Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3.. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet wird. 3 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— ſ für upchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: 4——.——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dame Tartüffe Die Wege des Dämons.. Siebentes Capitel. Ein neues Abenteuer... Achtes Capitel. Entſetzliche Lage........... Neuntes Capitel. Der Himmel lenkt Seite 1 43 81 112 138 151 190 201 Eiin Familiendümon. 4 weiter Theil. B — ee— Erſtes Capitel. Auf dem Corſo. Wir führen den freundlichen Leſer ungefähr zehn Jahre nach jener Zeit, in der ſich zutrug, was wir verſucht haben im erſten Theile dieſer wahrhaften Er⸗ zählung getreulich zu ſchildern, nicht zu dem einſamen Schloſſe Heiligenbrunn zurück, ſondern nach der Reſidenz des Landes, die etwa ſieben Stunden davon entfernt liegt. Dieſe Reſidenz, eine mittelgroße Stadt, die dadurch, daß bereits ſeit Jahren die frequenteſten Eiſenbahnen Deutſchlands ein Netz um ſie gezogen haben, jenes klein⸗ ſtädtiſche Ausſehen und Treiben der Duodezreſidenzchen unſeres Deutſchlands abſtreiffe, war ſchon um jene Zeit, in der wir ſie aufſuchen, durch viele prächtige Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. 1 Neubauten, man darf ſagen ganze Stadttheile, ver⸗ ſchönert worden, und bot einen ſehr angenehmen Auf⸗ enthalt. Es herrſchte dort— wie das jetzt, während wir dieſe Zeilen niederſchreiben, in noch erhöhtem Maße der Fall iſt— namentlich durch den großen Fremdenzufluß, jener Luxus, der Segen und Verderben zugleich nach allen Seiten hin ſpendet, und obwohl ſich D. keineswegs mit den Weltſtädten Paris, London, Wien vergleichen ließ, ſo hatte es doch damals ſchon ſeine faſhionablen Modeſtraßen, in denen der Dandy und die Demi⸗monde flannirte, ſeine eleganten Kaffeehäuſer und Reſtaurants, ſeine Paläſte, großen Hotels, blitzenden Kaufläden, ſei⸗ nen Miniatur⸗Hydepark, den von Silber und Seide ſtrotzende Karoſſen durchrollten, und bot in ſeinem nicht eben rieſenhaften Rahmen ein zierliches Bild vornehmen, großſtädtiſchen Lebens. Der Mai, jener ſonnengoldlockige Knabe mit dem unerſchöpflichen Füllhorn voll lieblichen Frühlingszaubers ſtreute ſeine Blüten über den friſch emporquellenden Raſen der neuverjüngten Erde. Wald, Hecken und Büſche ſtreckten eine unendliche Fülle zarter Blätterhändchen empor, ſtaunend ob all der Pracht, die ſie zu umfluten begann, und ein leiſer, 2 3 belebender, warmer Hauch zog wie ſüßer Liebesodem an tauſend Blumenwangen dahin. Es war ein Feiertag der Natur, weiße Wölkchen glitten verſtohlen am tiefblauenden Horizont nieder— holde Liebesbriefchen, die der lächelnde Himmel heimlich der feſtlich prangenden Erde zuſteckte, ein Tag war's, dem großen Ocean des Weltalls gleich einem reinen Gottgedanken entſtiegen, und ein Frieden neigte ſich über die Schöpfung und blickte ſie an, wie ein zärtliches Mutterauge das lächelnde Kind. Und inmitten der reizenden Hügelketten, von der manche anmuthige Villa herniederglänzte, lag die Re⸗ ſidenz, an den blitzenden neben ihr hinrauſchenden Strom ſich lehnend, wie eine im friſchen Grün an munterer Quelle wollüſtig gelagerte Schöne. Die Maiſonne vergoldete nicht allein die zahlreichen Giebel der Stadt, weder Dunſt noch Nebel über ihnen duldend, ſie ſenkte auch ihre verklärenden Strahlen bis in die engſten Gaſſen und auf das bunte ſtädtiſche Ge⸗ treibe, vor Allem aber in die Herzen der Menge, die unter dieſen Giebeln dichtete und trachtete, ſtrebte, träumte und rang. Mit zarten Goldnetzen zog ſie die Herzen hinaus in's Freie. Und ſo entquoll denn den Gaſſen, namentlich jenen, die nach dem Parke der Reſidenz hin lagen, in . 1* den erſten Nachmittagsſtunden ein endloſer Schwarm geputzter, heiterer Menſchen und wallte und wogte, in allen Farben des Regenbogens ſchillernd, der Haupt⸗ promenade des Parkes zu, welcher ſich vom Fluſſe ab ziemlich weit bis zu den Hügeln und Villas hindehnte. Auf allen Geſichtern lag der Sonnenſchein, die Freude, der Mai. Viele liebliche Köpfchen enttauchten dem dahin⸗ ſtrömenden Chaos, friſche roſige Knoſpen, von ebenſo vielen bunten Schmetterlingen in Geſtalt glänzender Miniatur⸗Sonnenſchirme und zarter Fächer umgaukelt. Ueberall wohin Aug' und Ohr ſich wenden mochte blitzende Diamanten, funkelnde Blicke, Rauſchen ſei⸗ dener Gewänder, oder verführeriſches Flüſtern von ſchö⸗ nen Lippen— es war, als ob die Stadt durch ihre Blumen den Frühling draußen beſchämen wollte. Und inmitten der glänzenden Menſchenwellen rollten langſam ſtattliche Equipagen dahin, von ungeduldig die Erde ſtampfenden Rennern gezogen, deren wildes Feuer kaum die ernſten ſilber⸗ und goldbordirten Lenker zu meiſtern vermochten. Manch' reizende Geſtalt leuchtete elfengleich aus dieſen zierlichen Coupés hervor, ſanft hingeſchmiegt in die weichen Seidenkiſſen, von zartgewobenen Atlaswölkchen umflutet, und ſtolze, heitere, gleichgültige, lieblich däm⸗ 5 mernde Blicke über die rings ſie umwogende Menge ſendend Doch auch die ehrlichen Lohntagewerks⸗Phyſiog⸗ nomien beſcheidener Fuhrwerke zeigten ſich, beladen mit dem umfangreichen, aufgedonnerten, gewichtvollen Stolz der Vorſtädte, ja hin und wieder auch abenteuerliche Dorfgeſpanne, mit denen ein Glotzen, ein Verwundern, ein gemüthlich vierſchrötiges Genrebild ländlicher Einfalt dahinrollte. Daneben in keckem Contraſt zu Roß, zu Fuß, zu Wagen weithin ſchimmernde Uniformen— vor Allem aber, und beſonders dort, wo die Menge am dichtſten, durch Alles ſich hindrängend, nickend, lächelnd, ſich ver⸗ beugend, aufgebläht, ſtrahlend in ſonntäglichem Putze, mit Weib, Kind, Magd, Hund und Regenſchirm, in zahlreichen Exemplaren jenes ſelbſtzufriedene, geduldige Geſchlecht, das man mit dem Collectivnamen„der deutſche Philiſter“ zu bezeichnen pflegt. Mit einem Wort, in dieſem bunten Gewirre, die⸗ ſem langſam ſich dahin wälzenden Menſchenſtrom, waren alle Stände vertreten, und Alles was die Reſidenz an Schönheit und Eleganz zu bieten vermochte, das ent⸗ ſendete ſie heute zur großen Stadtparkpromenade, denn es war einer der Nachmittage, an welchem von der haute volée die üblichen Corſofahrten abgehalten wurden. 7 Fluß hinweg zu den hohen ſtattlichen Bäumen des Parkes, deſſen Laubdach im Sonnenglanze goldig und ſmaragden ſchillerte, und in deſſen ſchattige Hauptalleen hinein das Auge eine ziemliche Strecke weit der bunten, prunkenden Menge folgen konnte. Den jungen Mann feſſelte ſo ſehr das Ganze die⸗ ſes zauberhaften Bildes, daß er es überhörte, als zu verſchiedenen Malen an die Thür ſeines Zimmers ge⸗ pocht ward. Endlich jedoch ward das anfangs leiſe Pochen un⸗ geſtümer und entriß ihn ſeinen Betrachtungen. Er verließ das Fenſter und öffnete die Thür, die er verriegelt hatte. Ein eleganter ſchöner Mann, der etwa dreißig Jahre zählen mochte, ſtand auf der Schwelle. Er zögerte einzutreten. „Ich komme doch nicht zur Unzeit?“ begann er mit forſchendem Blick. „Nicht doch, lieber Nachbar! Nur herein!“ war die Antwort, die mit ſcharfem, norddeutſchen Aeccent ausgeſprochen ward.„Kommen Sie, ich ſtrecke am Fen⸗ ſter ſchon ſeit einer Stunde meine Fühlfäden nach all' den Herrlichkeiten aus, die dort unten vorüberrauſchen. Kommen Sie, dergleichen Geſchäfte verrichtet man am Beſten zu Zweien!“ Der Herr, an den dieſe Aufforderung ergangen war, trat jetzt in den kleinen Salon und zog die Thür hinter ſich zu. Mit der Anmuth und Sicherheit eines Mannes von Welt ſtellte der Eintretende ſeinen Hut zur Seite und drückte die Hand des jungen Kavaliers, der ſich ihm lächelnd näherte. Er war, wie ſchon geſagt, ein ſchöner Mann, ſeine Geſtalt ſchlank, hochgewachſen und kräftig zugleich; ſeine regelmäßig geformten Züge hatten einen edlen Ausdruck, deſſen Stolz einigermaßen durch eine gewiſſe Schwer⸗ muth gemildert ward, die dem Antlitze aufgeprägt war und aus den großen blauen Augen leuchtete. Der blonde, kurzgehaltene Vollbart ſtand dem etwas blaſſen Manne gut, ſein ſpärliches, blondes Haupthaar um⸗ rahmte eine hohe Stirn, welche Intelligenz verhieß. Nachdem beide Herren einander begrüßt hatten, trat der Jüngere an einen Tiſch, auf dem eine offene, reich ciſelirte Caſſette ſtand. Dieſe war mit Cigarren angefüllt. Der junge Mann wies mit leichter Handbewegung darauf hin. „Nehmen Sie ſich doch eine Cigarre!“ ſagte er. „Ich danke Ihnen!“ verſetzte der Angeredete,„Sie wiſſen ja, daß ich niemals rauche!“ 9 „Ja ſo, ich vergaß das! Sie rauchen nicht, Sie trinken keinen Wein! Weiß Gott, ich bin im Vergleich zu Ihnen ein laſterhafter Menſch!“ Der Andere lächelte. „Die Noth lehrt beten!“ ſagte er gelaſſen.„Als ich mich vor Jahren durch mißliche Umſtände gezwungen ſah, eine Zeit lang in die Schule der Entbehrungen zu wandern, da entwöhnte ich mich ſo mancher Dinge; und jetzt entſage ich ihnen ohne Bedauern!“ „Wohl Ihnen!“ bemerkte der junge Mann mit einem Anflug von Frivolität dagegen—„Ich geſtehe, daß ich leichter einer Liebe als einer braunen Havanneſerin ent⸗ ſagen würde!“ „Vermuthlich liebten Sie nie—“ „O doch, aber wie man heut' zu Tage zu lieben pflegt— mit Beſonnenheit!“ „So kennen Sie die Liebe nicht!“ „Ich trachte auch nicht darnach! Am Ende läuft Alles auf einen gefälligen Betrug hinaus, und da mir die Wahl bleibt, ſo bin ich in dieſem Punkte lieber Betrüger als Betrogener! Sie ſehen, ich bin, trotz meiner dreiundzwanzig Jahre, ein lachender, abgehärteter Philoſoph!“ „Ich glaube Ihnen nicht recht, was Sie da ſagen!“ „Weshalb nicht?“ 10 „Ich verſtehe mich ein wenig auf Menſchenkenntniß, Herr von Bülow—!“ 3 „Und was haben Sie in den paar Tagen unſerer Bekanntſchaft an mir entdeckt?“ „Daß Sie, obwohl es Ihnen gefällt, ein wenig mit Blaſirtheit zu kokettiren, dennoch tiefes Gefühl beſitzen und eines lebhaften Aufſchwunges fähig ſind!“ „Ich weiß nicht, ſoll ich Ihnen für dieſe Meinung von mir danken oder nicht, lieber Walter? Der gefühl⸗ volle Menſch, der Enthuſiaſt, wird in unſerer Zeit als der Narr der Geſellſchaft betrachtet. Man macht ſich jetzt nur noch durch Egoismus geltend, und nicht durch ein überquellendes, warmempfindendes Gemüth! Die Welt taugt nichts!“ „Ich kann mir nicht denken, Herr Baron, daß Sie das aus eigener Erfahrung ſagen! Sie ſind jung, reich, unabhängig, Sie haben ſich nicht die Mühe genommen, andere Menſchen zu ergründen, als jene, welche ſich an Sie um ſelbſtſüchtiger Zwecke willen drängen. Seien ſie verſichert, die Menſchheit iſt nicht ſo ſchlimm, als viele unſerer modernen Schriftſteller es uns in ihren ſozialen Romanen wollen glauben machen. Liebe, Freundſchaft, Aufopferung ſind Dinge, die der noch immer findet, der ſie auch zu geben weiß, und nur Jener bleibt arm da⸗ ran, der ſich mit engherzigen Vorausſetzungen in das 11 Leben wagt. Sie mit Ihren dreiundzwanzig Jahren, lieber Baron, ſind kein abgehärteter Philoſoph, das wird man erſt, wenn man eine ganze Kette bitterer Erfah⸗ rungen durchgegangen iſt und jenes heißpulſtrende Ge⸗ fühl eingebüßt hat, mit dem der Jüngling von Geiſt und Herz alles Edle erfaßt und jedes Unrecht offen verdammt! Sie ſind um ſo weniger ein Philoſoph, je mehr Ihnen daran liegt, nicht in der Geſellſchaft Ihrer warmen Em⸗ pfindung wegen für einen Narren zu gelten!“ „Ich will Ihnen zugeſtehen,“ erwiderte Bülow la⸗ chend—„daß Sie einen ziemlich ſcharfen Blick in mein Inneres gethan haben, lieber Herr Walter; ich brachte es noch nicht ſo weit, ein ernſtlich Blaſirter zu werden. Aber ich bin ſchon recht hübſch auf dem Wege dorthin. Ich wundere mich übrigens, daß Sie, der Sie doch, wie Sie mir in dieſen Tagen bereits zu mehreren Malen andeuteten, das Leben und die Menſchen nicht ge⸗ rade von der angenehmſten Seite kennen gelernt haben, noch immer ſo roſig von der Welt denken können!“ „Ich mache mir keine Illuſionen, mein junger Freund!“ entgegnete Walter mit ernſter Milde„Ich denke nicht roſig von der Welt, aber auch nicht zu ſtrenge von ihr. Mag die Menſchheit auch mehr als edel und ihr gedeih⸗ lich iſt in Materialismus und zahlreichen Irrthümern befangen ſein, ſie ringt ſich doch mit der Zeit nach er⸗ 12 habenen Zielen durch, denn ihr Fond iſt göttlichen Ur⸗ ſprunges und ihr geiſtiges Leben, ihre Entwicklung ewi⸗ gen Geſetzen ebenſo unterworfen, wie die ganze übrige Schöpfung. Ich mag vielleicht den einen oder andern Menſchen verachten, die Menſchheit als großes Ganze liebe ich, und werde ich ſtets reſpektiren, ſo lange ich jenes Atom Göttliches achte, das in mir ſelber waltet!— Aber ich glaube, lieber Baron,“— unterbrach ſich Walter ſelber, indem er lächelnd zum Fenſter trat,—„wir ſtimmen für den heutigen reizenden Mainachmittag, den wir be⸗ ſchloſſen haben mit einander zu verbringen, einen etwas zu ernſten Ton an!“ „Sie haben recht!“ rief Bülow heiter—,Ja, ſchwel⸗ gen Sie, ernſter Mann, heute ein wenig mit mir im Anſchauen aller der lieblichen, kleinen Zauberinnen, die der Corſo in den Park hinauslockt. Wir haben hier eine köſtliche Ausſicht! Doch halt, weshalb wollen wir von der Vogel⸗ perſpektive aus genießen, was wir doch jedenfalls beſſer haben können. Miſchen wir uns unter das Gewühl, ſchlendern wir in den Park hinaus,— unter friſchem, ſonnbeglänztem Laub lacht die Schönheit noch einmal ſo hold!“ „Ich bin's zufrieden!“ antwortete Walter lächelnd. „Gut,“ fuhr der Andere fort—„meine Toilette iſt bald beendigt, gedulden Sie ſich einen Augenblick!“ 13 Bulow vertauſchte ſeinen Négligérock mit einem leichten eleganten Paletot, und bekleidete ſich mit Hut und Handſchuhen. Während er dieſe Beſchäftigung vornimmt und Walter am Fenſter das bunte Treiben muſtert, haben wir Gelegenheit, einige erläuternde Worte über die Herren hier einzuſchalten. Sie ſind beide im„goldenen Stern“ einlogirt und lernten einander im Speiſeſalon des Gaſthofes kennen. Wenn auch von verſchiedenem Charakter, und Le⸗ bensanſichten huldigend, welche in vielfacher Beziehnng von einander abwichen, hatte doch ein gewiſſer ſittlicher Ernſt und eine Lauterkeit des Gemüthes, die ihr Weſen kennzeichneten, ſie beſtimmt, ſich näher an einander zu ſchließen, als es gewöhnlich unter den Fremden eines Gaſthofes der Fall zu ſein pflegt. Walter, aus D. gebürtig, weilte erſt ſeit acht Ta⸗ gen etwa in ſeiner Vaterſtadt, acht Tage alſo kannte er erſt den Baran Bülow, und obgleich als welterfahrener Mann äußerſt vorſichtig in der Wahl ſeines Umganges, und zurückhaltend im Verkehr, hatte doch die friſche, überſprudelnde Lebendigkeit des jungen Mannes, ſein un⸗ gezwungenes, offenes, im Allgemeinen herzlich entgegen⸗ kommendes Benehmen, ſeine Anſpruchsloſigkeit bei für 14 ſeine Jugend unläugbar vielſeitigen und ſchätzenswerthen Kenntniſſen, alles Eigenſchaften, die man, beiläufig be⸗ merkt, nicht immer der Jugend unſerer Tage nach⸗ rühmen kann, die Sprödigkeit der Natur Walter's und ſelbſt in gewiſſem Grade die gewöhnliche Verſchloſſenheit desſelben beſiegt. Vor Allem aber feſſelte ihn an den jungen Mann jenes Etwas, das nie verfehlt, auf eine in wechſel⸗ vollen Schickſalen gereifte Natur einen, wenn auch mit⸗ unter wehmüthigen, doch immer wohlthuenden Eindruck hervorzubringen, jene liebenswürdige Sorgloſigkeit, das Vorrecht der ſtrahlenden Jugend, und jene uneigennützige Hingebung an alles Große und Schöne, mit einem Wort jenes gläubige Vertrauen auf die ſittliche Kraft des Göttlichen in ſich und der ringsum ſtrebenden und ringenden Menſchheit Bülow nannte dieſes ſchöne Vor⸗ recht noch das ſeine, wenngleich es ihm gefiel, ſich den Anſchein zu geben, als beſitze er es nicht mehr. Er beſaß vielleicht mehr Erfahrung, als ihm Walter zutrauen mochte, denn er hatte einige Länder und Völker ge⸗ ſehen, ihren Glanz und ihr Elend, und war als früh⸗ reifer Jüngling mit den zweifelhaften Freuden einer raffinirten Geſellſchaft vertraut geworden. Aber der edle Inſtinct ſeiner poetiſchen Natur hatte ihn bald der grobſinnlichen Sphäre entfremdet, deren Berühren ſo 15 leicht für immer den Farbenſchmelz des Gemüthes vom Herzen ſtreift. Wenn Bülow auch bisweilen, wie wir es vorhin geſehen haben, das Benehmen und die Sprach⸗ weiſe eines raffinirten Dandys nachahmte, ſo war dies nur eine jener Unarten, welche nicht im Gemüthe wurzeln, und die nur beweiſen, daß auch der Menſch von Empfindung und Seelenadel nicht immer den Staub der eitlen, nichtigen Stutzerwelt von ſeinen Füßen zu ſchütteln vermag. Walter erkannte, trotzdem das Weſen Bülow's bis⸗ weilen über dieſen täuſchen konnte, den Fond ſeines Herzens, und ſchloß ſich ihm theilnahmvoll an, wenn⸗ gleich er in dieſer Theilnahme noch nicht ſo weit ging, den jungen Mann zum Vertrauten ſeiner innerſten Em⸗ pfindungen zu machen. Und Bülow wiederum, der mit jenem, im Allge⸗ meinen dem Norddeutſchen eigenen Vorurtheile, welches den Mittel⸗ und Süddeutſchen Tiefe und ſittlichen Ernſt abzuſprechen pflegt, nach D. gekommen war, imponirte der ſtille Walter nicht allein durch ſeine entſchiedene, männliche Haltung, ſeine gediegenen, achtunggebietenden Grundſätze, ſeine Menſchenkenntniß und ſeine geiſtvolle Urtheilskraft, ſondern er fühlte ſich auch wahrhaft zu ihm hingezogen, denn er ſagte ſich vom Anfang ihrer egegnung an, daß unter der ſtarren Hülle des ernſten Mannes ein warmes Herz ſchlage, das jedenfalls ein frühzeitig erlittenes herbes Weh ſo ſcheu in ſich ſelber zurückgezogen habe. Bülow wagte nicht, nach der Vergangenheit und den Schickſalen ſeines neuen Freundes zu forſchen, und Walter ließ ſich nicht darüber aus.. Letzterer, der als„Photograph von Paris“ im Fremdenbuche des Hotels ſtand, erſchien ſtets faſt noch tadelloſer gekleidet als ſein norddeutſcher junger Freund, und ſeine Haltung ſowohl wie ſein Benehmen verkün⸗ deten den eleganten Mann der guten pariſer Geſellſchaft. In D. verkehrte er faſt nur mit dem Baron Bü⸗ low, der, reich und unabhängig, weder die Sorge noch für ſeine Perſon den Ernſt des Lebens kennend, ge⸗ wiſſermaßen ein Phantaſieleben führte, und ſich ſeit etwa vier Wochen in vorgenannter Reſidenz aufhielt. Walter war dorthin gekommen, ein Atelier zu er⸗ richten, und wie er ſeinem neuen Freunde vertraute, weil ihm das Heimweh in Paris keine Ruhe gelaſſen hatte. Fahren wir nach dieſer nothwendigen Abſchweifung in der Erzählung fort. Bülow ſtand vor einem Trumeau. Er legte die letzte Hand an die kunſtvoll verſchlun⸗ gene Schleife ſeiner Cravate. * 17 „Haben Sie eine paſſende Wohnung geſunden?“ fragte er während dieſer Beſchäftigung. „Ja,“ antwortete Walter,„hier gleich in der Nähe unſeres Hotels, in jener ſchmalen Straße, die ſich von der Brücke aus den Fluß entlang zieht.“ „So, ſo! Sie werden dort vermuthlich ſehr ruhig wohnen, jenes Gäßchen wird wohl nur ſelten be⸗ fahren.“ „Das iſt mir um ſo angenehmer, als ich genöthigt bin, im Parterre des Hauſes zu wohnen, was ich im Allgemeinen nicht liebe. Da aber die Straße nur eine Häuſerfronte hat, indem ſich auf der andern Seite nur das Geländer des Quais und eine Baumreihe hinzieht, ſo wohne ich ſehr frei, angenehm und ungenirt, wie auf dem Lande.“ „Zumal Sie eine Ausſicht auf den Fluß und Park haben werden, nicht wahr?“ „Freilich.“ „Und Sie werden Ihr Atelier im Garten des Hauſes errichten?“ „Nein. Es befindet ſich bereits auf dem Dache, oder richtiger auf der Plattform desſelben. Ich habe nämlich das Atelier eines Photographen übernommen, der früher dort wohnte.“ „Und werden Sie das ganze Parterre inne haben?“ Arolf. Schirmer. Ein Familiendämon. II. 2 18 „Nein. Ich miethete mir bei einer anſcheinend ſehr braven kleinen Familie ein beſcheidenes Zimmer. Die Wohnung gehört einer ſteinalten Frau, oder eigentlich ihren Enkelinnen,— zwei junge Mädchen, die einen kleinen Laden halten, und ſich ſowie die Großmutter durch einen Zwirnhandel ernähren.“ Bülow blickte eigenthümlich lächelnd auf ſeinen neuen Freund. „Ei,“ ſcherzte er,„Sie werden in unmittelbarer Nähe zweier und vermuthlich ſehr hübſcher junger Mäad⸗ chen wohnen? Sie wählten ſich jedenfalls ein ange⸗ nehmes, aber auch wohl gefährliches Logis! O, Sie ſind ein Feiner, ungeachtet Ihres Ernſtes und Ihrer ſtoiſchen Ruhe, mein lieber Walter!“ „Sie irren,“ erwiderte dieſer ohne eine Miene zu verziehen, denn der Scherz des jungen Mannes ſchien ihm nicht zu gefallen,„das Benehmen und Ausſehen beider Mädchen hat mich von ihrer Rechtſchaffenheit überzeugt. Und mich werden Sie doch nicht für einen gewiſſenloſen Verführer halten, Herr Baron?“ 4 Bülow konnte nicht umhin, hell aufzulachen. „Weiß Gott, mein Lieber,“ rief er,„Sie ſind ein ſeltſamer Chriſt! Sie nehmen meine luſtige und freilich etwas frivole Bemerkung mit einer Würde und Ernſthaftigkeit auf, daß man glauben ſollte, Sie ſeien 19 nicht aus dem Sündenpfuhle Paris, ſondern direct aus einem Convikte nach D. gekommen, und wollten nicht ſchöne Damen photographiren, ſondern die arge Welt durch das Beiſpiel eines ascetiſchen Lebenswandels auf die Bahn der Frömmigkeit führen! Ich habe übrigens wohl nicht nöthig, Ihnen die Verſicherung zu geben, daß ich Sie nicht für einen Tartüffe halte. Und wenn ich vorhin Ihr künftiges Logis für ein gefährliches er⸗ klärte, ſo wollte ich damit nur ſagen, daß auch der an Selbſtbeherrſchung Gewöhnte nicht immer für ſein Herz einſtehen kann!“ Walter lächelte beinahe ſchwermüthig. „Mein Herz? Was iſt mein Herz?“ ſagte er langſam und halblaut, indem er wie düſter ſinnend vor ſich hin ſprach. Dann griff er mit haſtiger Bewegung zu ſeinem Hute. „Ich denke, wir gehen jetzt bald!“ fuhr er raſch zu Bülow gewendet fort.„Die halbe Reſidenz wird ſchon draußen im Parke ſein!“ „Ich bin ſogleich zu Ihrer Verfügung! Apropos, wann werden Sie das Hotel verlaſſen?“ „Morgen.“ „Ihre Inſtrumente ſind ſchon angekommen?“ „J.“ 20 „Wie lange waren Sie doch in der Seineſtadt?“ „Fünf Jahre.“ „Sie werden ſich hier bald nach Paris zurück⸗ ſehnen.“ „Ich glaube kaum.“ „Sie ſind viel gereist, da lernt man endlich die Ruhe ſchätzen, das iſt wahr! Sie hielten ſich auch lange in unſerm Norden auf, wie Sie mir ſagten.“ „Ja, ebenfalls fünf Jahre. O, ich führte dort ein rechtes Vagabundenleben. Ich begann mit Dresden, lebte dann in Leipzig, Berlin, Hannover, Hamburg, Copenhagen und Gott weiß wo ſonſt noch!“ „Und überall übten Sie ihre Kunſt?“ „Kunſt? Das Photographiren iſt ein Handwerk.“ „Wer es wie Sie betreibt, der iſt ein Künſtler, mein Freund! Ich ſah nirgendwo kööſtlichere Bilder, als die Ihrigen ſind!“ „Ein wenig Uebung—! „Sie werden hier Aufſehen erregen! So blieben Sie alſo zehn Jahre von Ihrer Vaterſtadt entfernt?“ „Freilich!“ „Sie ſagten mir ſchon vor einigen Tagen, daß Sie keine Angehörigen mehr haben,— aber Freunde fanden Sie doch ſicher noch genug wieder?“ Walter zog die ſchmalen Lippen faſt verächtlich in die Höhe. 21 „Freunde?“ antwortete er.„Wer hat viele Freunde? Als ich hier früher in ſehr angenehmen Verhältniſſen lebte, da hatte ich Bekannte genug,— wer hat ſie nicht mit zwanzig Jahren? Dieſe Gattung von Freunden ſuchte ich jetzt nicht auf— wer weiß, ob ſie mich auch erkennen würden— Zeit, Umſtände, und ein Vollbart, wie dieſer da, verändern ſehr!“ „Aber Ihnen ſind doch viele Perſone hier, manche Familien bekannt—“ „ ja!“ „Das wird Ihnen von großem Nutzen ſein!“ „Wohl möglich! Aber man muß ſich nur auf ſich ſelber verlaſſen! Ueberdies kann ich mit ziemlicher Ruhe meinen Weg verfolgen,— ich erwarb mir in Paris ein artiges Vermögen.“ „Das freut mich von Herzen, lieber Walter, und um ſo mehr, als Sie eine Zeit lang mit Nahrungs⸗ ſorgen zu kämpfen hatten, wie Sie mir vertrauten!“ Walter, der einen Blick zum Fenſter hinausge⸗ worfen hatte, trat jetzt zu dem jungen Freunde und drückte ihm die Hand. „Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme,“ ſagte er mit wehmüthigem Auflug,„und Sie müſſen längſt bemerkt haben, daß ich dieſelbe zu ſchätzen weiß,— ich— ich ſchließe mich in der That nur ſelten an, 22 wie ich das bei Ihnen gethan—! Bittere Täu⸗ ſchungen, die mich wahrlich ſchmerzlicher trafen, als hinterher die Sorge um die Exiſtenz— doch laſſen wir das!“ fügte er raſch und anſcheinend munterer hinzu,„dergleichen Betrachtungen taugen nicht als Vor⸗ bereitung für unſern Spaziergang. „Ich bin bereit!“ ſagte Bülow, und griff nun auch zum Hute. „So gehen wir.“ Der junge Baron und Walter verließen das Zimmer und ihr Hotel. Arm in Arm tauchten ſie in die Menge. Das Gedränge hatte ſich womöglich noch ver⸗ mehrt, der Raum vor der Brücke, welch' letztere na⸗ türlicherweiſe den Strom der Maſſen aufhielt und ſchmä⸗ lerte, war nur mit Anſtrengung zu paſſiren. Bülow und Walter wanden ſich durch alle jene äugelnden, ſelbſtgefälligen Stutzerſchaaren, jene kichern⸗ den, hüpfenden, naſchenden, ſchnatternden Kinderheerden und zwiſchen den weitbauſchigen Seidenroben hindurch. Sie klemmten ſich in die Wagenreihe hinein, und kamen über die Brücke, vor ſich den Dienerſitz einer Kaleſche, hinter ſich Pferdeköpfe, deren Schnauben ſie im Nacken ſpürten. So gelangten ſie glücklich in den Park. Vor ihnen lagen die lachenden, lieblich grünen Wieſen, das 23 herrliche Gehölz, doch an freies Aufathmen war vor der Hand nicht zu denken, denn nachdem ſie hinter der ſchützenden Kaleſche hervorgeſchlüpft waren, wurden ſie von der gewaltigen Menſchenflut erfaßt und in jene Allee hineingedrängt, welche die elegante Welt der Re⸗ ſidenz ſich zum Corſo erkoren, und deren Boden die Mode geheiligt hatte. Erſt nachdem unſere beiden Herren ſich etwa fünf Minuten im ſtrengſten Sinne des Wortes vorwärts geſchoben hatten, vermochten ſie behaglicher einherzuſchlendern. Der junge Baron und der Photograph ſpazierten weiter und weiter. Bülow gab ſich einer faſt ausge⸗ laſſenen Stimmung hin, er kokettirte mit allen Damen, die an ihm vorüber kamen, drehte ſein Bärtchen, bis es einer blonden kleinen Schnur glich, lorgnettirte nach den Equipagen hin, die auf dem Fahrwege langſam an ihnen vorüberrollten, und plauderte in jenem liebens⸗ würdig unverſchämten Ton, der ſeit Menſchengedenken den jungen Elegants großer Städte zur anderen Natur geworden iſt. Walter ſtimmte in dieſen Ton nur dann und wann ein, er zwang ſich augenſcheinlich dazu. Hatten jene trüben Erfahrungen, die er zuvor in dem Geſpräche mit dem jungen Freunde angedeutet, ſeinen Ernſt ge⸗ zeitigt? Er war nur um ſieben Jahre älter als Bü⸗ ——ͤſ 24 low, doch ſieben Jahre, was kann ein ſolcher Zeitraum nicht Alles aus dem Menſchen machen! Haben doch ſchon ſieben Stunden hingereicht, ſchwarze Locken in Silberſchnee zu verwandeln! Oder rief dieſes glückſelige Treiben um ihn her, dieſer Glanz, dieſe Freude Erinnerungen in ihm wach — Erinnerungen, die——— Bülow war zu ſehr mit ſich und der anmuthigen Welt beſchäftigt, die ihn ſo verführeriſch umlächelte, als daß er die hin und wieder gedrückte Stimmung ſeines neuen Freundes, welche dieſer bald mehr, bald minder ſiegreich niederkämpfte, hätte bemerken können. Plötzlich preßte er den Arm Walters und blieb ſtehen. Er blickte unverwandt auf eine elegante Equi⸗ page, in der zwei Damen und ein Knabe ſich befanden. Der Wagen konnte, wegen der Equipage vor ihm, im Momente nur langſam vorwärts. Die ältere dieſer Damen, auf welche Bülow jetzt ſo lebhaft ſein Augenmerk richtete, war eine jener in⸗ tereſſanten Erſcheinungen, die mehr durch den geiſtigen Ausdruck, der ihnen eigen iſt, als durch Schönheit feſſelte. Sie mochte etwa dreißig und einige Jahre alt ſein, ſie war zart, ſchmächtig, ihr Profil markirt, doch fein geſchnitten, und ihre großen braunen Augen contraſtirten eigenthümlich zu ihrem weißen, faſt durchſichtigen Teint und einer gewiſſen Abgeſpanntheit der Geſichtszüge. Sie lehnte ſich nachläſſig im Wagen zurück, und ſchien aus⸗ ſchließlich dem ſchönen Knaben, der ihr gegenüberſaß, ihre Aufmerkſamkeit zuzuwenden, wenngleich ihr aus⸗ drucksvoller Blick beſtändig nach allen Richtungen hin über die geputzte Menge ſtreifte. Die andere Dame war ein junges Mädchen von ſiebenzehn Jahren, im vollen, blendenden Jugendſchmuck. Ihr Antlitz war durchaus nicht regelmäßig geformt, doch verlieh ihm eine Friſche und Lieblichkeit jenen Zauber, der auf die Dauer ſtets den Sieg über die kalte, ge⸗ regelte Schönheit davonträgt. Die blauen Augen däm⸗ merten voll Innigkeit empor, die faſt über das Eben⸗ maß hinaus emporſchwellenden Lippen, von einem ge⸗ winnenden Lächeln umſpielt, verkündeten eine ſinnlich ſchuldloſe Natur, und die Lebhaftigkeit, die unverhehlte Neugier, das freudige Staunen, mit denen ſich das an⸗ muthige Köpfchen hier und dorthin wendete, enthüllte ein lebensfriſches, unbefangenes Gemüth, das nur der Gelegenheit zu warten ſchien, in Frohſinn überzuſprudeln. Doch hätte der genaue Beobachter bemerken können, daß dieſe harmloſe Freudigkeit, die das niedliche Antlitz wider⸗ ſpiegelte, um Vieles ſich dämpfte, wenn das junge Mäd⸗ chen, was oft geſchah, den Blick auf ihre ältere Ge⸗ 26 fährtin richtete. Dieſer Blick nahm dann gewiſſermaßen einen Ausdruck der Scheu und Unterwürfigkeit an, in⸗ deß die Züge faſt ihr kindlich Harmloſes einbüßten, und eine gewiſſe Zaghaftigkeit ſie umwob, zu der das Lächeln wenig ſtimmte, das dennoch die üppigen Lippen nicht verließ. Die Equipage kam langſam dahergerollt. „Was gibt'’s?“ fragte Walter den jungen Baron, der keinen Blick von den Damen wendete. „Welch' ein reizendes Geſchöpf!“ rief Bülow. „Wo denn?“ „Dort in jener offenen, mit Rappen beſpannten Kaleſche,— ſehen Sie denn nicht?“ Walter erblickte die Damen. Er wechſelte die Farbe.. Bülow hatte eine Antwort erwartet. Als ſein Gefährte aber ſchwieg, da ſchaute er ihn an, und be⸗ merkte nun ſein plötzliches Erblaſſen. „Um Gottes willen, was iſt Ihnen?“ rief er be⸗ troffen. „Nichts, nichts!“ entgegnete Walter, ſichtlich verſtört. „Aber Sie ſind bleich, Sie zittern! Iſt Ihnen unwohl?“ 27 „Nein! Kommen Sie mit mir auf die and ere Seite der Promenade. Kommen Sie raſch!“ Dieſe Worte wurden von Walter beinahe ſchreck⸗ haft hervorgeſtoßen. „Wie?“ forſchte Bülow.„Was macht Sie ſo be⸗ ſtürzt, mein Freund? Kennen Sie dieſe Damen?“ „Nein— ja! Kommen Sie nur!“ „Aber ich begreife nicht—! So bleiben Sie doch! Welch' ein liebliches Geſchöpf— ich ſah nie etwas An⸗ muthigeres!“ „Kommen Sie, oder ich muß Sie verlaſſen!“ „Wie? Sie ergreifen vor dieſen Damen die Flucht? Und gerade jetzt ſcheint man uns bemerkt zu haben! Sehen Sie nur, die magere Dame, die ältere von den Beiden, betrachtet uns aufmerkſam.“ In der That hatte die Dame mit den markirten Geſichtszügen einen langen, forſchenden Blick auf den Photographen geworfen, und dann ſogleich dem Kutſcher raſcher zu fahren befohlen. Wenige Augenblicke ſpäter machte der Wagen eine Bewegung und verſchwand im Gewühl der Fuhrwerke. Walter drängte ſeinen erſtaunten Gefährten ſchwei⸗ gend und haſtig auf die andere Seite der Promenade. Beide verließen den Menſchenſtrom und betraten —— 28 den friſchen, herrlich duftenden Raſen, der ſich neben den Alleen ausbreitete. Jetzt erſt ſchien Walter ſeine Faſſung wiederge⸗ wonnen zu haben. Er athmete auf wie ein Menſch, der von einem unangenehmen Traume erwacht iſt. „Ich bin heute nicht ſehr für die Promenade ge⸗ ſchaffen, wie mir ſcheint,“ begann er, nachdem er einige Augenblicke ſchweigend fortgegangen war,„mich erdrückt, mich ängſtigt dieſe Menge!“ „So gehen wir hier lieber über die Wieſen, mein Freund!“ antwortete Bülow.„Sehen Sie, dort ſind wir ſo ziemlich allein, denn Alles drängt ſich hierher zu der Corſofahrt. Dort drüben iſt die Gegend an⸗ muthig und einſam, ſchattige Laubgänge gibt es dort in Fülle!“. 5 „Nicht doch! Bleiben wir, wo wir ſind. Ich will Sie nicht einer angenehmen Zerſtreuung entführen!“ „Gehen wir nur. Auch ich möchte ungeſtört einige Athemzüge thun.— Das Gewirre hier iſt gar ſo groß. Wir können ja ſpäter wieder hineintauchen, wenn es uns beliebt!“ „Nun, ſo ſchlendern wir wenigſtens nur bis zu jenen Büſchen. Wir bleiben ſo ſtets in der Nähe des Treibens. Ich danke Ihnen!“ „Wofür?“ 29 „Daß Sie Ihre Unterhaltung meiner Stimmung opfern.“ „Aber ich verſichere Sie, daß auch ich der Ruhe bedarf.“ Die Herren wandelten eine Zeit lang ſchweigend fort. Bülow beobachtete ſeinen Gefährten mit heim⸗ licher Verwunderung, doch war er diskret genug, jede Frage von ſeinen Lippen zu verbannen. „Meine Aufregung muß Ihnen ſeltſam erſcheinen!“ begann Walter endlich zögernd. 4 „Nun— ich muß geſtehen—“ „Ich ſah ſeit nahezu zehn Jahren zum Erſtenmale ein Weib wieder, deſſen Anblick traurige Erinnerungen in mir wach rief!“— 3 „Ah, jene ſchmächtige Dame mit dem ſcharfen Blicke?“ „Ja. Eine Landsmännin von Ihnen.“ „Eine Landsmännin?“ Sie iſt, ſo viel ich weiß, aus P. gebürtig.“ „So, ſo! Und vermuthlich iſt die ſchöne junge Dame, die an ihrer Seite ſaß, ihre Schweſter?“ „Nein. Wenn ich mich nicht täuſche, ſo iſt ſie die Stieftochter Ihrer Landsmännin.“ „Dieſe iſt alſo verheiratet?“ „Sie iſt die Gräfin Hohenfeld⸗Heiligenbrunn.“ 30 „Was Sie ſagen! Ich habe von dieſer Dame ſchon gehört—“ „Wirklich?