleiten, faſt mit Heftigkeit ab. Wie leichte Verſtimmung legte es ſich allmälig auch über die erſt ſo heiteren Züge Roger's und er erhob ſich gleich nach dem Frühſtück, das er kaum berührt * v. Schlägel, Deutſch und Wälſch. I.“ 16 242 2 hatte, mit der Bemerkung, er müſſe heute noch in die Stadt. Ein vorwurfsvoller Blick ruhte auf dem jungen Mädchen, was indeß die Augen nicht zu ihm er⸗ hob. Es erwiderte ſeinen Abſchiedsgruß mit einer förmlichen Verneigung und ſagte kühl: „Leben Sie wohl, Herr Silvain.“ Betroffen fuhr der junge Mann zuſammen, aber ſeine finſtern Züge hellten ſich gleich wieder auf... Das alſo war es, vor dem Roſe's Heiterkeit entflohen war!— Wie Uebermuth blitzte es in ſeinen braunen Augen auf und er ſagte lachend! „So iſt mein Incognito bereits verrathen! Dann hindert mich auch Nichts mehr, Sie mit meiner übrigen Familie bekannt zu machen, beſonders mit den drei Tanten. Sie kommen in den nächſten Tagen nach der Seeroſe und ich bitte dringend, mir Ihren Beſuch als⸗ dann nicht abzuſchlagen!“ Der Onkel, der etwas verwirrt dreinſchaute, ſchüttelte jedoch bedenklich den Kopf: „Wir würden uns ſehr freuen, die Bekanntſchaft Ihrer werthen Familie zu machen, allein unſer hieſiger Aufenthalt geht in Kurzem zu Ende. Wir werden daher wohl ſchon heute Abſchied nehmen müſſen, im Fall wir Sie nicht mehr ſehen ſollten“ Betroffen ſchaute der junge Mann auf Roſe: — — „Ihr Herr Onkel ſcherzt wohl— Sie ſprachen neulich von noch einigen Wochen.“ Roſe's bleiches Geſicht ſah ſehr kalt aus, als ſie antwortete: „Allerdings; allein ſeitdem ſind Briefe gekommen, die unſere Abreiſe nöthig machen; wir gehen in drei Tagen.“ Die Lippen des jungen Mannes zuckten wie vor Unruhe und innerer Erregung; haſtig ſagte er: „Laſſen Sie mich heute noch nicht Abſchied nehmen! Ich ſehe Sie noch einmal!“ „Thun Sie das lieber junger Freund!“ ſagte der Onkel mit mehr Herzlichkeit, als ſonſt in ſeinem Weſen lag;„Sie haben uns zu ſo großen Dank ver⸗ pflichtet, daß wir Sie bereits wie einen alten Freund betrachten!“ Der junge Mann ſtreckte ſeine Hand aus: „Sie auch, Fräulein Roſe?“ fragte er mit be⸗ wegter Stimme. „Gewiß“, antwortete das junge Mädchen kühl und ihre Fingerſpitzen ſtreiften flüchtig ſeine Nechte; „wir werden Ihrer ſtets mit Dankbarkeit gedenken.“ Der junge Mann ließ die Arme ſinken und Roſe ſchlug die Augen nieder vor ſeinem ſchmerzlichen Blick; dann nahm er raſch Abſchied und bald war 16* ſein leichter, eiliger Schritt auf der ſtaubigen Land⸗ ſtraße verhallt. Wie träumend ſtarrte Roſe ihm nach; plötzlich ſprang ſie auf und ſtieg raſch die Treppe zu ihrem Zimmerchen empor. Der Onkel hörte, wie ſie die Thüre hinter ſich verriegelte, und kopfſchü telnd mur⸗ melte er vor ſich hin: „Ihre Launen werden immer wunderbarer! Es iſt Zeit, daß wir nach Hauſe kommen.