—-- Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſch er Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 Leiß- und LCeſebedingungen. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ¹ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24-Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pr 2 Mk.— Pf. Je 3 2. 3.— 4— 4 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der reaktionäre Clubb.... 66 Fünftes Capitel. Onkel Mondſchein....... 91 Sechſtes Capitel. Der unterirdiſche Gang... Siebentes Capitel. Ein entwichener Sträfling. 156 Achtes Capitel. Herr und Diener......... 191 Neuntes Capitel. Das Spiel beginnt....... 219 Ein Familiendämon. Erſter Theil. Erſtes Capitel. Eine Eiſenbahn⸗Kataſtrophe. Einem unfreundlichen, regneriſchen Junitage war eine finſtere Nacht gefolgt. Dichte Nebelſchichten verhüllten die Gegend, durch welche der Train brauste, der um die zehnte Abend⸗ ſtunde eine der größten Städte Norddeutſchlands ver⸗ laſſen hatte. Das Dunſtgewoge, das der Eiſenbahnzug in raſender Eile durchſchnitt, war rings ſo maſſenhaft angehäuft, daß die Paſſagiere von den Föhrenwäldchen, die hier und dort hart bis an beide Seiten der Bahn hinanreichten, nur die zunächſt ſtehenden Rieſenſtämme erblicken konnten, ſchwarz und unheimlich, doch in ver⸗ ſchwommenen Umriſſen, aus dem düſtergrauen Schleier henporde ⸗ der Orkchaften, an denen die Fahrt vorüberging, verkündete dam und wann ein vereinzeltes Adolf Schirmer. Ein Familiendämon J. 1 S icht, deſſen Schimmer nur matt, wie ein kaum bemerk⸗ bares Glimmen, die Nebelwand durchbrach. Von den Sijgnalſtangen der Bahn ſah man kaum etwas mehr, als den ebenfalls gedämpften Glanz der farbigen La⸗ Dunſtkreiſe um ſie t dem ſchwach erhellten ichen; die Bahnwächter⸗ ternen, die mi her düſter glühenden Meteoren gl häuschen, an denen der Zug hinſauſte, ſchienen wie in 1 dämmerhafter Ferne zu liegen. der Morgen begann 6 Stunde um Stunde verging, zu grauen, und noch immer wollte der Nebel weder ſteigen noch völlig niederſchlagen, wenngleich er ſichtlich 8 an Dichtigkeit abnahm. Der Zug hatte ſich in den— letzten Stunden verſpätet, und der Locomotivführer ſuchte nun bei Tagesanbruch nachzuholen, was er notk gedrungen in der Nacht hatte verſäumen mü en, er ihm anvertrauten Reiſenden v 3 zu die Sicherheit d gefährden. In einem Coupé erſter Klaſſe befan' 4 zwei Perſonen. s waren dieſes zwei r0 nur inen Eckſitz genommen att Afae 4 von ſis hate. Dieſe Herren denen Jeder e waren während der Nacht kaum keinige Minute n von ihren Plätzen gewichen. Als das erſte Morgendämrnern durch di. Scheiben des Waggons drang und dort n di iha ſchenden Coupélampe verniſchte, 3 Lichte der halberlo 2 3 richtete ſich einer der Herren, der ungeachtet der Jahres⸗ zeit vom Hals bis zu den Fußſpitzen hinab in einen ſchweren, koſtbaren Pelz gehüllt war, von ſeiner heinahe liegenden Stellung auf, und ſtarrte zuerſt einen Augen⸗ blick durch das Fenſter, das ſich ihm zunächſt befand, und dann zu ſeinem Reiſegefährten hinüber. Dieſer, nur durch einen leichten ſchottiſchen Plaid gegen die Morgenfriſche geſchützt, hatte die Augen ge⸗ ſchloſſen und ſich langgeſtreckt auf die weichen Polſter zurückgelehnt, den Vorderſitz als Fußſchämel benutzend. Er war ein junger, hübſcher Mann, mit weichen, beinahe mädchenhaften Geſichtszügen, und mochte kaum älter als zwanzig Jahre ſein, während das volle Antlitz des Andern den hohen, jedoch kräftigen Vierziger ver⸗ kündete. 4 Beide Männer gehörten unſtreitig der Ariſtokratie an, dies verrieth nicht allein die Klaſſe, mit der ſie fuhren, oder ihre äußere Eleganz, ſondern auch der Ausdruck ihrer Mienen. Die Züge des anſcheinend Schlafenden ſpiegelten bei aller Weichheit in ihren Umriſſen doch eine gewiſſe Zuverſicht wieder, jenes ſtolze Gefühl der Abkunft und Unabhängigkeit, deren der vornehme und begüterte Adelige ſich jederzeit bewußt zu ſein ſcheint, ſelbſt dann, wenn er ſich im Umgange mit Seinesgleichen gehen 1* läßt, oder noch ſo wohlwollend ſich Denjenigen nähert, die ihre Geburt nicht zu Prätentionen berechtigt. Es war übrigens dieſer Ausdruck in den Zügen des jungen Mannes weit entfernt vom vernünftiger Weiſe durch nichts berechtigten Hochmuth eines anmaßenden Junkers, ſondern er trug nur den Charakter, der ſelbſt den Beſten und Liberalſten der adeligen Kaſte eigen iſt, und den die liebenswürdigſten Umgangsformen nie völlig zu verdecken im Stande ſind. Im Antlitze des älteren Herrn waren dieſe phyſiognomiſchen Grundelemente eines Kavaliers bei weitem ſchärfer ausgeprägt, wenmgleich auch in ſeinem Angeſichte ein wohlwollender; die hehand über den 6 mußte in ſeiner Jugend ſchän gebeſen ſein, eerr Herr im Pelze, noch jetzt war er eine ſtattliche Erſcheinung. Die feingeſchnittene, ein wenig gebogene Naſe, der edelgeformte Mund, zu deſſen etwas herabge⸗ zogenen Winkeln zwei tiefe Furchen der übrigens vollen Wangen ſich verliefen, große, braune, lebhafte Augen, aus denen Geiſt und Lebensluſt ſprachen, und die un⸗ ſtreitig ebenſo gut herriſch, wie freundlich blicken konn⸗ ten, gaben der Phyſiognomie des Mannes etwas Achtung⸗ gebietendes und Einnehmendes zugleich. * 82 —e 5 Als er ſich zum Fenſter des Coupé's vorüberge⸗ beugt hatte, da war ein leichtes Schauern über ihn ge⸗ kommen, und ſeine Wangen hatten ſich kaum merklich entfärbt; es mochte das eine Wirkung der Morgenkühle geweſen ſein, der vielleicht ungewohnten Nachtſtrapaze. Nun er aber zu ſeinem jugendlichen Gefährten hinüber⸗ ſtarrte, da drückte ſein Antlitz eine andere Empfindung aus, das Gefühl der Beſorgniß. Seine Augen ruhten eine Minute lang forſchend und beinahe ungeduldig auf den Zügen, die mit den ſeinigen ſo viele Aehnlichkeit hatten, daß ſich unſchwer auf den erſten Blick ſagen ließ, die beiden Herren ſeien Vater und Sohn. Und nun öffnete er die ſchmalen Lippen. „Schläfſt Du, Karl?“ fragte er zögernd und halblaut. Der junge Mann ſchlug ſogleich die Augen auf. Er mußte die Anrede mehr inſtinktartig empfunden als gehört haben, denn das Raſſeln des in Sturmeseile dahinſauſenden Trains und das Dröhnen der Eiſen⸗ ſchienen hatten die Worte des Herrn im Pelze faſt ver⸗ ſchlungen. „Nein, Vater!“ antwortete der junge Mann, ohne ſeine Stellung zu verändern.„Seit einer halben Stunde mache ich vergeblich den Verſuch, wieder einzuſchlafen! 6 Es iſt mir langweilig, fortwährend in den Nebel hin⸗ einzuſchauen,— man ſieht ja von den ſchönen Wieſen, Waldungen und Dörfern der Gegend hier ſo gut wie gar nichts! Dort kommt die Sonne ſchon hervor,“ fuhr er fort, auf einen röthlich hellen Punkt deutend, der vom Horizont her durch den weißgrauen Dunſt zu glühen begann,„vier Uhr wird alſo bereits vorüber ſein, dem Himmel ſei Dank! Nun erreichen wir doch ſicher bald unſere Station Bardenfeld, beſonders wenn noch durch einige Zeit ſo gefahren wird, wie jetzt!“ „Ich muß Dir geſtehen, Karl,“ verſetzte der Vater,„daß mich dieſe Schnelligkeit des Zuges einiger⸗ maßen beirrt!“ „Wie ſo?“ „Ich bin überzeugt, der Locomotivführer vermag nicht ſechzig Schritte weit vor der Maſchine das Ge⸗ leiſe zu überblicken, die Bahnwächter können ſich bei dieſer Atmoſphäre unmöglich durch Signale ordentlich verſtändigen! Das iſt eine Tollheit, ſo raſch zu fahren, und das Leben Hunderter auf's Spiel zu ſetzen, nur um mit der Fahrordnung wieder auf's Gleiche zu kommen!“ „Aber Vater,“ erwiderte der junge Mann ruhig lächelnd, indem er die Füße vom Vorderſitze niederzog, ſich aufrecht ſetzte und feſter in ſeinen Plaid wickelte, . 7 „wer wird denn jetzt noch während einer Eiſenbahnfahrt Bedenken hegen? Geht nicht Alles im Leben ſolchen tollen Lauf in Nebel und Dunſt hinein, und ſteht un⸗ ſere Exiſtenz nicht hundertmal in einer Stunde auf dem Spiele, ſobald wir uns nur in die Welt hinauswagen? Ich habe das trotz meiner Jugend ſchon zur Genüge während meiner Abweſenheit von unſerm lieben Heiligen⸗ brunn erfahren!“ „Du haſt recht, Karl,“ antwortete der Vater. „Unſer Leben hängt überall an einem Haare, im Salon wie auf der Eiſenbahn, mag man einen lammfrommen Renner beſteigen, oder auf einem Packetboote über den Ocean hindampfen. Und die größten Gefahren, die der Menſch zu beſtehen hat, kommen ihm nicht von Außen angeflogen, ſondern wachſen aus ſeinem Innern heraus. Ich ließ Dich darum auch ſo ziemlich ſorglos aus un⸗ ſerer Einſamkeit zur fernen Univerſitätſtadt ziehen, weil ich mir ſagte: Gegen Zufälligkeiten kann ich ihn nicht ſchützen, und ließe ich ihn nie von meiner Seite, gegen die Gefahren aber, die aus Leidenſchaften entſpringen, habe ich ihn durch eine geregelte Erziehung gewappnet, er möge ſie kennen und beſiegen lernen, dieſe Gefahren! — Aber Alles wohl erwogen, mein Sohn, nun ich Dich wieder habe, und zwar, wie ich nach allen Anzeichen glaube, mit unvergiftetem Herzen, nun wirſt Du es mir — doch nicht verargen können, daß ich ein wenig die Be⸗ ſorgniß hege, ein tückiſcher Zufall möge mir die Freude vergällen, Dich friſch, fröhlich und unblaſirt, wie Du es Gott ſei Dank geblieben biſt, nach Schloß Heiligen⸗ brunn zurückführen zu können!“ „So biſt Du bei dieſer Höllenfahrt durch den Nebelqualm wieder einmal beſorgter um mich als um Dich ſelber, mein guter Vater!“ rief Karl lebhaft, die großen blauen, treuherzigen Augen zärtlich auf den von Unruhe erfüllten Herrn an ſeiner Seite richtend, dem er nun mit kindlicher Ehrfurcht die Rechte entgegen⸗ hielt.—„Verbanne doch alle Befürchtungen!“ ſetzte er hinzu.„Du haſt, als Du mich in die Fremde ziehen ließeſt, auf mein beſſeres Selbſt und die Vorſehung ge⸗ vaut, warum wollteſt Du ihr jetzt weniger vertrauen, nun ſie mich wohlbehalten in Deine Arme zurückge⸗ führt hat?“ „Weil kein Glück vollkommen iſt, Karl!“ ſagte der Vater langſam und ernſt, indem er eine ſeiner fei⸗ nen weißen Hände unter dem Pelze hervorſchob und die dargebotene Rechte des Sohnes drückte. „Wir wollen es zwingen, uns ewig dienſtbar zu ſein, Vater!“ rief Karl lächelnd. „Das iſt vermeſſen geſprochen!“ war die Antwort des ernſten Mannes. 9 „Weshalb vermeſſen? Was kann das Schickſal, was die Welt, was können die Leidenſchaften der Men⸗ ſchen uns anhaben?“ entgegnete Karl zuverſichtlich. „Kehren wir nicht zu unſerm Stillleben heim, und dringt denn bis dorthin jener Glück und Frieden zer⸗ ſtörende Taumel, der heut zu Tage die Bevölkerung großer Städte mit ſich fortreißt, daß ſie Alles über⸗ ſtürzt und in unerſättlicher Habgier die Roſen des Le⸗ bens zertritt, um flimmernden Phantomen nachzujagen? Kennt man in unſern friedlichen Thälern den Vernich⸗ tungskrieg, den Einer gegen den Andern führt, den Kampf um Geld und Ehren, das wilde Haſchen nach betäubenden Genüſſen, die ſchleichende Intrigue? Ich habe hinreichend von der Welt geſehen, lieber Vater, um mich nicht nach ihren zweifelhaften Freuden und entnervenden Aufregungen zurückzuſehnen, ich kehre fröhlich nach Schloß Heiligenbrunn zurück, und Dein Wunſch iſt auch der meinige. Unſere Felder, Waldungen und Meierhöfe geben mir vollauf zu thun, denn ich habe ja die forſt⸗ und landwirthſchaftlichen Theorien, die ich mir im Hörſaal angeeignet, als praktiſch zu bewähren! Ich finde auf dem heimatlichen Boden den Schwerpunkt meines Lebens, Du willſt nichts mehr von dem Ge⸗ treibe draußen, und das Schweſterchen Agnes läuft noch in den Kinderſchuhen, ihr iſt der Park mit ſeinen Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 2 blumigen Gründen die Welt,— da bleibt noch auf lange des ungetrübten, ſtillen Glückes für uns genug, jenes Glückes, das von dem inneren Weſen des Men⸗ ſchen abhängt. Und vor Schickſalen, die nicht in un⸗ ſerer freien Selbſtbeſtimmung liegen, ſind wir—“ Der junge Mann vollendete nicht ſeinen Satz, denn plötzlich ertönte von jener Seite des Zuges her, wo ſich die Locomotive befand, ein ſchriller, markdurchſchneidender Angſtſchrei. Ihm folgte nach wenigen Secunden ein Krachen, wie von hundert Feuerſchlünden. Im ſelben Momente erſchütterte aber auch ein furchtbarer Stoß den Waggon, in dem Vater und Sohn ſich befanden, hob ſich mit raſender Schnelligkeit die vordere Seite des Coupé's, ſo daß es im Nu ſenkrecht ſtand und gleich darauf zuſammenbrechend umſchlug, beide Herren, die der Stoß vorübergeſchleudert hatte, unter ſeinen Trümmern begrabend. Karl fühlte ſich unverſehrt, nicht einmal im Ge⸗ ringſten durch den Sturz betäubt. Er raffte ſich unter Glasſcherben und Holzſplittern auf, ſchob mit gewaltiger Anſtrengung das geborſtene Dach des Coupé's von ſich ab, und ſpähte bleich und voll Entſetzen nach ſeinem Vater. 11 Da lag dieſer regungslos, eingeklemmt zwiſchen zwei der Wände des Waggons, die einen Winkel über ihm bildeten, und einer der zertrümmerten Thüren, die zur Hälfte den Körper des Mannes deckte. Karl hatte kein Auge für das, was um ihn her vorging, er vernahm im Momente nichts von dem Weh⸗ geſchrei, das gellend von allen Seiten ertönte, ſein ganzes Denken und Empfinden war auf den Vater gerichtet. „Allmächtiger Gott!“ ſchrie er außer ſich. Und in wilder Haſt zerrte er die Thürtrümmer vom Körper des Vaters weg, erfaßte ihn kraftvoll und zog ihn aus der Tiefe der beengenden Wände in die Höhe, er fühlte, wie der Betäubte ihn umklammerte, und ſchleppte ihn ſtolpernd, in ſinnloſer Angſt, über zerbrochene Räder, zerſplitterte Pfoſten, über Menſchen, die jammernd ſich wanden, und umhergeſtreute Reiſe⸗ effekten hinweg zum Rande des Eiſenbahndammes, den dort, wohin er eilte, keine Trümmer bedeckten. Schon wollte er den Vater ſanft auf den Raſen nie⸗ dergleiten laſſen, als er gewahrte, daß der kräftige Mann feſten Fuß zu faſſen begann. Karl ſtierte, namenlos aufgeregt, in das farbloſe Angeſicht ſeines Vaters, der jetzt die Augen aufſchlug und ſtumm den Sohn an ſich preßte. * 12 Die Lippen Beider bebten krampfhaft. Durften ſie aufjubeln? Ihre Blicke irrten blitzesſchnell an ein⸗ ander hinab— ſie gewahrten kein Blut, keine Wunde. Hatte Keiner von ihnen eine innere Verletzung davongetragen? Das war Alles, was ſie im Momente zu denken vermochten; noch wagten ſie nicht zu jauchzen. „Biſt Du verwundet? Fühlſt Du Schmerzen, Karl?“ ſtammelte endlich der Vater. „Nein! Und Du?“ hauchte der Sohn. „Mich betäubte der Stoß— das iſt Alles! Die Polſter der Wände ſchützten mich vor dem Erdrückt⸗ werden!“ war die Antwort. Ein leiſer Freudenſchrei entrang ſich den Lippen Beider. Vater und Sohn ſanken Bruſt an Bruſt, ſie umſchlangen einander inbrünſtig, die allgewaltige Er⸗ regung füllte ihre Augen mit Thränen. Sie hatten keine Worte für einander— das grenzenloſe Entzücken iſt ſtumm, wie der unſägliche Schmerz. Nur aus ihren Herzen jubelte ein lautloſes, heißes„Gelobt ſei Gott!“ zum Lenker aller Dinge empor. Aber dieſe Freude währte nur wenige Seeunden, ſie ward durch den ſchreckenvollen Anblick verdrängt, den die nächſte Umgebung der beiden Männer darbot. 13 „Sieh dorthin!“ murmelte der Vater, indem er⸗ ſich tief erſchüttert von der Umarmung des Sohnes losmachte und ſchaudernd mit der Hand auf den Schau⸗ platz der Verwüſtung deutete, die ein düſteres Verhäng⸗ niß herbeiführte.—„Wie recht hatte ich, der Ver⸗ wegenheit des Menſchen zu mißtrauen, welcher unbe⸗ kümmert den Zug durch den Nebel dahinraſen ließ!“ Karl und ſein Vater ſtarrten umher. Welch' ein Chaos der Vernichtung lag vor ihnen! Von einem halben Dutzend Waggons waren einige zertrümmert und von den Schienen herab auf den Damm geſchleudert, und die anderen faſt übereinander gethürmt. Die Locomotive des Zuges, durch einen furchtbaren Anprall über den hohen Damm auf das ſich an demſelben hinziehende Ackerland hinabgeſtürzt, lag mit zerbrochenem Tender da, ſich tief in die Erde wüh⸗ lend, glühende Kohlen waren weit umhergeſtreut, dem geborſtenen und plattgedrückten Schlotte entquirlte am Boden hinſtreifend ſchwärzlicher Rauch, die armdicken Radſtangen der Maſchine waren wie Glas zerſprungen. Sammt der Locomotive hatten ſich Gepäck⸗ und Poſtwagen die Höhe hinabgeſtürzt, und waren dort über dem Feuer und Rauch ſpeienden Ungethüm zuſammen⸗ gebrochen. Hier und dort lagen die Koffer, Kiſten und Ballen des Packwagens, durch die Gewalt des Stoßes zerriſſen und aufgeſprengt, zum Theil ihres Inhaltes ent⸗ leert, und zwiſchen dieſen Trümmern, von der umge⸗ ſtürzten, in das ſchwarze Erdreich ſich einbohrenden Maſchine zerquetſcht, vom heißen Dampfe verbrüht, die Leichen des Locomotivführers und ſeines Gehülfen. Der an den Poſtwagen gehängte erſte Perſonen⸗ waggon war vom Geleiſe herab bis hart zum Damme geriſſen worden, dort erſt hatte der herabſtürzende Poſt⸗ wagen durch einen furchtbaren Ruck ſeine Krampe ge⸗ vrochen und ſich vom Zuge abgelöſt— dieſer Umſtand hatte noch größeres Elend verhütet. Auf dem Eiſenbahndamme und den Geleiſen war das Bild der Verwüſtung nicht minder ſchauerlich. Männer, Weiber, Kinder kletterten betäubt, händeringend, ſchreiend über die Trümmer hinweg, hier ächzten Verwundete, dort ſtürzten Paſſagiere der letzten Klaſſe, meiſt dürftige Auswanderer, nach ihrem Hab' und Gut, das ſie dem Packwagen anvertraut hatten, weiterhin ſchleppten Herren ohnmächtige Damen, und mühte ſich Jung und Alt den Hülfebedürftigen Beiſtand zu leiſten. Eine ganze Reihe Wagen, deren erſter der entſetzliche Stoß von dem letz⸗ ten der beſchädigten Waggons losgeriſſen hatte, war auf den Schienen geblieben, jedoch ſo weit zurückge⸗ ſchleudert worden, daß ſich vor Karl's und ſeines Vaters Blicken das Ende des Zuges in Nebel verlor. Von 15 dorther drängten ſich auf dem ſchmalen Damme die ſo der Gefahr glücklich Entronnenen in wildem Durch⸗ einander heran, Dieſe beſtürzt, Jene herzhaft, Alle bleich und in der heftigſten Aufregung. In der entgegengeſetzten Richtung aber, ebenfalls halb vom Nebel verhüllt, thürmte ſich die Urſache des grauenvollen Unfalles auf— ein rieſiger Kohlentrans⸗ port, deſſen Locomotive ſich wie ein muthiges Roß über⸗ ſchlagen hatte und nun qualmend und ziſchend auf den erſten auseinandergeborſtenen Kohlenwagen lag, aus denen bereits hohe Flammen emporzuzüngeln begannen. Das Schreckliche der ganzen Scene ward durch das Nebelgewirre vermehrt, das Alles umwogte, und durch das blutigrothe, unheimliche Glühen der Sonne, die der Dunſtſchleier wie ein weiteres Unheil verkündendes Zei⸗ chen am Himmel erſcheinen ließ. Karl erfaßte bebend die Hand ſeines Vaters. „Man irrte ſich ohne Zweifel bei dieſem Wetter in den Signalen,“ flüſterte er—„ſonſt könnte das Gräß⸗ liche nicht geſchehen ſein!“ „Wie dem auch immer ſei,“ entgegnete der Vater raſch und mit feſter Stimme—„die Frage, was dieſem Unglück hier gegenüber zu thun ſein wird, liegt uns näher, als Diejenige, wie es herbeigeführt ſein mag! 16 Komm, Karl, ſtehen wir Denen nach Kräften bei, die unſrer Hülfe bedürfen!“ „Ja, Vater!“ lallte der junge Mann. Und Beide verließen haſtig den Rand des Dammes. Als ſie ſich dem erſten der zuſammengeſtürzten Waggons näherten, da holte ſie, mühſam keuchend, ein in eine ſchlichte aber elegante Livree gekleideter Die⸗ ner ein. Es war dieſes ein bejahrter Mann. Das weiße Haar, das unter dem betreßten Hute hervorſchaute, verlieh den biederen, treuherzigen Zügen des hageren Alten ein ehrwürdiges Ausſehen. Wie er ſo hinter den beiden Her⸗ ren einhertrabte, von dem Theile des Trains kommend, der unbeſchädigt geblieben war, da zeigten ſich jene Züge von Beſorgniß und Schrecken erfüllt. „Um Gottes willen!“ ſtotterte er, den Hut lüf⸗ tend—„Dem Herrn Grafen iſt doch nichts geſchehen? Und dem lieben gnädigen jungen Herrn doch auch nicht—“ Der Vater Karl's wendete ſich nach dem Diener um, während der junge Mann, plötzlich von einem Ge⸗ genſtande lebhaft angezogen, dem umgeſtürzten Waggon zueilte. „Beruhige Dich guter Chriſtoph,“ antwortete der Graf—„wir ſind mit heiler Haut davongekommen!“ 17 „Gelobt ſei Gott!“ preßte der Diener mühſam hervor, während ſeine ehrlichen Züge ſich verklärten. „Und auch Du haſt keinen Schaden gelitten, wie ich ſehe, Alter!“ fuhr der Graf herzlich fort. „Wir ſind in unſerem Waggon durcheinander ge⸗ worfen worden, aber es iſt nur mit Beulen abgegangen!“ „Danken wir dem Himmel, und thun wir, was ſich für die Armen thun läßt. Da nimm meinen Pelz, er hindert mich!“ Der Graf ließ den ſchweren Reiſepelz von den Schultern gleiten. Der Diener griff darnach, aber er zögerte, ihn ſeinem Herrn abzunehmen. „Sie werden ſich erkälten, Herr Graf!“ wandte er mit beſorgter Miene ein. Aber ſchon war der Graf fort, ſeinem Sohne fol⸗ gend, und der treue Alte hielt den Pelz in den Händen. Er ſchob ihn über den Arm und trabte kopfſchüt⸗ telnd der Herrſchaft nach. Zweites Capitel. Eine Reiſende dritter Klaſſe. Karl ſtand an dem umgeſtürzten Waggon. Man drängte ſich dort um die am meiſten Be⸗ ſchädigten, von denen einige noch nicht unter den Trüm⸗ mern hervorgezogen waren. Die Paſſagiere dieſes Waggons, der geringſten Fahrklaſſe angehörig, waren größtentheils Leute niederen Standes; ſie hatten unſtreitig bei dem Unfalle eine grö⸗ ßere Gefahr zu überſtehen gehabt, als die Inſaſſen der nachfolgenden Wagen, und waren demgemäß auch übler weggekommen. Gerade als Karl ſich in die Gruppe der Hülfelei⸗ ſtenden miſchte, war man beſchäftigt, ein junges Mäd⸗ chen aus dem zermalmten Kaſten des Waggons hervor⸗ zuziehen. 19 Das Mädchen war jung, ihre anſtändige Kleidung mit Blut befleckt; ihr linker Arm hing wie gebrochen herab. Sie war ohnmächtig und todtenbleich, aber ſelbſt in dieſer ſtarren Regungsloſigkeit des ſchmerzlich verzoge⸗ nen Antlitzes lag Anmuth und jenes gewiſſe Etwas, das einer Perſon, deren Zügen es eigen iſt, ſchon auf den erſten Anblick ein hohes Intereſſe verleiht. Und dieſe Erſcheinung war es, die Karln ſchon von der Ferne aus unwiderſtehlich angezogen hatte. Er leiſtete ſogleich den Männern hülfreiche Hand, die das Mädchen von der Wucht eines Todten befreiten, eines armen Greiſes, deſſen zerſchmetterte Glieder die Arme vor dem Erdrücktwerden durch die einſtürzenden Holzwände des Waggons bewahrt hatten. Jetzt hoben Karl und ein Arbeiter das Mädchen empor und trugen ſie zur Seite, dorthin wo auf dem Raſen des Erdwallrandes bereits zwei Verunglückte ge⸗ legt worden waren, ein armes Weib und ein junger, robuſter Menſch. Ein Seitenblick Karl's ließ ihn dieſe Beiden ge⸗ wahren. Ein Schauer überlief ihn. „Nicht dorthin,“ rief er dem Manne zu, der im Vereine mit ihm ſich mühte—„tragen wir das Mäd⸗ chen weiter! Sie iſt ohnmächtig, jene Unglücklichen dort aber ſind Leichen. Erlangt das Mädchen ihr Bewußt⸗ ſein wieder, ſo iſt es beſſer, ihr Blick fällt nicht gleich *auf die Verſtümmelten!“ Der Arbeiter nickte. Sie ſchleppten jetzt ihre traurige Bürde dem Vater Karl's entgegen. Der Graf warf einen Blick auf die Unglückliche und wechſelte einige Worte mit dem Sohne. Dann ertheilte er ſeinem alten Diener den Befehl, den koſtbaren Pelz über den Boden zu breiten, damit man das Mädchen darauf niederlegen könne, und ſchritt weiter, zu ſehen, ob er Hülfe durch Rath oder Geld zu bringen vermöge. Geld und guter Rath, was ſind ſie in einem Mo⸗ mente, wo der Tod das Herz des Menſchen ſchonungs⸗ los umkrallt? Karl, der alte Chriſtoph und der dienſtfertige Tage⸗ löhner, ebenfalls ein Paſſagier, ein blutarmer, der ge⸗ reiſ't war wie er ging und ſtand und ſomit keinen Ver⸗ luſt zu beklagen hatte, thaten was ſich im Augenblick thun ließ. Sie betteten das Mädchen auf den Pelz, Karl kniete neben ihr nieder, riß ſein battiſtenes Ta⸗ ſchentuch hervor und ſuchte damit d blutenden Arm des Mädchens ſo gut wie möglich zu verbinden. 21 „Wenn man hier nur einen Arzt bekommen könnte,“ murmelte er—„oder wenigſtens Waſ⸗ ſer—!“ Der Schrei nach Aerzten und Waſſer ertönte frei⸗ lich längſt vergebens von vielen Lippen. „Wäre das Unglück nur in der Nähe des Bahn⸗ wärterhäuschens geſchehen, da könnte jetzt gleich ein Signal nach der Hauptſtation gegeben werden!“ bemerkte Chriſtoph.„Doch freilich,“ ſetzte er hinzu,„der Satansne⸗ bel, der an allem ſchuld iſt, würde auch das ver⸗ hindern!“ „Wir können aber nicht mehr weit von Bardenfeld entfernt ſein!“ verſetzte der junge Graf.„Es wäre wohl am beſten, wenn ſich Leute dorthin aufmachen wollten, das Unglück zu melden. Wir Anderen könnten unter⸗ deſſen aus dem zerſplitterten Holzwerk Tragbahren zu⸗ rechtmachen und die Verwundeten ſo weit ſchaffen, als uns Hülfe entgegenkommen wird.“ „Ja ja!“ murmelte der Arbeiter.„Ich will's eini⸗ gen Männern ſagen!“ Und er entfernte ſich. Faſt daſſelbe und beinahe in gleichem Augenblicke hatte der Vater Karl's im Gewühle den Leuten zuge⸗ rufen, und reichliche Belohnung Denen verſprochen, die ſich am eifrigſten der Sache annehmen würden. 22 Und nun die erſte Beſtürzung, in der Alles den Kopf verloren hatte, vorüber war, nun das Durcheinan⸗ der des wilden Geſchreies ſich abſchwächte, da entſchloß man ſich, den Ort des Schreckens zu verlaſſen. Einige ſtürmten in den Nebel hinein, den Damm entlang, nach der Hauptſtation, Andere ſchleppten herbei, was zu Trag⸗ bahren verwendet werden konnte. Und endlich ſetzte ſich ein langer Zug nach der Hauptſtation Bardenfeld in Bewegung. Es war ein trübſeliger Marſch über die Felder, längs des Eiſenbahndammes dahin. Man trug Ver⸗ wundete wie Todte, man ſchleppte das, was man von ſeinen Habſeligkeiten noch hatte ausfindig machen können; die Leidenden ſtöhnten, ihre Angehörigen wehklagten. Mancher wanderte troſtlos der Bahre nach, auf der ſein Liebſtes zerſchmettert und in ewigem Schlafe aus⸗ geſtreckt lag. Dem jungen Grafen war es nicht gelungen, das Mädchen, deren er ſich angenommen, aus ihrer Ohnmacht wachzurufen. Jetzt ging er an der Seite ſeines Vaters in der Nähe einiger Männer, welche es bereitwillig übernommen hatten, die Beſinnungsloſe zu tragen. Der alte Graf ſchritt verdüſtert einher. Er war lange ſchweigſam, wie ſein Sohn, der ernſt vor ſich hin 5 — 3 d brütete, dann und wann einen Blick auf die Geſtalt des Mädchens werfend, die ihm vorangetragen ward. Endlich brach er das Schweigen. „Du ſiehſt, Karl,“ murmelte er—„daß es ein Frevel iſt, auf das Glück zu pochen, deſſen wir im Momente theilhaftig ſind! Wie wenig fehlte an der Ver⸗ nichtung des unſrigen!“ „Vater,“ entgegnete Karl nachdenklich—„ich ſprach zuvor nur von jenen Gefahren, die der Menſch durch ſeine Leidenſchaften über ſich heraufbeſchwört. Und in dieſem Sinne wage ich noch jetzt auf unſer Glück zu pochen!“ „Auch da iſt es gut, nicht allzu vermeſſen auf ſich zu bauen, Karl,“ entgegnete der Graf faſt weh⸗ müthig.—„Oft rühmen wir uns auf unſerer Fahrt durch das Leben unſerer durch Selbſtbeherrſchung erwor⸗ benen Ruhe, und ahnen nicht, daß bereits das Unglück mit uns fährt!“ Karln berührten dieſe Worte beinahe peinlich, ohne daß er eigentlich wußte, warum? Selbſt dem Grafen war es, als habe er unwillkürlich eine unheilbringende Weiſſagung geſprochen; er dachte einen Augenblick lang zagend an die Möglichkeit, daß irgend einmal durch, der Himmel weiß welche Einwirkungen der innere Frieden ſeiner kleinen Familie geſtört werden könne. Dieſer Gedanke ging wie ein ahnungsvolles Streiflicht über ſeine Seele— aber wie ſolches war er im nächſten Moment wieder erloſchen. Die Gegenwart beſchäftigte den Grafen zu ſehr, als daß er jetzt über die Zukunft hätte grübeln können. Karl aber ward von ſeiner Empfindung durch einen zufälligen Blick auf das Mädchen abgelenkt. Sie war aus ihrer Ohnmacht durch die unſanfte Bewegung der improviſirten Bahre aufgerüttelt worden, verurſacht durch den unſichern Schritt der Träger, die hier über Erdſchollen hinwegſteigen mußten, und dort bis zum Knie in den lockeren Boden verſanken.. Das Mädchen ſchien ſich aufrichten zu wollen. Karl trat raſch heran. Der Zug hatte vielleicht eine Viertelmeile zurück⸗ gelegt, und während der Zeit, die man mühſam über Feld und Sandflächen getrabt war, hatte ſich der Nebel in Gerieſel aufgelöſt und die Leute bis auf die Haut durchnäßt. Die armen Verwundeten vor der Näſſe zu ſchützen, hatte man ſich der entbehrlichſten Kleidungs⸗ ſtücke beraubt, und ſo lag denn auch über dem Mäd⸗ chen, ihre Geſtalt bis zum Halſe verhüllend, der Pelz des Grafen, der im leichten Rock, die Reiſetaſche über die Achſel gehängt, unbekümmert um den Regen einher⸗ 25 ſchritt, ſo empfindlich er ſich auch am Morgen gegen die Witterung gezeigt hatte. Der ehrliche Chriſtoph ſchritt im langen Mantel hinterdrein, mit einer Miene als hätte er ſagen mögen: Der Herr iſt leichtſinnig, er iſt kein Jüngling mehr und macht doch ſolche Streiche, wenn ihn ſein gutes Herz fortreißt! In der That hatte es der Graf nicht gelitten, daß der Alte, wie dieſer es hatte r'ollen, ſeinen Mantel hergebe. Wie Karl zu dem Mädchen trat, die einen Verſuch machte ſich aufzurichten, da hatte gerade der Himmel begonnen ſich aufzuklären. Hier und dort erſchien ein Stückchen der herrlichen Bläue, die der niedertröpfelnde Dunſt verhüllt hatte. Und als der junge Mann nun den Blick auf das Antlitz ſeines Schützlings richtete, da verklärte der erſte Sonnenſtrahl die Züge des Mädchens. Sie hatte die Augen aufgeſchlagen und ſah dem jungen Grafen an. Ihr bleiches Antlitz, vom erſten⸗ Sonnenſtrahle roſig angehaucht, hatte einen madonnen⸗ haften Ausdruck, man las die Reſignation von demſelben herab. Es dünkte Karl, als habe er nie in ſeelenvollere, ſanftere Augen geblickt. Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 3 26 „Rühren Sie ſich nicht, mein Fräulein,“ ſagte er —„Sie werden Ihre Schmerzen vermehren!“ „Ich bin zu leiden gewöhnt, mein Herr!“ Die Worte wurden mit einer Faſſung geſprochen, welche auf ein edles nicht leicht zu beugendes Gemüth ſchließen ließ. Der Klang der Stimme hatte etwas ſieg⸗ reich zum Herzen Gehendes— Karl fühlte ſich davon unwillkürlich zu noch lebhafterer Theilnahme bewegt, als er bereits empfand. „Wie iſt Ihnen?“ flüſterte er. „Mich ſchmerzt mein linker Arm!“ verſetzte das Mädchen—„Ich möchte aufſtehen, denn ich werde wohl gehen können— ich will die guten Leute nicht belä⸗ ſtigen!“ „Nein, nein.“ murmelte Karl haſtig—„Sie dürfen ſich nicht anſtrengen— die Ohnmacht und viel⸗ leicht auch der Blutverluſt haben Sie erſchöpft. Der Boden iſt überdies ſchlüpfrig, Sie können nicht vor⸗ wärts. Sie dürfen die Leute getroſt in Anſpruch nehmen“— fügte er beinahe verlegen hinzu—„dieſe Männer leiſten Ihnen nicht ohne Entgelt Beiſtand!“ „Sie haben die Leute bezahlt?— O mein Herr!“ — ſtammelte das Mädchen und ſank zurück, indem das leiſe Fröſteln eines nahenden Wundſiebers ſie überkam f 27 —„Ich kann Ihnen Ihre Großmuth nicht vergelten,— ich bin arm—“ „Still, mein Fräulein!“ unterbrach ſie Karl kaum hörbar—„Sie dürfen ſo nicht reden! Blicken Sie den Zug entlang, ich habe nicht mehr für Sie gethan, als ſo mancher Andere für Jene, die leiden wie Sie! Auf der Station Bardenfeld wird ſich ein Arzt finden, Ihren Zuſtand zu unterſuchen. Verhalten Sie ſich bis dorthin ruhig!“ Ein Blick des Mädchens ſprach ſtummen, tiefge⸗ fühlten Dank aus. Karl trat nach einem Gruße zum Vater zurück. Er wußte nicht wie es kam,— das Mädchen war nicht ſchön, und doch begann ſie ſeine Phantaſie zu be⸗ ſchäftigen. Nach einer Viertelſtunde raſtloſen Marſchirens kamen dem Zuge einige alte Kaleſchen und Leiterwagen entgegen, die man in der Eile bei der Station zu⸗ ſammengerafft hatte, nachdem die Kunde von dem Un⸗ Llücksfalle dorthin gelangt war. Die Fuhrwerke brachten Decken, Polſter und die beiden Aerzte des Städtchens, das ſich an die Station ſchloß. Während der größere Theil der Paſſagiere den mühſeligen Weg zum Städtchen fortſetzte, das man jetzt, nun der Nebel geſunken war und die Sonne am 3* blauen, wolkenloſen Aether goldig herniederlachte, in nicht gar weiter Entfernung mit ſeinen Thürmchen und rothen Ziegeldächern hinter Kornfeldern liegen ſah, machten die Andern Halt. Auf freiem Felde ward den Ver⸗ wundeten die nöthigſte ärztliche Hülfe zu Theil, und Jene, welche fahren konnten, wurden auf die Wagen gebettet. Dann ging es zur Stadt, natürlich in langſamſter Weiſe, die Leidenden zu ſchonen. Karl, nachdem er die Sorge für das Mädchen einem der Aerzte übertragen, hatte mit dem Vater und dem treuen Chriſtoph gleichfalls früher als die Fuhr⸗ werke den Weg zum Städtchen eingeſchlagen. Der junge Mann war unterwegs ſichtlich zerſtreut. Einſilbig und ernſt ſchaute er viel vor ſich hin. Der alte Chriſtoph drängte ſich an ſeinen Herrn, kurz bevor man den Ort erreichte.: „Hoffentlich wird der Thomas ſchon am Bahn⸗ hofe mit der Kaleſche warten!“ murmelte er. „Der Telegraf hat meinen Befehl geſtern wohl ſicherer zum Schloſſe gebracht, als heute der Train uns bis hieher!“ verſetzte der Graf lächelnd. Karl fuhr aus ſeinem Sinnen auf. Er blickte den Vater mit einer gewiſſen Ungeduld an. 29 „Wie?“ fragte er—„Werden wir ſogleich von Bardenfeld nach Heiligenbrunn fahren? Unſere Koffer liegen noch bei dem verunglückten Zuge!“ „Sie enthalten ja keine Dinge von beſonderem Werthe!“ entgegnete der Graf—„Chriſtoph wird dem Inſpektor des Bahnhofes unſern Gepäckſchein übergeben; was dann von unſeren Effekten noch gefunden ſein wird, mag er nach Heiligenbrunn expediren, das wird jeden⸗ falls das Einfachſte ſein!“ „Aber der Herr Graf ſind in durchnäßten Kleidern!“ brummte der alte Diener. „Bin ich das nicht hundertmal auf der Jagd ge⸗ weſen, Alter?“ rief der Graf lachend—„Du biſt mit Deiner ewigen Beſorgniß ein närriſcher alter Burſche!“ „Aber—“ begann Karl zögernd—„wir ſollten doch den Transport der Verwundeten in Bardenfeld ab⸗ warten, Vater,— es befinden ſich arme Leute darunter — denen wir—“ „Ich verſtehe!