“ „Seit meinem Hierſein ſprach man mir einigemale von ihr. Man ſagte mir, ſie gebe in ihrer Villa ſehr geſuchte Soireen, ſogenannte äſthetiſche Cercles. Auch hörte ich, die Dame verfolge eine etwas pietiſtiſche Richtung—“ „Wahrhaftig? Das hörten Sie?“ „Ja, mein Freund. Und eben deshalb gab ich bis zur Stunde noch nicht den Empfehlungsbrief ab, welchen ich an den Grafen Hohenfeld mit mir führe,— ich bin kein Freund äſthetiſcher Thees und pietiſtiſcher Komödien! Aber, bei Gott, hätte ich gewußt, daß er eine ſo ſchöne Tochter beſitze, ich würde meine Karte längſt bei dem Grafen abgegeben haben!“ „Sie hörten alſo Einiges über die gräfliche Familie?“ „Nichts mehr, als was ich Ihnen ſoeben ſagte. Der Graf, wie ich vernahm, ein alter Herr, ſoll recht lie⸗ benswürdig ſein. Sie kennen ihn, oder kannten ihn früher?“ „Ich verkehrte vor zehn Jahren und früher viel mit ihm. Er war ein Ehrenmann,— und das iſt er ſicher noch. Aber in ſeiner Anſchauungsweiſe, ſeinen 31 Gewohnheiten ſoll er ein völlig Anderer geworden ſein. Als ich ihn kannte, da hatte er ſich vom Getreibe der Welt zurückgezogen und lebte wie ein ſchlichter Landmann auf einer ſeiner Beſitzungen, da bildete ein kleines an⸗ ſpruchsloſes Stillleben ſein ganzes Glück. Seine jetzige Gemahlin hat das alles zu ändern gewußt.“ „Apropos, Sie ſagten vorhin, die Gräfin ſei eine Landsmännin von mir. Aus welchem Adelsgeſchlechte mei⸗ ner Heimat ſtammt ſie? Mir iſt die ganze Ariſtokratie dort bekannt.“ Die Züge Walter's nahmen einen eigenthümlichen Ausdruck an. „Ah, lieber Baron,“ ſagte er,„Sie dürfen die Abkunft der Gräfin Hohenfeld nicht in ſolchen Kreiſen ſuchen. Sie trug ehedem keinen jener ſtolzen Namen, die Ihnen bekannt ſind. Sie kam als arme, demüthige Gouvernante in dieſes Land, ihr Glück zu begründen—“ „Ah, das iſt erſtaunlich! Und ſie begründete es—4 „Ja, indem ſie das Glück einer Familie zertrüm⸗ merte!“ Bülow blickte ſeinen Gefährten groß an, der die letzten Worte ruhig und doch faſt im Tone des Leidens geſprochen hatte. „Wie?“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe,„Sie 32 erwähnten auch vorhin trauriger Erinnerungen, lieber Walter, Sie erſchraken beim unerwarteten Anblicke der Gräfin,— ich will nicht hoffen, daß dieſe Dame auch Ihnen gefährlich ward?“ „Mir? Nein! Doch ſie zerſtörte die Zukunft eines jungen Menſchen, der— mir lieb und theuer war, ſie überlieferte den Sohn des Mannes, der ihr Gatte ward, dem Elende, der Verzweiflung!“ „Der Graf hat einen Sohn erſter Ehe?“ „Er hatte ihn,— jetzt iſt er verſchollen— todt!“ ſagte Walter ernſt, beinahe hart.. „So iſt alſo meine Landsmännin eine Intri⸗ guantin?“ „Ein Dämon iſt ſie, ein Weſen ohne Gemüth, doch mit reichem Verſtand begabt. Die Natur verſchwen⸗ dete eine Fülle von Geiſt und Anmuth an ein herz⸗ loſes Geſchöpf, das kalt und egoiſtiſch ſo ſeltene Gaben nur zu mißbrauchen verſteht. Meiſterin in der Ver⸗ ſtellungskunſt, die ihr Inneres ſelbſt geübten Menſchen⸗ kennern verhüllt, beſitzt ſie den Schlüſſel zu jedem Charakter, der ihr nahe kommt, und findet ſich mit Leichtigkeit und Feinheit in jeder Natur zurecht, ſie um ſo gewiſſer zu beherrſchen! So wenigſtens lernte ich ſie kennen,“ ergänzte Walter, als er ſah, daß ihn ſein Ge⸗ — 33 fährte fragend und einigermaßen verwundert anblickte, „vor Jahren kennen!“ „Und Sie ſahen dieſe Dame heute zum Erſten⸗ male wieder?“ bemerkte Bülow. „Ja, ſeit nahezu zehn Jahren,“ war die Antwort, „ſeit jener unſeligen Kataſtrophe!“ ſetzte Walter faſt mur⸗ melnd hinzu. Bülow horchte auf. „Seit welcher Kataſtrophe?“ fragte er. „Seit dem Tage, der Vater und Sohn für ewig von einander trennte!“ „Wie? Sie waren Zeuge—?“ „Zeuge— ja, ja! Zeuge jener herzzerreißenden, durch dieſe Dame herbeigeführten Scene,— jener un⸗ glückſelige junge Mann und ich— wir waren die innigſten Freunde—!“ Bülow blickte den Sprecher ſcharf und forſchend an. Dann ſagte er langſam:„Darf man erfahren, wie ſich das alles ereignet hat, mein Freund?“ „Gewiß!“ erwiderte Walter und ſann einen Augen⸗ blick nach. Dann begann er im ruhigen Tone des Er⸗ zählers:„Es iſt jetzt zehn Jahre her, da kehrte der Graf Hohenfeld mit ſeinem einzigen Sohne, den er nach den vollendeten Studien desſelben von der Univerſität abgeholt hatte, nach dem Schloſſe Heiligenbrunn zurück, 3 Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. * 34 dem ungefähr ſieben Stunden von dieſer Reſidenz ent⸗ fernten Erb⸗ und Stammſchloſſe der Familie. Der Graf hatte ſich ſeit mehreren Jahren vom öffentlichen Leben zurückgezogen, und war das geworden, was auch ſein Sohn werden ſollte, ein Landwirth. Beide reisten wohlgemuth der heimatlichen Scholle zu, und hatten faſt die letzte Eiſenbahnſtation vor Heiligenbrunn erreicht, als der Train, auf dem ſie ſich befanden, mit einem Laſtzuge zuſammenſtieß, ſo daß beide Züge verunglückten. Der Graf und ſein Sohn entgingen dem Verderben, wäh⸗ rend viele der übrigen Reiſenden arg beſchädigt wurden. Unter den Verwundeten bemerkte der junge Graf ein Mädchen, deren Erſcheinung geeignet war, lebhafte Theilnahme zu erwecken—“ „Ich errathe!“ unterbrach Bülow den Erzähler. „Es war das die jetzige Gräfin!“— „So iſt es!“ fuhr Walter fort.„Als dieſes Mäd⸗ chen durch den jungen Grafen und einen alten Diener der Familie die nöthigſte Hülfe erhalten halte, da theilte ihm die Unglückliche, deren ziemlich dürftige Kleidung ihre Armuth verrieth, in tiefer Niedergeſchlagenheit mit, daß ſie das benachbarte Land, ihre Heimat, verlaſſen habe, um in D. eine Stelle als Lehrerin oder Geſell⸗ ſchafterin zu ſuchen. Das gewinnende, beſcheidene Weſen des Mädchens, ſowie ihre hülfloſe Lage rührten den jun⸗ 3⁵ gen Mann und ſeinen Vater. Der Zufall oder die Vor⸗ ſehung fügte es, daß die kleine Comteſſe gerade um jene Zeit ihre Gouvernante verloren hatte. So trug denn der Graf dem Mädchen die Stelle einer Er⸗ zieherin bei der Kleinen an, und die Fremde nahm das Anerbieten mit Freuden entgegen. Sie fuhr direkt mit nach Schloß Heiligenbrunn, und trat von Stunde an in den kleinen friedlichen Kreis ein. Wer hätte ahnen können, daß dieſes anſcheinend ſchüchterne, demüthige Geſchöpf der Familie ein böſer Dämon werden würde?“ Walter ſchwieg einen Augenblick, wie von düſteren Erinnerungen überwältigt. „Und wie ward ſie das?“ bemerkte Bülow nach kurzem Zögern. Walter fuhr ſich mit der Hand über die Stirn. „Sie werden das ſogleich hören!“ ſagte er.„In weniger als vierzehn Tagen hatte die jugendliche Gou⸗ vernante ſich die Herzen Aller erobert, vom Grafen bis hinab zum niedrigſten Lakaien. Nur Einer mißtraute ihr von Anfang an, und das war jener alte Diener, deſſen ich vorhin erwähnte. O, hätte der junge Graf nur auf die ehrerbietige Warnung des wackern Alten gehört, aber er wies mehr als einmal den treuen Diener zornig von ſich,— der junge Thor war erſt zwanzig Jahre alt, er erfuhr durch die raffinirte Erzieherin ſei⸗ 3* 36 ner Schweſter zum Erſtenmale, was Liebe ſei. Und wie hätte er dem Mädchen mißtrauen können, erſchien ſie ihm nicht als die Zurückhaltung, die Argloſigkeit ſelber, war ihr ſanftes Weſen nicht ſcheinbar der Inbe⸗ griff aller weiblichen Tugenden? Das ſchlaue Geſchöpf aber ging nach einem meiſterhaft angelegten, hölliſchen Plan zu Werke. Durch eine gut geſpielte Zurückhal⸗ tung, aus der ſie eine glühende Leidenſchaft hervor⸗ leuchten ließ, die natürlich ebenfalls nur Komödie war, machte ſie den Grafen Karl zu ihrem blinden Sklaven, aber zu gleicher Zeit wußte ſie auch dem alten Grafen, deſſen Schwächen ſie ſchmeichelte, den ſie nach und nach daran gewöhnte nur auf ihren Rath zu hören, unent⸗ behrlich zu werden. Und als ſie ſo zahlloſe Anhalte⸗ fäden mit voller Sicherheit um ihre Exiſtenz gezogen hatte, als ſie die Liebe des Sohnes ſtark genug wußte, ihn zu Allem, ſelbſt dem Aeußerſten, treiben zu können, als ſie endlich im Herzen des Vaters Gefühle aufdäm⸗ mern ſah, die, mit Vorſicht genährt, im gereiften Manne ſich leicht zu einer ernſtlichen Neigung entwickeln moch⸗ ten, da trat ſie eines Morgens mit verſchämten Wan⸗ gen und niedergeſchlagenem Blick vor den Grafen, und begehrte ihre Entlaſſung. Sie können ſich leicht den⸗ ken, was nun folgte.— Es kam zu ſchüchternen Er⸗ klärungen von Seiten des jungen Mädchens— die 37 Nachſtellungen des Sohnes vertreiben ſie aus einem Hauſe, in dem ſie gehofft hatte, noch viele glückliche Stunden zu verleben, ſie gehe mit gebrochenem Herzen, einzig getröſtet durch das Bewußtſein, die Achtung des Grafen, an der ihr alles liege, mit ſich fortzunehmen. Hierzu ſchlecht verhaltene Thränen, ein gepreßtes Schluchzen, des armen Opfers zitternde Stimme, die ſo ergreifend zum Herzen ſprach— dann Betheuerungen des Grafen, ſie nicht mehr entbehren zu können, dank⸗ erfüllte Blicke als Antwort, doch feſtes Beharren auf ihrem Entſchluß, und endlich in ſchamvoller Verwirrung die leiſe Andeutung, daß ſie gehen müſſe, daß man be⸗ ginne das Vertrauen zu mißdeuten, mit welchem der Graf ſie beehre— daß ſie gehen müſſe— gehen— damit kein unwürdiger Verdacht den ehrenhaften Ruf des Grafen beflecke, den ſie höher verehre als irgend ein Weſen ſonſt auf Erden— gehen— ihrer eigenen Ruhe wegen. Der argloſe Graf ſchwamm in Rührung und Entzücken, die Gouvernante ſpielte ihre Rolle ſo vortrefflich, daß er ſie beſchwor zu bleiben, zu bleiben um jeden Preis— ſei's auch als Gräfin Hohenfeld!“ „Und der Sohn?“ rief Bülow lebhaft. „Der Sohn vernahm noch an demſelben Tage dieſe Wendung der Dinge,“ fuhr Walter fort,„er ſah ſich in ſeinen heiligſten Gefühlen betrogen, ſah, daß er 38 das Spielwerk einer gleißneriſchen, raffinirten Perſon ge⸗ weſen ſei,— und daß ſein Vater im Begriff ſtehe, es eben⸗ falls zu werden. Zwiſchen Vater und Sohn herrſchte ſchon ſeit geraumer Zeit eine Spannung, denn der Erſtere, durch ſchlechte Verwalter und Untergebene übel berathen, trug den Neuerungsideen des Letzteren, denen dieſer vielleicht etwas zu vorſchnell auf den gräflichen Beſitzungen prak⸗ tiſche Geltung zu geben ſich bemühte, durchaus keine Rechnung. Jene eigennützigen Untergebenen, zu denen ſich noch ein Secretair geſellte, der, obwohl damals erſt kürzlich in den Dienſt des Grafen getreten, doch deſſen Vertrauen in erſtaunlicher Weiſe ſich erworben, hatten gerade um jene Zeit Alles aufgeboten, den Un⸗ frieden zwiſchen Vater und Sohn zu ſteigern, ſie hatten dem Erſteren zu verſtehen gegeben, daß alle Welt im Umkreiſe des Schloſſes es mit Kopfſchütteln anſehe, wie der junge Graf nicht den Tod ſeines Vaters erwarten könne, und ſich bereits voll Eigen⸗ mächtigkeit als Herr benehme. Solche und ähnliche Aufreizungen hatten den Vater des Grafen Karl ge⸗ rade um jene Zeit, als die Gouvernante alle Minen ſpringen ließ und ihren ſchlau angelegten Plan aus⸗ führte, heftig gegen den Sohn erbittert, und als die⸗ ſer nun in Gegenwart des Grafen das Mädchen eine ränkevolle Abenteurerin hieß, ſie aber ſchweigend, —— 39 mit demüthiger, gottergebener Miene, einer Madonna gleich, alle Anklagen ruhig über ſich ergehen ließ, da entſpann ſich ein furchtbarer Auftritt zwiſchen Vater und Sohn, der damit endete, daß der Graf den jun⸗ gen Mann verſtieß. Am Tage darauf fand die Ver⸗ lobung des Grafen mit der Gouvernante ſtatt. Der Sohn aber hatte Heiligenbrunn verlaſſen, und iſt, wie geſagt, bis auf die heutige Stunde verſchollen geblieben!“ „Und wie lebten ſeitdem der Graf und ſeine Toch⸗ ter?“ fragte Bülow geſpannt. „Ich weiß es nicht!“ erwiderte Walter. Er ſtockte einen Augenblick, dann ſuhr er fort:„Ich beſuchte meinen Univerſitätsfreund Karl, und war in Hei⸗ ligenbrunn während ſich jenes traurige Ereigniß abſpielte. So erfuhr ich es. Mein Freund aber verließ vor mir Heiligenbrunn, ich ſah ihn nicht wieder. Und bevor noch der Graf den Landaufenthalt mit der Reſidenz wieder vertauſchte, ohne Zweifel durch die neue Gräfin dazu beſtimmt, hatten mich ſchon mißliche Verhältniſſe von hier fortgetrieben.“ „Halten Sie den Grafen jetzt für glücklich?“ fragte Bülow eindringlich. „Ihn ſo wenig, wie ſeine Tochter!“ ſeufzte Wal⸗ ter nach einer kurzen Pauſe.„Ein Charakter, wie der⸗ 40 jenige der Gräfin, iſt unmöglich zum Beglücken ge⸗ ſchaffen!“ Walter ſchwieg. Ein düſterer Ausdruck hatte ſich über ſeine Züge gelagert. „O, wie viele Trauerblumen ſind in den Kranz des Lebens verflochten!“ murmelte Bülow nachdenklich vor ſich hin. Dann ſetzte er raſch und lauter hinzu: „Mich intereſſiren dieſe Damen doppelt, nun ich einen klaren Blick in die Verhältniſſe habe. Ich danke Ihnen für Ihre Mittheilungen, lieber Walter. Morgen gebe ich bei dem Grafen meinen Empfehlungsbrief ab.“ „Wozu wollen Sie die Schatten des Lebens auf⸗ ſuchen?“ ſagte Walter mit ernſter Betonung. Bülow zauderte einen Augenblick mit der Antwort. Vor ſeiner Seele tagte es. „Ich habe den jungen Grafen Hohenfeld vor mir,“ ſagte er ſich,„es iſt außer allem Zweifel, Walter hat mir ſeine eigene Geſchichte erzählt. Und da er mich lebhaft intereſſirt, ſo will ich auf alle Fälle ſeinen Vater, den alten Grafen, kennen lernen, will mich der Familie nähern, vor Allem dieſer Intriguantin, und wenn es mir gelingen ſollte, ſie zu entlarven—“ 4 L 3 . 41 „Nun, worüber ſinnen Sie nach?“ unterbrach Walter die heimlichen Reflexionen des jungen Mannes. Buülow fühlte, daß es indiskret von ihm ſein würde, wollte er dem neuen Freunde offen geſtehen, daß er mehr zu wiſſen glaube, als dieſer es für gut gefunden hatte, ihm zu vertrauen. „Nun, ich will Ihnen ehrlich bekennen,“ antwor⸗ tete er nach kurzem Bedenken,„daß jenes reizende junge Mädchen, die Tochter des Grafen Hohenfeld, meine Phantaſie lebhaft beſchäftigt. Mir ſchien es, als habe die junge Dame etwas Gedrücktes in ihrem Weſen. Ihre Stellung muß neben einer ſolchen Stiefmutter keine beneidenswerthe ſein!“ „Sie werden ſich alſo jedenfalls dem Grafen vor⸗ ſtellen?“ „Jedenfalls!“ „Lieber Baron, ich habe wohl nicht nöthig, Ihnen zu bemerken, daß ich Ihnen jene Mittheilungen über die gräfliche Familie nur unter der Vorausſetzung—“ „Ich verſtehe, mein Freund! Ich werde mich auch nicht der leiſeſten Indisceretion ſchuldig machen, ſeien Sie deſſen verſichert!“ „Kommen Sie,“ ſagte Walter, raſch vom Gegen⸗ ſtande der Unterhaltung abbrechend,„kommen Sie! Ich 42 habe Sie ſchon allzu lange dem muntern Treiben dort entzogen. Erinnern wir uns wieder, daß heute ein Maitag iſt, daß die Sonne lacht und die Blumen duften!“ Beide Herren tauchten von Neuem in den Men⸗ ſchenſtrom. Zweites Capitel. Dame Tartüffe. Am folgenden Tage machte Bülow ſeine Toilette noch ſorgfältiger als zuvvr. Er hatte in der verfloſſenen Nacht bevor er ſich dem Schlafe überließ und am Morgen reiflich über Alles nachgedacht, was ihm Walter vertraute. Und er war jetzt noch mehr als geſtern überzeugt, daß der Photograph kein Anderer als der Sohn des Grafen Hohenfeld⸗Heiligenbrunn ſei. „Was mag ihn hierher getrieben haben?“ fragte ſich Bülow, während er ſich zum Fortgehen rüſtete. „Nur das Heimweh? Sollte er nicht trachten, eine Ver⸗ ſöhnung mit dem Vater anzubahnen? Oder hofft er, nach ſo vielen Jahren die Schlechtigkeit ſeiner jetzigen 44 Stiefmutter aufdecken zu können? ſeiner Schweſter eine heimliche Zuſammenkunft gehabt oder nicht? Und erkannte ihn die ehemalige Gouver⸗ nante geſtern im Park, gab ſie nur deshalb ihrem Kutſcher plötzlich den Befehl, raſch weiter zu fahren? Das ſind alles Dinge, die ich wiſſen möchte, nicht aus erbärmlicher Neugierde, ſondern weil mich das Schickſal des armen Mannes lebhaft anregt. Ich muß alſo meine Viſite machen, und werde mich auf's Beobachten legen. Vielleicht kann gerade ich, der Ausländer, einem armen Freunde einen weſentlichen Dienſt leiſten, denn gegen mich wird die Gräfin doch nicht den Verdacht hegen, daß ich heimlich für den Stiefſohn operire. Warum aber dieſer wohl hier als Photograph auftritt, da er doch, nach ſeiner Erklärung, ſich einiges Vermögen er⸗ worben hat? Ob er damit einen beſonderen Zweck verbindet?“ 8 Der Baron legte ſich dieſe Fragen vor, und ſchien im Momente ſeine ganze Aufmerkſamkeit darauf zu richten. Im Grunde aber tauchte ebenſo viel das Bild des ſchönen Mädchens vor ſeiner Seele auf, das er ge⸗ ſtern gefehen, und das unmittelbar ſo viele Sympathien bei ihm erweckt hatte. Es war aber, als ob er ge⸗ fliſſentlich den Gedanken an die anmuthige Schweſter des Grafen Karl zurückdränge, jedenfalls mochte er ſich Hat er bereits mit 45⁵ nicht unumwunden geſtehen, daß ihn das Intereſſe für die junge Dame eben ſo ſehr antreibe, dem Grafen einen Beſuch abzuſtatten, als dasjenige, welches er für den Bruder derſelben empfand. Endlich war er mit ſeiner ſorgfältigen Toilette zu Ende. Er ſteckte jenes Empfehlungsſchreiben, das er heute zu benutzen Willens war, zu ſich, und ließ ſich durch einen der Lohndiener des Hotels nach dem Palais des Grafen Hohenfeld führen, da dieſes auf der Haupt⸗ ſtraße der Reſidenz und zwei Gaſſen von dem Gaſthofe entfernt lag. „Der Herr Graf hat eine Villa am Ausgange des Stadtparkes,“ bemerkte der Lohndiener, während Bülow das Hotel verließ,„der Herr Baron werden die Herr⸗ ſchaften wohl nicht hier antreffen.“ 5 „Das thut nichts zur Sache,“ verſetzte Bülow,„ich erfahre wenigſtens vom Portier, um welche Zeit man draußen einen Beſuch abſtatten kann.“ Einige Minuten ſpäter ſchritt Bülow durch das rieſige Portal des eleganten, dem Grafen gehörigen Palais. Das Erſte, was er unter der Einfahrt erblickte, war die Kaleſche, in der er geſtern die Damen im Parke geſehen hatte. Bülow war überzeugt, ſich nicht zu täu⸗ ſchen, denn er erkannte auch die beiden Rappen vom Tage zuvor. 46 Eine eigenthümliche Empfindung überrieſelte Bü⸗ low. Sie benahm ihm ſekundenlang faſt den Athem. „Das trifft ſich herrlich!“ ſagte er ſich,„die Gräſin und der Graf ſind ohne Zweifel vom Lande herein⸗ gekommen, vielleicht hat ſie die ſchöne Comteſſe be⸗ gleitet. Das iſt ein guter Anfang!“ Bülow wandte ſich an einen reich gallonirten Portier, einen vierſchrötigen, dickbäuchigen Geſellen, der, ſeinen verſilberten Stab in der Rechten, im Gefühl ſeiner Würde an der Thür, welche zur Haupttreppe des Palais führte, ſich großmächtig ſpreizte. 5 Als dieſes von ſeiner unendlichen Wichtigkeit über⸗ zeugte Weſen den jungen Mann gewahrte und ſah, daß er zu Fuß gekommen ſei, da blähte er ſeine rothen, ſcwammigen Wangen auf und richtete einen hochmüthigen Blick auf den Nähertretenden. Er mochte aber doch nach flüchtiger Muſterung desſelben aus der zuverſichtlichen und zugleich ariſtokratiſchen Haltung 4 Bülows— denn die Kleidung iſt heut zu Tage kaum noch der Gradmeſſer für den Stand einer Perſon, wie das in alten, guten Zeiten der Fall war— heraus⸗ wittern, daß er einen Kavalier vor ſich habe, denn er lüftete mit einigem Widerſtreben den Treſſenhut. Zu⸗ gleich fragte er in einer Weiſe, die gerade zwiſchen „ Höflichkeit und protziger Manier die Mitte hielt— — 47 der gewiegte Portier wollte jedenfalls im Vorhinein ſicher gehen und ſich nichts vergeben— nach dem Be⸗ gehren des Ankömmlings. Die Portiers vornehmer Leute beſitzen auch eine gewiſſe diplomatiſche Taktik, welche ihnen einem Unbekannten gegenüber ſtets eine Hinterthüre offen hält.. Während Bülow ſich anſchickte, dem Cerberus des Palais eine Antwort zu ertheilen, vernahm er ein Räu⸗ ſpern hinter ſich, und ſah im nächſten Augenblicke, wie die ſteife, anmaßliche Geſtalt des Portiers in eine de⸗ muthvolle, unterwürfige zuſammenknickte. Der bärbeißige Portaldeſpot mit dem verſilberten Stabe war ſo ur⸗ plötzlich eine ſo devot grüßende Creatur geworden und ſeine ſchwülſtige Phyſiognomie verzog ſich ſs raſch zu einem ſo höflichen Grinſen, daß Bülow, dem dieſe Ergeben⸗ heitsbezeugungen nicht galten, ſich ſagte, es müſſe hinter ihm jedenfalls eine mächtige Perſönlichkeit erſchienen ein. Bülow wendete ſich um und ſah vom Portal, wo die Kaleſche ſtand, in das Vorhaus einen Mann ein⸗ biegen, der unbedingt gleichfalls ſo eben von der Straße aus in das Palais eingetreten war. Dieſer Mann war völlig ſchwarz gekleidet und trug eine weiße Halsbinde. Er glich durchaus nicht einem Kavalier, ſondern einem Haushofmeiſter. 48 Seine Geſtalt war ziemlich robuſt und doch nicht fleiſchig. Seine völlig bartloſen Züge hatten einen eigenthümlichen Ausdruck, ſie waren ſtark ausgeprägt und es ließ ſich bei genauer Beobachtung allerlei aus ihnen herausleſen, denn es war in der That ein Ge⸗ miſch von Leutſeligkeit, Verſchlagenheit, Argwohn, Be⸗ ſcheidenheit und vorſichtigem Lauern, was in dieſem blaſſen etwas gelblichen Antlitze blitzesgleich auftauchte und wieder verſchwand. Im Ganzen und Allgemeinen aber war die Miene des Mannes diejenige eines Men⸗ ſchen, der ſich ſeiner Umgebung überlegen weiß, und doch ſich den Anſchein gibt, als ſei er der Letzte der⸗ ſelben. Er hatte ein mildes, höfliches Lächeln auf den ſchmalen Lippen, aber aus ſeinen Augen, die meiſtens anſchei⸗ nend harmlos und gleichgültig auf Alles ringsumher gerichtet ndon ſchoß dann und wann ein Blick her⸗ vor, der, ſo verſteckt er auch hinausgeſchleudert ward, doch eine gewiſſe Wildheit verrieth, die ſich ſonſt kei⸗ neswegs in der Erſcheinung des Mannes ausſprach. Dieſer grüßte ſehr artig, ſowohl den Portier als auch den Baron, und war im Begriff ſich der Haupt⸗ treppe zuzuwenden, als der Dicke mit dem verſilberten Stabe ſehr vernehmlich zu Bülow ſagte:„Wenn der Herr etwas mit dem Herrn Grafen zu reden haben, ſo bitte ich, ſich an dieſen Herrn zu wenden.“ 49 Der Mann mit der weißen Halsbinde blieb ſtehen und ſchoß einen ſeiner lauernden Blicke auf Bülow. Sodann trat er an dieſen mit faſt übertriebener Höflich⸗ keit heran. „Der Herr Graf,“ ſagte er,„wird in einer halben Stunde auf's Land hinausfahren und iſt augenblicklich mit dem Ordnen einer Angelegenheit beſchäftigt, wegen der er heute ſchon ſehr zeitig zur Reſidenz gekommen iſt. Darf ich wiſſen, in welcher Sache Sie—“ Der Mann hielt mitten im Satze inne und ſah Blülbow feſt in die Augen. „Ich bin der Baron von Bülow aus P.,“ ant⸗ wortete dieſer,„und bin durch ein Schreiben des Prinzen Leiſtingen an den Herrn Grafen empfohlen.“ Der Mann mit der weißen Halsbinde, der den Hut aufbehalten hatte, zog dieſen jetzt ab und zeigte ſo ſein ſchwarzes, kurzes, gekräuſeltes Haar, das ſeltſam zu dem gelbblaſſen Geſichte abſtach. Er verbeugte ſich. „Ah, in dieſem Falle,“ verſetzte er lächelnd,„wird der Herr Graf unfehlbar ſo viele Zeit übrig haben, den Herrn Baron zu empfangen. Haben der Herr Baron die Güte, mir zu folgen, ich werde Sie ſofort melden.“ Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. 4 50 „Ich danke Ihnen. Sie ſind vermuthlich der Herr Haushofmeiſter?“ warf Bülow hin. „Um Vergebung, Herr Baron, ich bin ſeit unge⸗ fähr zehn Jahren der Secretair des Herrn Grafen!“ erwiderte der Mann lächelnd. Bülow folgte dem Manne ſchweigend. „Aha,“ ſagte er ſich,„das iſt Einer von Jenen, die darauf hinarbeiteten, die Uneinigkeit zwiſchen Vater und Sohn zu ſteigern. Ich erinnere mich, daß Walter dieſes Secretairs in ſeinen geſtrigen Mittheilungen er⸗ wähnte. Ich werde bei Gelegenheit dieſen Menſchen ſcharf in's Auge faſſen!“ Im erſten Stocke des Palais ſchritt der Secretair dem jungen Manne durch mehrere reich decorirte Vor⸗ zimmer voran. In einem kleinen anmuthigen Empfangs⸗ ſalon machte er Halt. „Belieben der Herr Baron ſich hier einen Augen⸗ blick zu gedulden,“ ſagte er, ſich wiederum verbeugend. Und der Secretair ſtand im Begriff in das an⸗ ſtoßende Gemach zu ſchlüpfen, als ihn Bülow durch eine Frage zurückhielt, die ihm ſchon ſeit mehreren Minuten auf den Lippen ſchwebte. „Die Frau Gräfin und Comteſſe Tochter ſind wohl auch mit dem Herrn Grafen heute zur Stadt gekom⸗ men?“ ſagte er im Tone der Unbefangenheit. 2 — —.,— 51 Der Secretair blieb ſtehen und ſchielte zu dem jungen Manne lauernd hinüber. „Nein, Herr Baron,“ erwiderte er,„unſere Damen befinden ſich in der Villa. Dem Herrn Baron,“ ſetzte er raſch hinzu,„iſt die gräfliche Familie alſo bereits be⸗ kannt?“. „Ich ſah die Damen geſtern auf dem Corſo, in jener mit Rappen beſpannten offenen Kaleſche, die ich vorhin unter'm Portale geſehen. Ich kannte die Damen nicht, aber ein Bekannter nannte mir ihren Namen. Melden Sie mich jetzt gefälligſt dem Herrn Grafen!“ Während Bülow alſo ſprach, vermochte er nicht ganz eine leichte Befangenheit zu unterdrücken.— Dem Secretair entging ſie nicht. Er warf einen etwas befremdeten, forſchenden Blick auf den jungen Mann, verbeugte ſich wiederum und verließ den Salon. „Das war dumm!“ murmelte Bülow vor ſich hin, als er ſich allein ſah.„Ich habe mich ein wenig ver⸗ ſchnappt und hätte nicht ſo voreilig ſein ſollen! Dieſer Menſch iſt ſicher eine Creatur der Gräfin!— Aber wenn auch— es iſt kaum denkbar, daß ſie nach zehn Jahren ſogleich den jungen Grafen im geſtrigen Gewühl erkannt haben ſollte. Wäre dem übrigens wirklich ſo — ſie ſah mich ja geſtern kaum an— ſie kann ſich unmöglich mein Geſicht gemerkt haben!“ 4* 52 Bülow blieb wohl fünf Minuten allein. Er ſah ſich während dieſer Zeit im Salon um. Dieſer war mit dunkelfarbigem, gepreßtem und mit leichten Goldarabesken verzierten Leder ausgeſchlagen. Das Meublement beſtand aus Paliſanderholz mit dun⸗ kelbraunem Sammt. Rings an den Wänden glänzte eine treffliche Auswahl von Gemälden aus niederlän⸗ diſcher Schule in Bildern von Quentin Metſys, Wou⸗ vermann, van Eyk, de Potter und Anderen. Alles harmonirte mit einander in auserleſenem Geſchmack und zierlicher Anordnung. Bülow fühlte ſich dadurch angenehm berührt. Aus dieſer einfachen, vornehmen Eleganz ſchloß er auf das Weſen des Grafen. Man kann den Menſchen ſehr häufig nach den Dingen richtig beurtheilen, mit denen er ſich umgibt. Bülow ſchickte ſich gerade an, ein allerliebſtes 1 Potter'ſches Gemälde näher in Augenſchein zu nehmen, als ſich die Seitenthür öffnete, durch welche der Se⸗ cretair verſchwunden war, und der Graf eintrat. Wie hatten zehn Jahre dieſen Mann verändert! Bülow's forſchender Blick ſuchte in den Zügen des alten Herrn nach einer Aehnlichkeit mit Walter. Er fand ſie nicht, 3 — Der Graf Hohenfeld glich einer Ruine. Sein Antlitz war faſt erdfahl, ſeine ehemals vollen Wangen zeigten ſich jetzt hager und tief gerunzelt. Der Blick ſeiner braunen Augen, die von mattblauen Ringen um⸗ geben waren, hatte etwas Stumpfes und Schwermüthiges zugleich, das Feuer, welches ihn ehemals mit unver⸗ kennbarer Lebensluſt erfüllt hatte, war vollſtändig darin erloſchen. Nur die zuſammengezogenen Brauen und die herabgepreßten Winkeln des zahnloſen, jetzt unſchönen Mundes, verriethen noch den einſtigen Stolz und die Zuverſicht des Mannes. Im Uebrigen ſprach eine ge⸗ brochene Willenskraft aus ſeinem ganzen Weſen. Er hatte nur noch an den Schläfen und im Nacken weniges graues Haar. Kaum daß er ſich be⸗ mühte, eine einigermaßen imponirende Haltung anzu⸗ nehmen, er ſchlurfte im Gegentheil ziemlich gebückt an einem Stocke einher. Und doch war der Erſcheinung eine gewiſſe Zähig⸗ keit nicht abzuſprechen, man ſah es ihr an, daß hier eine urſprünglich kräftige, eiſenfeſte Natur mit einem langſam zehrenden, ſchleichenden Siechthum ringe, daß dieſes zur völligen Zerrüttung des freilich ſchon gebrech⸗ lichen Körpers noch Jahre gebrauchen könne. Bülow glaubte in den Zügen des Grafen, obgleich dieſer jetzt zu lächeln ſich bemühte, einen tiefen Gram zu entdecken. Er hatte übrigens jetzt nur zu einer ſehr flüchtigen Beobachtung ſeines Gegenübers Zeit, denn der Graf redete ihn ſogleich und zwar ſehr freundlich an. Die Herren tauſchten die gewöhnlichen Höflichkeits⸗ formeln mit einander aus, Bülow überreichte ſein Em⸗ pfehlungsſchreiben. 3 Der Graf ſetzte ſein Geſpräch fort, ohne einen Blick auf das Papier zu werfen. Er ging mit dem Takt eines Weltmannes darüber hinweg, daß Bülow erſt nach mehrwöchentlichem Aufenthalte in der Reſidenz von dieſem Schreiben Gebrauch machte. Bülow, nicht weniger taktvoll als der alte Kava⸗ lier, fühlte nach einigen Reden, die ſich um ſeine Reiſen, ſeinen Aufenthalt in der Reſidenz und ſonſtige Dinge drehte, wie ſie bei einem erſten Begegnen geſprochen werden, heraus, daß den Grafen eine gewiſſe Unruhe beherrſche. Er erhob ſich daher bald von dem Balzac, auf den er genöthigt geweſen war, neben dem Grafen Platz zu nehmen. „Sie wollen ſchon gehen?“ warf der alte Herr hin, ſich ebenfalls erhebend. „Ja, Herr Graf,“ verſetzte Bülow,„es war ohne⸗ hin nicht ganz in der Ordnung, daß ich Sie hier überfiel, da Sie unſtreitig nur ein dringendes Geſchäft 5⁵ bewogen haben kann, von Ihrer Villa hierher zu kommen.“ „Mein Gott, Herr Baron,“ antwortete der Graf halb ſcherzend, halb wehmüthig,„ich danke dem Him⸗ mel, wenn mich Jemand von den Angelegenheiten ab⸗ zieht, auf die ich dann und wann genöthigt bin, einen Blick zu werfen. Ich überlaſſe in der Regel die Con⸗ trole über die Verwaltung meiner Beſitzungen meinem Secretair, den Sie vorhin geſehen haben werden. Er iſt zuverläſſig, wenigſtens behauptet dieſes die Gräfin, die ſich unſerer Angelegenheiten mehr annimmt als ich, der ich bei meinen vorgerückten Jahren die Ruhe liebe, die mir leider durch die Verhältniſſe noch immer kärg⸗ lich genug zugemeſſen wird!“ Der Graf ſprach die letzten Worte halblaut, mit einem Anflug von Zittern in der Stimme, ſein Blick flackerte ſecundenlang wie troſtlos auf. „Er iſt unglücklich, und völlig unter der Herrſchaft dieſes Weibes!“ ſagte ſich Bülow.„Und jener Schrei⸗ ber iſt ihre Creatur, wie ich mir's dachte! Es ſollte mich wundern, wenn ſie nicht längſt mit dieſem Men⸗ ſchen daran arbeite, das ganze Vermögen des Greiſes in ihre Hände zu ſpielen, bevor er noch die Augen ge⸗ ſchloſſen hat. Und wenn ſie die Stieftochter zu einem armen, willenloſen Geſchöpfe erzog, ſo mag ihr das auch gelingen!“ Bülow griff zum Hute. Er hätte gerade jetzt noch gern mit Vorſicht den Grafen ſondirt, einen vor⸗ läufigen Blick in die Verhältniſſe des Hauſes thun zu können, aber die Schicklichkeit erforderte ſein Gehen. Der alte Herr aber, der einige Augenblicke wie in ſich gekehrt dageſtanden, ſchien jetzt durch die Abſicht des jungen Mannes, ſich zu entfernen, noch unruhiger geſtimmt zu werden, als er es zuvor durch ſein Bleiben geweſen war. Ihn peinigte ſichtlich ein Gedanke, der plötzlich in ihm aufgeſtiegen ſein mußte. „Herr Baron,“ ſagte er mit einiger Unſicherheit, „Sie haben keine Urſache, die Flucht zu ergreifen, meine Geſchäfte in der Stadt ſind abgethan. Ich werde ſo⸗ gleich nach meiner Villa zurückkehren, denn— die Gräfin erwartet mit Beſtimmtheit, daß ich dort noch vor dem Speiſen eintreffe. Wir haben einige Gäſte draußen. Wenn Sie die Zahl derſelben durch Ihr Er⸗ ſcheinen vermehren wollten, ſo— würden Sie mich verbinden, und der Gräfin jedenfalls willkommen ſein.“ Während der Graf ſo ſprach, blickte er einige Male mit einer gewiſſen Befangenheit nach der Thür, durch welche er eingetreten war. 57 Der Antrag kam Bülow ſehr gelegen, aber er hütete ſich zu zeigen, daß der Graf ſeinem Wunſche ent⸗ gegengekommen ſei. Er antwortete daher:„Herr Graf, ich danke Ihnen für Ihre Güte, aber— ich würde vielleicht derangiren— und dann— ich bin nicht vorbereitet — ich könnte heute nicht—“ „Suchen Sie keine Ausflüchte, Herr Baron!“ unterbrach ihn der alte Herr beinahe dringend,„Spei⸗ ſen Sie bei uns, sans gene, fahren Sie mit mir hin⸗ aus— mein Wagen ſteht ſchon bereit. Unter uns,“ fuhr er fort, den Klang ſeiner Stimme dämpfend, in⸗ dem er zugleich von Neuem einen Seitenblick auf die Thür warf, durch die er vorhin eingetreten,„ich würde ſehr glücklich ſein, wenn Sie einen Platz in meiner Kaleſche annehmen wollten, denn— denn ich würde dadurch der Unbequemlichkeit enthoben, während der ganzen Fahrt das langweilige Geſicht meines Secretairs mir gegen⸗ über zu haben. Sie fahren alſo mit mir? Jedenfalls?“ Der Graf ſchlurfte zu einem Tiſch und ließ eine Schelle ertönen. Während dieſes geſchah erwiderte Bülow:„Wenn Sie der Frau Gräfin gegenüber mein unerwartetes Er⸗ ſcheinen rechtfertigen wollen, Herr Graf—“. 58 „Aber meine Familie wird ſehr erfreut ſein!“ antwortete der alte Herr haſtig. Er vollendete nicht, was er ſagen wollte. Durch eine der beiden Thüren des Salons trat ein Diener ein, durch die andere der Secretair des Grafen. Der alte Herr rief dem Diener zu:„Meinen Hut!“ Dann wendete er ſich, augenſcheinlich in einiger Verlegenheit, zu dem Secretair, der zuerſt einen flüch⸗ tigen, ſtechenden Blick auf den jungen Fremden, ſodann auf ſeinen Herrn warf, zugleich aber in beſcheidener Haltung und mit einem ſanften Lächeln einen Schritt näher trat. „Herr Schwarz,“ begann der alte Herr mit einer Stimme, der man es anhörte, daß ihr Eigenthümer ſich Mühe gebe, einige Feſtigkeit in ſeine Worte zu legen, „es thut mir leid, daß ich Sie heute nicht in meinem Wagen mit hinausnehmen kann, denn der Herr Baron hier wird die Güte haben, mit mir zu fahren. Laſſen Sie ſich den Tilbury anſpannen, oder einen der an⸗ deren Wagen.“ Der Secretair Schwarz verzog keinen Muskel ſei⸗ nes blaſſen Geſichtes. Aber er richtete ſeine großen dunklen Augen mit einem eigenthümlich herriſchen Aus⸗ druck auf ſeinen Gebieter. 