“ Am andern Tage brachte ein Diener einen Brief an Herrn Profeſſor Herb, mit dem Bemerken, er ſolle auf Antwort warten. Der Brief war von Roger und enthielt im Namen ſeiner Mutter die Einladung, morgen im Familien⸗ kreiſe in der Seeroſe mit ihnen zu Mittag zu eſſen. Zugleich war die Entſchuldigung beigefügt, daß die Damen ihren Beſuch nicht vorher machen könnten. Im weißen Sommerkleide, die vollen Locken von einem Sammetbande zurückgehalten, betrat Roſe an der Seite ihres Onkels, der im dunklen Geſſellſchafts⸗ anzuge noch unſcheinbarer ausſah, wie ſonſt, zur feſt⸗ geſetzten Stunde die kiesbeſtreute Eichenallee, deren kühlen Schatten ſie an heißen Tagen oft ſchon ſehn⸗ ſüchtig betrachtet hatte. Ihr Herz klopfte beklommen, 2 245 als ſie ſich dem ſtattlichen Gebäude am Ende des Weges näherten, während der Onkel ſich neugierig um⸗ ſah und die Vorzüge eines ſolchen Sommeraufent⸗ haltes mit denen ſeines Bauerhäuschen verglich. Niemand begegnete ihnen; nur vor dem Eingange zu einem der Wirthsſchaftsräume lag ein großer Neu⸗ fundländer in der Sonne ausgeſtreckt und ſchnappte ſchläfrig nach einigen zudringlichen Fliegen. Die Glas⸗ thüre zum Schlößchen ſtand offen; an den Seiten der hinaufführenden Stufen war eine ganze Orangerie in Kübeln aufgeſtellt und die Waldrebe mit den weißen kreuzförmigen Kelchen überrankte das gothiſche Portal, untermiſcht mit den ſcharlachnen Blüthen des Jelänger⸗ jelieber. Wie Sonntagsſtille lag es über dem lieblichen Plätzchen, kein Laut ward hörbar, aber kein menſch⸗ liches Weſen zeigte ſich, um die Fremden einzuführen. Nur der große Hund war langſam aufgeſtanden und drängte ſich an das junge Mädchen, das ihm ſchmei⸗ chelnd über das weiche Haar ſtrich. Plötzlich ſpitzte er die Ohren und richtete ſich auf, dann ſprang er mit leiſem Gebell die Steinſtufen em⸗ por. Unter dem Portal erſchien die hohe Geſtalt Roger's, der mit herzlichem Gruße ſeinen Gäſten ent⸗ gegeneilte. Er führte ſie in ein kühles, großes Ge⸗ 246 mach, durch deſſen buntfarbige Scheiben gedämpftes Licht auf das kunſtvoll eingelegte Parquet fiel, ſeine Familie entſchuldigend, die erſt in einer Stunde ein⸗ treffen würde. Roſe ſah ihn ruhig an, aber der treuherzige Aus⸗ druck ſeines Geſichtes beſtätigte ihr die Wahrheit ſeiner Worte. Nachdem ſie ſich ausgeruht und erfriſcht, erhob ſich der Hausherr und machte den Vorſchlag, ſeinen Gäſten ſein kleines Beſitzthum zu zeigen. Sein Gärt⸗ ner verſtehe glücklicherweiſe mehr von Botanik, als er, und in den Treibhäuſern ſeien mehrere ſeltene Ge⸗ wächſe in Blüthe. Der alte Herr ſprang voll Eifer auf, obſchon er durchblicken ließ, daß er im Allgemeinen von Treib⸗ hauspflanzen nicht viel halte, und der Hausherr bot Roſe den Arm, um ſie durch den Garten zu geleiten. Das junge Madchen glaubte nie einen entzücken⸗ deren Aufenthalt geſehen zu haben; ſchattige Bogen⸗ gänge führten zu Ruheſitzen, wo der Blick bald über den blitzenden Seeſpiegel irren, bald ſich in den Schnee⸗ flächen des Montblanc vertiefen konnte, Springbrunnen plätſcherten und Roſenplätze wechſelten mit blühenden Boskets. Vor dem Treibhauſe erwartete ſie der Gärtner, 8 ein alter Mann mit einem klugen Geſicht, der ſchon lange Jahre bei dem früheren Beſitzer des Schlößchens in Dienſten geſtanden hatte. Der Profeſſor bemäch⸗ tigte ſich ſeiner ſofort, und da der Mann Deutſch ſprach, entſpann ſich zwiſchen Beiden eine lebhafte Unterhaltung, die ſich Seitens des Profeſſors bald zur eifrigen Discuſſion ſteigerte. Roger Silvain führte indeß Roſe, die wider ſtandslos über ſich verfügen ließ, von einer der ſeltenen farbenprächtigen Blüthen zur andern, bis ſie ihre ſtarre Zurückhaltung allmählig fallen ließ und ihrer Bewunderung warme Worte gab. Endlich ſagte Roger: „Laſſen Sie uns jetzt wieder in's Freie gehen, die dicke Luft thut Ihnen nicht gut!