—, Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von„. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, b eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſ hinterlegen, welche bei deſſ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ei Entgegennahme e prechende Summe een Zurückgabe von mir zurückerſtattet für wöchentlich 2 Bilcher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Wrr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Schneiderin und Demimonde⸗ Dame. Fünftes Capitel. Schändlicher Betrug. Sechſtes Capitel. Stahl triumphirt. Siebentes Capitel. Pauline und Franz.. Achtes Capitel. Der falſche Zehnkreuzerſchein. Neuntes Capitel. Weidner ſchreitet ein. Zehntes Capitel. Die Entwendung. Eilftes Capitel. Ein Handſtreich. Zwölftes Capitel. Robert. Dreizehntes Capitel. Bei der Gräfin.. Vierzehnntes Capitel. Licht und Schatten. Schlußcapitel... Fabrihanten und Arbeiter oder: Ber Weg zum Zrrenhaufe. —- ——— —— Erſtes Capitel. Zwei Bürgerfrauen. Wir müſſen um einen Tag zurückgehen, und wie⸗ der bei dem Sonntagsmorgen beginnen, an dem Joſeph Stahl ſeine Familie aufforderte, zur Kirche und dann zum Weidneriſchen Hauſe zu fahren, der verwundeten Pauline einen Beſuch abzuſtatten. Die Toilette von Mutter und Tochter beſchäftigte beide etwa eine Stunde, für Damen, wie die Frau von Stahl und Ottilie, nur eine kurze Zeit. 4 Nachdem ſie nun während dieſer Zeit das ganze Dienſtperſonale in Bewegung geſetzt hatten, trafen ſie endlich in vollem Putz wieder im Wohnzimmer zuſammen. Robert hatte die Weiſung ſeines Vaters, da er ſich ſeines Uebergewichtes über dieſen ſicher glaubte, unbe⸗ achtet gelaſſen, und war längſt über alle Berge, als Fabrikanten und Arbeiter. III. 1 2 Mutter und Tochter ſich im kleinen Salon gegenſeitig bewunderten, und einander auf dieſe und jene Verbeſſe⸗ rung an ihrer Toilette aufmerkſam machten, die dann auch mit Hülfe der weiblichen Dienſtboten bewerkſtelligt wurden.. „O mon Dieh!“ ſeufzte die dicke Dame, deren Steinkohlenaugen heute ziemlich mißmuthig und unge⸗ duldig aus den vom zarteſten Roſa angehauchten Fettpolſtern ihrer Wangen herausſchauten,—„das hat man davon, wenn man Alles über Hals und Kopf abthun ſoll. Als ob man nur ſo ohne Weiteres in die Kirche laufen könnte, wo die Leute einen noch mehr mu⸗ ſtern und bekritteln, als auf der Promenade! Stahl hat manchmal ſeltſame Begriffe von savon vivre! Jetzt habe ich mich übereilen müſſen, ich ſchaue gewiß heute abſcheulich aus, nicht wahr, ma ville?“ Die korpulente Dame trat, während ſie ſprach, vor den großen Wandſpiegel des Wohnzimmers, und betrachtete ſich darin von allen Seiten. „Nicht doch, Mama,“ entgegnete Ottilie deren ſchöne, regelmäßige Züge ebenfalls Befriedigung aus⸗ drückten,„ich ſinde Sie gerade heute charmant! Die neuen Seidenlocken ſtehen Ihnen gut, das neue Kleid iſt dieſesmal eng genug in der Taille, und wirft keine Falten unter den Armen, wie Ihr letztes, Sie wiſſen, das von lila Foulard mit den breiten Rüſchen. Wenn ich etwas an Ihrer Toilette ausſetzen möchte, ſo wären es die hoch⸗ rothen Mohnblumen auf dem Hut, und die rieſigen Bouquets des Barège. „Das verſtehſt Du nicht, ma ville!“ verſetzte die dicke Dame kurz und faſt ärgerlich:—„Du hätteſt es am liebſten, wie mir ſcheint, wenn ich mich wie eine alte Frau tragen wollte—1“ „Ja, ja,“ unterbrach ſie Ottilie, ſpöttiſch lachend, „Sie gehören zu den Müttern, welche ihren Töchtern gefährlich werden können! Aber jetzt,“ fuhr ſie in ihrem gewöhnlichen Tone fort,„entſcheiden wir uns einmal für eine Kirche. Wohin werden wir fahren?“ „Nun, zur Univerſität!“ erwiederte Frau Stahl, indem ſie vor dem Spiegel an ihren Hutbändern zupfte, —„Der Pater Klinkowſtröm predigt, wir finden dort die gute Geſellſchaft, ma ville, und ſetzen uns nicht der Unannehmlichkeit aus, neben einer Krämerin oder Handwerkersfrau ſitzen zu müſſen!“ „Aber man kann ſich dort nicht rühren. Mama!“ antwortete Ottilie mit Beſtimmtheit.—„Ich habe kei⸗ neswegs Luſt, mir mein Kleid verdrücken zu laſſen. Wenn wir doch nun einmal in die Kirche müſſen— was mir heute ſehr fatal iſt, Sie wiſſen, des Barons wegen, der zu kommen verſprochen hat— ſo laſſen Sie uns 1* — 4 zur Auguſtinerkirche fahren, der Ander wird dort ſingen, und die Sulzer und der Mayerhofer, haben Sie es nicht geſtern in den Zeitungen angekündigt geleſen? Das wird doch jedenfalls intereſſant ſein, wir haben den An⸗ der ohnehin ſeit dem Winter nicht gehört. Eine Stunde wird damit wohl hingehen, und dann fahren wir zu der Pauline, wenn's denn ſo ſein muß!“ „Ich bin's zufrieden, ma ville!“ ſchnarrte Frau Stahl.—„Wir werden auch bei den Auguſtinern ein Publikum aus der guten Geſellſchaft finden! Reſi, der Fiaker ſchon da?“ „Er hält bereits ſeit einer halben Stunde in der Einfahrt, gnädige Frau! antwortete das Stuben⸗ mädchen. „Nun denn, ſo gehen wir!“ liſpelte die dicke Dame. Mutter und Tochter verließen das Zimmer und rauſchten die Treppe hinunter. Der Fiaker vermochte beide Damen zur Noth aufzunehmen, und rollte dann mit ihnen zur Kirche, wo Frau Stahl und Ottilie ausſtiegen, die Andächtigen vermehren zu helfen, und der Kutſcher den Auftrag erhielt, in der Nähe zu warten. Nach einer halben Stunde etwa kehrten die Da⸗ men aus der Kirche zurück, und fuhren zur Roßau. Am Hauſe Weidner's ließen ſie den Wagen wiederum halten, und ſtiegen zur Wohnung des Fabrikanten hinauf. 5 In dem ſchmalen Korridor des erſten Stockes kam ihnen die alte Köchin der Hausfrau entgegen und führte ſie in das an das Geſchäftskabinet ſtoßende Wohn⸗ zimmer der Familie. Dort war Niemand anweſend denn Weidner war ausgegangen, die Frau aber hatte ihre Wirkſamkeit in der Küche eingeſtellt, und ſaß nun neben dem Bette Paulinens. Als Frau Stahl und Ottilie ſich in dem kleinen, niedrigen Wohnzimmer allein ſahen, blickten ſie mit un⸗ verhelter Geringſchätzung um ſich her. „Sehen Sie nur die elende Einrichtung, Mama,“ flüſterte Ottilie naſerümpfend,„es iſt wahrhaftig nicht anders, als befänden wir uns bei einem Handwerker, und ſelbſt ein ſolcher hat heut' zu Tage faſt beſſere Mö⸗ bel aufzuweiſen, als dieſe Leute hier, die für ſo reich gelten!“ „»O mon Dieh!“ liſpelte die korpulente Dame, indem ſie die kleinen Augen voll Abſcheu umherrollen ließ.—„Es iſt hier gemein, Du haſt recht, man er⸗ kennt den Vogel an ſeinen Federn, ma ville! Und dieſe dumpfe Luft hier! Gib mir Dein Parfüm, Ottilie, und ſchauen wir, daß wir mit dieſer Viſite bald zu Ende kommen!“ Ottilie reichte der Mutter lachend ein Flacon, die es öffnete und daran ſchnob, als gelte es, mit dem In⸗ 6 halt desſelben die kleine knopfartige Naſe gleich auf ein halbes Jahr zu verſorgen. „Man ſtößt mit dem Kopf beinahe an die Decke!“ bemerkte Ottilie über ſich blickend.„Ich begreife nicht, wie man in ſolchen Löchern exiſtiren kann, mir würde ein derartiger Aufenthalt die Bruſt zuſammenſchnüren! Wenn auch der Mann, trotz ſeines Reichthums, an ordi⸗ nären Gewohnheiten feſthält, ſo ſollte doch wenigſtens die Frau ein Einſehen haben, und die Häuslichkeit nach dem Vermögen, nach den Bedürfniſſen unſerer Zeit ein⸗ richten, ſchon des Sohnes wegen, der doch am Ende überall etwas Beſſeres ſieht!“ „Was kannſt Du von einem Geſchöpfe verlangen, das kein savon vivre beſitzt!“ verſetzte die dicke Dame, und fuhr ſelbſtgefällig fort:„Es kann nicht alle Welt wie Deine Mama ſein, ma ville!“. Um Ottiliens Lippen erſchien ein feiner moquanter Zug, ſie ſchien im Begriff zu ſtehen, eine ironiſche Ant⸗ wort zu geben. Doch beſann ſie ſich und ſchüttelte im nächſten Augenblicke unmuthig den Kopf. „Ihr wollt mich aber doch in eine ſolche Familie hineinheirathen laſſen!“ ſagte ſie—„Ehe ich aber einen ſo dummen Streich begehe, Mamia, laſſe ich“— fügte ſie lachend hinzu—„laſſe ich mich lieber von dem Er⸗ ſten, Beſten entführen, falls ich mich nicht anders vor 7 Euren Plänen retten kann, als wenn ich Euch durchgehe. Verſtehen Sie mich, Mama?“ „Still, um Gottes willen, Ottilie!“ rief Frau Stahl, erſchrocken um ſich und beſonders nach den Thü⸗ ren blickend,—„Rede nicht ſo laut und obendrein ſo läſterliches Zeug! Ihr ſeid mein Alles, Du und der Robert, ma ville, und ich werde ja nicht zugeben, daß Euch der Vater in irgend einer Weiſe ſeiner Spekula⸗ tionswuth opfert, o mon Dieh! Ich weiß, Du biſt zu etwas Höherem berufen, Ottilie, ich ſelber habe Dich als Dame von Welt erzogen, und das iſt mein Stolz, den ich mir nicht verkümmern laſſe! Aber der Papa iſt ſo heftig, füge Dich vorläufig, wenn auch ſcheinbar! Dieſer Weidner, de wie ein ordinärer Hundwerker denkt, hat uns nun einmal jetzt durch ſein Geld in der Hand, und falls wir uih weiter ſeiner bedürfen ſollten —! Du verſtehſt mich! Nun, ſo vergeben wir uns ein⸗ mal etwas, und machen dieſem Volke einige Avangen, wenn es die Klugheit gebietet! Wir bleiben doch was wir ſind, ma ville! Ich beſchwöre Dich, behandle den jungen Weidner, der ein ganz artiger Meuſch iſt, nicht augenfällig an b. akadelle!“ „Das habe ich ohnehin nie gethan!“ antwortete Ottilie leicht, indem ſie durch ihre Lorgnette in vor⸗ nehm nachläſſiger Haltung den gedeckten Tiſch muſterte, 8 auf dem bereits Alles zum Mitteagseſſen hergerichtet war. Freilich in Tellern, Gläſern und Eßbeſtecken zeigte ſich da die höchſte bürgerliche Einfachheit, aber in Bezug auf die Feinheit des Tiſchtuches und der Servietten in der That doch kein Unterſchied gegen die gedeckte Tafel eines Kavaliers. „Wahrhaftig,“ ſagte die dicke Fabrikantin mit einiger Ungeduld, während ſie ihrer Tochter das Flacon zurückgab,—„mir ſcheint, man läßt uns hier anticham⸗ briren, als wären wir weiß Gott bei wem?“ Ottilie ſtand im Begriff der Mutter zu antworten, als ſich die Thüre aufthat. Frau Weidner trat ein. Die wackere Frau war auch Sonntags in ihrer gewohnten ſchlichten Weiſe gekleidet. Ihr treuherziges, gewinnendes Antlitz trug den Ausdruck jener inneren Zufriedenheit, die nur Derjenige in ſich fühlt, der ſich bewußt iſt, in ſeinem Wirkungskreiſe nach beſtem Wiſſen und Willen ſeine Pflicht zu erfüllen. Frau Stahl und ſie, welch ein Gegenſatz! Dort ein künſtliches Roth auf den Wangen, ein bitterſüß verzogenes Schwammgeſicht, pomphaft alberne Aufgeblaſenheit, Unnatur bis zur Lä⸗ cherlichkeit, ein Weſen, das weder durch Benehmen noch Aeußeres jene Ehrerbietung einflößt, welche Damen be⸗ anſpruchen dürfen, die in vorgerückten Jahren ihrem Alter gemäß auftreten,— hier die friſche Farbe der 9 Geſundheit im vollen, freundlichen Antlitz, deſſen wür⸗ diges Ausſehen die ſilbergrauen Löckchen erhöhen, eine feſte, zuverſichtliche und doch anſpruchsloſe Haltung, und in der beſcheidenen Kleidung eine Nettigkeit und Sauberkeit, die um ſo wohlthätiger auf das Auge wirkt, als ſie nicht immer bei ältlichen Frauen gefunden wird. Frau Weidner's Züge, die nicht zu heucheln ver⸗ mochten, drückten nur höflichen Ernſt aus, als die bie⸗ dere Frau ihrem Beſuche grüßend entgegentrat. Stahl's Gattin dagegen, während Ottilie ſich zu einem Lächeln zwang, verzerrte ihr bemaltes Fettpolſtergeſicht zu einem Grinſen, das freudige Ueberraſchung und freundſchaft⸗ liche Theilnahme ausdrücken ſollte. Die korpulente Dame ſchickte ſich ſogleich zu einer Umarmung an, ſo ſchwer es ihr auch ankam. Die ehrliche Weidner aber erſparte ihr dieſe Selbſtverläugnung, durch welche Frau Stahl der Famillienpolitik ein Opfer zu bringen ent⸗ ſchloſſen war. Sie hielt die dicke Dame dadurch von ſich ab, daß ſie ihr augenblicklich die Hand entgegenſtreckte, als ſie die Abſicht der Beſucherin errieth. Dieſe ſah ſich nun darauf beſchränkt, die dargereichte Rechte der Haus⸗ frau zu drücken, und ſie that es denn auch mit einem großen Aufwande anſcheinender Zärtlichkeit, indem ſie ſich die Miene gab, als bemerke ſie nicht die etwas ab⸗ wehrende Bewegung der Frau Weidner. 10 „Meine liebe, charmante Frau von Weidner,“ liſpelte die dicke Stahl,„Sie müſſen ſchon verzeihen, daß ich Sie wieder überfalle— o mon Dieh, wie gut ſchauen Sie aus, nicht wahr, Ottilie? Baisez la menk, ma ville! Ich verſichere Sie, wir haben im⸗ mer eine Freude, wenn wir Sie ſehen! Und darf man fragen, wie's dem Herrn Gemal geht? Sie müſſen ſchon entſchuldigen, falls wir uns gerade jetzt zur Unzeit einſtellen ſollten—“ „Nicht im Geringſten,“ unterbrach ſie Frau Weid⸗ ner trocken,„das kann nie zur Unzeit ſein, wenn eine Mutter ſich um das Beſinden ihres Kindes erkundigen kommt!“ „Ja, ja, die Pauline!“ ſchnatterte die dicke Frau weiter.—„Wie geht es denn dem armen Mädchen? Sie thun wahrhaftig ſo viel für ſie, daß wir gar nicht wiſſen, wie wir es wieder gut machen ſollen! Wir kom⸗ men jetzt gerade aus der Kirche, liebſte Frau von Weid⸗ ner,“— fuhr ſie fort, ohne daß ſie eine Antwort auf die Frage nach Paulinen abgewartet hatte—„ich ver⸗ ſichere Sie, das war ein Genuß— ſo oft ich den Ander höre, geht mir das Herz auf, o mon Dieh! Wenn er das hohe bis oder bas ſingt, iſt es nicht zum Aus⸗ halten, ſo ſchön, das ſage ich Ihnen! Sie ſollten ihn hören, Liebſte!“ 11 „Ich gehe nicht in's Theater!“ antwortete Frau Weidner ſo trocken wie zuvor. „Ah, er hat ja heute beim Hochamt geſungen,“ ſchwatzte die dicke Dame weiter,“ ſagte ich's nicht zuvor, Ottilie? Er und der— und die „Die Sulzer und der Mayerhofer!“ half Ottilie aus, indem ſie mit gelangweilter Miene zur Zimmer⸗ decke emporblickte. „Richtig, ja!“ fuhr Frau Stahl fort.—„Wir haben zwei ſehr gute Sperrſitze gehabt— ich wollte ſa⸗ gen Plätze— und ich ſage Ihnen, voll iſt die Kirche geweſen, und lauter noble Leute, ſo was hat auch ſein Angenehmes. Und in welche Kirche gehen Sie für ge⸗ wöhnlich, liebſte Weidner?“ „Wie's kommt,“ antwortete Frau Weidner ernſt und ruhig,„bald hier, bald dort. Ich denke, man kann zu ſeinem Herrgott überall beten, wenn Einem das Herz voll iſt! Und da thut's unſere Kirche in der Roſſan auch, ich habe ja nur einen Sprung bis dorthin. In's Hochamt komme ich ohnehin nur an hohen Feiertagen, denn ich habe faſt den ganzen Tag mit meiner Wirth⸗ ſchaft genug zu thun!“ „Das begreife ich, meine Liebſte,“ ſchnatterte Frau Stahl von Neuem darauf los,„o mon Dieh, alle Tage hat man andere häusliche Sorgen! Sie glauben 12 zum Beiſpiel nicht, was man Alles bedenken muß, wenn man als Frau von Welt nur halbwegs mit ſeiner Toi⸗ lette unter die Damen von savon vivre rangiren will! Danken Sie Gott, Liebſte, daß Sie ſich damit nicht den Kopf anzufüllen brauchen! Aber was ſoll ich arme Frau machen? Man hat vornehme Verbindungen, man wird geſucht, man darf nicht zurückſtehen! Wie ſinden Sie mein neues Kleid? Große Bouquets, die neueſte Mode, iſt erſt von Paris gekommen,— beziehe Alles direkt, man kann hier ja nichts haben! Gott, ſo was ſieht man nicht alle Tage, nicht wahr, Liebſte?“ Frau Weidner blickte die ſelbſtgefällig ſich brü⸗ ſtende Dame ſtarr an, und ſagte dann trocken: „Aber die Pauline werden Sie doch vielleicht wohl anſchauen wollen, nicht ſo?“ „Die Pauline?“ antwortete Frau Stahl verblüfft. —„Ja— nun natürlich— wir ſind ja ihretwegen hieher gekommen, ich und die Ottilie! Es geht ihr alſo gut? Sie wird Sie recht geniren, liebſte Weidner! Man hat alle Augenblicke ein anderes Kreuz mit dem Mädchen!“ Frau Weidner antwortete nicht, ſondern ſchritt der Thüre zu, die in das Nebenzimmer führte. An der Schwelle winkte ſie den beiden Damen, ihr zu folgen. Mutter und Tochter rauſchten der würdigen Hausfrau 13 nach, und traten in das Schlafgemach der Frau Weidner. Man hatte dort die Vorhänge zugezogen, wodurch das Zimmer in Halbdunkel gehüllt war. Pauline lag noch im Bette der Frau Weidner, die ein anderes für ſich an der Wand daneben hatte auf⸗ ſchlagen laſſen. Das Wundfieber war gewichen, ſelbſt die Schmer⸗ zen hatten bedeutend nachgelaſſen, in Folge deſſen war von dem jungen Mädchen ſchon in der Frühe des Sonntags der Wunſch geäußert worden, in einem Wagen nach Hauſe zurückkehren zu dürfen, um ihrer jetzigen, mit wahrhaft mütterlicher Sorgfalt ihr Beiſtand leiſtenden Pflegerin nicht länger zur Laſt zu fallen, aber das hatte die wackere Frau Weidner nicht zugegeben; ſie wußte ja, daß Pauline im elterlichen Hauſe weder Theilnahme noch überhaupt ſonderliche Pflege finden werde.„Sie müſſen noch wenigſtens einige Tage bei uns bleiben,“ hatte Sie geſagt,„damit ſich Ihre Kräfte ſammeln können, und kein Rückfall Ihren Zuſtand wieder ver⸗ ſchlimmere!“ Pauline befand ſich, trotz Ihres leidenden Zuſtan⸗ des, in einer Stimmung, von der ſie ſich eigentlich keine Rechenſchaft geben konnte, und deren ſie ſich auch am Ende nur nnklar bewußt war. Sie empfand eine innere 14 Freudigkeit, die von Zeit zu Zeit beinahe unvermerkt ihr Herz überſchlich, und zu der ſie doch im Grunde keine volle Berechtigung vorhanden glaubte. War es die liebevolle Theilnahme, welche ſie von den Angeſichtern aller dem Weidneriſchen Hauſe Angehörigen herunter⸗ las, was ihr Herz froher erbeben ließ, dieſes arme Herz, dem ſeither nur wenig Beſſeres als Zurückſetzung, Kälte und Kränkung widerfahren war? Oder fühlte es ſich tiefinnerſt durch den Gedanken erhoben, das es im rech⸗ ten Augenblick ſtark genug geweſen ſei, zu einer That ſich aufzuraffen, die einem Geſchöpfe Gottes das Leben rettete? Sicher belebte Paulinens Gemüth etwas von Beidem, und doch lag wohl die eigentliche Urſache dieſer insgeheim aufdämmernden Freudigkeit noch tiefer! War nicht Franz, der Sohn des Hauſes, ſeit das Wundfieber ſie verlaſſen, das nur wenige Stunden angedauert hatte, zu vielen Malen erſchienen, ſich nach ihrem Zuſtande zu erkundigen, und hatte nicht in dieſen ängſtlichen Er⸗ kundigungen, in ſeiner beſorgten Miene, ja in ſeinem ſeltſam bewegt auf ihr haftenden Blicke ſogar ein Etwas gelegen, das mehr auszudrücken ſchien, als gewöhnliches Mitleid? Pauline ahnte nicht, daß der ehrliche Weidner, ſeit ſie im Schlafgemach ſeiner Frau an Wunden dar⸗ niederlag, die der Sohn ebenſo willenlos verurſacht, wie er unwiſſentlich das Herz des Mädchens getroffen, ſeinem 15 Franz offenbart hatte, wie tief ſie Alle ihr verpflichtet ſeien. Aber wenn ſie auch aus den Blicken des jungen Mannes, der jetzt Alles wußte, nur nicht, daß ſie ihn im Stillen liebe, nicht das herauslas, was jetzt neben Ach⸗ tung und Bewunderung für ſie ſein Gemüth zu bewegen begann, ſo erfüllte ſie ſein Anblick doch nicht mit Schmerz allein, wie dies ehedem der Fall geweſen, ja ſie empfand, ſich ſelber unbewußt, eine Art ſtillen Entzückens, durch ihr geſtriges Unglück dem Verurſacher desſelben, und wenn auch nur durch ſein reges Mitleid, wie ſie wähnte, geiſtig näher gerückt zu ſein. Doch wenn auch in Pauli⸗ nen eine ſolche geheime Freudigkeit von Zeit zu Zeit auf⸗ blitzte, ſo gab ſie ſich dennoch nicht im Entfernteſten Hoffnungen hin, denen ſie ja längſt entſagt hatte. Auch verdrängte immer wieder die lebhafte Beſorgniß um The⸗ reſe Ferval und ihr Kind dieſe ſekundenlangen, geheimen, frohen Empfindungen. 3 Frau Stahl und Ottilie traten an das Bett Pau⸗ linens, die den verbundenen Kopf den Beſucherinnen zu⸗ wendete, und dieſe, kaum die Lippen regend, grüßte. „0 mon Dieh,“ rief Frau Stahl, das bleiche Antlitz des jungen Mädchens anſtarrend,„die ſchaut ja aus, daß man ſich oördentlich vor ihr entſetzen möchte!“ Ottilie blieb einige Schritte vom Bette entfernt 16 ſtehen, ſah gleichgültig auf ihre Schweſter, und ſagte: „Wie geht es Dir?“ Pauline verzog keine Miene. „Gut!“ antwortete ſie der Schweſter. „Warum ſtehſt Du nicht auf und kommſt nach Hauſe, he?“ fragte Frau Stahl in hartem Ton. Im nächſten Augenblickſich aber rinrernd, daß ihr Gatte ihr befohlen habe, ſich vor Weidners einigermaßen rückſichts⸗ voll gegen Pauline zu benehmen, fuhr ſie etwas ſanfter fort:„Das kann aber wohl nicht ſein, Kind. Du wirſt Dich ſchonen müſſen, eun Du ſchauft wahrhaftig ſchreck⸗ lich aus, kann ich Dir ſagen!“ „Ei was,“ Nicß Frau Weidner ungeduldig, die zu Füßen des Bettes ſtehen geblieben war,„wenn Sie dem armen Mädchen nichts Angenehmeres zu ſagen wiſſen, als dies, da wär's ja beſſer geweſen, ſie wären gleich nebenan im Vorzimmer geblieben. Wenn man an Kopf und Schulter verwundet iſt, und das Wundſieber hat, dann kann man freilich nicht wie Milch und Blut aus⸗ ſchauen, das iſt eine alte Geſchichte, außer man ſtreicht ſich's Geſicht an, wie's die Leute thun, die unbemalt, auch wenn ihnen nichts fehlt, ausſehen mögen, wie„ein Geiſt an der Wand!“ Geſcheidter wär's, nehmen Sie es nicht für ungut, Sie ſagten der armen Pauline ein freundliches Wort, für das, was ſie geſtern gethan hat, 17 unſer Herrgott ſegne ihr's, denn ohne ihren Muth und ihre Aufopferung wäre der arme Bube verloren ge⸗ weſen!“ „Ja, ja,“ verſetzte die korpulente Dame, über die Zurechtweiſung pilirt, trotz der Vorſchrift ihres Gatten in ſpitzem, gereiztem Tone,„ich begreife, daß, wenn Pauline nicht geweſen wäre, Ihr Herr Sohn durch den Vorfall viele Ungelegenheiten hätte haben können—!“ „Ungelegenheiten?“ unterbrach ſie Frau Weidner. —„Es thut mir leid, wenn Sie bei einem Menſchen⸗ leben, das in Gefahr geſchwebt hat, auf weiter nichts denken können, als auf die Ungelegenheiten, die daraus hätten entſtehen können, wenn es verunglückt wäre! Reden wir nicht weiter davon, ich bitte Sie,“ fuhr ſie trocken fort—„wir werden uns in dieſem Punkt doch nicht ver⸗ ſtehen. Mein Franz denkt, Gott ſei Dank, wie ſeine Mutter, und ihm iſt's, wie mir, als hätte die gute Pau⸗ line in dem Buben uns ſelber das Leben gerettet!“ Frau Weidner nickte dem blaſſen Mädchen voll Herzlichkeit zu. Pauline aber richtete ihre großen dunklen Augen bittend auf die wackere Frau, als wollte ſie ſa⸗ gen:„Laſſen Sie's gut ſein, was habe ich denn Großes gethan?“ Frau Stahl aber verlor etwas von ihrer zuver⸗ ſichtlichen Haltung, während ſich Ottilie mit gleichgültiger 2 Fabrikanten und Arbeiter III. 18 Miene zur Mutter wendete, auf ihre Uhr blickte und dann gelaſſen ſagte:„Es iſt Zwölf vorüber, Mama, und Sie haben den Tiſch nebenan gedeckt geſehen, fallen wir nicht länger läſtig!“ „Du haſt recht, ma ville!“ liſpelte Frau Stahl, welche inzwiſchen in Erwägung gezogen hatte, daß ſie unter den obwaltenden Umſtänden ſchon Einiges von der ſchlichten Weidner hinnehmen müſſe, und daß dieſe in Bildung und„savon vivre“ zu weit unter ihr ſtehe, als daß ſie nöthig hätte, ſich einer ſolchen Perſon halber zu ereifern oder ſich ihr gegenüber in weitläufige Er⸗ örterungen einzulaſſen.—„Wir dürfen nicht länger beſchwerlich ſein! Aber Eins noch!“— fuhr ſie fort, ſich zu Pauline wendend.—„Ich will nicht mit Dir dar⸗ über rechten, daß Du Dich wieder einmal in Dinge ge⸗ miſcht haſt, die Dich nichts angehen— ich bin das an Dir gewohnt, es hieße meine Worte an Dich verſchwen⸗ den, und überdem haſt Du's nun dafür, daß Du da mit zerſchundenen Gliedern liegen mußt, aber wiſſen möchte ich denn doch, und Dein Vater auch, was Du denn ge⸗ ſtern um Zwölf ſo Wichtiges in der Roßau zu thun ge⸗ habt haſt?“ Zweites Capitel. Der erſte Verdacht. Als Frau Stahl geendet hatte, ließ ſich im Neben⸗ zimmer das Geräuſch von Tritten vernehmen. Die Thür öffnete ſich, Weidner trat ein, noch den Hut in der Hand. „Da kommt mein Mann,“ ſagte Frau Weidner, deren Ungeduld auf's Höchſte geſtiegen war,„der kann Ihnen am beſten ſagen, was Ihre Tochter geſtern zu uns ſührte. Ich muß Ihnen überhaupt bemerken, daß der Arzt dem Mädchen das viele Reden verbietet. Sie wer⸗ den daher wohl als Mutter ein wenig Rückſicht nehmen und Ihre Tochter nicht in ſolchem Zuſtande examiniren.“ „O mon Dieh, Liebſte, Sie begreifen doch,“ liſpelte Frau Stahl verwirrt und gereizt zugleich,„daß ₰ 20 einer Mutter die heimlichen Wege einer Tochter nicht gleichgültig—“ „Aha, darum handelt ſich's hier?“ unterbrach ſie Weidner trocken, indem er näher trat.—„Guten Tag, Frau von Stahl!“ „Liebſter Weidner, ich bin entzückt—!“ begann die dicke Dame. „Laſſen wir das Entzücken einen Augenblick beiſeite, wenn Sie erlauben,“ ſchnitt Weidner die Rede der Frau Stahl ab.—„Ich glaube kaum, daß die gute Pauline ſich heimlicher Wege, wenn von ſolchen überhaupt bei ihr die Rede ſein kann, mehr zu ſchämen hätte, als manche Dame ihrer öffentlichen, mag ſie ſich auch mehr dünken, als das liebe Kind dort! Aber was ſehe ich, Frau,“— fuhr er lächelnd zu ſeiner Gattin fort,—„haſt denn Du ſo ausgezeichneten Gäſten, wie die Frau von Stahl und das Fräulein Ottilie, nicht das Sitzen angetragen?“ Ottilie blickte auf Weidner, indem ſie leicht die Stirne runzelte,— denn ſie begriff wohl, daß der Fabri⸗ kant nur ſpotte. Nicht ſo die beſchränktere Frau Stahl. „Wir danken, mon cher,“ antwortete ſie, nach ihren Begriffen herablaſſend und zeremoniell wie eine Fürſtin, zugleich die Frau Weidner voll Genugthuung anblinzelnd,„wir ſind nur ſo flüchtig, im Vorbeigehen, hier, nach der Pauline zu ſchauen!“ 21 „Ich begreife,“ verſetzte Weidner in ſeinem trocke⸗ nen Humor,„daß eine ſo vielfach in Anſpruch genom⸗ mene Dame, wie Sie, nur über Sekunden verfügen kann, ſelbſt da, wo es ſich um eine leidende Tochter handelt. Sie können übrigens auch verſichert ſein, daß hier für Pauline geſchieht, was nöthig iſt.“ „Mein Mann wird Ihnen mit Vergnügen Ihre Auslagen zurückerſtatten, liebſter Freund!“ liſpelte Frau Stahl.—„Nur bitte ich, uns das Mädchen nicht zu verwöhnen!“ „Sie meinen in Bezug auf Herzlichkeit und Theil⸗ nahme—? „Wie ſagen Sie? Ja, Ottilie, ma ville, wir müſſen uns wohl jetzt empfehlen. Wir haben geſehen, daß Pauline, wie es ſich auch erwarten ließ, hier Alles hat, was ſie nur wünſchen kann!“ „So ziemlich,“ verſetzte Weidner lächelnd,„ſelbſt mütterliche Pflege, Frau von Stahl, denn meine Frau hat ſchon Zeit dazu, mein Gott, ihr beſcheidener Wir⸗ kungskreis iſt ja nicht der Ihre!“ Während Weidner ſprach ward einige Male leiſe an die Thür gepocht, und nun der Fabrikant geendet hatte, blickte er dorthin. „Hat nicht Jemand geklopft?“ fragte er. Das Pochen wiederholte ſich. 22 „Wer iſt da? Herein!“ rief Weidner. Die Thüre öffnete ſich langſam, Landsberger trat zögernd ein. „Ich bitte um Vergebung, Euer Gnaden,“ begann der Alte,„daß ich bis hierher komme, aber ich hätte ein paar Worte mit dem Herrn zu reden, und möchte nicht gern bei Tiſche ſtören!“ „Gleich, mein Freund!“ antwortete Weidner. „Ich werde alſo draußen warten, gnädiger Herr!“ „Bleibt nur gleich hier!“ verſetzte Weidner, welcher hoffte, daß Frau Stahl ſich nun um ſo eher mit ihrer Tochter entfernen werde. Die Erſtere blinzelte den Eingetretenen an. „Iſt das nicht einer unſerer Arbeiter?“ fragte ſie verwundert. „Er iſt's geweſen!“ antwortete Weidner. „Ja, Gott ſei Dank!“ murmelte Landsberger ſehr verſtändlich. Die Gattin Stahl's warf deu Kopf in die Höhe. „Von morgen ab iſt dieſer Mann Hausmeiſter bei mir!“ bemerkte Weidner lächelnd.—„Es ſcheint, meine Verehrte, ich werde von der Tochter bis zum Arbeiter dem ganzen Perſonale Ihres Hauſes Quartier geben müſſen! Doch richtig,“ fuhr er ernſter fort—„ich er⸗ innere mich, Sie wünſchen ja zu wiſſen, was Pauline hierher führte? Sie kam wegen Ihrer Couſine Ferval zu uns.“ Die kleinen Blinzelaugen der Frau Stahl erwei⸗ terten ſich. Landsberger horchte aufmerkſam, als er den Namen „Ferval“ hörte. 3 Pauline aber richtete ſich mühſam im Bette auf und blickte in lebhafter Spannung auf den Fabrikanten. „Waren Sie dort, Herr von Weidner?“ ſagte ſie mit einiger Anſtrengung. „Drei Mal, mein Kind!“ verſetzte der Angeredete. —„Ich komme ſogar jetzt direkt aus der Kaiſerſtraße. Aber immer fand ich die Thüre verſchloſſen, und mußte unverrichteter Sache wieder umkehren.“ Während Weidner ſprach bemächtigte ſich der dicken Dame eine heftige Unruhe. Ottilie blickte den Fabrikan⸗ ten ſcharf an. 4 3 „Wie!“ ſtotterte Frau Stahl mit einer Stimme, der die innere Beklemmung der Dame anzuhören war. —„Sie ſuchten Ferval auf? Nach dem Wunſche Pau⸗ linens, wie es den Anſchein hat, denn Sie— Sie ſelber kennen ja die Leute kaum!“ „Sie werden ſich erinnern,“ entgegnete Weidner, „daß ich an jenem Abend zugegen war, als Ihr Vetter zu Ihnen ins Zimmer ſtürzte, Ihnen die Nachricht von 24 einem entſetzlichen Attentate brachte, das an ſeiner Frau im Pötzleinsdorfer Gehölze verübt worden war und Sie beſchwor ſich der Armen anzunehmen, was denn“— fügte er mit Nachdruck hinzu—„J. dre Tochter Pauline mit edler Entſchloſſenheit that. Nun denn, ich empfand von jenem Augenblicke an Theilnahme für die jungen Leute, obwohl ich ſie nur flüchtig kenne, wie Sie ganz richtig bemerkten. Ich erfuhr durch meinen Buchhalter, als er mit dem Gelde, das ich Stahl ſandte, in Ihrem Hauſe geweſen war, die glückliche Wendung des Unfalls, und freute mich darüber vielleicht ſo lebhaft wie Sie, meine Liebe!“ „Ach, wir waren ſo glücklich!“ betheuerte Frau Stahl, auf welche dieſe ganze Erörterung augenſcheinlich einen peinlichen Eindruck machte. „So!“ fuhr Weidner trocken fort.—„Da wun⸗ dert's mich in der That, daß Pauline ſich geſtern zu mir bemühte, um mich zu beſtimmen, jene Fervals mit der Frau von Heuber auszuſöhnen, die, wie ich durch Ihre Tochter weiß, mit ihnen wegen einer unterbrochenen Taufhandlung zerfallen iſt!“ „Wie! Deshalb iſt Pauline gekommen?“ rief Frau Stahl, einen giftigen Blick auf die leidende Tochter ſchießend.—„Das hat ſie gethan? Hinter unſerm Rücken—!“ 4 25 „Ich verſtehe,“ unterbrach ſie Weidner kalt,„Sie wollten ſich ein Verſöhnen der Betreffenden in verwandt⸗ ſchaftlicher Theilnahme ſelber vorbehalten. Es mag das der guten Pauline nur ein Bischen zu lange gedauert haben. Die Jugend iſt freilich ungeduldig!“ „Der Weg zu Ihnen war ohnehin nutzlos,“ ant⸗ wortete die dicke Dame mit vor unterdrücktem Zorn be⸗ benden Lippen,„denn Fervals und die Tante Heuber ſind ſeit geſtern verſöhnt—“ Pauline ſank mit freudigem Ausruf in die Kiſſen zurück. „Damit das Kind nach katholiſchem Brauche ge⸗ tauft werden könne, hat Ferval nachgegeben und wird ſich trauen laſſen!“ fuhr Frau Stahl ingrimmig fort, —„Seit geſtern iſt Thereſe bei der Tante!“ „Deshalb alſo fand ich heute ſtets die Thüre ihrer Wohnung verſchloſſen!“ ſagte Weidner mit einem Blick auf Pauline.. „Gelobt ſei Gott!“ murmelte dieſe, die Hände faltend. Ihre nervöſe Reizbarkeit war noch ſo bedeutend, daß ſie beinahe krampfhaft zu ſchluchzen begann. Frau Stahl blickte mit einem Gemiſch von Scheu und ſchlecht verhaltener Wuth auf Pauline. „O mon Diekh,“ ſagte ſie,„mir ſcheint, dieſes 26 Mädchen bekommt vor lauter Theilnahme für Fervals hi— ſt— hiſtoriſche Anfälle!“ „Gehen wir, Mama!“ drängte jetzt Ottilie, welche während der ganzen Zeit die Gleichgültige geſpielt hatte, während ſie kaum noch vermochte, ihre üble Laune im Zaume zu halten. „Oui, ma ville!“ ſtieß die dicke Dame hervor— „Liebſte Weidner, wird mich freuen, wenn Sie ſo char⸗ mant ſein wollen, uns bald einen Gegenbeſuchzu machen! Herr von Weidner, Ihre ergebene Dienerin? Warum läßt ſich Ihr Franz nicht mehr bei uns blicken! Meine Ottilie, das gute Kind, fürchtet ſich, ihn auf irgend eine Weiſe gekränkt zu haben! Sie iſt ſo an ſeine Beſuche gewöhnt,— ich finde das arme Kind ſeit einigen Tagen zerſtreut, niedergeſchlagen—!“ Ottilie ſah in dieſem Augenblicknichts weniger als zerſtreut und niedergeſchlagen aus, im Gegentheil flammte ein gewiſſer Hochmuth in ihrem Blick, während von ihr die Rede war. Weidner und ſeine Frau gaben ſich den Anſchein, dieſes nicht zu bemerken. „Das Fräulein wird ſich wohl noch ein wenig ge⸗ dulden müſſen,“ ſagte er trocken,„denn mein Sohn hat jetzt mit ſeinem erſten Bau zu thun, und kann vorläufig nicht auf Nebenſachen denken!“ 27 „Mama, gehen wir doch!“ murmelte Ottilie jetzt ungeſtümer.—„Du hörſt ja,“— flüſterte ſie, nur ihrer Mutter vernehmlich—„man legt es hier darauf an, uns zu demüthigen!“ „Ja ja, ma ville!“ ſtotterte die Gattin Stahl's, die in der That in dieſem Augenblick roth wie ein Krebs erſchienen wäre, hätte die dickaufgelegte Schminke nicht bei ihr jeglichen Farbenwechſel ihres Angeſichtes ver⸗ hüllt.—„Adieu, Pauline! Schau, daß Du bald nach Hauſe kommſt, das ſage ich Dir! Wenn Du einmal erſt wieder auf biſt, werde ich ſchon dafür ſorgen, Dir Deine hiſtoriſchen Grillen zu vertreiben!“ Frau Stahl ſchritt haſtig zum Bette und ſtreckte eine ihrer behandſchuhten Fetthände der liegenden Tochter zum Handkuß hin. Dieſe aber, die ſich erſchöpft fühlte, hatte die Augen geſchloſſen und murmelte nur:„Leben Sie wohl, Mutter!“ Nachdem die dicke Frau ſo einige Sekunden lang die Hand vergeblich ausgeſtreckt hatte, zog ſie dieſelbe unwillig zurück. „Ihre Dienerin!“ ſchnob ſie Weidners zu und rauſchte, von Ottilien gefolgt, die dem würdigen Paare vornehm zunickte, ohne ihre Schweſter eines Blickes zu würdigen, zur Thüre hinaus. Das Wort„Närrin!“ ſchwebte Weidner auf der 28 Lippe, aber er bezwang ſich in Gegenwart Paulinens und ſagte ſeiner Frau gelaſſen:„Kathi, begleite ſie hin⸗ aus! Wir wollen den Anſtand nicht verletzen!“ Dann trat er zu Paulinen an das Bett. Das Mädchen ſchlug die Augen auf. „Wie iſt Ihnen, liebes Kind?“ fragte er ſanft. „Ich leide!“ flüſterte Pauline matt. „Der Beſuch Ihrer Mutter hat Sie angegriffen!“ antwortete Weidner wohlwollend.—„Ei, grübeln Sie nicht weiter darüber nach, Paulinchen! Eine Sorge ſind Sie los, denn Ihren Freunden geht es gut, ſchlagen Sie ſich alſo die anderen aus dem Kopf! Meine Alte iſt bald wieder bei Ihnen, und dann— das Eſſen wird ſchon auf uns warten,— gibt's etwas Stärkendes. Mit der leiblichen Kraft kehrt auch die Zuverſicht zurück! Und nach Tiſche, damit Sie uns keine Grillen fangen, wie die Mutter meint, ſchicke ich Ihnen noch zu der Alten den Franz herein. Der Burſche mag mit Ihnen plaudern, er iſt geſcheidt, da wird ſchon die Zeit vergehen!“ Weidner lächelte ſo freundlich und ſeltſam bei den letzten Worten, daß es Paulinen heiß um's Herz wurde. Sie ſchlug die Augen nieder, eine leichte Röthe däm⸗ merte an ihren blaſſen Wangen auf. Weidner aber drehte ſich herum, und erblickte ſei⸗ ——— 29 nen zukünftigen Hausmeiſter, der noch immer kerzenge⸗ rade neben der Thüre ſtand, und eines Winkes harrte. „Ja ſo, da ſteht der noch immer!“ ſagte der Fabri⸗ kant.—„SIch hatte auf Euch ſchon vergeſſen, Freund! Nun, was wollt Ihr?“ „Ich habe eine Bitte, Euer Gnaden,“ begann Lands⸗ berger,„aber es iſt kurios, ich traue mich nicht recht da⸗ mit heraus!“ „Warum denn nicht? Habe ich wohl jetzt gar ſo ein bärbeißiges Geſicht, he?“ „Das nicht, Euer Gnaden! Aber ich fürchte, Sie möchten mir meine Bitte abſchlagen. Und es liegt mir, gerade heraus, mehr daran, als Euer Gnaden ſich den⸗ ken mögen.“ „Ja, Freund, ich kann mir vorläufig noch gar nichts denken, bis Ihr zu Eurem Anliegen das Maul aufge⸗ macht habt. Alſo vorwärts damit!“ „Nun denn in Gottes Namen! Ich habe mir vor⸗ hin die Hausmeiſterwohnung angeſchaut—“ „Und ſie gefällt Euch nicht, ſo wie ſie da iſt?“ „Gott behüte, Euer Gnaden. Habe ich doch mein Lebtag nicht ſo gewohnt, als ich dort logiren werde! Aber ein Kämmerchen iſt da zu viel, Euer Gnaden.“ „Ihr ſeid ein närriſcher Kerl, Alter! Ich kann 30 Euch das Kämmerchen doch nicht von der Wohnung weg⸗ ſchneiden laſſen!“ „Freilich nicht, Euer Gnaden! Aber— und nun kommt meine Bitte— ich möchte das Kämmerchen gern fortgeben— nicht, daß ich einen Profit davon haben wollte, ich denk' nicht daran— dem Schulhof⸗Anton möchte ich es überlaſſen, unentgeltlich!“ „Dem Anton, der wieder bei mir arbeitet?“ „Ja, Euer Gnaden, und das hat ſeine eigene Be⸗ wandtniß. Ich habe den Burſchen ſo gern, als wäre er mein eigen Kind, und da hätte ich ihn am liebſten ſo viel wie möglich unter meinen Augen, denn— es iſt da mit ihm nicht ganz richtig!“ Und Landsberger wies auf ſeine Stirn. „Was der Teufel! rief Weidner erſtaunt.—„So iſt er verrückt?“ „Noch nicht. Aber er könnte das leicht werden, wenn man ihn ſich ſelber überlaſſen wollte!“ „Ei, ich habe doch dieſer Tage bei der Arbeit nichts Sonderliches an ihm bemerkt. Er iſt ſtill und fleißig—“ „Ja, bei der Arbeit, ich glaub's ſchon. Aber außer der Zeit—! Euer Gnaden werden ſich erinnern, daß er früher mit meiner Tochter, der Julie— Euer Gnaden kennen ja die Geſchichte—“ „Ja, ja, mit der jetzigen— Gräfin, oder was ſie vorſtellt—!“ „Mag die Gräfin verdammt ſein—“ „Bleibt bei der Sache, Freund. Was iſt's mit dem Anton?“. „Mein Gott, Euer Gnaden, er kann die Julie nicht vergeſſen, obgleich er mir's verſprochen hat. Ich hab's ihm angemerkt. Und da— wie geſagt— da hätte ich ihn gern unter den Augen— er hört doch auf mich— und wenn mir da Euer Gnaden erlauben wollten, wegen der Kammer—“ „Gut, Freund. Thut nach Euerem Belieben, ich lege Euch da nichts in den Weg. Und hört, was ich Euch von Vorſchriften für's Haus zu ſagen habe, kann mor⸗ gen geſchehen, ſobald Ihr mit Sack und Pack eingezogen ſeid. Jetzt geht mit Gott!“ „Ganz wohl, Euer Gnaden!“ Aber Landsberger ging nicht, ſondern blieb an der Thüre ſtehen, drehte die Kappe in den Händen, ſchaute in einiger Verlegenheit auf den Fabrikanten, und räu⸗ ſperte ſich zu verſchiedenen Malen. „Mir ſcheint,“ ſagte Weidner lächelnd,„Ihr habt da noch etwas auf dem Herzen, was nicht los will!“ „Euer Gnaden haben da vorhin— ich hörte—“ Landsberger ſtockte, warf erſt einen Blick auf Pau⸗ 3² line, die mit geſchloſſenen Augen dalag, und dann auf den Fabrikanten. „Element, Freund,“ rief Weidner lachend,„das iſt ein unverſtändlicher Anfang!“ „Bitte um Vergebung, Euer Gnaden,“ begann Landsberger von Neuem,„aber was ich zu ſagen habe, kann ich nur vor Euer Gnaden allein—* Landsberger ſtockte zum zweiten Male, warf wie⸗ derum einen Blick auf Pauline, wies mit dem Daumen auf ſie hin, und ſtreckte dann ſein ehrliches Geſicht zu Weidner vor. „Es betrifft Herrn von Ferval, von dem hier vor⸗ hin geſprochen wurde,“ ſagte er ſo leiſe, daß die Worte nur Weidner verſtändlich ſein konnten—„und da möchte ich lieber—“ Landsberger hielt nochmals inne. Der Fabrikant aber ſah ſeinen künftigen Hausmeiſter groß an. Dann ſagte er:„So, ſo! Kommt mit mir!“ Und Weidner verließ mit Landsberger das Schlaf⸗ gemach. Im Wohnzimmer ſtießen ſie auf die Frau des Hauſes, welche vom Korridor zurückkehrte. „Dieſer da hat noch ein paar Worte mit mir zu reden, Kathi!“ ſagte Weidner—. Laſſe daher die Suppe 5 99 00 nicht auftragen. Und wird denn der Franz ſchon zu Hauſe eiu?. 4„Freilich! Iſt er heute doch gar nicht fortgegangen!“ war die Antwort.—„Er ſitzt in ſeinem Zimmer und zeichnet fleißig.“ Ueber Weidner's treuherzige Züge glitt ein Schim⸗ mer freudiger Regung. „Geh' vorläufig zu der Pauline hinein, Alte!“ ſagte er.—„Ich denke, unſer Geſpräch wird nicht ſo lange dauern, he, Landsberger?“ „Will mich ſo kurz wie möglich faſſen!“ entgegnete dieſer. „Nun denn, ſo kommt!“ Während die Hausfrau das Schlafzimmer betrat, ſchritt Weidner, von Landsberger gefolgt, zu ſeinem Ar⸗ beitskabinet. Der künftige Hausmeiſter ſchloß die Thüre hinter ſich und näherte ſich dem Fabrikanten, der ſich an ſein Pult ſtellte, einen Arm auf dasſelbe ſtützte, und den ſich Nähernden fragend anblickte. „Gnädiger Herr,“ begann Landsberger zögernd, der nicht recht wußte, wie er dasjenige einkleiden ſollte, was er ſich gedrungen fühlte, dem Fabrikanten mitzu⸗ theilen.„Sie haben da vorhin in Gegenwart der Frau von Stahl von einem Herrn von Ferval geredet, 2 Fabrikanten und Arbeiter. III. 3 und von einem Attentat, das auf die Frau desſelben be⸗ abſichtigt worden iſt.“ „Ganz recht!“ antwortete Weidner, indem er den Andern forſchend anblickte.„Weshalb kommt Ihr darauf zurück, Freund? Mir ſcheint, die ganze Angelegenheit gelangte doch nicht in die Oeffentlichkeit; habt Ihr den⸗ noch früher als heute etwas davon erfahren? Vielleicht im Hauſe Eures ehemaligen Herrn?“ „O nein, Euer Gnaden, nicht im Hauſe des Herrn von Stahl, aber auf andere Art. Ich weiß nicht, ob Ihnen alles Nähere von dem Attentat bekannt iſt?“ „Wie meint Ihr das? Die Sache iſt, ſo viel ich gehört habe, in ein räthſelhaftes Dunkel gehüllt. Und warum fragt Ihr mich? Ich darf annehmen, daß Euch nicht Neugierde allein dazu antreibt!“ „Freilich nicht! Und Euer Gnaden haben mich nicht recht verſtanden. Unſereins i*ſt nicht gewohnt, mit den Worten umzuſpringen wie die ſtudierten Herren, da mag ich mich jetzt wohl unrecht ausgedrückt haben.“ „Und wie meint Ihr's denn eigentlich?“ fragte Weidner mit einiger Ungeduld.—„Meine Frau wird uns nicht viele Zeit zu langen Auseinanderſetzungen laſſen.“. „Nun, Euer Gnaden, ich wollte nur fragen, ob Ihnen bekannt ſei, was gleich nach dem Attentat im 35 Pötzleinsdorfer Gehölze mit der Frau des Herrn von Ferval geſchehen iſt?“— „Natürlich weiß ich's, nicht allein durch die abge⸗ riſſenen Aeußerungen des Herrn von Ferval ſelber, als er noch an demſelben Abend zu der Familie Stahl hülfe⸗ ſuchend kam, und ich dort gegenwärtig war, wie Ihr vorhin gehört haben müſſet, ſondern auch ausführlicher durch Fräulein Pauline. Die ohnmächtige junge Frau ward nach dem Attentat von ihrem Gatten und einem unbekannten Arbeiter nach Pötzleinsdorf getragen—“ „Dieſer Arbeiter war ich!“ unterbrach Landsberger den Redenden beſcheiden, doch mit ruhiger Feſtigkeit. „Was der Teufel!“ rief Weidner erſtaunt.— „Ihr? Was hattet Ihr denn an jenem Abend in der dortigen Gegend zu ſuchen?“ Laandsberger theilte nun ſeinem künftigen Herrn mit, was dem Leſer zur Genüge bekannt iſt, auch das unverhoffte Zuſammentreffen mit Ferval im„Faßelgar⸗ ten“ am Tage zuvor, ſowie die Aeußerungen des Kna⸗ ben, deren Lebensretterin Pauline geworden war. Während der ſchlichte Alte in ſeiner treuherzigen Weiſe erzählte, ward Weidner immer unruhiger, er horchte mit der lebhafteſten Spannung auf die gering⸗ fügigſten Einzelnheiten, deren Landsberger Erwähnung that, beſonders als es ſich um die Schilderung und das ——y —— —— — 36 Vorgehen des Mannes handelte, von welchem der Knabe an jenem verhängnißvollen Mittwoch einen falſchen Zeh⸗ ner erhalten haben wollte und zu der Ferval'ſchen Woh⸗ nung hinaufgeſchickt worden ſei. Als Landsberger geendet hatte, verließ Weidner ſeinen Platz am Pult, legte nach ſeiner Gewohnheit, ſo⸗ bald ihn ein Gegenſtand lebhaft beſchäftigte, die Arme auf den Rücken, und ſchritt, den Kopf geſenkt, ſinnend und haſtig einige Male im Komptoir auf und nieder. Dann blieb er plötzlich vor Landsberger ſtehen, und ſah dieſen an. Die Stirne des Fabrikanten war gerunzelt, eine heftige innere Erregung ſprach aus ſeinem Blick, aus den Zügen des Angeſichts war der Ausdruck jener gemüthlichen Behäbigkeit verſchwunden, in dem ſie ge— wöhnlich glänzten, und hatte demjenigen eines ſorgen⸗ vollen Ernſtes Platz gemacht. „Was Ihr da geſagt habt, Landsberger,“ begann er langſam,„gibt mir ſo Allerlei zu denken.“ „Um Vergebung, Herr, das hat's auch mir gege⸗ ben,“ antwortete der ehrliche Alte, ebenfalls ernſt vor ſich hinſtarrend,„und weil mir's zu viel ward, und mich das Grübeln auf“— Landsberger ſtockte und blickte Weidner an. „Auf was?“ fragte dieſer raſch und dringend. „Auf gar ſo ſeltſames Zeug von Gedanken ge⸗ bracht hat, ſeitdem—“ „Nun? Seitdem?“. „Seitdem ich weiß,“ fuhr Landsberger langſam fort,„daß— daß dieſer Herr von Ferval ein Verwand⸗ ter meines ehemaligen Herrn iſt— aber es iſt dummes Zeug, und ich will's nicht weiter verreden.“ Die kleinen, intelligenten Augen Weidner's blitzten einen Moment ſeltſam auf. „Doch, doch, Landsberger,“ ſagte er haſtig,„redet was Ihr Euch dachtet, und ſei's noch ſo wunderlich! Sprecht, wie denkt Ihr über das Attentat? Glaubt Ihr, es ſei auf eine Beraubung der Frau abgeſehen ge⸗ weſen?“ „Nun denn, offen geſtanden, nein, gnädiger Herr. Der Mann hätte rauben können, ohne durch einen Schuß Leute heranzulocken, wie er mich denn auch lockte. Aber das iſt's nicht allein— das Erſcheinen des ma⸗ geren Herrn in der Kaiſerſtraße, ſein Nachforſchen durch den Buben der Schneider⸗Fanni, und daß er nach Dornbach gefahren und dort verſchwand, wie der Fiaker dem Buben geſagt haben ſoll— hm, das Alles macht mich glauben—“ .„ Daß derjenige, welcher das Attentat begangen, kein gewöhnlicher Strauchdieb, ſondern ein mit den Ver⸗ 38 hältniſſen der Fervals ganz vertrauter Mann geweſen ſei, der etwas völlig Anderes im Sinne gehabt haben mag, als einen Raubanfall. He, habt Ihr das ſagen wollen, Freund?“ 4 „Das iſt's, gnädiger Herr. Ich hab's nur nicht ſo gut zuſammenfaſſen können!“ rief Landsberger lebhaft. —„Aber was ſein Zweck geweſen, und wie das Alles zuſammenhängen mag, darüber tappe ich freilich im Dunkeln, und da ich mir dachte, daß der gnädige Herr darüber einſichtsvoller nachzudenken verſtehen als unſer⸗ eins, hab' ich Ihnen denn nicht verſchweigen wollen, was ich weiß und mir von der Geſchichte denke, um ſo mehr, als Sie mit den Verhältniſſen des Herrn von Ferval einigermaßen vertraut ſind, wie ich ja zufällig vorhin im anderen Zimmer erfuhr.“ „Einen Augenblick, Freund!“ unterbrach Weidner den Redenden, indem er ſich mit der Hand die umwölkte Stirne rieb—„hat Euch der Bube den Herrn genau be⸗ ſchrieben, der ihm den falſchen Zehner gegeben?“ „Genau?— Davon kann freilich keine Rede ſein, was weiß ſolch ein Bube auszuſagen und zu be⸗ ſchreiben, daß man ſich klar daraus vernehmen könnte! Hat unſereins ja ſeine Noth mit ſolchen Sachen! Aber darauf ſchwört der Bube, daß er ſich Tauſenden wieder zu erkennen.— So viel ich weiß, getraute, ihn unter 39 ſoll er lang, mager, und im Geſichte blaßgelb geweſen ſein—“ „Wie Stahl?“ hauchte Weidner unwillkürlich. Beide Männer ſtarrten einander beinahe er⸗ ſchrocken an. So leiſe den Lippen Weidner's der Name des Sei⸗ denfabrikanten auch entſchlüpft war, hatte Landsberger ihn doch vernommen. „Der gnädige Herr halten es für möglich—?“ ſtammelte dieſer. „Was für möglich?“ verſetzte Weidner haſtig.— „Was hatte ich denn geſagt?— Aber Ihr, Freund, ich errathe, was Euch nicht hat über die Zunge wollen, das ſeltſame Zeug, wovon Ihr vorhin faſeltet,— ge⸗ ſteht es gerade heraus— Ihr haltet den Fabrikanten Stahl, Euren ehemaligen Brotherrn, für den Urheber des Attentates!“ Landsberger blickte verlegen auf Weidner. „Ich— ich kann ja ſo etwas nicht behaupten,“ be⸗ gann er mit unſicherer Stimme,„wenn ich auch eingeſte⸗ hen muß, daß mir ſo Allerlei dunkel vorgeſchwebt iſt, wie mir die Fanni nach der Ausſage des Buben— und dieſer ſelber den Herrn beſchrieb, auf was könnte ich denn auch eine Vermuthung begründen? Was könnte der Herr von Stahl für eine Urſache haben— er iſt 40 reich und der Herr, deſſen Frau ich Beiſtand leiſtete, ſcheint nicht ſo beſonders vermöglich zu ſein—“ „Außerdem,“ unterbrach ihn Weidner, ſeine Worte feſt betonend,„leben beide Familien in gutem Einver⸗ ſtändniß mit einander, wie ſich ſeither gezeigt hat. Und wenn in der That jener Herr, der durch den Buben in der Kaiſerſtraße Nachfrage halten ließ, der Herr von Stahl geweſen wäre,— was beweiſet das? Kann er nicht in Dornbach Geſchäfte gehabt haben, und zuvor nach der Kaiſerſtraße gegangen ſein, um aus Gefällig— keit etwaige Aufträge von Fervals für deren Tante mit⸗ zunehmen, welche in Neuwaldegg wohnt?