I, S, G. eihbibiothet deutſcher⸗ engliſcher und frauzd ſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgeng fen. 22 7 Uhr bis Abends 8 Uhr off 2. Lesepreis. Bei Heickghe eines geliehenen u s wird von 24 e— — — jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages t en⸗ den angenommen. G 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei gegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprech de Summe Pinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet 6 wa Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: [E[Ir auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Tf. 2 Mk.— Pf. 5. 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Aeerickſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ein aufgedunſener Neger in goldſtrotzender Livree lenkte die muntern Pferde, während einer ſeiner ſchwarzen Brüder, eben⸗ falls betreßt und auffällig herausgeputzt, hinten auf 1 dem Trittbrete des Wagens ſtand, ſich dort an den vom Kutſchendache herabhängenden Quaſten feſthaltend. Die Inſaſſen der Equipage fuhren alſo jedenfalls in great style und gehörten ohne Zweifel der bevor⸗ Arolf Schirmer, Die Spionin. IV. 1 2 zugten Raſſe jener Pflanzercote Unheil über den Süden gebracht hatte und ſelbſt wäh⸗ Elends und der Hungersnoth, von denen die Haupt⸗ ſtadt heimgeſucht ward, ihr luxuriöſes Leben fortſetzte und ihren Prunk zur Schau trug. Eiſenbahnbrücken in die Stadt führt, als der Kutſcher ſich genöthigt ſah, die Pferde anzuhalten, denn ein —— *) Städtiſche Miliz. 2 Die Unglücklichen, welche ſich da jetzt an der Equi⸗ page vorüberſchleppten, wechſelten nicht zum erſten Male ihren Kerker. Man hatte ſie, als ſich Sherman's Armee der Stadt Millen in Georgia näherte, haſtig von dort entfernt und mittels der Danville⸗Eiſenbahn nach Rich⸗ mond gebracht, um dort ihr elendes Daſein auszu⸗ hauchen. Als die Kutſche anhielt, ward eins ihrer Fenſter niedergelaſſen. „Warum fährſt Du nicht weiter, Tom?“ fragte eine zarte Frauenſtimme in herriſchem Ton. „Kann nich, Miſſus!“ antwortete der betreßte Kutſcher.„Bolitionis verſperren den Weg, müſſen erſt vorüber!“ „Es iſt ſchmählich, daß wir ſolchen Geſindels hal⸗ ber hier warten ſollen!“ ließ ſich die Stimme der Lady von neuem aus dem Wagen vernehmen.„Fahre in die Reihe hinein, und wollen die Schelme nicht weichen, ſo mögen ſie zertreten und zermalmt werden! Dieſe elenden Yankees verdienen nichts Beſſeres!“ „Geht nich, Miſſus!“ brummte der fette Nigger auf dem Kutſchbocke.„Offizier von den Homeguards hat mir gewinkt, daß ich warte!“ Das Fenſter der Equipage ward mit Heftigkeit wieder in die Höhe geſchnellt. 1⸗ 4 Da der Wagen dicht neben einer Straßenlaterne hält, deren röthliches Licht das Innere deſſelben be⸗ leuchtet, ſo können wir einen flüchtigen Blick auf die ariſtokratiſche Sprecherin werfen. Sie iſt nicht allein, ſie hat eine Gefährtin. Beide Damen, jung, zierlich, anmuthig, ſind in auserleſener Geſellſchaftstoilette, ihre Seidenroben bauſchen ſich hoch vor ihnen auf. Das bläulichſchwarze Haar der einen iſt mit koſtbaren Perlenſchnüren durchflochten, die halb unter dem Schleier hervorblitzen, welchen die etwas blaſſe, kaum achtzehnjährige Lady um das Haupt ge⸗ ſchlungen hat. Die andere Dame, wohl ſchwerlich älter als ihre Begleiterin, iſt faſt noch ätheriſcher als dieſe und trägt eine Roſe in dem geſcheitelten und in Wellen⸗ form zu den Schläfen ſich hinziehenden dunklen Haar, das unter einem mit Zobel eingefaßten Capuchon her⸗ vorblickt. Beide Ladies lehnen ſich nachläſſig in die ſeidenen Kiſſen des Wagens zurück und haben ſich in lichte Geſellſchaftsburnuſſe gehüllt, die kaum bis zum Knie reichen. Die etwas ſcharf markirten feinen Züge der Dame im Perlenſchmucke verrathen Unmuth, wäh⸗ rend die andere, auf deren ſchmalen Wangen ein zartes hektiſches Roth ſichtbar iſt, gleichgültig und beinahe verächtlich vor ſich hin lächelt. Einige Minuten vergingen, dann rollte die Kutſche 5 weiter, über Mayo's Brücke in die Stadt. Die Schim⸗ mel mußten jetzt tüchtig ausgreifen. Zuerſt ging es im Fluge durch mehrere ſchmale Gaſſen, dann quer über den Capitols⸗Platz, und endlich bog die Equipage, am Broadſtreet⸗Hotel vorüberraſſelnd, in die Marſhal⸗ ſtreet ein. Die Damen hatten bis dahin kein Wort gewech⸗ ſelt. Nun aber brach die Lady mit dem Perlenſchmucke das Schweigen. „Wahrhaftig, Georgina“, ſagte ſie,„Du biſt nicht gerade zu guter Zeit nach Richmond gekommen; die Abolitioniſten haben ſchon dafür geſorgt, uns den Auf⸗ enthalt hier unerträglich zu machen! Wohin man blickt, Miſere, unverſchämtes Geſindel, das täglich trotziger und drohender das Haupt erhebt, Soldaten⸗ haufen, Beläſtigungen aller Art. Es wird uns Mäd⸗ chen kaum mehr möglich, eine anſtändige Toilette für die kleinen Routs und Soiréen herzuſtellen, welche immer ſpärlicher ausfallen, man kann für ſchweres Geld nichts mehr haben! Meine Couſine Harriet hat geſtern für einen neuen Hut hundertundfünfzig Dollars gezahlt!“ „Shocking!“ lispelte die Dame mit der Roſe im Haare. „Nur bei Miſtreß Davis finden eigentlich noch Réu⸗ 6 nions ſtatt, weil ſie als Gattin des Präſidenten dazu verpflichtet iſt, gewiſſermaßen einen kleinen Hof zu halten, zu repräſentiren! Und dann— welche Unter⸗ haltung für uns! Die jungen Leute ſind in den Kaſematten Petersburgs, in den Schanzen und Forts um Richmond— wir haben keine Tänzer! Und hier in den Salons kennt man nur ein Geſpräch— man debattirt über den Krieg, die Pläne der Nankees, über die Finanznoth und ſolche Dinge, die uns Mädchen doch nicht intereſſiren. Man hört von den Män⸗ nern kein vernünftiges Wort mehr, ſie politiſiren und ſprechen Abhandlungen über Strategie, ſie haben faſt verlernt, galant zu ſein. Dieſes Richmond iſt entſetzlich!“ „Aber man i*ſt hier wenigſtens ſicher, Jane!“ ent⸗ gegnete Georgina.„In Charleſton erging es uns ja nicht beſſer! Dort aber kam noch zu all dieſen Unbe⸗ quemlichkeiten und Entbehrungen die Furcht vor Sher⸗ man hinzu!“ „Er ſteht ja in Savannah!“ „Alle Welt iſt überzeugt, daß er nicht dort bleiben werde. Gib Acht, nächſtens wird er mit ſeinen Bar⸗ baren vor Charleſton rücken, und dann— wehe der armen Stadt! Die beſten Familien haben ſie bereits verlaſſen, und wahrlich, Vater und Bruder würden ——*1*1–* 7 nicht die Mutter gedrängt haben, hierher zu überſiedeln, wenn dort nicht Gefahr für uns wäre!“ „Jedenfalls bin ich Deinem Vater zu Dank ver⸗ pflichtet, da er mir Gelegenheit gegeben, an Euch Gaſt⸗ freundſchaft üben zu können!“ „Aber Du biſt doch überzeugt, Jane, daß man hier in Richmond ganz ſicher ſein darf?“ Jane lächelte ſpöttiſch. „Petersburg iſt uneinnehmbar, ſo ſchwören Lee und alle ſeine Offiziere. Ueberdies ſind unſere Soldaten in guten Winterquartieren, indeſſen die Nankees in freiem Felde lagern, während ſolcher Jahreszeit! Sie werden ſich aufreiben, die Belagerung wird zu ihrer Schmach enden! Und nun reden wir von weniger unerquicklichen Dingen. Du fühlſt Dich doch im Hauſe meines Vaters behaglich?“ „O gewiß! Die Mutter und ich haben ja Alles, was wir uns nur wünſchen können!“ „Wahrhaftig, die Glocke von St.⸗James läutet acht Uhr! Miſtreß Clairville wird uns längſt erwarten!“ „Du haſt mir vorhin nur ein paar Worte über die Dame geſagt, welche wir abholen ſollen. Iſt ſie eine Franzöſin?“ „Nein, von Texas, aus der Umgegend von Houſton, ſoviel ich weiß. Aber ihr Gatte war von franzöſiſcher 8 4 3 4 8 8 Abkunft. Er ſtammte von New⸗Orleans. Der Präſi⸗ dent ſagte mir kürzlich, daß er ihn als jungen unver⸗ 1 heiratheten Mann gekannt habe.“ 4 „Ah, Miſtreß Clairville iſt Wittwe?“ „Ja. Ihr Mann hatte eine Beſitzung am Red River, im Avovelles⸗County. Während der Expedition, die Banks im vorigen Jahre nach Alexandria und Natchitoches in Louiſiana unternahm, ward dieſe Be⸗ ſitzung von den Yankees zerſtört, mußten die Bewoh⸗ ner flüchten. Mr. Clairville kam dabei ums Leben.. Seiner Frau gelang es, ſich mit einigen treu ergebenen 4 Sklaven aus dem Bereich der abolitioniſtiſchen Unholde zu retten. Seit zwei Monaten lebt ſie in Richmond und verkehrt mit der beſten Geſellſchaft. Ich bin ſo glücklich, ſie meine Freundin nennen zu dürfen. Arme junge Frau, ſie iſt ſo reizend und ſo faſhionable, und ſie war ſo unglücklich— kaum ein Jahr an den Mann verheirathet, den ſie liebte. Sie muß übrigens eine ſchöne Summe aus dem Schiffbruche ihres Glückes gerettet haben, denn ſie lebt hier comme il faut. Anfänglich wohnte ſie in Ballard's Hotel, dann aber miethete ſie ſich hier in der Marſhalſtreet das kleine, den Neviles gehörige Haus mit Möbeln und Allem. Sie gibt keine Geſellſchaften, hat nur eine kleine Dienerſchaft, einen verdrießlichen Hausbeſchließer und ihre Schwarzen, 9 empfängt nur ſelten Beſuch, erſcheint aber dafür überall, wo Leute von gutem Ton hinkommen, und iſt ſehr oft bei der Präſidentin. Du wirſt Miſtreß Clairville lieben lernen, Georgina— o, ſie iſt ſo genteel und ſo patrio⸗ tiſch! Doch ſieh, wir ſind zur Stelle!“ Die Kutſche hielt in der Marſhalſtreet vor dem kleinen Hauſe, von welchem Miß Jane geſprochen. Der Nigger kletterte von ſeinem Stehbrete hinter dem Wagen herab und zog die Hausglocke. Dann erſchien ein ſchwarzgekleideter, beinahe rieſenhafter Mann mit derben Zügen und trotzigem Blick an der Thür und ſtarrte den Burſchen an. 3 „Miſſus Jane Singleton und Miſſus Georgina Smith!“ näſelte der betreßte Darky, indem er ſein breites Maul zu einem Grinſen verzog. Der mürriſch blickende Mann antwortete nicht, ſchritt die wenigen Stufen zur Straße herab, öffnete den Wagenſchlag und ſagte den Damen im tiefſten Baß:„Miſtreß Clairville läßt die Ladies erſuchen, ſich nach dem Parlor verfügen zu wollen.“ „Ihre Herrin, Kingsley, iſt wohl noch mit der Toilette beſchäftigt?“ fragte Miß Jane. „Scheint ſo!“ brummte Kingsley. Miß Jane wandte ſich lächelnd an ihre Begleiterin. „Die kleine Kokette beabſichtigt jedenfalls“ ſagte ſie, 4 4 4 4 1 10 nuns völlig zu verdunkeln. Es bleibt uns nichts übrig, als der Aufforderung dieſes Bären Kingsley Folge zu leiſten. Gehen wir hinauf!“ Die Ladies verließen den Wagen und begaben ſich in das Haus, von Kingsley gefolgt, der dem hinter⸗ drein zappelnden Nigger die Hausthür vor der Naſe zuſchlug. 1 Miß Jane und ihre Gefährtin überſchritten die Schwelle eines elegant eingerichteten Parlors, das durch einen von der Decke herabhängenden kleinen, zierlich ciſelirten Kronleuchter erhellt ward. Miß Smith ließ ſich, neugierig umherblickend, auf eine Cauſeuſe nieder, während Miß Singleton vor einen rieſigen koſt⸗ baren Wandſpiegel trat, ihren Burnus zurückſtreifte und ihre Toilette zu muſtern begann. Sie hatte dieſe Reviſion kaum begonnen, als eine Seeitenthür geöffnet ward und Miſtreß Clairville er⸗ ſchien, von einer jungen Negerin gefolgt, welche einen Capuchon, einen Fächer und eine mit Pelzwerk ver⸗ brämte Mantille trug. Jane eilte der jugendlichen Wittwe entgegen und küßte ſie, während Geurginn ſich von der Cauſeuſe erhob. Dann ſtellte Miß Singleton die beiden Damen ein⸗ ander vor. 11 „Miß Smith, ein liebenswürdiger Flüchtling von Charleſton, South Carolina“, ſagte ſie und fügte lächelnd hinzu:„Wenn die Abolitioniſten ſo fortfahren, werden wir Richmonder bald das Vergnügen haben, alle an⸗ muthigen kleinen Feen des Südens um uns verſammelt zu ſehen.“ Miſtreß Clairville richtete einen faſt verweiſenden Blick auf die ſorgloſe Schwätzerin und wandte ſich dann an Miß Smith. „Ich bedauere, Miß“, begann ſie mit ſanfter und ein⸗ ſchmeichelnder Stimme,„daß ich Sie unter Umſtänden willkommen heißen muß, die für jedes patriotiſch fühlende Herz nur ſchmerzlich ſein können. Auch ich bin ein Flüchtling, wir haben daher doppelt die Aufgabe, uns an einander voll Innigkeit und Vertrauen zu ſchließen. Mein dem Ihrigen ähnliches Schickſal gibt mir die Zuverſicht, mich um Ihre Freundſchaft bewerben zu dürfen.“ Miſtreß Clairville ſtreckte bei dieſen Worten ihre zierlich behandſchuhte Rechte der jungen Südcarolinerin entgegen. Miß Smith, durch dieſe Anſprache augen⸗ ſcheinlich bewegt, verfehlte nicht, die kleine Hand der Lady lebhaft zu drücken. „Es wird mir leicht werden, Sie zu lieben!“ ant⸗ wortete ſie lächelnd. 12 „D ſie iſt ſo gut und ſo patriotiſch!“ bemerkte Miß Jane und fuhr in leichtfertigem Tone fort:„Sie ſind heute zum Entzücken, Julia!“ Miſtreß Clairville war in der That ein reizendes Weſen. Sie mochte etwa ſechsundzwanzig Jahre alt ſein. Ihre feingemeißelten Züge hatten jenen idealen Ausdruck, den man an Frauenſtatuen des klaſſiſchen Alterthums bewundert, doch war mit jenem Ausdrucke der lieblichſten Anmuth auch derjenige einer ruhigen Sicherheit gepaart, der namentlich energiſch und voll edler Hoheit aus den dunklen glänzenden Augen der ſchönen Julia hervorleuchtete. Man ſah es dieſer Dame auf den erſten Blick an, daß ſie ungewöhnliche Geiſtes⸗ gaben beſitze und jenen vollendeten Takt, welcher echt weiblichen Naturen eigen iſt. Ihre Erſcheinung war elegant, ihr ſchlanker und doch üppiger Körper hatte jene anmuthige Rundung, welche die Schönheitslinie erfordert. Einen ganz eigenthümlichen Reiz gewährte der Contraſt, in dem die ſüdlich braunen Augen und die zartgewölbten ſchwarzen Brauen zu der lichtblonden Lockenfülle ſtanden, welche das Haupt umflutete. Die junge Wittwe hatte eine bezaubernde und doch einfache Toilette gewählt. Sie trug eine Robe von lichtblauem Taffet, am untern Rande, wie der Ueber⸗ wurf von weißem Jlluſionstüll, mit einem breiten 13 Spitzenvolant garnirt. Die ausgeſchnittene Mieder⸗ taille zeigte ſich in ähnlicher Weiſe mit ſchmalern Spitzen beſetzt. Die Echarpe von lichtblauem Taffet⸗ band war unterhalb des Ueberwurfs in eine Schleife geſchlungen, wodurch ſie denſelben zu beiden Seiten emporzog. Ein Collier, Ohrgehänge und Armband, in denen werthvolle Edelſteine funkelten, vervollſtändigten dieſe geſchmackvolle Toilette. Als Miß Singleton die vorerwähnte ſchmeichelhafte Bemerkung fallen ließ, da lachte Miſtreß Clairville hell auf. „Mein Kind“, ſagte ſie mit dem Tone liebenswür⸗ diger Aufrichtigkeit,„wenn ich ehrlich ſein ſoll, ſo muß ich geſtehen, daß mir meine Künſte im Grunde doch nichts helfen, ſobald Sie Ihre Jugend und Schönheit ins Treffen führen!“ Nach dieſen Worten wandte ſie ſich raſch zu der ſchwarzen Zofe und ließ ſich Mantille, Capuchon und den blitzenden Fächer reichen. Miß Jane aber ſchien währenddeſſen um einen Zoll zu wachſen, ihr Blick ſtreifte wohlgefällig den Wand⸗ ſpiegel und ihre Geſtalt in demſelben. Das jedenfalls wohlberechnete offene Geſtändniß der Miſtreß Clair⸗ ville hatte ſeine Wirkung gethan und den Neid der jungen Ariſtokratin im Keime erſtickt. 14 „Man ſollte ſie eigentlich haſſen“, ſagte dieſe jetzt lächelnd,„weil ſie uns gefährlicher iſt, als ſie zugeben will, aber kann man ſie denn ſehen, ohne ſie zu lieben? Apropos, Julia, das Letztere behauptet auch der Major, mein Bruder. Der arme Junge! Wie lange ſind Sie geſonnen, ihn ſeiner Verzweiflung preiszugeben?“ Miſtreß Clairville ſpielte mit dem Fächer. „So lange, bis ich die Gewißheit erlangt, daß er nicht dieſelben ſchönen Dinge allen jungen Wittwen ſagt!“ erwiderte ſie ſchalkhaft. „Ah, ein leiſes Aufflackern von Eiferſucht— dann darf er hoffen!“ „Kleine Thörin!“ Ein leiſer Fächerſchlag berührte die Schulter der Miß Singleton. Und nun zog ſich die Zofe, welche der Herrin be⸗ hülflich geweſen war, von dieſer zurück. Miſtreß Clair⸗ ville war zum Fortgehen bereit. Die Ladies begaben ſich zum Wagen. Nach einiger Mühe gelangten ſie mit ihren weitbauſchigen Kleidern lachend in das Innere deſſelben. Bevor der betreßte Nigger und der mürriſche Kingsley den Schlag ſchloſſen, beugte ſich Miſtreß Clairville vor. „Diana!“ rief ſie mit erhobener Stimme. 4 f 15 Die ſchwarze Zofe ſprang von der Haustreppe an den Wagen. „Miſſus befehlen?“ „Ich verlaſſe um zehn Uhr das Haus des Präſi⸗ denten, Bob ſoll mich dort mit einem Cab erwarten—“ „Nicht doch, Julia“, fiel ihr Miß Singleton ins Wort,„Sie werden mit Georgina und mir fahren, doch mindeſtens eine Stunde ſpäter.“ „Das geht nicht“, erwiderte Miſtreß Clairville lächelnd.„Sie wiſſen, ich durchſchwärmte die geſtrige Nacht bei Preſtons und muß mich daher heute zeitig zurückziehen.“ „So bedienen Sie ſich wenigſtens meiner Kutſche, ich laſſe Tom nicht nach Hauſe fahren!“ „Gut!“ murmelte die junge Wittwe, warf der Zofe einen ſcharfen, flüchtigen Blick zu und ſank in die Kiſſen des Wagens zurück. Dieſer wendete und rollte dem Hauſe des Präſidenten der Conföderation zu, das ſich unweit des Lancaſterian⸗ Schulhauſes, des Stadttheils Butchertown und der die Stadt durchſchneidenden Virginia⸗Centralbahn befand. Die Damen plauderten während des Fahrens. „Wiſſen Sie durch den Major, welche Geſellſchaft wir bei Davis finden werden, Jane?“ fragte Miſtreß Clairville nachläſſig.„Wird Lee dort ſein?“ 16 „Nein. Er war geſtern hier und iſt wieder fort nach Petersburg, und Hill mit ihm. Er iſt wahrhaftig der Ueberall und Nirgends und überhaupt kein Mann für unſere Salons, er ſcheint die ſchwarzen Fracks unſerer Herren nicht zu lieben.“ „Wohl deshalb konnte ich ſeiner noch nicht bei den Davis habhaft werden!“ entgegnete Miſtreß Clair⸗ ville lächelnd.„Nur einmal ſah ich ihn flüchtig dort, als er aus dem Arbeitskabinet des Präſidenten auf wenige Minuten in das Zimmer der Miſtreß Davis trat. Er hatte weder für meine Reize noch die der andern im Parlor verſammelten Ladies ein Auge und verſchwand bald.“ „Tröſten Sie ſich!“ rief Miß Jane lachend.„Be⸗ denken Sie, daß ein Generaliſſimus während einer Be⸗ lagerung unnahbar iſt! Aber Sie werden Longſtreet heute ſehen.“ „Ich ſehne mich nicht darnach!“ eer iſt ein ſtattlicher Mann, ein gewandter Offi⸗ zier— „Ja, er trägt einen großen Vollbart und weiß mit Anſtand Schlachten zu verlieren!“ „Wie boshaft!“ „Dein Bruder Leslie hätte recht gut mit uns fahten können!“ bemerkte jetzt Miß Georgina. ——— 17 „Der Major mußte ſich, in Dienſtſachen, früher als wir vom Hauſe entfernen!“ entgegnete Jane.„Es geht wieder etwas vor, ich glaube, man beabſichtigt irgend einen Angriff auf die Yankees. Leslie kommt daher auch heute zu den Davis“, fügte ſie lächelnd hinzu,„um ſich von Ihnen auf einige Tage zu ver⸗ abſchieden, Julia!“ „Wo wird er ſein koſthares Leben in Gefahr ſetzen?“ fragte die Angeredete ſarkaſtiſch. „Ich weiß es nicht, Leslie machte ein Geheimniß daraus. Das ſind übrigens Dinge, die mich wenig intereſſiren. Mögen die Herren ſich wo immer ſchlagen, da ſie doch nicht mit uns tanzen!“ „Sehr wahr, meine gute Janel“ warf Miſtreß Clairville leicht hin.„Und man kann es den Gentle⸗ men nicht verdenken, daß ſie an den Schanzgräben zu ſiegen trachten, da ſie im drawing-room nur Aus⸗ ſicht hätten, beſiegt zu werden!“ Die Ladies lachten. Und nun hielt die Equipage vor dem Portale des Jef⸗ ferſon Davis'ſchen Hauſes. Die Damen mußten an zwei Reihen eines keck blickenden, neugierigen Geſindels vor⸗ über, das den Portico umdrängte und die erſcheinenden Gäſte ziemlich laut und unverſchämt einer Kritik unter⸗ og. Der Hohn der darbenden Maſſe gegen die Reichen 2 Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 8 18 loderte ſeit der Belagerung Richmonds lebhafter denn je empor und brach ſich bei der unbedeutendſten Ge⸗ legenheit Bahn. „Seht die Diamanten!“ kreiſchte ein hageres, blei⸗ ches Weib, mit einem halbverhungerten Kinde auf dem Arme ſichsdurch den Mob drängend.„Wie viel Brod könnten wir dafür haben!“ „Es geziemt ſich wohl, ſich zu putzen und Vergnü⸗ gungen nachzugehen, während das Vaterland in Gefahr iſt!“ brummte ein zerlumpter Kerl, drohend die Fauſt erhebend. „Und unſere Jungen im Felde verhungern und erfrieren!“ ergänzte ein alter weißhaariger Trunkenbold. „Was kümmert das die Ariſtokraten und ihre Wei⸗ ber!“ ließ ſich ein Anderer vernehmen, deſſen fahle Züge die Verheerungen der Noth und eines ſchleichen⸗ den Fiebers an ſich trugen.„Wir ſind jenen der white trash der Stadt, der nur dazu da iſt, ſeinen letzten Heller und ſeinen letzten Blutstropfen für die Sache der großen Herren herzugeben! Wenn Richmond fällt, dann machen ſie ſich mit ihren Reichthümern davon und überlaſſen uns lachend unſerm Schickſale!“ „Was geht uns die Sklavenfrage und der Krieg an, den die Pflanzer angezettelt?“ lallte ein junger berauſchter Vagabund, ſeine Kappe ſchwingend.„Wir 19 halten uns keine Nigger und— und haben unſere Gründe dafür!“ Ein lautes Gelächter des Pöbels folgte auf dieſe Bemerkung. Miſtreß Clairville und die beiden Miſſes waren unter dieſem Kreuzfeuer in das Haus geſchlüpft. Sie gaben ſich den Anſchein, nichts von jenen Reden ver⸗ nommen zu haben; nur Miſtreß Clairville's Augen blitz⸗ ten eigenthümlich, ihr Blick hatte, wenn auch nur flüchtig, einen faſt triumphirenden Ausdruck. Die Ladies rauſchten zur Garderobe und dann zu den Geſellſchaftszimmern. Schwarzgekleidete Diener riſ⸗ ſen die Flügelthüren des drawing-room vor ihnen auf. Sie traten in einen hellerleuchteten Salon. Dieſer und die angrenzenden, an jenem Abende ebenfalls der Geſellſchaft zur Verfügung geſtellten kleinern Zimmer waren mit jenem etwas prahleriſchen Luxus ausgeſtattet, dem man in den ſüdſtaatlichen Wohnungen häufi⸗ ger begegnet als der einfachen, wahrhaft vornehmen Eleganz.— Die Geſellſchaft, welche ſich in dieſen prunkenden Räumen bewegte, benahm ſich denſelben angemeſſen; faſt ſämmtliche Gäſte zeigten in ihrem Weſen eine ge⸗ wiſſe Oſtentation, die Damen waren mit Schmuck über⸗ laden, die Herren trugen ſehr hochmüthige Mienen zur 2* — 4 — —— — Schau. Die Meiſten mochten ſich insgeheim des Vor⸗ gefühls nicht erwehren können, daß dieſe Herrlichkeit hier nicht mehr von langer Dauer ſein werde, aber ſie affectirten dennoch eine Sorgloſigkeit, über deren Be⸗ deutung ſich freilich ein ſcharfer Beobachter nicht täuſchen konnte. Miſtreß Davis, eine Dame in geſetztem Alter, prä⸗ ſidirte an einem Ende des Salons, von einer Gruppe ſehr ſtolz blickender Ladies umgeben. Sie plauderte und lachte. Ungeachtet dieſer anſcheinenden Fröhlichkeit richtete ſie von Zeit zu Zeit flüchtig einen ſehr ernſten und beſorgten Blick auf eine verſchloſſene Thür, welche zu dem Arbeitskabinet ihres Gatten führte. Als Miſtreß Clairville und ihre jugendlichen Be⸗ gleiterinnen ſich jener Gruppe näherten, erhob ſich die Hausfrau, ſie zu begrüßen und ihnen Fauteuils anzu⸗ bieten. Bei dieſer Gelegenheit ward Miß Smith von Char⸗ leſton der Präſidentin und einigen andern Damen vor⸗ geſtellt, tauſchten Jane und Miſtreß Clairville rings einige freundliche Grüße aus. „Sie kommen ſehr ſpät, meine Damen, wir fürchteten ſchon, auf das Vergnügen verzichten zu müſſen, Sie hier zu ſehen!“ ſagte ſodann Miſtreß Davis. 21 „Ach“, nahm Miß Jane ſehr raſch das Wort, „unſer Wagen ward unterwegs aufgehalten, ein Trupp abſcheulicher Gefangener kam uns in den Weg. Aber wo iſt Miß Grandiſon? Ich vermiſſe ſie hier!“ „Miß Grandiſon wird mein Haus nicht wieder be⸗ treten!“ verſetzte Miſtreß Davis ernſt.„Man hat ſie geſtern auf dem Danville⸗Perron Lebensmittel an Ge⸗ fangene austheilen ſehen, an verwundete Abolitioniſten, meine Damen; ich habe ihr daher andeuten laſſen, daß ſie ihre Abende dort zubringen möge, wo man ihre Art von Patriotismus beſſer als hier zu würdigen wiſſe!“ „Das iſt ganz in der Ordnung!“ rief Miſtreß Clair⸗ ville lebhaft, mit dem Ausdrucke tiefſter Indignation in ihren ſchönen Zügen.„Eher würde ich mir die Hand abhacken laſſen, als einem elenden Abolitioniſten auch nur das geringſte Labſal reichen!“ Ein Murmeln des Beifalls und der Zuſtimmung lief durch die Gruppe der ſtolz blickenden Ladies. „Ach, ſie iſt ſo patriotiſch und ſo gut!“ flüſterte Miß Jane der Präſidentin zu.„Werden wir heute Muſik machen?“ Miſtreß Clairville ließ den Blick durch den Salon gleiten, in dem hier und dort Damen und Herren plauderten, der ſchwarze Frack ſich neben der Uniform bewegte. 22 Als ihr Blick die geöffnete Portière des Neben⸗ zimmers ſtreifte, gewahrte ſie dort den Major Leslie Singleton, den Bruder der muntern Miß Jane, einen ſchmächtigen, blaſſen und bartloſen jungen Mann, der blondes Haar und ein faſt knabenhaftes Ausſehen hatte. Die ſchöne Julia that, als habe ſie ihn nicht be⸗ merkt, und wendete ſich raſch an Miſtreß Davis. „Aber ich ſehe den Präſidenten nicht!“ ſagte ſie. Miſtreß Davis richtete einen verſtohlenen und un⸗ ruhigen Blick auf die Kabinetsthür und ſagte dann lächelnd:„Er iſt noch beſchäftigt, die Herren Stephens, Campbell und Hunter ſind bei ihm!“ „Ah, der Friedensapoſtel Campbell!“ antwortete Miſtreß Clairville ſpöttiſch.„Der Präſident wird ſich doch hoffentlich nicht beſtimmen laſſen, mit dem ver⸗ ruchten Lincoln anzuknüpfen!“ „Im Vertrauen, meine Liebe, ich fürchte, daß es dennoch geſchehen muß! „Wie?“ „Seit Hood im December vor Naſhoille durch General Thomas geſchlagen worden und Hardee Sa⸗ vannah hat räumen müſſen, können wir weder auf den Weſten noch auf Süd⸗Carolina rechnen! Es iſt ſchon Blut genug vergoſſen worden, die Finanzen ſind erſchöpft—“ 23 „Madame, ich bin bereit, mein ganzes Vermögen herzugeben, meine Brillanten, und wenn andere Damen ſo denken wie ich—“ „Sie ſind eine vortreffliche junge Frau! Aber ich bezweifle, daß andere Ladies Ihren Opfermuth theilen! Und was wäre damit auch gethan? Einige Millionen ſind einige Tropfen auf einen heißen Stein!“ „So könnte man wirklich— O wie ich dieſe Yankees haſſe!“ „Beruhigen Sie ſich! Wie ich den Charakter mei⸗ nes Mannes kenne, wird er kein Compromiß eingehen, das die Exiſtenz der Conföderation in Frage ſtellen könnte!“ Das Geſpräch ward unterbrochen. Ein Herr trat an die beiden Damen heran und begann mit Miſtreß Davis zu plaudern. Dieſer Herr trug einen Schnurrbart und auch an den Wangen hin zog ſich hwacher Backenbart; er war nicht häßlich, doch hatten ſeine Züge durch den Hochmuth, der ſich in ihnen kundgab, etwas ſehr Ab⸗ ſtoßendes. Seine Augenlider halb ſchließend, blickte Mr. Barnwell Rhett, einer der Haupturheber der Re⸗ bellion, ſtets verächtlich um ſich her. Die trotzig empor⸗ gezogenen Lippen und das feſte Kinn verkündeten eine ſtarre, grauſame Natur. 24 Miſtreß Clairville erhob ſich mit leichtem Gruße und wendete ſich zur Seite, die Unterhaltung nicht zu ſtören. Da ſah ſie, wie Miß Georgina Smith eilig ihren Platz verließ und mit unverhehlter Freude einem neuen Ankömmlinge entgegentrat. Dieſer war ein Herr, der ein Vierziger ſein mochte. Er hatte ein blaßgelbes, bartloſes Antlitz, ſpärliches ſchwarzes Haar, eingefallene Schläfe, tiefliegende Augen. Um ſeine ſchmalen und welken Lippen ſpielte ein höhniſcher Zug, während ſein Blick ſtechend und lauernd war. Die ganze hagere Erſcheinung verrieth einen hinterliſtigen und boshaften Menſchen. Als dieſer Herr die Charleſtoner Miß erblickte, ſchnitt er ein ſüßliches Geſicht, drückte ihr vertraulich die Hände und begann mit ihr ein lebhaftes Geſpräch. Miſtreß Clairville betrachtete einige Augenblicke ver⸗ ſtohlen das ſcharfe, raubvogelartige Antlitz des Mannes; es war, als ſinne ſie nach, als rufe ſie ihr Gedächtniß zu Hülfe, über dieſe neue Erſcheinung ins Klare zu kommen. Sie ward ihrem Sinnen plötzlich entriſſen, denn General Longſtreet, ein kräftig gebauter Mann mit hoher Stirn, hübſchen, doch leeren Zügen, die indeſſen durch einen ſtattlichen Vollbart gewannen, näherte ſich ihr, von einem ſeiner Adjutanten begleitet. 85 3 25 Beide Offiziere verwickelten die ſchöne Wittwe in eine Unterhaltung, welche dann erſt endete, als plötzlich die bisher geſchloſſene Kabinetsthür aufgethan ward. Der Präſident Jefferſon Davis erſchien im drawing- room, gefolgt von den Herren Alexander Stephens, Hunter, Campbell und dem Staatsſecretär Judah Ben⸗ jamin. Beim Eintreten des Präſidenten erhoben ſich die Sitzenden der Geſellſchaft, wurde die Unterhaltung auf einige Momente unterbrochen. Davis grüßte in ſichtlicher Abſpannung nach allen Seiten und ſagte dann einigen ſeiner Gäſte ein paar verbindliche Worte. Wahrlich, dieſes unanſehnliche Männchen mit den hohlen, tiefgefurchten Wangen, den weit vorſtehenden Backenknochen, dem unter buſchigen Brauen matt her⸗ vordämmernden Blick, dem grauen Haarbüſchel unter dem Kinn, der ſchrillen Stimme und unſchönen Haltung glich eher einem herabgekommenen Schneiderlein als einem Präſidenten, unter deſſen Oberherrſchaft Armeen ſtanden, der über das Wohl und Wehe von Millionen zu entſcheiden ſich angemaßt hatte. Jefferſon Davis ſah in dieſem Augenblicke ſehr niedergedrückt aus, obwohl er ohne Zweifel einen Ver⸗ ſuch machte, zuverſichtlich und heiter zu erſcheinen. La⸗ 26 ſtete die über ihn und ſein Kabinet hereinbrechende Rathloſigkeit auf ihm, oder hatte er ſich bei ſeinen Arbeiten einfach über ſeine Kräfte angeſtrengt? Jeden⸗ falls war er jetzt nicht derſelbe Mann, der ſeither mit fabelhafter Energie die Agitation und den Kampf gegen den Norden betrieben. Daß er bereits einen Theil der Zuverſicht in ſich und ſeine Miſſion eingebüßt ha⸗ ben mußte, davon legte die erſt jüngſt erlaſſene Maß⸗ regel der ſüdſtaatlichen Regierung ein vollgültiges Zeug⸗ niß ab. Es war in einer der letzten Sitzungen beſchloſſen worden, jene Schwarzen frei zu geben und zu bewaff⸗ nen, welche für den Kriegsdienſt tauglich ſeien. So war dieſe Regierung endlich dahin gelangt, ſelber die Prin⸗ cipien über den Haufen zu ſtoßen, für deren Aufrecht⸗ erhaltung Ströme Blutes vergoſſen und ehemals blühende Staaten in wüſte Einöden und Schutthaufen verwan⸗ delt worden waren. Als Lincoln einſt die Emancipation der Neger ausſprach und die freien Schwarzen den Unionstruppen einverleibte, da war durch den ganzen Süden ein Schrei der Entrüſtung gegangen, da hatten jene Leiter der Rebellion das Vorgehen des Nordens zu einer Verletzung des Völkerrechts geſtempelt, hatten ſie höhniſch erklärt, dieſe Maßregel kennzeichne die Ohn⸗ macht der Nordſtaaten, und jetzt, in der elften Stunde fhrer Macht, griffen ſie in ihrer Herzensangſt zu dem⸗ 27 ſelben Mittel, die gelichteten Reihen ihrer Krieger zu füllen. Judah Benjamin, der dicke Mann mit dem jüdiſchen Profil und den ſtrotzenden, von einem Backenbart ein⸗ gerahmten Wangen, tänzelte hierhin und dorthin, ſo ver⸗ gnügt, als wiſſe er gar nicht, daß eine feindliche Armee vor Richmond liege, während der hagere, ernſte Ste⸗ phens, der mit ſeinem unordentlich umgeſchlagenen Halskragen, dem wirren, ungekämmten Haar und der eckigen Haltung einem ſich vernachläſſigenden Spieß bürger glich, zu einer politiſirenden Herrengruppe ſteuerte und die andern an der ſtattgehabten Conferenz bethei⸗ ligt Geweſenen von den hochmüthig blickenden, aber doch neugierigen alten Ladies in Beſchlag genommen wurden. Miſtreß Clairville hatte die durch das Erſcheinen des Präſidenten hervorgerufene Unterbrechung des Geſprächs dazu benutzt, ſich von Longſtreet und ſeinem Adjutanten zu entfernen. Sie ſah jetzt Miß Georgina neben einer Gruppe junger Ladies und unſchlüſſig, wohin ſie ſich wenden ſolle. Die ſchöne Julia rauſchte zu ihr. „Wer iſt jener Herr, den Sie vorhin ſo lebhaft be⸗ grüßten?“ flüſterte ſie.. „Wen meinen Sie?“ lispelte Miß Georgina. 28 „Nun, jener Mann, dem der Präſident in dieſem Augenblicke die Hand ſchüttelt!“ 6 „Ah, dieſer Herr iſt aus meiner Heimat, ein alter Bekannter meines Vaters. Er kam in Charleſton ſehr häufig zu uns und heißt Oliver Gaunt.“ Die dunkeln Augenbrauen der Miſtreß Clairville zogen ſich kaum merklich zuſammen. „Oliver Gaunt?“ ſagte ſie gedehnt. „Ja. Er iſt einer der reichſten Plantagenbeſitzer Süd⸗Carolinas. Er hat ein widerliches Ausſehen und wird auch von vielen Leuten wegen ſeines Charakters gemieden, da er aber ein großer Patriot und mit mei⸗ nem Vater befreundet iſt, ſich auch ſtets liebenswürdig gegen mich benahm, ſo hielt ich es für meine Pflicht, den Landsmann zu begrüßen.“— „Wenn ich nicht irre, ſo hörte ich einmal früher, daß ein Oliver Gaunt auf einer Plantage des Oberſten Crawford von aufrühreriſchen Negern ermordet ward?“ „Ganz recht, dieſe Nachricht lief vor ungefähr an⸗ derthalb Jahren durch alle Zeitungen. Später ſtellte es ſich heraus, daß nur der Oberſt und ſeine weißen Leute getödtet worden, ich glaube, auf Anſtiften der MNiſtreß Crawford, die mit einem gefangenen Miltär⸗ arzt der Union entfloh und eine enragirte Abolitioniſtin aus New⸗York war.“ 29 „So, ſo!“ „Auch den armen Oliver Gaunt fand man ſchwer ver⸗ wundet auf der Plantage, man hielt ihn ſogar anfäng⸗ lich für todt, doch gelang es, ſein Leben zu retten, wie Sie ſehen!“ „Aber er hat ein leidendes Ausſehen!“ „So ſah er von jeher aus, ſagt der Vater.“ „Wahrhaftig, meine Liebe, es war ſehr thöricht von jenem Crawford, eine New⸗Yorkerin zu heirathen, ſie ſind alle gleißneriſche Geſchöpfe, alle! Und iſt Mr. Gaunt nur ſeiner Sicherheit wegen hier, oder hat ſeine Anweſenheit einen andern Zweck?“ „Das weiß ich nicht!“ „Verzeihen Sie, meine Liebe, ich erinnere mich jetzt, daß ich der Miſtreß Simſes einige Worte zu ſagen habe!“ Die ſchöne Julia rauſchte weiter, aber ſie verweilte nur flüchtig bei der genannten Lady und wandte ſich dann der Portière zu, neben welcher der knabenhafte Major, der ſeinen Rang der Stellung ſeines Vaters verdankte, noch immer lehnte. Im Begriff, an ihm mit leichtem Gruße vorüber⸗ zuſchreiten, ward ſie von ihm angehalten. „Darf man die ſchöne Miſtreß Clairville drch einige Worte beläſtigen?“ flüſterte er. „Wollen Sie meinen Tod, Major?“ 30 „Um Gottes willen!“ „Nun denn, ſo halten Sie mich hier nicht auf, ich erſticke hier!“ „In den anſtoßenden Parlors iſt es allerdings kühler!“ „Sie können alſo dort ebenſo gut vorbringen, was Sie mir zu ſagen haben!“ „Ich wünſche mir nichts Beſſeres!“ Miſtreß Clairville verließ das drawing-room, durch⸗ ſchritt einige Zimmer und ließ ſich endlich in dem letzten auf eine Cauſeuſe nieder. Der Major folgte ihr dorthin; er ſah ſich mit der ſchönen Wittwe allein. 5 Dieſe bewegte ihren Fächer ſehr haſtig und blickte den jungen Leslie, der ſich an ihrer Seite niederließ, mit einem zauberiſchen Lächeln an. „Was wollen Sie von mir?“ fragte ſie plötzlich. Der etwas beſchränkte Major ward über dieſe un⸗ erwartete Frage beinahe beſtürzt. „Madame“, ſtotterte er, indem er leicht erröthete, „ich bin mit peinlichen Gefühlen hierher gekommen! Da Sie mir nicht geſtatten“, fuhr er mit mehr Sicher⸗ heit, doch immer noch etwas ſchüchtern fort,„Sie be⸗ ſuchen zu dürfen, und da ich nicht weiß, ob ich Ihnen in den nächſten Tagen begegnen dürfte, ſo bleibt mir 31 nichts weiter übrig, als mich hier von Ihnen zu ver⸗ abſchieden.