für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Prorgen; 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ein Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinrerlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirpd. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: auf 1 Monat: 1 Nk.— Pf. 1 Mr. 50 Ff. 2 Nr. Ff. 2 1— 3— uI— 11 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Miſtreß Crawford hatte noch gerade ſo viel Zeit, der Aufforderung Arnau's entſprechen zu können, als ihr Gatte und deſſen Begleiter den Pavillon betraten. Der Oberſt trug keine Uniform, ſondern einen leich⸗ ten Sommeranzug und den breitrandigen Pflanzerhut. Er ſtützte ſich auf ein Bambusrohr, denn er hinkte noch ein wenig, aber das war nur eine Folge der Schwäche, welche in den Muskeln des verwundeten Fußes zurückgeblieben. Durch Arnau war um ſo mehr eine Wunderkur verrichtet worden, als die Regiments⸗ ärzte der Conföderirten anfänglich erklärt hatten, der Fuß müſſe abgenommen werden. Und die Geneſung des ungeduldigen jungen Offi⸗ ziers war in der That jetzt ſchon ſo weit vorgeſchritten, 1 Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 2 daß er ſicher ſein konnte, binnen kurzer Zeit wieder in den activen Dienſt treten zu dürfen. Von den ge⸗ bräunten Wangen ſeines ſchönen und regelmäßigen Antlitzes war die krankhafte Bläſſe gewichen, die dunklen Augen blitzten wieder energiſch, die ſchlanke, elaſtiſche und zugleich kräftig gebaute Geſtalt verkündete, daß Edmund Crapford durch den erlittenen Unfall nichts an ſeiner chevaleresken Mannhaftigkeit eingebüßt habe. Auch in ſeinem Weſen war er kühn und unter⸗ nehmend wie früher. Er ſpottete der Schwäche des Fußes. „Laßt mich fort!“ hatte er oftmals geſagt, als er noch kaum erſt zu gehen vermochte. Wer wird denn merken, ſobald ich im Sattel ſitze, daß ich ein angeſchoſſener lahmer Swamp⸗Alligator bin?“ Wer den jungen Mann vordem geſehen hatte, der erkannte ihn übrigens jetzt kaum wieder, denn ſeit einiger Zeit bedeckte ein krauſer ſchwarzer Vollbart die Hälfte ſeines Angeſichts, auch waren die glänzenden Locken des Haupthaars der Scheere zum Opfer gefallen. Aber dieſes nicht allein und die Pflanzerkleidung ließen ihn gegen ſonſt verändert erſcheinen, es lag auch in ſeinen Zügen ein Etwas, das ihnen ehemals nicht eigen geweſen war. Sie trugen wohl noch den Stempel unbedingter Zuverſichtlichkeit und jenes Stolzes, 3 der inſoweit gebändigt war, daß er den Ausdruck einer liebenswürdigen Rittsrlichkeit nicht ausſchloß, ſie waren wohl noch ſd feſſelnd und blendend wie ſonſt, aber es fehlte ihnen jener Charakter jugendlicher Sorg⸗ loſigkeit, der ihnen früher einen ganz eigenthümlichen, unwiderſtehlichen Reiz verlieh. Crawford ſah jetzt männlicher aus, geſetzter, aber auch verſchloſſener, eine harte Linie trat an ſeinen Mundwinkeln hervor und geſtaltete ſich bisweilen zu einem menſchenverachtenden Zuge, in dem Hohn und Grauſamkeit nur ſchwach verſteckt zu lauern ſchienen. Auch zog ſich zu Zeiten die anmuthig gewölbte Stirn in Falten zuſammen, als ſinne Crawford über unheim⸗ liche Dinge nach, und dann hatte ſein ehemals ſo frei⸗ müthig herausfordernder Blick etwas Unſtätes und Düſteres, zuckten ſeine Lippen kaum merklich, ſchien über ſein ganzes Weſen, über all ſein Thun eine inner⸗ liche, fieberhafte Haſt zu kommen, die er augenſcheinlich nur mühſam zurückdrängte. Bisweilen auch war er in faſt unnatürlicher Weiſe luſtig, dann lachte und ſcherzte er mit beinahe krampf⸗ hafter Heftigkeit, aber ſeine Scherze hatten nur zu oft einen verletzenden Stachel, wenngleich die Ironie der⸗ ſelben ſich nicht direct gegen eine beſtimmte Perſon ſeiner Umgebung kehrte. 1* Dieſes Alles bekundete eine Gereiztheit, die Lucy, wie erwähnt ward, der Ungeduld des Soldaten zu⸗ ſchrieb, der ſich nach dem Schlachtfelde zurückſehnt und doch an das Reconvalescentenlager gefeſſelt iſt. Nach dem Geſpräche mit Arnau fühlte ſich die junge Frau ihrem Gatten gegenüber befangener als je, ob⸗ wohl ſie ſich keines Fehls gegen ihn bewußt war. Mehr aber noch verwirrte ſie der ſcharfe, einſchneidende Blick des Mannes, der jetzt neben dem Oberſten in den Pavillon trat. Oliver Gaunt, etwa vierzig Jahre alt, war eben⸗ falls ein Pflanzer und beſaß ein Vermögen, das dem⸗ jenigen Crawford's ſo ziemlich gleich kam. Er hatte große Beſitzungen, ein Theil derſelben, an der Küſte und in der Nähe von Port Royal gelegen, war den Nordſtaatenmännern preisgegeben; dort ſpielten die Nigger jetzt die Herren, ſowie in dem ſtattlichen Man⸗ ſion, das Gaunt in Beaufort beſeſſen und von dem er ſich Hals über Kopf hatte flüchten müſſen. Jetzt hielt er ſich vorzugsweiſe in Charleſton auf, ſchon ſeiner Geſundheit wegen, denn im Sommer ſind die Gegenden der Swamps ſelbſt den eingeborenen Weißen gefährlich. Ueberdies war Gaunt ein Männ⸗ chen von ſchwächlicher Körperbeſchaffenheit. Dieſen letzten Umſtand hatte er benutzt, um mit S — 5 guter Manier vom Kriegsdienſte fern bleiben zu kön⸗ nen. Er war ein feiger, intriguanter, grauſamer Menſch, eine hinterliſtige Creatur, die ſtets darauf ausging, überall, wohin ſie kam, den Samen der Zwietracht zu ſäen. Man wußte von ihm, daß er ſeine Sklaven mit raffinirter Tücke behandle, aber auch, daß er in dieſem Raffinement ſtets auf dem Boden des Geſetzes bleibe, welches freilich dem Sklavenhalter faſt vollſtändige „Willkür einräumt. Oliver Gaunt, aus einer alten angeſehenen Familie Süd⸗Carolinas ſtammend, würde ſeiner Tücke und In⸗ triguenluſt halber, die er an Jedem ausließ, vielleicht von ſeinen eigenen Standesgenoſſen verachtet und ge⸗ mieden worden ſein, wäre es nicht bekannt geweſen, daß er ſeit Jahren der Sache der Südſtaaten die größ⸗ ten Opfer brachte. Dieſer Mann, der das hagere, bleiche, herabgekommene Ausſehen eines hungernden Geizigen hatte, was er auch für ſeine Perſon war, der ſeine Dienerſchaft und Sklaven darben ließ, ſie auf die grauſamſte Art ausnutzte, um ſo viel Geld wie möglich zuſammenzuraffen, gab mit der größten Bereitwillig⸗ keit, ja aus eigenem Impuls Alles her, was er beſaß, den Kampf der Conföderirten gegen die YNankees des Nordens zu unterſtützen, die er nicht allein ihres Abo⸗ litionismus halber glühend haßte, ſondern auch weil , 85 der Norden den Süden an Intelli Regſamkeit überflügelt und durch beide im Handel von ſich abhängig gemacht hatte. In Gaunt's Naturell offenbarte ſich die blinde Wuth der Südſtaatenmänner von ihrer erbärmlichſten Seite, ein Haß ohne Ritterlichkeit, der nicht offen mit geſchärften Waffen kämpft, ſondern heimlich mit Gift und Dolch. Edmund Crawford war ein ganz Anderer. Er kämpfte für ein ererbtes Unrecht, das er vom Stand⸗ punkte des Feudalen als ein gegen alle Welt zu wah⸗ rendes Recht anſah, er war ein Held wie manche tapfere Männer des Südens, die für ihre peculiar institution ihr Blut verſpritzten, während Gaunt einem Jefferſon Davis glich. Gebildeter, ſchlauer, welterfahrener als Crawford, ſeines Unrechts ſich bewußt, ſchürte er die Flamme des Aufruhrs, ſeiner diaboliſchen Natur, ſeinem Haſſe gegen die Yankees und dem Ehrgeize zu genügen, der ihn erfüllte. Der Ehrgeiz Oliver Gaunt's ließ dieſen aber ganz eigene Wege einſchlagen, nicht die gewöhnlichen anderer Leute. Da er aus Mangel an Muth und wegen ſeines ſchwächlichen Körpers weder ein Mann des Schlacht⸗ feldes noch des Parlaments ſein konnte, auch aus Vorſicht nicht eher als ein Führer ſeiner Partei gelten wollte, als bis dieſe alle Chancen eines endlichen großen Erfolgs igenz und geſchäftlicher ——j—ͤͤſſſͤſͤͤ—-— 7 für ſich habe, ſo hielt er ſeine Perſon vorläufig ganz aus dem Spiele und ſicherte ſich, während er im Stil⸗ len gegen den Norden agitirte, dadurch eine bedeutende Popularität, daß er ungeheure Summen für die Zwecke des Südens hergab. So hatte er erſt kurz vor der Zeit, in der wir ihn auf der Plantage Crawford's er⸗ blicken, ſeinem Vaterlande eine halbe Million Dollars dargebracht, und dieſe halbe Million ſicherte ihm in den Staaten der Conföderirten eine hervorragende Stel⸗ lung; er war gewiß, dereinſt in die Regierung gewählt zu werden, und ſah, indem er ruhig lauernd ſeine Zeit abwartete, die damaligen Vorkämpfer ſeiner Partei gewiſſermaßen als die Geſchöpfe an, welche die heißen Kaſtanien für ihn aus dem Feuer holten. Edmund Crawford, obwohl er keineswegs zu einem Oliver Gaunt paßte, konnte ſich füglich doch nur ge⸗ ehrt fühlen, einen in den Augen der Seceſſioniſten ſo großen Patrioten bei ſich zu beherbergen, aber er war auch zugleich ein zu wenig überlegender Mann, als daß er durch das ſchleichende, intriguante Weſen Gaunt's hätte unbeeinflußt bleiben können. So war es dieſem denn auch gelungen, den Oberſten gegen Lucy und Arnau aufzuſtacheln; und dazu fand ſich Gaunt um ſo mehr bewogen, je mehr er der Anſicht war, daß Miſtreß Crawford, die Tochter des Nordens, hier nicht an ihrem 8 Platze ſtehe und mit den abolitioniſtiſchen Anſichten des Doctors insgeheim ſympathiſiren müſſe. Gaunt gewahrte beim Eintreten in den Pavillon ſofort die ſchlecht verhehlte Befangenheit der jungen Frau. Ein ſchadenfroher Zug begann um die ſchmalen Lippen ſeines welken, blaßgelben und bartloſen Antlitzes zu ſpielen, er ſtrich ſich mit der dürren Rechten die ſpärlichen ſchwarzen Haare feſter an die eingefallenen Schläfe, warf einen Falkenblick auf ſeinen Gefährten und hüſtelte bedeutſam, während er das ſie erwartende Paar begrüßte. Der Oberſt ſchien das Benehmen Gaunt's nicht zu bemerken. Sein Antlitz war düſter, ſeine Stirn ge⸗ runzelt, er blickte beinahe hart und trotzig auf ſeine Frau und den Doctor. Während er ſich mit der Rechten auf ſeinen Stock ſtützte, hielt er in der Linken ein zuſammengefaltetes Zeitungsblatt und ein geöffnetes Schreiben. Zeitung und Brief hatte die faſt krampfhaft geſchloſſene Hand zerknittert. „Sieh da“, rief er in einem Tone, der gereizt klang, „Miſtreß Crawford verbringt ihre Zeit in Abgeſchiedenheit und idyllliſcher Träumerei, als ob ein allgemeiner Welt⸗ frieden herrſche, und der gute Doctor hilft ihr getreu⸗ lich, der gute Doctor, der keine Ahnung davon hat, daß ich hier etwas bringe, was geeignet iſt, ſein deut⸗ ſches Blut in einige Wallung zu perſetzen!“ Lucy erhob ſich und ſah unruhig und geſpannt auf ihren Gatten. Arnau aber lächelte kalt. „Welche Nachrichten könnten Sie bringen, Oberſt, die geeignet wären, mich ſonderlich zu erregen?“ ant⸗ wortete er gelaſſen.„Sie müſſen bemerkt haben, daß ich mich gegen Alles mit philoſophiſcher Ruhe zu wapp⸗ nen weiß. Ich ſehe in Ihrer Hand die Richmonder Zeitung, doch meldet dieſe ſicher nicht eine Niederlage der Unioniſten, mir ſagt das Ihre Miene. Und wäre dem wirklich ſo, hätte der Norden doch eine Schlacht verloren, wer kennt nicht die Chancen eines Kriegs?“ Der Oberſt murmelte einen Fluch zwiſchen den Zäh⸗ nen, hinkte zu einem Rohrſeſſel, warf ſich darauf und ſchleuderte Zeitung und Brief auf den daneben ſtehen⸗ den Tiſch.. „Das iſt ein wahres Wort!“ ſtieß er ärgerlich her⸗ vor, während ſeine funkelnden Augen mit einem flüch⸗ tigen Blitze das Angeſicht des Arztes und dasjenige ſeiner Frau ſtreiften.„Lee wird die Scharte auswetzen, das wird er, bei Gott!“ Arnau war vorſichtig genug, zu ſchweigen und nicht nach dem Zeitungsblatte zu greifen. Aber er brannte 10 dennoch vor Begier, die Neuigkeit vom Kriegsſchauplatze zu erfahren, welche zweifellos den Oberſten in eine furchtbar gereizte Stimmung verſetzt hatte. Lucy beſaß jedoch im Momente weniger Selbſtbe⸗ herrſchung. Wenngleich ſie, ſo gut es gehen mochte, beim Er⸗ ſcheinen ihres Gatten eine unbefangene Miene erheuchelt hatte, zitterte doch noch ihr Herz von dem durch das Geſpräch mit Arnau empfangenen mächtigen Eindrucke. Und unter der Nachwirkung dieſes Erregtſeins ließ ſie ein unbedachtſames Wort fallen. „Lee iſt geſchlagen! Mein Gott!“ rief ſie halblaut und haſtig, indem ſie die Hände faltete. Dieſe unwillkürliche Bewegung, das beinahe wie ein freudiger Ausruf den bebenden Lippen voreilig ent⸗ 4 flohene„Mein Gott!“ und der vielſagende Blick, welcher zu dem jungen Militärarzte der Union hinübergeflackert war, galten dem Oberſten gleich ebenſo vielen Heraus⸗ forderungen. 4 Er wechſelte die Farbe und ſtarrte Lucy an. 1 „Madame“, ſagte er, jede Silbe ſcharf betonend, „vergeſſen Sie nicht, daß Sie die Gattin Edmund Crawford's ſind! Mäßigen Sie den Ausdruck einer Sympathie, die hier zu äußern mindeſtens unpaſſend erſcheint!“ 1 — — 141 Lucy erröthete tief, aber ihr Blick ſuchte nicht dem⸗ jenigen ihres Mannes auszuweichen. „Edmund“, entgegnete ſie alsdann würdevoll,„es kann nicht Dein Ernſt ſein, mich einer Unziemlichkeit zeihen zu wollen. Wenn ich die Pflichten der Gattin nicht verletze, bin ich für das, was ich denke und empfinde, was meine Wünſche und Sympathien aus⸗ macht, nur Gott und meinem Vaterlande verantwort⸗ lich. Du wirſt mich nicht als eine Sklavin anſehen wollen, die nach Euren Begriffen nichts Anderes denken ſollte, als was der Herr befiehlt, Du wirſt es nicht, Edmund, denn Dein Sinn iſt nicht niedrig und Du biſt nur ungerecht, wenn Du den böſen Einflüſterungen jener Gehör gibſt, welche Dir und mir nicht wohl wollen. Wer Andere beherrſchen will, muß zuvor ge⸗ lernt haben, nicht der Sklave derjenigen zu ſein, die ihn beeinfluſſen möchten!“ Lucy blickte mit dem Ausdrucke grenzenloſer Ver⸗ achtung und unverhohlen auf Gaunt. Dieſer ſtand regungslos da; er verzog keine Miene und hielt ſeine kleinen ſchwarzen, ſtechenden Augen feſt auf die Gattin Crawford's gerichtet. Der Oberſt wollte auffahren, Lucy verhinderte ihn daran. „Ich ſchwöre Dir, daß ich Dich nicht kränken wollte, 43 Edmund“, fuhr ſie ſanft und mit einem Anfluge von Wehmuth fort, der unwiderſtehlich war,„und wenn mein Herz bei der Nachricht, die Du brachteſt, freudig auf⸗ bebte, ich geſtehe es offen, ſo geſchah es, weil ich im erſten Momente weder an den Norden noch an den Süden, ſondern an die endliche Erledigung eines blu⸗ tigen, barbariſchen Kampfes dachte, der ſchon zu viele Menſchenopfer koſtete. Es war eine rein menſchliche Empfindung, Edmund, ohne eine Beimiſchung von Par⸗ teiintereſſe, glaube Deinem Weibe!“ Crawford murmelte einige unverſtändliche Worte der Entgegnung vor ſich hin. Er blickte noch düſter auf, es kochte und gährte noch ein wildes Element in ſeinem Innern, aber der eigentliche Ausbruch eines Sturms war abgewendet. Arnau befand ſich in einer peinlichen Lage. Er konnte nicht wie Miſtreß Crawford ſprechen, er war Partei, er würde nicht allein ſich, ſondern auch ſeinen politiſchen Gegnern verächtlich erſchienen ſein, hätte er in dieſem Augenblicke ſich ſcheinbar nur auf einen kosmopolitiſchen Standpunkt geſtellt und in dieſem Sinne geredet. Wie gern würde er Lucy mit verſöhnlichen Worten zur Seite geſtanden ſein, aber hätte er für das, was er ſagen konnte, bei den von glühendem Haß erfüllten Männern des Südens Glauben oder Empfänglichkeit gefunden? Er zog es vor, zu ſchweigen und ſeinem Angeſichte einen Ausdruck zu geben, der unmöglich der Spiegel ſeiner Seele werden konnte. Oliver Gaunt mochte ſehen, daß es in dieſer Weiſe zu keinem heftigen Auftritte kommen werde. Er be⸗ ſchloß aber unſtreitig, die Situation auf die Spitze zu treiben. So trat er denn langſam und hüſtelnd an den Tiſch, nahm das Zeitungsblatt und entfaltete es. Er richtete einige Sekunden den Blick darauf. Dann legte er das Blatt wieder hin und nahm die offene Depeſche, die an den Oberſten direct aus dem Lager der Conföderirten gekommen war. Er glättete das Papier bedächtig und überlas die wenigen Zeilen, die es enthielt. Nun legte er auch das Schreiben hin. Das war Alles mit boshafter, kühler Berechnung geſchehen. Seine Abſicht war dabei, den peinlichen Moment des dumpfen Schweigens und Brütens ſo lang wie möglich auszudehnen. „Ei“, ſagte er endlich in trockenem Tone,„es thut mir leid, Miſtreß Crawford, daß Ihren rein menſch⸗ lichen Empfindungen noch mancher Stoß verſetzt werden dürfte, denn mit der Schlacht bei Gettysburg, auf welche 14 die Yankees ſehr ſtolz zu ſein ſcheinen, iſt keineswegs gar ſo viel gewonnen. Die Zeitung ſagt und die Depeſche beſtätigt es, daß Lee einen wundervollen Rück⸗ zug machte, ohne ſeinen Artillerietrain einzubüßen, und daß General Meade, obwohl der durch Regengüſſe an⸗ geſchwollene Potomac unſern Truppen das Ueber⸗ ſchreiten deſſelben unmöglich machte, es keineswegs wagte, unſere Helden dort anzugreifen.“ Arnau lauſchte den Worten mit einer lebhaften Spannung. „General Meade?“ fragte er halblaut.„Wie, com⸗ mandirt Hooker nicht mehr die Potomac⸗Armee?“ „Die Adminiſtration von Waſhington hat es für gut befunden, auch dieſen General ſeines Commandos zu entheben“, bemerkte Gaunt ironiſch und mit einem boshaften Lächeln;„es ſoll am ſiebenundzwanzigſten Juni geſchehen ſein, wie berichtet wird. Als ob es ſich nicht gleich bliebe, welche Unfähigkeit ſchließlich vor unſerm Helden Lee den Kürzern zieht!“ „Die Herren von Waſhington ſcheinen den Kopf verloren zu haben, ihr Experimentiren beweiſt das!“ rief der Oberſt wild auflachend.„Auch Meade wird nicht der Mann ſein“ ſetzte er höhniſch hinzu,„der uns Rebellen zu Paaren treibt!“ Arnau, ſo zurückhaltend er auch war, vermochte jetzt 15 dem Hohne gegenüber nicht ohne eine männliche Ent⸗ gegnung Stand zu halten. „So wird ſich ein Anderer finden, Oberſt!“ ſagte er, indem ſein Blick leuchtete, ſein Antlitz ſich lebhaft färbte und ſeine Lippen zitterten. „Unter den Krämern des Nordens, Sir?“ fragte Crawford verächtlich, ſich hochmüthig in den Rohrſeſſel zurücklehnend und ihn ſchaukelnd. „Unter den Krämern, Herr Oberſt“, entgegnete Arnau mit unerſchütterlicher Feſtigkeit,„denn dieſe Krämer ſind von jenem echten patriotiſchen Geiſte durch⸗ glüht, der Helden erzeugt und früher oder ſpäter alle Hinderniſſe niederwirft!“ „Was hat dieſer patriotiſche Geiſt ſeither ausge⸗ richtet?“ ſpottete Crawford. „Das Unglaublichſte, Oberſt! Im März 1861 hatten die Nordſtaaten nicht mehr als zweiundvierzig für den Kriegsdienſt taugliche Schiffe zur Verfügung, jetzt be⸗ ſitzen ſie deren vierhundertſiebenundzwanzig mit drei⸗ tauſendzweihundertachtundſechzig Kanonen, dreihundert⸗ dreiundzwanzig Dampfer und hundertvier Segelſchiffe.*) Die Häfen der Südſtaaten ſind blockirt oder genommen, wie *) Das war um die Mitte des Jahres 1863; im ſpätern Ver⸗ laufe des Bürgerkriegs vergrößerte ſich die Macht der Nordſtaaten in noch erſtaunlicherer Weiſe. 3 New⸗Orleans. Der Ruf des Präſidenten ließ Hundert⸗ tauſende von wackern Bürgern zu den Waffen greifen, ungeübt ſiegten ſie in mancher Schlacht. Soll ich Ihrem Gedächtniſſe zu Hülfe kommen, Oberſt? Und iſt es nöthig, Ihnen zu ſagen, daß unter den Krämern, die Sie verachten, kein Mann lebt, der für den heiligen Krieg nicht freudig Geld und Blut einſetzt, wenn es gefordert wird?“ Der Oberſt begann ſich während der Entgegnung Arnau's zu erhitzen, ſein Antlitz röthete ſich tiefer. „Sie glauben, der Süden zeige weniger Opferwillig⸗ keit für ſeinen heiligen Krieg?“ rief er mit flammen⸗ dem Blicke.„Hier ſteht ein Mann“, und er deutete auf Oliver Gaunt, der ruhig lächelnd dem Wettkampfe zu⸗ hörte,„ein Mann, Sir, der für die Sache der Con⸗ föderation bereits im Ganzen eine Million Dollars geopfert hat!“ „Ich zeige Ihnen in den Nordſtaaten eben ſolche Leute und Tauſende, die Alles hergaben, was ſie be⸗ ſaßen, Sir! Und ich ſage Ihnen, der Norden würde, wenn es ſein müßte, den letzten Mann und den letzten Dollar hergeben“ „Das wird der Süden ebenfalls! Beim Teufel, Sir, er wird Geld und Leute ſo viel daran ſetzen, als er hat, ſo gut wie die Yankees!“ 17 „Aber die NYankees werden das länger aushalten, Sir!“ „Der Süden wird trotzdem mächtiger ſein, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, denn—“ „Ich muß dem widerſprechen, Oberſt! Die Süd⸗ ſtaatenmänner werden ſtets einer Macht entbehren, die den Anhängern der Union zur Seite ſteht, der mora⸗ liſchen Macht! Eine Idee, die auf verabſcheuungs⸗ würdigen Grundſätzen beruht, kann wohl zeitweilig ein durch eine Handvoll Ehrgeiziger aufgeſtacheltes und verblendetes Volk fanatiſiren, aber nicht zur Größe führen!“ Lucy erbebte, denn ſie ſah Gaunt gleich einem Teufel grinſen, die ſchönen Züge ihres Gatten aber einen furchtbar drohenden Charakter annehmen. Sie war innerlich überzeugt, daß Crawford, hätte er einen Revolver zur Hand gehabt, in dieſem Augen⸗ blicke fähig geweſen wäre, den Doctor auf der Stelle niederzuſchießen. Der Oberſt ſprang in wilder Leidenſchaft vom Rohr⸗ ſtuhle auf. „Erinnern Sie ſich, Sir“, ſchnob er in höchſter Ge⸗ reiztheit,„daß Sie hier Gaſt ſind!“ „Durch Ihr Vorgehen, Oberſt“, antwortete Arnau kaltblütig,„haben Sie mir bewieſen, daß Sie mich hier nicht als einen ſolchen betrachten, ſondern als einen Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 2 18 ohnmächtigen Kriegsgefangenen, den in dieſen Staaten des Südens der Gefängnißwärter nach Belieben zu ver⸗ höhnen und zu martern gewohnt iſt. Die Annehm⸗ lichkeiten, deren ich hier theilhaftig ward, ſind durch die Dienſte bezahlt, welche ich Ihnen leiſtete. Es verletzt mein Gefühl für Delicateſſe, Sir, Ihnen dieſes ſagen zu müſſen, aber Sie haben mir keine Wahl gelaſſen. Ver⸗ ſetzen ſie ſich in meine Lage, Oberſt! Begehren Sie nicht von einem Manne, der Selbſtgefühl und Ehre beſitzt, daß er ſchweigend die Verhöhnung einer Sache hin⸗ nehme, der er ſeine beſten Kräfte widmete. Geduldig Demüthigungen ertragen zu müſſen, wäre ein zu hoher Preis für die ſchönen Stunden, welche ich hier aller⸗ dings verlebte. Laſſen Sie mich nach Charleſton ins Gefängniß wandern, Sir! Die Rohheiten eines gemeinen Kerkermeiſters kann ich verachten, der herbe Spott eines Gentleman dringt tiefer, und Sie werden als gebildeter Mann nicht begehren, daß wir mit ungleichen Waffen kämpfen!“ Nach dieſen Worten verneigte ſich Arnau höflich, doch voll Selbſtgefühl gegen die Anweſenden, verließ den Pavillon und ſchritt durch den Park dem Herren⸗ hauſe zu. Oberſt Erawford ſtand regungslos da; er war ſehr bleich geworden und biß ſich nun in die Lippen. 19 Wie ſchon früher erwähnt, hatte er ein leidenſchaft⸗ liches, aufbrauſendes Naturell, doch bewegten ſein Ge⸗ müth zu Zeiten auch edle, leider ſtets nur flüchtige Regungen. Vor allem aber beſaß er, wenn ihn ſeine Heftigkeit und Verblendung nicht völlig beherrſchten und böſe Einflüſterungen ihn nicht antrieben, rückſichts⸗ los aufzutreten, etwas von dem feinen Takte eines Weltmanns, der auch im Gegner das Ehrenhafte an⸗ erkennt. Er empfand in dieſem Augenblicke einen ſolchen Impuls zum Beſſern, etwas wie Scham, er mochte ſich ſagen, daß er ſich gegen den Doctor unwürdig benom⸗ men habe, daß er dem geſchickten Arzte verpflichtet ſei daß er ſelber in ſolcher Lage nicht anders würde ge⸗ ſprochen haben. Dazu mochte noch ein gut Theil Egoismus kommen, denn Crawford fühlte, daß er des Arztes, dem er völlig vertraute, noch nicht ganz entbehren könne. Einen Moment dachte er ernſtlich daran, dem jun⸗ gen Deutſchen zu folgen, ihm ohne Umſtände die Hand zur Verſöhnung zu bieten. Aber da ſtreifte ſein düſterer Blick das hagere, gelb⸗ liche Antlitz Oliver Gaunt's. Von den höhniſchen Zü⸗ gen dieſes Angeſichts las er ab, was Gaunt dazu 2* ſagen würde, wollte er dem erſten Aufwallen ſeines Herzens folgen. Und die edle Regung war verraucht. Ein anderer unglücklicher Umſtand, der ſich zu glei⸗ cher Zeit ereignete, gab dem Oberſten ſeine Härte und furchtbare Gereiztheit zurück. Es ertönte nämlich plötzlich von den hinter Buſch⸗ werk verſteckten Negerhütten her ein entſetzliches Geſchrei⸗ Lucy, welche während des peinlichen Auftritts un⸗ ſagliche Qualen erduldet und doch nicht gewagt hatte, vermittelnd einzuſchreiten, denn ſolcher Verſuch würde die Sache unbedingt verſchlimmert haben, ſtarrte jetzt haſtig nach der Richtung hin, von der aus das Jammer⸗ geheul an ihr Ohr ſchlug. Dann blickte ſie beſtürzt, erregt, ängſtlich fragend auf den Gatten. Sie ſah, daß die Züge Crawford's mit Blitzesſchnelle den alten Trotz und Hochmuth widerſpiegelten. „Um Gottes willen, was geht da vor?“ rief ſie. „Edmund, Du haſt den Auftrag gegeben, einen der Schwarzen zu peitſchen?“ „Einen? Nein, ſämmtliche verdammte Nigger! antwortete der Oberſt in ſtrengem Tone.„Und Hannibal und Cora werden morgen in Ketten weggebracht, vor Gericht, und gehängt, ſoll mich Gott verdammen!“ 21 „Hannibal? Der beſte unſerer Neger? Und ſein Weib Cora, das gute Geſchöpf? Was haben ſie, was die Andern verbrochen? Hannibal iſt ein fleißiger, treuer, intelligenter Burſche.“ „Intelligent! Das iſt es, Miſtreß Crawford!“ fiel ihr der Oberſt höhniſch ins Wort.„Heute werden wir dieſe Intelligenz auspeitſchen und morgen ihr den Hals umdrehen laſſen. Und es könnte wahrlich nicht ſcha⸗ den, Lucy, wenn Deine Strafe darin beſtehen möchte, der Execution beiwohnen zu müſſen!“ „Meine Strafe?“ rief die junge Frau ganz be⸗ troffen. „Ja“, fuhr der Oberſt ſtreng fort,„denn den philan⸗ thropiſchen Grundſätzen der Miſtreß Crawford verdanken wir einen unerhörten Skandal, der mich um ſo mehr empört, als er auf einer meiner Pflanzungen, ja direct hinter meinem Rücken großgezogen worden!“ „Ich verſtehe Dich nicht, Edmund!“ Das Geheul der Neger verdoppelte ſich, klagende Weiberſtimmen tönten herzzerreißend dazwiſchen. Die junge Frau that einen haſtigen Schritt nach dem Ausgange des Pavillons. „Aggy!“ rief ſie. Die Negerin, welche am Fuße des die Anhöhe hinanführenden Schlangenpfades auf ihre Gebieterin gewartet hatte, ſeit der Oberſt und Gaunt gekommen waren, lief den Weg empor und trat ehrerbietig zu ihrer Herrin. Lucy wendete ſich an ihren Gatten. „Ich beſchwöre Dich, Edmund, laß Aggy an Griffin und ſeine Leute den Befehl überbringen, daß man mit den Züchtigungen einhalte. Ich ertrage dieſes Angſt⸗ geſchrei nicht!“ „Aggy wird ſich nicht von der Stelle rühren!“ don⸗ nerte der Oberſt. Die Schwarze zog ſich ſcheu und unterwürfig zu den nächſten Büſchen zurück. „Ich bedaure“, ſetzte der Oberſt in ſchneidendem Tone hinzu, jetzt ſeine Worte an die Gattin richtend, „keine größere Rückſicht auf die Nerven der Miſtreß Crawford nehmen zu können, als dieſe für die Sicher⸗ heit ihres Mannes hatte.“ „Ich bitte, ſich näher zu erklären!“ ſtieß Lucy nun ebenfalls gereizt hervor. 1 Crawford richtete ſich hoch auf, er ſchleuderte einen durchbohrenden Blick auf ſeine Frau. „Du haſt dem Weibe des geſchmeidigen Hannibal, dieſer ſcheinheiligen Cora, heimlich Unterricht im Leſen ertheilt!“ ſagte er hart. Eine lebhafte Verwirrung kam flüchtig über Miſtreß 23 Crawford, aber ſie gewann ſofort ihre völlige Faſ⸗ ſung wieder. „Ja“, antwortete ſie ernſt und feſt,„ich that es, ich weiß, gegen das Geſetz Eures Landes. Mich jam⸗ merte es, ein von der Natur begabtes Geſchöpf Gottes in trauriger Unwiſſenheit laſſen zu ſollen. Cora iſt keine Scheinheilige, ſie iſt ein gottesfürchtiges Weſen, ſie ſehnte ſich darnach, an ſtillen Feierabenden, wenn rings Alles ſchlummerte, ſich ſelber die Tröſtungen der Religion heimlich aus der heiligen Schrift entziffern und aneignen zu können. Und darum gab ich ihr Unterweiſung. Ich fehlte vielleicht gegen das Geſetz, aber ich leiſtete der Menſchlichkeit Vorſchub!“ „Dem Verbrechen, Madame!“ brauſte der Oberſt auf.„Denn Cora unterrichtete ihren Mann ebenſo heimlich im Leſen, Hannibal aber ſammelte die Erſparniſſe der andern Darkies, das heißt, was ſie an kleinen Geld⸗ münzen da und dort zuſammengeſtohlen, ſetzte ſich dann mit hündiſchen, umherſchleichenden Abolitioniſten, die er jetzt nicht namhaft machen will, in Verbindung und verſchaffte ſich durch dieſe Schurken wöchentlich eine der ſchändlichſten Zeitungen des Nordens, die den Abo⸗ litionismus predigt und das Verderben der Pflanzer. Das Blatt, welches verſtohlen von Pflanzung zu Pflan⸗ zung ging, ward von Hannibal den Niggers vorgeleſen — 24 und dann den Emiſſären zurückgeſtellt, es weiter zu colportiren. So zogen Sie, Madame, die Empörung an unſerm Herde groß, Sie und vielleicht ein An⸗ derer, den ich nicht namhaft machen will. Ein glück⸗ licher Zufall ließ mich noch rechtzeitig das Treiben entdecken, das früher oder ſpäter zur offenen Meuterei geführt hätte. Hannibal wird hängen, Cora wird hängen, genießen Sie jetzt die Früchte Ihrer Toleranz, Madame!“ Miſtreß Crawford ward todtenbleich. Sie wankte. Aber ſie gewann alsbald die Herrſchaft über ſich ſelbſt. „Wenn eine Strafe ſein muß, Sir“, ſtammelte ſie, „ſo machen Sie mich allein für das verantwortlich, was geſchah. Jene armen Schwarzen handelten nur nach dem. Inſtinkte, den Gott in die Bruſt jedes füh⸗ lenden Geſchöpfes gelegt hat. Ich will es beſchwören, daß keiner Ihrer Sklaven bis zur Stunde daran denkt, gewaltſam ein Joch abzuſchütteln, das ſie bisher ohne Murren, wenn auch in Schmerzen getragen. Schonen Sie die Armen, machen Sie mich allein verantwortlich!“ „Ich kann die Gattin Edmund Crawford's nicht der Jury überliefern!“ murmelte der Oberſt finſter.„Oliver Gaunt wird ſchweigen, aus Freundſchaft für mich!“ Gaunt nickte zuſtimmend. —— 25 „Die hündiſchen Darkies aber fallen der gerechten Strafe anheim!“ ſetzte Crawford haſtig und von neuem aufbrauſend hinzu.„Hannibal muß ſo gut hängen wie Dein Liebling Cora—“ „Edmund“, unterbrach ihn die junge Frau bebend, doch mit zuverſichtlicher Miene,„das kann, das darf nicht ſein! Uebe Barmherzigkeit, ſei menſchlich!“ „Was liegt daran“ verſetzte der Oberſt barſch,„ob ein ſchwarzes, ſchmuziges Thier mehr oder weniger auf der Welt iſt!“ Das Wehklagen und Kreiſchen jenſeits der Gebüſche ertönte jetzt gellender als zuvor. Miſtreß Crawford blickte ſtolz und zum erſten Male in ihrem Leben voll Verachtung auf ihren Gatten. Ihre Geſtalt ſchien zu wachſen, aus ihren Wangen war jeder Blutstropfen zurückgewichen, aber ihre Augen, die ſonſt einen ſo ſanften, ſeelenvollen Ausdruck hatten, blitzten jetzt eigenthümlich; ſie glich einer zürnenden, in ihrer heftigen Erregung um ſo reizendern Fee. Eine Entſchloſſenheit, die ihr ſonſt nicht eigen war, redete aus ihren Zügen. Der Oberſt hatte ſeine Frau ſo noch niemals ge⸗ ſehen; ihre energiſche Haltung begann ihm zu imponiren. Er war empört und konnte doch nicht umhin, Lucy im Stillen zu bewundern. Hatte ſie nicht jetzt etwas 26 von jener Kühnheit, die er ſelber beſaß und die er an Andern achtete? Selbſt Gaunt wich faſt ſcheu vor der Hoheit zurück, welche das Weſen der Miſtreß Crawford in dieſem Augen⸗ blicke ausſtrahlte. Und nun erhob ſie ihre klangvolle Stimme; ohne Beben tönte dieſe, klar und feſt. „Sie wollen nicht den Befehl ertheilen, Sir, daß man aufhöre, Ihre armen Sklaven zu mißhandeln? Wohlan, ſo werde ich gehen und in Ihrem Namen eine weitere Grauſamkeit verhindern, den Fluch wehr⸗ loſer Geſchöpfe von Ihrem Haupte abzuwenden!