“ „Ja, ja,“ murmelte Landsberger halblaut,„ich war ein Narr—! Aber,“— fuhr er nachdenklich fort, —„wozu dann die Heimlichkeit, mit der die Erkundi⸗ gungen von dem Herrn eingezogen wurden— 2“ „Sei dem wie ihm wolle, Freund,“ unterbrach ihn Weidner ernſt,„Ihr werdet immer wohl thun, Eure Grübeleien Niemandem mitzutheilen, verſteht Ihr mich?“ „Ich werde mich wohl hüten!“ rief Landsberger, eine ſeinen Worten entſprechende Handbewegung ma⸗ chend.—„Da könnte ich ſchön ankommen! Und ich bitte, doß nicht etwa der gnädige Herr—“ „Wofür haltet Ihr mich?“ verſetzte Weidner 41 barſch. Dann fügte er in anſcheinend gleichgültigem Tone hinzu:„Hört! Ich möchte aber doch den Buben ſprechen, deſſen Ihr vorhin erwähntet.“ „Er wird ſich dieſer Tage bei ſeiner Retterin, dem Fräulein Pauline bedanken kommen, ich weiß es von ſeiner Schweſter, der Schneider⸗Fanni!“ entgegnete Landsberger—„Wenn aber Euer Gnaden wollen, ſo gehe ich noch heute—“ „Nein, laßt das, Freund! Ihr habt ohnehin heute und morgen mit Eurer Ueberſiedlung genug zu thun. Er wird ſich ſchon einſtellen, wie Ihr ſagt. Und nun geht, Ihr bekommt ſonſt von meiner Frau und Eurer ein ſaures Geſicht!“ Weidner ſagte die letzten Worte lächelnd, aber dem in der Verſtellungskunſt Ungeübten war deutlich anzu⸗ ſehen, daß eine düſtere Vorſtellung ihn drücke und eine Sorge ſein Herz belaſte. Er ging zur Thüre, die zum Wohnzimmer führte, und trat in dasſelbe. Landsberger folgte ſeinem Herrn und empfahl ſich. Als ſich Weidner allein ſah,— denn die Haus⸗ frau befand ſich noch am Bette Paulinens— begann er, die Arme auf dem Rücken, wie im Geſchäftskabinet auf und ab zu ſchreiten.. Die wohlwollende Miene, mit der er den ehrlichen 42 Landsberger entlaſſen hatte, verſchwand, die Stirn um⸗ wölkte ſich mehr und mehr. „Einem Menſchen, der fähig geweſen iſt, ſeinen Jugendfreund zu betrügen,“ murmelte er vor ſich hin, „darf ich Alles zutrauen! Stahl iſt mehr als ein Leicht⸗ ſinniger, der in eitler Verblendung, unbekümmert um die Seinen, dem Untergange entgegenſtürmt, er iſt ein Heuchler, dem jedes Mittel, auch ein verbrecheriſches, recht iſt, durch das er hoffen darf, ſich Geld zu ſchaffen. Habe ich nicht den Beweis davon an mir erlebt?— Und wenn ich an jenen Abend zurückdenke, an welchem das Attentat ſtattfand?— Die Abweſenheit Stahl's zu einer Stunde, wo wir doch ein für ihn wichtiges Ge⸗ ſchäft abzumachen hatten— dann die Verzögerung ſei⸗ nes Erſcheinens nach der Rückkunft— das Flüſtern des Dieners— das Erſchrecken der Frau— die Schramme in ſeinem Geſichte— und endlich ſein ver⸗ ſtörtes Ausſehen, bevor noch der hereinſtürzende Ferval ein Wort geſprochen hatte—hm!— dazu ſeine, wenige Augenblicke vor Ferval's Erſcheinen leicht hingeworfene und doch eigenthümlich betonte Aeußerung, daß Thereſe Ferval von ſchwächlicher Körperbeſchaffenheit ſei, die möglicher Weiſe ſeine Stellung zu der Tante ändern könne—! Und ſpäter der Auftritt vor dem Beginnen der Taufe, der, nach Paulinens Mittheilung zu ſchlie⸗ ßen, nur durch eine Denunziation kann herbeigeführt worden ſein— bei Gott, ich finde in dem Allen einen düſteren Zuſammenhang!— Und die Ausſage des Knaben, ſeine Rettung durch Pauline,— je mehr ich ſinne, deſto deutlicher ſehe ich die Hand der Vorſehung darin—! Iſt mein Verdacht gerechtfertigt, und Stahl wirklich der Verbrecher, für den ich ihn halte, dann— dann wird er fortwährend auf den Untergang der armen Ferval ſinnen, wird ſie in's Verderben ziehen und ſich obendrein. Bis dahin darf es nicht kommen! Ich will Gewißheit über Stahl's Thun und Treiben, und werde weiter forſchen!— Und habe ich ſie, kann ich ihn, den Vater Paulinens, vielleicht in einem Augenblick den Händen der Gerechtigkeit überliefern, wo er der Schwie⸗ gervater meines Sohnes werden ſoll?“ Weidner blieb ſtehen und ſtarrte ſinnend, unruhig vor ſich hin auf den Boden. Nach einigen Sekunden aber erhob er ſein Haupt voller Zuverſicht. Es war ihm nacheiner vollſten Ueber⸗ zeugung ein glücklicher Gedanke gekommen, er hatte den einzigen Ausweg gefunden, den er in dieſer peinlichen Lage für möglich hielt. Das Antlitz des rechtſchaffenen Mannes über⸗ glänzte ein Hoffnungsſtrahl. „Noch gibt es ein Mittel,“ flüſterte er in ſich hin⸗ - 44 ein,„ihn, iſt er ſchuldig, von ſeiner unheilvollen Bahn zurückzudrängen, und dieſes Mittels muß ich mich be⸗ dienen!“ In Weidner's Stimme war die alte Ruhe wieder zurückgekehrt. Weder ſeine Frau, noch ſein Sohn, die jetzt eintraten, ſich mit ihm zu Tiſche zu ſetzen, gewahr⸗ ten in ſeinen Zügen eine Spur von dem, was kaum erſt ſein Inneres verſtört hatte. Drittes Capitel. Eine unheimliche Mahnung. Die Gräſin Leggiero ſaß in ihrem Ankleidezimmer. Ihr Mädchen Karoline war ihr bei dem Vollenden ihrer Toilette behülflich. Aber für dieſe Toilette wurden heute, gegen alle Gewohnheit der ſchönen Abenteurerin, die ein⸗ fachſten Dinge gewählt, denn es war der Dienſtag, an welchem die Gräfin beabſichtigte, dem Rendez⸗vous des Barons und Ottiliens nachzuforſchen. So trug ſie denn ein unſcheinbares Seidenkleid und ließ ſich von ihrem Mädchen ein beſcheidenes Hüt⸗ chen und eine Mantille reichen, die durchaus nicht auf⸗ fallend zu nennen waren, alles Gegenſtände, deren die verführeriſche Dame der Demi⸗monde ſich zu bedienen pflegte, wenn ſie bei gewiſſen Gelegenheiten ungekannt ſein wollte. 46 Die Gräfin glich in der That auch jetzt in ihrer ſchlichten Garderobe ſo ſehr einer anſpruchsloſen jungen Bürgersfran, daß ſie ſicher ſein konnte, in der Vorſtadt, welcher ſie im Begriffe ſtand, einen Beſuch abzuſtatten, kein Aufſehen zu erregen. Es mochte etwa fünf Uhr ſein, eine Stunde vor der Zeit, an welcher das Billet des Barons Ottilie zu ihrer Schneiderin beſchieden hatte, als die Gräſin zum Fortgehen gerüſtet war. Sie warf noch einen Blick in den Spiegel. Ihr Mädchen ſtand einige Schritte von ihr entfernt und hatte den verſchmitzten Blick auf ſie gerichtet. „Sie wollen alſo ernſtlich nicht, gnädige Frau, daß ich Sie begleite?“ ſagte Karoline zögernd.—„Man kann doch nicht wiſſen, ob ich nicht nöthig—“ „Nein, nein!“ unterbrach ſie die Gräſin raſch.— „Ich bedarf Deiner nicht. Ueberdem habe ich ja die genaue Adreſſe dieſer Schneiderin.“ „Ein Glück iſt's,“ verſetzte Karoline lächelnd,„daß der einfältige Ignaz des Herrn Barons mir noch recht⸗ zeitig über die Wohnung dieſer Perſon hat Auskunft geben können, wenn es ihm auch leider nicht möglich war, ſich auf ihren Namen zu beſinnen. Auch den würde ich heute ſchon erforſcht haben, hätten mir die Frau Gräfin dieſen Morgen geſtattet, die Perſon aufzuſpüren.“ 47 „Es iſt beſſer ſo, Karoline. Du hätteſt vielleicht durch Deine Fragen irgend einen Verdacht erregt, denn dieſe Schneiderin, die ihre Wohnung zu heimlichen Rendez⸗ vous hergibt, iſt vermuthlich praktiſcher und verſchlage⸗ ner in ſolchen Dingen, als Dein tölpelhafter Ignaz. Hält der Fiaker ſchon am Hausthor?“ „Freilich, gnädige Frau!“ antwortete das Mäd⸗ chen, indem ſie an's Fenſter trat und wiederholt einen forſchenden Blick auf die Gaſſe hinauswarf. „Ich kann Dir nicht genau ſagen,“ fuhr die Gräſin fort,„wann ich nach Hauſe zurückkehren werde— etwa gegen acht Uhr.“ „Sehr wohl!“ „Ich werde alſo vor neun Uhr keinesfalls ſoupiren. Und ſollte Beſuch kommen— aber was iſt das, Mäd⸗ chen, Du ſcheinſt mich gar nicht zu hören!“ In der That hatte Karoline ihre Aufmerkſamkeit mehr auf die Gaſſe gerichtet, zu der ſie jetzt hinabſchaute, als auf die Worte ihrer Herrin. „Was gibt's denn dort zu ſehen?“ fragte dieſe un⸗ geduldig. Karoline trat vom Fenſter zurück und blickte die Gräfin an. „Ich habe ſchon geſtern und dieſen Morgen,“ ant⸗ wortete das Mädchen,„die guädige Frau auf etwas 48 aufmerkſam machen wollen, was mir verdächtig erſcheint, aber immer wieder darauf vergeſſen!“ Die Gräfin horchte auf. „So? Was iſt Dir denn verdächtig erſchienen?“ fragte ſie. „Seit einigen Tagen,“ fuhr das Mädchen fort, „bemerke ich des Abends und ſehr zeitig in der Frühe einen Menſchen, deſſen Geſicht und Augen auf mich einen unheimlichen Eindruck machen. Bald ſchleicht er um's Haus, bald ſtellt er ſich in einiger Entfernung vor dem⸗ ſelben auf, immer ſtarrt er aber nach Ihren Fenſtern.“ Die Gräfin begann zu lachen. „Wahrhaftig,“ rief ſie,„Du biſt eine Närrin, Ka⸗ roline! Vielleicht ſiehſt Du gar Geſpenſter!“ „Bei Gott,“ verſetzte das Mädchen ſichtlich beun⸗ ruhigt,„Sie mögen lachen oder nicht, Frau Gräfin, die⸗ ſer Menſch hat wirklich etwas Geſpenſterhaftes in ſei⸗ nem Weſen. Bisweilen ſtarrt er lange wild und düſter hinauf, und dann iſt er mit einem Male verſchwunden, als wäre er in den Boden verſunken!“ „Ei,“ entgegnete die Gräfin beluſtigt,„ich entdecke da in Dir eine neue Eigenſchaft. Seither hielt ich Dich nur für verſchmitzt, jetzt ſehe ich, daß ich an Dir auch ein romantiſches Stubenmädchen beſitze! Deine geſpen⸗ ſterhafte, lauernde Erſcheinung wird nichts anderes ſein, 40 als ein eiſerfüchtiger Liebhaber, der ſeine Schöne bewacht, die vermuthlich über uns wohnt.“ „Das dachte ich anfänglich auch, Frau Gräfin,“ antwortete das Mädchen,„aber es hat ſich geſtern anders herausgeſtellt.“ „Wie ſo? „Sie mochten etwa ſeit anderthalb Stunden mit Fräulein Toni zum Paradeisgarten gefahren ſein, da ging ich hinunter, mir auf der Hauptſtraße Seide zu kaufen. Wie ich die Treppe herabkomme und an der Thüre des Hausmeiſters vorüber will, ſehe ich dieſen dort ſtehen, neben ihm den unheimlichen Menſchen, der ihn um etwas zu fragen ſcheint. Als der Hausmeiſter mich erblickt, ſagt er laut zu dem Manne: Dort kommt das Stubenmäd⸗ chen, die kann Ihnen genaue Auskunft geben!— Und kaum waren dieſe Worte heraus, da wirft der Menſch, an den ſie gerichtet waren, einen ſchreckhaften Blick auf mich und ſpringt davon, als wäre der böſe Feind hinter ihm geweſen!“ „Und wonach hatte der Menſch ſich erkundigt?“ fragte die Gräſin aufmerkſamer. „Nach Ihnen, gnädige Frau!“ verſetzte das Mäd⸗ chen.—„Er hatte gefragt, ob die Gräfin Julie Leggiero das Haus verlaſſen habe, ob ſie allein geweſen, und wo⸗ hin ſie ſei?— Und als ich nun auf die Gaſſe kam,“ Fabrikanten und Arbeiter. III. 50 fügte Karoline hinzu,„da war nirgends eine Spur von dem Menſchen mehr zu ſehen!“ „Und haſt Du ihn jetzt dort wieder erblickt?“ „Nein, gnädige Frau. Ich ſchaute nur nach, ob—“ Karoline unterbrach ſich, trat von Neuem an's Fen⸗ ſter, öffnete dieſes und ſah zur Rechten und Linken die Gaſſe entlang. Dann ſchloß ſie das Fenſter und trat wieder zu ihrer Herrin. „Er iſt nicht da,“ ſagte ſie—„er iſt überhaupt die ganzen Tage immer erſt ſpäter erſchienen!“ „So, ſo!“ murmelte die Gräfin vor ſich hin. Plötzlich färbte eine lebhafte Röthe ihre Wangen. „War dieſer Menſch breitſchulterig?“ fragte ſie haſtig mit leiſe vibrirender Stimme.—„Ein bejahrter Mann mit grauem, lockigem Haar? Ein Arbeiter 24 „Er trägt die Kleidung eines Arbeiters, ja, ja!“ entgegnete das Mädchen.—„Aber alt iſt er nicht, und auch nicht breitſchulterig, höchſtens ſiebenundzwanzig Jahre kann er haben. Doch älter ſieht er aus, das iſt ſicher, denn er iſt blaß und hohläugig, und ſein kurz ge⸗ ſchorenes, blondes Haar macht ihn noch magerer aus⸗ ſehen, als er ſein mag.“ Die Gräfin blieb noch einen Augenblick gedanken⸗ voll ſtehen. Dann zog ſie ihre Mantille über die Schul⸗ tern und ſchritt der Thüre zu. 51 „Zeige mir dieſen Menſchen,“ ſagte ſie während des Gehens zu dem ſie begleitenden Stubenmädchen, „ſobald er ſich wieder blicken läßt, und ich zu! Hauſe bin.“ „Ich werde ſicher nicht darauf vergeſſen, und ihm aufpaſſen!“ antwortete Karoli ine. Die Gräfin verließ ihre Wohnung. Der Diener, welcher an der Treppe gewartet hatte, ſprang ihr voran und öffnete den Schlag des Fiakers. Die ſchöne Abenteurerin ſtieg ein, nachdem ſie auf beide Seiten der Gaſſe einen flüchtigen Blick geworfen hatte. „Beim Transporthauſe in der Zoſeſſtädter Kaiſer⸗ ſtraße halten!“ rief die Grüfin dem Diener zu. Der Kutſcher hieb in die Pferde. Während der Wagen davon rollte, ſchaute die Dame rechts und links in unauffälliger Weiſe zu den Fenſtern deſſelben hinaus. Als ſie weder auf der Gaſſe, noch an einem der Thorwege eine Geſtalt erblickte, welche auch nur die ge⸗ ringſte Aehnlichkeit mit dem Manne hatte, deſſen Karo⸗ line Erwähnung gethan, lehnte ſich die Gräfin in die Kiſſen des Fiakers zurück. „Der Vater war es alſo nicht!“ murmelte ſie vor ſich hin.—„Und Anton—!“ Als der Name über ihre Lippen glitt, bebten dieſe, ihr Antlitz verfinſterte ſich, ihr Blick, der von Neuem die 4* Trottoire der Gaſſe entlang ſpähte, drückte Scheu und Haß zugleich aus. „Unmöglich!“ fuhr ſie mit ſich ſelber redend fort, 8 —„Der kann es nicht geweſen ſein! Der ſitzt ja meilen⸗ weit von mir entfernt hinter Schloß und Riegel— Aber einmal müſſen ſie ihn doch wieder frei laſſen— und dann?— Ich darf von ihm, dem heftigen, in ſeiner Leidenſchaft halb wahnſinnigen Menſchen Alles erwar⸗ ten. Seine Wuth wird ſich jetzt in tödtlichen Haß ver⸗ wandelt haben. Und daß Alles ſo kommen mußte, wie es gekommen, iſt das nicht zum großen Theile ſeine Schuld? War er nicht trotz ſeiner Gutherzigkeit als mein Geliebter ſchon wild und jähzornig in ſeiner heftigen Eiferſucht, und fürchtete ich ihn als unerfahrenes Ding nicht eigentlich mehr als ich ihn liebte?— Ob er es wagen wird, ſich mir noch einmal zu nähern? Er müßte völlig toll ſein, würde er nicht einſehen, daß eine noch tiefere Kluft uns trennt, als diejenige iſt, welche mein Verhältniß zum Baron, meine Stellung, mein Name, mein verſtümmelter Arm zwiſchen uns geriſſen hat! Bin ich das Fabriksmädchen noch, die nur Mutterwitz und ein hübſches Geſicht beſaß? Er iſt geblieben, was er war, aus mir aber hat der Umgang mit der Welt eine völlig Andere gemacht. Er muß das fühlen und überdem wird er doch nun einſehen, was ihn erwartet, ſollte ihm, wenn — 53 einmal frei, der Gedanke an eine neue Gewaltthätigkeit gegen mich kommen! Vor ihm werde ich wohl jetzt Ruhe haben,— im nöthigen Falle wird die Behörde mich ſchützen und der Baron—!“ Indem die Gräfin ſich den Baron nannte, verge⸗ genwärtigte ſich wieder vor ihrem Geiſte ihre augenblick⸗ liche Lage. Sie fühlte, daß der Sinn des Barons nur noch mit ſchwachen Fäden an ihr hänge, und dieſe Fäden waren diejenigen, welche der Eigennutz geſponnen hatte. In der ſchönen Julie war ſchon ſeit geraumer Zeit der Verdacht aufgeſtiegen, daß Lenz ſie eigentlich nie geliebt habe. Sie hatte dieſen Verdacht immer wieder zurückge⸗ drängt, da Lenz bis in die neuere Zeit galant und auf⸗ merkſam gegen ſie geblieben war, aber jetzt, nun ſie einen Blick auf die Zeilen geworfen, welche der Baron jener Ottilie geſchrieben hatte, nun ſie im Geiſte ihr ſeitheriges Leben von jenem Momente an überblickte, wo ſie mit dem Abenteurer bekannt geworden war, nun wiederholte ſie ſich voll Bitterkeit und Schmerz, was ſie ſich ſchon nach Eröffnung des Billets geſagt, daß ſie nie etwas anderes als das Werkzeng des trügeriſchen Mannes geweſen ſei. Er hatte ſie zufällig zum erſten Male mit mehreren Be⸗ kanntinnen in einem Vorſtadt⸗Lokale geſehen, das die arbeitende Klaſſe beſucht, in das ſich aber auch bisweilen einer jener Dandys verirrt, die es von Zeit zu Zeit lie⸗ ꝑꝑĩĩꝑ¼ 54 ben, ſich nach den jugendlichen, unverdorbenen Schön⸗ heiten aus dem Volke umzuſchauen. Die ihr gegenüber beſcheidene Haltung des eleganten Mannes, der ſich in keiner Weiſe ſo rückſichtslos benahm, wie es vornehme Stutzer gegen Arbeitsmädchen zu thun pflegen, hatte ſie ungewöhnlich angenehm berührt; leicht und luſtig wie ſie war, hatte ſie nichts Gefährliches darin gefunden, vom Baron ſich bis in die Nähe ihrer Wohnung begleiten zu laſſen, und ſeiner beſcheidenen Bitte zu entſprechen, welche nichts weiter begehrte, als ſie wieder zu ſehen. So war Julie, den Baron zu Zeiten und heimlich ſprechend, dem raffinirten Verführer in die Falle gegangen—, ihre Eitel⸗ keit, ihr aufgewecktes Temperament, ihre natürlichen geiſtigen Anlagen hatten ihm ſein Vorhaben erleichtert. Im Umgang mit dem Baron hatte ſie gefühlt, daß ſie begabter ſei, als ihre Gefährtinnen, aber auch Vergleiche zwiſchen dem ſchlichten Anton und dem gewandten Lenz angeſtellt, die zum Nachtheile des Abweſenden ausfallen mußten. Der Baron aber wußte zugleich unvermerkt und vorſichtig eine Unzufriedenheit mit ihrer Stellung in ihr zu erwecken, und ihr lockende Ausſichten zu zeigen, die ſich erfüllen müßten, wie er ſchwor, wenn ſie ſich ent⸗ ſchließen könne, einen beſchränkten Kreis zu verlaſſen, der ihrer unwürdig ſei. Er entdeckte ein Talent für die 50 Schauſpielkunſt in ihr, und bot ihr die Mittel, ſich darin auszubilden. Sie verließ, nach harten Kämpfen gegen die Ihrigen, die Wohnung ihres Vaters, im vollen Glau⸗ ben, ſich der Kunſt in die Arme zu werfen,— es waren die Arme des Barons, welche ſie umfingen. Dieſer aber hatte mit dem Scharfblick des Abenteurers in dem ehe⸗ maligen Fabriksmädchen den Keim zu allen jenen Talen⸗ ten entdeckt, welche ſpäter die Gräfin den Männern ſo gefährlich machen ſollten, und eine andere Gattung von Schauſpielkunſt war es, zu welcher er von jetzt an, Schritt vor Schritt, ihrem Herzen und Sinne das Gift behut⸗ ſam einhauchend, ihre Fähigkeiten entwickelte. So ward ſie, was ſie jetzt war, die Gehülfin eines falſchen Spie⸗ lers, die Verbündete eines Glücksritters, ſein Werkzeug. Und ein ſolches Werkzeug zu finden, war ſicher das ein⸗ zige Motiv geweſen, das den Baron an jenem erſten Abende angetrieben hatte, das ſchöne Mädchen der Vor⸗ ſtadt zu ſtudiren, das er bis zu ihrer Verführung im Auge gehabt hatte; das ſagte ſich jetzt die Gräfin, wäh⸗ rend ſie im Fiaker in die Kiſſen zurückgelehnt, vor ſich hinſtarrte. Eigennutz, nichts als Eigennutz hatte ihn bis zur Stunde geleitet, das hätte ſie ſich ſchon damals ſagen können, als er ihr den Vorſchlag machte, den Grafen Leggiero, dieſen verkommenen Menſchen, zu heirathen, um in der Demi⸗monde die Rolle einer Ariſtokratin ſpielen 56 zu können. Aber ſie war damals noch zu ſehr verblendet geweſen, durch den Titel„Gräfin,“ wie durch den ins⸗ geheim gehegten thörichten Gedanken, daß der Baron ſie eigentlich nur dränge, Gräfin zu werden, damit er end⸗ lich eine geſetzliche Verbindung mit ihr eingehen könne, ohne ſich in der vornehmen Geſellſchaft, deren Salons ihm offen ſtanden, allzuſehr zu kompromittiren. Julie hatte dieſen Gedanken eigentlich erſt recht aufgegeben, als ſie den Verrath zu ahnen begann, welchen Lenz an ihr zu begehen beabſichtigte. Das Verhältniß, welches der Baron mit Ottilien angeknüpft hatte, erfüllte die Gräfin nicht eigentlich mit brennender Eiferſucht, denn ſie ſagte ſich:„Er liebt Niemanden als ſich ſelbſt, alſo auch nicht die Tochter des Fabrikanten!“— ſondern ſie war mehr in Leidenſchaft verſetzt durch getäuſchte Erwartung, durch Eigenliebe und den Gedanken, daß ihr Gefährte, mit dem ſie alle ihre Erfolge getheilt, der ohne ihre Reize und Beihülfe einen jedenfalls geringeren Spielraum für die Entfaltung ſeines Glücksrittertalentes würde gefun⸗ den haben, ſich jetzt ihrer entledige, um ſeine Exiſtenz in Sicherheit zu bringen, die doch ein aufregendes Leben, das hie und dort mit einiger Gefahr verbunden war, und in dem ein leicht erworbener Ueberfluß eben ſo leicht wieder ſchwand, nicht bieten konnte. Die Gräfin hatte ſich nicht allein kein Vermögen erworben, obwohl ſie den .7 beträchtlichen dritten Theil desjenigen erhielt, was der Baron mit ihrer Hülfe durch falſches Spiel au ſich brachte, ſondern ſteckte ſogar in Schulden. Sie war ge⸗ wohnt zu verſchwenden. Alles was ſie beſaß, beſtand in einer prächtigen Toilette, einer glänzenden Einrichtung und einigem Schmuck. Zu der Exiſtenzfrage, die ihr nun ohne den Baron nicht mehr ſo geſichert erſchien, obwohl ſie überzeugt war, auf eigene Hand noch immer mit Er⸗ folg abenteuern zu können, geſellte ſich ein Beweggrund, der ſie ebenfalls unwiderſtehlich antrieb, den Baron nicht aufzugeben. Es iſt eine unbeſtrittene Thatſache und eine eigenthümliche Erſcheinung, daß faſt alle der Demi⸗ monde angehörigen Frauenzimmer diejenigen Männer täuſchen, ausbeuten, hinter dem Rücken verlachen, welche es aufrichtig mit ihnen meinen, ihnen Neigung oder Theilnahme zeigen, während ſie ſich, und ſollte es ihr Untergang ſein, an jene hängen, die ihnen mit Gleich⸗ gültigkeit, ja Verachtung und Rohheit begegnen, nach⸗ dem ſie ein Verhältniß mit ihnen eingegangen ſind. Je mehr die Gleichgültigkeit des Mannes wächſt, deſto größer wird die Anhänglichkeit eines ſolchen Frauen⸗ zimmers zu ihm, die oft bis zur hündiſchen Unterwürfig⸗ keit herabfinkt, wenn das Betragen des Mannes in Bru⸗ talität oder kalte Grauſamkeit ausartet. Für ein Frauen⸗ ſimmer der Demi⸗monde iſt„unglücklich lieben“ ge⸗ 58 wiſſermaßen ein idealer Zuſtand, ſie rettet dorthinein das Wenige, was ihr von den beſſeren Regungen eines Weibes übrig geblieben. Aber dieſe Regungen ſind ihre Qual, ihre Folter, ihre Verdammniß hienieden, durch ſie rächt die wahre, reine, tugendhafte Liebe ſich an den ge⸗ fallenen Geſchöpfen, die ihren Namen mißbrauchen und entheiligen. Die Gräfin empfand dieſe Regungen, indem ſie des Barons gedachte, ſie wuchſen in ihr, je mehr ſie ſich bewußt ward, von ihm verrathen zu ſein. Es war die Vergeltung für den Verrath an Anton, was jetzt an ihrem Herzen zerrte! Der Fiaker hielt in der Nähe des Transporthauſes ſtill. Die Gräfin fuhr beinahe erſchrocken aus ihrem Sinnen auf. Sie verließ eiligſt den Wagen, zahlte den Kutſcher und ſchritt, nachdem ſie einen Moment haſtig um ſich geblickt hatte, als fürchte ſie eine Begegnung, der Ler⸗ chenfelderlinie zu. Dem Linienthore gegenüber forſchte ſie nach den Nummern der dortigen Häuſer. Sie fand bald die Nummer, welche ſie geſucht hatte, und trat in ein ziem⸗ lich niedriges Haus, das einen großen Hof hatte, der rings herum von Trakten eingeſchloſſen war. Die Gräfin begab ſich zu dem rückwärtigen Ge⸗ häude. Sie ſtieg dort eine ſchmale, unſaubere Treppe —— 59 hinan, und ſah ſich im erſten und einzigen Stock vor der Thür der Wohnung Nr. 17, laut Angabe des Die⸗ ners Ignaz dem Ziele ihrer heimlichen Wanderung. Da ſie an der Thür keine Klingel erblickte, ſo pochte ſie ſtark an. Erſt nach wiederholtem Klopfen und da in der Wohnung Niemand Anſtalten zum Oeffnen zu machen ſchien, legte ſie die Hand auf den eiſernen Drücker der Thür. Dieſe war unverſperrt und öffnete ſich ſogleich. Die Gräſin trat zögernd in eine unſcheinbare, faſt ärmlich ausgeſtattete, aber reinlich gehaltene Küche. Niemand war dort. Eine Thüre, welche zu einem Zimmer führte, war angelehnt. Die Gräfin beſann ſich, ob ſie weiter gehen ſolle. „Vielleicht ſind ſie ſchon dort im Zimmer, obwohl an ſechs Uhr noch eine Viertelſtunde fehlt!“ ſagte ſie ſich.—„Die Schneiderin mag ihnen das Feld geräumt haben, um nicht zu ſtören, und deshalb wird mein Kom⸗ men— Eine ſchnarrende Stimme, welche jetzt plötzlich im nächſten Zimmer laut wurde, unterbrach die Vermu⸗ thungen der Gräfin. „Wer iſt denn draußen?“ krächzte dieſe Stimme, die einer alten Frau anzugehören ſchien. 60 Da die Gräſin hinter der angelehnten Thüre kein weiteres Geräuſch vernahm, als dieſen heiſeren Ton, ſo beſann ſie ſich nicht lange, ſchloß die Thür derWohnung Punter ſich, und dra in das Zimmer. — Viertes Capitel. Schneiderin und Demi⸗monde⸗Dame. In dem kleinen, ſo beſcheiden wie die Küche ausge⸗ ſtatteten Gemach, das nur wenige alte Seſſel, einen morſchen Tiſch, ein Bett, an den weißgetünchten Wän⸗ den einige ſchlecht lithographirte, bunt beklexte Heiligen⸗ bilder in dünnen Goldrähmchen und einen winzigen Spiegel aufzuweiſen hatte, ſaß neben dem vorerwähnten Bette eine Frau in einem altmodiſchen Seſſel mit hoher Lehne, der durchaus nicht zu der anderen Umgebung paßte.. Die Frau war trotz der Sommerzeit und der dunſtigen Schwüle, die im kleinen Zimmer herrſchte, zur Hälfte in wollene Decken gehüllt, von denen ſich namentlich ihre Füße umwunden zeigten. Sie trug eine hohe Haube, welche noch aus der 62 Zeit des Befreiungskrieges herzuſtammen ſchien, und einen grünen Augenſchirm, der ihr Antlitz zur Hälfte bedeckte. Unter dieſem Schirm ſtreckte ſich eine ſchmale, welke Naſe weit hervor und berührte faſt das ſpitzige, zuſammengeſchrumpfte Kinn.. Die ſkelettartigen Hände der Frau ruhten auf den wohlgepolſterten, mit fadenſcheinigem, geblümtem und verblichenem Damaſt überzogenen Seitenlehnen des Armſtuhles. Als die Gräfin eintrat, erhob dieſe Frau den ge⸗ runzelten, hageren Hals haſtig, wodurch unter dem Schirme tiefgeröthete, halbgeſchloſſene und geſchwollene Augenränder ſichtbar wurden und etwas von dem mat⸗ ten Glanze eines unſicheren Blickes aufdämmerte. Dieſe Frau, dem Ausſehen nach eine verſ chrumpfte Greiſin, war kaum älter als vierundfünfzig Jahre, ihr Haar, das unter der ſeltſamen Haube hervorquoll, hatte noch ſeine ganze Schwärze. Die Frau, zur Hälfte ge⸗ lähmt, mochte eben durch jahrelange körperliche Leiden in ihrem Aeußeren ſo herabkommen ſein. Geiſtig ſchien ſie noch friſch und lebendig, davon zeugten die raſche Be⸗ wegung des Kopfes und die Worte, mit denen ſie die Ein⸗ tretende empfing.. „Was wünſchen Sie?“ begann ſie ſchnarrend mit geläufiger Zunge.—„Thut mir leid, daß ich nicht 63 habe entgegenſpazieren können, denn das Klopfen habe ich wohl gehört, wenn's mir mit den Ohren auch ſo ziemlich geht, wie mit den Füßen und Augen— ja, ſo, ſo!— Der Burſch, mein Kleiner, iſt mir wieder auf und davon, der Sakermenter, wie gewöhnlich— habe einen Kleinen, wie Sie mich da anſchauen, zwölf Jahre, nichts weniger und mehr— die Krankheit hat mir's angethan — wäre ſonſt noch ſpringlebendig— ja, ſo, ſo! Und meine Tochter hat zu einer Kundſchaft müſſen. Was wollen Sie denn? Reden Sie laut mit mir!“ Die Gräfin blickte die ſeltſame Sprecherin ver⸗ wundert an. Dann trat ſie näher zu ihr und ſagte mit lauter Stimme:„Bin ich hier recht bei der Schnei⸗ derin?“ Die Frau ſenkte den Kopf raſch auf die Bruſt. „Bei der Schneiderin?“ antwortete ſie mit derſel⸗ ben Lebhaftigkeit, die ihre erſten Worte charakteriſirt hatte.—„Müſſen ſchon entſchuldigen, kann nicht ins Licht ſchauen, thut mir weh. Bei der Schneiderin? Ja, ſo, ſo! Iſt ſchon richtig da. Aber ich bin's nicht, Schneide nur Geſichter noch. Es geht ſchon ſo, denn die Gicht macht die Schneiderin bei mir, verſteht's beſſer, als ich zu meiner Zeit verſtanden habe— knipps hier, knipps da— wie mit der Scheere ins Fleiſch hinein — habe aber doch meinen guten Humor—! Ja, ſo, ſo! Wollen Sie ſich gedulden, bis meine Tochter kommt? Kann nicht lange dauern. Eine Beſtellung?“ „Ja, eine Beſtellung!“ entgegnete die Gräfin, der in der Nahe der Frau etwas umheimlich zu werden be⸗ gann, ſo laut wie zuvor.—„Ich werde hier warten, wenn Sie's erlauben!“ 1 „Berauben?“ erwiederte die Frau—„Habe nicht daran gedacht— geſchehen freilich heut zu Tage ſolche Geſchichten, ſchleicht ſich ſchlechtes Bolk in die Wohnun⸗ gen, wo alte Leute allein ſind— aber was kann man uns nehmen?— Geld haben wir keins, und's gute Gewiſſen kann man Einem nicht forttragen, wie ein Bündel Wäſche— ja, ſo, ſo!— Und Sie werden ſel⸗ ber eines haben— ein gutes Gewiſſen, meine ich, Euer Gnaden!“ Die Frau begann heiſer in ſich hinein zu lachen, und zwar ſo heftig, daß ſie huſten mußte. Dieſes Mißverſtändniß der Frau, durch ihre Schwerhörigkeit verurſacht, berührte die Gräſin unan⸗ genehm. Die Mahnung an ihr Gewiſſen, die ſo zufällig und harmlos hingeworfen war, traf ſie wie ein Nadel⸗ ſtich und klang, gleich dem heiſeren Lachen, wie unheim⸗ licher Hohn in ihr Ohr. Sie wendete ſich, mit ihr ſelber unerklärlicher 65 Scheu, von der Frau ab, und ſagte laut und kurz:„Ich werde warten!“ „Warten?“ ſchnarrte die Frau, welche ſich von ihrem Krampfhuſten erholt hatte.—„Recht, recht, Euer Gnaden! Wird bald kommen, das Töchterchen, das Goldkind! Weiß, warten iſt ſchwer, hilft aber nichts, muß ſein. Warte auch, Jahr aus, Jahr ein, auf den, der mich zuſammenſchneidert und herrichtet für die ewige Seligkeit— den Tod— aber er will noch nicht, muß es beſſer wiſſen— ja, ſo, ſo!— Kommen Andere dran.— Jüngere dran— hätte bald meinen Buben geholt, am Sonnabend, den Sakermenter!— Aber warten— noch iſt's nicht gegangen— und Goldtöch⸗ terchen iſt geſund und friſch, wenn's auch bis in die Nacht hinein arbeitet für den Buben und den lebendigen Leichnam, der ich bin! Er hat ein Einſehen,— ſoll nur die ehrloſen Weibsbilder holen, die Vater und Mutter vergeſſen und ſich bei Tanz und Luſtbarkeiten Herz und Lunge vergiften! Ja, ſo, ſo!“ Durch den Körper der Gräfin lief ein eiſiger Schauer. Sie würde es vorgezogen haben, das Zimmer zu verlaſſen, hätte ſie nicht erwartet, hier Näheres über die Zuſammenkunft des Barons mit Ottilien zu er⸗ fahren. Die Worte der Frau, welche arglos in ſich hin⸗ ein ſchwatzte, verwirrten ſie und ließen im Verein Fabrikanten und Arbeiter. III. 5 66 mit der Aufregung, in der ſie ſich ohnehin befand, ihr Herz heftiger klopfen. Es fehlten wenige Minuten an Sechs. Vom Fenſter des Zimmerchens, in dem die Gräfin ſtand, konnte ſie den Hof bis zum Eingang des Hauſes überblicken, jetzt ſchaute ſie haſtig dorthin und wechſelte im nächſten Au⸗ genblick die Farbe.— Sie ſah den Baron und eine ſchöne, hochgewach⸗ ſene Blondine Arm in Arm durch das Hausthor in den Hof treten. 4 Raſch wendete ſie ſich zu der gelähmten Frau, legte den Mund faſt an das Ohr derſelben und ſagte:„So⸗ eben iſt eine junge, blonde Dame in den Hof getreten, ein Herr begleitet ſie. Beide haben zu Ihren Fenſtern hinaufgeſchaut. Die Leute werden vermuthlich zu Ihnen kommen!“ „Ah, ein blondes, ſchönes Fräulein,“ murmelte die Frau halblaut und kichernd, ohne aufzuſchauen—„kenne ſie ſchon. Kommen jede Woche— heute um ſechs Uhr, hat mein Goldtöchterchen geſagt, als ſie fortgegangen iſt,— hat viel zu arbeiten, das Kind, für die dame— Ausſtattung oder ſo dergleichen für die Reiſe— ja, ſo, ſo!“ „Reiſe?“ rief die Gräfin beſtürzt.—„Was höre ich 20. 67 Aber jetzt war keine Zeit zu Erörterungen, denn eine Minute noch, und das Paar mußte bei der Woh⸗ nung der Schneiderin anlangen. Die Gräfin hatte ſchon beim Eintreten in das Zimmer eine Thür bemerkt, welche wahrſcheinlich zu einem Kabinette führte. Auch war ihr ſchon zuvor der Gedanke gekommen, daß ſie einen Vorwand erſinnen müſſe, in jenes Kabinet zu gelangen, von wo aus das Paar jedenfalls ganz gut zu belauſchen war, falls ihre Anweſenheit nicht durch die lahme Frau verrathen ward. Die ſchwatzte in demſelben Augenblicke. „Ei,“ ſagte ſie,„junges verliebtes Volk, die Bei⸗ den— plaudern hier immer zärtlich mit einander— kann ſie nicht hören, bin ihnen deshalb nicht im Wege — werden auch auf's Goldtöchterchen warten müſſen.“ „So will ich die jungen Leute nicht ſtören!“ rief haſtig die Gräfin, die Gelegenheit ergreifend, welche ihr die Bemerkung der Frau zur Entfernung in das Kabi⸗ net bot.—„Ich werde dort nebenan warten,“— fügte ſie hinzu, auf die Kammer deutend.—„Sagen Sie den jungen Leuten nicht, daß ich dort bin,— vielleicht haben ſie nur hier Gelegenheit, einander ungeſtört zu ſprechen, und da möchte ich den jungen Liebesleuten nicht im Wege ſein!“ „Verſtehe, verſtehe!“ antwortete die Frau.„Sind 5*x 0 68 ſehr gütig— müſſen entſchuldigen— wird dem verlieb⸗ ten Volk ſchon recht kommen— gute Kundſchaft— müſſen entſchuldigen— ja, ſo, ſo!“ 1 Die Gräſin vernahm nicht mehr das Ende dieſer Rede. Sie hörte das Paar an der Außenthüre der Woh⸗ nung und verſchwand daher raſch in die Kammer. Kaum hatte ſie die Thüre derſelben geſchloſſen, als der Baron und Ottilie in das Zimmer eintraten, wo die lahme Frau im Lehnſtuhle hockte. Die Pulſe der Gräfin ſchlugen laut und ſieberhaft. Horchend drückte ſie die Stirn gegen die Thür, welche ſie von ihrem Geliebten und der Nebenbuhlerin trennte. Ihr Buſen wogte ſtürmiſch; ſonſt ſtand ſie regungslos, ſie wagte kaum zu athmen. Sie war in dieſem Augen⸗ blicke ſo aufgeregt, daß ſie nicht einmal daran dachte, wie leicht und wahrſcheinlich ihr Verſteck verrathen ſein werde, wenn entweder der Knabe, von dem die lahme Frau geredet hatte, oder die Tochter derſelben jetzt zu⸗ rückkehren ſollte. Und nun hörte ſie die Stimme des Barons; der Klang dieſer Stimme ſchnitt ihr tief in's Herz. Der Baron fragte nach der Schneiderin. Die lahme Frau ſchnarrte zur Antwort, was ſie der Gräfin geſagt hatte, daß ihr Goldtöchterchen bald kommen werde. Unmittelbar darauf vernahm die Gräſin, wie ſich 69 Jemand der Thüre nähere, hinter der ſie lauſchte. Bebend fuhr ſie zurück. Sie fürchtete, der Baron werde im näch⸗ ſten Augenblicke in das Kabinet treten und ſie erblicken, noch bevor es ihr gelungen war, zu erforſchen, was ſie um jeden Preis wiſſen wollte. Aber ihre Angſt war eine unnöthige geweſen. Die Perſon, welche ſich der Thüre genähert hatte, blieb dicht vor derſelben ſtehen und begann jetzt leiſe zu ſprechen. Die Gräfin, die ſich raſch wieder vorbeugte und ihr Ohr an den Thürſpalt legte, vernahm jedes Wort, denn der Baron, welcher redete, befand ſich ja in nur geringer Entfernung von ihr. „Komm, Ottilie,“ ſagte er,„treten wir hierher, wir haben hier um ſo weniger zu befürchten, daß das ſchwer⸗ hörige Weib ein Wort von dem auffange, was wir mit einander verabreden müſſen.“ Die Gräfin hörte das Rauſchen eines ſeidenen Gewandes, und gleich darauf, ebenfalls in unmittelbarer Nähe, das verſtändliche Flüſtern einer weichen Mädchen⸗ ſtimme. „Was Du mir unten am Hausthore, als wir ein⸗ under trafen, in der Eile zugeraunt haſt, Julius,“ be⸗ gann die Nebenbuhlerin der Horchenden,„habe ich beim Geräuſche des Straßengewühles nur halb verſtanden! 70 Wie ich Dir auf der Treppe ſchon ſagte, Du mußt mir Alles nochmals mittheilen!“ „Die Abweſenheit der Schneiderin kommt mir ſehr erwünſcht,“ antwortete der Baron,„denn nun können wir ungeſtört das Nöthige beſprechen.“ „Ich kann nur wenige Minuten bleiben! Du warſt ſehr unvorſichtig, ſchon am Hausthor zu mir zu treten! Wenn nun der Vater insgeheim meine Schritte beob⸗ achten ließe?“ „Hat er einen Argwohn?“ „Am Sonntag hat es zwiſchen mir und ihm einen Auftritt Deinethalben gegeben. Er ahnt nichts von un⸗ ſeren Zuſammenkünften und unſerem Vorhaben, aber er traut uns nicht.“ „Ihm iſt doch nicht etwa eines der Billete in die Hände gerathen, welche ich durch Robert an Dich beſor⸗ gen ließ?“ „Nicht doch. Der Robert iſt für ſein Alter ſchlauer als wir. Und Du weißt, er iſt ganz auf unſerer Seite.“ 1„Und die Mutter?“ „Ich war nicht ſo thöricht, mich ihr anzuvertrauen. Die ſchwache Frau iſt plauderhaft, wie Du weißt. Zu fürchten iſt nur der Vater. Julius, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, Du mußt unſere Flucht in kürzeſter Friſt bewerkſtelligen. In zwei oder drei Tagen wird die 71 Schneiderin hier mit den Sachen fertig ſein, die ich mit⸗ nehmen will. Ich halte es zu Hauſe nicht mehr aus. Der Vater tyranniſirt mich, ich kann mir meine Selbſtſtän⸗ digkeit nur dadurch bewahren, daß ich für ſie kämpfe, täglich, ſtündlich. Seit es dem Vater beliebt hat, die duckmäuſeriſche Sitte der Scheinheiligen bei uns einzu⸗ führen, ſoll ich nicht reiten, mich nicht kleiden wie es mir beliebt. Und das Alles wegen dieſer Tante, die uns vielleicht erſt in einigen Jahren die Gefälligkeit erweiſt zu ſterben! Dazu taucht das alberne Projekt einer Ver⸗ bindung zwiſchen mir und dem jungen Weidner wieder auf. Ich ertrage dieſen Zuſtand nicht länger!“ „Nur noch eine Weile Geduld, mein Kind, und Du wirſt dieſer Feſſeln ledig!“ „Sage mir offen, Julius,— hat Dir der Vater unſer Haus verboten?“ „O nein!“ „Weshalb bekam ich denn die ganze Zeit nur Briefe von Dir zu ſehen? Du erklärteſt Dich nur undeut⸗ lich darin.“ „Mein Herzchen, zwei Gründe beſtimmten mich, nicht bei Euch zu erſcheinen. Den einen ſchrieb ich Dir — ich wollte nicht durch allzuhäufigen Beſuch Verdacht erregen. Der andere iſt— Dein Vater ſchuldet mir ſeit jenem Abend, an welchem Euer Verwandter Euch die Nachricht von dem Unglück ſeiner Gattin brachte, eine namhafte Summe Geldes, die ich ihm als Darlehen überließ. Hier ſiehſt Du die Bons, welche er mir darüber ausgeſtellt hat. Mein Erſcheinen wenige Tage nach jenem Abend würde wie eine indiskrete Mahnung ausgeſehen haben—“ „Böſer Menſch, Du dachteſt wohl nicht daran, daß Deine Delikateſſe gegen den Vater der Tochter Kummer verurſachen werde! Ihr Männer ſeid Egoiſten! Ihr ſtellt Eure Rückſichten höher als Eure Geliebte.“ In dem Geflüſter der Beiden entſtand eine kurze Pauſe. Die Gräfin vernahm ein leiſes Geräuſch, es klang ihr wie ein Kuß, vom Baron auf die ſchmollenden Lip⸗ pen des ſchönen Mädchens gedrückt. Die Phantaſie der in leidenſchaftlicher Erregtheit Lauſchenden war geſchäftig und verſinnlichte ihr die Zärt⸗ lichkeit des Paares, die glühenden, ſehnſuchtsvollen Blicke, den brennenden Kuß der heißen Lippen, die Umarmung, das Händedrücken. Es war ein Moment voll entſetzlicher Martern für die Gräfin. Jetzt wurde wieder geſprochen. Sie lauſchte, die wilde Leidenſchaftlichkeit auflodernder Eiferſucht in ihren zitternden Buſen zurückdrängend. Der Baron war es, welcher ſprach, und der zärt⸗ liche Betheuerungen und Schwüre liſpelte, die den Grimm 73 der Horcherin bis zur Raſerei würden aufgeſtachelt ha⸗ ben, wäre ſie weniger fähig geweſen ſich zu beherrſchen. Und jetzt redete Ottilie. Dem Tone ihrer Stimme war die Erregung des ſchönen Mädchens anzuhören. „Julius,“ flüſterte ſie,„ich wiederhole Dir's, in drei oder vier Tagen muß ich vom Hauſe fort; ich will allen dieſen läſtigen Bevormundungen ein Ende gemacht wiſſen, ich ertrage ſolchen Zwang nicht länger! Du biſt unabhängig, Deine Angelegenheiten können leicht geord⸗ net ſein,— was verzögerſt Du unſere Abreiſe?“ „Mein Kind, ich will offen gegen Dich ſein!“ ant⸗ wortete der Baron.—„Vor zehn bis zwölf Tagen kön⸗ nen wir Wien nicht verlaſſen!“ „Wie? Warum nicht?“ „Durch die Summen, welche ich Deinem Vater ge⸗ liehen, und die erſt binnen vierzehn Tagen zurückzuzah⸗ len er mir am Sonnabend erklärt hat, bin ich jetzt ein wenig in meinen Finanzen genirt. Ich kann augenblick⸗ lich nur über einige hundert Gulden verfügen.“ „Ich nehme alle meine Prätioſen,— muß es denn ſein, auch die der Mutter mit; wenn wir ſie ver⸗ äußern, ſo dürfte die daraus gelöſte Summe bis zu der Zeit ausreichen, wo der Vater ſich in das Unabänderliche 1 gefunden haben und mit uns ausgeſöhnt ſein wird.“ „Wenn nun aber der Vater länger zürnen ſollte, 74 als Du glaubſt, Ottilie? Meine Forderung an ihn be⸗ trägt mehr als achttauſend Gulden,— wäre ich in drei bis vier Tagen im Beſitze derſelben, dann freilich könn⸗ ten wir getroſt ausfliegen, dann wäre für die erſten Mo⸗ nate geſorgt, und Dein Vater würde inzwiſchen wohl verſöhnt. Doch ſo!— Ertrage noch zehn Tage die Un⸗ annehmlichkeiten des elterlichen Hauſes!“ „Zehn Tage? In dieſer Zeit würde ich mich zehn⸗ mal mit dem Vater überwerfen, mich ihm verrathen, denn dieſer Zuſtand, in dem ich mich befinde, iſt mir uner⸗ träglich. Ich ſage Dir's im Voraus, Julins, jeder Tag fernerer Zögerung wird unſere Flucht erſchweren! Be⸗ ſtimme den Vater, daß er Dir das Geld früher zurück⸗ zahle.“. „Das kann ich nicht. Wenn es kein anderes Mittel gibt zeitiger in den Beſitz desſelben zu gelangen,— ich kann es nicht fordern.“ „Kein anderes Mittel?— Und wenn ſich ein ſol⸗ ches Mittel finden ließe?“ „Ja, wenn! Es gibt aber keines, außer— Du ver⸗ möchteſt das Geld dem Vater— es iſt am Ende mein rechtmäßiges Eigenthum— auf irgend eine Weiſe— doch nein, ich würde eher auf meine Liebe verzichten, als auf Dich auch nur den Schein einer unrechtmäßigen Handlung laden, mag ſie auch im Grunde dadurch ge⸗ * — 75 rechtfertigt oder wenigſtens entſchuldigt ſein, daß es ſich um etwas handelt, das mir gehört und einige Tage ſpäter doch unſer ſein würde! Freilich, einmal das Geld in Händen, ſtünde unſerer augenblicklichen Flucht, unſe⸗ rem Glücke, Deiner Freiheit nichts im Wege! Ich könnte Deinem Vater die Bons von unſerem Aufenthalte aus ſchicken, und ſo wäre Alles ausgeglichen!“ Eiie kleine Pauſe trat ein, während welcher die Gräfin ihr eigenes Herz ſchlagen hörte. „Schurke!“ murmelte ſie tonlos in ſich hinein.— „Er wird dieſe Leichtſinnige zur Verbrecherin machen, damit er ſie um ſo ſicherer zu ſeinem Werkzeug abrichten kann, wie er mich abgerichtet hat!“ Ottilie begann von Neuem zu ſprechen. „Wir werden das Geld haben, Julius!“ ſagte ſie leiſe, doch mit Feſtigkeit.—„Ich will mit Robert reden. „Kind,“ entgegnete der Baron lebhaft,„was woll⸗ teſt Du thun—?2 „Ich habe Dich verſtanden!“ „Ottilie, ich bereue, daß ich ein ſolches unüberleg⸗ tes Wort fallen gelaſſen—! Stehe von dem ab, was Dir jetzt durch den Sinn geht! Warten wir lieber, und wenn auch mit jedem Tage unſere Flucht gefährlicher, und Dein Aufenthalt bei den Eltern—“ ———— „Nein, nein!“ flüſterte das junge Mädchen ener⸗ giſch.—„Wir thun nicht gut neben einander mehr, der Vater und ich! Ich muß ſo bald wie möglich fort!“ „Und doch,“ entgegnete der Baron langſam,„kann es nicht vor Ablauf der Zeit ſein, die ich vorhin nannte, wenn nicht Einer von Euch, Du⸗ oder Robert, nebſt meinem Eigenthum, dem Gelde, das mir Dein Vater ſchuldet, ſich Papiere aneignet, die Dein Vater mir hart⸗ näckig bis zu jener Zeit vorzuenthalten beabſichtigt.“ „Welche Papiere?“ „Die Schriften, welche das Oraviczaer Bergwerk betreffen, und die ſämmtlich von mir angefertigt wor⸗ den ſind. Ich machte Dir ſchon damals, als die Sache iws Werk geſetzt wurde, begreiflich, daß nicht Eigennutz mich beſtimme, auf die gefährliche Spekulation Deines Vaters einzugehen, ſondern daß ich darin nur eine Ge⸗ legenheit ſehe, Deinen Vater, indem ich ein Helfershelfer ſeiner Pläne werde, nöthigenfalls zur Einwilligung unſerer Verbindung drängen zu können, daß alſo die Liebe zu Dir es ſei, die mich veranlaſſe, zu einer Täu⸗ ſchung, einer in der That geſetzwidrigen Handlung die Hand zu bieten. Aber Dein Vater war ſchlauer als ich, er hatte meine Abſicht durchſchaut, und ich muß meine Unvorſichtigkeit bitter bereuen, denn nicht ich habe ihn jetzt in Händen, ſondern er mich!“ — 77 „Iſt es möglich?“ „Es iſt, wie ich Dir ſage, Ottilie. Ich wollte es Dir verſchweigen, Dich nicht zu beunruhigen. Nun Du aber ein Mittel gefunden zu haben glaubſt, das mich, früher als Dein Vater beabſichtigt, in den Beſitz meines Geldes ſetzen kann, nun wäre es thöricht, wenn ich Dir die Sache verheimlichen, wenn wir dieſes Mittel nicht auch dazu benützen wollten, eine Gefahr von uns abzu⸗ wenden, die uns auch nach unſerer Flucht treffen könnte.“ „Welche Gefahr? Sprich!“ „Die Papiere, welche ich Deinem Vater übergeben, weiſen meine Handſchrift auf. Dein Vater leugnet mir jetzt, da ich nichts Schriftliches von ihm über dieſe An⸗ gelegenheit beſitze, jedes frühere Einverſtändniß mit mir ab, und ſagte mir am Sonnabend, vor Gericht erklären zu wollen, daß er ſowohl wie ſein Freund durch mich getäuſcht worden ſei!“ „Das iſt eine Schändlichkeit! O ich kenne den Vater! Vermuthlich hat er auch erklärt, Dir Deine Schriften uur dann zurückſtellen zu wollen, ſobald Du auf Dein dargeliehenes Geld Verzicht leiſteſt?“ „Doch nicht. Er iſt bereit zu zahlen, und mir auch die Papiere zurückzuſtellen, ohne ſie gegen mich gebraucht zu haben. Aber nur unter einer Bedingung.“ „Und die iſt?“. 78 „Daß ich unmittelbar nach Einhändigung des Geldes und der Papiere Wien auf längere Zeit verlaſſe. Er weiß um unſere Liebe, und will uns ſo durch dieſe Bedingung trennen. Zahlen wird er aber erſt zu der genannten Friſt, alſo heißt es entweder warten, oder—“ „Oder die Schriften ſammt Deinem Gelde früher an ſich bringen, ich begreife!“ „Behält er jene unechten Oraviczaer Papiere in Händen, ſo kann er nach unſerer Flucht zu Gericht da⸗ mit gehen und—“ „Du glaubſt, er würde das wagen? Weißich nicht auch um des Vaters Einverſtändniß? Kann ich nicht Zeugniß gegen ihn ablegen* „Würde ich darum weniger ſtrafbar erſcheinen? Und was könnteſt Du gegen Deinen Vater beweiſen? Man würde Dir, als meiner Geliebten, keinen Glauben beimeſſen! Das wird Dein Vater Alles wohl erwogen haben!“ Wiederum entſtand eine kurze Pauſe. Dann ſagte Ottilie feſt und leiſe wie zuvor: „Halte künftigen Sonnabend Alles bereit, Julius. Ich bringe das Geld und die Papiere. Mein Vater hat Dir Beides zugeſagt, wenn Du Wien verlaſſen willſt,“ fügte ſie lachend hinzu—„gut, Du entführſt mich, und erfüllſt ſo zugleich ſein Begehren! Um ſechs Uhr zahlt — 1 3. 1 79 mein Vater ſeinen Leuten aus. Wo ſoll ich eine Stunde ſpäter ſein?“ „Du biſt ein entſchloſſenes, reizendes Geſchöpf, Ottilie! Nun denn, ich erwarte Dich in meiner Woh⸗ nung. Am Sonnabend ſagſt Du,— ſo bleiben Dir vier Tage Deine nothwendigſten Effekten heimlich durch Roberts Vermittlung zu mir ſchaffen zu laſſen. Mein Ignaz, der dumm aber ehrlich iſt, wird von hier abholen, was die Schneiderin für Dich angefertigt hat. Ich ver⸗ ſchaffe uns inzwiſchen die nöthigen Papiere zur Reiſe, die ohnehin nicht weit gehen wird.“ „Und werden wir augenblicklich reiſen können, ſo⸗ bald ich zu Dir gekommen bin?“ „Du wirſt die Koffer gepackt, den Wagen, der uns zur Nordbahn bringt, vor dem Hauſe finden.“ „Wir gehen nach Peſt, wie Du es früher be⸗ Affen?⸗ „Wenigſtens über die ungariſche Grenze. Am Sonnabend alſo? Biſt Du Deiner Sache gewiß?“ „Ja. Was ich nicht vermag, wird Robert zu be⸗ werkſtelligen wiſſen. Zwiſchen ſieben und acht Uhr ſiehſt Du mich bei Dir. Und jetzt muß ich fort, Julius, es iſt die höchſte Zeit! Ich kann die Schneiderin hier nicht mehr erwarten, und werde ſie morgen zu anderer Zeit aufſuchen.“ 80 Die Gräſin vernahm noch ein undeutliches Ge⸗ murmel, denn die Beiden, welche an der Thüre mit ein⸗ ander geſprochen, hatten jetzt ihren Platz verlaſſen. Gleich darauf hörte die athemlos Lauſchende, wie der Baron und Ottilie die lahme Frau darüber verſtändigten, daß ſie nicht länger verweilen könnten. Dann tönte ein Ge⸗ räuſch ſich entfernender Schritte. Thüren wurden geöff⸗ net und geſchloſſen, und endlich war Alles ſtill. Das Paar hatte die Wohnung der Schneiderin verlaſſen. Einige Augenblicke noch verharrte die Gräfin Julie in ihrer lauſchenden Stellung. Dann taumelte ſie zurück. Hinter ihr ſtand ein Bett. Sie ſank darauf nieder, und preßte ihr Antlitz in die Decken. Ohne Zeugen in der kleinen Kammer, gab ſie ſich ihrem Schmerze, ihrer Wuth, ihrer Verzweiflung rückhaltslos hin. Sie weinte wie ein Kind, ihr Körper zuckte konvulſiviſch, es war, als hätten Krämpfe ſie befallen. Ein geſunkenes Weib verliert im Schmerze ihre innere Haltung, ſie tobt gegen ſich, gegen den, um wel⸗ chen ſie leidet, gegen die Welt, von der ſie verachtet wird, die ſich theilnahmslos von ihrem meiſt ſelbſt ver⸗ ſchuldeten Jammer abwendet,— ein geſunkenes Weib iſt in ſolchem Moment bis zur Vernichtung entmuthigt, denn ſie hat nicht das Selbſtgefühl reiner Seelen. * . 