“ Miſtreß Clairville blickte den Major groß und an⸗ ſcheinend betroffen an. Da ſie durch Leslie's Schweſter recht gut wußte, was den jungen Mann heute zu der Soirée der Davis geführt, ſo ſpielte ſie jetzt jedenfalls eine kleine Komödie. In ihren Zügen erſchien der Ausdruck einer ſchwach verhehlten Unruhe. „Was wollen Sie damit ſagen, Sir?“ hauchte ſie. „Daß ich in zwei oder drei Tagen Richmond verlaſſe und nicht angeben kann, wann ich und ob ich über⸗ haupt hierher zurückkommen werde. Daher—“ „Sie wollen uns verlaſſen?“ fiel ihm Miſtreß Clairville haſtig ins Wort.„Und das ſo raſch und unerwartet—“ Sie ſtockte plötzlich und ſenkte den Blick, der Fächer entglitt ihrer Hand und fiel in den Schooß. Ihr Buſen) begann lebhaft zu wogen. Sie gab ſich meiſterhaft den Anſchein, als fürchte ſie zu viel geſagt, eine Empfindung verrathen zu haben, welche verborgen bleiben ſollte. Und wie ſie nun wieder aufblickte, da lag etwas wie Scham und Verwirrung in dieſem ſonſt ſo zuver⸗ ſichtlichen ſchönen Antlitze, in dieſen dunklen und aus⸗ drucksvollen Augen. Dem Major war dies Alles nicht entgangen. Er 32 fühlte ſich wie betäubt, er hatte nicht erwartet, daß ſeine Nachricht einen für ihn ſo ſchmeichelhaften Eindruck her⸗ vorbringen werde. Er hatte erwartet, mit einem ſchalk⸗ haften Lächeln verabſchiedet zu werden, und nun! Seine Züge hellten ſich auf, ſein Herz hüpfte vor Wonne, die Bruſt ward ihm zu eng. Dennoch hielt er an ſich. Konnte er nicht in einer holden Täuſchung befangen ſein? Miſtreß Clairville's Lippen zuckten wie ſchmerzlich. Doch nun ſchien ſie ihre Selbſtbeherrſchung wiederzu⸗ gewinnen. „Und wohin gehen Sie?“ fragte ſie mit ziemlich feſter Stimme. „Das— das iſt ein Geheimniß, ich darf es nicht ſagen!“ „Aber mir doch, Sir?“ „Warum Ihnen? Wenn Sie ein Intereſſe an mir nehmen würden—“ Miſtreß Clairville blickte auf die Spitzen ihrer Schuhe. „Wer ſagt Ihnen, daß dieſes nicht geſchieht?“ flü⸗ ſterte ſie kaum hörbar. „Sie nahmen vorhin im drawing-room nicht die geringſte Notiz von mir, und auch ſonſt—“ „Wiſſen Sie nicht, Sir, was eine Lady ſich ſchul⸗ dig iſt?“ Miſttreß Clairville's Blick dämmerte zu dem jungen ——— —— 33 Manne auf, ſo glühend, ſo innig, ſo vielverheißend! Dem guten, aber beſchränkten Major ſtieg das Blut bis in die Stirn. „Mein Gott, Madame“, ſtammelte er,„darf ich meinen Sinnen trauen? Werden Sie mich nicht im nächſten Augenblick verſpotten?“ „Halten Sie mich für herzlos?“ tönte es leiſe und vorwurfsvoll zurück. Leslie ergriff eine zierliche Hand, die nicht zurück⸗ gezogen ward. Er wollte ſprechen, Miſtreß Clairville hinderte ihn daran. „Wohin gehen Sie?“ murmelte ſie haſtig.„Was iſt im Werke? Ich verlange es zu erfahren, ich muß es wiſſen, um meiner Ruhe willen!“ „O Julia!“ flüſterte der Major und drückte einen heißen Kuß auf das ihm überlaſſene Händchen, das jetzt haſtig zurückgezogen ward. „Still!“ hauchte die junge Wittwe.„Es ſind Leute im Nebenzimmer! Antworten Sie mir!“ „Nun denn, im November vorigen Jahres unter⸗ nahmen unſere Feinde eine Erpedition nach der Mün⸗ dung des Cape⸗Fear⸗Fluſſes, das Fort Fiſher und die Stadt Wilmington zu erobern. General Butler von der Union richtete damals nichts aus. Jetzt haben uns unſere Spione berichtet, daß Grant den General Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 3 34 Terry dorthin geſendet, im Verein mit Porter's Flotte das Fort und die Stadt zu nehmen. Zu dieſem Zwecke nun, wie unſere Kundſchafter weiter berichteten, iſt der größte Theil der Blockade⸗Flottille vom Jamesfluſſe zurückgezogen worden, um an den Operationen gegen Wilmington Theil zu nehmen.“ „Ich verſtehe!“ „Und da hält nun Lee dieſen Augenblick für geeig⸗ net, die Blockade auf dem James zu brechen und die Schanzwerke der Unioniſten unterhalb Chapin's Bluff und bei Dutch Gap zu zerſtören. Zu dieſem Zwecke gehen wahrſcheinlich in der Nacht des dreiundzwan-⸗ zigſten, alſo in einigen Tagen, unſere Panzerſchiffe Fredericksburg, Virginia und Richmond, ferner fünf Dampfer und drei Torpedo⸗Boote in aller Stille den Fluß hinunter. Die Schiffe werden mit Truppen wohl⸗ bemannt ſein, um, wenn möglich, landen und die Bat⸗ terien nehmen zu können. Und eben für dieſen Dienſt bin auch ich auserſehen. O Julia, ich werde mich meiner Pflicht mit Freuden unterziehen, wenn ich die Gewißheit habe, daß ich nach meiner Rückkunft hoffen darf—“ „Still, Leslie“, unterbrach ihn Miſtreß Clairville, indem ſie ſich haſtig erhob,„man wird im Nebenzimmer ſehr laut, man kommt vielleicht hierher!“ — Der Major ſprang von der Cauſeuſe auf. „Nur noch ein Wort, Julia!“ flüſterte er.„Wenn ich zurückkehre—“ „Drängen Sie mich jetzt nicht, Leslie“, ſtammelte die junge Wittwe mit flehendem Blick— die Nähe dieſer Leute— Ich wollte die Geſellſchaft ohnehin zeitig ver⸗ laſſen. Ich werde mich ihr durch jene Thür, die in den Corridor mündet, in aller Stille entziehen, ich habe jetzt doppelt nöthig, allein zu ſein, mit meinem Herzen allein! Kehren Sie zu den Gäſten zurück. Auf Wieder⸗ ſehen, Leslie, Gott ſchütze Sie!“ Der Major ergriff Julia's Hand und drückte dieſe an ſeine Lippen. Noch ein Lächeln, ein zärtlicher Blick, und Miſtreß Clairville verſchwand durch eine Seiten⸗ thür, während Leslie Singleton zu den Gäſten des Präſidentſchaftshotels zurückkehrte. Die junge Wittwe begab ſich durch den Corridor des Hauſes zur Garderobe und von dort in die Vorhalle. Dort lungerten einige Diener umher, unter ihnen der Schwarze der Miß Singleton. Miſtreß Clairville gab ihm einen Wink, Sammy brüllte vom Portico aus den fetten Tom und ſeine Equipage heran. Es war beinahe zehn Uhr; vor dem Hausthore ſtanden keine Gaffer mehr, aber im Schatten des Gebäu⸗ des lehnte ein ſauber gekleideter Neger an der Mauer. 3* 36 Er glitt jetzt blitzſchnell zu der Lady, welche das Haus verließ, und lüftete den Hut. „Gut, Bob!“ ſagte Miſtreß Clairville leiſe.„Be⸗ nachrichtige Skilnave, daß er Dich mit dem Boot erwarte. Längſtens in einer halben Stunde mußt Du zu Hauſe ſein!“ Der Neger, ein muskulöſer junger Mann mit intelli⸗ genten Geſichtszügen, verneigte ſich ſtumm und entfernte ſich raſch; Miſtreß Clairville ſtieg in den Wagen der Singletons und ließ ſich nach Hauſe fahren. Dort angelangt, ſandte ſie die Kutſche zurück, und als Kingsley, der ſeiner Gebieterin gegenüber keines⸗ wegs der mürriſche Thürhüter war, die Thür hinter der Lady ſorgfältig geſchloſſen hatte, blieb dieſe im Flur ſtehen und blickte ihren rieſigen Untergebenen fra⸗ gend an. „Nichts Verdächtiges vorgefallen, Malam!“ mur⸗ melte der Mann mit ſchlauem Lächeln.„Die Detecti⸗ ves*) ſind überzeugt, daß ſie etwas Beſſeres zu thun haben, als das Haus einer Lady zu überwachen, welche die Freundin der Miſtreß Davis iſt!“ „Bob wird heute reiſen!“ „Sehr wohl, Ma'am! Hoffentlich erhalte auch ich *) Geheime Poliziſten. 37 bald Gelegenheit, mich nützlicher als jetzt machen zu können!“ „Die Zeit wird kommen. Kein voreiliger Eifer, Sir, Sie wiſſen, was auf dem Spiele ſteht!“ „Ich weiß es, Ma'am!“ „Sie wiſſen auch, daß Sie blindlings meinen Wei⸗ ſungen zu folgen haben, daß Sie nichts aus eigenem Antrieb unternehmen dürfen!“ „Weiß es, Ma'am, und hoffe, Sie ſind mit mir zufrieden!“ „Sie machen Ihrer Empfehlung Ehre! Senden Sie mir Bob herauf, ſobald er kommt!“ „Sehr wohl!“ Die ſchwarze Zofe erſchien mit einer brennenden Kerze und leuchtete ihrer Herrin zum erſten und einzigen Stocke des kleinen Hauſes hinauf. Miſtreß Clairville trat in ein nicht ſehr großes Zimmer, das einfach und elegant möblirt war. Dichte Vorhänge verhüllten die Fenſter, auf einem Schreib⸗ tiſche brannte eine Lampe, die das Gemach nur matt erhellte. Die junge Negerin, welche jedenfalls eins der hüb⸗ ſcheſten Geſchöpfe ihrer Raſſe war, löſchte die Kerze vor der Thür aus, folgte ihrer Herrin in das Zimmer und nahm ihr Mantille und Capuchon ab. 38 Miſtreß Clairville rauſchte zu dem Schreibtiſche und ſetzte ſich an denſelben. Sie legte ihren blitzenden Fächer hin und ſtürtzte ernſt und ſinnend das Haupt. „Wollen Miſſus nich ſogleich auskleiden laſſen?“ fragte die ſchwarze Zofe. Die Lady fuhr aus ihrem Nachdenken auf. „Nein, noch nicht!“ antwortete ſie.„Bringe mir mein Kopftuch!“ Während die geſchmeidige Schwarze ſich lautlos entfernte, den erhaltenen Auftrag zu vollziehen, öffnete ihre Herrin eine Lade des Schreibtiſches und zog dar⸗ aus einige loſe, ſchmal geſchnittene Blätter Briefpapier hervor, die ſie vor ſich hinlegte. Sie rückte dann haſtig das Schreibzeug näher, ſann wieder einen Augenblick nach, ergriff endlich eine Feder und begann eifrig zu ſchreiben. Die langen blonden Locken glitten über die Schul⸗ tern vor und hinderten die Schreiberin. Dieſe hielt in ihrer Beſchäftigung inne, blickte vom Papier auf, ſtrich unmuthig das Lockengewirre zurück und rief mit lauter Stimme:„Diana!“ „Hier, Miſſus!“ antwortete die gleich einem Schat⸗ ten in das Gemach ſchlüpfende Zofe.„Cora hat nich gleich gefunden das Tuch!“ Die Schwarze trug einen kleinen oſtindiſchen 39 Shawl in der Hand und nüäherte ſich damit der Ge⸗ bieterin. Miſtreß Clairville lächelte. „Dieſes Haar“, ſagte ſie,„das mir unter unſern Feinden ſo gute Dienſte leiſtet, iſt mir läſtig, wenn ich mich mit unſern Freunden beſchäftige. Entferne es!“ „Aber Miſſus Palmer doch ſchön darin ausſehen“, lachte die Zofe,„merkwürdig ſchön!“ Während die Negerin ſo ſprach, hatte ſie den bun⸗ ten Shawl zur Seite gelegt und war hinter die Lady getreten. Jetzt berührte ſie den blonden Lockenſchmuck derſelben und ſchob ihn mit einer raſchen und geſchickten Bewegung vom Haupte der Dame. Das Haar aber, welches nach Entfernung der falſchen Lockenfülle zum Vorſchein kam, war vom tiefſten Braun und lag kurz geſchnirten und glatt an dem ſchönen Kopfe, der dadurch ein faſt knabenhaftes, aber immer doch pikantes und eigenthümlich feſſelndes Ausſehen erhielt. „O Lorry“, fuhr die Negerin ſchwatzhaft fort,„war doch ſchade um ſchöne glänzende Haarflechten von Miſ⸗ ſus, aber Cora begreift, Cora weiß gut, daß es nöthig war für Miſſus Palmer, wegen Entdeckung!“ Miſtreß Clairville oder richtiger Alice Palmer, die ſchöne Spionin der Union, legte die Feder hin und wandte der Zofe ihr Antlitz zu. Ihre Züge waren ernſt, ihr Blick blitzte verweiſend zu der Schwar⸗ zen auf. „Vergiß nicht, daß ich hier Miſtreß Clairville bin“, ſagte ſie,„daß Du Dich Diana nennſt und Dein Mann Bob heißt, ſelbſt wenn wir ohne Zeugen ſind! Eine Miß Palmer, eine Cora und einen Hannibal gibt es in Richmond nicht!“ Die Schwarze neigte demüthig ihr Haupt. „Diana wird nich mehr vergeſſen“, antwortete ſie, „Diana liebt Miſſus, und Bob wird ſterben eher, als Miſſus und ſein Weib verderben durch Unvorſichtigkeit!“ Alice lächelte. „Gut!“ ſagte ſie.„Und nun binde mir das Kopf⸗ tuch, entferne die Perrücke und verhalte Dich ruhig!“ Die Negerin verrichtete ſchweigend den ihr ertheilten Auftrag. Sie ſchlang den kleinen Seidenſhawl nach Art der Negerweiber um das Haupt der jungen ſich zurücklehnenden Dame. So ſeltſam dieſer Niggerkopf⸗ putz auch war, ſo ſehr er auch mit der Geſellſchafts⸗ toilette der verkappten Wittwe contraſtirte, verlieh er ihr doch ein phantaſtiſches Ausſehen, das nicht bezau⸗ bernder hätte ſein können. Die treue Cora lächelte ſtill vor ſich hin, entfernte den Lockenſchmuck und kehrte dann lautlos an die Thür des Gemachs zurück, des Winkes der Herrin ge⸗ 40 41 wärtig, der ſie und ihr Gatte jetzt freiwillig und im Intereſſe der Union dienten. Alice ſchrieb und ſann abwechſelnd. Endlich war ihr Bericht vollendet. Die kühne Spionin hatte, ſeit ſie in Richmond weilte, ſchon mehrere ſolcher heimlichen Berichte nach dem ſüdöſtlich etwa drei deutſche Meilen von der Rebellen⸗ hauptſtadt entfernten, am Jamesfluſſe liegenden City Point abgehen laſſen, wo ſich das Hauptquartier der Unioniſten befand. Die Beförderung dieſer Berichte ward auf eine ebenſo verwegene wie ſchlaue Art wäh⸗ rend der Nacht bewerkſtelligt. Der vom Waſhingtoner Kabinet der Miß Palmer zur Verfügung geſtellte Kings⸗ ley hatte bald nach ſeiner Ankunft in Richmond einen Landsmann und Jugendfreund entdeckt, welcher dort ſeit Jahren als Schiffer lebte und in ſeinem Herzen der Union treu geblieben war. Dieſer Mann, der un⸗ weit der Gasanſtalt und der Yorkriver⸗Bahn am Ja⸗ mesfluſſe ſein Häuschen hatte und ein kleines Boot beſaß, war bald gewonnen worden, der Miß Palmer ſeine Dienſte zu widmen. Und ſo ward denn jeder Bericht in folgender Weiſe befördert. Hannibal em⸗ pfing das Billet, welches die wichtigen Mittheilungen enthielt, und verbarg es in einem waſſerdichten Gurt am bloßen Leibe. Dann ſchlenderte er zu Skilnave's 42 Häuschen und ließ ſich von dieſem an das jenſeitige Ufer rudern, wo Allen's Plantage lag. Dort aber glitt dann das Boot ſtromabwärts, an den Schiffswerften und jener Stelle vorüber, wo die Panzerſchiffe der Rebellen vor Anker trieben und wo Niemand daran dachte, den bekannten Jollenführer aufzuhalten. Unter⸗ halb der Dock⸗Yards aber hielt ſich das Boot dicht an dem Schilfe des Ufers und machte endlich, unter einem Ufergeſtrüppe verborgen, kurz vor Drury's Bluff Halt, denn es war nicht gerathen, Fort Darling und die gegenüber liegenden Schanzen der Rebellen in einem Nachen zu paſſiren. Nun entkleidete ſich Hannibal, ſchlüpfte in die Flut, während Skilnave mit dem Boote verſteckt blieb, auf die Rückkehr des Schwarzen harrend. Dieſer ſchwamm in der Finſterniß der Nacht bis zur Mitte der Strömung, ließ ſich an Fort Dar⸗ ling und den Schanzen von Chapin's Bluff vorüber⸗ treiben und ſteuerte erſt dort, wo eine Krümmung des James die Halbinſel Dutch Gap zu bilden anfängt, dem Nordufer des Fluſſes zu, woſelbſt die erſten Schan⸗ zen der Unioniſten ſich erhoben. Hier aber harrte, im Schilfe verborgen, während der Nachtzeit ſtets ein Neger, der den Inhalt des Gürtels in Empfang nahm und zu der nächſten Batterie beförderte, von welcher aus das Briefchen ſofort nach City Point geſendet 43 ward. Die Rückkehr Hannibal's war ungleich ſchwieri⸗ ger, denn er konnte ja nicht ſtromaufwärts treiben. Bald am ſchilfigen Ufer hin kriechend, bald in die Flut tauchend und gegen die Wellen anſchwimmend, dann wieder die Strömung durchkreuzend, um ſich an der andern Seite des Fluſſes eine Strecke weiter zu ſtehlen, gelangte er doch im Zickzack vorwärts und er⸗ reichte vor der Morgendämmerung das ſeiner harrende Boot. Wenn dieſes ſodann im hellen Tageslichte zur Stadt zurückkehrte, erſchien es keineswegs verdächtig, denn die Neger ließen ſich oft von den an die Stadt gren⸗ zenden, innerhalb der Schanzwerke liegenden Beſitzungen der Pflanzer aus über den Fluß ſetzen, um in Rich⸗ mond Aufträge ihrer Herrſchaft auszuführen. Alice Palmer hatte ſo eben ihren Bericht in ein kleines Couvert geſchloſſen, als die Hausglocke geläutet ward. Cora verſchwand aus dem Gemache. Sie kehrte mit der Meldung zurück, daß Bob nach Hauſe gekommen ſei. „Laß ihn eintreten!“ murmelte Alice und erhob ſich vom Schreibtiſche. Cora öffnete die Zimmerthür und der ſtattliche Han⸗ nibal trat in das Gemach. Der Schwarze näherte ſich ehrerbietig ſeiner Gebieterin. 44½ „Miſtreß Clairville befehlen, daß Bob ſofort reiſen?“ fragte er. „Ja, Bob!“ verſetzte Alice, dem Neger das Brief⸗ chen einhändigend.„Du biſt der Träger wichtiger Nachrichten, Du weißt, daß Du dieſes Schreiben zu vernichten haſt, ſobald Dir ernſtlich Gefahr droht, ſei vorſichtig! Bob dient dem Vaterlande, das ihn belohnen wird!“. Der Schwarze lächelte, während Cora den Blick feſt auf ihren Gatten richtete. „Weiß es, Miſſus!“ antwortete er.„Bob dient auch der Vorſehung, und gerechte Vergeltung üben dür⸗ fen an blutige Niggerhenker is ſüßeſte Belohnung! Aber Bob“, fuhr er mit ſich verdüſternder Miene fort,„hat noch ein Wort zu ſagen!“ „Nun?“ „Maſſa Oli Gaunt lebt und is in Richmond! Bob hat ihn geſehen und erkannt!“ „Auch ich ſah ihn beim Präſidenten!“ „Vorſicht, Miſſus!“ „Er ſah mich nie zuvor und ich ähnele meiner Schweſter nur wenig!“ „Oli Gaunt is ſchlau!“ „Ich werde nöthigenfalls einen Kampf mit ihm auszu⸗ fechten wiſſen! Und nun geh'! Gott ſei mit Dir!“ —— 45 „Gott is mit arme Bob, denn unſer himnliſch Maſſa is mit brave Union!“ Der Neger verneigte ſich ehrfurchtsvoll, tauſchte einen zärtlichen Blick mit ſeinem Weibe aus und ging, um wenige Minuten ſpäter das kleine Haus der Mar⸗ ſhalſtreet zu verlaſſen. 4 Während die treue Cora regungsloös an der Thür ſtehen blieb, ſchritt Alice einige Male ſinnend im Ge⸗ mache auf und nieder. „Jefferſon Davis und ſeine Getreuen ſind am Ende ihres Witzes“ murmelte ſie vor ſich hin,„die heutige Conferenz beim Präſidenten beweiſt es! Lin⸗ coln wird von Allem unterrichtet ſein, bevor noch die Compromiß⸗Männer ſich zu ihm begeben; wie die Sa⸗ chen hier ſtehen, wird er nicht mit ſich unterhandeln laſſen! Und dieſe Expedition den Jamesfluß abwärts, wahrhaftig, der geträumte Erfolg dürfte in Wahrheit zu Waſſer werden!“ Alice lächelte triumphirend. Dann wendete ſie ſich zu ihrer Zofe. „Jetzt, Diana, kannſt Du mich auskleiden!“ ſagte ſie und ſetzte gütig hinzu:„Fürchte nichts, Dein⸗Mann iſt klug und gewandt, und die Vorſehung ſteht den Gerechten bei!“ „O Miſſus“, erwiderte Cora feſt,„nebba mind, * 4 — ☛̈ —₰ 8 2— ”= — — B8 O S 28 8 — B ₰ 8 2 8 8 8 8 & ₰ — 5 für Freiheit!“ er⸗ ſchlüpfte zum Schreibtiſche, Die junge Negerin griff die Lampe und leuchtete ihrer Herrin zum gemache voran. Schlaf Zweites Kapitel. Die Armee Sherman's hatte ſich nach ihrem be⸗ wunderungswürdigen Zuge durch Georgia in Savan⸗ nah mit ſolcher Behaglichkeit niedergelaſſen, wenn man dieſen Ausdruck auf ein Heer von 60— 70,000 Mann anwender darf, daß es ſchien, als werde ſie die an⸗ genehme Küſtenſtadt gar nicht wieder verlaſſen; dennoch wußte jeder Soldat vom Corpscommandanten bis zum Gemeinen, daß der kühne Feldherr nicht daran denke, ein dauerndes Winterquartier zu beziehen. Schon bevor der Marſch von Atlanta aus nach der Küſte angetreten worden, ſtand es bei Sherman feſt, daß Savannah nur eine Zwiſchenſtation auf dem Wege nach Richmond bilden ſolle. Und ſo ward denn auch richtig Mitte Januar das Lager aufgehoben, ſetzten ſich die Heercolonnen in Be⸗ wegung, durch Süd⸗Carolina nach dem Norden vor⸗ zudringen.. Nur das tapfere Militär, welches unbedingtes Ver⸗ trauen in ſeinen genialen Führer ſetzte, ſchüttelte an⸗ geſichts dieſes waghalſigen Unternehmens nicht den Kopf, alle Welt ſonſt aber war der Meinung, daß die neue Expedition den General und ſeine Tapfern direct dem Verderben zuführen werde. In der That gab es vorausſichtlich auf einem Marſche durch Süd⸗Carolina größere Hinderniſſe zu beſiegen, als ſich dem Heere in Georgia entgegengeſtellt hatten, durfte man erwarten, ernſtern Gefahren trotzen zu müſſen als man bereits überſtanden. Endloſe Sümpfe dehnten ſich gen Norden aus, die zur Winterzeit häufigen Regen⸗ güſſe ließen die zu überſchreitenden Flüſſe ſchwellen und 3 austreten, Wildniſſe, in denen überall der Feind lauerte, waren mühſelig zu durchwandern, dazu kam noch, daß der aus Savannah vertriebene General Hardee mit 30,000 Mann vor der Fronte der nordwärts Dringen⸗ den war und daß dieſe ſicher ſein konnten, die Flanken der Corps durch die Cavallerie der Rebellen Wheeler und Hampton fortwährend beunruhigt zu ſehen. Vor allem aber konnte der Erfolg der Expedition in Frage 3 geſtellt werden, wenn plötzlich Jefferſon Davis den Sitz — 49 der Regierung nach Columbia verlegte, der Hauptſtadt Süd⸗Carolinas, und Lee Richmond und Petersburg preisgab, um ſich mit ſeinem Heere, durch die Truppen Hardee'’s und Bauregard's verſtärkt, Sherman entgegen⸗ zuwerfen. Weiäre dies Letztere früher geſchehen, in jener Zeit, als Grant ſich noch nicht mit der Potomac⸗Armee bei Richmond feſtgeſetzt, dann würde es Sherman wohl niemals gelungen ſein, bis nach Savannah vorzudringen, dann wäre wohl der Bürgerkrieg in eine neue Phaſe getreten und ſeinem Abſchluſſe keineswegs näher gerückt. In Richmond war die Räumung deſſelben ſchon zu ver⸗ ſchiedenen Malen zur Sprache gekommen, immer aber hatten Jefferſon Davis und Lee dieſes Anſinnen ver⸗ worfen und dem Sturme getrotzt, der ſich aus Anlaß dieſer brennenden Frage gegen ſie erhoben. Sherman ließ ſich durch nichts in ſeinem kühnen Vorſatze beirren. „Wenn Lee ein genialer Soldat iſt“, ſagte er, nſo verſucht er noch jetzt ſeine Armee von Richmond nach Raleigh oder Columbia zu ſchaffen, iſt er aber ein Mann von beſchränktem Ueberblick*), dann bleibt er, *) Sherman'’s Ausdruck lautete hier wörtlich:„a man simply of detail.“ Adolf Schirmer. Die Spionin. IV. 4 —————— wo er iſt, und ſein Untergang iſt dann ſicher. Aber ich fürchte nicht, daß er ſich noch werde rühren können; Grant hält ihn feſt wie mit eiſernen Klammern!“ Sherman's Combinationen und ſtrategiſche Maß⸗ regeln waren kühn, aber der Verlauf der Dinge recht⸗ fertigte ſie alle in glänzendſter Weiſe. Als er in Sa⸗ vannah gefragt ward, ob er beabſichtige, Charleſton zu nehmen, da antwortete er:„Ja, aber ich werde an die Einnahme kein Menſchenleben ſetzen. Sobald ich mit meinem Heere gewiſſe Verkehrsverbindungen er⸗ reiche, welche den Lebensnerv Charleſtons bilden, wird es von ſelber fallen. Weichen die Rebellen dort nicht, dann werden ſie verhungern, das iſt Alles!“ 4 Mitte Januar alſo war es, als Sherman'’s Armee ſich von neuem in Bewegung ſetzte, in vier Colonnen, den linken Flügel durch Kilpatrick's Reiterei gedeckt, wie in Georgia. Das ſiebzehnte Corps und einige Di⸗ viſionen des fünfzehnten brachen zuerſt auf, um zu Waſſer nach Beaufort zu gehen, von dort aus die Char⸗ leſtoner Eiſenbahn zu erreichen, ſich vorläufig des von den Rebellen occupirten Ortes Pocotaligo zu bemäch⸗ tigen, die Bahn eine ziemliche Strecke weit zu zerſtören und ſich dann nordweſtlich zu wenden. Das zwanzigſte und vierzehnte Corps und die andern Diviſionen des fünfzehnten blieben noch in Savannah, um alsbald den 51 Iluß aufwärts zu gehen und an verſchiedenen Punkten zu durchkreuzen. Es war ein ſonniger Tag, nach vielen unerquick⸗ lichen Regentagen lachte wieder einmal das Blau des Himmels. Jung und Alt war auf den Beinen, ſich die Truppeneinſchiffung anzuſehen. Das zarte Geſchlecht, in Süd⸗Carolina nicht weniger neugierig wie anders⸗ wo, hatte ſich bereits vollzählig am Ufer, auf den Dämmen und den anliegenden Höhen eingefunden, hielt die Fenſter der dem Hafen zunächſt liegenden Häuſer beſetzt, bevor noch der Abmarſch der Nankees begonnen. Am Wege, den die ſcheidenden Diviſionen ziehen mußten, hatten ſich Offiziere der zurückbleibenden Corps gruppen⸗ weiſe aufgeſtellt, den Kameraden ein fröhliches Wieder⸗ ſehen zuzurufen, und die hoffnungsvolle Jugend Savan⸗ nahs fr terniſirte mit ihnen, denn Kinder und Soldaten leben in der ganzen Welt immer bald auf gutem Fuße mit einander. So breitete ſich denn über die ganze Hafengegend ein buntfarbiges Gewimmel aus, in dem nur die unverbeſſerlichſten Nankeehaſſer der Stadt fehlten. Auch General Sherman, der ſein Hauptquartier in dem prächtigen Hauſe eines Engländers, eines Mr. Green, aufgeſchlagen hatte, war mit ſeinen Corpsfüh⸗ rern und der Suite erſchienen, um die Abmarſchirenden an ſich vorüberdefiliren zu laſſen. 4* 5² Die Gruppe dieſer hart am Wege verſammelten Helden war in der That intereſſant, und Kinder, Greiſe, ſchönäugige Damen und Farbige aller Schattirungen, von denen die letztern ein ganz beſonderes Intereſſe haben mußten, ihre Befreier von Angeſicht zu An⸗ geſicht zu ſehen, drängten ſich hinzu, einen Blick auf dieſe„unbeſiegbaren Yankees“ zu werfen. Vor allem feſſelte die Erſcheinung Sherman's. Er war ein Mann von nur fünfundvierzig Jahren, aber er ſah älter aus, denn Strapazen, Sorgen und tiefes Nachdenken hatten ſein Antlitz tief gefurcht. Der Blick ſeiner dunkelbraunen Augen war ſcharf, feſt, Alles im Fluge erfaſſend, er verkündete den Mann der That und zugleich den Denker. Der Mund, den ein kurzgeſchnit⸗ tener röthlicher Vollbart⸗ umgab, drückte jene Ent⸗ ſchloſſenheit und Willenskraft aus, welche der Held ſo oft bewieſen, und von der breiten Stirn, die kühn zu dem ebenfalls kurzgeſchnittenen, lichtblonden Haupthaar emporſtrebte, leuchteten Nuhe und geiſtige Ueberlegenheit. Die Haltung Sherman's war ſtraff, ſein Körper mus⸗ kulös und ſehnig, für Strapazen jeglicher Art geſchaffen; es war allgemein bekannt, daß der General während der aufreibendſten Campagnen nicht beſſer lebte und nicht weicher ſich bettete als der geringſte ſeiner Sol⸗ daten. Und da man den kaltblütigen, energiſchen 53 Sherman im Kampfgewühl überall dort finden konnte, wo der Kugelregen am dichteſten fiel, ſo war er das Ideal ſeiner Veteranen. Zur Rechten des Feldherrn ſtand ein Offizier, den die kühnen, blitzenden Augen, der martialiſche braune Schnurrbart, das lange und hinter die Ohren zurück⸗ geſtrichene Haar, die markirten, einnehmenden Züge und die zuverſichtliche Haltung zu einer bemerkens⸗ werthen Erſcheinung machten. Dieſer Mann war Ge⸗ neral Slocum, ein tüchtiger Soldat und Befehlshaber des linken Flügels der Armee. Dicht hinter ihm befand ſich Kilpatrick, der ge⸗ wandte und unternehmende Reitergeneral, anſcheinend ſchwächlich gebaut, doch ein Mann, der alle Mühſelig⸗ keiten eines Feldzugs ſpielend überwand. Die vor⸗ ſpringende Naſe, das feſte Kinn, die klaren grauen Augen und der zugeſpitzt herabhängende Backenbart ver⸗ liehen ſeinen Zügen ein charakteriſtiſches Gepräge. Zur Linken Sherman's ragte die lange, reckenhafte Geſtalt des Generals Geary empor, deſſen freimüthiges, zur Hälfte mit ſchwarzem Vollbart bedecktes Antlitz den echten Soldaten verkündete. Geary commandirte eine Diviſion des zwanzigſten Corps und war zum Com⸗ mandanten von Savannah ernannt worden. Neben und hinter dieſen Herren hatte ſich noch eine 54 ganze Schaar von Offtzieren aufgeſtellt. Da waren der Hauptquartiermeiſter General Eaſton, der Chefarzt Dr. Moore, der General⸗Inſpector Oberſtlieutenant Ewing, der Ingenieur⸗Chef Oberſt Poe und Andere. Auch der Major Erlenbach und Hauptmann Osmond hatten ſich dieſer Gruppe angeſchloſſen. Richard, der ſeit der Nachricht von dem Verſchwin⸗ den der Miß Palmer ernſt und wenig mittheilſam ge⸗ weſen war, zeigte ſich jetzt heiter und geſprächig. Die Unthätigkeit in Savannah war ihm um ſo peinlicher geworden, als ſie ſeiner Phantaſie vollen Spielraum gewährt hatte, ſich in unſeliges Brüten über das Schick⸗ ſal der ſchönen Spionin zu verlieren. Der Abmarſch der Truppen und der Gedanke an den bevorſtehenden Aufbruch des linken Flügels, dem er angehörte, regten jetzt ſeine Lebensgeiſter wieder auf. Er ſehnte ſich nach Kämpfen und Gefahren, in denen er vergeſſen konnte, was ſein Herz belaſtete. Er ſagte ſich aber auch zu⸗ gleich, daß dieſer Marſch gen Norden ihn Alice näher bringen werde, und ſo ſchwach dieſer Troſt auch war— denn konnte Miß Palmer nicht längſt einem düſtern Verhängniſſe erlegen ſein?— fühlte er ſich dennoch neu dadurch geſtärkt und von Hoffnung belebt. Sein Freund Osmond war dagegen einſilbig und zerſtreut, ſchien meiſt trüben Gedanken nachzuhängen 55 Und als ihn Richard einſt theilnehmend fragte, was ihm fehle, da hatte er geantwortet:„Sie mögen mich auslachen, Major, aber ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß dieſe Campagne für mich ein trau⸗ riges Ende nehmen werde. Ich bin darüber nicht meinetwegen trübe geſtimmt, ſondern um eines Weſens willen, das mir ſo theuer iſt wie Ihnen Alice Palmer!“ Und ungeachtet der Ermunterungen Richard's war keine Heiterkeit über den ſonſt ſo ruhigen und ent⸗ ſchloſſenen jungen Mann gekommen. Jetzt ſtanden ſie bei einander, erwartungsvoll nach der Stadt blickend, wie die Uebrigen. Endlich rückte ein Theil des ſiebzehnten Corps heran, mit fliegenden Bannern und klingendem Spiele. Schon von der Stadt her waren die Klänge des National⸗ liedes„Rally round the flag“ deutlich ertönt, und nun die Truppen wohlgemuth zum Ufer herniederſchritten und das Muſikcorps den erhebenden Schlachtgeſang „Hail Columbia“ intonirte, da ward die Luft rings von tauſend Soldatenkehlen erſchüttert, die freudig die wohlbekannte Weiſe mitſangen. Die Truppen defilirten jauchzend vor dem Feld⸗ herrn, die Generale Howard, Hazen, Logan, Blair und einige andere Offiziere ritten zu ihm heran. Howard, der den rechten Arm bei Fair Oaks verloren hatte, 56 pefehligte den rechten Flügel der Armee, von dem jetzt das ſiebzehnte Corps und zwei Diviſionen des fünf⸗ zehnten abzogen, Hazen war der ruhmreiche Erſtürmer des Forts Me' Alliſter. Man verahſchiedete ſich, die Truppen wurden ein⸗ geſchifft. Noch lange tönte ihr Geſang und luſtiges Hurrah von den Schiffen, welche langſam, eins nach dem andern, die Flut durchfurchten und hinter den Inſeln verſchwanden. Sherman kehrte mit ſeinem Stabe in die Stadt zurück, die Menge verlief ſich. g Die Einſchiffung des großen Truppenkörpers dauerte tagelang fort, bisweilen gehindert durch heftige Regen⸗ güſſe und ſtürmiſches Wetter. Auch der linke Flügel der Armee ſetzte ſich in Bewegung und marſchirte ſtromaufwärts, am rechten Ufer des Savannah. Doch die anhaltenden Regengüſſe ſchwellten mehr und mehr den Fluß zu einem reißenden Strome, der entwurzelte Bäume mit ſich führte und alle Verſuche der Soldaten, Pontonbrücken zu errichten, fortwährend ſcheitern ließ. Noch am dritten Februar ſtand Slocum's Flügel bei Siſter's Ferry, vergeblich bemüht, die Hinderniſſe zu beſiegen, welche ihm die empörte Flut in den Weg warf. Die Ufer waren bis weit in das Land hinein überſchwemmt, ſodaß bei Purisburg, wo ſchon früher ein kleiner Theil des zwanzigſten Corps einen Ueber⸗ 8 3 5 gang bewerkſtelligt hatte, die Soldaten ihren Feld⸗ wachendienſt in Booten und auf raſch gezimmerten Flößen verrichten mußten. 3 Währenddeſſen war das ſiebzehnte Corps, welches ſeinen Weg zu Waſſer über Beaufort genommen, von der Küſte aus in das Land eingedrungen, das hier aus Sümpfen und weit ſich erſtreckenden Reisfeldern beſteht. Die Sümpfe waren nur auf ſchmalen Dämmen zu paſſiren, auf dieſen aber hatten die Rebellen kleine Schanzen errichtet, welche ſie hartnäckig vertheidigten. Dennoch gelang es den Nankees, bis zur Charleſton⸗ Savannah⸗Bahn vorzudringen, die Schienen derſelben meilenweit zu vernichten und den Feind aus der Gegend zu verjagen. Sherman hatte die Trains der Armee auf ein Mi⸗ nimum reducirt, eine Armee von ſechzigtauſend Mann marſchirte wohl niemals mit ſo wenig ſchwerfälligem Troß als die Nankees während ihrer Süd⸗Carolina⸗ Campagne. Doch der Feldherr durfte nicht befürchten, daß über ſeine Truppen eine Hungersnoth hereinbrechen werde, dieſer furchtbarſte aller Feinde. Wußte Sherman doch, daß ſein Heer nach Ueberwindung der Sümpfe und ſterilen Einöden nördlich von Savannah in reich geſegnete Fluren vordringen werde, die bisher voll⸗ ſtändig von den Verheerungen des Bürgerkriegs ver⸗ 58 ſchont geblieben waren, und daß die Armee dort Alles in Ueberfluß finden müſſe, was ein Soldatenherz auf einem Marſche nur begehren kann, Hühner, Enten, Gänſe, Rinder, Schinken, Kartoffeln, Mehl, Honig und dergleichen gute Dinge. Das Fourragiren hatte ſchon auf dem Marſche durch Georgia eine große Rolle ge⸗ ſpielt, hatte ſchon ſehr oft die Armee auf Koſten des Südens erhalten und ſollte nun im reichlichſten Maße fortgeſetzt werden. Die Fourragirer verbreiteten ſich über die Gegend, durch welche die Colonnen zogen, über⸗ fielen die Ortſchaften, Farmen, Plantagen, aus denen ſich faſt immer die männliche Bevölkerung, bis auf die Neger, geflüchtet hatte, und kehrten immer mit vollen Händen und ganzen Wagenladungen zu ihren Divi⸗ ſionen zurück, obwohl ſie bisweilen kleine Scharmützel mit den Feinden beſtehen mußten. Eine ganz eigen⸗ thümliche Gattung von nichtofficiellen Fourragirern waren die„Bummers“. Wie der Name Bummer ent⸗ ſtanden ſein mag und was er bedeutet, das weiß bis zur Stunde noch Niemand, aber die Burſchen, welche dieſer ehrſamen Zunft angehörten, kannten ihre Auf⸗ gabe deſto beſſer. Auf dem Marſche deſertirte bald hier, bald dort ein Fußſoldat, blieb oft tage⸗ oder ¹ wochenlang verſchwunden und erſchien dann wieder bei ſeinem Regiment, wohlberitten und wohlbeladen mit 59 allem möglichen Mundvorrath; Roß und Reiter waren oft mit Eierkörben, lebendem und todtem Geflügel, Schinken und dergleichen derart überbürdet, daß der meiſt armſelige Gaul ſich faſt nicht weiter ſchleppen und ſein neuer Herr, der die Zügel in den Mund nehmen mußte, ſich kaum rühren konnte. Ein ſolcher wieder auftauchender Bummer ward dann von ſeinem Re⸗ giment mit Jubel begrüßt und war ſo ziemlich ge⸗ wiß, für das, was er brachte, von ſeiner Disciplinar⸗ ſtrafe entbunden zu werden. Oft fanden ſich ſolche Bummers auf ihren Streifzügen zuſammen und leiſteten als Plänkler oder Kundſchafter der Armee, da ſie dieſer meiſtens weit voraus waren, ganz vorzügliche Dienſte. Das ſiebzehnte Corps rückte weiter unter den größten Beſchwerlichkeiten. Oft hatten die Soldaten in Sturm und Regen meilenlange Wege zu bauen, um über die gefährlichen Sümpfe hinwegzugelangen, und dann ſchallten durch die düſtern Fichtenwälder die Axt⸗ ſchläge der raſtloſen Pionniere. Endlich erreichte das Corps den Fluß Salcahatchie, überſchritt ihn, zerſtörte die dort von den Südern aufgeworfenen Schanzen, ver⸗ jagte den Feind und oecupirte die Halbinſel, welche der genannte Fluß und der Ediſto bilden. Auch Slocum war endlich mit dem linken Flügel der Armee über den Savannah gelangt, und ſo näherten ſich denn die verſchiedenen Colonnen des Sherman’'ſchen Heeres der Charleſton⸗Auguſta⸗Bahn. Hier waren die Gegenden reich und ergiebig, fanden die Truppen in Ueberfluß, was ſie brauchten, war endlich der Boden feſt, obwohl der Regen noch oft in Strömen nieder⸗ ſchoß. Nach einigen Scharmützeln gelangten die Truppen bei Bamburg und Midway in den Beſitz der Eiſenbahn und zerſtörten ſie gründlich. Dann gingen ſie über den Ediſto. Die vier Colonnen der Armee waren jetzt ſo ziemlich in gleicher Linie nordwärts und konnten, obwohl durch Zwiſchenräume getrennt, gemeinſchaftlich operiren. Und nun befolgte Sherman dieſelbe Strategik, welche er ſchon in Georgia beobachtet hatte. Durch Scheinbewegungen der Corps machte er jetzt den Feind glauben, daß es auf Auguſta abgeſehen, und dann wieder, daß Charleſton das Ziel des Marſches ſei. So zwang er die Gegner, ſich auf Auguſta und das an der Charleſtoner Bahn gelegene Branchville zurückzu⸗ ziehen, und hielt ſich den Weg nach Columbia frei, der Hauptſtadt Süd⸗Carolinas, wo die Rebellen ſich völlig ſicher wähnten. Das Gros der Armee Sherman's aber rückte unaufhaltſam vorwärts. Die Rauchſäulen, welche von den brennenden Farmen und Cottagen der ge⸗ flüchteten Plantagenbeſitzer aufſtiegen, bezeichneten den Weg, den das Heer nahm. 61 Schon am ſiebzehnten Februar ward Columbia nach hartnäckigem Kampfe genommen. Als die dort verſchanzten Rebellentruppen die Stadt räumten, zün⸗ deten ſie Hunderte von Baumwollenballen an, welche ſie in die Mitte der Hauptſtraße gewälzt hatten. Das Feuer griff weiter um ſich und äſcherte einen großen Theil der Stadt ein, in der viele der ſtolzeſten und ſchamloſeſten Rädelsführer der Südſtaaten heimiſch waren und die beſtimmt geweſen wäre, nach Richmond der Sitz der ſeceſſioniſtiſchen Regierung zu werden, wenn Davis und Lee ſich früher entſchloſſen hätten, das Rebellenneſt am Jamesfluſſe aufzugeben. Die von Columbia auslaufenden Eiſenbahnen wur⸗ den ſtundenweit zerſtört, die Heerescolonnen rückten weiter. Nochmals täuſchte Sherman den Feind durch eine Scheinbewegung. Zum Fluſſe Catawba gelangt, ließ er Kilpatrick's Reiter und das vierzehnte Corps eine Strecke nordwärts marſchiren, ſodaß der Süd⸗ ſtaatengeneral Beauregard, welcher ſofort in die Falle ging und annahm, die Städte Charlotte und Danville ſeien nun bedroht, in jener Gegend feſtgehalten ward. Währenddeſſen aber wandte ſich der Feldherr mit dem zwanzigſten, ſiebzehnten und fünfzehnten Corps gen Oſten und bewerkſtelligte den Uebergang über die Flüſſe Catawba und Pedee, ohne dort großen Widerſtand zu 62 finden. So fielen die Städte Camden, Cheſterfield und Cheraw in die Hände der Unioniſten, die dann, nach⸗ dem ſich das vierzehnte Corps und Kilpatrick wieder bei ihnen eingefunden, ſiegreich am achten März über die Grenze Nord⸗Carolinas marſchirten. Bereits am Catawba war bei den Truppen das Gerücht eingetroffen, daß Charleſton von den Truppen Hardee's, der ſich dorthin zurückgezogen, geräumt worden ſei und das Banner der Union wieder auf Fort Sumter wehe. Nichts war glaubwürdiger als dieſe Nachricht, denn Sherman hatte auf ſeinem Marſche alle Eiſen⸗ bahnen durchbrochen, welche von Süden und Weſten nach Charleſton führten, und ſomit die Lebensadern der blockirten Seeſtadt durchſchnitten. Als der Feldherr von jenem Gerüchte Kenntniß erhalten, hatte er gleichmüthig die Bemerkung gemacht: „Wenn die Rebellen noch nicht gegangen ſind, ſo müſſen ſie gehen, denn in einigen Tagen machen wir auch die Florence⸗Bahn untauglich. Wir ſchlagen den Feind auf hundert Meilen Diſtanz!