5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und ICeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uyr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8. 3. Caution. ÜUnbekannte Verſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Nl. 50 f. 2 Mk.— Pf. „ 3 7„=„=„„= 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene er defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. asleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eſſonvers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen her Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Die Spionin. Roman 6 4 1 4 aus 3 . 3 der Geſchichte des amerikaniſchen Bürgerkriegs 1 1 von Adolf Schirmer, Verfaſſer von:„Lütt' Hannes,„Familien-Dümon“, „Verſchollen“ ꝛc. Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 3 1869. To the great Nation of the United States of America, especially to the gallant defenders of Liberty and Civilisation this work is respectfully inscribed by the Author. Yorworl. Der Verfaſſer dieſes Werkes hält es für noth⸗ wendig, ſeinen Leſern und Kritikern zu bemerken, daß er im kriegsgeſchichtlichen Theile ſeiner Arbeit den offi⸗ ciellen Records der Waſhingtoner Regierung gewiſſen⸗ haft folgte, vom Nordamerikaniſchen General⸗Conſulate in Wien, wie von amerikaniſchen einflußreichen Freun⸗ den in Herbeiſchaffung des erforderlichen hiſtoriſchen Materials freundlichſt unterſtützt ward, daß er ferner die ausgezeichneten geſchichtlichen Werke der Amerikaner Horace Greeley, Major George Ward Nichols, Richard⸗ ſon ꝛc. benutzte, daß ſchließlich ſeine perſönliche Kennt⸗ niß von Land und Leuten der Union ihn in den Stand geſetzt hat, einen möglichſt getreuen Abriß des Bürger⸗ krieges und der Zuſtände jenſeits des Oceans liefern — 85 3 8 8 88 4—— 4. 8* 8 ⁸„ — 4 —————— VIII zu können. Er fühlt ſich um ſo mehr zu dieſer Er⸗ klärung verpflichtet, als gewiſſe Fabrikanten von Sen⸗ ſations⸗Romanen in ihren Schilderungen des trans⸗ atlantiſchen Conflictes mit einer beiſpielloſen Unkennt⸗ niß der Geſchichte jener Tage und überhaupt der ameri⸗ kaniſchen Geſellſchaft und Zuſtände vorgegangen ſind. Uebrigens muß der Verfaſſer noch hinzufügen, daß er aus leicht begreiflichen Rückſichten gezwungen war, der Heldin und einigen anderen Perſonen ſeines Romans nicht ihre wahren Namen beizulegen. — 4 Erſtes Kapitel. * Der Staat Virginia in der nordamerikaniſchen Union gehört zu denjenigen Ländern, deren Terrainbeſchaffen⸗ heit die größte Mannigfaltigkeit aufweiſt. Der ewige Wogenſchlag des atlantiſchen Oceans hat die Oſtküſte dieſes Staates an zahlloſen Stellen unterwühlt, zer⸗ riſſen, eine Reihe von Buchten, Riffen und Sandbänken geſchaffen, während die großen, von Weſten nuenen das Land durchſchlängelnden Ströme, wie der Potomac, Rappahannock, der York⸗ und Jamesfluß, an ihren Mündungen meilenbreit ſich erweiternd, den Oſttheil Virginiens in rieſige Halbinſeln oder Landzungen ſpalten. Hier dehnen ſich neben den Städten und Plantagen, hart an den Tabak⸗ und Maisfeldern hin, ſumpfige, uungeſunde Niederungen, ſandige Vorgebirge, öde, da Adolf Schirmer, Die Spionin. I. 1 2 und dort in ihrer Einförmigkeit durch niedriges Buſch⸗ werk oder Waldungen von Cypreſſen, immergrünen Eichen und Fichten unterbrochene Haideflächen aus, die einen verwahrloſten Charakter zur Schau tragen. Wohl hundert Meilen landeinwärts, oder mehr noch, iſt Virginien alſo wenig einladend beſchaffen, dann aober beginnt das Reich der Berge, und mit ihm eine wahrhafte Fülle erhabener Naturſchönheiten, die an⸗ muthige Pracht einer verſchwenderiſch ſich entfaltenden Vegetation. Die von Nordoſten nach Südweſten die Mitte des Staates durchlaufenden Höhenzüge der South Mountains, Alleghanies und Blauen Berge, die bald wild romantiſch viertauſend Fuß hoch über der Meeres⸗ fläche ihr nacktes Felsgeſtein aufthürmen, bald in male⸗ riſcher Wellenform die mit üppigem, friſchgrünen Wald⸗ wuchs bedeckten Kämme und Seitenwände dem ent⸗ zückten Blicke enthüllen, find von lieblichen Thälern durchſchnitten, in denen freundliche Städtchen und Dörfer, von Magnolien, Ahorn⸗ und Nußbäumen über⸗ ſchattete und vereinzelt liegende Anſiedlungen, wein⸗ umrankte Farmhäuſer aus einer Schaar blinkender Kornfelder und ſtattlicher Obſtgärten auftauchen, zwi⸗ ſchen denen hindurch ſich hier und dort ein ſilberklarer manchen Strecken von Stadt zu Stadt eine Eiſenbahn Fluß oder Bach windet, die Landſtraße und ſelbſt an 3 zieht. In dieſen geſegneten Thälern kommt die virgi⸗ niſche Plantagenwirthſchaft des Oſtens und Südens nur wenig vor, ward der Negerſclave von jeher ſelten zur Feldarbeit benutzt. Der Weſten des Staates end⸗ lich iſt hügelig und reich an Waldungen, auch hier ſind freundliche, aufſtrebende Städte und bebaute Ländereien, doch harren da noch endloſe Strecken der Segen ſchaf⸗ fenden Cultur. Unſtreitig iſt die Bergregion des mittleren Vir⸗ giniens der anmuthigſte Theil des Staates, die Perle aller Thäler dort aber das Shenandoahthal, deſſ en Boden durch die vielen Kämpfe, welche daſelbſt während des blutigen Bürgerkrieges der Union ausgefochten wurden, eine hiſtoriſche Berühmtheit erlangt hat. Der Leſer folge uns in die Nähe dieſes viele Meilen —ach Südweſten ſich dehnenden, mit Städtchen, Dörfern und Farms überſäeten Thales, das der Sheuandoah der Länge nach durchfließt und im Norden 8 den die Staaten Maryland und Virginia ſcheidenden Po⸗ tomacfluß begrenzt wird. Es war zu Anfang April des Jahres 1863 und der Bürgerkrieg in vollem Gange, als etwa um die dritte Nachmittagsſtunde eine junge Dame am linken Ufer des Potomac auf jenem ſchmalen, beſchwerlichen Wege ritt, der ſich unmittelbar zwiſchen dem Flußufer 1* 4 und den ſteil aufſtrebenden, waldbewachſenen und unter dem Namen Maryland Hights bekannten Bergwänden hinzieht. Dieſe Straße windet ſich um den Fuß der Berge bis zu jenem Thaleinſchnitte, den die Baltimore⸗ Ohio⸗Eiſenbahn durchkreuzt und an deſſen ſüdlicher Seite, hart am Fluſſe und das gegenüber am rechten Ufer gelegene Städtchen Harpers Ferry überragend, die Loudon Hights der Blauen Berge ſich majeſtätiſch erheben. Die junge Dame war ungefähr vierundzwanzig Jahre alt. Sie trug einen einfachen Reiſeanzug von dunkler Farbe, der die ſchlanke Taille knapp umſchloß und ihre üppigen, elaſtiſchen Formen anmuthig hervor⸗ hob. Ein leichter, breitrandiger, mexikaniſcher Hut von ſchwarzem Filz ſaß zierlich und beinahe verwegen auf einem Haupte, das die Phantaſie eines Malers nicht reizender hätte erſinnen können. Die Züge des von glänzendbraunen Haarflechten umrahmten Antlitzes waren geradezu von überraſchend klaſſiſcher Schönheit, aber noch mehr als dieſe imponirte der eigenthümliche Ausdruck von Energie und Feſtigkeit, der ſich in dem Angeſichte der reizenden Erſcheinung wiederſpiegelte. Dieſe Entſchloſſenheit bekundete ſich überhaupt in de ganzen Weſen der Dame, ſie leuchtete aus den blitzen⸗ den dunklen Augen, ſie beſtimmte die graziöſe Haltung 5 der Reiterin, die trotz der verſengenden Sonnengluth ſtraff im Sattel ſaß und mit ihren kleinen, in zierlichen Stulphandſchuhen verborgenen Händen, die zugleich Zügel und Peitſche hielten, das keuchende und ſchäu⸗ mende Roß ſicher lenkte. Den kühnen Charakter der Reiſenden— denn eine ſolche war ſie, wie der rück⸗ wärts an den Sattel geſchnallte Mantelſack und die zu beiden Seiten des Pferdehalſes herabhängenden ledernen Proviantbeutel verriethen— bezeugten auch zur Genüge die blitzenden Revolver, welche im Gürtel der Dame ſteckten und unter dem loſe über die Schultern ge⸗ hängten grauen Plaid recht kriegeriſch hervorſahen. Und Muth gehörte wahrlich dazu, ſich in jener Zeit ohne große Escorte auf Maryland⸗ und Nord⸗Virginia⸗ Gebiet zu wagen, ſelbſt tapfere Männer nahmen An⸗ ſtand, dies allein zu thun, denn obwohl die Unions⸗ truppen zu Anfang April 1863 den nördlichen Theil des Shenandoahthales, ſo wie die ganze Baltimore⸗ Ohio⸗Eiſenbahnlinie beſetzt hielten, ſchwärmten doch da und dort hinter ihrem Rücken kleine Trupps von Guerillabanden der Südſtaatenführer Imboden und Mosby, raubten und ſengten, ſo raſch verſchwindend, wie ſie gekommen waren. Die Reiterin hatte einen Begleiter. Dieſer ritt ebenfalls. Er war ein hagerer, grauköpfiger, aber mus⸗ 6 kulös und abgehärtet ausſehender Mann mit kurzge⸗ ſchnittenem Vollbart und verwitterten, doch unternehmen⸗ den Zügen. Er trug einfache Kleider, hohe Stiefel, einen breitrandigen Hut und war bis an die Zähne bewaffnet. Ein Führer, dem Anſchein nach ein Farmerburſche, ſchritt den Beiden voran, die er durch das Gebirge ge⸗ leitet hatte. Die Dame hielt jetzt ihr Roß an, warf einen prü⸗ fenden Blick über den Fluß hin und rief ſodann den Burſchen zu ſich. „Ihr könnt heimkehren!“ ſagte ſie lächelnd und mit wohlklingender Stimme.„Habt Dank und nehmt dies 83 für Eure Mühe!“ Der junge Maryländer wich abwehrend zurück. Sie griff in eine Taſche und hielt dann dem Burſchen ein Goldſtück hin. „Behalten Sie es, Miß!“ antwortete er lebhaft. „Sie werden das Geld auf Ihrer gefahrvollen Reiſe 1 ſelber brauchen. Ich bin ein Loyaler, wie Sie wiſſen, und freue mich, in Ihnen der Union dienen zu können. Die Union hoch!“* Die Dame ließ das Goldſtück verſchwinden. Sie reichte ihre Hand dem Bauern vom Pferde herab. 4 „Die Union hoch!“ flüſterte ſie bewegt.„Und nun gehabt Euch wohl, mein ehrlicher Burſche!“ 7 Die Reiterin verſetzte ihrem Braunen einen Schlag mit der Gerte und trabte weiter. Ihr grauköpfiger Begleiter nickte dem Burſchen ernſthaft zu und folgte der Dame ebenfalls im Trabe. Der junge Bauer blickte ihr eine Zeitlang nach und verſchwand dann in den Wald, der unmittelbar vom Wege aus die Maryland Hights hinanklettert. Die Dame, ihren berittenen Gefährten zur Linken, wandte ſich einer Pontonbrücke zu, die in geringer Ent⸗ fernung von dem Eiſenbahnbrückenbau über den Fluß auf das Gebiet von Virginia führte. 5* Bevor ſie noch zu jener Brücke gelangten, welche als Erſatz diente für die am vierzehnten Juni 1861 von den Conföderirten zerſtörte, überholten die Reiſen⸗ den einen ſchlicht gekleideten Mann, der das Ausſehen V eines Farmers hatte und ebenfalls der Brücke zuſchritt. „Halloh, Sir“, rief die Dame,„ſind Sie aus Harpers Ferry?“ Der ältliche Landmann blieb ſtehen und prüfte die Fragerin und ihren Gefährten mit mißtrauiſchem Blicke. „Sind Sie für die Union?“ fragte er trocken. „Bin loyal, bis auf den Grund der Seele, Sir!“ antwortete die Dame lachend. „Gut!“ fuhr der Landmann fort.„Ja, ich wohne hier in der Gegend.“ 8 „Generalmajor Milroy ſteht noch unverändert mit ſeiner Diviſion bei Wincheſter?“ „Jcl „Und liegen in Harpers Ferry Truppen?“ „In Harpers Ferry und Dorf Bolivar, auch iſt ein kleines Zeltlager im Pleaſant⸗Thale aufgeſchlagen.“ „Ich ſah es von der Höhe aus. Wer commandirt= die Abtheilung von Harpers Ferry?“ „Brigadegeneral Lovett!“ „General William Lovett?“ fragte die Reiterin haſtig, 4 während ihre Züge einen lebhaft freudigen Ausdruck annahmen. 4 „Ganz richtig“, erwiderte der Farmer,„der General heißt William Lovett. Er ward im vergangenen Jahre 1 ziemlich ſchwer verwundet; die Aerzte riethen ihm, nach Europa zu gehen und ein deutſches Bad zu beſuchen; er that es denn auch und mit dem beſten Erfolg. Erſt ſeit drei Monaten iſt er wieder in der Union, es duldete den braven Soldaten und Patrioten nicht lange fern vom Vaterlande und Kriegsſchauplatze! „Ah“, ſagte die Dame ſinnend,„das iſt alſo der Grund, weshalb ich nichts mehr über ihn vernahm; er war in der That wie ſpurlos verſchwunden! Ich las in einem Armeeberichte von ſeiner Verwundung 6 bei Fair Oaks und ſeiner Beförderung zum Brigadier, 1 9 dann aber blieben weitere Nachrichten über ihn aus, oder auch möglich, ich überſah ſie!“ Die jugendliche Reiterin wendete ſich zu ihrem hageren, ſtoiſchen Begleiter. Sie blickte ihn mit einer gewiſſen Befriedigung an. „Erinnerſt Du Dich nicht des Generals, Onkel?“ fuhr ſie fort.„Bevor er in die Armee trat, lebte er längere Zeit in New York und beſuchte uns häufig, während wir auf unſerem Landſitze am Hudſon wohnten. Er kam faſt immer in Begleitung des jungen deutſchen Arztes, des Doctor Arnau von Brooklyn, und wir nannten die beiden Männer die Unzertrennlichen. Ich glaube, der arme Doctor liebte meine Schweſter Lucy, und wahrhaftig, ich hätte ſie ihm lieber gegönnt, als dem ſchönen aber wilden Edmund Crawford von Char⸗ leston, dem zu Liebe ſie eine„Südſtaatenbaronin«, die Frau eines Pflanzers ward, der jetzt ſo gut ein fana⸗ tiſcher Widerſacher unſerer Union iſt, wie die übrigen Rebellen! Beſinnſt Du Dich noch auf Lovett und den Doctor?“ „Was ſollte ich nicht?“ antwortete der Befragte. „Währte doch mein Beſuch, den ich Deinem Vater vor ſechs Jahren machte, lange genug, beide Männer hin⸗ reichend kennen zu lernen. Ueberdies iſt Lovett ein reicher Mann, nennt in unſerem Pennſylvanien Grund 10 und Boden ſein eigen, ſaß in unſerer Legislatur und zeichnete ſich als wackerer Offizier im Kriege aus, hätte ihn alſo nicht aus den Augen verlieren können! An den jungen Doctor dachte ich freilich ſeit unſerer damaligen Begegnung nicht wieder. Fällt mir übrigens jetzt auch ein, daß ich es in jenen Tagen nicht allein gern geſehen hätte, wäre Lucy die Frau des Doctors geworden, ſondern auch eine gewiſſe Alice Palmer die Gattin des jetzigen Generals!“ Der hagere Reiter blinzelte ſeine ſchöne Gefährtin ernſthaft von der Seite an. Die junge Dame, deren Antlitz von der Sonnen⸗ gluth und Anſtrengung des Rittes geröthet war, lachte hell auf. „Onkel Hugh“, rief ſie,„dazu hätte es freilich nur einer Kleinigkeit bedurft, nämlich, daß Lovett und ich in einander verliebt geweſen wären. Aber dieſe Kleinigkeit blieb aus, ungeachtet der frommen Wünſche eines ſo trefflichen Oheims, wie Du biſt! Doch wahehe fuhr ſie fort, den ſchalkhaften Ton verlaſſend und einen herzlichen anſchlagend,„ich freue mich darauf, unſeren Lovett wiederzuſehen; ich betrachte es obendreift als einen glücklichen Zufall, ja als eine günſtige Vorbe⸗ deutung, daß ich dem lieben Bekannten gerade dort begegne, wo das Gefährliche meines Unternehmens 11 beginnen wird! Sie können mir wohl ſagen, Sir, wo der General ſein Quartier aufgeſchlagen hat?“ Dieſe letzteren Worte waren an den ältlichen Farmer gerichtet, der noch immer neben den Pferden ſtand und die ſeltſamen Reiſenden mit einiger Verwunderung be⸗ trachtete. „Das kann keiner beſſer als ich“, entgegnete der Mann jetzt ohne Zögern,„denn General Lovett iſt in meine Farm einquartiert, gleich hinter der Stadt!“ „Ah, er wohnt bei Ihnen?“ „Ja. Und wenn Sie ihn ſprechen wollen, ſo werden Sie gut thun, ihn bald aufzuſuchen. So viel ich weiß, legt er morgen ſein Commando nieder und begiebt ſich auf Ordre des Höchſtcommandirenden ins Hauptquartier der Potomac⸗Armee. Der Nachfolger des Generals iſt ſchon in Harpers Ferry eingetroffen. General Hooker geht ohne Zweifel bald wieder mit der Armee über den Rappahannock, den Feind bei Fredericksburg an⸗ zugreifen, und dazu braucht er ſeine bewährteſten Offiziere!“ „So iſt es!“ brummte Onkel Hugh, der hagere, graubärtige Reiter.„Aber Hobion.— Hooker iſt nicht mein Mann!“ Die Augen der jungen Dame blitzten lebhaft. „Wir müſſen unſern Reiſemarſch beſchleunigen, 12 Onkel, wollen wir der guten Sache bei Zeiten nützen!“ murmelte ſie. Dann wendete ſie ſich an den Farmer. „Wenn es Ihnen recht iſt, Sir“, fuhr ſie fort,„ſo reiten wir neben Ihnen her und ſuchen den General Lopett ſofort auf. Und noch Eins, könnten wir nicht auch in Ihrer Farm übernachten? Doch was frage ich, Ihr Haus wird mit Leuten überfüllt ſein, die Suite des Generals—“ „Er hat ſeine Adjutanten und Ordonnanzen bereits ſeinem Nachfolger überwieſen“, unterbrach ſie der Farmer, „und nimmt morgen nur noch der Form nach von ſeiner Brigade Abſchied; mein Haus hat wieder Raum genug, jeder Anhänger der untheilbaren Union iſt mir willkommen!“ „Gut, braver Mann, ſo geben Sie uns Quartier!“ lächelte die Dame.„Und nun ſetzen wir uns in Be⸗ wegung, die Frühlingsſonne dieſer Gegenden iſt eine andere, als die von New York!“ Die beiden Reitenden brachten ihre Pferde in einen langſamen Schritt, der ehrliche Landmann ging rüſtig neben ihnen. Sie wandten ſich der Ponton⸗ brücke zu. „Alſo Sie kommen von New York, Miß?“ fragte der Farmer. 8 13 *⁴ „Ich, ja, doch der Onkel kommt von Pittsburg. Bei Hagerstown haben wir die Eiſenbahn verlaſſen.“ „Und ich war im Lager, das Sie von der Anhöhe aus geſehen haben, wie Sie vorhin ſagten!“ bemerkte der Landmann.„Die Seceſſioniſten preßten meinen Einzigen zum Dienſt in der Südarmee, als ſie noch dieſen Landſtrich inne hatten. Aber es gelang meinem Burſchen, mit Lebensgefahr zu deſertiren, und nun dient er im ſiebenundachtzigſten Pennſylvania⸗Regiment das dort im Engpaſſe bivouakirt. Habe ihm heute etwas gebracht“, fügte er ſchmunzelnd hinzu,„was ihm das Zeltleben etwas behaglicher machen wird!“ „Bei Gott“, ſtieß der ernſthafte Onkel Hugh her⸗ vor,„freut mich, auch einmal von loyalen Virginia⸗ Männern zu hören!“ „Hier herum in unſerem Jefferſon County hängt Jeder an der Union und verdammt den Bruderkrieg, Sir“, erwiderte der Farmer,„doch weiter aufwärts im Shenandoahthale iſt das freilich nicht der Fall. Glauben Sie mir aber, daß in der Südarmee Mancher dient, ich rede nicht vom reichen Pflanzer, ſondern vom einfachen Bürger und Landmanne, der lieber heute als morgen das Gewehr an den Nagel hängen würde, hätte er nur nicht für ſich und die Seinen den Haß der jetzt in den Süd⸗ ſtaaten herrſchenden fanatiſchen Kriegspartei zu fürchten!“ 14 „Das iſt gut für uns, Onkel“, murmelte die junge Dame ihrem Begleiter zu,„wir werden ſelbſt mitten unter den Feinden im Nothfalle Freunde finden.“ Onkel Hugh ſtarrte nachdenklich auf den Sattel⸗ knopf ſeines Pferdes, ohne die Bemerkung ſeiner Ge⸗ fährtin zu beantworten. Der Farmer ſchien einige der Worte aufgefangen zu haben, denn während er nun die Pontonbrücke be⸗ trat und das reitende Paar ihm folgte, fragte er plötz⸗ lich:„Sie wollen wohl gar über unſere Vorpoſten hinaus— nach dem Süden?“ „Ja, mein Freund!“ verſetzte die Reiterin und er⸗ gänzte mit einem vielſagenden Blicke auf den Farmer: „Sie werden mich verſtehen, Sir,— im Intereſſe der Union!“ Der Landmann betrachtete die reizende Dame voll Bewunderung. „Wie?“ ſtammelte er.„Höre ich recht—? Ein junges Mädchen und ein alter Mann— 2 „Sie hören recht, mein Braver!“ fiel ihm die Dame lächelnd ins Wort.„Aber dieſes junge Mädchen iſt ſchlau und kühn, und der alte Mann beſitzt Energie und eine eiſerne Natur!“ „Bei Gott“, rief der Farmer betroffen, während Onkel Hugh anſcheinend theilnahmslos ſeitwärts in den 15 glitzernden Fluß ſchaute,„die Töchter und Frauen der NYankees beſitzen mehr Seelenſtärke, als die verweich⸗ lichten Ladies des Südens! Und ſelbſt Ausländerinnen, die ihr Loos an Männer der Union geknüpft haben, zeigen ſich aufopfernder, als dieſe Damen des Südens, die nur dort fanatiſch ſind, wo es keine Gefahr für ſie giebt. Mein Bob, mein Einziger, der in Richmond und Charleston in Garniſon ſtand, hat mir's geſagt. Ja, ja, ſelbſt Ausländerinnen, denn erſt geſtern hörte ich's, wie die junge Frau des Generals Lovett ihren Mann beſchwor, ſie mit ſich nach Falmouth ins Hauptquartier zu nehmen.“ „Wie?“ rief die Reiterin, während Onkel Hugh aufblickte,„General Lovett hat eine Frau?“ Der Farmer nickte. „Freilich“, entgegnete er,„Mr. Lovett iſt verhei⸗ rathet, er hat eine ſchöne junge Frau, ein ſanftes, ſeelengutes Geſchöpf. Ich glaube, ſie ſind kaum fünf Monate erſt vermählt und etwa ſeit einem Vierteljahre in Amerika, denn der General hat ſich ſeine F Fron von Deutſchland mitgebracht.“ „Ah, eine Deutſche—!“ „Ja, Miß, die junge Frau ſpricht aber das Engliſche ſchon mit einiger Geläufigkeit; nun, nun, ein altes Sprichwort ſagt: Die Liebe iſt die beſte Lehrmeiſterin!“ Der Farmer verzog den Mund zu einem breiten Schmunzeln. Die ſchöne Reiterin lachte, während Onkel Hugh ſeine ernſthafte Miene behauptete. „Ja, ja“, bemerkte der Landmann weiter,„eine Deutſche, eine Ausländerin, ich muß aber ehrlich ſagen, der Mr. Lovett hätte, wie mir ſcheint, keine beſſere Wahl treffen können, ich und meine Alte ſind wenigſtens ganz in die junge Frau vernarrt, ſie iſt ſo anſpruchslos und liebenswürdig, daß ſie überall, wohin ſie kommt, ſich alle Herzen gewinnen muß!“ „Das freut mich um Lovett's willen“, verſetzte die Reiterin,„denn er iſt ein edler Mann. Alſo doch ver⸗ heirathet; aus ſeinen früheren Anſchauungen vom Leben ſchließend, hatte ich erwartet, daß er unvermählt bleiben werde! Aber, wie konnte er nur zugeben, daß ſeine junge Frau die Gefahren eines blutigen Krieges mit ihm theile?“ „Ei“, entgegnete der Farmer,„Mrs. Lovett iſt ja erſt ſeit ſechs Tagen hier. Sie kam auf die Nachricht von der Verſetzung des Generals, ſie mußte ihren Gatten doch noch einmal vor ſeiner Abreiſe nach Falmouth und zur Potomac⸗Armee ſehen. Es iſt ein Abſchiedsbeſuch, ein trauriger, wer weiß, vielleicht das letzte Wieder⸗ ſehen! Mancher Brave ging ſchon in den Kampf und kehrte nicht wieder heim!“ 17 „Arme junge Frau! Und ſie reiſte allein durch das ihr wildfremde Land, ihren Mann noch einmal zu um⸗ armen? Wenn er fällt, ſo hat ſie Niemanden, der ihr in einem fremden Erdtheile mit Rath und That zur Seite ſteht?“ „O doch, liebe Miß!“ fiel ihr der Farmer geſchwätzig in's Wort.„Sie kam in Begleitung ihres Bruders hierher, und der ſcheint ein ſehr zuverläſſiger und muthiger junger Mann zu ſein. Mrs. Lovett hatte übrigens nicht gar weit bis hierher, denn ſie wohnt auf einer Beſitzung des Generals, die an der Oſtſeite der South⸗Berge liegt, etwa eine Stunde von Gettysburg in Pennſylvanien, wo Mr. Lovett Eigenthümer der größten Petroleumquelle des Staates iſt. Der Bruder der Generalin, der faſt ſo gut engliſch ſpricht, wie ein Yankee, hat, ſo viel ich weiß, die Aufſicht über die Petroleum⸗Raffinerien und das Gut, da iſt er alſo be⸗ ſtändig in der Nähe der jungen Frau, und dann hat ſie ja auch noch eine Schweſter dort, die mit ihr von Europa nach den Vereinigten Staaten kam.“ „So, ſo! Aber der General ſollte ſeine Frau doch aus jener Gegend entfernen. Iſt es nicht möglich, daß ſüdſtaatliche Truppen, wie es ſchon wiederholt geſchehen, nicht allein bis hierher dringen, ſondern auch einen Einfall in Pennſylvanien machen, und daß alsdann— Adolf Schirmer, Die Spionin. I. 2 —— ——— —— — — 1 4 — „Daſſelbe ſagte der General ſeiner Frau noch geſtern in meine Gegenwart, die muthige Dame jedoch beſtand darauf, in der Nähe des Kriegsſchauplatzes bleiben zu wollen, um ſo raſcher von ihrem Gatten Nachrichten erhalten zu können!“ „Arme junge Frau! Wie manche Gattin durchlebt jetzt ähnliche Flitterwochen!“ murmelte die Reiterin vor ſich hin. Dann fragte ſie:„Der Feind ſteht bei Staunton, nicht wahr? Und unſere Truppen halten noch die Engpäſſe der Blauen Berge beſetzt?“ „So viel ich weiß, ja. Im Shenandoahthale geht von keiner Seite etwas vor, die Signalſtation auf Maryland Hights hat Raſttage, wie Sie ſehen!“ Bei dieſen Worten deutete der Farmer lächelnd hinter ſich auf die Bergſpitze, welche in einer Höhe von tauſend Fuß die Eiſenbahn überragte. Auf jener Höhe blinkte ein Zelt, die Männer, welche ſich dort bewegten, waren kaum wahrnehmbar. Ueberall, wo während des Krieges die Telegraphen⸗ verbindungen geſtört waren, bediente man ſich des Signal⸗Corps. Dieſes hatte ſeine fünf Meilen von einander entfernten und auf den höchſten Punkten des Landes errichteten Stationen. Man correſpondirte durch Flaggen mit einander, die große ſchwarze Zahlen auf weißem Felde trugen. Jede Zahl bedeutete eine Sylbe, ein Wort, oft einen ganzen Satz. In ſolcher Weiſe telegraphirte man die Bewegungen des Feindes. Auf jeder Station befanden ſich zwei Beamte, denen täglich das Nöthige zum Lebensunterhalte hinaufgebracht wurde. Sie hatten ein offenes Zelt und alle Teleſcope, deren ſie bedurften. Am Zelte aber hing, zur Weiſung für etwaige Beſucher dieſer Höhen, eine Warnungstafel mit der Inſchrift: Dom't touch the instruments. Ask no questions.*) Als der Farmer hinter ſich auf die Bergſpitze wies, wendete ſich die Reiterin im Sattel und ließ den feu⸗ rigen Blick zu der Höhe emporſchweifen. „Ja“, ſagte ſie,„dort iſt Alles ruhig. Das wird bald anders werden!“ Nach dieſer Bemerkung trieb ſie ihr Pferd an. Und nun waren die Reiſenden und ihr neuer Führer jenſeits der Brücke, auf Virginia⸗Gebiet. Zur Linken und vor jener Stelle, wo ſich der Shenandoahfluß in den Potomac ergießt, lag Harpers Ferry mit ſeinen dunkeln, alterthümlichen, beinahe orientaliſch blickenden und hart von den Kriegszufällen 3 mitgenommenen Häuſern. Hinter dem Orte, zwiſchen *) Berührt die Inſtrumente nicht. Stellt keine Fragen. 2* 20 dem Shenandoah und Potomac, ragten die bewaldeten Blauen Berge empor, maleriſch nach dem Süden ſich ziehend, den übrigen Theil des lieblichen Panorama's, das ſich vor dem Blicke der Reiſenden ausbreitete, bildete die wellenförmige Thalgegend, die in einiger Entfernung durch die Bolivar⸗Höhen eingefaßt ward. Die landſchaftlichen Reize dieſes Thalgrundes waren bezaubernd. Cottages und Farmerhäuſer, zwiſchen ſtatt⸗ lichen Eichengruppen hervorſchauend, lagen da und dort verſtreut, üppige Wieſen lachten im friſcheſten Grün, durchfurcht von Kornfeldern, auf denen die junge Saat bereits hoch emporgeſchoſſen war, breite Scheunen und Mühlen aus rothem Backſtein ſtan⸗ den an den Feldwegen, und aus den Hügelein⸗ ſchnitten drängten ſich dunkle Nadelgehölzſtreifen in die Ebene hinein. An der Stadt hin und faſt bis zum höher liegenden Dörfchen Bolivar aber ſchimmerten die weißen, luftigen Zeltreihen der Brigade, welche um Harpers Ferry campirte. Und über dieſes anmuthige Geſammtbild ſpannte ſich ein tiefblauer Aether aus, ließ die glühende Sonne ihr Lichtmeer glitzern, die fernen Höhen märchenhaft verklärend. Die Reiſenden kamen jetzt an den Ruinen der großen Gewehrfabrik vorüber, welche Lieutenant Jones am achtzehnten April 1861 im Auftrage der Unions⸗ 21 Regierung in Brand geſteckt, damit Maſchinen⸗ und Waffenvorrath den Rebellen nicht in die Hände falle; ſie warfen einen Blick auf das denkwürdige Maſchinen⸗ haus, in dem der ehrliche John Brown von Canſas gefangen ward, der mit wenigen Getreuen Virginia vom Drucke des Südens befreien wollte und ſein Wagniß mit dem Leben büßte. Dann folgten ſie ihrem Führer durch das von blauen Uniformen wimmelnde Harpers Ferry und näherten ſich endlich, an einem Dutzend freundlicher Landhäuſer vorüberreitend, einer Farm, die, nahe dem blitzenden Shenandoahfluſſe, von Garten und Feld umgrenzt, im Angeſichte des Zeltlagers und auf niedrigem Hügelkamme ſo recht inmitten der reizenden Gegend lag. Der alte Virginier deutete auf das hübſche Haus. „Hier wohne ich“, ſagte er lächelnd,„und dort haben Sie auch gleich den General Lovett und ſeine kleine Geſellſchaft!“ Die Reiterin und Onkel Hugh blickten neugierig nach der Farm hin. —ÿy——— — ᷣ— —— Zweites Kapitel. Unter den Hickorybäumen, welche die Vorderſeite des Hauſes beſchatteten, ſtanden drei Perſonen bei⸗ ſammen, zwei Herren und eine Dame, alle Drei gleich ausgezeichnet durch intereſſante Erſcheinung und vor⸗ nehme Haltung. Der Herr, welcher die ſchlichte blaue Uniform trug, deren beſternte Achſelklappen allein den hohen Rang des Offiziers bekundeten, hatte in ſeinem Aeußeren den echten Typus jener Nankees, in deren Adern das Blut der normänniſchen Race fließt. Er war lang und mager, etwas ſchmal in den Schultern, aber man ſah ſeinem Körper an, daß dieſer wie geſchaffen ſei, mit Anſtrengung ſpielend zu ertragen. In den großen 23 Städten der Vereinigten Staaten, namentlich in denen des Nordens, iſt das Leben eines Mannes ein beſtän⸗ diger Wettkampf, ein raſtloſes Jagen nach jenem Ziele, das die ganze, ſo bunt zuſammengewürfelte Nation ſich vorgeſteckt hat. Und dieſes Ziel iſt: reich, coloſſal reich zu ſein! Man glaube übrigens nicht, daß dieſer leiden⸗ ſchaftliche Trieb, ſo viele Dollars als nur möglich zu erwerben, oder wie der NYankee ſagt to make money, ausſchließlich niederen Gelüſten entſpringt. Der Be⸗ wohner der Nordſtaaten iſt ſchon frühzeitig politiſch gebildet, mit Allem vertraut, was ſein Land und deſſen Inſtitutionen betrifft, ſein Sinn ſteht deshalb ſchon als Jüngling darnach, politiſchen Einfluß zu gewinnen, und das kann er erſt im vollen Umfange des Wortes, wenn er ein„gemachter Mann“ iſt, denn er weiß, daß ihm„money“ in allen Verhältniſſen des Lebens vor ſeinen Mitmenſchen einen bedeutenden Vorſprung gibt. Er ſpeculirt daher ſchon in einem Alter, in dem ſich die jungen Leute Europa's noch nicht die Kinderſchuhe vertreten haben und Alles unſchlüſſig erfaſſen; er be⸗ rechnet alle Chancen, läßt ſich durch kein Hinderniß abſchrecken und gelangt endlich dorthin, wo er ſein will. Für das practiſche Leben trainirt, wie das Renn⸗ pferd für den Turf, hat er frühzeitig eine ſtählerne Willenskraft und zähe Ausdauer erlangt, weiß er ſeine ———;——— Eigenſchaften und ſeine Zeit auszunützen. Daß ihn dabei nicht Habgier geleitet, beweiſt er, wenn er reich geworden, denn alsdann dient er unentgeltlich der Union mit derſelben Energie, die er entwickelte, ſich ein Vermögen zu erwerben, ja, er iſt dann ſogar fähig, für patriotiſche Zwecke Millionen zu opfern. Und ein ſolcher echter Nankee war der Brigadegeneral Lovett. Der Sohn eines armen Hinterwäldlers von Kentucky hatte er ſich durch ein Leben voll Entſagungen geſchlagen und zum reichen Manne aufgeſchwungen. Die Kämpfe, welche er auf ſeiner wechſelvollen Laufbahn überſtanden, hatten freilich in ſeinem feingeformten wettergebräunten Antlitze Spuren zrückgelaſſen; kaum vierunddreißig Jahre alt glich er doch jetzt einem Vierziger, der kurzge⸗ ſchnittene blonde Vollbart und das dünne Haupthaar zeigten da und dort bereits einige Silberfäden, doch leuchtete dagegen von der hohen, geiſtvollen Stirn und aus den großen dunkelgrauen Augen eine jugendliche Energie. Und eben ſo wenig hatten das auf das Ge⸗ müthsleben zerſetzend wirkende egoiſtiſche Treiben der Welt und manche bittere Erfahrungen es vermocht, den Fond von Herzensgüte und Edelſinn abzuſchwächen, mit dem William Lovett einſt aus der primitiven Hütte der Eltern geſchieden war. Die junge Dame neben ihm, Lovett's Gattin, 25 ſchmiegte ſich an die Bruſt ihres Mannes, der in dieſem Augenblicke ernſt und träumeriſch zu der ſich am Fuße des Hügels ausbreitenden luftigen Zeltſtadt der Sol⸗ daten hinüberſchaute. Die junge Frau glich einer lieb⸗ lichen Heiligen. Entſagung und Zuverſicht, Hingebung und Charakterſtärke traten aus den Zügen dieſes zarten poeſievollen Antlitzes hervor, und in den zum Ange⸗ ſichte ihres Gatten ſchwärmeriſch aufgeſchlagenen Augen ſchimmerte nicht allein die ganze Liebesfülle eines treu⸗ ergebenen Herzens, ſondern auch das feſte Gottvertrauen einer ſtarken Seele. Selbſt in der hingebenden Haltung ihres ſchlanken Körpers, den ein perlgraues Seidenkleid züchtig umfloß, lag jene Sicherheit, welche allen den weiblichen Naturen eigen iſt, die an ihrer unwandelbar reinen Denkungsart einen ſicheren Halt in trüben Tagen wie im Glücke beſitzen. Der junge Mann, welcher mit über die Bruſt ge⸗ kreuzten Armen neben dem Paare ſtand, trug keine Uniform, ſondern die derbe, aus ſogenanntem Haus⸗ geſpinnſt verfertigte Kleidung eines backwoodsman*) und einen breitkrämpigen Farmerhut. Seine ariſtokra⸗ tiſchen Züge und feinen Hände contraſtirten eigen⸗ thümlich zu dieſer ſchlichten urwüchſigen Tracht, die *) Hinterwäldler. — ———— ihm gleichwohl recht gut ließ. Es bedurfte keiner großen Menſchenkenntniß um zu errathen, daß dieſer ſchlanke junge Mann, dem ſich das lange kaſtanien⸗ braune Lockenhaar anmuthig um Schläfen und Nacken kräuſelte, und deſſen ſchönes und ſtolzes, etwas blaſſes Antlitz jetzt der Ausdruck einer ſanften Schwermuth durchgeiſtigte, in vornehmeren Lebensverhältniſſen müſſe aufgewachſen ſein, als die Exiſtenz eines Farmers mit ſich bringt. Der zierlich gedrehte Schnurrbart, der ſeine Lippen beſchattete, und die Eleganz ſeiner Haltung deuteten darauf hin, daß der als Bauer Gekleidete, ſich ſelber unbewußt, noch nicht ganz jenes weltmänniſchen Dandythums ſich entſchlagen habe, das würdig zu repräſentiren europäiſche Kavaliere meiſtens als ihre Hauptlebensaufgabe betrachten. 