“ unterbrach der Graf ſeinen Sohn —„Du haſt recht, Karl! Wir werden noch bleiben. Ob wir mit einigen Hundert Thalern mehr oder weniger nach Hauſe kommen, was liegt daran? Bringen wir doch das Leben heim und die alte Fröhlichkeit!— Das arme Geſchöpf, deſſen Du Dich annahmſt“— fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort—„wird wohl ebenfalls dürftig ſein?“ „So ſcheint es. Doch ihr Weſen verrieth mir, nach den wenigen Worten zu urtheilen, die ich mit ihr wechſelte, daß ſie zu zartfühlend und ſtolz ſein werde, eine Unterſtützung anzunehmen!“ verſetzte der junge Mann. 3 Die Herren waren beim Bahnhofe des Städtchens angelangt. Chriſtoph war der Erſte, welcher die Kaleſche des Grafen bemerkte, eine elegante mit zwei feurigen Rappen beſpannte Equipage, die hinter dem Bahnhofsgebäude hielt.. Dorthin ſtanden die Herren im Begriff ihre Schritte zu lenken, als die Glasthüre eines Warte⸗ ſalons ſich öffnete, und auf der Schwelle ein reizendes, etwa ſiebenjähriges, elegant gekleidetes Kind an der Hand eines Lakaien erſchien, deſſen Livree der des alten Chriſtoph völlig gleich war. Das Kind hatte nicht ſobald die Herren erblickt, als es ſich von der Hand des Dieners losriß und ihnen mit einem hellen Freudenſchrei entgegenſtürzte. Der Graf blieb einen Moment betroffen ſtehen. Dann aber eilte er auf das Kind zu, hob es vom Boden empor und herzte und küßte es. Die Kleine umſchlang faſt krampfhaft den Hals des Grafen, deſſen Geſichtsmuskeln zuckten, als unter⸗ drücke er mühſam ein Schluchzen. Dann hielt er das liebliche Kind dem Sohne hin und rief:„Siehſt Du nicht, Agnes, wer dort ſteht? Ich bringe Dir den Bruder zurück, wie ich's Dir ver⸗ ſprochen habe!“ Karl aber erfaßte das kleine Mädchen und herzte es freudig, wie es der Vater gethan hatte. „Gott ſei Dank,“— rief das Kind dazwiſchen— „daß Euch nichts geſchehen iſt! Die garſtigen Leute hier haben geſagt, Ihr wäret verunglückt!“ Jetzt erſt gewahrte der Graf, daß die Augenlider der Kleinen tief geröthet ſeien. „Du haſt geweint, Dich geängſtigt, mein armes Kind!“ flüſterte er zärtlich—„Das wäre nicht der Fall geweſen“— fuhr er ernſt fort, ſich zu dem mit dem Hute in der Hand herantretenden Diener wendend— „wenn man meine Weiſung befolgt, und das Kind nicht mit hierher hätte fahren laſſen! Warum iſt gerade das Gegentheil davon geſchehen?“ „Die Comteſſe war nicht auf dem Schloſſe zu halten,“ antwortete der Diener ehrerbietig—„beſonders weil—“ 32 „Ah, Du weißt nicht,“ rief die Kleine dazwiſchen, während ihre Züge einen angſtvollen Ausdruck annahmen —„welches Unglück geſtern geſchehen iſt—!“ Der Graf ſtarrte ſein Töchterchen an. „Nun?“ murmelte er. „Ich wäre faſt ertrunken, und die Gouvernante, Fräulein Emmy, iſt es wirklich—8!“ Und die Kleine brach in einen Thränenſtrom aus. Sie klammerte ſich ängſtlich an den Vater, als martere ſie ihre Einbildungskraft mit einem ſchrecklichen Bilde. „Gerechter Himmel!“ lallte der Graf und drückte ſein Kind feſt an ſich.„Ertrunken? Sprich Agnes, wie konnte das geſchehen?“ Das Kind vermochte nicht vor Schluchzen zu re⸗ den. Der Graf, Karl und der alte Chriſtoph blickten be⸗ ſtürzt von der Kleinen auf den Lakaien. „Fräulein Emmy,“ erzählte dieſer beklommen,„ging geſtern Nachmittags mit der Comteſſe vom Park aus über die Hochwieſe in's Gehölz, und wollte bei der Rückkehr von dort den Weg abkürzen, über die baufällige alte Brücke gehen, die wir den Auftrag hatten, dieſer Tage einzu⸗ reißen—“. „Wie!“ rief der Graf„und die ich Jedem, ohne Ausnahme, zu betreten verbot?“ 33 „Nun,“ fuhr der Diener fort,„Fräulein Emmy ging, die gnädige Comteſſe an der Hand, und in die Mitte gelangt, brachen die modrigen Birkenpfeiler unter ihnen zuſammen— Ein leiſer Ausruf ertönte von den Lippen der Zuhörer. „Das Geſchrei der Comteſſe und des Fräulein Emmy,“ redete der Diener weiter,„rief Leute herbei, die in der Nähe arbeiteten— ſie retteten die Comteſſe Agnes, die mit den Kleidern an einem Strebepfeiler hängen geblieben war, aber die Gouvernante vermochten ſie nicht zu retten, der heftige Wildbach hatte ſie über das ſpitzige Geſtein den Schloßberg hinab mit ſich fortgeriſ⸗ ſen, man fand ihren zerſchmetterten Körper auf halbem Wege zum Thale. Der Herr Graf werden begreifen, daß wir Comteſſe Agnes, die während der ganzen Nacht nicht ſchlafen konnte, heute nicht im Schloſſe zurückzuhal⸗ ten vermochten!“ Die Kleine ſchluchzte fort. Der Graf preßte ſein Kind heißer als zuvor an ſich. Dann hielt er dem Sohne die Hand hin, und ſagte bewegt:„Die Vorſehung hat ſichtlich uns alle beſchirmt— ich glaube an unſer Glück, Karl!“ Der Graf küßte das Kind mehrmals und ſtellte es dann wieder auf den Boden. 34 „Dieſe Emmy war eine gewiſſenloſe, überſpannte Perſon— aber ſie ruhe in Frieden!“ murmelte er ſeinem Sohne zu„Agnes hat ſie nie recht geliebt— Sie wird ſie bald vergeſſen haben. Wo aber nehme ich für das Kind ſogleich eine paſſende Erzieherin her?“ In dieſem Augenblicke rollten langſam einige der Wagen heran, welche verwundete Eiſenbahnpaſſagiere brachten. In dem erſten befand ſich das junge Mädchen, deren Karl und ſein Vater ſich auf dem Schauplatze der Verwüſtung angenommen hatten. Der alte Chriſtoph trabte zum Wagen, er hatte nichts Eiligeres zu thun, als den Pelz in Empfang zu nehmen, der dem Mädchen gelaſſen worden war. Sie ſtieg jetzt ab, und wankts mit beſcheidener doch zugleich auch ſelbſtbewußter Haltung zu der kleinen Gruppe, die der Graf und ſeine Kinder bil⸗ deten. „Ich komme Ihnen für die Theilnahme zu danken, mit der Sie mich beehrt haben!“ ſagte ſie mit matter, vibrirender Stimme.—„Ich werde ſie niemals ver⸗ geſſen!“ Der Graf fühlte ſich in dieſem Momente ſo geho⸗ ben, er hätte die ganze Welt beglücken mögen. Er warf 35 einen Blick auf die ſittſamen Züge des Mädchens, auf ihre ärmliche aber ordentliche Kleidung. „Verlieren Sie doch kein Wort darüber, Fräulein!“ antwortete er auf die Anrede.„Hat der Arzt Ihren Arm unterſucht?“ „Ja. Er ſagt, der Arm ſei nicht gebrochen, er habe nur eine nicht gefährliche Quetſchung erlitten.“ „So ſind Sie geſonnen, Ihre Reiſe fortzuſetzen, trotzdem der Unfall Sie ſichtlich angegriffen hat?“ „Wenn irgend möglich, ja!“ hauchte das Mädchen „Ich bedürfte freilich wohl der Ruhe, aber—* „Sie ſind allein gereiſt,“ fuhr der Graf fort, als das Mädchen ſtockte,„ein Mann weiß ſich bei Unfällen leicht zu helfen— wenn das Erlangen Ihrer Effekten, oder der Erſatz dafür durch die Eiſenbahndirektion Ihnen Schwierigkeiten verurſachen ſollte— vielleicht Verlegen⸗ heiten—“ „Das wird nicht der Fall ſein,“ erwiderte das Mädchen lächelnd„denn Alles, was ich auf die Reiſe mit mir nahm, trage ich an mir.“ „So fuhren Sie nur erſt eine kurze Strecke, als das Unglück geſchah?“ „Nein! Ich komme von P... und will nach D... der nächſten Reſidenz.“ „Wie? Sie unternahmen eine ſo weite Fahrt? Sie haben vermuthlich in D... Verwandte?“ „Nein, mein Herr. Ich ſuche im Auslande eine Anſtellung, die ich in der Heimat nicht finden konnte.“ „Ah, eine Anſtellung. 41 „Ich bin eine Waiſe, und als ſolche, trotz der Er⸗ ziehung, deren ich in einer glücklichen Jugendzeit mich zu erfreuen hatte, den Launen des Zufalls preis⸗ gegeben. Muſik und einige Sprachkenntniſſe müſſen mir durchhelfen.“ „Sie ſind Erzieherin? „Ja, mein Herr.“ Der Graf und der Sohn blickten einander an. Aus den Augen Beider leuchtete derſelbe Gedanke. Keinem von ihnen blieb Zeit übrig, ihn auszu⸗ ſprechen, denn ſchon lieh ihm das reizende Grafenkind unbe⸗ wußt Worte. „Das arme Fräulein, wie blaß es iſt!“ rief die Kleine herzlich und lächelnd, nach der Hand des Mäd⸗ chens langend.—„Sie wiſſen nicht, daß Emmy todt iſt, ſeit geſtern! Sie könnte ich lieber haben, als Emmy! Wrum müſſen Sie weiter reiſen?“ „Sie muß ja nicht, wenn ſie bei uns bleiben will!“ verſetzte der Graf lächelnd.—„Mein Fränulein,“— 37 fügte er hinzu, ſich wohlwollend an das Mädchen wen⸗ dend„ich bin in der Lage, Ihnen eine Stellung bieten zu können. Wollen Sie die Erzieherin meiner Tochter werden? Ich bin der Graf Hohenfeld⸗Heiligen⸗ brunn.“ „Herr Graf—!“ ſtammelte das Mädchen, im bleichen Antlitze den Ausdruck freudiger Ueberraſchung. „Sie ziehen vielleicht die Reſidenz einem einför⸗ migen, ſteten Landaufenthalte vor?“ „Ich würde mich glücklich ſchätzen, zeitlebens fern von Getreibe der Städte bleiben zu können,“— begann das Mädchen zögernd—„aber der Herr Graf kennen weder meinen Charakter, noch meine Fähigkeiten—“ „Ihre Beſcheidenheit, Ihr ganzes Weſen bürgen mir für Beides,“ unterbrach ſie der Graf gütig—„und ſo betrachten wir denn unſere Angelegenheit als ab⸗ gethan! Chriſtoph,“ fuhr er zu dem Alten gewendet fort, der mit offenem Munde und beinahe mißtrauiſcher Miene, den Pelz über dem Arme, daſtand—„wir fah⸗ ren ſogleich. Aber zuvor gehe zum Herrn Inſpektor, und melde ihm, daß ich ihn erſuchen laſſe, ſich hieher zu rfügen.“ Während der Graf dieſe Worte ſprach, hing ſich kleine Comteſſe an das junge Mädchen, die in die⸗ Augenblicke ihre Abſpannung zu vergeſſen ſchien. Die kleine Gruppe löſte ſich auf, der alte Diener trollte ſich zum Perron, die Uebrigen ſchritten zur har⸗ renden Equipage, deren Rappen den Boden ungeduldig ſtampften. Bald ſaßen der Graf und ſein Töchterchen, Karl und das junge Mädchen in der Kaleſche; der Sohn des Hauſes neben der neuen Erzieherin. Der Inſpektor des Bahnhofes erſchien; er war dem Alten unweigerlich gefolgt, dem Wunſche des in der ganzen Gegend hochgeachteten und beliebten Grafen Hohenfeld ſchleunig nachzukommen. Er empfing aus den Händen des Grafen eine namhafte Summe zur Vertheilung an arme verwundete oder ihrer Habe beraubte Paſſagiere des verunglückten Zuges, und vermochte kaum im Namen jener Leute einen Dank auszuſprechen, denn ſchon raſſelte die Equipage auf einen Wink des Grafen dahin, eine Staubwolke aufwirbelnd, die nur noch die Köpfe des Kutſchers, des alten Chriſtoph neben ihm und des Lakaien, der rück⸗ wärts im Dienerſitze hockte, überragten. Da rollte die kleine Familie fröhlich hin. Wer unter ihnen hätte jetzt ſagen können, daß das Unglück mit ihnen fahre? Drittes Capitel. Schloß Heiligenbrunn. Die in den vor⸗ehenden Capiteln dieſes Romanes erzählte Kataſtrophe ereignete ſich im Jahre 1852, in jener Zeit, da die Stürme des achtundvierziger Jahres längſt wieder der drückenden Schwüle einer reactionären Windſtille Platz gemacht hatten. Ueberall, in jeder Hauptſtadt, in jedem Reſidenz⸗ chen Deutſchlands, das ein freiheitliches Fieberſchauern aus ſeiner lethargiſchen Ruhe für wenige Monate auf⸗ geſchreckt hatte, waren die Herren vom Abſolutismus, die Junker und ihre getreuen Vaſallen wieder oben drauf, und die alte Willkürherrſchaft mit ihrem ſoldatesken und bureaukratiſchen Mechanismus machte ſich breit, hier und dort in unſerem zerſtückelten, der Einheit baaren Vater⸗ lande ſich das gleißneriſche Mäntelchen eines Scheincon⸗ 40 ſtitutionalismus umhängend. Aber ſelbſt da, wo ſich das Junkerthum ſo weit herabließ, der wieder in das alte vormärzliche Geleiſe zurückgeführten Maſſe gegenüber eine — conſtitutionelle Komödie aufzuführen, erſparte es dem J Volke nicht jenen Hohn, mit dem der Sieger auf die * Unterdrückten herabzuſehen pflegt. Der deutſche Philiſter hatte um jene Zeit ſo ziem⸗ lich ſeine Gemüthlichkeit und das zum beſcheidenen Kanne⸗ gießern nothwendige Winkelchen im Bierhauſe wieder erlangt, er dachte nur noch mit gelindem Schauer an den ephemeren Ruhm ſeiner Bürgergardiſtenexiſtenz, deren Andenken insgeheim wie ein in ſchwerem Traume ausge⸗ ſtandenes Alpdrücken auf ihm laſtete, die in den Tagen des Frankfurter Parlamentes ultraradikalen Chamäleone waren bereits alle nöthigen Wandlungen durchgegangen und ſaßen wohlbehalten als gemäßigt Conſervative oder wohl gar als wüthende Eiferer gegen alle Neuerungen im Trockenen, die Herren Profeſſoren begnügten ſich da⸗ mit, ihre parlamentariſchen Definitionen über deutſche Grundrechte und einheitliches Wirken in ihrem Studier⸗ zimmer Denjenigen vorzuleſen, die es anhören mochten, die Caricaturenzeichner hatten aufgehört die achtund⸗ vierziger Schwächen jener großen aber allzu geduldigen und unpraktiſchen Nation von Denkern zu geißeln, die 41 ſo gern vor aller Welt den eigenen Mangel an That⸗ kraft beſpöttelt und ſtets ſo bereit iſt, fremder Anmaßung ſich unterzuordnen, die Wähler und Umſturzmänner von Profeſſion waren längſt nicht mehr die Habitué's öffent⸗ licher Lokale und hatten in der Kürzung ihrer Vollbärte und der Metamorphoſirung ihrer Schlapphüte bedeutende Fortſchritte gemacht. Es gab dazumal keine Turnerbe⸗ geiſterung, weder einen Nationalverein noch ward man mit Reformideen im großdeutſchen Sinne beglückt, auch dachte wohl noch Niemand im Entfernteſten daran, daß das Andenken an einen unſerer größten Dichter geeignet ſein könne, die geſammte Deutſche Nation auf einige Tage unter einen Hut zu bringen, und zu einem Enthu⸗ ſiasmus zu entflammen, der—— Genug, es war um jene Zeit recht ſchön im lieben Vaterlande, und obwohl noch kein Miniſter es wagte, ein ganzes Abgeordnetenhaus zu beſchimpfen und zu maßregeln, ſo mochte es doch bei Manchem ſchon da⸗ mals nicht an gutem Willen hiezu fehlen, wenigſtens documentirte dies ziemlich zur Genüge die Art und Weiſe, in der die Regierungen verſchiedener deutſcher Länder und Länderchen verfuhren, obwohl die Volks⸗ vertreter nach den Erfahrungen der jüngſtvergangenen Jahre gefügiger geworden waren. Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 4 Zu dieſen Vertretern, und zwar ungeachtet ſeiner⸗ ariſtokratiſchen Abkunft zu den gemäßigt Liberalen, hatte auch der Graf Hohenfeld⸗Heiligenbrunn gehört. Er war ſeiner Zeit ohne ſein Dazuthun anfänglich von ſeinen Standesgenoſſen, den Großgrundbeſitzern, ge⸗ wählt worden, hatte aber dieſen im Verlaufe der Kam⸗ merſitzungen wegen ſeines deutlich genug bewieſenen Hin⸗ neigens zum gemäßigten Fortſchritte nicht genügt, und war nach Niederlegung ſeines Mandates von den Wählern ſeiner Farbe wiederum in's Abgeordnetenhaus gebracht worden. Dort hatte ſich der Graf eine Zeitlang in einer unbequemen Stellung befunden, die ganz natürlich auch bald auf ſein geſellſchaftliches Leben ſtörend ein⸗ wirkte. Durch Gewohnheit und Sitten zu den Ariſto⸗ kraten gezogen, durch Herzensgüte und Erfahrungen philantropiſchen Anſchauungen geneigt, war er dieſer Zwitterſtellung um ſo eher überdrüſſig geworden, als er es ſich nicht eigentlich unabweislich zur Lebensauf⸗ gabe gemacht hatte, ſeine politiſchen wie ſocialen An⸗ ſichten mit heiligem, unerſchüttlichem Ernſt zu verfechten. Der Graf beſaß nicht gerade einen beſonders energiſchen Charakter, er war, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, im Liberalismus nur ein Dilettant, er wagte es nicht mit gewiſſen Vorurtheilen zu brechen, und daher kam es denn auch bald mit ihm dahin, daß er die Oeſſent⸗ ——— 43 lichkeit mied, ſowie den Verkehr mit ſeinen Standesge⸗ noſſen, es erging ihm wie allen Denjenigen, die nicht den Muth haben, etwas ganz zu wollen, und die dem⸗ zufolge weder ſich noch Andern genügen. Der Graf hatte das Vernünftigſte gethan, was er in ſeinen Verhältniſſen hatte thun können— er war ſchließlich mit ſeiner Familie auf ſeine Beſitzungen gegangen, und betrieb dort zur Zeit, da dieſer Roman begonnen, ſeit mehreren Jahren die Landwirthſchaft. Er hatte ſich entſchloſſen, nicht wieder in die Reſidenz zu⸗ rückzukehren, und in der That auch auf ſeinem Grund und Boden den paſſendſten Wirkungskreis für ſich ge⸗ funden. Die Anerkennung, welche man ſeinem Charakter in der Reſidenz verſagt hatte, war ihm weit über die Grenzmarken ſeiner Beſitzungen hinaus zu Theil ge⸗ worden, denn hier bildeten die Eigenſchaften, die dem öffentlichen Leben der Hauptſtadt gegenüber Fehler ge⸗ weſen waren, ſeine Vorzüge. Er wirkte wohlthätig und in liberalem Sinne für das Gemeindeweſen der Ort⸗ ſchaften, die ſeiner Gutsherrlichkeit unterſtanden, ohne daß er dort zu der Nothwendigkeit gedrängt worden wäre, mit ſeiner ariſtokratiſchen Abkunft und Erziehung und gewiſſen ihm noch anklebenden Vorurtheilen in Conflict zu gerathen. 4* 44 So fühlte der Graf ſich endlich zufrieden, ja ſogar glücklich. Seine Gattin, eine ſchwächliche Frau, die es ſtets geliebt hatte, zurückgezogen zu leben, entbehrte keineswegs die Reſidenz, der Sohn hatte die Ueberſiedlung auf's Schloß mit Freuden begrüßt, denn ſein Sinn war längſt nach Wald und Feld geſtanden, und das Töchterchen hatte in ſo zartem Alter mit den Eltern die Hauptſtadt verlaſſen, daß es ſich füglich nicht dahin zurückſehnen konnte. 6. So waren denn Alle gewiſſermaßen auf ihrem Platze und fröhlich. Aber dieſes heitere Stillleben ſollte bald durch den Tod der Gräfin getrübt werden. Und dann kam die Sorge des Grafen um den Sohn, den er doch wieder auf einige Zeit in die Welt hinausſenden mußte, zur Univerſität. Und als Karl nun fort war, da ſagte ſich der Vater öfter:„Wie werde ich ihn heim bekommen, als einen jungen Roué, der mir bei erſter Gelegenheit wieder ausfliegt, oder als einen tüchtigen, ſtrebſamen und anſpruchsloſen Jüngling, der in das Stillleben hineinpaßt, das ich mir hier in Heiligenbrunn geſchaffen habe?“ Der Leſer hat bereits im erſten Capitel unſerer Erzählung dieſe Frage des Grafen beantwortet gefunden. — Karl kehrte in die Arme ſeines Vaters zurück, wie dieſer es nur wünſchen konnte, und mehr denn je war 45 jetzt alle Urſache vorhanden, das zukünftige Leben der kleinen Familie als ein glückliches bezeichnen zu dürfen. Und wirklich war dieſe ſtille, traute Zurückgezogenheit, fern vom Getreibe der Welt, ja auch ſo geeignet, alle jene verderblichen Leidenſchaften, die ſo oft in großen Städten die Glieder einer Familie einander entfremden, nicht aufkommen zu laſſen. Wie ſollten jene intriguanten Charaktere, jene Tartüffe und ſchlangenglatten, dä⸗ moniſchen Weiber, die in Reſidenzen vielfach Gelegenheit finden, ſich in den Kreis einer Familie zu ſtehlen, deren Frieden ſie hinterher zerſtören, ſich bis zu dem verein⸗ ſamten Schloſſe Heiligenbrunn verirren? Der Graf lud keine Geſellſchaft von der Stadt dorthin, denn er ſtand mit dieſer ſo gut wie gar nicht im Verkehr, auch ſprachen die in der Gegend anſäßigen Adeligen nur äußerſt ſelten vor, weil dieſe ſo wenig Sympathie für den nach ihren Begriffen etwas plebejiſchen Grafen fühlten, wie er für die etwas bärenhaften oder ge⸗ ſpreizten Landjunker, die langweiligen Landbarone mit ihren noch langweiligeren Frauen und Töchtern. So war denn die kleine Familie ſich ſelber genug geweſen, und der Graf gedachte auch nach Karl's Zu⸗ rückkunft keine Aenderung in der Lebensweiſe einzu⸗ führen. Wer von einiger Entfernung aus das auf einer Anhöhe emporragende alte Schloß Heiligenbrunn mit ſeinen verwitterten Mauern, ſpitzen Thürmchen, Erkern, ſeinen Laufgräben und Baſtionen geſehen hätte, dann hinter demſelben die düſteren, eine Hügelkette hinan⸗ klimmenden dichten Forſte, am Fuße der ſteilen Höhe aber, die der graue, finſtere Feudalſitz beherrſchte, ſtatt⸗ liche Wieſen, fruchtbare Felder, durch die ein breiter Bach und neben ihm eine anmuthige, mit Fruchtbäumen bepflanzte Chauſſee ſich an Waſſermühlen vorüber zu dem freundlichen Dörfchen hinſchlängelten, das mit ſei⸗ nen weißen, kleinen, blinkenden Häuſern und einladenden Gärtchen ſich an die aufſteigende Waldesnacht lehnte, die auch hier im Weſten die Fernſicht begrenzte, der würde ausgerufen haben: Dort oben mag es ſchön, romantiſch ſein, aber ich möchte doch lieber in einem der winzigen Häuſer wohnen, als in dem unheimlichen Geſpenſterſchloſſe! Und wenn er dann gehört hätte, daß dort ein rüſtiger, heiterer Cavalier lebe, mit einem zwanzig⸗ jährigen Sohne, einem Töchterchen und nur wenigen Dienſtleuten, dann würde er ſich geſagt haben: Wie mag man ſich in ein altes Raubneſt vergraben, das höchſtens eine ganze Schaar munterer Cavaliere und reizender Frauen zu beleben vermöchte? Jene kleine 47 Familie kann ſich dort oben in den weiten moderigen Hallen, den winkligen Erkerſtübchen doch ſicher nicht be⸗ haglich fühlen, dort, wo ſie die Schauer der Vorzeit umwehen, und in den langen ſteinernen Bogengängen die abendlichen Schatten ſie unheimlich annicken wie geiſterhaft umherſchleichende Geſtalten! Nein, dort oben muß es ein trauriges Leben ſein! Dem war aber nicht ſo. Und warum nicht? Wir werden es erfahren, wenn wir dem jungen Manne folgen, der, im leichten, eleganten Sommeranzug, um den Hals ein Seidentuch nachläſſig geſchlungen, deſſen Enden im erfriſchenden Abendwinde flattern, den Panama⸗ ſtrohhut keck auf das volle, leichtgekräuſelte blonde Haar gedrückt, den breiten, wohlgebauten, in weiten Krüm⸗ mungen zum Schloſſe hinaufführenden Fahrweg hin⸗ anſteigt. Er trägt einen Stock in der Hand, aber er be⸗ dient ſich desſelben nicht als Stütze, ſondern läßt ihn über den hohen, den Weg begrenzenden Ginſter hin⸗ ſauſen, der hier und dort den felſigen Grund des Schloßberges überzieht. Wir kennen den jungen Mann bereits— es iſt Karl, der Erbe von Heiligenbrunn. Vierzehn Tage waren bereits ſeit jenem Morgen vergangen, an dem die furchtbare Eiſenbahn⸗Kataſtrophe das Leben des jungen Mannes, wie das ſeines Vaters, bedrohte. Karl hatte ſich vollſtändig in die früheren Ver⸗ hältniſſe hineingelebt, er fühlte ſich glücklich darin. Er hatte in den erſten Tagen nach ſeiner Rückkunft mit freudigem Gemüthe all' jene Lieblingsplätze aufgeſucht, von denen er vor drei Jahren mit wehmüthigem Herzen geſchieden war, dann ſich aber ſogleich mit regſamem Geiſte daran gemacht, Wald, Aecker und Wieſen zu prüfen, mit den Pächtern und ſonſtigen Bauersleuten zu verkehren, die Ertragsfähigkeit des Bodens zu beſprechen und die mögliche Steigerung derſelben, mit dem Förſter die zu Heiligenbrunn gehörigen Waldungen zu durch⸗ ſchweifen, mit einem Worte Alles gethan, einem Ueber⸗ blick über den derzeitigen Stand der ganzen Beſitzung zu gewinnen. Dem Vater war des jungen Mannes Sinn für nützliche Befchäftigung nicht entgangen, und er freute ſich deſſen. „Das wird ein tüchtiger Landwirth werden!“ ſagte er ſich.„Mag er auch ein wenig von der Haſt und Neuerungswuth, die jetzt an der Tagesordnung iſt, während ſeines Stadtaufenthaltes in ſich aufgenommen haben, die Zeit wird ihn ſchon lehren, nichts zu über⸗ 49 ſtürzen. Er iſt ja noch ſo jung, und ich bin ihm ja zur Seite!“ Karl trug ſich in der That nach ſeiner Rückkunft von der Univerſität mit reformatoriſchen Plänen. Er fand die Beſitzungen des Vaters in zwar vortrefflichem, aber noch etwas patriarchaliſch einfachem Zuſtande. Die Säge⸗ und Getreidemühlen gingen ohne Dampfkraft, auf die weit vom Bache ſich hindehnenden Felder war noch nicht jenes moderne Bewäſſerungsſyſtem in An⸗ wendung gebracht, das dem Boden nindeſtens das Doppelte eines gewöhnlichen Ertrages entlockt. So gab es vorausſichtlich noch allerlei umzugeſtalten, Bren⸗ nereien konnten angelegt werden, auch ein Steinbruch tief hinten im Walde war in nutzbringender und energiſcher Weiſe auszubeuten, wenn nach der Richtung von Bardenfeld hin eine Lichtung durch den Wald ge⸗ ſchlagen und die ſo zur Bahnſtation abgekürzte Fahrt durch hier und dort gelegte Schienen erleichtert ward. Auch die bisherige Forſtkultur konnte ergiebiger und rationeller betrieben werden. Das waren Karls Anſichten, die er gegen den Vater mit jugendlicher Lebhaftigkeit ausſprach; er brannte vor Begier, den in den Hörſälen eingeſogenen Theorien hier praktiſche Bedeutung zu geben, den Triumph der 50 Wiſſenſchaft auch auf den Beſitzungen ſeines Vaters zu Tage zu legen. Boten ſich ihm hier doch alle Mittel dazu. Der Graf dämpfte bisweilen lächelnd, zu Zeiten aber auch mit einigem Ernſt den überſprudelnden Un⸗ ternehmungsgeiſt ſeines Sohnes, indem er ihn zugleich bis zu einer gewiſſen Grenze gewähren ließ. Kam es auch bei einer ſolchen Meinungsverſchiedenheit nicht zu einem ausgeſprochenen Conflikte zwiſchen dem Grafen und Karl, ſo hätte ein ſorgfältiger Beobachter doch leicht gewahren können, daß in dieſen nicht wenig aus⸗ einander laufenden Anſichten von Vater und Sohn vielleicht immerhin der Keim zu einer Friedensſtörung liege, und daß zur Entwicklung desſelben ein intriguanter Geiſt keineswegs eines großen Aufwandes raffinirter Künſte bedurft hätte. Es war ja aber Niemand in Heiligenbrunn, der daran dachte und ein Intereſſe daran haben konnte, Karl zu ſeinem Vater in eine ſchiefe Stellung zu bringen, ſo ging denn Alles gut, und beide Herren fanden ſich mit einander auf dem Wege freund⸗ ſchaftlicher Debatte ab, wobei der jüngere doch immer ein gutes Theil ſeiner Wünſche erreichte. So ſah ſich denn Karl ſchon im Geiſte als den Schöpfer einer kleinen neuen Welt voll Betriebſamkeit und Segen. Und es erfüllte ihn dieſer Gedanke mit freudigem Stolze. Als er ſo kurz nach Sonnenuntergang, wie zuvor geſagt, den Fahrweg zum Schloſſe hinanſchritt, da mochte ſich ſeine Seele eben durch dieſen Stolz gehoben fühlen, denn er lächelte vor ſich hin, während er mit dem Stocke wie gedankenlos nach den Ginſterblumen am Wege ſchlug. Von Zeit zu Zeit richtete er den Blick auf das Schloß, oder er ließ ihn zur Seite gleiten, über die Wieſen und Felder, die Mühlen, das Dorf und die bewaldete Hügelkette, die ſich, einen Halbkreis bildend, mit ſeinen beiden Ausläufern bis ziemlich weit in die Ebene hinein verlief. Als Karl ſich faſt den mit Moos und wildem Epheu bewachſenen Ringmauern des alten Schloſſes ge⸗ nähert hatte, blieb er ſtehen, wendete ſich um, und ließ den Blick umherſchweifen. Wenn auch nicht voll erhabener Naturpracht, wie einfach ſchön doch war die Gegend. Der Frieden der Schöpfung lag in dieſem Augen⸗ blicke mit ſeinem, das Menſchenherz erquickenden Zauber darüber ausgebreitet, und die Abendglut der kaum erſt hinter den Höhen niedergegangenen Sonne tauchte ſie in ihren roſigen Schmelz. Karl fühlte ſein Gemüth lebhaft angeregt, es kam über ihn jene weihevolle Empfindung, welche uns beim Anblicke einer Frieden athmenden, vom ſanften Abend⸗ lichte beglänzten Landſchaft ergreift. Als der junge Mann aber gen Oſten ſchaute, dorthin wo die Ebene eine Fernſicht zum Horizonte bot, an dem ſich winzig, in ſcharfen Umriſſen einige Wärter⸗ häuschen der fernab zur Reſidenz führenden Eiſenbahn abzeichneten, da miſchte ſich in jene Empfindung ein gutes Theil irdiſchen Selbſtgefühles, deſſen auch der edelſte Staubgeborne ſich nicht immer ganz entſchlagen kann. Alles Land, ſo weit Dein Auge von dieſer Höhe aus reicht wird einmal Dir gehören! ſummte es in Karl— Du wirſt ein Paradies daraus ſchaffen und der Glücklichſte unter den Glücklichen ſein, die hier wohnen! Könnteſt Du Dir jemals ein beſſe eres Loos wünſchen? Er lächelte zufrieden, ſein Blick ſtreifte noch ein⸗ mal über die ſchimmernde Gegend. Dann machte er eine Schwenkung nach dem Schloſſe hin, und ſtieg weiter. Dicht vor der Ringmauer theilte ſich der Fahrweg, oder richtiger mündete ein augenſcheinlich erſt ſeit wenigen Jahren angelegter, an der Mauer ſich hinziehender, ſchöner und mit einer eleganten Einfriedung verſehener Weg in den alten, der den Schloßberg hinangeführt hatte. Verfolgte man dieſen letzteren, der von jener Stelle an, wo die neue Straße in ihn auslief, tiefgeſurcht und in einem Zuſtande war, welcher andeutete, daß er lange nicht mehr befahren ward, ſo gelangte man direkt zum Thore der alten Burg. Dieſes Thor war ein tiefgehendes, den Erdwall der Ringmauer durchlaufendes Gewölbe, wie jene aus übereinander gethürmten, düſtren, verwitterten, mit grünlichem Schimmer überzogenen und durch felſenhartes Mauerwerk verbundenen Sandſteine beſtehend. Ueber dem Thore, das wie der weitklaffende, finſtere Stollen eines Bergwerkes anzuſchauen war, erhob ſich ein kleiner, eckiger, mit ſchmalen, ſchießſchartenartigen Oeffnungen verſehener Thurm, der jedenfalls in den Zeiten, da noch das raub⸗ ritterliche Fauſtrecht herrſchte, dem Thorwart als Auf⸗ enthalt gedient hatte. Man gelangte durch den gewölbten Eingang aber keineswegs direkt in den Burghof, ſondern zu einer Zugbrücke, die über den jetzt ausgetrockneten, in ſeiner Tiefe mit Strauchwerk bewachſenen Schloßgraben führte. Den Durchgang zu dieſer herabgelaſſenen Brücke ver⸗ ſchloß jetzt ein verroſtetes Eiſengitter; zur Zeit, da noch die Ritter genöthigt waren, ſich gegen Ueberfälle zu ſchützen, mochten das Thor dicke, eiſenbeſchlagene Thüren und rieſige Querbalken ſtatt des Gitters abgeſperrt haben. Dieſes letztere diente jedenfalls nur dazu, allzuneugierigen Touriſten oder umherſtreifenden Vagabunden den Ein⸗ tritt in den Schloßhof zu verwehren, von dem man zwiſchen den Eiſenſtäben hindurch nur einen kleinen Theil ſah. Was man übrigens durch dieſes Gitter erblickte, die Zugbrücke, die Waſtionen jenſeits, hinter dieſen, halb von ihnen verdeckt, den Schloßhof und einen Theil der Facade des mehrſtöckigen Hauptgebäudes, war wohl geeignet, bei romantiſchen Gemüthern Intereſſe zu er⸗ wecken, dann die hohen Bogenfenſter mit den Stein⸗ ſchnitzwerk an den Simſen, der Altan mit den aus Sandſtein gehauenen, jetzt halb zertrümmerten Engeln und den vom Epheu durchſchlungenen Eiſengeländer, die Niſchen hier und dort, in denen aus Buſchwerk oder wildem Wein mehr oder weniger zerfetzte Ritter⸗ ſtandbilder hervorragten, die alterthümlichen Dachrinnen, die in abenteuerlichen Drachengeſtalten an dem düſtern, verwitterten Gebäude vorſprangen, das über dem Haupt⸗ eingang in den Stein geſchnittene Wappen, in deſſen Zierrathen Vögel niſteten, der Thurm mit der zu Schieß⸗ ſcharten ausgezackten Zinne und den ſeit Jahrhunderten ſich an ihm emporrankenden rieſigen Schlingpflanzen, der Schloßhof, deſſen breites, höckeriges Pflaſter da und dort Gras überwucherte, das Alles ließ ſich maleriſch genug an. Aber ein Blick genügte, um dem durch das Gitter auf alle dieſe Dinge der Vorzeit ſtarrenden Beſchauer zu ſagen, wie wenig wohnlich es da ſei, obwohl es deutlich ſichtbar war, daß überall an dieſen Mauern und . 55 Zinnen die Hand des Menſchen dem Zahne der Zeit entgegengearbeitet, den alten Bau vor völligem Verfall zu retten. Er ſah aber dennoch verödet und ausgeſtorben aus, trotz der hellen mit Glasmalereien bedeckten Scheiben neueren Urſprungs, die in den hohen, ernſten Bogen⸗ fenſtern glänzten. Und war es denn überhaupt bewohnt, dieſes alte Schloß? Harrte ein Thorhüter dort am Gitter? Hallte der Schloßhof von Tritten einer Dienerſchaft? Ward eines der Fenſter, oder der Altan durch irgend eine Menſchen⸗ geſtalt belebt? Nichts von alledem. Die Ruhe des Grabes herrſchte dort. Dieſer mittelalterliche Bau ward alſo nicht bewohnt, das ließ der flüchtige Blick ebenfalls errathen, der Be⸗ ſitzer von Heiligenbrunn hatte aus der Burg nicht ſeinen Wohnſitz gemacht, ſondern ſie reſtauriren und muth⸗ maßlich auch im Innern mit dem ganzen Bauwerk des Mittelalters ausſchmücken laſſen, damit ſie als ein ge⸗ ſchichtliches Monument daſtehe, als ein Denkmal für das edle Geſchlecht, das einſt dort hauste, und zu deſſen Abkömmlingen der Graf gehörte. Wo aber hatte ſich dieſer auf dem Schloßberge angeſiedelt, wenn er nicht das eigentliche Stammhaus ſeiner Väter bewohnte? Vom Thale, und ſelbſt von jenem Wege aus, den wir vorhin mit Karl betreten, ſah man über die hohen Ringmauern nichts ſonſt hinwegragen, als den Feudal⸗ ſitz, den grauen Steinkoloß. Um eine Aufklärung zu erhalten, bleibt uns nichts anders übrig, als dem jungen Grafen weiter zu folgen, den wir außer Augen ließen, einen Blick hinter die Ring⸗ mauern des Schloſſes zu werfen. Karl hatte den zum gewölbten Thor der Burg führen⸗ den alten Weg verlaſſen, und war auf dem andern, um die Mauer herum führenden weiter geſchritten. Dort wo der Schloßhügel ſich an die bewaldeten Höhen lehnte, beſchrieb dieſe Mauer, neben welcher der junge Mann immer hart ſich hielt, einen kurzen Bogen, und hörte dann plötzlich auf. Ein eiſernes, elegantes Git⸗ ter moderner Conſtruction erſetzte von nun an die Mauer, und begrenzte den Park, welcher von der rückwärtigen Seite des Plateaus, den der Schloßberg bildete, bis zu den Hügeln reichte, deren waldbekränzte Gipfel vom ſanft auf⸗ wärts ſteigenden Parke nur eine breite, einzige Hoch⸗ wieſe trennte. Dort auch, zwiſchen dem Parke und der Wieſe, rauſchte der Wildbach zu Thal, in dem die un⸗ glückliche Gouvernante der kleinen Comteſſe ihren Tod gefunden hatte. 57 Vom Dörſchen im Thale und derdurch dasſelbeführenden Heerſtraße aus ganahrte man weder den an der Rückſeite des Schloſſes gelegenen Park, noch die Unterbrechung der Ringmauer, die, von der Tiefe geſehen, rund um das Schloß zu laufen ſchien. Daher konnte auch keiner der auf der Landſiraße vorüberziehenden Reiſenden eine Ahnung haben, daß unmittelbar hinter der alten trotzig blickenden, unheimlichen Ritterburg eine reizende Villa ſich erhebe. Dieſe erblickte man erſt, wenn man auf der Höhe des Berges das Gitter zur Seite hatte und ſich auf der hübſchen Fahrſtraße einem zierlich eiſelirten Thore näherte, neben dem ein Schweizerhäuschen die Wohnung des Wirthes bezeichnete. Die Villa, nur einſtöckig und keineswegs in großen Dimenſionen erbaut, befand ſich noch gewiſſermaßen im Weichbilde der Burg, ſie war an die hohe Rückwand eines der Seitenflügel des Schloſſes gelehnt und ſo durch die⸗ ſes wie durch die gegenüberliegenden Höhen vor den ſcharfen Herbſt⸗ und Winterſtürmen geſchützt. Der Platz, auf dem die Villa ſtand, glich einem ver⸗ ſteckten kleinen Paradieſe, der Graf mußte enorme Summen darauf verwendet haben, ſich hier ein ſo liebliches blumen⸗ und gebüſchreiches Eldorado zu ſchaffen, hier hoch oben auf dem ſteinigen Grunde des Schloßberges. Der Laufgraben der Burg war hier verſchwunden, er reichte nur bis zu dem Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 5 58 Gitter, das die ausgeſtorbene Welt von der friſch blü⸗ henden trennte, das ernſte, düſtere Bereich des Ahnherrn⸗ ſchloſſes von dem lachenden des mit ſtädtiſchem Luxus und Comfort ausgeſtatteten kleinen, in italieniſchem Style erbauten Palais. Zur Rechten und Linken desſelben lagen Glashäu⸗ ſer, weiterhin, verſteckt hinter Gebüſch und an der Ringmauer des Schloſſes Gartenwohnungen und Stal⸗ lungen. 