2 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der N Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard OQftmann in Gießen, Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ angnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Pfuigr 1 Abends 8 Uhr offen. 1 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.——„ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt u für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 7———————- auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ¹5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. 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Die unternehmende Miß war mit ihrem Begleiter auf der Eiſenbahn bis Wincheſter gegangen. Sie hatten von Milroy, dem Befehlshaber der dortigen Beſatzung, nooch genauere Informationen über die Stellung der feindlichen Vortruppen im ſüdlichen Thale erhalten, als ſie ſchon beſaßen, zugleich aber auch den erforder⸗ lichen Geleitsbrief empfangen, mit dem ſie ungehindert die Vorpoſtenkette und die Streifpatrouillen der Unions⸗ truppen paſſiren konnten. Alice und Hugh Morgan hatten ſich ſodann nach Adolf Schirmer, Die Spionin. II. 2 Front Royal gewendet, dort die Manaſſas⸗Bahn über⸗ ſchritten und ihren Ritt bis zu dem letzten kleinen Orte ausgedehnt, den noch die Plänkler der Nordſtaaten be⸗ ſetzt hielten. Von nun an war es aber vortheilhafter für ſie, ſich ihrer Pferde zu entäußern und ſich ge⸗ wöhnlicher Fahrgelegenheiten zu bedienen. Es war ihnen von den Leuten, mit denen ſie in Berührung gekommen, vorgeſtellt worden, wie viele Hinderniſſe ſich ihnen darbieten würden, wollten ſie ihr kühnes Unter⸗ nehmen in jener Weiſe durchzuführen trachten, wie ſie es begonnen hatten. Freilich war auch ſchließlich von Alice erkannt wor⸗ den, daß ſie ihre phyſiſche Kraft und Ausdauer über⸗ ſchätzte, als ſie wähnte, einen Ritt durch Virginia voll⸗ führen zu können, der ſelbſt einem an Strapazen ge⸗ wöhnten Reitersmann beſchwerlich genug geworden wäre, zumal unter Regenwetter und Sturm, die ſich nun einzuſtellen begannen. Aber die muthige Nord⸗ länderin war auch zur Einſicht gekommen, daß ihre amazonenhafte Erſcheinung überall, wo ſie nebſt ihrem eiſenfeſten Begleiter hoch zu Roß auftauche, mehr Neu⸗ gier und Aufſehen erregen müſſe, als ihnen wünſchens⸗ werth ſein könne. Zudem kam noch, daß man Alice vorgeſtellt, ſie und ihr Gefährte würden wohl auf die verſchiedenſte Art genöthigt ſein, ſich bis zum Haupt⸗ — 3 quartier der Conföderirten durchzuſtehlen, bald auf ungeebneten Fußpfaden im Gebirge, bald durch ſchleu⸗ nige Benutzung anderer Gelegenheiten. Darum hatte Alice auch jetzt ihr Coſtüm mit dem gewöhnlichen Anzuge einer Pflanzerin des Südens ver⸗ tauſcht; ſie ſah anmuthig darin aus, doch nicht minder unternehmend als zuvor, denn ſie trug noch die Re⸗ volver im Gürtel, die man übrigens einer auf Reiſen befindlichen Lady in ſolcher Gegend nicht verargen konnte. Onkel Hugh, obwohl er es verſchmähte, an ſeiner Perſon eine Veränderung vorzunehmen, konnte doch, falls die Umſtände es erheiſchten, für einen aus einem der Grenzſtaaten vertriebenen Anhänger des Südens gelten. 4 Hier und dort in kleinen Orten das Fuhrwerk wechſelnd, waren ſie ungehindert weiter und weiter ſüdlich gekommen. Freilich hatten die Auskünfte, welche Onkel Hugh von dem alten Virginier erhalten, mit dem er ſich vor ſeinem Scheiden von Harpers Ferry beſprochen und der jeden Winkel, jede Hütte des wei⸗ ten Thals, ſowie die zuverläßlichen ſeiner Bewohner kannte, hauptſächlich das glückliche Reſultat dieſes Vor⸗ dringens bewirkt, aber auch die Neger, auf welche un⸗ ſere Reiſenden ſtießen, waren bemüht geweſen, ihnen nützlich zu ſein, denn die Schwarzen des Südens, ob 1* wohl ſie ihren Unterdrückern gegenüber die Ergebenen ſpielten und ſich ſtellten, als glaubten ſie die unerhör⸗ ten Fabeln, welche ihnen von den Pflanzern über die Abſichten des Nordens mitgetheilt wurden, ſympathiſir⸗ ten doch insgeheim mit den Yankees und halfen, wo ſie konnten, allen Flüchtlingen und Anhängern der Union durch. So finden wir denn Alice und Onkel Hugh, nach⸗ dem ſie, hier zu Wagen, dort auf Fußpfaden im Ge⸗ birge oder Wald, bald offenkundig und bald auf Um⸗ wegen ihre Reiſe fortgeſetzt, die Vorpoſten der Süd⸗ ſtaatler bereits weit hinter ſich, wohlbehalten auf der Fahrſtraße, die hart am Waldesſaume und den blauen Bergen hin nach Waynesboro führt. Sie waren von dieſer kleinen, an der Virginia⸗Central⸗Bahn gelegenen Stadt kaum zwölf engliſche Meilen entfernt. Wir können wohlbehalten nur in gewiſſer Be⸗ ziehung ſagen, denn es war ein finſterer Abend, der Regen ſchoß unaufhörlich in Strömen nieder, und der heulende Sturmwind, der zur Seite der Fahrſtraße das Laub des Gehölzes zerzauſte und ſelbſt ſtarke Aeſte rieſiger Waldbäume brach, peitſchte den Reiſenden ins Geſicht, die in einer halb offenen, elenden Kaleſche ſa⸗ ßen, deren noch elendere Pferde ſich abmühten, das Fuhr⸗ werk durch den Koth der faſt grundloſen Straße zu ziehen. 5 Dicke Wolkenmaſſen hingen ſchwarz, drohend und ſchwer über der Gegend. Dieſe ward von Zeit zu Zeit durch einen grellen Blitz beleuchtet, dem unmittel⸗ bar das betäubende Rollen des Donners folgte. „Schönes Vergnügen das!“ knurrte Onkel Hugh unwillig, den waſſerdichten Rock höher zum Hals hin⸗ aufziehend, während von ſeinem breitrandigen Hute das Waſſer wie aus einer Dachrinne niedertroff.„Hol' der Henker die launenhafte Witterung Virginias!“ „Danken wir im Gegentheil dem Himmel dafür“, entgegnete Alice, munter in das Sturmgebrauſe hin⸗ einlachend.„Bei Mondſchein und Sternenlicht würden wir mindeſtens einem Dutzend Argwöhniſcher begegnen, die bereit wären, uns mit Fragen über woher und wohin zu beläſtigen, oder wohl gar, ſo nahe der Stadt, der einen oder andern Patrouille in den Weg kom⸗ men, die uns für etwas Anderes als harmloſe Reiſende anſehen möchte. Dergleichen iſt jetzt wenigſtens kaum zu befürchten, Onkel, denn die ſüdſtaatlichen Bezirks⸗ milizen haben eine gar empfindliche Haut und ſind ſo wenig Freunde vom Waſſer ihrer Gewitterwolken, wie vom Feuer unſerer Yankees.“ Alice hüllte ſich feſter in ihren Plaid und drückte ſich in die Wagenecke. Sie hatte kaum vollendet, als der ganze Himmel wie in feuriger Lohe ſtand und zugleich ein entſetz⸗ liches Krachen ringsum ertönte, als ob in wilder Schlacht tauſend verderbenſprühende Feuerſchlünde zu⸗ gleich ſich entlüden. Der Erdboden ſchien unter dem Fuhrwerk zu zittern, kaum dreißig Schritte von dieſem entfernt aber zuckte zur Linken des Wegs der blen⸗ dende Zickzack des Blitzes nieder und fuhr von der breitgeäſteten Krone eines gigantiſchen Ahornbaumes, der frei zwiſchen dem Gehölz und der Fahrſtraße ſtand, am rieſigen Stamme hernieder, dieſen vom Wipfel bis zur Wurzel ſpaltend. Im Nu ſchlugen, trotz des heftigen Negenguffes, wilde Flammen von Stamm und Aſtwerk auf und züngelten, das Laub durchkniſternd, vom Sturm gepeitſcht empor. Der Baum war ſofort in ein Flammenmeer gehüllt. So abgetrieben und hinfällig die Pferde auch ſein mochten, welche die alte Kaleſche zogen, erhielten ſie doch durch das in nächſter Nähe ſich Ereignende eine plötzliche Spannkraft. Scheu bäumten ſie ſich empor, prallten gegen einander, wichen erſchreckt zur Seite und zerrten das Fuhrwerk mit heftigem Ruck quer über den Weg. Der Kutſcher aber, ein ſchmächtiger, blaſſer, kaum ſechzehnjähriger Burſche, verlor die Zügel und ward von ſeinem niedrigen Sitze in den Koth der Fahrſtraße geſchleudert. — — ₰ Der Burſche fiel ſehr weich und war ſogleich wie⸗ der auf den Beinen. Doch bevor er in ſeiner Betäu⸗ bung Zeit gewinnen konnte, nach den Roſſen zu ſpringen und ſie aufzuhalten, hatte das linke Pferd einen ſeiner Stränge zerriſſen und arbeitete ſich wie toll ab, ſeine Freiheit zu gewinnen. Dadurch ward der rechts gehende Gaul ebenfalls zur linken Seite getrieben, die Kaleſche wieder dorthin geſchleudert, und nun ſtolperten die angſterfüllten Roſſe einen kleinen Graben hinab und wieder hinauf, das ſchwankende Fuhrwerk unter hefti⸗ gen Stößen mit ſich ſchleppend. Die Kraft der ſchlecht genährten, erſchöpften Thiere reichte aber nicht aus, ſie brachten die Kaleſche nicht über den Graben, der die Landſtraße von dem jenſei⸗ tigen, mit kurzem Mooſe bewachſenen Haideboden trennte. Eins der Pferde glitt auf dem glatten, naſſen Mooſe aus und kollerte zu Boden, zugleich aber brach eine Vorderachſe des armſeligen Wagens, der ſich durch den heftigen Anprall zur Seite neigte. Onkel Hugh, kraftvoll und ſehnig trotz ſeines Alters, war mit einem Sprunge aus der Kaleſche und auf der jenſeitigen Erhöhung des Grabens. Er riß den zappelnden Gaul empor. Und wie er nun ſah, daß die Thiere, ſchnaufend und an allen Gliedern zitternd, keinen zweiten Verſuch wagten, die Flucht zu ergreifen, dieſes auch unter den obwaltenden Umſtänden kaum zu thun vermocht hätten, da wandte er ſich raſch dem Wagen zu, der bedrohlich ſchief über dem Graben hing. Alice ſaß ruhig in derſelben Ecke wie zuvor, als ob nichts geſchehen ſei, nur daß ſie mit einem ihrer zierlichen Händchen ſich an der Kaleſche feſthielt, um das Gleichgewicht zu bewahren. Der bis über Naſe und Ohren mit dem weitbe⸗ rühmten Virginia⸗Landſtraßenkoth reichlich bedeckte Kutſcher war jetzt auch jenſeits des Grabens und ſtarrte rathlos bald auf ſein Geſpann, bald auf den alten Herrn und die junge Miß. Der brennende Ahornbaum beleuchtete die Situation, die unter allen Umſtänden für jeden der daran Bethei⸗ ligten keine beneidenswerthe war. „Mich ſoll Gott verdammen“, brummte Onkel Hugh, „wenn das nicht eine ganz verfluchte Geſchichte iſt! Was nun beginnen?“ „Mir vorläufig beiſtehen, Onkel, daß ich aus dieſem Mar⸗ terkaſten auf feſten Boden gelange!“ verſetzte Alice gelaſſen. „Ja ſo! Aber wahrhaftig, Kind, der verwünſchte Haidegrund iſt ſo ſchlüpfrig wie eine Aalhaut, und Regen und Sturm haben hier vollends Spielraum, einem die Seele aus dem Leibe zu fegen. Der Hunde⸗ 4 1 4 — 9 karren ſteckt feſt genug, wird nicht umfallen; bleib’ nur ſitzen, bis wir überlegt haben, was ſich thun läßt.“ „Ich danke dafür“, verſetzte Alice lächelnd;„mein Sitz befindet ſich nicht weniger in der Schwebe wie die Angelegenheiten unſerer Union.“ „Du kannſt in einem ſolchen Augenblicke noch ſcher⸗ zen, Alice!“ „Was hilft es uns, wenn ich klage, Onkel? Weder eine Verwünſchung noch ein Seufzer bringt unſer Fuhr⸗ werk aus dem Graben, und heraus muß es doch.“ „Ein Rad iſt gebrochen.“ „Das war keinesfalls das Glücksrad der Fortuna für uns. Doch wie dem auch ſei, der Unfall darf un⸗ ſern Gleichmuth nicht beirren. Wir wußten es ja im voraus, als wir unſere Reiſe unternahmen, daß die Sache nicht ſo glatt abgehen werde wie die Unterhal⸗ tung bei einer Theegeſellſchaft. Reiche mir die Hand, Onkel Hugh, und hilf mir vorerſt aus dieſer Klemme, dann wollen wir die andere beſprechen.“ Onkel Hugh murmelte einige unverſtändliche Worte in den Bart hinein, neigte ſich vornüber, auf das Fuhrwerk ſich ſtützend, und war der Nichte beim Aus⸗ ſteigen behülflich. 4 Die ſchlanke Alice ſprang behend und ſicher auf die Raſenerhöhung des Grabens. „ Shr erſter Blick galt dem brennenden Rieſenbaume, von dem aufloderndes Gezweige und Laub, vom Sturme losgeriſſen, gleich einem feurigen Sprühregen in tau⸗ ſend Funken und rothen Flämmchen dem nahen fin⸗ ſtern Walde durch den Orkan zugeführt ward. „Das iſt ein grauenhaft ſchöner Anblick“ ſagte ſie ernſt,„und wahrlich, er mahnt uns daran, daß wir, trotz unſeres Unfalles, alle Urſache haben, uns glücklich zu preiſen. Sieh nur, hätte jener verheerende Feuer⸗ ſtrahl ſich in grader Linie nur ein wenig mehr her⸗ wärts gewendet, es würde uns, unſer Geſpann und unſere Hoffnungen vernichtet haben. Die Vorſe⸗ hung leitet den Blitzſtrahl wie die Geſchicke der Men⸗ ſchen, und aus jenem brennenden Baume, wie einſt zu Moſes aus dem feurigen Buſche, ſpricht der All⸗ mächtige zu mir: Ziehe hin und erfülle Deine heilige Sendung, Dein Gott iſt mit Dir!“ Alice ſtand, von Begeiſterung durchglüht, hoch auf⸗ gerichtet da. Ihr Weſen ſchien in dieſem Augenblicke alles Irdiſche abgeſtreift zu haben, ſie glich, vom weit⸗ faltigen Plaid umflattert, von den Schlaglichtern der emporzüngelnden Flammen beglänzt, einer von erhabe⸗ ner Verzückung hingeriſſenen wunderreizenden Seherin des Alterthums, glich der hohen Freiheitsgöttin ſelber, aus Himmelshöhen herabgeſtiegen, ihr auserwähl⸗⸗ 11 tes Volk durch Kampf und Sieg zum 2 führen. Der ehrliche Onkel Hugh, ſo wenig er auch eine ſchwärmeriſche Natur ſein mochte, fühlte ſich doch un⸗ willkürlich durch den Anblick dieſer von freudiger Zu⸗ verſicht ſtrahlenden Erſcheinung ſeltſam ergriffen und überwältigt, auch ſein patriotiſches Herz durch⸗ zuckte die warme Empfindung eines erhebenden Ver⸗ trauens. Er vergaß einen Moment Alles um ſich her, den Sturm, der ihn umtobte, den ſo eben erlittenen Unfall, die gefährliche Situation mitten in Feindes Land. Die rauhe, ſtarre Hülle, in welcher der alte eiſenfeſte Mann ſein hochherzig empfindendes ſchlichtes Gemüth zu ver⸗ bergen liebte, ſank plötzlich in eitel Nichts vor dem Eindrucke zuſammen, den er hier empfing, und haſtig griff er nach der Hand ſeiner Nichte. „Alice, Kind meiner ſeligen Schweſter, mein gelieb⸗ tes Kind“, murmelte er weich und bewundernd zu⸗ gleich,„ja, ich glaube an die Göttlichkeit Deiner Sen⸗ dung, ich glaube an den Sieg unſerer Union!“ Alice wandte ſich, umſchlang den Onkel Hugh und küßte ſeine vom heftigen Strichregen benetzte Stirn. Doch der alte Eiſenfreſſer gehörte ſich ſchon wieder 12 ½. ſelber an; er fühlte etwas wie Scham über die verra⸗ thene Weichheit. Und der Gedanke an die Gefährlich⸗ ceeit der Lage drängte ſich ihm jetzt um ſo lebhafter auf. ,Höll' und Teufel“, polterte er,„wir ſtehen hier und vergeſſen, daß unſer Herrgott nur denen hilft, die ihre Hände nicht in den Schooß legen. Holla, Burſche“, fuhr er fort, die Nichte ſanft von ſich ſchiebend, wäh⸗ rend er ſich zu dem jugendlichen Kutſcher wandte,„was fangen wir mit dem zerbrochenen Ding da an, Deinem elenden Karren?“. Der Angeredete zuckte ſchweigend und mit kläglicher Miene die Achſeln. Alice, der nüchternen Wirklichkeit zurückgegeben, ließ ihren Blick zu dem Burſchen hinübergleiten. Der na⸗ türliche, anmuthige Humor des entſchloſſenen Mädchens hatte wieder die Oberhand bei ihr gewonnen. Siellachte auf, als ſie die Jammergeſtalt ihres kothbeſpritzten Kutſchers erblickte. Dann ſagte ſie, leicht ſchauernd und den Plaid feſter an ſich ziehend:„Du hoffſt doch nicht, Onkel, mit dem armen Jungen dort dieſes Unthier von einem Wagen wieder in Stand ſetzen zu können? Wie weit iſt Waynesboro noch von hier?“ „Ungefähr zwei und eine halbe Stunde“, antwor⸗ tete der Burſche zähneklappernd. 13 „Nun, ſo wird uns nichts weiter übrig bleiben“, bemerkte Alice gelaſſen,„als auf den losgeſchirrten Pferden unſern Weg fortzuſetzen; der eine Klepper wird die Ehre haben, mich zu tragen und unſer Gepäck, das, dem Himmel ſei Dank, ja nur aus einer leichten Handtaſche beſteht, der andere nimmt die Bürde mei⸗ nes würdigen Oheims auf ſich, hinter dem unſer armer Schelm von Kutſcher hocken mag, ohne ſeinem Gaul ſonderlich zur Laſt zu ſein.“ „Aber mein Wagen?“ fiel der Burſche haſtig ein. „Den magſt Du Dir ſpäter auf irgend eine Weiſe von Waynesboro aus holen, mein Freund. Ich glaube kaum, daß irgend Jemand während dieſer Nacht Luſt verſpüren wird, Dir dieſe werthvolle Reliquie von hier zu entführen.“ „Ja, wir müſſen auf den Pferden bis zur Stadt“, brummte Onkel Hugh,„es geht nicht anders. Beeilen wir uns, mein Junge, die Thiere loszuſchirren.“ Hugh Morgan und der jugendliche Fuhrmann machten ſich ans Werk. Der Regen ſchoß nicht mehr ſo heftig wie zuvor nieder, aber er hatte doch hingereicht, den Brand des Ahornbaumes zu dämpfen; auch der Stumwind wü⸗ thete nicht mehr ſo ſtark. Doch erfolgte noch Blitz auf Blitz, begleitet von dumpf rollendem Donner. Der Burſche, welcher zu verſchiedenen Malen in die Ferne geſtarrt hatte, zuckte plötzlich zuſammen. „O weh“, ſtammelte er,„retten Sie ſich, ſonſt ſind Sie verloren und ich mit Ihnen!“ „Was iſt Dir, Burſche?“ rief Onkel Hugh, während Alice aufhorchte und den Weg entlang blickte. Der junge Kutſcher deutete nach der Richtung hin, welche er und ſeine Reiſenden zu nehmen hatten. „Als ſo eben ein Blitz die Gegend erhellte“, ſtieß er haſtig hervor,„da ſah ich deutlich— weiter unten auf dem Wege—!“ „Zum Teufel, wen?“ „Die Tiger!“. „Tiger? Was ſoll das heißen?“ fuhren Onkel Hugh und Alice zugleich auf. „Die Soldaten der Louiſiana⸗Regimenter werden ſo genannt“, ſtotterte der Gefragte,„weil ſie eingefleiſchte Teufel ſind und Keinen verſchonen, der ihnen in die Hände fällt. In voriger Woche plünderte und ermor⸗ dete eine Patrouille der Tiger zwei Herren, die auch, wie Sie, einen Wagen meines Herrn benutzten; und doch waren die Ermordeten Pflanzer aus dem Süden!“ „Aber wir können uns ausweiſen!“ begann Alice. „Das nützt Ihnen bei den Tigern nichts! Retten Sie ſich in den Wald, noch haben Sie Zeit dazu, die 15 Männer ſind noch etwa zehn Minuten von hier ent⸗ fernt und haben uns nicht geſehen!“ „Wer ſagt Dir das?“ „Sie hätten ſonſt ihre Pferde in Galopp geſetzt!“ „Aber wie konnteſt Du auf ſolche Entfernung er⸗ kennen, daß es dieſe Tiger ſeien?“ „Ich erkenne einen ihrer Führer, einen dicken Mann, er reitet voraus—“ „Und wie viele ſind ihrer?“ „Wohl fünfzig Mann!“ „Teufel“, murmelte Onkel Hugh,„da nützt keine Gegenwehr!“ Eilig trat er zur hängenden Kaleſche und riß die Handtaſche hervor. „Doch wohin uns wenden?“ fragte er dann. „Links ins Gehölz und von dort ins Gebirge!“ antwortete der Burſche.„Aber hüten Sie ſich, Sie werden auf Moräſte ſtoßen, auf Swamps, die nur ſchmale, feſte Wege durchſchneiden.“ „Du kennſt die Gegend da herum“, hob Alice an, „laß Pferde und Wagen im Stich, wir zahlen ſie Dei⸗ nem Herrn und geben Dir fünfzig Dollars, wenn Du uns führſt!“ „Nicht um alles Gold der Welt!“ betheuerte der Burſche.„Bleibe ich hier, ſo wird man mir nichts an⸗ 16 haben, ich fuhr Reiſende und kehre mit leerem Wagen heim, wird meine Ausrede ſein; finden die Tiger aber Fuhrwerk und Pferde verlaſſen, dann würden ſie die Sache wittern, die Gegend durchſuchen, uns unfehlbar erwiſchen und mich aufhängen. Nein, Miß, ich bleibe hier!“ „Biſt Du ehrlich, Junge?“ brummte Onkel Hugh argwöhniſch und in drohendem Tone. „Hätte ich denn gewarnt, wenn ich es nicht wäre? Mein Vater war ein Nankee, Sir, und ward durch einen Pflanzer ruinirt, mein Bruder dient in der Unionsarmee. Ich verrathe Sie nicht, bei der Selig⸗ keit meiner armen Mutter ſchwör' ich es!“ „Gut. Wir kommen das Gebirge entlang zur Bahn und nach Waynesboro?“ Matürlich, wenn Sie ſich immer ſüdlich wenden!“ „Werden wir auf eine Hütte ſtoßen, wo es uns nöthigenfalls möglich wäre, ſicher zu übernachten?“ „Es liegen vereinzelt einige elende Blockhäuſer am Gebirge und im Walde. Ob man aber den Leuten trauen kann, das weiß ich nicht. Oft ſind hier die nächſten Nachbarsleute für; die Union und laſſen ſich's gegenſeitig nicht merken, weil man Niemand trauen darf. Was Sie wagen, müſſen Sie auf gut Glück thun. Und nun— um Ihret⸗ und meinetwillen, Sir, ten derſelben. Noch einmal ſchauten ſie zurück. 17 fliehen Sie mit der Miß von dieſer Stelle, bevor es wieder blitzt und die Reiter Sie hier ſehen könnten!“ „Er hat Recht“, flüſterte Alice,„wir dürfen keine Sekunde mehr verlieren!“ Das ganze vorſtehende Geſpräch war mit Blitzes⸗ ſchnelle geführt worden. Und ebenſo raſch machten ſich jetzt Alice und Onkel Hugh auf die Flucht, nachdem der letztere dem Bur⸗ ſchen noch Geld in die Hand gedrückt hatte. Sie ſchlüpften über den feſten, aber glatten Haide⸗ grund hin, hinter dem geſpaltenen Ahornbaume weg, deſſen halbverbrannte Aeſte noch theilweiſe glimmten und deren rothes Glühen ſeltſam mit dem nächtlichen Düſter contraſtirte. 6 Zum Glück für das ſich flüchtende Paar hatte es nicht weit bis zu den erſten Ainzen des ihnen ſchwärzlich entgegenſtarrenden Gehölzes, pard die Ge⸗ gend durch den ſekundenlang auflodernden Feuerſchein des weiterziehenden Gewitters jetzt nicht derart erhellt, daß man auf einige tauſend Schritte Entfyrnung die Umriſſe der dunkel gekleideten Fliehenden hätte gewah⸗ ren können, ohne zuvor auf dieſe aufmerkſam gemacht⸗ worden zu ſein. Nun waren ſie unter den hohen Bäumen, im Schat⸗ Adolf Schirmer. Die Spionin. II. 2 Ein ſchwaches Wetterleuchten zeigte ihnen die halb umgeſtürzte Kaleſche, die Pferde und die Geſtalt des Burſchen, in ziemlicher Entfernung ſüdwärts aber jetzt auch eine dichte, dunkle Maſſe, welche ſich langſam auf der Landſtraße weiter bewegte. „Das ſind die Tiger!“ raunte Onkel Hugh ſeiner Nichte zu.„Dringen wir ſo raſch wie möglich tiefer in den Wald!“ „Mit Vorſicht, Onkel! Denken wir daran, daß der Burſche von Sümpfen ſprach!“ „Wir brauchen ſie nicht eher zu fürchten, als bis wir Cypreſſenwald um uns haben, faſt die einzige Holzart, die auf den Swamps wächſt. Nur dreiſt vor⸗ wärts, mein Kind!“ Und vorwärts tappten Onkel und Nichte in die Finſterniß hinein, ohne Weg und Steg, über unebenen, von Wurzeln durchlaufenen, mit wildem Schlingkraut überwucherten, ſchlüpfrigen Boden hin, hier und dort an den knorrigen Stämmen weiter taſtend, vom naſſen Gezweige der Geſtrüppe, die ſie durchdringen mußten ins Geſicht geſchlagen, zu Zeiten von einer förmlichen, Sturzſee überſchüttet, wenn ein heftiger Windſtoß das vom Regen triefende Laub rüttelte. Dann und wann blieben ſie ſtehen und lauſchten, aber ſie hörten und ſahen nichts von Verfolgern; ſie 19 gelangten zu der Ueberzeugung, daß ſie von den Ti⸗ gern nichts mehr würden zu befürchten haben. Das Gewitter hatte ſich verzogen, nur ſelten noch ließ ſich, von weiter Ferne her, ein ſchwaches Donner⸗ rollen vernehmen. Es regnete nicht mehr, und der Sturmwind hatte höhere Luftſchichten aufgeſucht, er jagte jetzt am Himmel mit raſender Schnelligkeit die zerriſſenen Wolken, zwiſchen denen hindurch zeitweilig der Mond ſichtbar ward, deſſen ungewiſſer Schimmer aber nur ſpärlich die Wildniß durchdrang, in der Alice und Onkel Hugh ſich abmühten, ſo raſch wie nur mög⸗ lich vorwärts zu kommen. Allmälig begann ſich der Wald zu lichten; die An⸗ zeichen eines nahen Sumpfes wurden bemerkbar, weicher, ſchwammiger Boden und Cypreſſen. Unſere Wanderer bewegten ſich jetzt langſam und vorſichtig weiter, zu Zeiten bis faſt zum Knie einſin⸗ kend. Glücklicherweiſe blieb nun der Mond länger als zuvor wolkenfrei und beleuchtete den moraſtigen Boden, der hier ohne Zweifel die Grenze des Sumpfes bildete. Und von dieſem falben Lichte unterſtützt, ge⸗ wahrte Alice alsbald der Länge nach in Zwiſchenräu⸗ men ſich über das ſumpfige, moosbewachſene Erdreich ausſtreckende rieſige Stämme von Cypreſſen, die un⸗ ſtreitig von den Bewohnern der Umgegend gefällt 2 20 worden waren, um darüberhin die grundloſen und gefährlichſten Stellen paſſiren zu können. Alice und ihr Begleiter ſchritten über dieſe Stämme hin. Es war ein waghalſiges Unternehmen; ein Aus⸗ gleiten von dem naſſen, glatten Holze hätte unzweifel⸗ haft den Tod herbeigeführt. Onkel Hugh und ſeine Nichte mußten ſich bisweilen an den Zweigen der zu⸗ nächſt ſtehenden Bäume halten, um nicht das Gleich⸗ gewicht zu verlieren; ſie hatten ihre ganze Willenskraft aufzubieten, ſich eines Grauſens zu erwehren, das hier die gefährlichſten Folgen haben konnte. Endlich hatten ſie die Sumpfregion glücklich hinter ſich; ſie athmeten auf, inbrünſtig dankten ſie im Her⸗ zen Gott für die Beſeitigung der Gefahr, denn nun fühlten ſie wieder feſten Boden unter den Füßen. Und der Sumpf, der ſie jetzt von den reitenden Tigern trennte, bot eine neue Garantie für ihre Sicherheit. Aber die Kniee der Fliehenden zitterten, eine An⸗ wandlung von Erſchöpfung überkam ſie. Dennoch wandten ſie ſich raſtlos weiter, gen Südoſten, der Ge⸗ birgsgegend zu. Bald ging es bergan, zeigten ſich Schluchten zur Seite, erſchien zerriſſenes Felsgeſtein, von Föhrenwald umſchattet. Aber nun erlahmte die Kraft der Klimmenden, an 21 deren Sohlen der erweichte lehmige Boden wie Blei⸗ gewicht haftete. „Ich kann nicht weiter!“ ſtöhnte Alice. Plötzlich blieb ſie ſtehen, legte die Hand auf den Arm des Oheims und deutete zur Seite. Etwa hundert Schritte von ihnen flimmerte im Walddüſter ein matter Lichtſchein. „Gott ſei Dank!“ rief Onkel Hugh.„Ein Block⸗ haus! Wir werden Menſchen, ein Nachtquartier fin⸗ den! Komm!“ „Und wenn wir dort Verrath oder Schlimmeres fänden?“ „Du biſt erſchöpft, kannſt Dich kaum aufrecht hal⸗ ten! Pochen wir dort an und überlaſſen wir der Vor⸗ ſehung das Weitere!“ Onkel Hugh zog die zögernde Alice mit ſich fort. Zweites Kapitel. Durch die Finſterniß vorwärts tappend, welche rings die hohen, weitäſtigen Tannen verbreiteten, ge⸗ langte das ermüdete Paar bald zu einem kleinen freien Platze. Da und dort ragten aus der jetzt von ſpär⸗ lichem Mondlicht beglänzten Wieſe niedrige Baum⸗ ſtümpfe hervor, die wieder einiges Gezweige getrieben hatten und deutlich zeigten, daß dieſe kleine Waldes⸗ lichtung nicht von der Natur, ſondern durch die Axt des Menſchen geſchaffen worden war. Nun vermochten Onkel Hugh und ſeine Gefährtin auch die Umriſſe des Blockhauſes zu unterſcheiden, deſſen Licht ſie hierher geleitet hatte. Der Forſt, wel⸗ cher das einſame Plätzchen umrahmte, bildete auch den 1 3 23 düſtern Hintergrund deſſelben, und dort lag das elende Breterhäuschen, mit ſeiner Rückſeite an den Waldes⸗ ſaum lehnend. Einige das Dach ſchräg überragende Fichten geſtatteten dem ſchwachen Schimmer des Mon⸗ des nur ſtellenweiſe, die roh gezimmerte, augenſcheinlich halb verfallene Hütte zu beleuchten. Die Thür derſelben ſtand offen; was die ſich Nähernden für Kerzenſchein gehalten hatten, ward durch das zeitweilige Aufflackern eines Feuers verur⸗ ſacht, das auf dem Herde langſam ein Reiſigbündel verzehrte. Niemand ſchien ſich in der Hütte zu rühren und doch deutete das Feuer an, daß ſie nicht verlaſſen ſei. Das Paar hatte ungefähr nur dreißig Schritte noch bis zu dieſer dürftigen Behauſung, deren ein⸗ ſame, verſteckte Lage keineswegs ſonderlich vertrauen⸗ erweckend war. Onkel Hugh blieb plötzlich ſtehen; er überlegte, ob es denn doch nicht am Ende gerathen ſei, mit größerer Vorſicht zu Werke zu gehen. Aber er gewahrte, daß ſeine Begleiterin, die ſich auf ſeinen Arm ſtützte, vor Erſchöpfung zuſammen zu brechen drohte, er ſah im ſchwanken Mondlichte die Ab⸗ geſpanntheit ihrer Züge, die Bläſſe ihrer Wangen, er fühlte das leiſe, ſieberhafte Zittern ihres Körpers. 24 Was half es da, weiter zu überlegen und die Vorſicht zu Rathe zu ziehen? Ein Obdach und ein gutes Reiſigfeuer zum Trocknen der durchnäßten Kleider mußte aufgeſucht werden, ſollte der nächtliche Marſch nicht die böſeſten Folgen haben. Ueberdies fand auch Onkel Hugh, daß er ſelber einiger Raſt dringend be⸗ dürftig ſei. Er ſchritt daher nach kurzem Zögern gerade auf den Eingang des Blockhauſes los. Kurz vor der Schwelle deſſelben flüſterte er Alice zu, ſich zurück zu halten, und machte ſodann eine Bewegung, ſich einem der kleinen, armſeligen Fenſter zu nähern, deren Schei⸗ ben ſämmtlich zerbrochen waren. Er rechnete darauf, daß man ſein und des Mädchens Kommen nicht ge⸗ hört habe, denn das dichte Moos des Haidebodens hatte ihre Schritte lautlos gemacht. Onkel Hugh ward aber daran verhindert, das In⸗ nere der Hütte flüchtig auszukundſchaften, bevor er ſeine Gegenwart verkündigte, denn plötzlich tauchte dicht vor ihm, wie aus dem Erdboden hervorgeſtiegen, eine rieſige Geſtalt auf, deren Breite den ganzen Ein⸗ gang des Blockhäuschens verdeckte. „Aye, wer zum Teufel ſeid Ihr und was wollt Ihr hier?“ donnorte eine rauhe Baßſtimme. „Verirrte Reiſende“, antwortete Onkel Hugh ruhig, —-— 25 „die gegen Dank und gute Bezahlung bis Tagesan⸗ bruch Nachtquartier wünſchen!“ „Verirrte Reiſende?“ klang es barſch zurück.„Durch Jaman's Gap*) kommt man bei Nacht, in Sturm und Wetter, nicht zu Fuß, und obendrein ein alter Mann nicht und ein Frauenzimmer!“ Der Rieſe war, ehe er geſprochen hatte, einen Schritt zur Seite getreten, ſodaß der flackernde Feuerſchein Züge und Geſtalt der Obdachſuchenden beglänzte. „Wir kommen auch nicht vom Gebirge“, erwiderte Onkel Hugh mit Feſtigkeit,„ſondern vom Shenan⸗ doah, von der Landſtraße jenſeits des Sumpfes.“ „Wollt Ihr mich hintergehen?“ fiel ihm der Rieſe drohend ins Wort.„Wer könnte in ſolcher Satans⸗ nacht über den Sumpf? Und wer würde es auch nur wagen, während ſolcher Finſterniß unſere gefährlichen Swamps zu betreten?“ „Wir haben es gewagt!“ brummte Hugh Morgan trocken. „So kanntet Ihr nicht die Gefahr, der Ihr Euch ausſetztet!“. „Gleichviel! Nun ſind wir hier und bitten Euch *) Ein Gebirgspaß. um Gaſtfreundſchaft— ſoll Euch gut bezahlt werden, Mann! Macht nicht viel Umſtände, Sir, und laßt uns an Euren Herd— Ihr ſeht, die Dame iſt völlig durchnäßt.“ Onkel Hugh machte Miene, ohne weiteres in das Blockhaus zu treten, der Rieſe aber ſchob ſeine un⸗ förmliche Geſtalt wieder vor den Eingang. „Hoho“ ſtieß er mürriſch hervor,„heutzutage läßt man nicht Jeden bei Nacht und Nebel unter ſein Dach! Wer ſeid Ihr?“ „Bin ein Pflanzer von Tenneſſee, Sir“, antwortete Hugh Morgan, ohne ſich zu beſinnen,„hatte meine Plantage nicht weit von der Grenze. Die Abolitioniſten, die Gott verdammen möge, haben mein Haus nieder⸗ gebrannt, meine Felder verwüſtet, meine Darkies 89 befreit, und nun geh' ich mit der Nichte über Rich⸗ mond nach Charleſton zu ihren Verwandten. Wißt Ihr nun genug?“ „Hoho, vom Süden!“ brummte der Rieſe argwöhniſch. „Das iſt ja ein ganz verfluchter Umweg, den Sie eingeſchlagen, Sir, um vom Südweſten nach Richmond zu gelangen, ſoviel ich weiß. Sonderbar genug das, Sir, um ſo ſonderbarer, als Sie mit der Danville⸗ *) Neger. 24 Bahn direct nach Richmond hätten gehen können. Wie kommen Sie denn da in dieſe Gegend?“ Der Rieſe ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Daran iſt nichts ſonderbar“, entgegnete Alice raſch, dem etwas ſchwerfälligen Oheim das Wort ab⸗ ſchneidend.„Hätten uns die Nankees Gelegenheit ge⸗ laſſen, die Danville⸗ oder Lynchburg⸗Bahn zu errei⸗ chen, wir ſtänden jetzt nicht hier. Es war, weiß Gott, nicht unſer Wunſch, durch Weſt⸗Virginia auf verwil⸗ derten Fahrſtraßen und Waldwegen zu kutſchiren, ſo wenig es uns ein Vergnügen gemacht hat, als dann zwei Stunden von hier unſer Fuhrwerk auf der Straße nach Waynesboro umſchlug. Und nun, guter Freund, übt Barmherzigkeit und laßt uns an Eurem Herde ſitzen, denn uns ſchüttelt der Froſt und die Ermattung übermannt uns!“ Der Rieſe ſchickte ſich, augenſcheinlich unbefriedigt, an, eine weitere Frage zu ſtellen, als ſich eine ſcharfe helltönende Weiberſtimme vom Innern des Blockhauſes her vernehmen ließ. „Laß ſie eintreten, Frank; Du haſt ja gehört, daß ſie ihr Nachtquartier ehrlich bezahlen wollen!“ Der gigantiſche Waldbewohner wich grollend zur eite. Alice und Hugh Morgan übherſchritten die chwelle der Hütte; der Eigenthümer derſelben folgte — S ihnen ſodann, die Thür hinter ſich ſchließend. Aliee trat zum Herde und ließ ſich auf einem plumpen Holz⸗ ſchemel nieder. Onkel Hugh blieb mitten in dem kleinen Raume ſtehen und ließ den ſcharfen Blick mißtrauiſch umher⸗ ſchweifen. Das Innere des Blockhaufes war troſtlos genug. Rauhe, kahle Breterwände, räucherig und beſchmutzt, ein aus zerbrochenen Backſteinen roh zuſammengefügter Herd und Rauchfang, ein uneben laufender Lehmfuß⸗ boden, Bank, Tiſch und Schemel aus Fichtenholz, altes, beſchädigtes Hausgeräthe, in einem Winkel aufgeſchüt⸗ tetes Stroh, über das grobes, zerfetztes Sackleinen nnd Lumpen gebreitet worden, das war die ganze Herrlich⸗ keit dieſer elenden Behauſung. Das Reiſig, welches auf dem Herde brannte und kniſterte und über dem an einer Art Gabel ein ſchwärzlicher Keſſel hing, war friſch und feucht und erfüllte den Raum mit einem in die Augen beißenden, athembeklemmenden Rauch. Auf dem Stroh und den Lumpen lag ein halb⸗ nacktes, ſchlummerndes Kind, abgezehrt und bleich, doch mit engelgleichen Zügen und das kleine Haupt von goldiger Lockenfülle umflutet. Neben dem Kinde hockte ein junges Weib in zerriſſener, fadenſcheiniger Kleidung, Schultern und Hals faſt völlig entblößt. 