6 — — Leihbibliothek weuſe engliſcher und franzö ſiſcher Literatur Ednuard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß- und Teſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Biblioth het ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 hr offen. ]1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den Bangenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe eegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4 Abonnemont. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für Whentlih 2 Bücher: 4 Bücher: 6 e auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 N. 5 5. Auswärtle, Avonnenten“ haben für Hin⸗ und rrhaf deis der Bücher auf ihre eis eenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 6. Sehaddenerübe. ür beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Die ieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem iejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5. =eAeer 2 1 3 Spiegelbilder dem weiblichen Kunſt⸗ und Berufsleben der 2 modernen Welt. Von F. Gr. Fridolin. 90 1. h Zweites Baͤndchen. — Leipzig, Verlag von C. E. Kollmann. 1839. —* Inhalt des zweiten Bandes. Seite Aimée, bie Kunſtreiterin. Novellette. Wie war es möglich. Skizze aus dem ſpani⸗ ſchen Thronfolge⸗Krieg des Jahres 1838. Helene. Bruchſtuͤcke aus dem Leben einer Local⸗ ſängerin........... Der Crispinl. Fresco⸗Satire auf das pariſer Mohelehen............. Der Pole und die Tänzerin. Novelle... Die Verworfene. Wahrheit, keine Dichtung; aus dem Leben der bekannten Graͤfin DO.. r.. 3 221 Spiegelbilder. Zweites Baͤndchen. Spiegelbilder. II. 1 Aimée, die Kunſtreiterin. Novellette. Motto: Hoͤrt, o hoͤrt mein Tambourin! Eltern, euch ſo fruͤh entriſſen, Wohl fuͤr immer muß vermiſſen Euch die arme Taͤnzerin. Hoͤrt, o hoͤrt mein Tambourin! Ach, ſchon ſchmaͤht der Meiſter wieder, Ruͤhrt euch, ihr gelenken Glieder, Schaut doch wie ich luſtig bin! Joh. N. Vogel. 1. In einem freundlichen, von maleriſchen Wein⸗ bergen gebildeten Thale, durch das ein unbedeuten⸗ der Bach mit klarer Wellenfluth uͤber Sand und bunten Kies plaͤtſchernd rieſelt, liegt das kleine Doͤrf⸗ chen Kalksburg.„ Die wunderſchoͤne, romantiſche Lage deſſelben, und die Naͤhe der kaum vier Stunden entfernten Hauptſtadt W.. haben es zu einem beliebten Auf⸗ enthalts⸗ und Ausfluchtsorte der nahen Reſidenzbe⸗ wohner fuͤr die Dauer des Sommers geſchaffen. Nette, elegante Landhaͤuſer, die ſich laͤngs dem Saume der gruͤnen Weingelaͤnde, gleich einer lan⸗ gen Kette hinziehen, geben dem reizenden Doͤrfchen ein mehr ſtaͤdtiſches als laͤndliches Anſehen, das durch die oͤftern Beſuche aus der Hauptſtadt noch mehr gehoben wird; da dieſelben zugleich in das ſo einfoͤrmige Landleben eine Lebhaftigkeit und Abwechs⸗ lung bringen, die man auf dem Lande gewoͤhnlich zu vermiſſen pflegt.—— Es war ein heiterer Herbſttag des Jahres 1818, als gerade zur Mittagszeit zwei hochbepackte, durch. die uͤber ſie geſpannte Wachsleinwand vor dem Re⸗ gen geſchuͤtzte Ruͤſtwagen durch das weit offen ſte⸗ hende Thor in das einzige im Orte befindliche Wirths⸗* haus einbogen.— Ihnen folgte eine kleine Zahl zu⸗ ſammengekoppelter Pferde, unter denen ſich auch ei⸗ nige ſogenannte Corſikaner befanden. Eine Geſell⸗ ſchaft mehrerer hoͤchſt auffallend und ſonderbar geklei⸗ deter Maͤnner und Frauen beſchloß den langen Zug. Auf dem weiten Hofraume angelangt, wurden alſobald mehrere Krippen vor die ermuͤdeten Roſſe hingeſchafft, und gierig wuͤhlten dieſe in dem ihnen ſparſam zugemeſſenen Heu, indeſſen ihre Herrn nach dem nahen Garten ſchritten, und ſich hier rings um ei⸗ nen der langen Tiſche in behaglicher Ruhe niederließen. Bald perlte in den blinkenden Glaͤſern eine Sorte des beſſern Landweins, und in einem halb⸗ 1 deutſchen, halbfranzoͤſiſchen Kauderwelſch uͤberließen ſich Alle den Ausbruͤchen ihrer frohen Laune, die ——— — —— beſonders einer aussder Geſellſchaft, den die Uebri⸗ gen„Mathieu!““ riefen, durch eine Fuͤlle drolli⸗ ger Einfaͤlle und treffender Bonmots oft zu einem ſchallenden Gelaͤchter anregte.— Man konnte ſich aber auch nicht ſobald eine Geſtalt denken, deren Aeußeres geeigneter geweſen waͤre, ſchon bei dem bloßen Anblicke derſelben ein unwillkuͤhrliches Zucken der Lachmuskeln hervorzu⸗ bringen.— Klein und unfoͤrmlich dick, dabei von ei⸗ ner Beweglichkeit, die ihn keinen Augenblick ruhen ließ, herrſchte dieſe auch in den lebhaften Zuͤgen ſei⸗ nes ſonſt nicht haͤßlichen Angeſichtes, das er in einer Sekunde zur furchtbarſten Grimaſſe verziehend ſchon im naͤchſten Augenblick, waͤhrend ſich Alle noch eines erſchuͤtternden Lachens nicht erwehren konnten, wieder in eine ſo unbefangene Miene umzuſtalten wußte, als ob gar nichts vorgefallen ſei. Bald fuͤllte ſich der weite Garten auch mit an⸗ dern Gaͤſten. Die Kunde von dem Eintreffen einer Kunſtrei⸗ tergeſellſchaft,(denn eine ſolche war es) hatte ſich in dem kleinen Orte mit Blitzesſchnelle verbreitet, und raſch eilte eine Schaar In Neugierigen nach dem Wirthshauſe, um, wenn auch nicht die Pro⸗ duktionen der Kuͤnſtler ſelbſt, ſo doch wenigſtens dieſe zu ſehen.— Die allgemeine Froͤhlichkeit ſteigerte ſich immer hoͤher. Alles zerplatzte bei den Spaͤßen Mathieus vor Lachen, und jemehr die weiblichen Zuſeher ihre durch das Uebermaß der Anſtrengung hervorquellenden Thraͤnen zu unterdruͤcken ſuchten, deſto toller trieb dieſer ſein Unweſen, durch die Menge des genoſſenen Weines zu noch groͤßerer Ausgelaſſenheit angefeuert.— Demohngeachtet gab es einen unter dieſen hei⸗ tern, lebensfrohen Menſchen, der ſeinen Mund bei dem lauteſten Gelaͤchter kaum zu einem leiſen Laͤ⸗ cheln verzog, und mit einer duͤſtern Miene oft nach den muntern Roſſen blickte, die nun, nachdem ſie ihr Heu verzehrt, durch Scharren, Stampfen und Wiehern ihren Wunſch zur baldigen Fortſetzung der Reiſe deutlich zu erkennen gaben. Es war oer Director der Kunſtreitertruppe.— Leider ſchien die Einnahme in der Reſidenz nicht 4 nach ſeiner Berechnung ausgefallen zu ſein. Doch — war es nicht die Schuld ſeiner Kuͤnſtler, daß ihren angeſtrengteſten Bemuͤhungen nur ein geringer Er⸗ folg zu Theil wurde; vielmehr fuͤhrten die geaͤnder⸗ ten Zeitverhaͤltniſſe, und der verwoͤhnte Geſchmack des Publikums dieſe nachtheilige Wirkung auf die finanzielle Lage der Geſellſchaft herbei. Theils hatte man alle dieſe Tambourinſpruͤnge, sälto mortales u. dgl. m. ſchon fruͤher, wenn auch nicht in gleicher Vollendung geſehen. Theils glaubte die Welt in jenen Productionen keine Kunſt zu finden, welche die fruͤhreife, ungezogene Gaſſenjugend der Reſidenz ſchon des andern Tages auf allen oͤffentlichen Gaſ⸗ ſen und Plaͤtzen nachzuahmen verſuchte. Man wollte etwas Außerordentliches, noch nie Geſehenes haben.— Dieſes zu bieten, war die Geſellſchaft fuͤr den Augenblick außer Stande, und bei dem ſo oͤftern Spiele vor leeren Haͤuſern daͤuchte es dem Director nachgerade die hoͤchſte Zeit, ſich um einen andern Schauplatz umzuſehen, wenn nicht das fruͤhere, fuͤr den Fall der Noth erſparte kleine Lpiral zugeſetzt werden ſollte. Schnell war der Entſchluß gefaßt. Der naͤchſte Nitittag fand die Geſellſchaft auf der Reiſe, den Director aber immer noch unſchluͤſſig, welcher Weg einzuſchlagen ſei. Faſt ſchien es, als waͤre er erſt nun mit ſeiner Wahl einig geworden; denn eben als wieder Alles in platzendes Gelaͤchter uͤber Ma⸗ thieus drollige Geſichtsverrenkungen ausbrach, ließ er ſchallend ſeine Stimme mit den Worten ertoͤnen: —„Allons, parterons!“ Dem Rufe gehorchend, eilten ſeine Leute bunt durcheinander. Haſtig wurde die letzte in den Glaͤ⸗ ſern befindliche Neige geleert, und bald begaben ſich Alle in den Hofraum hinab, wo ſchon die Pferde gezaͤumt und angeſpannt zur Fortſetzung der Reiſe bereitet ſtanden; indeſſen der Director noch die Ab⸗ rechnung der Zeche mit dem Kellner ſchloß, die gerin⸗ ger ausfiel, als er es vermuthete; da mehrere der An⸗ weſenden, durch Mathieus burleske Streiche ergoͤtzt, einen Theil der Ausgaben uͤber ſich genommen hatten. Alles war nun verſammelt, nur Mathieu ſchien ploͤtzlich verſchwunden. Zuͤrnend frug der Director nach der Urſache ſeiner Entfernung.— Leiſe nahte ſich ihm eines der Mitglieder, und nach wenigen — 11— in ſein Ohr gelispelten Worten gab dieſer nun mit einem lauten:„„Allons, en avant!“ den Befehl zum Aufbruch, und von der Jugend des Ortes weit hinaus begleitet, ſetzte ſich der Zug langſam in Bewegung. Drei Stunden ſpaͤter traf Mathieu wieder bei ſeinen Gefaͤhrten ein. Doch kam er nicht allein, und mit befluͤgelter Eile, als wuͤrden ſie verfolgt, ging es in angeſtrengten Maͤrſchen der baieriſchen Graͤnze zu. Sie war erreicht— jede Gefahr voruͤber. 2. Leiſe zitterte der Abendwind durch die hohen, dichtbelaubten Baͤume des herrſchaftlichen, nahe bei Kalksburg gelegenen Parkes. An dem Eingange des geſchmackvoll erbauten Landhauſes ſaß in einem von Akazien und duf⸗ tenden Blumen gebildeten Rondeau eine jugendliche, hoͤchſt reizende Frauengeſtalt.— In das Leſen eines kleinen Buches vertieft, fiel ihr ſeelenvoller Blick nur zu Zeiten auf ein wun⸗ derliebliches Maͤdchen von etwa drei Jahren, das — 12— zu ihren Fuͤßen mit den bunten Steinen des vor dem Ruheſitze aufgeſtreuten Sandes ſpielte. Es war Alfonſine, Graͤfin Per und Sidonie, das erſte Pfand ihrer fuͤnfjaͤhrigen gluͤcklichen Ehe. Dringende Geſchaͤfte noͤthigten den Grafen, ih⸗ ren Gemahl, ſich zu deren Schlichtung ſchon an dem fruͤheſten Morgen des heitern Sommertages nach der nahen Reſidenz zu begeben; doch hatte er ſeiner aͤngſt⸗ 5 lichen Gemahlin mit Hand nnd Mund geloben muͤſ⸗ ſen, zur Abenddaͤmmerung wieder bei ihr einzutreffen. Immer naͤher kam die Zeit ſeiner Ruͤckkehr. Schon ſtieg an dem azurblauen Aether die Abend⸗ roͤthe mit roſigem Schimmer empor, und durch die lautloſe Stille des weiten Parkes drang aus weiter Ferne das melodiſche Gelaͤute des von der Weide heimkehrenden Hornviehes, vereint mit den ſchmet⸗ ternden Toͤnen des Kuͤhhorns und dem ſchallenden Peitſchengeknalle des Hirten zu der einſamen Leſerin. Schnell ſchloß ſie das Buch, und mit immer mehr erregter Ungeduld ſah nun Alfonſinens ſanftes Auge durch das elegante, die Einfahrt bildende Gitterwerk auf die zu dem Landhauſe fuͤhrende Landſtraße hin. — 13— Bald wirbelte in der Ferne eine graue Staub⸗ ſaͤule empor— ſie kam immer naͤher.— Ein hefti⸗ ger Windſtoß trieb nun die Wolken auseinander, und deutlich erkannte die Graͤfin ihren Gemahl, der auf den Fluͤgeln der Sehnſucht und Liebe mit Windes⸗ ſchnelle daher ſprengt, um ſich von dem mit Schweiß und Staub bedeckten Renner in die offene Arme der ihn freudig entgegeneilenden Gemahlin zu ſtuͤrzen.— Lange hielten ſich Beide zaͤrtlich umſchlungen, und mehr als Gedanken, mehr als ſelbſt Worte auszuſprechen vermoͤgen, lag in ihren liebeglühenden Blicken zu leſen.—— Graf Prr war jung, ſchoͤn und reich. Eigen⸗ ſchaften, denen eine glaͤnzende Carriere bevorſtand, Ehre und Wuͤrden, boten dem Grafen lockend die Hand. Aber ſein Herz kannte jenes Gluͤck nicht, das die Welt nur zu oft mit dem erborgten Schim⸗ mer aͤußerer Groͤße taͤuſcht. Sein Gluͤck lag in ſei⸗ nem Innern, in der Fuͤlle eines reichen, trefflichen Gemuͤthes. Ihm galt die unnennbare Seligkeit ei⸗ ner ſtillen, ſich ſelbſt genuͤgenden Liebe mehr, als jene Bande der Convenienz, die den Menſchen feſſeln, ihm ſein Daſein im roſigen Schimmer zei⸗ gen; aber die in ſeinem Innern aufkeimenden Wuͤn⸗ ſche nie befriedigen, ſondern bloß durch die Macht der Gewohnheit betaͤuben.— Die waltende Vorſehung ließ den Grafen Al⸗ fonſinen finden. Eine gewaͤhlte, ſorgſame Erziehung, ihre zarte Weiblichkeit, und eine namenloſe Liebe zu ihrem Gemahle, boten hinreichenden Erſatz fuͤr den Mangel ſonſtiger Erdenguͤter. Sie waren die reiche Mitgift, die ihr Vater, ein verarmter Edel⸗ mann, ſeinem einzigen Kinde gab. Und in der Fuͤlle dieſes Reichthums waren fuͤnf Jahre, wie eben ſo viele Stunden eilend in dem Borne der Zeit entſchwunden.— Wie immer ging es auch heute.— Mit reizender Anmuth zog Alfonſine den theuern Gatten zu dem erſt vor Kurzem verlaſſenen Ru⸗ heſitze. Von ihren Fragen beſtuͤrmt, mußte der Graf ſeiner Gemahlin die Verrichtungen des heutigen Tages auf das Genaueſte mittheilen. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit hingen Alfonſinens Blicke an ſeinem Munde, immer ſchneller verrann die Zeit, und in die — 15— ſuͤßen Taͤndeleien ihrer Liebe verſunken, gewahrten ſie erſt ſpaͤt, daß die Sonne laͤngſt untergegangen, und der Himmel mit tiefer Daͤmmerung umzogen ſei. Eben wollten Beide ihren Sitz verlaſſen, als ſich der Graf zu ſeiner Gemahlin mit den Worten wandte:„Wo iſt denn Sidonie? ich habe ſie ja heute noch gar nicht geſehen.“— Wie ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel zuck⸗ te bei dieſer Frage ein leiſer Schauer unwillkuͤhr⸗ lich durch Alfonſinens Herz.— Mit Schrecken be⸗ merkte ſie erſt itzt, daß ſich Sidonie von ihrer Sei⸗ te verloren habe. Doch ſchnell wieder beruhigt, fuͤhrte ſie ihren Gemahl mit den Worten dem Hauſe zu:—„Komm, wenn du ſie noch ſehen willſt, ich glaube faſt ſie wird ſchon ſchlafen.“—— uUm die Kleine nicht in dem erſten, erquicken⸗ den Schlummer zu ſtoͤren, traten Beide behutſam in das Zimmer.— Langſam und vorſichtig nahen ſie ſich dem Bettchen;— aber wer erfaßt den Schrecken der zaͤrtlichen Eltern, als ſie das Kind in dieſem nicht gewahrten, und die beſtuͤrzte Am⸗ me auf ihre aͤngſtlichen Fragen ihnen die unerwar⸗ — 16— tete Nachricht ertheilte: ſie habe Sidonien ſeit jenem Augenblicke nicht geſehen, als ſie die Graͤfin mit ſich in den Garten genommen habe. Verzweifelnd ſtuͤrzt die geaͤngſtigte Mutter in das Dunkel der Nacht hinaus. Mit herzbrechenden Jammertoͤnen ruft ihr Mund den Namen:„Sido⸗ nie!“nach allen Seiten; doch kein Laut verkuͤndet die Anweſenheit des Kindes. Nur das ſchadenfrohe Echo gibt den kreiſchenden Ruf mit graͤßlichem Nach⸗ halle ſpottend zuruͤck.— Alfonſinens Verzweiflung ſteigert ſich zur Hoͤhe des Wahnſinns.— An der Spitze der ſchnell mit Fackeln verſehenen Dienerſchaft durchſucht ſie im Fluge jeden Winkel des Parkes. Jede Fontaine, ſelbſt der kleine, im Garten befindliche Teich wird auf Befehl des Grafen ſchnell abgelaſſen— aber iſt Alles umſonſt.. Immer tiefer denkt die Nacht ihre ſchwarzen Fittige auf die ſchlummernde Erde nieder. Alles gibt ſich einer erquickenden Ruhe hin; nur Alfonſi⸗ nens gebrochenes Mutterherz meidet der Schlaf. Sie findet noch der fruͤhe Morgen mit aufgeloͤſten 4 — 12— flatternden Haare, verweinten, aufgeſchwollenen Augen und furchtbar entſtelltem Antlitze in dem Parke, mit Jammertoͤnen nach ihrem Kinde rufend, und nur mit Muͤhe teoͤſtet ſie der ſelbſt faſſungsloſe Gemahl mit Sidoniens baldigem Wiederſehen, zu deren Auffindung er in der Umgegend ſchnell alle Anſtalten traf. Doch Sidonia iſt und bleibt verſchwunden. 3. Dreizehn Jahre waren verfloſſen. Der geſchmackvoll eingerichtete Cireus Gymnasti- eus des beruͤhmten Kunſtreiters Baptiſt Loiſet war eben heute in Preußens bluͤhender Reſidenz zum er⸗ ſtenmal geoͤffnet. Eine reich geſchmuͤckte Bluͤthenwelt der ſchoͤn⸗ ſten Damen des hohen Adels war in den einfach, aber ſehr nett dekorirten Logen verſammelt, waͤh⸗ rend ein ebenſo gewaͤhlter Kreis reizender Maͤdchen und Frauen des Mittelſtandes, im einfachen Putze, die Sperrſitze beſetzt hielt. Spiegelbilder. II. — 18— Elegante Dandies mit Spornen, Reitgerten und Lorgnetten hatten das Parterre in Beſchlag ge⸗ nommen, und richteten ihre ſchmachtenden Blicke mit bewaffnetem und unbewaffnetem Auge auf jene Gegenſtaͤnde, die mehr oder weniger ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit wuͤrdig erſchienen.— Das Mamelucken⸗Manoͤvre, von den vorzuͤg⸗ lichſten Gliedern der Geſellſchaft, unter des Direc⸗ tors perſoͤnlicher Leitung im reichſten Coſtuͤme auf ſchoͤnen, mit goldglaͤnzendem, geſticktem Sattelzeuge verzierten Rennern ausgefuͤhrt, war beendet, und in ſauſendem Galoppe flogen Roß und Reiter uͤber die geſchloſſenen Barrieren dem Ausgange zu.— Jetzt gab ein kurzer Trompetenſtoß ein Zei⸗ chen.— Ein langgeſtreckter, kraͤftig und ſchoͤn ge⸗ bauter Brauner wurde langſam in die Reitbahn ge⸗ fuͤhrt; ihm folgte in eng anliegenden weißen Tricots und gruͤnem, reich geſticktem Sammt⸗Collet ein blond⸗ gelockter, junger Mann, auf deſſen ſchlanker maͤnnlich ſchoͤner Geſtalt die Blicke der Damen gefeſſelt weilen. Achtungsvoll verneigt er ſich nach allen Seiten. Mit wenigen Schritten iſt er bei dem ungeduldig — 19— im Sande ſcharrenden Thiere. Ein kraͤftiger Sprung— er ſteht auf dem Ruͤcken deſſelben. Die Muſik begann. Die kuͤhnen Stellungen des jungen Mannes zeigten in der uͤberraſchenden Fertigkeit ihrer Aus⸗ fuͤhrung nicht allein die vollendete Schule eines tuͤch⸗ tigen Meiſters, ſondern auch eine an Todesverach⸗ tung graͤnzende Bravour. Er beendete ſeine Leiſtung mit einem kuͤhnen, gefahrvollen Salto mortale; und ein allgemeiner, an⸗ haltender Beifall kroͤnte das muͤhevolle Streben des jugendlichen Kuͤnſtlers. Die nun eingetretene Luͤcke fuͤllten die drolligen und burlesken Streiche des Bajazzo, eines ſchwarz gelockten, italiaͤniſchen Krauskopfes, und ſeine in unverſtaͤndlicher, halbkauderwelſcher Mundart ge— fuͤhrte Unterhaltung mit einem der Scholaren aus. Doch nun tritt Loiſet in rother, glaͤnzender Stallmeiſteruniform in die Mitte der Manege. Eine lautloſe Stille erfuͤllte das weite Amphitheater, und hoͤrbar ertoͤnte ſeine klangvolle Stimme:„Mademoiselle Aimée aura l'honneur de representer la Sylphide aérienne!! 2*¾ Ein neuer Trompetenſtoß——— Von einem eleganten, in Blau und Weiß ge⸗ kleideten Jokei gefuͤhrt, naht ein milchweißer Schim⸗ mel, im hellblauen ſilberverzierten Reit⸗ und Sattel⸗ zeuge, mit tanzendem Schritte der Reitbahn, und ein allgemeines Ah! der Ueberraſchung begleitet ſeine willkommene Erſcheinung. Leichtfuͤßig ſchwebt hinter ihm eine jugendliche, blendend ſchoͤne Maͤdchenge⸗ ſtalt von hoͤchſtens ſiebenzehn Jahren in die Manoge. Ein zartes, bluͤthenweißes Florgewebe, mit Ro⸗ ſenguirlanden umgeben, ſchmiegt ſich im wallenden Faltenwurf um die ſchlanke Taille, der eine blaß⸗ blaue, mit ſilbernen Franzen gezierte Schaͤrpe als Guͤrtel dient. In lange Locken aufgeloͤßt, wallt das braune Seidenhaar, von keinem Kamme feſtgehalten, uͤber den uͤppig vollen Nacken nieder, und von mildem Feuer ſtrahlt der Blick des ſanften Veilchen⸗Auges, waͤhrend koſende Amoretten in den ſchalkhaften Gruͤb⸗ chen ihrer Wangen ein laͤchelndes Spiel treiben. Mit bezaubernder Anmuth neigte ſich Aimée vor der ſie mit ſtuͤrmiſchem Beifallsruf begruͤßenden Menge. Von des Directors hilfereichender Hand mit galanter Artigkeit empor gehoben, ſtand ſie ſchnell auf Lydis, ſo hieß der Schimmel, zierlich gebautem Ruͤcken, und als waͤre das artige Pferd ſich ſeiner reizenden Buͤrde bewußt, ſchnob es im anmuthigen Galoppe ſtolz laͤngs der Reitbahn dahin. Ein ſchmelzendes Adagio beginnt.— Des Maͤdchens niedlich kleine Fuͤße bewegten ſich auf der ſchwankenden Plattform des Sattels mit einer ſo ſichern Grazie in den ſchoͤnſten Pas, wie man dieß nur von einer erſten Taͤnzerin auf dem feſten Boden der Buͤhne zu erwarten berechtigt ſein kann.— Nun ruht ſie aus.—— Die blauen, ſilbergeſtickten Zuͤgel werden abge⸗ loͤßt— Mit ſchmeichelnder Hand beruͤhrte Aimée ihres Pferdes ſchoͤn geformten Schwanenhals, und ſeiner Feſſeln entledigt, erhebt ſich dieſes abermals zur tanzenden Gallopade.— Ein leichter Schlag, und in ſchnellerem Tempo beginnt vom Neuen die ſinnenverwirrende, jedes Auge feſſelnde Darſtel⸗ lung.— Raſcher wird das Allegro der Muſik,— fliehender Lydis Galopp, und immer reizender die den Grazien entlehnten Attituͤden des Maͤdchens, die jetzt, als wuͤrde ſie von faͤchelnden Zephyren ſchwebend dahingetragen, in einem raſenden Ventre a terre durch die Rundung der Mandge dahin⸗ fliegt.—— Der Beifall der Menge erhebt ſich zum Sturm —— Plaoͤtlich ertoͤnen die grellen Laute:„Heiliger Gott, mein Kind!“ im ſchmerzlichen Nachhall durch den weiten Circus.—— Erſchrocken blickt Alles nach einer nahen Loge empor, aus der ſo eben ein weißes Tuch flatternd zur Erde niederfaͤllt.— Scheu faͤhrt im naͤmlichen Augenblicke der Schim⸗ mel vor demſelben zur Seite, und hoch uͤber ihres Pferdes Hals ſtuͤrzt Aimée bewußtlos zur Erde nieder.— Mit tiefem Schauder hoͤren die Naͤchſtſitzenden das praſſelnde Krachen des gebrochenen Fußes.—— Der naͤchſte Augenblick findet das reizende We⸗ ſen in einem nahen, an die Bahn ſtoßenden Ge⸗ mache, von mehreren ſchnell herbeigeeilten Aerzten mit hilfreichender Hand umgeben.— Ehrerbietig — 23— weicht jetzt der dichte Kreis aus einander. Mit thraͤnendem Auge naht eine hohe, ehrfurchtgebie⸗ tende Dame, von mehreren Herrn gefolgt, dem Schmerzenslager des noch immer bewußtloſen Maͤd⸗ chens, und von heißen Muttergefuͤhlen uͤbermannt, ſinkt iſie mit dem leiſen Rufe:„Meine Sidonie, mein theures Kind!“ an ihrer Seite nieder.—— Die Dame war Alfonſine, Graͤſin L.... Ihre ununterbrochenen, ſeit dem Verluſte Sidoniens begonnenen Reiſen fuͤhrten ſie in dieſem Jahre zu⸗ faͤllig nach Berlin, und hier in den Circus.— Ihr ſicheres Muttergefuͤhl hatte ſie nicht getaͤuſcht, die Kunſtreiterin Aimée war Sidonie, ihre vor dreizehn Jahren durch den nun ſchon im Grabe ruhenden Mathieu aus dem Parke zu Kalksburg geraubte Tochter.—— Im Fluge der Darſtellung hatte ſich das Kleid von den bluͤthenweißen Schultern des Maͤdchens verſchoben, und ein kleines, roſiges Mal auf Ai⸗ moée's linker Seite ſchnell zur Erkennung des ver⸗ lorenen Kindes gefuͤhrt, bei deſſen erſtem Anblicke ſchon das Herz der Mutter in raſchern Pulſen ſchlug; — 24— ¹ indeſſen der leiſe, freudige Schauer der Erkennung ihre Seele mit unnennbarem Entzuͤcken durchzittert hatte. Unter der ſorgſamen Mutterpflege der Graͤfin kehrte die roſige Gluth der Geſundheit auf Sido⸗ niens, durch den traurigen Unfall gebleichte Wangen bald wieder; doch ſchmerzlich truͤbte die zuruͤckgeblie⸗ bene Kuͤrze des rechten Fußes die Freude ihres neu⸗ begonnenen Lebens— Eine traurige Erinnerung an die Siegeskraͤnze ihrer lebensgefaͤhrlichen Kunſt. Schnell eilten die gluͤcklichen Eltern mit ihrem wiedergefundenen Kinde aus Berlin. Schon die naͤchſte Woche fand ſie in dem freundlichen, ſeit jener Zeit veroͤdeten Landſitz bei Kalksburg, und noch jetzt gewahrt man in den Abendſtunden die liebliche, auf Kruͤcken gelehnte Geſtalt eines reizenden Maͤdchens, die in dem weiten Parke unter den duftenden Blumen⸗Parthien, deren ſchoͤnſte Zierde ſie bildet, langſam einher wandelt. Es iſt Sidonie, Graͤfin L.., einſt Aimée la — Sylphide aérienne. Wie war es möglich. Skizze aus dem ſpaniſchen Thronfolge⸗Krieg des Jahres 1838. Motto. Es pocht das Herz im lauten Schlag Entgegen ſchnell dem hellen Tag, Nur ſchnell den Rock— Nur her mit Hut und Stock. Es draͤngt gewaltig mich vom Haus— D'rum fort! mit Gott zum Thor hinaus. Es kuͤrzte ſich der Weg in raſcher Schnelle, St. Stephans Dom dem Auge bald entſchwand, Und offen lag vor mir in mag'ſcher Helle Das wunderreiche, ſchoͤn bebaute Land. Franz Günzburg. 1. Es war zu Salzburg, an einem Sommer⸗ tage des Jahres 1835, als man in dem großen, dem alten ausgezeichneten Geſchlechte der Grafen von Khuenburg angehoͤrigen Schloſſe ein lebhaftes, ſonſt ungewoͤhnliches Treiben gewahrte. Nur zu Zeiten von der in Boͤhmen reich beguͤ⸗ terten Herrſchaft beſucht, lag es oft Jahre hindurch leer und verlaſſen unter der Aufſicht eines alten muͤrriſchen Mannes, der daſſelbe als Schloßverwal⸗ ter mit ſeinem bejahrten graͤmlichen Weibe einzig und allein bewohnte. Dennoch ſprachen nicht ſelten auch manche der zahlreichen Fremden, die Salzburgs ſchoͤne Umgebungen und die Naͤhe von Iſchel faſt alljaͤhrig in dieſer Gegend verſammelte, in dem Schloſſe ein, da ſich fuͤr ſie mit den Mauern deſ⸗ ſelben die Erinnerung an jenen Erzbiſchoff aus dem Geſchlechte de Grafen von Khuenburg verknuͤpfte, der vor laͤngſt vergangenen Zeiten die Heiligſpre⸗ chung des in Boͤhmen ſo hoch verehrten Landespa⸗ trons und Maͤrtyrers Johannes von Nepomuk mit unermuͤdetem Eifer am roͤmiſchen Hofe betrieben, und dieſe zur hoͤchſten Freude der zahlreichen Ver⸗ ehrer auch wirklich erreicht hatte.—— Ganz unterſchieden von der ſonſtigen in dieſen Raͤumen herrſchenden Stille war das lebensvolle, bunte Gewirre an jenem Tage. In fluͤchtigem Durcheinanderrennen beeilte ſich eine zahlreiche Dienerſchaft, die Befehle und An⸗ ordnungen eines aͤltlichen Mannes auszufuͤhren, der, in ſchwarzer Feierkleidung in der Mitte des Hof⸗ raumes ſtehend, ſich als Haushofmeiſter, und nach ſeinem fremdartigen Accente zu urtheilen, als Suͤd⸗ laͤnder deutlich zu erkennen gab. Schnell wurde jeder Wink deſſelben vollzogen. Hier belegten einige Diener die breiten in die obern Gemaͤcher fuͤhrenden Steintreppen wie zum Empfange einer hohen Perſon mit langen Streifen von gruͤnem, hiezu beſtimmten Tuche; waͤhrend — 29 dort andere eine Menge groͤßere Kiſten bei Seite zu bringen bemuͤht ſchienen, die, nach ihrem Umfange zu urtheilen, zu dem Transporte koſtbarer Moͤbeln und Geraͤthſchaften gedient haben mußten. Hie und da erblickte man wieder mehrere mit der Rei⸗ nigung des Hofraumes von jenen Heu⸗ und Stroh⸗ abfaͤllen beſchaͤftigt, die bei der Auspackung der Ge⸗ raͤthe und deren Uebertragung in die beſtimmten Ge⸗ maͤcher auf dem Wege dahin verſtreut worden waren. Auch in einem der vielen mit fuͤrſtlichem Auf⸗ wande reich und geſchmackvoll eingerichteten Wohn⸗ zimmer des erſten Stockes gewahrte man einige in einfache, aber elegante Livréen gekleidete Diener, die hier mehrere mit Gold reich verzierte und mit ro⸗ them Sammt ausgeſchlagene Armſeſſel wie zur Be⸗ zeichnung des Rangunterſchiedes in gehoͤrige Entfer⸗ nung von einander ſtellten— Andere, die den prachtvollen Kronleuchter mit unzaͤhligen Wachsker⸗ zen beſteckten, und noch andere, welche die hohen koͤſtlichen Trumeauſpiegel von jedem Staͤubchen ſaͤu⸗ bernd, zugleich alle jene uͤbrigen Bequemlichkeiten und Vorkehrungen trafen, die bei dem Empfange — 30— eines gekroͤnten Hauptes in Anwendung zu kommen pflegen. Selbſt Salzburgs zahlreiche Bevoͤlkerung theilte an dieſem Tage die in dem Schloſſe herrſchende Un⸗ ruhe. Eine Menge von Menſchen hatte ſich ſchon am fruͤhen Morgen auf allen Gaſſen und oͤffentli⸗ chen Plaͤtzen der hoch und ſchoͤn gelegenen Stadt, beſonders aber vor dem Schloſſe ſelbſt, in einzelnen kleineren und groͤßeren Haufen verſammelt. Faſt hatte es das Anſehen, als erwarteten auch ſie die Ankunft jener hohen fuͤrſtlichen Perſonen, zu deren Empfang und vielleicht ſelbſt laͤngerem Aufenthalt das Schloß bereits einige Monate fruͤher von ſei⸗ nem Beſitzer gemiethet und mit freigebiger Han neu hergerichtet worden war. Allmaͤhlig neigte ſich der wunderſchoͤne Tag ſei nem Ende naͤher, aber noch immer blieben die Wuͤnſche des Volkes unerfuͤllt. Es lag in dem In⸗ tereſſe der Reiſenden, erſt zu der vorgeruͤcktern Ta⸗ geszeit in Salzburg einzutreffen, um bei der vorher angeſagten und daher nicht geheim zu haltenden An⸗ kunft ſo wenig Aufſehen als moͤglich zu erregen. — 31— Allein ſelbſt die allmaͤhlig hereinbrechende Dunkel⸗ heit vermochte die Neugierde des Volkes nicht zu beſchwichtigen, vielmehr ſchien ſich dieſelbe bei dem ſteten Zunehmen der Menſchenmenge ebenfalls zu verdoppeln.— Endlich— nach vielen Stunden eines frucht⸗ loſen, vergeblichen Harrens, nahte auf der ſchoͤnen von Baierns Graͤnze nach Salzburg fuͤhrenden Heer⸗ ſtraße ein langer, mit fluͤchtigen Poſtpferden beſpann⸗ ter Wagenzug in eilendem Laufe.— Bald wurde derſelbe durch die zahllos wie die Aehren eines Korn⸗ feldes hin und wieder wogende Volksmaſſe zu ei⸗ ner langſameren Fortbewegung genoͤthiget, die das Volk zu benuͤtzen ſuchte, um ſich immer naͤher an die einzelnen Wagen zu draͤngen und ihren Inhalt deutlicher erblicken zu koͤnnen. Doch die tiefere Dunkelheit, und das eigene ſorgfaͤltige Verhuͤllen der Reiſenden ließ jeden Ver⸗ ſuch der allgemeinen Neugierde ſcheitern. In kurzer Zeit fuhren ſaͤmmtliche Waͤgen in den offenen Thorweg des Schloſſes ein. Schnell wurden hinter dem letzten die hohen Fluͤgelthuͤren — 32— klirrend in das Schloß geworfen, und ſomit den Neugierigen die Hoffnung verſperrt, die Ankom⸗ menden wenigſtens bei ihrem Ausſteigen ſicher und gewiß in der Naͤhe zu erblicken. Voll Mißvergnuͤ⸗ gen zerſtreute ſich endlich die Menge, durch den ein⸗ zigen Troſt aufrecht gehalten. daß ihr der An⸗ blick der Fremden in den naͤchſten Tagen nicht ent⸗ gehen werde.— In ehrerbietiger Haltung hatte ſich indeſſen die große Anzahl der Dienerſchaft mit Windlichtern verſehen, zum Empfange der Ausſteigenden aufge⸗ reiht, um dieſelben in die hell und glaͤnzend erleuch⸗ teten Apartements zu geleiten. Allein faſt zu glei⸗ cher Zeit entluden alle Waͤgen auf einmal ihren Inhalt, und beinahe wuͤrde man in Verlegenheit gekommen ſein, die eigentliche hohe Herrſchaft un⸗ ter dieſem Schwarm von Herren und Damen her⸗ auszufinden; wenn ſich dieſe nicht ſelbſt einer ju⸗ gendlich ſchoͤnen Dame als Gefolge angeſchloſſen haben wuͤrden, die, zu beiden Seiten von zwei feu⸗ rigen Knaben und eben ſo vielen Maͤdchen geleitet, nunmehr mit majeſtaͤtiſche Wuͤrde unter dem — 33— Vortritt des Haushofmeiſters die Stuffen hinan ſtieg.— Es war die Prinzeſſin von Beira mit dem aͤl⸗ teſſten Sohne des Don Carlos, dem Prinzen von Aſturien, und der uͤbrigen Familie des ſpaniſchen Kron⸗Praͤtendenten.— 2. Jahrelang wuͤthete der Buͤrgerkrieg, mit ſtets vermehrter Wuth, auf Spaniens weiter Halbinſel. Keinen Punkt gab es mehr, den nicht reichlich ver⸗ goſſenes Blut getraͤnkt, keinen Ort, der nicht die Spuren einer verheerenden Partheien⸗Erbitterung aufgewieſen haͤtte, aber dennoch ſah der vernichten⸗ de Kampf noch immer keinem Ende entgegen. Auf langverjaͤhrte, durch Spaniens fruͤhere Koͤnige mit Zuziehung der Cortes beſtaͤtigte Rechte geſtuͤtzt, glaubte es Don Carlos weniger ſich ſelbſt, als vielmehr ſeinen Kindern ſchuldig zu ſein, ihnen die Krone eines Reiches zu erhalten, auf deren Be⸗ ſitz ſie die vollguͤltigſten Anſpruͤche hatten. Doch auch Chriſtine, die hinterlaſſene Wittwe Ferdinands Spiegelbilder. II. 3 — 34— des VII. wollte weder dem Range einer Regentin, noch einem Diadem entſagen, das die in den let⸗ ten Lebenstagen ihres koͤniglichen Gemahls verfaßte, und von den Cortes beſtaͤtigte Urkunde ihrer Toch⸗ ter, der jugendlichen Prinzeſſin Maria Iſabella, zu⸗ geſichert hatte. Beide ſtuͤtzten ſich auf ihre Rechte, beide hat⸗ ten auch ihre Partheien erworben. Von der Nothwendigkeit eines Koͤnigs feſt uͤber⸗ zeugt und wohl fuͤhlend, daß nur die unerſchuͤtterli⸗ che maͤnnliche Kraft deſſelben dem Reiche die lang⸗ erſehnte Ruhe, dem edlen ſtolzen Volke das durch die Konſtitution geregelte Recht, und einen vaͤterli⸗ chen Schutz gewaͤhren koͤnne, ſchloſſen ſich viele Provinzen, theils aus eigenem Willen, theils der Gewalt weichend, an die Seite des Praͤtendenten, waͤhrend die Cortes— Madrid mit ſeiner Bevoͤlke⸗ rung, und die andern Theile Spaniens treu an der Sache der Koͤnigin Regentin hielten; da man ſich von dem weiblichen Herzen eine ungleich fuͤhlbarere Milde der Regierung, einen weniger laſtenden Druck der Abgaben, und vielleicht ſelbſt manche — 35— Nachgiebigkeit in die Forderungen der Miniſter verſprach.— Dort ſollte ein Koͤnig allein, und mit eigenem Willen herrſchen; hier wollten die Cortes unter dem Namen der Koͤnigin regieren. Jener gedachte Glanz und Macht der Koͤnigskrone in ſich zu vereinigen; dieſe wollten wohl der Regentin den Schimmer des Namens; doch nicht die Kraft der Gewalt ge⸗ ſtatten. Dem Schwerte allein blieb daher die Ent⸗ ſcheidung der Thronfolge uͤberlaſſen, und immer zweifelhafter verwickelte ſich der Ausgang derſelben. Stets im Kampfe, bot ganz Spanien dem Praͤtendenten keine bleibende Zufluchtsſtaͤtte fuͤr ſeine Familie. Das Hauptquartier, dem fortwaͤhrenden Wechſel und den Zufaͤllen des Kriegsgluͤckes unter⸗ worfen, vermochte dieſelbe nicht vor den Muͤhſelig⸗ keiten und Gefahren des Feldzuges zu bewahren, und dennoch mußte ſein vaͤterliches Herz dieſe geſichert wiſſen, wenn der kraͤftige Geiſt, nicht an Sorgen erlaͤhmend, kuͤhn dem Ziele entgegengehen ſollte. Deßhalb beſchloß Don Carlos, ſeine Kinder den 3- 36— muͤtterlichen Haͤnden ſeiner erhabenen Nichte, der Prinzeſſin von Beira zu uͤbergeben, zu welcher nicht allein ſeine Vaterliebe Vertrauen, ſondern auch ſein Herz eine gluͤhende Neigung fuͤhlte, und freudig er⸗ griffen, nahm die Prinzeſſin mit offenen Armen die theueren Pfaͤnder des Vertrauens und der Liebe ihres koͤniglichen Oheims in ihren Schutz, um mit ihnen in Oeſterreichs bluͤhenden Landen ein Aſyl zu ſuchen. Schon oft hatte dieſes dem verfolgten Ungluͤ⸗ cke eine bleibende Zufluchtsſtaͤtte geboten. Inmit⸗ ten jener Stuͤrme, die noch vor wenigen Jahren faſt alle Reiche Europas in ihren Grundfeſten er⸗ ſchuͤttert hatten, gewaͤhrte Oeſterreich allein einen ſtillen ungetruͤbten Frieden in ſeinen ſaͤmmtlichen Pro⸗ vinzen, deren hohe innere Wohlfahrt zugleich das nachahmungswerthe Beiſpiel einer milden, weiſen und gerechten Regierung gab. Hier nur konnte Don Carlos ſeine Familie mit Zuverſicht geſichert wiſſen, und bald ſollte er auch die Prinzeſſin von Beira mit dem Prinzen von Aſtu⸗ rien und ſeinen uͤbrigen Kindern in Oeſterreich fuͤr immer geſchuͤtzt ſehen.— — 37— Seine Wuͤnſche waren erfuͤllt. Salzburg wurde den hohen Fluͤchtlingen zum bleibenden Aufenthalte angewieſen. 