3 Als Karl durch das offene Gitterthor in den Park trat, um ſich zur Villa zu begeben, die ihm durch das volle Laub entgegenſchimmerte, da verließ das Schweizer⸗ häuschen eilig ein alter Mann. Dieſer Mann war der Thorhüter, der Aufſeher des Parkes, ein kleiner, dicker Greis mit ſtrotzendem ge⸗ röthetem Antlitz und etwas bullenbeißerigen, derben Zügen. Karl hatte ſeiner nicht geachtet, als er raſch an dem Schweizerhäuschen, in Gedanken vertieft, vorüber⸗ gegangen war. Jetzt hörte er den Kies des Weges hin⸗ ter ſich kniſtern und wendete ſich um. Er hatte den kleinen, ſchwülſtigen Alten unmittel⸗ bar vor ſich. Das Männchen hielt die Kappe in der Hand, machte poſſierliche Reverenzen, verdrehte die Blinzelaugen und ſchnappte mit dem Munde, bei ihm ein untrügli⸗ ches Zeichen, daß es etwas Wichtiges vorzubringen habe, und noch nicht mit ſich darüber einig ſei, wie es ſich dabei ausdrücken ſolle. Karl blickte das Männchen lächelnd an. „Ei, Zeltner,“ ſagte er„Ihr habt mich gewiß in Eurem Dienſteifer für einen Fremden angeſehen, weil Ihr mir da ſo hurtig nachgetrippelt ſeid!“ Der Alte ſchmunzelte. „Nicht doch, Herr Graf!“ verſetzte er.„Wer könnte denn unſeren ſchlanken, ſchönen jungen Herrn ver⸗ kennen?“ „Alte Seele, du wirſt galant! Aber das ſteht Dir ſchlecht an!“ unterbrach ihn Karl lachend„Komm lieber zur Sache, ich merke Dir jetzt an, daß Du etwas auf dem Herzen haſt!“ „Dem iſt gewiß und wahrhaftig ſo!“ murmelte der Greis, die kleinen Augen aufreißend.„Iſt dem Herrn Grafen nicht der Johann begegnet? Der kleine Johann, den—“ „Nein! Was ſoll's mit ihm?“ „Seit einer Stunde iſt er fort! Ich ſchickte ihn zu den Mühlen und zum Dorfe hinunter, weil ich mir gedacht habe, es werde dem jungen, gnädigen Herrn angenehm ſein—“ 1. 5* 60 „Wenn einer unſerer Schlingel, ſtatt umherzulun⸗ gern, einen Spaziergang macht, meinſt Du?“ unterbrach Karl, ſichtlich beluſtigt, den Alten von Neuem. „Aber nicht doch, Herr Graf!“ erwiderte der kleine Dicke, indem er das breite Maul verzog und im Geſichte ſo roth wie ein geſottener Krebs ward.„Der gnädige Herr wiſſen ſchon recht gut, daß ich ſo etwas nicht kann gemeint haben! Ich ſchickte den Johann hinunter, den Herrn Grafen aufzuſuchen.“ „Da iſt's kein Wunder, daß er mich nicht gefun⸗ den hat, Zeltner, denn ich komme weder von den Müh⸗ len noch vom Dorfe; ich war jetzt im Steinbruche, der nächſtens tüchtig hergenommen werden ſoll:“ „Der gnaͤdige Herr nehmen Alles tüchtig her!“ murmelte der dicke Park⸗Portier grinſend, aber wie man ihm leicht anmerken konnte, in einem drolligen Gemiſch von ſchlecht unterdrückter Aufwallung und der dem Sohne ſeines Herrn ſchuldigen Ehrerbietung. „Freilich, ſo will's unſere Zeit, mein Alter!“ ant⸗ wortete Karl lachend.„Aber fürchte Dich nicht, Du kommſt dabei nicht an die Reihe— gewiß nicht.“ „Ich werde auch keine Urſache haben, mich zu fürch⸗ ten!“ murmelte der Thorwächter kaum hörbar zwiſchen den Zähnen, während ſeine aufgedunſenen Züge wieder Wort ab.„Ich weiß, Ihr gehört auch zu Denen, die 61 ſich dunkler färbten, wie der Kamm eines gereizten ka⸗ lekutiſchen Hahnes. „Außer denn,“ fuhr der jungen Graf ernſter fort, „Ihr alten Starrköpfe ließet Euch einfallen, im Stillen unſere jungen Leute gegen die wohlthätigen Neuerun⸗ gen aufzuwiegeln, die ich nun einmal geſonnen bin, hier durchzuſetzen!“ Der dicke, weißköpfige Alte glotzte den jungen Herrn, deſſen Züge jetzt keineswegs den für gewöhnlich mädchenhaft weichen Ausdruck hatten, etwa ſo an, wie ein biſſiger aber eingeſchüchterter Hund auf Denjenigen ſchaut, der in ſeiner Nähe mit einer Reitgerte ſpielt. „Der gnädige Herr werden doch nicht glauben—“ begann er zugleich in unterwürfigem Tone. „Still, Zeltner!“ ſchnitt der Graf dem Alten das hinter meinem Rücken über meine Anordnungen den Kopf ſchütteln, und bei meinem Vater, wenn es gerade die Umſtände erlauben und die Vorſicht es geſtattet, ein miß⸗ billigendes Wörtchen über Dinge fallen laſſen, von denen ſie nichts verſtehen! An Euch, dem Chriſtoph, dem För⸗ ſter Klein und dem Amtmann Prale im Dorf unten habe ich ſo gut meine reaktionären Dickſchädel, wie das Land ſie an unſerm alten Bureaumenſchen beſitzt, die auch nicht von ihrem Schlendrian laſſen mögen und können! 62 Ihr ſeid ganz wackere, ehrliche Leute, Ihr habt Euch auch Erfahrungen geſammelt, ich gebe es zu, und ich verachte auch keineswegs einen guten Rath ſelbſt des geringſten unſerer Diener, aber Ihr ſeid hier in Euerer Abgeſchiedenheit nicht mit der Zeit vorwärts gegangen. Begnügt Euch alſo damit, Euer Gnadenbrod in Ruhe zu eſſen, und ſteckt mir nicht mit Eurem unbedachtſam hier und dort geäußerten Unmuth die junge Welt der Um⸗ gegend an, denn ich bedarf der Arbeitskräfte. Laßt es Euch geſagt ſein, ich will keine Zwiſchenträgereien, die doch nichts ändern werden!“ Karl hatte die letzten Worte ſehr entſchieden geſprochen. Wie er nun aber den verdutzten Alten anſchaute, da konnte 1 er ſich plötzlich eines Auflachens nicht erwehren. Der junge Mann war ja ohnehin nicht übellaunig in den Park getreten, und nur der Anblick des feiſten, weißhaa⸗ rigen Thorhüters hatte ihn daran erinnert, daß er erſt 3 am Tage zuvor einer kleinen Verſchwörung auf die Spur gekommen ſei, einer natürlich nur ſchüchtern agirenden Re⸗ aktionspartei unter den Bedienſteten des Schloſſes, welche überzeugt war, auch in Bezug auf ihre Meinung den alten Grafen als ihren oberſten Schutzherrn anſehen zu dürfen. 1 63 Und nun Karl auflachte, fiel ihm zugleich ein, daß er noch immer nicht wiſſe, welche Botſchaft ihm der Johann hatte bringen ſollen.“ Er fragte deshalb, jetzt wieder in heiterem Ton:„Was iſtes denn mit dem Burſchen, den Ihr mir nachge⸗ ſendet habt?“ „Ach,“ erwiderte der corpulente Zeltner, die ſchwulſtige Phyſiognomie zu einer Grimaſſe verziehend, da er die Aufgabe hatte, freundlich zu ſein, und es doch nicht recht vermochte—„der Johann ſollte den gnädigen jungen Herrn nur von der Ankunft eines unerwarteten Gaſtes benachrichtigen. Blicken der Herr Graf gefälligſt dorthin,“— fuhr er fort, mit der Kappe, die er in der Hand trug, auf die Stallungen deutend, in deren un⸗ mittelbarer Nähe ein ausgeſpannter, ſehr beſtaubter Reiſewagen ſtand, von deſſen Rückſeite ſo eben ein gräf⸗ licher Diener beſchäftigt war, einen großen Koffer loszu⸗ ſchnallen—„erinnern ſich der Herr Graf noch der alten, himmelblauen Kaleſche mit den rothen Rädern und dem übertrieben hoch angebrachten Kutſcherſitz?“ Karl's Auge ſuchte haſtig den bezeichneten Gegen⸗ ſtand und ruhte dann forſchend darauf. „Ei,“ murmelte er nach einigen Sekunden Sinnens vor ſich hin—„das Ding dort ſieht ja aus, wie der alte, abenteuerliche Kaſten des Onkel Mondſchein!“ 64 „Und das iſt er auch!“ brummte Zeltner grinſend, der die geflüſterten Worte des jugendlichen Gebieters auf⸗ gefangen hatte.—„Der Herr Baron ſind mit Kiſten und Kaſten und zahlloſen Schachteln vor etwas länger als einer Stunde hier oben angelangt, und haben ſich gleich nach dem gnädigen jungen Herrn erkundigt. Der lange Martin iſt auch wieder mit dem Herrn Baron da, und es iſt wohl dieſesmal auf einen längeren Beſuch, als der vor vier Jahren war, abgeſehen, denn der Herr Baron hat Ordre gegeben, wie mir vorhin Chriſtoph ſagte, alle die tauſend Sächelchen abzupacken, welche oben, unten, vorn und rückwärts in der blauen Kaleſche ſtecken—!“ Karl vernahm die letzten Worte des alten Schwätzers nicht mehr; er hatte ihn ſtehen laſſen und ſchritt jetzt eilig auf dem Hauptwege der Villa zu. Seine Züge drückten eine freudige Ueberraſchung aus. „Der Onkel Mondſchein iſt da!“ flüſterte er in ſich hinein, während er ſeine Schritte verdoppelte.—„Das iſt herrlich! Und er wird einige Zeit, vielleicht den Sommer über in Heiligenbrunn bleiben.— Deſto beſſer! Es ſteckt in dem Onkel ſo etwas von einer genialen Natur— ich werde ihn im Handumdrehen auf meiner Seite haben, wenn er hört, was ich hier Alles bewerk⸗ ſtelligen, ſchaffen möchte. Der Vater hat hier für ſeine Maxime des ſehr langſamen Fortſchrittes ſeine Leute, 65 die ihr mit Freuden beipflichten, und mir den Guten täglich hartnäckiger machen— ich darf es mir nicht verhehlen, der Einfluß eines Förſters, Amtmannes, ja ſelbſt eines Kammerdieners iſt in ſo patriarchaliſchen Verhältniſſen, wie die unſeren, nicht leicht zu neh⸗ men—! Nun wohlan, auch ich werde mir eine Partei bilden, der Onkel Mondſchein, mein alter Freund und Gönner, wird dazu gehören, und— ſollte ich mich täuſchen—?— Fräulein Charlotte—!“ Indem der junge Graf ſich dieſen Namen faſt lautlos und zögernd nannte, glitt eine leichte Röthe über ſeine Wangen, erhöhte ſich der Glanz ſeiner Augen. Was ging in ſeinem Innern vor? Er athmete plötzlich hoch auf und beſchleunigte ſeinen Gang. Viertes Capitel. Der reaktionäre Clubb. Der junge Graf hatte ſich längſt von dem Thor⸗ hüter entfernt, und doch ſtand dieſer, die Kappe in der Hand, noch immer auf demſelben Flecke und glotzte dem Davoneilenden nach, ohne eine Miene zu verziehen. Endlich mochte ſich Zeltner doch wohl erinnern, daß es für ihn etwas beſſeres zu thun gebe, als ſo unbe⸗ weglich und obendrein nutzlos dazuſtehen, auch hielt er es vielleicht jetzt erſt für gerathen, den Ausdruck des Unmuthes, der ihn längſt erfüllte, an's Tageslicht treten zu laſſen, genug, plötzlich ſchleuderte er ſo zu ſagen die grüne Kappe auf ſeinen unförmlichen Kopf, drehte ſich haſtig um, ſchob die Hände unwirrſch in die Taſchen ſeines Beinkleides und ging ſchleppenden Trittes zum Schwei⸗ zerhäuschen zurück, das er zuvor verlaſſen hatte. —— —— 67 Er ſtieß dabei zu mehreren Malen, den Blick finſter vor ſich auf den Kiesweg gerichtet, ein eigenthümliches Grunzen hervor, in das er ohne Zweifel den ganzen Groll ſeiner Seele aushauchte. Bei der Thür des Häuschens angelangt blieb er ſtehen, legte eine Hand auf den Drücker, ohne zu öffnen, und ſchaute noch einmal nach der Villa hinüber. Er ſah den jungen Grafen zwiſchen den Blumen⸗ beeten hindurcheilen, die vor dem kleinen Palais in ver⸗ ſchwenderiſcher Fülle ſich ausbreiteten, und dann in das elegante Gebäude verſchwinden. „Auch ſo Einer, der alles über den Haufen ſtürzen möchte,“ brummte Zeltner an der Thür—„ſo ein Welt⸗ verbeſſerer nach neueſter Manier, ein Grünſchnabel, der ſeine Weisheit aus Büchern hat, die nicht einmal von ihm verdaut worden ſind! Es iſt ein Glück, daß ihm der Herr nicht ſo die Zügel ſchießen läßt. Aber trotzdem geht's ſeit den paar Wochen gar nicht ſo recht, wie es eigentlich gehen ſollte,— die alte Ruhe und Ordnung, fürcht' ich, wird uns ſtückweiſe der Kukuk holen!“ Nach dieſem kleinen Selbſtgeſpräche ſchüttelte der verdrießliche Zeltner bedenklich den Kopf und trat nun erſt in ſein Häuschen. Er ſchlüpfte durch einen ſchmalen Vorraum, der zu dem Zimmer führte, das zugleich Wohn⸗ und Schlaf⸗ 68 gemach, aber auch Amtsſtube für ihn war, weil er von dem einzigen Fenſter deſſelben aus die Controle über die das Parkgitter Paſſirenden übte. Wer zur Villa kam, oder von derſelben ging, der konnte ſo ziemlich ſicher ſein, hinter den hellen großen Scheiben dieſes Fenſters und zwiſchen den weißen Blumen hindurch, die dort in ſauberen Geſchirren ſtanden, das in ſolcher zarten Um⸗ gebung noch kupferiger als gewöhnlich erſcheinende Voll⸗ mondsgeſicht des Thorhüters leuchten zu ſehen. Auch während mit dieſem der Graf Karl jenes Geſpräch führte, das den Schluß des vorigen Capitels bildete, waren die hellen Blumen am beſagten Fenſter nicht ohne menſchliche Nachbarſchaft geblieben, obwohl ſich dieſe nicht ſo dreiſt vorgewagt hatte, wie es das ſchwammige Antlitz Zeltners zu thun pflegte, und auch zu thun berechtigt war. Es hatte ſich nämlich während der Verhandlung des Thorhüters mit dem jungen Grafen bald hier bald dort hinter den Blumenſtöcken ein Geſicht gezeigt, und war ſo raſch verſchwunden wie aufgetaucht, ſobald der junge Herr während des Redens den Blick zufällig und flüchtig zur Seite über das Schweizerhäuschen hatte gleiten laſſen. Es war aber nicht ſtets daſſelbe Geſicht geweſen, was dort Verſtecken geſpielt, denn einmal hatte ſich eine 69 äußerſt lange und ſpitzige, das anderemal eine plattge⸗ drückte Naſe ihren Weg durch die Blätter und Blüten gebohrt, den nachbarlichen Augen mehr Spielraum zur Beobachtung zu verſchaffen. Dem Grafen Karl waren dieſe Spähernaſen entgangen, hätte er ſie in dem Momente entdeckt, als er dem grei⸗ ſen Thorhüter eine Lektion ertheilte, er würde einen Theil der alten Garde, die im Stillen gegen ſeine Neue⸗ rungen Front machte, auf friſcher That ertappt haben, das heißt bei einer Berathung, wie von den Heiligen⸗ brunner Häuptern wohl der Sturm, den die weitgehen⸗ den Pläne des reformluſtigen jungen Heren heraußzube⸗ ſchwören drohten, am geeignetſten und ſchicklichſten abzu⸗ wenden ſei, ohne ſich geradezu bei dem dereinſtigen Ge⸗ bieter in Ungnade zu bringen.— Durch das Erſcheinen des Grafen Karl an der Pforte war dieſe Berathung beendigt worden, die ohne⸗ hin nicht viel mehr zuwege gebracht hatte, als eine re⸗ ſpektable Zahl Lamento's, hie und da mit Kernflüchen untermiſcht und von Bemerkungen unterflochten, die nicht gerade zur Sache gehörten. Aber die Gemüther der im Schweizerhäuschen zur Zeit Verſammelten waren, nachdem der junge Graf ſich zur Villa entfernt hatte, noch ſo erhitzt wie zuvor und als nun der corpulente Zeltner in ſein Amts⸗, Wohn⸗ 70 und Schlafzimmer trat, da ward er mit ungeſtümen Blicken und noch ungeſtümeren Fragen empfangen. „Nun Konrad,“ begann ein vierſchrötiger Graubart, dem man den Forſtmann angeſehen hätte, wäre er auch nicht, wie dieſes der Fall war, als Jäger gekleidet ge⸗ weſen—„Du ſchneideſt ein verwünſcht griesgrämiges Geſicht! Hat's wieder etwas gegeben?“ Und der alte Waidgeſelle, der, bevor Zeltner eintrat, im Zimmer ungeduldig auf und nieder gegangen war, was ſich beiläufig geſagt durch zwei Rieſenſchritte bewerk⸗ ſtelligen ließ, pflanzte ſich während er fragte, die derben Fäuſte in die Seiten geſtemmt, vor dem kleinen Thor⸗ hüter auf, den er faſt um drei Köpfe überragte. Zeltner ſchob nach dieſer Anrede das wuchtige Haupt etwas ſchwerfällig in den Nacken und zeigte fürwahr dem ihm gegenüber ſtehenden Graubart eine ſehr ſauere Miene, nicht allein weil er ſich durch das Geſpräch mit dem jungen Herrn noch nachträglich in einer verdrießlichen Seelenſtimmung befand, ſondern auch weil er, um den Jäger anblicken zu können, ſtets die Haltung eines Stern⸗ guckers annehmen mußte. 1 „Freilich“ grunzte er—„habe ich wieder meine Leviten bekommen, der junge Herr ſchenkt's Einem ja bei keiner Gelegenheit. Heute gab er mir gleich Eure Por⸗ 8 71 tion in den Kauf, und nannte Euch Alle, die Ihr da gerade zufällig bei mir ſeid—!“ Der ehrſame Thorhüter, ſo übel gelaunt er auch ſein mochte, konnte ſich doch jetzt eines Lächelns nicht erwehren, als er bedachte, wie gut ſein junger Gebieter den Nagel auf den Kopf getroffen habe, indem er zuvor die Häupter der Oppoſition namhaft machte. Zeltner war bei aller ſonſtigen Gutmüthigkeit doch zu Zeiten ein wenig ſchadenfroher Natur, und es kitzelte ihn jetzt, die Wirkung deſſen zu beobachten, was er ſeinen Freunden und Verbündeten unter keiner Bedingung erlaſſen hätte. „Wißt Ihr,“ fuhr er mit einer Art Befriedigung fort, die wohl nicht ſeine Züge, doch ſeine zuſammen⸗ gekniffenen Augen ziemlich unverholen ausdrückten,— „wie er Euch nannte? Dickſchädel— alle wie Ihr da ſeid— ja, Dickſchädel!“ „ Und Dich natürlich auch, Konrad!“ entgegnete der Jäger mit breitem Gelächter. „Nun— freilich,— das war ſchon nicht anders!“ brummte Zeltner. „Und bei Dir hatte er auch recht,“ fuhr der Jäger fort, der aller Wahrſcheinlichkeit nach die Sache luſtig aufnahm, um dem wackern Thorhüter, den er recht wohl kannte, ſeine kleine Freude zu ſtören—„ja, ja, Er begleitete dieſe Aeußerung mit einem neuen Lachausbruch, in den aber keiner der Andern einſtimmte, die alle noch von der zuvor geführten Debatte einiger⸗ maßen erregt waren. Zeltner aber antwortete märriſch:„Klein, Dein Witzeln wird Dir ſchon vergehen, wenn ich Dir ſage, wie ſich der junge Graf noch ſonſt über uns geäußert hat.“ „Wie denn das?“ fragte jetzt ein Mann, der am Fenſter hinter den Blumen ſaß, durch einen kleinen Tiſch, auf den er beide Ellbogen geſtützt hatte, von dem eben⸗ falls ſitzenden Chriſtoph getrennt, der dem Leſer bereits bekannt iſt Der Frager war eine wichtige Perſon im Dorfe, und zwar niemand Anderer als der geſtrenge Amtmann Prale, der es trotz aller Würde, die er ſich im Thale beilegte, auf dem Schloßberge nicht verſchmähte, mit dem Kammerdiener, dem Förſter, dem Thorhüter ſogar, ſehr cordial zu verkehren, indem er von dem Grund⸗ ſatze ausging: Wenn Du bei großen Herren in der Gnade bleiben willſt, ſo denke nicht jederzeit, wie Du Dich zu ihnen zu ſtellen haſt, ſondern wie zu ihren Leiblakaien und Schoßhunden, 3 73 Erhielt auch durch die Ausübung dieſes Grund⸗ ſatzes der Stolz des geſtrengen Herrn Prale bisweilen einen kleinen Riß, da jene zum Schloßberg Gehörigen, welche zur Zeit beim Thorhüter verſammelt waren, ſich ſehr häufig nicht daran erinnerten, daß ein Amtmann unter ihnen ſitze, der mit ihnen vertraulich ſei, weil es ihm eben beliebe vertraulich zu ſein, ſo änderte er doch nichts an ſeiner Methode, und entſchuldigte ſich weit lieber bei den Dorfinſaſſen durch eine anſtändige Doſis Anmaßung für die kleineren Verletzungen ſeiner Würde, als daß er jene, die ihm doch hie und da bei der Herr⸗ ſchaft nützten, bei ſeinen Geſchäftsgängen zum Schloſſe über die Achſel angeſchaut hätte. Amtmann Prale, ein eben ſo vierſchrötiger Mann wie der Förſter Klein, dagegen um ein Dutzend Jahre jünger als dieſer, ſo bausbackig und wohlbeleibt wie der kleine Thorhüter, war auch der glückliche Beſitzer jener plattgedrückten Naſe, die ſich zuvor am Fenſter zwi⸗ ſchen den Blumen hindurchgeſchoben hatte, während der lange und ſpitzige Geſichtsvorſprung, der ebenfalls dort erſchienen war, dem Förſter gehörte. Von beiden Männern war jedenfalls Prale der häßlichere. Er hatte ein breites, gemeines und völlig bartloſes Geſicht, hervorſtehende Backenknochen, und graue, beinahe ſchiefgeſchlitzte kleine Augen; es war eine jener Phyſiognomien, gegen deren Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 6 74 Träger man einen inſtinktartigen Widerwillen hegt, vor denen man eine geheime Scheu empfindet. Man begegnet ſolchen Köpfen häufig in Strafhäuſern, wo ihnen das kurz geſchorene Haar einen beſonders heimtückiſchen und grauſamen Ausdruck verleiht. Auch Prale trug ſein ſchwarz und grau gemiſchtes Haar ſo kurz geſchnitten, daß es ſtoppelartig in die Höhe ſtand. Man ſagt, das Angeſicht ſei der Spiegel der Seele. Dem Anſchein nach bewährt ſich dieſes ſehr häufig nicht, denn begegnet man nicht im Leben gar oft angeſehenen, von der Geſellſchaft hochgeachteten Leuten, die wahre Galgengeſichter tragen? Wer kann uns aber ſagen, daß eine gute Zahl dieſer Leute nicht das Strafhaus verdienten? Geht Alles den Gang des Rechtes in der Welt? Kennen wir nicht das Sprichwort von den großen Dieben, die man laufen läßt, und den kleinen, die man hängt? Und gibt es nicht große Sünder, denen die welt⸗ liche Gerechtigkeit nichts anhaben kann, weil das Straf⸗ geſetzbuch für ihre Verbrechen keine Paragraphen vorge⸗ ſehen hat, für jene Vergehen an der Menſchheit oder dem Individuum, die unſere verkehrte Welt oft als glän⸗ zende Thaten, als ehrenhafte Handlungen auslegt? 3* 75 Prale gehörte nun wohl nicht zu den großen Die⸗ ben, die man laufen läßt, weil man ſie laufen laſſen muß, aber er war darum doch nicht ein Mann von unbeſcholtenem Charakter, ſo wenig wie der alte Jäger mit der ſpitzigen Naſe. Im Dorfe wußte man recht wohl, daß der Prale bei gutsherrlichen Geſchäften, die er zu beſorgen hatte, der Klein bei den ihm anvertrauten Forſten ſeinen, Vortheil auf Koſten des Grafen herausſchlage, und zwar wie man munkelte auf geradezu ſpitzbübiſche Art. Aber beweiſen konnte man ihnen nicht recht etwas, und be⸗ kanntlich erklärt die Welt den Gauner ſo lange für einen reſpektablen Mann, als er ſich nicht hat erwiſchen laſſen, ganz im Gegenſatze zu der Polizei, die nicht eher an die Rechtſchaffenheit eines Mannes glaubt, als bis ſie dieſelbe amtlich beſtätigt hat. Die Gleichheit der Geſinnung, welche ſo naturge⸗ mäß zwiſchen Prale und dem Förſter herrſchte, ſowie auch wohl die gegenſeitige Kenntniß von der Art und Weiſe, wie jeder ſeine Stellung ausbeutete, mochte den Amtmann außer den andern vorerwähnten Gründen beſtim⸗ men, ſich vertraulich an den Jäger und die ſonſtigen Bedienſteten des Grafen zu ſchließen. Uunter dieſen war Chriſtoph jedenfalls der Ehrlichſte, ein kreuzbraver Alter, der den Förſter und den Amt⸗ 6* 76 mann für beſſer hielt als ſie waren. Chriſtoph hatte dem Großvater Karl's gedient und dachte nur an das Wohl ſeiner Herrſchaften. Der kleine dicke Zeltner ſchwankte dagegen zwiſchen dem Guten und Böſen, wäre ihm die Gelegenheit zu allerlei geheimen Uebergriffen und Vortheilen zur Hand geweſen, wie dem Prale und Klein, er würde ſich nicht gegen die Verſuchung ſo hart⸗ näckig gewehrt haben, wie weiland Joſeph in Egypten. Und nun laſſen wir die kleine Gruppe im Schweizer⸗ häuschen weiter reden. Nachdem Prale ſein:„Wie denn das?“ phlegma⸗ tiſch hervorgebrummt hatte, ſah er den dicken Zeltner lauernd an. Vielleicht erwartete er zu hören: Der junge Graf hat geſagt, wir ſeien alle Spitzbuben! Und da hätte ſich denn der Herr Amtmann begnügt, nach einem vielſagenden Blick auf den Förſter, mit der Miene eines Mannes zu lächeln, der allen Angriffen der Welt das Bewußtſein der Redlichkeit entgegen zu ſetzen hat. Der kleine Thorhüter brachte aber ganz etwas anderes vor, und erzielte damit auch eine andere Wir⸗ kung, wie wir ſogleich ſehen werden. Nach der Frage des Amtmannes warf er die fleiſchi⸗ gen Lippen auf, ſchob den ſchweren Kopf in den Na⸗ 77 cken zurück, zog die Augenbrauen in die Höhe und ſagte mit einer Wichtigkeit, als handle es ſich um ein Attentat auf den Frieden Europa’s:„Der junge Graf hat geſagt, wir ſeien in unſerer Abgeſchiedenheit von der Welt nicht mit der Zeit vorwärts gegangen, und möchten uns daher damit begnügen, unſer Gnadenbrod in Ruhe zu eſſen! Und nun Zeltner geendet hatte, blickte er jeden ſei⸗ ner Gäſte der Reihe nach mit einer Miene an, als wollte er ſagen: Werdet Ihr ſolche Schmach geduldig hinnehmen? Der kleine Mann gewahrte ſogleich mit großer Befriedigung, daß dieſes, mit Ausnahme Chriſtoph's, Kei⸗ ner der Anweſenden zu thun gedachte. Des Förſters braune Wangen färbten ſich dunkler, der Amtmann biß ſich in die Lippen. „Mordelement!“ ſchrie der Graubart.„Gnadenbrod? Was denkt der junge Herr? Liegen wir auf der Bären⸗ haut und laſſen uns füttern? He? Arbeiten wir nicht mehr als junge Laffen vielleicht thun werden? Muß ich mich nicht abſtrapaziren in Nacht und Sturm, bei Froſt und Sonnenbrand? Ein Hundeleben um geringen Lohn führen, das nennt er ſein Gnadenbrod mit Ruhe eſſen? Hol's der Henker!“ „Der junge Herr hat geredet, wie er's verſteht!“ brummte jetzt der Amtmann, an deſſen Stirn eine große Ader anſchwoll, ein Zeichen daß er ſich heftig erboste. „Wir dürften früher oder ſpäter Gelegenheit finden ihm zu zeigen, daß wir weniger hinter der Zeit zurück⸗ geblieben ſind, als er ſich denkt, und daß wir noch nicht ſo alt ſind, um ohne weiteres bei Seite geſchoben wer⸗ den zu können! Er iſt noch nicht am Regiment, und da ſoll er nicht vergeſſen, daß wir uns unſrer Haut wehren können, denn Gott ſei Dank, der Herr Graf, unſer Herr, denkt anders von uns, als ſein Sohn! Laßt's übrigens gut ſein,“ fuhr er ruhiger fort, einen tückiſchen Blick durch das Fenſter auf den Weg werfend, der zur Villa führte,„der junge Herr wird ſich hier ſchon ſelber ein⸗ tunken!“ 4 „Das wird er!“ knurrte der Förſter, der jetzt wie⸗ der im Zimmer auf und nieder trabte, wie ein wildes Thier in ſeinem Käfig.„Aber Gnadenbrod! Das Wort macht mich fuchswild, und ein Schelm nur läßt ſich's ruhig aufbürden!“ „Mäkelt doch nicht ſo an einem Wort herum!“ unterbrach ihn Chriſtoph, den greiſen Kopf ſchüttelnd. „Der junge Graf haks ſicher nicht ſo arg gemeint! Ich ſage Euch, er iſt ein braver Menſch, Ihr wißt, was er als junger Burſche für ein Herz hatte— und das i*ſt noch jetzt daſſelbe, hab's ja gleich geſpürt, nachdem ich wieder ein paar Tage um ihn war. Der neumodiſche Schwindel hat ihm auf der Univerſität etwas zugeſetzt, das iſt Alles! Ich will der neuen Wirthſchaft, die hier nach dem Wunſche des jungen Herrn losgehen ſoll, auch nicht das Wort reden, aber ſo viel, nichts für ungut, ſehe ich denn doch ein, daß, ſollte wirklich an dieſen Neue⸗ rungen etwas Gutes ſein, wir grauen Krippenbeißer, die wir ſeit vielen Jahren den althergebrachten Geſchäfts⸗ gang in allen Gliedern haben, am wenigſten tauglich ſein können, dergleichen ernſtlich durchzuführen. Mir fällt da ein, daß die Zeitungen vor ein paar Jahren ungefähr daſſelbe von den Staatsmännern und Beamten ſagten, die ſich von geſtern auf heute conſtitutionell geberden mußten— und die Zeitungen hatten recht, wie— wie vielleicht unſer junge Graf gegen uns recht hat!“ Der Amtmann warf dem alten Kammerdiener in sge⸗ heim einen verächtlichen Blick zu, während der Jäger ihn unverholen grimmig anglotzte. „Ah,“ ſchnob der Letztere heftig.„Euere Gutmü⸗ thigkeit macht Euch ſchon völlig kindiſch, Chriſtoph! Ich glaube, wenn Euch der junge Herr nach vierzigjährigem Dienſt davonjagte, Ihr machtet eine Reverenz dazu, und bedanket Euch noch ſchön, alles aus purer Anhänglich⸗ keit an eine Herrſchaft, die Euch freilich vierzig Jahre 80 behalten, aber doch auch vierzig Jahre ausgenutzt hat! Ich ſage Euch, unſere Junkerchen von heut zu Tage, mö⸗ gen ſie auch ſonſt ganz brav ſein, haben vor nichts mehr Pietät!“ „Nun,“ ſagte der Amtmann ſchneidend„iſt’s da nicht natürlich, wenn ſich auch der beſte Untergebene bei Zeiten den Rücken deckt, beſonders wenn er merkt, daß er bald entbehrlich ſein dürfte, oder wenn eine neue Wirthſchaft angeht, von der er im Voraus überzeugt ſein kann, daß ſie ihm auch die geringen Vortheile rau⸗ ben werde, die er ſeither durch ſeinen Dienſteifer ge⸗ noſſen hat!“ „Ei was,“ entgegnete der alte Chriſtoph lebhaft und beinahe unwillig,„ein guter Diener denkt nicht ſtets: Was werde ich davon haben, wenn Dies und Jenes ge⸗ ſchieht? ſondern ſagt ſich vorerſt: Wie wird's meinem Herrn ausgehen? Es fällt ja ohnehin das Los des Herrn auf den treuen Diener zurück!“ „Laßt ihn reden,“ murrte der Therhüter, der jetzt, nun er mit Befriedigung ſeine Freunde aufgehetzt und ge⸗ ärgert hatte, wieder ganz und aufrichtig auf ihrer Seite war,„Ihr fangt mit den Chriſtoph doch nichts an! Er hat ſich in gewiſſe Ideen verbiſſen.“ „Das habt Ihr nicht weniger als ich gethan“l unter⸗ brach ihn der alte Kammerdiener lächelnd.„Ihr bildet Euch — N₰n 81 ein, der junge Herr werde Euch mit ſeinen Neuerungen ge⸗ fährlich werden, und irrt Euch dick, meine Freunde! An eine andere Perſon aber, die uns, ich ſag's Euch vorher, Einen nach dem Andern ſammt und ſonders aus dem Hauſe bringen wird, die Ihralſo mehr als den Grafen Karlmit ſeinen Plänen fürchten ſolltet, an die denkt Ihr nicht!“ „Welche Perſon iſt das?“ ſragte der Amtmann, den Kammerdiener ſcharf anblickend. „Nun,“ antwortete Chriſtoph trocken—„wer ſollte es denn anderes ſein, als Mamſell Charlotte, die Gou⸗ vernante der kleinen Comteſſe.“ Prale, Klein und Zeltner ſahen einander zuerſt einen Augenblick verwundert an, dann brachen ſie in ein Ge⸗ lächter aus. Ihre Aufregung war durch die Bemerkung Chri⸗ ſtoph's wie weggeblaſen. Der Förſter blieb wieder ſtehen. Er lachte am lauteſten und hielt ſich die Seiten. „Was Teufel, redet Ihr denn für närriſches Zeug zuſammen!“ rief er.—„Ich möchte wiſſen, wodurch uns das ſanfte, beſcheidene Mädchen ſchaden ſollte?“ „Was Dir nur einfällt, Chriſtoph!“ ſetzte der Thorhüter hinzu—„Ich habe in meinem Leben kein feenndüicheres Geſchöpf geſehen, als dieſe Mamſell Char⸗ otte— 82 „Das iſt wahr,“ fiel der Amtmann ein,„ſie iſt artig, ja liebevoll gegen Jedermann.“ „In ihrem Weſen iſt durchaus nichts Verſtecktes,“ fuhr Zeltner fort,„ſie gibt ſich ſo natürlich, und hat dabei etwas ſo Einnehmendes— der alte und der junge Graf und alle Welt im Schloſſe, bis auf den Chriſtoph, wie's ſcheint, erkennen das an.“ „Sie theilt mit den Armen, was ſie bekommt,“ begann wieder Prale,„und in der Kirche habe ich ſie wahrhaft andächtig geſehen, nicht etwa heuchleriſch, ich verſtehe mich darauf! Denkt Ihr noch daran, wie am Tage nach der Ankunft der Herrſchaft die Beerdigung der Mamſell Emmy ſtattfand, welche Theilnahme, welch ein weiches Gemüth da die neue Gouvernante zeigte, wie ſie, noch ſelber von dem Eiſenbahnunfall leidend, ſich's nicht nehmen ließ, der Todten Kränze zu winden, wie ſie an der Gruft weinte, ohne die Verunglückte ge⸗ kannt zu haben? O, ſie hat ein gutes Herz! Und ein trübſeliges Vorleben ſcheint ſie gehabt zu haben— ſolchen Menſchen aber, die im Unglücke gut geblieben ſind, fällt es, in beſſere Lage verſetzt, nicht einmal im Traume ein, einem Andern etwas Schlimmes zuͤzufügen!“ „So iſt's,“ bekräftigte der Förſter,„und man merkt's dem Fräulein Charlotte an, daß ſie nichts begehrt, als die Welt, die ihr Böſes genug mag zuge⸗ 83 fügt haben, fliehen und hier ihre Tage in beſcheidener Zurückgezogenheit zubringen zu können, von den Wenigen geachtet, die ihren Werth erkennen!“ Alle dieſe kurzen und längeren Reden zu Gunſten des Mädchens wurden dem alten Chriſtoph mit einer gewiſſen Gereiztheit entgegen geſchleudert. Dieſe drei Männer, welche an der neuen Gouver⸗ nante ſo viele Tugenden rühmten, hätten nicht einen Heller darum gegeben, die gleichen Vorzüge des Mäd⸗ chens zu beſitzen; ſie waren hartgeſottene Egoiſten. Man findet es häufig im Leben, daß gerade Jene den Andern um ſeine Herzenseigenſchaften um ſo beredter preiſen, je weniger ihnen daran liegt, ſolche für ſich ſelber aus⸗ zubilden. 3 Daß gerade ſolche drei Leute, wie der Amtmann, der Förſter und der Thorhüter ſich des Mädchens ſo einſtimmig und ſogar nicht ohne Leidenſchaftlichkeit an⸗ nahmen, bewies übrigens, daß die neue Gouvernante entweder in der That ein Engel ſein müſſe, oder eine vollendete Gleißnerin, die es während der kurzen Dauer ihres Aufenthaltes im Schloſſe bereits verſtanden hatte, einen Jeden nach ſeinem N urell, ſeinen Schwächen mit meiſterhafter Geſchicklichkei vehandeln. Der alte Kammerdiener nahm die der Manſell Charlotte geſpendeten Lobpreiſungen ſehr gleichmüthig auf. Er verzog keine Miene. „Kennt Ihr mich als einen Anſchwärzer?“ fragte er endlich ruhig, nachdem die Andern ihre Bemerkungen vorgebracht hatten.„Möchten Sie behaupten, Amtmann, hiich ſei ſo Einer, dem es Vergnügen mache, ein tugend⸗ haftes Mädchen zu verläſtern, oder der ein dürftiges Geſchöpf um ſeinen kleinen Poſten beneide?“ „Nichts von Alledem!“ verſetzte Prale grinſend. „Aber das möcht' ich behaupten, daß Sie ſehr ängſt⸗ licher und mißtrauiſcher Natur ſind, Freund Chriſtoph, und ſich manchesmal etwas einreden, was nicht iſt. So viel ſteht feſt, von der kleinen Comteſſe bis zum älteſten Bewohner des Schloſſes iſt, Sie ausgenommen, Chriſtoph, Alles in das Fräulein Charlotte vernarrt, das werden Sie doch nicht auch in Zweifel ziehen wollen? Und ſo etwas ſpricht doch nicht etwa gegen die Mamſell?“ „Und wenn alle Welt ſie in den Himmel hebt, ich bleibe bei meinem Ausſpruch!“ ſagte der Kammerdiener dagegen, und zwar in entſchiedenem Tone.„Man wird hier ſchon noch auf meine Worte zurückkommen, aber wahrſcheinlich, wenn's zu ſpät ſein wird. Sie iſt eine Schlange, ſag' ich, die hier ihren Weg zu machen, und noch weiß ich nicht recht was zu erreichen ſtrebt. 8⁵ 4 Aber gebt Acht, über kurz oder lang wird ſie völlig das Vertrauen unſeres Herrn haben, und das des jungen Grafen auch, und dann— dann werden nach einander alle Diejenigen ſpringen, von denen ſie weiß, daß ſie ebenfalls das Vertrauen der Herren beſitzen,— wer einen ehrſüchtigen Zweck oder— dergleichen hegt, der kann keine Collegen brauchen! Habt Ihr dem Mädchen ſchon einmal in die Augen geſehen?“ Der Förſter ſchlug eine helle Lache auf. „Mordelement!“ rief er.„Der legt ſich noch in ſeinen alten Tagen auf's Augenſtudieren! Und die Augen der Mamſell werden Euch doch nicht abgeſtoßen haben, Chriſtoph? Die ſind ja ſo rehbraun, daß es eine Freude iſt,— ſie ſind überhaupt das Einzige, was ich an dem Mädchen ſchön finden kann!“ „Ah, ſie hat was Apartes!