“ In Cheraw war die Nachricht vom Falle Char⸗ leſtons beſtätigt iworben. und ſo hatten denn die Helden am vierten März die Inauguration Lincoln's, der, wie früher erwähnt, auf weitere vier Jahre zum Präſidenten ernannt worden war, doppelt feſtlich begehen können. 63 Aber auch eine andere Nachricht gelangte ſpäter zum Hauptquartier Sherman's. Jefferſon Davis hatte, durch die Umſtände gedrängt, den talentloſen Beaure⸗ gard ſeines Poſtens enthoben und dieſen dem ſo oft zurückgeſetzten Joe Johnſton anvertraut, der vielleicht der fähigſte General der Südſtaaten war. Sherman ließ ſich indeſſen durch dieſe Nachricht nicht beirren, konnte doch ſelbſt ein Joe Johnſton jetzt nicht mehr die von dem Süden begangenen Fehler wieder gut machen. Der Siegeszug Sherman's nahm ſeinen weitern Verlauf. In Sturm und Regen, durch Sümpfe und Wälder ging es weiter bis Fayetteville, das nach kur⸗ zem Kampfe erobert ward. Das große Arſenal, wel⸗ ches die Union hier vor dem Kriege errichtet hatte, fiel jetzt wieder an dieſelbe zurück. Die Rebellen hatten vor ihrem Abzuge keine Zeit gehabt, die Maſchinen und das Material dieſes Arſenals, die viele Millionen Dollars werth waren, zu zerſtören. Ein zweiter großer Gewinn für Sherman war die Verbindung, welche durch den Cape⸗Fear⸗Fluß mit dem General Terry und Admiral Porter hergeſtellt ward, welche ſich an der Oſtküſte Süd⸗Carolinas des Forts Fiſher und der Stadt Wilmington bemächtigt hatten. Aber auch eine ſchwere Laſt war die Armee nun in 64 der Lage, von ſich abwälzen zu können. Seit das Heer die Seeküſte bei Savannah verlaſſen, hatte ſich nach und nach eine große Zahl von Flüchtlingen bei den Truppen eingeſtellt und begehrt, der Armee folgen zu dürfen; es waren das Obdachloſe, die in den verwüſteten Gegenden zu verhungern fürchteten, unioniſtiſch Ge⸗ ſinnte, die das Abziehen der Yankees jeglichen Schutzes beraubte, vor allen aber Neger und die Familien der⸗ felben, welche nicht wußten, wohin ſie ſich wenden ſoll⸗ ten. Sherman hatte dieſe Unglücklichen, deren Zahl ſchließlich die Höhe von zwanzigtauſend erreichte, in beſondern, ſeltſam zuſammengeſtoppelten Trains den Corps folgen laſſen und ſie zugleich ernährt. Die Verbindung mit Wilmington und der See gab ihm aber jetzt Gelegenheit, ſich dieſer Flüchtlinge zu ent⸗ ledigen, und ſo wurden ſie denn von Fayetteville aus auf Transportſchiffen den Fluß hinab und zur Küſte geſchafft, einem leider ungewiſſen Schickſale entgegen. Nach Zerſtörung der Arſenalgebäude ſetzte die Armee ihren Marſch wieder fort. Goldsboro' war das Ziel, aber der Feind mußte von neuem düpirt, ihm mußte die Vorausſetzung beigebracht werden, daß Raleigh und Danville bedroht ſeien. So machten denn diesmal das zwanzigſte und vierzehnte Corps eine Abſchwenkung und marſchirten, am Cape⸗Fear⸗Fluſſe hin, auf der Fahr⸗ 65 * ſtraße, welche durch den Ort Averysboro' und nach Raleigh führt. Schon tags zuvor waren Kilpatrick's Reiter in jener Gegend auf eine ſtarke Abtheilung feindlicher In⸗ fanterie geſtoßen, es ließ ſich alſo erwarten, daß dieſe Scheinbewegung der Corps ein blutiges Treffen nach ſich ziehen werde. Um einen wenn auch nur oberflächlichen Abriß von dem ewig denkwürdigen Zuge Sherman's geben zu können, waren wir genöthigt, unſern Helden Richard und ſeinen Freund eine Zeit lang unberückſichtigt zu laſſen. Obwohl von dem weitern Verlaufe des glor⸗ reichen Marſches noch Manches zu berichten wäre, müſſen wir doch hier unſere Mittheilungen darüber unterbrechen, denn in dem Schickſale der beiden Freunde, welche bisher alle Freuden und Leiden mit der Armee Sherman's getheilt hatten, ſollte eine Wendung ein⸗ treten, die uns zwingt, ihnen allein unſere Theilnahme zuzuwenden.. Richard und Osmond, im militäriſchen Range nur durch einen Grad von einander geſchieden, durch gleiche Denkungsart und gemeinſame Gefahren zu ſtets wach⸗ ſenden kameradſchaftlichen Gefühlen verbunden, hatten während des ganzen Marſches daſſelbe Zelt mit ein⸗ ander getheilt. Durch das Campagneleben mit ſeinen Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 5 Mühſeligkeiten und wechſelvollen Abenteuern war die ſtille, geheimnißvolle Schwermuth Osmond's in den Hintergrund gedrängt worden, hatte Richard jene herz⸗ hafte Zuverſicht wiedererlangt, welche durch die Un⸗ gewißheit über das Loos der Miß Palmer ſtellenweiſe eine Erſchütterung erlitten. Dieſe Zuverſicht geſtaltete ſich, je weiter das Heer ſiegreich vorwärts zog, mehr und mehr zu einer Art fatal liſtiſchen Vertrauens und verlieh unſerm Helden eine heitere Seelenruhe, wie er ſie in ſolchem Maße nie früher beſeſſen. In ſeinem fataliſtiſchen Hoffen ward es ihm beinahe zur Gewiß⸗ heit, daß die Lebensſchickſale der ſchönen Alice mit den ſeinen eng verknüpft ſeien und durch ihn eine glückliche Löſung finden müßten, was immer auch für Gefahren ihr drohen möchten. Wenn er auch in Momenten ern⸗ ſter Ueberlegung über dieſe Träume ſchmerzlich lächeln mußte, tauchten ſie doch immer wieder vor ſeiner Seele auf, wie eine unabweisliche, ihm durch das räthſ ſelhafte Walten der Vorſehung aufgedrungene Ahnung, der er ſich mit freudigem Muthe überlaſſen dürfe. Da Richard und Osmond dem zweiten Maſſachu⸗ ſetts⸗Regimente angehörten und dieſes einen Theil der erſten, unter General Jackſon's Befehl ſtehenden Divi⸗ ſion des zwanzigſten Corps bildete, ſo hatten auch die beiden Freunde den Marſch antreten müſſen, welcher 67 * von dem ganzen linken Flügel der Armee, den Slocum commandirte, behufs Täuſchung des Feindes unter⸗ nommen worden war. Man war am fünfzehnten März aufgebrochen. Kil⸗ patricks Cavallerie plänkelte voran, die Corps folgten verhältnißmäßig raſch. Die Reiter hatten bis zum Abend eine ganz beträchtliche Zahl von kleinen Schar⸗ mützeln zu beſtehen, ſodaß man die Ueberzeugung ge⸗ wann, der Feind werde demnächſt auf der nach Averys⸗ boro' führenden Straße Stand halten und eine ſtarke Macht entfalten. In ſpäter Nachmittagsſtunde hatte ein Gewitter begonnen, ſich heftig zu entladen, doch der Tagesmarſch der Truppen war bereits beendet und das Lager für die Nacht aufgeſchlagen. Während der Regen niederpraſſelte, der Orkan die Wipfel der Fichten bog, Blitze aus den Wolkenknäueln niederzuckten und der Donner krachte, waren die wackern NYankees unabläſſig bemüht, kleine Erdſchanzen vor der Linie des Bivouaks aufzuwerfen und Verhaue zu er⸗ richten, um das Lager gegen einen Ueberfall zu decken. Die Nacht brach an; ſie war kläglich genug, denn Sturm und Regenſchauer dauerten fort und die leichten fliegenden Zelte gewährten nur geringen Schutz gegen das Toben der Elemente. Major Erlenbach und Hauptmann Osmond waren unter ihrem dürftigen Leinendache beiſammen, deſſen Stangen der Sturmwind rüttelte, während er zugleich pfeifend und ſauſend durch die Oeffnungen des Zeltes fuhr. Dieſes ward durch den flackernden, röthlichen Schein einer Feldlaterne erhellt, die auf dem vom Unwetter verſumpften Boden ſtand. Die Freunde waren allein. Richard hatte ſich, völlig angekleidet und den Man⸗ tel übergeworfen, auf ein Feldbett geſtreckt, deſſen Woll⸗ decken halbdurchnäßt herabhingen. Er ſtützte das Haupt und ſtarrte auf das Flämmchen der Laterne. Osmond ſaß auf der andern Seite des Zeltes, durch deſſen Dach dann und wann große Regentropfen ſickerten. Er hatte die Füße über einander gekreuzt, die Hände in den Taſchen ſeines Beinkleides, den Kopf vornüber geneigt. Auch er blickte träumeriſch und ernſt auf die Feldleuchte und in die kleine röthliche Flamme, die bald hoch⸗ züngelnd aufzuckte, bald zu erlöſchen drohte. Osmond, bis auf die Haut durchnäßt wie ſein Freund hatte eine Wolldecke läſſig über die Schultern geſchlagen und ſchien noch nicht ſobald willens zu ſein, das ihm gehörige Feldbett aufzuſuchen, welches demjenigen des Freundes gegenüber ſtand. 69 4 Beide junge Männer verharrten eine geraume Weile in hartnäckigem Schweigen. Die Situation war in der That nicht für eine harmloſe Plauderei geeignet. Wie leicht und fröhlich tönt das Wort von unſern Lippen, wenn wir zur Dämmerſtunde im kleinen trauten Freundeskreiſe um den Kamin ſitzen, deſſen luſtig praſſelndes Feuer Streiflichter durch das düſtere Gemach wirft, die An⸗ geſichter rings erhellend, und dann ein Sturm draußen tobt und Regenſchauer und Schloßen gegen die Fenſter peitſcht. Wie rücken dann alle behaglich zu einander, wie läßt uns dann die empörte Welt draußen die kleine lauſchige Welt unſeres häuslichen Herdes doppelt werth gegen ſonſt erſcheinen, wie redſelig und vertrau⸗ lich ſtimmt uns das Gefühl der Sicherheit und des Comforts! Und nun der Gegenſatz! Ein luftiges Zeltlager im Straßenkothe Nord⸗Carolinas, durchnäßte Kleidung, ein durch Mark und Bein ſchneidender Nordoſtwind, kein Laut rings als das Heulen des Sturms, das unheimliche Knarren der vom Orkan an einander ge⸗ ſchleuderten Fichtenäſte, das zeitweilige dumpfe Stam⸗ pfen der Tritte, wenn eine Feldwache die Runde macht, und dazu die Gewißheit, daß ein blutgieriger Feind in nächſter Nähe lauert und jeden Augenblick aus dem 70 Düſter auf dieſes troſtloſe Nachtquartier hereinbrechen kann! Da gibt es wahrlich Anlaß genug zu Schweig⸗ ſamkeit und ernſtem Sinnen. Richard, der den Schlaf vergeblich geſucht hatte, ergriff die beſte Partie. Er ſchüttelte das ihn beſchlei⸗ chende Mißbehagen willenskräftig ab, ſetzte ſich in ſeinem Bette aufrecht, zündete ſich eine Cigarre an, hüllte ſich feſter in ſeinen Campagnemantel und wendete ſich lachend an den Freund. „Weiß Gott, Osmond“, rief er,„Sie ſtieren in jenes Licht, als trachte Ihre Seele, gleich einem Nacht⸗ falter, ſich die Flügel daran zu verbrennen! Woran denken Sie?“ Osmond erhob langſam das blaſſe Antlitz zu dem Freunde. „Mir ſcheint“, entgegnete er ruhig,„auch Sie mach⸗ ten es nicht anders! Was dachten Sie?“ „Nun, ich ſagte mir, daß dieſes kleine Licht gerade hinreichend ſein würde, die Pulvermagazine Richmonds in die Luft zu ſprengen und mit ihnen die ganze Conföderation! Nicht wahr, man kann in ſolcher ſpleenhaften Nacht nicht luſtiger denken? Doch nun beichten Sie!“ 3 „Und ich“, verſetzte Osmond traurig,„ſah in dem Flämmchen dort eins jener falben Irrlichter, die in ¹ 71— ſtillen Nächten über Sumpf und Moor auftauchen. Gar mancher wackere Kamerad, der Sturm und Sonnen⸗ ſchein, Bivouak und Kampfgefahr mit uns getheilt, ſchläft den ewigen Schlaf in den ſumpfigen Einöden Süd⸗Carolinas, und wenn das bleiche Mondlicht ſein einſames Grab beglänzt, an dem die ſchwarzen Fichten ernſt und regungslos Wache halten, dann hüpft und flackert wohl ein ſolches Flämmchen über jener ver⸗ laſſenen Stätte, die der Patriotismus geheiligt hat. Und zieht der abergläubiſche Bewohner des Südens daran von ungefähr vorbei, dann wird er, von leiſem Schauer durchrieſelt, weiter eilen und murmeln: Dort liegt das Gebein eines Nankees, der nicht zur Ruhe kommen kann! Sehen Sie, Richard, mir iſt es, als ſei jenes Flämmchen, das wir dort vor uns haben, meine Seele, die über meinem Grabe flackert, über einem Grabe in fremder, verhaßter Rebellenerde! Wer weiß, ob unſere braven Pionniere nicht morgen ſchon meinen Körper an dieſer Stelle einſcharren!“ „Charles, Sie ſind ein grübelnder Geſpenſterſeher!“ nahm Richard beinahe unmuthig das Wort.„Muß ich Ihnen ins Gedächtniß rufen, was Sie mir einſt in Sa⸗ vannah geſagt? Ein Tapferer Sherman's verzagt nicht!“ „Und zweifeln Sie daran, daß ich dem Tode furcht⸗ los ins Auge blicke?“ „Zum Teufel, nein! Aber ich gab mich dem Glau⸗ ben hin, Sie ſeien längſt von Ihrer Hypochondrie ge⸗ heilt, die Ihnen bereits in Savannah Todesahnungen einflößte. Wir dürfen unſerm guten Glücke vertrauen. Kann ich Ihnen nicht an den Fingern tauſend Beweiſe dafür abzählen, daß unſer Leben gefeit iſt, wie das⸗ jenige Sherman's? Ueberdies zielen die Rebellen ſo bewundernswerth jämmerlich, wir riskiren höchſtens unſer werthes Daſein, ſobald ſie es nicht darauf ab⸗ geſehen haben! Machen Sie es wie ich, Osmond, zün⸗ den Sie ſich eine Cigarre an und ſpotten Sie der Grillen, an denen nur das hündiſche Wetter ſchuld iſt!“ „Wir hatten in den Swamps mehr zu ertragen, und doch war ich guter Dinge!“ murmelte Osmond⸗ „Nein, es gibt Vorahnungen, mein Freund, die nicht trügen! Denken Sie an den Hauptmann Wood, der ſtets lachend in den Kampf zu ziehen pflegte; vor dem Beginne der Schlacht bei Chickamauga ward er plötzlich kopfhängeriſch, und richtig traf ihn gegen Abend eine Kugel, an der er genug hatte!“ „Weiß Gott, Sie ſind nicht um ein Haar weniger abergläubiſch als jene Südſtaatler, die einen Irrwiſch für eine arme Nankeeſeele halten!“ rief Richard lachend. „Ich denke mir, alle dieſe Vorgefühle kann man durch ein gutes Glas Brandymaſh verjagen, das dem fröſteln⸗ —— 73 4 den und erſchöpften Körper die alte Spannkraft zurt gibt. Mein Freund, dieſe Spannkraft iſt das ganze Geheimniß unſerer Erfolge und Niederlagen! Ich will nicht gerade ſagen, die Spannkraft, welche uns der Grog verleiht, aber doch jene, die aus einem ſtarken Gemüthe und phyſiſchem Wohlbehagen hervorgeht.“ „Ich fühlte mich nie kräftiger als jetzt und bin wahrlich nicht muthloſer als ſonſt“, erwiderte Osmond gelaſſen,„und ich kann mich doch des Gedankens nicht erwehren, daß es morgen mit mir zu Ende gehen werde. Laſſen Sie mich ausreden, mein Freund“, fuhr er fort, als Richard ihm ins Wort fallen wollte.„Ich kann Ihnen in gewiſſer Beziehung nicht Unrecht geben, wenn Sie behaupten, daß derjenige, welcher zuverſichtlich dro⸗ henden Ereigniſſen entgegengeht, mehr Chancen für ſich habe als der Niedergedrückte, deſſen Blick im Moment der Gefahr getrübt iſt. Wie aber kann jener zuver⸗ ſichtlich ſein, der täglich mehr und mehr die Hoffnung ſchwinden ſieht, welche er in das Leben ſetzte? Sie haben ſich während unſeres Marſches dem Glauben er⸗ geben, welchen man Fatalismus nennt und der ſicher und ſiegesfreudig macht, ſolange man hofft, ſolange ein Erfolg winkt, den zu verdienen man ſich berechtigt fühlt. Ein Napoleon ſagte ſich: Ich werde ſiegen, denn es ſteht in den Sternen geſchrieben! Und er ſiegte. Wie iſt es aber mit denjenigen, die in einem düſtern Leben durch nichts ermuthigt worden, auf ihren guten Stern pochen zu dürfen? Wenn ſie zu dem Glauben an eine Vorherbeſtimmung gelangten, dann iſt dieſer wahrlich kein tröſtlicher! Und zu ſolchen guten Leuten, die man füglich die Pechvögel der Geſellſchaft nennen kann“ fügte der junge Mann mattlächelnd hinzu,„ge⸗ höre auch ich!“ „Ich verſtehe Sie nicht recht, Osmond! Man wird Sie unzweifelhaft nach dieſer Campagne zu einem höhern Range befördern, ferner, wie ich aus gewiſſen Andeu⸗ 3 tungen ſchließen darf, werden Sie von einer Dame ge⸗ liebt, die ohne Zweifel Ihrer Neigung werth iſt. Ihrer militäriſchen Ehre und Ihrem Herzen geſchieht alſo jedenfalls Genüge, was wollen Sie noch? Und da Sie auch nicht freundlos in der Welt daſtehen, ſo— verzeihen Sie mir— muß ich Sie für ungerecht halten, wenn Sie behaupten, das Schickſal behandle Sie ſtief⸗ mütterlich. Mein Urtheil kann freilich nur ein be⸗ ſchränktes ſein, denn Charles Osmond fand es ſeither nicht rathſam, jenem Manne ſein Herz rückhaltlos zu erſchließen, der wohl berechtigt ſein dürfte, auf den Titel Freund Anſpruch zu machen!“ Richard hatte die letzten Worte mit Wärme ge⸗ ſprochen. Der junge Hauptmann erröthete flüchtig. 15„ Dann erhob er ſich und trat an das Feldbett des Majors.. „Ich verdiene dieſen Vorwurf!“ ſagte er, indem er dem Freunde eine Hand entgegenſtreckte.„Können Sie mir vergeben?“ Richard's Rechte fuhr mit raſcher Bewegung unter dem Mantel hervor und drückte Osmond's dargebotene Hand. „Ich habe nichts zu vergeben, Charles! Und wollte ich Ihnen denn einen Vorwurf machen, daß Sie mir ſeither einen Theil Ihres Vertrauens vorenthielten? Ich weiß, Sie achten und lieben mich, ich begehre nichts weiter von Ihnen! Wohl iſt es mir nicht ent⸗ gangen, daß Ihr Herz ein geheimes Leid hegt, wohl hätte ich Ihnen ſo gern längſt geſagt: Schütten Sie Ihren Kummer in meine Bruſt aus, Freund, auf daß ich Ihnen denſelben tragen helfe und durch theilnahme⸗ vollen Zuſpruch lindere! Aber durfte ich ſo ſprechen, Charles? Darf ich es noch jetzt? Muß ich mir nicht ſagen, daß Sie mir längſt Ihr Leid vertraut hätten, wenn es Sie allein beträfe, wenn durch die Ent⸗ hüllung deſſelben nicht Dinge zur Sprache kommen müßten, die beſſer um Anderer willen und zur Scho⸗ nung Ihrer eignen Gefühle unberührt bleiben? Und ſie ſollen es, Osmond, betrachten Sie meine frühere Aeußerung als nicht gethan—“ 76 „Nein“, unterbrach ihn Osmond lebhaft,„ich wäre der Discretion, die Sie mir ſeither erwieſen, ja Ihrer Freundſchaft nicht werth, wenn ich ſchweigen wollte, vor allem jetzt, wo ich ahne, daß ich bald von dem einzigen wahren Freunde, den mir das Leben zu⸗ geführt, werde ſcheiden müſſen. Richard, Sie wiſſen längſt, geſtehen Sie es, daß ich jener junge Stetler bin, der Edith Thornton liebt, von dem die Mutter derſelben Ihnen erzählte, bevor Sie das Boarding⸗Houſe der Miſtreß Thornton verließen, um ſich nach Tenneſſee zu begeben.“ „Bei Gott“, entgegnete Richard bewegt und zugleich überraſcht,„ich ahnte es ſchon bald nach dem Beginne unſerer Freundſchaft, und ſeitdem ward es mir faſt zur Gewißheit! Aber woher erfuhren Sie, daß ich—“ „Edith ſchrieb mir Alles, kurz nach Ihrem Ein⸗ treffen bei der Armee, auch daß Sie der Miſtreß Thornton gegenüber geäußert, Sie wünſchten ſich um die Freundſchaft jenes jungen Mannes zu bewerben, der ſeinen Familiennamen abgelegt, um der daran haf⸗ tenden Schande zu entgehen.“ K „Und dies der Grund, Charles, weshalb Sie an⸗ fänglich meinen Verſuchen, mich Ihnen zu nähern, eine gewiſſe Schroffheit entgegenſetzten?“ „Ja, Richard, ich will es offen bekennen, obwohl —————— 77 4 ich jetzt darüber erröthen muß. Ich verkannte nicht den edlen Impuls Ihrer Handlungsweiſe, aber ich wollte kein Mitleid, nicht die Theilnahme eines Frem⸗ den. Ihre wohlgemeinte Abſicht verletzte meinen Stolz, Sie erſchienen mir wie ein Aufdringling, der nicht das Recht habe, ſich in Dinge zu miſchen, die ich allein mit der Welt auszukämpfen entſchloſſen war. Ich hatte meine frühere Exiſtenz abgeſtreift, ſollte ich durch Sie, durch Ihre Kenntniß derſelben an meine ehemalige Vergangenheit und meinen Schmerz erinnert werden?“ „Armer Charles, Sie empfanden wohl niemals früher, was echte Freundſchaft in trüben und ernſten Stunden werth iſt!“ „Niemals, ich ſtand mit meinem vollen Herzen allein, bis ich Edith kennen und lieben lernte. Ja ſelbſt die Theilnahme meines Vaters, der nur Sinn für den Gelderwerb hatte, beſaß ich von früheſter Kind⸗ heit an nur inſofern, als er in mir ſeinen einzigen Erben ſah. Die Jugendgefährten, denen ich mich an⸗ ſchloß, täuſchten mich, wohin ich blickte, da fand ich ſchon als Knabe Liebloſigkeit und Egoismus, ſodaß ich genöthigt war, mich ſcheu in die Welt meiner Ideale zu flüchten. Durch Edith erſt und dann durch Sie, Richard, ſollte ich erfahren, daß Hochherzigkeit und Sdelſinn doch noch in dieſem gleißenden Larvengewühle 78 * der Menſchheit zu finden ſeien! Anfänglich mied ich Sie— Sie wiſſen es nur zu gut— wenngleich ich Ihnen ſchon nach ſo flüchtiger Bekannſchaft meine Ach⸗ tung nicht verſagen konnte. Ihr freimüthiges und doch wieder ſo rückſichtsvolles Benehmen zwang mich, Sie gelten zu laſſen. Beſchämt muß ich Ihnen geſtehen, daß ich in der Verbitterung meines Gemüths, in der ich aller Welt aus dem Wege ging und jede Kamerad⸗ ſchaft zu meiden ſuchte, oft genug in kindiſchem Trotze mit mir ſelber grollte, an Ihnen keinen Makel finden zu können, der mich berechtigt hätte, den Umgang mit Ihnen abzubrechen. Durch Ihr rückſichtsvolles Be⸗ nehmen, mit dem Sie mir Ihr Vertrauen bewieſen, ohne von mir zu fordern, daß ich als Gegenleiſtung dafür Bekenntniſſe ablege, welche die kaum vernarbte Wunde wieder aufreißen mußten, gewannen Sie voll⸗ ends meine Zuneigung. So lebten wir neben und für einander, in ſtillſchweigendem Einverſtändniſſe jene Um⸗ ſtände nicht berührend, die einſt mich nöthigten, Namen und Beruf zu ändern. Aber ich wiederhole es, Richard, ich würde mich an unſerer Freundſchaft verſündigen, wollte ich auch in dieſer Stunde, die ſchwer auf meinem Herzen laſtet, noch Ihre ſchonungsvolle Discretion be⸗ nutzen und nicht rückhaltlos und ehrlich mit Ihnen reden!“ e 79 8 „Glauben Sie mir, Charles, ich beabſichtigte ſelbſt heute nicht, Ihr Vertrauen mir zu erzwingen!“ „Ich weiß es, mein Freund, aber ich war ſchon ſeit unſerm Abmarſche von Fayetteville feſt entſchloſſen, die dünne Scheidewand zu zerreißen, welche uns noch trennte, denn ſchon ſeit unſerm jüngſten Aufbruche trage ich das Vorgefühl des nahen Todes in mir!“ „Aber Sie ſind thöricht, Charles! Sie werden leben und glücklich ſein, wie ich es zu werden hoffe, trotzdem dieſe meine Hoffnung, ſoweit ſie Alice Palmer betrifft, doch wahrlich illuſoriſcher iſt als dasjenige, was Sie von der Zukunft und der Erfüllung Ihrer Herzens⸗ wünſche zu erwarten haben!“ „Sie täuſchen ſich!“ verſetzte Osmond traurig.„Seit vorgeſtern bin ich um eine Hoffnung ärmer geworden, um die ſüßeſte meines Lebens!“ „Wie?“ „Das Poſtfelleiſen, welches General Terry von Wilmington aus ſandte, enthielt auch einen Brief für mich—“* „Th! Sie ſagten ſeither kein Wort davon!“ „Verzeihen Sie mir, Richard! Es war eine trau⸗ rige Nachricht, die ich empfing, und ich war ſeither noch nicht geſaßt genug, mit Ihnen offen zu reden!“ „Und jener Brief?“ „Sie erinnern ſich, daß ich ſchon in Savannah ein Schreiben erhielt, es war von Edith. Damals erfuhr ich durch ſie, daß ſie an einem leichten Bruſtübel leide, welches hoffentlich bald beſeitigt ſein werde. Der mir vorgeſtern zugeſtellte Brief aber iſt von der Miſtreß Thornton, und ſie meldet mir in tiefſter Bekümmer⸗ niß, daß Edith's Zuſtand ein beklagenswerther ſei und das Schlimmſte befürchten laſſe. Der Seelen⸗ kampf, den ſie einſt um ihrer Liebe willen zu be⸗ ſtehen gehabt, der Schmerz um den Verluſt des theuren Vaters, die Ungewißheit über mein Schickſal, das Alles habe nach nnd nach ihren zarten Organis⸗ mus untergraben.“ „Mein Gott!“ murmelte Richard tief ergriffen. „Sie ſehen, mein Freund“, fuhr Osmond düſter fort,„welche Zukunft meiner harrt, ſelbſt wenn die Todesahnung, die mich beſchleicht, ſich nicht erfüllen, keine feindliche Kugel für mich gegoſſen ſein ſollte!“ „Die Beſorgniß der Mutter hat ſicher den Zuſtand Edith's übertrieben—“ 8 „Sie kennen Miſtreß Thornton hinreichend, um zu wiſſen, daß ſie eine herzhafte Frau iſt, die keine un⸗ nöthige Angſt zeigt!“ „Der Bürgerkrieg kann unmöglich noch lange an⸗ dauern, Charles, und ſelbſt wenn auch, ſo nehmen Sie —— 81 Urlaub und gehen nach New⸗York. Sdith wird dann, von liebevoller Pflege umgeben, an Ihrer Seite neu aufblühen!“ Der junge bleiche Hauptmann ſchüttelte traurig den Kopf. „Die Mutter Edith's ſchreibt, ich gehöre zuerſt der Union und dann der Geliebten an!“ ſagte er mit Feſtig⸗ keit.„Und ſie hat Recht! Ich muß durch das Opfern meines Glückes ſühnen, was der Mann, deſſen Namen ich ehemals trug, am Vaterlande verbrochen! O Richard, eine Feindeskugel kommt mir erwünſcht! Was ſoll dem Manne die Heimkehr, der ſeine Abkunft verleugnen und ſeine heißeſten Wünſche begraben muß? Suchen Sie mich nicht zu tröſten, Freund, ich bin gefaßt, aber gewähren Sie mir eine Zitte! Ich trage Edith's Briefe und Portrait auf meinem Herzen; falle ich morgen oder in den nächſten Tagen, ſo bringen Sie ihr dieſe meine heiligſten Schätze und meinen letzten Gruß! Verſprechen Sie mir das, Richard, und dann kein Wort weiter davon!“ Richard war zu erſchüttert, als daß er hätte ant⸗ worten können. Er nickte ſtumm. Die Freunde ſchüt⸗ telten einander die Hand. Dann ſuchte auch Osmond ſein feuchtes Lager auf. Das Flämmchen der Laterne erloſch; tiefe Stille Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 5 9 82 herrſchte im Zelte, während der Sturm draußen fort⸗ tobte. Ob Richard und Osmond ſchliefen? Wer ſonſt kann es wiſſen als Gott, dem keine in Trauer und Sorge verbrachte ſchlafloſe Stunde der Sterblichen verborgen bleibt! Drittes Kapitel. Der Morgen des ſechzehnten März brach trübſelig an; der Himmel hatte eine aſchgraue und unerquickliche Farbe, der Wind fegte noch immer ſcharf und ſchnei⸗ dend über die Felder hin, zerzauſte die Wipfel der knorrigen Fichten und peitſchte den Regen ungeſtüm vor ſich her. Die Nacht war kaum dem erſten Tagesſchimmer gewichen, als im Lager der Unioniſten die Reveille ge⸗ blaſen ward. Anfangs ließen ſich die langgezogenen Töne eines einzigen Horns vernehmen, dann ſchmet⸗ terten andere und wieder andere drein, gleichſam zur 1 Antwort, Trommelwirbel miſchte ſich darunter und das Echo aus den Wäldern, ſodaß der Lärm wahrlich hin⸗ reichte, um auch die Schlaftrunkenſten zu neuer Rührig⸗ keit aufzurütteln. 6* 84 In Wald und Feld ward es lebendig, da und dort krochen die Soldaten aus ihren feuchten Nachtlagern hervor und trabten, ſich froſtig ſchüttelnd, zu den Feuer⸗ ſtellen, wo der nächtliche Regen längſt die Glut aus⸗ gelöſcht hatte. Reißig und Aeſte wurden eilig ange⸗ häuft und bald praſſelten luſtige Flammen daran empor, dem Winde und Regen zum Trotze, die ziſchend in ſie hineinfuhren. Um die zahlloſen Lagerfeuer aber ſam⸗ melte ſich die Mannſchaft, die halberſtarrten Glieder zu erwärmen und das Frühſtück zu bereiten. Welch heiteres Bild in der naßkalten, grämlich blickenden und froſtigen Umgebung gewährt dieſes Sol⸗ datengewimmel am Lagerfeuer! Der eine ſchürt die Glut, ein fröhliches Liedchen ſummend, der andere ſchleppt lachend feuchtes Reißig hinzu und wirft es in die aufzüngelnden Flammen, ein dritter und vierter richten gemeinſchaftlich die vom Sturm um⸗ gewehten Stangen und Gabeln auf, an denen die Keſſel ihren Platz über dem Feuer haben, wieder andere kommen bereits von der Wagenburg des Trains, mit Schinken, Kartoffeln, gerupften Hühnern, Speck, Brod und allerlei ſonſtigen Herzſtärkungen beladen. Während dieſer den Kaffee kocht, jener die Bratpfanne auf die glühenden Kohlen ſchiebt, ſein Nachbar behaglich dem Feuer ſeinen breiten Rücken zukehrt und, auf dem Boden 2 85 4 hHockend, mit ſeinem jackknife die fingerdicke Lehmerde von den Stiefeln kratzt, hier ein junger Burſche den Yankee doodle pfeift und dazu, weniger in einem An⸗ fall von Ausgelaſſenheit, als um die Glieder geſchmei⸗ dig zu machen, wie ein Toller umherſpringt und die Arme um den Leib ſchlägt, dort ein alter Graubart lüſtern auf den in der Pfanne bratenden Speck ſtarrt und mechaniſch die ſchwarzbraune Tabakspfeife ſtopft, traben andere brave Blauröcke zu den Pferden und Maulthieren, denn dieſe treuen Gefährten der Krieger geben bereits durch helles Wiehern und nichts weniger als harmoniſche Töne nicht undeutlich zu verſtehen, daß ſie nicht vergeſſen ſein wollen, auch zu den eben⸗ falls ihr Frühſtück laut begehrenden Rindern und ſon⸗ ſtigen eßbaren Vierfüßlern, welche den ſo nothwendigen Troß eines Heeres vervollſtändigen und inmitten des Lagers, hinter der improviſirten Einfriedung zuſammen⸗ gepfercht, den kothigen Lehmboden ſtampfen. So herrſcht Bewegung überall; der ewig unverwüſtliche gute Sol⸗ datenhumor aber ſchlägt auch der naßkalten, mißgün⸗ ſtigen Witterung ein Schnippchen und iſ zum Morgen⸗ imbiß die beſte Würze. Das Frühſtück war abgethan, und was zunächſt geſchah, mahnte daran, daß es bald vorwärts gehen ſolle und vermuthlich einem harten Strauße entgegen. Die luftigen fliegenden Zelte wurden haſtig abgebrochen und ſammt den Stangen, Keſſeln und ſonſtigen Bivouak⸗ utenſilien den Ambulancewagen aufgepackt. Dann wan⸗ derten die Torniſter auf die Rücken und die Waffen in die kräftigen Fäuſte der neugeſtärkten Tapfern, die jetzt muntere Hornſignale zum Antreten riefen. Von den Feldern, wo ſie campirt hatten, den Hügeln, dem angrenzenden Fichtengehölze wateten die Männer lachend durch Koth und Pfützen zur tiefſpurigen Chauſſee, wäh⸗ rend die Cavalleriſten ſich auf ihre Roſſe ſchwangen und dieſe ſofort wohlgemuth in Bewegung ſetzten, der Vporhut voraus zu ſein. Nun ſaßen auch die Führer der Truppen im Sattel, war jeder bei ſeinem Regi⸗ mente, hatte der Train mit ſeinen nahrhaften Vier⸗ füßlern und den Ambulancewagen ſich vollſtändig an die letzte Diviſion gereiht, da ein Treffen an dieſem Tage zu gewärtigen war. Neue Signale brachten end⸗ lich die lange Colonne in Gang, die mit ihren blitzen⸗ den Gewehren einer ſilberbeſchuppten, auf der Land⸗ ſtraße ſich fortbewegenden Rieſenſchlange glich. Wäh⸗ rend die Maſſen ſich ſo, Diviſion hinter Diviſion, auf dem Wege hielten und die Feldgeſchütze nur langſam durch den berüchtigten Straßenkoth Nord⸗Carolinas vorwärts konnten, verließen die Plänkler die unab⸗ ſehbare Linie und begannen zur Rechten und Linken —— 87 derſelben, dem Zuge weit voraus, die hinter Geſtrüpp und wellenförmigen Höhen verſteckte Gegend zu durch⸗ ſtöbern. Noch keine Stunde war verfloſſen, ſeitdem der Marſch begonnen, als ſchon immer heftiger werdendes Klein⸗ gewehrfeuer verkündete, daß Plänkler und Vorhut die Fühlung mit dem Feinde begonnen hatten, wie der Soldat ſich ausdrückt. Und wie nun die erſten Diviſionen des zwanzigſten Corps die Stätte erreichten, wo das Scharmützel ſeinen Anfang genommen, da gewahrten ſie Cavallerie und Scharfſchützen in lebhaftem Kampfe mit den Südern. Dieſe hatten ſich, in unmittelbarer Nähe der Land⸗ ſtraße, auf einem Hügelkamme ſtark verſchanzt. Ihre Stellung war noch obendrein durch eine Schlucht und einen kleinen Fluß gedeckt. Die Schanzen der Rebellen aber dehnten ſich von dieſem Creek bis zum Cape⸗ Fear⸗Fluſſe aus, der ſich durch die etwas ſumpfige Niederung gen Oſten wandte. Wie ſich ſpäter herausſtellte, lauerte hinter dieſen Schanzen ein Heer von zehntauſend Mann, das aus Hood's ehemaligen Truppen und der ſchweren Artillerie der Charleſtoner Garniſon beſtand. Dieſe nicht unbe⸗ trächtliche Macht war durch Wheeler's und Hampton's Reiterei verſtärkt. So ſollten denn an dieſem Tage die Rebellen und Unioniſten einander in ziemlich gleicher Zahl gegen⸗ überſtehen, denn eine Diviſion des Generals Slocum hatte ſich mit den Vorrathstrains rechts gewendet, nach der Richtung hin, wo Sherman und Howard mit dem rechten Flügel der Armee auf Goldsboro' vorrückten. Als General Jackſon, der die erſte Diviſion der Unioniſten befehligte, Kilpatrick's Reiter ſtark bedrängt ſah, ließ er ſeine Truppen ſofort angreifen. So ſtürzte denn auch das tapfere zweite Maſſachuſetts⸗Regiment, dem Richard und Osmond angehörten, in den Kampf. Die andere, im Angeſichte der feindlichen Schanzen er⸗ ſchienene Diviſion rückte nach, die Kanonen raſſelten heran, nahmen Stellung, und bald donnerten die Ge⸗ ſchütze der Unioniſten und Süder gegen einander, war das Gefecht in vollem Gange, während über den Kämpfenden ein Orkan tobte und zu Zeiten heftige Regengüſſe herniederſtrömten. Einige Stunden waren ſo vergangen, ohne daß etwas Entſcheidendes von irgend einer Seite erfolgt wäre. Die ſeither auf dem Kampfplatze erſchienenen Streit⸗ kräfte der Union hatten verhältnißmäßig günſtige Po⸗ ſitionen erlangt. Major Erlenbach's Regiment behaup⸗ — 89 tete, den Schanzen zunächſt, den Saum einer kleinen Holzung. Die wackern Männer von Maſſachuſetts feuerten unausgeſetzt auf den Feind, und dieſer blieb ihnen nichts ſchuldig; die Rebellen ſchoſſen ſogar beſſer als gewöhnlich, ihre Kugeln wirkten verheerend. Richard war vom Pferde abgeſtiegen und beſprach ſich, die Schanzen muſternd, mit einigen Offizieren des Regiments. Da ward ein Tapferer vorübergetragen, dem Hinter⸗ treffen zu. „Was Teufel“, ſagte einer der Offiziere,„der Haupt⸗ mann Grafton! So eben warnte ich ihn, ſich nicht zu weit vorzuwagen! Er wollte ſehen, ob die Schanzen nicht von dieſer Seite zu umgehen ſeien!“ „He, Leute, wie ſteht es mit dem Hauptmann?“ rief Richard. „Schlecht, Sir“, antwortete einer der Träger;„ich glaube, er hat genug!“ Und die Männer ſchritten, von feindlichen Kugeln umſauſt, mit ihrer traurigen Bürde weiter. „Armer Grafton!“ murmelte Richard. „Armer Grafton!“ wiederholten die andern Offiziere. „Er war ein tüchtiger Soldat!