29 Dieſe Frau mochte kaum fünfundzwanzig Jahre zäh⸗ len, ſie ſah hager und kränklich aus, aber ihre Züge trugen noch die Spuren ehemaliger großer Schönheit an ſich und waren von bewunderungswürdiger Feinheit. Ihr beinahe aſchfarbenblondes reiches Haar hing un⸗ ordentlich über Schläfe und Hals herab, der ſtechende Blick, den ſie aus ihren großen glänzenden Augen auf die Eintretenden ſchoß, glich demjenigen einer hungri⸗ gen Wölfin. Der Rieſe, welcher an der Thür ſtehen blieb und jetzt beim Aufflackern des Reiſigfeuers ſeine Gäſte ſtumm einer ſchärfern Muſterung als zuvor unterzog, war ein zerlumpter, finſter blickender Mann von etwa ſechsunddreißig Jahren, hatte derbe, gemeine Züge und einen verwilderten Bart. Alice und ihr Gefährte erſahen ſofort aus ihrer verdächtigen Umgebung, daß hier alle Urſache vorhan⸗ den ſei, auf ſeiner Hut zu ſein. Während ſo unſere Reiſenden nicht gerade die beſte Meinung von den zerlumpten Blockhausbewohnern er⸗ hielten, ſchienen dieſe ihren Gäſten ebenfalls nicht recht zu trauen. Auf dem Marſche durch Wald und Sumpf waren die Kleider der jungen Dame und ihres Beglei⸗ ters natürlicherweiſe ſtark beſchmutzt worden und in Unordnung gerathen; das gab dem Rieſen und ſeinem 30 Weibe nun wohl nicht zu denken, denn ſie bekamen ſicher nur ſelten eine anſtändige Toilette zu ſehen, auch konnten Leute, die während einer Gewitternacht zu Fuß Vildniß und Moraſt durchkreuzt, füglich nicht anders ausſehen, als dies bei den fremden Ankömmlingen der Fall war. Doch wie dieſe nun Regenrock und Plaid von ſich thaten und ihre Waffen ſichtbar wurden, da blinzelten der Rieſe und ſein Weib einander eigenthümlich an, auch ließ ſich ziemlich deutlich aus den Zügen des erſtern herausleſen, daß ihn die von ſeinen unerwarketen Gäſten erhaltene Auskunft keineswegs befriedigt habe. Onkel Hugh legte die Handtaſche auf den Tiſch, und warf ſich ermüdet auf die Bank, der finſtere Eigen⸗ thümer des Blockhauſes aber befeſtigte ſchweigend einen Strick an Fenſter und Herd, nahm den Fremden die triefenden Ueberwürfe ab und hing dieſe zum raſchern Trocknen auf. Dann ſchürte er das Feuer und legte noch Reiſig daran. „Ihr habt darnoch heißes Waſſer im Keſſel?“ fragte Onkel Hugh. „Ja, Sir!“ „Und iſt auch ein Tropfen Brandy im Hauſe und etwas Zucker? Vielleicht auch etwas zum Imbiß? Habt Ihr Kaffee für die Dame? Der Teufel kann mit leerem Magen Strapazen überwinden!“ 8 2 ——— 31 „Brandy iſt da, doch Zucker und Kaffee ſind Luxus dinge, die ſich unſereiner nicht verſchaffen kann. Har⸗ tes Maisbrod haben wir, ſonſt nichts. Aber iſt auch Geld da, uns zu bezahlen? Wir ſind arm, wir können nichts umſonſt thun.“ Bevor ihr Begleiter antworten konnte, zog Alice eine ſchwere Geldbörſe hervor, legte ein Goldſtück auf den Tiſch und ſagte:„Hier iſt unſere Bezahlung im voraus, mein Freund; ich hoffe, ſie iſt hinreichend, Ihre Bedenken zu beſeitigen.“ Die Hüttenbewohner ſtarrten auf das Goldſtück, wie Raubvögel auf ihre Beute, und als nun Alice ihre Börſe wieder verſchwinden ließ und zufällig das noch ſonſt darin enthaltene Gold deutlich erklang, da ſchweif⸗ ten die Blicke des verdächtigen Ehepaares von neuem vielſagend zu einander. Dem Onkel Hugh entging dies nicht, er verwünſchte im Stillen die Unvorſichtigkeit ſeiner Nichte. „Es hätte einer ſo großen Summe nicht bedurft“, brummte der Rieſe phlegmatiſch, ſchob aber nichtsdeſto⸗ weniger das Goldſtück ſofort in die Taſche.„Steh' auf, Jenny, und hole die grüne Flaſche; ich erinnere mich jetzt, es iſt auch noch ein Schinkenreſt da. Bring', was Du haſt; es iſt freilich blutwenig und nur für Leute unſerer Sorte gut genug. Steh' auf, Weib, 32 eile Dich, oder Dir fährt der Teufel auf Dein Ge⸗ rippe!“ Die hagere junge Frau erhob ſich, glitt wie ein Schatten durch den räucherigen Raum zu einer Thür, die in ein anſtoßendes Gemach führte, und verſchwand dort. „Sagt mir doch“, begann der Rieſe währendeſſen, „Ihr Fuhrwerk iſt alſo auf der Straße jenſeits des Sumpfes umgeſtürzt?“ „Ja!“ antwortete Onkel Hugh barſch. „Warum ließt Ihr denn die Pferde und den Kutſcher im Stich und wähltet nicht lieber den Weg nach Waynesboro, längs der Chauſſee, ſtatt Euch hier⸗ her zu wenden?“ „Der Weg dort war grundlos, das Wetter trieb uns in den Wald“, entgegnete Alice raſch, die einer ungeſchickten Antwort des Oheims vorbeugen wollte; nüberdies hatte uns unſer Burſche einen nähern Fuß⸗ weg angegeben, auf dem wir uns ader leider ver⸗ iirrten.“ „So, ſo!“ murmelte der Blockhäusler nachdenklich. „Und Sie wollen nach Charleſton in Süd⸗Carolina?“ ſetzte er lauernd hinzu.„Ich bin zufällig von dort und erſt ſeit fünf Jahren in dieſem Staate anſäſſig. Ihre Verwandten ſind wohl in Charleſton bekannte Leute?“ —— 33 „Nach Euren Fragen zu urtheilen, ſcheint es mir, Ihr haltet uns für flüchtige Anhänger des Nordens, mein Freund“, verſetzte Alice gelaſſen.„Nun denn, wir reiſen zur Plantage Edmund Crawford's, der mein Schwager iſt. Wenn Ihr ein Süd⸗Caroliner ſeid, ſo muß Euch dieſer Name hinreichende Bürgſchaft für unſere Geſinnung ſein.“ Die trotzigen Züge des Rieſen nahmen plötzlich einen freundlichern Ausdruck an. „Allen Reſpekt, Miß!“ antwortete er beinahe unter⸗ würfig.„Wer ſollte von Mr. Crawford nicht gehört haben? Ein vornehmer, reicher Mann— alte Fami⸗ lie! Setze keinen Zweifel in Ihre Geſinnung, wenn Sie zu ſolchen Leuten gehören.“ Die Frau des jetzt gefügigen Blockhäuslers erſchien, ſie brachte das, warum ſie angegangen war. Ihr Mann goß in einen alten geborſtenen Becher ſchlech⸗ ten Brandy und heißes Waſſer zuſammen. Die Rei⸗ ſenden hielten ein Nachtmahl, wie ſie es kärglicher wohl noch nicht zu ſich genommen, und doch reichte es hin, ihre Lebensgeiſter wieder einigermaßen zu erregen, denn das ſtarke Getränk, von dem übrigens Alice nur ein wenig und mit Widerwillen nippte, war ganz ge⸗ eignet, das Blut der erſchöpften Wanderer zu erhitzen. Dann aber kam, faſt wie Betäubung, eine Schlaf⸗ Adolf Schirmer, Die Spionin. II. 3 34 anwandlung über ſie. Sie hatten ſchon zuvor ihre ſie drückenden Waffen zur Seite gelegt und lehnten ſich nun ſchlaftrunken auf ihren Sitzen zurück an die Wand. Die Frau mit dem ſtechenden Raubthierblicke mur⸗ melte jetzt etwas von Inſtandſetzung der Lagerſtätten im anſtoßenden Raume der Hütte und verließ das Gemach. Nach wenigen Minuten erſchien ſie wieder an der Thür, durch die ſie ſich entfernt hatte, und winkte ihren Mann zu ſich. Beide traten in das Gelaß des in nur zwei Räumlichkeiten abgetheilten Blockhauſes und zogen die morſche Thür hinter ſich zu. Alice und ihr Oheim vernahmen von dorther einige Zeit hindurch ein unverſtändliches, lebhaftes Flüſtern, aber ſie befanden ſich, der Beendigung jener Vorbereitungen harrend, welche man im Nebengemache unſtreitig mit einiger Umſtändlichkeit ihrer Nachtruhe wegen machte, in jenem Zuſtande zwiſchen Wachen und Schlummern, der ſie hinderte, beſonders aufmerkſam auf das zu ſein, was in ihrer Nähe vorging. Sie wurden ſich, die Augen halb geſchloſſen, nur undeutlich bewußt, daß es vorzugsweiſe die Frau war, welche nebenan das Wort führte und ihren Mann eifrig zi⸗ ſchelnd zu irgend etwas bewegen zu wollen ſchien. Es währte nicht lange, da hörten ſie übrigens auch das Flüſtern nicht mehr, der Schlaf hatte ſie übermannt. ——— 35 Ob nun eine Minute oder eine Stunde verfloſſen ſein mochte, das wußte Onkel Hugh nicht, als er ſich plötzlich an der Schulter gerüttelt fühlte. Er fuhr aus dem Schlafe empor und ſtarrte in das Geſicht ſeines Wirthes. „Meine Jenny hat nebenan Maisſtroh aufgeſchüttet, Sir“, ließ ſich die Baßſtimme des Mannes vernehmen, „in einem Winkel für die Miß und im andern für Sie; es iſt freilich eine ſchlechte Lagerſtatt, aber doch beſſer als die harte Wand hier. Wir können es eben nur geben, wie wir es haben.“ Hugh Morgan ermunterte ſich völlig und weckte die Nichte. Alice war bleich, ſie fühlte ein Fieber⸗ ſchauern durch ihren Körper rieſeln. Sie wollte ihren Plaid nehmen.. „Laſſen Sie das, Miß“, bemerkte die Frau haſtig; „die Sachen müſſen bis zum Morgen hier hängen blei⸗ ben, ſie ſind noch nicht trocken.“ 3 Die Reiſenden wandten ſich dem Nebenzimmer zu. „Sir“, ſagte der Rieſe plötzlich mit verhaltener Stimme,„Sie vergeſſen die Waffen dort auf dem Tiſche; es dürfte beſſer ſein, Sie nehmen ſie mit ſich.“ Hugh Morgan blickte den ſeltſamen Menſchen groß und forſchend an. Dann raffte er die Revolver, den Säbel und die Handtaſche ſchweigend vom Tiſch und 3*½ 36 folgte der Nichte in das anſtoßende Gemach. Er mußte an der Frau vorbei, die auf der Schwelle der Thür ſtand, einen brennenden Lichtſtumpf haltend. Im Vor⸗ übergehen prüfte er ſcharf und verſtohlen die Züge des verkommen ausſehenden, aber immer noch ſchönen Wei⸗ bes. Er glaubte in ihren Augen ein dämoniſches Leuch⸗ ten wahrzunehmen, während ihre ſchmalen Lippen kaum merklich zitterten, wie vor innerer Aufregung. „Ich werde dieſe Nacht nicht mehr ſchlafen“, ſagte er ſich, als er nun über die Schwelle des anſtoßenden Raumes trat. Die Frau mit dem wölfiſch gierigen Blicke blieb, den Kerzenſtumpf in der Hand, gerade nur ſo lange an der Thür ſtehen, als für ihre Gäſte hinreichte, ſich in ihrem Nachtquartier zurechtzufinden. Dieſes war womöglich noch armſeliger beſchaffen als die Vorder⸗ kammer des Blockhauſes. Da fand ſich weder Stuhl noch Tiſch noch ſonſtige Einrichtung. An der Rückwand ſtand eine alte Kiſte und ſtellte vermuthlich den Mund⸗ vorrathsſchrank der Blockhäusler vor. Der von dumpfig feuchter Luft erfüllte Raum hatte keinen zweiten Aus⸗ gang und nur an der linken Seite der Hütte ein ein⸗ ziges Fenſter, das morſch in ſeinen Angeln hing und dem die Scheiben fehlten. Hart unter dieſem Fenſter war Maisſtroh auf den 37⁷ hügeligen Lehmboden geſchüttet, den da und dort der durch das Fenſter und die weitklaffenden Ritzen des baufälligen Holzdaches und der beſchädigten Breter⸗ wände eingedrungene Regenguß aufgeweicht und ſchlüpf⸗ rig gemacht hatte. Dieſer Strohhaufen ſtellte das Nachtlager Onkel Hugh's vor, während ein zweiter, im rückwärtigen Winkel hinter der Kiſte aufgethürmt, und mit einer elenden, durchlöcherten Sackleinwand überdeckt, Alice zur Ruheſtätte dienen ſollte, der Toch⸗ der eines Millionärs, die gewohnt war, ihre ſchönen Glieder auf ſchwellenden, ſchneeweißen Polſtern aus⸗ zuſtrecken und in koſtbare ſeidene Decken zu hüllen. Im Charakter der entſchloſſenen Alice lag es nicht, daß ſie in dieſem Augenblicke an das lururiöſe Wohl⸗ leben des väterlichen Hauſes mit Wehmuth gedacht hätte, ſie dankte dem Himmel, überhaupt nur ein Lager zu finden, ſo ſchlecht und ungewöhnlich dieſes auch für ſie ſein mochte. Empfand ſie doch nach dem kurzen Halbſchlummer, in den ſie zuvor gefallen war, ein eigenthümliches Fröſteln, war ihr Kopf doch ſchwer, drückten doch die naſſen, faſt bis zu den Knieen rei⸗ chenden Halbſtiefel ihre zarten Füße, hatte doch die an ihrem Körper getrocknete, zuſammengeſchrumpfte Kleidung ihren Zuſtand noch unbehaglicher gemacht. Das Reiſetäſchchen, welches der Oheim getragen, ent⸗ 38 hielt wohl einige Dinge, deren ſich Alice zum noth⸗ dürftigſten Wechſeln ihrer Toilette hätte bedienen kön⸗ nen, Onkel Hugh hatte auch zuvor ſchon darauf hin⸗ gewieſen, doch die junge Dame ſich geweigert, derſelben ſich zu bedienen. So ſchritt ſie denn jetzt raſch zu dem abſcheulichen La⸗ ger und ſtreckte ſich, angekleidet wie ſie war, darauf nieder. Ihr Begleiter brummte dem unheimlich lauernden Weibe des Rieſen ein„Gute Nacht!“ zu, die Frau ſchloß die Thür, und Finſterniß herrſchte in dem öden Breter⸗ raume, durch deſſen Fenſter und Ritzen der Nachtwind pfiff, während von der morſchen Decke herab zu Zei⸗ ten die Näſſe tropfte. Hugh Morgan aber dachte nicht daran, ſein impro⸗ viſirtes Bett zu verſuchen. Behutſam legte er die Re⸗ vwolver auf das Fenſterbret, ſchnallte ſich den Säbel um und trat ſo lautlos wie möglich zu der Thür. Dieſe hatte ziemlich breite Riſſe. Er ſpähte durch einen derſelben in den vordern Hüttenraum. Er ge⸗ wahrte dort die Frau und den Rieſen. Das Weib hatte den Kerzenſtumpf ausgelöſcht, aber die Flammen des Herdes warfen ihre rothen Schlaglichter auf das un⸗ heimliche Ehepaar, das lebhaft flüſterte. Onkel Hugh vernahm das Brummen des Mannes, das Ziſcheln des Weibes, doch ſo angeſtrengt er auch 4 ——— 39 horchen mochte, verſtand er dennoch kein Wort von dem, was geſprochen ward. Aber er ſah den Mann verdrießlich und wiederholt den Kopf ſchütteln und die Frau augenſcheinlich mehr und mehr ſich ereifern. Plötzlich trat ſie leiſe zur Hausthür, öffnete dieſe und zog ihren Gatten mit ſich hinaus auf die Wieſe. Hugh Morgan verließ den Riß, durch den er ge⸗ blinzelt hatte, und blickte hinter ſich. „Alice!“ rief er leiſe. Die Nichte hatte, fieberhaft erregt, den Schlaf ge⸗ ſucht, doch nicht gefunden. Schon ſeit einer Minute ſtarrte ſie durch das Düſter zu dem Oheim hinüber, deſſen Geſtalt ſie undeutlich an der Thür gewahrte. „Was gibt es?“ flüſterte ſie. „Steh' auf, mein Kind! Dort geht Verdächtiges vor; wir müſſen auf Alles gefaßt ſein!“ Alice raffte ſich auf und ſchlich zu dem Oheim. Dieſer theilte ihr mit haſtigen Worten ſeine Beobach⸗ tungen mit. Dann taſtete er an der Thür, fand einen hölzer⸗ nen Riegel und ſchob ihn vor. „Sie haben das Blockhaus verlaſſen“, murmelte er, naber wenn ſie nachbarlichen Beiſtand für eine dunkle That ſuchen, ſo iſt ſicher nur das Weib gegangen, wird der Mann in der Nähe lauern, nöthigenfalls unſere — 40 Flucht zu verhindern. Und doch, dieſer Mann, ſeltſam genug, ich glaubte, trotz ſeines rohen und verwilderten Ausſehens, aus ſeinen Blicken eine gewiſſe Theilnahme für uns herauszuleſen. Und als er vorhin mit ſeinem Weibe ziſchelte, da ſchien er ihr trotzig zu widerſtreben. Doch wer weiß, warum er das that und ob ich recht ſah! Wie aber ſoll ich es dann deuten, daß er mir ſagte, ich ſolle meine Waffen nicht vergeſſen?“ Alice antwortete nicht und ſchlüpfte zum Fenſter. Haſtig unterſuchte ſie die Revolver. „Die Ladungen ſind herausgezogen!“ ſagte ſie. „Muß geſchehen ſein, während wir am Herde ein⸗ genickt waren. Jetzt wiſſen wir, woran wir ſind!“ Alice erhielt durch die Gewißheit der Gefahr neue Spannkraft der Seele wie des Körpers. Sie fühlte jetzt nichts vom Fieberfroſte. Vorſichtig beugte ſie ſich zu dem leeren Fenſterrah⸗ men und ſpähte nach der Lichtung vor der Hütte. „Ah, dort find ſie“, flüſterte ſie dem Oheim zu,„kaum dreißig Schritte vor dem Hauſe, ich ſehe ſie deutlich im Mondſcheine. Der Mann ſitzt auf einem Baumſtumpfe, das Weib geht vor ihm auf und nieder und geſtikulirt heftig mit den Händen. Ohne Zweifel iſt das eine Berathung, die uns betrifft; ſie haben im Zimmer nebenan gefürchtet, von uns gehört zu werden!“ —— VE——— . 4 1 41 Hugh Morgan trat nun ebenfalls das kniſternde Maisſtroh ſeines Lagers nieder und blickte verſtohlen durch das Fenſter nach der mondbeglänzten Wieſe. „Du haſt Recht“, ſtieß er hervor.„Es iſt alſo nicht ihre Abſicht, Nachbarn herbeizuholen. Bei Gott, das Ge⸗ ſindel irrt ſich, wenn es glaubt, uns ungerüſtet zu finden!“ Eilig öffnete er im Halbdüſter die Handtaſche, zog eine kleine Caſſette hervor und begann haſtig die Re⸗ volver von neuem ſchußbereit zu machen. Er war kaum damit zu Ende, da ziſchelte Alice: „Der Mann ſteht auf, ſie kehren zum Blockhauſe zurück!“ „In Gottes Namen, wir ſind gerüſtet!“ brummte ihr Gefährte kaltblütig. Alice und der Oheim zogen ſich raſch vom Fenſter in das Düſter des Gemaches zurück, in die Nähe der Thür. Nicht lange darauf vernahmen ſie im vordern Hüttenraum leiſe Tritte. Dann war es, als lehne ſich Jemand an die Thür und horche. Onkel Hugh ahmte ſofort die Töne eines Schnar⸗ chenden ſo lange nach, bis er die horchende Perſon ſich wieder entfernen hörte. Dann begann er, wie zuvor, durch einen der Thür⸗ riſſe nach den mehr als verdächtigen Bewohnern des 42 Blockhauſes zu ſpähen. Alice, entſchloſſen und kalt wie ihr Gefährte, that geräuſchlos daſſelbe. Das Reiſigfeuer des Herdes erhellte noch jenes Zimmer, von dem die Lauſchenden nur einen Theil überblicken konnten. Aber ſie hatten den Rieſen und ſein Weib gerade vor ſich. Der Mann ſaß auf einem Schemel und hatte den breiten Rücken der Thür zugewendet, hinter der die Reiſenden lauſchten, die junge Frau aber kauerte ihm faſt gegenüber auf dem Lehmfußboden. Ihr Geſicht war ihrem Manne und ſomit auch den verborgenen Spähern direct zugewendet, vom Fackelſcheine des Feuers zu Zeiten grell beleuchtet. Wie war es in dieſem Augenblicke unheimlich an⸗ zuſchauen, dies ſchmalwangige Antlitz mit den Spuren verblühter Schönheit, dem verächtlichen Zug, der um die dünnen, zuſammengepreßten Lippen ſpielte, der wilden Gier, die aus den tief liegenden, glänzenden Augen blitzte! Alice und ſelbſt Hugh Morgan waren von dem ſataniſchen Ausdrucke dieſes feingeſchnittenen Angeſichtes betroffen. Das ſchwächliche Weib glich einer Tochter der Hölle, und was jetzt ihren Geiſt ſo lebhaft beſchäftigte, war ſicher ein finſteres Vorhaben. Nun ließ ſich die ſcharfe, durchdringende Stimme der Frau halblaut vernehmen. —., m 43 „Du biſt ein Thor, wenn Du dieſe Gelegenheit un⸗ genützt willſt vorübergehen laſſen!“ „Sprich leiſer!“ fiel ihr der Mann ins Wort. „Ei was, ſie ſchlafen ſo feſt wie Prairiedogs⸗ und das iſt auch ganz begreiflich nach einem Marſche, wie ſie ihn machten!“ Das Geſpräch, welches nun folgte, ward von den beiden Gatten freilich in etwas gedämpfterem Tone geführt, doch verſtanden die Lauſcher jegliches Wort, während ſie zugleich fortfuhren, das Paar durch die Riſſe der Thür ſcharf zu beobachten. „Willſt Du die ſchöne Zeit mit Zaudern und Grü⸗ beln verſtreichen laſſen, Frank?“ ergänzte jetzt das Weib dringend. „Bei Gott, ich kann es nicht thun, Jenny“, ent⸗ gegnete der Blockhäusler mit gepreßter Stimme.„mäle mich nicht!“ „Schäme Dich! Biſt Du ein Mann?“ „Daß ich kein furchtſamer Haſenfuß bin, hab' ich oft genug bewieſen. Und würde es gelten, Mann ge⸗ gen Mann zu kämpfen, dann wäre ich dabei mit Leib und Seele! Das wäre ein offener, ehrlicher Kampf. Ich kann nicht zwei argloſe Menſchen im Schlafe * Eine Art Murmelthier. 44½* tödten, das geht wider meine Natur. Verſchone mich mit Deinem Anſinnen!“ „Aber es ſind ja nur Abolitioniſten. Ich will darauf ſchwören, daß ſie es ſind!“ 3 5 „Wenn ſie mit den Crapfords verwandt ſind, dann—“ „Lügen!“ „Es könnte doch ſein, daß—“ „Ich ſage Dir, das Frauenzimmer hat das ganze Weſen eines Nankeemädchens, ich verſtehe mich darauf!“ „Gut, ſo werde ich die Beiden nach Waynesboro abliefern, wo man mit ihnen kurzen Proceß machen wird!“ „Narr, damit man ihnen dort die Taſchen plün⸗ dere und wir, trotz unſeres Patriotismus, das leere Nachſehen haben? Nichts da! Abolitioniſten erſchlagen iſt ein gutes Werk, ſagt Jeff Davis, und hündiſche Nankees tödten, die gutes Gold bei ſich führen, iſt ein noch beſſeres Werk für den, der Gelegenheit hat, es zu thun. Sei keine Memme, Frank! In der gan⸗ zen Menſchheit gibt es nur Wölfe und Schafe, und jene ſind weiß Gott beſſer daran als dieſe. Daß wir ins Elend gerathen, geſchah nur, weil Du ſtets meine Rathſchläge halb befolgteſt. Haben wir Gold in Hän⸗ den, dann werden wir es beſſer benutzen als ehemals. * ——— 45 Und damit wir nichts mit den Nachbarn zu theilen brauchen, muß die Sache in der Stille geſchehen. Wir tragen dann die Leichen in den Sumpf—⸗ „Still, weiche von mir, Verſucherin, Deine Rath⸗ ſchläge ſind Gift, ſie haben mich ſchon in Charleſton zu Grunde gerichtet! Ich kann nicht mit kaltem Blute Schlafende tödten!“ „Elender! Aber Dein Weib, Dein unſchuldiges Kind kannſt Du mit kaltem Blute verhungern ſehen! Nun denn, biſt Du feigherzig und erbärmlich genug, vor der That zurückzuſchrecken, ſo will ich Dir zeigen, was zu thun Du den Deinen ſchuldig wäreſt!“ Das Weib, die ſchmalen Wangen tief geröthet, das Antlitz in wilder Wuth verzerrt, ſchleuderte einen haß⸗ erfüllten Blick auf den Mann, ſprang vom Boden auf und zum Herd. Im nächſten Moment hielt ſie ein blinkendes Beil in der Rechten. Der Rieſe fuhr vom Schemel auf. Sein giganti⸗ ſcher Körper zitterte vor heftiger Erregung, wie vom Winde bewegtes Laub. „Was willſt Du thun?“ ſtieß er hervor. „Das, deſſen Du Dich weigerſt!“ „Du wirſt es nicht, ſoll mich Gott verdammen! Du wirſt es nicht! Noch bin ich Herr hier im Hauſe!“ „Herr?“ höhnte das Weib.„Ein Feigling?“ 46 Sie hatte kaum geſprochen, da packte der Block⸗ häusler ihren Arm, entwand ihr blitzſchnell das Beil und ſchleuderte es zur Seite. Die Frau ſchäumte vor Wuth, ſie ſtand einen Augenblick ſprachlos.„ „Du willſt es ſo“, keuchte ſie dann,„nun, ſo—“ Und ſie beugte ſich u dem Manne vor und ziſchelte ihm einige Worte zu, welche die Lauſcher hinter der Thür des Nebengemaches nicht deutlich vernehmen konnten. Es mußten furchtbare Drohworte geweſen ſein, denn nun ſchien der Rieſe plötzlich die Selbſtbeherr⸗ ſchung zu verlieren. Ohne einen Laut hervorzuſtoßen, erfaßte der herkuliſche Mann das unter ſeinem Griffe zuſammenzuckende Weib und ſchleppte es zur andern Seite des Zimmers, wohin ihm die Blicke der Horchenden nicht folgen konnten. Alice und Onkel Hugh ſtanden ſchaudernd auf ihrem Poſten, denn wenn ſie auch nicht ſahen, ſo hör⸗ ten ſie doch. Aber kein Wehgeſchrei, kein Wuthaus⸗ bruch tönte an ihr Ohr, nichts als ein kaum vernehm⸗ bares Röcheln. Dann ward es im Nebengemache ſtill, entſetzlich ſtill. Wie ein drückender Alp laſtete dieſe Stille auf den Herzen der beiden Horchenden; lautlos wichen ſie 47 einen Schritt von der Thür zurück und ſtarrten einan⸗ der im Düſtern an. Eine furchtbare Minute verging. Dann vernahmen ſie den ſchweren Tritt des Rieſen. Sie hörten, wie dieſer das Blockhaus verließ. Von Grauſen erfüllt, wagten ſie nicht durch die Riſſe der Thür zu blicken.. Es war wieder nebenan ſo verhängnißvoll ſtill wie zuvor. Onkel Hugh ermannte ſich endlich. Er ſchob den hölzernen Riegel zurück und öffnete leiſe die Thür. Alice und er warfen einen ſcheuen Blick hinaus. Der Eingang der Hütte ſtand weit offen. Die mondbeglänzte Wieſe war ſichtbar. Ueber dieſe Wieſe aber ſchritt der Bewohner des Blockhauſes hin, dem ſchwarzen Walde zu. Er trug einen menſchlichen Kör⸗ per auf der Schulter, die lebloſe Hülle ſeiner Frau. Und nun verſchwand er mit ſeiner unſeligen Bürde in dem Düſter der Tannen. Hugh Morgan ſchlüpfte haſtig in den Vorderraum des Blockhauſes; Alice folgte ihm bebend. Sie blickten in dem Gemache umher. Die Flammen auf dem Herde waren dem Erlöſchen nahe, ſie warfen nur einen ungewiſſen, mattröthlichen Schimmer über den Schauplatz einer dunklen That.. Im Winkel aber, auf dem elenden Bettchen, lag 48 das goldlockige, blaſſe, engelgleiche Kind und ſchlum⸗ merte feſt und ſanft. Ein erſterbendes Lächeln um⸗ ſpielte die Lippen des abgezehrten kleinen Weſens. Hatte es von Blumen und Glück und Maienwonne ge⸗ träumt, während hart neben ſeinem Lager ein Ver⸗ brechen es zur Waiſe machte? Träumte es jetzt viel⸗ leicht noch von ſüßer Mutterzärtlichkeit, indeß der, den es Vater nannte, eine bleiche, ſtarre Laſt zum nachbarlichen Sumpfe trug? Alice ſtand beim Anblick des Kindes erſchüttert, ſich ſelbſt vergeſſend da. Ihr Begleiter aber, die kleine Reiſetaſche in der Hand, riß die Sachen an ſich, welche zum Trocknen am Herde zurückgeblieben waren. „Fort von hier!“ flüſterte er haſtig.„Jener Menſch darf uns nicht mehr finden, wenn er zurückkehrt. Zur Beſin⸗ nung gekommen, würde ſeine Wuth ſich gegen uns kehren!“ Alice ſchien nicht zu hören, was der Oheim ſagte. Sie wankte zu dem armſeligen Lager und kniete nie⸗ der. Ihre Lippen bewegten ſich, ſie betete leiſe. Dann griff ſie haſtig zur Börſe und legte ſachte eine Handvoll Goldſtücke in den Schooß des Kindes. „Komm, komm!“ drängte Onkel Hugh am Eingange des Blockhauſes. Alice neigte ſich vornüber, ſie hauchte einen Kuß auf die Stirn des goldlockigen kleinen Weſens. — 49 „Armes Kind!“ lispelte ſie. Dann erhob ſie ſich eilig, zuſammenſchauernd. Und als ob der Boden unter ihren Füßen brenne, floh ſie zum Ausgange der Hütte. Wenige Sekunden ſpäter tauchten Hugh Morgan und ſeine Nichte hinter dem Blockhauſe in die Nacht der Gebirgswaldung. Adolf Schirmer, Die Spionin. II. Drittes Kapitel. Seit der Niederlage, welche die Unionstruppen bei Chancellorsville und Fredericksburg erlitten hatten, waren einige Tage verfloſſen, als um die vierte oder fünfte Nachmittagsſtunde ein Reitersmann, ſtaubbedeckt und erhitzt, eine ſtattliche Beſitzung erreichte, die hart an den die Gettysburger Ebene begrenzenden Ausläufern der weſtlichen Gebirgskette lag. Dieſe Beſitzung, dem General Lovett gehörig, be⸗ ſtand aus einem hübſchen einſtöckigen Herrenhauſe, von deſſen Balkon aus man eine reizende Ausſicht auf die wellenförmige, durch Ackerland, Wieſen, kleine Gehölz⸗ gruppen und Landhäuſer von maleriſcher Abwechſelung reiche Landſchaft und die etwa anderthalb Stunden entfernte Stadt Gettysburg hatte, ferner aus ziemlich „—8=‧ſſſſ“ 5I1 ausgedehnten Nebengebäuden, Stallungen, eingezäun⸗ tem Gartenland und einer Baumſchule, die ſich über aufſteigenden Boden hin bis an den Fuß des wald⸗ reichen Gebirges verlief, das von Süden nach Norden die Gegend einrahmte. Der Reiter, ein derber Mann gewöhnlichen Schla⸗ ges, hatte die Chambersburger Landſtraße verlaſſen, die ſich in ziemlicher Entfernung von der Lovett'ſchen Beſitzung nördlich in die Berge zog, und war auf einem Fahrwege direct auf das Herrenhaus losgetrabt. Nun ſchwang er ſich vor dem Hauseingange, das ein vorſpringendes, von zierlichen Holzſäulen getra⸗ genes Dach hatte, aus dem Sattel, ließ das keuchende, ſchweißtriefende Roß ſtehen und ſchickte ſich eilig an, das Haus zu betreten, als ihm aus demſelben ein Mädchen raſch entgegenkam. Die junge Dame war eine üppige Erſcheinung mit dunkelbraunem Lockenhaar und von friſchem Ausſehen, ein ſchönes, kaum achtzehnjähriges Kind, deſſen ſchwar⸗ zes, blitzendes Augenpaar heiter in die Welt hinein⸗ lachte und deſſen roſiges Antlitz mit den ſchelmiſchen Grübchen in Wangen und Kinn eine ungetrübte Lebens⸗ luſt verkündete. Die ſchlichte, aber gewählte Kleidung von lichter Farbe verlieh dieſer Dame einen beſondern Reiz. 52 Als ſie faſt gegen den ſtaubbedeckten Reitersmann prallte, nahmen ihre Züge den Ausdruck einer lebhaf⸗ ten Spannung an. „Zu wem wünſchen Sie?“ fragte ſie haſtig in einem ſehr holprigen Engliſch. „Zu Miſtreß Lovett, der Frau des Generals!“ antwortete der Mann, ſich die Schweißtropfen von der Stirn wiſchend. „Sie bringen eine Botſchaft? Sie kommen aus dem Hauptquartier? Der General lebt? Sie haben ihn geſehen? Er ſchickt Sie?“ Der halb ſoldatiſch gekleidete Reiter verzog den Mnnd zu einem breiten Lachen. „Das iſt zu viel, vermuthe ich, um es auf einmal beantworten zu können, Miß! Ja, ich komme mit einer Botſchaft.“ „Und mit einer guten hoffentlich!“ „Wie man es nehmen will!“ Die junge Dame zeigte ſich beſtürzt und faltete die Hände. „O mein Gott!“ ſtammelte ſie. „Nun, wir haben bei Fredericksburg ſo etwas wie einen Mißerfolg gehabt, vermuthe ich.“ „Himmel! Und der General— General Lovett?“ „Sein Pferd überſchlug ſich.“ 6 4 4 4 „Entſetzlich!“ „Er ward für todt aus dem Gefechte getragen!“ Der roſige Hauch war von den Wangen der Dame gewichen. Sprachlos ſtarrte ſie jetzt den Reiter an. „Sonſt geht es ihm aber gut, vermuthe ich!“ fuhr dieſer trocken fort, den ſein„vermuthe ich“ oder wie es im Engliſchen heißt: I guess, als einen Neueng⸗ länder bezeichnete.„Der General ſchrieb den Brief ſelber, gab ihn mir auch perſönlich und ſah dabei recht geſund aus, hat auch keine Wunde erhalten.“ „Hört, Mann“, fiel ihm das lebhafte Lockenköpfchen ſchmollend ins Wort,„das iſt wahrhaftig nicht ſchön von Euch, mir erſt ſolche Angſt einzujagen; das iſt garſtig, und— doch Euch ſoll verziehen ſein, denn Ihr bringt ja eine glückliche Nachricht!“ Augen und Mund der anmuthigen Dame lachten wieder fröhlich und auch auf ihre Wangen kehrte das friſche Roth der Jugend zurück. „Glücklich?“ verſetzte der Reiter.„Hm, vermuthe, daß ein Rückzug unſerer Truppen—“ „Ei was, mein Freund, wir werden ſchon wieder ſiegen! Lovett, der gute Lovett iſt wohlbehalten, das iſt die Hauptſache! Wo— wo haben Sie den Brief?“ Der Reiter machte keine Anſtalt, den Brief an die Miß zu überliefern, in deren Augen jetzt Freudenthrä⸗ nen glitzerten. „Ich muß ihn der Miſtreß Lovett ſelber übergeben, Miß! Aber zuvor möchte ich gern mein Pferd unter Dach bringen. Hab' mich und den armen Klepper ge⸗ hörig ſtrapazirt, vermuthe ich, die Sonnenhitze und die ſchlechten Wege ſetzten uns gehörig zu! Wird wohl dort bei den Gebäuden der eine oder andere Burſche herumlungern, der mir ſagen kann, wo ich meinen Gaul abſetzen kann.“ „Gewiß, lieber Mann! Die Stallung iſt groß ge⸗ nug, und habt Ihr dor; Euer Geſchäft abgethan, ſo kommt ſogleich ins Haus, damit ich Küche und Keller für Euch in Bewegung ſetzen und Euch laben kann. Sollt vollauf haben, ich führe hier die Wirthſchaft. Und der Brief? Nur her damit!“ Der Mann kratzte ſich den Kopf. Dann zog er aus der Bruſttaſche ſeiner kurzen Jacke eine alte Brieftaſche hervor und entnahm ihr ein verſiegeltes Schreiben. „Ja, ich weiß doch nicht!“ ſagte er langſam, den Brief betrachtend. „Geben Sie ihn nur her, ich bin ja die Schwägerin des Generals, und es wäre ja eine Sünde, der armen Frau auch nur eine Minute noch die gute Botſchaft vorzuenthalten! Bringt nur Euer Pferd in den Stall, 5⁵ lieber Mann, und dann melden Sie ſich gleich bei mir, gleich, hören Sie? denn wahrhaftig, Sie haben Raſt und Erquickung ſo gut nöthig wie Ihr keuchendes Thier!“ Während ſo die Schwägerin Lovett's lebhaft und in etwas confuſem Engliſch ſchwatzte, hatte ſie lächelnd dem Reiter den Brief mit ihren roſigen Fingern aus ſeinen derben wegescamotirt. Nun nickte ſie dem Manne recht freundlich zu und ſprang leichtfüßig und froh wie ein munteres Kind) in das Haus zurück. Der ſtaubbedeckte Reiter trat zu ſeinem Pferde und zog es am Zügel zu den Nebengebäuden. Sein breiter Mund verzog ſich wieder zu einem Schmunzeln, ſei es wegen der lockenden Ausſicht, die ihm eröffnet worden, oder auch wegen des deutſch⸗engliſchen Kauderwälſch, das er zu hören bekommen hatte. „Gute Dinger, dieſe deutſchen Ladies“, murmelte er in ſich hinein,„und die da iſt eine von beſonders hübſcher Sorte, vermuthe ich!