“ ſchmunzelte der dicke Thorhüter, der ſich etwas auf ſeinen Geſchmack einbildete. „Ja, Apartes,“ entgegnete Chriſtoph ernſt und langſam,„das hat ſie, das heißt zweierlei Blicke— einen für die Leute und einen für ſich ſelber— vom erſten ſeid Ihr alle entzückt und verzaubert, und der zweite würde Euch fo bedenklich machen, wie er mich machte, wenn Ihr ihn in aller Stille beobachtet hättet, wie ich das that— der zweite iſt ein herzloſer, höhniſcher Schlangenblick, und wer ſo ſchauen kann, wenn er ſich 2 86 unbeachtet glaubt, der iſt auch zu Allem fähig. Ich bleibe dabei, das Mädchen wird noch einmal Unheil über uns und das gräfliche Haus bringen, und das um ſo eher, je leichter man ihr's macht, ſich hier feſt ein⸗ zuniſten!“ Der Förſter lachte von Neuem auf, die anderen Beiden ſtimmten mit ein. „Du ſprichſt wie ein altes Geſpenſterbuch!“ ſpottete der kleine Zeltner. „Das Mädchen hat ihn vermuthlich nach ſeinen Begriffen nicht genug reſpectirt!“ grinste der Förſter. „Im Gegentheil!“ fuhr jetzt Chriſtoph ärgerlich auf.„Die Mamſell iſt ſo zuvorkommend gegen mich, wie nur irgend Jemand ſein kann, der eine ſo feine Naſe hat, daß er vom Andern wittert, er dürfe ihm nicht trauen! Die Mamſell zeichnet mich ſo aus und be⸗ ſchäftigt ſich ſo oft mit mir, daß es klar iſt, ſie will mich unter den Augen behalten, mich ſo zu ſagen con⸗ troliren, und verſieht ſich keines Guten von mir!“ Der Amtmann erhob ſich raſch, blieb aber am Tiſche ſtehen und blinzelte den ſitzenden Kammerdiener an. „Und haben Sie Beweiſe von der Schlechtigkeit des Mädchens?“ fragte er raſch.„So was man hand⸗ greifliche Beweiſe nennt, etwas anderes als Ver⸗ muthungen?“— —— —.— . 87 Chriſtoph blickte den Fragenden gelaſſen an. „Hab' ich's nicht zuvor geſagt oder angedeutet,“ antwortete er,„daß mich freilich noch ein unbeſtimmtes Gefühl leitet—“ „So habt Ihr auch nicht das Recht—!“ unterbrach ihn der Förſter. „Laßt mich ausreden, Klein!“ fuhr Chriſtoph mit unerſchütterlicher Ruhe fort.„Ich kann aber auch ge⸗ wiſſe Dinge anführen, die mir das Mädchen verdächtig erſcheinen laſſen. Als ſie zwei Tage hier war, da hat ſie der Graf— ich war gerade im Zimmer anweſend — um ihre Legitimationspapiere und Zeugniſſe befragt. Der Graf ſah nicht, wie das Mädchen bei der Frage einen Augenblick leicht die Farbe wechſelte, denn er be⸗ ſchäftigte ſich, während er oberflächlich fragte, mit einer Zeitung— ich aber ſah es deſto beſſer! Das Mäd⸗ chen antwortete dann, ſie habe ſämmtliche Papiere bei dem Eiſenbahnunfalle verloren—“ „Und warum kann das nicht ſein?“ redete Zeltner drein. „Still! Auf des Mädchens Erklärung entgegnete der Graf, daß ſie vielleicht doch gut thun werde, wenn ſie ſich neue Papiere von der Heimat beſorge. Sie ſagte, ſie werde ſogleich darum ſchreiben. Zwölf Tage ſind ſeitdem vergangen. Hat Einer einen Brief des Mädchens abgehen ſehen? Sie iſt doch ſonſt in Allem ſo pünktlich!“ 1 „Aber Freund, wenn Sie nichts wie ſolche Dinge gegen das Mädchen vorzubringen haben, ſo erlaſſen wir Ihnen das Uebrige!“ brummte der Amtmann achſel⸗ zuckend und wendete dann dem Kammerdiener lächelnd den Rücken.„Begleitet mich doch ein Stückchen den Schloßberg hinunter, Klein,“ fuhr er fort, ſich an den Förſter wendend, indem er ihm einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, den die Andern nicht bemerkten.„Ihr müßt wohl ohnehin auch in Euren Wald, und ſo haben wir ohnehin einige hundert Schritte den gleichen Weg.“ Der Förſter nickte und griff zu ſeiner Flinte, die in einem Winkel des Zimmers ſtand. Sein Hund, der regungslos neben dem Bette des Thorhüters ge⸗ legen war, ſprang jetzt zu ſeinem Herrn. Der alte Chriſtoph erhob ſich nun auch. „Ja, mußt denn Du auch fort?“ fragte Zeltner, die Hand auf einen Arm des Kammerdieners legend. „Freilich!“ antwortete dieſer.„Ich hab' dem Martin des Barons, dem Diener unſeres Gaſtes, an die Hand zu gehen. „Und die Schlangentaubenaugen der Mamſell Char⸗ lotte zu ſtudieren!“ grinste der Jäger. Chriſtoph erwiderte nichts. 19 89 Die drei Männer verließen das Schweizerhäuschen. Der Thorhüter ging ihnen bis unter die Thür nach. „Gute Nacht!“ hieß es hier und dort. Chriſtoph ſchlug den Weg zur Villa ein. Der Amtmann und der Förſter ſchritten dem Gitterthore zu. Auf dem halben Wege dorthin drehte ſich der Förſter herum. „Chriſtoph!“ rief er. „Was gibt's?“ ſagte dieſer, den Kopf wendend, ohne daß er ſtehen blieb. „Träumet heute Nacht nicht etwa von Gift⸗ miſcherinnen und Teufeln, die auf Erden als Engel verkappt umhergehen!“ rief ihm Klein lachend nach. „Fragt Euch zu Hauſe, ob Ihr wohl nach Jahres⸗ friſt beſſere Nächte und Träume haben werdet, als ich?“ verſetzte der alte Chriſtoph trocken und ging, ohne weiter zurückzublicken. Der dicke Thorhüter ſchaute Dieſem, und dann den Anderen hinterdrein, die fetten Hände über dem Bauche faltend. „Der Chriſtoph iſt ein empfindſamer Narr! Wäre er's nicht von jeher geweſen, er hätte ſich etwas er⸗ ſparen können,“ murmelte er.„Aber jene Beiden dort ſind Hallunken, die vielleicht jetzt ein Holzgeſchäft mit ein⸗ ander bereden werden, bei dem die Waldungen des Grafen Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 7 90 ohne Wiſſen des Herrn herhalten müſſen. Wenn ihnen nicht der junge Graf einen Querſtrich macht, ſo können ſie noch einmal reiche Leute werden! Und ich! Der Eine und der Andere ſtopfen mir freilich hie und da das Maul, aber was verſchlägt das? Solch ein Leben iſt weder Fiſch noch Fleiſch! Gott beſſere es!“ Und Herr Konrad Zeltner ſtieß, während er in ſein romantiſches Schweizerhäuschen zurückkehrte, einen Seufzer aus, und zwar einen ſo ſchweren, daß er jedenfalls ſei⸗ nem gewichtvollen, umfangreichen Körper zur Ehre ge⸗ reichte. Fünftes Capitel. Onkel Mondſchein. Am Morgen nach der Ankunft des durch den Thorhüter dem jungen Grafen angekündigten Gaſtes in— Heiligenbrunn, etwa um die neunte Stunde, traten zwei Männer auf den Balkon des Salons hinaus, der ſich im erſten Stocke der Villa befand, und deſſen Fenſter gerade in der Mitte der Gebändefronte lagen. 8 Die Beſchreibung der Perſönlichkeit des einen die⸗ ſer Herren iſt aus dem Grunde überflüſſig, weil er dem Leſer bereits bekannt iſt. Es war der Graf, der Be⸗ ſitzer von Heiligenbrunn. Ueber den Andern aber müſſen wir, bevor wir das Geſpräch der beiden Herren belauſchen, einen prüfen⸗ den Blick werfen, und auch einige Worte ſagen, die einen kurzen Abriß vom inneren Weſen und den Lebens⸗ 7*† 7 92 verhältniſſen des Mannes liefern, der in dieſer Erzäh⸗ lung eine nicht unbedeutende Rolle ſpielen wird. Dieſer Mann war der Baron Ohneſorg, der Oheim Karl's, der Bruder der verſtorbenen Mutter des jungen Grafen. Er war ein Sechziger, beſaß aber noch jugendliche Beweglichkeit. Seine Geſtalt war winzig, doch in allen ihren Theilen proportionirt, und obwohl die Formen des kleinen Mannes ſehr zum Embonpoint ſich neigten, machte ſeine Erſcheinung doch eigentlich nur eine komiſche Wirkung, wenn er in Eifer gerieth. Jedenfalls hatte ſie etwas ſehr Einnehmendes. Selten trug aber auch wohl ein Menſchenantlitz ſo viel herzliches Wohlwollen, einen ſo kindlich milden, gewinnenden Ausdruck, mit einem Anflug ſtiller Me⸗ lancholie und Entſagung um Mund und Augen ge⸗ paart, wie das Geſicht des kleinen Alten. . An ſeinen Schläfen und im Nacken kräuſelten ſich Silberlocken— denn der Scheitel war völlig kahl und glänzend— ſie verliehen ihm jenes ehrwürdige Ausſehen, das ein Greiſenhaupt ſo freundlich verklärt. Haltung und Benehmen des winzigen Mannes, der ſich einfach aber elegant kleidete, boten ſo viel unge⸗ künſtelte Beſcheidenheit und Anſpruchsloſigkeit, aus ſei⸗ nen zwinkernden blauen Augen lachte ſo viele unbefan⸗ 93 gene Herzensgüte, daß es beim Anblick des Barons keiner großen Menſchenkenntniß bedurfte, um ſich ſagen zu können: Hier haſt Du eine offenherzige, ſeelengute Natur vor Dir, ein Weſen, das nicht um die Welt ſei⸗ nen Nächſten betrüben möchte, das ſorgloſe Selbſtver⸗ läugnung genug beſitzt, für edle Zwecke Opfer zu brin⸗ gen, das beſſer von den Menſchen denkt, als ſie ſind, kurz— eine ſogenannte, in unſerer Zeit unpraktiſche Natur! Und dem war ſo. Der alte Baron gehörte zu jenen harmloſen, ſelbſtgenügſamen großen Kindern, jenen graugewordenen Naivitäten, die von Tag zu Tag ſeltner zu werden beginnen. Wohlwollen, bittere Erfahrungen, Unkenntniß der Welt waren bei ihm unter einander gemiſcht, und äußerten ſich in faſt kindlichem Freimuth neben unläugbarer Geiſtesſchärfe und warmer Empfin⸗ dung. Er war oft genug im Leben betrogen worden, und doch glaubte er noch immer an das beſſere Gefühl im Menſchen, er ſchenkte den Leuten, die ſich ihm näherten, lieber zu viel als zu wenig Vertrauen. Durch Mißtrauen quält man ſich, pflegte er zu ſagen, und werde ich betrogen, gut, ſo habe ich doch auch meine freundlichen Illuſionen dabei gehabt! Der kleine Baron war nämlich denn doch in ſei⸗ ner unpraktiſchen Naivität nie ſo weit gegangen, und 94 ging es noch jetzt nicht, daß er ſich nicht gewiſſe Gren⸗ zen geſteckt hätte, bis zu welchen er es der Welt er⸗ laubte, ſeine Gutherzigkeit auszubeuten. Er war ſomit auch in dem Wohlſtande geblieben, den er von den Eltern ererbt hatte. Gerade ſo viel, beſaß er, als für ihn, den alten Junggeſellen, ausreichte, um im Winter anſtändig in der Reſidenz leben, und den Sommer in irgend einem Bade oder auf kleinen Reiſen zubringen zu können. Der Baron hatte eigentlich nie gearbeitet, das heißt, einer für's Leben praktiſchen Beſchäftigung ſich hingegeben. Aber eine poetiſche Natur war er von Kindesbeinen an geweſen. Er hatte in ſeiner Jugend gemalt, gedichtet, muſicirt, für alles wohl Talent, aber für nichts einen eigentlich unabweisbaren Beruf gezeigt. Wie er den Ernſt des Lebens von jeher geflohen, ſo hatte er auch den Ernſt in der Kunſt geſcheut, weil er eben nie etwas anderes geweſen war, als ein für das Schöne glühendes Gemüth, eine empfängliche, keine ſchöpferiſche Natur. So war der Baron durch's Leben gegangen und alt geworden, ohne eigentlich die Pflicht erfüllt zu haben, welche der Menſch, ob hoch, ob niedrig geboren, ob arm oder reich, ob verſchwenderiſch oder gering befähigt, nach ſeinen Kräften an die Welt abzutragen ſchuldig iſt,— jene Pflicht, welche fordert, daß der Menſch nicht müſſig gehe, ſondern ſeine ihm von der Vorſehung ver⸗ liehenen Fähigkeiten zu ſeinem und des großen Ganzen Vortheil entwickle und nütze. Der Baron wußte recht wohl, daß er das nicht gethan, und in ſeinen alten Tagen pflegte er lächelnd zu ſagen:„Ich gehe als warnendes Beiſpiel für alle die lieben, phantaſtiſchen Menſchen umher, die ein Leben verträumen möchten, das zu ernſten Dingen berufen iſt, und in ſofern ſtifte ich auch meinen Nutzen!“ Wenn der Baron auch nicht mehr dichtete, oder malte und muſicirte, ſo war er doch noch exaltirt ge⸗ nug. Er ſchwärmte, wie vor Zeiten, für alles Schöne, und begriff die moderne Blaſirtheit der jungen Ge⸗ neration nicht. Und da er es ſich keineswegs angelegen ſein ließ, die Phantaſie, die in ſeinen Gliedern ſpukte, zu verdecken, ſondern ſich im Gegentheil allerlei Lieb⸗ habercien hingab, die mit ſeinem Sinn für Romantik im Einklang waren, ſo geſchah es bald, daß er in der Verwandtſchaft einen Beinamen erhielt, der auch nicht übel auf ihn paßte,— man nannte ihn den Onkel Mond⸗ ſchein. Dieſer Beiname hatte ſich ſo ganz in der Stille verbreitet, und war ſchließlich auch vom gut⸗ herzigen Baron ſelber lächelnd anerkannt worden, ſo daß dieſen, zur Zeit da er in unſerer Erzählung zum erſten 96 Male erſcheint, die nächſten Verwandten und vertrauten Freunde bereits ſeit Jahren kaum anders als den Onkel Mondſchein nannten, vielleicht ebenſowohl wegen ſeiner kahlen Glatze, als wegen ſeiner phantaſtiſchen Grillen. Und nun wenden wir uns zu dem Geſpräche der beiden Herren, die den Salon durch eine Doppelthür verlaſſen hatten, und auf den Balkon getreten waren, der, mit reizenden und ſeltenen Topfgewächſen geſchmückt, einer anmuthigen Blumen⸗Etagere glich, und deſſen zierliches Eiſengeländer zartblättrige Schlingpflanzen umringelten. „Ich weiß nicht, was Du an der Wohnung aus⸗ zuſetzen findeſt, die ich Dir eingeräumt habe, Melchior!“ begann der Graf lächelnd.„Du haſt meinen beſten Salon, der ſo comfortable wie man überhaupt auf dem Lande wohnen kann, eingerichtet iſt. Und ſieh nur, hat dieſes Balkon⸗Plätzchen nicht Deinen Beifall? Du ſchauſt auf nichts als Blumen, hübſch verſchlungene Pfade, friſche Raſenplätze, ſchattige Parkanlagen, und haſt im Hintergrunde des freundlichen Panoramas die waldigen Höhen. Was willſt Du mehr?“ Der Baron machte, während ſein Schwager ſprach, ein ziemlich verlegenes Geſicht.. Und als nun der Graf geendet hatte, und das Männchen fragend anblickte, da erröthete dieſes, ſchnappte einigemale mit dem Munde, als wolle es reden und 97 bringe doch für den Moment nichts heraus, und drückte und würgte zugleich wie Jemand, um deſſen Kehle ſich feſt eine Hand legt. Es war augenſcheinlich, daß den kleinen beſcheidenen Mann, nun er eine Antwort zu geben hatte, der Gedanke beirrte, ſein Schwager könne ihn möglicherweiſe für einen pretentiöſen ſchwer, zu befriedigenden Gaſt halten, ihn, der ſich doch ſo bereitwillig ſelbſt Unbequemlichkeiten. aufgebürdet hätte, um nur nicht im Entfernteſten zu geniren. „Du— Du— haſt mich mißverſtanden, lieber Schwager,“ begann er ſtotternd, ſein etwas ſchnarrendes aber doch nicht unangenehmes Fiſtelſtimmchen kaum über ein Flüſtern erhebend—„ja, ja, mißverſtanden, als ich Dir ſagte, Du mögeſt ſo freundlich ſein, mir ein anderes Logis anzuweiſen. Ich wäre ja ein rechter Barbar, ein unverſchämter Menſch, wollte ich nicht den Salon herr⸗ lich finden. Und da ich Euch ſo unverſehens über den Hals gekommen bin, könnte ich ohnehin nur auf ein Kämmerchen Anſpruch machen— Ihr ſeht Euch nun genöthigt, Euch zu beſchränken, und— dann—“ „Wir bewohnen in dieſer Jahreszeit immer nur das Parterre!“ unterbrach ihn der Graf, als er ſah, daß das alte Herrchen wiederum zu druckſen und ſchnappen 98 begann—„Mache Dir doch keine übertriebenen Sor⸗ gen um uns.“ „Das— das iſt wieder nicht das Rechte!“ liſpelte der Baron.—„Ich will Dir nur ſagen,— aber Du darfſt mich nicht auslachen— ich könnte es hier im Salon bei dem Gedanken nicht aushalten, daß ſich uns im Rücken, durch nichts als eine Wand getrennt, eine wun⸗ derſchöne alte Burg befinde, ein wahres mittelalterliches Prachtſtück, mit prachtvollen Zimmern voll Ritterthum, und bewohnbar obendrein.“ „Aha! Sitzt Dir die Romantik ſchon wieder im Nacken?“ lachte der Graf.—„Immer der alte Onkel Mondſchein!“ „Muß ich dem Namen nicht Ehre machen?“ ſchmun⸗ zelte der kleine Baron.„Ei, das wäre nicht übel, wollte ich mir auf meine alten Tagen nicht conſequent bleiben!“ „Alſo Du möchteſt Dich allen Ernſtes in das ein⸗ ſame Schloß quartiren, ganz allein— 2“ „Ja, das heißt mit meinem Goliath— meinem langen Martin. Ich ſage Dir, Schwagerchen, ich würde mir's nimmer vergeben, wenn ich die Gelegenheit zur Hand gehabt hätte, ein paar Monate in einer alten Veſte hauſen zu können, und hätte ſie nicht benützt! Was ver⸗ ſchlägt Dir's, wenn Du mich dort wohnen läßt, ſtatt in dieſem modernen Hauſe, wie ich's doch überall ſo haben 99 kann. Und Umſtände macht's Euch auch nicht, denn ich weiß ja, daß Ihr bei ſtrengem Winter hinter die dicken Mauern Eures Kaſtells flüchtet, und dort einen Flügel habt, der jeden Augenblick bezogen werden kann. Nicht ſo?“ „Freilich, das iſt ſchon ſo! Es ſind ſogar modern eingerichtete Zimmer dabei, für den Fall, daß es Einem von uns während des langen Winters zu unheimlich werden ſollte, zwiſchen alten Ueberlieferungen und unter den ſtarren Blicken unſerer ſteifen Ahnenbilder herum⸗ zuwandeln!“ „Moderne Zimmer in einem ſolchen ſuperben alten Neſte, welcher Vandalismus!“ rief der Baron, die Hände zuſammenſchlagend.„Nein, Schwagerchen, willſt Du die Güte haben, mich von dieſem ſchönen Salon zu dispen⸗ ſiren und mir im Schloſſe meine vier Wände anzuweiſen, ſo ſuche mir, wenn ich bitten darf, die allerabenteuer⸗ lichſten Gemächer aus, hörſt Du?— alte gewirkte Sei⸗ dentapeten, düſtere Eichenholz⸗Wände, hinter denen man geheime Ausgänge vermuthen darf, Frescoplafonds, Fenſter mit in Blei gefaßten, bemalten Scheiben, ver⸗ blichene Möbel, das wird's thun—! Und gibt's dort, um das Logis zu erreichen, Wendeltreppen zu erſteigen, durch winklige Corridors zu ſchlüpfen, um ſo beſſer! Beſonders darf mir da ein Erkerthürmchen nicht fehlen, hörſt Du? Ich weiß, Du haſt in Deiner Burg etwas von Allem, was man nur wünſchen kann!“ Das Männchen kicherte vergnügt vor ſich hin, und rieb ſich jetzt die Hände. „Das habe ich!“ entgegnete der Graf lachend.— „Alſo ſuche Dir, wenn es Dir gar ſolches Vergnügen macht, im Schloſſe von Rumpelkammern aus, was Dir beliebt. Ich kann Dir auch mit einigen alten Ritter⸗ Coſtümen dienen, wenn Du wünſchen ſollteſt, die Fallen, Thürme, Laufgräben mit Deinem getreuen Martin in Geſtalt eines meiner Urahnen zu inſpiciren. Was die Rüſtungen anbetrifft, die ich ebenfalls zur Verfügung ſtellen könnte, ſo dürften ſie nur für Deinen rieſigen Kammerdiener nicht zu groß und ſchwer ſein!“ „Siehſt Du, da haben wir ſchon den Spott!“ lä⸗ chelte das Männchen gutherzig,„Schwagerchen, ſo weit gehen meine romantiſchen Grillen denn doch nicht!“ fuhr er betheuernd fort.„Und weißt Du, ich denke ja auch nicht daran, mich vor Euch wie ein Maulwurf zu vergraben, ſondern ich will ja im Gegentheile recht in Wald und Feld umherſchweifen— wollte ich da als Ritter ſtolziren,“ fügte er nun wieder ſchalkhaft hinzu,„ich machte Euch ja das Wild rebelliſch, und ſo wie ich für gewöhnlich bin, ſchlage ich doch wohl nicht ſo leicht irgend 101 etwas in die Flucht, kaum einen jungen Haſen, ſollt' ich meinen!“ „Ah, Du willſt fleißig auf die Jagd gehen? Dazu iſt ja jetzt nicht die rechte Zeit!“ „Für meine Jagd iſt ſie das ſchon! Ich jage ja nur Schmetterlinge und Käfer!“ „Was der tauſend! Eine neue Paſſion?“ „Habe ich Dir nicht ſchon geſtern Abends davon geſagt, als Du mich erſtaunt um den Inhalt meiner Schachtelchen und Kiſtchen befragteſt!“ „Richtig, ich entſinne mich. Du haſt in der That davon eine Legion mitgebracht, ich hatte ſchon Urſache mich zu wundern—“ „Ja, ja, ich beſitze davon hübſch viele! Und die Hälfte der Schachteln iſt mit köſtlichen Eremplaren meines Wildes gefüllt— die andere Hälfte hoffe ich hier mit Springinsfelden aus Deinen Forſten und Fluren zu füllen!“ „Ich ſtelle Dir die geſammte Inſektenwelt der Um⸗ gegend zur Verfügung.“ 1„Ich bin Dir ſehr dankbar! Um ſolche Güte zu belohnen, laß ich Dich einen Blick auf meine Schätze werfen! Komm!“ 102 Der Baron ſprach die letzten Worte mit ſchelmiſcher Miene; er dachte ſich gleich, der Schwager werde ſich nicht viel aus ſolchem Verſprechen machen. Dieſer antwortete denn auch ſogleich:„Ein ande⸗ res Mal, Melchior, ich habe jetzt allerlei Geſchäfte, und muß Dich verlaſſen. Aber ich ſchicke Dir den Karl, der verſteht ſich ganz ſicher auf Deine Käfer!“ Der Graf verließ mit dieſen Worten den Balkon, und trat in das elegante Gemach zurück. „Schon gut!“ verſetzte der Baron, gutmüthig lä⸗ chelnd, indem er hinter dem Schwager dreintrippelte— „Und wenn der Herr Neffe mir ſo wenig Stand halten will, wie ſein Vater,— ich kenne das, ich habe das Malheur, daß kein Menſch die Erklärung meiner Schätze hören will— dann bleibt mir noch der Martin, der hat ſie zum neunundneunzigſten Male gehört, und kann ſie auch zum hundertſten Male hören,— für was wäre er denn ſonſt der Martin?“ Während das Männchen ſo ſprach, blickte es wohl⸗ wollend zu einem baumſtarken, wahrhaft rieſigen Manne hinüber, der in einem Winkel des Salons beſchäftigt war, einen Koffer auszupacken. Der Mann hatte daſſelbe bereits mit einem andern kleineren Koffer und mehreren Kiſten und Reiſetaſchen gethan, und das Gemach ſo zu ſagen in eine Krambude 103 verwandelt, denn überall auf Tiſchen, Seſſeln, Sopha und Bal⸗ zac und wo nur ſonſt ein leeres Plätzchen um etwas nieder⸗ zulegen oder zu ſtellen war, befanden ſich Wäſche, Klei⸗ dungsſtücke und allerlei Gegenſtände, die man auf Reiſen mitzunehmen pflegt, vor Allem aber machten ſich kleine und große, nummerirte Schachteln bemerkbar, deren Zahl ſo beträchtlich ſein mochte, wie ſie zuvor lachend der Graf angegeben hatte, denn noch immer packte der Mann ſolc Schachteln aus, obwohl viele bereits den glänzen⸗ den Parketboden des Salons bedeckten, ſo daß man ge⸗ ſchickt wie beim Flaſchentanze die Füße heben mußte, um zwiſchen ihnen hindurch zu gelangen, ohne einige zu zertreten. 8 Dieſer alſo mit den tauſend Sächelchen beſchäftigte Mann, zu dem jetzt die Blicke des kleinen Barons hin⸗ überwanderten, war der Kammerdiener deſſelben, jener Martin, von dem bereits zu mehreren Malen die Rede geweſen. 6 Dieſer Martin war ſo gut ein Original wie ſein Herr. In ihrer Erſcheinung, wie in ihrem ſonſtigen Weſen, bildeten ſie den ſtrickteſten Gegenſatz zu einander. Was der Herr an Körperlänge zu wenig, das hatte ſein Diener zu viel; dieſer war ein himmellanger Mann von etwa dreißig Jahren. Der winzige Baron war ſleiſchig und zart gebaut, der lange Martin dagegen hager bis zur Uebertreibung, jedoch breitſchulterig und grobknochig; er hatte unſtreitig Muskeln und Sehnen von Eiſen, ob⸗ gleich er ſo vertrocknet ausſah wie der Rieſenſchaft eines welken Sumpfrohres.. Und nun vollends das Angeſicht des Dieners, wie war ſein Ausdruck von demjenigen verſchieden, welcher die Züge des Männchen ſo frappirend machte. Das Ant⸗ litz des langen Martin hatte geradezu etwas Abſtoßen⸗ des, es war beinahe lederfarben und in ſeinen Umriſſen von auffallender Häßlichkeit. Die ſtets feſt aufeinanderge⸗ preßten Lippen deuteten auf Trotz, um die Mundwinkel ging ein Zug, der ausſah, als hätten ihn Verſchlagenheit und Hohn dort ausgeprägt, die flache Stirn, die zur Hälfte von ſtruppigem ſchwarzen Haar verdeckt war, ließ auf Beſchränktheit und Starrſinn zugleich ſchließen, die Augen leuchteten düſter und mißtrauiſch auf Alles was ringsumher vorging. Kurz, es war eine jener Phyſiogno⸗ mien, von denen man zu ſagen pflegt: Die möchte ich nicht immer um mich haben!. Und dazu kam noch, daß dieſe häßlichen Züge jeder⸗ zeit den Ausdruck eiſiger Theilnahmloſigkeit trugen. So gutherzig, geſchwätzig der Baron, ſo ſchweigſam zeigte ſich ſtets der lange Martin, dieſer war gegen Je⸗ dermann verſchloſſen, während jener mit Jedem Bekannt⸗ ——————p-—— 10⁵ ſchaft machte und vertraulich ward, der Koloß leiſtete Niemand einen Dienſt als ſeinen Herrn, das Männ⸗ chen, beſcheiden und höflich, war ſtets darauf bedacht, dienſtfertig gegen alle Welt zu ſein. Man ſollte glauben, ein ſolcher Herr und ein ſol⸗ cher Diener hätten es nicht lange bei einander aushalten können. Und doch war das Gegentheil davon der Fall — Nartin ſtand bereits durch eine Reihe von Jahren im Dienſte des Barons, und würde ihn nicht um Ton⸗ nen Goldes verlaſſen haben, ſo wenig wie der Onkel Mondſchein länger als einen Tag ohne ſeinen Getreuen hätte zubringen können. Und das war ihm der häßliche Menſch denn auch im vollen Sinne des Wortes. Wodurch der rieſige Martin, der die ganze Welt, mit Ausnahme ſeines Herrn, zu verachten ſchien, gerade dieſem ſo lieb gewonnen, daß er ihm treu wie ein Hund geworden, und wie es gekommen, daß das ſchüchterne, freundliche Geſichter liebende Männchen gerade dieſes lange Ungethüm, für das Niemand, außer ſein Herr, Sympathie fühlte, zum ſteten Begleiter ſich erwählen konnte, das werden wir vielleicht im Verlaufe der Erzählung erfahren. Der Graf blickte, nachdem er in den Salon getre⸗ ten war, auf die zahlloſen, umhergekramten Dinge und machte ſeiner Heiterkeit Luft. Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 8 106 „Geben Sie ſich mit dem Auspacken keine weitere Mühe,“ bemerkte er gegen Martin,„das Naturalienkabi⸗ net wird einen würdigeren Platz erhalten.“ Der ungeſchlachte Diener ſah flüchtig zum Grafen auf und dann ſeinen Herrn an. „Ja, ja,“ ſchmunzelte der Baron freundlich,„packe das dort alles nur wieder ein, Martin, wir werden in's alte Schloß überſiedeln.“ Martin antwortete nicht, er kam ſogleich dem Auf⸗ trage ſeines Herrn nach, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Bevor er ſich aber an die umſtändliche Ar⸗ beit machte, warf er ſeinem Herrn einen Blick zu, der zu ſagen ſchien:„Gott ſei Dank, drüben haben wir unſer Reich allein, ich bin froh, daß ich hier wieder einpacken darf!“ 5 Der Graf ſah einen Augenblick lang zu, mit welcher emſigen Sorgfalt der Kammerdiener beſchäftigt war. „Seit wann datirt denn dieſe neue Leidenſchaft?“ fragte er alsdann den Baron, auf die Schachteln deutend. „Ah, ich ſpiele den Naturforſcher ſchon ſeit dem vorigen Jahre!“ antwortete das Männchen.„Sind die Mappen mit den getrockneten Blumen unten eingepackt, Martin?“ . V 107 Der Diener hob, ohne ein Wort zu verlieren, einige große Schachteln aus dem Koffer, und wies mit den Augen auf die Herbarien, welche nun ſichtbar ge⸗ worden waren. „Gut, gut!“ murmelte der Baron. „Du haſt wohl den Martin zu Deinem viſſenſchaft⸗ lichen Famulus avanciren laſſen,“ ſcherzte der Graf, „und nimmſt ihn am Ende gar auf Deine Entdeckungs⸗ reiſen mit?“ „Das thu' ich in der That,“ lächelte das Männ⸗ chen,„aber glaube nicht etwa, daß ich ihn nöthige, hinter den buntſcheckigen Schmetterlingen herzuſpringen, oder Käfer aus ihren Löchern hervorzukitzeln, ich benütze ihn freilich auf meinen Fußwanderungen als einen zweibei⸗ nigen ambulanten Schrank, der die erbeuteten Schätze aufbe⸗ wahren muß,— im Grunde aber ſind mir ſeine Fäuſte nothwendiger als ſeine Taſchen!“ „Seine Fäuſte? Er muß Dich doch nicht etwa zu Zeiten tragen?“ fragte der Graf auflachend. „Ah, er hat eine viel ehrenvollere Aufgabe,“ ver⸗ ſetzte der kleine Mann mit komiſchem Ernſt—„er bildet meine Schutzmacht, wenn ich die Wälder durchſtreife, ſeine achtunggebietende Erſcheinung hält mir alle umher⸗ ſtreichenden Vagabunden viel beſſer vom Leibe, als wäre ich bis an die Zähne— wenn ich mit meinem zahn⸗ 8* loſen Munde ſo reden darf,— bewaffnet. Ja, ja, im vorigen Jahre, faſt um dieſe Zeit, wäre ich ohne ſeinen Beiſtand in beſter Form dorthin expedirt worden, von wo noch Keiner zurückgekehrt iſt— Du weißt das noch gar nicht, Schwagerchen!“ „Was Du ſagſt! Du nurdeſt überfallen?“ fragte der Graf verwundert. „Nun natürlich!“ fuhr der Baron fort.—„Es warin den Waldbergen bei Boppard am Rhein, als ich eines Tages eine Streiferei allein unternahm und mich in einer Schlucht plötzlich von vier Kerlen angefallen ſah. Man nahm mir Alles, mein Geld, meine Uhr, ſogar meine Schachteln und den Schmetterlingsfänger, und dann be⸗ ſchloß man, mich an einer, ich muß es geſtehen, für ſolchen Zweck zufällig ſehr geeigneten Schwarztanne aufzu⸗ hängen. Ich bat, wenn man mich denn doch umbringen wolle, mir wenigſtens bis zu meinem letzten Augenverdrehen meine Schachteln zu laſſen, denn ich hatte gerade in der ver⸗ floſſenen Stunde eine reiche Beute gemacht, zwei fabel⸗ hafte Exemplare vom polychloros oder großen Fuchs ge⸗ fangen, einen tachyptera apollo von wunderbarer Schönheit, einen aeronauta leilus oder grünſtreiſigen Segler, und ganz beſonders eine himmliſche iris, die ich vor der Schlucht am eriophorum entdeckte— Du weißt, am eriophorum.“ 109 „Nein, ich weiß nichts von Deinem eriophorum, aber komme nur zur Sache!“ „Ja, ja— richtig, am Wollgras,— ich konnte nur nicht gleich auf den deutſchen Namen kommen. Ja, alſo was ſagt' ich doch? Die Kerle verweigerten mir meine Bitte, ſie wollten grauſamer Weiſe nicht, daß ich, von meinen Siegestrophäen umgeben, meinen Tod gleich⸗ ſam als Opfer der Naturkunde glorificire, ſie ſchleppten mich zu der beſagten Tanne und waren im Begriffe mir den Garaus zu machen, als mein Rieſe dort“— der Baron deutete lächelnd auf Martin—„mein häß⸗ licher Goliath, den eine unerklärliche Unruhe vom Wirthshauſe fort und mir nach in den Wald getrieben hatte, plötzlich auf dem Schauplatze erſchien und jene vier Landſtreicher ohne viele Umſtände in die Flucht jagte. Ich ſage Dir, Schwagerchen, Du hätteſt die Kerle laufen ſehen ſollen! Und mein Goliath hatte doch keine Waffen zur Hand, nicht einmal einen Eſels⸗ kinnbacken!“ „War auch bei vier armſeligen Schuften nicht nöthig!“ brummte der lange Martin, der jetzt, indem er packte, neben dem Koffer kniete und während der Erzählung nicht einen Muskel ſeines theilnahmloſen Geſichts verzogen hatte, als ginge ihn die ganze Sache gar nichts an. 110 8 Nun er aber die paar Worte hervorgebrummt, ſchaute er doch verſtohlen auf ſeinen Herrn, und da begegneten die Blicke Beider einander ſo warm und innig, daß man wohl ſagen kann, Beide vergaßen im Momente ihre Stellung des Herrn und Dieners, und ſahen in einander nur den Freund. „Wahrhaftig,“ bemerkte der Graf—„damals waren Dir die Fäuſte Deines Martin nützlicher als ſeine Taſchen!“ „Du begreifſt alſo,“ ſcherzte das Männchen, deſſen Stimme leiſe zitterte, denn es ſtand unter dem Einfluſſe einer Rührung, die es zu verbergen ſuchte—„daß ich ohne dieſen langen Schatten hinterdrein, der mir gewiſſermaßen die freie Ausübung meines Jagdrechtes ga⸗ rantirt, nicht mehr jagen mag!“ „Hier in meinen Wäldern hauſen keine Räuber,“ verſetzte der Graf lachend—„unſere friedliche Gegend hat ſich ſeit vielen Jahren nicht bis zu ſolcher Romantik erhoben!“ „Ich bin auch mit der harmloſen, die Dein Schloß bietet, vollkommen zufrieden,“ war des Barons Antwort —„und um ihrer je eher deſto lieber theilhaftig werden zu können, laß mich nur ſogleich umquartiren!“ In dieſem Augenblicke trat Karl in den Salon und begrüßte die Herren. — 111 A8 „Du kommſt gerade recht, meine Stelle zu ver⸗ treten,“ ſagte der Vater—„Dein Onkel will ſich in's Schloß vergraben, als Alchymiſt die Geheimniſſe der Natur zu löſen und die Geiſter zu beſchwören. Gehe ſtatt meiner, ihm ein würdiges Plätzchen für ſolche Teufelskünſte aufzuſuchen. Ich laſſe durch Chriſtoph aufſchließen und kann Euch nicht begleiten, weil ich die Abrechnungen des Verwalters revidiren muß.“ Noch einige ſcherzhafte Worte wurden gewechſelt, dann entfernte ſich der Graf. Karl war gekommen, den Onkel Mondſchein als Bundesgenoſſen zu werben, als gelegentlichen Vertheidiger der reformatoriſchen Pläne, die in Heiligenbrunn durch⸗ geführt werden ſollten. Der junge Mann wußte recht wohl, daß ſein Vater den kleinen Schwager ſo ziemlich wie ein großes Kind betrachte, deſſen unpraktiſche Lebens⸗ anſichten nicht beſonders maßgebend ſeien, aber er ſagte ſich doch auch, daß dem Vater gar wohl bekannt ſei, wie der Onkel Mondſchein viel herum komme und als intelligenter Mann von Dieſem und Jenem, das auf den Gütern ſeiner Bekannten an Verbeſſerungen geſchehen, Notiz nehme, und ſo hoffte denn Karl, das Männ⸗ chen werde ihm beim Vater nicht gerade als Rathgeber nützen können, wohl aber im Erzählen deſſen, was er von Neuerungen geſehen und durch die Erfahrung Anderer bewährt gefunden. Für ſolchen Beiſtand ſich ſchon im Voraus erkenntlich zu zeigen, hatte er ſich ſogleich auf die Seite des Oheims geſchlagen, nachdem ter vernommen, daß dieſer ſelbſt in Bezug auf ſeine Wohnung den„Onkel Mondſchein“ herausgekehrt habe. Dagegen hörte nun das gutherzige Männchen mit um ſo größerer Geduld den Neffen an, da er, nachdem der Vater ſich entfernt, den Onkel zu dem bereits von Martin wieder leergepackten Balzac gezogen lichen Theorien vordemonſtrirte. Der Baron war mit Allem, was der Neffe vor⸗ brachte, völlig einverſtanden— womit wäre der dienſt⸗ fertige und liebenswürdige kleine Herr, der am liebſten um jeglichen Conflict zu vermeiden, ſtets ſo wenig wie möglich von einer eigenen Meinung äußerte, nicht einver⸗ ſtanden geweſen? Nur ſchien ihm endlich das landwirth⸗ ſchaftliche Dociren etwas zu lange zu währen. Er ſprang daher mit großer Lebhaftigkeit auf, als ſein Rieſe an den Balzac herantrat und mit der trockenen Ruhe, welche dieſen ſeltſamen Menſchen charakteriſirte, ſich ver⸗ nehmen ließ:„Wir können ausziehen!“ „Charmant!“ liſpelte der Onkel Mondſchein— „Nehmen wir dieſe Angelegenheit ſogleich in Angriff, damit vor Tiſche noch Alles in Ordnung komme!“ hatte und dort ihm einen Theil ſeiner landwirthſchaft⸗ — 113 „Soll ich einige unſerer Leute rufen laſſen?“ fragte Karl, zum Ausgange des Salons ſchreitend. „Nicht doch,“ entgegnete der Baron haſtig—„ſie würden mir meine Schachteln durcheinander rütteln. Der Martin iſt das einzige lebende Weſen, dem ich den Transport eines Koffers anzuvertrauen wage. Er mag den Nachtrab bilden. Gehen wir!“ Karl und der Oheim traten auf einen Corridor hinaus, während der lange Martin mit herkuliſcher Kraft von den Effekten ſeines Herrn ſo viel zuſammen⸗ raffte, wie zwei gewöhnliche Laſtträger nur mit Mühe hätten fortſchaffen können. Und wie nun die Herren, von dem gigantiſchen Diener gefolgt, den Corridor entlang ſchritten, ſich zum Erdgeſchoſſe zu begeben, da klangen ihnen plötzlich von dort die Silbertöne eines Kindergelächters entgegen. „Ah, die Agnes!“ rief der Baron heiter—„Das iſt ein tolles Eichkätzchen! Ich ſah ſie während des Frühſtücks nur ſekundenlang. Gleich war ſie wieder auf und davon! Sagt ihr nur nichts von meinen Schmetter⸗ lingen, ſonſt überfällt ſie mich in meinem Burgverließe und liefert ihnen eine Schlacht!“ „Du brauchſt ihr ja Deine Schätze nicht preiszu⸗ geben, Onkel!“ verſetzte Karl lächelnd. 114 „Ja, kann man denn ſolchen lieben kleinen Hexen etwas abſchlagen, wenn ſie ſchön bitten?“ ſchmunzelte das Männchen.—„Doch apropos,— ſage mir,“— fuhr der Baron fort, ſich plötzlich ernſt an den Neffen wendend—„wie ſeid Ihr denn mit der Erzieherin der Kleinen zufrieden?