= 8= deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. „ 7„„. 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wockes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —=——=m Leihbiblivtbek 1 1 ——=A AEEE BN Bibliothek deutſcher Briginalromane. Siebenzehnter Jahrgang. Einundzwanzigſter Band. — Fabrikanten und Arbeiter oder: Der Weg zum Irrenhanſe. II. — ½4——; Wien. H. Markgraf& Comp. 1862, —— Fabrikunten un Arbeiter 4 oder:— 5 Der Weg zum Irrenhauſe. Sozialer Roman von 1 Adolf Schirmer. Zweiter Theil. 2 Wien. H. Markgraſ& Comp. 1862. — Inhalt. Erſtes Capitel. Das Gegengift. Zweites Capitel. Entſetzliches Ereigniß Drittes Capitel. Am Schmerzenslager.. Viertes Capitel. Ein Schelm überliſtet den andern Fünftes Capitel. Auch eine Aſſoziation. Sechſtes Capitel. De Fnchs in der Klemme. Siebentes Capitel. Ein guter Tag. Achtes Capitel. Die Schneider⸗Fanni. Neuntes Capitel. Tante Heuber Zehntes Capitel. Im Faſſelgarten. Eilftes Capitel. Ein Familienleben.. Zwölftes Capitel. Der verhängnißvolle Brief Dreizehntes Capitel. Demi⸗monde.. Bierzehnntes Capitel. Die Grüſ vielfach be⸗ ſchäftigt. Fünfzehntes Capitel. Der Lüfhit i im Prrrdeis garten“... Fabrikunten und Arbeiter oder: Der Weg zum Irrenhaufe. —yʒ; Erſtes Capitel. Das Gegengift. Neun Tage waren ſeit jenem Auftritt vergangen, der die Taufe des Ferval'ſchen Kindes verhindert hatte. An dem Knaben war noch immer nicht die heilige Hand⸗ lung vollzogen worden, denn der Vater desſelben hatte ſeine in heftiger Entrüſtung hervorgeſtoßene Drohung, ſich an einen proteſtantiſchen Geiſtlichen wenden zu wollen, nicht erfüllt. Thereſe hatte in dieſen Tagen alle Qualen einer in ihrer Ehre verletzten Frau, einer liebenden, um das Heil ihres Kindes beſorgten Mutter, einer Gattin, die den Mann im ſtummen, inneren Kampfe mit ſich ſelber weiß, tief erſchüttert durchempfunden. Und doch hatte ſie nicht ihrem Schmerze in lauten Klagen und Thrä⸗ nenſtrömen Luft gemacht, oder ihren Gatten, der es Fabrikanten und Arbeiter. II. 1 2 eben war, welcher eine kirchliche Trauung in Brüſſel für unnöthig gehalten, mit Vorwürfen überhäuft. Nichts⸗ deſtoweniger beobachtete ſie mit ſtiller Angſt ihren Mann, der ernſt ſeinen Geſchäften nachging und ſein ihr gegenüber ſtets liebevolles Benehmen verdoppelte, ohne daß er ein Wort darüber fallen ließ, was nun zu be⸗ ginnen ſei. Der Wunſch, ſich nachträglich mit Ferval den Vorſchriften ihrer Kirche gemäß trauen zu laſſen, ſtand ihrem Herzen nahe, nicht etwa, weil ſie dieſes als für die Beruhigung ihres Gewiſſens nothwendig erach⸗ tet und ſomit ihr vor dem Maire in Brüſſel gegenſeitig abgelegtes Ehegelöbniß als unzulänglich erkannt hätte, denn, wie früher geſagt, ſie theilte die rationellen An⸗ ſichten ihres Gatten, ſondern weil ſie die Zukunft ihres Kindes im höchſten Grade gefährdet ſah, ſobald nicht den Erwartungen, ja geradezu dem Willen der ſtreng an ihrem Glauben feſthaltenden Tante entſprochen ward. Wurde Frau von Heuber die Möglichkeit genommen, bei dem Knaben Pathenſtelle zu vertreten, zog ſie ſich, was die unmittelbare Folge davon ſein mußte, von der Nichte zurück, dann ließ ſich auch mit Beſtimmtheit vor⸗ ausſagen, daß für ewig die Gunſt der alten Dame und damit das reiche Erbe verſcherzt ſeien. Ein Frauenherz, mag es ſonſt noch ſo uneigen⸗ nützig ſein, wird, wenn es zugleich das Herz einer Mut⸗ 2 ter iſt, in Bezug auf das Kind, an dem die ganze Seele hängt, egoiſtiſch. Wie natürlich iſt dieſes Gefühl, das beim Alles für ſein Kind opfernden Weibe noch mehr zur unabweisbaren Pflicht ſich geſtaltet, als die der Selbſterhaltung ſogar! Thereſe ſah nicht allein voraus, daß ihr Gatte, arm und ohne ſonderliche Protektion, wie er war, trotz ſeines Talentes ein mehr oder weniger klägliches Künſtlerdaſein führen, ſondern auch kaum in den Stand geſetzt ſein werde, für ihr Kind ſo viel zu thun, daß es dermaleinſt, wie ihr Mutterſtolz träumte, auf einer glänzenden Laufbahn vorwärts ſchreiten könne. Thereſen's Herz blutete bei dieſem Gedanken. Entſchloß ſich dagegen Ferval zu einer kirchlichen Trauung, und zwar zu einer durch einen Geiſtlichen ihres Glaubens vor⸗ genommenen, ſo ward ohne Zweifel die Tante verſöhnt, die ſeit jenem Auftritt nichts hatte von ſich hören laſſen, und ſogar am Tage nach der erſchütternden Kataſtrophe Ferval nicht hatte ſehen wollen, der nach Neuwaldegg gekommen war, der alten Dame Vorſtellungen zu ma⸗ chen und ſie für ſich zu gewinnen. Aber wie ſollte The⸗ reſe ihrem Gatten den geheimen Wunſch ihres Herzens bekennen? Ihr Zartgefühl ſchreckte davor zurück, dem geliebten Manne einen Zwang, eine Feſſel aufzuerle⸗ gen. Nach jeder Seite hin fühlte ſie ſich in einer be⸗ klemmenden, beunruhigenden Lage. 1* „Wenn er ſich entſchließen könnte,“ ſagte ſie ſich zagend,„das ausgeſprochene Wort zurückzunehmen, dann— dann hätte er es ſicher ſchon längſt gethan! Er weiß ſo gut wie ich, was für unſer Kind auf dem Spiele ſteht. Aber er liebt mich und ſein Kind und ahnt ſicher, was in mir vorgeht. Ich will, ich kann ihn nicht drängen! Wenn ſein Zorn verraucht iſt, wird er das Rechte zur Ausgleichung dieſes peinlichen Zuſtandes finden, ich hoffe es zu Gott!“ Das hatte ſich Thereſe in den erſten Tagen nach jenem Vorfall geſagt. Ferval war, nachdem er von der Tante abgewieſen worden, ohne ſie geſehen zu haben, niedergeſchlagen nach Hauſe zurückgekehrt, dann aber ſchien er ſich, vom nächſten Tage an, in das Unabän⸗ derliche zu fügen, jedenfalls ſprach er zu ſeiner Frau kein Wort, woraus ſie hätte ſchließen können, daß ſein Ideengang ſich ihren geheimen Wünſchen nähere. Er ward, anfangs verſtimmt und nachdenklich, von Tag zu Tag zuverſichtlicher, wie ein Menſch, der einen unwan⸗ delbaren Entſchluß gefaßt hat und ſich nun in ſeinen Vorſatz hineinlebt. Aber er ſprach dieſen Vorſatz noch immer nicht aus. Thereſe zitterte. Berührte er nicht den Gegenſtand, weil er fürchtete, ihre Hoffnungen mit einem Schlage zu vernichten? Und doch, mußke nicht 5 Alles endlich zur Sprache kommen „waren nicht acht Tage verſtrichen und das Kind noch ungetauft? Thereſe hatte keine Freundin, die zwiſchen ihr und ihrem Manne hätte vermitteln können, Pauline, das wie eine Schweſter zärtlich beſorgte Mädchen, die ſie mit der Innigkeit der Sympathie und Dankbarkeit liebte, das einzige Weſen, welches eine unumwundene Verſtän⸗ digung der beiden zartſühlenden Menſchen hätte herbei⸗ führen können, wie Thereſe überzeugt war, wurde am Tage nach der unterbrochenen Taufhandlung durch ihre Eltern abberufen, und hatte dem Befehle mit Schmerzen Folge leiſten müſſen. Sie war während dieſer neun Tage zu verſchiedenen Malen gekommen, ſich nach dem efinden Thereſens und des Kindes zu erkundigen, ſie hatte auch mit weiblichem Inſtinkte erkannt, was The⸗ reſe drücke, da aber dieſe ſchwieg, ſo