59 „Sehr wohl,“ ſagte er langſam und ruhig.„Aber der Herr Graf werden ſich erinnern, daß die Frau Gräfin gewünſcht hat, die Acten, mit welchen der Notar des Herrn Grafen in einer Stunde hier zu er⸗ ſcheinen verſprochen hat, mögen vom Herrn Grafen unter⸗ ſchrieben werden, bevor Sie auf's Land zurückkehren, und da—“ 4 „Ich werde fahren, wenn es mir beliebt, und ohne die Acten unterſchrieben zu haben!“ unterbrach der alte Herr, deſſen Antlitz eine Zornesröthe überflog, ſeinen Secretair. Aber als wenn er im nächſten Augenblicke bereue mit ſolcher Entſchiedenheit vorgegangen zu ſein, ſank er plötzlich wieder in ſeine gedrückte Haltung zurück, lächelte beinahe befangen und fuhr in ganz verändertem, ſehr ſanftem Tone fort:„Ich kann die Akten ja in zwei oder drei Tagen auch unterſchreiben, lieber Schwarz. Wahr⸗ haftig,— ich bin heute nicht in der Stimmung, hier zu warten— allein zu ſein— Sie wiſſen,“— ſetzte er faſt flüſternd hinzu,„es iſt heute ſein Geburtstag! Und dann,“ ſprach er haſtig und laut weiter,„habe ich den Herrn Baron bereits eingeladen—“ „O, was mich betrifft, Herr Graf,“ bemerkte Bü⸗ low,„ſo bitte ich, ſich keinen Zwang anzuthun!“ „Nein, nein!“ verſetzte der alte Herr eilig und in einiger Unruhe.„Es bleibt dabei— Sie fahren mit mir hinaus, ja, ja! Und wenns beliebt, ſogleich!“ Der Graf nahm vom Diener ſeinen Hut entgegen, richtete einen ſcheuen und zugleich nahezu entſchuldigenden Blick auf den Secretair, der ſich jetzt, die Augen zu⸗ ſammenkneifend, lautlos verneigte, und deutete Bülow mit höflicher Handbewegung an, daß er vorangehen möge. 3 Der Diener riß die Flügelthüre auf, die Herren gingen. Der Secretair Schwarz folgte bis zum Wagen. Bülow konnte nicht umhin, dieſen Menſchen mehr als einmal verſtohlen anzublicken. Wie viel nur halb verſteckter Hohn lag in der demüthigen Haltung dieſes Secretairs! „Der arme Graf,“ ſagte ſich Bülow,„er iſt nicht mehr Herr in ſeinem Hauſe, vielleicht ſeit Jahren nicht. Dieſer demüthig anmaßende Schurke von Schreiber hat mir das bewieſen noch bevor ich die Andern geſehen! Der Graf iſt alt, ſehr alt, ein Seelenleiden hat ſeine Geiſteskraft gelähmt, ein teufliſches Weib hat ſie ohne Zweifel durch jahrelanges Einwirken gebrochen! Und jener Geburtstag, von dem ich ihn murmeln hörte,— ah, ich verſtehe,— Walter hat heute ſein dreißigſtes Jahr erreicht, er ließ geſtern ein Wort 61 darüber fallen. Ich konnte keinen paſſenderen Moment für meinen Eintritt in das gräfliche Haus wählen!“ Der Graf und Bülow ſtiegen in den Wagen. Die Eauipage rollte auf die Straße hinaus und der nahen Brücke zu, die zum Park hinüberführte. Als Bülow an ſeinem Hotel vorüberfuhr, da blickte er zu den Fenſtern des Zimmers hinauf, das Walter neben ihm bewohnt hatte. Der Photograph war am Morgen in die Gaſſe gezogen, welche am Fluſſe ſich hindehnte. Als die Kaleſche über die Brücke fuhr, da ſchaute Bülow einen Augenblick hinter ſich, jene Gaſſe entlang. Er hatte wohl durch Walter die Nummer des Hauſes erfahren, in dem dieſer nun wohnte, aber wo dieſes Haus in jener Reihe von Gebäuden lag, das wußte Bülow nicht. „Wenn der arme Walter uns jetzt von einem ſei⸗ ner Fenſter aus ſehen ſollte,“ dachte der junge Mann, „mit welchen Gefühlen mag er uns da nachſtarren?!“ Und Bülow empfand ein Weh in ſeinem Herzen, als ob der bleiche Walter ſein Bruder geweſen wäre, und der alte, geknickte, momentan ſtill vor ſich hin brütende Mann neben ihm ſein Vater. Die Kaleſche ſchlug jenſeits der Brücke faſt den⸗ ſelben Weg ein, welchen Bülow und ſein neuer Freund 62 am Tage zuvor im Parke der Reſidenz zu Fuß zurück⸗ gelegt hatten, denn es ging durch die Hauptallee, in der geſtern der glänzende Corſo war abgehalten worden. Gegen das Ende desſelben aber bog die Equipage in einen Seitenweg ein, und verließ auf dieſem den Stadtpark. Die Fahrenden hatten jetzt Wieſe und Feld zur Seite; in geringer Entfernung befanden ſich jene bewal⸗ deten Hügel, um deren Fuß anmuthige und ſtattliche Landhäuſer gruppirt lagen, von denen einige ſogar mit ihren weithin ſich dehnenden und die Hügel emporklettern⸗ den Parkanlagen kleinen Luſtſchlöſſern glichen. Den Grafen hatte während der Fahrt ſeine gedrückte Stimmung ſo ziemlich verlaſſen, er plauderte ſehr leb⸗ haft mit Bülow, und es ſchien dieſem, daß der alte Herr vergeblich bemüht ſei, ſich um jeden Preis zu zerſtreuen. Uebrigens fand der Graf ſichtlich Wohlgefallen an dem jungen Manne, und dieſer wiederum fühlte mehr als gewöhnliche Theilnahme für den alten Herrn, der ſo ſichtlich durch geſtörtes Familienglück das geworden, was er war. Eine Viertelſtunde noch verging, dann rollte die Kaleſche durch das Gitterthor einer der reizendſten Villen, 63 die Bülow ſchon von der Ferne aus mit Wohlgefallen betrachtet hatte. Ein Fahrweg, den herrliche Kaſtanienbäume be⸗ ſchatteten, führte bis zu dem kleinen Sommerpalais. Der Wagen hielt, Diener traten ziemlich langſam heran, den Schlag zu öffnen. Der Graf und Bülow ſtiegen aus und wurden von einem Haushofmeiſter mit einer gewiſſen vornehmen Nachläſſigkeit empfangen. Bülow entnahm ans dem allen ſogleich, daß der Graf nicht die gefürchtete Perſon des Hauſes ſei, die Gräfin alſo jedenfalls die Autorität ihres Gatten unter⸗ graben habe. Man gehorchte dem Grafen, aber läſſig. Es kochte in Bülow, als er dieſe, wenn man ſo ſagen darf, inſolente Art von Höflichkeit gewahrte, die denn nichts anders war, als ein etwas modiſizirter Abklatſch jenes Benehmens, das der Sekretär des Grafen zuvor gegen dieſen beobachtet hatte. Der alte Herr ſchien dasjenige, was den jungen Mann in ſeinem Innern erbitterte, nicht zu. bemerken. Er wendete ſich an den Haushofmeiſter, einen lan⸗ gen, trockenen, ſteifen Geſellen mit widerlich ſcheinheiliger Phyſiognomie. „Wo iſt die Frau Gräfin?“ fragte er ihn. 64 Der Haushofmeiſter blickte gelaſſen zu dem Kut⸗ ſcher hinauf, welcher ſich anſchickte die Kaleſche umzu⸗ wenden und nach den ſeitwärts von der Villa hinter Ge⸗ büſch halb verſteckt liegenden Stallungen zu fahren. „Der Herr Schwarz iſt alſo in der Stadt geblie⸗ ben?“ fragte er den Kutſcher bedächtig. Ungeachtet dieſer Flegelei ſeines Haushofmeiſters verzog der Graf keine Miene. Er ſtützte ſich feſter auf ſeinen Stock und ſchickte ſich an, die wenigen uufen welche zum Eingang der Villa hinaufführten, empor⸗ zuſteigen. Bülow aber vermochte nicht an ſich zu halten. Er ſchleuderte einen verächtlichen Blick auf den langen, dürren Menſchen, und ſagte in herbem, entſchie⸗ denem Tone:„Ich glaube, der Herr Graf hat Sie deutlich genug gefragt, wo ſich die Frau Gräfin be⸗ finde“ Der Haushofmeiſter ſah vom Kutſcher weg auf den Sprecher. Die Miene der ſchwarzgekleideten Geſtalt mit der hohen weißen Halsbinde drückte im erſten Momente Erſtaunen aus, veränderte ſich aber ſogleich, als der Lange die entſchiedene Haltung und den funkelnden Blick des jungen Kavaliers gewahrte. „Ich bitteum Entſchuldigung!“ ſtammelte er ein wenig verblüfft. 6⁵ Dann wendete er ſich an ſeinen Herrn, gemeſſen, ſteif und eben nur ſo höflich, daß man es ihm anſah, wie er überzeugt ſei, ſich jetzt ſehr überflüſſig etwas gegen ſeine Würde zu vergeben. „Die Frau Gräfin befindet ſich augenblicklich in Bethanien!“ ſagte er. Dann blieb er regungslos ſtehen. Bülow aber ſchaute, nachdem er dieſe Worte ver⸗ nommen, erſtaunt vom Haushofmeiſter auf den Grafen. „In Bethanien?“ rief er. Der Graf verzog die Lippen, als ob er lächeln wolle, und ſah ſeinen Gefährten ein wenig verlegen an. „Ah, mein junger Freund,“ ſagte er—„es handelt ſich um eine kleine wohlthätige Anſtalt, die wir hier draußen haben, und die meine Frau„Bethanien“ taufte. Wir machten im vorigen Jahre eine kleine Reiſe durch Norddeutſchland, und berührten auch Berlin. Dort ſahen wir uns 1ee ee der es an, s in 4.2,2 Nä 62 des„ 5. er, 2&, „Ah; ich Sdan ng der Anſtalk 4 untervii f. ihn Bülow.—„Fch beſuchte ſie ebenfalls auf meiner Durchreiſe durch Berlin. Es iſt eine Stiftung, in der Krankenpflege, ſamaritaniſche Barmherzigkeit geübt wird. Edle Frauen ſcheuen weder Mühe noch Sorgen, ſich per⸗ ſönlich der leidenden Menſchheit annehmen zu können.“ 5 Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. 66 „So iſt es!“ murmelte der Graf. „Das Bethanien dieſer Gegend iſt vermuthlich eine Schöpfung der Frau Gräfin?“ fuhr Bülow fort. „Ja— meine Frau hatte die Grille, ihre kleine Siedelei ſo zu nennen!“ antwortete der alte Herr, der nun in der That ein Lächeln erzwang—„Sie iſt eine gar fromme, mildthätige Frau!“ Während der Graf die letzteren Worte ſagte, nah⸗ men ſeine Züge, nur für einen Augenblick, einen Aus⸗ druck an, der keineswegs mit dem harmonirte, was er ſprach. „Kommen Sie, mein Freund,“ ſetzte der alte Herr raſch hinzu—„wir müſſen die Gräfin ſchon in ihrer Stiftung aufſuchen, denn die Bewohner unſeres Betha⸗ niens haben jetzt ihre Mittagstafel, und an der pflegt meine Frau zu präſidiren.“ Der Graf, welcher ſchon eine der Mamorſtufen, die zur Villa führten, betreten hatte, ſtieg wieder herab und machte eine Wendung nach rech ls ob errdie Villa umgehen wolle. „Wir werden alſo den Park wieder verlaſſen müſſen?“ fragte Bülow—„Das Bethanien der Frau Gräfin iſt vermuthlich in einem benachbarten Dorfe?“ „O nein, Herr Baron,“ verſetzte der Graf lächelnd — die Gräfin hat es ſich bequem gemacht, und das 67 kommt uns jetzt zu ſtatten— ihre Anſtalt iſt hier im Parke, und in wenigen Minuten haben wir ſie erreicht. Ge⸗ hen wir alſo, wenn's beliebt.“ Der Graf und Bülow umgingen die Villa, wäh⸗ rend der ſteife Haushofmeiſter und die Diener ſich in dieſelbe zurückzogen, der erſtere nicht ohne daß er bei ſeiner Verbeugung, die er gezwungen war ſo gut wie die andern Diener des Hauſes zu machen, einen ingrim⸗ migen Blick auf den jungen Fremdling geſchoſſen hätte, der es gewagt, ihn in ſeine Schranken zurückzuweiſen. Bülow ſchlenderte an der Seite des Grafen, der an ſeinem Stocke vorwärts keuchte. Hinter der Villa, die im italieniſchen Style, mit fla⸗ chem Dach und zierlicher Veranda erbaut war, dehnte ſich der Park maleriſch aus. In einiger Entfernung zur Rechten blickte aus dem freundlichen Waldesgrün eine kleines Gebäude in gothi⸗ ſcher Bauart hervor, das einer jener Spielereien glich, jener Miniaturritterburgen, die man in fürſtlichen Gär⸗ ten anzutreffen pflegt. Der Graf wies mit der Hand auf das Gebäude. „Dort müſſen wir hin!“ ſagte er—„Wir wer⸗ den die Gräfin in voller Beſchäftigung finden! Er lächelte wiederum gezwungen und fügte halb⸗ laut, wie beſchönigend, hinzu:„Die Gräfin iſt in dieſem * 5 68 Punkte ein wenig anderer Anſicht als ich, da ich meine, daß eine Dame von Stand den Dürftigen hinreichende Wohlthaten erweiſen könne, ohne daß ſie nöthig habe, ſelber die Krankenwärterin zu machen, aber— mein Gott, man muß den Damen ihre kleinen Kapricen laſſen! Bülow antwortete nichts auf die Bemerkung des alten Herrn.. Aber er ſagte ſich:„Der Graf ſcheint mir ſelber nicht an die Frömmigkeit ſeiner Gattin zu glauben. Und dieſe ſpielt vermuthlich vor der Welt die Rolle einer Lady Tartuffe, ihre Selbſtſucht um ſo ſicherer zu verbergen!“ Die Herren richteten nun plaudernd ihre Schritte nach dem kleinen gothiſchen Gebäude. Sie erreichten es bald. AUeber dem Eingange des mittelalterlichen Häus⸗ chens ſah Bülow in goldnen Lettern das Wort„Be⸗ thanien“ prangen. Er konnte nicht umhin, heimlich zu lächeln. „Das iſt denn doch Oſtentation genug!“ ſagte er ſich, während er die goldne Inſchrift betrachtete. Die Herren traten über die Schwelle der Siedelei. Gleich im erſten Raume, den dieſe umſchloß, erwartete den jungen Mann ein eigenthümlicher Anblick. . 69 In einem großen, weißgetünchten Saale ſaßen an einem langen Tiſche auf hölzernen Bänken etwa ein Dutzend Greiſinnen und Greiſe, ſämmtlich der niedrigſten Menſchenklaſſe angehörend. Die Angeſichter dieſer Leute waren tief gefurcht, Noth und Elend hatten ihre unauslöſchliche Schattenſchrift darauf eingegraben. In dieſem Augenblicke war freilich eine leis auf⸗ flackernde Freude darüber hingehaucht, und das Sonnen⸗ licht, das durch die bunten Scheiben der kirchenartigen Fenſter wallte, dämpfte mit roſigem Schimmer die Schmer⸗ zenszüge und wob einen verklärenden Schein um die Silberlocken der Unglücklichen. Sie waren Alle ſauber und ordentlich in ein mattes Grau gekleidet. Vor ihnen auf der Tafel, die mit einem einzigen großen Tiſchtuche bedeckt war, ſtanden irdene Schüſſeln. Neben jedem Teller lag ein Brod und ein einfaches Beſteck. Von der Wand, die zu Häupten des Tiſches be⸗ findlich, blickte ein Madonnenbild freundlich lächelnd auf die Armen nieder, die augenſcheinlich in frommer, frieden⸗ voller Stimmung des Mittagsmahles harrten, das Nächſten⸗ liebe ihnen beſcheeren ſollte. 70 Beim Anblicke des Grafen erhoben ſich die mor⸗ ſchen Trümmer ehrfurchtsvoll. „Bleibt ſitzen, Leute!“ ſagte der alte Herr, der ſich Bülow gegenüber augenſcheinlich genirt führte—„Ihr habt noch nicht geſpeiſt— wo iſt die Frau Gräfin?“ „In der Küche!“ ließen ſich mehrere zitternde Stim⸗ men vernehmen. „So müſſen wir uns wohl noch gedulden, Herr Ba⸗ ron!“ ſagte der Graf, ſich zu Bülow mit einem eigenthüm⸗ lichen Geſichtsausdruck wendend, der anzudeuten ſchien, daß der alte Herr gewohnt ſei, ſeine Geduld bis zum Uebermaß auf die Probe geſtellt zu ſehen. „Es iſt heute mit der Frau Gräfin Beſuch hierher gekommen,“ bemerkte leiſe und zögernd ein Alter, welcher den Eingelretenen zunächſt ſaß—„vornehme Damen aus der Stadt, und mehrere Herren mit Ordensbändern. Die Herrſchaften ſind jetzt alle in der Küche!“ Ah, das ſind jedenfalls unſere Mittagsgäſte!“ warf der Graf leicht hin, das Wort an Bülow richtend —„die Neugier treibt unſere Gäſte ſtets hieher, ſie müſſen die Einrichtung ſehen, die Speiſen koſten, und — was weiß ich ſonſt noch—!“ Obwohl der Graf dieſe Worte leichthin ſprach, ſchien er ſich ſeiner Bemerkung doch mit großer Unbe⸗ haglichkeit zu entledigen,— vermuthlich ſagte er ſich, 71 welche Gedanken in dem jugendlichen aber, wie er be⸗ reits Gelegenheit gehabt hatte zu erfahren, nicht ganz unerfahrenen Begleiter aufkeimen mochten. Bülow aber überſchaute mit wehmüthigen Blicke die kleine, harrende, ſchwergeprüfte Gemeinde des Elends, die hier ein bergendes Aſyl gefunden hatte. „O, möchte man doch ſtets die innerſten Motive der Thaten kennen,“ dachte er,„welche die Welt als gute Handlungen eines edlen, fleckenloſen Gemüthes preist! Wie ſelten ſind ſie's!— Nach Allem, was ich von dieſer Frau weiß, ja ſelbſt nach dem Eindruck zu ſchließen, den dieſes Prunken mit Barmherzigkeit auf mich macht, werde ich nun eine jener Damen finden, die mehr für ihren Ruf als für ihr Herz thun. Wohl den Armen hier, wenn ſie in ihrer naiven Einfalt an eine reine Menſchenliebe glauben, wenn ſie nicht ahnen, daß ſie mit ihrem gebrochenen Herzen, ihrem Jammer nur „dazu da ſind, einer gleißneriſchen Sünderin vor aller Welt als Folie zu dienen, ihr einen Ruf als Heilige begründen zu helfen. Elendes Gauckelſpiel der Welt, das, einer Unwürdigen die Lilienkrone aufzuſetzen, die Armen in ihrem unſeligen Verſtecke aufſpürt, in ihrer rührenden Verſchämtheit ausſtellt, und ihre Gebrechen gefliſſentlich vor den Blicken einer gedankenloſen, gleich⸗ gültigen Menge enthüllt! Und doch,“ ſo ſchloß Bülow * 72 ſeine Betrachtungen,„wenn am Ende nur dieſen armen Geſchöpfen damit geholfen iſt. Und werden dann nicht ſo Eitelkeit und gleißneriſches Beginnen, wird nicht ſo die Sünde ſelber dem Himmel dienſtbar?“ Bülow hatte kaum Zeit gehabt ſeine Reflexionen zu beendigen, als ſich die dem Eingange des Saales gegenüber befindliche Thür öffnete. Voller Erwartung blickte er dort hinüber. Die Baronin trat in den Saal, von einer kleinen Schaar eleganter Damen und Herren gefolgt. Hinter dieſen aber ſchleppten zwei Mägde eine rieſige Terrine herbei, aus der ein wirbelnder Suppendampf emporſtieg. Bülow erkannte in der Baronin die ältere der Damen von geſtern. Er ward der Dame des Hauſes und der Geſell⸗ ſchaft vom alten Grafen vorgeſtellt. Die Gräfin und Bülow wechſelten bei dieſer Ge⸗ legenheit einige höfliche Worte mit einander. 4* Der Letztere bemerkte, daß die ehemalige Gouver⸗ nante ihn bei dieſer Vorſtellung ſcharf in's Auge faſſe, es hatte den Anſchein, als ſinne ſie eilig nach, wo ſie bereits früher ſeinem Antlitze begegnet ſein könne. Bülow erheuchelte die größte Unbefangenheit wäh⸗ rend er die Erſcheinung der Gräfin mindeſtens eben ſo angelegentlich prüfte, als dieſe Dame die ſeine. 73 Die Gräfin Hohenfeld, jetzt ungefähr vierunddreißig Jahre alt, ſah jedenfalls viel jünger aus. Sie war höchſt geſchmackvoll doch auffallend einfach, man möchte ſagen faſt puritaniſch gekleidet. Sie war jedenfalls eine ungewöhnliche Erſcheinung. Ihre blaſſen Züge trugen einen beſcheidenen, madonnenhaften Ausdruck, doch ihre braunen Augen hatten etwas Lauerndes, das fie vor einem ſcharfen Beobachter nicht völlig zu verbergen vermochte, ſo ſehr ſie auch im Uebrigen ſich beherrſchen zu können ſchien. Bülow ſagte ſich:„Das iſt ein gefährliches Weib, man erkennt es auf den erſten Blick!“ Die Speiſen wurden nach und nach aufgetragen; die Gäſte der gräflichen Familie umſtellten den Tiſch und lorgnettirten in die Schüſſeln und Näpfe hinein. Dann trat die Gräfin unter das Muttergottesbild, wendete ihr Angeſicht der Tafel zu und ſprach mit feſter Stimme, jedoch die Augen halb geſchloſſen, ein kurzes Gebet. Bülow glaubte zu bemerken, daß ſelbſt während dieſes Gebetes der Blick der Gräfin von Zeit zu Zeit verſtohlen forſchend auf ihm ruhe. Die eleganten Anweſenden ſchienen nicht recht zu wiſſen, welche Miene ſie zu der kleinen Feierlichkeit machen ſollten. Eine Dame muſterte ihren Fächer, die 74 Andere den Plafond des Saales, eine Dritte die etwas wunderlichen Hauben der alten Frauen. Die Herren ſchauten wechſelweiſe auf ihre lackirten Stiefeln und auf die Glasmalereien der gothiſchen Fenſter. Der Graf ſelbſt ſtierte wie gedankenlos die in der That ſeltſam geformte Naſe eines der ihm gegenüber ſitzenden, in ernſtes Gebet verſunkenen Alten an. Ob er aber die Naſe oder überhaupt den Alten ſah, das iſt die Frage. Die Ceremonie war vorüber, die Armen ſpeisten, die Geſellſchaft erwachte aus ihrer Lethargie, der Gähn⸗ krampf, welcher Einige befallen hatte, verſchwand. Man trat in's Freie hinaus und wandelte durch den Park dem Herrenhauſe zu. Lob und Preis der edelmüthigen Gräfin, der Beſchützerin der Armuth, tönte von allen Lippen. Sie aber ging einher, in der Haltung einer de⸗ müthigen Magd, jedoch im Blicke eine Herrſcherin. Bülow fühlte ſich durch die ganze Scene, welche ſich ſoeben vor ihm abgeſpielt hatte, nicht im entfern⸗ teſten wohlthuend angeregt. Es lag ihn ſo viel Ab⸗ ſichtlickkeit in Allem, für ihn war das Ganze nichts weiter geweſen, als eine Komödie, zur Verherrlichung einer Dame Tartüffe arrangirt. 75 War es der Inſtinct ſeiner ehrlichen, jugendfriſchen Natur oder die geſtern gewonnene Kenntniß von dem Charakter der Gräfin, was ihn leitete? Er konnte hier freilich nur erſt wenig aus eigenem Urtheil ſchöpfen, denn er hatte nur wenige Worte mit der Dame gewechſelt. Aber durfte er annehmen, daß er ſich über die Art ihrer Frömmigkeit täuſchen könne? Kannte er nicht durch Walter die Vergangenheit jener Dame? „Ich werde hier jedenfalls intereſſante, pikante Studien machen!“ ſagte er ſich, während er der Ge⸗ ſellſchaft folgte. Andere Gedanken durchkreuzten indeſſen bald dieſe Betrachtungen. War er allein der vormaligen Erzieherin halber dem Grafen zu dem Landſitze desſelben gefolgt? Wo weilte das ſchöne junge Mädchen, die geſtrige Begleiterin der Gräfin, die Tochter des Hauſes? Bülows Blick forſchte jetzt vergeblich nach ihr, und lebhafte Ungeduld begann ſich ſeiner zu bemeiſtern. Während er ſo mit der Geſellſchaft durch den Park dahin ſchlenderte, gewahrte er an ſeiner Seite einen kleinen Herrn, der ihm bereits im Saale aufge⸗ fallen war. Dieſer kleine Herr ſchien ihm jetzt in etwas ſchüchterner Weiſe ſeine Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Es war ein Männchen, das trotz der brennenden Sonnenſtrahlen, die auf ſeinen glänzenden, kahlen Schei⸗ tel fielen, den Hut ſtets in der Hand hielt. Wenn wir ſagen, daß dieſes elegant gekleidete, noch ſehr rüſtige und bewegliche Männchen einen ſo kindlich milden und gewinnenden Geſichtsausdruck hatte, wie man ihm ſelten im Leben begegnet, daß die Furche um den Mund einen Anflug von Melancholie und Entſagung ausſprach, und dieſe auch aus den faſt beſtändig freund⸗ lich zwinkernden Augen von Zeit zu Zeit flüchtig empor⸗ tauchten, wenn wir hinzufügen, daß an den Schläfen und im Nacken des beweglichen Greiſenhauptes kleine Silberlocken ſich kräuſelten, und die ganze Erſcheinung des kleinen Mannes von ſeiner Anſpruchsloſigkeit ein unzweideutiges Zeugniß ablegte, ſo wird der Leſer er⸗ rathen, daß es der Onkel Mondſchein iſt, der Baron Ohneſorg, den wir ihm wieder vorführen. Der Onkel Mondſchein hat ſich in nichts geändert, er ſieht kaum älter aus als vor zehn Jahren. Er iſt nochderfelbe Phantaſt, der er früher war, der er jeder⸗ zeit geweſen, und er trägt auch noch in aller Geduld jenen Beinamen der ſo trefflich ſein Naturell und obendrein ſein kahles Haupt bezeichnet. Bülow hatte ſich ſchon im Saale unwillkürlich zu dem kleinen Herrn hingezogen gefühlt, er war dort aber 77 zu ſehr mit der Beobachtung der Gräfin beſchäftigt ge⸗ weſen, als daß er ein Geſpräch mit ihm hätte an⸗ knüpfen können. Jetzt bemerkte der junge Mann ſehr deutlich, ohne daß er den kleinen Greis geradezu anſah, wie dieſer in einer gewiſſen Befangenheit neben ihm einhertrippelte, ihn dann und wann heimlich anblinzelnd, und mit dem Munde ſchnappend, als ob er ihn anreden wolle und ſich doch in ſeiner Schüchternheit nicht getraue, es zu thun. Bülow dachte ſich:„Hoho, dieſer kleine freundliche Mann will mit Dir reden, und weiß doch nicht recht, wie er es anſtellen ſoll. Stehen wir dem guten Alten bei!“ Er wendete ſich lächelnd zu ihm. „Welch' ein köſtlicher Park!“ ſagte er. „Ja, ja!“ entgegnete das Männchen lächelnd. „Sehen Sie nur dieſe urkräftigen Stämme, das ſaftige Laub!“ „Die Frau Gräfin konnte ſich in der That kei⸗ neu reizenderen Platz, als jenen dort, für ihr Bethanien wählen!“ bemerkte Bülow, auf das gothiſche Häuschen zurückdeutend. „Freilich!“ verſetzte der kleine Herr.„Sie ſind zum Erſtenmale hier, nicht wahr?“ 78 „Ja.“ „So kennen Sie die innere Einrichtung des kleinen Krankenhauſes noch nicht?“ „Nein. Wohnen denn dieſe armen Leute für be⸗ ſtändig hier im Parke?“ „Nur ſo lange ſie leidend ſind. Es ſind meiſt Bauern aus den umliegenden Ortſchaften. Dieſe Leute haben je zwei und zwei ein Kämmerchen, ein Profeſſor vom Spital der Reſidenz behandelt ſie, die kleine An⸗ ſtalt iſt Armen⸗ und Krankenhaus zugleich, darum iſt ſie auch niemals leer!“ „Die Frau Gräfin iſt unſtreitig eine ſehr vortreff⸗ liche Dame!“ rief Bülow mit einem forſchenden Sei⸗ tenblick auf den kleinen Herrn. „Sie thut ſehr viel für bedürftige Leute!“ er⸗ widerte dieſer gewiſſermaßen in einer Umſchreibung, als ob er ſeine Meinung nicht ausſprechen und doch die Wahrheit ſagen wollte. Dann brach er kurz von dem Gegenſtande des Ge⸗ ſpräches ab. „Sie kennen alſo auch nicht den ſchönen Park ſei⸗ nem ganzen Umfange nach?“ fuhr er fort. „O nein!“ „Nun, wenn es Ihnen recht iſt, ſo ſpazieren wir ein wenig umher, ich zeige Ihnen alles Sehenswerthe. 79 Wir ſpeiſen erſt in einem Stündchen, ich kenne hier die Hausordnung, ich bin der Onkel hier, der Schwager des Grafen Hohenfeld,— das heißt, meine Schweſter war ſeine erſte Frau— ich bin der Baron Ohneſorg. Iſt es Ihnen recht, daß wir mit einander eine kleine Promenade durch den Park machen?!“ „Sie ſind ſehr gütig, Herr Baron!“ entgegnete Bülow verbindlich,„ich nehme Ihr Anerbieten mit Vergnügen an, und werde mich alſo Ihrer Führung überlaſſen. Mein Name iſt Baron Bülow.“ „Mir ſehr angenehm, Herr Baron!“ Die Herren reichten einander die Hände. Indem dieſes geſchah dachte ſich Bülow:„Das fügt ſich ja ganz vortrefflich, von dieſem freundlichen Alten werde ich ohne Zweifel Näheres über die ſchöne Tochter des Hauſes und vielleicht auch Einiges über das jetzige Familienleben der Hohenfeld's erfahren!“ Die beiden neuen Bekannten trennten ſich von der Geſellſchaft und ſchwenkten links ab, in einen ſchattigen Laubgang hinein. Der alte Graf war dem kleinen Zuge der Gäſte voran; er ging ſo ziemlich unbeachtet; war doch die Gräfin die Hauptperſon, um die ſich Alles ſchaarte. Er bemerkte nicht, daß Bülow ſich mit dem Onkel Mond⸗ ſchein entfernte, er war in ernſtes Sinnen verloren, 80 und wußte wohl kaum, daß er an ſeinem Stocke ein⸗ herſchlurfe. Seine Gattin hingegen, der Bülow als ihr Lands⸗ mann war vorgeſtellt worden, hatte, obwohl ſie dieſen ſcheinbar durchaus nicht beachtete, längſt den kleinen geſchwätzigen Onkel an ſeiner Seite gewahrt, und ſah nun beide Herren in den Laubgang einbiegen. Eine Sekunde lang bebte der Schatten des Un⸗ muths über ihre blaſſen Züge, während ſie ihre ſchma⸗ len Lippen faſt krampfhaft zuſammenpreßte. Dann aber lächelte ſie wieder milde, madonnen⸗ gleich auf ihre ſich um ſie galant bemühende Geſellſchaft, die keinerlei Verändernng an ihr bemerkt hatte. Welche Empfindung wohl die Gräfin jetzt in ihrer Gelaſſenheit ſtörte? Drittes Capitel. Agnes. Bülow und der kleine freundliche Baron Ohneſorg durchſchritten langſam den Park, der nach jener Richtung hin, welche ſie einſchlugen, mehr einem üppig ſtrotzenden Walde, als einer geregelten Anpflanzung glich. Rechts und links vom Pfade ab vermochte der Blick weit in das Gehölz einzudringen, doch hinderten Laub und Stämme jede Fernſicht. Hie und da ſchwankten liebliche Streiflichter durch die Fülle des ſmaragdenen Blätterdaches, ließen ab⸗ wechſelnd bald die Stämme und Aeſte der ſchlanken, weißen Birken, bald die der epheuumſchlungenen Eichen, Linden, Buchen auf dem zartgrün dämmernden Hinter⸗ grunde hervortreten, und ſpielten und tändelten über 6 Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. 8² den waldblumigen Raſen, das friſchblinkende Moos, das nah und fern in anmuthiger Weiche emporquoll. Kaum ein Blättchen rauſchte, doch klang es rings⸗ umher wie das Rieſeln ferner Quellen, Droſſelſchlag tönte melodiſch drein, das freudige Jauchzen der Amſeln und anderer Waldſänger. Dazwiſchen hämmerte in weiter Ferne, im Forſte jener Hügel, die das Thal und den Park begrenzten, der Specht emſig und unverdroſſen, als verſinnliche er den Pulsſchlag des träumeriſchen Waldes. „Wie köſtlich iſt doch die Natur!“ begann Bülow. „Immer doch muß der Menſch vom bunten Markt des Lebens zu ihr zurückkehren, um ſich und den verlornen Frieden widerzufinden. Habe ich nicht recht, Herr Baron?¹ „Ja, ja, Sie haben ganz recht!“ ſeufzte der kleine Alte. Dann fuhr er freundlich lächelnd fort:„So ſind auch Sie Einer von denen, die noch einfachen aber erhabenen Genüſſen treu geblieben ſind, denen ein Waldweg ſüßeren Zauber enthüllt, als das neueſte Ballet? Hähä, ich habe es Ihnen angeſehen, mein lieber Herr! Ich ſehe ſcharf! Sie ſind nicht nur ein Kavalier, Sie ſind auch ein Künſtler, he?“ „O nein! Ich beſitze aber ein empfängliches Ge⸗ müth für alles Schöne, ich ſuche es und begeiſtere mich daran in Wald und Flur, Kunſt und Poeſie!“ 83³ „Und— Sie vergeben ſchon— und welchem Lebenszwecke, welchem Berufe haben Sie ſich gewidmet? Dem jungen Kavalier unſerer Tage verbietet nicht ſein Stand, nach Allem zu greifen, was ihn anregt! Die alten Vorurtheile fangen ja ſchon ſo ziemlich an zu verroſten. Alſo Sie widmeten ſich, wenn es zu fragen vergönnt iſt—“ „Keinem Berufe bis jetzt, wenn Sie ſo wollen. Ich bin reich, unabhängig, ſtudirte Philoſophie und ſchöne Wiſſenſchaften, und ging dann auf Reiſen, die Sitten der Völker, die Wunder der Erde kennen zu lernen.“ „Schön! Köſtlich!“ antwortete das Männchen, und ſetzte faſt ſchüchtern hinzu:„Aber gefährlich, wenn man nicht damit einen ernſten Lebenszweck verbindet!“ „Wie ſo?“ „Weil man Gefahr läuft, unter all' dieſen Herr⸗ lichkeiten, während dieſes ewigen Genießens und in ſich Aufnehmens ſein Leben zu verträumen, ſeine Selbſt⸗ ſtändigkeit, die Energie eines bewußtvollen Strebens einzubüßen, ja die verſchiedenartigen Fähigkeiten und Talente, welche eine gütige Vorſehung verlieh, und deren flüchtige Quellen nur groß, mächtig, ſegenbringend ſich erweiſen können, wenn Ernſt und Thatkraft ſie zu einem 6* 84 Strom zuſammenlenkten, wohl gar unentwickelt, oft ſelbſt unerkannt zu laſſen!“ „Sie glauben?“ „Leider weiß ich das nur zu gut! Sie ſehen in mir ein warnendes Beiſpiel!“ Ein wehmüthiges Lächeln umſpielte die Lippen des kleinen Greiſes, als er dieſe Worte mit faſt kindlicher Befangenheit ausſprach. „Es mag wohl ein wenig anmaßend ſcheinen,“ fuhr er nach kurzer Pauſe beinahe kleinlaut fort, indeß ſeine blinzelnden Augen wohlwollend auf Bülow hafteten, „Jemanden nach erſtem Begegnen von ſeiner eigenen Perſon unterhalten zu wollen, doch ich kann einmal nicht anders, mein liebſter Herr,— mir iſt's, indem ich Sie anblicke, als habe ich mich verjüngt vor Augen, und da kommt mir die— vielleicht kindiſche— Furcht, Sie möchten etwa beabſichtigen, auch auf meinen Wegen zu wandeln. NMich haben ſie nicht eben beſonders gut geführt, denn ihnen verdanke ich, daß— daß ich mich ſelber auf dem Gewiſſen habe!! Bülow wußte nicht recht, welche Miene er zu die⸗ ſem Bekenntniſſe des alten Herrn machen ſollte. „Sie ſcherzen, Herr Baron!“ ſagte er. „Beileibe nicht!“ verſetzte das Männchen eifrig. „Sehen Sie, gleich Ihnen in unabhängigen Verhält⸗ 8⁵ niſſen aufgezogen, entwickelte ich meine Fähigkeiten, die mir der Himmel ziemlich verſchwenderiſch verliehen hatte, nach allen Richtungen. Man nannte mich in der That ſchon frühzeitig ein Genie, denn ich begriff Alles blitz⸗ ſchnell und hatte zu allem nur Erdenklichen Talent. Nach den Aeußerungen meiner Umgebung malte ich wie ein kleiner Gott, ſpielte Klavier und Geige mindeſtens wie ein Engel, machte Verſe, nicht beſſer und ſchlechter als man heut zu Tage in— nein, halt, man lieſt keine Verſe mehr! Alſo weiter! Daß ich nie Anlei⸗ tung im Malen erhalten, keine Noten kannte und beim Dichten die Silben an den Fingern abzählen mußte, daß ich mich einer Menge Sprachen, in denen ich zum Erſtaunen Aller reden konnte, beim Schreiben nicht ohne zahlloſe Fehler darin zu begehen bedienen konnte, des that nichts zur Sache,— das ergiebige Nachahmungs⸗ talent vertuſchte geſchickt alle Unzulänglichkeiten, und ich war und blieb bei Eltern, Hausfreunden und vor Allem nach eigener Meinung ein Genie. In dieſes Chaos meiner jugendlichen Anläufe eine gewiſſe Ord⸗ nung und Regel zu bringen, war eine Aufgabe, der meine guten Eltern ſich nicht gewachſen fühlten, der Herr Papa war ein penſionirter Major, ein alter Hau⸗ degen, der ſich ganz charmant auf's militäriſche Exer⸗ citium, aber auf ſonſt nichts verſtand, und die gute 86 Frau Mama war in einem alten Forſthauſe aufge⸗ wachſen, ſie verſtand ſich wohl darauf Hühner und Kaninchen aufzuziehen, aber nicht einen lebhaften, phan⸗ taſievollen Knaben. So fehlte den lieben Eltern denn jener feinfühlende, errathende Scharfſinn, mit dem durch⸗ geiſtigte, intelligente Naturen eine aufkeimende Begabung erkennen, fördern und ſchulen. Des Vaters Plan theilte mir, wie leicht erklärlich, eine der ſeinigen im Leben ebenbürtige Stelle zu, eine Exiſtenz, ein Streben, das den guten Eltern verſtändlich war. Dennoch ſchmeichelte ſie wiederum der Nimbus, den dieſes Allerweltsgeniethum um meine kleine Perſon verbreitete, die ohnehin für einen Soldaten zu winzig war, man ließ mich nach jeder Richtung hin gewähren, und ſomit ſchlug ich kei⸗ ne mit Entſchiedenheit ein. An geiſtvollen Freunden, die hätten rathen können, mangelte es in unſerem Kreiſe, der natürlich nur den Geſchmack, die Bedürfniſſe und Gewohnheiten der Eltern repräſentirte. So wuchs ich auf, nach allen Seiten lockten Erfolge, Alles in⸗ tereſſirte mich, und was ich eben trieb, das erklärte ich für meinen innerſten, eigentlichen Beruf. So von Halbheit zu Halbheit ſchwankend ermannte ich mich weder zur Ausdauer, noch fand ich den Schwerpunkt meiner Exiſtenz, ich ward Alles und Nichts, wenigſtens nichts mehr,“ fügte der kleine Baron lächelnd hinzu,„als ein E 1 87 altes, gutmüthiges, noch immer exaltirtes aber unbedeu⸗ tendes, von ſeinen Renten leidlich lebendes Männchen, dem man in der Familie den Namen Onkel Mond⸗ ſchein beigelegt hat, wegen ſeines Kahlkopfes und— hähä— ſeiner romantiſchen Grillen, die reichlich auf⸗ zutauchen pflegen, ſobald ihm hin und wieder noch ein⸗ mal das verblaßte Geniethum in den Nacken ſchlägt!