“ Wäre es in dem, nur an einer ſchmalen Stelle mit Glas gedeckten Korridor heller geweſen, der Onkel Mondſchein hätte unbedingt die Röthe gewahrt, welche nach dieſer unerwarteten Frage Karls Wangen haſtig überzog. Sie verſchwand übrigens ſo raſch wie ſie gekommen war, und der junge Mann entgegnete in ziemlich gleich⸗ gültigem Tone:„Soviel ich weiß, iſt mein Vater bis jetzt mit dem Fräulein ſehr zufrieden. Agnes hängt bereits an ihr mit großer Zärtlichkeit. Sie beſitzt un⸗ ſtreitig ſehr ſchätzenswerthe Eigenſchaften des Gemüthes, wie des Verſtandes.“ 3 1 „Zum Gliück iſt ſie nicht ſchön, wie ich dieſen Morgen bemerkt habe,“ unterbrach ihn das Männchen, ſchmunzelnd die Blinzelaugen auf ihn richtend— denn Geiſt, Liebenswürdigkeit und Schönheit könnten denn doch in der Einſamkeit des Landlebens etwas zu viel für einen lebhaften jungen Kavalier ſein, trotz all ſeiner Verſtändigkeit!“ 4. — — — Karl erröthete von Neuem und diesmal ſo tief, daß der Oheim es ungeachtet des zweifelhaften Lichtes bemerkte. „Onkel,“ ſagte er nach einigen Augenblicken in einer etwas gereizten Weiſe,„Du haſtfür das Roman⸗ hafte in der That eine größere Schwäche als ich!“ Das gutmüthige Männchen ließ verlegen lächelnd den Blick auf den Boden niederſchweifen. „Biſt Du beleidigt, Karl?“ murmelte er.—„Ich meinte es ja nicht ſo, daß etwa—“ „Ei Onkel,“ unterbrach ihn Karl, der im Grunde nicht weniger befangen war, als ſein kleiner Gefährte, obwohl er jetzt anſcheinend ſo gelaſſen wie möglich ſprach —„Ich hätte ja dann nur ein Recht, beleidigt zu ſein, wenn Du behauptet haben würdeſt, Schönheit ohne Geiſi und Liebenswürdigkeit möchte hinreichen, mir ge⸗ fährlich zu werden!“ „Gut geantwortet, Karl!“ liſpelte das Männchen, ſichtlich durch die Verſicherung ſeines Neffen erleichtert —„Aber horch' nur, wie's die Agnes treibt! Mein Gott, ſo herzlich können nur Kinder lachen— der Himmel gönn' ihr den Frohſinn durch's ganze Leben! Jetzt iſt er mir ein Beweis, daß die Kleine ſich an der Seite ihrer neuen Gouvernante keineswegs beengt oder gar 116 eingeſchüchtert fühlt— denn, wenn ich nicht irre, ſo höre ich auch die Stimme der Mamſell!“ Während der Baron ſo plauderte, ſtiegen er und ſein Neffe, vom langen Martin auf den Ferſen gefolgt, die Treppe zum Erdgeſchoſſe nieder. Dann ſchritten ſie in einen andern Corridor hinein, der von einer Seiten⸗ thür des Gebäudes aus an den Parterregemächern hinlief. In der Mitte dieſes Corridors, von welchem aus einige Fenſter auf den ſchmalen Hof gingen, den die mit Epheu bewachſene Rückwand des alten Schloßflü⸗ gels begrenzte, befand ſich der Durchgang zur Burg. Man hatte an jener Stelle, als die Villa erbaut wor⸗ den, die ellendicke Mauer durchbrochen und durch einen nur wenige Schritte langen, gedeckten und gemauerten Gang Wohnhaus und Schloß mit einander verbunden. Die Schlüſſel zu dieſem Durchgange, der durch zwei eiſenbeſchlagene Thüren verſperrt war, befanden ſich ſtets im Gewahrſam des Grafen, und nur der Sohn des Hauſes und der alte Chriſtoph durften ſich ihrer noch bedienen. Der Letztere ſtand bereits harrend an der erſten dieſer Thüren, er hatte ſie geöffnet und hielt daneben Wacht, wie ein alter trotziger Schließer aus vergange⸗ nen Zeiten. 117 In dem Augenblicke, wo die Herren daherſchritten, war dem Chriſtoph in der That die Aufgabe geworden, dieſen Eingang gegen einen Eindringling zu hüten, denn die kleine Comteſſe bemühte ſich lachend, trotz ſeiner Proteſte und abwehrenden Bewegungen, über die Schwelle des Durchganges zum alten Schloſſe zu ſchlüpfen. Dem alſo halb im Scherze, halb im Ernſte dispu⸗ tirenden ungleichen Paare gegenüber war die Thür eines Gemaches offen. Dieſes verließ jetzt ein junges Frauenzimmer, machte aber ſogleich Miene, ſich zurückzuziehen, als es die beiden näher kommenden Herren gewahrte. Die kleine Comteſſe verhinderte dies indeſſen. „Ei, Fräulein Charlotte,“ rief das Kind, während es die beſcheiden Zurückweichende umklammerte— „ſtehen Sie mir doch gegen den ſchlimmen Chriſtoph bei, der mich nicht in's Schloß laſſen will! Wenn Sie ihn bitten, das weiß ich, dann wird er es thun!“ „Warum ſollt' er's denn da thun?“ brummte Chriſtoph unwirrſch. „Ja, warum ſollt' er's denn da thun?“ rief der kleine Baron, indem er lachend hinter die Kleine trat, ihr mit der Hand über die Locken ſtrich und die junge Gouvernante anblinzelte. Dieſe, welche ſekundenlang ſcharf zu Chriſtoph hinübergeſchaut hatte, ſenkte den Blick und ſagte halb⸗ laut:„Agnes, Sie reden wieder einmal mehr als ſie verantworten können.“ Das Kind aber ſchien dieſe Worte nicht zu hören, es hatte ſich raſch von der Erzieherin abgewendet und blickte jetzt die Herren groß und freudig überraſcht an. „Ah, Ihr geht auch in's Schloß?“ rief die Kleine „— davon hat mir der Chriſtoph nichts geſagt! Wenn der Onkel Mondſchein geht, da kann ich auch gehen?“ „Agnes!“ murmelte die Erzieherin—„kom⸗ men Sie!“ „Ah, liebes Fräulein,“ ſagte der kleine Baron kichernd—„laſſen Sie den Schelm nur ſo fortplau⸗ dern! Ja, Agnes, ich ziehe mit Sack und Pack hinüber in's Schloß. Du willſt alſo mit uns dort wohnen?“ „O nein, nein!“ rief die Kleine haſtig. „Warum denn nicht?“ „Ich würde mich fürchten!“ „Deſto beſſer für meine Schmetterlinge!“ murmelte der Baron in ſich hinein.„Und doch möchteſt Du jetzt mit uns?“ „Das iſt etwas anderes!“ verſicherte das Kind lebhaft.—„Da gehe ich mit Euch herum und ſchaue mir all das Seltſame an, und wenn ich anfange mich dn 119 zu fürchten, dann müßt Ihr mich wieder hierher führen!“ „Inzwiſchen aber,“ brummte Chriſtoph—„hat dann die Comteſſe, wie das nun jedesmal geſchehen iſt, tau⸗ ſend kleine Sachen auf den unrechten Platz geſchleppt, aufgeſtellte Rüſtungen umgeſtürzt, die ſeidenen Gardi⸗ nen von den alten Himmelbetten auseinander gezerrt—“ „Das werde ich heute gewiß nicht thun!“ be⸗ theuerte die Kleine.—„Nimm mich mit, Karl, Du haſt's auch dem Fränlein Charlotte verſprochen, ſie im Schloß herumzuführen, und noch immer nicht Wort gehalten!“ „Das iſt wahr,“ bemerkte der junge Mann, lächelnd auf die Erzieherin des Kindes blickend—„und wenn Fräulein Charlotte mitgeht, dann wird ſich das tollköpfige Schweſterchen doch wohl vernünftig be⸗ tragen!“ „Ja, Bruder, das werde ich!“ verſicherte das Kind mit drolligem Ernſte.—„Ich könnte ja Fräu⸗ lein Charlotte nicht betrüben! Gehen wir nun?“ „Wenn es dem Frällein recht iſt?“ entgegnete Karl, indem er die Gouvernante fragend anſah. Dieſe verneigte ſich ſtumm und lächelnd, bückte ſich dann zu dem Kinde nieder und küßte ihm die Stirn. 120 mmer, welches vor ein paar Wochen in einem ziemlich leidenden Zuſtande nach Hei⸗ ligenbrunn gekommen war, hatte inzwiſchen ſeine Ge⸗ ſundheit wieder erlangt. Fräulein Charlotte trug den Arm nicht mehr in der Schlinge, wie während der erſten Tage nach ihrer Ankunft. Aber trotzdem die Folgen des Unfalles, der ſie auf der Eiſenbahn betroffen, be⸗ ſeitigt waren, ſah ſie blaß aus. Dieſe Bläſſe— die ihr auch vor dem Unfalle mochte eigen geweſen ſein, paßte übrigens zu ihren feinen Zügen gut, und wie ſie jetzt ſo neben der kleinen Agnes in ſchlichter aber ele⸗ ganter Kleidung ſtand— der Graf hatte ihr Gelegen⸗ heit gegeben, ihre Toilette aus der nachgelaſſenen Garderobe der Gräfin zu vervollſtändigen— machte ſie ungeachtet ihrer beſcheidenen Haltung den Eindruck einer Ariſtokratin. Karl trat zu der eiſenbeſchlagenen Thür und 14 ſagte:„Ich werde den Führer machen! „Halt!“ rief der Baron ſchalkhaft—„Bevor wir gehen muß uns die Kleine ſagen, warum ſie geglaubt hat, daß die Bitte des Fräuleins den Chriſtoph ge⸗ fügiger machen werde?“ „Ich wills ſagen, die Kleine und drückte die zarten Lipp des Barons—„Weil—“ flüſterte ſie, Das junge Frauenzi aber nur Dir allein!“ rief en an das Ohr doch nach Kinder⸗ 121 art ſo vernehmlich, daß nicht nur der Onkel Mond⸗ ſchein es hörte—„weil ſie mit uns Allen machen kann, was ſie will!“ „Hoho!“ gab das Männchen halblaut zur Ant⸗ wort und ſchielte verſchmitzt zu Charlotten hinüber. Dieſe wendete ſich mit einer gewiſſen Haſt an Karl und richtete eine, das Schloß betreffende Frage an ihn, augenſcheinlich um die Verlegenheit zu ver⸗ bergen, in welche die Naivität des Kindes ſie verſetzte. „Vorwärts!“ drängte der Baron—„Ich brenne vor Begierde, den modernen Staub von meinen Sohlen ſchütteln zu können!“ Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. Sechstes Capitel. Der unterirdiſche Gang. Die kleine Geſellſchaft verließ den Corridor. Karl ging voran, Agnes hing ſich an Fräulein Charlotte, der Baron trippelte neben dieſer, und Martin, der lang⸗ müthig im Corridor gewartet hatte, ohne auch nur einen Theil ſeiner ſchweren Bürde einen Augenblick abzulegen, ſchlurfte hinterdrein. Den Zug beſchloß der alte Chriſtoph, der die eiſenbeſchlagene Thür ſo ſorgfältig hin⸗ ter ſich zuſchloß, als handele es ſich darum, Keinen der vor ihm her Schreitenden entwiſchen zu laſſen. Sie traten durch die zweite Thür in eine weite Halle, deren weißgetünchte, ſchmuckloſe Wände bis zu Manneshöhe braunes Holzgetäfel deckte. So kühl wie in einer Kirche war hier die Luft, durch die winzigen, ſchmalen und vergitterten Bogenfenſter fand der Sonnen⸗ 123 ſtrahl nicht ſeinen Weg, während der Tagesſchein, den die buntbemalten kleinen Scheiben dämpften, dennoch ein warmes Licht in dem Raume verbreitete. Hier und dort hatte die Halle ſtarke Eichenthüren, die unſtreitig zum Hofe und zu unterirdiſchen Gewölben führten. Der junge, dem kleinen Trupp vorſchreitende Graf wandte ſich aber zu keiner dieſer Thüren, ſondern zu einer breiten Treppenflucht, deren ſteinerne Stufen ausgetreten waren und deren hohes, ſeltſam geſchnitztes, wurmſtichiges Holzgeländer das Alter geſchwärzt hatte. Man ſtieg zum erſten Stock empor und begann nun von dort aus das Schloß zu durchwandern. Ein Gemach nach dem andern ward aufgethan. Der Flügel, in dem ſich die kleine Geſellſchaft befand, bot nichts Bemerkenswerthes dar, er war wie die Seitenflügel aller alten reſtaurirten Schlöſſer ausgeſtattet, höchſtens daß da und dort ein altes Bild, ein ſonderbar geformter Kamin, eine verblichene Tapete flüchtig die Aufmerkſam⸗ keit des Beſchauers erregte. Das eigentliche Mittelge⸗ bäude, dort wo der Hauptbalkon auf den Schloßhof hinausging, war hauptſächlich geeignet Intereſſe zu er⸗ regen, denn hier hatte der Beſitzer Alles anhäufen laſſen, was durch ſeinen Anblick an die mittelalterlichen Zeiten und die ehemaligen Bewohner des Schloſſes er⸗ 3 9* 124 innerte. Und dorthin lenkten denn nun auch Karl und die Anderen ihre Schritte. Als ſie dieſen Theil der Burg erreichten, da trat der Baron an ſeinen Neffen heran, und legte die Hand auf einen Arm desſelben. „Mein junger Freund,“ begann er lächelnd,„bilde Dir nicht ein, daß ich hier mit Dir umherziehen werde, Eure Reliquien anzuſtarren. Blicke hinter Dich auf mein rieſiges Packroß, und Du wirſt geſtehen müſſen, daß mir's die Menſchenpflicht gebietet, die Wahl meines Logis ſo viel wie möglich zu beſchleunigen. Trennen wir uns hier. Während Du den Cicerone des Fräu⸗ leins machſt, wozu Du Dich, wie ich vorhin erfahren, durch Dein Wort verpflichteteſt, werde ich im Intereſſe meiner romantiſchen Grille Localſtudien anſtellen; die Heldenthaten Eurer Ahnen und die Denkwürdigkeiten Eures Stammſchloſſes ſind mir ohnehin nichts Neues, ich verliere alſo nichts dabei, wenn ich Deine Erklärun⸗ gen umgehe. Laß mir den Chriſtoph, damit ich ſammt meinem Knappen nicht etwa ſtatt in ein poetiſches Erkerſtübchen in die Folterkammer Euerer Zwingburg ge⸗ rathe! Karl mußte dieſen Vorſchlag des Onkels natürlich finden, und doch durchzuckte ihn ein eigenthümliches Ge⸗ fühl, als er dachte, daß er mit Fräulein Charlotten ———— 125— 7 3 das einſame Schloß allein dn ſtanden⸗ ſolle, denn die Gegenwart der Kleinen konnte dabei ja kaum in An⸗ ſchlag gebracht werden. Karl war mit der Erzieherin, ſeit ſie in der Villa verweilte, noch nie allein ge⸗ weſen, er hatte das ſogar gefliſſentlich vermieden, denn er war ſich bewußt geworden, daß ihn Fräulein Char⸗ lotte, deren Erſcheinung ſchon unmittelbar nach jener verhängnißvollen Eiſenbahn⸗Kataſtrophe einen gewiſſen Eindruck auf ihn gemacht hatte, nun er einige Tage ihr Weſen und ſtilles Walten beobachtet, mehr zu in⸗ tereſſiren begonnen habe, als vielleicht für ſeine Ruhe gut ſein mochte. Und war das ganze Auftreten Charlottens nicht auch geeignet, das Herz eines zwanzigjährigen Jünglings zu entflammen, der noch nicht geliebt hatte? Sie er⸗ ſchien als die Schüchternheit, Gefälligkeit, Beſcheidenheit ſelber, ihre Unterhaltung war voll Geiſt und doch zu⸗ gleich voll anſpruchsloſer Liebenswürdigkeit, ihr Be⸗ nehmen anmuthig und feſſelnd. Ueber ihr ganzes Weſen, ihr Thun und Treiben waren Sanftmuth und Herzens⸗ güte gebreitet, und jener reine Hauch der Sittlichkeit, der ſelbſt ein unſchönes Mädchen reizend erſcheinen läßt, umwob ſie, wie der Duft die Blume. Und hatte zu alledem ihr Blick nicht bisweilen etwas wahrhaft Magnetiſches, einen unwiderſtehlich verlockenden Glanz, 7 126 der an verführeriſche Sinnlichkeit würde gemahnt haben, hätte die jederzeit züchtige Haltung des Mädchens einer ſolchen Deutung nicht widerſprochen? „Ja, es iſt ſchwer, mit Charlotten in Berührung zu kommen, ohne ſich in ſie zu verlieben!“ hatte ſich Karl längſt geſagt.„Ich werde mich hüten, denn je un⸗ befangener ſie ſich gibt, deſto gefährlicher würde ſie mir ſein! Und wenn ich alle Verhältniſſe erwäge, wäre es ein Unglück für mich wie für das Mädchen, wenn ich mich in ſie verlieben ſollte!“ 2 So glaubte Karl verſtändig zu überlegen, ſich gegen ſeine Empfindungen ſicher zu ſtellen, und ahnte nicht, daß die Liebe bereits in ſein Herz eingezogen ſei. Nachdem der Onkel Mondſchein ſeinen Vorſchlag gemacht hatte, konnte Karl füglich nichts anderes thun, als ihm beiſtimmen. Er hoffte aber doch noch, den Baron in ſeiner unmittelbaren Nähe behalten zu können, und das ließ ſich nur bewerkſtelligen, wenn der Onkel jetzt gleich fand, was er im Schloſſe ſuchte. Die kleine Geſellſchaft ſtand jetzt an einem Orte, wo mehrere krummwinklige Corridore in einander liefen, ſo zu ſagen ein Labyrinth bildeten. Von dieſem Vor⸗ platze aus, deſſen Fußboden mit ſchwarzen und weißen Mar⸗ morflieſen ſchachbrettartig ausgelegt war, konnte man ſowohl zu der Vorderſeite des Mittelgebäudes, wie zum 127 größten Thurm des Schloſſes und zu den innerſten Gemächern des weitläufigen alten Baues gelangen. Man ſah auf den Fuß von Wendeltreppen, die ſich in un⸗ heimliches Düſter hineinzogen, und in gewölbte niedrige Gallerien hinein, die finſter, gleich Catacomben, die Beſucher abzumahnen ſchienen, ſich in dieſes aben⸗ teuerliche Mauerwerk zu verlieren. „Du wirſt nicht nöthig haben lange zu ſuchen, Onkel,“ antwortete Karl raſch auf die Worte des Barons, „denn wir haben hier gleich einige Salons zur Hand, die allen Deinen Anforderungen entſprechen dürften! Wir können hier gleich gemeinſchaftlich einen Blick darauf werfen, Du wirſt Deine Wahl treffen, dem Martin das Weitere der häuslichen Niederlaſſung über⸗ tragen, und haſt ſodann nicht nöthig uns Deiner ange⸗ nehmen Geſellſchaft zu entziehen, die ich auf der Wande⸗ rung durch's Schloß nicht miſſen möchte!“ Während Karl ſo ſprach, ſchritt er zu einer hohen Thür, die ſich der Treppe gegenüber befand, drehte einen Schlüſſel, der anſteckte, im Schloſſe, und öffnete. Fräulein Charlotte folgte den Bewegungen des jungen Mannes mit ſcharfen Blicken. Dem alten Chriſtoph, der wenige Schritte von ihr entfernt ſtand, war es, als runzle ſie leicht und unmuthig die Stirn. 128 Er ſchaute die Gouvernante ſo feſt von der Seite an, daß dieſe es gewahr ward. Und nun bückte ſie ſich wieder lächelnd zu der Kleinen, und tändelte mit ihr. Ein Ausruf des Onkel Mondſchein, der mit Karl in das erſte Gemach getreten war, ließ ihnen die An⸗ deren jetzt raſch folgen. Sie befanden ſich in einem alterthümlichen kleinen Vorzimmer, das alte verblichene Tapeten hatte, aber mit modernen Möbeln ausgeſtattet war. „Halt!“ rief der Baron, der in der Mitte des Zimmers ſtand.„Laß uns gefälligſt nicht weiter ge⸗ hen! Ich erkenne Deine vortreffliche Abſicht, Karl, aber ich möchte doch höflichſt dafür danken, mein Lieber! Dein Vater hatte mir ſchon dasſelbe zuge⸗ muthet!“ „Was denn?“ fragte der junge Mann erſtaunt. „Du willſt mir Zimmer aufnöthigen, Schatz, die Ihr mit wahrer Berſerkerwuth moderniſirt habt!“ „Aber, Onkel, eines gewiſſen Comforts wirſt Du doch auch hier bedürfen!“ „Niemand kann zweien Herren dienen, Schatz!“ lächelte das Männchen, das gern ſich ungeduldig hätte zeigen mögen, und ſich dieſes doch in ſeiner beſcheidenen 129 Gutmüthigkeit nicht zu thun getraute.—„Ich bitte Dich— „Komm nur, Onkel!“ unterbrach ihn Karl, den Baron ſanft am Arme mit ſich zur entgegenſtehenden Thür ziehend,„ſieh Dir nur wenigſtens den nächſten Salon an. Und findeſt Du auch dort zu viele moderne Zuthaten, ſo mag der Chriſtoph meinethalben mit Dir bis in den Wartthurm hinaufſteigen, wo das ehemalige Thürmerſtübchen mit ſeinen bemoosten Fenſteröffnungen jedenfalls nach dem Geſchmacke Matthiſonſcher Gedichte iſt!“ Karl öffnete eine hohe, mit uralten aber neuver⸗ goldeten Arabesken verzierte Flügelthür. Man ſchritt über moderne Parkette bis zur Mitte eines großen und lichten Gemaches, das vollſtändig im Renaiſſanceſtyl ausgeſtattet war. Aber nichts in dieſem Gemache ſtammte aus jener Zeit, deren Mode es repräſentirte, denn die gewirkten, koſtbaren Seidentapeten, die Goldzierrathen an Wänden und Decke, die Gemälde des Plafonds, die Seſſel mit den kunſtvoll geſchnörkelten, hohen Lehnen, die rieſigen, ſeltſam geformten Spiegel, die Moſaiktiſche, mit einem Wort die ganze prächtige überladene Einrichtung à la⸗ Louis XV war das Werk moderner Künſtler und Handwerker, man hatte mit minutiöſer Genauigkeit auf Geheiß des Grafen eines jener fabelhaft luxuriös ge⸗ 130 ſchmückten Boudoire nachgebildet, wie ſie der Adel jener prachtliebenden Epoche gern ſah. Der Graf hatte im verfloſſenen Winter, der die Bewohner der Villa durch ſeine Strenge in das alte Schloß getrieben, dieſes Gemach bewohnt, und ſo war die Einrichtung desſelben davon nicht in ſeiner urſprüng⸗ lich hergeſtellten Einheit geblieben, und mehr als ein Gegenſtand, der den Stempel unſeres modernen Ge⸗ ſchmackes trug, hatte ſich unter die Roecocodinge ge⸗ miſcht. So hatte denn der vergoldete kleine Schreib⸗ tiſch, deſſen Form wohl zu einer Zeit paſſend geweſen ſein mochte, da noch die Kavaliere den Degen mehr führten, als die Feder, einem praktiſchen einfach eleganten und breiten Schreibtiſche aus Paliſander weichen müſſen, auch ſtand dort unter dem hohen venetianiſchen Spiegel, wo noch vor einem Jahre ein Spinett mit vergoldeten Füßen geſtanden war, ein neumodiſcher Erard'ſcher Flügel. Und ſo waren gleichfalls von den Wänden mehrere der Bilder verſchwunden, die in der That aus der Zeit Ludwig des Fünfzehnten ſtammten, und hatten modernen künſtleriſchen Schöpfungen Platz gemacht, einigen Lieblingsgemälden des Grafen, die er aus der Villa hatte herüberſchaffen laſſen. Dieſe Bilder waren an dem neuen Platze belaſſen. 131 „Nun?“ ſagte Karl lächelnd, als er ſah, daß der Onkel Mondſchein auf alle dieſe Dinge verdutzt ſtarrte. „Iſt hier nicht die Vergangenheit mit der Gegenwart bequem verbunden, Onkel?“ „Aber— aber,“ ſtammelte der kleine Mann, „das iſt ja Alles Imitation! Mein lieber Neffe,“ fuhr er lebhaft fort,„ich bin ein Feind aller Lüge, mag ſie nun geſprochen oder gemalt und getiſchlert ſein! Ich ſehe ſchon, ich muß mir doch mein Kämmerchen ſelber ſuchen gehen!“ „Aber ſieh nur her,“ bemerkte Karl, indem er zu einem der hohen Fenſter trat, und die brokatenen ſchweren Vorhänge zur Seite ſchob,„Du haſt von hier die Ausſicht auf den Schloßhof, und über die Baſtionen hinweg in's Thal. Dieſe Romantik iſt doch keine Lüge, nicht wahr, mein Fräulein?“ Karl hatte ſich mit den letzten Worten zu der Gouvernante gewendet, die den Herren zum Fenſter ge⸗ folgt war. Und nun er Charlotte fragend anblickte, da ver⸗ wandelte ſich plötzlich ſeine lächelnde Miene in eine beſtürzte. Er ſah das Mädchen ſo bleich wie eine Leiche da⸗ ſtehen. Ihre Lippen bebten, ihre Kniee ſchlotterten, ſie ſtützte ſich wankend, einer Ohnmacht nahe, auf einen 13² der Moſaiktiſche, während ihre Augen ſtarr und ſchreck⸗ haft auf ein großes modernes Bild gerichtet waren, das an der Wand nächſt dem Fenſter hing, und das jetzt, nun Karl den Vorhang zur Seite hielt, das Tageslicht ſcharf beleuchtete. Karl folgte der Richtung ihres Blickes. Das Ge⸗ mälde, auf das auch er jetzt flüchtig ſchaute, war ein meiſterhaft gemaltes Genrebild, er erinnerte ſich, daß ſein Vater es vor etwa vier Jahren bei einem Beſuche in der Reſidenz auf der Kunſtausſtellung geſehen und ge⸗ kauft hatte, wo es damals durch ſeine erſchütternde Wahrheit in der Conception und das Originelle ſeiner Idee Aufſehen erregte. Das Bild ſtellte nämlich das Innere einer ſchmuck⸗ loſen Zuchthauskirche während des Gottesdienſtes dar, und Verbrecher, welche, Ketten an Hand und Fuß, in Gruppen vertheilt, im Geſtühle knieend oder an die Pfeiler gelehnt, der Predigt beiwohnten. Zerknirſchung, Trotz, Hohn, finſteres Brüten, heimtückiſches Lauern, gleich⸗ müthiger Stumpfſinn, das alles war in den verſchiedenen Phyſiognomien der gefeſſelten Gauner ausgedrückt, von denen die Meiſten das Kainsmal der Sünde auf ihrer Stirn trugen. Vom jugendlichen Verirrten bis zum ſilberhaarigen Verbrecher waren hier das Laſter in grauen⸗ erregender Stufenleiter repräſentirt, und namentlich be⸗ 133 fanden ſich im Vordergrunde neben einem der Kirchen⸗ pfeiler mehrere Geſtalten, die nicht ergreifender hätten dargeſtellt werden können, als dieſes hier geſchehen war. Karl wendete den Blick erſtaunt ſogleich wieder vom Bilde auf die Gouvernante ſeiner Schweſter. Die Züge, ſowie die Haltung des Fräuleins, hatten ſich bereits verändert. Sie ſtand anſcheinend ruhig da und lehnte ſich auch nicht mehr an den Moſaiktiſch, wenn⸗ gleich ſie noch immer bleicher als gewöhnlich ausſah. Ihre Augen waren auch nicht mehr auf das Bild gerichtet, und hatten ihren ſchreckhaften Ausdruck verloren, ihr Blick ruhte jetzt wie fragend, beinahe wehmüthig und leidend auf dem jungen Grafen. „Iſt Ihnen nicht wohl, mein Fräulein?“ fragte dieſer. „Ich hatte ſoeben einen Anfall von Herzklopfen,“ verſetzte das Mädchen,„aber es iſt ſchon wieder vor⸗ über. Es iſt das ein Erbtheil von meiner ſeligen Mutter, das einzige,“— ſetzte ſie matt lächelnd hinzu,— „was ſie mir hinterlaſſen konnte!“ „Wollen Sie ſich nicht auf einen Augenblick ſetzen?“ fragte Karl theilnehmend. „Ich danke, Herr Graf,“ war die Antwort,„ich — fühle mich bereits wieder wohl, ich habe immer nur einige Momente zu leiden!“ 134 „Wahrhaftig, ich glaubte ſoeben, das Bild habe einen ſolchen Eindruck auf Sie gemacht?“ fuhr Karl fort. Die Gouvernante blickte den jungen Mann groß an; ihre Miene drückte Verwunderung aus. „Welches Bild?“ ſagte ſie. Und nun irrte ihr Blick zu der Wand empor. „Ah,“ fügte ſie gelaſſen hinzu,„Sie meinen jenes dort?“ „Sie ſchauten in der That dort hinauf, als ich Sie erbeben ſah!“ warf Karl hin. „Und das ſehr lange und beſonders erſchrocken!“ brummte Chriſtoph vom Hintergrunde des Gemaches her. „Ich entſinne mich deſſen nicht, denn ſobald mich der Schmerz übermannt, bin ich einer Ohnmacht nahe!“ verſetzte die Gouvernante, zu Karl und dem Baron ge⸗ wendet, der etwas furchtſam auf ſie ſchaute, als habe er Angſt, das Mädchen werde vor ſeinen Augen in einen Starrkrampf verfallen.— Ich bitte mir zu ver⸗ geben,“ fügte ſie hinzu,„wenn ich eine Störung ver⸗ urſacht haben ſollte! Das Bild iſt übrigens intereſſant,“ ſo ſchloß ſie langſam, mit feſtem Blicke das Gemälde prüfend,„es iſt intereſſant und ſchauerlich zugleich, die Phantaſie des Künſtlers hat da Ergreifendes ge⸗ ſchaffen!“ 135⁵ „Die Phantaſie hat dort nichts geſchaffen, ſondern nur reproduzirt,“ entgegnete Karl,„denn ſo viel ich weiß, ſtellt das Gemälde das Innere der Strafhaus⸗ kapelle von R. vor und ſind jene unheimlichen Geſtalten nach dem Leben gemalt, jene Galgenphyſiognomien Portraits!“ Der junge Graf hatte kaum geendet, als im Ge⸗ mache ein leiſer Schrei ertönte, und unmittelbar darauf ein Gepolter, jedenfalls durch einen Gegenſtand verur⸗ ſacht, der ſchwer auf den Parketboden niederſchlug. Karl, der Baron, die Gouvernante, und der dieſer letzteren nahe getretene Chriſtoph blickten überraſcht vom Bilde fort und zur Mitte des Zimmers. Dort ſtand der lange Martin, erdfahl im Antlitz, den Mund halb geöffnet, die Augen weit aufgeriſſen, Züge und Blick verſtört. Er ſtierte auf das Gemälde, das ſoeben die Aufmerkſamkeit Aller gefeſſelt hatte. Der größte Koffer des Barons lag auf dem Ge⸗ täfel des Bodens, und während nun Alle den Rieſen verwundert anſtarrten, entglitt den Händen desſelben noch eine Reiſetaſche, und verſchiedene Schachteln ſtürzten ihr nach und rollten nach allen Richtungen durch's Gemach. 136 Der kleine Baron war der Erſte, welcher bei die⸗ ſem befremdenden Anblick Worte fand. Es handelte ſich hier ja um ſeine Koſtbarkeiten. „Um Gottes willen,“ rief er„was heißt denn das? Langer Satan, Du haſt meine Sammlung zu Grunde gerichtet! Martin— beſinne Dich— was gibt's?“ Das Männchen trippelte haſtig zu ſeinem Diener und rüttelte ihn am Arme. Er ſah dabei an ihm hin⸗ auf, mit derſelben Anſtrengung etwa, als ſchaue er zu einer Kirchthurmſpitze empor. Als er nun aber den faſt gläſernen Blick Martin's gewahrte und die Richtung, welche dieſer Blick unver⸗ wandt nahm, da wendete er das kahle, glänzende Haupt vom Diener zum Bilde und wieder zurück, ließ den Arm des Rieſen los, murmelte, einen Schritt zurücktretend, ein eigenthümliches:„So ſo!“— und rief dann mit er⸗ hobener, feſter Stimme:„Martin, wo biſt Du? Du haſt eine heilloſe Verwüſtung angeſtellt, ſchau um Dich! Martin, biſt Du ein Kind?“ Der Koloß zuckte leiſe zuſammen, es war als zerre er den Blick gewaltſam von dem Gemälde fort. Nun ſtarrte er ſeinen Herrn einige Sekunden wie träumeriſch an, alsdann athmete er hoch auf, bückte ſich und begann die verſchiedenen Dinge aufzuleſen, welche er hatte fallen laſſen. 137 „Aber was iſt dem Martin denn ſo plötzlich wider⸗ fahren?“ begann der junge Graf, vom Fenſter weg⸗ tretend.. „Er hat vielleicht auch Herzklopfen bekommen!“ knurrte der alte Chriſtoph, den Blick ſcharf von dem Rieſen auf die Gouvernante richtend, indem er zugleich den Schlüſſelbund, den er trug, ſchüttelte, ſo daß die großen und kleinen daranhängenden Schlüſſel gleich ei⸗ ner Kette raſſelten. Der lange Martin blickte bei⸗ dieſem Geräuſche wild hinter ſich. Aber der Baron war voll Beweglichkeit zur Hand, und trieb ihn an, ſein Geſchäft zu vollenden. „Laßt ihn,“ ziſchelte der kleine Mann,„er iſt ein Narr, der bisweilen Geſpenſter zu ſehen glaubt! Das alte Schloß hat's ihm angethan! Vorwärts, Martin, in einem Rieſenkörper, wie der Deine, wird doch keine winzige Haſenſeele wohnen? Danke dem Himmel, wenn ich Dir Deine Töpelhaftigkeit nachſehe, denn ich bin ſicher, daß wir in Koffer und Schachteln eine heilloſe Beſcheerung finden werden!“ Der Onkel Mondſchein hatte die an ſeinen Diener gerichteten Worte gutmüthig herausgepoltert. Jetzt wendete er ſich mit beinahe ängſtlicher Haſt zu den Anderen, als ob ihm darum zu thun ſei, Niemandem Zeit zu einer weiteren Frage zu laſſen. Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 10 ——jy—ʒ—- ———ͤ —⸗ 138 „Kommen Sie, Chriſtoph,“ ſagte er,„ich kann Ihnen nicht helfen, wir müſſen doch ſchauen, daß ich irgendwo anders unterkomme, denn hier,“ ſetzte er ſchmunzelnd hinzu, halb an Karl und Fräulein Char⸗ lotte ſich wendend,„in dieſer Zwitterwirthſchaft, wird's auch mir nicht recht geheuer! Ich empfehle mich, mein Fräulein! Adieu, Neffe, ich hoffe Dir noch vor dem Speiſen in einem Prunkgemache ohne modernen Beige⸗ ſchmack Audienz ertheilen zu können!“ Der lange Martin hatte bereits die Siebenſachen des Barons zuſammengerafft und ſchielte nun zu ſeinem Herrn hinüber, indem er kaum den Blick aufſchlug, und wieder ſeine gewöhnliche, trotzig kalte Miene zeigte. Der Onkel Mondſchein aber wackelte der Thüre zu, die jetzt Chriſtoph öffnete; Martin folgte ſeinem Herrn. „Gutes Glück, Onkel!“ rief der junge Graf lächelnd und deutete der Gouvernante an, daß er und ſie den entgegengeſetzten Weg, durch die anſtoßenden Gemächer nämlich, zu nehmen hätten. Indeß Karl ſprach, heftete Charlotte einen langen, eigenthümlich forſchenden Blick auf das blaſſe Antlitz Martin's, ſodann auf die Anderen, welche ſich entfernten. Ihre Züge hatten jetzt einen ſinnenden Ausdruck. Und es war zugleich, als ob ſie einige Worte vor 139 ſich hinmurmelte, während ſie ſich anſchickte, dem Grafen zu folgen. Karl ſchritt der Erzieherin durch mehrere Zimmer voran, die nichts Bemerkenswerthes boten, und in denen das theilweiſe moderne Meublement bekundete, daß auch ſie zur Winterwohnung des alten Grafen gehört hatten. Charlotte folgte dem jungen Manne ſtumm und geſenkten Hauptes. Sie war ſo ſehr in düſteres Brüten verloren, daß ſie nicht gewahrte, wie Agnes nicht an ihrer Seite ſei. Das Kind hatte ſich ſchon zuvor aus dem Gemache entfernt, während ſich die kleine Scene vor dem Gemälde abſpielte, und Niemand hatte das gewahrt, denn es war zu der Zeit geſchehen, in welcher Martin die Aufmerkſamkeit Aller noch mehr erregte, als dieſe unmittelbar vorher die Gouvernante auf ſich lenkte. Und als die kleine Menſchengruppe ſich trennte, da war die Abweſenheit der Kleinen nicht bemerkt worden, weil Jeder im Momente genug Stoff hatte, auf etwas anderes zu denken, als das Kind. Karl fühlte ſich lebhaft erregt, wie er ſo das Rauſchen des Kleides der Erzieherin hinter ſich vernahm, — wie hätte er auch nicht erregt ſein ſollen? Gehörte er doch nicht zu jenen modernen, halbreifen Blaſirten, die mit zwanzig Jahren ſchon das Leben durchkoſtet haben, 10* 140 zu jenen entnervten Jünglingen, die ſich nicht den reizenden Illuſionen mehr hingeben können, mit denen die goldene Jugend den Frühling des Daſeins ſich verſchönt! Jetzt hatten Karl und Charlotte das Winterquartier der gräflichen Familie hinter ſich und ſtanden auf einem Gange, der dieſen Theil der Gemächer des Mittelge⸗ bäudes von demjenigen trennte, welcher die eigentlichen Se⸗ henswürdigkeiten des Schloſſes enthielt. Karl legte eine Hand auf den maſſiven Drücker der hohen Flügelthür, die ihm entgegenſtand, und wendete ſich zu dem Mädchen. Dieſe fuhr auf, wie aus einem Traume. Aber im nächſten Augenblicke ſchaute ſie haſtig umher. Ihre Miene drückte lebhafte Beſorgniß aus.. „Mein Gott!“ rief ſie—„Agnes— das Kind iſt nicht da—!“ „Ah,“ verſetzte Karl—„hatten Sie nicht die Kleine an der Hand, als wir meinen Oheim verließen?“ „Ich— ich—!“ verſetzte die Erzieherin befangen, indem ſie leicht erröthete—„Ich wähnte, die Comteſſe folge mir— ich war im Anſchauen aller der unge⸗ wohnten Dinge verſunken, die mich hier umgeben—! Mein Gott, ich habe eine unverzeihliche Unachtſamkeit be⸗ gangen—!“ 141 Die Gouvernante trat raſch zu der Thür, durch welche ſie ſoeben hinter Karl in den Gang getreten war. „Sie wollen doch nicht zurück, woher wir ge⸗ kommen, mein Fräulein?“ fragte der junge Graf. „Aber wenn die Comteſſe—!“ „Machen Sie ſich ihrethalben keine Sorgen! Sie hat es vorgezogen, mit dem Onkel und dem alten Chri⸗ ſtoph zu gehen, der ſie verhätſchelt, und dem ſie überall nachfolgt, wo ſie ihn findet.“ „Aber es iſt meine Pflicht—!“ „Agnes iſt keinesfalls in dem Salon allein geblieben, in dem wir uns ſoeben einige Zeit aufhielten, und ihr weiter zu folgen, dürfte Ihnen ſchwer fallen, Sie würden ſich ohne Zweifel in den einander durchkreuzenden, win⸗ keligen Gängen des weitläufigen alten Gebäudes ver⸗ irren. Sobald wir dieſen Theil des Schloſſes beſichtigt haben, werden wir nachſehen, wo der Herr Baron ſein Neſt aufgeſchlagen hat, und ihn ſammt der Kleinen zum Speiſen abholen. Ich geſtehe Ihnen, es iſt mir lieb, daß Agnes nicht uns, ſondern dem Onkel ge⸗ folgt iſt—“ Karl ſtockte. Er hatte die letzten Worte vollſtändig arglos geſagt, und nun ſie heraus waren, ſielen ſie ihm plötzlich ſchwer auf's Herz. Ließ ſich nicht dieſer Anfang deſſen, was er eigentlich ſagen wollte, ganz verfänglich 142 deuten? Der Gedanke an die Deutung, welche wenigſtens er den Worten beilegen konnte, verwirrte ihn ſecunden⸗ lang, es war ihm, als habe er mit einemmale, ohne es gewollt zu haben, dem Mädchen verrathen, womit ſich ſeit einiger Zeit ſeine Phantaſie beſchäftige. Und indem er nun wieder das Wort aufnahm, und langſam und keineswegs mehr in unbefangenem Tone hinzuſetzte:„Die Kleine würde uns in ihrer tollen Neugierde genug zu ſchaffen gemacht haben!“— da ver⸗ darb er es erſt recht. Die Gouvernante ſah den jungen Mann anſcheinend ſehr ruhig an. Ihre feinen Lippen umſpielte ein Lächeln. „O, Herr Graf,“ ſagte ſie,„Agnes iſt, trotz ihrer Ausgelaſſenheit, ein liebes, folgſames Kind, ſie hätte auf mein Geheiß ſicher nichts von den in den Sälen aufgeſtellten Dingen berührt— ich darf mir ſchmeicheln, bereits einige Macht über ſie zu beſitzen!“ „Ueber uns Alle!“ hätte Karl ſagen mögen, und dabei dachte er in dieſem Momente:„Sie iſt, Gott ſei Dank, ein zu harmloſes, edles Geſchöpf, als daß ſie auch nur im Entfernteſten in meinen Worten etwas Her⸗ ausforderndes gefunden hätte,— ihr Weſen iſt frei von Koketterie, und ſie ahnt nicht einmal, daß ſie mir Intereſſe einflößt!