“ „Sie werden es nicht wagen, Madame!“ rief Craw⸗ ford überraſcht. „Ich werde mehr als das wagen, Sir! Beſtehen Sie darauf, daß jene unglückſeligen Sklaven in Ketten vor eine Jury geführt werden?“ „Ich beſtehe darauf!“ „Nun, ſo wird die Gattin des Oberſten Edmund Crawford an der Seite ſeiner Neger vor dieſer Jury erſcheinen und die eigene Verurtheilung begehren!“ Der Oberſt wich beſtürzt einen Schritt zurück. „Lucy“, ſtammelte er,„eine ſolche Schmach—“ „Ich kann nicht anders, Sir!“ ſagte die junge Frau ent⸗ 5 7 b ſchieden und mit leuchtendem Blicke.„Gott lenke Ihren Sinn!“ Sie wendete ſich ab, ſie flog den Pfad hinunter und verſchwand hinter den Gebüſchen. Blitzſchnell folgte ihr die angſterfüllte Zofe. Der Oberſt ſtarrte geradezu rathlos ſeiner Gattin nach. „Iſt das Lucy, die ſanfte, nachgiebige Lucy?“ mur⸗ melte er ſinnend.„Bei Gott, ich glaubte einen rach⸗ ſüchtigen Dämon zu hören! Aber wie reizend ſah ſie in ihrem Zorne aus! So träumte ich mir einſt das Ideal eines Weibes!“ Während Crawford ſo in einer ſeltſamen Miſchung von Empfindungen vor ſich hin flüſterte, blickte Oliver Gaunt anſcheinend gleichgültig über die ſonnenbeglänzten Felder hin und pfiff leiſe durch die Zähne. Zweites Kapitel. Als der Oberſt und Gaunt allein waren, ſtieß der erſtere da und dort im kleinen Pavillon einen Rohr⸗ ſtuhl zurück und begann haſtig, ſich auf die Krücke ſtützend, hin und her zu ſchreiten. Gaunt aber trat zu der Holzbrüſtung, auf dieſelbe Stelle, welche Arnau zuvor eingenommen, und zündete ſich gelaſſen eine Cigarre an. Mit verſtohlen lauerndem Blicke beobachtete er die Bewegungen Crawford's. Dieſer blieb plötzlich vor dem anſcheinend gleich⸗ müthig Rauchenden ſtehen. „Was ſagen Sie dazu, Gaunt?“ fragte er heftig und mit bebenden Lippen. Der Angeredete verzog keine Miene. 29 „Mas ſoll ich dazu ſagen?“ verſetzte er.„Ich miſche mich nicht gern in einen häuslichen Zwiſt!“ „Das iſt nicht die Antwort eines Freundes!“ „Ein Freund muß in dieſem Punkte doppelt vor⸗ ſichtig ſein, Crawford. Spricht er unverhohlen und ehrlich ſeine Meinung aus und verſöhnen ſtch dann die ſtreitenden Parteien, ſo fällt das ausgeſprochene Wort nachtheilig auf ihn zurück; Freimüthigkeit iſt nur zu häufig das Grab der Freundſchaft, mein Lieher!“ „Halten Sie mich für einen Schwächling, Gaunt, einen Weiberknecht?“ „Nein! Aber für einen Mann, der noch immer in ſeine Frau vernarrt iſt, ſelbſt—“ Gaunt ſtockte und legte ſein Antlitz in ernſte Falten. Crawford horchte auf. „Selbſt?“ wiederholte er aufgeregt. „Laſſen wir das!“ ſagte der Andere und blies eine dicke Rauchwolke von ſich. „Nein, laſſen wir das nicht!“ drängte der Oberſt. „Wenn Sie auch in übergroßer Vorſicht meiner Feſtig⸗ keit und Discretion nicht recht trauen und daher die Zurückhaltung der Offenheit vorziehen, ſo kann ich doch wenigſtens verlangen, daß Sie einen Satz zu Ende bringen, den Sie begannen.“ 30 „Sie ſind jetzt in zu heftiger Stimmung, mein Freund!“ „Ich denke wohl, daß ich Ihnen in dieſem Augen⸗ blicke meine Mäßigung beweiſe. Ein anderer Mann, leidenſchaftlich wie ich, würde der Frau auf dem Fuße gefolgt ſein und ihr Vorhaben ſofort verhindert haben, auf jede Gefahr hin. Hören Sie nur, das Geſchrei der verwünſchten Darkies verſtummt, und ich ſtehe noch immer hier, wie Sie ſehen!“ „Es wäre auch eine Thorheit, wollten Sie intera veniren. Ihre Frau iſt im Momente nicht zurechnungs⸗ fähig. Wer kann dafür einſtehen, daß ſie nicht aus⸗ führen würde, was ſie als Drohung ſprach? Und es iſt gerade nicht nothwendig, an den ehrenhaften Namen Crawford einen Skandal zu knüpfen.“ Der Oberſt runzelte die Stirn. „Sie haben Recht!“ erwiderte er düſter.„Man verdachte es mir allgemein in Süd⸗Carolina, als ich eine Nordländerin heirathete, ich würde den lächelnden 1 Hohn unſerer Ladies nicht ertragen, wenn meine Frau ſich um unſerer ſchmuzigen Nigger willen an den Pranger ſtellte. Alle Welt würde ſagen: Das war voraus zu ſehen, er mußte ſich ja ein Weib aus dem Sodom der Yankees wählen, die Tochter eines Abolitioniſten, und Art läßt nicht von Art! Bei Gott, Gaunt, ſolchen er⸗ 1 4 6 —— 4 31 niedrigenden Spottreden vorzubeugen, könnte ich— wäre ich fähig, Miſtreß Crawford bei Zeiten unſchädlich zu machen!“ „Hoho, welcher Gedanke!“ „Nun, für unzurechnungsfähige Weſen gibt es Schloß und Riegel, Gaunt, und eine ſtille, einſam gelegene Cottage iſt noch immer kein abſcheuliches Ge⸗ fängniß. Doch Sie ſind mir den Schluß Ihrer vorhin begonnenen Bemerkung ſchuldig!“ Gaunt ſchüttelte langſam das Haupt. „Ich ſehe“, ſagte er ernſt,„wir kommen auch auf dieſen Punkt, ohne daß ich nöthig habe, direct meine Worte von vorhin wieder aufzunehmen. Wenn ich denn als ehrlicher Freund offen reden ſoll, gewiſſermaßen un⸗ willkürlich dazu gedrängt werde, ſo möchte ich Ihnen rathen, ſo bald wie möglich das auszuführen, was Sie ſo eben verſtändlich genug andeuteten.“ „Sie meinen doch, ich ſolle meine Frau auf einige Zeit vom Verkehre mit der Welt abſperren?“ „Wenigſtens ſie von hier entfernen!“ „Weshalb von hier? Die Veränderung des Aufent⸗ halts wird auf die Geſinnungen der Miſtreß Crawford keinen Einfluß haben. Ich kann ſie hier ſo gut iſoliren wie anderswo!“ Gaunt blickte den Oberſten lauernd an. „Doch nicht ſo gut, mein Freund!“ antwortete er langſam.„Sie können dem Arzte der in ihren Nerven überreizten, kränkelnden Dame nicht den Eintritt zu ihr verwehren, das wäre barbariſch. Und der Arzt in ſolchem Falle wäre hier der Doctor Arnau.“ Wie ein Blitz zündeten die wohlbetonten, argliſtigen Worte Gaunt's. Die Züge Crapford's verfinſterten ſich noch mehr als zuvor. Er antwortete nicht ſofort, ſondern ſchritt, das Haupt geſenkt, nachdenklich einige Male im Pavillon auf und nieder. Nun blickte er unmuthig auf. „Ich verſtehe Sie, Gaunt!“ rief er.„Meine Frau wird in ihren anerzogenen yankeeiſchen Grundſätzen, in ihrer Widerſetzlichkeit durch den deutſchen, für die Union und den Abolitionismus ſchwärmenden Doctor beſtärkt. Sie haben Recht, der Umgang mit dem Doctor Arnau iſt für die Miſtreß Crawford gefährlich!“ „Nur für die Miſtreß Crawford?“ fragte Gaunt in einem eigenthümlichen Tone, aus dem er ſorgfältig allen Spott verbannte. 3 Der Oberſt ſtarrte den Pflanzer an; die Muskeln ſeines Antlitzes begannen haſtig zu vibriren, aus ſeinem Blicke zuckte ein unheimliches Glühen auf. 2 33 „Was wollen Sie damit ſagen, Gaunt?“ ſtieß er halblaut hervor. „Nichts und Alles!“ antwortete Gaunt ruhig. „Meine Frau iſt ehrenhaft, ſie ward aus Liebe meine Gattin!“ „Bleiben Sie gelaſſen, Oberſt, ich will Ihre Frau nicht verdächtigen, ich denke ſehr gut von ihr. Sie nöthigten mich zu ſagen, was mir im Kopfe herum⸗ geht, Sie appellirten mit einem Worte an den offen⸗ herzigen Freund. Ich muß Sie nun auch bitten, die Situation mit kaltem Blicke zu prüfen. Sind Sie ruhig?“ „Ich bin ruhig!“ verſicherte der Oberſt, während ſeine breite Bruſt ſich faſt convulſiviſch hob und ſenkte. „Nun denn“, fuhr Gaunt mit gleißneriſcher Treu⸗ herzigkeit fort,„darf ich auch verſichert ſein, daß Sie überzeugt ſind, ich habe nichts gegen Miſtreß Craw⸗ ford?“ „Sie dürfen es!“ „So hören Sie mich. Miſtreß Crawford hat Sie aus Neigung geheirathet.“ „Das hat ſie!“ „Gut. Die Mädchen der Nordſtaaten nehmen ſchon frühzeitig an den politiſchen Intereſſen der Männer Antheil, ſie bilden ſich eine Meinung, ſie leben nicht Adolf Schirmer, Die Spionin. III. ausſchließlich für Moden und Geſellſchaften, wenngleich ſie ſich nicht ſelbſtthätig in die Angelegenheiten der Politiker des Landes miſchen und Diplomatinnen ſpielen.“ „Nun?“ „Nun, ich will nur ſagen, Miſtreß Crawford folgte Ihnen alſo nicht als Gattin hierher, ohne ſich klar be⸗ wußt zu ſein, daß ſie im Süden andere Zuſtände er⸗ warteten als diejenigen, welche ſie zu ſchätzen gewohnt war.“ „Ja, ja!“ „Wenn ſie dennoch die Ihrige ward, ſo geſchah es unfehlbar, weil ſie hoffte, Sie zu ihren Anſichten be⸗ kehren zu können.“ „Hoho!“ „Wird ſie darüber nicht längſt enttäuſcht worden ſein, Oberſt?“ Crawford lachte ſpöttiſch. „Das iſt ſie, bei Gott!“ verſetzte er dann. „Jede Enttäuſchung“, fuhr Gaunt fort,„hat aber eine gewiſſe Mißſtimmung, eine Entfremdung zur Folge⸗ Sie werden Ihre Gattin nicht mehr ſo hingebend, enthu⸗ ſiaſtiſch, vertrauend gefunden haben wie ehedem. Iſt es nicht ſo, mein Freund?“ „Gereizt iſt ſie, wie— wie ich es bin!“ „Und dieſer verſtimmten, gereizten Gattin waren 35 Sie ſo thöricht, einen jungen Mann zuzuführen, der aus dem Norden kam und einer Sache diente, für welche insgeheim das Herz der Miſtreß Crawford fort und fort glüht. Was Wunder, wenn ihr Herz, in dem die widerſtreitendſten Empfindungen bereits Raum gewonnen, in dem getäuſchte Hoffnungen, uner⸗ füllte Wünſche wohnen, ſich ſchließlich mehr zu dem⸗ jenigen hingezogen fühlt, mit deſſen Lebensanſchauungen ſie ſympathiſirt, als zu dem Gatten, deſſen ganzes Denken und Streben ſie verurtheilt?“ „Höll' und Teufel!“ „Und da dieſer junge Mann, wie Sie mir ſelber ſagten, einſt ein Verehrer der Miſtreß Crawford war—“ „Das ſagte ich nie!“ fuhr der Oberſt auf.„Der Doctor war ein Hausfreund der Familie Palmer und ein Freund Lucy's.“. „Gut. Er war der Freund Ihrer Gattin. Aber die Erfahrung lehrt, daß von der Freundſchaft bis zur Liebe oft nur ein Schritt iſt—“ „Lucy wählte mich!“ unterbrach ihn Crawford ſtolz. „Ganz recht!“ ergänzte Gaunt.„Die junge Dame that damals jenen Schritt nicht, doch wer ſagt Ihnen, daß ſie ihn nicht jetzt gethan?“ „Wie?“ „Ich will nichts behaupten, Oberſt. Aber dürfen Sie nicht auch der Vermuthung Raum geben, daß ein geiſtvolles, denkendes und obendrein überreiztes Weſen, wie die Miſtreß Crawford, ſich längſt gedrängt fühlen mußte, Vergleiche zwiſchen ihrem Gatten und dem Jugendfreunde anzuſtellen?“ „Ha, Vergleiche!“ „Und daß dieſe nicht zu Gunſten des grollenden, ebenfalls überreizten, ihren Anſchauungen und Wünſchen ſchroff entgegentretenden Gemahls ausfallen konnten, das liegt doch wohl auf der Hand!“ „Weiter, Gaunt, weiter!“ „Rechnen Sie dazu die Jugenderinnerungen der Dame, das Intereſſe, welches ein ſchöner Gefangener den Frauen jederzeit einflößt, die Theilnahme des jungen Deutſchen für ein Weſen, das er T ſchon früher geachtet hat, vielleicht heimlich eliebt— „Geliebt! O Hölle!“ „Eine junge Frau, die er um ihrer Ueberzeu⸗ gung mülten leiden ſieht! Sie müſſen geſtehen, mein Freund— Der Oberſt fiel ihm in furchtbarer Erregung heftig ins Wort. „Sagen Sie es gerade heraus, Gaunt, Sie ſind überzeugt, Lucy und der Doctor ſtehen in einem ſträf⸗ lichen Verhältniſſe zu einander!“ 37 Gaunt ſchwieg und blickte forſchend in die Züge Crawford's, die Unheil verkündeten. „Foltern Sie mich nicht, reden Sie offen!“ fuhr der Erregte ungeſtüm drängend fort. „Ich hoffe, daß es noch nicht ſo weit gekommen!“ entgegnete endlich der heuchleriſche Pflanzer.„Aber Gefahr iſt jedenfalls nahe, mein armer Oberſt! Wo⸗ her die ſichtliche Befangenheit beider, als wir das Paar hier vorhin überraſchten?“ „Ja, ja, ſie waren befangen!“ „Und gewahrten Sie nicht den Blick freudigen Ein⸗ verſtändniſſes, den Ihre Gattin und der junge Deutſche austauſchten, als Sie von dem Erfolge der Unioniſten bei Gettysburg ſprachen?“ „Ich ſah einen ſolchen Blick, aber—“ „Und endlich, was wollte dieſer Doctor damit ſagen, als er in dem Streite mit Ihnen von dem zu hohen Preiſe für ſchöne Stunden redete, die er hier verlebt? Schöne Stunden— mit wem? Mit Ihnen, dem politiſchen Feinde, oder mit mir vielleicht?“ Oberſt Crawford's ſeither bleiche Wangen überlief eine dunkle Zornesröthe; er ſchäumte vor Wuth, er knirſchte mit den Zähnen und ballte die Fäuſte. Sein Blick glich demjenigen eines blutdürſtigen Tigers, jede edlere Regung war aus ſeinem Herzen gewichen. 38 Das gut geſpielte Mitleid eines Oliver Gaunt, den er im Stillen nicht als einen ſeiner würdigen Freund, ſondern als eine wenn auch reiche, doch niedrige Creatur betrachtete, hatte den ganzen Stolz ſeines hochfahrenden, leidenſchaftlichen Naturells in heftigſter Weiſe aufgerüttelt, das„mein armer Oberſt!“ war ihm wie ein zweiſchneidiges Meſſer ins Herz gedrungen. „Genug!“ rief er.„Ich werde den Doctor er⸗ ſchießen und meine Frau—“ „Das wäre Wahnſinn“ verſetzte Gaunt, indem er ſich den Anſchein von Würde und Ernſthaftigkeit gab. Sie haben noch nicht ein Atom von Beweis für die Schuld Ihrer Gattin und des Doctors. Wer weiß, ob nicht alle meine Schlußfolgerungen auf einer falſchen Vorausſetzung beruhen? Ruhe, mein Freund, Ruhe! Ich bin ein gewiſſenhafter Mann und richte nicht nach Vermuthungen, die freilich das Gepräge der Wahr⸗ ſcheinlichkeit tragen. Ich werde nicht dulden, daß Sie eine unüberlegte Handlung begehen. O warum zwangen Sie mich, Ihnen mitzutheilen, was mich Ihrethalben längſt mit Sorgen und Befürchtungen erfüllt! Beobach⸗ ten Sie, prüfen Sie, ſehen Sie mit eigenen Augen und nicht durch die meinigen, die vielleicht von meiner Freundſchaft für Sie geblendet ſein mögen!“ „O ich ſehe, ich durchſchaue Alles!“ nürmesi der 39 Oberſt haſtig.„Mir iſt die Schuld jener Schändlichen erwieſen! Reicht es nicht hin, wenn ich die moraliſche Ueberzeugung habe, daß es nur ſo ſein kann, wie Sie geſagt, Gaunt? Edmund Crapford ſollte warten, gleich einem armſeligen Hahnrei, an der Kammer ſeiner Gattin lauern? Ich duchſchaue Alles— ich erinnere mich an Blicke, hingeworfene Worte— und wäre nur erſt die Abſicht in ihnen aufgetaucht, meine Ehre anzutaſten, ſo verdienen ſie den Tod!“ Der Oberſt ſtürmte dem Ausgange des Pavillons zu. Seine Aufregung war ſo groß, daß er ſelbſt ſeines noch leidenden Fußes vergaß und kaum noch hinkte. Der ſchwächliche Gaunt warf ſich dem leidenſchaft⸗ lich erregten Manne entgegen. „Crawford“, flüſterte er dämoniſch,„Sie bleiben! Ich halte Sie nicht zurück, weil ich Zweifel in die Ge⸗ rechtigkeit Ihres Vorhabens ſetze—“ „Nun alſo, hindern Sie mich nicht, es auszuführen!“ „Bleiben Sie, denn ſind jene ſchuldig, dann iſt die Strafe zu gering, welche Sie ihnen zugedacht haben!“ 1 Der Oberſt ſtutzte und ſtarrte den Pflanzer an. „Fehlte Ihre Frau“, fuhr Gaunt fort,„ſo ward ſie 3 ⅛¾ S jedenfalls durch den yankeeiſch denkenden Doctor bethört, 40 ſo kommt auf dieſen der größte Theil der Schuld. Und da er die Sympathie der Miſtreß Crawford ſicher dadurch gewann, daß er ein Unionsmann iſt und für die Skla⸗ venbefreiung eintrat, ſo möge er auch vor ihren Augen das Schickſal jener theilen, die es wagten, für den Abolitionismus im Süden Propaganda zu machen. Sie dürfen um Ihrer Ehre willen und um nicht einen Skandal in Umlauf zu ſetzen, Ihre Hände nicht mit dem Blute des Elenden beflecken, der Pöbel übe Lynch⸗ juſtiz an ihm, und daß dieſes geſchehe, dafür laſſen Sie mich ſorgen. Er werde vor den Augen der Miſtreß Craw⸗ ford vom Mob der guten Stadt Charleſton zerriſſen, das ſei die Strafe Ihrer Frau, ſie aber lebe, denn das Leben nach ſolchem Vorgange und unter ſolchen Ver⸗ hältniſſen wird für ſie die größte Folter ſein!“ Der Oberſt ſtarrte noch immer auf den boshaft grinſenden Gaunt. Dann zuckte der Ausdruck wilder Freude durch ſeine Züge. Crawford war in dieſem Momente nur noch der rachedurſtige Südländer. „Gaunt“, rief er endlich,„Gaunt, Sie ſind mein Mann! Was Sie mir rathen, wird geſchehen!“ Edmund Crapford und der tückiſche Schleicher ver⸗ ließen den Pavillon. Gaunt triumphirte im Stillen. 41 Weshalb hatte er den Oberſten gehindert, an den vermeintlich Schuldigen ſofort Rache zu nehmen? Doch wohl nur, weil es ſeiner diaboliſchen Natur zuſagte, die Martern der zu Opfern Erkorenen ſoviel wie möglich zu verlängern. Jetzt triumphirte er, während er äußerlich gelaſſen und ernſt neben dem aufgeregten Crawford einherſchritt. Sein Zweck war erreicht, Jago hatte ſeinen Othello gefunden. Drittes Kapitel. Der Tag verſtrich, ohne daß ein weiterer ſtürmiſcher Auftritt erfolgte. Miſtreß Crawford's energiſche Einſprache war von dem Aufſeher Griffin und ſeinen Burſchen reſpectirt worden, und da von Crawford kein Gegenbefehl kam, ſo blieben die armen Neger unbehelligt, die freilich ſchon eine bedeutende Tracht Schläge erhalten hatten. Der Oberſt traf etwa eine Stunde nach der Unter⸗ redung im Pavillon mit ſeiner Gattin und dem Doctor Arnau im Parterre des Herrenhauſes wieder zuſammen. Der gleißneriſche Gaunt mußte eine ungewöhnliche Beredtſamkeit an Crawford verſchwendet haben, denn dieſer, der ſich ſonſt nicht zu beherrſchen verſtand, war wie umgewandelt. Es ſoll damit nicht geſagt ſein, daß 43 der Oberſt für den Reſt des Tages den Unbefangenen und Heitern ſpielte, er zeigte im Gegentheil ein ernſtes Antlitz und war kurz in ſeinen Reden, er ſprach eben nur das Nothwendige, aber dieſes ſagte er mit kalter Höflichkeit, und weder Blick noch Geberde verriethen, daß er auf einen unheimlichen, grauſamen Plan ſinne. Er gedachte mit keiner Silbe der peinlichen Scene, welche im Pavillon ſtattgefunden hatte. Er gab auch nicht den Befehl, das ſchwarze Ehepaar Hannibal und Cora in Ketten legen zu laſſen; kurz, Alles ſchien vergeſſen. Gaunt, der ſonſt nur ſelten lachte, war ungewöhn⸗ lich luſtig. Aber er ließ keinen Hohn in ſeinen Zügen blicken und warf auch keine ironiſchen, aufreizenden Worte hin, was er doch ſonſt ſehr häufig zu thun pflegte. Rur dann und wann hatte er verſtohlen einen heimtückiſchen und forſchenden Blick für Miſtreß Craw⸗ ford und den jungen Doctor. Arnau benahm ſich mit muſterhafter Vorſicht; er traute den beiden Männern nicht, er war überzeugt, daß ſie nur mit böſen Hintergedanken ſo höflich und anſcheinend harmlos ſeien. Durch die Negerin Aggy hatte er im Fluge er⸗ fayren, welcher Conflict zwiſchen Lucy und ihrem Gatten ſtattgefunden. Und da er glaubte mit Sicherheit an⸗ nehmen zu dürfen, daß der Oberſt ihm einen Theil des 44 Widerſtandes der jungen Frau zuſchreibe, ſo hütete er ſich wohl, öfter, als unumgänglich nöthig war, das Wort an Lucy zu richten. Er ſprach gefliſſentlich nur von den alltäglichſten Dingen, die keine gehäſſige Deu⸗ tung zuließen, er richtete kaum den Blick auf Miſtreß Crawford und zog ſich, bald nachdem ſich die kleine Geſellſchaft in die Veranda begeben, um den Abend im Freien zuzubringen, ein Kopfweh vorſchützend, in ſein Zimmer zurück. Lucy befand ſich in einer eigenthümlichen Stim⸗ mung. Die Ueberreizung ihres Gemüthes hatte bei ihr ſchon zu tief Wurzel gefaßt, als daß ſie hätte ruhig ſein können. Sie ſtellte in ihrem Benehmen die ernſte Würde der Frau in den Vorgrund, aber dennoch über⸗ kam ſie bisweilen eine weiche Empfindung, die ihr faſt das Herz abzudrücken drohte. Ihre ſchönen Augen waren zu Zeiten wie umflort, als halte ſie gewaltſam einen Thränenſtrom zurück, der ſich hätte ergießen mögen. Die junge Frau war ſich über ihren Gatten nicht klar. Durfte ſie hoffen, daß ſein jetziges Betragen, die gewonnene Beherrſchung ſeiner ſelbſt das Reſultat einer ſanftern Regung für ſie ſei, die Frucht der Ueber⸗ legung, zu hart, ja unter den obwaltenden Umſtän⸗ den ungerecht gegen ſie vorgegangen zu ſein? 8 8 45 Lucy fühlte ſich gedrängt, nach ihren früher ge⸗ machten Erfahrungen ſolche Hoffnung anzuzweifeln, und doch— woher die Mäßigung Edmund's, wenn er nicht einige Reue über das Geſchehene empfand? Gaunt, der lauernde Aufſtachler, konnte ihm unmöglich Be⸗ ſonnenheit gepredigt haben, deſſen war ſie gewiß, und ſie wußte ebenſo wohl, daß Crawford keines Mannes Rede achtete, wenn er in blinder Leidenſchaftlichkeit einem Wahne folgte. „So hat alſo doch wohl ſeine Liebe zu mir den Sieg davongetragen!“ ſagte ſie ſich. Und dennoch gewahrte ſie auch nicht ein Fünkchen von jener Liebe in ſeinen Augen, deren kalter Blick dem ihrigen auszuweichen ſchien. „Sein grenzenloſer Stolz hält ihn davon ab, mir ein Zeichen der Verſöhnung zu geben!“ flüſterte es in ihr.„That er nicht mehr als ſonſt, indem er meine Befehle nicht kreuzte und die armen Schwarzen nicht dem Kerker überlieferte? Oder ſollte meine Drohung ihn zur Beſinnung gebracht haben? Aber was iſt für Edmund eine Drohung! Darf ich nicht noch einmal an ein beſſeres Gefühl in ihm glauben?“ Lucy war alſo mehr verſöhnlich als herbe geſtimmt. Vielleicht hätte ſie, wäre Gaunt von der Seite ihres Gatten gewichen, in heftiger Aufwallung plötzlich Edmund's Hals umklammert und ihn weinend ange⸗ fleht, das Phantom der Zwietracht ferner nicht um Dinge heraufzubeſchwören, über die ſie ſich doch nie⸗ mals würden vereinigen können. Aber Gaunt wich nicht. So begab ſich denn Miſtreß Crawford, von den Er⸗ regungen des Tages in ihren Nerven abgeſpannt, bald in ihr Schlafgemach. Die beiden Männer aber blieben bis lange nach Mitternacht unter der Veranda, beim Weine und der Cigarre. Sie verhandelten eifrig mit einander, doch was ſie redeten, ward nur geziſchelt. Am folgenden Tage erhielten die Bewohner der Plantage eine überraſchende Nachricht. Das bei Port Royal ſtationirte Unionsgeſchwader war wieder vor Charleſton erſchienen, die Forts anzu⸗ greifen, welche die Bai beherrſchten; General Gillmore war auf Morris Island gelandet und ließ ſeine Trup⸗ pen gegen das Fort Wagner vorrücken. Diesmal hatte es den Anſchein, als ob der An⸗ griff energiſcher und kühner geleitet werden ſolle als alle frühern, ſo lautete die Nachricht. Die Depeſche war im Manſion angelangt, als Craw⸗ ford noch mit ſeinen Gäſten an der Mittagstafel ſaß. Er gerieth in eine lebhafte Aufregung. 47 „Bei Gott“, rief er,„ich hätte Luſt, mit dem näch⸗ ſten Train nach Charleſton zu fahren! Ein Bombar⸗ dement iſt ein Schauſpiel, das ich mir nicht entgehen laſſen möchte! Man ſieht ſo etwas nicht alle Tage!“ Gaunt lächelte und warf dem Oberſten einen ver⸗ ſtohlenen, vielſagenden Blick zu. „Ja, fahren wir nach Charleſton“, bemerkte er, nauch ich verſpreche mir einen Genuß davon. Sie wiſſen, Oberſt, daß ich ein Haus hart an der Battery habe, mit der ſchönſten Ausſicht über den Hafen und die Bai. Wie wäre es“, fuhr er fort, ſich an Lucy und Arnau wendend,„wenn die Miſtreß Crawford und der Doctor uns begleiten wollten?“ Arnau ſchwieg. Lucy aber blickte lebhaft und in einiger Beſorg⸗ niß auf. „Ich?“ antwortete ſie zögernd.„Wie können Sie denken, Mr. Gaunt, daß ſich eine Dame nach dem ſchrecklichen Schauſpiele eines Bombardements ſehne! Auch ſehe ich nicht die Nothwendigkeit ein, ſich vor⸗ witzig einer Gefahr auszuſetzen!“ „Einer Gefahr?“ rief Gaunt lachend.„Der Feind hat es ja nur mit der Beſchießung der Feſtungswerke unſerer Bai zu thun, und ſelbſt wenn er ſo rückſichts⸗ los verfahren ſollte, die wehrloſe Stadt bombardiren zu wollen, ſo kann er das nach Kriegesbrauch erſt dann, nachdem er einige Tage zuvor unſern Beauregard davon in Kenntniß geſetzt hat, damit hinreichend Zeit übrig bleibe, die Frauen und Kinder zu entfernen. Bei Gott, Miſtreß Crawford, Sie werden am Fenſter meines Hauſes ſo gut und ſicher wie in einer Theaterloge ſitzen. Erinnern Sie ſich nicht, daß am verfloſſenen ſiebenten April, als die Monitors der Yankees ihr Heil an Fort Sumter verſuchten, alle Fenſter der ganzen Häuſer⸗ fronte längs des Hafens mit Ladies beſetzt waren, welche gemächlich dem intereſſanten Schauſpiele zu⸗ ſahen?*) Fahren Sie alſo getroſt mit uns. Sie aber, Doctor, thun ein chriſtliches Werk, wenn Sie uns be⸗ gleiten, denn an Verwundeten beider Parteien dürfte bald kein Mangel ſein, Sie werden ohne Zweifel Ge⸗ legenheit finden, die verwundeten und gefangenen Yan⸗ kees behandeln zu können.“ „Es iſt meine Pflicht“, murmelte Arnau ernſthaft, „jedem Hülfebedürftigen beizuſtehen, mag er nun den Nordſtaaten oder der Conföderation angehören. Ich werde Sie begleiten, Oberſt Crawford!“ Der Oberſt tauſchte einen flüchtigen Blick mit Gaunt aus. *) So unglaublich dies klingt, hat es ſich doch buchſtäblich ereignet. 49 In den Augen beider Männer lag das kaum merk⸗ liche Aufblitzen einer Befriedigung, eines Triumphes. Es lag eine gewiſſe grauſame Freude in dieſen ſekun⸗ denlang einander begegnenden Blicken. Aber ſie wur⸗ den ſo raſch gewechſelt, daß weder Miſtreß Crawford noch der Doctor ſie gewahrte. „Gut geſprochen!“ ſagte der Oberſt alsdann.„Es iſt alſo abgemacht, Sie fahren mit uns. Ich ſehe aber nicht ein, weshalb Du uns nicht begleiten könnteſt, Lucy? Wenn Du dann doch an dem militäriſchen Schauſpiele kein Vergnügen finden ſollteſt und nicht Patriotin genug biſt, den Triumph unſerer Waffen miterleben zu wollen, ſo könnteſt Du Dich doch wohl als gute Chriſtin an dem mildthätigen Wirken jener Damen betheiligen, welche unſtreitig in der Stadt für die Verwundeten Vorſorge treffen werden.“ Miſtreß Crawford ſah ihren Gatten an. Er hatte ſie ohne Gereiztheit und Härte, ja beinahe ſanft zur Begleitung aufgefordert. Aus ſeinen Zügen ſprach wohl kein verſöhnlicher, zärtlicher Ausdruck, aber ſie waren doch ruhig. Das Herz der jungen Frau begann lebhaft zu pochen. Sie hatte ſeit geſtern bis zur Stunde noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihrem Gatten allein zu ſein, Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 4 50 denn Gaunt war ſtets an ſeiner Seite geweſen. Was ſie gefürchtet, den böſen Einfluß dieſes Mannes, er⸗ füllte ſich jetzt augenſcheinlich nicht. So war es ihr denn jetzt, als werde eine Centner⸗ laſt von ihrem Herzen gewälzt. Die arme Miſtreß Crawford ahnte nicht, daß ihr und des Doctors Erſcheinen in Charleſton in den ruchloſen Plan Oliver Gaunt's gehöre, und daß dieſem und dem Oberſten zur Ausführung ihrer grauſamen Abſichten nichts erwünſchter hätte kommen können als die Beſchießung der Forts durch die Blockadeflotte der Union. Arglos und mit ſchwach verhehlter freudiger Er⸗ regung antwortete Lucy daher:„Gut, ich werde Dich begleiten, Edmund. Doch ich habe eine Bitte!“ „Nun?“ „Laß uns erſt den Train benutzen, der zeitig morgen geht. Ich fühle mich heute ein wenig angegriffen, lei⸗ dend, und dann werde ich auch noch einige Vorbe⸗ reitungen nöthig haben, ich muß meine Leinenſchränke zu Gunſten der armen Verwundeten plündern, ich will nicht mit leeren Händen kommen!“ „Ganz recht“, verſetzte Crawford, nachdem er einen unbeachteten Seitenblick auf den zuſtimmend nickenden Gaunt gethan,„fahren wir alſo morgen früh.“ 51 Das Mittagsmahl war beendet. Miſtreß Crawford erhob ſich und ließ die Herren beim Weine. Arnau konnte ſich ſchicklicherweiſe nicht zurückziehen. Und doch befürchtete er, daß ein Beſprechen der neu angelangten Nachricht zu einem Conflicte mit den beiden Männern der Conföderation führen werde. Er täuſchte ſich indeſſen, der Oberſt und Gaunt ſchienen gefliſſentlich Alles vermeiden zu wollen, was zu einer Mißſtimmung hätte Anlaß geben können. Keine gehäſſige Anſpielung kam von ihren Lippen. Der junge Deutſche ward ſeiner Sorge bald völlig enthoben. Nachdem Gaunt einige Gläſer des feurigen Weines hinuntergeſchlürft und ſich eine Cigarre angezündet hatte, ſtand er auf. „Verzeihen Sie, Doctor“, ſagte er lächelnd,„daß ich Ihnen meinen Freund entführe, aber ich habe da etwas auf dem Herzen, das herunter muß, bevor ich es vergeſſe. Lieber Oberſt, Ihre Beſitzung iſt jedenfalls trefflich eingerichtet, aber— das Auge eines kritiſchen Pflanzers, wie ich, ſieht ſcharf— mit der Conſtruction Ihrer neuen Maismühle bin ich denn doch durchaus nicht einverſtanden. Ich machte Ihnen ſchon vor Tiſche meine Bemerkungen darüber, jetzt ſteigen mir aber noch ganz abſonderliche Bedenken auf.“ 4* Der Oberſt warf Gaunt einen forſchenden Blick zu und erhob ſich ebenfalls. „Ah“, ſagte er leichthin, indem er zum Panama⸗ hute und Krückſtocke griff,„Sie wollen, daß wir einen Gang dorthin machen.“ „Ich müßte Ihnen freilich meine Anſichten an der Mühle ſelber demonſtriren.“ „Doch unſere Debatte dürfte dem Doctor läſtig werden und—“ „Ich bitte, ſich meinethalben keinen Zwang aufzu⸗ erlegen, Gentlemen!“ fiel Arnau dem Oberſten ins Wort.„Der ſtarke Wein hat mich ein wenig erhitzt, eine Sieſta iſt mir wahrhaftig willkommener als ein Spaziergang!“ Mit dieſen Worten ſtand auch er vom Tiſche auf. „So iſt unſer Gewiſſen beruhigt!“ lachte Gaunt und zog den Oberſten mit ſich fort. Arnau aber ſuchte ſein luftiges Zimmer auf, das an der Schattenſeite des Hauſes lag. Etwa eine Stunde war vergangen. Miſtreß Crawford befand ſich in einem Hinterzimmer des Hauſes; es war das Garderobezimmer der Lady. Schränke ſtanden an den Wänden und bildeten faſt das einzige Meublement des geräumigen, hohen Gemaches. Die hölzernen Jalouſien der Fenſter waren der 53 Hitze wegen noch geſchloſſen, doch ſo, daß einige Licht⸗ ſtrahlen hindurchdringen und das Zimmer ſo ziemlich erhellen konnten. Einer der Schränke, welcher Leinwand enthielt, war geöffnet, die Herrin der Plantage ſtand daneben und beſchäftigte ſich damit, einer weißen Dienerin anzugeben, welche Packete und Bündel dieſe auf den naheſtehenden Tiſch legen ſolle. Lucy war darüber aus, ſich alles nur einigermaßen entbehrlichen Leinenzeugs zu entäußern, um den Char⸗ leſtoner Spitälern ein Geſchenk damit zu machen. Dieſe Beſchäftigung des Ausſuchens war noch in vollem Gange, als die einzige Thür des Gennaches leiſe geöffnet ward. Der Kopf einer jungen Negerin ſchob ſich durch den Thürſpalt, der unruhige, ängſtliche Blick zweier großen und glänzenden Augen heftete ſich auf die Herrin. Obwohl die Thür, wie geſagt, nur leiſe war ge⸗ öffnet worden, hatte Miſtreß Crawford doch das kaum hörbare Geräuſch vernommen. Sie blickte raſch dorthin, von woher es kam, und ſah die Negerin forſchend an. Ihr entging die Beſtürzung nicht, welche ſichtlich aus den Zügen der Sklavin ſprach. „Nun, Cora“, fragte ſie,„was willſt Du?“ Die Negerin, dieſelbe, welche am Tage zuvor hart gezüchtigt und nur durch die energiſche Vermittelung ihrer Herrin vor einem grauſamen Schickſale bewahrt worden war, ſah einen Augenblick ſcheu hinter ſich auf den Gang hinaus und ſchlüpfte dann blitzgeſchwind in das Gemach. Erregt und zitternd näherte ſie ſich ihrer Herrin. Die junge Frau Hannibal's, des beſten Negers der Plantage, konnte nach den Begriffen ihrer Raſſe für eine Schönheit gelten. Sie zählte kaum zwanzig Jahre, ihre Hautfarbe war vom tiefſten Ebenholzſchwarz, ihre Körperformen zeigten eine geſchmeidige, anmuthige Ueppigkeit, in ihren Geſichtszügen lag nichts von dem Ausdrucke düſtern Trotzes oder melancholiſchen Stumpf⸗ ſinns, welcher Negerphyſiognomien häufig aufgeprägt iſt, auch war ihnen nicht das„verſchmitzt Niggerhafte, der Schlauern des ſchwarzen Stammes eigen. Cora's Antlitz bekundete im Gegentheil einen gewiſſen Grad von Intelligenz und vor allem eine große Guther⸗ zigkeit. Das junge Weib war der Gattin Crawford's un⸗ bedingt ergeben und würde für ſie das Leben geopfert haben, wenn es hätte ſein müſſen. Cora ſah leidend aus und an ihrem bloßen Nacken zeigten ſich noch blutrünſtige Streifen; die Handgelenke, 55 an denen man ſie tags zuvor gebunden hatte, waren geſchwollen. Miſtreß Crawford prüfte einen Augenblick die ängſt⸗ lichen Züge des armen zitternden Geſchöpfes, das ſchweigend ſtehen blieb. „Nun, Cora, ſo rede doch!