1 Der ſoeben Geſchilderte dieſer kleinen Gruppe war der Erſte, welcher die ſich der Farm Nähernden ge⸗ wahrte. Er flüſterte Lovett und deſſen Gattin einige Worte zu; auch das Paar wandte jetzt den Blick auf⸗ merkſam nach den Ankömmlingen hin. Die ſchöne Reiterin und Onkel Hugh hatten einige Sekunden lang, die Gruppe vor dem Hauſe betrachtend, ihre Pferde angehalten. Nun aber ſprengte die Dame ihren Begleitern die wenigen Schritte bis zur Farm voran und zu den Hickories, ſchwang ſich aus dem 27 Sattel und trat, ihren Gaul am Zügel haltend, grüßend zu den Dreien. „Ich muß mich ſelber vorſtallene ſagte ſie, indem ſie den Offizier der Unionsarmee lächelnd anblickte, naber ich kann dies um ſo ungezwungener thun, als ich die Vorrechte einer alten Bekanntſchaft geltend machen darf. Ich hoffe, der General Lovett hat nicht die Familie Palmer von New York vergeſſen!“ Die junge Gattin des Angeredeten hatte bei der Annäherung der Fremden ihr Haupt von der Bruſt ihres Mannes entfernt und ſtrich ſich das goldige, röthlich blonde Haar von der Stirn, die Reiterin be⸗ trachtend. Lovett aber trat dieſer freudig überraſcht und lächelnd entgegen. „Sehe ich recht?⸗ rief er, ihr die Hand drückend. „Miß Alice Palmer! Welch unverhofftes Glück!“ Onkel Hugh war inzwiſchen ebenfalls herangekommen. Er ſtieg für ſeine Jahre ungewöhnlich behend vom Pferde ab, überließ es dem alten Virginier, der einen vor der nahen Scheune erſchienenen Burſchen heran⸗ winkte, ihm beide Roſſe übergab und dann mit dem die Pferde führenden Burſchen zum Stalle ſchritt, ſeinen alten Gäſten wie den neuen bei ihrer erſten Begegnung nicht etwa ein ſtörender Zeuge zu ſein. —— — — ꝗMv3Y˖ Während das Vorſtehende geſchah, trat Onkel Hugh zu ſeiner Nichte, die noch mit Lovett freudige Be⸗ grüßungen austauſchte. „Weiß der Himmel“, rief dieſer,„ich habe es oft⸗ mals beklagt, daß es mir durch ſechs lange Jahre nicht vergönnt ward, Sie und Ihre mir ſo theuren Ange⸗ hörigen wiederzuſehen. Der unglückliche Bürgerkrieg hat auch in den letzten Jahren ſein Theil dazu bei⸗ getragen. Doch wahrlich, Alice, Ihnen hier zu begegnen, hier, das hätte ich nicht erwartet! Und wahrhaftig“, fune er fort, den herantretenden graubärtigen Reiter muſternd, der ſo feſt und zuverſichtlich blickte, wie nur eine trotzige Natur zu blicken vermag,„ich ſollte auch dieſen Herrn kennen, mir iſt als ob—“ „Onkel Hugh Morgan von Pittsburg in Pennſyl⸗ vania!“ fiel ihm Alice ins Wort. „Bei Gott, er iſt's!“ ſtieß Lovett lebhaft hervor, dem Onkel die Hand entgegenſtreckend.„Willkommen, herzlich willkommen!“ „Freut mich, General, freut mich!“ entgegnete Onkel Hugh im tiefſten Baß, indem er die dargebotene Hand herzhaft ſchüttelte, ohne jedoch durch die geringſte Muskel⸗ bewegung die ernſte Miene zu verändern, welche ſeinen markigen Zügen beſtändig den Ausdruck eines alten Eiſenfreſſers gab. —— — 29 Lovett machte die Damen mit einander bekannt. „Mrs. Lovett iſt eine Deutſche“, ſagte er lächelnd, „doch meine Agnes hängt voll Begeiſterung an der Union, deren Bürger für Freiheit und Menſchenrecht mit ihrem letzten Blutstropfen einſtehen!“ „So ſind Sie uns doppelt willkommen!“ rief Alice, trat haſtig an die erröthende junge Frau heran und küßte ſie ohne Zögern.„Ihr Gatte war einſt der werthe Freund unſeres Hauſes, auch wir werden Freundinnen werden, ich zweifle nicht daran! Ließe uns das Schickſal unſerer Union nur Zeit für weichere Regungen des Herzens! Wir Frauen und Mädchen der Nordſtaaten haben in dieſer heiligen Sache unſeres Vater⸗ landes ebenſowohl unſere Pflicht zu erfüllen, wie die Männer, und ich, vom guten Onkel Hugh unterſtützt“ fügte ſie lächelnd hinzu,„bin auf dem beſten Wege, dieſes zu thun!“ „In der That, Miß', bemerkte Lovett ſcherzend, „Sie ſind bewaffnet, als wären Sie ausgezogen, in unſerer Armee ein Commando zu übernehmen!“ „Fürchten Sie nichts, General“, verſetzte Alice in demſelben Tone,„ich bin nicht gekommen, Sie aus Ihrer Stellung zu verdrängen, oder Ihre Tapferkeit in Schatten zu ſtellen. Und doch erfordert, was ich zu unternehmen mich anſchicke, vielleicht größeren Muth, — — —— — 5— ꝗ ꝗᷣʒq~—62˙——— als ein entſchloſſenes Mädchen beſitzen mag! Wer darf es übrigens wagen“, fuhr ſie fort,„uns das ſchwache Geſchlecht zu nennen, wo es ſich darum handelt, einer ſchweren Prüfung ſich zu unterziehen? Es gehört mehr Muth dazu, Selbſtverleugnung zu üben, als ſich in das Gewühl der Schlacht zu ſtürzen. Der alte Virginier, der mich hierher brachte, hat mir geſagt, Mrs. Lovett, daß Sie ſich morgen von Ihrem Gatten werden trennen müſſen; auch ich habe einen Vater verlaſſen, den ich heiß liebe, der, ſeit meine Schweſter Lucy nach dem Süden heirathete, nur auf mein Herz angewieſen iſt, und mich dennoch voll Begeiſterung ziehen ließ, einen Vater, den mit Liebe und Sorgfalt zu umgeben ſtets mein höchſtes Glück war, und den ich vielleicht niemals 1 wiederſehe, wir beide alſo, meine liebe junge Frau, müſſen die Nähe des Theuerſten meiden, das wir be⸗ ſitzen, weil es das Vaterland ſo fordert. Und nicht wahr, wir werden nicht verzagen, wenn es gilt, uns zu bewähren? Wir werden nicht den Männern an Patriotismus und Opfermuth nachſtehen?“ Alice drückte der Mrs. Lovett theilnahmsvoll die Hand. Die Augen der jungen Frau füllten ſich mit Thränen Dennoch antwortete ſie ſofort in feſtem, wohlklin⸗ genden Ton, der ihre fremdländiſche Ausſprache des 31 Engliſchen gar lieblich erſcheinen ließ:„Nein, was ſein muß, das möge geſchehen!“ „Doch General“, fuhr Alice fort,„Sie dürfen Ihre Frau nicht in der Nähe Gettysburg's laſſen!“ „Was kann ich thun?“ verſetzte Lovett.„Sie will dort bleiben! Ich habe einen Troſt, ihr Bruder wird ſie beſchützen und ſie, wenn nöthig, nach dem Norden begleiten. Mein Schwager ſteht mit ſeinem Leben für ſie ein!“ Er deutete bei dieſen Worten auf den jungen Mann, der, augenſcheinlich von Bewunderung für die ſchöne Reiterin erfüllt, einige Schritte von den Redenden ent⸗ fernt ſtehen geblieben war. „Mein Schwager Richard Erlenbach!“ ergänzte Lovett, zu den Ankömmlingen gewendet, und fügte lächelnd hinzu:„Baron Erlenbach würde ich ſagen, hätte ein Baronstitel in unſerer Republik nur irgend welchen Werth! Uebrigens“, ſchloß er ernſt,„hat Richard den Baron von ſich geworfen, um in der Union ein freier Bürger zu ſein, der nur ſich ſelber Alles verdankt, und nicht verrotteten Vorurtheilen.“ „Ich hoffe das zu werden!“ bekräftigte Richard mit freudig männlichem Stolz. „Gut, Sir, ſehr gut!“ brummte Onkel Hugh, in⸗ deſſen Alice mit Intereſſe den jungen Mann betrachtete. „Doch vergebt, Mrs. Lovett“, fuhr er fort,„daß wir — —— ——————— — ————————— es uns hier bequem machen, bis unſer Wirth uns ein Quartier anweiſt. War ein langer, beſchwerlicher Ritt durchs Gebirge, eine Sonnengluth, der Teufel ſelber hätt' drinnen den Pelz warm bekommen. Wir ſind wie geröſtete Kaſtanien!“ Während er ſo ſprach, ſchritt er zu einem ſchweren eichenen Tiſche, der im Schatten der Hickorybäume an der Mauer des Hauſes ſtand, zog die Piſtolen aus dem Gürtel, ſchnallte den Degen los, legte alles dort hin und warf die Handſchuhe und den breitrandigen Hut darauf. Dann zog er einen der plump geſchnitzten Eichenſtühle, die dort ebenfalls ſtanden, zu ſich heran und ließ ſich darauf nieder, mit bedächtiger Würde die mit den hohen Reiterſtiefeln bekleideten Beine von ſich ſtreckend, während er mit der Hand über das kurz⸗ geſchorene Haar und den kahlen Scheitel fuhr. Richard wandte ſich raſch, rückte dienſtfertig für Alice einen der Stühle näher und nahm ihr Plaid und Reitgerte ab. „Ihr Ritt hat lange gewährt?“ fragte er. „Wir ſtiegen in der Dämmerung zu Pferde und hielten nur um Mittag Raſt!“ antwortete Alice lächelnd, indem ſie ſich ſetzte.„Wir mußten auf Umwegen reiten, denn in Maryland machte allerlei ſüdſtaatliches Raub⸗ geſindel die Landſtraßen unſicher.“ „Wahrhaftig, Alice“, bemerkte Lovett,„Sie müſſen etwas ganz Beſonderes im Schilde führen, daß Sie ſich bis in dieſe Gegend gewagt haben!“ Alice ſtützte das Haupt mit nachläſſiger Grazie und antwortete ruhig:„Ich werde mich noch weiter wagen, General!“ „Und Ihr Vater ließ das zu?“ „Er ſegnete ſogar mein Vorhaben! Wohin glauben Sie, daß ich mich begab, als ich vor vierzehn Tagen von New⸗York abreiſte? „Wie kann ich das errathen?“ „Nach Waſhington, Sir, zum Sitze der Regie⸗ rung!“ „Nach Waſhington?“ riefen Richard und die Lovett's zugleich. „Ich hatte Audienzen bei Lincoln, Seward und Stanton. Und jetzt trage ich Papiere, Informationen vom Präſidenten und Kriegsminiſter bei mir.“ „Wie?“ rief Lovett betroffen.„Als was ſehe ich Sie denn hier?“ Alice wies lachend ihre Perlenzähne. „Wenn Sie es denn wiſſen wollen, General“, ver⸗ ſetzte ſie kaltblütig,„als Spionin der Union!“ Lopett, ſeine Frau und ihr Bruder ſtießen einen Ausruf des Erſtaunens hervor. Adolf Schirmer, Die Spionin. I. 3 34 „Das iſt ja ganz unerhört!“ ließ ſich dann der Erſtere vernehmen. „Und doch die ſchlichte Wahrheit“, warf Alice ge⸗ laſſen hin.„Onkel Hugh kann es mir bezeugen!“ Mr. Morgan nickte zuſtimmend. „Und wie reifte der Entſchluß in Ihnen, eine ſo gefährliche Miſſion anzutreten?“ fragte Lovett. „Wir wohnten in unſerem Stadthauſe, in der fünften Avenue“ verſetzte Alice,„denn vor Ende Mai giebt es ja für uns New Yorker kein Landleben. Meine Freundinnen, Georgina Truebridge, Aggie Fendall und einige andere junge Damen pflegten ſich täglich in meinem Parlor zu verſammeln, wir hatten gewiſſer⸗ maßen einen politiſchen Damenclub gebildet, der gegen die copperheads*) und demokratiſchen Ladies unſerer Geſellſchaftskreiſe energiſch Front machte, Unterſtützungs⸗ beiträge für mittelloſe verwundete Soldaten ſammelte, Negerſchulen protegirte, und überall für die republika⸗ niſche Sache Propaganda machte. Eines Tages ſaßen wir wieder beiſammen und zupften Charpie für Laza⸗ rethe, da kam Capitän Conway, ein verwundeter Offizier von der elften New Yorker Artillerie⸗Brigade und brachte uns betrübende Nachrichten vom Kriegsſchauplatze. Er 35 ſagte, daß die Sache der Vereinigten Staaten im Felde beſſer ſtehen würde, wäre es unſeren Generälen nur möglich, eben ſo zuverläſſige Spione aufzutreiben, wie ſie der Süden beſitze. Dieſe Worte gaben uns zu denken, und als Capitän Conway uns verlaſſen, war ich mit mir im Klaren. Und ſofort ſetzte ich die Freundinnen von dem in Kenntniß, was über mich wie eine Ein⸗ gebung des Himmels gekommen war. Eine Dame aus unſerem Club ſollte ſich der Regierung zur Verfügung ſtellen und Spionsdienſte verrichten, ſo lautete mein Plan. Wie, rief ich, wiſſen wir nicht aus der Ge⸗ ſchichte, daß Napoleon überall bei ſeinen Feinden be⸗ ſoldete weibliche Spione hatte, die als vornehme Damen aauftraten, die Einflußreichſten der Gegner zu ſich heran⸗ zogen und unter der Maske der Harmloſigkeit Alles auszukundſchaften wußten, was dem ehrgeizigen Eroberer zu wiſſen nützlich war? Jene Weiber waren verächtlich, denn ſie dienten der Tyrannei um ſchnöden Sold, ſie zögerten nicht, zu den niedrigſten unehrenhafteſten Mitteln zu greifen, um ein Geheimniß erhaſchen und 3 rapportiren zu können. Wie aber, wenn unter uns ein Mädchen erſtünde, vom reinſten Patriotismus beſeelt, egeiſtert der heiligen Sache des Vaterlandes zu dienen? 4 8 Meine Freundinnen, wir alle ſind ehrenhaft und unbe⸗ ſcholten, ſind die Töchter der reichſten Bürger der Union⸗ 3* wer ſoll es wagen, einen unwürdigen Verdacht auf Diejenige von uns zu ſchleudern, welche ſich uneigen⸗ nützig dem Vaterlande weiht, und auch im Lager der Feinde eher zu ſterben wiſſen würde, als daß ſie zu Mitteln griffe, vor denen ſie erröthen müßte? Eine Judith wird keine von uns ſein wollen; als eine Jeanne d'Arc in die Reihen der Krieger zu treten, könnte zu nichts frommen, denn die Zeiten des Aberglaubens be⸗ ſtehen nicht mehr. Aber für die Freiheit, die gerechte Sache unſerer Nation als Märtyrin einzuſtehen, ſelbſt auf die Gefahr hin, von der Menge für alle Zeit ver⸗ kannt zu werden, wer von Euch könnte ſich weigern, dies zu thun? Ich gewiß nicht, und Ihr wißt, wie ich von Mädchenwürde denke. Ich, die ich Euch den Vorſchlag mache, ich ſelber biete mich an, doch will ich Euch nicht vorgreifen, denn mich leitet nicht der blinde Fanatismus des Ehrgeizes. Wer von Euch ſich berufen fühlt zu wagen, was ich zu wagen bereit bin, möge ſich melden, dann laßt uns entſcheiden, welche aus unſerer Mitte am würdigſten iſt, der Union zu dienen!“ Alice ſchwieg einen Augenblick, Richard und Agnes verharrten lautlos, die ſchöne Sprecherin bewundernd. „Und wie ward der Vorſchlag aufgenommen?“ rief Lovett lebhaft nach kurzer Pauſe. „Mit allgemeinem Jubel“, fuhr Alice fort, deren “ 37 Augen freudig blitzten.„Keine ſchloß ſich von der Wahl aus!“ „Gott ſegne die Jungfrauen unſeres Nordens!“ ſagte Lovett tief bewegt.„So lange noch die künftigen Mütter unſeres Landes ſo patriotiſch fühlen, ſo lange wird unſer Volk das Sternenbanner der Union hoch halten!“ „Und Gott möge den verdammen“, brummte Onkel Hugh,„der den Nankeemädchen Uebles nachzureden wagt, wenn ſie frei und ſelbſtſtändig denken und ſich für Höheres begeiſtern, als Flitter und Narrentand!“ Alice lächelte und reichte dem derben Graubarte die Hand. „Wie aber ward denn gewählt, wenn alle Damen bereit waren?“ fragte die junge Deutſche geſpannt. „Durch das Loos“, erwiderte Alice.„Und das Loos traf mich, die Antragſtellerin. War das ein Zufall? Ich kann es nicht ſo nennen, möge man mich auch eine Schwärmerin heißen!“ „Bei Gott, ſie hat Recht!“ murmelte Lovett. „Noch in derſelben Stunde“, erzählte Alice weiter, „trat ich vor den Vater und enthüllte ihm mein Vorhaben. Sie kennen meinen Vater, Lovett, er iſt, trotz ſeiner fünfzig Jahre, ein Mann von leicht erregbarem Gemüth und idealer Weltanſchauung. Ich hatte auf ſeinen —— ͦ[—õ ——— — — —— ————— ———— 38 erhabenen Sinn und ſeinen Patriotismus gezählt, und ich verrechnete mich nicht. Seine Einwürfe waren ſchwach, und als er meine Feſtigkeit ſah, da umarmte er mich weinend und ſegnete mich. Er rüſtete mich mit Allem aus, aber er band mir auf die Seele, mir einen treuen, muthigen Begleiter zu ſuchen, deſſen Alter und Stellung mich vor Verläumdung ſchütze. Und ich ſuchte und hatte bald gefunden, wußte ich doch im Voraus, daß der ehrliche Onkel Hugh die Nichte Alice nicht im Stiche laſſen würde!“ „Iſt ein Wettermädchen“, ließ ſich zur Seite der alte Graubart beinahe polternd vernehmen,„ſchrieb mir vor ein paar Wochen, was ſie vorhabe, daß ihr dazu ein verläßlicher Gefährte erwünſcht ſein werde, und wie der Onkel Hugh gerade der rechte Mann dafür ſei, falls er noch die alte Denkungsart, den alten Unter⸗ nehmungsgeiſt beſitzen ſollte. Nun, der Schelm dort kannte mich nur zu gut, wußte freilich, wie ſie's noch ſoeben bekannt hat, daß ich anbeißen würde, wie der Fiſch an die Angel, und da fand ich mich denn ohne viel Federleſens zum beſtimmten Rendezvous in Harris⸗ burg ein; ich will verdammt ſein, wenn die determinirte kleine Hexe nicht ſonſt das Wagſtück mutterſeelenallein unternommen hätte, und das konnte ich doch wahr⸗ haftig nicht zugeben,— fand mich alſo ein, und— und 39 ich hoffe, wir werden unſer Beſtes aus der Sache machen!“ „Erſtaunlich!“ rief Lovett.„Aber Sie ſagten vor⸗ hin, Alice, daß Sie bei Lincoln waren, wie nahm Old Abe*) Sie und Ihre Abſicht auf?“ „Als ich nach Waſhington kam, nur in Begleitung eines alten treuen Negers, den ich ſpäter zurückſandte, da fand ich die Bundeshauptſtadt voll von Uniformen. Ich erhielt nur ſchwer eine Unterkunft, in den Häuſern wie auf den Gaſſen herrſchte ein wirres Treiben, ein buntſcheckiges Durcheinander. Repräſentanten, Flücht⸗ linge, Milizen, entſprungene Neger, Staatsbeamte, hohe Militärs, Bittſteller, Weiber und Kinder, das Alles wühlte hin und her im raſtlos wogenden Menſchen⸗ ſtrome, vom Tagesanbruch bis tief in die Nacht hinein, und durchziehende Truppen mit Geſchütz und Munitions⸗ wagen, auf den Wällen hämmernde und ſägende Feſtungs⸗ arbeiter, unter Trommelwirbel und Hörnerklang zu Feldübungen ausrückende Rekruten machten den Lärm und die Verwirrung noch größer. Mit Anſtrengung gelangte ich zum Weißen Hauſe, um mich bei dem Präſidenten melden zu laſſen. Ich fand die Thür ſeines Vorzimmers vollſtändig belagert; da waren dis⸗ *) Lincoln ward meiſtens vom Volke Old Abe genannt, Alter Abe. Abe iſt eine Abkürzung von Abraham. — ꝗ—— 40 ponible Officiere, die Verwendung ſuchten, Damen in Trauer, die gekommen, in ihrer hülfloſen Lage den Präſidenten um Beiſtand zu bitten, angſterfüllte Greiſe, welche Auskunft über die vor dem Feinde ſtehenden Söhne begehrten, Weiber eingefangener und zum Tode verurtheilter Deſerteure der Unionsarmee, in Thränen zerfließende arme Geſchöpfe, die, den Säugling auf dem Arme, die Gnade des gutherzigen Lincoln erflehen wollten, und dazwiſchen wanderten Beamte mit Regiſtern, rapportirende Adjutanten, Depeſchen bringende und holende Telegraphendiener und der Himmel weiß was alles für Leute aus und ein. Man ſchickte mich mit meinen New Yorker Empfehlungen nach einem Bureau, wo ich endlich in die Liſte der Audienzſucher für den drittfolgenden Tag eingetragen ward. Ich erſchien um die beſtimmte Stunde wieder im Weißen Hauſe und ward endlich in das Kabinet Lincolns geſchoben. Nie⸗ mals werde ich jenen Augenblick vergeſſen, mein Herz ſchlug hörbar. Ich befand mich in einem mittelgroßen, einfach ausgeſtatteten Gemache und blieb neben der Thür ſtehen. An einem Schreibtiſche, in der Nähe des Fenſters, ſaß ein hagerer, aber ſtarkknochiger und breit⸗ ſchulteriger Mann vornübergebeugt und ſchrieb. Seine Feder raſte blitzſchnell über das Papier hinweg; nun warf er ſie hin, lehnte ſich in den Armſtuhl zurück, — 41 ſchob eines ſeiner langen Beine über die Stuhllehne, fuhr mit einer ſeiner gigantiſchen, knochigen Hände über die hohe Stirn und das ſchwarze, ſtruppige Haar und ſeufzte leiſe. Er glaubte augenſcheinlich, allein zu ſein. Ich wagte nicht, mich dem ſorgenvollen, über⸗ bürdeten Manne bemerkbar zu machen, deſſen Rieſen⸗ natur ohne Zweifel in dieſem Momente eine unüber⸗ windliche Abſpannung beherrſchte, es erſchien mir eine Grauſamkeit, jetzt den Mann zu ſtören, der Tag und Nacht ein Leben voll fabelhafter Aufregung führte, ein Leben unſäglicher Arbeit und Verantwortlichkeit. Aber ich war wie an die Schwelle gebannt und meine Augen blieben wie verzaubert auf das faltige, wettergebräunte Antlitz Lincolns gerichtet, auf dieſes unſchöne und doch ſo bedeutende Angeſicht mit der leichtgebogenen Naſe, den zugleich Milde und Energie verrathenden Mund⸗ winkeln und der herrlichen Götterſtirne. Welche Ge⸗ danken mochten hinter dieſer eckigen, wie aus Marmor gemeißelten Stirn jetzt arbeiten? Lincoln hatte geſeufzt, fühlte dieſer ſonſt ſo ſtarke, ſtoiſche Mann, der unge⸗ achtet der heftigſten Anfeindungen von mancher Seite trotz der Mißerfolge, welche den Norden getroffen, das Staatsruder feſt und ſicher lenkte, einen Moment der Entmuthigung, zweifelte er einen Augenblick an der glücklichen Löſung der ungeheuren Aufgabe, die er ſich geſtellt? Blickte er, der ſeine Nation, ſein Vaterland, die Freiheit liebte, wie Keiner ſonſt, düſter und ahnungs⸗ ſchwer in die Zukunft? Wenn dieſer Mann da vor mir, deſſen Leben das eines ehrlichen Mannes und deſſen Thun der herrlichſte, erhabenſte, gewiſſenhafteſte Aus⸗ druck eines redlichen Volkswillens iſt, ſich entmuthigt vor einem unſeligen Verhängniß beugen, vom Schau⸗ platze abtreten ſollte, was würde dann aus unſerer Union werden? ſo ſagte ich mir, und unwillkürlich mußte auch ich laut ſeufzen. Da wandte Lincoln das Haupt, zwei große, glanzerfüllte, dunkelgraue Augen blickten mich an, ſo wunderſam und mild, daß ich bis in's Herz hinein erbebte. Und wie ich ſo tief bewegt daſtand, ſchnellte der Präſident das Bein von der Stuhl⸗ lehne, erhob ſich zu ſeiner ganzen erſtaunlichen Länge und ſtotterte mit weicher, klangvoller Stimme einige Worte der Entſchuldigung. Dann trat er in ſchlottern⸗ der Haltung, das Haupt ein wenig vornübergeneigt, die Hände auf dem Rücken, einige Schritte näher, bot mir einen Seſſel an und fragte nach meinem Begehren. Ich hatte meine Faſſung wiedergewonnen, ſprach feſt und unumwunden meine Abſicht aus, motivirte ſie und bat, die Regierung möge mein Vorhaben unterſtützen. Währenddeſſen blickte mich Lincoln ernſt und forſchend an. Miß Palmer, ſagte er trocken, nachdem ich geendigt, —— 11“ 43 wiſſen Sie, was mit einem Spion geſchieht, der ſich erwiſchen läßt?— Ja, Sir, antwortete ich, er wird ge⸗ hängt!— Im Süden dürfte man in dieſem Punkt nicht galanter gegen Damen ſein, welche ſpioniren, Miß! — Ich zweifle nicht daran. Und was wäre Ihr Loos, Sir, wenn Sie in die Hände des ruchloſen Jefferſon Davis fallen ſollten?— Lincoln zwinkerte ſekundenlang mit den Augen, während es um ſeine Mundwinkel wie flüchtiges Lächeln ſpielte.— Man würde mich ebenfalls aufhängen, entgegnete er in drolligem Ton, nur würde man für mich einen größeren Galgen brauchen, da ich von uns Beiden der größere Sünder bin, denn ich meſſe ſechs Fuß vier Zoll, Miß!— Gut, Sir, aber wenn man Ihnen ſagte: Reſigniren Sie auf Ihre Politik, ſo werden Sie ruhig in Ihrem Bette ſterben! was würden Sie thun?— Dann würde ich ſagen: Hängt mich ſo hoch wie Haman, wenn Ihr könnt.— Wohl, Sir, und ſo ſage auch ich!— Lincoln blickte mich groß aber theil⸗ nehmend an, er ergriff meine beiden Hände und ſprach ſo milde und herzlich zu mir, wie ein Vater zu ſeinem Kinde, indem er mir Gegenvorſtellungen machte. Ich aber blieb feſt. Da ließ er mich los, legte die Hände auf den Rücken, wanderte wohl eine Minute mit Siebenmeilenſchritten auf und ab, und blieb dann vor mir ſtehen. Sie wiſſen, Lovett, und es iſt in der ganzen Union bekannt, daß der Präſident es liebt, in das ernſteſte Geſpräch drollige Gleichniſſe und Anekdoten einzuflechten. So ſagte er denn: Miß Palmer, Sie ſind ein muthiges, patriotiſches Mädchen, Sie weichen nicht vom Ziele ab, das Sie ſich vorgeſteckt, und darin liegt Charakter, den man ehren muß, wo man ihn findet. Das erinnert mich an einen alten Neger, den ich kannte, als ich noch Flatboatman*) war. Er ſtieg einſt auf einen Apfelbaum, weil er einen ſchönen Apfel pflücken wollte, der am dünnſten Zweige hing. Sam, rief ich ihm zu, der Zweig wird brechen und Deine Naſe wird zum Teufel gehen! Nebba mind, Sar!**) ſchrie Sam zurück und— krach, da lag Sam mit zer⸗ quetſchter Naſe auf dem Boden und neben ihm der gebrochene Zweig. Nun, Sammy? fragte ich. Oh, Sar, antwortete der Nigger kaltblütig, Naſe is weg, aber Apfel is da! Und nun, da Sie nichts von Ihrem Vor⸗ haben abbringen kann, Miß, will ich Sie treulich und nach Kräften unterſtützen!— Nach dieſen Worten ſchritt Lincoln zum Schreibtiſche, fertigte mir Empfehlungen an verſchiedene Corpscommandanten und hohe Beamte der Union aus, gab mir die beſten Landkarten, ertheilte mir Winke und Rathſchläge und entließ mich, indem *) Floßſchiffer. **) Never mind, Sir! Das thut nichts, Herr! 4 4 4 f 45 er mir mit Thränen in den Augen die Hand ſchüttelte und mir weich ein: Gott ſchütze Sie, Miß! nachrief. Drei Tage darauf war ich auf dem Wege nach Harris⸗ burg, wo Onkel Hugh meiner harrte. Da haben Sie die ganze Geſchichte meiner Zuſammenkunft mit dem ehrlichen Old Abe!“ „Sie iſt charakteriſtiſch genug für Sie und den Präſidenten!“ bemerkte Lovett lächelnd.„Und wohin gedenken Sie ſich von hieraus zu wenden?“ „Ins Shenandoahthal. Durch die Berge nach dem Süden“, entgegnete Alice beſtimmt,„und ſo direct ins Hauptquartier des General Lee!“ „Wie dürfen Sie hoffen, dieſes ausführen zu können?“ „Sie wiſſen, Lovett, daß meine Schweſter Lucy ſich gerade zu jener Zeit, als Sie bei uns aus und ein gingen, mit dem Pflanzer Edmund Crawford von Charleston vermählte.“ „Das weiß ich ſehr wohl, aber—“ „Nun gut, Crawford iſt Oberſt und im Haupt⸗ quartier der Südſtaatenarmee.“ „Sie erhielten die Nachricht von Ihrer Schweſter?“ „O neiu, ich weiß ſeit drei Jahren nichts von ihr. Es ſcheint, daß mein Schwager im blinden Parteihaß der Armen verboten hat, mit ihren unionstreuen, frei⸗ denkenden Verwandten zu correſpondiren. Vielleicht hat er auch ganz einfach ihre und unſere Briefe unter⸗ ſchlagen.“ „Das wäre ſchändlich! Um ſo mehr ſehe ich nicht ein, was Sie von Crawford hoffen dürfen?“ Alice lächelte. „Und gerade ſein im Süden allgemein bekannter Name iſt's“, ſagte ſie,„der uns überall, ſind wir nur erſt wohlbehalten jenſeits des Fluſſes Rapidan, freien Durchzug verſchaffen wird, bis zum Lager der Seceſſio⸗ niſten, ſein Name und ſeine Verwandtſchaft mit mir.“ „Bis zum Lager! Aber dann— 2“ „Dann“, erwiderte Alice mit ruhiger Zuverſicht, „werde ich die Aufgabe haben, meinem Schwager gegen⸗ über die Rolle einer Dame zu ſpielen, die mit ihrem Vater, ihrer Familie zerfallen, weil ſie, meinetwegen aus Liebe zu einem ſchönen Beau), ſich von einer Republikanerin in eine Demokratin verwandelt hat. Verlaſſen Sie ſich darauf, Lovett, Crawford ſelber wird mich in das Zelt Lee's führen, meine Bekanntſchaft mit den hervorragenden Feinden unſerer Union ver⸗ mitteln. Mein Plan iſt fertig und der Eiſenkopf Onkel Hugh dort billigte ihn. Frauenliſt, verbunden mit kalt⸗ blütiger Entſchloſſenheit, verrichtete ſchon Wunderdinge!“ *) Anbeter. ——uu 47 „Alice, ich ſtaune Sie an!“ rief Lovett. „Gott gebe Ihnen Erfolg!“ liſpelte Agnes tief be⸗ wegt. 3 Ihr Bruder Richard, der faſt athemlos den Worten der ſchönen Heldin gelauſcht hatte, trat jetzt einen Schritt näher. „Geſtatten Sie auch mir, einem Fremden, Miß“, ſagte er erröthend und mit unſicherer Stimme,„Sie zu warnen! Es wäre entſetzlich, wenn ſo viel Schönheit und Liebreiz, ein ſo hochherziges Gemüth dem Würge⸗ engel des Krieges zum Opfer fallen ſollte! Vergeben Sie mir dieſe Sprache, Miß, es iſt die Sprache des innigſten Mitgefühls!“ Richard richtete den Blick faſt flehend auf Alice. Auch dieſe erröthete. „Sir“, ſagte ſie nach kurzem Zögern,„ich danke Ihnen für dieſe Theilnahme. Aber ich habe wohl er⸗ wogen, was ich auszuführen Willens bin, und ich kann nicht anders. Es duldet mich nicht, am häuslichen Herde Charpie zu zupfen oder im Lazareth am Schmerzenslager verwundeter Soldaten zu ſitzen; ich hoffe, meinem Vaterlande einen größeren Dienſt zu erweiſen!“ „Und ſie hat Recht“, fiel Onkel Hugh mit Derbheit ein,„für die Taube das Neſt und für den Adler Wald 48 und Klippen! Und Gott ſoll mich verdammen“, fügte er hinzu, mit der geballten Fauſt auf den Tiſch ſchla⸗ gend,„wenn ich nicht im Nothfalle das Zeug dazu haben ſollte, mein muthiges Püppchen überall heraus⸗ zuhauen, wo es in Gefahr kommen wird!“ Während Hugh Morgan ſo ſprach, war der alte Virginier von der Scheune zurückgekehrt. Dienſtfertig raffte er zuſammen, was auf dem Tiſche lag und bedeutete den neuen Gäſten, daß er jetzt bereit ſei, ihnen ihre Zimmer anzuweiſen. Alice und Onkel Hugh erhoben ſich. „Fürwahr“, ſagte die Erſtere im heiteren Tone, „wir haben zehn Minuten für unſere Toilette und ein Stündchen zur Erholung nöthig! Auf Viederſehen, meine Freunde!“ „Man ſchüttelte einander nach amerikaniſcher Sitte die Hände. Bald hätte ich es vergeſſen“, ſagte Lovett während⸗ deſſen,„Doctor Arnau iſt hier bei der Brigade, Arnau, den einſt Ihre Schweſter Lucy ihrer Freundſchaft würdigte.“ „Iſt es möglich?“ rief Alice überraſcht, und ſetzte ſcherzend hinzu:„Doch darf ich mich nicht wundern, Pylades dort zu finden, wo Oreſt verweilt!“ „Und dieſer wird ſogar jenen nach ſich ziehen“, 49 Arnau folgt mir morgen in's Hauptquartier. Sie werden ihn noch heute hier ſehen.“ „Ich freue mich herzlich darauf! Arnau iſt ein braver junger Mann und ein echter Patriot!“ Alice ſchritt zu der Thür der Farm, der Onkel bewegte ſich ihr ſo handfeſt nach, wie ein gepanzerter Krieger. An der Schwelle wendete die ſchöne Reiterin noch einmal ihr Haupt. War es Zufall, daß ihr flammender Blick den be⸗ wundernd auf ſie gerichteten Augen Richards begegnete? Nun war ſie fort. Der junge Deutſche aber legte haſtig und erregt die Hand auf den Arm ſeines Schwagers. 1 „Das iſt ein ſo wunderbares Weſen, wie ich noch keines je geſehen!“ ſtammelte er. „Sie ward in Glanz und Wohlleben erzogen“, ant⸗ wortete Lovett,„iſt eine der reichſten Erbinnen New Yorks, und doch geht ſie unerſchrocken einem vielleicht gewiſſen Tode entgegen, denn es handelt ſich um unſere große Idee der Freiheit! So ſind die Nankeemädchen!“ „Sie iſt anbetungswürdig!“ rief Richard begeiſtert. Agnes blickte den Erregten groß und forſchend an. Dann lächelte ſie. „Wahrhaftig“, ſagte ſie in deutſcher Sprache„ich Adolf Schirmer, Die Spionin. 1. 50 glaubte bis zur Stunde, daß Richard Erlenbach den Frauendienſt abgeſchworen habe!“ Durch die Worte der jungen Mes. Lovett mußte. das Herz ihres Bruders an einer ganz beſonders ſenſi⸗ tiven Stelle berührt worden ſein, denn die Wangen Richards überzog plötzlich eine tiefe Röthe. Agnes und Lovett gewahrten dies übrigens nicht; die Blicke der liebenden Gatten verſenkten ſich bereits wieder in einander. Richard aber lehnte ſich an den Stamm des nächſten Hickorybaumes und ſtarrte zerſtreut in die Ferne hinaus. Drittes Kapitel. Der Abend dämmerte. Die Gipfel der Blauen Berge waren von roſigem Lichte angehaucht, während das Thal von Harpers Ferry bereits vom Schatten erfüllt war, aus dem die weißen Zeltreihen in der Ferne eigenthümlich hervorleuchteten. Da und dort loderte luſtig ein kleines Bivouakfeuer auf, ertönte munterer Geſang von den Gruppen der Soldaten her, die ſich, im Lager vertheilt, die Zeit bis zum Nachteſſen ver⸗ trieben. Ein friſches Lüftchen, von den Bergen her wehend, kühlte angenehm die Atmoſphäre ab. Kaum einen Büchſenſchuß von der Farm des alten Virginiers entfernt erhob ſich ein kleiner Hügel. Von niedrigem Buſchwerk umrahmt und überſchattet von einer gigantiſchen Eiche, ſtand dort eine roh gezimmerte Holzbank. 52² Alice Palmer und Mrs. Lovett ſaßen daſelbſt Hand in Hand. Beide junge Damen waren unſtreitig ſehr raſch vertraut geworden, denn während ſie lebhaft ſprachen, lächelten ſie einander liebevoll zu. Das Lächeln der jungen Deutſchen war aber freilich ein ſchwermüthiges, und ihre Züge verriethen nur zu deutlich, daß ſie ſich beſtändig vergegenwärtige, wie ſie für die nächſte Zu⸗ kunft aller Energie ihrer Seele bedürfe. Agnes Lovett beſaß wohl einen ſelbſtſtändigen feſten Charakter, ſie hatte ihren Gatten nicht weinend und wehklagend be⸗ ſchworen, dem Kriege fern zu bleiben und ſeinen patriotiſchen Thatendrang zu unterdrücken, ihr verſtän⸗ diger Sinn fügte ſich wohl in das Unabänderliche, aber dennoch zitterte ihr Herz, denn ſie ſollte nun ſo bald den heißgeliebten Mann unter Umſtänden von ſich ſcheiden ſehen, die das Gemüth einer jungen Frau mit Zagen und Entmuthigung erfüllen mußten. Konnte nicht dieſer entſetzliche Bruderkrieg, der in Hütte und Palaſt Schrecken und Trauer brachte, auch ihr von einem Tage zum andern die härteſte Prüfung auferlegen, welche es für ein liebendes Weib giebt? Agnes kannte ihren Gatten nur zu gut, ſie wußte, daß er während des bevorſtehenden Feldzuges ſtets dort zu finden ſein werde, wo der Kampf am heißeſten, der N 3 Stkeletten gleich, zerlumpt und halbnackt, unter freiem 53 Kugelregen am dichteſten, aber auch die Erfüllung der Soldatenpflicht am glorreichſten. Sie wußte ferner, daß William erſt vor wenigen Tagen, gleich nach ſeiner Berufung zum Hauptquartiere, ſein Teſtament gemacht habe, daß er alſo jetzt mit der Gewißheit abreiſe, die Potomac⸗Armee werde nun endlich demnächſt energiſcher denn zuvor in Action treten. Und da das Schickſal der Union nicht am Miſſiſſippi, in Louiſiana, Tenneſſee oder Süd⸗Carolina, ſondern nur vor Richmond, der Rebellenhauptſtadt, endgültig entſchieden werden konnte, mit einem Wort in Virginien, wo die Hauptkräfte der Seceſſioniſten unter einem Lee und Jackſon ſtanden, ſo ließ ſich erwarten, daß dort der Kampf auch am mör⸗ deriſcheſten ſein werde. Aber es war nicht allein ihres Gatten Tod, den ſie fürchtete, ihr Herz krampfte ſich faſt noch angſtvoller zuſammen, wenn ſie der Möglich⸗ keit gedachte, daß William, vielleicht gar ſchwer ver⸗ vundet, in Gefangenſchaft gerathen könne. Es ver⸗ lautete ſo viel über die Gräuel, welche von den Südern an ihren unioniſtiſchen Kriegsgefangenen waren verübt worden und noch täglich begangen wurden, man erhielt ſo haarſträubende Berichte über die ſüdſtaatlichen Ge⸗ fängnißplätze Belle Isle und Anderſonville, wo Tau⸗ ſende, die man ſyſtematiſch aushungerte, lebendigen 54 Himmel zuſammengepfercht, der Sonnengluth, jeglicher Unbill des Wetters, dem Hungertode oder Wahnſinne preisgegeben, wahrhafte Martern der Hölle erduldeten, daß jeglicher der Nordſtaatenbewohner, welcher einen Angehörigen im Kampfe wußte, ihm lieber den Tod auf dem Schlachtfelde wünſchte, als ein Leben der Kriegsgefangenſchaft unter den erbarmungsloſen ſeceſſio⸗ niſtiſchen Henkern. Obwohl Mrs. Lovett ſich der neuen Freundin gegen⸗ über zur Standhaftigkeit, zu einem freundlichen Lächeln zwang, drängten ſich ihr doch immer wieder die düſterſten Befürchtungen auf, welche zu hegen die Umſtände nur allzuſehr rechtfertigten. Alice Palmer, das beherzte Mädchen, plauderte voll Zuverſicht über die nächſte Zukunft, ſie munterte die Gefährtin auf, obwohl ſie fühlte, daß es ihr unmöglich ſein werde, der jungen Frau volle Beruhigung zu geben. Alice hatte ſich von den am Tage ausgeſtandenen Strapazen gänzlich erholt. Sie war noch im Reiſe⸗ leide, aber ſie hatte die Waffen abgelegt und überhaupt Alles, was an eine abenteuerliche Amazone erinnerte. Ein jungfräulicher Zauber, der keineswegs durch ihre ſichere ſelbſtbewußte Haltung beeinträchtigt ward, lag in ihrer Erſcheinung. Die beiden Damen befanden ſich nicht allein, Richard —— 55 Erlenbach hatte ſich ihnen angeſchloſſen. Er ſaß auf einem Baumſtumpfe, wenige Schritte von der Bank, und horchte auf die Mittheilungen, welche Miß Palmer machte und die den Verlauf der Zuſtände jener Tage betrafen, die Ereigniſſe der Reiſe von New York bis hierher, die ruhige Enlſchloſſ enheit des Präſidenten und ſeines Kabinets, die opferfreudige enthuſdoſtilche Stim⸗ mung der Bevölkerung aller Nordſtaaten, die Zudesſicht der Unionstreuen auf ein glückliches Ende der entſetz⸗ lichen Wirren. Alice ſchilderte mit glühender Beredt⸗ ſamkeit die Begeiſterung, welche die am erſten Januar in’'s Leben getretene Sclavenemancipation bei allen Republikanern hervorgerufen habe, ſie verurtheilte voll edler Entrüſtung das intrigante Treiben der Demo⸗ kraten und copperheads, die im Norden zu Gunſten des Südens agitirten. Sie hatte Gelegenheit gehabt, auf ihrer Reiſe Negerregimenter zu ſehen, und ſie konnte nicht genug die muſterhafte Diſciplin dieſer armen Farbigen rühmen, die dankbar bereit waren, den ihrer Race verliehenen Ireiheitshrief mit ihrem Herzblute zu beſiegeln. 