“ 4 4 143 „Man muß Ihnen einräumen,“ begann Karl,„daß Sie an meinem eigenwilligen Schweſterchen ein Wunder bewirkt haben, Fräulein. Der Vater ſchrieb mir noch in letzterer Zeit zur Univerſität, daß der kindliche Ueber⸗ muth unſerer Agnes kaum zu bändigen ſei. Sie haben in wenig Tagen das Kind lenkſam gemacht. Aber es iſt in der That auch Keinem von uns entgangen, daß Sie eine gewiſſe ausgezeichnete Art beſitzen, Jeden nach ſeiner Individualität zu behandeln.“ „Herr Graf,“ verſetzte die Erzieherin, mit beſchei⸗ dener Miene den Blick zu Boden ſchlagend,„wenn man von der Aufgabe, die Leben und Beruf an Einen ſtellen, wahrhaft durchdrungen iſt, dann, ſollt ich mei⸗ nen, findet man auch wohl das Rechte, um einiger⸗ Erfolg wirken zu können. Ich bin nicht be⸗ rechtigt, eigenes Verdienſt anzuſehen, was ich ſchuldig bin zu thun. Die Fähigkeit, welche der Herr Graf ſo gütig ſind, mir zuzuſchreiben, beruht vielleicht nur darin, daß eine Jugend voll Kämpfe und Entbehrungen mich gelehrt hat, die Anſprüche Anderer gelten zu laſſen, ohne mich in der Achtung dieſer An⸗ deren herabzuſetzen.“ „Es iſt dies immerhin ein Verdienſt,“ rief Karl lebhaft,„wenn man durch Selbſtbeherrſchung eine Woraliſche Macht auf fremde Gemüther auszuüben ver⸗ *. 144 mag, denn die Anmaßung der Menſchen macht uns das Entſagen oft ſchwer genug.“ „Und wenn ich ſolche Anmaßung in der Welt ge⸗ funden, und mich zu fügen wußte, Herr Graf, wie ſollte ich mich dann hier nicht leicht und ſicher in die Verhältniſſe und Menſchen zu ſchicken wiſſen, wo man mich mit einer Güte behandelt, die mich zur Schuld⸗ nerin eines Jeden macht, wo man mir keine Gelegen⸗ heit gibt Entſagung zu üben, wo man meine geringe Perſönlichkeit unverdientermaßen ſo hoch anſchlägt, daß ich Gefahr laufe, jene ruhige Selbſtbeherrſchung zu ver⸗ lieren, welche bisher mein Stolz geweſen iſt!“ Während das Mädchen dieſe Worte ſprach, lächelte ſie ſanft und warf, nun ſie geendet hatte, aus ihren großen Taubenaugen auf Karl einen Blick, der ſchüchtern und zugleich doch glühend war, vielleicht zu glühend für das Gefühl der Dankbarkeit, das er doch wohl nur wiederſpiegeln ſollte. Karl empfand ſich von dieſem Blicke bis in's Innerſte des Herzens berührt; dieſes zuckte unter der verhaltenen Glut zuſammen, welche ſich ihm mit energiſchem Leuchten wie elektriſch mittheilte. Es war ein Blitz, der zündend ihn durchfuhr, und deſſen Wirkung blieb, obwohl die Augen Charlottens bereits wieder jenen 14⁵ klaren, unbefangenen Glanz hatten, den ſie für ge⸗ wöhnlich ausſtrahlten. „Das werden Sie nie, mein Frällein,“ entgeg⸗ nete der junge Mann, indem auch ſeine Augen blitzten und ſeine Wangen ſich lebhafter färbten,„dafür bürgen mir Ihre edlen Geſinnungen!“ „Herr Graf, Sie beſchämen mich!“ flüſterte Char⸗ lotte, angelegentlich auf das Steingetäfel zu ihren Füßen ſchauend.„Sie wollten die Güte haben,“ ſetzte ſie kaum hörbar hinzu,„mir die Sehenswürdigkeiten des Schloſſes zu zeigen.“ Karl, der ſchon zu Anfang des Geſpräches die Hand vom Drücker der Flügelthüre hatte niedergleiten laſſen, öffnete dieſe nun raſch und ſchweigend. Das Paar trat in einen geräumigen Saal, der mit den Emblemen des Ritterthums geſchmückt war. Hier befand ſich nichts, was an modernes Leben erinnerte. Von den Wänden ſchauten in abgewetzten Goldrahmen dunkle Ahnenbilder ernſt herab, in Niſchen hatte man alte roſtige Waffen zu Trophäen übereinander geſchichtet, oder war hier und dort eine Rüſtung ſo aufgeſtellt, daß man wähnen konnte, ein trotziger Reiſiger, die Hellebarde in der Eiſenfauſt, halte dort regungslos Wacht. Auf alten Marmortiſchen ſtanden rieſige Hum⸗ pen, aus denen manch' längſt vermoderter Reitersmann 146 luſtig gezecht haben mochte, lagen, kunſtvoll verzierte Jagdhörner, durch die ſeit jenen altergrauen Tagen der Reckenzeit kein fröhliches„Halali“ ertönt war; zerfetzte Wehrgehenke waren dort ſichtbar, die einſt von reizen⸗ der Frauenhand gearbeitet und den Siegern nach ge⸗ fahrvollen Turnieren geſpendet worden waren, plumpe Bücher, mit geſchnitzten wurmſtichigen Holzdeckeln, ent⸗ hielten auf vergilbten Pergamentblättern den Fleiß der Mönche, die in ihren Klöſtern mit goldigen und farbigen Tinten mühſam die Reſultate wiſſenſchaftlichen Forſchens vervielfältigten, bis Guttenberg's Erfindung ihre Kunſt⸗ fertigkeit überflüſſig machte. Und noch vieles Andere, das als Reliquie aus einer längſt verrauſchten Epoche diente, lag, ſtand und hing in dem Raume, den jetzt die Erzieherin an der Seite des erklärenden jungen Grafen durchſchritt. Dieſer betrachtete oft verſtohlen ſeine Begleiterin. Das geſpannte Intereſſe, welches ſie an Allem nahm, belebte ihre Züge und erhöhte den intelligenten Ausdruck der⸗ ſelben, ſie war in dieſem Augenblicke ſchön, für Denjenigen ſchön, der nicht den materiellen Sinnenreiz über die gei⸗ ſtige Anmuth eines Frauenantlitzes ſtellt. Wenn der Sonnenglanz durch die hohen, mit Wappen und allerlei Bilderwerk und Sprüchen bemalten Bogenfenſter auf die Geſtalt des Mädchens fiel, und die ganze Erſcheinung 147 mit farbigen Lichtern umwob, dann hatte dieſe etwas Aetheriſches, und es dünkte Karl, daß die arme Gou⸗ vernante mehr Adel in Haltung und Benehmen offenbare, als manche Comteſſe zeigte, der er im Leben begegnet war, daß dem Fräulein Charlotte, ungeachtet ihrer Anſpruchsloſigkeit, jene gewiſſe Vornehmheit eigen ſei, die, ſo ſagte er ſich, einem Mädchen nur das Gefühl der eigenen weiblichen Würde geben könne. Ein Routinirterer als der junge Graf würde das Alleinſein mit einem ihn intereſſirenden Mädchen, umgeben von romantiſchen Dingen, die geeignet ſein mußten die Phantaſie zu entflammen, ganz anders benutzt haben, als dieſes von Karl geſchah. Schien es dieſem, trotz ſeiner Unerfahrenheit, nicht bisweilen, als ob plötzlich ein heißer Blick Charlottens ihn auffordere, ſeine Em⸗ pfindungen weniger zu dämpfen, als er es that? Lag nicht oft ein eigenthümlicher Schmelz in ihrer Stimme, die in gewiſſen Momenten wie hingebend klang, ſelbſt wenn ſie eine alltägliche Frage an ihn richtete? Hatte ihr Lächeln nicht einige Male etwas Verlockendes, das an Koketterie ſtreifte? Aber das Alles tauchte auf, wie ein ſchwacher Blitz, und war im Nu, gleich einem ſolchen, wieder verſchwunden. Und war dann nicht nach ſolchen Momenten über das ganze Weſen des Mädchens der Schleier ſcheuer Zurückhaltung gewiſſermaßen noch 148 dichter als zuvor gebreitet? Leuchtete dann nicht die Sittſamkeit ſo zu ſagen intenſiver von ihrer Stirne, aus ihren Blicken? Ein erfahrener, kalter, berechnender Weltmann hätte aus alledem vielleicht gewiſſe Schlüſſe gezogen, aber war ein zwanzigjähriger Jüngling dazu geeignet, pſycho⸗ logiſche Studien anzuſtellene Und war das Urtheil die⸗ ſes Jünglings nicht bereits durch Liebe befangen? Das Paar hatte den Saal durchwandert, war auf den Altan hinausgetreten, den maleriſchen Schloßhof, ſeine romantiſche Umgebung und das liebliche Thal zu überblicken, und hatte dann die an dem Saale ſtehenden Gemächer beſichtigt, die wie jene ein Stück der alten Ritterzeit in ſich bargen. Soeben waren Karl und ſeine Begleiterin wieder auf einen Gang gelangt, ſich zu einer andern Zimmer⸗ reihe zu wenden, als ſie plötzlich ziemlich in ihrer Nähe ein gellendes Geſchrei vernahmen. Das Paar ſtutzte. Es hörte deutlich, wie ein fei⸗ nes Stimmchen jämmerlich um Hülfe rief. Bei dem Klang dieſer Stimme blickten die Gouvernante und Karl einander an. „Das iſt die Comteſſe!“ murmelte die Erſtere. „Ja, ja, die Agnes!“ verſetzte Karl lachend— „ſie hat uns ſicher folgen wollen und ſich verlaufen; ſie fürchtet ſich nun! Suchen wir ſie auf.“ 149 „Himmel, wenn ihr ein Unfall zugeſtoßen wäre!“ rief Charlotte erſchrocken, während ſie und Karl ſich raſch durch den Gang vorwärts bewegten. „Was könnte ihr hier geſchehen?“ war die Ant⸗ wort. „O das iſt die Strafe für meine Nachläſſigkeit—!“ „Martern Sie ſich nicht ohne Urſache!“ „Agnes!“ rief das Mädchen mit lauter Stimme— „hieher, Agnes!“ Karl und ſeine Begleiterin vermochten nicht den finſtern Korridor entlang zu ſehen. Aber von dem an⸗ dern Ende deſſelben kam auch nicht das Geräuſch, ſon⸗ dern von einer ſchmalen Treppe, die etwa zwanzig Schritte in den Gang hinein ſich befand, und in das Erdgeſchoß des Schloſſes führte. Zu dieſer Treppe, die nur durch ein einziges Fen⸗ ſter in der Mauer ein wenig erhellt ward, ſtürzte jetzt die, Gouvernante des Kindes. Sie eilte die Stufen hinab, Karl folgte ihr. Plötzlich ſtutzte er. Er war kaum zehn Stufen niedergeſtiegen, als er rechts in der Mauer, die ſich wie die Treppe ſchnecken⸗ artig wand, einen kleinen Eingang bemerkte, den er nie zuvor geſehen hatte. Von dort drang das Geſchrei des 150 Kindes, dorthinein mußte auch Fräulein Charlotte ge⸗ ſchlüpft ſein. Seine Vermuthung ward im Moment beſtätigt, denn nun hörte er auch die rufende Stimme der Gou⸗ vernante. Karl erblickte hinter dem Eingange nichts als einige abwärts führende Stufen, es war ihm, als ſehe er in eine düſtere, ſteinerne Gruft hinein. Ein unheim⸗ liches Gefühl überſchlich ihn für einen Moment, aber mußte er nicht vorwärts— ſollte er ſich durch ein junges Mädchen beſchämen laſſen? Er erinnerte ſich indeſſen, daß er ein Feuerzeug mit Wachskerzchen bei ſich trage. Raſch zündete er eines der letzteren an und ſtieg dann zwiſchen den dicken, äußerſt nahe aneinander ſtehenden Mauern nieder. Nur wenige Schritte erſt hatte er abwärts gethan, da kam ihm die Gouvernante entgegen, das Kind auf den Armen; die Erſtere war todtenbleich, die Züge der kleinen Agnes hatte Schrecken entſtellt. „Wo fanden Sie die Kleine?“ fragte Karl haſtig. „Gleich hier!“ ſtammelte Charlotte.—„Ich wäre faſt im Finſtern mit ihr dort hinabgeſtürzt, denn ſie umklammerte plötzlich meine Füße.“ 151 „Und wie biſt Du hieher gekommen, Agnes?“ fragte Karl weiter, die Kleine ernſt anblickend.—„Ihr iſt nichts geſchehen?“ „Ich habe nichts von ihr erfahren können!“ ant⸗ wortete Charlotte. „Warum entfernteſt Du Dich von uns?“ fuhr Karl zum Kinde fort, indem er es auf den Arm nehmen wollte. Agnes preßte ſich heftig an ihre Erzieherin und murmelte:„Hinauf— hinauf!“ Noch brannte das Kerzchen in der Hand des jun⸗ gen Grafen. Er wendete ſich jetzt und ſtieg wieder zu der breiteren Schneckentreppe hinauf. Charlotte folgte ihm mit dem Kinde. Oben angelangt hielt er das Kerzchen leicht nach der Thüre des ſeither verborgen geweſenen Einganges hin. Ein flüchtiger Blick ließ ihn gewahren, wie dieſe innen hölzerne Thür an der Außenſeite geſchickt mit etwa zolldicken Steinen belegt ſei, und zwar ſo, daß ſie von der Treppe aus geſehen vollſtändig einem Stück Mauer glich. Nur dadurch war es unſtreitig gekom⸗ men, daß die Thür, jedenfalls durch eine geheime Feder in Bewegung zu ſetzen, den Blicken Karls und der ſon⸗ ſtigen Bewohner des Schloſſes verborgen geblieben war. 152 Der junge Graf und ſeine Gefährtin blieben auf der Treppe ſtehen, die zum Erdgeſchoſſe führte, Charlotte ſtellte das Kind auf eine der Stufen. Und nun erfuh⸗ ren ſie auch ferner von der Kleinen, daß dieſe von Gang zu Gang gelaufen ſei, um den Schloßhof zu er⸗ reichen, auf der Treppe, wo ſie ſich jetzt befanden, eine Stufe verfehlt habe, und gegen das Gemäuer geſtürzt ſei, das ſich plötzlich aufgethan. Sie habe den Halt verloren und ſei in die Finſterniß hinabgeſtürzt, jedoch ohne ſich zu verletzen. Und wie ſie nun ſich aufgerafft und geſchrieen, da ſei Fräulein Charlotte zu ihrem Bei⸗ ſtand gekommen. Während die Kleine ſo ihre Mittheilungen machte, ſtierte Karl ſinnend auf den geheimen Gang. „Wohin mag dieſe Treppe führen?“ ſagte er dann.—„Ich bin überzeugt, daß ſie Niemandem vom Schloſſe bekannt iſt. Sie führt jedenfalls weiter als zum Erdgeſchoß, vielleicht unter die Laufgräben der Burg!“ „Sie glauben zu einem unterirdiſchen Gange?“ fragte Charlotte. „Das iſt ſchon möglich!“ war die Antwort.— „Aber ein ſolcher mag längſt verſchüttet ſein! Ich habe Luſt, dort hinabzuſteigen und zu ſehen, wie weit man kommen kann. Das wäre eine herrliche Expedition für meinen Onkel, er liebt dergleichen abenteuerliche Dinge. Aber ich darf freilich weder ihm noch dem Vater etwas von unſerer Entdeckung ſagen“— fuhr Karl lächelnd fort—„denn ſonſt käme der Agnes Unfolgſamkeit zur Sprache—“ „Oder richtiger meine Unachtſamkeit!“ unterbrach ihn Charlotte, ebenfalls lächelnd.—„Erlaſſen Sie mir nicht die Strafe, die ich verdiene, Herr Graf—!“ „Ich werde Sie dadurch ſtrafen,“ verſetzte dieſer— „daß ich Sie nöthige, in meiner Geſellſchaft dort hin⸗ abzuſteigen.“ „Und Agnes—?“ fragte Charlotte in einiger Verlegenheit. Das Kind richtete die großen ausdrucksvollen Augen auf die Erzieherin und ſagte:„Ich fürchte mich nicht, wenn Sie und der Bruder gehen!“ „Gut,“ ſetzte Karl hinzu—„ſo machen wir uns auf den Weg, aber mit aller Vorſicht. Ich weiß hier eine Laterne zu finden, fie ſteht jederzeit im Erdgeſchoße beim Eingange zu den Kellern der Burg. Ich bin im Augenblicke zurück! Erwarten Sie mich hier.“ Karl eilte die Schneckenſtiege hinab, während die Gouvernante und Agnes neben dem entdeckten Eingange ſtehen blieben. Die Erſtere prüfte und betaſtete die Thür deſſelben, womöglich die Feder zu finden, welche Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 11 154 Agnes während ihres Sturzes unſtreitig ſehr ſtark be⸗ rührt hatte, denn auf einen leichten Druck würde ſich die ſicher längſt eingeroſtete Maſchine ſchwerlich bewegt haben. Charlottens taſtende Hand entdeckte einen nur wenig aus einer der Ritzen der zuſammengefügten Stein⸗ platten hervorragenden Knopf, der einem kräftigen Drucke nachgab. Sie machte ihre Entdeckung in dem Augen⸗ blicke, als der junge Graf zurückkehrte, eine Laterne in der Hand, die er im Erdgeſchoſſe bereits angezündet hatte. „Herr Graf,“ rief ſie—„ich bin dem Mecha⸗ nismus auf die Spur gekommen!“ Karl leuchtete zur Thür, und muſterte ſodann die Rückſeite derſelben. 1 „Wir müſſen ſehen, ob die Thür auch von dem geheimen Gange aus zu öffnen iſt!“ ſagte er. Er überzeugte ſich, daß dieſes unmöglich ſei. „Unſere Entdeckungsreiſe erhält dadurch einen Reiz mehr,“ ſcherzte er—„denn ſollte der Gang keinen andern Ausweg haben, als dieſen hier, und die Thür ſich durch irgend einen Zufall hinter uns ſchließen, ſo wären wir gefangen und dürften auf keine Erlöſung hoffen, außer denn der Onkel Ohneſorg, der einen fei⸗ nen Inſtinkt in romantiſchen Dingen hat, käme auf die glückliche Idee, hier, wie Agnes, hinabzuſtolpern! Die 155 Mauern ſind dick und felſenhart, die Thür dürfte, trotz 1 ihres Alters, auch dem ſtärkſten Brecheiſen— wenn wir eines hätten— Widerſtand leiſten; wir begeben uns alſo in eine Falle, mein Fräulein! Aber verſuchen wir dennoch unſer Heil, wer weiß, welche Wunderdinge wir unter dem Schloſſe meiner Väter entdecken! Karl betrat mit dieſen Worten lachend die Stufen des geheimen Ganges. Er hielt die Laterne vor ſich hin, ſorgfältig bei jedem Schritte, den er that, das Mauerwerk über, das Geſtein unter ſich prüfend. Charlotte folgte ihm, das muthige Kind an der Hand, augenſcheinlich mit einem Gemiſch von Neugier und Zaghaftigkeit. Siebentes Capitel. Ein entwichener Sträfling. Der junge Graf, die Erzieherin und das Kind ſtiegen immer tiefer hinab. Nach einigen Minuten ward der Gang noch enger als zuvor, die Stufen hörten auf, die Wölbung ward niedriger, und nun ging es auch nicht mehr in die Tiefe, ſondern führte horizontal und in Krümmungen weiter. An einigen Stellen mußten ſich die Vorwärtsſchreitenden ziemlich tief bücken; zu Zeiten war der Weg wieder abſchüſſig. Hier und dort lagen einzelne Steine auf dem Boden, die von der Decke losgebröckelt waren, dieſe letztere aber ſchien mit ihrer Felſenhärte noch einigen Jahrhunderten trotzen zu können. Die Atmoſphäre, welche man hier einathmete, war kühl, moderig, aber nicht unerträglich. 157 „Wir befinden uns jedenfalls ſchon unter den Laufgräben des Schloſſes,“ bemerkte Karl—„und ein Glück iſt's, daß dieſe ſeit undenklichen Zeiten völlig ausgetrocknet ſind, wir hätten wohl ſonſt nicht bis hie⸗ her vordringen können.“ „Ja, dieſe Trockenheit hat jedenfalls die Mauern erhalten, man fühlt kaum eine Feuchtigkeit an ihnen!“ entgegnete Charlotte.—„Dennoch, Herr Graf, fürchte ich— nicht für mich, ſondern für die Comteſſe, die meiner Obhut anvertraut iſt— und— wäre es nicht beſſer gethan, wir kehrten wieder zurück?“ „Nicht doch,“ unterbrach ſie Karl—„Sie ſehen, Fräulein, ich gehe mit aller Vorſicht zu Werke— wer weiß, wir werden vermuthlich ohnehin bald genöthigt ſein umzukehren, denn es iſt kaum anzunehmen, daß dieſer Gang nicht an irgend einer Stelle verſchüttet ſein ſollte! Aber dieſe Ueberzeugung müſſen wir gewinnen, es wäre ſchade, wollten wir früher unſeren Rückzug antreten!“ „Ja, Karl, Du haſt recht. Du haſt recht!“ rief Agnes, die unmittelbar hinter hrem Bruder durch den Gang ſchlüpfte und lebhaft und höchlichſt verwundert das finſtere Gemäuer anſtarrte—„Das iſt hier wie in einem Märchenbuche, ſo ſchauerlich und dech ſo ſchön! Gib Acht, wir kommen mit einemmal in einen wunder⸗ 158 ſchönen Garten, wo alle Bäume von Gold ſind und die Früchte von Edelſteinen!“ „Wenn auch das nicht,“ lachte Karl—„ſo iſt es denn doch nicht unmöglich, daß wir von hier aus plötzlich ganz unerwartet in's Thal oder durch einen Felsſpalt in den Wald gelangen, denn ſo viel ich mich orientiren kann, haben wir dorthin die Richtung ein⸗ geſchlagen. Der Gang mag den ehemaligen Bewohnern des Schloſſes dazu gedient haben, bei Belagerungen nicht völlig abgeſperrt zu ſein. Ich bin in der That jetzt noch neugieriger als zuvor, wohin er uns führen mag, und gebe ihn nicht ſo ohne Weiteres auf. Be⸗ weiſen wir unſern Muth noch ein wenig, mein Fräulein!“ „Ja, ja, gehen wir!“ jauchzte Agnes, in die Hände klatſchend.„Sie ſollen ſehen, mein Fräulein, es gibt da noch etwas Beſonderes für uns, mag der Karl auch ſagen, was er will!“ Charlotte folgte mit einigem Widerſtreben. Sie war ſchweigſam. War es die Beſorgniß, welche ihr den Mund verſchloß, oder ſann ſie über das nach, was ſchon vorhin ihren Geiſt beſchäftigte, als ſie dem jungen Grafen durch die Gemächer zu dem Ritterſaale folgte? Auch Karl und ſein Schweſterchen verhielten ſich ſtill— die rege Erwartung nahm die Phantaſie des —ÿ————; 159 jungen Mannes ſo ſehr in Anſpruch, wie diejenige des Kindes. Alle Drei vernahmen eine geraume Weile nichts als das leiſe Knirſchen des Sandes unter ihren Füßen. Da plötzlich drang ein anderes Geräuſch in ihr Ohr. Das Kind vernahm es zuerſt. „Hört!“ ſagte die Kleine,„Was iſt denn das?“ Und Agnes drängte ſich auf ihre Erzieherin zu⸗ rück, die allſogleich ihren Schritt, betroffen aufhorchend, hemmte. Auch Karl blieb nun ſtehen. Er vernahm das Geräuſch ebenfalls. Es klang wie ein dumpfes Hämmern, wie das Rollen von Steinen über einen harten Boden. „Sollten wir ſchon in der Nähe eines Ausganges. ſein?“ murmelte Karl, ſich zu Charlotten wendende „Das Geräuſch kann natürlich nicht aus dem Schoß, der Erde kommen, wir haben ja hier kein Bergwerk! „Aber mir iſt's, als grabe man nicht weit von hier, als ſuche man eine Wand zu durchdringen!“ be⸗ merkte Charlotte. „Ich höre deutlich, wie man mit aller Kraft häm⸗ mert!“ ergänzte Karl.„Sollten wir denn wirklich unter der Erde bis zum Steinbruche vorgedrungen ſein? Das — 160 wäre erſtaunlich weit, denn er liegt ja doch ziemlich in den Wald hinein!“ Karl blickte auf ſeine Uhr. Dann ſchüttelte er den Kopf. „Es iſt zwölf Uhr,“ ſagte er,„da iſt kein Ar⸗ beiter im Steinbruche! Jedenfalls gibt uns dieſes Ge⸗ räuſch, das uns entgegenkommt, die Gewißheit, daß wir nicht nöthig haben werden, erfolglos umzukehren. Gehen wir alſo!“ Karl ſetzte bei dieſen Worten ſeinen Weg fort, der nun eine Krümmung machte. Kaum war er um dieſe herum, von der Gouvernante und dem Schyeſterchen auf den Ferſen gefolgt, als er plötzlich Halt machte, und die Hand mit der Laterne bis zu dem ſchmalen Ge⸗ wölbe emporhob, unter dem er nur ein wenig gebückt hatte hinſchreiten können. Auch die Gouvernante und die kleine Comteſſe ſtanden ebenſo plötzlich regungslos da. Alle Drei ſtarrten überraſcht auf einen Punkt. Wenige Schritte vor ihnen war der Gang durch übereinandergehäufte Steine, Schutt und allerlei Ge⸗ rölle verſperrt, das ſo zu ſagen bis zur Decke hinauf eine Wand bildete. Dieſe Wand aber, vielleicht vor vielen Jahren zu⸗ ſammengefügt, war jetzt an mehreren Stellen durchbrochen, 161 und hinter den Löchern und Riſſen ſchimmerte es her⸗ vor, nicht wie Tagesſchein, ſondern wie das Leuchten eines jenſeits der Wand entzündeten Reiſigfeuers. Zugleich erdröhnten die Steine von Schlägen, die drüben gegen dieſelben mit irgend einem Eiſeninſtrumente geführt wurden. Die Perſon, welche dort ſo emſig mit der Zer⸗ trümmerung der Wand beſchäftigt war, konnte unmöglich eine Ahnung davon haben, daß jenſeits der Mauer ſich Menſchen näherten, auch der ungewiſſe ſchwache Glanz der Laterne, welche der Graf in die Höhe hielt, wäre nur dann drüben bemerkbar geweſen, hätte daſelbſt ein matteres Licht oder gar Finſterniß geherrſcht. Karl wendete ſich ſecundenlang zu der Gouvernante und der Schweſter; er legte den Finger auf den Mund. Dann ſchaute er ſchweigend wieder auf die Wand, von der im nächſten Augenblicke ein nicht unbedeutender Theil zuſammenſtürzen mußte, denn ſchon löſten ſich Steine und Schutt, und ſchoben ſich vor. Karl überlegte blitzgeſcwind, wer dort wohl bei der Arbeit ſein könne? Befohlen konnte ſie Niemandem vom Schloſſe oder der Umgegend ſein, war der unter⸗ irdiſche Gang nicht ſelbſt dem Beſitzer der Burg fremd? Und was wollte der Menſch, der dort ſchweigſam, alſo ſicher wohl allein arbeitete, zu welchem Zwecke ſuchte er 162 tiefer in den Gang einzudringen, deſſen Ausweg er muthmaßlich zufällig im Geſtrüppe des Waldes am Steinbruche, oder wo er ſonſt ſein mochte, entdeckt hatte? War dieſer Menſch einer der im Steinbruche arbeitenden Taglöhner, der die Abweſenheit der Kameraden benutzte, um allein und heimlich eine Entdeckung zu verfolgen, von der er ſich etwas verſprach, oder ein in die Gegend verſchlagener Vagabund, der auf dieſem Wege in's Schloß zu dringen hoffte, hinter deſſen Mauern er allerlei Dinge von Werth vermuthen durfte? Während Karl ſo dachte, wendete er keinen Blick von dem Mauerwerk. Nun ſah er einen Theil des⸗ ſelben vornüberwanken— eine Secunde noch, und etwa ein halbes Dutzend großer Steine praſſelte zu ſeinen Füßen nieder. Karl wich einen Schritt zurück. Der aufwirbelnde Staub des alten Mauerwerks hüllte durch einige Au⸗ genblicke Alles in dem niedrigen Raum in eine dem Auge undurchdringliche Wolke. Dann aber gewahrten die vom Schloſſe durch den geheimen Gang Gekommenen in der ihnen entgegenſtehen⸗ den Wand, ungefähr zwei oder drei Fuß über dem Bo⸗ den, ein großes Loch und hinter dieſem in undeutlichen Amriſſen den Kopf eines Mannes, oder eigentlich zwei funkelnde Augen und ein bleiches Antlitz, deſſen Züge V 9. 163 ein ſchwarzer Vollbart und die ungewiſſe Beleuchtung nicht erkennen ließen. Die kleine Agnes ſtieß bei dieſem Anblicke einen Schrei aus und preßte ſich zitternd an die Erzieherin, die überraſcht und doch auch gleich einer Träumerin zu der breiten Lücke in der Mauer hinüberſtarrte. Karl aber ſprang im Nu an dieſe Oeffnung, riß die Laterne in die Höhe, und rief in befehlendem Tone: „Was geht da vor? Wer ſind Sie? Wie kommen Sie hieher?²“ Die blitzenden Augen jenſeits der Mauerlücke richteten ſich drohend auf den jungen Grafen, in nächſter Secunde aber ſchweiften ſie über die Schulter desſelben hinweg und mochten dort einen Gegenſtand treffen, der ſie unwiderſtehlich feſſelte, denn plötzlich erweiterten ſie ſich mit beinahe ſchreckhaftem Ausdruck und ſtierten regungslos auf einen Punkt. Es dauerte dieſes jedoch nicht ſo lange, daß Karl Zeit gehabt hätte, eine ſeiner Fragen zu wiederholen, und als er ſich nun dazu an⸗ ſchickte, da verſchwand der unheimliche Kopf, der jenſeits aufgetaucht war, mit Blitzesſchnelle. Gleich darauf hallte das dumpfe Geräuſch be⸗ flügelter Schritte herüber— jener Menſch, der die Vermauerung des Ganges durchbrochen hatte, machte ſich zweifelsohne aus dem Staube. A 164 Karl horchte einige Augenblicke auf das Geräuſch, das ſchwächer und ſchwächer ward, dann ſchob er vor⸗ ſichtig die Hand mit der Laterne und den Kopf durch die Oeffnung der Wand. „Ich ſehe Niemanden!“ rief er zurück, ohne ſich umzuwenden.„Der Kerl iſt entflohen!“ Und ohne ein Wort zu verlieren, kroch Karl durch die Lücke, die breit genug war, einen Menſchen durch⸗ zulaſſen. Charlotte ſah den Grafen drüben umherleuchten. Dann erſchien ſein Antlitz an der Wandöffnung. „Kommen Sie,“ ſagte er,„Sie haben nichts zu fürchten! Ich werde Ihnen behülflich ſein, hier durch⸗ zuſteigen, es iſt nicht ſchwer. Jetzt müſſen wir unter jeder Bedingung vorwärts. Auf dem Wege, den der Entflohene bis hieher gemacht hat, werden wir ja nun natürlich auch an's Tageslicht gelangen. Setzen Sie den Fuß auf jenen Stein, Fräulein, geben Sie mir Ihre Hand, aber halten Sie Ihr Kleid vorſichtig zu⸗ ſammen, denn der Schelm, den unſer Erſcheinen ver⸗ jagte, hat hier ein Feuer angezündet, vermuthlich weil er doch Licht zur Arbeit gebrauchte!“ Charlotte leiſtete der Aufforderung des Grafen nicht ſofort Folge, ſie dachte zuerſt an das Kind, ſie hob Agnes ſchweigend in die Höhe und hielt ſie dem 165 jungen Manne entgegen, der ſie zu ſich hinüber zog. Dann ſchlüpfte auch ſie gewandt durch die Mauerlücke. Karl hatte das Kind auf den Boden neben die Laterne geſtellt, und Charlottens Hand ergriffen. Er hielt dieſe noch in der ſeinen, nun das Mädchen an ſeiner Seite ſtand, und fühlte das heftige Zittern der⸗ ſelben. „Sie fürchten ſich, mein Fräulein?“ fragte er lächelnd. 3 „Ich habe um Ihretwillen gebebt, Herr Graf,“ entgegnete Charlotte flüſternd,„wie leicht hätte Sie jener Menſch mit ſeinem Hammer unverſehens anfallen können! Und jetzt— vermag ich mich nicht ſogleich von der ausgeſtandenen Angſt zu erholen!“ Charlotte hatte die erſten Worte haſtig, beinahe leidenſchaftlich hervorgeſtoßen, dann aber zaghaft und zögernd, wie über ſich ſelber beſtürzt, weiter geſprochen. Karl ſah ſie an, ſie ſenkte raſch den Blick. Ueber⸗ zog ihre Wangen eine flammende Röthe, oder war, was ſo lebhaft auf dem intereſſanten Antlitze glänzte, der Reflex des Reiſigfeuers, das im Winkel des Gemäuers aufflackerte? Der junge Mann vermochte ſich dieſe Frage nicht zu beantworten, aber eine eigenthümliche Empfindung durchrieſelte und verwirrte ihn, denn nun war es ihm, als werde der leiſe Druck ſeiner Hand 1 166 kaum merklich erwidert. Unmittelbar darauf fühlte er, wie die bebende kleine Rechte ihm entzogen ward. „Sie ſind edel und gut, Sie denken immer zu⸗ letzt auf ſich!“ ſtammelte er. Dann bückte er ſich raſch und griff zur Laterne. „ ‚Ich täuſchte mich, als ich glaubte, wir ſeien dem Ausgange nahe!“ ſagte er.„Wir werden noch eine leidliche Strecke unter der Erde zurückzulegen haben, ich ſchließe es daraus, daß wir die Schritte des Davon⸗ eilenden noch ziemlich lange hörten.“ „Iſt Ihnen jener Menſch bekannt, Herr Graf?“ fragte Charlotte, die Hand des Kindes erfaſſend. „Ich entſinne mich nicht, ihn je geſehen zu haben,“ antwortete Karl,„und ich bin überzeugt, daß er ein Vagabund iſt, ein abenteuernder Strolch, der im Sinne hatte, zu verbrecheriſchen Zwecken in das Schloß zu dringen! Doch gehen wir weiter, der Rauch benimmt Einem hier faſt den Athem!“ „Wir kehren nicht um, Herr Graf?“ rief Char⸗ lotte im Tone der höchſten Beſorgniß.„Wenn der Menſch ſich Ihnen plötzlich entgegenwerfen ſollte—!“ „Er wird nicht den Muth haben, uns anzufallen!“ verſetzte Karl lächelnd.„Hat er doch nicht einmal hinter jenem ſchützenden Bollwerke vor uns Stand gehalten! 167 Auch glaubt er ſicher, daß uns Leute aus dem Schloſſe folgen.“ Karl ſetzte ſich von Neuem in Bewegung; er ſchritt der Gouvernante, die ihm mit der kleinen Com⸗ teſſe zögernd folgte, wie zuvor voran, die Laterne weit vor ſich hinhaltend. Schweigſam, erwartungsvoll hatten ſie ſo etwa zehn Minuten lang auf holprigem, bald ſchroff ab⸗ fallendem, bald aufſteigendem, bisweilen ſich windendem Wege den ſchmalen und niedrigen Stollen durchwandert, da ſchimmerte ihnen nach einer Krümmung mattes Tageslicht entgegen. Wenige Schritte noch und ſie waren am Ziele ihrer Wanderung. Hier ſtand ihnen, wie vorhin, eine Mauer ent⸗ gegen, aber ſie war, wie jene, die der fremde Mann vor ihren Augen durchbrochen hatte, theilweiſe zerſtört, ſo daß es ein Leichtes war, auf die andere Seite der⸗ ſelben zu gelangen. „Hoho,“ murmelte Karl lächelnd,„einer meiner Vorfahren war vorſichtig genug, den Gang, der ver⸗ muthlich zu nichts mehr dienen konnte, doppelt ver⸗ mauern zu laſſen,— das hat aber wenigſtens jetzt nicht viel genützt. Ich werde nach meiner Rückkunft zur Villa beſſere Anordnungen treffen müſſen, und gleich 168 morgen ſollen unſere Arbeiter damit beginnen, dieſen Stollen unzugänglich zu machen.“ Der junge Graf hatte kaum geendet, als Agnes, die ſich neben ihn vordrängte, einen Schrei ausſtieß und auf den Fuß der durchbrochenen Wand deutete. „Dort liegt der Spitzbube,“ ſchrie ſie,„dort im Winkel!“ „Nicht doch!“ verſetzte Karl und leuchtete nach der Richtung, die das Kind angegeben hatte.„Aber was iſt denn das? Ei ſieh,“ fuhr er näher tretend fort,„dort hat der Vagabund ſeine Lagerſtätte gehabt,— das da iſt Laub und einige alte Lumpen, ſonſt nichts! Wahr⸗ haftig, mir ſcheint, hier war der Anfang zu einer Räuberhöhle gemacht! Und nun bin ich wahrlich neu⸗ gieriger als zuvor, wo wir hinausgelangen werden!“ Karl ſtieß mit den Füßen in das Laub, das im Winkel der Mauer aufgeſchichtet lag. Dann ſtiegen er, die Gouvernante und Agnes über die Mauerreſte hinweg. Vor denſelben befand ſich nur ein kleiner Raum, eine winzige Höhle. Dieſe erhellte das Tageslicht nur deshalb ſchwach, weil es nicht durch allerlei Geſtrüpp zu dringen ver⸗ mochte, das in wildem Gewirre vor dem ſchmalen Ein⸗ gange wuchs und dieſen ſo zu ſagen überdeckte. 169 Der junge Graf brach ſich gewaltſam durch die Sträucher Bahn und war der Erzieherin und dem Kinde beim Hindurchſchlüpfen behülflich. Nun hatten ſie den blauen Himmel über ſich und blicklen überraſcht umher. Sie befanden ſich nur wenige Schritte vom Stein⸗ bruche entfernt, faſt auf der Höhe desſelben. Von hier aus boten die ſchroff ausgehauenen und geſprengten Sandſteinwände, an ihrem oberen Rande mit friſchem Grün bekleidet, und von Gebüſch und einigen Aus⸗ läufern des Waldes überwachſen, einen maleriſchen Anblick. „Ich habe in der That nicht erwartet, daß wir erſt beim fernen Steinbruche das Tageslicht wiederſehen würden!“ ſagte Karl überraſcht.„Aber ſehen Sie nur, Fräulein,“ fügte er hinzu,„ich finde es begreiflich, daß der Gang ſo lange hat verborgen bleiben können, denn wer möchte hinter dieſem dicht bewachſenen Fels⸗ ſpalt, den wir ſoeben verlaſſen haben, einen Eingang vermuthen?“ „Der Vagabund, den Sie verjagten, hat ihn aber doch gefunden, Herr Graf!“ verſetzte Charlotte, ſcheu ringsumher blickend. „Das iſt wahr!“ warf Karl lächelnd hin.„Ich vergaß wahrhaftig über der einen Entdeckung, die wir Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 12 170 machten, die andere! Der Menſch iſt ſpurlos verſchwun⸗ den! Aber ich werde mich hier doch ein wenig nach ihm umſchauen, denn ich bin überzeugt, daß ihn eine verbrecheriſche Abſicht zum Maulwurf machte. Möchten Sie nicht, indeſſen ich den Steinbruch und den Wald hier herum auf ein Viertelſtündchen durchſtreife, mit der Kleinen zu jener hübſchen Wieſe gehen, damit wir ſpäter gemeinſchaftlich ins Schloß zurückkehren können?“ „Ja, Herr Graf!“ „Von dort aus behalten Sie am beſten den Fels⸗ ſpalt im Auge, und das wird nothwendig ſein.— Der Vagabund könnte uns umgehen und durch den Gang ins Schloß ſchlüpfen. Wir werden natürlich auf dem Wege zurückkehren, den wir gekommen ſind, denn es wäre ſicher nicht rathſam, durch den Wald zum Schloſſe zu gehen und indeſſen die von Agnes entdeckte Thür offen zu laſſeen! Kommen Sie, Fräulein, ich begleite Sie zur Wieſe!“ 8 Man ging. Das Kind ſprang voran. Am Rand des Steinbruches hin führte ein ſchmaler Pfad. Die Wieſe war nach wenigen Schritten erreicht, ſie ſtieß an den Pfad und war nur ſchmal, und ſicher nur dadurch entſtanden, daß man hier zur Erweiterung des Stein⸗ bruches Holz gefällt hatte. 171 Hier und dort ragten noch die Stumpfe abge⸗ ſägter Stämme aus dem üppigen Graſe hervor und waren von friſchen Nachtrieben umgeben, die ein wirres Buſchwerk bildeten. Einem ſolchen Stumpfe, hinter dem ſchon ein voll⸗ ſtändiger kleiner Wald wucherte, näherten ſich jetzt der Graf und die Gouvernante. Agnes war ſchon weiter in die Wieſe hineingeſprungen und ſuchte Blumen. „Ich werde Sie hier erwarten,“ ſagte Charlotte, indem ſie ſich auf den Stumpf niederließ. „Gut!“ war die Antwort. Die Erzieherin ſah zu dem jungen Manne auf. Ihr Blick hatte in dieſem Momente einen eigenthümlichen Ausdruck, eine Wärme, die Karln das Blut in die Wangen trieb. „Herr Graf,“ begann Charlotte zögernd mit ſchmelzender Stimme und im Tene der Beſorgniß, „wollen wir nicht lieber gleich durch den Gang in's Schloß zurückkehren?“ „Weshalb?“ „Wenn Sie nun wirklich jenem Menſchen begeg⸗ neten! Sie ſind ohne Waffen, Herr Graf! Ueber⸗ laſſen Sie die Nachforſchung Ihren Leuten!“ „Bis ich dieſe aufbieten kann, iſt der Burſche ſicher entſchlüpft!“ 12* 172 „Herr Graf, ich beſchwöre Sie, die Gefahr, der Sie ſich ausſetzen—“ „Iſt wahrlich nicht ſo groß, als diejenige, welche mir hier droht, Fräulein!