“ ſagte ſie alsdann. „Was iſt Dir geſchehen?“ Cora wandte ihre großen dunklen Augen von der Herrin auf das weiße Mädchen und legte ſekundenlang einen Finger an die Lippen. „Was bedeutet das?“ fragte Miſtreß Crawford drin⸗ gender und ernſter als zuvor. „Kann nich reden vor Beſſy, Miſſus!*)“ begann Cora nach kurzem Zögern in jenem Negerkauderwälſch, das in deutſcher Sprache nur unvollkommen wiederzugeben iſt. Die Pflanzerin antwortete nicht. Sie gab dem weißen Mädchen ein Zeichen, ſich zu entfernen. Schmollend und mit verächtlichem Blick auf die Schwarze verließ die Zofe Betſy das Zimmer. Miſtreß Crawford wendete ſich nun wieder an Cora, deren Züge jetzt ein krampfhaftes Muskelſpiel begannen, deren Augen ſich ſchreckhaft erweiterten. „Hat Dich oder Hannibal der Zorn des Mr. Crawford von neuem bedroht?“ forſchte Lucy.„Sei ruhig, mein *) Miſtreß. 56 Kind, Du ſtehſt ſo gut unter meinem Schutze wie Dein Mann!“ „O nich das, Miſſus“, murmelte Cora bebend, in⸗ dem ſie lebhaft das wollhaarige Haupt ſchüttelte,„nich Maſſa Cunnel*) hat wieder ſprecht von ſtraf' und häng' arme Nigger, Cora nich betreff, was Cora macht fürcht', o— macht fürcht'!“ „Was kann aber ſonſt die Urſache Deiner Angſt ſein? Du biſt in einer entſetzlichen Aufregung! Faſſe Dich!“ Indem Miſtreß Crawford ſo beſtrebt war, die arme Sklavin zu beruhigen, fühlte ſie ſich jedoch ſelber von einer unerklärlichen Bangigkeit erfaßt. Cora's ganzes Benehmen war völlig geeignet, auf eine drohende Gefahr ſchließen zu laſſen. Die Negerin ließ ihre Augen umherrollen und trat haſtig der Herrin noch näher. „O Lorry**)“, ſtammelte ſie, während ſie Hände und Haupt nach Negerart heftig bewegte,„Miſſus und Maſſa Cunnel und Gemman⸗**) Oli Gaunt und gute Docker gehen auf Eiſenbahn nach Chaſton zu morg'—“ „Ja, morgen, nach Charleſton, Cora. Was weiter?“ „O Lorry!“— *) Colonel, Oberſt. **³ε) O Lord, o Gott. ***) Gentleman. 57 „Du fürchteſt, Griffin und ſeine Leute werden die Drohungen des Mr. Crapford vollziehen, ſobald ich fort ſein werde?“— „O Miſſus!“ „Beruhige Dich, ich will noch vor meiner Abreiſe Sorge dafür tragen, daß Griffin Euch nicht gefährlich werde. Verlaß Dich darauf!“ „O nich Griff'n fürcht' macht Cora, Miſſus, nich Griffn, nich ander Mann! O! Gute Docker is gute Freund mit Miſſus— gute Docker is gute Freund mit arme Nigger— o— ol“ „Aber was ſoll es mit dem Doctor? Er wird uns begleiten, er wird, wie wir, in einigen Tagen von Char⸗ leſton hierher zurückkehren!“ „O Lorry, Docker wird nich zurückkehren, Cora weiß, Cora weiß gut, und Miſſus wird groß Schmerz bekomm', vor Miſſus Augen in Chaſton— Cora weiß gut!“ Miſtreß Crawford blickte die Negerin betroffen an. „Weil alles Nigger lieben Docker, der is gut mit Darkies“, fuhr Cora in fieberhafter Heftigkeit fort, aund weil alles Nigger lieben Miſſus beſſer noch als gute Docker, haben Hannibal und Onkel Pompey*) und Sam und Scip**) und Jim und all' ander Nigger ge⸗ **) Pompejus. **) Scipio. halten Rath für heimlich und ſchickt Cora für heimlich, daß Miſſus ſoll wiſſen, was hat zu geſchehen in Chaſton!“ „Um Gottes willen“, flüſterte Miſtreß Crawford er⸗ ſchreckend,„rede, Cora! Hat der Oberſt ſich gegen das Leben des Doctors verſchworen?“ „Maſſa Cunnel und Maſſa Oli Gaunt“, verſetzte Cora ebenfalls flüſternd,„Cora weiß gut!“ „Aber wie brachtet Ihr das in Erfahrung? Wer ſagte es Euch?“ „Nigger Jack von Maſſa Oli Gaunt!“ „Wie? Der Burſche Gaunt'’s?“ „Ja, Miſſus!“ „Aber iſt er nicht ſeinem Herrn ergeben und ſo falſch wie dieſer? Beſitzt er nicht das ganze Vertrauen ſeines nichtswürdigen Gebieters? „Hat es, Miſſus, hat es!“ „Nun alſo! Und da—“ „Aber Jack fein, Jack liſtig, Jack hält mit Maſſa, weil insgeheim hält mit Yankee, Bolitionis*) und arme Nigger— Jack is Nigger⸗Spion!“ „Wäre es möglich?“ „Jack ſchimpfen auf Niggerbruder, wenn Maſſa Gaunt hören, Jack abtrünnig von ſchwarze Volk vor Maſſa Oli, weil is liſtig!“ *) Abolitioniſt. ——— 59 „Und jener Jack ſagte Euch— „Is vor halbe Stunde fort mit Brief von Maſſa Oli nach Chaſton. Aber Jack hat geleſen vorher offen Brief auf Maſſa Oli's Tiſch, wenn Maſſa fortgegangen auf Augenblick. Jack kann leſen, beſſer, als Cora kann Maſſa Oli nich wiſſen das!“ „Und jener Brief?“ „Wie er hat den Brief ſiegelt und all', Jack is ge⸗ gangen in Stall zu ſaddel der Pferd und ſagen Scip, was Brief enthält von Maſſa Oli an Houſekeep*) in Chaſton. Hat geſchrieben— wird Maſſa Cunnel komm' morg' mit Miſſus und gute Docker, der is groß Bolitionis und gefährlich Nankeeman und is geſchickt von alte Abe**) in Waſchitton heimlich und hat ver⸗ führt Miſſus mit Liebe—" „Schändlich!“ ſtammelte Miſtreß Crawford erblaſſend. „O Lorry, Miſſus, Alles ſchändlich! O, o!“ „Weiter! Was enthielt der Brief ſonſt noch?“ „Daß Maſſa Cunnel wünſchen, daß Houſekeep möge vorbereiten Skandal für gute Docker und Volk ſtürmen das Haus von Oli Gaunt zu rechter Zeit und lynchen und umbringen den Bolitionis in Miſſus Gegenwart.“ „Allmächtiger Gott!“ *) housekeeper, Hausverwalter. **) Abraham Lincoln. „Das is ſtanden in Brief von Oli Gaunt. Und Jack hat geſagt, daß Miſſus ſoll hindern den gute Docker gehn nach Chaſton.“ Cora ſchwieg und blickte die Herrin tief bekümmert und voll Innigkeit an. Zitternd, bleich, empört ſtand Miſtreß Crawford da. „Ich hätte Edmund einer ſolchen Nichtswürdigkeit nicht fähig gehalten!“ murmelte ſie vor ſich hin.„Von jetzt an iſt jedes Band zwiſchen uns zerriſſen!“ Sie ſeufzte ſchwer und bedeckte das ſchmerzerfüllte Antlitz mit ihren weißen zarten Händen. So verweilte ſie regungslos eine kurze Zeit. Dann ließ ſie die Hände ſinken. Der Ausdruck des Schmerzes war aus ihren Zügen verwiſcht, keine Thräne netzte ihre geiſterhaft farbloſen Wangen, ihr Blick hatte einen faſt übernatürlichen Glanz, ihr Antlitz verkündete eine düſtere Entſchloſſenheit. „Cora“, ſagte ſie mit feſter Stimme,„der Doctor iſt ein Ehrenmann und Oliver Gaunt iſt ein Elender, ein Verleumder!“. „O Lorry, weiß es, Miſſus“, ſeufzte die Negerin- O, o, Cora weiß gut!“ 3 „Ich werde den Doctor retten! Noch dieſen Abend muß er entfliehen! Ich kann mich auf Dich und die Andern verlaſſen—“ 71 61 „Auf all dieſe Niggers, Miſſus— o, o,— Nigger ſind nich undankbar für Wohlthat, Nigger nich ſchlecht, Miſſus weiß, Nigger thun Alles— ſterben für Miſſus, wenn Miſſus befehlen!“ Und die treue Cora ſchluchzte wie ein Kind. „Ich weiß es“, ſagte die Herrin,„und ich baue auf Euch gute Menſchen. Um wie viel beſſer ſeid Ihr in Eurer Einfalt als jene Frevler an Religion und Menſchenrecht, als Eure Peiniger! Geh, gute Cora, ſchleiche zu Hannibal; ich muß ihn ſprechen; in einer halben Stunde werde ich an dem Cottonfelde vorüber⸗ kommen, das hinter Euren Hütten liegt; Hannibal ſoll mich dort erwarten.“ Cora ſank weinend zu den Füßen der Miſtreß Craw⸗ ford und küßte die Hände derſelben. Dann erhob ſie ſich und ſchlüpfte aus dem Gemache. Die Gattin Edmund Crawford's aber trat zu einem der Fenſter. Düſter und nachdenklich ſtarrte ſie durch die halb⸗ geöffnete Jalouſie auf den Garten. Viertes Kapitel. Es war Nacht und eine ſo wunderſam kühle und duftige, wie ſie auf eine verſengende Tagesglut nur in ſüdlichen Himmelsſtrichen folgen kann. Die Sterne waren heraus und ein ſanft anfächeln⸗ der friſcher Luftzug glitt dahin und bewegte kaum merklich die leiſe raſchelnden Wipfel der Cottonſtauden und das jetzt von Schattennacht umwobene Laub der Gebüſche, während an den mächtig emporragenden Lebenseichen, Hickorybäumen und ſonſtigen Rieſen des Parkes nur die zartgewobenen Tillandſien, die lieblich blühenden, lang herabwallenden Schmarotzerpflanzen des Südens, vom würzigen Nachthauche leicht geſchau⸗ kelt wurden. Der Mond, welcher ſeit einigen Tagen ſein letztes 63 Viertel zeigte, ſchwamm hoch im wolkenloſen Aether und ſandte ſeinen dämmerhaften Glanz nur ſpärlich hernieder. 4 Es mochte um die elfte Stunde ſein. Auch nicht ein einziges Fenſter des Herrenhauſes zeigte ſich er⸗ hellt, es hatte den Anſchein, als ſeien ſämmtliche Bewohner deſſelben ſchlafen gegangen; düſter lag es da, gleich den weitläufigen Nebengebäuden, und nur hier und dort traten die Vorſprünge und Schnörkel der Giebel und Verandas, vom ungewiſſen Mondſchim⸗ mer angehaucht, aus der Schattennacht deutlicher hervor. Die nach den öſtlichen Feldern zu liegenden Hütten der Neger waren wie ausgeſtorben, keine menſchliche Seele zeigte ſich rings, ſelbſt die von den Sklaven ge⸗ fürchteten Wachthunde Griffin's, des Aufſehers, die nächtlich durch Hof, Garten und an den Feldern hin ſchnuppernd zu ſtreifen pflegten, ließen ſich nirgends blicken. Das Häuschen Griffin's, aus Bretern und Back⸗ ſteinen ziemlich roh zuſammengefügt, ſtand unfern der hölzernen kleinen Negerhütten und bildete ſo zu ſagen den Ausläufer der Seitengebäude dieſer Plantage. Griffin wohnte dort nebſt ſeiner Frau und den beiden weißen Knechten, die zu ſeiner Verfügung waren, um wohl an achtzig Darkies in Subordination zu halten. 64 Es ſei hier erwähnt, daß die Pflanzer des Südens nur ſelten mehr als einen Weißen zur Aufſicht ihrer Sklaven halten, und daß ſie bei einer etwaigen Wider⸗ ſetzlichkeit ihrer Schwarzen im erſten Moment nur auf die Hülfe jener armſeligen weißen Bevölkerung ange⸗ wieſen ſind, welche man in den Südſtaaten mit dem Namen white trash bezeichnet. Es ſind das gänzlich anbemittelte Eingeborene, die in völliger Abhängigkeit auf den Beſitzungen der Sklavenhalter, mehr oder minder entfernt von der Plantage, oft mitten im Walde leben. Dieſe Proletarier ſind frei, aber ſie führen ein traurigeres Leben als die Sklaven; ſie arbeiten nicht, weil nach der Anſicht des Südens die Arbeit den wei⸗ ßen Mann ſchändet, und ſo erhalten ſie denn die noth⸗ wendigſte Unterſtützung von den Pflanzern, welche aus ihnen einen Theil ihrer Wähler rekrutiren, wenn die Zeiten der Repräſentantenwahlen des Staates eintreten. Armuth und Unwiſſenheit ſind bei ihnen identiſch; die elenden, von Schmuz ſtarrenden Hütten, deren zerfallenes Dach keinen Schutz gegen Sturm und Regen bietet, gehören nicht einmal ihnen, ſondern dem Pflanzer, auf deſſen Grund ſie leben; ſie verſchlucken oft, wenn ihnen hinreichende Nahrungsmittel fehlen, erweichte Lehmerde und werden daher auch häufig clay-eaters genannt. Wenn einer dieſer krankhaft gelb ausſehenden verwil⸗ — 65 derten Proletarier, die trotz ihrer miſerablen Exiſtenz hochmüthig auf die beſſer genährten und gekleideten und oft auch weit intelligentern Nigger herabſehen, es dahin gebracht hat, ſich einen ſogenannten Bluthund anſchaffen zu können, eine Art großer Dogge, ſo wird er ein Negerjäger, das heißt einer jener Barbaren, die auf den armen entlaufenen Sklaven Jagd machen und für die Einbringung deſſelben einen gewiſſen, ziemlich unbedeutenden Lohn erhalten. Während des Bürger⸗ kriegs durchzogen die Männer der white trash, von ihren beutegierigen Doggen begleitet, die Wälder und Swamps des Kriegsterrains, ſtöberten dort die von ihren Regimentern verſprengten Unionsſoldaten auf, ſtellten die grauſamſten Hetzjagden nach ihnen an und ließen ſie durch die Bluthunde zerreißen. Kehren wir nach dieſer kleinen Abſchweifung zu der Plantage Crawford's zurück. Auch hinter den Fenſtern des Aufſeherhäuschens blinkte kein Licht mehr, Griffin und ſeine Leute hatten ſich unſtreitig mit der gewohnten Ueberzeugung ſchlafen gelegt, daß das Bellen der auf die Bewachung der Sklaven abgerichteten Hunde ſie ſchon in Kenntniß ſetzen werde, wenn ſich irgend eine Unregelmäßigkeit auf der Plantage zutragen ſollte. Wo aber waren dieſe gefährlichen Thiere, welche Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 66 inſtinktartig die armen Schwarzen ſo gut haßten und verachteten, wie ihr Herr dies that? Wir werden das ſofort erfahren. Es mochte alſo, wie geſagt, um die elfte Stunde ſein, als eine ſchwarze Geſtalt vorſichtig aus einer der Negerhütten hervorſchlich, ſich dann der ganzen Länge nach aufrichtete und umherzuſpähen begann. Im nächſten Augenblicke tauchte am nördlichen Ende der Hüttenreihe eine zweite dunkle Geſtalt auf, die von den Cottonfeldern herkam. Lautlos ſchlüpfte ſie an der Fronte der elenden Breterhäuschen vorüber und trat zu demjenigen, welcher die Baracke ſo vorſichtig verlaſſen hatte und nun regungslos harrte. Es waren zwei Neger. Der zuletzt aufgetauchte war jung, hatte einen muskulöſen Körperbau und für einen Neger intelligente Züge, der andere war ein alter Nig⸗ ger mit ſchneeweißem Haar und einer gewiſſen Würde in Blick und Miene. Seine aufrechte Haltung und gedrungene, markige Erſcheinung verkündeten, daß er ungeachtet ſeines Alters noch die Kraft und Claſticität eines Mannes der mittlern Jahre beſitze. Dieſe beiden, in die übliche grauröthliche Baum⸗ wollentracht der Sklaven gekleideten Schwarzen waren ohne alle Frage die vorzüglichſten Neger der Plantage Crawford's, denn in dem jungen muskulöſen Manne —— 3 5₰ 67 ſehen wir Hannibal, den Gatten Cora's, und in dem rüſtigen Greiſe den Onkel Pompejus, der ſchon dem Großvater des Oberſten gedient hatte und ſeit Jahren der Prediger dieſer armen Sklavengemeinde war. Hannibal ſowohl wie„Onkel Pompey“ beſaßen gro⸗ ßen Einfluß auf ihre ſchwarzen Brüder und Schweſtern, jener durch ſeine Schlauheit, Kraft und eine wahrhaft bewundernswerthe Charakterfeſtigkeit und zähe Selbſt⸗ beherrſchung, dieſer durch die Macht der Frömmigkeit, welche ſich in ſeinen Worten wie in ſeinem Thun äußerte und ihn um ſo ehrwürdiger und erhabener erſcheinen ließ, je mehr die weißen Bedrücker der armen Schwarzen die Gebote des Chriſtenthums verleugneten, dem die Neger in ihren Drangſalen mit einer rühren⸗ den, kindlichen, an die Märtyrer aus der Zeit der Chriſtenverfolgung erinnernden Schwärmerei anhängen. Die beiden Darkies, welche jetzt beiſammen ſtanden, gehörten einem unter den Schwarzen weit verzweigten Bunde an, der, wenn wir ſo ſagen dürfen, einen frei⸗ maureriſchen Charakter hatte, ſchon ziemlich lange vor Ausbruch des Bürgerkriegs beſtand, ſeine Führer und verſchiedenen Grade hatte und deſſen Zweck die Erlan⸗ gung der Freiheit aller Neger war. Dieſer Bund war ſo geheimnißvoll und ſo weit über den Süden verbreitet wie die Geſellſchaft der Ritter vom goldenen Zirkel, 5* 68 jene Verbindung von Pflanzern, die ſeit dem Jahre 1835 an einer Lostrennung des Südens vom Norden der Vereinigten Staaten arbeitete und ſchließlich denn auch durch alle möglichen Machinationen den Bürger⸗ krieg mit ſeinen Greueln herbeiführte. Die Sklaven⸗ halter kamen jenem Bunde der Neger niemals auf die Spur, wenngleich ſie ſeine Exiſtenz undeutlich ahnten. Die Schwarzen ſind vorſichtiger und verſchwiegener als die Weißen, und nur dadurch, daß die Neger ihre Zeit noch nicht gekommen wähnten und durch die Initiative, welche ſodann der Norden ergriff, entgingen wohl die Pflanzer dem Schickſale ihrer Standesgenoſſen auf San⸗Domingo. Die beiden Darkies alſo traten vorſichtig umher⸗ blickend zu einander und begannen zu flüſtern. „Du haſt auf Seite geſchafft die böſen Hund', Han⸗ nibal?“ begann der Alte im corrumpirten Dialekte der Neger. „Ja, Onkel Pompey“, lautete die Antwort;„ſind geſtorben an Gift, das ich geben. Hab' in Cottonfeld geworfen, könn' nich ſchaden mehr!“ „Gut. Toby lauert im Stall, die Pferde ſind bereit alle drei, geſaddelt, Hufe mit Baumwolle umwickelt. um Mitternacht kommt Miſſus mit gute Docker an beſtimmten Platz. Gib das Zeichen, Hannibal, aber — 69 kein Weib darf uns folgen, kein Weib, wie verabredet — aye, is nur Sache für Männer!“ Hannibal antwortete nicht, er trat lautlos zurück und huſchte gleich einem Schatten an der Fronte der breternen Häuschen hin, kaum merklich an die verſchie⸗ denen Thüren tupfend. Da und dort erſchien ein wollhaariger Kopf, dann die ganze Geſtalt eines Negers. Einer nach dem andern ſchlüpften ſie um die Hüt⸗ tenreihe und verſchwanden, wo ein weites Cottonfeld an die Wohnungen der Schwarzen grenzte. Onkel Pompejus war in den Schatten getreten, den das Aufſeherhäuschen warf; er zeigte ſich ohne Zweifel darauf bedacht, das leiſeſte Geräuſch zu behor⸗ chen, das möglicherweiſe von dort kommen konnte. Aber in dem Häuschen war Alles todtenſtill. Hannibal ſchoß jetzt, ſo lautlos wie zuvor, wieder hervor. Ein anderer Neger folgte ihm. Sie glitten aber hinter dem Aufſeherhäuschen hin⸗ weg und traten auf der andern Seite zu Onkel Pompejus. „Jetzt die Pferde, Onkel Pompejus?“ ziſchelte Han⸗ nibal. „Jetzt die Pferde!“ war die Antwort.„Vorſicht!“ Keine Sorge! Vorwärts, Sam! Thu’, was ich Dir vorhin geſagt!“ 70 Sam, der Begleiter Hannibal's, ein ſchmächtiger ſiebzehnjähriger Burſche, ſchlüpfte auf den Boden nieder und kroch auf allen Vieren zu der Fronte des Aufſeher⸗ häuschens. Der Mond warf ſeinen ſchwachen, falben Glanz auf dieſe Fronte, die neben der Thür zwei Fenſter hatte. Die weißen Gehülfen Griffin's ſchliefen in einem rückwärtigen obern Gelaß der Baracke, das Guckloch der Kammer ging nach den Feldern zu. Der Aufſeher aber hatte mit Weib und Kind ſein Nachtquartier in einer Stube, die neben der Thür zu ebener Erde lag. Es galt, einen Blick in dieſe Stube zu werfen, und zwar durch eins der Fenſter, das offen ſtand und durch welches der matte Schimmer des Mondes ſ chwankte. Sam hatte eine gefährliche Aufgabe, denn das Bett Griffin's ſtand unmittelbar hinter dem Fenſter. Wachte der Aufſeher und ſah er den Kopf des Burſchen auf⸗ tauchen, ſo war Alles verloren. Doch dieſe Recognoscirung mußte unbedingt vor⸗ genommen werden. Wie hätte man die Pferde aus dem wenn auch ziemlich entfernten, doch der Baracke gegen⸗ über liegenden Stalle entwenden können, ohne zuvor die Gewißheit erlangt zu haben, daß Griffin und die Seinen feſt ſchliefen? — Sam war aber der verwegenſte und gewandteſte —— ñ— 71 Nigger der Plantage, ihm erſchien dieſe Aufgabe nur wie ein Kinderſpiel. 1 Jetzt erreichte er das Mauerwerk unter dem offenen Fenſter und ſchob den Kopf höher und höher. Noch einige Zoll und er ſtarrte in das kleine Gemach der Aufſeherfamilie hinein. Das Auge eines Weißen würde dort nichts als 8 Finſterniß entdeckt haben, der Neger aber erkennt ſelbſt in düſterer Nacht die Gegenſtände um ſich her. Onkel Pompejus und Hannibal ſahen den Burſchen 4 * wohl eine Minute lang regungslos am Fenſter. Dann tauchte er nieder und war blitzgeſchwind bei ihnen. „Schnarchen alle“, flüſterte Sam grinſend,„Mann, Frau, Kind, werden nich erwachen!“ „Gut“, entgegnete Hannibal in demſelben Tone. „Kehr' zurück, halt' Wache an Fenſter, bis drüben Alles gethan is, und dann— weißt das Uebrige!“ Sam kroch zum Fenſter zurück, Hannibal aber wece⸗ ſelte mit Onkel Pompejus einen Blick und glitt quer über den Hof hinweg. Drüben war die Stallthür nur angelehnt. Hannibal öffnete ſie lautlos, denn er hatte die Angeln derſelben bei eintretender Dunkelheit heimlich mit Oel getränkt. Eine Minute verfloß noch, dann begann das für den Moment gefährlichſte Wagſtück— die Pferde wur⸗ — ñ— ———— 72 den von Hannibal und dem Neger Toby über den Hof geführt. Kein Tritt ertönte, denn Toby hatte in der That die Hufe der Roſſe mit Baumwolle umwickelt. Sie ſchritten faſt geſpenſterhaft durch die Nacht dahin. Wer ſie vom nahen Herrenhauſe erblickt hätte, der würde gewähnt haben, eine jener ſeltſamen Luftſpiegelungen vor ſich zu ſehen, die auf den Prairien des Südens bisweilen den Wanderer täuſchen und ihm Dinge aus weiteſter Ferne ſcheinbar in die nächſte Nähe rücken. Zwei der Thiere waren gewöhnliche Wagenpferde, aber das dritte, welches Hannibal führte, war der Lieblingsrenner des Oberſten, ein ſchöner, edler und muthiger Hengſt, der auf der Charleſtoner Rennbahn manchen Preis gewonnen hatte. Das Herz des muskulöſen Negers pochte gewaltig, als er ſo den Hengſt am Zaume hielt. Wenn es dem feurigen Thiere einfallen ſollte, plötzlich zu wiehern, was dann? Hannibal ſagte ſich das, als er und das Pferd ſo lautlos den Andern folgten. Alles war ſo gut be⸗ rechnet, die Verfolgung des Doctors zu erſchweren, wenn ſelbſt kurz nach ſeinem Entweichen von der Plan⸗ tage die Flucht entdeckt werden ſollte: die Spürhunde des Aufſehers waren vergiftet, von den vier Pferden 1 73 der Pflanzung wurden jetzt drei entführt und eins hatte ſchon am Nachmittage der Neger Oliver Gaunt's be⸗ ſtiegen und war damit nach Charleſton geritten, den Auftrag ſeines Herrn zu vollführen; einige Männer der white trash, die Sklavenjäger waren und Blut⸗ hunde hatten, wohnten nahezu zwei Stunden von der Cottage Crawford's entfernt. Die Ausſichten für das Gelingen der Flucht waren alſo günſtig genug, wenn nicht der Teufel in der Geſtalt eines böſen Zufalls ſein Spiel trieb. Aber die Neger, welche hier das Wagniß vollführten, kamen über ihre Beſorgniß hinweg. Der Hengſt wieherte nicht, geräuſchlos verſchwanden die Pferde vom Hofe und hinter die Hütten der Darkies. Die Geſtalt des Onkel Pompejus, der bisher faſt regungslos Alles überwacht hatte, bekam endlich Leben. Er winkte Sam zu ſich heran, der noch unter dem Fenſter kauerte. Der geſchmeidige Burſche glitt näher und ſtarrte ſeinem Prediger verſchmitzt lächelnd ins Geſicht. „Sam“ flüſterte der Alte,„bleib' hier, hab' gut Aug' auf Alles. Der Herr der Welt, unſer himmliſch Maſſa, wird Dir Treu und Eifer lohnen und ſo gut ſchütten ſein Gnad' auf Dich, wie auf all ander arme Darkies! — 74 Hab' gut Acht und ſchlaf nich' und denk an gute Miſſus und gib uns Nachricht, wenn Du Gefahr witterſt!“ „Sam wird Acht geben“, murmelte der Burſche ernſthaft,„Sam wird nich ſchla'— Sam wird Nach⸗ richt geben, wenn er die weißen Männer hört!“ Der greiſe Neger legte wie ſegnend ſekundenlang eine Hand auf den wollhaarigen Schädel des Burſchen und blickte ihn feſt und freundlich an. Dann wendete er ſich und ſchlich ſich raſch hinter das Häuschen des Aufſehers. Sam kauerte ſich an jener Seite der Baracke nieder, welche dem Herrenhauſe und deſſen Nebengebäuden zu⸗ gewendet war. Er ſaß im tiefſten Schatten und ließ den Falken⸗ blick raſtlos überallhin ſchweifen. Die Umriſſe ſeiner ſchwarzen Glieder verloren ſich in der ſchwarzen Nacht, nur ſeine blitzenden großen Negeraugen hätten allen⸗ falls verrathen können, daß ſich hier ein lebendes Weſen auf der Lauer beſinde. Onkel Pompejus aber ſchlich hinter dem Häuschen und den Negerhütten am Rande des Cottonfeldes fort. Immer von ungefähr vierzig zu vierzig Schritten tauchte aus den Stauden, an denen er vorüberſchritt, ein ebenfalls wie Sam wachehaltender Neger auf und machte ſich bemerklich. V — ne „ ſich all dieſer hier Verſammelten eine furchtbare Er⸗ 75 Onkel Pompey flüſterte jedem einige Worte zu und ging weiter. Hinter dem Parke lief ein ſchmaler, ſich ſchlängeln⸗ der Fahrweg querfeldein; der alte Neger verfolgte ihn etwa zehn Minuten lang, bis er einen kleinen freien Platz erreichte, von dem aus der Fahrweg weſtlich einbog und von dort in etwa drei Stunden zu einem kleinen Orte führte, der zugleich Bahnſtation war, ver⸗ ſchiedene ſchmale Furchen aber nach Oſten, Norden und Süden die Cottonfelder ſtreifartig durchſchnitten und ſo gewiſſermaßen abtheilten. Onkel Pompejus hemmte ſeinen Schritt. Auf dem von den Cottonfeldern eingeſchränkten Platze, der eigentlich mehr ein Ausgangspunkt für die verſchiedenen Kreuzwege war, ſtanden wohl dreißig Neger der Plantage in Gruppen beiſammen. In der nach Oſten durch die Cottonebene ſich hin⸗ ziehenden Furche waren die entwendeten Pferde hin⸗ ter einander aufgeſtellt, ein Neger bei jedem der Thiere, die bereits ihrer Baumwollenbeſchuhung entledigt waren. Als die zu Gruppen vereinigten Darkies ihren Prediger erblickten, da drängten ſie ſich haſtig zu ihm. Der alte Neger gewahrte auf den erſten Blick, daß — 76 regung bemächtigt habe; ihre Augen funkelten unheim⸗ lich, ihre Züge hatten einen wilden, leidenſchaftlichen Ausdruck, ihre Geberden waren fieberhaft heftig und ließen darauf ſchließen, daß dieſe armen Opfer der Sklaverei ein düſteres, energiſches Vorhaben beſprochen haben mußten. Onkel Pompejus erſchrak, er kannte ſeine ſchwarzen Brüder nur zu wohl, eine unheilvolle Ahnung ſtieg in ihm auf. Und er ſchickte ſich an, ſeine Leidensgefährten ſofort anzureden. Aber es kam nicht dazu, denn bevor noch der alte Mann ſeine Stimme erheben konnte, trat aus dem Gewühle der Schwarzen ein großer, ſtämmiger Neger hervor und ergriff, gegen den Prediger gewendet, haſtig das Wort. „Onkel Pompey“, ſagte er, mühſam ſeine Aufregung dämpfend,„Scip ſpricht zu Dir im Namen unſer Brü⸗ der. Wir wollen Deine Meinung, bevor wir handeln, wir wollen Dein' Segen. Onkel Pompey is klug, Onkel Pompey fleht von himmliſch Maſſa für die Frei⸗ heit der Darkies, Onkel Pompey hat Einſicht und Er⸗ fahrung und wird zuſtimmen zu dem, was ſeine Brüder thun wollen und müſſen!“ Onkel Pompejus blickte den Sprecher ernſt und zugleich mild an, dann glitt ſein Blick ruhig im Kreiſe -„— „ Vertreter ſeiner Brüder, die in ihrem Trotze für den 77 umher, über alle die Angeſichter hin, deren Lippen con⸗ vulſiviſch bebten, deren große, düſtere Augen ſo unheil⸗ voll und gefahrdrohend wetterleuchteten. „Ihr wollt ein' Meinung von mir, meine Brüder“, ſo antwortete er gelaſſen,„und über ein Ding, das Ihr doch ſchon zu thun beſchloſſen habt, was ſoll Euch dann die Meinung von Onkel Pompey? Ich fürcht' aber, wenn ich anſeh' Euer Geſicht und Blicke und zieh' in Betracht die Leidenſchaft von dieſe Darkies, daß der alte Pompey nich geben kann ſein Segen zu was Ihr vor⸗ habt, denn was geboren in Finſterniß, Schrecken und Haß und gegen die Gebote von Jeſus, was kann dafür Segen helfen von arme Niggerbruder, Segen, der Sünde wär' vor dem himmliſch Maſſa? Und wenn Onkel Pompey für die Freiheit der Darkies fleht, ſo fleht er auch, daß ſie nich in Ergebung und Geduld wanken mögen, ſolange der Herr dort oben will, daß ſie ge⸗ prüft werden!“ Onkel Pompejus ſchaute nach dieſen Worten wieder umher, aber er ſah keine weitere Veränderung in den Zügen der Männer, als daß zu dem Ausdrucke der Wildheit ſich noch derjenige eines verbiſſenen Trotzes geſellte. Der ſtämmige Scipio aber ward nochmals der 78 Augenblick keine rechte Entgegnung fanden und nur unartikulirte Laute des Unmuths hervorſtießen. „Onkel Pompey“, begann er mit feſter Stimme, „die Nothwendigkeit is auch ein Gebot und unſer himm⸗ liſch Maſſa will nich, daß ſelbſt ein Darky nich acht' ſein armſelig Leben für höher als Centwerth und weg⸗ werfen ohne Widerſtand, was is gegeben zur Verherr⸗ lichung von dem Herrn der Welt! Wenn gute Nankee⸗ Docker flieht mit Hannibal und Toby, die kennen die Wege zu Küſte und Swamps, Wald und All's, und wenn All's aufkommen wird, die Pferde fort und die Darkies und der Bolitionis und die Hunde vergift', was glaubt Onkel Pompey, wird Loos ſein von dieſe Niggers hier, wie wir da ſind? Und Loos von gute Miſſus?“ Der alte Neger wich betroffen einen Schritt zurück. „Ihr wollt die Flucht des gute Docker verhindern?“ rief er. „Das nich, das nich!“ verſetzte Scipio. „Nein, nein, o Lorry!“ betheuerten die andern Ne⸗ ger, welche ihren Prediger umdrängten. „Nein“, fuhr Scipio fort,„aber hindern wollen wir, daß Maſſa Cunnel uns all' läßt aufhängen und Miſſus hat ein unglücklich Leben; wir wollen Maſſa Cunnel und Oli Gaunt und Griffin und weiße Burſchen mit denkt doch, wenn Ihr werdet tödten irdiſch Maſſa, 79 ihm todtſchlagen und gute Miſſus und gute Docker Bolitionis befreien, mit ihnen fort durch Wald und Swamps bis zu der Küſte, wo Nankees gelandet ſind. Der alte Abe in Waſchitton, die Geißel des Herrn Ze⸗ both in Himmel, wird uns ſchützen und die arme Darkies ſtraflos ſein laſſen für das, wenn ſie ihr eigen Recht genommen und um das die Yankees Krieg führen!“ „O Lorry, das muß geſchehen!“ murmelte da und dort ein Darky. Der alte Neger faltete die Hände. Unerſchütterlich und feſt blickte er auf die ihn umſtehenden leidenſchaft⸗ lich erregten Schwarzen. Sein Antlitz ſtrahlte von Energie und Verklärung. „Onkel Pompey hat das geahnt“, ſagte er lebhaft, „aber Ihr werdet das nich thun, meine Brüder. Wollt Ihr der Vorſehung vorgreifen?“ fuhr er begeiſtert fort.„Wollt Ihr Eur' junge Freiheit mit Blut be⸗ flecken, daß man ſagt, die Darkies ſind Barbaren, die man nich von der Kette ſoll laſſen? Die Nankees führen ein' heiligen Krieg, da is der Herr mit, aber Ihr wollt thun, was Meuterei und Mord is, da is der himmliſch Maſſa nich mit, und Jeſus wird Euch fortweiſen, wenn Ihr kommt, die Herrlichkeit Theil neh⸗ men jenſeits. O meine Brüder, o meine Darkies, 80 Maſſa Cunnel, Ihr werdet verlieren himmliſch Maſſa, und was is Maſſa Cunnel gegen Maſſa dort über den Sternen? Dort werdet Ihr nich arbeiten, dort werdet Ihr genug zu eſſen haben und ſing' und ſpielen. Der himmliſch Maſſa hat Euch Hütten gebaut, von Erſchaffen der Welt, und was Ihr geliebt habt und geſtorben is, das wartet dort auf Euer Kommen. Der himmliſch Maſſa hält keinen Aufſeher für Euch mit Peitſche, er führt Euch ſelber zu grüne Wieſen und ſtille Waſſer, und kommt Ihr müde und matt, ſo nimmt er Euch auf in ſein Arm' und trägt Euch an ſein großen Her⸗ zen. Welch arme Darky möcht' nich haben ſolchen Maſſa? Und ihn hingeben, um Rache zu üben wegen zeitliche Trübſal, is das die Stärke von dieſe Nigger, die ſtandhaft und ergeben mehr Leid getragen haben in Demuth vor dem Herrn der Welt und ohne Hoff⸗ nung auf Irdiſches? Und jetzt ihn hingeben und die Seligkeit jenſeits, wo der Herr ſchon darüber aus is, in ſein Weisheit und ſein Zorn Abrechnung zu halten mit den Böſen? Denkt das, meine Brüder, und denkt auch, daß Ihr die gute Miſſus nich gläcklicher macht⸗ wenn Ihr Maſſa Cunnel erſchlagt, daß Ihr das Herz der gute Miſſus zerreißt, wenn ſie auch kein Lieb mehr für Maſſa Cunnel haben kann; denkt das, meine Brüder, und tragt, was kommen wird, was auch Miſſus, 81 die wir lieben, tragen wird in Ergebenheit, denn dem himmliſch Maſſa gebührt allein zu ſtrafen und ver⸗ gelten!“ Die Neger rings ſtanden verdutzt und in ſich gekehrt. „Scip hat nich an Miſſus gedacht!“ brummte der ſtämmige Sklave in düſterer Zerknirſchung. „Und nich an himmliſch Maſſa, deſſ Wille uns hier⸗ her geſtellt, daß wir ausharren und ſein' Gnade werth werden!