“ Der kleine Greis, der während dieſer Rede ſtehen geblieben war, trippelte luſtig weiter, mit einem Ge⸗ miſch von Schalkhaftigkeit und Sentimentalität ſeinen jun⸗ gen Begleiter anblinzelnd, der um eine Antwort ver⸗ legen war. Und als Bülow nun nicht gleich etwas erwidern konnte, da fuhr das eigenthümliche Männchen fort: „Ich muß um Entſchuldigung bitten, mein werther Herr Baron, daß ich mich in Folge Ihrer Aeußerung zu ſolchen Mittheilungen gedrängt fühlte. Ich bin natür⸗ lich vollkommen überzeugt, daß zwiſchen meiner oberfläch⸗ lichen und Ihrer unzweifelhaft gediegenen Erziehung kein Vergleich angeſtellt werden könne, Sie alſo in anderer Lage ſich befinden müſſen, als ich mich in Ihrem Alter befand. Dennoch aber konnte ich nicht um⸗ hin, Ihnen ein wenig mein Herz aufzuthun,— ich ſah im Leben mehr als einen Jüngling von Geiſt, Wiſſen und Gemüth daran zu Grunde gehen, daß er träumte, 88 wo er ringen ſollte. Die Arbeit iſt und bleibt denn doch das Einzige, was uns Menſchen vor Thorheiten und Laſter bewahrt, vor dem Zerfallen mit uns ſelbſt, ſie gibt uns ein Recht auf unſere Exiſtenz, ſie gibt uns ein Ziel, um das kämpfend wir uns veredeln, wir zum Höchſten ſtreben!“ Das Männchen hielt inne und ſah Bülow mit ſo gewinnender Freundlichkeit in die Augen, daß der junge Mann ſich nicht enthalten konnte, den kleinen Moraliſten, der ſelber doch ein verfehltes Leben beklagte, im Grunde aber jedenfalls in ſeiner Art ein Weltweiſer war, wie nur irgend Einer, bewegt die Hand zu drücken. „Sie haben ganz recht, Herr Baron!“ ſagte Bü⸗ low.„Ich bin auch feſt entſchloſſen, binnen kürzeſter Friſt, ein Leben voll raſtloſer Thätigkeit zu beginnen. Auch hängt die Reiſe, welche ich unternommen, damit zuſammen,— ich bin auf dem Wege, mir einen wür⸗ digen Wirkungskreis zu ſuchen.“ „Wer ſucht, der wird finden!“ 3 „Auch fühle ich ſehr wohl, daß der Menſch nicht allein für ſich ſelber da iſt, ſondern daß ſeine Kräfte ebenfalls der Welt angehören, von der er einen, wenn auch winzigen Theil bildet.“ Der Onkel Mondſchein rieb ſich vergnügt die Hände. 89 „Gottlob,“ ſchmunzelte er,„da bin ich endlich ein⸗ mal mit meiner Voreiligkeit nicht ſchlecht weggekommen, wie dieſes leider faſt immer und überall zu geſchehen pflegt, und Sie halten mich nicht für einen alten phan⸗ taſtiſchen Narren, mein Herr von B— von Bülow, wie das ſo ziemlich die ganze Welt thut?“ „Ich ſchätze Ihre Geſinnungen, Herr Baron, und habe Ihnen für Ihre Freimüthigkeit zu danken!“ er⸗ widerte Bülow lächelnd. „Sehr ſchön, ganz gut, recht ſchön!“ kicherte das Männchen, und rieb ſich mehrmals augenſcheinlich ſeelen⸗ froh die Hände. Dann blickte der kleine Baron umher. Er riß die Augen auf. „Ah, daß iſt erſtaunlich!“ rief er lächelnd— „Während des Plauderns ſind wir wahrhaftig weit genug vorwärts gekommen! Dort iſt mein Lieblings⸗ plätzchen!“ Bülow und ſein Führer waren bis an's Ende des Parkes gelangt. Dieſen trennte hier eine dichte, ziemlich hohe Hecke von den ſich terraſſenförmig erheben⸗ den, bewaldeten Hügeln. Auch dieſer Theil des Parkes ſtrebte ſchon bergan; auf ſeinem höchſten Punkte winkte den Spaziergängern eine von Hollunder überſchattete 90 Moosbank, von der aus man, durch eine Lichtung des Gehölzes, weit hinaus in's Thal blicken konnte. Der kleine Greis und Bülow ſchritten zu dieſer Bank und ſetzten ſich. Beide Herren hatten in dieſem Momente alle Geſprächigkeit verloren. Das Männchen war ſichtlich in's Anſchauen der Natur verſunken. Bülow aber hatte ſeinen Blick nach innen gekehrt. Was war ſein Leben bis zu dieſer Stunde ge⸗ weſen? Ein Daſein voll innerer Haltloſigkeit, ein Da⸗ ſein, deſſen Höhepunkte vergängliche Genüſſe bildeten, über die er längſt ſich ſelber enttäuſcht hatte. Was wollte er bis jetzt, was ſtrebte er an? Was hatte er ſich gerettet aus der Schattenflucht verrauſchter Tage, was ſich eingetauſcht für dieſe Welt niederer Lüſte, die der Ueberdruß daran ihn verwerfen ließ? Das fragte er ſich ernſt und bitter in dieſem Augenblick. Er war ſich ſeiner Fähigkeiten nur bewußt geweſen, um mit ihnen ſorglos zu tändeln, hatte geiſtig verweichlicht den erſten Wellenſchlag des Lebens gemieden. Sich ſelber hatte er belogen, wenn er dieſes vage, thatenloſe Schlendern von einem Reiche der Erde wie der geiſtigen Welt zum anderen für in ſich Aufnehmen, für die vor⸗ bereitenden Lehrjahre erklärte. Seine gaukelnde, gefäl⸗ lige Phantaſie hatte ihn bis jetzt vergeſſen laſſen, daß die Siege ſelbſt der größten Geiſter aus unſäglichen —— 91 Kämpfen, unermüdlichem Ringen lichtvoll hervorgingen. Er mußte ſich den Vorwurf machen, das Edle und Tüchtige nur gewollt, nicht angeſtrebt zu haben. Und ſomit hatte er bereits eine herrliche Zeit der Kraft und Jugendfülle in begeiſtertem Anſchauen des Schönen ver⸗ geudet, dem er raſtlos ſtrebend in eigenem Wirken hätte huldigen ſollen. Jetzt empfand er nur zu gut, was ihn ſeit meh⸗ reren Jahren von Land zu Land getrieben, dieſe Unge⸗ duld, dieſe Unzufriedenheit mit ſich und der Welt, ge⸗ dämpft nur hin und wieder durch überraſchende Ein⸗ drücke. Reich und unabhängig, hatte er ſich ſtets geſagt: „Was brauchſt Du zu ringen, zu arbeiten im Schweiße Deines Angeſichts? Dazu iſt es immer noch Zeit,— genieße!“ Und hatte er bis jetzt immer eigentlich ungetrüb⸗ ten Genuß empfunden? Bülow war in der That, ganz wie er es zuvor geſagt, dieſesmal in einer Anwandlung ſolchen Gefühles auf die Reiſe gegangen, welche ihn nach D. führte. Es hatte ihn der Gedanke dabei geleitet, daß er, der gelernt hatte, die Mehrzahl der Menſchen zu verachten, und der ſich obendrein fürchtete, ihren Spekulationen zum Opfer zu fallen, keinen beſſern Wirkungskreis ſich 92² wählen und ſeine Capitalien nicht practiſcher verwerthen könne, als wenn er ſich ein Rittergut kaufe und die⸗ ſes ſelber verwalte, zugleich der herrlichen Natur und den ſchönen Künſten lebend. Er war aber eben aus ſeiner Heimat fortgereiſt, weil er dort in den flachen, ſandigen, troſtloſen Gegenden nicht hätte finden können, was er ſich vorgenommen zu ſuchen,— einen bleiben⸗ den Aufenthalt, der nicht allein pekuniäre Vortheile biete, ſondern auch anmuthig und feſſelnd genug ſei, ihn die Lebensweiſe der großen Welt vergeſſen zu machen. „Wie“, ſagte er ſich jetzt—„wenn ich im D.ſchen finden ſollte, wornach ich trachte?“ Er hatte, während er mit dem alten Grafen nach der Villa gefahren war, ein flüchtiges Wort über ſein Project fallen laſſen. Da war ihm vom Grafen ent⸗ gegnet worden:„Kaufen Sie doch meine Beſitzung Hei⸗ ligenbrunn, die Gräfin liebt das Landleben und die Einſamkeit nicht, ſie will, daß ich mich des Schloſſes entäußere. Sie können aber nichts Angenehmeres und Nutzenbringenderes finden, als unſer Heiligenbrunn, Herr Baron, nur hätten Sie dafür zu ſorgen, daß Ihnen eine gleichgeſinnte— Baronin Bülow dorthin folge, dean ſonſt möchte jenes kleine Paradies doch wohl zu ein⸗ ſiedleriſch für Sie ſein!“ — 9³ Und als nun Bülow auf der Moosbank neben dem Onkel Mondſchein ſaß, und ſeine Selbſtſchau ihn ſchließ⸗ lich auf die Worte des Grafen brachte, da kam ihm unwillkürlich die Comteſſe in den Sinn, deren Erſchei⸗ nung geſtern einen lebhaften Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er dachte daher:„Wahrhaftig, es iſt Zeit, daß ich meinen kleinen Nachbarn ein wenig ausfrage. Ich leiſte ſo dem armen Walter einen Dienſt, und— viel⸗ leicht auch mir!“ Bülow wendete ſich alſo an das Männchen. „Hier iſt ein reizender Landaufenthalt,“ ſagte er —„aber allein möchte ich doch nicht ſo fern von der Reſidenz wohnen. Der Gargon iſt dabei immer übel daran!„Sie haben Familie, Herr Baron?“ „Ich war niemals ſo glücklich!“ entgegnete dieſer. „Da wohnen Sie vermuthlich hier bei Ihren Ver⸗ wandten?“ „Gott bewahre! Ich bin ein Vagabund, ein un⸗ verbeſſerlicher alter Landſtreicher!“ rief das Männchen kichernd.—„Ich habe einen getreuen Rieſen und eine alte blaue Kaleſche, mit beiden pilgere ich durch die Welt, nun ſchon ſeit Jahren, und laſſe mich nieder, wo mir's zuſagt.“ 94 „Und Sie werden dieſes Umherreiſens nie über⸗ drüſſig?“ „Nein, mein junger Freund, denn meine Paſſionen ziehen mich hier und dorthin. Zuerſt reiſte ich freilich des lieben Reiſens willen, als das nicht mehr genügte, da wanderte ich als Botaniker und Schmetterlingsfänger über Berg und Thal— das iſt wohl zehn Jahre her — dann trieb ich mich von Stadt zu Stadt, alte Münzen und in Bibliotheken vergrabene und längſt ver⸗ geſſene Handſchriften ausfindig zu machen. Jetzt frage ich den Kukuk nach alten Papieren und verroſteten Geldſtücken, jetzt ſammle ich die Briefmarken aller Länder und Photographien— aber nur von Perſönlichkeiten, mit denen ich in Berührung komme. Ich beſitze aus jedem Orte, in dem ich war, die berühmten und auch berüchtigten Menſchen in Viſitkartenformat— darf ich gelegentlich auch um Ihre Photographie bitten, Herr Baron?“ Bülow lächelte. „Mit Vergnügen!“ ſagte er, und fuhr, ſeiner Ab⸗ ſicht gemäß, fort:„So haben Sie wohl Ihren Schwa⸗ ger, den Herrn Grafen, erſt ſeit Kurzem wieder heim⸗ geſucht?“ „Freilich!“ antwortete das Männchen.„Ich bin erſt ſeit vierzehn Tagen hier,— das heißt, ich wohne 95 in der Stadt, und bin hier heute, gleich Ihnen, nur als Gaſt— ja, ja, ſeit vierzehn Tagen. Ich war ſeit einer Ewigkeit nicht in D., und ſah den Grafen das Letztemal vor ungefähr zehn Jahren auf ſeinem Schloſſe Heiligenbrunn. Ach,“ fuhr er mit einem Seufzer und faſt wie zu ſich ſelber redend fort,„ſeit jener Zeit änderten ſich die Verhältniſſe gar ſehr, und auch der Graf, der ein ſtattlicher Herr war, iſt ein Anderer geworden!“ „Jetzt habe ich ihn dort, wo ich ihn haben wollte!“ ſagte ſich Bülow, und dachte:„Der kleine Baron iſt ſicher kein Freund der jetzigen Gräfin, da werde ich trach⸗ ten, auf gewandte Art zu erfahren, ob er nicht etwa gar ſchon mit dem Photographen. Walter in Verbindung ſtehe!“ Bülow ſtand im Begriff das Männchen mit Ma⸗ nier weiter auszufragen, als er ganz unerwartet verhin⸗ dert ward, dieſes zu thun. Unmittelbar hinter der hohen Hecke, welche den Park der gräflichen Villa abgrenzte, zog ſich ein Fahr⸗ weg entlang, der von den bewaldeten Hügeln in's wei⸗ ter unten gelegene Dorf führte, und den man vom Parke aus durch das dichte Gebüſch nicht ſehen konnte. Von dieſem Wege her ertönte plötzich ein helles Kinderlachen und der Wohllaut einer Mädchenſtimme, 96 Kaum hatte der Onkel des Hauſes dieſe Stimme vernommen, als er von ſeinem Sitze emporſchnellte und mit verklärtem Antlitze lächelnd nach der Hecke hin⸗ überdeutete. „Die Agnes!“ rief er zu gleicher Zeit. „Wer iſt die Agnes, Herr Baron?“ fragte Bü⸗ low, indem er gleichfalls aufſtand. „Ei,“ verſetzte der kleine Mann, eine große Be⸗ weglichkeit entwickelnd,„das iſt ja meine Abgöttin, das liebenswürdigſte Geſchöpf der Welt, die junge Comteſſe!“ Bülow hatte Mühe, die innere Aufregung zu ver⸗ bergen, welche ſich ſeiner bei den Worten ſeines Beglei⸗ ters bemächtigte. „Die Comteſſe liebt es wohl, ſich von der großen Geſellſchaft abzuſondern,“ warf er mit ſcheinbar gleich⸗ gültiger Miene hin,„ich habe ſie vorhin nicht unter den Damen bemerkt.“ Der kleine Onkel ſchaute Bülow verwundert an. „Sie kennen alſo die Agnes?“ fragte er.„Ei, und Sie ſagten doch vorhin, daß Ihr heutiger Beſuch der erſte bei der gräflichen Familie ſei!“ „Ein Freund, mit dem ich geſtern den Corſo im Stadtparke befuchte, zeigte mir dort die Frau Gräfin und die junge Comteſſe!“ verſeßie e Bülow, einen ſcharſen Blick auf die Hecke richtend. 97 „So, ſo!“ entgegnete der kleine Baron.„Richtig, die Damen machten geſtern die Corſofahrt mit. Doch— um auf Ihre Frage zurückzukommen,— die Agnes iſt in der That keine Freundin von— unter uns geſagt— von den Schauſtellungen, welche die Gräfin, ihre Stief⸗ mutter, zu veranſtalten pflegt. Glauben Sie aber des⸗ halb nicht, daß die Tochter meiner guten, ſeligen Schweſter menſchenſcheu ſei. Sie iſt im Gegentheil das unbefangenſte, theilnehmendſte Weſen, das es gibt, voll Hingebung für Menſchen, die ſich offen und unge⸗ künſtelt geben, voll fröhlicher Laune für Alles, was ſich ihr natürlich und ungezwungen nähert. Sie iſt eben nicht für gezirkelte und geſchnörkelte Verſtandesmenſchen, ihr ganzes Naturell iſt nicht auf ſolche Kreiſe angelegt, wie jene zum großen Theil ſind, welche die Gräfin um ſich zu verſammeln pflegt.“ Bülow hörte kaum die Hälfte von dem, was der kleine, gutherzige Schwätzer vorbrachte, ſein ganzes Denken und Empfinden war im Augenblicke auf etwas Anderes gerichtet. Er vernahm die Silberſtimme des jungen Mäd⸗ chens, dieſe befand ſich jedenfalls in nur geringer Ent⸗ fernung. Bülow wäre gern in raſchen Sprüngen zu der Hecke geeilt, aber er durfte ſeine Ungeduld nicht vor dem Gefährten verrathen. Adojf Schirmer, Ein Familiendämon. II. 7 98 Zum Glück kam ihm dieſer zu Hülfe. „Kommen Sie,“ ſagte er ſchalkhaft lächelnd,„be⸗ lauſchen und überraſchen wir die junge Dame. Sie ſcheint dort ſehr beſchäftigt zu ſein, denn ich höre faſt fortwährend ihre Stimme, und dazwiſchen das Jauchzen Ferdinand's!“ „Wer iſt dieſer Ferdinand?“ fragte Bülow, der bereits eilfertig einen Fuß auf den Raſen geſetzt hatte, welcher ihn von der Hecke trennte. „Ferdinand iſt das achtjährige Söhnchen der Gräfin Hohenfeld,“ verſetzte das Männchen,„ein aus⸗ gelaſſener, kleiner Taugenichts, die eigenwilligſte Creatur, die je in Kinderſchuhen einherging. Das Kerlchen läßt ſich von Niemandem regieren, auch nicht von der Mutter, die doch ſonſt ſo ziemlich alle Welt zu beherrſchen verſteht! Dieſe Dame macht ſich nicht eben viel mit dem Kleinen zu ſchaffen, aber ſie bürdet den leibhaftigen kleinen Satan bei jeder Gelegenheit der armen, gedul⸗ digen Comteſſe Agnes auf, die für den wilden Burſchen gewiſſermaßen das ſein muß, was ſie ſelber früher der Agnes war,— eine Gouvernante!— Das gute Mädchen führt hier überhaupt ein Leben—! Aber ich bitte Sie, Herr Baron,“ fügte der kleine Herr haſtig hinzu, indem ſeine wohlwollenden Züge ſecundenlang einen ängſtlichen Ausdruck annahmen,„verrathen Sie mich 99 nicht! Mir liegt perſönlich nichts daran, aber— es iſt wegen der Comteſſe Agnes— Sie begreifen—! Aber hören Sie nur, wie das arme Mädchen ſich ereifern muß— was mag nun wieder geſchehen ſein? Kom⸗ men Sie!“ Und ohne eine Verſicherung oder Antwort Bülow's abzuwarten, trippelte der wackere Schwätzer über den Raſen hin, der bis an die hohe Einfriedung des Parkes hinanlief. Bülow folgte ihm raſch. Bald ſtanden ſie vor der Hecke. Sie vernahmen jetzt die Stimme der jungen Com⸗ teſſe deutlicer. In der That waren es Worte des Tadels und der Ermahnung, welche ſie ausſprach. Ein wildes Gelächter und Kreiſchen unterbrach dieſe Worte von Zeit zu Zeit. Bülow konnte durch das dichtverſchlungene Ge⸗ ſtrüpp der Hecke weder die junge Dame ſehen, noch den Knaben, von dem der kleine Onkel geſprochen hatte. Er erfaßte einige Zweige, um ſich einen Weg zu bahnen. Das Männchen aber zog ihn zurück. „Kommen Sie,“ flüſterte er,„wenige Schritte weiter iſt ein Pförtchen, dorthin müſſen wir ſteuern!“ Die beiden Herren ſchlichen auf dem Raſen an der Hecke entlang, bis ſie zu einem ſauber gehaltenen 100 Kiesweg kamen, der den Raſen durchſchnitt. Er führte durch dieſen Theil des Parkes zu einem halb unter Büſchen verſteckten Pförtchen, zu dem man nur gelan⸗ gen konnte, wenn man den üppig dort wuchernden Schlehdorn zur Seite bog. An dieſem Pförtchen rankten Nachtſchatten und Geisblatt in traulichem Durcheinander empsr, und die wilde Akazie wölbte ſich darüber hin. Dort blieben die Herren ſtehen, wohlverborgen durch Geſtrüpp und Geländer. Sie ſchauten über das Pförtchen hinüber auf den ſchmalen, ſteinbeſäeten Weg, der ſich zwiſchen der Hecke und den Hügeln in zahlloſen Krümmungen dahinwand. Ein eigenthümlicher Aublick bot ſich ihnen dar. Wenige Schritte vom Pförtchen entfernt hielt ein zierlicher Tilbury, der ſo klein war daß er faſt einem Kinderwägelchen glich. Davor waren winzige, zottige, norwegiſche Ponys geſpannt, die ungeduldig mit den kleinen Hufen die Erde ſtampften. Man konnte nichts Eleganteres ſehen, als dieſes reizende Miniaturfuhrwerk. Der Tilbury war mit einem Stoff aus lichtblauer Seide mit zarten Silberguirlanden ausgeſchlagen, die zierlichen Laternen zur Rechten und Linken des Kut⸗ ſcherſitzes aus getriebenem Silber, und anmuthige Ara⸗ 101 besken blitzten am Griff des Schlages, ſowie am Wagen⸗ tritt. Die Geſchirre der Ponys waren reich mit Silber verziert, die Trenſen und Zügel von blauem, ſilberdurch⸗ flochtener Seide, an den Köpfchen der Pferde blitzten blaue, ſilberdurchwirkte Roſetten, und die Mähnen waren ſorgfältig geordnet, und mit blauem Band und Silber⸗ draht eingeflochten. Vor den ungeduldig ſcharrenden Pferdchen ſtand ein kleiner Groom von etwa zwölf Jahren, in reicher Livree, mit Stulpenſtiefeln angethan, auf dem Kopfe einen hohen Hut, an dem eine Kokarde ſchimmerte und blaue und weiße Schleifen flatterten. Der Junge hatte Mühe, die ſchnaubenden, feurigen Roſſe zu halten, die auf die Stangen der Trenſe ſchäumten und biſſen, die Köpfe ſchüttelten und ihren Schaum weit umher ſchleuderten. Die Eigenthümerin dieſer reizenden Equipage aber, die Comteſſe Agnes, kniete in einiger Entfernung von dem Wagen neben einer alten Bäuerin, die vor wenigen Augenblicken mußte zu Boden geſunken ſein, und nun ſchwache, vergebliche Anſtrengungen ſich zu erheben machte. Die Alte war eine gelbe, runzlige, dürre Perſon, ein belebtes Skelett mit tiefliegenden Augen und ſchn e⸗ weißen Haaren. Sie trug eine ſehr ärmliche Kleidung. “ 1 10² Wenige Schritte von ihr lag eine alte, morſche Butte, die Reife derſelben waren geplatzt, und die ſchweren Holzſcheiter, welche die Alte unſtreitig darin geſchleppt hatte, lagen rings umher auf dem Wege. Die Gräfin Agnes hatte den einen ihrer zarten Arme um die knöchernen Schultern der Alten geſchlagen, der Zitternden einen ſicheren Halt zu geben, und blickte der Armen theilnahmsvoll in das ſchwarzbraune, hagere Antlitz. Welch' ein Gegenſatz,— die dürftige, zuſammen⸗ gebrochene Greiſin in den Armen des vornehmen, ele⸗ ganten, ſeidenrauſchenden, jugendfriſchen Mädchens, das Bild der Vergänglichkeit und der ſtrahlenden Lebensfülle, der ſtarre, kümmerliche Winter in den Armen des roſigen Frühlings! Zehn Schritte davon ſtand jener Knabe, den Bü⸗ low geſtern im Wagen der Gräfin erblickte. Er hatte die Hände in die Seiten geſtemmt und lachte, daß ihm die Thränen über die Wangen herabliefen. Bülow fühlte ſich durch den Anblick überraſcht, den dieſe Gruppe bot. Das Männchen an ſeiner Seite aber mühte ſich bereits, den roſtigen Riegel des Pfört⸗ chens zurückzuſchieben. „Ei, ei, Nichtchen!“ rief er zu gleicher Zeit. „Was iſt denn dort geſchehen?“ 103³ Ohne den Blick von der Alten abzuwenden, oder auch nur das Antlitz zu erheben, das ſie über dieſelbe geſenkt hielt, antwortete die junge Dame:„Sie ſind da, Onkel Mondſchein? O, kommen Sie doch geſchwind und helfen Sie mir, die arme Frau außzurichten!“ „Sogleich, mein Kind!“ war des Männchens Antwort. Und er begann aus Leibeskräften von Neuem an dem Riegel zu zerren. Doch noch bevor es ihm gelang, die Hartnäckigkeit dieſes Riegels zu beſiegen, hatte Bü⸗ low ſich bereits leicht und gewandt über die Pforte ge⸗ ſchwungen und ſtand im nächſten Augenblicke neben dem jungen Mädchen. „Geſtatten Sie mir, Ihnen behülflich ſein zu dür⸗ fen!“ ſagte er beſcheiden, mit artiger Verbeugung. Agnes blickte raſch empor. Das unerwartete, plötzliche Erſcheinen eines Fremden ſetzte ſie einigermaßen in Verlegenheit. Eilig wendete ſie den Kopf nach der Richtung des Pförtchens hin, und gewahrte den kleinen Baron Ohne⸗ ſorg, dem es gelungen war, den Riegel fortzuſchieben, doch nicht, das Gitter ſo weit zu öffnen, daß er hätte durch den Spalt auf den Weg ſchlüpfen können. Er ſchob und drängte nun eifrig vorwärts, ſuchte ſich durch die Oeffnung zu zwingen, und brachte es endlich richtig dahin, daß er weder vor⸗ noch rückwärts konnte. 104 Während deſſen hatte die Comteſſe, die nun wohl begriff, daß der ſo plötzlich vor ihr erſchienene, dienſtfertige Herr in Begleitung des Oheims gekommen ſei, dem jungen Manne ihr Angeſicht zugekehrt. Ein flüchtiger Blick ſtreifte zu ihm empor, indeß ſie in der früheren Stellung verblieb, und mit freund⸗ lichem Lächeln ſagte ſie:„Ich danke Ihnen für Ihre Gefälligkeit, mein Herr!“ Bülow hatte die Antwort des jungen Mädchens nicht abgewartet, er war der alten Bäuerin hülfreich beigeſprungen, hatte ihr unter den Arm gegriffen und ſtützte ſie vorſichtig, nachdem er ſie behutſam aufge⸗ richtet. Agnes erhob ſich nun, bat die alte Frau, ſich an ihre Schulter zu lehnen, und deutete auf einen be⸗ moosten Feldſtein in der Nähe, auf dem ſie ausruhen konnte, ſich vom erſten Schrecken zu erholen. Es zeigt ſich aber, daß die arme Alte ſich beim Fallen den Fuß verrenkt hatte, und kaum ſelbſt mit Hülfe des jungen Paares vermochte, ſich bis zu jenem Steine zu ſchleppen. Die Comteſſe ſchien für einen Augenblick rathlos, was nun zu beginnen ſei. „Wohnt Sie hier in der Nähe?“ fragte Bülow das arme Weib. — 1⁰⁵ Die Alte ſtammelte einige Worte, welche der junge Mann nicht verſtand. „Ihre Hütte ſteht am Ende dieſes Weges,“ ſagte Agnes, nochmals einen flüchtigen Blick auf den dienſt⸗ fertigen Fremden werfend,„die Entfernung mag etwa fünf Minuten betragen. Doch glaube ich nicht, daß die gute Frau bis dorthin werde gehen können. Und ſie bedarf vielleicht ſchleuniger Hülfe! Aber ich habe einen glück⸗ lichen Gedanken,“ fuhr ſie lebhaft fort,„dort hält ja mein Wagen. Ich fahre die Frau zu ihrer Hütte, während der Johann zum Arzt des Dorfes eilt. Und nicht wahr, Onkel Mondſchein,“ ſchloß ſie, lächelnd nach dem Männchen ſchauend, das zwiſchen den Pfoſten des Pförtchens, wie in einen mächtigen Schraubenſtock ein⸗ geklemmt ſteckte,—„nicht wahr, Sie geben Acht, daß nichts von dem Holze dort entwendet werde, bis die arme Frau Jemanden darum ſenden kann?“ „Mit Vergnügen!“ ſtöhnte das Männchen.„Könnte ich nur aus dieſer verwünſchten Falle heraus, die mich zwickt und klemmt, und mir den Athem verſetzt!“ „Ich befreie Sie ſogleich, Herr Baron,“ rief Bü⸗ low dem winzigen Opfer des halsſtarrigſten aller Gitter zu,„auf der Stelle, ſobald nur erſt dem armen Weibe hier geholfen ſein wird!“ 106 Und der junge Mann machte ſogleich Anſtalt, die alte, ſich ehrerbietig ſträubende Bäuerin in den Wagen zu heben. Die Kleider der Frau waren freilich ſtaubig und beſchmutzt, Bülow wagte daher auch die Bemerkung, daß er erbötig ſei, die Alte auf ſeinen Armen zu der Hütte zu tragen. „Da ſei Gott vor, daß ich meinen Wagen für zu gut hielte, einer armen Leidenden zu dienen!“ entgegnete die Comteſſe erröthend, doch mit Feſtigkeit. Auch Bülow erröthete unwillkürlich, er hob die Alte in den Wagen und hatte dabei volle Gelegenheit zu beobachten, wie das Mädchen mit faſt kindlicher Sorgfalt die ſeidenen Polſter zurecht rückte, wie ſie voll herz⸗ inniger Theilnahme in den Zügen der Greiſin forſchte und liebevolle Fragen an ſie richtete. Das war keine Anmaßung in Geſtalt der Demuth, wie ſie ihm noch vor einer Viertelſtunde in Bethanien entgegentrat, das war das Ueberquellen eines unbefan⸗ genen, prunkloſen, zu Hülfe und Troſt bereiten Ge⸗ müthes, war das ſtillbeſcheidene, zartfühlende Walten chriſtlicher Barmherzigkeit. Und mit welcher Anmuth die reizende junge Com⸗ teſſe alle dieſe kleinen Hülfeleiſtungen verrichtete! Bülow war entzückt davon. 107 Indeſſen arbeitete der Onkel Mondſchein anfänglich noch immer am Gitter herum, umarmte aber ſodann, als er die Erfolgloſigkeit ſeiner Bemühungen einſah, den Pfoſten, und ſchaute mit ſeltſamer, reſignirter Miene den jungen Leuten zu, wie ſie die Alte in den Tilbury hineinſchafften. „Aber Agnes,“ begann er endlich, als dieſe Auf⸗ gabe dem Paare gelungen war,„wie iſt denn eigentlich das Unglück dort geſchehen? Ich ſehe, Deine Ponys ſind ungeduldig und ſchnauben wie Teufel! Sie haben wohl gar die Alte dort umgerannt?“ „Nicht doch!“ entgegnete Agnes, und ihr Blick ſtrahlte voll Unwillen.„Der ungezogene Bube, der Ferdinand dort, trägt alle Schuld! Wir hatten den Wagen verlaſſen, und ſchlenderten neben demſelben, in⸗ dem wir Blumen am Wege pflückten. Da gewahrte der Knabe die tiefgebückt vor uns her keuchende Frau, und verſetzte ihr, bevor ich's noch verhindern konnte, einen Stoß, daß ſie ſammt ihrer ſchweren Laſt zuſam⸗ menſtürzte.“ „Pfui, der garſtige Bube!“ rief Onkel Mond⸗ ſchein entrüſtet dem Knaben zu, der, einen neuen Spaß witternd, ſich dem eingeklemmten Männchen lachend ge⸗ nähert hatte. 108 „Schimpfe nur, Onkel Mondſchein,“ rief er—„Du ſteckſt da in den Latten, wie der graue Papagei meiner 5 Mutter in ſeinem Käfig! Wart' nur, ich bringe Dir Zucker, dann wirſt Du mir wieder gut!“ Der wilde Junge ſprang zum Zaun, raufte eine Handvoll dort wuchernder Kletten aus, und warf ſie dem Oheim in's Haar und an die Kleider. Bülow ergriff den Knaben am Arm und zog ihn zur Seite. „Mir ſcheint, das iſt ein ſchlimmes Kind!“ ſagte er ernſt. 5 Der Knabe hörte auf zu lachen, warf die Lippen trotzig empor, kreuzte die Arme auf der Bruſt und maß Bülow mit zornfunkelnden Blicken. „So viel ich weiß, ſind Sie weder mein Vater noch mein Hofmeiſter!“ rief er. „Ich möchte wahrhaftig auch keiner von beiden ſein!“ verſetzte Bülow, der nicht umhin konnte, trotz der ernſten Betrachtungen, die ſich ihm bei dieſer Kinder⸗ erſcheinung aufdrängte, das Benehmen des Kleinen, der ſich wie ein beleidigter Kavalier geberdete, höchſt ge⸗ fährlich zu finden. Indem Bülow ſich lächelnd zu Agnes wendete, ſah er, daß die junge Comteſſe ſich anſchickte, den vorderen Sitz des Tilbury einzunehmen.. “ — — ,'— — 109 „Ah, Sie werden doch nicht ſelber fahren wollen?“ ſagte er—„die Ponys ſcheinen mir wirklich unbändig zu ſein,— ein neuer Unfall könnte ſich ereignen! Ge⸗ ſtatten Sie mir, die kleinen Roſſe zu lenken.“ Agnes zögerte verlegen mit der Antwort. „Laſſe den Herrn nur fahren, liebe Nichte,“ rief der gefangene Onkel Mondſchein—„der Herr iſt ein ſehr charmanter Kavalier, den ich hiermit die Ehre habe Dir vorzuſtellen— ein ganz vortrefflicher Sportsman, Du brauchſt Dich nicht zu fürchten— obendrein ein höchſt liebenswürdiger Geſellſchafter— ein ſehr guter Freund von mir— der Herr Baron von— Baron von— wie heißen Sie doch, mein Liebſter?“ „Bülow!“ ergänzte der junge Mann, über die ſeltſame Art der Vorſtellung beluſtigt. Dann eilte er zu dem verhängnißvollen Pförtchen, ſprengte es durch einen kräftigen Druck auseinander und befreite das Männchen aus ſeiner unbequemen Stellung. Auch über die Lippen der jungen Comteſſſe ſtreifte ein leiſes Lächeln, während ſie zu der Alten in den Wagen ſtieg. Bülow aber ſchwang ſich behende auf den Vorder⸗ ſitz des kleinen Fuhrwerkes und ergriff die Zügel mit feſter Hand. 110 Der Groom erhielt noch einen Auftrag für den Dorfarzt, dann wendete ſich Agnes an ihren Stief⸗ bruder. „Du wirſt den Onkel nach Hauſe begleiken Fer⸗ dinand!“ ſagte ſie. „Ich werde thun, was mir beliebt!“ antwortete der Kleine trotzig, und begann nach den Ponys mit Sand zu werfen. Die munteren Pferdchen bäumten ſich, der zwerg⸗ hafte Groom ſchnellte zur Seite, und fort raſſelte der Tilbury. Bülow hörte noch lange hinter ſich das Johlen des ausgelaſſenen Rangen, und dazwiſchen die beſchwich⸗ tigenden Ermahnungen des Onkel Mondſchein, der kei⸗ neswegs über die Geſellſchaft entzückt war, in der er am Pförtchen zurückzubleiben ſich gezwungen ſah. Agnes ſaß ſchweigend zurückgelehnt; der durch die raſche Bewegung des Wagens verurſachte Luftzug ließ ihr weißes Seidenkleid flattern. Sie hielt mit der Rech⸗ ten das Strohhütchen, unter deſſen ſchmalem Rand ihre 3 großen, ausdrncksvollen Augen ſich träumeriſch zu Boden ſenkten,— ſie gedachte des eigenthümlichen Zufalls, der ihr einen eleganten, ſchönen und wie es den Anſchein hatte, beſcheidenen und liebenswürdigen neuen Kutſcher zugeführt. 4 7 111 Dieſer aber fühlte ſeine Bruſt von tauſend wunder⸗ lichen und anmuthigen Gefühlen durchgaukelt. Fröhliche Gedanken mouſſirten in ſeinem Kopfe, wie die Perlen des Champagners im Glaſe. Luſtig ſchnellte er bei jedem Stoße des Wagens in die Höhe, er hätte ſo mögen durch das ganze Leben kutſchiren, doch nicht den Gegenſtand ſeiner Bewunderung im Rücken. Und dennoch hätte er in dieſem Augenblicke um keinen Preis den Kopf nach rückwärts wenden mögen, — fürchtete er doch durch die erhöhte Farbe ſeiner Wangen, den Glanz ſeines Blickes zu verrathen, was in ihm wogte und ſtürmte. Viertes Capitel. Eine geheime Beſprechung. Die Geſellſchaft, welche von Bülow und dem Onkel Mondſchein verlaſſen worden, war durch den Park ge⸗ ſchlendert, hatte die Villa erreicht und ſich dort in Gruppen zertheilt, plaudernd die Dinerzeit erwartend. Die Einen ſaßen unter der zierlichen, mit koſtbaren Blumenterraſſen geſchmückten Veranda, die Andern hatten ſich in die anſtoßenden Salons oder zu den nahen Ge⸗ wächshäuſern begeben, wo Springbrunnen plätſcherten und eine tropiſche Pracht entfaltet war, die im deutſchen Mai noch nicht in's Freie hinausrücken durfte. Die Mehrzahl der Gäſte beſtand aus Herren. Das hatte ſeinen guten Grund. Die hohe, weibliche Ariſtokratie der Reſidenz— und in Reſidenzen zweiten und dritten Ranges iſt der 113 Adel noch difficiler als in Weltſtädten— verſchmähte es, die Diners und Soiréen der ehemaligen Gouvernante durch ihre Gegenwart zu verherrlichen. Und da die Grä⸗ fin Hohenfeld keineswegs geſonnen war, ihre Damenge⸗ ſelſſcaft aus dem Bürgerſtande zu rekrutiren, ſo ſah ſie ſich auf eine alte, verarmte Comteſſe, die auf Schma⸗ rotzen angewieſen war, und ein paar Fräulein beſchränkt, Beamtentöchter, deren Väter erſt ſeit kurzer Zeit waren geadelt worden. In Folge dieſes von der eigentlichen créme der haute volée Ausgeſchloſſenſeins, hatte ſich die Gräfin der Männerwelt zugewendet, ihr für ihren Ehrgeiz zu einem Wirkungskreiſe zu verhelfen. Und die Herren der Ariſtokratie zeigten ſich weniger bedenklich, als die Da⸗ men, wie dies ſtets und überall der Fall iſt, ſie ſtellten ſich bereitwillig und jederzeit zu den luculliſchen Tafeln des gräflichen Hauſes ein, und verziehen es der pikan⸗ ten Emporkömmlingin ſogar, daß ſie ſich dort genöthigt ſahen, mit Künſtlern und Gelehrten zu verkehren, wel⸗ chen die Gräfin ebenfalls Zutritt zu ihren jours fixes gewährte. Sie war ſich nämlich völlig bewußt, daß ſie eine Perſon von Geiſt ſei, ſomit trachtete ſie nun dar⸗ aach, in der Geſellſchaft, welche ſich ihr durch den Rang ihres Gatten erſchloß, als eine andere Fürſtin Lieven Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. 8 114 zu erſcheinen. Da es ihr bis jetzt an Gelegenheit, wenn auch nicht an Talent, gemangelt hatte, die höchſten Staats⸗ männer, die Lenker der Geſchicke Europa's, wie es jene Dame gethan, in ihren magiſchen Kreis zu ziehen und an ihren Seſſel zu bannen,— denn dazu hätte ſie müſſen nicht in D. ſondern in Paris, London oder Wien eine Rolle ſpielen— ſo begnügte ſie ſich mit der de- mi-monde der Diplomatie, welche von den Höfen nach kleineren Reſidenzen geſchickt wird, und ſie fand vorläufig ihren Triumph darin, ſich als das Orakel einiger äußerſt wichtig thuender Ambaſſadeurs anzuſehen. Indem ihr neben der berühmten, vorgenannten Ruſſin die nicht wenig ausgezeichneten deutſchen Damen Rahel und Bet⸗ tina vorſchwebten, bemühte ſie ſich, es ihnen en minia- ture gleich zu thun, und daher war auch die Literatur und Kunſt in ihrem Salon vertreten. Und ſie hatte ſo erreicht, was ſie hatte erreichen wollen,— die naſe⸗ rümpfenden, vornehmen Damen ärgerten ſich, daß die Cirkel der ehemaligen Gouvernante ſich eines unbeſtrit⸗ tenen Rufes erfreuten, und von den Männern ſehr ge⸗ ſucht wurden. Die Gräfin war aber ſchlau genug, um ſich nicht als eine Emancipationsſüchtige in's Gerede zu bringen, außer der Männerwelt auch die Frömmigkeit zu„ ihrer Verbündeten zu machen,— ihr Bethanien und noch einige andere Tartüfferien waren die Folge davon. 4õ 1 So ſpielte ſie denn in der Reſidenz in der That eine Rolle, hatte einflußreiche Connexionen, und war eine Dame, deren Ruf ſich ſchwer antaſten ließ. Was hatte ſie, die Abenteurerin, die Verbrecherin, jetzt auch zu fürchten? Wie waren ſie und ihr Gatte— der entwichene Sträfling— ſchlau nach den Plänen des Letzteren vorgegangen! Den ſchwarzen Fritz, dieſen ſchlechten Menſchen, der urſprünglich dem Vorgehen ſeines Weibes eine ſolche Richtung gegeben, wie der Le⸗ ſer aus dem Geſpräche am Steinbruche weiß, hatte die⸗ ſes Weib längſt überflügelt. Anfänglich hatte ſie ſei⸗ nem Drucke weichen und ſtatt das Schickſal des Soh⸗ nes das des Vaters an das ihre knüpfen müſſen, dann aber, intelligenter und verſchmitzter als ihr Mann, auch über dieſen triumphirt. Sie hatte ſich zu einer Intri⸗ guantin erſten Ranges entwickelt, die Schülerin übertraf jetzt den Meiſter, und ſo war es ihr gelungen, die ſie im Anfange ſein Werkzeug geweſen, ihn im Laufe der Jahre zu dem ihrigen umzuſchaffen. Und hier, nun wir das geheime Treiben dieſes Paares berühren, iſt es am Platz, etwas über das Vor⸗ leben des Sekretärs Schwarz und jenes weiblichen Dä⸗ mons zu ſagen, das wir ſeither nur flüchtig berühren konnten. 