81 Einige Minuten vergingen. Dann richtete ſich die Gräſin auf. Sie löſchte mit ihrem Taſchentuche die Thränenſpuren von ihrem Antlitz aus, ihre dunklen Au⸗ gen blitzten, ſie ward ſich jetzt erſt bewußt, daß ſie ſich in einer fremden Wohnung befinde. Haſtig zog ſie ihre zerknitterte Mantille an ſich, und öffnete die Thür der Kammer. Die lahme Frau ſaß ſchweigend im Zimmer und hatte den Kopf geſenkt; ſie ſchien auf die Beſucherin, welche früher als das Liebespaar gekommen war, völlig vergeſſen zu haben. Jetzt blickte ſie raſch auf und ſtieß ein verwundertes„Ja, ſo, ſo!“ hervor. Die Gräſin eilte an ihr vorüber, ohne ſie anzu⸗ blicken, ſie vergaß in dieſem Augenblicke alle Vorſicht, nur ein Gedanke erfüllte ihr ganzes Weſen:„Fort von hier, Rache!“ Sie durchkreuzte alſo das Wohnzimmer der Schneiderin, und verließ es in höchſter Eile. Im Be⸗ griffe, auch jene Thür zu öffnen, welche von der Küche zur Treppe führte, vernahm ſie an der Wohnung ehn Geräuſch. Sie trat einen Schritt zurück, denn die Thür, deren Drücker bereits ihre Fingerſpitzen berührten, ging auf. Ein junges Mädchen erſchien auf der Schwelle Fabrikanten und Arbeiter. III. und ſtarrte mit allen Anzeichen der Ueberraſchung die Gräfin an. Dieſe aber ſtieß einen leiſen Schrei aus. Sie ſah ſich, Auge in Auge, ihrer ehemaligen Freundin, der Schneider⸗Fanni gegenüber. Die Gräfin, an Verſtellung gewöhnt, verbarg im nächſten Moment ihre Beſtürzung. Lächelnd ſtreckte ſie der jungen Arbeiterin ihre Hand entgegen. „Wie?“ rief ſie.—„Das iſt ein ſonderbarer Zu⸗ fall!— Du wohnſt hier, Fanni?“ Die Angeredete beſaß nicht die Geiſtesgegenwart der raffinirten Demi⸗monde⸗Dame. Betroffen, war ſie keines Lautes fähig. Eine brennende Röthe überzog ihre Wangen. Aber ſie machte keine Miene, die dargebotene Hand der früheren Geliebten Anton's anzunehmen. „Und die kranke Frau im Zimmer drinnen iſt Deine Mutter?“ fuhr die Gräfin mit erkünſtelter Leb⸗ haftigkeit fort.—„Wie iſt die Arme verändert— ich konnte ſie unmöglich erkennen! Aber es geht Euch ſouſt gut, wie es ſcheint?“ Während die Gräfin ſprach, hatte Fanni ihre Faſ⸗ ſung wieder gewonnen, Ihre Züge wurden ernſt, ihr Blick drückte einen gewiſſen Stolz aus. 83 „Was hat Sie hieher geführt?“ fragte ſie ruhig und in zurückhaltendem Tone. Die Gräfin that, als bemerke ſie nicht das kühle Benehmen des Mädchens. „Der Zufall, wie geſagt!“ antwortete ſie lachend. —„Ich freue mich herzlich, daß es ſich ſo gefügt hat! Meine Schneiderin wohnt hier in der Nähe. Sie hatte ſich durch vierzehn Tage nicht bei mir blicken laſſen, und da ich ihrer dringend benöthige, ſo machte ich mich heute auf, ſie in ihrer Wohnung aufzuſuchen. Dort ſagte man mir, ſie ſei auf längere Zeit in ihre Heimat gereiſt, aber einige Häuſer weiter wohne eine Schneiderin, die ſehr geſchickt ſein ſolle. Man wußte mir nicht den Namen zu nennen, wohl aber das Haus und die Wohnung anzu⸗ geben. Ich dachte mir: Du kannſt es einmal mit der auf's Gerathewohl verſuchen!— und ſo ging ich hierher. Weiß Gott, ich ahnte nicht, daß mir ein ſo angenehmes Wiederſehen bevorſtehe! Was ich der Fremden auftra⸗ gen wollte, kann jetzt ja die alte Freundin ausführen!“ Die Gräfin ſtreckte der Arbeiterin von Neuem die Hand entgegen. Und wiederum rührte Fanni ſich nicht, dieſe Hand zu ergreifen. „Ich bedaure,“ ſagte das Mädchen erröthend aber mit feſter Stimme,„keine Arbeit von Ihnen überneh⸗ men zu können!“ 6* 84 „Ich verſtehe, Du biſt mit Geſchäften überhäuft, liebes Kind!“ „Ja, und wäre dem auch nicht ſo, würde ich doch nicht für Sie arbeiten!“ Die Gräfin blickte ihre ehemalige Freundin groß und durchdringend an. „Was heißt das, Fanni?“ ſagte ſie.—„Und weshalb dieſer fremde, zurückhaltende Ton, dieſes kalte Sie! Haſt Du vergeſſen, was wir einander geweſen ſind? Ich erinnere mich nicht, daß wir einſt als Fein⸗ dinnen geſchieden—“ „Aber als wir uns das letzte Mal ſahen,“ unter⸗ brach ſie Fanni ruhig und entſchloſſen,„da waren Sie Arbeiterin, wie ich!“ „Thörichtes Mädchen!“ verſetzte die Gräfin lä⸗ chelnd—„Glaubſt Du, ich ſei ſo engherzig, von einer ehemaligen Freundin, die nicht vom Glücke begünſtigt worden iſt, wie ich, zu begehren, daß ſie zu mir rede, wie eine Schneiderin zur Gräfin?“ 3 „Sie mißverſtehen mich,“ entgegnete Fanni ohne Zögern,„Ihr Titel iſt es nicht, der mich von Ihnen trennt—“ „Was denn?“ „Ihr Lebenswandel. Meine Freundſchaft und mein vertrauliches„Du“ ſind für die rechtſchaffene Ar⸗ 4 N 85 beiterin Julie am Platze geweſen, mit der Gräfin Leg⸗ giero will ich als ehrliches Mädchen keine Gemeinſchaft haben. Ich muß Sie daher aen en, mich zu verluſten, und ſich enen nicht zu erinnern, daß die Schneider⸗ Fanni auf der Welt iſt!“ Die Gräfin ward noch bleicher, als ſie ohnehin ſchon war, krampfh aft ballte ſie ihre Linke, runzelte die Stirn und ſchoß einen wilden Blig auf das freimüthige Mädchen, indem ſie ſich hochmüthig aufrichtete. Fanni dber hielt dieſen Blick ruhig aus, trat in die Küche und zur Seite, der unerwünſchten Beſucherin den Ausgang frei zu machen. „Unverſchämte!“ rief dieſe mit auflodernder Lei⸗ denſchaftlichkeit—„Sie wagen es, mich, die ich Ihnen bei dieſem unerwarteten Wiederſehen vol argloſer Herz⸗ lichkeit entgegen getreten bin, zu beſchimpfe n?“ „Das thue ich nicht,“ verſetzte Fanni gelaſſen.— „Sie ſelber ſind es, die für immer Schimpf und Schande auf ſich geladen hat!“ Die Gräfin knirſchte vor Wuth mit den Zähnen. „Elende!“ ſagte ſie mit ſchneidendem Hohn.— „Du kannſt nicht vergeſſen, daß Anton ſich an mich ge⸗ hängt und Dich nicht gemocht hat!“ Fanni erblaßte, ihre Lippen bebten. „Und was berechtigt Dich,“ fuhr die Gräfin fort 86 —„Dich über mich zu erheben? Hab' ich geſündigt aus Leidenſchaft für einen Mann, durch den ich erſt die wahre Liebe kennen lernte, ſo ſündigſt Du aus Eigen⸗ nutz! Wer iſt verächtlicher, ich oder Du— die Kupp⸗ lerin!“ Fanni, welche durch das höhniſche Mahnen an ihre reine, uneigennützige, entſagende Neigung zu Anton Schulhof tief erſchüttert worden war, erlangte durch die Anklage, die jetzt ihr entgegen geſchleudert worden war, ihre Feſtigkeit wieder. 1 „Was ſagen Sie da?“ fragte ſie mit der Ent⸗ rüſtung Derjenigen, die ſich keiner Schuld bewußt ſind. „Du wirſt es doch nicht leugnen wollen,“ fuhr die Gräfin fort,„daß Du Deine Wohnung zu heimlichen Zuſammenkünften Verliebter hergibſt? Soeben hat ein ſolches Paar vor mir dieſe Wohnung verlaſſen! Ein Mädchen, die Anderen derartige Dienſte leiſtet, um deren Tugend und Ehrlichkeit kann es nicht zum Beſten ſtehen!“ „Die junge Dame, welche Sie geſehen haben, wie Sie ſagen,“ entgegnete Fanni lebhaft,„iſt eine Kund⸗ ſchaft von mir. Aber ich ſtehe in weiter keiner Beziehung zu ihr, ja ich weiß ſo wenig ihren Namen, wie den des Herrn, der ſie ſtets begleitet. Doch ſo viel iſt ſicher, daß die jungen Leute verlobt ſind, denn eine Ausſtattung 8 6 87 iſt's, woran ich für die Dame arbeite. Eine Unziemlich⸗ keit iſt weder der Mutter, noch mir bei dieſen Beſuchen anfgefallen, der erſte Verſuch dazu wäre der letzte ge⸗ weſen, und hätte es mich dieſe Kundſchaft gekoſtet, das verſichere ich Sie bei meiner Ehre! Können Sie An⸗ deres ausſagen, als ich, ſo beweiſen Sie es, ich bin be⸗ reit, von der Dame eine Erklärung zu fordern, wollen Sie das vor ihr und dem Herrn unumwunden wieder⸗ holen, weſſen Sie mich beſchuldigen!“ „Sie wiſſen nur zu gut,“ verſetzte die Gräfin ſpöttiſch lachend,„daß ich mich unbekannter Menſchen halber nicht auf Weitläufigkeiten und Ungelegenheiten einlaſſen werde. Sie haben es leicht, ſich mit ſchönen Redensarten vertheidigen!“ „Ich ſpreche im Bewußtſein meiner Rechtlichkeit, und dieſes läßt mich ruhig und furchtlos jeder feigen und niederträchtigen Verdächtigung die Stirne bieten!“ „Ich zweifle nicht daran, daß die Uebung in einem verſteckten Handwerk Sie daran gewöhnt hat, den Blick, der Sie verurtheilt, gelaſſen zu ertragen!“ höhnte die Gräfin. „Sie richten ſich durch Ihre eigenen Worte,“ ant⸗ wortete Fanni in edlem Stolz, denn nichts ſcheint Ihnen in Ihrem Innern zu ſagen, daß Sie jetzt vor einem Maädchen erröthen müßten, welche Sie kannte, als Sie 88 noch berechtigt waren, den Blick frei und offen zu er⸗ heben! Ein verſtecktes Handwerk iſt es nicht, womit ich mich und die Meinigen ernähre, wohl aber durch meiner Hände Arbeit und ſie hat, Gott ſei Dank, noch immer ausgereicht, mich vor der Schande zu bewahren!“ „Die Tugend einer Schneiderin!“ lachte die Gräfin. „Ja, einer Schneiderin!“ unterbrach ſie Fanni ernſt und mit glühenden Wangen.—„Mag auch die Welt den Mädchen meines Standes dies und jenes nach⸗ reden, es gibt doch mehr ehrliche und tugendhafte unter ihnen, als Manche glauben mag, die verächtlich zu ihnen herabblickt. Ich liebe und achte, trotz des Vorurtheils, meinen Stand, denn er gibt mir nicht allein die Mittel, mich ehrlich durch die Welt zu helfen, er bringt mir auch Arbeit vom Morgen bis auf die Nacht, und wer arbeitet, hat keine Zeit auf Dinge zu denken, die früher oder ſpä⸗ ter ein Mädchen verderben können! Schauen Sie ſich doch um! Glauben Sie nicht, die Mehrzahl von jenen jungen Frauenzimmern, die ſich mit der Nadel ihr Brot verdienen, könnte ſich, wenn ſie es wollte, wie Jene klei⸗ den, die in Uebermuth daher ſtolziren und mit ihren körperlichen Vorzügen Handel treiben? Warum ſehen Sie dennoch ſo Viele, die ſich ſchlicht und einfach tragen, die kaum im Winter das Nöthige haben, ſich vor der Kälte zu ſchützen, und die doch oftmals weit hübſcher ————— 89 ſind, als die bemalten Schönheiten von der Gaſſe? Warum, frage ich, wenn es nicht doch etwas gäbe, wie Tugend und Rechtſchaffenheit, etwas das uns höher gilt als ein glänzend aufgeputztes Elend? Unter Entbehrung für Diejenigen arbeiten, welche in Ueberfluß ſchwelgen, Sammt und Seide täglich unter den Händen haben, und doch im ärmlichen Kleide dahergehen, für die Eitelkeit, die Gefallſucht Jener Tag und Nacht ſich abmühen, deren Launen und Vorwürfe ſie geduldig ertragen muß, das vermag nur ein Mädchen, die Selbſtverleugnung beſitzt, die tugendhaft iſt um ihrer ſelbſt willen! Und bleibt ſie das, hat ſie da nicht ein Recht, auf ihre Ehrenhaftigkeit ſtolzer zu ſein, als ſelbſt die ehrliche Tochter des Wohl⸗ habenden, die vor der Noth geſchützt iſt, von den Eltern vor Gefahren bewacht wird, der die Gelegenheit fehlt in Verſuchungen zu gerathen, die der armen Arbeiterin auf Tritt und Schritt nachſchleichen? Hat ſie ein ſolches Recht dem anſtändigen Mädchen der beſſeren Klaſſe gegenüber, um wie viel höher muß ſie ſich halten, als Jene, die noch weit unter denen ſtehen, welche vielleicht fallen würden, wenn die Gelegenheit nur da wäre! Spotten Sie alſo nur über die Tugend einer Schneide⸗ rin, die Sie ſelber ein ehrliches Mädchen aus dem Volke geweſen ſind, gehen Sie nur in Glanz und Seide einher, es wird ſchon einmal die Zeit kommen, da werden Sie 90 die arme Schneider⸗Fanni um das beneiden, was auf der Welt unſer höchſtes Gut iſt— ein reines Gewiſſen und ein ehrlicher Name!“ Fanni blickte das ehemalige Polirmädchen ſo feſt und offen an, daß dieſe, einen Moment verwirrt, unwill⸗ kürlich die Augen ſenken mußte. Dann kehrte die Schneiderin der Demi⸗monde⸗ Dame den Rücken und trat ins Wohnzimmer, die Thür hinter ſich ſchließend. 1 Der Gräſin Julie aber ſchien ein Krampf die Bruſt ſekundenlang zuſammenzuſchnüren. Sie ermannte ſich, murmelte eine Verwünſchung und ſtürzte fort, die Treppe hinunter. Fünftes Capitel. Schändlicher Betrug. Die Gräſin eilte zum Halteplatz der Fiaker nächſt der Lerchenfelder Linie, und warf ſich in einen der Wa⸗ gen. Sie bezeichnete dem Kutſcher ihre Wohnung und gab ſich, von den verſchiedenartigſten Gefühlen beſtürmt, haſtig einander verdrängenden Gedanken hin, während ſich das Fuhrwerk in Bewegung ſetzte. Im erſten Moment überließ ſie ſich nur ihrem Zorne über die Begegnung, welche ihr von Seiten der Schneider⸗Fanni zu Theil geworden. Ihre Wuth war um ſo größer, als ſie auf die Zurechtweiſung des Mäd⸗ chens nichts Haltbares hatte erwiedern können. Sie, der Fanni geiſtig überlegen, hatte vor den Worten der Wahrheit, welche die ſchlichte Arbeiterin ihr entgegenge⸗ ſchleudert, ſich beugen und das Feld räumen müſſen, und 92 dieſer Rückzug war noch ſchmachvoller dadurch für ſie geworden, daß ſie ihrer Gegnerin gegenüber auch nicht einmal in einem Punkte wenigſtens ein ſcheinbares Recht hatte behaupten können. 3 Durfte ſie verrathen, daß ihr das Paar bekannt ſei, daß ſie dasſelbe behorcht habe? „Ich hätte mir damit den Weg der Rache abge⸗ ſchnitten!“ murmelte ſie in ſich hinein. Dieſer Gedanke gab ihren Empfindungen eine an⸗ dere Richtung. Ihre Augen begannen unheilverkündend zu leuchten. 3 „Gott ſei Dank!“ ſagte ſie ſich—„ich werde mich rächen können! Wer wird mich daran hindern? Lenz argwöhnt nichts von mir, und Fanni, dieſe lächerliche Tugendheldin, weiß weder etwas von meinen Beziehun⸗ gen zum Baron, noch kennt ſie ihn oder die Tochter des Fabrikanten!— Ich muß mich rächen, empfindlich! Doch wie? Soll ich direkt zu Stahl fahren und ihm Alles ent⸗ hüllen? Was könnte es mir nützen? Der Baron und Ottilie würden den Plan ableugnen, Stahl würde durch Lenz, den liſtigen Verräther, um ſo leichter zu dem Glauben bewogen werden, daß ich aus Eiferſucht eine Fabel erdichtete! Und wenn dies dem Baron auch nicht gelingen ſollte, wenn ich auch durch die geheimen Zu⸗ ſammenkünfte des Paares bei der Schneiderin nach⸗ weiſen würde, daß Lenz und die Tochter des Fabrikanten mit einander im Einverſtändniß ſind, was habe ich da⸗ von? Beide werden ihr Vorhaben verſchieben, das iſt Alles, was ich erreiche! Lenz aber werde ich durch dieſe Denunziation verlieren, vom Augenblicke an, wo er er⸗ fahren, daß ich dem Vater des Mädchens Alles offen⸗ bart— auf ewig verlieren!— Und, o mein Gott! ich fühle es, ſein Verluſt würde mein Tod ſein! Er iſt ein Elender, er liebt mich nicht, und dennoch— ich habe es nie zuvor ſo heiß, ſo unwiderſtehlich empfunden,— den⸗ noch liebe ich ihn bis zum Wahnſinn, dennoch hängt meine ganze Seligkeit an dieſem Menſchen, der mich ver⸗ räth! Und ſollte ich durch ihn namenlos unglücklich, ſollte ich vernichtet werden— ich hänge an ihm, ich laſſe ihn nicht, mir— mir muß er angehören— mir allein! Was bin ich ohne ihn?!“ Die Gräſin verſank in dumpfes, ſchmerzliches Brü⸗ ten über ihre Lage. Aber ſie gab ſich nicht lange einer nutzloſen Selbſtqual hin. Ihr Naturell war nicht für dergleichen geſchaffen, ſondern beſaß jene Schnellkraft, die ſich Verlegenheiten und Widerwärtigkeiten gegenüber verdoppelt, und nur auf Augenblicke gebrochen werden kann. Die ſchöne, im Herzen tief verwundete Abenteure⸗ rin ging im Geiſte Alles durch, was ſie zuvor erlauſcht hatte, und dieſes war in der That geeignet, in einer Be⸗ 94 ziehung heilenden Balſam in ihre Wunden zu träufeln, denn das erhorchte Geſpräch enthüllte ihr die Mittel, durch welche ſie unfehlbar den Baron wieder an ſich reißen mußte, falls ſie mit Schlauheit zu Werke ging. Und Scharfſinn war ja eine der Haupteigenſchaften der Gräfin! „Ich muß dieſe Ottilie für Lenz unmöglich machen,“ flüſterte ſie vor ſich hin,„und wie erreiche ich dieſes beſſer, als wenn ich das Mädchen ausführen laſſe, was ſie ſich vorgenommen hat? Zur Diebin muß ſie geworden ſein, ſie muß mit dem Entwendeten das väterliche Haus ver⸗ laſſen haben, und dann erſt entdecke ich ſchriftlich und anonym ihrem Vater das Vorhaben derſelben, und wo⸗ möglich in einer Weiſe, daß die Polizei von dem verübten Verbrechen Kunde erhalte. Das wird ein Leichtes ſein! Aber auch die Flucht der Beiden muß verhindert wer⸗ den. Doch wie? Das Mädchen darf, nachdem ſie vom Hauſe entwichen iſt, nicht zu der Wohnung des Barons gelangen. Sie auf dem Wege dahin durch die Polizei aufhalten? Das geht nicht, denn mit dem entwendeten Gelde würden auch die gefälſchten Papiere, von denen Lenz zu dem Mädchen geſprochen hat, und die, wie er ſagte, für ihn gefährlich ſind, in die Hände der Behörde fallen. Ich will Julius an mich ketten, aber nicht ihn verderben!— Wenn ich in den Beſitz dieſer Papiere kommen könnte, dann— ja dann wäre Lenz mein— mein, wenn auch durch Zwang!— Ich hätte eine Waffe gegen ſeine Treuloſigkeit in Händen, ich würde im Ueber⸗ gewicht gegen ihn ſein, gegen ihn bleiben, denn warum ſollte ich dann ſo thöricht ſein, eine Waffe aus den Hän⸗ den zu geben, mit der zu drohen allein ſchon hinreichen muß, mir den falſchen Mann zu ſichern, ohne den ich Närrin nicht zu leben vermag!— Doch wie die Tochter des Fabrikanten auf ihrer Flucht zu Lenz aufhalten? Wie ſie der Papiere berauben, die mein werden müſſen um jeden Preis? Welche Liſt erſinnen? Wohin ſie locken? Es iſt klar,— das werde ich allein nicht vollbringen können!— So etwas wäre eher die Sache eines Man⸗ nes! Wenn ich einen zuverläſſigen Menſchen finden könnte!— Iſt denn Niemand unter denen, die ich kenne, der fähig wäre— aber auch dem ich Vertrauen, unbe⸗ dingtes Vertrauen—“ Die Gräfin gelangte nicht weiter in ihren Ent⸗ würfen, denn plötzlich hielt der Wagen. Sie fuhr aus ihrem Sinnen auf, und ſah ſich vor ihrem Hauſe in der Gardegaſſe. Sie ſtieg aus, zahlte dem Kutſcher das Fahrgeld und begab ſich zu ihrer Wohnung. Karoline trat ihrer Herrin mit beſonderer Lebhaf⸗ tigkeit entgegen. 96 Die Gräfin gewahrte ſogleich die Spannung in den Zügen ihres Mödchens. „Iſt hier während meiner Abweſenheit etwas vor⸗ gefallen?“ fragte ſie.— „Haben Sie ihn geſehen, gnädige Frau?“ fragte dagegen Karoline. „Wen?“ „Nun, den hohläugigen jungen Menſchen, der immer zu dieſer Zeit um das Haus zu ſchleichen pflegt. Bevor Sie heute fortgefahren ſind, gnädige Frau, ſagte ich Ihnen ja von ihm.“ „Derſelbe, der ſich nach mir erkundigt hat, wie Du behaupteſt? Der— Arbeiter?“ „Ja, ja!“ „Ich habe ihn nicht bemerkt, und dachte auch in der That nicht an ihn, als ich aus dem Wagen ſtieg.“ „Vorhin iſt er eine ganze Weile in dem Thorwege geſtanden, der unſerem Hauſe gegenüber liegt, und hat Ihre Fenſter angeſtarrt. Ich beobachtete ihn, indem ich mich hinter den Vorhängen verſteckt hielt.“ „Du biſt ein albernes Ding!“ verſetzte die Gräfin anſcheinend gleichgültig.—„Und jetzt wird jener Menſch die Sache eher ſatt bekommen haben als Du und gegan⸗ gen ſein?“ „Nicht doch, gnädige Frau! Ich habe ihn noch ſo⸗ eben geſehen. Er ſtand zwei Häuſer weiter auf derſelben Seite der Gaſſe. Jedenfalls iſt Ihr Fiaker dicht an ihm vorüber gerollt. Ich wette, wir können ihn noch vom Fenſter aus ſehen.“ „Nun denn, ſo zeige ihn mir, Mädchen! Du machſt ſo viel Aufhebens von Deinem Unbekannten, daß ich in vollem Ernſt neugierig geworden bin ihn zu ſehen!“ Die Gräſin hatte dieſe Worte nachläſſig hingewor⸗ fen, in Wahrheit aber begann ſie das räthſelhafte Er⸗ ſcheinen des Mannes zu beunruhigen, von dem ihre Zofe ausſagte, daß er täglich in der Nähe des Hauſes auf ſo verdächtige Weiſe umherſchleiche. Sie folgte dem Mädchen zu dem kleinen Salon, deſſen Fenſter auf die Gaſſe gingen. Karoline näherte ſich dem erſten dieſer Fenſter, und blickte vorſichtig zwiſchen der Spalte hindurch, welche der weitbauſchige, ſchwere Vorhang neben der Spiegelwand bildete. Das Mädchen hatte ſich nur ſekundenlang vorüber⸗ gebeugt, als ſie raſch zurückfuhr und ſich zu ihrer Herrin umwendete. „Da iſt er!“ ſagte ſie in ihrem Eifer ſo leiſe, als hätte der Untenſtehende ſie hören können, wenn ſie laut geſprochen haben würde.—„Jetzt ſteht er wieder im Thorwege gegenüber. Sie können ihn hier deutlich ſehen, Fabrikanten und Arbeiter. III. 7 98 gnädige Frau, aber“— fügte ſie lächelnd hinzu— „kommen ſie vorſichtig belan, und bewegen Sie nicht den Vorhang,— der Menſch ſchaut gerade zu dieſem Fenſter herauf!“ Die Gräfin trat hinter den Vorhang und ſchaute, durch dieſen verſteckt, auf die Gaſſe. Sie wechſelte die Farbe und ſtieß einen leiſen Schrei aus, denn ſie gewahrte Anton, ihren ehemaligen Gelieb⸗ ten, von dem ſie gewähnt hatte, daß er noch im Straf⸗ hauſe ſei. 3 Ihr Erſchrecken war ein furchtbares, aber ſie er⸗ langte ſogleich wenigſtens äußerlich ihre Faſſung wie⸗ der, denn ſie erinnerte ſich im Momente an die Gegen⸗ wart des Mädchens. Gelaſſen wendete ſie Karolinen ihr Antlitz zu, aber die aſchfarbenen Wangen verriethen dem Mädch en die innere Beſtürzung der Herrin. „Iſt Ihnen unwohl, gnädige Frau?“ rief Karo⸗ line.—„Nicht wahr, der Anblick dieſes Menſchen iſt unheimlich, und hat Sie erſchreckt! Soll ich ein Flacon holen?“ „Du biſt eine Thörin, Karoline, ich habe Dir's vorhin ſchon geſagt!“ erwiederte die Gräfin, ſich zu einem Lächeln zwingend.—„Im Vorhang ſteckt irgend⸗ 99 wo eine Nadel— ich ritzte mich daran— das iſt Alles! Geh', ich bedarf Deiner jetzt nicht!“. Karoline näherte ſich ihrer Herrin. „So will ich,“ ſagte ſie,„wenn Sie erlauben, gnä⸗ dige Frau, zuvor dieſe Nadel—“ „Laſſ' das nur!“ unterbrach ſie die Gräfin haſtig und mit anſcheinender Ungeduld,—„ich habe Dir ge⸗ ſagt, daß ich Deiner augenblicklich nicht bedürfe!“ Das Mädchen warf einen verſteckten, eigenthüm⸗ lich ſchlauen Blick auf ihre Gebieterin. Die Züge Karo⸗ linens ſagten nur zu deutlich, daß ſie nicht an eine Na⸗ del im Vorhang glaube, wohl aber berechtigt ſei, über dieſes Erſchrecken ihre eigenen Gedanken zu haben. Ka⸗ roline ging. Sie hatte ſich kanm aus dem kleinen Salon entfernt, als die Gräfin ſich wieder haſtig dem Vorhang zuwendete, und durch die Spalte desſelben länger und ſchärfer als zuvor ſchaute. Sie gab ſich jetzt rückhaltslos ihrer Aufregung hin, während ſie ihre Augen ſtarr auf Anton gerichtet hielt. „Er iſt frei!“ murmelte ſie vor ſich hin,—„frei — und hat mich nicht vergeſſen! Aber weßhalb ſteht er hier? Hat er die Abſicht von Neuem eine Gewaltthat an mir zu begehen? Wenn er jetzt mir feindſelig gegen⸗ über tritt, ſo kann es nur geſchehen, um mich zu tödten! Er wäre fähig, das zu thun,— was hat er noch zu 7 ¾ 100 verlieren? Das Leben!— Und was liegt einem Men⸗ ſchen, wie Anton, daran?!“ Ein Schauer überlief die Gräfin, ſie zitterte, wie im leichten Fieberfroſt. 5 „Vielleicht wäre Lenz damit gedient, wenn mich der Anton gerade jetzt tödten würde!— Ich wäre aus dem Wege!“ fuhr ſie mit bebenden Lippen fort. Ihre dunklen Augen flammten, eine leichte Röthe erſchien auf ihren Wangen, ihre Züge drückten in dieſem Augenblicke Schmerz, Haß und Furcht zugleich aus. Während ſo ein Gemiſch der verſchiedenartigſten Gefühle ſie beſtürmte, war ſie vom Vorhang zurückge⸗ treten, und durchſchritt nun den Salon. „Faſſe Dich, faſſe Dich, Julie!“ rief ſie ſich zu.— „Wenn Du jetzt Deine alte Verſchlagenheit verlierſt, iſt's mit Dir vorbei!“ Und die Gräfin erlangte durch dieſen Gedanken ihre völlige Selbſtbeherrſchung wieder. „Droht mir durch Anton eine Gefahr,“ ſagte ſie ſich,„ſo bin ich wenigſtens von dieſer benachrichtigt! Aber warum muß denn gerade die Rache ihn hieher führen? Er ſchleicht ſchon ſeit voriger Woche hier her⸗ um, ſagt Karoline. Hätte er nicht längſt eine Gelegen⸗ heit finden können, mich zu überfallen, wenn dieſes zu thun in ſeiner Abſicht läge?— Wie— wenn nun die 101 Reue ihn an meine Schwelle bannte— wenn— er mich noch lieben ſollte, trotz Allem— trotz der erlittenen Strafe, trotz ſeiner Entehrung ſogar?— Dann—“ Sie vollendete nicht den letzten Satz ihrer Gedan⸗ kenverbindung. Haſtig ſchritt ſie von Neuem hinter den Vorhang und blickte vom vorigen Verſteck aus forſchend zum Thorwege hinüber. 3„Dort ſteht er noch und ſtarrt herauf!“ murmelte ſie.—„Vei Gott, in ſeinem Blicke iſt keine Wildheit! Er ſteht wie ein Träumender da. Wie elend er aus⸗ ſieht, wie bleich und hohläugig! Er liebt mich noch!“ Um die Lippen der Gräfin ſpielte ein Lächeln. Ihr Antlitz verkündete auch nicht durch den leiſeſten Zug, daß Mitleid mit dieſem abgehärmten jungen Manne, dieſem Schatten des ehemals ſo lebensfriſchen Anton ihr Inneres bewege, daß ein Gewiſſensbiß ihr Herz durchzucke. Sie empfand in dieſem Augenblicke nichts als das Gefühl der Sicherheit, das ſiegreich in ihrem Gemüthe aufzuſteigen begann. Und an dieſes Gefühl knüpfte ihr ſchlauer Geiſt ſogleich weitere Konſe⸗ quenzen. „Er wird mir nicht gefährlich ſein!“ raunte die innere Stimme ihr zu—„Aber nur das? Nichts mehr?“ 102 Plötzlich zuckte die ſchöne Abenteurerin zuſammen, eine helle Freude loderte in ihrem Blicke auf. „Wie,“ ſagte ſie ſich—„kenne ich den Anton nicht, wie mich ſelber? Habe ich nicht ſchon als einfäl⸗ tige Arbeiterin ihn faſt immer leiten können, wie ich es wollte? Wenn er mich noch liebt— und das ſehe ich klar— dann iſt es nichts mehr als ein Spielwerk, ihn jetzt zu dem zu bringen, was ich will,— gelang mir das doch bei Schlaueren als er iſt! Und finde ich in Anton noch den Menſchen von früher, ſo wird ſein Herz mit ſeinem Kopfe durchgehen, ſo iſt er zu der entſchloſſen⸗ ſten That fähig, ſelbſt zu einer Gewaltthätigkeit, falls ich ſie von ihm begehre, indem ich ſchlau mit ihm Komödie ſpiele!— Ja, der Mann iſt gefunden, deſſen ich be⸗ darf— Anton muß mir die Papiere verſchaffen 14 Die Gräſin trat wieder vom Vorhange zurück und blieb in der Mitte des Salons ſtehen. „Und jetzt gilt es raſch handeln!“ murmelte ſie. Einige Sekunden lang blickte ſie ſinnend vor ſich hin, dann erhob ſie triumphirend das Haupt. „Ja, ſo geht's!“ flüſterte ſie—„Es iſt ein ge⸗ wandter Handſtreich, und ich wage nicht viel dabei! Der Anton aber wird ſo am ſicherſten mein Werkzeug!“ Die Gräfin hatte ſich noch nicht der unauffälligen Straßen⸗Toilette entledigt, in der ſie zuvor ſich zur Wohnung der Schneider⸗Fanni begeben. Es kam ihr das jetzt zu ſtatten, denn ſie verlor nun keine Zeit. Eilig verließ ſie den kleinen Salon. Als ſie an, der ſinnenden Karoline vorüberrauſchte, rief ſie dieſer in haſtigen Worten zu, daß man ſie vor einer oder zwei Stunden nicht zurückerwarten dürfe, und jeder Beſuch abzuweiſen ſei. „Wenn mir nur jetzt nicht Lenz entgegenkommt,“ murmelte die Gräfin vor ſich hin, als ſie die Treppe hinabeilte,„nur jetzt nicht!“ Sie trat auf die Gaſſe hinaus. Raſch ſchritt ſie dahin, der Vorſtadt Spittelberg zu. Sie gab ſich den Anſchein, als ſei ſie in dumpfes Brüten verloren, als ſtarre ſie düſter und verſtört vor ſich hin. Die Kämpfe, welche ſie kaum erſt durchlebte, hatten in der That Spuren in ihrem Antlitz nachgelaſſen, das jetzt bleich und angegriffen ausſah. Ein verſtohlener, flüchtiger Blick zur anderen Seite der Gaſſe hatte ihr geſagt, daß Anton ſich noch auf ſeinem Poſten im Thorwege be⸗ finde. Beim Erſcheinen der Gräſin war Anton beſtürzt einen Schritt zurückgewichen. Jetzt ſtarrte er ihr bebend und mit hochklopfendem Herzen nach. Er hatte ſie zuvor ſchon geſehen, als ſie angefah⸗ 104 ren gekommen und aus dem Fiaker geſtiegen war,— es war das erſte Mal geweſen, ſeit ſeiner Rückkunft nach Wien. Ein Schwindel hatte ihn bei ihrem Anblick erfaßt, an die Thür des Thorweges hatte er ſich lehnen müſſen, um ſich aufrecht erhalten zu können.* Jetzt wirkte dieſes unerwartete, plötzliche Wieder⸗ erſcheinen ſeiner ehemaligen Geliebten beinahe ebenſo heftig auf ihn, als ihr erſter Anblick. Zuvor hatte Anton ihre Züge nicht ſo deutlich ſehen können, als es jetzt der Fall geweſen war. Und dieſe Züge, wie bleich, wie ver⸗ ſtört waren ſie dem jungen Arbeiter erſchienen! „O mein Gott,“ ſagte ſich Anton—„ſie iſt noch ſo ſchön wie damals, als wir mit einander gingen— ſchöner, ganz gewiß und feiner— aber blaß— blaß wie der Tod— ſo ſah ich ſie nur in meinen Träumen, ja, ja! Wie anders ſtellte ich mir vor, daß ſie ſein werde— ſtolz, wie bei unſerer letzten Begegnung in ihrer Wohnung, wo mich die Beſinnung verließ, daß ich ſie für Zeitlebens zeichnete!— Iſt denn Jene, die dort hinſchleicht, wirklich die hochmüthige Gräfin, die ſonſt ſo geputzte, blühende, verächtlich auf Alles herabſchau⸗ ende Gräfin, die mir die Thür zeigte?— Kaum, daß ſie den Blick vom Boden hat wenden können, als ſie das Haus verließ,— und in ihren Mienen war Kummer, ja eine Traurigkeit, wie ich ſie früher nie an ihr geſehen! 105 Was heißt das?— Geht es ihr ſchlecht? Das kann nicht ſein, denn große, reiche Herren verkehren mit ihr. — Hat der Baron, der ſie verführte, dieſer elende Schurke, ſie verlaſſen? Bah— was wird eine leichtſin⸗ nige Julie ſich aus ſolch einer Kleinigkeit machen— ſie verſteht es ja, einen Menſchen zu lieben und aufzugeben, im Handumdrehen!— So iſt ſie krank? Auch das wohl nicht— würde ſie, kaum erſt nach Hauſe gekommen, ſo⸗ gleich wieder fortgehen, wenn ſie ſich unwohl fühlte?— Sie hat wohl etwas vor, was ſie im Stillen und unbe⸗ achtet zu thun gedenkt— und ein ſchmerzlicher, ſchwerer Gang muß das ſein, den ſie vorhat, denn ſie wankt da unſchlüſſig und tiefſinnig hin, als wenn ihr das Herz gebrochen wäre!— Iſt ſie unglücklich, wie ich? Gott, wenn das wäre—!“ Während Anton ſo dachte, hatte er ſich bis zum Außenpfeiler des Thorweges nach vorn gelehnt und ſtarrte, den Hals weit vorgeſtreckt, in fieberhafter Erre⸗ gung ſeiner ehemaligen Geliebten nach. Die Gräfin ſah ſich nicht um, ſie ging langſam, faſt wie eine Träumende. „Sie hat mich nicht bemerkt!“ murmelte Anton. —„Jetzt iſt ſie an der Ecke! O mein Gott— gehe ich ihr nach? Zu was bin ich denn eine ganze Stunde hier 106 geſtanden, ſtehe ich täglich hier? Was will ich?— — Anton, Du biſt ein armer, elender Narr!“ Und während Anton dieſe Worte vor ſich hinflü⸗ ſterte, während er ſich und die wahnſinnige Liebe ver⸗ höhnte, mit der er ſich noch an ein Weſen gekettet fühlte, das er im Grunde ſeiner Seele verachten mußte, trieb ihn dennoch etwas unwiderſtehlich hinter ihr drein, die er jetzt ſo bleich und anſcheinend kummervoll erblickt hatte. Würde ihm Julie in üppigem Glanze begegnet ſein, von Kavalieren umgeben, ſchäkernd und tändelnd in koketter Ungebundenheit, er hätte wohl mit todeswun⸗ dem Herzen die Flucht vor ihr ergriffen. Jetzt zog es ihn ihr nach, nun ſie ſtill und traurig, wie esſchien, allein und ohne Pomp ihren Weg verfolgte, jetzt erfaßte ihn eine unbeſtimmte Angſt, eine brennende, unerklärliche, düſtere Begier, zu erfahren, wohin ſie ihre Schritte len⸗ ken werde. Und indem er noch, wie geſagt, ſich und ſein thörichtes Handeln verurtheilte, hatte er bereits den Ein⸗ gang des Hauſes verlaſſen, und folgte vorſichtig der Gräfin. Seine Seele lag in ſeinen vorwärts auf den Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit ſtarrenden Augen. Die Gräfin kreuzte die Vorſtadt Spittelberg und wandte ſich zum Glacis. Dort aber bog ſie nicht in eine der durch Spaziergänger belebten Alleen ein, ſondern ſchritt, einige derſelben flüchtigen Fußes durchſchneidend, 107 der weiten von der Sonne halbverſengten Raſenfläche zu, die ſich von der Joſefſtadt bis zur Alſervorſtadt aus⸗ dehnt, und auf der an heiteren Sommertagen ſich zahl⸗ loſe Kinder der angrenzenden Vorſtädte luſtig tummeln. Es war nach acht Uhr, die Dämmerung begann hereinzubrechen. Von dem Spielplatze der fröhlichen Jugend hatte ſich der größte Theil jener Gruppen bereits verloren, welche ihn zu beleben pflegen, als die Gräfin Julie ihn betrat. Sie verdoppelte jetzt ihren Schritt, und eilte auf dem am wenigſten begangenen der Wege, welche die Raſenfläche durchlaufen, ohne zur Seite oder hinter ſich zu blicken, vorwärts. Anton folgte ihr, indem er ſich ſtets in gleicher Entfernung von ihr hielt. Die Gräfin erreichte die gepflaſterte Straße, welche ſich vom Schottenthor zur Währingergaſſe hinzieht. Auch dieſe durchkreuzte ſie und ſchritt den Holzſtätten zu, die neben der Neubrücke liegen. „Hoho,“ ſagte ſich Anton,„ihr Weg führt ſie weit! Vermuthlich wird ſie zur Leopoldſtadt gehen und dort in der Augartenſtraße oder ſonſt wo in ein Haus verſchwinden, um es erſt am nächſten Morgen wieder zu verlaſſen. Ich werde dann dort ſtehen, das Haus an⸗ ſtarren, zu dem ſie wohl ein verliebtes Abenteuer geru⸗ 108 fen hat, und mich und mein thörichtes Treiben verwün⸗ ſchen! Was brauche ich um ihre Wege zu wiſſen? Bin ich nicht elend genug?— Noch iſt es nicht völlig finſter, noch kann ſie mich erkennen. Ich werde an ihr vorüber⸗ gehen, ſie trotzig und verächtlich anſchauen, und ſie dann ihrem nächtlichen Abenteuer überlaſſen! Was martere ich mich länger! Landsberger und der Herr von Weidner haben recht,— ſie iſt für mich verloren!“ Anton beſchleunigte ſeine Schritte. Er hatte ſeine ehemalige Geliebte faſt erreicht, da übermannte ihn von Neuem die peinliche Unentſchloſſenheit von zuvor, und jenes ahnungsvoll beängſtigende Gefühl, das ihn vorhin angetrieben hatte, der Gräfin heimlich zu folgen. „Mit einem ſo düſteren, traurigen Geſicht ſchleicht ein Frauenzimmer ihrer Gattung zu keinem Rendezvous,“ flüſterte es in Anton—„ſie hat etwas anderes vor!“ Und der junge Arbeiter hemmte ſeine Schnelligkeit. Der Entſchluß, welchen er ſoeben gefaßt hatte, war verraucht; Anton blieb zurück und folgte der Gräfin wie zuvor. Dieſe überſchritt jetzt die Neubrücke und ſchlug dann links die Straße ein, welche, am Donaukanal und den zahlloſen dortigen Holzſtätten entlang, zur Brigittenau führt. Anton ſtutzte. —— 109 „Was hat ſie in dieſer einſamen, für ein Frauen⸗ zimmer unheimlichen Gegend zu ſuchen?“ murmelte er vor ſich hin. Die Straße lag finſter da, in weiten Zwiſchenräu⸗ men wenige ſpärliche Gaslaternen, deren matter Schein nur einen kleinen Fleck in ihrem Umkreiſe erhellte, zur Rechten zuerſt eine düſtere Häuſerreihe, dann nur ver⸗ einzelte Gebäude, zur Linken ſchwarze, hohe Maſſen auf⸗ geſchichteten Holzes, und dahinter das Rauſchen und Plätſchern des Kanals. Alles öde ringsumher, wie ausgeſtorben. Kein Geräuſch in der Gaſſe, als dasjenige, welches die Schritte der Gräfin verurſachten; Anton's Tritt war nicht vernehmbar, athemlos, aufgeregt folgte er ihr gleich einem Schatten. „Zu ſolcher Stunde ſich hieher zu wagen!“ flüſterte er—„Sie hat Muth!“ Jetzt hatten Beide das letzte Haus der Gaſſe hin⸗ ter ſich. Rechts und links ragten nun die rieſigen Holz⸗ ſtöße wie unheimlich ſchwärzliche Felſendämme empor, eine düſtere, einförmige Straße bildend. Annton überſiel eine Unruhe, die ſich zur Angſt ſteigerte. „Wohin will ſie?“ war Alles, was er zu denken vermochte. 110 Und er beſchleunigte ſeine Schritte, um ihr näher zu ſein. Er trat feſter auf. „Sie muß doch jetzt hören, daß ihr Jemand folgt!“ ſagte er ſich. Aber die Gräfin blickte ſich noch i immer nicht um. War ſie ſo verſtört, daß ſie nichts dernahm Ging in ihrem Innern etwas vor, das ihren Geiſt Allem ent⸗ rückte, was ſie umgab? War es vielleicht gar die Ver⸗ zweiflung, was ihr Muth, verlieh, in dieſer einſamen, unſichern Gegend Naſtlos vorwärts zu eilen? Anton ſtellte ſich dieſe Fragen in wilder Haſt und herzbeklemmender Beſorgniß. Er vergaß in dieſem Mo⸗ mente, was jenes Weib, das vor ihm durch die Nacht dahinſchritt, ihm Alles augethan. Und jetzt führte ein kleiner Seitenweg an einer der Holzſtätten vorüber zum Kanal. Die Gräfin ſchlug die⸗ ſen Weg ein. Anton hörte das Rauſchen der Flut deutlicher. Er erblickte vor ſich in geringer Entfernung am Saum des abſchüſſigen Ufers das düſtergraue Flutengewimmel. Und dort ſtand Julie. Sie ſtarrte dort hinab. Ein eiſiger Schauer überlief Anton. Jetzt vernahm er einen leiſen Schrei. Er ſah Julie ſich vorüber beugen. Außer ſich ſtürzte er vor. Er umfaßte die Wankende. 111 „Unglückliche, was willſt Du thun?“ rief er ent⸗ ſetzt. Er fühlte die Schwere ihres Körpers in ſeinen Armen und vernahm ein leiſes Röcheln. „Sie iſt ohnmächtig!“ ſtammelte er. Er ließ ſie ſanft auf den Boden niedergleiten. Dann tauchte er ſeine Kappe in den Kanal und beſpritzte das Antlitz der Liegenden mit dem geſchöpften Waſſer. Die Gräfin ſtieß einen Seufzer aus. Antan ſauk neben ihr auf die Kniee. An der Stelle, wo ſich das Paar befand, war es nicht ſo finſter, daß Anton nicht die Züge der ehemaligen Geliebten hätte erkennen können. Er ſah jetzt, wie ſie die Augen aufſchlug und ihn ſchreckhaft an⸗ ſtarrte. „Wo bin ich?“ ſtammelte ſie mit einer Stimme, die Anton bis in's Innerſte ſeines Herzens erbeben ließ. —„Wer— wer iſt da?“ „Unglückliche— was haſt Du thun wollen?“ flü⸗ ſterte Anton tief erſchüttert.— Cin leiſer Schrei tönte von den Lippen der Gräfin. „Anton— Anton!“ rief ſie mit verzweiflungsvoller Geberde und ſuchte dann ihr Antlitz mit ihrer Hand zu bedecken.—„Was kommſt Du, die letzten Augenblicke einer Elenden noch qualvoller zu machen?— Sag's, 112 Du biſt ein Geſpenſt und hetzeſt mich in den Tod, den ich um ihn verdient habe!“ Ankon ſchanderte und war keines Wortes fähig. Die Gräfin diß die Hand ſinken und ſtierte wie im Wahnſinn auf ihn, der neben ihr kniete. „Noch dieſe Erſcheinung,— ſie weicht nicht!“ ſtöhnte ſie mit nadkdirchſchneidenier Stimme.—„Drohe mir nicht— vergib mir, ich will ja büßen— jetzt— jetzt und in Ewigkeit!— Barmherziger Gott, ſei meiner armen Seele gnädig!“ Die Gräfin raffte ſich auf und machte eine Be⸗ wegung nach dem Ufer hin, als wolle ſie ſich in den Kanal ſtürzen. Anton ſprang ebenfalls in die Höhe und vertrat ihr jetzt den Weg. „Julie!“ rief er, indem ſeine Zähne vor Angſt und Aufregung aneinander ſch Lagen—„Ich bin kein Geſpenſt, ich bin der Anton, den ſie entlaſſen haben! — Und Deinen Tod will ich nicht,— Gott iſt mein Zeuge!— Ich b bin Dir uachheſchlichen.— eine Ahnung ſagte mir, daß Du hier etwas Unglückſeliges vorhabeſt! Hinweg von dieſem ſchrecklichen Ort!“ Und Anton erfaßte den Arm der Gräfin und zog ſie vom Kanal zurück. Sie ſträubte ſich. 3 „Laſſ mich, Anton!“ ſtöhnte ſie,—„Dich wieder⸗ ſehen, im Augenblick, wo ich— o meine Strafe iſt ent⸗ ſetzlich!— Sage mir, Anton, daß Du mir vergibſt, und — und überlaß mich meinem Schickſale— fliehe mich!“ „Nein, nein!“ antwortete der junge Mann leiden⸗ ſchaftlich.—„Ich weiche nicht von Deiner Seite.— Du mußt mit mir fort von hier! Was, Unglückliche, hat Dich zu einem ſo fürchterlichen Eutſchluß getrieben? Seit Kurzem bin ich frei, aber wenn ich auch nicht wagte, Dir in den Weg zu treten, weiß ich doch um Dein Thun und Treiben! Lebſt Du nicht im Ueberfluß, Julie, wirſt Du nicht— geliebt, verehrt? Wozu alſo dieſes ent⸗ ſetzliche Vorhaben?“ „Du fragſt?“ wimmerte die Gräfin.—„Ueber⸗ fluß? Glanz? Was ſind ſie gegen die Nächte, die ich ſchlaflos durchwacht habe,— durchwacht um mein Ver⸗ brechen, das ich an Dir beging, Anton!— Du riefſt es mir zu, als ich Dich einſt in ſtolzer Frechheit von mir wies, als ich gott⸗ und liebevergeſſen in übermüthigem Taumel, ſtatt vernichtet vor Dir niederzuſinken, Dich verhöhnte,— Du riefſt es mir zu, daß dermaleinſt Gewiſſensbiſſe mein Herz zerfleiſchen werden—! An⸗ ton, ſie ſind früher gekommen, als ich wähnte— Du hatteſt recht, und nun iſt's aus mit mir!— Ueberfluß! Verdeckt er meine Schande? Berühre nicht länger ein Fabrikanten und Arbeiter. 111. 8 114 ehrloſes Weib, das Scham und Reue der Verzweiflung preisgeben, und haſt Du auch nur ein Fünkchen Erbar⸗ men mit mir, Anton, ſo laß' mich! Sag', ich beſchwöre Dich, ſag', daß Du mir vergeben willſt und dann— dann gehe fort von hier!“ „Vergeben?“ ſtammelte Anton.„Habe ich ein Recht darauf? Bin ich es nicht, der Dich in toller Wuth an den Haaren zur Küche Deiner Wohnung ſchleifte, dort ein Beil ergriff, und Dich verſtümmelte? Muß ich nicht Vergebung von Dir erflehen für die Roh⸗ heit des Verbrechens, das ich an Dir beging? Hätte ich nicht bedenken ſollen, daß Du ein ſchwaches Weib ſeieſt, daß die Verblendung, die Verführung ſchon zahlloſe brave Mädchen unglücklich gemacht habe, mußte ich mir nicht ſagen, daß Dich die Strafe auch ohne mein Dazu⸗ thun früher oder ſpäter treffen werde,— daß es edler ſei, Dich zu beweinen, ſtatt ſich an Dir zu rächen?“ „O, klage Dich nicht an, Anton!“ rief die Grä⸗ fin mit dem Ausdruck der Verzweiflung.—„Jedes Deiner Worte verwundet mich zehnfach, denn ich, ich bin die alleinige Urheberin all' dieſes Mißgeſchickes!“ „Dein Verführer iſt's!“ murmelte Anton dumpf. —„Er verließ Dich alſo?“ „Nein! Das that er nicht!“ rief die Gräfin leb⸗ haft.—„Nicht traurige Ausſichten, Verlaſſenheit und 4A N Täuſchung ſind es, die mich hierher geführt haben! Ich kann noch täglich in Glanz und Ueppigkeit leben, der Baron denkt nicht im Entfernteſten daran, mich aufzu⸗ geben— ich bin es, die ihn flieht! Ich verachte Geld und Ueberfluß— Du haſt es gehört, Anton, Scham und Reue verzehren mich, ich fühle mich elender als das ärmſte Bettelweib, ich— ja, betteln würde ich lieber, als mein Leben ferner hinbringen, wie die letzten Jahre hindurch!“ „Gelobt ſei Gott, ſo biſt Du gerettet!“ rief Anton kerſchüttert und ſchluchzend. „Gerettet!“ ſtöhnte die Gräfin.—„Ja, Anton, wenn Du mich ferner nicht hindern willſt, meinen Ent⸗ ſchluß auszuführen! Was habe ich noch auf dieſer Welt zu erwarten?“ „Alles,— Alles,“ ſchluchzte Anton,„wenn es Dir möglich wäre, zu der Einfachheit zurückzukehren, in der Du früher lebteſt, wenn Du in Deinem Herzen noch einen Funken von dem bewahrteſt, was Du ehemals für mich fühlteſt!“ „»O,“ antwortete die Gräfin im Tone des heftig⸗ ſten Schmerzes,„jetzt fühle ich, daß ich nur Dich liebte, daß Alles nur ein Reiz der Sinne war, was ich ſeitdem empfunden— jetzt, jetzt ſteht es vor meiner armen Seele, nun ich Dich verloren! Ja, Anton, beluge Dich 8: 116 ſelber nicht durch Mitleiden! Ich kann Dir nicht mehr ſein, was ich Dir war! Laß mich!“ „Nun ich Dich wieder gefunden, Julie, nun weiche ich im Leben nicht von Dir!“ rief Anton leidenſchaft⸗ lich.„Komm, gehen wir von hier fort! Es iſt unheim⸗ lich da herum! Gehen wir— und denken, unſer Herr⸗ gott hat's gewollt, daß wir doch wieder zuſammenkom⸗ men, wir litten Beide durch einander, wer mehr, wer we⸗ niger, und weſſen die Schuld, was rechnen wir da mit einander? Ich kann nicht ohne Dich leben, ich fühle es, und Du— Du bereueſt— Du—“ Er ſprach nicht zu Ende, er zog die Geliebte mit ſich fort. Sie folgte ihm ohne Widerſtreben, zitternd, wie willenlos. Als ſie die öde Gaſſe erreichten, welche durch die Holzſchichten der Lagerplätze gebildet wurden, und nun das blaſſe Licht einer vereinſamten Laterne auf das Paar fiel, da blieb die Gräfin ſtehen, richtete ihre großen leidenſchaftlichen Augen voller Zärtlichkeit auf den blaſſen Anton und ſank dann an ſeine Bruſt. „Anton,“ ſchluchzte ſie,„ſchwöre mir, daß Du mich noch liebſt!“ „Ich ſchwöre Dir's!“ „Und ich liebe Dich mehr, als ich Dich je geliebt habe!“ fuhr ſie fort, indem ſie das Haupt wieder erhob. —— 117 —„Doch eben weil ich Dich liebe, darf ich Dir nicht wieder im Leben angehören!“ „Wie ſagſt Du?““ „Ich würde es nicht ertragen, daß man Dich um meinetwillen verachte—!“ „Sprich nicht ſo, Julie! Was gilt mir die Welt, biſt Du mein! Und dann— höre mich— laß uns fort von Wien, weit fort, an einen kleinen Ort, wo man Dich und mich nicht kennt.“ „O mein Gott,“ ſtammelte die Gräfin,„wie habe ich das verdient, ich Unglückliche! Anton, ja, rette mich, rette meine Seele vor dem Untergange! Ich will leben, leben für Dich allein auf dieſer Welt, für ein Lächeln von Dir, für einen gütigen Blick, ich will Deine Magd ſein, Anton, aber ſtoße mich niemals von Dir— mache mich ehrlich! Du biſt meine einzige Zuflucht!“ Und die Gräfin klammerte ſich krampfhaft an ihn, der ſie von Neuem leidenſchaftlich umfaßte und nun ihr Antlitz mit Küſſen bedeckte. Der Arme! Welcher minder Befangene als er wäre nicht durch das der Natur abgelauſchte Spiel dieſes heuchleriſchen Weibes getäuſcht worden. Nur die Hälfte von dem, was ſie in ihrer Vorſicht aufbot, würde hin⸗ gereicht haben, den einfachen liebebethörten jungen Mann vollkommen zu täuſchen. 118 Plötzlich fuhr die Gräfin auf, als werde ſie von jähem Schreck ergriffen. „Was iſt Dir?“ murmelte Anton. „Ich bin verloren!“ antwortete ſie ſchmerzlich.— „Was helfen mir da alle guten Vorſätze? Was nützt es, daß ich mit Dir Wien verlaſſe um ſtill und beſchei⸗ den im Verborgenen zu leben?! Wird er mich nicht überall aufzuſpüren wiſſen, wird er mir nicht folgen? Ich bin ſein Opfer geworden, ſein Werkzeug, er bedarf noch täglich meiner zu ſeinem trügeriſchen Spiel, er wird ſich wie ein Schatten an meine Ferſen heften, mei⸗ ner wieder habhaft zu werden— und um das zu errei⸗ chen, wird er ſich— o ich bin deſſen gewiß!— wo wir auch immer ſein mögen, zwiſchen mich und die rechtſchaf⸗ fenen Leute drängen, die meine Vergangenheit nicht ken⸗ nen, er wird mich kompromittiren, und jegliche Liſt er⸗ ſinnen, mich in ſeine Hände zu bekommen! Nein, Anton, verlaß mich, ich bin meinem Schickſale verfallen! So lange er lebt, werde ich, wohin wir uns auch verbergen mögen, keine Ruhe vor ihm haben, muß ich jeden Augen⸗ blick angſtvoll aufſchrecken, und eines Fallſtrickes, eines Verrathes gewärtig ſein!“ Anton's Augen begannen wild zu funkeln. „Der Baron ſoll es nur wagen, ſich Dir zu nähern, wenn Du bei mir biſt!“ rief er in heftiger Erregung. „Du kennſt ihn nicht Anton,“ entgegnete die Grä⸗ fin,„er iſt zu Allem fähig, ein verwegener Menſch— und da er von Dir weiß, daß Du——— ſo wird er Dir alles Mögliche in den Weg legen, Dein Fortkom⸗ men zu verhindern um deſto ſicherer mich wieder in ſeine Macht zu bekommen!“ „Soll ich ihn umbringen?“ rief Anton mit heftiger Geberde. „Um Gottes willen!“ ſtammelte die Gräfin.— „Wie kannſt Du nur ſolchen Gedanken faſſen! Willſt Du Dich und mich unfehlbar zu Grunde richten? Keine Gewaltthätigkeit, ich beſchwöre Dich! Vielleicht läßt ſich doch noch etwas finden, das uns eine Waffe gegen ihn in Händen gibt, etwas, wodurch wir ihn von uns fern zu halten vermögen! Er muß den Muth verlieren ſich mir zu nähern— ja, ja!— Laß mich nachſinnen, An⸗ ton— o mein Gott, ich bin ſo verſtört!“ „Weißt Du nichts, das ihn kompromittirt, ohne daß es Dich zugleich trifft?“ fragte Anton. Die Gräfin ſchien einen Augenblick nachzuſinnen. „Ich hab's, ich hab's!“ rief ſie plötzlich. Ihr Antlitz drückte leidenſchaftliche Freude aus. „Nun?“ fragte Anton haſtig. f„Der Baron iſt mit einem jungen Manne befreun⸗ det, deſſen Vater Papiere beſitzt, die meinen ſchändlichen 120 Verführer in's Zuchthaus bringen können. Der junge Mann hat eine Schweſter, und dieſe machte der Baron in ſich verliebt, um ſo zu den für ihn gefähr⸗ lichen Schriften zu gelangen.“ 1 „Wie das?