3. Einige Jahre waren ſeit jenem Zeitpunkte ver⸗ floſſen.. Lebhafter als je bot das Hauptquartier der Kar⸗ liſten zu Eſtella jenen wilden kriegeriſchen Anblick dar, der zu dieſer Zeit in Spanien nicht mehr neu erſchien. Infanterie⸗Soldaten, Lanciers, Artilleriſten, Minones, Chapelgorris und Cacciadores draͤngten ſich in ihren verſchiedenartigen, kaum mehr an der Farbe erkenntlichen und durch die ſtarken Strapatzen des fortwaͤhrenden Feldzuges oft zur Zerriſſenheit abgenutzten Uniformen in kleineren und groͤßeren Haufen auf der Almeda durcheinander. Hier marſchirten ganze Pelotons, von blitzenden Offizieren gefuͤhrt. Dort jagten einzelne Ordonanzen wie im Fluge durch die Straßen. Raſſelnd fuhren zugleich mehrere Feldſtuͤcke, von ihrer Bemannung geleitet, in ſcharfem Trabe hin und wieder, und in — 38— grellen Diſſonanzen vermengte ſich der zu Zeiten ertoͤnende Trommel⸗ und Trompetenſchall mit dem uͤbrigen laͤrmenden Toben eines Feldlagers. Vor einem großen, alterthuͤmlichen Gebaͤude, deſſen ehemalige und vielleicht ſelbſt noch gegenwaͤr⸗ tige Beſtimmung zu einem Kloſter deutlich aus dem ſcheuen Ein⸗ und Austreten einiger in Dominikaner⸗ Tracht gehuͤllter Moͤnchsgeſtalten hervorging, er⸗ blickte man eine gutbeſetzte Muſikbande, die abwech⸗ ſelnd Maͤrſche, Joleros, Botas und andere kaſti⸗ lianiſche Muſikpiecen mit, vollkommen praͤciſer Aus⸗ fuͤhrung vortrug, waͤhrend eine Menge Generale, Brigadiers, Obriſten und andere Militairchargen von geringerem Range ſich rings um dieſelbe in lauten, oft laͤrmenden Geſpraͤchen unterhielten. Das fruͤher erwaͤhnte Gebaͤude, zu dem Aufent⸗ halte des Prinzen Don Carlos und ſeines zahlrei⸗ chen Generalſtabes beſtimmt, war zur Aufnahme deſſelben ſo gemaͤchlich, faſt koͤnnte man ſagen, prachtvoll hergerichtet worden, als der Drang der Eile und der ſtete Wechſel des Hauptquartiers die⸗ ſes nur immer moͤglich machte. — 39— In einem hohen, weiten Gemache, zu deſſen ſpitzen Bogenfenſtern herauf die heitern Toͤne der militaͤriſchen Muſik erſchallten, und deſſen Thuͤre, von zwei wildausſehenden Chapelgorris bewacht, allen jenen den Eintritt verſchloß, die nicht die Pflicht, oder ein Auftrag des koͤniglichen Feldherrn in das Innere berief, ſchritt Don Carlos mit tiefem Sin⸗ nen auf und nieder. Eine Fuͤlle von Gedanken und Gefuͤhlen beklemmte ſeine Bruſt. Vor laͤngerer Zeit hatte er den Prinzen von Aſturien der muͤtterlichen Obſorge ſeiner erhabenen Nichte anvertraut.— Gluͤcklich und geſchuͤtzt wußte er beide ſammt der uͤbrigen Familie in Oeſterreich. — Manche in dieſem Zeitraume auf oͤffentlichen und geheimen Wegen eingelangten Nachrichten und Briefe hatten ihm die ſicherſten Beweiſe ihrer ungetruͤbten Wohlfahrt uͤberbracht. Dennoch vermochte dieß alles nicht den Prinzen zu beruhigen, und die bange Sehn⸗ ſucht des vaͤterlichen Herzens zu unterdruͤcken.— Doch war es nicht die Liebe des Vaters zu ſei⸗ nen Kindern allein; auch noch eine andere gluͤhende Neigung fand in ſeiner Seele Raum.— — 40— Einſam und verlaſſen, kein liebendes, die ſchwe⸗ ren Sorgen ſeiner Regierung theilendes Weſen zur Seite, fuͤhlte Don Carlos nach dem Abſterben ſei⸗ ner erlauchten Gemahlin Donna Maria Franziska d' Aſſiſſi nur zu ſehr die einfoͤrmige, bloß durch das Geraͤuſch des Krieges unterbrochene Stille ſeines Hoflebens. Laͤngſt hatte ſein Herz dieſen Mangel empfun⸗ den, und insgeheim auch ſeine Wahl getroffen. Doch dieſelbe oͤffentlich zu erklaͤren, verbot die nahe Verwandtſchaft mit dem Abgott ſeiner gluͤhenden Liebe, der erlauchten Prinzeſſin Donna Maria The- resia di Braganza ed Bourbon, ſeiner erhabenen Nichte. Und dennoch mußte er ſie, an deren Be⸗ ſitz ſein Lebensgluͤck gebunden war, wieder ſehen.— Nicht laͤnger vermochte ſeine Sehnſucht durch die Graͤnzen der Zukunft in den Schranken der Geduld zu verweilen.— Sein mußte ſie werden, waͤre auch der Untergang der koͤniglichen Krone mit ihrer Hand verbunden geweſen. Ein Entſchluß war eben ſo ſchnell gefaßt, als in's Werk geſetzt. Nur der roͤmiſche Hof vermochte ⁵ — 412— allein das groͤßte und wichtigſte Hinderniß der Bluts⸗ verwandtſchaft durch ſeine Dispenſation zu loͤſen. Mit allem Eifer und der einem gehorſamen Sohne der allein ſeligmachenden Kirche geziemenden Demuth verwandte ſich der Prinz daher durch einen eigenen Geſandten an den heiligen Vater, und von den un⸗ ablaͤſſigen Bitten und Vorſtellungen deſſelben geruͤhrt, waren in kurzem alle Zweifel und Schwierigkeiten durch den Ausſpruch des roͤmiſchen Stuhles beſei⸗ tigt. Ein eigener Legat in der Perſon eines hochge⸗ ſtellten Praͤlaten ging mit der diesfalls erlaſſenen Dipsenſations⸗Bulle Seiner paͤbſtlichen Heiligkeit und der Vollmacht zum Vollzuge derſelben verſehen un⸗ geſaͤumt in das Hauptquartier der Carliſten ab. Mit Sehnſucht ſah Don Carlos der Ankunft dieſes Legaten entgegen, von deſſen Abreiſe er ſchon vorlaͤngſt die beſtimmteſte Kunde aus Rom erhalten hatte. Allein eine laͤngere Zeit verſtrich, ohne daß der ſo ſehnlich Erwartete eingetroffen, und der ſo heiß gehegte Wunſch, einer baldigen Vermaͤhlung mit Donna Maria Thereſia in Erfuͤllung gegangen waͤre. — 2— Die Sorgen um das Schickſal dieſes Geſandten waren es daher, die beſonders heute die Stirne des Praͤtendenten mit den Wolken eines tiefen, duͤſteren Sinnens umzogen hatten. 4. 8 Mit ernſtem Antlitz und langſamen Schritten durchmaß Don Carlos das Gemach. Ein lauteres Geſpraͤch des dienſthabenden Adjutanten mit einer fremden, ihm gaͤnzlich unbekannten Stimme in dem Vorzimmer des koͤniglichen Apartements ſtoͤrte den Praͤtendenten aus ſeiner Verſunkenheit. Schon ſchien der Prinz willens, ſich mit dem Ausrufe: „Que pase adelante“ ſelbſt nach der Urſache dieſer Stoͤrung zu erkundigen, als ſich die Thuͤre oͤffnete, und ein junger, ſchlank gebauter, ſchoͤner Mann, in reicher, goldgeſtickter Uniform mit der ehrerbie⸗ tigen Meldung das Gemach betrat:„Ein einfa⸗ cher Moͤnch wuͤnſche dringend und ohne ſich ab⸗ weiſen zu laſſen mit Sr. Majeſtaͤt zu ſprechen.“ Bejahend winkte der Infant, und der Ange⸗ meldete, ein ſtarker wohlbeleibter Moͤnch, von Staub — 3— und Schweiß bedeckt, ſchritt in kraftloſer Erſchoͤpfung, mit tiefgeſenktem, glattgeſchorenem Haupte in das Gemach.. —„Ihr Name und Anbringen?“ herrſchte Don Carlos dem Eintretenden mit keineswegs freundli⸗ cher Stimme entgegen. „adre Felippo,“ erwiederte keuchend der Be⸗ fragte, und ein kaum bemerlbares Laͤcheln uͤberflog ſeine wohlgenaͤhrten Zuͤge. —„Laſſen Sie uns allein, Fuͤrſt Lichnowsky,“ ſprach ſchnell der Prinz, als wollte er jeder weitern Er⸗ oͤrterung des Paters zuvorkommen, waͤhrend eine will⸗ kommene Ueberraſchung ſich auch in ſeinem Antlitz kund gab. Schweigend entfernte ſich der Adjutant. Der Prinz und ſein geheimnißvoller Beſuch waren allein. —„Ew. Eminenz kommen von Rom? Sie ſind mir tauſendmal willkommen,“ ſprach nach einer klei⸗ nen Pauſe Don Carlos, und eine eilige Handbe⸗ wegung ſchob dem einfachen Moͤnche den eigenen Armſtuhl entgegen.. Mit tiefer, ehrerbietiger Verneigung, ohne von der hohen Herablaſſung Gebrauch zu machen, ver⸗ 4 — 44— weigerte der in dieſer Verkleidung kaum erkennt⸗ liche Legat den dargebotenen Sitz, indem er in demſelben Augenblick ſich ſeiner Miſſion in feierli⸗ cher Haltung und mit erhobener Sprache zu entle⸗ digen begann: —„Se. Heiligkeit, Pabſt Gregor XVI. haben die Wuͤnſche des getreuen Sohnes Ihrer Kirche mit vaͤterlichem Wohlgefallen vernommen, und die durch den Geſandten Eurer Majeſtaͤt zu Ihrem Throne niedergelegte Bitte, nach wohlerwogener, reiflicher Ueberlegung, auch zu erfuͤllen beſchloſſen. Dieſemnach haben Se. Heiligkeit Kraft der Ihnen von Oben, dem Urſprunge alles Lichtes und der Gnade, verliehenen Macht und Gewalt, mich, Ih⸗ ren unwuͤrdigen Diener, mit dem Vollzuge der er⸗ theilten Dispenſation beauftragt, und zu dieſem Behufe als außerordentlichen Legaten des apoſtoli⸗ ſchen Stuhles mit der hoͤchſten Weihung nach Spanien abgeſandt, Euer Majeſtaͤt die paͤbſtliche Bulle Sr. Heiligkeit eigenhaͤndig zu uͤberreichen, und erſt nach dem Vollzuge derſelben wieder nach Rom zuruͤckzukehren. 45— Tiefen Athem holend hatte der Legat geendet. Mit freudiger Haſt ergriff Don Carlos das dargereichte mit dem paͤbſtlichen Siegel in goldener Kapſel verſehene Pergament. Ein gluͤhender Kuß auf die Rolle gab durch die leiſe vor ſich hingehauch⸗ ten Worte:„O mia Theresita, mehr die Gefuͤhle der hoͤchſten Freude, als die Verehrung der apoſto⸗ liſchen Bulle zu erkennen. —„Euer Eminenz ſind doch gluͤcklich in Spanien angelangt?“ begann der Prinz nach einer Pauſe wieder, und eine Bewegung ſeiner Hand wies den Praͤlaten von Neuem an, ſich des fruͤher uͤberreichten Stuhles zu bedienen. —„Nur ſchwer gelang es dem Legaten, Euer Majeſtaͤt,“ entgegnete dieſer, indem er ſich mit aller Gemaͤchlichkeit in den nebenſtehenden Armſtuhl niederließ;„doch die heilige Kirche hat ihren unwuͤrdigen Diener,“ fuhr er mit frommer Salbung fort,„erleuchtet und ihm die Kraft gege⸗ ben, alle Gefahren ſtandhaft zum Lobe und Preiſe Gottes zu uͤberwinden.“ —„Bendito sia Dios, erwiederte der Prinz mit andaͤchtiger Neigung des Hauptes, und ein mitnu⸗ tenlanges Stillſchweigen trat auf beiden Seiten ein. „Euer Eminenz duͤrften wohl der Ruhe noͤthig ha⸗ ben,“ begann Don Carlos in wenigen Augenblicken wieder, und ein ſchrillender Klingelzug berief mit dieſen Worten zugleich den dienſthabenden Adjutan⸗ ten in das Gemach.— Schnell trat dieſer herein. —„Fuͤrſt Lichnowsky,“ rief der Infant dem Eintretenden entgegen,„ich ſtelle Ihnen hiermit Se. Eminenz, Monſignor T**, den Legaten Sr. paͤbſt⸗ lichen Heiligkeit vor. Beſorgen Sie ſchnell und un⸗ geſaͤumt Alles, was die Bequemlichkeit und Ruhe Sr. Eminenz erfordert.“ Ein gnaͤdiger Wink und die Worte:„ich er⸗ laube mir, Euer Eminenz fuͤr jetzt zu entlaſſen,“ deu⸗ tete Beiden ihre Entfernung an. Mit tiefer Verneigung ertheilte der Legat dem Prinzen den apoſtoliſchen Segen, und von dem Ad⸗ jutanten begleitet ſchritten Beide langſam in die fuͤr denſelben eilig zubereiteten Gemaͤcher. Haſtig war Don Carlos indeſſen an einen mit Buͤchern, Karten und Papieren verſchiedener Art ₰ℳ — 41— uͤberfuͤllten Schreibtiſch getreten. Aus einem gehei⸗ men Fache deſſelben holte ſeine Hand einige Schrif⸗ ten hervor. Sorgſam ſchied er dieſe in zwei Thei⸗ le, und beide mit einem eigenen Umſchlage verſehend, beſiegelte er dieſelben mit einem großen, einem Staatsſiegel nicht unaͤhnlichen Stempel. Abermals berief ein Klingelzug den Offizier du jour in das Gemach, der nach den kurz zugerufenen Worten: „Marques Dobando“ ſich ſchnell wieder wandte, den Befehl des Prinzen zu vollziehen. Bald erſchien der Gerufene. —„Ich habe Sie, Marques Dobando,“ be⸗ gann Don Carlos auf den Ankommenden freundlich zugehend,„ich habe Sie mit einer fuͤr mich, meine Familie und mein Reich hoͤchſt wichtigen Sendung bedacht. Sie werden ſich ſo ſchnell als es die Zu⸗ bereitungen einer laͤngern und weitern Reiſe erlau⸗ ben, nach Salzburg an den Hof meiner erhabenen Nichte, Donna Maria Theresia di Braganza ed Bourbon verfuͤgen, und der Prinzeſſin von Beira die Ihnen hier uͤbergebenen Briefe perſoͤnlich uͤberreichen.“ Zu gleicher Zeit empfing der Marquis mit ſtummer — 48— ehrfurchtsvoller Verbeugung die beiden erwaͤhnten Pakete aus den Haͤnden des Prinzen. —„Dieſe darin enthaltene weitere Inſtruktion,“ fuhr Don Carlos fort,„wird Ihnen meine ſonſti⸗ ge Willensmeinung kund geben; doch haben Sie dieſelbe erſt in Salzburg zu eroͤffnen, und ſich dann genau an die darin verzeichneten Anordnungen zu halten.— Uebrigens bleibt dieſe Sendung hier und dort ein unverbruͤchliches Geheimniß, fuͤr deſſen 1 Mißbrauch Ihre zuruͤck verbleibende Familie und Sie ſelbſt, Marquis, mit Ihrem Leben haften.“ Mit ſtummer Ehrerbietung verbeugte ſich dieſer abermals, indem er, beide Brieftaſchen wohl in ſei⸗ ner Bruſt verwahrend, ſeine gaͤnzliche Entlaſſung zu erwarten ſchien. Mit gnaͤdiger Herablaſſung reichte der Prinz ſeinem Geſandten die Hand zum Kuſſe, und mit den wenigen Worten: reiſen Sie mit Gott und gedenken Sie der Gnade Ihres Mo⸗ narchen und ſeiner Befehle, war der Marquis der fernern Gegenwart enthoben. Vier Stunden ſpaͤter erblickte man den Reiſewagen des Marquis Dobando auf dem Wege nach Oeſterreich. 5. In tiefem Winterſchlafe ruhten Salzburgs weite ſegensreiche Fluren. Der erſt vor kurzem ſtark und hochgefallene Schnee hatte Feld und Wald, ſo wie das zahlloſe Daͤchergewirre der Stadt mit einem weißen, blen⸗ denden Leichentuche uͤberzogen. Truͤbe und ſchwer hingen die dunkelgrauen Wolkenmaſſen auf die Erde nieder, als wollten ſie jeden Augenblick ihren eiſi⸗ gen Inhalt auf dieſelbe entleeren. Einſam und oͤde lagen die Straßen der Stadt; verſchloſſen waren die Pforten der Haͤuſer; Alles hatte ſich zur ſchuͤ⸗ tenden Waͤrme des heimathlichen Heerdes zuruͤck⸗ gezogen. In dem von der Prinzeſſin von Beira und ih⸗ rem Gefolge bewohnten Schloſſe allein zeigte ſich ein lebhafteres, von dem Schleier eines tiefen Ge⸗ heimniſſes ſorgſam verhuͤlltes Treiben. In einem großen, mit den koſtbarſten Tapeten reich und geſchmackvoll ausgeſchmuͤckten Saale wa⸗ ren alle zu dem Hofſtaate der Prinzeſſin von Bei⸗ Spiegelbilder. II. 4 .— 50— ta, des Prinzen von Aſturien und der jungen In⸗ fantenfamilie angehoͤrigen Perſonen in tiefſter Stille und einem wortloſen Schweigen verſammelt. Unter einem hohen, mit Gold geſtickten und goldenen Franzen reich beſetzten Thronhimmel ſtand die Prinzeſſin ſelbſt auf mehreren von der Erde er⸗ habenen und mit koſtbaren Teppichen bedeckten Stu⸗ fen. Nachlaͤſſig ſtuͤtzte ſich ihre Rechte auf die Arm⸗ lehne des prachtvollen, hinter ihrem Ruͤcken befind⸗ lichen Thronſeſſels. Ein weißes ſchweres Stoffkleid umfloß im wallenden Faltenwurf die uͤppig ſchoͤnen Formen, und ein blitzender Diamantenſchmuck um⸗ ſtrahlte den blendend weißen Nacken und die hohe, freie Stirn mit koͤniglichem Glanze. In die Uni⸗ form des Lanzier⸗Regiments von Toloſa gekleidet, ſtand zu ihrer Seite der jugendliche Prinz von Aſturien. Jetzt wurde die Ankunft des Marquis Doban⸗ do, wirklichen Kammerherrn, Geſandten und au⸗ ßerordentlichen Bevollmaͤchtigten Sr. Majeſtaͤt Karls V. Koͤnigs von Spanien gemeldet.— Die hohen Thuͤren des Saales flogen auf, und in reicher goldgeſtickter Staatsuniform nahte dieſer — à— in dreimaliger tiefer Verbeugung den Stufen des Thrones. Mit einem freundlichen Winke zeigte ſich die Prinzeſſin bereit, die ihr ſchon fruͤher, im geheimen Verkehr zugekommenen Briefe ihres koͤniglichen Oheims nunmehr auch oͤffentlich mit allem dem der Wichtigkeit ihres Inhalts angemeſſenen Ceremo⸗ nielle entgegenzunehmen, und mit ſtolzer, wuͤrdevol⸗ ler Haltung begann der Marquis ſeine feierliche An⸗ rede:— —„Von der tiefſten Verehrung fuͤr Eure koͤ⸗ nigliche Hoheit durchdrungen und feſt uͤberzeugt von dem Gluͤcke, das dem durch den langen Zwie⸗ ſpalt der verſchiedenen Faktionen tief in ſeinen Grundfeſten erſchuͤtterten Reiche aus einer Verbin⸗ dung mit Eurer koͤniglichen Hoheit erbluͤhen wuͤrde, haben Se. Majeſtaͤt Karl V. Koͤnig von Spanien mich als außerordentlichen Botſchafter an den Hof Eurer koͤniglichen Hoheit mit dem hoͤchſt ehrenvollen Auftrage abgeſandt, die Werbung meines erhabenen Monarchen um die Hand ſeiner durchlauchtigſten Nichte, der Infantin Donna Maria Theresia di 1 4 — 52— Braganza ed Bourbon zu den Fuͤßen allerhoͤchſt der⸗ ſelben niederzulegen.— Indem ich daher im wei⸗ tern Verfolge des mir von meinem koͤniglichen Mo⸗ narchen ertheilten Auftrages Eurer koͤniglichen Ho⸗ heit die Diſpenſations⸗Bulle ſeiner Heiligkeit Pabſt Gregors XVI. zu uͤberreichen die Ehre habe, moͤgen die eigenhaͤndigen Briefe Sr. Majeſtaͤt Karls V., legitimen Koͤnigs von Spanien, zugleich meinen Auf⸗ trag zu dem ungeſaͤumten Vollzuge der feierlichen Vermaͤhlung beglaubigen.“— Langſam nahte eine Ehrendame der Prinzeſſin, um die Briefſchaften aus den Haͤnden des Marquis zu uͤbernehmen und dieſe ihrer fuͤrſtlichen Gebieterin auf einem goldgeſtickten Kiſſen zu uͤberreichen, in⸗ deſſen ein Gemurmel der freudigſten Ueberraſchung den weiten Saal durchflog.— Eine roſige Roͤthe uͤberzog das reizende Antlitz der Prinzeſſin, als ſie jetzt mit leiſer, von den tie⸗ fen Empfindungen ihres Herzens faſt erſtickter Stim⸗ me die feierliche Rede des Geſandten beantwortete. —„Die Wuͤnſche Sr. Majeſtaͤt, meines koͤnig⸗ lichen Oheims, koͤnnen mir nur hoͤchſt ehrenvoll und angenehm erſcheinen, ſo wie Sie, Herr Marquis Dobando, als Ueberbringer derſelben an meinem Hofe hoͤchſt willkommen ſind. So moͤge denn auch in Gegenwart Sr. koͤniglichen Hoheit des Priilzen von Aſturien und in der Mitte meines treuen Gefol⸗ ges, deſſen Liebe und Treue fuͤr ihre kuͤnftige Koͤni⸗ gin mir das tiefe Geheimniß dieſes Augenblicks ver⸗ buͤrgt, die Vollziehung jener heiligen Handlung ſtatt finden, zu deren ſchneller, ungeſaͤumter Vor⸗ nahme Se. Majeſtaͤt Sie Herr Marquis als au⸗ ßerordentlichen Botſchafter an meinen Hof abgeſen⸗ det haben.“— Die Prinzeſſin hatte geendet. Auf ein leiſes Zeichen rollte ein weiter Vorhang, der die rechte Seite des Saales bisher verhuͤllt hatte, raſch aus einander, und auf einem kleinen, mit weißem Atlas bedeckten Tiſche blickte ein hohes goldenes Kreuz mit dem Bilde des Erloͤſers, von zwei brennenden Wachskerzen auf ſchweren ſilbernen Leuchtern umge⸗ ben, den Anweſenden entgegen. Mit huldvollem Laͤcheln ſchritt die Prinzeſſin langſam die Stufen des Thrones nieder, an deren — 54— Ende ſie der Marquis Dobando empfing und ſich zu ihrer Linken begab; indeſſen der Prinz von Aſtu⸗ rien ſeinen Platz zur Rechten einnahm. Von zwei Kammerfrauen gefolgt, die das aͤußerſte Ende der Schleppe trugen, ſchritt die koͤnigliche Braut mit ſtolzer Wuͤrde dem Altare zu, vor dem Padre Joſe, der Beichtvater der Prinzeſſin, ein vorgeruͤckter ſil⸗ berhaariger Greis, im reichen Pluviale die Kommen⸗ den mit dem goldenen Weihkeſſel erwartete. Auf einem reich mit Gold geſtickten Ruhekiſſen ließ ſich jetzt die Prinzeſſin nieder. Zu ihrer Rech⸗ ten kniete auf einem gleichen Polſter der Marquis. Wenige Schritte ruͤckwaͤrts ſtand der Prinz von Aſturien. Den weitern Raum erfuͤllte das uͤbrige Gefolge. Mit lauten, vernehmbaren Worten richtete der greiſe Prieſter die Fragen der gewoͤhnlichen Formel an die erlauchte Braut und den Stelrvertreter ihres koͤniglichen Gemahls, und mit heller, freudig erregter Stimme erfolgte die Antwort der Prinzeſſin und des Geſandten. ie Auf einem goldenen mit Juwelen beſetzten Tel⸗ — 55— ler brachte nun der erſte dienſthabende Kammerherr die einfachen goldenen Ringe, das Symbol der ſte⸗ ten, unzertrennlichen Liebe und Treue. Mit inniger tiefer Erſchuͤtterung ſprach der greiſe Prieſter ſeinen Segen uͤber ſie, an die ſich nicht allein das Wohl und Weh des koͤniglichen Brautpaares, ſondern auch das dauerhafte Gluͤck eines ganzen Reiches feſt und innig verknuͤpfte. Bald erblickte man beide an den roſigen Fingern der Prinzeſſin von Beira.— Die Ceremonie war beendet, und das halblaute, aber vernehmbare: „Viva el Rey Carlo V., ed viva Reyna Theresia!« ſaͤmmtlicher Anweſenden begruͤßte jetzt Spaniens zweite Koͤnigin. Die ſteife Sitte des Hoflebens war voruͤber. Langſam zerſtreute ſich Alles, nur der Marquis folgte der Koͤnigin in ihre Gemaͤcher, um hier die Auftraͤge und Briefe derſelben an ſeinen erhabenen Monarchen zu uͤbernehmen, und dieſe ungeſaͤumt nach Spanien zuruͤckzubringen. Bald war Marquis Dobando wie im Fluge wieder in dem Hauptquartiere der Carliſten zu — 56— Eſtella eingetroffen, und mit unverhohlenem Wohl⸗ wollen von Don Carlos empfangen, durchflog die⸗ ſer mit freudigem Entzuͤcken die ihm uͤberbrachten Briefe ſeiner koͤniglichen Gemahlin—— Wenige Wochen ſpaͤter ward dem Marquis ein neuer, dießmal weit gefahrvollerer Auftrag zu Theil, und in kurzer Zeit erblickte man denſelben zum zwei⸗ tenmale auf dem Wege nach Oeſterreich: um der Prinzeſſin die ſichere Kunde von ihrer baldigen Ruͤck⸗ kehr nach Spanien mitzutheilen und den dießfaͤlligen Plan genauer zu verabreden. 6. In raſchem, eiligem Laufe jagten zwei keuchen⸗ de ſchweißbedeckte Poſtpferde, vor eine leichte Chaiſe geſpannt, auf der von Salzburg fuͤhrenden Straße nach Wien zu. Unaufgehalten rollte der Wagen zur Mariahuͤl⸗ fer Linie herein, die Leimgrube hinab, das Burg⸗ thor hindurch, und bog jetzt in einer ſchnellen Wen⸗ dung nach der Herrengaſſe hin, indem er dort vor — 55— einem langen, linker Hand befindlichen, ein Stock hohen Gebaͤude ploͤtzlich anhielt. Ehrerbietig luͤftete der, den Eingang deſſelben bewachende, in Staatslivrée gekleidete Portier ſei⸗ nen Hut. Raſch oͤffnete ſich der Schlag des Wa⸗ gens, und mit gleichen Schritten ſprang jetzt ein noch junger Mann in Reiſekleidern mit der eilig hin⸗ geworfenen Frage:„Iſt der Graf zu Hauſe?“ aus demſelben.— Ohne die bejahende Antwort des Thorhuͤters abzuwarten, ſchritt er ſchnell uͤber den erſten Hof des weitlaͤufigen Hauſes eine zur Rechten deſſelben befindliche Treppe hinan, und ſtand nun in einem kleinen, mit wenigen Dienern angefuͤllten Vorge⸗ mache, die ſich bei ſeinem Eintritt von ihren Sitzen erhoben, um die Wuͤnſche deſſelben zu erfragen. —„Sind Se. Excellenz zu ſprechen?“ war die Gegenfrage des Fremden mit ziemlich barſchem Tone. —„Wen ſoll ich melden?“— gab ein Diener zur Antwort, indem er den Fremden zugleich mit einem meſſenden Blicke von oben bis hinab in Au⸗ genſchein nahm. — 58— —„Baron M. aus Salzburg,“ war die Antwort. 3 Als uͤbte dieſer Titel eine eigene Zauberkraft in der unheimlichen Luft dieſes Gemaches, verſchwand eilend der Diener, und in kurzem oͤffnete ſich vor dem Unbekannten die in das Kabinet des Grafen von S;* fuͤhrende Tapetenthuͤre. —„Bringen Sie Neuigkeiten, Baron?“— rief der Graf, ein aͤltlicher aber noch immer ſchoͤner Mann in hoͤhern Jahren, dem Eintretenden entge⸗ gen, ohne ſeinen Sitz zu verlaſſen, oder von der ihn an ſeinem Schreibtiſch beſchaͤftigenden Arbeit aufzuſehen. 4 —„Wichtige und dringende Nachrichten, Euer Excellenz,“ antwortete der Fremde. Schnell erhob ſich bei dieſen Worten Graf S“, und mit wenigen Schritten trat er ſeinem Gegner mit der Aufforderung naͤher:„Laſſen Sie dieſelben hoͤren.“ —„Im Schloſſe zu S. geht etwas vor,“ begann dieſer mit leiſer, geheimnißvoller Stimme, als fuͤrchte er von Jemand gehoͤrt zu werden. — 59— —„Reden Sie offen und laut, Baron, hier belauſcht uns niemand,“— fiel der Graf mit freundlichem, aber abgemeſſenem Tone dem Frem⸗ den in die Rede. —„Die Prinzeſſin von Beira,“ fuhr dieſer, der Aufforderung gehorchend, lauter in ſeinem Be⸗ richte fort,„hat vor wenigen Tagen einen Reiſen⸗ den aus Spanien, der unter dem Namen Graf Cuſtine und dem Charakter eines franzoͤſiſchen Of⸗ fiziers in Salzburg eintraf, bei ſich empfangen.“ —„Iſt der Inhalt ſeiner Sendung Ihnen be⸗ kannt geworden?“ frug der Graf, indem er den erwaͤhnten Namen des Offiziers auf ein Blatt Pa⸗ pier notirte. —„Bis jetzt nicht, Euer Excellenz. Nur be⸗ merkt man das Herrichten mehrerer Waͤgen, und eine ſonſt ungewoͤhnliche Thaͤtigkeit im Schloſſe, die faſt mit Gewißheit auf eine nahe Abreiſe hindeu⸗ tet,“ erwiederte der Baron. —„Sonderbar,“ murmelte ſein Chef, und eine ſtumme Pauſe trat zwiſchen Beiden ein. Doch in wenigen Augenblicken des Nachden⸗ — 60— kens begann derſelbe dies Geſpraͤch wieder mit der Frage:„Iſt Graf Cuſtine noch in Salzburg an⸗ weſend?“— —„Nein,“ ſprach der Baron;„ich ließ ihn zwar auf allen Wegen insgeheim beobachten, aber bald wurde dieſe Vorſicht uͤberfluͤſſig, da er gleich nach ſeinem Empfange von der Prinzeſſin wieder abgereiſet iſt.“ —„und welchen Weg ſchlug er ein?“ fuhr der Graf in ſeinen Fragen fort. —„Nach Wien,“— erwiederte der Baron. „Doch wollen meine Leute ſeinen Wagen auch auf der Grenze von Bayern geſehen haben. Uebrigens habe ich zu beſſerer Ueberſicht alle meine Bemer⸗ kungen uͤber die letzte Zeit zu Papier gebracht, und erlaube mir, dieſelben Euer Excellenz zur Ein⸗ ſichtsnahme hier ſchriftlich zu uͤberreichen.— Allem Anſcheine nach iſt meine unmaßgebliche Meinung, daß irgend etwas im Werke ſei,“ fuhr derſelbe in ſeinem Berichte fort,„deßhalb unternahm ich perſoͤnlich dieſe Reiſe, um mir fuͤr ſolche Faͤlle die ausgedehnteren Inſtruktionen von Euer Excellenz zu erbitten. — 61— —„Es iſt gut, Baron,“ entgegnete leutſelig der Graf,„ich hoffe und erwarte von Ihrem be⸗ kannten Eifer, daß ſie der Sache bald auf den Grund kommen werden. Ihre Inſtruktionen ſollen laͤng⸗ ſtens in zwei Stunden ausgefertigt ſein, da ich mich ſogleich ſelbſt zum Fuͤrſten Staatskanzler begeben werde, um mir dieſerhalb von ihm die noͤthigen Befehle und Verhaltungsmaßregeln zu erbitten.“ Der junge Mann entfernte ſich. In wenigen Minuten ließ Graf S' ſeinen Wagen vorfahren, und bald ſtand er ſelbſt in dem Arbeitszimmer des allgewaltigen, erſten Diplomaten Europas.— —„Bon jour, 8*,“ rief dieſer dem Eintretenden entgegen; indem er dem Grafen auf wenige Schrit⸗ te entgegentrat.„Was fuͤhrt Sie zu mir?“ —„Baron Mr hat mir den geheimen Rap⸗ port aus Salzburg perſoͤnlich uͤberbracht,“ ſprach dieſer, indem er dem Fuͤrſten die von dem Erſtern empfangenen Papiere uͤberreichte. —„So,“ entgegnete freundlich der Staats⸗ kanzler—„nun, bei Gelegenheit werde ich denſelben durchſehen.“— — 62— —„Erlauben mir Eure Durchlaucht, Sie auf die Wichtigkeit dieſes Rapports aufmerkſam zu ma⸗ chen.— Es ſollen, wie mich Baron M** verſichert hat, Vorfaͤlle von Bedeutung im Schloſſe ſtattfin⸗ den,“ bemerkte ſchnell der Graf, dem dieſe Verzoͤge⸗ rung unangenehm zu ſein ſchien. —„Wirklich?“ entgegnete mit einem leich⸗ ten Laͤcheln der Fuͤrſt, indem er demohngeachtet die Papiere ungeleſen auf ſeinen Schreibtiſch fal⸗ len ließ. —„Ganz gewiß,“ verſicherte Graf S'. „Nicht umſonſt waͤre der Baron ſonſt perſoͤnlich nach Wien gekommen, und bei mir unmittelbar vorge⸗ fahren. Auch wuͤnſche ich, Euer Durchlaucht woll⸗ ten fuͤr dieſen Fall geruhen, mir Ihre beſondern Befehle zu ertheilen.“ —„Mit Vergnuͤgen, lieber Praͤſident, wenn es noͤthig ſein ſollte. Fuͤr jetzt habe ich keine an⸗ dern, als die ihnen bereits fruͤher bei der Ankunft der Prinzeſſin bekannt gewordenen Anordnungen.“”“ Erſtaunt blickte der Graf auf den Fuͤrſten, indem er wie zagend noch die leiſe Einwendung hin⸗ „ 1 — 63— zuwerfen wagte:„Wenn ſich jedoch ein außeror⸗ dentlicher Fall wirklich zutragen ſollte?“ —„Den ich ſchon nicht wuͤßte?“ fiel der Kanz⸗ ler mit bedeutſamen Laͤcheln dem Grafen in die Re⸗ de, doch ſchnell einlenkend, ſprach er gleich darauf: „dann, lieber S, fragen Sie wieder bei mir an.“— Das dienſtliche Geſpraͤch der beiden gewaltigen Wuͤrdentraͤger Oeſterreichs war mit dieſen Worten beendigt, und nach einer kurzen gleichguͤltigen Un⸗ terhaltung ſchieden Beide von einander. Zwei Stunden ſpaͤter reiſte der Baron nicht kluͤger als fruͤher ohne alle Inſtruktion wieder nach Salzburg ab. Seine Ahndung hatte ihn nicht getaͤuſcht. Bald ſollte der wichtige Vorgang ins Leben treten. 7. Ein und eine halbe Stunde von Salzburg ent⸗ fernt liegt in einer romantiſch reizenden Gegend das ſchoͤn und hoch gelegene Schloß Goldberg. So wie der herrliche Park zu Aigen, von der 64— Natur gebildet, bloß durch die Kunſt und die Be⸗ muͤhungen ſeines großherzigen Schoͤpfers, Fuͤrſten Ernſt zu Schwarzenberg, dem allgemeinen Ver⸗ gnuͤgen zugaͤnglicher gemacht wurde, ſo gehoͤrt auch dieſes dem Stifte zu St. Peter angehoͤrige Schloß zu jenen reizenden Umgebungen Salzburgs, die ih⸗ rer Entfernung wegen ſeltener von Einheimiſchen, deſto oͤfterer aber von Fremden beſucht werden. Es war ein ſchoͤner heiterer Septembertag des Jahres 1838, als man auf dem dahin fuͤhrenden Wege mehrere Perſonen zu Pferde erblickte, die ihre Richtung nach dem Schloſſe ſelbſt nahmen.— Nur wenige heitere Tage hatte der Sommer dieſes Jahres den Freunden der freien Natur dar⸗ geboten, und eilend mußte man die ſchoͤne heitere Zeit des herannahenden Herbſtes genießen, wenn nicht der Winter auch dieſen Genuß in Eis und Schnee verwandeln ſollte.— Heiß brannte die Sonne auf den kleinen Rei⸗ tertrupp nieder, an deſſen Spitze man die Prinzeſ⸗ ſin von Beira in reizender, geſchmackvoller Amazo⸗ nenkleidung, begleitet von dem Prinzen von Aſtu⸗ — 65— rien, erblickte. Mehrere Herren ihres Hofſtaates bildeten das uͤbrige Gefolge. Bald war das Schloß erreicht, und von den ermuͤdeten Roſſen abgeſtiegen, begab ſich die ganze Geſellſchaft in ein kleines zu ih⸗ rem Empfange ſchnell hergerichtetes Gemach. In tiefem Schweigen trat die Prinzeſſin an das geoͤffnete Fenſter. Faͤchelnd ſpielte das leiſe Wehen der Luͤfte in der reichen Lockenfuͤlle des glaͤn⸗ zend ſchwarzen Haares, und heiter ſchwelgte der ſeelenvolle Blick ihres Auges mit wonnevollem Ent⸗ zuͤcken in der fernen, herrlichen Ausſicht, die ſich von dieſem Standpunkte aus ihrem Blicke darbot. Aber allgemach ſchienen die Wolken eines tieferen Sinnens ihre freundliche Stirn mit einem dunkleren Schatten zu verfinſtern.— Mehrere Monate waren ſeit dem Zeitpunkte ih⸗ rer Vermaͤhlung mit Don Carlos verſtrichen, und dennoch blieb jener Augenblick noch immer unent⸗ ſchieden, in welchem es der hohen Braut geſtattet ſein wuͤrde, die Gefahren, das Gluͤck und Ungluͤck ihres koͤniglichen Gemahls zu theilen. Zu wichtig war dieſes Wiederſehen, als daß Spiegelbilder. II.. 5 — 6e6— Don Carlos ſich blindlings in ein Unternehmen ein⸗ laſſen ſollte, das leicht die Freiheit und ſelbſt das Leben ſeiner Gemahlin gefaͤhrden konnte. Briefe auf Briefe brachten der Prinzeſſin Hoffnung und Troſt, doch jeder ſchob die lang geſehnte Erfuͤllung ihrer Wuͤnſche weiter hinaus. Dieſe Gedanken be⸗ engten auch heute das Herz der Prinzeſſin, und perlend rollten mehrere heiße Thraͤnen uͤber die bluͤ⸗ thenweißen, nachlaͤſſig auf die Fenſterbruͤſtung ge⸗ lehnten Arme nieder. Leiſe draͤngte ſich ihrem In⸗ nern die Frage auf:„Welches Ende wird Spaniens Partheien⸗Spaltung nehmen, und werde ich wohl bald jenes Gluͤck an der Seite meines koͤniglichen Gemahls genießen, das ich jetzt durch ſo lange bit⸗ tere Entfernung ſchmerzlich erkaufe?“ Unbeantwor⸗ tet blieb die erſte, doch fruͤher als ſie es gedachte, ſollte die zweite Frage bejahend erwiedert werden denn ſo eben meldete man der Prinzeſſin einen Frem⸗ den, der von Salzburg kommend, ſie hier aufge⸗ ſucht habe und dringend zu ſprechen wuͤnſche. Es war der Graf Cuſtine, von Geburt ein Franzoſe, den Don Carlos aus eben dieſer Urſache, — 67— um jeden Verdacht deſto leichter zu beſeitigen, zu dem gefahrvollen Auftrage auserſehen hatte, die Prinzeſſin von Beira, ſeine koͤnigliche Gemahlin, ins Geheim aus Salzburg abzuholen, und ſicher und ungefaͤhrdet nach Spanien zu geleiten. Zu die⸗ ſem Behuf in Salzburg eingetroffen und von der Abweſenheit der Prinzeſſin und dem Orte ihres Auf⸗ enthalts in Kenntniß geſetzt, war derſelbe ohne Ver⸗ zug nach Goldberg geeilt, um hier deſto ungehin⸗ derter der Prinzeſſin ſeinen zur Ausfuͤhrung vorbe⸗ reiteten Plan mitzutheilen und die Genehmigung deſſelben einzuholen. Ehrerbietig trat Graf Cuſtine an die Seite der Knigin, und bald waren Beide in ein tiefes, lang anhaltendes Geſpraͤch verflochten, von welchem der Prinz von Aſturien und das Gefolge ſelbſt nichts vernehmen konnten, da es zu leiſe und in zu weiter Entfernung von jenem Tiſche vor ſich ging, den dieſe umgeben hatten, um jene Erfriſchungen zu ſich zu nehmen, mit denen die Tafel in aller Eile reich⸗ lich beſett worden war. In kurzer Zeit beendigte auch die Prinzeſſin das 5* — 68— geheimnißvolle Geſpraͤch. Mehr als fruͤher bot nun ihr reizendes Antlitz wieder das Gebilde einer unge⸗ ſtoͤrten Heiterkeit dar. Eine roſige Hoffnung leuch⸗ tete aus demſelben und ſpiegelte ſich in dem klaren Strahle ihres Auges, als ſich bald darauf der Graf wieder entfernte. Immer tiefer ſanken indeſſen die gluͤhenden Strahlen der Sonne in roſigem Wiederſchein hinter den fernen, dichtbelaubten Bergen nieder, und im⸗ mer kuͤhler wehten die leiſen Abendluͤfte durch das Gemach. Sie mahnten die Geſellſchaft zum Auf⸗ bruch nach Salzburg. Bald erhoben ſich Alle; raſch wurden die ausgeruhten Pferde vorgefüͤhrt, mit ihren Begleitern hinter langen, nachzic Staubwolken in der Fern verſchwunden. 8* Bereits auf dem Wege bemerkte das Gefolge nicht ohne Unruhe den erfaßt, leiſe erzittern, und immer ſe icher⸗ ue les der Ankunft im Schloſſe entgegen, kurzer Zeit erreichte. und ſchon in wenigen Augenblickn war die Prinzeſſin cht bekleideten Koͤrper der Prinzeſſin wie von einem unwillkuͤhrlichen Schauer 3 — 69— Kaum in ihren Gemaͤchern angelangt, beklagte ſich die Prinzeſſin uͤber das Gefuͤhl einer auffallen⸗ den Kaͤlte. Schnell ward dieſelbe zu Bette gebracht und zur Vorſorge der Leibarzt eilend herbeigerufen. Auch dieſer fand die Wahrnehmung des Gefolges und das eigene Gefuͤhl der Prinzeſſin beſtaͤtigt, den Puls der hohen Kranken ſehr erregt und daher drin⸗ gend noͤthig, durch die allſogleiche Anordnung von Arzneien dem Uebel in ſeinem Entſtehen vorzubeugen. In wenigen Minuten verbreitete ſich die Nach⸗ richt von dem ploͤtzlichen Unwohlſein der Prinzeſſin mit Blitzesſchnelle in der Stadt und den naͤchſten umgebungen.—— . Wenige Stunden ſpaͤter, als die tiefe Ruhe die Fittige des Schlafes bereits uͤber die muͤden Bewohner der Stadt ausgebreitet hatte, begab ſich das ſaͤmmtliche Gefolge der Prinzeſſin auf ihren Be⸗ fehl in das Schlafgemach derſelben, nicht wenig er⸗ ſtaunt, ihre noch vor wenigen Minuten ſchwer er⸗ krankt geglaubte Gebieterin ploͤtzlich wohl und ge⸗ ſund wieder außer dem Bette anzutreffen. Bald ſollte ſich fuͤr ſie das Raͤthſel loͤſen, denn mit ernſter, oft von Thraͤnen durchhauchter Stim⸗ me begann die Prinzeſſin die Verſammlung mit den Worten anzureden: —„Der Wille meines koͤniglichen Gemahls beruft mich und ſeinen Sohn, den Prinzen von Aſturien, aus Euerer Mitte in ſein Reich,— Euch, mein treues Gefolge, laſſe ich hier zuruͤck; denn auf Euch habe ich das Gelingen meiner Entfernung ge⸗ baut. Die Stadt glaubt mich krank. Nur dieſe Taͤuſchung kann meine Abreiſe ungehindert vor ſich gehen laſſen. Euch liegt es ob, alles ſo lange in dem Glauben an meine wirkliche Krankheit zu erhal⸗ ten, bis die Nachricht von meiner gluͤcklichen An⸗ kunft in Spanien hier anlangt. Erſt dann moͤgt Ihr eine Verſtellung aufgeben, die durch Erreichung ihres Zweckes entbehrlich geworden iſt. Feſt auf die Anhaͤnglichkeit Eurer Herzen an meine Perſon rechnend, lege ich die Bewahrung dieſes Geheimniſ⸗ ſes in Eure Haͤnde, in der ſichern Ueberzeugung, daß niemand, der Spanien und ſeine kuͤnftige Koͤnigin liebt, den Verrath an meiner Perſon und meinem Vorhaben begehen werde. Iſt mein Ziel erreicht, — 71— dann moͤgt auch Ihr nach Spanien wiederkehren und Euch um eine Gebieterin ſammeln, welche die Erinnerung an Eure Treue, und das, durch Euer Hierbleiben dargebrachte, manchem aus Euch viel⸗ leicht ſchwer erſcheinende Opfer als das ſchoͤnſte An⸗ gedenken Eurer Liebe in ihrem Herzen bewahren wird.“——— Der einſtimmige Ruf:„Sangue ed vida por nuestra reina!“ beantwortete ihre Rede. Freundlich reichte die Prinzeſſin jedem Einzelnen die Hand zum Kuſſe dar, kaum im Stande jene Thraͤnen zu unterdruͤcken, die perlend uͤber ihre Wangen floſſen. Schluchzend draͤngten ſich Alle hinzu, Abſchied von der Prinzeſſin zu nehmen, die in Kurzem Salzburg zu verlaſſen willens war, und ihre treuen Diener, nur durch die Hoffnung eines baldigen Wiederſehens getroͤſtet, entließ. Mit dem Ordnen der Juwelen und Koſtbarkei⸗ ten, welche die Prinzeſſin mit ſich zu nehmen ent⸗ ſchloſſen war, verging die uͤbrige Zeit.