hatte auch ſie ge⸗ ſchwiegen. Am zehnten Tage ertrug die junge Frau, die ſich ſo weit vom Wochenbett wieder erholt hatte, daß ſie um⸗ hergehen konnte, dieſen Zuſtand der Dinge nicht länger. Es war Morgen. Das Kind lag ſchlafend im Bettchen. Thereſe und Ferval befanden ſich allein im Zimmer. Der junge Mann ſaß an einer Staffelei, die und malte. Er ſtand im auf das er große Hoff⸗ er an's Fenſter gerückt hatte, Begriff, ein Bild zu vollenden, 6 nungen für ſeine künſtleriſche und ſomit auch materielle Zukunft ſetzte, und das er für die Kunſtausſtellung be⸗ ſtimmt hatte. Der Gegenſtand des nahezu fertigen Bil⸗ des war folgender: Eine arme, abgehärmte junge Frau befindet ſich im tiefen Schnee an der Schwelle des Fin⸗ delhaufes, dieſem, durch Noth und Verzweiflung getrie⸗ ben, ihr Kind zu übergeben. Sie hat das Körbchen, in dem ihr Kind lächelnd ſchlummert, vor die Thüre geſetzt, hat angeläutet, und entflieht nun mit dem Ausdrucke unſäglichen Schmerzes in Blick und Geberde. In eini⸗ ger Entfernung, im Schatten eines Häuſervorſprunges, ſteht eine Geſtalt, welche an die erſchütternde Situa⸗ tion, die der Maler gewählt hat, einen für den Beſchauer des Bildes wohlthuenden Abſchluß fügt,— ein alter, wohlgekleideter Herr, der mit der Theilnahme eines Menſchenfreundes ſich anſchickt, der armen Frau zu folgen, um ihr zu helfen. Dieſe Geſtalt verſöhnt mit der anfänglich einen peinlichen Eindruck erweckenden Idee des Künſtlers. Ferval gab, wie geſagt, die letzten Pinſelſtriche an das Bild, das mit ergreifender Wahrheit gemalt war. Er arbeitete emſig und gewahrte nicht, daß ſich ſeine blaſſe, junge Frau hinter ihn geſtellt hatte, und ihm über die Schulter blickte. Thereſe ſtarrte auf das Bild. Sie zitterte. Selt⸗ 7 ſame Fügung! Schon vor Monaten war der Plan zu dem Bilde entworfen worden, und wie paßte dieſes jetzt, wenn auch nicht zu ihrer Lage, doch zu ihrer Stimmung! Thereſe mußte den Blick unwillkürlich von dem lächeln⸗ den Säugling des Gemäldes auf ihr ſchlummerndes Kind richten. Erſchien ihr nicht die Zukunft ihres Kna⸗ ben in dieſem Augenblick ſo ungewiß und düſter, wie es nur diejenige eines armen, kaum erſt ausgeſetzten Fin⸗ delkindes ſein kann? Sie ſtieß einen leiſen Seufzer aus, ihr Körper ſchwankte; ſie mußte ſich auf die Lehne des Seſſels ſtützen, auf dem ihr Mann ſaß. Dieſer wendete ſich um. „Ah, Du biſt da!“ ſagte er mit zärtlichem Blick und liebevollem Lächeln.—„Ich hörte Dich in der That nicht kommen.“ Ferval gewahrte, daß im Auge ſeiner Frau eine hräne ſtand. „Was iſt Dir, Kind?“ ſagte er beſorgt, Pinſel und Palette zur Seite legend, und ſodann Thereſens ſchmale, weiße Hand erfaſſend.—„Du regſt Dich wie⸗ der auf, das muß Dir ſchaden. Ah,“ fuhr er fort, als er nun dem Blicke ſeiner Gattin folgte, die von Neuem auf das Bild ſtarrte,„jetzt ſehe ich's, mein Bild hat Dich ſo ergriffen! Geſteh's“ ſetzte er mit freudigem Stolze in Blick und Ton hinzu,„mein Bild erſchüttert, nicht 2 wahr? Und doch wird man ſich mit Befriedigung da⸗ von abwenden, denn die verſöhnende Geſtalt dahinten macht Alles wieder gut. Sie habe ich aber Deiner Ein⸗ gebung zu verdanken, liebe Thereſe. O, es iſt ein Glück für den Künſtler, wenn er ein denkendes und feinfüh⸗ lendes Weib beſitzt.“ Thereſe verſuchte zu lächeln, aber die bis jetzt ge⸗ waltſam unterdrückte Thräne tropfte zugleich über die bleiche Wange. „Sei ruhig, mein Herz,“ flüſterte der junge Mann ſchmeichelnd,„und vertiefe Dich nicht ſo in das Bild dort, Du biſt jetzt noch ſo nervös! Komm',“ ſetzte er hin⸗ zu, indem er ſich erhob und ſeine Gattin von der Staf⸗ felei fortführte,„ſieh nicht dorthin! Ich begreife, daß Dich in Deinem überreizten Zuſtande der Anblick der armen Frau ungewöhnlich aufregen muß. Da die Zeit drängt, hätte ich im anderen Zimmer malen ſollen. Aber Du ſelber wollteſt das nicht. Komm, blick' auf unſer Kind, ſieh nur, wie lieb es dort ſchlummert!“ „Ja,“ verſetzte Thereſe traurig,„es ſchläft ſo ſüß wie das andere auf Deinem Bilde, aber es erinnert mich auch daran, daß ſich uns kein Retter zeigen will, der uns mit dem Schickſal verſöhnt!“ Die Worte waren leiſe und ohne Vorwurf geſpro⸗ 9 chen worden. Aber ein tiefer, ſtiller Schmerz hatte ſich aus ihnen emporgerungen. Ferval ſchwieg und blickte auf den Boden. Es war, als kämpfe er mit ſich, ob er reden ſolle oder nicht. Endlich blickte er auf und ſchickte ſich an, die Lippen zu öffnen. Aber Thereſe unterbrach ihn. „Vergib, Charles,“ ſtammelte ſie in fieberhafter Haſt, denn ihre innere Qual war bis auf's Höchſte ge⸗ ſtiegen,„daß ich Dich von Deiner Arbeit fortgezogen, und Dich nöthige, mir Rede zu ſtehen. Ich ertrage die⸗ ſen Zuſtand der Ungewißheit nicht länger. Was haſt Du wegen unſeres Kindes beſchloſſen?“ „Was ich beſchloſſen habe?“verſetzte Ferval lang⸗ ſam und ausweichend.—„Warum ſollen wir uns jetzt ſchon beeilen, Thereſe? Unſer Kind iſt erſt zehn Tage alt. In einigen Wochen kann ſich Vieles ereignen. Was macht es uns, wenn unſer Knabe durch ein paar Wo⸗ chen ungetauft bleibt? Es iſt das ſogar der“— hier zögerte Ferval einen Augenblick und ſetzte dann mit lei⸗ ſer Betonung hinzu—„proteſtantiſchen Sitte gemäß.“ „Wie, Charles,“ antwortete die junge Frau mit unſicherer Stimme,„Du wäreſt alſo wirklich geſonnen, unſer Kind in Deinen Glauben aufnehmen zu laſſen?“ „Und wenn wir das nun thäten?“ entgegnete Ferval ſanft, indem er milde lächelte.—„Iſt er denn ſchlechter als jeder andere?“ Thereſe erröthete zitternd. „O mein Gott,“ entgegnete ſie haſtig und den Blick zu Boden ſenkend;„Du weißt, Charles, wie ich über Alles das denke! Es iſt nur der Tante wegen, daß ich frage!“ Thereſe ſchaute wieder auf und ſah ihren Gatten faſt flehend an. Dieſer blickte ihr tief in die Augen. Zum Erſtenmale hatte ſie ſeit den acht Tagen durch ein, wenn auch flüchtiges Wort verrathen, was ihr Inneres beſtürmte und ſie mit zartfühlendem Gemüthe zu ver⸗ bergen beſtrebt geweſen war. Es lag in der haſtig hin⸗ geworfenen Frage der jungen Frau mehr als die Sorge um das zukünftige leibliche Wohl des Kindes. Thereſe beſaß einen freidenkenden Geiſt, aber ſie hatte ſich doch nicht losgeſagt von der Religion, in der ſie aufgewachſen war, und welche die erſten gläubigen Träume ihrer Kindheit erſtehen ließ, die mit der Erin⸗ nerung an jene holde Zeit verwoben blieben, wenn The⸗ reſe auch in reiferen Jahren über fie hatte lächeln müſ⸗ ſen. Der Gedanke, daß ihr Sohn evangeliſch werden könne, erſchreckte die aufgeklärte Frau zwar nicht, deſto mehr aber quälten ſie jetzt, kaum wagte ſie ſich dieſes zu geſtehen, die letzten Worte des Prieſters, der ihr den 11 Fluch ihres Kindes verheißen hatte. Ferval erkannte dies wohl, aber er gab ſich nicht den Anſchein, es zu erkennen. „Thereſe,“ ſagte er in ernſtem, jedoch ſanftem Tone,„man verlangt von uns, daß wir durch das Be⸗ gehren einer kirchlichen Einſegnung eingeſtehen, ſeither in ungeſetzlicher Gemeinſchaft gelebt zu haben. Hältſt Du ein ſolches Geſtändniß für mit unſerer Ehre ver⸗ träglich? Wie, wenn ich es nun lieber vorziehen ſollte, den Staub eines Landes von meinen Füßen zu ſchütteln, das unſere Rechte nicht anerkennt, wenn ich lieber dem Golde der Tante entſagen möchte, um, wie noch vor Kurzem, frei und unabhängig mit den Meinen inmei⸗ ner Heimath zu leben, die im natürlichen Rechte des Menſchen kein Vergehen gegen die Geſellſchaft ſieht?