“. „Die Geſchwiſter ſollen dem Vater die Papiere heimlich entwenden! Sie haben es dem Baron zugeſagt, in dieſen Tagen wird das Mädchen heimlich das elter⸗ liche Haus verlaſſen, ihm das Entwendete zuzuſtellen.“ „Und da ſoll ich in die Wohnung des Baron drin⸗ gen, und—?“ begann Anton haſtig. „Nicht doch!“ unterbrach ihn die Gräfin,„Das Mädchen muß verhindert werden, bis zu ihm zu gelan⸗ gen! Dieſe Verhinderung kann nur ein Mann durch Liſt und Entſchloſſenheit bewerkſtelligen! Die Papiere, welche den Baron in's Zuchthaus bringen können, dür⸗ fen nicht in ſeine Hände, ſie müſſen in die meinigen fallen! Das iſt's. Dann wird der Baron in beſtändiger Furcht ſchweben, durch mich dem Gericht überliefert zu werden, er wird mich freigeben, mir ferner nicht nach⸗ ſtellen!“ „Julie!“ rief Anton lebhaft,„Was ein Mann nur vollbringen kann, führe ich aus, handelt es ſich doch hier um Deinen Beſitz! Aber wird es möglich ſein, dieſes 2 1241 Mädchen aufzuhalten, irgendwo hinzuführen, ſie dieſer Papiere zu berauben, von denen Du ſprichſt? Haſt Du einen Plan? Sag' was ſoll ich thun?“ „Noch weiß ich es nicht, Anton!“ entgegnete die Gräfin.—„Aber bis morgen werde ich ſicher einen Plan entworfen haben, die Liebe zu Dir und der Ge⸗ danke an meine Rettung werden mich erfinderiſch ma⸗ chen! Komm morgen zu mir, um die Mittagszeit, wenn Du kannſt, oder nach Deiner Arbeitsſtunde, vielleicht habe ich bis dahin etwas erſonnen. Ich werde meinen Leuten den Befehl geben, daß ſie Dich jederzeit in meine Wohnung laſſen. Der Baron kommt ohnehin nur Nach⸗ mittags oder ſpät, nach neun Uhr.— O mein Gott,“ — ſetzte ſie mit einer Stimme hinzu, in der Wonne hef⸗ tig zu zittern ſchien—„ſo ſoll ich doch noch glücklich werden! Ich ſuchte den Tod, um den verlorenen Frie⸗ den zu finden, und— finde ihn in Deinen Armen, Anton!“ Die falſche Abenteurerin barg von Neuem ihr Antlitz an die Bruſt des jungen Arbeiters und ſchluchzte. Anton's Gemüth ſchwelgte in ſeliger Trunkenheit. Da blickte die Gräfin auf und ſchaute nach der Brigittenau hinüber, die Straße entlang. „Horch!“ flüſterte ſie.—„Mir ſcheint, dort kom⸗ 122— men Leute!— Ich ſehe in der Ferne dort Geſtalten aus der Nacht auftauchen.“ Und jetzt war ſie es, die den glücklichen, bethör⸗ ten Anton, nach der Richtung der Leopoldſtadt hin, mit ſich fortzog. Sechſtes Capitel. Stahl triumphirt. Stahl und der Mamſell Liſette war es am Mon⸗ tage gelungen, ohne daß ſie ein beſonderes Aufſehen er⸗ regten, Thereſe Ferval, nachdem ſie ihr im ſchmalen Gange hinter dem„Paradeisgarten“ einigen Beiſtand geleiſtet hatten, in halbbewußtloſem Zuſtande zum Fia⸗ ker zurückzuführen. Liſette war mit der jungen Frau ſogleich nach Neu⸗ waldegg gefahren. Stahl aber zu dem Platze zurückge⸗ kehrt, welchen die Gräfin, ihre Geſellſchafterin Toni und Ferval eingenommen hatten. Stahl überzeugte ſich, daß Niemand von den Dreien auf das Ereigniß, welches ſo ziemlich in ihrer Nähe ſtatt⸗ gefunden und doch einige Neugierige herbeigezogen hatte, aufmerkſam geworden war. 124 Er fand Ferval noch immer in lebhafter Unterhal⸗ tung mit der ſchönen Abenteurerin, die, des Preiſes ein⸗ gedenk, den Stahl ihr für ein günſtiges Reſultat ihrer Be⸗ mühungen geboten hatte, ſich angelegen ſein ließ, den jungen Ausländer ſo viel wie möglich zu feſſeln. Und nun Stahl ſeinen Zweck erreicht, nämlich den, ſeiner Kouſine Thereſe den Gatten als einen Treuloſen erſcheinen zu laſſen, der einen Vorwand herbeigeführt habe, um mit ihr brechen und ungeſtört galanten Zer⸗ ſtreuungen nachgehen zu können, nun lag ihm nicht viel daran, die Gräfin und Ferval noch lange beiſammen zu laſſen. Da er obendrein in den Augen des Letzteren, trotzdem die reizende Verführerin alle Minen der Koket⸗ terie ſpringen ließ, eine gewiſſe ängſtliche Unruhe ent⸗ deckte, ſo führte er bald eine Gelegenheit herbei, ſich ſammt ſeinem jungen Freunde von der Gräfin verab⸗ ſchieden zu können. „Man muß nichts überſtürzen!“ facts ſich der Fa⸗ brikant.—„Ueberdem iſt es kaumnöthig, daß er ſich ver⸗ liebe und die Bekanntſchaft der Gräfin fortſetze,— es könnte nur dazu führen, daß ich in Wirklichkeit den Preis dieſer ſogenannten Wette an die Leggiero auszahlen müßte. Ich habe die Angelegenheiten der Fervals jetzt ohnehin verwickelt, und baue ich darauf meine kleine In⸗ trigue weiter, ſo komme ich auch ohne ſonſtige Beihülfe zum Ziele, und— ſpare mein Geld!“ Stahl's Scharfblick ſagte ihm ſogleich, wie es um Ferval ſtehe, nachdem ſie die Gräfin verlaſſen hatten. Dieſer war es wohl gelungen, einigen Eindruck auf den jungen Mann zu machen, doch keineswegs in ſolchem Grade, daß ſie für Ferval hätte gefährlich werden kön⸗ nen. Ferval würde mehr als leichtſinng geweſen ſein, hätte er ſeinen Schmerz beim erſten Begegnen einer ſchönen Frau ohne Weiteres abſchütteln können, ſelbſt in einem durch Wein und Stahl's ſchlau berechnete Ein⸗ flüſterungen animirten Zuſtande. Während die Gräfin den jungen Mann zu entflammen ſuchte, war doch in dieſem immer wieder der Gedanke an ſeine, von ihm treulos geglaubte, Gattin aufgeſtiegen, ihr Bild vor ſeiner Seele emporgetaucht. Stahl mußte ihm neue Zerſtreuungen zuführen, und er that dieſes in gewandter Weiſe. Spät in der Nacht erſt verließ er ihn an der Wohnung in der Kai⸗ ſerſtraße, indem er ihm die heilige Verſicherung gab, daß er am folgenden Tage zu Thereſen hinausfahren wolle, der Sache völlig auf den Grund zu kommen, und die junge Frau zu einem offenen Geſtändniß zu bewegen. Freilich mußte es auch in Stahl's Abſicht liegen, am folgenden Morgen Thereſe aufzuſuchen, oder eigent⸗ 126 lich weniger dieſe als die Tante Heuber, denn durfte er jeetzt zögern, die alte Dame in das ränkevolle Spiel hin⸗ Peinzuziehen, das er mit den jungen Eheleuten trieb? Galt es nicht, dieſe Thereſe ſo wie Ferval, vorſichtig der Tante in einem Lichte hinzuſtellen, das der Greiſin die Luſt benehmen mußte, ſich ferner ihrer anzunehmen? Stahl rechnete darauf, daß Manſell Liſette bereits in ſeinem Intereſſe gewirkt habe, wenn er am folgenden Morgen bei der Tante erſcheinen werde; um ſo mehr beſchloß er, raſch zu handeln. Und was war inzwiſchen mit Thereſen geſchehen? Während ſie in Begleitung der Manſell Liſette nach Neuwaldegg hinausfuhr, fühlte ſie ſich von Fieber⸗ ſchauern gerüttelt. Sie war kaum eines Wortes mächtig, und ſtarrte, zu Zeiten in Thränen ausbrechend, tiefſin⸗ nig vor ſich hin. Die heuchleriſche Liſette ſuchte ſie dann und wann durch chriſtliche Worte zu tröſten. Sie hielt der armen jungen Frau ſalbungsvolle Reden über die Sündhaftig⸗ keit des ganzen Menſchengeſchlechtes, und legte ihr an das Herz, keine Stunde länger in Gemeinſchaft eines Mannes zu leben, der ſo wenig die Pflichten eines Gat⸗ ten wie die eines Vaters erfülle. Thereſe war völlig verſtört, ſie begriff nicht das Geplapper der alten Gleißnerin, ſie vernahm es kaum. 127 Alle ihre Gedanken weilten bei jener Scene, welche ſie ſo tief erſchüttert hatte, bei Charles, von dem ſie ſich ver⸗ rathen wähnte. Und um ſo abſcheulicher erſchien ihr ſeine Handlungsweiſe, als er, nach Stahl's Ausſage, ſie ſelber einer Treuloſigkeit, eines geheimen, verbrecheriſchen Verhältniſſes beſchuldigte. Thereſens Schmerz und Auf⸗ regung ſteigerten ſich, je näher ſie der Villa kam, welche ihr ſeit einigen Tagen zum Aufenthalt diente. Und als ſie nun am Eingang derſelben den Wagen verließ, und ihr das Mädchen mit dem Kinde entgegen⸗ trat, da ſtürzte ſie dem Kleinen ſchluchzend und hände⸗ ringend entgegen. Aber bevor ſie noch die Magd und das Kind erreichte, ſank ſie bewußtlos zu Boden. Man trug ſie ins Haus und auf das Zimmer, welches ihr von der Tante war eingeräumt worden. Man brachte ſie zu ſich und ins Bette. Sie bekam einen hef⸗ tigen Fieberanfall, ihr Hirn erglühte, ſie rief jammernd nach ihrem Gatten und konnte durch die ſich um ſie be⸗ mühenden Mägde nur mit Mühe am Aufſtehen verhin⸗ dert werden. Endlich übermannte ſie eine furchtbare Schwäche. Was hatte Thereſe nicht Alles ſeit wenigen Wochen durchlebt, welche Foltern, welche geiſtigen Kämpfe be⸗ ſtanden? Sie verſank in eine Empfindungsloſigkeit, welche dem Schlafe glich. Ihre Augen ſchloſſen ſich, dann und wann nur zuckte ſie noch und ſtöhnte leiſe. Angſt⸗ voll blickte ihre Umgebung auf ſie, man glaubte, eine Sterbende vor ſich zu haben. Es ward zu einem Arzt geſchickt. Während ſo die arme Thereſe die Folgen des Auf⸗ trittes ertrug, d den der falſche Stahl für ſie mit ſo großer Schlauheit in Scene geſetzt hatte, war ſeine Verbündete zur alten Dame des Hauſes geſchlichen, auch ihr Theil zum Sturze der Fervals beizutragen. Sie fand die Frau von Heuber mit ihren Hunden beim Nachtmahl. „Was iſt das für ein Spektakel?“ ſchnarrte die Greiſin der dürren Geſellſchafterin entgegen,—„Meine Nichte iſt krank, heißt es? He?— Es iſt ein wahres Unglück jetzt, immer gibt's etwas anderes! Die Joli hat ſich auch wieder den Magen verdorben!— Was iſt denn mit ihr geſchehen, he? Und warum 1n ihr Mann nicht mitgekommen, he?“ „Ach, gnädige Frau,“ ſeufzte Liſette, die Augen verdrehend,—„ich danke unſerem Schöpfer, daß er mich davor bewahrt hat, einem Manne angehören zu müſſen, und ich ſchwöre, daß mich nichts in der Welt bewegen wird, einer ſo ſündhaften Kreatur—“ „Du brauchſt nicht zu ſchwören,“ unterbrach ſie die alte Dame müruſch,„es wird Dich ſo Keiner mehr 129 mögen! Beruhige Dich, Dir geht's wie der alten Mira dort— nun ſie räudig und lahm iſt, mag ſie weder der Mamſell Liſette kniff die ſchmalen Lippen zuſam⸗ men, und warf einen gehäſſigen Blick auf ihre Herrin. „Die gnädige Frau,“ verſetzte ſie dann,„wiſſen nichts anderes, als einen rechtſchaffenen Menſchen mit Ihren ab— mit Ihren lieben Hündchen zu verglei⸗ chen!“ Liſette zwang ſich zu einem Lächeln. Die alte Dame lachte hell auf. „Was iſt's denn weiter?“ ſchnarrte ſie.—„Bei Gott, mir i*ſt mancher Hund lieber als mancher Menſch! Unter jenen gibt's nicht ſo viele, welche die Hände lecken und hinterher beißen, als unter dieſen!— Aber was iſt's mit der Ferval?“ „Sie liegt im Fieber, wie mir ſcheint!“ „Unſer jetziges Geſchlecht iſt auch nicht einen Pfif⸗ ferling mehr werth— wie von Kartenpapier!“ brummte die alte Dame.—„Beim Schnupfen bekommen ſie Nervenzufälle, und redet Einer laut, da fallen ſie in Ohnmacht!— Hm Iſt's denn arg? Ich werde doch wohl nachſchauen müſſen!“. Frau von Heuber erhob ſich und griff zu ihrem tocke. 3 Fabrikanten und Arbeiter. III. 9 130 „Wollt Ihr Ruhe geben, Ihr Sakermenter?“ rief ſie einigen einander anknurrenden Hunden zu, indem ſie rüſtig den Stock ſchwang.—„Alſo marſch, Liſette!“ „Ich möchte der gnädigen Frau doch rathen hier zu bleiben!“ entgegnete die Angeredete in ſüßlichem Tone.—„Die Frau von Ferval gewährt nicht eben einen angenehmen Anblick jetzt—“ „Ei was, angenehm oder nicht!“ brummte die alte Dame.—„Aber ſie leidet, und da— doch,“— unter⸗ brach ſie ſich ſelber—„ich weiß noch immer nicht, was denn eigentlich iſt, und wo der Ferval bleibt? Hat es vielleicht eine Scene zwiſchen den jungen Leuten gege⸗ ben? Du kneiffſt die Lippen zuſammen und ſprichſt ſo ſanft wie ein alter Landſchulmeiſter, Liſette, dann gibt's gewöhnlich eine Hiobspoſt hinterher! Heraus damit!“ „Ach, gnädige Frau,“ liſpelte die hagere Mamſell, „es iſt kein Wunder, wenn meine Zunge ſich ſträubt, die Gräuel mitzutheilen, welche dieſe ſündhafte Welt mir wieder vor Augen geführt hat! Hätte mich mein Wohl⸗ wollen für die Frau von Ferval doch nicht verleitet ſie heute zur Stadt zu begleiten!“ „Was iſt denn dort geſchehen? Faſſe Dich kurz, wenn ich bitten darf!“ „Ach, gnädige Frau! Es iſt haarſträubend! Als wir zur Stadt kamen, fanden wir Herrn von Ferval 131 nicht in ſeiner Wohnnng— wohl aber— was glanben die gnädige Frau, wie dieſer Herr die Abweſenheit ſeiner Gattin benutzt hat? „Dumme Frage! Wie kann ich's wiſſen?“ brummte die alte Dame ungeduldig. „Hab' ich's nicht immer geſagt? Leichtfertige Franzoſen und Belgier, das kommt auf eins heraus! Aber man wollte die ehrliche Liſette nicht hören!“ „Schwatze morgen mehr! Jetzt erzähle— wo fandet Ihr Ferval? Warum blieb er am Sonntag aus? Was iſt heute mit der Thereſe geſchehen?“ „Wir ſahen ihn,“ entgegnete Mamſell Liſette mit der Miene frommen Entſetzens,„im„Paradeisgarten“ fröhlich und ſchäkernd an der Seite einer verrufenen, ſündhaften Perſon, die ein Gewerbe daraus macht, junge Leute an ſich zu locken.“ Frau von Heuber ſchlug die Hände zuſammen. „Wie?“ rief ſie erſtaunt—„Und am hellen Tage? Vor aller Welt?“. „Am hellen Tage, vor aller Welt!“ ſeufzte Mam⸗ ſell Liſette.. Ddie Greiſin richtete ſich hoch auf und heftete ihren Blick durchdringend auf Liſette, während ihre Züge finſter und ſtrenge wurden. 1 „Und meine Nichte hat das geſehen?“ 9*¾ 132 „Sie verlor ihr Bewußtſein bei dieſem Aublick!“ antwortete Mamſell Liſette ſanft und traurig.—„Mir und Herrn von Stahl, der uns begleitete, gelang es mit Mühe, ſie in den Fiaker zu ſchaffen, der uns hierher gebracht hat.“ Die alte Dame, von heftigem Zorn erfaßt, ſchlug mit dem Stocke, welchen ſie in der Hand hielt, auf die Lehne ihres Armſtuhles. „Er ſoll mir nicht wieder über die Schwelle kom⸗ men!“ ſtieß ſie ingrimmig hervor.—„Während wir mit dem Eſſen auf ihn warten, treibt er ſich in der Stadt mit Dirnen umher! Das iſt ſchmachvoll! Er hat ein junges hübſches Weib, ein Kind!— Das iſt gewiſſen⸗ los!— Meine Nichte darf mit dieſem Menſchen nicht wieder zuſammentreffen— ſie muß fort von ihm— ich hoffe, ſie hat Charakter genug, dieſes ſelber einzu⸗ ſehen! Gott ſei Dank, noch ſind ſie nicht getraut—! Und doch— hm!— es muß geſchehen, ich werde dar⸗ auf dringen, ich will einen Erben, der aus geſetzlicher Ehe ſtammt! Heute Trauung und morgen eine Schei⸗ dungseingabe! So ſoll es ſein!“ Die Greiſin ſank in ihren Lehnſeſſel, und ſpielte einige Augenblicke, in düſteres Brüten verloren, mit ihrem Stocke. Liſette ſtand in geringer Entfernung von ihr, und blickte ſchlau forſchend zu ihr hinüber. Plötzlich erhob die alte Dame raſch ihr Haupt, und ſtarrte ihre demüthige Geſellſchafterin an. „Und wie kam Stahl zu Euch?“ fragte ſie barſch. „Wir fanden ihn in der Ferval'ſchen Wohnung,“ verſetzte Liſette,„er erwartete Ihre Nichte, gnädige Frau, weil—„ „Nun, was ſtockſt Du?“ „Weil Herr von Ferval, der heute Morgen das Eintreffen ſeiner Frau vorausſehen mußte, ſich an den Herrn von Stahl, den Verwandten und Freund, gewendet hatte, damit dieſer—“ Manſell Liſette ſtockte von Neuem und verdrehte die Augen. „Was heißt das? Warum willſt Du nicht mit der Sprache heraus?“ rief die alte Dame in höchſter Un⸗ geduld. „Gnädige Franu,“ verſetzte Mamſell Liſette mit trefflich erkünſtelter Niedergeſchlagenheit,„ich möchte Ihnen eine traurige Mittheilung erſparen, einen Schmerz — o mein Gott— und doch iſt es wieder meine Pflicht, zu reden— wollte der Himmel, ich wäre nicht bei dem Geſpräche gegenwärtig geweſen, hätte nicht Enthüllun⸗ gen anhören müſſen, die mir von der Verderbtheit der 134 Menſchen neuerdings einen entſetzlichen Beweis geliefert haben!— O, gnädige Frau, ich habe es immer geſagt — wer nicht im Glauben feſt iſt, wer dieſen neuen frei⸗ geiſteriſchen Lehren anhängt, der iſt auch zu jeder Schlech⸗ tigkeit fähig!“ „Alle Wetter, was hat denn der Ferval ſonſt noch angeſtiftet?“ fragte die Greiſin erſtaunt. „Leider Gottes handelt es ſich nicht um ihn, ſon⸗ dern um— Ihre Nichte!“ antwortete Manſell Liſette mit anſcheinendem Zaudern. Frau von Heuber ſtarrte Liſette in noch größerer Ueberraſchung an. „Thereſe?“ rief ſie. „Laſſen Sie mich ſchweigen!“ ſeufzte die alte Mamſell.—„Mich ſch audert, die Anklage zu wieder⸗ holen, welche Herr von Stahl, der wackere Mann, mit aufrichtigem Herzeleid ſich genöthigt ſah, im Namen des Gatten der Frau von Ferval, gegen dieſe auszu⸗ ſprechen!“ „Das wird ja immer ärger!“ murmelte die Greiſin erregt. „Der Himmel bewahre mein chriſtliches Gemüth,“ fuhr Liſette fort,„ferner vor ſolchen Enthüllungen, da⸗ mit ich nicht allen Glauben an die Menſchheit verliere! Wahrlic, gnädige Fran, wenn ich doch einmal reden ſoll, nur das Gefühl chriſtlicher Barmherzigkeit, das man auch ſchweren Sündern gegenüber nicht in die Bruſt zurückdrängen ſoll, bewog mich, der ohnmächtigen Frau von Ferval hülfreiche Hand zu leiſten, denn ſonſt—“ „Du wirſt mich ernſtlich böſe machen, Liſette,“ unterbrach ſie Frau von Heuber aufbrauſend,„wenn Du nicht auf der Stelle rund herausſagſt, was Du weißt!“ „Nun denn,“ entgegnete die alte Mamſell,„der Herr von Ferval iſt ſeiner Frau auf ein Verhältniß ge⸗ kommen, das ſie mit einem Manne unterhielt, bevor ſie nach Belgien ging, ein Verhältniß, das ſie— ich bringe es kaum über meine Lippen— das ſie ſeit ihrer Rück⸗ kunft nach Wien von Neuem angeknüpft hat!“ „Thereſe? Unmöglich!“— ſtammelte die Greiſin heftig erſchreckend. „Leider liegen Beweiſe vor,“ fuhr Liſette fort— „ein herzzerreißender Brief jenes Mannes, in dem er von Zuſammenkünften, die erſt kürzlich ſtattgefunden haben müſſen, von Betrogenſein, ja, von— von einem Kinde redet—“ „Allmächtiger Gott!“ ſchrie Frau von Heuber auf —„Meine Nichte, die ich immer für tugendhaft gehal⸗ ten, die— ſie wäre fähig geweſen—? Die alte Dame ließ in ihrer Beſtürzung den Stock fallen, welchen ſie noch immer gehalten hatte. „Der bisher ſo geheimnißvolle, ſogenannte Ueber⸗ fall im Pötzleinsdorfer Gehölze,“ begann Liſette von Neuem,„ſteht mit dem Allen in Verbindung, wie leider ein Brief beweiſt— jener Mann wollte ſich ſelber vor den Augen der Frau von Ferval entleiben, und—“ „Genug!“ rief die Greiſin, in deren Antlitz der Ausdruck des Schreckens demjenigen des Zornes gewi⸗ chen war.—„Das iſt ja ein entſetzliches Gewebe von Schändlichkeit und Verworfenheit!“ „Das iſt das moderne eheliche Leben der Aufgeklär⸗ ten unſerer Zeit!“ ſeufzte Mamſell Liſette, wiederholt die Augen verdrehend. „Und Alles— Alles iſt erwieſen?“ ſtieß die alte Dame hervor. „Frau von Ferval und ich ſahen mit eigenen Augen den Herrn von Ferval an der Seite einer berüchtigten Perſon, Herr von Stahl aber las ſelber den Brief, den der Gatte Ihrer Nichte aufgefangen hat!“ „Schrecklich, ſchrecklich!“ murmelte die Greiſin.— „So iſt Einer wie der Andere— und ich ließ mich von ſolchen Kreaturen täuſchen, beſchwatzen, umſchmeicheln, ich vertraute ihren einnehmenden Geſichtern! Es iſt ein Unglück, weich zu ſein!“ Frau von Heuber ſtarrte einen Augenblick vor ſich —— hin, dann erhob ſie die zornfunkelnden Augen zu ihrer Geſellſchafterin. „Liſette,“ rief ſie empört,„gehe hinauf zu ihr, ſie ſoll aufſtehen, keine Sperenzen machen, ſich anziehen, und auf der Stelle mein Haus verlaſſen! Verſtanden? Ich will weder ſie noch ihren Mann wiederſehen, hörſt Du?“ „Gnädige Frau—!“ „Man ſoll ihre Siebenſachen zuſammenpacken, einen Wagen holen! Ich dulde ſie keine Minute länger unter meinem Dache!“ „Gnädige Frau, die chriſtliche Barmherzigkeit ge⸗ bietet— Ihre Nichte liegt im Fieber!“ „Verſtellung! Spielt nicht Alles um mich her mit mir Komödie, meine Hunde ausgenommen?“ höhnte die alte Dame voll ingrimmiger Bitterkeit. „Gnädige Frau!“— begann Mamfell Liſette in ſcheinheiliger Entrüſtung. „Still!“ herrſchte Frau von Heuber. Die hagere Schleicherin blieb in unterwürfiger Haltung ſtehen. Ihre Herrin verſank in düſteres Brüten, ſie erholte ſich allmälig von dem erſten Ausbruch ihrer Leidenſchaft. Nach einigen Minuten blickte ſie auf. „Iſt ſie ernſtlich krank?“ brummte ſie dann. 138 „Ja, ſie liegt im Fieber!“ antwortete Mamſell eiſette äußerſt ſanft. „So mag ſie bis morgen bleiben! Aber dann muß ſie fort, mit Kind und Allem! Ich will ſie nicht ſehen, und ihn auch nicht, außer denn— beide vermöchten ihre Schuldloſigkeit klar wie der Tag zu beweiſen! Laß mich allein!“ Manſell Liſette ging. „Ich glaube, es wird Stahl recht ſein,“ ſagte ſich dieſe,„daß ich der Alten ausgeredet habe, die Ferval ſchon heute fortzuſchicken— er wird wohl nicht wün⸗ ſchen, daß die Eheleute ſo bald auf einander treffen. Morgen kommt er ſicher heraus, dann mag er ſelber über das Weitere verfügen.“ Und ſo geſchah es. Am folgenden Morgen— es war jener Dienſtag, an welchem Abends die Gräfin Julie den armen Anton an den Holzlagern des Donauka⸗ nales freventlich umgarnte— erſchien Stahl bei der Tante Heuber. 1 Bevor er ſich zu dieſer begab, ſuchte er Thereſe auf. Die junge Frau lag nicht mehr im Fieber, aber ſie fühlte ſich außerordentlich angegriffen und hütete noch das Bett. Mamſell Liſette hatte ihr den Entſchluß der Tante verſchwiegen. Stahl gab Thereſen jetzt die Vek⸗ ſicherung, daß er noch am ſelben Morgen eine Unter⸗ redung mit Ferval haben, und ihn über ſeine geſtrige Handlun sweiſe ausforſchen und eindringlich zur Rede ſtellen werde. Dann verließ er die Arme, flüſterte der alten Mam⸗ ſell einige Vorſchriften über ihr ferneres Verhalten zu und begab ſich ſchließlich zur„Frau Tante.“ Er fand die rüſtige, energiſche Frau ruhig und ent⸗ ſchieden. Sie vernahm aus dem Munde des Gleißners die Beſtätigung deſſen, was Liſette am Abend zuvor aus⸗ geſagt hatte. Er lobte Liſettens chriſtliche Fürbitte, welche darauf hinausgegangen war, das Fortſchaffen der Lei⸗ denden zu verhindern. Er ging noch weiter, er ſprach mit gut geſpieltem frommen Eifer, daß man die jungen Leute nicht ungehört verdammen dürfe. „Sie kennen meine Natur, Stahl,“ verſetzte die alte Dame barſch,„ich bin heftig, ich will mit dem Volke nichts zu thun haben! Soll ich mir den Tod an den Hals ärgern? He? Und zu was auch ſollte ich mit ihnen reden? Liegt ihre beiderſeitige Schuld nicht am Tage?“ „Leider war ich Zeuge dieſer ganzen traurigen Angelegenheit,“ ſagte Stahl nach einigem Zögern— 7 140 „und mich will bedünken, das Laſter habe in dieſen ju⸗ gendlichen Gemüthern Wurzel gefaßt! Aber als gewiſ⸗ ſenhafter, ehrlicher Mann rathe ich Ihnen, Frau Tante allen dieſen unſeligen Dingen auf den Grund zu gehen, bevor Sie Ihre Hand von Ferval's abziehen!“ „Ich habe ſchon durch dieſe ganze Zeit Aerger und Kummer genug von ihnen gehabt!“ brummte die Greiſin erregt.—„Es iſt eine gräuliche Wirthſchaft.— Das Kind noch ungetauft, der Mann in Geſellſchaft von Maitreſſen, die Frau eine Ehebrecherin— Stahl, reden Sie was Sie wollen, ich ſage mich von dieſem Volke los! Liſette hat recht— das ſind die Folgen dieſer mo⸗ dernen Freigeiſterei!“ „Geſtatten Sie mir, liebe Frau Tante,“ bemerkte Stahl ſanft,„daß ich nochmals Alles reiflich unterſuche, und Ihnen darüber berichte, damit wir uns nichts vor⸗ zuwerfen haben!“ „Thun Sie was Sie wollen, Stahl,“ antwortete die alte Dame,„aber ſo viel ſage ich Ihnen im Voraus, der Mann darf nicht über meine Schwelle, und die Frau muß zum Hauſe hinaus, ſobald— ſobald ihr Zuſtand es erlaubt!“ 7 Stahl küßte der„Frau Tante“ ehrfurchtsvoll die Hand und verabſchiedete ſich. „Roch Eins!“ rief die Greiſin ihm nach.—„Laſſen Sie ſich doch bald wieder bei mir ſehen,— recht bald, hören Sie?— lieber Stahl!“ Siebentes Capitel. Pauline und Franz. Es war Mittwoch geworden und Pauline befand ſich noch immer im Hauſe Weidner's. Sie lag nicht mehr an ihren Wunden darnieder, und hätte recht gut zu den Eltern zurückkehren können, aber der wackere Fabrikant und ſeine Frau litten das nicht. „Ei was,“ ſagte Weidner lächelnd, wenn Pauline in Bezug darauf ſchüchtern eine Andeutung fallen ließ, „wir haben Sie nun einmal hier, und laſſen Sie nicht ſo leicht wieder los! Sie werden kaum zu Hauſe ſein, ſo wird man Sie kränken, armes Kind, und dazu kommen Sie noch immer zu früh! Sie müſſen ſich erſt ordentlich erholt haben, damit Sie wieder einen„ buff“ vertragen können! Sehen Sie, Paulinchen,“— fuhr er vertraulich 3 fort,—„wäre ich an Ihrer Stelle, ich würde ſchauen, vom Hauſe fortzukommen. Was haben Sie dort? Liebe, Theilnahme, oder auch nur freundliche Begegnung? Nichts von Allem! Es iſt ſchön von Ihnen, daß Sie trotzdem Ihre Pflicht erfüllen, aber geſchieht das nicht auf Koſten Ihres Zartgefühls, Ihres Glückes? Und ſollte es für dieſes rege Pflichtgefühl denn gar keinen anderen Wirkungskreis geben, einen, in dem ſich Ihr Streben thatſächlich belohnte?“ „Finde ich nicht meinen Lohn in mir ſelber?“ ant⸗ wortete Pauline zagend und befangen.—„In dem Be⸗ wußtſein, das meinige gethan zu haben?“ „Ganz ſchön, liebes Kind,“ verſetzte Weidner gütig, —„aber man kann nicht immer geben, man muß auch empfangen, ſonſt wird das Gemüth endlich doch verbittert und das Leben völlig freudenlos! Da ſchauen Sie hin, meine Alte nickt dazu, ſie ſtimmt mir bei, wie das alle vernünftigen Leute thun werden. Und ich ſage Ihnen, Pauline, wir ruhen auch Beide nicht eher, als bis das mit Ihnen anders geworden iſt, denn wir haben Sie lieb gewonnen, die Alte da und ich, und— und da mag's kommen wie es wolle, wir müſſen Sie glücklich ſehen!“ Paulinens Augen füllten ſich mit Thränen. Sie fühlte in dieſem Momente nicht den Kummer des Ver⸗ kanntſeins von Eltern und Geſchwiſtern, ſo wenig wie ihre Wunde an der Schulter jetzt ſie ſchmerzte, ſie 144 empfand nur jene Rührung, welche in dem Bewußtſein der Wonne liegt, von rechtſchaffenen Menſchen anerkannt zu ſein. Sie ſtreckte dem väterlichen Freunde jenen Arm entgegen, deſſen ſie ſich jetzt frei bedienen konnte— denn der andere ruhte in einer Bandage— und drückte dem bewegten alten Herrn die Hand. Dann ſank ſie an die Bruſt der Gattin Weidner's und ſchluchzte leiſe. „Rede noch nicht von ſolchen Sachen, Mann!“ ſagte die Hausfrau, des Mädchens blaſſe Wange ſtrei⸗ chelnd—„Du ſiehſt, ſie iſt in ihren Nerven noch nicht feſt genug!“ „Ei was,“ verſetzte Weidner, wie vorhin lächelnd, und jetzt mit einem bedeutungsvollen Blick auf ſeine Frau,—„gerade mein Thema ſoll ihr die Nerven ſtark machen! Glaubſt Du denn, es ſchade etwas, wenn wir ſie mit ihrer ewigen Aufopferung und Entſagung ein „biſſerl“ in die Beichte nehmen? Sie ſoll auch an ſich ſelber denken lernen! Was die Anderen bei ihr im Hauſe zu viel haben, davon hat ſie zu wenig. Verbindeſt Du die Wunden ihres Körpers, ſo laß mich's doch mit denen ihres Gemüthes verſuchen, Alte! Aber damit ich das meinige dazu ganz und redlich thun kann, Paulinchen, müſſen Sie mir auch behülflich ſein und mir anvertrauen, wo die wundeſte Stelle iſt!“ 145 Pauline richtete ihr verbundenes Haupt vom Bu⸗ ſen der Hausfran auf. Verwirrt, Antlitz und Blick ge⸗ ſenkt, ſtand ſie vor Weidner da. „Ei,“ ſagte dieſer,„nicht ſo niedergeſchlagen, mein Kind, haben Sie nicht Freunde zur Seite, die nur Ihr Beſtes wollen, und bei Allem, was Sie über ſich ent⸗ ſcheiden, zu helfen bereit ſind? Muth, mein Kind, Sie zeigten ihn, als Sie uns vor einer harten Prüfung be⸗ wahrten, als Sie einem fremden Knaben das Leben ret⸗ teten, zeigen Sie ihn auch jetzt, wo es ſich um Ihr eige⸗ nes künftiges Wohl handelt! Ich will Ihnen etwas ſagen, Paulinchen, Sie müſſen auf jeden Fall aus dem elterlichen Hauſe fort, entweder zu redlichen Leuten, die bereit wären, Sie gleich einer Tochter zu halten— und ich glaube, ſolche Leute zu kennen— oder— hm!— wär's nicht gleich einfacher, Sie heiratheten?“ In Paulinens bleiche Wangen ſchoß das Blut; ſie bebte. Frau Weidner gewahrte die unſichere Haltung des Mädchens, trat zu ihr, umfing ſie und führte ſie liebe⸗ voll zu einem Lehnſeſſel, der am Fenſter ſtand. „Wie kannſt Du nur dem guten Kind mit ſolchen Geſchichten kommen!“ ſagte ſie, einen ernſten Blick auf ihren Mann werfend.—„Siehſt Du nicht, daß ſie ohnehin aufgeregt und angegriffen iſt? Wer wird ſie Fabrikanten und Arbeiter. III. 10 146 denn gleich ſo über Hals und Kopf mit allerlei Vor⸗ ſchlägen beſtürmen, die— die—“ Die wackere Frau ſtockte. Weidner blickte ſie ſchmunzelnd und ein wenig verlegen an. In dieſem Augenblicke ward die Thür des Wohn⸗ zimmers, in dem ſie ſich befanden, geöffnet; Franz trat ein.. „Komm mir zu Hülfe, Franz!“ ſagte Weidner noch immer lächelnd.—„Deine Mutter kanzelt mich herunter— ich bin vielleicht in meiner ungeduldigen Gutherzigkeit wieder einmal zu raſch geweſen. Pauline möchte ſchon wieder auf und davon, vielleicht haſt Du ein beſſeres Mundwerk als ich, und verſtehſt es, ſie durch triftigere Gründe, als mir zu Gebote geſtanden ſind, noch auf— auf eine Zeitlang bei uns feſtzuhalten! Verſuch's, Franz, die Mutterſöhnchen pflegen ja mit Allem Glück zu haben, und überdem biſt Du ein Sonn⸗ tagskind!“ Franz trat leicht erröthend näher. Der biedere Fabrikant aber gab ſeiner Frau ein verſtohlenes Zeichen. „ Höre, Frau,“ ſagte er,„Du thäteſt wohl gut, auf ein Viertelſtündchen mit mir zu kommen, ich habe gerade jetzt Zeit, mich über Dein Hausſtandsbuch herzu⸗ machen und möchte mich nicht gern, von Dir mahnen 147 laſſen. Aber ohne Dich finde ich mich darin nicht zu— recht!“ „Gut, gut!“ murmelte Frau Weidner.—„ komme ſchon. Was meinen Sie, liebes Kind,“ fuhr ſie zu Paulinen gewendet fort, die, verlegen erröthend und den Blick zu Boden geſchlagen, regungslos daſaß— „möchte es nicht für Sie ganz zuträglich ſein, wenn wir nachher ein wenig ſpazieren fahren wollten? Sie und ich? Der Nachmittag iſt ſo ſchön! Und riskiren werden wir auch nichts dabei, denn wir nehmen zum Kutſcher unſern alten Johann, und nicht dieſen jungen Herrn da, auf denn ich mich nun nicht mehr verlaſſe!“— Frau Weidner wies lächelnd auf ihren Sohn, der nicht weniger befangen als Pauline ſchien. Dieſe ſtammelte einige Worte, aber ſo leiſe, daß ſie nicht verſtanden wurde. „Nun, nun!“ rief Weidner lachend.—„Bringe mir den Burſchen bei dem Mädchen nur nicht um allen Kredit! Vielleicht gibt's doch noch Dinge, in denen man ſich ihm getroſt anvertrauen kann,— wenn das auch nicht gerade beim Kutſchiren der Fall ſein ſollte!“ Frau Weidner trat raſch zu Paulinen, küßte ihre Stirn und ſchob dann ihren Gatten zur Thür hinaus in's Arbeitskabinet. Während dieſes letztere geſchah, flüſterte ſie ihm 10* 148 zu:„Du biſt ein rechtes altes Weib mit Deinen vor⸗ eiligen Anſpielungen. Erſt haſt Du das große Wort und kannſt dann nachher doch nicht den Mund halten! Denkſt Du denn nicht, daß ſich ſchon Alles von ſelber machen werde, ohne unſer Dazuthun? Ich hab's dem Franz ſchon angeſehen!“ Weidner lachte in ſich hinein, die Frau ſchloß die Thür hinter ihm und ſich. Als ſich die jungen Leute im Vorzimmer allein be⸗ fanden, trat Franz au's Fenſter und ſetzte ſich Paulinen gegenüber. Er war ſichtlich beklommen. „Wie,“ murmelte er kaum hörbar,„Sie denken ernſtlich daran, uns ſchon zu verlaſſen?“ „Muß ich das nicht?“ antwortete Pauline faſt ebenſo leiſe und mit merklich zitternder Stimme.— „Heute iſt bereits der fünfte Tag, daß ich Ihren Eltern zur Laſt falle, und—“ „Wie können Sie nur ſo ſprechen, Pauline!“ un⸗ terbrach ſie Franz mit Wärme, indem er ſeinen Blick voll Innigkeit auf dem blaſſen Antlitz des Mädchens ruhen ließ.—„Leſen Sie nicht in den Mienen des Vaters und der Mutter, daß Ihre Anweſenheit in unſe⸗ rem Hauſe, weit entfernt, ihnen eine Laſt zu ſein, ſie mit aufrichtiger Freude erfüllt? Sehen Sie nicht, daß ſie ſich glücklich fühlen, wenigſtens durch Sorgfalt, Pflege und herzliche Theilnahme einen Theil der Schuld abtragen zu können, die mich Ihnen gegenüber nieder⸗ drückt?!“ „O reden wir nicht davon, Herr von Weidner!“ verſetzte Pauline heftig erröthend.—„Sie klagen ſich ſtets als den Urheber des Unfalles an, der mich betroffen hat, und doch iſt es nur der Zufall oder die Vorſehung, welche gewollt hat, daß geſchehe, was geſchehen iſt!“ „Ja, die Vorſehung iſt es,“ rief Franz lebhaft, „die uns Allen mit einem Schlage enthüllt hat, welch ein hochherziges Gemüth bisher in beſcheidener, ſtiller Verborgenheit wirkte, die Vorſehung, Pauline, die nicht wollte, daß Sie ferner noch ſelbſt von rechtſchaffenen Menſchen verkannt werden ſollten! Darum wenden Sie ſich auch jetzt nicht ſcheu von ihnen ab, von Denen, die Ihren Werth zu ſchätzen wiſſen, die dankbar und in Hochachtung Ihnen die Hand zu fröhlicher Gemeinſchaft reichen! Sind doch der Guten und Redlichen ſo wenige im Leben, daß ſie da, wo ſie einander begegnen und ſich erkennen, nicht aneinander vorübergehen ſollten!“ Pauline zitterte leiſe, ſie wagte nicht den Blick vom Boden zu erheben. Sie fand kein Wort der Entgeg⸗ nung. „Sie wollen uns dennoch ſo bald verlaſſen!“ fuhr 150 Franz mit gepreßter Stimme fort.—„Sie fühlen ſich alſo nicht heimiſch bei uns?“ „O doch,“ ſtammelte Pauline haſtig,„wie könnte das nicht in einem Kreiſe der Fall ſein, wo Alle mir voll Herzlichkeit begegnen, wo man mir eine Theilnahme widmet, die ich nicht verdiene! Halten Sie mich nicht für undankbar, Herr von Weidner,“— ſetzte ſie voll Schüchternheit hinzu—‚ich weiſe nicht die Freundſchaft zurück, welche man mir hier widmet, ich bin ſtolz auf die Achtung Ihrer würdigen Eltern, auf die Ihrige— ich— was ſoll ich es leugnen— ich lebe hier auf, wo man mich mit Güte überhäuft— aber— mich ruft die Pflicht nach Hauſe!“ 1„Welche Pflicht erfüllt man dort gegen Sie, Pau⸗ line?“ entgegnete Franz,—„Verzeihen Sie meine In⸗ diskretion, mit der ich Ihnen geſtehe, daß Ihr Antlitz, Ihr Blick, Ihr ganzes Weſen mir verrathen haben— Sie fühlen ſich zu Hauſe nicht glücklich!“ „Herr von Weidner,“ entgegnete Pauline mit be⸗ benden Lippen, indem ſie die Augen erhob, einen ſchmerzlichen Blick auf den jungen Mann richtete und zu gleicher Zeit zu lächeln verſuchte,„es iſt nicht die Beſtimmung eines jeden Menſchen glücklich zu werden. Wohl Demjenigen, der wenigſtens ſein Los ſtandhaft zu tragen weiß, wie— wie ich es tragen werde!“ 151 „Sie ſind ein edles Mädchen,“ erwiederte Franz erregt,—„aber Sie gehen in Ihrer Entſagung zu weit,— es gibt auch Pflichten, die man gegen ſich zu erfüllen hat. Und ein Jeder hat ſein Los oft mehr in der Hand, als er zu glauben wähnt! Wenn Sie ſich heimiſch bei uns fühlen, Pauline, was fliehen Sie uns, und drängen ſich in einen Kreis zurück, der Sie— vergeben Sie mir — nur duldet? Wo finden Sie dort einen Halt, als in ſich ſelber? Der Stärkſte von uns bedarf aber der Ge⸗ müther Solcher, die gleich ihm fühlen— es iſt ſo menſchlich ſchön, daß ſich ein Herz zum andern ſehnt, und nicht allein für ſich beſtehen mag, ſo lange ihm noch die Hoffnung bleibt, ein ſolches zu ſinden! Hier achtet man Sie, hier— liebt man Sie, hier ſind wir Alle untröſtlich, wenn Sie bald von uns ſcheiden ſollten,— ſtoßen Sie die Herzen meiner Eltern nicht zurück, Pau⸗ line, nicht— das meine!“ Franz beugte ſich vorüber und ergriff die Rechte des Mädchens. Pauline ſchrak zuſammen, ihre Hand zitterte heftig in derjenigen des jungen Mannes, deſſen Blick leiden⸗ ſchaftlich zu ihr hinüberſchweifte.— „Herr von Weidner—!“ ſtotterte ſie erglühend und in höchſter Verwirrung. „Vergeben Sie mir,“ flüſterte Franz, beſtürzt 15² über die heftige Erregung des Mädchens,„wenn das Aufwallen meines Gefühles Sie verletzt! Seit das Un⸗ glück, das meine Unvorſichtigkeit über Sie heraufbe⸗ ſchwor, Sie uns näher geführt hat, Pauline,“ fuhr er leidenſchaftlich fort,—„ſeit mir vergönnt wurde, mehr und mehr Ihre edlen Geſinnungen, Ihr reines Herz kennen zu lernen, vermag ich in Ihrer Nähe nur den einen Gedanken zu faſſen, daß Derjenige unendlich glück⸗ lich werden muß, der Sie beſitzen wird! O wäre es mir vergönnt, dieſer Glückliche ſein zu dürfen!“ Pauline erhob ſich, Franz that desgleichen. Er hielt noch immer ihre Hand, die in der ſeinigen zuckte. Das überraſchte Mädchen wankte beinahe betäubt einen Schritt vorwärts. Angſt und Wonne rangen ſich aus ihrer Bruſt empor, denn zu jäh, zu unerwartet war dieſer Antrag gekommen. Sie hatte in den letzten Tagen, wie ſchon früher erwähnt worden, aus dem ganzen Weſen des jungen Weidner geahnt, daß ſie ihm nicht mehr gleichgültig ſei, aber von der innigen Theilnahme bis zu jener glühenden Leidenſchaft, die jetzt in Blick und Worten Desjenigen lag, den ſie ſo lange als den Verehrer ihrer Schweſter betrachtet hatte, war doch ein Sprung, den ſie in ihrer zaghaften Anſpruchsloſigkeit für unmöglich gehalten. Darum fühlte ſie ſich jetzt auch überwältigt, ihr ſchwin⸗ 153 delte vor dem Glücke, das ſo plötzlich an ſie herantrat, an ſie, die längſt ſchon ihrer Liebe entſagend, gegen dieſe angekämpft, und erſt in den jüngſten Tagen, ja bis zur Stunde, es ſchon als die höchſte Seligkeit betrachtet hatte, in der Nähe des geliebten Mannes weilen zu dürfen. Franz deutete in ſeiner ängſtlichen Ungemißheit die haſtige Bewegung, welche ſie machte, ihre Verwirrung und ihr Schweigen zu leinem Nachtheile. „Sie fliehen mich?“ ſagte er zugleich flehend und traurig, indem er ihre Hand los ließ. „O mein Gott“— ſtammelte Pauline—„wie kann es ſein—?— Lieben— lieben Sie nicht— Ottilie?“ „Ottilie?“ rief Franz lebhaft.—„Iſt es allein der Gedanke an Ihre Schweſter, was Sie mit Zweifel gegen meine Worte erfüllt? Ich ſchwöre zu Gott, der in die geheimſte Falte meines Herzens ſieht, daß ich Ottili niemals geliebt habe!“ „Wie?“ murmelte Pauline kaum vernehmbar, deren Herz pochte, als wolle es zerſpringen—„Sie hätten meine Schweſter nicht geliebt? Ottiliens glünzende Eigenſchaften— „Was ſind ihre geſellſchaftlichen Talente, ihre Schönheit gegen den Seelenadel, der Sie ſchmückt, Pau 154 line,“ entgegnete Franz leidenſchaftlich—„Ottilie hat kein inneres Leben— Gemüth, Weiblichkeit, Zartſinn und Anſpruchsloſigkeit, alle jene Zierden eines reinen Mädchenherzens, welche die wahre Schönheit eines Wei⸗ bes bilden, ſind ihr fremd. Sie aber, Pauline, vereini⸗ gen alle dieſe Eigenſchaften in ſich, ich preiſe mich glück⸗ lich, Sie erkannt zu haben, ſollte ſelbſt das, was ich für Sie empfinde, Pauline, was ich ewig für Sie fühlen werde, von Ihnen unerwiedert bleiben!“ Franz hatte die letzten Worte mit gepreßter Stimme geſprochen. Er blickte Pauline flehentlich an. Dieſe zitterte und brach plötzlich in Thränen aus. „Sie weinen?“ ſtammelte Franz, die Hand des Mädchens von Neuem erfaſſend. Pauline wankte und ſank an die Bruſt des jungen Mannes. „Ich darf zu hoffen wagen?“ rief er außer ſich. „Franz,“ flüſterte ſie,„ich habe Sie ſchon geliebt, als Sie meiner noch nicht gedachten! Zum Entſagen hatte ich die Kraft, das Glück überwältigt mich!“ Franz hielt das zitternde, ſchluchzende Mädchen umſchlungen. Unendliche Seligkeit wogte in ihnen, er⸗ füllte ihre laut pochenden Herzen. Es war ein Moment ſtiller Weihe. Da knarrte leiſe die Thür, welche zum Geſchäfts⸗ zimmer führte. Weidner und ſeine Frau erſchienen an der Schwelle. Die Angeſichter der wackeren alten Leute verklärte der Glanz herzlicher Freude. Das Paar fuhr aus einander. Pauline wagte nicht die Augen vom Boden aufzuſchlagen, Franz aber blickte beſeligt auf ſeine Eltern. Eine kleine Pauſe entſtand. Dann aber ermannte ſich Franz. Er ergriff Pau⸗ linens zitternde Hand. „Vater—!“ begann er mit bewegter Stimme. „Still!“ unterbrach ihn der Alte ſchmunzelnd.— „Kannſt mir das doch nicht ſo ſchön wiederholen, was wir dort an der Thüre erlauſchten! Und was ſoll ich Euch ſagen, Kinder? Schaut mich und meine Alte an, da wißt Ihr's gleich ſelber, daß Ihr uns glücklich ge⸗ macht habt!“ Franz und Pauline ſanken wechſelſeitig den greiſen Leuten an die Bruſt. Das war ein Jubel in dem kleinen Zimmer! Die Sonne, welche durch die Fenſter herein leuchtete, und dieſe tiefbewegte Gruppe verklärte, ſah wohl nie zuvor glücklichere Menſchen unter ihrem Glanze lächeln und weinen zugleich. 156 Und als ſich nun der erſte Sturm des Entzückens gelegt hatte, da trat die wackere Hausfrau zu Paulinen heran. „Wie iſt's denn mit der Ausfahrt jetzt, mein Kind?“ ſagte ſie ſchelmiſch—„Ich glaube, wir laſſen den alten Johann heute garnicht die Pferde einſpannen, denn mir ſcheint,— hier iſt's heute doch noch ſchöner, als dort draußen!“ Achtes Capitel. Der falſche Zehnkreuzerſchein. Stahl hatte am Dienſtag und Mittwoch ſein fal⸗ ſches Spiel gegen Ferval mit Gewandtheit fortgeſetzt. Als er am erſtgenannten Tage vom Beſuche bei der Frau von Heuber zurückgekehrt war, hatte er nicht ver⸗ ſäumt, ſich ſogleich zu dem unglücklichen Manne zu be⸗ geben und dieſem zu erklären, daß es ihm durch väter⸗ liches Zuſprechen wohl gelungen ſei, das Gemüth The⸗ reſens zu erſchüttern, aber noch nicht, ſie zu einem offe⸗ nen Geſtändniß zu bewegen. Er hoffe indeſſen, ihr dieſes binnen wenigen Tagen zu entlocken, oder anderweitige Beweiſe für oder gegen ſie bringen zu können, und bis dahin müſſe und dürfe Ferval keinen Gewaltſtreich gegen ſeine Gattin unternehmen.. 3 So war Ferval, der verſtört und düſter raſtlos 158 umherwankte, und den größten Theil des Tages ſeine Wohnung floh, in ſchlauer Weiſe während beider Tage hingehalten worden. Stahl hatte inzwiſchen von ſeiner Frau erfahren, wie es nur das Intereſſe für Thereſe Ferval geweſen ſei, was ſeine Tochter Pauline am Samſtag zu Weid⸗ ner’s getrieben habe. Am Mittwoch Nachmittag endlich entſchloß er ſich, das Mädchen dort aufzuſuchen. Er begab ſich nicht nur dahin, um nicht in den Augen des Weidner'ſchen Ehe⸗ paares als gegen ſeine Tochter herzlos zu erſcheinen, ſondern weil er auch fürchtete, die Theilnahme Paulinens für Thereſe könne das Mädchen verleiten, ſich von Neuem, vielleicht gar durch die Vermittlung Weidner's, in die Angelegenheiten Ferval's zu miſchen. Dieſer Theilnahme ſobald wie möglich allen Boden und Halt zu nehmen, machte er ſich auf, nun ihm endlich ſo viele Zeit übrig blieb, ſich auf einige Augenblicke um Pauline bekümmern zu können. Er trat etwa eine Stunde ſpäter in das Weid⸗ ner'ſche Haus, als im Wohnzimmer des wackern Fabri⸗ kanten jener herzerhebende Auftritt ſtattgefunden hatte, den das vorige Kapitel zu ſchildern verſuchte. Eine geraume Weile bevor Stahl erſchien, war unter den Glücklichen die Sprache darauf gekommen, ob den Eltern Paulinens ſogleich das frohe Ereigniß mitgetheilt werden ſolle? Weidner hatte ohne Weiteres erklärt, daß er ſich ſelber vorbehalte, eine ſolche Mitthei⸗ lung zu machen. Der Leſer wird errathen, was den bie⸗ deren Mann hiezu beſtimmte— er nahm ſich vor, bei dieſer Gelegenheit nicht allein Stahl auszuforſchen, ſondern auch ſein Uebergewicht gegen ihn geltend zu machen, und ſchließlich bei der Regelung eines einzuge⸗ henden verwandtſchaftlichen Verhältniſſes auch den Ver⸗ ſuch zu machen, die Angelegenheiten des leichtſinnigen und trügeriſchen Mannes ſo viel wie möglich zu ordnen. Stahl bewillkommte den kleinen Kreis, den er im Wohnzimmer verſammelt fand, mit ſeiner gewohnten heuchleriſchen Herzlichkeit. Ihm entging nicht das heftige Erröthen Paulinens, die Befangenheit des jungen Weid⸗ ner, der gewiſſe Zwang, welcher im Benehmen des Wagenfabrikanten und ſeiner Frau ihm gegenüber ſich unwillkürlich unter den obwaltenden Verhältniſſen gel⸗ tend machen mußte. Aber er hielt dieſe Symptome der Erſcheinung bei ſeinem Erſcheinen für nichts anderes als eine Beſtätigung ſeines Argwohnes.. „Man konſpirirt hier gegen mich zu Gunſten der Fervals!“ ſagte er ſich. Und um ſo mehr hielt er es für nöthig, ſeiner Toch⸗ ter eine ſchlechte Meinung von Thereſen beizubringen. 160 Franz, dem wohl von Allen Stahl's Erſcheinen am ungelegenſten gekommen war, entfernte ſich bald unter einem ſchicklichen Vorwande, um ſein Zimmer aufzuſu⸗ chen. Weidner und ſeine Fran, welche vermutheten, daß der Vater ſeine Tochter allein zu ſprechen wünſche, boten ihm dieſe Gelegenheit, indem ſie ſich im Zimmer neben⸗ an zu ſchaffen machten. Stahl, der in Gegenwart der Familie Weidner gegen ſeine Tochter eine leutſelige und beſorgte Miene angenommen hatte, änderte jetzt in etwas ſeinen Ton. „Wie thöricht haſt Du gehandelt, mein Kind,“ begann er,„Dich in die Angelegenheiten der Ferval's zu miſchen! Die Vorſehung ſelber hat Dir durch dieſen Un⸗ fall, der Dich betroffen, einen Fingerzeig gegeben, daß Du auf falſchen Wegen gewandelt biſt!“ Pauline ſah dieſes freilich unter den obwaltenden Umſtänden durchaus nicht ein, da ſie von derſelben vor dem Vater keine Erwähnung thun konnte, ſo begnügte ſie ſich damit, ihn fragend und groß anzublicken. „Wohl uns,“ fuhr der heuchleriſche Vater fort,„daß Dein Gang hierher, den Du im Intereſſe Deiner Kou⸗ ſine Thereſe gethan haſt, Dir nicht das Leben gekoſtet hat! Es wäre das um ſo entſetzlicher für uns geweſen, als Du Dich, ich leugne es nicht, von Gefühlen ange⸗ trieben, die Deinem Herzen zur Ehre gereichen, für eine ſchlechte Sache würdeſt geopfert haben!“ „Wie?“ flüſterte Pauline erſtaunt—„Sie billi⸗ gen den Beweggrund, der mich geleitet, Vater, und doch verdammen Sie—“— „Mit Recht, mein Kind!“ unterbrach ſie Stahl ſanft.—„Leider Gottes,“ fuhr er fort, indem er ſchein⸗ heilig in ſeiner gewohnten Weiſe die Augen verdrehte— „iſt mir ſeit einigen Tagen die traurige Gewißheit ge⸗ worden, daß wir unſere Theilnahme, unſere verwandt⸗ ſchaftliche Liebe an unwürdige Menſchen verſchwendet haben, die unter der heuchleriſchen Larve der Sittenrein⸗ heit, unter einnehmenden Manieren einen Pfuhl von Verworfenheit zu verbergen gewußt haben!“ Pauline blickte voll Verwunderung ſtarr auf ihren Vater. „Sie reden doch unmöglich von Fervals?“ ſagte ſie betroffen. „Leider dennoch, mein Kind!“ verſetzte Stahl mit anſcheinend betrübter Miene.—„Ich geſtehe Dir, und Du wirſt es bemerkt haben, daß vor wenigen Tagen noch die gute Meinung, welche ich von ihnen hegte, ſo feſt ſtand, wie die Deinige noch ſtehen wird, und ich vergebe Dir deshalb, daß Du Dich jener Leute ſo warm und ſelbſt ohne Wiſſen Deiner Eltern angenommen haſt, Fabrikanten und Arbeiter III. 11 162 da ſie auch mich, den erfahrenen Mann zu täuſchen ge⸗ wußt haben! So wiſſe denn, Kind,— und entſage hin⸗ fort Deiner Theilnahme für dieſe Fervals— daß der Mann ſowohl wie ſeine Frau Elende ſind, mit denen wir, wie alle Leute von Ehre, ferner keine Gemeinſchaft pflegen düefen!“ „Vater,“ ſtammelte Pauline,„was ſagen Sie da? Thereſe, dieſes edle, reine Gemüth— Ferval, dieſer Mann von ſo rechtſchaffener Denkungsart—!“ Stahl ließ ſie nicht vollenden. „In Worten, Kind, in Worten und gleißneriſchen Geberden, die der Tugend und Einfachheit abgelauſcht ſind!“ ſagte er ernſt und in wehmüthig klingendem Ton. —„Aber was ſind Worte, wo Handlungen, Thatſachen das Gegentheil von dem beweiſen, was die Lippe aus⸗ ſpricht oder die Miene erheuchelt?!“ Und Stahl theilte ſeiner Tochter in dürren Worten zuerſt mit, weſſen Ferval ſeine Gattin anklage, und dann erzählte er der beſtürzten Pauline, in welcher Weiſe Thereſe und er thatſächliche Ueberzeugung von dem Leicht⸗ ſinn, der Frivolität und Schändlichkeit Ferval's, wie er ſich ausdrückte, gewonnen hätten. „Zweifelſt Du noch an der Schmach, der Ruch⸗ loſigkeit Beider?“ ſo ſchloß Stahl ſeine gleißneriſchen Enthüllungen.