3 Richard ſprach wenig drein, er vermochte kein Auge von der ſchönen Rednerin abzuwenden, und fiel zufällig ihr Blick auf ihn, dann fühlte er ſein Herz lechafter pochen. Während ſo die beiden Damen und der junge 56 Deutſche im Schatten der Eiche verkehrten, ſaßen weiter abwärts Onkel Hugh und der alte Virginier vor der Hausthür der Farm am Tiſche bei einer Bowle Whisky⸗ punſch. Der ehrenwerthe Squire von Pittsburg ließ ſich von ſeinem Wirthe jeden Weg und Steg vom Shenandoahthal beſchreiben, das er übrigens ziemlich genau kannte, und jegliche Perſon nachweiſen, die dort allenfalls vertrauenswürdig ſei. Onkel Hugh leerte dabei ſtets ſein Glas wie ein alter ausgepichter Partei⸗ gänger, mit aller Gelaſſenheit. Etwa ſechzig Schritte auf dem niedrigen Hügelkamm an dem Plätzchen vorbei, das Alice, Mrs. Lovett und ihr Bruder eingenommen hatten, ſtand Lopett, den Arm vertraulich auf die Schulter eines jugendlichen Herrn gelehnt, der an ſeiner Uniform das Abzeichen der Armeeärzte trug. Dieſer war ein blonder und ſchöner Mann. Schlank und hoch, doch zugleich auch kräftig gewachſen, ſtand ihm die ſchlichte blaue Uniform vortrefflich. Seine geiſtvollen, etwas ſcharf markirten Züge zeigten den Ausdruck eines liebenswürdigen Freimuthes, der ſelbſt⸗ bewußt und doch gewinnend aus den großen blauen Augen leuchtete. Dieſe Züge hatten nichts von den charakteriſtiſchen Merkmalen einer Nankeephyſiognomie an ſich, ſie verkündeten entſchieden den Deutſchen. 57 — 1 — Und allerdings war der junge Mann auch ein Deutſcher, und zwar jener Doctor Arnau, deſſen mehr⸗ fach Erwähnung geſchehen. Arnan war ſchon vor mehreren Stunden, wie Lovett es vorausgeſagt, zu der Farm gekommen, hatte über⸗ raſcht die ſchöne Newyorkerin begrüßt und ſich mit ihr ſo mancher angenehmen Stunden erinnert, die er und der jetzige General einſt auf dem Palmer'ſchen Landſitze am Hudſon verlebten. Er hatte ſich auch, aber nur mit Zurückhaltung, bei Alice nach ihrer Schweſter Lucy erkundigt und erfahren, daß ſie nichts von der Frau * des Südländers wiſſe. Jetzt ſtand er ſchon ſeit geraumer Zeit fern von der Gruppe unter der Eiche, an der Seite des Freundes, den er mit ſich fortgezogen, und ſtarrte ernſt und düſter auf die vom Abendſchatten überfluthete Gegend. Der Doctor Albert Arnau war, wohl drei Jahre vor dem Ausbruche des amerikaniſchen Bürgerkrieges, aus Europa in New York angelangt und hatte ſich dort als Arzt niedergelaſſen. Ein Mann von Geiſt und einnehmendem Weſen, talentvoll in ſeinem Berufe, unterſtützt durch die nam⸗ haften Empfehlungen, welche er aus Europa mit ſich gebracht, war es ihm gelungen, der Hausarzt mancher der angeſehenſten Familien in New York zu werden, — 58 und ſich in der von deutſchen Abenteurern überlaufenen Weltſtadt in kürzeſter Zeit eine geachtete und lucrative Stellung zu erringen. Die beſten Kreiſe hatten ſich ihm erſchloſſen, es war ihm ſogar in einigen Familien nicht undeutlich zu verſtehen gegeben worden, daß die ſchöne Tochter des Hauſes, die Emily, Kate, Eliza oder wie immer ſie heißen mochte, es nicht ungern ſehen würde, wenn ſich Doctor Arnau zu ihrem„Beau“ erkläre. Der junge Deutſche war aber unverehelicht geblieben, doch ohne ſich durch ſeinen entſchiedenen Hang zum Cölibat um die Gunſt der reizenden Ladies zu bringen, die ſein intereſſanter Umgang, ſein decentes Benehmen und ſeine Kenntniſſe hinreichend feſſelten. Er war bald gewiſſermaßen wie ein native of the United States betrachtet worden, und nachdem der Krieg ein Jahr lang gewüthet, hatte er dann auch durch ſein Eintreten in die Armee den thatſächlichen Beweis ge⸗ liefert, daß er ſich als einen opferwilligen Sohn und Patrioten der Republik anſehe. Wie Lovett ſo an den Freund gelehnt ſtand, beob⸗ achtete er dieſen eine Zeit lang ſchweigend. Endlich entfernte er ſeine Hand von der Schulter Arnau's, zündete ſich eine Cigarre an und ſagte:„Sie haben heute wieder Ihre deutſch⸗ſentimentale Stunde. Woran denken Sie?“ * — 59 Arnau ſeufzte. „Das unerwartete Erſcheinen von Alice Palmer er⸗ freut mich und ſtimmt mich doch auch wieder trübe, es erinnert mich an Lucy!“ „Ich begreife das, Doctor, man behauptete einſt, Sie ſeien in Lucy verliebt—“ „Jenes Gerücht war thöricht, ich hatte nur das Glück, im reinſten Sinne des Wortes ihr Freund zu ſein, bis— bis ihr Verhältniß zu Edmund Crapford ſie Alles um ſich her vergeſſen ließ. Ich aber, ich bekenne es offen, gedenke der edelſinnigen Lucy bis zur heutigen Stunde mit Bewunderung und herzlicher Theilnahme. Sie iſt nicht glücklich, fürchte ich.“ „Sie glauben, ihr Gatte ſei nicht der Mann für ein ſtilles, durch die Zauber der Häuslichkeit verſchöntes Leben, er werde den hohen Sinn, die zarte Weiblichkeit ſeiner Frau nicht hinreichend zu würdigen wiſſen?“ „Das glaube ich, General. Ich ſagte mir, als ich damals von jener Ehe hörte, daß es eine unpaſſende Verbindung ſei, denn jedenfalls ſteht Lucy in geiſtiger Beziehung höher als ihr Gatte, den ich ein wenig kenne. Er iſt leidenſchaftlich, aufbrauſend, mißtrauiſch, obwohl er ſich auch durch eine gewiſſe cavaliermäßige Feinheit des Benehmens auszeichnet und ſein Herz nicht ſchlecht ſein mag.“ 60 „Zu dem mag ſich Crawford wohl mehr Lucy's Schönheit wegen um ſie beworben haben, als um ihrer Geiſtesgaben und Herzenseigenſchaften willen, und Lucy, nun, ſie ward durch die glänzende Erſcheinung und das ritterliche Weſen des Südländers geblendet, daher—“ „Ich theile Ihre Anſicht nicht, mein Freund, Lucy war ein verſtändiges, ein ſcharfblickendes Mädchen!“ „Es giebt Momente, in denen das Herz des klügſten Frauenzimmers mit dem Kopfe davonläuft!“ „Mag ſein. Von Lucy aber bin ich überzeugt, daß ſie ſich nicht über die Fehler des um ſie ſich Bewer⸗ benden einer Täuſchung hingab. Da ſie jedoch in Crawford's Charakter alle Vorzüge und Schwächen der Männer des Südens wiederfand und vermuthlich in ihren Augen ſeine guten Eigenſchaften die Fehler über⸗ wogen, ſo hoffte ſie ohne Zweifel, wie dies alle phan⸗ taſievollen und klugen Mädchen zu hoffen pflegen, das excentriſche Gemüth ihres Gatten mit weiblichem Zart⸗ ſinn zum Guten lenken und läutern zu können. Viel⸗ leicht gelang ihr das, ich möchte es ſogar beinahe behaupten, denn Lucy iſt ruhig und ſanft, iſt, wie ich vorhin ſagte, ihrem Gatten überlegen. Aber die Charakterverſchiedenheit Beider iſt es im Grunde nicht, was mich um Lucy's Glück beſorgt macht, ich fürchte für ſie in ganz anderer Beziehung!“ 1 3 1 61 „Und was fürchten Sie?“ „Ward ſie nicht, wie ihre Schweſter Alice, nach den Grundſätzen des Nordens erzogen, der das finſtere Sclaventhum verdammt und die ewig unveräußerlichen Menſchenrechte proclamirt? Und ſog Crapford nicht die Denkungsart der Pflanzer mit der Muttermilch in ſich ein? Iſt er nicht ſelber Plantagenbeſitzer? Wird der leidenſchaftliche Mann, auf das Drängen und die Fürſprache ſeiner Gattin hin, ſeinen Schwarzen ein gütiger Herr geworden ſein, der die Sclaverei ſeiner Untergebenen nur dem Namen nach aufrecht erhält, und kann er das, ohne von ſeinen Landsleuten des ver⸗ pönten Abolitionismus beſchuldigt zu werden? Und muß nicht der Anblick der Sclaverei, ſelbſt in der mildeſten Form, Lucy's Herz bluten machen? Werden nicht längſt Momente gekommen ſein, in denen ſich ihr Herz gegen die grauſame Willkür jener Weißen empörte, zu welchen ihr Gatte gehört, und wird ſie in ſolchen Momenten nicht zur Märtyrerin ihrer ſittlichen Ueber⸗ zeugung geworden ſein?“ „Sie haben Recht, Arnau, bei Gott, Sie haben Recht!“ „Ich ſehe ſie vor mir“, fuhr der junge Arzt lebhaft und bewegt fort,„wie ſie allein ſteht, ſelbſt von der Frauenwelt des Südens verlaſſen, die ihre Entrüſtung nicht begreift, da die Gewohnheit, von Jugend auf ein 62 unerhörtes, von den Geſetzen des Landes zur Noth⸗ wendigkeit umgeſtempeltes Verbrechen an der Menſch⸗ heit gelaſſen zu üben, ihr Gemüth einer freien, hoch⸗ herzigen Anſchauung verſchloſſen hat, weiche Regungen den armen ſchwarzen Mitmenſchen gegenüber nicht auf⸗ kommen läßt, ich ſehe ſie vor mir, wie ſie allmälig dahin gelangt iſt, am Abgrunde ihres häuslichen Glückes zu ſtehen, das Thun und Treiben ihres Gatten und ſomit auch ihn zu verachten, der nicht anders kann, als den Neger wie ein Thier behandeln, wie es die anderen Pflanzer, ſeine ſämmtlichen Landsleute thun!“ „Sie hätte das bedenken ſollen, bevor ſie die Gattin eines ſolchen Pflanzers wurde!“ „Ach, Lovett, damals waren die Gemüther der Be⸗ völkerung des Südens und Nordens noch nicht zur höchſten Erbitterung entflammt, Sie wiſſen es ja, die Leidenſchaften noch nicht bis zum wildeſten Fanatismus aufgeſtachelt. Lucy mag ſich einer edlen Selbſttäuſchung hingegeben und gehofft haben, als vermittelndes Princip ſegensreich auftreten, durch ihr Beiſpiel auf die Ge⸗ müther der Frauenwelt und durch dieſe wieder auf diejenigen der harten Männer Süd⸗Carolina's ein⸗ wirken zu können. Und verfolgte ihr hochherziger Sinn vielleicht auch nicht einen ſo ſchönen Wahn, ſo hoffte ſie doch ſicher, inmitten der Hölle, die ein ſelbſtſüchtiges — 63 Geſchlecht geſchaffen und genährt, auf den Beſitzungen ihres Gatten wenigſtens ein kleines Paradies zu grün⸗ den, in dem die echte chriſtliche Menſchenliebe ſich auch auf die armen farbigen und nur durch die Schuld ihrer weißen Unterdrücker ſo geiſtig verkümmerten Brüder erſtrecke. Und das Letztere kann ihr unter den Verhältniſſen des Landes, die ſie vorfand, nicht ge⸗ lungen ſein, ja, ich bin überzeugt, die Arme ward in der Geſellſchaft Süd⸗Carolina's, wie im eigenen Hauſe, zum Märtyrthum gedrängt! Hat ſie Kinder, ſo wird ſie ſich doppelt unglücklich fühlen!“ „Das iſt traurig, lieber Arnau“, ſagte Lovett ernſt nach kurzem Sinnen.„Und wahrlich, die Vorfahren der Bürger unſerer herrlichen Republik verſündigten ſich an dem ganzen Geſchlechte der Nachkommen. Sie hätten mit einem einzigen Federſtriche das große Unheil ver⸗ hüten können, das über unſere Union hereingebrochen iſt, ſie thaten es nicht, und darum ſind die Familien⸗ bande zerriſſen, flucht der Vater dem Sohne, bekämpft der Freund den Freund, jammern Mütter, Bräute, Schweſtern um theure Todte, iſt die Heiligkeit unſerer Inſtitutionen angetaſtet. Doch kommen Sie, Albert, verbittern wir uns nicht die Stunden der Ruhe, die uns heute noch gegönnt ſind. Mir ſcheint, wir werden von den Damen bereits erwartet, denn meine Frau 64 hat wiederholt nach uns geblickt. Und beruhigen wir uns“, fügte er zuverſichtlich hinzu,„der freie Amerikaner wird ſeine geliebte Union nicht in Trümmer zerfallen laſſen, der ſchönſte und großartigſte Gedanke der letzten Jahrhunderte kann der Menſchheit nicht verloren gehen! Unterliegen auch die hunderttauſend wackeren Männer, die in dieſem Augenblicke für eine erhabene Idee ein⸗ ſtehen, ſo wird eine Million ſich erheben und ihr zur Ehre des Menſchengeiſtes den Sieg über einen fluch⸗ würdigen Barbarismus erringen!“ Lovett und der junge Militärarzt ſahen einander mit leuchtenden Blicken an. Dann ſchritten ſie, nachdem ſie einen kräftigen Hände⸗ druck ausgetauſcht, dem Plätzchen unter der Eiche zu. Es dürfte hier in unſerer Erzählung der geeignete Zeitpunkt ſein, eine Ueberſicht der Ereigniſſe zu geben, welche ſeither der alte Conflict des Nordens mit dem Süden der Union hervorgerufen hatte, die Grundmotive dieſes Conflictes ſelber näher zu unterſuchen. Und dazu iſt ein Rückblick auf die hiſtoriſche Entwicklung der Vereinigten Staaten und den Beginn des Bürger⸗ krieges nothwendig. Als nach der Lostrennung der nordamerikaniſchen Colonien vom Mutterlande England, nach durch heftige Kämpfe erlangter Unabhängigkeit und Anerkennung der —— 65 Vereinigten Staaten im März des Jahres 1787 Dele⸗ girte ſämmtlicher Staaten ſich in Philadelphia zu einem Congreſſe verſammelt hatten, um eine Verfaſſung für die Union zu entwerfen, da ſtellte es ſich ſofort heraus, daß der Norden und Süden in ihren Intereſſen und Anſichten weſentlich von einander divergirten, und daß nur durch ein Compromiß, das beiden Theilen ihre beſonderen Inſtitutionen gewährleiſtete, ein feſter Halt für den Bund geſchaffen werden könne. Namentlich war es die Sclavenfrage, welche ſchon damals zur Sprache kam. Die Holländer hatten bereits ſeit 1630 die Sclaverei der Neger in den ſüdlichen Colonien ein⸗ geführt, ſie war dann im Laufe der Jahre eine peculiar and domestic institution des Südens geworden, der ſeine Production und ſeinen Wohlſtand auf die Arbeit der Unfreien und deren Beſitz baſirte. Selbſt Männer wie Waſhington, Adams u. A., die für uneingeſchränkte Freiheit und Menſchenrechte einſtanden wagten nicht, an dieſer peculiar institution zu rütteln, aus Furcht, die junge Union in Frage geſtellt zu ſehen. Unter dieſen Verhältniſſen kam jene Verfaſſung zu Stande, die noch zur Stunde beſteht, und deren herrliche Grund⸗ züge nur durch den Flecken getrübt ward, den die Duldung der Sclaverei im Süden auf ſie warf, ein Flecken, welchen erſt der volksthümliche Lincoln berufen Adolf Schirmer, Die Spionin. 1. 5 —————— L——————— 66 war, im Jahre 1863 und inmitten eines blutigen Bürgerkrieges von den ehrwürdigen Inſtitutionen der Union zu tilgen. Es iſt hinlänglich bekannt, in wie ungeheurem Maße ſich das Gebiet der Vereinigten Staaten binnen kurzer Zeit erweiterte, ſo daß die durch dreizehn Staaten gegründete Union ſchon 1824 einen Bund von vier⸗ undzwanzig Staaten bildete. In demſelben Verhältniſſe aber, wie der Süden und der Norden gewachſen waren und ſich bevölkert hatten, war auch der Intereſſenſtreit beider immer lebhafter geworden. So arbeitete der Süden unabläſſig darauf hin, die Sclavereigrenze gen Norden zu erweitern, während die von philantropiſchen Grundſätzen geleiteten Vertreter der Nordſtaaten danach trachteten, die peculiar institution der Pflanzer⸗ barone zu beſchränken, und allmälig zum Falle zu bringen. Dieſe Reibungen und gegenſeitigen An⸗ ſtrengungen führten im Jahre 1820 zu dem ſoge⸗ nannten Miſſouri⸗ Compromiß, in dem ſtipulirt ward, daß das Sclavengebiet ſich nicht über 36° 30“ nörd⸗ licher Breite erſtrecken dürfe. Dies hinderte aber nicht die Pflanzer, mit allen ihnen zu Gebote ſtehenden Mitteln gegen den Norden zu Felde zu ziehen. Und ſie hatten dazu noch einen Beweggrund, welcher damals die Sclavenfrage, in der die Nordſtaatenmänner ohnehin 67 keine große Energie bethätigten, bei weitem überwog. Der Norden hatte eine fabelhafte Rührigkeit in Handel und Induſtrie entwickelt und auf dieſem Gebiete den nur Rohſtoffe producirenden Süden gewiſſermaßen von ſich abhängig gemacht. Um dieſe Abhängigkeit noch mehr zu befeſtigen, war im Congreſſe von den Ver⸗ tretern der Nordſtaaten am erſten September 1828 ein Tarif durchgeſetzt worden, welcher die Einfuhrzölle auf europäiſche Induſtrie⸗Artikel bedeutend erhöhte, ein Schutzſyſtem, das den Süden factiſch ſchädigte, ihn mit ſeinem Verkehre auf die Nordſtaaten verwies und dieſen unbedingt große Vortheile einräumte. Gegen dieſen Zolltarif, durch den Präſidenten John Quincy Adams eingeführt, machte der Süden in höchſter Er⸗ bitterung Front, ja es kam dahin, daß Süd⸗Carolina ſchon damals mit einem Austritte aus dem Bunde drohte. Bei ſolcher Sachlage war es natürlich, daß die Südſtaaten Alles daran ſetzten, einen immer größeren Einfluß und ſchließlich die Majorität im Congreſſe von Waſhington zu erlangen. Und es fügte ſich, daß es Männer des Nordens waren, welche den Pflanzer⸗ baronen direct in die Hände arbeiteten. Zu Anfang der dreißiger Jahre nämlich fand eine vollſtändige Zer⸗ ſetzung und folgenſchwere Umgeſtaltung jener Parteien ſtatt, welche ſeither in der Union das Wort geführt P 5 ——— ͤͤ— ————— 68 hatten. Die einſt vorherrſchende Partei der Föderaliſten war nach und nach untergegangen, dagegen hatten ſeitdem die ſogenannten Republikaner die erſte Rolle geſpielt. Um die vorerwähnte Zeit jedoch ſpaltete ſich dieſe Partei in zwei große einander feindſelige Heer⸗ lager, und nun entſtand im Norden die Rivalität der Demokraten und National⸗Republikaner, welch letztere man von 1836 an Whigs zu nennen pflegte. Die Demokraten ſchrieben eine entſchiedenere Unabhängigkeit der Einzelſtaaten von der Waſhingtoner Geſammt⸗Re⸗ gierung als Motto auf ihre Fahnen, mit einem Wort die Decentraliſation, während die Whigs für eine Conſolidirung der Centralgewalt plaidirten. Obwohl nun die Demokraten der Mehrzahl nach keine Anhänger des Sclaverei⸗Principes waren, trieb ſie doch die Sonderſtellung, welche ſie den Whigs gegenüber be⸗ haupteten, der Parteiantagonismus dahin, Wit den Südſtaatenmännern in vielen Dingen gemeinſchaftli Sache zu machen, Mn ſie bald die natürlichen Alliirten des⸗Südens, nur um die Voten der nord⸗ ſtaatlichen Gegner überſtimmen zu können. So kam es denn, daß die ränkevollen, egoiſtiſchen Pflanzerbarone bald für ihre Machinationen im Norden ſelbſt die willfährigſten Werkzeuge hatten und das Uebergewicht⸗ im Congreſſe erlangten. Der Präſident Jackſon, ein Demokrat, brachte es durch ſeinen Einfluß dahin, daß ein neues Zollgeſetz mit ermäßigtem Tarif eingeführt ward, aber ſolche Conceſſionen genügten den Süd⸗ 6 ſſttatlern nicht mehr, welche von nun an die hochflie⸗ 4 gendſten Pläne verfolgten, deren Endzweck darin beſtand, den Norden für alle Zeiten dem Süden unterzuordnen. Die Whigs vermochten nicht, gegen die vereinten Kräfte der Demokraten und Südſtaatler dauernd aufzukommen, ddeer auf Jackſon im Präſidentenamte folgende van Buren war abermals ein Demokrat, welcher ganz im Sinne Jackſon's handelte. Und obwohl es den National⸗ Republikanern gelang, nach der ſogenannten hard cider- Wahlcampagne ihren Candidaten, William Henry Harriſon aus Ohio, an das Staatsruder zu bringen, ſo war das doch nur ein kurzer Triumph, da Harriſon einen Monat nach ſeiner Ernennung ſtarb und der dann geſetzlich die Präſidentſchaft antretende Vicepräſident John Tyler der leenn e angehörte. 8n Als Tyler im Jahre 1845 ſein Amt niederzulegen hatte, da machten die Whigs von Neuem gewaltige Anſtrengungen, einen Mann ihrer Partei zur Nomi⸗ nation zu bringen. Das Haupt der National⸗Republikaner war um jene Zeit Henry Clay von Kentucky. Er ver⸗ focht die politiſchen Grundſätze Thomas Jefferſon’s, vertheidigte das Schutzzollſyſtem, war für die Einſchrän⸗ 70 kung der Sclaverei und ſtimmte für eine möglichſt kräftige Centralregierung. Ein Staatsmann von un⸗ gewöhnlicher Begabung, hatte er einen bedeutenden Anhang; alle Freunde wahrer Freiheit, alle Gemäßigten ſtanden auf ſeiner Seite. Wie aber auch die Clay⸗ Männer ſich mühen mochten, die Demokraten ſetzten dennoch, auf den Süden ſich ſtützend, die Wahl ihres Präſidentſchafts⸗Candidaten Polk durch. Dieſer, ſo wie ſeine Nachfolger Fillmore, Pierce und Buchanan wurden nichts weiter, als die gefügigen Werkzeuge des Südens, gleichwie es zur ſtehenden Regel ward, daß nur Männer dieſer Partei eine Anſtellung als Regierungsbeamte erhielten. Aber der Druck, welchen die Sclavenhalter immer rückhaltloſer auf den Norden auszuüben begannen, er⸗ zeugte einen Gegendruck, und ſelbſt ein nicht geringer Theil der Demokraten begann einzuſehen, daß man zu nachgiebig gegen den Süden den ſei, und daß früher oder ſpäter eingelenkt werden müſſe, wolle man nicht die Intereſſen des Nordens vollſtändig den Pflanzern opfern. Und als Präſident Fillmore ein Geſetz ſanc⸗ tionirte, welches den Bewohnern der Nordſtaaten zur Pflicht machte, die auf freien Boden geflüchteten Neger auf Begehren des Vereinigten⸗Staaten⸗Marſchalls ein⸗ zufangen und an den Süden abzuliefern, da erhob ſich — unter der liberalen Bevölkerung des Nordens ein Sturm, welcher den Südern nichts Gutes weisſagte. Hatte man ſich bis jetzt um die Tariffrage geſtritten, ſo trat jetzt die Selavereifrage in den Vordergrund. Henry Clay machte einen Verſuch, durch eine Compromiß⸗ Bill den Anforderungen aller Parteien zu genügen, aber dieſer Verſuch ſcheiterte. Da geſchah es, daß im Jahre 1854 Douglas, einer der begabteſten Führer der Demokraten, durch ſeine Canſas⸗Nebraska⸗Bill das Miſſouri⸗Compromiß von 1820 gewiſſermaßen über den Haufen warf, und nun war der Anſtoß zu einer Agitation gegeben, welche dem Süden für die Folge verderblich ſein ſollte. Die genannte Bill beſagte, daß Niemand gehindert ſein dürfe, ſein Eigenthum in ein neues Territorium mitzubringen, alſo auch der dorthin überſiedelnde Pflanzer nicht, ſeine Neger als Sclaven einzuführen und als ſolche zu halten, daß ma man ferner d der Volksſouveränität eines Territoriums in der Erledigung der Frage, ob Sclaverei oder keine daſelbſt beſtehen ſolle, nicht vor⸗ greifen dürfe. Ein ſolches Geſetz hob entſchieden alle Schranken der Sclaverei auf und gab ihr freien Spiel⸗ raum, den Norden zu überfluthen, das fühlten, bis auf die enragirteſten copperheads, alle Parteien der Nord⸗ ſtaaten. Die Canſas⸗Nebraska⸗Bill muthete denn doch * ———— ——— ſelbſt den gefügigen Demokraten zu viel zu, ſie brachte aber auch mit einem Schlage ſämmtliche Parteien des Nordens in Auflöſung, die Whigs theilten ſich in Freeſoil⸗Whigs und Knownothings, die Demokraten in Nebraska⸗ und Anti⸗Nebraska⸗Männer. So entſtanden denn die Republikaner, die Knownothings und die Proſclaverei⸗Demokratie. Den Anti⸗Nebraska⸗Männern aber blieb bald nichts anderes übrig, als eine Fuſion mit den Republikanern einzugehen, die dadurch in de h Lage kamen, eine immer mächtiger werdende Partei zu bilden, der nach und nach alle noch ſchwankenden Frei⸗ ſinnigen jeglicher Schattirung ſich anſchloſſen. Die unter dem Präſidenten Pierce an den Freeſoiler⸗Coloniſten f verübten Grauſamkeiten führten manche Knownothings, Demokraten und deutſche Elemente dem Heerlager der Republikaner zu, ſo daß zur Zeit der neuen Präſidenten⸗ wahl im Jahre 1856 die republikaniſche Partei mit ziemlicher Zuverſicht den Wahlkampf aufnehmen konnte. Aber nochmals gelang es den Südſtaatenmännern und Demokraten, den Sieg davon zu tragen, wenn auch K mit geringer Majorität. Dieſe verhältnißmäßig geringe— Ueberzahl der Voten und das ſtete Wachſen der repu⸗ blikaniſchen Partei ließen es faſt ſchon jetzt zur unum⸗ ſtößlichen Gewißheit werden, daß die Tage der Ober⸗ herrſchaft des Südens gezählt ſeien. Präſident Buchanan, 73 womöglich mehr noch eine Creatur der Pflanzerbarone als ſeine demokratiſchen Vorgänger im Amte, ferner die Dred Scott⸗Affaire, welche zeigte, wie ſehr der Süden ſelbſt das Obergericht der Vereinigten Staaten beherrſche, und viele Uebergriffe, die von den ſonſtigen Handlangern der Sclavenhalter im Congreſſe begangen wurden, trugen dazu bei, die Sache des Südens zu verſchlimmern und den Republikanern alle vernünftig denkenden und ſelbſt nur halbwegs patriotiſch fühlenden Männer des Nordens zuzuführen. Um jene Zeit war es der Springfielder Advocat Abraham Lincoln, einſt ein ſchlichter Hinterwäldler und Floßbootmann, der immer energiſcher während der allgemeinen Agitation in den Vordergrund trat und bald einer der populärſten Männer der Union ward. Und als im Jahre 1860 die Zeit der Nomination eines neuen Präſidenten heranrückte, da zweifelte Niemand — ehr, ſelbſt die Partei des Südens und der Demokraten nicht, daß Lincoln der Candidat für die Präſidentſchaft ſein werde. Die große republikaniſche National⸗Con⸗ vention, der George Aſhmun von Maſeachuſetts präſi⸗ dirte, trat am ſechzehnten Mai in Chicago zuſammen, und auf Lincoln fiel die Wahl, wie man es erwartet hatte. Auch der Süden und die Demokraten hielten indeſſen — 8 — 74 ihre große Convention ab, doch beide Parteien über⸗ warfen ſich mit einander. Es war dies aber, wie ſich hinterher erwies, ein vorſätzlich von den Pflanzern herbeigeführtes Zerwürfniß, denn längſt hatten die Südſtaatenmänner eingeſehen, daß ſie dieſes Mal, unge⸗ achtet ihrer Vereinigung mit der zuſammengeſchmolzenen Demokratenpartei, den Kürzeren ziehen müßten. Sie waren aber auch längſt übereingekommen, eine Los⸗ trennung vom Norden der Union zu bewerkſtelligen und das Banner der Seceſſion zu erheben, ſobald der rechte Augenblick dafür erſchienen ſei. Bereits im Jahre 1860 hatten die ſüdſtaatlichen Senatoren in Waſhington während einer geheimen Sitzung die Seceſſion beſchloſſen, aber die Ausführung derſelben bis zum Schluß der Präſidentſchaftsperiode Buchanan's aufgeſchoben, damit dieſes ihr Werkzeug noch Zeit habe, ihnen ungehindert in die Hände zu arbeiten. 3 Und dieſes geſchah im vollſtändigſten Sinne des Wortes. Während der Süden mit der Nominirung ſeines Präſidentſchafts⸗Candidaten eine Comödie auf⸗ führte, ward von den Pflanzern und der ihnen ergebenen Waſhingtoner Bundesregierung alles insgeheim gethan, was zur Vorbereitung der Seceſſion für den Süden von höchſter Wichtigkeit war, was den Norden den Südſtaaten gegenüber in der erſten Zeit ſo gut wie 75 wehrlos machen mußte. Der Schatzſecretär Cobb ver⸗ hinderte die Ablieferung der vom Süden nach Waſhington zu ſendenden Zoll⸗ und ſonſtigen Abgabengelder, indem er zugleich den Staatsſchatz leerte und nach dem Süden wandern ließ; der Kriegsminiſter Floyd zerſplitterte die etwa achtzehntauſend Mann ſtarke Bundesarmee derart über das ganze weite Gebiet der Nordſtaaten, daß an eine raſche Concentrirung des Unionsheeres nicht zu enken war, ſandte ferner alle Waffen⸗ und Munitions⸗ Vorräthe der Arſenale des Nordens unter den nich⸗ tigſten Vorwänden nach dem Süden und vertheilte die Marine auf die entlegenſten Stationen. Und während dieſes in aller Stille unter Billigung und Beihilfe des verrätheriſchen Buchanan bewerkſtelligt ward, ſchuf man im Süden eine beträchtliche reguläre Miliz, unter dem Vorgeben, daß dort gegen Sclavenaufſtände ge⸗ rüſtet ſein müſſe, und ſammelte aller Orten Kriegs⸗ material an. So kam der Herbſt und mit ihm die Zeit der defi⸗ nitiven Präſidentenwahl. Der ſechſte November 1860 ſah den glänzenden Triumph Lincolns und der National⸗ Republikaner. In den Nordſtaaten herrſchte ein bei⸗ ſpielloſer Jubel, aber die Vorausſichtigen verhehlten ſich nicht, daß nun für die Union eine ſchwere Cata⸗ ſtrophe im Anzuge ſei. Lincoln und ſeinen Anhängern ——. 76 war es nicht entgangen, welche verrätheriſche Anord⸗ nungen die abtretende Regierung getroffen, Anordnungen, die ſie nicht hatten verhindern können, ohne ſich unge⸗ ſetzlicher Mittel zu bedienen, denen ſie abhold waren. Der neue Präſident und ſeine Partei wußten auch, wie kampfgerüſtet der Süden harre, aber ſie gaben ſich noch der Hoffnung hin, durch Conceſſionen die Führer der Sclavenpartei beſchwichtigen, einen Bürgerkrieg ab⸗ wenden zu können. Und wie ſollte ihn der Norden 2 führen? Er hatte kein Geld in ſeinem Staatsſchatze, die reguläre Armee und die Flotte waren dislocirt, in ſeinem Schooße hegte eine noch immer beträchtliche Demo⸗ kratenpartei gewiſſe ſüdſtaatliche Sympathien und auf die gegen den Süden vorgerückten Staaten, deren eine Partei ſie ergreifen ſollte, konnte man nicht ſonderlich bauen. Man mußte es alſo mit der alten Nachgiebig⸗ keit verſuchen. Doch die Pflanzer pochten auf ihre augenblickliche 4 Ueberlegenheit. Süd⸗Carolina erklärte im December 1860 ſeine Lostrennung von der Union, der Süden warb nun offen neue Truppen an, berief die zahlreich in der regulären Unionsarmee dienenden Offiziere ſüd⸗ ſtaatlicher Abkunft und die auf der Militär⸗Academie von 77 Weſtpoint ſtudirenden Pflanzersſöhne nach der Heimath und wies entſchieden jeden Compromiß zurück. Dem Beiſpiele Süd⸗Carolina's folgten aber noch am Beginne des neuen Jahres die Staaten Miſſiſſippi, Louiſiana, Florida, Texas, Alabama und Georgia. Am vierten Februar aber, um vollſtändig jede Verhandlung mit dem Norden abzuſchneiden, trat in Montgomery eine Convention von Pflanzern zuſammen, entwarf eine proviſoriſche Verfaſſung und ernannte Jefferſon Davis aus Miſſiſſippi zum Präſidenten, Stephens aus Georgia zum Vice⸗Präſidenten der Conföderation. Einer ſolchen Lage der Dinge ſah ſich Lincoln gegenüber, als er am vierten März 1861 in Waſhington inaugurirt ward. Die verſöhnliche Rede, welche er bei dieſer Gelegen elt, blieb ohne alle Wirkung auf die Rebellen, d fffen ihre Anſtalten zum Bürgerkriege fortſetzten. Während Lincoln ſein Miniſterium ernannte, ſich mit gewiegten Männern wie Seward, Cameron, Chaſe, Smith, Welles u. A. umgab, eonſolidirte auch Jefferſon Davis ſeine Regierung. Im Norden durfte man nicht mehr auf eine friedliche Löſung des Conflictes hoffen. Nichtsdeſtoweniger ſtand der leutſelige Lincoln noochmals im Begriff, mit den Seceſſioniſten zu unter⸗ handeln, als plötzlich aus Charleston in Süd⸗Carolina die Nachricht von der Beſchießung und Einnahme des 78 Fort Sumter anlangte. Das Sternenbanner der Union war beſchimpft, der erſte blutige Gewaltſtreich der Con⸗ föderirten gethan, der ganze Norden ſchrie nach Rache, nach Ahndung der Frevelthat. 