— Bald traf die Stunde der Entfernung ein, und mit feſtem Muthe eilte die hochherzige Dame, dem Rufe ihres — 72— koͤniglichen Gemahls gehorchend, allen ſie erwarten⸗ den Gefahren kuͤhn entgegen. S. Aus dem Pallaſte der Staatskanzlei zu W.— trat ein aͤltlicher, modern gekleideter Mann. Gedankenvoll blieb er unter dem Thorwege ſtehen, als wolle er ſich erſt die Richtung vergewiſſern, welche er nun einzuſchlagen habe. In wenigen Se⸗ kunden hieruͤber einig, ſchritt derſelbe eilend weiter nach jener Seite hin, die zu dem einſamen und faſt ſtets menſchenleeren, ſogenannten waͤlſchen Platze fuͤhrt. Das Hotel der franzoͤſiſchen Geſandtſchaft hemm⸗ te hier ſeine Schritte. Es war ſein Ziel. Ungehin⸗ dert trat er durch das Portal die breite Treppe hinan, und ſtand jetzt in dem Vorgemache des Botſchafts⸗Bureaus. Artig frug ein Diener nach ſeinem Begehren, und kaum war der Wunſch, mit dem Grafen von St. Aulaire perſoͤnlich zu ſprechen, ſeinen Lippen ent⸗ — 73— wichen, als er auch ſchon im naͤchſten Augenblicke ſich vor dieſem befand. —„Sie wuͤnſchen?“ frug der Graf mit hoͤf⸗ licher Zuvorkommenheit den Eintretenden. —„Ich erſuche Euer Excellenz um die Viſa dieſer Paͤſſe,“ entgegnete der Fremde, indem er dem Botſchafter mehrere, groß zuſammengefaltete Papiere uͤberreichte. —„Darf ich um Stand und Namen bitten?“ verſetzte dieſer, indem er die Schriften aus den Haͤnden des Fremden empfing. 1 —„Francois Comte de Custine, Rittmeiſter in Dienſten Seiner Majeſtaͤt, des Koͤnigs der Fran⸗ zoſen,“ war die ſchnelle Antwort. —„Offizier in franzoͤſiſchen Dienſten?— iſt das ihr wirklicher Character?“ frug der Geſandte nach einem augenblicklichen Nachdenken, und feſt heftete er ſeine forſchenden Blicke auf den Fremden, indem er die Worte hinzufuͤgte:„Sie ſehen wohl, daß ich unterrichtet bin.“— Offenbar fuͤhlte ſich der Unbekannte verrathen. Schnell gefaßt, und mit ſtolzer Haltung erwiederte — 274— er daher:„Euer Excellenz moͤgen den wirklichen Kammerherrn Sr. Majeſtaͤt Karls V., Koͤnigs von Spanien...“ —„Sie wollen vielleicht ſagen, des ſpaniſchen Infanten Don Carlos,“ fiel ihm Graf St. Aulaire haſtig in die Rede—„ich bedaure, Herr Graf,“ fuͤgte er wie abbrechend hinzu:„daß meine Perſon unter dieſen Umſtaͤnden die Viſa Ihrer Paͤſſe ver⸗ ſagen muß,“ und mit einer abgemeſſenen, jedoch nicht unhoͤflichen Verbeugung ſtellte er zugleich die Papiere an ihren Beſitzer zuruͤck. Es ſchien als waͤre der Graf auf dieſen Fall vorbereitet geweſen; denn mit ſchneller Haſt und ohne durch die Weigerung des Botſchafters irre zu werden, zog er jetzt ein großes, bisher in ſeiner Bruſt verwahrtes Schreiben hervor, das er dem Geſandten mit den Worten darbot:„Erlauben Euer Excellenz, Ihnen noch dieſen Brief uͤberreichen zu duͤrfen.“. Mit unverholenem Erſtaunen uͤbernahm Graf Saint Aulaire daſſelbe. Sein fragender Blick fiel bald auf das Siegel, das den Inhalt des Schrei⸗ —%— bens verſchloß, bald auf den Grafen Cuſtine, der mit ruhiger Haltung dem forſchenden Auge des Geſandten unerſchrocken die Stirne bot. Endlich eroͤffnete dieſer die Depeſche. Mit ſchnellen Blicken durchflog ſein Auge den Inhalt derſelben, und ſchon nach den erſten Zeilen wandte er ſich wieder an den Harrenden, um dieſem die fruͤher zuruͤckgegebenen Paͤſſe wieder abzunehmen. Mit der hoͤflichen Frage:„darf ich Graf Cuſtine um die Angabe ſeiner Begleitung bitten?“ trat er ſchnell zu dem Nebentiſch, um dort die Papiere mit ſeiner Namensunterſchrift zu verſehen. Nicht ohne einen Anflug von Verlegenheit, der ſich jedoch ſchnell wieder verlor, entgegnete der Ge⸗ fragte:„Meine Frau, mein Sohn, ein Kammer⸗ maͤdchen und ein Bedienter.“ Eilig notirte Graf St. Aulaire die angegebenen Perſonen in dem Paſſe.— Das mit dem Siegel der Staatskanzlei ver⸗ ſchloſſene Schreiben ſchien dieſe Willfaͤhrigkeit her⸗ vorgebracht zu haben. Bald war Alles in Ordnung. Mit einem hoͤf⸗ lichen:„Reiſen Sie gluͤcklich, Herr Graf,“ empfing — 76— dieſer die nunmehr auch mit dem Siegel der Ge⸗ ſandtſchaft verſehenen Paͤſſe aus den Haͤnden des Botſchafters, und tief aufathmend ſtand derſelbe in wenigen Minuten wieder auf der Straße.— Langſamer als fruͤher ſchritt der Graf nun dem Kohlmarkte zu.— Eine Centnerlaſt war ſeinem Herzen entfallen, ein Theil des gefahrvollen Unter⸗ nehmens gelungen, doch noch immer nicht jede Ge⸗ fahr beſeitigt. Mit dem Gedanken an die gaͤnzliche Ausfuͤh⸗ rung der Flucht beſchaͤftigt, ſchien der Graf es nicht zu bemerken, daß ein einfach gekleideter Mann an der Ecke, der Michaelskirche gegenuͤber, ſeine Ankunft erwarte, bis derſelbe, nahe an ihn heran⸗ getreten, ihn eben anzureden willens war. —„Ah Martinito!“ rief Graf Cuſtine, in dem Fremden ſeinen Diener erkennend:„Nun Muchacho, mein Junge, haſt du Alles vorbereitet?“ —„Puedo asegurarlo a usted, ich kann es Euer Gnaden verſichern,“— entgegnete dieſer in ſpani⸗ ſcher Mundart, da er eine andere Sprache zu fuͤh⸗ ren nicht verſtand.. V ——— -— 77)— —„uUnd der Junge,—“ frug ſein Gebieter weiter:„iſt er von Allem unterrichtet, was ihm zu wiſſen noͤthig iſte—“ —„vSalgo por fiador, ich bin dafuͤr Buͤrge. Ich habe ihn bereits von Allem in Kenntniß geſetzt,“ er⸗ wiederte Martinito. —„Wo haſt Du ihn gelaſſen?“ ſprach der Graf. —„Vede sennor! dort ſteht der Chiquito,“ gab der Diener zur Antwort, indem er auf einen ſehr nett und elegant gekleideten Knaben in hoͤhern Altersjahren hinwies, der an dem Portal der Kir⸗ che weilend, das Geſpraͤch Beider mit Ungeduld beendet wuͤnſchte. Ein Wink des Grafen berief ihn in ſeine Naͤhe. —„Kannſt Du ſchweigen?—“ frug derſelbe den Ankommenden. —„Fuͤrs Geld wie's Grab,“— entgegnete keck der Knabe, an deſſen Mundart und ſonſtigem Benehmen man deutlich erkannte, daß derſelbe, dem niedrigſten Stande angehoͤrend, hier in einer Stel⸗ lung auftrat, die mit ſeinem ganzen uͤbrigen Weſen ma grellem Kontraſte ſtand. — 18— —„Geld ſollſt Du haben, ſo viel Du willſt, doch nur dann, wenn Du mir puͤnktlich gehorchſt, und kein Laut uͤber Deine Lippen koͤmmt,“ erwiederte der Graf in ernſtem und drohendem Tone. Ein vor Furcht halberſticktes„Ja“ war die einzige Antwort des Knaben, und raſch ſchritten nun alle drei dem in der Kaͤrnthnerſtraße gelegenen Gaſthofe zum wilden Manne zu, in deſſen weit ge⸗ oͤffnetem Thorwege ein leichter Reiſewagen, vor welchen ein Poſtillon ſo eben drei Pferde zu ſpan⸗ nen im Begriffe ſtand, ihrem Kommen entge⸗ genſah. Bald waren ſie in denſelben eingeſtiegen, und in groͤßter Eile verließ dieſer noch in der naͤmlichen Stunde die Reſidenz. In kurzer Zeit gewahrte man den Reiſewagen auf der Straße nach Salzburg, und immer naͤher ruͤckte der Augenblick der Entſcheidung.— 9. Es war in den Abendſtunden des 18. Septem⸗ bers des verfloſſenen Jahres. Eben ſchlug die Glocke der nahen Domkirche zu Salzburg 10 Uhr, als vor dem Gaſthofe zum gol— denen Ochſen auf der Wienerſtraße ein leichter vier⸗ ſitziger Reiſewagen, mit drei dampfenden Poſtpfer⸗ den beſpannt, ploͤtzlich anhielt. Waͤhrend der Poſtillon ein reichliches Trink⸗ geld aus den Haͤnden des auf dem Bocke ſitzenden Dieners in Empfang nahm, eilte der Beſitzer des Wagens ſelbſt, einen hochgewachſenen Knaben am Arme fuͤhrend, in die mit laͤrmenden Gaͤſten er⸗ fuͤllte Gaſtſtube. Mit zuvorkommender Unterthaͤnigkeit trat ihm die freundliche Wirthin entgegen, um nach ſeinen Wuͤnſchen zu fragen. Haſtig und mit angelegentlicher Sorge erkun⸗ digte ſich der Fremde nach der Ankunft ſeiner Frau und ihres Kammermaͤdchens, deren Erſcheinen von Iſchel an dieſem Orte er mit Sehnſucht erwarte, um mit ihnen die weitere Reiſe fortzuſetzen. Be⸗ dauernd verſicherte die Beſitzerin des Gaſthofes, ſei⸗ ner Frage keine Anwort entgegenſetzen zu koͤnnen; da ihrem Wiſſen nach die Erwarteten in ihrem Gaſt⸗ hofe bisher nicht angelangt waren; jedoch, fuͤgte ſie hinzu, koͤnnte es wohl moͤglich ſein, daß dieſelben in einem andern Hotel der Stadt ihr Unterkommen gefunden haͤtten. Mit verbindlichem Danke entfernte ſich der Fremde und ſein Sohn, um auch in den uͤbrigen Gaſthoͤfen die gleiche Nachfrage zu halten, waͤh⸗ rend der Diener beim Wagen blieb, um ſeinerſeits fuͤr die Beſpannung friſcher Pferde Sorge zu tragen. Eine geraume Zeit verſtrich. Laͤngſt ſchon wa⸗ ren die Pferde vorgeſpannt, und mit einem halblau⸗ ten Fluchen uͤber die Verſpaͤtung der Abfahrt ſah der Poſtknecht der Ankunft des Reiſenden im⸗ mer ungeduldiger entgegen. Endlich erſchien dieſer mit dem jungen Manne wieder, doch Beide kamen allein. Sie hatten die Geſuchten aller Nachforſchun⸗ gen ungeachtet nicht auffinden koͤnnen. Eben ſchien der Fremde willens, den Wagen zu beſteigen und die Reiſe ohne Frau und deren Maͤdchen weiter fortzuſetzen, als ploͤtzlich ein Lohn⸗ eutſcher im eaſchen Laufe die Straße herab fuhr und — 81— nun bei der Kutſche des Fremden ſtill hielt. Aus dem geoͤffneten Schlage deſſelben ſtiegen zwei weib⸗ liche Geſtalten. Es waren die Erwarteten. Mit freundlicher Vertraulichkeit, aber auch mit einem zuͤrnenden Ver⸗ weiſe uͤber ihr verſpaͤtetes Eintreffen empfing ſie der Fremde. In ſeiner Begleitung beſtiegen ſie ſaͤmmt⸗ lich ohne irgend weitern Aufenthalt den Reiſewagen, und durch ein reichlich zugeſichertes Trinkgeld den Poſtillon zu einem ſchnellern Fahren ermunternd, lag Salzburg bald weit hinter ihrem Ruͤcken.— Die Flucht war vollſtaͤndig gelungen, die Prin⸗ zeſſin von Beira und der Prinz von Aſturien durch die ſinnige Vorſorge des Grafen Cuſtine gluͤcklich aus Salzburg entkommen. Auf ſcharfſinnige Weiſe hatte der Graf das Vertrauen ſeines koͤniglichen Monarchen gerechtfertigt. Jener Knabe, in deſſen Begleitung er in Salz⸗ burg angekommen, diente dazu, ſeine Stelle dem jugendlichen Prinzen von Aſturien abzutreten, den Graf Cuſtine waͤhrend ſeiner laͤngern Abweſenheit von dem Gaſthofe perſoͤnlich aus dem Schloſſe ab⸗ Spiegelbilder. II. 6 — 82— geholt hatte, indeſſen der ihn begleitende Knabe dort zuruͤckbleiben mußte. Die Prinzeſſin ſelbſt, durch den Grafen von dem Augenblicke ihrer Flucht in Kenntniß geſetzt, verließ bei ſeinem Erſcheinen alſo⸗ bald das Schloß, um einen ſchnell in Bereitſchaft geſetzten Lohnkutſcher⸗Wagen zu beſteigen und auf einem andern Wege gleichzeitig bei dem Gaſthofe einzutreffen. Durch die aͤhnliche Groͤße beider Knaben und die in dieſer Zwiſchenzeit zu Stande gebrachte Um⸗ kleidung des Prinzen in den Anzug ſeines bisherigen Stellvertreters, gelang die uͤberdieß von der Dun⸗ kelheit der Nacht noch mehr beguͤnſtigte Taͤuſchung zur vollkommenen Zufriedenheit, und wie im Fluge waren die hohen Reiſenden laͤngſt in Frankreich an⸗ gelangt, ehe man noch eine Spur ihrer Flucht in Salzburg wahrgenommen hatte. Bereits am 6. des naͤchſten Monats traf die Prinzeſſin von Beira mit dem Prinzen von Aſturien und ihrem Begleiter in Pau ein, und ſchon am 10. ſoll⸗ te der Uebergang uͤber die Graͤnze Statt finden. Doch mußte er aus dem wichtigen Grunde verſchoben — 33— werden, weil man in Erfahrung brachte, daß an demſelben Tage der Unterpraͤfekt des Departements von Meauxleon jene Straße bereiſen wolle, auf welcher die Beendigung der Flucht Statt finden ſollte. Bald waͤre dieſe gaͤnzlich geſcheitert. Durch telegraphiſche Nachrichten aus Paris gelangte die Kunde von der Flucht der Prinzeſſin aus Salzburg und ihrem gegenwaͤrtigen Aufenthalte in Pau zu⸗ gleich mit den Befehlen der franzoͤſiſchen Regierung nach Bayonne, auf jede moͤgliche Art das gaͤnzliche Entweichen der erlauchten Reiſenden und ihrer Be⸗ gleiter nach Spanien zu verhindern.——— Kaum hatte aber auch Don Carlos das gluͤck⸗ liche Unternehmen vernommen, als er ſogleich ein Detachement mehrerer Bataillons unter dem Befehle ſeines eigenen Adjutanten nach Andoine beorderte, um der erlauchten Reiſenden zur Escorte zu dienen. Nebſtbei traf ſeine Vorſorge alle Anſtalten, um den Uebergang der Graͤnze auf jede moͤgliche Art zu ſichern. 4 Allein der ſpaniſche zu Bayonne befindliche Con⸗ ſul blieb ebenfalls nicht muͤßig. Schnell ſandte er — 84— die ausgedehnteſten Befehle zur Gefangennehmung der Prinzeſſin nach den naͤchſten Graͤnzorten Saint Jean⸗de Luz, Sare und Zugarramurdi. Allen Doua⸗ niers ward die ſtrengſte Aufmerkſamkeit geboten, und eine Belohnung von 5000 Franken denjenigen ver⸗ ſprochen, welche die Prinzeſſin ausliefern wuͤrden. Immer unſicherer geſtaltete ſich unter ſolchen Umſtaͤnden die fernere Flucht der erlauchten Reiſen⸗ den, und immer zweifelhafter ſchien das Gelingen derſelben.— 10. Der Morgen des gaͤnzlichen Ueberganges der hohen Fluͤchtlinge nach Spanien war herangebrochen. In ſchweren Wolkenmaſſen lagerte ſich ein dich⸗ ter, undurchdringlicher Herbſtnebel auf den weiten, bis zur aͤußerſten Graͤnze des franzoͤſiſchen Gebietes reichenden Anhoͤhen von Bidarray, als wollte er den zahlloſen Schmugglern, die hier zwiſchen bei⸗ den Graͤnzen ihr gefahrvolles Handwerk treiben, eine Beſchaͤftigung erleichtern, die ſchon mancher — 85— derſelben, von den ſichern Schuͤſſen der Douaniers getroffen, mit ſeinem Leben bezahlt hatte. Doch nicht lange waͤhrte der truͤbe Schleier, mit dem die dichten uͤbelriechenden Duͤnſte die ganze Gegend umhuͤllt hatten. Bald ſanken dieſe, von den roſigen Strahlen der hinter dem freien Endge⸗ birge der Pyrenaͤen langſam emportauchenden Son⸗ ne verdraͤngt, mit eiſigem Thaue auf die Erde nie⸗ der, und vor den Blicken des einſamen Gebirgs⸗ wanderers breitete ſich nunmehr ein ſchoͤnes freund⸗ liches Thal aus, das rings von rieſigen Felſenmaͤſ⸗ ſen umgeben, zu einem reizenden Verſtecke fuͤr die Vollzieher der ſtrengen franzoͤſiſchen Douane eigens geſchaffen zu ſein ſchien. Eine große, aus rohem Gebaͤlke feſt und ſtark aufgezimmerte Huͤtte, an ein gewaltiges Felsſtuͤck ge⸗ lehnt, diente einem Detachement derſelben fuͤr jene Zeitdauer zum Aufenthalte, wo dieſem die genaue und unablaͤſſige Ueberwachung der nahen und fernen, auf Spaniens Boden fuͤhrenden offenen Wege, und verborgener Gebirgspfade anvertraut war.—— In einem weiten Halbkreiſe erblickte man an dieſem Tage die hier ſtationirten Douaniers in ehr⸗ erbietiger Haltung um zwei, nach allem Anſcheine zu ihrem Stande gehoͤrige Maͤnner gereiht, deren ausgezeichnetere Kleidung dieſelben deutlich als ihre Vorgeſetzten kennbar gemacht haben wuͤrde, wenn 3 nicht auch das ehrfurchtsvolle Schweigen, mit dem der kleine Kreis die Befehle und Anordnungen Bei⸗ der anzuhoͤren und aufzunehmen ſchien, dieſe Vor⸗ ausſetzung zur Wirklichkeit erhoben haͤtte. Es war David, der Inſpector der Douane, den ſeine Pflicht und der Wunſch, den erhaltenen Weiſungen vollkommen zu entſprechen, zur Berei⸗ ſung der einzelnen Poſten aufgefordert hatte, um den Kommandanten derſelben die ſtrengſte Aufmerk⸗ ſamkeit wiederholt aufzutragen, und ihnen zugleich die Gefangennehmung der Prinzeſſin von Beira und, ihrer Begleitung dringend ans Herz zu legen. Aus dieſem Grunde ſtand er jetzt in der Mitte des Krei⸗ ſes, um das rings um ihn verſammelte Detache⸗ ment mit den Signalements der hohen Fluͤchtlinge genauer bekannt zu machen, und dieſer, in der Naͤ⸗ he der verborgenſten Gebirgspfade ſtationirten Bri⸗ — 87— gade die gemeſſenſte Aufmerkſamkeit beſonders ein⸗ zuſchaͤrfen. —„Leſen Sie Ihren Leuten das Signalement laut vor,“ ſprach er zu dem ihm zur Seite ſtehen⸗ den Brigadier D'harnavale, indem er dieſem zu⸗ gleich ein offenes gedrucktes Blatt uͤberreichte. Dem Befehle gehorchend, begann dieſer mit laut erhobe⸗ ner Stimme: Signalement der Prinzeſſin von Beira und des Prin⸗ zen von Aſturien, koͤniglichen Hoheiten. a. Die Prinzeſſin von Beira. „Eine Dame in dem Alter von 30— 40 Jah⸗ „ren von ziemlich wohlbeleibter Geſtalt, ſprechen⸗ „den, bruͤnetten Geſichtszuͤgen und einer ſehr „lebhaften Phyſiognomie. Ihr Haar iſt ſchwarz, „die Augen von dergleichen Farbe, das ganze „Geſicht hat einen mehr maͤnnlichen Anblick, der „durch einen leichten Faaum um den Mund die „Taͤuſchung erhoͤht. Sie ſpricht einer der portu⸗ „gieſiſchen Sprache ſehr nahe kommenden Dialekt.“ —„Aitendez bien Messieurs,“ unterbrach der — 89— Douanen⸗Inſpector die weitere Vorleſung des Bri⸗ gadiers.—„Es liegt der Regierung Alles daran, der hohen Reiſenden habhaft zu werden, und die Meſſieurs koͤnnen nicht allein meines Dankes, ſon⸗ dern auch einer gewiſſen Belohnung ſicher ſeyn, wenn es durch verdoppelte Anſtrengungen Einem von Ih⸗ nen gelingen ſollte, dieſen Coup de main auszufuͤh⸗ ren— fahren Sie fort, D'harnaval,“ und wieder las der Aufgeforderte: b. Der Infant Prinz von Aſturien. —„Ein junger 22jaͤhriger Mann von etwas „mehr als mittlerer Groͤße, mit bleichen ovalen „Geſichtszuͤgen. Seine Haare ſind braun, der „Blick etwas ſchielend, und der ganze Koͤrper⸗ „bau von aͤußerſt ſchwaͤchlichem Ausſehen.—— „Jeder, der uͤbrigens die Flucht der hohen Rei⸗ „ſenden hindert und ſie ſelbſt an den Douanen⸗ „Inſpector zu Stande bringt, erhaͤlt eine Grati⸗ „fikation von 1000 Franks. —„Eh bion, Messieurs!“ begann der Chef der Douane nach einer kleinen Pauſe wieder,„Sie ha⸗ ben jetzt das Signalement, die Befehle der Regie⸗ — 89.— rung und meine Wuͤnſche vernommen. Ich hoffe mit aller Zuverſicht, daß ſie den europaͤiſch bekann⸗ ten Ruf der ſtrengen Pflichterfuͤllung unſerer Douane, bei dieſem willkommenen Anlaß, auf eine glaͤnzende Weiſe rechtfertigen werden. Mit einem leichten Adieu entfernte er ſich nun einige Schritte von der Huͤtte, um dem ihn beglei⸗ tenden Brigadier noch einige muͤndliche Maßregeln mitzutheilen, und alsdann die Inſpektion der an⸗ dern Poſten zu Pferde weiter zu verfolgen. Bald kehrte D'harnaval zu ſeinen Leuten zu⸗ ruͤck, und Einige derſelben mit ſich nehmend, befahl er den Andern, hier ſeine Ruͤckkunft abzuwarten, jedoch bei dem erſten Schuſſe, den ſie vernehmen wuͤrden, ſogleich zum Abmarſche bereit zu ſein und ſich nach jener Gegend zu verfuͤgen, wo derſelbe gefallen ſein wuͤrde. Mit ſchnellen verdoppelten Schritten eilte er nun ſammt ſeinen Gefaͤhrten das weite Thal hin⸗ ab, dem am aͤußerſten Ende deſſelben befindlichen Bergruͤcken zu, und dieſen uͤberſteigend, gelangten Alle nach einem mehr als halbſtuͤndigen Marſche an eine — 90— kleine mit dichtem Geſtruͤppe verwachſene Schlucht, in deren unmittelbarer Naͤhe ſich drei von Frank⸗ reich nach Spanien fuͤhrende Wege durchkreuzten. Zwei ſeiner Leute nach der ihm gegenuͤber befindli⸗ chen Seite abordernd, befahl er dieſen, ſich dort an einem buſchigen Ort zu verbergen, jedoch bei dem erſten Anblicke der in dem Signalement bezeichne⸗ ten Perſonen allſogleich hervorzubrechen, und dieſe ſo zu umgehen, daß denſelben die Flucht nicht nur unmoͤglich ſei, ſondern ſie jedenfalls genoͤthigt wuͤr⸗ den, bei dem Verſtecke des Brigadiers voruͤber zu gehen, um ſomit dieſem in die Haͤnde zu fallen.— Eine geraume Zeit war verſtrichen. Ploͤtzlich erblickte man auf dem rechter Hand gelegenen Wege das Nahen zweier Maͤnner— die, in ſpaniſche Tracht gekleidet, einen jungen Mann in derſelben Kleidung mit ſich fuͤhrten, und mit ſorg⸗ faͤltiger Miene oft umherſpaͤhten, um, auf das kleinſte Geraͤuſch aufmerkſam, dieſes mit geſpannter Piſtole zu ergruͤnden. Kaum war der verborgene Poſten das Erſchei⸗ nen der Fremden gewahr geworden, als beide Doua⸗ — 91— niers ſich pfeilſchnell erhoben, und mit ſchnellen Schritten auf die verfaͤnglichen Wanderer zu eilten. Aber mit wenigen raſchen Saͤtzen verſchwanden die⸗ ſe hinter einer Ecke der Berge, und obgleich D'har⸗ naval, ſeinen Leuten zu Hilfe ſchreitend, alle Muͤhe aufbot die Verdaͤchtigen zu erreichen, ſo grenzte ſein Unternehmen dieſesmal an das Unmoͤgliche.— Sie waren verſchwunden. Mit der feſten voͤlligen Gewißheit, daß es der Prinz von Aſturien geweſen ſei, der ihrem ſchlau gelegten Netze entgangen war, kehrten ſie ſaͤmmtlich nach dem Ort ihres Verſteckes zuruͤck, um hier, dem Erſcheinen der Prinzeſſin guflauernd, den fruͤher begangenen Fehler durch die Gefangennehmung der⸗ ſelben zu verbeſſern. Leider ſollte dieſe erſt einige Stunden ſpaͤter, aber an einem andern Orte nach Spanien hinuͤber gehen, und der Plan D'harnavals abermals zu nichte werden. 11. Der Prinz war wirklich gerettet. Kaum hatte die Nachricht von ſeiner gluͤckli⸗ chen Ankunft auf ſpaniſchem Boden die Prinzeſſin von Beira erreicht, als auch dieſe zum Antritt des gefahrvollen Wagniſſes entſchloſſen ſich zur Fort⸗ ſetzung und Beendigung des ſo kuͤhn angefangenen Unternehmens erhob. Auf allen hoͤher gelegenen Punkten der Berg⸗ kette von Bidarray, bis zu dem aͤußerſten Ende des franzoͤſiſchen Gebietes, ſtand eine lange aus⸗ gedehnte Poſtenreihe, in verſchiedener Entfernung von einander aufgeſtellt, um den Weg der erlauch⸗ ten Reiſenden ſicher zu ſtellen und die Fuͤhrer derſel⸗ ben mit telegraphiſcher Schnelligkeit von den naͤhern und fernern Schritten der Douaniers und Gensdar⸗ men in Kenntniß zu ſetzen. Faſt alle Schmuggler, durch reichen Lohn be⸗ wogen, hatten ſich an dieſem Tag zu dem edlen Entzwecke, das Entkommen der Prinzeſſin zu befoͤr⸗ dern, in den abgelegenſten Schluchten und Schlupf⸗ winkeln verſammelt, und mit den ſtrengen Voll⸗ ziehern des ſpaniſchen Grenz⸗Verbotes gegen ſon— ſtige Weiſe heute freundſchaftlich vereinigt.... Bald gewahrte das ſcharfe Falkenauge derſel⸗ — 93— ben auf der von Bayonne nach Cambo fuͤhrenden Straße einen kleinen Trupp mehrerer Herren zu Pferde, an deren Spitze ſich die ſchlanke Geſtalt einer jugendlichen Dame, in maͤnnlicher Amazonen⸗ kleidung, die baskiſche Muͤtze auf dem Haupte, deutlich erkennen ließ. Mit ſorgfaͤltiger Aufſicht bewachten die naͤchſt⸗ befindlichen Schmugglerpoſten die weitern Bewe⸗ gungen des kleinen Reiterhaufens. Schon ſchien dieſer vor aller Gefahr geborgen, als ploͤtzlich ein Kommando berittener Gensdarmen aus ſeinem durch eine mehrfache Huͤgelreihe vor jedem Verrath geſchuͤtzten Verſtecke hervorbrach, und den wehrloſen Trupp uͤberfallend dieſen ohne ir⸗ gend eine Gegenwehr umzingelte und gefangen nahm. Bald kehrte die Dame und ihre Begleiter von der Marechauſſée in die Mitte genommen auf den Weg nach Bayonne zuruͤck, um hier den Grenzbe⸗ hoͤrden zur weitern Sorge und Obhut uͤbergeben zu werden, und mit innerem Jubel ſah das ganze Kom⸗ mando der reichen Belohnung fuͤr die Gefangen⸗ nehmung der Prinzeſſin entgegen. — 94— Faſt gewann es das Anſehen, als haͤtte die ausgeſtellte Schmugglerreihe nur dieſen Vorgang ab⸗ gewartet, um irgend eine kuͤhne Unternehmung leich⸗ 1 ter ausfuͤhren zu koͤnnen. Eine raſche, dem Eingeweihten allein verſtaͤnd⸗ liche Haͤndebewegung, die, ſich mit Blitzesſchnelle von einem zum andern ununterbrochen mittheilend, end⸗ lich zu einer kleinen Anzahl von Maͤnnern gelangte, die vorſaͤtzlich auf dieſes Signal eines freien unge⸗ hinderten Weges in ihrem verborgenen, faſt unzu⸗ gaͤnglichen Zufluchtsorte gelauert zu haben ſchienen, gab das Zeichen zum Antritt einer Reiſe, deren groͤßte Gefahren demohngeachtet nicht uͤberwunden, vielmehr noch zu erwarten waren. In tiefem Schweigen eilte die kleine Schaar, in deren Mitte man zwei, bloß mit leichten in die⸗ ſer Gegend gebraͤuchlichen kurzen Mantillas geklei⸗ dete Damen gewahrte, durch Thaͤler und Schluch⸗ ten, uͤber tiefe Abgruͤnde, kleine und groͤßere Berg⸗ ruͤcken in unaufhaltſamen Drange der Grenze von Spanien zu— 1 Von rieſenhaften, frei und kuͤhn emporſtreben⸗ — 95— den Felſenmaſſen verborgen ſank die Sonne waͤh⸗ rend der laͤngern Dauer des gefahrvollen Weges all⸗ maͤhlig am Horizonte nieder. Die Erde mit dunk⸗ ler Daͤmmerung uͤberziehend, ließ die ſchnell herein⸗ bkechende Nacht nur mit Muͤhe die ſchmalen, oft ſteinigen und unwegſamen Pfade unterſcheiden, auf denen das geuͤbte, mit den verborgenſten Theilen der Grenze genau und verlaͤßlich bewanderte Auge der unerſchrockenen Fuͤhrer die ihrer Obhut anver⸗ trauten Damen treu und ſorgſam in Sicherheit zu bringen bemuͤht ſchien. So mochte die Stunde der Miternacht nicht mehr fern ſein, als ein rauſchendes, ſich immer mehr naͤherndes Brauſen zu dem Gehoͤre der Reiſenden drang und dieſe mit Schrecken von der Naͤhe eines wilden, tobenden Gewaͤſſers in Kenntniß ſetzte.— Es war der Nive, der breit und reißend, durch maͤchtige Felsbloͤcke oft im raſcheren Laufe gehemmt, ſchnell und rauſchend ſich in dem ſelbſtgehoͤhlten Bette dahin waͤlzte.— Nirgends konnte das an⸗ geſtrengte Auge der Damen eine Bruͤcke erblicken; auch blieb fuͤr die unternehmende, oft an das Un⸗ — 96— glaubliche grenzende Kraft der Schmuggler jedes Hilfsmittel dieſer Art entbehrlich. Schnell hoben zwei derſelben mit ehrerbietiger Sorgfalt die von Furcht und der empfindlich kalten Morgenluft mit eiſiger Kaͤlte durchſchauerten Sa⸗ men auf ihren Ruͤcken, um wie gewoͤhnlich den oft durchwadeten Fluß auch heute auf gleiche Art zu uͤberſetzen. Zitternd ſchmiegten ſich die zarten weiblichen Weſen mit beiden Haͤnden um den Hals ihrer baͤr⸗ tigen Fuͤhrer, die nun mit langſamen vorſichtigen Schritten, ihre uͤbrigen Gefaͤhrten mit geſpannten Piſtolen zur Seite, das tuͤckiſche Gewaͤſſer langſam und ſicher durchſchritten; obgleich die Fluthen deſſel⸗ ben weit uͤber ihre Bruſt hinanſpuͤlten, und mit rei⸗ ßender Gewalt die ohnedieß unſichere Bahn noch mehr zu hemmen verſuchten. Schon waren drei Viertheile des Fluß⸗ Bettes zuruͤckgelegt, als, durch den ploͤtzlichen Fehltritt eines Traͤgers erſchreckt, der kreiſchende Hilferuf:„Valga me dios!“ der Damen das Rauſchen des Gewaͤſ⸗ ſers in ſchrillendem Klange uͤbertoͤnend, die ganze Ge⸗ ſellſchaft zur verdoppelten Eile aufforderte, um je⸗ dem moͤglicher Weiſe hiedurch herbeigefuͤhrten Ueber⸗ falle zu entgehen.— 1 Es war die hoͤchſte Zeit. Ein tenchtender Blitz erhellte in demſelben Augenblicke die weite Gegend, und mit furchtbar graͤßlichem Wiederhall erſchuͤtterte der nachfolgende Knall eines Schuſſes die einſame Stille des Gebirges. Der Uebergang war durch den gellenden Angſtruf der Damen an den kaum 30 Schritte davon am jenſeitigen Ufer aufgeſtellten Douanen⸗Poſten, zum groͤßten Gluͤcke fuͤr jedes Nachſetzen jedoch viel zu ſpaͤt, verrathen worden. Bald war der dießſeitige Rand des Ufers er⸗ klimmt, und die leichte ſchoͤne Buͤrde, vor Angſt und Schrecken halb entſeelt, auf dem beitzen gruͤnen Raſen niedergelaſſen. Langſamer ging jetzt der Zug noch einige hun⸗ dert Schritte weit den kleinen, mit dichtem Tama⸗ rinden⸗ und Rosmarin⸗Gebuͤſche bewachſenen Huͤgel von Eſtegui hinan, auf deſſen Spitze der jugendliche Prinz von Aſturien, der, allen Nachſtellungen Dhar⸗ navals gluͤcklich entkommen, hier die Nacht zuge⸗ Spiegelbilder. II. 7 — 98— bracht hatte, ſeine erhabene Tante mit einer Necua von Maulthieren empfing, um die Ermuͤdete aufzu⸗ nehmen und mit groͤßerer Bequemlichkeit durch den uͤbrigen Theil von Bidarray zu fuͤhren. In Kurzem blickten den Reiſenden die weißen Mauern von Urdax, dem erſten ſpaniſchen Grenz⸗ orte, wo ſich auch die Douane der Karliſten befin⸗ det, entgegen. Der Boden von Naavrra war er⸗ reicht. Die Prinzeſſin von Beira mit dem Prinzen und der ſie begleitenden Kammerfrau vor allen Nach⸗ ſtellungen geſichert. Wirklich waren dieſe die hohen Reiſenden ſelbſt geweſen, waͤhrend jene in der Naͤhe von Cambo durch die Marechauſſée gefangen genommene Ama⸗ zone eine edle ſpaniſche Dame geweſen, die, ſeit zwei Jahren in Bayonne lebend, ihre zufaͤllige Aehnlich⸗ keit mit der Prinzeſſin von Beira zu der ihr ſo gut gelungenen Taͤuſchung der franzoͤſiſchen Behoͤrden benutzt hatte. Viel zu ſpaͤt waren dieſe erſt dann ihren Irrthum gewahr geworden, als ſich der wirk⸗ liche Gegenſtand ihrer Bemuͤhungen bereits laͤngſt aus ihrem Bereiche und in Sicherheit befand. — 99— Freigebig beſchenkt entließ die Prinzeſſin, auf ſpaniſchem Boden angelangt, ihre Fuͤhrer, und in unaufhaltſamer Eile ſetzte ſie ihre Reiſe mit dem Prinzen von Aſturien uͤber Eliſondo, Leira und Barrastequi in das Lager der Karliſten fort. 12. Zwei Leguas nordweſtlich von Toloſa erblickt der Reiſende die zwar ſchoͤne, doch nicht bedeutend große Stadt Azcoytia. Es war in den letzten Tagen des Monats Ok⸗ tober des Jahres 1838, als man auf der von To⸗ loſa dahin fuͤhrenden Straße eine aͤußerſt lebhafte Bewegung gewahrte, die durch mehrere an dem Wege aufgeſtellte Truppenabtheilungen der Karli⸗ ſten das Anſehen einer kriegeriſchen Unternehmung gewann. In dem verſchiedenartigſten Koſtuͤme draͤngte ſich das Volk mit dem lauten Geraͤuſch einer freudi⸗ gen Erwartung durch einander. Abwechſelnd erblickte man die rothe Schaͤrpe mit der Alzargade des Va⸗ lentianers, den gelben Mantel und breitkrempigen 7* — 100— Hut des Arragoniers, und die Montera ſammt der kleinen Weſte der Bewohner Andaluſiens, die zwi⸗ ſchen den meiſtentheils ziemlich abgenuͤtzten Unifor⸗ men der hier aufgeſtellten Truppen des Generals Marotto in ziemlich grellem Farbenſpiele ich hin und wieder herumtrieben. Bald nahte auf dem nach Elorrio, dem Haupt⸗ Quartiere des Don Carlos, fuͤhrenden Wege ein ebenſo zahlreicher als glaͤnzender Reitertrupp, der ſich in raſchem Galoppe gegen Toloſa bewegte, aus welcher Stadt faſt gerade zur ſelben Zeit, die Prin⸗ zeſſin von Beira, von dem Prinzen von Aſturien und mehreren ihr entgegengeſandten Adjutanten ih⸗ res koͤniglichen Gemahls und einer ſtarken Truppen⸗ macht geleitet, erſt vor kurzem aufgebrochen war, um von Don Carlos auf der Mitte des Weges ein⸗ geholt, unter dem lauten jubelnden Rufe:„Viva el rey Carlo- V. Zed viva la reina Theresia des zahlreich verſammelten Volkes nach Azcoytia begleitet zu werden. Schon von weitem toͤnte dem erhabenen Braut⸗ paar das feierliche Gelaͤute Azcoytias, mit zahlloſen Kanonenſchuͤſſen vermengt entgegen, und weit im — 101— Lande verbreitete ſie die Kunde von der glüͤcklichen Ankunft der Prinzeſſin. Jubelnd empfingen die Bewohner Azcoytias die erlauchten Reiſenden, die nun, den Infanten Don Sebaſtian und den Prinzen von Aſturien zur Seite, von einem glaͤnzenden Generalſtabe in reich geſtickten Galla⸗Uniformen umgeben, ihren feierlichen Einzug in dieſe treu ergebene Stadt nahmen. Vor dem Gebaͤude des Ayuntamiento ange⸗ langt, trat der Biſchof von Leon an der Spitze der Geiſtlichkeit vor das erlauchte Brautpaar, das ſich nun unter ſeinem Voraustritt in den großen Saal dieſes Gebaͤudes verfuͤgte, um nach der bereits am 2. Februar 1838 zu Salzburg durch Prokuration geſchloſſenen Verbindung hier noch einmal, in Ge⸗ genwart der hiezu eigenwillig als Zeugen erwaͤhlten Granden Spaniens, feierlich konſecrirt zu werden. Mit tiefgefuͤhlter Weihe und hoher Salbung verrichtete der Biſchof von Leon den feierlichen Con⸗ ſecrationsaet in Gegenwart des Herzogs von Gra⸗ nada, Herrn Erro und des Marquis von Valdes⸗ pina und mit eben ſo tiefer Ruͤhrung begab ſich 2 — 102— Don Carlos und ſeine erhabene Gemahlin nach dem Vollzuge deſſelben, von einer unzaͤhlbaren Menſchen⸗ maſſe umringt, zu Fuße in die Cathedrale von Az⸗ coytia, um hier in einem feierlichen Te deum laudamus dem Schoͤpfer den innigſten, aus voller Bruſt entquillenden Dank fuͤr die ſo heiß erſehnte Verei⸗ nigung und die gluͤckliche Errettung aus aller Gefahr darzubringen. Don Carlos war mit ſeiner erhabenen Gemah⸗ lin nunmehr fuͤr immer vereint. Doch nicht der eigene Muth und die Beſonnen⸗ heit der Prinzeſſin von Beira, nicht die unbeſtech⸗ liche, unwandelbare Treue ihrer Fuͤhrer, nicht das gluͤckliche Zuſammentreffen aller Umſtaͤnde allein ließ die erlauchte Reiſende das Ziel ihres Weges gluͤcklich und ungefäͤhdet erreichen.— Auch eine andere an allen Hoͤfen Europas nur zu wohl bekannte Macht hatte einen bedeutenden, wenn nicht den groͤßten Einfluß auf das Gelingen einer Unternehmung, die der ganzen Welt abermals deutlich beweiſen ſollte, daß nicht immer Roſen den ſo oft beneideten Be⸗ ruf zu dem Throne eines Reiches bekraͤnzen. 13. In eiliger Haſt betrat einige Wochen nach der gluͤcklichen Entfernung der Prinzeſſin von Beira aus Salzburg Graf S.**, der gewaltige Praͤſident des oberſten Polizeitr§ibunals in W., das Gemach ſeines hohen Goͤnners, des Fuͤrſten Mir, mit den athem⸗ loſen Worten:„Die Prinzeſſin iſt fort!“ und in⸗ dem er dem Miniſter den uͤber ihre Fluchtſo eben erſt eingelaufenen Rapport des Barons M. uͤberreichte, ſah er zugleich, vollkommen gefaßt, den Aeußerungen des Unwillens entgegen, die ſich nun von den Lippen des hohen Fuͤrſten uͤber ſeinem Haupte entladen wuͤrden. Er hatte dießmal ſich geirrt. Laͤchelnd trat der gefuͤrchtete Diplomat Europas auf den Grafen zu, und mit bedeutſamen Schwei⸗ gen uͤberreichte ſeine Rechte dem Beſtuͤrzten die vor mehreren Tagen ſchon durch einen Courier an⸗ gelangte Depeſche des oͤſterreichiſchen Geſandten am franzoͤſiſchen Hofe zur Durchſicht. Tief aufathmend und durch das leutſelige Be⸗ — 104— nehmen des Miniſters der druͤckenden Furcht entho⸗ ben, griff dieſer nach dem Blatte. Es enthielt die Nachricht von dem gluͤcklichen Eintreffen der Prinzeſſin von Beira und des Prin⸗ zen von Aſturien auf dem ſpaniſchen Gebiete. In wortloſem Staunen entſank das Papier den Haͤnden des Praͤſidenten, kaum daß ſeine Lippen die leiſe Frage zu hauchen vermochten: „Wie war es moͤglich?“. Mit bezaubernder Freundlichkeit blickte der Fuͤrſt dem Grafen in das Angeſicht, und ein ihm eigenes Laͤcheln ſpielte in ſeinen Mundwinkeln, als er auf dieſe Frage die wenigen inhaltsſchweren Worte erwiederte: 4 „Durch Politik!“— Ohne hierauf etwas zu entgegnen, verfuͤgte ſich der Praͤſident vollkommen beruhigt wieder nach Hauſe. ——O—.O.ꝑ ·—Q—·—y—y·y„y„y„. elene. . — S — 8 S 2 — S 2 2 — — S — S8 — 8 —₰ 8 2 — 3 S8S 8 8 S 8 — 5 Motto. Wohin entflieh' ich, welche verworfene Geſtalt verpeſtet dieſe ſo heit're Luft? n Ha! welch ein ſchwarzer Schlund der Holle Hat auf die Erde dich ausgeworfen? Ludwig Neuffer. ———᷑—᷑—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ——— I. Vor dem netten, freundlichen Landhauſe des etwa drei Stunden von W** entfernten Dorfes Rodaun wogte an einem heitern Spaͤtſommerabende des Jahres 1823 ein Gewuͤhl lebensfroher Menſchen durch einander. Eine mit großen, unfoͤrmlichen Buchſtaben auf ein ſchmutziges Blatt Papier mehr geklebte als ge⸗ ſchriebene, am Eingange des Gebaͤudes angeſchla⸗ gene Ankundigung enthielt die Anzeige einer thea⸗ traliſchen Vorſtellung, die von einer reiſenden Schau⸗ ſpielergeſellſchaft am heutigen Tage hier aufgefuͤhrt werden ſollte, und bildete zugleich den Centralpunkt der allgemeinen geſelligen Unterhaltung. Bald gab das raſſelnde Wirbeln eines die lange Straße des Dorfes langſam auf und niedergehenden Trommelſchlaͤgers das Zeichen zu dem nahen An⸗ — 108— fange, und allmaͤhlig verringerte ſich auch die große Schaar der Schauluſtigen, indem ſie ſich zum Theile zerſtreuten, zum Theile aber mit ungeduldiger Haſt nach dem kleinen Eingange des Badehauſes ſtroͤm⸗ ten, das in einen Tempel der Muſen verwandelt worden war. 1 Schnell vertheilte ſich hier die große Menge der Zuſeher ſo gut, als dieß in dem kleinen, von dem Scheine weniger Talglichter mit einem magiſchen Dunkel umhuͤllten Raume nur immer moͤglich wurde. Bald war Alles in Ordnung, und mit reger Unge⸗ duld ſah man nun dem Aufziehen des Vorhanges entgegen, der mit neidiſcher Schadenfreude den zu erwartenden Kunſtgenuß noch immer vor den neugie⸗ rigen Blicken der Schauluſtigen verbarg. 