8* 116 Fritz Brandt war noch vor fünfzehn Jahren Ge⸗ richtsaktuar in S. geweſen. In dieſer Stellung hatte er die Bekanntſchaft eines Mädchens gemacht, die kein Vermögen, aber Geiſt und Bildung beſaß, denn ſie hatte bis zu ihrem achtzehnten Jahre, um welche Zeit raſch hinter einander ihre Eltern ſtarben, Gelegenheit genug gehabt, in anſcheinend glänzenden Verhältniſſen ſich geiſtig zu entwickeln. Dieſes Mädchen, Thereſe, ward die Frau des Aktuars.— Wären ihre ſonſtigen Eigenſchaften mit ihren geiſtigen Fähigkeiten im Einklang geweſen, ſo würde ſie den leichtſinnigen Mann, dem ſie angetraut ward, viel⸗ leicht vom Wege des Verbrechens zurückgehalten haben, ſo jedoch beſaß ſie kein Herz, wohl aber den unbezähm⸗ baren Trieb, für mehr zu gelten, als ſie berechtigt war, denn in dieſem Sinne war ſie erzogen worden. Brandt hatte ſie geheiratet, weil er ſie für vermögend hielt, ſie hatte dasſelbe von ihm geglaubt, denn er lebte ziemlich verſchwenderiſch. Und als ſie nun nach eingegangener Ehe über einander in's Klare gekommen, da verſtändig⸗ ten ſie ſich mit einander und beuteten von Stunde an ihren Kredit und ihre Stellung aus. Brandt ging ſchließ⸗ lich noch weiter, er machte beträchtliche Unterſchleife, und ſein und ſeiner Frau Treiben endete damit, daß er 117 zu zwanzigjähriger und ſie, als ſeine Mitwiſſerin, zu faſt ſechsjähriger Zuchthausſtrafe verurtheilt wurde. Thereſe ſaß ihre Strafzeit ab, und verließ dann ihre Heimat. Was ſollte ſie dort? War ſie doch ge⸗ brandtmarkt, konnte ſie doch daſelbſt keine Rolle mehr ſpielen, und ſie hofſte dieſes noch anderwärts thun zu können. Das Schickſal ihres Mannes kümmerte ſie nicht, — ſie und er hatten ja ohne Liebe geheiratet. Auf gut Glück war ſie alſo in die Fremde gezo⸗ gen, und wir ſahen ſie zuerſt als Opfer einer Eiſen⸗ bahnkataſtrophe, deren Folgen glücklich für ihre ehrgei⸗ zigen Pläne ausfallen ſollte. Und als nun ein ſeltſames Ungefähr ſie zwang, ihr Loos wiederum an das ihres Gatten knüpfen zu müſſen, da geſchah dieſes von Seiten Beider, wie es dem Leſer ſeiner Zeit unſtreitig klar ward, ohne die geringſte Theilnahme für einander. Nachdem nun die vermeintliche Charlotte Werner ihren Mann beim Grafen Hohenfeld als Sekretär ein⸗ geſchmuggelt, als ſie und der ſchwarze Fritz— ſo war Brandt ſchon in ſeiner Jugend genannt worden— ihr ſchändliches, verbrecheriſches Vorhaben ausgeführt, der Sohn des Grafen verſtoßen worden war, und dieſer, ohne es zu ahnen, die Frau jenes Mannes, der in ſeiner unmit⸗ telbaren Nähe weilte, geheiratet hatte,— denn durch 118 den Sekretär waren ſämmtliche Schriften, deren die Gouvernante zur Trauung bedurfte, gefälſcht worden— da betrachteten ſich Schwarz und die Gräfin nicht mehr als Mann und Frau, ſondern als Verbündete, deren Aufgabe es hinfort ſei, einander mit Feinheit ſo in die Hände zu arbeiten, daß eines Tages, früher oder ſpäter, das große Vermögen des Grafen zur Theilung in ihre Hände gelange. Von dieſem Gedanken erfüllt hatte die Gräfin die Erziehung ihres Stiefkindes Agnes derartig überwacht, daß ſie ſich beruhigt ſagen zu können glaubte:„Mein Wille iſt auch der des Mädchens, ich werde einſt mit ihr anfangen können, was mir beliebt!“ Und auch den Grafen hatte ſie im Laufe der Jahre willenlos gemacht. Nur Eins war ihr bis zur Stunde nicht gelungen,— ihn zu teſtamentariſchen Verfügungen zu beſtimmen, welche ihr und ihrem Kinde — da Karl verſchollen blieb— ſchon jetzt das Erb⸗ theil des verſtoßenen Sohnes ſicherte, zu dem ſie ſpäter in liſtiger Weiſe dasjenige der Stieftochter zu fügen hoffte. Alle ihre und des Sekretairs Künſte waren hier geſcheitert, und ſie konnten eben nichts thun, als war⸗ ten, bis der gebrechliche Graf ſich einmal durch körper⸗ liche Leiden in einem nahezu unzurechnungsfähigen Zu⸗ 119 ſtande befinden werde, in welchem ſich eine Unterſchrift von ihm würde erhaſchen laſſen. Wer weiß, ob ohne dieſe Hartnäckigkeit des Grafen nicht längſt das Leben des alten Mannes durch dieſe beiden an ſeiner Seite lebenden, egoiſtiſchen, verbrecheriſchen Weſen gefährdet geweſen wäre! Aus dem ehemaligen frechen Sträfling Fritz Brandt war freilich durch das Wohlleben ein Menſch geworden, der vor jeder Gewalt⸗ that zurückſchreckte, die Sicherheit, in der er ſich befand, und die Ausſicht, ohne Gefahr dereinſt ein großes Ver⸗ mögen zu erlangen, hielt ihn von jeglicher gewagten Handlung ab. Und die Gräfin? Sie würde ſich viel⸗ leicht nicht auf Zuwarten beſchränkt haben, hätte ſie einen Geliebten gehabt. So aber liebte die ſtarre Egoiſtin nur ſich ſelbſt, es trieb ſie keine Leidenſchaft zu einer gefährlichen, dunklen That, und mit Gelaſſen⸗ heit ging ſie Schritt vor Schritt weiter. Um dieſe Gelaſſenheit ſchien es aber in dem Au⸗ genblicke, wo wir ſie in ihrer Geſellſchaft unter der Veranda der Villa verließen, um einen Rückblick auf ihr und des Sekretairs Leben zu werfen, nicht beſonders gut zu ſtehen. Die Gräfin plauderte mit ihrer Umgebung, doch obgleich ſie lebendig und mit Geiſt das Geſpräch leitete, war ſie dennoch nicht recht bei der Sache. 120 Ihr Zlick ſchweifte unruhig über den Park, be⸗ ſonders nach jenem Wege hin, auf dem Bülow und der Onkel Mondſchein die Geſellſchaft verlaſſen hatten. Zu verſchiedenen Malen ſchaute ſie ungeduldig, doch ſcheinbar achtlos, auf die kleine Uhr, welche gleich einem Medaillon an ihrem Bracelet hing. Die Stunde des Diners war nahe daran zu ſchla⸗ gen. Da trat der alte Graf an ſeine Gemahlin heran. Als er im Flüſtertone mit ihr zu ſprechen begann, zogen ſich die Nächſtſtehenden diskret einige Schritte zurück. „Mein Kind,“ ſagte er, einen faſt ſcheuen und zag⸗ haften Blick auf die Dame richtend,„mir iſt nicht wohl. Du wirſt entſchuldigen, daß ich an der heutigen Mittags⸗ tafel nicht Theil nehme!“ „Ah, man ſieht Dir nicht an, daß Dir etwas fehlt!“ murmelte die Gräfin kurz.„Du biſt wieder launenhaft, mein Freund!“. „Charlotte,“ entgegnete der Graf mit bittender Miene,„mir thut das fröhliche Schwatzen der Leute weh, — erſpare es mir, ich ziehe mich zurück Du weißt, welcher Tag heute iſt!“ „Heute iſt ein Tag wie jeder andere!“ „Heute iſt— Karl's Geburtstag!“ — — 12¹ „Du willſt Dir alſo durch's ganze Leben Dein Daſein verkümmern?“ „Ich war zu hart gegen den zwanzigjährigen, leiden⸗ ſchaftlichen Jüngling—!“ „Das ſagte ich Dir vor zehn Jahren auch, und Du wollteſt nicht auf mich hören. Geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern. Der Arme iſt ohne Zweifel längſt todt. Wohl ihm und Dir! Ihr waret ohnehin Na⸗ turen, die nicht für einander taugten. Vergiß nicht, daß Du einen Sohn haſt, der lebt!“ „Und der mir Kummer genug verurſacht—!“ „Still, mein Freund! Zeit und Umgebung ſind in der That nicht zu ſolchen Erörterungen geeignet. Du haſt recht, Du biſt wahrhaftig krank— thu' nach Deinem Belieben— zieh' Dich zurück, Dein Benehmen iſt heute ohnehin ſonderbar. Wozu haſt Du dieſen Baron Bülow ſo ohne Weiteres in Deinem Wagen hie⸗ hergeführt?“ „Ich— ich— „Und wo iſt Schwarz?“ „Er wird wohl bald hier ſein— er hat noch in der Stadt bleiben müſſen— dem Notar die Papiere abzunehmen— und— und— ich werde ſie beſtimmt dieſer Tage unterſchreiben—“ 122 „Du biſt ernſtlich krank, mein Freund! Du virſt wohl thun, Dich zurückzuziehen. Auf baldige Beſſerung!“ Die Gräfin ſchleuderte dem Grafen einen herriſchen, gifterfüllten Blick zu, den nur der alte Mann auffing. Er ſchlug die Augen nieder, und verzog das Geſicht zu einer Grimaſſe, die wie ein freundliches Lächeln aus⸗ ſehen ſollte. Er wankte in aller Stille fort. 4 Die ehemalige, demüthige Gouvernante aber wen⸗ dete ſich ſo heiter und ſtolz zu der Geſellſchaft, als habe ſie ſo eben ein kleines herzliches Zwiegeſpräch mit ihrem Gatten gehalten. 1 Im gleichem Momente erſchien vom Salon her der Sekretair Schwarz an der Schwelle der Veranda. „Endlich!“ murmelte die Gräfin in ſich hinein. Und ſie winkte den Sekretair, deſſen ſcharfer Blick ihren Bewegungen folgte, zu ſich heran. Schwarz trat mit ehrfurchtsvoller Haltung näher. „Kommen Sie nach dem Diner in mein Boudoir — es iſt eine Gefahr im Anzuge!“ flüſterte ſie, nur dem Sekretair vernehmbar. „Ich habe das erwartet!“ ziſchelte dieſer und ver⸗ neigte ſich tief, indem er zurücktrat. Die Gräfin begann wieder mit den Gäſten zu plaudern, aber mehr als zuvor irrten ihre Blicke zu dem Parke hinüber. Da ſah ſie plötzlich den Onkel —— 123 Mondſchein aus jenem Wege hervorkommen, den er znu⸗ vor eingeſchlagen hatte. Doch was war das? Der Baron Bülow ging nicht mehr an der Seite des Männ⸗ chens, ſondern der kleine Ferdinand folgte ihm. Und die Ueberraſchung der Gräfin ſteigerte ſich, als ſie nun unmittelbar darauf ihre Stieftochter und den jungen Fremden auf jenem Pfade erſcheinen ſah, der vom Vorparke um die Villa herumführte. Die jungen Leute redeten ungezwungen und heiter mit einander. Die im vorigen Capitel geſchilderte Situation und ihre Folgen hatte ſie natürlicher Weiſe raſcher einander genähert, als dieſes wohl ſonſt bei einer erſten Begegnung würde der Fall geweſen ſein, und Jedes von ihnen hatte bereits vollauf Gelegenheit gehabt, einen Blick in das Gemüth des Anderen zu thun. Bülow fühlte ſich gehoben, und war darüber ent⸗ zückt, daß das innere Weſen des anmuthigen Geſchöpfes der Außenſeite nicht nachſtehe, in dieſer erhöhten Stimmung hatte er ſich ſelbſt und den urſprünglich gehegten Vorſatz vergeſſen, um jeden Preis einen Ein⸗ druck machen zu wollen, die gewöhnliche Schwäche jun⸗ ger Elegants, und eben dieſes hatte bewirkt, daß er um ſo raſcher einen ſolchen auf das Herz des jungen Mädchens machte. 124 Die Gräfin forſchte einige Augenblicke in den Zügen des nahenden Paares, und biß ſich dann ſekundenlang in die ſchmalen Lippen. Eben ſo flüchtig war ein leichtes Stirnrunzeln, das von ihrem Antlitze verſchwand, noch bevor es der ſich ihr lächelnd nähernde Bülow hätte gewahren können. Die Gräfin richtete mit artiger Vertraulichkeit und voll anſcheinend heiterer Grazie einige Worte an den jungen Mann, als der Haushofmeiſter, den Bülow bei ſeinem Ausſteigen aus der Kaleſche des Grafen, wie der Leſer ſich erinnern wird, durch einen Denk⸗ zettel ſo ſehr in Erſtaunen verſetzt hatte, ehrerbietig zu ſeiner Herrin trat, und ihr meldete, daß ſervirt ſei. Es blieb Bülow, der gehofft hatte, während des Diners an der Seite der reizenden Agnes bleiben zu können, nun wohl nichts anderes übrig, als die Gräfin um die Ehre zu bitten, ſie zur Tafel geleiten zu dür⸗ fen. Dieſe Ehre ward ihm voll Anmuth zugeſagt. Die Gräfin war während des Diners ungewöhn⸗ lich geſprächig, ſie war es in einem ſolchen Grade, daß ein ſcharfer Beobachter an ihr entdeckt haben würde, wie ſie Alles aufbiete, eine innere keineswegs heitere Erregung zu verbergen. Bülow war heute ein ſolcher Beobachter nicht. Seine Blicke wanderten nur zu häufig zu der ſchönen —1',—— 125⁵ Comteſſe Agnes hinüber, die an der anderen Seite der Tafel ſaß. Wenn auch die innere Erregung der Gräfin dem jungen Manne entging, ſo ward die ſeinige doch von der Dame des Hauſes nicht überſehen, obſchon ſie mit Virtuoſität die Argloſe ſpielte. Während der Tafel ſchien nur Agnes die Ab⸗ weſenheit des Vaters zu bemerken,— ward der alte Graf doch von den Gäſten des Hauſes als Nebenperſon angeſehen. Das junge Mädchen ſchien einigermaßen gedrückt, beſorgt, jedenfalls hatte ſie während des Diners, ob⸗ wohl ihre Tiſchnachbarn ſich um ihre Unterhaltung be⸗ mühten, nicht jene ungezwungene Haltung, jenes frei⸗ müthige, anmuthige Benehmen, wodurch ſie Bülow während der Rückkehr zur Villa ſo bezauberte. Wenn es das eine oder das andere Mal den Anſchein hatte, als wolle ſich ein jugendlicher Frohſinn bei ihr Bahn brechen, ſo war dieſes Aufflackern doch augenblicklich er⸗ loſchen, ſobald ſie einen Blick auf die Stiefmutter richtete. 4 Dieſe ſchien das junge Mädchen, ohne daß ſie ſich um ſie bekümmerte, ſchon durch ihre Gegenwart im Salon zu beherrſchen, einzuſchüchtern. 126 Bülow fühlte das wohl. Mit um ſo größerer Theilnahme betrachtete er, ſo oft er es ohne Auffällig⸗ keit thun zu können glaubte, das anmuthige Geſchöpf, das freilich während der ganzen Dauer des Diners kein Auge für ihn zu haben ſchien. Nachdem die Tafel aufgehoben worden, verabſchie⸗ dete ſich ein Theil der Gäſte. Unter ihnen Bülow. Die Gräfin entließ dieſen mit einem huldvollen Lächeln und mit der Aufforderung, ſeinen Beſuch in der Villa zu wiederholen. Agnes erröthete, ſtammelte einige Worte und richtete einen ſchüchternen, faſt wehmüthigen Blick auf den jungen Mann, als dieſer ſich empfahl. Bülow kehrte in einem Miethwagen, den er im Dorfe nahm, nach der Stadt zurück, ohne daß er beim Verlaſſen der Villa des Grafen anſichtig geworden wäre. Der junge Mann war von Freude berauſcht, als er nun, die brennende Cigarre im Munde, in die Pol⸗ ſter des offenen Miethwagens zurückgelehnt, durch den herrlichen Park der Reſidenz ſich nach ſeinem Hotel fah⸗ ren ließ. „Das iſt ein vortrefflicher Anfang!“ ſagte er ſich. „Aber für wen? Mein armer Walter, ich habe nicht Zeit gehabt, viel an Dich zu denken! So iſt Männer⸗ freundſchaft! Aber ich werde mich beſſern, ich werde ——-—— 127 von der Einladung der Gräfin Gebrauch machen, ſollte dieſe auch nicht ernſtlich gemeint geweſen ſein, und dann will ich mich mit dem Schickſale meines armen Photo⸗ graphen beſchäftigen, weiß Gott, das will ich thun! Morgen oder dieſer Tage beſuche ich den kleinen gut⸗ herzigen Baron Ohneſorg, den Onkel Mondſchein, wie ſie ihn nennen, er hat mir ja beim Abſchiede ſeine Adreſſe gegeben. Ob er weiß oder nicht, daß ſein ver⸗ ſchollener Neffe hier iſt,— denn Walter iſt der junge Graf, das ſteht feſt— jedenfalls wird es gut ſein, daß ich mich mit dem kleinen Manne beſpreche, er hält nicht zu der Gräfin. Und die Comteſſe Agnes hängt an ihm, wie ſie mir vertraut hat! Wenn ich da—“ Bülow unterbrach ſich und verlor ſich in allerlei Träumereien. Und als nun das Fuhrwerk über die Brücke dem Hotel zurollte, da fuhr er aus ſeinem Sinnen auf und murmelte umherblickend:„Wahrhaftig, dieſes D. ſche Land iſt ſchön,— ich hätte Luſt, das Heiligenbrunn des alten Grafen unbeſehen zu kaufen! Für eine Baronin Bülor) wird vielleicht die nächſte Zukunft ſorgen.„— Wir verlaſſen jetzt den jungen Mann und kehren zu der Villa des Grafen Hohenfeld zurück. 128 Bülow hatte kaum der Villa den Rücken gewendet, als die Gräfin jenen Gäſten, die noch geblieben waren und jetzt unter der Veranda den Kaffee ſchlürfend ſaßen, heimlich entſchlüpfte, und ſich nach ihrem Boudoir begab. An der Schwelle desſelben harrte bereits der Se⸗ kretair Schwarz. Seine Miene war bedenklich. Das Paar tauſchte einen vielſagenden Blick aus und betrat ſchweigend den kleinen Salon. Erſt nach⸗ dem ſich die Thür hinter den Beiden geſchloſſen hatte, gab ſich die Gräfin ihrer Aufregung, welche ſie ſo lange hatte bemeiſtern müſſen, unverholen hin. Sie warf ſich auf einen Balzac des mit aller Raffinerie des Luxus reizend ausgeſtatteten Gemaches. Ihre dunklen Augen blitzten voll Unruhe zu dem Manne auf, der zwei Schritte von ihr entfernt vor ihr ſtehen blieb, und deſſen erdfahles Antlitz ebenfalls eine gewiſſe Unruhe verrieth. „Er iſt da!“ hauchte die Gräfin.„Ich habe mich alſo nicht getäuſcht! Deine beſorgte Miene beſtätigt es mir!“ „Ja!“ antwortete der Sekretair.„Der Zufall ließ mich dieſen Morgen auf ihn ſtoßen, ſonſt hätte ich ihn wohl nicht ſobald ausfindig gemacht, denn er iſt hier unter fremdem Namen und wohnt ſeit heute nicht mehr in einem Hotel.“ —— 129 „Ah,— unter fremdem Namen! Um ſo ſicherer bin ich, daß er etwas gegen mich im Schilde führt! Auf welche Art entdeckteſt Du ihn? Biſt Du über⸗ zeugt, daß Du den Rechten gefunden?“ „Ich bin deſſen gewiß! Nachdem ich den Grafen zur Stadt begleitete, verließ ich das Palais, um, wie Du es verlangt hatteſt, Erkundigungen über den Frem⸗ den einzuziehen, deſſen Anblick Dich geſtern auf dem Corſo ſo ſehr erſchreckte. Es war das keine leichte Aufgabe, falls der junge Graf auf den Gedanken ge⸗ kommen,— wie ich dies ſogleich vermuthete,— unter falſchem Namen in der Reſidenz zu erſcheinen. Ich ent⸗ ſchloß mich, vorerſt im Fremdenmeldungsbureau der Po⸗ lizei nachzufragen, ob und wann ein Graf Hohenfeld angekommen ſei. Sollte ich dort nichts erfahren, ſo war ich entſchloſſen, mit Hülfe der genauen Perſonen⸗ beſchreibung, welche Du mir gegeben, in allen Hotels der Reſidenz weiter nachzuforſchen. Im Begriffe, mich zur Polizei zu verfügen, ſiel mir ein, daß ich zuvor noch jene Leute aufſuchen könne, von denen ich mir ſeit einiger Zeit meine Väſche anfertigen laſſe, es ſind das zwei Schweſtern, die im Verein mit ihrer Großmutter einen kleinen Kramladen in der Flußgaſſe halten. Ich ging dorthin, die Arbeit der Mädchen zu beſchleunigen, und — ſand wunderſamer Weiſe daſelbſt unſern Mann.“ 9 Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. beſchrieben, wie er jetzt ausſieht und Du ihn geſtern geſehen, ich würde ihn dennoch in dem Miethsmanne der Mädchen erkannt haben, denn ich war doch noch eine ziemliche Zeit mit ihm in Heiligenbrunn zuſammen, und es haben ſich ſeine Geſichtszüge nicht ſonderlich ver⸗ ändert.“ Zimmer genommen? Er iſt alſo unter fremdem Namen. hier, und beabſichtigt, hier längere Zeit zu bleiben?“ „Das iſt eine erſtaunliche Fügung!“ „Hätteſt Du mir den jungen Grafen auch nicht „Ah, er hatte ſich bei Deinen Weißnäherinnen ein „Gerade um dieſelbe Zeit, als ich mich im Kram⸗ laden befand, hieß es: Der neue Zimmerherr kommt mit ſeinen Reiſeeffekten! Gleich darauf ſah ich dieſen Zimmerherrn, und erkannte ihn. Ich erfuhr, was die Mädchen wußten,— der Fremde ſei ein Deutſcher und nenne ſich Walter. Er komme von Paris und habe jetzt das Hotel zum„goldenen Stern“ verlaſſen, um in der Flußgaſſe ein photographiſches Atelier zu er⸗ richten.— Mehr konnten mir die Nädchen nicht ſagen.“ durch zehn Jahre keinen Heller von dem bezogen, was „Wie? Er gibt ſich für einen Photographen aus?“ „Er mag es in der Wirklichkeit ſein. Hat er doch 131 ihm ſein Vater ausſetzte— und ſeinen Lebensunter⸗ halt mußte er ſich doch erwerben!“ „Du ſtellteſt keine weiteren Nachforſchungen über dieſen Photographen Walter an?“ „O doch! Ich ging zur Polizei und erkundigte mich ſo harmlos wie möglich. Ich erfuhr auch nichts anderes. Dann ging ich zum Notar, und als ich von dieſem nach dem Palais zurückkehrte, da mußte ich jenen Herrn anmelden, der heute Dein Tiſchnachbar war, und in dem ich ſogleich nach Deiner Beſchreibung den geſtrigen Corſogefährten des jungen Grafen zu er⸗ kennen glaubte. Und als nun dieſer Baron Bülow mit dem alten Grafen fortgefahren war, da begab ich mich ſogleich zum goldenen Stern—“ „Was erfuhreſt Du dort?“ „Daß der Baron Bülow mit dem Photographen aus Paris ſehr freundſchaftlich verkehrt habe, der Baron bereits vor vier Wochen und der Walter erſt ſeit acht Tagen in der Reſidenz ſei.“ „Ah, ſie verkehrten freundſchaftlich mit einander! Und dieſer Baron Bülow hat jetzt erſt ſein Empfehlungs⸗ ſchreiben abgegeben. Ja ja, ein unbeſtimmtes Gefühl ſagte mir ſogleich, als mir der Graf heute den jungen Mann in Bethanien als unſern Gaſt vorſtellte, und ich in dieſem den geſtrigen Begleiter Karl's erkannte, daß 9* man eine Intrigue gegen mich beabſichtige. Der Graf Karl hat ohne Zweifel dieſem Bülow Enthüllungen ge⸗ macht, der junge Mann iſt unſtreitig ſein Vorpoſten und ſoll für ihn agiren. Darum alſo drängte ſich der Fremde an den Grafen, ſchlich ſich mit dem Onkel Mondſchein auf die Seite, richtete es ſo ein, daß er mit Agnes unter vier Augen ſprechen konnte. Der alte Baron Ohneſorg iſt auch ſeit Kurzem erſt, wie aus den Wolken herabgefallen, plötzlich da; obgleich er uns ſeit vielen Jahren mied, weiß er eigentlich keinen rech⸗ ten Grund anzugeben, warum er ſich wieder bei uns einfindet, und obendrein faſt täglich. Haben ſich alle dieſe Menſchen ſchon geſprochen und mit einander verabredet noch bevor ſie nach D. kamen? Schmiedeten ſie längſt ein Complot, oder ſind ſie jetzt darüber aus es zu thun, nachdem ſie ſich hier zuſammen gefunden?“ „Du haſt recht, die Sache iſt verdächtig, die Mäd⸗ chen, bei denen der Graf Karl wohnt, ſind die Nichten des verſtorbenen Chriſtoph— der Baron Ohneſorg hat ſicher den Grafen dort einquartirt. Ich wollte Dich heute warnen, und ſehe, Du biſt hinreichend unter⸗ richtet. Aber im Grunde, was kann man Dir an⸗ haben?“. „Nichts! Karl hat nie eine Ahnung von meinem Vorleben gehabt, er wird noch nichts darüber wiſſen—“ —— —- 133 „So wenig wie über das meinige! Das Herr⸗ chen würde ſich ſonſt anders zu uns geſtellt haben—!“ Der Sekretair lachte höhniſch auf. Die Gräfin erhob ſich vom Balzac und ging haſtig im Salon auf und nieder. „Aber ein böſer Querſtrich bleibt es für uns,“ ſagte ſie mit düſterer Miene,„daß dieſer Verſchollene ſo plötzlich auftaucht. Der alte Graf iſt ſchwach, faſt kindiſch, er fühlt Gewiſſensbiſſe,— und wenn der Onkel Mondſchein und Agnes mit dieſem Photographen Wal⸗ ter im Bündniſſe ſein ſollten, wenn ſie den alten Grafen heimlich bearbeiten würden—“ „Du biſt hier allmächtig, Thereſe!“ unterbrach ſie der Sekretair.„Kannſt Du nicht den Baron von hier verbannen?“ „Aber ich kann doch nicht auch die Tochter aus dem Hauſe jagen! Ich darf weder das Eine noch das Andere thun, denn ich würde ihnen zeigen, daß ich ſie fürchte!“ Die Gräfin ballte ihre Hände und ſtrampfte mit dem Fuße. Ihr blaſſes Antlitz ward vor Zorn noch fahler, ihre Züge glichen denen einer Megäre. „Schändlich!“ murmelte ſie.„Ich habe zugewartet, aus Vorſicht, aus Klugheit— hundertmal ſchon hätten wir dieſem armſeligen Greiſe ein Teſtament abzwingen und ihn dann in irgend einer Weiſe beſeitigen können— aber das war ein Gewaltſchritt, eine That für den äußerſten Nothfall— ein mehr oder weniger gewagtes Unternehmen; eine Stimme in mir ſprach dagegen— magſt Du es Gewiſſen, Furcht oder eine andere Thor⸗ heit nennen. Jetzt— was wird uns ſonſt noch übrig bleiben, als ein ſolcher Gewaltſtreich, wollen wir das ganze, große Vermögen an uns raffen!“ Der Sekretair ſtarrte die Gräfin groß an. „Wie, Thereſe?“ ſagte er.„Jetzt, wo die Augen aller dieſer Menſchen haarſcharf auf uns gerichtet ſein werden, jetzt ſollten wir den Alten beſeitigen—?“ „Thor, ziſchelte die Gräfin verächtlich,—„glaubſt Du, ich ſei geſonnen, aus Furcht vor einer Gefahr mich meinen Feinden unklug in die Hände zu liefern, um mich in einen Abgrund zu ſtürzen? Was ich unternehme, das muß uns gefahrlos zum Ziele führen, aber zugleich unſere Gegner vernichten, völlig vernichten. Laß mich“— fuhr ſie ruhiger, faſt eiſig fort, eine Hand an die bleiche aber dennoch brennende Stirne legend—„ich werde ſchon noch etwas finden, was zu einem erwünſchten Ziele für uns führt. Das Erſcheinen des Todtgeglaubten drängt mich zu einem Entſchluſſe—!“ —— 135 „Wie aber willſt Du den Grafen Karl vernichten, und den Alten dazu, ohne daß für uns Gefahr daraus erwüchſe?“ „Ich habe noch keine Idee über das Wie und Wann! Laß mich nur. Es iſt ein Glück, daß der junge Graf keine Ahnung davon haben kann, wie wir zu einander geſtand ſind, Fritz. Er weiß nicht, daß Du bei ſeiner Vertreibung eine wichtige Hand im Spiele hatteſt. Du wirſt Dich ihm alſo nähern können,— und das kannſt Du leicht, denn Du kommſt zu den Leuten in das Haus, bei denen er wohnt,— es wird Dir nicht ſchwer fallen, ihm in unverfänglicher Art die Vorausſetzung zu benehmen, daß Du von mir abhängig ſeieſt— Du kannſt ſelbſt noch weiter gehen, Dich für meinen Gegner erklären—“ „Ich verſtehe, ohne daß er glaubt, ich wiſſe, wer er ſei—“ „Natürlich, und ſo ſein Vertrauen gewinnen, einen Blick in ſeine Abſichten. Doch nein, man würde Dir nicht trauen, der Onkel Mondſchein, vor Allem die Agnes—! Du wirſt immerhin zu den Leuten gehen, bei denen der Graf Karl wohnt; es werden hin und wieder doch Winke für uns fallen. Du wirſt dort beobachten, wie ich hier 136 mein ſchärfſtes Augenmerk auf Jeden richten werde, der ſich dem willenloſen Grafen nähert, auf dieſen Baron Bülow und Agnes insbeſondere!— Aber wie—?“ Die Gräfin unterbrach ſich. Sie ſtarrte durch einige Sekunden brütend vor ſich hin. Dann hob ſie das Haupt zuverſichtlich, ein dämoniſches Lächeln zuckte um ihre ſchmalen Lippen, ihre Augen funkelten in eigenthümlichem Glanze. „Wie,“ flüſterte ſie,„habe ich's nicht mit der Tu⸗ gend— auf meine Art— ſchon ſiegreich verſucht, meinen Weg zu machen? Werde ich meinen Gegner nicht durch die Maske des Edelmuthes ködern und in eine Falle locken können?“ „Ich verſtehe Dich nicht,“ murmelte der Sekretär, der dem Flüſtern der Gräfin mit lebhafter Spannung gelauſcht hatte. „Still!“ fuhr die Dame fort,„ich brauche Zeit, meinen Plan, der in dunkeln Umriſſen vor mir auftaucht, in mir zur Reife zu bringen. Geh',— ich muß fort, meine Geſellſchaft wird mich ſicher ſchon erwarten. So viel noch ſei dir geſagt, daß ich den Grafen Karl und ſeine Helfershelfer zu überliſten hoffe, wenn ſie mich plötzlich anders finden werden, als ſie es erwarten. Und wenn ich 137 nicht irre, ſo wirſt Du dich über die Rolle wundern, Fritz, die Du zu ſpielen bekommſt. Aber geh' und halte Deine Augen offen!“ Die Gräfin lächelte triumphirend. Der Sekretär riß in der That ſeine Augen weit genug auf, als er ſich aus dem Boudoir entfernte. Er murmelte dabei vor ſich hin:„Dieſes Weib hat einen Satan im Leibe! Bei Gott, man kann von ihr lernen!“ Fünftes Capitel. Auf der Lauer. Bülow ſagte ſich am folgenden Morgen:„Ich werde heute dem Walter einen Beſuch abſtatten und ihm mit der Miene der Unbefangenheit erzählen, daß ich geſtern ein Gaſt der Hohenfeld's war. Wahrhaftig, ich vin neugierig, welchen Eindruck dieſe Mittheilung auf ihn machen wird, und ob er ſich verräth oder in ſeiner Vertraulichkeit mir gegenüber weiter geht! Mein Beſuch wird ſchon deshalb harmlos erſcheinen, weil ich ja von Walter eingeladen ward, ſein Atelier in Augenſchein zu nehmen. Bleibt er gegen mich verſchloſſen, ſo kann ich nicht die Initiative ergreifen, denn unſere Freundſchaft iſt noch zu neu. Ich kann alsdann nichts anderes thun, als mich ſofort zu dem kleinen Baron begeben, und ihm meine Dienſte anbieten, denn ich muß der Ver⸗ 139 bündete dieſer Leute werden— ich hege aufrichtige Theilnahme für Walter, und ſeine Schweſter intereſſirt mich noch mehr, ich betrachte ihre Angelegenheit als eine Lebensfrage für mich, denn ich bin überzeugt, die Gräfin macht Front gegen mich, ſobald ſie mein Intereſſe für die Comteſſe Agnes entdecken wird!“ Bülow faßte ſolchen Vorſatz und ſtellte dieſe Be⸗ trachtungen an, während er ſein Frühſtück zu ſich nahm. Der junge Mann hatte eine ſehr unruhige Nacht zugebracht, er war in der That verliebt; er, der zwei Tage zuvor dem Freunde Walter ſarkaſtiſch lächelnd erklärte, die Liebe ſei nichts weiter als eine gefällige Sinnestäuſchung, war jetzt völlig umgewandelt und gab ſich ſüßen Träumen hin. Was ſind die Entſchlüſſe des Menſchen? Ein Blick aus ſchönen Augen, ein reizendes Lächeln, und alle Vorſätze zerſtieben, wie Spreu im Winde! Man kann dieſe Erfahrung machen, ſelbſt wenn man ſchon älter als dreiundzwanzig Jahre ſein ſollte. Und war es denn Bülow's Vorſatz geweſen, ſich zu verlieben? Er hatte ſich freilich gegen Walter ge⸗ äußert: Ich bin lieber der Betrüger, als der Betrogene! Auch hatte er ſeine braune Havaneſerin, ſeine Cigarre, über ein Frauenherz geſtellt. Aber hatte er ſolche 140 Aeußerungen im Grunde ernſt gemeint, gehörten ſie nicht zu jenen Phraſen, die ein junger Dandy heut zu Tage gern im Munde führt, ohne daß er im nächſten Augenblicke daran denkt darnach zu handeln? Bülow war kein ernſtlich Blaſirter, wie wir wiſſen, wir müſſen daher konſtatiren, daß er jetzt ſo leiden⸗ ſchaftlich für die Comteſſe Agnes fühlte, wie nur ein Verliebter von dreiundzwanzig Jahren zu fühlen vermag. Er beendete ſein Frühſtück— ſelbſt der unglücklich Liebende frühſtückt heut zu Tage nur dann nichts, wenn er nichts hat— ſo raſch wie möglich, warf ſich in ſeine Kleider und verließ das Hotel. Er begab ſich nach der Flußgaſſe und zu dem Hauſe, in welchem Walter wohnte. Um dieſes zu erreichen mußte er die Hälfte der Gaſſe durchſchreiten. Endlich erblickte er den kleinen Kramladen, der ihm von Walter war bezeichnet worden. Er betrat aber dieſen Laden nicht, ſondern den Thor⸗ weg, der ſich daneben befand, denn Walter hatte ihm geſagt, daß auch vom Haupteingange des Gebäudes aus eine Thür in die Wohnung ſeiner Miethsleute und zu ſeinem Zimmer führe. Und als Bülow nun, durch jenen Thorweg ſchrei⸗ tend, ſich der maegebenen Thür näherte, begegnete ihm ein Knabe. ——— ——ũ 141 „Biſt Du aus dieſem Hauſe?“ fragte er den Jungen.. „Ja, mein Herr!“ war die Antwort. „Komme ich da zum Photographen?“ Und Bülow wies auf die Thür, der er näher trat. „Sie meinen den blaſſen Herrn, der geſtern in der Frühe zu Winklers gezogen iſt?“ „Zu den Beſitzerinnen des Zwirngeſchäftes.“ „Ganz recht,“ bemerkte der Kleine.—„Ja, Sie kommen zu dem Herrn durch jene Thür. Aber jetzt treffen Sie ihn nicht.“ „Iſt er ausgegangen?“ „Heute Morgen, ſchon ſehr zeitig, holte ihn ein Diener ab, und ſeitdem iſt der Herr noch nicht wieder nach Hauſe gekommen. Der Herr ſagte auch, als er fortging, er werde vermuthlich bis zum Nachmittage oder Abende fortbleiben.“ „Und woher weißt Du das?“ 1 „ Ich mache bisweilen Gänge für die Mamſellen dort, und da war ich gerade in der Wohnung, als der Diener kam.“ Bülow ſann einen Augenblick nach. „Und wie ſah jener Diener aus?“ fragte er als⸗ dann.—„Haſt Du Dir vielleicht gemerkt, welche Livree er trug?“ b 14² „O,“ verſetzte der Knabe lebhaft—„das war ein häßlicher, himmellanger, baumſtarker Menſch! Ich fürchtete mich vor ihm, denn er machte ein ſehr finſteres Geſicht. Er trug einen grauen Rock und eine Silbertreſſe am Kragen.“ „Und ſagte er nicht, von wem er komme?“ „Nein. Er ging ſogleich zu dem blaſſen Herrn, der in ſeinem Zimmer war. Dort haben ſie lange mit einander geredet, ich ſah ſie durch die Glasthüre. Aber was ſie geſprochen haben, das weiß ich nicht,— es gehört ſich ja nicht, daß man lauſcht, mein Herr! „Da haſt Du recht, mein kleiner Burſche! Nimm das für Deine guten Grundſätze!“ Bülow reichte dem Knaben lächelnd ein Geldſtück und ging. Er ſchritt nachdenklich den Weg zurück, den er gekommen war. „Ein himmellanger Diener?“ murmelte er vor ſich hin,—„hat mir nicht der kleine Baron Ohneſorg geſtern in ſeiner vertraulichen Geſchwätzigkeit erzählt, daß er einen getreuen Rieſen und eine blaue Kaleſche habe, und mit Beiden ſeit Jahren durch die Welt pilgere? Warum ſollte nicht jener lange Diener, der meinen Freund Walter entführte, der Rieſe des Onkel Mond⸗ ſchein geweſen ſein? Ich werde mir darüber Gewißheit 143 zu verſchaſſen ſuchen. Wollte ich doch ohnehin heute zu dem Baron gehen!“ Bülow verließ das Flußgäßchen, ging an ſeinem Hotel vorüber und durch zwei oder drei Straßen. Endlich erreichte er den Hauptplatz der Reſidenz. Er fand bald, mit Hülfe einiger Nachfrage, unter den hochgiebeligen alten Gebäuden, welche hier ſtanden, dasjenige Haus, in dem der Baron Ohneſorg ſich den zweiten Stock ge⸗ miethet hatte. Bülow mußte lächeln, als er dieſes Haus ſah, es war jedenfalls das winkligſte und alterthümlichſt geformte der ganzen Stadt, und war von dem kleinen Sonderlinge unſtreitig nur ſeiner barocken, mittelalter⸗ lichen Bauart wegen zum Aufenthalte gewählt worden. Der Onkel Mondſchein verleugnete ſein Naturell in keiner Sache. Bülow ſtieg auf einer morſchen Eichenholztreppe zum zweiten Stock empor. In dem Vorraume, den er jetzt betrat, herrſchte ziemliche Finſterniß, denn die kleinen hochangebrachten Hoffenſter ließen das Tageslicht nur ſpärlich auf dieſen Raum und die Treppe fallen. Der junge Mann tappte zu einer Thür. Während er nach einem Glockenzuge taſtete, vernahm er Männer⸗ ſtimmen, die aus der Wohnung drangen, vor der er ſich jetzt befand. Bülow hielt unwillkürlich an und horchte. Er war in dieſem Augenblicke jedenfalls nicht ſo ge⸗ 144 wiſſenhaft, als der Kleine, der ihm in der Flußgaſſe Auskunft gegeben hatte. Bülow konnte nicht vernehmen, was geſprochen ward,— und das war auch keineswegs ſein Wunſch, während er horchte— aber er wußte jetzt, was er hatte wiſſen wollen. Er hatte ſowohl die Stimme des Barons Ohneſorg wie auch diejenige Walters ſogleich erkannt. Und nun berührte ſeine Hand den Knopf eines Glockenzuges. Aber Bülow zögerte jetzt, ihn zu ziehen. Es begannen ſich plötzlich in ihm allerlei Bedenken zu regen. „Wie,“ fragte er ſich—„werden dieſe Herren meine Theilnahme nicht aufdringlich finden? Was be⸗ rechtigt mich, hier einzudringen, und mich ihnen als Ver⸗ bündeten anzubieten? Den Einen kenne ich ſeit zehn Tagen, den Anderen erſt ſeit geſtern! Und wenn ich noch wenigſtens mit Nachrichten kommen würde, die mein ungefordertes Erſcheinen rechtfertigten, wenn ich mit wichtigen Entdeckungen käme, die auf das Schickſal des armen Walters von weſentlichem Einfluß ſein könn⸗ ten!