“ ergänzte einer der Herren. Und aus dieſer kurzen Bemerkung beſtand die ganze —— —— y ää Leichenrede. Wer hat wohl während eines blutigen Treffens, im Momente phyſiſcher und geiſtiger Erregung Zeit, dem gefallenen Waffenbruder mehr als einige ab⸗ geriſſene Worte des Beileids zu widmen? „Sehen Sie wohl?“ bemerkte Richard haſtig, auf die Schanzen deutend.„Ich ſagte ſchon vorhin, unſere Artillerie werde binnen weniger als einer Viertelſtunde die Geſchütze der Rebellen zum Schweigen gebracht haben. Seit fünf Minuten kein Kanonenſchuß von drüben— bei Gott, jetzt dürften wir Arbeit be⸗ kommen!“ „Wahrhaftig, Slocum ſollte jetzt den Befehl zum Sturm auf dieſe miſerablen Schanzen geben, die uns lange genug geneckt haben!“ „Wenn aber nicht zugleich wenigſtens eine unſerer Brigaden eine Schwenkung auf die Flanke des Fein⸗ des macht, ſo iſt nur die Hälfte von dem gethan, was geſchehen muß!“ „Ganz Recht, Major! Aber ein hartes Stück Ar⸗ beit, Sir, an der Schanzenlinie dieſer Burſchen vor⸗ über zu defiliren!“ ſcherzte einer der Herren. „Gleichviel!“ verſetzte Richard lächelnd.„Jeder der ehrenwerthen Gentlemen unſeres Zweiten*) würde *) Zweites Maſſachuſetts⸗Regiment. 91 5 jedenfalls dieſen Spaziergang mit Vergnügen machen, die Johnnys*) um ſo beſſer laufen zu ſehen!“ „Das verſteht ſich!“ bekräftigten die Gentlemen lachend. „Alſo auf unſere Poſten, denn dort ſehe ich einen Herrn heranſprengen, der ohne Zweifel unſerm Gene⸗ ral die Ordre bringt, daß wir zu unſerer Geſundheit die kleine Promenade machen ſollen!“ Die tapfern Offiziere, welche nur auf einige Augen⸗ blicke zuſammengetreten waren, um ein paar Worte mit einander auszutauſchen, wandten ſich ſo heiter und ſorg⸗ los zu ihren Soldaten, als ob ſie erwarten dürften, im nächſten Moment zu einem ſehr harmloſen Spazier⸗ gange aufgefordert zu werden. Und doch war jeder überzeugt, daß es ſich nun darum handeln werde, einen mörderiſchen Kugelregen auszuhalten. Der Befehl, welchen ein Adjutant Slocum's über⸗ brachte, ſtimmte in der That mit der Erwartung Richard's öüberein. Der Ordre aber folgte die Ausführung auf dem Fuße. Und während nun die ganze Fronte der unioniſti⸗ ſchen Truppen gegen die Schanzen vorrückte, trat die für den Flankenangriff auserwählte Brigade ihren ge⸗ fährlichen Seitenmarſch im Angeſichte des Feindes an. Die Kugeln der Rebellen ſauſten in ihre Reihen, bald dieſen, bald jenen Braven niederſchmetternd, aber kalt⸗ blütig ging es in haſtigem Schritt über die Gefallenen hinweg, dem Ziele zu, unter donnerndem Jubelruf das begeiſternde„Star spangled banner“ aus voller Kehle anſtimmend. Major Erlenbach ritt kaltblütig an jener Seite des Zuges, welche den Schanzen zunächſt war. „Nun, Charles“, rief er lächelnd dem Freunde zu, als er an deſſen Seite anlangte,„ich hoffe, Ihr Ahnungs⸗ vermögen erleidet heute einen derben Stoß, mit dem heutigen Tage werden wir es ein⸗ für allemal be⸗ graben!“ ODer Tag iſt noch nicht zu Endel“ erwiderte Osmond feſt, doch ebenfalls lächelnd. Die Antwort verflog ungehört, denn Richard ſprengte bereits dem Freunde voraus. Und nun waren die Schanzen an ihrer Fronte glück⸗ lich umgangen, ſtürmte die Brigade ſiegesmuthig auf die Flanke der Rebellen ein. Dieſe, von zwei Seiten angegriffen, leiſteten nur kurzen Widerſtand und wendeten ſich dann zu wilder Flucht. Jauchzend warfen ſich die Jankees in die Schanzen, —— 93 * erbeuteten einige Kanonen und machten mehr als zwei⸗ hundert Süder zu Gefangenen. Aber dieſer erſte Erfolg mußte ausgenutzt werden. Sah man doch jetzt die Flüchtigen zu andern Verſchan⸗ zungen eilen, die wohl eine halbe engliſche Meile hinter den erſten emporragten und hinter denen ſicher die Hauptmacht der Rebellen aufgeſtellt war. „Vorwärts!“ war das allgemeine Loſungswort. Und es bedurfte wahrlich nicht dieſer Aufforderung; die wackern NYankees ſtürmten weiter. „Go on, my boys*) hatte auch Richard gerufen. Und nun, mitten im wilden Weiterdrängen, hielt er plötzlich ſein Pferd an und erhob ſich hoch im Sattel. „Kapitän Osmond!“ rief er umherſchauend.„Wo iſt Kapitän Osmond?“ Da erblickte er weiter zurück, an einer der Breſchen der zerwühlten Schanzwerke den ehrlichen Unteroffizier Squad, der unabläſſig ihm winkte und zuſchrie. Haſtig wandte Richard ſein Roß, wich dem ſich vorwärtshaſtenden Gewimmel aus und war im näch⸗ ſten Augenblicke neben Squad. Ein„Was gibts?“ ſchwebte auf ſeinen Lippen, doch was er ſah, machte die Frage überflüſſig. *) Vorwärts, meine Jungen! 94 Hart neben der Breſche, durch welche die nachrücken⸗ den Krieger drangen, lag Charles Osmond, blutend und mit dem Tode ringend. Der brave Squad hatte ihn dorthin geſchleppt, aus dem Bereich des dichteſten Gewühls. Blitzſchnell war Richard aus dem Sattel und an der Seite des Freundes. „Charles!“ ſtammelte er. „Ihr— Verſprechen!“ hauchte der Sterbende und machte eine ſchwache, erfolgloſe Bewegung, ſeine Uni⸗ form zu öffnen. „O mein Gott, es wird ſo arg nicht ſein!“ „Der Tag war noch nicht zu Ende!“ murmelte Os⸗ mond.„Nehmen Sie— dann kann ich ruhig ſterben!“ Richard beugte ſich über den Freund, öffnete den von Blut überſtrömten Rock deſſelben und entnahm der Bruſttaſche ein kleines Packet. „Iſt es das?“ flüſterte er. Der Sterbende athmete auf und verſuchte zu lächeln. „Ja!“ röchelte er kaum hörbar.„Richard— Sie wiſſen jetzt— was Sie von meinen Ahnungen zu halten haben. Nun denn— ſo gewiß ich weiß, daß ich jetzt ſterbe— ſo gewiß werden Sie in New⸗York eine Leiche finden. Legen Sie ihr dieſe Briefe unter das ſchöne— bleiche Haupt!“ „Armer Charles!“ murmelte Richard erſchüttert, in⸗ dem er das Päckchen verſchwinden ließ. „Nicht doch— es iſt ſo beſſer— ich werde ſie bald wiederſehen— o ſüßes Jenſeits!— Und noch eins — Richard— ſagen Sie dem Vater, daß ich ihm ver⸗ gebe— und der Welt, daß der Sohn eines Unglück⸗ lichen— ehrenvoll für die Union gefallen iſt!“ Das Haupt Osmond's ſank zurück, er gehörte nicht mehr dem Leben an. Richard zerdrückte eine Thräne. Aber die Soldatenpflicht rief mahnend. „Sorgen Sie für ein ehrliches Grab, Squad!“ ſagte er haſtig. Dann ſchwang er ſich auf ſein Pferd und jagte ſeinen voraneilenden tapfern Männern von Maſſachu⸗ ſetts nach. Dieſe aber wurden bald am weitern Vordringen verhindert. Sie fanden die zweiten Verſchanzungen ſtärker als die erſten und ſtießen auf energiſchern Wider⸗ ſtand der Rebellen. So ward denn hier der Sturm⸗ lauf der Unioniſten ein erfolgloſer; ſie mußten ſich bis auf eine gewiſſe Diſtanz zurückziehen, und das alte mörderiſche Spiel der Feuerwaffen begann von neuem. Aber das Terrain, welches die Unioniſten jetzt inne hatten, war zu ſumpfig, als daß ſie von ihrer Artillerie hätten ſonderlich Gebrauch machen können. Um Mittag rückte eine Diviſion des vierzehnten Corps heran, im weitern Verlaufe des Tages erſchien nach und nach auf dem Kampfplatze und vertheilte ſich dort, was Slocum an Streitmacht aufbieten konnte. Doch wie oft man auch hier und dort die Schanzlinie des Feindes ſtürmen mochte, und obwohl man gegen Abend kaum hundert Ellen vom Verhau der Rebellen feſte Poſition gefaßt hatte, ward dennoch nichts weiter erreicht, als daß man zu Zeiten ganze Schaaren von Seceſſioniſten zu Gefangenen machte. Schon dunkelte es, da hieß es von neuem:„Die erſte Diviſion zum Sturm vor!“ Der Befehl ward von den Tapfern mit Jubel auf⸗ genommen. Oberſt Morſe vom Zweiten war in den Arm ver⸗ wundet worden, Major Erlenbach trat für ihn ein. „Go on, boys! lautete nochmals der jauchzend wiederholte Schlachtruf und mit donnerndem Hur⸗ rah ſtürmten die Veteranen dem Kartätſchenhagel ent⸗ gegen. Der Gegner aber blieb diesmal nicht an den Ver⸗ hauen. Auf dem halben Wege zu den Schanzen ver⸗ ſtummten dort plötzlich die Batterien, prallten die Yankees gegen den haſtig zum wüthenden Ausfalle vorgerückten Feind. Richard's Pferd erhielt einen Streifſchuß, es bäumte ſich wild und raſte in tollen Sprüngen vorwärts, der Zügel und des Reiters ſpottend. Dieſer ſah ſich plötzlich von den Seinen abgeſchnitten und von feindlichen Bajonetten umblitzt. Jetzt war es ihm gelungen, den Rappen herumzu⸗ werfen, der drei oder vier Süder niedergerannt hatte. Nun ließ Richard die Klinge umherſauſen und drückte die Sporen in die Weichen des ſchäumenden Thieres. Schon holte dieſes zum Sprunge aus, ſchon ſah der tapfere Major die Männer von Maſſachuſetts zu ſeiner Hülfe heranſtürmen, da ſtrauchelte der Rappe, von Kolbenſchlägen getroffen, fühlte ſich Richard aus dem Sattel geriſſen. Bevor noch die Helden des Zweiten ihren Major erreichen konnten, ward dieſer aus der vorderſten Reihe des Treffens gezerrt und dann in wilder Haſt zu den Schanzen geſchleppt. Richard ergab ſich in ſein Schickſal. Er war ent⸗ waffnet, eine Gegenwehr würde ohnehin jetzt thöricht geweſen ſein. Erſchöpft, doch unverwundet, ſah er ſich eine Vier⸗ telſtunde ſpäter hinter den feindlichen Batterien in Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 7 98 einer elenden Baracke neben vierzig bis fünfzig ge⸗ fangenen Unioniſten. Verworrenes Geſchrei, Commandorufe, Kanonen⸗ donner, Trompetenſignale und das Knattern des Ge⸗ wehrfeuers tönten abwechſelnd in ſein Ohr, aber nicht der erſehnte Siegesruf der Yankees. Verſtörten Sinnes lauſchte er auf jedes Geräuſch⸗ Seine Hoffnung ſchwand. Zum Ueberfluß taumelten jetzt einige halbbetrunkene Süder in die Baracke, ungeſchlachte, trotzig blickende Geſellen, verhöhnten die Gefangenen unter wilden Flüchen und verkündeten lachend, daß die„damned Yankees“ wieder abgeſchlagen ſeien. Richard ſetzte dem Hohne ſtumme Verachtung ent⸗ gegen. 3 In einem Winkel der Baracke auf ſchmuzigem Stroh hockend, gab er ſich einem dumpfen Brüten hin. Er grollte mit ſich und ſeinem Schickſale. Faſt be⸗ neidete er in dieſem Augenblicke das Loos, welches den armen Osmond getroffen hatte, deſſen Papiere er auf der Bruſt trug; er dachte in ſeiner verhängnißvollen Lage kaum an die Schrecken der ſüdſtaatlichen Gefäng⸗ niſſe, deſto ſchwerer aber drückte die ruhmloſe Art, in der er faſt ohne Schwertſtreich hatte unterliegen müſſen, ſein heldenmüthiges Herz. Neben ihm ſeufzten ver⸗ 99 wundete Unionsſoldaten; ſie hatten doch wenigſtens auf Tod und Leben kämpfen können, und die Wunden, welche ſie kampfunfähig gemacht, waren die Rechtferti⸗ gung ihres Hierſeins. Er aber ſaß da in voller un⸗ geſchwächter Kraft, anſcheinend nicht anders als ein Feigling, der ſich auf den erſten Anlauf des Gegners ergeben. In ohnmächtiger Wuth knirſchte er mit den Zähnen. Und wenn ihm ferner durch den Sinn ging, wie ein tückiſcher Zufall all ſeine kühnen Hoffnungen über den Haufen geworfen, ſeine ſchönen Träume, die er an Alice Palmer knüpfte, dann verbitterte ſich ſein Gemüth noch mehr, dann war es ihm, als müſſe ſich ſeine Seele in einen einzigen dumpfen Schmerzensſchrei auflöſen. Doch noch ein Hoffnungsſtrahl dämmerte vor ſeiner qualerfüllten Seele auf. Waren nicht die Helden, welche vor den feindlichen Schanzen ſtanden, bisher überall ſiegreich geweſen? Konnte nicht ein neuer Sturmlauf erfolgreicher ſein? Und waren dann er und die armen Teufel, welche mit pulvergeſchwärztem Antlitz neben ihm hockten, nicht der Freiheit zurückgegeben? „Wenn nicht heute mehr, ſo doch morgen gewiß, ich müßte unſere Braven nicht kennen!“ tröſtete er ſich. Die Nacht brach an, der Lärm des Gefechts ver⸗ ſtummte. 7 100 Aber was war das? Welch dumpfes, unheimliches Geräuſch ließ ſich vernehmen? Es war wie der leiſe Tritt von Tauſenden, die ſich eilig und ſtill durch das nächtliche Dunkel flüchten, wie das auf ſumpfigem Raſen kaum hörbare Rollen von Geſchützrädern und der Hufſchlag zahlreicher Pferde. Richard ſtutzte. „Die Feiglinge verlaſſen ihre Schanzen während der Nacht, fliehen nordwärts und ſchleppen uns mit ſich fort!“ murmelte er in ſich hinein. Und im nächſten Momente ward dieſe Voraus⸗ ſetzung zur Gewißheit für ihn. Bewaffnete Süder drangen in die Baracke, riſſen die Gefangenen ins Freie hinaus und zerrten ſie zu einigen bereitſtehenden Karren, die von Soldaten umſtellt waren. Richard ſtarrte in die finſtere Regennacht hinaus, während er und ſeine Leidensgefährten die Fuhrwerke beſtiegen. Wohin er blickte, da ſah er ſchwarze Maſſen ziehen, Reiterei, Fußvolk, Geſchütze. Alle huſchten über die Steppe hin, gleich unheimlichen Schattengebilden. Und immer neue düſtere Colonnen wogten im ſchwärzlichen Gewimmel von den Verſchanzungen her, unter den ſchützenden Fittigen der ſtürmiſchen Nacht das Weite zu gewinnen. ſſ“ ðQ— 101 Auch die Karren ſetzten ſich jetzt ächzend in Be⸗ wegung, von bis an die Zähne bewaffneten Geſtalten umringt. „Fahre wohl, mein Hoffnungsſtern!“ ſeufzte Richard und ballte krampfhaft die Hände. Viertes Kapitel. Der Leſer folge uns wieder nach der Rebellenhaupt⸗ ſtadt Richmond. Fünf Tage nach dem Treffen bei Averysboro', das wir trotz ſeiner geringen Bedeutung um der Erlebniſſe unſeres Helden Richard willen ſo ausführlich ſchildern mußten, ſaß Oliver Gaunt, der Freund und Bundes⸗ genoſſe des verſtorbenen Oberſten Crawford, nachdenklich in ſeiner Wohnung. Er hatte im Broadſtreet⸗Hotel, das faſt im Centrum der Stadt liegt, einige der ſchönſten und eleganteſten Zimmer des erſten Stocks inne, denn obwohl der noch immer reiche Pflanzer ſehr geizig war und gern geſpart hätte, zumal unter den jetzigen Umſtänden, konnte er doch ſeines angeſehenen Namens halber — *ſ——— e— 103 4 nicht wie ein ärmlicher Flüchtling in der Reſidenz der Conföderirten auftreten. Gaunt hatte, ſeit wir ihn auf der Plantage des von ſeinen Negern ermordeten Crawford geſehen, arge Schickſalsſchläge erlitten. Von ſeiner ſchweren Wunde kaum geneſen, war der habgierige Mann mit ſeinen großen Ländereien übel angekommen, hatte er durch das ſiegreiche Vorrücken der Unionstruppen den bedeu⸗ tendſten Theil ſeiner Beſitzungen eingebüßt, mit ihnen viele Koſtbarkeiten und zahlreiche Sklaven, die ſich jetzt, von den Nankees geſchützt, jubelnd ihrer Freiheit er⸗ freuten. Der ſtattlichen Plantagen bei Beaufort war er ſchon im Jahre 1863 verluſtig gegangen, und nun hatten ihn Sherman's militäriſche Erfolge auch ſeiner Güter bei Savannah und der Häuſer beraubt, welche er in Charleſton und Columbia beſeſſen. Sein Vermögen beſtand eigentlich nur noch aus Juwelen, geprägtem Gold und großen Summen jenes Papiergeldes, das die Conföderation während des Bür⸗ gerkriegs ausgegeben hatte. Er führte ſeinen Schatz mit ſich und hütete ihn ängſtlich, denn unterlag der Süden, dann war die Eriſtenz des Flüchtlings allein durch dieſen Schatz geſichert, von dem übrigens ein Theil, das Papiergeld, werthlos werden mußte und ſchon jetzt keine große Geltung hatte. Die fünf oder — ———— ſechs farbigen Diener, mit denen er nach Richmond gekommen war und die ungefähr ein Kapital von achttauſend Dollars repräſentirten, bildeten den Reſt ſeines ehemals ſo beträchtlichen„lebenden Fonds“, und auch ſie waren werthlos, ſobald Grant vor Peters⸗ burg ſiegte. Es war zeitig nachmittags. Oliver Gaunt hatte noch nicht lange vorher auf ſeinem Zimmer geſpeiſt, die Schüſſeln waren kaum erſt durch ſeine Schwarzen, denn auch hier bedienten ihn nur ſeine Sklaven, von der Tafel entfernt worden. Er ſaß jetzt, nachläſſig zurückgelehnt, in der Nähe des Fenſters, hielt ſeinen Schaukelſtuhl in beſtändiger Bewegung und ſtarrte düſter auf den ſich emporzün⸗ gelnden Rauch ſeiner Cigarre. Da trat ein weißhaariger Mulatte ein und blieb an der Thür mit einer Geberde ſtehen, die deutlich beſagte, daß er eine Meldung zu machen habe. Der Pflanzer fuhr aus ſeinem Sinnen auf. „Was willſt Du, Ben?“ fragte er verdrießlich. Der Mulatte Ben ſtand in der Gnade ſeines Ge⸗ bieters; er war ſo tückiſch, boshaft und liſtig wie dieſer und wurde von den übrigen Sklaven faſt ſo gefürchtet wie ſein Herr. Ben, der in Charleſton Hausverwalter Gaunt's geweſen, begleitete ſeit einem Jahre den * 105 Pflanzer gewiſſermaßen als Kammerdiener und hatte allein das Recht, ungerufen jederzeit bei ihm eintreten zu dürfen. „Sir“, begann der häßliche Mulatte in gutem Eng⸗ liſch,„der Major Singleton wünſcht Ihnen ſeine Auf⸗ wartung zu machen!“ Um Gaunt's welke Lippen begann ein höhniſches Lächeln zu ſpielen. „Iſt der Major allein?“ „Ja, Sir!“. „Sage ihm, daß ich mich freue, ihn zu ſehen!“ Der Mulatte ging. Als er das Gemach verlaſſen, rieb ſich Gaunt, an⸗ ſcheinend in einer plötzlichen Anwandlung guter Laune, die knöchernen Hände. „Kommen Sie nur, Herr Major“, murmelte er ſpöt⸗ tiſch vor ſich hin,„wir werden ſchon mit einander fertig werden!“ Er kicherte leiſe. Dieſes Kichern ging in ein hei⸗ ſeres Hüſteln über, das ihm Schmerzen zu verurſachen ſchien; er unterdrückte es mit einiger Anſtrengung und blickte dann lauernd und wieder tückiſch grinſend nach der Thür.. Jetzt knarrte dieſe und in demſelben Augenblicke verſchwand auch der ſarkaſtiſche Ausdruck aus Gaunt's fahlgelbem Antlitz und machte einer ſehr harmloſen Miene Platz. Major Leslie Singleton trat in das Zimmer. Er trug den rechten Arm in einer ſchwarzen Schlinge und ſah etwas bleich aus, wodurch ſeine hübſchen, aber nichtsſagenden Züge noch knabenhafter als ſonſt er⸗ ſchienen. Obwohl er beinahe ungeſtüm näher trat, die Stirn runzelte, mit einer gewiſſen Eiſeskälte grüßte und einen hochmüthigen Blick auf den Pflanzer ſchoß, blieb dieſer doch völlig gleichmüthig, ſchien die augenfällige Er⸗ regung des jungen Mannes nicht zu gewahren und bewillkommnete ihn ſogar mit einem ſüßen Lächeln. „Verzeihen Sie, Major“ ſagte er,„daß ich Sie ſitzend empfange; ich hatte ſo eben meine verwünſchten Bruſt⸗ ſchmerzen, die ich den Meſſern der hündiſchen Darkies mei⸗ nes ſeligen Freundes Crawford verdanke. Bei Gott, Sie können dergleichen beurtheilen, Sie ſind ja ſeit der ver⸗ unglückten James⸗River⸗Expedition auch ein Bleſſirter! Wie geht es dem Papa Singleton und der Miß Jane? Wahrhaftig, ich bin Ihnen ſehr dankbar, daß Sie ſich heute meiner erinnert haben, denn nun werden meine ſchwarzen Grillen wie Spreu vor dem Winde verfliegen!“ „Sie irren, Sir“, verſetzte der junge Offizier in —— — — 107 3 ſchwach verhehlter Gereiztheit,„wenn Sie glauben, ich ſei in der Stimmung oder überhaupt hier, Sie aufzu⸗ heitern!“ „Armer Major, ich begreife Ihren Unmuth! Wenn ein tapferer Soldat durch nahezu zwei Monate eines armſeligen Streifſchuſſes halber ſpazieren gehen muß, während ſeine Kameraden im Felde ſtehen, ſo iſt das kein Spaß! Dieſer Arm ſcheint lange Zeit zu brauchen, Major! Sie haben übrigens Recht, ihn zu ſchonen, da jetzt ohnehin an den Schanzwerken nicht Ihrer würdige Thaten vollbracht werden. Machen Sie es ſich bei mir bequem; die Cigarrencaſſette ſteht dort auf dem Tiſche. Es wird uns hoffentlich gelingen, uns in eine gute Stimmung hineinzurauchen und zu plaudern.“ Der gute Major war zu beſchränkt, als daß er die ziemlich deutliche Ironie, welche in Gaunt's Worten lag, ſofort hätte auffaſſen können. Auch beſchäftigte ihn augenſcheinlich ein anderer Gegenſtand ſehr lebhaft und hinderte ihn daran, die ſatiriſchen Auslaſſungen des Pflanzers einer beſondern Aufmerkſamkeit zu wür⸗ digen. „Sir', ſagte er kurz und ohne ſich des angebotenen Fauteuils zu bedienen,„ich bin nicht hier, mit Ihnen von gleichgültigen Dingen zu plaudern, das muß Ihnen ſchon meine ernſte Miene ſagen!“ Gaunt richtete die kleinen ſtechenden Augen mit einem ſpöttiſchen Ausdruck auf den jungen Offizier. „Wahrhaftig, Sie ſind ernſt, ſehr ernſt!“ antwortete er trocken.„Das iſt ſchade, lieber Major! Man ſagt, Sie ſeien bisweilen ſpaßhaft, beſonders in Geſellſchaft von Damen. Nun bin ich freilich keine Lady und muß mir daher auch Ihren Ernſt gefallen laſſen, ja, er ſteigert ſogar meine Theilnahme für Sie. Habe ich doch für die Singletons immer viel Sympathie gehegt, Sie wiſſen das! In der That, Sie ſind blaß, mein Lieber, Sie zittern ſogar! Was drückt Ihr Herz? Hatten Sie vielleicht mit dem Papa eine kleine Scene und wünſchen nun meine Vermittelung 241 „Sir“, ſiel ihm Leslie noch erregter als zuvor ins Wort,„ich kann nicht glauben, daß Ihnen der Grund meiner Aufregung und meines Erſcheinens unbekannt ſein ſollte!“ „Kenne ihn denn doch nicht, mein Theurer!“ näſelte Gaunt phlegmatiſch. „Es handelt ſich nicht um meinen Vater, ſondern um Sie, mich und eine dritte Perſon!“ „Ja, das ſind jedenfalls drei!“ „Und ich werde nicht eher von hier fortgehen, als bis ich mit Ihnen ins Reine gekommen bin!“ „Alſo ohne dieſe dritte Perſon!“ 8— 109 „Sie werden mir Rechenſchaft geben, Sir!“ 3 „Einen Augenblick, Major! Bevor Sie weiter gehen, müſſen wir doch die Sache etwas geſchäftsmäßiger ein⸗ leiten, denn um ein Geſchäft wird es ſich doch wohl handeln. Ich kenne Sie, ſchmeichle mir auch, mit mir ſelber ein wenig bekannt zu ſein, aber dieſe dritte, jetzt noch etwas myſteriöſe Perſon— darf man wiſſen, wer damit gemeint iſt?“ Der Major nahm eine herausfordernde Haltung an und ſchleuderte einen zornigen Blick auf den ſchwäch⸗ lichen Gaunt. „Nun, Miſtreß Clairville!“ Der Pflanzer blinzelte den jungen Offizier verſchmitzt und zugleich kaltblütig an. „So, ſo!“ ſagte er hüſtelnd.„Da dürfte das Ge⸗ ſchäft wohl anderer Natur ſein, als ich dachte!“ Verlieren wir nicht viele Worte, Sir!“ verſetzte Leslie hochmüthig.„Ich muß Ihnen ohne weiteres erklären, und ich rechne für dieſe Erklärung auf Ihre Discretion als Gentleman, Sir, daß ich mit der Miſt⸗ reß Clairville ſo gut wie verlobt war, bevor ich ge⸗ nöthigt ward, Ende Januar an jener mißglückten Ex⸗ pedition der Panzerſchiffe Theil zu nehmen.“ „Ei, ſo gut wie verlobt? Das Erſte, was ich höre!“ „Ich kehrte mit einem Streifſchuſſe nach Richmond ——— —— — —. — — zurück und mußte vierzehn Tage das Zimmer hüten. Und als ich dann Miſtreß Clairville wiederſah, da fand ich ſie in ihrem Benehmen gegen mich vollſtändig verändert, dagegen Sie in der vollen Gunſt und in allen Soiréen als ſteten Begleiter dieſer Dame.“ Gaunt verwandte kein Auge von dem Major, verzog aber auch keine Miene. Gelaſſen rauchte er weiter und blies dichte Wolken von ſich. Da Leslie ſchwieg und eine Entgegnung erwartete, ſo nahm der Pflanzer endlich das Wort. „Sie ließen da vorhin etwas von Rechenſchaft geben fallen, Sir“, begann er in ſeinem gewöhnlichen trocke⸗ nen Ton, doch jetzt ohne die ſarkaſtiſche Beimiſchung, mit der er bisher das Geſpräch geführt hatte,„wollen Sie damit ſagen, daß ich mich Ihnen gegenüber wegen der Gunſt verantworten ſolle, welche mir Miſtreß Clair⸗ wille angedeihen läßt?“ „Ich will damit ſagen, Sir“, fuhr der Major heftig auf,„daß nur Sie die Schuld tragen, wenn Miſtreß Clairville mich jetzt kühl und zurückhaltend behandelt und vergeſſen zu haben ſcheinte welche Zugeſtändniſſe ſie mir gemacht, bevor— „Ah, ſie hat Ihnen Zugeſtändniſſe gemacht?“ „Wenn auch nicht direct, doch andeutungsweiſe. Sie aber, Sir, benutzten meine Entfernung von der —— 111 8 Lady, ihr Vertrauen zu erſchleichen, mich in ihren Augen herabzuſetzen, mich ohne Zweifel zu verleumden, um meine Stelle bei ihr einnehmen zu können. Es iſt Ihnen gelungen, mich zu verdrängen, und wenn dies auch dem Geſchmacke der Dame wenig Ehre cht, mir zeigt, daß ſie meiner Liebe nicht werth iſt— „In der That, Oliver Gaunt iſt weder ſo jung, ſo ſchön, noch ſo geiſtreich wie der Major Singleton!“ „Und wenn ich auch zu ſtolz bin, mich ferner um eine Lady zu bewerben, die Ihnen aus was immer für Rückſichten den Vorzug gibt, ſo werde ich doch nicht einem Manne, der ſicher nur durch Liſt und Trug ſeinen Zweck erreichte, geduldig weichen, ohne für die mir angethane Schmach von ihm Satisfaction zu fordern!“ „Das iſt ſehr ſchön und muthig geſprochen, Ma⸗ jor, ſo ſchön, daß Sie es ſicher irgendwo in einem unſerer Senſationsromane geleſen haben. Uebrigens ſtellt ſich Ihrer löblichen Abſicht leider eine kleine Schwierigkeit entgegen. Sie werden den Mann, wel⸗ chen Sie ſuchen, ſchwerlich finden, denn ich gebe Ihnen die Verſicherung, ich weiß ſeit einigen Augenblicken erſt durch Sie, daß Sie überhaupt nähere Beziehungen zu Miſtreß Clairville hatten. Die Lady ſprach niemals in meiner Gegenwart von Ihnen, und Sie machten mich nicht zum Vertrauten Ihrer Schmerzen, wie konnte —— —— ich alſo da von ſolchen Beziehungen etwas erfahren? Aus dieſer Erklärung geht aber ſelbſtverſtändlich hervor, daß ich Sie nicht verleumdet haben kann, wie Sie etwas vorſchnell vorausſetzten, mein Lieber!“ „Aber Sie werden doch Miſtreß Clairville heira⸗ then, Sir!“ „Den Teufel auch, ich denke nicht daran!“ Der hübſche Leslie blickte den kaltblütigen Gaunt überraſcht an. „Wie? Das iſt ja eine Infamie!“ ſtieß er nach kurzer Pauſe zornig hervor.„So hielt ich Sie für weniger ſchlecht, als Sie ſind, denn ich kenne Miſtreß Clairville hinreichend, um zu wiſſen, daß ſie Ihren Bewerbungen nur Gehör kann gegeben haben, nachdem Sie ihr die ehrenhafteſten Abſichten vorgeſpiegelt. Und ſo iſt mein Glück denn das Opfer eines Menſchen ge⸗ worden, den ſchon ſein Alter und ſeine Gebrechlichkeit von einem ſolaſterhaften Beginnen hätten abhalten ſollen!“ In Gaunt's häßlichen Zügen erſchien auch nicht der Schatten einer Erregung. Er lächelte boshaft. „Mäßigen Sie ſich in Ihren Ausdrücken, Sir“, ſagte er trocken,„Sie werden bald Urſache haben, die⸗ ſelben beſchämt zu widerrufen!“ „Niemals! Haben Sie nicht der Miſtreß Clairville eine ganz beſondere Aufmerkſamkeit gewidmet?“ — „Das iſt wahr!“ „Wußten Sie es nicht dahin zu bringen, daß die Lady Ihnen geſtattete, ſie täglich beſuchen zu dürfen, eine Vergünſtigung, deren ſich ſonſt Niemand rühmen darf?“ „Wieder wahr!“ „Sind Sie nicht darauf bedacht, die Dame hinter⸗ liſtig zu umgarnen, ſie durch eine ohne Zweifel gut geſpielte Komödie in Ihre Falle zu locken?“ „Sehr richtig!“ „Zum Teufel, Sir, wie können Sie es nach dieſen Zugeſtändniſſen noch wagen, vor mir den Biedermann zu ſpielen?“ 4 „Ich ſpiele ihn nicht, Sir, wie etwa ein jugendli⸗ cher Unbedachtſamer vor einem wehrloſen, leidenden Manne den Helden zu ſpielen ſucht! Wer ſagt Ihnen, daß ich der Miſtreß Clairville angelegentlich den Hof mache, daß ich mich wie ein Schatten an ſie hänge, um einen ſelbſtiſchen Zweck zu verfolgen?“ „Was könnte Sie ſonſt beſtimmen?“ „So erfahren Sie denn, Sie Kurzſichtiger, daß ich nicht allein Ihnen, freilich ohne es zu wollen, einen wichtigen Dienſt geleiſtet habe, ſondern auch im Begriff ſtehe, der Conföderation einen ſolchen zu leiſten!“ „Ich verſtehe Sie nicht!“„ Adolf Schirmer, Die Spionin. 1V 8 „Miſtreß Clairville iſt eine ſehr gefährliche Dame!“ „Wie?“ „Sie iſt nicht diejenige, für welche ſie ſich ausgibt!“ „Ah! „Kurz und gut, Sir, der ſehr ehrenwerthe Major Leslie Singleton ſtand im Begriff, ſich mit einer Spio⸗ nin zu verkoben!“ Der junge Offizier wich in höchſter Ueberraſchung einen Schritt zurück und ſtarrte den Pflanzer beſtürzt an. „Miſtreß Clairville eine Spionin?“ ſtammelte er. „Unmöglich! Haben Sie Beweiſe dafür?“ „Noch nicht, Sir, aber ſie iſt mir dringend verdäch⸗ tig! Hätten nicht die Erfolge der Nankees unſere Ver⸗ bindung mit dem Weſten aufgehoben, ſo würde ich jetzt ſchon wiſſen, was an den Erzählungen der Dame über ihre Familienverhältniſſe und Abkunft Wahres iſt. Durch einen Herrn aus Louiſiana erfuhr ich allerdings, daß ein Mr. Clairville am Red River, zwiſchen Marks⸗ ville und Big Bend, im Avovelles⸗County anſäſſig war und im vorigen Jahre durch die Nankees ſeine Be⸗ ſitzung und das Leben verlor, aber jener Herr meinte auch gehört zu haben, daß Mr. Clairville unverheira⸗ thet geweſen ſei, als er ſtarb.“ „Er meinte gehört zu haben, was will das ſagen!“ rief der Major aufathmend. N 115 „Ich beſitze noch andere Anhaltspunkte, Sir!“ fuhr Gaunt trocken fort.„Miſtreß Clairville hat einen Haus⸗ beſchließer, der den Eindruck eines verkappten Yankees auf mich macht, ferner beſteht ihr Hausgeſinde aus einer ſchwarzen Dienerin und einem Neger, die ſich immer nur ſehr verſtohlen zeigen, ſobald ich die Woh⸗ nung ihrer Herrin betrete, und mir augenſcheinlich vor⸗ ſichtig aus dem Wege gehen. Ich aber habe einen ſehr ſcharfen Blick, Sir, und da iſt es mir, als ſeien mir dieſe Nigger von Edmund Crawford's Plantage her bekannt, wo ich im Jahre 1863 ſchwer verwundet ward, wie Sie wiſſen. Als Miſtreß Crawford, die abolitioni⸗ ſtiſch geſinnte New⸗Yorkerin, nach dem Niggeraufſtande von der Plantage ihres ermordeten Gatten zu den Nankees entfloh, da nahm ſie unzweifelhaft ihre Lieb⸗ lingszofe und deren Mann mit ſich, denn dieſe Darkies blieben verſchwunden, während man des übrigen Ge⸗ ſindels habhaft ward. Miſtreß Crawford aber iſt die Schweſter jener berüchtigten Miß Palmer, die einſt in Culpepper unſern Lee und ſämmtliche Herren ſeines Hauptquartiers an der Naſe herumführte. Sind die Nigger der Miſtreß Clairville wirklich jene, welche ich bei den Crawfords ſah, dann läßt ſich mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß die eine Schweſter der an⸗ dern dieſes ſchwarze Volk überließ, auf daß dieſe 8˙* ——— 1 116 die Wittwe aus Louiſiana deſto täuſchender in Rich⸗ mond ſpielen könne.“ Der Major fuhr ſich in großer Aufregung mit der Linken durch das Haar, ſchritt dann im Gemache auf und ab und blieb wieder vor dem Pflanzer ſtehen, der gelaſſen rauchte und ſeinen Schaukelſtuhl in Bewe⸗ gung hielt. „Sie glauben alſo ernſtlich, Sir, daß Miſtreß Clairville die ſchlaue Spionin ſei, jene Miß Palmer?“ begann der wankelmüthige Leslie, der ſeinen Ton merk⸗ lich herabgeſtimmt hatte. „Ich möchte es beſchwören! Wenn ſie auch nicht der Miſtreß Crawford geradezu ähnlich ſieht, ſo iſt doch in ihren Zügen ein Etwas, das mich lebhaft an jene excentriſche Abolitioniſtin erinnert!“ „Aber Miſtreß Clairville iſt die Freundin der Miſt⸗ reß Davis, meiner Schweſter, der Preſtons.“ „Das ſpricht nur für die Kühnheit, die Geiſtes⸗ gaben des liſtigen Geſchöpfs. Als ränkevolle Spionin mußte ſie ſich in jene Kreiſe drängen, in denen ſie erfah⸗ ren konnte, was ihr zu wiſſen nöthig war. Sie ſagten vorhin, Major“, fuhr Gaunt ſcharf fort, indem er den ſtechenden Blick feſt auf ſein Gegenüber richtete,„daß Sie von der vermeintlichen Miſtreß Clairville halb und halb zärtliche Zugeſtändniſſe erlangt, wann geſchah das?“ — —„ 117 5 Leslie ließ den Blick beinahe zaghaft von dem Pflanzer auf den Boden niedergleiten. „Nun, drei oder vier Tage vor der James⸗River⸗ Expedition!“ antwortete er zögernd. „Und als die Flottille in der Nacht Fort Darling paſſirte, da fand ſie die Yankees ſo gut auf ihren Be⸗ ſuch vorbereitet, daß ſie nicht allein abgeſchlagen ward, ſondern auch noch den Dampfer Drewry einbüßte. Ich will nicht hoffen, Sir, daß Sie vor Ihrer Einſchiffung der Miſtreß Clairville mittheilten, was im Werke ſei?“ Leslie blickte verwirrt auf. „Sie verlangte zu wiſſen, wohin ich mich begebe“, ſtotterte er,„ſie zeigte ſich ſo untröſtlich, und da konnte ich nicht umhin, ihr den Grund meiner Entfernung anzugeben! Wenn Sie das Verhältniß berückſichtigen, in dem ich zu Miſtreß Clairville zu ſtehen hoffte—“ „Die Niederlage der Flottille iſt alſo erklärt, Sir!“ fiel ihm Gaunt mit höhniſcher Ueberlegenheit ins Wort. „Ihre Mittheilung ward insgeheim den Nankees berichtet, das iſt klar. Hüten Sie ſich, junger Mann, daß nicht Jefferſon Davis dieſen Vorgang erfährt!“ „Mein Gott“, rief der beſchränkte Leslie erſchrocken, „ich kann nicht glauben, daß Miſtreß Clairville— Wenn Sie geſehen hätten, mit welcher zärtlichen Be⸗ ſorgniß— 118 „Ich weiß nur ſo viel, Sir“, unterbrach ihn Gaunt, boshaft lachend,„daß die Lady ſeit Ihrer Rückkunft keine Notiz von Ihnen genommen. Es galt ſomit ihre Zärtlichkeit nur Ihrem Geheimniß. Ich bedaure Ihren Mangel an Lebensklugheit, Major!“ Der gute Leslie ſenkte ziemlich zerknirſcht das Haupt. Oliver Gaunt, der ſeit dem Eintreten des Majors mit dieſem geſpielt hatte, wie die Katze mit der Maus, hielt es jetzt für gut, einen andern Ton anzuſchlagen. „Beruhigen Sie ſich, Singleton“, ſagte er ſehr ſanft und gelaſſen.„Ich könnte mich freilich jetzt für die Be⸗ leidigung ſchadlos halten, welche Sie mir vorhin zu⸗ gefügt, aber ich will annehmen, daß Sie ſich jener Ausdrücke in der Leidenſchaft der Eiferſucht bedienten, und ſie vergeſſen, bin ich doch Ihr Freund und der⸗ jenige Ihres Vaters!“ „9 Sir!“ „Sie werden jetzt einſehen, daß ich Sie weder bei jener Dame verleumdete, noch Sie von ihr zu verdrän⸗ gen ſuchte. Und da Sie nun den Grund wiſſen, wes⸗ halb ich der Miſtreß Clairville auf Tritt und Schritt wie ein zärtlicher Verehrer folge, ſo mögen Sie auch erfahren, was ſonſt noch von meiner Seite geſchieht, dieſe Dame zu entlarven, der ich vorläufig noch nichts ———— beweiſen kann. Da ſie jedenfalls nur durch einen ihrer Untergebenen mit den Nankees heimlich correſpon⸗ dirt, ſo laſſe ich ſie bereits ſeit einiger Zeit ſcharf überwachen. Es müßte mit dem Teufel zugehen wenn ich nicht hänter die Schliche der Lady kommen ſollte!“ Major Leslie zeigte wieder eine heftige Erregung. „Glauben Sie denn Ihrer Sache ſo gewiß zu ſein?“ fragte er mit ſchwankender Stimme.„Wenn nun doch Miſtreß Clairville keine Spionin wäre! Die Expedition kann auch durch Andere den Nankees verrathen worden ſein, gibt es doch unter den Conföderirten Treuloſe! Und was die Neger betrifft, ſo iſt es doch auch mög⸗ lich, daß ſie ganz harmlos in den Beſitz derſelben ge⸗ langte, ſelbſt wenn dieſe ehemals dem Oberſten Craw⸗ ford angehörten. Ich beſchwöre Sie, Sir, handeln Sie nur nach reiflichſter Erwägung und nicht ohne die voll⸗ gültigſten Beweiſe erhalten zu haben, denn es gilt hier ein Menſchenleben, und ich geſtehe, daß mir Miſtreß Clairville noch jetzt nicht gleichgültig iſt!?' Aus Gaunt's tückiſchen Augen ſchoß ein verſtohlener Blitz auf den Major. „Ich werde nach meinem Gewiſſen meine Schuldigkeit thun, Sir!“ ſagte er trocken.„Und nun thun Sie die Ihrige!“ — — —— ——— 120 „Was ſoll ich thun?“ „Geben Sie mir Ihr Wort als Offizier, daß Sie die Dame nicht wiederſehen wollen. Sie iſt zu gefährlich für einen Mann, wie Sie ſind, ſie würde Ihnen auch das entlocken, was Sie jetzt wiſſen!“ Der gute Leslie ſchien einen kurzen, aber heftigen Seelenkampf zu beſtehen. Nach einigen Augenblicken jedoch antwortete er feſt:„Gut, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Offizier, daß ich Miſtreß Clairville nicht wiederſehen werde!“ Oliver Gaunt erhob ſich, ſtreckte eine ſeiner dür⸗ ren Hände aus und ſchüttelte die Linke des jungen Mannes. „Und nun verzeihen Sie mir, Leslie“, ſagte er, eine gewiſſe Herzlichkeit erheuchelnd,„daß ich Sie jetzt fortſchicke. Mein Ben muß mich ankleiden, denn Mr. Stephens erwartet mich.