“ Indeſſen dieſer kleine Auftritt ſich vor dem Hauſe ereignete, war hinter demſelben Jemand ebenfalls mit einem Briefe beſchäftigt, daß heißt mit der Abfaſſung eines ſolchen. Dieſer Jemand war Richard Erlenbach. Er ſaß 56 unter einem anmuthigen, von der Nachmittagsſonne lieblich beglänzten Weinſpaliere, deſſen von ſmaragd⸗ grünen Blättern überwuchertes und durchranktes Gitter⸗ dach ſich ſchräg an die Rückwand des Herrenhauſes lehnte. Vor ihm, auf einem Gartentiſche, waren mehrere offene Schreiben ausgebreitet, Geſchäftsbriefe aus ver⸗ ſchiedenen Handelsſtädten des Nordens. Hier ſei bemerkt, daß ſelbſt während der heißeſten Perioden des Bürgerkrieges die Geſchäfte in den Nord⸗ ſtaaten ihren gewöhnlichen Gang nahmen, während im Süden, der keine Flotte aufbringen konnte und alle ſeine Häfen blockirt oder erobert ſah, auch nicht pro⸗ duciren vermochte, da der Kampf fortwährend auf ſüd⸗ ſtaatlichem Gebiete ausgefochten ward, Alles, was Ge⸗ ſchäft hieß, vollſtändig darniederlag. Richard alſo hatte heute die Rebenlaube zu ſeinem Arbeitszimmer gemacht; er war damit beſchäftigt, die Petroleum⸗Correſpondenz zu führen und Facturen durch⸗ zuſehen und nachzurechnen. Ein bereits zur Hälfte beſchriebenes Blatt lag vor ihm auf der Briefmappe, er hielt eine Feder in der Hand, mit der er zu Zeiten, immer nach einigem Sinnen, raſch über das Papier fuhr. Bevor wir aber näher auf die Beſchäftigung Erlen⸗ bach's eingehen, haben wir mit wenigen Worten nachzu⸗ 57 holen, was ſich mit ihm und ſeiner Schweſter ereignete, ſeit wir ſie bei dem verunglückten Eiſenbahnzuge verließen. Bald nach der Flucht der Guerillas und der An⸗ kunft einer Abtheilung Unionsſoldaten auf dem Schau⸗ platze der Verwüſtung hatte Miſtreß Lovett ihr Bewußt⸗ ſein wiedererlangt. Sie war glücklich ohne die geringſte Verletzung der gefährlichen Kataſtrophe entronnen, doch hatte das Ereigniß, ſowie ſpäter die Betrübniß über den Raub der armen farbigen Dienerin, ihr Gemüth derart bewegt und ihre Nerven ſo erſchüttert, daß ſie in dem Städtchen Chambersburg, wohin man die Paſſagiere noch in ſelber Nacht auf herbeigebrachten Wagen ge⸗ ſchafft, wohl acht Tage das Zimmer hüten mußte. Dann waren die Geſchwiſter wohlbehalten nach der Beſitzung des Generals zurückgekehrt. Richard hatte vorerſt ſeinem Schwager nicht ge⸗ ſchrieben, um ihn nicht unnnöthigerweiſe zu beunruhigen, dann das Abenteuer pflichtgetren gemeldet, nachdem er die Gewißheit erlangt, daß die Schweſter ſich durch den Unfall keine nachtheiligen Folgen zugezogen. Auch Agnes hatte ihrem Gatten geſchrieben, aber es war mit den Briefen ſo gegangen, wie es Arnau voraus⸗ geſetzt, ſie waren auf einer Poſtſtation des unſichern Verkehrs wegen liegen geblieben, ſo gut wie Lovett's Briefe, die er der Gattin geſandt. Dieſe letztern Schreiben waren zugleich mit dem erſten Kurier des Generals auf der Beſitzung eingetroffen, doch zu einer Zeit, da die Schlacht bei Chancellorsville noch nicht ge⸗ ſchlagen war. Als der zweite, von Lovett an ſeine Gattin geſchickte Bote, den wir ſo eben vom ſchnaufen⸗ den Roſſe ſteigen ſahen, vor dem Hauſe anlangte, da wußte alſo dort noch Niemand etwas von dem Aus⸗ gange des blutigen Kampfes am Rappahannock. 1 Kehren wir nun zu Richard zurück. Schon ſeit einer geraumen Weile ſchrieb er nicht, ſondern ſtützte das Haupt und ſtarrte ſinnend auf das ſchattige Blätterwerk über ſich, das da und dort nur ſpärlich den tiefblauen, wolkenloſen Aether und einen Sonnenſtrahl durchſchimmern ließ. Nun ſchob er ein Blatt Papier, das neben ſeinem unvollendeten Schreiben lag, vor ſich hin und begann, in Gedanken vertieft, mechaniſch darauf zu kritzeln. Mehr und mehr aber gewann, was er zeichnete, eine bedeutſame Form, ſchien ernſith dieſer Beſchäftigung mit immer größerer Aufmerkſamkeit und Sorgfalt hin⸗ zugeben. Er dachte in dieſem Augenblicke keinesfalls an das Petroleumgeſchäft ſeines Schwagers, ſein Den⸗ ken und Empfinden concentrirte ſich ohne Zweifel auf die Zeichnung, die er in leichten Umriſſen auf das Papier warf. —— ““ —ſ 59 Nun war ſie vollendet. Er neigte ſich darüber hin, in ſtillem, träumeriſchem Selbſtvergeſſen. Wen aber ſtellte dieſe Zeichnung vor? Auf galoppirendem Roſſe ein ſchlankes Mädchen, eine Hand am Zügel, die andere wie zum Abſchiede ausgeſtreckt. Von den Schultern der ſtolzen Erſchei⸗ nung, welche Piſtolen im Gürtel trug, flatterte ein Plaid, das zierliche mexicaniſche Hütchen ſaß kühn auf dem Haupte, deſſen ebenmäßig geformtes Antlitz einen reizenden Ausdruck hatte. Richard war ein trefflicher Zeichner, er hatte die Dame, deren Miniaturbild er hier entworfen, ohne Zweifel zu ſeiner Befriedigung ähnlich getroffen, denn nun lächelte er ſchwermüthig, während ſein Blick an der Skizze hing. Doch als ob es ihm nicht genüge, ſich ein wunder⸗ ſames Weſen, deſſen flüchtiges Auftauchen einen ſo tiefen Eindruck auf ihn hervorgebracht, nach ſeinen Ge⸗ fühlen denn doch nur mangelhaft vor ſeine Sinne ge⸗ zaubert zu haben, ſchrieb er jetzt wohl ein Dutzendmal den Namen Alice Palmer unter das Bild. Dann warf er die Feder hin und ließ den träu⸗ meriſchen Blick gedankenſchwer an der zierlichen Skizze haften. 8 Wie er ſo daſaß, während ſeine Gedanken weit hinwegſchweiften, kniſterte kaum hörbar der gelbe Sand des Gartenweges hinter ihm, rauſchte leiſe eine zarte weibliche Geſtalt, von einem weißſchimmernden Ge⸗ wande umflutet, zu der Rebenlaube, wurden einige Ranken des Spaliers geräuſchlos zur Seite geſchoben, ſpähten durch das Laub und über die Schulter des Träumenden hinweg zwei kluge, ausdrucksvolle Frauen⸗ augen ebenfalls nach der Zeichnung. Miſtreß Lovett, die vom Hauſe gekommen war und den breitrandigen Gartenſtrohhut am ſeidenen Bande über dem Arm hängen hatte, betrachtete einige Sekun⸗ den lang den bei dem Bilde und den Erinnerungen, welche er an daſſelbe knüpfte, Alles um ſich her ver⸗ geſſenden Bruder. Dann ließ ſie das Rebengezweige, das ſie ein we⸗ nig auseinandergebogen, wieder ſo lautlos wie möglich die frühere Stellung einnehmen, und blieb einige Mo⸗ mente nachdenklich und regungslos ſtehen. Nun ſchüttelte ſie ernſt das Haupt. Die lebhafte Hedwig hätte bei einer Entdeckung, wie ſie ihre Schweſter ſo eben gemacht, und an der Stelle derſelben jedenfalls ihre Anweſenheit ſofort kund⸗ gegeben, den jungen Mann überraſcht und geneckt, ohne vorher zu überlegen, in welche Verlegenheit ſie ihn dadurch verſetzen werde. Agnes aber war fein⸗ der Seitenpfade des Gartens ein, ſetzte ihren Stroh⸗ 61 fühlender oder mindeſtens weniger ſorglos als ihre Schweſter. Wohl hatte ſie bereits während der Reiſe von Harpers Ferry und beſonders ſeit der Rückkehr zu der Beſitzung ihres Gatten im Stillen die Beobachtung ge⸗ macht, daß in Richard's Gemüth eine weſentliche Ver⸗ änderung vorgegangen ſei. Er war ernſt und zer⸗ ſtreut geworden, hatte öfter, als es ſonſt der Fall ge⸗ weſen, die Einſamkeit aufgeſucht oder war mit gerade⸗ zu übertriebenem Eifer vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht den Geſchäften nachgegangen, welche ihm oblagen und die er mit ruhiger Gleichförmigkeit hätte erledigen können. Miſtreß Lovett hatte an alledem erkannt, daß ihr Bruder bald bisher nicht gehegten Empfindungen nach⸗ hänge, die ihn mehr und mehr zu beherrſchen ſchienen, bald darnach trachte, dieſelben gewaltſam zu unter⸗ drücken. Sie hatte aber auch geahnt, wo die Urſache von Richard's verändertem Weſen zu ſuchen ſei. Und nun war ihr mit einem Male die Gewißheit gewor⸗ den, daß ſie ſich in ihren Vermuthungen keiner Täu⸗ ſchung häigegeben. Leiſe auftretend entfernte ſie ſich wieder, ohne daß der Bruder ihre Nähe bemerkt hatte. Sie ſchlug einen 62 hut auf und kehrte nun auf einem kleinen Umwege zu der Weinlaube zurück, dieſes Mal jedoch ſich zu dem Eingange derſelben wendend. So ließ ſie dem Bruder Zeit, einer für ihn unlieb⸗ ſamen Ueberraſchung vorzubeugen. Miſtreß Lovett war nicht für die Verſtellung ge⸗ ſchaffen, dennoch gebot ihr die Delicateſſe, in ihrem Weſen nicht durchblicken zu laſſen, was ſie wußte. Aber ſie war entſchloſſen, ihrem Bruder eine Neigung auszureden, die nur zu ſehr ſchon von ſeinem Herzen Beſitz genommen hatte. Es leiteten ſie bei dieſem raſch gefaßten Entſchluſſe verſchiedene Motive, welche wir alsbald erfahren werden. Richard fuhr aus ſeinem Sinnen auf. Er gewahrte nicht ſobald das blinkende Gewand ſeiner Schweſter, als er haſtig die Zeichnung unter den unvollendeten Geſchäftsbrief ſchob und die Briefmappe ſchloß. Die Wangen leicht geröthet, blickte er in einiger Verwir⸗ rung zu der jungen Frau auf, die jetzt im Eingange der Laube erſchien. „Wie?“ rief Miſtreß Lovett.„Haſt Du Deine Corre⸗ ſpondenz noch nicht abgethan?“ „Nicht ganz“, antwortete Richard, der raſch ſeine Faſſung gewonnen;„aber das thut nichts zur Sache, denn die Briefe und Facturen werden erſt morgen mit 63 der Petroleumſendung abgehen. Ich bin bereit, Dich und Hedwig nach der Farm der Leutholds zu be⸗ gleiten. Wahrhaftig, ſeit einigen Tagen ſeid Ihr voll⸗ ſtändig wanderluſtig!“ Die junge Frau blickte den Bruder bekümmert an und ſeufzte tief auf. „Wanderluſtig? O mein Gott, begreifſt Du nicht, daß mich ein peinliches Gefühl der Unruhe raſtlos da⸗ und dorthin kreibt? Keine Nachricht von William, das nagt an meinem Herzen! Ich lebe ſeit einigen Ta⸗ gen wie im Fiebertraum dahin, Du weißt es, und weder Deine noch Hedwig's Vorſtellungen beruhigen mich!“ Richard ſenkte ernſt das Haupt und ſchwieg. Wo⸗ mit ſollte er die Schweſter tröſten? Mit leeren Worten? „Ihr Männer ſeid im Vortheil gegen uns“, fuhr Miſtreß Lovett wehmüthig fort,„Euer Beruf läßt Euch doch auf Stunden vergeſſen, was Euer Herz be⸗ kümmert!“ „Ja, doch nur, wenn dieſer Beruf mit unſerm ganzen Sein verwachſen iſt!“ antwortete Richard trübe. „Ich verſtehe Dich! Es reut Dich Dein Verſpre⸗ chen, das Du Lovett gegeben. Iſt es nicht genug, um den Gatten in Sorge und Angſt ſchweben zu müſſen, ſollte ich auch noch den Bruder in ſteter Lebens⸗ gefahr wiſſen? Könnteſt Du ſo grauſam ſein, das zu wünſchen?“ Richard ſah ſeiner Schweſter kummervoll in die thränenerfüllten Augen und drückte ihr die Hand. „Du ſiehſt, ich thue meine Pflicht!“ entgegnete er. Und Du haſt die Union zu Deiner Heimat ge⸗ wählt“, fuhr Agnes lebhaft fort,„weil hier die Arbeit den Mann adelt, weil Du hier Deinen Weg machen kannſt, ungehindert von thörichten Vorurtheilen. Be⸗ halte Dein Ziel im Auge, Richard, ſinne nicht auf aben⸗ teuerliche Pläne. Wer von dem erwählten Pfade ab nach andern ſchimmernden Erfolgen haſcht, der hält oft ein glänzendes Gebilde ſeiner Phantaſie, mit dem er ſich belügt, für das wahre Glück und zerſtört nicht allein ſeinen eigenen innern Frieden, ſondern auch den jener, die ihn achten und lieben!“ „Abenteuerliche Pläne? Was nennſt Du ſo?“ „Sieh, Bruder, trotz meiner Angſt um Lovett, un⸗ geachtet der fieberhaften Aufregung, in der ich ſeit Wochen mein Daſein hinſchleppe, iſt es mir nicht ent⸗ gangen, daß Du Dich vergeblich mühſt, Dir Deinen innern Halt zu bewahren, mit Dir ſelber eins zu ſein. Du möchteſt in das Kampfgewühl Dich ſtürzen, wie William, ſeine Freunde und Mitbürger. Und weshalb? — G 4* ——-;’— AMpolf Schirmer, Die Spionin. II. 6 Weil die Ehrſucht Dich drängt, weil Du durch Deine Thaten diejenigen Anderer zu verdunkeln hoffſt, weil es Dir nicht genügt, im Schweiße Deines Angeſichts Dir friedlich und ohne Geräuſch jene Stellung in der Geſellſchaft zu erobern, welche wohl unſcheinbar, aber nicht minder ehrenvoll iſt als die eines bewunderten Kriegers.“ Richard zeigte eine betroffene Miene. „Du irrſt, Agnes!“ ſagte er vorwurfsvoll.„Ja, ich möchte zum Schwerte greifen, doch nicht, um einen thörich⸗ ten Ehrgeiz zu befriedigen. Der Krieg in Amerika wird nicht dyuaſtiſcher Intereſſen wegen geführt, und es iſt wahrlich nichts natürlicher, als daß ein Mann, deſſen Herz für die höchſten Güter der Menſchheit ſchlägt, ſich gedrängt fühlt, an einem Kampfe der Freiheit gegen die Barbarei Theil zu nehmen, wie ſeine neuen Mitbrüder!“ „Vergib, Richard, Du täuſcheſt Dich über Dich ſelber. Befindeſt Du Dich mit den Bürgern, die hier kämpfen, in gleicher Lage? Kannſt Du ihre Erbit⸗ terung, ihren Enthuſiasmus, ihre Opferfreudigkeit thei⸗ len? Sie haben jahrelang den Uebermuth, den Hohn, den Druck des Südens getragen, ſie vertheidigen In⸗ ſtitutionen, die ſchon ihren Vätern heilig waren, ſie fechten für Weib und Kind, für die Erde, die ihre Vor⸗ eltern frei gemacht und in der ihre theuren Hingeſchie⸗ 5 66 denen ruhen. Und wenn ſie an dieſen Kampf be⸗ geiſtert ihr Leben ſetzen, ſo geſchieht es, weil ſie den Makel tilgen wollen, der bisher noch an der großen Schöpfung freier Männer haftete. Du aber biſt unter dieſen Männern noch ein Fremdling, kennſt ihre Geſetze kaum, haſt keinen Herd und keine geheiligten Erinnerungen hier, Du biſt nicht im Groll gegen den Süden und ſeine Uebergriffe aufgewachſen und mußt die neue Muttererde erſt liebgewinnen lernen. Welch andere Rolle würdeſt Du im Felde ſpielen als die jener aben⸗ teuernden Landsknechte aus aller Herren Ländern, die herübergekommen, ihr Glück im Bürgerkriege zu ma⸗ chen? Dazu biſt Du zu gut, zu tüchtig, zu ſtolz! Die Union nimmt ſolche Abenteurer an, weil ſie verwegene Soldaten braucht, aber wird der Bürger ſie achten, wird er ihnen glauben, wenn ſie vorgeben, daß eine hohe Idee ſie begeiſtere? Haſt Du kein anderes Motiv für Deinen Wunſch, als das allgemeine Gefühl für Freiheit und Recht, dann begnüge Dich vorerſt damit, wahrhaft ein freier Bürger dieſes Landes zu werden.“ Richard ſtarrte vor ſich ſich hin. Dann ſagte er leiſe und grollend:„Welch andern Grund könnte ich haben? Wenn ich an der Seite Deines Mannes kämpfen könnte, er würde bezeugen und ich würde beweiſen, daß man mich nicht mit jenen Abenteurern verwechſeln dürfe!“ 67 „Mein Mann!“ hauchte Miſtreß Lovett tonlos und traurig.„Wer weiß, ob er noch unter den Lebenden weilt!“ Die junge Frau mußte ſich einen Mor Rebenſpalier der Laube lehnen, denn ſie zitterte bis ins Herz hinein. Aber ſie gewann ſofort ihre Selbſt⸗ beherrſchung wieder. „Wer weiß, ob überhaupt ſchon am Rappahannock gekämpft ward“, fuhr ſie mit feſter St um ſich ſelber aufzurichten. Gettysburg iſt man ohne alle Nachrichten“, ſagte Richard;„der Arbeiter Wallace iſt ſ ben Stunde von dort zurück. doahthale verlautet lichts.“ „D imme fort, wie eit einer hal⸗ Und auch vom Shenan⸗ orthin nahm Miß Palmer ihren Weg nach dem Süden“, begann Miſtreß Lovett, wie abſichtslos, nach kurzer Pauſe.„Vielleicht iſt das arme Mädchen ſchon in den Händen der Rebellen.“ „Möge Gott es verhütet haben!“ ſtieß Richard ha⸗ ſtig hervor. „Auch ich wünſche es von ganzer Seele. Alice hat mich ſchon beim erſten Anblick lebhaft intereſſirt, und ich muß bekennen, ihr Schickſal liegt mir am Herzen. Wie ſchade, daß ein ſo gemüt hreiches, phantaſievolles, ungewöhnliches Mädchen ſt ich einer Excentricität hinge⸗ geben hat, die ihr Verderben ſein wir d; denn mag ſie auch den Gefahren entrinnen, in die ſie ſich jetzt frei⸗ willig geſtürzt hat, glücklich werden und beglücken kann ein ſo geartetes Weſen nie, das nur im Ungewöhn⸗ lichen Befriedigung findet und ſicher weder für die Ver⸗ hältniſſe des Alltagslebens, noch für eine ſtillumfriedete Häuslichkeit geeignet iſt.“ „Du beurtheilſt Miß Alice einſeitig, liebe Schwe⸗ ſter. Du ſahſt ſie eben nur flüchtig, wie ein glänzendes Meteor, an Dir vorüberziehen und hatteſt keine Zeit, ſie ſo zu ergründen, wie dies nur durch ein längeres Beiſammenleben möglich iſt und unter gewöhnlichen Lebensbedingungen. Ihr ſelbſtſtändiges Auftreten iſt es, was Dich verleitet, ſie excentriſch zu finden. Aber wie himmelweit iſt ſie von jenen Damen verſchieden, welche wir in der alten Welt als emancipirt zu be⸗ zeichnen pflegen, jene Produkte einer überraffinirten Geſellſchaft! Sie wiſſen nicht, was ſie wollen, aber Miß Alice weiß es, wie Jeder ihrer Nation, die frei pon aller Ueberſchwänglichkeit denkt und doch zugleich eines idealen Aufſchwunges fähig iſt, zu dem die Be⸗ wohner des alten Welttheils ſich kaum noch aufzu⸗ raffen vermögen. D hätteſt Du Miß Palmer gehört, wie ich am Abende vor unſerm Scheiden von Harpers Ferry, Du würdeſt anders über ſie urtheilen. Ich habe es an mir ſelber bemerkt, ſeit ich in der Union 69 bin, daß wir Deutſchen uns ſchwer von den Anſchau⸗ ungen losſagen können, welche wir mit der J milch in uns eingeſogen und die uns hindern, gerecht gegen das zu ſein, was uns hier in den Vereinigten Staaten fremd berührt, weil es uns ſo völlig neu iſt. Und zu dieſen Dingen gehört die Selbſtſtändigkeit, das Unabhängigkeitsgefühl, von dem Jeder in der Union, ſelbſt die zarte Frauenwelt, durchdrungen iſt. Dieſes Gefühl hat ihnen eine völlig von der unſern abweichende Erziehung gegeben, verſtärkt in ihnen die ungeſchmälerte Ausübung der Rechte, welche man in Europa noch Millionen vorenthält. Ich fühle es, daß man hier die Menſchen mit einem andern Maßſtabe meſſen muß als jenſeits des Oceans, wo im Allgemei⸗ nen falſche Erziehung, Servilismus, katholiſches und proteſtantiſches Pfaffenthum, Polizeiwirthſchaft, Kaſten⸗ geiſt auf einer Seite und Hyperrationalismus, Schwindel der Liberal⸗Bourgeois, ſocialiſtiſches Sektenweſen auf der andern die Nationen corrumpirt haben, wo der Gebildete an nichts glaubt als an ſeine rückſichtsloſe Selbſtſucht, in ſeiner ſkeptiſchen Herzloſigkeit jede edle, uneigennützige Regung verſpottet, die große Maſſe ent⸗ weder im rohen Materialismus verſumpft, oder am Hungertuche nagend nicht über die thieriſchen Kund⸗ gebungen des Selbſterhaltungstriebes hinauskommt.“ kutter⸗ 70 „Du gehſt zu weit, Richard. Es wäre traurig, wenn in der alten Welt nicht noch kechtſchaffenheit genug zu finden ſein ſollte, in allen Ständen!“. „Gewiß findet ſie ſich, doch es iſt meiſtens jene Rechtſchaffenheit des Pfahlbürgerthums, die lethargiſch dem Strome der Ereigniſſe folgt, ſtatt dieſe zu beſtim⸗ men. Die alte Welt hat große Talente, aber ſie hat ſich großer Charaktere entwöhnt; man lächelt dort, wenn ſie ein Enthuſiaſt für möglich hält, man hat eine Jungfrau von Orleans, einen Wilhelm Tell frei⸗ willig für eine mythiſche Geſtalt erklärt, weil man ihren uneigennützigen Patriotismus nicht mehr faſſen kann, man würde einen Waſhington dafür erklären, hätte er nicht zufällig in dieſem Jahrhundert gelebt. Alice Palmer leitet nicht minder— davon bin ich überzeugt— jener reine Patriotismus, der einſt den Vater der Union zum Handeln beſtimmte, und ich müßte mich ſehr über ſie täuſchen, wenn ſie nicht, wie jener, nach vollbrachter Miſſion ruhig und beſcheiden in das Alltagsleben zurücktauchen ſollte.“ „Daran wird ſie die Vergötterung der Männer hindern“, fiel ihm Miſtreß Lovett lächelnd ins Wort; „denn ſollte ſie wirklich dieſe Miſſion erfolgreich voll⸗ bringen, dann iſt es nicht allein ein Weib, das ſo Heldenmüthiges gethan, ſondern auch eine gefeierte 71 Schönheit des ariſtokratiſchen Viertels von New York. Und wer weiß— ich komme darauf zurück— ob ſie dann, ſelbſt beſcheiden wie Waſhington in das Alltags⸗ leben zurücktretend, in einer Häuslichkeit glücklich wer⸗ den und beglücken kann?“ „Welcher Mann würde nicht ſtolz darauf ſein, ſie ſein Weib nennen zu dürfen?“ fragte Richard, deſſen Wangen ſich leiſe rötheten. „Und wer müßte dieſer Mann ſein, daß er nicht vor der Welt und ſich ſelber klein, unbedeutend, nichtig neben einer Alice Palmer erſchiene?“ ſagte Miſtreß Lo⸗ vett ruhig. Richard ſchlug den Blick vor demjenigen der Schwe⸗ ſter zu Boden. „Du haſt Recht!“ murmelte er nach kurzer Pauſe. „Ein ſolches Mädchen iſt eine Gottheit, und Niemand iſt würdig, ihr mit irdiſchen Wünſchen nahen zu dürfen.“ Ernſt trat er zum Tiſch und langte nach den Brie⸗ fen und Schreibſachen. „Ich werde mich zu unſerm Spaziergang fertig machen“, hauchte er. Er ſchickte ſich an, die Laube zu verlaſſen, als plötz⸗ lich die helle Stimme Hedwigs erklang. „Ein Kourier iſt da!“ rief das muntere Lockenköpf⸗ chen und ſprang jubelnd vom Hauſe herbei.„Hier iſt — 72 ein Brief von William! Er lebt, er ward nicht ver⸗ wundet; der Mann, der das Schreiben brachte, hat ihn ſelbſt geſprochen.“ 1 Bei den erſten Lauten der Meldung war Miſtreß Lo⸗ vett leichenblaß geworden, dann ſchoß eine liebliche Roſenglut in ihre Wangen. Sie eilte der Schweſter entgegen, die frohlockend den Brief emporhielt, empfing ihn mit zitternden Hän⸗ den, löſte haſtig das Siegel und überflog die Zeilen des geliebten Mannes. Der Inhalt des Schreibens lautete wahrhaft be⸗ glückend für die junge Frau und ihre Verwandten. Lovett meldete, daß der Unfall ſeines Pferdes ihn vor größerer Gefahr bewahrt habe. Obwohl bewußtlos aus dem Schlachtgetümmel getragen, war er doch wie durch ein Wunder völlig unverletzt geblieben und hatte ſich bald von ſeiner Betäubung erholt. Und jetzt, nach dem Rückzuge des Unionsheeres, war nicht ſo bald Ausſicht auf einen neuen Kampf. Den Schluß des Briefes bildete die Mittheilung von der Gefangen⸗ nahme Arnau's. Agnes und Richard hatten den Freund Lovett's erſt bei ihrer Anweſenheit in Harpers Ferry kennen ge⸗ lernt, dennoch betrübte ſie die Nachricht von ſeinem Unglück. Aber was konnte das in dieſem Augenblicke 73 mehr ſein als ein bitterer Tropfen in den vollen Freudenbecher, welcher der jungen Frau gereicht wor⸗ den war! Das Schreiben war haſtig von Hand zu Hand ge⸗ gangen; nun nahm es Miſtreß Lovett wieder an ſich und ſagte freudig:„Komm, Hedwig, ich will den Mann ſehen, den mein William ſandte. Er muß mir noch über ſo Vieles Rede und Antwort ſtehen.“ Die Schweſtern verließen eilig den Garten. Kaum waren ſie fort, als Richard's Züge einen ernſten, ſinnen⸗ den Ausdruck annahmen. „Agnes hat Recht!“ murmelte er düſter vor ſich hin. „Ich bin ein armer Fremdling, und ſie— ich darf nicht mehr an ſie denken.“ Er zog die Federzeichnung aus der Briefmappe her⸗ vor und zerriß das Blatt in tauſend Stückchen, die er in ernſtem Brüten verſtreute. Dann ſeufzte er, nahm ſeine Schreibſachen und entfernte ſich in das Wohngebäude. Noch keine halbe Stunde war verſtrichen, als die Hausflur des mansion*) aufgethan ward und Erlen⸗ bach mit den Schweſtern ins Freie trat, den Beſuch bei den Nachbarsleuten abzuſtatten. Die Geſchwiſter *) Herrenhaus. 74 ſchlenderten in den herrlichen lcinganamititg hinein. Hedwig trug, wie ihre Schweſter, einen Strohhut und ein weißes Kleid; ſie hatte beide Dinge zierlich mit blauen Schleifen und Bändern aufgeputzt. Von der hübſchen Brünette war heute augenſcheinlich eine beſondere Aufmerkſamkeit auf ihre Toilette verwendet worden, und das wohl nicht ohne eine ganz beſondere Abſicht. Auch war ſie ganz ungewöhnlich gut gelaunt, und wenn es nach ihrem Wunſche hätte gehen dürfen, ſie wäre einhergehüpft, die Luft mit luſtigem Geſange erfüllend. Aber die Nähe der meiſtens ernſten Schwe⸗ ſter und ein bisweilen wehmüthiger Seitenblick Richard's hielten ihre faſt überſprudelnde Laune denn doch im Zaume, ſodaß ſie es nur wagte, ihr roſig friſches Mündchen wie eine Plappermühle gehen zu laſſen. Wenn man ſo die beiden Schweſtern betrachtete, dann ließ ſich leicht ein weſentlicher Abſtand an ihnen bemerken. Agnes mit ihren durchgeiſtigten Zügen und dem edlen Anſtande war ungeachtet ihrer Anſpruchs⸗ loſigkeit die vornehme Dame, während Hedwig, obwohl ebenfalls elegant in Haltung und Manieren, mehr von einem ſchlichten Naturkinde an ſich hatte. Schon im Inſtitut war ſie ſcherzweiſe das kleine Aſchenbrödel genannt worden, weil ſie es ſtets vorgezogen hatte, 84 ———— — 75 im Gegenſatze zu den andern Demoiſelles, ſich um Küche und Vorrathskammer zu bekümmern und auf Ordnung in den Zimmern zu halten, ſtatt über Bü⸗ chern zu ſitzen, am Klavier oder bei einer Stickerei. Auch hatte ſie mit dem etwas ſteifen, gemeſſenen Ton, welcher in der Penſion herrſchte, faſt beſtändig in einer Art Fehde gelebt und es durchaus nicht über ſich ver⸗ mocht, ſich jene gewiſſe vornehme Zurückhaltung anzu⸗ eignen, die den Stiftsfräulein gewiſſermaßen zum Ge⸗ ſetz gemacht wurde, namentlich Leuten bürgerlicher Abkunft gegenüber. Sich ſelber unbewußt, hatte Hed⸗ wig etwas von den Elementen einer kleinen Demokratin mit ſich herumgetragen, etwas von jener Geſinnungs⸗ art, welche ihrem Bruder in ſeiner Stellung als Ca⸗ vwalier und Soldat ſo verhängnißvoll ward. Es mochte das im Blute liegen und ſeit der Entfernung des Va⸗ ters der Geſchwiſter vom Hofe ihnen unvermerkt ein⸗ geimpft worden ſein, denn auch Agnes hatte ſchon im Inſtitute nicht die Vorurtheile ihrer Genoſſinnen ge⸗ theilt, wenngleich ſie, lebenskluger und zurückhaltender als ihre Schweſter, ſich nie darüber gegen ihre Umge⸗ bung geäußert. Hedwig dagegen war, ihrem Naturell emäß, keineswegs beſorgt geweſen, jeglichen Anſtoß zu vermeiden, und wenn die Vorſteherin ihr vorgehalten: „Mademoiſelle, vergeſſen Sie nicht, daß Sie Baroneſſe * 76 ſind!“ dann hatte ſie lächelnd geantwortet:„Ich weiß, Madame, mein Bruder ſagt, Agnes und ich ſeien Ba⸗ roneſſen von Habenichts.“ Nachdem ſie mit der Schwe⸗ ſter das Penſionat verlaſſen, hatte ſie hauptſächlich die Wirthſchaft Richard's geführt, und als Agnes und der General Lovett eins geworden waren, da hatte dieſer ſofort erklärt:„Die Hedwig muß unbedingt mit nach der Union, denn ſie iſt mit ihrem wirthſchaftlichen Sinne und ihrer Denkungsart wahrhaftig ein Mädchen für Amerika, ſie würde dort eine prächtige deutſche Farmerin abgeben.“ Auf der Beſitzung Lovett's aber ſchaltete ſie jetzt, wie einſt in der Häuslichkeit Richard's, als rührige Wirthſchafterin und ließ es ſich nicht beifallen, darüber zu grübeln, daß ihre Vorfahren adelsſtolze Leute wa⸗ ren und ſie ſelber, trotz ihrer Mittelloſigkeit, noch im⸗ mer jenſeits des Oceans hoffähig ſei. Daß ihre in der alten Heimat rückgängig gemachte Braäutſchaft, von der wir wiſſen, ihr Naturell nicht lange aus ſei⸗ nem Gleichgewichte gebracht haben mußte, davon liefer⸗ ten jetzt ihre roſigen Wangen den ſicherſten Beweis. Es war überhaupt jenes aufgelöſte Verhältniß von ihrer Seite wohl nur eine Jugendliebelei geweſen. Folgen wir jetzt den Geſchwiſtern, welche das ſtatt⸗ liche Wohngebäude der Beſitzung verlaſſen haben. Rechts vom Herrenhauſe war ein freier, eingezäun⸗ ter Raum, ein Hof, an dem, ziemlich weit vom Fahr⸗ wege zurück, Stallungen und Nebengebäude ſich befan⸗ den. Auf dieſem Platze lagen Acker⸗ und ſonſtige Ge⸗ räthe umher, ſtand allerlei ausgeſpanntes Fuhrwerk, das unzweifelhaft zum Transporte der Erdölfäſſer diente, die weiterhin aufgeſtapelt waren. Ein offenes breternes Magazin ließ ebenfalls ganze Reihen ſolcher Fäſſer blicken. Schaute man ſich weiter um, dann ge⸗ wahrte man ein backſteinernes Gebäude, die Petroleum⸗ raffinerie. Und hinter dieſer, kaum fünfzig Schritte zurück, befand ſich die Quelle, welche das wunderſame Erdöl lieferte. Sie war ganz einfach mit Breterwän⸗ den umzogen und auch nur durch ein hölzernes, weit vorſpringendes Dach gedeckt. Im Innern dieſes un⸗ ſcheinbaren Holzſtalles, aus dem der Werth von einer Million Dollars ſchon hervorgegangen war und füglich noch hervorgehen konnte, denn die Quelle erwies ſich als geradezu unerſchöpflich, arbeiteten zwei Ma⸗ ſchinen, durch deren mechaniſche Kraft das Oel ans Tageslicht geſchafft ward. Dort waren, wie im Hofe bei den Fäſſern und im Magazinsraume faſt zu jeder Tageszeit, auch jetzt Arbeiter beſchäftigt, als die Ge⸗ ſchwiſter vorüberkamen. Richard blieb an dem breiten Eingange der Fence ſtehen, welche den Platz vor dieſen Seitengebäuden des Herrenhauſes von der Fahrſtraße trennte, die gen Sü⸗ den zu am Gebirge hinlief und noch an mehreren weiter ab liegenden Beſitzungen und Farms vorüberführte, de⸗ ren Dächer man aus friſchem Grün hervor im Sonnen⸗ ſchein blinken ſah. Der junge gewiſſenhafte Geſchäftsführer ſeines Schwagers blickte über den Hof hin und nach den Ge⸗ bäuden, rief einige Arbeiter herbei und ertheilte ihnen Aufträge. Dann wanderte er mit den Schweſtern weiter. Miſtreß Lovett und Richard gingen neben einander. Hedwig tänzelte jetzt ſchweigend voran, wie ein heite⸗ res Kind Blumen am Wege pflückend, dem blauen Aether, der lieblichen Umgegend, den nahen bewalde⸗ ten Bergen in ſtiller Herzensfreude zulächelnd. 1 Viertes Kapitel. Die ziemlich anſehnliche Farm, zu welcher ſich die Geſchwiſter begaben, war nicht viel mehr als eine halbe Stunde von der Lovett'ſchen Beſitzung entfernt und lag höchſt romantiſch in einer ſichelförmigen Biegung der bewaldeten Höhen, welche dort die fruchtbare Ebene trefflich vor dem Anprall rauher Winde ſchützten. Man ſah in der ganzen Gegend keine herrlichern Felder als diejenigen des wohlbegüterten Zebadiah Leuthold, ſie waren es aber nicht allein wegen ihrer beſonders günſtigen Lage, ſondern hauptſächlich wegen der Muſter⸗ haftigkeit, mit der ſie bewirthſchaftet wurden. Der alte Leuthold und ſein Sohn waren gediegene Landwirthe und als ſolche viele Meilen weit bekannt. Die Familie war urdeutſch, ein Leuthold hatte ſich dort, wo jetzt die ſtattliche Farm ſtand, mit ſeinem Weibe ſchon zu jener Zeit angeſiedelt, in der William Penn, nach dem der ganze Staat den Namen trägt, mit ſei⸗ ner Auswandererſchaar von dem Lande Beſitz genom⸗ men. Unter der Nachkommenſchaft jenes Leuthold hatte ſich allmälig die Waldung ringsumher gelichtet, das Ackerland vergrößert, war aus der elenden Blockhütte ein ſchönes ländliches Gebäude mit geräumigen Stal⸗ lungen und Scheunen geworden, mit einem Wort das jetzige wohlgepflegte Beſitzthum, das mit Recht auf den Titel einer deutſchen Muſterwirthſchaft Anſpruch machen konnte. Man darf den Staat Pennſylvanien dreiſt das überſeeiſche Deutſchland nennen, denn überall, wohin man dort ſich wendet, trifft man auf Deutſche und de⸗ ren Nachkommen. So haben auch hauptſächlich deutſcher Fleiß und deutſche Ausdauer die Cultur des Bodens auf eine hohe Stufe gebracht. Aber dieſe eingeborenen deutſchen Pennſylvanier ſind ganz eigenthümliche Menſchen; bieder, derb und einfach, lieben ſie die altväteriſchen Sitten ihrer Vor⸗ fahren, ſind nicht für Neuerungen und haben ſich ſelbſt einen namhaften Theil jener altmodiſchen, ſeltſamen Sprechweiſe bewahrt, in der ihre Groß⸗ und Urgroß⸗ eltern ſich ausdrückten. Dieſe Sprechweiſe wird da⸗ 81 durch noch ſonderbarer, daß die deutſchen Pennſylvanier manches engliſche Wort angenommen haben und ſich deſſelben mit einer deutſchen Endung bedienen. Solche ſchlichte, kernige Leute nach altem guten Schlag waren auch der Farmer Leuthold, ſein Weib und ihr einziger Sohn Jakob. Ihr Benehmen war ehrbar, gemeſſen, ihr Thun und Laſſen gottesfürchtig und anſpruchslos, aber ihr Weſen auch zugleich voll ruhiger, ſtellenweiſe mit etwas Eigenſinn vermiſchter Feſtigkeit und ſelbſt, nach Umſtänden, voll unbeugſamer Energie; ihr altväteriſches Deutſch hatte einen ſtarken Anklang vom Dialekt der Schwaben, das heißt das Deutſch der alten Leutholds, denn Jakob, der einiger⸗ maßen in der Union herumgekommen war, ſprach ſchon anders als ſeine Aeltern. Dieſe kleideten ſich ſogar noch nach der Mode von Anno Dazumal, aber wenn ſie auch die hergebrachten Sitten befolgten, hinderten ſie doch keineswegs ihren Jakob daran, ſich in Tracht und Gewohnheiten der jungen Generation anzuſchließen. Dies war denn auch in ſo weit der Fall, als der ver⸗ ſtändige und lebenskluge Sohn es für angemeſſen hielt; hatte er auch in Erſcheinung und Manieren ein ver⸗ gangenes Jahrhundert abgeſtreift, ſo war er doch kein moderner Landſtutzer geworden, kein country-swell. Und obwohl er ſich bedeutend mehr Kenntniſſe ange⸗ Adolf Schirmer, Die Spionin. II. 6 eignet hatte, als ſeine Aeltern beſaßen, und vorurtheils⸗ freiere Anſichten hatte, überhob er ſich doch nicht mit ſeinem Beſſerwiſſen, ſondern achtete voll Pietät die Eigenheiten des greiſen Paares, das er hingebend liebte. Wie ſeine Aeltern, ſo ſtand auch Jakob in Anſehen bei der Nachbarſchaft, war von Allen geachtet und gern geſehen. Und wem hätte nicht allein ſchon das Aeußere des jungen Mannes gefallen? War er doch mit ſei⸗ nem hohen, ſtattlichen Wuchſe, den kornblumenblauen Augen, den ſanften, ſinnigen Geſichtszügen und dem lan⸗ gen, goldblonden Haar der echte, unverfälſchte Typus eines deutſchen, unverdorbenen Jünglings. Doch auch ſeine geiſtigen Fähigkeiten machten ihn bemerkenswerth. Er war muſikaliſch, ſehr beleſen, hatte als Knabe in Phi⸗ ladelphia ein Gymnaſium beſucht und durch Reiſen nach dem Norden ſeinen Geſichtskreis erweitert. Die kleine, aber erleſene Bibliothek, welche er beſaß, machte ſeinen Stolz aus. Er war aber auch ein trefflicher Schütze und Reiter, und ſein patriotiſches Gefühl hätte ihn ſicher beſtimmt, die Waffen gegen den Süden zu ergreifen, wäre er nicht als einziger Sohn genöthigt worden, ſeinem Vater in der Landwirthſchaft zur Seite zu bleiben. Die Felder der Farm und des Lovett'ſchen Gutes ſtießen an einander, und das hatte auch die Nachbarn zuſammengeführt. Daß aus dieſem Verkehr eine herz⸗ liche Vertraulichkeit erfolgte, läßt ſich um ſo leichter begreifen, als die Bewohner beider Beſitzungen in ihren rechtſchaffenen Lebensanſichten völlig übereinſtimmten. Aber noch eine andere Uebereinſtimmung war die Folge der häufigen Zuſammenkünfte geworden, welche die Lovetts ſeit ihrer Ankunft aus Europa mit den Leutholds gepflogen hatten. Dem jungen Farmer Ja⸗ kob war es nicht entgangen, welch liebenswerthe Eigen⸗ ſchaften die ſtets heitere Hedwig beſaß, und auf dieſe hatten die kornblumenblauen Augen, das beſcheidene und doch zugleich ſichere Benehmen des ſtattlichen Man⸗ nes ebenfalls einen tiefen Eindruck gemacht. Jakob war kaum zu der Erkenntniß gelangt, wie die reizende Schwägerin Lovett's eigentlich ſo recht zu einer kleinen Farmerin geeignet ſei, als er auch entdeckte, daß ſein Herz lichterloh für ſie brenne. Als freigeborener Ame⸗ rikaner kümmerte es ihn wenig, daß Hedwig von adli⸗ ger Abkunft war, das Mädchen hatte ja, ſo gut wie ihre Geſchwiſter, jene Prätenſionen einer europäiſchen Kaſte, längſt abgeſtreift, welche der Nankee lächerlich findet. Und durfte Jakob nicht obendrein Alles für ſeine Liebe hoffen, wenn er bemerkte, wie Hedwig ihn ſichtlich auszeichnete, wie ſie erröthete, ſobald er unerwar⸗ tet erſchien, mit ihm ſchmollte, falls er ſich einige Tag 6* 84 nicht auf dem Gute hatte blicken laſſen? Er glaubte endlich nicht zweifeln zu dürfen, daß ſie ihn liebe. Von dieſem letztern Umſtande mußte er ſich nun wohl im Verlaufe der paar Monate hinlänglich überzeugt ha⸗ ben, aber er war als vorſichtiger und obendrein prak⸗ tiſcher Deutſch⸗Amerikaner nicht gleich mit der Farbe herausgerückt, am allerwenigſten bei ſeinen Aeltern. Er kannte die etwas hartköpfige Natur der guten alten Leute genugſam und hatte ſich daher geſagt: „Theile ich ihnen mit, daß ich die Schweſter der Miſtreß zur Frau möchte, dann werden ſie mir mit allerlei Einwendungen kommen. Es muß ihnen, die mich gern verheirathet wüßten, ſelber einfallen, daß Hedwig eine Partie für mich ſei, dann geht die Sache glatter, be⸗ ſonders wenn ich mich anfangs ein wenig ſträube, ihre Anſicht zu theilen.