1 Ein leiſes Klopfen des zum Kapellmeiſter erho⸗ benen Schullehrers auf das vor ihm befindliche Pult gab das Zeichen zum Anfange.— Eine lautloſe Stille erfuͤllte den weiten Saal, und allſogleich be⸗ gann das nur aus fuͤnf Perſonen beſtehende Orcheſter den Vortrag eines Tonſtuͤcks von vermuthlich eige⸗ ner Compoſition, die allem Andern eher als einer — — — 109— Ouverture aͤhnlich ſah und von den kunſteifrigen halberwachſenen Bauernburſchen mit einer Praͤziſion und Bravour ausgefuͤhrt wurde, die den hoͤlliſchen Laͤrm in Meyerbeers heroiſcher Oper:„Robert der Teufel“ bei weitem uͤbertraf. In Kurzem hatte das Herz und Ohren zerrei⸗ ßende Spiel geendet.— Waͤhrend die rieſengroße, auf das Zeichen des Orcheſter⸗Direktors unachtſame Baßgeige noch einen gewaltigen, von dem lauten Gelaͤchter der Menge begleiteten Solo-Brummer nachfolgen ließ, ſchwankte der aus alter Sacklein⸗ wand zuſammengeflickte Vorhang mit majeſtaͤtiſcher Langſamkeit in die Hoͤhe, und unter dem lauten „Ah und Oh“ der verſammelten Zuſeher zeigte ſich Thaliens halbzerriſſenes Couliſſen⸗Reich. Man gab die bekannte und beliebte, einſt den Anfang einer neuen glaͤnzenden Epoche der Volks⸗Poeſie bildende Poſſe: „Ad am Kratzerl, oder die Muſikanten am hohen Markt.“— Die einzige, durch das ganze Stuͤck unveraͤn⸗ dert beibehaltene Dekoration war oder ſollte vielmehr eine Anſicht des hohen Marktes in Wien ſein. Al⸗ lein ſei es, daß der Kuͤnſtler den Proſpekt dieſes Platzes zur tiefen Nachtzeit bei ſchon ganz erloſche⸗ nem Lampenlichte vorgenommen hatte, oder daß der Erſparniß wegen die kaum mehr kenntlichen Farben V von der Leinwand wieder abgerieben worden waren, um zu der Anfertigung eines neuen, dieſem aͤhnli⸗ chen Kunſtwerkes zu dienen; mit einem Worte, die ganze Dekoration glich dem Wiener hohen Markte ſo wenig, als eine humoriſtiſche Vorleſung den trau⸗ rigen Folgen der letzten Ueberſchwemmung von Ofen und Peſth.— Deſto uͤberraſchender waren die oͤftern Verwand⸗ lungen der Buͤhne in Kratzerls Wohnſtube. Ein von zwei zerfetzten, baarfuͤßigen Dorfjun⸗ gen ſchnell in die Mitte der Buhne geſchobener Tiſch, eine eben ſo ſchnell aus dem heitern Himmel herab⸗ gelaſſene Stalllaterne mit einem truͤbe brennenden Lichte vollbrachte den Zauber, zu dem nur die et⸗ was hoͤher gekitzelte Phantaſie des anweſenden Land⸗ volkes gehoͤrte, um dieſe Wunder einer in unſern Zeiten ſo hoch ſtehenden Schauſpielkunſt mit aufge⸗ — 4111— riſſenen Augen und offen ſtehendem Munde zu be⸗ trachten. 4 Alles vergnuͤgte ſich bald mit leiſerem, bald mit lauterem Gelaͤchter, und da gerade am heutigen Tage die ſaͤmmtliche Legion der Recenſenten in den fuͤnf Theatern der Reſidenz beſchaͤftigt und hiedurch verhindert war, in dem Rodauner laͤndlichen Muſen⸗ tempel den Ton anzugeben; ſo fiel es auch den we⸗ nigen aus der Hauptſtadt hier anweſenden Badegaͤ⸗ ſten nicht ein, ſich zu unberufenen Splitterrichtern zu erheben. Die Menge der Landleute hatte fuͤr die ſechs Kreuzer des erſten, und einen Groſchen des zweiten Platzes einen ſolchen Genuß, wie er ihnen fuͤr die⸗ ſes Geld nur ſelten zu Theil werden konnte, und alle uͤbrigen Fremden, die die Vorſtellung mit ih⸗ rem Beſuche beehrten und gleichſam die Hauteſſe des kleinen Theaters zu bilden ſchienen, ſprachen beſcheidenerweiſe fuͤr das ſo geringe Entrée nicht mehr und nicht weniger an, als gerade einen Sech⸗ ſer werth war. Demohngeachtet wurde ſelbſt ihre wenige Er⸗ wartung im Verlaufe der Vorſtellung weit uͤbertrof⸗ fen, indem die Hauptrolle dieſer Poſſe, Kratzerls Eheweib, von einer noch jugendlichen, auf dem ge⸗ ſchriebenen Theaterzettel unter dem Titel Helene Kramer angefuͤhrten Schauſpielerin mit einer ſo hei⸗ teren beinahe an Ausgelaſſenheit graͤnzenden Laune dargeſtellt wurde, daß ſelbſt ſie ſich genoͤthigt ſahen, in den ſtuͤrmiſchen Beifallsruf der Menge einzu⸗ ſtimmen. So ſpielte denn das ganze Stuͤck zur Zufrie⸗ denheit aller Anweſenden zu Ende, und ſelig von dem ihnen heute zu Theil gewordenen Genuſſe, ver⸗ ließen alle in der heiterſten Stimmung den laͤndli⸗ chen Muſenſitz, indem ſie ſich theils auf dem Wege zerſtreuten, theils nach dem einzigen nahen Wirths⸗ hauſe verfuͤgten, um daſelbſt bei einem Glaſe aͤch⸗ ten, wiewohl durch die Fuͤrſorge des Wirthes fuͤr die Geſundheit ſeiner Gaͤſte etwas gewaͤſſerten Gum⸗ poldskirchner die naͤhere Bekanntſchaft mit den hier beherbergten Kuͤnſtlern zu knuͤpfen. Schnell waren alle in der weiten, raͤucherigen Gaſtſtube befindlichen Tiſche mit Ausnahme eines — 113— einzigen beſetzt; aber auch dieſer bot durch die in den Weinglaͤſern eingeſteckten Gabeln das deutliche Zeichen, daß ſelbſt er bereits vergeben ſei. In wenigen Augenblicken erſchien der Direktor der reiſenden Schauſpieler⸗Geſellſchaft. An ſeiner Seite ging die liebliche Darſtellerin von Kratzerls Ehe⸗ weibe, ein zwar nicht auffallend ſchoͤnes, aber deſto anziehenderes Maͤdchen von hoͤchſtens achtzehn Jah⸗ ren; die uͤbrigen Glieder ſchloſſen den Zug, und bald hatten ſich alle um den letzten leerſtehenden Tiſch gereiht. Nur mit Muͤhe gelang es Helenen, die ſaͤmmt⸗ lichen, in dem großen Gaſtzimmer anweſenden Gaͤ⸗ ſte von ſich abzuwehren, die mit Kunſt und Wein durchdrungene Zudringlichkeit, ſie zu einem freundli⸗ chen Beſcheide aus den dargereichten vollen Glaͤſern aufforderten, und nur durch ein zierliches Nippen am Rande derſelben zufrieden zu ſtellen waren. Jetzt nahten auch zwei, ihrem Aeußeren nach der nahen Reſidenz angehoͤrige Herren dem Tiſche der Muſengeſellſchaft. Mit wenigen Worten gab ſich der Eine, ein kleiner dicker Mann, aus deſſen Spiegelbilder. II. 8 — 114— Wein geroͤthetem Antlitz die ganze ungebundene Froͤh⸗ lichkeit eines aͤchten Wieners ſprach, als den Direk⸗ tor eines Theaters der Hauptſtadt zu erkennen, in⸗ dem er zugleich ſeinen aͤltern Gefaͤhrten, deſſen kurz⸗ ſichtiges Auge eine in Silber gefaßte Brille zierte, als ſeinen Sekretaͤr, oder beſſer zu ſagen, ſein fae totum auffuͤhrte. Ein leiſes, um die Mundwinkel des Letzteren ſpielendes ironiſches Laͤcheln ſchien die⸗ ſer gleichſam mit den Worten zu beſtaͤtigen:„Ich bin Alles in Allem, mein Prinzipal aber nichts in Allem.“ Die von den Fremden ſchnell angeordnete Gat⸗ tung des beſten im Keller befindlichen Weines, ſchloß den Herzensbund der beiden, ſich ohnedieß durch die um Stadt und Land geſchlungenen Bande der Kunſt nahe befreundeten Theater⸗Dirigenten immer herzlicher, und bald ſtießen ihre Glaͤſer in bruderli⸗ cher Kollegialitaͤt klirrend an einander. Ein Genuß dieſer Art war dem laͤndlichen Prin⸗ zipale ſeit den vielen Jahren ſeines wandernden Kunſtlebens nicht zu Theil geworden, da die ſtets nur auf Groſchen, ſelten auf Sechſer berechnete — 115— Einnahme kaum zur Befriedigung der Wochengage ſeiner Mitglieder und zur Fuͤtterung der halbverhun⸗ gerten und abgemagerten zwei Maͤhren hinreichend war, welche zur Fortſchaffung der ſaͤmmtlichen ab⸗ genutzten Theater⸗Garderobe und des halb zerriſſe⸗ nen Dekorations⸗Vorrathes leider unentbehrlich waren, da man auch ſie ſonſt laͤngſt verkuͤmmelt haben wuͤrde Mit zuvorkommender Bereitwilligkeit gehorchte der Land⸗Direktor deshalb der freundſchaftlichen Aufforderung ſeines freigebigen Stadt⸗Kollegen.— Raſch wurde ein Glas nach dem andern geleert, und bald waren die weinſeligen, verglaſten Augen außer Stande, Himmel und Erde von einander zu unterſcheiden. Erſt ſpaͤt trennte ſich die Geſellſchaft. Noch in der Nacht kehrten beide Staͤdter in die Reſidenz zuruͤck; doch nicht ohne den ſchnarchenden Schlaf ihres Freundes zu einem langen geheimnißvollen Ge⸗ ſpraͤche mit Helenen, und zu dem Verrathe der hei⸗ ligſten Freundſchaftsbande benuͤtzt zu haben.— Der Morgen fand den laͤndlichen Prinzipal 8* — 116— zwar nuͤchtern und wach— aber auch ſeine erſte Liebhaberin, die Krone ſeiner Geſellſchaft auf dem Wege zur Hauptſtadt. In kurzer Zeit hatte Helene eine neue glaͤnzende Laufbahn in ihren Mauern begonnen.— In dumpfen Lauten ſchlug es am hohen Dom⸗ thurme der Reſidenz vier Uhr Es war die Zeit des Nachmittags, in welcher ein großer Theil der Bewohner, frei von jedem an⸗ dern Geſchaͤfte, ſich ungeſtoͤrt dem Genuſſe des wunderſchoͤnen Fruͤhlingstages und einem gemuͤth⸗ lichen Ergehen in der heitern, vor wenigen Wochen noch im Winterſchlafe ruhenden Natur, uͤberlaſſen konnte. In regem Gewuͤhle zogen ganze Schaaren le⸗ bensfroher Spaziergaͤnger dem nahen zu einer all⸗ gemeinen beliebten Promenade fuͤhrenden Thore zu, durch das zur ſelben Zeit eine Reihe eleganter Equipagen mit immer lebhafterem Geraſſel nach — 117— der kleinen hoͤlzernen Bruͤcke rollte, die uͤber einen ſchmalen Arm der De*r nach dem jenſeitigen mit geſchmackvollen Bauten bedeckten Ufer fuͤhrt.— So mancher Blick ſchwelgte hier mit gefeſſel⸗ tem Schritte in der reizenden Ausſicht, die man von dieſem Standpunkte genießt. Mit innigem Entzuͤcken ſchweift das Auge links hinuͤber, wo in weiter Ferne das dunkle Blau der Gebirge den ſchlaͤngelnden Lauf des majeſtaͤtiſchen Fluſſes begrenzt; waͤhrend helle, weiß angeſtrichene Gemaͤuer und rothe gaſtfreundliche Daͤcher aus dem uͤppigen Gruͤn der dichtbelaubten Baͤume und Geſtraͤuche einladend emportauchen, und mit den hie und da am Fuße der Berge, in lachenden Weingaͤrten zerſtreut umher liegenden Landhaͤuſern, ein Rundgemaͤlde bilden, das auszumalen kaum dem Pinſel des Malers, um ſo weniger der Feder des Layen moͤglich iſt. Rechts beſchraͤnken zwar die ſich weit hinaus erſtreckenden faſt unuͤberſehbaren Gebaͤude und Gaͤrten der Vorſtaͤdte die freie An⸗ ſicht der heitern Ferne, demohngeachtet gewaͤhren aber auch ſie einen deutlichen Begriff von dem ho⸗ 8 — 118— hen Wohlſtande und dem gluͤcklichen Stillleben der Reſidenzbewohner. Je weiter der Fuß des Spaziergaͤngers uͤber dieſe Bruͤcke ſchreitet, deſto hoͤher und ſchoͤner ge⸗ ſtaltet ſich der heitere Anblick der beiden Haͤuſerrei⸗ hen, zwiſchen denen hindurch der lange belebte Weg zu dem ausgebreiteten Parke fuͤhrt, der von einem erhabenen Monarchen einſt der freien Unter⸗ haltung ſeiner gluͤcklichen Unterthanen Preis gege⸗ ben, auch jetzt, ſelbſt unter den vielen ſtets neu er⸗ ſtehenden Vergnuͤgungsoͤrtern, noch immer den erſten Platz einnimmt.——. In dieſer Straße ſtand an demſelben Nachmit⸗ tag eine Menge neugieriger Menſchen, vor einem niedrigen, obwohl zwei Stockwerke hohen und mit zwei Eingangsthoren verſehenen Gebaͤude, laͤngs welchem ſich eine kleine gelb angeſtrichene Barriere hinzog. Feſt vor dem einen Eingange des Hau⸗ ſes an einander gepreßt, ſchien die Menge geduldig auf den Augenblick zu harren, in welchem ihr der Eingang in dieſes Haus geſtattet werden wuͤrde. Es war das Theatergebaͤude der Vorſtadt Lr* — 119— an deſſen Ecke ein daſelbſt in einem kleinen hoͤlzer⸗ nen mit goldenen Buchſtaben und einem ſchwarzen Adler verzierten Rahmen befeſtigter Anſchlagzettel die Anweſenden durch die Anzeige eines neuen Stuͤ⸗ ckes unter dem Titel:„Sylphide oder das Seefraͤulein“ an ſich zog. Noch nie hatte die bloße Ankuͤndigung einer neuen Poſſe einen ſolchen Erfolg zu Wege gebracht, als es dies bei der heu⸗ te gegebenen der Fall war. Immer mehr vergroͤßerte ſich die Zahl der Schauluſtigen. Selbſt viele, die bloß der Genuß des heitern Abends in das Freie gefuͤhrt, zogen es vor ſich unter dem Draͤngen und Stoßen des Vol⸗ kes in das Innere des kleinen Theaters preſſen zu laſſen, um ſich mit eigenem Auge von dem Rufe zu uͤberzeugen, der dieſem Stuͤcke lange vor der Auffuͤhrung zu Theil geworden warr. Bald wurde das Thor geoͤffnet, und mit lau⸗ ter, laͤrmender Haſt wogte die Menge der Schaulu⸗ ſtigen durch das enge Portal in die ſchnell uͤberfuͤll⸗ ten innern Raͤume des Schauſpielhauſes. Eine lange Zeit verſtrich in froͤhlichem ungebun⸗ — 120— denen Geplauder; doch nun gab das Stimmen der Inſtrumente das ſichere Zeichen des nahen Anfan⸗ ges, und bald darauf drangen die hellen Pauken⸗ ſchlaͤge der begonnenen Ouverture mit willkommenen Toͤnen durch die vollgepfropften Raͤume. Sie endete— der Vorhang hob ſich in die Hoͤhe, und mit lautloſer Stille und geſpannter Auf⸗ merkſamkeit lauſchten die Zuſeher dem Gange der Handlung.— Mohr jedoch als dieſe feſſelte das Spiel einer jungen Schauſpielerin in der Rolle Nettchens die Blicke Aller. Es lag in dem ganzen Benehmen derſelben eine ſo liebenswuͤrdige Naivetaͤt, die, faſt die Gren⸗ zen des Frivolen beruͤhrend, dennoch nie die ſtraffe Linie des feinſten Anſtandes uͤberſchritt, und in de⸗ ren reizenden Lippen ſich ſelbſt jedes verfaͤngliche Wort zur Sprache der reinſten Unſchuld geſtaltete. Die Schauſpielerin war Helene. Zwar hatte ſchon die kurze Zeit ihres hieſigen Aufenthaltes dieſelbe ſchnell mit den hoͤheren Erfor⸗ derniſſen ihrer Kunſt befreundet und ſie zugleich der 3 freundlichen Theilnahme der Theaterbeſuchenden Welt verſichert; doch dem heutigen Abend blieb es vorbe⸗ halten, ſie zum erklaͤrten Lieblinge des Volkes zu er⸗ heben. Unzaͤhligemale mit tobendem Beifallsſturme gerufen, erſchien ſie eben ſo oft, ſich mit bezaubern⸗ der Anmuth verneigend, vor dem uͤberfuͤllten Hauſe, das ſich an ihrem gelungenen Spiele nicht genug er⸗ freuen konnte.—— Unter den vielen anweſenden Zuſehern be⸗ fand ſich an dieſem Tage ein Einziger, deſſen Aeußeres einer aufmerkſameren Beachtung wuͤrdig erſchien. Es war ein nicht ganz junger, ſchlank gewach⸗ ſener Mann von mittlerer Groͤße, in deſſen ernſten, finſtern Zuͤgen ſich ein duͤſterer Unmuth ſpiegelte. Nachlaͤſſig an eine der Buͤhne ſchraͤg gegenuͤber be⸗ findliche Stuͤtzſaͤule des Parterrs gelehnt, verwandte ſein truͤbes Auge keinen Blick von Helenens liebli⸗ cher Geſtalt, und nur ſelten uͤberflog ein leiſes, faſt konnte man ſagen, grinſendes Laͤcheln das bleiche, von einem dichten ſchwarzen Barte noch mehr ver⸗ finſterte Antlitz, in das entweder die hoͤchſt trauri⸗ gen Erfahrungen eines ſturmbewegten Lebens, oder die ſichern Folgen fruͤhzeitiger Ausſchweifungen tiefe Furchen gegraben hatten. Die ganze Geſtalt des Fremden, den ſeine auf⸗ fallende, obwohl elegante Kleidung als einen ſol⸗ chen bezeichnete, erregte ein eigenes, beinahe un⸗ heimliches Gefuͤhl, das ſich nur bei fortgeſetzter An⸗ ſchauung allmaͤhlig verlor und in dem aufmerkſa⸗ men Beobachter die ſichere Vermuthung zuruͤckließ, daß der Gegenſtand ſeines Forſchens einer ſlaviſchen Nation angehoͤren muͤſſe. Bald ſank der Vorhang, und ein jubelnder Bei⸗ fallsſturm beſchloß das Ende der heitern Poſſe. Sie beendete zugleich das fernere Forſchen nach der Perſon des Fremden.— 8 Allmaͤhlig leerten ſich die Raͤume des Hauſes, und unter den letzten der Abgehenden trat auch die⸗ fer mit langſamen Schritte auf die dunkle, durch den matten Schein einiger Lampen nur wenig er⸗ hellte Straße. 1 Immer ſtiller und ruhiger wurde es hier. Raſſelnd hatten ſich allmaͤhlig die vielen vor dem Schauſpielhauſe aufgereihten Wagen entfernt; * nur eine einzige elegante Equipage ſtand noch da⸗ ſelbſt; es ſchien, als ſollte ſie Jemand erwarten. Bald verſchwanden auch die letzten Fußgaͤnger in dem tieferen Dunkel der Straße, das offene Thor des Hauſes wurde geſperrt, die vor demſelben auf⸗ gehangenen halb brennenden zwei Lampen herabge⸗ nommen, und der Fremde ſah ſich nun in tiefer Nacht allein.— In duͤſteres Sinnen verloren, ſchritt er lang⸗ ſam vor den Schranken auf und nieder. Hell dran⸗ gen die lauten Toͤne einer froͤhlichen Muſik aus dem quer gegenuͤber befindlichen Gaſthauſe zu dem Ge⸗ hoͤre des Einſamen; doch dieſelben unbeachtend ſtoͤr⸗ te dieſe eben ſo wenig, als das leiſe Gefluͤſter meh⸗ rerer unter dem zweiten dunklen Eingange des Hau⸗ ſes ſtehender Maͤnner den einfoͤrmigen Spaziergang des Fremden, den er nur dann unterbrach, wenn ein weibliches Weſen aus dem Gebaͤude kommend, eilend auf der jenſeitigen Reihe der Haͤuſer ver⸗ ſchwand, indem er nach einem ſcharfen, forſchenden Blick auf dieſelbe bald wieder in ſeinen ruhigen, gleichguͤltigen Gang verfiel. —— Doch nun trat eine weibliche Geſtalt, das Haupt mit einem wallenden Schleier verdeckt, in einen wei⸗ ten Mantel von heller Farbe gehuͤllt, unter der Ein⸗ fahrt hervor. Es ſchien Helene. Schnell eilte der Fremde auf ſie zu— die noch immer wartende Equi⸗ page fuhr auf ein leiſes Zeichen raſch vor— der Schlag oͤffnete ſich— Beide beſtiegen das Innere deſſelben. Klirrend ſchloß ſich hinter ihnen die Thuͤre, und mit ungeſtuͤmen Feuer jagten die Pferde davon. In Kurzem verhallte das Rollen des davonei⸗ lenden Wagens in weiter Ferne. Das leiſe Gefluͤ⸗ ſter der wenigen noch vor dem Hauſe ſtehenden Maͤnner erhob ſich zu einem lauten Gelaͤchter, und bald zerſtreuten auch ſie ſich nach verſchiedenen Seiten. Fuͤr ſie bedurfte Helenens und ihres Begleiters raͤthſelhafte, naͤchtliche Fahrt keines Commentars. 3. Allem Anſcheine nach mit ernſten Studien be⸗ ſchaͤftigt, ſaß Profeſſor K**, ein aͤltlicher Mann, weit uͤber die funfziger Jahre hinaus, vor ſeinem Schreibtiſch, deſſen ganze Form und Geſtaltung gleich ſeinem Beſitzer an die ſchoͤnen Zeiten eines vergangenen Jahrhunderts mahnte. Bedaͤchtig blaͤt⸗ terten ſeine Haͤnde in einem maͤchtig großen Fo⸗ lianten, der bloß Namen und verſchiedenartige hie⸗ roglyphiſche Zeichen enthaltend, mit dicken meſſinge⸗ nen Klammern verſehen, vor ihm ausgebreitet lag und in ſeinem Aeußeren einem kabaliſtiſchen Werke ziemlich nahe kam. Manche ſchoͤne, heitere Erinnerungen aus dem Leben des in die Jahre des Alters vorgeruͤcktern Greiſes waren in dieſem Buche mit unausloͤſchlichen Schriftzuͤgen eingetragen. Es enthielt die Namen und Verwendungsklaſſen jener vorlaͤngſt zu Maͤnnern gewordenen Knaben und Juͤnglinge, die unter ſei⸗ ner ſorgſamen, ruhmbedeckten Leitung ihre Studien verfolgt und ſich zu ihrem verſchiedenartigen Berufe ausgebildet hatten.— Wie Viele gab es nicht unter dieſen, die zu den doͤchſten Wuͤrden des Staates gelangt, ſich noch in ſpaͤtern Jahren mit dankbarer Liebe und Sorgfalt des alten Profeſſors erinnerten, der ſtreng und recht⸗ — 126— lich jede Vernachlaͤſſigung der Studien ruͤgend, durch eben dieſe Strenge der Schoͤpfer ihres Gluͤckes und der erſte Grundſtein zu jenem Ziele geworden war, das ſo manche ſeiner Schuͤler mitunter durch Pro⸗ tektion, groͤßtentheils aber durch wirklich erworbene Kenntniſſe in dieſer Zeit erreicht hatten; indeſſen er ſelbſt von der Welt nach wie vor unbeachtet, die Herzen und den Verſtand ſeines jugendlichen Nach⸗ wuchſes zuͤgelte. Nur das Bewußtſeyn, der Welt manchen wuͤr⸗ digen Staatsbuͤrger geſchenkt und nach menſchlicher Weiſe Gutes gewirkt zu haben, war ihm der ein⸗ zige, aber auch der reichſte Lohn, der die Tage des Alters und der Hinfaͤlligkeit verſuͤßte und die Stuͤr⸗ me des Lebens in den greiſern Jahren um ſo fuͤhl⸗ barer ruhig an ſeinem Silberſcheitel voruͤberziehen ließ.— Nie fuͤhlte ſich derſelbe gluͤcklicher, als wenn ihn einmal nach Jahren das Vergnuͤgen zu Theil geworden war, von einem ſeiner fruͤhern Schuͤler erkannt und als ehemaliger Lehrer begruͤßt zu wer⸗ den. Das Wiederſehen eines ſolchen vermochte als⸗ dann die Phantaſie des Greiſes Tage lang zu be⸗ — 127— ſchaͤftigen und jene Zeiten in ſein Gedaͤchtniß zu⸗ ruͤck zu rufen, wo er auf dem Katheder thronend, die Hieroglyphen ſeiner unerſchuͤtterlichen feſten Mei⸗ nung in jenen Katalog eingetragen hatte, der nun⸗ mehr in Schweinsleder eingebunden und mit maſſi⸗ ven Klammern verſehen, manche Stunden vergan⸗ gener Jahre in ſein ſchwaches Gedaͤchtniß zuruͤckrief. Dieß war auch heute der Fall. Vor wenigen Monaten war Michael*** ky, ein vormaliger Zoͤgling des Profeſſors aus dem ſuͤd⸗ lichen Rußland, wo derſelbe die Wuͤrde eines Kreis⸗ marſchalls bekleidete, in Wien eingetroffen, um ſich hier eine laͤngere Zeit hindurch aufzuhalten und jene Vergnuͤgungen wieder zu genießen, welche ihm waͤh⸗ rend ſeines laͤngern Aufenthaltes im Norden verſagt waren, und die, Paris und London ausgenommen, vielleicht keine andere Stadt in ſo bunter Abwechs⸗ lung darzubieten im Stande ſein duͤrfte.— Ein Zu⸗ fall hatte den Fremden mit ſeinem einſtigen geach⸗ teten Lehrer auf einer Promenade zuſammengefuͤhrt und den Letztern mit vollen, freudigen Zuͤgen die ſo unerwartete Ueberraſchung des Wiederſehens ge⸗ — 128— nießen laſſen. Mit ungeſtuͤmen Eifer drang der Greis in ſeinen wiedergefundenen Zoͤgling, ihn ſo⸗ bald als moͤglich mit einem Beſuche zu erfreuen, zu welcher Einladung Michael**r*ky um ſo fruͤher ſeine Zuſtimmung zu geben ſchien, als ihn auch an⸗ dere dringende Geſchaͤfte, wie er beifuͤgte, und der Wunſch, uͤber mehrere Gegenſtaͤnde eine naͤhere Auskunft und Belehrung zu erhalten, in die Woh⸗ nung ſeines geachteten Lehrers treiben werde.— Heute ſollte Michael erſcheinen. Mit zitternder Hand hatte der alte Profeſſor, von der Ungeduld der Erwartung verzehrt, den gewaltigen Folianten, das Organ ſeines geſchwaͤchten Gedaͤchtniſſes, aufgeſchla⸗ gen, um in den ſeligen Erinnerungen der Vergan⸗ genheit die Zeit zu verkuͤrzen und zugleich eines be⸗ aͤngſtigenden Gefuͤhles loszuwerden, das ſeinen Koͤr⸗ per mit dem leiſen Vorgefuͤhle eines baldigen Todes durchſchauerte. Bald hoͤrte er das Nahen ſchallender Schritte. Die Thuͤre oͤffnete ſich, und mit freudigen Worten von dem Greiſe empfangen, trat der Erwartete in das Geztathe Beide verloren ſich nach der erſten = 429— Freude des Wiederſehens in ein lange anhaltendes Geſpraͤch, das jedoch Profeſſor K**, ohne es zu bemerken, allein fortfuͤhrte, indeß ſein ehemaliger Zoͤgling, in tiefem Sinnen zur Erde niederſtarrend, nur ſelten einige Worte aͤußerte, und dabei den Greis mit ſo unſichern, ja ſelbſt drohenden Geberden zu betrachten ſchien, daß jeder unbefangene Zuhoͤrer dieſer Unterhaltung vor den ſpruͤhenden Blitzen aus dem Auge Michaels in die baͤngſte Beſtuͤrzung ver⸗ ſetzt worden waͤre. Im Rauſche des Geſpraͤches wurde der Pro⸗ feſſor von dem ſonderbaren Benehmen nichts ge⸗ wahr; im Gegentheil wandte ſich ſeine ununterbro⸗ chene Rede fortwaͤhrend um laͤngſt vergangene Zeiten herum, bis Michael*e*rky dieſelbe mit der Frage unterbrach, was ſein Lehrer von einem Ankaufe der in Oeſterreich kourſirenden Staatspapiere halte. Mit aufrichtiger Offenheit geſtand der Profeſſor, daß er dieſe Papiere fuͤr das ſicherſte Mittel halte, ſein Geld nicht allein auf eine lohnende mit weni⸗ gen Koſten verbundene Weiſe unterzubringen, ſon⸗ dern auch ein etwaiges Vermoͤgen durch einen derlei Spiegelbilder. II. 9 — 130— Ankauf bedeutend und ohne Gefahren zu vermehren, indem er zugleich im Laufe des Geſpraͤchs die Aeu⸗ ßerung hinwarf, daß ſeine ſaͤmmtliche, nicht gerade unbedeutende Habe, nur in ſolchen Papieren be⸗ ſtunde. Auch der Fremde erklaͤrte hierauf den Wunſch, ſeine Baarſchaft nach dem Beiſpiele des Profeſſors anzulegen, fruͤher jedoch ſich eine perſoͤnliche Ein⸗ ſicht in dieſe Obligationen verſchaffen zu wollen, um durch die genaue Kenntniß ihrer aͤußern Beſchaf⸗ fenheit einem Betruge oder einer Taͤuſchung deſto leichter vorbeugen zu koͤnnen. Mit freundſchaftlicher Bereitwilligkeit zeigte ſich der Greis geneigt, den Unerfahrenen bei dieſem Unternehmen mit ſeinem Rathe zu unterſtuͤtzen, weshalb er auch ſogleich zu einem in der Naͤhe befindlichen Kaſten eilte, und, aus ſeinem Verſchluſſe mehrere Papiere herausneh⸗ mend, ſeinen ehemaligen Schuͤler von ihrem Wer⸗ the und den aͤußern und innern Kennzeichen in das kleinſte Detail unterrichtete. Ein wildes, unheimliches Feuer blitzte ſpruͤhen⸗ der als zuvor bei dem Anblicke dieſer werthvollen Staatspapiere in Michaels duͤſterem Auge auf. — 131— Mit unwillkuͤhrlichem Zucken fuhr ſeine Rechte in den auf der Bruſt geoͤffneten Ueberrock, als wollte er dort das unruhig klopfende Herz durch die eiſige Kaͤlte ſeiner Hand beruhigen, und die ihn ſo ſehr aufregende Empfindung unterdruͤcken. Aber blitzend fuhr dieſe mit hochgeſchwungenem Stahl ſchon in der naͤchſten Sekunde aus ihrem Ruͤckhalte hervor, und mit toͤdtlicher Kraft ſenkte ein ſicherer Stoß das ver⸗ borgen gehaltene Meſſer tief in den Nacken des unvorbereiteten Greiſes.—— Ohne einen Laut von ſich zu geben, ſank dieſer in demſelben Augenblicke todt zur Erde nieder. Nach einem kurzen, graͤßlichen Roͤcheln war die letzte Spur des Lebens aus der morſchen Huͤlle des Greiſes ent⸗ ſchwunden. 1 Feſt und ſicher, mit empoͤrender Kaͤlte hatte die Hand des Moͤrders die Mordthat veruͤbt; zu ſchnell war dieſe gelungen, als daß irgend ein hervorge⸗ hauchter Schrei Hilfe herbeifuͤhren und den Moͤrder der ſtrafenden Gerechtigkeit uͤberliefern konnte. Mit eben ſo kalter, empoͤrender Entſchloſſenheit warf Michael nach vollbrachtem Morde das Werk⸗ 9*⁵ — 132— zeug deſſelben zur Seite. Mit gieriger Haſt ergriff ſeine Hand die werthvollen Papiere, und die Thuͤre der Wohnung ſorgfaͤltig verſchließend, verließ er mit eiligen Schritten einen Ort, der ihn bei laͤnge⸗ rem Verweilen dem Verrathe ſeines Verbrechens unwiederbringlich uͤbergeben haben wuͤrde. Die entſetzliche, ſchauderhafte That war voll⸗ kommen gelungen. Nur von den Nachegeiſtern ſei⸗ nes aus der tiefſten Ruhe aufgeſchreckten Gewiſſens verfolgt, gelangte Michael, das entartete Glied der Menſchheit, ſammt ſeinem ſorgfaͤltig verwahrten Raube nach ſeiner Wohnung, um hier mit ungeſaͤum⸗ ter Schnelligkeit alle Anſtalten zu einer ſchnellen Ab⸗ reiſe zu treffen, und den mit Blut erworbenen Reich⸗ thum in der Heimath ungeſtoͤrt genießen zu koͤnnen. Doch das gewaltige Auge der Vorſehung wachte uͤber ſeine Schritte und ließ ihn der Vergeltung nicht entrinnen. 4. Die heiteren Strahlen der fruͤhen Mittagsſonne vergoldeten mit ihrem leuchtenden Schimmer die — 133— Außenwaͤnde eines langen weitlaͤufigen Gebaͤudes, das, faſt in der Mitte des großen Domplatzes von We gelegen, durch den Reichthum der in ſeinem Erdgeſchoſſe zur Schau geſtellten vielfaͤltigen Ge⸗ woͤlbeauslagen— die feſſelnden Blicke ſo mancher reizenden Damen nach ſich zieht. In dem erſten Stockwerke dieſes Hauſes, in einem Gemache, das nach dem modernen Geſchmacke der neueſten Zeit moͤblirt, durch die elegante, hoͤchſt gewaͤhlte Einrichtung einen deutlichen Begriff von dem Wohlſtande ſeines Bewohners darbot, befanden ſich zu derſelben Zeit, es war zwei Uhr Nachmit⸗ tag, drei, zum Theile bekannte Perſonen. Ein reizendes, geſchmackvolles Mouſſelinkleid umſchloß die zarten Formen der einen, deren ent⸗ bloͤßter bluͤthenweißer, wie mit flaumigtem Schnee bedeckter Nacken ſie als eine jener lieblichen Erſchei⸗ nungen darſtellte, die von Natur geſchaffen, den Mann auf den roſigen Schwingen der Liebe in das himmliſche Reich der hoͤchſten irdiſchen Seligkeit zu fuͤhren, leider nur zu oft ihr ſchoͤnes Wirken ver⸗ kennen, und auf der ſelbſt eingeſchlagenen Bahn — 134— weiblicher Verworfenheit ſich und andern ein Daſein truͤben, das ihnen zu dieſem Zwecke wohl nie zu Theil geworden waͤre. Eine uͤppiger gebaute, aber minder liebliche Blondine zu ihrer Rechten ſchien, nach dem zwi⸗ ſchen Beiden herrſchendem vertraulichen Ton, ihre beſte innigſte Buſenfreundin, eine treue Gefaͤhrtin auf der dornenvollen Bahn der Schauſpielkunſt zu ſeyn. Auf die ſchwellenden Polſter des niedrigen Di⸗ vans in einer maleriſchen Stellung hingelehnt, uͤber⸗ goß das roſige, durch die ganz herabgelaſſenen bren⸗ nend rothen Gardinen gedaͤmpfte Licht die Geſtalten beider Maͤdchen mit einem eigenen unendlichen Lieb⸗ reiz. Dennoch konnte weder dieſer, noch die froͤh⸗ liche, faſt an Ausgelaſſenheit ſtreifende Laune Hele⸗ nens und ihrer Gefaͤhrtin den duͤſtern ſchwermuͤthi⸗ gen Ausdruck bannen, der ſich in den finſtern, ab⸗ ſchreckenden Zuͤgen der dritten in dem kleinen Ge⸗ mache anweſenden Perſon ſpiegelte. Es war der raͤthſelhafte Fremde aus dem Theater.. Helene hatte ſeine Bekanntſchaft auf einem je⸗ — 135— ner heitern Ausfluͤge gemacht, die ſie in Geſellſchaft ihrer Freundinnen oͤfters im Jahre zu unternehmen pflegte. Zwar ſchreckte ſein finſteres unheimliches Antlitz das lebensfrohe Maͤdchen anfangs von ihm ab, doch das elegante, anziehende Benehmen deſſel⸗ ben und ſein bedeutender, nicht ſelten zur Schau geſtellter Reichthum verſcheuchten jenen erſten unguͤn⸗ ſtigen Eindruck ſchnell wieder, und bald geſtaltete ſich die fluͤchtige Bekanntſchaft zu einem engern, ſchoͤneren Verhaͤltniß.. So erfuhr ſie denn ſchon nach wenigen Tagen, daß ſich dieſer Fremde Miloſch**rky nenne, aus Rußland gebuͤrtig, daſelbſt beguͤtert ſei, und ſich nur ſeines Vergnuͤgens halber W““ zu einem laͤn⸗ gern, vielleicht immerwaͤhrenden Aufenthalte auser⸗ ſehen habe. Vergebens blieb jedoch ihr Bemuͤhen, die oͤfteren truͤben Augenblicke ihres Freundes, auf deſſen Bruſt ein trauriges Geheimniß zu laſten ſchien, zu bannen. Nur zu oft war ſein Selbſt mit einer eiſigen Kaͤlte umzogen, die ſich Furcht und Grauen erregend auch heute in ſeinem truͤben Antlitz mehr als gewoͤhnlich ausſprach. — 136— Nachlaͤſſig in einen an der Seite des Divans befindlichen Fauteuil hingeſtreckt, ſchien er die froͤh⸗ liche Stimmung ſeiner reizenden Geſellſchaft kaum zu beachten; aber eben ſo wenig ließ es ihn in dem kleinen Gemache Raſt und Ruhe finden. Jeden Augenblick ſprang er empor, und mit großen Schrit⸗ ten auf und nieder gehend, gab ſein unentſchloſſe⸗ nes Benehmen deutlich zu erkennen, daß ihn etwas beaͤngſtige, zu deſſen Offenbarung es ihm entweder an Muth oder an Kraft fehle. Doch ploͤtzlich blieb er ſtehen, und mit jenem ſchwankenden, verlegenen Tone, der gewoͤhnlich einer druͤckenden Eroͤffnung vorauszugehen pflegt, hob er leiſe die Worte an: „das Wetter ſcheint meiner Reiſe ziemlich guͤnſtig.“ Erſchrocken ſprang Helene empor. Es ſchien, als haͤtten dieſe kaum hoͤrbar hingeworfenen Laute einen widrigen Mißklang in ihrem Innern erregt, und noch deutlich zeigte ſich ihre Unruhe, als ſie jetzt zu ihm ſprach: —„Sie wollen reiſen?— nicht moͤglich, Mi⸗ loſch!— woher der ploͤtzliche Entſchluß?“— Tiefſinnig ſeine Blicke auf den Boden heftend, — 137— entgegnete**rky in abgebrochenen, faſt unzuſam⸗ menhaͤngenden Worten: —„Ich muß— dringende Geſchaͤfte— mein Vaterland.“ „Sie muͤſſen,“— erwiederte Helene in jenem gleichguͤltigen Tone, der das geduldige Ergeben in ei⸗ nen feſten unwandelbaren Entſchluß bezeichnet,„ja freilich wird dann meine Bitte, hier zu bleiben, in ihrem Herzen keinen Anklang finden.— Nun wie ſie wollen.— Doch,“ fuͤgte ſie ſcherzend hinzu:„irgend ein artiges Andenken fuͤr mich und meine Freundin, wird wohl uns beide an die ſchoͤne Zeit ihres hieſi⸗ gen Aufenthaltes erinnern?“— „Das ſoll es,“— entgegnete ernſt und duͤſter ihr Freund—„dort— jene verſchiedenen Gegen⸗ ſtaͤnde ſind fuͤr Sie und Aurelie beſtimmt.“ Mit ſtummer Geberde deutete er nach einen dem Divan gegenuͤberſtehenden Tiſch, der auf ſeiner Plattform eine reiche Auswahl eleganter und werthvoller Schmuck⸗ und Toilettengegenſtaͤnde enthielt, und von dem ſchmerzlichen Gefuͤhle uͤberraſcht, ſeine Ab⸗ weſenheit Helenen durch ein Geſchenk erſetzen zu — 138— koͤnnen, trat er ſchnell in ſein nebenliegendes Schlafgemach. Beide Maͤdchen mußten ſein Abgehen nicht be⸗ merkt zu haben. Das Anſehen, Beloben und Tadeln und die Theilung der glaͤnzenden Taͤndeleien beſchaͤftigte ſie ſo ganz, daß ſelbſt die laͤngere Abweſenheit ihres Freundes von ihnen ungeachtet blieb. Bald hatte die Unterhaltung geendet— aber noch immer blieb*erky entfernt. Jetzt erſt ſchien es Helene zu gewahren, und mit huͤpfendem Gange und den leichthingeworfenen Worten:„Ich muß doch ſehen, was Miloſch macht?“— oͤffnete ſie leiſe die Fluͤgelthuͤre des anſtoßenden Gemaches; doch mit dem lauten Ausrufe des Schreckens:„Heili⸗ ger Gott! was ſoll dieß?“— wankte ſie taumelnd zuruͤck, kaum daß die ſie raſch umfangenden Arme Aureliens ihr glaͤnzliches Hinſinken zu verhindern im Stande waren. Allerdings war die Helenen zu Theil gewordene Ueberraſchung von greller Art. Die Haͤnde auf den Ruͤcken gebunden, von — 130— verkleideten Gensdarmen rings umgeben, ſtand *erky mit furchtbar entſtelltem Antlitz in der Mitte des Gemaches. Moehr als die kurzgefaßte Mittheilung der mit dem Verſiegeln ſaͤmmtlicher Effekten beſchaͤftigten Magiſtratsperſonen, verbuͤrgte die leichenfahle Blaͤſ⸗ ſe ſeiner Geſichtszuͤge, das grimmige Zaͤhnknirſchen, und ſo mancher ohnmaͤchtige Verſuch, ſich aus den feſſelnden Banden zu loͤſen, vermengt mit wuͤthen⸗ den Fluͤchen und Verwuͤnſchungen, die Beſtaͤtigung eines Verbrechens, das Helenen, leider zu ſpaͤt, mit dem tiefſten Abſcheu gegen den Verbrecher erfuͤllen mußte. Das allgewaltige Auge der unſichtbaren Vor⸗ ſehung hatte den Moͤrder ſeines Lehrers erreicht und in die ſichern Haͤnde der Gerechtigkeit zur verdien⸗ ten Strafe uͤberliefert. Dem entarteten Gliede der Menſchheit wurde, des hohen Ranges, den Michael**rky in ſeinem Vaterlande bekleidete, ohngeachtet, am Hochgerichte der gebuͤhrende Lohn. — 10— Wenige Jahre ſpaͤter erblickte man an einem Herbſttage vor der kleinen Pfarrkirche der Vorſtadt L. eine zahlreiche Menſchenmenge verſammelt. Nur mit Muͤhe gelang es mir, den Eintritt in das mit vielen brennenden Kerzen duͤſter erleuch⸗ tete Gotteshaus zu erzwingen.— Auf einer ſchwar⸗ zen Bahre erblickte ich hier einen einfachen Sarg, den ein gruͤner, auf dem Deckel deſſelben liegender Cypreſſenkranz einzig und allein verzierte.— Sein Inneres barg Helenens letzte ſterbliche Ueberreſte. Der fruͤhzeitige Genuß ihres jugendlichen Lebens und die furchtbare Ruͤckerinnerung an die graͤßliche Hinrichtung Michaels hatten ihr Daſein zerſtoͤrt und ſie viel zu fruͤh dem dunklen Grabe zugefuͤhrt. Die Menſchheit hat durch ihren Verluſt wenig, deſto mehr aber die Kunſt verloren. — Fresco⸗Satire auf das Pariſer Modeleben. Motto. Du meinſt, es waͤr modern?— Wohlan es ſei!— Doch ob auch ſchon?