“ Die Herren ſchüttelten einander nochmals die Hand. Dann ging der Major, augenſcheinlich mit ſchwerem Herzen. Kaum hatte er das Gemach verlaſſen, als ſich Oli⸗ ver Gaunt's ſchmale Lippen zu einem dämoniſchen Grinſen verzogen. „Hätte dieſer Thor auch nur die leiſeſte Ahnung 8 —— —— —2 121 4 davon“, murmelte er,„daß ich denn doch in das ſchöne Weib vernarrt bin, er würde keinen Augenblick an⸗ ſtehen, die Lady ſeines Herzens zu warnen und an der Conföderation zum Verräther zu werden! Und was will denn ich? Ah, die Sache iſt nicht dieſelbe, bin ich doch kein ſchwärmeriſcher Tropf, handelt es ſich doch bei mir nur um eine kleine Zeitfrage! Mag nun die ſchöne Dame Miſtreß Clairville oder Alice Palmer heißen, ſie gehört mir, ſie muß mein wer⸗ den! Oliver Gaunt wird nicht leicht von einer Lei⸗ denſchaft erfaßt, doch iſt es geſchehen, dann ruht er nicht eher, als bis er ſeine Wünſche erreicht hat. Selbſt der gelaſſenſte und berechnendſte Menſch iſt kleinen Schwächen unterworfen, und er darf ſich kei⸗ nen Vorwurf daraus machen, wenn er ihnen momen⸗ tan folgt. Nur beherrſchen, blind machen dürfen ſie ihn nicht! Iſt der kleine Rauſch verflogen, dann hat man noch immer Zeit, ſich ſeiner Pflicht als Patriot zu erinnern und die Spionin ihrem verdienten Schick⸗ ſale zu überliefern!“ Gaunt kicherte in ſich hinein, bis ein heftiger Hu⸗ ſten ſeiner unheimlichen Heiterkeit ein Ende machte. Der Mulatte Ben trat in das Gemach. „Der Wagen des Hotels iſt bereit, Sir!“ „Gut. Kleide mich an!“ Der Pflanzer begab ſich in das anſtoßende Zimmer, Ben folgte ihm.. Zehn Minuten ſpäter beſtieg Gaunt eine Equipage des Broadſtreet⸗Hotels und begab ſich direct zu dem kleinen Hauſe der Miſtreß Clairville. Fünftes Kapitel. Miſtreß Clairville war nicht allein, ihre Freundin Jane Singleton leiſtete ihr Geſellſchaft. Beide Damen waren in eleganter Straßentoilette und bereit, das Haus zu verlaſſen. Sie befanden ſich in einem kleinen Parlor des Erdgeſchoſſes und plau⸗ derten, augenſcheinlich mit einiger Ungeduld eine dritte Perſon erwartend. Dieſe dritte Perſon war Oliver Gaunt. „Ob er Wort halten wird?“ warf Miß Jane nach⸗ läſſig hin, indem ſie mit apathiſcher Miene auf einen Balzae niederglitt und mit ihrer Lorgnonkette zu ſpielen begann. „Ah, er ſchrieb mir, daß er bereits im Beſitze des Erlaubnißſcheins ſei und ſich um drei Uhr einſtellen —— ———————— 124 werde!“ verſetzte die junge Wittwe lächelnd.„Wie Geſellſchaft vergeblich warten zu laſſen?“ Die zarte Jane wies ihre reizenden Perlenzähne; ſie gähnte nämlich. Dann blickte ſie auf die Zeiger einer prächtigen Stutzuhr, welche unter dem Wandſpiegel des Parlors ſtand. „Fünf Minuten über drei!“ ſagte ſie.„Wenn ich auf etwas warten muß, werden mir Minuten zu Stun⸗ den, ſelbſt in liebenswürdiger Geſellſchaft, meine Theure! Rechnen Sie dazu, daß ich in der That auf das Schau⸗ ſpiel neugierig bin, das uns Mr. Gaunt verſprochen! Wir werden doch einmal eine andere Unterhaltung als das ewige Einerlei haben, welches uns jetzt das lang⸗ weilige Richmond bietet. Ihr Vorſchlag, uns die ge⸗ fangenen Nankees auf Belle Isle anzuſehen, iſt wirklich eine ganz hübſche Idee!“ „Sie irren, liebe Jane, der Gedanke kam von Ihnen!“ „Ich wüßte doch nicht—“ „Aber das iſt köſtlich! Sie waren es ja, die mir und dann auch auf mein Zureden Mr. Gaunt dieſen Vorſchlag machte!“ „So? Nun, es kann ſein, liebe Julia. Jedenfalls war ich es, die mit Gaunt zuerſt davon ſprach. Ich könnte es ein Gentleman wagen, zwei Damen der guten 8 ———— 4 „G — ich habe im Theater immer die erſchütternden Scenen am liebſten geſehen. Nur fürchte ich, daß dieſe Yankees einen unüberwindlichen Ekel bei uns erregen werden; man ſagt, ſie ſollen halb verhungert ſein und Skeletten gleichen! Und wenn dieſe zerlumpten Scheuſale vielleicht gar halb nackt wären— pfui! Aber laſſen wir es nur auf den Verſuch ankommen, ein gelindes Schaudern regt doch bei mir immer die Nerven ſo gewiß wohl⸗ thätig an. Geht es Ihnen nicht auch ſo, Liebe? Wird es uns zu viel, ſo machen wir uns fort, das iſt Alles! Aber vergeſſen Sie nur nicht Ihr Flacon!“ Miſtreß Clairville lachte ſpöttiſch. „Ich bin bereits damit bewaffnet!“ antwortete ſie. „Ach, Julia, denken Sie ſich, ich wollte geſtern Eau de Cologne kaufen— glauben Sie, ich hätte in ganz Richmond auch nur das winzigſte Fläſchchen auftreiben können? Wenn dieſe Zuſtände hier nicht bald ein Ende nehmen, ſo muß ich verzweifeln! Apropos, ich bin überzeugt, Gaunt würde nicht ſo raſch auf meinen Wunſch eingegangen ſein, wäre er nicht auch der Ihrige geweſen!“ 4 „Wirklich?“ „Wahrhaftig, Julia, ich weiß nicht, was ich von Ihrem Geſchmacke denken ſoll!“ denke, wir werden uns gut unterhalten, meine Liebe, — — —õ: — „Ei!“ „Nun, es iſt doch klar, daß dieſer Gaunt außer⸗ ordentlich in Ihrer Gunſt ſteht! Alle Welt behauptet, Sie würden ihn nächſtens heirathen!“ „Alle Welt iſt bisweilen thöricht!“ „Es wäre auch zu arg, meine Liebe.“ „Weshalb?“ G „Sie ſind reich, jung, unabhängig, und Gaunt iſt ein kranker, ausgelebter und nebenbei ſehr boshafter Mann!“ „Aber er kann recht liebenswürdig ſein und beſitzt Geiſt—“ 3 „Eben zu viel Geiſt von einer fatalen Sorte und zu wenig Körper— Sie werden eine Leiche heirathen!“ „Ich denke ja gar nicht daran, mich mit ihm zu vermählen!“ „Das iſt ſehr verſtändig! Ueberdies iſt ſein ehe⸗ mals großes Vermögen ſehr zuſammengeſchmolzen! Wenn Sie aber nicht beabſichtigen, Miſtreß Gaunt zu werden, der Ihnen denn doch ſehr den Hof macht, was Sie nicht leugnen können, was verſcheuchen Sie dann Ihre übrigen Verehrer?“ „Ich?“ „Zum Beiſpiel den guten Leslie! Sie müſſen doch bemerkt haben, wie traurig er bei uns im Hauſe um⸗ herſchleicht und die Flügel hängen läßt!“ „Ich habe das nur von einem Flügel bemetkt, und das iſt derjenige, den die Yankees im Januar ein wenig unſanft ſchüttelten!“ „Sie Boshafte!“ Miß Jane konnte nicht umhin, laut aufzulachen, denn auch ſie gab auf die Verwundung ihres verzär⸗ telten Bruders nicht, viel. 2 Miſtreß Clairville nahm aber jetzt eine ernſthafte Miene an.„ „Ich muß Ihnen ſagen, liebe Jane, daß ich vorerſt noch gar nicht daran denke, mich zu vermählen. Und da ich wünſche, alle Beaus vorläufig von mir fern zu halten, habe ich den Mr. Gaunt zu meinem Haus⸗ freunde gemacht, der ſie mir vertreibt. Seien Sie ver⸗ ſichert, Jane, daß ich eines Tages nur nach meinem Herzen wählen werde. Bis dahin möge die Welt immer⸗ hin an meinem guten Geſchmacke zweifeln! Doch ſieh, da iſt Gaunt! Er hat uns warten laſſen, kommen Sie, wir wollen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten!“ Miſtreß Clairville hatte von einem der Fenſter aus, wo ſie geſtanden, die heranrollende Equipage bemerkt. Sie hüllte ſich in ihren koſtbaren Shawl und ſchritt der ſich erhebenden Miß Jane voran aus dem Parlor. Im Hausflur kam ihnen der Pflanzer entgegen und brachte einige Entſchuldigungen über ſein ver⸗ —— —eq·¾ʃʃ¾·¾ — ſpätetes Erſcheinen vor, die lächelnd entgegengenom⸗ men wurden. „Ich hoffe, Sir“, ſagte Miſtreß Clairville,„daß uns die Unterhaltung für die Mühe des Wartens ent⸗ ſchädigen wird!“ „Und ich, unſere Erwartungen übertroffen zu ſehen!“ entgegnete Gaunt verſchmitzt lächelnd, indem er die Ladies zum Wagen führte. Die kleine Geſellſchaft fuhr durch die Stadt und zum Fluſſe, bis in die Nähe der Tredegar⸗Eiſenwerke. Dort vertauſchten die Herrſchaften die Equipage mit einem Boote und ließen ſich zu der Inſel hinüberrudern, welche nun ſchon ſo lange der Schauplatz unſaglichen Elends war. Belle Isle iſt, wie bereits früher im Verlaufe dieſer Erzählung erwähnt ward, eine ziemlich wüſte Inſel des Jamesfluſſes. Sie erhebt ſich nur wenig über das Niveau des Waſſers, iſt daher ſtellenweiſe ſumpfig. Bei anhaltend regneriſchem und ſtürmiſchem Wetter über⸗ ſchwemmt der hochgeſchwollene Strom die ſandigen Ufer dieſer flutumſpülten Einöde. Sie iſt an manchen Stellen mit Geſtrüpp bedeckt, auch ragen da und dort ziemlich anſehnliche Baumgruppen empor, aber ſelbſt in der ſchönſten Jahreszeit gewährt ſie weder einen maleriſchen Anblick, noch iſt ſie wegen ihrer Bodenbeſchaffenheit er⸗ tragsfähig und zur Anſiedelung geeignet. 129 Dieſes ungeſunde Sumpfland inmitten des James⸗ fluſſes war ſchon bald nach Eröffnung des Bürger⸗ kriegs von den Conföderirten zum Aufenthalt für ihre Kriegsgefangenen auserſehen worden. Der mordluſtigſte und grauſamſte Tyrann hätte kein troſtloſeres Aſyl für ſeine zu peinigenden Schlachtopfer ausfindig machen können, als dasjenige war, welches die Süder ihren unioniſtiſchen Brüdern angewieſen hatten. Was dieſen ihre elende Lage auch nur einiger⸗ maßen hätte erleichtern können, ward ihnen gefliſſentlich mit raffinirteſter Bosheit entzogen. Es waren auf Belle Isle nicht etwa Gefängnißhäuſer errichtet worden, die, wenn auch noch ſo primitiv erbaut, doch den Gefan⸗ genen ein Obdach gewährt haben würden, einen wenn auch nur dürftigen Schutz gegen die rauhen Nordſtürme und die eiſige Kälte des Winters, die verſengende Son⸗ nenglut der heißen Jahreszeit, die Fieberatmoſphäre des Nebels, der ſo häufig auf den feuchten Niederungen der Inſeln lagert, nein, was ſich von wenigen Holz⸗ baracken auf Belle Isle erhob, hatte nur die Beſtim⸗ mung, jene Mannſchaft zu beherbergen, welche die Ge⸗ fangenen bewachte. Dieſen aber war nur eine geringe Anzahl zerlumpter Leinenzelte überlaſſen, und da die Menge der auf ſchmalem Raume zuſammengedrängten Unioniſten ſeit dem Jahre 1862 ſtets nach Tauſenden Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 9 —,4 zählte, ſo konnten alſo von den Unglücklichen immer nur einige hundert die zerfetzten Zelte benutzen, wäh⸗ rend alle Uebrigen genöthigt waren, ſich unter freiem Himmel jeder Unbill der Witterung Tag und Nacht auszuſetzen, zur Lagerſtatt die ſumpfige Erde oder höchſtens, darüber ausgebreitet, den Reſt einer zerriſſenen Wolldecke, die nach kurzem Gebrauche einem abſcheu⸗ lichen Kehrichthaufen glich. Aber auch jene, denen nach der Reihenfolge vergönnt ward, unter ein Zelt kriechen zu dürfen, fanden dort kein beſſeres Bett. Dazu kam noch, daß die von Haß gegen die Abo⸗ litioniſten erfültten Süder aus Habgier oder Bosheit die Armen, welche nach Belle Isle gebracht wurden, gemeiniglich eines großen Theiles ihrer Kleidungsſtücke beraubten, ſodaß viele halbnackt umhergehen mußten, oft nur mit einer ohnehin ſchadhaften Hoſe bekleidet. Das Wenige, was ihnen gelaſſen worden, befand ſich übrigens nach kurzem Verweilen auf der Inſel in einem ſolchen Zuſtande, daß ſelbſt der ſchamloſeſte Vagabund des Bettlerviertels großer Städte Anſtand genommen hätte, ſich in ſolcher Tracht zu zeigen. Den unglück⸗ lichen Yankees, die ſich im Herbſt und Winter in den Koth vergraben mußten, um nicht zu erfrieren, faulte buchſtäblich der ſchon durch die Kriegsſtrapazen abge⸗ nutzte Anzug vom Leibe. Stiefel und Kopfbedeckung waren ein Luxusartikel geworden, den man nur noch ſelten und dann faſt immer in nahezu unkenntlichem Zuſtande erblickte; wenn die Sonne im Hochſommer ihre Strahlen herniederſandte, dann ward mancher Un⸗ glückliche, der nicht einmal ein armſeliges Tuch beſaß, ſein Haupt damit bedecken zu können, durch einen Son⸗ nenſtich von plötzlichem Wahnſinne erfaßt und war nach wenigen Stunden eine Leiche. Die nach unſaglichen Entbehrungen Geſtorbenen wurden aber nicht etwa ſo⸗ fort aus der Nähe der Ueberlebenden entfernt, ſondern abſichtlich oft tagelang liegen gelaſſen, ſodaß die armen Gefangenen ſich genöthigt ſahen, den Anblick der furcht⸗ bar entſtellten Leichen zu ertragen und die rings um dieſe her verpeſtete Luft einzuathmen. Die fürchterlichſte aller Plagen aber, welche die barbariſchen Süder über ihre Opfer verhängten, um ſie allmälig körperlich und geiſtig zu vernichten und ſo der läſtigen Verpflichtung, ſie erhalten zu müſſen, enthoben zu ſein, war der Hunger. Man reichte den Gefangenen von Belle Isle nur den dritten Theil jener Nahrung, deren ein Menſch bedarf, um nicht nach und nach ganz zu verkommen. Diejenigen, welche im Ver⸗ laufe des Kriegs durch Auswechſelung aus ihrer wahr⸗ haft grauenerregenden Lage erlöſt wurden, behaupten, man habe ſie mit Vorſatz, alſo ſyſtematiſch ausge⸗ 9*½ 8 8 4— ͤ 8 — ũggßf —— — 132 hungert, während die Seceſſioniſten dagegen erklären, daß ſie ſich mit dem beſten Willen nicht in der Lage befunden hätten, den nöthigen Lebensmittelbedarf auf⸗ zutreiben, da ſelbſt in Richmond und der Umgegend ſehr oft Mangel an dem Nöthigſten eingetreten ſei und man kaum gewußt habe, wie man die eigene Truppenmaſſe genügend verſorgen ſolle.. Das mochte nun wohl allerdings im Winter und Frühjahre 1865 der Fall geweſen ſein, in jener Zeit, da die Rebellenhauptſtadt durch die Belagerung von faſt jeglicher Zufuhr abgeſchnitten war und Sherman ſich des reichgeſegneten Süd⸗Carolina bemächtigt hatte, aber es iſt kaum glaublich, daß vor jenem Zeitabſchnitte die Verpflegungscommiſſare der Süder ſich in einer ſo großen Bedrängniß befunden haben ſollten, und man muß eher annehmen, daß die entmenſchten Rebellen, indem ſie ihre Kriegsgefangenen verhungern ließen, in ihrem Fanatismus ein Werk der abſcheulichſten Rache übten. Wie dem auch ſei, jene Thatſache ſteht feſt, daß ſeit Errichtung des Gefangenendepots auf Belle Isle bis zum Frühlinge des Jahres 1865 Tauſende dort dem Hungertyphus erlegen waren. Dieſer und die beiſpielloſen Entbehrungen, denen die Unglücklichen aus⸗ geſetzt wurden, forderten im Durchſchnitte ihre fünfzig Opfer täglich. Es iſt leicht erklärlich, daß die Körper „ ——— — 133 2 jener Gefangenen, welche ſchon längere Zeit auf Belle Isle geſchmachtet hatten, durch das Entziehen der Nah⸗ rung blutarm und in ihrer animaliſchen Wärme herab⸗ geſtimmt waren, ſomit auch nicht mehr die Fähigkeit beſitzen konnten, einer rauhen Witterung kräftigen Wi⸗ derſtand zu leiſten. Um ſich nur einigermaßen des Nachts warm halten zu können, waren dieſe Unglücklichen zur Winterzeit genöthigt geweſen, ſich haufenweiſe über einander zu legen, dicht zuſammengepreßt, und dann — die Feder ſträubt ſich faſt, es niederzuſchreiben— hatte man in jenen Tagen immer des Morgens die äußere Schicht der Armen ſtarr und todt gefunden.*) Zur Zeit, in der wir Oliver Gaunt mit ſeinen La⸗ dies der Inſel einen Beſuch abſtatten ſehen, hatte ſich dort das Loos der gefangenen Unioniſten keineswegs verbeſſert. Nur diejenigen, welche erſt kürzlich dort hingebracht worden, zeigten noch ein leidliches Aus⸗ ſehen, die übrigen, denen ihre zähe Körperbeſchaffen⸗ heit verſtattet hatte, den Winter an dieſem Orte des Jammers zu überdauern, glichen kaum mehr menſch⸗ lichen Weſen, ſondern eher jenen unheimlichen, ab⸗ *) Der Verfaſſer hat alles über die Gefangenen von Belle Isle Geſagte dem gedruckten officiellen Berichte entnommen, welcher von der Sanitätscommiſſion der Unionsarmee veröffentlicht worden iſt und zahlloſe actenmäßige Belege für die Wahrheit obiger Mittheilungen beibringt. —— — 134 ſchreckenden Schemen, welche die düſtern Phantaſien eines Fieberkranken oder Wahnſinnigen heraufzube⸗ ſchwören pflegen. Da lagen, hockten oder ſtanden ſie haufenweiſe beiſammen, dieſe einſt ſo kräftigen, lebens⸗ freudigen Männer der Union, jetzt verwildert, todes⸗ matt, ſkelettartig zuſammengeſchrumpft, in dumpfer Re⸗ ſignation oder wilder Verzweiflung, und rings um dieſe Schaar dem grenzenloſeſten Jammer preisgegebener Wehrloſer waren in einiger Entfernung Kanonen auf⸗ gepflanzt, ſtanden Männer des Südens mit brennender Lunte, jeden Verſuch einer Auflehnung energiſch zurück⸗ zuweiſen, waren die Schildwachen bereit, Jeden nieder⸗ zuſchießen, der in einem Anfall düſterer Hoffnungs⸗ loſigkeit die geſteckte Grenze überſchreiten werde, um den Tod zu ſuchen. Ein Maler, der es ſich zur Aufgabe geſtellt, ein erſchütterndes Bild des höchſten menſchlichen Elends durch den Pinſel zu verewigen, hätte keinen Ort auf⸗ ſuchen können, der ihm für ſeine Studien einen draſti⸗ ſchern Anhalt würde geboten haben, als Belle Isle mit dieſem auf einen engen Kreis zuſammengepferchten Gewimmel troſtloſer Geſtalten. Hier neben einem kraft⸗ los Zuſammengeſunkenen, deſſen verzerrtes, bis in die Lippen hinein bläulichfahles Antlitz den Sterbenden verkündet, hockt ein halbnackter, mumienhafter Mann, Haar und Bart zerzauſt, den Blick ſtier und glanzlos auf den Boden geheftet; weiterhin hat ſich ein Unglück⸗ licher zum Schlamm gewälzt und kühlt ſtöhnend den wund gelegenen Körper mit der ekelhaften Flüſſigkeit; an jenem Geſtrüppe zwei zerlumpte und abgezehrte Männer, der eine das todmüde Haupt an die Bruſt des andern gelehnt, aus deſſen Zügen bereits der thieriſche Stumpfſinn des dumpf brütenden Irrſinnigen ſpricht. Wenige Schritte von ihnen verwünſcht ein An⸗ derer auf den Knieen, die dürren Fäuſte gen Himmel reckend, mit raſender Geberde und unter grauſigen Flüchen ſein Schickſal, während ihm zur Seite zwei zottige Geſtalten in wilder Gier um einen bereits ab⸗ genagten Knochen ſtreiten. Und ſo enthüllt Gruppe für Gruppe in dieſem Chaos menſchlichen Elends ein neues, immer wüſteres und grauſenvolleres Bild. Und wenn nun erſt die Henker dieſer Gefangenen mit der dürftigen, ſchlechten Nahrung erſcheinen, die den Un⸗ glücklichen täglich nur einmal gereicht wird, wie drängen und ſchleppen dieſe ſich da rottenweiſe heran, wie leuchtet da unheimliche, abſchreckende, fieberhafte Gier aus den Blicken aller, wie zerren ſie einander zur Seite, weil jeder den kärglichen Biſſen, der vielleicht noch einen Tag Leben gewährt, dem andern wegzuſchnappen trach⸗ tet, wie regt da der Selbſterhaltungstrieb die düſterſten — ——— —— 136 Leidenſchaften in dieſen verſtörten Gemüthern auf! Als Dante die Schrecken der Hölle ſchilderte, da gab es 8 noch kein Belle Isle und keine rebelliſchen Pflanzer⸗ barone, da hatte der Dichter der„Göttlichen Komödie“ wohl kaum eine Ahnung, daß civiliſirte Menſchen der⸗ einſt in der Wirklichkeit an Rechtſchaffenen begehen würden, was er in ſeiner düſtern Phantaſie durch Teufel an Verdammten ausüben ließ. Wahrlich, dieſe Bar⸗ baren, welche duldeten oder gar befahlen, was im An⸗ geſichte ihrer Hauptſtadt geſchah, verdienten es, durch einen modernen Dante, der die Leiden der gefangenen 8 Unionsſoldaten in ihrer ganzen entſetzlichen Nacktheit zu ſchildern verſtünde, für ewige Zeiten gebrandmarkt zu werden! Außer Belle Isle hatte Richmond noch ein Gefan⸗ genendepot, das Libby⸗Gefängniß. In dieſem aber ſchmachteten nur Offiziere. Auch ſie wurden mit der äußerſten Härte behandelt und erhielten ſchlechte, keines⸗ wegs hinreichende Nahrung, doch waren ſie wenigſtens unter einem ſchützenden Dache, in einem ziemlich weit⸗ läufigen Gebäude, das im öſtlichen Theile der Stadt in der Nähe des Fluſſes lag. Das Libby hatte große Säle, doch waren darin ſo viele Gefangene unterge⸗ bracht, daß dieſen nur wenig Raum zur Bewegung blieb. Die Atmoſphäre dieſer Säle, in denen ſich auch 137 2 die Schlafſtätten der Offiziere befanden, ward oft nahe⸗ zu erſtickend dunſtig und geradezu unerträglich, dennoch durften die Gefangenen nicht an ein Fenſter treten, um dort friſche Luft zu ſchöpfen; die Schildwachen, welche vor den Gebäuden ſtanden, hatten den Befehl, auf Jeden ſofort zu ſchießen, der ſich an einem der Fenſter zeigen würde, und ſo geſchah es denn von Zeit zu Zeit, daß ein Gefangener, der achtlos einem der Fenſter zu nahe gekommen, ſeine Unvorſichtigkeit mit dem Leben büßte. Obgleich die Gefangenen von Belle Isle ſowohl wie diejenigen von Libby von jeglichem Verkehr mit der Bevölkerung Richmonds abgeſchnitten waren, er⸗ fuhren ſie doch auf die eine oder andere Art allerlei Neuigkeiten vom Kriegsſchauplatze und den Stand der Dinge im Allgemeinen. Meiſtens war es der Zuwachs an Gefangenen, der die neueſten Nachrichten brachte. Und ſo wußte man denn von dem immer ſiegreichern Vordringen der Unioniſten und durfte ſich der Hoff⸗ nung auf eine baldige Erlöſung hingeben. Freilich beſtand dieſe Hoffnung für Manchen, der auf Belle Isle in völliger Erſchöpfung ſeiner Kräfte bereits den Tod an ſeinem Herzen nagen fühlte, nur noch in der Ausſicht, vor ſeinem nahen Verſcheiden wenigſtens den Fall Richmonds und der Rebellentyrannei erleben zu —— ———“ 138 können, aber das war doch immer ein Troſt für den wackern Patrioten, dem ſelbſt während der furchtbarſten Heimſuchungen das Schickſal des Vaterlandes mehr galt als die eigene Exiſtenz. Die Gefangenen hatten in der That alle Urſache, ſich dem guten Glauben an ein baldiges Ende des Bürgerkriegs hinzugeben. Durch Kämpfe, welche vor den Mauern Petersburgs bei Dinwiddie⸗Court⸗Houſe und Hatcher's Run ſtattgefunden, war es der Unions⸗ armee gelungen, die Einſchließung des Sitzes der Re⸗ bellion gen Weſten noch weiter als früher vorzuſchieben, der tapfere Reitergeneral Sheridan aber hatte das She⸗ nandoahthal vom Feinde geſäubert, den General Early bei Waynesboro geſchlagen, war dann bis nach Lynch⸗ burg und zum Jamesfluſſe vorgedrungen, und da er es nicht durchgeſetzt, eine Verbindung mit der Armee Grant's im Süden Richmonds herzuſtellen, hatte er mit ſeinen zehntauſend Reitern, überall auf ſeinem Wege Eiſenbahnen und Kanäle zerſtörend, hinter Lee's Rücken im Norden eine Schwenkung um die Rebellenhauptſtadt gemacht und durfte ſicher ſein, gegen Ende März die Heeresmacht Grant's verſtärken zu können. Zog man nun noch in Betracht, daß Sherman vom Süden ſieg⸗ reich heranrückte, ſo mußte es einleuchten, daß unfehlbar bald das letzte Stündlein der Rebellion ſchlagen werde. —= A— 139 5 Deſſenungeachtet zeigten die Conföderirtenchefs in Richmond noch immer eine kecke Stirn. Von den dro⸗ henden Verhältniſſen gedrängt, hatten ſie freilich ein Compromiß mit dem Norden angeſtrebt und die Herren Stephens, Campbell und Hunter an Lincoln abge⸗ ſendet, jenen Herren jedoch eingeſchärft, mit dieſem nur unter der Bedingung zu unterhandeln, daß er die Se⸗ ceſſion und den Präſidenten derſelben anerkenne und die Verhandlung auf Grund der Unabhängigkeit des Südens von der Union geführt werde. Lincoln, der die Herren am dritten Februar in Hampton Roads auf einem Dampfboote empfangen, hatte ihnen rundheraus erklärt, daß er nur Rebellen kenne, welche bedingungs⸗ los die Waffen zu ſtrecken und der Verfaſſung der Union Gehorſam zu leiſten hätten. Darauf waren die drei Delegirten unverrichteter Sache abgezogen, hatte ſich nach Rückkunft der Commiſſare ein Sturm erhoben, der am ſechſten Februar in einer Monſtre⸗Beſprechung und einige Tage ſpäter in einem„Kriegs⸗Meeting“ gegen die Union am heftigſten getobt. In dem letzten Meeting war dann beſchloſſen worden, den Krieg für die Unabhängigkeit des Südens gegen den Norden bis zur Vernichtung des einen oder andern Theils fortzuſetzen. Der Fall Columbias und Charleſtons, die gänzliche Niederlage des rebelliſchen Weſtens und die Erfolge Sheridan's 140 in Weſt⸗Virginia ließen nun freilich im März die Süd⸗ ſtaatenführer ahnen, welcher Theil der unterliegende ſein werde, dennoch fuhren ſie fort, das Haupt hoch zu tragen, aber ihre problematiſche Zuverſicht war nur noch der Muth der Verzweiflung. Alle dieſe Dinge wurden, wie vorhin bemerkt, den Gefangenen von Belle Isle und Libby durch die neuen Ankömmlinge bekannt, welche bei den Plänkeleien und Scharmützeln, die ab und zu vor den Schanzen Peter⸗ burgs ſtattfanden, den Rebellen in die Hände gerathen waren. In der peinlichſten Ungeduld blickten die ſo ſchwer geprüften Unglücklichen der nächſten Zukunft ent⸗ gegen, und ſelbſt jene, denen der Tod ſchon auf den Lippen ſaß, rafften noch einmal den Reſt ihrer Willens⸗ kraft zuſammen, die Elend und Entbehrungen faſt völlig gebrochen hatten. Es war um die vierte Nachmittagsſtunde, als Oliver Gaunt mit ſeinen Damen die Inſel erreichte. Der Pflanzer fragte ſofort nach dem wachthabenden Offizier und ward zu dieſem gewieſen. Die Ladies folgten. Der Offizier, ein blutjunger Menſch, prüfte den Er⸗ laubnißſchein und wandte ſich dann lächelnd an die ſchönen Gefährtinnen Gaunt's. „Ich werde mir erlauben, meine Damen“, ſagte er 141 verbindlich,„Sie ſelber herumzuführen. Doch muß ich Sie bitten, ſich auf einige ſtarke Ne⸗ ervenproben gefaßt zu machen!“ „Sie finden es wohl ſonderbar, Sir“, verſetzte Miſtreß Clairville,„daß ſich Ladies von guter Erziehung zu einem ſolchen Schauſpiele drängen. Meine Freundin und ich können zu unſerer Entſchuldigung nur ſagen, daß uns nicht die Neugier allein hierher geführt, ſondern auch der Patriotismus. Wir haben ſo viel von den Greueln geleſen, welche die Truppen der verabſcheuungswürdigen Abolitioniſten jüngſt erſt in Süd⸗Carolina verübten, daß wir uns getrieben fühlen, mit eigenen Augen das Werk der Wiedervergeltung zu ſehen, um nicht an der Gerechtigkeit der Vorſehung verzweifeln zu müſſen!“ „Es bedarf keiner ſolchen Apologie von Ihrer Seite“, bemerkte der Offizier in ſcherzhaftem Ton,„denn Sie ſind nicht die einzigen Damen, welche unſer kleines Stillleben auf Belle Isle eines Beſuchs würdig halten. Iſt ſchon die Befriedigung der Neugier ſüß, ſo iſt es diekenige der Rache noch mehr, und wer wollte es un⸗ ſern patriotiſchen Ladies verwehren, beide an und für ſich ſo löblichen Zwecke mit einander zu verbinden? Nur, wie geſagt, muß ich bemerken, daß hier mancher Anblick nicht gerade für ſchwachnervige Damen geeignet ſein dürfte.“ ———=—₰ — 1 —— 142 „Es gibt Umſtände, Sir“, warf Miß Singleton lächelnd und gelaſſen hin,„unter denen jede Dame von Welt ſtarke Nerven hat!“ „Ich bin durch dieſe Verſicherung vollkommen beruhigt!“ erwiderte der junge Poſtencommandant ſarkaſtiſch, aber mit ſehr ernſthafter Miene.„Wir werden daher unſere Wanderung antreten, wenn es gefällig iſt!“ Gaunt, der an der Seite ſeiner Damen den galan⸗ ten, völlig harmloſen Cavalier ſpielte, hatte deſſen⸗ ungeachtet keinen Augenblick verabſäumt, Miſtreß Clair⸗ ville verſtohlen und ſcharf zu beobachten. Da er über⸗ zeugt war, daß der Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit mit dieſem Beſuche Belle Isles eine geheime Abſicht verbinde, denn es mochte wohl auch die Beſichtigung eines Gefangenendepots in den Wirkungskreis des Spionsdienſtes gehören, ſo hatte es ſich der ſchlaue Pflanzer zur Aufgabe geſtellt, jede Bewegung der ſchönen Dame zu bewachen, um ſie womöglich über einer Unvorſichtigkeit zu ertappen, die geeignet ſein konnte, die Ausführung ſeiner Pläne zu fördern. Um ſich gewiſſermaßen auch der leiſeſten Kund⸗ gebung einer innern Erregung der jungen angeblichen Wittwe vergewiſſern zu können, gab er dieſer den Arm. „Wenn ſie auch nur durch einen Athemzug, einen — 143 Seufzer oder Blick ihre Sympathie für dieſe Yankees verräth, ſo iſt ſie mein!“ dachte er, im Stillen froh⸗ lockend. Was Miſtreß Clairville in dieſer eigenthümlichen Situation dachte, mag dahingeſtellt ſein. Jedenfalls zeigte ſie ſich nicht weniger unbefangen als ihr gleiß⸗ neriſcher Capalier. Miß Singleton ſchritt dem Paare an der Seite des jungen Offiziers voran, der ihnen als Führer diente. Die gute Miß bewahrte ſich jene glückliche Haltung, welche für ihre Nerven nichts befürchten ließ. Da ſie das zu Erwartende ſo zu ſagen als einen flüchtigen Zeitvertreib anſah, als eine Art Theater⸗ vorſtellung, ſo befand ſie ſich auch gerade in jener Stimmung, in welcher ein Freund von Schauerdramen bei dem Beginne eines ſolchen den Vorhang in die Höhe rollen ſieht. Man erreichte die Linie der um das elende Lager der Gefangenen aufgeſtellten Poſten und warf einen Blick auf das in geringer Entfernung ſich ausbrei⸗ tende ſchaudererregende Gewimmel zerlumpter Geſtal⸗ ten, dem rings die Kanonenſchlünde drohend zugekehrt waren. Miß Jane beäugelte die Gruppen der Unglücklichen durch ihre Lorgnette. ————— 144 „Shocking!“ lispelte ſie.„Wenn ſolches Geſindel in Richmond die Oberhand bekäme, wären wir alle verloren! Dieſe Yankees ſehen ärger aus als Räuber!“ Miß Singleton hatte nun wohl in Bezug auf das Ausſehen der Gefangenen ganz Recht, aber es kam ihr nicht in den Sinn oder ſie hütete ſich wohl, die Frage zu ſtellen, wem die armen Obdachloſen ein ſolches Aus⸗ ſehen verdankten. „Seien Sie außer Sorgen, meine Ladies“, ant⸗ wortete ihr militäriſcher Begleiter lächelnd, indem er den Lauf der zunächſt ſtehenden Kanone berührte,„Sie ſehen, daß wir mit dem Nöthigen ausgerüſtet ſind, dieſes Geſindel im Zaum zu halten.“ „Mir ſcheint, daß es den Nankees in einer ſolchen Lage kaum einfallen kann, Verſchwörungen zu ihrer Befreiung anzuzetteln!“ bemerkte Miſtreß Clairville. „O doch, Ma'am“, erwiderte der Offizier.„Sie ken⸗ nen nicht die Zähigkeit und den deſperaten Charakter dieſer Neuengländer! Uebrigens werden ſie nicht leicht etwas anzetteln können, ohne daß wir davon erfahren ſollten, denn wir haben immer einige als Nankees ver⸗ kleidete Späher unter dem Geſindel.“ „Ah, das iſt intereſſant!“ ließ ſich Miſtreß Claivville vernehmen. „Man würde ſicher noch mehr erfahren“, bemerkte — — 8 4 ———— Gaunt,„wenn man ſich bei dieſem Volke weiblicher Spione bedienen könnte, denn Frauenzimmer ſcheinen immer in der Aufſpürung von Geheimniſſen geſchickter zu ſein als die Männerwelt. Was dem Manne ver⸗ borgen bleibt, pflegt das Weib inſtinktartig zu errathen. Sind Sie nicht auch der Anſicht, Ma'am, daß das weibliche Geſchlecht natürliche Anlagen für die Spio⸗ nage beſitze?“ Gaunt lächelte verſchmitzt und blinzelte die ſchöne Lady, welche an ſeinem Arm hing, eigenthümlich an. „Ei“, entgegnete Miſtreß Clairville lachend,„ich gebe zu, daß wir in der Gabe, Herzensangelegenheiten zu ergründen, den Herren voraus ſind, doch auf die Politik dürfte ſich unſer Talent kaum erſtrecken. Wozu wäre es auch für uns gut, dieſes Feld zu betreten, das die alten Weiber der Männerwelt eiferſüchtig als ihr Monopol bewachen?“ Der junge Poſtencommandant lachte und rief:„Vor⸗ trefflich abgefertigt, Ma'am!“ Gaunt biß ſich in die Lippen und fand es dann für gut, in das Gelächter einzuſtimmen. Miß Jane aber lorgnettirte in einiger Beſorgniß die Geſchütze und ſagte dann:„Dieſe Kanonen ſind doch hoffentlich nicht geladen, Sir?“ „Ah, ich wäre untröſtlich, wenn ſie es nicht wären“, Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 10 erwiderte der Offizier,„denn alsdann könnte ich mich auf ein Kriegsgericht gefaßt machen!“ „Aber Sie werden doch nicht ſchießen laſſen, Sir, ſolange wir auf der Inſel ſind?“ fuhr Miß Singleton unruhig fort. „Hoffentlich tritt keine Ve. anlaſſung ein, die mich dazu zwingen könnte!“ lautete die neckiſch gegebene Antwort.„Aengſtigen Sie ſich übrigens nicht, die heil⸗ ſame Diät, welche wir unſern Gefangenen ſeit langer Zeit auferlegt, hat ihnen den Muth benommen, ihre Kraft an uns zu probiren!“ Der junge Offizier hatte kaum ausgeſprochen, als jenſeits der Gefangenenmaſſe ein Blitz aufzuckte, dem unmittelbar das Krachen eines Flintenſchuſſes folgte. Miß Jane ſtieß einen leiſen Schrei aus und wech⸗ ſelte die Farbe. „Was bedeutet das?“ fragte Miſtreß Clairville ruhig. Emmer der Gefangenen wird im Lebensüberdruß die Grenzlinie überſchritten haben und erſchoſſen worden 4 ſein! entgegnete der Offizier gleichmüthig.„Das kommt 4 öfter vor und läßt ſich nicht ändern. Wenn es jetzt 7 gefällig iſt, meine Damen, ſo machen wir einen kleinen Gang durch das Lager der NYankees.“ „Aber ſehen Sie doch, Sir“, bemerkte Miſtreß Clairville lebhaft,„dort an der Brücke, die über den ——= 147 Jamesfluß nach Spring⸗Hill führt, drängen ſich viele Leute! Ich ſehe Bajonette blitzen! Was ſoll das heißen?“ Der Offizier blickte nach der angedeuteten Richtung. „Ah, ſagte er haſtig,„der Danville⸗Train hat eine neue Zufuhr Nankees gebracht, die jedenfalls in Nord⸗ Carolina gefangen wurden! Entſchuldigen Sie mich, meine Damen, ich muß Sie verlaſſen, meiner Pflicht als Poſtencommandant nachzukommen! Norton!“ Ein Unteroffizier, welcher in der Nähe ſtand, trat heran und ſalugnte. „Führen Sie dieſe Herrſchaften durch das Lager!« Der Unteroffizier Norton ſalutirte nochmals, wäh⸗ rend ſein Vorgeſetzter eine Verbeugung gegen die La⸗ dies und Gaunt machte und ſich eilig entfernte. „Dürfte es nicht intereſſanter ſein, die Neuange⸗ kommenen zu muſtern?“ fragte Miſtreß Clairville. Gaunt ſchoß einen lauernden Seitenblick auf ſeine Begleiterin. „Was die Damen beſchließen, iſt mir recht!“ ſagte er. „Ja, ſchauen wir uns dieſe neue Zufuhr an“, lispelte Miß Singleton,„es werden ohne Zweifel Leute von Sherman's Armee ſein, und ich habe mir längſt ge⸗ wünſcht, einige ſolche Barbaren zu ſehen! Ueberdies ekeln mich ſchon aus dieſer Entfernung die Elenden 10* 148 dort und ihr Lager an, und ich glaube kaum, daß es für uns ſchicklich ſein dürfte, dieſe Abſcheulichkeiten näher zu beſichtigen!“ „Gehen wir alſo!“ rief Gaunt lächelnd und benach⸗ richtigte den Unteroffizier von dem Wunſche ſeiner Ladies. So brachen denn die kleine Geſellſchaft und ihr Führer nach jenem Theile der Inſel auf, der ſich mehr und mehr mit den neu zugeführten Kriegsgefangenen be⸗ völkerte. 3 Dieſe ſchritten, nachdem ſie die Inſel betreten, paar⸗ weiſe und von einer ſtarken Escorte umgeben, eine Strecke vorwärts; dann ward von dem Offizier, wel⸗ cher die Escorte befehligte, Halt commandirt, mußten die Gefangenen ſich zur Muſterung aufſtellen. Es waren etwa dreihundert Nankeeſoldaten. Viele von denſelben ſahen kläglich aus, hatten bereits in den Gefängniſſen von Columbia und Salisbury geſchmach⸗ tet und waren durch die ſich vor Sherman's Truppen flüchtenden Rebellen von einer Stadt zur andern nord⸗ wärts geſchleppt worden. Der Poſtencommandant von Belle Isle hatte raſch ſeine disponible Mannſchaft antreten laſſen und er⸗ ſchien nun mit derſelben, die Gefangenen reglements⸗ mäßig zu übernehmen. 2 4 A Während die Offiziere der Escorte und der Be⸗ ſatzung der Inſel ihre Begrüßungen austauſchten, tra⸗ ten Gaunt und die Ladies bis auf etwa zwanzig Schritte zu der Reihe der Gefangenen heran. Der Unteroffizier Norton ging etwas näher, plauderte etwa eine Minute mit einem Unteroffizier der Escorte und kehrte dann zu dem Pflanzer und den Damen zurück. Miß Singleton lorgnettirte die Unioniſten, Gaunt beobachtete verſtohlen die Züge der Miſtreß Clairville, die kalt und ruhig den Blick über die Gefangenen hin⸗ gleiten ließ. „Wie kommt es“, fragte Miß Jane,„daß ein kleiner Theil dieſer ſchrecklichen Menſchen ſehr anſtändig aus⸗ ſieht, während die Uebrigen beinahe jenen Elenden von Belle Isle gleichen?“ „Das kommt daher, Ma'am“, entgegnete Unter⸗ offizier Norton,„weil die Leute, welche Sie meinen, erſt vor einigen Tagen bei Averysboro“ gefangen wur⸗ den, während man die Andern aus ſüdlichen Gefäng⸗ niſſen hierher transportirte. Ich hab's ſo eben von dem Kameraden dort erfahren.