“ Und nach einem Blick auf den Botaniker, deſſen Meinungsverſchieden⸗ heit mit dem Gärtner einem Streit bereits ſehr ähn⸗ lich ſah, legte er Roſe's Arm in den ſeinen und führte ſie, trotz ihres leiſen Widerſtandes, in den Garten hinaus. Schweigend ſchritten ſie durch die blumenüber⸗ ſäeten Beete, bis ſie an einer Windung des Weges vor einem mit Schlingpflanzen dicht umzogenen ſäulen⸗ getragenen Tempelchen ſtanden. Dort hieß er Roſe Platz nehmen und blieb vor ihr ſtehen. „Sehen Sie dorthin“, ſagte er, die Hand auf⸗ hebend,„erkennen Sie den Ort?“ Durch einen Hohlweg dichtbelaubter Bäume ſah man hinaus auf eine weite Niederung und die Trüm⸗ mer eines verfallenen Schloſſes, die einſam und grau auf dem grünen Grunde lagen. „Roöll⸗B0!“ rief Roſe wie in freudigem Schreck. „Ja, Roſe, es iſt Roöll⸗Bõô, der Ort, wo ich Sie zuerſt geſehen, und ich habe Sie hierher geführt, um Ihnen eine Mittheilung zu machen, ehe wir für immer Abſchied von einander nehmen.“ Er hielt inne; in Roſe's Adern ſtockte das Blut und ſie ſah ihn an, als fürchte ſie ſeine Mittheilung. „Wir haben dort eine lange Nacht miteinander verplaudert“, fuhr Roger raſcher athmend fort, während wieder Roſe auf ihre gefalteten Hände niederblickte —„nicht wie zwei Menſchen, die ſich nie zuvor ge⸗ ſehen, ſondern ich wenigſtens habe zu Ihnen geſprochen wie zu einem Freunde... Sie ſollten mich doch ein wenig kennen, Roſe; glauben Sie, daß ich ein ſchlechter Menſch bin..?“ Verwundert ſah das junge Mädchen zu ihm auf:. „Sie haben uns eine ganze Nacht beherbergt, Sie haben Brod und Wein mit uns getheilt und uns . . 249 am andern Morgen über das Moor geholfen“, ſagte ſie leiſe,„wir kennen Sie nur hülfreich und gut...“ „Und was iſt Ihre eigene Meinung über mich?“ „Ich habe Ihnen dieſelbe ſchon geſagt.“ „Sie weichen mir aus! Ich will wiſſen, ob Sie glauben, daß ich abſichtlich Jemanden betrügen oder belügen kann... Nun?“ „Ich glaube es nicht!“ hauchte Roſe. „So will ich Ihnen geſtehen, daß ich Sie belogen habe“, ſagte Roger leiſe. Erſchrocken ſtarrte Roſe ihn an; dann lächelte ſie trübe: „Sie ſcherzen! Was hätten Sie zu mir geſagt?“ „Ich habe Sie eingeladen, hierher zu kommen, um meine Mutter kennen zu lernen; aber ich habe Ihnen nicht geſagt, daß ich Ihnen— meine Braut vorſtellen will.“ Roſe ſchrak zuſammen. Sie wußte nicht, daß ſie bleich war wie die Marmorſäulen des Tempels neben ihr; einen Augenblick dunkelte es vor ihren Augen, und ihr war, als ſtürze ſie in eine endloſe Tiefe. Aber gewaltſam raffte ſie ſich zuſammen... Was ging der fremde Mann ſie an, der dort mit gekreuzten Armen ihr gegenüber ſtand? Mochte er zu einer Braut wählen, wen er wollte— oder ſollte... 