— Dieß bleib' dahin geſtellt.— Unbekannter. 1. An einem heitern Spaͤtherbſtmorgen des ver⸗ floſſenen Jahres 1837 bog eine prachtvolle, mit zwei langgeſtreckten, wunderſchoͤnen engliſchen Pferden be⸗ ſpannte Equipage im raſchen Trabe in die rue de Richelien, indem ſie hier vor dem beruͤhmten Moden⸗ Magazin der noch beruͤhmtern Madame Daſſe Nr. 38, einer der erſten pariſer Modiſtinnen, haltend weilte. Leichtfuͤſſig ſprangen die beiden, am Ruͤcktritte der modernen Berline aufſtehenden reich gallonirten Bedienten herab, und die Huͤte ehrerbietig in der Hand, den Schlag mit eilfertiger Dienſtpflicht oͤff⸗ nend, hoben ihre vereinten Arme eine jugendlich reizende Frauengeſtalt aus demſelben, die den nie⸗ dergeſchlagenen Maroquintritt mit dem zartgeform⸗ — 144— ten Fuͤßchen kaum beruͤhrend, ſchnell in dem In⸗ nern des Hauſes entſchwand.— Es war die, eben ſo durch ihre Liebenswuͤrdig⸗ keit als eine blendende Schoͤnheit ausgezeichnete Herzogin A., eine der erſten Damen der haute societé zu Paris. Durch die von ihrer Dienerſchaft geoͤffneten Flü⸗ gelthuͤren in den Salon der gefeierten Modiſtin ein⸗ getreten, erblickte die Prinzeſſin Madame Daſſe von mehreren Maͤdchen umgeben, denen ſie mit der nur eingebornen Franzoͤſinnen eigenthuͤmlichen Gelaͤufig⸗ keit des Ausdruckes ihre Auftraͤge ertheilte. Nicht ſo bald waren jedoch ihre Blicke den Ein⸗ tritt der Herzogin gewahr geworden, als ſie der⸗ ſelben auch ſchon mit den deutlichſten Beweiſen der tiefſten Ehrfurcht entgegen eilte, um ſie nach ihren Befehlen zu fragen. Mit bezaubernder Anmuth und dem ſchmelzen⸗ den Wohllaut einer melodiſch ſanften Stimme wuͤnſchte die Prinzeſſin die neueſten Moden des rei⸗ chen Magazins zu beſehen, um zu der bei der Graͤ⸗ fin Mer am naͤchſten Tage ſtatt findenden Soirée dansante die Auswahl einer eben ſo reichen als ge⸗ ſchmackvollen Toilette treffen zu koͤnnen. 2 Der Wunſch der engelſchoͤnen Kaͤuferin war kaum uͤber die reizenden Roſenlippen gefloſſen, als auch ſchon Madame Daſſe die lange Reihe der Ma⸗ hagonyſchraͤnke aufſchlug, um den an Reichthum und Geſchmack ſich ſtets mehr uͤberbietenden Inhalt der⸗ ſelben vor den Blicken ihrer hohen Goͤnnerin aus⸗ zubreiten. Allein es ſchien, als waͤre der ſonſt nicht ſehr waͤhligen Dame heute gar nichts nach Wunſche. Umſonſt bemuͤhte ſich die Modiſtin, mit den lie⸗ benswuͤrdigſten, durch die oͤftere Wiederholung faſt auswendig gelernten Sprachformeln ihre Wuͤnſche zu befriedigen.— Umſonſt eilten ihre Demoiſellen durch ein oͤfteres halblautes„Bien vite“ der Gebie⸗ terin zur befluͤgeltern Dienſtleiſtung aufgefordert, immer haſtiger durch einander, um nur recht ſchnell die verſchiedenartigſten Moden⸗Artikel aus ihnem Verſchluſſe zu holen.— Vergebliche Muͤhe— die Herzogin gelangte zu keiner Wahl, obgleich ihre niedlichen Finger mit im Spiegelbilder. II. 10 — 146— 8 mer groͤßerer Ungeduld in den vor ihr aufgehaͤuften Cartons wuͤhlten. Vergehend in dem Gedanken, die erſte und weichſte ihrer Kunden zu verlieren, wandte ſich Ma⸗ dame Daſſe mit den auserleſenſten Worten der ehr⸗ erbietigſten Hoͤflichkeit an die Herzogin, um die ge⸗ hegten Wuͤnſche en detail und deutlicher zu erfahren; aber laͤchelnd hob die reizende Notabilitaͤt der Mode den anmuthigen Lockenkopf empor, und mit der kurzgefaßten, inhaltsſchweren Antwort:„j'ai desiré une Enveloppe, d'une Fantaisie nouvelle et ideale! mais ni Mantille, ni Manteau“ ſteigerte ſie die Ver⸗ legenheit der Modiſtin zu dem hoͤchſt moͤglichſten Culminationspunkte.— Welch ein gordiſches Raͤthſel lag in den we⸗ nigen Worten: ni Mantille— ni Manteau.— Konnte es ihrem Erfindungsgeiſte gelingen, den gewuͤnſch⸗ ten idealen Ueberwurf zur vollen Zufriedenheit des Geſchmackes der Prinzeſſin zu realiſiren, dann war ihr Gluͤck gemacht— ihr Ruhm in Paris und bei⸗ nahe in allen uͤbrigen Laͤndern Europas auf Jahre geborgen. — 1— Doch ſollte der Verſuch mißlingen; dann— —— Es iſt nicht moͤglich die ſtuͤrmiſchen Ge⸗ fuͤhle zu ſchildern, die ſchon bei dem bloßen Gedan⸗ ken den wogenden Buſen der Modiſtin beengten und ſie mit immer groͤßerer Angſt auf Mittel und Wege ſinnen ließen, dem drohenden Ende ihres weit ver⸗ breiteten Rufes zu entgehen.— Ihr blieb keine Wahl.„Entweder— Oder“ war das einzige Loſungswort, und mit hochgeroͤtheten Wangen, leiſer, faſt unſicherer Stimme und abge⸗ brochenen fliegenden Worten beſchwor Madame Daſſe in den ausgeſuchteſten Phraſen der feinſten franzoͤſiſchen Converſationsſprache die reizende Fuͤr⸗ ſtin, deren ſeelenvollem Veilchenauge die peinlichen Qualen der Geaͤngſtigten nicht entgangen waren, ihr den kleinen Aufſchub bis morgen zu geſtatten, indem ſie mit ihrer Bitte das feſte Verſprechen ver⸗ band: ſie werde der gewuͤnſchten Aufgabe bis zu je⸗ ner Zeit in einer Schoͤnheit und mit einem Ge⸗ ſchmacke genuͤgen, wie noch nie ein aͤhnlicher Mo⸗ denartikel aus ihrem Magazine hervorgegangen ſei. Mit einem himmliſchen Laͤcheln und den freund⸗ 10* 18— lichen Worten:„Eh bien, a demaint entfernte ſich die Herzogin, indem ſie ſchon unter dem Portale noch ein milde drohendes„à quatre heure, au plus tard!“« hinzufuͤgte. Bald darauf eilten die raſchen Pferde der Pro⸗ menade von Long champs entgegen, waͤhrend Ma⸗ dame Daſſe in ſprachloſem Schrecken ſich nach ih⸗ rem Attelier verfuͤgte, um in ſelbem verſchloſſen der Loͤſung des verwickelten Raͤthſels nachzuſinnen. Une Enveloppe nouvelle et ideale; mais ni Man- tille, ni Manteau. Welch raͤthſelhafter Vnhaſt lag in dieſen Worten. Leicht war das Verſprechen gegeben, doch un⸗ endlich ſchwerer in Erfuͤllung gebracht. Schon beleuchteten die letzten Strahlen der un⸗ tergehenden Sonne das elegant moͤblirte Kunſtattelier der Madame Daſſe, und noch hatte dieſe den gor⸗ diſchen Knoten weder geloͤſt, noch zerhauen. 2. Heiter war der verhaͤngnißvolle Tag herange⸗ brochen. Schlaflos wiegte ſich Madame Daſſe in —— — 149— einem reizenden demi Negligée auf den ſchwellenden Polſtern der elaſtiſchen Ottomane. Die ganz herabgelaſſenen feuerrothen Gardinen uͤbergoſſen ihre bleichen Zuͤge mit einer zarten Roͤthe, doch nur um den faſt erloſchenen Ausdruck des ſonſt ſo ſtrahlenden Auges zu erhoͤhen, das erſchoͤpft von dem naͤchtlichen fruchtloſen Studium truͤbe zur Erde niederſah. Langſamen, faſt leidenden Schrittes ſich der Thuͤre naͤhernd, oͤffnete ſie dieſe, um ſich in den Salon zu ihren Demoiſellen zu begeben, die ſchon in voller Arbeit rings um den breiten Naͤhtiſch ge⸗⸗ reiht, ſie mit einem laͤrmenden„Bon jour, Madame!“ empfingen, und durch ihre bluͤhenden roſigen Geſtal⸗ ten einen abſchreckenden Kontraſt zu ihrer bleichen, wankenden Gebieterin bildeten.— Mit ſchwacher, lispelnder Stimme ertheilte Madame Daſſe ihre Auftraͤge fuͤr den heutigen Tag, und unter dem gemeſſenen Befehle, ſie mit ihren Etuden vor Jedermann zu entſchuldigen, ſtand ſie eben im Begriff, nach ihrem erſt vor Kurzem ver⸗ laſſenen Gemache zuruͤckzukehren, als ſich die ihr — 150— gegenuͤber befindliche Thuͤre des Vorſaales oͤffnete, und die elegiſch blaſſe, durch die ſtete ſitzende Arbeit faſt zu einem Lilienſtengel abgezehrte Figur eines Schneiderlehrlings ihres weltberuͤhmten maͤnnlichen Collegen Humann, des erſten der pariſer maitre tailleurs, mit der leiſen Frage den Salon betrat: „ob hier im Hauſe Doctor Charpentier wohne?“ — Ein allgemeines„Oui au seconde war die laͤr⸗ mende einſtimmige Antwort, und ſchon wollte der mit dieſer Auskunft zufriedengeſtellte Kleider⸗Inge⸗ nieur⸗Praktikant die Thuͤre ſchließen, als die Evas Natur nicht verlaͤugnende, aͤußerſt neugierige Modi⸗ ſtin zu demſelben mit dem Wunſche eilte, das fuͤr ihren Nachbar verfertigte Gewand naͤher zu beſehen. Schnell befreiten die zarten, fleiſchloſen Haͤnde des ungefluͤgelten Goͤtterboten das aus der Nadelwerk⸗ ſtatt des erſten Meiſters in der Welt hervorgegan⸗ gene Kleidungsſtuͤck von ſeiner gruͤnſeidenen Huͤlle, indem er daſſelbe mit ſelbſtgefaͤlligem Wohlbehagen vor den erwartungsvollen Blicken der anweſenden Damen aus einander breitet. Es war dieß eines von jenen Gewaͤndern, deſ⸗ ſen ſich die aͤltern Aerzte in unſern Zeiten bei der eintretenden kuͤhlern Herbſtwitterung gewoͤhnlich zu ihren Morgenbeſuchen zu bedienen pflegen. An ſei⸗ nem Rande mit einem ſchmalen Pelzſtreifen beſetzt, glich es durch ſeine Weite einem Mantel ohne Kra⸗ gen, durch Form und Schnitt einem Kazotte, und bildete ſomit ein Mittelding zwiſchen beiden. Forſchend betrachtete Madame Daſſe den ob⸗ wohl aus Rococos Zeiten herſtammenden, dennoch in der mediziniſchen Welt noch immer beliebten und modernen Ueberwurf.—— Doch ploͤtzlich wie von einem Blitzſtrahl beruͤhrt, faͤrbten ſich ihre Wangen mit einer hohen Gluth, das matte Auge ſtrahlte von einem lieblichen Feuer, und mit dem freudigen Schrei:„Dieu soit loué!« ſank ſie faſt beiußcioge in die Arme ihrer ſchnell her⸗ bei eilenden Damen.— Mit kaum zu unterdruͤckendem Lachen blickten dieſe bald auf ihre ohnmaͤchtige Gebieterin, bald auf den verbluͤfft und verlegen daſtehenden Kleider⸗ verfertigungs⸗Gargon, ohne daß ſie im Stande ge⸗ weſen waͤren, ſich den Zuſammenhang der ihnen hoͤchſt komiſch erſcheinenden Begebenheit zu ent⸗ raͤthſeln. Langſam erholte ſich indeſſen Madame Daſſe. — Ihr erſter Blick ſuchte das noch immer in den Haͤnden des nadelfuͤhrenden Juͤnglings befindliche Kleidungsſtuͤck, deſſen Anblick wie mit Fiebergluth auf ihre zarten Nerven zu wirken ſcheint. Neu ge⸗ ſtaͤrkt erhob ſie ſich, und daſſelbe ſchnell ergreifend, wandte ſie es unter einem:„joli, charmant“ nach dem andern auf alle Seiten. Die Beſichtigung war beendet. Leicht glitt ein Fuͤnffrankenſtück in die Haͤnde des freudig erſtaun⸗ ten Kunſtjuͤngers, und noch hatte ſich dieſer kaum entfernt, als Madame Daſſe, hoch erfreut, das Ideal ihrer ni Mantille, ni Manteau Enveloppe gefunden zu haben, ſchnell nach ihrem Attelier eilte und ſich darin verſchloß.—— Wenn es in dieſem Augenblicke moͤglich gewe⸗ ſen waͤre, in das jedem profanen Auge feſt ver⸗ ſchloſſene Heiligthum der geheimen Modenwerkſtaͤtte. einzudringen, der wuͤrde mit Staunen und Entzuͤ⸗ cken die Auswahl der zerſtreut umherliegenden Stoffe von Poult de soie, velours d'Afrique, Tissu papillon, Gros de Tyndaris et de Messine, Tolima-Zoila und Wolga Moirées, und noch viele andere derlei moder⸗ ne Seidenzeuge bewundert haben, in denen nun die bluͤhende, reich mit Ringen verzierte Hand der yloͤtz⸗ lich ſtolzen Modekoͤnigin geſchaͤftig wuͤhlte. Bald war die Wahl eines eleganten Stoffes getroffen, dieſer auf der glaͤnzenden zum Zuſchneiden dienenden Mahagony⸗Tafel entfaltet, und raſch zerſchnitt die engliſche hell polirte Stahlſcheere denſelben nach den mit mathematiſcher Genauigkeit vorgezeichne⸗ ten Formen. Ein eilender Klingelzug berief zugleich die vertrauteſten ihrer Demoiſellen in das geheim⸗ nißvolle, nur ſelten von ihnen betretene Attelier, und unter den eilenden Nadelſtichen der flinken Haͤnde ſchritt das Werk ſeiner Vollendung immer naͤher, in⸗ deſſen Madame Daſſe mit aͤngſtlich klopfendem Herzſchlage den Zeiger der wunderſchoͤnen auf dem eleganten Mahagony⸗Sekretaͤr ſtehenden Bronce⸗ Uhr betrachtete, und mit einem jeden Augenblick halblaut hingeworfenen Plus vite, mes Dames“ dieſe zur befluͤgelten Eile aufzufordern bemuͤht war.—— — 154— Es ſchlug drei Uhr— das Rieſenwerk der idea⸗ len Phantaſie lag vollendet vor den freudeſtrahlen⸗ den Blicken der Modiſtin. Leichthin fuhr der heiße Stahl, die letzten Biegungen deſſelben glaͤttend, dar⸗ uͤber, eben ſo ſchnell war die naͤchſtſtehende Voiture de remise berufen, und im Fluge fuͤhrten die zwar etwas abgemagerten, aber durch freundſchaftlich beigebrachte Peitſchenhiebe und drohenden Zuruf des Lenkers zu immer raſcherm Laufe geſtachelten Pferde bei dem in der rue Choiseul gelegenen Hotel der Herzogin vor. Wenige Sekunden— die Thuͤre der Anticham⸗ bre oͤffnete ſich, und mit liebreizendem Laͤcheln ſtand Madame Daſſe in eigener Perſon vor der ihr mit dem freudigen Zittern der Erwartung entgegengeeilten Prinzeſſin. 3. Feurig erglaͤnzten die hohen Spiegelſcheiben des herrlichen der Graͤfin M. gehoͤrigen Hotels in der rue Cerutte von der ſtrahlenden Beleuchtung der innern zur Aufnahme eines auserleſenen Cereles 6 — 155— der haute societé auf das Prachtvollſte hergerichte⸗ ten Gemaͤcher. Raſſelnd rollte eine Reihe der eleganteſten Equipagen in das weit geoͤffnete, von einem reich galonirten Portier gehuͤtete Portale.— Schnell flogen die mit manigfaltigen Wappenſchildern ge⸗ zierten Schlaͤge auf, die ſafianenen Fußtritte herab, und ſchwebend eilten die reizendſten Damen der pariſer Ariſtokratie die breiten, mit gruͤnem Tuche belegten Marmorſtufen hinan, die durch eine Reihe geſchmackvoll moͤblirter— mit hohen Trumeaus und blendenden Aſtrallampen erhellter Gemaͤcher in den großen zum Empfange beſtimmten Salon fuͤhrten. Schon waren alle Damen, die durch ihren Rang und ihren Reichthum einen gerechten Anſpruch auf den Zutritt in die gewaͤhlten Kreiſe der hoͤchſten Salons zu machen ſich geeignet fuͤhlten, in einfachen und geſchmackvollen, reichen und mit Juwelen uͤber⸗ ladenen Toiletten verſammelt. Nur eine fehlte, und mit geſpannter Aufmerkſamkeit ſah Alles ihrem Ein⸗ tritt entgegen.—— Rauſchend flogen jetzt die weiten Fluͤgelthuͤren — 156—. zur Seite, ein Meer von wohlriechenden Parfuͤms wehte der Verſammlung entgegen, und ſtolz, gleich einer Feenkoͤnigin, trat die Erwartete, ſtrahlend in dem Glanze ihrer blendenden, durch einen wunder⸗ lieblichen Anzug noch mehr gehobenen Schoͤnheit mit Alles bezaubernder Anmuth in den Salon. Es war die Herzogin!!!—— Eilend ſchritt ihr die Graͤfin entgegen, um ſie zu dem fuͤr ſie beſtimmten Ehrenplatze zu fuͤhren, und bald begann die allgemeine Converſation, zu welcher die wunderſchoͤne Toilette der Fuͤrſtin bei⸗ nahe ausſchließend Anlaß gab. Aber auch nicht ſo leicht konnte man ſih ein Koſtuͤme denken, in welchem Luxus und Geſchmack mit einer edlern Cnſachhat gepaart erſchienen waͤren.—— Ein kleiner, flacher Hut von granatfarbigem Sammet— aus dem Modenmagazine der Madame Maurice Beauvais— am Rande der Krempe mit einer Reihe Diamanten umgeben, bedeckte ihr lieb⸗ liches, von wallenden Locken à l'anglaise ſanft be⸗ ſchattetes Engelshaupt, waͤhrend die ſtatt einer Feder an der linken Seite deſſelben angebrachte und mit einer prachtvollen Agraffe von Diamanten be⸗ feſtigte Sammetſchleife ihre langen Enden flatternd niederſinken ließ. Ein eben ſo allerliebſtes Kleid von bluͤthenweißem Tulle d'illusion mit einem ganz ein⸗ fachen Saume, deſſen drappirtes Leibchen ein ſtrah⸗ lendes Diamantenbouquet in ſeiner Mitte verzierte, umſchloß die zarten, faſt aͤtheriſchen Formen. Blitzende Diamantenſchleifen ſchmuͤckten zugleich die halb pagodenartigen aus doppelten ſchraͤgen Tulle verfertigten Aermeln auf jeder Achſel— doch die Krone des ganzen wunderſchoͤnen Koſtuͤmes bildete der von Madame Daſſe neu erfundene ideale Ueberwurf von ſilbergrauen, mit Roſa⸗Atlas gefuͤtter⸗ ten Velour d' Afrique. Ein drittel Elle breite mit den prachtvollſten gothiſchen Deſſeins uͤberladene Alenconner Blonden beſetzten den Rand der ſich ei⸗ nes allgemeinen Beifalls erfreuenden Ni Mantille— ni Mantean Enveloppe, die ſich in ihrer Geſtalt von dem fruͤher erwaͤhnten Morgenanzuge unſerer Ta⸗ gesaͤrzte nur durch den groͤßern Kragen, die be⸗ deutendere Kuͤrze, und die weiten, kurzen, einem griechiſchen Oberkleide nachgebildeten Aermeln unter⸗ ſchied. Elegante Halbſtiefeln von maikaͤferbraunem poult de soie aus der Fabrik des Herrn Jacobs, und blendend weiße mit Spitzen garnirte Hand⸗ ſchuhe, an den Gelenken mit blitzenden Diamanten⸗ Brazelleten befeſtigt, vollendeten den uͤbrigen Theil der herrlichen Toilette. 1 Lange blieb die Herzogin oder vielmehr ihr Anzug das einzige Ziel aller Lorgnetten und der ausſchließende Gegenſtand der lebhaften Unterhaltung; doch bald er⸗ reichte die Neugierde der anweſenden Damen, durch den Wunſch den Namen der ſonderbaren noch nie geſehenen Mode zu erfahren, ihren hoͤchſten Gipfel, und mit hoͤflicher Artigkeit wandten ſich die Naͤchſtſitzenden um die Befriedigung derſelben an die Prinzeſſin. Spielend hielt dieſe den eleganten, reich mit Gold ausgelegten und den ſchoͤnſten Gemaͤlden der beruͤhmteſten Meiſter auf dem feinſten Veelin gzierten Eventail vor ihr roſiges Antlitz, um das ſchalkhafte Laͤcheln zu verbergen, das in dieſem Augenblick in den lieblichen Zuͤgen ſpielte, und kaum hoͤrbar fluͤſter⸗ ten ihre Roſenlippen das einzige Wort: — 459— Crispin!!!——-— Halb entſetzt fuhren die Damen mit dem un⸗ willkuͤhrlichen Ausruf—„Quelle drole d'Expression“ vor dieſer unerwarteten Antwort zuruͤck. Doch dem Uebelſtande war nicht abzuhelfen, da Madame Daſ⸗ ſe, durchdrungen von den innigſten Dankgefuͤhlen fuͤr den ihr als Retter in der Noth erſchienenen blei⸗ chen, ſchattenaͤhnlichen Schneiderlehrling, dem neu erfundenen Ueberwurf ſeinen Namen beigelegt hatte. Noch nie erfreute ſich eine aͤhnliche Tracht ei⸗ nes ſo glaͤnzenden, in den Annalen der Mode uner⸗ hoͤrten Triumphes; denn ſchon beinahe ein Jahr ruht der bleiche— an einem elegiſch langſamen, in der proſaiſchen Sprache der Medizin Abzehrung genannten Hinſchmachten— zur tiefen Ruhe einge⸗ gangene Schneiderlehrling Crispin, von keiner un⸗ zart fehlenden Elle ſeines Meiſters, keinen necken⸗ den Nadelſtichen ſeiner oft muthwilligen Gefaͤhrten aus dem ruhigen Schlummer geriſſen, auf dem freundlichen Friedhofe des Pere la chaise, aber noch immer erblickt man nicht allein in Paris, ſondern auch in allen uͤbrigen Hauptſtaͤdten des faſhionablen — 460— Europas, dieſe hoͤchſt originelle unter dem auffal⸗ lenden Namen Crispin erſcheinende Mode.—— So hilft der Zufall allein das Entſtehen einer Mode, und den Ruf einer Modiſtin begruͤnden.—— Ruhe ſanft, Du bleicher— deinem ſitzenden Berufe als trauriges Opfer— anheimgefallener Juͤngling!!!— Unvergaͤnglicher als jene Bluͤthen, die dem duͤrren Graſe Deines Leichenhuͤgels entſprieſ⸗ ſen, lebt Dein Angedenken auf den Schultern jener reizenden Damen fort, die ſich der Deinen Namen verewigenden Enveloppe noch immer bedienen.—— 4 2 28☛ 8 ☛ = F S e 3 2— 5 5 2 2 5 3 8 —— 5 3 3 5 2 2 G* G Motto. Das Gluͤck iſt eitel, das Leben hohl,— Nur wer im Grab gebettet, der liegt wohl. Kamoens— von Halm. Glaube. Troſt kann nur der Glaube bieten, Bricht in dumpfen Schmerzeswuͤthen Oft der Gram des Menſchen Herz. Troſt kann nur der Glaube reichen, Wenn im Gram die Wangen bleichen— Er nur ſuͤßet jeden Schmerz. 1. Ein reges Leben herrſchte am 15. Jaͤnner 1828 auf dem Schloſſe Stecowa in Lithauen, dem alten und reichen Staroſten Kamynski gehoͤrig. Von allen Seiten nahten einzelne Schlitten, von ſchnaubenden Rennern mit helltoͤnendem Gelaͤute ge⸗ zogen. Ihnen entſtiegen mehrere Herren und Da⸗ men, ſorgſam in Maͤntel und Pelzwerk eingehuͤllt, die nun, unter ſtetem Puſten und eifrigem Haͤnde⸗ reiben, mit raſchen Schritten dem Portale zueilten, 11* — 164— an deſſen Stufen ſie der alte Staroſt mit herzli⸗ chem Haͤndedruck empfing, und in die obern Ge⸗ maͤcher geleiten ließ; wo ihnen ſeine Gemahlin, in der Mitte ihrer bluͤhenden zwei Toͤchter, mit eben ſo freundſchaftlicher Zuvorkommenheit entgegentrat. Ein buntes Gewirre erfuͤllte indeſſen den wei⸗ ten Schloßraum.— Hier wurden die vielen, mit Schweiß und Schaum bedeckten Pferde ihrer Schlit⸗ ten entledigt und durch die, in grobes Wollenzeug gehuͤllten, vor Kaͤlte halb erſtarrten Leibeigenen des Staroſten in langſamen Schritten zur Abkuͤhlung herumgefuͤhrt; indeſſen ihre Waͤrter dabei in einer, nur dem Eingebornen verſtaͤndlichen Mundart ein lebhaftes Geplauder unterhielten.— Endlich begann es auch hier ruhiger zu werden. Nach und nach verſchwanden die Pferde, von ihren Fuͤhrern in die warmen Staͤlle gezogen; nur die eben angekomme⸗ nen Schlitten ſtanden noch auf dem Hofe, von der Dienerſchaft der fremden Gaͤſte umgeben, die das Gepaͤcke ihrer Herrſchaften in die angewieſenen Ge⸗ maͤcher trugen. In Kurzem war auch dieſe Arbeit geendet, die ſaͤnmtlichen Schlitten wurden unter das ſchuͤtzende Dach gebracht, und eine tiefe Stille erfuͤlte den weiten Schloßraum, nur ſelten von dem Jubel und Gelaͤchter des Geſindes unterbrochen, das in den Nebengebaͤuden bei den vollen Glaͤſern ſtaͤrkender Wutka die Freude ihres Gebieters an dem heutigen Feſttage theilte, zu welcher ſie die, durch die Guͤte ihres ſonſt ſtrengen Herrn, erhalte⸗ ne groͤßere Gabe des beſten Brandweines noch mehr aufzumuntern ſchien. Aber noch immer ſtand der alte Staroſt in die warme Kurtka gehuͤllt unter dem Portale, indem er ungeduldig auf und nieder ſchritt und mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit in die Ferne ſah. Es ſchien, als fehle noch Jemand von den Theilnehmern ſei⸗ ner heutigen Gaſtfreundſchaft. So war es auch.— Mit reger Ungeduld ſah der greiſe Vater der Ankunft ſeines einzigen Sohnes Fedor entgegen, den er zu ſeiner Ausbildung in die Ferne geſandt, und der am heutigen Tage, nach einer mehr als drei⸗ jaͤhrigen Abweſenheit, wieder in jene Gegend zuruͤck⸗ kehren ſollte, die einſt Zeuge ſeiner Geburt und ſei⸗ ner kindiſchen Spiele, nun auch in dem herange⸗ — 166— wachſenen Manne die ſchoͤnen Hoffnungen verwirk⸗ licht ſehen ſollte, die der Staroſt auf ſeinen Sohn gebaut hatte.— Faſt wurde es der Ungeduld des alten Mannes zu lange; raſch ergriff er ein elfenbeinernes Pfeif⸗ chen, das an einer goldenen Schnur auf ſeine Bruſt herabhing, ein gellender Pfiff ertoͤnte ſchrillend durch die weitlaͤufigen Gebaͤude, und von allen Seiten eilten die Leibeigenen wie im Fluge herbei, um mit furchtſam gekruͤmmten NRuͤcken ehrerbietig die Be⸗ fehle ihres Herrn zu erwarten. —„Sattle mir den Caſimir, Iwan!“ rief die⸗ ſer einem alten ergrauten Diener zu, der, allen uͤbrigen voranſtehend, ſchon durch das feinere Tuch ſeiner Kleidung ſich als den Leibdiener des Staroſten beurkundete. Schnell enteilte derſelbe, indeß die uͤbrigen ſich langſam entfernten. Ehe noch zwei Minuten ver⸗ floſſen waren, fuͤhrte ſeine kraͤftige Fauſt einen feu⸗ rigen Beßaraber unter baͤumenden Spruͤngen vor das Portal.— Schnaubend und wiehernd hob ſich der aͤchte Vollbluthengſt in die Hoͤhe, als wollte er — 167— die Freude uͤber die Naͤhe ſeines Herrn hiedurch zu erkennen geben, und nur mit groͤßter Muͤhe ver⸗ mochte Iwan die Ungeduld des fluͤchtigen Thieres zu zuͤgeln, das mit Stampfen und Scharren ſeines Reiters harrte. „Stoi, Casimir!“ rief der Staroſt, und als waͤre derſelbe mit eiſernen Banden an die Erde be⸗ feſtigt, blieb der Schimmel ploͤtzlich bewegungslos ſtehen, indem er nur zu Zeiten den ſchoͤn geformten Kopf langſam ſeitwaͤrts wandte und die Ohren ſpi⸗ tzend mit den klugen Augen ſich nach ſeinem Herrn umſah, der nun, mit kraͤftiger Hand die Zuͤgel er⸗ faſſend, ſo eben den linken Fuß in den Buͤgel ſetzte, um ſich auf den Ruͤcken des muthigen Roſſes zu ſchwingen.— Aber in demſelben Augenblicke ertoͤnte aus der Ferne das helle, froͤhliche Gelaͤute eines nahenden Schlittens, von hallendem Peitſchenknall begleitet— und freudig zitternd zog der alte Staroſt ſeinen Fuß zuruͤck. Ihm ſagte ſein laut und ungeſtuͤm pochen⸗ des Vaterherz, daß der Erwartete nahe. Immer naͤher und naͤher kam das Gelaͤute. — 416— Wie im Fluge bog jetzt ein von zwei dampfenden Rennern gezogener, pelzbedeckter Schlitten durch das geoͤffnete Thor in den weiten Hof ein.— Mit Muͤhe hielt der baͤrtige Lenker die feurigen Roſſe an— die Pelzdecke flog auf— und in den ausgebreiteten Ar⸗ men des Staroſten lag ein ſchlanker, hochgewach⸗ ſener, junger Mann mit Geſundheit ſtrotzenden Wan⸗ gen, hellem, feurigen Auge, die Oberlippe von ei⸗ nem leichten Barte beſchattet.— Es war Fedor— der Erwartete. Ein heißer Kuß brannte auf des Sohnes Lip⸗ pen, und mit ſtuͤrmiſcher Haſt zog der freudig üͤber⸗ raſchte Vater den gleich einer Tanne ſchlank gewach⸗ ſenen jungen Mann die Stufen hinan, die zu dem Empfangsſaale fuͤhrten. Die Thuͤren oͤffneten ſich— und raſch eilte Fe⸗ dor der theuern Mutter entgegen, die, von Freude uͤbermannt, kraftlos in den ſchwellenden Divan zu⸗ ruͤckſank, von dem ſie ſich zu des Sohnes herzlichem Empfange ſo eben mit offenen Armen erhoben hatte. — Den heiligen Gefuͤhlen zaͤrtlicher Kindesliebe ſich ganz ergebend, blieb ſelbſt der reizende Kreis der — 169—. bluͤhendſten Damen von Fedor unbeachtet, obgleich ſo manches Veilchenauge mit mehr als bloßem Wohl⸗ gefallen auf den maͤnnlichen Zuͤgen des bildſchoͤnen Mannes weilte. Fedor ſah nichts— er fuͤhlte nichts.— Es war die himmliſche Freude des ſchoͤnſten Wiederſehens, die er mit durſtigen Zuͤgen, im vol⸗ len Maaße leerte. Mit Freudenthraͤnen im Auge ſtand ſeitwaͤrts der alte Staroſt und weidete ſich an der kraͤftigen Geſtalt des herrlichen Sohnes.— Seine Phantaſie flog uͤber Jahre und Welten hin⸗ aus, ohne die Kluft zu beachten, die das Jetzt von dem Einſt trennt. So lebt der Menſch in dem Gedanken an die Zukunft, indeß ihn das morſche Leben mit eiſernen Feſſeln an die Gegenwart kettet.— Armer Vater!— Deine Traͤume waren ſchoͤn — doch viel zu kurz. 2. Wild heulte der Sturm durch den weiten Foͤh⸗ renwald bei Uslanicze. In dichten Flocken fiel der — 170— Schnee auf die im Winterſchlafe ruhende Erde, ſie wie mit einem weißen Leichentuche deckend, indeſſen die Baͤume, durch das Wuͤthen des Sturmes hin und hergeſchaukelt, oft kniſternd an einander ſchlu⸗ gen. Hie und da fallen einzelne Fichten, von dem wuͤthenden Orkane aus ihren tiefen Wurzeln geriſſen, zerſchmettert zur Erde nieder, indem ſie mit ihrem Falle den Sturz der naͤchſtſtehenden Baͤume verbin⸗ den. Keine lebende Seele iſt zu ſehen. Die eiſige Kaͤlte haͤlt jeden Bewohner der umliegenden Ort⸗ ſchaften an die waͤrmende Flamme des heimathlichen Heerdes gebannt. Doch jetzt ertoͤnt mitten durch das Heulen des Windes der helle Klang eines melodiſchen Glocken⸗ gelaͤutes, und von dampfenden Roſſen gezogen, er⸗ blickt man zwei im Fluge dahineilende Schlitten. Im erſtern ſitzen zwei maͤnnliche Geſtalten in warme Baͤrenpelze gehuͤllt, von denen die eine mit kraͤftiger Hand die feurigen Lithauer lenkt. Es iſt Fedor, ihm zur Seite der Staroſt. Im zweiten befinden ſich Jwanowna, die Ge⸗ mahlin des Staroſten, mit Alexandrina und Feodo⸗ — 11— rowna, ihren lieblichen Toͤchtern. Iwan, der Leib⸗ diener, lenkt die Roſſe dieſes Schlittens.— Die erſten Tage des Wiederſehens auf Stecowa waren voruͤber. Allmaͤhlig hatten ſich die geladenen Gaͤſte entfernt, und die fruͤhere, ſelten unterbrochene Ruhe und Stille kehrte in das einſam gelegene Schloß zuruͤck. Fedor theilte mit dem alten Sta⸗ roſten die Sorgen der Wirthſchaft und die Freuden der Jagd, indeß ſeine freundlichen Schweſtein ſich mit ihrer Mutter den Pflichten einer ſorgſamen Hausfrau unterzogen. Eines Morgens war Fedor kaum aus dem nahe gelegenen Geſtuͤte zuruͤckgekehrt, als der alte Staroſt mit einem offenen Briefe und den Worten in ſein Zimmer trat: —„Wir ſind auf heute nach Bauszow zu On⸗ kel Caſimir geladen. Ich habe die Einladung fuͤr Dich angenommen. Es iſt Dir doch recht?“— Froͤhlich ſtimmte Fedor ein.— Die Langweile hatte bei dem an die feinern Genuͤſſe des Stadt⸗ lebens gewoͤhnten Weltmanne allgemach die Ober⸗ hand erhalten; deßhalb kam ihm dieſer Ausflug um ſo gelegener, als er ſich bei ſeinen reizenden Kouſi⸗ nen in Buszow eine anziehende Unterhaltung ver⸗ ſprach.— Der Mittag erſchien— die Schlitten fuhren vor, und raſch ging es, wie im Fluge dem entfern⸗ ten Walde zu, der ſich ſechs Stunden weit, bis nahe zu Onkel Caſimirs Wohnſitze hinzog. So waren ſie bereits drei Stunden durch die einſame Oede des weiten Waldes gefahren. Die Kaͤlte begann immer ſchneidender zu werden, und mit leiſen Stoͤßen ſchuͤttelte ein ſcharfer Nordwind die ſchlanken Foͤhren zeitweiſe unter einander. Ploͤtzlich unterbrach der Staroſt die tiefe, nur durch das Schnauben der Roſſe unterbrochene Stille mit den Worten: 3 3 —„Es ſteht ein Sturm bevor.“— Raſch legte er zugleich das an ſeinem Halſe haͤngende Pfeifchen an den Mund; drei gellende Pfiffe ertoͤnten, und als waͤre den muthigen Lithauern dieſes Zeichen, das ſie zu angeſtrengter Eile aufbot, bekannt, flogen ſie im geſtreckten Laufe uͤber die eiſige Bahn. Wirklich war der Sturm in kurzer Zeit mit — 173— aller Wuth ausgebrochen, indem er mit haͤmiſcher Schadenfreude von den naͤchſtſtehenden Baͤumen den eiſigen Schnee unſern Reiſenden in das Geſicht weh⸗ te und dem Laufe der Roſſe hemmend in den Weg trat. Aber in unaufhaltſamer Eile flogen demohn⸗ geachtet die Schlitten dahin.— Ploͤtzlich fiel das linke Handroß des zweiten Schlittens todt zur Erde nieder. Der angeſtrengte Lauf hatte es getoͤdtet.— Iwans Nothpfiff verhallte in dem Heulen des Sturmes, und den Unfall nicht beachtend ſetzte Fedor im Fluge ſeinen Weg fort.— Sorgſam ſtieg Iwan indeſſen von dem Schlit⸗ ten herab, indem er mit den vor Kaͤlte halb erſtarr⸗ ten Haͤnden muͤhſam das todte Pferd von den uͤbri⸗ gen zu loͤſen und zugleich ſeines Riemzeuges zu entledigen ſuchte.— Tiefer brach die Dunkelheit herein, die Arbeit war beendet, und raſch trieb Iwan die Pferde wie⸗ der zum neuen Laufe an.—— 7 Ploͤtzlich ertoͤnte aus der Ferne ein dumpfes Geheule, und mit einem Satze ſpringen beide Pfer⸗ de zur Seite. Erſchrocken ſchmiegen ſich Alexan⸗ drina und Feodorowna an ihre beherzte Mutter. —„VTreibe die Pferde an und ſuche den Vater zu erreichen,“ rief dieſe,„mir iſt es, als hoͤrte ich Woͤlfe heulen,“ fuͤgte ſie leiſe zuſammenſchaudernd hinzu. Raſch ſchwang Iwan den kurzen Peitſchenſtiel — doch die Hiebe waren uͤberfluͤſſig, denn kaum ließ ſich das Geheule nochmals hoͤren, als die er⸗ matteten Roſſe, das Nahen ihrer Verfolger witternd, im jagenden Laufe die letzten Kraͤfte anzuſtrengen ſuchen, um der drohenden Gefahr zu entgehen.— Doch die Aufgabe iſt zu groß. Immer keuchender wird der Athem der armen Thiere, und immer ermattender ihr Lauf— das Ge⸗ heule koͤmmt naͤher, und mit Entſetzen gewahrt Iwan, der ſich langſam gewendet hatte, eine Schaar hungriger Woͤlfe dem Schlitten in geringer Entfer⸗ nung folgen. Schnell gefaßt nahm er die Zuͤgel zwiſchen die Zaͤhne— die Hand fuhr in die Taſche, und die naͤchſte Sekunde erhellte das Dunkel der Nacht mit ſpruͤhenden Funken. — 175— Ein furchtbares Geheul erhebt ſich jetzt ganz in der Naͤhe. Immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher wer⸗ dend, hoͤrte es in weiter Ferne gaͤnzlich auf. Die Beſtien mußten ſich entfernt haben.— Leider war die Hoffnung nur voruͤbergehend. In wenigen Minuten erhob ſich das Geheul wieder, und zitternd preßten ſich die vor Furcht halb leblo⸗ ſen Toͤchter an ihre dem Schrecken in ſeiner unihi⸗ barſten Geſtalt verfallene Mutter. Noch einmal hebt Iwan die Hand zum Schla⸗ ge der rettenden Funken; doch der halberſtarrten entſinkt der Stahl— die Funken verſiegen— der Lauf der Pferde wird immer kraftloſer und die Ge⸗ fahr immer dringender. Jetzt ertoͤnt das Geheul in der unmittelbaren Naͤhe der Reiſenden und mit Entſetzen gewahrt die Staroſtin den fletſchenden Rachen eines ungeheuern Wolfes ſich uͤber die Pelzdecke erheben; indeſſen ein Dutzend dieſer blutgierigen Beſtien den Lauf des Schlittens verfolgt und mit raſendem Heißhunger zuerſt die kraftloſen Pferde uͤberfaͤllt.—— Ihre Blicke umnebeln ſich— ihre Lebensgeiſter — 176— ſchwinden— und mit dem Ausrufe der heißeſten Mutterliebe und der hoͤchſten Verzweiflung:„Vater im Himmel, ſchuͤtze meine Kinder!“ ſchloß ſie be⸗ wußtlos die Augen. 3. In klagenden Lauten ſchlugen die Glocken auf dem hoͤlzernen Kirchthurme des kleinen Dorfes Us⸗ lanicze dumpf zuſammen. In ihre Feiertagskeidung gehuͤllt ſchritten ganze Schaaren der Bewohner dieſer und der umliegenden Ortſchaften auf dem ſchmalen Landweg fort, der mitten durch die noch mit tiefem Schnee bedeckten Felder auf ein weitlaͤufiges Gebaͤude zufuͤhrt, das eine Stunde von Uslanicze entfernt auf einem klei⸗ nen Huͤgel ſeine weißen Mauern und Daͤcher ſe⸗ hen laͤßt. Es iſt Stecowa. Eine tiefe Trauer war in jedem Angeſichte der ſtillen Wandler zu leſen, und ſo nahten ſie in zer⸗ ſtreuten Zuͤgen unter lautloſer Stille dem Eingange des Schloſſes. In kleinen Haͤufchen ſtanden hier Maͤnner und Frauen beiſammen, ſich mit leiſer Stimme die ent⸗ ſetzende Begebenheit erzaͤhlend, die ihre Schritte am heutigen Tage hieher gelenkt hatte. Aufmerkſam hoͤrten ihnen die Neuangekomme⸗ nen zu: 3 „Auf einer Reiſe, die der Staroſt mit ſeiner Familie unternahm, wurde durch einen Unfall jener Schlitten, in dem ſich ſeine Gemahlin mit ihren Toͤchtern befand, von dem erſtern, in welchem er ſelbſt mit ſeinem vor Kurzem aus fernen Landen zu⸗ ruͤckgekehrten Sohne ſaß, getrennt, und ohne den Unfall zu bemerken, ſetzte der erſtere ſeinen Weg fort.— An dem Orte ihrer Beſtimmung angelangt, vermißten beide erſt den zweiten ihnen folgenden Schlitten. Sogleich wurden alle Leute aufgeboten und an ihrer Spitze kehrte der Staroſt mit ſeinem Sohne auf demſelben Wege in den Wald zuruͤck. Sie fanden die Vermißten von Woͤlfen umgeben, die bei dem Anblicke des grellen Fackelſcheines heu⸗ lend die Flucht ergriffen.— Doch ſie kamen zu ſpaͤt. Zerfleiſcht und kaum kennbar lagen Gattin und Kin⸗ Spiegelbilder. II. 12 — 178— der vor den Augen des ungluͤcklichen Vaters. Von Iwan fand man außer einem Arm, der zwiſchen den krampfhaft gekruͤmmten Fingern noch den kur⸗ zen Peitſchenſtiel hielt— und einigen Fetzen ſeiner Kleidung weiter keine Spur. Er ſchien das erſte Opfer in der Vertheidigung ſeiner Herrn geworden zu ſeyn. Drei leblos hingeſtreckte Woͤlfe waren die todten Zeugen ſeiner Treue. Seitwaͤrts fand man den umgeworfenen Schlitten mit den ebenfalls ge⸗ toͤdteten, aber wenig verſehrten Pferden— Jede Hilfe blieb hier umſonſt— Im tiefen Schmerze kehrte der Staroſt mit den Leichen ſeiner Lieben wieder nach Stecowa zuruͤck.