“ Miß Jane fuhr fort, ihre Lorgnette zu gebrauchen. „Ah“, rief ſie plötzlich,„welch ſchöner Mann! Sehen Sie doch, Julia!“ 150 Miſtreß Clairville blickte ihre Freundin beinahe ſpöttiſch an. „Ich kann einen Nankee nicht ſchön finden“, ſagte ſie,„weil— nun weil er eben ein Nankee iſt!“ Gaunt lachte. „Sie leiſten im Patriotismus jedenfalls das Höchſte, meine Verehrte!“ bemerkte er ſarkaſtiſch.„Miß Jane beſitzt unbedingt ein weniger zartes Gewiſſen!“ „Was hat der Patriotismus mit dem Geſchmack zu ſchaffen?“ ſchmollte Jane. „Und wo ſteht dieſer Adonis?“ fragte Gaunt. „Er iſt der letzte in jener Reihe“, fuhr Jane Single⸗ ton lebhafter als zuvor fort,„ein Offizier. Er iſt wahrhaftig eine höchſt intereſſante Erſcheinung, leugnen Sie es, wenn Sie können!“— Gaunt und Miſtreß Clairville blickten zugleich nach der angedeuteten Richtung. Sie ſahen einen hohen, ſtattlichen und bildſchönen jungen Mann, der die kleidſame Uniform der unioniſti⸗ ſchen Offiziere trug. Weder ſeine Miene noch ſeine entſchloſſene Haltung verkündeten, was in ſeiner Seele vorging, aber er war bleich bis in die Lippen hinein, während er unverwandt zu den Damen hinüberſtarrte. Gaunt war nur einen Moment im Zweifel dar⸗ über, wem dieſer ſeltſame, faſt ſchreckhafte Blick gelten 2 könne, doch nun fühlte er ein leiſes Zucken, das von dem Körper der Miſtreß Clairville ausging, und wie er dann heimlich und blitzgeſchwind die Züge der ſchö⸗ nen Dame muſterte, da ſah er dieſe ſich flüchtig ent⸗ färben. „Können Sie nicht erfahren, Sir“, wandte er ſich mit gleichgültiger Miene an den Unteroffizier,„wer jener Nankee iſt, der letzte in der Reihe?“ „Ich weiß es bereits, der Major eines Maſſachuſetts⸗ Regiments, Sir!“ war die Antwort.„Er gerieth bei Averysboro' in Gefangenſchaft und wird natürlich nicht auf Belle Isle bleiben, ſondern nach Libby gebracht werden.“ „So, ſo!“ murmelte Gaunt. Dann wandte er ſich an Miſtreß Clairville, deren Wangen noch immer eine leichte Bläſſe deckte, obwohl ihre Züge auch nicht die geringſte Erregung verriethen. „Miß Singleton hat Recht“, ſagte er,„jener Major iſt ein ſchöner Mann. Finden Sie das nicht auch?“ „Wenn ſein Charakter ſeiner Erſcheinung entſpricht“, verſetzte Miſtreß Clairville kühl lächelnd,„ſo verdiente er, ein Offizier der Südſtaaten zu ſein!“ „Wenigſtens eine kleine Conceſſion!“ bemerkte Gaunt ſarkaſtiſch und fügte trocken hinzu:„Die Damen ſchei⸗ nen die Aufmerkſamkeit jenes Herrn in demſelben Grade erregt zu haben, wie er die Ihrige, er verwendet wenig⸗ ſtens keinen Blick von Ihnen!“ „Wahrhaftig“, lispelte Miß Jane kokett, indem ſie ihre Lorgnette ſinken ließ,„er würde auch in unſern Augen ſehr verlieren, wenn dem nicht ſo wäre! Aber was iſt Ihnen, Julia? Sie ſind ja erſtaunlich blaß!“ „In der That“, ergänzte Gaunt lauernd,„Miſtreß Clairville ſcheint ſich unwohl zu fühlen, vorhin bemerkte ich ein leichtes Zittern!“ „Ich will geſtehen“, verſetzte Miſtreß Clairville,„daß ich heute meinen Nerven ein wenig zu viel zugetraut, ich ſpüre die Nachwirkung des Abſcheus und Ekels, der mich vorhin beim Anblicke jener zerlumpten Abolitio⸗ niſten ergriff, und bin froh, daß wir den Gang durch ihr Lager unterließen!“ „Wenn Sie befehlen, meine Verehrte, ſo kehren wir gleich jetzt zur Stadt zurück!“ Miß Singleton blickte den ſchönen Major noch ein⸗ mal flüchtig durch die Lorgnette an und ſagte in einiger Zerſtreutheit:„Ich glaube, wir haben hier ohnehin alles Sehenswerthe in Augenſchein genommen!“ „Ja“, bemerkte Gaunt ironiſch und mit ſcharfer Betonung,„uns dürfte nichts entgangen ſein! Alſo, wenn's beliebt, meine Damen!“ Ohne auch nur noch einen einzigen Blick auf die —— 153 Gefangenen zu werfen, verließ Miſtreß Clairville am Arme Gaunt's den Platz, nachdem der Pflanzer dem Unteroffizier Norton ein kleines Trinkgeld eingehändigt. Miß Jane folgte dem Paare faſt träumeriſch, wie es ſchien, gegen ihren Wunſch. Einige Minuten ſpäter nahm das Boot die kleine Geſellſchaft wieder auf und trug ſie zur Stadt hinüber. ———j,— ——·,· 8 Sechstes Kapitel. Seit dem Beſuche, welchen die Freundinnen dem Ge⸗ fangenendepot von Belle Isle abgeſtattet hatten, waren einige Tage vergangen. In Richmond herrſchte große Erregung; es war der Bevölkerung bekannt geworden, daß General Lee be⸗ gonnen hatte, einen namhaften Theil jener Truppen, welche ſeither in den die Hauptſtadt deckenden Ver⸗ ſchanzungen ſtationirt geweſen waren, nach den Be⸗ feſtigungen Petersburgs zu ziehen, man wußte genau, daß Longſtreet, deſſen Corps die Linie der Vertheidi⸗ gungswerke nördlich vom Jamesfluſſe beſetzt hielt, nur noch die unentbehrlichſte Mannſchaft gelaſſen worden war und daß auch aus den ſüdlich vom Fluſſe und zwiſchen der Hauptſtadt und Petersburg gelegenen Schanzen 155 von der Mehrzahl der Truppen der Marſch nach der letztgenannten Stadt angetreten ſei. Dieſe Concentra⸗ tion der Streitkräfte deutete unbedingt auf einen Haupt⸗ ſchlag, den Lee geſonnen ſein mußte, in den nächſten Tagen gegen die Belagerungsarmee Grant's auszu⸗ führen. In Richmond ſelbſt war die Beſatzung unter General Ewell auf ein Minimum herabgemindert; De⸗ peſchen flogen raſtlos zwiſchen dem Office der Regie⸗ rung und dem Hauptquartiere Lee's hin und her; überall in den öffentlichen Lokalen, auf den Plätzen und in den Straßen bildeten Vermuthungen über die in Ausſicht ſtehenden Ereigniſſe das Hauptthema der Unterhaltung; die Stadtverordneten traten zu geheimer Berathung zuſammen, die Satelliten des Gouverneurs ſchoſſen mit unheimlicher Amtsmiene umher; in den Banken und Geſchäftshäuſern herrſchte eine außerge⸗ wöhnliche Rührigkeit; wohin man blickte, da begegnete man ernſten, beſorgten, neugierigen Geſichtern. Die angebliche Miſtreß Clairville kehrte in ſpäter Nachmittagsſtunde von einem Beſuche heim. Sie hatte mehrere Stunden bei der ihr befreundeten Familie des Mr. William Smith zugebracht, der Gouverneur von Virginia war. Dort hatte ſie erfahren, daß Lee, der einen baldigen Angriff der Grant'ſchen Heeresmacht erwarten durfte, 156 geſonnen ſei, die Initiative zu ergreifen, es war ihr ſogar gelungen, in geſchickter Weiſe das Weſentlichſte des Plans zu erforſchen, von dem ſich der Oberfeldherr der Rebellen, der endlich eingeſehen, daß Richmond nicht mehr zu halten ſei, einen durchgreifenden Erfolg ver⸗ ſprach. Dieſer Plan ging dahin, demnächſt bei Tages⸗ anbruch von den Petersburger Schanzen aus einige Diviſionen unter General Gordon auf die öſtlich ge⸗ legenen unioniſtiſchen Forts Steedman und Haskell zu werfen und die Beſatzung derſelben zu überrumpeln. Ein Heer von zwanzigtauſend Mann, das den Divi⸗ ſionen unmittelbar folgen und ihrem Angriffe Nach⸗ druck verſchaffen ſollte, war beſtimmt, die Höhen hinter den genannten Forts zu nehmen. Gelang dieſes, ſo war die Armee Grant's in zwei Theile geſpalten, ſtand den Truppen Lee's ein directer Weg nach dem Süden offen und die Ausſicht, ſich ohne große Verluſte in Nord⸗Carolina mit dem Heere Johnſton's vereinigen und Sherman überwältigen zu können. Entweder ließ ſich dann der Krieg fortſetzen, oder doch eine Capitula⸗ tion unter günſtigern Bedingungen bewerkſtelligen, als eine Niederlage vor Richmond nach ſich ziehen mußte. Die kühne Spionin begriff, daß ſie um jeden Preis den General Grant rechtzeitig von dem Vorhaben Lee's benachrichtigen müſſe. Sie wußte durch ihre Leute gar 157 wohl, daß dieſe von Spähern beobachtet ſeien, die jeden⸗ falls ihr heimliches Amt im Dienſte Oliver Gaunt's verrichteten, ſie hatte ſich auch perſönlich von der Wahr⸗ heit dieſer Angaben ihrer Untergebenen überzeugt und daher in letzter Zeit ihre Correſpondenz nach dem Hauptquartier der Unioniſten eingeſtellt, zumal nichts Außergewöhnliches zu berichten geweſen; nun aber für die Union ſo viel auf dem Spiele ſtand, nun durfte ſie nicht zögern, ihre Pflicht zu thun. Sie tröſtete ſich da⸗ mit, daß es dem gewandten Bob gelingen werde, die ihn umlauernden Späher zu täuſchen. Nach ihrer Heimkehr ſchrieb ſie ſofort ihren Bericht. Dann ließ ſie ihren getreuen ſchwarzen Boten rufen. Als er erſchien, war bereits die Abenddämmerung eingetreten. Miſtreß Clairville lehnte am Kamin des Gemachs, eine lebhafte Erregung nur mit Mühe be⸗ meiſternd. „Wie ſteyt es heute mit unſerer Ehrenwache, Bob?“ fragte ſie, indem ſie ſich zum Scherze zwang. Der Neger lächelte ſchlau. „Bob verſteht, Miſſus meinen Aufpaſſer, die um Haus und Straßeneck ſchleichen und Bob und Kingsley folgen, wenn ſie können. Is heute nur einer da, graue Kerl mit lange Spürnaſe und falſch' Augen wie Tigerkatz, ſelbe graue Kerl, den Kingsley geſtern an Eck' von Careyſtreet geſchlagen und verjagt, wie gegangen is zu Spitaldocker hinter Libby. Wird ihm wieder ſo gehen, graue Kerl, wenn heut Bob folgen, denn Bob ſoll doch wohl reiſen!“ „Woher weißt Du das?“ „Bob ſieht es Miſſus an, Miſſus weißer als ſonſt, hat ſieberhaften Blick und unſichere Stimme— Nigger bemerken Alles!“ Es bedurfte in der That eines Negerauges, die Erregung der Miſtreß Clairville zu gewahren, denn die kleine Aſtrallampe, welche bereits auf dem Schreibtiſche brannte, erhellte nur dieſen ſcharf und ließ jenen Theil des Gemachs, in welchem die ſchöne Lady ſtand, voll⸗ ſtändig im Halbdüſter. „Ja, Bob, Du mußt reiſen“ nahm die Herrin nach kurzer Pauſe mit feſter Stimme das Wort,„aber dies⸗ mal vielleicht nicht allein!“ „Bob verſteht ſchon, verſteht gut, Miſſus! Der Ge⸗ fangene von Libby— der Major—“ „Es kommt darauf an, welche Nachricht Kingsley heute bringt. Mich wundert, daß er noch nicht zurück iſt! Hoffentlich iſt ihm nichts geſchehen!“ „O Lorry, Miſſus, Kingsley is Schlaukopf, Bob nich bange für ihn!“ „Du wirſt unter allen Umſtänden reiſen, Bob, denn 4 4 6 8 1. ³ 4 8 4 —— D%——— 1 159 Du haſt diesmal eine Depeſche von der höchſten Wich⸗ tigkeit zu überbringen!“ „Ja, Miſſus!“ „Und da uns hier Verrath umlauert, ſo wirſt Du das Papier, welches ich Dir übergebe, nicht eher in den Gürtel ſtecken, als bis Du mit Skilnave den Schlupf⸗ winkel oberhalb Fort Darling erreicht haſt!“ „Bob verſteht gut, Miſſus, muß das Papier bereit halten, um es in Gefahr auf Seite ſchaffen zu können!“ „Was würdeſt Du damit in ſolchem Falle be⸗ ginnen?“ „Zerreißen und verſchlucken!“ ſagte Bob gelaſſen grinſend. „Gut!“ Miſtreß Clairville zog die kleine Depeſche aus dem Buſen hervor und gab ſie dem treuen Schwarzen, der ſie in einer ſeiner Taſchen verfchwinden ließ. In demſelben Augenblicke machte ſich ein leiſes Geräuſch an dem Eingange des Gemachs hörbar. Die Thür ward raſch und leiſe geöffnet, das Antlitz der Zofe erſchien. „Kingley is da!“ ziſchelte die Schwarze. „Er ſoll ſogleich heraufkommen!“ antwortete die Herrin. Das Haupt der Negerin verſchwand. Während Bob ruhig ſtehen blieb, begann Miſtreß Clairville im Gemache auf und ab zu ſchreiten. Ihr Buſen wogte heftig, eine folternde Unruhe be⸗ mächtigte ſich ihrer; es war die Qual banger Erwar⸗ tung, einer ſeltſamen Herzensangſt, welche das Gemüth der ſonſt in allen Lagen ihrer gefährlichen Exiſtenz ſo ſeelenſtarken Dame beſchlich und ihr für einige Augen⸗ blicke faſt jede Selbſtbeherrſchung raubte. Doch das war bald vorüber, und nun ſchritt ſie wieder mit feſter, ruhiger Haltung zu dem Kamin und lehnte ſich daran wie zuvor. 3 Kingsley trat in das Gemach. Der große muskulöſe Mann mit den derben Zügen und dem feſten Blicke war ehrbar gekleidet, etwa wie ein wohlhabender Bürger der Stadt; er trug eine weiße Halsbinde und einen ſchwarzen Frack. Er grüßte ehrerbietig. „Welche Nachricht bringen Sie mir?“ fragte Miſtreß Clairville mit einer Stimme, in der nur noch ein leiſer Nachhall der frühern Erregung vibrirte. „Eine gute, Ma'am!“ antwortete Kingsley ſo ge⸗ dämpft ſprechend, als es ihm ſein tiefer Baß geſtattete. „Seit zwei Stunden befindet ſich der Major Erlen⸗ bach im Spitale Nummer drei, hinter dem Libby⸗ Gefängniſſe. ³ 6 161 Die Miene der Miſtreß Clairville blieb unverändert, aber ihre ſchönen dunklen Augen leuchteten triumphirend. „So gelangte alſo der Zettel, den ich Ihnen gab, glücklich in ſeine Hände?“ ſagte ſie. „Ja, Ma'am! Es hat ſich Alles ſo thun laſſen, wie ich vermuthete, daß es gehen werde. Die Ratten verlaſſen ein Schiff, das nicht mehr geeignet iſt, die See zu halten, und die Süder verrathen bereitwilligſt ihre Sache, nun ſie eine Witterung davon haben, daß es mit der Herrlichkeit ihrer Conföderirtenwirthſchaft zu Ende geht. Der Major erhielt Ihren Zettel, der ihm die Weiſung ertheilte, ſich ſofort krank zu melden, dieſen Morgen in ſeinem Maisbrod, und der kleine Spaß koſtete nicht mehr als zwanzig Dollars in Gold. Der Doctor—“ „Nun, der Doctor?“ fragte Miſtreß Clairville un⸗ geduldig. „Der gute Doctor, ein wackerer Halunke von einem Landquackſalber, der ſich vor den Yankees aus ſeinem Neſte hierher geflüchtet und im Spital Beſchäftigung gefunden, weil die Johnnys ihre Militärärzte anders⸗ wo beſſer gebrauchen können als bei ihren Libby⸗ Gefangenen, hat ſich denn auch bereit finden laſſen; aber es iſt etwas theuer, Ma'am— zweihundert Dollars in Gold!“ Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 11 „Darnach habe ich ja nicht gefragt, Sir! Er wird Sie alſo als ſein Aſſiſtent oder dergleichen in das Spital ſchmuggeln?“ Kingsley verzog den breiten Mund zu einem Schmunzeln. er.„Ich bin nicht ſtolz, ich werde ihm den Arzneikorb nachtragen und ſo ungehindert die Schildwache im Spitalhofe paſſiren.“ „Und dann?“ „Dann wird der Doctor, der für einen braven Landbiedermann ein ganz leidlich durchtriebener Spitz⸗ bube zu ſein ſcheint, es ſchon ſo einzurichten wiſſen, daß ſein Patient in den unbewachten Corridor gelangen kann, dort aber findet er mich, meinen Mantel, eine Kappe und den vorerwähnten Arzneikorb, den der Major unter ſolchen Umſtänden“— Kingsley ſchmunzelte neuer⸗ dings bei dieſen Worten—„wohl nicht zu ſtolz ſein wird, mir nachzutragen, wenn ich alsdann, zum Doctor avan⸗ cirt, den nur ſchlecht erhellten Spitalhof verlaſſe.“ „Und der Doctor?“ „Der bleibt bei ſeinen andern Patienten, ſolange er Luſt hat. Er wagt nichts dabei, er wird ſchwören, daß ich nicht zu ihm gehört, daß er den Mann mit einem Korbe hinter ihm kaum bemerkt habe.“ „Wie Sie es nennen wollen, Ma'am“, antwortete — „Aber wird er zuverläſſig ſein, den Handel nicht verrathen?“ „Maam, der gute Doctor weiß, daß bei der Frau Skilnave zweihundert Dollars in Gold deponirt ſind, die er heben kann, ſobald die Angelegenheit abgethan iſt. Und ihm iſt ebenſo wohl bekannt, daß die Regie⸗ rung der Südſtaaten jetzt kaum in der Lage ſein dürfte, ihm zweihundert Cents Belohnung für die Anzeige des Handels zu bewilligen. Und da er obendrein über⸗ zeugt iſt, daß Jefferſon Davis ſammt Collegen bald ein anderes Geld werde geben müſſen, nämlich Ferſen⸗ geld, ſo hofft er wohl auch, ſich durch die kleine Felonie bei den Nankees ſeinerzeit zu nützen!“ „Gut, Sir! Um welche Zeit werden Sie ſich mit dem Doctor in das Spital begeben?“ „Um acht Uhr, Ma'am!“ „Alſo in zwei Stunden!“ „Ja! Zehn Minuten ſpäter kann der Major, wenn Alles gut geht, ſchon auf freiem Fuße ſein. Sollte wider alles Erwarten die Flucht ſich nicht ausführen laſſen, ſo iſt von dem Major wenigſtens dadurch eine Lebensgefahr abgewendet, daß er ſich nun glücklich außerhalb Libby befindet. Ma'am wiſſen doch, daß dieſe hündiſchen Conföderirten Pulverfäſſer in die Keller des Libby⸗Gefängniſſes gebracht haben, um das ganze Ge⸗ 11* bäude mit ſämmtlichen Gefangenen in die Luft ſprengen zu können, ſobald die Truppen der Südſtaaten genöthigt ſein ſollten, Richmond zu räumen?“ „Ich weiß es, Kingsley, und deshalb beſchleunigte ich unſer Vorhaben. Gott möge die grauſame Maß⸗ regel der Rebellen verhüten, ich kann leider nichts für die armen Gefangenen thun! Und nun hören Sie, was ich beſchloſſen habe. Wenn es Ihnen gelungen, den Major zu befreien, dann begeben Sie ſich mit ihm ſofort zum Fluſſe und in die Nähe von Skilnave's Häuschen, zu der Stelle, wo der Schiffer mit dem Boote harrt. Auch Bob wird dort ſein und Sie be⸗ gleiten, er hat eine wichtige Depeſche an das Haupt⸗ quartier zu übermitteln.“ „Da ich mit dem Major fliehen muß, Ma'am, weil es für mich und infolge deſſen auch für Sie zu ge⸗ fährlich ſein würde, wollte ich in Richmond bleiben, ſo thäten Sie wohl gut, den Bob hier zu behalten. Ich würde Ihnen vorſchlagen, mir die Depeſche zu über⸗ geben, wenn mir nicht das Wagniß im Spitale bevor⸗ ſtände. Bob mag ſich alſo bei Skilnave einfinden, aber dann dem Major oder mir Ihren Bericht über⸗ geben und zu Ihnen zurückkehren. Sie dürfen nicht mit der Diana allein im Hauſe bleiben, man kann doch nicht wiſſen—“ 165 „Nein, Sir“, fiel Miſtreß Clairville gelaſſen dem beſorgt blickenden Kingsley ins Wort,„Bob muß den Major und Sie begleiten, er hat den Weg an Fort Darling vorüber öfter zurückgelegt, kennt jeden Schlupf⸗ winkel, jede gefährliche Stelle den Fluß entlang, Sie bedürfen eines ſolchen Führers. Und die Depeſche iſt auch am ſicherſten ſeiner Obhut anvertraut, denn Sie werden mir zugeben, Kingsley, daß weder Sie noch der Major im Stande ſein würden, im Falle einer Gefahr dem Feinde ſo entſchlüpfen zu können, wie dies ein Neger zu thun vermag.“ „Es iſt wahr“, brummte Kingsley,„Nigger und Indianer ſind gewandter als wir Weißen, und der Major mag überdies durch die Strapazen des Feld⸗ zugs und ſeine wenn auch kurze Haft ſich etwas an⸗ gegriffen fühlen. So muß Bob alſo erſt von unſern Batterien aus hierher zurückkehren. Aber erlauben Sie mir noch eine Bemerkung, Ma'am!“ „Nun?“ „Was gedenken Sie für⸗Ihre Sicherheit zu thun? Dieſer hier aus und ein ſchleichende Gaunt iſt ein ge⸗ fährlicher Menſch, Sie hätten ihm gar nicht geſtatten ſollen, dieſes Haus zu betreten, ich habe das von allem Anbeginn für unvorſichtig gehalten.“ „Und doch beſtimmte mich gerade die Vorſicht dazu, 166 Kingsley, denn wie konnte ich ihn abweiſen, ohne bei ihm den Verdacht zu erregen, daß ich ihm ausweichen wolle? Dann war es mir auch wünſchenswerth, den falſchen Mann ſo viel wie möglich unter meinen Augen zu haben. Nur jener Gegner iſt zu fürchten, deſſen Bewegungen man nicht controliren kann.“ „Wahrhaftig, Ma'am“, unterbrach ſie Kingsley ehrerbietig,„ich weiß nicht, was es noch hier in Rich⸗ mond für Sie zu thun geben kann, da jedenfalls in den nächſten Tagen die Armeen auf einander prallen und die Rebellion ihren letzten Athemzug thun wird! Wenn ich Ihnen rathen darf, ſo geht meine Meinung dahin, daß Sie gut thun, noch heute die Rebellenſtadt zu verlaſſen, in der es bald drunter und drüber gehen wird! Das Boot Skilnave's kann uns alle aufnehmen, und da die Nächte jetzt finſter ſind, ſo gelangen wir auch wohl in unſerm Fahrzeuge glücklich an Fort Darling und den übrigen feindlichen Batterien vorüber.“ Der ehrliche Bob nickte zuſtimmend und ſtarrte ſeine Herrin unruhig und fragend an. Miſtreß Clairville aber ſchüttelte ernſt das Haupt. „Das geht nicht!“ antwortete ſie entſchieden. Es wären unſer zu viele.“ „Skilnave könnte zurückbleiben.“ „Wir würden alle einem gewiſſen Verderben ent⸗ — — 167 gegengehen! Und wer kann mit Sicherheit den Aus⸗ gang der bevorſtehenden Kämpfe beſtimmen? Meine Anweſenheit hier dürfte noch dringend nöthig ſein— ich werde auf meinem Poſten ausharren!“ Während Miſtreß Clairville ſo ſprach, ſchritt ſie zum Schreibtiſche und entnahm einer dort ſtehenden kleinen Schatulle ein Päckchen. „In dieſem Papier“, fuhr ſie fort, Kingsley das Päckchen reichend,„finden Sie eine Summe, welche hin⸗ reichen wird, des Majors und Ihre vorläufigen Be⸗ dürfniſſe in City Point zu beſtreiten!“ „Ich habe noch von dem Gelde, Ma'am, das Sie mir anvertrauten, um—“ „Nehmen Sie nur, Sir, ich bin genügend mit Geld verſehen und bedarf dieſer Summe nicht. Sie könnten heute noch in die Lage kommen, die eine oder die an⸗ dere Perſon beſtechen zu müſſen!“ Kingsley nahm das Packet. „Und was ſoll ich dem Major ſagen, Ma'am? Ich bin überzeugt, daß er Richmond nicht wird verlaſſen wollen, ohne Ihnen zuvor ſeinen Dank abgeſtattet zu haben!“ „Das darf nicht ſein, Sir“, entgegnete Miſtreß Clairville haſtig, während über ihre entſchloſſenen Züge flüchtig der Anflug einer heftigen Unruhe glitt,„ich 168 kann ihn nicht ſehen, es wäre zu gefährlich für ihn und mich! Sie werden das dem Major begreiflich zu machen wiſſen! Sagen Sie ihm“ ſetzte ſie hinzu, indem ihre Stimme eine kaum merkliche innere Bewegung verrieth,„daß ich ihn bei unſerer guten Kameradſchaft beſchwöre, nur an ſeine Sicherheit zu denken, und daß ich hoffe, ihn in den Reihen unſerer Tapfern wieder⸗ zufinden! Und nun geht, Leute, und entledigt Euch Eurer Aufgabe mit Muth und Klugheit!“ Der derbe Kingsley war augenſcheinlich gerührt. „Leben Sie wohl, Ma'am!“ murmelte er.„Gott nehme Sie in ſeinen Schutz!“ Bob glitt ſchweigend zu der Gebieterin. Er küßte ihr die Hand, und als ſie dieſe zurückzog, da perlten 1 Thränen darauf, die von ſchwarzen Niggeraugen waren vergoſſen worden. Die Männer entfernten ſich. Miſtreß Clairville aber ſeufzte leiſe, ſchritt zu einem Fauteuil, ließ ſich darauf nieder, ſtützte das Haupt und verſank in ernſtes Brüten.* Eine ziemliche Strecke unterhalb der Brücken, welche über den James führen, befindet ſich an der linken Seite des Fluſſes und unweit deſſelben der Bahnhof der Yorkriver⸗Bahn. Der Damm dieſer letztern zieht ſich eine Weile in geringer Entfernung vom Waſſer — 169 3 hin und wendet ſich dann landeinwärts, gegen Oſten. Zwiſchen der Bahn und dem Ufer iſt eine öde Ge⸗ gend, die zur Abendzeit nur wenig betreten wird. Der Weg, welcher weiter flußabwärts zu der Häuſergruppe des Landungsplatzes Rocketts und endlich bis zu jenen innern Verſchanzungen führt, die man in der Nähe des Fulton⸗Hügels aufgeworfen hatte, war durch wenige armſelige Laternen ſo ſchlecht erhellt, daß man dort meiſtens im Finſtern tappen mußte. Als noch die Eiſen⸗ bahn im Betrieb war, herrſchte hier ſelbſt noch in nächtlicher Stunde einiges Leben, doch ſeit dem Beginn der Belagerung war alles geſchäftliche Treiben daraus verſcheucht, hatte man die Schuppen und Magazine in der Nähe des Bahnhofs geſchloſſen, beſtand nur noch der Verkehr mit der Beſatzung der Schanzen, der übri⸗ gens nach eingetretener Dämmerung ein Ende hatte, zeigten ſich abends in der Ufergegend kaum andere Leute als Schiffer oder auf den jenſeits des Fluſſes gelege⸗ nen Werften beſchäftigte Arbeiter, die entweder in der Nähe wohnten oder die Branntweinſchenke beſuchten, welche hart am Fluſſe vereinzelt lag. Es war etwa um die ſiebente Abendſtunde, als drei ziemlich ſchlecht gekleidete Männer die vorerwähnte Schifferkneipe verließen und ſich langſam dem Häus⸗ chen Skilnave's näherten, das nach der Stadt zu un⸗ gefähr einen Büchſenſchuß von dem Wirthshauſe ent⸗ fernt lag. Dieſe Männer waren mit einander in lebhaftem Geſpräche begriffen, das aber leiſe geführt ward, ob⸗ wohl ſich Niemand in der Nähe blicken ließ, ja ſo weit das Auge durch die in dieſer Gegend herrſchende Dun⸗ kelheit reichte. Alle drei ſpähten aufmerkſam nach dem Häuschen, durch deſſen geſchloſſene Fenſterladen ein matter Licht⸗ ſchimmer drang. „Geht Ihr auf die andere Seite und bleibt dort im Schatten der Bahnſchuppen“, murmelte einer der Männer, ein kleiner, breitſchulteriger Menſch,„ich werde mit der nöthigen Vorſicht nachſehen, ob jener Skilnave in der Hütte oder bei ſeinem Boote iſt!“ „Wir lungern hier wohl heute vergeblich umher, Bill!“ brummte einer der Gefährten des Kleinen. „Uebrigens hätten wir uns nicht ſo lange im Ginſhop aufhalten ſollen! Vielleicht ſind die Burſchen ſchon zum Teufel gegangen, während wir bei unſerm Brandymaſh ſaßen!“ „Ei“, flüſterte der dritte,„es iſt nicht anzunehmen, daß wir zu ſpät kommen; der Schiffer dürfte es kaum wagen, ſchon um dieſe Stunde etwas zu unternehmen, wenn er überhaupt Verdächtiges vorhaben ſollte, was noch in Frage ſteht!“. „Der Pflanzer muß doch ſeiner Sache gewiß ſein, denn ſonſt hätte er nicht ſeinen Mulatten und einen geſchloſſenen Wagen dort an die Ecke geſchickt!“ „Ich ſehe ihn nicht!“ „Blinder Maulwurf, er hält ja dort an der Barridère, damit es den Anſchein habe, als erwarte er Jemand von der Bahn oder der Gasanſtalt.“ „Richtig! Aber es iſt dort auch ſo finſter! Ich wette übrigens, wir bekommen heute nichts zu thun!“ „Das kann uns gleichgültig ſein, man bezahlt uns! Und wenn nicht heute, ſo werden wir uns doch hoffent⸗ lich bald die verſprochene Prämie verdienen; haben wir doch jetzt wenigſtens eine Spur unſeres Wildes, da Braddy geſtern den verwünſchten Schelm von Haus⸗ wächter der Lady zu dem Schiffer ſchleichen ſah.“ „Ich wollte nur“, entgegnete Bill, der kleine Breit⸗ ſchulterige,„daß ich geſtern an Braddy's Stelle geweſen wäre, denn alsdann wüßten wir doch, wohin ſich jener Kingsley von hier aus begeben, als er den Weg hinter Libby und Caſtle Thunder einſchlug. Mich hätte der lange Burſche nicht ſo leicht abſchütteln können wie den ſpitznäſigen, furchtſamen Braddy. Ich glaube im⸗ mer, jener zweite Gang Kingsley's würde uns gerade das Beſte verrathen haben! Doch grübeln wir nicht lange; geht auf die andere Seite, indeß ich mir bei des Schiffers Häuschen zu ſchaffen mache.“ Nach dieſen Worten verließ der Sprecher ſeine Ge⸗ fährten und ſchritt der Hütte zu. Die beiden andern Männer durchkreuzten die Fahrſtraße und ſchlichen zu der Mauer der weiterab befindlichen Magazine. Der Mann, welcher ſich von ſeinem Kameraden ge⸗ trennt hatte, ging anſcheinend arglos ſeines Wegs, ſein Schritt ward aber faſt unhörbar, als er nun das Häuschen erreichte. Er blieb ſtehen und blinzelte durch die Ritzen der Fenſterladen. Plötzlich fuhr er zurück, ſtahl ſich zur Seite zu einem kleinen Breterverſchlage, der an die Hütte ſtieß, und ſtreckte ſich dort blitzgeſchwind auf den Boden nieder. Im nächſten Augenblicke ward die Thür des Häus⸗ chens geöffnet, trat der Schiffer heraus. Das Feuer, welches auf dem Herde flackerte, be⸗ leuchtete flüchtig die keineswegs kräftige Geſtalt Skil⸗ nave's und den Erdboden unmittelbar vor der Haus⸗ thür. Dieſe ſchloß ſich ſogleich wieder; der Schiffer aber blieb einen Moment vor ſeiner Hütte ſtehen, legte eine Hand über die Augen, blickte forſchend nach der Stadt⸗ ſeite hin und ſchritt dann nach dieſer Richtung um —— X 173 ſein Häuschen und zum Fluſſe, wo ſein Boot in der Finſterniß an einem Stricke ſchaukelte. Der Späher raffte ſich auf; hinter dem Breter⸗ verſchlage hervorblinzelnd, war ihm keine Bewegung des Schiffers entgangen. Auch hatte er bemerkt, daß Skilnave, als er ſich zu ſeinem Fahrzeuge begeben, ein Päckchen unter dem Arm getragen. Aus dieſem letztern Umſtande ließ ſich mit ziemlicher Sicherheit ſchließen, daß der Schiffer noch denſelben Abend eine Fahrt zu unternehmen beabſichtige. Der von Oliver Gaunt gedungene Aufpaſſer war⸗ tete, bis Skilnave um die Ecke ſeines Häuschens ver⸗ ſchwunden war, verließ dann eilig und lautlos das Verſteck und glitt, gleich einem Schatten, zu den jen⸗ ſeits der Fahrſtraße lauernden Freunden. Da das Ufer an der Stelle, wo das Boot lag, ziemlich ab⸗ ſchüſſig war, ſo konnte Bill ſeinen Rückzug unbemerkt bewerkſtelligen. Er erreichte ſeine Spießgeſellen und begann mit ihnen angelegentlich zu flüſtern, ſtets die Hütte und das angrenzende Flußufer im Auge behaltend. Was er ſagte, mußte ſeinen Gefährten einleuchten und jedenfalls die ſofortige Ausführung eines kühnen Handſtreichs betreffen, denn kaum waren zwei Minuten vergangen, als Bill und einer ſeiner Kameraden ſich 174 von dem dritten trennten, der als Wache zurückzu⸗ bleiben ſchien, während die Andern ſich der Hütte vor⸗ ſichtig näherten. Jetzt umgingen ſie dieſe von der Schanzenſeite her ſo lautlos wie möglich und tauchten nun plötzlich vor Skilnave auf, der ſo eben aus dem Boote geſtiegen war und ſich wieder zu ſeinem Häuschen begeben wollte, das vielleicht zwanzig Schritte von dem Beginnen der Ufer⸗ höhe entfernt lag. Der Schiffer blieb ſtehen. Er hielt jetzt eine kleine Blendlaterne in der Hand. Raſch öffnete er die Klappe derſelben und be⸗ leuchtete die Männer, welche bedächtig zu ihm hernieder⸗ ſtiegen. „He, was ſoll's?“ fragte er mißtrauiſch.„Was wollt Ihr hier?“ „Wahrhaftig, Skilnave“, verſetzte Bill,„mir ſcheint, ich ſollte eher fragen, was Ihr da herumkrabbelt?“ „Ich werde doch wohl nach meinem Boote ſehen können!“ brummte der Schiffer.„Ihr gehört nicht zur Hafenpolizei, wie ich ſehe, habt alſo auch nicht das Recht, Leute zu inquiriren!“ „Weiß Gott, er kennt mich nicht! Natürlich, bei dieſer wundervollen Beleuchtung könnte man ein Pferd für ein Scheunenthor anſehen. Bin ja Bill Manne⸗ — 175 ring, den Ihr ſchon einige Male dort weitetab im Ginſhop getroffen!“ Die Männer ſtanden jetzt dicht vor Skilnave. Dieſer hielt dem Sprecher einen Augenblick die kleine Laterne vor das Geſicht. Dann ſagte er mürriſch:„Erinnere mich deſſen nicht, Sir!“ „Das thut nichts zur Sache!“ entgegnete Bill. „Wir wollen nach Allen's Plantage, fahrt uns hinüber!“ „Wenn Ihr von der Stadt gekommen, was ſeid Ihr da nicht über Mayo's Brücke gegangen? Hättet näher gehabt und das Fahrgeld erſpart!“ „Ei was, wir kommen direct von Rocketts, richtiger geſagt von Eurem Nachbar, dem Brandywirth!“ „Warum habt Ihr Euch dort nicht einen Jollen⸗ führer zur Ueberfahrt genommen? Tom Slaſh und Simon Crow ſind dort immer um dieſe Zeit!“ „Was Teufel, Ihr ſetzt Euch wohl gar zur Wehre, wenn Ihr Geld verdienen könnt? Bin nun gerade darauf verſeſſen, mich von Euch hinüberrojen zu laſſen!“ „Und ich werde Euch nicht fahren, Sir, fahre nie ſo ſpät. Klettert nur wieder da hinauf und geht, woher Ihr gekommen. Will Euch leuchten, geht nur voran!“ Skilnave trat einen Schritt zurück. Aber im näch⸗ ſten Augenblick fühlte er einen Laſſo an ſeinem Halſe, ward er zu Boden geriſſen. Ohne daß er einen Laut hätte hervorſtoßen oder ſich vertheidigen können, ward er gebunden und ihm ein Knebel in den Mund geſchoben. Bill raffte die Laterne auf. Dann trugen er und ſein Gefährte den Schiffer in das Boot und ruderten eine Strecke von der Hütte fort, der Stadt zu. Der Handſtreich war ſo raſch und ſtill ausgeführt worden, daß Frau Skilnave in ihrem Häuschen keine Ahnung von dem unglücklichen Abenteuer ihres Gatten haben konnte, den ſie noch am Boote beſchäftigt wähnte. Etwa hundert Schritte von dem Orte des Atten⸗ tats entfernt, banden die Männer das Fahrzeug an einen Pfahl. 2 Bill öffnete vorſichtig die Laterne und leuchtete nach dem Päckchen. Er fand und unterſuchte es. „Lebensmittel!“ brummte er.„Es war alſo auf eine längere Fahrt abgeſehen! Nun werden wir wohl auch denjenigen fangen, den dieſer brave Fährmann erwartete!“ „Wie aber“, raunte ihm der Gefährte zu,„wenn das Weib dort den Mann und das Boot vermißt und Lärm ſchlägt?“ „Sie wird glauben, er ſei fortgerudert!“ ——— — „Kann ſie nicht vom Hauſe aus das Fahrzeug ſehen?“ 4 „Es iſt hier zu finſter!“ Die Männer durften in der That keine Ueber⸗ raſchung befürchten. An dieſer Stelle des Ufers ſtan⸗ den keine Häuſer, und auf dem Fluſſe, der in der Dunkelheit völlig ſchwarz erſchien, war jetzt alles Leben erſtorben. Skilnave hatte ſich von ſeiner Betäubung erholt. Er konnte weder ſprechen noch ſich rühren und ſtarrte angſterfüllt auf ſeine Ueberwältiger, von deren Geflüſter ihm kein Wort entging. „Was nun mit ihm?“ fragte der Begleiter Bill's. „Er iſt hier bis auf Weiteres gut aufgehoben!“ grinſte Bill.„Ich denke, man wird uns dafür dankbar ſein, daß wir mehr gethan, als von uns verlangt ward. Haſt Du John pfeifen hören?“ „Nein!“ „So können wir uns bequem auf die Lauer legen! Komm!“ Bill ſtieg ans Ufer, nachdem er ſich verſichert, daß der Strick des Bootes gut befeſtigt ſei. Sein Kamerad folgte. Beide Männer ſchlüpften zu der Höhe des Ufer⸗ damms empor. In einiger Entfernung jenſeits ragten Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 12 178 die Gebäude der Eiſenbahn, wo der Wagen halten mußte und der dritte Aufpaſſer harrte, ſchwarz in die Nacht hinein. Jetzt ſchlug es von den Thürmen der Stadt acht Uhr. Die letzten Klänge waren noch nicht verhallt, als Bill und ſein Gefährte, die ſchon eine hübſche Strecke landeinwärts geſchlichen waren, um ihren Kameraden von dem Geſchehenen in Kenntniß zu ſetzen, an einen Mann prallten, der ihnen in der Dunkelheit in höchſter Haſt plötzlich entgegengeſchoſſen kam. „Zum Henker, Ihr habt verwünſchte Eile, Mann!“ fuhr der durch die Gewalt des Stoßes zurücktaumelnde Bill auf und öffnete dann raſch die Laterne. Der röthliche Lichtſchein fiel auf die Geſtalt eines grau gekleideten, ſpindeldürren Männchens mit langer Naſe und einer Fuchsphyſiognomie. „Braddy!“ rief der Begleiter Bill's überraſcht. „Still!“ keuchte der athemloſe Ankömmling.„Schließt das Licht! Er wird ſogleich hier ſein! Ich folgte ihm vom Hauſe aus, in der Careyſtreet bemerkte er mich und ſetzte mir nach, hinter Caſtle Thunder verlor er meine Spur und wird nun glauben, ich habe mich ganz aus dem Staube gemacht.“ „Wer iſt's?“ fragte Bill.„Der Rieſe oder der Neger?“ 4 5 1 —,— 179 „Der Neger! Beide verließen zugleich das Haus, da ſie aber verſchiedene Wege einſchlugen, ſo folgte ich dem Schwarzen!“ „Das war dumm, Du Haſenherz! Doch verlieren wir keine Zeit mit Geſchwätz! Kriecht hier in den Gra⸗ ben, der Burſche muß dort unter der Straßenlaterne vorüber, wir können alſo ſehen, wann der Rechte kommt! Ich werde meine Rolle ſpielen!“ 1 Wo die Männer ſtanden, zog ſich an der Bahnſeite ein Graben den Weg entlang; die drei Gefährten Bill’s duckten ſich dort hinein. Bill aber ſtreckte ſich quer über den Weg auf die Erde. 7 Dies war kaum geſchehen, als an der vorſprin⸗ genden Ecke eines zur Eiſenbahn gehörigen Gebäudes, wo⸗ die vorerwähnte Laterne brannte, etwa hundert Schritte nach der Stadt hin, eine Geſtalt hinter ſich ſpähend in den Fahrweg bog und dann raſch in die Dunkelheit hineinſchritt. Der Mann, welcher ſich den Aufpaſſern näherte, war in der That Hannibal oder Bob, wie ihn Miſtreß Clairville in Richmond nannte. Da die Neger aber ſehr gut im Finſtern ſehen, ſo bemerkte der Schwarze ſchon von einiger Entfer⸗ nung aus die auf dem Boden liegende Geſtalt. Er 12* 180 hemmte ſeinen Schritt und wollte dann einen Umweg einſchlagen. Der ſchlaue Bill errieth das ſofort. Mit kläglicher Stimme, die täuſchend dem Lallen eines Trunkenen nachgeahmt war, begann er laut zu rufen: „Iſt denn kein guter Chriſtenmenſch in der Nähe, der — mir— auf die Beine hilft?