—„Haſt Du den Muth ſie zu verthei⸗ 163 digen, Pauline, da Beweiſe gegen ſie zeugen, die ich mit eigenen Augen geſehen? O, ich ſage es offen, ich wagte kaum, meinen Sinnen zu trauen, als ich dieſe Beweiſe empfing, nun ich ſie aber habe, hieße es, mich dieſen Leichtfertigen gleichſtellen, wollte ich ferner Sympathie für ſie hegen! Auch Tante Heuber hat ſich von ihnen losgeſagt; Thereſe, die draußen in Neuwaldegg erkrankt iſt, oder vielmehr, wie ich vermuthe, ſich krank ſtellt, das Mitleid der Tante zu wecken, wird von dieſer nur noch wenige Tage geduldet werden. Aus Barmherzigkeit ſprach ich bei der empörten Tante dafür, das iſt aber auch das Letzte, was ich für Thereſe habe thun können, was ſich mit meinem Gewiſſen vereinigen ließ. Und auch Du, Pauline, darfſt den Fervals keine Theilnahme mehr widmen, willſt Du nicht Dein Ehrgefühl verdäch⸗ tigen, Dich vor Dir ſelber herabwürdigen! Ich erwarte alſo von meiner Tochter, daß ſie ſofort mit Verwandten breche, die der Familie nur zur Schande gereichen!“ Stahl ſprach die letzten Worte mit wohlberechneter Würde, doch zugleich auch in äußerſt ſanftem Tone. Er trat an Pauline heran, und drückte ſeine ſchma⸗ len Lippen auf ihre Stirn. Das beſtürzte Mädchen fühlte ſich bei dieſer Berührung unheimlich durchfröſtelt. Die innere Stimme ſagte ihr: Es iſt Alles Lug und Trug, was Du da vernommen haſt! 164 Stahl ging und ließ ſeine Tochter in einem furcht⸗ bar aufgeregten Zuſtande zurück. Er trat in das Ge⸗ ſchäftszimmer Weidner's und verabſchiedete ſich von den Eheleuten. „Ich werde Dich dieſer Tage in Deiner Wohnung aufſuchen,“ ſagte Weidner,„denn ich habe mit Dir nicht Unwichtiges zu reden.“ Stahl warf einen durchdringenden Blick auf das ruhige Antlitz Weidner's. „Wenn Du mir eine Sache von Wichtigkeit mit⸗ zutheilen haſt,“ antwortete er,„ſo rede doch gleich jetzt!“ „Nein, nein! Ich bin jetzt nicht dazu in der Stim⸗ mung!“ war Weidner's trockene Antwort.„Wir werden ſchon zu gelegener Zeit unter vier Augen darüber reden. Jetzt will ich Dich nicht aufhalten,— leb' wohl!“ Stahl empfand eine gewiſſe, ihm unerklärliche Un⸗ ruhe, als er dieſe Worte vernahm. Aber er verbarg dieſe Regung und empfahl ſich. Auf dem Korridor ſtarrte er gedankenvoll vor ſich hin. „Was hat mir der Weidner mitzutheilen?“ mur⸗ melte er vor ſich hin.—„Blickte der Menſch, als er das ſagte, mich nicht ſo ſtrenge und forſchend an, wie einer, der ſich bemüht, in der Seele des Anderen zu leſen? Bah, was kann er mir anhaben?!—“ — 165 Wir müſſen Stahl verlaſſen, und zur Hausmeiſter⸗ wohnung des Weidner'ſchen Gebäudes hinabſteigen. Dort hatte ſich Landsberger mit Frau, Kindern und Anton Schulhof bereits ſeit einigen Tagen häuslich eingerichtet. Welche Fröhlichkeit herrſchte in der kleinen, aber freundlichen Wohnung! Wie nett und ordentlich ſah Alles darin aus! Was in der Zeit der Bedrängniß verſetzt worden war, hatte Landsberger jetzt auslöſen können, und was dem kleinen Haushalt noch abgegangen, war dazu an⸗ geſchafft worden. Und wie zeigte ſich jetzt Alles geſcheuert und ſpie⸗ gelblank in der winzigen Küche, im gemeinſchaftlichen Zimmer, in der Kammer Anton's! Frau Nettel, die in ihrer ehemaligen Wohnung trübſelig umhergeſchlichen war, wenn ſie einen Augen⸗ blick vom Handſchuhnähen hatte ausraſten können, die noch bis vor wenigen Tagen ohne Freude an die häus⸗ lichen Verrichtungen ging, da ſo ziemlich Alles gefehlt hatte, und aus dem wenigen Dürftigen doch nichts Rechtes zu machen geyeſen, ſchaffte jetzt tüchtig um. Man hätte das der blaſſen, hageren Frau noch vor Kur⸗ zem nicht zugetraut. Gibt das einzige Wort: Land! dem auf dem Ozean ſeit lange herumirrenden, halb ver⸗ 166 ſchmachteten Seefahrer nicht ſeine ganze Spannkraft wie⸗ der? Fühlt ſich nicht der kränkelnde Gefangene ſo gut wie geneſen, da ihm die Freiheit verkündet wird 2 Nun denn, der Gedanke: Für unſere Zukunft!iſt geſorgt!— war für die Frau Nettel dasſelbe, ſie fühlte ſich geſund, fröhlich, kräftig, ſchon jetzt erſchien ſie nicht ſo hohl⸗ äugig, ſchon jetzt ſchimmerte eine leichte Röthe durch die Bläſſe ihrer Wangen, begann ihr halberloſchener Blick fröhlich aufzuflackern. Die Kinder wieſen lachende Geſichter, und fielen über die beſſere Koſt, die ſie jetzt erhielten, mit Jubel her. Und Landsberger, das Glück der Seinen überſchau⸗ end, brummte mehr wie einmal lächend vor ſich hin: „Die uns vor acht Tagen geſehen haben, ſollen nur in einem halben Jahr wiederkommen, da werden ſie ſich wohl wundern!“ Worüber ſich Landsberger ſelber aber jetzt ſchon wunderte, das war die Veränderung, welche mit Anton Schulhof, ſeinem„Kammerherrn, ganz plötzlich vorge⸗ gangen. Er war am Dienſtag Abend— jenem Abend, der ihn mit der Gräfin Julie am Donaukanal zuſammen⸗ führte— ſehr ſpät, aber nicht trübſelig wie ſonſt, ſon⸗ 167 dern in fröhlicher, ja beinahe in ausgelaſſener Stim⸗ mung nach Hauſe gekommen. Auf Landsberger's Frage, was ihn ſo luſtig ge⸗ macht habe? hatte er geantwortet:„Ei Gott, Vater Landsberger, ich habe endlich den ehemaligen Anton in mir wiedergefunden! Ich bin noch jung, ſoll ich die ganze Zukunft mir verbittern? Hol's der Henker, ſagte ich mir heute, ich will leben! Gebt nur Acht, von nun an ſoll mich Keiner mehr kopfhängeriſch ſehen.“ „Das iſt brav,“ Anton, war Landsberger's Antwort geweſen—„hätteſt auch ſonſt nicht in unſere Wirthſchaft hineingepaßt, denn die hat auch ein neues Kleid ange⸗ zogen und eine neue Seele bekommen. Bleibe nur ſtand⸗ haft bei dem, Anton, was Du Dir vorgenommen. Geht's gut, dann wüßte ich noch allerhand für Dich! Aber da⸗ mit hat's vorerſt noch Zeit!“ Anton hatte gelacht und war dann wohlgemuth in ſeine Kammer gegangen. „Wird ſchon wieder umſatteln!“ hatte Landsberger dann vor ſich hin gebrummt—„Die Hitzköpfe ſind ſchon ſo! Aber dann heize ich ihm ein!“ Das war aber am folgenden Tage nicht nöthig ge⸗ weſen. Anton war ſingend und mit fröhlichem, zuver⸗ ſichtlichem Blicke in aller Frühe aus der Kammer ge⸗ treten, und hatte ſich dann friſch und munter in der Fa⸗ 168 brik an die Arbeit gemacht. Zum Mittagstiſch war er gekommen und hatte gelacht und mit den Kindern Kurz⸗ weil getrieben. Landsberger freute ſich und baute wieder im Stil⸗ len ſeine Pläne für den Burſchen auf. Er ahnte nicht, welches„Land!“ dem armen Seefahrer auf dem ſtürmiſchen Ozean„Liebe“ war zu⸗ gerufen worden! Zu derſelben Zeit, in der Stahl ſich bei ſeiner. Tochter Pauline befand, war Anton wieder vollauf in der Fabrik beſchäftigt. Landsberger aber lauerte an dem Schiebfenſterchen ſeiner Wohnung. Er hatte wohl zuvor den Fabrikanten, ſeinen ehemaligen Herrn, in das Haus eintreten ſehen, und hinaus wollen, ſich durch ſein, Stahl unerwartetes Erſcheinen eine gewiſſe Genugthunng zu verſchaffen, aber damals hatte ihn Frau Nettel zurückgehalten und geſagt:„Bleib' da, Anton, was haſt Du davon? Schlech⸗ ten Menſchen ſoll man nicht mehr in den Weg kommen, als gerade nöthig iſt. Wer weiß, welcher von Euch Bei⸗ den ſich am meiſten ärgert, wenn Ihr einander ſeht!“ „Es iſt wahr, der ſcheinheilige Kerl iſt mir ein Graus!“ hatte Landsberger geantwortet und war ge⸗ blieben. 169 Aber nachher war ihm doch wieder der Kitzel ge⸗ kommen, ſich zu zeigen. Und da ſtand er denn am Schiebfenſter und paßte auf. Plötzlich erſchien unmittelbar vor der Scheibe, durch die er in den Ansgang hinausblickte, ein roſige lachen⸗ des Antlitz. Landsberger wich angenehm überraſcht zurück und öffnete die Thür. „Die Fanni!“ rief er vergnügt ſeiner Frau zu.— „Kommen Sie nur herein“— fuhr er fort, ſich zu dem munteren Mädchen wendend,—„wir haben Sie ſchon längſt erwartet!“ Die Schneider⸗Fanni, ihren Bruder Wilhelm an der Hand, trat mit heiterem Gruße über die Schwelle. „Freilich,“ antwortete ſie,„wenn man nur ſo im⸗ mer zum Spazierengehen Zeit hätte!“ „Im Grunde wird's meiner Alten ganz recht ſein, Fanni, daß Sie bis heute ausgeblieben ſind,“ verſetzte Landsberger ſchmunzelnd,„denn es ſah in dieſen Tagen ſchrecklich bei uns aus. Die Leute, welche vor uns in der Wohnung logirten, hinterließen ſie uns in einem fürchterlichen Zuſtande! Aber jetzt dürfen wir ſchon kei⸗ nen Beſuch mehr ſcheuen, meine Alte hat nach Kräften 170 gethan, was ſich thun ließ, und ſie wühlt noch immer da herum!“ Frau Nettel hieß das Mädchen willkommen, die Kinder ſprangen zu ihr heran. „Ei, das ſchaͤut hier ja prächtig aus! Ich gratu⸗ lire!“ rief Fanni umherblickend.—„Aber bevor ich alle Ihre Herrlichkeiten in Augenſchein nehme, muß ich auf meinen Zweck denken, Herr Landsberger, auf das, warum ich und mein Bruder eigentlich hergekommen ſind. Die junge Dame, welche dem Wilhelm das Leben rettete, iſt doch noch hier im Hauſe?“ „Die Stahl⸗Pauline? Freilich iſt ſie da. Es geht ihr ſchon recht gut.“⸗ „Gott ſei Dank! Und kann man ſchou zu ihr? Wir haben uns noch immer nicht bedanken können,— ſie muß uns für undankbar halten!“ „Ei nicht doch, Fanni, das Fräulein Pauline denkt ſicher nur von jedem Menſchen das Beſte!— Aber jetzt gleich können Sie doch nicht hinauf zu ihr. Sie müſſen ſich ſchon ein wenig gedulden,— ſie hat gerade jetzt einen Beſuch, vor einer Viertelſtunde iſt Stahl gekommen, mein ehemaliger Brotherr, ihr Vater.“ Während Landsberger dieſe Worte ſprach, kam es ihm plötzlich in den Sinn, daß er auf der Lauer geſtan⸗ den ſei, bevor die Schneider⸗Fanni erſchienen war, und 171 da er jetzt noch eben ſo gern wie vor einigen Minuten durch ſeinen Anblick den Seidenfabrikanten geärgert hätte, trat er raſch an die Thür ſeiner Wohnung, einen Blick nach der Treppe zu werfen, die zur Wohnung des Hausherrn hinaufführte. Indem Landsberger dieſes that, hatte ihn gewiſſer⸗ maßen ein errathender Inſtinkt geleitet, denn kaum hatte er den Kopf vorgeſtreckt und den Thorweg entlang ge⸗ ſchaut, als er auch Stahl erblickte, der in tiefes Sinnen verloren, den Blick auf den Boden geheftet, von der Treppe herab in die Einfahrt einbog und nun daherge⸗ ſchritten kam. Der neugebackene Hausmeiſter ſtellte ſich in Po⸗ ſitur. So gutherzig der wackere ehemalige Arbeiter auch war, konnte er doch nicht umhin, einen triumphirenden Blick auf Stahl zu werfen und den Anflug eines ſcha⸗ denfrohen Grinſens in ſeinem breiten Angeſichte erſchei⸗ nen zu laſſen. Aber die leichterklärliche Befriedigung des ehrlichen Alten erlitt im nächſten Augenblick einen argen Stoß. Stahl war zu ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, als daß er ſeinen früheren Arbeiter hätte bemerken können. Mit geſenktem Blicke ſchritt er haſtig dem Ausgange des Hauſes zu. 172 Jetzt kam er an der geöffneten Thüre der Haus⸗ meiſterwohnung vorüber. Fanni, noch immer den Bruder an der Hand, ſtand, nur wenige Schritte von dieſer Thüre entfernt, im Zimmer. Der Knabe blickte zufällig auf den Eingang. Er ſah Stahl vorüberſtreifen Fanni's Bruder ſtieß einen Schrei aus und riß ſich von der Hand ſeiner Schweſter los. „Dort geht er, dort geht er!“ ſchrie er wie beſeſſen und ſprang die beiden Stufen hinan, welche vom Thor⸗ wege aus in die Hausmeiſterwohnung hinabführten. Landsberger packte den Buben, welcher an ihm vorüberſtürzen wollte, in demſelben Augenblicke, als Stahl auf die Gaſſe hinaustrat, um die Ecke der Ein⸗ fahrt bog und verſchwand, „Was haſt Du denn, Kleiner?“ rief Landsberger. —„Wer ſoll dort gegangen ſein?“ „Laſſen Sie mich los, ſonſt kommt er mir davon!“ ſtieß Wilhelm hervor, indem er ſich aus den Händen Landsberger's loszuwinden trachtete. „Wer?“ fragte dieſer erſtaunt. 8 „Der Herr, der gerade jetzt durch die Einfahrt ge⸗ gangen iſt!“ „Du kennſt ihn?“ 173 „Mein„falſcher Zehner⸗Herr“ iſt's!“ Landsberger ſchob mit einer Hand den Buben in die Wohnung zurück, während er ſich mit der andern leicht an die Stirn ſchlug. „Ei, Wetter noch einmal, hatte ich doch auf die ganze Geſchichte vergeſſen!“ murmelte er raſch vor ſich hin. Das Angeſicht Landsberger's zeigte heftige Er⸗ regung. Im nächſten Momente ergriff er haſtig eine der Hände Wilhelm's, der trotzig Miene machte, ihm zu entſpringen.— „Still, Kleiner!“ brummte er,—„Der entgeht Dir nicht, wir kennen ihn!“ Und zu Fanni ſich wendend, ſagte er haſtig:„Blei⸗ ben Sie bei meiner Nettel, Fanni, ich muß mit dem Buben zum Herrn von Weidner hinauf!“ Und ohne eine Antwort des überraſchten Mäd⸗ has abzuwarten, zog Landsberger den Knaben mit ſich ort.— Während dieſes Alles geſchah, waren Weidner und ſeine Frau in das Woh hnzimmer getreten. Sie fanden Paulino i in Thränen. Das Mädchen theilte den beſorgt Forſchenden mit, was ſie von ihrem Vater erfahren hatte. Sie verhehlte 174 dem würdigen Ehepaare nicht, daß ſie von Thereſen's Schuldloſigkeit überzeugt ſei und auch Ferval für zu ehrenhaft halte, als daß er fähig ſein könne, ſeine Frau nicht allein zu betrügen, ſondern auch mit eigenem Wiſ⸗ ſen und Willen fälſchlich anzuklagen. Pauline ließ, von Schmerz und Angſt gefoltert, nicht undeutlich durchblicken, daß ſie befürchte, man habe einen Verrath an den beiden Gatten begangen, eine In⸗ trigue gegen die armen Fervals angezettelt, aber ſie ſchreckte in kindlicher Scheu davor zurück, den Verdacht, welcher in ihrem Herzen aufgedämmert war, unumwun⸗ den vor Weidner auf ihren Vater zu lenken. Dagegen beſchwor ſie den alten Herrn, bei der Theilnahme und väterlichen Liebe, welche dieſer für ſie ſelber hege, der düſteren, verwickelten Angelegenheit der unglücklichen jungen Leute, deren Schickſal ſie ergriff als gelte es ihr eigenes Wohl, nachzuforſchen, und wenn ſich ihre Ahnung beſtätigen ſollte, vor die Tante Heuber hinzutreten, und den Schleier des Truges zu zerreißen. Frau Weidner ſuchte das erregte Mädchen ſo gut wie möglich zu beruhigen. Der ehrliche Fabrikant ſtand ernſt und ſchweigend da. Sein Angeſicht umdüſterte ſich mehr und mehr. Paulinens Blick haftete flehend auf ſeinen zuſammgepreßten Lippen. — 175 Da ward leiſe an die Thür gepocht. Landsberger's Kopf erſchien im nächſten Augenblick. Der Hausmeiſter machte ſeinem Herrn ein geheim⸗ nißvolles Zeichen, er öffnete die Thür noch weiter und deutete verſtohlen auf den Knaben an ſeiner Hand. Weidner errieth, was Landsberger in Gegenwart Paulinens nicht zu ſagen wagte. Beim Anblick des Kna⸗ ben ſchoß ihm durch den Sinn, was ihm wenige Tage zuvor der jetzige Hausmeiſter mitgetheilt hatte. Raſch trat er zu Paulinen, küßte ihr die Stirn und trat ſchweigend auf den Korridor hinaus, die Thür hinter ſich ſchließend. Kaum fünf Minuten mochten verfloſſen ſein, als er zurückkehrte. Seine Miene war ruhig aber ernſt. Er blickte das junge Mädchen, deren Rechte in den Händen der künf⸗ tigen Schwiegermutter ruhte, mit einem Gemiſch von Wehmuth und inniger Theilnahme an. „Ich werde morgen in der Frühe zur Heuber hin⸗ aus,“ ſagte er,„mit ihr und der Thereſe Ferval reden. Ich zweifle jetzt nicht mehr daran,“— fuhr er mit Zu⸗ verſichtlichkeit fort,—„daß ſich Alles noch wird günſtig wenden laſſen!“ „Dank, tauſend Dank!“ ſtammelte Pauline unter hervorbrechenden Thränen. 176 „Nur ruhig, ruhig mein Kind!“ antwortete der wackere Fabrikant bewegt—„Ich ſehe, der Franz muß wieder her; laß ihn doch kommen, Frau. Und unſer Töchterchen dort inzwiſchen auf andere Gedanken zu bringen, führe mir doch gleich die Leute herein, die drau⸗ ßen auf dem Gange ſtehen, und nicht erwarten können, Das los zu werden, was ſie für ihren Rettungsengel auf dem Herzen haben!“ V Neuntes Capitel. Weidner ſchreitet ein. Am folgenden Morgen ließ Weidner anſpannen und fuhr zu der Frau von Heuber hinaus. Als er die Schwelle der Neuwaldegger Villa be⸗ trat, war ſeine erſte Frage nach der jungen Gattin Fer⸗ val's. Zum Glück für Thereſe befand ſich grade um dieſe Zeit Mamſell Liſette nicht mehr im Hauſe; ſie war von der alten Dame in die Stadt geſchickt worden, um ihr Allerlei zu beſorgen, und ward vor Abend nicht zurück erwartet. Mamſell Liſette würde, wenn im Hauſe gegenwär⸗ tig, ſogleich von dem Erſcheinen Weidner's in Kenntniß geſetzt worden ſein, und entweder geſucht haben, eine Zuſammenkunft des braven Mannes mit Thereſen unter Fabrikanten und Arbeiter. III. 12 178 irgend einem Vorwand zu verhindern, oder wäre eine ſolche nicht zu hintertreiben geweſen, zu erlauſchen, was während derſelben zwiſchen Thereſen und Weidner ver⸗ handelt würde, um unmittelbar darauf an Stahl einen Bericht darüber abzuſtatten. Weidner ließ ſich nicht ſogleich bei der Herrin des Hauſes melden, ſondern unmittelbar nach Thereſen's Zimmer führen. Er fand die junge, unglückliche Frau noch auf ihrem Lager ausgeſtreckt. Das Fieber war von Thereſen gewichen, aber ſie fühlte ſich in hohem Grade erſchöpft und leidend. Sie hatte in der Frühe verſucht aufzuſtehen, war aber von einem Schwindel erfaßt, und genöthigt worden, ſich wieder niederzulegen. Als Weidner in das Zimmer trat, lag die junge Frau bleich und regungslos da. Neben ihrem Bette ſaß die Magd, und hatte den Kleinen auf dem Arme. Thereſens Blick hing düſter und ſchmerzlich an ihrem Knaben. Sie hatte das Kind ſeit einigen Tagen nicht ſelber nähren können, ihr fieberhaft aufgeregter Zuſtand würde die Geſundheit des Kleinen gefährdet haben, hätte ſie ſich nicht nehmen laſſen, was ihr als die heilige Pflicht einer Mutter erſchien. Ein Wunder war es, daß die junge Frau nach ſo 179 viel Seelenqualen und entſetzlichen Erſchütterungen, die unmittelbar nach ihrer Entbindung ſie beſtürmt hatten, noch athmete und ſich ſogar wiederum zu erholen ſchien. Ein körperlich kräftigeres Weſen als ſie, wäre vielleicht dahingerafft worden. Es iſt eine eigenthümliche, doch ſich öfter wiederholende Erſcheinung, daß eine keineswegs ſtarke Natur, mit fein organiſirten Nerven begabt, mei⸗ ſtens größere geiſtige ſo wie körperliche Widerſtandskraft beſitzt, als der derber geformte, weniger reizbare Menſch. Dieſer bricht oft, Körper⸗ wie Seelenleiden gegenüber, plötzlich zuſammen. Im Pflanzenleben der Natur wie⸗ derholt ſich dasſelbe; wir ſehen den kräftigen Stamm vom Orkan geſpalten und zerſchmettert, während die ſchlanke Weide ſich unter dieſem biegt, doch das Haupt unverſehrt erhebt, hat er aufgehört zu toſen. Thereſe wendete den traurigen Blick von ihrem Kinde ab und dem Eintretenden zu. Sie hatte Weidner⸗ ſeit ihrer Rückkehr von Belgien nur wenige Male geſehen, wie der Leſer weiß, es überraſchte ſie daher lebhaft das unerwartete Erſcheinen des wackeren Mannes. Dieſer ſchritt ohne Weiteres an das Bett der armen Frau, zog einen Seſſel heran, und ſetzte ſich, indem er mit einer gewiſſen Zurückhaltung grüßte. Thereſe vermochte in ihrem Erſtaunen den Gruß kaum zu erwiedern. . 12* 180 Weidner ließ den Blick forſchend und ernſt auf dem Antlitz der jungen Frau ruhen. „Sie ſind krank?“ fragte er. „Ich leide ſehr!“ verſetzte Thereſe mit matter Stimme. Weidner ſchaute ſekundenlang zu einem Tiſche, der in der Nähe des Bettes ſtand. Auf dieſem Tiſche befand ſich, neben einem Glaſe, das ein kühlendes Getränk enthielt, eine halbgefüllte Arzneiflaſche. Frau von Heuber, ſo wenig ſie auch von ihrer Nichte wiſſen wollte, hatte doch einen Arzt kommen laſſen, nachdem ſie von ihrem Mädchen erfahren, daß Thereſens Zuſtand ernſtliche Beſorgniſſe einflöße. Der Arzt hatte kalte Umſchläge um den Kopf und eine beru⸗ higende Medizin verordnet, und Frau von Heuber ihren Leuten Alles zu thun befohlen, was zur Linderung des aufgeregten Zuſtandes der armen Thereſe nöthig ſei, ohne ſelber jedoch einen Fuß über die Schwelle des Zim⸗ mers zu ſetzen. Thereſens Blick folgte demjenigen Weidner's. Dann ſchauten Beide einander an. „Sie haben die Tante beſucht und dort erfahren, daß ich mich unwohl fühle?“ hauchte die junge Frau za⸗ gend,„Ich danke Ihnen für dieſe Theilnahme—“ V I 181 „Nein,“ unterbrach ſie Weidner ruhig,„ich habe Ihre Tante noch nicht geſehen.“ Thereſe horchte betroffen auf. „Und kommen zu mir?“ ſtammelte ſie,„So wiſſen Sie durch Stahl, daß—“ Thereſe ſtockte. Düſter und erregt ſtarrte ſie zu Weidner empor. „Ich komme—“ begann dieſer. Dann unterbrach er ſich und ſagte:„Wird es Sie nicht zu ſehr aufregen, wenn wir einige Worte mit einander wechſeln?“ „Nein!“ brachte Thereſe mühſam hervor. „So ſchicken Sie Ihr Mädchen fort!“ ſagte Weidner. „Geh' mit dem Kleinen in den Garten!“ murmelte Thereſe kaum hörbar der Magd zu. Dieſe entfernte ſich mit dem Kinde. Als Weidner ſich mit Thereſen allein im Zimmer befand, blickte dieſe in heftiger Aufregung, ja ſogar angſt⸗ voll auf den Fabrikanten. „Ihr Angeſicht verräth mir, Herr von Weidner,“ ſtammelte ſie, ihre Kräfte zuſammennehmend,„daß Sie um Alles wiſſen— Ihr Beſuch iſt kein zufälliger—“ „Nein! Und doch komme ich theilweiſe in einem Auftrage, theilweiſe aus eigenem Antrieb!“ „So wird Herr von Stahl—“ 182 „Ein andere Perſon iſt's, die mich beſchworen hat, mit Ihnen zu reden.“ „Mein Mann?!“ hauchte Thereſe betroffen,— „Iſt es möglich— Ferval war bei Ihnen?“ „Nein. Wir haben uns am Ende, ſeit Sie und Ihr Mann in Wien leben, zu wenig geſprochen, als daß Herr von Ferval ſich an mich hätte wenden können, obwohl mir ſcheint, Ihr Mann würde beſſer gethan haben, mich oder den erſten beſten anderen ehrlichen Menſchen um eine Vermittlung zwiſchen Ihnen und ihm anzugehen, als Ihren Vetter Stahl.“ „Ja, ja!“ ſtammelte Thereſe—„Mir ſagt es mein Gefühl, daß Stahl ein falſches Spiel mit uns ge⸗ trieben hat. Doch— woher— woher wiſſen Sie dies Alles?“ „Durch Pauline Stahl. Sie veranlaßte mich, hier⸗ her zu gehen. Das gute Mädchen iſt Ihrethalben in Angſt und Sorgen, Frau von Ferval!“ „O mein Gottp, ich leide ſeit einigen Tagen unend⸗ lich,“ antwortete Thereſe mit zitternder Stimme,„und nur das Bewußtſein meiner Schuldloſigkeit hält mich aufrecht. Daß Pauline mich nicht verdammt, daß es noch rechtſchaffene Menſchen gibt, die nicht blindlings eine arme, ſchwer verläumdete Frau verurtheilen, beweiſt 183 mir Ihr Erſcheinen hier, Herr von Weidner. Wie ſoll ich Ihnen dafür danken?!“ „Dadurch, daß Sie ſich aufraffen, und Ihren Wi⸗ derſachern mit Entſchloſſenheit entgegentreten.“ „O Gott, wenn Sie Alles wiſſen, ſo werden Sie begreifen, was mich erſchüttert hat, was mir alle Kraft des Widerſtandes raubt. Dürfte ich der Hoffnung Raum geben, auch Ferval ſei verläumdet worden, wie ich es ward, dann— ja dann wäre Alles anders! Doch ſo— was ich mit eigenen Augen ſah—!“ „Meine Liebe,“ unterbrach ſie Weidner milde,„wer ſagt Ihnen, daß nicht trotzdem Alles auf einer Täu⸗ ſchung beruhe? Sie fehlten Beide, indem Sie einen Vermittler aufſuchten. Zwiſchen Mann und Frau ſoll Niemand ſtehen, auch nicht der Schatten eines Geheim⸗ niſſes darf ſich zwiſchen ſie drängen, nur einander und Gott ſollen ſie vertrauen, was ihr Inneres bewegt, wenn Zweifel in ihnen aufſteigen. Ferval richtete Sie, ohne Sie geſprochen zu haben, Sie blendet der Augenſchein, — ich will das Letztere wenigſtens glauben, nach dem, was ich von Paulinen über Ihren Mann erfahren. Sie hatten vordem niemals Urſache, Ihrem Manne Achtung zu verſagen?“ „Niemals!“ hauchte Thereſe. 184 „Nun denn, ſo hätten Sie auch Ihrem Her als Ihren Sinnen vertrauen ſollen!“ Thereſe ſenkte den Blick traurig und verwirrt zur Decke ihres Bettes nieder. „Muth, mein Kind,“ ſuhr Weidner gütig fort, „ich bin nicht gekommen, Ihnen Vorwürfe zu ma⸗ chen, ſondern Ihre Angelegenheit in's rechte Geleiſe zu bringen, aus Theilnahme für Euch beide unver⸗ ſtändigen Leute, die Ihr in der Hitze nicht ſchnell ge— nug in Euer Verderben rennen zu könne um Paulinens willen, die Euch weiß Gott eine edle Freundin iſt, wie es ſolche ſelten gibt! Zu Ihrem Troſte keit auf der Spur zu ſein glaube, deren Enthüllung auch über alles Das, was Ihnen ſeit einigen Wochen wider⸗ fuhr, Licht verbreiten dürfte!“ „Iſt es möglich— 5„ rief Thereſe heftig. „Ruhig, meine Liebe!“ unterbrach Weidner die aufgeregte junge Frau.—„Ich will Ihnen keine über⸗ ſpannten Erwartungen in den Kopf ſetzen, aber ſo viel iſt ſicher— Sie haben keine Urſache zu verzagen. Vor Allem iſt eine Zuſammenkunft zwiſchen Ihnen und Ihrem Manne nothwendig.“ „Ferval flieht mich,“ entgegnete Thereſe ſchmerz⸗ ich,—„er wird nicht hieher kommen. Auch zürnt die zen mehr — 185 Tante uns, ſie duldet mich nur hier, weil ich zu ſchwach bin, mich entfernen zu können, ſie hat ihm vielleicht ſchon das Haus verboten.“ „Muß denn gerade hier die Zuſammenkunft ſtatt⸗ finden? Dergleichen könnte ja ganz gut bei mir geſche⸗ hen. Glauben Sie, daß es Ihnen möglich ſein werde, übermorgen das Bett verlaſſen zu können?“ „Ja, die Zuverſicht, welche Sie mir einflößen, wird mir die Kraft verleihen!“ „Gut. Ich erwarte Sie am Nachmittage in meiner Wohnung. Ich werde Ihnen meinen Wagen ſchicken. Ihr Mann erhält morgen einen Brief von mir, in dem ich ihn erſuche, ſich zu mir verfügen zu wollen.“ „Sie ſind ſo gütig!“ antwortete Thereſe mit dank⸗ barem Blick doch noch immer ſorgerfüllter Miene,— „Aber ich fürchte, daß Ferval nicht kommen wird, wenn er von meiner Anweſenheit in Ihrem Hauſe erfahren!“ „Was brauchen wir ihm davon zu ſchreiben? Ich erſuche ihn im Namen Paulinens. Sie wünſcht ihn in meiner Wohnung zu ſprechen, mehr hat er nicht zu er⸗ fahren. Er wird kommen und Sie finden. Inzwiſchen wird es mir gelungen ſein, die Spur weiter zu verfol⸗ gen, auf die mich allerlei Dinge gebracht haben,— kurz, ich erwarte mit Zuverſicht das Beſte. Und das ſollen auch Sie erwarten, ſeien Sie nicht ſo thöricht, ſich ſel⸗ 186 ber zu quälen, es geht in den meiſten Fällen beſſer aus, als man ſich vormalt, und da hat man ſich nur unnütz abgeplagt. Leben Sie wohl, mit Ihnen bin ich jetzt, fertig, und nun will ich mit Ihrer Tante ein vernünf⸗ tiges Wort reden!“ Weidner lächelte freundlich die arme, junge Frau an; dieſe ſtreckte ihm matt ihre Rechte entgegen. Er drückte dieſelbe und ging. Als der ehrliche Fabrikant Thereſe verließ, ſtrahlte aus ihrem Blicke neues Leben. Weidner ließ ſich ſogleich bei der Frau von Heuber anmelden. Dieſe war bereits durch eines ihrer Mädchen davon in Kenntniß geſetzt worden, daß der wackere alte Herr ohne viele Umſtände, ſogar ohne ſich zuvor nach der Herrin des Hauſes zu erkundigen, zur in Ungnade gefallenen Thereſe hinaufgegangen ſei. Sie fand das höchſt ſonderbar, es ſah das gewiſſermaßen in ihren Augen wie eine Art Demonſtration aus. Sie empfaud etwas wie Groll gegen den ſonſt in ihrer Achtung hoch⸗ ſtehenden Mann, und als er nun um eine kurze Unter⸗ redung anſuchen ließ, da nahm ſie ſich vor, den Beſu⸗ cher, der ihre Würde verletzt hatte, indem er einem, nur mehr im Hauſe geduldeten, Geſchöpfe zuerſt ſeine Auf⸗ wartung machte, ein wenig ablaufen zu laſſen. Sie errieth, daß Weidner komme, ſich zu Gunſten Thereſens zu ver⸗ 187 wenden, und war entſchloſſen, dem alten Herrn zu zei⸗ gen, daß ſie nicht geſonnen ſei, ſich von irgendwem in dieſer Sache beeinflußen zu laſſen, ſei er auch eine noch ſo ehrenwerthe Perſönlichkeit. Frau von Heuber war, wie der Leſer weiß, eine etwas eigenwillige Dame. Weidner trat in das Verandazimmer ein. Die Herrin des Hauſes thronte inmitten ihrer Hundeſchaar. Sie hielt ihren Liebling, den Seidenpintſcher, auf dem Arme. Das Meerſchwein kauerte in ſeinem gewöhnlichen Verſteck. Frau von Heuber erhob ſich bei der Begrüßung Weidner's auf einen Augenblick gerade nur ſo viel, als nöthig war, um nicht unhöflich zu erſcheinen. Ihre Miene war ſtreng und hart, ihr Blick ſtörriſch. Weidner entging natürlich nicht die gemeſſene, ſteife Haltung, die gereizte Stimmung der Dame. „Ich werde mit der Alten da ein kleines Schar⸗ mützel auszufechten haben,“ ſagte er ſich,„aber das ſcha⸗ det nichts. Sie muß klein beigeben, und ein Gewitter macht obendrein heitere Luft!“ Weidner, der praktiſche, verſtändige Mann, war nicht um die Art und Weiſe verlegen, in der es am geeignet⸗ ſten ſein mußte, der eigenthümlichen Greiſin ſich ent⸗ gegen zu ſtellen. Wenn er auch nur ſelten mit der Frau gon Heuber in Berührung kam, ſo kannte er doch ihr 188 ſonderbares Naturell, das aus Strenge, Gutherzigkeit, Hang zu thörichten Grillen, Frömmigkeit und Jähzorn zuſammeugeſetzt, im Allgemeinen aber doch mit guten Eigenſchaften und verzeihlichen Schwächen überwiegend bedacht war. Der wackere Fabrikant machte eine Verbeugung, die womöglich noch ſteifer und förmlicher war, als das Kompliment der Greiſin. Dann zeigte er dieſer ein Ge⸗ ſicht, das nicht ſtrenger und zuverſichtlicher hätte ſein können, und jedenfalls die herbe Miene der alten Dame überbot. Frau von Heuber und Weidner blickten einander ſekundenlang ſcharf an. „Welchem Umſtande verdanke ich denn eigentlich die Ehre Ihres Beſuches?“ begann die Greiſin in einem Tone, dem die Gereiztheit leicht anzuhören war,„So viel ich mich erinnern kann, pflegt Herr von Weidner mit ſeinen Viſiten ſehr haushälteriſch zu ſein!“ „Das geht auch kaum anders, meine Gnädige,“ verſetzte der Angeredete ſo trocken wie nur möglich, „denn einmal läßt mir das Geſchäft nicht viele freie Stunden, und dann bin ich überhaupt kein großer Freund davon, Andere um ihre Zeit zu betrügen. Ein Menſch, der ohne äußere und innere Veranlaſſung— ich meine mit der Letzteren, wenn Einen ganz beſonders das Herz 4 189 dazu treibt— Beſuche macht, kommt mir vor, wie Einer, der an einem Bache angelt, wo er weiß, daß kein Fiſch drin iſt. Wir ſind einander von früher her recht gut be⸗ kannt, Frau von Heuber, ich ſchätze Sie, und glaube hoffen zu dürfen, daß auch Sie mich achten, aber das iſt denn doch keine Veranlaſſung, einander über den Hals zu kommen, wenn zufällig unſere Wege nicht zuſammen⸗ laufen!“ „Ich ſehe,“ verſetzte die alte Dame durch die un⸗ umwundene Sprache Weidner's einigermaßen aus dem Konzepte gebracht,„daß Sie noch dieſelbe— wie ſoll ich ſagen— Offenheit beſitzen, mit der Sie ſchon früher gewohnt waren, zeitweiſe Ihre Bekannten zu über⸗ raſchen!“ „Das heißt, Sie wollen ſagen, ich ſei noch ſo grob, wie ehemals!“ antwortete Weidner gelaſſen.—„Ja, ſehen Sie, meine Gute, mit der Wahrheit iſt es ein eigen Ding. Nicht Jeder mag ſie hören, und doch, wir könnten uns Vieles erſparen, wenn wir ſie immer reden und hören wollten. Uebrigens habe ich zu viele Achtung vor Ihnen, als daß ich von Ihnen denken könnte, Sie werden erwarten, und es vorziehen, von einem ſchlichten Manne ſchöne und verblümte Redensarten zu hören. Dazu bin ich auch heute keineswegs hiehergekommen, 190 ſondern im Gegentheil, um— nichts für ungut, meine Gnädige,— um Ihnen den Text zu leſen.“ Die alte Dame blickte ſprachlos vor Erſtaunen auf den, der ſo geredet hatte, und deſſen Miene ſo ernſt und ruhig war, daß ſie keineswegs den Gedanken konnte auf⸗ kommen laſſen, es ſei dies Alles nur ein etwas derber Scherz, Frau von Heuber war in ihrem Kreiſe ſo wenig an eine ſolche Sprache und überhaupt an Widerſpruch gewöhnt, daß ſie ſich, ſo zu ſagen, verdutzt über dieſe unerwartete Anrede Weidner's fühlte, und ihre Sicher⸗ heit ihm gegenüber um ſo mehr augenblicklich einen argen Stoß erhielt, als Weidner's ganz entſchiedene und wür⸗ dige Perſönlichkeit auch völlig geeignet war, ihr zu im⸗ poniren. Es ging dieſe Ueberraſchung bei ihr ſo weit, daß ſie darüber ſogar auf ihre vierfüßigen Lieblinge ganz und gar vergaß. Der Seidenpintſcher entglitt ihrem Arm und ſchlüpfte zu den übrigen Hunden, ohne daß ſie es bemerkte. Weidner ließ ihr keine Zeit, von der Ueberraſchung möglicherweiſe zur Entrüſtung überzugehen. „Ich habe ſie überrumpelt, und muß ihr an's Herz, bevor ſie zur Beſinnung kommt!“ ſagte er ſich. Und er zog, ohne daß er dazu aufgefordert worden war, einen Seſſel heran und ſetzte ſich der alten Dame gegenüber. 191 „Ich komme ſoeben von der Thereſe!“ begann er. Frau von Heuber athmete hoch auf. Dieſe Worte Weidner's gaben ihr einen Theil ihrer Zuverſicht wie⸗ der. Sie richtete ſich im Seſſel energiſch empor. Was Weidner beabſichtigt hatte, erreichte er ſomit nicht ganz. „Ich weiß,“ antwortete ſie in beinahe polterndem Tone,„daß Sie ſeit einer Viertelſtunde hier im Hauſe ſind, und es für gut befunden haben, dieſes Frauenzim⸗ mer früher als mich aufzuſuchen. Auf dieſe letztere Ehre hatte ich auch ſchon halb und halb verzichtet als Sie bei mir eintraten!“ ſetzte ſie ſpitzig hinzu, und fuhr dann grämlich fort:„Es wäre am Ende geſcheidter ge⸗ weſen, Sie hätten den Beſuch bei wir völlig unterlaſſen, denn aus der Weiſe, in der Sie Ihr Geſpräch beginnen, erſehe ich, daß es ſich dabei nur um jenes Frauenzim⸗ mer handeln wird, die Ihnen vermuthlich der Himmel weiß was eingeredet hat, damit Sie ſich hier zu ihrem Vertreter aufwerfen.“ „Ich muß darauf zweierlei antworten,“ verſetzte Weidner trocken.„Einmal thun Sie unrecht, von der armen jungen Frau verächtlich zu reden, und ſodann iſt es Thereſen durchaus nicht in den Sinn gekommen, mich zu beſchwatzen, und zu ihrer Vertheidigung aufzufor⸗ dern. Ich ſtehe hier auf eigene Fauſt, Frau von Heuber, ich glaube, Sie kennen meine relle Denkungsweiſe hin⸗ 192 reichend, um überzeugt zu ſein, daß ich mich keiner ſchlechten Sache annehmen werde. Ich—“ „Ei was,“ unterbrach ihn die alte Dame mit einiger Heftigkeit,„Sie haben nicht nöthig, mich daran zu erinnern, daß Sie ein Ehrenmann ſind, aber ich muß Ihnen in's Gedächtniß rufen, daß gerade Leute von ehr⸗ lichem Schlag am Leichteſten hinter's Licht geführt wer⸗ den. Wie war's doch mit der Geſchichte vor zehn Jah— ren, wo wir Beide auf die Klagen und vertrauener⸗ weckenden Geſichter des Kaufmannes Leinhard und ſei⸗ ner jungen Frau Geld hergaben, und hinterher in Er⸗ fahrung brachten, daß wir von einem Schwindlerpaar betrogen wurden, he? Ich muß Ihnen ſagen, Herr von Weidner, wir hatten uns damals Beide mit unſerer Menſchenkenntniß blamirt. Mir ſcheint, Ihnen liege daran, zu beweiſen, daß Ihr gutes Herz nach zehn Jah⸗ ren nicht um ein Haarbreit gewitzigter ſei!“ „So haben Sie alſo Thereſe perſönlich vernommen, und ihren Gatten auch?“ antwortete Weidner ohne eine Miene zu verziehen. 4 „Ich— das heißt— nein!“ war die Antwort der alten Dame. „So, ſo!“ bemerkte Weider trocken—„Und alſo darauf hin—“ „Worauf hin?“ unterbrach ihn die Greiſin von Neuem noch gereizter als zuvor,—„glauben Sie, ich verdamme einen Menſchen in den Tag hinein, nach Laune und Willkür? Hat nicht Ferval ſelber erklärt, 1 daß ſeine Frau ihn betrogen? Iſt er nicht im Beſitze eines Briefes, der gegen ſie zeugt? Und ſie— ſah ſie nicht den ſaubern Herrn Gemahl mit eigenen Augen am Arm einer Buhlerin? He?“ „Und das Alles wiſſen Sie durch—“ „Durch Stahl und Liſette, welche unfreiwillige Zeugen von den Auftritten wurden, die das Paar nicht 1 die freche Stirn haben wird, ihnen abzuleugnen!“ „Hm!“ ſagte Weidner laut, doch als ob er nach⸗ denklich vor ſich hin rede.—„Stahl iſt der Nächſte zur Erbſchaft der Tante, und Manſell Liſette ſieht vermuth⸗ lich, daß ſie dereinſt bei Fervals keine Ausſichten haben wird— Die Dame fuhr entrüſtet von ihrem Sitze in die Höhe und blickte Weidner zornerfüllt an. Dieſer hielt ihren Blick ruhig und würdevoll aus. Sein Antlitz hatte einen ſo achtunggebietenden Ausdruck, daß Frau von Heuber davon ſichtlich in Schranken ge⸗ halten ward. Einen Augenblick nachdem ſie für ihr Al⸗ ter mit erſtaunlicher Rüſtigkeit emporgefahren war, fand ſie es für gut, ſich wieder niederzulaſſen. 4 „Wenn ich auch auf Liſettens Geſchwätz nichts 13 3 Fabrikanten und Arbeiter. III. 194 geben wollte,“ ſagte ſie unwirſch und halblaut brum⸗ mend, als ſei ſie wider ihren Willen genöthigt, Rede und Antwort zu ſtehen,„ſo darf ich doch nicht zweifeln, was Stahl ausſagt, der ſich mir jüngſt erſt als einen rechtſchaffenen, chriſtlichen, unintereſſirten Mann zeigte. Und ſtrafen ihn Ferval und Thereſe Lügen, he? Hat er ſich hier eingefunden? Liegt ſie nicht krank darnieder? Geben ſie ſo nicht ſelber Zeugniß von der Wahrheit deſſen, was Stahl und Liſette behaupten, he?“ „Aber geſprochen haben Sie doch weder Thereſe noch den Herrn von Ferval, nicht wahr?“ bemerkte Weidner ruhig. „Nein!“ antwortete die alte Dame in der vorigen Weiſe.—„Und wozu auch ſollte ich mit ihnen reden? Einen noch tieferen Blickin dieſen Abſchaum von Schlech⸗ tigkeit werfen? Soll mich Gott davor bewahren! Habe ich nicht genug ſchon an dem nächtlichen Ueberfall im Gehölze, der unſeligen Taufgeſchichte, die ein Skandal für einen ehrlichen Chriſtenmenſchen iſt? Und dieſe Ent⸗ hüllungen, ſo viel ich davon weiß, das Alles iſt eine Kette von Abſcheulichkeiten—“ „Ja, daß iſt ſie,“ unterbrach Weidner die Greiſin mit Feſtigkeit,„ganz recht, eine Kette von Abſcheulich⸗ keiten, aber die armen, unglücklichen Fervals haben dieſe Kette nicht zuſammengefügt, ſondern Jene, welche 195 darauf ausgehen, die jungen Leute aus ſelbſtiſchen Gründen zu verderben! Frau von Heuber, ich kenn e die Schmiede, aus der dieſe Kette ſtammt!“ Die alte Dame riß die Augen auf. „Wie ſagen Sie? Was ſoll das heißen?“ rief ſie im höchſten Grade überraſcht. „Das ſoll heißen,“ verſetzte Weidner mit Nach⸗ druck,„daß man durch allerlei heimtückiſche Intriguen die jungen Leute einander verdächtig gemacht, ſie gegen einander aufgehetzt hat, und es ſo zu drehen wußte, daß auch vor der Welt der Schein gegen ſie ſpricht. Ihnen ebenfalls, meine Gnädige, ſpielte man einen Trug vor!“ „Sie werden das zu beweiſen haben, Herr von Weidner!“ rief die alte Dame erregt. „Ich liefere den Beweis, und das in einigen Ta⸗ gen!“ antwortete der Fabrikant zuverſichtlich.—„Bis dahin beweiſen auch Sie, daß Sie Willens ſind, der Gerechtigkeit Gehör zu geben. Ich zweifle keineswegs an dieſem Willen. Sie ſind eine achtungswerthe Frau, und werden nicht den Abend Ihres rechtſchaffenen Lebens durch eine Handlung verdüſtern, die Sie dereinſt vor Gottes Richterſtuhl würden ſchwer verantworten können! Sie haben Stahl's und der Mamſell Liſette Worten vertraut,“ fuhr er mit Wärme ſort,„ſagen Sie mir ge⸗ 13* 196 rade heraus, verdient der alte, grobe aber ehrliche Weid⸗ ner weniger Glaubwürdigkeit, als dieſe da?“ Die Greiſin blickte den Sprecher in lebhafter Be⸗ wegung an. Die widerſtreitendſten Empfindungen ſtürm⸗ ten auf ſie ein. Sie ſchwieg einen Augenblick. Dann brummte ſie halblaut: „Ich halte Sie keiner Lüge fähig, und gelte es durch eine ſolche von dem Haupte Ihres eigenen Kindes ein Verderben abzuwenden! Sie ſind einer der wenigen Männer, Weidner, die ich im Laufe der Jahre ſich ſtets gleich habe bleiben ſehen!“ Die alte Dame ſtreckte dem Fabrikanten in ihrer raſchen, derben Manier die Rechte entgegen. Weidner ſchüttelte dieſe grobknochige Hand. „Nun denn,“ ſagte er mit leuchtendem Blicke und zuverſichtlicher Miene,„ich verbürge mich mit meiner Ehre für die Schuldloſigkeit Thereſen's, und ich glaube feſt, dasſelbe mit eben ſolchem Rechte auch für ihren Gatten thun zu können. Wollen Sie mir verſprechen,“ — fügte er voll Herzlichkeit hinzu—„nichts zum Nach⸗ theile der jungen Leute zu unternehmen, bevor ich zu Ihnen trete und anerkenne: Ja, ſie ſind ſchuldig!? „Ich werde nichts gegen ſie unterne hmen!“ mur⸗ melte die Greiſin—„Aber“— fuhr ſie in ihrer Weiſe 197 und haſtig auf—„warum ſagen Sie mir nicht jetzt, was Sie wiſſen?“ „Weil Ihnen nicht Worte, ſondern Thatſachen die wirklich Schuldigen enthüllen ſollen!“ antwortete Weidner, ſich erhebend—„und dieſe Thatſachen lege ich Ihnen bei meinem nächſten Beſuche vor, ſo Gott will! Leben Sie wohl!“: Weidner ging. Frau von Heuber war zugleich mit ihm aufgeſtanden und hatte ihn durch einen Händedruck entlaſſen. Als ſie ſich allein ſah, kehrte ſie zu ihrem Fauteuil zurück, und ſank in die Kiſſen desſelben nieder. Emir, Joli, Mylord, Nero, und wie ihre Lieblinge alle hießen, umſprangen ſie. Die alte Dame achtete nicht darauf. Ernſt und nachdenklich ſtarrte ſie vor ſich hin. Weid⸗ ner's Worte waren ihr zu Herzen gegangen. Zehntes Capitel. Die Entwendung. Die Leute der Stahl'ſchen Fabrik drängten ſich aus den verſchiedenen Arbeitsſälen zu der kleinen Treppe, die hinauf zum Bureau des Fabrikanten führte, denn es war ſechs Uhr, und obendrein Sonnabend, der Tag der Auszahlung. Es war bei Stahl eingeführt, immer ein halbes Dutzend ſeiner Arbeiter zur Zeit vorzulaſſen und abzu⸗ fertigen. Die erſten Sechs ſtanden denn auch jetzt bereits harrend in jenem Vorzimmer, das dem Buchhalter ein⸗ geräumt war. Stahl war gewohnt, die Auszahlungen ſelber vor⸗ zunehmen, denn ſein Schreiber verſtand es nicht, wie er, den Leuten unter allerlei nichtigen Vorwänden mit der größten Kaltblütigkeit Abzüge zu machen. 199 Und jetzt blickten die armen Arbeiter erwartungs⸗ voll nach der Thüre, welche das Bureau des Fabrikan⸗ ten von dem ſeines Schreibers trennte, denn Stahl war noch nebenan beſchäftigt. Die Leute der Fabrik waren in der abgelaufenen Woche mit mehr Rückſicht als früher behandelt worden, weder Stahl noch ſein heuchleriſcher Werkführer hatten auch nur ein Wörtchen über den Verein fallen laſſen, zu deſſen Vorſtandsmitgliedern der Fabrikant zählte. Die Arbeiter ſagten einander:„Das vedanken wir dem Landsberger!“ Aber ſie trauten dem Frieden doch nicht recht, und waren überzeugt, daß ihr Herr nicht den Plan aufgeben werde, ſie für ſeinen Verein zu gewinnen. Er wird es vielleicht nicht wieder ſo gewaltſam wie vor acht Tagen anſtellen, dachten ſie, ſondern uns all⸗ mälig und feiner zu bearbeiten und in die Enge zu trei⸗ ben wiſſen! So waren ſie denn jetzt neugierig, ob nicht Stahl heute wenigſtens ein Stückchen von einer Predigt halten werde. Vor Allem aber beſchäftigte ſie, was für die Ar⸗ men die Hauptſache ſein mußte, die Geldfrage. „Wird er uns heute, wie gewöhnlich, abzuzwacken ſuchen, was er nur kann?“ raunten ſie einander zu, als * 200 ſie zur Thür hinüberſchielten, durch welche Stahl in der nächſten Minute eintreten mußte. Während ſo die erſte Abtheilung der Arbeiter er⸗ wartungsvoll harrte, befand ſich der Fabrikant vor ſei⸗ nem feuerfeſten Eiſenſchranke. Stahl war erſt wenige Minuten zuvor in ſein Bu⸗ reau durch eine Tapetenthür eingetreten, zu der nur er den Schlüſſel beſaß. Dieſe Thür führte zu einem ſchma⸗ len und kleinen Gange, der in das Vordergebäude mün⸗ dete. Stahl begab ſich faſt immer von ſeiner Wohnung aus auf dieſem Wege zu ſeinem Geſchäftszimmer, weil er ſich ſo den unbequemeren über den Hof erſparte. Doch war es Niemandem, ſelbſt nicht einem Mitgliede der Familie, geſtattet, den Gang zu benutzen, um in's Bu⸗ reau zu gelangen. Ueberdem verſchloß der Fabrikant jederzeit die Tapetenthür hinter ſich, ſobald er durch dieſelbe in ſein Arbeitszimmer eingetreten war, oder es durch den kleinen Korridor verließ. Das war denn auch heute geſchehen. Und nun finden wir Stahl, wie geſagt, vor dem geöffneten feuerfeſten Schranke. Er ſtarrte, in Gedanken vertieft, auf die theilweiſe mit Papieren angefüllten Fä⸗ cher desſelben. Stahl dachte in dieſem Augenblicke nur an das Geſchäft. 201 Es war am folgenden Tage wiederum eine nicht unbedeutende Zahlung zu leiſten. Aber Stahl befand ſich deshalb keineswegs in Verlegenheit. Er wußte eine namhafte Summe in der Kaſſette, und berechnete nur jetzt im Geiſte, wie er darüber zu disponiren haben werde, um für die nächſte Zeit nicht genirt zu ſein. Er hatte neue Aufträge erhalten, die Geſchäfte„machten ſich,“ wie der Gewerbsmann zu ſagen pflegt. Freilich war für Stahl keineswegs die Ausſicht vorhanden, ſich durch alle dieſe Aufträge aus ſeiner verwickelten ſinanziellen Lage hervorzuarbeiten, aber er durfte doch mit Recht hoffen, ſich ſo lange halten zu können, bis ihm entweder durch Weidner, den mit dem Heirathsprojekt zu überliſten er ſich mehr als je vorgenommen hatte, wie der Leſer weiß, oder durch die Tante Heuber ſich Hülfsquellen eröffneten, die hinreichen mußten, ſein Geſchäft wieder flott zu ma⸗ chen. Bis dahin hieß es laviren und den Schein der Solidität bewahren, und Stahl war ſich bewußt, die Spiegelfechterei aus dem Grunde zu verſtehen. Er empfand daher das frohlockende Gefühl der Zuverſicht, als er nun die Kaſſette aus dem Schranke hob und zu ſeinem Schreibtiſche trug. Während er dort dieſe Kaſſette öffnete, gedachte er einen Moment ſeines Erfolges bei der Tante. „Ich muß ſie noch heute aufſuchen,“ murmelte er 202 vor ſich hin,„und es ſo einrichten, daß ich für mich und meine Familie auf morgen eine Einladung von ihr er⸗ haſche. Wir haben ſie nach allen Seiten hin zu umſpin⸗ nen, dieſe Fervals dürfen nicht mehr an ſie heran. Bis ich der alten Närrin völlig gewiß bin, werde ich ſchon Thereſe und ihren Mann auseinander zu halten wiſſen. Sie iſt mir draußen am wenigſten gefährlich, denn Mamſell Liſette wird ihr nicht von der Seite gehen! Und habe ich erſt die Heuber zu letztwilligen Verfügun⸗ gen beſtimmt, die alle Ausſichten jener Fervals vernich⸗ ten, dann— dann mögen dieſe meinethalben zur Er⸗ kenntniß kommen, daß ſie die Gefoppten waren. Sie werden dann ohnehin gegen mich ohnmächtig ſein, ſie verſcherzten das Vertrauen der Tante und haben oben⸗ drein nichts mich kompromittirendes in Händen. Sie werden dann Gott danken müſſen, wenn ich ihnen von meinem Ueberfluß einen Brocken hinwerfe, aus Barm⸗ herzigkeit. Und das muß ich wohl thun, als chriſtlich denkender Mann!“ Stahl lachte in ſich hinein. Dann blickte er in die geöffnete Kaſſette. Sie war in zwei Fächer getheilt, in dem einen lag ein Haufen Banknoten, immer tauſend Gulden beieinander in einem Packet, das andere Fach enthielt allerlei Papiere, die Stahl von beſonderer Wich⸗ 203 tigkeit waren. Obenauf in dieſem Fache lagen die ge⸗ fälſchten Oraviczaer Dokumente des Baron Lenz. Als Stahl's Blick über dieſe Dokumente ſchweifte, ſagte ſich der falſche Mann:„Ich werde mir in Bezug auf den Baron ganz etwas Beſonderes erſinnen müſſen, denn ſeine Bons auslöſen, das fällt mir nicht ein, und dieſe Schriften ihm auszuliefern wäre eine Thorheit. Wer wird die Ruthe fortgeben, mit der man Wider⸗ ſpänſtigen drohen kann! Nachdem Stahl dieſes erwogen hatte, nahm er aus einem der Geldpackete einige hundert Gulden, griff dann zu einem beſchriebenen Bogen, der ihm vom Buchhalter auf ſeinen Schreibtiſch gelegt worden war, nnd ſchickte ſich an, das anſtoßende Bureau, in dem die Arbeiter ſeiner harten, zu betreten, als ſich die Thüre des Kabinets öffnete. Weidner trat ein. Stahl empfing den ehrlichen Fabrikanten mit der größten Liebenswürdigkeit. Weidner war gemeſſen und kurz. Er kam, wenigſtens gab er ſo vor, wegen der zehn⸗ tauſend Gulden, welche er nachträglich dem Vater Pau⸗ linens vorgeſchoſſen hatte, wie dem Leſer bekannt iſt, noch eine Rückſprache zu nehmen. Stahl fiel ein Stein vom Herzen, denn beim Erſcheinen Weidner's erinnerte er ſich 204 wohl, daß dieſer ihm vor weuigen Tagen angedeutet, er habe nicht Unwichtiges mit ihm zu reden. Die Sache war bald abgethan. Weidner griff zum Hut. Aber er hatte ſich nicht der Geſchäftsangelegenheit halber eingefunden, das Motiv ſeines Erſcheinens lag tiefer. Und ſo trat er denn jetzt dicht vor Stahl hin und blickte ihn feſt und durchdringend an. Der Seidenfabrikant hatte ihm bereits mit katzen⸗ freundlich heuchleriſcher Miene zum Abſchied die Hand entgegengeſtreckt. Der raffinirte, ſcharf beobachtende Mann erſah aus den Zügen Weidner's, daß dieſer noch etwas auf dem Herzen habe. Und er ſagte ſich, daß es ſich wohl um eine keineswegs angenehme Ermahnung oder der⸗ gleichen handeln werde. Und einer ſolchen vorzubeugen konnte nur in ſeinem Wunſche liegen. „Verzeih' mir, Freund,“ ſagte er daher raſch,„daß ich Dir augenblicklich nicht ferner meine Zeit widmen kann. Meine Arbeiter ſtehen draußen und warten auf ihren Lohn. Ich möchte die guten Leute nicht unnütz aufhalten und wollte ſoeben hinaus, als Du gekommen biſt. Dieſer Tage ſtehe ich zu Deiner Verfügung ſobald Du willſt. Ich werde zu Euch kommen, das wird das Beſte ſein, denn ich habe mich ohnehin bei Deiner lieben Frau wegen Pauline zu bedanken, und das Mädchen endlich doch einmal abzuholen, denn ſie dürfte Euch nach⸗ 205 gerade beſchwerlich fallen. Auch hätte ich Dir bei dieſer Gelegenheit einen Vorſchlag zu machen, der mich und meine Frau ſeit einiger Zeit lebhaft beſchäftigt und deſſen Inslebentreten unſere freundſchaftlichen Beziehungen noch mehr befeſtigen dürfte, wie das nur mein und meiner Gattin aufrichtigſter Wunſch ſein kann. Doch davon mehr bei unſerer nächſten Unterredung. Wie geſagt, lie⸗ ber Weidner, entſchuldige mich für heute und melde Deiner lieben Familie unſeren Reſpekt!