“——— Die graͤßliche Schilderung war beendet. Lang⸗ ſam ſchritten nun die ſich ſtets mehrenden Landleute die breite, zu beiden Seiten mit verrauchten Ah⸗ nenbildern verzierte Steintreppe hinan. Ein weiter mit ſchwarzem Tuche ausgeſchlagener, von der trů⸗ ben Flamme unzaͤhliger Lichter mit einer duͤſtern Helle erfuͤllter Saal eſchigß das Ziel ihrer Wan⸗ derung. Dem Eingange gegenuͤber erhob ſich auf drei ———— — 179— Stufen ein hoher, mit ſchwarzem Sammt bedeckter Katafalk. Auf ihm befanden ſich drei Saͤrge mit ſchweren vergoldeten Handhaben, rings herum von dicken, duͤſter brennenden Wachskerzen umgeben, an denen das Wappen des Hauſes Kamynski, ein wei⸗ ßer Storch im blauen Felde, befeſtigt zu ſehen war. Am Fuße der Saͤrge ſtand ein ſchwerer ſilberner Weihkeſſel, zu dem ſich das Volk mit lautloſer Haſt durchzudraͤngen verſuchte, um in weithin ſpritzenden Tropfen die in den Saͤrgen liegenden, einem graͤß⸗ lichen Ende verfallenen Leichen mit dem geheilig⸗ ten Naß zu benetzen. Es waren die letzten, faſt unkenntlichen Reſte von Iwanowna, Alexandrina und Feodorowna Ka⸗ mynski. Doch jetzt druͤcken ſich die Anweſenden, eine weite Gaſſe offnend, ehrerbietig an einander, und zu dem Eingange herein, das Kreuz des Erloͤſers voran, ſchreitet die Geiſtlichkeit; ihnen folgt im tie⸗ fen Schmerz aufgeloͤßt Fedor. Der gefaßtere Va⸗ ter fuͤhrt den verzweifelnden Sohn am Arme.— Das Todtenamt beginnt.— 12* — 180— Auf gluͤhende Kohlen geſtreuter Weihrauch huͤllt die Verſammlung in blaͤuliche Wolken, und von ſonoren Stimmen geſungen, ertoͤnt das„De profun- dis“ in feierlich klagenden Toͤnen durch die lautloſe Stille des weiten Saales. Das tiefſte Leid ſpricht aus jedem Angeſicht; kein Laut bewegt die im Schmerze zuckenden Lippen, nur einzelne Thraͤnen rollen perlend uͤber die ge⸗ braͤunten Wangen der Anweſenden nieder.— Der Gedanke an die Gebrechlichkeit des Menſchen und an ſein einſtiges Ende erfuͤllt mit immer tieferer Wehmuth alle Herzen, und in einem lauten Schluch⸗ zen loͤſt ſich endlich der Schmerz, der mit eiſiger Rinde jede Bruſt erfaßt haͤlt. Die Feier iſt beendet.— Hallend fallen die Deckel auf die Saͤrge nieder, und dumpfe, unwillkuͤhrlichen Schauer erregende Hammerſchlaͤge trennen jetzt auf immer die Lebenden von den Todten.. Langſam erheben ſchwarz gekleidete Leibeigene die Bahren mit den traurigen Ueberreſten ihrer theuern Herrſchaft auf ihre Schultern, und im feier⸗ — 181— lichen Zuge wird der Weg zur letzten Ruheſtaͤtte der Familie Kamynski zuruͤckgelegt. Weinend und ſchluch⸗ zend ſchließt ſich die Menge dem Zuge an. In Kurzem war das Ziel erreicht. Knarrend drehten ſich die Thuͤren in den verroſteten Angeln. Mit Muͤhe geſtatteten ſie den Eingang in den ſtil⸗ len Ruheort. Eben ſo muͤhſam wurde der ſeit Jah⸗ ren nicht in Bewegung geſetzte Stein hinweggeho⸗ ben. Ein eiſiger Luftzug ſtroͤmt aus der Oeffnung empor, und mit dumpfigem Modergeruch bereitete ſich die ſchwarze Kluft, die ihr verfallenen Opfer zu empfangen.— In traurigen klagenden Lauten ertoͤnte das letzte „„Requiescant in pace“ durch die weite Halle, und raſſelnd fuhren nun an den bereitgehaltenen Stricken die Saͤrge einer nach dem andern zur Gruft hinab. 8 Jetzt war die letzte an ſeinem Ruheorte ange⸗ langt, der Stein wurde in ſeine fruͤhere Lage ge⸗ bracht, und langſam entfernte ſich Alles aus der Kapelle, nur Fedor und ſein Vater blieben zuruͤck. Vergehend in dem vernichtenden Gefuͤhle eines unendlichen Schmerzes warf ſich Fedor an der Seite — 182— des Staroſten zur Erde nieder. Mit uͤberſtroͤmenden Thraͤnen benetzte ſein Auge den kalten Marmor, der die theuerſten Pfaͤnder ſeiner Liebe umſchloß. Krampf⸗ haft falteten ſich ſeine Haͤnde zum Gebete, und mit klangloſer Stimme murmelten ſeine Lippen: Vater, himmliſcher Vater, mich ſchuͤtzt nur der Glaube an Dich vor Verzweiflung!!! Hoffnung. Und der Stern der ew'gen Liebe, Hoffnung mit dem ſuͤßen Schimmer, Strahlt allein an meinem Himmel, Harret ihres Aufgangs immer. Wilde Roſen von Saphir. Wild entbrannte die Flamme des Aufruhrs durch Vollhynien und Lithauen. Auf allen Bergen flammten helle Feuer empor, dumpf laͤuteten die Sturmglocken der einzelnen Ort⸗ ſchaften, und in zerſtreuten Gruppen ſtand das Land⸗ volk vor den halbverfallenen Huͤtten— um im froͤh⸗ lichen Geſpraͤche ſich laut die Maͤhre von dem aus⸗ gebrochenen Aufſtande in Warſchau zu erzaͤhlen, deſſen Kunde ſich mit Blitzesſchnelle ſchon im ganzen ——— f. — 183— Lande verbreitet hatte, und mit froͤhlichem Jubel er⸗ freute ſich die Menge an dem thoͤrichten Wahne: es habe ihnen endlich die Stunde der Freiheit ge⸗ ſchlagen.——— 3 Mit hellem, munterm Geſange zog in demſelben Zeitpunkte eine Schaar junger, kraͤftiger Geſtalten dem Schloſſe Stecowa zu.— Sie waren angelangt. Ein baͤrtiger Lithauer, in eine Tracht gehuͤllt, an der die Spuren ihrer ehemaligen, dem Solda⸗ tenſtande angehoͤrigen Abkunft nicht zu verkennen waren, ſtellte die willige, aber auch ungeſchickte Schaar in eine doppelte, geregelte Reihe, und ſchritt nach beendeter Ordnung mit militaͤriſchem Anſtande dem Portale zu, aus dem ſo eben der Staroſt von ſeinem Sohne begleitet heraustrat. Ein ſammetner mit goldenen Schnuͤren verzierter Pelz umſchloß ſeine athletiſchen Formen; ein krumm⸗ gebogener Damaszener hing an ſeiner Seite klirrend auf die ſteinernen Stufen nieder, und eine Mitze mit goldener Trodel bedeckte das mit ſparſamen Silberlocken gezierte Haupt. Die Hand an die zerriſſene Pelzmuͤtze zum mi⸗ litaͤrſchen Gruße gelegt, naͤherte ſich der greiſe Fuhrer der aufgeſtellten Schaar, mit ſteifem gravi⸗ taͤtiſchen Schritte dem jungen Staroſten, der ſchoͤn wie der Kriegsgott in die glaͤnzende Uniform des erſten lithauiſchen Uhlanen⸗Regiments gelkleidet, mit freundlichem Laͤcheln leichthin ſeine Begruͤßung erwiederte.— —„Die Freiwilligen Eurer Guͤter erwarten durch mich Eure Befehle,“ rapportirte mit ſtrengem Ernſte in den altersgefurchten Zuͤgen der baͤrtige Veteran.. —„Ich danke Dir, Gregor, im Namen meines Vaterlandes, fuͤr die Treue, mit der Du bei Deinen vorgeruͤckten Jahren noch zur Vertheidigung deſſelben herbeigeeilt biſt,“ entgegnete Fedor, die rechte Hand des Alten ergreifend, die er mit herzlichem Drucke ſchuttelte. —„Fuͤhre Deine Leute nur dort links hinein,“ ſprach jetzt der Staroſt, indem er auf ein großes Nebengebaͤude hinwies„und laſſe ſie dort die bereit⸗ liegenden Monturſtuͤcke unter Deiner Aufſicht anlegen; — 185— Fedor wird Dich und Deine Schaar indeſſen hier er⸗ warten.“. Mit einem ehrerbietigen„padam do nos“ wand⸗ te ſich raſch der Alte, und in wenigen Augenblicken waren er und ſeine Gefaͤhrten in dem geoͤffneten Thore des angewieſenen Nebengebaͤudes verſchwunden. Langſam ſchritt indeſſen Fedor und der Staroſt uͤber den weiten Hofraum. Beide ſchienen in dem ſchmerzlichen Gedanken an den Augenblick verſunken, der ſie in der naͤchſten Stunde trennen und den theuern Sohn einem ungewiſſen Schickſal entgegen fuͤhren ſollte. Endlich unterbrach der Staroſt das tiefe Schwei⸗ gen mit den Worten:. —„Die Stunden verrinnen, und bald naht der Augenblick, wo Du mich, mein theurer Fedor, verlaſſen wirſt, um einem Kampfe entgegen zu ge⸗ hen, der weit entfernt, meine Billigung zu erhalten, mich im Voraus mit der truͤben Ahnung eines un⸗ gluͤcklichen Ausganges erfuͤllt.“ —„Warum, mein theurer Vater, quaͤlen Sie Sich mit ſolchen Gedanken?“ fiel ihm Fedor in die — 186— Rede.„Sollten wir alſo den frechen Uebermuth noch laͤnger dulden?— ſollten wir, die Freigebornen, zu dem Stande der Sklaven herabſinken, und mit ruhigem Gleichmuthe zuſehen, wie ſich die Tyran⸗ nen mit dem im Schweiße unſeres Angeſichtes er⸗ worbenen Eigenthume bereichern?“ Die flammende Roͤthe des Zornes faͤrbte zugleich die blaſſen Wan⸗ gen des jungen Mannes mit hoͤherer Gluth. —„Nein, mein Sohn,“ erwiederte feſt und ruhig der Staroſt.„Ich kann das Verfahren des Statthalters nicht gut heiſſen— ich kann das Bre⸗ chen der feierlichſten Verſprechungen, die Bedruͤckung, die unſer theures Vaterland Jahre hindurch erfah⸗ ren, nicht entſchuldigen, aber ich kann eben ſo we⸗ nig die Art und Weiſe billigen, mit der wir uns zur Behauptung unſerer heiligen Rechte erheben.“ —„Blick' auf mein Haupt,“ fuhr der Staroſt fort, indem er daſſelbe entbloͤßte, und das ſchnee⸗ weiße Haar in wenigen Locken an den alternden Schlaͤfen niederwallte.—„Alter, Kummer und ſo manche mit bittern Schmerzen theuer erkaufte Er⸗ fahrungen haben meine Haare gebleicht und meine — 187— Rechnung mit dem Leben abgeſchloſſen.— Sie laſ⸗ ſen mich mit ruhigem Ernſt auf einen Kampf hin⸗ ſehen, deſſen traurige Folgen— deſſen jahrelange Nachwirkung ſelbſt bei einem gluͤcklichen Ausgange Euere von jugendlichem Feuer— von dem Drange nach Freiheit— dem Durſte nach Ruhm und Ehre beſeelten Gemuͤther nicht erkennen wollen.“ —„Sie irren, mein Vater,“ rief Fedor.— —„Ich irre nicht,“ ſprach der Staroſt ruhig weiter.—„Ich kenne Dich— kenne Dein Herz und jene Beweggruͤnde, welche Dich zu dem Entſchluſſe gefuͤhrt haben, an dem Freiheitskampfe Theil zu nehmen.— Doch eben ſo durchſehe ich auch die Her⸗ zen der Menge bis in die innerſten Tiefen.— Ich, der Einzelne, konnte nicht allein den Wuͤnſchen der Nation, dem Willen des Volkes entgegentreten; doch was ich jetzt zu Dir ſpreche, ungeſcheut ſpra⸗ chen es meine Lippen vor den verſammelten Sta⸗ roſten auf dem Landtage aus.“ —„Waͤre dieſer Kampf von lautern Triebfe⸗ dern geleitet— wohl dann uns Allen! Doch nicht ein gleicher Zweck verbindet Euch zu gleichem Ziel. — 188— Nicht die Freiheit iſt es, nach der die große Menge lechzt— Nein! Es ſind die lockenden Traͤume von Reichthum, Ehre und Wuͤrden, die den Adel— es ſind die Gedanken an Wohlleben, an Uebermaß von Nahrungsmitteln, an Schwelgen und Praſſen, die das Volk zu dieſem Kampfe begeiſtern, und es zu den hoͤchſten Opfern bereit finden laſſen. Aber immer groͤßere Opfer werden ſich haͤufen; in Stroͤ⸗ men wird das Blut fließen, und ganze Familien werden den Verluſt ihrer theuerſten Glieder bewei⸗ nen.— Dann ſeht hin, wie Eure Traͤume ſchwin⸗ den.— Der Schleier, der die lockenden Bilder Eu⸗ rer thoͤrichten Phantaſie mit roſigem Glanze umgab — er ſinkt— Ihr erblickt verwuͤſtete Felder— in Mangel und Noth vergehende Familien— ein zuͤ⸗ gelloſes, jeder Leidenſchaft froͤhnendes Volk, keinem Herrn, keinem Geſetze gehorchend, und die furcht⸗ bar erwachende Stimme Eures Gewiſſens ruft Euch mit den Poſaunentoͤnen des letzten Weltgerichtes donnernd zu: Hier ſeht hin!! Die Fruͤchte und den Fluch Eu⸗ rer Freiheit!!!“— —yõ——s—ö—ö——ſſſſ⁄ — 189— —„Halten Sie ein, mein Vater!“ rief Fedor, von der graͤßlichen Schilderung tief erſchuͤttert. „Wehe meinem Vaterlande, wenn ſich die Zukunft ſo bewaͤhren ſollte, wie Ihr Mund mir eben ge⸗ ſchildert.“— —„Du wirſt“— wollte der Staroſt fortfah⸗ ren; doch ein lauter Laͤrm hemmte den Fluß ſeiner Rede, und lenkte die Aufmerkſamkeit Beider nach dem Orte ſeines Entſtehens. Aus den geoͤffneten Pforten des Nabengebäu⸗ des draͤngte ſich mit hellem Jubel eine froͤhliche Schaar, die bei dem Anblicke Fedors und des Staro⸗ ſten in einem ehrerbietigen Schweigen verſtummte.— Es waren nicht mehr die fruͤhern zerlumpten, ſonneverbrannten Geſtalten, die ſich jetzt auf dem Hofraume zerſtreuten, ſondern die von ihrem Guths⸗ herrn mit freigebiger Hand bekleideten und zum Kriege ausgeruͤſteten Freiwilligen von Stecowa. —„Die Pferde ſtehen geſattelt und gezaͤumt fuͤr Dich und Deine Leute in den Staͤllen bereit ,* ſprach jetzt der Staroſt, aus tiefen Gedanken erwa⸗ chend, zu ſeinem Sohne. — 190— —„Laß die Mannſchaft aufſitzen!“ rief Fe⸗ dor mit ungeſtuͤmen Eifer dem alten Gregor zu, der als Wachtmeiſter die froͤhliche Schaar komman⸗ dirte, und raſch eilten Alle nach den nahen Staͤllen hin. Schon in wenigen Minuten tummelte hie und da ein einzelner Reiter ſein muthiges Roß auf dem Hofe herum, mit aller Kraft den feurigen Lithauer zuͤ⸗ gelnd. Immer groͤßer wurde ihre Anzahl; bald wa⸗ ren Alle beiſammen, und mit manchem kraͤftigen Fluch ſtellte Gregor die fruͤhere Ordnung wieder her. Es war ein ſchoͤner, kriegeriſcher Anblick! Schnaubend und die Koͤpfe ſchuͤttelnd draͤngten ſich die Roſſe an einander. Hoch flatterten die an den geſpitzten Lanzen befeſtigten roth und weißen Faͤhnchen im Winde, und nur mit Muͤhe hielten die Reiter die erſchreckten, ungeduldig ſcharrenden Pferde in ihren Reihen zuruͤck.— Ein feuriger Muth blitzte aus jedem Auge, hoͤher ergluͤhten die gebraͤunten Wangen, und der ungezaͤhmte Drang, ſich bald mit dem Feinde des Vaterlandes zu meſſen, ſprach deut: lich aus jedem einzelnen Angeſicht. ——·— — 191— Mit Wohlgefallen betrachtete Fedor die herr⸗ liche Schaar, zu deren Lieutenant ihn ſein Vater erhoben, indeß das Auge des Staroſten mit truͤbem Ernſt auf den jugendlich kraͤftigen Geſtalten weilte, die froͤhlich und unbekuͤmmert einem heißen Tages⸗ werke entgegeneilten. Mit ruhiger Faſſung wandte ſich der Staroſt nun wieder zu ſeinem Sohne: —„Die Stunde draͤngt! Alles iſt zu Deinem Aufbruche bereitet, und ſo gerne es auch mein Herz wollte— es kann Dich nicht halten.— Doch kei⸗ nen Abſchied, mein Sohn!— Laß uns als Maͤn⸗ ner in der Hoffnung an ein baldiges Wiederſehen— in dem Glauben an das Gluͤck unſeres Vaterlandes ſcheiden,“ und die ſeinem Auge entquillenden Thraͤ⸗ nen gewaltſam unterdruͤckend, preßte er den theuern Sohn zum letzten Male feſt an ſein Vaterherz.— Ein Wink fuͤhrte die bereit gehaltenen Pferde herbei, und an der Spitze ſeiner Kriegsgefaͤhrten, die den jugendlichen Fuͤhrer mit einem freudigen: „Hurrah!“ begruͤßten, ſprengte Fedor an der Seite des Staroſten zum Schloſſe hinaus, indem er den X — 192— Weg nach Warſchau, dem allgemeinen Sammel⸗ platze, einſchlug. Dem Zuge folgte eine mit Fedors Feldequipage hoch belaſtete Kibitke, und Iwanoff, ſein Reitknecht, zwei feurige Handpferde fuͤhrend.—— Die Graͤnze des Guthes, bis wohin der Sta⸗ roſt ſeinem Sohne das Geleite gab, war erreicht; zum letztenmal lag Fedor an dem Herzen des theuern Vaters, und mit tiefer Trauer ſah nun der Staroſt lange dem Zuge nach, der ſich immer mehr und mehr entfernte.— Immer kleiner und kleiner er⸗ ſchien Roß und Reiter, bald glichen ſie nur einem langen, grauen Streifen; nun verſchwand auch die⸗ ſer und mit ihm die letzte Spur des ſchon weit ent⸗ fernten Zuges. Aus ſeinen Gedanken erwachend, ſetzte der Sta⸗ roſt ſeinem Roſſe die Sporen ein und pfeilſchnell trug ihn daſſelbe in das ganz veroͤdete Schloß zuruͤck. 2. Es war eine ſchoͤne, heitere Nacht.— In ruhiger Klarheit trat der Mond hinter den — 193— hohen Baͤumen des wenig entfernten Waldes her⸗ vor, indem er mit den freundlich bleichen Strahlen die freie vor demſelben gelegene Gegend beſchien.— Weithin erblickte das Auge eine unuͤberſehbare Menge von Zelten ſich auf der gruͤnen Flaͤche erheben, die helllodernde Wachfeuer wie in einem großen, ſene gen Kreiſe umgaben. Nahe an der in den Wald fuͤhrenden breiten Landſtraße praſſelte auf einem kleinen Huͤgel ein froͤh⸗ liches Feuer in die Hoͤhe, vor dem zeitweiligen We⸗ hen des Windes durch einen darneben ſtehenden Baumſtamm geſchuͤtzt. Luſtig ſchlugen die Flam⸗ men empor. Sie beleuchteten mit roͤthlicher Gluth eine Anzahl baͤrtiger Kriegergeſtalten, die ſich rings⸗ herum auf dem feuchten Boden gelagert hatten, und mit blitzendem Auge den Inhalt eines eiſernen Keſ⸗ ſels zu bewachen ſchienen, der ihr frugales Abend⸗ brod enthielt. In einer geringen Entfernung ertoͤnte zeitweiſe ein munteres Pferdegewieher. An große, tief in die Erde geſchlagene Pfloͤcke, die durch haͤnfene Stricke mit einander verbunden waren, ſtand eine lange Spiegelbilder. II. 13 — 194— Reihe lebhafter Roſſe angebunden, die ſchnaubend in dem duftenden Heuhaufen wuͤhlten, den die ſorg⸗ ſame Hand ihrer Reiter vor ihnen aufgehaͤuft hatte. Vor dem Eingange einer naheſtehenden Reißig⸗ huͤtte ſaßen zwei junge bluͤhende Maͤnner, durch . wenige Jahre von einander unterſchieden, auf die laͤngs der Erde ausgebreiteten weißen Maͤntel nach⸗ laͤſſig hingeſtreckt.— Die feine glaͤnzende Uniform und der blitzende, an ihrer Seite ruhende Saͤbel, mit dem an ſelben befeſtigten Port d'epée, bezeich⸗ nete ſie als Offiziere und Kommandanten des hier aufgeſtellten Piquets. Beide unterhielten ein lebhaftes Geſpraͤch, waͤhrend welchem ſie oͤfters mit ſcharfem Blicke nach dem Saume des Waldes hinſahen, an dem zwei in wallende Reitermaͤntel gehuͤllte Geſtalten langſam auf und nieder ritten. Es waren die von dem Piquete in der Ent⸗ fernung einiger hundert Schritte vorgeſchobenen Ve⸗ detten. Ihnen war die Sicherheit des unter Prond⸗ zynskis Oberbefehle ſtehenden Heeres anvertraut, das von den Anſtrengungen des vorhergehenden — 195— Tages ermuͤdet, nun auf der weiten Ebene einer kurzen Ruhe genoß. Die Wichtigkeit ihrer Pflichten und die Groͤße der ihnen aufgebuͤrdeten Verantwortung wohl fuͤh⸗ lend, verfolgten Beide in langſamen Schritten ihre Bahn; indem ſie zu Zeiten die Roſſe anhielten, und die linke Hand den an dem Sattelknopfe befeſtig⸗ ten Piſtolenholftern naͤhernd mit feſtem, ruhigem Auge in das tiefe, duͤſtere Dunkel des weiten Wal⸗ des blickten, oder aufmerkſam auf jedes leiſe Ge⸗ raͤuſch vorſichtig in die Ferne hinzuhorchen ſchienen.— Aber kein Laut ſtoͤrte den leichten Schlummer der ermudeten Krieger. Eine feierliche Stille lag uͤber die weiten Flu⸗ ren ausgebreitet, nur ſelten von dem muntern Ge⸗ wieher eines einzelnen Pferdes oder dem lauten Feldgeſchrei der aufgeſtellten Vedetten unterbrochen, das einfoͤrmig in zeitweiſen abgemeſſenen Perioden laͤngs der kreisfoͤrmigen Runde der Vorpoſtenkette wiederhallte.— Ruhig ſetzten die beiden Offiziere ihr anziehen⸗ des Geſpräͤch fort.— 13* — 196— Doch jetzt fielen in weiter Entfernung zwei ſchnell auf einander folgende Schuͤſſe.—— NRaſch wenden Beide, das Geſpraͤch unterbre⸗ chend, ihr Angeſicht dem Walde zu.— Ihr Blick faͤllt auf die Vedetten— aber regungslos ſtehen die⸗ ſelben. Es ſcheint, als ob Roß und Reiter ſchliefen. Baald faͤllt in der fruͤhern Entfernung ein drit⸗ ter— ihm folgte ein vierter Schuß.— Blendend faͤhrt nun auch am Rande des Wal⸗ des ein Blitz empor.— Die wachen Reiter brennen krachend ihre Piſtolen in die Luft, und wie mit ei⸗ nem Zauberſchlage iſt ploͤtzlich die Scene veraͤndert. Beide Offiziere ſind aufgeſprungen. „Aufgeſeſſen!“ donnert das Kommando des Juͤngern den um das Feuer gelagerten Kriegern zu, die wie im Fluge nach ihren Pferden eilen, indeſſen die weite Ebene von dem Knalle der laͤngs der ganzen Vorpoſtenkette losgebrannten Gewehre in einem hundertfaͤltigen Echo wiederhallt. Wenige Minuten und in doppelter Fronte er⸗ warten die aufgeſeſſenen Reiter die Befehle ihres Anfuͤhrers, der im raſchen Trabe ſich der Schaar —— — 197— naͤhert, waͤhrend ſein Gefaͤhrte mit verhaͤngtem Zuͤ⸗ gel nach der rechten Flanque der Krieger jagt, um dort den ihm angewieſenen Platz einzunehmen. Es iſt, als haͤtte die zwiſchen Beiden herr⸗ ſchende Vertraulichkeit der Sprache einer ſtrenge⸗ ren Disciplin Platz gemacht, denn in befehlendem Tone rief ſo eben wieder der Juͤngere, ein ſchlanker, hochgewachſener junger Mann:„Lieutenant Bron⸗ kowski!“ und in kurzem kourbettirenden Galoppe ritt ihm der Angerufene entgegen. —„Senden Sie ſchnell die Ordonanz mit dem Raport in das Hauptquartier!“ toͤnte die Rede ſeines Gefaͤhrten ihm zu.— Eilend wandte Bronkowski ſein Pferd, und bald darauf flog ein einzelner Reiter in geſtreckter Carriere nach dem Lager hin.—— Dooch auch in dieſem war es lebhaft geworden. Laut raſſelten die Trommeln, froͤhlich ſchmet⸗ terten die Trompeten, und in ſchnellem Lauf draͤn⸗ gen ſich die aus ihrem ruhigen Schlummer empor⸗ geſchreckten Krieger nach den angewieſenen Sammel⸗ plaͤtzen, indem ſie mit Spannung der Urſache des ploͤtzlichen Allarmes entgegen ſahen.— es — 198— Aber kein Schuß erfolgte weiter.— Allge⸗ mach hoͤrte der dumpfe Donner der Laͤrmkanone, das Raſſeln der Trommeln, und das Schmettern der Trompeten wieder auf. Bald trat die fruͤhere Stille ein. 3. Heiter brach der Morgen heran. Die erſten Strahlen der hinter dem fernen Blau der Gebirge langſam emporſteigenden Sonne fielen mit roſigem Schimmer auf das noch im⸗ mer am Fuße des Huͤgels ſchlagfertig aufgeſtellte 1 Reiter⸗Piquet, vor deſſen Front der jugendliche Anfuͤhrer in tiefem Schweigen auf und nieder ritt. — Nur zu Zeiten warf er einen Blick auf das froͤh⸗ liche Gewimmel des Lagers, aus dem ſich jetzt eine lange Reiterſchaar in Bewegung ſetzt, deren Rich⸗ tung auf den Huͤgel zu zielen ſcheint. Der Zug koͤmmt naͤher, deutlich laſſen ſich die einzelnen Reiter unterſcheiden. An der Spitze derſelben galoppirte auf einem hohen feurigen Roß ein ſchlanker, ſtarkgebauter — 199— Mann, von mittlern Jahren, in einer reichgeſtick⸗ ten Uniform, die Bruſt durch einen einzigen Or⸗ densſtern geziert. Mit voller Kraft zuͤgelt die Lin⸗ ke das ungeſtuͤme Feuer ſeines Thieres; indeß das große helle Auge forſchend nach allen Seiten ſieht.— Es iſt der Obergeneral Prondzynski.— In einer kleinen Entfernung folgt eine Anzahl von Offizieren, deren verſchiedenartige glaͤnzende Uniformen ſie als ſeine Adjutanten, Galopins, Offiziere des Generalſtabes und Ordonanzen bezeich⸗ net. An ſie ſchließt ſich in etwas weiterem Zwi⸗ ſchenraum eine Compagnie leichter Feldjaͤger.— Bald waren Sie dem Huͤgel ganz nahe. Leicht hielt Prondzynski das feurige Roß an, indem er ſich mit der Frage zu ſeinem Gefolge wandte: —„Wer kommandirt hier den Vorpoſten?“ —„Rittmeiſter Kamynski, unter ihm Lieute⸗ nant Bronkowski, vom erſten lithauiſchen Uhlanen⸗ Regiment,“ war die ſchnelle ehrerbietige Antwort eines Adjutanten, und ſchon nahte mit wilden Lan⸗ zaden der Erſtgenannte. Blitzend ſalutirt die hell — 200— polirte Säbelklinge, indeß die kraͤftige Hand das Roß zum Stehen parirt. Es war der zum Rittmeiſter avancikte Fedor Kamynski. Freundlich erwiederte Prondzynski den militai⸗ riſchen Gruß. Ein wohlwollendes Laͤcheln ſpielte in ſeinen ſonſt ernſten Zuͤgen, und feſt verweilte ſein Blick auf der jugendlichen Geſtalt des Rittmeiſters, der ehrerbietig ſeine Befehle erwartete. —„Senden Sie den Lieutenant Bronkowski,“ begann der Obergeneral nach einer kleinen Pauſe zu dem Rittmeiſter gewendet,„mit 15 Mann Ihrer Uh⸗ lanen allſogleich auf Rekognoszirung. Jeder von den Reitern nimmt einen Feldjaͤger hinter ſich auf ſein Pferd. Im Walde ſelbſt bleibt der Lieutenant mit ſeinem Kommando auf der Hauptſtraße; indeſ⸗ ſen die abgeſeſſenen Feldjaͤger das Gehoͤlze rechts und links durchſtreifen.— Dieſe Compagnie,“ fuhr Prondzynski fort, indem er auf die am Fuße des Huͤgels aufgeſtellte Jaͤger⸗Schaar hinwieß:„wird die Rekognoszirung unterſtuͤtzen.— In der kuͤrze⸗ ſten Zeitfriſt erwarte ich hier den Rapport.“ Der Befehl war ertheilt.— Raſch wandte Kamynski ſein Pferd. Im Flu⸗ ge ſprengte er wieder ſeinem Piquete zu. Von ihm beordert, eilte Bronkowski an der Spitze der klei⸗ nen Schaar pfeilſchnell nach dem Walde, und mit Sturmſchritten folgte die Truppe der Feldjaͤger.— Im kurzen waren Alle im Gehoͤlze verſchwunden. Langſam ritt indeſſen Prondzynski der verlaſſe⸗ nen Huͤtte des Rittmeiſters naͤher. Bald war er vor. derſelben abgeſtiegen. Schnell wurde ein Feldſeſſel Hecbetgehrucht und ein Feldtiſch aufgeſchlagen. Schon der naͤchſte Au⸗ genblick fand den Feldherrn in die gedankenvolle Betrachtung einer auf demſelben ausgebreiteten Land⸗ karte vertieft.—— In leiſem Geſpraͤche unterhielt ſich ſeitw rts 3 ſein Gefolge von den Muͤhſeligkeiten des gegenwaͤr⸗ tigen Feldzugs, waͤhrend eine Anzahl Ordonanzen in weiterer Entfernung die ihrer Reiter entledigten Pferde an den Zuͤgeln hielt. So war allmaͤhlig eine Stunde verſloſſen.— — Ploͤtzlich erſchienen mehrere Reiter am Saume — 202— des Waldes. Sie eskortirten in ihrer Mitte eine mit drei dampfenden Rennern beſpannte Kibitke, die ſich in faſt jagendem Laufe dem Vorpoſten naͤherte. Es war Bronkowski mit einem Theile der aus⸗ geſandten Mannſchaft, dem die Feldjaͤger in lang⸗ ſamern Schritten folgten. Bald ſind die Erſten vor dem Sitze des Ober⸗ generals angelangt, und mit kurzen Worten erſtattete Bronkowski ſeinen Rapport. Kaum eine halbe Stunde tiefer im Walde hat⸗ ten ſeine Leute die hieher begleitete Kibitke erblickt. Schnell wurde dieſelbe umrungen, und nur mit Muͤhe erfuhr man aus dem Munde des vom Schrecken noch ganz betaͤubten Druſchkorſch, daß der Wagen von einem Haufen Marodeurs und Nachzuͤgler, die den Graͤuel des Krieges auch zu ihrem raubgierigen Vorhaben zu benutzen ſuchten, angegriffen worden ſei. Mit Loͤwenmuth habe ſich der Eigenthuͤmer deſſelben, ein alter lithauiſcher Edelmann, gegen ihren Andrang vertheidigt, zwei der Angreifenden erſchoſſen und mehrere verwundet, dabei jedoch ſelbſt einen Saͤbelhieb uͤber den Kopf erhalten, der ihn leblos in den Wagen niedergeſtreckt habe, indeſſen die Raͤuber bei dem erſten Anblick des nahenden Sukkurſes die Flucht ergriffen. Eilend ſetzten auf Befehl ihres Lieutenants einige Reiter den Fliehen⸗ den nach, und bald hatten ſie zwei derſelben, die we⸗ gen ihren empfangenen Wunden den uͤbrigen in glei⸗ cher Schnelle nachzufolgen außer Stande waren, eingeholt und zu Gefangenen gemacht. Bronkowski ſelbſt ging ſchnell mit dem Wagen voran, um wo moͤglich dem Schwerverwundeten die noͤthige Hilfe zu verſchaffen, waͤhrend die Feldjaͤger die gefangenen Verbrecher in langſamen Zuge nach dem Lager es⸗ kortirten.—— G Der Rapport war beendet.— Mit innigem Mitleiden trat Prondzynski an die Kibitke, die ſein Gefolge bereits mit warmer Theil⸗ nahme umgab. Im Innern des Wagens lag ein ehrwuͤrdiger Greis mit geſchloſſenen Augen auf die blutgetraͤnkten Kiſſen leblos zuruͤckgeſunken, das mit wenigen Sil⸗ berlocken gezierte Haupt durch einen furchtbaren Saͤ⸗ belhieb in der Mitte geſpaltet. — 204— Forſchend frug der Obergeneral nach dem Na⸗ men des Verwundeten. —„Staroſt Kamynski,“ war die rauhe, laut ausgeſprochene Antwort des theilnahmslos an die Kibitke gelehnten Druſchkorſch. „Heiliger Gott, mein Vater!“ ſchrie gellend eine maͤnnliche Stimme.— Erſchrocken wandte ſich Alles.— Halb ſinnlos ſtuͤrzte Fedor von ſeinem Pferde herab. Mit brechenden Knieen wankte er auf die Kibitke hin. Schluchzend preßten ſich ſeine Lippen auf die ſtarren, bleichen Haͤnde des Greiſes, der, um ſeinen lang entbehrten Sohn an ſein Vaterherz zu druͤcken, die beſchwerliche Reiſe nach dem Lager unternommen hatte. Ihm war der Tod geworden, ohne dem Vaterherzen den letzten heißen Wunſch zu goͤnnen. Tief ehrte Prondzynski und ſein Gefolge den Schmerz des jugendlichen Kriegers. Auf einen Wink des Obergenerals am naͤchſten Baume aufgehangen, verzerrten die in Lumpen ge⸗ huͤllten, blutbedeckten Geſtalten der beiden Gefan⸗ genen ihre verwilderten Zuͤge bald im letzten roͤcheln⸗ den Todeskampfe; doch weder die ſie auf dem Fuße ihrer Verbrechen ereilende Vergeltung— noch die angeſtrengteſten Bemuͤhungen der eilends herbeige⸗ holten Feldaͤrzte vermochten den erloſchenen Lebens⸗ funken des Staroſten zur hellen Flamme anzufachen. Matt ſchlug der Schwerverwundete noch ein⸗ mal das gebrochene Auge empor, ſein erloͤſchender Blick traf den tief erſchuͤtterten Sohn. Es war das letzte Wiederſehen. Wenige Stunden, und die kuͤhle Erde ſchloß ſich auf ewig uͤber ſeinen ungluͤck⸗ lichen irdiſchen Reſten. Fedor hatte das einzige ihm noch uͤbrige Gut verloren, das ſein Daſein mit den ſuͤßen Ketten in⸗ niger Kindesliebe an dieſe Erde band. Wuͤthend ſtuͤrzte er ſich in jeden Kampf— das dichteſte Gewuͤhl der Schlacht nahm den lebensmuͤ⸗ den Krieger auf. Er ſuchte den Tod— aber er fand ihn nicht. Mit roſigem Schimmer laͤchelte die ſchoͤne Hoffnung, ſein Vaterland gerettet zu ſehen, dem Ungluͤcklichen als Labſal ſeiner Schmerzen ent⸗ gegen.— 5— — 206— Liebe. Liebe, ja, Du biſt die Sonne, Kamſt mir aus dem Meer von Thraͤnen, Weilteſt einen Tag voll Stuͤrme, Und verſankſt ins Meer voll Thraͤnen. Wilde Roſen von Saphir. 1. Vor dem Portale der großen Oper in Paris ſah man im Jahre 1836 beinahe jeden Abend einen ſchlanken, hochgewachſenen jungen Mann. Eine geiſterhafte Blaͤſſe ruhte auf dem duͤſtern Antlitz, das Kummer, Gram und Sorgen mit den tiefen Furchen eines unausloͤſchlichen Schmerzes ge⸗ zeichnet hatten, waͤhrend ein ſanftes Feuer aus dem blauen, ſchwermuͤthigen Auge ſtrahlte und die ganze Geſtalt mit einem eigenen Zauber uͤbergoß. Neugierig ruhten die forſchenden Blicke der Vor⸗ uͤbergehenden oft auf dieſem Bilde eines herben, nagenden Schmerzes. Jeder fuͤhlte ſich von dem Seelenadel, der in allen Mienen und dem hohen . — 207— Anſtande, der in jeder Bewegung des Fremden lag, unwillkuͤhrlich uͤberraſcht. Wer er ſei, wußte Niemand, denn eben ſo ſtill als er bei dem Anfange jeder Vorſtellung er⸗ ſchien, ſo leiſe und unbemerkt entfernte er ſich bei dem Ende derſelben; ohne daß irgend Jemand im Stande geweſen waͤre, das Thun und Treiben die⸗ ſer raͤthſelhaften Erſcheinung zu enthuͤllen. Es war Fedor!! Die Schlacht bei Oſtrolenka war geſchlagen, das Blut in Stroͤmen, wenn gleich nutzlos gefloſſen, und in wilder Flucht hatten ſich die ungluͤcklichen Schaaren der Vaterlandsvertheidiger zerſtreut, von den Siegern nach allen Seiten verfolgt. Was ſich nicht der Gnade eines großherzigen Monarchen uͤberlaſſen wollte, begab ſich in ferne Lande, um da eine neue Heimath zu ſuchen— ein neues Vaterland zu begruͤnden. Unter den Vielen, die es vorgezogen hatten, auf fremden Boden die Folgen ihrer unuͤberlegten Handlungsweiſe und eines thoͤrigten Freiheitstaumels zu beweinen, befand ſich auch Fedor. Seine Guͤter — 208— waren vom Fiskus eingezogen, ſein Name ſtand auf der Liſte der Geaͤchteten, und ſomit duldete es ihn in jenem Lande nimmer, das die theuerſten Pfaͤn⸗ der ſeiner Liebe in jenem Boden barg, der dem Rechte des Siegers und ſeiner Willkuͤhr verfallen war. Die Wahl ſeines Aufenthaltes fiel auf Paris. Von den Truͤmmern des geretteten geringen Ver⸗ moͤgens lebend, ſuchte Fedor raſtlos einen Ort, wo⸗ hin er das muͤde Haupt fuͤr die Tage des Alters geſchuͤtzt ſorgenfrei hinlegen koͤnnte; doch ſeine Baarſchaft ward immer geringer, die Hoffnung ei⸗ nes Unterkommens kleiner, und ſchon pochte der Mangel fuͤhlbar an ſeiner Thuͤre, indeß die Hilfe noch immer entfernt blieb. Um dem Gram zu entgehen und der Erinne⸗ rung an ſein theueres Vaterland deſto freier nach⸗ zuhaͤngen, benutzte Fedor die fruͤhen Morgenſtunden tagtaͤglich zu einem Spaziergange laͤngs der Seine. So war er auch eines Tages ganz vertieft in die Gedanken an ſein freudenleeres Schickſal ausge⸗ gangen; doch als er wiederkehrte, fand er ſich freu⸗ — 209— dig und ſchmerzlich zugleich uͤberraſcht. Auf ſeinem Schreibtiſche lag eine volle Geldboͤrſe, daneben ein kleines Briefchen. Haſtig griff Fedor nach dem letz⸗ tern und las die folgenden mit zierlicher Frauenhand auf das Papier entworfenen Zeilen: „Nur ein edler Mann kann den Fluch ſeines neiſernen Geſchickes mit feſter Kraft ertragen, doch „das herbe Loos des Ungluͤckes zu mildern, zu „troͤſten und mit herzlichem Mitgefuͤhl fremder „Noth abzuhelfen, iſt des Weibes ſchoͤnſte, hei⸗ „ligſte Pflicht.— Moͤge auch ſie mich in Ihren „Augen entſchuldigen, daß ich unberufen mich ge⸗ „ drungen fuͤhle, Ihre traurige Lage zu lindern.— „Nie nach mir zu forſchen, iſt die einzige Bitte ei⸗ „ner Ihnen herzlich wohlwollenden Freundin.“ Wer kannte ſeine Verhaͤltniſſee Wer wußte um ſeine Lage? Keine Unterſchrift war zu ſehen— So blieb die Geberin dieſer und ſo mancher folgenden Boͤrſe eben ſo unbekannt, als die Art und Weiſe, wie dieſe Spenden einer freundlichen Theilnahme in ſein feſt verſchloſſenes Zimmer kamen, fuͤr ihn ein Raͤthſel. Spiegelbilder. II 3 14 — 210— Ein Zufall luͤftete den Schleier. Fruͤher als gewoͤhnlich kehrte Fedor eines Mor⸗ gens in ſeine Wohnung zuruͤck, und ſich auf das bequeme Sofa ſtreckend, gab er ſeinen Gedanken freien Spielraum. So mochte derſelbe einige Zeit im wachen Traume zugebracht haben, als er ploͤtz⸗ lich durch einen hellen Klang aus ſeinem Sinnen erwachte. Es ſchien, als ob jemand eine mit Gold gefuͤllte Boͤrſe auf ſeinen Schreibtiſch fallen laſſe. Erſtaunt blickte Fedor um ſich und gewahrte ſo eben nur noch, wie ein niedliches Koͤrbchen an zwei Bindfaden befeſtigt, ſich von ſeinem Tiſche er⸗ hob und pfeilſchnell in der Decke des Zimmers durch eine bisher nicht wahrgenommene Oeffnung entſchwand. 8 Auf dem Tiſche lag eine gruͤnſeidene Boͤrſe mit dem gewoͤhnlichen goldenen Inhalt. Die Art und Weiſe, wie dieſelbe den Zugang in ſein Zimmer gefunden, war entraͤthſelt. So konnte auch ihre Geberin nicht laͤnger unbekannt bleiben. Es war Adele, die erſte Taͤnzerin der großen Oper in Paris.— —— — — 211— Schon die naͤchſte Stunde fand Fedor, von brennender Dankbarkeit erfuͤllt, vor ſeiner hocher⸗ gluͤhenden Wohlthaͤterin, die es nie vermuthet haͤtte, ihr Geheimniß ſo bald enthüllt zu ſehen, und nun mit ſanftem Erroͤthen die feurigen Worte eines uͤber⸗ ſtroͤmenden Dankgefuͤhls anzunehmen ſich wider ih⸗ ren Willen genoͤthigt fand. Adelens liebreizende Erſcheinung uͤbte einen un⸗ widerſtehlichen Zauber auf Fedors wundes Herz. Eine heftige Flamme loderte mit aller Gluth der erſten einzigen Liebe in ſeinem Innern empor, und ſchon die naͤchſten Tage erblickten ihn ſtets zur ſel⸗ ben Stunde vor dem Portale des Operntheaters, indem er mit Ungeduld der Ankunft und Ruͤckfahrt des allgemein verehrten Gegenſtandes ſeiner gluͤhen⸗ den Neigung entgegen ſah.— Reich belohnt, wenn ihn ein Blick aus Adelens ſchwaͤrmeriſchem Auge traf, kehrte er mit ihrem Bilde in ſeinem Herzen ſelig wieder nach ſeiner Wohnung zuruͤck.— Es waren die erſten heitern Tage, die ein jah⸗ relanges Leiden verſuͤßten. 14* — 212— 2. In ihrer eleganten Wohnung auf die ſchwellende Ottomane hingegoſſen, ruhte Adele im ſtrahlenden Glanze einer jugendlichen Schoͤnheit. Das blonde Haar 4 l'anglaise in wallende Lok⸗ ken aufgeloͤßt ringelte ſpielend uͤber den Bluͤthen⸗ ſchnee des uͤppig vollen Nackens nieder, um den ſich eine Schnur orientaliſcher aͤchter Perlen koſend ſchmiegte. Taͤndelnd ſpielten ihre Finger mit einer vollen aufgebluͤhten Roſe, die ſie ſo eben von einem jungen Manne erhalten hatte, der auf einem niedri⸗ gen Tabouret zu ihren Fuͤſſen ſaß. Es war Fedor, der mit dem Feuerblicke einer verzehrenden Leidenſchaft zu dem holden Engelsan⸗ tlitze emporſah, das ihn mit der engſten Kette der Liebe und Dankbarkeit gefeſſelt hielt. —„Ich danke Dir— ich danke Dir recht herz⸗ lich fuͤr Deine Aufmerkſamkeit, mein guter Fedor,“ ſprach endlich, wie aus tiefem Sinnen erwachend, Adele, indem ihr von ſeidenen Wimpern beſchatte⸗ — 213— tes Auge mit innigem Wohlgefallen auf den bleichen Zuͤgen des jungen Mannes weilte. Ein heißer Thraͤnenſtrom entrollte bei dieſen Worten dem Auge Fedors, und von unendlichem Schmerze uͤbermannt, rief er ſchluchzend aus: —„Ich habe nichts— nichts anderes auf die⸗ ſer weiten Erde, um Dir Deine Liebe, Deine Wohl⸗ thaten fuͤr den Geaͤchteten zu danken.“ —„Beruhige Dich, mein theuerer Fedor,“ ent⸗ gegnete ſanft Adele; indem die bluͤthenweiße Hand ſtreichelnd die Wangen deſſelben beruͤhrte:„Verzage nicht— es wird, es muß Alles beſſer werden.