“ Und es war gekommen, wie Jakob es vorausge⸗ ſehen, und er hatte auch nach ſeinem Plan gehandelt und nach einigem Hin und Her den guten Alten er⸗ klärt:„Ihr wollt die Hedwig, ich bin Euer gehorſamer Sohn.“ Daraufhin aber hatten Leuthold und Frau geant⸗ wortet:„Laß Du uns nur mache, Jakoble, wir werbe in aller Form für Dich, und bei dem nächſte Beſuch wird ſothane Angelegenheit halt geſettelt.“ 85 Umm dieſelbe Zeit, als Richard mit ſeinen Damen den Spaziergang antrat, befanden ſich drei Perſonen in dem von einer niedrigen Hecke umgebenen Vorgärt⸗ chen der Leuthold'ſchen Farm. Zwei dieſer Perſonen ſaßen im Schatten des gro⸗ ßen Apfelbaumes, der ſich dicht vor den Fenſtern des Hauſes erhob; die dritte ſpazierte langſam zwiſchen den Blumenbeeten auf und nieder, wo Roſen und hohe Li⸗ lien ſproßten und dufteten. Der dort auf und ab gehende, breitſchultrige, be⸗ häbig corpulente Mann war der Farmer Zebadiah Leuthold. Er trug Kniehoſen, blaue Strümpfe, Schuhe mit Schnallen, eine lange, vielknöpfige Weſte und war in Hemdärmeln, deren Weiß gefallenem Schnee glich. Unter der buntgewirkten Zipfelmütze ringelten ſich blonde Löckchen hervor, die nur hin und wieder einzelne Sil⸗ berfäden des Alters zeigten. Das volle, würdige Antlitz des etwa ſechzigjährigen Farmers war noch ſo roſig friſch, daß man dicht an ihn herantreten mußte, die Falte um den Mund und die kleinen Krähenfüße an den Augenwinkeln zu entdecken. Leuthold rauchte gewöhnlich aus einer altmodiſchen, ſilberbeſchlagenen Meerſchaumpfeife, und wie er ſo bedächtig einhertrat, machte er den Eindruck, als ſei er aus einem alten holländiſchen Gemälde des vorigen Jahrhunderts her⸗ 86 ausgeſtiegen, um ſich hier im Sonnenſchein und Blü⸗ tenduft zu ergehen. Gerade ſo alterthümlich nahm ſich unter dem Apfel⸗ baume das ebenfalls etwa ſechzigjährige Mütterchen aus, das auf einem Holzſeſſel mit hoher, geſchnitzter Rücklehne hockte. Das Mütterchen war die Frau des Farmers, die ehrſame Mutter Lisbeth. Sie erwartete unſtreitig die Nachbarn von der Loyett'ſchen Beſitzung, denn ſie hatte ſich in Gala geſetzt, trug das ſchwer⸗ gefaltete Sonntagskleid mit der Taille, die gleich unter den Armen ſaß, ferner die an beiden Seiten des Halſes hoch emporſtehenden weißen Puffärmel, weiße Zwickel⸗ ſtrümpfe und die ſchwäbiſche golddurchwirkte Haube, unter der das glatt nach rückwärts aus der Stirn ge⸗ kämmte graue Haar verſchwand. Mutter Lisbeth ſah älter aus als ihr Mann, denn ſie war eben nicht cor⸗ pulent, und ſo traten auf ihrem etwas blaſſen Antlitz, das faſt immer einen ernſten, aber dennoch wohlwol⸗ lenden Ausdruck hatte, die Runzeln ziemlich ſcharf her⸗ vor. Sie ſah auch jetzt um ſo älter aus, als ſie eine große Hornbrille aufgeſetzt, denn die gute, wirthſchaft⸗ liche Frau hatte trotz ihrer großen Toilette eine Arbeit vor ſich, und ihre ſtets fleißigen Hände waren an einer Spindel beſchäftigt, deren Rad ihr Fuß unermüdlich in Bewegung ſetzte. 87 Auf der Holzbank, die um den Stamm des Apfel⸗ baumes gezogen war, ſaß ein junger Menſch, der in Haltung und Tracht weſentlich mit den beiden alten Leuten contraſtirte. Dieſer Menſch war nicht etwa der Sohn des Hau⸗ ſes, ſondern der Deſerteur Winter oder— da wir ihn hinfort bei ſeinem rechten Namen nennen wolle— der Baron Rodberg. Er ſah ſehr bleich und hager aus, trug aber nicht jene armſelige Vagabundenkleidung, in der er einige Wochen früher in Geſellſchaft der beiden andern De⸗ ſerteure einherging, ſondern den ganz reſpectablen An⸗ zug eines reiſenden Landkrämers oder Handelsagenten, auch war er ungefähr um die Mittagsſtunde jenes Tages nicht etwa zu Fuß bei der Farm angelangt und hatte um Gaſtfreundſchaft dort gebeten, ſondern auf einem leidlichen Klepper, der jetzt im Stalle des Farmers ſtand. Gemüthlich an den Stamm des Apfelbaumes ſich lehnend, rauchte Rodberg gelaſſen eine Cigarre. Nie⸗ mand hätte jetzt den wildblickenden, verkommenen Aus⸗ reißer in ihm erkannt, er ſah recht ſolid und geſetzt aus, und dieſem Ausſehen hatte er es ſicher zu ver⸗ danken, daß die Leutholds ihm Gaſtfreundſchaft ge⸗ währten. Als wir uns zuletzt mit ihm beſchäftigten, da hatte er, ſo gut wie die Guerillas, vor den Unionsſoldaten die Flucht ergriffen. Es war ihm ſonſt nichts übrig geblieben, als den auf Schleichwegen zu den Catoctin⸗ Bergen zurückkehrenden Freibeutern zu folgen, er hatte dieſes aber mit dem Vorſatze gethan, ſie zur geeigne⸗ ten Stunde wieder zu verlaſſen. Man gab ihm ein Pferd und Waffen, und nach einigen Streifzügen, die Mosby's fliegende Schaaren unternommen, befand er ſich auch endlich in der Lage, über eine hübſche Summe Geldes verfügen zu können. Das war, was er erhofft hatte. Eines Tages verſ chwand er ſammt Roß und Waffen. Den Irländer hatte er ſo wenig wiedergeſehen wie den Kentuckier, ſie mußten alſo wohl von den Loyalen er⸗ griffen und erſchoſſen oder gehängt worden ſein. Aus dem Geſpräche, das Richard mit ſeiner Schwe⸗ ſter Agnes während der Eiſenbahnfahrt geführt, iſt dem Leſer genugſam das Vorleben des Abenteurers Rodberg bekannt geworden. Als Baron und Lieutenant war er in ſeiner Heimat der Verlobte Hedwig's geweſen, hatte ſich aber durch ſeinen Leichtſinn die Neigung der Braut und ſeine Stellung verſcherzt. Dann hatte er in der Union Kriegsdienſte genommen, eine Hauptmannsſtelle erhalten und auch dieſe eingebüßt durch eine Aufführung, die der Irländer O'Leary in ſeinem Streite mit Rodberg hin: ———— —— —— 89 länglich angedeutet. Wir haben geſehen, wie er ſich in Harpers Ferry plötzlich von ſeinen Gefährten trennte, nachdem er erfahren, daß Hedwig in der Nähe Gettys⸗ burgs auf der Beſitzung Lovett's weile. Und der Plan, den er ſofort gefaßt, zu deſſen Ausführung er die De⸗ ſerteure verlaſſen hatte, der Miſtreß Lovett gefolgt und ſchließlich den Guerillas entwiſcht war, um in anſtändiger Haltung ſich in die Nähe Hedwig's zu begeben, ging dar⸗ auf hinaus, das Mädchen heimlich zu ſprechen, durch eine gut geſpielte Komödie ihre Neigung wiederzuge⸗ winnen, mit ihrer Beihülfe bei ihren Verwandten ge⸗ ſchehene Dinge vergeſſen zu machen und ſich dann bei den reichen Lovetts womöglich feſtzuſetzen. Er fürch⸗ tete und haßte Agnes und ihren Bruder, er hatte die jetzige Miſtreß Lovett vor ſeiner Entweichung nach Ame⸗ rika inſultirt und ſich dadurch des Generals und Ri⸗ chard's Herausforderungen zugezogen, denen er dann nicht Folge geleiſtet; er würde ein leichtes Spiel gehabt haben, ſo dachte er wenigſtens, wären Agnes und Erlenbach bei dem Ueberfalle der Guerillas beſeitigt worden, aber er hoffte dennoch auf Erfolg, wenn Hedwig nur noch ein Fünkchen Neigung für ihn hegen ſollte. Und er ſegnete — jetzt den Einfall, der ihn beſtimmt hatte, in der Union den Namen zu wechſeln. Was hatte der Baron Rodberg mit dem verſchollenen Deſerteur Winter zu ſchaffen? 90 Nun er gleichmüthig am Stamme des Apfelbaumes lehnte und ſeine Cigarre rauchte, wußte er bereits, daß Miſtreß Lovett und ihr Bruder ſeinerzeit glücklich der Gefahr entronnen waren; er hatte dieſes und noch Allerlei, was ihm zu wiſſen nothwendig ſchien, durch geſchickte, ſcheinbar harmloſe Fragen aus den ehrlichen alten Leuten herausgebracht, deren Gaſt er jetzt war. Ja, er wußte noch mehr, er hatte Kenntniß davon er⸗ langt, daß man in der Farm die Generalin, Hedwig und den jungen Verwalter des Gutes zum Beſuch erwarte. Jeden Augenblick konnte Rodberg gewärtig ſein, an der gen Norden kaum eine Viertelſtunde entfernten vorſpringenden Biegung der Hügel die Erwarteten auf⸗ tauchen zu ſehen, und doch ſaß er anſcheinend gleich⸗ gültig da und war ſo eben mit der Fabel zu Ende ge⸗ kommen, die er in aller Kaltblütigkeit dem ehrlichen, altväteriſchen Paare über den Zweck ſeiner Reiſe auf⸗ gebunden hatte. „Alſo Ihr ſeid in Maryland übel angekommen, Ge⸗ vatterle?“ bemerkte Leuthold, nachdem Rodberg ſeine Erzählung beendigt.„Ei, ei und ſo, ſo, das iſcht hart!“ „Man hätte mir Alles genommen, wäre ein Theil meines Geldes nicht ſo gut verſteckt geweſen. Dieſe verwünſchten Guerillas!“ „Iſcht ſündhaft, ſo grauſamlich zu fluche“, warf den jungen Mann blickend,„ſintemal ehrbare Chriſchte nehmlich ſelbſt tüchtig worke könne, Alles anzugreife 91 Mutter Lisbeth ein, über die Hornbrille hinweg auf was Beſſeres in den Mund täke ſolle, und wenn wir gut Freund bleibé ſolle, ſo laßt's gehn!“ „Gute Frau, es iſt kein Spaß, ſo viel Geld auf einmal zu verlieren!“ gab der Gaſt ſehr ernſthaft zur Antwort.„Hab' ohnehin eine hübſche Summe dadurch verloren, daß ich mich in New York von Agenten be⸗ ſchwatzen ließ, Land zu kaufen, das ich nicht zuvor ge⸗ ſehen, elendes Land, keinen Cent werth und obendrein jetzt auf Feindes Gebiet!“ Leuthold ſog bedächtig an der Pfeife, blies eine ge⸗ waltige Rauchwolke von ſich und ſagte dann, indem er ſtehen blieb:„War auch keineswegs klug von Euch, in ſolches Geſchäft Euch zu engädge, zumal in einem Land, wo die Leut' raufe und man net wiſſe kann, was geſchieht! Aber die Fremde müſſe halt alleweil Lehr⸗ geld bezahle, wenn ſie nach Amerika komme, ei, ei und ſo, ſo! Und underſtändet Ihr denn was von der Landwirthſchaft?“ „Das gerade nicht!“ „So laßt Euch überhaupt die Luſt dazu vergehe! Will man dabei vorwärts komme, ſo muß man für⸗ wiſſe, und Ihr ſeht ſchwächlich aus—“ „Nun, ich war in letzter Zeit unpäßlich und bin ſonſt—“ 8 „Gleichviel! Derbe Knoche muß man habe, Ge⸗ vatterle, und ſich auskenne, wie mein Söhnle! Aber wo nur's Jakoble bleibe mag? Er weiß doch, daß heute—“ „Nun“, fiel ihm Mutter Lisbeth ins Wort,„erluſtige thut ſich's Jakoble net und bleibt dahero auch net ohne Grund aus. Er und die Leut' ſind wohl noch net mit dem neue Graben am Wald⸗Creek reddig, und's Ja⸗ koble iſcht net gewöhnt, angefangene Arbeit ſtehe zu laſſe! Wird übrigens ſein Anliege dem ehrſamen Jüngferle ebenſo reſpektirlich im Alltagskleide vor⸗ bringen könne, wie im Sonntagsröckle, ohne Schand' aufzuhebe!“ „Muß Alles ſein' Ordnung habe“ verſetzte der Alte, „und wie männiglich bekannt, wirbt man bei uns nach alter, guter Sitte, ei, ei und ſo, ſo— mit Würde und Anſtand!“ Rodberg horchte auf. Er ward heftig erregt, doch wußte er ſich zu bemeiſtern. „Mir ſcheint“, ſagte er äußerlich ruhig,„Sie haben heute etwas Ungewöhnliches vor?“ „Freilich, Gevatterle“, erwiderte der Farmer Zebadiah ſchmunzelnd,„sJakoble will heirathe, und heut' ſind —= 93 wir geſonne, ei, ei und ſo, ſo,'s Mütterle und ich, nach unſerm Brauch um das Schweſterle von Miſtreß Lovett anzuhalte.“ „Was der Teufel!“ rief Rodberg und zog ſich da⸗ durch einen ſtrafenden Blick des Mütterle zu. Dann fuhr er gedehnt fort:„Wißt Ihr denn aber auch, ob jenes Fräulein Euren Sohn mag, ob— ob ſie nicht zu vornehm für ihn iſt?“ Das Mütterchen Lisbeth richtete ſich kerzengerade hinter dem Spinnrocken auf ihrem Sitze in die Höhe. „Möchte die ſehe“, antwortete ſie barſch,„die ſich zu gut dünke wollt' für unſer Söhnle! Was Ihr da von vornehm babbelt, iſcht dummes Zeug, denn ein Menſch iſcht wie der andere, wird gebore und muß ſterbe wie's Andere, und wo ein Unterſchied im Lebe iſcht, da macht ihn'sHerzle und der Verſtand! Und kann Euch ſage, wenn Ihr's permittet, das ehrſame Hed⸗ wigle von den Lovetts denkt verſtändiger, als Ihr zu denke ſcheint, iſcht beſcheide und fleißig und hat keine Schrulle im Köpfle, wie die unverſtändige Leut' drübe über'm Waſſer!“ „Kann Euch auch ſage“, ergänzte Vater Zebadiah mit einer gewiſſen Würde,„daß das Jüngferle ſchon lang' in aller Ehrbarkeit ihre Auge auf'’s Jakoble ge⸗ worfe hat!“ 94 „Wirklich?“ murmelte Rodberg zwiſchen den Zäh⸗ nen.„Sie betrachten das alſo als eine abgemachte Sache! Und das Mädchen wird wohl von ihrem Schwager, der ſehr reich ſein ſoll, was man ſo nennt, gehörig ausgeſtattet?“ Jetzt ſetzte ſich der Alte in eine achtunggebietende Poſitur. „Die Leutholds habe, Gott ſei Dank, net nöthig, darauf zu ſehe“, entgegnete er mit beinahe trotzigem Stolz,„die Leutholds paſeſſe genug und mehr als ge⸗ nug! Aber ſchau doch“, ſetzte er ſodann raſch beſänf⸗ tigt und lächelnd hinzu, indem er eine ſeiner derben Hände über die Augen hielt und gen Norden nach dem Hügelvorſprunge blickte,„da biege unſere Gäſte um die Ecke, die Nachbarin, das Jüngferle, der junge Herr Richard! Und was ſoll denn das bedeute? Ein Mann ſteppt dort aus dem Gebüſch an ſie heran— meiner Treu, 'siſcht das Jakoble! Jetzt grüßt er— was trägt er denn da? Ei, ei und ſo, ſo— ein Blumenſträußle! Das iſcht für's Jüngferle— richtig! Siehſt Du's, Mütterle? Das Büble macht'’s gerade ſo wie ich, als— als Du — weißt Du noch— e', ei und ſo, ſo!“ „Dummes Zeug, Zebadiah!“ unterbrach ihn das Mütterchen, ſich etwas mühſam erhebend, indem ſie den Spinnrocken zur Seite ſchob.„Wer wird ſodergleiche 95 rede. Zieh' lieber Dein blaues Röckle an, daß wir die Gäſte nach Gebühr recieve könne und reſpektirlicher als das Jakoble, der wieder was Apartes habe muß!“ Während die Alten ſo ſchwatzten, war Rodberg haſtig aufgeſtanden und ſtarrte mit glühendem Blick nach den aus der Ferne kommenden Gäſten. Er er⸗ kannte ſofort ſeine ehemalige Braut und ſah jetzt, wie der Sohn des Farmers neben ihr ging und angelegent⸗ lich mit ihr ſprach. Er ballte die Hände und wechſelte die Farbe. Finſter wandte er ſich ab und ſchritt raſch der Hausthür zu. „Wohin, Gevatterle?“ rief ihm der alte Leuthold nach.„Ihr braucht Euch net zu entferne, bleibt doch, Ihr ſeid uns net im Wege!“ „Ich fühle mich ſehr erſchöpft“, antwortete Rodberg, ohne den Kopf zu wenden;„der Ritt, die Hitze— ich will mich in der Kammer, die Ihr mir angewieſen, ein wenig niederlegen und ſchlafen.“ „Ei, ei und ſo, ſo“, brummte Leuthold vor ſich hin, „iſcht mir auch recht!“ Rodberg aber murmelte in ſich hinein:„Ich kann es kaum glauben, daß eine Baroneſſe von Erlenbach ſich ſo weit vergeſſen werde, einen gewöhnlichen Farmer zu lieben! Bei Gott, ſollte ich dennoch vergeblich hier⸗ her gekommen ſein, dann— dann werde ich mich zu rächen wiſſen!“ Eilig ſchlüpfte er in das Haus. Jakob führte ſeine werthen Gäſte zu der Farm. Die beſondere Aufmerkſamkeit, welche er heute der anmu⸗ thigen Hedwig erwies, ward von ihrer Begleitung keines⸗ wegs als auffällig angeſehen. Das bis jetzt noch ſtill⸗ ſchweigende Verhältniß Hedwig's zu dem jungen Far⸗ mer war weder der Schweſter noch dem Bruder ent⸗ gangen. Miſtreß Lovett hatte bereits ihr Schweſterchen unter vier Augen zum Geſtändniß ihrer Neigung ge⸗ bracht und am Morgen deſſelben Tages, an dem wir die Geſchwiſter einen Beſuch bei Leutholds machen ſehen, der kleinen Hedwig entlockt, daß der goldblonde Jakob ſich ſeither noch immer nicht über ſeine Gefühle ausgeſprochen, die doch deutlich genug zu Tage lagen, wie das Wohlwollen, welches die alten Leutholds dem „ſittigen Jüngferle“ ſtets erwieſen. Und es war ihr um ſo mehr darum zu thun, daß die jungen Leute ſich verſtändigen möchten, als ſie eine Verbindung derſelben nur billigen konnte. Agnes war insgeheim hocherfreut darüber, daß die Neigung, welche die Hedwig für den wackern Jakob fühlte, auch das letzte Andenken an den unwürdigen Rodberg in dem Herzen des jungen Mädchens vernichtet hatte. Es wäre der Miſtreß Lovett —, 97 wohl ein Leichtes geworden, die Schweſter glänzend zu 3 verheirathen. Aber beſtand denn in einer reichen Partie das wahre Glück? Mußte nicht auch das Herz Hed⸗ wig's ſprechen? Jetzt hatte es geſprochen und Agnes, die ihre Schweſter ſcharf beobachtet, ſagte ſich, daß dieſe nun erſt eigentlich die Liebe kennen gelernt. Der erwartete Beſuch ward von den alten Leuten mit all jenen höflichen Umſtändlichkeiten empfangen, welche dem Altdeutſchen Pennſylvaniens eigen ſind. Un⸗ geachtet der großen Hitze hatte Vater Zebadiah richtig ſeinen blauen, ſchweren Staatsrock angezogen, der ihm faſt bis auf die Fußzehen hernieder reichte, aber er mußte ihn, trotz wiederholter Proteſte, auf Wunſch der Miſtreß Lovett wieder herunterziehen, die dem alten Herrn lächelnd erklärte, daß ſie ſich nicht heimiſch fühlen würde, wolle man ſich ceremoniellen Zwang anthun. Dieſer ſchwand denn auch alsbald und machte jener gemüthlichen Heiterkeit Platz, welche ſich die Deutſchen im Allgemeinen auch jenſeits des Oceans zu bewahren gewußt haben. Jakob war anfänglich von ſeinen Ael⸗ tern gutherzig und ſcherzhaft geſchmält worden, weil er ſie ſo liſtig hintergangen, während ſie ihn bei der Grabenarbeit am Wald⸗Creek wähnten, dann aber drückten ſie bei dem weitern Thun und Treiben ihres Lieblings ein Auge zu, und dieſes Thun und Treiben Adolf Schirmer, Die Spionin. II. 7 Jakob's beſtand freilich darin, nur Auge und Ohr für Hedwig zu haben, die jetzt bisweilen ein verlegenes Lächeln hinter ihrem„Blumenſträußle“ zu verbergen ſich bemühte. Miſtreß Lovett und Richard waren den Liebenden be⸗ hülflich, einander ungeſtört angehören zu können, daher ließ denn auch Agnes geduldig die redſelig gewordene Mutter Lisbeth all ihre kleinen häuslichen Angelegen⸗ heiten auskramen, während der„Herr Inſpector“ des Ge⸗ nerals angelegentlich den ehrſamen Zebadiah Leuthold ermunterte, ihn durch Stallung und Scheunen zu füh⸗ ren und ihn von dem Wirthſchaftsſtand der Farm zu unterrichten, was freilich bei frühern Beſuchen ſchon unzählige Male geſchehen war. Da der praktiſche Jakob keineswegs aus übergroßer Schüchternheit ſich noch nicht gegen Hedwig ausge⸗ ſprochen, ſondern erſt ſeiner Alten hatte ſicher ſein wollen, dieſe aber jetzt in der gutgelegten Falle feſt⸗ ſaßen, hielt er es keineswegs mehr für nothwendig, mit ſeiner Herzensangelegenheit bei dem Mädchen ſelber länger hinter dem Berge zu halten, blos um dem altväteri⸗ ſchen Herkommen zu genügen. Er dachte ſich:„Kann nicht ſchaden, wenn ich jetzt in aller Stille auch mit Hedwig in Ordnung komme, und um einen Tag früher, iſt's immer um einen Tag beſſer!“ 99 Und als gegen Sonnenuntergang der Vater Zeba⸗ diah und Richard nochmals zu dem Vieh gingen, das wegen der unſichern Kriegszeiten im Stall gehalten wurde, Mutter Lisbeth aber mit der Magd das Nacht⸗ eſſen herrichtete und der Miſtreß Lovett mit einigem Stolze ihre Hausvorräthe zeigte, da hatte Jakob die Gelegenheit wahrgenommen, Hedwig unvermerkt im Ge⸗ ſpräche bis hinter das Haus zu führen, wo der Ge⸗ müſegarten ſich befand und herrliche Obſtbäume ſtanden. Dicht hinter dem Hauſe erhob ſich ein breitäſtiger Nußbaum, deſſen Krone bis faſt zum Giebel des ein⸗ ſtöckigen Hauſes reichte und deſſen Laub und Gezweige einen großen Theil der Wand bedeckte. Dieſe Rück⸗ wand hatte nur ein einziges Fenſter, es war gleich unter dem vorerwähnten zugeſpitzten Giebel, wo ſich ein Kämmerchen befand. Und das war dieſelbe Kammer, welche der Farmer dem fremden Gaſte angewieſen. Rodberg hatte, nachdem er ſich in das Haus bege⸗ ben, in der That dieſe Kammer aufgeſucht und die Thür von innen verriegelt. In großer Aufregung weilte er dort nun ſchon länger als zwei Stunden, unſchlüſſig, was er beginnen ſolle. Rodberg war eine jener leidenſchaftlichen, ſchwanken⸗ 7* den Naturen, welche augenblicklichen Neigungen blind⸗ lings folgen. Er hatte urſprünglich manche gute Eigen⸗ ſchaften beſeſſen, aber dieſe waren mit der Zeit durch ſeinen Leichtſinn zerſtört worden. In frühern Tagen hatte es ihm an guten Vorſätzen nicht gefehlt, aber ſo⸗ bald die Verlockung zu Spiel und Ausſchweifungen an ihn herangetreten, war er zu ſchwach geweſen, ihr zu widerſtehen. Man konnte nicht von ihm ſagen, daß er je ein boshafter Menſch, ein Intriguant geweſen ſei, oder ein engherziger Egoiſt, er bekundete ſogar in frühern Tagen eine gewiſſe Gutherzigkeit, eine Nobleſſe, die nicht erkünſtelt war, eine Empfänglichkeit für edlere Genüſſe, als jene waren, zu denen er ſich immer wieder verleiten ließ. In Herzensangelegenheiten war er ſo unzuverläſſig geweſen, wie in ſeinem übrigen Thun und Treiben. Er hatte Hedwig leidenſchaftlich verehrt und doch zugleich betrogen. Solange ſie ihn nicht aufge⸗ geben, hatte er noch Momente der Reue und Beſſerung gezeigt, doch ſeitdem ſie ſich von ihm gewandt, war er völlig verkommen. Eine Eigenſchaft jedoch, deren er ſich ehemals rühmen durfte, die aber mehr dem Sol⸗ daten als dem Menſchen zu gute kommt, beſaß er noch jetzt, einen perſönlichen Muth, der ſich bisweilen bis zur Tollkühnheit ſteigerte. frühern Geſpräche mit Miſtreß Lovett den ſittlich geſun⸗ Wenn Richard in einem 101 kenen Rodberg für feig erklärt hatte, ſo war das ent⸗ weder im Irrthum oder abſichtlich zur Beruhigung der Gattin Lovett's geſchehen; Rodberg hatte ſich durch ſein Entweichen nach Amerika den Duellen nicht aus Feigheit entzogen, ſondern in einem Aufwallen von Schamgefühl und Reue. Während ſeines Aufenthalts in der Union, bis zu dem Zeitpunkte, in dem er durch die Deſerteure die Anweſenheit Hedwig's in Amerika erfuhr, hatte er an ſie nicht mehr gedacht, auch dann war ſie ihm nur ein Gegenſtand der Speculation geweſen; doch nun er ſie in ſeiner unmittelbaren Nähe wußte, nun er ſie, wenn auch nur flüchtig, wiedergeſehen hatte, war die alte Leidenſchaft für ſie von neuem in ihm erwacht. Hef⸗ tiger denn je zuvor ſtieg der Wunſch in ihm auf, Hed⸗ wig zu beſitzen, und der Gedanke, daß ein gewöhnlicher Farmer ſeine Pläne durchkreuzen könne, erfüllte ihn mit Wuth. „Wäre es mir nur möglich, Hedwig einen Augen⸗ blick allein zu ſprechen, bevor jene Leute dort ſich ver⸗ ſtändigen!“ hatte er vor ſich hin geflüſtert, vährend er in fieberhafter Ungeduld in der Kammer am Tiſche ſaß, den Kopf auf die Hand geſtützt. Er zermarterte ſein Gehirn mit allerlei Projecten, die er ebenſo raſch verwarf, wie ſie entſtanden waren. Einmal war er ſogar entſchloſſen, wie eine Bombe unter die Leute zu fahren und verwegen ein vermeint⸗ liches älteres Vorrecht an Hedwig geltend zu machen, doch auch dieſen Vorſatz ließ er fallen. Ja, wäre er der Geſinnung des Mädchens ſicher geweſen! Nach langem innerem Kampfe ſprang er auf und lehnte ſich an das offene Fenſter, die brennende Stirn in dem Abendlüftchen zu kühlen, das zu ſäuſeln be⸗ gann. Er ſtarrte über den Obſtgarten hin nach dem nahen waldigen Bergrücken, hinter dem die Sonne verſchwun⸗ den war, und dann auf die Laubkrone des Nußbaums, der ſich dicht unter ſeinem Fenſter wölbte. Da ward er aus ſeinem Brüten durch eine helle Mädchenſtimme aufgeſchreckt— es war Hedwig's Stimme. Er hörte den Sand des Gartens kniſtern und ver⸗ nahm nun auch die Worte eines Mannes. Im erſten Moment wich Rodberg haſtig vom Fen⸗ ſter zurück, doch dann beugte er ſich wieder vor. Mit pochendem Herzen und glühendem Blick ſtarrte er hin⸗ ab, denn gerade unter ihm hatte ſich das Geräuſch ver⸗ nehmbar gemacht; aber das Laub des Nußbaums war ſo dicht, daß er Niemand ſehen konnte. Deſto beſſer hörte er das Geſpräch, welches jetzt dort unten geführt ward, und gleich die erſten Worte belehrten ihn, daß 103 der Begleiter ſeiner ehemaligen Braut der Sohn des Hauſes ſei, mit dem er zur Mittagszeit nur eine kurze Unterhaltung gepflogen hatte. Jakob ſaß in der That an der Seite Hedwig's unter dem Nußbaume auf einer kleinen Bank. Er dachte nicht an den Fremden, er hatte nicht einmal gefragt, ob dieſer ſich noch in der Farm befinde. Wie hätte auch ein Verliebter ſich um ſolche Nebendinge bekümmern können! Und da er bei ſeinem jetzigen Beiſammenſein mit Hedwig keinen Zeugen zu haben glaubte, flüſterte er auch nicht wie ein Menſch, der die Nähe von Spähern zu fürchten hat. „Sie ſind jetzt nun nahezu drei Monate hier“, ſagte er mit ſanfter, klangvoller Stimme,„Sie können ſich ſchon hinlänglich ein Urtheil über unſere Gegend ge⸗ bildet haben. Sagt Ihnen alſo wirklich noch immer das Leben hier zu?“ „O ganz ausnehmend, Herr Jakob!“ antwortete Hedwig lebhaft.„Wie ſchön iſt es hier überall! Eine herrliche Natur und gute Menſchen— was braucht man mehr, um ſich heimiſch und zufrieden zu fühlen?“ „Aber wir haben im Norden der Union große, glänzende Städte, voll Luxus und angenehmer Zer⸗ 104 ſtreuungen, und es iſt nichts natürlicher, als daß ſich das Herz einer jungen Dame nach ſolchen ſehnt!“ „In Deutſchland lebte ich in einer leidlich großen Stadt, in einem von der vornehmen Welt beſuchten Badeorte ſogar, doch feſſelten mich nicht jene Dinge, welche dort die verwöhnten Menſchen zu ihrem Glücke und ihrer Unterhaltung nöthig zu haben glauben.“ „Ihre Verhältniſſe änderten ſich ſeit jener Zeit—“ „Ich wüßte nicht.“ „Durch Ihren Bruder iſt mir bekannt, daß Sie und Ihre Geſchwiſter darauf angewieſen waren, ſehr haus⸗ hälteriſch zu leben. Sie lernten damals den Ueber⸗ fluß und koſtſpielige Bedürfniſſe als etwas Unerreich⸗ bares betrachten und ſich deshalb mit beſcheidenen Freuden begnügen. Es ſchien Ihnen eine Thorheit, ſich mehr zu wünſchen, als Sie im beſten Fall erlangen konnten.“ „Das iſt wahr, aber—“ „Verzeihen Sie, Ihre Lage iſt jedoch jetzt eine voll⸗ ſtändig andere. Ihre Schweſter ward eine reiche Lady, Ihr Schwager gehört zu den angeſehenſten Männern der Vereinigten Staaten, Sie haben alſo das Recht, Anſprüche zu machen, die man Ihnen auch ohne Zwei⸗ fel mit Freuden gewähren wird.“ Hedwig blickte den jungen Farmer groß an. 105 „Das Recht, Anſprüche zu machen?“ ſagte ſie. „Gewiß“, fuhr Jakob ruhig fort,„und wer wird es Ihnen verdenken, wenn Sie es thun? Es iſt doch be⸗ greiflich, daß Sie ſich jetzt für die Entbehrungen einer frühern Zeit ſchadlos halten werden.“ Hedwig lächelte. „Sie glauben alſo“, entgegnete ſie,„ich ſei in jener Zeit unzufrieden geweſen?“ „Sie konnten jedenfalls nicht ſtandesgemäß leben und ich weiß, daß man in Europa eine vornehme Ab⸗ kunft und einen ererbten Rang ſehr hoch ſchätzt.“ „Es iſt wahr“, verſetzte Hedwig ernſt,„und wir würden uns wahrſcheinlich ſehr unglücklich gefühlt ha⸗ ben, hätten wir nicht freiwillig Anſprüchen entſagt, die denjenigen lächerlich machen, der ſie nicht durch Reich⸗ thum oder wenigſtens unabhängigen Stellung unter⸗ ſtützen kann. Ich weiß aber vollends nicht, Herr Ja⸗ kob, was ich mit dieſen Anſprüchen hier ſollte, in einem Lande, wo man ſie ſelbſt dann nicht gelten läßt, wenn ſie durch Geld und Gut unterſtützt ſind.“ „Ich meinte auch nicht ſolche, welche der Adel jen⸗ ſeits des Oceans als ſein Vorrecht betrachtet, ich wollte nur andeuten, daß Sie berechtigt und auch jetzt in der Lage ſeien, ſich nichts von dem mehr zu verſagen, was zu einem glänzenden Leben gehört.“ 106 „Herr Jakob, ich möchte Sie um zwei Dinge fragen.“ „Nun?“ „Halten Sie jene geräuſchvollen Luſtbarkeiten, jenen raffinirten Luxus, mit dem ſich der Reiche großer Städte zu umgeben pflegt, zu Ihrem vollſtändigen Glücke für nothwendig?“ „Nein, denn ich weiß, daß nur Genügſamkeit und Zufriedenheit wahrhaft beglücken.“ „Sie haben für mich geantwortet, Herr Jakob.“ „Und die andere Frage?“ „Lieben Sie die Unabhängigkeit?“ „Welcher Amerikaner würde ſie nicht als das höchſte Gut ſchätzen!“ „Und Sie glauben, daß ich eine Vürgerin dieſes Staates geworden wäre, um mich dieſes Gutes zu ent⸗ äußern? Sie ſprachen vorhin von der Schwägerin Lovett's und von den Anſprüchen, welche dieſe zu ma⸗ chen berechtigt ſei. Aber eins ſagten Sie nicht. Lo⸗ pett iſt freigebig und großmüthig, doch verpflichtet iſt er zu nichts der Schweſter ſeiner Gattin gegenüber. Nun gut, eben darum kann und will ich auch nichts von ihm begehren. Wenn er Agnes glücklich macht, ſo ſegne ihn Gott dafür, ſo thut er ja hinreichend, mich ihm zum Dank zu verpflichten. Ich lebe im Hauſe Lovett's, aber ich arbeite dort, denn ich leite die Wirth⸗ 107 ſchaft, wie Sie wiſſen, und indem ich mich nützlich mache, habe ich das Bewußtſein, mir redlich die An⸗ nehmlichkeiten zu verdienen, welche ich dort genieße. Und ſo iſt mein Bruder im Intereſſe Lovett's gewiſſen⸗ haft thätig, er fühlt wie ich, denn wir wollen keine Wohlthaten empfangen, nicht von den liebſten Ver⸗ wandten, nicht von Engeln an Herzensgüte und Zart⸗ gefühl.“ 3 Hedwig ſchwieg, die Wangen leicht geröthet, den Blick freimüthig zu Jakob aufgeſchlagen. Dieſer ergriff lebhaft ihre Hand und ſagte mit Wärme:„Wie ſchätze ich Sie um Ihres Selbſtgefühls willen!“ Hedwig ließ Jakob die kleine zierliche Hand und lächelte. „Sie ſehen“, antwortete ſie,„daß es mit ſolchen Anſichten wohl beſſer iſt, das Gewühl der großen Städte zu meiden, denn hier nur, in dieſer beſcheidenen Zu⸗ il derhai⸗ darf ich nicht fürchten, mit meinem Selbſtgefühl in Conflict zu gerathen.“ „Aber der Krieg rückt dieſen Gegenden immer näher, da wird der General genöthigt ſein, ſeine Frau nach dem Norden zu ſenden.“ „Glauben Sie wirklich?“ „Nun, und wenn auch nicht, ſollte auch der Bürger⸗ 108 krieg bald ſein Ende erreichen, ſo kann doch Mr. Lovett, der ein bedeutender Geſchäftsmann iſt, ſich nicht den Winter über mit den Seinen hier vergraben. Er wird in New⸗York oder anderswo ein großes Haus machen.“ Hedwig ſah traurig vor ſich hin und ſeufzte leiſe. „Sie würden ungern von hier ſcheiden?“ fragte Jakob, als ſie keine Antwort gab. „Offen geſtanden— ja!“ lispelte ſie.„Mir iſt hier Alles ſo lieb und werth geworden—“ Sie ſtockte. „Ihr Bruder wird ſich vorläufig wohl kaum von einem jetzigen Wirkungskreiſe zu trennen wünſchen.“ „Das glaube auch ich.“ „Nun, ſo bleiben Sie hier, wenn die Lovetts aus⸗ fliegen ſollten.