“ antwortete Karl, den der Klang von Charlottens Stimme, ihr Blick, die Erregt⸗ heit ihres Weſens vergeſſen ließen, daß er ſich vorge⸗ nommen, dem intereſſanten Geſchöpfe gegenüber ſeiner Gefühle Herr zu bleiben.„Noch weniger, als gegen die Art des Vagabunden, bin ich gegen Ihre dunklen Augen gewaffnet!“ Charlotte ſenkte den Blick in heftiger Verwirrung. „Herr Graf, Sie ſpotten eines armen Mädchens!“ ſtammelte ſie. „Mein Fräulein,“ unterbrach ſie Karl lebhaft „und wenn ich Ihnen ſchwöre, daß dieſe Theilnahme, welche Sie ſo gütig ſind mir zuzuwenden, für meine Ruhe eine Gefahr in ſich birgt, die—“ Karl ſtockte. Das Mädchen aber begann ſtotternd: „Herr Graf,— Sie mißdeuten die Gefühle der Achtung und Dankbarkeit, die ich für meinen gütigen Beſchützer hege, und die— mein Gott— mein armes Herz in ſeiner überſprudelnden Freude vielleicht zu lebhaft verrathen hat! Ich bin zum Unglücke geboren,“ fuhr ſie im Tone tiefen Schmerzes fort,„denn Ihre Worte, 173 Herr Graf, beweiſen mir, daß Sie mich für nichts weiter halten, als eine Abenteurerin!“ „Nein, mein Fräulein,“ ergänzte Karl leidenſchaft⸗ lich,„meine Worte beweiſen nichts weiter, als daß auch mein Herz von dem Zauber berührt worden iſt, den Ihr liebenswürdiges Weſen auf Jeden ausübt, der Ihnen naht, ſie beweiſen, daß es eine Thorheit iſt, ſich dieſem Zauber entziehen zu wollen, da man ihm doch über kurz oder lang ſich unterwerfen muß! Charlotte, Niemand iſt von der Reinheit Ihres Gemüthes, von Ihrer Uneigennützigkeit überzeugter, als ich es bin, Ihr Walten in dem Wirkungskreiſe, den Sie bei uns aus⸗ füllen, iſt ein ſo edles, natürliches! Sie ſind ſich ſelber nicht der Macht bewußt, welche Sie über uns beſitzen! Ihre faſt mütterliche Zärtlichkeit für meine Schweſter, die beinahe kindliche Sorgfalt, welche Sie meinem Vater widmen, ohne eines Dankes zu begehren, das iſt's, was mich aufmerkſam auf Sie machte, mich an Sie feſſelte. Zürnen Sie mir nicht, Charlotte, wenn ich Ihnen ſage, daß— ich Sie liebe—“ „Herr Graf,“ flüſterte Charlotte haſtig, ſich raſch von dem Baumſtumpfe erhebend, auf den ſie ſich nieder⸗ gelaſſen.„Sie ſind ein edler Mann, Sie werden nicht ſich und— mich zugleich unglücklich machen wollen?!“ 174 Charlotte ſprach dieſe Worte in einem Gemiſch von Beſtürzung und Angſt, ſie blickte auf Karl zugleich voll Wehmuth und inniger Hingebung. „Sie haben ſo viel für mich gethan,“ fuhr ſie fort.„Ihr Edelmuth zieht Sie weiter, zu weit! Ihre Phantaſie täuſcht Sie über Ihr Herz, Herr Graf!“ „Das thut ſie nicht, Charlotte!“ rief der junge Mann, des Mädchens Hand ergreifend, die er zittern fühlte.„Wären Sie weniger unbefangen geweſen, als Sie es waren, Sie müßten bemerkt haben, daß ich mich oftmals abſichtlich aus Ihrer Nähe verbannte. Ich wollte der trockenen Ueberlegung den Sieg über mein Herz verſchaffen. Noch heute dachte ich daran. Aber die Ueber⸗ legung ſagt mir im Grunde nichts anderes, als was ich durch mein Herz ſchon weiß— daß ich nur durch Sie wahrhaft glücklich werden könne!“ „Das kann Ihnen eine reifliche Ueberlegung nicht geſagt haben, Herr Graf!“ entgegnete Charlotte mit bebenden Lippen.„Der Abſtand unſerer Geburt allein reicht hin—“ „Wie?“ unterbrach ſie Karl lebhaft.„Was bin ich denn? Ein halber Student, kaum von der Univer⸗ ſität entlaſſen! Was will ich werden? Ein Bauer! Der Abſtand der Geburt, was iſt er heut zu Tage, wo Fürſten Tänzerinnen heiraten? Ein anderer Abſtand 175 mag es ſein, Charlotte,“ fuhr er faſt traurig fort,„der Sie von mir trennt,— der Abſtand unſerer Gefühle! Charlotte, muß ich fürchten, daß Sie mich nicht lieben können?“ Die Gouvernante wandte ſich mit einer faſt leiden⸗ ſchaftlichen Bewegung ab, ohne ihre Hand aus Karl's Rechte zu ziehen. „Herr Graf,“ hörte ſie der junge Mann vernehm⸗ lich murmeln,„ich darf, ich kann Sie nicht anhören— für— meine Ruhe nicht!“ „Geliebtes Mädchen!“ rief Karl leidenſchaftlich. Er umſchlang die Taille Charlottens und wendete ihr verſchämtes Antlitz ſich zu. Charlottens Kopf ſank auf die Bruſt des jungen Mannes. Sie ſchluchzte, Dann machte ſie ſich ſanft los. „Herr Graf,“ ſagte ſie,„wir haben einen Augen⸗ blick geträumt, erwachen wir! Ich kann nicht die Ur⸗ ſache eines Confliktes zwiſchen Ihnen und Ihrem Vater werden, ich darf es nicht, auch er hat mich mit Wohl⸗ thaten überſchüttet. Er wird es niemals zugeben, daß die Gouvernante der Tochter die Gattin des Sohnes werde! O Gott,— ich hoffte hier ein ſtilles Aſyl gefunden zu haben,“ fügte ſie im Tone des Schmerzes hinzu,„und nun ſehe ich es kommen, daß ich jene 176 Stätte, die mir ſo lieb, ſo theuer geworden, verlaſſen muß, vielleicht verbannt, jedenfalls— elend!“ „Das wird nie geſchehen!“ betheuerte Karl zärt⸗ lich.„Niemals, Charlotte! Haben Sie ſich meinem Vater nicht unentbehrlich gemacht? Hört er nicht auf Ihren Rath? Achtet er nicht Ihr Urtheil? Kennt er nicht Ihre edlen Geſinnungen, wie ich ſie kenne? Sind Sie nicht fähig, ihn um den Finger zu wickeln, wenn Sie es nur wollen? Wohlan, Sie werden, Sie müſſen es wollen, oder ich bin Ihnen völlig gleich⸗ gültig!“ Charlottens Buſen wogte heftig, ihre Wangen glühten, ſie ſchoß einen heißen Blick auf Karl, aber ſie zog auch zugleich ihre Hand aus der ſeinigen. „Herr Graf, laſſen Sie mich jetzt allein, ich be⸗ ſchwöre Sie!“ flüſterte ſie.„Wenn ich Sie länger an⸗ höre, ſo machen Sie mich zur Verrätherin an meiner Pflicht! Gehen Sie!“ „Ich gehe, aber Du wirſt mein, Charlotte, denn Du darſſt nicht zur Verrätherin an unſerem Glücke werden!“ rief der junge Mann in jener glühenden Begeiſterung, deren nur der zum erſtenmal liebende Jüngling fähig iſt. Sekundenlang preßte er die leicht widerſtrebende Charlotte an ſich. Dann ſchlug er haſtig den Pfad 177 ein, der am Rande des Steinbruches weiter führte. Von dort aus kletterte er an einer Stelle, wo die Felſen nicht ſo ſehr abſchüſſig waren, hinunter in die Tiefe. Nach einer Minute etwa war er vor den Blicken Charlottens verſchwunden. Dieſe ſchaute nun die kleine Wieſe entlang. Sie ſah Agnes unter einer Baumgruppe ſitzen, dort wo der Wald begann. Das Kind flocht aus den Blumen, die es gepflückt, einen Kranz, und hatte feiner Erzieherin den Rücken zugewendet. Charlotte fühlte in der That das Bedürfniß allein zu ſein. Sie ſank auf den Baumſtumpf nieder. Sie ſtützte den Kopf und war ſichtlich erregt. Ihre Augen hatten einen eigenthümlichen Glanz, ſie lächelte vor ſich hin. Es war das ein triumphirendes Lächeln. Liebte ſie den Grafen, oder war ſie eine Heuch⸗ lerin, wie der alte Diener Chriſtoph dies behauptete, und freute ſie ſich jetzt ihres durch Gleißnerei und Koketterie errungenen Erfolges? Sie ſaß nur kurze Zeit in tiefes Sinnen verloren, dann ſpiegelte ſich von Neuem der Ausdruck der Zuver⸗ ſicht in ihren Zügen ab. Sie ſtand im Begriff, ſich von ihrem Platze zu erheben, da hörte ſie plötzlich hinter ſich die Zweige 178 kniſtern, das Laub raſcheln. Und unmittelbar darauf fühlte ſie, wie ſich eine Hand auf eine ihrer Schultern legte. Charlotte fuhr zuſammen und ſchaute hinter ſich. Ihr Blick begegnete zweien Augen, die unverſchämt ſie anſtarrten. Sie ſah den Oberkörper eines Mannes, der das Geſtrüpp durchbrochen hatte, vollends ſich hindurch⸗ winden. Sie wollte aufſpringen, ihre Füße verſagten ihr den Dienſt, ihre Knie ſchlotterten. Nicht einmal einen Schrei vermochte ſie auszuſtoßen, denn ihre Zunge war wie gelähmt. Todesbläſſe bedeckte ihr Antlitz, als ſie nun mit ihren ſchreckhaft aufgeriſſenen Augen jeder Bewegung des ſo plötzlich neben ihr aufgetauchten Mannes folgte. Dieſer entſtieg nun gelaſſen dem Buſchwerk, aber er blieb ſodann nicht vor Charlotten ſtehen, ſondern er kauerte zu ihren Füßen auf den Raſen nieder, wahr⸗ ſcheinlich damit ihn das Kind nicht gewahre, wenn es ſich bei ſeiner Beſchäftigung nach der Gouvernante um⸗ blicken ſollte. Die Kleider des Mannes, der etwa dreißig Jahre zählte, waren völlig zerlumpt, ſie trugen die Spuren von Mauerſchutt und Erde. Ohne Zweifel war dieſer Menſch mit den bleichen verwilderten Zügen und dem 179 Räuberausſehen kein Anderer als der, den in dieſem Augen⸗ blicke der junge Graf ſuchte. Jetzt fuhr ſich der Vagabund, der ohne Kopfbe⸗ deckung war, durch das kurze Haar, ſtrich ſich den ſchwarzen Vollbart nieder und grinſte Charlotte an, den ſtechenden Blick womöglich noch ſchärfer auf ſie richtend. Er legte ſeine Hand auf einen Arm der Erzieherin, die bei der Berührung leicht zuſammenfuhr, im Uebrigen aber vor Schreck keiner Bewegung ſonſt fähig zu ſein ſchien. „Ei der Teufel, das iſt ein unerwartetes Wieder⸗ ſehen, Thereſe!“ begann der Mann.„Das grenzt ſchon an ein Wunder!“ „Du biſt es, Fritz!“ lallte die Angeredete, deren Miene jetzt nicht mehr Entſetzen, ſondern eine peinliche Ueberraſchung ausdrückte. „Wer ſollte ich denn ſonſt ſein?“ antwortete der Vagabund, leiſe auflachend.—„Ich habe Dich ſchon vorhin in dem unterirdiſchen Gange erkannt, als ich Deinem Kavalier über die Achſel ſchaute— wäre ich denn ſonſt vor ihm davongelaufen? Aber wahrhaftig, mein Schatz, Du empfängſt mich ziemlich ſonderbar! Eine Frau, die ihren Mann durch ſechs Jahre nicht geſehen hat, fällt ihm um den Hals, und ſieht ihn nicht an, wie man auf ein Schreckgeſpenſt blickt. Bei 180 Gott, es hat den Anſchein, mein Kind, als käme ich Dir nicht gelegen! Und doch, ſag' ich Dir, iſt es ein wahres Glück für Dich, daß ich Dich gerade jetzt ge⸗ funden habe!“ Die Gouvernante ſah unruhig einen Moment lang nach dem Kinde und dem Steinbruche hinüber. Dann wandte ſie ſich mit größter Faſſung an den Vaga⸗ bunden. „Sprich leiſe!“ ziſchelte ſie. „Ei was,“ kicherte der Mann, indem er denn doch den Ton ſeiner Stimme dämpfte—„das Kind iſt zu fern, als daß es uns hören könnte, und der junge Graf guckt ſich tief unten im Steinbruche nach friſchen Fußſpuren die Augen blind! Ja, Du biſt überraſcht, mein Püppchen, mich ſo unerwartet zu ſehen?“ „Wie biſt Du in dieſe Gegend gekommen?“ „Dieſelbe Frage kann ich an Dich richten! Daß man mich nicht begnadigt haben wird, nachdem man mich vor ſechs Jahren zu zwanzigjähriger Zuchthaus⸗ ſtrafe verurtheilte, das liegt auf der Hand!“ „Es gelang Dir alſo auszubrechen!“ „Vor vierzehn Tagen, ja! Dich muß man aber doch ſchon vor Monaten aus Deiner Haft entlaſſen haben, Thereſe!“ 181 „Um Gotteswillen, ſprich nicht ſo laut!“ „Warum haſt Du nach Deiner Entlaſſung keinen Verſuch gemacht, mich zu ſehen, oder mir wenigſtens ein Lebenszeichen von Dir zu geben, Du braves Weib?“ „Ich erhielt eine falſche Nachricht über Dich, man ſagte mir, Du ſeieſt im Strafhauſe geſtorben, und darum entſchloß ich mich auch ſogleich, außer Landes zu gehen, um—“ „Um als tugendhafte Erzieherin oder Geſellſchaf⸗ terin Dein Glück zu machen!“ ergänzte der Vagabund grinſend. „Du erfuhrſt—?“ „Nichts erfuhr ich, mein Schatz! Zum Henker, mir blieb während meiner Flucht keine Zeit, mich nach Dir oder unſeren alten Bekannten zu erkundigen, denn die Hunde von Gendarmen waren mir beſtändig auf den Ferſen, ich konnte nichts anderes thun, als ſogleich über die Grenze laufen. Und auch in dieſem Lande, ſag' ich Dir, iſt es für mich kein Spaß geweſen, mich bis zu dieſer einſamen Waldgegend durchzuſchlagen, ohne Geld, in zerfetzten Kleidern, ſteckbrieflich verfolgt! Auch hier in dieſer Wildniß durfte ich auf keine ſichere Zufluchtsſtätte hoffen, nun ich aber Dich, mein Püppchen, wie durch Zauberei gefunden, ändert ſich die Sache— 182 Ich habe Dein Geſpräch mit dem jungen Grafen von der Vertiefung aus, die ſich hinter dieſem Buſchwerke befindet, Wort für Wort belauſcht. Iſt es Dir in kurzer Zeit gelungen, Dich bei der gräflichen Familie derart einzuniſten, daß Du Alles beeinflußeſt, mein Schatz, und Jung und Alt in Dich verliebt gemacht haſt, ſo wird es Dir auch gelingen, mich bei Euch einzuſchmuggeln und irgendwo zu placiren.“ „Wie? Hier? Im Schloſſe? In meiner Nähe? Das geht nicht, Fritz!“ 1 „Und warum nicht?“ „Ich habe meinen Monatsgehalt aufgeſpart, Du ſollſt ihn bekommen, ich will Dir heimlich bringen, was Dir ſonſt noch nützlich ſein kann, ich werde Dir von Zeit zu Zeit Geldſendungen machen, ſobald Du dieſe Gegend verlaſſen haben wirſt— denn das mußt Du thun, und baldigſt! Der junge Graf hat Dich geſehen, er wird den Jäger und ſeine Leute aufbieten, Dir nach⸗ zuſpüren, Du kannſt hier nicht bleiben—“ „Eben deshalb will ich bei Euch wohnen!“ „Man kennt mein Vorleben nicht, man vertraut mir! Soll ich Alles, was ich mühſam aufgebaut, mir eine Stellung zu erringen, leichtſinnig preisgeben, ohne Dir helfen zu können? Glaube nicht, daß ich geſonnen 183 ſei, das alte Leben fortzuführen, das mich an Deiner Seite in's Strafhaus brachte!“ „Teufel noch einmal, Du führſt eine ſehr entſchie⸗ dene und tugendhafte Sprache, mein Schatz! Es thut mir nur leid, daß ich Deine moraliſchen Gefühle ein wenig in Zweifel ziehen muß! Zum Ueberfluß hatt' ich vorhin Gelegenheit, Dir in Deine Karten zu ſchauen! Ich will ſo gefällig ſein, Dir zu glauben, daß Du mich für todt gehalten haſt, als Du den jungen Grafen hier in Deine Netze zogeſt—“ „Da Du uns belauſchteſt, ſo mußt Du wiſſen, daß ich ihn abfertigte—!“ „Mein Schatz, das war eine jener Abfertigungen, welche einen Mann herausfordern, weiter zu gehen, wir kennen das! Ich begreife, daß Dir mein Erſchei⸗ nen ſehr ungelegen ſein muß, aber ich kann mir nicht helfen, ich werde von jetzt an meinen Kopf darauf ſetzen, nur im Verein mit Dir meinen Weg zu machen. Du haſt Dich ſeither als Witwe betrachtet, gut, Du magſt es bleiben, ich will Deine Pläne nicht durch⸗ kreuzen, nein, ich werde ſie ſogar noch verbeſſern!“ „Aber Fritz, ich verſichere Dich—“ „Du haſt Dich wollen von dem jungen Grafen heirathen laſſen, das war dumm ſpekulirt, mein Kind! Der Graf iſt jedenfalls minderjährig, ich ſchließe das 184 aus ſeinem Ausſehen, vielleicht iſt auch kein mütter⸗ liches Erbtheil da. Die Folge eines Liebesromans zwiſchen Euch Beiden würde ganz einfach ſein, daß der alte Graf entweder Einem von Euch oder Euch Beiden den Laufpaß ſchriebe und dann wäre Dein Zweck ver⸗ fehlt, denn ich kann mir nicht denken, daß Du in den Grünſchnabel vernarrt biſt, die Du nie Jemanden ſonſt noch auf der Welt geliebt haſt, als Dich ſelber!“ „Du gehſt von Vorausſetzungen aus, die—“ „Still, Thereſe! Leute wie wir thun am Beſten, unter ſich jede Sache beim rechten Namen zu nennen. Wir werden uns durch zwei Worte verſtändigt haben. Du biſt meine mir geſetzlich angetraute Frau. Sobald Du mich meinem Schickſale überlaſſen wirſt, iſt das Deinige hier beſiegelt, biſt Du aber entſchloſſen, an unſerem gemeinſchaftlichen Glücke zu arbeiten, ſo laſſe ich Dir nicht allein freien Spielraum, ſondern ich för⸗ dere auch Dein Treiben mit aller mir zu Gebote ſte⸗ henden Schlauheit. Aber ich weiß noch etwas Beſſeres als dieſe Liebſchaft mit dem jungen Fant. Hat er nicht vorhin erklärt, Du vermögeſt den alten Grafen um den Finger zu wickeln? Gut, Du wirſt den Alten heirathen. Sind noch mehr Kinder da, als dieſer junge Mann? Wohl nur nooch die Kleine, die ſich dort einen Kranz windet?“ 185 „Ja. Ein Mädchen von ſieben Jahren!“ „Mir kommt eine kühne Idee! Wir werden ſie mit der Zeit beide zu beſeitigen wiſſen, dieſe Kinder, Du wirſt die Gemahlin des Alten ſein, und dann— doch denken wir nicht ſo weit! Ich habe wollen auf heimlichem Wege, den mich der Zufall entdecken ließ, in das Schloß dringen, jetzt wird Dein Scharfſinn mir Thür und Thor zu Euch öffnen, Thereſe. Aber ſag' mir, wie kamet Ihr heute unter die Erde?“ „Wir haben einen Gaſt, der im alten Schloſſe wohnen wird. Sein Erſcheinen gab mir Veranlaſſung zur Beſichtigung der Burg, der junge Graf ward mein Führer, und wie Du durch Zufall, entdeckten wir den unterirdiſchen Gang. Aber im alten Schloſſe machte ich noch eine andere Entdeckung, Fritz, die mich einen Augenblick lang ſo furchtbar erſchütterte, daß mein Be⸗ nehmen faſt verdächtig geworden wäre!“ „Und dieſe Entdeckung?“ „Ich ſah in einem der Gemächer zum Erſtenmale ein Bild, das Deinen Eintritt in's Schloß, wenn es mir auch gelingen ſollte, für Dein Erſcheinen einen Vorwand zu finden, faſt unmöglich macht!“ „Wie? Ein Bild?“ „Der Graf kaufte, wie ich erfuhr, vor mehreren Jahren einige Bilder auf einer Gemäldeausſtellung. Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 13 186 Eines derſelben, und zwar jenes, das mich vor einer Stunde erſt furchtbar erſchreckte, ſtellt die Kapelle Eures Strafhauſes vor, und denke Dir, unter den Sträflingen, die der Maler auf dem Bilde angebracht hat, erkannte ich Dich, Fritz!“ „Teufel, das iſt unangenehm! Es mag ſich mehr als ein Künſtler in der Stille bei Beſuchen im Straf⸗ hauſe von uns und unſerm Treiben Skizzen entworfen haben.“ „Noch Eins! Durch den unerwarteten Anblick des Bildes ward nicht allein ich beſtürzt, ſondern auch der Diener unſeres Gaſtes, ein langer, finſterer Menſch. Mir iſt, als babe ich ihn ſchon irgendwo geſehen, er kommt mir verdächtig vor!“ „Hoho, das iſt ſeltſam! Wie heißt Euer Gaſt?“ „Er iſt ein Baron Ohneſorg, ein Onkel des Hauſes, und ein kleiner Herr mit kahler Glatze.“ „Ich erinnere mich eines ſolchen Mannes nicht. Vielleicht hat der Diener kein reines Gewiſſen, oder war auch einmal ein Strafhausgaſt—“ „Du ſiehſt, Fritz, daß es vor der Hand kaum möglich iſt, Dich bei uns einzuführen!“ „Poſſen! Nichts wird leichter ſein. Trage ich auf dem Bilde einen großen ſchwarzen Bart?“ 187 „Natürlich! Hätte ich Dich ſonſt auf der Stelle erkannt?“ „Gut. Du antworteſt für mich. Alſo dieſer Bart wird binnen wenigen Tagen verſchwunden ſein. Auch werde ich nicht dieſe Lumpen, in denen man, weiß Gott, nicht einen ehemaligen Stadtgerichts⸗Actuar vermuthen kann, ſondern eine anſtändige Kleidung tragen. Bringe mir Dein erſpartes Geld, und was Du ſonſt noch her⸗ geben kannſt, ſobald Du unbeachtet biſt, hieher. Kannſt Du nicht durch jenen Gang zu mir kommen, in dem Ihr mich überraſchtet?“ „Man wird ihn morgen verſchütten!“ „So kommſt Du heute, vielleicht heute Nacht, wenn Alles ſchläft! Unmittelbar nach unſerer Zuſam⸗ menkunft verlaſſe ich dieſe Gegend und wandere bis zum nächſten Städtchen, wo meine Verwandlung vor ſich gehen wird. Dann kehre ich hieher zurück. Ich werde mit allen nöthigen Papieren zu gehöriger Legitimation ver⸗ ſehen ſein,— das iſt meine Sache! Du aber mache inzwiſchen ausfindig, als was ich bei Euch eingeſchoben werden kann.“ „Vor acht Tagen hat der alte Graf ein Inſerat nach D. geſchickt, für das dortige Amtsblatt. Er ſucht einen Secretair.“ 13* 188 „Zum Henker, das ſagſt Du jetzt erſt, Weib? Da iſt uns ja geholfen! Du wirſt dafür ſorgen, The⸗ reſe, daß kein Anderer die Stelle erhalte, als ich! In vier oder fünf Tagen, hat mich inzwiſchen nicht der Teufel in Geſtalt irgend eines Grenzjägers oder Gendarmen geholt, bin ich wieder hier und klopfe bei Euch an! Wir werden unſer Glück miteinander machen, braves Weib, wir ſind in unſerer Art Beide Genies! Und dieſe Nacht?“ Der Vagabund blickte ſeine Frau durchdringend an. Dieſe ſtarrte einen Moment lang mit gerunzelter Stirne vor ſich hin. Dann erwiderte ſie feſt den Blick ihres Mannes. „Wir werden uns um Mitternacht ſehen!“ ſagte ſie.„Der unterirdiſche Gang führt von hier aus zu einer verborgenen Fallthür, bis dorthin gehe mir heute Nacht entgegen, ich werde ſie Dir öffnen, und Dir bringen, was Du brauchſt!“ Die Gouvernante hatte kaum zu Ende geſprochen, als das Paar ein leichtes Geräuſch vom Steinbruche her vernahm. „Um Gottes willen, entfliehe Fritz!“ ſtammelte die Erblaſſende.„Der Graf kehrt zurück, und wenn er uns hier ſieht—“ 4 189 „Sei ohne Sorgen,“ verſetzte der Vagabund lächelnd.„Das Bürſchchen wird mich weder ſehen, noch hören! Halte Wort, Thereſe! Um Mitternacht!“ Während der dem Strafhauſe entſprungene Ver⸗ brecher dieſe Worte flüſterte, verließ er geräuſchlos ſeine kauernde Stellung und ſchlüpfte ſchlangengleich in das Geſtrüpp hinein. Hier bog er nochmals das Gezweige auseinander, ſo daß ſein blaſſes Antlitz mit dem ſtruppigen Barte und den ſchwarzen blitzenden Augen ſichtbar ward. „Vergiß nicht, Thereſe,“ murmelte er ſeinem Weibe zu, das regungslos auf dem Baumſtumpfe ſaß und ſein Antlitz mit einem unheimlichen Gefühle anſtarrte,„ver⸗ giß nicht, daß Dein Schickſal an meines geknüpft iſt, und Fritz Brandt, der ſchwarze Fritz, ſich nicht ab⸗ ſchütteln läßt, wie ein unbequemes Kleid! Um Mitter⸗ nacht, mein braves Weib!“ „Um Mitternacht!“ war die Antwort der Frau des Vagabunden. Der Kopf mit den wilden Zügen verſchwand. Ein leiſes, kaum vernehmbares Kniſtern verkündete der Er⸗ zieherin des gräflichen Kindes, daß ihr Mann über den geſtrüppbewachſenen Erdboden hinweg in den Wald hin⸗ einkrieche. Jetzt erſtarb das Geräuſch. 190 „Den hat mir die Hölle geſchickt!“ murmelte die Gouvernante.„Mir bleibt nichts übrig, als meine Pläne nach den ſeinen abzuändern!“ „Fräulein Charlotte! Fräulein Charlotte! Mein Kranz iſt fertig!“ ertönte die liebliche Silberſtim me der kleinen Agnes von der Wieſe her. Und das muntere Kind kam jubelnd mit ſeinen Blumen herangeſprungen. In gleichem Augenblicke tauchte die ſchlanke Ge⸗ ſtalt Karl's neben einem Vorſprunge der höchſten Stein⸗ bruchkuppe auf. Der junge Mann ſchwang ſich auf den Pfad und kam nun lachend näher. „Der Hallunke iſt wie weggeblaſen!“ rief er. „Kehren wir durch unſere Unterwelt ins Schloß zurück!“ Die Erzieherin erhob ſich und nahm des Kindes Hand. Auch nicht ein Zug ihres intereſſanten Antlitzes verrieth, daß ſich inzwiſchen ſo Bedeutungsvolles mit ihr ereignet hatte. Sie lächelte. Der arme junge Graf. Wie deutete er dieſes Lächeln? Achtes Capitel. Herr und Diener. Eilf Uhr war längſt vorüber, da brannten in einem langgeſtreckten und hohen Gemache, das an der dem Walde zunächſt liegenden Seitenfronte des alten Schloſſes ſich befand, noch die Kerzen. Es waren deren vier auf ſchweren ſilbernen Armleuchtern angezündet, demnach er⸗ hellten ſie den Raum nur ſpärlich, die Hälfte des Ge⸗ maches war ſogar ſo ziemlich in Dunkel gehüllt. Der Onkel Mondſchein hatte ſich am Tage die⸗ ſes große, ſelbſt beim Sonnenlichte keineswegs behäbig blickende Zimmer zum Logis ausgeſucht. Er hatte dort Alles gefunden, wonach ſein Herz begehrte: alte faden⸗ ſcheinige Seidentapeten, düſtre Ahnenbilder, mittelalter⸗ liche, wurmſtichige Möbel von wunderlicher Geſtalt, eine romantiſche Ausſicht auf den Tannenforſt, Abgeſchiedenheit. 192 Die Wahl, welche der Herr getroffen, ſchien dem Diener keineswegs nach Wunſch geweſen zu ſein, der lange Martin, der doch ſonſt ſo ungeſellig war und ſo gern in die Einſamkeit kroch, wenn es ſich thun ließ, hatte ſich am Abend, als der Baron ſich von den Be⸗ wohnern der Villa verabſchiedete, wo die Herrſchaften gemeinſchaftlich zur Nacht geſpeist, mit ziemlicher Un⸗ ruhe in das alte Gebäude zurück begeben. Jetzt, in ſo ſpäter Stunde, befanden ſich Herr und Diener in dem Gemache Der kleine Baron ſchien noch gar nicht an Nachtruhe denken zu wollen, denn er kramte emſig unter ſeinen Schachteln herum, die in dem neuen Logis ſo gut Tiſche, Seſſel und Fußboden bedeckten, wie ſie dies am Morgen in dem Balkonzimmer der Villa gethan hatten. Dem rieſigen Kammerdiener war dieſe raſtloſe Thätigkeit des Barons heute unſtreitig ganz recht, er ermunterte den Herrn noch augenſcheinlich dazu, denn er reichte ihm Schachtel nach Schachtel hin, ohne ihn daran zu erinnern, daß es ſpät ſei. Und es war dies im Grunde um ſo mehr zu bewundern, als Martin faſt nach der Oeffnung einer jeden Schachtel einen neuen Vorwurf erhielt, denn der Baron war darüber aus, ſeine Sammlung zu unterſuchen, die der Kammerdiener am Mittage ſo ſehr in Gefahr gebracht hatte. 193 In ſeinem Eifer gewahrte der alte Herr nicht, daß Martin, obwohl ihn die Denkzettel wenig rührten, ſtets unruhiger ward und von Zeit zu Zeit mit beſon⸗ ders ſcheuem Blick durch eine offene Seitenthür des Gemaches auf die Finſterniß ſtarrte, die im anſtoßenden Zimmer herrſchte. „Siehſt Du,“ knurrte das Männchen,—„da iſt wieder einem bombyx carpini ein Flügel gebrochen, und von meinem ſchönſten polychloros iſt aller Farben⸗ ſtaub herunter! Zum Henker, ich begreife denn doch nicht, wie ein Stückchen bemalte Leinwand Dir ſolchen Schrecken hat einflößen können!— Da ſieh nur, mein größter podalirius iſt auch ruinirt!— War denn der Spitzbube auf dem Bilde dem Hallunken gar ſo ähnlich, der Dich einſt auf den Weg des Schlechten brachte?“ „Haarſträubend ähnlich, Herr Baron!“— mur⸗ melte Martin dumpf,—„der Menſch muß dem Maler geſeſſen ſein, es iſt nicht anders möglich!— Herr Baron, wie ich den Schuft da ſo plötzlich geſehen hab', und die Strafhauskirche dazu, und die Andern, von denen ich mehr als Einen erkannte, da— da hat's mir einen Stich durch das Herz gegeben, da war mir's, als müſſe mir's ein Jeder anſehen, daß ich einer jener Menſchen geweſen, und mir zurufen: Was drängſt Du Dich zu ehrlichen Leuten, was mühſt Du Dich, Dein Verbrechen 194 wieder gut zu machen? Glaubſt Du, daß Alles ge⸗ ſühnt iſt, weil Du Deine Strafe, die das Geſetz über Dich verhängte, überſtanden haſt? Denkſt Du, an Deinen Händen klebe jetzt weniger vergoſſenes Men⸗ ſchenblut, als früher? O mein Gott, Herr Baron, ſo iſt mir's in dem Augenblick geweſen, und ich hab' ge⸗ glaubt, ich müſſe vergehen!“ „Beruhige Dich, Martin!“ antwortete das Männ⸗ chen ernſt.—„Ich ſehe nun, daß jenes Bild furcht⸗ bare Erinnerungen in Dir wachrufen mußte, wenn ich auch vorhin das Gegentheil ſagte,— ich ſehe es ein, mein armer Burſche, aber einer ſolchen ſchmerzlichen Ueberraſchung halber haſt Du doch nicht Urſache, Dich von Neuem völliger Muthloſigkeit hinzugeben! Martin, wofür hältſt Du mich?“ „Sie ſind die Güte und Menſchenliebe ſelber, Herr Baron!“ erwiderte der Lange bewegt. „Das habe ich nicht wiſſen wollen! Glaubſt Du, ich unterſtütze den Laſterhaften, den Böſewicht? Du langes, ſchwermüthiges Unthier, ſehe ich aus wie Einer, dem es ein Vergnügen macht, bei verruchten Mördern Vaterſtelle zu vertreten?“ „Ach, gnädiger Herr, ich weiß ſchon, worauf Sie, mir zum Troſte, hinzielen wollen! Aber mein Gewiſſen geht härter mit mir um, als Sie es thun! Ich habe in wildem Zorn eine ſchlechte Kanaille getödtet, das iſt wahr, einen Verbrecher, der zu ſterben verdiente, und der früher oder ſpäter in's Zuchthaus gekommen wäre, hätte ich ihn nicht abgethan,—“ „Ja, Martin, und darum ſehe ich auch in Dir keinen Mörder, ſondern ein Werkzeug der ſtrafenden Gerechtigkeit Gottes— Du konnteſt eine abſcheuliche Handlung jenes Menſchen, der in der Welt für ehren⸗ haft galt, nicht ruhig mit anſehen, er fiel durch Dich. Hier leitete Dich, obwohl unter ſchlechtem, verrufenem Volk verwahrloſt aufgewachſen, ein Inſtinkt für Recht, er ließ Dich freilich nach einem ſtrafwürdigen, entſetz⸗ lichen Mittel greifen, aber warſt Du nicht damals ein Halbwilder, Du armer Burſche? Glaubſt Du, die Richter hätten einen ſo milden Spruch über Dich ver⸗ hängt, wenn ſie nicht Dein Verbrechen wie ich würden angeſehen haben?“ „Auch das Blut eines Schurken iſt Menſchenblut, mein guter Herr!“ ſtöhnte Martin.—„Ich habe es vergoſſen, ohne daß ich zur Nothwehr gezwungen ward, und Niemand hat ſich zum Werke der Gerechtigkeit auf⸗ zuwerfen, als der Vollſtrecker des Geſetzes! Kerker und Ketten machen eine That nicht ungeſchehen, ſo wenig wie Reue und Buße! Und daß ſpäter die Schlechtigkeit des Menſchen, den ich tödtete, an's Tageslicht kam und 196 mir einige Kerkerjahre nachgeſehen wurden, was verſchlug das? Man ſagte: Der Mörder war ein braver Burſch’ in Vergleich zu dem Erſchlagenen! Aber was verſchlug auch das? Der Mörder blieb ein Mörder, und als er frei aus dem Kerker ging, da verſagte man ihm überall Unterkommen und Beiſtand, und er wäre nun erſt recht eigentlich auf den Weg des Laſters und Verbrechens herumgetaumelt, wenn Sie ſich ſeiner nicht voll edler Herzensgüte angenommen hätten. Es war ein Wagſtück, Herr Baron, daß Sie ſich mit mir befaßten, Gott ſegne Sie für Ihren Muth,— Sie haben dadurch einen Unglücklichen vor völligem Untergang bewahrt,— Sie haben mehr gethan, ſein Seelenheil gerettet—“ „Zum Henker,“ unterbrach ihn das Männchen in verſtelltem Aerger,—„ich hab' aus Dir einen anderen Menſchen gemacht, Du langes Scheuſal, und doch wirft Dich ein Fetzen Leinwand um, und raubt Dir allen inne⸗ ren Halt? Höre, Martin,“ fuhr der Baron mit herz⸗ licher und dabei doch feſter Stimme fort—„vom erſten Augenblicke an, als ich Dich ſah, bekam ich Macht über Dich, weißt Du auch warum?“ „Ich weiß es ſchon!“ murmelte der Kammerdiener halblaut und tief ergriffen—„Sie waren der Erſte, der gütig und milde mit mir ſprach, und— mich nicht fürchtete— 1e 197 „Das iſt's, es war da was in Deinen Augen, als wir uns begegneten,“ verſetzte der Baron lächelnd,— „was mir ſagte: Bei dem riskirſt Du nichts! Und wie wir nun bei der alten Ruine— es iſt ſchon hübſch lange her, Martin,— ſo plötzlich auf einander ſtießen, und Du mein Geld wollteſt, was wäre da aus Dir geworden, wenn ich Dir Uhr und Börſe gelaſſen hätte und davongelaufen wäre, he?“ „Ich wage nicht, es zu denken!“ antwortete Martin dumpf und den Kopf ſenkend. „Gut, mein Burſche!“ fuhr der Baron ſanft doch entſchieden fort.—„Ich blieb, und ſieh, ich war, was ich bin, ein ſchwaches Männchen, das ſich vor einer Ratte fürchtet und vor einem Rehe die Flucht ergreift. Aber Menſchen hab' ich nie gefürchtet, denn da gibt's keinen, der nicht irgendwo zu faſſen und durch die bezwingende Macht des Guten zu bemeiſtern wäre! Nun denn, mein Langer, auch in Dir liegt dieſe Stärke und glaub' mir, Du wirſt der⸗ einſt den wilden Geſellen, den Mahner Deines Herzens an eine düſtere Vergangenheit, ſo unſchädlich machen, daß er vom ſchwarzen Rieſen zum winzigen Zwerge zuſammen⸗ ſchrumpft, ja, ja, daß er ſo klein wird, wie Du, langes grimmiges Geſchöpf ſeit jenem Tage vor mir wurdeſt!“ Das Männchen lachte freundlich auf und hielt Martin die Hand hin, 198 Der ernſte Koloß beugte ſich über dieſe Hand, er er⸗ griff ſie, er küßte ſie, er ſchluchzte wie ein Kind. Dann murmelte er:„Ich will mich zuſammennehmen, Herr Baron!“ „Gut, gut,“ erwiderte das Männchen, ſich wie ver⸗ legen räuſpernd und die Löckchen von den Schläfen ſtrei⸗ chend.—„Aber ich ſeh's Dir an, Martin, Du haſt noch etwas auf den Herzen!“ Jetzt ſchaute der Rieſe einigermaßen befangen auf. Auch er räuſperte ſich. Dann wiſchte er ſich mit einer ſeiner beiden Hände die Thränenſpuren von den Wangen, wobei er zugleich wiederum einen ſcheuen Blick auf das anſtoßende, finſtere Zimmer warf. Dieſer Blick ward nun vom Baron aufgefangen. „Heraus mit der Sprache, Ungethüm!“ ſagte er lächelnd. Martin ſchnitt eine ſeltſame Grimaſſe; ohne Zweifel wußte er nicht recht, wie er das, was ihn drückte, vor⸗ bringen ſolle. „Gnädiger Herr,“ begann er endlich zu gurgeln,— „Sie dürfen es mir nicht für ungut nehmen, aber ich wäre recht froh, wenn wir in dem neuen Hauſe geblie⸗ ben wären!“ „In der Villa, meinſt Du?“ „Ja, ja 4 199 „Und ich bin im Gegentheil froh, daß wir in's Schloß übergeſiedelt ſind. Hier iſt's luftiger, kühler, und vor Allem wird die kleine Agnes hier meiner Schmetterlingsſammlung nicht ſo oft einen gefährlichen Beſuch abſtatten! Jetzt iſt ihr freilich dennoch übel mitgeſpielt worden!“— ſetzte der Baron mit einem Seufzer hinzu—„Doch reden wir nicht weiter davon! Aber wenn mir recht iſt, ſo warſt Du dieſen Morgen noch ganz für die Ueberſiedlung, Martin. Ich glaube gar, Du fängſt an, Dich hier zu fürchten, mein Goliath?!“ „Ah, Herr Baron, das Bild— das Bild—“ „Es hängt weder hier noch im Zimmer nebenan, wo Du Dein Neſt haſt!“ „Aber— der Herr Baron haben die Wohnung unglücklich gewählt, unglücklich für mich, denn— um zur Treppe zu gelangen, die nach der Villa führt, muß ich— und das wird alle Tage doch nothwendig ein paar Mal geſchehen— durch den Salon, in dem das Ge⸗ mälde hängt!— Das, gnädiger Herr— nichts für ungut— das werd' ich nicht aushalten, ich fühl' das ſchon jetzt, ich werde mich verrathen,— und man ſieht mich hier ohnehin ſcheel an—“ „Freilich, mein Burſche, iſt es nicht gerade noth⸗ wendig, daß wir Deine Lebensgeſchichte an die große 3 4 1 200 Glocke hängen, und ebenſo wenig will ich Dich un⸗ nöthig martern. Du wirſt ohnehin genug zu thun haben, mit Dir ſelber fertig zu werden! Gut, morgen er⸗ kläre ich meinem Schwager, dem Grafen, daß mich— verſtehſt Du?— mich— der Anblick dieſes Ver⸗ brecherbildes unangenehm berühre, und bitte ihn, es für die Dauer meiner Anweſenheit im Schloſſe irgendwohin zu ſtecken, wo es mir nicht zu Geſicht kommen kann. Biſt Du nun zufrieden, Menſch?“ Des Rieſen Miene verklärte ſich, aber doch nicht vollſtändig. Es blieb in ſeinen häßlichen Zügen noch immer ein Theil Sorge hängen. „Der Herr Baron nehmen mir eine große Laſt vom Herzen!“ murmelte er. „So lege Dich jetzt ins Bett und ſchnarche Dein Entzücken nicht gar zu laut aus, hörſt Du? Gute Nacht!“ „Gute Nacht, Herr Baron!“ brummte Martin, aber er rührte ſich dabei nicht vom Fleck, ſondern er ſtand, in ſeiner ganzen Länge aufgerichtet, regungslos da. Aber jeder Muskel ſeines Geſichtes zuckte in eigen⸗ thümlicher Weiſe. Der breite Mund öffnete und ſchloß ſich verſchiedene Male. Martin nahm jedenfalls vergeb⸗ liche Anläufe, ſeinem Herrn noch etwas zu ſagen. 201 Dieſer, der ſchon längſt von ſeinem Kammerdiener ſo weit ausgekleidet war, daß er desſelben nicht mehr bedurfte, hatte dem Rieſen den Rücken gewendet, und war zu einem Tiſch getreten, um ſich einer Schachtel, die er noch in Händen hielt, zu entledigen. An dieſem Tiſche machte er ſich dann noch eine Minute zu ſchaffen, und da fiel es ihm denn plötzlich auf, daß der ſchwere Tritt des Koloſſes nicht hinter ihm zu erdröhnen begann. Das Männchen drehte ſich daher raſch herum und ſchaute erſtaunt zu dem Langen empor, deſſen Geſichts⸗ muskeln noch immer heftig ſpielten. „Was willſt Du denn noch?