4 Jetzt galt kein Zögern mehr; der friedfertige Lincoln mußte dem allgemeinen Drängen, der patriotiſchen Be⸗ geiſterung des Volkes Folge leiſten, und er that es mit einer Energie, einer Umſicht und unerſchütterlichen Ruhe, welche die höchſte Bewunderung verdienen. Aber nicht minder Erſtaunliches vollbrachte der ganze Norden. Ohne befähigte Generale, ja ohne Armee, Flotte, Waffen und Munition ſahen ſich die Nordſtaaten zum Kriege gedrängt, und dennoch entwickelten ſie in kürzeſter Friſt eine impoſante Macht. Sie ſchufen im Handumdrehen ein gewaltiges Heer und Alles, ein ſolches zu einem mörderiſchen Kriege bedarf. Lincoln hatte fünfundſiebenzigtauſend Milizen zu den Waffen gerufen. Die Bürger von Maſſachuſetts waren die Erſten, welche dem Rufe nachkamen; ihre Regimenter marſchirten ſofort nach Waſhington, die Bundeshauptſtadt zu decken. In Baltimore, wo ein Theil der Bevölkerung für den Süden war, wurden die durchziehenden Truppen mit Steinwürfen begrüßt. Die Rebellion hatte ſich inzwiſchen weiter ausge⸗ breitet und die Grenz⸗Sclavenſtaaten überfluthet, die 79 Bevölkerung von Virginia, Tenneſſee, Arkanſas, Miſſouri und Kentucky machte zum großen Theil gemeinſchaft⸗ liche Sache mit den Pflanzern, wer dort in manchen Diſtricten noch Anhänglichkeit an die Union, loyalen Sinn zu zeigen wagte, ſah ſein Leben gefährdet. So galt es denn, der Seceſſion energiſch entgegen zu treten, die Schwankenden in den unzuverläſſigen Grenzſtaaten zur Pflicht zurück zu führen, die Rebellen aber wo möglich mit einem Schlage zu vernichten. Die Zuver⸗ ſicht der Unioniſten war groß, aber noch größer ihre Selbſttäuſchung; in ihrer Begeiſterung vergaßen ſie, daß ihre Führer einem wohlgeſchulten, längſt vorbe⸗ reiteten, mit allen Hilfsquellen verſehenen Feinde nur ür die Union aus, und das Treffen bei Bull's Run ſollte die Unioniſten vollends darüber belehren, daß ihre Truppen den geübten Gegnern, die von einem Lee, Jackſon, Johnſton befehligt wurden, nicht gewachſen ſeien. General M'Dowell ward ge⸗ ſchlagen und mußte das Feld räumen. Wer den Charakter der Yankees kennt, der weiß, daß Mißerfolge ihre Energie und Ausdauer nur ſteigern. Als daher Lincoln nach der unglücklichen Schlacht von Bull's Run fünfhunderttauſend Freiwillige zu den Waffen — 80 rief, da wimmelte es in allen Bureaux der Nordſtaaten von Kampfluſtigen, da ſtrömten von allen Seiten Arm und Reich herbei, voll Enthuſiasmus für die heilige Sache der Union und ihre altehrwürdigen Inſtitutionen einzuſtehen.. Da M'Dowell ſich nicht bewährt hatte, der alte Scott, bekannt aus dem mexikaniſchen Kriege, zurück⸗ trat, ſo wurde M'Clellan zum Oberbefehlshaber der Bundestruppen ernannt. Er ließ die Hauptarmee ein Lager am Potomac beziehen und brachte den Reſt des Jahres 1861 damit zu, die Truppen einzuüben. M'Clellan war, wie ſich ſpäter herausſtellte, keineswegs der Mann, ein großes Heer zu befehligen; ſchon damals erhoben ſich viele Stimmen gegen ihn, welche in ſein Feldherrntalent Zweifel ſetzten der Langſamkeit und Unentſchloſſenheit beſchuldig Es geſchah in der That am Potomac nichts, wa Ungeduld der Nordſtaatler, die vor Begierde brannten, ſich mit dem Feinde zu meſſen, nur einigermaßen hätte beſchwichtigen können. Und was aus andern Theilen der Vereinigten Staaten, wo Bundestruppen gegen den Süden operirten, von Nachrichten einlief, war auch nicht geeignet, die ungeſtümen Nordſtaatenmänner zu befriedigen; General Roſekrans hatte wohl bei Rich Mountain einige Er⸗ folge errungen, Sigel war dagegen bei Carthago und Lyon bei Wilſon's Creek zum Rückzug genöthigt wor⸗ den, bei welcher Gelegenheit der letztgenannte General das Leben verlor. Auch bei Ball' Bluff in Virginia fand im October noch ein der Union nachtheiliges Treffen ſtatt; dann ruhten im Allgemeinen die Waffen, denn kleine Kämpfe in Weſt⸗Virginia, Kentucky, Miſſouri und noch gegen Ende December bei Dramsville in Virginia können kaum in Betracht kommen. Und ſo läßt ſich zu dem im Jahre 1861 Geſchehenen nur noch regiſtriren, daß im Herbſt unter Leitung des Oberſten Barnard die Befeſtigung Washington's beendet ward. Lincoln hatte währenddeſſen im Senate uud Reprä⸗ ſentantenhauſe einen ſchweren Stand. Nicht nur ſeine ern auch ſein Ordnen der be⸗ genheit ſchufen ihm Widerſacher, ſelbſt unter ſe een Freunden; doch mit ruhiger Feſtigkeit, ſich er lick in die Zukunft und maßvoller Weisheit fuhr er fort, die Zügel der Regierung zu halten, wies er die Einmiſchung fremder Mächte in die Angelegenheiten der Union zurück, führte er ſeine Na⸗ tion durch alle Wirrſale, welche ſich aufthürmten. Und das Vertrauen des Volkes in ſeine Ehrlichkeit, Energie und Begabung lohnte ihn für die Kämpfe, die er ſchließ⸗ lich doch immer ſiegreich beſtand. Zu Anfang des Jahres 1862 hatten die Unterneh⸗ Adolf Schirmer, Die Spionin. I. 6 mungen einzelner Truppenkörper der Union recht gün⸗ ſtige Erfolge, ſo daß die Stimmung im Norden wieder einigermaßen gehoben ward. General Milroy ſchlug am 5. Januar eine Abtheilung der Conföderirten bei Huntersville in Weſt⸗Virginia, vierzehn Tage ſpäter ward bei Mill Spring in Kentucky durch die Generale Thomas und Schöpff ein Sieg über den Südſtaaten⸗ Anführer Crittenden erfochten, am 6. Februar eroberte Commodore Foote das Fort Henry am Tenneſſeefluſſe und nahm den Commandanten General Tighmann ge⸗ fangen, bald darauf fiel das ſtarkbefeſtigte, durch Pillow und Buckner vertheidigte Fort Donelſon am Cumber⸗ landfluſſe in die Hände des genialen Ulyſſes Grant, der im Verlaufe des Bürgerkrieges eine ſo hervor⸗ ragende Rolle ſpielen ſollte. dieſes geſchah, ließ M'Clellan die große Pot thatenlos lagern. Er befand ſich 200,000 Mann dem Conföderirten⸗General Beauregard gegenüber, deſſen jenſeits des Fluſſes bei Centreville aufgeſtellte Streitmacht kaum halb ſo anſehnlich war. Obwohl durch Lincoln mehrfach aufgefordert, den Geg⸗ ner anzugreifen, unterließ es M'Clellan dennoch unter allerlei Vorwänden. Man hatte die zu occupirenden Staaten in ver⸗ ſchiedene militäriſche Departements eingetheilt; General „ 8 83 Halleck hatte die Beſtimmung, in den beiden weſtlichen zu operiren, Hunter in Süd⸗Carolina, Florida und Georgia, Butler an der Küſte des mexikaniſchen Golfes, Fremont im öſtlich vom Miſſiſſippi und weſtlich vom Potomac gelegenen Berg⸗Departement, Banks im Shenan⸗ doah⸗ und M'Dowell im Rappahannock⸗Departement. So ſtand denn Halleck mit 160,000 Mann und den Generalen Buell, Pope, Thomas, Sherman am Miſſiſſippi, auf dem die Commodore Farragut und Foote mit ihren Kriegsdampfern und Kanonenbooten zwiſchen Memphis und Fort Wright operirten, während Curtis in Arkanſas und Mitchell in Alabama befehligten, Burnſide durch den Pamlico⸗ und Albemarle⸗Sund eine Expedition nach Roanoke Isl nahm, von Süd⸗Oſten aus gen Richmond vo in. Und n ließ M Clellan zu Anfang März die ſchwerfällige Maſſe ſeiner Potomac⸗Armee ſich in Bewegung ſetzen, um gleichfalls gegen die Rebellenhaupt⸗ ſtadt vorzudringen. Ungefähr um dieſelbe Zeit erfocht bei Hampton Roads, nahe der Feſtung Monroe, an der Mündung des Eliſabethfluſſes der Monitor einen glän⸗ zenden Sieg über die ſüdſtaatlichen Schiffe Merrimac und Virginia, gewann Curtis die Schlacht bei Pea Ridge in Arkanſas. Und eine Woche ſpäter ſiegte Burnſide, deſſen Expedition gelungen war, bei Newbern 6* 84 in Nord⸗Carolina. Ferner errang General Shields am 23. März bei Wincheſter im Norden des Shenandoah⸗ thales einen namhaften Erfolg, indem er Jackſon und Aſhby ſchlug. Von da ab jedoch wendete ſich in Virginia das Schlachtenglück den Conföderirten zu. Eine Niederlage der Unioniſten folgte dort auf die andere, im Shenan⸗ doahthale, in den Sumpfniederungen des Chickahominy, ſo daß die Potomae⸗Armee, nach ſiebentägigem Kampfe, ſich unter furchtbaren Verluſten zurückziehen mußte. Dieſe Niederlagen in Virginia wurden reichlich durch die glänzenden Erfolge am Miſſiſſippi aufgewogen. Im April gelang es dem Commodore Farragut, New Orleans zu erobern, das dann f von Butlers Truppen beſetzt ward. Ende Mai er Commodore das Fort Wright. Am 1. Juli rief Lincoln von Neue ,000 Mann zu den Waffen; mit Enthuſiasmus kamen die Nord⸗ ſtaatenmänner der Aufforderung nach. Dieſem Aufrufe folgte am 22. September die Proclamation der Sklaven⸗ Emancipation und einige Tage ſpäter die Suspendirung der Habeas-corpus-Acte. Dieſe Suspendirung war nothwendig geworden, denn die Demokraten des Nor⸗ dens, welche ſich in zwei Parteien abgeſondert, in Kriegs⸗ und Friedens⸗Demokraten, hatten heimlich und offen — 85 begonnen, der Regierung entgegen zu arbeiten und Ruheſtörungen anzuſtiften. Zehn Tage vor der Proclamirung der vorerwähn⸗ ten Sklaven⸗Emancipation, die erſt am 1. Januar 1863 practiſch durchgeführt ward, lieferte Oberſt Miles ein blutiges Treffen gegen Jackſon bei Harpers Ferry, wo⸗ bei 14,000 Unioniſten geſchlagen wurden und Miles ſelber umkam. Doch fünf Tage ſpäter, am 17. Sep⸗ tember, fand M'Clellan im Verein mit Hooker und Burnſide Gelegenheit, dieſe Scharte bei Antietam aus⸗ zuwetzen. Dennoch ſollte das Jahr, einige günſtige kleinere Treffen abgerechnet, nicht glücklich ſchließen. Hätte der Erfolg der Potomac⸗Armee während der Frühjahrs⸗ periode gl Schritt mit den Waffenthaten der übri⸗ ion Kräfte gehalten, namentlich mit denen die Campagne von 1862 würde die völlige werfung der Rebellion bewerkſtelligt haben. Die Unentſchloſſenheit und Unkenntniß M'Clellan's ver⸗ eitelten damals einen Schlag auf Richmond, und nach ſeinem Rückzuge wußte er nichts Beſſeres zu thun, als das alte Lager zu beziehen und thatenlos mit ſeiner Armee fortzuvegetiren. In Folge deſſen ward dieſer General denn im November abgeſetzt; Burnſide rückte an ſeine Stelle. Doch die Union gewann nichts dabei. 86 Auch Burnſide's Feldherrnbegabung reichte nicht für die Potomac⸗Armee und dem kühnen und talentvollen Re⸗ bellengeneral Lee gegenüber aus, auch er mußte im December nach einem Uebergange über den Rappa⸗ 8 hannock und der für die Union unglücklichen Schlacht bei Fredericksburg ſich zurückziehen. Die Nachrichten von dieſer Niederlage, von dem Mißerfolge Sherman's vor Vicksburg am Niſſſſſſippi, und ſchließlich von dem am 31. December erfolgten Scheitern des Monitor bei Cap Hatteras geſtalteten den Schluß des Jahres zu einem höchſt unerfreulichen 6 für den Norden. Im Januar 1863 ward auch Burnſide des Ober⸗ commando's enthoben und durch Hooker erſetzt, den man wegen ſeiner perſönlichen Tapferkeit Joe“ zu nennen pflegte. Der Wechſel brachte übrigens vorläufig keine Be Armee blieb im Lager am Rappahannock cksburg gegenüber, im Angeſichte des Feindes. Auch in onderen Gegenden der Vereinigten Staaten geſchah während der erſten drei Monate des neuen Jahres weiter nichts Bemerkenswerthes, als daß im Januar ein Unions⸗ 3 Geſchwader Galveſton in Texas blockirte, noch in dem⸗ ſelben Monate die Conföderirten von Charleston in Süd⸗Carolina aus einen vergeblichen Verſuch machten, 87 die dortige Blockade zu durchbrechen, und daß im März zwei für die Union ungünſtige Kämpfe bei Straßburg in Virginia und bei Springfield in Tenneſſee ſtatt⸗ fanden. So war denn der April gekommen, jene Zeit, in der dieſe Erzählung begann, und es verlautete, daß General Hooker noch in demſelben Monate mit der Potomac⸗Armee den Rappahannock überſchreiten werde, 1 die Conföderirten anzugreifen. 8 Kehren wir nach dieſem Rückblicke auf die Geſchichte der Union zu den Helden unſerer Erzählung zurück. Viertes Kapitel. Lovett und der junge Armeearzt Arnau ſchritten dem Plätzchen unter der Eiche zu. Die Damen und Richard erhoben ſich. Agnes kam ihrem Gatten entgegen ſie hing ſich an den Arm deſſelben. 1 Doctor Arnau und Richard ſchloſſen ſich Alice an. Man begab ſich zu der Farm. Wie bereits erwähnt, hatte ſich Sene am folgenden Morgen ſchon ſehr zeitig von ſeiner Brigade zu verab⸗ ſchieden und dann ſofort nach Falmouth in's Haupt⸗ quartier zu begeben. Den Gatten blieben alſo nur noch wenige Stunden bis zur Trennung, und auch dieſe kurze Spanne Zeit durften ſie eunn nicht ausſchließlich widmen, denn die Offibiere ees ſich nicht nehmen laſſen, zu Ehren ihres allbeliebten Generals ein Ab⸗ 89 ſchiedsmahl zu veranſtalten. Lovett mußte dieſem aber wohl oder übel beiwohnen. Und wie nun die kleine Geſellſchaft vom Hügel⸗ kamme niederſtieg, da näherten ſich der Farm auch im ſelben Augenblicke von der entgegengeſetzten Seite aus bereits einige Abgeſandte des Offiziercorps, den General und ſeine Gattin feierlichſt in das Lager zu geleiten. Die ſtattlichen, vollbärtigen Unionsſoldaten ſtießen an der Thür auf Onkel Hugh. Dg zwei der Herren, in Pennſylvania anſäſſig, den alten eiſenfeſten Pitts⸗ burger kannten, ſo erfolgten gleich fröhliche Begrüßungen, und als Onkel Hugh, mit Fragen beſtürmt, den Zweck ſeiner Reiſe nannte und auf die heldenmüthige Nichte mit den Anderen den Platz vor dem erd Alice ſofort der Gegenſtand leb⸗ . Die Offiziere ruhten nicht eher, iche Gäſte des alten Virginiers, vor Allem die Damen, ihre Erklärung abgegeben, an dem kleinen Feſte im Lager theilnehmen zu wollen. Wie gern hätte Agnes das geräuſchvolle Treiben geflohen, im heißen, inbrünſtigen Gebete ihre Stand⸗ haftigkeit aufrecht zu erhalten, aber e d nicht vergönnt. Ja, ſie fand bis zum keinen Moment mehr, in dem ſie m William ungeſtört allein geweſen wã 90 Und ſo, das Herz ſchwer und traurig, ein mattes Lächeln auf der Lippe, ſah ſich die arme junge Frau genöthigt, an der Seite ihres Mannes jene lauten Theilnahmsdemonſtrationen hinzunehmen, ohne welche ſeine Kameraden dieſen nicht wollten ziehen laſſen. Lovett fand im Lager einen feſtlichen Empfang. Man hatte Alles aufgeboten, dem General bei ſeinem Schei⸗ den zu beweiſen, wie theuer er Allen geworden. In⸗ mitten der Zeltreihen, von einem improviſirten Leinendache überſpannt, erhob ſich eine lange Tafel, gedeckt und mit dem Vortrefflichſten beladen, was die Sutler— wie in der Union die Marketender heißen, welche auch meiſtens die Offizierskoſt beſorgen— hatten auftreiben können. Wie ein Lauffeuer ging es von Muunh zu Mund, wer die intereſſante Miß ſei, welche die 5 begleitete, man umwarb und prie ſpäter an der Feſttafel die Gläſer an der perlende Wein,— denn die Herren lief kleine Verſündigung gegen die puritaniſchen Lager⸗ geſetze, welche Spirituoſen verbieten, zu Schulden — der Wein alſo ſeine Wirkung that, da chem Hoch auf Lovett und ſeine Lady a Toaſt auf die kühne Dame und deren die ſich ſo bereitwillig zeigten, für Tod zu gehen. 91 Erſt ſpät brach man auf. Manche Offiziere gaben den Scheidenden das Geleite bis zu den nächſten Schild⸗ wachen am Ausgange des Lagers. Da und dort traten Gemeine an den General heran und ſchüttelten ihm gut amerikaniſch zum letzten Abſchied die Hand. Arnau blieb bei den Offizieren zurüic, d die nun auch zu ihren Zelten heimkehrten. Endlich waren die Gäſte des Virginiers über die Vorpoſten des Lagers hinaus und ſchritten über den wellenförmigen Thalgrund hin, der Farm zu. Onkel Hugh ſteuerte rüſtig ziemlich weit voraus, Richard Erlen⸗ bach ſchritt an der Seite der ſchönen Alice, Miſtreß Lovett hing am Arme ihres Gatten und blieb mit ihm mehr und mehr hinter den Anderen zurück. Es war erſame Nacht; ſo lau und lieblich wie im Ho Sterne flimmerten im wolken⸗ loſen A d ſtand voll über den Bergen, ſein dämmerha Silberlicht fluthete über Thal und Höhen, hüllte das fernab liegende, alterthümliche, mit ſeinen ſeltſamen Giebeln und Häuſervorſprüngen wun⸗ derlich und düſter emporragende Harpers Ferry in eine märchenhaften Duftſchleier, und beglänzte das gegen die Bolivar Hights ſich maleriſch ausdehnende weiße Zelt. lager, wo jetzt nach und ach alle Lichteß 2 wie das Blitzen eines im Mooſe raſtenden Leuchtkäfers. Eine wonnige Stille herrſchte ringsum, nur einige Mo⸗ mente unterbrochen von dem durch die Ferne gedämpft vom Lager herauftönenden Zapfenſtreiche, dem kurzen Gebell eines Hundes, wenn die einſam Wandernden an den Fences“) einer der vereinzelt liegenden, unter hohen Ahornbäumen oder Ulmen hervorblinkenden Farms vorüberſtreiften, oder durch den weich und ſchwermüthig vom Hügelkamme herüberzitternden Ruf des Whippoor⸗ will, der dort die Honey⸗Suckle⸗Sträucher und Hage⸗ dornbüſche umſchwirrte. Alice ſchritt in freudig gehobener Stimmung vor⸗ wärts. Ihr Gang war elaſtiſch, ihre Augen blitzten eigenthümlich; ſie durchlebte oh weifel im Geiſte noch einmal die Lagerſcenen w vorübergerauſcht waren, und phantaſievolles Gemüth, ein wer des Herz, als das der jungen eerin, erregt haben würden. Von jenem edlen Ehrgeize erfüllt, der Großes erſinnt und, vom Glücke begünſtigt, auch Gro⸗ ſchafft, empfand Alice eine ſtolze Befriedigung in den Huldigungen, die ſelbſt ergraute, würdige Männer Einzäunung. hatten; die begeiſterten Toaſte, welche man auf das Ge⸗ lingen ihres kühnen Unternehmens geſprochen, klangen in ihrer Seele nach und verliehen dieſer eine Spann⸗ kraft, für deren Adlerſchwingen es keine Hinderniſſe giebt. So ſehr trat in dieſem Augenblicke alles Andere gegen den hohen Zweck, der ſie von Luxus und Wohl⸗ leben, vom friedenvollen, häuslichen Herde, aus den Arrmen eines greiſen, zärtlich beſorgten Vaters fort und dem Süden zugetrieben, in den Hintergrund, daß ſie wohl kaum an die Nähe des jungen Mannes dachte, der, träumeriſch und das Haupt geſenkt, ernſt und ſchweig⸗ ſam neben ihr ging. Auch Richard fühlte ſich eigenthümlich bewegt, doch während ſeine Ge in ſich einer freudigen Zuverſicht nd traurig zu ſein. Ueber vie der Ausdruck tiefer Weh⸗ muth, ſeine Bruſt ob und ſenkte ſich heftig, als wolle ein mühſam verhaltener Seufzer ſich ihr entringen, ſeine Blicke irrten matt über den Boden hin, den er trat, während er mit dem Stocke, den ſeine Rechte hielt, achtlos und läſſig die Feldblumen niederhieb, welche am Wege ſtanden. Er hatte im Lager der Unioniſten faſt ausſchließ⸗ lich mit dieſen verkehrt und war der jungen New vorkerin fern geblieben. Auch jetzt beſchäftigten ſich ſo ſehr ſie ihn auch intereſſirte, Das jugendliche Paar hatte ſich ſo eine ganze Weile ſchweigſam fortbewegt. Aber es war jetzt, als ob dieſe Ruhe das Mädchen drücke, und augenſcheinlich em⸗ pfand ſie das Bedürfniß, ihrem vollen Herzen Luft zu machen. Mit einer raſchen Bewegung blickte ſie auf den jungen Deutſchen. Doch wie ſie nun den ernſten, faſt kleinmüthigen Ausdruck ſeiner Züge gewahrte, die Un⸗ ſicherheit ſeiner Haltung, da ward ſie davon betroffen und brachte nicht über die Lippen, was ſie hatte ſagen wollen. „Wie,“ begann ſie nach kurzen mir verſtimmt, Sir! Oder,“ ſetzte ſ zu,„fühlen Sie ſich unwohl?9 Richard ſah zu ſeiner Gefährtin Traume erwachend. „Nur das Erſte iſt der Fall, Miß Palmer!“ antwor⸗ „Sie ſcheinen ehmend hin⸗ uf, wie aus einem tete er mit gepreßter Stimme, indem er matt lächelte. „Ich muß daher um Vergebung bitten, wenn ich in dieſem Momente nur ein trüber Geſellſchafter ſein kann, 8 der ſicher nicht zu Ihrer jetzigen Stinanung paßt! ſeine Gedanken nicht mit ſeiner anmuthigen Begleiterin, 95 „Ich will nicht hoffen, Sir, daß Sie im Lager einer meiner Landsleute durch ein unbedachtſames Wort oder Betragen verletzte?! Die Deutſchen kämpfen in den Reihen unſerer loyalen Bürger mit wahrhaftem Helden⸗ muthe, ſie haben ſeit Beginn des Krieges Leben und Gut für die Union eingeſetzt, es wäre eine Schande für Den, der dies nicht anerkennen wollte!“ „Niemand dachte daran, Miß, mich auch nur durch einen Blick zu beleidigen. Meine Verſtimmung iſt an⸗ deren Urſprunges. Das militäriſche Treiben im Lager, das wir kaum verlaſſen, ſo ſehr es auch vom europäi⸗ ſchen Soldatenweſen abweichen mag, rief herbe Er⸗ innerungen an eine Zeit in mir wach, die noch nicht Heimath beit verlaſſen, Richard ſchwieg einen Augenblick, ſichtlich ergriffen. Alice konnte ſich einer leichten Befangenheit nicht er⸗ wehren, denn ſie wußte nicht recht, was ſie antworten ſolle. Dem jungen Deutſchen entging dies nicht. „Deuten Sie meine Worte nicht zu meinem Nach⸗ theile, Miß!“ ſagte er weich.„Und damit dies nicht geſchehe, geſtatten Sie mir, während wir der Farm zu⸗ ſchreiten, einige Worte über mich und meine Vergangen⸗ heit zu verlieren. Von Ihnen, gerade von Ihnen möchte ich nicht verkannt ſein!“ „Sie dürfen ſich meiner Theilnahme verſichert hal⸗ ten,“ entgegnete Alice leicht erröthend,„denn Sie ſind der Schwager meines Freundes Lovett und der Bruder einer Dame, die mich lebhaft intereſſirt!“ Richard heftete ſekundenlang einen dankbaren Blick auf die ſchönen Züge der Amerikanerin. Dann be⸗ begann er: „Ich ſtamme aus einer altadeligen Familie, welche ſeit Jahrhunderten in der Rheingegend anſäſſig war. Meine Vorfahren waren noch bis zu Anfang dieſes 4 Jahrhunderts Günſtlinge am Hofe ihres Fürſten, hatten dort die namhafteſten Poſten beklei Aber ſchon durch meinen, einem übertrie ergebenen Großvater war eine Beſitzung ie nach der anderen mit hohen Schulden belaſte dann bedeutend unter dem Werthe veräußert worden, und da meine Eltern ebenſo wenig hauszuhalten verſtanden, der Vater obendrein ſich durch eine gewiſſe Schroffheit die Gunſt des Landesherrn verſcherzt hatte, ſo verarmten die Erlen⸗ bachs. Nach dem Tode meiner Eltern ſahen wir noch unerwachſenen Kinder, meine beiden Schweſtern und ich, 31 uns völlig mittellos, und wir durften noch von Glück ſagen, als der Fürſt ſich früher geleiſteter Dienſte mei⸗ —— 97 nes Vaters erinnerte und uns zum Dank dafür auf Staatskoſten unterbrachte, mich in ein Cadettenhaus, die Schweſtern in ein Stift für arme adelige Fräulein.“ „Arme Waiſen!“ ſeufzte Alice theilnehmend,„von der Gnade und Laune Fremder abhängig, oft für alle Zeit!“ „Kinder empfinden das nicht ſo ſehr,“ fuhr Richard fort;„auch hatten wir keine Urſache, uns über unſere Unterkunft zu beklagen. Doch will ich mich bei jener Zeit nicht aufhalten. Ich ward Offizier beim Genie⸗ Corps und darf wohl ſagen, daß man einige Erwar⸗ tungen in mich ſetzte. Bald aber begann ich, dieſen in gewiſſer Beziehung immer weniger zu entſprechen. Sie können ſich, Miß Palmer, als freigeborene Amerikanerin, wohl ſchwerlich einen Begriff von jenen Vorurtheilen machen, durch welche alle Glieder des Adels⸗ und Mili⸗ tärſtandes in Eu„mehr oder weniger ſelbſt die intelligenteſten, ſich eherrſchen laſſen, nach denen ſie im Verkehr mit der übrigen Welt handeln.“ „Ich las in Büchern darüber,“ unterbrach ihn Alice lächelnd,„oft faſt unglaubliche Dinge!“ „Nun gut. Nachdem ich das Inſtitut verlaſſen ſtudirte ich nicht allein militäriſche Schriften, ſondern betrieb auch mit Eifer in meinen Mußeſtunden philoſo⸗ phiſche und naturwiſſenſchaftliche Studien, ſuchte mich über alles zu belehren, was den Geiſt frei macht. Wäh⸗ Adolf Schirmer, Die Spionin. I. 7 0 98 rend ich aber ſo an Selbſterkenntniß und ſelbſtſtändiger Lebensanſchauung gewann, büßte ich an jenen Eigen⸗ ſchaften ein, welche dort beliebt ſind, wo man vom Soldaten verlangt, daß er nichts weiter ſein wolle, als ein den Vorgeſetzten blindlings gehorchendes Werkzeug. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen; ich hatte bis zu meinem Offiziersexamen nur das geſehen, was man mich ſehen laſſen wollte, nur das gelten laſſen, was nach dem Begriffe der militäriſchen Disciplin nur Geltung hat, und je mehr ſich nun mein Geſichtskreis erweiterte, deſto unleidlicher ward mir der geiſtloſe Gamaſchendienſt,— denn welches andere Feld als der Exercier⸗ oder der Paradeplatz bietet ſich dem thaten⸗ durſtigen Offizier eines kleinen deutſ chen Staates dar? üe es erſchien mir nc unw vollem Be⸗ ſſen, die mit der Kertnäſchitrarn Zeit in Wider hſtanden. Was in einer Großſtadt überſehen wird, konnte in einer kleinen Reſidenz nicht unbeachtet bleiben. Man nahm es höheren Ortes ſehr übel auf, daß ich mit Leuten aus dem Bürgerſtande verkehrte, mit notoriſch als frei⸗ ſinnig bekannten Männern, die aber, nebenbei bemerkt, ſehr geiſtreiche Leute waren, das General⸗Commando tadelte mich, daß ich während meiner Mußeſtunden mich mit Dingen beſchäftigte, die, wie das Reglement beſagte, — 3ͦ— 99 ein Offizier nicht zu wiſſen brauche, es unterſagte mir ferner die Mitarbeiterſchaft an einer wiſſenſchaftlichen Zeitſchrift, der ich bisweilen kleine Artikel geliefert hatte. Kurz, man behandelte mich mehr und mehr als einen Neuerer, einen Rebellen.“ „Unglaublich! Ich begreife die Europäer nicht, Sir!“ „Was ich ſoeben geſagt, Miß Palmer, ließe ſich ſo ziemlich noch alles vom Standpunkte der militäriſchen Disciplin aus rechtfertigen, und wenn man die euro⸗ päiſchen Verhältniſſe berückſichtigt, ſo iſt es auch be⸗ greiflich, wie man es in manchen Staaten höheren Ortes nicht gern ſehen kann, wenn der Soldat mit dem Bürger fraterniſirt. Aber was werden Sie von der Eiviliſation der Alten Welt halten, wenn ich Ihnen ſage, daß nicht er Adel mit Naſenrümpfen mei⸗ nen vertrauten Un g mit Bürgerlichen vermerkte, nein, daß ſelbſt Bürgerliche es ſeltſam fanden, wenn der Baron Erlenbach mit Männern verkehrte, die nicht zu ſeiner Kaſte gehörten, daß Bürgerliche meiner Hand⸗ lungsweiſe niedere Motive unterlegten, und mich mit einer gewiſſen Geringſchätzung betrachteten?“ „Das beweiſt nur, Sir, daß die Bürger Ihres Welt⸗ theils, trotz der Ueberlegenheit in Dingen der Kunſt, Viſſenſchaft, Weltbildung, deren ſie ſich uns gegenüber rühmen, doch gegen die einfachſten Backwoodsmänner 7* 100 unſerer Union in Bezug auf ſittlichen Halt zurückſtehen. Die Traditionen eines Zeitalters, das entwürdigend für die Menſchheit war, ſind in ihnen noch nicht ver⸗ wiſcht, ſie knieen noch, vielleicht oftmals ſich ſelber un⸗ bewußt, aus Gewohnheit vor den alten Götzen, an die ſie doch nicht mehr glauben. Gewohnheit aber iſt eine Schwäche, und Völker dürfen nicht ſchwach ſein. Wer ſich nicht zu dem Stolze des Selbſtgefühls emporzuraffen vermag, der verdient ein Sklave zu ſein!“ „Die Bürger einzelner Staaten in Europa, Miß, ſind weiter fortgeſchritten.“ „Ich weiß, Sir, ich habe von dem Schein⸗Conſtitu⸗ tionalismus jener Staaten gehört,— wenn er in ihnen beſtehen kann, ſo zeigt mir das nur, daß die Freiheit, welche ihre Bürger im Munde führ en, ihnen nichts mehr als eine Phraſe iſt. Sagen Sie m Sir, beſteht nicht zur Stunde noch in jedem Staate Europa's ein Geſetz, das den Adeligen, der eines Verbrechens halber zur Kerkerhaft verurtheilt wird, ſeines Adelstitels verluſtig erklärt?“ „Ja, Miß!“ „Wie wird er dann genannt?“ „Wie jeder Bürgerliche, bei ſeinem Familiennamen!“ „Nun gut, Sir! So lange die Völker oder ihre Ab⸗ geordneten dulden, daß ein Geſetz fortbeſteht, welches 8 8 ——— 4 8. 101 einen der Adelskaſte Unwürdigen noch gut genug zum Bürger erklärt, ſo lange kann ich nicht glauben, daß jene Völker und ihre Vertreter von jenem Gefühle wahrhaft durchdrungen ſind, welches die Bruſt auch des unſcheinbarſten Kindes unſerer Union freudig und ſtolz durchbebt!“ 3 „Sie haben Recht, Miß, es liegt in unſerer Alten Welt, der ich wohl für ewig Valet geſagt habe, noch Vieles im Argen. Der Adel giebt ſeine Vorrechte nicht auf, der beſitzende Bürgerſtand will die Freiheit nur halb, will nur ſo viel davon, als mit ſeinen Intereſſen ſich verträgt, der Bauer lebt ſtumpfſinnig in den Tag hinein und klammert ſich an ſeine Hufe Landes. Und dennoch darf der freiſinnige Mann auch in der Alten Welt nicht verzagen, mir verkünden es die Zeichen der Zeit. Ein vierter Stand entwickelt ſich mehr und mehr in achtunggebietender Stärke, durchdrungen von Dem, was einem freien Volke noth thut, der Arbeiterſtand. Er wird für die Geſammtheit der europäiſchen Völker vollbringen, was einſt die jetzt abgenutzte liberale Bour⸗ geoiſie für ſich vollbrachte. Gebe Gott, daß es auf friedlichem Wege geſchehe! Dann aber, Miß, dann ſind die Männer der Alten Welt denen der Neuen voraus!“ Alice warf das Haupt ſtolz und zuverſichtlich in die Höhe. „Wer ſagt Ihnen, Sir,“ verſetzte ſie mit klarer, feſter Stimme,„daß wir auf dem begonnenen Wege ſtehen bleiben werden? Der Bruderkrieg, den wir jetzt führen, iſt nichts als der Beginn eines Läuterungs⸗ proceſſes, den unſere Nation durchgehen wird, denn auch bei uns iſt Manches, wie es nicht ſein ſollte, in Staat und Geſellſchaft. Aber der Anſtoß zu gewaltigen Re⸗ formen iſt gegeben, und der praktiſche Nankee wird ſie vollzogen haben, Sir, verlaſſen Sie ſich darauf, bevor noch die ſchwerfällige Maſſe der europäiſchen Bevölkerung zum völlig klaren Bewußtſein ihrer bürgerlichen Rechte und politiſchen Pflichten gelangt iſt!“ Richard ſchwieg und blickte vor ſich hin. Die junge Nordamerikanerin mochte fühlen, daß ſie in ihrem Nationalſtolze dem Manne einer anderen, an und für ſich ehrenwerthen Nation Ueicht ein wenig zu unumwunden ihre Meinung geſagt habe, einem Manne, den ſie nach der Denkungsart, die er entwickelt hatte, hochſchätzen mußte. Sie hatte beinahe herbe und ſcharf geſprochen, ſie gab jetzt dem Geſpräche eine an⸗ dere Wendung, indem ſie lächelnd und mit weicher Stimme ſagte:„Wohin ſind wir gerathen?! Sie woll⸗ ten mir ja von den Erlebniſſen in Ihrer Heimath er⸗ zählen!“ „Ganz recht!“ verſetzte Richard, ebenfalls lächelnd⸗ F — „— F 103 und fuhr dann ernſthaft fort:„Meine Stellung war ſchließlich eine unleidliche geworden. Zur ſelben Zeit hatten meine Schweſtern das Penſionat zu verlaſſen, denn ihre Erziehung war vollendet. Was mußte das Loos der armen Mädchen ſein, überließ ich ſie ihrem Schickſale? Als Gouvernanten oder Geſellſchafterinnen in Abhängigkeit bei jenen adelsſtolzen Leuten zu leben, die nicht verabſäumen würden, ihnen ſchon um meinet⸗ willen dieſe Abhängigkeit bitter fühlbar zu machen? Das durfte nicht ſein, um keinen Preis der Welt! Doch wie hätte ich die Schweſtern erhalten können, als Keute⸗ nant, mit einer Gage, die kaum für mich allein aus⸗ reichte? Mir blieb nichts übrig, als meinen Abſchied zu nehmen und einen Erwerb zu ſuchen, der für uns Drei zur Noth ausreichte. So ſchüttelte ich denn in Gottes Namen den Genie⸗ Offizier und den Baron ab, den nach europäiſchen Begriffen die Arbeit geſchändet hätte, und nahm, mit der Technik und Chemie einiger⸗ maßen vertraut, in einem rheinländiſchen Badeorte die Stelle eines Fabriksleiters an, welche ein wohlhabender Freund aus dem Bürgerſtande mir antrug.“ „Das macht Ihrem Herzen, Ihrer Geſinnung Ehre!“ rief Alice lebhaft und bewegt. „Ich ward unabhängig durch die Arbeit, und das beglückte mich, ich erſparte meinen Schweſtern eine Reihe von Demüthigungen, und das entſchädigte mich für das Fehlſchlagen von Hoffnungen, die ich in mei⸗ nen früheren Verhältniſſen gehegt hatte. Wir fanden, die Schweſtern und ich, den rechten Weg zu ſtandhafter Reſignation, wir ſchritten rüſtig darauf fort, unbe⸗ kümmert um die Welt, und, ſeltſam, von jenem Augen⸗ blicke an ſuchte uns das Glück auf. Im Curgarten des Badeortes lernte ich den General Lovett kennen, der ſeiner Verwundung halber nach Europa gekommen war; wir wurden vertraut, er ſuchte mich auf, er ſah Agnes, das Uebrige wiſſen Sie. Mich und die jüngere Schwe⸗ ſter ſeiner Frau beſtimmte er, nach der Union zu über⸗ ſiedeln; ich that es, nachdem Lovett mir zugeſichert, daß er mich nicht als einen aus ſeiner Taſche zehrenden Schwager, ſondern als ſeinen unabhängigen Arbeiter betrachten werde, der ſich ehrlich erwirbt, was er ge⸗ nießt. Und ſo iſt es, Miß,— ich leite das Petroleum⸗ geſchäft Lovett's, das einen erſtaunlichen Aufſchwung genommen hat und ihn zu einem vielfachen Millionär machen wird, indeſſen er im Felde den Feind des Vater⸗ landes bekämpft!“ Richard ſprach die letzten Worte faſt mit Wehmuth. Ein halb unterdrückter Seufzer bebte auf ſeinen Lippen. Alice betrachtete den jungen Mann mit unverhehltem Intereſſe. Sie las in ſeiner Seele. 105 „Geſtehen Sie es, Sir,“ ſagte ſie plötzlich,„Sie wären glücklich, ſtatt des Schwagers in den Kampf ziehen zu können, nicht ſo?“ „Ja, Miß,“ verſetzte Richard mit Wärme,„können Sie es mir verdenken? In dem kriegeriſchen Treiben, das mich umgiebt, ſeit ich den Boden Amerika's betreten, iſt der ehemalige Soldat in mir erwacht! Wovon ich ſo oft geträumt, das ſehe ich hier verwirklicht, ein Tummel⸗ platz liegt offen vor mir da, auf dem der Muthige ſich bewähren kann. Und dennoch muß ich unthätig zuſehen, während Hunderttauſende um mich her begeiſtert zu den Waffen greifen, wenn ſelbſt heldenmüthige Mädchen ihr Leben in die Schanze ſchlagen, muß ſchweigen, wo luſtige Kriegslieder um mich her ertönen! Mir brennt das Auge, wenn ich von neuen Erfolgen leſe, an denen ich nicht misgethan, und wahrlich, ich muß vor jedem In⸗ validen eerröthen, der an meiner Thür vorüberhinkt! Und kann ich es ändern? Mein Schwager ſah ſich ge⸗ nöthigt, gleich nach ſeiner Rückkunft aus Europa ſeinen ehemaligen Geſchäftsführer wegen grober Unterſchleife zu entlaſſen, ich aber mußte an die Stelle deſſelben treten,— durfte ich es Lovett verweigern, der meiner jetzt dringend bedarf, durfte ich das Verſprechen zurück⸗ halten, ſeine Gattin mit meinem Leben ſchützen zu wollen, ſo lange er auf dem Schlachtfelde verweilt? Es iſt alſo meine Pflicht, auch hier zu reſigniren, aber ich kann es nutk unter tiefen Schmerzen!“ „Ich fühle mit Ihnen, Sir,“ antwortete Alice be⸗ wegt,„Sie dürfen ſich der Verpflichtung gegen Lovett nicht entziehen; auch ich ſpreche es als Patriotin mit lebhaftem Bedauern aus, denn wie ich Sie jetzt kennen gelernt, wäre Ihr Platz im Getümmel der Schlacht und nicht in einer Petroleumfabrik, und weiß Gott, es thut mir weh, daß mein Vaterland einen Mann wie Sie in den Reihen unſerer Streiter vermiſſen muß. Aber hoffen Sie auch jetzt; ich zweifle nicht daran, daß ſich der Kriegsſchauplatz bald bis über Pennſylvania ausdehnen wird, bis über Gettysburg hinaus, wo die Beſitzungen Lovett's liegen, dann ſind Sie eines Theiles Ihrer Pflicht entbunden, dann geleiten Sie Ihre Schweſtern nach New York,— mein Vater würde glücklich ſein, die Damen in ſeiner Villa am Hudſon aufnehmen zu können, und Sie könnten dann—“ „Und ich—?“ „Nun, dann— dann werde ich mich herzlich freuen, Sie als Kriegskameraden im Lager der Union begrüßen zu dürfen, wenn Sie die Kameradſchaft einer Spionin nicht verſchmähen!“ Alice lächelte und hielt dem jungen Deutſchen eines ihrer zarten, weißen Händchen hin. Richard preßte 4 K.