“ „Ich gehe ſchon,“ antwortete Weidner ernſt, ohne die Freundſchaftsverſicherungen und Artigkeiten Stahl's einer Beachtung zu würdigen,„denn ich begreife, daß Du um dieſe Zeit beſchäftigt genug ſein wirſt. Aber ich kann Dir nicht helfen, Du mußt mich doch noch einen Augenblick anhören. Sage mir doch,“— fuhr er in ſeiner ihm eigenthümlichen trockenen Weiſe fort—„Du haſt, wie mir Deine Tochter Pauline mittheilte, jenes Frauenzimmer, mit dem Ferval im Paradeisgarten ge⸗ ſehen worden iſt, eben ſo gut erblickt, wie Thereſe,— war jenes Frauenzimmer nicht die Gräfin Leggiero, Deine Bekannte?“ Stahl, ſo ſehr er auch immer ſeiner Herr war, er⸗ blaßte doch bei dieſer plotzlichen, unerwarteten Frage ein wenig. Weidner, der nach reiflicher Ueberlegung auf's Gerathewohl dieſe Frage geſtellt hatte, ließ ſeinen Blick 206 durchbohrend auf Stahl's Antlitz ruhen, deſſen flüchtiger⸗ nur ſekundenlanger Farbenwechſel ihm nicht entgangen war. 1 „Ei,“ entgegnete Stahl in leichtem Tone,„wie kann ich wiſſen, ob ſie es geweſen iſt! Ich blickte nur haſtig hin, denn ich hatte vollauf mit der Frau Ferval's zu thun, die ſogleich ohnmächtig ward. Es kann ſein, daß es die Gräfin war! Und jetzt verzeihe, wenn ich Dich— „Mich wundert, daß Du Dich darüber nicht be⸗ ſtimmt erklären kannſt,“ unterbrach ihn Weidner hart und entſchieden,„denn Du warſt es, der Thereſe zum Paradeisgarten, zu jenem ſie erſchütternden Anblick führte—“ „Ich weiß nicht, weshalb Du mich ſo examinirſt,“ rief Stahl im Tone der Ungeduld,„und das in einem Augenblicke, wo ich mit Geſchäften überhäuft, und—“ „Du weißt das nicht, ſagſt Du?“ ſchnitt Weidner die Worte Stahl's mit unerbittlicher Strenge ab.„Ich weiß es deſto beſſer— und noch mehr! Wo warſt Du an einem gewiſſen Mittwoch, an dem ein langer, hagerer Mann, der dem Fabrikanten Joſef Stahl zum Verwech⸗ ſeln glich, einen Knaben in die Wohnung Ferval's ſchickte, um die Erkundigung einzuziehen, ob Thereſe und ihr Mann ſchon auf's Land hinaus ſeien? Wo warſt Du, als hinterher dieſer Mann in den Fiaker Nr. 67 ſtieg und ſich nach Neuwaldegg fahren ließ? Und endlich, woher kamſt Du, als Du am gleichen Mittwoch, eine Stunde nachdem an Thereſe Ferval im Pötzleinsdorfer Gehölze ein verabſcheuungswürdiges Attentat begangen ward, nicht unmittelbar nach Deiner Rückkehr in's Haus vor mir erſcheinen konnteſt, da Du Deine zerriſſenen Kleider wechſeln und das Blut von den Schrammen Deiner Wange waſchen mußteſt? Stahl, Stahl! Es iſt nichts ſo fein geſponnen, es kommt endlich an die Son⸗ nen!“ Weidner richtete ſich hoch auf, während er ſprach. Und nun er geendet hatte, warf er noch einen nieder⸗ ſchmetternden Blick auf den Sünder und verließ, ohne eine Antwort desſelben abzuwarten, das Bureau. Er hatte gethan, was ſeine Abſicht geweſen, und nicht mehr, — nämlich Stahl erſchrecken und dadurch den Gewiſſen⸗ loſen am weiteren Verfolgen jenes unſeligen Weges, den er eingeſchlagen, verhindern. Als Weidner verſchwunden war, taumelte Stahl bis zu ſeinem Schreibtiſche zurück. Er hatte, ſo lange der ehrenhafte Wagenfabrikant ihm noch gegenübergeſtanden, ſich mit faſt übermenſchlicher Anſtrengung zu beherrſchen gewußt, nun er ſich allein ſah brach das Entſetzen, von dem er erfüllt war, das ſein Herz konvulſiviſch zucken 108 machte, und ihm den Angſtſchweiß auf die bleiche Stirne trieb, in Miene, Geberden und abgeriſſenen Worten her⸗ vor. Die langen, dürren Finger ſeiner Rechten preßten krampfhaft den Bogen des Buchhalters und die Bank⸗ noten, während er mit der zitternden Linken ſich auf den Tiſch ſtützte. „Er weiß Alles!“— murmelte er—„Fürchter⸗ lich! Wird er gehen— mich anklagen?“ Stahl vermochte im Moment, von Angſt gefoltert, nichts anderes zu denken. Er hatte jeglichen Halt ver⸗ loren. Er ſtarrte auf die Thür, durch welche Weidner das Zimmer verlaſſen hatte. Jetzt öffnete ſich dieſe Thür. Ihre Bewegung ließ den Fabrikanten ſchreckhaft zuſammenfahren. „Was gibt's?“ rief er mit wildem, verſtörtem Blick. Der Buchhalter ſtand auf der Schwelle. „Gnädiger Herr,“ ſagte er überraſcht,„die Leute ſind da.“ „Ich komme ſchon!“ ſtieß Stahl beinahe mechaniſch hervor, denn ſein Geiſt war noch von den Schrecken be⸗ herrſcht, die dämonenhaft vor ſeinem inneren Blicke ſich aufthürmten. „Der gnädige Herr fühlen ſich unwohl, wie mir ſcheint,“ fuhr der Buchhalter fort,„ſoll ich die Leute ab⸗ fertigen?“ 209 „Nicht doch, nicht doch!“ ſtammelte Stahl halblaut, indem er ſeine Seelenkräfte gewaltſam anſpannte— „Ein leichter Schwindel— weiter nichts— ſchon vor⸗ über. Ich komme.“ Stahl ſah in der Beſchäftigung, die ſeiner wartete, das einzige Mittel, der furchtbaren Angſt zu entrinnen, welche jede Faſer ſeines Seins durchrieſelte. „Ruhe, Ruhe!“ rief er ſich zu.—„Mich ſchreckt ein Geſpenſt, das ich mir ſelber ſchaffe! Wird Weidner mich verrathen? Hat er nicht eine bedeutende Summe bei mir ſtehen? Kann es da in ſeinem Intereſſe liegen, mich zu Grunde zu richten? Er will mich in meinen Plänen hemmen, das iſt Alles, ſonſt hätte er mir ge⸗ droht! Und wie er hat erfahren können,—? Ob Fervals, die Tante Kenntniß davon haben—? Was martere ich mich— bei kälterem Blute werde ich mich ſchon durch⸗ zubringen wiſſen!“ So ſuchte ſich Stahl Beruhigung aufzuzwingen, während die fieberhafte Augſt nicht von ihm ließ. Und nun wankte er hinaus zum Zimmer ſeines Schreibers. Es war ihm nun gelungen, ſein Aeußeres einigermaßen zu beherrſchen. Kaum hatte er die Thür ſeines Bureaus hinter ſich geſchloſſen, als an der entgegengeſetzten Seite des Zimmers ein leiſes Geräuſch ertönte. Es klang ſo, als Fabrikanten und Arbeiter. III. 14 210 wenn im Schloſſe der Tapetenthüre ein Schlüſſel behut⸗ ſam gedreht werde. Und dieſes war wirklich der Fall. Im nächſten Augenblick öffnete ſich die Tapeten⸗ thür lautlos. Robert ſtand an der Schwelle im Gange. Dicht hinter ihm Ottilie in Hut und Shawl. Die Angeſichter der Geſchwiſter verkündeten heftige Erregung. Robert blickte ſcheu zur Thüre gegenüber und dann zum Schreibtiſche ſeines Vaters. „Dort ſteht die Kaſſette!“ murmelte er kaum hörbar. „Beeile Dich!“ flüſterte Ottilie drängend.— „Weißt Du gewiß, daß die Papiere des Barons auch darin liegen?“ „Ich ſah ſie noch heute Morgen dort, als ich beim Vater war! Und jetzt erblicke ich ſie von hier aus.— Da liegen ſie noch!“ „Vorwärts, Robert! Hörſt Du nicht den Vater im anderen Zimmer mit den Leuten zanken? Er wird ſo bald nicht kommen! Jetzt geht's oder nie!“ Robert horchte noch einmal auf die Laute, welche aus dem angrenzenden Zimmer hervordrangen. Dann ſchlich er auf den Zehen bis zum Schreibtiſch des Vaters. Sein Blick überflog gierig den Inhalt der Kaſſette. Sein erſter Griff galt den Geldpacketen; haſtig ſteckte er — —— 211 eines nach dem anderen ein. Er ließ nur etwa fünfhun⸗ dert Gulden in der Kaſſe. „Warum ſoll ich die Gelegenheit nicht auch für mich benutzen?“ murmelte er in ſich hinein. Und jetzt langte er nach den Schriften des Barons. „Laß' keines der Papiere zurück, ſieh' nach!“ ziſchelte Ottilie von der Schwelle aus zu ihm hinüber. Robert entfaltete raſch aber vorſichtig die Schrif⸗ ten; ein Blick auf ſie und die anderen Papiere, welche noch in der Kaſſette lagen, ſagte ihm, daß er alles das in Händen habe, was ſein Vater gegen den Geliebten Ottiliens hätte geltend machen können. Eilig ſchob er daher dieſe Schriften in eine andere Taſche ſeines Rockes und ſprang auf den Zehen zur Tapetenthür zurück, denn er vernahm jetzt die Stimme ſeines Vaters lauter als zuvor. Im nächſten Augenblick befand ſich Robert draußen auf dem Gange neben ſeiner Schweſter. Lautlos ſchloß er die Tapetenthür, wie er ſie geöffnet hatte. Dann er⸗ tönte wieder ſekundenlang das leiſe Geräuſch des Schlüſſels, der im Schloſſe gedreht ward. Im benachbarten Bureau aber ereiferte ſich Stahl wohl noch in der Dauer von zehn Minuten, bei ſeinen Arbeitern. Er hatte ſich in eine künſtliche Aufregung 4 14* hineingeredet, ſeine innere Haltloſigkeit, ſeine fieberhafte Unruhe zu verdecken. Jetzt riß er die Thür ſeines Geſchäftszimmers auf und trat mit ſtürmiſcher Haſt in dasſelbe. „Kommt nur gleich herein!“ rief er,„Ich habe da gewiſſenhaft Euer ganzes Guthaben von den früheren Wochen her notirt. Glaubt Ihr, ich gehe darauf aus, Euch auch nur um einen Kreuzer zu benachtheiligen? Ich hoffe, Niemand wird von mir ſagen können, daß ich an meinen Leuten nicht wie ein Vater handle!“ Die Worte waren an mehrere Arbeiter gerichtet, welche nun dem Fabrikanten in ſein Bureau folgten, und ſich daſelbſt murrend und mit finſteren Mienen auf⸗ ſtellten. Stahl trat, ohne einen Blick auf ſeinen Schreib⸗ tiſch zu werfen, ohne Weiteres zu dem offenen feuerfeſten Schrank. Er entnahm einem Fache desſelben ein großes Buch, und ging damit zu dem Tiſche, an welchem wir bereits früher den Fabrikanten ſeine Leute haben aus⸗ zahlen ſehen. „Da ſeht ſelber, überzeugt Euch!“ ſagte er, indem er das Buch auseinander ſchlug und auf den Tiſch legte. —„Da hat Jeder ſein Konto, und das muß mit den Auszügen des Buchhalters ſtimmen, die Ihr nebenan eingeſehen habt.“ —,--———— 213 Die Arbeiter blickten auf die beſchriebenen Blätter des Buches. „Schreiben läßt ſich freilich Vieles, das Papier iſt geduldig!“ murmelte Einer. „Und wenn man in ſeiner eigenen Sache Richter iſt, dann freilich—!“ ſetzte ein Anderer lauter hinzu. „O welch ein Geiſt iſt über dieſes Volk gekommen!“ rief Stahl.—„Nirgends mehr Ehrerbietung und Ver⸗ trauen—!“ „Freilich,“ brummte ein Dritter gereizt.—„Wer trägt denn die Schuld, daß wir keines von Beiden mehr haben können?“ Stahl gab ſich den Anſchein, als habe er dieſe Worte überhört. Er wendete ſich unmittelbar an dieſen dritten Arbeiter. „Da ſchauen Sie her, Linzinger,“ ſagte er, auf ein Blatt des Buches deutend,„hier ſteht Ihr Guthaben verzeichnet, das bekommen Sie, und nicht mehr!“ „Zehn Gulden, Herr, bekomme ich!“ erwiederte der Angeredete—„ ſchickt haben, kann es mir bezeugen, auch, der geſtern entlaſſen wurde!“ „Entlaſſene Arbeiter ſind unglaubwürdige Zeugen!“ rief Stahl herriſch.—„Da ſteht's geſchrieben, von Der Landsberger, den Sie fortge⸗ und der Steindel meinem Buchhalter geſchrieben, da muß es wahr ſein! Und damit holla!“ Nach dieſer kurzen, jedenfalls nur in den Augen Stahls gerechten Weiſung machte ſich der Fabrikant von Neuem über das Buch, die Forderungen ſeiner Leute gewaltſam niederdrückend. Und ſo verging etwa eine Viertelſtunde. Stahlzahlte den Männern was ihm beliebte und entließ die murrenden und proteſtirenden Leute. „Laßt die Nächſten hereinkommen!“ rief Stahl. Und andere Arbeiter traten in das Bureau. Jetzt erſt ſchritt der Fabrikant von dem Zahltiſche zu ſeinem Schreibpulte. Er ſuchte eine Feder. Der Blick des Fabrikanten überflog von Ungefähr die geöffnete Kaſſette. Plötzlich bebte Stahl zuſammen wie vom Schlage getroffen, ſeine Haare ſträubten ſich, ſeine Augen wurden ſtarr unter der Macht des furchtbaren Schreckens, der ſich ſeiner bemeiſterte, ſeine Lippen bewegten ſich krampf⸗ haft, er ſtieß einen unartikulirten Schrei aus. Dann beugte er ſich in wilder Haſt zu der Kaſſette vorüber und fuhr mit den zitternden Händen in dieſelbe. Er warf die Papiere, welche ſie enthielt, durcheinander. Nun zog er die konvulſiviſch zuckenden Finger zu⸗ rück und begann auf dem Schreibtiſch die Schriften, — 215 welche dort lagen, mit fliegender Eile zu durchſtöbern. Sein Blick irrte ſchreckhaft hier und dort hin. Im nächſten Moment ſchlug er die Hände anein⸗ ander und ſank kraftlos in den Lederſeſſel, der vor dem Schreibtiſche ſtand. „Ich bin beſtohlen!“ ſchrie er mit vor Angſtheiſerer, halbunterdrückter Stimme. Eine heftige Bewegung beitern. Der Buchhalter ſtürzte ins Zimmer, ihm folgte der heimtückiſche Werkführer. „Beſtohlen?“ rief der Letztere, indem er ſich durch die Arbeiter zu ſeinem Herrn drängte. „Beſtohlen!“ ſtammelte der Fabrikant,„ Zehutau⸗ ſend Gulden ſind fort! Noch vor einer halben Stunde waren ſie dort— dort in der Kaſſette!“ „Niemand darf das Zimmer verlaſſen!“ ſchrie der Buchhalter den Arbeitern zu, indem er ſich an die Thür entſtand unter den Ar⸗ ſtellte. ſtung entfuhr den Kehlen der Ein Schrei der Entrüf Arbeiter. „Wie?“ riefen ſie empört durcheinander.„Man hält uns für Diebe?!“ Ein Tumult entſtand. „Die Anderen, die hier geweſen ſind, können noch 216 nicht fort ſein!“ rief der Werkführer und ſtürzte hinaus, den Leuten nach, welchen bereits ausgezahlt worden war. Stahl ermannte ſich. Plötzlich fuhr er, von einem Gedanken aufgerüttelt, jäh in die Höhe. Varen denn die Arbeiter, welche eben das Zimmer zuvor verlaſſen hatten, auch dem Schreibtiſche nahe ge⸗ treten? hatte ſich Stahl geſagt. Nein, er hätte es be⸗ merken müſſen, er, deſſen Adleraugen nichts zu entgehen pflegte. Und Niemand war vor den Arbeitern bei ihm geweſen, als Weidner. Dieſer Mann aber mußte über jeglichen Verdacht erhaben ſein. „So iſt der Dieb in's Zimmer gedrungen, während ich drüben beim Buchhalter war! Vielleicht— vielleicht, durch den Gang!“ Und dieſes war der Gedanke, welcher durch das wüſte, glühende Gehirn des Fabrikanten ſchoß, als er ſich jäh erhob. Und von dieſem Gedanken getrieben ſtürzte er zur 6 Tapetenthüre. Er riß den Schlüſſel aus der Taſche und ſchickte ſich mit fliegenden Händen an, die Thür zu 3 öffnen. Der Verſuch mißlang. „Oeffnet!“ lallte er einem der zunächſt ſtehenden Arbeiter zu und hielt ihm den Schlüſſel hin. Der Mann ergriff dieſen und ſetzte ihn an. Im 1 — Schlüſſelloche leiſtete ein Körper Widerſtand. Der Mann bückte ſich dann und unterſuchte das Schloß. „Die Thür iſt ſo nicht zu öffnen!“ rief der Ar⸗ beiter.—„Von außen ſteckt ein Schlüſſel im Schloß.“ „Ein Schlüſſel?“ ſchrie Stahl entſetzt.—„Der Dieb iſt von meiner Wohnung hergekommen 124 Steahl ſtieß einige Arbeiter zur Seite und eilte zu dem anderen Ausgang des Bureau's. Er war ſo ver⸗ ſtört, daß er im erſten Moment nicht an die Kaſſette und den feuerfeſten Schrank dachte, welche beide geöffnet waren. An der Thüre aber ſchlug er ſich vor die Stirn, ſtürzte zum Schreibtiſche, ergriff mit bebenden Händen die Kaſſette, ſchob ſie, wie ſie war, in den Eiſenſchrank und verſchloß dieſen. Das war die Sache eines Augen⸗ blicks. Und nun erſt eilte er davon, durch das Zimmer ſeines Buchhalters, die Treppe hinunter, über den Hof, dem Vordergebäude zu. Sein Gehirn brannte ihm, eine namenloſe Angſt trieb ihn ahnungsvoll vorwärts. Und während eine wüſte Vorſtellung von etwas Ungeheuer⸗ lichem, das ihm noch bevorſtehe, ihn erfaßte, murmelte er dumpf aus keuchender Bruſt vor ſich hin:„Morgen iſt ein Wechſel von fünftauſend Gulden zu zahlen!“ Bevor er das Vordergebäude erreichte, kam ihm der Werkführer entgegen. 218 „Ich habe bereits zur Polizei geſchickt!“ rief dieſer dem Fabrikanten zu. 3 Stahl ſchien kaum zu vernehmen, was der Mann ſagte; er ſtürzte zu einer Thüre, von der aus man zur Haupttreppe des Vordergebäudes gelangte. Er riß dieſe Thür auf und eilte die Treppe hin⸗ an. Vom Wohnzimmer her vernahm er ein Geſchrei. Das Stubenmädchen der Gattin Stahl's ſprang ihm mit erſchreckter Miene auf dem Vorflur des erſten Stockes entgegen. 3 Der Fabrikant ſtutzte einen Augenblick. „Was gibt's?“ lallte er, das Mädchen anſtarrend. „Die gnädige Frau liegt ohnmächtig im Zimmer!“ war die haſtige Antwort. Stahl fühlte einen Stich im Herzen, als bohre man ihm einen Dolch in dasſelbe. Eine unnennbare Angſt ſchnürte ihm die Kehle zuſammen, er ſtöhnte einen Mo⸗ ment, wie unter dem Griffe einer Eiſenfauſt. Der Fabrikant ahnte zwiſchen der Ohnmacht ſei⸗ ner Frau und dem Diebſtahle einen Zuſammenhang. Er wankte einen Augenblick und ſtürmte dann wieder vor⸗ wärts. Athemlos betrat er das Wohnzimmer. Dort lag die dicke Dame, eine unförmliche Fleiſch⸗ maſſe, regungslos und mit geſchloſſenen Augen in einem Fautenil. Ein Theil des weiblichen Dienſtperſonals, der 219 lange rothäugige Diener Anton und der korpulente Haus⸗ meiſter⸗Portier waren um die Bewußtloſe beſchäftigt. Als Stahl in's Zimmer ſtürzte, bückte ſich ſoeben der lange Anton, und hob ein geöffnetes Billet auf, das unſtreitig die dicke Dame hatte fallen laſſen, als ſie in Ohnmacht geſunken war. „Was iſt hier geſchehen?“ keuchte der Fabrikant. „Ein unbekanntes Frauenzimmer hat dieſes Billet für die gnädige Frau gebracht,“ antwortete der Diener, „und als die Gnädige es geleſen hat, iſt ihr unwohl geworden.“ Der Diener hielt Stahl das Billet hin. Dieſer riß es mit krampfhafter Haſt an ſich. Sein Blick irrte blitzſchnell über die Zeilen, welche es ent⸗ hielt. Die Handſchrift war ihm fremd. Im Billete ſtand Folgendes: „Gnädige Frau! „Wenn Sie dieſe Zeilen leſen, iſt Ihre Tochter Ottilie eine Verbrecherin, eine Diebin geworden, und hat ſich mit dem, was ſie dem Vater entwendet, aus dem elterlichen Hauſe geflüchtet. Zu wem, das wer⸗ den Sie ahnen. Gewiſſe Papiere, die ihren Geliebten kompromittiren könnten, ſind ſammt dem entwendeten Gelde in ihren Händen. Eilen Sie, ihre Flucht mit 220 dem Manne, an den ſie ſich gehängt hat, zu ver⸗ hindern!“ Das Billet war ohne Unterſchrift. Stahl's Antlitz ward aſchfarben. Er zerknitterte das Briefchen und ſteckte es ein. Er wußte ſichtlich im Augenblicke nicht, daß er es that. „Wo iſt Ottilie?“ fragte er mit ſchwankender Stimme. „Das gnädige Fräulein iſt vor einer halben Stunde etwa ausgegangen!“ antwortete der dicke Hausmeiſter. Stahl wankte. „Und Robert?“ ſtammelte er dann. „Hier bin ich, Vater!“ rief der Sohn des Hauſes. Robert ſtand auf der Schwelle des Zimmers. Der Fabrikant wendete ſich um und ſtierte ſeinen Sohn an. Dann ſtürzte er auf ihn los, und drängte ihn hinaus in den Gang, wo ſie allein waren. Er ſchlug die Thür des Wohnzimmers hinter ihnen zu, und packte den Sohn an der Bruſt. 7— „Robert,“ rief er mit faſt verſagender Stimme und verzerrtem Antlitz,„Deine Schweſter hat mich be⸗ ſtohlen und ſteht im Begriff, mit dem Baron zu ent⸗ fliehen!“ Robert blickte ſeinen Vater kaltblütig, ja höhniſch ſogar an, 221 „Bis dahin alſo iſt es mit ihr gekommen!“ ſagte er ruhig.—„Was wundert Ihr Euch? Ihr habt ſie darnach erzogen und ihr Freiheit genug zu thörichten Streichen gelaſſen!“ Stahhs von Angſt und Wuth zugleich erfüllter Blick bohrte ſich in den grauſamen des Sohnes hinein. Seine hageren Fiuger umklammerten feſter Robert's Rockkragen, an dem er ihn hielt. „Unſeliger!“ ſtieß er hervor,—„Du wußteſt um Ottilien's Vorſatz!“ „Nein!“ entgegnete Robert, ohne eine Miene zu verziehen,—„Glauben Sie, Vater, ich könne hier ſonſt ſo ruhig ſtehen? Laſſen Sie mich los!“ Stahl's Hände ließen von Robert ab. „Du wußteſt nicht um ihre Flucht?“ ſtammelte der Vater. „Ich erfahre ſie ſoeben erſt!“ antwortete der Sohn. „Sie iſt zum Baron, um vermuthlich mit ihm in die weite Welt zu fliehen!“ rief Stahl in fieberhaftem Tone.—„In der Fabrik weiß man um den Diebſtahl, einige der Arbeiter ſind zur Polizei gelaufen, die Dienſt⸗ leute im Hauſe wiſſen um Ottilien's plötzliche Entfer⸗ nung, vielleicht haben ſie den Brief geleſen, der von un⸗ bekannter Hand kam, und Deiner Mutter das Verbre⸗ chen Deiner Schweſter enthüllte.— Die Sache kann 222 im Haufe nicht mehr vertuſcht, aber doch noch der Oeffentlichkeit entzogen werden! Robert,“ fuhr der ge⸗ ängſtigte Mann fort, indem er ſeinen Blick flehentlich auf den Sohn richtete,„wenn Dir im Geringſten etwas an der Ehre unſeres Namens liegt, ſtehe mir bei! Eile hinüber zur Wohnung des Baron's, nimm einen Wa⸗ gen, verhindere Ottiliens Flucht, um jeden Preis! Ich fahre indeſſen zur Polizei, berichtige die Anzeige, welche der Werkführer dort hat machen laſſen, und verhindere, daß von dort aus weitere Erkundigungen eingezogen werden! Fort, Nobert, die Ehre unſeres Hauſes ſteht auf dem Spiele! Fort, ich beſchwöre Dich!“ „Ich werde thun, was ich vermag!“ verſetzte Ro⸗ bert mit heuchleriſchem Ernſt, indem er ſich raſch ent⸗ fernte. Während er dieſes that, ſagte er ſich unruhig: „Zum Teufel, wer ſchrieb der Mutter? Es iſt auf alle Fälle gut, daß ich zum Baron hinübereile!“ Stahl lehnte ſich einen Augenblick erſchöpft an das Geländer der Treppe. Ihm begann es vor den Augen zu flimmern. Sein Gehirn brannte ihm heftiger als zu⸗ vor. Es war ihm, als ob ihm alles Blut aus dem Her⸗ zen zum Kopfe ſteige. Der lange Anton trat aus dem Wohnzimmer. „Meinen Hut!“ ſtöhnte der Fabrikant. Während der Diener ging und das Verlangte brachte, litt Stahl unſägliche Qualen. Die Gedanken begannen in ſeinem Gehirne wirr durcheinander zu krei⸗ ſen. Entſetzliche Bilder tauchten vor ihm auf, deren er kaum Herr zu werden vermochte, ſeine Phantaſie ſprang hier und dorthin in tollem Jagen. Weidner's Worte, die zuvor niederſchmetternd auf ihn gewirkt hatten, das Attentat, die Entwendung der Summe, deren er ſo drin⸗ gend ſchon am folgenden Tage bedurfte, der Papiere des Barons, die Flucht Ottiliens, das geheimnißvolle, an ſeine Frau gerichtete Schreiben, das auf einen Ueber⸗ wacher ſeiner Familienverhältniſſe deutete, die möglichen Folgen des Verbrechens ſeiner Tochter, wenn es ihm nicht gelingen ſollte, die ganze Sache zu vertuſchen, ſeine Berührung mit den Behörden in einem Augenblicke, wo er ſelber Gefahr lief, ſeine Verbrechen von anderer Seite aufgedeckt zu ſehen, das Alles ſtürmte auf ihn ein und raubte ihm faſt die Beſinnung. Er vermochte nichts von dem, was wie wilde, beängſtigende Fieberträume in ſei⸗ nem Gehirne aufſchoß, niederzukämpfen. Sein Zuſtand grenzte an Wahnwitz. Der lange Anton ſtand jetzt wieder vor ihm; er ſchien es nicht zu ſehen. „Hier iſt der Hut, gnädiger Herr!“ ſagte der Diener. — ʒᷓʒ —— ͦ— Stahl fuhr zuſammen und ſtarrte einen Moment ſchreckhaft auf ſeinen Untergebenen. Er griff lautlos zum Hut und fuhr mit der hage⸗ ren Rechten über die feuchte Stirn. Dann wankte er, das Antlitz verſtört, den Blick ſtier, die Treppe hinunter und auf die Gaſſe hinaus. Eilftes Capitel. Ein Handſtreich. Etwa eine Stunde bevor Ottilie mit dem entwen⸗ deten Gelde und den gefälſchten Oraviczaer Dokumenten die Wohnung ihrer Eltern verließ, erſchien an der Ecke der Mariahilfer Hauptſtraße und Zieglergaſſe, welch Letztere in den Mittelpunkt der Vorſtadt Schottenfeld führt, ein Paar, das dem Leſer dieſes Romanes be⸗ kannt iſt.. Das Frauenzimmer war Karoline, das Stuben⸗ mädchen der Gräfin Leggiero, in dem jungen Mann, welcher an ihrer Seite daher ſchritt, erkennen wir Anton Schulhof. Anton ſah ziemlich verändert aus, denn er trug nicht ſeine Arbeiterkleidung, ſondern einen neuen, ziem⸗ Fabrikanten und Arbeiter. III. 1 lich eleganten Anzug, der ihm das Ausſehen eines dem Mittelſtande Angehörigen gab. Karoline und Anton kamen von der Stadt her. An der Ecke der Zieglergaſſe hielt das Mädchen den jungen Arbeiter an. „Hier werden Sie warten müſſen!“ ſagte ſie. „So!“ antwortete Anton umherblickend.—„Ich ſehe noch keinen Fiaker.“ „Er muß ſich jeden Augenblick einſtellen!“ ſagte das Mädchen.—„Der Ignaz des Herrn Barons nannte mir deutlich die Stunde, von welcher an der Wagen hier auf die junge Dame warten ſoll, die kom⸗ men wird.“ „Sind Sie ſicher, daß dieſer Ignaz ſich nicht mit dem Fiaker zugleich einfinde?“ „Ganz ſicher! Er vertraute mir an, daß er mit dem Packen der Koffer ſeines Herrn genug zu thun habe, und daher zu Hauſe bleiben müſſe.“ „Gut. Sie werden ſich alſo jetzt in der Nähe der Stahl'ſchen Wohnung aufſtellen.“ „Ja, und darauf Acht geben wann die Tochter des Fabrikanten das Haus verläßt „Man kennt Sie dort nicht?“ „Nein!“ 1 „Seien Sie trotzdem vorſichtig!“ * 227 „Die Frau Gräfin iſt nicht gewöhnt, ſich von ein⸗ fältigen Geſchöpfen bedienen zu laſſen!“ „Ich habe Sie nicht beleidigen wollen, und bin überzeugt, daß Sie Scharfſinn und Liſtigkeit beſitzen! So was ſieht man ſchon auf den erſten Blick!“ „Sie ſind ſehr gütig!“ „Alſo Sie geben den Brief dort für die Frau von Stahl ab?“ „Ungefähr eine halbe Stunde, nach dem ſich das Fräulein aus dem Hauſe entfernt hat. Und dann mache ich mich ſogleich aus dem Staube. Sie hören, mein Herr, daß ich den Auftrag der Gräfin völlig im Ge⸗ dächtniß habe, und können alſo unbeſorgt ſein.“ „Nun denn, ſo ſeien Sie ſo gut, und gehen ſogleich auf Ihren Poſten. Sie kennen natürlich das Fräulein vom Anſehen?“ „Nein, aber das Fräulein iſt mir von der Frau Gräfin ſo genau beſchrieben worden, daß nicht viel Mutterwitz dazu gehört, ſich nicht in der Perſon zu ir⸗ ren. Ich empfehle mich!“ Karoline grüßte ein wenig ſchnippiſch und ent⸗ fernte ſich von Anton durch die Zieglergaſſe. „Ich möchte denn doch wiſſen,“ murmelte das Mäd⸗ chen vor ſich hin,„was die Gräfin und dieſer Menſch ſo Geheimnißvolles vorhaben. Jedenfalls gehen ſie dar⸗ 3 15 auf aus, dem Baron und der Tochter des Fabrikanten einen Streich zu ſpielen. Das iſt mir im Grunde ſchon recht, denn der Baron iſt ein Menſch, der Einem fort⸗ während Laufereien und Arbeit macht, wenn er bei uns iſt, und ſich einbildet, er belohne Einen für die Placke⸗ reien, die er verurſacht, hinreichend dadurch, daß er Ei⸗ nem von Zeit zu Zeit in die Wangen kneift! Er ſoll von mir lernen, daß man das Stubenmädchen ſeiner Gelieb⸗ ten nicht ungeſtraft nur mit dergleichen abfinden darf! — Aber,“ fuhr Karoline nachdenklich fort, während ſie ihre Schritte beſchleunigte,„wenn ich nur herausbrin⸗ gen könnte, in welchem Verhältniß meine Herrin zu die⸗ ſem Arbeiter ſteht, der uns ſo plötzlich über den Hals gekommen iſt! Letzthin ging ſie ganz ſicher nur ſeinet⸗ halben Abends noch aus. Zwei⸗, dreimal hat ſie ihn ſchon heimlich bei ſich geſehen, er darf ungemeldet ein⸗ treten, ſie ſteht augenſcheinlich auf einem vertraulichen Fuße mit ihm, behandelt ihn ſo, daß man ihn gewiſſer⸗ maßen reſpektiren muß und ſchickt mich immer fort, ſo⸗ bald er zu ihr in den Salon tritt. Es iſt eine Bekannt⸗ ſchaft von früher, als ſie noch— nun, das iſt klar! Und heute ſteckt ſie ihn in neue Kleider, und ſchickt mich mit ihm auf Dinge aus, von denen ich nicht eben viel begreife! Aber ich möchte begreifen, wofür bin ich denn ein„Wiener Stubenmädel“, ſollt; ich meinen?“ 229 Karoline ging ſinnend weiter. Anton, welcher an der Ecke der Zieglergaſſe ſtehen geblieben war, blickte ihr nach bis ſie in der Ferne in eine andere Gaſſe einbog. Dann ſah er die Mariahilfer Hauptſtraße entlang. Auf der anderen Seite der Gaſſe, in geringer Entfer⸗ nung von ihm, hielt eine anſehnliche Reihe Fiaker, die dort ihren Stand hatten. „Das iſt gut,“ redete Anton vor ſich hin,„ich kann jeden Augenblick einen Wagen haben, ohne daß ich gezwungen ſein werde, die Ecke hier auch nur eine Mi⸗ nute aus den Augen zu laſſen. Das Fräulein wird mir alſo nicht entgehen!“ Anton hatte kaum dieſe Betrachtung angeſtellt, als ein leerer Fiaker, der von der Stadtſeite herkam, dicht an ihn heranrollte und neben dem Trottoir, auf dem er ſtand, anhielt. Der Kutſcher des Wagens ſprang vom Bock her⸗ ab und trat zu ſeinen Pferden. „Das wird er ſein!“ ſagte ſich Anton. Und er näherte ſich dem Kutſcher. „Hat der Herr Baron Lenz Sie hierher beſtellen laſſen, eine Dame zu erwarten?u fragte er. „Ja!“ antwortete der Kutſcher.—„Ich ſoll die Dame zur Wohnung des Herrn Barons fahren.“ 230 „Ganz richtig, in der Schottengaſſe.“ „Ja, ja!“ „Sie ſind umſonſt gefahren.“ Der Kutſcher blickte Anton verwundert an. „Wie ſo?“ fragte er.—„Wird die Dame nicht kommen?“ „Nein. Sie iſt verhindert, und hat mir ſoeben den Auftrag gegeben, dem Fiaker, welchen ich hier auf ſie wartend finden werde, zu ſagen, daß er nur wieder fort⸗ fahren könne. Und da Sie der Herr Baron ſchickte, ſo— „Schon recht!“ unterbrach ihn der Kutſcher gleich⸗ müthig,—„Es iſt mir gleich, zahlen muß der Herr Baron ja doch. Ich fahre alſo wieder hinein. Und was ſoll ich dem Herrn Baron melden?“ „Sie haben nicht nöthig, ihm die Nachricht zu bringen, denn die Dame hat mich auch beauftragt, von hieraus ſogleich in die Stadt zu dem Baron zu gehen. Aber richtig, Sie ſind noch nicht bezahlt worden, nicht wahr?“ „Ich werde mir doch nicht die Fahrt vorausbe⸗ zahlen laſſen!“ verſetzte der Fiaker in ärgerlichem Tone. —„Was denken Sie denn? Und der Herr Baron ge⸗ hört obendrein zu meiner Kundſchaft!“ „Nun, damit Sie nicht unterweges in Ihrem Ge⸗ 231 ſchäfte behindert werden, falls Sie auf dem Rückweg eine Fahrt bekommen könnten, zahle ich Ihnen gleich den Weg; die Dame hat das ebenfalls gewünſcht.“ „Das muß eine charmante Dame ſein! Nun denn, Euer Gnaden, es iſt mir ſchon recht; wenn Sie die Güte haben wollen, und den Herrn Baron ſelber be⸗ nachrichtigen—“ „Was bekommen Sie?“ „Drei Gulden, Euer Gnaden!“ „Mir ſcheint das zu viel—“ „Bitte um Entſchuldigung, Euer Gnaden, es geht nicht anders,“ verſetzte der Fiaker lächelnd,„der Hafer i*ſt ſo theuer, und die Baumwolle in Amerika, des Krie⸗ ges wegen, wie die Seidenwaarenhändler ſagen!“ „Freſſen Ihre Roſſe denn Baumwolle?“ „Na,'s könnt' die Zeit kommen, wo man's damit probiren müßte!“ „Hier ſind drei Gulden!“ antwortete Anton, der keineswegs in der Stimmung war, auf den Fiaker⸗ Humor einzugehen, ziemlich kurz und beſtimmt. Der Kutſcher ſteckte das Geld ein, welches ihm ge⸗ reicht ward, und ſchwang ſich auf ſeinen Sitz. „Euer Gnaden,“ rief er gutmüthig vom Bock her⸗ ab,„gezahlt iſt ja doch, wenn Sie mit mir hineinfahren wollen, ſo ſteigen Sie ein. Ich habe meinen Stand auf 232 der Freiung, da iſt es nur ein paar Schritte bis zur Schottengaſſe, und weil Sie zum Herrn Baron müſſen—“ „ Ich danke Ihnen,“ unterbrach ihn Anton,„ich werde gehen, denn ich habe hier auf der Hauptſtraße zu thun!“ Der Fiaker ſchob den Hut auf's rechte Ohr, ſchnalzte ſeinen Pferden zu und wendete. Der Wagen raſſelte nach der Stadt... Kaum hatte ſich das Fuhrwerk im Durcheinander der Stellwagen, Equipagen und Fiaker verloren, als An⸗ ton einen flüchtigen Blick in die Zieglergaſſe hinein, dann einen zweiten über die Hauptſtraße nach der Rich⸗ tung der Linie hinwarf, und hierauf zu der Reihe hin⸗ übereilte, welche jenſeits der Straße von den daſelbſt aufgeſtellten Fiakern gebildet ward. Er winkte den Kut⸗ ſcher des erſten derſelben zu ſich heran. „Fahren Sie dort hinüber an die Ecke!“ ſagte Anton. Der Fiaker ſprang auf den Bock und that, wie ihm geheißen worden. In der nächſten Minute hielt der Wagen, wo der vom Baron beſtellte kaum erſt gehalten hatte. Anton bedeutete dem Kutſcher, daß er hier warten müſſe, und ſtellte ſich dann wenige Schritte vom Wa⸗ gen auf. Er mochte kaum eine Viertelſtunde dort geſtanden ſein, als eine junge, elegant gekleidete Dame haſtig um die Ecke der Zieglergaſſe bog und ſich raſch dem Fiaker näherte. Anton ſah, daß das ſchöne Antlitz dieſer Dame jedenfalls durch Aufregung blaß war, und den Aus⸗ druck lebhafter Unruhe trug. Die Dame blickte mit einer gewiſſen fieberhaften Ungeduld zu dem Kutſcher hinüber, der phlegmatiſch an eines ſeiner Roſſe gelehnt daſtand. Anton ließ der Dame keine Zeit den Kutſcher an⸗ zureden. Raſch trat er an ſie heran. „Um Vergebung, Sie ſind Fräulein von Stahl?“ fragte er, indem er ehrerbietig den Hut lüftete. „Ja!“ antwortete Ottilie verwirrt, ſich ſo uner⸗ wartet bei ihrem Namen angeredet zu hören. „Seit einer halben Stunde erwarte ich Euer Gnaden hier mit dem Wagen, wie es mir der Herr Ba⸗ ron befohlen hat!“ fuhr Anton fort. Ottilie ließ einen unruhigen, haſtigen Blick über den jungen Mann gleiten. „Sie kommen vom Baron?“ ſagte ſie, indem ſie ſuchte, ihre Erregung vor Anton zu verbergen,„Wer ſind Sie?“ „Der neue Kammerdiener des Herrn Barons,“ verſetzte Anton reſpektvoll,„das heißt, ich bin dem Herrn Baron ſeit längerer Zeit bekannt und beſitze ſein Vertrauen! Wollen Euer Gnaden gefälligſt einſteigen? Der Herr Baron hat geſagt, es ſei keine Zeit zu ver⸗ lieren!“ Der Kutſcher war inzwiſchen an den Schlag des Wagens getreten und hatte ihn geöffnet. Ottilie ſtieg ohne Weiteres ein. Anton war ihr dabei behülflich, und ſchloß dann die Wagenthür. Während der Kutſcher ſeinen Platz auf dem Bocke einnahm, zog Anton vor Ottilien den Hut. „Gnädiges Fräulein,“ ſagte er,„der Herr Baron erwartet Sie nicht in ſeiner Wohnung.“ „Weshalb nicht?“ fragte Ottilie erſtaunt und be⸗ unruhigt. „Der Herr Baron läßt Ihnen ſagen, daß er es für zu gefährlich halte. Man werde, hat er geſagt, ver⸗ muthlich ſogleich auf ihn denken, ſobald das Verſchwin⸗ den von Euer Gnaden aus dem elterlichen Hauſe—“ „Aber wohin haben Sie den Auftrag mich zu füh⸗ ren?“ unterbrach ihn Ottilie aufgeregt. „In die Wopoldſtadt, zum Gaſthof„zur Krone.“ Der Herr Baron wählte ihn, weil er in einer Seiten⸗ gaſſe liegt und nicht ſo weit vom Nordbahnhof entfernt iſt. Bevor ich die Wohnung des Herrn Barons verließ, fuhr er ſchon mit ſeinen Sachen dorthin!“ —,— —— 235 „Alſo erwartet er mich ganz beſtimmt in jenem Gaſthofe?“ „Ja, gnädiges Fräulein!“ „Gut denn!“ verſetzte Ottilie haſtig, ſich in die Kiſſen des Wagens zurücklehnend.„Sagen Sie dem Kutſcher, daß er ſo raſch wie möglich fahre!“ Anton's Antwort hierauf war eine ehrerbietige Verbeugung. Er kletterte zum Kutſcher auf den Sitz und ließ den Wagen wenden. Dann ging es in ſcharfem Trab zur Leopoldſtadt. Bald rollte der Wagen vor den Gaſthof„zur Krone.“ Anton ſprang vom Bock und trat an den Schlag, noch bevor die Kellner des Gaſthofes ſich näherten. „Bleiben Euer Gnaden einen Augenblick im Wa⸗ gen!“ flüſterte er Ottilien zu.„Ich werde den Herrn Baron von Ihrer Ankunft benachrichtigen. Vielleicht iſt es nicht nothwendig, daß Euer Gnaden ausſteigen, falls der Herr Baron den Fiaker ſogleich zur Weiterfahrt be⸗ nutzen will!“ Ottilie verblieb in der Haltung, welche ſie während der ganzen Fahrt angenommen hatte; ſie wollte ſo we⸗ nig wie möglich geſehen ſein. Anton aber trat vom Wagen fort und zog den 236 Kellner, welcher ihm aus dem Gaſthofe entgegenkam, in denſelben zurück. „Kann man hier ein Zimmer haben?“ fragte er. „Zu dienen!“ war die Antwort.„Im erſten Stock, aber nur auf den Hof hinaus.“ „Das thut nichts zur Sache!“ verſetzte Anton. „Es wird ohnehin nur auf ein Stündchen benützt.“ Der Kellner lächelte bedeutſam, denn er vermu⸗ thete ſogleich, daß es ſich hier um ein Rendezvous, ein kleines Souper unter vier Augen handle. „Franz!“ rief der Kellner dem Portier zu,„Den Schlüſſel von Nummer Sieben.“ „Er ſteckt oben an der Thür!“ brummte der Por⸗ tier zurück, ohne ſein Kabinet zu verlaſſen.„Das Zim⸗ mer iſt ja gerade erſt leer geworden!“ Anton, der mit dem Kellner, während er die Er⸗ kundigung einzog, den Thorweg durchſchritten hatte, kehrte jetzt raſch zum Fiaker zurück. Er reichte dem Kutſcher ſeinen Fuhrlohn hinauf, und öffnete dann den Wagenſchlag. „Der Herr Baron läßt Euer Gnaden erſuchen,“ flüſterte er Ottilien zu,„ſich in den Gaſthof zu be⸗ mühen!“ Ottilie ſtieg aus, ihr Schnupftuch vor den Mund —— 237 haltend, und folgte Anton, während der Fiaker davon⸗ fuhr. Anton und Ottilie gingen in den eeſten Stock des Gaſthofes, ein Kellner hinter ihnen drein. Auf der oberſten Stufe der Treppe wendete ſich Anton zu dem Kellner. „Sie können gehen,“ ſagte er,„wir werden das Zimmer ſchon finden. Es iſt ja gleich hier im Gange—“ „Rechts die dritte Thür!“ entgegnete der Kellner. „Aber es iſt nur—“ fuhr er gedehnt fort,—„wenn Euer Gnaden vielleicht— werden Euer Gnaden nichts beſtellen?“ „Doch, doch!“ verſetzte Anton lächelnd.„Aber ſpäter! Man wird ſchon läuten!“ Der Kellner zeigte ein etwas verdrießliches Geſicht, machte aber doch Kehrt und ſchob die Treppe hinunter. Anton, von Ottilien auf dem Fuße gefolgt, trat in den Gang und vor die bezeichnete Thür. Er fand dieſe unverſchloſſen und öffnete ſie. „Treten Sie gefälligſt ein!“ ſagte er Ottilien, in⸗ dem er ihr Platz machte. Ottilie, in der Erwartung den Baron im Zimmer zu finden, überſchritt haſtig die Schwelle. Sie ſah das Zimmer leer und warf auf Anton einen forſchenden Blick. 238 Der junge Arbeiter war unmittelbar hinter Ottilien eingetreten und hatte die Thür hinter ſich geſchloſſen. Jetzt ſah die Tochter Stahl's, wie Anton einen an der Thüre befindlichen Riegel vorſchob. Beſtürzt ſtarrte ſie auf Anton. „Was heißt das?“ ſtammelte ſie.„Und wo iſt der Baron, Ihr Herr?“ Anton näherte ſich ihr mit ruhiger Miene und blickte ſie ernſt und durchdringend an. „Mein Fräulein,“ ſagte er, indem er leiſe, doch in ſicherem Tone ſprach,„der Baron iſt weder hier, noch bin ich ein Diener desſelben!“ Ottilie wich erſchrocken einen Schritt zurück und ward todtenbleich. Dann machte ſie eine raſche Bewe⸗ gung nach dem Fenſter hin. Anton ſah, daß ſie ſich an⸗ ſchickte, um Hülfe zu rufen. Eilig vertrat er ihr den Weg. „Keinen Laut, mein Fräulein,“ flüſterte er ener⸗ giſch,„oder es iſt um Sie geſchehen! Ich bin ein Beam⸗ ter der Polizei!“ Ottilie fuhr zuſammen und ſtieß einen kaum hör⸗ baren Schrei aus. Sie zitterte an allen Gliedern. „Beruhigen Sie ſich, mein Fräulein,“ fuhr Anton ruhig fort,„wenn Sie ſich gutwillig in Das fügen, was man von Ihnen begehrt, wird Ihnen nichts geſchehen!“ ——— ͤö⸗=— 239 Ottilie blickte verſtört auf Anton. „Wozu,“ ſtieß ſie bebend und faſt tonlos in abge⸗ riſſenen Worten hervor,„hat man— mich hierher ge⸗ lockt? Was— will man— von mir?“ „Mein Fräulein,“ begann Anton ſo gelaſſen und entſchieden wie zuvor,„machen wir nicht viele Worte. Sie haben ein Verbrechen begangen. Wie Sie ſehen, hat die Behörde bereits Kenntniß davon erhalten. Bevor Sie zu dem Fiaker gelangten, der Sie erwartete, war ich bei Ihrem Vater. Ich handle jetzt nur in ſeinem Auf⸗ trage, denn die Behörde wird Sie ſchonen, aus Rückſicht für den würdigen, ehrenwerthen Herrn Joſef Stahl! Das heißt“— fügte Anton hinzu—„falls Sie ſich in die Anordnung dieſes achtungswerthen Mannes, Ihres Va⸗ ters, fügen.“ Ottilie ſtarrte vernichtet zu Boden. Sie wankte zu einem nahen Seſſel und ſank auf denſelben nieder. „Und was begehrt mein Vater?“ ſtöhnte ſie nach einer kurzen Pauſe. „Sehr wenig, mein Fräulein, der That gegenüber, zu der Sie ſich in— in Ihrer Verblendung hinreißen ließen!“ entgegnete Anton. Ottilie machte keine Bewegung, ſie wagte weder zu leugnen, noch dachte ſie an einen Widerſtand. Das ſonſt 240 ſo ſtolze, hochfahrende Fräulein ſaß völlig niedergeſchmiet⸗ tert da, bleich bis in die bebenden Lippen. „Sie haben aus der Kaſſe Ihres Herrn Vaters eine namhafte Summe entwendet!“ fuhr Anton fort. „Ich ſehe dort bei Ihnen ein ſammtnes Handtäſchchen — vermuthlich enthält es, was Sie widerrechtlich an ſich nahmen, mein Fräulein?“ Ottilie öffnete zitternd die Taſche und langte hinein. „Hier iſt das Geld, mein Herr!“ ſtammelte ſie. „Ihr Vater begehrt es nicht!“ erwiederte Anton; „Er begreift ſehr wohl, daß ein Rückkehren in das elter⸗ liche Haus für Sie unter dieſen Umſtänden eine ſchwere Aufgabe ſein werde, und will Sie weder dazu zwingen, noch Sie ganz ohne Mittel in die weite Welt hinaus⸗ laufen laſſen. Können Sie ſich daher nicht entſchließen, reumüthig zu Vater und Mutter zurückzukehren, ſo dür⸗ fen Sie das Geld, in deſſen Beſitz Sie ſich zu ſetzen wußten, gewiſſermaßen als eine Abfindungsſumme be⸗ trachten, durch welche Ihr Vater ſich von Ihnen völlig losſagt. Dieſes habe ich Ihnen von ihm zu melden. Be⸗ denken Sie wohl, was Sie thun, mein Fräulein! Als ein ehrlicher Mann kann ich Ihnen nur rathen, von jeder weiteren Flucht abzuſtehen, und bei Ihren Eltern Vergebung zu ſuchen, die— Sie finden werden!“ ————— 241 Anton hatte die letzteren Worte in einigermaßen theilnahmsvollem Tone geſprochen. Ottilie ſtarrte den vermeintlichen Polizeibeamten in ſprachloſem Erſtaunen an. Endlich fand ſie Worte. Und mit dieſen kehrte auch ein Theil ihrer gewöhnlichen Zuverſicht zurück. „Mein Vater läßt mich gewähren!“— ſagte ſie haſtig.—„Ah, er weicht nur der Nothwendigkeit, er weiß, daß ich Dinge ausplaudern könnte, die—“ „Mein Fräulein,“ unterbrach ſie Anton ernſt,„ich denke, Sie haben hier mehr zu fürchten, als Ihr Herr Vater. Entſchließen Sie ſich, nach Hauſe zurückzu⸗ kehren?“ „Nimmermehr!“ rief Ottilie, indem ſie ihren gan⸗ zen Muth zuſammennahm und ungeſtüm aufſprang. „Nun, ſo bleibt mir nur noch übrig, von Ihnen die Auslieferung jener Papiere zu begehren, welche Sie nebſt dem Gelde Ihrem Herrn Vater entwendeten!“ ver⸗ ſetzte Anton gemeſſen und ſtrenge. Ottilie erſchrack von Neuem. „Ich verſtehe Sie nicht!“ antwortete ſie mit un⸗ ſicherer Stimme. „Ihre Haltung ſagt mir das Gegentheil!“ ver⸗ ſetzte Anton gelaſſen.„Ihr Herr Vater verlangt, wie geſagt, nicht das Geld zurück, wohl aber jene Papiere, welche den Herrn Baron Julius Lenz betreffen, und die Fabrikanten und Arbeiter. III. 16 heute mitſammt den Banknoten verſchwunden ſind. Ich hoffe, Sie werden mich jetzt verſtehen, mein Fräulein.“ Ottilie erbebte ſo heftig wie zuvor. Aber ſie nahm noch einen Anlauf zur Entſchiedenheit. „Und wenn ich mich weigere, dieſe Papiere auszu⸗ liefern?“ ſagte ſie. „Dann— es thut mir leid, mein Fräulein,— dann muß ich Sie verhaften; dann iſt jede Rückſicht auf Ihren würdigen Herrn Vater zu Ende, und die Behörde ſieht ſich ſtatt ſeiner gezwungen, gegen Sie einzuſchrei⸗ ten. Sie verfallen dem Geſetze, die Papiere, welche Sie mit ſich führen, werden bei der Polizei deponirt. Es iſt das der Wille und der Wunſch Ihres Herrn Vaters!“ Ottilie ſtieß von Neuem einen leiſen Schrei aus und ſank nochmals auf den Seſſel nieder. Der Reſt einer erheuchelten Energie war nun völlig gebrochen. Die Kette des Sammttäſchchens entglitt ihren be⸗ benden Fingern, es fiel auf den Boden. Anton bückte ſich, hob es auf, öffnete es und un⸗ terſuchte den Inhalt desſelben mit anſcheinender Kalt⸗ blütigkeit. Er fand die Oraviczaer Papiere neben den Banknotenpäckchen und ſteckte die erſteren in die Bruſt⸗ taſche ſeines Rockes. „Sie ſehen, mein Fräulein,“ ſagte er, noch immer anſcheinend kalt, während ſein Herz gewaltig ſchlug und 243 innerer Jubel ſeine Bruſt zu zerſprengen drohte, als er ſich im Beſitze jener Papiere ſah, die ihm als Waffe und Abwehr gegen den Baron dienen ſollten, wie er wähnte, „daß ich den Auftrag Ihres Herrn Vaters gewiſſenhaft erfülle, und nur das an mich nehme, was er begehrt, die Papiere des Barons. Mit dem Uebrigen mögen Sie nach Gutdünken verfahren. Und da ich in dieſer trauri⸗ gen Angelegenheit nicht als Beamter, ſondern mehr für Ihren achtbaren Herrn Vater als Freund gehandelt habe, ſo rathe ich Ihnen als ein ſolcher, und lege es Ihnen an's Herz, ohne Weiteres zu Ihren bekümmerten Eltern zurückzukehren. Leben Sie wohl!“ Anton hatte, während er ſprach, das Sammttäſch⸗ chen auf den naheſtehenden Tiſch gelegt. Nun er geen⸗ digt hatte, verbeugte er ſich, ſchritt zur Thür, ſchob den Riegel zurück und verließ das Zimmer. Er eilte die Treppe hinunter. Am Fuße derſelben ſtand der Oberkellner. Anton drückte ihm eine Fünfgul⸗ dennote in die Hand. „Die junge Dame,“ ſagte er,„welche auf Nummer Sieben iſt, wird wohl ſogleich fortgehen. Nehmen Sie dieſes als Entſchädigung, daß wir nichts im Hotel ver⸗ zehrt haben!“ Und Anton eilte davon. Der Handſtreich, den die Gräfin erſonnen, war 16* gelungen, Anton war von ihr vollſtändig einſtudirt wor⸗ den, er hatte ſich ganz und gar an die Vorſchrift der raffinirten Demimonde⸗Dame gehalten. Wohl war ihm, der ehrlichen Natur, die Ausführung dieſer Komö⸗ die ſchwer geworden, aber hatte es ſich nicht dabei um ſein und Juliens ganzes zukünftiges Lebensglück gehan⸗ delt? Und dieſer Gedanke war es, der Anton ausführen ließ, was ihm Ueberwindung koſtete, der ihn, den ſchlich⸗ ten Burſchen, zum Schauſpieler machte, der ihm jene ſchlaue Geiſtesgegenwart verlieh, welche dem in Ränken und Hinterliſt geübten Weltmenſchen jederzeit zu Ge⸗ bote ſteht. Zwölftes Capitel. Robert. Während Ottilie mit Anton den Auftritt hatte, der ſoeben geſchildert worden iſt, eilte ihr Bruder Robert von Schottenfeld in die Stadt zum Baron. Als er in die Wohnung des Abenteurers trat, kam ihm dieſer entgegen.. Beim unerwarteten Anblicke Roberts wich Lenz be⸗ troffen zurück. „Was heißt das?“ rief er.„Sie kommen? Und Ottilie?"² „Iſt ſie nicht längſt hier?“ „Nein! Ich erwarte ſie ſeit einer halben Stunde in der peinlichſten Ungeduld! Sie wollen mich auf die Folter ſpannen, Robert, Ottilie iſt mit Ihnen und harrt vielleicht am Hauſe im Wagen.“ 246 „Nicht doch!“ unterbrach ihn Robert beſtürzt,„ſie hat lange vor mir unſer Haus verlaſſen. Alles glückte uns, Ottilie konnte mit dem Gelde und Ihren Papieren unaufgehalten das Haus verlaſſen. Erſt eine halbe Stunde nach ihrer Entfernung hat mein Vater den Ab⸗ gang der Banknotenpackete und der Schriften entdeckt, Ottilie müßte längſt hier ſein!“ „So hat ſie vielleicht den Wagen verfehlt, den ich ihr ſchickte, und—“ „Das glaube ich kaum! An der Ecke der Ziegler⸗ gaſſe war von einem Fiaker keine Spur, als ich vorhin daran vorüberjagte, um hierher zu gelangen. Lenz, ich fürchte einen Verrath! Die Mutter hat, kaum nach Ottiliens Entfernung, einen Brief erhalten, der unbe⸗ greiflicher Weiſe Alles enthüllt, von der Entwendung Ihrer Papiere, von Ottiliens Flucht ſpricht und angibt, daß meine Schweſter mit Ihnen auf und davon zu gehen beabſichtigte!“ „Das wäre der Henker!“ ſtammelte der Baron erbleichend.„Ein Brief hätte Alles verrathen? Wer konnte denn wiſſen—“ „Wen machten Sie, außer mir, zum Vertrauten in dieſer Sache?“ „Niemanden, auf Ehre!“ betheuerte der Baron ſichtlich verwirrt.