“ „Wie? In dem großen, dann ſo einſamen Hauſe? Und wenn nun auch Richard die Beſitzung Lovett's verlaſſen ſollte? Ein Mann muß immer weiter ſtreben.“ „Ich wüßte wohl noch einen andern Aufenthalt für Sie— die Farm Leuthold's.“ „Herr Jakob!“ „Die gute, altersſchwache Mutter verlangt gar ſehr darnach, daß eine junge, rüſtige, muntere Hausfrau ſie in der Wirthſchaft erſetze. Und ich— Hedwig, Sie müſſen es mir längſt angemerkt haben, daß ich Sie 109 liebe— wir ſchlichten Farmer Amerikas verſtehen es nicht, unſere Gefühle lange zu verbergen— daß mir Ihr herzliches Entgegenkommen und ſo manche kleine Anzeichen, die ich zu meinem Vortheile deutete, den Muth gegeben, für mich zu hoffen. That ich unrecht? Sagen Sie mir ein Wort— ein kleines Wörtchen!’“ Hedwig erröthete bis zur Stirn, ihr Buſen wogte. heftig, ihre roſige Hand, die Jakob noch immer hielt, zuckte leiſe. Aber ſie brachte kein Wort über die Genpen. „So hätte ich mich getäuſcht?“ fuhr Jakob zögernd fort.„Sie haben wohl gar Ihr Herz in Europa zu⸗ rückgelaſſen?“ Hedwig ſchüttelte haſtig das Lockenköpfchen. „Herr Jakob, ich bin Ihnen gut, von ganzer Seele!“ ſtammelte ſie dann.„Aber ich bin ein ehrliches deut⸗ ſches Mädchen, ich darf Ihnen nicht vorenthalten— ich war in meiner Heimat verlobt— noch vor einem halben Jahre, doch die Verlobung ward aufgehoben, ich täuſchte mich in einem Ehrloſen.“ „Und Sie lieben ihn noch?“ fragte Jakob beſtürzt. Hedwig blickte den jungen Farmer klar und offen an. „Ich verachte ihn!“ antwortete ſie feſt.„Doch“, fügte ſie mit unſicherer Stimme hinzu,„es wirft immer einen Makel auf ein Mädchen, wenn ſie—“ „Wenn ein Mädchen mit einem Unwürdigen aus freier Ueberzeugung gebrochen“, fiel ihr Jakob lebhaft ins Wort,„dann hat ſie nichts an ihrer Ehre einge⸗ büßt.“ „Gott iſt mein Zeuge, Jakob, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe!“ „So biſt Du mein, Hedwig, mein, und unſer Herr⸗ gott wird unſern Bund ſegnen!“ Jakob preßte das erglühende Mädchen an ſich und küßte die roſigfriſchen Lippen, welche ſie ihm willfährig überließ.. „Aber Ihre Aeltern“, ſtotterte ſie plötzlich,„ſie wer⸗ den keine Fremde wollen!“ „Willſt Du wiſſen, wie ſie's mit Dir meinen?“ rief Jakob fröhlich.„Willſt Du wiſſen, warum ſie ſich gerade heute in große Gala geworfen? Nun, um für mich um Deine Hand zu werben! Während des Nacht⸗ eſſens ſollte es geſchehen, und nun bin ich ihnen zuvor⸗ gekommen und habe den eigenen Schmied meines Glückes gemacht.“ Hedwig antwortete nicht. Aber Thränen füllten ihre ſonſt ſo ſchalkhaften Augen und hingebend ſank ſie an die Bruſt des jungen Farmers. Da ertönte vom Vorgarten her die Stimme der Mutter Lisbeth. Sie rief das Pärchen zum Nachteſſen. Hedwig entwand ſich haſtig den Armen des Gelieb⸗ ten und ſprang auf. „Mein Gott“, flüſterte ſie verwirrt,„jetzt werden ſie mir's anmerken, was zwiſchen uns vorgefallen!“ „Was iſt's denn weiter?“ verſetzte Jakob, indem er ſich lächelnd erhob.„Hat's Jakoble auch nach der Sitte der guten Alten gefehlt, ſo hat er doch nach ihrem Herzen das Rechte getroffen.“ Und frohen Muthes ſchritt er an der Seite des erglühenden Mädchens dem Vorgarten zu. Sie waren ſchon längſt um das Haus, als Rodberg noch immer, bleich und regungslos, wie angewurzelt am Fenſter ſtand. „Sie iſt für mich verloren“, murmelte er endlich, „ſie wirft ſich an jenen Farmerburſchen weg.“ Er brütete eine geraume Zeit düſter vor ſich hin. Die Vergangenheit zog an ſeinem innern Auge vor⸗ über! Welche Lichtblicke tauchten da vor ihm auf, aber auch wie viele Schatten, die jene zehnfach überwucher⸗ ten! Wie alle Leichtſinnigen, die auf ein verlorenes Daſein zurückſchauen, klammerte er ſich an den Ge⸗ danken, daß er doch eigentlich nicht ſchlechter geweſen ſei als tauſend Andere, die auch ihre Zeit der Thor⸗ heiten gehabt und ſich dann doch noch wieder zurecht gefunden, daß er immer das Gute gewollt habe, aber durch böſen Umgang, durch verlockende Zufälligkeiten und heißes Blut zu Verirrungen getrieben worden, daß noch eine Umkehr in ſeinem Lebenswandel möglich geweſen wäre, hätten jene ihn nicht von ſich geſtoßen, die den Glauben nicht ſo bald an ihm hätten verlieren ſollen, daß er endlich genöthigt geweſen, der Verachtung Trotz entgegenzuſetzen. Wie ſehr er aber auch bemüht ſein mochte, ſeine Thorheiten vor ſich ſelber zu beſchönigen, konnte er doch nicht eine Stimme übertäuben, die ihm aus dem Tiefinnerſten zuraunte: Sie mußten Dich auf⸗ geben, ſie haben Recht, Du haſt ihre Verachtung und Dein Loos verdient! Dieſen Anflug von Zerknirſchung aber, der ihn momentan überfiel, drängte die Erinnerung an Hed⸗ wig's einſchneidende Worte zurück, welche er vorhin ver⸗ nommen. Sie hattej ihn gleichmüthig einen Ehrloſen geheißen, ihn kalt, verächtlich zu den Todten geworfen. Es war ein unumſtößliches Urtheil geweſen, keine An⸗ klage, im Haß oder Schmerz hervorgeſtoßen, aus dem doch noch immer ein Fünkchen Liebe zittert. Vor dem Ausſpruche des eigenen Gewiſſens verſtummt auch der härteſte Verbrecher, aber das verdammende Urtheil, das ein Anderer über ihn ausſpricht, reizt ihn faſt immer zu blinder Wuth. Der Zorn, den er gegen ſich relber kehren ſollte, trifft den, welcher die Stelle ſeines 113 Gewiſſens einnimmt. Und Hedwig hatte unumwunde⸗ ner geſprochen als Rodberg's Gewiſſen, deſſen Stimme er jetzt unterdrückte. Ihre Worte klangen ſtärker und ſtärker in ſein Ohr, ſie rüttelten den alten wahnſinni⸗ gen Trotz und Hohn in ihm auf. „Gut“, murmelte er jetzt leidenſchaftlich in ſich hin⸗ ein,„ich bin ein Verworfener, ich will auch als ein ſolcher handeln! Es iſt jetzt gleich, ob ich mehr oder weniger zu verantworten habe. Und muß ich ganz der Hölle verfallen, die mich durch's Leben gejagt hat, ſo ſollen ſie, die mich verachten, wenigſtens keinen Him⸗ mel auf Erden haben! Zum Glück ſind ſie in meinen Händen. Man wird hier keine Verlobung feiern!“ Er trat vom Fenſter und war in wenigen Augen⸗ blicken gerüſtet, die Farm zu verlaſſen. Aber er ſetzte ſich doch an den Tiſch und harrte noch. Der Abend brach an, es ward finſter. Und nun hörte er, wie Jemand die Treppe herauf⸗ kam. Es ward an die Thür gepocht. „Man wartet auf Sie mit dem Nachteſſen, Herr!“ rief eine Magd und entfernte ſich wieder, als ſie kei⸗ nen Laut in der Kammer vernahm. „Sie wird unten ſagen, ich ſchlafe“, ſagte ſich Rod⸗ berg.„So iſt es recht!“ Er wartete noch etwa fünf Minuten. Dann ſchloß 8 Adolf Schirmer, Die Spionin. II. er die Thür auf und ſchlich im Finſtern die Treppe hinunter, ſo lautlos wie möglich, daß die ſchweren Stiefel und das Sporengeklirr ihn nicht verrathe. Ungeſehen gelangte er zum Flur und über einen Gang, hart an der Küche vorüber, durch eine Seiten⸗ thür zum Hofe. Er hatte das Glück, keinem der Knechte zu begegnen, als er nun in den Stall ſchlüpfte. Dort ſattelte und zäumte er eilig im Halbdüſter ſein Pferd und führte es vorſichtig durch den Hof ins Freie. Draußen an dem Fence ſchlang er den Zaum des Pferdes um einen der Pfähle und ließ es ſtehen. Dann ſchlich er zu der Vorgartenhecke, ſchwang ſich darüber hin und ſchlüpfte zu dem breiten Stamme des Apfelbaums. Er ſpähte von dort nach dem Hauſe. Die Fenſter des nach der Sitte wohlhabender Far⸗ mer behäbig eingerichteten Wohngemaches waren weit geöffnet. Auf dem gedeckten Tiſche, der ſich inmitten des Zimmers befand und mit dampfenden Speiſen reichlich beſetzt war, ſtand eine Lampe, deren Lichtfülle den freundlichen Raum anmuthig erhellte und durch die Fenſter bis in den Garten ſchimmerte. Rings an der Tafel aber ſtanden die Bewohner der Farm und ihre Gäſte neben ihren Stühlen, die Hände gefaltet, vor dem Beginn des Nachtmahls das öübliche Gebet zu verrichten. — 115 Die Schweſtern hatten ihren Platz bei einander, gerade dem erſten der geöffneten Fenſter gegenüber. Ein höhniſches Lächeln erſchien auf den Lippen des lauſchenden Rodberg, als er dieſes gewahrte. Lauernd zog er einen Revolver hervor, der ein halbes Dutzend wohlgerichteter Ladungen hatte. Vorſichtig ſpannte er den Hahn, den Blick ſtarr dem Fenſter und den Schwe⸗ ſtern zugewendet. Die Stimme des ehrwürdigen Zebadiah erklang. Es war ein kurzes Gebet, das er ſprach; in rührender Einfachheit erflehte es den Segen des. Höchſten, brachte es ihm Dank für die täglichen Gaben. Die weiche, melodiſche Stimme des alten Farmers drang ergreifend zum Gemüthe der um den Tiſch Verſam⸗ melten. Aber auch im Garten, unter dem Apfelbaum, pochte bei den Worten des Greiſes ein Herz mit immer hef⸗ tigern Schlägen, ward ein leichtſinniges, verlorenes, aber im Grunde nicht ſchlechtes Gemüth nach und nach von einer unwiderſtehlichen Regung überwältigt. Bleich, athemlos, mit weit geöffneten Augen lehnte Rodberg an dem Stamme. Was machte die Pulſe ſeiner Schläfe hämmern, was ließ ihn krampfhaft erbeben, was umflorte ſeinen Blick? Es waren nicht Rachegedanken mehr, die ihn 8*. 116 erfüllten, er kämpfte vergeblich gegen eine Empfindung an, die ſein wüſtes Gemüth ſeit lange nicht mehr ge⸗ kannt. Zog eine ſchuldloſe Kinderzeit an ſeinem innern Auge vorüber, erfaßte ihn ein Moment der Reue, erbebte er bei dem Gedanken an eine frevelhaft ver⸗ geudete Jugend? Der alte ehrwürdige Farmer ſprach noch immer; er betete jetzt das Vaterunſer. Mild und ergreifend, wie eine mahnende Stimme aus lichten Höhen tönte in Rodberg's Ohr das Ver⸗ gib uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Schul⸗ digern!“ Er hörte nichts mehr, er war wie betäubt. Er⸗ ſchüttert ſchwankte er einen Schritt vorwärts. „Ich kann es nicht vollbringen“, ſtöhnte er leiſe, „jetzt nicht, jetzt nicht!“ Und wie von namenloſer Angſt erfaßt, ohne zu wiſſen, was er that, ſchleuderte er den Revolver von ſich. Da blitzte zu ſeinen Füßen ein Feuerſchein auf, krachte ein Schuß. Der Revolver hatte ſich entladen, die Kugel pfiff dicht über den Erdboden hin. Vom erleuchteten Wohnzimmer der Farm her er⸗ tönten Angſtrufe. Im nächſten Augenblick aber ward die Hausthür 117 aufgeriſſen. Richard Erlenbach und Jakob erſchienen auf der Schwelle. Aus dem offenen Fenſter fiel der volle Lampen⸗ ſchein auf die bleichen Züge des Gaſtes, den der Far⸗ mer heute aufgenommen hatte. „Rodberg!“ſtammelte Richard, ſtarr vor Ueberraſchung. Der Schuß hatte dem Abenteurer ſeine Befinnung wiedergegeben. Haſtig wandte er ſich, wie ein ge⸗ ſcheuchtes Wild. Jakob ſtürzte ihm nach. Aber ſchon war Rodberg über die Hecke hinweg und zu ſeinem Roſſe geſprungen. In wilder Haſt löſte er die Zügel, warf ſich auf das Pferd, drückte ihm die Sporen ein und ſprengte auf der Landſtraße gen Süden fort, in die Nacht hinein. Fünftes Kapitel. Die Virginia⸗Central⸗Bahn durchſchneidet öſtlich von den Blauen Bergen eine anmuthige Ebene, aus der da und dort niedrige, waldbewachſene und auch kahle Hügelrücken ſich erheben. Die Flächen dieſer Landſchaft ſind zum Theil Ackerland, zum Theil Wie⸗ ſen, von munter dahinfließenden Creeks durchſchlängelt. Die Gegend iſt fruchtbar und es ſiedelte ſich deshalb auch mancher Farmer dort an, und der Reiſende, den der brauſende Train vorüberführt, hat Gelegenheit, einen flüchtigen Blick auf recht hübſche Farmen und Cottagen zu werfen, die meiſt vereinzelt bald in den Niederungen, bald auf den wellenförmigen Erhöhungen des Bodens liegen. Zur Zeit aber, in der wir dieſe Gegend erblicken, 119 zeigt ſich der Anbau ziemlich verwahrloſt, liegen viele Felder völlig brach, iſt die lebendige Staffage, welche Pferde, Kühe und ſonſtige Hausthiere auf den Wieſen zu bilden pflegen, vollſtändig verſchwunden, ſieht man, mit einem Wort, daß die rüſtigen männlichen Bewoh⸗ ner all dieſer Anſiedelungen nicht daheim ihrem Berufe nachgehen, ſondern fern vom häuslichen Herde dem Kriegshandwerke obliegen. Wir wollen uns einer kleinen Cottage zuwenden, welche ſich beinahe hart an der Bahn befindet, etwa zehn Minuten von der auf Waynesboro öſtlich folgen⸗ den Station Greenwood entfernt. Das Häuschen ſteht, mit ſeiner Fronte dem Eiſenbahndamme zugewendet, recht maleriſch auf einer ſanft anſteigenden Erhöhung des Bodens und hat einen backſteinernen Unterbau, während das Portico, die Veranda, die obern Wände und das vorſpringende Dach von Holz ſind, deſſen ur⸗ ſprüngliche Farbe ſich mit der Zeit durch den Einfluß der Witterung in ein aſchfarbenes Braun vetwandelt hat. Niedrige Breterſchuppen, darüberhinragendes Buſchwerk, ein dürftiger Gemüſegarten, weiter abwärts im flachen Lande einige Felder, die eine traurige Mais⸗ ernte verſprechen, und um das Alles eine Einfriedung von ſchadhaften Fencerails, das iſt das Zubehör dieſer nicht ſehr ſtattlichen, aber doch immerhin netten Be⸗ 120 ſitzung, die freilich durch augenſcheinliche Vernach⸗ läſſigung in Verfall zu gerathen droht. Eines Tages ſchickte ſich die Sonne bereits an, hinter die Blauen Berge hinabzuſteigen, als vor dem Portico der Cottage ſich zwei Perſonen befanden. Es waren Alice Palmer und Onkel Hugh. Alice ſaß auf einem altväteriſchen, gepolſterten Stuhle, ihre Haltung war ſchlaff, ihre ſchönen Augen hatten nicht den gewöhnlichen lebhaften Glanz, eine leichte Bläſſe bedeckte ihre Wangen. Sie hatte ſich in die Polſter zurückgelehnt und war in ihren Plaid ge⸗ hüllt, der ſorgfältig Hals und Schultern bedeckte. Die goldigen Streiflichter der untergehenden Sonne ſpielten ſeitwärts durch das Schnitzwerk der Veranda und beglänzten ihr feingeſchnittenes Antlitz und die zierliche Geſtalt. Ihr Geſicht ſchweifte mit einem apa⸗ thiſchen Ausdrucke zu dem Eiſenbahndamme hinüber. Onkel Hugh ſaß einige Schritte von ihr. Er hatte ſeinen plump gearbeiteten hölzernen Stuhl verkehrt ge⸗ ſtellt, ſodaß er auf die niedere Lehne deſſelben die Arme legen konnte. Er hielt eine Zeitung in den Händen, den in Richmond erſcheinenden„Enquirer“, welchen der kleine Junge der Farmerin erſt vor einer halben Stunde von der Bahnſtation geholt hatte. Die Miene des ehrlichen Pittsburgers war finſter, 4» 4» ſeine Stirn umwölkt, die Mundwinkel waren in herbem Groll verzogen, der ganze eiſenfeſte Mann ſah womög⸗ lich noch trotziger aus als gewöhnlich. Sein Blick glühte düſter; nur wenn er ihn dann und wann der Nichte zuwandte, nahm er einen andern Charakter an, leuchteten Beſorgniß und Zärtlichkeit daraus hervor. Onkel Hugh hatte jedenfalls ſeiner Nichte aus der Zeitung vorgeleſen; er ſchien jetzt über die unheilvollen Nachrichten, welche ihnen das Journal gebracht, mit dumpfem Ingrimm zu grübeln. So hatte das Paar eine ganze Weile jcweigens geſeſſen. „Wielleicht iſt Alles übertrieben!“ brach der ehrliche Pittsburger endlich los.„Wir wiſſen ja, wie es die Federfuchſer der Conförderation machen, eine Nieder⸗ lage wird verſchwiegen, ein kleiner Erfolg zu einem großen Siege hinaufgeſchwindelt!“ „Ich glaube denn doch“, verſetzte Alice matt,«„daß ſie dieſes Mal nicht gelogen haben. Seit heute Mittag ſind hier ſchon drei mit Soldaten vollgeſtopfte Trains vorübergekommen, welche weſtlich gingen. Die Mann⸗ ſchaft war in fröhlichſter Stimmung, ihr Lachen und Singen drang ja bis hierher. Dieſe Truppen hat man jedenfalls vom Rappahannock weggezogen, weil man ſie dort nicht mehr braucht. Es ward alſo dort 122 jedenfalls von den Conföderirten ein glänzender Sieg erfochten.“ Onkel Hugh brummte eine Verwünſchung vor ſich hin. „O mein Gott“, fuhr Alice ſchmerzlich fort,„wie ſehnlichſt hatte ich gehofft, vor Beginn der Feindſelig⸗ keiten im Lager unſerer Gegner zu ſein, Alles aus⸗ kundſchaften zu können, was vielleicht geeignet geweſen wäre, der Union zum Siege zu verhelfen. Und nun! Ich möchte mit der Vorſehung grollen, daß ſie das Weib ſo ſchwach geſchaffen; eine armſelige ſtürmiſche Früh⸗ lingsnacht in den Sümpfen Virginias hat meine kühn⸗ ſten Entwürfe über den Haufen geworfen!“ „Errege Dich nicht unnützerweiſe!“ murmelte Onkel Hugh mit liebevoller Beſorgniß. Alice lächelte beinahe trotzig vor ſich hin. Ueber ihre abgeſpannten Züge kam ein Auflug der frühern Energie.. „Aber mein Vorhaben iſt nur vertagt, ich werde den⸗ noch meinen Zweck erreichen!“ ſagte ſie mit feſter Stimme. „Denke jetzt nur an Deine Geſundheit, mein Kind! Wie fühlſt Du Dich?“ „Beruhige Dich, Onkel, das Fieber wird nicht mehr zurückkehren, meine Kräfte haben ernſtlich zugenommen, ich hoffe, wir werden ſchon morgen von hier aufbrechen können.“ 123 „Uebereile nichts!“ „Welche koſtbare Zeit haben wir verloren! Fluch⸗ würdige Tage, an die ich nicht denken darf! Wie lange lag ich in Fieberphantaſien?“ „Faſt eine Woche!“ „Und dann die Tage der Abſpannung und Reconvales⸗ cenz, das macht nahezu drei Wochen Und unterdeſſen ſchlug ſich die Potomac⸗Armee in der Wilderneß und unterlag. Ich könnte weinen in ohnmächtigem Zorn, hätte das Fieber mir Thränen gelaſſen!“ „Sei ruhig, Kind! Willſt Du mir von neuem Sorge und Kummer bereiten?“ „Armer Onkel! Ja, Du haſt ſo Vieles meinet⸗ wegen ausgeſtanden! Ich werde Dir nie vergelten können, was—“ „Still, Mädchen!“ „Und ich muß mich anklagen, daß ich Dich verleitet, in Deinem Alter ein Unternehmen mit mir zu theilen, das—“ „Du wirſt mich ernſtlich böſe machen, wenn Du ſo fortfährſt!“ brummte Onkel Hugh beinahe rauh, indem er haſtig vom Stuhle auffuhr und ſporenklirrend unter dem Vorbau des Häuschens ungeduldig auf und ab zu ſchreiten begann. Doch als ob es ihn reue, einen ſo derben Ton 124 aangeſchlagen zu haben, blieb er plötzlich vor der Nichte ſtehen und ſagte weich:„Die Sonne geht unter, die Abendluft könnte Dir ſchaden, willſt Du nicht ins Zimmer zurück?“ „Nicht doch, Onkel!“ verſetzte Alice lächelnd.„Mich erfriſcht dieſe Luft und ſtärkt mich! Du biſt mit der Zeitung noch nicht zu Ende.“ Onkel Hugh brummte Unverſtändliches vor ſich hin, ſchritt zu ſeinem Stuhle und ſetzte ſich. Er blickte in die Zeitung und blätterte darin. „Ahn, ſagte er,„hier iſt die Liſte der Gefallenen und Verwundeten unſerer Gegner. Obenan Thomas Jackſon—“ „Wie? General Stonewall?“ „Schwer verwundet, in der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag durch ein Mißverſtändniß der eige⸗ nen Vorpoſten im Gehölze niedergeſchoſſen—“ „Einer der kühnſten und intelligenteſten Generale der Conföderation, Onkel! Und wenn er nur einige Zeit vom Kriegsſchauplatze verſchwinden muß, ſo iſt das ſchon ein großer Gewinn für die Union!“ „Ohne Zweifel! Was ſehe ich— wie? Oberſt Edmund Crawford von Charleſton!“ Die Züge der jungen New⸗Yorkerin belebten ſich oonvulſiviſch, eine leichte Röthe ſchoß in ihre Wangen. 125 Sie beugte ſich haſtig im Seſſel vor und ſtarrte den Oheim an. „Todt?“ hauchte ſie. „Nein, am Fuß verwundet.“ „Gute Lucy!“ murmelte ſie vor ſich hin. Dann ließ ſie ſich wieder in die Polſter zurückſin⸗ ken und ward nachdenklich. „Wer weiß“, brummte Onkel Hugh,„ob es nicht beſſer für Deine Schweſter geweſen wäre, wenn—“ Er ſtockte. „Wer weiß!“ ſagte Alice mechaniſch, denn ein an⸗ derer Gedanke beſchäftigte ſie. Dann fuhr ſie lebhaft fort:„Ich werde jetzt anders vorgehen müſſen, Onkel. Und je mehr ich darüber nachdenke, deſto beſſer erſcheint es mir, daß wir Craw⸗ ford nicht im Lager der Rebellen finden werden. Es hätte mir doch einige Schwierigkeit verurſacht, Craw⸗ ford glauben zu machen, daß meine Denkungsart jetzt eine andere ſei als die meiner jedenfalls noch für den Norden ſchwärmenden Schweſter.“ „Das ſagte ich ja immer!“ „Jetzt kann ich mich auf meinen Schwager berufen, ohne ſeinen Argwohn, ſeinen Widerſpruch befürchten zu müſſen. Und will mir der Himmel wohl, ſo findet ſich auch im Lager kein Offizier, der mit Crawford's 126 häuslichem Leben vertraut genug iſt, um beweiſen zu können, daß Lucy Crapford nichts weniger ſei als eine Patriotin des Südens. Onkel, dieſe Nachricht gibt mir meine ganze Kraft wieder, wir werden morgen be⸗ ſtimmt reiſen können!“ Onkel Hugh antwortete nicht, ſein ſcharfer Blick überflog die Zeitung weiter. „Dort iſt noch ein Nachtrag zu der Liſte.“ „So?“ „Von einem ſpätern Datum. Teufel noch einmal — Stonewall Jackſon iſt ſeinen Wunden erlegen!“ Alice und ihr Oheim ſahen einander ſtumm, doch mit leuchtenden Blicken an. Dann ſagte ſie ernſt:„Wir wollen nicht frohlocken, Onkel; er iſt ein todter Mann und war ein tapferer Soldat, der verdient hätte, für eine andere Sache zu fallen. Die Erde ſei ihm leicht! Der Union aber wiegt ſein Tod eine verlorene Schlacht auf!“ Onkel Hugh' warf den„Enquirer“ auf einen klei⸗ nen Tiſch, der zur Seite ſtand, erhob ſich und begann von neuem erregt unter dem Portico auf und ab zu ſchreiten. Seine Miene war jetzt ſo eiſern und zuverſichtlich wie ehedem. Ungeachtet aller Pietät für Todte konnte der alte 127 Patriot augenſcheinlich nicht umhin, ein Gefühl zu hegen, das ſich wie Befriedigung in ſeinen jetzt erhell⸗ ten Zügen abſpiegelte. Da öffnete ſich die Hausthür der Cottage und eine Frau trat über die Schwelle. Dieſe Frau war die Farmerin, ein bleiches, hageres Weib, in mittlern Jahren, mit abgehärmten Zügen. Sie war reinlich gekleidet, aber man ſah es ihr an, daß ſie in einigermaßen beſchränkten Verhältniſſen lebe. Sie hatte einen gutherzigen Blick und war auch in jeder Beziehung eine brave Frau. Ihr Mann, ein fanatiſcher Süder, diente ſeit dem Ausbruche des Bürgerkriegs bei den Rebellen und war zur Zeit unter General Beauregard in Süd⸗Carolina, ihr älteſter Sohn focht als Dragoner unter General Stuart gegen die Unioniſten. Sie ſelber war insge⸗ heim loyal geſinnt und kränkte ſich darüber, daß der Gatte und ihr Aelteſter für die Lostrennung des Sü⸗ dens von der Union in den Kampf gezogen. Der armen Frau waren zwei Kinder daheim ge⸗ blieben, ein junger Burſche von ſechzehn Jahren und ein Knabe von zehn, die beide mit Leib und Seele an der Mutter hingen. Sie betrieb mit dieſen Söhnen nothdürftig die Wirthſchaft, welche natürlich immer mehr zurückging. Dieſe Frau nun näherte ſich Alice, die inzwiſchen den Plaid zurückgeſchlagen und ſich ohne ſichtliche An⸗ ſtrengung erhoben hatte. Miſtreß Briggs gewahrte ſofort den glänzenden Blick der jungen New⸗Yorkerin und die vortheilhafte Verän⸗ derung, welche ihr Ausſehen hatte. „Sieh doch“, begann ſie mit unverhehlter Freude, „das laſſe ich mir gefallen, Miß! Sie blühen ja wieder gleich einer Roſe!“ Onkel Hugh ſah flüchtig und beſorgt zu ſeiner Nichte hinüber. „Sie iſt erregt“, brummte er,„und darum—! Sie hat noch mehrere Raſttage nöthig und muß ſich ſchonen!“ Miſtreß Briggs nickte zuſtimmend, während Alice das Haupt ſchüttelte. „Ja, ja!“ bekräftigte die ehrliche Farmerin.„Aber nun wird es ſchon beſſer werden. Ach Gott, jetzt kann ich es ja ſagen, wie ſehr ich für die arme Miß fürch⸗ tete! Wahrhaftig, ſie war in einem ſehr beklagenswer⸗ then Zuſtande, als ſie mein Ralph in unſerm Buggy hierher brachte!“ „Habe mich damals auch nicht gerade behaglich be⸗ funden!“ murrte Onkel Hugh. „Glaub's Ihnen, Sir, glaub es! Man iſt duch nicht mehr in den Jahren— 129 „Hol' der Henker die Jahre! Hab' nur ſagen wollen, daß ich ſchon kleinmüthig zu werden anfing wegen der Nichte!“ „Es war doch ein Glück, Sir, daß mein Ralph gerade damals ſeine kleine Geſchäftstour machte und auf der Heimkehr in der Nacht an Jaman's Gap vorüber mußte.“ „Ein großes Glück, Miſtreß Briggs!“ „Daß er auch in der Lage war, Sie, Sir, und die bewußtloſe Miß aufnehmen zu können. Wer weiß, wie es Ihnen ſonſt ergangen wäre!“ Alice drückte der Farmerin voll Herzlichkeit die Hand. „Ja“, ſagte Onkel Hugh nachdenklich,„den Loui⸗ ſiana⸗Männern entgangen und jenen unheimlichen Block⸗ hausleuten, hatten wir den Engpaß glücklich paſſirt, als ſich der Himmel von neuem verfinſterte, abermals ein wilder Orkan loslegte. Und wie nun Alice am Wege bewußtlos zuſammenbrach, der Regen nieder⸗ raſſelte, der Sturm über die Ebene hinfegte und ich in finſterer Nacht nicht wußte, wo aus noch ein, ſoll mich Gott verdammen, wenn ich damals nicht dachte, daß das eine ſehr verwünſchte Situation ſei! Und wie dann der brave Ralph mit dem Buggy in der tollen, ſchwarzen Nacht ſo unbemerkt daherkam, daß mir der Gaul erſt mit den Nüſtern in den Nacken ſtoßen mußte, bevor ich ſeine Nähe witterte, da— da war mir's, als Adolf Schirmer, Die Spionin. II. 9 130 hörte ich die Engel im Himmel jubeln, und es war doch nur der Gaul, der mich anſchnob!“ Während Onkel Hugh ſo ſprach, ließ ſich ein fernes Rollen vernehmen, welches immer lauter und dröhnender ward. Und nun ſauſte und donnerte auf den Schienen des nahen Damms ein Train vorüber, dem Weſten zu. In und auf den Waggons ſaßen ſüdſtaatliche Soldaten, lärmend und ſingend. „Nur zu“, rief der alte Pennſylvaniner grollend, „man wird Euch das Singen ſchon austreiben!“ Die bleiche Farmerin blickte bewegt dem Zuge nach. „Vielleicht iſt mein Aelteſter darauf!“ ſagte ſie ſeufzend. Onkel Hugh trat zu Miſtreß Briggs. „Hört, Frau“, ſagte er, nich hab' Euch nicht weh thun wollen. Euer Mann und Euer Aelteſter ſind Süder, aber um Eurer Geſinnung und Eurer chriſt⸗ lichen Barmherzigkeit willen wünſche ich von ganzem Herzen, daß ſie geſund und wohlbehalten zu Euch zurückkehren mögen. Doch ſagt, wenn nun jetzt der Aelteſte käme, was dann mit uns?“ Die Frau blickte beſorgt vor ſich hin. „Ich bin nur meines Ralph und des kleinen Tommy⸗ gewiß“, antwortete ſie,„ich kann's Euch nicht ver⸗ hehlen! Aber ich dachte vorhin nicht daran— der — 131 Aelteſte kann noch nicht kommen, er hat noch einen Monat zu dienen, falls er noch lebt!“ „Wir werden Euch nicht lange mehr der Gefahr ausſetzen, die Euch durch unſre Nähe droht, gute Frau!“ begann Alice theilnehmend.„Und nun gehen wir ins Haus, die Luft weht kühler, und Ihr ſeid doch wohl gekommen, uns zu ſagen, daß das Nachteſſen bereit ſei?“ „So iſt es!“ verſetzte Miſtreß Briggs. „Und gebe Gott“, fuhr Alice herzlich fort,„daß jene Plätze an Eurem gaſtfreien Tiſche, welche der Oheim und ich jetzt ausfüllen, nicht lange leer bleiben, aber durch jene beſetzt werden mögen, welche dort von Rechtswegen hingehören. Ihr verſteht mich doch?“ Die blaſſe Frau zerdrückte eine Thräne und folgte den Gäſten in das Haus. Drei Tage liefen noch ins Land hinein, bevor mit dem Aufbruche Ernſt gemacht ward. Alice hatte dem Drängen des Oheims und der Miſtreß Briggs nach⸗ geben müſſen und ſich noch einige Raſttage gegönnt. Aber jetzt fühlte ſie ſich auch friſch und gekräftigt, ja, es kehrte bereits der roſige Schmelz der Jugend auf ihre Wangen zurück. Und ſo ſchieden ſie denn von der Cottage, nicht ohne daß Alice der abwehrenden Farmerin eine klingende 95 132 Vergütung für die erwieſene Gaſtfreundſchaft zugeſteckt hätte. Miſtreß Briggs und der hübſche Ralph ſchüttelten ihnen die Hände, und der kleine Tommy trug ihnen die Reiſetaſche zur Bahnſtation. 3 Bald langte dort ein Train an, der nach Richmond weitergehen ſollte. Alice und Onkel Hugh beſtiegen ihn, um die Centralbahn bis zur Junction Gordons⸗ ville zu benutzen und ſich mit der von dort abzweigenden Orange⸗Alexandria⸗Bahn direct nach Culpepper Court Houſe zu begeben. Die letztgenannte Bahn konnte zu jener Zeit nicht weiter befahren werden als bis in die Nähe des Fluſſes Rappahannock, denn die Brücke über dieſen war zerſtört und jenſeits deſſelben ward die Gegend durch einen Theil des rechten Flügels der Potomac⸗Armee occupirt. Alice und ihr Oheim hatten ſich ja übrigens nicht ſo weit zu wenden, denn es war ihnen mit Beſtimmtheit geſagt worden, daß ſich das Hauptquartier Lee's in dem kleinen Orte Culpepper befinde, weſtlich von der Gegend, welche die Wilderneß genannt wird und wo am zweiten und dritten Mai die für den Norden ſo ungünſtige Schlacht ſtattgefunden. Seit dieſer Schlacht waren beide Armeen in Unthätigkeit dies⸗ und jenſeits des Rappahannock einander gegenüber geblieben. 1 Der Train beſtand nur aus wenigen Waggons, 133 denn der Verkehr nach der Rebellenhauptſtadt war jetzt nicht ſo bedeutend. In dem Wagen, welchen Alice und ihr Begleiter gewählt hatten, befand ſich eine ſehr ge⸗ miſchte Geſellſchaft. Da waren einige entlaſſene fieber⸗ kranke Soldaten, welche aus ſumpfigen Gegenden heim⸗ kehrten, verſchiedene zweifelhafte Gentlemen von ziemlich ſchäbigem Ausſehen, ein niederer Beamter der Admini⸗ ſtration, mehrere Squatters, ein Werbeoffizier, der nach Richmond gehen mochte, ſich neue Inſtructionen ein⸗ zuholen, und einige Leute mit mehr als verdächtigen Geſichtern. Die einzige Perſon, welche man eine reſpectable, elegante Erſcheinung nennen konnte, war ein junger hübſcher Rebellenoffizier, der Onkel nud Nichte faſt gegenüber ſaß. Dieſe letztern hielten ſich ſo viel wie möglich von der Reiſegeſellſchaft abgeſondert, doch nicht ſo, daß ſie Aufmerkſamkeit dadurch erregt hätten. Alice und Onkel Hugh nahmen die harmloſeſte Miene an, denn ſie ge⸗ wahrten bald, daß zwei der verdächtigen Geſichter mit einander flüſterten und verſtohlene Blicke zu ihnen hinüberwarfen. Der Zug brauſte fort. Der Platz neben Alice war frei geweſen, als der Train ſich in Bewegung ſetzte, doch nun räusperte ſich dort plötzlich Jemand. Alice ſah zur Seite: dicht neben ihr hockte ein hageres 134 Männchen mit vogelartig geſchnittenen, gelblichen Zügen und lauerndem Blick. Der kleine Herr trug einen Panama⸗Strohhut und eine anſtändige graue Kleidung. Wie war dieſer Menſch ſo plötzlich dorthin gekommen, in ihre unmittelbare Nähe, ohne daß ſie ihn zuvor geſehen? fragte ſich Alice. Als ihre und des Mannes BZlicke einander be⸗ gegneten, da grüßte der Fremde höflich. Alice erwiderte den Gruß kalt und wandte ſich gelaſſen von dem Mitreiſenden ab. Onkel Hugh ſaß dem Fenſter zunächſt. Er deutete jetzt auf die Cottage, an welcher der Zug vorüberſauſte. Miſtreß Briggs und ihre Kinder ſtanden dort und winkten zum nochmaligen Abſchied. Auch Alice ließ ihr Taſchen⸗ tuch flattern. Da tönte neben ihr eine ſchnarrende, ſcharfe Stimme. „Ah, Miß, Sie kennen jene Leute dort?“ keichye das Männchen, ſich an Alice wendend. Onkel Hugh drückte verſtohlen den Arm ſerner Gefährtin. Dieſe verſtand den Wink. Jener Menſch iſt von der geheimen Polizei! ſagte ſie ſich. In den Vereinigten Staaten gilt es für höchſt un⸗ ſchicklich, eine Dame, wo immer man ihr auch begegne, zuerſt anzureden. Unter andern Verhältniſſen hätte — — — 135 Alice dem Frager verächtlich den Rücken gekehrt, doch jetzt galt es zu ſprechen, ſo unbefangen wie nur möglich. „Wir weilten einige Tage in jener Cottage“, antwortete ſie höflich und kühl; die Frau dort war einſt meine Amme.“ „So, ſo!“ ſchnarrte das Männchen.„Da wohnen Sie wohl in dieſer Gegend, Miß?“ „Nein, Sir!“ „Und iſt es erlaubt, zu fragen, wo?“ Der junge ſüdſtaatliche Offizier, deſſen Blick wieder⸗ holt, aber nicht unbeſcheiden, auf den intereſſanten Zügen der ſchönen Alice verweilt hatte, runzelte leicht die Stirn. Er fand ohne Zweifel den Frager impertinent. Alice aber antwortete gelaſſen:„Wir kommen von New⸗York, Sir, der Oheim und ich.“ Der winzige Nachbar riß ſekundenlang die Augen auf und kniff ſie dann wieder zuſammen. „Ei, ei!“ näſelte er.„Aus dem Lande der nichts⸗ nutzigen Abolitioniſten, die den Strick nicht werth ſind mit dem wir ſie hängen werden?“ Onkel Hugh hätte dem kleinen gelben Burſchen mit Vergnügen handgreiflich demonſtriren mögen, was ein Abolitioniſt werth ſei, aber er rührte ſich natürlich nicht, verzog auch keine Miene. 136 „Sie werden gut thun, Miß“, fuhr das Männchen fort, mit widerlicher, aufdringlicher Vertraulichkeit flüſternd,„hier nicht einem Jeden zu ſagen, woher Sie kommen!“ „Weshalb nicht?“ verſetzte Alice laut.„Leben nicht in New⸗York und überhaupt im Norden Demokraten genug, welche der Sache des Südens ſo gut gedient haben und noch dienen wie der beſte und treueſte Südſtaatenmann? Wollen Sie etwa in Abrede ſtellen, daß zum Beiſpiel der wackere Gouverneur Seymour von New⸗York, natürlich indirect, wie es ſeine Stellung erfordert, nach beſten Kräften für den Süden agitirt und arbeitet?