————— — 107 ſeine Lippen leidenſchaftlich darauf, ſo ſtürmiſch, daß Alice die Hand haſtig zurückzog. Sie hatten im Eifer des Geſprächs weder die rei⸗ zende Frühlingsnacht noch den Weg beachtet. Und nun ſie aufblickten, ſahen ſie ſich plötzlich vor dem Ziele ihres nächtlichen Ganges und vernahmen die kräftige Baßſtimme des Onkel Hugh, der ſich dicht vor der Farm aufgepflanzt hatte. „Junges Volk,“ rief der derbe Graubart,„kommt hinterdrein geſchleppt, wie marode Nachzügler beim Truppenmarſche!“ „Die Nacht iſt ſo ſchön,“ verſetzte Richard und fügte leiſe hinzu, an Alice ſich wendend: nich werde ſie nie vergeſſen!“ Alice und Richard gelangten zur Farm hinauf. An der Thür blickten ſie hinter ſich. Lovett und ſeine Gattin ſchritten in ziemlicher Ent⸗ fernung den Hügel hinan, doch nicht der Farm des Virginiers, ſondern jener buſchumwachſenen Bank unter dem Eichbaume zu, wo zur Zeit der Abenddämmerung die Damen und Richard geſeſſen. „Wollen wir auch dorthin gehen, Miß?“ begann dieſer jetzt.„Die Nacht iſt wirklich zauberhaft!“ „Nicht doch,“ entgegnete Alice weich,„es wäre eine Verſündigung, die Gatten jetzt zu ſtören. Arme junge Frau!“ „Und bei Gott,“ brummte Onkel Hugh,„wir müſſen morgen zu Pferde, über Stock und Stein, da iſt ein ſolider Schlaf uns nöthiger, als ſo ein ſentimentales Ding von einer Mondſcheinnacht! Komm, Alice, gute Nacht, Sir!“ Die junge Dame lächelte. Ein Blick ihrer aus⸗ drucksvollen Augen traf den jungen Deutſchen, der ſich ſtumm verneigte. Fort waren Onkel und Nichte. ⁸ Richard aber ſchritt eine Weile nachdenklich unter den Hickorybäumen auf und nieder. Dann ſeufzte er tief auf und trat ebenfalls in das Haus, ſein Lager aufzuſuchen. — — 3——— 4 Fünftes Kapitel. Etwa eine Stunde vor der Zeit, in welcher Lovett ſammt ſeiner kleinen Geſellſchaft das Lager verließ, um nach der Farm des Virginiers zurückzukehren, erſchienen ungefähr eine engliſche Meile unterhalb Harpers Ferry drei Männer am jenſeitigen Ufer des Shenandoah. Sie waren Einer nach dem Andern aus der Waldung hervorgekommen, welche ſich hart am Fluſſe in die Schluchten der Blauen Berge hinein und bis zu den Gipfeln derſelben hinaufzieht, hatten ſich vorſichtig nach allen Richtungen umgeblickt und dann bis zum ſtellen⸗ weiſe mit Geſtrüpp bewachſenen Ufer geſchlichen. Nun gingen ſie an demſelben entlang und ſpäheten augenſcheinlich nach einer ſeichten Stelle des Flußbettes, um das Waſſer durchwaten zu können. Wie ſie ſo zwiſchen Geſträuch und Röhricht gleich Schatten lautlos ſich vorwärts bewegten, bald ſtehen bleibend und horchend, bald den ſcheuen Blick in die Ferne ſendend oder das ihnen gegenüber liegende Ufer„ muſternd, in deſſen Nähe auf dem Hügelkamme die Beſitzung des alten Virginiers emporragte, da fiel das volle bleiche Mondlicht ſcharf auf ihre Geſtalten. Die Erſcheinung dieſer Männer war keineswegs ge⸗ eignet, Vertrauen zu erwecken. Ihre unſaubere Klei⸗ dung zeigte ſich an manchen Stellen zerriſſen, die Stie⸗ feln waren durchlöchert, das Haar hing ihnen wirr um die Schläfen, die niedrigen, zerdrückten, mexikaniſchen Hüte glichen ſchon faſt keiner Kopfbedeckung mehr, in 3 Blick und Mienen lag ein Gemiſch von Furcht und Wildheit. Das verdächtige Ausſehen der Männer ward noch dadurch erhöht, daß jeder von ihnen eine Flinte in der Hand trug. Ihr haſtiges und beinahe fieberhaftes Benehmen hatte etwas von demjenigen eines gehetzten Wildes, das wohl einen Vorſprung vor ſeinen Verfolgern voraus hat, doch jeden Augenblick befürchtet, dieſe wieder zu erblicken. Und die Männer, von denen hier die Rede iſt, be- fanden ſich auch in einer ganz ähnlichen Situation, es waren Ausreißer von der Potomac⸗Armee, Deſerteure, die ſich vom Nordufer des Rappahannock aus, wo das Unionsheer lagerte, auf Schleichwegen durch Virginia dem Kopfe und ging weiter. 111 bis zu den Blauen Bergen geſtohlen hatten und dort wohl durch drei Wochen, in Schluchten und einſamen Scheunen übernachtend, umhergeſtreift waren. Zwei der Männer trugen noch die blaue Uniform der Unionsſoldaten, die ſich freilich jetzt im kläglichſten Zuſtande befand, der Dritte, ein junger, ſchlanker doch zugleich breitſchulteriger Menſch mit ſchwarzem, kraus⸗ gelockten Haar, einem Schnurrbärtchen und hübſchen aber verwegenen Zügen, hatte ſchon längſt Gelegenheit gefunden, ſeine Militärkleidung mit einem groben, grau⸗ röthlichen linsey-Anzuge zu vertauſchen, wie ihn die Hinterwäldler des Weſtens und Südens häufig tragen, ein Stoff, in den auch die Neger der Plantagen bei ihrer Feldarbeit und für gewöhnlich gekleidet ſind. Dieſer dritte Deſerteur, der eine Provianttaſche um⸗ gehängt hatte, mochte wohl der muthigſte ſein, er war zuerſt dem Gehölze entſchlüpft und auch jetzt den Anderen um zwanzig Schritte voraus. Nun entdeckte er eine ſeichte Stelle des Fluſſes, winkte den Gefährten und begann, ohne ſich weiter zu beſinnen, das Waſſer zu durchwaten. Vorſichtig auftretend ſetzte er ſeinen Marſch fort. In der Mitte des Fluſſes hatte er das Waſſer bis an der Bruſt, aber er hielt Flinte und Taſche über„ Bald hatte er das jenſeitige Ufer erreicht, kletterte triefend daran empor und hockte dann neben einem Ge⸗ ſträuche, im Schatten des ſich bis zum Hügelkamme hinaufziehenden Bodens. Es währte nicht lange, da kamen die Gefährten des jungen Mannes dieſem nach über den Fluß, doch der Vorſicht halber einzeln. Es hätte hier wohl ſo großer Vorſicht nicht bedurft, denn Niemand ließ ſich an den Ufern blicken, ſo weit die Flüchtlinge im Dämmerſcheine ſchauen konnten. Die beiden zuletzt Angekommenen wollten ſich auf den Raſen niederſtrecken, der Andere aber erhob ſich raſch und hielt ſie davon ab. „Nein, es iſt doch beſſer, wir bleiben nicht hier!“ flüſterte er in engliſcher Sprache, aber mit einem Accent, der ſehr ſtark den Deutſchen verrieth.„Dort oben, wo die große Eiche ſteht, iſt auch Gebüſch, wir überſehen dort rings die Gegend und können uns bei Zeiten vor einer Patrouille aus dem Staube machen. Ihr werdet mich dort erwarten, Gentlemen, bis ich aus der Stadt mit Maisbrod und einem guten Brandy zurück bin!“ „Wüßten wir uns nur andere Kleider zu verſchaffen,“ brummte einer der Angeredeten im breiten irländiſchen Dialekt,„daß wir nicht nöthig hätten, jeder Ortſchaft aus dem Wege zu gehen!“ — 113 „Wir hätten uns ohnehin nicht ſo weit nach Norden wagen ſollen,“ ergänzte der andere Uniformirte, ein ſchmächtiger, ſchwarzbärtiger Menſch, nhätten lieber gleich dem Süden zuſteuern ſollen. Je weiter wir nördlich kommen, deſto loyaleres Volk finden wir, calculire ich, deſto weniger giebt es Leute, die geneigt ſind, uns durch⸗ zuhelfen!“. Derjenige, welcher zuletzt geſprochen hatte, war keineswegs ausländiſcher Abkunft, und aus dem Worte ncaleulire“ ließ ſich entnehmen, daß er von Kentucky ſei, wo ein großer Theil der Bevölkerung für den Süden war. Nebenbei ſei hier bemerkt, daß man an gewiſſen Flickwörtern ſehr leicht erkennt, aus welchem Staate der Union ein Amerikaner ſtammt. Wie der Kentuckier ſeiner Rede das unvermeidliche I calculate beimengt, ſo ſagt z. B. der Neuengländer bei jeder Gelegenheit I guess, der Pennſylvanier und Virginier I think, der Bewohner von Alabama I reckon. „Ja, ja, wir hätten beſſer gethan, direct nach dem Süden durchzubrechen!“ ließ ſich der Irländer verneh⸗ men, ein Mann mit rothem Haar und bartloſem Ge⸗ ſicht, das mit Sommerſproſſen überſäet war. „Sie wären alſo jetzt geneigt, O'Leary, ſich unter die regulären Truppen der Südſtaatler ſtecken zu laſſen?“ fragte der Deutſche ironiſch. Adolf Schirmer, Die Spionin. I. „Wir hatten ſchon genug vom Volontärdienſt un⸗ ſerer Nankees,“ ergänzte der Kentuckier,—„und da ſollten wir—?“ „Nun alſo!“ unterbrach ihn der Deutſche.„Das wäre aber unſer Loos geweſen, würden wir uns dem Süden zugewendet haben. Ueberdies war uns ja dort⸗ hin der Weg überall abgeſchnitten, ſtand ja ohnehin unſer Sinn darnach, zu Mosby und ſeinen Guerillas zu ſtoßen, welche dieſen Theil von Maryland durch⸗ ſtreifen und hinter dem Rücken der Unioniſten an der Grenze Virginia's wirthſchaften, wie verſichert wird. Bei Gott, wir werden die Burſchen doch endlich finden! Wahrhaftig, unſer Geld iſt bald aufgezehrt,— und was dann?“ „Ja, ja!“ knurrte der Kentuckier.„Ich calculire, daß wir ſie bald finden. Dann ſoll es ein Leben werden!“ fuhr er wild auflachend fort.„Jenen Buſchkleppern iſt jede Beute recht, ob ſie der Nordſtaatenmann liefern muß, oder der Süder. Was kümmern uns im Grunde die NYankees oder die Südſtaatenbarone, was kümmert uns der ganze Streit um Freiheit oder Niggerthum?!“ „Das iſt auch wahr!“ bekräftigte O'Leary.„Auf weſſen Koſten wir zechen, das gilt uns gleich, wenn wir nur luſtig leben können. Und ich denke, wir finden „Wer ſagt das? Sorra bit— denke nicht daran!“ — 2 3 115 ſolches Leben beſſer bei Mosby's Burſchen, als unter Lee oder der ſtrengen Zuchtruthe des mit dem Himmel kokettirenden Presbyterianers Stonewall Jackſon, der vor jedem Gefecht niederkniet und betet! Wir haben uns gerade genug bei den nüchternen NYankees des ginsling und brandytoddy enthalten müſſen!“ „Und das iſt für einen gut katholiſchen Irländer ein Stückchen Hölle, he?“ warf der Deutſche ſpöttiſch hin. „Arrah! Wollen Sie damit ſagen, Sir, daß wir Ir⸗ länder Trunkenbolde ſeien?“ entgegnete O'Leary gereizt, indem er eine drohende Haltung annahm.„Ich ſollte denken, ein Mann, der wegen verbotenen Spieles, In⸗ ſubordination und ſonſtiger Unzukömmlichkeiten in der Unionsarmee vom Capitain zum Gemeinen degradirt ward und ſchließlich ſogar das gambler-Brett*) auf dem Rücken trug, habe keine Urſache, ſich über die kleinen Schwächen anderer Leute aufzuhalten!“ „Damn your eyes!« murmelte der Deutſche zähne⸗ knirſchend, indem er, bleich vor Wuth, die Flinte erhob. *) In der Unionsarmee wurden oft beim Würfelſpiel ertappte gemeine Soldaten häufig zur Strafe im Lager öffentlich ausge⸗ ſtellt, mit einem Brett auf dem Rücken, worauf das Wort gambler (Spieler) geſchrieben ſtand. Sie erhielten Würfel und wurden unter Aufſicht einer Schildwache gezwungen, den ganzen Tag um Bohnen zu ſpielen, auch erhielten ſie nichts zu eſſen, unter dem Vorwande, daß ein Spieler nicht Zeit habe, ein Mahl zu halten. 8 ——— „And yours too!“ antwortete der Irländer und ließ zuleich den Lauf ſeines Gewehres im Mondlichte blitzen. 8 „Ruhe da!“ ziſchelte der Kentuckier.„Ich calculire, daß wir in unſerer Lage alle Urſache haben, unter uns einig zu bleiben!“ „Mir iſt es ja recht,“ brummte O'Leary,„der Gent⸗ leman dort ſoll nur die kleinen berechtigten peculiari- ties einer Nation nicht angreifen,— ich laſſe den Deutſchen ihr Bier und Sauerkraut, ſie mögen uns aber auch unſere Tröpfchen jimmaky und brandymash gönnen!“ „Füllt Euch damit nach Belieben!“ ſagte nun der junge Deutſche ruhig.„Collins hat recht, wir dürfen nicht uneins ſein. Da nehmt meine Flinte, Miſter Calculate, damit ich in der Stadt keinen Verdacht er⸗ rege. Ich erzähle dem shopkeeper, wenn er argwöh⸗ niſch werden und mich ausfragen ſollte, die alte Fabel, die mir bis jetzt noch immer durchhalf, und bin hoffent⸗ lich bald mit dem Nöthigen zurück. Kriecht indeſſen die Anhöhe dort hinauf, aber vorſichtig, denn jenſeits vor der Stadt werden die Nankees ihr Lager und ihre Vorpoſten haben. Dort an der Eiche treffen wir uns.“. „Wollt Ihr nicht gleich verſuchen, Sir, ob Ihr in jener Farm bekommen könnt, was wir brauchen?“ fragte — N — Collins, der Kentuckier, indem er auf das Haus des alten Virginiers deutete.„Vielleicht iſt der Farmer ein Anhänger des Südens, läßt uns in ſeiner Scheune übernachten und hilft uns, calculire ich, von dieſer Montur, die uns überall kenntlich macht.“ „Ich ſchlüpfe lieber jetzt erſt zur Stadt,“ antwortete der junge Mann,„man kann dort unbeobachteter auf⸗ tauchen und leichter verſchwinden. Das Andere wird ſich finden. Vorwärts!“ Der Kentuckier und der Irländer ſetzten ſich in Be⸗ wegung, um ſich zu dem Hügelkamme hinauf zu ſtehlen. Der junge ſchwarzlockige Deutſche aber ſchlich am Ufer des Shenandoah entlang. Er ſtieß auf keine menſchliche Seele und bog bei der Brücke, welche über den Fluß führt, in das alter⸗ thümliche Städtchen ein. Die beiden Deſerteure ſtiegen die ſanft ſich ab⸗ dachende Anhöhe hinan. Sie klapperten mit den Zäh⸗ nen eine hübſche Muſik zuſammen, denn obwohl die Nachtluft eine ungewöhnlich laue war, ſpürten ſie doch in ziemlich empfindlicher Weiſe die Näſſe ihrer Kleidung. Bald erreichten ſie die Fence, welche den Ackergrund des Virginiers umgab, und ſtrichen ſo lange in gebück⸗ ter Haltung daran hin, bis ſie die letzten Ausläufer des um die gigantiſche Eiche ſich ziehenden Geſtrüppes 118 neben ſich hatten. Nun tauchten ſie in daſſelbe, wandten ſich links und ſchlugen, vom Gebüſch verſteckt und ſich ſo geräuſchlos wie möglich durch das Gezweige einen Weg bahnend, die Richtung nach dem Hügelkamme und der vorerwähnten Eiche ein. Sie gelangten faſt zu gleicher Zeit zu dem kleinen Plateau, an dem ein ſchmaler Weg vorüber lief und ſich etwa zehn Minuten weiter in den Wald verlor, der jenen Theil der Anhöhe deckte, wo kein Haus mehr zu erblicken war. Zum Plateau führte aber noch ein Fußpfad, und der kam direct aus dem Thale, in dem die Brigade ihr Zeltlager aufgeſchlagen hatte. „Dort iſt eine Bank,“ brummte O'Leary, durch das Geſtrüpp ſich windend,„wir haben jetzt nicht nöthig, uns in'’s Gras zu ſtrecken, das vom Thau feucht iſt. Ich fühle etwas wie ein Fieber, und kommt der Deutſche nicht bald mit einem ſtarken Whisky zurück, der gehörig den Magen durchwärmt, ſo bin ich dieſe Nacht noch eine Leiche!“ „Dann braucht Ihr Euch morgen nicht erſchießen zu laſſen, calculire ich!“ entgegnete Collins trocken. „Seht nur dort hinunter, der Teufel reitet uns immer, daß wir in die Nähe der Blauröcke kommen, denen aus dem Wege zu gehen wir alle Urſache haben. Das Lager iſt keinen Kanonenſchuß weit von uns entfernt!“ 4 —— 19 Der Exvolontär O'Leary ſchob ſein geröthetes und beflecktes Antlitz nach Nordweſten, glotzte einen Augen⸗ blick nach den Zeltreihen hin, die dicht vor der von Harpers Ferry nach dem Städtchen Wincheſter führen⸗- den Eiſenbahn aufgeſchlagen waren, und ſchritt dann fluchend zu der Bank, auf der um die Abenddämmerungs⸗ ſtunde Agnes und die New⸗Yorkerin geſeſſen. „Bigorra, mir ganz gleich,“ ſagte er keuchend, indem er ſich ſchwerfällig auf den Ruheſitz fallen ließ und ſeine Flinte neben ſich ſtellte,„möge man mich morgen erſchießen, aber heute will ich nicht elendiglich umkommen! Und ſtellt Euch nicht gerade in’s Mondlicht mit den blitzenden Gewehren, Collins, daß Euch die Blauröcke, welche die Runde haben, nicht ſehen. Setzt Euch zu mir in den Schatten, auf der Bank iſt noch Platz ge⸗ nug. Uebrigens ſind wir hier ſo ziemlich ſicher, wir ſehen alles, was kommt, und haben immer den Vor⸗ theil, uns durch das Buſchwerk in den Wald flüchten zu können.“ Collins trat ſtumm in den Schatten der Eiche, lehnte ſeine und des Deutſchen Flinte an den Stamm, ſchlug ſich die Arme einigemale um den hageren Leib, ſich zu erwärmen, und warf ſich dann auf die Bank. „Nur nicht einſchlafen,“ ſagte er,„das iſt hier nicht gerathen!“ 120 Er hatte kaum geſprochen, als der Irländer, der verdrießlich den Blick über das Thal ſchweifen ließ, ſeinen Gefährten anſtieß. „Seht nur,“ murmelte er,„dort unten zieht eine Streifpatrouille ihren Schneckengang. Man wird uns hier doch nicht gewahren?“ „Wir ſind ja im Schatten,“ antwortete Collins, „und da die guten Burſchen dort recht gut wiſſen, daß Flüſſe und Gebirge zwiſchen ihnen und dem Feinde liegen, ſo machen ſie ihre Runde jedenfalls ſchläfrig und mit halb geſchloſſenen Aünei calculire ich. Aber was iſt das?“ „Was meint Ihr?“ „Dort, am Ausgange des Lagers wird es lebendiger!“ „Wahrhaftig! Whuroo— dort giebt es etwas!“ Die beiden Deſerteure ſtarrten aufmerkſam nach den Zelten. Es war das um jene Zeit, in der Lovett und ſeine Begleitung ſich von den Offizieren verabſchiedete. Nun ſahen die Flüchtlinge die kleine Geſellſchaft durch das Thal daherkommen und ſich der nächſtgelegenen Farm zuwenden, wo ſich Niemand zeigte. Collins und ſein Gefährte rührten ſich nicht, ſie betrachteten ſcharf die vom Glanze des Mondes Be⸗ leuchteten und beſonders das letzte Paar, denn ſie 121 erkannten ſehr wohl die Uniform des hochgewachſenen Offiziers.. Plötzlich gewahrten ſie, daß dieſer mit ſeiner Dame jenen Pfad einſchlug, der direct zu dem kleinen Plateau hinaufführte. „Hoho,“ flüſterte Collins,„ich calculire, ſie kommen hierher,— und unſer Kamerad iſt noch nicht bei uns! Wir müſſen uns zurückziehen!“ „Fort, hinter die Bank, in's Gebüſch hinein!“ ant⸗ wortete der Irländer, haſtig aufſpringend.„Dort kauern wir uns nieder! Whew— weg da!“ Beide nahmen die Waffen und ſchlüpften am Stamme der Eiche hin in's Geſtrüpp. Dort legten ſie ſich, wenige Schritte von der Bank, platt auf den Boden nieder und lauſchten mit verhal⸗ tenem Athem. Während Lovett, ſeine Gattin am Arme, hinter den anderen zur Farm Schlendernden zurückgeblieben war, hatte er, angeregt durch das Abſchiedsfeſt, faſt nur von den Hoffnungen und Plänen geſprochen, mit denen ſich die Anhänger der Union in damaliger Zeit trugen. Aber er war auch nicht müßig geweſen, ſeiner ſchönen jungen Frau Verhaltungsmaßregeln für den Fall zu geben, daß der Süden nach einer Schlacht, die demnächſt unzweifelhaft am Rappahannock ſtattfinden werde, ſieg⸗ reich bis in die Gegend vordringen ſollte, in der die rommenden Ereigniſſe abzuwarten, Agnes ſo feſt ent⸗ ſchloſſen war. Noch einmal hatte Lovett es verſucht, ſeine Gattin von dieſem Vorſatze abzubringen, hatte ihr dringend vorgeſtellt, daß ſie beſſer thun werde, ſammt der Schwe⸗ ſter nach dem Norden zu ziehen, während Richard auf der Beſitzung bei Gettysburg zurückbleibe. Aber alle dieſe Vorſtellungen waren an der Feſtig⸗ keit der jungen Frau abgeprallt. Dann hatte ſie ihren Gatten erſucht, mit ihr noch zu dem ſtillen Plätzchen hinaufzuſteigen, wo ſie mit William ſeit ihrer kurzen Anweſenheit ſchon mehr als einen Abend eine ſüße Stunde des Alleinſeins verbracht. Schweigend waren ſie dem ſich emporſchlängelnden Pfade gefolgt, betraten ſie jetzt das kleine Plateau. Lovett ſchob ſanft den Arm der Gattin von dem ſeinen und ſchritt zu der Bank. Er betaſtete dieſe flüchtig. Die durchnäßte Kleidung der Deſerteure hatte das Holzwerk befeuchtet. „Hier iſt alles naß,“ ſagte er,„es ſcheint, daß heute der Nachtthau ungewöhnlich ſtark von den Zweigen träufelte. Wollen wir nicht lieber ſogleich zu der Farm zurückkehren?“ 8 Bei den erſten Worten, die Lovett ſprach, ließ ſich —yy 123 ein kaum merkliches ſekundenlanges Raſcheln im Ge⸗ büſche hinter der Bank vernehmen. Der General achtete nicht darauf, er glaubte nur, ein Opoſſum, Racoon oder ſonſtiges kleines Wild habe ſich gerührt, und ahnte nicht, daß zwei vogelfreie Menſchen dort verborgen ſeien und einander überraſcht angeſtoßen, daß vier Augen durch das verworrene Geſtrüpp von nun an noch eifriger jede ſeiner Bewegungen überwachten. „Setzen wir uns nur!“ antwortete Agnes faſt drin⸗ gend auf die Frage ihres Gatten, indem ſie den grauen Plaid, in welchen ſie gehüllt war, feſter um die Schul⸗ tern zog. Dann fügte ſie hinzu, ſich zärtlich an ihren Mann lehnend:„Hier in der ſtillen, weiten Schöpfung, über uns die Sterne, fühle ich mich Gott näher,— wir müſſen mit dem Ewigen allein ſein, bevor Du mir entriſſen wirſt!’“ Lovett lächelte wehmüthig. Er nahm ein Tuch hervor und wiſchte das Sitzbrett ab. Dann zog er ſein geliebtes Weib zu ſich auf die Bank. Der Buſen der jungen Frau begann ſtürmiſch zu wogen, ihr Herz ſchlug hörbar, bebend ſchmiegte ſie ſich an den Gatten. „Du zitterſt,“ begann Lovett bewegt,„und dieſes Zittern iſt ein Vorwurf für mich. Wir ſind erſt wenige Monate vermählt, ich verſprach Dir einen Himmel auf Erden, und führte Dich doch über das Meer in eine neue Welt, wo wilde Stürme toben und die Brandfackel der Zwietracht lodert. Statt ſtiller, glücklicher Tage werden Dir jetzt Schmerzensſtunden zu Theil, dringen ernſte Prüfungen auf Dich ein, Du athmeteſt im Sonnen⸗ ſchein der Liebe auf und fürchteſt jetzt in bangen Sor⸗ gen zu vergehen. Armes Weib, o rechte nicht mit mir! Sieh, tauſend Familienväter haben den häuslichen Herd verlaſſen, greiſe Eltern alle ihre Söhne in den Kampf geſchickt, die Braut wacht im Lazareth am Schmerzens⸗ lager der Krieger, während ihr Verlobter am Bivouak⸗ feuer von ihr träumt. Alles opfert der zwingenden Nothwendigkeit die liebſten Wünſche, und ich ſollte zu⸗ rückbleiben? Glaub' mir, Agnes, nicht der Ehrgeiz trieb mich unter meine ehemaligen Waffenbrüder!“ „Ich weiß es, William,“ ſtammelte die ſchluchzende junge Frau,„ich weiß, daß der General Lovett ſeine Schuldigkeit zu thun hat und ich kenne die meine als Gattin eines braven Amerikaners, der für ſeine Union einſtehen muß. Klage Dich nicht an, wenn ich mich in dieſer Stunde ſchwach zeige,— ich legte in der früheren Heimath mein Loos freudig in Deine Hände und wußte doch, daß Du jenſeits des Oceans wieder in den Kampf ziehen werdeſt, ziehen müſſeſt. Wenn ein Mädchen das Weib eines Seemannes wird, ſo weiß ſie, daß eine 125 einzige erzürnte Meereswoge hinreicht, ihr Lebensglück zu vernichten, aber ſie will doch lieber in tauſend Aeng⸗ ſten um ihn die Nächte durchwachen, wenn er auf fer⸗ ner, gefahrvoller See ſteuert, als nicht ihr Schickſal an ſeines knüpfen, denn ſie liebt. Und ſo liebe ich Dich, mein William, ſo bin ich Dir hierher gefolgt, auf die Gefahr hin, mein Glück über Nacht in Trümmer ſinken zu ſehen. Laß mich weinen, keine dieſer Thränen darf auf Dein Gewiſſen fallen, William, und wenn es wahr iſt, daß Glück und Leid einander im Leben die Wage halten müſſen, daß jede Freude des Daſeins durch einen Schmerz erkauft ſein will, ſo möge mich Gott denn ſtärken, daß ich meinen Kummer geduldig trage, um unſeres künftigen Glückes willen!“ „Süßes, angebetetes Weib! Die Zeit der Bedräng⸗ niß wird vorübergehen, und dann, dann trennt uns ja nichts mehr!“ „Und nicht wahr? dann gehörſt Du mir mehr als dem Vaterlande an, dem ich Dich jetzt ab⸗ treten muß? O nenne mich nicht thöricht! Der Egois⸗ mus meiner Liebe geht ja nicht ſo weit, Dich in einer Zeit, wie die jetzige, allein beſitzen zu wollen. Und ich wage es ſelbſt nicht, Dich zu bitten, der Gefahr aus dem Wege zu gehen, denn das hieße von dem Tapferen begehren, daß er feige ſein möge! William, gerade um 126 Deiner edlen Mannhaftigkeit willen bin ich ſo ſtolz auf Dich, wie es nur Deine Landsleute ſein können, ſtolzer vielleicht! Und dennoch muß ich Dich beſchwören, bei Allem was uns heilig iſt, ſchone Dich, geize mit Deinem Leben, Dein Tod wäre auch der meine!“ „Muth, liebes Herz, Muth! Der Himmel war mir jenſeits des Oceans gnädig, indem er Dich in meinen Weg führte, er wird mich auch hier in meinem Vater⸗ lande nicht verlaſſen!“ Die Vorſehung giebt und nimmt! Die mörderiſche Kugel iſt nicht wähleriſch!“ „Die wenigſten Kugeln treffen!“ „O könnte ich mit Dir zur Potomac⸗Armee ziehen, an Deiner Seite in das wildeſte Schlachtgewühl tauchen, ich würde nicht verzagen! Aber allein ſitzen und brüten — unſelige Träume von Gefangenſchaft, Martern, Tod — entſetzlich!“ „Agnes, nur kleinmüthige Menſchen verzehren ſich in Angſt um Ungewiſſes! Du biſt die Gattin William Lovetts, ſei ſtark!“ „Ich will ruhig ſein, ſo viel ich es vermag, William!“ „Und noch einmal, zum letzten Male wiederhole ich es, geh' mit der Schweſter nach dem Norden, vielleicht nach Chicago oder New⸗York, wir haben ja in beiden Städten Familien, die ſich Deiner annehmen würden. — 127 Wer weiß, unter welchen Verhältniſſen Du möglichen⸗ falls von Deinem jetzigen Aufenthalte fliehen müßteſt, wenn— „Laß mich in Deiner Beſitzung bei Gettysburg, William. Mein Bruder Richard hat dort, ſo viel ich glaube, ſeinen Wirkungskreis liebgewonnen, meine Schwe⸗ ſter Hedwig iſt dort ſchon wie zu Hauſe, die deutſchen Nachbarn ſind liebe, herzliche Leute, und ich weiß mich Dir ſo viel näher als im Norden!“ „Ich würde Dir vorſchlagen, Dich in Washington aufzuhalten, dorthin gelangen die Nachrichten vom Kriegsſchauplatze am raſcheſten, dort wäreſt Du auch völlig ſicher, ſo lange es überhaupt noch ein Unions⸗ heer giebt, aber ich erinnere Dich an die Mittheilungen der Miß Alice; die ſonſt ſo ſtille Bundeshauptſtadt gleicht jetzt einer überfüllten Caſerne, Du würdeſt kaum eine anſtändige Unterkunft finden—“ „Laß mich in Pennſylvanien, William!“ „Gut, Du willſt es ſo, es ſeil Zum wenigſten be⸗ ruhigt es mich, daß ich Richard und Hedwig an Dei⸗ ner Seite weiß. Doch darfſt Du nicht mit Deinem Bruder Richard allein heimkehren, wie Du gekommen biſt. Man will zwiſchen den Süd⸗ und Catoctin⸗Bergen eine ſüdſtaatliche Guerillabande bemerkt haben. Du wirſt alſo weſtlich von den Gebirgen reiſen. General⸗ major Elliot giebt Dir ein Dutzend ſeiner Dragoner bis Hagerstown mit, dort benutzeſt Du mit Richard die Eiſenbahn bis Chambersburg und kehrſt auf der Fair⸗ fielder Chauſſee durchs Gebirge heim, das ja dort ſchon weit das Maryland⸗Gebiet überſchritten hat. Und nun komm, geliebter Engel, die Nachtluft könnte Dir ſchaden!“ „Nicht doch, bleibe noch, William! Morgen ge⸗ hörſt Du mir nicht mehr an, o wären dieſe flüch⸗ tigen Momente hier eine Ewigkeit!“ Die Gatten lächelten einander zärtlich an, ſie tauſch⸗ ten viele glühende Betheuerungen aus. In ihr weh⸗ müthig wonniges Geflüſter hinein klang rings kein an⸗ derer Laut, als ab und zu der Ruf des noch immer um die Honey⸗Suckles irrenden Whippoorwill, deſſen klagende Töne zu der ſüßen Schwermuth der Gatten ſtimmte. Endlich drängte Lovett zur Heimkehr, das Paar erhob ſich und ſchritt langſam im glitzernden Silber⸗ lichte des Mondes, über den Hügelkamm hinweg, der Farm zu. Der General und ſeine Frau hatten etwa die Hälfte des Weges von der Eiche bis zur Cottage des Vir⸗ giniers zurückgelegt als das Gebüſch hinter der Bank wieder zu raſcheln begann, doch dieſesmal ſtärker als zuvor. 129 Die Deſerteure richteten ſich im Gebüſche auf. Sie hatten in ihrem Verſtecke nicht einmal mit einander zu flüſtern gewagt. „Erkanntet Ihr den Mann?“ murmelte jetzt der Irländer. „Aye,“ ziſchelte Collins, nich calculire, daß es der lange Oberſt Lovett war, unter dem wir beide im ver⸗ floſſenen Jahre dienten und der Ende Mai bei Fair Oaks ſchwer verwundet ward. Ich hielt ihn für todt!“ „Ja, das war Lovett,— aber jetzt iſt er General! Er rückt zur Potomac⸗Armee ein, man wird ſich alſo dort ſchlagen,— deſto beſſer für uns!“ „Bei Gott, wir erfuhren da eine gute Sache,— Mosby's Leute ſollen ſich bei den Catoctin⸗Bergen umhertreiben. Ich kenne die Gegend, wir haben nicht gar ſo weit bis dorthin. Jetzt iſt doch eine Ausſicht da, calculire ich, den Freibeutern in den Weg zu kommen!“ „Aber werden ſie uns nehmen? Sie ſind faſt alle beritten, und wir haben keine Pferde.“ „Was will das ſagen!? Wollen uns die Südſtaatler, dann iſt es ihnen ja eine Kleinigkeit, uns ein paar Gäule zu verſchaffen; ſie nehmen ja, was ihnen unter die Hände kommt. Aber verwünſcht— „Nun— 5⸗ Adolf Schirmer, Die Spionin. I. „Wenn unſer Kamerad nicht ſehr vorſichtig den Hügel hinaufſteigt, ſo muß ihn der General ſehen,— der Deutſche iſt ſchon lange fort und könnte gerade jetzt—“ „Still! Dort hinten knacken die Zweige!“ In der That ließ ſich in geringer Entfernung ein Kniſtern vom tiefer nach dem Fluſſe liegenden Geſtrüpp her vernehmen. Die Flüchtlinge zogen ſich haſtig hinter den Stamm der Eiche zurück und ſpannten den Hahn ihrer ge⸗ ladenen Flinten. Der General und ſeine Gattin waren vergeſſen, die Männer ſtarrten vorſichtig und entſchloſſen hinter dem Baume hervor auf das düſtere Buſchwerk. Eine Geſtalt wand ſich jetzt durch daſſelbe und eine Stimme ziſchelte:„Ich bin's, hn habt nicht nöthig, Euch zu verkriechen!“ „O'Leary und Collins ſetzten den Hahn der Gewehre in Ruh und athmeten auf. „Tretet nicht in's Freie hinaus!“ flüſterte der Ken⸗ tuckier dem Ankömmlinge zu und fügte nach der Farm blickend bei:„Aye, ſie ſind ſchon in's Haus, calculire ich!“ „War Jemand hier in der Nähe? Ich ſah keine Seele, denn ich kroch vom Fluſſe durch's Gebüſch herauf.“ „Ein Offizier und eine Frau kamen vom Lager und ſetzten ſich hier auf die Bank. Wir mußten uns verſtecken.“ ——— b — ———— Der Deutſche lachte. „Und ſo waret Ihr unfreiwillige Zeugen eines Rendezvous?“ 3 „Divil a bit— verheirathete Leute!“ brummte O Leary ungeduldig.„Das Weib winſelte, weil ihr Mann zur Potomac⸗Armee ſtoßen muß, die wieder ein⸗ mal endlich in's Treffen ſoll, wie's ſcheint. Doch nun raſch,— was habt Ihr in Harpers Ferry ausgerichtet, Er⸗Capitain?“ „Ich verbitte mir alle Sticheleien!“ „Ihr theilt ſie lieber aus, Sir, aber, musha, ich will Euch verehren wie meinen Schutzheiligen St. Patrick, wenn Ihr guten Whisky bringt!“ „Ihr werdet Augen machen!“ verſetzte der Deutſche lachend, umging die Bank, legte die Provianttaſche und ein dickes Bündel darauf, das er unter dem Arm ge⸗ tragen hatte, und fuhr fort:„Da ſeht her, Schinken, Maisbrod, Branntwein, aber hier, was für Euch faſt noch beſſer iſt, zwei noch ganz brauchbare graue Kittel, zwei Lederhoſen, die aus Euch Beiden die ſchön⸗ ſten corn-cracker des Staates machen werden eine wollene Decke, die wir in drei damit Jeder etwas davon habe.“ Collins und O'Leary ſtellten ihre Flinten fort und traten heran. Ihre Züge hellten ſich auf. „ und Theile zerſchneiden, —-— —————õ 13²2 Sie unterſuchten das Bündel und ſchüttelten dann dem Kameraden die Hände. „Habt Ihr die Kleider eingehandelt?“ fragte der Kentuckier. „Kleider und Decke hieß ich aus einer Scheune mit⸗ gehen, in Kriegszeiten läßt ſich dies nicht anders thun!“ lautete die ſcherzend gegebene Antwort.„Ihr mögt das übrigens auf Euer Gewiſſen nehmen, Gentlemen, denn es geſchah Euretwegen. Ihr könnt mit mir zu⸗ frieden ſein!“ „Aye, das ſind wir auch,“ ſtieß Collins hervor, „und ich calculire, wir werden uns nicht lange beſinnen, 2 unſeren blauen Plunder von uns abzuſtreifen!“ „Doch zuvor muß die Ginflaſche herhalten,“ brummte 4 O'Leary,„und der Mundvorrath, ich komme mir ſo hohl vor, wie ein moderner Silberleuchter!“ „Ich ſehe an Euch nur Kupfer, mein Freund,“ ſpöttelte der junge Deutſche,„wenigſtens deutet Eure Naſe auf nichts anderes!“ b . Der Irländer und der Kentuckier ſchenkten dem Scherze keine Aufmerkſamkeit, ſondern ſetzten ſich haſtig auf die Bank und zu beiden Seiten der Provianttaſche. Heißhungrig fielen ſie über den Inhalt derſelben mit rihren Jackmeſſern her, während ihr Gefährte, welcher daſſelbe Geſchäft bereits unterwegs mit ähnlicher Vir⸗ —— 133 tuoſität betrieben hatte, ſich wenige Schritte weiter auf den mondbeglänzten Raſen ſtreckte, den Blick vorſichtig bald auf die Farm, bald auf das Thal gerichtet. Er ſtörte die Begleiter nicht durch Fragen in ihrer Auf⸗ gabe, ſich den Magen zu füllen, ließ ſich aber auch die Whiskyflaſche reichen, als dieſe an die Reihe kam. So oft der junge Deutſche von der Gegend weg und flüchtig auf die beiden Männer blickte, in deren Geſellſchaft er deſertirt war, nahmen ſeine hübſchen Züge vorübergehend einen Ausdruck an, in dem ſich deutlich genug Verachtung und Mißbehagen abſpiegel⸗ ten. Es reuete ihn augenſcheinlich, mit Leuten ge⸗ flohen zu ſein, welche muthmaßlich durchaus nicht zu ihm paßten. Und in der That, obwohl die Kleidung des jungen Mannes nicht um ein Haar reſpectabler beſchaffen war, als die ſeiner Gefährten, verriethen doch ſeine Haltung und ſein Benehmen, daß er in einer beſſeren Umgebung aufgewachſen ſein müſſe, als jene. Der Kentuckier war ſicher in ſeiner Heimath nichts weiter geweſen, als ein armſeliger Squatter oder corn-cracker, wie man dort ſpottweiſe die unbemittelten Farmer nennt, der Irländer gehörte unſtreitig zu jener Gattung ſeiner Landsleute, welche in den Vereinigten Staaten ihr Glück dem Zu⸗ falle anheimſtellt und an der bar der ginshops oder Kneipen zu Hauſe iſt. Das Weſen des Deutſchen hatte dagegen einen gewiſſermaßen vornehm nachläſſigen An⸗ ſtrich, ſeine Züge waren ariſtokratiſch geſchnitten, ſeine 4 Hände fein geformt und ſicher der Arbeit ungewohnt. Er ſah mit einem Wort aus wie ein verkommener Kavalier, wie ein Mann, der, ungeachtet einer ſorg⸗ fältigen Erziehung, durch Mangel an ſittlichem Halt ſtufenweiſe geſunken iſt. Daß er ein ziemlich wüſtes Leben hinter ſich haben mußte, davon zeugte nicht allein die matte, aſchgraue Hautfarbe ſeines Antlitzes, ſondern es deuteten auch die tiefliegenden, von leichten bläu⸗ lichen Ringen umſchatteten Augen darauf hin. 2 Ungeachtet dieſer ſichtlichen moraliſchen und phyſi⸗ ſchen Verkommenheit lag doch eine gewiſſe Sorgloſig⸗ keit, verbunden mit einem rückſichtsloſen Trotze, in der Erſcheinung des jungen Mannes, ſpielte dann und wann um ſeine ſchmalen Lippen ein Zug, der Hochmuth und eine ſarkaſtiſche Laune verkündete. Als das Nachtmahl beendigt war, wendete der Deutſche ſich an die Geſättigten. „Wie fühlt Ihr Euch?