“ rief der kleine Baron.. „Ach, gnädiger Herr,“ ſtotterte der Rieſe, deſſen für gewöhnlich lederfarbenen Wangen jetzt ein dunkles Roth überzog,„ich habe noch eine Bitte— aber—“ „Du biſt ja heute ein Nimmerſatt? Was gibt's denn?“ 1 Das Männchen brach in ein lautes Kichern aus, denn durch den Ausdruck poſſierlicher Verlegenheit, den die koboldartig abſcheulichen Züge Martin's wider⸗ ſpiegelten, bekam die Phyſiognomie desſelben ein un⸗ widerſtehlich zum Lachen anreizendes Ausſehen. 14 Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 20² „Ach, gnädiger Herr, ich bring's nicht über die Lippen,“ platzte der Lange heraus,„und da— und da iſt's wohl gleich beſſer, wir— wir laſſen es bleiben!“ Nach dieſer mühſam hervorgeſtoßenen klaren und doch zugleich etwas dunklen Auseinanderſetzung begann Martin zögernd ſeinen Rückzug zur Thür anzutreten. Er ſtreckte dabei einen ſeiner unendlichen Arme aus, und ergriff eine der brennenden Kerzen, die ihm zunächſt ſtanden. Dabei aber ſchielte er troſtlos zur Seite und zwar nach jener Schwelle hin, die er zu überſchreiten hatte. „Halt!“ befahl der kleine Baron. Und der Rieſe blieb wie angewurzelt ſtehen. „Ich will Dir ſagen, Martin, was Du nicht her⸗ auszubringen vermagſt!“ fuhr der Baran fort.„Du fürchteſt Dich, dort nebenan allein zu ſchlafen, weil zwei Zimmer weiter das Bild hängt. He, iſt's nicht ſo?“ „Gottes Wunder,“ brummte der Rieſe verblüfft, „der Herr Baron ſchauen Einem bis in Herz und Nieren hinein!“ „Und da ſchämſt Du Dich jetzt, mich zu bitten, ich möge Dir geſtatten, Dein Bettzeug hier auf den Fußboden ausbreiten zu dürfen,— he!“ „Ich ſag' ſchon nichts mehr, es iſt Alles ſo, gnädiger Herr! Aber ich ſchlaf' auch mit Vergnügen 203 auf dem harten Holzgetäfel, wenn nur— der gnädige Herr werden mich auslachen—“ „Geh, Martin,“ verſetzte der Baron, ohne daß ſein mildes, gutherziges Autlitz auch nur den geringſten ſpöttiſchen Zug zeigte,„geh', mein Burſche, ſchleppe Dein Bett hieher! Da ich mit ſo vielen Bewohnern des Naturreiches mein Logis theile, kann ich auch wohl zur Noth einmal einen Elephanten bei mir beherbergen!“ Martin wollte ſeinen Dank ſtammeln, aber er brachte wieder nichts heraus. Eine Grimaſſe, wie zu⸗ vor, war das Reſultat ſeiner Bemühung. Aber er be⸗ ſann ſich nicht lange mehr, ſondern ſchwenkte rechtsum und trat mit dem Lichte in der Hand in das anſtoßende Gemach. Der Onkel Mondſchein blickte ſeinem Diener mit⸗ leidig nach, dann wandte er ſich zu dem Tiſche, dem er während des Geſpräches mit dem Diener den Rücken zugedreht hatte. „Der arme Burſche wird die Vergangenheit nie überwinden!“ murmelte er in ſich hinein.„Und doch iſt er hundertmal mehr werth als ſo Mancher, der ſich mit ſeiner Rechtlichkeit brüſtet, und verdiente weit eher glücklich zu werden als Tauſende, die ſich zu den Ge⸗ rechten zählen!“ 14* 204 Der Baron war gewohnt, ſtets vor dem Ein⸗ ſchlafen ein wenig im Bette zu leſen. Er brachte ſich ſo am leichteſten in den Schlaf. Zu dieſem Zwecke führte er ſtets auf Reiſen verſchiedene Bücher mit ſich. Und weil er ſeit einiger Zeit für Naturwiſſenſchaften ſchwärmte, ſo hatte er jetzt ein ganzes Packet Handbücher der Natur⸗ lehre da. Nachdem Martin das Zimmer verlaſſen, machte der kleine Mann ſich über dieſes Packet her, das auf dem Marmortiſchchen neben dem altmodiſchen Himmelbette lag, in dem mit größter Bequemlichkeit vier Barone Ohne⸗ ſorg Platz gehabt hätten. Er wählte ſich eines der Bücher aus und legte es ſich zurecht. Darüber waren mehrere Minuten ver⸗ gangen. „Der Martin iſt ein completer Narr,“ redete er jetzt vor ſich hin,„erſt kann er nicht aus dem Zimmer finden, und dann bleibt er eine Ewigkeit fort! Ich höre ihn jetzt nicht einmal nebenan!“ Der Baron wendete ſich vom Marmortiſchchen fort und warf einen gleichmüthigen Blick nach der offenen Thür, die zum anſtoßenden Gemache führte. Der Baron ſtutzte. Das Nebenzimmer, ebenſo weitläufig wie das Ge⸗ mach, in welchem der kleine Herr ſich jetzt befand, war 205 ſo finſter wie zuvor, als es Martin noch nicht betreten hatte Auch herrſchte dort lautloſe Stille. Der Baron horchte einige Secunden lang und als ſich nebenan nichts rührte, da ſchüttelte er den Kopf. „Martin!“ rief er mit heller Stimme.„Was treibſt denn Du? Warum kommſt Du nicht?“ Keine Antwort. Die Miene des Barons nahm einen unruhigen Ausdruck an. Er blinzelte ſchärfer zu der Finſterniß hinüber. „Was mag denn mit dem Burſchen ſei?“ mur⸗ melte er haſtig, von Neuem den Kopf ſchüttelnd. Er ergriff eine der brennenden Kerzen und trippelte zu dem anſtoßenden Gemache. Wie er es geahnt, ſo war es. Martin hatte das Zimmer verlaſſen. Das Bettzeug, welches er hatte ſollen in das Gemach ſeines Herrn tragen, war wohl aus dem hölzernen Geſtelle entfernt, lag aber in Unordnung auf dem Fußboden, wie wenn der Diener es in einer Ueberraſchung oder im Schreck von ſich geworfen. Der Baron hielt die Kerze in die Höhe und über⸗ ſchaute das Gemach. Er ſah, daß die Thür, welche ſich ihm gegenüber befand, halb geöffnet ſei. 206 „Hoho,“ ſagte er ſich,„zuvor hatte der Burſche nicht einnal den Muth, ein paar Zimmer von dem Bilde entfernt allein zu ſchlafen, und jetzt hat er ſich am Ende gar aufgemacht, es nochmals anzuſchauen. Es iſt eigen, daß oft die Menſchen ſich zu denjenigen unwiderſtehlich hingezogen fühlen, was ihnen Grauſen erweckt!“ Während der Onkel Mondſchein dieſe Betrachtung anſtellte, durchſchritt er das Zimmer und trat in das nächſte. Auch hier erblickte er Niemanden— aber er bemerkte plötzlich beim Eintreten einen ſchmalen Licht⸗ ſtreiſen. der durch die nächſte nur angelehnte Thür drang. „Er iſt richtig in dem Salon, wo ſich das Bild befindet, oder wenigſtens gleich daneben!“ dachte das Männchen.„Ich muß den Burſchen auf der Stelle vernünftig machen, ſonſt erleb' ich hier noch Dinge mit ihm, die zu nichts Gutem führen!“ Der Baron trippelte zur Thür und ſtieß ſie auf. Da ſah er ſeinen Kammerdiener am andern Ende dieſes Zimmers ſtehen, ſeine Kerze in der Hand und im Begriff, jenen Salon zu öffnen, in welchem das verhängnißvolle Gemälde hing. Bevor noch der Baron den langen Martin an⸗ rufen konnte, hatte dieſer die Thür, an der er gehorcht zu haben ſchien, heftig aufgeriſſen. Und im nächſten Augenblicke hörte das Männchen ſeinen Kammerdiener einen furchtbaren Schrei aus⸗ ſtoßen, ſah, wie der Rieſe mit allen Anzeichen des Ent⸗ ſetzens ſeine Kerze von ſich warf, von der Schwelle zu⸗ rücktaumelte und auf den Fußboden niederſchlug. Beſtürzt eilte der Onkel Mondſchein vorwärts. Jetzt war er am Nartin vorüber und ſetzte den Fuß auf die Schwelle, von welcher der Koloß zurückge⸗ wichen war. 4 Der Baron ſtreckte die Hand mit dem Lichte vor. Er ſah in dem geöffneten Ausgange des Salons eine dunkle Geſtalt ſtehen. Dieſe Geſtalt ward nur ſchwach durch einen Licht⸗ ſchein beleuchtet, der von dem Corridor kam, zu dem der Ausgang führte. Nur einige Secunden lang ward dem Baron der Anblick dieſer Erſcheinung, denn blitzgeſchwind wich ſie jetzt in den Corridor zurück und vor ihr ſchlugen dröhnend die Flügelthüren des Salons zu. Dem Baron war es, als habe er unmittelbar zuvor neben der Ge⸗ ſtalt des Mannes den Saum eines weißen Frauenge⸗ wandes aufleuchten ſehen. Obwohl der Baron die Geſtalt nur wenige flüchtige Momente erblickte, hatte er doch die unheimlichen Züge 208 derſelben, die zum großen Theile ein ſchwarzer Vollbart beſchattete, ziemlich deutlich unterſchieden. Was war aber die Urſache, daß Martin beim Anblicke jener Geſtalt wie ſinnlos zu Boden geſtürzt war, er, der ſtarke Mann, der nie vor einer Gefahr zurückſchreckte? Dieſer Gedanke ging dem Baron durch den Sinn. Das Männchen wendete ſich aber nicht zu ſeinem Die⸗ ner herum, der noch immer hinter ihm auf dem Fuß⸗ boden lag, ſondern überſchritt die Schwelle des Salons. Unwillkürlich glitt der Blick des kleinen Mannes zu dem Gemälde hinüber, welches Martin ſo fürchtete, und ſiehe da— nun erklärte ſich der Baron plötzlich das Entſetzen ſeines Dieners. 1 „Herr des Himmels,“ murmelte der Baron, indem ſeine Augen ſtarr auf einem der Verbrecher des Bildes hafteten,„dieſe Geſtalt, dieſe Züge,— es iſt kein Zweifel— der Mann, der auf jenem Bilde dargeſtellt iſt, ſtand ſoeben noch dort in der Thüre vor mir! Und ein Blendwerk kann es nicht geweſen ſein, eine Sinnestäuſchung— ich ſah ihn ſo gut wie der Martin.“ Der Onkel Mondſchein war trotz ſeiner winzigen Statur und ungeachtet ſeines für gewöhnlich ſchüchternen Weſens in ernſten Momenten vielleicht entſchloſſener und muthiger als Mancher, der ſich mit Geiſtesgegenwart 209 und Kühnheit brüſtet. Der kleine Mann ſetzte ſich darum auch ſogleich nach der Entdeckung in Bewegung, und ſchoß zu der zum Corridor führenden Flügelthür. Er riß ſie auf und ſtarrte auf den Gang hinaus. Da war kein menſchliches Weſen zu erblicken. Der Baron hielt den Athem an und horchte. Er vernahm auch nicht den leiſeſten Tritt. Deſſenungeachtet verließ er die Schwelle des Salons und verfolgte das winkelige Zickzack des Ganges, der bald in einen an⸗ dern, zum weſtlichen Seitenflügel des alten Gebäudes gehörigen mündete. Als er in dieſen letzteren Corridor einbog, da ge⸗ wahrte er, faſt in der Mitte desſelben, einen matten Schimmer, demjenigen gleich, welchen er zuvor hinter der befremdlichen Erſcheinung bemerkt hatte. Der Glanz kam wie direkt aus der Mauer hervor. „Aha,“ ſagte ſich der kleine Mann,„dort führt entweder eine Treppe in's Erdgeſchoß oder zu dem obern Stockwerk des Schloſſes. Jenes falbe Licht ſcheint mir dasjenige einer Blendlaterne zu ſein. Trotz der er⸗ ſchreckenden Aehnlichkeit der Geſtalt mit dem gemalten Verbrecher endet dieſes Abenteuer vielleicht ſehr gewöhn⸗ lich! Wir werden das ſogleich ſehen!“ Der Onkel Mondſchein war nicht völlig von dem überzeugt, was er ſich ſagte, denn unwillkürlich mußte 210 er doch auch wieder denken, daß ganz gut ein paar Spitzbuben in das öde Schloß gedrungen ſein konnten, nach Dingen von einigen Werth zu ſpähen. Aber ob⸗ wohl er weder bewaffnet noch phyſiſch dazu geeignet war, mehrere Strauchdiebe aufzuhalten, ſetzte er doch ſeinen Weg fort. Doch blies er ſeine Kerze aus und ſchlich jetzt mit äußerſter Vorſicht ſo geräuſchlos wie möglich auf den Zehen weiter, mit einer Hand an der Wand vorwärts taſtend. Der Baron befand ſich in unmittelbarer Nähe jener Steintreppe, von welcher aus der durch die kleine Agnes ſo zufällig entdeckte geheime Gang zum Steinbruche führte. Der Onkel Mondſchein wußte von der Exiſtenz dieſes Ganges nichts, denn Karl hatte vorläufig darüber geſchwiegen, dem Kinde und der Gouvernante keinen Vorwurf von Seite des alten Grafen zuzuziehen, viel⸗ leicht aber noch mehr deshalb, weil er befürchten mußte, ſeine und Fräulein Charlottens unterirdiſche Promenade möge dem Papa ein wenig verdächtig erſcheinen. Karl hatte ſich daher vorgenommen, erſt am folgenden Tage ſcheinbar die Entdeckung des Ganges zu machen, das heißt die Hausgenoſſen mit einer Fabel abzufertigen. Nur fünf Schritte etwa von der Corridorecke ent⸗ fernt, um welche er ſchlüpfen mußte, die Treppe zu 211 erreichen, ſtolperte der Onkel Mondſchein. Er ver⸗ urſachte dadurch einiges Geräuſch. Da vernahm er etwas wie ein geflüſtertes Wort in ſeiner Nähe, er ſah den matten Lichtſchimmer an der Mauer des Corridors weiter huſchen und dann ver⸗ ſchwinden. Der Onkel Mondſchein verdoppelte ſeine Schnellig⸗ keit. Nun bog er um die Ecke und ſtand am Fuß der Treppe. Er ſah an der Windung derſelben ein weißes Frauengewand verſchwinden, aber nur wenige Schritte von ihm entfernt gewahrte er, von ungewiß falbem Glanz ſchwach beleuchtet, der aus der weit auseinander klaffenden Mauer drang, dieſelbe bärtige, unheimliche Erſcheinung, welche ſchon an der Schwelle des Salons vor ihm zurückgewichen war. Jetzt hob dieſe Geſtalt den Arm drohend gegen ihn, dann war es, als verſinke ſie in den Mauerſpalt, im Nu ſchloß ſich die Wand wie durch Zauberei, der Onkel Mondſchein ſtand, die ausgelöſchte Kerze in der Hand, betroffen in ſtockfinſterer Nacht, Der kleine Baron wagte ſich nicht von der Stelle, ein eiſiges Rieſeln überlief ihn. „Das iſt übernatürlich!“ murmelte er.„Aber nein,“ ſetzte er nach einigen Sekunden hinzu,„dort wird eine Fall⸗ thür ſein!“ Der Baron tappte einige Stufen nieder und be⸗ taſtete die Wand mit den Händen. Er fühlte nur Quaderſteine. „Dort iſt keine Thür!“ flüſterte er. Er bedauerte jetzt lebhaft, voreilig ſeine Kerze aus⸗ gelöſcht zu haben. Wie ſollte er jetzt durch das Ge⸗ wirre der Gänge in der Finſterniß den Weg nach ſeinen Zimmern finden? „Hier kann ich nicht bleiben!“ ſagte er ſich.„Ich muß auf' Gerathewohl zurück. Vielleicht hat ſich der Martin von ſeinem Schrecken erholt und kommt mir mit einem Lichte entgegen!“ Der Baron tappte wieder die wenigen Stufen hinauf und in den Corridor hinein, den er kaum ver⸗ laſſen. Taſtend ſetzte er ſeinen Weg fort. Er hatte kaum einige Krümmungen des Ganges hinter ſich, da erhellte ſich vor ihm das Gemäuer, ein ſchwerer Tritt ward hörbar und eine tiefe Baßſtimme, die beinahe kläglich klang, rief ihn beim Namen. „Ah, mein Rieſe!“ ſtammelte das Männchen und beſchleunigte ſeinen Schritt. 213 Im nächſten Augenblicke ſtand Martin vor ſeinem Herrn. Der Diener ſah furchtbar verſtört aus. Die koloſſale Fauſt, welche die brennende Kerze trug, zitterte heftig. Die Bruſt des Mannes hob und ſenkte ſich keuchend. „Gnädiger Herr,“ ſtotterte er, das Männchen ſchreckhaft anſtarrend,„Sie haben geſehen—2 „Ja!“ antwortete der Baron.„Komm, Du haſt ein Licht, wir müſſen die Sache auf der Stelle unter⸗ ſuchen. Ich habe den Gauner in eine Mauer hinein⸗ ſchlüpfen ſehen,— dort muß eine Fallthür ſein! Komm!“ „Herr Baron,“ murmelte der Rieſe angſterfüllt, während das Männchen ſich ſeine Kerze an der ſeines Dieners anzündete,„ich beſchwöre Sie, kehren wir in Ihre Zimmer zurück! Wir haben keinen Menſchen ge⸗ ſehen, ſondern ein Geſpenſt!“ „Thorheit! Das Einzige, was mir faſt über⸗ natürlich erſcheint, iſt daß gerade derſelbe Verbrecher, der ſich auf dem Gemälde im Salon dargeſtellt findet, mit dieſen alten Räumen vertraut ſein muß!“ „Was iſt's da zum verwundern?“ ſtöhnte Martin. „Ein Geſpenſt—!“ „Sei kein Narr!“ 214 „Herr Baron— der Menſch mit dem Vollbarte — der ehemalige Gerichtsactuar Brandt— den Sie auf dem Bilde geſehen haben, iſt vor Jahr und Tag im Zuchthauſe zu R. geſtorben— was wir geſehen haben, war alſo ſein Geſpenſt—! „Der Gauner, den wir erblickten, hatte jedenfalls eine ſeltſame Aehnlichkeit—“ „Nein, nein, Herr Baron,— jene Züge ſind mir unvergeßlich—! Er war's— ſein Geſpenſt war's!. Warum er ſich mir hier gezeigt hat— Gott weiß es! — Das iſt jedenfalls eine fürchterliche Vorbedeutung! Ich beſchwöre Sie, Herr Baron, kehren wir um— Ich hab' es längſt gefühlt— in dieſem alten Schloſſe iſt's nicht geheuer!“ „Schäme Dich, Martin! Wer wird außen ein Koloß und innen ein altes Weib ſein! Vorwärts! Wir müſſen die Mauer unterſuchen. Findet ſich dort eine Thür, ſo iſt Deine Geſpenſterſeherei abgethan!“ Der Baron wendete ſich und trippelte den Corridor entlang, durch den er ſeinem Diener entgegengetappt war. Nartin folgte ſeinem Herrn mit Widerſtreben. Bald hatten ſie die Treppe erreicht. Wie genau aber auch der kleine Baron und Martin das Gemäuer unterſuchen mochten, ſie fanden dort keinen Eingang. 215 „Da ſehen Sie's!“ ſtammelte der Koloß, ſich ſchüttelnd.„Es iſt ſo, wie ich's geſagt habe!“ „Sahſt Du neben der Geſtalt ein Frauenzimmer?“ murmelte der Baron nachdenklich. „Nein!“ Der kleine Mann ſtarrte einen Augenblick ſtutzig vor ſich hin. „Es gibt gewiſſe Dinge, Ahnungen, Viſionen, die ſich nicht erklären laſeen—!“ brummte er in ſich hinein. „Das iſt nicht zu läugnen!— Du weißt es alſo ſicher, Martin, daß jener Brandt vor einem Jahre im Straf⸗ hauſe geſtorben iſt?“ „Ich weiß es!“ „Dich Unglücksmenſchen trieb es alſo wieder ein⸗ mal, in der Stille nach Denen zu forſchen, die für Dich überhaupt auf der Welt todt ſein ſollen? „Vergebung, gnädiger Herr! Ich that's zu meiner Beruhigung,— es wird nicht wieder geſchehen! O mein Gott, ich freute mich ſeines Todes, und jetzt— verfolgt mich ſein Geſpenſt!“ „Gehen wir, Martin!“ Der Baron hatte nicht nöthig, dieſe Aufforderung zu wiederholen. Martin folgte ſeinem Herrn, ſcheu hinter ſich blickend. 216 Dem Onkel Mondſchein war aber ebenfalls nicht wohl zu Muthe, obwohl er keineswegs zu den aber⸗ gläubiſchen Naturen gehörte. Als ſie durch den Salon und an dem verhängnißvollen Gemälde vorüber kamen, da bebte der lange Martin, und ſelbſt der Baron ver⸗ mochte nicht ohne ein leiſes Erbeben nach der Ver⸗ brechergruppe hinüberſchielen. Kaum hatten Herr und Diener das mit Schach⸗ teln vollgepfropfte Gemach erreicht, in dem einige Mo⸗ nate zu hauſen der Baron ſich vorgenommen, als ſich Martin zu den Füßen des Männchens warf. „Bei Allem, was Ihnen heilig iſt, Herr Baron, flehe ich Sie an, verlaſſen wir morgen dieſes alte Schloß!“ heulte er.„Sie wollten ohnehin anfänglich nicht hieher!“ Das gutherzige Männchen ſah ſeinen Diener ver⸗ legen an, und murmelte alsdann:„Höre, Martin, das iſt ein wenig viel verlangt, daß ich Deinetwegen—“ „Ach Gott, ich weiß es gnädiger Herr,“ jammerte der Lange, ſein häßliches Geſicht zu einer Verzweiflungs⸗ grimaſſe verziehend,„aber Himmel, was ſoll ich an⸗ fangen? Hierbleiben kann ich nicht, und Ihnen davon⸗ laufen kann ich auch nicht,— nicht um die Welt! Was wär' ich ohne den Herrn Baron?“ 217 „Das iſt ganz gut, aber ich habe ja noch nicht einmal die Fauna der Umgegend hier kennen gelernt. Und dun—“ „O, ich fühl' es, wenn Sie mich zwingen hier zu bleiben, ſo werde ich in einigen Tagen entweder wahn⸗ ſinnig oder ein Selbſtmörder!“ „Zum Teufel, Du wirſt Dich doch nicht unter⸗ ſtehen, Martin?“ ſtammelte das Männchen erſchrocken. „So etwas kommt auf Eins hinaus!— Das iſt der Segen davon, wenn man ſich ſolch ein vorſündflutliches Unthier aufbürdet!— Ich ſoll jetzt zum Sklaven meines Dieners werden! Und das Schlimmſte dabei iſt, daß mich der Kerl mit ſeiner Geiſterfurcht anſteckt! Martin, mein braves Scheuſal, ſeien wir keine Thoren, laſſen wir uns nicht durch eine Sache einſchüchtern, die wir —nicht gleich begreifen. Aber verriegle unſere Thüren, hörſt Du? Bleiben wir die Nacht bei einander! Morgen will ich in aller Früh darauf dringen, daß das ganze Schloß durchſucht werde—“ „Gnädiger Herr, ich beſchwöre Sie, verlieren Sie kein Wort darüber, ich bin überzeugt, das würde mich hier an den Pranger bringen! Meine Vergangenheit käme an's Tageslicht, ich würde mich verrathen, und— mir das Leben nehmen!“ Adolf Schirmer. Ein Familiendämon. I. 15 218 „Satan, langer Satan, fängſt Du ſchon wieder an?“ rief das Männchen in komiſcher Verzweiflung. „Wenn ich mich nur nicht ſchon ſo an den häßlichen Burſchen gewöhnt hätte! Still, Martin, ſei ſtill, ſag' ich Dir! Heule nicht wie ein Kind! Vielleicht ſind die Schmetterlinge von Heiligenbrunn nicht ſo viel werth, wie der ſchlechteſte lucanus cervus meiner Sammlung, — und dann— dann müßten wir freilich ſobald wie möglich unſere Siebenſachen packen und weiter kutſchiren!“ Martin grinste unter Thränen. Er küßte die Hände ſeines Herrn. „Ich verſtehe, ich verſtehe, Herr Baron!“ ſchluchzte er,„der Herr Baron ſind ein Engel!“ „Und Du biſt der leibhaftige Höllenhund!“ murrt das Männchen mit gutherzigem Poltern.„Geh', trag Dir Deine Decken und Polſter hierher, und ſehen wi vor der Hand zu, wie wir mit dem Reſt dieſer Nach fertig werden!“ — Neuntes Capitel. Das Spiel beginnt. Etwa um die ſiebente Morgenſtunde war Alles vor der Villa in voller Bewegung. Dort ſtanden der Graf, Karl, Agnes und die Gouvernante auf dem freien Platze, über den man ſchreiten mußte, um zu den Stallungen zu gelangen, im Halbkreiſe bei einander, und vor ihnen, im grauen Reiſekoſtüme, geſtikulirte der Onkel Mond⸗ ſchein, ſichtlich bemüht, ſeiner ſtaunenden Umgebung etwas einleuchtend zu machen, was ihm ſelber nicht recht einleuchten wollte. Zwanzig Schritte aber von der Gruppe, dem Fahrwege zugewendet, der ſich von der Villa aus durch den Park bis zur Gitterpforte zog, hielt die alte him⸗ melblaue Kaleſche des Barons, mit den rothen Rädern 15* 220 und dem faſt lächerlich hoch angebrachten Kutſcherſitze. Der eisgraue Kutſcher des Onkel Mondſchein ſaß auf dem Bocke und der lange Martin ſtand ſo ſteif wie ein Meilen⸗ zeiger an dem Schlage, den hündiſch treuen Blick auf ſeinen Herrn gerichtet, das häßliche Antlitz ſo finſter und verſchloſſen wie gewöhnlich. Wer den Blick Martin's aber näher geprüft hätte, der würde gewahrt haben, daß er eigenthümlich freudig glänze. Die Reiſekutſche war mit allerlei Koffern und Schachteln bepackt, es war alſo ſicher, daß der Baron Ohneſorg, der kaum erſt in das Stillleben von Heili⸗ genbrunn hineingeplatzt war, ſich anſchickte, mit Sack und Pack wieder abzuziehen. Das Männchen hatte in ſeiner ſchüchternen Manier ſoeben eine gewiß recht ſchöne Phraſe beendigt, da lachte ihm der Graf gerade ins Geſicht. „Liebſter Schwager,“ ſagte er,„wenn ich nicht längſt wüßte, daß Du ein vollendeter Narr, ein Sonderling erſter Klaſſe biſt, ich könnte mich über Dein plötzliches Aufbrechen einigermaßen ärgern! Aber einem,„Onkel Mondſchein“ muß man ſchon Alles hingehen laſſen, der iſt nicht wie andere ver⸗ nünftige Menſchen und ſeine Wetterfahnenphantaſie macht ihn zum ewigen Juden, der nirgend Raſt und Ruhe hat!“ „Es iſt nicht ſchön von Dir, Onkel, daß Du ſo raſch wieder fort willſt,“ bemerkte Karl, der durch das Vorhaben ——— * 221 des Männchens unangenehm berührt ſchien.„Und ich verliere am meiſten dabei, denn ich hätte mir über mehr als eine Sache ſo gern Deinen Rath eingeholt!“ Während Karl dieſe Worte faſt im Unmuth aus⸗ ſprach, glitt ſein Blick unwillkürlich zu der Gouver⸗ nante hinüber. Dieſe ſtand in beſcheidener Haltung da, ſie ſah ein wenig blaſſer aus als gewöhnlich, und hatte den Blick niedergeſchlagen. Als aber das Auge Karls ſich wieder von ihr abwandte, da ſchaute ſie ſcharf und prüfend, jedoch mit Vorſicht, bald den kleinen Baron, bald den Diener deſſelben an. „Hoho, ſeinen Rath haſt Du wollen?“ verſetzte der Graf lachend auf die Worte ſeines Sohnes.—„Welchen Rath kann ein ſo unpraktiſches Weſen geben, wie Dein werther Herr Onkel iſt, der heute nicht weiß, was er morgen thun ſoll, und morgen verwirft, was er heute beſchloſſen hat? Auch noch gegen die mondſüchtigen Einfälle meines Herrn Schwagers ankämpfen zu müſſen, das hätte mir gerade gefehlt! Hab' ich doch genug zu thun, die etwas überſpannten Forderungen Karl's zurück zu weiſen, der wo möglich nach neueſter Manier Haus und Hof verexperimentiren möchte! Ihr Beide hättet uns ſchon warm gemacht, denn Jeder von Euch iſt in ſeiner Weiſe Ideologe, Phantaſt und verachtet eine ruhige Ueberlegung und den Segen der Lebenserfahrung! Dich, Schwager Melchior, zu beſſern, möchte ich mich nicht anheiſchig machen, denn Du biſt ein altes Kind, aber der Karl ſoll bei uns künftig in die Schule gehen, und da iſt's wahrhaftig am Ende das Beſte, ſolch ein Onkel Mondſchein hat keine Gelegenheit, mir drein zu reden!“ Der Graf ſprach dieſe Worte in ſehr heiterer Weiſe, aber es war doch eine gewiſſe Beſtimmtheit in einem Tone bemerkbar, die darauf ſchließen ließ, daß dieſer kleine Sermon im Grunde doch ernſt gemeint und dem Sohne ein Wink ſei. Karl blickte ſtill vor ſich hin, wie Jemand, der ſich einen Zwang auferlegt. Der Onkel Mondſchein aber zeigte ſein gutherzigſtes Geſicht.. „Liebſter Schwager,“ antwortete erbeinahe demüthig, „ich weiß ſehr wohl, daß ich in vielen Dingen unver⸗ beſſerlich bin und praktiſcher ſein könnte, beſonders da, wo es ſich um Gefühle handelt. Mich tröſtet nur Eins,“ ſetzte er lächelnd hinzu und zwar ohne Bitterkeit,— „wahrhaftig, nur Eines, und das iſt, daß es in entſchei⸗ denden Augenblicken viele jener guten Leute, die ſich einer beſonnenen, praktiſchen Lebenserfahrung rühmen, nicht um ein Haar beſſer machen, als ich! Dir, mein guter Schwager, will ich wünſchen, daß ich in dieſem 223 Punkte nie Urſache haben möge, mich über Dich zu erheben!— Und nun, mein Lieber, verderben wir uns den Abſchied nicht durch allerlei Hin⸗ und Herreden. Sagen wir einander lieber noch zum Schluſſe, was den Herzen wohlthut! Ich werde recht fleißig an Heili⸗ genbrunn denken! Ihr laßt mich ungern ziehen, ſagt Ihr, das freut mich innig, und— Ihr mögt mir's glauben— ich gehe ungern.“ „Alle Wetter, weßhalb bleibſt Du dann nicht hier?“ unterbrach ihn der Graf ungeduldig,„Du biſt Dein eigener Herr! Weil Du ſo treibſt von hier fortzu⸗ kommen, kann ich nur annehmen, daß Dich hier irgend etwas verletzte, Dich Jemand beleidigte!— Iſt Dir etwas geſchehen?“ Der Graf blickte den Sohn und dann die Anderen ſeiner Umgebung an. Die Gouvernante verzog keine Miene, ſie hielt nur die Lippen etwas feſter als gewöhnlich zuſammengepreßt. „Nicht doch, Liebſter,“ erwiderte der kleine Baron lächelnd und verlegen, wie zuvor—„Deine Vorausſetzung iſt eine völlig falſche.“ „So ſage wenigſtens ernſtlich, warum Du reiſeſt?“ „Ich gehe— weil— ſiehſt Du, weil ich muß! Es iſt nun einmal ſo— es liegt für mich in der Luft, in— was weiß ich—!“ „Das heißt, Du reiſeſt ab, weil Du ein Narr biſt!“ „Ja, ja, Schwagerchen, weil ich ein Narr bin! Alſo laß mich reiſen, Du haſt's ja vorhin geſagt, daß ich unverbeſſerlich ſei! Muß denn nicht der Onkel Mondſchein immer närriſche Streiche machen, an die ein Anderer nicht denkt? Nenne mich einen Sonder⸗ ling, einen ſpleenbehafteten Lord, und laß mich ziehen! So unerwartet, wie ich Euch heute durchgehe, erſcheine ich vielleicht eines Tages wieder vor Euch, und dann möget Ihr mich ſo freundlich aufnehmen, wie Ihr mich jetzt entlaſſet, dann möge ich Euer Stillleben als ein ungetrübtes wiederfinden! Lebt wohl!“ „Närriſcher Kauz!“ brummte der Graf, dem Schwager die Hand zum Abſchied reichend—„Reiſe mit Gott, und laß von Dir hören!“ Der Onkel Mondſchein drückte Allen die Hände, herzte die ſchmollende Agnes, und ward dann zur alten Kaleſche geleitet. Und nun er in dieſer ſaß, da ſchwenkte er ſein graues Käppchen und lächelte freundlich, während ſeine Augen voll Waſſer ſtanden. Martin aber nahm jetzt ihm gegenüber Platz und grüßte die kleine zurückbleibende Gruppe mit der Miene eines armen Sünders und zugleich biſſigen Ketten⸗ hundes. 225 Und nun die blaue altväteriſche Kaleſche durch den Park rollte, da wiſchte ſich das Männchen die Augen, beugte ſich zu ſeinem Diener vor und murmelte:„Da ſieh nun, Du langes Ungethüm, was Du angerichtet haſt! Bei Gott,“— fuhr er fort, ſich in die Kiſſen des Wagens zurücklehnend—„ſollen denn die Menſchen nie erfahren, daß ich weniger ein Narr bin, als es den Anſchein hat?“ Die kleine Gruppe kehrte während deſſen zur Villa zurück. „Er wird ewig ein Narr bleiben!“ brummte der Graf vor ſich hin. „Ich hoffte einen Mann gefunden zu haben, dem ich mich anvertrauen konnte! Vergebliches Hoffen!“ ſeufzte Karl leiſe in ſich hinein. „Faſt hätten ſie uns in der geſtrigen Nacht er⸗ wiſcht, als Fritz thörichter Weiſe das Bild ſehen wollte!“ ſagte ſich die Gouvernante—„Und nun fahren ſie haſtig davon, ohne daß ſie des nächtlichen Vorfalles mit einem Worte erwähnten! Unerklärlich!“———— Etwa vier Tage ſpäter, und zwar wiederum am Morgen, ſaßen der Graf, Karl, die kleine Agnes und ihre Erzieherin im uns bereits bekannten Mittelſalon der Villa am Frühſtückstiſche. 226 Der Graf blätterte in den Zeitungen, die in aller Frühe angekommen waren. Karl blickte verſtohlen auf die Gouvernante, die ſich liebevoll mit dem Kinde beſchäftigte. Man ſtand im Begriff ſich zu erheben, da räuſperte ſich der Graf. „Wir werden bei unſern Spaziergängen in die umliegenden Wälder einige Vorſicht gebrauchen müſſen!“ ſagte er von dem Journale aufblickend, das er in der Hand hielt—„Ich leſe da ſoeben in der Zeitung, daß ein aus dem Strafhauſe zu R. entſprungener Verbrecher unſere Landesgrenze überſchritten und ſich in dieſe Ge⸗ gend geflüchtet haben ſoll. Die Behörde hat das Signalement des Menſchen veröffentlicht. Karl und die Erzieherin blickten einander ſekun⸗ denlang an. In den Zügen der Letzteren ging auch nicht die geringſte Veränderung vor, außer daß ſie, wie im Einverſtändniſſe, zu dem jungen Manne kaum merk⸗ lich hinüberlächelte. „So, ſo!“ antwortete Karl auf die Bemerkung ſeines Vaters—„Da iſt es ja recht gut, daß ich den zum Steinbruche führenden unterirdiſchen Gang, den ich von dort aus ſo zufällig entdeckte, bei Zeiten ver⸗ ſchütten ließ!“ 227 „Freilich!“ bemerkte der Graf,—„Ein ſolcher Kerl hätte dort recht wohl einen Schlupfwinkel finden können. Du gewahrteſt auf Deinen Streifereien alſo keinen verdächtig ausſehenden Menſchen, der einen ſchwar⸗ zen Vollbart trug und in zerlumpten Kleidern ging?“ Karl tauſchte einen flüchtigen Blick mit der Gouvernante aus. „Nein, Vater!“ ſagte er—„Er wird ſich wohl jenſeits unſerer bewaldeten Höhen in den Forſten um⸗ hertreiben, die nach Bardenfeld zu liegen. Der Menſch kommt ſicher nicht weit, denn unſere Landmiliz iſt gut! Glaubſt Du übrigens nicht, daß wir wohl thun, Vater, auch einige Vorſichtsmaßregeln zu treffen?“ 7„Ja, jal“ verſetzte der Graf,—„Ich werde dem in und dem Amtmann Prale, die ich in erwarte, jedenfalls einen Wink geben. Fräulein Charlotte, man kann nicht wiſſen, weſſen ein desperater Menſch fähig iſt, beſchränken Sie gefälligſt während der nächſten Tage Ihre und der Agnes Spazier⸗ gänge auf den Park.“ „Sehr wohl, Herr Graf!“ erwiderte die Ange⸗ redete.—„O mein Gott, nicht um die Welt möchte ich den kleinen Engel in Gefahr bringen!“ Der Graf warf einen faſt mehr als wohlwollenden Blick auf die Erzieherin und ſagte dann:„Es iſt auch 228 Ihrer perſönlichen Sicherheit wegen, Fräulein! In Heiligenbrunn wird Keiner ſein, den es nicht ſchmerzen möchte, wenn Ihnen ein Leides widerführe!“ Die Gouvernante ſchlug den Blick zu Boden, ſie lächelte verſchämt und anſcheinend verwirrt. In glei⸗ chem Augenblicke öffnete ſich die Thür des Salons. Der greiſe Chriſtoph trat ein. „Herr Graf,“ ſagte der Diener,—„es ſteht Jemand draußen, der direkt von der Reſidenz gekommen iſt. Er nennt ſich Fritz Schwarz und meldet ſich um die in den Zeitungen ausgeſchriebene Sekretairsſtelle.“ „Gut!“ verſetzte der Graf,—„laß den Mann eintreten!“„2* Die Erzieherin erhob ſich von ihrem Seſſel und zog die kleine Agnes mit ſich zu einem der Fenſter des Salons. Ihre Miene war ſanft und heiter, wie immer. Niemand im Salon bemerkte, daß ihre Lippen leicht zitterten. „Er kommt!“ ſagte ſie ſich.—„Das gefährliche Spiel beginnt!“ Ende des erſten Theiles. —— 60 Bibliathek deutſcher Originalromane. 1864.— Neaunzehnter Jahrgang.— 1864. Mit prärhtigem lithagranhirtem Genrebild: „Bapa kommt“ als Gratisprämie. Der neue Jahrgang dieſes bewährten Unter⸗ nehmens, das ſich einer immer ſteigenden Gunſt des deutſchen Leſepublikums erfreut, wird gleich ſeinen Vorgängern Beiträge aus der Feder der an⸗ erkannt beſten Schriftſteller auf dem Ge⸗ biete des ſocialen und geſchichtlichen Ro⸗ Im Oktober d. J. erſcheint der erſte Band vom: 12 „ manes bringen. Für die Gediegenheit des Inhalts ſprechen am beſten die Namen von: Edmund Höfer, Levin Schücking, Guſtav vom See, Amely Boelte, Ernſt Fritze, Moriz Horn(Perfaſſer der„Dämonen“), K. W. Martini, Julius Mühlfeld, Louiſe Otto und Auguſt Schrader, welche ihre Beiträge ent⸗ weder bereits eingeſchickt oder feſt zugeſagt haben. Der Jahrgang erſcheint wie bisher in 24 Bänden à 45 kr. Oe. W.— 10 Ngr., welcher billige Preis Jedermann die An⸗ ſchaffung dieſer reichhaltigen belletriſti⸗ ſchen Bibliothek ermöglicht. Subſcriptionen werden von jeder Buch⸗ handlung entgegengenommen. Wien, im Juli 1863. Herm. Marzkgraf, Verlags⸗Buchhandlung. Im AJuli erſ Buchhandlungen und werden folgende Kalender für 1864: Saphir's Luſtiger Volks⸗Kalender für 1864. Herausgegeben von Adolf Vrennglas(Glussbrenner). Illuſtrirt von Guſtau Heil. Preis(ohne aſtronomiſchen Kalender) 64 kr. Oeſt. Währ. = 10 Sgr. 1 Satyriſche Streiflichter auf Beituerhültniſſe und Dagesfragen, launige Aufſätze und humoriſtiſche Erzählungen, von Künſt⸗ lerhand trefflich illuſtrirt, bilden den Inhalt dieſes beliebten Kalenders, der unter allen ähnlichen Erſcheinungen ſtets den erſten Rang behauptet. chienen und können ſeitdem durch alle berechtigten Kalenderverkäufer bezogen lluſtrirter Jäger⸗Kalender für 1864. Herausgegeben von Ferdinand Freiherrn von Wiedersperg. Preis: 60 kr. Oeſt. Währ.= 8 Sgr. Dieſes nette, mit hübſchen Holzſchnitten gezierte Jahrbuch wird von jedem Freunde launiger und ernſter Schilderungen des Jagd⸗ und Thierlebens mit Vergnügen geleſen werden. Wanderer an der Donan. Oeſterreichiſcher Familienkalender für 1864. 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Das Publikum wird in dieſer intereſſanten politiſchen Broſchüre des vortheilhaft bekannten Verfaſſers, welcher bei jeder europäiſchen Frage vorzüglich das üſterreichiſche In⸗ tereſſe ins Auge faßt, einer aus gründlicher Sachkenntniß hervorgehenden Beurtheilung der Stellung Oeſterreichs zur polniſchen Frage begegnen. Wien, im Juni 1863. Herm. Markgraf, Verlagsbuchhandlung, Stadt, Wollzeil 9. Wmamnrmnrraaaaaaanmmnwnnpnmmmmmmnn ſenlitm 8 9 10 11 12 13 ffffffſfſſn 14 15 16 17 18 8 ☛ 4— 7