250 ſie hatte Nichts mit ihm oder ſeiner Familie gemein.. „Ich hatte keine Rechenſchaft von Ihnen zu fordern über die Gründe zu Ihrer Einladung“, antwortete ſie ruhig, aber ihre Stimme klang heiſer und einförmig. „Werden Sie mir auch nicht Glück wünſchen zu meiner Verlobung?“ fragte Roger bittend und ſtreckte die Hand aus. „Gewiß wünſche ich Ihnen und Ihrer Verlobten alles Glück“, antwortete Roſe mechaniſch, und legte ihre Hand in die ſeine. Er hielt die kalten Finger feſt umſchloſſen: „Und Sie fragen mich nicht einmal nach dem Namen meiner Braut?“ „Wie ſollte ich? Ich kenne Niemand in dieſem Lande.“ „Kommen Sie“, ſagte Roger und zog Roſe mit ſanfter Gewalt empor,„es weht ein kalter Luftzug von den Bergen; laſſen Sie uns in's Haus gehen; ich möchte Ihnen auch das Bild meiner Braut zeigen, ehe meine Familie kommt. Roſe widerſtand ſeiner Hand: „Ich werde ſie bald ſelbſt ſehen“, ſagte ſie ab⸗ lehnend,„es iſt nicht kalt hier.“ „Wollen Sie mir gleich meine erſte Bitte 5E 8* 254 abſchlagen?“ drängte Roger,„Sie haben mir doch noch nicht vergeben.“ „Ich habe Ihnen Nichts zu vergeben“, ſagte Roſe förmlich und erhob ſich; ſie ſchien nicht zu be⸗ merken, daß er ihr den Arm bot, und ſchritt ſchweigend neben ihm her. Im Hauſe angelangt, führte Roger das junge Mädchen durch eine Reihe hoher Zimmer, deren Ein⸗ richtung ebenſoviel Geſchmack als Kunſtſinn verrieth, bis er vor einer ſchweren, dunklen Spitzbogenthüre ſtehen blieb. „Mein Arbeitszimmer“, ſagte er, dieſelbe öffnend, und mit einem unwillkürlichen Laut der Verwunderung trat Roſe über die Schwelle. Das runde, geräumige Thurmzimmer hatte zwei hohe Spitzbogenfenſter, vor denen ſich Wein⸗ und Roſenranken ſchaukelten; eines derſelben war geöffnet und bot denſelben Blick, wie den, welchen man vom Tempelchen aus genoß. Die Wände waren hoch hin⸗ auf mit dunklem Eichenholz getäfelt, geſchnitzte Bücher⸗ ſchränke reichten an einer Seite faſt bis zur gewölbten Decke, während die andere mit alterthümlichen Waffen geſchmückt war. Wie ein blitzender Rahmen umgaben ſie ein uraltes, vergoldetes Wappen, das drei rothe Roſen auf grünem Grunde zeigte. 252 * „Das Wappen derer von Roéll⸗Bô“, erklärte Roger,„und dies hier iſt das Bild meines Groß⸗ onkels, des früheren Beſitzers der Seeroſe.“ Roſe betrachtete das alte Bild in dunklem Rahmen. Wollte er ſie verſpotten? Es war ſein eigenes Potrait, nur älter und in der Tracht vergangener Jahre; aber es waren dieſelben ſchwermüthigen braunen Augen, derſelbe halb kindliche, halb bittere Zug um den feinen Mund. Roger verſtand ihren Blick. „Es iſt mein Onkel“, ſagte er ernſt;„ich ſoll ihm gleichen, wie er in ſeiner Jugend war... und hier iſt das Bild meiner Braut.“ 3 Langſam wandte Roſe ſich um. Ueber einem weiten, alterthümlichen Camin von grauem Marmor war ein breiter Rahmen von geſchnitz⸗ tem Eichenholz in die Wand gelaſſen; ein grüner, faltenreicher Vorhang verhüllte das Bild. Roger ſtand gegen das Licht, daß Roſe nur die Umriſſe ſeiner Geſtalt ſah; ihre Züge jedoch lagen hell vor ihm, er ſah das Zucken um ihre Mundwinkel und bemerkte, wie ſie unbewußt die Zähne zuſammen⸗ preßte. „Wollen Sie meine Braut ſehen?“ flüſterte Roger, ſich zu ihr beugend. Roſe regte ſich nicht. 