“ Bob's erſter Gedanke war, daß hier ein Vagabund dem Vorübergehenden eine Falle zu legen beabſichtige. Er ſtarrte rings in die Nacht hinaus, doch gewahrte er ſonſt nichts Verdächtiges als den auf dem Boden Lie⸗ genden. Dieſer begann von neuem zu jammern. Der Neger war nicht minder gutherzig, als die meiſten Darkies zu ſein pflegen, aber auch ſo verſchla⸗ gen wie dieſe. Bob hatte obendrein in ſeiner Lage doppelt vorſichtig zu ſein. Er beſchloß daher keine Rückſicht auf den flehenden Mann zu nehmen, ihm ſogar auszuweichen, damit es dieſem nicht möglich wer⸗ den könne, ihn unverſehens an den Beinen niederzu⸗ zerren. Indem er aber nun, den ihm Verdächtigen ſcharf im Auge behaltend, eine Schwenkung um ihn herum machte, beging er den Fehler, ſich dem Graben allzu ſehr zu nähern. Plötzlich flog derſelbe Laſſo, der bereits Skilnave wehrlos gemacht hatte, über den Kopf des Schwarzen ——— — und riß dieſen zu Boden. Aber blitzſchnell befreite ſich der gewandte Bob von der Schnur und war wieder auf den Füßen. Doch nun ſchienen dunkle Geſtalten aus der Erde zu wachſen, umſchlangen ſechs kräftige Arme den Neger.— Dieſer war ungewöhnlich ſtark; er ſchleuderte einen der Angreifer zu Boden, ſchüttelte den zweiten von ſich ab und machte ſo eine ſeiner Hände frei. Dieſe Hand fuhr haſtig in die Hoſentaſche und dann zum Munde, ward aber im nächſten Momente von Bill gepackt, der in der Fauſt des Negers ein Meſſer vermuthete. Zugleich fühlte Bob ſeine Füße umklammert; der herbeigeſchlüpfte Braddy war es, welcher ihn zum Fallen brachte. Einige Augenblicke ſpäter war Bob gebunden und wehrlos. Warum der Nigger nicht um Hülfe geſchrien, nach⸗ dem er Hand und Kehle für einige Momente befreit gehabt, das war ſelbſt den Aufpaſſern ein Räthſel. Bill brach ihm die Fauſt auf, ſie war leer. Er leuchtete dem Gefeſſelten mit der Blendlaterne ins Antlitz. „Zum Henker, was kaut und ſchluckt der Kerl da?“ brummte er.„Einen Knebel her!“ Das Verlangte ward Bob in den Mund geſchoben. 182 Während dieſes geſchah, blitzten die Augen des Negers geradezu triumphirend. Bill ſtutzte. „Es ſcheint, der Burſche hat ſich vergiftet!“ mur⸗ melte er.„Doch gleichviel, unſere Arbeit iſt gethan!“ Er wandte ſich zu ſeinen Spießgeſellen. „Tragt den Schiffer hierher, knüpft das Boot los und überlaßt es den Wellen!“ Die drei Angeredeten ſprangen zum Ufer. Bill aber entlockte einer Pfeife einen kurzen, ſchrillen Ton. Und nun kam vom Seitenflügel des Bahngebäudes ein Wagen herangerollt und hielt neben Bill an. Die Kutſche ward geöffnet, der weißhaarige Mulatte Ben ſtieg aus. „Iſt es gelungen?“ flüſterte Ben. „Ich habe hier den Nigger“, brummte Bill,„den Schiffer werden die Andern ſogleich bringen!“ „Sehr gut!“ grinſte Ben.„Meldet Euch morgen bei Mr. Gaunt, er wird Euch reichlich belohnen! Und nun helft mir!“ Der Mulatte und Bill ſchleppten den Neger zur Kutſche und hoben ihn in dieſelbe hinein. Sie waren kaum damit fertig, als die Gefährten Bill's mit dem gebundenen Skilnave erſchienen. Auch er ward in den Wagen geſchoben. Der Mulatte ſetzte ſich zu den Wehrloſen, der Kutſchenſchlag flog zu, der Kutſcher 4 —— — 183 peitſchte die Pferde, und fort ging es im ſcharfen Trab, der Stadt zu. „Habt Ihr das Boot treiben laſſen?“ fragte Bill. „Ja!“ verſicherten die Andern. „So kommt! Wir haben heute das Recht, uns einen luſtigen Abend zu machen!“ Auch die vier Männer trabten jetzt wohlgemuth der Stadt zu. Das Bubenſtück hätte nicht ſo leicht gelingen kön⸗ nen, wäre nicht die an der während der Belagerung unbenutzten Eiſenbahn gelegene Flußgegend ſchon zeitig abends ſo verödet und menſchenleer geweſen. Es ver⸗ ging denn auch, nachdem ſich die Helfershelfer Gaunt's entfernt hatten, wohl eine Viertelſtunde, ohne daß Je⸗ mand den Weg betrat, der von der Stadt nach den Schanzen führte. Dann aber tauchten zwei Geſtalten in der Richtung auf, von welcher Bob gekommen war. Sie glitten um die Ecke des vorſpringenden Bahn⸗ hofsflügels, wo die Straßenlaterne trübſelig brannte. Es waren zwei Männer, der eine von giganti⸗ ſcher Statur, der andere in einen weiten Mantel gehüllt. Sie hatten große Eile, verfolgten den Fahrweg eine ziemliche Strecke und bogen dann rechts ab, zum 184 Fluſſe, wo ſie im Düſter die ſchwarzen Umriſſe des Schifferhäuschens mühſam gewahrten. Sie erreichten die Hütte und traten dort haſtig ein. Die Küche, in der ſie ſich jetzt befanden, war zugleich das Wohngemach der Schiffersleute. Die Flamme des Herdes und eine düſter brennende Oellampe beleuchteten den kleinen Raum und erhellten jetzt auch die Züge der beiden Männer. Der Rieſe war Kingsley, ſein Begleiter, der nun den Mantel zurückſchlug und ein blaſſes, aber muthvolles Antlitz zeigte, unſer Held Richard Erlenbach. Das Unternehmen Kingsley's hatte alſo den beſten Erfolg gehabt, und nun handelte es ſich darum, ſo raſch wie möglich aus Richmond zu entfliehen. Frau Skilnave, ein derbes Weib von etwa vierzig Jahren, ſchreckte beim Erſcheinen dieſer Gäſte vom Herde auf, neben dem ſie ſtrickend geſeſſen. „Wo iſt Euer Mann?“ fragte Kingsley haſtig um⸗ herblickend.„Und Bob?“ Die Frau des Schiffers ließ den Strickſtrumpf fallen und erbleichte. „Mein Gott, das wiſſen Sie nicht?“ ſtammelte ſie. „Wie können wir das wiſſen? Wir kommen direct vom Spital! Aber Ihr ſeid ja ſo bleich und zittert! Hat ſich hier wohl gar etwas ereignet, das— Aber — 185 — das kann ja nicht ſein, Ihr ſaßet ja ruhig und ſtricktet, als wir eintraten! Wo iſt Bob?“ Die Frau ſtarrte beſtürzt in die betroffenen Züge Kingsley's. „Ich habe ihn noch gar nicht geſehen! Ich glaubte—“ „Der Teufel weiß, was Euch fehlen mag, Frau! Ich muß Skilnave ſprechen!“ „Er iſt fort, mit dem Boote!“ „Hölle und Tod, wie kann das ſein? Das wäre ja gegen die Verabredung, und Skilnave iſt gewiſ⸗ ſenhaft!“ „Ach, Sir“, ſtotterte die Frau,„ich begreife das ſelbſt nicht. Vor länger als einer Viertelſtunde verließ mein Mann das Haus, um das zur Fahrt Nöthigſte in das Boot zu tragen. Ich ſtrickte hier am Herde, und als mir Skilnave's langes Fortbleiben auffiel, da ging ich hinaus an den Fluß. Mein Mann und das Boot waren fort!“ „Und das fiel Euch nicht auf?“ „Skilnave iſt bisweilen ein ſeltſamer Kauz, beſon⸗ ders wenn ihn etwas ärgert. Bevor er das Haus verließ, hatten wir einen kleinen Streit. Und da dachte ich mir denn, er habe die Herren und Bob kommen ſehen und ſei gleich mit ihnen auf und davon gefahren. Habe mir noch gedacht: Es iſt doch unrecht von dem 186 Manne, daß er um einer Kleinigkeit willen ſo ohne Gruß und Handſchlag davongeht, und obendrein gerade heute, wo ſein Geſchäft ein gefährliches iſt und er nicht wiſſen kann, ob wir einander wiederſehen!“ Die Schifferin begann heftig zu ſchluchzen. Kingsley aber ſprang vor das Haus und zum Ufer hinab. Er blickte den Fluß entlang, ſtieg die Uferhöhe hinan, horchte, rief den Namen des Schiffers. Er kehrte in die Hütte zurück. Die Frau ſchluchzte noch immer, Richard ſtarrte düſter in die Glut des Herdes. „Nun?“ fragte er, wie aus einem Traume erwa⸗ chend, indem er ſeinen Gefährten forſchend anblickte. „Weder von Skilnave noch Bob eine Spur!“ mur⸗ melte Kingsley, deſſen jetzt aſchfarbene Züge ſeinen Gemüthszuſtand verriethen. Richard lächelte kühl. „Der Schiffer und der Neger haben die Fahrt ohne uns angetreten!“ ſagte er dann ernſt, doch ohne einen An⸗ flug von Bitterkeit.„Ich begreife, Sir, daß der Lady das Intereſſe der Union in erſter Linie ſtehen muß, ſie hatte gewiß zwingende Gründe, wenn ſie nach⸗ träglich dem Neger befohlen, hier nicht auf uns zu warten!“ „O Sir'“, verſetzte Kingsley lebhaft,„ich will be⸗ — 187 ſchwören, daß dem nicht ſo iſt! Miſtreß Clairville kann einen ſolchen Befehl nicht gegeben haben, ſie legte eine ſo große Theilnahme für Sie an den Tag!“ Richard erröthete flüchtig; ſeine Lippen zuckten, ſein Blick leuchtete. „Ich fürchte“, fuhr Kingsley fort,„daß bei dem Verſchwinden Skilnäve's ein Verrath obwaltet!“ Die Schifferin blickte unter Thränen entrüſtet auf. Wie, Kingsley“, rief ſie,„kennt Ihr meinen Mann nicht hinreichend, um zu wiſſen, daß er nicht um Alles in der Welt einen Verrath an der Union begehen würde?“ „Mißverſteht mich nicht, Frau! Ich fürchte, man hat Euren Mann überfallen und ſammt dem Boote fort⸗ geführt! Mir folgte geſtern ein Mann in dieſe Ge⸗ gend, den ich leider erſt bemerkte, als ich ſchon die Klinke Eurer Thür in der Hand hatte.“ „Aber dann wären wir hier keinen Augenblick ſicher!“ murmelte Richard haſtig. „Ah, Sir“, entgegnete Kingsley,„man ſah mich nur hier eintreten, doch nicht bei dem Doctor, ich zwang den Aufpaſſer zum Rückzuge. Man ahnt nichts von Ihrer Flucht, der Beweis dafür iſt, daß ſie nicht ver⸗ eitelt ward. Auch ſah ich dieſen Abend Niemand hinter mir, als ich das Haus der Miſtreß Clairville 188 verließ. Wohl aber mag ein von Gaunt oder der Re⸗ gierung Gedungener dem Neger hierher gefolgt ſein, und wenn man dieſem und Skilnave einen Hinterhalt gelegt und ſie gefangen hätte, dann wäre die Lady ernſtlich in Gefahr!“ „Mein Gott!“ ſtieß Richard dumpf hervor und ſchritt in heftiger Erregung in der kleinen Küche auf und ab. „Bob war alſo nicht hier, Frau?“ fragte Kingsley. „Nein!“. „Und Ihr hörtet auch kein verdächtiges Geräuſch, nachdem Euer Mann Euch verlaſſen?“ „Nein, ich wäre ja ſonſt Skilnave nachgeeilt!“ Kingsley ſtarrte vor ſich hin. Dann murmelte er einen Fluch und ſtampfte mit dem Fuße. „Wie ſich die Sache auch verhalten mag“, brummte er,„die Gelegenheit, noch dieſe Nacht von Richmond zu entkommen, iſt uns abgeſchnitten; wir können keinem andern Schiffer trauen!“ Richard blieb vor Kingsley ſtehen. „Ihre Lady bedarf Ihrer in dieſem Augenblicke wielleicht dringend“, ſagte er mit vor innerer Erregung bebender Stimme,„überlaſſen Sie mich meinem Schick⸗ ſale!“. „Den Teufel auch!“ + — 189 Richard ergriff bewegt die Hand Kingsleys und drückte ſie mit Wärme. „Sie verhalfen mir zur Freiheit, Sir, ich kann Ihnen jetzt nur mit Worten dafür danken, und wenn man mir auch ſchon im nächſten Augenblicke die erlangte Freiheit wieder entreißen ſollte, werde ich doch nicht aufhören, Ihre Gebieterin und Sie zu ſegnen. Aber mehr als mein Wohl, ja als mein Leben liegt mir das der Lady am Herzen! Gehen Sie, Sir, ich beſchwöre Sie, ſich ihr zur Verfügung zu ſtellen! Gott gebe, daß es nicht zu ſpät ſei!“ In Richard's edlen Zügen ſpiegelten ſich, während er ſo eindringlich und tief ergriffen ſprach, obwechſelnd Reſignation und angſtvolle Sorge ab. „Aye“, brummte Kingsley,„ich habe in Allem nur dem Befehle der Miſtreß Clairville gehorcht, und ich muß ihm ferner nachkommen, ich darf Sie nicht ver⸗ laſſen, Sir! Und was die Lady betrifft, fürwahr, die iſt ſchlau genug, ſich aus allen Schlingen, die man ihr legen könnte, zu befreien, falls Bob vorſichtig war und Skilnave nicht plaudert, und das wird er nicht, ſelbſt wenn man ihn foltern ſollte, nicht wahr, Frau?“ „Das wird er nicht“, ſchluchzte die Schifferin,„er wird nicht plaudern!“ „Und wahrhaftig“, fügte Kingsley hinzu,„nach 190 Ihrem Entweichen aus dem Spitale, wo mich doch einige Wärter ſahen, könnte der Lady meine Anweſen⸗ heit in ihrem Hauſe größere Verlegenheit bereiten, als mein Verſchwinden von dort, das ſich nöthigenfalls ſchon bemänteln ließe, würde es bemerkt.“ „d hätte mich Alice im Kerker gelaſſen!“ murmelte Richard troſtlos vor ſich hin.„Würde ich doch eher den martervollſten Tod ertragen als den Gedanken, ihr Unglück, wenn auch abſichtslos, verſchuldet zu haben!“ Er bedeckte einen Moment das bleiche Antlitz mit den Händen. Dann fuhr er haſtig auf.. „Kommen Sie, Sir!“ rief er mit verſtörter Miene. „Wohin?“ „Zu ihr, zu der Lady! Ich muß Gewißheit über ihr Schickſal haben!“ „Sie vergeſſen, Sir, daß das Haus der Miſtreß Clairville faſt beſtändig von dem einen oder andern Späher umlauert iſt, wie ich Ihnen ſagte, daß Ihr Erſcheinen dort gerade das herbeiführen könnte, was wir trachten müſſen zu verhüten, vor allem aber, daß ich nicht gegen die Weiſung der Lady handeln darf.“ Richard ließ die Arme ſinken und ſeufzte. „Wir müſſen freilich von hier fort!“ brummte Kingsley weiter.„Ich hoffe zu Gott, daß ſich bin⸗ 191 nen wenigen Tagen in Richmond der Stand der Dinge ändern werde, bis dahin müſſen wir uns ver⸗ borgen halten. Die Verwirrung, welche ſchon jetzt in den Bureaux der Adminiſtration und Polizei herrſcht, wird uns günſtig ſein. Hört, Frau, Eure Schweſter iſt ein braves Weib, kann ſie uns in ihrer Wohnung verſtecken?“ Die Schifferin trocknete ihre Thränen. „Ja!“ antwortete ſie. „Und wird ſie es wollen?“ „Sie thut, was ich von ihr begehre! Und dann, Ihr wißt, daß auch ſie für die Union iſt, daß ihr Sohn auf einem Nankee⸗Kriegsſchiffe dient. Aber ſie wohnt in der Bakerſtreet, Ihr müßt faſt durch die ganze Stadt, um zu ihr zu gelangen!“ „Gleichviel! Könnt Ihr Euch entſchließen, uns zu Eurer Schweſter zu führen? Wir wählen die entlegen⸗ ſten Straßen!“ Die wackere Schifferin überlegte nur einen Augenblick. „Ja, Kingsley“ ſagte ſie dann mit Feſtigkeit,„ich gehe! Gott wird es mir an meinem armen Mann vergelten!“ „Das wird er!“ murmelte Kingsley, ihr die Hand ſchüttelnd.„Hängt Euer Tuch um und verſchließt das Haus. Und Ihr, Sir, zeigt frohen Muth, hoffentlich erfahren wir in unſerm Verſtecke Beruhigendes über 192 Miſtreß Clairville. Es wird ſich noch Alles zum Guten wenden!“ Kingsley verließ die Hütte. Er ſpähte nochmals nach dem Schiffer. Dann verſchaffte er ſich die Gewißheit, daß ſich ringsum nichts Verdächtiges zeige. Einige Minuten ſpäter knarrte die Thür der Hütte, traten Frau Skilnave und der ihr faſt willenlos fol⸗ gende Richard zu Kingsley. Und nun ſchritten die Drei ſchweigſam in das näch⸗ tige Dunkel hinein. V 3 3 ¹ 8 — ——— ——— Siebentes Kapitel. Lee's Plan, der dahin ging, die Linie des unioniſti⸗ ſchen Belagerungsheeres bei Fort Steedman zu durch⸗ brechen und ſo einen directen Weg nach dem Süden zu gewinnen, ward am 25. März ins Werk geſetzt. Schon bei Tagesanbruch verließ General Gordon mit zwei Diviſionen die Schanzen der Süder und ſtürmte das nahegelegene Fort, das von der vierzehn⸗ ten New⸗Yorker Artillerie beſetzt war. Dieſer Ueber⸗ fall kam der Beſatzung des Forts Steedman ſo uner⸗ wartet, daß ſie Hals über Kopf die Vertheidigungs⸗ werke im Stich ließ. Wer nicht raſch genug entfliehen konnte, ward von den Conföderirten gefangen genom⸗ men, die ſodann die Geſchütze des Forts auf die näch⸗ ſten Schanzen des Gegners richteten und in kürzeſter Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 13 194 Friſt noch drei Befeſtigungen eroberten. Doch ein Ver⸗ ſuch, auch das Fort Haskell und die hinter den Schan⸗ zen liegenden wichtigen Höhen zu nehmen, mißglückte vollſtändig, denn die zwanzigtauſend Mann, welche Lee den Diviſionen Gordon's hatte nachrücken laſſen, waren nicht raſch genug zur Hand geweſen, den Angriff zu unterſtützen. Gordon’s Truppen, die keinen Succurs erhielten, ſahen ſich plötzlich von einer furchtbaren Uebermacht angegriffen, konnten die eroberten Poſi⸗ tionen nicht halten und mußten ſich ſchließlich nach ſchweren Verluſten ergeben. Der unter Grant be⸗ fehligende General Meade, welcher ganz richtig voraus⸗ ſetzte, daß die Süder zur Ausführung ihres Vorhabens ihren weiterab liegenden Schanzlinien Truppen ent⸗ zogen haben müßten, ließ raſch die weſtlich von Fort Steedman gelegenen Werke der Conföderirten angreifen; die äußerſten Schanzen wurden genommen, und ſo ſah ſich denn Lee, ſtatt einen Ausweg nach Nord⸗Carolina erobert zu haben, noch mehr als zuvor von der Be⸗ lagerungsarmee Grant's eingeengt. Und nun ſchritt dieſer begabteſte General der Union zur lange vorbereiteten That. Alle die großartigen, weitreichenden ſtrategiſchen Combinationen, die Grant, ſeit er Generaliſſimus der Unionstruppen geworden, entworfen hatte und zu denen auch der ewig denk⸗ 195 würdige Zug Shermau's und das Vorgehen Sheridan's im Shenandoahthale gehörten, ſollten nun, nachdem ſie mit wahrer Meiſterſchaft in allen Theilen waren aus⸗ geführt worden, durch ihr Endreſultat ſich glänzend bewähren. Dieſes Reſultat ſollte alle jene beſchämen, welche Zweifel in das Feldherrntalent des großen Mannes geſetzt hatten, weil dieſer, ſtatt wie ein kühner Haudegen aufs Gerathewohl den Gegner anzugreifen, es vorgezogen hatte, Schritt vor Schritt die Rebellion zu beſiegen und langſam, aber ſicher ein furchtbares Netz um die Süder zu ziehen, in deſſen Schlingen ſie ſich alle fangen mußten. Durch dieſes Reſultat aber, das nicht mehr ausbleiben konnte, ward dem ſchweig⸗ ſamen, beſcheidenen Grant Unſterblichkeit und im Her⸗ zen ſeiner Nation ein Platz neben Waſhington und Lincoln geſichert. Ein Theil der Unionstruppen, welcher an den Ufern des James Richmond bedroht hatte, ward von dort zurückgezogen und mußte, Petersburg gegenüber, den linken Flügel der Armee verſtärken, während Warren's und Humphreys’ Corps ſüdweſtlich über Hatcher's Run vorrückten und dann eine Schwenkung machten, den Feind anzugreifen. Sheridan, der am 27. März bei der Armee eingetroffen war, nahm an der äußerſten Linken mit zehntauſend Reitern Stellung. 13 196 Es galt, die Verſchanzungen der Süder bei der White⸗ Oak⸗Landſtraße und Five Forks, ſüdweſtlich von Peters⸗ burg, zu nehmen. Warren's Corps erreichte die genannte Straße nach einigen Kämpfen und machte Halt, denn die Nacht rückte heran. Humphreys' Truppen hatten ein un⸗ günſtiges und bewaldetes Terrain zu durchdringen und beſtanden an jenem Tage, es war der 29. März, nur kleine Scharmützel mit feindlichen Scharfſchützen. Die ganze Nacht hindurch und auch den folgenden Tag fiel ein heftiger Regen, der die Gegend in ein Kothmeer verwandelte. Die Infanteriediviſionen bewerkſtelligten an dieſem Tage nur ihre Aufſtellung und Verbindung. Sheridan ließ einen Theil ſeiner Reiter nach Five Forks vorrücken, da ſie aber dort den Feind zu maſſenhaft fan⸗ den, mußten ſie durch Schlamm und Regen nach Din⸗ widdie⸗Court⸗Houſe zurückkehren, von wo aus die Expedition unternommen worden. Obwohl es am 31. März nicht mehr regnete, war doch das Terrain ſo durchweicht, daß Grant beſchloß, den entſcheidenden Schlag, welchen er zu führen beab⸗ ſichtigte, noch zu verzögern. Sein Vorhaben aber ward durch Lee verhindert, der alle ſeine verfügbaren Trup⸗ pen in Sturm und Regen ſeinem bedrohten rechten Flügel zugeführt hatte und nun mit aller Gewalt das Corps Warren's angriff. Die Diviſionen Ayres' und Crawford's wurden geworfen, es hatte einen Augen⸗ blick den Anſchein, als ob für die Union ein zweites Chancellorsville gekommen ſei. Doch hinter den ge⸗ worfenen Diviſionen hielten Griffin's Truppen ſo ener⸗ giſch Stand, daß. die in die Flucht Getriebenen ſich wieder ſammeln konnten. Im Verein mit Humphreys' Tapfern jagten ſie dann die Süder, welche hierbei ſchwere Verluſte erlitten, zu ihren Schanzen zurück, vermochten aber nicht dieſe zu nehmen. Sheridan hatte indeſſen ſeinen Verſuch erneuert, den rechten Flügel der Rebellen zu umgehen und dort eine vor⸗ theilhafte Poſition zu gewinnen. Es war ihm ge⸗ lungen, Devin's Diviſion und Davies⸗ Brigade dort aufzuſtellen, als Lee, nach dem verfehlten Angriff auf Warren, einen Theil ſeiner Truppen dorthin warf und Devin von Sheridau's Hauptmacht trennte. Indem die Rebellen aber Devin verfolgten, boten ſie Sheridan ihre Flanke, die dieſer ſofort angreifen ließ. Nun warf ſich der Feind auf Sheridau's Truppen. Dieſer aber ließ ſeine Reiter abſitzen und ſich hinter einer raſch er⸗ richteten Bruſtwehr aufſtellen. Die Angreifer wurden mit einem mörderiſchen Kugelregen empfangen, ſodaß ſie zurückweichen mußten. Bevor ſie ihr Stürmen hätten erneuern können, brach die Nacht an. Am fol⸗ 198 genden Morgen aber waren die Süder verſchwunden; Lee hatte ſie zurückgezogen. Im Hauptquartier, wo man nur wußte, daß Sheri⸗ dan’s Truppen von Five Forks zurückgedrängt ſeien, herrſchte die Nacht große Sorge. Warren erhielt Ordre, zu Sheridan zu ſtoßen, als er aber am 1. April bei Tagesanbruch Dinwiddie⸗Court⸗Houſe erreichte, waren die Conföderirten ſchon auf und davon. Sheridan ließ ſeine Reiter nun energiſch vorgehen und trieb mit die⸗ ſen allein die Rebellen hinter ihre Schanzen bei Five Forks, dann beorderte er Warren, ſeine Bewegungen zu unterſtützen, um einen gemeinſchaftlichen Angriff be⸗ werkſtelligen zu können. Warren, der unter Sheridan's Befehl geſtellt worden war, entwickelte aber den Wei⸗ ſungen des Generals gegenüber eine ſolche Langſam⸗ keit, daß dieſer ſeine Unternehmungen gefährdet und ſich genöthigt ſah, ihn ſofort ſeines Commandos zu entheben und dieſes Griffin anzuvertrauen. Von nun an änderte ſich der Erfolg des Kampfes, der ſchon be⸗ gonnen hatte ein zweifelhafter zu werden. Noch vor Einbruch der Nacht wurden ſämmtliche Schanzen erobert, mehr als fünftauſend Gefangene gemacht, ward der rechte Flügel Lee's vollſtändig aufgelöſt und zu regel⸗ loſer Flucht getrieben. Zu gleicher Zeit aber ließ Grant bei eintretender Dämmerung auf der ganzen, —— im Angeſichte Petersburgs liegenden Linie ſeiner Haupt⸗ macht ein furchtbares Bombardement auf die Stadt und ihre Feſtungswerke eröffnen und beorderte gegen Mor⸗ gen die Generale Wright, Parke und Ord, mit ihren Corps zu ſtürmen. Der Erfolg war ein glänzender. Lee hielt wohl noch immer die Stadt und hatte ſich durch Longſtreet's achttauſend Mann verſtärkt, aber er ſah ein, daß er. Petersburg räumen müſſe. Hill, einer der tüchtigſten Rebellenführer, war im Kampfe gefallen, die Armee durch den Verluſt von mehr als zehntauſend Mann geſchwächt worden. Und nun Lee keinen andern Aus⸗ weg ſah als die Flucht gen Südweſten über Burkes⸗ ville, telegraphirte er um halb elf Uhr morgens nach Richmond:„Meine Linien ſind an drei Stellen durch⸗ brochen, Richmond muß dieſen Abend geräumt werden.“ Es war Sonntag den 2. April, als dieſe Depeſche in der Rebellenhauptſtadt anlangte. Jefferſon Davis befand ſich in der gedrängt vollen Kirche. Dort ward ihm das Schreiben überreicht. Aller Augen ruhten erwartungsvoll und ängſt⸗ lich auf ihm, als er das Papier anſcheinend gelaſſen öffnete. Er überlas die wenigen Zeilen und verzog keine Miene. Aber er verließ die Kirche ſofort. Als Präſident der Conföderation war er dort er⸗ ſchienen, als ein Flüchtling, ein Geächteter ſchritt er jetzt durch das Portal hinaus. Alle zur Andacht Verſammelten folgten ihm be⸗ ſtürzt auf die Straße; ſie ahnten den Inhalt der Depeſche. Und obwohl die Regierung kein Wort über das Geſchehene und die nächſte Zukunft verlauten ließ, ging doch bald durch die ganze Stadt die Nachricht von Mund zu Mund, daß Richmond verloren ſei. Wer noch daran zweifelte, dem ſollten bald alle Anzeichen einer unmittelbar bevorſtehenden Räumung den letzten Reſt von Hoffnung rauben. Schon am Nachmittage begann ein haſtiges Treiben vor allen Regierungsgebäuden, war man dort beſchäftigt, die in Ballen, Kiſten und Koffern verpackten Documente und ſonſtigen der Regierung werthvollen Dinge den in den Straßen bereit ſtehenden Wagen aufzuladen, um ſie zur Danville⸗Bahn zu befördern. Dieſer Anblick gab das Signal zur Flucht derjenigen, welche ſich längſt entſchloſſen hatten, Richmond zu verlaſſen, ſobald die Behörden der Conföderation genöthigt ſein ſollten, ſich aus der Stadt zu entfernen. Die noch am Morgen ſo ſtillen Straßen wurden binnen kürzeſter Friſt von — 3——— 201 einem geräuſchvollen Durcheinander von Menſchen und Fuhrwerken erfüllt. Ueberall erblickte man Neger, welche ihrer angſterfüllten ariſtokratiſchen Herrſchaft Koffer und Handtaſchen nachtrugen oder ſchwer belaſtete Karren zum Bahnhofe zogen. Ueberall tönten Flüche und Ge⸗ ſchrei, zankte und drängte man ſich. Die Preiſe aller Arten von Lohnfuhrwerk ſtiegen zu fabelhafter Höhe⸗ Ganze Schaaren von Flüchtlingen ſtürmten die Bank⸗ häuſer, ihre dort deponirten Gelder ſchleunigſt ein⸗ zuziehen, während die Directoren daſelbſt beſchäftigt waren, die Fortſchaffung ihrer Gold⸗ und Silber⸗ barren zu bewerkſtelligen. Papiergeld der Union ſo⸗ wohl wie der Conföderation ward vernichtet, viel⸗ leicht im Betrage von einer halben Million Dollars. Von Stunde zu Stunde mehrte ſich der Wirrwarr in den Straßen und Häuſern, der Pöbel, welcher die Stadt nicht verlaſſen konnte und ſich preisge⸗ geben ſah, begann bei anbrechender Dunkelheit dro⸗ hend und tumultuariſch die allgemeine Unordnung zu ſteigern. Wir müſſen uns jetzt zur Marſhalſtreet und Miſtreß Clairville wenden. Dieſe war ſeit jenem Abende, da Kingsley und Bob das Haus verlaſſen, ohne alle Nachricht von ihnen ge⸗ blieben. Obwohl Richard und deſſen Befreier ſich nur einige Straßen von ihr entfernt in ſicherem Verſteck befanden, hatten ſie es doch nicht wagen dürfen, ihr ein Lebenszeichen von ſich zu geben. Es war Kingsley zu verſchiedenen Malen ſchwer geworden, den heftig erregten und ſorgeerfüllten Major von Schritten abzu⸗ halten, welche die Lady ſowohl wie die beiden Ver⸗ borgenen muthmaßlich einem traurigen Schickſale über⸗ liefert haben würden, und nur der Hinweis darauf, daß Miſtreß Clairville, wie jene durch die Schweſter der Schifferin erfahren, noch immer anſcheinend unbe⸗ helligt ihr kleines Haus in der Marſhalſtreet bewohne und mit der ariſtokratiſchen Geſellſchaft der Rebellen⸗ hauptſtadt nach wie vor verkehre, konnte den unge⸗ ſtümen Richard einigermaßen beruhigen. Auch wußten die in der Bakerſtreet Verſteckten durch ihre wohlwollende und vorſichtige Wirthin, daß die Frau Skilnave'’s weder von der Polizei eingezogen, noch ſonſt irgendwie be⸗ läſtigt worden ſei, und ſo mußten ſie denn annehmen, der oder die Urheber von Bob's und des Schiffers Verſchwinden ſeien durch die vor den Thoren Rich⸗ monds ſich abwickelnden Ereigniſſe und die in der Stadt ſelbſt herrſchende Erregung vorläufig gehindert worden, ihre verdächtigen Pläne weiter zu verfolgen. Es war ihnen aber auch bekannt, daß weder der treue Neger noch Skilnave wieder zum Vorſchein ge⸗ —— —— * kommen, das Boot aber kaum zwanzig Schritt unter⸗ halb der Schenke aufgefiſcht worden ſei, welcher Um⸗ ſtand einen Ueberfall beſtätigte, und ſo konnten ſie ſich daher auch nicht verhehlen, daß die Gefahr für die ſchöne Spionin keineswegs beſeitigt ſei. Eine Hoff⸗ nung aber blieb ihnen, ſie durften ſich der Erwar⸗ tung hingeben, daß die kriegeriſchen Ereigniſſe Alles überholen und dem elenden Gaunt oder ſeiner Partei keine Zeit laſſen würden, ſich mit Miſtreß Clairville zu beſchäftigen. Was nun dieſe betrifft, ſo darf hier nicht uner⸗ wähnt bleiben, daß ſie keine Ahnung von dem Schick⸗ ſale ihrer Getreuen und des Majors haben konnte, denn auch Frau Skilnave hatte es nicht wagen dürfen, ſich zu ihr zu begeben oder ihr in anderer Weiſe Mittheilungen über das Geſchehene zu machen. Es war, da ſie. täglich mit den Familien der vornehm⸗ ſten Regierungsbeamten verkehrte, zu ihrer Kenntniß gelangt, daß die Flucht des Majors gelungen und ſein Befreier unbekannt ſei, ſie nahm daher an, auch die nächtliche Fahrt ſtromabwärts ſei glücklich von ſtatten gegangen und der Neger kehre nur deshalb nicht wieder von ſeiner Miſſion heim, weil die von den Conföderirten ſeit dem 23. März ver⸗ anſtalteten Truppenbewegungen und dann der ausge⸗ — 204 brochene Kampf ihm die Möglichkeit der Rückkehr ab⸗ geſchnitten. Oliver Gaunt hatte ſeit der Spazierfahrt nach Belle Isle täglich der Miſtreß Clairville ſeinen ge⸗ wöhnlichen Beſuch abgeſtattet, während deſſelben aber ſtets ſeine harmloſeſte Miene gezeigt. Ja ſelbſt nach dem Verſchwinden Kingsley's und Bob's aus dem Hauſe der Lady hatte er dieſelbe Unbefangenheit zur Schau getragen und gethan, als bemerke er die Ab⸗ weſenheit jener Leute nicht. In den letzten Tagen, welche dem verhängnißvollen zweiten April voraus⸗ gingen, hatte er, der als angeſehener Patriot an allen wichtigen Verhandlungen der bedrängten Südſtaaten⸗ barone Theil nehmen mußte, die Lady nur immer wenige Augenblicke ſehen können, aber auch dann weder durch einen Blick noch ein Wort verrathen, was er von ihr halte und was er heimlich gethan, ſie in ſeine Macht zu bekommen. Dieſes eigenthümliche Vorgehen des intriguanten Pflanzers bedarf einer kurzen Erklärung. Wir wiſſen, daß Gaunt in Miſtreß Clairville ver⸗ liebt war, natürlich nur in einer Weiſe, dem egoiſtiſchen, niedrigen Charakter jenes herzloſen Mannes angemeſſen. Seine Leidenſchaft ſtrebte dahin, über die Tugendhaftig⸗ keit der ſchönen Lady zu triumphiren, in ſeine Gefühle — “ miſchte ſich auch nicht ein Atom edlerer Regung. Des⸗ halb blieb er auch dem Gegenſtande ſeiner Wünſche gegenüber kühl berechnend, obwohl ihn die Reize des⸗ ſelben ganz ungewöhnlich feſſelten und ſogar mächtig genug waren, ihn zu beſtimmen, ſelbſt ſeinen Partei⸗ haß an die Seite zu ſetzen. Um aber ſeinen ſelbſti⸗ ſchen Zweck erreichen zu können, durfte er Miſtreß Clairville nicht der Regierung verrathen, denn hätte er dieſes gethan, ſo wäre die Lady in demſelben Augen⸗ blicke für ihn verloren geweſen. Er hatte ſich daher wohl gehütet, als ihr Ankläger aufzutreten oder bei den Führern der Conföderatidn auch nur den leiſeſten Wink über ſie fallen zu laſſen, um aber doch ſeine patriotiſche Pflicht nicht ganz zu verletzen, war er im Stillen und ohne officielle Beihülfe befliſſen geweſen, die geheime Thätigkeit der Lady für den Süden ſo viel wie möglich unſchädlich zu machen. Daher die Ueberwachung des Hauſes und der Dienerſchaft der Miſtreß Clairville, daher ſchließlich die Ueberrumpelung ihres Negers und Skilnave's. Uebrigens hatte Gaunt durch ſolches Vor⸗ gehen nicht allein den Süden vor Verrath zu ſchützen getrachtet, ſondern auch geſucht, ſich Beweiſe von der Schuld der Lady zu verſchaffen, um dieſe damit nöthi⸗ genfalls einſchüchtern und ſeinen Wünſchen willfährig machen zu können. Nach dem Beſuche, den die Damen 206 und er Belle Isle gemacht, hatte er beabſichtigt zu er⸗ gründen, ob der ihm dort verdächtig gewordene ge⸗ fangene Major und Miſtreß Clairville in Beziehung zu einander geſtanden, hatte er ſich vorgenommen, ihn im Libby⸗Gefängniß noch ganz beſonders überwachen zu laſſen, war aber in den nächſten Tagen durch ſeine nothwendige Betheiligung an den Geſchäften der Süd⸗ ſtaatenführer verhindert worden, dieſen Zweck ſofort zu verfolgen. Und als er darauf zurückgekommen, hatte der Major bereits die Flucht ergriffen. Daß dieſe unter dem Beiſtande der ſchönen Spionin bewerkſtelligt wor⸗ den, daran zweifelte Gannt keinen Augenblick, auch brachte er ganz richtig Kingsley's Verſchwinden damit in Verbindung, vermochte aber weder eine Spur von den Geflüchteten zu entdecken, noch tiefer in das Ge⸗ heimniß dieſer Flucht zu dringen. Dagegen waren, wie uns bekannt iſt, Bob und Skilnave in ſeiner Ge⸗ walt. Er hatte ſie insgeheim nach dem Hauſe eines Freundes bringen und dort in wohlverwahrte Keller werfen laſſen, unter dem Vorgeben, daß die beiden Eingefangenen ſeine Diener ſeien, die ſich hätten flüch⸗ ten wollen, nachdem ſie ihn beſtohlen. Doch obwohl der Neger und ſein Gefährte jetzt bereits ſeit elf Tagen in ihrem feuchten Kerker ſchmachteten, obgleich Gaunt ſelber ihre Kleider durchſucht und ſie den grauſamſten 8 . 207 Mißhandlungen ausgeſetzt hatte, war doch nichts zu Tage gefördert worden, was dem Pflanzer als un⸗ widerlegharer Beweis gegen die Lady hätte dienen können. Eben deshalb hatte er bisher gezögert, ohne Rückhalt mit dieſer zu ſprechen und ihr die Alternative zu ſtellen, entweder ſeine Geliebte zu werden oder, als Spionin angeklagt und verhaftet, einem ſichern Tode entgegen zu gehen. Und nun die kriegeriſchen Ereigniſſe vor Richmond plötzlich eine für die Conföderirten ſo troſtloſe Wen⸗ dung genommen, nun die bisher ſo hochfahrenden Führer der Rebellion in der allgemeinen Verwirrung darüber aus waren, ſich ſchleunigſt mit ihren beſtürzten Fami⸗ lien über Danville nach dem Süden zu flüchten, nun ſtand es in Frage, ob der Pflanzer im letzten Moment noch in der Lage oder überhaupt darauf bedacht ſein werde, ſich der Lady zu verſichern, bevor auch er ge⸗ nöthigt ward, ſich vor den Unioniſten aus dem Staube zu machen. Die neunte Abendſtunde des verhängnißvollen Sonn⸗ tags hatte geſchlagen. Miſtreß Clairville und ihre ſchwarze Zofe waren zu Hauſe. Oliver Gaunt hatte ſich den ganzen Tag noch nicht blicken laſſen. 208 Die Lady triumphirte; ſie wähnte ſich bereits von dem gleißneriſchen Manne befreit, über deſſen ver⸗ worfene und perfide Pläne ſie ſich keinen Augenblick einer Täuſchung überlaſſen hatte. Sie war am Morgen in der Kirche geweſen, als Davis die alle Hoffnungen der Rebellen niederſchmet⸗ ternde Depeſche empfangen, ſie hatte am Nachmittage einen Gang durch die Stadt gemacht und ſich über⸗ zeugt, daß die Behörden und Notablen der Confödera⸗ tion nur darauf bedacht ſeien, ihr Heil hinfort in der Jlucht zu ſuchen. Und jetzt befand ſie ſich in ihrem Arbeitszimmer, das wir kennen, erregt, in höchſter Spannung der näch⸗ ſten Zukunft entgegenſehend, ungeduldig, zu erfahren, was in der Stadt unter den von paniſchem Schrecken erfaßten Südern vorgehe, und doch entſchloſſen, die Wohnung nicht eher zu verlaſſen, als bis ſich jene geflüchtet haben mußten, in deren Kreiſen ſie ſeit Mo⸗ naten heimiſch geweſen. Ein dumpfes Geräuſch tönte von der Straße her⸗ auf, das tumultuariſche Durcheinander verkündend, wel⸗ ches ſich von Gaſſe zu Gaſſe ſchon ſeit Stunden durch die ganze Stadt wälzte. Plötzlich ward die Hausglocke heftig geläutet. Die Negerin ſtürzte in das Gemach. ——.————— „O Lorry“, ſtammelte ſie zitternd.„Miſſus ver⸗ bergen— Maſſa Oli Gaunt an Thor— und Dar⸗ kies mit ihm!“ Die Schwarze rang die Hände, ihre Gebieterin ward bleich, verlor jedoch nicht die Faſſung. Ohne eine Miene zu verziehen, trat ſie zum Schreib⸗ tiſche, zog aus einer Schublade deſſelben einen kleinen Revolver hervor und ließ ihn in eine der Taſchen des dunklen Sammtpaletots gleiten, den ſie trug. Die Negerin verfolgte jede Bewegung ihrer Herrin mit angſterfülltem Blick. „Miſſus wollen—“" ſtieß ſie hervor. Das Läuten ertönte heftiger. Und nun ließ ſich auch ein ſtarkes Pochen vernehmen. „Oeffne ihnen!“ ſagte die Lady gelaſſen. Die Schwarze erhob ihre Hände mit flehender Ge⸗ berde gegen die Herrin. „Miſſus werden doch nich—“ „Oeffne!“ Die Negerin verſchwand. Ihre Gebieterin aber lehnte ſich an den Kamin, die zarten Hände in den Taſchen ihres Sammtjäckchens vergraben. Jeder Zug ihres ſchönen Antlitzes zeigte Gleichmuth und Entſchloſſenheit. Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 14 210 Eine Minute verging. Dann ächzte die Holztreppe unter haſtigen Tritten. Nun machte ſich ein flüchtiges Klopfen hörbar, ward die Thür leiſe und behutſam geöffnet. Oliver Gaunt trat in den Parlor und zog die Thür hinter ſich zu. Das hagere Angeſicht des Pflanzers war noch fahler als gewöhnlich, ſein ſtechender Blick hatte eine unheim⸗ liche Glut, ſeine ganze abſtoßende Erſcheinung verrieth eine mühſam verhaltene, heftige innere Erregung. „Was muß ich ſehen, Ma'am!