— Aber ſo, was habe ich entdeckt? Im Grnnde nicht viel mehr, als daß die Comteſſe Agnes für mich der Inbegriff aller Liebenswürdigkeit iſt, daß ich ſie liebe, ſo plötzlich und leidenſchaftlich, wie nur ein Ro⸗ manheld zu lieben vermag! Und es iſt noch die Frage, 145 ob mir Walter für das letztere Dank wiſſen wird! Und entdecke ich mich ihm, indem ich zu früh die Maske lüfte, hinter der er ſich verbirgt— und das muß ich thun, denn ſonſt wäre es ein unwürdiges Spiel— was kann die Folge davon ſein? Daß der Bruder der reizenden Agnes meiner Theilnahme, meinem Eifer für ſeine Sache ganz und gar ſelbſtiſche Motive unterlegt!“ Bülow war in ſeinem Bedenken bis hierher ge⸗ langt; da vernahm er ein Geräuſch, das ſich hinter der Thür hören ließ. Er hörte Schritte. Jedenfalls ſchickten ſich dort Leute zum Fortgehen an. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach ſtanden ihm in der nächſten Minute der Baron Ohneſorg und der junge Graf gegenüber. Und wenn man ihn ſo hier fand? Noch nicht mit ſich im Klaren, ward Bülow im Moment ſo betroffen, daß er ſich haſtig von der Thür abwendete und eilig die finſtere Treppe hinunterſchlüpfte. Er verließ um dieſelbe Zeit das Haus, als ſich oben im zweiten Stocke die Thür öffnete. Um die Mittagsſtunde erwartete Bülow den Pho⸗ tographen im Hotel, da Walter bei ſeinem Scheiden aus demſelben erklärt hatte, er werde nach wie vor täglich an die table d'höte kommen. Aber Walter erſchien heute nicht. Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. 10 146 Bülow verließ die Taſel ſehr bald und ſchlenderte in der Reſidenz umher. Schon in den erſten Nachmittags⸗ ſtunden fühlte er ſich ſehr unruhig, eine Sehnſucht er⸗ füllte ihn, die zugleich auf ſeinem Herzen wie ein Alp⸗ drücken ruhte. Er empfand das Bedürfniß, ſeine überquel⸗ lenden Empfindungen einer Seele mitzutheilen, das bunte, ſtädtiſche Gewoge vermochte nicht ihn zu zerſtreuen. Und wieder wanderte er hinaus in den Stadtpark. Nach einigen Stunden aber ließ es ihm dort keine Ruhe mehr. Von den widerſtreitendſten Gefühlen hin und her gedrängt, kehrte er zur Stadt zurück. Und ſiehe da, wie er nun plötzlich aus ſeinen Gedanken auffuhr, da ſah er ſich an der Mündung des Gäßchens, in dem Walterwohnte. Er ſeufzte auf und wollte einen anderen Weg ein⸗ ſchlagen. Er ließ einen faſt trübſinnigen Blick die Gaſſe entlang ſchweifen. Aber wie? War das keine Sinnestäuſchung? Sah er recht? Trippelte dort nicht der Onkel Mondſchein? Und jene ſchlanke graziöſe Mädchengeſtalt, die an dem Arme des Männchens hing, war ſie es nicht, die Comteſſe Agnes, der Gegenſtand ſeiner Träume? Ja, er täuſchte ſich nicht, dort gingen ſie. Bülow's Herz begann heftig zu pochen. Er ſchlich zu der Quaiſeite des Gäßchens, zu der kleinen, von Bäumen überſchatteten, am Fluſſe ſich hinziehenden Promenade. Hier ſtanden auch einige Bänke, und Gebüſche waren daneben. 147 Hinter eines der Letzteren trat Bülow, damit ihn das Paar nicht gewahre. Nun ſah Bülow die Comteſſe und ihren Oheim in den Thorweg des Hauſes einbiegen, in welchem Walter wohnte. Er begann in einiger Entfernung von dem Hauſe, in das Agnes und der Onkel Mondſchein verſchwunden waren, auf der Quaipromenade auf und ab zu ſpazieren. Er bemerkte nicht, daß er von Jemandem beobachtet ward, der auch ſcharf aber verſtohlen dem Paare nach⸗ geſchaut hatte. Dieſer Jemand war kein Anderer als der Sekre⸗ tär Schwarz. Er trug heute keinen ſchwarzen Anzug und eine weiße Halsbinde, ſondern einen grauen Sommer⸗ anzug und einen Strohhut mit breitem Rande, der ſein Antlitz zur Hälfte bedeckte. Die andere Hälfte ſeiner Züge verbarg Schwarz hinter einer Zeitung, die er in der Hand hielt. Er ſaß auf einer Bank, die hart am Ufer ſtand und durch Fliedergebüſch faſt völlig ver⸗ ſteckt war. Schwarz folgte jeder Bewegung Bülows, indem er, halb vom Fluſſe abgewendet, über den Rand der Zeitung hinweg ſah. Seine dunklen Augen funkelten boshaft. „Wie gut war's, daß ich ihnen in die Stadt nach⸗ fuhr,“ brummte er—„ſetzt wiſſen wir, woran wir ſind. 10 ⅔ 148 Thereſens Argwohn war gegründet. Man verſammelt ſich bei dem jungen Grafen, und dieſer ausländiſche Baron, der dort wie eine Schildwache hin und her ſteigt, iſt auch von der Partie. Aha, jetzt kommt er näher— er wird nun auch in das Haus gehen!“ Schwarz drehte ſich herum, ſo daß er die Ausſicht, welche man auf den Park von der Bank aus genoß, vor ſich hatte. Er vernahm jetzt die Schritte Bülows, der hinter ſeinem Rücken an dem Gebüſch vorüber ging. Und als ſie nun verhallt waren, da wendete der Se⸗ kretär wieder den Kopf und blinzelte durchs Gezweige. Er ſah den jungen Mann in das Haus gehen, das fünf Minuten früher Agnes und ihr Oheim betreten hatten. „Da haben wir's!“ brummte der Sekretär weiter. Dann lächelte er höhniſch. „Wahrhaftig,“ fuhr er fort—„es iſt ein Glück für uns, daß der junge Graf gerade dieſe Wohnung wählte. Und jetzt danke ich dem Himmel, daß ich die Liebſchaft mit der blonden Anna Winkler nicht abgebrochen habe, wie ich das ſchon Willens zu thun war. Ob ich jetzt gehe? Ich weiß im Grunde vor der Hand genug!“ Der Sekretär überlegte. Das Reſultat dieſer Ueber⸗ legung war, daß er ſitzen blieb. Dort, wo er ſich be⸗ fand, war er ſo ziemlich vor Entdeckung geſichert. Und darum war er entſchloſſen, mit Geduld zu warten, und auf 149 ſeinem Poſten auszuharren. Vielleicht konnte er doch noch etwas erfahren, wenn er dem Hauſe einen Beſuch ab⸗ ſtattete, nachdem die Verſchworenen es verlaſſen, ſo dachte er. Schwarz blieb wohl eine Stunde ſitzen, anſcheinend in ſeine Zeitung vertieft. Dann kam der Moment, den er gelaſſen erharrt hatte. Agnes, Bülow und der Baron Ohneſorg traten aus dem Hauſe. Aber jetzt gab nicht der Onkel Mondſchein ſeiner Nichte den Arm, Bülow war es, der ſie führte. Seine Züge ſtrahlten, und auch diejenigen des jungen Mädchens ſchienen erregt. Ihre Wangen waren lebhaft geröthet, ſie lauſchte den Worten Bülow's, wie es den Anſchein hatte, abwechſelnd voll Freude und Befangenheit. Der Onkel Mondſchein machte dazu ein drolliges Geſicht, das in ſonderbarem Gemiſch Beſorgniß und Vergnügen ausdrückte. Der Sekretär ſah die Drei die Gaſſe entlang gehen. Sie ſchlugen die Richtung nach der großen Brücke hin ein, und verſchwanden dort an der Mündung der Straße. „Hoho“, ſagte ſich Schwarz,—„mir ſcheint, dieſes geheime Bündniß iſt nach verſchiedenen Seiten für uns ge⸗ fährlich!“ Und nun ſtreifte ſein lauernder Blick wieder nach dem Hanſe hin, wo der kleine Kramladen war. 15⁵⁰ Der Photograph Walter verließ jetzt das Haus, ſchaute die Straße entlang, und ging dann langſam, vor ſich hinſtarrend, denſelben Weg, den die Drei vor ihm genommen hatten. Der Sekretär folgte ihm mit den Augen, bis er um die Ecke war. Dann erhob ſich Schwarz von der Bank. „Weiß Gott,“ murmelte er in ſich hinein, während er dem kleinen Kramladen zuſchritt,—„Thereſe muß eine ausgezeichnete Komödie arrangiren, etwas Uner⸗ wartetes erſinnen, ſonſt kommen wir um einen großen Theil unſerer Erwartungen!“ Sechstes Capitel. Die Wege des Dämons. Wir müſſen einen Zeitraum von einigen Wochen überſpringen. Es war ein finſterer Juniabend. Ein Sturm tobte durch die verödeten Gaſſen der Reſidenz, heulte in den Rauchfängen der Häuſer und ſauſte an den klir⸗ renden Fenſtern dahin. Es mochte etwa neun Uhr ſein, als ein Herr in die Flußgaſſe einbog, und trotz des Unwetters auf der Quaipromenade am Waſeer entlang eilte, deſſen Flut⸗ gewimmel der heftige Orkan hoch aufwühlte. Dieſer Herr hatte den Kragen ſeines Paletots in die Höhe geſchlagen, und den Hut tief in's Geſicht ge⸗ drückt, ſo daß von ſeinem Antlitz faſt nichts weiter als die dunklen blitzenden Augen ſichtbar waren. 15⁵² Als er, im Sturmwinde wankend, die Hälfte der Gaſſe erreicht hatte, verließ er die Allee, und ſteuerte zu der Häuſerreihe hinüber, einen Fluch zwiſchen den Zähnen murmelnd. Hier blieb er vor dem Gebäude ſtehen, in welchem die Geſchwiſter Winkler ihren Kramladen hatten. Er ſtarrte einige Augenblicke in den Thorweg des Hauſes hinein, der noch offen ſtand und jetzt ſtockfinſter war. Dann trat er an den Laden heran, deſſen Thür berits feſt verſchloſſen war. Einige Parterrefenſter, welche ſammt dem Gaſſenladen zu der Wohnung der Schweſtern gehörten, zeigten ſich matt beleuchtet; der dunkle, dichte Stoff, mit dem ſier verhängt waren, hinderte das Eindringen neugieriger Blicke in's Zimmer. Der Herr ſchlich zu einem dieſer Fenſter. Er horchte. „Er wird nicht zu Hauſe ſein,— deſto beſſer!“ murmelte er nach einigen Augenblicken vor ſich hin— „ich kann alsdann um ſo ſicherer nehmen, was ich brauche, was uns von höchſter Wichtigkeit ſein wird!“ Nachdem der Herr dieſe Worte vor ſich hin geſprochen hatte, pochte er an das Fenſter, vor dem er gehorcht hatte. Im Zimmer verſtummten plötzlich einige weibliche Stimmen, deren Klang er ſoeben noch undeutlich ver⸗ nommen. 1⁵³ Dann hörte der draußen Stehende das Geräuſch von Schritten, die ſich dem Fenſter näherten. Der Vorhang ward zur Seite geſchoben, die Umriſſe einer Geſtalt verdunkelten einen Theil des Fenſters. Ein Mädchenantlitz ward ſichtbar. „Sind Sie es, Herr Werner 2“ tönte die Stimme des Mädchens durch die Scheiben. „Nein! Ich bin Schwarz!“ antwortete der draußen Harrende. Der Sturmwind verwehte ſeine Antwort, ſie ward darum nicht verſtanden. Aber das Mädchen am Fenſter hatte den Herrn erkannt, obwohl ſein Angeſicht bis über Naſe und Ohren verhüllt war. Sie wich vom Fenſter zurück und ließ den Vorhang fallen. Der Sekretär des Grafen Hohenfeld trat jetzt vom Fenſter zur Ladenthür. Eine Minute ſpäter ward dieſe geöffnet. Der Orkan riß dem Mädchen, welche den Se⸗ kretär einließ, faſt die Thür aus der Hand. Schwarz ſchlüpfte raſch in den kleinen Laden. . Das junge Frauenzimmer hatte, bevor es öffnete, eine Lampe auf den Verkaufstiſch geſtellt, der flackernde Schein derſelben erhellte jetzt das Antlitz des Sekretärs, der den Kragen ſeines Rockes niederſchlug und dann den Hut herunternahm. 1⁵4 Er war, wie gewöhnlich, ſchwarz gekleidet und trug auch die bei ihm übliche weiße Halsbinde. Sich vor der Unbill des Wetters zu ſchützen hatte er einen grauen Paletot übergezogen. Das Mädchen, welche jetzt in dem engen Zwirn⸗ laden Schwarz dicht gegenüberſtand, war etwa achtzehn Jahre alt. Sie war eine liebliche Blondine, deren freundlich volles Angeſicht die Farbe der Geſundheit trug. Ihre großen, blauen Augen ruhten voll Theil⸗ nahme, ja mit einer gewiſſen Beſorgniß auf Schwarz, als ſie ihn grüßte und zur Lampe griff, ihm zum an⸗ ſtoßenden Zimmer voranzuleuchten. Schwarz ſchritt zu ihr hin und drückte haſtig ihre herabhängende Hand. Er flüſterte ihr einige zarte Worte zu. Das Mäd⸗ chen erröthete und ſah zu Boden. „Sie haben ſich in dieſem Wetter bis hierher ge⸗ wagt?!“ ſtammelte ſie. „Wußte ich nicht, daß ich Sie hier finden werde, Anna?“ flüſterte Schwarz—„Und dann trieb mich hierher, was ich mir zur Pflicht gemacht habe—!“ „Sie bringen eine gute Nachricht für unſern Zim⸗ merherrn?“ rief das junge Mädchen, freudig aufſchauend. „Ja, es ließ mir keine Ruhe—!“ „Sie ſind ſo edel, ſo gut!“ lieſpelte Anna— „O wie herzlich froh werden wir ſein, wenn Ihre Be⸗ buch, deſſen aufgeſchlagene Blätter vergilbt waren. 15⁵ mühungen Erfolg haben. Wir Alle hegen die lebhafteſte Theilnahme für den armen Herrn, und wenn Sie hel⸗ fen können, lieber Schwarz, ſo verdienen Sie nicht allein ſeinen Dank, ſondern auch den unſern!“ „Nur eines Dankes begehre ich, und den wird Anna kennen!“ murmelte Schwarz in zärtlichem Tone. Das Mädchen lachte, warf einen glühenden Blick auf den Sekretär und eilte mit der Lampe in das Zimmer. Schwarz folgte ihr. Das Zimmer, in welches ſie traten, war nur mit⸗ telgroß und ward dadurch noch ſchmaler, daß man zwei Betten darin ſtehen hatte und einen umfangreichen Kleiderſchrank, den einzigen eigentlichen Schmuck des Gemaches, das im Uebrigen mehr als beſcheiden möblirt, aber reinlich gehalten war. In der Mitte dieſes beſchränkten Raumes ſtand ein Kochofen, deſſen Röhre quer durch das niedrige Zimmer lief. Schwarz mußte ſich bücken, um auf die andere Seite zu gelangen. Dort ſaß eine ſteinalte Frau im Bette. Ihr fahl⸗ gelbes, runzliges Angeſicht, ihre verſchrumpften Arme mit den über die Bettdecke langausgeſtreckten Knochen⸗ händen machten den Eindruck des Mumienhaften. Neben dem Bette ſtand ein kleiner Tiſch und da⸗ vor ein Stuhl. Auf dem Tiſche lag ein altes Gebet⸗ 156 Augenſcheinlich hatte der Alten ein junges Mädchen daraus vorgeleſen, die jetzt neben dem Tiſche ſtand und ebenfalls zu Schwarz hinüberſchaute. Dieſes junge Mädchen war etwa um zwei Jahre älter als Anna, ihre Schweſter. Sie hatte regelmäßigere, feinere Züge als die Letztere, aber ſie war nicht ſo roſig uͤnd hübſch anzuſchauen, wie dieſe. Ueber ihre Wangen war eine leichte Bläſſe gehaucht, die vom dunk⸗ len Haar und den ſchwarzen Augen noch mehr hervor⸗ gehoben wurde. Ihre Züge waren ernſt, wenigſtens in dem Momente, als ſie des eintretenden Sekretärs an⸗ ſichtig ward. Ihr Blick ruhte mit einer gewiſſen Unruhe, ja mit ſchlecht verhehltem Widerwillen und Mißtrauen auf ihm. Schwarz ſchaute ſekundenlang lauernd umher. „Guten Abend,“ ſagte er dann mit ſüßlichem Lächeln. Die Alte, welche in die Kiſſen zurückſank, und das junge ſchmächtige Mädchen erwiderten ſeinen Gruß. Anna ſetzte die Lampe auf den Tiſch und trat zur Seite. „Ich bedauere, Ihre Andacht geſtört zu haben,“ begann Schwarz.. „Wir ſind damit zu Ende!“ antwortete die Schweſter Anna's trocken. 157 Dann ſchaute ſie verdrießlich auf die hübſche Blon⸗ dine und ſchickte ſich an, um einen Stuhl zu gehen. Schwarz hielt ſie davon zurück. „Bemühen Sie ſich nicht, Fräulein Roſalie!“ ſagte er ſanft—„Ich kann nur wenige Minuten bleiben und muß dann ſogleich wieder nach der Villa hinausfahren. Der alte Graf iſt ſehr leidend und be⸗ gehrt, daß ich faſt beſtändig um ihn ſei.“ „Wie? Der Graf Hohenfeld iſt krank geworden?“ rief Anna haſtig und beſorgt. „Ja“ entgegnete Schwarz, indem er eine ſehr trübe Miene erheuchelte,„ich fürchte, die Sache nimmt keine gute Wendung. Sie begreifen,“ fuhr er fort, ſich bald an die Schweſter, bald an die Alte wendend,„daß ich unter dieſen Umſtänden darauf bedacht ſein muß, Vater und Sohn mit einander ſo raſch wie möglich zu verſöhnen. Ich wäre untröſtlich, das können Sie ſich denken, wenn alle meine in dieſen Wochen raſtlos fortgeſetzten Bemü⸗ hungen, eine ſolche Verſöhnung herbeizuführen, plötzlich durch den Tod des alten Herrn abgeſchnitten würden, und ſo vergeblich geweſen ſein ſollten! Auch die Frau Gräſin iſt dieſen Nachmittag noch lebhaft in mich ge⸗ drungen, Alles daran zu ſetzen, um einen Ausgleich herbei⸗ zuführen.“ „Ich geſtehe Ihnen offen,“ verſetzte die ältere der Schweſtern ernſt,„daß ich an dieſe Umwandlung der Frau 15⁵8 Gräfin nicht recht glaube. Sie iſt es doch, die den jungen Grafen durch alle möglichen Künſte aus dem väterlichen Hauſe fortgetrieben, ihn bei dem alten Herrn verhaßt gemacht hat. Unſer armer Onkel Chriſtoph, der hier vor zwei Jahren bei uns ſtarb, und den die Gräfin, trotzdem der alte Mann ſo viele Jahre dem Grafen treu und redlich gedient hatte, aus dem Hauſe entfernte, wie ſie das mit allen den anderen Untergebenen, die ſie vorfand, ſchon früher ſo gemacht, jedenfalls um ſich mit Leuten zu umgeben, die nur auf ſie hören,— ja, der arme Onkel Chriſtoph erzählte uns mehr als einmal mit blu⸗ tendem Herzen, wie es die Gräfin anſtellte, den Grafen Karl zu vertreiben und über Alles Herrin zu werden. Nun, Herr Schwarz, Sie ſind ja auch ſeit zehn Jahren beim Grafen, Sie müſſen das ja beſſer wiſſen, als ich! Die Gräfin hat ein ſchlechtes Herz, ich laſſe mir das nicht ausreden! Eine Frau, die ſo hat handeln können, Herr Schwarz, an deren Reue und Bekehrung kann ich nicht recht glauben.“ Das junge Mädchen blickte denjenigen, zu welchem ſie geſprochen hatte, ernſt und durchdringend an. Schwarz lächelte von Neuem ſüßlich. „Und doch irren Sie, Fräulein Roſalie!“ ſagte er. „Mag ſein, daß meine Ermahnungen ein gutes Theil dazu beitrugen, die Gräfin in ſich gehen zu laſſen,— genug, ſie wünſcht nichts ſehnlicher, als dieſe Verſöhnung, 15⁵9 die ich zu bewerkſtelligen trachte, und— erfahren Sie denn— ſeit heute nicht vergeblich!“ „Wie?“ riefen die Mädchen zugleich. „Der alte Herr,“ fuhr Schwarz fort,„in den ich heute flehentlich drang, hat mir geſtattet, vermuthlich im Bewußtſein der Abnahme ſeiner Kräfte, ihm dieſer Tage ſeinen Sohn zuführen zu dürfen.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ rief Anna freudig. „Sie täuſchen uns, Herr Schwarz,“ ſagte Roſalie. „Was hätte ich davon?“ rief dieſer lebhaft.— Ueberhaupt, was kränken Sie mich durch Ihr Mißtrauen, Roſalie? Habe ich nicht ehrlich zu Gunſten des jungen Grafen gethan, was ſich thun ließ, ihn in die Rechte wieder einzuſetzen, welche ihm gebühren? Wiſſen Sie nicht längſt durch mich, ſchon ſeit der Zeit, als ich wegen der Beerdigung des alten Herrn Chriſtoph im Auftrage des Grafen Hohenfeld zu Ihnen kam, und ſo Ihre Bekannt⸗ ſchaft machte, daß ich bereits vor zehn Jahren gegen die Handlungsweiſe des alten Grafen war, aber damals nichts für den jungen Herrn thun konnte, weil ich zu kurze Zeit im Schloſſe war, als daß ich meine Stimme hätte erheben können? Hat Ihnen Ihr Onkel, der wackere Chriſtoph, den Gott ſelig haben möge, niemals geſagt, daß ich von Jahr zu Jahr Erkundigungen über den jungen Herrn einzuziehen ſuchte?“ 16⁰ „ „Ja!“ verſetzte Roſalie trocken.„Doch behauptete der Onkel Chriſtoph, das ſei nur im Intereſſe der Gräfin geſchehen.“ Der Sekretär lächelte milde. „Das Alter macht mißtrauiſch und ungerecht!“ ſagte er ſo ſanft wie zuvor.—„Ich vergebe dem armen alten Chriſtoph, der durch ſein Unglück verbittert war.“ „Die frohe Nachricht,“ fuhr er in ſeinem gewöhn⸗ lichen Tone fort—„welche ich hierher zu bringen hatte, ließ mir in der Villa keine Ruhe, ich mußte mich noch heute hinwegſtehlen, in Sturm und Wetter! Und nun finde ich ihn nicht, deſſen erſte freudige Ueberraſchung zu ſehen ich ſo glücklich geweſen wäre! Ich überlaſſe Ihnen, meine Damen, die angenehme Pflicht, deren ich mich hier zu entledigen hoffte. Ich aber muß jetzt fort!“ Schwarz blickte haſtig auf ſeine Uhr. „Ja, ja!“ ergänzte er—„Es iſt die höchſte Zeit!“ „Wollen Sie nicht den Herrn Grafen erwarten? Er muß in einer halben Stunde kommen!“ ſagte Anna —„Setzen Sie ſich doch, der Sturm hat Sie jeden⸗ falls ermüdet!“ „Ich kann nicht länger bleiben!“ erwiderte Schwarz —„Ich bedaure das in mehr als einer Hinſicht, wie Sie begreifen wjigel, liebe Anna! Ich darf von der Villa keinenfalls zu lange fortbleiben, der alte Herr vermißt mich ſicher ſchon in höchſter Ungeduld!“ * 4* 161 „Aber es regnet jetzt heftig!“ bemerkte Anna in unverhehlter Beſorgniß—„hören Sie nur, wie es an die Fenſter raſchelt— Sie können doch in ſolchem Wetter unmöglich—“ „Mich erwartet ein Wagen an der Brücke,“ un⸗ terbrach ſie Schwarz lächelnd—„und bis dorthin habe ich ja nur einige Schritte. Leben Sie wohl“— fügte er hinzu, in die Runde blickend— und melden Sie dem Herrn Grafen meinen reſpektvollſten Gruß. Morgen, etwa eine Stunde früher als heute, möge er die Güte haben, mich hier zu erwarten.“ Der Sekretär verneigte ſich artig gegen Alle, bückte ſich dann, um unter der das Zimmer durchkreu⸗ zenden Ofenröhre wegzukommen, und ſchritt zu dem Ausgange des kleinen Gemaches. Anna ergriff die Lampe. An der Thür blieb Schwarz ſtehen, und drehte ſich herum.. „Halt,“— ſagte er,„es dürſte ganz gut ſein, wenn ich an den Grafen einige Zeilen ſchreiben würde.“ „Ich hole Ihnen hieher, was Sie gebrauchen!“ rief die Schweſter, und wollte mit der Lampe zu einer kleinen Seitenthür hinaus, deren oberer Theil Glas⸗ ſcheiben hatte. Dieſe Thür führte zu einem ſchmalen Gange, von dem aus man zum Zimmer des Grafen Karl gelangte, Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. 11 8* 6 162 das nach dem Hofe zu lag, gleichwie die Küche der kleinen Familie. Von dieſem Gange aus konnte man auch, wie der Leſer bereits weiß, durch eine kleine Thür in den Thorweg des Hauſes gelangen. Als Anna zu der Glasthür eilte, trat Schwarz raſch an ſie heran. „Laſſen Sie das nur, Anna!“ ſagte er ſanft, indem er dem Mädchen einen vielſagenden Blick zu⸗ warf.—„Ich werde gleich mit Ihnen hinübergehen, wenn Sie's erlauben. Oder,“— ſetzte er lächelnd hinzu,—„geben Sie mir die Lampe, ſo gehe ich allein hinüber, und verurſache um ſo weniger Umſtände.“ „Nicht doch! Die alte, fettige Lampe—! Das würde ſich nicht ſchicken!“ verſetzte das junge Mädchen und öffnete die Thür. „Aber wir laſſen Sie im Finſtern!“ bemerkte Schwarz, lächelnd zu Roſalien und der Großmutter ſich wendend. „Doch höchſtens nur einige Minuten!“ rief Anna ſchelmiſch lachend, indem ſie voranging. Schwarz folgte ihr. Um dieſelbe Zeit, in welcher ſich das Vorſtehende in der kleinen Wohnung der Geſchwiſter Winkler er⸗ eignete, ſchritt ein Herr durch die Flußgaſſe dem Hauſe zu. Während dieſer Herr an einer der wenigen La⸗ ternen der Flußgaſſe vorübereilt, werfen wir einen 163 ſchärferen Blick auf ſeine Geſtalt und Züge. Der un⸗ ſichere Schimmer reicht hin, uns einen Bekannten er⸗ kennen zu laſſen; der junge Mann, welcher ſich dem vor⸗ erwähnten Hauſe nähert, iſt der Baron Bülow. Und wahrlich, was ihn in dieſem Augenblicke ſo unempfindlich gegen Wind und Wetter macht, iſt der Gedanke, der ihm vorſchwebt und der ihn angetrieben hat, trotz Sturm und Regen ſpät noch ſeinen Freund, den Grafen Karl, aufzuſuchen. Bülow war in den wenigen Wochen, die wir überſchlagen haben, der vertraute Freund Karls ge⸗ worden, der bereits an demſelben Tage, an welchem wir den jungen Mann mit Agnes und dem Onkel Mond⸗ ſchein das Haus der Flußgaſſe freudig verlaſſen ſahen, die Maske vor ihm hatte fallen laſſen. Damals hatte Bülow erfahren, daß Karl nicht nach der Vaterſtadt gekommen ſei, gegen ſeine Stiefmutter zu Felde zu zie⸗ hen oder ſeine Sohnesrechte geltend zu machen, ſondern daß ihn in Wahrheit das Heimweh nach D. getrieben, als er ſich entſchloſſen, Paris zu verlaſſen. Dann aber war Graf Karl in D. mit dem Onkel Mondſchein zu⸗ ſammengetroffen, und die Schilderung, welche dieſer von dem Leben des alten Grafen und ſeiner Tochter, von dem ſelbſtſüchtigen Treiben der ehemaligen Gouvernante entworfen, hatte ihn, den Schwergeprüften, beſtimmt, darauf zu denken, wie er die gleißneriſche Dame end⸗ — 11 164 lich doch entlarven und Schweſter und Vater ihrem verderblichen Einfluſſe entziehen könne. Bülow gehörte ſeit dieſen Wochen dem Complotte an, das, wie die argliſtige Gräfin ſehr richtig errathen, von Karl, dem Onkel Mondſchein und Agnes war ge⸗ ſtiftet worden, den böſen Dämon der Familie, wenn irgend möglich, endlich unſchädlich zu machen. Dadurch, daß Bülow ſeit jener Zeit zu verſchie⸗ denen Malen mit Agnes bei ihrem Bruder Karl zu⸗ ſammentraf, der vor der Welt noch Photograph blieb, wenn er auch den ſcheinbaren Beruf nicht ausübte, wur⸗ den die jungen Leute raſch mit einander vertraut, zu⸗ mal das geheime Bündniß gegen die Gräfin Hohenfeld ſie einander näher gerückt hatte. Dem Grafen Karl war in dieſen Zuſammenkünf⸗ ten nicht entgangen, daß die jungen Leute einander nicht gleichgültig ſeien; er hatte ſich über dieſe Entdeckung gefreut, denn er ſchätzte Bülow und ſah in dem jungen Manne eine paſſende Partie für ſeine Schweſter. Und was war von Seiten der Gräfin inzwiſchen geſchehen? Sie wußte durch Schwarz um die geheimen Zuſammenkünfte und hatte doch nichts gethan, ſie zu ſtören. Sie war auch überzeugt, daß der Baron Bülow ſich demnächſt um die Hand der Comteſſe Agnes bewer⸗ ben werde, und hatte nichts deſto weniger die Beſuche des jungen Mannes, den ſie wegen ſeiner Freund⸗ 165⁵ ſchaft für Karl haßte und keineswegs geſonnen war, als Schwiegerſohn anzunehmen, in der Villa freundlich empfangen, auch das Thun und Laſſen ihrer Stief⸗ tochter ſeit einigen Wochen in keiner Weiſe eingeſchränkt. Acht Tage vor dieſem Sturmabende war ſie ſogar noch weiter gegangen,— ſie hatte den Onkel Mondſchein in ihr Boudoir beſchieden, ihm erklärt, ſie wiſſe, der Graf Karl ſei da und ſie mühe ſich ſeit mehreren Ta⸗ gen, den alten Herrn verſöhnlich zu ſtimmen. Indem ſie in ſolcher Weiſe gleißneriſch geſprochen, hatte ſie nach einem entſetzlichen Plan gehandelt, von dem wir bald mehr hören werden. Kehren wir zu dem ſtürmiſchen Abend und Bülow zurück. Nachdem dieſer das Haus erreicht hatte, trat er in den offenen finſteren Thorweg deſſelben ein. Er wußte ſich dort ganz wohl zurecht zu finden, denn er war, ſeit wir ihn zuletzt geſehen, oft genug bei ſeinem Freunde Karl geweſen. Er tappte alſo jetzt nach der Thür, velche zur Wohnung der Winklers führte. Indem er dieſes that, murmelte er einige Worte vor ſich hin. „Gott ſei Dank!“ flüſterte er,„ich habe meine Liebe zu Agnes endlich dem Onkel Mondſchein vertraut. Der gute kleine Herr hat mir verſprochen, Agnes aus⸗ zuſorſchen, aber er warnte mich zugleich, auf das freund⸗ 166 liche Benehmen der Gräfin eine Hoffnung zu bauen. Als ob es ſolcher Warnung für mich bedurft hätte!— Karl iſt zu vertrauungsvoll, er glaubt, dieſe Dame Tartüffe weiche der Nothwendigkeit, und mache ſeit acht Tagen gute Miene zum böſen Spiele. Ich fürchte, hinter ihrem Ent⸗ gegenkommen lauert eine Schlinge für den Grafen Karl wie für mich!— Das raffinirte Weib ahnt ohne Zweifel, daß ich Agnes ihrer Botmäßigkeit entziehen möchte. Wir weerden unverſehens die Krallen der Katze ſpüren! Aber weiß Gott, ſie ſoll uns gerüſtet finden! Ich traue den Unterhandlungen nicht, die dieſer Sekretär Schwarz leitet, ich traue der Krankheit des alten Grafen nicht, zu dem weder der Baron Ohneſorg ſeit einigen Tagen gelaſſen wird, noch ich. Und ſo thu' ich denn am beſten, in den Freund heute ohne weiteres zu dringen, daß er ſich dieſes Vermittlers Schwarz begebe, und ſeine Sache direkt und ſelber führe. Er ſoll den Vater in der Villa aufſuchen, ſich nicht abweiſen laſſen, und ſo ehrlich und offen reden, wie— wie ich jetzt mit Karl wegen Agnes zu reden mir vorgenommen habe!“ Wie ſich Bülow dieſes geſagt hatte, trat er in den Gang hinein. Er ſah das Fenſter der Thür, die ihm zur Linken und alſo nach dem Hofe hin ſich befand, erhellt. 5 „Gut,“ dachte er ſich,„der Graf iſt auf ſeinem Zimmer, ich bin nicht umſonſt hieher gegangen.“ * 167 Bülow that einige Schritte vor, aber unwillkürlich, er wußte ſelber nicht warum, trat er leiſe auf. Im nächſten Moment blieb er wie angewurzelt ſtehen. Die Glasſcheiben der Thür, welche zum Zimmer des Grafen führte, deckte innen ein dünner, durchſich⸗ tiger Vorhang, Bülow konnte daher ſehr gut das ganze Gemach überſchauen. Er war zu gleicher Zeit noch nicht ſo weit im Gange vorgetreten, daß man ihn von dem Zimmer der Winklers aus, welches ja ebenfalls eine Glasthür auf den Gang hinans hatte, wie der Leſer weiß, hätte ſehen können. Da der Gang jetzt finſter, das Zimmer des Grafen aber erhellt war, ſo konnte Bülow jede Bewegung der Perſonen gewahren, welche ſich dort befanden. Er ſah die Mamſell Anna Winkler. Und in dem Manne, der das Mädchen an ſich drückte und die Stirn derſelben küßte, erkannte er ſogleich den Sekretär Schwarz. „Aha,“ ſagte ſich Bülow,—„der Baron Ohneſorg hat mir geſagt, daß dieſer Menſch mit dem Mädchen eine Art Liebesverhältniß unterhalte. Der Graf iſt ab⸗ weſend. Ob ich mich zurückziehe?“ Jetzt gewahrte er, wie ſich Anna ſanft der Umar⸗ mung des Mannes entwand und die Lampe auf den Tiſch ſtellte, auf dem ſich Papier und ein Schreibzeug befanden. Mehrere Bücher lagen daneben, ein Uhrhalter 168 ſtand dort, an dem eine werthvolle Ankeruhr hing, auch lag daſelbſt eine Art Jagd⸗ oder Dolchmeſſer, deſſen ſich der junge Graf zum Falzen ſeines Papieres zu be⸗ dienen pflegte. Nun rückte Schwarz einen Stuhl an den Tiſch, ſetzte ſich und legte ſich ein Blatt zurecht, Anna trat zum Waſchtiſche des Grafen, dort einiges zu ordnen. Kaum hatte ſie dem Tiſche, vor welchem der Sekretär ſaß, den Rücken gewendet, als Bülow gewahrte, wie Schwarz, ſtatt die Feder zur Hand zu nehmen, blitz⸗ geſchwind nach dem Dolchmeſſer griff, und dieſes haſtig, in die Bruſttaſche ſeines Paletots verſchwinden ließ. Während dieſes geſchah warf der Sekretär einen lauern⸗ den Blick zu dem Mädchen hinüber. Und kaum war dieſe Handlung abgethan, als in des Mannes Antlitz, von dem der lauſchende Bülow jetzt nur das Profil ſah, ſekundenlang der Ausdruck höhniſchen Triumphes erſchien. Im nächſten Momente wendete ſich das Mädchen dem Tiſche zu,— Schwarz hatte bereits die Feder ergriffen und ſchrieb emſig. „Er hat das Dolchmeſſer entwendet, das doch nur von geringem Werthe iſt!“ flüſterte Bülow betroffen vor ſich hin.—„Was kann er damit wollen? Und wie ſeine Mienen höhniſch leuchteten, als er es nahm!“ Schwarz ließ ihm keine Zeit zu weiteren Betrach⸗ tungen. Bülow ſah ihn ſich erheben. 169 Da tam dem jungen Manne, in dem ein lebhafter Verdacht aufgeſtiegen, ein raſcher Entſchluß. Er dachte nicht mehr daran, ſich bemerkbar zu machen und das Zimmer zu betreten. Raſch war er an der Thür, die zum Thorweg führte. Er öffnete ſie leiſe, ſchlüpfte gewandt hinaus, und zog ſie geräuſchlos hinter ſich zu. Jetzt ſchlich er in der Finſterniß nach dem offenen Hansan undie und legte ſich dort auf die Lauer. Wenige Minuten ſpäter hörte er die Thür des kleinen Zwirnladens knarren. Bülow ſah den Sekretär Schwarz auf die Gaſſe hinaustreten. Der junge Mann hörte zugleich auch eine Mädchenſtimme, die zärtlich ein„Gute Nacht!“ rief. Der Sturm verſchlang die Antwort des Se⸗ kretärs. Dieſen ſah jetzt Bülow im heftig niederpraſſeln⸗ den Regen über die Straße eilen, der Stadtpark⸗ brücke zu. Schwarz hatte, wie vorhin, den Kragen ſeines Rockes in die Höhe geſchlagen und den Hut tief in's Geſicht gedrückt. Als Schwarz etwa dreißig Schritte gegangen war, da ſtahl ſich Bülow zum Hausthor hinaus und zur Quaipromenade hinüber. Sich hart am Ufer des Fluſſes hinter den Gebüſchen der Allee hal tend, ſchlich er dem Davoneilenden nach. 5 170 Dieſer hatte bald das Ende der Gaſſe erreicht und bog ſchleunigſt um die Ecke derſelben. Und als nun Bülow eine Minute ſpäter an dieſe Ecke kam, und vorſichtig um dieſelbe blickend Halt machte, da ſah er den Sekretär in einen geſchloſſenen Wagen ſteigen, der an der Brücke hielt. Im nächſten Augenblicke rollte der Wagen über die Brücke, dem Stadtparke zu. Bülow verließ die Ecke blitzgeſchwind. Er ſchaute haſtig umher. Neben dem Hotel, in dem er noch immer wohnte, hielten einige Lohnfuhrwerke. Bülow ſprang zu einem dieſer Wagen, in dem der Kutſcher gemüthlich ſchlummerte. Er rüttelte den Burſchen auf und befahl ihm, ſofort dem Parke zuzufahren. Der Kutſcher kletterte murrend zu ſeinem Sitze hin⸗ auf, Bülow aber warf ſich, ſchon ſo gut wie völlig durch⸗ näßt, auf die Polſter des Fiakers, der Burſche hieb in die Pferde, und fort ging's in das Sturmgebrauſe hinein, über die Brücke, in den Park hinaus. Beim Eingang in die Hauptallee ließ Bülow eines der hinter dem Kutſcherſitze befindlichen Fenſter nieder und ſprach zu dem Burſchen, auf den Weg deutend. „Siehſt Du den Wagen dort, der vor uns herrollt?“ rief er.. 171 „Ja,“ brummte der Kutſcher,—„ſoll ich ihn einholen? Er iſt uns ſchon hübſch weit voraus!“ „Einholen— nein! Aber ſuche ihm näher zu kom⸗ men und folge ihm ſtets in einiger Entfernung!“ war Bülow's Antwort. Er riß das Fenſter wieder in die Höhe und lehnte ſich in eine Ecke des Fiakers zurück. Er war, als er dem Sekretär Schwarz nachſetzte, dem erſten Impulſe ſeiner Empfindungen gefolgt. Nun er ſich ſeinem Nachdenken überließ, ſagte er ſich, daß er doch eigentlich erſt den Inhalt des Zettels hätte prüfen ſollen, den der Sekretär im Zimmer zurückgelaſſen. Aber wäre ihm dann nicht der Schwarz aus den Augen gekommen? Und war es ihm nicht darum zu thun, zu erfahren, wohin ſich der Sekretär mit dem Dolchmeſſer wende, ob zu der Villa, oder anderswohin? Und ging die Fahrt nach dem Land⸗ hauſe des Grafen, wie das wohl unſtreitig jetzt der Fall war, mußten nicht da, ſo überlegte er jetzt, die Gitter⸗ thüren des Parkes ſich vor ihm ſchließen, konnte er da nicht ſicher ſein, daß er, ohne etwas zu erfahren, von dieſer abendlichen, keineswegs angenehmen Expedition zurück⸗ kehren werde? Er nahm jetzt an, daß es wohl am vernünf⸗ tigſten geweſen wäre, am folgenden Morgen von ſeinem Verdachte und der Entwendung des Dolchmeſſers durch den Sekretär Schwarz den Onkel Mondſchein und den Grafen Karl in Kenntniß zu ſetzen. Aber er war nun einmal in 172 der Sturmesnacht hinter dem Wagen des Sekretärs drein und wollte doch nun, was er in erſter Haſt unternommen, nicht ohne weiteres aufgeben. Während Bülows Fiaker nun dem anderen ſtets in gleicher Entfernung durch den Stadtpark nachrollte, über⸗ ließ ſich der junge Mann ſeinem Grübeln. Das Dolch⸗ meſſer und die höhniſche, triumphirende Geberde des Sekretärs beſchäftigten ſeine Phantaſie. Trotz ſeines Scharf⸗ ſinns ſtieß er überall auf etwas für ihn Unenträthſelbares. Er überließ ſich übrigens dem Nachdenken ſo ſehr, daß er nicht bemerkte, wie nun der Wagen den Stadt⸗ park verließ und zwiſchen den Feldern hindurch jenen Höhen entgegenrollte, an deren Fuß nebſt dem Dorfe Erbach und einigen Landhäuſern vornehmer Städter auch die Villa des Grafen Hohenfeld lag. Endlich ward Bülow durch einen heftigen Stoß, den er plötzlich empfand, jählings aufgeweckt. Der Wagen war über einen großen Feldſtein weggegangen, der im Wege lag. Bülow blickte durch eines der Fenſter und ſah den Fiaker am Gitter hinrollen, welches den Vorpark der Villa einſchloß. Haſtig ließ der junge Mann das Fenſter nieder und befahl dem Kutſcher zu halten. Sodann ſprang er eilig aus dem Wagen. Als er dieſes that, war er über⸗ zeugt, daß der Fiaker des Sekretärs bereits vor dem Gitterthor der Villa halte, und fürchtete daher, ſeine K 4* 173 Nähe zu verrathen, wenn er ſeinen Wagen weiter fahren laſſe. Als Bülow aber nun die Fahrſtraße entlang blickte, da gewahrte er zu ſeinem Erſtaunen das Fuhrwerk des Sekretärs bereits jenſeits der Gitterpforte. Er deutete auf dieſe und fragte den Kutſcher raſch: „Iſt dort Jemand ausgeſtiegen?