“ „Gouverneur Seymour“, näſelte das Männchen bedächtig—„das iſt wahr— ſteht ſehr gut ange⸗ ſchrieben bei unſrer Regierung— ſehr braver Mann — wird hoffentlich in New⸗York einige Riots und Negerhetzen zu Wege bringen, wird den ſüßen Mob ſchon in Bewegung ſetzen und dem langen Halunken von Illinois hinter ſeinem Rücken Einiges zu ſchaffen machen!“ „Ich denke, mein Vetter wird als Demokrat ſeine Schuldigkeit thun!“ warf Alice ruhig, doch mit Nach⸗ druck hin. Onkel Hugh war innerlich entzückt über die vor⸗ treffliche Nothlüge ſſeiner Nichte und ärgerte ſich doch 137 zugleich darüber, ſich eine ſolche Verwandtſchaft octroyirt zu ſehen. Er begnügte ſich aber damit, ſeiner Nichte von neuem verſtohlen den Arm zu drücken. Das lauernde Männchen ſchwieg und mochte über ſeinen Verdacht in Zweifel gerathen ſein. Die Züge des kleinen ausgedörrten Herrn nahmen ſogar einen Augenblick den Ausdruck einer Art von unfreiwilliger Ehrerbietung an. Dann aber ſpielte plötzlich ein ſchlaues Lächeln um ſeine Lippen. „Da haben Sie alſo nur die weite Reiſe nach dem Süden gemacht, um Ihre Amme zu ſehen, Miß?“ fragte er nach kurzer Pauſe. „Den Teufel auch!“ verſetzte Onkel Hugh barſch, bevor noch Alice antworten konnte.„Wir gehen ins Lager, nach Culpepper!“ „Vermuthlich kamen Sie durch das Shenandoah⸗ thal?“ „Jal“ „Haben Waynesboro berührt?“ „Nein! Sie müſſen ja bemerkt haben, daß wir in Grreenwood die Bahn betraten.“ „Mich wundert nur, daß man Sie, als vom Norden kommend, bei unſern Vorpoſten durchgelaſſen!“ ſchnarrte das Männchen, verſchmitzt blinzelnd. „Was iſt da weiter zu verwundern? Wir legiti⸗ 138 mirten uns und erhielten einen Paſſirſchein!“ entgegnete Onkel Hugh trocken. Das war nun von ſeiten des alten Eiſenfreſſers etwas unvorſichtig geantwortet, denn war der kleine verdächtige Nachbar ein Mitglied der geheimen Polizei, ſo hatte er das Recht, zu verlangen, daß ihm ſofort der fragliche Paſſirſchein vorgezeigt werde. Da aber weder Onkel Hugh noch Alice einen ſolchen beſaßen, ſo konnte eine böſe Verlegenheit daraus entſtehen. Alice begriff das augenblicklich, aber ſie vermochte nun nicht mehr einzulenken. Onkel Hugh hatte aber durch ſeine ruhige Derbheit dem kleinen Manne imponirt, der nun ein„So, ſo!“ mmurmelte, ſich dann im Waggon zurücklehnte und die Augen ſchloß, als ſei er geſonnen, ein kleines Schläfchen zu halten. Der junge ſüdſtaatliche Offizier hatte unzweifelhaft das ganze Geſpräch vernommen. Bisweilen hatte er verächtlich zu dem Männchen hinübergeblickt und dann wieder verſtohlen und mit Intereſſe die ſchöne Reiſende betrachtet. Eine gewiſſe Ungeduld, die ſich zu Zeiten in ſeinen feinen Zügen ausſprach, bewies, daß er ſich gern in die Unterhaltung gemiſcht hätte, aber er war unſtreitig ein zu gebildeter Mann, dies ohne Aufforderung zu thun. Er gab ſich jetzt — — 139 die Miene der Indifferenz und blieb ſo während der Fahrt. Endlich erreichte der Train die Junction Gordons⸗ ville und hielt. Alice und ihr ehrenhafter Begleiter fühlten ſich erleichtert; der verdächtige Frager hatte ſie nicht mehr beläſtigt. Raſch verließen ſie den Waggon, um mit dem Train der Alexandria⸗Bahn weiter zu gehen. Gleich ihnen ſtieg ein Theil der Paſſagiere aus. Man drängte ſich auf dem Perron der Station hier⸗ und dorthin. Plötzlich fühlte Onkel Hugh ſeine Schulter leicht berührt. Er wendete ſich raſch. Der hagere, quittengelbe kleine Mann ſtand vor ihm und lächelte ihn boshaft an. „Haben Sie die Güte, Sir“, näſelte er,„mir Ihren Paſſirſchein zu zeigen!“ „Mit welchem Rechte?“ fuhr Onkel Hugh auf. „Ich bin von der geheimen Polizei, Sir!“ „Und mein Schein iſt von der Militärbehörde ausge⸗ ſtellt, Sir; ich werde ihn nur Militärperſonen vorweiſen!“ „So ſind Sie arretirt, Sir!“ Onkel Hugh's Antlitz röthete ſich tief, ſeine Lippen bebten zornig. 3 140 Alice bewahrte ſich den vollſtändigſten Gleichmuth. „Sir“, ſagte ſie ſtolz mit feſter Stimme, während ſie mit energiſchem Blick das hagere Männchen maß, „ich bin die Schwägerin des Oberſten Edmund Craw⸗ ford von Süd⸗Carolina und werde mich im Hauptquar⸗ tier über Ihre Zudringlichkeit beſchweren!“ Der geheime Poliziſt zuckte die Achſeln. Da miſchte ſich plötzlich eine vierte Perſon, welche nur zwei Schritte von der kleinen Gruppe geſtanden, in die Angelegenheit. Der junge Rebellenoffizier trat mit einer leichten Verbeugung gegen Alice heran und wendete ſich dann ſofort an das quittenfarbige Männchen. „Ich bin der Hauptmann Godfrey Johnſton“, ſagte er kurz und beſtimmt,„Adjutant des Generallieute⸗ nants Hill, und verbürge mich für dieſe Dame und ihren Begleiter!“ Der Poliziſt verzog ſein gelbes Vogelgeſicht zu einer unterthänigen Fratze, verneigte ſich tief und zog ſich nach dem verlaſſenen Waggon zurück, um ſich weiter nach Richmond dampfen zu laſſen. Nun wendete ſich der junge Offizier lächelnd zu Alice. „Wir ſind Ihnen zu lebhaftem Dank verpflichtet, Kapitän!“ nahm dieſe raſch und ebenfalls lächelnd 141 das Wort, während Onkel Hugh dem jungen Manne ſchweigend die Hand ſchüttelte. „Ich ſchätze mich glücklich, Miß“, entgegnete der Offizier verbindlich,„Ihnen eine Unbequemlichkeit er⸗ ſpart zu haben. Dieſe elenden Subjecte, welche die Regierung nöthig zu haben glaubt, um die gute oder ſchlechte Geſinnung der Reiſenden zu erforſchen, ſind eine wahre Landplage. Ich hätte jenem Burſchen ſchon vorhin im Waggon ſein Handwerk gelegt, aber ich wollte nicht zudringlich erſcheinen, wie er!“ Alice richtete das verſengende Feuer ihrer ſchönen Augen auf ihre neue Bekanntſchaft. „Sie ſind aus Süd⸗Carolina, Sir?“ fragte ſie. „Nein, Miß, von Georgia.“ „Glauben Sie, Kapitän“, begann Onkel Hugh, „daß wir ſogleich weiter reiſen können?“. „O ja, Sir; ſehen Sie, dort wartet der andere Train!“ antwortete der Hauptmann, der von dem zauberiſchen Blicke der ſchönen New⸗Yorkerin wie ge⸗ blendet ſchien.„Aber ich muß Ihnen bemerken, auf die Gefahr hin, eine ſo angenehme Reiſegeſellſchaft zu verlieren, daß ſich Oberſt Crawford nicht mehr im Lager befindet. Sie wiſſen um ſeine Verwundung?“ „Ja, Sir!“ „Er iſt nach ſeiner Heimat abgereiſt.“ 4 142 „Auch das erfuhren wir, Sir!“ verſetzte Alice. „Wir haben uns auch nicht direct Crawford's wegen nach Culpepper aufgemacht, ſondern weil es mir wünſchenswerth iſt, mit General Lee in einer gewiſſen Angelegenheit zu ſprechen. Wird das ſchwer halten?“ „Durchaus nicht, Miß! Ich werde gleich nach unſerer Ankunft im Lager den Generallieutenant Hill von Ihrem Wunſche in Kenntniß ſetzen. Und nun geſtatten Sie mir gütigſt, Miß, Ihnen meinen Arm bieten zu dürfen, damit kein unverſchämter Inquiſitor es ferner wage, Sie zu beläſtigen!“ Alice legte mit holdſeligem Lächeln ihren Arm auf denjenigen des jungen Offiziers und ſchritt mit ihm von dannen. Onkel Hugh trabte wohlgemuth nebenher. Sechstes Kapitel. In der kleinen unanſehnlichen Häuſergruppe, welche den Namen Culpepper führt, bewohnte der Oberfeldherr der ſüdſtaatlichen Armee ſo ziemlich die beſte Cottage, die freilich immer noch ſchlecht genug für den Befehls⸗ haber eines großen Heeres war. Nur der Generalſtab fund ein geringer Theil der Truppen, die unmittelbar im Hauptquartiere Lee's lagen, war in dem kleinen Orte ſelber ſtationirt, während die übrigen Soldaten rings ein weit ſich dehnendes Lager aufgeſchlagen hatten. An einem der erſten Tage im Monat Juni befand ſich General Lee in einem ziemlich geräumigen Zimmer des Erdgeſchoſſes ſeiner improviſirten, ſchmuckloſen Wohnung. 144 In dem von jeglichem Comfort entblößten kahlen Gemache waren Tiſch, Stühle, ſelbſt ein Theil des Fuß⸗ bodens mit Landkarten und allerlei Papieren bedeckt. Lee, ein Mann von mittelgroßer Statur und edlen, ernſten Geſichtszügen, ſaß an dem Tiſche, der zum Fenſter gerückt war, hatte das Haupt auf eine Hand geſtützt und brütete über einer Landkarte, die vor ihm lag. Das beinahe völlig weiße Kopfhaar und der weißgraue Vollbart ließen ihn älter erſcheinen, als er in der That war; das ernſte Sinnen hatte ſeine hohe Stirn in tiefe Falten gezogen, während eine gewiſſe ſoldatiſche Strenge auch jetzt den Zügen des Macht⸗ habers, der den einfachen grauen Militärrock trug, einen finſtern Ausdruck verlieh. Ein ſchlanker, hochgewachſener Offizier, deſſen Sterne am Rockkragen ſeine hohe Stellung in der Armee be⸗ zeichneten, ſtand neben dem Tiſche, an der Thür aber harrte in ſteif militäriſcher Haltung eine Ordonnanz. Lee blickte plötzlich von der Karte auf.. „Wie ſagten Sie doch ſo eben, lieber Hill?“ fragte er in einiger Zerſtreutheit. „Ich bin gekommen, General“ lautete die Antwort, „Ihnen die junge Dame vorzuſtellen, welche ſich ſeit geſtern im Lager aufhält.“ „Ah, wie heißt ſie doch? Miß—“ 8 145 Miß Alice Palmer, die Schwägerin des ehren⸗ werthen Oberſten Crawford.“ 2 „Richtig! Wie geht es dem armen Crawford? Sind Nachrichten aus Charleſton von ihm eingelaufen?“ „Nein, General!“ „Sie ſagten mir geſtern, wenn ich nicht irre, Miß Palmer ſei auf Umwegen von Waſhington und aus dem Lager der Unioniſten gekommen, uns ihre Dienſte anzubieten?“ „Ja, Sir!“ „Ich hörte dieſen Morgen, daß alle Welt hier von der Dame entzückt ſei, die jedenfalls ein ungewöhnliches Geſchöpf ſein muß. Sie ſind nicht durch Schönheit und Anmuth zu beſtechen, Hill— was halten Sie von der Miß? Iſt ihr zu trauen?“ „Ich glaube unbedingt, General. Ihre Schweſter iſt die Gattin eines der eifrigſten Südſtaatenmänner; Miß Palmer erklärte mir, daß ſie mit ihrem Vater wegen ihrer demokratiſchen Geſinnung, ihrer Sympathie für den Süden zerfallen ſei, und dann bringt ſie uns auch nicht unwichtige Aufſchlüſſe über die Stellung des Feindes und ſeine nächſten Abſichten, wie ſie ſagt.“ Lee ſann einen Augenblick nach. „So, ſo!“ bemerkte ſer dann.„Gut, ſtellen Sie mir die Dame vor.“ Adolf Schirmer, Die Spionin. II. 10 146 Der Generallieutenant Hill trat vom Tiſche zur Thür, winkte der Ordonnanz, ihm zu folgen, und ver⸗ ließ das Gemach. Eine Minute ſpäter trat Alice in das Zimmer, von Hill gefolgt. Alice ſah etwas blaß, aber dadurch um ſo reizender aus. Ihre Haltung war zuverſichtlich und edel, ihre ſchönen, geiſtvollen Züge drückten einen gemeſſenen Ernſt aus, der Vertrauen erweckte; in ihrer ganzen Erſcheinung war nichts, was an eine Abenteurerin gewöhnlicher Sorte erinnert hätte. Als Alice die Schwelle des Gemaches überſchritt, erhob ſich General Lee höflich grüßend, indem er zu⸗ gleich mit ſcharf prüfendem Blick die junge Dame muſterte, welche Hill ihm vorſtellte. Dieſe Prüfung ſchien ſehr zu Gunſten der Miß auszufallen, denn die Züge des ernſten Generals hellten ſich ein wenig auf. Hill entfernte einige Papierrollen von einem Stuhle und ſchob ihn der Eingetretenen galant hin; erſt nach⸗ dem Alice Platz genommen, ſetzte ſich auch der mächtige Feldherr der Südtruppen wieder, während Hill ſeine frühere Stellung am Tiſche einnahm. „Sie ſind die Schwägerin des Oberſten Crawford und für gewöhnlich in New⸗York anſäſſig?“ fragte Lee. 147 „Ja, General!“ antwortete Alice mit ruhiger Feſtig⸗ keit.„Ich beklage um ſo lebhafter die hoffentlich nicht ſchwere Verwundung meines Schwagers, als ich in ihm hier einen glaubwürdigen Bürgen für meine Geſinnung gefunden hätte. Nichtsdeſtoweniger wird es mir nicht ſchwer, Ihnen den Beweis liefern zu können, Sir, daß ich eine glühende Anhängerin des Südens bin.“ „In der That, Miß“, entgegnete Lee lächelnd, „Sie werden nöthig haben, mir dies ziemlich unum⸗ ſtößlich zu beweiſen, denn wie mir mein Freund, der Generallieutenant hier, mitgetheilt hat, ſind Sie, auf Umwegen freilich, aber doch geradezu aus dem Lager unſerer Feinde gekommen.“ Alice lächelte ebenfalls. „Und obendrein in einer Eigenſchaft“, ergänzte ſie, „die es nothwendig macht, auf mich das ſorgfältigſte Augenmerk zu richten!“ „Wie ſo?“ „Weil ich in Waſhington gewiſſermaßen von der Regierung als officiöſe Spionin der Union beglaubigt worden bin!“ verſetzte Alice ſo ruhig, als ob ſie die harmloſeſte Sache von der Welt ausſpreche.„Sehen Sie her, General, hier iſt der ſchriftliche Befehl des Kriegsminiſteriums, mich überall im Bereiche der 148 Unionstruppen ungehindert durchzulaſſen, und hier ſind einige Inſtructionen, von Lincoln eigenhändig aufge⸗ ſetzt und beſtimmt, mir als Leitfaden für meine Aus⸗ kundſchaftereten zu dienen. Sie kennen doch die Hand⸗ ſchrift des Präſidenten?“ Während Alice ſo ſprach, zog ſie aus dem Buſen⸗ latze ihres Kleides einige Papiere hervor und entfaltete ſie gelaſſen vor Lee. Die Augen des Feldherrn erweiterten ſich, er zeigte eine aufs höchſte überraſchte Miene. Hill war geradezu verblüfft. „Wien, rief Lee, nachdem er ſich einigermaßen von ſeinem Erſtaunen erholt,„Sie geben ſich ſelber als Spionin der Nordſtaaten an? Das iſt unerhört!“ „Unerhört!“ wiederholte Hill, einen Blick auf die Papiere werfend, welche Alice noch in Händen hielt. „Bei Gott, General, es iſt Lincoln's Handſchrift, das Siegel des Kriegsſecretärs!“ „Meine Beglaubigung iſt echt“, fuhr Alice ruhig lächelnd fort,„nur gaben die Herren von Waſhing⸗ ton ſich ſelber einer kleinen Täuſchung hin, indem ich ſie glauben machte, daß mich patriotiſcher Fana⸗ tismus angetrieben, der Sache des Nordens mein Leben zu weihen. Ich mußte mich einer ſolchen Liſt bedienen, um genaue Kenntniß von Allem zu erlangen, — — ₰* — 149 was die Führer der Union in nächſter Zeit beab⸗ ſichtigen. Nur ſo konnte ich mit Erfolg dem Süden dienen, General!“ Lee's Blick ruhte mit einem Gemiſch von Be⸗ wunderung und Zweifel auf den edlen, ausdrucksvollen Zügen der jungen Dame. Alice ließ dem Befehlshaber und ſeinem Gefährten keine Zeit, weitere Fragen an ſie zu ſtellen. Sie hatte ein kühnes Spiel begonnen, ſie mußte mit äußerſter Seelenruhe und anſcheinender Sicherheit verfahren, ſollte dieſes Spiel ihr gelingen, vor allem aber auch. derart vorgehen, daß ihre angebliche Handlungsweiſe glaubwürdig erſcheine. „General“, fuhr ſie fort,„die Garantie für meine Zuverläſſigkeit liegt in den Nachrichten, welche ich bringe!“ Und mit klarer Kürze begann Alice den beiden Offizieren die Stellung der Unionstruppen, ihre Stärke an den verſchiedenen Punkten und noch vieles Andere, was für den Feldherrn des Südens wiſſenswerth ſein mußte, bis in die kleinſten Details auseinander zu ſetzen. Es geſchah dieſes aber von ſeiten der klugen New⸗Yorkerin nach einer Uebereinkunft, die ſie mit dem Kriegsminiſter der Union vor ihrer Abreiſe aus 150 der Bundeshauptſtadt getroffen hatte, nach einem ver⸗ abredeten Plane, der den Feldherrn des Südens voll⸗ ſtändig irreleiten mußte. Dabei war ſie jedoch vorſichtig genug, über viele Dinge, die Lee durch Kundſchafter oder Recognoscirungen wiſſen konnte, den richtigen Sach⸗ verhalt anzugeben, durch welche Liſt ſie mit Recht hoffen durfte, auch für dasjenige Glauben zu finden, wodurch der Feldherr mit ſchlauem Bedacht getäuſcht werden ſollte. Aus den überraſchten und freudigen Mienen Lee's und Hill's erſah ſie, je weiter ſie ihre Enthüllungen machte, daß das Vertrauen beider Männer wuchs und ſich ſchließlich zu einem unbegrenzten für ſie geſtaltete. „Und nun, General“, ſo endete ſie,„haben Sie nach meinem Bedünken das Schickſal der Union in Ihrer Hand. Ich beſitze nicht das Feldherrngenie, den militäriſchen Scharfblick des Generals Lee“, ſetzte ſie mit verbindlichem Lächeln hinzu,„aber dennoch drängt ſich mir die unabweisbare Ueberzeugung auf, daß, ſo⸗ wie die Sachen ſtehen, der Krieg vielleicht mit einem einzigen Schlage zu Gunſten des Südens beendet ſein kann, falls Sie die Nordarmee aus ihrer unan⸗ greifbaren Stellung, Fredericksburg gegenüber, weg⸗ locken. Während vielleicht zehntauſend Mann genügen, den Feind glauben zu machen, daß Ihre ganze Streit⸗ ——— ——— V 151 macht noch jenſeits des Fluſſes lagert, laſſen Sie den größten Theil Ihrer Armee durch Weſt⸗Maryland in Pennſylvania einrücken, indeſſen eine andere Heeres⸗ abtheilung etwa in dieſer Gegend das Verhalten des Feindes abwartet. Weicht dieſer auf die Nachricht von Ihrem Einbruche in Pennſylvania nicht aus der feſten Stellung, ſo haben Sie den Norden in Ihrer Gewalt, zieht er aber haſtig dorthin, dann iſt dem andern Theile Ihres Heeres der Weg nach Waſhington preisgegeben, dann rücke er ſchleunig vor, und die ſchlecht beſetzte Bundeshauptſtadt wird in Ihre Hände fallen. So oder ſo iſt Ihnen ein großer Erfolg gewiß!“ Alice ſchwieg; ihre Augen leuchteten, ihre Wangen waren leicht geröthet, ihr Buſen wogte, ſie ſpielte mit einem Worte meiſterhaft die von einem großen Gedanken begeiſterte glühende Anhängerin des Südens. Während ſie ſprach, hatten Lee's Züge lebhaft zu arbeiten begonnen, waren zwiſchen ihm und ſeinem Generallieutenant wiederholt freudige Blicke ausge⸗ tauſcht worden. Und nun Alice zu Ende war, ſprang er heftig auf. „Bei Gott, Miß“, rief er erregt,„Sie haben ganz Recht, und ich bewundere den Scharfſinn einer Dame, der ſelbſt erfahrenen Militärs zur Ehre ge⸗ reichen würde! Wenn binnen vier Wochen der Süden 152 dem Norden den Frieden dictiren dürfte, ſo werden wir das hauptſächlich Ihren werthvollen Mittheilungen zu danken haben!“ Mit beinahe heftiger Bewegung ergriff Lee beide Hände der ſich erhebenden Alice und drückte ſie, während die junge Damo, ſcheinbar in einer Miſchung lieblicher Verwirrung und freudigen Stolzes, den glän⸗ zenden Blick zu ihm erhob. „O General“, lispelte ſie„was wären meine Mit⸗ theilungen, was wäre mein Rath, wenn Ihr Genie nicht die Sache des Südens ruhmwürdig unterſtützte? Ich nehme für mich nur das ſchwache Verdienſt in Anſpruch, das etwa ein geringfügiger Zufall hat, der großen Männern oft den Anſtoß zu eihobeieh Schöpfungen gibt.“ „Nein, wahrhaftig, nein“, erwiderte Lee mit Wärme, „Ihr Verdienſt iſt größer, viel größer, und die Con⸗ föderation wird es Ihnen dereinſt lohnen! Ich will ſogleich einen Kriegsrath zuſammenberufen und zweifle keinen Augenblick, daß man mit Ihrem Rathe und meinen demgemäß zu faſſenden Vorſchlägen überein⸗ ſtimmen wird.“ Dann wendete er ſich haſtig zu ſeinem General⸗ lieutenant und wechſelte einige leiſe Worte mit ihm. Nun ſetzte er ſich an den Tiſch und fertigte ver⸗ — ——?—„——— 7 —— E 153 ſchiedene Armeebefehle aus. Hill ging ab und zu, die Ordonnanz nahm den alten Platz ein, einige Adjutanten erſchienen nach einander und empfingen Depeſchen und Inſtructionen. Alice, die am Fenſter harrte und ſtill beobachtete, ſah mit pochendem Herzen, daß ihre Liſt vom glänzend⸗ ſten Erfolge gekrönt ward. Aber noch blieb ihr Wichtiges zu thun übrig. Lee erhob ſich vom Schreibtiſche, nachdem er alle jene Anordnungen ertheilt, die dem geheimen Plane der ſchlauen Spionin und ihrer Auftraggeber direct in die Hände arbeiteten. Der Feldherr trat mit heiterer Miene zu der jungen Dame, die ſchließlich mit ihm allein im Gemache zurück⸗ geblieben war. „Ich bewundere nicht allein Ihren Scharffſinn, Miß“, ſagte er,„ſondern auch Ihren Muth! Sie haben nicht nur die Herren in Waſhington getäuſcht, ſondern ſich auch allein durch ein Land gewagt, das vom Kriegsgetümmel erfüllt iſt!“ 3 „Nicht doch, General“, entgegnete Alice heiter, „mein Onkel Hugh Morgan, der gleich mir dem Süden ergeben iſt, begleitete mich.“ „Ich werde Ihnen einen paſſenden Aufenthalt in meinem Hauptquartier anweiſen und—“ 154 „Sie ſind ſehr gütig, Sir, aber ich kann wohl keinen Gebrauch davon machen, denn meine Aufgabe iſt erſt zur Hälfte gelöſt“ „Nun?“ „Wenn ich weiter nützen ſoll, ſo geſtatten Sie mir, mich in das Hauptquartier des Feindes zu begeben. Man wird dort gegen mich keinen Verdacht hegen, da ich mich als Spionin der Union ausweiſen kann. Aber ich bitte Sie, General, mir die genaueſten Vorſchriften über alles das zu geben, was Sie von mir im jen⸗ ſeitigen Lager vorgebracht wiſſen wollen, und was ich natürlich für das Reſultat meiner geheimen Spionage, für meine eigenen, mit großer Gefahr geſammelten No⸗ tizen auszugeben habe. Da man meinen Aufzeichnungen unbedingt Glauben beimeſſen wird, ſo erlangen Sie hier⸗ durch doppelt Gelegenheit den Feind hinter's Licht zu führen.“ Lee blickte einige Sekunden lang Alice feſt an, deren Züge die größte Offenheit widerſpiegelten. „Das iſt wahr, Miß! Sie nehmen auf Alles Be⸗ dacht!“ antwortete er. Dann verſchränkte er die Arme, ging einige Male ſinnend auf und ab und blieb endlich an dem Schreib⸗ tiſche ſtehen. „Da ich in dieſem Falle überzeugt ſein darf, daß 155 die Anſichten meiner militäriſchen Rathgeber nicht von den meinen abweichen werden, ſo kann ich Ihnen ebenſo gut auch jetzt ſchon Einiges dictiren, was glaubwürdig erſcheint und unſere Gegner in die Falle locken ſoll. Setzen Sie ſich, Miß, Sie finden hier Papier und Feder.“ Alice lächelte ſchalkhaft. „Eine Spionin, die ihre Aufzeichnungen ſtets nur verſtohlen machen kann, arbeitet mit dem Bleiſtift!“ entgegnete ſie, indem ſie ein kleines Taſchenbuch und einen Stift hervorzog.„Ich bin bereit, General!“ Lee dictirte wohl fünf Minuten, Alice ſchrieb. „Was an dieſen Notizen noch zu ergänzen oder zu modificiren ſein dürfte“, ſagte er dann,„werde ich Ihnen noch heute, nach abgehaltenem Kriegsrathe, mittheilen.“ „Sehr wohl, General! Es wird wohl nöthig ſein, daß ich noch heute abreiſe, die Zeit iſt koſtbar!“ „Sie haben Recht, Miß!“ Lee warf am Schreibtiſche einige Worte auf ein Papier und übergab es der kühnen New⸗Yorkerin. „Hier iſt ein Befehl“, ſagte er,„der Ihnen und Ihrem Begleiter im Bereiche unſerer Truppen überall freien Durchzug ſichert. Uebrigens bitte ich Sie, mir die Summe zu nennen, welche Sie für Ihre Be⸗ mühungen wünſchen—“ 156 „General“, unterbrach ihn Alice mit ruhiger Würde, „ich bin wohlhabend und diene unſerer heiligen Sache nur aus Patriotismus!“ „So ſegne Sie Gott, Miß“, erwiderte Lee, ihr voll Wärme die Hand ſchüttelnd;„er führe Sie wohl⸗ behalten zu uns zurück! Ich wünſche Ihnen den beſten Erfolg!“ „Das iſt natürlich auch mein lebhafteſter Wunſch, Sir!“ „Und ſeien Sie vorſichtig!“ „Vorſichtig und kühn, Sir! Sobald Sie mich beſſer kennen werden, dürften Sie mir das Zeugniß geben, daß ich Beides ſein kann!“ „Ich werde unſerm Präſidenten Jefferſon Davis von Ihnen berichten, Miß, und ſpreche Ihnen im Namen der Nation des Südens im voraus unſern lebhafteſten Dank aus!“ Alice ging, höflich von dem Generaliſſimus der Südtruppen bis zur Thür des Hauſes geleitet. Wenige Minuten ſpäter trat das muthige Mädchen in das Zelt, welches man ihr und ihrem Gefährten vorläufig eingeräumt hatte. Onkel Hugh hatte ſie dort in großer Sorge erwartet. Der graubärtige Alte ſprang von dem Feldſtuhle auf und näherte ſich haſtig der Nichte. 8 3 3. 157 Eine Centnerlaſt fiel von ſeinem Herzen, als er dem Mädchen in die freudig blitzenden Augen ſtarrte. „Nun?“ fragte er leiſe. „Still, Oheim!“ flüſterte Alice.„Man wird noch heute einen Kriegsrath abhalten, aber mein Spiel iſt ſchon gewonnen! In wenigen Stunden verlaſſen wir das Lager der Rebellen. Alice Palmer hat ihre Schuldigkeit gethan und die klugen Männer des Südens überliſtet. Gott iſt mit uns und der untheil⸗ baren Union!“ Siebentes Kapitel. gen habe. eignet waren. Ungefähr von der Mitte des Juni an bis zu Ende deſſelben Monats herrſchte im Staate Pennſylvania die größte Aufregung. General Lee war mit einer bedeu⸗ tenden Heeresmacht in den Staat eingebrochen und zog weiter und weiter, in der feſten Ueberzeugung, daß er ſchon jetzt über den Norden die größten Vortheile errun⸗ Aus einer Ueberrumpelung der Bundeshauptſtadt Waſhington war freilich nichts geworden, denn es hatte ſich gezeigt, daß die Unionstruppen, nicht lange nach dem Abſchiede Alice Palmer's aus dem Hauptquartiere Lee's, Stellungen eingenommen, welche einen ſolchen Handſtreich auf das nachdrücklichſte zu verhindern ge⸗ 159 Aber die Armee der Union, jetzt unter der Führung des tapfern Generals Meade, war auch nicht Fredericks⸗ burg gegenüber geblieben, ſondern erſchien plötzlich und unerwartet in Pennſylvania und machte ſo wohlbe⸗ rechnete Züge, daß Lee von jedem weitern Vordringen abſtehen mußte. Zu ſpät ſah der ſonſt ſo kluge Feldherr ein, daß nicht der Gegner, ſondern er ſelber in die Falle gelockt worden, und ſo wandte er ſich denn mit ſeiner Armee nach Gettysburg, in der Hoffnung, dort durch eine große Schlacht das Mißlingen des Feldzugs wieder gut machen zu können. Auch wir müſſen uns in die Nähe Gettysburgs begeben und zwar zu der Beſitzung Lovett's. Seit dem plötzlichen Erſcheinen und Verſchwinden des Abenteurers Rodberg hatte man darauf Bedacht genommen, gegen jeglichen Ueberfall von ſeiten dieſes Menſchen, der ſich möglicherweiſe mit Andern ſeines Ge⸗ lichters verbinden konnte, gerüſtet zu ſein. Man richtete ein ſcharfes Augenmerk auf alle ſich in der Gegend zeigenden, halbwegs verdächtig blickenden Leute, man ſtellte zur Nachtzeit Wächter aus; wenn die Schweſtern die Farm der Leutholds beſuchten, ſo geſchah dies nur noch in bewaffneter Begleitung, ja Richard ſorgte da⸗ für, daß ſeine Schweſtern nicht einmal im Garten und der bis zum waldigen Gebirge ſich hindehnenden Baum⸗ ſchule der Beſitzung luſtwandelten, ohne irgend Jemand zum Schutze in der Nähe zu haben. Rodberg ſchien aber die Gegend ganz und gar ver⸗ laſſen zu haben, denn nichts Verdächtiges machte ſich bemerkbar, das auf eine Spur von ihm gewieſen hätte. Der alte Farmer und ſein Weib hatten inzwiſchen nach hergebrachter Sitte um die Hand Hedwig's für ihren Sohn angehalten; Alles war geordnet worden. Jakob beſuchte ſein geliebtes Bräutchen faſt täglich, und auch ſeine betagten Aeltern ließen ſich freundnachbarlich bis⸗ weilen auf dem Lovett'ſchen Gute blicken. So ſchien Alles in dem Leben der wackern beiden Familien einen friedlichen Gang gehen zu wollen, und nur der Miſtreß Lovett blieb nach wie vor die Sorge um ihren Gemahl, der ja in der Armee weilte. Da kam der Einbruch der Südtruppen in Pennſyl⸗ vania und ſcheuchte von neuem alle Ruhe hinweg. Wer im flachen Lande in der Lage war, Haus und Hof verlaſſen zu können, floh vor dem andringenden Feinde. Auch Richard Erlenbach hatte mit den ſeiner Obhut Anvertrauten gegen Norden aufbrechen wollen, gber einestheils war Miſtreß Lovett dagegen geweſen, weil der General ihr geſchrieben, er werde wohl noch früher als ₰— —,——— 1641 der Feind mit der Diviſion, zu welcher er inzwiſchen verſetzt worden war, in der Gegend eintreffen, andern⸗ theils hatte Hedwig dringend den Wunſch ausgeſpro⸗ chen, auf alle Fälle die Beſitzung nicht verlaſſen zu dürfen. Von dem verliebten Jakob war beruhigend darauf hingewieſen worden, daß man ja hart am wal⸗ digen Gebirge wohne, dort der Feind ja nichts zu ſuchen habe und verheerende Schlachten nur in den Ebenen gekämpft werden könnten. So war man denn geblieben, bis es zu ſpät geworden, eine Flucht nach dem Norden zu bewerkſtelligen. Uebrigens hatte Ri⸗ chard wenigſtens die eine Beruhigung, daß er vorſichtig genug geweſen, alle wichtigen Schriften, Geſchäftsbü⸗ cher, Werthpapiere und entbehrlichen Gelder nach New⸗ York geſendet und dort ſicher deponirt zu haben. Unſere Anſiedler wurden eigentlich erſt in bange Befürchtungen verſetzt, als ſich unerwartet die Sachlage zu Ende Juni änderte und der Feind, welcher ſchon weit gegen Norden über jene verſchont gebliebene Ge⸗ gend hinaus war, in der das Lovett'ſche Gut und die Farm lagen, in Geſchwindmärſchen auf das nahe Get⸗ tysburg loszog und es zur Gewißheit ward, daß ſich die Armee der Union ebenfalls dorthin wälze, eine Schlacht anzunehmen. Die Anſiedelungen am Gebirge lagen ieili nicht Adolf Schirmer, Die Spionin. II. 162 im Bereiche des Kampfterrains, aber man überſah dieſes von ihnen aus und ſo erblickte man denn am erſten Juli die heranziehenden und in der wellenförmigen„ Ebene ſich ausbreitenden Heercolonnen des Feindes ſowohl wie die von Südoſten nahende Unionsarmee. Und noch an demſelben Tage dröhnte ein heftiger Kanonendonner zu den Bergen hinüber, hatte eine der blutigſten Schlachten begonnen, welche die Geſchichte aufweiſt. Auf der Lovett'ſchen Beſitzung waren alle Arbeiten eingeſtellt worden, ſämmtliche Bewohner des Gutes, Herrſchaft wie Arbeiter, harrten beiſammen mit klopfen⸗ 8 dem Herzen und in ängſtlicher Spannung auf den Ausgang des blutigen Dramas, das ſich ſo nahe ab⸗ 1 ſpielte. Jakob war von der Farm ſeiner Aeltern herüber⸗ gekommen und ſuchte im Verein mit ſeinem künftigen Schwager die Schweſtern zu beruhigen. Die Nacht war angebrochen, und doch kämpfte man noch in und um Gettysburg fort. Die Stadt brannte, der Himmel war geröthet, Kanonendonner und Ge⸗ wehrfeuer hallten unausgeſetzt aus der Ferne her, während rings um die Lovett'ſche Anſiedelung Stille herrſchte und an den dunklen Bergen hin Alles ſo ruhig war, als lebe man im tiefſten Frieden. Den⸗ — 163 noch waren die Gemüther der dortigen vereinſamten Bewohner heftig erregt, ſtand doch der Feind zwiſchen ihnen und dem Unionsheere, auf deſſen Sieg man ſehn⸗ ſüchtig hoffte. Die Schweſtern, Hedwig's Verlobter und Richard befanden ſich in ſpäter Stunde noch auf dem Balkon des Wohngebäudes und ſtarrten bewegt zu der bren⸗ nenden Stadt hinüber. Da raffte ſich Jakob aus dem ernſten Sinnen auf. Er ließ Hedwig's Hand los, die in der ſeinigen geruht hatte. 8 „Ich muß heimkehren!“ ſagte er.„Meine Aeltern werden in Sorgen ſein, wie Ihr es ſeid, ich habe die Pflicht, ihnen tröſtend zur Seite zu ſtehen! Da unſere Farm abſeiten in der Gebirgsbucht liegt, ſo hoffe ich übrigens, daß die Rebellen, ſollten ſie zum Rückzug genöthigt werden, nicht direct über unſer Beſitzthum die Flucht ergreifen!“ „So bleib' noch!“ flüſterte Hedwig beſorgt.„Nur noch bis—“ „Nein, nein!“ unterbrach ſie Richard ernſt.„Halte ihn nicht länger zurück. Als guter Sohn darf er ſeine Pflicht nicht verſäumen!“ Während er ſo ſprach, ließ ſich plötzlich eiliges Pferdegetrappel von der Fahrſtraße her vernehmen. 11* 164 Alle auf dem Balkon Verſammelten ſtarrten gegen Norden, von wo das Geräuſch kam. Da gewahrten ſie durch das Dunkel der Nacht etwa zwanzig bewaffnete Reiter in vollem Galopp daher⸗ brauſen. Die verdächtigen Berittenen wandten ſich augenſcheinlich direct der Beſitzung zu, aber noch waren ſie in ziemlicher Entfernung von derſelben. „Was bedeutet das?“ rief Richard. „Das ſind ohne Zweifel ſüdſtaatliche Guerrillas!“ ſtieß Jakob hervor.„Zu feig, in die Schlacht zu zie⸗ hen, benutzen ſie die Verwirrung, friedliche Landleute zu berauben. Auf, meine Freunde, verriegeln wir haſtig Thür und Thor, bewaffnen wir uns und die Knechte, die Burſchen dort ſind nicht ſo zahlreich, daß wir uns ihrer nicht erwehren könnten. Kommt!“ Jakob ſprang haſtig vom Balkon in das Haus, Richard ſtürzte ihm nach. Miſtreß Lovett und ihre Schweſter verließen ebenfalls eilig den Balkon. Im Nu waren die Petroleumarbeiter und Knechte, die ohnehin am Hausthore in Gruppen beiſammen ge⸗ ſtanden, zur Gegenwehr bereit. Richard organiſirte ſofort die Vertheidigung; er war als ehemaliger Offi⸗ zier der geeignetſte Mann hierzu. Eilig ward Hofgitter und Hauseingang verrammelt, wurden die Fenſterladen des Erdgeſchoſſes geſchloſſen. Auf einer einſam gelege⸗. A nen Beſitzung der Vereinigten Staaten und ſelbſt in der armſeligſten Blockhütte iſt man niemals ohne Schußwaffen, ſchon weil es in der Union Jedem frei ſteht, auf die Jagd zu gehen, wann er will und kann. Die Männer brachten daher in ſchleunigſter Haſt ein halbes Dutzend Gewehre und ebenſo viele Revolver nebſt der nöthigen Munition zuſammen, und wer keine Flinte hatte, der nahm ein Beil, eine Eiſenſtange zur Hand. Richard ließ nun eine Abtheilung der Leute ſich hinter Fencen und Planken des Hofes und Gartens aufſtellen, während er die beſten Schützen zu den Fen⸗ ſtern des erſten Stockes ſandte. Die weiblichen Dienſt⸗ boten flüchteten aus dem Hauſe in die nahe Baum⸗ ſchule, Miſtreß Lovett aber, die ihre Geiſtesgegenwart wiedererlangt hatte, beſtand herzhaft darauf, ſammt ihrer Schweſter im erſten Stocke und in der Nähe der Männer auszuharren, um womöglich hülfreiche Hand leiſten zu können, wenn einer der Vertheidiger ver⸗ wundet werden ſollte. Es war die höchſte Zeit geweſen, die vorerwähnten Anſtalten zur Vertheidigung zu treffen, denn ſchon ſtürm⸗ ten die Freibeuter ſchweigſam heran. Richard hatte ſich an eins der Fenſter geſtellt, die Flinte in der Hand. Er ſtarrte vorſichtig auf die Rotte 166 hinab, von der etwa ſechs bis acht Kerle ſich ſofort aus dem Sattel ſchwangen. Das ſcharfe Auge des ehemaligen Offiziers erkannte ſogleich einen der Männer, welcher den Führer der Bande zu machen ſchien. „Dachte ich's doch“, flüſterte er dann hinter ſich, den Schweſtern zu.