253 Roger erhob den Arm— ein Druck an einer ver⸗ borgenen Feder und lautlos rollte der Vorhang nach beiden Seiten auseinander. Langſam hob Roſe die Augen; aber einen Schrei ausſtoßend verhüllte ſie ihr Geſicht mit den Händen. Aus dem Spiegel über dem Camin hatte ihr das eigene bleiche, angſtvolle Geſicht entgegen geſchaut. „Roſe!“ flüſterte Roger und bemühte ſich, ihre Hände herab zu ziehen,„vergeben Sie mir die Täuſchung! Ich fühlte, daß ich Sie liebte, ſeit ich Sie damals aus meinen Armen ließ;— als Sie mir ſagten, daß Sie unſer Land verlaſſen würden, war mir, als würde ich eine Trennung von Ihnen nicht mehr ertragen können! Sie waren ſo kalt und fremd geworden, Roſe, und ich hatte doch ſo feſt gehofft, Sie könnten mir auch ein wenig gut ſein— ich mußte mir Ge⸗ wißheit verſchaffen um jeden Preis— können Sie mir darum zürnen, Roſe?“... Das junge Mädchen ließ die Hände ſinken und ſah Roger an: „Sie kennen kaum meinen Namen“, ſagte ſt bebend,„wie können Sie ſagen, daß Sie mich lieben?“ „Ich ſah Sie einen langen, inhaltreichen Tag und horchte ihren Worten in der Nacht, als außer uns 54 nur noch die EClemente wachten... Braucht die Liebe Gründe, Roſe? Fragt ſie nach Namen?“ „Und Ihre Braut?“ „Ich ahnte, daß man Ihnen bereits dies Märchen erzählt hatte!— Ich habe keine Braut, wenn Sie es nicht ſein wollen!“ ſetzte er ernſt und feſt hinzu. „Warum verſchwiegen Sie mir Ihren Namen?“ fragte Roſe noch immer zweifelnd. „Vergebung, Roſe! Sie erſchienen mir ganz anders, als alle Damen meiner Bekanntſchaft, und ich wünſchte von Ihnen gekannt zu ſein, ohne all' das Beiwerk, das beſonders in meinem Lande ſo oft den Ausſchlag giebt. Man hat ſich ſchon ſo lange und angelegentlich um den reichen Roger Silvain, den Erben von Roéll⸗Bô, bemüht, daß ich ungerecht ge⸗ worden bin!— Ich wollte mein Lebensglück ſelber finden— ſoll ich es in derſelben Stunde für immer verloren haben? Roſe“, fuhr er flehend fort, als das junge Mädchen noch immer das Haupt nicht erhob, „mein Garten umſchließt alle Roſenarten, die die Cultur kennt; nur nach einer einzigen habe ich ver⸗ gebens geſucht; und auch mein armer Ontkel ſtarb, ohne ſie gefunden zu haben— es iſt die Roſe, die niemals verwelkt, die ſchöner duftet, je länger ſie blüht. Unter Sturm und Ungewitter habe ich ſie im — —— 255 Sumpfe gefunden— Rosa adorata, wollen Sie mein ſein?“ Er hatte ſich auf ein Knie vor ihr niedergelaſſen und hielt flehend ihre beiden Hände feſt. „Aber Ihre Mutter?“ flüſterte Roſe bebend. „Meine Mutter wird noch heute die Tochter in ihre Arme ſchließen!“ Tief neigte das junge Mädchen ſich herab, daß ihre reichen blonden Locken ſich über Roger's braunes ringelten; ſie ſchwieg, aber die heißen Tropfen, die auf die Stirn des jungen Mannes fielen, ſagten ihm beſſer als Worte, daß ſie ſein eigen ſei. Lange ſtanden ſie ſchweigend und hielten ſich an den Händen. Da rollte ein Wagen über den Kies und hielt an dem Hauſe an. „Komm“, flüſterte der junge Mann und zog die Geliebte mit ſich fort,„laß uns zu unſerer Mutter gehen!“ ₰———— Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. ——————-,——— * fſſnfſfffſnſff ſſn 5 6 7 8 9 10 11 12 1 6 17