„Ich ließ ſogar meinen Diener Ignaz, —,-——— —V— 247 der meinen Koffer packen und Sachen von der Schnei⸗ derin holen mußte, im Unklaren! Höll' und Teufel! Und die Mutter hat Ihrem Vater dieſen Brief gegeben? Er weiß Alles?“ „Alles! Wäre ich ſonſt hier? Der Vater hat mich abgeſandt, Ottiliens Flucht mit Ihnen zu verhindern.“ „Und Ottilie iſt noch immer nicht da!“ rief der Baron in großer Unruhe, an das Fenſter des Vorzim⸗ mers eilend, in dem das Geſpräch ſtattfand. „Vielleicht iſt ihr unterwegs ein Unfall begegnet!“ „Das wäre entſetzlich!“ „Oder ſie iſt wohl gar während der Fahrt hieher abgefangen worden! Doch“— fuhr Robert ſinnend fort —„das glaube ich kaum; iſt doch mein Vater ſelber auf die Polizei geeilt, eine Verfolgung Ottiliens zu ver⸗ hindern, die ganze Sache zu vertuſchen, wenigſtens hat er dieſe Abſicht gegen mich ausgeſprochen, als er mich fortſchickte.“ „Er kann nachher anderen Sinnes geworden ſein!“ „Das iſt möglich!“ „Tod und Teufel! Wer mag der Verräther ſein?“ murmelte der Baron halblaut.—„Und Ottilie“— ſetzte er düſter hinzu—„hat die Papiere, welche mich kompromittiren!“ Dee Baron eilte von Neuem an’'s Fenſter, dann auf den Gang vor der Wohnung, und ſtarrte die Treppe hinunter. 1 Bleich und verſtört kehrte er in das Wohnzimmer zurück. „Nichts!“ rief er mit verzweiflungsvoller Geberde. Robert, der indeſſen nachgeſonnen hatte, trat an ihn heran. „Ich glaube, daß bei Ottilien und Ihnen von einer gemeinſchaftlichen Flucht, wie die Sachen jetzt ſtehen, nicht die Rede ſein kann!“ ſagte er—„Man würde Sie vermuthlich ſchon am Bahnhofe feſtnehmen.“ „Ich glaube das ſelber!“ murmelte der Baron. „Und in einer halben Stunde haben Sie vielleicht hier in Ihrer Wohnung die Polizei.“ „Wohl möglich! Dagegen iſt nichts zu machen.“ „Laſſen Sie Ihre Koffer von Ignaz wieder aus⸗ packen, und verſchieben Sie die Entführung meiner Schweſter.“ „Ganz recht!“ verſetzte der Baron, deſſen Unruhe ſich ſteigerte.—„Wenn man aber Ottilien angehalten haben ſollte— mit dem Gelde und meinen Papieren—“ „Ah, richtig,— es iſt Ihnen nur wegen der Pa⸗ piere, ich begreife—!“ antwortete Robert in ſarkaſtiſchem Tone. 249 „Mir iſt— wegen Ottiliens Lage— und auch Ihretwegen Robert!“ verſetzte der Baron beklommen. „Da ſeien Sie außer Sorgen!“ warf Robert lä⸗ chelnd hin.„Der Vater wird es nicht wagen, gegen mich und Ottilie vorzugehen. Ich glaube auch darum nicht, daß man meine Schweſter polizeilich verfolgt hat. Ein anderer Umſtand wird ihr Erſcheinen hier verzögern. Aber ich halte es doch für gerathen, daß Sie jetzt Ihre Wohnung verlaſſen, wenigſtens auf einige Stunden. Beſſer iſt beſſer, auf alle Fälle! Ottilie wird kommen, ich zweifle nicht daran und ich werde ſie hier erwarten. Iſt ſie da, ſo laſſe ich mir von ihr die Schriften geben, welche Sie kompromittiren, Lenz, und führe das Mädchen wie⸗ der nach Hauſe. So wird die Sache ohne Eklat geord⸗ net. Sie gelangen nebſtbei in den Beſitz Ihrer Papiere, und— mögen dann ſpäterhin meine Schweſter entfüh⸗ ren, wann es Ihnen und ihr beliebt!“ Der Baron blickte mit gerunzelter Stirne vor ſich hin. Er gewahrte nicht das ſchadenfrohe Lächeln, welches um Roberts Lippen ſchwebte. Der junge Stahl, anfänglich darüber beſtürzt, daß Ottilie nicht bei dem Baron erſchienen, hatte jetzt, nach⸗ dem er alle Umſtände und ſeine und der Schweſter Stellung zum Vater wohl erwogen, ſeinen völligen Gleichmuth, ſeine gewöhnliche Unverſchämtheit wieder erlangt. Der Baron aber war augenſcheinlich verſtört; nun ſeine Kombinationen jedenfalls empfindlich durch⸗ kreuzt worden, empfand er Zorn und Angſt zugleich. Doch nach kurzem, finſtern Brüten ſah er ein, daß es hier heißen müſſe— ſich in die Umſtände fügen. Und für dieſe war Roberts Vorſchlag das Paſſendſte, was ſich im Augenblicke thun ließ. „Gut!“ ſagte er.„Empfangen Sie Ottilie, ſetzen Sie ihr auseinander— machen Sie ihr begreiflich, daß—“ „Ich verſtehe!“ unterbrach Robert den Stocken⸗ den lächelnd.„Und nun machen Sie, daß Sie fortkom⸗ men, Baron.“. „Ich werde alſo vor morgen früh nicht in meine Wohnung zurückkehren. Bevor das geſchieht, könnten wir uns vielleicht, der Vorſicht halber, zeitig morgen in einem Kaffeehauſe treffen,— doch nicht in dem, das ich für gewöhnlich beſuche—“ „Ganz recht. Kommen Sie morgen um 10 Uhr zum„Rebhändl“ in die Goldſchmidtgaſſe, das Kaffeehaus liegt ſo ziemlich verſteckt. Dort unterrichte ich Sie vom Stand der Dinge,—“ „Und bringen mir die Papiere!“ ergänzte der Baron. „Ja, ja!“ verſetzte Robert trocken. Lenz achtete in ſeiner Unruhe nicht auf Robert'’s beinahe verächtliche Miene. Er läutete ſeinem Diener, ertheilte ihm einige Befehle, ließ ſich Hut und Palletot bringen, drückte dem jungen Stahl haſtig die Hand, und ſchlüpfte dann die Treppe hinunter und zum Hauſe hin⸗ aus. Als der Baron fort war, murmelte Robert in ſich hinein:„Schade, daß ein Mädchen, wie Ottilie, ſich an Dieſen gehängt hat!“ Dann warf er ſich im Vorzimmer in ein Fauteuil, griff zu einem Buche, das auf dem Tiſche neben ihm lag, und begann gleichmüthig darin zu blättern. Das Buch beſchäftigte ihn indeſſen wenig. Er überlegte Allerlei in Bezug auf ſeine Schweſter. Nobert, nicht weniger Egoiſt als ſein Vater, hatte ſo gut wie dieſer ſeine Intrigue, durch welche er hoffte ſein Glück zu begründen. Er hatte Ottiliens Thorheit und des Barons Plan unterſtützt, nicht etwa, weil er eine beſondere Sympathie für ſeine Schweſter oder Lenz empfand, ſon⸗ dern weil er ſogleich begriff, daß ihm die Entfernung des Mädchens aus dem Hauſe, und zwar unter ſolchen Umſtänden, von großem Nutzen ſein müſſe. Es küm⸗ merte ihn das Schickſal ſeiner Schweſter gar wenig, und ob ſie ſich einem Abenteurer in die Arme liefere oder 252 nicht, er würde ihr ebenſowohl Beiſtand geleiſtet haben, hätte ſie geradezu mit einem Verbrecher in die weite Welt fliehen wollen.„Je weiter, deſto beſſer,“war Robert's Gedanke geweſen,„denn hier werde ich durch ſie immer benachtheiligt ſein, ſie weiß die Mutter beſſer zu neh⸗ men als ich, und verſteht ſich ſelbſt beim Vater auf ih⸗ ren Vortheil! Hat ſie ſeither für ſich allein gearbeitet, warum ſoll ich das nicht auch thun, ſelbſt wenn ich mir den Anſchein gebe, für ſie zu wirken?“ Dieſer, eines Stahl's Grundſätzen würdige, Gedanke hatte den jungen Taugenichts geleitet, als er zu Allem ſeiner Schweſter die Hand bot. „Es war Alles ſo ſchön eingeleitet,“ ſagte ſich Ro⸗ bert, während er mechaniſch in dem Buche blätterte,„ich wäre im Handumdreh en zu Hauſe der Hahn im Korbe geworden, würde dieſer verwünſchte Brief nicht gekom⸗ men ſein! Ottiliens Flucht hätte freilich ſo nur wenige Stunden verborgen bleiben können, aber dieſe wenigen Stunden würden ja hingereicht haben, die ganze Sachlage zu ändern. Sie waren einmal im Vor⸗ ſprung! Jetzt dürfen ſie nicht mit einander fliehen, mir kann damit nicht gedient ſein, daß man Ottilie noch an demſelben Abend in's Haus zurückbringt! Sie würde mir bald wieder Konkurrenz machen! Nein, ſie darf nicht mehr nach Hauſe! Und brauche ich denn jetzt den Baron dazu, meinen Plan durchzuſetzen? Hat man ſie nicht ſchon erwiſcht und nach Hauſe geführt, kommt ſie hieher, dann— dann werde ich die Sache ſchon in Rich⸗ tigkeit bringen!“ Robert ſtarrte ſinnend auf die Blätter, ohne zu leſen, was er vor ſich hatte. Von Zeit zu Zeit lachte er höhniſch in ſich hinein. So mochte etwa eine Viertelſtunde vergangen ſein als die Wohnungsglocke heftig ertönte. „Aha!“ ſagte ſich Robert, indem er das Buch zur Seite legte und ſich erhob.—„Jetzt werden wir ſehen.“ Bevor noch Ignaz, der im Schlafkabinet des Ba⸗ rons an den Koffern beſchäftigt war, bis zum Vorzim⸗ mer gelangen konnte, hatte Robert die Wohnungsthür erreicht. Das Läuten wiederholte ſich ſtürmiſcher. Ignaz erſchien. Robert winkte ihm, ſich zurückzu⸗ ziehen. Der Diener gehorchte. Und nun erſt öffnete Robert. Ottilie, bleich und athemlos, ſtürzte über die Schwelle. „Du hier?“ rief ſie keuchend.„Wo iſt der Baron?“ Und ſie eilte dem Vorzimmer zu. „Halt, Ottilie!“ rief ihr Robert nach, indem er 254 die Wohnungsthüre ſchloß.„Du findeſt den Baron weder dort, noch überhaupt zu Hauſe!“ Ottilie wendete ſich haſtig zu ihrem Bruder und ſtarrte ihn an. „Wo iſt er?“ ſtammelte ſie.„Hat man ihn arretirt? „O nein,“ verſetzte Robert in ſpöttiſchem Tone, „er hat nur das Haſenpanier ergriffen! Dein Held und Liebhaber iſt Dir davongelaufen 14 „Robert, Du lügſt!“ rief Ottilie leidenſchaftlich. „Das iſt unmöglich!“ „Frage den Ignaz, den Du im Kabinet ſeines Herrn finden wirſt. Der Baron denkt nicht an ein Ent⸗ fliehen mit Dir, ſeit er durch mich erfahren hat, daß der Vater und die Polizei um Alles wiſſen. Dein Held hat mich beauftragt, Dir das zu ſagen und ihn zu entſchul⸗ digen, daß er es nicht für gerathen erachtet, Dein Er⸗ ſcheinen hier abzuwarten. Er hat ſich aus dem Staube gemacht!“ „O mein Gott, das iſt ſchändlich, niederträchtig!“ ſtöhnte Ottilie, indem ſie auf einen Seſſel nieder⸗ ſank.. „Es iſt das jedenfalls weder galant noch muthig!“ antwortete Robert ernſt.„Als Dein Geliebter ſollte er 255 mehr dem Gebot ſeines Herzens, als dem der Vorſicht folgen! Ich habe ihm das auch gerade heraus geſagt.“ „Schändlich!“ murmelte Ottilie außer ſich. „Du haſt alſo einem Feiglinge Deinen Ruf, Deine Ehre geopfert!“ fuhr Robert fort,„Ich hoffe, Du wirſt ihn hinfort verachten, ſtatt ihn zu lieben!“ Ottilie antwortete nicht ſogleich. Ein Kampf ging in ihr vor, der raſch beendigt wurde. Das Blut ſchoß in ihre Wangen. Ihr Blick ward düſter und ſtolz. Sie machte eine leidenſchaftliche Bewegung. „Ich liebe meine Freiheit, meine Unabhängigkeit!“ ſtieß ſie dann mit bebender doch zugleich herriſcher Stimme hervor. „So iſt es recht!“ rief Robert, ſcheinbar in leb⸗ hafter Theilnahme.—„Eine Ottilie Stahl iſt kein ge⸗ wöhnliches, ſchwaches Mädchen. Und für einen ſolchen Elenden haſt Du Alles gewagt! Aber wir werden uns rächen! Gib mir die Schriften des Barons.“ .„Ich habe ſie nicht mehr!“ rief Ottilie, in ihrer heftigen Erregung das Sammettäſchchen auf den Tiſch ſchleudernd.—„Der Polizeibeamte, der mich am Wagen erwartete, und ſich für den neuen Diener des Barons ausgab, hat ſie mir in einem Hotel abgenommen. Er handelte im Auftrage des Vaters, wie er geſagt hat, 256 daher werden die Schriften jetzt wohl ſchon in den Hän⸗ den desſelben ſein!“ Robert erſchrack ernſtlich, als er das Wort„Po⸗ lizeibeamte“ vernahm. Hatte der Vater alſo doch keine Rückſicht darauf genommen, daß ſeine eigene Tochter die Diebin geweſen? Und wenn nun Ottilie den Bei⸗ ſtand des Bruders geſtanden hätte, oder nachträglich eingeſtehen mußte? Wie dann? Aber im nächſten Augenblicke bedachte Robert, daß Ottillie ihm ja frank und frei gegenüber ſitze, der Beamte ſie alſo auch auf Wunſch des Vaters habe laufen laſſen. Die ganze Sache ſchien ihm räthſelhaft. Haſtig forſchte er nach den Einzelnheiten des Geſchehenen. Und als er nun durch Oktilie Alles erfuhr, da war ihm der Vor⸗ gang noch unerklärlicher. „Ein Polizeibeamter war das keinesfalls,“ ſagte er zu Ottilie, als dieſe geendet hatte,„denn ein ſolcher hätte Dich trotz der Weigerung des Vaters arretiren müſſen. Und jener Mann kann auch im Auftrage des Vaters nicht gehandelt haben, denn es iſt nicht denkbar, daß der Vater, der jeden Augenblick in Geldverlegen⸗ heiten ſteckt, und bedeutende Verpflichtungen hat, Dir ohne Weiteres nahe an neuntauſend Gulden überlaſſen ſollte! Wer aber kann denn ſo beſon deres Intereſſe an den Papieren des Barons haben?“ 257 Robert ſann nach. Ottilie ſtarrte ihn betroffen an. Plötzlich ſah ſie ihren Bruder lebhaft auffahren. „Ich hab's!“ rief dieſer.—„Ja, ja, ſo wird's ſein! Deshalb alſo trachtete er, ſo raſch wie möglich von mir fortzukommen, als ich ihm die Nachricht brachte, Du ſeieſt vom Hauſe entwiſcht, und der Vater habe die Behörde in Bewegung geſetzt? Ottilie, der Baron hat mit Dir und mir Komodie geſpielt. Als pfiffiger Schelm erſchien ihm eine Flucht mit Dir ſammt Deinem ent⸗ wendeten Gelde denn doch zu gewagt, und ſo ließ er Dich durch einen Helfershelfer in das Hotel locken, die für ihn gefährlichen Schriften an ſich zu bringen.“ „Welcher Einfall!“ entgegnete Ottilie haſtig und erregt, während der Argwohn, daß es doch ſo ſein könne, wie Robert behauptete, in ihrer Seele aufdämmerte— „hätte er nicht die Entwendung der Papiere auf andere Weiſe von mir begehren können, als indem er mich zur Flucht beredete?“ „Nein! Denn er mußte ſich ſagen, Du und ich, wir würden uns nur zu einem ſolchen äußerſten Schritt verſtehen, wenn es ſich dabei um Deine Zukunft handle! Glaube mir's, er hat uns nur ausgebeutet, um ſeinen Zweck zu erreichen, und läßt uns fallen, nun wir uns für ihn entehrt haben und er geborgen iſt!! „O mein Gott!“ ſtammelte Ottilie in einem Ge⸗ Fabrikanten und Arbeiter. III. 17 258 miſch von Wuth und Schmerz,„wenn das ſein ſollte, dann— dann wäre er ein Ungeheuer!“ „Das iſt er!“ verſetzte Robert haſtig,„um ſo mehr, als er Dir die Heimkehr in das elterliche Haus unmög⸗ lich gemacht hat. Der Vater hat in meiner Gegenwart hoch und theuer geſchworen, Du dürfeſt niemals wieder die Schwelle ſeines Hauſes betreten. Und nun um ſo mehr, Ottillie, bin ich überzeugt, daß nicht er es war, der Dir ſagen ließ, Du mögeſt die große Summe be⸗ halten, mit der Du entflohen biſt! Iſt ſie dort in der Sammttaſche?“ 3„Ja!“ entgegnete Ottilie.„Und ich will keinen Kreuzer davon,“ fuhr ſie leidenſchaftlich und ſtolz fort —„trage die Taſche mit dem Gelde zum Vater, ich will nicht als gemeine Diebin, nur des Geldes willen, davon laufen!“ „So wirſt Du keinen Verſuch wagen, dem Va⸗ ter—?“ „Wahrlich nein!“ unterbrach ihn Ottilie heftig. „Ich will Freiheit, Unabhängigkeit, müßte ich darüber zu Grunde gehen! Und ich werde nicht zu Grunde gehen, Robert!“ „Gewiß nicht!“ verſetzte dieſer, mit eigenthümlichem Blick ſeine Schweſter muſternd.—„Du biſt ſchön—“ „Ich verſtehe zu ſingen,“ fuhr Ottilie raſch fort, 259 „der Baron und Andere haben mir geſagt, ich beſitze Talent für die Bühne. Ich werde noch heute wo mög⸗ lich Wien verlaſſen, und dann irgendwo zum Theater gehen.“ Robert blickte ſeine Schweſter heimlich triumphi⸗ rend an. Er hatte Ottilie, wo er ſie haben wollte. Aber er dachte ſich auch zugleich:„Geht ſie ganz ohne Geld, ſo ſitzt ſie uns bald wieder auf dem Halſe!“ „Ich billige Deinen Entſchluß, Ottilie!“ ſagte er. „Du haſt Talent, Du wirſt eine glänzende Carriere ma⸗ chen. Im Hauſe dagegen hätteſt Du die Hölle! Doch ſei vernünftig“— ſetzte er hinzu—„ganz ohne Geld läßt ſich dergleichen nicht unternehmen!“ Robert trat zum Tiſch, öffnete das Sammttäſch⸗ chen, zog eines der Banknotenpäckchen hervor und reichte es Ottilien. „Hier, Schweſter,“ fuhr er fort,„nimm dieſe tau⸗ ſend Gulden. Ich werde den Abgang derſelben ſchon vor dem Vater verantworten. Du mußt ſie nehmen, es handelt ſich um Deine Zukunft. Indem Du dem Vater das Uebrige durch mich zurückſendeſt, begehſt Du keinen Diebſtahl mehr, wenn Du dieſe tauſend Gulden nimmſt — Du würdeſt dem Vater mehr koſten, wenn er noch ferner für Dich zu ſorgen hätte.“ 17 260 Ottilie nahm zögernd das Packet und ſchob es dann haſtig in den Buſen. „Du ſchreibſt mir Deine nächſte Adreſſe,“ fügte Robert hinzu, indem er die Sammttaſche ſchloß und unter den Arm nahm,„und ich ſende Dir Deine Effekten dorthin. Gehen wir jetzt.“ Die Geſchwiſter verließen die Wohnung des Ba⸗ rons und ſtiegen ſchweigend die Treppe hinunter. Am Hauseingang gab Robert der Schweſter die Hand. „Lebe wohl,“ ſagte er gelaſſen,„viel Glück! Laß bald von Dir hören! Was ſoll ich dem Vater von Dir ſagen?“ „Daß ich die Freiheit der Knechtſchaft und Heu⸗ chelei vorziehe!“ verſetzte Ottilie, den Kopf hochmüthig emporwerfend.—„Lebe wohl!“ In ſo unnatürlicher Weiſe trennten ſich die unna⸗ türlichen Geſchwiſter. Sie hatten ja nie etwas für ein⸗ ander gefühlt. Ottilie bog haſtig links in die Straße ein, Robert rechts. Keines von Beiden ſah ſich noch einmal nach dem andern um. Robert aber lachte vor ſich hin, während er, das Sammttäſchchen mit dem Gelde in der Hand, den Weg nach Hauſe einſchlug. „Von uns Beiden,“ murmelte er in ſich hinein, — 261 „wäre ich doch wohl am beſten zur Schauſpielkunſt ge⸗ eignet. Die Thörin, die dort jetzt wohl auf's Gerathe⸗ wohl in die Welt hineinläuft, hat noch weit bis zu mir.“ Als Robert auf das Glacis gelangt war, däm⸗ merte es bereits. Er ſchlug eine der einſamſten Alleen ein. Dort öffnete er das Sammttäſchchen Ottiliens, zog die Banknotenpackete hervor und ſteckte ſie in die Bruſttaſche ſeines Rockes. Dann ließ er das leere Sammttäſchchen in's Gras fallen. „Ich wäre ein Narr,“ flüſterte er lachend vor ſich hin,„wollte ich nicht das für mich behalten, was meine ſtolze Schweſter verſchmäht! Entweder wird der Vater in der nächſten Zeit ein Millionär oder ein Bankerotti⸗ rer,— in beiden Fällen ſind dieſe paar tauſend Gul⸗ den nichts mehr für ihn, als ein Tropfen Waſſer dem Meere!“ Und Robert ſchlenderte wohlgemuth nach Hauſe. Dreizehntes Capitel. Bei der Gräfin. Der Baron Lenz war in heftiger Erregung durch die Schottengaſſe vor das nahe Thor geeilt. Auf dem Glacis verließ er raſch das Gewühl der Spaziergänger und trat auf den Wieſengrund hinaus. Wohin ſoll ich mich wenden? fragte er ſich, wo bis zum Morgen bleiben? Nachdenklich ſchritt er weiter. Hm, dachte er, wenn ich auf's Land hinausfahren wollte,— da würde ich vor Nachforſchungen am ſicher⸗ ſten ſein! Doch wozu das? Ich habe den Diebſtahl nicht begangen, und Ottilie, ich kenne ſie zu gut, wird nicht ausſagen, daß ich ſie dazu angeleitet— ſie kann's auch nicht, denn drehte ich in unſerem Geſpräche bei der Schneiderin die ganze Sache nicht ſo, daß ihr das als 263 das Reſultat ihrer eigenen Ueberlegung erſcheinen mußte, was nichts als eine geſchickte Einflüſterung von mir war? Zum Teufel, hätte ich Stahl gegenüber nur die⸗ ſelbe Geiſtesgegenwart beſeſſen, dann könnte ich jetzt die Dinge, die da kommen werden, furchtlos abwarten! Doch dieſe verwünſchten Oraviczaer Papiere! Wird aber auch der Fabrikant es wagen dürfen, mich zu verfolgen? Darf er nicht gewärtig ſein, daß ich ſeine nächtlichen Beſuche, die er unſerer Spielhölle abgeſtattet hat, an's Licht ziehe? Hab' ich nicht die Bons, ſein Treiben aufzudecken? Das meinige würde freilich dabei ebenfalls zur Sprache kom⸗ men, mag er denken, aber muß er ſich nicht ſagen, daß mir am Ende daran nichts mehr liegen werde, falls ich überzeugt ſei, doch vor's Meſſer zu kommen!? Stahl gibt ſich aus was immer für Gründen ſeit Kurzem den Anſtrich eines ſehr chriſtlichen Mannes, darum wird er gerade jetzt einen Skandal zu vermeiden ſuchen! Und hat man Ottilie erwiſcht und kommt der Fabrikant nur wieder zu ſeinem Gelde, dann wird er, weiß Gott, nicht ſo eifrig ſein, die Sache weiter zu verfolgen! Der Baron brütete einige Augenblicke vor ſich hin. Sein Antlitz, das bereits einen ſorgloſen Ausdruck ge⸗ wonnen hatte, verfinſterte ſich wieder, und nahm zugleich die unruhige Miene von vordem an. Wenn nun aber Stahl gezwungen ſeinſollte, weiter zu gehen? murmelte er. Iſt Ottilie durch die Polizei eingefangen worden, dann ſind dieſer auch meine Schrif⸗ ten in die Hände gefallen, dann—! Dieſe hölliſchen Papiere! Der Baron hatte, während er ſo haſtig grübelte, vor ſich nieder ſtarrend ſeinen Weg fortgeſetzt. Er blickte jetzt auf und ſah, daß er die Richtung nach Mariahilf eingeſchlagen. Dieſer Umſtand ließ ihn an die Gräſin denken. Zur Julie will ich gehen, ſagte er ſich, das wird das Beſte ſein! Sollte mir die Behörde etwas anhaben wollen, dann kann ich jedenfalls durch Juliens Vermitt⸗ lung mehr als ſo auf meiner Hut ſein! Soll ich bis morgen, bis zum Rendezvous, das ich mit Robert ver⸗ abredet habe, warten, ohne Erkundigungen einzuziehen? Dieſe Unruhe, welche ich fühle, würde mich verzehren! Ich ſelber darf heute weder meine Wohnung betreten, noch auch nur in die Nähe derſelben kommen,— man könnte mir auflauern. Aber Karoline kannrekognosziren, ſie iſt ſchlau, und heute kann die Julie ſie auf Auskunft ſchicken, oder ſelber ſich auf den Weg machen! Iſt Ge⸗ fahr für mich da, oder hat der Ignaz auch nur Verdäch⸗ tiges bemerkt, dann— dann werden die Weiber ſchon meine werthvollſten Sachen aus der Wohnung zu ſchaffen wiſſen, und ich mache mich noch dieſen Abend aus dem —— 265* Staube,— habe ich nicht ohnehin alles Geld, was ich beſitze, ſchon eingeſteckt? Und Julie täuſchen, damit ſie für mich wirke, iſt ja eine Kleinigkeit! Sie ahnt nicht den wahren Grund meiner Flucht,— falls ich überhaupt fliehen muß— und ein anderer iſt leicht für ſie gefunden! Hab' ich nicht an jenem Abend, bevor Stahl zu ihr kam, während unſeres Soupers Winke bei ihr fallen laſſen, deren Andeutungen mir jetzt zu Statten kommen werden? Nachdem der Baron ſo mit ſich zu Rathe gegangen war und den Entſchluß gefaßt hatte, ſeine alte Bundes⸗ genoſſin aufzuſuchen und auch jetzt in ſeiner eigenthüm⸗ lichen Lage als Helfershelferin zu gebrauchen, verdop⸗ pelte er ſeine Schritte. Je raſcher er ging, deſto mehr ſteigerte ſich ſeine Unruhe, doch nicht etwa, weil er be⸗ fürchtete, die Gräfin möge den wahren Sachverhalt er⸗ rathen. Ihr gegenüber empfand er im Gegentheile eine Sicherheit, die ſich auf das Uebergewicht ſtützte, das er ſeither bei ſeinem Opfer geltend zu machen gewußt hatte. Was ihn immer lebhafter zu foltern begann, war die Ungewißheit, in der er ſich genöthigt geſehen hatte, ſeine Wohnung zu verlaſſen, Endlich betrat er flüchtigen Fußes das Haus in der Gardegaſſe. Athemlos erreichte er den erſten Stock. Er pochte in einer eigenthümlichen Weiſe, welche den Dienſtleuten der Gräſin bekannt war. 266 Eine Magd öffnete. Karoline war es nicht,— dieſe hatte freilich ihre geheime Miſſion wie der Leſer weiß, längſt ausgeführt, war aber noch nicht nach Hauſe zurückgekehrt. Die ſchöne Julie befand ſich im kleinen Salon. Sie war in großer Ungeduld. Sie hatte die hübſche Toni, ihre Geſellſchafterin, unter irgend einem Vorwande aus der Wohnung zu entfernen gewußt, denn es galt ja jetzt den Anton Schulhof zu empfangen. Sie erwartete ihn mit klopfendem Herzen, ſollte er doch die heiß erſehnten Papiere bringen, die ihr vollſtän⸗ dige Herrſchaft über den treuloſen Baron ſichern mußten. Zwanzigmal wohl hatte die Gräfin bereits auf ihre Uhr geblickt, und eben ſo oft das Buch zur Seite gewor⸗ fen und wieder ergriffen, das ſie in die Hand genommen, die Zeit des Wartens ſich minder peinlich zu machen. Schließlich hatte ſie doch nicht vermocht, ihre Un⸗ ruhe durch Lektüre zu dämpfen, ihr Geiſt war zu lebhaft mit dem beſchäftigt, was Anton jetzt unſtreitig ſchon aus⸗ geführt haben mußte, war nicht überhaupt der Plan, wel⸗ chen ſie ſo fein erſonnen, bei der Ausführung verunglückt. In demſelben Augenblicke, in welchem der Baron das Haus betrat, hatte ſie das Buch zunt ſovielten Male hingeworfen und ſich erregt und mit einem Anflug von Unmuth von ihrem Seſſel erhoben. 267 Die Flucht der Tochter des Fabrikanten wird durch irgend einen Umſtand verzögert worden ſein, ſagte ſie ſich. Karoline wäre wohl ſchon zurück, hätte dieſe Ottilie das Haus ihres Vaters zur feſtgeſetzten Stunde ver⸗ laſſen. Und nun mein Mädchen noch nicht da iſt, darf ich wohl noch nicht auf das Erſcheinen Antons rech⸗ nen! Wie aber, wenn dieſe ganze Sache verſchoben worden, oder wohl gar von Stahl entdeckt wäre, bevor noch eine Flucht ſeiner Tochter bewerkſtelligt werden konnte? Wenn er dieſe leichtſinnigen Geſchwiſter über der That ertappt hätte? Dann wäre ich um meine Hoff⸗ nung auf den Beſitz der Schriften betrogen! So ward die Gräfin, ähnlich wie der Baron, von Ungewißheit gemartert. Sie ſchickte ſich an, zum Fenſter zu eilen, um einen Blick auf die Gaſſe zu werfen, als ſie plötzlich im Vor⸗ zimmer haſtige Schritte vernahm. Ah, ſagte ſie ſich im beklemmenden Gefühl geſpann⸗ ter Erwartung, entweder iſt das Karoline oder ſchon der Anton. Jedenfalls werde ich endlich etwas erfahren! Die Thüre des kleinen Salons ward eilig geöffnet, — der Baron trat ein. Die Gräfin blickte betroffen auf die unerwartete Erſcheinung. Ihr erſter Blick auf Lenz ſagte ihr, daß dieſer ſich in großer Aufregung befinde, die er ſich be⸗ 268 mühe, vor ihr zu verbergen. Seine Züge waren, wen auch nicht geradezu verſtört, doch nicht gelaſſen wie ſonſt, ſeine Blicke, die unſtät umherzuckten, hatten eine fieber⸗ hafte Glut. „Das Vorhaben iſt ihm mißglückt!“ ſagte ſich die Gräfin beim Anblick ihres Geliebten.—„Käme er ſonſt hieher, und das wie ein Verzweifelter? Aber was wird er wollen?“ Sie hatte kaum Zeit ſich dieſes zu ſagen, denn der Baron trat ſogleich zu ihr heran. Er erkünſtelte ein Lächeln, das keineswegs zu der Bläſſe ſeines Angeſichts und ſeiner unruhigen Miene paßte. „Mein Erſcheinen ſetzt Dich in Erſtaunen, nicht wahr, Kind?“ begann er mit einer Stimme, deren Klang die Gräfin vollends überzeugte, daß der Baron eine innere Folter wenig ſiegreich bekämpfe. Es drängte ſich ihr unmittelbar die Ueberzeugung auf, ihr Geliebter ſei keinesfalls mit der Tochter Stahl's zuſammen getroffen. Und dieſe Ueberzeugung verlieh ihr ſogleich die Zuverſicht, nach der ſie ſeit einer Stunde vergeblich gerungen hatte. „In der That,“ antwortete ſie feſt, einen durch⸗ dringenden Blick auf ihren Geliebten richtend,„Du kommſt zu ungewöhnlicher Stunde! Und eine unge⸗ 269 wöhnliche Angelegenheit führt Dich hierher, mein Freund, das erkenne ich an Deinem Ausſehen. Du biſt verſtört!“. 1 Der Baron trat von der Gräfin fort, warf ſich in ein Fauteuil und brach in ein erzwungenes Lachen aus. Die ſchöne Abenteurerin blieb, wo ſie ſtand ohne eine Miene zu verziehen. „Verſtört? Nicht doch, mein Kind!“ rief der Ba⸗ ron, indem er ſeinen gewöhnlichen gleichmüthigen Ton zu erheucheln ſuchte, den er indeſſen jetzt nicht traf. „Aber Du biſt bleich,— Deine Stimme zittert.“ „Mag ſein! Ich bin raſch gegangen, bin ſo gut wie außer Athem, das iſt Alles! Und zugeben will ich, daß mich in dieſem Augenblicke eine Sache unangenehm berührt, die—“ „Welche Sache S „Habe ich Dir nicht kürzlich erſt geſagt, daß mir ſcheine, als ob der Fabrikant hier und dort Andeutun⸗ gen und Winke über mich fallen laſſe, die meine Art und Weiſe zu ſpielen betreffen?“ „Ich erinnere mich, daß Du ſagteſt, er hege einen Argwohn—“ „Und daß dieſen Argwohn bereits einige unſerer Gäſte theilen, wie ich aus ihrem gegen mich zurückhal⸗ tenden Weſen errathen mußte?“ 270 „Ganz recht, das ſagteſt Du. Und ich tadelte Deine Unvorſichtigkeit, mit der Du an jenem Abende ver⸗ fuhrſt, als Stahl nach dem Verluſt ſeines ganzen Geldes ſo weit ging, Dir Bons auszuſtellen.“ „Du wirſt Dich auch erinnern, daß ich Dir vorſchlug, Dich auf einige Wochen auf's Land zurückzuziehen!“ Die Gräfin lächelte in eigenthümlicher Weiſe. „Ja, ja! Was ich ablehnte!“ ſagte ſie dann. „Ich ſuchte Dir damals begreiflich zu machen, daß die Vorſicht uns gebiete, uns auf eine kurze Zeit von einander zu trennen. Ich hegte einen unbeſtimmten Arg⸗ wohn gegen Stahl und einige der Herren, das war Alles!“ „So ſagteſt Du wenigſtens.“ „Heute weiß ich, daß dieſer Argwohn wohlbegrün⸗ det war!“ „Wie ſo?“ „Aus guter Quelle erfuhr ich, daß der ſiebenbür⸗ giſche Produktenhändler, dem ich ſo ziemlich Alles ab⸗ nahm, durch Stahl aufgereizt, mich heute bei der Polizei denunzirt habe.“ „Ei, ei!“ verſetzte die Gräfin kalt. „Und daß die Folge davon eine Unterſuchung ſein müſſe, die man demnächſt, vielleicht heute noch gegen mich einleiten werde!“ 271 „Dieſen Abend noch?“ fragte die Gräfin ſo ruhig wie zuvor. „Wie ich Dir ſage!“ fuhr der Baron fort, ein we⸗ nig ſtutzig gemacht durch den Gleichmuth, mit dem ſeine Geliebte die Nachricht hinnahm. „Und was wirſt Du dabei thun?“ fragte die Grä⸗ ſin weiter. „Nimmt die Pol izei die Sache auf, wie ich faſt vermuthe,“ begann der Baron von Neuem mit weniger Sicherheit,„ſo dürfte ſich noch heute der eine oder der andere ihrer Leute in meiner Wehunng einſtellen, daher habe ich dieſe verlaſſen, und dem Ignaz eingeſchärft, zu ſagen, ich ſei für einen Tag auf's Land. „So gedenkſt Du alſo bei mir zu bleiben?“ „Bis morgen, mein Kind. Inzwiſchen könnteſt Du heute noch die Karoline in meine Wohnung ſenden, damit ich erfahre, ob ſich dort von Seiten der Polizei irgend Jemand eingeſtellt habe.“ „Und wenn das der Fall war?“ „Dann— dann werde ich alle Anſtalten trefſen, gleich morgen in aller Frühe eine kleine Reiſe anzu⸗ treten,“ fuhr der Baron mit erzwungenem Humor fort —„eine kleine Reiſe, die ſo lange dauern dürfte, als dieſer Satan von Produktenhändler noch in Wien ver⸗ weilt, denn ich bin überzeugt, iſt er einmal fort, ſo wird man die Sache fallen laſſen, da ich ohnehin einige gute Bekannte habe, welche Einfluß beſitzen. Doch jetzt“— ſetzte er in gewiſſem Ton hinzu, denn ſeine innere Un⸗ ruhe verdrängte den erkünſtelten Scherz von ſeinen Lip⸗ pen—„jetzt möchte ich in der That, daß Du das Mäd⸗ chen um Erkundigung fortſchickteſt— Du wirſt begrei⸗ fen, die Ungewißheit— ich geſtehe Dir offen, Kind, daß ich denn doch einigermaßen beſorgt bin— und wahrlich, ich erſtaune, wie leicht Du die Sache zu nehmen ſcheinſt—!“ Die Gräfin lächelte. Aber während dieſes Lächelns hatten ihre Augen einen eigenthümlichen, beinahe dämo⸗ niſchen Glanz. „Weßhalb ſollte ich Deinetwegen in Sorgen ſein?“ antwortete ſie.„Kann man Dir beweiſen, daß Du falſch ſpielteſt? Du biſt nicht über der That ertappt worden, und wirſt von jetzt an vorſichtig ſein! Nur ich,“ fuhr ſie mit ſcharfer Betonung fort,„könnte der Behörde den Beweis liefern, daß Du ein falſcher Spieler biſt,— und ich bin ja Deine Bundesgenoſſin! Warum willſt Du Wien verlaſſen? Mein Freund, Du haſt einen an⸗ deren Grund die Polizei zu fürchten, und willſt ihn mir verbergen!“ „Ich ſchwöre Dir—“ Du triebſt ein anderes falſches Spiel— 778 273 „Ich verſtehe Dich nicht—“ „Ein anderes Spiel, bei dem Du nicht verſtandeſt die Karten ſo zu miſchen, daß Dein Betrug verborgen blieb, ein Spiel, das Du verlieren mußteſt, weil Du verrätheriſch genug warſt, es auch gegen diejenige zu richten, ohne welche Du längſt wäreſt verloren geweſen!“ Der Baron ſprang betroffen vom Fauteuil auf. „Julie!“ ſtammelte er. „Spare Deine Worte!“ unterbrach ihn die Gräfin mit gebieteriſcher Strenge.„Ich weiß Alles,— Du haſt die Tochter des Fabrikanten Stahl bethört, in einen Liebeshandel mit Dir verſtrickt, ſie iſt für Dich zur Ver⸗ brecherin geworden,— heute wolltet Ihr mit einander entfliehen! Es wäre Euch gelungen, wenn— wenn ich nicht meine Rechte an Dich geltend gemacht hätte!“ Der Baron ſtarrte die Gräſin beſtürzt an. „Du?“ rief er,„Du hätteſt— 2 „Ein Brief, welcher Stahl Alles enthüllt hat, iſt— „Von Dir iſt jener Brief, der—“ Du weißt es ſchon, daß Stahl ein Billet erhielt? Dein Antlitz ließ es mich errathen! Nun denn, ich ſchrieb dieſen Brief, weil ich Dich vor einer thörichten, kopflo⸗ ſen Handlung bewahren wollte, weil ich ältere An⸗ ſprüche an Dich zu machen habe, als jene Ottilie, weil Fabrikanten und Arbeiter. III. 18 Du mir, Deinem Opfer verfallen biſt, wie ich Dir ver⸗ fallen bin für alle Zeit!“ Noch immer ſtarrte der Baron die Gräfin an. Aber er hatte ſich bereits von ſeinem erſten Schrecken erholt. Er ſah ein, daß nur durch eine raſch und gut geſpielte Komödie, nun er Ottilie für ſich verloren glaubte, ſich ſeine gewandte und beſonders in ſeiner jetzigen Lage ſo nützliche Bundesgenoſſin zu ſichern vermöge. Und der Baron beſaß Geiſtesgegenwart und Verſtellungs⸗ gabe genug, ſich ſogleich helfen zu können. Er bediente ſich einer Kriegsliſt, die in den meiſten Fällen als eine erfolgreiche gelten kann,— er ging ohne Weiteres von der Rolle des Beſchuldigten zu der eines Anklägers über. „Unglückliche!“ rief er,„Du alſo ſpielteſt mir dieſen Streich? O wie thöricht war ich, Dich nicht in den Plan einzuweihen, durch deſſen Ausführung ich nur bezweckte, einer Gefahr vorzubeugen, die mich und da⸗ mit auch Dich bedrohte, und der wir jetzt durch Dich mehr als zuvor preisgegeben ſind! Deine Eiferſucht, die ich zur Genüge kenne, war es, die mich abgehalten, Dir mitzutheilen, daß ich mich der leichtfertigen Tochter Stahl's bedienen müſſe, gewiſſe Papiere zu erlangen, die mich in's Zuchthaus bringen können, in der Stille wollte ich die Sache abmachen, Dir nicht unnöthige 275 Sorgen zu verurſachen! O ich war thöricht! Aber Du biſt es noch mehr geweſen! Julie, wie konnteſt Du, wenn irgend ein Zufall Dir auf mir unbegreifliche Weiſe verrieth, daß ich mit Ottilie Stahl in Verbindung ge⸗ treten, mich blindlings verdammen, und wähnen, es ſei mir mit einer ſolchen Ernſt? Und hätteſt Du, wenn Du einmal einen Verdacht gegen mich hegteſt, mich nicht unumwunden zur Rede ſtellen können, ſtatt hinter meinem Rücken, ohne den eigentlichen Grund meiner Handlungsweiſe zu kennen, gegen mich aufzutreten, mei⸗ nen wohlangelegten Plan zu durchkreuzen?“ „Wie,“ rief die Gräfin in einem Gemiſch von Mißtrauen und Ueberraſchung,„Du wagſt es, zu be— haupten, dieſer Plan ſei nur dahin gegangen, Dich in den Beſitz jener Papiere zu ſetzen, und dann—“ „Meiner Schriften und jener Summe, die Stahl mir ſchuldet und ſeither vorenthalten hat, wie Du weißt!“ unterbrach ſie der Baron mit erkünſtelter Heftigkeit.— „So iſt's, und ich ſchwöre Dir, daß kein anderer Be⸗ weggrund mich leitete, daß ich das Mädchen ihrem Va⸗ ter zurückgeſchickt hätte, ſobald die Papiere und das Geld einmal in meinem Beſitz geweſen wären! Du kannſt mir den Vorwurf machen, daß ich jene Ottilie grauſam getäuſcht habe, das iſt auch Alles, aber die Nothwen⸗ digkeit zwang mich dazu, der Gedanke an meine, an un⸗ 18* ſere Sicherheit, denn durch Stahl würde man mich um ſo ſicherer für unſere Spielabende zur Rechenſchaft ge⸗ zogen, und Dich mit mir verhaftet haben! Habe ich ein falſches Spiel getrieben, ſo warſt wahrhaftig Du nicht das Opfer desſelben, Du, an deren Schickſal mein Leben geknüpft iſt, die ich liebe!“ „Halt ein, Heuchler! Du biſt ein Egoiſt, Du liebſt nur Dich ſelbſt!“ „Dir ziemt es nicht,“ verſetzte der Baron mit der Miene des Schmerzes,“ mir eine ſolche Beſchuldigung in's Geſicht zu ſchleudern, Dir nicht, die Du nur an Dich gedacht haſt, als Du ungerecht mich verdammteſt ohne mich zu hören, und mich dem Verderben preisgabſt, in⸗ dem Du mein Vorhaben vereitelteſt! Haſt Du die Ueber⸗ zeugung, daß ich ein Egoiſt ſei, wie kommt es dann, daß Du, ein ſo kluges Weib, dieſes mein Vorhaben verkennen konnteſt? Weiß ich nicht aus guter Quelle, daß Stahl am Rande des Bankerottes ſteht? Was kann mir alſo eine Entführung ſeiner Tochter nützen? Glaubſt Du, ich habe die Lebensklugheit ſo weit aus den Augen ge⸗ ſetzt, mir ein Weib aufbürden zu wollen, das weder Vermögen beſitzt, noch dereinſt Anwartſchaft auf ein ſolches haben wird, das obendrein nicht ſo ſchön, ſo intereſſant, ſo geiſtvoll und gewandt iſt, als es mir in meinen jetzigen Verhältniſſen nur wünſchenswerth ſein 3 277 kann, als— mit einem Wort— als Du es biſt, Ju⸗ lie? Nun denn, wenn Dir Dein eigenes Nachdenken ſagen muß, daß ein Egoiſt nicht alſo handeln kann, ſo liegt es auch für Dich am Tage, daß ich durch jene Ot⸗ tilie nur meine Papiere und mein Geld wollte, daß nur mein Sinn darnach geſtanden, dem Bankerottirer eine Summe zu entreißen, die ohne ſolches Mittel in weni⸗ gen Tagen für mich verloren ſein muß, nicht aber mich in den Beſitz eines Mädchens zu ſetzen, die eine Gräfin Inlie nicht aufwiegt!“ Der Baron hatte mit Leidenſchaft geſprochen. Jetzt richtete er den Blick auf die ſchöne Dame der Demi⸗ monde; dieſer Blick, der vorwurfsvoll und liebeglühend zugleich war, hatte jene magnetiſche feſſelnde Kraft, deren der Abenteurer ſich bewußt war. Der Buſen der Gräſin wogte ſtürmiſch. „Und wenn Du nich belügen ſollteſt, wie ich nicht zweifle,“ liſpelte ſie mit in heftiger Erregung flammen⸗ dem Blick und zitternder Stimme,„ich laſſe nicht von Dir!“ „Ich aber werde⸗Dich verlaſſen müſſen,“ verſetzte der Baron düſter,„und das durch Deine Schuld, denn wenn der Tochter Stahl's von der Polizei meine Schrif⸗ ten abgenommen worden ſind, wie ich befürchte—“ „Sei ohne Sorgen,“ unterbrach ihn die Gräfin haſtig,„ich habe Alles gethan, dieſe Schriften in meine Hände zu bringen!“ „Wie?“ „Ein Abgeſandter von mir, den ich an jenen Wa⸗ gen, welchen Du dem Mädchen ſandteſt, ſich ſtellen ließ, hat die Rolle der Polizei übernommen. In dieſem Augen⸗ blicke wird ſo mein Getreuer ſchon im Beſitze Deiner Schriften ſein.“— Der Baron ſtarrte die Gräfin betroffen an. „Iſt es möglich?“ ſtammelte er.—„Doch erkläre mir—“ „Dazu iſt jetzt nicht die Zeit,“ unterbrach ihn die Gräfin eilig,„denn ich muß jeden Augenblick das Ein⸗ treffen des Mannes erwarten den ich ausſendete, und es iſt ein Glück, daß ich jetzt daran gemahnt werde. Dieſer Mann darf uns hier nicht beiſammen finden. Gehe in mein Boudoir und harre meiner dort. So viel nur ſei noch geſagt: Du haſt weder Stahl noch die Polizei mehr zu fürchten.“ Der Baron trat raſch an Julie heran und um⸗ ſchlang ſie anſcheinend leidenſchaftlich. „Geliebte Julie!“ rief er.—„Du biſt ein herr⸗ liches Weſen! Wahrlich, wir ſind für einander geſchaffen! Und— meine Papiere?“ „Sie bleiben in meinem Beſitz,“ entgegnete die 279 Gräfin lächelnd,„ſie ſollen mir das Mittel ſein, Dich böſen, lieben Heuchler für ewig an mich zu feſſeln, da das meine Reize nicht mehr vermögen!“ „Geliebte Zweiflerin!“ liſpelte der Baron und ſchloß den Mund der Gräfin mit Küſſen. Plötzlich aber fuhren ſie auseinander, denn die Thür, welche zum Vorzimmer führte, ward aufgeriſſen. Die Gräfin ſtieß einen Schrei aus, entfärbte ſich und wankte. Der Baron ſtarrte zur Thüre. Er ſah einen jungen Mann auf der Schwelle ſtehen. Das Antlitz dieſes Mannes war todtenbleich, ſeine Züge waren verzerrt, ſeine Augen ſtierten auf die Gräfin. „Wer iſt dieſer Mann!“ rief der Baron, von un⸗ willkürlichem Grauſen erfaßt. Die Gräfin zuckte unter dem wirren Blicke des Mannes auf der Schwelle, zuſammen. In furchtbarer Seelenangſt vermochte ſie nicht von der Stelle zu wei⸗ chen, auf der ſie ſtand. Ihre Kniee ſchlotterten. „Allinächtiger Gott, Anton!“ ſchrie ſie. Dieſer ſchlug ein wildes Gelächter auf. Sein Blick durchbohrte die Gräfin. Er ſtand zum Sprunge bereit, wie der Tieger, bevor er ſich auf ſeine Beute ſtürzt. „Ja, der Anton!“ heulte er.„Der Anton— der Alles gehört hat, Schlange, der Anton, dem Du ſein Seelenheil vernichtet haſt, der Anton, der ſich rächen will!“ „O Gott, o Gott,“ ſchrie die Gräfin, ihre eine Hand wie zur Abwehr angſtvoll und zitternd vorwärts ſtreckend;„er iſt wahnſinnig, Julius! Zu Hülfe, Julius!“ Anton brach in ein neues, markdurchſchneidendes Gelächter aus. Im nächſten Augenblicke ſtürzte er in's Zimmer. Der Baron warf ſich zwiſchen ihn und die Gräfin. „Zurück!“ donnerte der Abenteurer, einen Seſſel ſchwingend. „Biſt Du da, Verführer, Hallunke?“ heulte Anton. „Ja, ja, Du mußt zuerſt d'ran!“ Der Baron ſah ein Meſſer in der Fauſt des Raſen⸗ den blitzen, er fühlte die Hand, mit der er den Seſſel hielt, von den Fingern Anton's wie mit Eiſenklammern umkrallt. „Hülfe!“ rief der Baron. Aber das Wort war kaum heraus, als die blitzende Klinge in den Hals des Barons fuhr. Ein dumpfer Schrei, ein Röcheln und der zum Tod Getroffene ſchlug zu Boden. Und Anton ſtierte mit wirrem Blick umher. Er ließ das Meſſer fallen.. Da kauerte ſie in einem Winkel des Gemaches, 281 die ſtolze, ſchöͤne Sünderin, das Antlitz bleich, entſtellt, die Hand flehentlich erhoben, auf den Knieen. „Erbarmen, Anton, Erbarmen!“ jammerte ſie. Ein grauenvolles Auflachen war die Antwort. Und jetzt kam er heran zu ihr, die düſter glühenden Augen ſtier aus dem Kopfe heraustretend, das blaſſe, verzerrte Angeſicht mit dem Blute des Barons beſpritzt. „Liebchen komm', ich küſſe beſſer als dieſer da!“ heulte er heiſer, mit fürchterlicher Stimme.—„Haſt's ja geſagt, daß Du mir gehören willſt,— jetzt biſt Du mein!“ Die Gräfin wollte ſchreien, ihr verſagte die Stimme. Ihr Kopf ſchlug an die Wand des Gemaches. Und nun klammerten ſich die Hände Anton's krampf⸗ haft um ihren weißen Hals. Die Nägel gruben ſich tief in das Fleiſch ein. Ein Gurgeln ertönte aus der Kehle der Gräfin. Einen Moment ſchlug ſie um ſich, dann zuckte ihr Kör⸗ per. Und jetzt hörte auch das Zucken auf. Lautlos, in dumpfes Brüten verloren, ſtarrte der Wahnſinnige lange auf ſein Opfer. Endlich ließ er es los. Der Körper ſank ſchlaf zuſammen. Die Gräfin war erdroſſelt. Anton blickte auf die Leiche, lachte grell auf, trat 282 über den in ſeinem Blute ſchwimmenden Baron hinweg und ſchritt zur Thür hinaus. Er ſtieß mit dem Fuße an ſeinen Hut, der im Vor⸗ zimmer auf dem Boden lag. Er bückte ſich mechaniſch, griff nach dem Hute, ſetzte ihn auf und lachte in ſich hinein. Dann verließ er die Wohnung. Von den Dienſtleuten war nur die Magd zu Hauſe geweſen, welche ihn eingelaſſen hatte. Dieſe ſtand auf dem Gange und plauderte mit einem Mädchen des Hau⸗ ſes. Sie hatte nichts von dem Lärm in der Wohnung und den Hülferufen vernommen. 1 Anton ſchritt an ihnen vorüber die Stiege hinunter. Die Mädchen achteten nicht auf ihn, ſie ahnten nicht, daß ein Mörder, ein Wahnſinniger an ihnen dahin⸗ geſchritten war. Vierzehntes Capitel. Licht und Schatten. Das eindringliche Geſpräch Weidner's mit der Frau von Heuber hatte ſeine Früchte getragen. Wenn⸗ gleich es die alte Dame auch fernerhin vermied, ſich ihrer Nichte zu zeigen, offenbarte ſie doch indirekt Beſorgniß um dieſelbe, und ließ ihr durch die Dienſtleute allerlei kleine Aufmerkſamkeiten erweiſen. Thereſe errieth daraus, daß ſich der Sinn der alten Dame bedeutend geändert habe, und ſie ſchrieb ganz richtig dieſe Veränderung dem Einfluſſe des ehrlichen Fabrikanten zu. Thereſens Zuſtand beſſerte ſich von dem Augen⸗ blicke an raſch, wo ſie die Hoffnung hegen durfte, durch die Bermittlung einer rechtſchaffenen, theilnehmenden Familie ſich mit ihrem Manne zu verſtändigen. Weid⸗ neys ruhige Zuverſicht hatte ihr neues Vertrauen ein⸗ 284 geflößt. Und als nun endlich am Sonnabend in der letzten Hälfte des Nachmittags die Equipage Weidner's an der Villa erſchienen war, da hatte ſie muthig im Be⸗ wußtſein ihrer Schuldloſigkeit und zugleich kräftiger als ſie ſich ſeit Wochen fühlte, ſammt ihrem Kinde das Haus der Tante verlaſſen. Sie hätte gern noch bevor der alten Dame ihren Dank dafür abgeſtattet, daß ſie ſo lange geduldet worden, aber Frau von Heuber war trotz ihrer milderen Stimmung gegen Thereſe, in ihrer Kon⸗ ſequenz ſo weit gegangen, ſich verleugnen zu laſſen. Mamſell Liſette hatte ſogleich nach ihrer Rückkunft aus der Stadt den Beſuch Weidner's erfahren, da ſie aber ſah, daß ihre Herrin ſich nicht herbeiließ, die Nichte in ihrer Kammer aufzuſuchen, ſo hielt ſie es nicht der Mühe werth, Stahl von Weidner's Erſcheinen eigens in Kenntniß zu ſetzen. Erſt als die Equipage des Fabri⸗ kanten erſchien und Thereſe abholte, da ward die alte Heuchlerin ſtutzig und ſie beſchloß, am folgenden Tage, da es für den Sonnabend zu ſpät war, Stahl ſogleich auf den befremdenden Umſtand aufmerkſam zu machen. Sie war ohnehin überzeugt, der Seidenfabrikant werde ſich am Sonntage mit ſeiner Familie bei der„Frau Tante“ einſtellen. Zu jener Zeit, als ſich in der Wohnung der Gräfin jener furchtbare Auftritt ereignete, der im vorigen Ka⸗ 285 pitel geſchildert ward, befand ſich Thereſe längſt im Weidner'ſchen Hauſe an der Seite Paulinens und der würdigen Hausfrau. Weidner war ſeit anderthalb Stunden etwa fort, denn er hatte ſich zu Stahl begeben und hinterher, ſeine künftige Schwiegertochter zu beruhigen, zur Kaiſerſtraße und in die Wohnung Ferval's, des Mannes um ſo ſicherer habhaft zu werden. Aber er hatte ſeiner Alten zuvor verſprechen müſſen, dem Gatten Thereſens auch nicht durch ein Wörtchen zu verrathen, wer ihn eigent⸗ lich erwarte. „Ich bringe ihn ſchon mit, verlaßt Euch darauf!“ hatte Weidner dann geſagt, und war gegangen. Wir aber müſſen zu dem armen Anton zurück⸗ kehren. Mit wie glückſeligen Gefühlen war er, nachdem er von Ottilien jene Papiere erlangt hatte, welche den Ba⸗ ron für ewig von Julien fern halten ſollten, zu der Wohnung Derjenigen geeilt, die er reumüthig glaubte. Dort angelangt, hatte er die Magd ſchon auf dem Trep⸗ pengange gefunden, und war von ihr, als er nun raſch die Wohnung betrat, nicht angehalten worden, denn die Gräfin hatte ja ihren Dienſtleuten befohlen, den jungen Arbeiter jederzeit ohne Weiteres einzulaſſen. So war es gekommen, daß Anton das Vorzimmer hatte betreten 286 können, ohne daß die Gräfin und der Baron davon eine Ahnung haben konnten, Anton war im Begriff geweſen, die Thür, welche zu dem kleinen Salon führte, zu öffnen, als er die Stimmen Juliens und des Barons vernommen hatte. Unwillkürlich war er lauſchend ſtehen geblieben, und hatte ſo gehört, was ihn aus allen ſeinen Himmeln reißen und mit niederſchmetternder Gewalt ſein Gemüth treffen mußte. Der Schlag war um ſo fürchterlicher geweſen, je unerwarteter er gekommen war. Am Ziel ſeiner kühnſten Wünſche ſich wähnend, eine ſtille, reizende Zukunft vor Augen, war ihm plötzlich in ſchonungsloſeſter Weiſe enthüllt worden, daß er dem Weibe, an dem ſeine ganze Seele hing, nichts ſei, daß ſie die Grauſamkeit ſo weit getrieben habe, ſich ſeiner zu bedienen, um ihren ehrloſen Verführer deſto ſicherer an ſich zu feſſeln. Und nun dieſe entſetzliche Ueberzeugung wie ein verherrender Blitzſtrahl plötzlich über ihn gekom⸗ men, hatte ſie nicht allein das Herz des armen jungen Mannes zerriſſen, aus deſſen Gemüth ohnehin erſt ſeit wenigen Tagen die düſtere Schwermuth gewichen war, ſondern auch ſeinen Geiſt augenblicklich mit Wahnſinn umnachtet. Nachdem er die grauenvolle That begangen hatte, verließ Anton, wie der Leſer weiß, das Haus der Garde⸗ gaſſe. 287 Als er auf die Straße kam, dunkelte es bereits. Die Leute, welche an ihm vorüberſchritten, unterſchieden daher nur undeutlich ſeine verſtörten Züge und ſahen nicht d die Blutstropfen auf ſeinen Wangen. Der Unglückliche erreichte das Glacis; er durch⸗ renztr dasſelbe keuchend und d den ſtieren Blick auf den Boden geheftet. Bisweilen war es, als mühe er ſich unter der Flucht verworrener Bilder, die auf ihn einſtürmten und ſeine Sinne in wildem Taumel umkreisten, einen Gedanken feſtzuhalten. Dann blieb er einige Sekunden lang mit angſtvoll umherirrendem Blicke ſtehen, fuhr mit den Hän⸗ den krampfhaft zu den Schläfen, ſtöhnte und eilte weiter. So erreichte er die Vorſtadt Roßau. Als er in die Schmidtgaſſe einbog, mußte er einen furchtbaren brennenden Schmerz im Gehirn empſinden, denn er ſchleuderte den Hut vom Kopf, preßte beide Hände an denſelben und ſtieß ein dumpfes, leiſes Geheul aus. So ſtürzte er vorwärts; wer ihm begegnete, wich ſcheu zur Seite.. Eine Minute noch und er erreichte den Thorweg des Weidneriſchen Hauſes. Vater Landsberger hatte ſich mit der Frau Nettel und den Kindern in ſeiner kleinen Parterrewohnung um den Tiſch geſetzt, auf dem das Nachtmahl ſtand. „Wo der Anton nur ſein mag!