“ rief er ſcheinbar überraſcht.„Ganz Richmond iſt in Alarm und Sie ſind ruhig, als ob Sie nichts zu fürchten hätten!“ „Ah, Sir“, verſetzte Miſtreß Clairville gelaſſen,„was ſollte ich denn fürchten? Die Abolitioniſten führen doch keinen Krieg mit Weibern!“ „Eine ſeltſame Antwort, Ma'am, beſonders für eine Anhängerin des Südens!“ „Ich wüßte nicht—“ „Laſſen wir das dahingeſtellt ſein! Verzeihen Sie mir, daß ich ſo ſpät komme, es ward mir nicht ver⸗ gönnt, zu Ihrem Beiſtande früher herbeizueilen. Ich war ſehr beſorgt um Sie, denn unterwegs erfuhr ich, daß der Pöbel bereits in einigen Straßen die allge⸗ meine Verwirrung benutzt habe und in die Häuſer ein⸗ 211 gedrungen ſei, um zu plündern. Ich ſagte mir freilich zu meiner Beruhigung, daß Sie ſich ohne Zweifel ſchon irgend einer Ihnen befreundeten Familie angeſchloſſen haben würden, kehrte aber nichtsdeſtoweniger wieder um und nahm vom Hotel vier meiner zuverläſſigſten Leute mit mir, Ihr Haus und Ihre Habſeligkeiten zu bewachen und die letztern zur Danville⸗Bahn zu ſchaffen, falls es Ihnen noch nicht gelungen ſein ſollte, dieſes zu bewerkſtelligen. Zu meinem Erſtaunen ſehe ich, Ma'am, daß Sie noch durchaus keine Anſtalten zur Flucht getroffen haben!“ „Und ich werde auch keine treffen, Sir!“ „Ich verſtehe Sie nicht! Sie müſſen doch wiſſen, daß man Richmond räumt und der Feind vielleicht ſchon morgen in die Stadt einzieht! In einer Stunde werden Jefferſon Davis, der Gouverneur Smith, die Beamten und hervorragendſten Congreßmitglieder mit dem Train vorläufig nach Danville gehen, und wir thun gut, Ma'am, uns den Behörden anzuſchließen, denn es verlautet, daß General Ewell ſeinen Truppen den Befehl ertheilen werde, vor ihrem Abmarſche die großen Tabak⸗ factoreien der Stadt, die öffentlichen Depots anzuzün⸗ den, die Flotte in die Luft zu ſprengen und alle Brücken zu verbrennen, welche über den James führen. Daß dann in der von Feuersbrünſten durchraſten, dem Pöbel 14* 212 preisgegebenen Stadt Niemand ſeines Lebens ſicher ſein kann, liegt auf der Hand. Beeilen Sie ſich daher, werthe Freundin, meinen Leuten anzuvertrauen, was Sie mit ſich zu nehmen wünſchen, und verfügen Sie vwöllig über mich und meine Schwarzen. Aber wir haben keinen Augenblick zu verlieren!“ Oliver Gaunt hatte mit vortrefflich geheuchelter Beſorgniß geſprochen und trat jetzt in katzenfreundlicher Weiſe einen Schritt näher, währ d er lauernd die Züge der Lady beobachtete. Dieſe erwiderte ruhig und feſt den forſchenden Blick des Pflanzers. „Ich danke Ihnen für ihre Aufmerkſamkeit, Sir“, ſagte ſie kühl und entſchieden,„aber ich bitte Sie, ſich meinethalben keinen Ungelegenheiten auszuſetzen. Eilen Sie daher, ſich der Geſellſchaft des Präſidenten anzu⸗ ſchließen—“ „Wie, Ma'am, Sie wollen mir nicht geſtatten, an Ihrer Seite zu Ihrem Schutze bleiben zu dürfen?“ Die Lady lächelte kalt. „Nein, Sir, denn ich verlaſſe Richmond nicht und fühle zu große Freundſchaft für Mr. Gaunt, als daß ich je den Vorwurf auf mich laden möchte, ſein Leben in Gefahr gebracht zu haben!“ Gaunt's Antlitz verfinſterte ſich. „Sie antworten mir mit Spott, Ma'am, in einem Augenblicke, wo ich bereit bin, Ihnen voll aufrichtiger Ergebenheit zu dienen?“ ſtieß er im Tone ſchmerz⸗ licher Entrüſtung hervor.„Doch“, fuhr er ruhiger und einſchmeichelnd fort,„ich begreife, Sie zürnen mir, daß ich ſo ſpät hier erſchienen, faſt im letzten Moment! Ich ſchwöre Ihnen, ich ward im Dienſte der Confödera⸗ tion verhindert, ich komme direct vom Präſidenten—“ „So zögern Sie nicht, Sir, ſich wieder mit ihm zu vereinigen!“ „Ja, Ma'am, aber nicht ohne Sie! Ich muß Sie retten, und ſei es gegen Ihren Willen!“ „Sir!“ „Warum wollen Sie Richmond nicht verlaſſen?“ „Weil ich in meinem Verbleiben hier eine geringere Gefahr ſehe als in einer Flucht!“ Der Pflanzer zeigte eine zerknirſchte Miene. „Sie glauben alſo nicht mehr an den guten Stern der Conföderation, Ma'am! Auch ich ſehe manche kühn gehegte Hoffnung untergehen, aber eine hält mein Herz noch aufrecht, und das iſt jene, die mich erfüllt, ſeit Sie mir Ihr Wohlwollen zugewendet. Wenn Sie mir dieſe rauben, ſo hat das Daſein keinen Werth mehr für mich! Können Sie der Conföderation nicht folgen, nun, ſo folgen Sie mir; um der Leidenſchaft willen, 214 die mein Herz für Sie erfaßt hat, will ich jener ent⸗ ſagen!“ Miſtreß Clairville blieb ernſt und ruhig. „Sie haben den Augenblick ſchlecht gewählt, von Ihrem Herzen zu reden, Sir!“ ſagte ſie.„Sie ſehen den Sturz alles deſſen vor ſich, was Sie und Ihre Freunde zur Hauptaufgabe ihres Lebens gemacht, und ſprechen von Liebe. Ein Mann, der eines Weibes wegen ſeine ihm heiligſten Intereſſen aufgibt, wird auch früher oder ſpäter dieſes Weib verleugnen. Be⸗ weiſen Sie mir, Sir, daß Sie der Conföderation auch im Unglücke treu zu bleiben verſtehen, und ich will an die Gefühle glauben, welche Sie für mich zu hegen vorgeben!“ Gaunt ſeufzte und ließ das Haupt ſinken. Nach einem kurzen Zögern, das auf einen innern Kampf zu deuten ſchien, blickte er Miſtreß Clairville wie ver⸗ nichtet an. „Ich werde Ihnen dieſen Beweis geben und gehen“, ſagte er dann traurig und langſam,„vielleicht um Sie niemals wiederzuſehen! Es iſt das der Entſchluß eines gereiften Mannes, der zum erſten Male liebt, Ma'am, und ſolcher Entſchluß wiegt ſchwerer als tauſend Jüng⸗ lingsſchwüre. Ich gehe, weil Sie es wollen, mit ge⸗ brochenem Muthe, denn ich muß Sie einem ungewiſſen 215 * Schickſale überlaſſen. Doch eine Gunſt vergönnen Sie mir: Ihre Hand zum Abſchiede und— eine jener ſchönen goldigen Locken zum Andenken an den ſüßeſten Traum meines Lebens!“ Gaunt hatte mit zitternder Stimme geſprochen und anſcheinend tief ergriffen; es lag ſo ſehr der Ausdruck eines heftigen Seelenſchmerzes auf ſeinen häßlichen Zügen und er ſchien ſo wahr zu ſein, daß ſelbſt die vorſichtige Lady davon betroffen ward. „Iſt das Trug oder Wahrheit?“ ſagte ſie ſich. „Und wenn das Erſtere, was kann er damit bezwecken? Er hat mir ſeither nichts in den Weg gelegt, obwohl er unzweifelhaft ahnte, was mich nach Richmond ge⸗ führt— iſt das ein Beweis ſeiner Zuneigung oder Schlauheit? Kann ein Gaunt ernſtlich lieben? Ich glaube es kaum! Wird er gutwillig einer Leidenſchaft entſagen, die ihn erfaßt hat? Wohl ſchwerlich! Aber wenn ſich das Unerhörte doch ereignet hätte, wenn er ſchwach wäre, menſchlich fühlte, wie Andere, wenn ich überängſtlich geweſen und nur die Eiferſucht ihn be⸗ ſtimmt hätte, mein Haus mit Spionen zu umgeben? Dann ginge auch jetzt, vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben, eine beſſere Regung durch ſeine Seele und dürfte ich hoffen, ſo leichten Kaufs davonzu⸗ kommen!“ Dieſe blitzſchnell auftauchenden Gedanken ließen die Lady einen Augenblick ihre Klugheit vergeſſen und da⸗ mit die Abſicht, den Pflanzer während dieſes verfäng⸗ lichen Beſuchs ſtets einige Schritte von ſich fern zu halten. Sie reichte ihm ihre Linke hin, aber ein inſtinkt⸗ artiges Gefühl trieb ſie zugleich, die Rechte an dem verborgen gehaltenen Revolver zu laſſen. „Leben Sie wohl, Sir'“, ſagte ſie,„ich werde Ihnen eine Locke ſenden, ſobald ich ſehe, daß Sie Wort ge⸗ halten!“ Gaunt näherte ſich ehrerbietig, ergriff die Hand und küßte ſie. Miſtreß Clairville ſtand einen Moment ein wenig vornübergebeugt, die Lockenfülle umfloß Schul⸗ tern und Buſen. Indem Gaunt's Lippen die Hand verließen und er das Haupt erhob, berührten jene flüchtig das anmuthig geringelte Haar, als wollten ſie auch dieſes küſſen. Plötzlich fühlte die Lady einen haſtigen Griff, der ihrem Haupte galt. Sie wich zur Seite und ſtieß den Pflanzer heftig von ſich. Dieſer aber hielt den falſchen Lockenſchmuck bereits in der Hand. „Fürwahr“, rief er höhniſch,„Sie ſind zu freigebig gegen Ihren Verehrer, Ma'am!“ 217 Der Revolver blitzte in der Rechten der Lady. Oliver Gaunt hörte, wie der Hahn mit Blitzesſchnelle geſpannt ward. Jetzt ſah er den Lauf auf ſich ge⸗ richtet. „Schießen Sie“, ſagte er kalt,„wenn Sie wollen, daß mein Mulatte, der vor der Thür Wache hält, im nächſten Augenblick den Pöbel heraufruft, die Spionin der Nankees zu lynchen und zu ermorden! Und nun ich Sie gewarnt, ein Wort in Güte, ſchöne Dame, denn noch iſt uns beiden ohne Blutvergießen aus dieſer Situation zu helfen!“ „Was können Sie mir zu ſagen haben, Sir? Ich fürchte den Tod nicht und ſchließe keinen Pact mit einem Oliver Gaunt!“ „Vielleicht doch! Bei Gott, je mehr ich Sie jetzt betrachte, nun die trügeriſchen Locken nicht mehr Ihr ſchönes Haupt umflattern, deſto deutlicher tritt in Ihren Zügen die Familienähnlichkeit mit Miſtreß Crawford hervor. Sie ſind Miß Palmer, ich ahnte es längſt, aber das hinderte mich nicht, Sie liebenswürdig, be⸗ gehrenswerth zu finden!“ Alice, den Revolver auf Gaunt gerichtet, ſtand regungslos und geiſterbleich da. Ihr Blick und ihre Mienen drückten eine grenzenloſe Verachtung aus. „Ja, ich bin Alice Palmer“, ſagte ſie,„und ich ſehe 218 * in Ihnen nicht allein den Gegner der Union, den Re⸗ bellen, ſondern auch den Elenden, der durch ſeine In⸗ triguen meine Schweſter Lucy von Haus und Hof ge⸗ trieben, was freilich, gegen Ihren Willen, zum Glücke Lucy's ausgeſchlagen! Wenn Sie auch nur die leiſeſte verdächtige Bewegung machen, Sir, Ihrer Dienerſchaft auch nur das leiſeſte Zeichen geben, ſo ſind Sie im nächſten Augenblick eine Leiche. Aber ich will nur im äußerſten Nothfalle meine Hände mit Ihrem Blute be⸗ ſudeln! Sie ſind mein Gefangener, Sir! Bis um Mitternacht wird der letzte Soldat der Rebellion Rich⸗ mond verlaſſen haben, vor Tagesanbruch die Stadt von den Unioniſten beſetzt ſein, Sie bleiben ſo lange mir gegenüber. Sollte einer Ihrer Sklaven den Ver⸗ ſuch machen, Sie zu befreien, ſo iſt das Ihr Tod! Ich will nichts von einem Vergleiche hören, deſſen Beſchaffen⸗ heit ich errathe!“ Oliver Gaunt ſtierte die kühne Spionin an, wie ein in die Falle gelockter Tiger auf ſeine Ueberwinder ſtarrt. Er begann einzuſehen, daß er die Energie der Miß unterſchätzt habe, und verwünſchte innerlich ſeine Thorheit, unbewaffnet hier eingetreten zu ſein. Aber er verlor nicht ſeine Geiſtesgegenwart und blieb äußerlich ruhig. „Es freut mich, Miß', ſagte er höhniſch lachend, 219 „daß Sie unſer Beiſammenſein hier zu verlängern trachten. Ich fürchte nur, meine Leute werden bald ungeduldig ſein, den Straßenpöbel, den ich immer deutlicher vernehme, hierher hetzen, und dann—“ „Dann werde ich Sie niederſchießen, Sir, bevor man ſich meiner bemächtigen kann!“ „Da bis zu dieſem erfreulichen Moment noch einige Zeit verfließen dürfte, Miß, ſo möchte ich rathen, es uns hier bequem zu machen, denn das Stehen ermüdet!“ „Ihr Galgenhumor beweiſt mir, daß Sie keinen Ausweg wiſſen, Sir! Sie ſind in meiner Macht!“ Gaunt fand es nöthig, Ton und Benehmen zu ändern. „Sie waren in meiner Macht, wie ich jetzt in Ihrer, Miß“, ſagte er ſanft und eindringlich,„und doch be⸗ nutzte ich dieſelbe nicht, Sie zu verrathen. Erkennen Sie trotz alledem daraus, daß ich Sie liebe, daß—“ „Still, Sir! Wenn Sie Ihrem Verdachte keine Worte liehen, ſo waren Ihre Ungewißheit und Selbſt⸗ ſucht die Urſache davon!“ „Ich hatte mehr als Verdacht, Miß! Seit länger als zehn Tagen ſind jene Männer in meiner Gewalt, welche im Boot die nächtliche Fahrt auf dem James antreten ſollten!“ Alice Palmer wankte, wie vom Zlitz getroffen. Ihr 220 erſter und einziger Gedanke war, daß der Major in den Händen Oliver Gaunts ſei. „Allmächtiger Gott!“ hauchte Alice. Da entglitt der Revolver ihrer zitternden Hand. Er fiel auf den Teppich des Gemachs, ohne ſich zu entladen. Mit Blitzesſchnelle ſetzte der Pflanzer ſeinen Fuß auf die Waffe und pfiff. Auf dieſes Zeichen ſtürzten der Mulatte Ben und zwei Neger in den Parlor. „Bemächtigt Euch der Lady!“ herrſchte Gaunt ſeinen Leuten zu. Sechs nervige Fäuſte packten Alice; in wenigen Sekunden war ſie wehrlos. „Jetzt hat ſich das Blatt gewendet“, höhnte Gaunt, naber fürchten Sie nichts, Miß, Sie gehören nicht der Regierung, ſondern mir— mir!“ Er hatte kaum geſprochen, als die Hausthür er⸗ dröhnte, wie wenn ſie geſprengt würde. Zugleich klirr⸗ ten zertrümmerte Fenſterſcheiben. Dann ertönte ein Poltern auf der Treppe. Gaunt und ſeine farbigen Helfershelfer ſtanden er⸗ ſtarrt. Im nächſten Moment aber ward die Thür des Parlors aufgeriſſen. 221 Ein Blitz leuchtete auf, ein Krachen folgte, Oliver Gaunt ſank, von einer Kugel in den Kopf getroffen, lautlos zuſammen. Richard aber, denn er war es, der geſchoſſen hatte, ſtürmte in das Gemach und riß den Mulatten zu Boden. „Laßt ab, Männer!“ rief er den Darkies zu, welche noch immer Alice hielten,„Euer Gebieter iſt todt, in wenigen Stunden ſeid Ihr Freie! Es lebe die Union!“ Die Neger gehorchten. „Union for ever!“ jubelten ſie. „Wir Darkies nur gezwungen gehorcht, Maſſa“, rief dann einer der Schwarzen,„aber Ben nich ſo denken!“ Richard hielt den zappelnden Mulatten. Es war völlig finſter im Gemache; der Schuß hatte die Lampe auf dem Schreibtiſche ausgelöſcht, die Fenſter zertrümmert. Da erſchien der rieſige Kingsley auf der Schwelle, eine brennende Kerze in der Hand. „Die braven Nigger, welche wir im Hausgange gefunden, wollen ihr Leben für uns laſſen, Sir“, ſagte er, das Licht auf einen Tiſch ſtellend,„wir dürfen ihnen vertrauen!“ „So nehmt dieſen Schurken in Gewahrſam!“ rief 222 der Major und ſchleuderte den beiden Schwarzen den Mulatten zu. „Ueberlaßt mir den Schelm“, brummte Kingsley den Negern zu,„und tragt die Leiche aus dem Zimmer!“ „Miſſus, o Lorry!“ tönte ein Schrei durch das Gemach. Das treue Weib Hannibal's, ſeit dem Ueberfalle eingeſchloſſen und nun wieder befreit, ſank zu den Füßen der jungen New⸗Yorkerin und umklammerte ſchluchzend ihre Kniee, während Kingsley mit dem Mu⸗ latten das Zimmer verließ und die Neger den Körper Gaunt's fortſchleppten. Alice ſtand jetzt bleich und regungslos am Schreib⸗ tiſche. Ihr Blick, der Freude und zugleich die höchſte Ueberraſchung ausſtrahlte, haftete auf dem Major. Dieſer hatte ſich wie ein Bürger Richmonds ge⸗ kleidet; nur in ſolcher Vermummung, welche ihm die ehrliche Schweſter der Schifferin verſchafft, war es ihm möglich geweſen, unaufgehalten mit Kingsley bis hier⸗ her zu dringen. Er hakte am Abend, trotz Kingsley's und des Weibes Bitten, nicht länger vermocht in ſeinem Verſteck zu bleiben. Durch eine unüberwindliche Angſt, ein ſeltſames Vorgefühl war er zu dem kleinen Hauſe der Marſhalſtreet getrieben worden, Alice ein Helfer in der Noth zu werden. 223 Jetzt näherte er ſich ihr, Färtliche Beſorgniß in Blick und Miene.„ Nun er ſich ſeit langer Zeit wieder der Angebeteten gegenüber ſah, deren Bild ihn in Freud und Leid auf ginen Kriegszügen begleitet, ihm im Traum und Wachen vorgeſchwebt hatte, nun er die Holde leibhaftig vor ſich erblickte, um derentwillen er in den Kampf gezogen, ihrer würdig zu werden, ſtürmten Empfindungen auf ihn ein, die ihn faſt überwältigten.— Er rang mühſam nach Worten, ſeine Erregung ſpie⸗ gelte ſich in ſeinen Zügen ab. 4 3 Bei ſeiner Annäherung erhob ſich Cora und zog ſich zurück. Alice ſtreckte ihm die Hände entgegen. Er ergriff dieſe leidenſchaftlich und drückte ſtür⸗ miſche Küſſe darauf. „Alice“, ſtammelte er,„Miß Alice, welch ein Wieder⸗ ſehen!“ 3 Dann blickte er beſeligt und tief ergriffen in die dunklen Augen des reizenden Mädchens. Ihre Lippen bebten, der energiſche Ausdruck ihrer Züge war jetzt einer lieblichen Verwirrung gewichen, die ſo eben noch bleichen Wangen bedeekte eine zaube⸗ riſche Roſenglut. Eine ſeltſame Wandlung ging ſicht⸗ lich in ihr vor; das kühne, in Gefahren jeglicher Schwäche ſpottende Mädchen fühlte ihre Selbſtbeherrſchung ſchwin⸗ den ihr Buſen wogte heftig, Thränen ſchimmerten in ihren Augen, ſie wankte. „Mein Gott“, ſtieß Richard haſtig hervor,„Sie zittern— Sie bedürfen der Ruhe— ſetzen Sie ſich!“ Er erfaßte wieder dieſe ſchönen Hände, welche er zuvor an die Lippen gezogen, und wollte Alice zu einem Balzac führen. „Hier nicht“, hauchte ſie,„der Teppich iſt mit dem Blute des Elenden befleckt, den eine gerechte Strafe ereilt hat!“ Cora ſchlüpfte zum Tiſche, ſie ergriff die Kerze und öffnete das anſtoßende Gemach. Alice ſchritt der Schwelle zu, aber ſie ſchwankte und wechſelte die Farbe. Richard ſtützte ſie und betrat mit ihr das andere Zimmer. Und wie ſie ſo, ſich an ihn lehnend, einem Fauteuil zuwankte, da jubelte ſein Herz, da ward ſein Gemüth von nie zuvor geahnter Seligkeit erfüllt. Die Zofe ſetzte die Kerze hin und verſchwand; ſie fühlte, wenngleich eine Schwarze, doch mit dem Inſtinkt des Weibes, daß ſie hier überflüſſig ſei. Alice ſank auf den Fauteuil nieder. Richard hielt noch immer ihre Hände und blickte ſie voll ehrerbietiger Zärtlichkeit an. Sie ermannte ſich; eine leichte Röthe kehrte auf ihre Wangen zurück. Und nun ſah ſie zu Richard empor, ſo wunderſam innig und ſeelenvoll, daß dieſer, von ſeinen Gefühlen überwältigt, zu ihren Füßen niederſank. „Mein Gott“, ſtammelte Alice verwirrt,„was be⸗ ginnen Sie, Major? Stehen Sie auf, Ihnen ge⸗ bührt kein ſolcher Platz— Sie haben mir das Leben, meine Ehre gerettet!“ „O Alice“, flehte Richard,„laſſen Sie mich hier! Ihnen verdanke ich, daß mir vergönnt ward, Ihr Retter ſein zu dürfen, verdanke ich die Freiheit und ein Glück, das ich nicht gegen alle Schätze der Welt vertauſchen möchte, Ihnen nächſt der Vorſehung, die mich ſichtlich begnadete und die es gewollt hat, daß gerade ich Sie beſchütze, daß nach langer Trennung unſere Wege auf wunderbare Weiſe wieder in einander laufen! Darf ich ſo kühn ſein, Alice, weiter auf meinen guten Stern zu bauen? Er ging mir auf, als ich Sie zum erſten Male vor der Hütte des Virginiers bei Harper's Ferry ſah, ſein Glanz durchbrach die Wolken meiner Troſtloſigkeit, als ich verzagend fühlte, daß die edle Patriotin Alice Palmer zu hoch für meine Wünſche ſtehe, er wies mir leuchtend die Bahn, auf der mir die Möglichkeit winkte, wenn auch nicht Ihr Herz, doch eine Freundſchaft zu Adolf Schirmer, Die Spionin. IV. 4 15 226 erringen, wie ſie kein Anderer ſonſt beſitzen dürfe! Wie oft träumte ich am Bivouakfeuer im fernen Süden da⸗ von, für Sie mein Leben einſetzen und Ihnen noch ſterbend ſagen zu können, daß ich Sie liebe! Zürnen Sie mir nicht ob dieſes Bekenntniſſes, verkennen Sie mich nicht, ich trachte nicht darnach, Ihnen jetzt, wo Sie ſich mir zur Dankbarkeit verpflichtet glauben, ein Zugeſtändniß abzuringen, das nur die Liebe zu machen berechtigt iſt!“ Alice richtete ſich auf, aber nicht als die willens⸗ ſtarke Heldin, in deren Herzen kein anderes Gefühl als die Begeiſterung für das Vaterland Raum gehabt zu haben ſchien. Nein, in holder weiblicher Scham erglühend neigte ſie ſich zu dem Knieenden und flüſterte:„Und wenn Ihnen dieſes Zugeſtändniß nun die Liebe geben würde, wenn mein Herz nun Ihnen gehört hätte vom Tage unſeres erſten Begegnens?“ „O mein Gott, zu viel des Glückes!“ ſtammelte Richard, die Hände der Geliebten küſſend. Er ſprang auf, er zog ſie an ſeine Bruſt und drückte einen langen, heißen Kuß auf ihre Lippen. Dann ſchob er ſie ſanft von ſich, hielt ſie an den Händen feſt und blickte voll trunkener Seligkeit in ihre ſchönen, hingebenden Züge. „Wie konnte ich das ahnen!“ murmelte er bebend. 2* 227 „Kein Blick, kein Wort verrieth mir je, was Sie mir jetzt geſtanden!“ Ein wunderſam erhabener Ausdruck verklärte das Antlitz der jungen New⸗Yorkerin. „Ja, Richard“, ſagte ſie feſt und klar,„ich liebe Sie ſeit jenem Abend, an dem ich aus Ihrem Munde die Geſchichte Ihres Vorlebens erfuhr und Ihre Ge⸗ ſinnung kennen lernte. Aber ich trug dieſe Neigung wie ein geheimes Kleinod, ein Heiligthum in meinem Herzen verborgen, ich geſtattete mir nicht, dem Zuge deſſelben zu folgen, ich entſagte meinen Gefühlen um des Vaterlandes willen, dem ich geſchworen, mit allen Kräften meiner Seele zu dienen! Die Liebe durfte mich nicht in der Miſſion beirren, welche ich zu erfüllen hatte! Auch ich habe einen ſchweren innern Kampf be⸗ ſtanden, Richard, entſagt! Jetzt bin ich frei, denn die Rebellion iſt beſiegt und meine Laufbahn als Spionin beendigt, jetzt darf dem Herzen ſein Recht werden!“ Die Liebenden ſtanden Hand in Hand, ſie flüſterten zärtlich, ſie theilten einander in geflügelten Worten mit, was ſie erlebt, gefürchtet, gehofft. Alice erfuhr, daß der Major und Kingsley keineswegs auch nur einen Augenblick in der Gewalt des Pflanzers geweſen ſeien, wie ſie es aus Gaunt's Aeußerung vermuthet hatte. Dieſer zufolge waren alſo Hannibal und der Schiffer 4 15* 228 aufgegriffen worden, und nur durch die Leute Gaunt's. Daß es dem Neger gelungen, noch rechtzeitig das ge⸗ fährliche Papier zu vernichten, ſtand für Alice außer aller Frage, denn würde der Pflanzer wohl zehn Tage gewartet haben, ihr ſeine Alternative zu ſtellen, wäre er in ſeinem Beſitze geweſen? Wo aber befanden ſich der arme Hannibal und ſein Gefährte eingekerkert? Der Gedanke an ihre Getreuen rief ihr die eigene und des Majors Lage ins Gedächtniß, mahnte ſie daran, daß ſie ſich noch nicht dem ſüßen, kaum errungenen 4 Glücke ſorglos überlaſſen dürfe.* Und nun war ſie wieder die entſchloſſene Miß Pal⸗ mer, deren Kühnheit ſich einer drohenden Gefahr gegen⸗ über dem Heldenmuthe eines Mannes ebenbürtig zeigte. Sie zog Richard mit ſich aus dem Parlor fort. Draußen kam ihnen die Negerin Cora haſtig ent⸗ gegen. „Miſſus“, rief dieſe in höchſter Erregung,„Nigger von Oli Gaunt haben geſagt, daß Hannibal gefangen 4 is, aber wiſſen auch, wo ſchlechte Maſſa gute Hannibal eingeſperrt hat. Vergebung, Miſſus, hätte Bob ſagen 8 ſollen!“ Alice lächelte. „Dieſe Vorſicht iſt nicht mehr nöthig, Cora“, ſagte ſie,„denn es gibt keine Miſtreß Clairville mehr!“ 229 „Noch Gefahr, Miſſus, noch Gefahr!“ „Wir werden ſie beſtehen! Aber wir müſſen gerüſtet gein, ihr zu begegnen.“ Alice eilte die Treppe des Hauſes hinunter, Richard und die Zofe folgten. Sie fanden Kingsley und die ehemaligen Sklaven Gaunt's im Flur. Kingsley hatte ſich und die Darkies mit Waffen verſehen, die Fenſterläden waren geſchloſſen, die zuvor aus den Angeln geriſſene Hausthür wieder genügend in Ordnung gebracht. „Ich denke, Ma'am“ ſagte der goliathartige Mann, „wir werden einen Stoß vertragen können, falls es dem Pöbel einfallen ſollte, hier eindringen zu wollen!“ „Gut, Kingsley! Habt Ihr den Mulatten unſchädlich gemacht?“ „Er liegt gebunden im Keller!“ „Sobald er uns nicht mehr ſchaden kann, laßt ihn laufen; er hat nichts weiter gethan, als den Befehlen ſeines Herrn gehorcht. Und wo iſt die Leiche Gaunt’s?“ „Wir haben ſie in den Holzſchuppen des Hofes ge⸗ tragen!“ „Cora ſagt, daß den braven Leuten hier Hannibal's und Skilnave's Aufenthaltsort bekannt ſei, die Gaunt abfangen ließ!“ „Ja, Ma'am! Die armen Burſchen befinden ſich, 230 muthmaßlich arg zugerichtet, im Hauſe eines Mr. Kemble in der Mainſtreet!“ „Das iſt nicht weit von hier. Nehmt einen der Darkies, Kingsley, begebt Euch zu jenem Mr. Kemble, ſagt ihm, Oliver Gaunt habe Euch geſandt, die Ge⸗ fangenen in Empfang zu nehmen. In der allgemeinen Vewirrung, welche herrſcht, wird man Euch ohne wei⸗ teres willfahren. Vielleicht hat ſich jener Mr. Kemble ſchon geflüchtet, dann habt Ihr ein um ſo leichteres Spiel!“ „Aber wenn meine Gegenwart hier inzwiſchen nöthig ſein ſollte?“— „Geht nur, Kingsley! Vielleicht brennt ſchon in einer Stunde Richmond an allen Ecken, die Rebellen pflegen alle Städte anzuzünden, welche ſie zu verlaſſen genöthigt ſind. Wir dürfen unſern braven Hannibal und ſeinen Gefährten nicht der Gefahr ausſetzen, unter den Trümmern ihres Kerkers begraben zu werden!“ „O Miſſus!“ ſchluchzte Cora, das Kleid ihrer Ge⸗ bieterin küſſend. „Ich gehe, Ma'am“, brummte Kingsley entſchieden, nund bei Gott, ich werde nicht unverrichteter Sache zurückkehren!“ „Entlaßt Skilnave zu ſeiner Frau, ſie bedarf ſeines Schutzes!“ 231 „Gut, Ma'am!“ 1 Kingsley winkte einem der Schwarzen und verließ mit dieſem das Haus, deſſen Thür wieder ſofort ver⸗ riegelt ward. Alice wandte ſich lächelnd an Richard. „Major“, ſagte ſie mit der ihr eigenen bewunderungs⸗ würdigen Seelenruhe,„Sie ſind ein erfahrener Soldat, leiten Sie die Vertheidigung unſeres Forts!“ Richard drückte zärtlich und bewegt die Hand der muthigen Geliebten. „Der Himmel hat uns ſichtlich beſchützt“, antwortete er,„er wird uns auch jetzt nicht verlaſſen!“ Und nun traf Richard noch allerlei Anordnungen, welche er zur etwaigen Vertheidigung des Häuschens für nothwendig hielt. Guten Muthes harrte dann die kleine Schaar der kommenden Ereigniſſe. Der Tumult auf der Straße, in welcher Alice wohnte, hatte ſich vermindert, denn die Volksmaſſe drängte ſich jetzt mehr den Plätzen und Gaſſen zu, die an der Fluß⸗ ſeite der Stadt und in der Nähe des Capitols und des von den Flüchtenden beſtürmten Danville⸗Bahnhofs lagen. 1 Gegen elf Uhr ward an die Thür des Häuschens der Miß Palmer geklopft. 232 Kingsley und ſein ſchwarzer Begleiter waren da, ſie brachten den befreiten Hannibal. Der Arme konnte kaum gehen, er trug die Spuren grauſamer Mißhand⸗ lungen an ſeinem Körper. Aber er frohlockte jetzt, während er„Miſſus“ die Hände küßte und ſein Weib umſchlang. „Nichts verrathen, Miſſus“, betheuerte der ehrliche Darky unter Freudenthränen—„Alles gut, Papier ver⸗ ſchluckt und— Alles gut!“ Wir müſſen jetzt die kleine Gruppe der Muthigen verlaſſen, welche entſchloſſen waren, nöthigenfalls ihr Leben theuer zu verkaufen, und den Ereigniſſen folgen, die ſich während der verhängnißvollen Nacht in Rich⸗ mond abwickelten. Die Gemeindevertretung hatte am Abend beſchloſſen, alle in der Stadt befindlichen Spirituoſenvorräthe be⸗ ſeitigen zu laſſen, damit den Soldaten und dem auf⸗ gereizten Pöbel die Gelegenheit benommen werde, ſich zu betrinken. Um Mitternacht ward jener Beſchluß in allen Bezirken unter Leitung eines aus Bürgern zu⸗ ſammengeſetzten Comité ausgeführt. Man ſchlug Hun⸗ derten von auf die Straßen gerollten Branntwein⸗ fäſſern den Boden ein und ließ den Inhalt derſelben in die Goſſen laufen, man warf ohne viele Umſtände die Kiſten, in denen ſich auf Flaſchen gezogene Liqueure befanden, aus den Fenſtern der Waarenhäuſer. Aber 233 die in ſolcher Weiſe angewendete Vorſichtsmaßregel fruchtete nicht viel; während die Arbeit in vollem Gange war, bemächtigten ſich der Pöbel und durch die Stadt flüchtende Soldaten einiger Fäſſer und berauſchten ſich mit dem Inhalte derſelben. Von nun an hörten Geſetz und Ordnung auf, wurden Waarenlager geplündert, Häuſer erſtürmt, die abſcheulichſten Exceſſe begangen. Das klägliche Geſchrei der Ueberfallenen, das wüthende Geheul der plündernden Rotten hallte von Straße zu Straße. Aber das war gnoch nicht genug, die Rebellenhaupt⸗ ſtadt ſollte in jener Nacht noch furchtbarer heimgeſucht werden. Die Gemeindevertretung, an ihrer Spitze der Bürgermeiſter Mayo, hatte vergeblich gegen den vom General Ewell erlaſſenen Befehl remonſtrirt, demzufolge die abziehende Beſatzung beordert ward, die wichtigſten Gebäude der Stadt anzuzünden. Und nun röthete ſich plötzlich der Himmel über Richmond, ſtiegen da und dort mächtige Feuerſäulen von den Dächern auf, er⸗ ſchütterten furchtbare Detonationen die Luft. Alle großen Tabak⸗Lagerhäuſer, die ſtädtiſchen Waarenge⸗ bäude, die Brücken, welche über den Jamesfluß führten, ſtanden in Flammen, und während das verheerende Element namentlich in den Geſchäftsvierteln der Stadt wüthete, explodirten auf dem Fluſſe die ebenfalls in 234 Brand geſteckten Kriegsfahrzeuge der Conföderation, der „Richmond“, die„Virginia“ und andere Schiffe, Ver⸗ wüſtung und Schrecken ringsumher verbreitend. In wilder Haſt und Unordnung ward die Stadt von den Truppen geräumt. Der Morgen brach an, die Feuersbrunſt raſte noch immer von Straße zu Straße, gleich geſpenſtiſchen Unholden ſchlüpften und huſchten die Plünderer durch Rauch und Flammen, hier kämpften verzweifelnde Bürger um Hab und Gut mit den zügelloſen Raubgierigen, dort ſchleppte der Pöbel, was er zuſammengerafft hatte. Ganz Richmond war der Schauplatz einer grauſigen Verwirrung. Nur die armen unioniſtiſchen Libby⸗Gefangenen, deren Kerker man anfänglich hatte in die Luft ſprengen wollen, und die Unglücklichen von Belle Isle waren von den Greueln der Nacht verſchont geblieben. Auch Alice Palmer und die kleine, in denn Häuschen der Marſhalſtreet um ſie verſammelte Schaar konnten von Glück ſagen, denn abgeſehen davon, daß ſie ſich genöthigt geſehen, vereinzelt umherſtreifende Strolche energiſch zurückzuweiſen, waren ſie nicht in die Lage gekommen, ihr Leben bis aufs Aeußerſte vertheidigen zu müſſen, da die berauſchten Rotten es meiſtentheils während der ganzen Nacht auf die Waarenlager der Privatgebäude und die Wohnſitze der bekannten Vor⸗ 235 nehmen Richmonds abgeſehen hatten. Auch die Feuers⸗ brunſt hatte das Häuschen verſchont. Und nun war es Tag, rückte die ſechste Morgen⸗ ſtunde heran. Da klang durch den allgemeinen Tumult, durch das Krachen niederſtürzenden Gebälkes und berſtender Mauern ein Jubelgeſchrei aus tauſend Kehlen, das immer näher und näher kam. Kingsley blickte auf die Straße hinaus, die ein Bild der Verwüſtung bot wie alle andern. Er ſah vereinzelte Plünderer ſich da und dort aus dem Staube machen, aber am öſtlichen Ende der Straße ein Gewimmel jauchzender Neger „Ich denke, die Yankees kommen!“ rief er freudig und ſprang davon, ſich Gewißheit zu verſchaffen. Bald war er wieder zurück. Er hatte ſich nicht getäuſcht. General Weitzel zog in die Stadt an der Spitze ſeiner braven Negertruppen. Grant hatte dieſen den Triumph gegönnt, die Erſten in Richmond ſein zu dürfen, während er ſelber mit der Hauptmacht ſeiner Armee den fliehenden Feind verfolgte. Und nun rückten die im Süden ſo verachteten Nigger als Sieger in die Stadt, mit klingendem Spiel und flatternden Fahnen, von tauſend Negerkehlen begrüßt, die ihrer Freiheit entgegenjauchzten. 236 Haſtig verkündete Kingsley die frohe Botſchaft. Hannibal und Cora und die andern Darkies weinten und jubelten zugleich. Richard blickte die Geliebte an und ſagte erſchüttert: „Die Union hat geſiegt, wir ſind erlöſt und Du biſt mein!“ Alice ſank an die Bruſt des Majors und vergoß Freudenthränen. Dann richtete ſie ſich auf, Begeiſterung im flam⸗ menden Blick und dem wunderſam verklärten Antlitz. „Komm, mein Freund“, rief ſie, Richard's Hand erfaſſend,„bringen wir dem Gott der Gerechtigkeit unſern heißen Dank und dann laßt uns freudig das Sternenbanner der Union begrüßen!“ — 8 Nachtrag. Die Erzählung iſt beendigt, denn die Heldin derſelben hat ihre Laufbahn als Spionin der Union beſchloſſen. Wir können nicht von den freundlichen Leſern ſcheiden, ohne noch einige Worte über jene Perſonen zu ſagen, deren Lebensſchickſale uns ſo lange beſchäftigten. Alice Palmer kehrte nach der Einnahme Richmonds, mit Huldigungen und Ehrenbezeigungen überhäuft, nach New⸗York zurück und ward die Gattin Richard's. Die Befürchtungen, welche Miſtreß Lovett einſt gegen ihren Bruder ausgeſprochen, haben ſich nicht erfüllt, denn Alice iſt in jeder Beziehung das Muſter einer liebenswürdigen, anſpruchsloſen Frau, und wer ſie in ihrer ſtillumfriedeten Häuslichkeit walten ſieht, der 238 trachtet vergeblich darnach, in ihr die kühne, abenteuernde Spionin von ehemals wiederzuerkennen. Das jugendliche Paar, der General Lovett und ſeine Gattin, der alte Mr. Palmer und die Arnaus wohnen nahe bei einander, auf reizenden Beſitzungen am Hudſon, und bilden eine glückliche Familie. Lovett hat ſich längſt über den Verluſt ſeines Arms getröſtet und treibt eifrig Politik; der Doctor hat ſeine Geſund⸗ heit wieder erlangt und iſt einer der geſuchteſten Aerzte New⸗Yorks. Onkel Hugh Morgan, der dem Mr. Pal⸗ mer noch immer Geſelſſchaft leiſtet, kehrt nach wie vor den alten unverwüſtlichen Eiſenfreſſer heraus und brummt nur dann nicht, wenn ihn die liebliche kleine Nach⸗ kommenſchaft der Lovetts und Arnaus tyrannifirt. Jakob Leuthold, der Schwager Richard's, hat ſeine Beſitzung in Pennſylvania vergrößert. Seine Aeltern ſind geſtorben, Hedwig ſchafft und waltet als rührige deutſche Hausfrau und ſehnt ſich nicht aus ihrem länd⸗ lichen Stillleben fort, zumal ein roſiges Bübchen, das gar ſo ſehr dem„Jakoble“ gleicht, die Cottage mit 4 luſtigem Gelächter erfüllt. Hannibal und Cora, die treuen Seelen, leben bei ihrer 8 ehemaligen Herrin, der Miſtreß Lucy Arnau, und werden gehalten, als gehörten ſie zur Familie des„gute Docker“. Richard hielt ſeinerzeit das Verſprechen, welches er — 239 dem Freunde Osmond gegeben, aber er fand, wie es der arme Hauptmann vorausgeſagt, die blaſſe Edith nicht mehr unter den Lebenden. Miſtreß Thornton aber ſteht noch rüſtig und unver⸗ droſſen dem Boarding⸗Houſe vor; ihr Patriotismus und ihr eigenthümliches Naturell haben ihr über alle Schickſalsſchläge hinweggeholfen. Was nach der Einnahme Richmonds geſchah, iſt bekannt. Lee mußte ſich mit dem Reſte ſeines Heeres am 9. April bei Appomattox ergeben, achtzehn Tage ſpäter ſtreckte auch das Heer Johnſton's in Nord⸗Caro⸗ lina vor Sherman's Truppen die Waffen. Jefferſon Davis ward am 11. Mai in Georgia gefangen und dann nach Fort Monroe gebracht. Noch im April ward Alabama von den Rebellen geräumt, rückte Canby in Mobile ein. Die Rebellion war unterdrückt. Der gewaltſame Tod Lincoln's änderte nichts an der Nieder⸗ lage des Südens, wohl aber war er ein furchtbarer Schlag für alle Freunde der untheilbaren Union, die in dem ehrlichen Old Abe einen Mann verloren, der wie kein Anderer die Reconſtruction des Südens im Geiſte der Verfaſſung durchzuführen verſtanden hätte. Es iſt welt⸗ bekannt, wie ſein Nachfolger Andrew Johnſon ſich dieſer Aufgabe unterzogen; die Geſchichte wird richten, ſeine Nation hat ihn bereits gerichtet. Was dieſer verblendete Mann Schlimmes anzuſtiften beabſichtigte, ward durch die Wachſamkeit der Volksrepräſentanten vereitelt. Die hat begonnen und in ihr wird vollbracht werden, was der ehrliche Lincoln angeſtrebt. Die Union hat im Sturme ausgehalten, unerſchütterlich, wie der Fels im Meere; ſie wird glorreich fortbeſtehen und immer mächtiger und ſegensreicher ſich entwickeln, denn ihre Grundpfeiler ſind Geſetz und Freiheit. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. Zeit ſeiner Präſidentſchaft iſt vorüber, eine neue Aera — — 1„———— Tfſiſſſſſnnſſſſnſ ſin ſſſſfſſſſſſſiſſſ 8 1 7 1 ſfſiſſſ 3 14 5 16 1 8 19 20 V 11 12 1