“ „O Charles,“ erwiederte die junge Frau ſchmerz⸗ lich,„unabhängig ſagſt Du? Wir haben kein Vermögen, Du haſt als Künſtler noch keinen Namen. Um nur in Deine Heimath zurückkehren zu können, müßten wir die Güte der Tante in Anſpruch nehmen. Du haſt in Brüſ⸗ ſel Deinen Wirkungskreis aufgegeben, während ſich Dir hier ein ſolcher bereits eröffnet. Unabhängig ſagſt Du? Und wenn Dich eine Krankheit niederwerfen ſollte, was Gott verhüten möge, wie dann? Reichthum im Verein mit ehrenhafter Lebensklugheit machen wahrhaft frei und 12 unabhängig, das eine bietet uns die Tante, ſollen wir uns dereinſt, wenn auch nur um unſeres Kindes willen, den Vorwurf machen müſſen, das andere mit Füßen von uns geſtoßen zu haben? Und warum ſollte unſere Ehre darunter leiden, wenn wir nach hieſigem Geſetze gewiſ⸗ ſermaßen nur den Bundebeſtätigen laſſen, den wir nur in einfacherer Form, aber doch geſetzlich, in Deiner Hei⸗ math eingegangen ſind? Wenn dieſes,“ fügte ſie zaghaft hinzu,„immer um unſeres Kindes willen, Charles, ein Prieſter jenes Glaubens thäte, dem ich angehöre, dem anzugehören Dein Kind ohnehin beſtimmt war, was kann es Dir, dem Manne, machen, der über engherzige Vor⸗ urtheile hinaus iſt? Die Aufwallung ließ Dich ein Wort ausſprechen, die Liebe mache es vergeſſen, die Liebe zu Deinem Kinde. O Charles, alle Wege führen zu Gott, auf denen man ihn ſucht, warum nicht jenen wählen, der geebnet vor uns liegt?“ Die junge Frau ſchwieg, ihr Blick hing in angſt⸗ voller Unruhe an den Lippen ihres Mannes. Dieſer wollte ſprechen. Da ward draußen vor der Wohnung ſtark angeläutet. Die Magd war ausgeſchickt worden. Ferval warf einen zärtlichen Blick auf ſeine Frau und ging hinaus. Thereſe blieb mehrere bange Minuten allein, die Hände auf das klopfende Herz gedrückt. Sie 13 vermochte nichts anderes zu denken, als:„Was wird er mir antworten?“ Ferval trat ein. Sein Blick war heiter, er lächelte Er hielt in der Hand einen geöffneten Brief. „Thereſe,“ ſagte er mit bewegter Stimme,„da ſiehe, welchen Weg ich gewählt habe, noch bevor Du es ahnteſt!“ Haſtig griff die junge Frau nach dem dargebotenen Billet. Sie erkannte die Handſchrift ihrer Tante und überflog mit fieberhaft raſchem Blick folgende an Ferval gerichtete Zeilen: „Lieber Neffe! Ihr Schreiben an mich, in dem Sie ſich bereit erklären, den Forderungen unſeres Glaubens entſpre⸗ chen zu wollen, iſt in einer Weiſe abgefaßt, die mich tief ergriffen, und mir die gute Meinung zurückgege⸗ ben hat, welche ich von Ihnen hegte. Ich erkläre, Ihrer Trauung durch einen katholiſchen Prieſter bei⸗ wohnen zu wollen und brauche Ihnen wohl kaum die Verſicherung zu geben, daß ich die Pathin des Kin⸗ des ſein werde. Küſſen Sie Thereſe und den Kleinen. Ich ſende Ihnen dieſen Nachmittag meine Equipage. denn ich hätte gerne Thereſe und das Kind einige Tage bei mir, bis Ihre Frau ſich völlig erholt hat. Die Landluft dürfte der Mutter, wie dem Kinde wohl⸗ 14 thun. Packen Sie nur ohne Umſtände Alles, deſſen der Kleine bedarf, in den Wagen. Unverändert Ihre Tante Friederike.“ Thereſe vermochte kaum die letzten Worte zu leſen, denn Thränen entſtürzten Ihren Augen, Thränen der Freude. Schluchzend warf ſie ſich an Ferval's Bruſt. „Beſter Mann!“ war Alles, was ſie zu ſtammeln vermochte. „Vergib mir,“ ſagte Ferval bewegt,„daß ich Dir verſchwiegen habe, was ich gethan. Ich fürchtete, Hoff⸗ nungen in Dir zu wecken, die vereitelt werden konnten!“ Die Gatten hielten einander lange und heiß um⸗ ſchlungen. Ihre Herzen jubelten aneinander. Dann ent⸗ riß ſich Thereſe der Umarmung, ſank neben dem Bettchen ihres Kindes nieder, und drückte die thränenfeuchten Augen in die Kiſſen des ruhig ſchlafenden Kleinen. Sie betete. Da knarrte die Thüre, welche zum Vorzimmer führte. Ferval hatte, nachdem er dem Briefträger das Billet der Tante abgenommen, in der Aufregung ver⸗ geſſen, die Wohnungsthüre abzuſchließen. „Wer iſt da?“ rief er, und machte eine Bewegung nach der Thüre. Thereſe ſtand erſchrocken auf. 15 An der Schwelle des Zimmers erſchien die lange, hagere Geſtalt Stahl's. Er tauchte plötzlich auf, wie ein böſer Dämon, der gleißneriſch Diejenigen belauert, welche er ſich verfallen glaubt. 3 „Ich komme,“ ſagte er mit katzenfreundlicher, ſchein⸗ heiliger Miene,„zu ſehen, wie es hier geht, und ob ich etwas für Sie thun kann?“ „Nichts, Better!“ entgegnete Ferval lächelnd.— „Uns geht es gut, es hat ſich Alles geordnet.“ Und er hielt Stahl das Billet der Tante hin. Dieſer las und erbebte innerlich. Aber ſeine Miene verrieth mit keinem Zuge ſeinen Schrecken. Er gab das Billet zurück und wußte ſogar eine freudige Ueberraſchung zu heucheln. Doch ſeine Beſtürzung war ſo groß, daß er um keinen Preis bei den Glücklichen länger zu bleiben vermocht hätte. „Ah, wie herrlich!“ ſtammelte er.—„Lebt wohl, eine ſolche Freude kann ich nicht raſch genug den Mei⸗ nigen verkünden, die ſo großen Antheil an Euch neh⸗ men! Lebt wohl!“ Und der Fabrikant verſchwand ſo plötzlich wie er gekommen war. Thereſe ſchmiegte ſich an ihren Mann. „Charles,“ ſagte ſie ahnungsvoll und leiſe, als fürchte ſie ſich,„ſeit Kurzem iſt es mir, als verfolge uns 16 ein geheimnißvolles Weſen, das uns verderben möchte! Der Ueberfall, die Einſprache des Geiſtlichen,— das alles ſcheint mir nicht zufällig.— Ich traue dieſem Manne nicht!“ düſtere Geſpenſter! Die Sonne unſeres Glückes wird ſie wie Nebel verſcheuchen!“ Und Ferval drückte ſeine Frau froh und zuverſicht⸗ lich an's Herz. Stahl aber murmelte vor ſich hin, als er die Treppe hinabſtieg:„Hölle und Teufel, mein zweiter Plan iſt fehlgeſchlagen! Ich muß auf etwas anderes ſinnen!