“ brummte Lands⸗ berger, indem er gravitätiſch nach dem großen Suppen⸗ löffel langte, der aus der neuen Terrine hervorſah.— „Er iſt heute Nachmittag aus der Fabrik fortgegangen, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen zu ſagen, ohne Er⸗ laubniß des Herrn ſogar!“ „Und nicht einmal beim Auszahlen des Wochen⸗ lohnes hat er ſich eingeſtellt! verſetzte Frau Nettel, wäh⸗ rend ſie den Kindern Brot ſchnitt.—„Sollte er wieder ſeine Grillen haben?“ „Kann mir's nicht denken,“ war Landsberger's Antwort,„denn er hat heute in der Frühe geſungen, wie er's ſeit ein paar Tagen thut, und kurz bevor er fort⸗ ſchlich, ſprach ich ihn noch, da ſagte er: Vater Lands⸗ berger, ich bin jetzt ſo luſtig, daß ich ſchon tanzen könnte, wenn ich nur den Kukuk ſchreien hörte und ein altes Weib auf einem Strohhalm dazu blaſen würde.— Das ſagte er und ich antwortete ihm: Weißt Du, Anton, das freut mich, aber hübſch Maß halten muß man in Allem — außer denn, man ſetzt ſich zum Wein!“ „Du fängſt ſchon wieder an, ein rechter Spaßmacher zu werden, Landsberger!“ ſagte Frau Nettel lächelnd. „Und warum denn nicht?“ antwortete der wackere Alte auflachend.„Wenn die Sonne auf dem Uebungs⸗ marſch iſt, ſchlagen die Heuſchrecken die Trommel!“ 289 Landsberger hatte kaum geendigt, als er ein Ge⸗ räuſch an der Thür vernahm. Er ſchaute zu dem, in dieſer Thüre angebrachten Fenſter und erblickte hinter demſelben ein bleiches, ver⸗ zerrtes Antlitz, aus dem düſtere, unheimliche Augen ihm entgegenfunkelten. Landsberger fuhr betroffen von ſeinem Seſſel in die Höhe.. „Was gibts denn?“ rief die Frau verwundert, „Du biſt ja blaß, als ſähſt Du ein Geſpenſt!“ „Ich glaub's beinahe!“ murmelte Landsberger. „Schau dort hin, Alte!“ Und Landsberger deutete auf das Fenſter. Frau Nettel folgte mit dem Blick der angegebenen Richtung. Plötzlich ſtieß ſie einen Schrei aus und ſprang ebenfalls auf. „Das iſt der Anton!“ rief ſie.„Um Gottes willen, wie ſieht der aus!“ Die Thür ging auf. Der, welchen die Frau genannt hatte, wankte die beiden Stufen hinab in's Zimmer. Die Kinder, die ſonſt Anton ſtets entgegengeſprun⸗ gen waren, flüchteten ſich jetzt ſchreiend vor ihm vom Tiſch in einen Winkel. Anton ſtierte das Ehepaar an. „Da bin ich!“ rief er wild auflachend.„Was er⸗ Fabrikanten und Arbeiter. III. 290 ſchreckt Ihr bei meinem Anblick? Ich ſehe es wohl! Bin ich Euch nicht luſtig genug? Hört Ihr nicht, daß ich lache? Ihr wollts ja immer! Habt Ihr Wein?* „Anton, wo kommſt Du her? Was iſt Dir?“ rief Landsberger beſtürzt. Frau Nettel wich zurück. „Er hat Blut an den Händen kleben und im Ge⸗ ſicht!“ ſchrie ſie. Der Wahnſinnige richtete ſeinen Blick ſtarr auf den gedeckten Tiſch. „Blut! Da ſagt Einer etwas von Blut!“ ſtieß er hervor.„Wer weiß davon, daß ich ihn erſtochen habe —? Er ſelber kann's nicht ausſagen— er iſt todt— todt! Haſt Du Todte reden hören, Mann?“ Anton wankte zu Landsberger, ergriff ihn am Arm und blickte ihn verſtört an. „Toni, beſinne Dich, um Gottes willen, komm' zu Dir!“ rief Landsberger, die Hand Antons von ſich los⸗ machend.„Was iſt Dir geſchehen? Setze Dich! Haſt Du getrunken?“ Anton ließ den wüſten Blick umherſchweifen. „Ihr Blut getrunken?“ ſagte er beinahe tonlos und zuſammenſchauernd.„Bin ich ein wildes Thier?“ Dann fuhr er mit einer Hand zum Scheitel. 291 „O weh, mein Kopf—!“ ſtöhnte er.—„Das brennt— mein Hirn verbrennt— gebt mir Wein!“ Und er taumelte zum Tiſch.. „Ihr Blut getrunken?“ fuhr er fort und brach in krampfhaftes Lachen aus—„Wie hätte ich's können —? Es wäre luſtig geweſen, und man will ja, ich ſoll luſtig ſein—!— Wie hätte ich's trinken können— ich habe ſie ja erdroſſelt!“ „Jeſus Maria!“ ſchrie Frau Nettel, ſich bekreu⸗ zigend, indem ſie zu ihren Kindern ſprang, dieſe mit ihrem Körper ſchützend.„Der Toni iſt—“ Die Frau ſtockte in ihrer Angſt. Landsberger aber trat an Anton heran. „Was redeſt Du da für tolles Zeug?“ brummte er begütigend.—„Komm' in Deine Kammer,ich bringe Dir Waſſer, lege Dich ſchlafen, Toni, Du biſt krank!“ Anton ſtützte ſich auf den Tiſch und ſtarrte drüber hinweg. „Schlafen? Ja, ſie ſchlafen auch,“ murmelte er anfänglich dumpf, dann lauter ſeine Stimme erhebend, „ſie und der Baron, der Verführer! Ich verhalf ihnen dazu!— Aber auch ich muß hinüber— denn ſonſt— ſonſt iſt er jenſeits allein bei ihr— und ich—? Was will ich denn?“ Antons leerer Blick ſuchte nach Etwas auf dem Tiſche. 19 ⅔ 292 Plötzlich ſtieß der arme Wahnſinnige einen gellen⸗ den Schrei aus. Er hatte das große Brotmeſſer ge⸗ wahrt, das neben dem Teller der Frau Nettel lag, Haſtig griff Anton nach dieſem Meſſer. Mit Blitzesſchnelle packte Landsberger den Arm des Unglücklichen. „Was willſt Du mit dem Meſſer 2“ rief der Alte entſetzt. „Laß mich los!“ ſchrie der Angeredete, indem er eine Anſtrengung machte, ſeinen Arm von der kräftigen Fauſt Landsberger's zu befreien.„Was hinderſt Du mich? Du haſt vollends keine Urſache mich zu hindern— ich kenne Dich wohl— Du biſt der Vater Landsberger — ja, ja,“ fuhr er wie träumeriſch fort.„Du biſt ihr Vater— ihr Vater— und ich komme von ihr— ich habe ſie umgebracht!“ Frau Nettel ſchrie auf, Landsberger ſtarrte, außer ſich vor Schreck, den Unglücklichen an. „Die Julie?“ ſtammelte er,„Du hätteſt die Ju⸗ lie— 2“* Anton brach plötzlich in ein ſchneidendes Gelächter aus. Er blickte wild auf. „Wer redet von der Julie?“ ſchrie er, während ſeine Züge krampfhaft zuckten.„Sie iſt todt, und ihr Verführer auch,— wollten ſie nicht die Papiere, um 293 mich zu betrügen?— Todt iſt der Schelm— ſiehſt Du nicht das Blut an meinen Händen, Mann? Sie muß⸗ ten ſterben— und das muß ich auch— ſonſt— hörſt Du, laß mich los— ſonſt iſt er drüben allein bei ihr, und ich kann nicht zwiſchen ſie treten!“— Der Wahnſinnige riß ſich los und zuckte das Brot⸗ meſſer gegen ſeine Bruſt. Landsberger aber packte die Hand, welche das Meſſer hielt, von Neuem. Der muskulöſe Alte war ſtär⸗ ker als der Unglückliche, er hatte im Nu das Meſſer und ſchleuderte es weit von ſich. Mit dumpfen Geheul warf ſich Anton auf den Vater ſeiner erdroſſelten Geliebten, den er jetzt nicht mehr zu kennen ſchien. Sie rangen mit einander. Es war ein heißer Kampf. Der Tiſch war umge⸗ ſtürzt und ſchlug ſammt Allem was darauf ſtand, kra⸗ chend zu Boden. Die Kinder ſchrien, Frau Nettel jammerte und rief um Hülfe. Eine Minute noch und Anton lag überwältigt am Boden. Landsberger hielt den Armen, dem der Schaum vor dem Munde ſtand und der mit den Füßen um ſich ſchlug, kräftig nieder. „Einen Wäſchſtrick her, Weib!“ keuchte Landsber⸗ ger.„Ich muß ihn binden!“ An allen Gliedern zitternd, wankte Frau Nettel zu einem Kaſten; ſie brachte das Verlangte. Unter furchtbarer Anſtrengung band Landsberger den Wüthenden. „Rufe den Kutſcher, und wenn noch irgend wer in der Fabrik ſein ſollte!“ fuhr Landsberger athemlos fort.„Auch dem Herrn bringe die unglückliche Nachricht — aber mache kein Aufſehen!“ Frau Nettel ſchlotterte voll Grauſen an dem brül⸗ lenden Anton vorüber und zur Thür. Sie ſtand im Begriff, die Stufen zu derſelben ha⸗ ſtig hinaufzuſpringen, als dieſe von außen geöffnet ward. Weidner und Ferval erſchienen an der Schwelle. „ um Gottes willen, was geht da vor?“ rief der Fabrikant beſtürzt. „Der Anton hat den Verſtand verloren,“ keuchte Landsberger zur Antwort, während er auf der Bruſt des Armen kniete und ihm die Hände band—„und ich fürchte nach ſeinen verwirrten Reden, er beging einen Doppelmord— die Julie und den Baron—“ „Entſetzlich!“ murmelte Weidner, die Stufen zum Zimmer hinabſteigend.„Dieſe unglückliche Leidenſchaft!“ Weidner und Ferval, welcher dem erſteren in das kleine Gemach gefolgt war, ſchickten ſich an, Landsberger beizuſtehen. 295 „Laſſen Sie's nur,“ rief der Alte,„ich bin ſchon mit dem armen Burſchen fertig! Es iſt ein Unglück— wir glaubten ihn ſchon auf gutem Wege— dahin hat's kommen müſſen— und die Julie—!“ Landsberger ſprang auf. Anton lag regungslos und gefeſſelt am Boden, denn jetzt waren auch ſeine Füße gebunden. Noch immer ſchäumte der arme Wahn⸗ ſinnige vor Wuth und verdrehte die Augen, aber kein Laut kam über ſeine zuckenden Lippen. „Und in ſolchem entſetzlichem Zuſtande kam er hieher?“ fragte Weidner. „Ja, Herr!“ entgegnete Landsberger dumpf. „Soeben erſt?“ „Vor wenigen Minuten.“ „Und was ſind das für Papiere, welche dort neben ihm auf den Boden liegen?“ „Papiere?“ rief Landsberger. Er ſah jetzt erſt ein Packet Schriften, das beinahe zu Füßen des Geknebelten lag. Landsberger hob es auf. „Als die Beiden mit einander rangen,“ ſtammelte Frau Nettel,„da fiel es dem Anton aus dem Rock!“ „Seltſam!“ brummte Landsberger, einen düſteren Blick auf den am Boden Liegenden werfend.„Wie das d 96 Alles zuſammenhängen mag— ſehen Sie nur, der An⸗ ton hat ganz fremde, feine Kleider an—“ „Gebt mir die Schriften,“ unterbrach ihn Weid⸗ ner,„vielleicht finden wir in ihnen irgend einen Auf⸗ ſchluß!“ d„Ja, ja,“ rief Frau Nettel, ner ſchrie vorhin, daß man die Papiere von ihm wolle, ihn zu betrügen!“ Landsberger reichte ſeinem Herrn das Packet. Wäh⸗ rend er dieß that, entfiel demſelben ein Billet. Feerral, der bei dem ganzen Auftritte ein ſtummer, beſtürzter Zeuge geweſen war, bückte ſich, nahm es auf, und gab es dem Fabrikanten. Bevor Weidner noch die Papiere prüfte, entfaltete er dieſes Billet. „Was ſehe ich!“ rief er im höchſtem Grade über⸗ raſcht, nachdem er einen Blick auf die Unterſchrift des Schreibens geworfen hatte. Und nun überflog Weidner haſtig die wenigen Zeilen. Er hatte das Billet der Mamſell Liſette in Hän⸗ den, das dieſe an Stahl ſchrieb, ihn von der beabſich⸗ tigten Trauung der Fervals in Dornbach zu benachrich⸗ tigen.„Beeilen Sie ſich dieſer Trauung Hinderniſſe entgegenzuſetzen, ſonſt werden Sie um alle Ihre Hoff⸗ nungen betrogen ſein!“ waren die Schlußworte des Billets. 297 „Wunderbar!“ murmelte Weidner.„Wie kam das in die Hände jenes Unglücklichen dort?“ Dann hielt er Ferval mit leuchtendem Blicke da Billet hin.. „Leſen Sie!“ ſagte er. Ferval nahm das Billet und überflog es. Während dieſes geſchah, ſchlug Weidner die Pa⸗ piere auseinander. Einen Augenblickſtarrte er ſprachlos auf die Blätter. „Die gefälſchten Schriften des Barons, mit denen Stahl mich betrügen wollte!“ murmelte er dann. Ferval hatte geendigt. Betroffen ſah er Weidner an, als er ihm das Billet zurückgab. Dann ſchweifte ſein Blick zu den Papieren hinüber, die der Fabrikant in den Händen hielt. Wie durch einen Zauber gebannt blieb dieſer beinahe ſchreckhaft auf den Schriften haften.. „Allmächtiger Gott,“ ſchrie der junge Mann in furchtbarer Aufregung erblaſſend,„das iſt dieſelbe Handſchrift— dieſelbe!“ „Welche?“ fragte Weidner haſtig. „O mein Gott, ich habe ihn ja hier, den Brief!“ fuhr Ferval bebend fort. Und ſeine Finger wühlten in fieberhafter Eile in der Bruſttaſche ſeines Rockes. 298 Jeetzt riß er das Schreiben daraus hervor, durch welches Stahl in ſo grauſamer Weiſe Thereſe bei ihm verdächtigt hatte. . Keines Wortes mächtig, drückte er es Weidner in die Hand. 3 Dieſer entfaltete es auf den Papieren und las es. Das Antlitz des Fabrikanten überflog der Ausdruck einer freudigen Ueberraſchung. „Ja, ja, dieſelbe Handſchrift!“ rief er lebhaft, als er geendet hatte.„Es ſind die Schriftzüge des Barons.“ „Welches Barons?“ ſtammelte Ferval. „Der Baron Lenz iſt, wie dieſe Liſette, ein Werk⸗ zeug Stahl's!“ entgegnete Weidnexr.„Mir iſt jetzt Alles klar, Herr von Ferval, Sie haben Ihrer Gattin ein großes Unrecht gethan!“ Ferval ſchlug den Blick zu Boden. „Wie aber mögen die Papiere des Baron Lenz in die Hände des armen Burſchen gekommen ſein?“ fuhr Weidner fort. „Wer redet vom Baron?“ röchelte der Wahn⸗ ſinnige am Boden.„Ich erſtach ihn, weil er mir die Julie entführen wollte,— hättet ſie ſehen ſollen, wie ſie zuckte, als ich ihr die Kehle eindrückte,— Niemand hat ein Recht auf ſie, als ich!— Niemand!— Gebt mir das Meſſer!“ ——— 299 „So iſt es wirklich geſchehen, was der Unglückliche dort ſagt?“ ſtöhnte Landsberger und ſchlug entſetzt die Hände zuſammen. Weidner und Ferval ſtanden eine geraume Weile erſchüttert da. Der Fabrikant ermannte ſich zuerſt. „Der arme Anton kann hier nicht bleiben!“ ſagte er, auf Anton deutend.—„Lauft, oder ſeid Ihr zu an⸗ gegriffen, Landsberger, ſo ſchickt einen meiner Leute um einen Fiaker. Was Anton im Wahnſinn that, wie ich befürchte, iſt nicht zu ändern, wir werden dem weiter nach⸗ forſchen und die nöthige Anzeige machen. Für den un⸗ glücklichen Burſchen ſelber iſt wohl das Beſte, er kommt ſogleich in's Irrenhaus!“ „In's Irrenhaus!“ murmelte Landsberger ſchmerz⸗ lich vor ſich hin.—„Ich ſagte es ihm voraus!“ „Kommen Sie, Herr von Ferval,“ fuhr Weidner fort,„Sie haben Vieles wieder gut zu machen!“ Der Angeredete fuhr aus ſeiner Erſtarrung auf. „Ja, ja! Mein armes Weib, meine Thereſe,“ rief er leidenſchaftlich.—„Ich muß zu ihr, ſie anflehen, daß ſie mir vergebe! O, mein Gott, ich war ſo thöricht, ſo verblendet, an Thereſen's Tugendhaftigkeit zu zwei⸗ feln! Stahl iſt ein Teufel! Entſchuldigen Sie mich, Herr von Weidner, ich muß fort, muß zu ihr hinaus. Sagen Sie Pauline, daß ich ſie nicht ſehen könne, daß 300 meine Pflicht, meine Reue mich zu der gekränkten Gattin rufen! Leben Sie wohl!“ Ferral ſtürzte zur Thür. „Halt! Wohin?“ rief ihm Weidner nach. „Sie haben es gehört,“ war die haſtige Antwort, „zu ihr, der ich unausſprechlich wehe that! Jeder Augen⸗ blick, bis ich Thereſen wiederſehe, iſt mir eine namenloſe Folter!“ „Nun denn,“ entgegnete Weidner,„Sie haben nicht nöthig weit zu gehen. Ihre Frau iſt in meinem Hauſe, hier im erſten Stock, bei meiner Frau und Pau⸗ linen.“ „Wäre es möglich?!“ ſtammelte Ferval, in deſſen Antlitz Schmerz und Entzücken mit einander rangen. „Thereſe hier?— O, mein Gott—“ ſetzte er plötzlich entmuthigt mit bebender Stimme hinzu.„Ich bereitete ihr furchtbare Qualen,— ſie wird mich verachten, mich nicht ſehen wollen!“ 3 „Ihre Frau erwartet Sie hier ſeit einer Stunde,“ antwortete Weidner,„das wird Ihnen genügen, nach Allem was vorgegangen, nicht auch an ihrer Liebe zu zweifeln!“ Ferval blickte Weidner erſchüttert an, eilte auf ihn zu, und preßte den wackeren Mann ſchluchzend an ſich. Dann ſtürmte er wie raſend fort, zur Thür der 301 kleinen Hausmeiſterwohnung hinaus, durch den Gang der Einfahrt die Stiege hinauf. Weidner aber legte die Papiere und die beiden Billete ſorgfältig zuſammen. „Mit dieſem da,“ murmelte er vor ſich hin,„werde ich Stahl, wenn auch nicht vernichten,— um Paulinen's willen,— doch für immer unſchädlich machen!“ „Sorgt für den armen Burſchen dort! Ihr habt von mir Vollmacht, für ihn zu thun was ſich thun läßt!“ ſagte er zu Landsberger. Und auch Weidner verließ das kleine Gemach, und folgte Ferval in den erſten Stock des Hauſes. Wir aber müſſen uns nach Schottenfeld und zur Wohnung Stahl's wenden. Als dieſer ſein Haus verlaſſen hatte, um bei der Behörde anzugeben, daß die Anzeige von einem bei ihm begangenen Diebſtahle eine irrthümliche geweſen ſei, war er nicht weit gekommen. Kaum hundert Schritte von ſeinem Hauſe hatte ihn ein Schwindel erfaßt, und ihn genöthigt umzukehren. An der Thüre ſeines Haus⸗ meiſter⸗Portiers war er ohnmächtig zuſammengeſunken. Von dort hatte man ihn hinauf in ſein Schlafzimmer getragen und ſogleich zu einem Arzt geſchickt. Bevor noch dieſer erſchienen war, hatte ſich, auf die Anzeige des Werkführers hin, ein Polizeibeamter des Bezirkes 30² eingeſtellt, aber, ohne daß er ſich näher von der An⸗ gelegenheit hätte unterrichten können, wieder entfernt, da der Fabrikant, der ſich inzwiſchen von ſeiner Ohn⸗ macht erholt, nicht zu ſprechen war und Frau Stahl confuſe und einander entgegengeſetzte Antworten ge⸗ geben, und ſchließlich erklärt hatte, die ganze Sache ſei von gar keinem Belang. Anderthalb Stunden waren wohl vergangen, da ſaß Stahl im Wohnzimmer. 8 Sein wachsgelbes Antlitz war entſtellt. Seine aus dunklen Ringen unſtät hervorleuchtenden Augen hatten einen unheimlichen Ausdruck und jenen Glanz, der dem Blicke eines vom Fieber beſchlichenen Menſchen eigen iſt. 1 Im Zimmer befand ſich nur noch die dicke Fabri⸗ kantin. Sie hatte völlig den Kopf verloren und ging händeringend und jammernd von Zeit zu Zeit auf und nieder. „Heule nicht, Weib!“ rief Stahl, indem er auf⸗ ſprang und eine Geberde der Angſt und Ungeduld machte. „Sobald Robert mit der Ottilie zurückkehrt, und das wird er, iſt Alles wieder ausgeglichen!“. „Ottilie wird nicht zurückkehren,“ ſchluchzte die Frau,„ich kenne ſie! Sie ließe ſich eher tödten! Sie iſt hartnäckig, das arme Kind, o mon Dieh!“ „Durch Deine thörichte Schwäche iſt ſie ſo gewor⸗ 303 den, eine ungerathene, ſelbſtſüchtige Tochter!“ verſetzte Stahl heftig. „Und Du,— Du brachteſt ſie zur Verzweiſlung, das arme Kind, durch alle die Pläne, welche Du mit ihr vorhatteſt! Als ein Mädchen, jung nund ſchön, von einundzwanzig Jahren, ihr Herz den Speculationen eines liebloſen Vaters zum Opfer bringen müßte! Iſt Ottilie ſelbſtſüchtig, ſo haſt Du es verſchuldet, nicht ich! An mir nur ſah ſie, wohin es führt, wenn man gutherzig genug iſt, ſich vom Manne tyranniſiren zu laſſen. Ottilie hat Ehrgefühl, mehr als ei o mon Dieh—“ .„Chr rgefühl,— die Diebin!“ „Du triebſt ſie zum Aeußerſten! Du wirſt uns Alle noch in's Unglück ſtürzen!“ „Schweig, oder ich vergreife mich an Dir, Weib!“ donnerte Stahl, deſſen Geſichtsmuskeln in ſchwer ver⸗ haltener Wuth convulfviſch zu zucken gegannen⸗ Die dicke Dame, ſchon durch den leiſeſten Zorn⸗ ausbruch ihres Gatten willenlos gemacht, ſank ſeufzend „in ein Fauteuil, und bedeckte ſchluchzend mit den fleiſchi⸗ gen Händen ihr Antlitz. „O mon Dieh, meine Ottilie!“ ſtöhnte ſie, wäh⸗ rend Stahl furchtbar erregt im Zimmer auf und nieder ſchritt. „Robert wird ſie bringen, die Ehrvergeſſene,“ rief er,„und dann werden wir abrechnen mit einander,— Du und Ottilie, Ihr ſollt in Zukunft andere Tage bei mir haben!“ „Drohe nur,“ ſtammelte Frau Stahl, indem ſie die Hände kraftlos ſinken ließ,„Du kannſt kein größerer Barbar gegen ein leibliches Kind und eine Frau von savon vivre ſein, als Du es ſchon warſt! Aber meine arme Ottilie wird ſich nicht ohne Weiteres hierher ſchlep⸗ pen laſſen! Sie wird nicht mit Robert kommen!“ 1„So bringt er das Geld! Daran iſt mir mehr ge⸗ legen als an der leichtſinnigen Dirne!“ „Rabenvater!“ Stahl überhörte den Ausruf ſeiner Frau. Die Angſt, welche ihn raſtlos im Zimmer auf und nieder trieb, ſtieg mehr und mehr. „Robert könnte längſt zurück ſein!“ murmelte Stahl.—„Sollte er zu ſpät gekommen ſein? Hat er ſie bis zum Bahnhof verfolgen müſſen? Und erreichte er ſie dort nicht— wußten ſie ihm durch Liſt zu ent⸗ gehen— 2 Aber Robert iſt ſchlau, eine verſchmitzte Natur, ein Satan— ihm ſind ſie nicht entgangen!— „Doch, der Burſche iſt ſo wenig zuverläſſig wie das Mäd⸗ chen— o mein Gott, für Beide habe ich raſtlos ge⸗ ſtrebt, gerungen, für Beide bin ich— Verbrecher ge⸗ worden— und Beide vergelten mir mit Undauk!“ 305 Stahl blieb ſtehen und ſtarrte ſchmerzerfüllt vor ſich hin. Wohl hatte er ſoeben noch erklärt, daß ihm an der„leichtſinnigen Dirne“ nichts gelegen ſei, dennoch liebte er ſeine ſchöne, ſtolze Tochter Ottilie, und ihr ari⸗ ſtokratiſcher Unabhängigkeitsſinn flößte ihm, wenngleich er ihn despotiſch jederzeit bekämpfte, eine Art Achtung vor ihr ein. Und ähnlich war es mit Robert. In ihm ſah er ſich ſelber verjüngt, er war aufgebracht auf ihn, weil Robert ſich keck der väterlichen Autorität entzog und ihm zu trotzen wagte, und er liebte ihn dennoch um ſei⸗ ner kühnen Verſchlagenheit willen. So waren ihm ſeine beiden ungerathenen Kinder, die er ſchon tauſendmal verwünſcht hatte, in's Herz gewachſen, ſie waren, außer der Luſt am Spiel und Luxus, ſein einziges Glück, aber zugleich auch ſeine Hölle. Plötzlich ſchreckte der Fabrikant aus ſeinem ſchmerz⸗ vollen Brüten empor. Er hörte vom Gange das Hallen raſcher Schritte. Unmittelbar darauf öffnete ſich die Thür des Wohn⸗ zimmers. Robert trat ein. Stahl ſtürzte ihm entgegen. „Wo iſt Ottilie?“ rief er haſtig. „Fort!“ war Robert's gelaſſene Antwort. „Du lügſt!“ ſchrie Stahl entſetzt. Fabrikanten und Arbeiter. III. 20 306 „Wenigſtens erwiſchte ich ſie ſo wenig wie den Baron!“ verſetzte Robert ſo ruhig wie vorhin, ſich ge⸗ wiſſermaßen an der Beſtürzung ſeines Vaters weidend. . Frau Stahl ſtieß einen Schrei aus und ſank auf die Rücklehne des Fauteuils zurück. „Du verfolgteſt ſie bis zur Eiſenbahn?“ keuchte Stahl. „Nein— ich hatte nicht den Auftrag.“ „Hund!“ brüllte Stahl außer ſich, indem er ſich auf Robert warf und ihn ſchüttelte.—„Du warſt mit ihnen im Komplot!“ „Vater, beſchimpfen Sie mich nicht!“ rief Robert, indem er einen Zorn erheuchelte, den er nicht fühlte.— „Laſſen Sie ab von mir, ſonſt vergeſſe ich, daß ich Ihr Sohn bin!“ Und der fünfzehnjährige Taugenichts riß ſich aus den Händen ſeines Vaters los. Stahbs Arme ſanken kraftlos nieder. Mit einem Blicke, in dem unſägliches Herzleid lag, ſchaute er auf den Sohn. „O, meine ungerathenen Kinder haben längſt ver⸗ lernt, ſich als ſolche zu betrachten!“ ſtammelte er. „Wer trägt daran die Schuld?“ rief Robert mit ſchneidender Kälte, indem er zur Thüre zurücktrat. Stahl machte eine leidenſchaftliche Bewegung, 307 Haß und Wuth loderten in ſeinen Zügen auf. Aber im nächſten Augenblick wurden ſie fahler und geſpenſtiſcher als zuvor. „Und mein Geld—!“ ſtöhnte er. „Ottilie ließ es nicht dem Diener des Barons zu⸗ rück!“ verſetzte Robert höhniſch.„Vielleicht beſinnt ſie ſich eines Beſſeren, und ſendet es Ihnen mit der Poſt, falls ſie es nicht vorziehen ſollte, die hübſche Summe mit ihrem Geliebten zu verpraſſen!“ Stahl's ſchmale Lippen bewegten ſich krampfhaft; er ballte die Fäuſte. Sein düſterer Blick ſchien den Bo⸗ den zu ſeinen Füßen durchdringen zu wollen. „Und mit einem elenden Abenteurer zu entfliehen!“ lallte er. „Wer führte dieſen elenden Abenteurer bei uns ein?“ ſagte Robert mit eiſiger Kälte.„Wer hat ſich mit ihm in allerlei mehr als verdächtige Spekulationen ein⸗ gelaſſen? Sie ſelber thaten das, Vater, Sie haben den Mann gekannt, und doch ſeinen Umgang mit Ihrer Tochter geduldet, weil Sie Ottilie für Ihre Pläne brauchten, und ihr doch ein Spielwerk für ihre Phan⸗ taſie laſſen wollten. Sie ſehen, daß man ſich leicht ver⸗ rechnen kann, wenn man zu viel rechnet!“ Stahl's Blick ſchoß vom Boden fort und glühend auf den Sohn. 20* 308 „Aus meinen Augen, Du höhniſcher Schuft,“ ſchrie der Fabrikant,„aus meinen Augen, der Du meiner ſpot⸗ teſt, nun ich durch Euch elend geworden bin!“ „Ich gehe,“ antwortete Robert kalt,„ich verlaſſe auf der Stelle für immer Ihr Haus.“ Frau Stahl ſtieß einen Schrei hervor, und machte vergeblich eine Anſtrengung ſich zu erheben. „Ich gehe,“ fuhr Robert fort,„und überlaſſe Ihnen zu bedenken, ob Sie elender durch Ihre Kinder wurden, als Ihre Kinder durch Sie!“ Und Robert verließ das Zimmer. Frau Stahl jammerte laut. Stahl ſtand einen Augenblick regungslos da, wie eingewurzelt. Als ſich die Thür hinter Robert ſchloß, that er einen haſtigen Schritt nach derſelben hin. „Robert!“ preßte er gewaltſam hervor. Dann wendete er ſich von der geſchloſſenen Thüre ab, wankte zum nächſten Seſſel, warf ſich darauf nieder, drückte die hageren Hände vor das Antlitz und ſtöhnte. „Meine Kinder verlaſſen mich,“ wimmerte er,„ſie vergelten mir mit Undank Alles, was ich für ſie that, ſie verachten mich! O mein Gott— ich bin elend— elend!“ Dann zog er die Hände vom Angeſicht fort und 309 ſprang in die Höhe. Eine dämoniſche Wuth verzerrte ſeine Züge, ſtrahlte aus ſeinem düſteren, unſtäten Blick. Er ſtampfte mit dem Fuße auf. „Und ich kann leben ohne ſie!“ rief er grimmig. „Wie lange wird es dauern, dann bin ich trotz Allem ein reicher Erbe, ein Millionär! Ottilie wird, was ſie hat und noch erhalten muß, bald vergeuden, dann iſt Dürftigkeit ihr Los, und früher noch als ſie wird der Taugenichts gedemüthigt ſein, der jetzt, ohne Schmerz, ja mit frecher Stirne dem Elternhauſe den Rücken wen⸗ det. Dann mögen ſie kommen und winſeln— ich werde ſie von meiner Schwelle jagen, in's Elend hinein— — ſie haben es nicht beſſer gewollt— ſie entäußern ſich ihres Vaters— dann werde ich— o großer Gott — großer Gott— meine— Kinder!“ Stahl rang verzweiflungsvoll die Hände. Der ſonſt ſo kalte, in den gefährlichſten Lagen des Lebens geiſtes⸗ gegenwärtige, egoiſtiſche Mann fühlte ſich ſchwach, ſah ſich ſeinem Schmerze gegenüber widerſtandslos. Die Frau jammerte noch immer laut. Der Blick des Fabrikanten irrte zu dieſer zuckenden Fleiſchmaſſe hinüber. „Weib,“ ſchrie er,„mache mich nicht wahnſinnig mit Deinem Geheul!“ Und Stahl war im Begriff aus dem Zimmer zu 310 entfliehen, in dem es jetzt beinahe völlig dunkel gewor⸗ den war. Da ward an die Thür gepocht, durch welche einige Minuten zuvor Robert verſchwand. Der Fabrikant ſtarrte mit weit aufgeriſſenen Augen zu dieſer Thüre hinüber. Er blieb regungslos ſtehen. „Wird es Robert ſein?“ ſagte er ſich bebend.— „Kehrt er zurück?“ „Herein!“ ſtammelte er. Die Thür ging auf. Der rothäugige Diener Anton erſchien. Er trug in einer Hand eine angezündete Modera⸗ teurlampe, in der anderen einen Brief. „Vom Herrn von Weidner!“ ſagte der Diener und hielt ſeinem Herrn den Brief hin. Beim Namen Weidner durchrieſelte es Stahl wie ein Fieberfroſt, er fühlte all ſein Blut zum Kopfe ſich drängen, und eine unerklärliche, ahnungsvolle Angſt be⸗ mächtigte ſich ſeiner. Mit bebender Hand griff er nach dem Briefe. Der Diener ſtellte die Lampe auf den Tiſch und entfernte ſich aus dem Zimmer. Stahl wankte anſeiner jetzt im Weinkrampfe leiſe ſchluchzenden Frau vorüber zum Tiſch. N„ Als er dort das Siegel des Briefes brach, war es ihm, als breche auch zugleich ſein Herz. Und jetzt glitt ſein Blick über das von der Lampe ſcharf erhellte, geöffnete Papier. Er las: „Dein ganzes nichtswürdiges Treiben iſt den Fer⸗ vals und mir enthüllt. Die gefälſchten Oraviczaer Pa⸗ piere des Baron Lenz und ein Billet Deiner Helfers⸗ helferin Liſette ſind in den Händen Ferval's, die Iden⸗ tität der Handſchrift jener Dokumente mit derjenigen des Briefes, welcher Thereſe verdächtigte, iſt erwieſen. Ferner iſt uns der unumſtößlichſte Beweis geliefert wor⸗ den, daß Du es wareſt, der das Attentat auf Thereſe ausgeführt, die Taufe verhindert, das anonyme Schrei⸗ ben dem Baron dikirt und den argloſen Mann There⸗ ſens in die Nähe der berüchtigten Gräfin gelockt hat. Die jungen Eheleute haben ſich mit einander verſtändigt und ausgeſöhnt, in dieſem Augenblick erfährt Frau von Heuber Dein ſchändliches Vorgehen. Von ihr haſt Du nichts mehr zu boffen; wie Ferval gegen Dich verfah⸗ ren wird, weiß ich noch nicht— mache Dich auf Alles gefaßt! Leopold Weidner.“ Als Stahl von dieſen Zeilen wieder aufblickte, die er, mit Entſetzen erfüllt, überflogen hatte, begannen ſeine 312 Züge mehr und mehr ſich grauenhaft zu verzerren; in wenigen Sekunden war mit ihnen eine furchtbare Verän⸗ derung vorgegangen. „Nichts mehr zu hoffen!“ murmelte er an allen Gliedern zitternd, während der Angſtſchweiß auf ſeine bleiche Stirne trat,—„Nichts mehr zu hoffen!— Wie ſind ſie in den Beſitz der Schriften gekommen, die Ottilie entwendete? Iſt das Mädchen arretirt, und der Baron— aber dann— wie kommt Ferval dazu?— O mein Gott,“ rief er verzweiflungsvoll, indem er den Brief Weidner's fallen ließ und mit beiden Händen nach dem Kopfe griff,—„ich habe keine Gedanken jetzt— Alles wüſt, verworren in meinem Gehirne!— Morgen ein Bettler, ein Bankerottirer— Gott, Gott!— Von Weidner keinen Beiſtand zu erwarten— von den Kin⸗ dern verlaſſen, verrathen vielleicht— hörſt Du's Weib? — Schaffe Rath!“ Uud Stahl ſprang in wilder Haſt zu der dicken Frau und rüttelte ſie, daß ſie hell aufſchrie. „Rathe Dir ſelber!“ jammerte ſie in Angſt und Schmerz.„Alles kommt über Dich, denn Du haſt Alles verſchuldet! Rathe Dir jetzt, Du wollteſt mich früher nicht hören, wenn ich warnte!“ Stahl fuhr von ſeiner Frau zurück. „Wollte ich nicht?“ rief er grell auflachend.„Ja damals,“ ſetzte er dumpf hinzu,„da war Alles klar in mir— meine Gedanken— mein Wille— da hatte ich Kraft— Energie— was brauchte ich da den Rath halbblödſinniger Geſchöpfe, wie Du biſt?— O mein Gott— aber das Unglück iſt über mich hereingebro⸗ chen— über mich— und nun iſt ein toller Spuck in meinem Gehirne,— und ich ſinne— ſinne—“ Stahl ſtieß einen Schrei der Wuth und Verzweif⸗ lung aus und ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirne. Dann ſtürzte er von Neuem auf ſeine Gattin ein und packte ſie. Das Haar hing ihm wirr von der Stirne herab, ſein Antlitz ward fahler, ſein Blick ſprühte unheimlicher als zuvor. „Weib,“ rief er bebend, indem er ſie heftiger rüt⸗ telte, ſo daß die unförmliche Fleiſchmaſſe mit dem Fau⸗ teuil umzuſtürzen drohte,„ſchaffe mir einen Ausweg— einen Gedanken— einen winzigen Gedanken,— Deine Verſchwendung, die Verſchwendung Deiner Kinder hat mich dahin geführt, wo ich bin— ſchaffe ſie mir— ſie fliehen mich Alle— ſie ſollen rathen— ſie ſind ver⸗ ſchmitzt, wie ich— Alle ſollen ſie rathen!“ „Jeſus Maria!“ wimmerte die dicke Frau entſetzt, —„Zu Hülfe!“ — „Still, ſtill!“ murmelte Stahl zuſammenſchreckend —„ſonſt hört Dich—“ „Die Polizei—,“ rief in dieſem Augenblicke der haſtig in das Zimmer tretende Diener Anton. Stahl ſtieß einen neuen Schrei aus, ließ die Frau los, die in ihrem Schrecken nicht vermochte, ſich vom Fauteuil zu erheben, und taumelte bis in die Mitte des Gemaches zurück. „Sie will mich— mich— Ferval hat mich ange⸗ geben!“ ſtöhnte er, einen Blick auf den Diener Anton ſchleudernd, der dieſen erzittern machte. „Die Polizeibehörde,“ antwortete der Diener zag⸗ haft,„ſendet den Herrn von Neuem, der ſchon zuvor wegen—“ „Still, ſtill, ich weiß Alles!“ unterbrach ihn Stahl haſtig ziſchelnd und mit ſeltſam wilder Geberde.„Ich morde Dich, wenn Du verräthſt, daß ich hier bin!“— Halte ihn auf, Anton, ich beſchwöre Dich, Herzens⸗ Anton— halte ihn auf— unten im Vorzimmer, bis ich fort bin— fort— weit fort! Da ſind ſie— ah, ſie ſchleichen heran— von allen Seiten— das ſind keine Menſchen— Teufel— ſcheußliche Larven— ſtill— ſtill— o ich bin liſtig— weh mir, ſie zünden mir's Gehirn an— ich brenne, ich brenne— Still— ſchreit nicht ſo— ich bin liſtig— ſie erwiſchen mich nicht!“ 315 Stahl hatte dieſe Worte, die der hervorbrechende Wahnſinn ihm in den verzerrten Mund legte, bald ziſchelnd, bald ſchreiend hervorgeſtoßen. Und nun er ge⸗ endet hatte, glitt der bleiche, grauenhaft anzuſchauende Mann wie ein Geſpenſt durch das Zimmer und ver⸗ ſchwand in das Seitengemach. Von dort ſchlüpfte er auf den Gang hinaus und ſchlich dieſen, von Zeit zu Zeit hinter ſich ſchauend, entlang, bis er eine kleine Hintertreppe erreichte, die auf den Hof führte. Raſch huſchte er dieſe Treppe hinab, ſprang in den Hof hin⸗ aus, war im folgenden Augenblick in der Dunkelheit an der Mündung des Thorweges, glitt an der Glaswand entlang, in der ſich der eigentliche Eingang zu der Woh⸗ nung befand, und ſtürzte, wie er war, ohne Hut, auf die Gaſſe. Hier brannten bereits die Laternen. Der Wahn⸗ ſinnige durchkreuzte vorſichtig die Gaſſe, und eilte dort, alle dunklen Stellen derſelben aufſuchend, weiter, bis er ein düſteres Seitengäßchen gewahrte. In dieſes ſchlüpfte er. Wie wäre es jetzt möglich geweſen, ihn ausfindig zu machen, wenn man ihm von ſeinem Hauſe aus nach⸗ geſpürt hätte? Man dachte auch dort nicht daran, denn es herrſchte daſelbſt entſetzliche Verwirrung, und der Polizeibeamte war ja nur gekommen, Näheres über den 316 angemeldeten Diebſtahl zu vernehmen, und ſomit auf eine Flucht Stahl's unvorbereitet. Dieſer durcheilte mehrere Gaſſen. Es gelang ihm, trotzdem die Erſcheinung mit der verſtörten Miene und dem zerzauſten Haar nothwendig hätte auffallen müſſen, unbeachtet bis zum nächſten Linienthor zu kommen und dasſelbe zu paſſiren. Bald durchirrte er die Schmelz, dieſe rieſige Haidefläche, die zur Nachtzeit faſt Niemand ſonſt zu betreten wagt, als der Vagabund und der Wege⸗ lagerer. 8 Planlos ſtürmte er in die Dunkelheit hinaus, von ſchrecklichen Viſionen geängſtigt. 3 Es war eine wundervolle, milde Nacht, ganz ge⸗ eignet, ſelbſt in verhärteten, der Natur entfremdeten Gemüthern eine ſanfte Melancholie zu wecken, eine ſtille Sehnſucht nach dem Ueberirdiſchen, den leiſe aufdäm⸗ mernden Wunſch, das Herz von den elenden Sorgen wie eitlen Träumen des Erdenlebens zu entlaſten, und das ganze Sein in den beſeligenden Frieden der hehren Schöpfung verflüchtigen zu können. 3 5 Der raſtlos und keuchend vorwärts eilende Wahn⸗ ſinnige ſah und fühlte nichts von den Zaubern dieſer Nacht, ſie war ihm bevölkert mit grauenerregenden Ge⸗ ſtalten ſeiner geſtörten Phantaſie. Der Mond war ſpät aufgegangen und ſtand noch 317 nicht hoch genug am Firmament, daß er mit ſeinem blei⸗ chen Glanze die öde Fläche hätte erhellen und die Ge⸗ gend rings in traumhaftes Dämmerlicht hüllen können. Die rothe, feurige Kugel erſchien dem Gehetzten wie ein rieſiges Auge, das ihn mit ſeinem Glanze verfolge, wo⸗ hin er ſich wende, deſſen ſchmerzhaftem, in das Innerſte brennenden Blick er nun und nimmer zu entrinnen ver⸗ möge, erſchien ihm als das zürnende Auge Gottes. Immer und immer wieder mußte er ſchreckhaft darauf zurückſtarren, wie er weiter floh in dumpfer Verzweiflung. Er hatte die Haidefläche hinter ſich, und umging jetzt ſcheu die Häuſer des nächſten Ortes. Es war ihm, als tauchten aus allen den düſtern Fenſtern Menſchen⸗ geſtalten auf, als riefen alle dieſe Geſtalten, mit Fingern auf ihn deutend: Dort ſchleicht er hin! Greift ihn! Er ſtürmte weiter, hinter das düſtere Geſtrüpp des einſamen Feldweges ſich bergend, der hügelauf und nie⸗ der ſich zu den Gebirgsläufen des Wiener Waldes hinzieht. Aber in den Gebüſchen ſah er ſchaudernd Kobolde hocken, die ihm grinſend und hohnlachend ihre teufliſchen Angeſichter wieſen und die Arme nach ihm ausſtreckten. Und war nicht das flammende Auge hinter ihm drein, das höher und höher am Himmel ſtieg? Endlich brach er athemlos zuſammen, und drückte ſein verzerrtes Antlitz in das Moos des Weges. 318 Aber nur wenige Momente ließ es ihn da. Er richtete ſich ſtöhnend in eine ſitzende Stellung auf und ſtarrte umher. Der Mond war hoch und hatte jetzt ſeinen vollen Glanz. Die Gegenſtände rings um Stahl warfen einen Schatten. Er gewahrte dicht neben ſich den ſeinigen hocken. Mit einem Angſtſchrei ſprang der Unglückliche auf. Der ſchwarze Schatten neben ihm erfüllte ihn mit Ent⸗ ſetzen, er ſah in ihm eine Ausgeburt der Hölle. Stahl floh vor ſeinem eigenen Schatten. Nun hatte er Wald vor ſich. Er ſprang in die Nacht hinein. Hier erhellte der Mondesglanz nur zu Zeiten den Boden, und nur zu Zeiten tauchte ſein ſchwar⸗ zer Verfolger neben ihm auf. Er ſtolperte vorwärts, ſtürzte über Baumwurzeln und auf felſigen Grund nieder, aber er raffte ſich auf, an der Stirne blutend, Antlitz und Hände von Dornen⸗ geſtrüpp zerfleiſcht. 3 Weiter, weiter! Planlos, ſchreckhaft weiter! Endlich ſchleppte er ſich einen waldigen Hügel hinan. Wo war er? Hatte der Wahnſinnige eine Ahnung davon, daß er ſich dieſe Frage ſtellen könne? 3 Er hatte ſie. Die ſtrafende Vorſehung gab ihm für 319 wenige Momente ſein klares Bewußtſein zurück. Es war das wie ein flüchtiger Blitz. Und in dieſem flüchtigen Blitze erkannte der Un⸗ ſelige im fahlen Lichte der durch das Gezweige brechen⸗ den Mondſtrahlen den Weg, der ſich theilte, um hinter Gebüſch und gigantiſchen Bäumen wieder zuſammen⸗ zulaufen. Er erkannte neben ſich den Baum, hinter dem hervor er an Thereſen vorbei geſchoſſen hatte. „Heiliger Gott,“ ſchrie er, im zurückkehrenden Wahnwitz auf den Weg vor ſich hinausſtarrend,„dort kommt er,— ich erkenne ihn,— Ferval iſt's,— er will mich vor Gericht ſchleppen,— vor Gericht!“ Ein ſtarker Aſt des rieſigen Baumes bog ſich, leicht erreichbar, quer über die Stelle, wo Stahl ſchlotternd ſtand. Er gewahrte dieſen Aſt. Mit wilder Heftigkeit riß der Wahnſinnige ſein ſeidenes Halstuch herunter, ſchlang es um den Aſt und knüpfte mit zuckenden Fingern eine Schlinge. Und jetzt erhob er ſich auf den Zehen, den Gedanken an Selbſt⸗ mord, der durch ſein verſtörtes Gehirn fuhr, zur That werden zu laſſen. Da ſtieß er einen dumpfen Schrei aus, ſeine Sinne ſchwanden, er brach auf dem Wege zuſammen. Schlußceapitel. Der reizenden, wunderſamen Nacht folgte ein köſt⸗ licher Morgen. Der Himmel war tiefblau ausgeſpannt, bein Wölkchen trübte ihn. Die Sonne dergdldeig nicht allein die zahlloſen Giebel der Reſidenz, weder Dunſt noch Nebel über ihnen duldend, ſie ſenkte auch ihre derlläenden Strah⸗ len in die engen Gaſſ en und auf ihr buntes Getriebe, vor Allem aber in die Peien jener leichtbeweglichen, lebenſprühenden Menge, die unter dieſen Giebeln dichtet und trachtet, ſtrebt, träumt und ringt. Mit zarten Gold⸗ netzen zog ſie die Städter hinaus in's Freie. In ſonntäglichem Putz ſtrömte die Menge zu Wa⸗ gen und Fuß in die liebliche Umgebung Wiens, zu den nahen bewaldeten Hügeln und friſch duftigen Thälern, die 321 im Morgenglanze den vollen, üppigen Farbenſchmelz einer reichen Vegetation entfalteten. Ueber die Wieſen und Felder hin zog der Klang der Dorfglocken, in den Jubel der trillernden Vögel und aufjauchzenden Menſchen hinein. Auf allen Angeſichtern, ſelbſt den an Wochentagen ſorgenvollen, lag Frohſinn. Auch in der Neuwaldegger Villa herrſchte in einem kleinen Kreiſe, der ſich dort in früher Stunde ſchon bei⸗ ſammen gefunden hatte, ungetrübte Freude. Der Son⸗ nenglanz des herrlichen Morgens hatte dieſe Freude nicht in den Herzen der dort Verſammelten wach gerufen, wohl aber ließ er die Angeſichter der fröhlichen Gruppe, die ſich im Garten zu gemeinſchaftlichem Frühſtück ver⸗ einigt hatte, verklärter und glückſeliger noch erſcheinen, als ſie ohnehin ſchon waren. Die Freude aber, welche dieſe Menſchen einander anlächeln ließ, hatte einen tiefe⸗ ren Urſprung— man feierte ein Feſt der Verſöhnung. Inmitten des Kreiſes ſaß Fran von Heuber, die rüſtige Greiſin. Sie thronte in achtunggebietender Hal⸗ tung dort, aber ihre fleiſchigen, männlichen Züge waren nicht ſtrenge und ſtarr, wie gewöhnlich, ſondern hatten einen Anflug herzlicher Milde, ihr Blick ſchweifte ſogar von Zeit zu Zeit voller Zärtlichkeit zu Thereſen hinüber, die, wenige Schritte von ihr entfernt, ſich mit glückſeligem 21 Fabrikanteu und Arbeiter. III. 8 Ausdruck in den noch von all den Erſchütterungen der jüugſten Tage angegriffenen Zügen an ihren Gatten ſchmiegte. Ferval hielt Thereſens Hand in der ſeinen und hatte mit einem Arme die Taille ſeiner Frau umſchlun⸗ gen. Die Blicke beider verſenkten ſich bald voll Innig⸗ keit in einander, bald ſtrahlten ſie zu dem geliebten Kinde hinüber, das die alte Dame,— ein unerhörtes Er⸗ eigniß!— in dieſem Augenblicke auf ihrem Schooße ſtatt des Seidenpintſcher liebkoſte, der mit den anderen Hunden die Herrin umſpielte, ohne daß dieſe auch nur die geringſte Notiz von ihnen zu nehmen ſchien. Zur Linken der Frau von Heuber, unter der ſchat⸗ tigen Linde, an der ſich die kleine Gruppe verſammelt hatte, ſaß die ſtattliche Frau Weidner. Ihre herzgewin⸗ nende Miene trug den Ausdruck voller Zufriedenheit, ſie lächelte bisweilen zu dem Kinde und Thereſen hinüber, † aber öfter noch zu ihrem Franz und Paulinen, die neben ihr ſaßen und ſtill beſeligt vor ſich hin zu ſchauen ſchie⸗ nen, in Wahrheit aber einander verſtohlen mit den Augen ſuchten, einen Blick liebenden Einverſtändniſſes auszu⸗ tauſchen. Pauline trug nur noch eine ſchmale Binde über der Stirn. Die frohe Zuverſicht auf eine glückliche Zu⸗ kunft und das liebliche Sonnenlicht hatte zarten Roſen — 4 6 A — s 23 92 — auf ihre kürzlich noch bleichen Wangen gehaucht, ſie war ſchön in dieſer Verklärung, ſchön durch den Zauber des reinen Gemüthslebens, der in ihren intelligenten Zügen aufdämmerte, und dort die Melancholie der Entſagung verdrängt hatte. Franz ſagte ſich das, indem er mit zärtlicher Bewunderung heimlich zu ihr hinüber ſchielte. Und Leopold Weidner, der wackere Fabrikant, ſtand unfern von ihnen, faſt der Frau von Heuber gegenüber. Er hielt die Arme verſchränkt und überſchaute das Bild eines zu neuem, heiterem Glanze erwachten Fa⸗ milienlebens. Er war beſonnen und ruhig wie immer, aber in ſeinem Antlitz ſpiegelte ſich jene unendliche Güte ab, von der ſtets ſein Herz erfüllt war, ſelbſt dann, wenn er vor der Welt die Stirn in düſtere Falten zog, und in ſeiner Miene dem Fehlenden die eiſerne Strenge des gerechten Mannes zeigte. Jetzt leuchtete aus dieſer Miene unbe⸗ kümmert jenes Göttliche der Menſchennatur auf, das in ernſten Lagen des Lebens unſere Zuverſicht iſt, und das uns im Glücke freudige Weisheit lehrt. Die Dienſtboten des Hauſes gingen ab und zu, den Tiſch, um welchen die kleine Gruppe ſich geſchaart hatte, für das Frühſtück herzurichten. Wo aber war Manſell Liſette, die ſonſt in erheuchel⸗ ter Demuth bei ſolchen Gelegenheiten ſich geſchäftigzeigte? 8 21* Der Leſer wird es errathen, Frau von Heuber hatte etwa vor einer Stunde, nachdem die Gleißnerin aus der Frühmeſſe nach Hauſe zurückgekehrt, ohne Wei⸗ teres in ihrer derben Weiſe Mamſell Liſette mit Schimpf und Schande und in Gegenwart Aller zur Thür hinaus⸗ gejagt und ihr befohlen, ihre Effekten noch am lorcher Tage abholen zu laſſen. Mamſell Liſette war davongeſchlichen, ebenfalls in ihrer Weiſe, nämlich die Hände gefaltet, die Haltung demüthig, den Blick als Dulderin gegen den Himmel gerichtet. Fand ſie doch einen Troſt darin, daß ihr Erſpartes längſte von ihr gut angelegt worden! Frau von Heuber lächelte auf ihre Umgebung. „So iſt denn Alles wieder in Ordnung mit uns, Gott ſei Dank!“ fagte ſie in ihrer kurz angebundenen Art zu reden.„Da muß ich denn wohl auch dazu thun, was ſich gehört.— Thereſe, nächſten Sonntag alſo ſindet hier draußen Deine Trauing mit Ferval ſtatt, — hinterher iſt die Taufe Eueres Kleinen— es wird, weiß Gott, einmal Zeit damit!— und iſt die ganze Geſchichte abgemacht, dann lege ich noch an demſelben Tage mein Teſtament in Euere Hände!— Lieber Weid⸗ ner, ich hoffe, Sie ſtehen mir bei, daß ich damit zu rech⸗ ter Zeit Wort halten kann.“ —— — 8— — — 325 Die alte Dame ſchaute zu dem Fabrikanten hin⸗ über, der freundlich zuſtimmend nickte. „Ich dächte,“ fuhr die Greiſin fort, einen wohl⸗ wollenden Blick auf Pauline richtend,„es könnte nicht ſchaden, da das Mädchen dort, von der mir der künftige Schwiegerpapa ſo ſchöne Sachen berichtet hat, nun bald heirathet und obendrein mein Pathenkind iſt, wenn ihr das, was ihr als ſolchem von mir zukommt, bei der Ge⸗ legenheit ſogleich ausgezahlt würde, nicht wahr? Sie könnte es als eine Art Ausſteuer anſehen!“ Pauline erhob ſich, trat erröthend zur„Tante“ und küßte ihr die Hand. „Vergönnen Sie mir,“ ſtammelte ſie,„daß ich über dasjenige, was mir durch Ihre Güte zugewendet wird, nach meinem Herzen und Wunſch werde verfügen dürfen?“ „Ei, das iſt doch klar!“ verſetzte die alte Dame lächelnd. „Nun denn,“ liſpelte Pauline,„ſo zürnen Sie mir ht, wenn ich an meine armen Eltern abtrete, was Ihre verwandtſchaftliche Theilnahme, die ich in tiefer Dankbarkeit anerkenne, mir zugedacht hat. Ich bin über⸗ zeugt,“— fuhr ſie halb zu ihrem Bräutigam gewendet fort—„Franz wird mit meiner Bitte einverſtanden ſein!“ Der junge Weidner erhob ſich. Helle Freude leuch⸗ tete in ſeinem Antlitz auf. „Gewiß!“ rief er lebhaft. Die Greiſin aber ſtreckte, ohne ein Wort zu ſagen, einen ihrer Arme aus, zog mit derber Hand das erglü⸗ hende Mädchen an ſich und gab ihr einen herzhaften Kuß. „Sie haben's nicht um Dich verdient,“ ſagte ſie dann beinahe polternd, als ärgere ſie ſich über die Rüh⸗ rung, welche ſie in dieſem Augenblicke beſchlich—„aber — thue was Du willſt, Kind!“ Weidner lachte herzlich auf. „Sie hat ohnedies genug,“ rief er luſtig,„mein Burſche nimmt ſolchen Schatz auch ohne Mitgift— ich denke, er wird ſo auch vorwärts kommen,— er hat ja ſchon ſeinen erſten Bau!“ „Ja, ja, es wird ſchon gehen,“ ſetzte die wackere Hausfrau Weidner's hinzu, indem ſie ſchelmiſch lächelnd auf Franz blickte—„wenn's auch eine Wienerin iſt, die er heirathet!“ Franz erröthete tief. „Wie ſo?“ rief Frau von Heuber. „Das bleibt halt unter uns!“ antwortete die biedere Frau ſchalkhaft, während Franz zu Paulinen trat und ihr verſtohlen die Hand drückte. V 4 V 4 V 4 Frau Weidner hatte kaum geendigt, als ein Tu⸗ mult von der Landſtraße her, die dicht an der Hecke des Gartens lag, bemerklich wurde. Die Urheber des verworrenen Geräuſches, das ſo klang, als ziehe eine Schaar lebhaft ſtreitender Leute vorüber, konnten vom Garten aus nicht geſehen werden, da die Hecke desſelben mehr als eine Mannshöhe hatte. Weidner entfernte ſich, er wußte ſelber nicht, was ihn plötzlich wie inſtinktmäßig dazu antrieb, von dem traulichen Kreiſe, und trat wohl dreißig Schritte weiter, zu einer Gitterthüre der Hecke, von der aus man die Landſtraße erblicken konute.— Er ſah auf derſelben einen Volkshaufen ſich fort⸗ bewegen. Alle ſchienen ſich um einen Mann zu drängen, der geſchleppt ward, und um ſich zu ſchlagen verſuchte. „Was geht da vor?“ fragte Weidner einen der Leute, die zunächſt dem Gitter gingen. „Man hat einen Irrſinnigen im Pötzleinsdorfer Gehölze gefunden und bringt ihn in Sicherheit!“ war die Antwort. Weidner's Blick durchbohrte das Gewühl. Die Geſtalt des Mannes, der geſchleppt ward, er⸗ ſchien ihm bekannt. Jetzt hob dieſer Mann das verzerrte Antlitz. 328 „Stahl!“ murmelte Weidner erſchüttert und trat vom Gitter zurück. Der Volkshaufe zog weiter, das Geräuſch ward ſchwächer und verlor ſich. Als der wackere Fabrikant zu dem heiteren Kreiſe zurückkehrte, da war ſein Antlitz bleich, ſein Blick düſter. „Was iſt denn dort geſchehen?“ fragte ſeine Frau, indem ſie ihren Gatten befremdet anſchaute. „Man hat einen Unglücklichen vorüber gebracht — man führt ihn— zum Irrenhauſe!“ verſetzte Weid⸗ ner ernſt. „Gott ſei der armen Seele gnädig!“ ſagte Frau von Heuber. „Amen!“ flüſterte rings der kleine Kreis. „Es mußte ſo kommen!“ murmelte Weidner in ſich hinein.—„Er war ſchon längſt auf dem Weg zum Irrenhauſe!“ Ende. Druck von Lutſchansky u. Spitzer. ——— 8 3 .— 3 ſſſſſſſſſſniiſiiſſiſiſſſfüſſſſſſſſſſſſſſgfſ ſſſſinſinnnſinniin 3 1 ſſſſſiſſſſnüthdint 15 1 ſ1 6 7 8 9 10 11 12 1 4 6 17 *