“ fragte er. „Holy Mary, herrlich!“ brummte O'Leary mit Be⸗ friedigung.„Ein Tröpfchen Whisky macht mich zum neuen Menſchen! Ich könnte wieder die ganze Nacht hindurch marſchiren!“ 135 „Ich auch, ſo calculire ich wenigſtens!“ ergänzte Collins. „Das müſſen wir auch,“ ſagte der Deutſche trocken, „aber weſtlich können wir unſeren Weg nicht fortſetzen, Ihr ſeht, wir begegnen dort überall Unioniſten!“ „Divil a bit,“ fiel O'Leary ein,„wir kehren über den Fluß zurück, denn wir werden Mosby's Guerillas in den Catoctin⸗Bergen finden.“ „Woher wißt Ihr das?“ „Nun, der General ſagte ſeiner Frau davon.“ „Welcher General?“ „Faix, der General Lovett, der hier zuvor auf der Bank ſaß!“ 3 Der Deutſche war mit einem Satze auf den Füßen. Seine Miene drückte die höchſte Ueberraſchung aus. „Was ſagt Ihr da?“ rief er haſtig.„Lovett? Der⸗ ſelbe, welcher im vorigen Jahre verwundet ward und nach Europa ging?“ „Derſelbe!“* „Was Teufel, woher kennen denn Sie ihn, Sir?“ fragte Collins verwundert.„Wir wiſſen nicht anders, ls daß Sie erſt ſeit einem halben Jahre in Ame⸗ —. 8 „Ich— ich lernte ihn in Europa kennen, noch vor meiner Abreiſe von dort!“ antwortete der Deutſche nach —— —— ͦ——— 136 kurzem Zögern. Dann ſetzte er haſtig hinzu:„Und er war mit einer Frau hier, ſeiner Frau?“ „Ja!“ verſetzte Collins.„Ich calculire, daß ſie eine Deutſche iſt, ſie ſprach das Engliſche beiläufig wie Ihr es ſprecht, Sir!“ „Ah, und dieſe Frau, nannte er ſie bei ihrem Taufnamen?“ „Ja, er hieß ſie Agnes.“ „Und— und Lovett wohnt in jener Farm?“ „Ja, aber aus dem Geſpräche, das ſie führten, ging hervor, daß der General morgen zur Potomac⸗Armee muß und die Frau auf ſeine Beſitzung bei Gettysburg in Begleitung ihres Bruders zurückkehren wird—“ „Bei Gettysburg in Pennſylvania?“ „Ja, es erwartet ſie dort ihre Schweſter. Aber ich calculire, daß Eure Fragen ſehr ſonderbar ſind, Sir! Zum Teufel, was iſt Ihnen? Sie werden ja bleich wie der Tod und zittern am ganzen Körper!“ 4„Bei St. Patrick, er zittert!“ bemerkte der Irländer gelaſſen und ſetzte dann die Whiskyflaſche zum ſo und ſovielten Male an den breiten Mund. „Wurden die Namen des Bruders und der Schweſter von Mrs. Lovett genannt?“ ſtieß der Deutſche mühſam hervor. „Kann ſein— ja, ja— ich calculire, daß ſie 137 etwas von einem Richard und einer Hedwig ſchwatzten.“ — Der junge Deutſche, in der That bleich und aufge⸗ regt, ſchritt einige Momente wie außer ſich unter der Eiche auf und ab. Seine Kameraden ſtarrten ihn verblüfft an. Endlich ſchien er ſich zu faſſen; ſeine Augen be⸗ gannen zu blitzen, er lächelte bitter, er fand Worte, aber er murmelte dieſe vor ſich hin, unbekümmert um ſeine Gefährten. „Bei Gott,“ flüſterte er haſtig in deutſcher Sprache, „das iſt mehr als ein Zufall, das iſt ein Wink des Himmels!“ Nach dieſen faſt convulſiviſch hervorgeſtoßenen Wor⸗ ten trat er zur Eiche, lehnte ſich an den Stamm der⸗ ſelben, verſchränkte die Arme und ſtarrte vor ſich hin. „Werdet Ihr uns endlich ſagen,— begorra,— was das alles bedeutet?“ brummte O'Leary, indem er die Ueberreſte der Speiſen in die Handtaſche packte. „Laßt mich!“ antwortete der Deutſche barſch, beinahe— herriſch aufblickend. Dann überließ er ſich von Neuem einem finſtern Brüten. Collins glotzte einige Sekunden nachdenklich auf den jungen Mann. „Aye,“ ſagte er alsdann kopfſchüttelnd,„wir haben * — —————— 138 jetzt wahrhaftig keine Zeit, calculire ich, uns um die Ueberſpanntheiten und Geheimniſſe des Miſter Winter zu bekümmern!“ Nach dieſen Worten ergriff er das Bündel und öffnete es. O'Leary war mit dem Packen der Handtaſche fertig, er nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Brandy⸗ flaſche und ſchob auch dieſe zu dem Uebrigen. „Faix,“ brummte er,„verlieren wir keinen Augen⸗ blick, uns in harmloſe Menſchen umzuwandeln!“. Beide Männer begannen ſich zu entkleiden, und da ihnen dieſes nicht raſch genug ging, weil die naſſe, ab⸗ 4 genutzte Uniform an ihrem Körper zuſammengeſchrumpft war, ſo riſſen ſie ſich dieſelbe theilweiſe in Stücken vom Leibe. Dann fuhr ein Jeder in Lederhoſe und Kittel und ſtand binnen wenigen Minuten wohlgemuth da. „Was nun mit den Plunder?“ fragte der Irländer lachend. „ Ins Gebüſch damit!“ antwortete Collins. „Aber wie wollen wir uns denn über unſere Ge⸗ wehre ausweiſen? Es ſind Unionsflinten, ſie werden 4 uns verdächtigen.“ „Wir laſſen ſie hier bei dem Plunder, calculire ich, werfen alles dort hinten in’s Geſtrüpp; wenn man den Kram findet, ſind wir längſt über alle Berge! ———jj4—— 4 Und ſchließen wir uns Mosby's Leuten an, dann nützen uns dieſe Dinger doch nichts, denn die Guerillas ſind anders bewaffnet.“ „Faix! O Leary und der Kentuckier trugen die zerfetzte Unionstracht und die drei Gewehre in's Gebüſch; der Irländer ſchnitt für Jeden einen tüchtigen Stock ab, während Collins ſich die Provianttaſche umhing und dann mit ſeinem jackknife die wollene Decke zertheilte, von der für Jeden gerade ſo viel übrig blieb, als hin⸗ reichte, den Oberkörper bis zu den Hüften einzuhüllen. Nun ſtanden beide Männer zum Abmarſch bereit, den zerſchlitzten Hut auf das Haupt gedrückt, den im⸗ proviſirten Plaid umgeſchlagen, den Prügel in der Hand, nicht ſo verwildert blickend wie zuvor, aber immer noch hinreichend vagabundenartig, um reſpectable Leute er⸗ ſchrecken zu können. Der junge Deutſche, den Collins zuvor Miſter Win⸗ ter genannt hatte, lehnte noch immer regungslos an der Eiche, augenſcheinlich achtlos deſſen, was neben ihm vorgegangen war. O Leary trat jetzt an ihn heran und rüttelte ihn. „Well,“ ſagte er rauh,„wir ſind bereit, Kamerad!“ Winter fuhr aus ſeinem Brüten auf und ſtarrte den Irländer an. 1 140 „Was wollt Ihr?“ fragte er kurz und ſchneidend, mit unverkennbarem Stolz.. „Was wir wollen?“ murmelte O'Leary.„Musha, habt Ihr nicht vorhin ſelber geſagt, daß wir die ganze Nacht hindurch marſchiren müſſen? Wir dürfen keine Zeit verlieren!“ „So geht,— ich bleibe!“ antwortete Winter kalt und entſchieden. „Seid Ihr toll geworden, Sir?“ „Nichts weniger als das, aber ich habe meinen Plan geändert,— ich muß mich von Euch trennen!“ „Was der Teufel, Sie wollen nicht zu den Gue⸗— rillas ſtoßen?“ „Wenigſtens vor der Hand nicht!“ „Ich calculire, Sir,“ bemerkte Collins lauernd,„daß Ihre Sinnesänderung mit der Nachricht in Verbindung ſteht, welche wir Ihnen über General Lovett und deſſen Angehörigen gaben!“ „Sir,“ erwiderte Winter trocken,„der Engländer ſagt: Let every man mind his own business!« „Pshaw!“ warf der Irländer trotzig hin,„ſo gehabt 4 Euch wohl oder geht zum Teufel, Sir, wie Ihr wollt. Kommt Collins!“ „Das iſt der Dank dafür,“ verſetzte Winter ſpöttiſch, „daß ich die Herren mit guten Kleidern verſorgte. Doch ——— gleichviel, lebt wohl, auf Wiederſehen, vielleicht bei den Guerillas!“ O' Leary wendete ſich ohne Antwort dem Geſtrüppe zu. Collins aber näherte ſich dem jungen Deutſchen und ſchüttelte ihm die Hand. „Sir,“ ſagte er,„Sie waren uns während der ver⸗ floſſenen Wochen ein guter Kamerad, wenn es Ihnen auch bisweilen gefiel, einen etwas hohen Ton gegen uns anzuſchlagen, wofür wir Sie übrigens, calculire ich, wie es ſich für unabhängige Leute geziemt, gewiſſen⸗ haft jedesmal mit kaltem Blute abgemuckt haben,— Sie waren, wie geſagt, ein guter Kamerad, und ſo wünſche ich Ihnen auch nichts Schlechtes. Laßt Euch nicht erſchießen oder hängen, Sir, und kommt Euch doch noch die Luſt an, zu Mosby's Braven zu ſtoßen, ſo er⸗ innert Euch der Catoctin⸗Berge!“ Und damit machte auch Collins eine Schwenkung und folgte dem Irländer. Beide Deſerteure tauchten in die Nacht der Gebüſche. Etwa eine Minute noch war ein leiſes Raſcheln und Kniſtern des Gezweiges vernehmbar, das die Flüchtlinge auf ihrem Wege durch das Dickicht zur Seite bogen oder brachen. Der Deutſche horchte, bis er nichts mehr von den ſich Entfernenden vernahm. ——ę—᷑Q—Q—,OQOę—— ——— 142 Dann ſchritt er zur Bank und warf ſich darauf hin, Thal und Hügelkamm ſcharf im Auge behaltend. So lag er ſtumm, regungslos da, mit weit offenen Augen, jedenfalls feſt entſchloſſen, ſich nicht vom Schlafe übermannen zu laſſen. Durch das dunkle Laubgewirre über ihm flimmerte da und dort ein Stern, zitterte ein winziger Silber⸗ ſtrahl des Mondes auf ihn herab, während der Whippoor⸗ will zu Zeiten pfeilſchnell vorüberſchoß und bald nah, bald fern ſeinen melancholiſchen Laut ertönen ließ. Sechſtes Kapitel. 4 Es war um die ſiebente Morgenſtunde des folgen⸗ den Tages, als der Platz vor der Farm des Virginiers von einem regen Leben erfüllt ward. Dicht vor den Hickorybäumen hielt ein mit einem ziemlich elenden Rappen beſpanntes offenes Fuhrwerk, ein ſogenanntes Buggy, das in Harpers Ferry gemiethet worden war und auf deſſen Vorderſitz ein alter Neger hockte, Zügel und Peitſche in der Hand, während eine junge geſchmeidige Mulattin, die Zofe der Generalin, damit beſchäftigt war, einigen Reiſetaſchen im Wagen, hinter deſſen Rückſitz ein kleiner Koffer angeſchnallt war, die gehörige Lage zu geben. Etwa ein Dutzend Schritte weiterhin führte der uni⸗ formirte Diener des Generals zwei muthige, vollſtändig 144 equipirte Pferde auf und ab, welche von Zeit zu Zeit wieherten und den Boden ungeduldig ſtampften. Nahe der Scheune ſtand aber auch einer der Farmer⸗ burſchen, die beiden ebenfalls geſattelten, bepackten und aufgezäumten Roſſe haltend, auf denen Tags zuvor Alice Palmer und Onkel Hugh bei der Farm ange⸗ langt waren. Unweit von dieſer hatte ſich ein Picket Dragoner aufgeſtellt, welche der Generalin bis Hagerstown zur Escorte dienen ſollten. Einige der Männer ſaßen auf den Pferden, andere waren abgeſtiegen, verſchiedene Gläſer gingen von Hand zu Hand, denn der ſcheidende General hatte den Leuten einen kräftigen Morgentrunk verabreichen laſſen. Vor dem Hauſe waren, zur Rechten und Linken der Thür, Kinder und ſelbſt einige Erwachſene verſammelt, welche die Neugier aus den nächſten, zwiſchen Farm und Stadt gelegenen Bauernhäuſern herbeigelockt hatte. Unter den Bäumen aber ſpazierte bereits Onkel Hugh Morgan, wohlgerüſtet vom Scheitel bis zur Sohle, bedächtig hin und her, ſo martialiſch dreinblickend, wie ein Landsknecht des Mittelalters. An ſeiner Seite gingen Richard Erlenbach und der junge Regimentsarzt Doctor Arnau, mit dem alten Eiſenfreſſer in ein lebhaftes Geſpräch verwickelt. 145 Richard hatte einen Reiſeburnus umgehängt und war mit einem Degen und Revolver verſehen, Arnau, der ſchon zeitig vom Lager zur Farm geſprengt war, ſich von der Schweſter ſeiner ehemaligen Freundin zu verabſchieden, zeigte ſich ebenfalls reiſefertig, denn er hatte ja dem General in's Hauptquartier der Potomac⸗ Armee zu folgen. Nun ging die Hausthür der Farm auf, Agnes und Alice traten in's Freie, gefolgt von Lovett, dem alten Virginier und der noch rüſtigen, gutherzig ausſehenden Farmerin. Ein paar handfeſte Töchter der Hauswirthin ſchoben ſich hinterdrein auf den Platz. Agnes trug einen ſchlichten Reiſeanzug. Obwohl bleich bis in die Lippen hinein, hatte ſie doch eine feſte Haltung, faſt ſo beſtimmt, wie diejenige der ſchönen Alice. Dieſe war in daſſelbe abenteuerliche Coſtüm vom vorigen Tage gekleidet. Ihre dunklen Augen blitzten zuverſichtlich unter dem breiten Rande des kleidſamen Hütchens hervor, während eine ihrer Hände nachläſſig mit dem Kolben des im Gürtel ſteckenden Revolvers ſpielte. Lovett, im einfachen Soldatenmantel, ſchritt ernſt und ruhig einher. Er trat zu Onkel Hugh, der vor ihm Halt machte, wäh⸗ rend ſich Richard und Arnau raſch zu den Damen begaben Adolf Schirmer, Die Spionin. I. 10 146 Der General zog unter dem Mantel einen Brief hervor und überreichte ihn dem ehrenfeſten Pittsburger. „Hier, Sir,“ ſagte er,„iſt das gewünſchte Schreiben an den General Milroy, der in Wincheſter commandirt. Sie haben bis dorthin Eiſenbahn; natürlich werden Sie dieſelbe benutzen!“ „Ja, General“ antwortete Onkel Hugh, den Brief einſteckend,„mit Sack und Pack, das heißt mit Nichte und Pferden. Hätten uns ja ſonſt ſchon bei Tages⸗ anbruch auf den Weg gemacht! Wollen uns aber nicht unnütz ermüden!“ „Sie haben recht! Gott ſegne Sie und Alice in Ihrem Unternehmen! Ich hoffe nur Erfreuliches über Sie Beide zu hören!“ „Und ich, daß die verdammten Rebellen Ihnen keine blauen Bohnen durch den Leib gejagt haben, General!“ Beide Männer ſchüttelten einander herzlich die Hände. „Der heutige Tag iſt ein ſchwerer für mich,“ ſagte Lovett wehmüthig,„ich muß ein dreifaches Scheiden überſtehen, von Freunden, die ich ſeit Jahren zum erſten Male wiedergeſehen, von meiner Brigade, von meinem armen Weibe!“ „Aber Sie ſind auch ein dreifacher Mann, General, wie ich einer zu ſein glaube. Und ſagt man ſich das 147 in böſen Tagen, dann kommt man ſchon darüber weg, ſoll mich Gott verdammen!“ Lovett lächelte ſanft; er wandte ſich von dem alten Haudegen ab und ſeiner Gattin zu. Agnes beſchleunigte ihren Schritt; ſie eilte in die Arme Lovett's. Seit dem nächtlichen Gange hatte ſie keine Thräne mehr vergoſſen; ſie wollte zeigen, daß ſie an Stand⸗ haftigkeit und Opferwilligkeit ihrem Gatten nicht nach⸗ ſtehe, doch nun der Augenblick der Trennung da war, rang ſich der verhaltene Schmerz aus der Tiefe ihres Herzens empor und ſie begann wie ein Kind zu ſchluchzen. Und in der That hieß es jetzt, Abſchied nehmen, denn Miſtreß Lovett hatte ſich auf den Wunſch ihres Mannes entſchloſſen, vor dieſem, der noch in's Lager mußte, die Reiſe anzutreten. War doch ein Scheiden unvermeidlich, ſo ſollte es nicht nutzlos verzögert werden. „William,“ flüſterte die junge Frau,„erinnere Dich meiner geſtrigen Bitte, doch, thu', was Du als Soldat, als Mann von Ehre thun mußt!“ „Ich werde die Gefahr nicht fliehen, aber auch das Schickſal nicht tollkühn herausfordern!“ entgegnete Lovett weich. Er hielt ſie lange an ſich und drückte ihr dann den Abſchiedskuß auf die Lippen. 10* Arnau war, wie zuvor erwähnt, an der Seite Richard's zu Alice Palmer getreten. Sie reichte jedem ſekundenlang die Hand, unter dem Blicke Richard's flüchtig erröthend. „Werden wir einander je wiederſehen, Doctor?“ fragte ſie lächelnd. „Hoffentlich in Richmond, Miß, nach erfochtenen Sie⸗ gen!“ antwortete der junge Militärarzt lebhaft und ſetzte ernſt hinzu:„Sie werden, wenn Ihre Pläne einen glück⸗ lichen Erfolg haben, wohl Edmund Crapford ſehen, falls er noch lebt, und etwas über Ihre SchweſterLucy erfahren.“ „Ich hoffe es, Doctor!“ entgegnete Alice, nun eben⸗ falls ernſt geſtimmt. „Wenn ich eine Nachricht haben, Gewißheit erlangen könnte,“ fuhr Arnau fort, indem er mühſam und be⸗ fangen jedes Wort hervorzwängte,„ob Lucy glücklich“— Er ſtockte. „Ich werde Ihnen Nachricht geben, Doctor!“ verſetzte Alice bewegt. Dann wandte ſie ſich an Richard, ohne den Blick⸗ aufzuſchlagen. „Sir,“ ſagte ſie mit eigenthümlich vibrirender Stimme,„jene junge liebevolle Frau, Ihre Schweſter, iſt Ihrer Obhut anvertraut, meine beſten Wünſche be⸗ gleiten Sie in Erfüllung Ihrer brüderlichen Ritterpflicht!“ —— 1 14 9 * 3* „O Miß,“ erwiderte Richard lebhaft und mit ge⸗ rötheten Wangen,„wenn meine Wünſche vermöchten 71 Sie vor jeder Gefahr zu ſchützen, Sie würden ſicher durch die Schaaren des Feindes wandeln, und ich, ich V4 könnte weniger ſorgenvoll in die Zukunft ſchauen!“ 3 Der Blick der jungen Amerikanerin zuckte mit Ge⸗ . dankenſchnelle zu demjenigen Richard's auf. 4 Ohne zu antworten nickte ſie haſtig, wie zum Danke, und trat zu Miſtreß Lovett, dieſe beinahe mit Heftig⸗ 3 keit umarmend. —„Man brach auf. Diejenigen, welche ſich von einan⸗ 1 der zu trennen hatten, vielleicht für immer, nahmen 4 tiefbewegt Abſchied. Auch den ehrlichen Virginierleuten ſchüttelte man die Hände. Lovett half ſeiner Frau in den Wagen und preßte ſie nochmals an ſich. Er küßte den Schwager, der neben Agnes Platz nahm und ſchwang ſich dann auf ſein Roß; Doctor Arnau hatte ſchon das ſeinige be⸗ ſtiegen. 4 — Noch ein liebevoller Blick, ein zärtliches Grüßen, und William Lovett ſprengte den Hügelkamm hinab, zum Lager, den Regiments⸗Doctor zur Seite. 4 Im gleichen Augenblicke zog das Wagenpferd an, rollte das Baggy dem Städtchen zu, während Alice Palmer und Onkel Hugh neben dem Fuhrwerk ritten, 150 bis Harpers Ferry die bleiche Miſtreß Lovett begleitend, die dem dann und wann zurückblickenden Gatten mit dem Taſchentuche noch Grüße in die Ferne zuwinkte. Jene Dragoner, welche zuvor abgeſtiegen waren, ſchwangen ſich in den Sattel; die kleine Escorte folgte langſam dem Fuhrwerke. Eine Viertelſtunde ſpäter polterte dieſes ſammt dem Nachtrabe über die Pontonbrücke zum Marylander Ge⸗ biete hinüber. Alice und Onkel Hugh hatten ſich beim Bahnhofsgebäude verabſchiedet. Miſtreß Lovett war wieder gefaßt, doch ſchweigſam, und ihr Bruder ſchien einſilbig allerlei trüben Gedanken nachzuhängen. Nur die Zofe und der alte ſchwarze Kutſcher plauderten leiſe mit einander. Man kam auf den holperigen Weg, den zu Anfang dieſer Erzählung Alice Palmer entlang ritt, als ſie den Virginier einholte. Etwa tauſend Schritte von jener Stelle entfernt, wo dieſes Tags zuvor geſchehen, ſaß auf einem buſch⸗ bewachſenen, wohl dreißig Fuß über den Weg empor⸗ ragenden Felsvorſprunge, ein Mann, der durch ſeine Kleidung das etwas urwüchſige Ausſehen eines Hinter⸗ wäldlers hatte. Dieſer Mann war der Deſerteur Winter. Von ſeinem Platze aus konnte er bequem die ſich 1 1 v“ v“ ſchlängelnde Fahrſtraße, den Potomac und die jenſeitige Gegend überblicken. Als er das Buggy und die Dragoner ſah, deren Helme im Morgenlichte blitzten, da zog er ſich hinter das Geſtrüpp zurück. „Endlich!“ murmelte er vor ſich hin.„Seit Tages⸗ anbruch ſitze ich hier, zum Glück war es nicht vergebens! Und hoffentlich wird es mir gelingen, unbeachtet ihrer Fährte folgen zu können!“ Nach dieſen Worten ſtarrte er erregt durch das Ge⸗ zweige auf den kleinen Zug. Das Buggy und ſeine Begleiter kamen langſam heran und dann dicht unter dem Felsvorſprunge vorüber. Der Lauſchende duckte ſich tief hinter das Geſträuch nieder, an deſſen Laub zahlloſe Thautropfen gleich Diamanten blitzten. Der junge Deſerteur wartete, bis der letzte der dem Fuhrwerke folgenden Berittenen etwa fünf Minuten weiter an einer Krümmung des Weges verſchwunden war, dann raffte er ſich auf, kletterte hinter dem Buſche hervor und glitt an der ſchroffen Senkung des Felſens nieder und auf die Fahrſtraße hinab. Er ſtand ſchon im Begriff, dem verſchwundenen Zuge zu folgen, als er einen Herrn gewahrte, der auf einem dürren Klepper ritt und ohne Zweifel ein Land⸗ 152 doctor war, denn hinter dem Sattel fehlte nicht der angeſchnallte charakteriſtiſche Mantelſack, in dem die Land⸗ ärzte, die zugleich Apotheker ſind, ihre medicaments mit ſich zu führen pflegen. Der Reiter hatte die Pontonbrücke paſſirt und kam nun des Weges daher. Winter änderte ſeinen Entſchluß und ſetzte ſich auf einen Stein. Als der Reiter ihn erreichte, da grüßte unſer Deſerteur höflich. „Sagen Sie mir doch gefälligſt, Sir, wohin führt dieſer Weg?“ fragte er. „Nach Sharpsburg, Sir!“ antwortete der Andere und hielt ſein Pferd an.„Wollen Sie dorthin?“ „Ich will nach Gettysburg, Sir!“ „Da werden Sie über Sharpsburg nach Hagerstown müſſen und dort die Eiſenbahn benutzen!“ „Das wird wohl ſo ſein, ich kenne dieſe Gegend nicht.“ „Aber die Fahrſtraße hier iſt ſchlecht für Fußgänger. Sehen Sie, dort rechts durch die bewaldeten Höhen hin führt ein Fußſteig, wenn Sie ihn einſchlagen, ſo erſparen Sie eine bedeutende Strecke.“ „Ich fürchte, mich dort zu verirren!“ „Aye, ich reite dieſen Weg, denn ich muß auch bei Sharpsburg über den Antintamfluß. Wenn Sie neben⸗ her gehen wollen, ſo kommen Sie.“ „Ich danke Ihnen, Sir, und bin bereit!“ rief Win⸗ ter und ſprang behende auf. „Sie ſind ein Deutſcher?“ fragte der Reiter, indem er bedächtig die Geſtalt des jungen Mannes prüfte. „Ja, Sir. Ich bin mit der Baltimore⸗Ohio⸗Bahn von Knoxville gekommen, wo ich in Arbeit ſtand, und hoffe einen Bruder in Gettysburg zu finden!“ antwor⸗ tete Winter unbefangen. Der Reiter gab ſich mit dieſer Antwort zufrieden und ſetzte ſeinen Klepper in Bewegung. Der Deutſche ging nebenher. Nach etwa fünfzig Schritten bogen ſie in den er⸗ wähnten Fußſteig ein. 8„Ihr werdet ſehen, Freund,“ ſagte der Reiter, der 4 ein gutmüthiger alter Herr war,„daß dieſer Weg viel kürzer iſt als der andere, denn wir kommen früher zu der Brücke, die über den Antintam nach Sharpsburg führt, als das Fuhrwerk und die Dragoner, welche Ihr vor⸗ hin bemerkt haben müßt.“ „Ach richtig, eine escortirte Dame!“ warf Winter — gleichgültig hin.„Wohin mag ſie denn reiſen?“ „Mir ſagte vorhin ein Burſche an der Pontonbrücke, daß es die Frau eines Generals ſei, der ihr bis zum Hagerstowner Bahnhof eine Schutzwache mitgegeben.“ „So, ſo!“ Der Deſerteur gab in trockener Weiſe dem Geſpräche eine andere Wendung, mit Vorſicht alles umgehend, wodurch er ſich hätte ſeinem Begleiter verdächtig machen können. Der Weg durch den Wald war angenehm und ſchattig, auch hatte der Reiter wahr geſprochen, denn die neuen Gefährten kamen noch vor der Escorte über den Antintam und durch Sharpsburg. Das ebenfalls, aber weiter nördlich, an einer Bie⸗ gung des Antintamfluſſes gelegene Hagerstown, eine vorzugsweiſe von Deutſchen bewohnte, induſtrielle Stadt Marylands, befindet ſich ungefähr zwanzig bis fünfund⸗ zwanzig engliſche, alſo vier bis fünf deutſche Meilen von Harpers Ferry. Da Winter durch die Terrainkenntniß ſeines be⸗ rittenen Führers, der ſich erſt etwa vier engliſche Mei⸗ len vor Hagerstown von ihm trennte, in ſeiner Wan⸗ derung begünſtigt ward, ſo erreichte er den Hagers⸗ towner Bahnhof zu einer Zeit, da noch Agnes und ihre Begleitung nicht dort ſein konnten, beſonders wenn ſie die Mittagsraſt in Williamsport nicht abgekürzt hatten. Und dieſes war der Fall geweſen. Richard hatte beſchloſſen, da es ein heißer Tag war, in Hagerstown den Abendtrain zu benutzen und ſeine Schweſter in Chambersburg übernachten zu laſſen. So hatte man 155 durchaus keine Eile gehabt und die Dragoner waren es zufrieden geweſen, ſich auf Koſten der Gattin ihres ehemaligen Generals gütlich zu thun. Der Abend dämmerte. Winter hatte ſich wohl ge⸗ hütet, früher auf dem Bahnhofe zu erſcheinen, als nöthig war. Er ſaß in einem Ginſhop, von deſſen Fenſtern aus er zum Bahnhofsgebäude hinüberblicken konnte. Niemand kümmerte ſich in der Kneipe um ihn, denn Männer in einem ähnlichen Aufzuge, wie er, ſah man nicht ſelten in der Nähe der Kriegsſchauplätze, und da er keine Waffen trug, erregte er auch keinen Verdachts. „Dort ſind ſie!“ ſagte er ſich endlich nach einem Zlick durch das Fenſter.„Und nun iſt es wohl auch Zeit, daß ich aufbreche!“ Er zahlte ſeine Zeche und verließ das Wirthshaus. Vor dem Portico des Bahnhofgebäudes hielt das Buggy. Agnes hatte, um Aufſehen zu vermeiden, die Dragoner ſchon vor der Stadt entlaſſen. Jetzt trat ſie am Arme des Bruders in die offene Bahnhalle, während die Mulattin den Kofferträgern die Reiſeſachen übergab. Unſer Flüchtling hatte ſich ſchon vom Ginſhop aus ſein Fahrbillet beſorgen laſſen. Er begab ſich zum Perron, indeſſen Richard die nöthigen Karten löſte. Auf dem Perron herrſchte ein lebhaftes Treiben. Winter behielt den Eingang ſcharf im Auge. 156 Jetzt traten Miſtreß Lovett, ihr Bruder und die Mulattin durch denſelben ein, ſich einen Waggon zu ſuchen. Sie mußten an dem Deutſchen vorüber, der ſeit⸗ wärts ſtand. Dieſer drückte den alten Filzhut tief über die Stirn und zog das Reſtchen Wolldecke bis an das Kinn in die Höhe. Auch verließ er ſich auf die Dämmerung; man hatte die Laternen des Perrons noch nicht angezündet. Es fügte der Zufall, daß Miſtreß Lovett durch das Gedränge genöthigt ward, hart an dem verkappten Deſerteur vorbeizuſtreifen. Es geſchah dies ſogar ſonahe, daß ihr Shawl mit der Wolldecke des jungen Mannes in Berührung kam. Dieſer trat einen Schritt zurück. Während der raſchen Bewegung, die er machte, verſchob ſich ſein im⸗ proviſirter Plaid, mit dem er getrachtet, den unteren Theil ſeines Antlitzes zu verhüllen. Agnes, die in ihrem ſtummen Schmerze ſich faſt willenlos hatte führen laſſen, ließ mechaniſch einen gleichgültigen Blick auf das Geſicht des Menſchen fallen, der vor ihr zur Seite trat. 9 Im nächſten Momente zuckte ſie zuſammen, als hätte ſie der Biß einer giftigen Natter verwundet. Mit dem Ausdruck heftigen Schreckens ſtarrte ſie in die Züge 157 des jungen, vagabundenhaft ausſehenden Mannes, der ſie ſcharf lauernd anſtierte, dann aber raſch die Decke wieder über das Kinn zog. 86 Haſtig drängte Miſtreß Lovett den Bruder weiter. Richard hatte nach der Waggonreihe geblickt und den * Mann neben ſeiner Schweſter nicht bemerkt. Doch Y. war ihm ihr plötzliches Zuſammenfahren nicht entgan⸗ gen, auch fühlte er jetzt ihren Körper an dem ſeinen zittern, wie er ſie weiter durch das Gedränge führte. Er ſah ſie befremdet an, ihre Züge ſchienen ihm 4 verſtört. 2„Was iſt Dir?“ fragte er. 3„Nichts, nichts!“ antwortete ſie lebhaft.—„Beeilen t wir uns, ſonſt finden wir alle Plätze beſetzt.“ Richard ſchob ſich mit der Schweſter durch die Menge, die junge Mulattin ſchlüpfte ihnen nach. Sie fanden einen Waggon, in dem noch Platz war, und ſtiegen ein.. Als Miſtreß Lovett an dem Deutſchen vorüber war, ſtieß dieſer eine leiſe Verwünſchung hervor. —„Es ſcheint, daß ſie mich erkannte!“ murmelte er 4 zwiſchen den Zähnen. Dann folgte er der Mulattin auf den Ferſen. Er ſah die Generalin und ihre Begleitung in den Wagen ſchlüpfen. Nach kurzem Zögern ſtieg er in den nächſten Waggon. Da es auf den amerikaniſchen Bahnen nur eine Fahrklaſſe giebt, ſo hätte Winter das Recht gehabt, ſich in den Waggon zu ſetzen, den Jene gewählt, welchen er folgte. Aber er ſchien ſeine Urſache zu haben, ſich hier nicht nochmals den Blicken der jungen Frau aus⸗ zuſetzen. Er hatte nur gerade ſo viel Zeit, die Inſaſſen ſeines Waggons flüchtig zu muſtern und ſich zu über⸗ zeugen, daß keine Perſonen in der Nähe ſeien, welche die Miene hatten, entlaufenen Unionsſoldaten gefähr⸗ lich werden zu können, als das Zeichen zur Abfahrt des Trains gegeben ward. Der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Die Locomotive ſpie Rauch und Feuer, dann arbeitete ſie heftiger. Pfeilſchnell brauſte der Train über die Schienen dahin. Während zur Rechten und Linken des vorwärts ra⸗ ſenden Eiſenbahnzuges die Gegend mit jeder Sekunde wechſelte, ſaß Miſtreß Lovett wie träumeriſch da, die Welt um ſich her nicht beachtend. Richard befand ſich unmittelbar neben ihr, er war nicht mehr ſo zerſtreut, wie bei ſeiner Abfahrt von Harpers Ferry, aber er wagte es jetzt nicht, ſeine Schweſter, deren Gedanken unſtrei⸗ 159 tig bei ihrem Gatten weilten, in ihrem ſtillen, ſchwer⸗ müthigen Nachdenken zu ſtören. An der andern Seite der Generalin ſaß die hübſche Mulattin, ſeit dem erſten Januar durch die Proclama⸗ tion Lincoln's auch eine freie Farbige und berechtigt, mit Weißen in einen Waggon zu fahren. Sie hatte ſich erſt vor wenigen Monaten von einer Plantage Oſt⸗Virginiens über die Grenze geflüchtet und ihr ſtets lachendes Antlitz und der fröhlich ſtolze Blick verkünde⸗ ten, daß ihr Herz ſich im Glücke ihrer ungewohnten Freiheit ſonne. Erſt als der Train die Station Morgan Town er⸗ reichte, fuhr Agnes aus ihrem ernſten Sinnen auf. Ihre Gedanken ſchienen ſofort eine eigenthümliche Richtung zu nehmen, denn ihre Miene ward plötzlich unruhig und ihr Blick ſchweifte haſtig über die im Waggon Anweſenden und dann durch das Fenſter nach dem Perron, wo die Leute ſich drängten. Richard gewahrte dieſe Unruhe der Schweſter. Theil⸗ nehmend fragte er ſie leiſe um die Urſache derſelben. „Geſteh, was veranlaßte Dein Erſchrecken im Ha⸗ gerstowner Bahnhofe?“ fügte er hinzu. „Ich ſah in der Menge ein Geſicht“, entgegnete Ag⸗ nes ernſt,„deſſen Züge mich vollſtändig an den Ba⸗ ron Rodberg erinnerten, ja ich möchte darauf wetten, daß er 160 ſelber jener Mann war, der mir in der Bahnhofs⸗ halle beinahe den Weg vertrat.“ „Wie—? Ich bemerkte doch nicht—“ „Im Gedränge mußte ich hart an einem Mann vorüber, der ſchlecht gekleidet war und ein ſehr ver⸗ dächtiges Ausſehen hatte. Als mein Blick zufällig über dieſen Menſchen hinglitt, gewahrte ich, daß er mich gera⸗ dezu haßerfüllt anſtarre. So raſch er dann auch ſeine Züge zu verbergen ſuchte und zur Seite wich, hatte ich doch genug von jenem Antlitze geſehen, um bis ins Herz hinein zu erbeben! Wie— wenn jener Mann nun wirklich der elende Theodor geweſen wäre?“ Richard blickte einige Sekunden ſinnend vor ſich hin. „Es iſt wahr“, ſagte er dann,„in Wiesbaden verlautete allgemein, daß er nach jener Affaire mit Lovett und mir nach Amerika entwichen ſei. Was war ihm auch ſonſt noch übrig geblieben? Durch die Spiel⸗ bank zu Grunde gerichtet, von der Militairbehörde um ſeines Leichtſinnes willen caſſirt, hätte er in keinem deutſchen Staate eine Offizierſtelle erhalten, zumgl es ohne Zweifel ruchbar geworden wäre, daß er es vor⸗ gezogen, ſich aus dem Staube zu machen, ſtatt mir und Deinem damaligen Verlobten Lovett Genugthuung zu geben. Aber ich kann mir nicht denken, daß der Mann von vagabundenartigem Ausſehen, der Dir in Hagers⸗ —— ⸗2 town begegnete, ſollte Rodberg geweſen ſein. Die Union hat keine Urſache, einen Mann zurückzuweiſen, der in Europa Offizier war, denn ſie kann immer ge⸗ übte Führer brauchen. Und da Rodberg wohl ein bodenlos leichtſinniger Menſch, aber kein ſchlechter Sol⸗ dat war, ſo wird er längſt, falls er ſich überhaupt in Amerika befindet,— vwielleicht unter fremdem Namen, vielleicht auch nicht,— irgendwo auf dem unermeß⸗ lichen Kampfgebiete ſeinen militäriſchen Wirkungskreis haben, oder bereits gefallen ſein.“ „Ich wiederhole Dir, Richard, daß ich überzeugt bin, mich nicht zu irren. Kann Rodberg nicht auch hier, in Folge ſeines Leichtſinnes, aus dem Militärdienſt der Union entfernt ſein?“ „Und wenn dem ſo wäre, was weiter? Bin ich nicht zu Deinem Schutze da? Was könnte er Dir überhaupt anhaben?“ „Ach, in den jetzigen unruhigen Tagen, wo Geſetz und Ordnung mit dem beſten Willen der Regierung nicht überall gehandhabt werden können, darf ein Ver⸗ wegener mehr wagen, als zu anderen Zeiten. Theodor hat mir Rache geſchworen, weil ich es mit aller Ener⸗ gie durchſetzte, daß ſeine Verlobung mit unſerer Schwe⸗ ſter aufgehoben ward, aber ich fürchte ihn deshalb nicht, ich bin nur beſorgt um Hedwig! Wenn jener Adolf Schirmer, Die Spionin. I. 11 162 Elende uns nachſpüren, die Schweſter von Neuem be⸗ helligen ſollte—“ „Beruhige Dich!“ fiel ihr Richard lächelnd ins Wort.„Rodberg hat ſich ſchon einmal als Feigling benommen, er wird es nicht wagen, ſich Euch zu nähern, wenn er Euch unter meinem Schutze weiß.“ „Und Du“ flehte Agnes, die Hand des Bruders erfaſſend,„verſprich mir, daß Du ihn nicht aufſuchen willſt, um—“ „Sei unbeſorgt, Schweſter! Man ſchlägt ſich nicht⸗ mit einem Manne, der ſeine Ehre verwirkt hat, man verachtet ihn. Doch ſag', ſahſt Du jenen Menſchen, in dem Du Rodberg zu erkennen glaubteſt, während der Fahrt wieder?“ „Nein!“ „Nun, ſo darfſt Du nicht zweifeln, daß Du Dich in ihm täuſchteſt!“ Miſtreß Lovett antwortete nicht. Der Zug eilte bereits wieder vorwärts. Richard bemühte ſich, die junge Frau durch Plaudern zu zerſtreuen, aber auch er war nicht bei beweglicher Laune, und ſo ſchleppte ſich denn die Unterhaltung bleiſchwer hin. Der Abend war da, doch der Mond noch nicht her⸗ aus, als der Train die Station Greencaſtle berührte und nach kürzeſter Friſt weiter brauſte. 163 Zu beiden Seiten des Schienendammes, in gerin⸗ gerer Entfernung als zuvor, zogen ſich jetzt mit Waldung bedeckte Hügel hin, links ſchimmerte bisweilen der ſich bald näher, bald ferner der Bahn windende Conecoo⸗ heague⸗Creek zwiſchen ihnen hindurch, während über dem Oſt⸗Hügellande hinweg die hohe Gebirgskette den Hintergrund bildete. Nur vereinzelte Blockhäuſer und Farms zeigten ſich, dagegen kroch deſtomehr Fichten⸗ und Cypreſſengehölz da und dort zu der Bahn heran, bis hart an den wegen einiger ſumpfigen Niederungen ziemlich erhöhten Damm. Der Zug bewegte ſich ſeit einer Minute langſamer, denn dieſer Damm beſchrieb jetzt eine ziemlich ſcharfe Biegung, und der Locomotivführer durfte hier die Ma⸗ ſchine nicht ihre volle Kraft ſich entwickeln laſſen. Richard warf einen Blick durch das Waggonfenſter auf die von ungewiſſem Abenddüſter überſchattete Gegend. „Wahrhaftig“ ſagte er lächelnd nach der nahen, ſchwarz emporragenden Cypreſſenwaldung und den ſich davor in vereinzelten Gruppen ausbreitenden hohen Geſtrüppen deutend,„dies wäre für ſüdſtaatliche Gue⸗ rillas kein ſchlecht geeigneter Platz, unſern Train zu überfallen, vorausgeſetzt, ſie hätten zuvor an dieſer 11* 164 Krümmung der Bahn die Schienen und Piloten auf⸗ geriſſen und zerſtört, den Zug zum Entgleiſen zu bringen.