“ „Nein!“ war die Antwort. Bülow ſah jetzt den Fiaker langſam fahr en und in jenen ſich hinter dem Parke hinziehenden ſchmalen Weg einbiegen, den er bereits ſeit dem kleinen Abenteuer mit Agnes kannte. „Aha,“ murmelte Bülow,„er fährt nicht weit, und wird den Park vermuthlich durch das kleine Pförtchen betreten, zu dem mich der Onkel Mondſchein führte. Warum begibt ſich dieſer Schwarz nicht frank und frei durch den Haupteingang zur Villa? Das iſt in der That mehr als verdächtig!“ Und wie Bülow dieſe Worte in ſich hineingebrummt, hielt er es nicht für gerathen, dem Sekretär ferner nachzufahren. Er befahl dem Kutſcher, dort, wo er jetzt hielt, ihn zu erwarten, und zahlte dem Burſchen das Fahrgeld. Sodann ging er dem anderen Wagen nach. Bülow bemerkte Niemanden an dem Pförtnerhäus⸗ chen des Einganges, es war finſter, das Gitter ge⸗ ſchloſſen. Er ſchritt daran vorüber und bog nach einigen Minuten in den Seitenweg ein. 174 Er ſchlich an den Hecken entlang, vorſichtig den Krümmungen des Weges folgend. Er erreichte das Pförtchen, ohne daß er den Fiaker des Sekretärs dort noch vorfand. Der Weg führte von dort in's nahe Dorf, und dieſen hatte der Kutſcher eingeſchlagen; Bü⸗ low vernahm noch das Rollen des ſich entfernenden Wagens. „Ob der Sekretär hier abgeſtiegen iſt?“ flüſterte er.—„Ganz ſicher! Um in's Dorf zu fahren, brauchte er nicht dieſen Weg zu nehmen!“ Indem er ſich dieſes ſagte, öffnete er das Pfört⸗ chen behutſam und machte ſich dann in der hier herr⸗ ſchenden Finſterniß ſo ziemlich geräuſchlos durch das Geſtrüpp Bahn, das den kleinen Eingang verſteckte. Und jetzt ſah er eine Geſtalt in nicht großer Ent⸗ fernung vor ſich. Dieſe Geſtalt verließ den Raſenplan, der ſich von der Hecke bis zu dem Pfade ausdehnte, welchen einſt Bülow mit dem Onkel Mondſchein gewan⸗ delt, bevor ſie die junge Comteſſe überraſchten. Er wartete einige Augenblicke, dann verließ er das Buſchwerk und ſchlüpfte über den Raſenplan der Ge⸗ ſtalt nach, immer ſo viel wie möglich ſein Vorwärts⸗ huſchen durch die Stämme der Bäume verbergend, welche hier ſtanden. Nun war er auf dem Pfade und ſchlich behutſam weiter. 175 Der Regen hatte nachgelaſſen, die Finſterniß war nicht mehr ſo groß, denn hier und dort hatten ſich die raſtlos dahinſtürmenden Wolken getheilt, und bisweilen ward flüchtig der in bleichen Dunſt gehüllte Mond ſicht⸗ bar. Der Glanz deſſelben, obwohl er auf Momente da und dort durch das Laubdach des Parkes brach, zeigte dem jungen Manne die ebenfalls vorwärts ſchreitende Geſtalt, in der er ſofort den Sekretär erkannt hatte. Bülow fühlte ſich keineswegs behaglich; er war in der Flußgaſſe faſt bis auf die Haut durchnäßt wor⸗ den, und jetzt fuhr der Wind heftig auf ihn ein. Seine Zähne ſchlugen klappernd an einander, aber er war dennoch mit ganzer Seele darüber aus, ſeinen Beobachtungsmarſch fortzuſetzen. Er hielt ſich dicht hinter Schwarz, und zwar mit ſolcher Gewandtheit, daß der Sekretär den Nachſchlü⸗ pfenden nicht bemerkte. Bülow aber, der dieſen Theil des Parkes wohl kannte, da er ihn während der letz⸗ ten Wochen öfters an der Seite der Comteſſe Agnes durchſtreift, ward bald inne, daß der Sekretär nicht die Richtung nach der Villa einſchlage. „Hoho,“ ſagte ſich Bülow, als nun Schwarz durch eine düſtere Buchenallee einem mitten im Gehölze lie⸗ genden runden Platze zuſchritt, auf dem ein ſtockhoher, gemauerter Pavillon ſtand—„was will er denn dort? Der alte Pavillon iſt freilich bewohnbar, doch, ſo viel 176 ich weiß, wohnt daſelbſt weder der Sekretär Schwarz noch ſonſt Jemand. Wie ein Schatten glitt Bülow an den Bäumen entlang, deren Gezweige hier zu rieſigen Laubwänden zugeſtutzt war. Er erreichte den Rand des Platzes in demſelben Augenblicke, als Schwarz an die Thür des Pavillons pochte. Bülow zog ſich in den tiefen Schatten zurück und ſtarrte lauernd auf den Pavillon. Dieſer war eines jener kleinen verwitterten, im Rococcoſtyl erbauten Gebäude, wie man ſie noch bis⸗ weilen in fürſtlichen Gärten antrifft. An dem runden Kupferdache, über dem Geſimſe, führte ein niedriges, ſteinernes Geländer entlang, und die Mauern, nament⸗ lich über den Simſen der Thür⸗ und Fenſterwölbungen, waren mit allerlei Steinzierrathen überladen. Der Pavillon hatte obendrein einen plumpen ſtei⸗ nernen Balkon. Eine Art Veranda, modernen Urſprungs, überragte denſelben. Die Veranda war aus Holz, mit Schnitzwerk überladen, und ſtieg vom Geländer des Balkons bis zu der Baluſtrade empor, welche das ge⸗ wölbte Kupferdach umgab. Der Pavillon war, wie vor⸗ hin erwähnt, ſtockhoch, und er enthielt vier bis fünf marmorgetäfelte, im Geſchmacke der Renaiſſance herge⸗ richtete Zimmer, ſo daß er mehr einem barocken Wohn⸗ gebäude, als einem Luſthauſe glich. 177 Die Fenſter des alten Pavillons, ſowohl die eben⸗ erdigen als auch jene des erſten Stockes, waren durch hölzerne Jalouſien dicht verſchloſſen, und nur die Glas⸗ thür, welche auf den Balkon hinaus führte, hatte man nicht in ſolcher Weiſe verwahrt. Indem Bülow ſeinen Blick über die ihm entgegenſtehende Fronte des Gebäu⸗ des ſchweifen ließ, war es ihm, als ſcheine durch die Ritzen der Parterrejalouſien ein ſchwacher Lichtſchimmer. Und nun ſah Bülow, wie Jemand die Thür öffnete, und Schwarz in den Pavillon verſchwand. „Alles was dieſer Schwarz unternimmt, kommt mir verdächtig vor, ich kann mir nicht helfen!“ murmelte Bülow.—„Wohnt er hier, oder hat er hier eine ge⸗ heime Zuſammenkunft? Das erſtere kann kaum der Fall ſein, zumal es heißt, daß der alte Graf ſehr krank ſei. Und ein Rendez⸗vous? Sollte die Gräfin ſich hier von den Schritten ihres Abgeſandten Rechenſchaft ablegen laſſen? Warum das aber in dieſem verſteckten Pavillon?“ Dem jungen Manne ging die Entwendung des Dolchmeſſers von Neuem durch den Kopf. Schon ſchickte er ſich an, bis zu einem der Fenſter zu ſchleichen, und zu verſuchen, ob er nicht durch die Ritzen der Jalouſien ſehen könne, wer ſich mit dem Sekretär im Pavillon befinde, und was dort vor ſich gehe, als er plötzlich an dieſem Vorhaben durch den Umſtand verhindert ward, daß eine Perſon das alte Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. 12 178 kleine Gebäude verließ, die Thür feſt hinter ſich zuzog, alsdann bedächtig über den Platz ſchritt, den das Ge⸗ hölz einhegte, und ſich zu einem Pfade wandte, der in Krümmungen nach der Villa führte. Bülow ſah bei dem ſchwachen Mondlichte, das momentan den Platz erhellte, die gräfliche Livree, er er⸗ kannte in dem ſich entfernenden Manne einen Diener des Hauſes. Ihn beſchäftigte noch der Gedanke, ob der Se⸗ kretär dem Diener folgen werde oder nicht, als er ganz unvermuthet die zum Balkon führende Glasthür des Pavillons ſich erhellen ſah. Bülow ſtarrte dort hinauf. Da ſah er, einen Augenblick nur, die Geſtalten eines Mannes und einer Dame. Sein ſcharfes Auge hatte ihn die Umriſſe des Sekretärs Schwarz erkennen laſſen. Und die Dame— war es Bülow nicht, als habe er die Gräfin Hohenfeld geſehen? Aber wie konnten Beide zu einer geheimen Zu⸗ ſammenkunft hieher gekommen ſein? Hatte nicht ſoeben ein Diener den Pavillon verlaſſen? Man gibt ſich nicht ohne weiteres dem Gerede einer Dienerſchaft preis, eine Dame Tartüffe, wie die Gräfin Hohenfeld, am wenigſten. „Wenn ich ſie jetzt behorchen könnte,“ ſagte ſich Bülow—„Vom Balkon aus wäre das ein Leichtes!“ Er blickte ſinnend empor. „Ich muß das Terrain auch von der andern Seite recognosciren!“ dachte er. Er ſchaute nach der Richtung hin, in welcher ſich der Diener entfernt hatte. Er ſah dieſen nicht mehr. Und nun verließ er ſeinen Platz. Aber indem er den Pavillon umging, hielt er ſich beſtändig am Rande und im Schatten des Gehölzes. Und als er nun in großem Bogen das alte Ge⸗ bäude ſo weit umſchlichen hatte, daß er die andere Seite deſſelben überblicken konnte, da hätte er faſt einen Freudenſchrei ausgeſtoßen, obwohl er ziemlich heftig an einen Gegenſtand rannte, den er im Finſtern nicht be⸗ merkt hatte. Wie die Allee, durch die Bülow zu der Rotunde gelangt war, auf welcher der Pavillon ſtand, ſo waren auch im Kreiſe um dieſen die Bäume nach Art der altfranzöſiſchen Parkanlagen ſo beſchnitten, daß ſie rie⸗ ſigen Hecken glichen. Um ſolche Laubwände gleichmäßig herzuſtellen, bedienen ſich die Gärtner eines rollbaren, mit verſchie⸗ denen Leitern verſehenen Holzgerüſtes, an denen ſie, ihre Scheere handhabend, auf und nieder klettern. An ein ſolches Gerüſt kleinerer Gattung war Bü⸗ low ſo heftig gerannt, daß es ſich in Bewegung ſetzte. 12* 180 Wie ein Blitz durchſchoß ihn der Gedanke, daß er mit Hülfe dieſes Leitergerüſtes ſeinen Zweck erreichen könne. Und da das Geſtell einmal ſchon in Bewegung war, ſo ließ es ſich unſchwer weiter rollen. Bülow ſchob es geräuſchlos bis hart an die Rückwand des Pavillons vor. Nun erklomm er es und war in weniger als einer Minute an dem ſteinernen Geländer, das ſich rings um das Kupferdach zog. Er ſchwang ſich auf dasſelbe. Bülow kletterte katzengleich am Dache entlang. Es war das ein nicht ungefährliches Unternehmen, vor Allem, weil der Sturmwind tobend auf ihn einblies, und ihn von der ſchmalen Baluſtrade herabzuſchleudern drohte. Aber das beirrte ihn nicht. Er war feſt entſchloſ⸗ ſen, ſobald er die Vorderſeite des Pavillons erreicht, vom Geländer zur Veranda niederzugleiten und an der⸗ ſelben zum Balkon hinabzuklettern. Und nun war er an der Frontſeite des Gebäudes. Der Orkan ſchien in dieſem Augenblicke pauſiren zu wollen, und der Mond trat hinter die wild einher⸗ ſtürmenden Wolken. Bülow beſann ſich nicht lange, er beugte ſich weit herab; jetzt ſchwebte er nur noch an der Baluſtrade des Daches, ein heftiger Windſtoß hätte ihm Verderben bringen können. Aber ſchon hatte er in die Einſchnitte 181 der Holzzierrathe gegriffen, und nun zog er kraftvoll und behende den Körper nach. Im nächſten Momente hing er an dem Schnitzwerke und ſetzte ſeine Füße in dasſelbe. Er athmete hoch auf, denn nun war das Ge⸗ fahrdrohendſte abgethan und der Balkon leicht erreichbar. Wie der Matroſe die Strickleiter im Sturme mit Sicherheit hinabklettert, ſo ſtieg Bülow, während der Orkan ihn jetzt umbrauſte, am Schnitzwerke nieder. Und nun erreichten ſeine tappenden Füße das ſteinerne Geländer des Balkons, ſie berührten in der nächſten Sekunde lautlos den Boden deſſelben.— Bülow drückte ſich an die geſchnitzte Seitenwand und warf einen haſtigen Blick durch eine der Schei⸗ ben der mit halbdurchſichtigem Mouſſelin verhängten Glasthür. Er überſchaute, wie durch einen Schleier, ein alter⸗ thümlich drapirtes, mit Rococomöbeln ausgeſtattetes Zimmer. Auf dem Sopha deſſelben ſaßen die Gräfin Ho⸗ henfeld und— Bülow erſtaunte über dieſe Vertraulich⸗ keit— der Sekretär Schwarz. Bülow näherte ſich behutſam der Glasthüre, hockte dort, der größeren Vorſicht halber, auf den Steinboden nieder, und ſchaute in das Zimmer und auf das Paar. Die Gräfin trug ein leichtes, elegantes Hauskleid. Ihre Wangen waren blaſſer als gewöhnlich, der Blick 182 ihrer großen, tiefliegenden, von einem ſchwachen, bläu⸗ lichen Schatten umgebenen dunklen Augen hatte in die⸗ ſem Momente etwas Unruhiges, er war durchdringend und leidenſchaftlich. Der Sekretär Schwarz benahm ſich an der Seite der Gräfin, was dem lauſchenden Bülow nicht entging, mit großer Ungezwungenheit. Das Paar ſaß eine geraume Weile ſchweigend da. Die Gräfin ſchaute forſchend auf Schwarz und als die⸗ ſer regungslos in ſeiner Stellung verharrte, runzelte ſie die Stirn. Sie erhob ſich ungeſtüm und durchſchritt einige Male haſtig das Zimmer. Dann blieb ſie vor dem mit Moſaik ausgelegten Sophatiſche ſtehen. Sie öffnete die Lippen und begann zu reden. Bülow wagte kaum zu athmen. Er verſtand deut⸗ lich jedes Wort, das geſprochen wurde. „Ich begreife nicht, Fritz,“ ſagte ſie,„wie Du jetzt zaghaft werden kannſt, nun wir Alles ſo gut überlegt und eingeleitet haben! Das Dolchmeſſer Karl's iſt da, der Notar wird morgen im Laufe des Vormit⸗ tags erſcheinen, die Teſtamentsangelegenheit iſt jedenfalls bis Mittag abgethan,— was fürchteſt Du alſo? Wird nicht Alles ſeinen vorgeſchriebenen Gang nehmen? Und iſt nicht immer bisher gelungen, was wir mit einander beſchloſſen und ausführten?“ 183 „Ja, ja,“ entgegnete Schwarz in unſicherem Tone, „aber wir ſpielten auch niemals zuvor ein ſo gefähr⸗ liches Spiel, als jetzt!“ „Gefährlich?“ war die faſt ſpöttiſche Antwort,„für Dich etwa? Habe ich nicht die Hauptſache auf mich genom⸗ men? Wird nicht von Dir auch nur der leiſeſte Schatten eines Verdachtes dadurch entfernt, daß Du, lange bevor die Sache kann geſchehen ſein, Dich weit von hier, von der Villa über⸗ haupt, entfernt aufhalten wirſt, und zwar an irgend einem Orte, wo Du von Leuten, die Dich kennen, geſehen biſt? Was mich betrifft,— nun, ich werde meine Rolle zu ſpielen wiſſen!— Zu was hätte ich denn den Grafen hierher nach dieſem abgelegenen Pavillon bringen laſſen, unter dem Vor⸗ wande, daß das geräuſchvolle Treiben der Villa ſeine Kräfte aufreibe, wenn wir jetzt die Hände voll Beſorgniß in den Schoß legen wollten? Unſer Spiel iſt hier minder gefährlich, als Du glaubſt, denn dadurch, daß ich durch Liſt und Energie den Alten beſtimmte, dieſen Pavillon zum Aufenthalte zu nehmen, dadurch, daß ich die Welt, die Dienerſchaft, ja den ſchwachſinnigen Grafen ſelber glauben machte, er wolle in ſeinem krankhaft erregten Zuſtande Niemanden um ſich dulden, als mich und ſeinen treuen Sekretär Schwarz, haben wir es ja einer ganzen Schaar von Augen unmöglich gemacht, uns bei unſerem Vorhaben im Wege zu ſein! Soll ich Dir nochmals wiederholen, wie leicht und unverdächtig ſich Alles bewerkſtelligen läßt? 184 Ich werde jetzt die halbe Nacht am Krankenbette des Grafen zubringen, dann kann ich mich morgen in der Frühe erſchöpft und leidend ſtellen. Bei der Teſtamentsverhand⸗ lung, die am Vormittage und hier im Pavillon abgethan wird, habe ich die beſte Gelegenheit, mich tief erſchüttert zu zeigen, ich kann, ſo wie alles Schriftliche in's Reine gebracht iſt, eine Ohnmacht fingiren, und man wird meinen Zuſtand ganz erklärlich finden, ihn den Nachtwachen, der Sorge um meinen Mann, der Aufregung während der Teſtamentsverhandlung, dem Schmerze zuſchreiben. Als⸗ dann werde ich mich am Nachmittage vom Krankenbette meines Mannes hieher zurückziehen, mich niederlegen und den Arzt rufen laſſen, daß er mir irgend etwas verordne. Man wird von mir glauben, ich ſei unfähig, das Bett zu verlaſſen. Du bleibſt indeſſen um den Grafen, und gibſt ihm eines ſeiner Opiumpulver, aber erſt gegen Abend, kurz bevor Du nach der Stadt zum Grafen Karl fährſt. Der alte Herr wird dann jedenfalls zu der Zeit ſchlafen, wo der Diener Deine Stelle am Bette des Grafen einnehmen muß. In der Dämmerungsſtunde werde ich ſodann die Zofe, welche mich hier bedient, zu dem Diener hinunterſchicken, und ihn unter einem Vorwande nach der Villa ſenden, wo er, da der ſchlafende Herr ſeiner ohnehin nicht bedürfe, bis zur Ankunft des Grafen Karl bleiben ſolle. Die Zofe dann auf ein Viertelſtündchen aus dem Pavillon zu entfernen, wird eine Kleinigkeit ſein. 185⁵ Bis das Mädchen wieder zu mir zurückgekehrt iſt, wird Alles geſchehen ſein, denn es bedarf ja nur weniger Mi⸗ nuten, das Bett zu verlaſſen und die That zu voll⸗ bringen. Meine Zofe aber wird mich, ſtöhnend wie zu⸗ vor, auf dem Lager finden, ich laſſe ſie von da ab nicht von meiner Seite. Das Zimmer des Grafen im Erd⸗ geſchoſſe wird ſomit Niemand betreten, alſo auch Nie⸗ mand vorzeitig entdecken, was inzwiſchen geſchah. Und wenn alsdann der Graf Karl in der Villa anlangt, und man ihn zum Pavillon führt, dann iſt er der Erſte, welcher das Erdgeſchoß betritt, denn Niemand von den Leuten wird und kann ſich unterſtehen, dem jungen Herrn in das Zimmer des Grafen zu folgen. War Karl aber nur einen Moment dort allein, wie will er dann beweiſen, daß er es nicht war, der den Greis tödtete? Sein Hülfe⸗ geſchrei, ſobald er den Vater ermordet findet, zieht die Diener herbei, die ihm bis zum Pavillon folgten, ich ſtürze mit der Zofe in’s Zimmer und ſchleudre nach dem erſten Ausbruche der Verzweiflung, die ich zu heucheln verſtehen werde, dem Sohne, der ſicher ſo verſtört und vom Schrecken überwältigt iſt, daß man ihn wohl ſeinem Ausſehen nach für den Thäter halten wird, meine An⸗ klage in's Geſicht. Man findet das Dolchmeſſer des Grafen Karl in der Bruſt des Greiſes, und die Verhaftung unſeres Gegners iſt die augenblickliche Folge davon. Alles wird gegen ihn ſprechen, die lange Uneinigkeit 186 zwiſchen Vater und Sohn, die Abfaſſung des Teſtamentes, das ihm nur ſeinen väterlichen Pflichttheil zuweiſt, das Alleinſein mit dem Vater, mit dem er doch nach den erſten Worten in Streit kann gerathen ſein, wie alle Welt überzeugt ſein wird, und endlich das Meſſer, das ihm gehört! Niemand wird auch nur im entfernteſten daran denken, mich anzuklagen. Der Notar, der Arzt, die Dienſtleute, Alle werden ſie unbedingt beſchwören, daß ich krank geweſen, die Zofe wird ausſagen, daß ich zur Zeit, als die That im Erdgeſchoſſe vollbracht wurde, mein Lager im erſten Stock nicht verließ. Du ſiehſt noch⸗ mals klar,“— ſo ſchloß die Gräfin—„daß ich ſo ziemlich Alles übernehme, was geſchehen muß. Was bleibt für Dich zu thun übrig? Ein Spielwerk! Du haſt nur dafür zu ſorgen, daß der Graf Karl, kurze Zeit nach⸗ dem ich meine Aufgabe vollbracht, hier erſcheine. Du wirſt Dich unter irgend einem Vorwande entſchuldigen, ihn nicht hierher begleiten zu können, Dich an irgend einem öffentlichen Orte zeigen, und biſt ſo geborgen.“ Die Gräfin ſchwieg und richtete einen glühenden Blick auf den Sekretär. Schwarz ſtarrte die Dame an. „Wie aber,“ entgegnete Schwarz—„wenn Du die That vollbracht hätteſt und der junge Graf nicht käme?“ 187 „Du mußt ihn zwei Stunden vor der Zeit, in der er hier zu erſcheinen hat, davon benachrichtigen, daß ihn ſein Vater zu ſehen wünſche!“ antwortete die Dame anſcheinend kaltblütig.—„Weigert er ſich zu kommen, ſo bleibt Dir Muße genug, mich davon in Kenntniß zu ſetzen. Aber er wird kommen, Fritz, ich kenne den Grafen Karl noch beſſer als Du!“ Schwarz blickte die Gräfin an, welche ſo zuverſichtlich geſprochen hatte. Er lächelte faſt höhniſch. „Das iſt freilich kein Wunder!“ verſetzte Schwarz— „Du beſchäftigteſt Dich lange genug mit ihm, bevor ich nach Heiligenbrunn kam! Ich bewundere Dich,““— fuhr er ernſthaft und beinahe kleinmüthig fort—„ich geſtehe Dir, daß mir vor Dir graut!“ Die Gräfin lächelte kalt, dämoniſch. „Thörichter,“ antwortete ſie,—„geſchieht nicht alles, was ich beginne, zu unſerem Glücke? Soll uns alles entgehen, wonach wir jahrelang getrachtet haben? Jetzt, wo alles auf dem Spiele ſteht, müſſen wir han⸗ deln, und dürfen uns nicht durch kleinliche Skrupel beirren laſſen! Ich will nicht mit einem Witwengehalte abgefunden ſein, und nicht jeden Augenblick in der Furcht ſchweben, daß ich durch den Grafen Karl den Einfluß auf ſeine Schweſter Agnes verlieren könne, die ich noch eines Tages mit guter Manier in ein Kloſter zu bringen hoffe. Fritz, ich ſage Dir noch Eines! Als Du mich 188 vor zehn Jahren am Steinbruche zu Heiligenbrunn überraſchteſt und, auf Deine Gattenrechte Dich berufend, meinen Plan durchkreuzteſt, den ich auf die Zuneigung des Grafen Karl gebaut hatte, was that ich da? Ich verſchaffte Dir, dem entſprungenen, verfolgten Sträflinge, die Sekretärsſtelle beim Grafen, ich veruneinigte Vater und Sohn, und ward die Frau des erſteren, Alles wie Du es wollteſt. Jetzt, nun ich endlich die Früchte un⸗ ſeres Thuns im großartigſten Maße ernten will, nun darfſt Du Dich meinem Willen nicht zaghaft hindernd in den Weg ſtellen! Iſt der Graf todt, der ſchon zu lange für uns lebte, dann biſt Du, wenn wir gehan⸗ delt haben, wie ich es beſchloſſen, ein freier Mann, und kannſt mit dem Theile des Vermögens, welchen ich Dir abtrete, gehen wohin es Dir beliebt. Ich aber bin unabhängig! Muß der alte Graf einmal ſterben, ſo ge⸗ ſchehe das auf für unſer Intereſſe gefahrloſe Weiſe. Zage alſo nicht! Kommt doch auch nicht das Blut des Grafen Karl über Dich, denn da er kein Geſtändniß ablegen kann, ſo wird man ihn auch nur zur Kerker⸗ haft verurtheilen können. Dazu kommt, daß der Pflicht⸗ theil Karl's, wenn man dieſen in's Zuchthaus ſperrt, uns zufallen wird! Wahrlich, Fritz, Du wäreſt ein Narr, wenn Du jetzſt, im letzten Augenblicke noch, Bedenken hegen wollteſt! Lacht uns nicht eine reizende Zukunft?“ Die Gräfin blickte voll Zuverſichtund triumphirendauf. 189 „Jetzt mußt Du fort, hinunter an das Bett des Alten, denn meine Zofe, um die ich den Diener ge⸗ ſchickt, muß bald kommen!“ ſagte ſie dann—„Geh'— es wird das Letztemal ſein— dann ſind wir frei! Grüble und zage nicht, ſei ein Mann!“ Sie griff zum ſilbernen Armleuchter, auf dem mehrere Kerzen brannten, und ſchritt zur Thür, die zur Treppe des Pavillons führte. Schwarz folgte ihr, leiſe auftretend. Einige Sekunden noch, und beide waren verſchwunden. Bülbow ſtarrte einige Augenblicke durch die Glas⸗ thür auf die Finſterniß, welche das Zimmer jetzt erfüllte. „Allmächtiger Gott!“ ſtammelte er dann faſt ton⸗ los—„Was habe ich gehört!“ Ein heftiger Schauer durchrieſelte ihn. Mit wildem Blicke, von Entſetzen aufgejagt, ſprang er auf das ſteinerne Geländer des Balkons. Von dort klomm er, behende wie ein Eichkätzchen, in raſender Haſt an dem Schnitzwerk der Veranda em⸗ por, kroch, vom Sturm umbrauſt, an dem ſchlüpfrigen Dache hin, ſprang von dort auf das Leitergerüſt, klet⸗ terte daran blitzgeſchwind nieder, rollte es zur Seite und lief ſpornſtreichs dorthin, woher er gekommen war, zu dem rückwärtigen Pförtchen des Parkes. Dann ſtolperte er auf den Weg hinaus, vorwärts in die Nacht hinein. Siebentes Capitel. Ein neues Abenteuner. Bülow rannte verſtört vorwärts. Sein Gehirn brannte, denn ſeit anderthalb Stun⸗ den befand er ſich nun ſchon in heftigſter Aufregung. Bald hatte er den ſchmalen Weg hinter ſich, der zum Pförtchen führte, und nun eilte er an dem Park⸗ gitter entlang, auf einem Pfade, der ſich an der Fahr⸗ ſtraße hinzog. Jetzt kam er an dem Gitterthore der Villa vor⸗ über, und nun näherte er ſich der Stelle, wo er ſeinen Miethwagen verlaſſen hatte. Aber ſiehe da, der Wagen hielt nicht mehr dort, und wie er auch umherſpähen mochte, er erblickte ihn nirgends. 5 6 1 191 Bülow ſtieß eine Verwünſchung aus, als er ſo die Ueberzeugung erlangte, daß er ſeinen Rückweg zu Fuß antreten müſſe. Das Dorf Erbach war freilich ſo ziemlich in der Nähe, und es war dort auch vielleicht ein Wagen zu bekommen. Aber Bülow getraute ſich nicht, das einzige Wirthshaus, deſſen Beſitzer Lohnfuhrwerke beſaß, aufzu⸗ ſuchen, denn konnte er nicht vielleicht um dieſe Stunde noch einem der zahlreichen Lakaien des Grafen— und ſie kannten ihn Alle— zufällig begegnen? Dann war der Gräfin aber auch ſeine hierher unternommene, abendliche Expedition verrathen! Er entſchloß ſich alſo, zu gehen, und machte ſich, ohne weiter zu zaudern, auf den Weg.. Er durchſchritt die Allee, welche ſich von den Land⸗ häuſern und dem Dorfe quer über die Felder zum Stadtparke hinzog. 9 Bald gelangte er zu dieſem Letzteren und bog in die Nacht deſſelben ein, die ihn ſchwarz und unheimlich empfing. Bülow war den Weg oft genug gefahren, er glaubte auch jetzt die Hauptallee leicht finden zu können. Bis dahin hatte er freilich einige Seitenwege des Parkes zu durchwandern, und dieſe waren jetzt ſo ſehr in Finſterniß getaucht, und andere Alleen mündeten ſo vielfach in ſie aus, daß ein nicht völlig mit dieſem Theile des Parkes 192 Vertrauter ziemlich leicht die Richtung nach der Stadt verfehlen konnte. Und dieſes geſchah dem jungen Manne. Er gerierh in eine Allee, die ihn fernab von der Hauptſtraße führte, und plötzlich ſah er ſich am Aus⸗ gange des Parkes, in einer Gegend, die er bis dahin noch nicht betreten. Vor ſich hatte er weite Gemüſefelder, die ſich vom Stadtparke entlang bis zum Fluſſe erſtreckten, wo ver⸗ eeinzelt einige Häuſer ſtanden, und an deſſen jenſeitigem Ufer Bülow den älteſten Theil der Stadt erblickte, ſchwarz am düſteren Horizont ſich abgrenzend. Bülow ward mit Mühe eines Pfades anſichtig, der ſich durch die Felder zu einigen ziemlich entfernt von einander ſtehenden Hütten zog, den Wohnungen der Gärtner, die hier für die Küche der Reſidenzler ſorgten. Aber auch einen anderen Pfad entdeckte er, und dieſer zog ſich an den Gemüſefeldern und dem Stadt⸗ parke hin zum Fluſſe. Da Bülow wußte, daß auch von dem alten Stadt⸗ theile der Reſidenz eine Brücke an das diesſeitige Ufer führe, ſo entſchloß er ſich, den letzteren Pfad einzu⸗ ſchlagen. So ließ er denn die Felder und vereinzelten Häuſer zur Rechten, und ſchritt auch nicht auf dem Pfade vor⸗ wärts, dem er in der Dunkelheit nur mühſam hätte — 193 folgen können, ſondern weiter links unmittelbar am Rande des Gehölzes entlang. Er mochte etwa eine Viertelſtunde ſo gegangen ſein, als ihn plötzlich ein ſeltſames Geräuſch aufſchreckte. Das Geräuſch kam von rechts, wo der Pfad lag. Was war das? Es klang an ſein Ohr, als ob in einiger Entfernung Stöcke aneinander ſchlügen. Dumpfe Töne hallten dazwiſchen, wie wenn menſchliche Körper getroffen würden. Und im gleichen Augenblicke ertönte ein halbunter⸗ drückter Hülfeſchrei, der aus einer zuſammengeſchnürten Kehle zu kommen ſchien. Bülow ſtarrte in die Dunkelheit hinein, nach jener Seite hin, von der die verdächtigen Laute ſchallten. Ein Schauer überlief ihn. Aber im nächſten Augen⸗ blicke hatte der muthige junge Mann ſeine gewohnte Entſchloſſenheit wieder. Obwohl durch geiſtige Aufre⸗ gung und die körperlichen Strapazen des Abends ſo ziemlich erſchöpft, ermannte er ſich doch. Statt, wie es mancher Andere an ſeiner Stelle gethan hätte, zu entfliehen, horchte der beherzte Büluw noch einige Secunden lang nach der Richtung hin, von der ſich das Geräuſch hören ließ und ſprang dann, ohne ſich weiter zu bedenken, auf den Pfad hinaus. Er ſtolperte ſogleich und ſtürzte zu Boden. Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. 13 194 Im Nu raffte er ſich auf, aber zugleich auch einen Stein, den ſeine Hand auf dem Erdboden berührt hatte. Und nun ſtürzte er vorwärts. Jetzt unterſchied er in der Dunkelheit, etwa zwan⸗ zig Schritte vor ſich, einige ſchwarze Geſtalten; es mochten etwa drei oder vier Männer ſein, die mit ein⸗ ander oder mit Einem von ihnen rangen. Und als er dieſes ſchwärzliche Gewirre deutlicher vor ſich erkennen konnte, da gewahrte er auch augen⸗ blicklich, daß es ſich dort um einen Ueberfall handeln müſſe, denn er erblickte, von drei Männern umringt, einen vierten, welcher ſich ihrer mit aller ihm noch zu Gebote ſtehenden Kraft zu wehren trachtete. Aber ſchon taumelte dieſer Mann, der von ge⸗ drungenem Wuchſe war, und vermochte nicht mehr ſeine Angreifer von ſich abzuhalten. Einer derſelben hatte ihm bereits eine Schlinge über den Hals geworfen, und der Angefallene ſtöhnte nur unartikulirte gurgelnde Töne hervor; die Anderen ſchlugen von allen Seiten auſ ihn ein. Bülow ſtieß beherzt ein gellendes Geſchrei aus und ſprang auf die Angreifer los. Er befand ſich im Rücken desjenigen, welcher am Halſe des Mannes mit aller Ge⸗ walt zerrte. 195⁵ Ein Schlag mit dem aufgerafften Steine in den Nacken des Angreifers, machte dieſen augenblicklich zu Boden ſtürzen und ſich überkugeln. Bülow war gerade in dem Moment gekommen, da die drei Angreifer über den ſtarken Mann zu triumphiren glaubten. Als nun die beiden mit Knitteln zuſchlagenden Va⸗ gabunden ihren Kameraden niederſtürzen und über den Boden kollern ſahen, und den hülfeſchreienden Bülow erblickten, der muthig, den Stein in der Fauſt, ſich jetzt zu ihnen wendete, ließen ſie überraſcht von ihrem Opfer ab, und ſprangen haſtig einige Schritte zurück. Der kräftige Mann aber zerrte jetzt, da er auf einige Augen⸗ blicke die Vagabunden von ſich weichen ſah, an der Schlinge. Die Schnur löſte ſich. Der Mann athmete hoch auf, er ſchleuderte ſie von ſich und ſtieß ein Wuthgebrülle aus. Die beiden Gauner, welche, durch das plötzliche Erſcheinen Bülow's beſtürzt, zurückgewichen waren, er⸗ kannten jetzt trotz der Dunkelheit, daß es nur ein einziger, ziemlich ſchmächtiger junger Herr ſei, der dem robuſten Manne zu Hülfe gekommen war.— Zudem ſahen ſie ihren Kameraden vom Boden ſich erheben. Sie waren alſo zu Dreien gegen einen bereits zerbläuten, halbbetäubten Mann und einen jungen Men⸗ ſchen, deſſen Aeußeres keineswegs herkuliſche Kraft ver⸗ . 13* 196 rieth. Das gab ihnen den Muth, ſich auf Beide zu ſtürzen. Aber ſie hatten ſich verrechnet. Obwohl der rechte Arm des kräftigen Mannes durch die Knittel der An⸗ greifer faſt gelähmt war, beſaß er doch in dem linken, der nun frei war, Stärke genug, den erſten der Kerle, welche wieder auf ihn einfuhren, mit einem einzigen Fauſt⸗ ſchlage weit zurückzuſchleudern. Der vorhin von Bülow zu Boden Geſtreckte warf ſich jetzt in voller Wuth mit einem Knittel auf den jungen Mann. Ein furchtbarer Hieb,— der Stein entglitt Bü⸗ low's Hand.— Noch ein Schlag und Bülow ſank mit dumpfem Stöhnen beſinnungslos zuſammen. Da zuckte von den fernab liegenden Gärtnerhütten Lichtſchein auf. Es wurden Laternen ſichtbar. Hier und dort bewegten ſich einige Geſtalten raſch näher. „Man kommt!“ ſchrie der Vagabund, welcher den armen Bülow zu Boden geſtreckt hatte, ſeinen Gefährten zu.—„Hier iſt nichts mehr für uns! Der Hund, der dort liegt, iſt ſchuld, daß wir ſo abziehen müſſen!“ 197 Der elende Gauner ſtieß einen ſchauerlichen Fluch aus, ſchlug mit dem Knittel in toller Wuth nochmals auf den leblos am Boden Liegenden, und ſprang über das Feld davon. Seine Spießgeſellen folgten ihm. Der kräftige, von ihnen zuvor angefallene Mann ſtolperte ihnen nach, aber ſie waren leichtfüßiger als er. In wilder Flucht ſtürmten ſie dahin, und verſchwanden in der Finſterniß. Unterdeſſen näherten ſich mehrere Männer und Frauen der Stelle, an welcher der Kampf ſtattgefunden hatte. Dahin kehrte jetzt auch der Mann zurück, da er die Unmöglichkeit einſah, einen der flüchtigen Vaga⸗ bunden einzuholen. Fluchend trat er zu den Neugierigen heran, von denen Einer ihm eine Laterne entgegenſtreckte. Der Lichtſchein dieſer Laterne beleuchtete den An⸗ gefallenen. Seine Wäſche und ſeine Kleidung verriethen den nicht unbemittelten Gewerbsmann. Dieſe Kleidung war aber jetzt an einigen Stellen zerriſſen. Der Mann hatte ein breites, volles und tief ge⸗ röthetes Geſicht. Aus ſeinen derben Zügen ſprachen Offen⸗ heit, Muth und ſelbſt jetzt noch Gutherzigkeit, während er doch mit gerunzelter Stirn und eine Verwün⸗ ſchung brummend in den Schein der Laterne trat. 198 „Was iſt denn dort geſchehen?“ tönte es dem Manne von verſchiedenen Seiten entgegen. „Angefallen hat man mich!“ brummte dieſer. „Dort hinaus ſind ſie entwiſcht!“ rief Einer, nach dem Fluſſe deutend—„Sie werden ſich über die Brücke nach der Altſtadt geflüchtet haben!“ „Die Schelme!“ riefen einige der Neugierigen— „Wir ſollten ihnen doch nach!“ Aber Niemand rührte ſich, ſelbſt die nicht, welche das geſagt hatten. „Sie ſind mit Meſſern bewaffnet, das iſt ſicher!“ begann phlegmatiſch ein himmellanger Burſche, der in der vorderſten Reihe ſtand, und dem Angefallenen an Größe und kräftigem Körperbau bedeutend überlegen war.—„Aber ſagt nur, wie hat ſich denn die Sache zugetragen?“ „Bin in Erbersberg geweſen, jenſeits des Parkes,“ antwortete der Angeredete barſch,—„und habe mir den Weg abſchneiden wollen, weil ich dort am Fluſſe wohne.“ „Ah,“ begann der himmellange Burſche von vor⸗ hin—„jetzt erkenne ich den Herrn. Sind Sie nicht der Herr, dem am Fluſſe das neue Haus gehört, das erſt ſeit ein paar Wochen bewohnt iſt und in dem die Tiſchlerei betrieben wird?“ X 1 199 „Ganz recht!