“ ——— „Mein Kind,“ verſetzte Ferval lächelnd,„Deine Nerven ſind überreizt, Du ſiehſt in böſen Zufälligkeiten Zweites Capitel. Entſetzliches Ereigniß. Pauline war, ſeit ihre Eltern ſie gezwungen hat⸗ ten, die Wohnung des Ferval'ſchen Ehepaares zu ver⸗ laſſen, im Hanſe noch einſilbiger und ſcheuer als ſonſt. Sie hatte bei ihrer Rückkehr von Vater und Mutter für die, nach der Anſicht dieſer zur Unzeit an den Tag gelegten Theilnahme einen heftigen Sturm auszuhalten, und war dann ſchroffer als ſonſt behandelt worden. Pauline befand ſich in einer peinlicheren Lage als je zuvor. Sie konnte ihre Eltern nicht achten, denn ſie wußte zu viel von der gleißneriſchen Geſinnungsart, dem betrügeriſchen Verfahren ihres Vaters und dem ge⸗ dankenloſen Leichtſinn ihrer Mutter. Ottilie hatte kein Herz für die um zwei Jahre jüngere Schweſter und fand es nur für gut, ſich um dieſe zu bekümmern, wenn ſie Fabrikanten und Arbeiter I1 2 18 eine Dienſtleiſtung von ihr wollte, oder ein Stichblatt brauchte, an dem ſie ihren Spott, ſowie ihre üble Laune auslaſſen konnte. Dazu kam noch, daß dem tief empfindenden, gekränkten Gemüthe der armen Pauline ein Kummer zu ertragen auferlegt worden war, der allein hingereicht hätte, ein Menſchendaſein elend zu machen. Pauline liebte den jungen Weidner, wie es der wackere Vater desſelben mit ſeinem ſchlichten, natürli⸗ chen Verſtande ganz richtig errathen hatte, und liebte ihn, wie ſie überzeugt war, hoffnungslos. Alle Krän⸗ kungen, welche ſie von Eltern und Geſchwiſtern erfuhr, denn auch Robert, das blaſirte, fünfzehnjährige Mut⸗ terſöhnchen, behandelte die Schweſter von oben herab, würde ſie vergeſſen haben, hätte Franz Weidner einen freundlichen Blick, ein theilnahmsvolles Wort für ſie ge⸗ habt. Aber er ſchien das ſtille, demüthige, unſcheinbar gekleidete Mädchen kaum zu bemerken und tändelte mit der luſtigen, pikanten Ottilie, die ihn durch Koketterie zu feſſeln wußte. Jeder Blick, der zwiſchen dieſen Beiden gewechſelt ward, war Paulinen ein Stich ins Herz, jede Galanterie, die Franz der Gefallſüchtigen erwies, ließ das arme Mädchen erbeben, aber es leitete ſie hie⸗ bei nicht der Gedanke an ſich ſelbſt. Pauline war eine ſo edle, reine, aufopfernde Natur, daß ſie nur an den gehei⸗ 19 men Gegenſtand ihrer Liebe und ſein Glück dachte. Sie glaubte in der Aufmerkſamkeit, welche er für Ottilie hatte, das Wachſen einer ernſten Zuneigung zu erken⸗ nen, und ſie würde dieſe, wenn auch mit blutendem Her⸗ zen, der Schweſter gegönnt haben, wäre ſie überzeugt geweſen, daß Franz dadurch ein glücklicher Mann wer⸗ den könne. Aber ſie wußte, daß Ottilie weder ihn liebe, noch überhaupt einer ernſten Herzensneigung fähig ſei, daß das flatterhafte Mädchen nur an Putz, Luſtbarkeiten und Tändeleien denke, und ſchon jetzt, mit einundzwanzig Jahren, den vollen Cgoismus ihres Vaters beſitze. Und da Pauline die Pläne kannte, welche ihre Eltern auf den jungen Weidner bauten, und auf die auch Ottilie leicht⸗ hin eingegangen war, ſo ſah das arme junge Mädchen in jeder Aufmerkſamkeit, die Franz für ihre Schweſter hatte, einen Schritt zu ſeinem gewiſſen Verderben, und ſtand im Stillen namenloſe Foltern aus. Zu allen dieſem kam noch der Schmerz um Thereſe Ferval. Das Gemüth Paulinens fühlte ſich durch die Kataſtrophe erſchüttert, durch welche die Taufhandlung war unterbrochen worden, und ſchreckte bei dem Ge⸗ danken an die Zukunft der jungen Eheleute von Neuem zuſammen. Wie war ihnen zu helfen! Pauline fühlte ſich rathlos. Im elterlichen Hauſe gab es kein Herz, an das ſie hätte pochen können, ja eine dunkle Ahnung ſagte 2 20 ihr, daß hier nur für Fervals Wohl zu fürchten ſei, daß der Vater möglicherweiſe durch ſein Dazuthun das uner⸗ wartete traurige Ereigniß, die Weigerung des Geiſtlichen, gefördert habe. Und dieſes ward ihr durch verſchiedene verdächtige Anzeichen beſtätigt, deren ſpäter Erwähnung geſchehen wird. So brütete denn Pauline die ganze Woche vergeblich ſtill vor ſich hin, und ſie vermochte ſich nicht unter der Laſt aller dieſer Dinge aufzurichten. Endlich kam ihr ein Gedanke, der ihr in Bezug auf Fervals neue Hoffnung gab. „Wie?“ ſagte ſie ſich—„Wenn ich zu Weidner ginge? Der brave, rechtſchaffene Mann hat mir, in⸗ dem er dem Vater geholfen, eine Theilnahme bewieſen, die ich nicht zu hoffen wagte! Flüſterte er mir nicht zu: „Was ich für Ihre Familie thun werde, thu' ich Ihret⸗ willen!“— O ich handelte recht, ihm offen und ehrlich Alles zu enthüllen, ſo ſchwer es mir wurde, warum ſollte ich alſo jetzt zaudern, den einzigen Menſchen, dem ich rückhaltslos vertrauen kann, der ſich mir bewährt hat, um Rath und Beiſtand zu bitten? Glaubt er ſich doch ganz gewiß mir noch verpflichtet, wenn er auch ſchon für uns gethan hat, was tauſend Andere nicht thun würden! Nun denn, ich gehe zu Weidner, und lege ihm das Schick⸗ fal Thereſens an's Herz. Er kennt die Tante Heuber, und Fervals auch, wenn auch dieſe nur flüchtig, viel⸗ 21 leicht entſchließt er ſich, wenn möglich, zwiſchen ihnen und der alten Frau zu vermitteln!“ Und nun der Gedanke Paulinens, den alten Weid⸗ ner aufzuſuchen, in ihr zum Entſchluß geworden war, führte ſie ihn auch ohne Zögern aus, denn ſie war eben nur zaghaft und zweifelnd, da wo es ſich um ſie ſelber handelte. Sie nahm Mantille und Hut, verlor zu Hauſe kein Wort, und entfernte ſich in aller Stille. Es war an jenem Morgen, an welchem Fervals den Brief der Tante erhielten, der das Schickſal der jungen Eheleute günſtig wendete und Stahl zwang, ſein finſteres Vorhaben in eine neue Bahn zu lenken. Pauline erreichte die Vorſtadt Roßau. Die Mit⸗ tagsſtunde ſchlug. Stahls ſpeiſten erſt um drei Uhr, wie denn üherhaupt alle Gewohnheiten des Hauſes nicht nach bürgerlicher Sitte eingerichtet waren, bei Weidners hielt man ſich noch immer an den guten, alten Brauch, die Mittags ſtunde auch zur Mittagszeit abzuhalten, denn Weidner wollte nicht anders leben als ſeine Arbei⸗ ter. Pauline wußte das und fürchtete, die guten, alten Leute ſchon bei Tiſche anzutreffen und ſo eine Störung zu verurſachen, ſie hatte ſich aber auch nicht früher vom elterlichen Hauſe entfernen können, es blieb ihr daher 22 nichts anderes übrig, als ſich zu beeilen. Sie beſchleu⸗ nigte ihren Gang. Schon ſah ſie etwa fünfzig Schritte vor ſich des Wagenfabrikanten Haus, durch deſſen Thorweg ſich die Arbeiter der Fabrik auf die Gaſſe drängten, um nach Hauſe zu gehen, als ſie plötzlich ein furchtbares Geſchrei hinter ſich vernahm. Im nächſten Augenblicke ſtürzten einige Weiber an ihr vorüber und flüchteten ſich in die nahen Hausein⸗ gänge. Pauline wendete haſtig den Kopf und drückte ſich inſtinktartig an die Mauer des Gebäudes, an dem ſie ſich ſo eben befand. Ihr Blick glitt die Straße entlang. Da ſtieß auch ſie einen Angſtſchrei aus. Sie ſah die Fußgänger, welche im Begriffe waren die Straße zu durchkreuzen, von Schrecken erfüllt rechts und links zur Seite ſpringen, denn von dem Glacis her raſſelte ein leichtes Fuhrwerk, deſſen Pferde im raſenden Galop daherſprengten. Es war augen⸗ ſcheinlich, daß der junge Herr, welcher ſich ganz allein auf dem Wagen befand, die heranbrauſenden, wilden Noſſe nicht mehr zu bändigen vermochte, obwohl er, hintenübergeſtemmt, alle ſeine Kraft aufbot, ſie zu halten, Noch war der Wagen in ziemlicher Entfernung von Paulinen, aber dennoch erkannte ſie das von ent⸗ ſetzlicher Aufregung todtbleiche Antlitz des jungen Man⸗ nes. Es war Franz