“ 3 „Welch' entſetzlicher Gedanke!“ entgegnete Miſtreß Lopett mit einem leichten Schauern. „Ich ſcherze nur und denke nicht daran, daß es hier möglich wäre—“ „Man ſoll dergleichen nicht einmal im Scherze aus⸗ ſprechen!“ „Nun, Gott ſei Dank, liebe Agnes, Mosby's Buſch⸗ klepper ſind weiter hinter jenen Bergen und werden ſich ſobald nicht einfallen laſſen, bis in dieſe Gegend vorzudringen!“ Richard hatte kaum vollendet, als ſich von der Vor⸗ derſeite des Zuges her ein furchtbares Geſchrei hören ließ. Im nächſten Augenblicke erſchallte aus derſelben Richtung ein unheimliches Poltern und Krachen, ohren⸗ betäubend die verzweifelten Hülferufe übertönend. Zugleich erſchütterte ein heftiger Stoß den Wag⸗ gon, in welchem Miſtreß Lovett und Richard ſaßen, auf ſo energiſche Weiſe, daß die Paſſagiere von ihren Sitzen empor und auf einander geſchleudert wurden. Die Fen⸗ ſter zerſprangen klirrend, der Waggon, hin und her gerüttelt, wie ein Menſch, den plötzlich ein Fieberſchauern erfaßt hat, hob ſich rückwärts faſt kerzengerade in die 165 Höhe, während ſeine Inſaſſen ſich angſtvoll kreiſchend anklammerten, an Sitzpolſtern, Lehnen, an alles was . ſie im Moment erfaſſen konnten. Nun ſenkte ſich der ſchwere Wagen, augenſcheinlich aus den Schienen ge⸗ hoben, mit Blitzesſchnelle zur Seite und praſſelte, ſich überſchlagend und zerberſtend, den Eiſenbahndamm hin⸗ unter. Halbbetäubt erhob ſich Richard aus den Trümmern des Waggons. Er ward ſich ſofort bewußt, daß ihm kein erhebliches Unglück widerfahren ſei und daß, durch Glasſplitter verwundet, nur ſeine Hände bluteten. Sein nächſter Gedanke galt der Schweſter. Hart neben ihm lag ſie, anſcheinend unverſehrt, in die weichen Polſter vergraben, die ſich zum Glück um ſie aufgethürmt. Aber Schreck und die Erſchütterung des Falles hatten bei ihr eine Ohnmacht herbei⸗ geführt. JIhrem Mädchen war ebenſo wunderbarer Weiſe nichts geſchehen. Mit der Geſchmeidigkeit der Farbigen ſprang ſie empor und kletterte, bevor noch Richard völlig zur Beſinnung kam, aus der Oeffnung des zertrüm⸗ merten Fenſters, das ſich über ihr befand, in'’s Freie hinaus. Richard ſtarrte zur Seite auf die Zerſtörung. Im umgeſtürzten, zuſammengebrochenen Waggon — 166 wühlte Alles durcheinander und trachtete ſtöhnend und ſchreiend hinaus, Verwundete wie Unverletzte. Es war ein ſchauerlicher Anblick. Der junge Erlenbach hatte ſich nicht lange zu be⸗ ſinnen. Mit blutenden Händen riß er die geborſtene Wagenthür vollends aus den Fugen und ſchleuderte ſie fort. Dann erfaßte er die ohnmächtige Schweſter, zog ſie zwiſchen den Polſtern hervor und ſtieg unter gewal⸗ tiger Anſtrengung und mit Hülfe der treuen Mulattin, Agnes tragend, ebenfalls aus den Trümmern. Ein haſtiger Blick über den Damm hin belehrte ihn, wie das Unglück entſtanden. Wenige Schritte weiter waren, auf eine ziemlich weite Strecke hin, die Eiſenſchienen zerſtört, die Ueber⸗ hölzer oder Schwellen beſeitigt, zeigte ſich der Boden aufgewühlt. Die Locomotive mit zertrümmertem Tender, dem ſchwarzer Rauch entſtrömte, lag neben dem Damm, ſie hatte die erſten fünf Perſonenwagen mit ſich hinab⸗ geriſſen. Die anderen Waggons, deren vorderſter durch den gewaltigen Ruck von dem Waggon losgetrennt wor⸗ den war, in dem Miſtreß Lovett und ihre Begleitung Platz genommen hatten, ſtanden unverſehrt auf dem Geleiſe und die Paſſagiere drängten ſich jetzt in wilder Eile heraus und den Damm hinab, den Unglicklichen 167 beizuſpringen, welche durch die Kataſtrophe zu Schaden gekommen waren. Doch plötzlich blieben Alle wie entgeiſtert ſtehen und ſtarrten verſtört und voll Entſetzen auf den nahen Wald. Ein wüſtes Geſchrei ertönte, Flintenſchüſſe krachten, Waffen klirrten. Hinter dem hohen Buſchwerk, das da und dort bis zum finſteren Cypreſſengehölze hin Gruppen bildete, ward es lebendig. Männer ſtürzten dort hervor und rannten gegen den Eiſenbahndamm zu, verwildert blickende, abenteuerliche Geſtalten. Ihre Gewehrläufe blitzten im matten Silberlichte des Mondes, der ſoeben hinter den Höhen aufgetaucht war. Aus dem Walde aber raſte ein anſehnlicher Trupp Reiter heran, den Karabiner oder das Bowie⸗Meſſer ſchwingend. Ein paniſcher Schrecken verbreitete ſich unter den Paſſagieren des verunglückten Trains. Ein Blick auf die heranſtürmenden, lärmenden, un⸗ heimlichen Kerle ſagte ihnen, wer die kaum überſtan⸗ dene enſetztliche Kataſtrophe veranlaßt.— „Die Guerillas kommen!“ ſchrie Alles wirr durch⸗ einander.—„Mosby's Freibeuter! Wir ſind verloren.“ Das war eine haarſträubende Wahrheit, denn wie 4—— 4———— 168 oft ſchon hatten die raub⸗ und mordluſtigen Banden der verwegenen Guerillaführer Imboden und Mosby ohne Erbarmen Jene getödtet, welche ſie überfallen, hatten ſelbſt wehrloſe Frauen und Kinder nicht ver⸗ ſchont. Der Erſtarrung der Paſſagiere des Trains folgte eine wilde Angſt. Nur eine geringe Anzahl herzhafter Männer hielt ruhig Stand. Aber ſie verhielten ſich paſſiv, denn trugen auch die Meiſten einen Revolver bei ſich, ſo ſahen ſie doch ein, daß unter ſolchen Um⸗ ſtänden eine Gegenwehr nutzlos, ja verderbenbringend ſein mußte, da die Zahl der heranſtürmenden Südſtaat⸗ ler zu groß war, als daß ein Widerſtand hätte Erfolg haben können. Jene Reiſenden, welche alle Geiſtesgegenwart ver⸗ loren hatten, taumelten händeringend durcheinander. Weiber und Kinder wandten den Wegelagerern, die von weſtlicher Richtung kamen, jammernd den Rücken und ſtolperten über den Oſtabhang des Dammes hinunter, ihr Heil in der Flucht zu ſuchen; Männer ſprangen ihnen nach, die buſchbewachſenen nächſten Hügel zu erreichen. Doch wie nun dieſe von Todesangſt gehetzte Schaar quer⸗ feldein rannte, da blitzte plötzlich auch von dort flüch⸗ tiger Feuerſchein auf, da kamen auch von jener Seite, zu Roß und zu Fuß, verwilderte Burſchen hinter Ge⸗ 4 —— ———— — 1 169 b büſch und Baumgruppen hervor, mit tollem Gejohle die Fliehenden höhniſch empfangend. Eine Scene der unſäglichſten Verwirrung folgte nun. Die Guerillas erreichten den Train, den ſie in ſo verhängnißvoller Weiſe zum Stillſtand gebracht hat⸗ ten. Das ungewiſſe Mondlicht erhöhte das Unheim⸗ liche der Erſcheinung dieſer durch Branntwein und ſüd⸗ ſtaatlichen Fanatismus erhitzten Buſchklepper. Sie glichen dem Erdboden entſtiegenen Unholden, entmenſch⸗ ten Kannibalen. Von Kopf bis zu den Füßen mit Koth beſpritzt, trugen ſie alle den breitrandigen Hut der Bauern, und bis zum Knie reichende Stiefeln. Viele waren in kurze, am Halſe weit offen ſtehende Bluſen gekleidet, während Andere weder Jacken noch Kittel beſaßen und ohne weiteres das Säbelbandelier über das grobe, zerfetzte Hemd gehängt hatten. Ein Jeder trug die zinnerne Whiskyflaſche am Gurt neben Bowie⸗Meſſer und Revolver, und die Berittenen hatten am Sattel Piſtolenhalfter und Mantelſack. Mit wenigen Worten ſei hier bemerkt, daß viele ſolcher Guerillas Bewohner der ſüdſtaatiſch geſinnten Dörfer waren, verwegene Menſchen, die bei Tage die friedlichen Bürger ſpielten und bei der Nacht Raub⸗ ſoldaten des Südens waren. Vom ſeceſſioniſtiſchen Landvolke überall unterſtützt, des Terrains kundig, ent⸗ 170 gingen ſie meiſtens den Bemühungen der Unionstrup⸗ pen, ſie zu fangen. Man hätte müſſen alle Dörfer des Südens und ihre Bewohner vernichten, um die Gueril⸗ las unmöglich zu machen, die freilich nicht auf den Gang der großen Kriegsereigniſſe einwirkten, doch oft läſtig genug dadurch wurden, daß ſie viele Wagen plünderten, auf denen man den Unionsarmeen Lebens⸗ mittel zuführte. Das Raubgeſindel, welches hier zwiſchen den Sta⸗ tionen Greencaſtle und Marion den Eiſenbahnzug über⸗ fiel und das den nicht unbeträchtlichen Vortrab der Mosby'ſchen Hauptbande bildete, hatten nicht ſobald 6 den Train erreicht, als es in zügelloſeſter Weiſe über die wehrloſen Paſſagiere herfiel. Wer nur die geringſte Miene machte, ſich nicht gutwillig durchſuchen und ausplün⸗ dern zu laſſen, der ward niedergemacht. Die Barbaren, welche faſt alle von ihren Pferden herabgeſprungen waren,. verſchonten ſelbſt nicht die ſich mühſam unter den Trüm⸗ mern der verunglückten Waggons mit gebrochenen Glie⸗ dern hervorwindenden Reiſenden. Ein Theil der Bande 2 ſtürmte in die auf dem Geleiſe haltenden Waggons und zu 4 den Gepäckwagen, bald war der Damm mit erbrochenen f Kiſten, Koffern und Reiſetaſchen bedeckt, in deren In⸗ halt die Freibeuter ſich lachend und jubelnd theilten. Richard hatte die Schweſter wohl dreißig Schritte weit vom Damm fortgetragen und an eine kleine, mit Haidekraut bewachſene Erderhöhung gelehnt. Er kniete neben ihr, des wüſten Treibens rings nicht achtend und war bemüht, die Arme in's Bewußt⸗ ſein zurückzurufen, indem er ihr Schläfen und Stirn mit einer belebenden Eſſenz befeuchtete, welche die Far⸗ bige, neben ihm angſtvoll ſtehende Dienerin ihm ge⸗ reicht hatte. Da gewahrten vier wilde Geſellen die kleine Gruppe und ſtolperten zu ihr heran. „Dein Geld, Nankee, oder Du biſt des Todes!“ lallten die Halbtrunkenen. Richard blickte auf. Er reichte Uhr, Börſe und Brieftaſche den Män⸗ nern hin. „Hier iſt alles, was wir haben“, ſagte er kaltblü⸗ tig,—„verſchont die arme Frau dort!“ Einer der Buſchklepper ließ den Hahn ſeines Re⸗ volvers knacken und zielte auf die Schläfe Richards. In demſelben Augenblicke drückte ihm ſein minder wild blickender Nebenmann den Arm nieder. „Halt“, rief er,—„das iſt ein Deutſcher, hörſt Du es nicht an ſeiner Ausſprache? Mir rettete einſt ein Deutſcher das Leben,— ich will nicht, daß man Die⸗ ſen tödte!“ 172 Als der Guerilla ſich ſo hatte vernehmen laſſen, glitt ſein Blick zu der zitternden Mulattin hinüber. Er ſtieß einen Ruf des Erſtaunens aus. „Dame my soul! brüllte er nun auflachend,— niſt das nicht die entſprungene Aggy von Jefferſon Smith's Plantage? Bei GCott, ſie iſt's! Du mußt mit uns, mein Püppchen, und der Teufel ſoll mich holen, wenn das nicht für uns ein guter Fang iſt! Kommt, meine Jungen!“ Die vier Freibeuter lachten roh auf, Richard und Miſtreß Lovett waren vergeſſen. Im Nu fühlte ſich die aufſchreiende junge Mulattin ge⸗ packt und von den Kerlen fortgeſchleppt. Wir waren genöthigt, einen anderen Reiſenden des Eiſenbahnzuges eine Zeit lang aus den Augen zu laſ⸗ ſen, den Deſerteur Winter. Als die Locomotive entgleiſte und die erſten Wagen mit ſich den Damm hinabriß, da hatte den Waggon, in welchem er ſaß, nicht ein gleiches Schickſal getrof⸗ fen. Die Inſaſſen deſſelben hatte wohl ein tüchtiger Stoß durcheinander geworfen, aber ſonſt war ihnen nichts geſchehen. Wie die übrigen Mitfahrenden war der junge Deutſche nach der Kataſtrophe ſchleunig ausgeſtiegen, doch als er dann die heranſtürmenden Freibeuter erblickte, da hatte er 5 eine andere Miene angenommen, als ſeine beſtürzte Umgebung, und die nahenden Buſchklepper mit dem Jubelrufe empfangen:„Der Süden für ewig! Jeffer⸗ ſon Davis hoch! Die Conföderation hoch!“ Die Guerillas, auf die er ſtieß und denen er das Loſungswort des Südens wiederholte, ſchüttelten ihm die Hände, einer der Führer forderte ihn ſogar auf, ſich der Bande anzuſchließen. Stand auch der Sinn unſeres Deſerteurs jetzt nicht darnach, ſo erklärte er doch lebhaft, daß es längſt ſein Wunſch geweſen ſei, den Braven Mosby's anzugehören. Dann aber ſtahl er ſich raſch durch das Getümmel und ſpähte überall umher, Diejenigen zu finden, denen er heimlich von Harpers Ferry aus gefolgt war. Endlich erblickte er ſie, und zwar in dem Momente, als einer der Freibeuter ſeinen Revolver auf Richard Erlenbach's Schläfe richtete, während Miſtreß Lovett bewußtlos auf den Boden lag. Der Deſerteur blieb bei dieſem Anblicke wie ange⸗ wurzelt neben einem Hagedornbuſche ſtehen. Unbe⸗ wußt und beinahe krampfhaft griff er mit einer Hand in das Gezweige, ſein Blick glänzte fieberhaft, ſeine Wangen überflog eine leichte Röthe, um ſeine zucken⸗ den Lippen ſpielte ein höhniſches Lächeln. Doch als nun der Auftritt zu Gunſten Richards 174 endete und die junge Mulattin ihrer Herrin entriſſen ward, da ſtampfte er mit dem Fuße in ohnmächtiger Wuth, da nahmen ſeine Züge einen düſteren, feind⸗ ſeligen Ausdruck an. Plötzlich aber ward er dieſer Stimmung auf ganz unerwartete Art entrückt. Fünf bis ſechs Reiter, von den öſtlichen Hügeln kommend, ſprengten dem Eiſenbahndamme zu; ſie hat⸗ ten den Freibeutern als Vorpoſten gedient. „Die Nankees! Die Nankees!“ ſchrien ſie.—„Sie kommen mit großer Uebermacht! Fort! Fort!“ Mit Blitzesſchnelle waren die Freibeuter im Sattel, ſprangen ihre Fußſoldaten auf die weſtliche Haide hinaus. Der junge Deutſche aber, der als Deſerteur alle Urſache hatte, die Unionstruppen zu meiden, ſtutzte und ſtieß eine Verwünſchung hervor. Dann machte er haſtig Kehrt und eilte den Gueril⸗ las nach, die ſich in wilder Flucht dem Cypreſſenwalde zuwandten. — — 8— 9 Siebentes Kapitel. Es war der zweite Mai. Die Sonne ging hinter der weſtlichen Hügelkette der Landſchaft unter, welche ſich am nördlichen Ufer des Rappahannock ausbreitet, faſt dem jenſeits gelegenen Fredericksburg gegenüber. Dort, wo der klare Aether in Roſengluth ſchwamm, zeichneten ſich die fernen, bewaldeten Höhen bereits in ſcharfen und dunklen Umriſſen ab, während über den blitzenden Fluß, die Wieſen, die Dächer der Ortſchaften und vereinzelten Gebäude hin die letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne wunderſam verklärende Streiflichter warfen und die Wipfel der Gehölzſtreifen, die da und dort das wellenförmig emporſtrebende Land deckten, mit goldigem Schimmer umhauchten. Das Alles wäre ein freundliches Bild des Friedens 176 geweſen, hätte in dieſer Landſchaft nicht auch ſo Manches, daran gemahnt, daß hier ſeit langer Zeit der Schau⸗ platz eines bewegten Treibens ſei und daß der Bürger⸗ krieg der Vereinigten Staaten vor allem auf dieſen Fluren mit dem ganzen Gefolge ſeiner Schrecken laſte. Meilenweit dies⸗ und jenſeits des Fluſſes zogen ſich die Lager der Unioniſten und Südſtaatler hin; auch blickten Verſchanzungen und Batterien von den eine engliſche Meile hinter Fredericksburg ſich erheben⸗ den Anhöhen herab, und am Nordufer des Stromes ragten aus den rings um den kleinen Ort Falmouth ſich dehnenden, jetzt unbebaut und zertreten liegenden Feldern Erdwälle und Paliſſaden auf. General Hooker hatte ſchon in den letzten Tagen des April Brücken über den Fluß ſchlagen laſſen und durch Pontons den Uebergang der Armee bewerkſtelligt, doch nicht, wie Burnſide, um den Feind auf dem befeſtigten Hügelkamme bei Fredericksburg anzugreifen, ſondern die Stadt und die Verſchanzungen zu umgehen und der Heeresmacht Lee's von einem öden Walddiſtricte aus, die Wilderneß genannt, nächſt Chancellorsville in den Rücken zu fallen. So waren denn drei Armeecorps ſtromaufwärts bei Kelly's Ford, etwa fünfundzwanzig engliſche Meilen oberhalb Fredericksburg, ohne Hinderniß über den Fluß —— —— gezogen, und bald darauf weiter abwärts, doch eben⸗ falls oberhalb der genannten Stadt, andern Abthei⸗ lungen der Potomac⸗Armee gefolgt. Man hatte die Aufmerkſamkeit des Feindes durch einen Scheinüber⸗ gang unterhalb Fredericksburg von jenen Bewegungen abgelenkt.— Zu gleicher Zeit mit dem Hauptcorps Hooker's war eine ſtarke Kavallerieabtheilung unter General Stone⸗ man über den Rappahannock gegangen, um in weitem Halbkreiſe bis hinter Lee's Truppen zu gelangen, die Schienen der Richmond⸗Fredericksburger Bahn zu zer⸗ ſtören, ſo die Verbindung abzuſchneiden und den Zu⸗ zug von Verſtärkungen für Lee's Armee zu verhindern. Es war beſtimmt geweſen, dieſe Expedition ſchon meh⸗ rere Tage vor dem Aufbruche des Hauptcorps zu unter⸗ nehmen, doch unaufhörliche Regengüſſe hatten es der Kavallerie unmöglich gemacht, durch den Fluß zu ſetzen. Das ſechſte Armeecorps unter General Sedgwick war am nördlichen Ufer des Rappahannock zurückgeblie⸗ ben und lagerte unfern Falmouth, im Angeſichte Fre⸗ dericksburg's und der dieſe Stadt beherrſchenden, vom Feinde wohlbefeſtigten Höhen Die luftige, weiße Segeltuchſtadt des Sedgwick'ſchen Corps zog ſich in geradlinigen Straßen einen ſanft an⸗ ſteigenden Raſenplan hinan, der jetzt natürlich ver⸗ Adolf Schirmer, Die Spionin. I. 12 178 wahrloſt und zuſammengetreten war, doch deſſen anmu⸗ thig wellenförmige Höhen ſich in blühendes Buſchwerk und ein friſchgrünes Fichtengehölz verloren. Bis dicht an den Rand dieſer Holzung reichte die improviſirte Stadt der Zelte. Das Lagerleben hatte die ganze verfloſſene Zeit hindurch, Woche für Woche, ſeinen regelmäßigen Ver⸗ lauf genommen,— um fünf Uhr Morgens der Trom⸗ melwirbel der Reveille, dann Morgenexercitium, hier⸗ auf ein ziemlich ſchlechtes Frühſtück, Kaffe ohne Milch, ein Stück hartes geſalzenes Fleiſch, grobes Brod; um acht Uhr Vertheilung der Poſten, um neun Uhr Auf⸗. ſtellung der Regimenter, das Holen der Fahnen aus dem Hauptquartier, das Schmettern der Muſikbande, das Salutiren und der Gottesdienſt im aufgeſtellten Viereck, Trommelwirbel und Nationalgeſang; bis Mit⸗ tag Ruhe, wo Dieſer in's Gras ſich ſtreckt, Jener plau⸗ dernd das Lager durchwandelt, oder im Schatten des Gehölzes die angelangten New Yorker oder Waſhing⸗ toner Zeitungen durchfliegt, und überall Gruppen von Rauchern und Tabakkauern bei einander ſtehen oder. hocken; dann das unvermeidliche elende Roaſtbeef der Mittagsküche, und die Ernte der ambulanten Liqueur⸗ verkäufer, die nur für die Deutſchen, Irländer und ſonſtigen fremden Elemente des Heeres, doch nicht für 1 4 b 179 die puritaniſchen Yankees da ſind, obwohl dieſe in der Stille auch ihr reichliches Brandy⸗Contingent ſtellen; — von vier Uhr aber bis zum Sonnenuntergange das tägliche Exerciren mit allen Evolutionen der Krieg⸗ führung, dann milchloſer Kaffee und hartes Brod, um acht Uhr Abends die Eintheilung der zum Nachtdienſt und den Patrouillen beſtimmten Mannſchaft, und ſchließ⸗ lich ein luſtiges, ungebundenes Lagerleben bis zehn Uhr, die Stunde des Zapfenſtreiches, der die bunt zu⸗ ſammengewürfelte und auch theilweiſe noch bunt co⸗ ſtümirte Menge ermahnt, ihre Lichter auszulöſchen und mit den tollen Geſängen einzuhalten, was natürlich nicht immer ſo raſch bewerkſtelligt wird. In dieſes Lagerleben, das freilich während trüber, bleifarbener Regentage ſeine fröhliche Phyſiognomie merklich wechſelt, war beim Sedgwickſchen Corps ſeit dem Abzuge der übrigen Diviſionen eine Veränderung eingetreten,— die üblichen anſtrengenden Exercitien waren eingeſtellt worden, man dachte nur daran, ſich marſchbereit und ſchlagfertig zu halten, um jeden Augen⸗ blick, wenn nöthig, den Rappahannock überſchreiten und dem Feinde, dem die Diviſionen Hooker's ohne Zweifel von den befeſtigten Höhen nächſt Fredericksburg herab und zur„Wilderneß“ locken mußten, in den Rücken fallen zu können. 12* 180 Und als nun am vorerwähnten zweiten Mai, es war ein Sonnabend, zur Zeit des Sonnenuntergangs das Donnern einer lebhaften Kanonade, das faſt un⸗ unterbrochene Gewehrſalvengeknatter von der Wilder⸗ neß aus zum Lager herübertönten und einzelne Abthei⸗ lungen des Feindes aus Fredericksburg und den Ver⸗ ſchanzungen abzogen, da bemächtigte ſich eines Jeden der bivouakirenden Diviſion Sedgwick'’ eine heftige Erregung. Offiziere und Gemeine ſtanden oder ſaßen in Gruppen bei einander und die freudige Nachricht lief von Mund zu Mund: Morgen geht es über den 4 Fluß und mit gefälltem Bajonnet auf die Verſchan⸗ zungen los! Seitwärts von den letzten Zeltausläufern, faſt in der Schattenreihe der Fichten, hielt ſich in jenem Augenblicke eine kleine Gruppe von Offizieren auf. Auch dieſe Herren ſchauten, wie alle Welt im La⸗ ger, forſchend und einigermaßen erregt nach Fredericks⸗ burg und den jenſeitigen Hügeln. Wir kennen zwei dieſer Offiziere, den Brigadegene⸗ ral Lovett und den Regimentsarzt Arnau. G Beide hatten noch an demſelben Morgen, als wir 3 uns von ihnen wenden mußten, Harpers Ferry ver⸗ 1 laſſen und waren auf dem kürzeſten Wege über Alexan⸗ 4 dria in Virginien zum Hauptquartier der Potomac⸗ —— — —— 181 Armee gereiſt. Dort waren Lovett und der Doctor den Sedgwickſchen Truppen zugetheilt worden; Lovett com⸗ mandirte eine Diviſion des ſechſten Armeecorps. Von den drei Herren, welche außer den beiden Freunden noch der kleinen Gruppe angehörten, war einer ein ſchon ziemlich bejahrter Major, während die bei⸗ den anderen es erſt bis zum Lieutenant gebracht hatten, aber auch, nach ihrem Ausſehen zu urtheilen, kaum zwanzig Jahr alt ſein mochten. Dieſe jungen, etwas ſtutzerhaften Lieutenants, vermuthlich erſt kürzlich von der Militärſchule zu Weſt⸗Point bei der Armee ange⸗ langt, waren ohne Zweifel die Söhne oder Vettern angeſehener Senatoren der Union, man ſah ihnen auf den erſten Blick an, daß ſie mit dem ariſtokratiſchen Weſen des high life von New York oder Boſton ver⸗ traut ſeien. Der Major war das directe Gegentheil dieſer ju⸗ gendlichen Helden, er ſah nichts weniger als vornehm aus. Hätte der kleine, gedrungene, beinahe viereckig gebaute Mann nicht einen ſo martialiſchen, ſchneeweißen Schnurrbart getragen, der wie ſtarre Borſten aus ſeinem fettwulſtigen, rothbraunen Antlitze hervorſtand, ſeine Erſcheinung würde eher derjenigen eines gemüth⸗ lich behäbigen und friedfertigen Spießbürgers gleichge⸗ kommen ſein, als der eines Kriegers. Und doch war 182 Major Thornton einer der energiſcheſten, kaltblütigſten Offiziere der Diviſion, ein Haudegen, auf den das Pfeifen der Flintenkugeln etwa dieſelbe Wirkung machte, wie auf Leute gewöhnlichen Menſchenſchlages das Tril⸗ lern einer Lerche über ſonnenbeglänztem Weizenfelde. Der Muth, die Sorgloſigkeit und zähe Ausdauer des Majors war um ſo bemerkenswerther, als er keines⸗ wegs im Kriegsdienſte ergraut war, ſondern vor Aus⸗ bruch der Feindſeligkeiten in New York dem löblichen Berufe eines boarding-house-keeper*) obgelegen hatte, ein Geſchäft, das ſeine Frau dort jetzt fortſetzte. So wie er, waren manche der beſten Soldaten der Union ehemalige Gewerbsleute, die nie zuvor in ihrem Leben blutgierige und thatendurſtige Gedanken gehegt hatten;— der Major Thornton ging eben als ein lebendiges Beiſpiel umher, das ſchlagend bewies, wie ein Staat, deſſen Bürger von Vaterlandsliebe durch⸗ glüht ſind, keines mühſam und koſtſpielig zuſammenge⸗ drillten Militärmechanismus bedarf, um drohenden Ge⸗ fahren gegenüber ſeine Landeskinder ſchützen, ſeine Un⸗ abhängigkeit ſich bewahren zu können. *) Logis⸗ und Speiſehausbeſitzer. Der Verfaſſer dieſes Werkes hat die eigenthümlichen amerikaniſchen boarding-houses und ihre Bewohner in ſeinem„Aus aller Herren Länder“ ausführlich be⸗ ſchrieben. — 8 183 Dieſe fünf Herren hatten ſeit geraumer Zeit ein ziemlich lebhaftes Geſpräch geführt und dabei ſcharf auf die Bewegungen der fernab jenſeits des Rappa⸗ hannock ſich von Fredericksburg zurückziehenden feind⸗ lichen Truppen hinausgeſchaut. Lovett ſaß auf einer kleinen Erhöhung des Bodens, die Beine übereinander gelegt, eine Cigarre rauchend, deren Dampf in lichten, bläulichen Ringen in die klare Luft emporſtieg, Arnau ſtand mit verſchränkten Armen zur Linken des Gene⸗ rals, während der Major ſich etwas weiter hin feſt auf ſeinen Säbel ſtemmte und die jungen Lieutenants ſich aus Rückſicht auf ihre Vorgeſetzten ein paar Schritte hinter ihnen aufgeſtellt hatten und dann und wann ſich eifrig eines kleinen Fernglaſes bedienten. Die Unterhaltung war einige Momente in's Stocken gerathen. Der Major nahm ſie in ſeiner derben, ur⸗ wüchſigen Weiſe wieder auf. „Bei Gott, General,“ begann er mit einer Stimme, die wie ein heiſeres Gebell klang,„mich ſoll der Teufel holen, wenn ſie drüben nicht alle auf und da⸗ von ziehen! Brauchen Verſtärkung,— Lee und Stone⸗ wall Jackſon,— das iſt klar, haben den ganzen Tag jenſeits der Hügel gut dreingepfeffert, unſre Jungens!“ „Wir hörten es freilich deutlich genug,“ bemerkte Lovett lakoniſch. 184 „Möchte auch lieber bei Chancellorsville oder⸗ in der Wilderneß, wie die Conföderirtenhunde ſagen, drauf los traben, als hier ſtehen und warten, bis die Baum⸗ wollhelden uns Fredericksburg und die geſpickten Maul⸗ wurfshügel dahinter auf dem Präſentirteller entgegen⸗ tragen!“ fuhr der Major fort. „Laſſen Sie's gut ſein, Major,“ verſetzte Lovett lachend,„wir bekommen morgen noch Arbeit genug, denke ich! Dort oben bleiben ſicher noch immer hin⸗ reichend Schelme, uns eine Sonntagspredigt zu halten, in der Kugeln und Flintenkolben überzeugender auf die ewige Seligkeit hinweiſen werden, als die kräftig⸗ ſten Shrapnels der Verdammniß, die unſer Schwarz⸗ rock gegen uns loszulaſſen pflegt.“ „Morgen!“ brummte der alte Haudegen unwillig. „Zeitverluſt! Ich ſage, Hooker kennt das Terrain nicht genug, auf dem er Lee angegriffen hat, dem Feinde aber iſt dort jeder Zoll Landes bekannt!“ „Stoneman wird auch mit ſeiner Kavallerie zu ſpät abgekommen ſein, Lee die Verſtärkungen von Richmond abzuſchneiden!“ ließ ſich jetzt Arnau vernehmen.„Lee iſt ein ſehr ſchlauer Fuchs, er hat ſeine Verſtärkungen ſicher ſchon längſt an ſich gezogen!“ „Das iſt's,“ fiel ihm der Major eifrig in's Wort, „und deshalb ſollten wir hier nicht herumlungern, 185 ſondern je eher deſto beſſer friſch darauf lösſtürmen, über den Fluß, die Hügel hinan, die Burſchen zwiſchen zwei Feuer zu nehmen. Das iſt hier in allem und jedem ein ganz verfluchter Schneckengang! Aber geht's denn anders, wo viele Herren drein reden? Die Ad⸗ miniſtration in Waſhington will ſo, Hooker will an⸗ ders, und die Generale, bitt' um Vergebung, Gene⸗ ral, die wollen wieder anders! Hol's der Henker Das macht unſere Gegner ſo ſtark, daß ſie zuſammen⸗ halten und daß— daß—“ Der Major hielt inne, murmelte einige unverſtänd⸗ liche Worte zwiſchen den Zähnen und blickte teufels⸗ wild, das Antlitz tief geröthet, auf ſeine Umgebung. Lovett blies phlegmatiſch eine mächtige Rauchwolke vor ſich. Dann ſah er den alten Herrn lächelnd an. „Ich weiß, was Sie ſagen wollen, lieber Major,“ entgegnete er,„und wie Sie über gewiſſe Dinge denken, ſo denkt ungefähr jeder gute und unterneh⸗ mende Soldat unſerer Armee. Meade oder Grant würden uns hier beſſere Dienſte leiſten, als gewiſſe an⸗ dere Herren, davon bin ich überzeugt. Aber was hilft es, ſo lange die Sachen ſo ſtehen, wie ſie ſtehen, bleibt uns nichts anderes übrig, als unſere verdammte Schul⸗ digkeit zu thun.“ „Lincoln iſt ein energiſcher Mann,“ warf Arnau 186 ein,„er iſt ein ehrlicher, einſichtsvoller Mann und wird den Stand der Dinge nicht lange ſo andauern laſſen!“ „Aber er iſt kein Soldat,“ brummte der alte Major heftig,„doch hier im Felde brauchen wir einen ſol⸗ chen, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hat! Die Adminiſtration wird uns noch in des Satans Garküche hinein adminiſtriren!“ „Es läßt ſich nicht leugnen,“ begann einer der jun⸗ gen Lieutenants mit etwas affectirter Beſcheidenheit, indem er das Fernglas ſenkte und ſein Flaumenbärt⸗ chen ſtrich,„daß die Seceſſioniſten ſehr fähige Köpfe haben.“ „Im Felde, wie im Rathe,“ ſetzte der zweite Lieu⸗ tenant hinzu. „Ganz recht,“ knurrte der Major,„und weil Je⸗ der bei dem bleibt, was er verſteht, greift auch alles ineinander. Und dann— Lee und Jackſon haben Er⸗ fahrung,— die Herren Theoretiker der Militärerzieh⸗ ungshäuſer aber pflegen keine Schlachten zu gewinnen!“ Der Seitenhieb des Majors ſaß feſt, die jungen Herren hatten ihn verſtanden. Doch ſie verzogen keine Miene, obwohl es im Lager der Nankees, außer der Dienſtzeit und im geſellſchaftlichen Verkehre, mit der ſtrikten Subordination nicht ſo ängſtlich genommen 187 ward; und das mag mehr oder weniger in allen Heeren der Fall ſein, wo der freie Bürger neben dem freien Bürger kämpft. Lovett ſetzte auflachend das Geſpräch fort. „Jefferſon Davis iſt aber auch ein alter Prakti⸗ kus,“ rief er,„das müſſen Sie zugeſtehen, Major, wenn er auch mit der Kriegsführung eigentlich nichts zu thun hat, verſteht er es doch, den Süden gegen uns in Athem zu erhalten!“ „Ein Unglück für die Union,“ ſchnob der ehrliche Major Thornton,„daß des Mr. Jefferſon Davis eigener ſchwindſüchtiger Athem nicht vor der Wahl Lincolns auf dem letzten Loche pfiff! Möchte ihn hängen ſehen, hat Alles auf dem Gewiſſen, iſt der zäheſte von Allen, ohne ihn wäre die Rebellion jetzt eine zer⸗ drückte Eierſchale! Großes Talent, ebenſo großer Schuft, hat Muth, Ausdauer, leider für eine ſchlechte Sache, verdient um ſo mehr das Hängen!“ „Es iſt überhaupt ſchade,“ warf Arnau ein,„daß ſo manche hervorragende Männer des Südens in blinder Parteiwuth ihre glänzenden Fähigkeiten an die Erreichung eines Zweckes ſetzen, der die Menſchheit entwürdigt, daß ſie, ſtatt das große Ganze der Repu⸗ blik in's Auge zu faſſen, für die verderblichen Sonder⸗ intereſſen einzelner Staaten des Bundes eintreten. Ich 188 hätte in Waſhington der letzten Sitzung vor dem Aus⸗ bruche der Rebellion beiwohnen und jene Männer ſehen mögen, die ein Segen der Union geworden wären, ſtänden ihr Charakter und Gemüth auf gleicher Höhe mit ihren Geiſtesgaben!“ „Verdienen um ſo mehr das Hängen,“ murmelte der Major mit unerſchütterlicher Conſequenz. „Ich wohnte jener Sitzung bei,“ ſagte Lovett und zündete ſich an dem Stumpfe ſeiner Cigarre eine an⸗ dere an. „Ja,“ fuhr er dann fort,„ich ſah ſämmtliche Hochverräther an unſerer Verfaſſung, während des Winters von 1861, gerade zur Zeit der letzten Seſſion des Senates. Wahrhaftig, wenn ich mir die Erſchei⸗ nung des Jefferſon Davis in's Gedächtniß zurückrufe, dieſes kleinen, unanſehnlichen, hektiſchen Mannes mit der ſcharfen Stimme, dem faltigen Antlitze und dem Ziegenbarte unter dem Kinne, den hohlen Wangen und zuſammengepreßten Lippen, dem dünnen grauen Haare, den buſchigen Augenbrauen und dem ſatyriſchen, ſelbſtgenügſamen Geſichtsausdrucke, ſo muß ich er⸗ ſtaunen, daß ein ſolches ſchwächliches Weſen noch immer eine ſo wunderſame Energie und Raſtloſigkeit zu ent⸗ wickeln vermag, wie dies der Fall iſt. Als ich ihn damals im Senate reden hörte, da begriff ich freilich, — 189 daß dieſer Mann durch ſeine glänzende ſophiſtiſche Dia⸗ lektik fähig ſein müſſe, eine unwiderſtehliche Macht auf die leicht erregbaren Gemüther ſeiner Landsleute des Südens auszuüben. „Bemerkten Sie auch Judah Benjamin, den aus⸗ gezeichneten Redner der Conföderirten, der jetzt dem Staatendepartement der Rebellen⸗Regierung präſidirt?“ fragte Arnau. „Natürlich! Er war damals Senator für Loui⸗ ſiana. Dem kleinen, plumpen Patron mit den ſcharf geſchnittenen iſraelitiſchen Zügen ſah man es übrigens ebenfalls nicht an, welche hohe Begabung in ihm ſteckte. Er mußte reden, um hinzureißen. Die beiden größten Aufgaben ſeines Lebens ſcheinen darin beſtanden zu haben, ſich ein Vermögen anzuſammeln und die Re⸗ bellion zuwege zu bringen.“ „Und, um Vergebung, General, und Breckinridge, der, wenn ich nicht irre, jetzt Generalmajor in der Südweſt⸗Armee der Empörer iſt?“ liſpelte einer der jungen Lieutenants. „Ah, der war ein anderer Mann,“ fuhr Lovett fort, weine impoſante Erſcheinung, voll männlicher Würde und Anmuth, eine Heldengeſtalt. Mit ſeinem dunklen Teint, den ſchwarzen Haaren und blauen, ſeelenvollen Augen waren in der That ein ſchöner Mann. Er ſprach 190 im Senate, dem er anfänglich als Vice⸗Präſident und dann als Vertreter Kentucky's angehörte, in gewählter, faſt klaſſiſcher Form, doch nicht mit ſtaatsmänniſcher Tiefe, und gab ſich den Anſchein, den Vermittler zwi⸗ ſchen den ſüdſtaatlichen Ultras und der Union machen zu wollen.“ „Er war es ja auch,“ ſchaltete Arnau ein,„der als Vice⸗Präſident die Votirungen zählte und in Gegen⸗ wart beider Häuſer Lincoln als Präſidenten erklärte.“ „Ganz richtig,“ ſagte Lovett.„Robert Trombs, den ich ebenfalls beobachtete, glich einem die ganze Welt verachtenden Cyniker und machte auf mich mit ſeiner vernachläſſigten Kleidung, ſeinem verwilderten Haare und ſeiner arroganten Sprechweiſe einen unangenehmen Eindruck. Doch hielt ich ihn damals und halte ihn noch jetzt für ehrlicher als ſeine politiſchen, ehrgeizigen, Freunde und glaube, daß er uneigennützig und aus innerer Ueberzeugung auf der Seite der Seceſſioniſten ſteht. Die auffallendſte Erſcheinung war mir aber un⸗ ſtreitig der ſiebenzigjährige Henry Wiſe, dieſer groß⸗ prahlende, halbverrückte und ehrgeizige Lärmmacher unter den Politikern der Conföderirten, der weder als General noch als Staatsmann ſich ausgezeichnet hat, aber als politiſcher Intriguant ſeiner Partei jedenfalls große Dienſte leiſtete.