“ ergänzte Onkel Pompejus ſanft und feſt. Hannibal, der Gatte Cora's, der bei den Pferden zu thun gehabt und ſich dann in den Kreis gedrängt und eine Weile zugehört hatte, ergriff jetzt das Wort. „Ausharren, was da komme, is auch Hannibal's Meinung“, ſagte er ernſt,„aber Hannibal hat zuvor geſchwiegen, daß es nich heißt, er wird frei und denkt nur an ſich. Hört mich, Brüder, Hannibal bringt ſo groß Opfer wie Ihr, Hannibal läßt ſein Cora zurück, die er mehr liebt als ſich, und Hannibal geht und ſagt: Harret aus!“ Dem armen Neger ſtürzten bei dieſen Worten heiße Thränen über die Wangen. Aber er wies den Schmerz mannhaft wieder zurück. „Meine Brüder“, fuhr er nun mit unerſchütterlicher Feſtigkeit fort,„es hält ſchwer, mit Weib und Kinder entkommen, viele Meilen durch Wald und Sumpf! Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 6 Und wenn Ihr bleibt, gehen Weib und Kind jeden⸗ falls ſtraflos aus. Und Maſſa Cunnel kann Euch auch nich beweiſen, daß Ihr uns fortgeholfen. Nur auf Miſſus und Cora wird der Zorn des Maſſa Cunnel fallen, und Miſſus und Cora bleiben und opfern ſich, muß es ſein!“ „So bleiben auch wir!“ tönte es hier und dort und bald überall aus dem Negerkreiſe. Onkel Pompejus aber ſtreckte die Hände zum ſtern⸗ beſäeten Himmel und rief, das verklärte Antlitz nach dort gewendet, von wo alle Fülle der Gnade über die Menſchheit ſtrömt:„O Herr, Dein Wille geſchehe! Du machſt uns ſtark in Verſuchung, Du führe durch Leid und Prüfung Dein' arme Darkies zur Glorie!“ Der alte Mann ſprach ein kurzes Gebet, die Neger falteten die ſchwieligen Hände und beteten laut im Chore mit. Es war ein erſchütternder Augenblick, eine kleine Gemeinde von Märtyrern ſtand dort, unwiſſend und geknechtet durch die weißen Bedrücker, aber ſtark, ſelbſt⸗ bewußt, frei durch die Macht des Glaubens, durch das Vertrauen auf die Verheißungen des Höchſten. Der weihevolle Moment war vorüber. Und nun ertönten haſtige Schritte, ließ ſich ein halb unter⸗ drückter Ruf vernehmen. — — 83 Der Kreis der Neger zertheilte ſich, Miſtreß Craw⸗ ford und der Doctor Arnau kamen eilig daher, von Cora gefolgt. Die weißen Kleider der Herrin und ihrer Lieblings⸗ zofe leuchteten durch die Nacht. Arnau trug einen Gürtel und es ſteckten Waffen darin, die ihm Lucy verſchafft hatte. Sein Antlitz war bleich, ſeine ſchönen, ſonſt ſo frei⸗ müthigen und entſchloſſenen Züge waren gedrückt, das ließ ſich ſelbſt in dem Halbdüſter bemerken, welches herrſchte. Auch ſeine Haltung hatte nicht jenes feſte Selbſtbewußtſein, das ihr ſonſt eigen war. Lucy und ihr Begleiter erreichten den kleinen Platz; die Neger begrüßten ſie ehrfurchtsvoll, ſchweigend. Hannibal trat zu ſeiner Gebieterin. „Alles ruhig im Hauſe, Miſſus?“ fragte er, über die Schulter der Miſtreß Crawford einen forſchenden Blick auf den düſtern Weg hinausſendend, der zum Garten führte. 4 „Alles ruhig, Hannibal!“ entgegnete die junge Frau beinahe athemlos.„Man hegte keinen Verdacht, man überläßt ſich dem Schlummer. Aber es iſt keine Zeit zu verlieren!“ „Hier Alles bereit, Miſſus!“ flüſterte Hannibal. „Dort ſtehen die Pferde, muß ſelber rathen, daß wir 0* uns ſogleich auf den Weg machen, müſſen vor Tages⸗ anbruch in Wald ſein, und Weg is weit!“ Cora, die jetzt dicht hinter der Herrin ſtand, drängte ſich plötzlich vor. In überquellendem Schmerze ſtürzte ſie zu ihrem Gatten und ſchlang leiſe ſchluchzend die Arme um ſeinen Hals. Hannibal hielt ſie einen Augenblick umfaßt und preßte ſie an ſeine breite Bruſt. Dann aber ſchob er ſein armes, tief erſchüttertes Weib ſanft von ſich. Was der ehrliche Darky in dieſem Momente empfand, das läßt ſich nicht wiedergeben. Sein Herz rang mit dem Bewußtſein der Pflicht gegen die Gebieterin. Aber das war nur ein kurzer, ſchwerer Kampf. Der Neger verzog keine Miene mehr. „Still, Cora“, murmelte er,„es muß ſein, muß ſein für Miſſus!“ „Es muß ſein, für Miſſus!“ hauchte das zitternde, in Thränen zerfließende Weib und zog ſich dann ſtill und ergeben hinter die Herrin zurück. Miſtreß Crawford aber ließ den Blick unruhig über die Neger ſchweifen. „Sie ſind faſt alle da“, ſagte ſie,„das iſt ſehr un⸗ vorſichtig!“ — * 2 85 „weberall ſind Poſten ausgeſtellt“, verſicherte Onkel Pompejus,„bis an Manſion und Griffin's Haus; dieſe Nigger werden wie Schlangen geräuſchlos in ihre Hütten zurückkehren.“ „Wir wollten von gute Docker Abſchied nehmen!“ ſtieß der Neger Scipio hervor.„Und wir wollten ihn bitten, daß er geht zu alten Abe in Waſchitton, der Sklaverei haßt, und ihm ſagen, dieſe Nigger ſetzen ihre ganze Hoffnung auf ihn und brave Nankees, die Gebote von himmliſch Maſſa achten, und daß dieſe Nigger von Süd⸗Carolina und überall nich beflecken wollen ihre Hände mit Blut von weiße Männer und geduldig und ergeben warten wollen, bis die Stunde kommt, wo himmliſch Maſſa und gute Männer von Norden ſie frei machen von Elend und Sklaverei!“ „Das will ich“, ſtammelte Arnau bewegt,„und ich werde zu dem hochherzigen Abraham Lincoln treten, der jedem Bürger der Union zugänglich iſt, und ihm ſagen, daß die Nigger verdienen frei zu ſein, daß die Yankees ihr Blut nicht allein für eine edle Sache, ſondern auch für brave, fromme, aufopfernde Menſchen verſpritzen, die dereinſt der Union treue Bürger ſein werden!“ „Ja, ja, o Lorry!“ bekräftigten rings die armen, tief ergriffenen Darkies. „Die Zeit drängt!“ mahnte Hannibal. Lucy ergriff die Hand Arnau's. „Fort, Albert, fort!“ ſagte ſie mit halb erſtickter Stimme.„Gott wird Sie ſchützen!“ Arnau wandte ſich kummervoll zu der jungen Frau. „Lucy!“ flüſterte er in heftiger Erregung.„Und Sie?“ „Steht mein Schickſal nicht auch in Gottes Hand, Albert? Was er mir ſendet, das will ich hinnehmen und nicht murren. Ich weiß, daß mir noch ſchwere Prüfungen vorbehalten ſind, und erliege ich ihnen, ſo geſchieht es nicht einmal mit dem ſtolzen Bewußtſein, mich für mein Vaterland geopfert zu haben. Den⸗ noch murre ich nicht. O meine Schweſter Alice iſt glücklicher als ich, ſelbſt wenn ihr das Schlimmſte be⸗ gegnen ſollte! Gott möge ſie ſchützen, und fügt es die Vorſehung, daß Alice erfolgreich iſt und Sie mit meiner geliebten Schweſter, meinem theuren Vater irgendwo wieder zuſammentreffen, ſo bringen Sie ihnen meine heißeſten Grüße und ſagen Sie ihnen, daß Lucy in keinem Momente ihres Lebens weder die heiligen Grundſätze des Nordens verleugnete, noch je verleugnen wird, was auch kommen möge! Und nun ziehen Sie getroſt, Albert, ich baue auf Ihre Rettung, Hannibal und Toby ſind treu und gewandt!“ —„——— d „ — „ —-—4ꝛ— „Und Sie beharren auf dem Entſchluß, einen Mann, den Sie verachten, nicht verlaſſen zu wollen? Lucy, ich beſchwöre Sie, fliehen Sie mit mir, mit dem treu ergebenen Freunde, der Sie ſicher zu Ihrem Vater nach New⸗York geleiten wird!“ „Ich kann nicht, Albert, ich darf nicht! Soll ich den elenden Verdacht meines Mannes beſtärken, durch eine Flucht der Verleumdung des gewiſſenloſen Oli⸗ ver Gaunt den Schein der Wahrheit geben? Nein, Arnau, ich bleibe, um meiner Ehre willen! Hier iſt mein Platz“, fügte ſie laut und feſt hinzu.„Wo meine armen Schwarzen ſind, die treu zu mir halten, da bleibe auch ich; ſie haben die Gefahr mit mir getheilt, ich theile mein Loos mit ihnen, und Gott, der gerechte Gott wird uns allen gnädig ſein!“ Lucy ſtand hoch aufgerichtet da, im bleichen Ange⸗ ſichte einen unbeſchreiblich heldenmüthigen und zugleich begeiſtert ergebenen Ausdruck. Sie zitterte nicht mehr, jede Faſer ihres Seins war Entſchloſſenheit; ſie glich jetzt völlig ihrer kühnen Schweſter Alice. Die Neger drängten ſich erſchüttert heran; unter Thränen grinſend küßten ſie die Hände der Gebieterin. Arnau wankte zu ihr, er ſchloß die Freundin einen Moment in ſeine Arme. „Leben Sie wohl, Lucy“, ſtammelte er in dumpfem Schmerz,„Gott ſei mit Ihnen!“ Haſtig riß er ſich von der Freundin los und eilte zu jener Furche des Cottonfeldes, wo die Pferde zur Flucht bereit ſtanden. „Gott iſt mit mir!“ ſagte die junge Frau, den Blick zum Sternenäther erhoben. Hannibal preßte noch einmal die ſchluchzende Cora an ſeine Bruſt, dann ſprang er dem Doctor nach, denn er hatte ja als Führer den kleinen Zug zu eröffnen. Lucy blickte den ſich Entfernenden nach. Keine Thräne floß über die bleichen Wangen der jungen Frau. Sie war gefaßt, ſie hatte mit ſich abgeſchloſſen. „Kommt“, ſagte ſie nun zu den Negern,„ein Jeder kehre lautlos in ſeine Hütte zurück. Erwarten wir muthig und gottergeben den Ausgang der Dinge!“ Sie wendete ſich zum Gehen. Kein Laut ertönte rings, ſammtweich fächelte der Nachthauch, er war vom ſinneberauſchenden Dufte der Tropenblumen des Gartens erfüllt. Die Sterne funkel⸗ ten zauberhaft, der matte, ungewiſſe Mondenſchimmer ſchien ſich jetzt zu reinem Silberlichte verklären zu wollen. Ein ſüßer Frieden ruhte auf der Schöpfung. Welcher Gegenſatz zu den ſchmerzbewegten Gemüthern der kleinen Schaar, die ſich jetzt ſchweigſam und düſter — — —᷑— 89 anſchickte, den Rückweg durch das Cottonfeld anzu⸗ treten! Miſtreß Crawford ſtand im Begriff, in den Pfad einzubiegen, der zu dem Park führte, als ſich plötzlich haſtige Tritte vernehmen ließen. Und nun raſchelte es hier und dort durch die Stauden heran, wie wenn eine Treibjagd ſich durch Schilf und Rohr Bahn bricht. Im nächſten Moment ſprangen die von den Schwar⸗ zen aufgeſtellten Wächter auf den Platz hinaus. „Oli Gaunt hat uns überliſtet! Sie kommen!“ ſchrieen ſie. Kaum hatten ſie dieſe Botſchaft in fliegender Haſt verkündet, da krachte ein Schuß, dann ein zweiter und dritter. „Allmächtiger Gott!“ ſtöhnte Lucy und brach zu⸗ ſammen. „Die arme Miſſus is erſchoſſen!“ rief Hannibal, der eilig von den Pferden zurückkehrte. Die Neger ſtarrten ſekundenlang wie entgeiſtert auf das blutbefleckte weiße Kleid ihrer am Boden liegenden Herrin.. Dann ſtießen ſie ein wildes Gebrüll hervor. *„Rache!“ ſchrieen ſie durcheinander.„Rache für Miſſus!“ Im Nu blitzte in jeder ſchwarzen Fauſt ein Meſſer. Die Mahnungen des Onkels Pompey waren ver⸗ geſſen, heulend ſprang die Schaar in das Cottonfeld hinein, von woher die Schüſſe gekommen waren. Arnau, der bereits den Fuß im Steigbügel hatte, ſich auf den Renner Crapford's zu ſchwingen, zog den Fuß zurück und war in wenigen Sprüngen neben Lucy. Er hob die Ohnmächtige vom Boden auf, er nahm ſie in ſeine Arme. „Gott ſei Dank!“ ſtammelte er.„Die Kugel hat ihren Arm nur leicht geſtreift.“ Während er, von Onkel Pompejus und Cora unter⸗ ſtützt, die unbedeutende Wunde der Miſtreß Crawford mit ſeinem Taſchentuche verband, mußte dicht zur Seite, inmitten der hohen Cottonſtauden, eine furchtbare Scene vor ſich gehen. Schüſſe und wüſtes Geſchrei tobten dort durchein⸗ ander. Doch das dauerte nur ein paar Minuten, dann ward Alles ſtill. Schwarze Geſtalten huſchten unter den Stauden hervor, die Mehrzahl der Neger zeigte ſich wieder. Der rieſige Scipio trat zu Arnau. „Is Miſſus todt?“ fragte er dumpf. “ ö — 91 „Sie lebt“, verſetzte Arnau lebhaft,„ihre Verwun⸗ dung iſt nicht der Rede werth!“ Ein Jauchzen tönte rings von den Lippen der Darkies, obwohl manche der armen Nigger verwundet waren. „Was habt Ihr gethan?“ rief Arnau ahnungsvoll ſchaudernd in den Jubel hinein. „Wir haben die weißen Männer getödtet!“ entgeg⸗ nete Scipio feſt und trotzig. „AIIe 2⸗ 1 „Alle! Maſſa Cunnel und Oli Gaunt haben ihren Lohn, und Griffin und ſeine Leute werden uns nich mehr ſchaden!“ „O Lorry!“ murmelte Onkel Pompey, die Hände faltend. Arnau ſtarrte entſetzt auf die Darkies. Dann winkte er Hannibal, der ſich nicht an dem Kampfe betheiligt hatte, zu ſich heran. „Die Verhältniſſe haben ſich geändert“, ſagte er; „es bleibt uns nichts übrig, als Miſtreß Crawford in ihrem jetzigen Zuſtande mit uns fortzuführen. Cora findet noch auf Deinem Pferde Platz, Hannibal. Eilen wir!“ Hannibal nickte zuſtimmend. Der junge Arzt trug die zarte Lucy zu den Pferden. Wenige Minuten ſpäter ſaßen Arnau, Hannibal und Toby auf den Roſſen, hielt der Doctor die bewußtloſe, vorn über den Sattel gelehnte Lucy umſchlungen, hockte„* Cora hinter ihrem Gatten. Nun galoppirten die Reiter in der ſchmalen Furche der Cottonpflanzung hinter einander in die mond⸗ beglänzte Nacht hinein und verſchwanden hinter einer Biegung des Weges. „Gott beſchütze die Miſſus, den gute Docker!“ mur⸗ melten die zurückbleil henden Neger. Dann ſchlüpften ſie haſtig und ſtill an dem Felde des Todes vorüber, auch ihre und der Ihrigen Flucht zu bewerkſtelligen. — nöthigten Feindes verſchont geblieben. Das Hauptcorps Fünftes Kapitel. Nachdem Lee mit ſeinem decimirten Rebellenheere ſich von Gettysburg hatte zurückziehen müſſen, war er dem nachrückenden Sieger durch die Engpäſſe der South Mountains entwiſcht und dann nach einem hartnäckigen Kampfe bei Williamsport über den durch Regengüſſe hochangeſchwollenen Potomac gegangen. Von dort hatte er ſich durch das Shenandoahthal über Straßburg und Staunton nach Culpepper gewendet, um daſelbſt von neuem ſein Hauptquartier aufzuſchlagen. Durch eine glückliche, beinahe wunderſame Fügung waren Farm und Ackergründe der Leutholds und noch einige andere Cottagen, die gleichfalls nicht direct in der Ebene lagen, von der Wuth des zum Rückzuge ge⸗ 94 der Conföderirten hatte ſich vom Schlachtfelde aus weiter ſüdlich, als jene Farmen ſtanden, durch die Berge gewendet; jene Strecken, welche die Rebellen mit Ka⸗ nonen und Train paſſirt, zeigten ſich freilich verwüſtet, dort verkündeten nur noch Schutt, rauchende Balken und zertrümmerte Fencen, daß die Wohnungen fleißiger Landleute daſelbſt geſtanden. Wir müſſen zu jenem Tage zurückkehren, an wel⸗ chhem General Lovet verwundet ward und der Aben⸗ teurer und d Rodberg den verdienten Lohn für ſeine Miſſethaten erhielt. Etwa eine Stunde vor jenen Ereigniſſen war Jakob, nachdem er ſich an den Trümmern der Lovett'ſchen Beſitzung von Richard Erlen⸗ bach getrennt, im Fluge bei ſeinen greiſen Aeltern an⸗ gelangt und hatte ſie ſofort beſtimmt, die Wohnung zu verlaſſen und ſich zu größerer Sicherheit in das rück⸗ wärts liegende Dickicht der nächſten Höhen nach einer ziemlich verſteckten Waldſcheune zurückzuziehen, die zur Farm gehörte. Er begleitete ſie in den Forſt und kehrte dann zu den Knechten zurück, mit dieſen bereit, das Haus gegen etwa dorthin verſprengte Süder, wenn ſie nicht in großer Ueberzahl kommen ſollten, energiſch zu vertheidigen. Die feindlichen Colonnen wälzten ſich in ziemlicher Entfernung von der Farm über die Ebene hin und lenkten dem mehr als eine Stunde ſüdlicher — N— .— 95 liegenden nächſten Engpaſſe der South Mountains zu, aber es war doch immer zu befürchten, daß einzelne Abtheilungen plötzlich querfeldein brechen und ſich den am Waldesſaume ſtehenden Cottagen zuwenden könnten. Dies geſchah ſogar bald. Schon machte der junge Farmer ſich auf das Schlimmſte gefaßt, als von jener Richtung her, in der ſich noch wenige Tage zuvor das Herrenhaus Lovett's befunden, einige Schwadronen leichter Dragoner der Union dahergeſprengt kamen, dem fliehenden Feinde in die Seite zu fallen. Dies rettete die Cottagen, und wahrlich nahe genug entſpann ſich ein Scharmützel, denn kaum zweihundert Schritte von der Farm wurden die Süder gezwungen, nach anderer Richtung zu flüchten. Die Farm und die weiterhin liegenden Landwohnungen überflutete nichts⸗ deſtoweniger binnen kürzeſter Friſt eine Soldatenſchaar, aber es war nicht der verhaßte Feind, ſondern Männer der Union kamen, ſchleppten Verwundete herbei und machten aus den verſchonten Gebäuden improviſirte Lazarethe, in edler nordſtaatlicher Barmherzigkeit nicht nur für die tapfern Söhne des Nordens, ſondern auch für die Rebellen. Jakob und ſeine Leute waren dienſtfertig bei der Hand, ſie gaben freudig Alles her, was den Verwun⸗ deten Erleichterung bieten konnte. Militärärzte waren mit ihren Beſtecken und Verbandtaſchen zur Hand, ſie thaten ihre Schuldigkeit, während in ziemlicher Nähe noch Schüſſe krachten und Säbel klirrend gegen ein⸗ ander ſauſten. Das Gewehrknattern begann ſchwächer zu werden, das Getümmel des Scharmiützels ſich weiter ſüdlich zu ziehen, als das tapfere vierzehnte Regiment der Con⸗ necticut⸗Freiwilligen, das allein am dritten Juli fünf Fahnen der Conföderirten erobert hatte, im Sturm⸗ ſchritte an der Farm vorüberkam, die Cavallerie zu unterſtützen. Ein Dutzend der Braven folgte dem Regimente, aber in langſamerem Schritte. Dieſe Soldaten umgaben einen Verwundeten; einige von ihnen trugen ihn vorſichtig auf ihren Gewehr⸗ läufen. Neben den Trägern ritt eine junge Dame. Sie war faſt militäriſch gekleidet, denn ihr dunkel⸗ blauer Spencer glich einer Uniformjacke, an dem Hüt⸗ chen, das ſie trug, blitzte das Abzeichen der Union, auch ſteckten Waffen in dem Gürtel, der ihre ſchlanke Taille umſchloß. Ihr zur Linken ritten ein Offizier und ein ältlicher, hagerer, trotzig dreinblickender Herr im Civilanzuge, während an der andern Seite und dicht neben der 97 improviſirten Tragbahre ein junger, bürgerlich geklei⸗ deter Mann ſchritt. Ein Trainſoldat führte das Pferd des Verwundeten und beſchloß den Zug. Dieſe Perſonen waren Alice Palmer, Onkel Hugh, Richard Erlenbach und ein Adjutant Lovett's. Der Verwundete aber, welcher das Bewußtſein ver⸗ loren hatte, war kein Anderer als der General. Der kleine Zug näherte ſich der Farm. Richard ſprang nun den Andern voraus. Er war es geweſen, der nach dem an Lovett voll⸗ führten Attentate darauf hingewieſen, daß die weiter ſüdlich liegenden Cottagen vielleicht verſchont geblieben ſeien und die Farm der Leutholds dann wohl dem Verwundeten die beſte Unterkunft bieten könne. Da die Sachlage ſich ſo plötzlich geändert, hatten er und Alice es für den Moment aufgegeben, die Gattin des Generals in den Bergen aufzuſuchen. Lovett war an Ort und Stelle, das heißt vor den Trümmern ſeiner Beſitzung, wo kein Obdach mehr zu finden geweſen wäre, nothdürftig verbunden worden, und dann hatten die braven Freiwilligen den General weiter getragen, von Zeit zu Zeit einander ablöſend. Der Erſte, dem Richard in fliegender Haſt am Ein⸗ Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 7 98 gange der Farm begegnete, war der Verlobte ſeiner Schweſter. „Du kommſt zu rechter Zeit“, rief Jakob dem Freunde entgegen;„dem Himmel ſei Dank, daß Dir nichts Schlimmes widerfahren iſt! Du ſiehſt, auch hier geht es leidlich, aber ich bin rathlos, wohin mit den Ladies, die wir doch nicht im Gebirge laſſen können. Haus, Scheune und Ställe ſind mit Verwundeten faſt überfüllt!“ „Und ich bringe noch einen ſolchen, der uns theuer iſt“, verſetzte Richard traurig,„und den wir hier jeden⸗ falls beherbergen müſſen!“ Jakob ſtarrte in die verſtörten Züge des Freundes und ließ den Blick dann haſtig zu der Gruppe ſchweifen, die jetzt wenige Schritte vor der Farm Halt machte. „Allmächtiger Himmel!“ ſtammelte er.„Doch nicht—“ „Sie bringen Lovett— ſchwer verwundet!“ Jakob erblaßte. Er wollte zu den Soldaten und der Tragbahre eilen, Richard hielt ihn zurück. „Wir müſſen ihn hier unterbringen“, ſagte dieſer dringend,„wir müſſen! Sein Leben iſt in Gefahr! Iſt hier ein Militärarzt?“ „Es ſind ihrer zwei hier. Und auch ein Plätz⸗ chen iſt da, wo— Gott ſei Dank, ich wollte meine Aeltern, die noch im Walde ſind, in der Bodenkammer — 99 unterbringen— es muß ſich für ſie eine andere Unterkunft finden, der General kann die Kammer be⸗ kommen.“. Richard drückte dem Freunde die Hand. Mit weni⸗ gen haſtigen Worten verſtändigte er ihn von dem Vor⸗ gefallenen. Dann wurden ſofort alle Anſtalten getroffen, den bewußtloſen Lovett in die Bodenkammer zu ſchaffen. Wie ſeltſam der Zufall ſpielt! Dieſelbe Kammer, welche Rodberg einſt bezogen hatte, als er verkleidet bei den Farmersleuten vorgeſprochen, in der er zur Vernichtung der Lovetts und Erlenbachs einen unſeligen Plan aus⸗ gebrütet hatte, nahm jetzt einen Mann auf, der ſchließ⸗ lich das Ziel dieſer Rache geworden war und mit allen, die jener hatte verderben wollen, ſo eng in Ver⸗ bindung ſtand. Lovett erhielt unter den Händen der Aerzte, die ſeine Wunde unterſuchten und die Kugel entfernten, ſeine Beſinnung wieder. Ungeachtet der heftigſten Schmerzen bewies er eine ſtaunenswerthe Gelaſſenheit, und dieſe wich ſelbſt dann nicht von ihm, als die Doctoren die Befürchtung ausſprachen, daß muthmaß⸗ lich eine Amputation des Arms nothwendig ſein werde. Und in der That ſtellte es ſich ſchon nach zwei Stunden heraus, daß kein anderes Mittel übrig bleibe, den 7* 100 Leidenden zu retten, denn die Kugel hatte das Gelenk des Ellbogens ſchwer verletzt, den Knochen zerſplittert, und trotz aller angewendeten Sorgfalt ließ ſich erwarten, daß der kalte Brand hinzutreten werde. Jakob Leuthold hatte ſich, kurz nachdem der Gene⸗ ral in der Farm eine Unterkunft gefunden, zu den Bergen aufgemacht, ſeine Aeltern zurückzurufen, haupt⸗ ſächlich aber Miſtreß Lovett und ihre Begleitung von der Schlucht abzuholen. War der General rettungslos verloren, dann durfte man ja nicht zögern, die arme junge Frau ihrem Gatten zuzuführen. Richard war ſofort dieſer Meinung geweſen und auch Alice Palmer und Onkel Hugh, welche ſich ebenfalls in die Farm be⸗ begaben, hatten ſich dafür ausgeſprochen. Der letztere, der trotz ſeiner Eiſenfreſſernatur keineswegs ein Mann für Lazarethe war, hatte ſich auf die Felder hinaus⸗ begeben und beobachtete den Verlauf der Scharmitel, die in der Ferne noch immer ſtattfanden. Alice war jetzt um den Freund Lovett mit der Sorgfalt einer liebenden Schweſter bemüht, und Richard, ſo verſtört auch ſein Gemüth ſein mochte, fühlte ſich wohlthätig berührt und ergriffen von der liebevollen Hingebung, mit der die ſchöne New⸗Yorkerin nicht allein um den General beſchäftigt war, ſondern ſich auch der andern armen Verwundeten annahm, die in 101 der Farm lagen. Sie war bald hier, bald dort, überall Troſt und Hülfe ſpendend, legte dieſem den Kopfpfühl zurecht, gab jenem zu trinken, machte ſtandhaft die Aſſiſtentin der Aerzte, wenn es galt, die Wunden der vor Schmerz zuckenden Braven zu baden oder ihnen einen friſchen Verband anzulegen. Ihr ganzes Denken und Empfinden ging auf in der Pflicht der barmher⸗ zigen Samariterin, ihre Unerſchrockenheit und Seelen⸗ ſtärke bewährten ſich auch dem grauenhaften Mißgeſchicke ihrer Mitbrüder gegenüber, von deſſen Anblick mancher ſonſt entſchloſſene Mann ſich zitternd abgewendet haben würde. Wie ganz anders war jetzt Alice anzuſchauen, als in jenen Momenten, wo ſie kühn jeder perſönlichen Gefahr trotzte, wo das Heldenfeuer des Patriotismus aus ihren großen dunklen Augen blitzte und edle, opfer⸗ müthige Begeiſterung ihr Weſen hob, wie ganz anders, und doch erſchien ſie Richard in ihrer ruhigen, hin⸗ gebenden Geſchäftigkeit hochherziger, reiner, größer. Er hatte ehemals nur die Hoheit ihres Weſens ange⸗ ſtaunt, jetzt ſank er bewundernd im Geiſte vor ihr in den Staub, vor dem Zauber ihrer Weiblichkeit, welche ſie ihm irdiſch näher brachte und doch zugleich zu einer milden Lichtgeſtalt höherer Welten verklärte. Und es war faſt ein freudiges Gefühl der Genugthuung, mit dem er Miſtreß Lovett herbeiſehnte, die böſe gute Schweſter, 102 die einſt gegen ſeine Ueberzeugung behauptet hatte, Miß Palmer ſei überſpannt und entbehre jener Eigen⸗ ſchaften des Gemüths, welche dem Manne das Glück ſeines Daſeins ſichern. G 5 Alice zeigte ſich unermüdlich, die Blicke der Ver⸗ wundeten zuckten dankbar zu ihr auf. Nun ſchlüpfte ſie wieder zu der Bodenkammer. Richard, der ſich im Wohnzimmer der Farm, wo die Bleſſirten in zwei Reihen auf dürrem Maisſtroh neben einander lagen, ebenfalls an der Labung der Tapfern betheiligt hatte, folgte ihr. Lovett, auf das einzige Bett des Kämmerchens aus⸗ geſtreckt, glich einem Todten. Er hatte die Augen ge⸗ ſchloſſen und regte ſich nicht; Alice wähnte, der Schmerz habe ihn bewußtlos gemacht. Sie und Richard traten zuͤ den beiden Aerzten, welche am Fenſter mit einander flüſterten.. „Meine Herren“, ſagte ſie leiſe und kummervoll, „hat ſich die Gefahr verſchlimmert?“ „Der Arm muß amputirt werden!“ murmelte einer der Doctoren. Alice zuckte zuſammen, Richard ſeufzte tief auf. „Wir werden den General chloroformiren!“ ergänzte der andere Doctor. „Das iſt unnöthig, Sir!“ ließ ſich plötzlich die — 103 Stimme Lovett's vernehmen, der nun die Augen auf⸗ ſchlug.„Und thun Sie ſogleich, was ſein muß, Gentle⸗ men“, fuhr er ruhig fort,„um meiner Frau willen; es wird beſſer ſein, die Sache iſt abgethan, wenn Miſtreß Lovett hier erſcheint. Fürchten Sie nicht für mich, ich gehöre nicht zu den ſchwachen Naturen“ „Well!“ verſetzte einer der Aerzte.„Miß Palmer, haben Sie die Güte, uns zu verlaſſen, es iſt kein Anblick für zarte Damen!“ Lovett richtete einen traurigen Blick auf Alice. Dieſe verſtand ihn. Sie ward bleich bis in die Lippen hinein. Ohne Zweifel beſtand ſie ſekundenlang einen heftigen innern Kampf, raffte ſich ihre Seele zu einem furchtbar energiſchen Entſchluſſe auf, der die Schwäche des Weibes niederdrückte. Nun trat ſie an das Bett des Verwundeten. „Lovett“, ſagte ſie feſt und entſchloſſen,„auch ich bin ſtark! Iſt es Ihnen eine Beruhigung, ein Troſt, wenn ich bleibe?“ Der General blickte ſchmerzlich und dankbar zugleich. „Es iſt zu viel für ein Mädchen!“ erwiderte er, ihr die linke Hand entgegenſtreckend. Sie ergriff dieſe Hand. „Alice“, fuhr er fort,„geliebte Freundin, ich würde den Schmerz nur halb fühlen, wenn Sie ſo neben mir 164 ſitzen, meine Hand halten und mir zulächeln würden. Wenn ich Sie anblicke, ſo iſt mir, als ſähe ich die Schutzgöttin unſerer Union! Aber Gott ſei davor, daß Sie— gehen Sie!“ „Ich werde bleiben, Ihre Hand halten und lächeln!“ ſagte Alice mit wunderſamer Energie in Blick und Zügen und ſetzte ſich auf die linke Seite des Bettes. Niichard war ſprachlos, er wagte nicht Alice Vor⸗ ſtellungen zu machen, aber er ſah es ihr an, daß ſie der Freundſchaft ein Opfer brachte, ſo groß, ſo un⸗ glaublich faſt, wie vielleicht kein Weib je zuvor mochte gebracht haben. Welchen Opfers erſt mochte ein ſolches Weſen dem Manne gegenüber fähig ſein, den es lieben würde! Die Aerzte begannen ihre Vorbereitungen. Sie dauer⸗ ten nur wenige Minuten, aber dieſe Minuten waren für Richard und Alice, was die letzten Augenblicke für den zum Tode Verurtheilten ſind, und die geräuſchloſe Geſchäftigkeit der Doctoren machte auf ſie jenen un⸗ heimlichen Eindruck, den die Anordnungen des Scharf⸗ richters unmittelbar vor einer Execution auf die Zeu⸗ gen derſelben hervorbringen. Was Lovett empfand, wer mag es ermeſſen? Sein Antlitz war bleich, aber ruhig, er hielt den Blick feſt auf Alice gerichtet, und dieſe— lächelte. 105 So groß war die Selbſtbeherrſchung dieſer beiden willensſtarken Yankeenaturen, daß eins die Hand des andern anſcheinend gelaſſen hielt, ohne daß eine der Hände auch nur leiſe gezuckt hätte. Die Inſtrumente und Bandagen waren bereit. Lovett hatte nicht geduldet, daß man ihn halte oder ſeinen Körper befeſtige. Die Doctoren bemächtigten ſich ſeines rechten zerſchoſſenen Arms, während Alice jenſeits auf dem Bette ſaß und lächelte. Richard war bebend zur Seite der Doctoren, die nöthigen Hülfsleiſtungen zu verrichten. Kein Wort ward gewechſelt, als was die Aerzte einander und Richard zuraunten. Die Operation begann, ſie ward glücklich vollendet. Lovett hatte keinen Schmerzenslaut von ſich gegeben, hatte kaum gezuckt, als die Meſſer ſeine Muskeln zer⸗ ſchnitten, die Säge arbeitete, die Muskelbänder und Adern unterbunden wurden. Er hatte aber auch keinen Blick vom Antlitze der Freundin abgewendet, und Alice lächelte noch immer, ihren glänzenden Blick feſt auf den ſeinigen gerichtet.*) Und nun war Alles abgethan. Geräuſchlos ward Alles entfernt, was an das ſo eben Geſchehene erinnerte, *) So unglaublich die Sache dem Leſer erſcheinen mag, hat ſie ſich doch buchſtäblich ſo zugetragen. 106 Richard, ein Mann im beſten Sinne des Wortes, erzitterte noch immer in jedem Nerv ſeines Seins, die Doctoren ſelbſt waren tief erſchüttert von der beiſpiel⸗ loſen Selbſtbeherrſchung Lovett's und der Dame. Alice erhob ſich marmorbleich. Ihre Hand entglitt derjenigen des Generals. Sie beugte ſich über ihn und küßte ſeine Stirn, auf der die Schweißtropfen perlten. „Danke, Alice, danke!“ war Alles, was er mit matter Stimme ſagte. Sie aber wandte ſich und wankte aus der Kammer. Sie ſchwankte die ſchmale Holztreppe hinab. Am Fuße derſelben brach ſie ohnmächtig zuſammen. So fand ſie Onkel Hugh, der in das Haus zurück⸗ kehrte. Er ſchlug keinen Lärm; der ſtarke Alte trug die Bewußtloſe hinaus in das Vorgärtchen, unter den Apfelbaum, zu der Bank. Er holte Waſſer herbei und wuſch ihre Schläfe. Sie ſchlug die Augen auf, ein heißer Thränenquell ſchoß über ihre Wangen; der Geiſt hatte den Körper beſiegt, aber jetzt forderte die menſchliche Natur ihren Tribut. Eine Stunde ſpäter trafen die alten Leutholds in der Farm ein, zwei Stunden darauf Miſtreß Lovett, — —— 107 Hedwig, Jakob und die Andern, welche in der Schlucht verborgen geweſen. Sie durften nicht zu dem General, er lag im heftigſten Fieber. Miſtreß Lovett ward allmälig von Allem in Kennt⸗ niß geſetzt. Ihr Schmerz war überwältigend, aber als eine ſtandhafte, in Gott ergebene Frau raffte ſie ſich wieder empor. Erſt am folgenden Tage durfte ſie an das Bett ihres Gatten treten, ſeine Wärterin ſein. Welch ein Wiederſehen! Er lag noch immer in Fieberträumen. Nach drei Tagen hatte er lichte Augenblicke, erkannte er ſeine Agnes. Die Aerzte hatten ihr die höchſte Vorſicht be⸗ fohlen, ſie war feſt genug, der Weiſung nachzukommen, und ſo hatten Lovett's lichte Momente keine nachthei⸗ ligen Folgen für ihn. Nach weitern drei Tagen ſagte der Doctor, welcher in der Farm zurückgeblieben war, denn man hatte einen großen, Theil der Verwundeten forttransportirt und der andere Arzt war dem Trans⸗ porte gefolgt, daß das Wundfieber ſeinen geregelten Ver⸗ lauf nehme und wohl nichts mehr zu befürchten ſei. Der Zuwachs zu den Gäſten der Farm, die aus den Bergen dorthin Gelangten, hatte ſich, bis das Gros der Verwundeten abzog, daſelbſt einquartiert, wie es gehen mochte, dann war es damit für ſie beſſer ge⸗ worden. Alice bewohnte mit Hedwig und den alten Leutholds ein Zimmer, Onkel Hugh, Richard und Jakob ſchliefen im Staatsgemache der Farm ſammt einigen ſchwer transportablen Unioniſten, die Arbeiter der Petroleumfabrik, welche ihrer Herrin gefolgt waren und noch nicht wußten wo aus noch ein, hatten ihr Obdach unter freiem Himmel, Miſtreß Lovett aber wich nicht von ihrem Gatten und duldete es nur ſelten, daß Hedwig oder Alice ſie erſetzte. Agnes wußte durch ihren Bruder, wie bewunde⸗ rungswürdig Miß Palmer ſich benommen, ſie betrachtete dieſe von nun an wie ein höheres Weſen und fühlte ſich von der Größe ihres Charakters überwunden. Gleichgeſinnte Naturen werden einander durch gemein⸗ ſame Sorgen und Gefahren näher gebracht als durch das Lächeln des Glückes. War auch Alice der Miſtreß Lovett an Geiſt und Phantaſie überlegen, insbeſondere an bewußter Klarheit, Selbſtſtändigkeit und freier Lebensanſchauung, ſo trafen doch ihre Charaktere in ihren Grundelementen, in ihrem ſittlichen Fonds zu⸗ ſammen, und ſo konnte es nicht fehlen, daß ſie bald in dem engen Kreiſe, der ſie in der Farm umſchloß, und indem ſich ihre Gemüther wieder in der Sorge um den tapfern Lovett begegneten, zu einem hinfort unauflöslichen Herzensbunde vereinigt wurden. 