Weidner, der in nächſter Sekunde vielleicht mit zerſchmetterten Gliedern blutend zu ihren Füßen liegen konnte. Eine an Wahnſinn grenzende Angſt erfaßte Pau⸗ line, ihre Wangen entfärbten, ihre Züge verzerrten ſich, ſie fühlte ſich einer Ohnmacht nahe, und preßte tau⸗ melnd ihre Hände krampfhaft gegen die Mauer, ſich auf⸗ recht zu erhalten. Da ertönten neue Aufſchreie von den Seiten der Gaſſe her, wohin die Menſchen ſich geflüchtet, aber auch ein ſchriller Angſtruf aus der Mitte des Fahr⸗ weges. Paulinens grauſenerfüllter Blick ſchweifte mit Blitzesſchnelle dorthin. Sie kreiſchte auf. Entſetzen ſchüttelte ſie. Ein Knabe, der über den Weg hatte ſpringen wol⸗ len, war ausgeglitten, zu Boden gefallen, und lag nun lang ausgeſtreckt auf dem Steinpflaſter. Noch eine halbe Minute und die Hufe der durchgehenden Noſſe mußten das Kind zerſtampfen, die Räder des Fuhrwerks es zermalmen. Da durchzuckte Paulinens Seele ein Gefühl von wunderbar überirdiſcher Gewalt. Sie raffte ſich auf, halb beſinnungslos, aber doch mit dem Todesmuth der 24 Verzweiflung. Sie ſtürzte vorwärts zum Knaben, ihre zarten Hände riſſen ihn mit konvulſiviſcher Kraftan⸗ ſtrengung in die Höhe. Ihn nach ſich zerrend taumelte ſie in wilder Haſt zurück, die Seite der Straße zu ge⸗ winnen. Doch ſchon ſtürmen die wüthenden Roſſe heran. Ein Schritt noch, und Pauline und der Knabe entkommen unverſehrt der drohenden Gefahr. Franz reißt voll Todesangſt in die Zügel, Pauline ſchleudert den Knaben von ſich, daß er niederſtürzt und bis zum Waſſerlauf der Gaſſe rollt. Er iſt gerettet! Sie aber wird im nächſten Augenblick zu Boden geſchmettert, ein Hufſchlag trifft ſie und ſchleudert ſie zur Seite, die Räder gehen über den Saum ihres Kleides. Hülfegeſchrei ertönt von allen Seiten, die Roſſe ſtürmen in wilder Flucht weiter. Doch ihr raſender Lauf wurde gehemmt, als das Fuhrwerk das Haus Weidners erreichte. Ein Dutzend der Arbeiter, welche die Fabrik verließen, warfen ſich auf die Pferde und brachten dieſelben zum Stehen.. Bleich und zitternd, ohne Hut, mit blutenden Hän⸗ den, ſprang Franz vom Wagen. „Um Gottes willen!“ rief er außer ſich.—„Ein 25 Mädchen iſt verwundet! Lauft zu Aerzten! Tragt ſie in's Haus! O mein Gott, es iſt entſetzlich!“ Franz ſchob die Gaffer zur Seite, die ihm im Wege ſtanden und eilte zu der Stelle, wo das Unglück geſchehen war. Hier hatte ſich im Nu eine neugierige und theilneh⸗ mende Menge verſammelt. Er durchbrach den Men⸗ ſchenknäuel. Pauline lag regungslos da. Sie blutete aus einer Schramme an der Stirn, aber auch unter ihrer Man⸗ tille hervor, am Halſe und über das Kleid hinweg tropfte Blut. Mit allen Zeichen des Entſetzens beugte ſich Franz zu der Unglücklichen nieder. Jetzt erſt erkannte er ſie. „Pauline Stahl!“ ſtammelte er händeringend— „Großer Gott!“ Haſtig knieete er neben Panline nieder, zog ſie empor, legte ihren Kopf an ſeine Bruſt und riß ihr die Mantille von den Schultern. Er ſah das Blut von der Schulter quellen. „Der Wagen hat ſie nur geſtreift!“ rief einer der ſich Herandrängenden. „Die Räder ſind nur über's Kleid gegangen!“ ſchrie ein Anderer⸗ 26 „Aber einen Hufſchlag hat ſie bekommen,“ ſagte ein Dritter,„und hat der eine Rippe in der Herzgegend gebrochen, ſo kann ſie getödtet ſein!“ 3 „Tragen wir ſie in die nächſte Barbierſtube riefen Einige durcheinander. Franz ermannte ſich, aber ſeine Züge waren noch geiſterbleicher und verſtörter als zuvor. Er erhob ſich, Pauline in den Armen. Zwei Ar⸗ beiter der Fabrik hatten ſich in den Kreis gedrängt und ſtanden ihm bei, die Bewußtloſe zu tragen. „Laſſen Sie mich nur ſorgen,“ ſtammelte Franz den Umſtehenden zu,„was nur irgend der Unglücklichen Hülfe bringen kann, ſoll geſchehen. Ich habe ſchon nach allen Richtungen um Aerzte geſchickt!“ „Es iſt der junge Herr von Weidner!“ murmelte man hier und dort in der Menge. Der in der ganzen Vorſtadt verehrte Name und die Seelenangſt, welche deutlich den Zügen des jungen Mannes aufgeprägt war, verdrängte den Unwillen, der bei Einigen über den Urheber des Geſchehenen rege ge⸗ worden war. „Armes Mädchen!“ murmelte man. „Armes Mädchen!“ ſeufzte Franz tief erſchüttert, 1u 27 und blickte auf das bleiche Antlitz, an deſſen Wange Blutstropfen niederperlten. „Vorwärts!“ rief er dann mit unſicherer Stimme den beiden Arbeitern zu. 3 Ein Dritter aus Weidners Fabrik drängte ſich jetzt durch die Menge. Er hielt einen Knaben von etwa zehn Jahren an der Hand, Geſicht und Hemd des Klei— nen waren blutbefleckt. „Hier iſt der Bube, gnädiger Herr,“ ſagte der Arbeiter,„es iſt ihm nichts geſchehen.“ „O mein Gott, jetzt erinnere ich mich erſt—!“ murmelte Franz„Aber auch er blutet?!“ „Aus der Naſe, gnädiger Herr, das iſt alles!“ antwortete der Arbeiter—„Soll ich den Buben laufen laſſen?“ „Nein, nein!“ ſagte der junge Mann faſt tonlos, Paulinens Züge anſtarrend.—„Nehmen Sie ihn mit ſich zu uns in's Haus!“ Franz und die Arbeiter, welche mit einander Pau⸗ line trugen, ſetzten ſich in Bewegung. Der Mann mit dem Knaben folgte ihnen. Die Arme ward in's Haus getragen und die Treppe hinauf, zur Wohnung des Fabrikanten. Man hatte zuvor ſchon das Fuhrwerk mit den dampfenden 28 und ſchäumenden Roſſen, die an allen Gliedern beb⸗ ten und noch ſich zu bäumen verſuchten, in den Hof gebracht. Als Franz, mit ſeiner traurigen Bürde durch den Thorweg ſchreitend, einen Blick auf Wagen und Pferde warf, überlief ihn ein eiſiger Schauer. Drittes Capitel. Am Schmerzenlager. Weidner und ſeine Frau ſtanden auf dem Korridor, oben an der Treppe. Pünktlich in allem, hatten ſie nur gezögert ſich an die Mittagstafel zu ſetzen, weil Franz ſich verſpätete, was nur äußerſt ſelten geſchah, da der Sohn, obwohl er in Manchem die moderne Lebensweiſe eines Wiener Stutzers angenommen hatte, ſich doch, ſo viel es ihm möglich, nach den Gewohnheiten ſeiner Eltern richtete, die ihm über alles theuer waren. Das Weidner'ſche Ehepaar hatte ſchon durch einen Arbeiter von dem Geſchehenen Nachricht erhalten, aber die guten Leute wußten noch nicht, daß Pauline die Be⸗ ſchädigte ſei. Frau Weidner ſchlug angſtvoll die Hände über den Kopf zuſammen, als ſie die Unglückliche die Treppe heraufbringen ſah, aber der Blick der erſchrocke⸗ 30 nen Mutter ſuchte im erſten Augenblick mehr den ge⸗ liebten, einzigen Sohn, als das arme Mädchen. Der Fabrikant aber ſtarrte ſeinen Sohn nur ſekundenlang finſter und ſtrenge an, und blickte dann auf das Antlitz der Getragenen, das die Blutſpuren beim erſten Anblick unkenntlich machten. Plötzlich aber entfärbte ſich Weidners Angeſicht; er hatte das Mädchen erkannt, an dem ſeit Kurzem ſein Herz hing. „Pauline!“ ſchrie er entſetzt—„Es iſt Pauline!“ „Ja, Pauline Stahl!