„Rodberg iſt unter jenem Volke, ich erkenne ihn deutlich. Er hat die Wegelagerer hierher geführt!“ 4 „Rodberg!“ hauchte Miſtreß Lovett ſchmerzlich.„Sol⸗ len wir dieſen Menſchen denn ewig auf unſerm Wege finden?“ Hedwig zitterte heftig. „Beruhigt Euch!“ flüſterte Jakob.„Ich hoffe zu Gott, mit dem Abenteurer heute abrechnen zu können!“ Die Vertheidiger der Beſitzung ſtanden regungslos und vorſichtig den Körper vor den Feinden deckend an jedem Fenſter des erſten Stockes und hinter den Hecken und hohen Fencerails des Hofes, die Waffen bereit, des Augenblicks harrend, in dem die Wegelagerer am wirkſamſten begrüßt werden konnten. Richard hatte beſonders ſein Augenmerk darauf gerichtet, den Feind am Vordringen nach der Petroleumquelle zu hindern, denn fing dieſe Feuer, ſo ließ ſich das Haus nicht mehr vertheidigen, ſo konnte eine furchtbare Exploſion — —— — ——y 167 ſämmtliche Gebäude ſofort vernichten und, was da lebte, mit ihnen. Während die Mehrzahl der beutegierigen Guerrillas gleichſam recognoscirend an Haus und Hecken hin und her ſprengte, ſprangen plötzlich die von den Pferden geſtiegenen Männer, nachdem ſie mit einander geflüſtert und wiederholt auf das überall geſchloſſene Erdgeſchoß des Gebäudes gedeutet, zur Thür und den Fenſterla⸗ den, um ſie zu erbrechen. Im gleichen Moment aber krachten Schüſſ von den Fenſtern auf die Anſtürmenden nieder, taumelten drei oder vier der wilden Geſellen getroffen zu Boden. Zugleich ertönte hinter den faſt mannshohen Fences ein Hurrah der dort vertheilten Arbeiter, fielen einige Schüſſe auf die hin und her reitenden räuberiſchen Plänkler. Rodberg befand ſich unter dieſen Reitern. Er trug die phantaſtiſche Kleidung eines Guerrillaoffiziers und befehligte unzweifelhaft den Trupp, welcher das Lo⸗ vett'ſche Gut angriff. Es war klar, daß er nach ſeiner Flucht von der Farm bereut hatte, die Gelegenheit zur Rache nicht benutzt zu haben, und daß er nun gekom⸗ men ſei, um ſo ſchonungsloſer zu verfahren. Als die Schüſſe krachten und ſich wirkſam zeigten, da wichen die Wegelagerer einen Augenblick zurück, 168 dann aber begannen ſie, durch ihren verwegenen Füh⸗ rer aufgeſtachelt, unter wüthendem Geheul gegen Haus und Hof zu ſtürmen, einen wahrhaften Kugelregen nach den Fenſtern und Hecken ſendend. Jakob ſchoß wie ein echter Waidmann; keine Kugel fehlte. Aber der, dem er im Herzen den Tod geſchwo⸗ ren, kam ihm nicht in den Schuß; Rodberg war blitz⸗ geſchwind bald da, bald dort, flüchtig auftauchend und wieder verſchwindend. Doch auch ſein Gegner Richard zeigte ſich nicht minder thätig, im Manſion wie hinter den Fencen; überall, wo die Vertheidiger erlahmten, erſchien er anfeuernd und ſelbſt bedacht, den Buſch⸗ kleppern eine nie das Ziel verfehlende Kugel zu ſenden. So eben war er in das Haus geſtürzt und hatte in fliegender Haſt mit Jakob einige Worte gewechſelt, als plötzlich ein wildes Geſchrei vom Hofe und den Neben⸗ gebäuden her ertönte. Und nun ließ ſich ein dumpfes Krachen vernehmen, das die Erde zu erſchüttern ſchien. Unmittelbar darauf erhellte ein greller Feuerſchein zur Seite Gebäude, Fahrſtraße und die nächſte Gegend. Betroffen ſtarrten die im erſten Stocke des Manſion Verſammelten einander an. Da taumelte einer der Arbeiter, die bisher den Hof und die Fabriklokalitäten vertheidigt hatten, bleich und außer ſich in das Gemach. ———ÿÿ— 169 „Die Magazine ſtehen in Flammen“ ſchrie er athem⸗ los,„die Petroleumquelle brennt, man hat mit Zünd⸗ ſtoffen das Dach in Brand geſchoſſen!“ „Das befürchtete ich!“ murmelte Richard bleich. Noch während er ſprach, ließ ſich das Getrappel zahlreicher Pferde vernehmen. Und nun ertönte auch ein Jubelgeheul aus den Kehlen der die Anſiedelung Belagernden. Jakob ſprang vom Fenſter fort. „Ein neuer Trupp Guerrillas!“ rief er. „Wir ſind verloren!“ ſagte Richard dumpf. „Wir ſind es nicht!“ entgegnete Jakob haſtig. „Folgt mir ins Gebirge! Aber wir haben Eile. Hört Ihr's nicht? Schon ſchmettern die Gewehrkolben an Töhür⸗ und Fenſterladen!“ Jakob drängte die händeringenden Frauen fort. In wilder Haſt brach die kleine Schaar der Anſiedler auf, den Garten und dort die Baumſchule zu erreichen. Es gelang ihnen, noch bevor die räuberiſchen Be⸗ lagerer in das Haus zu dringen vermochten. Und nun ging es raſtlos vorwärts, den nahen Bergen zu. Es war ein troſtloſer Marſch, denn zwiſchen den Baum⸗ ſtämmen hindurch ſah man zur Seite nichts wie ein Flammenmeer, das unſtreitig bereits ſämmtliche Ma⸗ gazine ergriffen hatte und binnen kurzem auch das 170 Wohngebäude und einen Theil des Parkgehölzes ver⸗ zehren mußte. Die Glut, welche der Brand der Petro⸗ leumquelle ausſtrömte, war ſo außerordentlich, daß noch in ziemlicher Entfernung von den hoch zum Nachthim⸗ mel emporwirbelnden Feuerſäulen die Hitze faſt uner⸗ träglich ward. Miſtreß Lovett ſeufzte tief auf, als ſie des furcht⸗ baren Schickſals gedachte, dem die treuen Vertheidiger des Hofes ohne Zweifel erlegen waren. Noch waren die Flüchtenden nicht vor dem Feinde in Sicherheit. Sie hatten indeſſen jetzt die Baumſchule hinter ſich und ſchritten pfadlos in den düſtern Wald hinein, der die ſanft emporſteigenden Höhen bedeckte und ſelbſt bis zu den Gipfeln der Berge ſich hinanzog. Jakob war der beſte Führer, den man in der gan⸗ zen Gegend hätte finden können; von früheſter Kindheit an hatte er die Berge durchſtreift, er kannte jede Schlucht, jeden Hohlweg derſelben. Während die kleine Schaar ſo durch das Düſter über Baumwurzeln und ſchroffe Abhänge hinwegklet⸗ terte, zwiſchen verworrenem Buſchwerk hinſchlüpfend, war noch das wüſte Geſchrei und Toben der Guerrillas und das Krachen der einſtürzenden Gebäude vernehm⸗ bar, ſah man noch hinter ſich die rothe Glut des Flam⸗ menmeeres durch das Laubwerk glitzern. 171 Nach und nach aber erſtarben die Laute, denn man war ſchon tief in das Gebirge eingedrungen und be⸗ fand ſich hinter Höhen, welche den Schauplatz der ent⸗ ſetzlichen Greuel den Blicken entzogen. Doch nun ſtieg man wieder höher und höher; und wenn man auch nicht vor dem Walde die Anſiedelung erblicken konnte, ſo gewann man doch zu Zeiten eine Ausſicht auf die Ebene mit der im fernen Oſten brennenden Stadt, wo der mörderiſche Kampf augenſcheinlich noch immer fort⸗ dauerte. Wenn Rodberg noch lebte, ſo hatte er ſicherlich ſammt einigen Guerrillas die fliehenden Bewohner der Beſitzung bis in den Garten und Wald verfolgt, ſeiner Rache zu genügen, aber der Gegend unkundig eine an⸗ dere Richtung eingeſchlagen, als Jakob und ſeine Be⸗ gleitung genommen. Der junge Farmer erklärte endlich, daß nun nichts mehr von den Freibeutern zu befürchten ſei. Man raſtete einige Augenblicke, dann ging es wieder weiter bis endlich nach mehreren Stunden eine hinter wild⸗ verwachſenem Geſtrüppe verſteckte Schlucht ſich aufthat, die erſchöpften nächtlichen Wanderer aufzunehmen. Hier warf man ſich auf das üppige Moos nieder und erging ſich in Betrachtungen über die nächſte Zukunft. Das Herz eines jeden der hier Verſammelten ward 172 von ſchwerwiegenden Dingen bedrängt. Miſtreß Lovett durfte erwarten, daß ihr Gatte an jenem blutigen Kampfe bei Gettysburg Theil nehme, ihr ganzes Denken und Empfinden weilte auf dem fernen Schlachtfelde. Sie ſah im Geiſte ihren William, von Leichen umringt, vom Tode in ſeiner grauenhafteſten Geſtalt angegrinſt, ſein Leben in die Schanze ſchlagen. Richard theilte nicht minder in der Stille die Befürchtungen ſeiner Schweſter, während er ſie zu tröſten ſuchte, aber er war auch zugleich in großer Beſorgniß über die Art und Weiſe, in der es ihm möglich ſein werde, als Be⸗ ſchützer der ſeiner Sorge Anvertrauten demnächſt unter den obwaltenden Umſtänden handeln, ſein dem Schwa⸗ ger gegebenes Verſprechen halten zu können. Zugleich war er tief erſchüttert über den unerſetzlichen Verluſt, den Lovett durch die Zerſtörung der Petroleumquelle erlitten. Hedwig ſchwebte vor allem in tauſend Aeng⸗ „ſten um den geliebten Jakob, der, von lebhafter Be⸗ ſorgniß um ſeine Aeltern erfüllt, mit Feſtigkeit erklärte, die in Sicherheit Gebrachten verlaſſen zu müſſen, nach dem eigenen häuslichen Herde zu ſchauen und den guten alten Leuten womöglich Schutz und die Nach⸗ richt zu bringen, daß die theuern Nachbarn vor der Hand gerettet ſeien. Der Gedanke, daß der Abenteurer Rod⸗ berg den Act der Rache vielleicht bereits auch über die 173 Bewohner der Farm ausgedehnt haben könne, erfüllte ihn mit peinlicher Unruhe. Die wenigen Arbeiter end⸗ lich, welche ſich der flüchtenden Miſtreß Lovett angeſchloſſen hatten und von denen einige leicht verwundet und nothdürftig von den Frauen verbunden worden, ſtarrten trübe vor ſich hin, im bangen Vorgefühle, daß in dem verwüſteten Lande die Noth über ſie hereinbrechen werde. Was aber die Gemüther aller gleichmäßig fieber⸗ haft aufregte, war der Gedanke: Wird bei Gettysburg die Union ſiegen oder der Süden, die gerechte Sache der Freiheit oder die nichtswürdige, allen Geboten der Civiliſation Hohn ſprechende Sache der Tyrannei? Siegte der Süden, dann war für die Bevölke⸗ rung dieſer Gegenden, ja für jeden ehrlich und frei denkenden Bürger der Vereinigten Staaten ſo gut wie Alles verloren, die Union ſelber in Frage geſtellt. Und ſo erfüllte denn bange Ungewißheit die Herzen der Flüchtlinge. Jakob ſchied. Er entwand ſich den Armen der ſchluchzenden Hedwig, drückte Jedem zum Abſchiede die Hand, verſprach, noch vor Tagesanbruch, wenn möglich, zurückzukehren und Nachricht über die ſich in der Ebene abſpielenden großen und verhängnißvollen Ereig⸗ niſſe mitzubringen. Eilig verließ er die Schlucht und ließ die dort Verborgenen in tiefem Trübſinn zurück. 4 5 —— 174 Obgleich der Kampf, die heftige Gemüthserſchütte⸗ rung, der anſtrengende Marſch ins Gebirge die Flücht⸗ linge erſchöpft hatten, kam doch die ganze Nacht hindurch kein Schlaf über ihre Augen. Erſt gegen Mittag des folgenden Tages kehrte Jakob zurück. Er brachte Lebensmittel und die Nachricht, daß die ſüdlich von der Lovett'ſchen Beſitzung gelegenen Farmen wunderſamerweiſe nicht durch die Guerrillas angegriffen worden, die ſich vermuthlich auf das weiter nördlich liegende Fairfield geworfen, daß er ſomit auch ſeine alten Aeltern in ihrem Hauſe unbehelligt angetroffen habe. Daß die Schlacht um Gettysburg nach kurzer Pauſe wieder zu toben begonnen, brauchte er nicht erſte zu verſichern, denn bis in die Berge hinein und zu der Zufluchtsſtätte der Anſiedler hallte das dumpfe Dröh⸗ nen des Kanonendonners. Welches der beiden kämpfen⸗ den Heere aber im Vortheil ſei, das wußte der junge Farmer nicht zu ſagen. Jakob konnte nur eine Stunde bleiben, denn er mußte zur Farm zurück, um bei etwaiger Gefahr ſofort zur Hand ſein zu können. Er beſtimmte die ſeinem Her⸗ zen theuren Flüchtlinge, ihr Verſteck nicht eher zu ver⸗ laſſen, als bis man den Ausgang der Schlacht kenne, und verſprach, am folgenden Morgen wiederzukehren. Er hielt getreulich Wort, aber die Hoffnung, welche er ſcheidend gehegt, beim nächſten Wiederſehen wohl die Freunde aus ihrem trübſeligen Aſyl fortgeleiten zu können, erfüllte ſich nicht, denn es war von der Vor⸗ ſehung beſchloſſen worden, daß die Armeen des Nordens und Südens drei volle Tage hindurch heiß und blutig kämpfen ſollten. Jakob mußte daher ſeine Gänge zu der Schlucht wiederholen. Endlich— es war ſchon um die ſechste Nachmittags⸗ ſtunde, Jakob hatte ſich den ganzen Nachmittag nicht blicken laſſen und die reſignirt Harrenden machten ſich bereits darauf gefaßt, eine vierte Nacht unter freiem Himmel und in ſchmerzlichſter Ungewißheit zu⸗ bringen zu müſſen— erſchien der erſehnte Freund. Sein Schritt war beflügelt, ſeine Miene freude⸗ ſtrahlend. „Die Union hat geſiegt“, rief er athemlos,„die Rebellen ſind in voller Flucht!“ „Geſiegt!“ jubelten die ſchwer Genniften.„Die Union hat geſiegt!“ Und von den Lippen aller ſchwebte ein ſtummes Dankgebet zu dem Lenker der menſchlichen Geſchicke empor. Wir müſſen hier einſchalten, was in und um Get⸗ tysburg geſchehen war. — 5 4— 176 Am erſten Juli, nachdem vielfache Scharmützel der Plänkler und Cavallerie⸗Attaken ſtattgefunden hatten, rückte das unioniſtiſche erſte Armeecorps unter General Reynolds durch die Stadt, dem Feinde entgegen, der jenſeits Gettysburgs die Felder und bewaldeten Höhen beſetzt hielt, während diesſeits die Hügel von den Truppen der Nordſtaaten occupirt wurden und nament⸗ lich die Anhöhe befeſtigt worden war, auf welcher ſich der Friedhof befand. Reynolds erwartete noch nicht die Eröffnung der Schlacht, er hatte aber den Feind zu voreilig provocirt und ſah ſich plötzlich von der ganzen Macht Lee's be⸗ drängt. Die Seceſſioniſten eröffneten ein mörderiſches Feuer. Das erſte Corps mußte weichen, und während Reynolds eine paſſende Erderhöhung zum Aufſtellen ſeiner Artillerie inſpicirte, verlor er die Herrſchaft über ſein wild gewordenes Pferd, ward dadurch den Kugeln der feindlichen Scharfſchützen direct ausgeſetzt und in dem Weizenfelde erſchoſſen, das er kaum erſt mit ſeinen Truppen erreicht hatte. General Doubleday übernahm den Befehl des Corps ſo lange, bis Howard mit dem elften Armeecorps heran⸗ rückte. Ein heißer Kampf entſpann ſich und endete da⸗ mit, daß die Unioniſten durch die brennende Stadt zurückgetrieben wurden und gegen die Hügel, von denen 177 aus ſie vormarſchirt waren. Die Louiſiana⸗Tiger der Conföderirten verſuchten ſogar noch während des Abenddunkels dieſe Höhen zu ſtürmen, wurden aber energiſch zurückgeſchlagen. Inzwiſchen waren Verſtärkungen von Südoſten an⸗ gerückt, das zweite Armeecorps unter General Hancock. Es nahm auf der Friedhofshöhe Stellung. Am folgenden Tage ſpielten ſchon zeitig die Batte⸗ rien von den Höhen gegen einander, doch kamen nicht die ganzen Armeen ins Treffen. Einzelne Regimenter hatten Kämpfe mit wechſelndem Erfolg zu beſtehen, Cavallerieangriffe und Plänklerſcharmützel folgten auf einander. Meade, wie früher erwähnt, ſeit Hooker's Abberufung Oberbefehlshaber der Unionstruppen, ope⸗ rirte nach einem wohldurchdachten Plan und war zu vorſichtig, Alles auf eine Karte zu ſetzen. Der dritte Tag erſt brachte eine Entſcheidung. Nach vielfachen Berathungen hatte Lee ſich entſchloſſen, durch General Longſtreet's maſſenhafte Diviſion einen Sturm auf den Friedhof unternehmen zu laſſen. Die Artillerie der Conföderirten leitete dieſen An⸗ griff ein. Sie hatte die Tage zuvor die ganze Linie der nordſtaatlichen Truppen beſchoſſen, gegen ein Uhr nachmittags aber begannen plötzlich ihre hundertfünf⸗ zig Feuerſchlünde ſich gegen den Gettysburger Fried⸗ Adolf Schirmer, Die Spionin. II. 12 —— .D— 178 hof zu richten, gegen das linke Centrum der Unioniſten. Dieſe aber hatten ſich vorgeſehen; ſie knieten hinter der Friedhofsmauer, ſie lagen oder ſtanden hinter den Grab⸗ mälern, Kapellen und Bäumen des Kirchhofs. Die erfahre⸗ nen Offiziere wußten, daß dieſe Kanonade nur das Vorſpiel zu einem Sturmlaufe des Gegners ſei, und ließen die Kanonen aller Batterien auf das Thal richten, das ſich unmittelbar vor dem Friedhofe ausbreitete. Alles war auf den Angriff gefaßt, die Artilleriſten knieten mit brennender Lunte in den Vertiefungen hinter ihren Kanonen, die Infanterie harrte, ſo gut wie möglich ſich deckend, mit geladenem Gewehr der Dinge, die er⸗ wartet wurden. Und in das den Erdboden erſchütternde Gebrüll der feindlichen Kanonen hinein tönte kaum ein Schuß der Unioniſten. Mehrere Stunden währte der Kugelregen der Ge⸗ ſchütze, doch richtete er keinen großen Schaden an, denn die Artilleriſten der Süder waren ihrer Aufgabe nicht gewachſen und die gefürchteten Whitworth⸗Projectile wurden von zu weiter Entfernung aus geſchleudert, als daß ſie ihr Ziel hätten erreichen können. Endlich ward der ohrenbetäubende Kanonendonner der feindlichen Geſchütze ſchwächer und ſchwächer. Aber nun ertönte von den mit niedrigem Unterholz bewach⸗ ſenen Hügeln, von dem Felsgeſteine in der Nähe des 179 die Stadt auf dem Höhenrücken überragenden Semi⸗ nars ein unheimliches Geheul. Es war ein langer, lauter Aufſchrei aus Tauſenden von Kehlen. Und wie jetzt der Pulverrauch zerſtob, da ſahen die Männer der Union die Colonnen des Feindes aus den Gehölzen hervorbrechen und ſich die Anhöhen hinah⸗ wälzen, noch immer unter furchtbarem Geheul die Waf⸗ fen ſchwingend. So ſtürmten die Rebellen hernieder, ſo rückten ſie durch das Thal heran, dem Friedhofe entgegen, in drei impoſanten Schlachtlinien, wie zur Parade, mit flatternden Fahnen und im Sonnenlichte blitzenden Bajonetten. Ueber Fencen und Gräben klettern, ſpringen, wogen die Maſſen, ohne ihre Schlachtlinie zu durchbrechen, die heißblutigen Butternuts*) voran. Da donnern die Geſchütze der Union und ſchleu⸗ dern von allen Seiten einen Hagel von Kugeln und Granaten auf die Angreifer. Hunderte ſtürzen, aber mit Blitzesſchnelle ſind die Lücken ausgefüllt, und mit wildem Gejohle geht es un⸗ *) Die Regimenter, welche der weſtliche Süden, alſo Loui⸗ ſiana, Miſſiſſippi, Texas ac., geſtellt hatte, trugen nicht die graue Uniform der Conföderirten, ſondern eine braune und wurden daher von den Yankees ſpottweiſe butternuts(Oelnüſſe) genannt. 12* 4 4 180 aufhaltſam vorwärts, in tollem Wettlauf den Friedhofs⸗ hügel hinan. Jetzt ſind die erſten Reihen im Bereiche der Flin⸗ tenkugeln des unioniſtiſchen Armeecorps, das den Kirch⸗ hof vertheidigt. Und plötzlich praſſeln Gewehrſalven auf die ſtürmenden Süder, zugleich donnern die Kano⸗ nen des Feindes und ſenden nun ihre Geſchoſſe den entferntern Batterien der Union, deren Kugeln unter den angreifenden Colonnen mit grauenvollem Erfolge aufräumen. Ganze Reihen der Süder fallen, von der Sichel des Schnitters Tod hinweggemäht, aber über die Leichen hinweg klimmen und ſtürzen andere Schaa⸗ ren der fanatiſirten Rebellen. Bald iſt am Friedhofsthore, an der Mauer um jen⸗ ſeits derſelben zwiſchen den Grabſteinen ein furchtbares Handgemenge. Aber die Süder werden zurückgeworfen, decimirt; ſie ſammeln ſich, ſie ſtürmen mit entſetzlichem Geſchrei von neuem heran, werden geworfen und rücken immer wieder vor. Neues Gemetzel zwiſchen den Grä⸗ bern, am Gitterwerk und Gemäuer des geheiligten Or⸗ tes, bis die erſchöpften Süder, aus zahlloſen Wunden blutend, weichen und weichen und endlich in wilder Flucht den Friedhofshügel hinabtaumeln, ſich im Thale haſtig ſammeln und entmuthigt ſich zu ihren Hügeln und Gehölzen zurückziehen, während der Jubelſchrei 181 der Unioniſten und ein neuer Hagelſchauer von Kugeln ihnen folgen. Der Sieg der Nordſtaaten war entſchieden. Die Conföderirten nahmen den Kampf bei Gettysburg nicht wieder auf; Tauſende von ihnen wurden zu Kriegs⸗ gefangenen gemacht, unter ihnen Brigadegeneral Ar⸗ misted und viele Oberſte und ſonſtige Offiziere; Tau⸗ ſende von Leichen und Verwundeten bedeckten aber auch das Schlachtfeld. Die Unionsarmee hatte ebenfalls große Verluſte erlitten und die Generale Hancock und Gibbon waren verwundet. Von den Heldenthaten, welche am dritten Juli durch die tapfern Nordſtaatenmänner bei Get⸗ tysburg verrichtet wurden, wird noch die Nachwelt ſprechen. Meade zeichnete ſich aus; General Crawford, noch im Jahre 1861 unter Major Anderſon im Fort Sumter bei Charleſton ein gewöhnlicher Garniſons⸗ arzt, rettete, die Fahne in der Hand ſeinen Truppen voranſprengend, durch ſeine beiſpielloſe Kühnheit den linken Flügel der Armee und trug zum Erfolge der Schlacht weſentlich bei; General Hancock leitete den Kampf ſeiner Diviſion ſelbſt noch vom Feldbette aus, auf das man ihn ſchwer verwundet hinter der Fronte ſeiner Krieger gelegt. Wie groß aber auch die Verluſte der Union bei 182 Gettysburg waren, ſie fielen nicht gegen das in die Wagſchale, was der Norden durch dieſen Sieg gewann. Durch die glorreichen Tage von Gettysburg ward dem Andrängen der Rebellion ein Ziel geſetzt, das in blutiger Schrift verkündete: Bis hierher und nicht weiter! Die tapfere Armee war aber in jenen verhängniß⸗ vollen Stunden kein gewöhnliches Heer, ſie war das freie Amerika ſelber, das republikaniſche Princip, wel⸗ ches dem Götzen Tyrannei einen unverwindlichen Streich verſetzte, ſie ſtand für Alles ein, was der Amerikaner liebt und ehrt, für den Ruhm einer großen Vergangen⸗ heit, die Hoffnungen einer noch größern Zukunft, ſie war die ſiegreiche Armee der Humanität und Civili⸗ ſation! Kehren wir zu der Gebirgsſchlucht und jenen zurück, welche ſie ſeit einigen Tagen beherbergte. Nach dem erſten Freudentaumel beſtürmten alle den jungen Farmer, ſie ſofort aus den Bergen zu führen. „Das geht nicht“, antworte Jakob;„ein großer Theil der fliehenden Feinde hat ſich dieſer Gegend zu⸗ gewendet und ſucht durch die Engpäſſe unſeres Gebir⸗ ges zu entkommen, während die Truppen der Union den Fliehenden auf dem Fuße folgen und da und dort noch Scharmützel ſtattfinden. Ich muß darum auch ſogleich wieder zu den Aeltern zurück, auch ſie im Falle 183 der Noth hierher in Sicherheit zu bringen. Euch kann hier nichts geſchehen, denn nicht ſo leicht werden ſich Südſtaatenmänner bis in dieſe Schlucht verirren. In der Ebene aber wäret Ihr vor der Wuth der Ge⸗ ſchlagenen nicht ſicher. Bleibt alſo wenigſtens noch bis morgen hier.“ „Die Andern mögen bleiben“, verſetzte Richard leb⸗ haft.„Ich geſtehe zu, daß es für Miſtreß Lovett und Hed⸗ wig gefährlich wäre, ſich in die Ebene hinauszuwagen, aber ich muß Dich begleiten, Jakob! Haben doch unſere Damen die treuen Arbeiter hier zu ihrem Schutze! Mein Schwager vertraute mir die Aufſicht über ſeine Beſitzung an, ich muß mich überzeugen, ob denn Alles dort zu Grunde gegangen iſt, oder ob nicht durch geeig⸗ nete Maßnahmen noch etwas vor den fliehenden Rebellen zu retten und zu ſchützen ſein mag!“ „Ach, Du wirſt eine entſetzliche Verwüſtung finden!“ entgegnete Jakob ſeufzend.„Das Petroleum brennt noch immer, ein Löſchen der Feuersbrunſt iſt undenkbar, Alles ringsum iſt zu Schutt und Trümmern geworden, ſelbſt die hohen Bäume ſind verkohlt, da gibt es nichts mehr vor den Rebellen zu ſchützen. Aber willſt Du mich begleiten, Freund, ſo komm!“ Jakob gab noch an, was zu thun ſei, wenn ſich Verdächtiges in der Nähe zeigen ſollte, und wohin 184 man ſich am ſicherſten zu wenden habe, und entfernte ſich dann mit Richard. Beide Männer wanderten raſtlos durch andere Schluch⸗ ten und über waldige Höhen, bis ſie den Fuß des Gebirges und die Beſitzung erreichten, zu der Jakob⸗ ſeinen Freund direct geführt. Welch ein grauenhaftes Bild der Verwüſtung bot ſich ihren Blicken dar! Ein großer Theil der Baum⸗ ſchule war niedergebrannt, die Gartenanlagen zeigten ſich zerſtört, noch rauchten die Trümmer der Gebäude, ſtiegen zu Zeiten Flammen aus dem wildzerriſſenen Schlunde auf, welcher die Stätte der Petroleumquelle bezeichnete. Richard erkannte ſofort, daß hier ſo gut wie nichts mehr zu thun ſei. Schmerzlich ſtarrte er auf die Ver⸗ nichtung ringsum. Da vernahmen die Freunde wildes Geſchrei und Schüſſe „Die fliehenden Feinde und ihre Verfolger!“ rief Jakob.„Ich muß zu der Farm! Komm!“ „Laß mich noch hier, Jakob, ich will den Platz unterſuchen und folge Dir dann bald!?! „Gut, aber ſchlage den Weg hinter der Baumſchule und den Feldern ein, um nicht von dem Getümmel mit fortgeriſſen zu werden!“ 185 „Ich werde es thun!“ Der junge Farmer, der den Freund mit Wider⸗ ſtreben verließ, eilte durch den verwüſteten Garten da⸗ von. Richard aber, von Neugier getrieben, kletterte über die Trümmer des Wohngebäudes hinweg. Haſtig trat er hinter einem Stück Mauerwerk, das ſtehen geblieben war, auf die Fahrſtraße hinaus. Wie verzaubert hemmte er ſeinen Schritt. Südlich, über die Felder hin, floh der Feind in wilder Unordnung, das heißt die Schaar der Nach⸗ zügler des geſchlagenen Rebellenheeres, das in Eilmär⸗ ſchen gegen den Potomac zog. Umgeſtürzte Trainwagen, Kanonen, Waffen jeglicher Gattung und Todte lagen auf der Landſtraße und den Wieſen, Cavallerie der Union ſprengte unter lautem Hurrah hinter den Flüch⸗ tenden drein, Alles niedermetzelnd, was ihr in den Weg kam, und auch ſtarke Infanterieabtheilungen wa⸗ ren den Entweichenden auf den Ferſen. Vom Norden und Oſten aber rückten im haſtigen Siegeslaufe immer neue Unionstruppen heran, die Rebellenarmee zu ver⸗ folgen und womöglich an der pennſylvaniſchen Grenze oder in Maryland aufzureiben. Noch ſtand Richard überraſcht da. Doch nun ent⸗ rang ſich plötzlich ein Freudenſchrei ſeinen Lippen. Ein Brigadegeneral kam mit ſeiner Suite direct 186 der Stätte zugeſprengt, wo das Wohngebäude der An⸗ ſiedelung geſtanden. Richard aber erkannte in dem unioniſtiſchen Befehlshaber den Schwager Lovett. Wer aber war die Dame, welche ſtolz und kühn an der Seite des Generals auf ſchäumendem Renner dahergaloppirte? Wer konnte es ſonſt ſein als Alice Palmer, die edle, patriotiſche Alice, die durch ihre recht⸗ zeitig dem Oberfeldherrn der Nordſtaaten überbrachten Nachrichten ſo weſentlich zu dem glänzenden Erfolge des jüngſten Feldzugs beigetragen hatte! Lovett ſah den Schwager noch nicht. Haſtig hielt er jetzt ſein Pferd an und ſtieg ab. Auch Alice ſchwang ſich von ihrem Rappen. Und nun tauchte auch aus dem Gefolge Lovett's der eiſen⸗ feſte Onkel Hugh auf und drängte ſeine falbe Stute an die Seite des Rappen, den Zügel deſſelben ergreifend. Der General und die ſchöne Spionin traten mit beſtürzter Miene zu den Trümmern. Da ſprang Richard vor und lag in den Armen Lovett's. „Allmächtiger Gott!“ ſtammelte dieſer.„Hier iſt Entſetzliches geſchehen!“ „Die Guerrillas haben Alles verwüſtet, die Quelle angezündet!“ antwortete Richard.„Aber Gelder und Papiere ſind in New⸗York!“ 187 „Gleichviel! Doch Agnes, mein Weib—“ „Sie lebt, ſie iſt mit all unſern Lieben wohlbehalten und ſicher in einer Waldſchlucht verborgen! Der ehrliche Jakob Leuthold führte uns rechtzeitig dorthin!“ „Gott ſei geprieſen!“ murmelte Lovett tief auf⸗ athmend und mit dankbar zum Himmel gerichtetem, thränenerfülltem Blick. Richard fand jetzt erſt Zeit, die theilnahmvolle Alice und ihren Oheim zu begrüßen. Mit wenigen geflügelten Worten erzählte er dann, was geſchehen ſei und daß Rodberg der Anſtifter all jenes Unglücks geweſen.. Lovett ertheilte ſofort einem ſeiner Adjutanten den Auftrag, für Miſtreß Lovett und ihre Begleitung zu ſor⸗ gen, damit ſie wohlbehalten die Schlucht verlaſſen und ſich zu einem ſichern Aufenthaltsorte begeben könnten. „Ich ſelber vermag mich jetzt nicht der Meinigen anzunehmen“, fügte er bewegt hinzu,„denn ich habe als Soldat meine Pflicht zu erfüllen!“ „Da ich die meinige als Spionin der Union ge⸗ than“, bemerkte Alice lächelnd,„und mit der Verfol⸗ gung der Rebellen nichts zu ſchaffen habe, ſo werde ich in Begleitung jener Herren Miſtreß Lovett aufſuchen. Kommen Sie, Sir“, fügte ſie hinzu, ſich an Richard wendend,„führen Sie uns, ich ſehne mich darnach, die 8 — — 188 Freundin zu umarmen und ihr die Nachricht zu brin⸗ gen, daß ihr Gatte lebt und ſich neuerdings als Held bewährt hat! Ich laſſe Ihnen den Oheim als Pfand für meine Rückkehr, General!“ Lovett drückte der ſchönen New⸗Yorkerin die Hand, während Richard unter dem Zlicke der ſeinem Herzen ſo gefährlichen Dame lebhaft erröthete und nicht ohne einige Verwirrung ſtammeln konnte, daß er bereit ſei. Dann wandte ſich der erſtere zu ſeinem Pferde. Schon wollte er es beſteigen, als ein Trupp Unionsſoldaten die Stelle erreichte, eine Anzahl Ge⸗ fangener in ihrer Mitte. Dieſen Gefangenen ſah man es ſofort an, daß ſie nicht dem regulären Militär der Conföderirten an⸗ gehörten. Richard ließ erregt den Blick über die Reihen dieſer wildblickenden Männer gleiten. Plötzlich ſchrie er auf. Er hatte unter den Frei⸗ beutern den Baron Rodberg erkannt. „Hier iſt der Elende, der ſo viel Unheil ange⸗ ſtiftet!“ rief er außer ſich, ſtürzte zu einer Gruppe der Gefangenen und zerrte den bleichen Abenteurer vor den General. Lovett ſtarrte auf den Mann, deſſen trotzige Züge er nur zu gut erkannte. 189 Da trat ein Hauptmann der Unionsarmee heran. „Ich kenne dieſen Menſchen“, ſagte er, auf Rodberg deutend;„er iſt ein Deutſcher, war Kapitän in meiner Diviſion und ward degradirt, er iſt ein Deſerteur!“ „Ein Deſerteur!“ verſetzte Lovett gelaſſen.„Ich mache Sie dafür verantwortlich, Kapitän Lawrence, wenn dieſer Mann uns entkommt! Ich würde den Elenden, der ſich an mir und den Meinigen ſchwer vergangen“, fuhr er fort, den durchdringenden Blick ſcharf auf Rodberg gerichtet,„nur der Verachtung preisgeben und laufen laſſen, aber da er ein Deſerteur iſt und ein erbärmlicher Freibeuter, ſo muß ihm wer⸗ den, was ihm gebührt— eine unioniſtiſche Kugel in das verrätheriſche Herz! Fort mit ihm!“ Richard trat von Rodberg zurück, dagegen näherten ſich ihm einige Soldaten, ſich des Deſerteurs zu ver⸗ ſichern. Dieſer ermannte ſich. Sein Blick flammte unheim⸗ lich auf. „Muß ich ſterben“, ſchrie er in deutſcher Sprache, „ſo ſollſt Du wenigſtens mit mir fallen!“ Blitzſchnell riß er unter dem Kittel einen Revolver hervor und drückte ihn auf Lovett ab. In den Arm getroffen taumelte der General auf die ihm zunächſt Stehenden. ˙— — ꝗͦoD— 190 Im gleichen Augenblick aber ward Rodberg von mehr als zwanzig Bajonetten durchbohrt. Alice und Richard ſprangen entſetzt zu dem blu⸗ tenden Lovett. Dieſer aber wandte ſich zu ſeiner beſtürzten Suite. „Mein rechter Arm iſt verloren“, ſagte er kaltblütig, „vielleicht mein Leben! Oberſt Winthorp, übernehmen Sie das Commando!“ Achtes Kapitel. Der Monat Juli des Jahres 1863 ſah die Union nicht allein in Pennſylvania ſiegreich, ſondern auch in den fernen Weſtregionen, an den Ufern des Miſſiſſippi. Ungefähr zwölf Stunden nach der glorreichen Schlacht bei Gettysburg zog General Grant als Sieger in Vicksburg ein, das der ſüdſtaatliche Pemberton ſo lange mit Geſchick und Energie vertheidigt hatte, legte dort die Flotte des Admirals Porter an, welche weſentlich zu dem glücklichen Erfolge beigetragen. Die Einnahme Vicksburgs aber ſicherte den Fall Port Hudſons und ſchon am neunten Juli flatterte dort auf den zer⸗ ſchoſſenen Mauern das Sternenbanner der Union. Durch die Eroberung dieſer beiden am Miſſiſſippi ge⸗ legenen ſtarkbefeſtigten Hauptbollwerke der Conföderirten ——— 192 ward der majeſtätiſche Rieſenſtrom vom Norden bis zu ſeiner Mündung frei, wurde die große Verbindungs⸗ ſtraße von St.