3 8 auch derart verſchüttet, daß es jedenfalls großer An⸗ Vom Kriegsſchauplatze Virginias liefen günſtige Nachrichten ein; die Bewohner Pennſylvanias hatten nichts mehr von den Conföderirten zu befürchten, und ſo begann man denn überall in den vom Feinde heim⸗ geſuchten Counties wiederherzuſtellen, was die Süder vernichtet hatten. Die Arbeiter Lovett's zogen nach Gettysburg, das halb in Trümmern lag und wo man jetzt mehr Hände brauchte, als aufzutreiben waren. Der Reſt der in der Farm liegenden Verwundeten ward nach Chambersburg transportirt und von dort mit der Cumberland⸗Valley⸗Bahn nach Carlisle und Harrisburg, wo ſie in regelrechten Spitälern unterge⸗ bracht werden konnten. Von Gettysburg kam von nun an jeden dritten Tag ein Doctor, den Verlauf der Heilung des Generals zu überwachen. Richard hatte ſich in den erſten Tagen der wiederkehrenden Ordnung mit Jakob und deſſen Leuten zu der Beſitzung Lovett's begeben und ſich überzeugt, daß dort vor der Hand nichts zu thun ſei. Die Gebäude lagen in Schutt und Trüm⸗ mern, die Baumſchule war vernichtet; ein Erdſturz hatte zwar den Brand der Petroleumquelle erſtickt, dieſe aber ſtrengungen bedurfte, ſie wieder zu Tage zu fördern, wenn überhaupt ſolche Anſtrengungen noch lohnend ſein mochten, was in Frage ſtand. Die Leutholds 110 hatten denn doch an ihren Aeckern und Wieſen allerlei Schaden erlitten, wie eine genaue Reviſion heraus⸗ ſtellte, und ſo waren Jakob und ſeine Burſchen voll⸗ auf im Felde beſchäftigt. Hedwig fand jetzt ſo recht Gelegenheit, ihre Tüchtigkeit in der Wirthſchaft zu be⸗ thätigen und den alten Leutholds zu beweiſen, daß die kleine Europäerin gar bald eine wackere pennſylvaniſche Farmerin ſein werde, woran übrigens das brave Mutterle und ihr würdiger Eheherr ja nie gezweifelt hatten. Der Zuſtand Lovett's beſſerte ſich zuſehends, das Wundfieber ließ nach, der kräftige Organismus ſeines Körpers begann mehr und mehr ſein Recht zu be⸗ haupten. Er hatte noch vor der an ihm unternommenen Operation den Adjutanten entlaſſen, der bis zu der Farm an der Seite ſeines verwundeten Generals ge⸗ blieben war, und da ſeine Diviſion dem Feinde nach⸗ gezogen, ſo hatte ſich von ihr auch Niemand an ſeinem. Schmerzenslager einfinden können. Doch kamen jetzt, ſeit die Nachricht von der Verwundung Lovett's und ſeinem Aufenthalte in der Potomac⸗Armee Verbreitung gefunden, Depeſchen von Kriegskameraden, vom Haupt⸗ quartier, ja von der Regierung aus Waſhington an, Beileidsbezeigungen und Anerkennungen, welche das Herz Lovett's rührten.— 111 Als er ſich ſo weit erholt hatte, Dispoſitionen treffen zu können, berieth er ſich mit ſeiner Gattin und Richard über die nächſte Zukunft. Es ſtand feſt, daß Lovett nicht mehr zum Kriegsdienſte zurückkehren könne, und dieſe Gewißheit erfüllte Agnes im Innerſten ihres Herzens mit Entzücken. Aber auch in Pennſylvanien, ſo nahe dem Kriegsſchauplatze, wollte Lovett nicht wieder ſeinen häuslichen Herd aufſchlagen, zumal er geſonnen war, ſelbſt dann ſich von allen Geſchäften zurückzuziehen, wenn ſeine kräftige Natur auch die ſchwere Heimſuchung völlig überwinden und ſeine Ge⸗ ſundheit ungeſchwächt zurückkehren ſollte. Da war denn zuerſt davon die Rede, daß Richard Grund und Boden der Beſitzung an den South Mountains über⸗ nehmen und ſich anbauen möge, falls anzuſtellende Bohr⸗ verſuche den Beweis liefern würden, daß ſich daſelbſt noch Petroleum gewinnen laſſe. Das Kapital für dieſe Unternehmungen wollte Lovett vorſtrecken, gegen jähr⸗ liche bequeme Abzahlungen und einen Antheil am eventuellen Petroleumertrage. Richard weigerte ſich entſchieden, dieſen Vorſchlag anzunehmen, ohne die wahren Gründe anzugeben, welche ihn hierbei leiteten. So ward denn beſchloſſen, daß Jakob das Beſitzthum antrete, wozu der junge, ſo unabhängig wie Richard denkende Pennſylvanier auch mit Freuden bereit war, 112 vorausgeſetzt, daß es unter den gleichen Bedingungen geſchehe und nicht als eine Schenkung betrachtet wer⸗ den könne. Lovett aber entſchied ſich dahin, zukünftig mit ſeiner Gattin in oder bei New⸗York leben zu wollen. Er war Millionär, was brauchte er noch zu ſorgen? Und falls er ſich für die Folge den politiſchen Angelegenheiten ſeines Vaterlandes widmete, hatte er da nicht hinreichend Beſchäftigung und Anregung, fand er da nicht pollauf Gelegenheit, ſelbſt noch als Krüppel, wie er wehmüthig lächelnd ſagte, der Union und ſeiner Partei nützen zu können? Als Alice den Entſchluß Lovett's erfuhr, da zeigte ſie große Freude darüber. „Wir müſſen am Hudſon Nachbarn werden“, ſagte ſie heiter,„und ich werde ſogleich dem Vater ſchreiben, daß er ſich bemühe, eine Villa in der Nähe unſerer Beſitzung für Sie ausfindig zu machen! Bis Sie ſo weit geneſen ſind, die Reiſe nach New⸗York antreten zu können, dürfte Alles geordnet und zu Ihrer Auf⸗ nahme vorbereitet ſein. Ich ſelber werde angelegentlich dafür ſorgen—“ „Sie kehren nach New⸗York zurück?“ unterbrach ſie Richard haſtig. „Ich muß wohl! In allen ſeinen Briefen drängt mich der Vater zur Heimkehr, die länger zu verſchieben ——— 113 ich in der That auch keinen Vorwand mehr habe, denn hier im Oſten werden nach Gettysburg die Waffen wohl eine Zeit lang ruhen und der gute Onkel Hugh ſcheint keineswegs geneigt, mit mir gen Weſten zu Grant oder Roſecrans ſteuern zu wollen!“ „Bei Gott“, brummte Onkel Hugh,„denke auch, daß wir uns nach dem Beſuche in Culpepper nicht wieder im Lager Lee's zeigen dürften, ohne uns der Gefahr auszuſetzen—“ Er hielt inne und machte eine ſehr verſtändliche Handbewegung nach dem Halſe hin. Alice lachte. „Ich führte mich dort als Miß Alice Palmer ein“, antwortete ſie ſchalkhaft,„wer hindert mich, dem Sitze der Regierung, ja Jefferſon Davis ſelber, der mich nicht kennt, in einer anmuthigen Maske einen Beſuch abzuſtatten, etwa als eine junge texaniſche Wittwe oder gar als Gattin des würdigen Oheims hier, der zu ſolchem Behufe ſich in einen rebellenfreundlichen Arkanſas⸗Mann verwandeln müßte? Und ſollte man an alle Rebellenführer die Beſchreibung meiner Perſon geſchickt haben, was wäre dann leichter, als ſich in eine blondlockige Miſtreß umzugeſtalten? Ein künſt⸗ licher Lockenſchmuck vom Broadway würde ſeine Dienſte thun, ich müßte dann freilich meine braunen Haar⸗ Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 8 114 flechten auf den Altar des Vaterlandes niederlegen, was doch wohl kein größeres Opfer wäre als das Ein⸗ ſetzen eines Menſchenlebens! Aber freilich darf ich daran jetzt nicht denken, denn, wie geſagt, die Waffen wer⸗ den ruhen; Meade, ſoweit ich ihn kennen gelernt, hat nicht den Muth, ſeinen Sieg energiſch weiter zu ver⸗ folgen, denn er beſitzt nicht die Ausdauer und Kühn⸗ heit eines Grant, und Onkel Hugh iſt vorläufig aben⸗ teuermüde und ſehnt ſich nach den Fleiſchtöpfen zgiuts⸗ burgs!“ „Ei was“, fuhr der alte Herr gutmüthig polternd auf, „bedarfſt ſelber der Ruhe, Miß Feuerbrand, und wirſt keineswegs untröſtlich darüber ſein, in New⸗York die Huldigungen der fats*) Eurer Fifth Avenue**) entgegen⸗ nehmen zu müſſen!“. 3 „Wenn das Deine ehrliche Meinung wäre, Onkel Hugh Morgan“ verſetzte Alice lächelnd,„ſo würde ich dar⸗ nach trachten, Miſtreß Morgan zu werden, um Dich einer gerechten Strafe zu überliefern!“ „Soll mich Gott vor ſolchem Glücke bewahren“, fiel Onkel Hugh raſch und abwehrend ein;„ich müßte zu ſehr das Schickſal Lee's und Hill'’s befürchten, um mich comfortabel fühlen zu können!“ *) pat, Stutzer. 31) Piſth Avemie iſt der oleganteſte Stadttheil Nem⸗Yorks. 115 Alice lachte, während Richard träumeriſch drein ſchaute. Miſtreß Lovett aber nahm jetzt das Wort. „Mein Bruder hat uns verſprochen“, ſagte ſie,„ſich nach New⸗York begeben und für uns eine Villa am Hudſon kaufen und einrichten zu wollen. Wir werden Ihnen, liebe Alice, und Mr. Palmer ſehr dankbar ſein, wenn Sie Richard gütigſt dabei an die Hand gehen. Und noch eins“, fügte ſie lächelnd hinzu.„Iſt es zu viel gewagt, wenn ich Ihnen und dem Mr. Morgan meinen Bruder als Reiſegeſellſchafter bis New⸗York empfehle?“— Richard blickte haſtig auf. Er erröthete tief. Miſtreß Lovpett ſprach den geheimſten Wunſch ſeines Herzens aus, den er nicht zu verlautbaren gewagt hätte, den er zurückgewieſen, ſo flüchtig wie er entſtanden war, von ſich zurückgewieſen im Bewußtſein der Entſagung, die er ſich ſeit nun zwei Monaten auferlegt und die ihm um ſo ſchwerer ward zu üben, ſeitdem die ſchöne New⸗Yorkerin wieder in ſeiner unmittelbaren Nähe weilte. Mußte ſich Agnes nicht längſt mit dem In⸗ ſtinkte der Frau, der Schweſter geſagt haben, wie ſehr er insgeheim leide, wie ein verlängertes Beiſammen⸗ ſein mit Alice ſeine Qualen nur erhöhen, ſeine müh⸗ ſam errungene äußere Gelaſſenheit erſchüttern werde? Seit jenem Geſpräche, in welchem Miſtreß Lovett 8* 116 dämpfend auf Richard's Neigung eingewirkt, war es dieſem klar geworden, daß ſeine Schweſter ſeine auf⸗ keimende Liebe errathen und gemißbilligt habe. Und nun drängte ſie ihn doch in die Nähe der reizenden Alice, ſtatt ihm ſein Entſagen erleichtern zu helfen! Er fühlte ſich einen Moment verwirrt, betäubt. Und in dieſer Verwirrung, die er nur mit äußerſter An⸗ ſtrengung zu verbergen wußte, klangen ihm wie Sphären⸗ melodien und doch zugleich wie ein ſchwerer Urtheils⸗ ſpruch die Worte Alice Palmer's ins Ohr, die lächelnd erwiderte:„Ich werde mich glücklich ſchätzen, ſtatt eines Beſchützers deren zwei an meiner Seite zu wiſſen!“ Sie hatte ohne Ironie geſprochen, aber auch an⸗ ſcheinend ohne einen andern Ausdruck als den einer liebenswürdigen Höflichkeit. Ihrem Blicke, ihrer Hal⸗ tung war dabei jede Befangenheit fremd geweſen. Un⸗ geachtet ſeiner Verwirrung konnte dies Richard nicht entgehen, und ein Gefühl der Hoffnungsloſigkeit gab ihm den Stolz des Mannes und die Faſſung zurück. So höflich wie Alice geantwortet, ſo höflich und ſchein⸗ bar kühl verneigte er ſich, ſtumm dankend. Miß Palmer war anfangs in der Leuthold'ſchen Farm mit der Abſicht geblieben, nur ſo lange dort zu verweilen, als ihr Beiſtand dringend nöthig ſei. Dann hatte aber nicht allein der Zuſtand ihres Freundes ————— —ÿ4— 117 Loyett, ſondern auch derjenige der übrigen Verwun⸗ deten es ihr zur Pflicht gemacht, den Beruf einer Spionin mit dem einer Krankenwärterin noch länger zu vertauſchen. Der Vater in New⸗York war davon benachrichtigt worden, und Onkel Hugh, obgleich ſo un⸗ geduldig, weiter zu kommen, wie ſein und der Nichte Roß, die im Stalle der Farm neben dem Pferde des Generals ſtanden, hatte ſich wohl oder übel darein finden müſſen. Und als es nach Fortſchaffung der verwundeten Soldaten wieder Raum genug in der JFarm gab und ſomit auch beſſere Quartiere für die Zurückgebliebenen, da hatten die Lovetts und Leutholds ſich nicht eher beruhigt, als bis Alice das Verſprechen abgelegt, noch eine geraume Friſt verweilen zu wollen. Richard war in den erſten Tagen viel um Alice geweſen, ohne zu überlegen, welche Gefahr für ſein Herz daraus erwachſen müſſe, das nicht aufgehört hatte, ungeachtet aller Vorſätze, ihm zu ſchaffen zu machen. Aber er hatte gedacht: Was ſoll ich mir ihre beglückende Nähe verſagen; wird ſie nicht wieder, gleich einem glänzenden Meteor, nur flüchtig an mir vorüber⸗ ziehen? Und wird es, wenn ſie verſchwunden, nicht wieder Nacht ſein, Nacht in meinem Gemüthe? Aber Alice blieb länger, als er erwartet hatte, und er begann zu fühlen, daß er mehr auf ſeiner Hut ſein 118 müſſe, wolle er nicht eine noch ſchwerere Laſt, als er bereits trug, auf ſein Herz wälzen, es für ewige Zeiten zu drücken. Er begann damit, ſich aus Miß Palmer's Nähe zu verbannen, ſo oft es ſich ſchicklicherweiſe thun ließ; Onkel Hugh's Ungeduld lieferte die beſte Gelegen⸗ heit hierzu. So zogen er und der alte Herr denn die Pferde aus dem Stalle und ritten das Schlachtfeld ab, bis nach Gettysburg hin und darüber hinaus, ſich von Allem unterrichtend, was auf jenen denkwürdigen Fel⸗ dern und Höhen ſtattgefunden. Das gewährte doch Anregung und Zerſtreuung, und wenn die Herren dann heimkehrten, ſo gab es genug mitzutheilen, und da Hugh Morgan kein Mann für Redſeligkeit war, hatte Richard die Aufgabe der Berichterſtattung und auch den Vortheil, über fremden Eindrücken die eigene Bekümmer⸗ niß zu vergeſſen. Aber das war und blieb doch immer nur ein ungenügender Ausweg, ſeinen tiefinnerſten Em⸗ pfindungen zu entrinnen; konnte er die ſüßſchmerzlichen Träume damit verſcheuchen, jene melancholiſche Ge⸗ dankenflucht, welche ihn überkam, wenn er des Nachts in ſchlafloſen Stunden mit ſich allein war? Er hatte darum den Vorſchlag ſeiner Schweſter, nach New⸗York zu gehen und dort das künftige Aſyl der Lovetts für dieſe zu erſtehen und einzurichten, mit Freuden begrüßt; ward ihm dadurch doch vorläufig eine ——— 119 Thätigkeit geboten, die ihn von einer Einkehr in ſein Herz abzog, die ihn aus jenen Zauberkreis fortbannte, der Alice umgab. Und nun war von Miſtreß Lovett, unbedacht oder abſichtlich, wer konnte es wiſſen? das Wort geſprochen worden, das ihn noch für einige Zeit zum Satelliten der ſchönen New⸗Yorkerin machte, ja ſie in noch nähere Berührung mit ihm bringen mußte. „Eine neue Prüfung!“ ſagte ſich Richard, als er am Abend ſeine Ruheſtätte aufſuchte.„Wie werde ich darüber hinwegkommen?“ Er hatte im Verlaufe des Nachmittags wohl Ge⸗ legenheit gehabt, mit Miſtreß Lovett allein zu ſein, aber ſie war, vielleicht gefliſſentlich, nicht wieder auf den Gegenſtand zurückgekommen und er zu ſtolz ge⸗ weſen, ihr den Zuſtand ſeines Gemüthes zu enthüllen. Es war von Alice entſchieden worden, daß ſie und ihre Gefährten in zwei Tagen abreiſen ſollten. Am Morgen nach dieſer Uebereinkunft erklärte Miß Palmer, vor ihrem Scheiden aus dieſer Gegend einen Ritt über das Schlachtfeld unternehmen zu wollen, wie es Onkel Hugh und Richard ſo oft gethan. Sie forderte dieſen auf, ſie zu begleiten, da Onkel Hugh ſich nicht dazu gelaunt zeigte. Was blieb Richard Anderes übrig, als bereitwilligſt den Cicerone zu machen? Die Pferde waren bald geſattelt, und wenige Mi⸗ 120 nuten darauf galoppirte das jugendliche Paar von der Farm weg und den Stätten zu, über die vierzehn Tage früher die Furien des Kriegs verheerend hingezogen. Verwüſtete Felder, aus denen da und dort noch um⸗ geſtürzte und zerbrochene Laffetten, Pulverwagen, Train⸗ karren hervorragten, locker aufgeworfene Erde, in welche man die gefallenen Pferde eingeſcharrt, die Trümmer⸗ reſte kleiner Ortſchaften, von deren wenigen Backſtein⸗ häuſern nur noch die ausgebrannten, halbeingeſtürzten Mauern ſtanden, verlaſſene Cottagen, dies⸗ und jenſeits der Creeks die verkohlten Ueberbleibſel zerſtörter und verbrannter Brücken, das war ſo ziemlich Alles, was jetzt noch von der Wuth des Kampfes Zeugniß gab, denn die Leichen waren natürlich längſt entfernt, ſowie die weggeworfenen Waffen, und was von Monturſtücken und ſonſtigen Dingen nach einer Schlacht über den Boden ausgeſtreut zu ſein pflegt, das hatten ſich jene Schaaren von Umherlungerern ſchon angeeignet, welche gleich den Raben und Aasgeiern die verlaſſenen Schlacht⸗ felder aufſuchen. Dagegen ſproßte neues Leben bereits wieder aus der Verwüſtung auf, und nicht allein die unermüdlich ſchaffende Natur war darüber aus, ſie mit friſchkeimendem Grün zu bedecken, auch Menſchenhände regten ſich ſchon mancher Orten, den frühern Zuſtand der Dinge wiederherzuſtellen. 121 Alice und Richard fanden die Brücke über den Wil⸗ loughby's⸗Creek, der ſich in den Monogacy⸗Fluß ergießt, gründlich zerſtört, ſie ritten zu einer Furt und ſetzten hindurch. Bald erreichten ſie Gettysburg. Hier waren nur wenige Häuſer verſchont geblieben, kaum eins, das noch ſeinen Giebel hatte; von den hölzernen Gebäuden war manches bis auf den Grund niedergebrannt. Ein Theil der Bewohner der kleinen Stadt, die ſich faſt ſämmtlich ſchon geflüchtet hatten, als die Heere heran⸗ zogen, war wieder zurückgekehrt und mit wahrhaftem Bienenfleiß darüber aus, die heimiſchen Stätten wieder wohnlich zu machen. Das Schuttwegräumen, Sägen, Zimmern, Hämmern ging, nach echter Nankeeart, mit ſtaunenswerther Schnelligkeit, hier und dort ſtand ſchon wieder ein wohnliches Häuschen, und das wird Nie⸗ mand verwundern, der da weiß, wie raſch der Nankee ſeine Städte baut. Richard aber führte ſeine anmuthige Begleiterin zu einem der wenigen verſchont gebliebenen Häuſer. Es war ein kleines, unanſehnliches, aus Bretern ge⸗ zimmertes Gebäude, deſſen Thür über dem mit Fenſtern verſehenen Erdgeſchoſſe lag und zu der man nur über eine morſche Holztreppe gelangen konnte, welche ſich an der Fronte des Hauſes ſeitwärts emporzog. „Nach dieſem Häuschen“, ſagte er lächelnd,„das X 122 leider ſchon jetzt ſehr vergänglich ausſieht, wird noch mancher Reiſende pilgern, wenn der alte Mann, der es berühmt gemacht hat, längſt zu den Todten zählt!“ „Wer wohnt denn hier?“ fragte Alice verwundert. „Der alte John Burns, der einzige Gettysburger, welcher nicht vor dem Kriegsgetümmel davonlief oder ſich verkroch, ſondern ſich in die Reihen der Unioniſten ſtellte und tapfer mitfocht. Der muthige Greis kam aus dem verlaſſenen Orte an einer Krücke daher, in einer alten ſchäbigen Uniform, die er einſt im Kriege von 1814 mit Ehren getragen, eine altmodiſche Muskete auf der Schulter, ein ſeltſames Ding, mit dem er aber nichtsdeſtoweniger nie ſein Ziel verfehlte und tüchtig dreingepfeffert hat. Und alle drei Tage hindurch ſtand der tapfere Veteran wie eine Mauer und ſandte den Rebellen eine Kugel nach der andern, trotz Alter und Gebrechlichkeit. Während eines Ausflugs hierher, den ich mit Ihrem Oheim machte, ſprach ich den alten Hel⸗ den; fürwahr, er erinnerte mich an die Zeiten Waſhing⸗ ton'’s! Und ſiehe da, Sie können gleich ſelber ſeine Bekanntſchaft machen, denn er ſitzt dort unter dem kleinen Vorbau, zu dem die hölzerne Treppe hinauf⸗ führt.“ Alice gewahrte jetzt in der That an dem bezeich⸗ neten Platze einen alten Mann, der in einem Schaukel⸗ 123 ſtuhle hockte, die Arme auf die Seitenlehnen geſtemmt, die Krücken hinter ſich neben den Fenſtern des Erd⸗ geſchoſſes an die Wand gelehnt. Die ganze Erſchei⸗ nung des robuſten Greiſes, der bequem in Hemdärmeln daſaß, bekundete die Energie, welche den Mann beſeelte, ſeine Haltung hatte eine Feſtigkeit und Zuverſicht, welche imponirte, ſo urwüchſig und ſo zu ſagen von der Cultur unbeleckt er auch im Uebrigen ausſah. Sein ſonnverbranntes, ziemlich volles und ganz bart⸗ loſes Antlitz war derb geſchnitten, die herabgezogenen Mundwinkel und das ſich vordrängende Kinn gaben den Zügen den Ausdruck einer kühnen Entſchloſſenheit, der auch aus den kleinen Augen blitzte, die hohe, breite Stirn, über welcher das noch dichte Haar ſtruppig empor⸗ ſtand, machten dieſen charakteriſtiſchen Kopf zu einem wahrhaft bedeutenden. Alice betrachtete den Alten einige Augenblicke. „Das iſt ein echter Nankee nach dem Zuſchnitt unſerer Urväter“, ſagte ſie lächelnd,„man ſieht es ihm auf den erſten Blick an, willenskräftig, zäh, primitiv, aber dennoch smart*) und mit jenem Never-mind-Be⸗ wußtſein ausgeſtattet, das beſſer noch als der Glaube Berge verſetzt und Abgründe ebnet. Nur durch ſolche *) Gewandt, ſchlau. 124 Leute konnten unſere Urwälder gelichtet und die bar⸗ bariſchen Rothhäute daraus verdrängt werden. Unſere Generation iſt freilich, dem Himmel ſei Dank da⸗ für, cultivirter als jene alten Pioniere, aber ſie hat doch gut gethan, das ihr von den rauhen Back⸗. woodsmännern und ihren intellectuellen Kindeskindern hinterlaſſene Erbtheil nicht zu vergeuden, den Unter⸗ nehmungsgeiſt, die Ausdauer, smartness und Unab⸗ hängigkeitsliebe! Dies Vermächtniß läßt die Union über jede Gefahr triumphiren und wird dereinſt allen Völkern der Erde zugute kommen! Sehen wir uns den Braven dort näher an, Sir!“ Alice lenkte ihr Pferd dem Treppenvorbaue zu, deſſen kleine, mit einem Geländer eingerahmte Platt⸗ form das Dach bildete, unter welchem der alte John im Schatten ſaß. Die ſchlanke New⸗Yorkerin ſchwang ſich ohne Beihülfe aus dem Sattel, knüpfte den Zaum ihres Renners, ohne ein Wort zu verlieren, an den nächſten freiſtehenden Pfoſten der Treppe und trat zu Burns, der jede ihrer Bewegungen ſchweigend und mit der Gelaſſenheit eines Nankee beobachtet hatte. Nun die Dame ſich ihm aber näherte, angelte er nach einer Krücke, um ſich von ſeinem wurmſtichigen Schaukelſtuhle zu erheben. In den Vereinigten Staaten herrſcht ein Frauencultus, wie ihn kein anderes Land . 125 der Erde kennt, auch nicht das galante Frankreich, das für ſeine Mädchen und Frauen wohl ſchöne Phraſen hat, aber ſie auch zugleich zu Sklavinnen der Arbeit macht. Eine wahrhaft ritterliche Courtoiſie erweiſt dem weiblichen Geſchlechte nur der YNankee, und die Geſetze der Höflichkeit gegen daſſelbe kennt und befolgt die Jugend und das Alter, der Reiche wie der Arme. Vom Holzhacker bis zum Präſidenten weiß Jeder, was er den Ladies ſchuldig iſt. Drum ſuchte auch der gute, ehrliche alte John ſich aufzukrabbeln. Alice aber nöthigte ihn, in ſeinem Schaukelſtuhl zu bleiben. „Sir“, ſagte ſie,„ich will Sie nicht beläſtigen, aber ich kann nicht umhin, einem alten Manne die Hand zu drücken, der mit dem jüngſten und kühnſten auf dem Felde der Ehre gewetteifert hat!“ John Burns verzog keine Miene, während er ſich geduldig die Hand ſchütteln ließ. „Wellé, meinte er trocken,„unſere Inſtitutionen be⸗ ſitzen die Eigenſchaft, daß ſie die Alten verjüngen, die für ſie fechten!“ „Und aus der Jugend wehrhafte Männer machen!“ ergänzte Alice lächelnd. „Und aus den Weibern Heldinnen und aufopfernde Engel, dürfen Sie noch hinzufügen, denn mich ſoll Gott 126 verdammen, wenn's nicht ſo iſt und eben deshalb ſo iſt, weil eine freie Nation Alles für die Bürgſchaft ihrer Freiheit einſetzt!“ „Wohl geſprochen, Burns“ rief jetzt Richard, ſprang vom Pferde und that, was Alice zuvor gethan, er band ſein Roß an und drückte dem tapfern John die Hand. Der Alte faßte jetzt erſt den Reiter ſchärfer ins Auge. „Aye“, ſagte er,„ſind Sie nicht der junge Deutſche, der in vergangener Woche hier vorſprach, mit dem alten Gentleman, dem— aus Pittsburg?“ „Richtig, und hier bringe ich Euch ſeine Nichte, die ſo gut wie alle Braven der Union bei Gettysburg den Kugeln der Rebellen Trotz geboten hat und im Heer⸗ lager des Feindes wohl noch Kühneres vollbrachte!“ Der alte John Burns ward in ſeinem Schaukel⸗ ſtuhle länger und breiter. Seine Augen blitzten auf Alice. „Well«, begann er nach kurzer Pauſe,„da ſind Sie Miß Palmer!“ „Ja, Sir!“ „Soll mich Gott verdammen, nichts für ungut, Miß, wenn jetzt nicht das Händeſchütteln an mir iſt!“ Und der alte Mann griff mit ſeinen derben Fäuſten 127 nach der zarten Rechten der jungen New⸗Yorkerin, die ſie ihm lächelnd überließ. „Der Onkel hat Ihnen alſo von unſern Irrfahrten und Abenteuern erzählt?“ „Meine Ohren ſollen verdammt ſein, mit Ihrer Erlaubniß, hat der alte Gentleman auch nur zehn Worte geſprochen. Muß etwas bärbeißiger Natur ſein.“ Alice lachte. „Aber ich will mich verurtheilen laſſen, den ſpindel⸗ beinigen Jeff Davis zu küſſen, den ich lieber heute als morgen hängen ſehen möchte, wenn ich nicht längſt aus Zeitungen und dem Gerede der Leute weiß, wer Miß Palmer iſt und wie viel ſie uns werth ſein muß!“ fuhr der alte John mit Wärme fort.„He, mein Junge“, rief er einem Burſchen zu, der mit offenem Maule in der Nähe ſtand,„ſei ſo gut, klappe Dein Speiſewerk⸗ zeug zu, bringe uns zwei Stühle aus dem Hauſe und ſetze dann Deine Spazierhölzer nach einer andern Gegend in Bewegung! Aye, aye, möchte aber doch von Ihnen ſelber hören, Miß, wie ſich das Alles mit Ihnen zugetragen hat, falls das nicht zu viel verlangt iſt!“ „Gut, Sir! Aber dann iſt die Reihe des Erzählens an Ihnen!“ „Well, Miß. Sie wiſſen übrigens beſſer, was in und um Gettysburg geſchah, Sie waren ja auch dabei. 128 Aber von Anno Vierzehn und dem glorreichen achten Ja⸗ nuar 1815, an dem Jackſon bei New⸗Orleans mit 6000 Milizen die 15,000 Engländer in die Flucht jagte, weiß ich noch Allerlei zu plaudern, was in den Ge⸗ ſchichtsbüchern nicht aufgezeichnet ſteht und Sie nicht wiſſen können, denn da war ich wohl von uns beiden allein dabei!“ Der alte John blinzelte ſchelmiſch. Nun kam der Burſche, brachte die Stühle und zog getreulich ab. Alice und Richard aber ſetzten ſich zu dem ehrlichen Veteranen. Eine Stunde war raſch dahin, dann folgten herz⸗ haftes Händeſchütteln und Abſchied. 4 Der nächſte Beſuch galt den unanſehnlichen Farmer⸗ hütten, in denen Meade und Lee in den Tagen von Gettysburg ihr Hauptquartier aufgeſchlagen hatten. Dann ritten ſie zu dem Weizenfelde, in welchem Reynolds gefallen war, und zu der Scheune, in der er ſeinen letzten Athemzug verhaucht hatte. Und nun trabten ſie hügelan, zu dem zerſchoſſenen Thore des Friedhofs, um den am letzten Schlacht⸗ tage der heißeſte, aber auch entſcheidendſte Kampf ent⸗ brannt war. Sie ſtiegen an dem Thore ab, überließen einem Bur⸗ ſchen die Pferde und betraten in tief ernſter Stimmung 129 die denkwürdige, durch den mörderiſchen Bruderkampf entheiligte Stätte. Hier hatte bisher ſo gut wie nichts geſchehen kön⸗ nen, die Spuren der Vernichtung auszulöſchen; mußten doch die Lebenden vorerſt für ſich ſelber und ihre eige⸗ nen Wohnungen ſorgen, bevor ſie daran denken konnten, der Stadt der Todten das alte freundliche Ausſehen wiederzugeben. So fanden denn Alice und Richard, wohin ſie auch blicken mochten, zerſchlagene Denkmäler, wie vom Blitz zerſplitterte Ulmen und Cypreſſen, zerwühlte Pfade und Raſenhügel, niedergetretenes Buſchwerk, umgeſtürzte Urnen, jeder Gegenſtand die Spuren der Geſchoſſe tra⸗ gend, welche die Batterien der Süder hierher geſchleu⸗ dert hatten, des wilden, verzweifelten Handgemenges, das ſeinen Schauplatz bis in die Heimat des Friedens und der ewigen Ruhe verpflanzt. Die Mauer des Kirch⸗ hofs glich jetzt einem zertrümmerten Feſtungswalle um ſo mehr, als halbverſchüttete Laufgräben, durchbrochene und pulvergeſchwärzte Paliſſaden da und dort trüb⸗ ſelig zwiſchen den Lücken der Einfriedung ſichtbar wurden.. Das jugendliche Paar ſchritt ſchweigſam weiter und gelangte zu einer öden Fläche, wo rings friſch aufgeworfene Erde ein Rieſengrab verkündete, wenn⸗ Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 9 130 gleich noch kein Liebeszeichen meldete, welch tiefe Be⸗ deutung dieſe melancholiſche, von düſterem Buſchwerk umrankte Stätte für die Union habe. Unter den Erdſchollen aber, die den weiten Platz wie ein umgeackertes Kornfeld erſcheinen ließen, ruhten alle jene Tapfern, die für eine ruhmwürdige Sache ge⸗ kämpft hatten und gefallen waren. Hier lagen ſie ohne Unterſchied neben einander, die Männer von Neu⸗Eng⸗ land, von den großen Seen des Nordens, von Ohio, Indiana, Illinois, Miſſouri, von all den Staaten, die treu zur Union gehalten hatten, und wie ſie als Brü⸗ der gemeinſam für eine große Idee ihr Leben verblutet, ſo ſollten ſie auch gemeinſam neben einander ſchlum⸗ mern, den Schlaf der Gerechten und Helden, ſollten gemeinſam für alle Zeiten die Stätte heiligen, wo Bürgerſinn und Vaterlandsliebe den Sieg über einen brutalen Vandalismus davongetragen. Wie manche Thräne mochte im weiten Norden, von Californiens Geſtaden bis zum Atlantiſchen Ocean, um theure Todte fließen, die hier ruhten, wo gab es nicht ſo manche Familie, die eine ihrer ſchönſten Hoffnungen hier eingeſenkt wußte, wo gab es aber unter den Mil⸗ lionen Herzen auch nur eins, in dem die blutige Saat, welche hier geſäet worden, nicht auferſtanden wäre als begeiſterungsvolle Mahnung, für die Freiheit und Ci⸗ — — 131 viliſation einzuſtehen mit allem Todesmuth eines reinen Patriotismus! Eine Botſchaft des Präſidenten hatte jetzt ſchon durch alle Länder des Nordens verkündigt, daß in nicht allzu ferner Zeit eine großartige Todtenfeier zugleich mit der neuen Einweihung des durch den Kampf ent⸗ heiligten Friedhofs hier ſtattfinden ſolle, und dann ge⸗ hörte dieſe Stätte, die jetzt ſo öde und traurig dalag, der ganzen Nation, dann war es gewiß, daß dieſe ſich hier einſtellen werde in ihren beſten Vertretern, die Trauerkränze und den Dank des ganzen Volkes an dem Rieſengrabe ſeiner tapfern Söhne niederzulegen, den unſcheinbaren Hügel von Gettysburg zu einem Pantheon zu weihen, wie es Waſhington's Haus der Union geworden iſt. Alice und Richard waren zu bewegt, als daß ſie an dieſer ernſten Stätte auch nur ein Wort hätten austauſchen können. Schweigſam, wie ſie gekommen waren, verließen ſie den Friedhof und ritten langſam und nachdenklich den Hügel hinab. Und erſt als ſie an dem Getreibe vorüberkamen, welches das Wiederherſtellen der zur Central⸗Nordbahn laufenden Zweigbahn verurſachte, waren ſie wieder in der Stimmung, ein Geſpräch anzuknüpfen. „Dieſer Krieghat große Opfergefordert! ⸗begann ichard. 9⸗ 13²2 „ und wird noch größere fordern!“ entgegnete Alice ſeufzend.„Die Anhänger der Union frohlocken über den Erfolg bei Gettysburg, im Grunde iſt mit dieſem Siege aber nicht viel gewonnen, wenn es nicht unſern Generalen im Weſten gelingt, die Verbindung der dort operirenden Gegner mit den Oſtarmeen der Conföde⸗ rirten abzuſchneiden. Sind Sie nicht auch dieſer An⸗ ſicht, Sir?“ „Sie haben ganz Recht, Miß! Das Terrain, über welches ſich der Krieg ausgebreitet hat, iſt ein unge⸗ heures, der Gegner iſt nicht zu cerniren und ſo zu überwältigen; in Tenneſſee, Alabama, Georgia, Süd⸗ und Nord⸗Carolina ſtehen Rebellenheere, und wird der Feind in einem Staate geſchlagen, ſo erhebt er in dem andern deſto drohender ſein Haupt. Selbſt wenn Meade unternehmend genug ſein ſollte, nach dem Erfolge von Gettysburg direct auf Richmond loszugehen—“ „Das wird er nicht!“ „Nehmen wir den Fall an, er thäte es und die Potomac⸗Armee rückte ſiegreich in Richmond ein, was würde die Folge ſein? Daß die Rebellen Savannah oder eine andere Stadt zum Sitze der Regierung er⸗ klären würden; wer könnte ſie hindern, dies zu thun? Der Krieg aber wäre keineswegs entſchieden, ſo⸗ lange es nicht gelänge, einen Keil zwiſchen die Armeen 133 Bragg's, Joe Johnſton's und wie ſonſt noch die Re⸗ bellengenerale heißen mögen, und die Heeresmacht Lee's zu ſchieben.