“. 191 Mir kam vor ein paar Jahren eine Photographie von ihm unter die Augen;“ bemerkte Arnau,„mit ſeinem bis über die Schulter herabhängenden weißlockigen Haare glich der Mann faſt dem Bilde, das man von dem längſt verſtorbenen Dichter Chamiſſo beſitzt, nur fehlte den Zügen der milde, faſt kindliche Geſichtsaus⸗ druck dieſes Poeten, ſie waren im Gegentheil hart, hochfahrend, determinirt.“ „Wie der ganze alte Burſche!“ unterbrach Lovett den Freund lachend.„Dann ſah ich noch Alexander Stephens, das lebendige Skelett, den die Conföderirten zum Vice⸗Präſidenten ernannten, um die Conſervativen der Golfſtaaten zu befriedigen,— ferner Hunter, Ma⸗ ſon, Nanley,—“ Lovett hielt plötzlich inne. Der Kanonendonner tönte jetzt deutlicher von der hinter den jenſeitigen Höhen gelegenen Gegend, die Gewehrſalven wurden lebhafter; der Kampf in der Wilderneß mußte heftiger entbrannt ſein und ſich über ein weiteres Terrain ausgebreitet haben. „Aye, Aye!“ rief Thornton, der dem General bisher mit einer Art von ſtillem Ingrimm zugehört hatte und mit gerade ſo vieler Ungeduld, als man einem Vorgeſetzten gegenüber im ſchlimmſten Falle blicken laſſen darf.„Bei Chancellorsville geht es luſtiger zu! 199 Hoffentlich werden wir noch in dieſer Nacht marſchiren, General!“ „Das iſt möglich,“ entgegnete Lovett.„Ich denke, wir haben hier genug geplaudert, Gentlemen, und be⸗ kommen im Lager vollauf zu thun!“ „Das iſt auch beſſer, General,— bitt' um Ver⸗ gebung,— als wenn wir hier noch die ganze Liſte der conföderirten Schelme durchgehen wollten!“ brummte Major Thornton mit drollig bärbeißigem Humor. „Mögen die Burſchen am Nacken hängen, bis ſie todt ſind, das iſt meine Charakteriſtik von ihnen!“ „Und die hat jedenfalls den Vorzug vor meiner, daß ſie kürzer iſt!“ verſetzte Lovett lachend. Auch der alte Major lachte. Dann ſalutirte er, V machte eine Schwenkung und trabte ziemlich ſchwer⸗ fällig dem Lager zu, von den beiden jungen Lieute⸗ nants gefolgt. „Ein alter Bär,“ murmelte Lovett, während er dem Major Thornton lächelnd nachblickte,„aber es könnte nicht ſchaden, wenn wir lauter ſolche ehrenwerthe Bären in unſerer Armee hätten!“ „Ich verdanke dieſem wackeren Manne viel!“ er⸗ widerte Arnau.„Sie wiſſen, Lovett, daß er ein boar- ding-house hat. Als ich aus Deutſchland nach New York kam, da brachte ich wohl treffliche Empfehlungen, 193 aber kein Geld mit. Thornton gab mir, auf mein ehrliches Geſicht hin, Logis, Koſt, ſtreckte mir Geld vor, ſo daß ich anſtändig auftreten und in der vornehmen Geſellſchaft meinen Weg machen konnte. Ich werde das nie vergeſſen!— Doch was iſt Ihnen, Lovett? Ihre Miene iſt plötzlich ſo verdüſtert und traurig?“ Lovett erhob ſich von der kleinen Raſenerhöhung, ſchleuderte die Cigarre von ſich und richtete auf den Freund einen Blick, in dem ſich ein tiefer Kummer ausſprach. 3 „Ach, Albert,“ rief eren, zend,„Sie kennen mich lange genug, um zu wiſſen, daß Kleinmuth ſonſt nicht meine Sache iſt, daß ich gewohnt bin, auch den un⸗ vorhergeſehenſten Ereigniſſen mit ruhiger Mannhaf⸗ tigkeit zu begegnen—“ „Das weiß ich,“ fiel ihm Arnau in's Wort,„und darum erſchreckt es mich, William, Sie in dieſem Augen⸗ blicke ſo niedergeſchlagen zu ſehen! Die ganze verfloſ⸗ ſene Woche hindurch fanden wir unter den Vorberei⸗ tungen zur Wiederaufnahme des Kampfes keine Zeit für ein ſtilles, trauliches Beiſammenſein unter vier Augen. Ich bemerkte ſchon geſtern Ihren Trübſinn, und ſelbſt vorhin, als wir dieſe Höhe emporſtiegen, ge⸗ wahrte ich in Ihren Zügen eine Unruhe, bisweilen die ich mir nicht enträthſeln kann, denn— das iſt Adolf Schirmer, Die Spionin. I. 13 194 ſicher, William Lovett ſieht nicht der bevorſtehenden Schlacht mit Zagen und Sorgen entgegen,— unmög⸗ lich!“ Lovett lächelte wehmüthig. „Sie haben recht, Freund,“ entgegnete er,„ich bin kein Neuling mehr und habe nie eine Kugel gefürchtet. Doch,“ ſetzte er düſter hinzu,„man iſt nicht zu allen Zeiten Soldat!“ „Ich wollte Sie vorhin ſchon um die Urſache Ihres Mißmuths fragen, doch der alte Major blieb mit ſeinen Begleitern beſtändig nebarauns, und da hielt ich ſolche Frage nicht für angemeſſen.“ „Albert, der Soldat in mir iſt nicht muthig und ſtandhaft genug, mich vergeſſen zu machen, daß ich auch Gatte bin!“ „Wie, Sie erhielten Briefe von Ihrer ſchönen jungen Frau? Doch nicht etwa ſchlimme Nachrichten? Die arme Frau war ſo erſchüttert, als ſie von Ihnen ſchied, ich ſah es wohl.“ „Das iſt es nicht, Albert, was—! Meine Frau beſitzt Seelenſtärke, ſie weiß ſich in alles Unabwendbare mit edler Entſagung zu fügen.“ „„Na?“ „Ich bin ſeit meinem Hierſein ohne die geringſte Nachricht, von ihr ſowohl, wie von meinem Schwager. Fünf Briefe nach einander ſchrieb ich ſchon an ſie, und noch keine Antwort!“ „Bedenken Sie, Freund, daß ſich während der Kriegs⸗ zeit ſehr leicht in die Briefbeförderung allerlei Unregel⸗ mäßigkeiten einſchleichen. Man muß oft Sendungen zurückhalten, weil der Feind die Straßen unſicher macht.“ Zwiſchen Gettysburg und unſerem Hauptquartier ſteht wohl kein feindliches Corps?“ „Aber die Guerillas!“ „Das iſt es! In der vergangenen Woche las ich im New Yorker Herald eine Notiz, welche mittheilte, daß am achten April der Abendtrain der Hagerstown⸗ Chambersburger Ba hn bei der Station Marion von Freibeutern Mosby's überfallen, ausgeplündert wor⸗ den ſei.“ „Am achten April, das war der Tag unſerer Ab⸗ reiſe!“ „Und der Abreiſe meiner Frau!“ „Mir entging die Notiz, es kommen ſo viele Nach⸗ richten von kleinen Scharmützeln und W 9 Ve gelagereien.“ „Ich erfuhr im Hauptquartier die Beſtätigung der Thatſache. Es iſt möglich, daß meine Frau den Mit⸗ tagstrain benutzte, aber geſchah dieſes nicht, dann— wenn ſie und Richard in die Hände der Barbaren geſallen wären!— Dieſer Gedanke martert mich ſeit 13* 196 acht Tagen! Hätte dieſe Woche nicht meine ganze angeſtrengteſte Thätigkeit gefordert, würde man nicht für feige gelten, wollte man vor dem Beginne einer Schlacht die Armee aus was immer für einem Grunde ver⸗ laſſen, ich hätte längſt um Urlaub nachgeſucht, in wil⸗ der Haſt heimzukehren, Gewißheit über das Schickſal meiner Agnes zu erlangen, Gewißheit wenigſtens, und wäre es ſelbſt die traurigſte!“ Lovett blickte düſter vor ſich hin. Der junge Re⸗ gimentsarzt näherte ſich ihm und ergriff ſeine Rechte. „Ihre Frau war ſicher nicht auf jenem Train,“ ſagte er weich. „Aber man ſchreibt mir nicht,— das iſt doch ein Zeichen—6 „Das iſt nur ein Beweis von der Unſicherheit un⸗. ſeres jetzigen Poſtverkehrs. Ihr Name iſt zu bekannt und geachtet, mein Freund, als daß jene Berichte von der Ueberrumpelung des Zuges ihn übergangen hätten, wäre einer Miſtreß Lovett ein Unfall geſchehen. Wenn⸗ Briefe unſicher gehen, ſo ſenden Sie einen Courier nach Hauſe.“ 8 „Ich that es vorgeſtern.“ „Alſo Geduld bis zu ſeiner Rückkehr! Kommen Sie, wenn nicht Alles trügt, ſo werden wir in den nächſten Stunden einen harten Strauß beſtehen! Wir haben keine Zeit, uns Grübeleien und Ahnungen hin⸗ zugeben!“ „Ahnungen!“ murmelte Lovett.„Mein Herz iſt ſchwer, vielleicht gilt dies peinliche Gefühl meiner eigenen nächſten Zukunft, vielleicht ſah ich heute das letzte Male die Sonne untergehen. Wäre es drum! Aber ohne Gewißheit über das Loos der Seinen von der Welt zu ſcheiden— das hieße doppelt ſterben!“ Lovett ſtarrte einige Momente zu der weſtlichen 1 Hügelkette hinüber, die jetzt ſich düſter vom klaren Abendhimmel abſchattete. Die leichten Federwölkchen, welche im Aether ſchwammen, hatten ihren roſigen Hauch verloren, Nebel und Schatten wogten über Fluß und Thal hin. Aber im Lager der Unioniſten ward es lebendiger und durch die Ferne gedämpft, klang noch immer das Krachen der Geſchütze von der Wilderneß herüber wie dumpfes Donnerrollen. Lovett ſeufzte leiſe. Dann richtete er ſich feſt und entſchloſſen auf. „Gehen wir,“ ſagte er.„Es ſteht Alles in Gottes Hand!“ Die Freunde ſchritten ernſt und ſchweigend den Zelten zu. Achtes Kapitel. Die Nacht des zweiten Mai war verſtrichen, doch an der Fredericksburger Seite des Rappahannock keines⸗ wegs ruhig. Faſt bis zum Morgen hin hatte man im Sedgwickſchen Lager bisweilen ein ziemlich lebhaftes Schießen vernommen, welches bewies, daß man in der Ge⸗ gend von Chancellorsville keineswegs die Feindſeligkei⸗ ten eingeſtellt habe. Und der Sonntagmorgen war kaum angebrochen, als heftiger Geſchützdonner und faſt unaufhörliches Pelotonfeuer verkündeten, daß bereits eine heiße Schlacht im vollen Gange ſei. Zugleich aber zeigte ſich den Beobachtern im Sedg⸗ wickſſchen Lager auf das Unzweideutigſte, daß der Feind faſt alle ſeine Truppen aus Fredericksburg und von den nahen Höhen zurückgezogen habe. nichts Unangenehmes, als das verdammte Hügelhinan⸗ 199 Es galt daher kein Zögern mehr, die drei Di⸗ viſionen Sedgwick's gingen über den Fluß und rückten haſtig gegen die Hügel vor, welche die Nordſtaaten⸗ Armee unter Burnſide's Führung im December nicht zu nehmen vermocht hatte. Dieſesmal ſahen ſich die muthig anſtürmenden Trup⸗ pen nur wenigen feindlichen Batterien gegenüber. 3 Nach einigen energiſchen Bajonnetangriffen waren die Höhen erklettert, die Geſchütze genommen, der Feind entwaffnet, flatterte das Sternenbanner der Union ſieg⸗ reich über den eroberten wohlbefeſtigten Poſitionen. Das Corps Sedgwick's hatte nur geringe Verluſte erlitten, die Aerzte, unter ihnen Doctor Albert Arnau, waren durch ihren Beruf nicht übermäßig in Anſpruch genommen. Der junge Deutſche war ſo glücklich, die Ueberzeu⸗ gung zu gewinnen, daß weder Freund Lovett noch ſon⸗ ſtige gute Bekannte verwundet worden ſeien. Er ſchüt⸗ telte ihnen allen die Hände, auch den ehrlichen Major Thornton, der, keuchend und im breiten, ſchwulſtigen Angeſichte roth wie ein Krebs, ihm inmitten der wacke⸗ ren Krieger in den Weg kam. „Gute Arbeit, Doctor“, ſchnarrte der kleine, corpu⸗ lente Mann lachend,—„war an der ganzen Geſchichte 200 klettern und die Satanshitze. Ein Schmeerbauch iſt beſſer für einen Boardingkeeper, als einen Soldaten, Sir, bin drum mehr für einen Kampf auf freiem Felde geeignet, eine Prairie wär' meine Sache; hinter Hecken und Verſchanzungen zu ſtecken iſt gut für Feig⸗ linge, hol' ſie der Henker! Hoffe aber, es geht nun wieder bergab, dem Burſchen Lee auf den Rücken, ſind warm engagirt bei Chancellorsville, ſollt ich meinen!“ Und in der That währte der Kampf der Haupt⸗ armee am Sonntage noch ſechs Stunden in den tieflie⸗ genden, etwa fünfzehn engliſche Meilen von Fredericks⸗ burg entfernten Gehölzen. Die Erfolge dieſer da und dort vereinzelt geführten Treffen,— denn das Ter⸗ rain war nicht derart, daß die Geſammtſtreitkräfte auf einander prallen konnten,— gelangten natürlich da⸗ mals nicht zur Kenntniß des Sedgwickſſchen Corps, da ſich der Feind direct zwiſchen ihm und der Armee Hoo⸗ ker's befand. Daher wußte man auch nicht, daß am Sonnabende des Feindes linker Flügel, unter General Jackſon, den rechten der Union angegriffen und die elfte Diviſion in die Flucht geſchlagen hatte, daß nur durch die tapfere zweite Diviſion des dritten Corps, von General Berry geführt, größeres Unheil verhütet worden war. Auch hatte man keine Ahnung davon, welchen unerſetzlichen Verluſt am Abend deſſelben Tages die Conföderirten dadurch erlitten, daß Jackſon, meiſtens Stonewall Jack⸗ ſon genannt, bei einer Reeognoscirung von den Vor⸗ poſten des eigenen Corps durch ein Mißverſtändniß war niedergeſchoſſen worden, ein Ereigniß, daß den nächſt Lee fähigſten Offizier der Südſtaatler acht Tage ſpäter das Leben koſtete. Und ebenſo wenig war den Erſtürmern der Höhen nächſt Fredericksburg der Ausgang der Sonn⸗ tagskämpfe bekannt, nach denen Hooker ſeine Streit⸗ kräfte faſt auf der ganzen Schlachtlinie zurückgedrängt ſah. In Unkenntniß dieſes letzteren Umſtandes rückten nun am Sonntagabend Sedgwick's Corps dem Feinde in der Richtung von Chancellorsville näher und machte erſt Halt, als man faſt auf den Gegner ſtieß und die Ueberzeugung gewann, eine beträchtliche Streitmacht deſſelben ſich gegenüber zu haben. Die Nacht, welche nun folgte und alle weitere Unternehmungen abſchnitt, ward in faſt fieberhafter Aufregung verbracht. Lautlos harrte man der Dinge, die da kommen ſollten, kein Wachtfeuer durfte ange⸗ zündet werden. Man hatte die Plankenſtraße*) erreicht, die von Chancellorsville nach Fredericksburg führt und die der *) planc-road oder corduroy-road, eine Knüppeldammſtraße 20²2 Feind weiter ſüdlich beſetzt hielt. Feld und Gehölz la⸗ gen zur Seite. 4 Am nächſten Morgen eröffneten Plänkeleien einen harten Strauß. Bald brach der Feind aus den Hol⸗ zungen hervor, bald donnerte ſchweres Geſchütz, das auf dem Wege näher und näher kam. Und nun ward es Sedgwick klar, daß Hooker zu⸗ rückgedrängt ſein müſſe und Lee es vorziehe, ſtatt jenen ferner anzugreifen, ſeine maſſenhaften Streitkräfte auf die Diviſion zu werfen, welche ihn von den Hügeln trennte. Die Reihen der Unioniſten wurden gelichtet, aber wie auch die mörderiſchen Kugeln verheerend ſauſen mochten, die braven Männer hielten Stand, und unter ihnen in vorderſter Reihe der wackere Major Thorn⸗ ton, aus Streifwunden blutend, der eben ſo uner⸗ ſchrockene Brigadegeneral Lovett, die Mannſchaft an⸗ feuernd, und Arnau, mit ſeinen Aſſiſtenten darauf be⸗ dacht, überall, wo es nöthig, Hülfe zu bringen. Doch die zehnfach überlegene Schaar der Feinde drängte weiter und weiter, der Rückzug mußte kämpfend angetreten werden. Schritt vor Schritt wichen Sedg⸗ wicks Soldaten, wohlgezielte Schüſſe ſtreckten manchen Feind nieder, doch auch manch' unglücklicher Kamerad mußte in der Hitze des Kampfes zurückgelaſſen werden; 203 die Gegner ſtürmten über die Verwundeten hin, gleich⸗ viel ob Freund, ob Feind. Endlich waren die Zurückgeworfenen wieder auf den Höhen nächſt Fredericksburg und dort galt es, die am Tage zuvor eroberten Verſchanzungen zu halten. Gleich einer wild tobenden Fluth aber, die Alles zu verſchlingen droht, wälzten ſich die Maſſen des Feindes heran. Arnau ſah ſich aus dem Hintertreffen, auf das wäh⸗ rend eines Kampfes meiſt die Wirkſamkeit der Aerzte beſchränkt iſt, bis in die ſich den ſtürmenden Feind⸗ lichen zunächſt entgegenwerfenden Reihen der Unioni⸗ ſten gedrängt. Die muthigen, doch erſchöpften Männer, das An⸗ litz von Pulverdampf geſchwärzt, erwarteten hier noch einmal feſten Fußes die Uebermacht. Und das war auch der Platz des Brigadegenerals Lovett und des Majors Thornton. Louett hatte ſein Pferd beſtiegen und hielt in vor⸗ deſter Linie, damit ſeine Leute durch das Beiſpiel von Kaltblütigkeit, mit welcher er dem heftigen Kugelregen trotzte, zu neuer Energie angefeuert würden. Mit ru⸗ higer Todesverachtung ertheilte er ſeine Befehle. Nicht ſo Major Thornton. Der kleine, runde Mann ſchnellte auf und nieder wie ein Ball, der den Boden 204 berührt; mit heiſerer Stimme trieb er die Soldaten an, ſchrie er wie ein Beſeſſener. Er glich einem wü⸗ thenden Kampfhahne, die erlitteten Niederlagen hatten ihm die gewöhnliche Kaltblütigkeit geraubt, er kannte ſich nicht mehr. Der junge Regimentsarzt trachtete darnach, an die Seite ſeines Freundes Lovett zu gelangen. Er drängte ſich durch die Soldaten und erreichte ihn. „Wir können uns hier nicht halten, William, es iſt unmöglich!“ rief er durch den Lärm des Getümmels dem Freunde zu.—„Schonen Sie ſich, ſteigen Sie wenigſtens vom Pferde, Sie ſind ja ſo die Zielſcheibe der Rebellen!“ „Meine Leute müſſen mich ſehen!“ rief Lovett zurück. „Sie verſpritzen Ihr Blut umſonſt!“ „Kein Blut fließt vergebens, das für's Vaterland vergoſſen wird!“ verſetzte Lovett haſtig.—„Glauben Sie, ich werde die Schmach ertragen, auch aus dieſer eroberten Poſition entfliehen zu müſſen?“ Bleich und ruhig richtete ſich der General nach die⸗ ſen Worten im Sattel empor. „Hierher, Männer der Union!“ donnerte er mit feſter Stimme einer Schaar zu, die zurückweichen woll⸗ ten.—„Hierher! Die Rebellen ſollen nicht ſagen, daß 7 1☛ 205 die Nankees ihnen den Sieg leicht gemacht hätten!“ Die Wankenden ſtanden wieder. Die Conföderirten zogen ſich auf einige Augenblicke zurück, für einen neuen Anlauf ſich zu ſammeln. Dann aber ſtürmten ſie nochmals. Ein tolles Hand⸗ gemenge entſtand, Bajonnette, Kolben und Degen raſſel⸗ ten gegen einander, Wuthgeheul ertönte ringsum in das Knallen des Gewehrfeuers hinein. Da plötzlich bäumte ſich das Roß, welches Lovett ritt. Ein Kolbenſchlag hatte den Kopf des Pferdes ge⸗ troffen, zwei Schüſſe ihm den Kopf durchbohrt, an dem jetzt das ſiedendheiße Blut niederrieſelte. Das arme Thier, von wildem Schmerz gepeinigt, ſtieg kerzengerade in die Höhe, mit den Vorderhufen krampfhaft ausſchlagend. Eine Sekunde noch ragte der Gaul über dem Kampf⸗ gewirre empor, dann überſchlugen ſich Roß und Rei⸗ ter und ſchmetterten auf den blutgetränkten Boden nie⸗ der, wo Verwundete und Todte umherlagen. Die kämpfenden Soldaten wichen zur Seite „Heiliger Gott!“ ſchrie Arnau, ſich hinzudrängend, wo Lovett lag und ſein Pferd ſich in Todeszuckungen wand.„Schützt den General, Männer! Schützt ihn!“ Im nächſten Moment war auch der Major Thorn⸗ ton an jener Stelle. „Vorwärts, meine Jungen!“ brüllte er, den Säbel ſchwingend.—„Front vor General Lovett,— lebend oder todt— er darf den Rebellen nicht in die Hände fallen!“ Wie auf ein Zauberwort ſprang eine dichte Schaar von Freiwilligen vor,— es waren tapfere„Buckeyes“, wie die Männer von Ohio ſcherzweiſe genannt wer⸗ den,— bildete ſich blitzgeſchwind eine lebendige Mauer zwiſchen dem Feinde und dem geſtürzten General. Arnau aber war mit einem Satze neben Lovett, der aus dem Sattel geſchleudert, wenige Schritte von ſei⸗ nem ſterbenden Roſſe entfernt, wie entſeelt dalag. „Seine Ahnung!“ ſtammelte der junge Arzt,— „ſollte Sie in Erfüllung gegangen ſein?“ Haſtig riß er die Uniform des lebloſen Freundes auf und unterſuchte ſchleunig deſſen Körper, während die lebendige Mauer der Freiwilligen den heftigen An⸗ prall des Feindes energiſch aushielt. „Er iſt äußerlich nicht verwundet“, rief er jetzt, „wenigſtens ſehe ich nichts! Vielleicht hat ihn der Fall nur betäubt. Kommt, Leute kommt! Tragt Euren General aus dem Handgemenge!“ Vier handfeſte Soldaten waren ſogleich bereit. Sie luden Lovett auf und trugen ihn aus dem Getümmel. Einige Dutzend Freiwillige umgaben die über Lei⸗ 5 207 chen dahinſtolpernden Träger, dieſe und den lebloſen General auf dem haſtigen Rückzuge deckend. Nun waren ſie die Anhöhe hinab und verſchwan⸗ den mit ihrer Bürde in dem Gewirre der ſich über den Rappahannock Flüchtenden. Es war die höchſte Zeit geweſen, denn jetzt wich die Mauer der Freiwilligen zurück. Der Feind drängte nach, er ſprang über ganze Reihen von Leichen hin. Die Flucht war allgemein. Der weißbärtige Major Thornton aber wies den Rebellen fluchend das braunrothe, trotzige Antlitz, ſtatt den Rücken. Er wich nicht vom Platze. Arnau eilte zu ihm, ihn mit ſich fortzureißen. Doch ſechs bis acht wildblickende Kerle ſtürmten im gleichen Moment auf den Major ein. Wenige Secun⸗ den währte ein entſetzlicher Kampf, dann ſank der wackere Soldat und Boardingkeeper durchbohrt zu⸗ ſammen. Die Rotte ſtürmt weiter; in blinder Wuth über⸗ ſahen die Kerle und die ihnen ſich Nachdrängenden den Arzt, der zu dem alten Freunde ſtürzte, auf die Kniee niederſank und den armen Thornton in die Arme nahm. Und während das Kriegsgetümmel ſie rings um⸗ tobte, dann ſich weiter zum Abhange des Hügels ſchob, unterſuchte Arnau, alles um ſich her vergeſſend, angſt⸗ voll und in fliegender Haſt die Wunden des bewußt⸗ loſen Mannes.. Dieſe waren tödtlich; der Arzte erkannte das ſofort. Er leiſtete dem Braven die Hülfe, welche für den Augenblick zu leiſten möglich war. Der alte Major ſchlug die Augen auf. Starr ſah er den jungen Deutſchen an. „Wie ſteht unſere Sache, Doctor?“ hauchte er. „Schlecht! Die Unſrigen fliehen den Hügel hinab!“ Ein ſchwerer Seufzer entrang ſich der keuchenden Bruſt des weißbärtigen Helden. „Geben Sie ſich mit mir keine Mühe, Doctor, ich habe genug! Verlaſſen Sie mich, ſonſt nehmen dieſe in⸗ famen Kanaillen Sie gefangen!“ „Es iſt zu ſpät, Thornton, ich kann nicht mehr entweichen!“ „War unklug von Ihnen, Doctor, mir beizuſprin⸗ gen, hätten an die ſchrecklichen Gefängniſſe denken ſol⸗ len,— Belle⸗Isle, Anderſonville,—“ „Ich dachte nur daran, daß Sie einſt mein Wohl⸗ thäter waren, daß Sie mir uneigennützig Beiſtand lei⸗ ſteten, als ich eines hülfreichen Freundes bedurfte. Schande über mich, wenn ich Sie hier im Stich gelaſ⸗ ſen hätte!“ 209 „Danke, Doctor, danke! Man wird Sie jedenfalls nicht tödten, Ihren ärztlichen Stand reſpectiren, Sie wohl auswechſeln. Kommen Sie einſt nach New⸗York, bringen Sie meiner Frau und meinem Kinde meine letzten Grüße!“ „Sie werden nicht ſterben, Thornton!“ „Dummes Zeug, laſſen Sie das, Doctor, iſt gut für alte Weiber! Ich fühle den Tod an meinem Herzen! Wir ſind geſchlagen, aber es wird eine Zeit kommen, wo das Sternenbanner der Union wieder überall flat⸗ tern wird, oh, ich ſehe es ſehe! die Helden der vergan⸗ genen Zeit! Waſhington, Gott ſegne unſere Union!“ Thornton lächelte leiſe. Sein Blick, der einen Mo⸗ ment begeiſterungsvoll geglüht hatte, ward ſtarr und gläſern. Arnau aber fühlte ſich plötzlich von der Leiche des Braven weggeriſſen. Noch unter dem Eindrucke des Schmerzes um den gefallenen Thornton blickte der junge Deutſche, faſt unempfindlich gegen die Gefahr, auf die Feinde, die ihn umringten und deren erhitzte Angeſichter und dro⸗ hende Geberden ihm Unheil verkündeten. Die Führer der Conföderirten hatten ſich längſt während jener Kriegsperiode genöthigt geſehen, zur Verſtärkung ihrer Streitkräfte das ärgſte Geſindel Adolf Schirmer, Die Spionin. I. 14 210 anzuwerben, den ſogenannten white trash der Süd⸗ ſtaaten. Arnau ſah ſich jetzt in ſolchen Händen. Dieſes Geſindel, zur höchſten Blutgier aufgeſtachelt, zerrte jetzt den jungen Arzt mit beſtialiſchem Hohnlachen und unter heftigen Stößen empor. Waren dieſe Barbaren geſonnen, ihn nach Indianer⸗ weiſe zu martern und dann erſt ſeinem Leben ein Ende zu machen? Flüche donnerten, wilde Blicke durchbohrten den Ge⸗ fangenen, Gewehrkolben wurden gegen ihn geſchwungen, Bajonnette blitzten auf ihn ein. Bleich und wehrlos ſtarrte Arnau auf die Wüthenden. Sein Leben hing an einem Haare. Da ertönte in nächſter Nähe die gebieteriſche Stimme eines Mannes. Ein General, hoch zu Roß, war nebſt einigen be⸗ rittenen Begleitern an den Knäuel der Soldaten heran⸗ geſprengt. Die Männer ſenkten die Waffen. „Seid Ihr toll?“ erklang die herriſche Stimme des Reiters.„Seht Ihr nicht, daß der dort ein Militärarzt iſt, und wißt Ihr nicht, daß wir ſolche Leute immer brau⸗ chen können, gehören ſie auch zur Partei der hündiſchen Abolitioniſten, die Gott verdammen möge?! Packt Euch!“ 211 Grollend traten die Kerle von Arnau zurück. Der Südſtaatengeneral wandte ſich jetzt an dieſen, der regungslos, nun ihn die Soldaten losgelaſſen, neben der Leiche des Majors ſtand. „Sie haben auf der Stelle einen wichtigen Dienſt zu leiſten, Sir!“ fuhr der General fort.„Folgen Sie mir zu jenem Gehölze. Am Ausgange deſſelben liegt einer meiner Freunde, der ärztlichen Beiſtandes bedarf. Er hat eine Flintenkugel im Fuße. Beeilen wir uns!“ Der General, ein hübſcher junger Mann mit ſtolzen Zügen, hatte in ſtrengem und verächtlichem Tone ge⸗ ſprochen. Er war ſicher ein vornehmer Pflanzersſohn in der grenzenloſeſten Verachtung der„Krämerwelt des Nordens“ auferzogen. Arnau bückte ſich ſtumm, während die Rotte, welche von dem Gefangenen ablaſſen mußte, weiter ſtürmte; er nahm ſein noch auf dem Boden neben dem todten Thornton liegendes chirurgiſches Beſteck zu ſich. Indem er dieſes that, küßte er die Stirn des ehren⸗ voll Gefallenen. Der General, welcher ſich anſchickte, ſeinen ſchnauben⸗ den Rappen zu wenden, hielt das muthige Thier einen Moment zurück, als er gewahrte, mit wie ſchmerzlichen Empfindungen der junge Arzt ſich über den todten Major niederbeugte. 144 212 Seine anmaßenden Züge nahmen einen faſt weichen, theilnehmenden Ausdruck an.— „Dieſer Mann war ohne Zweifel Ihr Freund, Sir!“ ſagte er mit einer weniger barſch als zuvor klingenden Stimme.„Ich weiß die Gefühle der Freundſchaft zu ehren und werde dafür Sorge tragen, daß der Todte nicht mit den anderen Leichen verſcharrt, ſondern nach Ihrem Wunſche beſtattet werde. Ihre Pietät für jenen Todten aber mahnt mich, daß ich gegen einen jungen Mann, der, Gott ſei Dank, noch unter den Lebenden weilt und der mir lieb und werth iſt, ebenfalls eine Freundespflicht zu erfüllen habe. Da Sie hier ohnehin nichts weiter ausrichten können, wie ich ſehe, ſo erſuche ich Sie, mich ſchleunigſt zu begleiten,— noch beſſer, Sie beſteigen eines der Pferde meiner Ordonnanzen. junge General hatte die letzten Worte ſehr höflich geſprochen. Er wandte ſich jetzt an ſeinen Ad⸗ jutanten und wechſelte wenige Worte mit ihm. Dieſer gab ſofort ein Zeichen,— hinter dem Ge⸗ folge des Generals machte ein berittener Soldat eine Schwenkung nach vorn und ſprang aus dem Sattel. „Sorgen Sie dafür, Jones,“ begann der General wieder kurz und befehlend,„daß die Leiche jenes Offi⸗ ziers nicht mit den anderen Gefallenen in eine Grube geworfen werde.“ — — 213 Arnau blickte ſtolz und ernſt auf. Er trat zu dem ungeduldig ſtampfenden Roſſe, das die Ordonnanz hielt und ganz in die Nähe des hohen Vorgeſetzten geführt hatte. Und nun ſah er den Süd⸗ ſtaatenführer feſt und durchdringend an. „General,“ ſprach er mit ruhiger Sicherheit,„ich danke Ihnen. Aber es bedarf hier nicht Ihrer Für⸗ ſorge und ſolchen Unterſchiedes. Alle jene Männer, welche mit meinem Freunde für die glorreiche Sache der Union fielen, ſind Bürger derſelben geweſen, und brav und tapfer wie er. Ein gemeinſames Grab mit ihnen wird das Andenken meines Freundes nicht ſchän⸗ den, er würde, wenn er noch ein Wort zu hauchen ver⸗ möchte, nichts beſſeres verlangen, als nach ſeinem Tode bei ſeinen Kameraden zu ruhen. In ninen ſ hrle der Union gilt die Gleichheit Aller vor dem Geſetze, der Tod auf dem Schlachtfelde ändert nichts daran!“ Arnau wandte ſich nach einer leichten, ſtolzen Ver⸗ beugung dem Pferde zu. Feſt und ſicher ergriff er die Zügel und ſchwang ſich mit Gewandtheit in den Sattel. Noch einen ſchmerzerfüllten Blick warf er über den Kampfplatz hin und ſeußzte tief auf, als nun ſeine Augen ſich unwillkürlich nochmals der Leiche Thornton's zuwandten. 214 „Werde ich jemals in die Lage kommen,“ murmelte er in ſich hinein,„die Grüße dieſes ehrlichen Patrioten an Frau und Kind beſtellen zu können?!“ Nach dieſer wehmüthigen Betrachtung blickte er den feindlichen General fragend an, gleichſam um dieſem ſeine Bereitſchaft kundzugeben.— Der Südſtaatenführer hatte nach der entſchiedenen Antwort des unioniſtiſchen Militärarztes ſekundenlang leicht die Stirn gerunzelt und in zorniger Aufwallung die Lippen feſt und höhniſch gegen einander gepreßt. Er hatte ſicher im erſten Moment dem Gefangenen eine leidenſchaftliche Erwiderung entgegenſchleudern wollen. Doch er bezwang ſich, und nun nahmen ſogar ſeine hübſchen und herriſchen Züge einen ritterlichen Aus⸗ druck an, bekundeten ſie eine gewiſſe Hochachtung, welche ihm ohne Zweifel das Benehmen des Doctors wider Willen abnöthigte. „Sie haben mir ſoeben kühn und ſtolz geantwortet, Sir,“ ſagte er,„beſonders für einen Ausländer, der Sie ohne alle Frage ſind.“ „Ich bin aus Deutſchland, Sir,“ entgegnete Arnau im vorigen Tone,„doch mit Leib und Seele ſeit Jah⸗ ren ein Bürger jenes Amerika, das keine ariſtokratiſche Tyrannei und keine Sklaven kennt, das für die heiligen Rechte und Freiheiten all' ſeiner Bewohner eintritt! 215 Und nun, Sir,“ fügte er kurz und gelaſſen hinzu,„bitte ich, mich zu dem Verwundeten führen zu laſſen.“ Der General antwortete nicht. Er warf ſeinen Rappen haſtig herum und ſetzte ihm die Sporen in die Flanken. Im Galopp ſprengte er den Hügel hinab, von Arnau und dem kleinen Stabe gefolgt, an den Colonnen der Südſtaatenmänner vor⸗ über, welche ſich ihren ſiegreichen Kameraden die Hügel hinauf nachdrängten. Nur kurze Zeit dauerte der Ritt. Der Saum des Gehölzes war erreicht. Schon von einiger Entfernung aus hatte Arnau dort eine kleine Gruppe von Conföderirten erblickt, die daſelbſt einen im Graſe ruhenden jungen Mann umſtand. Dieſer trug an ſeiner Uniform die Abzeichen eines Oberſten der Südſtaaten⸗Armee. Arnau ſprengte mit den Anderen heran, ſprang vom Pferde und trat zu der Gruppe. Ein Ruf der Ueberraſchung entrang ſich ſeinen Lippen. „Edmund Crapford!“ rief er betroffen. Der jetzt durch die Verwundung bis in die Lippen hinein bleiche Oberſt mit den feinen, regelmäßigen Zügen, dem ſchwarzen Lockenhaare und den dunklen, blitzenden Augen ſtarrte befremdet auf den haſtig Nähertretenden, 216 indem er vorerſt nur den Unioniſten erkannte. Dann lächelte er matt und ſtreckte die Hand aus. „Wie,“ ſagte er,„ſehe ich recht? Sind Sie nicht der Doctor Arnau von Brooklyn?“ „Der bin ich!“ antwortete Arnau mit einiger Zurück⸗ haltung.. „Wahrhaftig, das iſt eine eigenthümliche Fügung des Himmels, der erſte Arzt, den mir Freund Winslaw auftreibt, iſt Doctor Arnau, der Freund meiner Lucy!“ Arnau erbebte kaum merklich, ſeine Wangen rötheten ſich flüchtig. Nach kurzem Zögern erſt ergriff er die dargebotene Rechte, welche ihm der verwundete Süd⸗ ſtaatenoberſt noch immer hinhielt. „Ich hatte einſt die Ehre, das Vertrauen der Miß Lucy Palmer zu beſitzen!“ antwortete er. „Und wahrlich, Lucy gedenkt Ihrer noch in Freund⸗ ſchaft! Bei Gott, Doctor, es trifft ſich gut, daß die Chancen des Krieges gerade Sie mir in den Weg ge⸗ führt, mir ein barmherziger Samariter zu ſein; Sie werden ſich Miſtreß Crawford um ſo tiefer verpflichten. Und Dir, Winslaw, bin ich doppelt Dank ſchuldig!“ „Ich ſehe, daß ich Dich in keinen beſſeren Händen laſſen könnte!“ bemerkte der General. „Und dieſer liebenswürdige Gefangene muß in den meinigen bleiben,“ ergänzte Crawford lächelnd,„denn, 217 S weiß Gott, falls man mich, als für den Dienſt untaug⸗ lich, auf einige Zeit nach Charleston zurückſchickt, ſo mußt Du mir erwirken, Winslaw, daß ich meinen Doctor dorthin entführen darf!“ „Doch, Sir,“ fiel ihm Arnau ernſt in's Wort,„ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß ich niemals mein Offizierwort geben werde, nicht entfliehen zu wollen!“ „Nun,“ verſetzte der General lächelnd,„vielleicht läßt ſich der Wunſch meines Freundes erfüllen, ohne daß man Ihnen Ihr Wort abverlangt, Doctor. Doch dann biſt Du für Deinen Gefangenen verantwortlich, Craw⸗ ford! Und nun auf Wiederſehen, Gentlemen, mich ruft die Pflicht!“ Nach dieſen Worten wandte er ſeinen Rappen und jagte mit ſeiner Suite davon, den Hügeln zu. Arnau fühlte ſich von den widerſtreitendſten Empfin⸗ dungen beſtürmt. Er mußte bei dem Anblicke Eduard Crawfords nicht allein der liebenswürdigen, wie er nicht zweifelte, unglücklich verheiratheten Lucy gedenken, ſondern auch ihrer Schweſter, der kühnen Alice. War es dieſer gelungen, bis in das Hauptquartier Lee's vorzudringen? Er getraute ſich nicht, den Oberſten darnach zu fragen, denn eine ſolche Frage, von Seiten eines An⸗ 218 hängers der Union geſtellt, mußte ja die Abſichten der reizenden Spionin verrathen. So ſchwieg er denn, kniete neben Crawford nie⸗ der, öffnete ſein chirurgiſches Beſteck und begann die Wunde des Gatten ſeiner ehemaligen Freundin zu unterſuchen. Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. Humoriſtiſche Romane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. A. von Winterfeld: Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Die Reiſen von Bambus& Comp. Komiſcher Roman. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Irnſt Willkomm: Ein Stiefkind des Glücks. Humoriſtiſcher Roman aus dem Leben. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Der Held von Garika. Roman aus den Ländern des Kaukaſus von Molf Mütelburg. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 3 Thlr. Modelle. Humoriſtiſch⸗ſocialer Roman von A. v. Winterfeld. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Nar. Katharina von Schwarzburg. Hiſtoriſcher Roman Bernd von Guſeck. . 1 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. —— 8 7 1 4 5 8 1 fffffffſſſſſnſfin ffſfſſſſtit 8 9 10 11 1 3 14 15 16 17 18 19 20