“ murmelte Franz zerknirſcht. —„Das unglückliche Mädchen erhielt einen Hufſchlag und ward vom Wagen geſtreift, indem ſie heldenmüthig einen Knaben rettete, der auf der Gaſſe niederſtürzte. O mein Gott, ich weiß kaum, wie das alles zugegan⸗ gen iſt,— ich bin troſtlos!“ Frau Weidner hatte, als der Name Paulinens aus⸗ geſprochen wurde, einen Schrei ausgeſtoßen. Jetzt ſtand ſie als entſchloſſene Frau nicht bebend, weheklagend und rathlos da, ſondern ſie war ſogleich bei der Hand, alles zu richten, was ſich für den Augenblick ohne ärztliche Hülfe thun ließ. Die Mägde mußten Waſſer, Lein⸗ wand, Eſſig bringen, während Pauline ins Schlafzimmer der Hausfrau getragen ward. Und während Frau Weid⸗ ner ſelber um die Unglückliche bemüht war, gewann ſie * 31 noch ſo viel Zeit einen ängſtlich forſchenden Blick auf den Sohn zu werfen, der wie vernichtet daſtand, und ihm zuzuflüſtern:„Iſt auch Dir etwas geſchehen, Franz? Sprich!“ „Nichts, nichts, Mutter!“ murmelte Franz faſt tonlos zurück.—„Aber ich wollte, nicht dieſes zarte Mädchen, ſondern mich hätte der Hufſchlag des Pferdes getroffen! Und doch iſt Gott mein Zeuge, daß ich nicht die Schuld an dem trage, was geſchehen iſt!“ „Laß' die Worte!“ fuhr Weidner ſtrenge dazwi⸗ ſchen.—„Es handelt ſich um ein Menſchenleben, und um eines, das der Mutter und mir theuerer iſt, als Du glauben magſt, Burſche!“ Franz ſenkte den Kopf und trat zurück. Er faßte den Sinn deſſen nicht, was der Vater geſprochen hatte, aber er war auch zu verſtört, als daß er darüber hätte nachdenken können. Frau Weidner drängte im nächſten Augenblicke Vater und Sohn ins nächſte Zimmer, denn es galt, Pauline zu entkleiden, ihre Wunden zu unter⸗ ſuchen und dieſe vorläufig zu verbinden, ſo gut es gehen wollte. Die Arbeiter waren auf den Korridor hinausgetreten und harrten dort unaufgefordert auf ir⸗ gend einen Wink, den ihnen vielleicht ihr geliebter Herr geben mochte. Dort ſtand auch ihr Gefährte mit dem 32 kleinen ſchluchzenden Jungen, der Pauline ſein Leben verdankte. Und jetzt erſchienen wenige Minuten nach einander zwei Aerzte und wurden in das Schlafzimmer gelaſſen. Währenddeſſen befanden ſich Vater und Sohn ein⸗ ander im Wohnzimmer gegenüber. Der Alte hatte ſich an den Tiſch geſetzt, den Kopf in die Hand geſtützt, und ſtarrte finſter und bleich auf das Tiſchtuch. Franz, das Angeſicht weiß wie dieſes Tuch, ſtand regungslos in einiger Entfernung. Nur ſeine Blicke hatten Leben, qualerfüllt zuckten ſie vom Fußboden auf den Vater und zurück. Franz fühlte, daß er reden müſſe, und brachte doch keinen Ton über ſeine Lippen.. Endlich ſchweifte der düſtere Blick des Fabrikanten vom Tiſche fort zu den blutrünſtigen Händen ſeines Sohnes und heftete ſich dann auf das geiſterhafte Ant⸗ litz desſelben, das jetzt einen flehentlichen Ausdruck an⸗- nahm. „Das ſpielt den Kavalier,“ murmelte er halblaut und in gereiztem Tone zwiſchen den Zähnen,„kutſchirt ins Verderben hinein, körperlich wie geiſtig, ſtatt bei der Arbeit zu bleiben, wie's ſich gehört, und gefährdet oben⸗ drein leichtſinnig das Leben eines Nebenmenſchen!“ „Vater,“ ſtammelte Franz,„an dieſem Unglück, das mich furchtbar ſchmerzt, iſt nicht mein Leichtſinn ſchuld, ſondern die Freude über—“ Franz ſtockte. Niedergeſchlagenheit und Scham paarten ſich mit einander in ſeinen blaſſen Zügen. „Welche Freude?“ fragte Weidner düſter und eiſig. „Die Freude über den glücklichen Erfolg meiner— erſten Pflichterfüllung!“ erwiederte Franz mit gepreßter Stimme. „Was ſoll das heißen?“ brummte der Alte heftig heraus. „Ich fuhr heute nicht ſpazieren, Vater, wie Sie glauben mögen,“ antwortete Franz,„ich mußte nach Ba⸗ den hinaus, zu dem ruſſiſchen Fürſten Owalitſcheff, den Kontrakt mit ihm abzuſchließen, wegen deſſen ich ſeit mehreren Tagen mit ihm in Unterhandlung geſtanden bin, ohne daß Sie es ahnten, lieber Vater. Es galt, Sie zu überraſchen, mit meinem— erſten Bau. O, Ihre Worte, die Sie in vergangener Woche zu mir ſprachen, ſo ſchonend und verdeckt ſie auch den Tadel ausdrückten, ließen mir keine Ruhe, wo ich ging und ſtand,— ich mußte Ihnen beweiſen, daß es mir Ernſt ſei mit dem, was ich Ihnen antwortete, daß ich ſtreben wolle, durch mich ſelber etwas zu werden! Vorgeſtern legte ich dem Fürſten meine Pläne vor, heute wurden ſie genehmigt, ward Alles in ſeiner Badeuer Villa geordnet. Mit freu⸗ Fabrikanten und Arbeiter. II. 3 34 digklopfendem Herzen fuhr ich zur Stadt zurück, und als ich zur Glacis der Roßau gelangte und die Mittags⸗ ſtunde ſchlug, da peitſchte ich fröhlich auf die ermüdeten Pferde, ſo daß ſie ſich bäumten. Im gleichen Augen⸗ blick aber erſchreckte ſie ein aus dem nächſten Hauſe am Fenſter geſchütteltes weißes Tuch, und trotz der langen Fahrt fuhren ſie ſchnaubend von Neuem in die Höhe und ſtürmten ſcheu und wild mit dem Wagen davon, ſo daß ich ſie nicht zu halten vermochte. O mein Gott, ich hatte die Freude im Herzen, und habe Trübſal gebracht! Vater, wenn das arme Mädchen verloren iſt, bin ich ein unglückſeliger Menſch!“ Franz bedeckte das Antlitz mit ſeinen Händen und ſchwieg erſchüttert. Weidner blickte ſeinen Sohn eine Weile an, ohne ein Wort zu ſprechen. Aber aus der Miene des wackeren Alten war die unheilverkündende Strenge gewichen, ja, es lag jetzt Theilnahme darin. Phüötzlich ſprang er auf, trat auf ſeinen Sohn zu, zog ſanft die Hände desſelben vom Antlitz nieder und murmelte haſtig:„Komm Franz, laß uns nachfragen, wie es um die Pauline ſteht. Es iſt eine wunderbaxe Fügung, und ich weiß nicht, was die Vorſehung damit will, daß gerade jenes edle Mädchen, die vor wenigen Tagen erſt hochherzig beſtrebt geweſen iſt, Dich und 2 35 Deine Familie vor einer ſchweren Prüfung zu bewahren, durch Dich in Lebensgefahr gebracht werden mußte, durch Dich Schmerzen erleiden wird!“ „Wie ſagen Sie, VBater?“ rief Franz erſtaunt.— „Was hat dieſes Mädchen gethan?“ „Still davon jetzt, Franz!“ rief Weidner mit Wär⸗ me.—„Du wirſt noch den ganzen Werth dieſes Mäd⸗ chens kennen lernen! Komm, ich hoffe zu Gott, daß ihre Berwundung keine ſo ſchwere ſei.“ Weidner ſchritt, den Sohn an der Hand, haſtig der Thüre zu. Er ſchickte ſich zum Pochen an, als die Thüre geöffnet ward. Einer der beiden Aerzte erſchien und ver⸗ ſicherte, daß keine Gefahr vorhanden ſei, der Huf des Pferdes nur an der Schulter eine Wunde in's Fleiſch geriſſen, doch nicht das Schulterblatt zerſchmettert habe, wie anfänglich befürchtet worden war.„Vom heftigen Falle und der ihm vorhergegangenen entſetzlichen Angſt des Mädchens dürfte wohl ihr Gehirn affizirt werden,“ fügte der Doktor hinzu,„doch unerheblich, denn ſie hat jetzt ihre völlige Beſinnung.“ „Gott ſei gelobt!“ ſtammelte Franz. Und die Augen des jungen Mannes füllten ſich mit Thränen. „Dürfen wir eintreten?“ fragte Weidner. „Gewiß!“ verſetzte der Arzt.—„Das Fräulein 3* 36 verlangt ſogar nach Ihnen, Herr von Weidner, und da ich drinnen unnöthig bin, übernahm ich es, Sie von dem Wunſche der jungen Dame zu benachrichtigen!