“ „Sich mit einem Worte der Städte Chattanooga, Atlanta, Mobile, Savannah zu bemächtigen, den Weg nach Südoſten frei zu machen, wie man New⸗Orleans, Vicksburg, Port Hudſon nehmen mußte, um die große Miſſiſſippi⸗Waſſerſtraße frei zu haben. Ganz recht, und ich zweifle nicht, daß Grant und Roſecrans ſchon jetzt darauf hinarbeiten und die unter ihnen Armeecorps befehligenden Generale, wie Sherman, Burnſide und andere, Alles daran ſetzen, durch Tenneſſee, Alabama und Georgia gegen Süden und Oſten vorzudringen. Aber es gibt dort von zahlloſen Schluchten durchfurchte Gebirge zu überſchreiten, namentlich in Nord⸗Georgia, außerdem decken die Rebellenheere die wichtigſten Punkte und Orte, und wahrlich, jener Feldherr, der es ver⸗ möchte, mit einem vollſtändigen Heere, ſchwerem Ge⸗ ſchütze und dem nöthigen Train ein ſo fabelhaftes Unternehmen auszuführen, würde Napoleon's geprieſe⸗ nen Zug über den St.⸗Bernhard faſt in den Schatten ſtellen!“ Richard ſann einige Augenblicke nach. „Es könnte das nur gelingen“, ſagte er dann,„wenn der betreffende General ſeine ſüdſtaatlichen Gegner über 134 ſein Vorhaben, das Ziel ſeiner Expedition täuſchte und ſie durch Scheinbewegungen kleinerer Truppenkörper an jene Punkte lockte, die zu umgehen in ſeinem In⸗ tereſſe liegen würde, um ſelber mit dem Gros der Armee, alle Bahnen hinter ſich zerſtörend und ſonſt jede militäriſche Vorſicht anwendend, ungehindert vor⸗ wärts dringen zu können. Es wäre das ohnehin auf jenem Terrain noch eine Rieſenaufgabe, wie ich aus den Landkarten ſchließe, welche ich über Georgia und Alabama ſtudirte.“ „Ah“, rief Alice lächelnd,„Sie ſind ohne Zweifel ſeit längerer Zeit unſer geheimer Verbündeter— auf dem Papiere!“ Richard erröthete. Die junge New⸗Yorkerin gewahtte es und ſetzte raſch hinzu:„Nehmen Sie das Wort harmloſer, als es klingen mag, Sir. Ich erinnere mich noch gar wohl jenes Geſprächs, das wir in Harpers Ferry geführt, und Ihres aufrichtigen Kummers darüber, an dem Kampfe nicht Theil nehmen zu können; ich war weit ent⸗ fernt, Sie kränken zu wollen! Und ich finde es natür⸗ lich, daß ein Mann wie Sie, ein ehemaliger Genie⸗ offizier, nicht umhin kann, mit ſcharfem Blicke den Bewegungen der Heere auf der Karte zu folgen und ſeine eigenen fachlichen Combinationen daran zu knü⸗ 135 pfen, wenn er auch nicht in der Lage ſein mag, ſein Talent und ſeine Erfahrungen der Partei zu widmen, für die er ſich begeiſtert.“ „Miß Palmer“, antwortete Richard bewegt,„Sie wiſſen, ich war nicht frei, als ich vor drei Monaten die Männer der Union ſich zur Wiederaufnahme des Kampfes begeiſtert um das Sternenbanner der Union ſchaaren und ſo manchen meiner Landsleute ſich ihnen freudig anſchließen ſah, ich bin es auch nicht eher, als bis ich die Miſſion erfüllt haben werde, welche mir im Intereſſe der Meinen obliegt. Dann aber bindet mich nichts mehr, werde ich den Zügen der Unioniſten nicht mehr thatenlos und kritiſirend auf dem Papiere folgen, ſondern mich um die Ehre bewerben, mitkämpfen zu dürfen in ihren Reihen. Nur deshalb wies ich den Vorſchlag meines Schwagers, die Fabrik zu über⸗ nehmen, unter allerlei Vorwänden zurück. In zwei Monaten iſt meine Schweſter Hedwig an den wackern Jakob Leuthold vermählt, wird Agnes an der Seite ihres geneſenen Gatten, ihres natürlichen Beſchützers, in der neuen Heimat am Hudſon und fern vom Getümmel des Kriegs meiner nicht mehr bedürfen. Bis dahin muß ich noch den Wunſch meines Herzens niederkämpfen, der— ich geſtand es Ihnen ſchon am Vorabende unſeres Scheidens— mir manche ſchwere Stunde bereitet hat, 136 ſeit ich in der Union weile. Und mag auch Lovett's Gattin, die mich einſt in einer ſolchen Stunde der Ent⸗ muthigung überraſchte, von mir wähnen, daß nur die Ehrſucht mich in den Kampf dränge, möge auch der amerikaniſche Bürger an den Enthuſiasmus des Fremd⸗ lings nicht glauben und ihn die Verwegenheit des abenteuernden Landsknechts heißen, mein Blut wird, falle ich, nichtsdeſtoweniger für die Sache der Freiheit und Civiliſation fließen, und will es der Himmel, daß ich das Loos jener Braven von Gettysburg, an deren Grab wir ſo eben noch ſtanden, nicht theile, nun dann— dann hoffe ich zu Gott, mir mein Bürgerrecht ehrlich erkämpft zu haben! Miß Palmer, Sie boten mir einſt Kriegskameradſchaft an— nehmen Sie Ihr Wort nicht zurück?“ Der Blick der ſchönen New⸗Yorkerin blitzte eigen⸗ thümlich, als ſie ihn auf den jungen Deutſchen richtete. „Hier meine Hand, Sir!“ ſagte ſie leicht erröthend, indem ſie ihm ihre zarte Rechte hinhielt, die er lebhaft drückte.„Ich wußge es ja längſt, daß der Löwe nicht von ſeiner Art laſſen kann und eine Soldatennatur nur gezwungen dem Gotte Merkur dient. Aber leider“, fügte ſie beinahe traurig lächelnd hinzu, ſind wir im Begriff, die Rollen zu wechſeln, wird es mit unſerer 137 Kameradſchaft übel ſtehen, denn während Sie thaten⸗ durſtig durch Feld und Wald ſchweifen, ſich friſche Lor⸗ beeren holen, muß ich daheim auf den meinigen ruhen, die bald verwelkt ſein werden. Doch nur Geduld. Kann ich auch in Tenneſſee und Georgia vor der Hand nichts ausrichten, ſo wird doch meine Zeit wiederkommen, in der ich meinem Vaterlande nützen mag. Alice Palmer verſäumt ſie nicht!“. „Und darf ich jetzt ſchon an unſere künftige Kriegs⸗ kameradſchaft appelliren? Werden Sie mir eine Bitte gewähren?“ „Reden Sie!“ „Wir ſtanden heute an einem noch verödeten Grabe, von gleichen Empfindungen der Trauer beſeelt. Man wird dieſes Heldengrab ſchmücken, weihen, vielleicht noch in die⸗ ſem, vielleicht erſt im künftigen Jahre, dann aber werden jene, die es umſtehen, ihre Herzen von patriotiſcher Begei⸗ ſterung durchglüht und gehoben fühlen, dann wird der Glo⸗ rienſchein, der die geheiligte Stätte umgibt, auch die Ge⸗ müther jener entflammen und ihnen die Weihe zu küh⸗ nen Thaten geben. Wo ich auch weilen möge, wenn ich überhaupt noch unter Menſchen wandle oder nicht in einem ſüdſtaatlichen Kerker verkomme, will ich mich frei zu machen ſuchen, ſei es auch nur auf wenige Tage, werde ich hierher eilen, zur Heldenfeier nach 138 Gettysburg, von jener Weihe mein Theil zu empfan⸗ gen. Wird Miß Palmer dann unter den Patrioten fehlen? Darf ich Sie noch einmal hier wiederſehen?“ In den dunklen Augen der ſchönen Alice ſchien eine Thräne zu funkeln. „Ich werde kommen!“ hauchte ſie. Die Weichheit, mit der ſie dies ſagte, berührte Ri⸗ chard's entſagendes Gemüth wunderſam. Erhellte ein roſiger Hoffnungsſtrahl die Nacht ſeines Herzens? Im nächſten Moment trieb Alice haſtig ihren Ren⸗ ner an.. „Vergeſſen Sie nicht, Sir“, ſagte ſie raſch, ohne ihren Gefährten anzublicken,„daß wir noch vor Abend in der Farm ſein müſſen!! Wie die Windsbraut jagte das Paar über die Fel⸗ der hin. Sechstes Kapitel. Wenn man in New⸗York über den Broadway ſchlendert, wo ein glänzender Verkaufsladen ſich an den andern reiht, prächtige Magazine, ſtattliche Hotels und elegante Auſternkeller den Blick auf ſich lenken, ein wahrhaftes Heer von Equipagen, Omnibus und ſon⸗ ſtigen Fuhrwerken raſtlos hin und her rollt, auf den breiten Trottoirs die eleganten Beaus ſich umhertreiben, die Ladies dahinrauſchen, um ihre Shopping⸗Gänge abzuthun, Agenten, Clerks, Geſchäftsleute, Arbeiter, Fremde aus allen Welttheilen einander drängen, mit bunten Reclammekaſten behängte, abenteuerliche Geſtalten gravitätiſch einherſchreiten, Rowdies und Loafer an den Straßenecken lungern, die Häuſer bis unters Dach mit Aushängeſchildern und die Seitenwände mit rieſigen 140 Ankündigungen bedeckt ſind, auf denen ellenlange Buch⸗ ſtaben prangen, die Zeitungsjungen umherſchießen, ganze Auswanderertrupps mit Weib und Kind gaffend den Weg verſperren, wo mit einem Wort der lärmende Trubel einer Welthandelsſtadt ſich bei Tag und Nacht in Permanenz erklärt hat, dann iſt man nach ſtunden⸗ langem Umherſtreifen endlich froh, in eine der minder geräuſchvollen Straßen tauchen zu können, der minder geräuſchvollen, denn völlig ſtille Gaſſen dürfte es kaum in New⸗York geben. Der untere Theil der Stadt iſt vom Hafen⸗, Geſchäfts⸗ und Auswanderertreiben erfüllt, das Viertel Five Points und ein Theil der East- river-Seite beherbergt eine lärmende Pöbelſorte, ein Contingent von Trunkenbolden und Verdächtigen, wie außer New⸗York nur noch London aufzuweiſen hat, und ſelbſt die obere Stadt mit ihrer eleganten Fifth Avenue, den weiter hinauf liegenden Paläſten und dem jährlich mehr um ſich greifenden Häuſermeere bietet keine eigentliche Ruhe. Factoreien und See⸗ handelsetabliſſements mit rauchenden Schloten und klappernden Dampfmaſchinen verkünden überall ſelbſt noch in weiter Ferne ihre geräuſchvolle Exiſtenz. Eine verhältnißmäßig ruhige Straße iſt die kleine Amity⸗Street in der Nähe des Broadway und des Waſhington⸗Square; zu ihr müſſen wir uns jetzt wen⸗ 141 den, denn wir haben das Boarding⸗Houſe der Miſtreß Thornton aufzuſuchen, der Wittwe des tapfern Majors, welcher in der Schlacht bei Chancellorsville auf dem Hügel nächſt Fredericksburg in den Armen des Doctors Arnau verſchieden war, kurz bevor dieſer von den Con⸗ föderirten zum Gefangenen gemacht wurde. Das Boarding⸗Houſe der Miſtreß Thornton liegt faſt an einer Ecke, welche die Laurens⸗ und Amity⸗ Street bilden, es iſt nur zweiſtöckig und ſchmal, aber es zeichnet ſich durch große Nettigkeit aus; Jalouſien und Hausthür ſind friſch angeſtrichen, die Fenſter ſpie⸗ gelblank und groß, ſchneeweiße Vorhänge zeigen ſich⸗ dahinter, eine kleine, ſauber gehaltene, mit einem Eiſen⸗ geländer verſehene Steintreppe führt zu dem Eingange, wo die meſſingenen Thürdrücker wie californiſches Gold blitzen. Schon beim Eintritte in das Haus ge⸗ wahrt man, daß hier Alles in größter Ordnung gehalten wird und die Landlady eine ſehr umſichtige Dame ſein muß. Flur und Treppen ſind ſorgfältig mit hübſchen Teppichen belegt, und hat man Gelegenheit, weiter vor⸗ zudringen, ſo findet man Parlors, Speiſezimmer, dra- wing-room, Erdgeſchoß, Küche, mit einem Wort das ganze Um und An des Thornton'ſchen Logirhauſes ſo behaglich, elegant und rein, daß man ſich verſucht fühlt zu glauben, es ſei die kleine Reſidenz einer behäbig 142 lebenden Familie, deren Haupt ſich mit einer anſehn⸗ lichen Rente von den Geſchäften zurückgezogen. Dieſe Gelegenheit aber, das ganze Boarding⸗Houſe beſichti⸗ gen zu können, dürfte ſich ſchwerlich einſtellen, denn immer ſind dort alle Wohnzimmer beſetzt; Miſtreß Thornton's Haus hat einen gewiſſen Ruf, ihre Küche einen noch gewiſſern, und da die gute Lady keine große Zahl von Leuten bei ſich aufnehmen kann, ſo iſt ſie nie um borders oder Koſtgänger verlegen. Die erſte Hälfte des Monats September war ſchon vorüber. In den Vereinigten Staaten pflegt man die ſchönſte Herbſtzeit Indian summer zu nennen, wir bezeichnen dieſe Zeit etwas minder romantiſch als Altenweiberſommer; es läßt ſich übrigens auch der Herbſt Europas nur ſelten mit demjenigen Nordameri⸗ kas vergleichen, ſo viel lieblicher, wolluſtathmender, er⸗ quickender iſt dieſer im Vergleich zu jenem. In der Weltſtadt New⸗York mit ihrem ewigen Qualm und Dunſt merkt man freilich kaum den Wechſel der Jahres⸗ zeiten, ſie behält faſt immer die gleiche Phyſiognomie und Atmoſphäre. Und ſo iſt es auch mit dem Treiben dort. Im Juli 1863 hatte dieſe Phyſiognomie vor⸗ übergehend freilich einen andern Charakter angenom⸗ men; wie ſchon früher angedeutet, war der ſüße Pöbel, aufgehetzt durch Demokratenumtriebe, rebelliſch geworden 143 und hatte, die bei ihm mißliebige, durch Lincoln decre⸗ tirte Conſcription zum Vorwand nehmend, beinahe eine Woche hindurch den Herrn geſpielt. Bei dieſer Gele⸗ genheit waren alle Geſchäfte ins Stocken gerathen, hatten die gorillas das Waiſenhaus der Farbigen, das Office des Provoſt⸗Marſchalls und dasjenige des Jour⸗ nals Tribune, die Negerquartiere in der Sullivanſtraße und anderswo zerſtört, Geſchäftslokale geplündert, na⸗ mentlich in der zweiten Avenue, Nigger erſchoſſen und aufgehängt und ſich ſelbſt an Weißen vergriffen, wie das entſetzliche Ende des Oberſten O'Brien bezeugt, der buchſtäblich vom Mob geſteinigt und dann an einem Strick, den man ihm um den Hals gelegt, durch den Straßenkoth gezerrt ward. Nur mit äußerſter Energie, die der ſehr ſchlecht unioniſtiſch geſinnte, gleißneriſche Gouverneur Seymour während des Aufſtandes abſichtlich nicht gezeigt, hatte man den Aufſtand unterdrückt und erſt einen Monat ſpäter unter dem Schutze der Bajo⸗ nette und Kanonen die ſiſtirte Conſcription wieder auf⸗ genommen und glücklich beendet, dann war wieder Alles ins alte Gleis gekommen. Und ſo ſah auch jetzt das Geld machende New⸗York ſo geſchäftig und friedlich aus, als ob ſo etwas wie ein Bürgerkrieg gar nicht vorhanden ſei; man ward höchſtens daran durch häufiger als ehemals auftauchende 144 Uniformen erinnert, namentlich durch arme verwundete Unionsſoldaten, welche da und dort an Krücken hinkten oder einen leeren Rockärmel, zu dem der Arm fehlte, an die Bruſt geheftet trugen. Es war in der ſechsten Nachmittagsſtunde, als ſich eines Tages ein junger Mann durch das buntſcheckige Gewimmel wand, das auf dem Broadway herrſchte, und in die Amity⸗Street einbog. Er trug den dunkelblauen Rock der Armeeärzte. Die ſcharf markirten, hübſchen Züge des blonden Herrn waren ein wenig gelblichblaß und abgeſpannt, ſie lie⸗ ßen erkennen, daß ihr Eigenthümer von Fieberanfällen mochte gelitten haben; er fühlte ſich wohl noch jetzt nicht ganz kräftig, denn obgleich ſein Gang ziemlich leicht und ſicher war, ſtützte er ſich doch auf einen Stock. Nun erreichte er das Boarding⸗Houſe der Miſtreß Thornton und trat, ſchwer aufathmend, dort ein. In dem Augenblicke, als er in den Flur gelangte, ſchlüpfte ein Negermädchen die Treppe hinauf, welche zum Souterrain und der Küche führte. Die kleine Zofe ließ neugierig und verwundert die großen Augen rollen und fragte im verdorbenſten Ne⸗ gerengliſch nach dem Begehr des„Gemman“. „Wohnt hier Mr. Erlenbach? Und iſt er zu Hauſe?“ fragte der Herr. ⸗ „Wird ſchon zu Haus ſein, Sar“, antwortete die Schwarze zungenfertig,„weil alle zu Haus ſind, Ladies und Gemmen, weil gerade geſpeiſet haben, aber ob Gemman, den Sie meinen, hier wohnt“, fügte die Kleine ſehr ernſthaft hinzu,„das kann Nora nich ſagen! Hab den Namen nich gehört, nebba, Sar!“ „Aber er iſt ein Deutſcher und von Pennſylvania gekommen!“ „Aye, der Dutchman!*) Well, das is Mr. Ri⸗ chard—“ „Ganz recht, Richard Erlenbach! Führe mich auf ſein Zimmer, oder rufe ihn heraus, wenn er ſich noch im drawing-room befindet, kleiner ſchwarzer Satan!“ Nora warf die dicke Unterlippe ſchnippiſch auf. „Well, Sar“, antwortete ſie ſpitzig,„ſchwarze Sa⸗ tan is ſo gut wie weiße Satan und beſſer als gelbe copperhead mit Talggeſicht.“ Dieſes Compliment, das ſich jedenfalls auf die Fieberbläſſe des Herrn bezog, ward von dieſem lächelnd aufgenommen. Er erwiderte der kleinen, für ihre Bürger⸗ rechte eintretenden Niggerin:„Gut, Miß Schwarz oder Helldunkel, an meinem Rock werden Sie ſehen, daß ich *) In der Union nennt man den Deutſchen häufig Dutchman, Holländer, was aber meiſtens in wegwerfendem Sinne geſchieht. Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 10 ſo gut Bolitionis bin wie Old Abe in Waſhington, Sie werden daher Ihre Eigenſchaft als Staatsbürgerin nicht herabſetzen, wenn Sie mich ſofort zu Mr. Er⸗ lenbach führen!“ Die kleine Niggerin, welche keinen Spaß zu ver⸗ ſtehen ſchien, ſchleuderte einen boshaften Blick auf den Fremden und war im Begriff, ſich verächtlich abzu⸗ wenden, um wieder dorthin zu ſchlüpfen, woher ſie gekommen, als ſich ihr zur Seite eine Thür aufthat. Eine dicke Dame erſchien. Sie war in vollſtändiger Trauer, machte aber trotzdem nicht den Eindruck einer ſchmerzerfüllten Niobe, denn dazu war ihr kugelrundes, fettglänzendes Geſicht mit den kleinen Blinzelaugen und 5 dem doppelten Unterkinn viel zu materiell beſchaffen, auch zeigte es ein ſo joviales Gepräge, daß man dar⸗ über unbedingt die düſtere Staffage vergeſſen mußte, mit der die Lady das Uebrige ihrer werthen, umfang⸗ reichen Perſönlichkeit ausgeſtattet hatte. Dieſes Antlitz, das in der Farbe zwiſchen dem Teint eines Leu tkäfers und demjenigen eines rothgeſottenen Krebſes ſchwankte, war mit all ſeiner Bonhommie und Gaenüthlichkeit doch eine unbewußte Ironie auf das, was man ein tiefes, unſagliches Herzeleid nennt, und ſo glich es denn dem Vollmonde, der aus einer ſchwarzen Wolke recht freundlich hervorblinzelt und zu ſagen ſcheink: Wartet 147⁷ nur ein wenig, ich werde gleich den Himmel ſo indigo⸗ blau machen, daß es eine Freude ſein ſoll! Solche brave dicke Leute ſind vielleicht fähig, ſo tief einen Seelenſchmerz zu fühlen wie nur irgend einer, aber ihre Fettpolſterwangen haben nicht das Ge⸗ ſchick, das Empfundene zu Tage zu fördern, und man darf nicht auf Gefühlloſigkeit bei denen ſchließen, auf welche Ereigniſſe, die Andere körperlich herabſtimmen, eine Speck anſetzende Wirkung zu üben ſcheinen. Die Lady hatte nicht ſobald den Fremden erblickt, als ſie laut aufſchrie:„Seh' ich recht, Doctor Arnau!“ Bevor dieſer noch antworten konnte, ſtürzte die ehrenwerthe Dame mit der Geſchwindigkeit und auch der Schwere einer Locomotive vor, erfaßte beide Hände des Doctors und ſchüttelte ſie. Dann machte ſie mit bewunderungswürdiger Vehemenz eine Schwenkung zur ſo eben verlaſſenen Schwelle und rief in das Zim⸗ mer hinein:„Edith, Cdith, der Doctor iſt wieder da, Doctor Arnau!“ Und nun ward die Schwenkung wiederholt, aber diesmal nach Nordweſten, wo der Doctor ſtand; auch eine zweite ſchwere Attake folgte, von dem halberſtickten Ausruf begleitet:„Sie leben alſo, Doctor, Sie ſind nicht verhungert, unerhört, aber ſo mager! Jeſus! O dieſe Seceſſioniſten! Edith, ſieh ihn Dir nur an! Ich 10* 148 bin entzückt, Doctor, daß Sie wenigſtens leben. Ach Gott, mein armer Thornton, er iſt nicht ſo gut weg⸗ gekommen, aber konnte es denn anders ſein, er war immer ſo hitzig!“ Die Lady konnte nicht weiter reden, ſie begann heftig zu ſchluchzen und zugleich ſtürzte ein ſolcher Thränenſpringquell über ihre umfangreichen Wangen, daß es unſtreitig zum Verwundern war, wie ſo kleine Augen ſo viel Waſſer hatten beherbergen können. Für einen Phyſiognomiker wäre übrigens der Umſtand noch merkwürdiger geweſen, daß ſelbſt der unerwartet her⸗ vorbrechende Schmerz nicht vermochte, den Zügen der Miſtreß Thornton auch nur ein Atom jener Jovialität zu rauben, welche dort ihre Verſteinerung oder richtiger geſagt ihre unwandelbare Incarnation gefunden hatte. Arnau blickte ſie voll herzlicher Theilnahme an⸗ Die dicke Lady hatte ihm ja einſt eine geradezu mütter⸗ liche Sorgfalt zugewendet, als er noch ein armer Ein⸗ gewanderter war, und der ſelige Thornton ihn uneigen⸗ nützig in ſein Boarding⸗Houſe aufgenommen. „Ihr Gatte ſtarb als ein Held“, ſagte er weich, „als ein echter Patriot, der er immer geweſen!“ „Gewiß war er das!“ ſchluchzte die Dame. „Und Sie wiſſen die nähern Umſtände ſeines Todes?“ „Nichts weiß ich, als was in der Armeeliſte ſtand! 149 Und da war auch Ihr Name unter den Gefangenen und Vermißten angeführt.“ „Thornton ſtarb in meinen Armen, er wollte den Schimpf nicht überleben, vor den Feinden zurückweichen zu müſſen!“ „Ja, er war ſtarrköpfig wie ein echter Kentuckier“, ſchluchzte Miſtreß Thornton,„aber immer nur wenn er Recht hatte, das muß man ihm nachrühmen, und er hatte auch in dieſem Falle Recht, Sir, ich ſag' es, ſo ſehr es mir an das Herz greift!“ „Er trug mir auf, Ihnen und Edith ſeine letzten Grüße zu bringen. Ich konnte mich dieſes Auftrags nicht früher als jetzt entledigen, wie Sie begreifen; man riß mich von der Leiche meines ehemaligen Wohl⸗ thäters in die Gefangenſchaft!“ Miſtreß Thornton wiſchte ſich mit einem Tuche die Thränen von den Wangen. „Ich bin eine alte Frau“, ſagte ſie,„Niemand darf daran Anſtoß nehmen, wenn ich Sie umarme. Darf ich, Mr. Albert?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, ſchob ſie ihre Arme um den Hals des jungen Deutſchen und gab ihm einen Kuß, der ganz im Verhältniß zu ihrer wuchtigen Leibes⸗ beſchaffenheit ſtand. In dieſem Augenblick erſchien auch Edith. Sie war 150 ein ſchlankes, ſchönes Mädchen und trug natürlich tiefe Trauer wie ihre Mutter. Das ſanfte Antlitz der Miß Edith war ſehr bleich und der ſchwarze Anzug hob dieſe Bläſſe noch mehr hervor. In den anmuthigen Zügen, den dunkeln Augen, ja in der ganzen Haltung lag eine gewiſſe kummervolle Reſignation, welche Arnau, der ſich nun aus der Umarmung losmachte, früher nicht an dem Mädchen bemerkt hatte. Edith näherte ſich ihm mit einem ſchwermüthigen Lächeln und reichte ihm die Hand. „Was ſehe ich!“ rief Arnau beſorgt, noch ehe ſie ſprechen konnte.„Waren Sie krank, Edith?“ Eine fliegende Röthe ſtieg momentan in die Wangen des Mädchens und verſchwand wieder ebenſo raſch. Sie ſenkte den Blick. „Es hat nichts auf ſich, ſie iſt geſund!“ fiel Miſtreß Thornton haſtig ein.„Edith, mein Kind“, fuhr ſie zärtlich und bewegt fort,„Mr. Albert bringt uns die letzten Grüße des Vaters, er hat ihm die Augen zugedrückt, er blieb an ſeiner Seite, bis man ihn ge⸗ fangen nahm!“ Edith ſchaute zu dem jungen Militärarzte auf; in ihrem Blicke lag eine rührende Dankbarkeit. „Gott ſegne Sie!“ ſagte ſie.„Aber Himmel“ fuhr ſie lebhaft fort, die Züge Arnau's prüfend,„Sie ſind krank!“ 151 „Ich habe das Fieber“, verſetzte er lächelnd;„ich zog es mir in den Sümpfen Süd⸗Carolinas zu, wäh⸗ rend meiner Flucht’! „Flucht! Ah, Sie wurden nicht ausgewechſelt?“ rief Miſtreß Thornton erſtaunt.„Mein Gott, Sie müſſen uns Alles erzählen, Alles!“ Während dieſe Worte ausgetauſcht wurden, waren an der halbgeöffneten Thür des drawing-room die Köpfe einiger alten und jungen Ladies und Herren erſchienen Edith warf einen flüchtigen Blick auf die neugieri⸗ gen Koſtgänger und ſagte dann raſch:„Aber, Mutter, der Doctor iſt leidend und Sie laſſen ihn hier ſtehen!“ Den Lippen der Miſtreß Thornton, deren Ideenwelt jetzt eine andere Richtung nahm, entquoll eine Flut von Entſchuldigungen. Sie ſtürmte einer andern Thür zu, welche zu ihrem Privat⸗Parlor führte, und nöthigte den Doctor, dort einzutreten. Arnau zögerte. „Ich hatte die Abſicht, Mr. Erlenbach zu beſuchen, der bei Ihnen wohnt!“ ſagte er. „Ah, und Sie wären erſt hinterher zu uns gekom⸗ men, das iſt ſchön!“ „Ja, Miſtreß Thornton, denn ich wollte vorher 152 durch ihn erfahren, ob es nicht nöthig, Sie auf mein Erſcheinen und meine Mittheilungen vorzubereiten.“ „Ach, Doctor, eine Patriotin muß in dieſer trauri⸗ gen Zeit auf Alles gefaßt ſein! Haben Sie mit dem Herrn noch ſonſt zu ſprechen?“ „Ja, ich komme von ſeinem Schwager, dem General Lovett, der ſeit einigen Tagen am Hudſon wohnt.“ „Ich weiß, in der Villa, welche Mr. Erlenbach für ihn gekauft und eingerichtet hat. Armer General, hat den rechten Arm verloren, las es in der Zeitung und hat mir auch Mr. Erlenbach geſagt. Sehr netter junger Mann das, wohnt ſchon faſt zwei Monate hier, kam auf Empfehlung des Generals, der mit meinem Mann ja ſo gut war. Und iſt hier gern bei uns, der junge Herr, und hat auch nicht ausziehen wollen, zu den Lovetts in die Villa, wie der General es wünſchte. Verlohnte ſich freilich auch nicht der Mühe, denn mor⸗ gen reiſt er ja ſchon. Aber Doctor, kommen Sie doch, Sie ſehen wirklich blaß aus, und wenn es Ihnen recht iſt, ſo laſſe ich Mr. Erlenbach, der auf ſeinem Zim⸗ mer iſt, herunterrufen.“ „Thun Sie das!“ verſetzte Arnau. Während Sdith und der Doctor in das Wohnzimmer der Miſtreß Thornton traten, gab dieſe der Negerin Nora, die noch immer am Treppengeländer des Sou⸗ — 153 terrains lehnte, die Weiſung, den jungen Dutchman davon zu benachrichtigen, daß ihn ein Herr im Parlor der Lady erwarte. Das kleine Niggermädchen flog die Treppe hinauf, die würdige Dame aber folgte ihrem Gaſte. Dieſer ſaß bereits in einem Schaukelſtuhle und die blaſſe Edith ihm gegenüber auf dem Sopha. Die hübſche Miß war kaum ſiebzehn Jahre alt und Arnau hatte ſie ſchon als zwölfjähriges Mädchen gekannt, es herrſchte alſo eine Vertraulichkeit zwiſchen ihnen; aber jetzt fand Arnau ſie beinahe ſcheu und wortkarg, wenig⸗ ſtens gab ſie auf ſeine Fragen faſt verlegene Antworten. Rief er ſich dazu ins Gedächtniß, daß Edith noch vor Jahr und Tag gleich einer Roſe geblüht, während jetzt ihre Wangen fahl waren, ſo mußte er unwillkürlich den Kopf ſchütteln. Hatte der Tod des Vaters ihre Geſundheit angegriffen? Gewiß, aber es ſchien noch ein anderer Umſtand das Gemüth des Mädchens ver⸗ ſtört zu haben. Miſtreß Thornton nahm neben ihrem ehemaligen Koſtgänger Platz. Während dieſer Edith's Antlitz ſtu⸗ dirte, unterzog ſich die ehrenwerthe Lady derſelben Be⸗ ſchäftigung bei Albert. „Ach, Doctor“, ſagte ſie mitleidig,„wahrhaftig, Sie ſehen jämmerlich aus! Sie thäten beſſer, zu mir zu ziehen, ſtatt in Ihr Haus; das Zimmer des jungen 154 Deutſchen wird ja leer und iſt noch nicht vergeben. Ich weiß nicht, ob Ihre Wirthſchafterin, die alte Miſtreß Babble, Sie zu pflegen verſtehen wird, wie wir es thun würden, ohne nie eſtungei. Doctor, ohne Intereſſirtheit!“ „Ich zweifle nicht daran und danke Ihnen herzlich, Madame! Da ich aber vielleicht nicht wieder zur Armee werde zurückkehren können, der Fieberrückfälle wegen, die nicht ausbleiben und dann wohl einen gefährlichen Verlauf nehmen würden, ſo bin ich geſonnen, allmälig hier meine ärztliche Praxis wieder aufzunehmen, und da iſt es wohl am beſten, ich krieche in mein Neſt, wo mich die alten Patienten zu finden wiſſen.“ „Habe mich oft genug nach Brooklyn und zu Ihrem verwaiſten Hauſe in der Fultonſtreet aufgemacht, Doctor, um von der alten Babble etwas über Sie zu erfahren, Edith kann es bezeugen. Freut mich, daß Sie ent⸗ ſchloſſen ſind, Ihre Praxis wieder aufzunehmen!“ „Faſt fürchte ich, mit einer neuen Patientin beginnen zu müſſen, die ich lieber froh und geſund wüßte!“ Arnau ſah Edith bei den letzten Worten theil⸗ nehmend an. „Ach, Doctor“, verſetzte Miſtreß Thornton mit einem zärtlichen Blick auf ihre Tochter,„es gibt Uebel, die kein anderer Arzt curirt als die Zeit!“ 155 Edith ſtarrte vor ſich hin. Bevor Arnau über den dunklen Sinn der Bemerkung nachdenken konnte, ward die Thür des Parlors raſch geöffnet, trat Richard Erlenbach ein. Die jungen Männer begrüßten einander in herz⸗ licher Weiſe. Als die Ladies ſich discret zurückziehen wollten, wurden ſie daran verhindert. „Wir haben keine Geheimniſſe!“ ſagte Arnau. „Das iſt mir deſto lieber, Gentlemen“, bemerkte Miſtreß Thornton,„denn ich brenne vor Begier zu er⸗ fahren, wie es unſerm Doctor möglich war, ſich aus der Gefangenſchaft zu befreien. Erzählen Sie, Doctor, wenn es Sie nicht zu ſehr anſtrengt.“ „Da es bei Palmers gegangen iſt, wird es wohl auch hier gehen!“ verſetzte Arnau lächelnd. Richard's Wangen färbten ſich. „Sie haben Miß Alice aufgeſucht?“ fragte er lebhaft. „Sie und ihren Vater.“ „Seit wie lange ſind Sie denn in New⸗York?“ „Seit dieſem Mittag. Und ich mußte ſofort auf dem Hudſon weiter dampfen, zur Palmer'ſchen Villa, um meine Reiſegeſellſchaft getreulich abzuliefern!“ „Was heißt das?“ fragten Miſtreß Thornton und Richard zugleich. „Nun, ich bewerkſtelligte meine Flucht nicht allein, 156 und ſo brachte ich denn Miſtreß Lucy Crawford und ihre Schwarzen— Cora und Hannibal— glücklich ans Ziel der Reiſe.“ „Doctor, Sie ſprechen in Räthſeln!“ rief Richard betroffen.„Lucy Crawford, die Schweſter—“ „Die Schweſter der ſchönen Alice, ganz recht!“ „Ich weiß von dieſer, daß der Oberſt Crawford bei Chancellorsville verwundet ward und das Lager Lee's verlaſſen hatte, als ſie— Alice wird Ihnen ſchon ihre Abenteuer mitgetheilt haben und den kühnen Coup, welchen ſie im Hauptquartier der Conföderirten aus⸗ führte?“ „Wir erfuhren ſchon davon, als ich in Süd⸗Carolina bei Hilton Head, das, wie die ganze Küſte dort, in den Händen der Union iſt, fieberkrank darniederlag und von Miſtreß Crawford gepflegt ward.“ „Ah, und ihr Gatte— der enragirte Südſtaaten⸗ mann?“ „Iſt todt!“ „An ſeiner Wunde geſtorben?“ „Nicht doch— auf ſeiner Pflanzung ermordet— faſt unter meinen Augen!“ Richard und die Damen ſtarrten den Doctor über⸗ raſcht an. „Ich ſehe ſchon“, fuhr dieſer lächelnd fort,„daß ich 157 meine Erzählung beginnen muß, wie jede andere be⸗ ginnt— beim Anfang.“ Und Arnau begann nun mitzutheilen, was dem Leſer bereits von des Doctors und Lucy Crawford's Erlebniſſen bekannt iſt. Der Erzähler ward oft in dieſen Mittheilungen durch Fragen und Ausrufe des Erſtaunens und lebhafter Erregung von ſeiten ſeiner Zuhörerſchaft unterbrochen, deren Spannung ſich aufs höchſte geſteigert hatte, als er endlich bei jenem Momente angelangt war, in dem er, die bewußtloſe Miſtreß Crawford vor ſich auf dem Sattel ſeines Renners, ſammt der berittenen Negerbegleitung im bleichen Mondlichte durch die Furchen der Cottonfelder den Waldungen und Swamps der Küſte zujagte. „Mein Gott“, ließ ſich Miſtreß Thornton vernehmen, „das war ja eine leibhaftige Entführung, Sir!“ „Nicht ſo ganz im gewöhnlichen Sinne des Wortes, Madame!“ verſetzte Arnau.„Was hätte ich ſonſt thun können? Sie werden mir doch nicht zumuthen, daß ich Miſtreß Crawford hätte in der Pflanzung zurück⸗ laſſen ſollen, bei den blutenden Opfern der Neger?“ „Entſetzlich!“ „Wer hätte ſie vor der Wuth der white trash des Landes geſchützt, ſobald die Meuterei ruchbar ge⸗ worden?“ 3 4 158 „Sie haben Recht, Doctor, Miſtreß Crawford mußte fortgebracht werden, ſelbſt gegen ihren Willen. Und was ſagte ſie, als ſie wieder zu ſich kam?“ „Die heftigen Bewegungen des galoppirenden Pfer⸗ des brachten ſie zum Bewußtſein. Ihre Verwundung, die Situation, in der ſie ſich befand, ließen ſie errathen, was geſchehen war. Mir blieb nichts übrig, als ihr offen den Sachverhalt zu verkünden. Wir hatten an einer öden Stelle angehalten, am Saume der Cotton⸗ felder, an der Grenze der Crawford'ſchen Beſitzung, im Angeſichte der Cypreſſenwälder, welche die Küſtenſümpfe verdeckten. Drei Stunden hatten wir bis dorthin, wenn die Pferde liefen, was ſie konnten. Ich war abgeſtiegen und ſagte ihr das Alles, während ſie auf dem dampfen⸗ den Renner ſaß, bleich und düſter, ohne Regung, gleich einem Marmorbilde. Endlich antwortete ſie:„Helfen Sie mir vom Pferde, Albert, überlaſſen Sie mich meinem Schickſale!—„Niemals! ſtammelte ich.„In dieſem Lande finden Sie keine gerechten Richter, ſon⸗ dern nur Barbaren. Sie retten weder Ihr Leben, noch Ihren Ruf, wenn Sie bleiben. Um Ihres greiſen Baters willen, der vielleicht in dieſem Augenblicke den Tod einer ſeiner Töchter betrauert, deren Patriotismus ſie hinriß, ein allzu kühnes Spiel zu wagen, um jenes edlen Greiſes willen folgen Sie uns!