“ antwortete der Gefragte kurz,— „und der Tiſchler bin ich—“ 3 Der ehrliche Handwerker unterbrach ſich. Er ſchlug ſich mit der derben Hand vor die Stirn. „Du mein Gott!“ rief er und ſchob die Leute, welche ihn umſtanden, raſch zur Seite—„vergaß ich doch darauf, daß der arme Menſch, der mir zuvor bei⸗ ſprang, hier irgendwo liegen muß!“ Im gleichen Augenblicke kreiſchte eine Weiber⸗ ſtimme:„Allmächtiger Himmel, dort liegt Einer!“ Der Kreis theilte ſich haſtig, der Laternenſchein überglänzte den regungslos wenige Schritte von der Gruppe entfernt liegenden Bülow. Man hob ihn auf. Das Blut rieſelte ihm über ſein Antlitz. Er hatte eine Wunde an der Stirn. „Dem armen Menſchen dort verdanke ich mein Leben!“ murmelte der Tiſchler mitleidig herantretend.„Kennt ihn einer von Euch? Er gehört wohl nicht hierher, denn er ſieht aus wie ein feiner, vornehmer Herr!“ „Ja wahrhaftig, das iſt er!“ riefen die Gärtner, „Wir kennen ihn nicht!“ „Er bedarf ſchleuniger Hülfe!“ brummte der An⸗ gefallene—„da muß ein Doktor her! Und damit dem ar⸗ men Herrn gleich die nöthige Pflege zu Theil werden kann, 200 möchte ich ihn zu mir hinüber in mein Haus ſchaffen. Wer hilft mir den armen Herrn hinübertragen? Ich könnte das Geſchäft allein beſorgen, hätten mich die Schelme nicht gar ſo windelweich gedroſchen!“ Einige von den Leuten boten ſich jetzt an, den Ohn⸗ mächtigen nach dem Hauſe des Tiſchlers zu tragen. Ein kleiner Zug ſetzte ſich nach dorthin mit dem armen Bülow in Bewegung; der Tiſchler und ein Laternen⸗ träger trabten voran. Achtes Capitel. Entſetzliche Lage. Es war Morgen. Der Orkan der vergangenen Nacht war über die Reſidenz dahingeſtürmt und hatte die Wolken⸗ ſchichten mit ſich fortgeführt. Die Sonne ſtand am blauen Himmel und ihr Glanz flimmerte auf Bäumen und Dächern. Ihr Strahl fiel auch freundlich und warm durch die Fenſterſcheiben eines ziemlich anſehnlichen, hart am Fluſſe ſtehenden Hauſes und in ein Zimmer deſſelben, in dem ſich mehrere Leute verſammelt hatten. Das Haus ſtand neben einigen vereinzelt ſtehenden anderen, an dem der Altſtadt gegenüber liegenden Ufer. Einer der im vorgenannten Zimmer befindlichen Leute war jener robuſte Mann, welcher in der verfloſ⸗ ſenen Nacht in der Nähe der Gärtnerhütten war ange⸗ fallen worden. 202 Ein bejahrter Herr ſtand an ſeiner Seite. Dieſer Letztere war ein Arzt. Wenige Schritte von ihm entfernt befand ſich eine ältliche, ſchlicht gekleidete Frau, die Gattin des Mannes, dem Bülow in der Nacht zu Hülfe gekom⸗ men war. 1 Eine alte Magd und ein aufgeſchoſſener, vierſchrö⸗ tiger und ſtarker Burſche hielten ſich, augenſcheinlich in großer Spannung, an der Thür des Zimmers auf. Auch die Mienen des Tiſchlermeiſters und ſeiner Frau hatten keinen gleichgültigen Ausdruck, ſondern ver⸗ kündeten im Gegentheil eine lebhafte Beſorgniß. Die Blicke Aller waren auf einen Winkel des Zimmers gerichtet. In dieſem Winkel ſtand ein Bett. Auf dem Bette war Bülow ausgeſtreckt. Der arme junge Mann lag in einem Schlummer, welcher einer Betäubung glich. Bülow war bleich, man hatte ſeinen Kopf verbunden, der Scheitel desſelben war mit Eisumſchlägen bedeckt. Neben dem Bette ſtand ein Tiſch, auf welchem ſich Compreſſen aus Leinwand und ein Gefäß mit Eis und Waſſer gefüllt befanden. Ein Rezept, welches der Doktor ſo eben geſchrieben zu haben ſchien, lag neben dem Gefäße. Der Arzt rüſtete ſich zum Fortgehen. Der Tiſchler hielt ihn zurück. 6* 203 „Sie ſagen, alſo, Herr Doktor“ begann er— „daß nichts zu befürchten ſei?“ „Sie können ſich verſichert halten, Herr Leonhard!“ antwortete der Arzt.—„Ich muß aber darum bitten, daß meine Vorſchriften pünktlich befolgt werden.“ „Das können Sie ſich denken!“ verſetzte die Frau in theilnahmsvollem Eifer. „Gut!“ ſagte der Arzt.—„Nach dieſem Schlum⸗ mer wird der junge Herr wohl mit völligem Bewußt⸗ ſein erwachen, denn er iſt jetzt ganz ruhig, die Eisum⸗ ſchläge haben ihre Wirkung gethan. Dann werden Sie natürlich auch von dem Herrn erfahren, wer er iſt, und ſeine Eltern oder Verwandte von dem Miggeſchicke, das ihn betroffen hat, benachrichtigen können.“ „Freilich, nur er kann es uns ſagen,“ bemerkte Leonhard—„denn wir haben weder ein Portefeuille, noch ſonſt etwas bei ihm gefunden, wodurch er legiti⸗ mirt wäre. Der Herr muß ſeine Brieftaſche während des Kampfes auf dem Felde verloren haben.“ „Und wennSie nun vwiſſen werden, wer dieſer junge Mann iſt,“ fuhr der Arzt fort,—„und Sie haben ſeine Verwandten benachrichtigt, ſo geſtatten Sie dieſen beileibe nicht, den Verwundeten fortzuführen, auch wenn er es noch ſo dringend wünſchen ſollte, verſtehen Sie mich? Er bedarf dringend durch einige Tage vollſtändiger Ruhe. Selbſt dienleichte Erſchütterung des bequemſten 204 Wagens könnte ihm jetzt gefährlich werden. Fahren Sie mit den Eisumſchlägen fort, und geben Sie ihm regelmäßig von der Arzenei. Ich werde dieſen Abend wieder bei Ihnen vorſprechen.“ Der Doktor ging. Als er fort war, blickte die Frau ihren Mann beſorgt an. „Aber wenn er wieder phantaſieren ſollte, wie dieſen Morgen?“ fragte ſie. „Nun, ſo läßt ſich auch nichts anderes thun, als ihm Eisumſchläge geben und dafür ſorgen, daß er nicht aus dem Bette, ſpringe und uns davonrenne!“ antwor⸗ tete koonzard.—„Ich muß jetzt fort. Du weißt, ich habe heute den ganzen Tag dringend in der Nachbarſchaft zu arbeiten. Du aber mußt in die Küche und dann Nach⸗ mittags zu Deiner Mutter hinüber nach der Altſtadt, wirſt alſo auch ſpät nach Hauſe kommen. Der Wilhelm wird alſs hier die ganze Zeit hindurch den Wächter machen müſſen. Nun, er iſt ſtark genug, den armen Herrn nieder⸗ zuhalten, falls er wieder ſo etwas wie ein Phantaſieren bekommen, und um ſich ſchlagen ſollte!“ „Ich werde ſchon mit ihm fertig werden!“ be⸗ merkte der vierſchrötige Burſche grinſend, und ließ dann die Unterlippe hängen, indem er ſchwerfällig zu einem Stuhle ſchritt. 2⁰⁵ Der Tiſchler verließ das Zimmer, die Hausfrau folgte ihm, nachdem ſie einen unruhigen Blick auf den Schlummernden gerichtet hatte. Die alte Magd ſchlüpfte zum Tiſch, nahm das Rezept an ſich, und trippelte hin⸗ ter dem wackeren Ehepaare drein. Die Mittagszeit kam und verging. Stunde um Stunde ſtrich dahin, ohne daß den armen Bülow der bleierne Schlaf verließ. Es mochte gegen ſechs Uhr ſein. Die Dämmerung war im Begriff einzutreten. Der Tiſchler und ſeine Frau waren noch nicht nach Hauſe zurückgekehrt. Wilhelm ſaß am Bette, die alte Magd hockte am Fenſter und ſtrickte. Die Alte blickte von der Arbeit auf und ſchaute zu Bülow hinüber. „Es wird Einem ganz ſonderbar bei ſo einem Schlafe!“ murmelte ſie.„Ich glaube, der arme Herr kommt gar nicht wieder zu ſich!“ Sie hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als Bülow ſich rührte, einen Seufzer ausſtieß und die Augen aufſchlug. „O mein Jeſus!“ rief die Magd, ließ den Strick⸗ ſtrumpf fallen und fuhr in die Höhe.„Wilhelm, ſchau die Augen an— er verdreht ſie— er wird wieder raſend!“ Bülow richtete ſich im Bette auf. Er ſtarrte be⸗ troffen umher. 206 „Wo bin ich?“ ſtammelte er. „Wo werden Sie denn ſein?“ antwortete der Burſche, „beim Meiſter Leonhard, den man in der Nacht ange⸗ fallen hat. Bleiben Sie liegen, ich darf's nicht leiden, daß Sie aufſtehen!“ Bülow ſammelte ſeine Gedanken. Der Schlaf hatte ihn wunderbar geſtärkt, er fühlte ſich ein wenig wüſt im Kopfe, das war Alles. Der Eisumſchlag war auf die Kiſſen niedergerutſcht. Bülow griff an ſeine verbundene Stirn. Die ganze Begebenheit der vergangenen Nacht ſchoß ihm durch den Sinn. Noch lebhafter aber drängte ſich ihm plötzlich der Gedanke an die furchtbare Entde⸗ ckung auf, welche er vor dem Abenteuer mit den Va⸗ gabunden gemacht hatte. Er ſchrak heftig zuſammen. „Wie lange ſchlief ich hier?“ rief er mit bebenden Lippen, den Burſchen anſtierend. „Nun, grad lange genug!“ antwortete dieſer mit einem Grinſen—„den ganzen Tag!“ „Und wie ſpät iſt es jetzt?“ ſtotterte Bülow entſetzt. „Sechs Uhr Abends! Bleiben Sie liegen, ſag' ich Ihnen!“ war des Burſchen Antwort. „Allmächtiger Gott!“ rief Bülow außer ſich,— „der Graf Karl iſt verloren, wenn ich ihn nicht auf der Stelle benachrichtige! In einer halben Stunde iſt vielleicht der alte Graf ermordet!“ 207 Bülow ſprang vom Bette auf. Er ſah ſeine Klei⸗ der auf einem Seſſel neben dem Tiſche liegen und ſtürzte dorthin, das Antlitz von Angſt verzerrt. „Er phantaſiert!“ ſchrie die Magd händeringend und drängte ſich in einen Winkel des Zimmers. Der Burſche aber warf ſich auf den armen Bülow. Größer und ſtärker als dieſer, packte er ihn mit aller Kraft und ſchleuderte ihn auf das Lager zurück. „Sie müſſen in's Bett,“ rief er,„der Doktor und der Meiſter wollen's ſo haben! Sie müſſen Medizin nehmen, auf der Stelle!“ Und der handfeſte Burſche hielt den keuchenden jungen Mann nieder, der ſich wand und krümmte und zur Wehre ſetzte. „Laß mich los!“ heulte Bülow.„Im Pavillon des Grafen Hohenfeld ſoll ein Mord begangen werden —Spielleicht iſt's noch Zeit, ihn zu verhindern, wenigſtens den jungen Grafen zu retten: Laß mich— o mein Gott—!“ „Er raſ't, er ſpricht verrücktes Zeug!“ ſchrie der Burſche.„Er will fort, aber er ſoll mir nicht ent⸗ kommen!“ 4„Ich bin bei Sinnen, ich phantaſiere nicht!“ ſchrie Bülow dagegen.„Laß mich los! Ein ſchreckliches Un⸗ glück geſchieht, wenn ich nicht auf der Stelle von hier fortkomme!“ 208 Bülow machte von Neuem Anſtrengungen ſich loszureißen. Der ſtarke Burſ ſche überwältigte ihn vollſtändig. „Geben Sie mir die Stricke dort her, Lene, daß ich ihn binde!“ rief er der alten Magd zu. Die Alte warf dem Burſchen einige Wäſchſtricke zu, die im Winkel auf der Erde lagen. Dann entfloh ſie in großer Angſt aus dem Zimmer. Der Burſche aber band den armen Bülow mit Mühe an Händen und Füßen. „O mein Gott!“ ſtöhnte dieſer in wilder Herzens⸗ angſt, in Wuth und Verzweiflung, als er jetzt gebunden und wehrlos dalag,—„der arme Karl iſt verloren!“ V Neuntes Capitel. Der Himmel lenkt. Es war um die Dämmerſtunde, als der Graf Karl in der Flußgaſſe an jenem Thorwege ſtand, der uns genügſam bekannt iſt.. Der junge Graf war nicht allein. Neben ihm ſtand der Onkel Mondſchein, ohne alle Frage in ſehr erregter Stimmung. Auch Karl ſah blaſſer aus als gewöhnlich, und ſeine Augen hatten einen lebhaften Glanz. Der kleine Onkel machte kein Hehl aus ſeiner Unruhe, er blinzelte ſeinen Neffen unabläſſig mit einer Aengſtlichkeit an, die einen Anſtrich von Poſſierlichkeit hatte. des Hauſes der lange Martin empor. Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. II. 14 Zwei Schritte hinter ihm ragte an der Mauer 210 Wir ſehen ihn nach zehn Jahren zum erſten Male⸗ wieder. Dieſe Jahre ſind ſpurlos an ihm vorübergezogen. Jetzt, wie er ſo hinter ſeinem Herrn ſtand und jede Vewegnng deſſelben deeachten ſpiegelte ſich die Unruhe des Männchens auch in ſeinen Zügen ab. Ein Miethfuhrwerk hielt vor dem Hauſe. Der Graf Karl ſchickte ſich an, in dieſen Wagen zu ſteigen. Schwarz war eine Stunde früher bei ihm in der Wohnung geweſen und hatte ihm die beſtimmte Nachricht ge⸗ bracht, daß ſein Vater ihn erwarte. Dann hatte ſich der Sekretär unter einem Vorwande entfernt, ohne gerade anzu⸗ geben, wohin er gehe. Es war ſomit von ſeiner Seite das geſchehen, was zwiſchen ihm und der Stiefmutter Karls war beſprochen worden, was Bülow erlauſcht hatte. Zeigten ſich der Onkel Mondſchein und ſein langer Diener unruhig, ſo deuteten dagegen die Züge Karls an, diß er ſich in freudig gehobener Stimmung befinde. Wie lange hatte er den Augenblick erſehnt, in dem es ihm geſtattet ſein dürfte, ſich mit ſeinem Vater auszu⸗ ſöhnen. Ihn leitete bei dieſem Wunſche keine ſelbſtſüch⸗ tige Rückſicht, ſondern einzig das kindliche Gefühl. Karl gickte ſich nun an, ſich von dem Onkel zu verabſchieden, den Frieden im Herzen. 3 Der Onkel dagegen zagte. Eine Angſt, von der er ſich keine Rechenſchaft zu geben vermochte, erfüllte ihn. 211 „Dein Vater iſt heftig, liebſter Karl,“ murmelte er,—„ reize ihn nicht, gedenke lieber mit keinem Worte der Vergangenheit, auch Dich ſelber nicht aufzu⸗ regen!“ „Beruhige Dich, mein guter Onkel!“ verſetzte Karl.—„Liegt der Vater nicht auf dem Krankenbette? Er mag ſagen, was er wolle, ich werde ihm nicht zürnen! Und iſt es ihm ſo ſehr mit der Verſöhnung Ernſt, wie Schwarz geſagt hat, dann kommen wir auch ohne weiteren Groll zurecht! Lebe wohl, es dunkelt ſchon, ich muß fort! Wir ſehen uns morgen, Onkel!“ „Behüte Dich Gott!“ ſtammelte das Männchen, die Hand des Neffen erfaſſend. Aber der Onkel ließ dieſe Hand nicht los, und ſchnappte in ſeiner bekannten Manier mit dem Munde. Er begann nach einigen Sekunden zu ſtottern:„Karl, ich hätte— hätte eine Bitte an Dich! Ich möchte Dich— Dich zur Villa hinausbegleiten,— ich weiß nicht, was mich ängſtigt,— aber— ich möchte heute ſtets in Deiner Nähe bleiben— ich habe ein Gefühl, als könne Dir ein Unglück begegnen. Nimm mich in Deinem Wagen mit hinaus!“ „Ein Unglück?“ verſetzte Karl lächelnd.—„ZJetzt, wo mir Verſöhnung mit dem Vater winkt? Du macheſt Dir Sorge ohne Noth, lieber Onkel. Kann es Dich aber beruhigen, ſo fahre mit!“ 14* 212 „Und— und“— druckſte der kleine Mann in einiger Verlegenheit—„dürfte beim Kutſcher wohl auch ein Plätzchen für mein langes Ungethüm ſein?“ Karl lächelte. „Ah,“ ſagte er,„der wackere Onkel befürchtet ſo⸗ gar einen Ueberfall, wie es ſcheint, und will ſeinen Rieſen zur Hand haben. Gut denn, auch der Martin fährt mit. Und nun beeilen wir uns!“ 9 Karl und das Männchen ſtiegen in den Wagen, der lange Martin ſchob ſich mit der ernſteſten Miene der Welt zum Kutſcherſitze empor. Der Wagen rollte raſch davon, der Brücke zu. Das Fuhrwerk war über die Brücke gekommen und nahe daran, in die Hauptallee des Stadtparkes einzu⸗ biegen, als plötzlich ein Geſchrei in unmittelbarer Nähe ertönte. Karl vernahm den angſtvollen Zuruf mehrerer Leute welche an den Wagen heranſprangen. 3 Ddieſer hielt mit einem heftigen Ruck, die Pferde bäumten ſich. Karl, der haſtig zum Wagenſchlage hinaus⸗ blickte, ſah, wie zwei Männer den Pferden in die Zügel ſielen. Er ſprang eilig zum Wagen hinaus. Vor den Pferden hatte ſich eine kleine Menſchen⸗ gruppe verſammelt. 7 — 2 213 „Was iſt da geſchehen?“ rief Karl und drängte ſich durch die Leute. „Ein junger Mann wäre bald überfahren worden!“ antwortete einer der Umſtehenden,„er hat quer über den Weg wollen und iſt plötzlich zuſammengeſunken. Er muß krank ſein, er hat einen verbundenen Kopf!“ „Aber durch die Pferde iſt ihm nichts geſchehen?“ forſchte Karl haſtig weiter. „Nichts! Ein paar Leute ſind noch rechtzeitig her⸗ beigeſprungen!“ war die Antwort. Karl gelangte jetzt dorthin, wo der junge Mann lag. Dieſer war halb ohnmächtig. Karl bückte ſich. Betroffen fuhr er zurück— er er⸗ kannte in dem jungen Manne ſeinen Freund Bülow. Karl ſtieß einen Ruf der Ueberraſchung aus. Er war am Morgen und ſelbſt am Nachmittage noch im Hotel ge⸗ weſen, Bülow zu beſuchen, und hatte dort erfahren, daß der junge Mann ſeit dem vergangenen Tage nicht in ſeine Wohnung zurückgekehrt ſei. Es hatte ihn dies wohl beunruhigt, aber ſeine eigenen Angelegenheiten hatten dieſe Beunruhigung in ſeinem Gemüthe zurückgedrängt. Karl und der lange Martin, der mit einem Satze vom Kutſcherſitze herabgeſprungen war, hoben den geiſter⸗ bleichen Bülow in den Wagen. „Umwenden!“ rief Karl dem Kutſcher zu—„fort zum goldenen Stern!“— „Nein, nein!“ ſtöhnte Bülow, der ſich indeſſen erholt hatte—„Vorwärts, um Gotteswillen!— Nach der Villa—!“ „Aber Sie ſind verwundet!“ rief Karl. „Am Kopfe, ja,— aber das geſchah in der vergan⸗ genen Nacht!“ antwortete Bülow.—„Jetzt iſt mir nichts widerfahren“ fuhr er hoch aufathmend und in Abſätzen fort—„ich habe zu Ihnen eilen wollen, zu Ihnen Herr Graf— ich bin den Leuten entkommen, die glaubten, ich phantaſiere,— ſie ſetzten mir nach— da mußte ich Um⸗ wege durch den Park machen, bis ſie meine Spur verloren — und hier— Ermattung und Angſt— Angſt um Sie, Graf,— ich ſank zuſammen!— Gott ſei Dank, daß mich der Zufall Ihnen in den Weg geführt hat!“ „Ich verſtehe kein Wort von dem, was Sie reden!“ verſetzte Karl.—„In dem allen iſt ja kein Zuſammen⸗ hang! Ihnen iſt nicht wohl, ich laſſe Sie nach Hauſe fahren, aber ich kann leider nicht bei Ihnen bleiben, denn ich muß zum Vater hinaus.“ „Um Gottes willen, Sie dürfen nicht hinaus ohne mich!“ ſchrie Bülow entſetzt.—„Ich rede nicht im Fieber, ich bin völlig bei Sinnen! Ich habe Ihnen eine furchtbare Entdeckung zu machen. Iſt Schwarz heute bei Ihnen geweſen, hat er Ihnen die Nachricht gebracht, daß Ihr Vater Sie dieſen Abend erwarte?“ — 2 21⁵ Karl ſtarrte Bülow betroffen an. „Ja!“ antwortete er. „So iſt draußen das Enſetzliche bereits geſchehen!“ ſtotterte Bülow händeringend—„und nur Sie noch kann ich retten, Graf! Vorwärts, vorwärts! Vielleicht iſt doch noch das Vorhaben der Gräfin zu verhindern!“ „Welches Vorhaben? Was iſt denn geſchehen? Woher wiſſen Sie— 2“ rief der Onkel Mondſchein bleich und zitternd. „Vorwärts!“ unterbrach ihn Bülow ſtöhnend.— „Sie ſollen alles unterweges erfahren!“ Karl gab dem Kutſcher ein Zeichen, dieſer hieb in die Pferde, der Wagen rollte davon, die Gruppe der Neugierigen zertheilte ſich.. Während das Fuhrwerk durch die Allee flog, be⸗ richtete Bülow ſeinen Freunden in fieberhafter Eile, ſo gut es ihm ſein erſchöpfter Zuſtand erlaubte, was er von den grauenvollen Plänen wußte, was ſich mit ihm ſelber ſeit dem vergangenen Abend ereignet hatte. Bülow jagte durch dieſe Mittheilungen ſeine Freunde in Schreck und Verzweiflung. Blaß und bebend ſtarrten ſie vor ſich hin, als er geendet hatte. „Nur in Begleitung von Polizeibeamten dürfen wir jetzt die Villa betreten!“ rief der Onkel Mondſchein „Kehren wir um, und nehmen wir einen Beamten von der Stadt mit!“ 8 216 „Nein! das wäre ein zu großer Zeitverluſt!“ ver⸗ ſetzte Karl.—„Vielleicht komme ich noch nicht zu ſpät, den armen Vater zu retten! Fahren wir ſogleich zum Dorfe Erbach, und nehmen wir dort polizeiliche Hülfe in Anſpruch!“ Der Kutſcher hieb ſtärker auf die Pferde ein. In vollem Gallopp ging es weiter.— Wir müſſen uns jetzt nach Schwarz umſchauen. Nachdem er den Grafen Karl und die Wohnung in der Flußgaſſe verlaſſen hatte, war er bis zum Marktplatze der Reſidenz geſchritten. 8 Er betrat daſelbſt das renommirteſte Kaffeehaus, das er zu beſuchen pflegte. Schwarz war überzeugt, hier um dieſe Zeit Bekannte zu treffen. Und heute handelte es ſich ganz beſonders dar⸗ um, fern vom Orte der That von Bekannten geſehen zu werden. Schwarz fühlte ein heimliches Grauen. Er beſaß nicht die teufliſche Energie der Gräfin, und darum em⸗ pfand er jetzt eine Angſt, die ſich ſteigerte, je mehr die Stunde kam, in der das dämoniſche Weib den Gatten ihrer Habſucht zu opfern beabſichtigte. Schon dem jungen Grafen gegenüber hatte Schwarz ſeine ganze Verſtellungs⸗ gabe aufbieten müſſen, um leidlich ruhig zu erſcheinen. Und doch war Alles bis jetzt nach den Wünſchen der Verbündeten gegangen. Der Notar hatte ſich am Morgen 217 eingeſtellt, der alte, kranke Herr ſeinen Willen kundgege⸗ ben, und dieſer war in aller geſetzlichen Form niederge⸗ ſchrieben worden. Schwarz wußte die Gräfin als Haupt⸗ erbin. Und auch die Komödie der Heuchlerin vor dem Arzte war gelungen. Die Dienſtleute des Hauſes hielten unbedingt ihre Herrin für leidend, als dieſe ſchon in früher Nachmittagsſtunde ſich im erſten Stocke des Pavillons zu Bette begab. So war der Ausführung des ſchrecklichen Planes alles auf's Beſte vorbereitet. Graf Karl hatte eingewilligt, ſeinen Vater aufzuſuchen, und verſprochen, pünktlich zu der gewünſchten Zeit draußen erſcheinen zu wollen.— Ein Mißlingen des Planes ließ ſich alſo kaum mehr befürchten. Aber dennoch ſtand Schwarz eine furchtbare Marter aus, ſeine Phantaſie war geſchäftig, er hätte es in dieſem Augenblicke faſt vorgezogen, die That ſelber zu begehen, ſtatt fern vom Schauplatze derſelben einer herzbeklemmenden Ungewißheit preisgegeben zu ſein. Als er den Weg zum Kaffeehauſe eingeſchlagen, da war ihm mehr als einmal der Gedanke gekommen, in einen Wagen zu ſpringen, zur Villa hinzueilen, und die grauenhafte That zu verhindern. Aber dann war ihm auch im Geiſte das Antlitz der Gräfin erſchienen, er ſah ſie ihn höhniſch anblicken und verächtlich lächeln, und es war ihm, als vernehme er ihre Worte:„Biſt Du ein Mann?“ 218 Nun er den Kaffeeſalon betreten, überflog ſein Blick haſtig die dort verſammelten Gäſte. Er ſah in einem Winkel des Salons Bekannte. Bevor er ſich ihnen näherte, ſchritt er zu einem Spiegel und ſchaute hinein. Er fuhr faſt vor ſich ſelber zurück. Ein leiſer Schauer durchrieſelte ihn, als er gewahrte, daß ſein Ant⸗ litz bleich und entſtellt ſei. „So kann ich nicht unter die Leute dort treten,“ murmelte er vor ſich hin—„mein Ausſehen würde ihnen auffallen! Die Kellner kennen mich hier, es genügt, wenn ſie ſpäter bezeugen, daß ich um dieſe Zeit hier war.“ 1 Er trat in ein Seitenzimmer des Kaffeehauſes, ſetzte ſich in eine Ecke, ließ ſich ein Glas ſtarken Liqueur bringen, und verbarg ſein Geſicht hinter einer rieſigen Zeitung. Er leerte das Glas auf einen Zug und ließ ſich zwei⸗, dreimal einſchenken. Er ſtierte auf das Journal, er bemühte ſich, ſeinen Geiſt auf das zu concentriren, was er zu leſen begann. Doch vergebens! Er hätte mögen aufſpringen und hinaus in's Freie taumeln. Die Zimmerluft drohte ihn zu erſticken. Ausharren! hieß es für ihn, denn eine Stunde, eine entſetzliche Stunde mußte er jedenfalls noch hier bleiben. 4 219 In den Räumen des Kaffeehauſes ward das Gas angezündet; draußen auf der Straße begann es mehr und mehr zu dunkeln. Und jetzt war der Abend völlig hereingebrochen. Des Sekretärs Seelenqualen erreichten den höchſten Grad. „Es iſt jetzt geſchehen,“ murmelte er geängſtigt in ſich hinein—„der junge Graf muß längſt draußen ſein, vielleicht wird er in dieſem Augenblicke ergriffen und fortgeſchleppt! Ich war hier lange genug, um be⸗ weiſen zu können, daß ich an der ganzen Sache nicht betheiligt geweſen!“ Dann verließ er das Lokal. Haſtig ſtieg er in einen Miethwagen, und befahl dem Kutſcher, ihn zur Villa des Grafen Hohenfeld zu fahren. Welche Qualen ſtand er während der Fahrt aus! Jetzt war der Wagen in der Nähe des Gitter⸗ thores der Villa. Schwarz ließ ihn halten. Er ſtieg aus, und ſchickte das Fuhrwerk fort. In einem Zuſtande, der dem eines Fieberkranken ähnelte, wankte er zu dem Thore. 8 Nun konnte er die Villa erblicken. Nichts Ungewöhnliches war dort zu ſehen, keine Zuſammenrottung von Menſchen an der Thür, am Git⸗ ter oder im Parke. „Es muß längſt geſchehen ſein!“ ſagte ſich Schwarz —„Alles iſt abgethan, ganz ſicher! Man hat den jun⸗ gen Grafen arretirt und fortgeführt, vermuthlich im Pavillon einen Wächter bei der Leiche gelaſſen, und ſie— ſie wird in der Villa in ihrem Boudoir ſein, und ſich den Schein geben, als ſei ſie vor Schreck und Schmerz noch ſtärker erkrankt!“ Nun ſich Schwarz ſo nahe dem Schauplatze des Verbrechens befand, von dem er überzeugt war und auch ſein konnte, daß es vielleicht ſchon vor einer Stunde vollführt ſei, nun fühlte er ſich ſeltſamer Weiſe zuver⸗ ſichtlicher als zuvor. Am gefahrloſeſten würde es für ihn geweſen ſein, wenn er ſogleich beim Gitterthore, in deſſen Nähe er jetzt ſtand, angeläutet hätte und wie gewöhnlich einge⸗ treten wäre. Aber nun trieb ihn plötzlich jenes unerklär⸗ liche Etwas, das auch den ſchlaueſten Verbrecher häufig zwingt, das Gegentheil von dem zu thun, was er ſich bei ruhiger Ueberlegung vorgenommen. Haſtig ſchoß er an dem Gitterthor vorüber, eilte die Chauſſee entlang, und tauchte in die Nacht des Weges, der ſich hinter dem Parke hinzog. „- 5 221 Er erreichte das Pförtchen und ſchlich in den Park hinein. Gleich einem Schatten ſchlüpfte er durch die Alleen bis zum Pavillon. Jetzt ragte dieſer düſter und unheimlich vor ihm empor. Schwarz ſtarrte umher. Er erblickte Niemanden in der Nähe. Da überlief ihn von Neuem eine furchtbare Angſt. Es war ihm, als raune ihm eine Stimme zu, daß er entfliehen ſolle. Aber er leiſtete dieſer augenblicklichen Schwäche Widerſtand. „Muth!“ ſagte er ſich,„die Sache iſt drinnen längſt abgethan.“ Er ſchlich zum Pavillon, legte einige Sekunden das Ohr an die Thür. Er vernahm nicht das geringſte Geräuſch. „Was habe ich zu fürchten?“ murmelte er. Ermuthigt legte Schwarz die Hand auf den Drücker der Thür. Beinahe lautlos öffnete er dieſe. Die kleine Vorhalle war finſter, Schwarz ſchlich hinein. 222 Rechts war die Thür, welche zum Krankenzimmer führte. Dorthin wendete er ſich. Er ſah etwas wie einen flüchtigen Lichtſchimmer rückwärts oben an der Treppe, die zum erſten Stock ging. Und jetzt trat er feſt auf, wie ein Unbefangener. Er öffnete die Thür, welche er vor ſich hatte, und ſchritt in das Gemach. Es war durch eine Lampe erhellt. Schwarz blickte raſch umher. Niemand war im Zimmer, die Vorhänge des Bettes waren feſt zugezogen. Was war das? Schwarz fühlte ſich von einer ent⸗ ſetzlichen Ahnung ergriffen. Raſch ſprang er vorwärts und riß die Vorhänge des Bettes auseinander. Er ſtieß einen dumpfen, leiſen Schrei aus. Da lag der alte Graf in ſeinem Blute, das Dolch⸗ meſſer Karls in der Bruſt.— Schwarz ſtarrte vernichtet auf die Leiche; er ſah, daß er zu früh gekommen ſei. Im gleichen Augenblicke vernahm er das Rauſchen eines Gewandes hinter ſich. Im Todesſchrecken drehte er ſich um. 1 Die Gräfin ſprang ihm im Nachtgewande entgegen. Ihr Antlitz war durch Angſt verzerrt. „Allmächtiger Gott,“ ſtammelte ſie,—„was ſuchſt Du hier? Karl iſt nicht gekommen! Der Himmel 223 weiß, was ihn die Stunde verſäumen ließ, denn kommen wird er, deſſen bin ich ſicher! Wenn man Dich hier fände— fort, fort!“ Die bleiche Frau zog den Taumelnden zur Schwelle der offenſtehenden Thür. Da fuhren Beide mit einem Auſſchrei zurück. Aus dem Dunkel der Vorhalle tauchten Geſtalten auf. In nächſter Sekunde ſtürzte ein Mann an der Gräfin und dem Sekretär vorüber zum Bette, und ſank aufjammernd darüber hin. Dieſer Mann war Karl. Auf der Schwelle der Thür aber erſchienen ein Polizeibeamter und mehrere Dorfwächter. „ Wohin?“ donnerte der Polizeibeamte dem ſchul⸗ digen Paare entgegen. Schwarz hatte alle Faſſung verloren. Sein Blick ſchweifte unſtät und verſtört bald zu den Eintretenden, bald zu dem jungen Grafen, der das Antlitz der blutigen Leiche mit ſeinen Thränen benetzte. Wie hatte ſich der arme Karl in furchtbarer Seelenangſt beeilt, und doch war er zu ſpät hieher ge⸗ kommen, zu ſpät, ſeinen Vater zu retten. Der Kutſcher hatte die Pferde laufen laſſen, was ſie nur konnten, in raſender Haſt war Karl beim Dorfgerichte erſchienen, mit wenigen flüchtigen Worten hatte er alles gemeldet, Beamter und Wächter waren ſogleich zur Hand geweſen, man hatte keine Sekunde unnütz verloren und war 224 ſogleich nach der Villa aufgebrochen, wohin es ja ohne⸗ hin nur wenige Schritte war. Bei der Allee ange⸗ langt, die zum Pavillon führte, hatten ſie einen Mann in denſelben eintreten geſehen, und ſich deshalb bei aller Haſt ſo lautlos wie nur möglich genähert. Als der Polizeibeamte an der Schwelle des Zim⸗ mers, in dem die Leiche lag, der Gräfin und Schwarz ein donnerndes„Wohin?“ zurief, da ermannte ſich Karl. Er erhob ſich von der Leiche, und wankte in die Mitte des Zimmers. Der Arme bot einen entſetzlichen Anblick dar.. Sein Antlitz war fahl und entſtellt, ſeine Augen funkelten wild, ſeine Kleidung war mit Blut befleckt. Wie gut war von der Stiefmutter alles berechnet worden. Wäre Karl vor Schwarz gekommen, er würde ſich ebenſo, wie es jetzt geſchehen war, über die Leiche ſeines Vaters geworfen haben, und Denen, welche ihn dann geſehen hätten, ſo bleich und wild und blutbefleckt, ohne Zweifel als der Mörder erſchienen ſein! Karl ſtarrte auf die Gräfin. Dieſe ließ die Hand des Sekretärs fahren, den ſie mit ſich fortgezogen hatte. Ihr Angeſicht war todtenblaß, wie das ihres Ge⸗ noſſen, aber ſie hatte nicht ihre Faſſung verloren, wie ———— 22⁵ dieſer. Im Gegentheil, ihre Geiſtesgegenwart war mit der äußerſten Gefahr zurückgekehrt. Bevor noch Karl den Mund öffnen konnte, ſeiner Stiefmutter die furchtbare Anklage in's Geſicht zu ſchleu⸗ dern, ſtürzte ſie auf den Polizeibeamten zu. „Verhaften Sie dieſen Elenden!“ rief ſie im Tone der höchſten Erregung, indem ſie auf Karl deutete —„Er betrügt Sie, er hat Sie hierhergeführt, jeden Verdacht von ſich abzulenken, und erſt dann, als er ſicher ſein konnte, daß das Verbrechen hier geſchehen ſei! Herr Schwarz kommt ſoeben von der Stadt, er eilte ſogleich hierher, zu ſeinem armen Herrn, den er ſtets ſo liebte! Beim Eintreten in den Pavillon huſchte ein Mann an ihm vorüber und verſchwand im Parke. Laſſen Sie den Park durchſtöbern, Herr Kommiſſär, auf der Stelle, vielleicht findet man den Mörder meines unglück⸗ lichen, heißgeliebten Gatten, den Helfershelfer eines un⸗ natürlichen Sohnes! Der Beamte blickte die Gräfin überraſcht an. „Schlange!“ ſtöhnte Karl außer ſich, im Moment keines andern Wortes fähig „Herr Kommiſſär,“ keuchte die Gräfin,—„thun Sie Ihre Schuldigkeit, verhaften Sie den Grafen Karl Hohenfeld, dem Sie hierher gefolgt ſind. O mein Gott, fiebernd war ich im erſten Stocke hier auf mein Lager hingeſtreckt, da ſtürzte Herr Schwarz die Treppe 15 Adolf Schirmer. Ein Familiendämen. II. 226 herauf,— vom Argwohn gejagt war ſein Erſtes ge⸗ weſen, in das Zimmer des Kranken zu ſtürzen— er hatte ihn ermordet gefunden, er kam zu mir, das Ge⸗ ſchehene jammernd zu verkünden Wir eilten hinab an das Bett des todten Greiſes— und an dem Griffe des Meſſers dort erkannte ich voll Entſetzen den Urheber der That— ich ſah dieſes Meſſer vor Jahren oft ge⸗ nug bei dem entarteten Sohne, der jetzt Entſetzen und Schuldloſigkeit heuchelt!“ „Sie wollten entfliehen!“ rief der Beamte in ſtrengem Tone. „Ich drängte den Sekretär meines unglücklichen Gatten fort, unſere Leute zu alarmiren!“ ſtieß die Grä⸗ fin hervor. 4 „Das iſt erlogen!“ klang es plötzlich aus der Gruppe der Wächter an der Thür. Die Gruppe theilte ſich. Bülow wankte bleich und erſchöpft in's Zimmer. „Dieſes Weib— nein, dieſer böſe Dämon einer unglücklichen Familie hat das Verbrechen began⸗ gen, und jener Schurke iſt ihr Genoſſe,“ rief Bülow mit feſter Stimme.—„Ich ſah die Entwendung des Dolchmeſſers durch dieſen Schurken, ich folgte ihm ge⸗ ſtern hierher, ich belauſchte das Paar vom Balkon die⸗ ſes Pavillons aus— ſie ſind nicht Mitſchuldige von heute allein, denn ſie ſind Mann und Weib,— ſie 227 machte ein unerhörter Frevel zur Gräfin, und er iſt ein entlaufener Sträfling!“ Schwarz ſtand völlig vernichtet da. Die Gräfin zuckte leicht zuſammen. Aber noch gab ſie nicht alles verloren.— „Dieſer Menſch iſt ein Wahnſinniger!“ rief ſie. „Das iſt er nicht!“ ertönte eine tiefe, heiſere Stimme.— Durch die Umſtehenden brach ſich der lange Mar⸗ tin Bahn und trat zu dem ſchuldigen Paare. Auch er war todtenbleich und ſein Antlitz trug den Ausdruck des Entſetzens. Aber ſeine trotzigen Augen bohrten ſich gleich zweiſchneidigen Dolchen in die Züge des Sekretärs und diejenigen der Gräfin. „Fritz Brandt, erkennen Sie mich?“ rief er. —„Ich bin der arme Martin Helmers, Ihr ehemaliger Schreiber, der, durch Sie verleitet, ein Verbrecher ward! Ich bin mit dieſem Manne im Zuchthauſe geſeſſen, er iſt ein entſprungener Sträfling,“— fuhr er düſter fort, „Herr Kommiſſär, ja, thun Sie Ihre Schuldigkeit!“ Der ehemalige Sekretär des Grafen ſtieß ein dum⸗ pfes Geheul hervor, die Gräfin aber ſank mit einem Aufſchrei ohnmächtig zu Boden. 228 Nur weniger Worte bedarf es, dieſe Erzählung abzuſchließen. Drei Monate nach der ſchauerlichen Scene im Pa⸗ villon verurtheilte der Gerichtshof der Reſidenz die Frau Thereſe Brandt, deren Ehe mit dem ermordeten Grafen Hohenfeld für ungültig erklärt worden war, zu zwanzig Jahren Zuchthaus. Ihr rechtmäßiger Gatte ward ſchon früher nach dem Strafhauſe transportirt, dem er vor zehn Jahren entſprungen. Das Teſtament des Grafen ward durch dieſe Wen⸗ dung der Dinge natürlich umgeſtoßen, Karl und Agnes traten in den ungeſchmälerten Beſitz des Nachlaſſes, und ſetzten großmüthig dem nun unehelichen Kinde der Ver⸗ brecherin eine Summe aus. Dieſes Kind aber raffte ſchon im folgenden Jahre eine Krankheit hin. Bülow warb um Angnes, und nicht vergebens, wie ſich denken läßt. Er erhielt Schloß Heiligenbrunn als Mitgabe. Er iſt glücklich, er hat den Schwerpunkt ſeines Lebens gefunden. Karl verbringt den größten Theil des Jahres bei ihnen, und ſetzt, im Verein mit Bülow, ſeine land⸗ 4 wirthſchaftlichen Reformen in's Werk. Er wird ſich nie vermählen. 229 Auch der Onkel Mondſchein lebt mit ſeinem langen Diener in Heiligenbrunn. Das treue Ungethüm darf ſich nicht mehr entſetzen.— Das Verbrecherbild ward längſt aus dem Schloſſe entfernt. Der kleine Onkel aber ſtreift nicht mehr ſo oft durch Wald und Feld,— das gutherzige Männchen ſchaukelt deſto öfter die roſigen Kinder ſeiner geliebten Nichte, Agnes auf ſeinen Knieen. Ende. Tſnſſſſfffſifffnſſſf 1 15 8 9 10 11 12 3 14 16 17 — — —