⸗Louis bis New⸗Orleans wiederher⸗ geſtellt, kam aber auch Grant in die glückliche Lage, entweder im Vereine mit Banks, der nun ſeine Louiſiana⸗Expedition glücklich beendet, gegen Mobile in Alabama oder mit Roſecrans gegen Chattanooga in Tenneſſee operiren zu können. Bei Charleſton und Savannah in Süd⸗Carolina ſtanden die Sachen nicht ſo günſtig für den Norden. Die Häfen der beiden Städte wurden beſtändig durch eine Abtheilung der unioniſtiſchen Flotte ſtreng blockirt doch beherrſchten die Bundestruppen nur die ſchmalen Küſtenſtreifen in der Nähe und hatten noch nicht ver⸗ mocht, tief in das Land vorzudringen. General Hunter, der ſchon im März des Jahres 1862, zur Zeit, als M'Clellan noch das Obercommando führte, den Auftrag erhalten, die Staaten Süd⸗Carolina, Florida und Georgia zu occupiren, war endlich von der Regierung beſeitigt worden und hatte dem kühnen General Gillmore Platz machen müſſen, ſowie Admiral Du Pont dem trefflichen Dahlgren, und es ließ ſich erwarten, daß ſie bald energiſcher und mit mehr Ge⸗ ſchick handeln würden als ihre Vorgänger. Sie hatten ſich übrigens einer ſchwierigen Aufgabe zu unterziehen. — 193 Der Hafen Charleſtons und die in und an der herrlichen Bai liegenden Inſeln und Halbinſeln waren außerordentlich befeſtigt. Die Wälle des trotzig blicken⸗. den, vom Meere umſpielten Forts Sumter, von wo aus der erſte Schuß einſt auf das Sternenbanner der Union gefallen, zeigten ſich mit einer drohenden Reihe Kanonen beſpickt, die nordöſtlich und ſüdweſtlich von dem genannten Fort den Eingang der Bai ebenfalls beherrſchenden Forts Moultrie und Johnſon ragten mit ihren drohenden Feuerſchlünden nicht minder Achtung gebietend empor, die ſtarke Erdſchanze Fort Wagner auf Morris Island, die Erdbatterien an der Nordſpitze daſelbſt und auf Sullivans Island und Mount Pleaſant bewieſen deutlich genug, daß es ein waghalſiges Unternehmen ſei, alle dieſe zahlloſen Boll⸗ werke anzugreifen. Dazu kam noch, daß die Conföderirten am 21. De⸗ cember 1861 ſiebzehn Schiffe vor dem Hafen verſenkt hatten, um dieſen unzugänglich zu machen, daß man ferner vom Fort Johnſon bis zum nördlichen Mount Pleaſant und von Fort Sumter aus zu den Inſeln Sullivan und James ein Pfahlwerk eingerammt und ſogenannte Obſtruetions gezogen hatte, Ketten, zum Theil mit den unter dem Waſſer befindlichen Höllenmaſchinen ver⸗ ſehen. Adolf Schirmer, Die Spionin. II. 13 7 — · 194 Die Südſtaatenmänner hielten Charleſton für un⸗ einnehmbar. General Beauregard hatte dort eine be⸗ trächtliche Truppenzahl zuſammengezogen, Admiral Ingraham befehligte die im Hafen liegenden Panzer⸗ ſchiffe, Kanonenboote und Dampfer; man gab ſich einer völligen Sicherheit hin, zumal die Küſte nächſt Charle⸗ ſton ebenfalls einer Landungsexpedition der Nankees durch die vielen dort befindlichen Sümpfe große Hin⸗ derniſſe entgegenſetzte und von den Feuerſchlünden der Batterien und der Forts beherrſcht ward. Ungeachtet aller dieſer Befeſtigungen waren noch unter Hunter, der ſein Hauptquartier in der Nähe Savannahs bei Port Royal gehabt, wo in Hilton Head auch ein Theil der Flotte ſtationirte, von den Unioniſten verſchiedene Unternehmungen gegen Char⸗ leſton und deſſen Forts ins Werk geſetzt worden, doch ohne Erfolg, ſo namentlich am ſiebenten April durch ſieben Monitors und die Panzerſchiffe Ironſides und Keokuk, welch letzteres Schiff dabei zu Grunde ging. Der Gegner hatte aber ebenfalls keine Vortheile errungen; ein Ausfall, am 31. Januar von zwei Pan⸗ zerkanonenbooten und drei Dampfern der Conföderirten während eines ſtarken Nebelwetters gemacht, um die Blockade zu brechen, war abgeſchlagen worden. Die Lage, in der ſich nach den für die Union ſieg⸗ — — — — 195 reichen Vorgängen in Pennſylvania und im Weſten die Beſatzung der Forts und die Bevölkerung Char⸗ leſtons befanden, war eine keineswegs beneidenswerthe, denn das Stocken des Handels, der Gewerbe, der Bodenbearbeitung, die mangelhafte Zufuhr von Lebens⸗ mitteln aus dem Innern der mit Krieg überzogenen Staaten hatten Theurung und Hungersnoth bis zu einem erſchreckenden Grade herbeigeführt. Nur die reichſten Leute konnten in gewohnter Weiſe leben, die arme Bevölkerung und ſelbſt die Mittelklaſſe darbten, denn wie Gold in Richmond 400 Procent Agio hatte, ſo koſtete in Charleſton um jene Zeit zum Beiſpiel ein Pfund Kaffee 2 Dollars 75 Cents, ein Fäßchen Mehl 60 Dollars, ordinärer Calico, der vor dem Kriege zu 15 Cents die Elle verkauft worden war, 2 Dollars die Elle. Charleſton liegt recht anmuthig auf einer Landenge, welche die Flüſſe Cooper und Aſhley bilden, und ſeine Lage gleicht derjenigen New⸗Yorks, obwohl ſich dieſe letztere Weltſtadt weit impoſanter und maleriſcher ausbreitet. Wenn man die Straßen Charleſtons be⸗ tritt, wähnt man ſich nach einer Stadt Weſtindiens verſetzt, denn die Gebäude entbehren faſt vollſtändig alter nordamerikaniſchen charakteriſtiſchen Elemente; die meiſten ſind luftig gebaut, mit Veranden und höl⸗ 13* 196 zernen Dach⸗ und Säulenvorſprüngen; man gewahrt auf den erſten Blick, daß das tropiſche Klima die Bauart der Häuſer beſtimmt hat, von denen noch viele aus weiß übertünchtem Holz beſtehen. Eine entſetzliche Feuersbrunſt verheerte im Jahre 1838 die obern Staͤdttheile, eine faſt ebenſo heftige zerſtörte im December 1861 einen großen Theil der untern Geſchäftsſtraßen und richtete einen Schaden von mindeſtens acht Millionen Dollars an. Drei große Eiſenbahnſtraßen gehen von Charleſton aus, die eine über Auguſta nach dem Weſten und Süden, die andere nach Savannah, die dritte verbindet die Stadt mit dem Norden. Viele Städtchen und Dörfer liegen an dieſen Bahnen, auch ſeattliche Plantagen, und ringsherum auf viele Meilen iſt das Land wellenförmig, bewaldet, da und dort von Sümpfen durchzogen, in großen Strecken mit Cotton⸗ feldern bedeckt. d Seit Beginn des men Bürgerkampfes wurden freilich die bebauten Strecken nur ſchlecht, zum Theil gar nicht bewirthſchaftet, denn eiſte große Zahl der Grundbeſitzer befand ſich im Kriege, viele Negerarbeiter waren entlaufen, die zurückgebliebenen hielt man faſt wie Gefangene. 3 Doch eigentlich verödet ſtanden die Plantagen des 197 Inlandes keineswegs, nur die unmittelbar an den Küſten gelegenen Beſitzungen der Pflanzer waren von ihren weißen Bewohnern völlig aufgegeben worden. Dort hatten ſich die Neger in den Prachtzimmern ihrer Herrſchaften völlig eingerichtet, dort putzten ſie ſich mit den Sachen der vor den Nankees nach Sa⸗ vannah oder Charleſton Geflohenen heraus, dort ſpielten die Negerweiber die Ladies und ſchaukelten ſich im Rockingchair*), trieben alle, was ſie Luſt hatten, wie große Kinder unbekümmert um die ernſte Zeit, die ſie kaum begriffen, und jubelten den Yankees ent⸗ gegen, wenn die Schiffe derſelben ſich zeigten und ihre Truppen landeten. Beaufort, ein hübſcher Sommer⸗ und Winteraufent⸗ halt ſo vieler reicher Verſchwörer von Süd⸗Carolina, etwa vierzehn engliſche Meilen von Hilton Head an einem breiten Fluſſe gelegen, wo friſche Lüfte ſelbſt an den heißeſten Tagen wehen, war beſonders ein luſtiger Tummelplatz der armen, von ihren grauſamen Herren zurückgelaſſenen Darkies**) geworden. Dort ſpazierten ſie fröhlich unter blütenbedeckten Orangenbäumen, prächtigen Magnolien, Pecans und Lebenseichen einher *) Schaukelſtuhl. ***) Neger. 198 oder ergaben ſich einem dolce far niente unter den luftigen Portalen der Manſions, die Cigarre im brei⸗ ten, dicklippigen Munde, die ſeidene Cravatte des Maſſa um den Hals geſchlungen, ſeinen feinen Panama auf dem krauswolligen Kopfe, die Füße aber, wie der entflohene Herr, auf den Tiſch oder die Brüſtung der mit farbenſprühenden Lilacs, Papaws oder Waterpot⸗ pflanzen geſchmückten Veranda gelegt, als echte ſchwarze Gentlemen. Dieſe„farbige Gentry“ hatte es jeden⸗ falls an der Stätte ihrer ehemaligen Erniedrigung beſſer aks die armen Nigger des civiliſirten New⸗York, denen ein durch Demokraten aufgeſtachelter Pöbel um die Mitte des Monats Juni eine Art Bartholomäus⸗ nacht bereitete, vom Gouverneur Horatio Seymour gefördert, der es gern geſehen hätte, wenn durch Auf⸗ ſtände in New⸗York der Regierung Verlegenheiten er⸗ wachſen wären. Wir haben es übrigens jetzt nicht mit jener von den Pflanzern verlaſſenen Küſte zu thun, ſondert müſſen von Charleſton aus der ſüdweſtlich laufenden, nach Savannah führenden Eiſenbahn folgen, denn dort liegt, hart an der Bahn und in der Nähe einiger Ort⸗ ſchaften, eine große Plantage des Oberſten Edmund Crawford. Wir lernten den Schwager der reizenden Alice 199 Palmer flüchtig kennen, als der junge Regimentsarzt Arnau gefangen zu ihm geführt ward, ſeine Wunde zu unterſuchen. Crawford hatte durch ſeinen Einfluß in der That die Vergünſtigung erlangt, den Gefangenen mit ſich nach ſeiner Pflanzung nehmen zu dürfen; er und Albert weilten daſelbſt bereits mehrere Wochen. Es war gegen die Mitte des Monats Juli und ein heißer Nachmittag; obwohl die ſechste Stunde ſchon heranrückte, glich die Atmoſphäre hier im Süden doch noch immer einem Glutmeere, brannten die Sonnen⸗ ſtrahlen noch verſengend hernieder. Kein Lüftchen ging, die Fronte des Herrenhauſes lag ſonnenbeglänzt da, die Jalouſien waren geſchloſſen, unter der geſchnitzten Veranda, die den ſich an den Fenſtern des erſten Stockwerks über die ganze Breite des Gebäudes hinziehenden Balkon trug, ließ ſich Niemand blicken, das Haus erſchien wie ausgeſtorben. Es war das keine jener leichten, luftigen Cottagen, wie man ſie häufig im Süden antrifft, ſondern ein etwas alterthümliches und ſchwerfälliges Gebäude, ein echter Feudalſitz. Unſtreitig hatten es ſo, wie es war, ſchon die Vorfahren Crawford's bewohnt, dies bezeugten die etwas verwitterten Mauern, der nachgedunkelte, da und dort vom braunen Anſtrich entblößte Holzvorbau, ———· — 5 200 das an einigen Stellen grüngrau ſchimmernde Ziegel⸗ dach, der ein wenig vornüber geneigte, ſeltſam geformte Giebel und die roſtigen Blechrinnen, die ſich am Dache hin und hinab zum Erdboden zogen. Auch dieſes Dach hatte einige Fenſter mit kleinen vorſpringenden, ſpitzen Giebelchen darüber, und hätte zwiſchen den beiden altmodiſchen Schornſteinen ein kleiner Thurm geſtanden, das Ganze würde ſich faſt wie ein altes deutſches Jagdſchloß ausgenommen haben, um ſo mehr, als ſich üppiges, hochaufgeſchoſſenes Gebüſch beinahe bis dicht an die Seiten des Gebäudes hinandrängte und hinter demſelben die Wipfel und breiten Laub⸗ kronen zahlreicher Waldbäume majeſtätiſch in die tief⸗ blaue Luft emporragten. Der Vorgarten aber hatte ein modernes Ausſehen; er glich nur zum Theile einem anmuthigen engliſchen Parke, denn unmittelbar vor den zur Veranda und zum Haupteingange des Hauſes führenden paar Stufen breitete ſich in kunſtvoll angelegten Beeten ein reizender, buntſchillernder Blumenflor aus, durch den ſich allerlei kleine Wege ſchnörkelten. Orangenbäume ſtanden hier, Cape Jeſſamin und Fächerpalmen, ſymmetriſch in Grup⸗ pen vertheilt, eine zierlich beſchnittene Hickory⸗Allee aber zog ſich, den Hauptweg zum Gebäude beſchattend, im Halbkreiſe von dem Platze vor der Veranda bis zu dem Gitterthore der Plantage, das an beiden Seiten hohe, verwitterte, mit grob gemeißelten Arabesken bedeckte Steinpfeiler hatte. Die Hecke, welche hier neben dem Gitterthore hinlief, glich einem buſchbewachſenen Erd⸗ walle und hatte ein etwas ſtruppiges, verwildertes Ausſehen, auch zog ſich davor ein kleiner ausgetrock⸗ neter Laufgraben bis zu dem nach dem Gitter führen⸗ den Wege hin, die hohen Hecken von dem Felde trennend, das ſich bis zum Schienendamme der nahen Eiſenbahn ausdehnte. Zur Seite des Herrenhauſes ſtanden einige Neben⸗ gebäude in geringer Entfernung, dann folgten Garten und Park; etwas weiter zurück erſt erhoben ſich, nach den Baumwollenfeldern zu, die hölzernen Hütten der Neger in langer Reihe; ſie lagen faſt verſteckt und wohl gefliſſentlich zur Seite geſchoben, wie auf den meiſten Plantagen des Südens, um die Herrſchaft nicht an die Miſère der Sklaven zu erinnern, während ſie ge⸗ ruhte, im Vollgenuſſe des Nabobthums durch den Garten zu ſchlendern. Von Sumachbäumen überragt, deren weiße Blüten⸗ pracht einem friſch gefallenen Schnee glich, erhob ſich im öſtlichen Winkel des Vorgartens, auf einer mit Cherokee⸗Roſen und Amaryllis überwucherten kleinen Anhöhe ein elegantes hölzernes und an den Seiten 202 offenes Luſthäuschen, das unſtreitig modernen Ur⸗ ſprungs war. Man hatte von dort aus eine anmuthige Ausſicht auf das Herrenhaus, einen Theil des Gartens, die daran grenzenden Cottonfelder, das leicht gewellte Land dahinter, wo einzelne Dächer und das Kirchlein der nächſten Ortſchaft auftauchten, und auf die fern am Horizont ſich hinziehenden Gehölze. In dieſem Luſthauſe befanden ſich um die erwähnte Nachmittagsſtunde eine Dame und ein junger blonder Mann, in dem wir den Militärarzt Arnau wieder⸗ erkennen. Der junge Deutſche trug nicht mehr die Uniform der Unioniſten, ſondern einen leichten weißleinenen Sommeranzug und ein Hütchen von Panamaſtroh. Er ſaß auf der niedrigen, zierlich geſchnitzten, von breitblätterigem Narra und lieblich blühenden Euphor⸗ bien umrankten Brüſtung des Luſthauſes und lehnte ſich an einen Pfeiler deſſelben. Während er den bläulichen Rauch einer Cigarre von ſich blies, ſtarrte er ſinnend auf die Cottonfelder hinaus, die im vollen Sonnenſcheine lagen, denn nur da und dort erhoben ſich aus den Stauden die auf Plantagefeldern üblichen vereinzelten Palmettos oder Pflaumenpalmen, die nur einen geringen Schatten 203 werfen und dazu dienen, den kleinen Kindern der ar⸗ beitenden Negerweiber einigen Schutz vor der Sonnen⸗ glut zu gewähren, ſowie den armen ſchwarzen Arbeitern, während ſie ihre elende, nur aus Mais beſtehende Mahlzeit bereiten und verzehren. Als Arnau ſo den Blick träumeriſch über die Felder gleiten ließ, tauchten dann und wann zwiſchen den Stauden die in grobe graue Kleidung gehüllten Ge⸗ ſtalten der Schwarzen auf, die ſich noch immer unab⸗ läſſig im Sonnenbrande abmühen mußten, tönten abgeriſſene wilde Flüche des Sklavenaufſehers von jenſeits herüber. Die Dame, welche etwa ſechsundzwanzig Jahre zählen mochte, war die Gattin Edmund Crawford's, die reizende, liebenswerthe New⸗Yorkerin, für welche ſich der junge Arzt ſchon ſo lebhaft intereſſirt hatte, als ſie noch Lucy Palmer geheißen, und die er noch zur Stunde in zärtlicher Freundſchaft verehrte. Das Wiederſehen von Lucy und Albert war ein ſehr freudiges geweſen, doch hatten die Nachrichten, welche der letztere der jungen Frau heimlich über das Vorhaben ihrer kühnen Schweſter Alice mitgetheilt, eine tiefe Beſorgniß in Lucy hervorgerufen. Dieſe war in ihrer Erſcheinung eine echte Tochter der Nordſtaaten. Ihr weniger durch Regelmäßigkeit 204 der Züge als durch einen eigenthümlichen Liebreiz feſſelndes Antlitz war eher ſchmal als voll, ihr Teint hatte eine faſt durchſichtige Weiße, über ihre Wangen war jenes ſchwache, kaum wahrnehmbare Roſa gehaucht, das hektiſchen oder nervöſen Perſonen eigen zu ſein pflegt, ihre dunklen großen Augen hatten einen wunder⸗ baren Glanz und einen durchgeiſtigten Ausdruck, das kaſtanienbraune Haar fiel in langen regelloſen Locken von den Schläfen herab und über die graziöſen Schultern, die weißen, ſchmalen Hände mit den roſigen Nägeln und die zierlichen Füßchen waren von jener bezaubernd tadelloſen Form, die man außer in Amerika nur noch in Frankreich antrifft. Die zarte, ebenmäßige Geſtalt hatte etwas feenhaft Aetheriſches, wozu die perlgraue, geſchmackvolle Seidenrobe nicht wenig beitrug, welche den Körper der jungen Dame leicht und luftig wie eine Nebelwolke umfloß. Lucy Crawford ſaß in einem Schaukelſtuhle aus Rohrgeflecht, ſie hielt ein offenes Buch in der Hand, aber ſie las nicht darin. Ihr glänzender Blick haftete beinahe ſchwermüthig an dem jungen Deutſchen, der nur wenige Schritte von ihr entfernt war. Neben ihr ſtand ein zierliches Tiſchchen, auf dem Kryſtallflaſche und Gläſer blinkten, ein kühlendes Ge⸗ tränk enthaltend, über ihrem Haupte hing, von der Decke des Pavillons herab, eine farbige Ampel, von Schlinggewächſen umſponnen, deren zartes, blühendes Gewinde faſt ihren Scheitel berührte. Eine weißgekleidete Negerin ſtand abſeits, vor dem Eingange des Luſthauſes, die Winke ihrer Herrin erwartend. Lucy unterbrach das Schweigen, das eine Weile angedauert hatte. „Sie ſind verſtimmt, Albert“, ſagte ſie mit ſanfter Stimme, die wie ſilberheller Glockenton klang—„ich begreife Ihren Kummer! Sie leben hier in Unthätigkeit, während Ihr Herz ſich ſehnt, Ihrem zweiten Vater⸗ lande zu dienen, den Männern ſegensreiche Hülfe zu leiſten, welche auf dem Schlachtfelde für die Freiheit bluten.“ Lucy hatte die letzten Worte beinahe flüſternd ausgeſprochen. Albert blickte ſie bekümmert an, aber er ſchwieg. Nun lächelte die Gattin Crawford's. f„Und doch haben Sie auch hier“, fuhr ſie fort, „Ihrem edlen Berufe leben können. Mein Mann iſt faſt völlig wiederhergeſtellt, und ich muß der Vor⸗ ſehung danken, die uns einen ſo werthen Gefangenen zuführte, der Vorſehung und den einflußreichen Freunden 206 Crawford's, welche uns die Vergünſtigung erwirkten, Ihre Kerkermeiſter ſein zu dürfen.“ „Wahrlich“, entgegnete Albert lebhaft,„eine Ge⸗ fangenſchaft, die einem Aufenthalte im Paradieſe glei⸗ chen würde, wenn—“ Er ſtockte. „Wenn?“ wiederholte Lucy, indem ſie das Buch zur Seite legte, mit den zarten Fingern durch die glänzenden Locken fuhr und den Freund feſt, doch weh⸗ müthig anblickte. „Wenn ich Sie glücklich wüßte!“ hauchte Albert, ihren Blick ernſt und traurig erwidernd. Die junge Frau erblaßte ein wenig und ſchlug die Augen nieder. Nach einigen Sekunden aber ſah ſie wieder von dem bunten Flieſengetäfel des Pavillons auf. In ihren liebreizenden Zügen ſpiegelte ſich eine gewiſſe Unruhe ab. Sie verſuchte von neuem zu lächeln, aber es gelang ihr nicht. „Wer ſagt Ihnen, daß ich nicht glücklich ſei?“ murmelte ſie. „Ihre Gereiztheit und diejenige Ihres Gatten, die ſich bei dem geringſten Worte, ja bei jedem Blicke offen⸗ bart! Vergeben Sie mir, Lucy, wenn ich ſo freimüthig bin, wie ich es ehemals Ihnen gegenüber ſein durfte!“ 207 „Haben Sie nicht ein Recht darauf, Albert? Sind Sie nicht noch mein Freund?“ „Ihre Verſicherung macht mich ſtolz. Vergönnen Sie mir auch jetzt zu reden, wie ein Freund es ſoll, auf die Gefahr hin, Ihnen wehe zu thun. Die kurze Zeit, welche ich im Lager der Conföderirten an der Seite Ihres Gatten zubrachte, gab mir Gelegenheit, ihn beſſer kennen zu lernen, als dieſes vor Jahren in New⸗York hatte geſchehen können. Ich geſtehe, daß ich ihm nur mit Furcht und Widerſtreben hierher folgte.“ „Mit Widerſtreben?“ „Ja, denn mir ſagte eine innere Stimme, daß ich Sie finden würde, wie ich Sie in Wahrheit fand.“ Die junge Frau ließ wiederum das Haupt ſinken. „Ich verſtehe Sie, Albert!“ flüſterte ſie.„Sie ſagten ſich, daß es zu ſpät ſei, einem armen Geſchöpfe zu rathen und zu helfen, welches ſich thöricht in ein Verhältniß voller Widerſprüche geſtürzt—“ „Einem edlen Weſen beizuſtehen“, fiel ihr Arnau ſanft ins Wort,„das die Hochſinnigkeit ſeiner Denkungsart zu dem unſeligen Glauben verführte, in ſeinem Wirkungskreiſe die feindlichen Elemente aus⸗ ſöhnen zu können, welche ſeit langer Zeit gegen einander —— 208 toben! Sie unterzogen ſich einer Aufgabe, der Niemand wäre gewachſen geweſen, ſelbſt nicht ein Engel, wenn er, aus lichten Himmelshöhen herabgeſtiegen, das Herz eines Mannes dieſer Lande hätte rühren wollen!“ Lucy fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und ſeufzte tief auf. Dann ſchüttelte ſie das Haupt und erhob es zu⸗ verſichtlich. „Ich hätte Edmund's Gemüth zum Beſſern zu lenken vermocht“, ſagte ſie raſch und erregt,„wären nicht ſeine Freunde geweſen! Er würde vielleicht ſeine Sklaven freigegeben, den empörenden Barbarismus aus den Grenzen ſeiner Beſitzungen verbannt haben, er hätte vererbte Vorurtheile fallen laſſen um meinetwillen, Albert, denn er liebte mich, er liebt mich noch jetzt! Aber ich hatte ihn ja nicht für mich allein, die Geſetze dieſer unglückſeligen Staaten, die harten Männer ſeines Standes traten mir hohnlachend gegenüber und machten ihre Rechte an ihn geltend, nur ſeine Stellung be⸗ wahrte mich vor ſchwerer Unbill, Kränkung und Ver⸗ derben, ich mußte ſchweigend dulden, was mein Herz zerriß, mußte ihn in den Krieg ziehen ſehen, die Söhne meiner Heimat zu morden! Und obendrein durfte ich mich weder an Vater noch Schweſter um Troſt wenden! O ich habe viel gelitten, Albert, und doch kann ich V ———— 209 neinen Mann nicht haſſen, trotzdem mich ein Grauen vor den düſtern Grundſätzen erfaßt, zu denen er immer wieder nach einem Aufwallen beſſerer Regungen durch den verderblichen Wahn, die barbariſche Selbſtſucht ſeines Volkes hingezogen wird!“ Lucy ſchwieg. Sie befand ſich in heftigſter Er⸗ regung, ihr ganzes Weſen zitterte bis in das Innerſte ihrer Seele hinein. Arnau nahm das inhaltſchwere Geſpräch nach einer peinlichen Pauſe wieder auf. „Sie ſind erſchüttert, Lucy“, ſagte er,„reden wir von andern Dingen. Was ich noch zur Ent⸗ gegnung auf dem Herzen habe, darf ich jetzt nicht aus⸗ ſprechen.“ „Sie dürfen es, Albert“, unterbrach ihn die junge Frau lebhaft,„ſei es noch ſo hart, was Sie mir zu ſagen haben! Ich befinde mich in einer ſo ver⸗ zweifelten Lage, daß ſelbſt die ſtreng verurtheilende Stimme eines Freundes für mich einen Troſt in ſich ſchließt, wenn es nicht gänzliche Verachtung iſt, was er für mich hat, den Troſt der Theilnahme für ein armes Gemüth, dem Pflicht und Liebe gebieten, in einer unſeligen Stellung auszuharren, und das zugleich von Angſt um die Wahrung ſeiner Menſchenwürde erfüllt iſt! O geſtehen Sie es, mein Freund, Sie ſchwanken Adolf Schirmer, Die Spionin. II. 14 210 in dieſem Augenblicke, ob Sie mich bemitleiden oder verachten ſollen!“ „Ich Sie verachten, Lucy? Ich ſtelle Sie um ſo höher, je mehr ich die Troſtloſigkeit begreife, die Ihr Gemüth durchzuckt. Ich anerkenne die bindende Macht der Pflicht und Neigung, falls dieſe nicht eine unheilvolle Herrſchaft über das eigene Selbſtgefühl auszuüben im Stande ſind, und in Ihrem Herzen werden nie die edlen Grundſätze erlöſchen, welche Ihr reiner Sinn mit Flammenſchrift dort eingegraben hat. Ich kann Sie nicht um eines Irrthums willen ver⸗ dammen, der auf edlen Motiven beruhte!“ „Aber Sie verdammen die Schwäche, wie Sie das nennen mögen, was mich an dieſen Boden feſſelt, trotz⸗ dem ich mir jenes Irrthums in troſtloſer Weiſe be⸗ wußt geworden bin. Sagen Sie es offen heraus, Sie finden es charaktervoller, einer Tochter des Nordens würdiger, mit Verhältniſſen zu brechen, die einen un⸗ natürlichen, einen unverſöhnlichen Conflict in der Seele heraufbeſchworen haben, ſtatt darin tief gebeugt, in ſtummem Weh fortzuvegetiren. Vergeſſen Sie nicht, Albert, daß ich den Mann noch immer liebe, deſſen ſeceſſioniſtiſches Glaubensbekenntniß ich verwerfen muß, und daß die düſtern Motive, welche ihn leiten und auf die Seite einer fanatiſchen Partei ſtellen, nicht das 211 Reſultat eines verhärteten, ſchlechten Gemüthes ſind, ſondern einer Ueberzeugung, die ſeine Vorfahren von Enkel zu Enkel auf ihn vererbt haben. Vergeſſen Sie nicht, daß ich Edmund Alles bin, daß er verzweifeln würde, wollte ich ihn verlaſſen!“ Arnau antwortete nicht und blickte düſter vor ſich hin. „Ich weiß, was in Ihrer Seele vorgeht und was Sie mir in dieſem Augenblicke vorenthalten, mich zu ſchonen!“ fuhr Lucy fort.„Sie glauben nicht an dieſe Liebe Edmund's, Sie ſagen ſich: Wenn jener Mann ſeine Gattin wahrhaft liebte, dann würde er erkennen, wie ſie leidet, und ihren Leiden ein Ziel ſetzen, er würde freiwillig mit ihr ein Land verlaſſen, in dem ſich jede Stunde ihr Gefühl gegen die Abſcheulichkeit empören muß, mit der man zertritt, was Menſchenrecht und Freiheit heißt, dann würde er längſt ſchon für ſie und ſich ein Aſyl geſucht und gefunden haben, fern vom Norden wie vom Süden der Vereinigten Staaten, wo weder der Schrei moraliſcher Entrüſtung des einen hintönt, noch der wilde Kampfesruf des andern!“ Arnau blieb ſtumm; er zuckte die Achſeln. „O Albert“, begann Miſtreß Crawford von neuem mit einer Leidenſchaftlichkeit, welche die ganze Ueber⸗ reiztheit ihres Weſens offenbarte,„wäre Edmund ein . 14 212 Mann, wenn er dieſes gethan und feig um ſeiner Liebe willen ſein Loos von dem ſeiner Brüder und Landsleute getrennt hätte? Was wir Frauen am Manne ſchätzen, was uns nöthigt, bewundernd zu ihm aufzu⸗ blicken, ſind weniger die zarten Regungen ſeines Ge⸗ müthes, als der Muth, die Kraft, die Mannheit, mit denen er kühn die Wirren des Lebens durchſchreitet und an dem feſthält, was er zur Aufgabe ſeines Daſeins gemacht hat. Handelt er nicht aus Ehrgeiz oder Egoismus, mit dem vollen Bewußtſein, einer ſchlechten Sache zu dienen, ſo iſt er nicht verächtlich, wenn auch das, was er energiſch vertritt, ein beklagenswerther, verderblicher Irrwahn ſein mag. Seine Ueberzeugung fällt zu ſeinen Gunſten in die Wagſchale, und er verdient die Bewunderung auch da, wo er fehlt, wo man ſein Thun verdammen muß. Ein ſolcher Nann iſt Edmund. In einem andern Lande wäre er ein Vorkämpfer alles Hohen und Edlen geworden, denn er iſt eine ſtolze, unbeugſame Natur; daß er hier geboren ward, wird ſein Untergang ſein und meiner, denn ich kann ihn nicht aufgeben, Albert, mag kommen, was da wolle! Sie ſehen, mir iſt nicht zu helfen!“ 3 Lucy lächelte wieder, aber in einer eigenthümlichen, faſt krampfhaften Weiſe. Der junge Arzt gab ſich einige Augenblicke einem ernſten Nachſinnen hin. Er fühlte, Lucy's überreizten Zuſtand erwägend, ſich nicht berufen, auf ihre Argumente weiter einzu⸗ gehen, wiewohl er ſie ſchlagend mit eiſerner Logik und vom Standpunkte eines höhern ſittlichen Princips aus hätte entkräften können. Aber ſollte er dieſes anmuthige Weſen noch elender machen, als es ſich ohnehin ſchon fühlte, Lucy noch mehr ihres innern Halts berauben? Er hatte längſt gewahrt, daß die ehedem ſo ſanfte, ruhige, mit klarem Verſtande begabte Dame die Sicher⸗ heit ihres Naturells eingebüßt habe, daß ſie mit bei⸗ nahe fieberhafter Aengſtlichkeit bemüht ſei, ſich ſelber über ihre Empfindungen zu täuſchen, um vor dem Richterſtuhle ihres eigenen Urtheils, ihres Gewiſſens mit ihren von den Verhältniſſen angekränkelten Grund⸗ ſätzen zu beſtehen. Er ſah ein, daß die Stärke eine Frau in ihrem Herzen liege und, wo dieſes rede, die Energie des Wollens und Entſcheidens ſich in Zer⸗ fahrenheit verliere. Und nun er einige Momente nachgedacht, wandte er ſich an die Gattin Crawford's. Lucy“, ſagte er, indem er die Baluſtrade des 16 Luſthäuschens verließ und einen Schritt näher trat, 214 nes betrübt mich, Sie unter ſolchen Umſtänden ver⸗ laſſen zu müſſen.“ Die Angeredete blickte erſtaunt auf. „Verlaſſen? Was heißt das?“ „Ihr Gatte iſt faſt völlig hergeſtellt, wenigſtens bedarf er meines Beiſtandes nicht mehr. Ich kann Ihre Gaſtfreundſchaft nicht länger in Anſpruch nehmen und muß endlich in aller Form das werden, was ich in Wahrheit bin, ein Kriegsgefangener.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich werde den Oberſten Crawford erſuchen, mich nach Charleſton zu meinen gefangenen Kameraden bringen zu laſſen.“ „Wie? Iſt es möglich? Albert, habe ich Sie in irgend einer Weiſe beleidigt?“ „Nicht im geringſten! Sie ſehen, ich ſpreche mein Begehren ruhig und überlegt aus.“ „Unmöglich! Sie können das nicht wünſchen! Wiſſen Sie, was Sie verlangen?“ „Ich weiß es. Die Conföderirten haben die keines⸗ wegs löbliche Gewohnheit, ihre Gefangenen ſchlechter zu behandeln als ihre Hunde, oder richtiger, ihre Neger. Es ſind Tauſende von Unioniſten verhungert, ſoviel ich weiß!“ „Und doch wollten Sie— es kann nicht ſein!“ * — „Ich will nichts vor meinen Kameraden voraus⸗ haben, Lucy. Ich machte mir längſt ein Gewiſſen daraus, daß es geſchehen.“ „Das iſt es nicht, gewiß, das ii es nicht! Hat unſer Geſpräch, mein Bekenntniß— „Was ich Ihnen ſo eben mitgetheilt, wollte ich Ihnen ſchon geſtern ſagen.“ „Sie ſind ſeit einiger Zeit traurig und auch zurück⸗ haltend gegen mich, Albert, ſeien Sie offen!“ „Nun denn, glauben Sie, ich vermöge ein kalter, gelaſſener Beobachter Ihrer Seelenqualen zu ſein?“ „Albert, ich weide durch keinen Blick, keine Silbe mehr verrathen, daß ich leide, aber bleiben Sie! Soll ich den einzigen Freund verlieren, den einzigen Menſchen, dem ich meine geheimſten Wünſche für mein armes Vaterland anvertrauen darf?“ 1 „Das iſt es, Lucy! Und eben deshalb wird es um ſo nothwendiger, daß ich von hier ſcheide!“ „Wie?“ „Haben Sie Ihren Gatten nicht beobachtet?⸗ „Meinen Gatten?“ „Wenn Sie es gethan, ſo muß Ihnen eine Ver⸗ ſtimmung, eine Gereiztheit aufgefallen ſein, die ſich namentlich in letzter Zeit ſeiner bemächtigt hat.“ 216 „Die langſame Heilung ſeiner Wunde macht ihn ungeduldig.“ „Nein, nein! Sie müſſen gewahrt haben, daß er Sie und mich mit lauernden, mißtrauiſchen Blicken beobachtet, weil—“ Lucy erröthete heftig. Ein leiſes Zucken ſpielte um ihre ſchmalen Mundwinkel. „Weil?“ ſtammelte ſie. „Weil wir gewiſſermaßen Landsleute ſind!“ fuhr Arnau gelaſſen fort.„Ich gebe Ihnen mein Wort, daß er überzeugt iſt, Ihr Sinn, Ihr Herz ſei mehr als je der Union zugewandt und auf meine Ver⸗ anlaſſung.“ „Edmund weiß, wie ich niemals aufgehört habe, meine Heimat zu lieben, daß ich die unheilvollen Pläne der Conföderirten nicht billige und das Sklaven⸗ thum verabſcheue.“ „Um ſo mehr wird er erwarten, daß ich Sie gegen ihn beeinfluſſe, die Glut Ihrer Sympathie für den Norden ſchüre, Sie ihm und Ihren hieſigen Verhältniſſen entfremde.“ „Edmund iſt nicht engherzig.“ „Er iſt ein Südländer, und ein ſolcher iſt miß⸗ trauiſch, mag er im Uebrigen noch ſo leichtfertig über das Leben denken. Ich warne Sie, dadurch neue 4 9 217 Foltern auf ſich zu laden, daß Sie anf meinem Ver⸗ bleiben hier beſtehen. Scheiden wir! Ich habe hier ſchöne Tage verlebt, reizende Tage, die Erinnerung daran wird mir ewig bleiben, aber auch herbe, ſorgen⸗ volle Stunden in letzter Zeit. Und nun fühle ich, daß ich mich von hier verbannen muß, vor allem um Ihretwillen. Mißverſtehen Sie mich nicht, Crawford iſt ohne Zweifel in Bezug auf Ihre Ehre über jedem Verdacht erhaben, aber er fürchtet, ich bin deſſen faſt gewiß, über kurz oder lang die Gattin zu ihren Ver⸗ wandten nach dem Norden fliehen zu ſehen, er fürchtet es, zumal Ihre Ehe kinderlos blieb und Sie ſomit eine Feſſel weniger an Ihren Gatten bindet. Doch nicht allein Ihrethalben muß ich fort, Lucy. Seit jener blaſſe, ſchleichende, heimtückiſche Oliver Gaunt als Gaſt auf der Plantage weilt, iſt Crawford gereizter als je!“ Lucy ſeufzte. „Oliver Gaunt iſt der böſe Dämon meines Mannes!“ ſagte ſie, finſter vor ſich hin ſtarrend. „Nun denn“, fuhr Arnau fort,„ſeit Gaunt hier iſt, hat es für mich den Anſchein, als provocire Craw⸗ ford einen Conflict mit mir. Er behandelt ſeine Sklaven härter als ſonſt, als gehe er gefliſſentlich darauf aus, Ihr Gefühl und das meine zu verletzen, er miſcht in 218 gereiztem Tone Dinge in die Unterhaltung, welche er ſonſt ſo delicat war, dem Gefangenen gegenüber nicht zu berühren, er ſpricht mit ſchneidendem, herausfordern⸗ dem Hohne von den Erfolgen der Südſtaaten und läßt kaum merklich durchſchimmern, aber für mich doch ver⸗ ſtändlich genug, daß ich es nur ſeiner Gnade danke, wenn meine Behandlung eine andere iſt als die der übrigen gefangenen Unioniſten. Es kann Ihnen das nicht entgangen ſein, Lucy!“ „Gaunte Einfluß! Edmund würde nicht ſo niennig denken— „Wenn ihn der Andere nicht aufſtachelte. Zugegeben. Was will man aber damit? Eine Veranlaſſung finden, mich fortſchicken zu können. Wähnen Sie, ich vermöge dieſe Demüthigung geduldig zu ertragen? Ich werde den Herren zuvorkommen und gehen!“ „Gaunt bleibt nicht lange, ſo heißt es, und iſt er nur erſt fort, dann ändert mein Einfluß die Stimmung Edmund's. Ich beſchwöre Sie, Albert, laſſen Sie mich dieſem Gaunt, dieſem Elenden gegenüber nicht allein!“ Die junge Frau erhob ihre zarten, weißen Hände mit flehender Geberde gegen den Freund. Da knirſchte in der Nähe des Luſthauſes der Sand des ſich emporſchlängenden Pfades; Schritte ließen ſich vernehmen. —— “ 5 “ 4“ 8 nnnnnennmnnanſnſſnniſiſſſſſſſſſſſſſſſſifſſſſiiiſſſſſſiſiſſſſinſſſſſſint 7 8 9 10 11 412 13 14 15 16 17 18 19