“ Da ent⸗ 159 ſtürzte ein Thränenſtrom den Augen der armen Frau und endlich murmelte ſie:„Fort denn, in Gottes Namen!“ Lucy iſt eine treffliche Reiterin, wie ihre Schweſter Alice, ich überließ ihr den Lieblingsrenner ihres Gatten und ſchwang mich auf das Pferd Toby'’s, der hinter mir aufhockte. Wir jagten über die troſtloſe Haide, dem Walde zu, als wäre die Hölle uns auf den Ferſen. Dicht neben Lucy mich haltend, hielt ich die Zügel ihres Hengſtes, der ſonſt mit ihr durchgegangen wäre und unſere Klepper weit hinter ſich gelaſſen hätte. Der Tag brach an, als wir die erſten Cypreſſen erreichten; der tolle Ritt war beendet. Wir ſtiegen ab und jagten die Pferde in die Haide hinaus; was hätten ſie uns in Wald und Sumpf genützt? Und nun machten wir uns auf, nach kurzer Raſt, das Gewirre des Ge⸗ ſtrüppes und der Schlingpflanzen zu durchdringen, die hier urwaldartig wucherten, und uns dann an Schilf und Röhricht vorüber einen Weg zwiſchen den tiefer liegenden Swamps hindurch zu bahnen. Obwohl die Nacht paradieſiſch ſchön geweſen, verfinſterte ſich der Himmel ſchon in der erſten Tagesſtunde; ſchweres Ge⸗ wölk zog herauf, ein Orkan umbrauſte uns, bog und zerzauſte die Wipfel der ſtarken Waldbäume, brach und zerſplitterte da und dort Aeſte und Gezweig und ſchleu⸗ derte ſie uns in den Weg, entwurzelte einzeln ſtehende ſchwächere Cypreſſen, daß ſie krachend zu Boden ſchlu⸗ ggen. Wir flüchteten tiefer waldeinwärts, der Regen be⸗ gann niederzupraſſeln. Da zeigte ſich im Dickicht eine Hütte. War ſie bewohnt? Drohte uns dort eine Ge⸗ fahr? Die Neger Hannibal und Toby faßten einen raſchen Entſchluß, ſie zogen ihre Meſſer und krochen durch Schlingkraut und verworrene Gräſer der Hütte zu, während Miſtreß Crawford, ihre ſchwarze Dienerin und ich hinter dem Stamme einer Rieſencypreſſe lauſch⸗ ten, von deren gigantiſchen Aeſten die ſilberbärtigen Tillandſien gleich Trauerfahnen flatterten, vom Sturm und Regen gepeitſcht. Ich bog mich vor und ſpähte; die Neger waren verſchwunden. Da ertönte durch das Sturmgeheul ein ſchriller Laut, der Aufſchrei eines Geiers. Die Negerin Cora horchte auf. Der Ton wiederholte ſich.„Das iſt Hannibal“, ſagte ſie;„er gibt ein Zeichen, daß wir uns getroſt der Hütte nähern können! Und ſo war es; einige Minuten ſpäter be⸗ fanden wir uns in der armſeligen Behauſung, aber doch unter einem Dache, das der erſchöpften Lucy einigen Schutz gegen die Unbill des Wetters bot. Die halb zerfallene Hütte, aus Lehm und roh behauenen Aeſten nothdürftig zuſammengefügt, war augenſchein⸗ lich von den ehemaligen Bewohnern verlaſſen; vielleicht hatten ſie ſich aus Furcht vor den Nankees geflüchtet, 161 die von ihren Schiffen aus bisweilen Excurſionen in die Wälder unternahmen. Die clay-eaters, welche hier ihr trauriges Daſein gefriſtet, hatten entweder nichts als das nackte Leben beſeſſen oder ihre ganzen Hab⸗ ſeligkeiten mit ſich fortgeſchleppt, denn die räucherigen Wände der Hütte ſtarrten uns leer an und nur in einem Winkel war faulendes Schilfſtroh aufgehäuft. Miſtreß Crawford und Cora hockten auf den Lehm⸗ fußboden nieder, Hannibal und Toby hielten draußen in dem Dickicht Wache, ich lehnte neben dem einzigen zertrümmerten Fenſter an der Wand und ſtarrte in die melancholiſch düſtere Cypreſſenwaldung hinaus. So verbrachten wir eine Stunde, erregt, doch ſchweigſam. Dann hörte es auf zu regnen, legte ſich der Sturm. Die Neger kamen und mahnten zum Aufbruch, wir ſetzten unſere Wanderung fort. Toby kannte die Sümpfe der Gegend, er wußte, wie ſie zu umgehen ſeien, er machte den Führer. Aber außer den gefähr⸗ lichen Swamps waren wir gewiß, noch andere Hinder⸗ niſſe zu finden, denn um nach dem ſüdlichen Theile der Jamesinſel zu gelangen und von dort nach Morris⸗ Island, wo die Unionstruppen gelandet waren und General Gillmore Batterien hatte aufwerfen laſſen, galt es, den Stono⸗Fluß und andere, freilich ſchmale und verſandete Gewäſſer der vom Meere zerriſſenen Dünen Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 11 162 zu paſſiren. Wir konnten uns ſüdlicher der Küſte zu⸗ wenden, wo es weniger Sümpfe und Bayous gab, aber dann ſetzten wir uns der Gefahr aus, von Guerrillas überraſcht zu werden. Wir zogen es daher vor, uns durch die unwirthbarere Gegend zu ſchlagen, entſchloſſen, Miſtreß Crawford und Cora im Nothfalle ſchwimmend durch die Waſſer zu tragen. Toby ſchritt alſo voran, wir folgten mit äußerſter Vorſicht. Bald waren wir zwiſchen den Sümpfen, die ſich vom feſten Erdreich aus rechts und links unter den rieſigen Cypreſſen aus⸗ dehnten, jetzt als verlockend ſchillernde, hochgraſige Wieſen, dann wieder als ſtehende Waſſer, von zehn Fuß hohem Schilfe und gewaltigen Baumgruppen ein⸗ gerahmt. Und dieſes, was unſere Nigger feſtes Erd⸗ reich nannten, was war es weiter als ein ſchlammiger Boden, der bei jedem unſerer Tritte unter uns zu zittern ſchien!“ „O mein Gott!“ ſtammelten Miſtreß Thornton und ihre Tochter, während Richard's Blicke flammend an den Lippen des Erzählers hingen. Dieſer fuhr fort:„Nach zweiſtündigem Marſche auf ſchwammigem Boden, hier verſchlungene Pflanzen weg⸗ räumend, dort über entwurzelte Bäume kletternd, ſahen wir uns getäuſcht. Wir konnten in dieſer Richtung nicht vorwärts, Sturm und Regen hatten uns einen 49 2. 163— Streich geſpielt, wir erblickten den einzigen Weg vor uns überſchwemmt und mußten zurück. Nun war es ſicher, daß wir die Küſte und unſere Freunde nicht noch an demſelben Tage erreichen würden. Nach einer Ab⸗ weſenheit von vier Stunden langten wir wieder bei der Hütte an, uns ihr mit der frühern Vorſicht nähernd. Miſtreß Crawford, die faſt beſtändig ſchweig⸗ ſam vor ſich hinbrütete, zeigte ſich gefaßt, die Neger waren gleichmüthig und entſchloſſen, ich ſelber befand mich in einer heftig überreizten Stimmung. Die Schwarzen fühlten keine Erſchöpfung, wir empfanden ſie deſto mehr; während Hannibal und Toby Wache hielten, ſchliefen wir auf dem nackten Lehmboden der Hütte. Erſt in der Nacht wollten wir wieder aufbrechen, um uns auf alle Gefahr hin gen Südoſten zu wen⸗ den. Ich ſchlief unruhig, abſcheuliche Viſionen folterten mich. Plötzlich erwachte ich mit einem Fieberfroſte; es war ſchon finſter. Die Sümpfe hauchten ihre giftigen Dünſte aus, ich ſah die Cypreſſen vor der Hütte durch leichte Nebel verſchleiert, meine Kleider waren feucht, meine Zähne ſchlugen klappernd an einander. Hannibal hatte von der Plantage etwas Mundvorrath mitge⸗ nommen, ich aß davon und trank Whisky; es half mir nichts, mein Zuſtand verſchlimmerte ſich. Cora, welche ebenfalls wachte, verließ die Hütte, brachte Reißig und 11* 164 fachte ein Feuer auf dem halbzertrümmerten Herde an. Ich hockte dicht an der Glut und fühlte mich nichtsdeſtoweniger von einem eiſigen Schauer durch⸗ rieſelt. Es ward mir klar, daß ich dem Sumpffieber verfallen ſei, welches im Süden auf den Weißen faſt immer eine tödtliche Wirkung übt. Düſter ſtarrte ich in die Flamme des Herdes. Da raſchelte es neben mir⸗ „Gute Docker“, flüſterte Hannibal,„war unvorſichtig; Feuerſchein hat uns verrathen, Toby und ich haben gehört, Ohr auf Erde, verdächtig Geräuſch von der Ferne her!« Ich taumelte auf und weckte Miſtreß Crawford. Dem Himmel ſei Dank, ſie ſpürte nichts von einem Fieber, hatte ſie doch ſchon längere Zeit in Süd⸗Carolina gelebt. Haſtig half ich Lucy durchs Fenſter, Cora folgte ihr. Hinter der Hütte lehnte eine morſche Leiter, welche die ehemaligen Beſitzer der⸗ ſelben nicht der Mühe werth gefunden mitzunehmen. Die Frauen kletterten dann auf das halbvermoderte Dach, ſich dort platt niederzulegen, denn dem nahen⸗ den Feinde mußte vorgeſpiegelt werden, wir ſeien ins Dickicht geflüchtet, auch war es ja möglich, daß die white trash Bluthunde mit ſich führten.„Soll ich das Feuer auslöſchen?“ raunte ich Hannibal zu.„Nich doch“, murmelte er,„wird die Kerle ſicher machen; Maſſa Docker folgt der Miſſus, Toby und Hannibal klettern 165 in die Bäume!« Hannibal verſchwand, ich aber folgte den Frauen, zog die Leiter aufs Dach und rutſchte dort vorſichtig bis zur Vorderſeite der Hütte. Ich zog meine beiden Revolver hervor und lauerte; die ſchwarze Schattennacht der Cypreſſen deckte meine Geſtalt, ich fühlte nichts vom Fieber mehr, die Erregung hatte es momentan beſeitigt. Faſt zehn Minuten voll peinlich⸗ ſter Erwartung vergingen. Dann hörte ich ein leiſes Raſcheln und Kniſtern, und nun ſah ich zwei dunkle Körper über den Boden hinſchlüpfen, der Hütte zu, deren Thür offen ſtand. Die Bluthunde! ſagte ich mir. Sie waren es in der That, und nun tauchten auch drei Männer, einer hinter dem andern, aus dem Graſe und Schlingkraute auf und ſchlichen, die Flinte in der Hand, dem Häuschen zu. Es waren verwildert blickende Geſtalten, ich ſah ſie deutlich, denn das Herd⸗ feuer beglänzte ſie. Ich überzeugte mich, daß keine weitern Guerrillas ihnen folgten, und athmete auf. Nun war der erſte hart an der Thür, faſt unter mir. Er ſpähte voraus. Ich faßte ihn ſcharf ins Auge und ſchoß, als er die Schwelle überſchreiten wollte. Der Guerrilla brach lautlos zuſammen. Der ihm zunächſt folgende ſtutzte und ſprang zurück, aber ſchon traf auch ihn eine Kugel, daß er aufheulend hintenüber ſchlug. Der dritte Guerrilla war mit einem Satze hinter einem 4 Beſtie von dem blutenden Körper, in welchen ſie ſich der Bäume und pfiff den Hunden. Eine der wilden Beſtien rannte jetzt ſchnüffelnd aus der Hütte, ich ſchoß und das Thier überkugelte ſich winſelnd. Jetzt mußte der Guerrilla hinter dem Baum hervor mich erblicken, er ſchlug auf mich an. Aber plötzlich kniſterten die Zweige über ihm, eine ſchwarze Maſſe ſtürzte von der Cypreſſe herab auf ihn und riß ihn zu Boden, die Flinte entlud ſich, die Kugel pfiff an meinem Haupte vorüber. Der Guerrilla wand ſich im Graſe unter einer ſchwarzen Geſtalt, ich ſah in der Fauſt derſelben ein Meſſer blitzen und vernahm dann ein Röcheln. Plötz⸗ lich brach auch der zweite Bluthund aus der Hütte hervor; ich ſchoß von neuem und verfehlte das Thier, das ſich in voller Wuth auf den Neger warf. Jetzt durfte ich nicht ſchießen, denn ich hätte den Schwarzen ſtatt des Hundes treffen können. Haſtig ſprang ich vom Hüttendache auf den Boden und ſtürzte der Cy⸗ preſſe zu, an deren beſchattetem Fuße ein düſterer Knäuel in einander verwickelter Körper umherkollerte. Noch hatte ich den entſetzlichen Knäuel nicht erreicht, als vor mir eine zweite ſchwarze Geſtalt von einer andern Cypreſſe blitzgeſchwind niederglitt und mir mit geſchwungenem Meſſer zuvorkam. Der Schwarze holte zum Stiche aus und riß dann die zum Tod getroffene 167 verbiſſen gehabt. Ich trat ſchaudernd heran; ich war ſo gut zu ſpät gekommen wie Hannibal, denn der brave Toby lag entſeelt neben den Leichen des Guerrilla und ſeines Bluthundes.“ „Schrecklich!“ ſtöhnte Edith und Miſtreß Thornton ſchloß vor Entſetzen die Blinzelaugen, als ereigne ſich die grauenvolle Scene unmittelbar vor ihr. „Auch die andern Wegelagerer und der zweite Hund waren getödtet“, begann Arnau wieder,„wir konnten alſo unbehelligt weiter ziehen. Den armen Toby mußten wir laſſen, wo er war, denn wir durften nicht zögern, unſern Marſch fortzuſetzen. So ſtiegen denn Miſtreß Crawford und Cora vom Hüttendache herab und fort ging es, in die Waldesnacht hinein, diesmal in anderer Richtung. Erlaſſen Sie mir, Ihnen die Mühſeligkeiten der nächtlichen Wanderung zu ſchildern, denn die Ver⸗ gegenwärtigung deſſen, was wir erlebt, hat mich doch⸗ jetzt ein wenig angegriffen. Genug, wir erreichten gegen Morgen einen ſchmalen, um die verſtreut liegen⸗ den ſumpfigen Inſelchen der Küſte ſich zertheilenden Meeresarm und gewahrten plötzlich vor uns ein Boot, blitzende Gewehrläufe und die geliebte blaue Uniform der Unionstruppen. Hannibal brüllte vor Entzücken, und nachdem wir uns als Loyale zu erkennen gegeben, nahm man uns in die Jolle auf. Nun Gefahren und 168 Aufregungen vorüber, war mein Fieber wieder da, es warf mich in Hilton Head aufs Krankenlager. Lucy Crawford wich in edler Aufopferung nicht von meiner Seite. Endlich war ich ſo weit ge⸗ neſen, daß wir, von Hannibal und ſeinem Weibe begleitet, mit einem Poſtdampfer nach New⸗York ab⸗ gehen konnten. Wie ich früher erwähnt, langten wir dieſen Mittag hier an; eine Stunde ſpäter gab es in der Palmer'ſchen Villa ein ergreifendes Wiederſehen. Auch Lovetts waren dort, und ſo er⸗ fuhr ich, daß Mr. Erlenbach ſchon morgen nach Ten⸗ neſſee reiſen werde, um zur Cumberland⸗Armee zu ſtoßen.“ „Ja, Sir! Seit einigen Tagen bin ich Hauptmann im Geniecorps, auf Lovett's Verwendung.“ „Da ich Palmers bald verlaſſen mußte, um nach meinem Hauſe in Brooklyn zu ſehen, ſo machte ich den Umweg hierher, mich der Ehrenpflicht zu ent⸗ ledigen, welche mir der wackere Thornton auferlegt, und zugleich Ihnen, Erlenbach, meinen herzlichſten Glückwunſch zu bringen.“ Richard und Arnau ſchüttelten einander die Hand. „Ich habe Palmers verſprochen“ fuhr der letztere fort,„noch heute zur Villa zurückzukehren und da⸗ ſelbſt zu übernachten. Sie müſſen ſich ohnehin noch 169 dort und bei Ihren Verwandten verabſchieden, werden Sie mich begleiten?“ „Gewiß!“ entgegnete Richard zerſtreut. „Und Sie ſagen das ſo traurig, mein Freund?“ Richard erröthete. „Sie täuſchen ſich, Doctor! Ich reiſe mit freudigem Muthe! Ich hoffe, mir im Kampfe für die gerechte Sache der Union erringen zu können, was mir das Leben hier verſagen würde, die Zufriedenheit, vielleicht das Glückl Er hatte kaum vollendet, als Edith ſich haſtig er⸗ hob, einen Moment das blaſſe Antlitz in ihr Taſchen⸗ tuch barg und aus dem Zimmer wankte. Arnau ſah den Schwager Lovett's betroffen an. Steht es hier ſo? dachte er. Aber auch Richard's Züge drückten Ueberraſchung aus. „Fühlt Miß Edith ſich unwohl?“ fragte er. Miſtreß Thornton blickte ſo ernſt und feſt, als ihre joviale Miene es zuließ. „Gentlemen“, ſagte ſie,„ich bin Mutter, aber eben⸗ ſo wohl patriotiſch geſinnt, nicht weniger als mein ehrlicher Thornton es war, und darnach bitte ich Sie mich zu beurtheilen. Bis vor vier Monaten hatten wir hier einen boarder, einen trefflichen jungen Mann. Er arbeitete bei einem Advocaten und beſaß alle jene 170 Eigenſchaften, mit denen man in der Welt vorwärts zu kommen pflegt. Sein Vater, ein Mr. Stetler, lebte in New⸗Jerſey, war nicht unvermögend und ſandte ſeinem Sohne, was dieſer brauchte. Ich bemerkte bald, daß Charles meine Tochter auszeichne und Edith eine tiefe Neigung für ihn empfinde; es war mir das ganz recht, denn ich hörte über den beſcheidenen, talent⸗ vollen jungen Mann nichts als Gutes. Endlich warb er in allen Ehren um Edith's Hand, und da er bereits ihr Herz beſaß, erhielt er auch meine Zuſage, denn der ſelige Thornton ſchrieb, daß ihm recht ſei, was ich beſtimme. Charles wandte ſich nun ſchriftlich an ſeinen Vater, dieſer gab ſeinen Segen, und ſo war die Sache vorläufig abgethan. Ein Vierteljahr ſpäter ſollte geheirathet werden. Kurz vor Ablauf der beſtimmten Friſt meldete der Vater ſeinem Sohne, daß er durch eine glückliche Speculation Millionär geworden und für den Einzigen des jetzigen Nabobs Stetler eine Boarding⸗Houſe⸗Tochter denn doch keine paſſende Partie ſei. Er ſandte ihm zugleich eine bedeutende Summe und trug ihm auf, Edith, unſer Haus und ſeinen Advocaten zu verlaſſen, da der Sohn eines reichen Mannes ſtandesgemäß leben müſſe. Wolle er nicht der Weiſung folgen, ſo habe Mr. Stetler keinen Sohn mehr.“ 171 „Und Charles hatte nichts Eiligeres zu thun, als dem Nabob⸗Vater zu gehorchen, wie?“ bemerkte der Doctor mit Bitterkeit.„Es iſt die alte Geſchichte von Geldſtolz und gebrochenen Herzen!“ „Nein, Doctor, ſo kam es nicht! Charles packte das Geld zuſammen, ſandte es zurück und ſchrieb in aller kindlichen Ehrerbietung, aber doch ſehr ernſt und entſchieden dazu, daß er ein ehrlicher Menſch ſei, auf die Unterſtützungen ſeines Vaters verzichte, beim Advocaten bleibe und Edith heirathe. So war die Sache wieder abgethan und Charles arbeitete wie ein Pferd, ſich ſein kleines anſpruchsloſes home zu er⸗ ringen. Einige Monate vergingen; ich dachte ſchon daran, den jungen Leuten eine Wohnung einzuräumen, denn im Mai ſollten ſie zum Richter gehen und ihre Erklärung abgeben. Da las ich eines Tages unter den officiellen Berichten der Staatszeitung folgende Notiz:„John R. Stetler, Armeelieferant, überführt, die Regierung um zweihunderttauſend Dollars be⸗ trogen zu haben, iſt vom Kriegsgericht zu fünf Jahren Kerkerhaft verurtheilt und bereits nach Albany, New⸗York, transportirt worden.“ Ich erſchrak heftig und reichte Charles die Zeitung hin. Er überflog ſie und ward leichenblaß.„Wußten Sie um die Geſchäfte Ihres Vaters, Sir?« fragte ich.„Nein!⸗ 172 antwortete er bebend, doch mit der offenen Miene des ehrlichen Mannes.„Sie wiſſen, Charles, wie ſehr ich Sie achte, aber ich kann Ihnen nach dem, was ich jetzt weiß, meine Tochter nicht zur Gattin geben. Sie ſind der Sohn eines shoddy*), Sie tragen den Namen eines Mannes, der an ſeinem Vaterlande den ſchmäh⸗ lichſten Verrath begangen hat. Es iſt ein Unglück für Sie, denn ſelbſt wenn Sie durch redlichen Fleiß wohl⸗ habend oder reich werden ſollten, wird die Welt be⸗ haupten, der shoddy habe dazu geholfen. Nennen Sie meinen Entſchluß nicht hart, Charles, aber ich kann als rechtſchaffene Patriotin nicht anders handeln, und Edith wird wiſſen, was ſie thun muß, denn ſie iſt eine Thornton!““ Die dicke Lady ſchwieg. Es liegt ein Etwas in dem patriotiſchen Selbſtbewußtſein der Yankees, das auch den plumpſten Zügen eine gewiſſe Würde verleiht. Das gutherzige Geſicht der„Boarding⸗Houſe⸗Fraus ward in dieſem Augenblicke durch ſolchen Ausdruck veredelt. „Und was erfolgte dann?“ fragte Richard lebhaft. *) Shoddy, aus ſchlechtem Material gearbeitete Kleidungs⸗ ſtücke, die bei der geringſten Bewegung reißen oder auseinander⸗ gehen. Shoddy iſt überhaupt Alles, was gefälſcht worden; man nannte daher die Armeelieferanten ſo, welche ſich durch Betrug bereichert und dann in großem Luxpus lebten. 173 „Edith warf ſich mir weinend an den Hals“, fuhr Miſtreß Thornton fort,„und Charles ging. Nach einer Stunde kehrte er zurück und ſagte:„Miſtreß Thornton, ich reiſe zur Armee und heiße nicht mehr Stetler. Wenn ich dem Namen Ehre gemacht, den ich jetzt führe, darf ich dann hoffen?“—„Bei Gott, das dürfen Sie!« antwortete ich überwältigt. Und ſehen Sie, Gentlemen, Charles iſt jetzt in Tenneſſee und Offizier in der Cumberland⸗Armee, zu der ſich Mr. Erlenbach begeben wird, und als Sie vorhin von dem Glücke ſprachen, Sir, das Sie im Kampfe für die ge⸗ rechte Sache zu erringen hoffen, da mußten wohl die Worte meinem armen blaſſen Kinde an das Herz gehen! Edith leidet, aber ſie wird auszuharren wiſſen, denn, ich hab's ja ſchon vorhin geſagt, ſie iſt eine Thornton!“ Richard und Arnau drückten der bewegten Frau die Hand. „Ihr ſeid edle, ſtandhafte Menſchen!“ ſagte der erſtere lebhaft.„Möge der Himmel ſolches Lieben und patriotiſches Entſagen lohnen! Miſtreß Thornton, nen⸗ nen Sie mir den jetzigen Namen des wackern jungen Mannes, daß ich mich um ſeine Freundſchaft bewerbe!“ „Sir, es iſt ſein Geheimniß, das ich hüte! Und nun, Gentlemen, vergebt, ich muß nach meinen boarders ſehen!“ 174 Die dicke Frau nickte freundlich und ſchob ſich haſtig zur Thür hinaus. „Weiß Gott, Doctor“, ſagte Richard: in deutſcher Sprache, da er mit ſeinem Landsmanne allein war, „ich bewundere dieſes Nankeevolk! Durch alle Stände, im Großen wie im Kleinen, geht dieſe opferfreudige Hingebung an die patriotiſche Ehre, an das Gemein⸗ wohl, das Vaterland!“ „Sie wird dort überall zu finden ſein“, verſetzte Arnau ernſt,„wo die Inſtitutionen eines Landes auf Freiheit begründet ſind. Und nun kommen Sie, Kapi⸗ tän“, fügte er lächelnd hinzu, indem er auf ſeine Uhr blickte;„wenn wir noch zu mir und dann den Hudſon aufwärts wollen, ſo iſt uns hier die Zeit knapp zuge⸗ meſſen!“ Siebentes Kapitel. Die Potomac⸗Armee ſollte nach dem Siege bei Gettysburg im weitern Verlaufe des Jahres 1863 keine Lorbeeren mehr erringen; daran war aber nicht das tapfere Heer ſchuld, ſondern der Führer deſſelben, General Meade. Dieſer Mann beſaß unſtreitig ſehr ſchätzenswerthe militäriſche Eigenſchaften, aber ihm ging jene Energie und Gewandtheit ab, jene Gabe kühner Conception, welche der Feldherr unumgänglich nöthig hat, ſoll ſein Wirken in der Offenſive von Erfolg ſein. Meade war ein braver Soldat im Defenſivkampfe, doch viel weiter erſtreckten ſich ſeine Fähigkeiten nicht, ſein übervorſichtiges Zaudern in entſcheidenden Momenten ließ ihn ſeit Gettysburg die Gelegenheit verabſäumen, das Kriegsglück beim Schopfe zu faſſen. Daher geſchah 176 es denn auch, daß der Feldzug, den er im Herbſte des genannten Jahres gegen Lee unternahm, ziemlich kläg⸗ lich endigte. Die Potomac⸗Armee, welche kampffreudig den Rapidan überſchritten hatte, ſah ſich durch Ver⸗ ſchulden ihres Obergenerals genöthigt, nach allerlei nutzloſen Kreuz⸗ und Querzügen, Gefechten und An⸗ ſtrengungen über den Fluß zurückzugehen, um thatenlos auf dem vor Jahr und Tag behaupteten Terrain die Winterquartiere zu beziehen. Im Weſten der Union, in Mittel⸗ und Oſt⸗Tenneſ⸗ ſee, wurden zur ſelben Zeit beſſere Erfolge erzielt. General Roſecrans befehligte hier, unter ihm ſtanden Sheridan, Thomas, Crittenden und andere tüchtige Generale der Union, während ſein Gegner Bragg die Generale Polk, Hood, Longſtreet, Wheeler und die Guerrillasführer Morgan und Forreſt zu ſeiner Ver⸗ fügung hatte. Roſecrans operirte gegen Chattanooga, das Bragg beſetzt hielt und räumen mußte, um nicht von ſeinen Zufuhren abgeſchnitten zu werden. Die Einnahme der genannten Stadt war ein großer Erfolg der Union, aber er ward bald darauf durch die Nieder⸗ lage bei Chickamauga geſchmälert. Burnſide, der ſeit ſeiner Enthebung vom Oberbefehle der Potomac⸗Armee im Departement Ohio commandirte, unternahm zur ſelben Zeit, in der Roſecrans auf Chattanooga los⸗ 177 ging, eine Bewegung auf Knoxville in Tenneſſee und reüſſirte damit vollſtändig. Roſecrans aber ward nach ſeinem Mißerfolge ſeines Poſtens enthoben und Grant damit betraut, der im Miſſiſſippi⸗Departement befehligte. General Thomas übernahm proviſoriſch den Oberbefehl der Truppen in Tenneſſee und mit ſolcher Umſicht, daß der wichtige Punkt Chattanooga der Union ver⸗ blieb. Grant traf im October bei der Armee ein, ver⸗ ſtärkte ſie durch Sherman's Truppen, ließ Hooker im November die durch Longſtreet's Diviſion beſetzten Hö⸗ hen von Lookout Mountain nehmen und zwang Bragg's Armee, ſich nach ſchweren Verluſten zurückzuziehen. Auch in Miſſouri und Arkanſas fielen die Kämpfe im Allgemeinen zum Vortheile der Union aus. In Minneſota ſchlug General Sibley die Indianer, welche ſchon 1862 mit den Seceſſioniſten, durch dieſe aufge⸗ ſtachelt, gegen die Union gemeinſchaftliche Sache gemacht und viele Anſiedler des Weſtens niedergemetzelt hatten. Wie aber auch Gillmore und Admiral Dahlgren ſich vor dem blockirten Charleſton in Süd⸗Carolina abmühen mochten, es gelang ihnen nicht, den ſtark be⸗ feſtigten Hafen zu erzwingen. Hier muß bemerkt wer⸗ den, daß ſich die Negerregimenter bei den Beſtürmungen der Forts ſtets mit wahrhaftem Heldenmuthe ſchlugen. Während der Süden ſchon von Beginn des Bürger⸗ Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 12 178 kriegs an ſeine Sklaven zu Feſtungsarbeiten und im Felde zur Herſtellung der Schanzen und Trancheéen benutzte, war der Norden erſt nach langer Zeit mit Widerwillen und Vorurtheil daran gegangen, die far⸗ bige Raſſe für den Krieg zu verwenden. Dieſes Vor⸗ urtheil ward im Laufe der Zeit durch die Farbigen glänzend beſiegt. Niemand zeigte ſich beim Späher⸗ dienſte anſtelliger als der Nigger, und in ſumpfigen Gegenden, deſſen todbringende Fieberatmoſphäre die weißen Regimenter decimirte, ward der Negerſoldat geradezu unentbehrlich. Aber auch beim Angriffe auf den Feind, vor den verderbenſprühenden Feuerſchlünden der Rebellen hielt er wacker Stand; er hat es bei Helena, Port Hudſon, Charleſton bewieſen. Ganze Compagnien und Regimenter der wackern Schwarzen opferten ohne Wanken freudig ihr Leben für das Sternen⸗ banner der Union. Auch das Jahr 1863 hatte den Nordſtaaten wie dem Süden ungeheuere Opfer gekoſtet. Den Rebellen gelang es, allein in zwei Monaten fünfzehn Miſſiſſippi⸗ Dampfer anzuzünden und zu zerſtören, die einen Werth von nahezu einer Million Dollars repräſentirten. Unter den Verheerungen des Kriegs litt aber eigentlich doch nur die Bevölkerung der Südſtaaten, da die Kämpfe ſtets innerhalb der Grenzen des Südens ausgefochten 179 wurden, die Felder und Städte der Seceſſioniſten es waren, die verwüſtet wurden, und ihre Anhänger einen Theil der Lebensmittel beſchaffen mußten, welche die unioniſtiſchen Heere verbrauchten. In Tenneſſee und den angrenzenden Staaten herrſchte gewaltige Hungers⸗ noth, die Pflanzer und Farmer mußten mit ihren Fa⸗ milien von Haus und Hof flüchten, nicht allein vor den Soldaten des Nordens, ſondern auch vor den eigenen Freibeutern, die weder Freund noch Feind ver⸗ ſchonten. Koloſſale Quantitäten Baumwolle wurden verbrannt, damit die Union ſich ihrer nicht bemächtige. In Richmond war die Noth ſo weit geſtiegen, daß die Mehrzahl der Einwohner ſich die nothwendigſten Dinge verſagen mußte; die Journale der Rebellenhauptſtadt bekannten offen, daß die ſüdſtaatliche Regierung kaum noch in der Lage ſei, den im Libby⸗Gefängniſſe, auf Belle Isle, in Anderſonville, Salisbury und Millen gefangen gehaltenen Unionsſoldaten den erforderlichen Lebensunterhalt zu liefern. Es kam ſchließlich ſo weit, daß die Commiſſare der Union den unglücklichen Ge⸗ fangenen, um ſie vom Hungertode zu retten, von City Point aus ganze Ladungen von Lebensmitteln ſenden mußten; aber dieſe Sendungen wurden bald ſiſtirt, da die Conföderirten ſie mit dem Bemerken zurückwieſen, daß es dem Auslande gegenüber eine Schmach ſei, ſich 12* 5 G “ 2* 180 in Erhaltung der Kriegsgefangenen vom Gegner unter⸗ ſtützen zu laſſen. Während alſo der Norden die ge⸗ fangenen Südſtaatler gut logirte und trefflich ver⸗ köſtigte, litten die armen Opfer der Rebellen unſaglich. Die ſüdſtaatliche Regierung konnte in der That nicht viel thun; es erforderte ſchon große Anſtrengungen, die eigenen Heere zu verſorgen; die Gegenden am Miſſiſ⸗ ſippi waren in den Händen der Union, die Häfen blockirt, und es galt auf Belle Isle allein, der kleinen, im James⸗ fluſſe und der Hauptſtadt gegenüber gelegenen Inſel, zehn⸗ bis zwölftauſend Kriegsgefangene zu erhalten. Durch alle Calamitäten, denen die Grenzſtaaten bis Ende 1863 ausgeſetzt worden, hatte die Stimmung der Bevölkerung daſelbſt einen der Union günſtigen Umſchwung genommen. Die ältern Leute jener Staa⸗ ten, die Beſitzenden wie die Beſitzloſen, wünſchten den Frieden herbei, um jeden Preis. In Miſſouri, Ken⸗ tucky, Maryland ward die Majorität nicht geradezu abolitioniſtiſch, begann aber doch mehr und mehr unions⸗ treu zu werden, und ſelbſt weiter im Süden wagten ſchon Viele ſich als Anhänger der Union zu bekennen. Freilich mochten manche dieſer Bekenner nicht ſehr zuverläſſig ſein und ihre Treue von den Erfolgen der Union abhängig machen, aber es ſtellte ſich doch ſchon klar heraus, daß die Fanatiker unter den Rebellen nicht 181 mehr wie ſonſt das eigene Volk mit ſich fortzureißen vermochten. Nur Süd⸗Carolina, das jederzeit den größ⸗ ten Haß gegen den Norden zur Schau getragen hatte, war noch der alte Glutherd der Revolution, dort war noch Alles für die leidenſchaftlichſte, ſchonungsloſeſte Fortſetzung des Kampfes, denn dort hatte das Volk noch nicht von den Schrecken des Kriegs zu leiden gehabt, wie die Bewohner der übrigen Südſtaaten. Und doch wurden auch in Süd⸗Carolina ſchon vereinzelte Stimmen laut, welche die Regierung der Conföderirten ſcharf tadelten, und der Charleſtoner„Merkur“ konnte ſogar damals ſchon ungeſtraft behaupten, daß Jefferſon Davis das Vertrauen der Armee und des Volkes ein⸗ gebüßt habe. Nachdem die Waſhingtoner Regierung die Ueber⸗ zeugung erlangt hatte, daß die Potomac⸗Armee unter Meade's Leitung keine großen Reſultate vor Richmond erfechten werde, richtete ſie ihr Auge auf einen andern Offizier, deſſen Energie, Ausdauer und militäriſches Talent alle jene Garantien bot, welche Meades ſonſt ganz achtbare Fähigkeiten nicht bieten konnten. Wer ſonſt konnte dieſer Offizier ſein als Ulyſſes S. Grant, der Held von Vicksburg? Indem die Regierung be⸗ ſchloß, dieſen Mann an die Spitze der Potomac⸗Armee zu ſtellen, leitete ſie aber auch die Erkenntniß, daß es ““ 182 gerathen ſei, ſämmtliche militäriſche Operationen dem Willen und der Einſicht dieſes hochbegabten Feldherrn unterzuordnen, damit in die Bewegungen und Unter⸗ nehmungen der geſammten, über den faſt unermeßlichen Kriegsſchauplatz verſtreuten Unionsarmee jene Einheit komme, welche bisher nicht erzielt worden war. So proponirte denn das Kabinet von Waſhington dem Senate und Repräſentantenhauſe, dem General Ulyſſes Grant jene Würde zu verleihen, welche ſeit dem Be⸗ ſtehen der Union nur George Waſhington bekleidet hatte, ihn mit einem Wort zum Generallieutenant der geſammten unioniſtiſchen Kriegsmacht zu ernennen. Dieſer Vorſchlag ward mit Begeiſterung aufgenommen und ſo wurde denn Grant am 1. März 1864 der Chef aller Bundestruppen. Wie ſegensreich dieſe Maß⸗ regel und wie ausgezeichnet dieſe Wahl war, das ſollte ſich ſpäter zeigen. Grant, dieſer gelaſſene Mann von wenig Worten und vielen Thaten, begab ſich vom fernen Weſten nach Waſhington, ſich inſtalliren zu laſſen, und hielt bei ſeiner Inaugurirung vielleicht die längſte Rede, welche er jemals gehalten, er ſprach faſt eine volle Minute. Dann ſtattete er der Potomac⸗Armee einen flüchtigen Beſuch ab und kehrte nach dem Weſten zurück. Dort ertheilte er ſofort an den General W. T. Sherman den 183 Oberbefehl über die Miſſiſſippi⸗Militärdiviſion, welche die Departements Ohio, Cumberland, Tenneſſee und Arkanſas in ſich begriff. Bevor er aus dem Weſten ſchied, um ſich zur Potomac⸗Armee zurückzubegeben, hatte er mehrfache Beſprechungen mit Sherman, wur⸗ den Pläne discutirt, deren Ausführung ſpäter die ganze Welt in Erſtaunen ſetzen ſollte. Wieder bei der Po⸗ tomac⸗Armee angelangt, reorganiſirte Grant dieſelbe vollſtändig, berief Burnſide und ſeine Truppen eben⸗ falls dorthin und brachte ſo die Stärke des Heeres auf mehr als hunderttauſend Mann. Und nun galt es, den blutigen Bürgerkrieg mör⸗ deriſcher denn je zu erneuern. Auch die Südſtaaten hatten neu gerüſtet, den Kampf bis zur Vernichtung fortzuführen. Auf den verſchiedenen Kriegstheatern der weiten Union ſtanden einander mehr oder minder tüchtige Heerführer gegenüber. Die Nordſtaaten hat⸗ ten Männer wie Grant, Sherman, Meade, Sheridan, Burnſide, Butler, Gillmore, Kilpatrick, Thomas und andere Tapfere zu ihrer Verfügung, der Süden ſtützte ſich auf Lee, Longſtreet, Hill, Ewell, Stuart, John⸗ ſton, Early, Hood, Beauregard und ſonſtige wohlgeübte Generale. Der ſchweigſame Grant ſchritt ruhig zur That. Am vierten Mai ließ er die Potomac⸗Armee über den 184 Rapidan gehen. In der Wilderneß und dann bei Spott⸗ ſylvania entſpann ſich ein furchtbarer Kampf, der bis zum zwölften Mai dauerte und damit endete, daß Lee Spottſylvania räumen mußte. Da Butler, der in der Feſtung Monroe commandirte und bedeutende Verſtär⸗ kungen erhalten hatte, auf Grant's Befehl ſeine Trup⸗ pen ebenfalls in Bewegung ſetzte und mit 25,000 Mann, die auf dem Jamesfluß eingeſchifft worden wa⸗ ren, Petersburg und das nahe Richmond von Südoſten aus bedrohte, ſo ſah ſich Lee genöthigt, ſeine Heeres⸗ macht auf die genannten ſtarkbefeſtigten Städte zurück⸗ zuziehen, die Hauptſtadt zu decken, deren weſentlichſtes Vertheidigungsobject eben das erwähnte Petersburg war. Grant folgte, ſich nach Oſten wendend, durchkreuzte den Chickahominy, überſchritt den Jamesfluß, nahm ſein Hauptquartier in City Point am Jamesfluſſe und ließ wiederholt, aber vergeblich die Befeſtigungen des Feindes ſtürmen, während Sheridan mit ſeiner Caval⸗ lerie die Aufgabe hatte, die Eiſenbahnen zu zerſtören, welche nach dem Süden führten. Der aus Nord⸗Caro⸗ ling heranrückende Südſtaatengeneral Beauregard, den man von Petersburg abzuſchneiden gehofft hatte, ge⸗ langte dennoch mit einer beträchtlichen Truppenmacht dorthin und kreuzte die Pläne Grant's. Furchtbar 185 waren die Kämpfe und Verluſte jener Tage und kein Erfolg ſchien alle dieſe ungeheuren Anſtrengungen be⸗ lohnen zu wollen. Monate vergingen, ohne daß man durch die Belagerung Petersburgs etwas erreichte, ja ſelbſt die Verbindung Richmonds mit dem Süden konnte man nicht ganz verhindern, denn die Danville⸗Eiſenbahn war zur Zeit nicht nahbar und blieb dem Verkehr offen. Dazu kam noch, daß Waſhington inzwiſchen ernſtlich in Gefahr geweſen war, in die Hände der Re⸗ bellen zu fallen, und daß Grant ſich hatte gezwungen geſehen, einen Theil ſeiner Truppen zum Schutze der Hauptſtadt der Union gegen den General Early zu dirigiren, der ſchon vom Shenandoahthale aus der Bundesſtadt nahe gerückt war. Early unſchädlich zu machen, ward Sheridan zum Commandeur des Mittel⸗ departements in Weſt⸗Virginien ernannt und eine an⸗ ſehnliche Truppenzahl unter ſeinen Befehl gegeben. Der tapfere Reitergeneral der Union kam ſeiner Auf⸗ gabe ſo getreulich und energiſch nach, daß der Feind ſich ſchließlich im Shenandoahthale zurückziehen mußte. Vor Richmond jedoch trat ein Stillſtand in den Unter⸗ nehmungen ein; die Unionstruppen rückten in ihre Ver⸗ ſchanzungen zurück, Grant's Campagne von 1864 war ſo gut wie beendigt, aber das Heer blieb im Halbkreiſe um Petersburg gelagert, denn der ausdauernde Feld⸗ 186 herr hatte in ſeiner gelaſſenen Weiſe erklärt:„Hier will ich es ausfechten!