“ —„Es muß— ja es muß beſſer werden!“ rief Fedor haſtig, indem er leiſe murmelnd hinzufuͤgte: „Mein Herz wird brechen, doch mir wird gewiß wohler werden.“ Adele ſchien von den Worten ihres Schuͤtzlings tief erſchuͤttert zu ſeyn. Mit duͤſterm Schweigen ſah ſie auf den Ungluͤcklichen nieder, dem ſein grauſa⸗ mes Schickſal Alles geraubt hatte, und der nun in ihr Mutter, Schweſtern und Geliebte wieder finden ſollte. So ſaßen Beide in wortloſes Hinſtarren verſun⸗ ken lange neben einander, endlich fuhr Fedor mit den Worten empor:. —„Leb wohl, Adele! die Stunde draͤngt.“ Sanft ergriff er ihre Hand, ein heißer Kuß fiel brennend auf dieſelbe nieder, und indem er ſich mit Haſt von ſeinem Sitze erhob, war er, ſeinen Hut ergreifend, ſchnell ihrem Auge entſchwunden. Adele fuͤhlte heiß und innig, daß Fedor ihr das Hoͤchſte— daß ihr Gluͤck nur mit ſeinem Beſitze auf ewig verbunden ſei.— Durch die eines Tages zufaͤlligerweiſe gemachte Entdeckung einer in dem Fußboden ihres Zimmers befindlichen Oeffnung, welche von den fruͤhern Bewohnern der beiden uͤber einander gelegenen Wohnungen, der Himmel weiß zu welchem Zwecke, gemacht worden war, gelangte ſie zuerſt zur Kenntniß von dem Thun und Treiben des ihr ſchon fruͤher intereſſant erſchienenen Fremd⸗ lings.— Fedors oͤftere Selbſtgeſpraͤche hatten ſie mit ſeiner traurigen Lage und einem Theile ſeiner Erlebniſſe bekannt gemacht, und Adele glaubte ſich daher um ſo fruͤher zu ſeiner Huͤlfe berufen, als der bleiche, junge Mann mit dem ausdrucksvollen Geſichte einen bleibenden Eindruck auf ihr unbefan⸗ genes Herz gemacht hatte. Allein obgleich Adele ihm Alles gewaͤhren konn⸗ te, was ſie zu ſeinem Gluͤcke nur immer dienlich erachtete— ſo war ſie dennoch nicht im Stande ihrer Freiheit zu entſagen, und den geliebten Mann mit dem Beſitze ihrer Hand zu begluͤcken. Wie ſehr auch Fedor bat, dieſes einzige Ziel ſeines Strebens verwehrte ihm Adele mit eiſerner Feſtigkeit. Ihr that es zu wohl, ſich von der Elite der jugendlichen Maͤnnerwelt angebetet zu wiſſen. Das artige Be⸗ nehmen der an ihren Siegeswagen gefeſſelten Herren ſchmeichelte ihrem Stolze, obgleich es ihrem Herzen nicht genuͤgte, und furchtbar erſchien ihr der Ge⸗ danke, dieſem Weihrauch in den Banden der Ehe vielleicht fuͤr immer entſagen zu muͤſſen.—— So bemuͤhte ſich Fedor auch heute vergeblich, ihren ſtarren Sinn zu beugen, und von ihrer feſten Weigerung tief in ſeinem Innern verletzt, hatte er ſich raſch entfernt. Mit ſchmerzlicher Wehmuth ſah ihm Adele — 216— nach. Eine heiße Thraͤne fiel brennend auf ihren Buſen nieder, doch bald berief ein raſcher Klingel⸗ zug die Zofe zu ihrer Bedienung. Die naͤchſte „ Stunde fand die reizende Taͤnzerin in einem blen⸗ denden Koſtuͤme, von Grazien und Amoretten im neckenden Spiele umgaukelt, in ihrem Boudoir. Mit Ungeduld ſah ſie dem Wagen entgegen, der ihren Ruhm in dem heutigen Ballette mit einem neuen glaͤnzenden Triumphe bereichern ſollte. Er erſchien, und pfeilſchnell zogen die muthigen Roſſe ſie den lauten Zeichen eines ſtuͤrmenden Beifalls, dem hoͤch⸗ ſten Gluͤcke ihrer Eitelkeit entgegen. 1 Was ſie hoch begluͤckte, wand ſich um Fedors Haupt indeſſen zum Cypreſſenkranz. 3. An dem Ufer der Seine wandelte zur Abend⸗ zeit deſſelben Tages ein junger Mann in tiefes Sin⸗ nen verloren. Mit eiſiger Klarheit ſchweifte ſein Auge uͤber den hellen Spiegel der ruhigen Wellen hin.— Ein furchtbarer Gedanke ſchien in ſeinem Innern zu gaͤhren.— Immer matter wurden die Blicke des ungluͤck⸗ lichen, immer duͤſterer die Zuͤge ſeines verſtoͤrten Antlitzes, und immer gebuͤckter ſchritt die ſchlanke hohe Geſtalt langſam auf und nieder.— Als waͤre er jetzt mit ſich ſelbſt einig geworden, zog der junge Mann mit zitternder Hand ein wei⸗ ßes Blatt Papier aus ſeinem Portfeuille, auf das er nur wenige Worte hinwirft.—— Er hat geendet.— Mit ruhigem Gleichmuth ſtreift er nun den Rock von ſeinen Schultern— der zuſammengefal⸗ tete Brief, mit einem Steine beſchwert, faͤllt auf denſelben— in wehmuͤthigen Lauten entquillt der Name„Adele“ den ſchmerzlich zuckenden Lippen, und plaͤtſchernd ſchlagen die Wellen der Seine uͤber ihrem Opfer zuſammen.—— Er iſt verſunken.— Nur ein großes Rad zeigt den Ort ſeines Verſchwindens auf dem ruhigen Wel⸗ lenſpiegel, das, immer kleiner und kleiner werdend, bald kaum mehr bemerkbar iſt und zuleßt ſelbſt die = 218— einzige uͤbrige Spur von dem naſſen Grabe des Ungluͤcklichen verweht.—— Es war Fedor, dem die Liebe dieſe Ruheſtaͤtte bereitet.—— Der fruͤhe Morgen des andern Tages war her⸗ angebrochen. Eilfertig draͤngte ſich ein Haufe von Menſchen nach den Pforten der Morgue, in die man ſo eben wieder eines jener ungluͤcklichen Weſen getragen, die, von einem harten Schickſal ſchwer und laſtend verfolgt, der Buͤrde eines ſchmerzerfuͤllten Da⸗ ſeins durch ein gewaltſames Ende zu entgehen ſuchen.——— Auf das harte Marmorlager hingeſtreckt, ruhte die triefende Leiche eines jungen, bleichen Man⸗ nes. Der Tod ſchien die ſchoͤnen, aber gram⸗ gefurchten Zuͤge kaum leiſe beruͤhrt zu haben, und ein ſchmerzlich ſanftes Laͤcheln ſpielte noch um den jetzt zu ewigem Schweigen geſchloſſenen Mund.—— 2 Stumm blickte die ringsherum ſtehende Menge mit mitleidigem Auge auf das traurige Opfer eines ——— — 219— unerbittlichen Schickſals, doch niemand erkannte es.—— 2 Ploͤtzlich oͤffnet ſich der Kreis. Eine junge Dame tritt raſch durch denſel⸗ ben, ihr neugieriger Blick faͤllt auf das bleiche An⸗ tlitz des Todten— ein furchtbarer Schrei ent⸗ windet ſich mit den Worten:„mein Fedor!“ der hoͤrbar pochenden Bruſt, und zuckend im letzten Todeskampfe, ſinkt ſie leblos an dem Fuße des Marmorlagers nieder— Der Schmerz hat ſie getoͤdtet.— Jede menſchliche Hilfe blieb vergebens... Die Dame war Adele!!! Mit Fedors traurigem Ende unbekannt, fuͤhrte das Hinzuſtroͤmen der Menſchen und ihre Neugier⸗ de ſie nach der Morgue.— Glaube, Hoffnung und Liebe hatten Fedor endlich jenſeits mit den verlorenen Elementen ſeiner Sehnſucht wieder vereint; nachdem er viel zu lange zu dem Spielball irdiſcher Taͤuſchung gedient. Ein Grab auf dem freundlichen Friedhofe des Pere la Chaise nahm beide Leichen in ſeinem kuͤh⸗ len Schooße auf. Kein Stein bezeichnet den Ort ihrer Ruhe; nur der dort wohnende Todtengraͤber zeigt mit graͤmlicher Miene den Neugierigen Fedors und Adelens Grabeshuͤgel. — Die Verworfene. Wahrheit; keine Dichtung. Aus dem Leben der bekannten Graͤfin D.. r. Motto. Wenn ein Baum will nicht mehr bluͤhen, Wenn die Blaͤtter von ihm ſcheiden, Muß man in ſein Mark ihm Wunden— Wunden in ſein Herz ihm ſchneiden. Und der Baum erwacht durch Wunden Aus der Stumpfheit ſeiner Kraͤfte, Und durch Schmerz erſteht er wieder Zu dem bluͤhenden Geſchaͤfte. Wilde Roſen von Saphir. V b 1. Aus der kleinen, mit altem Rumpelwerk ange⸗ fuͤllten Nebenkammer erklang ein Ton, wie wenn etwas gefallen und in klingende Scherben zerbrochen waͤre. —„So ſoll doch der T.. l das Blitzmaͤdel hol..“ polterte der alte Invaliden⸗Wachtmeiſter Schwammenſchneider zornig heraus, indem er zu⸗ gleich mit dem Kruͤckenfuße heftig wider den Bo⸗ den ſtieß.— Leider erſtarb das letzte Wort ſeines Fluches in einem kaum vernehmbaren Lallen auf ſeinen Lippen. Kraftlos fiel zugleich ſein alterſchwa⸗ ches Haupt auf die Ruͤcklehne des alterthuͤmlichen Sorgenſtuhles zuruͤck.— Der Veteran war todt.— Ein Schlagfluß hatte ſeinem Leben und ſeiner un⸗ 2 widerſtehlichen Gewohnheit zu fluchen ploͤtzlich ein Ende gemacht.— Wie ſonderbar war dieſes Zuſammentreffen. Dort ging die Lieblingspfeife— hier ihr Beſitzer, beide zu gleicher Zeit faſt in demſelben Augenblicke zu Grunde. —„Kinder!“ ſprach wie oft der alte Krieger zu den ihn beſuchenden Kameraden, und kraͤuſelnd blies er dabei maͤchtige Wolkenmaſſen aus dem un⸗ ſcheinbaren Porzellainkopf empor, die kleine Stube mit einem dampfenden Qualm verfinſternd. —„Kinder!“ wiederholte er,„dieſen Kopf muͤßt ihr einſt eurem alten Wachtmeiſter mit in die Grube geben, denn nach mir, ſoll mich der T...l holen, darf keine Menſchenſeele mehr aus dieſer Pfeife rauchen.“ 3 4 „Und warum denn nicht, Vater Schwammen⸗ ſchneider?“ pflegten ihn dann ſeine baͤrtigen Kriegs⸗ gefaͤhrten ſtets zu fragen, obgleich ſie dieſelbe Ge⸗ ſchichte viele hundertmal aus dem nehmlichen Mun⸗ de gehoͤrt hatten. ¹ Aber Fluchen und die Erzaͤhlung dieſer einzigen b b Begebenheit aus ſeinem Leben waren das Lied⸗ lings⸗Steckenpferd des ſonſt ziemlich wortkargen Kriegers, deßhalb konnten ihm ſeine Beſucher das Vergnuͤgen nicht verſagen, das er jedesmal in den Augenblicken ſeines Erzaͤhlens empfand. —„Ja das hat ſeine eigene Bewandtniß,“ fing der Wachtmeiſter dann gewoͤhnlich ſchmunzelnd an, indem er ſich mit der abgezehrten Knochenhand wohlgefaͤllig den grauen Schnurbart zuͤgelte.— „Seht, es war im Jahre 1811, als ich mit meinem Oberlieutenant ſeliger, nun Ihr habt ihn doch ge⸗ kannt, es war der ſchoͤnſte Mann im Regiment.—“ „Ja freilich,“— fielen ſeine Kameraden ein— „und tapfer war er auch.— Er hat Euch ja bei Lodi mitten aus der Maſſe der franzoͤſiſchen Kuͤraß⸗ reiter herausgehauen.“. —„Richtig!— Daß dich, potz Bomben und Granaten!— ja, ja, der Oberlieutenant Korn, Gott hab' ihn ſelig, das war doch Einer, ſoll mich der T... holen, von denen aus der guten alten Schule! Die neue...— Na, daß ich lieber wei⸗ ter plauſche,“— fuhr der Veteran, dieſen Gegen⸗ Spiegelbilder. II. 1⁵ ſtand, auf den er nicht beſonders gut zu ſprechen ſchien, abbrechend in ſeiner Erzaͤhlung fort.—„Alſo bei Lodi war's, gerade acht Tage nach dieſer Affai⸗ re, als ich mit meinem lieben Oberlieutenant auf Vorpaß ſtationirt, mich mit ihm in das gruͤne Gras, nahe bei einem luſtigen Wachtfeuer hinge⸗ ſtreckt hatte. Sonſt froh und heiter, ein aͤchter Soldatenkopf, war er damals ganz murriſch. „Schwammenſchneider,“ fing er endlich nach einer Weile an,„Du biſt ein tuͤchtiger K... l und haſt das Herz auf'm rechten Fleck.—“ Furcht, das wißt Ihr ſelbſt, die hab ich nie gekannt—„alſo Wachtmeiſter,“ ſagte mein Oberlieutenant,„mir ſcheint, mir ſcheint, heute bleib ich im Feld.“—„So ſoll mich doch der Schwarze—“ gab ich ihm zur Antwort—„wenn ich begreife, was Sie da ſagen wollen!“—„Alter Narr,“ fuhr mein Kommandant auf,„das kannſt Du Dir doch an Deinen Fingern abzaͤhlen.— Mir hat getraͤumt, daß ich dieſes Bivouak hier nicht mehr verlaſſen werde. Nun, wie Gott will!— Meine Rechnung mit dem lieben Herrgott iſt abgeſchloſſen. Geld hab ich keins, — 227— auch keine Verwandte, die ſich um die magere Erb⸗ ſchaft raufen koͤnnten. Meine Schulden hat der Trompeter beim Ausmarſch aus der Garniſon laͤngſt bezahlt— und was ſonſt mein Eigenthum iſt, das gehoͤrt Dir, alter Knaſter. Biſt Du ja doch der Ein⸗ zige, den ich und der mich noch leiden kann.— So ſagte mein braver Oberlieutenant. Und ſo war es gerade, als wenn der Teufel damals auf ihn gerit⸗ ten war. Kaum hatte ſein Mund die paar Worte ausgeſprochen, da knallten auch ſchon pfeifend meh⸗ rere Flintenkugeln vom Feinde heruͤber.„Aufge⸗ ſtiegen!“ kommandirt mein Oberlieutenant ſeliger, und wie der Blitz ſaßen wir auf unſern Pferden. —„In Trapp, Marſch!—“ hieß es weiter, und fort gings, daß nur die Erde empor flog.— Es war ſein letztes Kommando; die naͤchſte Kugel ging durch ſeinen Hals.— Da lag er. Was ſollt'⸗ ich thun?— Mit dem beſten Willen konnt' ich mich itzt bei ihm nicht aufhalten, denn das Kommando kam nach ſeinem Tod an mich. Piff, paff ſchoſſen Euch fort die Franzoſen um uns herum, daß mir Hoͤren und Sehen verging; doch was nutzte es ih⸗ 15* —-————— r — 228— nen!— Wir bekamen Succurs aus dem Hauptquar⸗ tier, und bald flogen auch die franzoͤſiſchen Lan⸗ ciers, von unſern Uhlanen gejagt, ſo zum T..., als wenn's nie da geweſen waͤren.— Jetzt erſt hat⸗ te ich Zeit, nach meinem Offizier zu ſehen. Doch zu ſpaͤt. Er war todt, und ſein Pferd ſammt dem Mantelſack und der magern Erbſchaft, Gott weiß wohin gelaufen. Traurig ſitz' ich Euch in meinen Gedanken am Feuer und ſtiere hin und wieder in der Gluth herum, da find ich dieſen Kopf, den der Kommandant beim Aufſitzen vermuthlich ins Feuer geworfen hatte.— So war mir doch wenigſtens etwas von ihm geblieben. Er und der Saͤbel, der dort an der Wand haͤngt, ſind jetzt die einzigen Angedenken an den Verſtorbenen, und darum,“ ſchloß der Veteran ſeine Erzaͤhlung,„ſoll die Pfeife auch mit mir ins Grab.“ —„Er hat Recht!“ riefen dann die Gefaͤhrten des alten Wachtmeiſters unter einander,„wenig⸗ ſtens kann er ihn dort einmal bei der großen Armee wieder vorzeigen, und dem Herrn Oberlieutenant ſelbſt ſagen, wie er ſein Andenken in Ehren gehalten.“ — 229— —„Ja, daß ich Euch nicht vergeſſe,“ pflegte der Wachtmeiſter oͤfters hinzuzuſetzen—„Ihr wißt, auf Geiſter und Wahrſager haͤlt ein alter Soldat nichts, und doch hat mir ſo ein L.. p von einem Zigeunerkerl prophezeit, daß ich mit der Pfeife zugleich ins Gras beiſſen werde.— Mir iſt's gerade, als ſeh' ich den ſchwarzbraunen Wahrſager noch heute vor mir, wie er die Worte ſagt: „Blanker Wachtmeiſter, wahr' Deinen Kopf; denn geht er in Truͤmmern, biſt Du mit ihm hin!—“ und ſo muß ich halter ſchon ſelbſt die Prophezeiung wahr machen; denn bis itzt iſt ſie nicht in Erfuͤllung, gegangen.— Dieß Alles erzaͤhlte mehr als einmal der alte Veteran, und heute ſollten ſich ſeine Worte ſo ſon⸗ derbar bewaͤhren— die Pfeife zerbrach, der Inva⸗ lide ſtarb.—— Weinend kniete ein bildſchoͤnes, in gemeine grobe Kleider gehuͤlltes Maͤdchen zu den Fuͤſſen des Entſeelten. Heiß preßten ſich ihre friſchen Lippen auf die ſtarren Haͤnde des Greiſes, als wollte ſie demſelben, vergehend in dem Gefuͤhle ihres unge⸗ heuchelten Schmerzes, ſein durch ihre Unachtſamkeit allein verſchuldetes Hinſcheiden abbitten. Es war umſonſt.— Die Pfeife blieb zerbrochen, der Vater todt. Selbſt die reichen Thraͤnen, die ſeine ſtarren Wan⸗ gen in nicht verſiegenden Fluthen benetzten, ver⸗ mochten den Greis nicht mehr zu einem Leben zu erwecken, dem er durch ſeinen Tod die einzige Schuld ſeines Daſeins abgetragen.— Die Stunden verfloſſen. Bald kamen ſeine alten Waffengefaͤhrten, um die Leiche auf ihren Schultern zur letzten Ruheſtaͤtte zu geleiten, und ſie dem ſtillen ruhigen Grabe zu uͤbergeben. Pol⸗ ternd fiel die Erde auf den aus rohen Brettern ge⸗ zimmerten Sarg. Krachend loͤſte das Leichen⸗De⸗ tachement, außerhalb der Kirchhofsmauer die letzten drei, das Andenken des tapfern Kriegers ehrenden Salven— die Trommeln wirbelten— die Mu⸗ ſik blies einen froͤhlichen Marſch, und mit den letzten Erdſchollen, die das Grab des al⸗ ten Wachtmeiſters ganz ausfuͤllten, war auch der letzte Gedanke an ſein einſtiges Leben aus der — 231— Welt und den Liſten des Invalidenhauſes ver⸗ wiſcht. Lange ſchon hatte ſich Alles von dem Orte der Verweſung entfernt. Immer dunkler ſank die Abend⸗ daͤmmerung auf die friſchen gruͤnen Leichenhuͤgel nieder. Still und ruhig lag rings herum eine wohlthaͤtige Einſamkeit auf dem weiten Leichenfelde verbreitet, nur zu Zeiten durch das leiſe Schluchzen eines weiblichen Weſens unterbrochen, die, im tief⸗ ſten Schmerz aufgeloͤſt, den kleinen Grabhuͤgel ihres erſt ſeit wenigen Minuten unter demſelben ſchlummernden Vaters mit heißen Thraͤnen benetzte. Es war Maria, die Tochter des Invaliden, die nunmehr allein und verlaſſen ſich um ſo einſa⸗ mer in der ihr fremden Welt fuͤhlen mußte. 2. Das ſchoͤnſte Waͤſchermaͤdchen unter den Weiß⸗ gaͤrbern war unbezweifelt Marie. Wer nur immer die friſche roſige Geſtalt in der netten eigenthuͤmlichen Tracht, einem weißen Unterkleide mit ſchwarzem Korſette, das Haupt mit einem dunkelfarbigen Seidentuche umbunden, die braune reiche Fuͤlle des Haares feſt an beide Seiten der Stirne glatt und glaͤnzend angeſchmiegt erblickte, der konnte dem reizend friſchen natuͤrlichen Weſen des Maͤdchens nicht widerſtehen. Auch war ſie unter dem Namen der ſchoͤnen Waͤſcherin in ganz Wien bekannt. Laͤngſt war ihr Vater todt; doch Gott hatte ſich des verlaſſenen Maͤdchens erbarmt, und ihr in dem Dienſte einer Waͤſcherin ein hinreichendes Un⸗ terkommen gewaͤhrt. So fand ſie der fruͤhe Mor⸗ gen in unbefangener froͤhlicher Heiterkeit ſchon mit⸗ ten unter den uͤber hohe Stangen aufgezogenen Lei⸗ nen, und eine leichte Straußiſche Walzerarie mit glockenreiner ſanfter Stimme vor ſich hin ſummend, beeilte ſie ſich mit raſcher Behendigkeit, das naſſe friſch gewaſchene Leinenzeug aus dem breiten Trag⸗ korbe zu nehmen, und daſſelbe allmaͤhlig zum Trock⸗ nen uͤber die zu dieſem Zwecke hier aufgeſpannten Stricke zu haͤngen. Hatte ſie dieſes Geſchaͤft geen⸗ digt, ſo begab ſich das froͤhliche Maͤdchen gewoͤh⸗ — 233— lich auf den nahe an der Straße gelegenen gruͤnen Raſen, um dort das anvertraute Leinenzeug vor jedem frevelnden Eingriff zu huͤten, und zugleich die Menge der Voruͤbergehenden mit forſchenden Blicken zu muſtern. Beſonders erregte unter dieſen die ſchoͤne, maͤnn⸗ liche Geſtalt eines jungen Mannes ihre Aufmerk⸗ ſamkeit, der faſt taͤglich in den erſten Stunden des Nachmittags auf eine feurigen, wunderſchoͤnen Rap⸗ pen bei ihrem Trocknenplatze voruͤberritt. Freundlich ſahen ſtets ſeine Blicke auf das huͤbſche Maͤdchen nieder, die gewoͤhnlich eben ſo ſorglos ſo lange zu demſelben emporſah, bis das mit Muͤhe zu baͤndi⸗ gende Roß unter wenigen mannshohen Lanzaden aus dem Bereiche ihrer Sehkraft verſchwand. Beinahe jeden Nachmittag wiederholte ſich das gleiche gefahrdrohende Spiel. Bald hatte ſich Ma⸗ rie ſo ſehr an die taͤgliche Erſcheinung des Fremden gewoͤhnt, daß ſie der nahenden Stunde ſeines Kom⸗ mens mit Ungeduld entgegen ſah, und nicht, wie fruͤher, bei den uͤberbaͤumenden Spruͤngen des mu⸗ thigen Pferdes ihr roſiges Antlitz mit beiden Haͤn⸗ — 234— den verdeckend, jetzt vielmehr frei und offen dem Fremden mit freundlichem Laͤcheln ſo lange nachblick⸗ te, bis auch die letzte Spur des Reiters in dem, in der Ferne auffliegenden Staube entſchwunden war. — Doch dabei hatte es nicht lange ſein Verbleiben. Der leuchtende freundliche Blick des jungen Mannes machte allmaͤhlich einer raſchen kußaͤhnli⸗ chen Bewegung ſeiner Rechten Platz, indem er dieſe wie ſpielend ſeinen, von einem kraͤuſelnden Ober⸗ barte beſchatteten Lippen naͤherte, und mitunter ſo⸗ gar ſein Pferd zu einer langſameren Bewegung oder ſelbſt einem augenblicklichen, obwohl unruhigen Still⸗ ſtande anhielt. Zugleich weilte ſein blaues wunder⸗ liebliches Auge mit feſtem blitzenden fixiren ſo lange auf den roſig uͤberhauchten Zuͤgen des Maͤdchens, bis ein holdſeliges, verſchaͤmtes Laͤcheln auch in ih⸗ ren Mundwinkeln leiſe ſpielte, oder ſie in ploͤtzlich aufwallendem Schamgefuͤhle das braune, glattge⸗ kaͤmmte Haupt in ihre Schuͤrze zu bergen verſuchte. Dann erſt pflegte der immer mehr erkuͤhnende ju⸗ gendliche Reiter ſeine gewoͤhnliche Tour fürtziſeben und zu beenden.— So dauerte dieß zaͤrtliche, dem erſten Anſcheine nach hoͤchſt unbefangene Verhaͤltniß einen ganzen heitern Sommer hindurch. Aber allmaͤhlich faͤrbte ſich das gruͤne Laub der wilden, in der Naͤhe des Trocknenplatzes befindlichen Kaſtanienbaͤume zu hoͤhe⸗ rem Gelb. Naſch fielen auch die Blaͤtter derſelben ab; der Herbſt ging voruͤber, und mit eiſigem Flu⸗ ge nahte der Winter. Schwer und immer ſchwerer fiel jetzt der Ge⸗ danke, den Fremden nicht mehr zu ſehen, ſeine toll⸗ kuͤhnen Reiterkuͤnſte nicht mehr bewundern zu koͤn⸗ nen, mit druͤckender Laſt auf Mariens Herz.— Es war das erſte Erwachen einer tiefen, bren⸗ nenden Leidenſchaft, deren Daſein die argloſe Seele des Maͤdchens noch kaum zu ahnden ſchien, als die⸗ ſe ſchon verderbenbringend ſich ihrer Jugend und Unerfahrenheit bemaͤchtigt hatte.— Armes Kind, Du warſt verloren! Wie der blaſſe, giftige Hauch der Anaconda, den unvorſichti⸗ gen Bewohner der heißen Tropenlaͤnder mit ſaͤuſeln⸗ dem Qualm umwehend, zu ſehender Ohnmacht er⸗ * ſtarren macht, und ſich ſo zum ſichern Raube ſelbſt — 236— in weiterer Entfernung bannt, eben ſo ſollten auch die gluͤhenden, Wolluſt und Verderben athmenden Blicke des fremden Reiters die Ruhe Deines Her⸗ zens, den Frieden Deiner Seele ſtoͤren.. Bald war der Winter eingekehrt. Mit dich⸗ tem, reichlich gefallenem Schnee bedeckt, bot die weite Erde das Sinnbild eines langen, todtenaͤhnli⸗ chen Schlummers, der jede Beſchaͤftigung in der kal⸗ ten, eiſigen Winterluft unterſagend, auch Marie an die waͤrmende Flamme des kleinen in ihrer engen Kammer befindlichen blechernen Oefchens gefeſſelt hielt. Mehr als je gedachte ſie hier des ſo heiter und ſelig entſchwundenen Sommers, indem das aͤngſtlich klopfende Herz zugleich die leiſe Frage auf⸗ warf, ob dieſe ſo ſchoͤne Zeit wohl im naͤchſten Fruͤh⸗ jahre wiederkehren, und der Fremde dann noch an ſie gedenken werde?— Marie war ein armes, doch rechtliches Maͤdchen, die ihr Vater, ohngeachtet der uͤblen Gewohnheit, bei jedem dritten Worte zu fluchen, zur Tugend und Gottesfurcht ſo gut erzogen hatte, als es dem er⸗ grauten, langjaͤhrigen Wittwer bei ſeinen aͤrmlichen — 237— Umſtaͤnden nur immer moͤglich geweſen war.„Kind,“ pflegte er oft zu dieſer in einſamen Stunden zu ſa⸗ gen:„Halte Gott in Ehren, und werde ein ehrli⸗ ches braves Maͤdel, wie Deine Mutter, trotz ihrer Plapperzunge, Gott hab' ſie ſelig, ein rechtſchaffenes, gottesfuͤrchtiges Weib war. Die Zeiten ſind ſchlimm,“ fuhr er in ſeinen Ermahnungen fort—„und Du, bildſauber, ganz wie es der alte Knaſter von Dei⸗ nem Vater, ſoll mich der T.. holen, in ſeiner Jugend geweſen iſt. Na, ſauber war ich, mir durft; kein Maͤdel drei Schritte in die Quere kommen, ſonſt war's aus, alſo nimm Dich in Acht. Schmie⸗ re ſo zen Milchbart, wenn er Dir nahe koͤmmt, ei⸗ nes ums M.. herum, daß ihm's Hoͤren und Sehen vergeht— dann wird Dich der da oben feg⸗ nen, und Dein alter Vater ruhig in die Grube fah⸗ ren.*— Wenn das Maͤdchen, ergriffen von der Ge⸗ walt dieſer rauhen und doch ſo vaͤterlichen Ermah⸗ nungen, in ein lautes heftiges Schluchzen ausbrach, folgten gewoͤhnlich noch die troͤſtenden Worte:„Na, wein' nur nicht, Du Blitzmaͤdel, ſonſt ſoll ja gleich das Schwerenoths Donnerwetter d'rein ſchlagen! Ne, Soldatenhex' und weinen, potz Pulver und Schwefel— Kopf in die Hoͤh'— den Fetzen weg— daß Dich— ſo— und jetzt zen Schmatz— den Va⸗ ter kannſt Du kuͤſſen, ſo viel Du willſt— aber'en Andern— Kreuz, Blitz, Kartaͤtſchenbuͤchſen, das woollt' ich Dir, ſo wahr ich der baͤrbeißige Wacht⸗ meiſter Schwammenſchneider bin, am laͤngſten ge⸗ rathen haben!“—— Es war der gewoͤhnliche Schluß ſeiner vaͤterli⸗ chen Rede. Lag auch der alte ehrliche Veteran laͤngſt ſtill und ruhig in ſeinem Grabe, ſo gedachte Marie dennoch ſtets mit kindlicher Achtung ſeiner Lehren, und kein unreiner niedriger Gebanke er⸗ fuͤllte ihre jugendliche Bruſt, wenn ſich mit ſtillem, tiefgefuͤhltem Entzuͤcken das Bild des fremden Rei⸗ ters und ſein liebenswuͤrdiges Benehmen gegen ſie in ihrer Seele entfaltete. Rein und ſchuldlos boten ihre Gedanken nur ſolche Empfindungen dar, wie man ſie bei dem Anblicke eines friſchen lebensvollen Gemaͤldes, das mit reichem Farbenſchmelze und treffender Wahrheit auf die todte Leinwand hinge⸗ haucht vor unſern Blicken erſcheint, zu fuͤhlen pflegt, 2 239— indem man ſich noch lange nach dem Anſchauen deſſelben jenes Eindruckes erfreut, den es in unſerer Seele zuruͤckgelaſſen. So fuͤhlte auch Marie.— Doch das Gefuͤhl, die geheimen Wuͤnſche ihres Ideals— kamen den ihrigen nicht gleichh. 3. In einem ſchoͤnen, prachtvollen Kabinet, deſſen gewaͤhlte, ausgeſuchte Eleganz ebenſo den Geſchmack als den Reichthum ſeines Beſitzers zur Schau trug, ruhte Graf Arthur S⸗* nachlaͤſſig auf einer Chaise longue ausgeſtreckt.— 3 Zu Zeiten fuhr die reichberingte Hand in die ſchwarze, glaͤnzende Lockenfuͤlle, als gelte es, dieſe noch maleriſcher um die hohe freie Stirne zu ord⸗ nen, in deren leichten, ſanft angeſchwellten Falten ebenſo das Gefuͤhl der Ueberſaͤttigung als einer druͤk⸗ kenden langen Weile deutlich zu leſen war. Schon wollte ſich der Graf, von Ermuͤdung befallen, auf die andere Seite wenden„ um vielleicht in einem kurzen Schlummer das Gewirre ſo vieler, ihm ſelbſt — 240— unerklaͤrlicher Empfindungen zu ertoͤdten, als ſich die hohe Glasthuͤre leiſe oͤffnete, und Jean der Kammer⸗ diener mit vorſichtigen Schritten das Gemach betrat. Jean war ein ganzer Mann, eines von jenen chamaͤleonartigen Subjekten, die beſſer als jeder Ba⸗ rometer die Witterung, die Launen und Grihen ih⸗ rer hohen Herrſchaften zu deuten und zu ihrem Vor⸗ theile zu benuͤtzen wiſſen. Deßhalb brachte ihn auch das Heftige:„Was ſoll's!“ ſeines Gebieters nicht aus jener Faſſung, mit welcher der Vertraute ſeines Herrn, ſolcher Ausbruͤche ſeiner uͤblen Laune laͤngſt gewoͤhnt, auf dieſen kaltbluͤtig zuſchritt. —„Ich wollte nur,“ ſprach Jean mit ganz unterthaͤnigem Tone ſeiner Stimme, indem zugleich ein verſchmitztes Laͤcheln aus den kleinen blinzelnden Augen zu ſtrahlen ſchien—„ich meinte nur— ob Eure graͤflichen Gnaden nicht etwas zu befehlen ge⸗ ruht haben.“ —„Scher' Dich zum Henker!“— donnerte der Graf ihm entgegen.— Doch unerſchrocken wich der Diener nicht von dannen. —„Herr Graf ſcheinen uͤbel gelaunt. Soll — 241— ich vielleicht um Demoiſelle Gabriele ſenden?“ frug ernach einer kleinen Pauſe wieder. —„Ich will ſie nicht ſehen,“ murrte dieſer verdrießlich, denn ihm hatte die durch ihn unter⸗ haltene Taͤnzerin der großen Oper erſt vor Kurzem einen unzweideutigen Beweis ihrer Doppelliebe ge⸗ geben. 3 —„Oder befehlen Herr Graf vielleicht auszu⸗ fahren?“ fuhr mit unerſchuͤtterlichem Gleichmuth der Kammerdiener fort,„ich will ſogleich anſpan...“ —„Nein, und abermals nein!“— unter⸗ brach ihn heftig ſein Gebieter.„Mach' fort und laß mich ungeſtoͤrt!“ Jean ging. Doch ſchon an der Thuͤre, weilte er noch mit den Worten: —„Wollen Ihro Graͤflichen Gnaden nicht die neue Waͤſcherin(er betonte dieſe Worte) bei Sich empfangen? Sie befindet ſich im Vorzimmer.“ —„Kerl, ich glaube gar, Du biſt toll!— Was ſoll die Waͤſcherin bei mir?“ rief der Graf, und ſein Zorn erloſch in einem platzenden Gelaͤchter. —„Ich war nur ſo einer ohnmaßgeblichen Meinung,“ fuhr Jean ploͤtzlich ermuthigt in ſeiner Spiegelbilder. II. 16 Rede fort,„das Maͤdchen iſt ſchoͤn— ſehr ſchoͤn, und da glaubt' ich, es koͤnnte Euer Gnaden ſo ein kleines Vergnuͤgen gewaͤhren, ſie ſelbſt zu ſehen,“ ſetzte er mit einem lauernden Ausdruck ſeiner Blicke hinzu. —„Hm, ſchoͤn, ſagſt Du— wirklich?— Nun ſo laß ſie herein,“ entgegnete der Graf. Vergnuͤgt entfernte ſich der Kammerdiener.— Sein Ziel war erreicht. Nicht umſonſt hatte er ſich bemuͤht, den Leidenſchaften und verborgenen Wuͤn⸗ ſchen ſeines Herrn nachzuſpuͤren. So nur war es ihm moͤglich geworden, eine Begierde zu errathen, die tief im Innern deſſelben, dieſem ſelbſt unbewußt, in ſtillem Feuer gluͤhte— mit lodernder Flamme ans Tageslicht zu ziehen. Das Maͤdchen— der neue, blendend ſchne Koͤder fuͤr die Leidenſchaften Arthurs erſchien, und mit gluͤhender Roͤthe uͤbergoſſen ſtanden ſich Beide ſprachlos gegenuͤber. Beide erkannten ſich, der Graf das Waͤſchermaͤdchen— Marie den ſchoͤnen, fremden Reiter; obwohl ſein Rang und Name ihr bisher ein Geheimniß geweſen waren. 2* — 243— Schneller als ihr Gegner faßte ſich das Maͤd⸗ chen. Die naiven, kecken Worte:„Soll ich die Waͤſche mitnehmen„Euer Gnaden?“ verhalfen nun auch dem Grafen zur vollen Beſinnung. —„Wie koͤnnen Deine Roſenlippen nur ſo proſaiſch reden?“ ſprach dieſer jetzt,„komm naͤher, mein Kind— ſo— laß Dich an meine Seite nie⸗ der,“ fuhr er fort, indem er zugleich das ſanft wi⸗ derſtrebende Maͤdchen zu ſich niederzuziehen verſuchte. —„J beileibe nicht!“ entgegnete dieſe, indem ſie ſich die Arme des Grafen abzuwehren bemuͤhte, obwohl ihr inneres, hochauf klopfendes Gefuͤhl, ſo nahe bei dem Gegenſtande ihrer Traͤume und Sehn⸗ ſucht zu weilen, ſie dem ſchoͤnen Manne immer naͤ⸗ her brachte.—„Was moͤchte denn die Welt ſagen, wenn man mich bei Ihnen ſaͤhe?“ ſetzte ſie mit ſanftem Erroͤthen hinzu. Und doch ſaß ſie ſchon bei demſelben, und zaͤrtlich druͤckten ſeine Haͤnde die Finger des Maͤdchens. „Sage mir,“ begann der Graf nach einer klei⸗ nen Pauſe—„ob Du mich noch kennſt, und ob Du Dich in dieſer langen Zeit, wo Du mich 16* — 24— und meinen Rappen nicht geſehen, meiner erinnert haſt.“ —„O wie oft!“ ſprach Marie vorſchnell her⸗ aus, und eine hohe Roͤthe uͤberflog ihre Wangen. —„Wirklich?“ rief entzuͤckt der Graf,„Du haͤtteſt an mich gedacht, mein ſuͤßes Kind?— ſo waͤrſt Du mir vielleicht auch gut?“ —„Von Herzen,“ erwiederte das Maͤdchen, ohne ihren Gefuͤhlen Feſſeln anlegen zu wollen; doch als ſaͤhe ſie ihre uͤbereilten Aeußerungen erſt jetzt ein, ſetzte ſie leiſe lispelnd die Worte hinzu:— „Ich bin allen Menſchen gut, die auch mich ein wenig lieb haben.“ —„Ein wenig nur, meinſt Du?“ rief Graf Arthur aus.„Ich, Maͤdchen! ich liebe Dich allein mehr als die ganze Welt!“— und immer heftiger preßte er das friſche Maͤdchen dabei ſo ſehr in ſeine Arme, daß Marie, erdruͤckt von ſeiner Umarmung, faſt leiſe aufzuſchreien genoͤthigt geweſen waͤre. —„Wuͤrdeſt Du,“ begann der Graf nach ei⸗ ner laͤngern Pauſe, in welcher ſein Geiſt vergebens nach Worten gerungen, ihr den gluͤhendſten Wunſch ſeines Lebens vorzutragen,—„koͤnnteſt Du wohl bei mir bleiben?— Sprich frei, mein liebes Kind,“ — fuhr er fort, als er gewahrte, daß dem Maͤd⸗ chen die Antwort ſchwer fiel. —„O ja!“ entgegnete mit einem tiefen Seuf⸗ zer Marie.—„Hier iſt es freilich ſchoͤn, nur zu ſchoͤn— ſo eine Pracht iſt fuͤr unſer einen gar nicht gewachſen.“— —„und wenn ſie es waͤre?“ erwiederte der Graf, dem eine leiſe Hoffnung vor ſeinen Blicken aufdaͤmmerte.—„Wenn ſie es waͤre?“— frug er noch einmal,—„wenn ich Dich mit all' dem Glanz und Reichthum, den Deine Blicke rings um mich gewahren, ſchmuͤcke; wenn ich Dich reich und ſo gluͤcklich mache, als Deine kuͤhnſten Wuͤnſche es nur immer begehren koͤnnen, und dafuͤr nichts, gar nichts anderes verlange, als daß Du mir ein wenig gut ſeieſt,“— ſchloß er zoͤgernd ſeinen Redeſchluß, „koͤnnteſt Du dann bei mir bleiben wollen?“— —„Wenn es nicht anders iſt, warum nicht? — Gut— herzlich gut bin ich Ihnen ſchon von fruͤher,“ erwiederte naiv das Maͤdchen,„ſeit jener — — 246— Zeit, als Sie auf dem Rappel bei mir voruͤber⸗ g'ritten ſind— damals ſchon war ich Ihnen herzlich zugethan.“ —„Wirklich? Du koͤnnteſt, Engelsmaͤdchen? — Du wollteſt ⸗ rief mit uͤberſtroͤmendem Entzüͤ⸗ cken der Graf. —„He da, Jean!“ Der Gerunfene erſchien. —„Ein Apartement, ſo ſchoͤn wie das meine beſorge es ſchnell und unverweilt— Du kennſt meinen Geſchmack, mach' fort!“— Voll ſchlauem Laͤcheln, des Erfolges erfreut, mit dem es ihm gelungen, die faſt erſtorbene Le⸗ bensthaͤtigkeit des Gebieters zu neuer Thatkraft auf⸗ zureizen, entfernte ſich der Diener, um an dem gaͤnzlichen Gelingen ſeiner Plaͤne, an dem uͤppigen Rauſche der Sinnenluſt ſeines Herrn auch ſeinen Theil zu erndten.— Arglos freute ſich Marie der ploͤtzlichen und unerwarteten Aenderung ihres Schickſals. Von hei⸗ ßer ungeahnter Liebe umfangen, wuͤnſchte ſie mit ſeliger Freude in dieſem Augenblick den tief in ſei⸗ nem Grabe ſuͤß ſchlummernden Vater zu erwecken, — 247— um ihn zum Zeugen ihres Gluͤckes machen zu koͤn⸗ nen. Ihre ſchuldloſe Seele war fern davon, den Preiß zu ahnen, fuͤr welchen ſie das hoͤchſte einzige Gut ihres jungfraͤulichen Daſeins hintan geben ſollte, um fuͤr den ſtillen ruhigen Frieden ihrer Seele die Marterqualen ſtechender Gewiſſensbiſſe einzutauſchen. So ging ſie heiter wie ein Kind, das ſeiner Gefahr unbewußt ſorglos am Rande eines Baches ſpielt, dem Augenblicke entgegen, wo das drohen⸗ de Verderben ſeine Netze uͤber ſie zuſammenſchla⸗ gen, und ſie auf ewig gefangen nehmen ſollte. 4. Es war der erſte Mai.— Welchem Bewohner Oeſterreichs, und welchem Wiener insbeſondere waͤre ein Tag nicht bekannt, der das moderne Leben und den Luxus Wiens in jener hohen Pracht und jenem Glanze entfaltet, wie nicht ſo leicht, London und Paris ausgenom⸗ men, eine andere Hauptſtadt etwas Aehnliches auf⸗ zuweiſen im Stande iſt. Schon am fruͤhen Morgen begiebt ſich eine — 248— zahlreich wogende Menſchenmaſſe in den Prater hinab, der neu verjuͤngt, im friſchen, uͤppigen Gruͤn prangend, ohngeachtet ſeiner Groͤße, kaum die zahl⸗ loſe Menge der Reſidenzbewohner zu faſſen vermag, die im Verlaufe dieſes Tages das Dankopfer fuͤr die Wiederkehr des Fruͤhlings auf verſchiedene, mitunter ſinn⸗ und ſittenloſe Weiſe darzubringen bemuͤht ſcheint. An allen Orten heerſcht ein leben⸗ volles tumultartiges Gewirre, das bei dem allen ſelten die Grenzen des Anſtandes uͤberſchreitet; wenn man hievon den Poͤbel ausnehmen will, der, wie uͤberall, auch hier ſeine Orgien auf die ihm ei⸗ gene Weiſe feiert, und die furchtbarſten Zoten, Spaͤße und Gemeinheiten der ihn vergnuͤgenden, nur in Wien einheimiſchen Harfeniſten⸗Clubs durch ein ſchallendes Gelaͤchter zu ermuntern ſucht. Doch ſind es die untern Volksklaſſen allein, die an ſolcher Unterhaltung Gefallen und Wohlbehagen finden. Die gebildetere Welt durcheilt dieſen unter dem Na⸗ men des Wurſtelpraters bekannten Theil des großen Naturparks im Fluge, um auch das Vergnuͤgen des Poͤbels zu beſehen und ſich dann, tief im Innern — 249— empoͤrt, mit hochergluͤhender Schaamroͤthe uͤbergoſ⸗ ſen, nach der Hauptallee hinuͤber zu wenden, die in den vorgeruͤckteren Tagesſtunden einen hoͤheren geiſtigern Genuß darbietet. Hier iſt der einzige Zuſammenfluß der großen und eleganten Welt. Kaum ſchlaͤgt es am hohen Thurm der Stephanskirche zwei Uhr, als auch ſchon, wie von den Fluͤgeln des Windes getragen, einzelne elegante Chaiſen, Phaetons und Pritſch⸗ ken mit zwei Pferden beſpannt— vierſpaͤnnige prachtvolle Berlinen und Landau's mit weitzuruͤckge⸗ ſchlagenem Deck, die beau monde der Reſidenz im neueſten Modenſchimmer zeigend— zierliche Gigs und Carriols mit den koſtbarſten in der Gabel lau⸗ fenden Race⸗ und Vollblutpferden, mitunter auch mehrere Fiaker raſtlos in die abgemagerten, aber deſto windesſchnelleren Maͤhren, peitſchend— im raſchen Laufe die herrliche Jaͤgerzeil herab, der an ihrem Ende beginnenden Hauptallee des Praters zueilen. Von Minute zu Minute vergroͤßert ſich die Zahl der Equipagen, deren luxurioͤſer Aufwand in Pfer⸗ — 250— den, Waͤgen und Geſchirren ſpaͤterhin noch durch mehrere von Gold und reichen Stickereien ſtrotzen⸗ de ſechsſpaͤnnige Hofkaroſſen zu einer Pracht und einem Glanze gehoben wird, der faſt die Graͤnzen der Moͤglichkeit uͤberſchreitet.