“ Der Arzt entfernte ſich mit einem Gruße. Weidner hielt mit einer Hand noch immer die Rechte ſeines Soh⸗ nes, und legte nun die andere auf die Thürſchnalle. „Komm!“ murmelte er. Franz zögerte. „Ich habe nicht den Muth, der Armen unter die Augen zu treten!“ flüſterte er.—„Sie wird mich haſſen, verwünſchen!“ „Sie wird ihn nicht haſſen,“ redete Weidner laut⸗ los in ſich hinein,„aber er— er wird ſie lieben lernen. Guter Gott, gib, daß dieſes Unglück eine Brücke zum Glück werde!“ Aber halblaut, und in beinahe barſchem Tone ſagte dann der Fabrikant zu dem zagenden Sohne: „Komm, Du Thor! Dieſes Mädchen hat ein Herz, das fähig iſt, noch ganz andere Schmerzen zu erdulden, ohne den anzuklagen, der ſie ihr bereitet!“ Und er zog Franz mit ſich in's Schlafzimmer. Pauline lag auf dem Bette der Frau Weidner. Ihr Kopf war verbunden, und unterhalb des weißen Tuches, der ihn umhüllte, und bei der Bläſſe ihres Antlitzes, er⸗ ſchienen ihre großen, ausdrucksvollen Augen noch dunkler. 37 Ihre Züge waren ruhig, wie die einer Verklärten, und trugen den Ausdruck ſtiller Ergebung in das Unabän⸗ derliche. Nur als Franz eintrat zuckte aus ihren Augen ein ſchmerzlicher Blitz und bebten ihre Lippen kaum be⸗ merkbar. Franz gewahrte dieſe Symptome einer plötzlich auftauchenden inneren Erregung, und deutete dieſe zu ſeinem Nachtheile. Kummervoll und zögernd that er einige Schritte vorwärts. In ſeinem Angeſicht waren Beſorgniß, Schmerz, tiefe Erſchütterung und innige Theilnahme er⸗ greifend ausgeprägt. In ſeiner Herzensqual mühte er ſich, Worte zu finden, die das lebhaft ausdrücken möchten, was durch ſeine Seele ging. Pauline ſah dieſe Qual. Und das herrliche Mäd⸗ chen ließ den jungen Mann nicht zu Worten kommen. Mit dem ſanften Lächeln einer ergebenen Dulderin ſtreckte ſie ihm ihre Rechte entgegen. „Laſſen Sie es gut ſein, Herr von Weidner,“ ſagte ſie mit matter Stimme,„ich ſehe Ihnen an, was Sie fühlen und mir ſagen wollen. Kränken Sie ſich nicht, Sie tragen ja keine Schuld an dem Unglücke. Gott hat gewollt, daß es ſo kommen ſollte!“ Franz eilte zum Bett, ergriff Paulinens ausge⸗ ſtreckte Hand, küßte dieſe heftig und benetzte ſie, vom 38 ſchmerzlichen Gefühl überwältigt, mit ſeinen hervorbre⸗ cheuden Tyränen.. „Fränlein Pauline,“ ſtammelte er,„ich bin troſt⸗ los—“ „Beruhigen Sie ſich,“ unterbrach ihn das edle Mädchen ſanft,„der Herr Doktor ſagt, die Wunden ſeien unbedeutend! Ich trage gern ein wenig Schmerz um den Preis eines Menſchenlebens, das der Himmel mir zu retten vergönnte. Nicht wahr, der Knabe iſt un⸗ verletzt?“ „Ja,“ rief Franz lebhaft,„und er ſteht draußen. Ich bringe ihn her, daß er ſeiner heldenmüthigen Ret⸗ terin danke!“ Franz wollte zur Thüre ſpringen, eine abwehrende Handbewegung Paulinens hielt ihn zurück. „Nein, nein!“ ſagte ſie mit zitterndem Ton.— „Laſſen Sie den Knaben wo er iſt, ſein Anblick würde mich zu ſehr erſchüttern!“ Der Bezirksarzt der Roſſau, welcher zu Füßen des Bettes neben der Frau Weidner ſtand und, volle Theilnahme in ſeinen wohlwollenden Zügen, die Leidende betrachtete, erhob jetzt ſeine Stimme zur Mahnung. „Das Fräulein bedarf vor Allem der Ruhe“ ſagte er,„es wäre daher gut, meine Herren, wenn Sie jetzt — —— 39 das Zimmer verließen, um zu keinem Geſpräche Veran⸗ laſſung zu geben.“ Weidner nickte zuſtimmend mit dem Kopfe. Dann trat er an's Bett, drückte Paulinen ſchweigend voll Herz⸗ lichkeit die Hand, und wollte ſich entfernen. Das Mäd⸗ chen aber hielt ihn zurück. Ihr Blick ſchweifte bittend zu dem Arzt hinüber. „Geſtatten Sie mir noch einige Worte!“ flüſterte ſie—„Ich muß, denn es iſt dringend, Herrn von Weidner eine Mittheilung machen, um deretwillen ich heute das Haus verlaſſen habe, hieher zu gehen.“ Der Doktor ſchwieg und wollte ſich in's andere Zimmer zurückziehen, und Weidner, der erwartete, Pau⸗ line werde ihm etwas auf ihren Vater Bezügliches ſagen, winkte ſeinem Sohne, dem Arzte zu folgen. Pauline aber rief Beide zurück, die ſchon an der Thüre waren. „Es handelt ſich, ſo ehrenwerthen Männern gegen⸗ über, um kein Geheimniß!“ ſagte ſie—„Bleiben Sie nur!“ Und Pauline erzählte, obwohl ſie ſich ſchwach fühlte und ihr Antlitz bisweilen im Schmerze zuckte, den ihr die Wunde an der linken Schulter und der Stirne verurſachte, was vor neun Tagen ſich bei Fervals ereig⸗ net hatte. Ungeachtet ſie nur mit großer Anſtrengung Alles vorbrachte, und durch die Mittheilung der erſchüt⸗ 40 ternden Umſtände, die während der unterbrochenen Tauffeierlichkeit ſtattfanden, ſo wie durch die Aufzählung ihrer eigenen Beſorgniſſe um die Zukunft der Fervals ſich in eine Aufregung verſetzte, die ihrem jetzigen Zu⸗ ſtande nachtheilig ſein mußte, brachte ſie ihre Erzählung doch zu Ende, und fügte mit bebenden Lippen und fle⸗ hend auf Weidner gerichteten Blicken hinzu, daß er ſich der Sache ihrer armen Freundin Thereſe annehmen möge. Als ſie geendet, ſank ſie erſchöpft zurück. Sie fühlte, daß ihr Gehirn erglühe, es war ihr, als ſei die nervöſe Unruhe, welche jetzt durch ihren Körper ging und ihren Ideengang zu verwirren begann, die Vorbo⸗ tin herannahender Fieberphantaſien. Dennoch hielt ſie den einen Gedanken feſt, daß Thereſen und ihrem Kinde geholfen werden müſſe. „Helfen Sie, vermitteln Sie!“ murmelte ſie be⸗ bend, Hand und Blick flehend zu dem väterlichen Freunde erhoben. Weidner war tief ergriffen, wie die Anderen, welche das Bett umſtanden. Einen Augenblick ſpäter ſchaute er ernſt und ſinnend vor ſich hin. „Liebes Kind,“ ſagte er dann bewegt,„vom Hel⸗ fen kann nur dann die Rede ſein, ſobald Ferval den beſten Theil dazu beiträgt, und das wird er thun, wenn er 41 ſeine Frau liebt. Mag in Belgien dem Geſetze Genüge geleiſtet ſein, wenn zwei Leute vor den Richter treten und erklären, daß ſie mit einander leben wollen, hier gilt dergleichen zur Stunde noch nicht, und Ferval wird wohl einſehen, daß man ſich in die Sitten, Gebräuche und Geſetze des Landes, das man ſich zur Heimath er⸗ wählt, wohl oder übel fügen muß. Ich bin ein Mann — von altem Schlag, Fräulein Pauline, und liebe ich auch keine veralteten Mißbräuche, ſo gibt es für mich doch noch ehrwürdige Dinge, bei denen ich mir ſagen muß: „Daran ſollſt Du, Menſch, mit Deinem klügelnden Berſtande nicht rütteln!“— Wenn wir nichts mehr hei⸗ lig halten, dann hört ja alle Religion auf, dann werfen wir doch nur gleich mit der Ehe auch die Taufe und Alles über den Haufen, was uns bisher mit unſe⸗ rem Herrgott geiſtig verbunden hat. Dann ſind wir ja nichts mehr als die Hottentotten, nur daß dieſe nackt gehen und wir Kleider tragen! Nein! Etwas Beſſeres als jene Glaubenslehre, die unſere Bibel aufſtellt, jenes reine, edle, menſchenfreundliche Chriſtenthum, das da ſagt:„Liebe Deinen Nächſten wie Dich ſelbſt!