“ Dies die Ereigniſſe des Jahres in Virginia. In andern Theilen des Südens und Weſtens war indeſſen Vieles geſchehen und auch Manches, was nicht hatte geſchehen ſollen. Seymour, der erſehen worden, in Florida zu operiren, hatte Mißerfolge gehabt, auch Banks, der die Aufgabe erhalten, die Rebellen aus Louiſiana, Arkanſas und Texas zu vertreiben. Den Generalen Roſecrans und Pleaſanton aber war es ge⸗ lungen, Miſſouri vom Feinde zu ſäubern, und auch die Küſtenflottillen hatten erhebliche Dienſte geleiſtet, wenn⸗ gleich Charleſton noch immer jeglichem Andrängen Widerſtand leiſtete. Von ungeheurer Tragweite aber bewährten ſich die Erfolge, welche das Feldherrntalent Sherman's im Weſten errungen. Bragg, welcher Chat⸗ tanooga, dieſen Schlüſſel Tenneſſees, nicht hatte halten können, war durch Johnſton erſetzt worden, aber auch dieſer war aus den Keneſawbergen vertrieben worden und hatte dann, bei Jefferſon Davis ohnehin nicht in Gunſt ſtehend, ſein Commando an Hood abgeben müſſen, der keineswegs ein ſo guter Heerführer war wie ſein Vorgänger. Hood hatte ſeine Armee auf das ſtark befeſtigte Atlanta in Georgia zurückgezogen, war je⸗ doch gezwungen worden, dieſe Stadt zu räumen, da 187 Sherman ſie umgangen und den Rebellen alle Zu⸗ fuhren vom Süden abgeſchnitten hatte. Der Fall At⸗ lantas, des Knotenpunktes der wichtigſten Eiſenbahnen, war identiſch mit der Niederlage der Conföderation im Weſten. Hood trachtete zwar, Sherman aus Georgia zu locken, dieſer aber überließ dem General Thomas die Vertheidigung Tenneſſees und unternahm nun, nachdem er Atlanta der Erde gleich gemacht, einen wunderbaren Zug durch Georgia, der in den Annalen der Kriegsgeſchichte ewig denkwürdig bleiben wird. Mit ſechzigtauſend Mann, alle Eiſenbahnen hinter ſich zer⸗ ſtörend, verſchwand er im November in die Berge Nord⸗ Georgias. Dieſer mit Grant in aller Stille verabredete Zug ward ſo geheimnißvoll unternommen, daß weder der Norden noch der Süden eine Ahnung von den In⸗ tentionen Sherman's hatte. Dieſer zeigte ſich nun als ein Stratege erſten Ranges. Er theilte die beiden Flügel ſeiner Armee in zwei Corps, die in gewiſſer Entfernung von einander vorwärts zogen, ſodaß ſie vier von einander unabhängige Marſchlinien bildeten, die nach Umſtänden ſich leicht vereinigen konnten. Dieſe Corps waren wieder in Diviſionen und Bri⸗ gaden getheilt; Howard commandirte den rechten, Slo⸗ cum den linken Flügel. Eine fünfte Marſchlinie bil⸗ dete Kilpatrick mit ſeiner Reiterei, die anfänglich den 188 rechten und ſpäter faſt immer den linken Flügel zu decken hatte. So ging es vorwärts, und indem nun bald ein Corps eine Scheinbewegung auf Macon machte, ein anderes auf Auguſta, täuſchte Sherman den die genannten Städte raſch deckenden Feind und hielt ſo den andern Corps die gerade Marſchlinie frei. Durch ſolche ſtrategiſche Maßregeln gewann er Milled⸗ geville, die Hauptſtadt Georgias, ohne Schwertſtreich, führte er die ſüdſtaatlichen Truppencommandanten, welche ſeinen Bewegungen folgten, ohne errathen zu können, was der eigentliche Zielpunkt ſeines Unter⸗ nehmens ſei, auf dem ganzen Marſche durch Georgia irre. Zu ſpät wurden ſie ſeine Abſicht gewahr, denn nun erſchien der kühne Mann mit ſeinem tapfern Heere nach einem ſiebenundzwanzigtägigen Marſche vor Sa⸗ vannah an der Küſte Süd⸗Carolinas und bedrohte die Stadt. Wären die Garniſonen von Macon, Auguſta, Savannah, einen General wie Joe Johnſton an der Spitze, rechtzeitig vereinigt und in Georgia dem Heere Sherman's entgegengeſtellt worden, ſo hätte das Schick⸗ ſal der Unionstruppen vielleicht eine andere Wendung genommen. Das ſtrategiſche Genie Sherman's hatte es aber ſo gut verſtanden, ſeine ſüdſtaatlichen Gegner zu verwirren, daß dieſe erſt ihre begangenen Fehler einſahen, als es unmöglich war, ſie wieder gut zu 189 machen. Raſch entſchloſſen ließ Sherman das Fort Mocalliſter in der Nähe Savannahs am dreizehnten December durch General Hazen erſtürmen und ſtellte ſo eine Verbindung mit dem Meere und der vor Sa⸗ vannah kreuzenden Flottillenabtheilung des Admirals Dahlgren her. Die Eroberung des Forts Me Alliſter war für die Süder zugleich das Signal zur Räumung Savannahs, das ſich nun nicht mehr halten ließ. Gene⸗ ral Hardee, der dort befehligte, entfloh mit ſeinen Trup⸗ pen bei Nacht und Nebel durch die Sümpfe Süd⸗Caro⸗ linas, und wieder zog Sherman als Sieger triumphi⸗ rend in eine wichtige Stadt des Südens ein, ohne daß er genöthigt worden war, ſeinen Sieg um den Preis eines entſetzlichen Blutbades zu erkaufen. Das Weih⸗ nachtsgeſchenk, welches Sherman der Union mit Sa⸗ vannah machte, war im Vollen Sinne des Wortes ein unſchätzbares. Und noch in anderer Beziehung durften die An⸗ hänger der Union das alte Jahr freudig beſchließen und das neue hoffnungsreich antreten. Abraham Lin⸗ coln, deſſen vierjährige Präſidentſchaftsperiode im März 1865 ablief, war am achten November für weitere vier Jahre erwählt worden, blieb alſo im Amte, trotz der Friedensdemokraten und Copperheads, die den Namen Molellan auf ihr Panier geſetzt hatten und 8 2— 8 8 3 190 bemüht waren, ein dem bedrängten Süden günſtiges Compromiß und das Ende des Bürgerkriegs ohne eine Demüthigung der Südſtaaten herbeizuführen. Die Einnahme von Atlanta war aber noch zu rechter Zeit gekommen, hatte die Hoffnungen der Copperheads ver⸗ nichtet, das Vertrauen der nordſtaatlichen Bevölkerung in Lincoln's unbeugſam energiſches Vorgehen gegen die Seceſſioniſten neu geſtärkt und„Old Abe“ die Ma⸗ jorität der Voten zugewendet. Dieſe Wiederwahl Lin⸗ coln’s war für die Rebellen eine ſchwerere Heimſuchung, als der Verluſt einiger Schlachten für ſie geweſen wäre, ſie fingen an einzuſehen, daß Alles vielleicht bald nur noch von einem letzten Verzweiflungskampfe abhängen werde. Die zweite Hälfte des Monats Januar 1865 hatte begonnen, als gegen Abend, kurz vor Sonnenuntergang, zwei Offiziere der Sherman'ſchen Armee auf der Höhe des Hafendamms von Savannah ſtanden, hinter ſich die Stadt, zur Seite den ſich zum Meere windenden Savannahfluß, vor ſich den Hafen. Die Herren, ein Major und ein Hauptmann vom zweiten Maſſachuſetts⸗Regimente, das zum zwanzigſten Corps des von Slocum commandirten linken Flügels der Truppen Sherman's gehörte, blickten ſinnend und ſchweigſam auf das bunte Treiben, das ſich zu ihren 191 Füßen ausbreitete. Hunderte von Fahrzeugen bedeckten den Strom, Dampfboote durchpflügten die Flut, am jen⸗ ſeitigen Ufer des Fluſſes lag der Kutter Bibb, deſſen Kapitän die Aufgabe gehabt, alle jene Torpedoes zu entfernen, welche die Rebellen zur Sicherung des Hafens verſenkt hatten; weiter ſtromaufwärts lagerte, auf das ſandige Ufer gezogen und halb umgeſtürzt, mit ſchief⸗ hängendem Thurm ein unbrauchbarer Monitor. Weiter ab gen Norden zeigte ſich düſteres, buſchbewachſenes Sumpfland, die wüſte Scenerie der ſüdcaroliniſchen Swamps. Hart an den Piers und Werften der Stadt⸗ ſeite des Stroms aber herrſchte ein munteres Ge⸗ tümmel, waren Hunderte von Seeleuten und Arbeitern beſchäftigt, von den dort vor Anker liegenden Schiffen den für das Heer beſtimmten Proviant abzuladen, der ſogleich auf die Wagen geſtaut ward, deren lange Reihen ſich bis zur Hauptſtraße Savannahs hinauf⸗ dehnten. Hier und dort neben den Schiffen trieben Ruderboote und Flöße umher, vollgeſtopft mit Sol⸗ daten, die ſich freudig dem ihnen neuen Schauſpiele hingaben, das ein Seehafen mit ſeinem geſchäftigen Durcheinander gewährt. Und wahrlich, nie zuvor konnte in Savannah ein regerer Verkehr ſtattgefunden haben, als während jener Zeit, da Sherman's Truppen dort campirten. Die 192 Stadt hatte keineswegs das Ausſehen eines durch Militärgewalt occupirten Ortes, man ging dort, wie früher, ſeinen Geſchäften nach, die Bürger hatten nicht das Beiſpiel der ehemaligen Beſatzung nachgeahmt, die mit Sack und Pack vor den Unioniſten geflohen war, und dieſe waren in Savannah gerade rechtzeitig ein⸗ gerückt, den Pöbel daran zu verhindern, Exceſſe zu be⸗ gehen und die Stadt in Brand zu ſtecken. So ging denn Alles dort im alten Gleis, die Läden und Waarenlager waren geöffnet, vor den Holzbaracken, welche die Yankees auf den öffentlichen Plätzen er⸗ richtet hatten, trieben ſich feilſchende Krämer und Händ⸗ lerinnen umher, die Damen erſchienen im vollen Staate auf den Promenaden, die Kinder tummelten ſich vor Thür und Thor und auf den baumbewachſenen grünen Squares, und abends gruppirte ſich das Volk lachend und ſchäkernd um die Muſikbanden, welche den Zapfen⸗ ſtreich ſpielten. Von einem Haß gegen die Nankees, wie ihn die Bevölkerung anderer eroberten Städte des Südens gezeigt, war hier eigentlich kaum die Rede; man war im Grunde in der regſamen Handelsſtadt froh, die Geſchäfte wieder aufnehmen zu können, welche die durch das Unionsgeſchwader verurſachte Blockade unterbrochen hatte. Wer in den Dämmerſtunden durch die Straßen Savannahs ſchlenderte, der konnte gar — — 193 wohl bemerken, daß auch das ſchöne Geſchlecht den loyalen Kriegern nicht gar ſo abhold ſei, denn an mehr als einer Haustreppe hatten zierliche Südlände⸗ rinnen mit ſtattlichen Trägern der blauen, in Süd⸗ Carolina ſonſt ſo verpönten Uniform anſcheinend recht zärtliche Rendezvous. So herrſchte denn in Savannah die größte Ord⸗ nung, vor allen aber muſterhaft benahmen ſich dort die nun ihrer Sklavenfeſſeln ledigen Neger. Auch nicht ein einziges Mal kam der Fall vor, daß ein Farbiger ſeinen ehemaligen Tyrannen die Martern hätte entgelten laſſen, mit welchen dieſer den armen Darky oft ſo frei⸗ gebig überhäuft hatte. Die beiden vorerwähnten Offiziere beobachteten ſchon eine geraume Weile vom Hafendamme aus das geſchäf⸗ tige Treiben auf den Werften, als ſich ihnen von der Stadt aus ein Soldat eilig näherte, der die Abzeichen eines Unteroffiziers trug. Er war einer der Tapfern des zweiten Maſſachuſetts⸗Regiments und die Ordonnanz des Majors. Der gute Mann, etwas kurz und dick von Leibes⸗ beſchaffenheit, trat keuchend zu den Offizieren und ſalutirte. „Well, was gibt es ſchon wieder, Squad?“ ſagte der Major mit einem Anflug deutſchen Accentes, indem Adolf Schirmer, Die Spionin. III. 13 194 er die erhitzte Ordonnanz lächelnd anblickte. ja ganz außer Athem, Mann!“ „Habe auch meine Noth gehabt, Sie zu finden, Major*)“, grinſte Squad, ſich den Schweiß von der Stirn wiſchend.„Im Hauptquartier ſagte man, Sie ſeien nach den Außenwerken hinaus, nach der Richtung von Fort Mo'Alliſter zu; ich hin, aber man hatte Sie dort nicht geſehen; dann zum Gouverneur, wo ich den Beſcheid erhielt, Major Erlenbach werde wohl in den Docks die Lieferungen inſpiciren. Ich zu den Docks— umſonſt— wieder zurück, hügelan, durch die Stadt, von der Fontaine bis zum Monument Pulaski, auf alle Plätze, in alle Winkel, bis mir endlich Ser⸗ geant Giles mit einem Trupp Niggerrekruten begeg⸗ nete und mich hierher wies. Wiſſen wohl nicht, Major, daß ſeit einer Stunde der Poſtdampfer von Port Royal da iſt, mit dem vollen Briefſack aus dem Norden?“ Die Züge der beiden Offiziere erhellten ſich. „Ah— der Poſtdampfer!“ rief der Hauptmann haſtig. „Ja, Sir!“ antwortete Squad bedächtig und wies auf das Gewimmel im Hafen.„Sehen Sie nur, dort „Ihr ſeid *) In den Vereinigten Staaten redet man die Offiziere nur mit ihrem Titel an, ſetzt alſo nicht„Herr“ davor. 195 liegt das kleine ſchwarze Ding— der Schlot raucht jetzt gerade wie ein altes Niggerweib— ſoll wohl gleich wieder in See ſtechen, der Dampfer! Aber um nicht das Beſte zu vergeſſen, Major, hier ſind Briefe, Sir, einer für Sie, einer für Kapitän Osmond.“ Ordonnanz Squad angelte bei dieſen Worten zwei Schreiben aus ſeiner Taſche hervor und hielt ſie lächelnd dem Major hin. „Habe mir gedacht“, ſetzte er lächelnd hinzu,„daß es die Gentlemen freuen würde, dieſe Dinger noch früher zu haben als bei der Nachhauſekunft!“ Major Erlenbach griff haſtig nach den Briefen. „Der Squad iſt ein Kapitalburſche“, ſagte er;„wahr⸗ haftig, er denkt an Alles, darum darf auch er nicht vergeſſen werden. Nehmt dies, mein Lieber, aber ver⸗ wandelt es nicht ganz und gar in Brandy!“ Der Major drückte dem Soldaten einen Dollar in die Hand.* „O, Sir“, betheuerte der kleine fette Mann, deſſen rundes Antlitz ein wenig ſeinen Hang zur Ginflaſche verrieth,„nur zwei Tropfen täglich, die gerade hin⸗ reichen, das Sumpfſieber abzuhalten! Sonſt nichts zu Befehl, Major?“ „Nein, Ihr könnt gehen!“ Squad ſalutirte pflichtſchuldigſt und trabte font. 13* „Dieſer für Sie, der andere für mich!“ ſagte der Major nach flüchtiger Muſterung der Adreſſen und reichte dem Hauptmann eins der Schreiben. Der jugendliche Begleiter Erlenbach's, ein ſchöner, blaſſer Mann von etwa dreiundzwanzig Jahren, langte mit vor Aufregung zitternder Hand nach dem Briefe, und als er die Aufſchrift ſah, da erröthete er tief und ſteckte das Schreiben haſtig ein. Der Major, ſchon im Begriff, ſeinen Brief zu er⸗ brechen, legte eine Hand auf den Arm ſeines Gefährten⸗ „Was heißt das, Osmond?“ ſagte er.„Wollen Sie nicht auf der Stelle leſen, was man Ihnen ſchreibt? Seit unſerm Abmarſche von Chattanooga war ein Poſt⸗ felleiſen für uns ein unerreichbares Eldorado! Weiß Gott, Sie ſollten doch auf Nachrichten von daheim ſo neugierig ſein wie ich! Oder führen Sie wohl gar“, fügte er lächelnd hinzu,„eine geheime Correſpondenz, die Ihnen die Vorſicht auferlegt, Ihre Briefe nicht im Beiſein Anderer und nur hinter verſchloſſener Thür zu leſen?“ Hauptmann Osmond erröthete noch lebhafter als zuvor. Er ſtotterte einige unverſtändliche Worte, griff dann nach ſeinem Briefe, löſte haſtig das Siegel und las. Der Major richtete einen flüchtigen, aber forſchen⸗ den Blick auf den jungen Mann, lehnte ſich ſodann an — — — 197 die Bruſtwehr des Dammes und folgte dem Beiſpiele ſeines Gefährten. Während er lieſt, haben wir Zeit, unſern alten Be⸗ kannten Richard Erlenbach zu betrachten und Einiges über ihn nachzuholen. Seit wir ihn im Boarding⸗Houſe der Miſtreß Thorn⸗ ton geſehen, hatte ſich ſeine Erſcheinung weſentlich ver⸗ ändert. Er war ſtattlicher, mannhafter geworden. Die Sonnenglut des Südens und das jeglicher Witterung Ausgeſetztſein hatten ſein ſchönes Antlitz gebräunt, die Strapazen des Kriegs ſeinen Körper geſtählt. Jener Anflug weltmänniſchen Dandythums, den er noch als Farmer zur Schau getragen, hatte ſich verloren und der freimüthigen, ungezwungenen und ſelbſtbewußten Haltung Platz gemacht, welche dem Soldaten im Felde eigen iſt. Auch der zierlich gedrehte Schnurrbart war verſchwunden, dagegen gab ein kurz geſchnittener Voll⸗ bart ſeinen Zügen ein ausdrucksvolles Gepräge. In dieſen Zügen lag nicht mehr die ſtille Schwermuth von ehemals, ſie waren im Gegentheil feſt und zuverſicht⸗ lich. Die kleidſame blaue Uniform ſtand unſerm Richard ſo vortrefflich, daß man ihn unſtreitig einen der ſtatt⸗ lichſten Offiziere des Unionsheeres nennen konnte. Richard hatte ſich im September 1863 zur Tenneſſee⸗ Armee begeben und unter Roſecrans im Geniecorps eine Anſtellung gefunden. Als aber Grant das Com⸗ mando des genannten Generals übernommen, da hatte der junge Deutſche das Genieweſen verlaſſen und war, ſeinem Thatendurſte beſſer Genüge leiſten zu können, in die Avantgarde des Generals Thomas eingetreten. Dort hatte er ſich in verſchiedenen Treffen ſo ſehr aus⸗ gezeichnet, daß er bald zum Major des zweiten Maſſa⸗ chuſetts⸗Regiments ernannt worden war. Und als nun Sherman im folgenden Jahre, behufs ſeiner Atlanta⸗ Campagne, auch jenes Regiment ſeinem Truppenkörper einverleibte, da ward dem jungen deutſchen Major voll⸗ ends Gelegenheit gegeben, ſich hervorzuthun. Durch ſeine Kenntniſſe in der Strategie, ſein ebenſo kühnes wie umſichtiges Vorgehen bei allen militäriſchen Opera⸗ tionen hatte er ſich bald die beſondere Gunſt Sher⸗ man's erworben und galt nun für einen der gediegen⸗ ſten und zugleich verwegenſten Offiziere ſeines Corps. Nicht lange nach ſeiner Ankunft in Tenneſſee war der Hauptmann Charles Osmond ſein vertrauteſter Freund geworden. Der junge bleiche Mann zeigte ſich ſtets ſehr verſchloſſen, man wußte daher im Regimente nichts von ſeinen frühern Lebensverhältniſſen. Wenn man ihn auch für einen wenig umgänglichen Kame⸗ raden hielt, ward er doch als tüchtiger Offizier allge⸗ mein geachtet. Richard hatte ſich ſchon in Naſhville 5 — 2 199 durch die kühle Zurückhaltung Osmond's nicht abhalten laſſen, ſich ihm voll Herzlichkeit zu nähern; der innere Werth des jungen Mannes war von ihm ſofort er⸗ kannt worden. Aber ſeltſam, noch jetzt, nach ſo langer Bekannt⸗ ſchaft, ſtanden die Beiden in einem eigenthümlichen Verhältniß zu einander. Es ließ ſich nicht leugnen, daß Osmond durch die Theilnahme Richard's erwärmt worden war, daß er eine aufrichtige Ergebenheit für ihn an den Tag legte, Intereſſe und Mitgefühl für das bekundete, was den Freund betraf, ebenſo aber ſtand es feſt, daß der Hauptmann dem Freunde nicht mit jener rückhaltloſen Offenheit ſein Herz erſchließe,“ wie dieſes Richard gethan. Um Alles, was Erlenbach's Gemüth bewegt hatte und noch mit Wünſchen und Hoffnungen erfüllte, wußte Osmond, er kannte ſein vergangenes Leben, ſeine ſtille, entſagende Neigung für Alice Palmer, die Richard noch einmal bei der Fried⸗ hofsfeier von Gettysburg wiedergeſehen, er theilte mit dem Freunde getreulich ſo Freude wie Schmerz, aber über ſich ſelber und ſeine Vergangenheit blieb er wort⸗ karg, und es war außer allem Zweifel, daß er ſogar in der vertraulichſten Stunde ſich wohl hütete, dem Freunde einen klaren Blick in ſein innerſtes Seelen⸗ leben zu geſtatten. Deſſenungeachtet fühlte ſich Richard nicht von dem Hauptmann abgezogen, er nahm ihn, wie er war, und beſaß Discretion genug, ihm nicht abdringen zu wollen, was Osmond geheim zu halten ſo befliſſen ſchien. Zeigte ſich ihm dieſer doch im Uebrigen als uneigennütziger Freund und Kamerad, auf deſſen Theilnahme und Rath er jederzeit rechnen konnte. Richard las. Ueber ſeine Züge glitt der Ausdruck einer lebhaften Freude. Er hatte aber die Lectüre ſeines Briefes noch nicht zur Hälfte beendet, als er erblaßte und einen Laut heftiger Erregung hervorſtieß. Von nun an las er mit beinahe fieberhafter Haſt und Unruhe weiter. Als er endlich von dem Schreiben aufſchaute, da war ſeine Stirn umwölkt, da bebten ſeine Lippen faſt convulſiviſch. Sein düſterer Blick begegnete dem klaren des Freun⸗ des, der ſeinen Brief bereits geleſen und eingeſteckt hatte. Die Züge Osmond's nahmen einen beſorgten Aus⸗ druck an. „Was iſt Ihnen?“ fragte er mit Wärme.„Sie haben eine böſe Nachricht erhalten?“ „Eine beunruhigende jedenfalls!“ „Mein Gott! Iſt Ihren Verwandten Schlimmes widerfahren?“ 1 üi 4 201 Richard faltete den Brief und ſchob ihn in die Bruſt⸗ taſche ſeines Rockes. Dann ſagte er zerſtreut:„Kommen Sie, Freund. Die Sonne iſt untergegangen und Gouverneur Geary erwartet uns zum Thee. Laſſen Sie mich mein Herz unterwegs erleichtern.“ Richard ſchob ſeinen Arm unter denjenigen des Hauptmanns. Die Freunde verließen den Hafendamm und ſchritten langſam der Stadt zu. Obwohl es Mitte Januar war, glich hier im Süden doch die Temperatur derjenigen eines milden Sommer⸗ abends der Nordſtaaten. Die Gebüſche prangten im herrlichſten Grün, farbenſprühende Blumen ſchmückten die Beete der Gärten Savannahs. Richard blickte eine Weile ſorgenvoll vor ſich hin, bevor er wieder das Wort nahm. Osmond hielt es nicht für angemeſſen, ihn durch Fragen ſeinem ernſten Brüten zu entreißen. 3 Endlich ermannte ſich der Major. „Der Brief, den ich erhalten“, ſagte er aufblickend, doch ernſt wie zuvor,„iſt von meinem Schwager, dem General Lovett.“ „Ich errieth es!“ „Er ſchreibt mir in den freudigſten Ausdrücken, daß ſeine Frau ihm einen kräftigen Sohn geboren.“ „Nun, das dürfte Sie doch nicht beunruhigen!“ „Sie können ſich denken“, verſetzte Richard weh⸗ müthig lächelnd,„wie froh mich der Anfang des Briefes ſtimmte, zumal er mir noch die Vermählung Lucy Crawford's mit dem Doctor Arnau gemeldet hat, eine Nachricht, die ich übrigens längſt erwarten durfte. Doch was mir Lovett ferner anzeigt, hat meine freudige Stimmung in herbſter Weiſe gedämpft!“ „Ah!“ „Dieſe Neuigkeit betrifft die Familie Palmer! Gleich nach der Hochzeit der Miſtreß Crawford—“ „Wann ward die junge Wittwe vermählt?“ „Vor zwei Monaten. Lovett's Brief iſt ſechs Wochen alt, er wanderte nach Tenneſſee, wo man unſer Re⸗ giment noch vermuthete, dann nach Waſhington und von dort hierher, wie die Adreſſe ausſagt. Erging es nicht Ihrem Briefe ebenſo?“ „Ja!“ verſetzte Osmond kurz.„Wußten wir ſelbſt doch vor ſechs Wochen kaum, wohin uns das Kriegs⸗ glück und Sherman's geheime Pläne verſchlagen wür⸗ den! Doch was iſt es mit den Palmers?“ fuhr er theilnehmend fort.„Iſt der alte Herr erkrankt, oder Miß Alice, für welche der tapfere Major Erlenbach eine faſt zu ſchwärmeriſche Neigung hegt? Oder hat ſich die ſchöne Miß wohl gar verlobt?“ 203 „Sie irren, Charles“, entgegnete der Major traurig. „Alice iſt unmittelbar nach der Hochzeit ihrer Schweſter, ſo meldet Lovett, aus dem Hauſe ihres Vaters ver⸗ ſchwunden!“ „Verſchwunden?“ „Sie iſt nach den Südſtaaten abgereiſt!“ „Nach dem Süden? Ah, ihre frühere Thätigkeit als Spionin wieder aufzunehmen?“ „Ja!“ „Und Vater und Schweſter ließen ſie gewähren?“ „Wer vermag die Entſchlüſſe einer Alice Palmer zu ändern?“ „Bei Gott, ſie muß ein wunderbares Mädchen ſein, ſich von neuem unter dieſe blutgierigen ſüdſtaatlichen Wölfe zu wagen!“ „Sie ſagte mir einſt, als wir von Gettysburg ſchieden:„Sie ziehen in den Krieg, ich aber kehre in die Heimat zurück. Doch die Zeit wird wiederkom⸗ men, in der ich meinem Vaterlande nützlich ſein kann. Dann ſoll mich die Union bereit finden! Wie die Sachen in Virginien und um Richmond ſtehen, mußte ſie ihre Zeit gekommen wähnen, und ſie hat Wort ge⸗ halten!“ „Der Heroismus dieſer Lady iſt beiſpiellos!“ „Ich fürchte für ſie! In ihrer Kühnheit ſpottet ſie jeglicher Gefahr! Wer weiß, ob ſie nicht bereits ein Opfer ihres Patriotismus geworden!“ „Wohin aber kann ſie ſich gewendet haben?“ „Lovett ſchreibt, daß ſie weder ihm noch ihren Ver⸗ wandten Aufſchluß über die Schritte gegeben, welche ſie zu unternehmen gedachte.“ „Nach Richmond kann ſie doch unmöglich gegangen ſein, denn nicht allein Lee kennt ſie, den ſie ja in Culpepper täuſchte, ſondern auch andere Offiziere des Hauptquartiers werden ſich ihrer Perſönlichkeit erinnern. Auch mögen die Rebellen nach dem Miß⸗ erfolge von Gettysburg das Signalement der Miß Palmer durch die ganze ſüdſtaatliche Armee verbreitet haben!“ „Ohne Zweifel! Sie iſt klug und gewandt, aber wie könnte ſie es vermocht haben, die ohnehin arg⸗ wöhniſchen Feinde über ſich zu täuſchen? Ich geſtehe Ihnen, Osmond, ich bin um Aliee in lebhafteſter Angſt, ſeit ich weiß, daß ſie New⸗York verlaſſen, ſich nochmals den abenteuerlichſten, gefahrvollſten Unternehmungen u unterziehen!“ „Ich begreife das, mein Freund! Und entfernte ſie ſich allein aus dem älterlichen Hauſe? Auf unſerm Marſche nach Louisville entwarfen Sie mir eine Schil⸗ derung von dem alten Onkel Hugh, der Miß Palmer — — 3* — 205 im Jahre 1863 auf ihrem kühnen Streifzuge beglei⸗ tete— erſah ſie ſich den alten eiſenfeſten Recken wieder zu ihrem Gefährten?“ „Nein. Er war wohl zur Hand, denn Onkel Morgan hat ſein Beſitzthum in Pittsburg verkauft und ſich bei Mr. Palmer einquartiert, aber ſie ging doch ohne ihn, weil es ihr vermuthlich zu gefährlich erſchien, in ähn⸗ licher Weiſe wie vordem unter den Rebellen aufzu⸗ tauchen. Lovett ſchreibt aber, daß ſie zwei ehemalige Sklaven ihrer Schweſter, die ihre Herrin auch in New⸗ York nicht verlaſſen hatten, den Neger Hannibal und deſſen Weib Cora, mit ſich genommen habe.“ „So ſpielt ſie ſicher irgendwo im Süden die Rolle einer Pflanzerin und trachtet unter dieſer Maske dar⸗ nach, die geheimen Pläne der Rebellen zu erfahren und zur Kenntniß des Kabinets von Waſhington gelangen zu laſſen. Wo aber könnte ſie ihren Zweck vollkommener erreichen als in Richmond, dem Sitze der revolutionären Regierung? Dort laſſen ſich am leichteſten Verbindungen mit den Lenkern der Conföderation anknüpfen, mit jenen fanatiſchen Pflanzerbaronen und ihren Gattinnen und Töchtern, die ſich um Jefferſon Davis, Barnwell Rhett, Stephens und deren Familien ſchaaren. Seien Sie verſichert, Major, daß ſich Miß Palmer nach Richmond gewendet hat oder—“ „Oder das Opfer ihrer Vaterlandsliebe geworden iſt!“ murmelte Richard dumpf. „Das ſteht ſehr in Frage, mein Freund!“ tröſtete Osmond.„Wie ich Miß Palmer durch Ihre Mitthei⸗ lungen kenne, weiß ſie bei ihren kühnen Unternehmungen mit einer Vorſicht und Kaltblütigkeit zu handeln, die Bewunderung erregen. Und da ihr das Hauptquartier der Rebellen ein zu gefährliches Terrain geworden, ſo wird ſie ſich zu den Politikern gewendet haben.“ „Aber, mein Gott, Sie wiſſen, Osmond, daß die feindliche Armee die Feſtungswerke um Richmond und Petersburg beſetzt hält, wie könnte da Alice, wenn es ihr auch gelungen wäre, allerlei für ihre Pläne wich⸗ tige Verbindungen in der Hauptſtadt anzuknüpfen, den Augen Lee's und ſeiner Späher entgehen? Je mehr ich darüber nachdenke, deſto qualvoller wird der Zuſtand, in dem ich mich ſeit Empfang des Briefes be⸗ finde! Osmond, ich liebe Alice, meine ganze Seele hängt an ihr, ſie iſt für mich der Inbegriff alles Be⸗ gehrenswerthen! Ich weiß nicht, ob ſie meine Neigung erwidert, es iſt niemals auch nur ein Hauch über ihre Lippen gekommen, der darauf hätte deuten können, daß ich ihr mehr gelte als ein Freund, nie habe ich es ge⸗ wagt, ihr zu bekennen, was ich für ſie fühle. Sie ſchied in Gettysburg von mir, wie man von einem 207 lieben Bekannten zu ſcheiden pflegt, nicht anders, kein Stammeln, kein Erbleichen, keine mühſam unterdrückte Bewegung von ihrer Seite, auch nicht das leiſeſte An⸗ zeichen jenes verhaltenen Schmerzes, der das Herz durch⸗ ſchauert, wenn es von dem laſſen muß, was ihm heim⸗ lich theuer iſt, und doch war es mir, als hätte ich in ihrem letzten Blicke geleſen, daß mir ihre Seele folge, daß es ſie bis in den Tod betrüben würde, wenn ein Mißgeſchick mich ereilen ſollte, daß ſie meine Liebe er⸗ kannt habe, daß ich hoffen dürfe, wenn es mir ver⸗ gönnt ſein ſollte, nach Kampf und Sieg zu ihren Füßen zurückzukehren! Nennen Sie mich thöricht, Osmond, aber für dieſen einen Hoffnungsſtrahl habe ich mein Leben in die Schanze geſchlagen, für ihn drängte ich mich zu den verwegenſten Thaten, einer Alice Palmer, wenn auch nur annähernd, würdig zu werden! Und nun, das einzige Wort eines argwöhniſchen Rebellen in Richmond oder wo immer ſonſt kann meinen ganzen Himmel vernichten, hat vielleicht ſchon jetzt meine Zu⸗ kunft zerſtört! O, ich bin namenlos elend!“ Richard blieb ſtehen, ſenkte erſchüttert das Haupt, preßte krampfhaft den Arm des Hauptmanns und ſtarrte mit umflortem Blicke vor ſich hin. „Fort mit dem Kleinmuth, Richard!“ flüſterte Os⸗ mond bewegt.„Sollen dieſe ſüdſtaatlichen Schelme Savannahs einen der Tapfern Sherman's weinen ſehen?“ Richard blickte ſtolz auf; er verbiß ſeinen Schmerz. Dann ſagte er weich:„Ach, Charles, Sie können nicht ermeſſen, was derjenige empfindet, der auf den Trümmern ſeines Glückes zu ſtehen fürchtet!“ „Vielleicht doch!“ murmelte der junge Mann ernſt. Die Freunde ſchritten in das Gewühl der Stadt hinein. Ende des dritten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. ——— ffffffn 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19