— So geht es im ſteten Zunehmen fort und fort. — Hie und da jagen einzelne Dandies auf hohen engliſchen Pferden, zuweilen auch auf gemietheten Kleppern, raſch auf der Straße voruͤber, hin und wieder leichthin in die einzelnen Waͤgen gruͤßend, waͤhrend dort andere, in kurzem Galoppe neben den Schlaͤgen eines zuruͤckgelehnten Landaus traverſirend, die darin ſitzenden Damen en passent von Pferden und Hunden, oder bei einer geiſtreichern Wendung des Geſpraͤches, von der großen Oper und den oͤſtlichen Taͤnzerinnen des Ballets zu unterhalten bemuͤht ſind.— 3 Im ſchnellen eilenden Fluge verrinnt allmaͤhlig die Zeit, und kaum haben ſich die Zeiger zum Schla⸗ ge der fuͤnften Nachmittagsſtunde gehoben, als auch der lange Zug, auf das ungeheuerſte vermehrt, ploͤtz⸗ lich in Stocken geraͤth. Im raſchen Laufe gehemmt, ſchließt ſich nun langſamer ein Wagen an den andern an, und von der aufgeſtellten reitenden Polizei mit blitzenden Saͤbelklingen bedroht, wagt es ſelbſt die hoͤchſte Herrſchaft nicht, die ſtrenge Reihen⸗Ordnung ſelbſt nur auf Augenblicke zu unterbrechen. So geſtaltet ſich fuͤr den ruhigen, ſinnenden Beobachter oft die ſonderbarſte, in grellem, ſchnei⸗ dendem Kontraſte an einander ſchließende Reihen⸗ folge der verſchiedenartigſten Fuhrwerke.— An manche armſelige und doch mit großen Wappenſchildern auf beiden Seiten verzierte Kut⸗ ſche des hoͤhern Adels— dem Bilde des Stolzes und einer immer tiefer um ſich greifenden Armuth, die ſchon ganze, einſt ausgezeichnete Geſchlechter ih⸗ rem gaͤnzlichem Untergange rettungslos naͤher ge⸗ fuͤhrt hat— ſchließt ſich die elegante und moderne Equipage des Handels⸗ und Gewerbsſtandes. Ein naturgetreues Gegenſtuͤck der neu emporkeimenden Geldariſtokratie, die aus dem Mark und Blute des Volkes den Grundſtoff ihrer Reichthuͤmer holend, dieſe hier mit uͤbermuͤthigem Stolze zur Schau traͤgt, um nach Hauſe zuruͤckgekehrt mit Schuͤrze und Vortuch verſehen, oder hinter dem Pudel mit abgezogenem Gold⸗Kaͤppchen ſtehend, ſelbſt den aͤrmſten Bettler zu bedienen und ihm mit der zu⸗ vorkommendſten Artigkeit, mitunter aber auch auf grobe Weiſe die Decke vom Leibe zu ziehen.— Die ſechsſpaͤnnige mit Gold uͤberladene Hofkaroſſe, die ſich an jene reiht, gibt uns das ſchoͤnſte Bild des Glanzes und der hoͤchſten ſouverainen Macht, wie ſie der Klang des Geldes leiſe winkend nach ſich zieht, um dieſelbe, von goldenen Netzen um⸗ ſtrickt, allmaͤhlich mit den Armen des Buͤrgerkoͤnig⸗ thums zu umfangen, und durch ein immer mehr um ſich greifendes Protektionsweſens auch den letzten erloͤſchenden Keim des Rechtes und der Red⸗ lichkeit zu unterdruͤcken. Zahllos folgen dieſen die prachtvollen Staatswaͤgen des reichen Adels und der hoͤchſten Wuͤrdentraͤger. Sie enthalten das Heer von Schmarotzern, die ſich an den Sonnen⸗ ſtrahlen der Hofgunſt erwaͤrmend ein Daſein friſten wollen, das ſonſt in tiefer Erbaͤrmlichkeit erſterben muͤßte. Beſcheiden faͤhrt ihnen der zweiſpaͤnnige Geſellſchaftswagen mit dem nur zum Theil ausge⸗ preßten aͤrmlichen Volke nach, das von der Stufe der Wohlhabenheit auf den Mittelrang zwiſchen dieſer und einer gaͤnzlichen Armuth herabgeſunken, ſich feſt an die Verſicherungen der feilen Hofſchran⸗ zen zu halten ſucht, die ihnen ein wiederkehrendes, beſſeres Loos in tagtaͤglichen Audienzen zu ver⸗ ſprechen bemuͤht ſind, ohne je im Sinne zu haben, auch nur ein Sechzehntheil der mit Kavaliersparo⸗ len verbuͤrgten Zuſagen zu erfuͤllen.— Hin und wieder gewahrt man dieſe Reihenfolge durch ein⸗ zelne elegante Wiener Fiaker unterbrochen, die jene Emporkoͤmmlinge der verſchiedenen Staͤnde in ſich verſchließen, welche durch mancherlei dem Staate unentgeldlich geleiſtete Dienſte zu den hoͤchſten Aemtern gelangen wollen, und daher aus Demuth und Beſcheidenheit, mitunter auch, um das Inkog⸗ nito beſſer zu wahren, es zu keiner eigenen Equipa⸗ ge zu bringen willens find. So gleichen auch die vielen einſpaͤnnigen Gigs und Kabriolets, die an manchen Orten dem Zuge einverleibt erſcheinen, je⸗ nen unreifen Geiſtern, Bomvirants genannt, die ſich — 254— in Alles mengend, ihrer Zunge und ihrer Freiheit un⸗ gezaͤhmt die Zuͤgel ſchießen laſſen, und nur deßhalb mit ſo leichtem Gefaͤhrt und einem Pferde fahren, um ſich unter dem großen Haufen der Schulden⸗ und Streichmacher ſchneller durchzuwinden, und das gebrechliche Fahrzeug an jedem Steine des Anſto⸗ ßes deſto leichter voruͤber fuͤhren zu koͤnnen. Ununterbrochen erſtreckt ſich dieſe lange Reihe der verſchiedenartigſten Equipagen, vom oberſten Rondeau des Praters anfangend, in einem langen unuͤberſehbaren Zuge durch die ganze ausgedehnte Hauptallee und die herrliche Jaͤgerzeile hinab bis faſt auf den in der Mitte der Stadt gelegenen Stephans⸗ platz, wo ſie ihr Ende findend, oft durch einen hoch mit Kohlen bepackten Binſenwagen geſchloſſen wird, der mit ſeinem, ihm zur Seite gehenden, ſchwarz berußten Fuͤhrer leiſe ſchauernd auf das duͤſtere En⸗ de aller dieſer Herrlichkeiten hinzuzeigen beſtimmt ſcheint.—— So kettet ſich der Tod feſt an die Ferſen des Menſchen, und alle Staͤnde, vom hoͤchſten zum niedrigſten auf die gleiche Stufe ſtellend, iſt die ein⸗ — 255— ſtige Vernichtung das gemeinſame Ziel, das uns oft mitten aus dem Geraͤuſch des Lebens heraus⸗ reißt, und mit ſeinem duͤſtern Bilde ſelbſt in den Augenblicken der allgemeinen Luſt und des Vergnuͤ⸗ gens mit unerſchuͤtterlichem Gleichmuth verfolgt.— Gegen die nahenden Abendſtunden loͤßt ſich die⸗ ſes Gewirre von zahlloſen Gefaͤhrten allmaͤhlig wie⸗ der auf, und ſchneller oder langſamer zerſtreuen ſich die einzelnen Waͤgen auf ihrem Ruͤckwege zur Stadt nach verſchiedenen Richtungen.—— So fuhr auch jetzt ein eleganter Char à bane- Wagen, von einem Paar wunderſchoͤner Meklen⸗ burger gezogen, aus der langen Reihe hervor, um nach einer raſchen Wendung vor dem in der Mitte des Praters gelegenen, ſogenannten Wagneriſchen Kaffeehauſe einen Augenblick anzuhalten, und die in der Fußgaͤnger⸗Allee auf und nieder wandelnde Welt bei ſich voruͤber promeniren zu laſſen. Die ausgeſuchte Eleganz der herrlichen voiture zog bald die Aufmerkſamkeit vieler einzelner Spa⸗ ziergaͤnger auf ſich. Faſt ſchien es zweifelhaft, ob die ausgezeichnet ſchoͤnen Pferde und das ſilberglaͤn⸗ 5 — 256— zende Geſchirre oder der Wagen aus der theuern Fabrik von Brandmayer mit den hinten aufſitzenden einfach und doch ſo geſchmackvoll gekleideten zwei Laquaien, oder aber der Eigenthuͤmer dieſer Equi⸗ page ſelbſt und die an ſeiner Seite befindliche Da⸗ me die allgemeine Bewunderung mehr oder weniger erregt habe. Vorzuͤglich waren es mehrere der modernen Welt angehoͤrige Herrn, die mit einfachen und dop⸗ pelten Glaͤſern bewaffnet, die Dame durch ihre Lorgnetten ziemlich unverſchaͤmt in Augenſchein zu nehmen trachteten. —„Mort de ma vie!“ rief endlich einer derſel⸗ ben, ein junger Mann der eleganteſten Tournure, das ſchoͤne, mit einem leichten Bart a la Grée ge⸗ zierte Antlitz uͤber die Schultern ſeines Vormannes erhebend, indem er mit ſcharfem Blick die Dame fixirte:„Voila, Camille! Iſt das nicht Marie, Deine ehemalige Waͤſcherin?— —„Certainly, Charles,“ fiel ihm dieſer engliſch in die Rede. Goddam, das Maͤdchen hat kortune ge⸗ habt!— „Ja wohl,“ ſprach ein Dritter.—„Sie wird bereits in der dritten Hand von dem Grafen D.. r unterhalten, und oll, wie man ſagt, naͤchſtens zu einer Odaliske des tuͤrkiſchen Geſandten erhoben werden...“ Mit lautem Gelaͤchter nahmen die Umſtehenden dieſe Eroͤffnung des modernen Dandies auf, der, jede Ruͤckſicht fuͤr das ſchoͤne Geſchlecht vergeſſend, ſich sans facon ſo frei zu aͤußern gewagt hatte.—— Das nicht ſehr erbauliche Geſpraͤch mußte das Gehoͤr der Dame erreicht haben, denn auf eine leiſe Bewegung ihrer Hand fuhr ihr Begleiter wieder im Fluge fort. Der Gegenſtand der allgemeinen Neugierde war entſchwunden, und bald zerſtreuten ſich auch die vorerwaͤhnten Herren, um in das De⸗ tail der intereſſanten Mittheilungen auf ihrem wei⸗ tern Wege ungehinderter einzudringen. 5. Im raſchen Laufe bog der Wagen des Grafen D.r ſo eben in das angelweit geoͤffnete Thor des in der** Straße gelegenen, ihm zugehoͤrigen Hau⸗ ſes. Ehrerbietig zog der an der Einfahrt ſtehende, Spiegelbilder. II. 17 — 258— reich galonirte Portier den Hut, indem er zugleich durch ein dreimal abgeſetztes Anziehen der in ſeiner Naͤhe befindlichen Glocke der ſaͤmmtlichen Diener⸗ ſchaft das Zeichen von der Ruͤckkunft ihrer Herr⸗ ſchaft gab. Mit zuvorkommender Artigkeit wollte der Graf, nachdem er die Zuͤgel der feurigen Roſſe ſeinen ſchnell herbeieilenden Leuten uͤbergeben, nunmehr auch der an ſeiner Seite befindlichen Dame beim Abſteigen behilflich ſein; doch mit einer raſchen, ziemlich deut⸗ lich ausgeſprochenen Weigerung war dieſe, auf die Arme beider Laquaien geſtuͤtzt, ſchnell zur Erde nie⸗ dergeſprungen, und mit leichten Tritten die breite Treppe nach ihren Gemaͤchern hinangeeilt. Mit kaum unterdruͤcktem Unwillen folgte ihr der Graf, nicht ſo ſehr dadurch aufgeregt, daß ihn die Dame vor ſeinen Dienern bloß gegeben, ſondern vielmehr, weil ſeine zaͤrtliche Liebe ſich durch dieſes Benehmen ſehr gekraͤnkt fuͤhlen mußte. Beide gelangten bald in ein reich verziertes Gemach, deſſen wunderſchoͤne, uͤber den Boden hin⸗ gebreiteten Teppiche die heftigen Schritte, mit de⸗ — 259— nen Graf Deir das Zimmer durchmaß, zu einem leiſen, kaum hoͤrharen Gange daͤmpften, waͤhrend ſeine Gefaͤhrtin mit eben ſo wenig verholenem An⸗ muth ſich des geſchmackvollen Ueberwurfes entledig⸗ te, der die blendend weißen Schultern bisher vor dem friſchen Wehen der Fruͤhlingsluͤfte geſchuͤtzt hatte. Schweigend warf ſie ſich nun in die elaſti⸗ ſchen Polſter des eleganten Sophas, und das roſige Antlitz in dem feinen Battiſttuche ſorgfaͤltig bergend, rieſelte der bis itzt nur muͤhſam unterdruͤckte Thraͤ⸗ nenquell nunmehr unaufhaltſam aus dem ſchoͤnen Auge nieder. Aller Unmuth und Zorn des Grafen war bei dieſem ihm ſo unerklaͤrlichen Auftritte ſpurlos ver⸗ ſchwunden, und nur die zaͤrtlichſte Aufmerkſamkeit ſpiegelte ſich in ſeinem Benehmen, als er, ſich an ihrer Seite niederlaſſend, die verweinten Geſichts⸗ zuͤge von ihrer feinen Huͤlle zu befreien bemuͤhte. —„Welcher Auftritt, Mérie? Was iſt Ih⸗ nen begegnet? Was ſollen Ihre Thraͤnen, Ihr Schmerz bedeuten?“ frug der Graf mit den weich⸗ ſten Toͤnen ſeiner Stimme. — 17* —„Sie koͤnnen noch fragen?“ erwiederte dieſe, „Sie, um deſſentwillen ich die tiefſte Erniedrigung erſt vor wenigen Augenblicken erdulden mußte.“ —„Ihre Worte ſind mir ein Raͤthſel, und ich ſehe um ſo ungeduldiger ſeiner Loͤſung entgegen, als meine graͤnzenloſe Liebe mich Ihren Schmerz dop⸗ pelt empfinden laͤßt,“ entgegnete der Graf. —„So ſollten Sie jenes Geſpraͤch wirklich nicht vernommen haben, das mich dem allgemeinen Hohne und Spotte zum Ziele dienen ließ?“ erwie⸗ derte dieſelbe. —„Ich begreife Sie noch immer nicht, Mé⸗ rie. Ihre Worte ſind mir viel zu dunkel, als daß ich ihnen den entfernteſten Sinn und Zuſammenhang zu unterlegen im Stande waͤre,“ ſprach der Graf mit wachſendem Befremden. —„So hoͤren Sie denn. Man nannte mich— man ſprach— nein, nein ich kann die Worte nicht wiederholen, ich muͤßte vor Schaam, Schmerz und Zorn vergehen!“— rief Merie leidenſchaftlich, und die aufs neue heftig ausbrechende Thraͤnenfluth ließ die fer⸗ nern Worte in einem ſchmerzlichen Schluchzen erſterben. — 261— —„Ich begreife jetzt Ihren Unwillen und noch mehr Ihren Schmerz, mein reizendes Maͤdchen,“ erwiederte der Graf, der das Vorgefallene aus die⸗ ſen Worten leicht errieth;„doch,“ fuͤgte er wit troͤſtender Stimme hinzu,„wie vermag ein Laut, aus dem Munde des Poͤbels hervorgegangen, Sie ſo ſehr zu kraͤnken?“ —„Es war nicht das Volk,“ unterbrach ihn dieſe haſtig,„anſtaͤndige, dem hoͤhern, vielleicht Ihrem Stande zugehoͤrige Herren haben ſich dieſe Aeußerung erlaubt.“ —„Tant mieux!“ entgegnete Graf D** mit liebenswuͤrdiger Leichtfertigkeit.—„Ein freundli⸗ cher, zuvorkommender Blick Ihres herrlichen Auges haͤtte dieſe Herren gewiß zum Schweigen bringen und Ihre Feinde zu Freunden umſtalten muͤſſen, denn einer zuvorkommenden Schoͤnheit kann unſere Nobleſſe heut zu Tage nur ſelten widerſtehen.“ —„Iſt das die Sprache des Mannes, deſſen Ehre in mir beleidigt wurde?“ frug Merie mit wuͤrdevollem Tone, und aller Ausdruck des Schmer⸗ zes und der Schaam ſchienen dem Gefuͤhle der tief⸗ d — 262— ſten Entruͤſtung gewichen.„Iſt das der Lohn fuͤr meine Liebe— das der Dank fuͤr meine Aufopfe⸗ rung, mit der ich Ihnen Leib und Seele hingab, um jenſeits der ewigen Verdammung zum Raube zu werden!“ —„ Quelle idée!“ erwiederte ſcherzend der Graf, dem das Geſpraͤch eine zu ernſte Wendung nahm, und der daher gerne der Unterhaltung einen Anſtrich von Laune gegeben haͤtte.„Gewiß, Mö⸗ rie, auch die boͤſen Geiſter haben von der Schoͤn⸗ heit alle Achtung. Ein Blick, ein Wink, ja nur ein Wort, und ſelbſt die Hoͤlle liegt zu Ihren Fuͤßen.“ —„Wohl lag, wohl liegt ſie noch vor mei⸗ nen Fuͤßen. Sie, Graf, waren der Teufel in Menſchengeſtalt, der die Ungluͤckliche bethoͤrte, um ſie der allgemeinen Verachtung preiszugeben.— Sie waren es, dem das Heiligſte nicht zu hoch ſchien, um es zu meinem Verderben, meiner Ueber⸗ redung anzuwenden. Und jetzt, da Ihnen die hoͤch⸗ ſte Gunſt geworden, die ein Maͤdchen nur immer einem Manne weihen kann— jetzt, da die Welt und mein leigenes Gewiſſen mich mit Schande — 263— brandmarkt, jetzt wollen Sie den Vorfall, der mich im Innerſten vernichtet, noch zu Ihren Scherzen benutzen?“— —„Charmant, Mérie!“ rief der. Graf, noch immer willens, die ganze Sache von ihrer launigen Seite zu nehmen—„charmant, ich verſichere, Sie ſind reizend, himmliſch in Ihrem Zorne. Sehen Sie deßhalb Ihren treueſten Adonis reuevoll zu Ih⸗ ren Fuͤßen.“ —„Gehen Sie, gehen Sie, mein Herr, fort⸗ an haben wir nichts mehr mit einander gemein!“ — rief zuͤrnend Mérie.„Nehmen Sie Ihren Reichthum, Ihren Glanz, mich kann Beides nicht mehr begluͤcken, vielmehr fuͤhrt es mir nur meine Schande und meine herabwuͤrdigenden Verhaͤltniſſe zu Ihnen vor Augen.“ —„Sie bedenken Ihre Worte nicht,“ ſprach leicht erregt der Graf—„Sie ſcheinen zu vergeſſen, daß nicht ich, ſondern Arthur S** die erſten Bluͤ⸗ then Ihrer Weiblichkeit gebrochen hat.“ —„Sei es!“ entgegnete dieſe wuͤrdevoll. „Was Jener erreicht, hat weder Ueherredung, noch — 264— Gewalt, ſondern meine Liebe ihm als Lohn fuͤr jene Bemuͤhungen ertheilt, mit denen er mich mei⸗ nem niedrigen Stande entreißend durch die beſten Lehrer auf die Stufen einer hoͤhern Bildung fuͤhrte. Seiner Hand verdanke ich die ſchoͤnſten Stunden meines Lebens. Der Ihrigen nur den ſchmachvollen Betrug an Arthurs Liebe und meine Entwuͤrdigung; deßhalb, Herr Graf, erlauben Sie, daß ich mich aus Ihrem Hauſe entferne.“ —„Nimmermehr!“— fuhr dieſer haſtig auf: „Sollte kein Mittel, keine Bitte Sie, meine reizende Merie, verſoͤhnen koͤnnen?“ fuͤgte er nach kurzem Sinnen mit den ſchmeichelndſten Toͤnen hinzu, indem er die niedliche Hand feurig an ſeine Lippen fuͤhrte. —„Ein einziges, doch fuͤr Sie viel zu hoch,“ entgegnete Mérie mit kaltem Ernſte. —„und dieſes waͤre?“— frug ihr Gegner mit weicher Stimme.— —„Ihre Verbindung mit mir am Altare,“ ſprach die vorige mit demſelben Gleichmuth. —„Eine Heirath?“ frug ſtaunend der Graf. „Mille diable, der Scherz iſt koͤſtlich!“— — 265— —„Scherz? meinen Sie, Herr Graf— Sie irren, es iſt mein Ernſt—“ ſprach Mérie.„War es Ihr Scherz, der mich mit Ueberredung und Ge⸗ walt in Ihre Arme gefuͤhrt und dazu bewogen hat, den Grafen Arthur zu verlaſſen, ihm ſeine Liebe und Sorge fuͤr mich mit Undank zu lohnen, ſo iſt es jetzt mein voller Ernſt, dieſes Verbrechen durch Ihre Hand wieder zu verbeſſern,“ entgegnete die hoch Erzuͤrnte mit flammenden Blicken. —„Nicht moͤglich! Ha, ha, ha! Es iſt wahr⸗ haftig laͤcherlich, das huͤbſche Kind mit tauſend Du⸗ katen zu bezahlen und ſie noch heirathen zu ſollen! Parole d'honneur, hoͤchſt laͤcherlich!“ ſprach hellauf⸗ lachend ihr Gegner. —„Tauſend Duk—?“ frug Merie mit angſt⸗ voll klopfendem Buſen, und die weitern Worte er⸗ ſtarben in ihrem Munde. —„Ja, ja, tauſend Dukaten habe ich fuͤr Ihre Abtretung an Graf Arthur bezahlt,“ beſtaͤ⸗ tigte nochmals der Graf. —„Heiliger Gott! ſo waͤre ich verrathen und verkauft. O Vater, Vater! warum mußteſt Du — 266— Deinem Kinde in der letzten Lebensſtunde fluchen?“ — rief die Ungluͤckliche mit ſchmerzlich bewegter Stimme aus. Krampfhaft zuckte ihr Koͤrper zuſam⸗ men. Ihr Bewußtſein ſchwand—— Ohnmaͤchtig ſank ſie auf das Sopha zuruͤck. Der in ihrem Innern ſchlummernde Keim einer lebensgefaͤhrlichen Krankheit brach mit aller Macht hervor. Er fuͤhrte das arme Opfer ariſtokratiſcher Luͤſte dem Rande des Grabes immer naͤher. 6. Die tiefe, durch die gaͤnzlich herabgelaſſene Gardine hervorgebrachte Daͤmmerung gab dem wei⸗ ten Schlafgemache der toͤdtlich erkrankten Maitreſſe des Grafen D.. r einen duͤſtern, unheimlichen Anſchein, den die ſtarken narkotiſchen Geruͤche der verſchiedenartigſten Medikamente nur vermehrten, und den ſonſt ſo reizenden Aufenthalt der Liebe und des Schlummers in ein dunkles, den Athem geſun⸗ der Menſchen beengendes Krankenzimmer umſtalteten. Bereits mehrere Tage lag Mérie in einem be⸗ wußtloſen Schlummer, der dem ſchnell berufenen Conſilium der ausgezeichnetſten Aerzte Wiens als der Vorbote eines langen tiefen Todtenſchlafes er⸗ ſchien, und dem Grafen nur wenige Hoffnung fuͤr die Geneſung ſeiner Geliebten verſprach. Mit herbem Schmerze bereute dieſer die obwohl wahre, dennoch nur im ſtrengſten Unmuth ausge⸗ ſprochene Aeußerung, welche eine ſo traurige Ent⸗ wicklung nach ſich ziehen ſollte. Bei allem Leichtſinne liebte der Graf Morie zu ſehr, als daß er ſich ſo leicht an den Gedanken ei⸗ ner gaͤnzlichen Trennung haͤtte gewoͤhnen koͤnnen. Dem Tieferſchuͤtterten war dieſe Todeskrankheit das ſichere Zeichen einer reinen Seele, die er, mit dem gewoͤhnlichen Herzen feiler Maͤdchen verwechſelnd, durch ſeine leicht hingeworfenen Worte aus dem Taumel ihrer Sinne erwecken, und der kalten, nuͤch⸗ ternen Gegenwart durch eigene Schuld zufuͤhren ſollte. Jetzt erſt empoͤrte es gleich ihr auch ihn, daß ſein Gold die Ehre eines Maͤdchens erkaufen konnte, die, von heißer, gluͤhender Neigung erfaßt, ſich nur aus Liebe einem Manne ergeben hatte, der, alle Gefuͤhle und Rechte der Menſchheit vergeſſend, — 268— die durch ihn gebrochene Unſchuld durch einen ſchmaͤh⸗ lichen Verkauf noch tiefer entwuͤrdigen, und ſo der ausgeſuchteſten Schaͤndlichkeit die Krone aufſetzen konnte. Arthurs liebenswuͤrdiges Benehmen, mehr noch Méries Liebe zu demſelben verhinderte ſie, die gan⸗ ze Niedrigkeit ihres Daſeins zu ergruͤnden, und ihr Verhaͤltniß von jener Seite zu beleuchten, die ihr bei groͤßerer Ueberlegung das Schmaͤhliche deſſelben bald aufgedeckt haben wuͤrde. Sie fuͤhlte ſich durch die ſorgfaͤltige Bildung, die Arthurs liebende Vor⸗ forge ihr, dem niedrig gebornen Maͤdchen, durch die beſten Meiſter angedeihen ließ, zur heißen Dankbar⸗ keit fuͤr den Grafen verpflichtet. Dieſe und ihre innige Liebe allein, ließen ſie die Ermahnungen des alten verewigten Vaters vergeſſen, und dem Grafen einen Lohn gewaͤhren, der dieſem unter andern Ver⸗ haͤltniſſen nimmermehr zu Theil geworden waͤre.— Bereits war ein Jahr verfloſſen, in deſſen Ver⸗ laufe ſich Mérie nie gluͤcklicher, Arthur ſelbſt nie we⸗ niger von langer Weile beengt gefuͤhlt hatte, als die Ruͤckkunft des Grafen Drrer von einer lan⸗ gen, im Auslande unternommenen Reiſe, dem ſtil⸗ len gluͤcklichen Einperſtaͤndniſſe beider ſtoͤrend in den Weg trat. Kaum war der Graf die Geliebte ſei⸗ nes Jugendfreundes zum erſtenmal anſichtig gewor⸗ den, als er ſchon, von einer unheilbaren Leidenſchaft ergriffen, nur auf Mittel und Wege bedacht war, ſich zu dem Beſitze ihrer Gunſt zu verhelfen. Un⸗ verholen, mit kavaliermaͤßiger Offenheit, wandte er ſich deshalb mit dem Geſtaͤndniſſe ſeiner Neigung zuerſt an Arthur, der ſeiner Bewerbung gegen eine Entſchaͤdigung von tauſend Dukaten nicht nur nichts in den Weg legen, ſondern ſelbſt auch allen fer⸗ nern Anſpruͤchen entſagen wollte. Arthur gedachte bei dieſem Einverſtaͤndniſſe, daß Méries feſte, un⸗ wandelbare Liebe den Antraͤgen eines Andern nie ein gutwilliges Gehoͤr leiſten wuͤrde; ſein Glaube hatte ihn zwar nicht getaͤuſcht, doch an dem plan⸗ maͤßigen, beharrlichen zu Werkegehen ſeines Freun⸗ des ſah er Méries Treue und Liebe bald geſchei⸗ tert, und ſich nur durch den Gedanken entſchaͤ digt, der Betrogene, wenigſtens nicht umſonſt gewe⸗ ſen zu ſein. Graf D'er hatte auf ſeinen Reiſen zu viel Menſchenkenntniß geſammelt, um nicht bald zu er⸗ kennen, daß Merie nur aus Liebe fuͤr Arthur fallen, und nur dem Geliebten allein, keineswegs aber auch jedem Andern ſich mit gleicher Hingebung uͤberlaſ⸗ ſen konnte. Auf dieſe Erfahrung, deren Wirklich⸗ keit ſich ſchnell erprobte, geſtuͤtzt, wurde es ihm nach mancher fruchtloſen Bemuͤhung dann erſt moͤg⸗ lich, ſie der Liebe Arthurs zu entfremden, als er dieſel⸗ be von der Vernachlaͤſſigung und der Untreue des Gra⸗ fen mit den gewichtigſten Beweiſen uͤberfuͤhrt hatte. Eine ſchwache Stunde vollendete den Sieg, und uͤberlieferte die Gefallene um ſo fruͤher in ſei— nen gaͤnzlichen, ungetheilten Beſitz, als es der Un⸗ gluͤcklichen nunmehr ſelbſt daran gelegen war, ſich der mahnenden Stimme ihres Gewiſſens zu entzie⸗ hen, die ihr bei jedem Anblick Arthurs auch den an ſeiner Liebe begangenen Treubruch in ihr Ge⸗ daͤchtniß zuruͤckrief. Unbekannt mit jener Verabre⸗ dung, durch die ſie dem Grafen vorſaͤtzlich uͤberlie⸗ fert worden war, folgte ſie daher ihrem Verfuͤhrer ohne Widerſtreben in das Palais deſſelben, nach⸗ — 271— dem ſie ſich in einem an Arthur zuruͤckgelaſſenen Briefe reuevoll ihrer Schuld angeklagt, und um die Vergebung des Betrogenen gefleht hatte. Der Plan war vollkommen gelungen, Merie, das ſo leidenſchaftlich geliebte Maͤdchen, das unbe⸗ ſchraͤnkte Eigenthum des Grafen Derr geworden.— Leider hatten jene im Jugenduͤbermuthe ausge— ſprochenen Worte das Geheimniß enthuͤllt und den Glauben Méries, durch ihren Fehltritt zu den fer⸗ neren Schritten genoͤthigt worden zu ſein, auf das ſchmerzlichſte vernichtet. Deutlich ſah ſie ſich jetzt nicht allein in ihrer heißen fuͤr Arthur noch immer gefuͤhlten Neigung getaͤuſcht, ſondern auch von die⸗ ſem auf das ſchaͤndlichſte verkauft. Die ſchwere Krankheit, die ſie dem Grabe im⸗ mer naͤher fuͤhrte, war die unerwartete Folge die⸗ ſer eben ſo ſchmerzlichen als empoͤrenden Entde⸗ ckung.——— Wenige Stunden ausgenommen, weilte Graf D faſt den ganzen Tag hindurch an dem Lager der Kranken. Mörie war ihm zu theuer, zu werth geworden, als daß er ſie der Pflege gemietheter Leute haͤtte gaͤnzlich uͤberlaſſen ſollen. So waren vierzehn Tage verfloſſen, ohne daß eine wohlthaͤtige Aenderung der Krankheit eingetreten, und die Kranke auf den Weg der Beſſerung gefuͤhrt worden waͤre. Der funfzehnte Tag brach heran, und von den ſchmerzlichſten Empfindungen erregt, trat der Graf bereits am fruͤhen Morgen in ihr Gemach, um je⸗ den Athemzug der bewußtlos Schlummernden beſon⸗ ders an dieſem Tage zu bewachen; da im Verlaufe deſſelben alle ſeine Hoffnungen oder Befuͤrchtungen entſchieden werden ſollten. In ſtilles, ſchwermuͤthiges Sinnen vertieft, ſaß der Graf lange zu den Fuͤßen der Kranken, ohne das Kommen ſeines Hausarztes fruͤher zu gewah⸗ ren, als bis dieſer mit gedaͤmpften Schritten an ihn herantrat und, die Hand Meries ergreifend, mit bedenklicher Miene den Schlag ihrer Pulſe zu dei fen begann. „Welche Hoffnung, Doktor?“ ſprach der Graf mit leiſe unterdruͤckter Stimme, indem ſein Blick mit aͤngſtlicher Beſorgniß auf den ernſten di⸗ gen des Heilkundigen weilte. — 273— „Keine!“ erwiederte dieſer mit kaum bemerk⸗ barem Achſelzucken. —„Keine,“— murmelte der Graf leiſe vor ſich hin—„Keine?“— frug er noch einmal, und feſt fixirte ſein Auge dabei den Arzt, der, ſeine fruͤ⸗ here Ausſage bekraͤftigend, jetzt noch die Worte hin⸗ zufuͤgte:„Nur ein Wunder allein vermag das Fraͤu⸗ lein zu retten.“ —„Glauben Sie,“ ſprach der Graf nach einer laͤngern Pauſe, mit tief bewegter Stimme,„glau⸗ ben Sie, daß vor ihrem Hinſcheiden das voͤllige Be⸗ wußtſein noch einmal zuruͤckkehren werde?“— —„Faſt will ich es mit Gewißheit verbuͤrgen, daß dieſer Augenblick nicht mehr ferne ſei,“ erwieder⸗ te der Doktor. —„Nun denn, ſo moͤge es geſchehen,“ rief laut der Graf—„der Todten will ich angehoͤren, der Lebenden verbot es meine Ehre, und die Nuͤck⸗ ſicht fuͤr meine Familien⸗Verhaͤltniſſe.“ Schnell eilte er nach dieſen Worten hinweg. Erſtaunt ſah Dokter B*s dem Grafen nach, deſſen Benehmen ein dunkles Raͤthſel umhuͤllte, das Spiegelbilder. II. 18 — 274— durch ſeine Loͤſung ihn in noch groͤßeres Befremden verſetzen ſollte. Nach dem Verlaufe einer halben Stunde kehrte Graf D.er, von einem Geiſtlichen und meh⸗ reren Herren begleitet, wieder zuruͤck. Schnell wur⸗ den auf einem in der Naͤhe befindlichen Tiſche meh⸗ rere kirchliche Apparamente ausgebreitet, zwei bren⸗ nende Wachskerzen vor einem hohen Kreuze aufge⸗ ſtellt, und alle andern zu den bei Sterbenden ge⸗ woͤhnlichen Ceremonien noͤthigen Anſtalten getroffen. Von dem hierbei unvermeidlichen Geraͤuſche er⸗ muntert, ſchlug Mérie das glanzloſe Auge wie mit erſtorbenem Ausdruck allmaͤhlig auf, und langſam ſchweifte ihr Blick im Zimmer umher, als wollte ſie die ganze Lage deſſelben in ihr, wie es ſchien, all⸗ maͤhlig wiederkehrendes Gedaͤchtniß zuruͤckrufen. Leiſe trat nun der anweſende von einem reichen Pluvial umwallte Diener des Herrn mit ernſter Wuͤrde an das Lager der Kranken, doch waren es nicht die Worte der Salbung und Vorbereitung zu dem letzten ſchweren Todesgange, die denſelben hier ſein Amt verrichten ließen; vielmehr war es die Formel — 275— der Weihe zu einem unaufloͤslichen Bande, das Mérie noch vor ihrem Abgange aus dieſer Welt mit dem Grafen D. r verbinden ſollte. Die wichtige Bedeutung dieſer Stunde ſchien auch der Sterbenden klar geworden zu ſein.— Mit uͤbermenſchlicher Kraft erhob ſich die bleiche, hinfaͤlli⸗ ge Geſtalt aus den Kiſſen empor, und ſanft hauch⸗ ten ihre Lippen ein vernehmbares„Ja.“ Kraftlos ſank ſie nach dieſem bindenden Worte in matter Erſchoͤpfung wieder auf ihr Lager zuruͤck.— Beide waren jetzt fuͤr immer verbunden, um nach aller Wahrſcheinlichkeit, im naͤchſten Augenblicke wieder getrennt zu werden.— Der Menſch denkt und lebt bloß in dem Dran⸗ ge der Gegenwart, ohne es nur zu oft zu beachten, daß all ſein Handeln und ſelbſt jeder Gedanke als bloßer Wahn einem hoͤhern Weſen untergeordnet verbleibt, das die menſchliche Berechnung mit goͤtt⸗ licher Weisheit durchkreuzend unſere Wuͤnſche durch einen Hauch vernichten— unſer Leben eben ſo in Staub verwandeln, oder ſelbſt am aͤußerſten Rande des Grabes noch erhalten kann. 18* Es war im Monate Juni des Jahres 183— als dringende Familienverhaͤltniſſe meine perſoͤnliche Anweſenheit in Wien erforderlich machten. Schnell reiſte ich von Muͤnchen dahin ab, eben ſo bald hatte ich meine Geſchaͤfte geordnet, und die noͤthigen Vorbereitungen zu meiner Ruͤckreiſe getroffen. Durch einen Zufall gelangte ich gerade einen Tag vor dem zu meiner Abreiſe feſtgeſetzten Zeitpunkt mit einem ſeit Jahren nicht geſehenen Jugendfreunde zuſammen, in deſſen Geſellſchaft ich nicht allein den Mittag recht angenehm verbrachte, ſondern mich auch, ohn⸗ geachtet mehrerer dringender Anordnungen, noch da⸗ zu bereden ließ, die Nachmittagsſtunden in dem nahe an der Stadt zwiſchen den Waͤllen gelegenen Volksgarten zuzubringen.— Der ſchoͤne heitere Sommertag hatte die Elite der modernen Welt hier in einem eben ſo elegan⸗ ten als glaͤnzenden Kreiſe verſammelt. Theils auf den, im Halbzirkel, an einander hingereihten Stroh⸗ ſtuͤhlen niedergelaſſen, theils die vor dem recht ar⸗ —— — —— — — — 277— tig erbauten Kaffeehauſe, durch dieſes und die anwe⸗ ſende Menſchenmenge gebildete Rundung, im wech⸗ ſelſeitigen Geſpraͤche durchwandelnd, vergnuͤgte ſich die Menge an den lieblichen Melodieen, die Lanner mit ſeinem trefflich eingeuͤbten Orcheſter in bunter Abwechslung und praͤciſem Takte exekutirte. Nicht ſo bald war mir bisher in dem, ſelbſt in ſeinem Thiergarten hoͤchſt einfoͤrmigen Muͤnchen, die Gelegenheit zu Theil geworden, eine ſchoͤnere Bluͤthenwelt der huͤbſcheſten Maͤdchen zu erblicken, und mit heiter erregter Laune gab ich mich ganz die⸗ ſem angenehmen Eindrucke hin, der vielleicht ſchon in wenigen Tagen wieder verweht ſein ſollte. Arm in Arm mit meinem Freunde das Gewuͤhl durchſchreitend, weilte mein Blick hie und da auf einer reizenden Wienerin— aber jedesmal kehrte mein Auge zu einer hoͤchſt geſchmackvoll gekleideten Dame zuruͤck, die in lieblicher Nachlaͤſſigkeit auf ei⸗ nen Stuhl hingegoſſen, beſonders die Maͤnnerwelt mit einem flammenden Augenpaar zu fixiren ſchien. Auch ich gehoͤrte zu den Auserkohrenen, und faſt daͤuchte es mir, als weile ihr Blick mit tieferer — 278— Gluth auf meiner Perſon. Der unſichtbare Drang, der mich forkwaͤhrend zu der Einſamen hinzog und mich ſelbſt meinem Freunde auf die neben derſelben befindlichen leeren Stuͤhle hindeuten ließ, brachten dieſen endlich zu einer Vermuthung, die er ſogleich in den Worten ausſprach:„Gewiß feſſelt Dich dort jene Dame im Federhut.“ —„Du haſt Recht, Freund,“ erwiederte ich, „kennſt Du ſie vielleicht naͤher?“— —„Sehr nahe,“— ward meiner Frage mit beſonderer Betonung zur Antwort. —„Wirklich?— Und ihr Name?“ fuhr ich ganz inquiſitoriſch fort. —„Graͤfin D.. r,“ erwiederte eben ſo kurz mein Freund. —„Graͤf——“ das Wort erſtarb vor Stau⸗ nen in meinem Munde.— Mein Freund war zwar ein recht guter, liebenswuͤrdiger Mann. Doch aus jener Menſchenſorte, die man in hoch ariſtokratiſcher Mundart mit der Benennung einer buͤrgerlichen Canaille zu belegen pflegt— und jetzt dieſe ſehr nahe Bekanntſchaft mit einer Graͤfin— es grenzte — 279— an das Unmoͤgliche und erregte in mir die unwider⸗ ſtehliche Begierde, eine ſo hochgeſtellte Dame naͤher kennen zu lernen, die es bei ihrem Range nicht verſchmaͤhte, auch buͤrgerliche Leute in ihren Zirkel zu ziehen. —„Du mußt mich bei ihr auffuͤhren, Charles, und zwar jetzt gleich,“— ſprach ich voll Aufregung zu dieſem. —„Das laſſe bleiben, lieber Alfred!“ entgeg⸗ nete ganz gelaſſen mein Freund;„wenn Du anders nicht haben willſt, daß man auf uns beide mit Fin⸗ gern weiſen ſoll.“ —„Ahal ich begreife,“ erwiederte ich.„Die Graͤfin genirt ſich oͤffentlich, aber insgeheim biſt Du der Erklaͤrte; alſo was man ſagt eine Liaison dsamour.““ —„Bewahre der Himmel!“— rief mein Freund; „dieſe Liaiſon, wie Du ſie zu nennen beliebſt, iſt vor⸗ uͤbergehender Art. Ganz en passent. Zwei oder drei goldgelbe Schooßkinder aus Deiner Boͤrſe ver⸗ helfen auch Dir zu einer Eroberung, um Die ich Dich fuͤr meine Perſon gewiß nicht beneiden werde. —„Wa— Was?“ rief ich ſtotternd.„Ich glau⸗ be, Freund, unſer Abſchiedsdiner hat Dich auf die Idee gebracht, mir zur billigen Vergeltung einige Baͤren aufzuheften.“ —„Nein, Alfred, Du irrſt. Was ich Dir ſag⸗ te, iſt ſo gewiß wahr, als daß man die Graͤfin hier unter die Klaſſe jener Maͤdchen zaͤhlt, bei de— nen man fuͤr Geld Alles gewinnen, und nichts als die Geſundheit riskiren kann.“ —„Nicht moͤglich!“— rief ich; denn dieſe Verſicherung uͤberſtieg meinen Glauben an weibliche Verworfenheit.„Doch was bewegt ſie zu einem ſo ſchmaͤhlichen Handwerk?“— frug ich haſtig meinen Freund. —„Manches ließe ſich daruͤber ſagen, doch wuͤrde dieß eine laͤngere Zeit, als Du mir ſchenken kannſt, erfordern; deßhalb will ich Dir meine Er⸗ zaͤhlung in moͤglichſter Kuͤrze vortragen.“ „Die Graͤfin, von Profeſſion zwar nur eine Waͤſcherin, aber wie Du Dich ſelbſt jetzt noch uͤber⸗ zeugen konnteſt, wunderhuͤbſch, erregte das Wohl⸗ gefallen des Grafen Arthur S., der das ſechszehn⸗ — 281— aͤhrige Maͤdchen in allen ihr noͤthigen Kenntniſſen, vorzuͤglich aber in den auf Liebe bezuͤglichen Gegen⸗ ſtaͤnden unterrichten ließ, und ſie zu ſeiner Ge⸗ liebten erhob. Bald jedoch ihrer uͤberdruͤſſig, gelang⸗ te ſie durch eine zwiſchen demſelben und Grafen D.. r insgeheim getroffene Uebereinkunft, fuͤr eine Summe von tauſend Dukaten, in den Beſitz des Letz⸗ tern, ohne daß ſie ſelbſt um ihre Zuſtimmung be⸗ fragt worden waͤre. Ein Zufall brachte den Ver⸗ kauf zu ihrer Kenntniß, und aus Gram und Entruͤ⸗ ſtung verfiel ſie, wie man ſich damals allgemein erzaͤhlte, in eine lebensgefaͤhrliche Krankheit, aus der ſelbſt die beruͤhmteſten Aerzte Wiens ein Aufkom⸗ men unmoͤglich erachteten. Das Uebermaaß ſeiner Liebe und der Gedanke, der Sterbenden die letzten Stunden ihres Lebens zu verſuͤßen, bewog den Grafen, den allen Anſchein nach auch der Glaube beſeelte, daß der Tod ſeiner Geliebten unvermeid⸗ lich ſei, ſich mit dieſer noch am Sterbebette insge⸗ heim vermaͤhlen zu laſſen. Wider alles Vermuthen genas dieſe jedoch, und Graf D..r, hoͤchſt aufge⸗ bracht uͤber die unerbetene Fuͤgung des Schickſals, vielleicht auch durch Familienverhaͤltniſſe hiezu be⸗ wogen, ließ ſich von ſeiner ihm erſt vor Kurzem angetrauten Gemahlin wenige Wochen nach ihrer Geneſung wieder ſcheiden. Theils die Neigung zu einem leichten Lebenswandel, theils der Wunſch, ein ſo glaͤnzendes Leben wie bisher zu fuͤhren, wozu die von ihrem geſchiedenen Gemahl ausgeſetzte Sum— me lange nicht hinreichend erſchien, beſchloß die Graͤ⸗ fin ſich jenem Geſchaͤft zu widmen, das keineswegs ehrenvoll, ihr dennoch hoͤchſt lohnender Art zu wer⸗ den verſprach.— Voila tout, hier haſt Du die gan⸗ ze Affaire.“ Mit dieſen Worten beſchloß mein Freund ſeine Erzaͤhlung. Ich fand die Verhaͤltniſſe der Graͤfin, unter den vorhergegangenen Umſtaͤnden, ganz natuͤrlich.— Was ſollte auch dem Maͤdchen, dem man Alles ge⸗ raubt, noch an ihrer Ehre und dem Urtheile der Welt gelegen ſein, deren allgemeine Stimme ſchon vor ihrer Vermaͤhlung mit dem Grafen D..er ih⸗ ren Stab uͤber ſie gebrochen hatte. Aber alle mei⸗ ne Luſt zu einer naͤhern Bekanntſchaft mit derſelben war nach einer ſolchen Eroͤffnung fuͤr immer ver⸗ — 283— loren, und ſelbſt noch bei meiner Ankunft in Muͤn⸗ chen konnte ich mich des feſten Glaubens nicht erwehren, daß die Verhaͤltniſſe des Lebens allein und faſt immer die Handlungen der Menſchen beſtimmen. Ende. Druck und Papier von C. Schumann in Schneeberg. 8— Wnaſenenſmnſmſſin 8 9 11 12 13 14 — idanwwanzauuuu 15 16 17 ee