“ können uns doch alle Jene, die ſich heut zu Tage Freigeiſter nennen, nicht ſchaffen, und dieſes Chriſtenthum hat die Ehe für ein heiliges Sakrament erklärt, daß ſie höher geachtet werde als etwa ein Kontrakt, den man 42 eines Proteſtanten, ſ vor Augen und im Herzen hat, und Niemandem übel will! Und denkt der Ferval wie ich, was ich hoffe, nun, dann überlaſſen Sie es nur mir, mit der Tante Heuber fertig zu werden. Alſo nicht gegrübelt, Paulinchen, und friſchen Muth gegen die Schmerzen, der alte Weidner wird was Sie wünſchen in Ordnung bringen, und viel⸗ leicht— mehr auch noch!“ Der ehrliche Alte drückte Paulinen die Hand. Das Mädchen wollte reden, aber Thränen rollten über ihre Wangen, die ſich jetzt fieberhaft zu röthen begannen. „Um Gottes willen!“ ſagte der Arzt.—„Jetzt iſt's genug. Laſſen Sie uns allein. Das Fräulein iſt zu erregt, ein Fieber wird ſich einſtellen!“ Weidner blickte beſorgt auf Pauline, dann winkte er Franz und ging. Auf der Schwelle des Zimmers blieb er einen Augenblick ſtehen; blickte zurück und flü⸗ ſterte ſeinem Sohne zu: 43 „Welch ein Gemüth hat dieſes Mädchen, Franz! Trotz ihrer Schmerzen gehört ihr erſter Gedanke Denen, welchen ſie helfen möchte! Sag', ſollte man's glauben, daß ſie Ottiliens Schweſter iſt?“ „Bei Gott,“ murmelte Franz träumeriſch vor ſich hin, während er mit dem Vater das Zimmer verließ, „wer hätte ein ſolches Herz in dieſem Mädchen geſucht?!“ Viertes Capitel. Ein Schelm überliſtet den anderen. Ungefähr um eilf Uhr Vormittags kehrte Stahl in ſeine Wohnung zurück. Er hatte, nachdem er von Fer⸗ vals fortgegangen war, die einſamſten Straßen jener Vorſtädte eingeſchlagen, welche zwiſchen der Joſefſtadt und dem Schottenfeld liegen. Wie ein Geiſtesabweſender war er vorwärts geſchritten, den Blick ſtarr auf das Straßenpflaſter vor ſich gerichtet, die ſchmalen Lippen in verbiſſener Wuth feſt aneinander gepreßt und herab⸗ gezogen. Während er aber ſo äußerlich einem Menſchen geglichen hatte, der, empfindungslos gegen die Außen⸗ welt, in dumpfes, wüſtes, gedankenloſes Hinſtarren ver⸗ ſunken iſt, war ſein ränkevoller Geiſt raſtlos thätig ge⸗ weſen, tauſend Kombinationen zu entwerfen, die alle auf ein Ziel gerichtet waren,— das Glück der jungen Ehe⸗ 45 leute zu zerſtören, deren guter Stern von Neuem über ihnen leuchtete. Was aber auch Stahl auf dieſem raſch⸗ en Gange nach Hauſe mochte erſonnen haben, nichts war ihm ſo ganz für ſeinen Zweck geeignet erſchienen, denn ſeine vorſichtige Schlauheit hatte alles Dasjenige verwerfen müſſen, was zu gewagt ſein und ihn vor der Welt und der Tante bloßſtellen konnte. Der argliſtige Mann, haſtig vorwärts eilend, ohne daß er dieſes eigentlich ſelber wußte, war endlich in eine Art fieberhaften Zuſtandes gerathen. Seine Gedanken jagten in unklaren Entwürfen wild und unaufhaltſam durch ſein Gehirn, gleich einer düſtern Flucht unheim⸗ licher Nachtgeſtalten, ſie verflüchtigten ſich in dem tollen Gewirre, noch bevor er ſie feſtzuhalten vermochte, und neue ſtürmten auf ihn ein, die ihn verwirrten und be⸗ täubten. So war er nach Hauſe gekommen. Jetzt war er in ſeinem Wohnzimmer allein. Er ſaß auf einem Fauteuil, erſchöpft, keuchend vor innerer Erregung. Seine bleiche Stirn befeuchtete ein kalter Schweiß, er biß auf die Nägel ſeiner hageren Rechten, während die Linke krampfhaft die Lehne des Fauteuils gepackt hielt. Er hatte die tolle Hetzjagd, den raſenden Taumel ſeiner Gedanken gewaltſam von ſich abgeſchüttelt und ſich mit übermächtiger Anſtrengung zu größerer Ruhe 46 gezwungen. Nun er ſaß und mit aller Kraft des Geiſtes ſeine ſtets ſo rege Phantaſie beherrſchte, brach er körper⸗ lich faſt zuſammen. Aber er ermannte ſich dennoch bald, und erlangte jene Kälte wieder, deren er ſo dringend be⸗ durfte, um ſeine jetzige Situation mit klarem Blick über⸗ ſchauen, und ihr entſprechend durch Scharfſinn begegnen zu können. Was hatte er nicht Alles während der verfloſſenen zehn Tage gethan, um feſten Fuß auf dem Boden zu faſſen, den er an jenem Taufabend ſeinen Gegnern ab⸗ gewann! Er hatte die Tante, nachdem dieſe in heftiger Aufregung die Wohnung Fervals verlaſſen, in ſeinem Wagen nach Neuwaldegg geführt, und unterwegs ſchon Alles aufgeboten, den Sinn der erzürnten Greiſin zu umgarnen, indem er Thereſe und ihren Mann der Gott⸗ loſigkeit beſchuldigte, und eine gut geſpielte, fromme Ent⸗ rüſtung zur Schau trug. Am andern Tage war er wie⸗ der bei der alten Dame erſchienen, unter dem heuchleri⸗ ſchen Vorwand, als dränge ihn ſein chriſtliches Gemüth, eine Verſöhnung herbeizuführen, während er zugleich durch vorſichtige und verdächtige Anſpielungen, die er fallen ließ, den Riß noch zu erweitern ſuchte. Er hatte es erwirkt, die Tante an einem der nächſten Tage bei ſich empfangen zu dürfen, und ſie war in der That ge⸗ kommen, was ſich ſeit Jahren nicht ereignete. Und welche Veränderung war bereits im Hauſe des Fabrikanten vorgenommen worden, als nun die alte Dame bei ihm erſchien! Alles war nach jenem Zuſchnitt umgeſtaltet, welcher die den Augen der Welt ſich dar⸗ ſtellende Lebensweiſe jener Menſchen kennzeichnet, die für ehrenfeſte Stützen des Glaubens gelten, und es doch ſo wenig ſind, wenn man auf den Grund ihrer Herzen ſieht. Man hatte die weltlichen Bilder mit bibliſchen vertauſcht, den Luxus beſchränkt, über die Dienerſchaft des Hauſes war plöͤtzlich auf Stahl's dringende und erbauliche Ermahnung ein ſanftes und ſogenanntes gott⸗ gefälliges Benehmen in Blick und Geberde gekommen, überall war beim Herrn wie beim letzten der Leute ein chriſtlichmildes Augenverdrehen bemerkbar geweſen und ſelbſt die dicke Fabrikantin und Ottilie hatten ſich an jenem Tage aller ſündhaften Weltlichkeit enthalten und waren ſchlicht und erbaulich, wenn auch etwas gelang⸗ weilt erſchienen. Die Tante hatte das Haus mit Be⸗ friedigung verlaſſen, an eine Umwandlung Stahl's und der Seinen glaubend, und Mamſell Lſſette die alte Dame darin beſtärkt. Stahl aber war ſeitdem noch wei⸗ ter gegangen. Er hatte begonnen, ſeinen Arbeitern Moral zu predigen, und bereits unter ihnen Werbungen für einen frommen Verein angeſtellt, in den, nachdem er ſich bei demſelben angemeldet, er ſtündlich erwarten durfte, 48 als Vorſtandsmitglied aufgenommen zu werden. Stahl hatte, was er ſonſt niemals gethan, am Sonntag die Kirche beſucht, und ſogar dreierlei Gebetbücher mitge⸗ nommen. Und das alles ſollte jetzt vergeblich geſchehen ſein? Stahl knirſchte mit den Zähnen in höhniſchem Trotz und ballte die Fäuſte, wie er das ſo überdachte. „Ich werde keinen Zoll breit weichen!“ ſagte er ſich.—„Ich hefte mich an die Sohlen dieſer Fervals, und werde endlich ſiegen! Ausdauer und Schlauheit führen doch endlich bei Allem zum Ziel!“ Stahl ſprang auf. Er fühlte ſich neubelebt durch die Energie ſeines Willens. Sein flammernder Blick fiel auf die gegenüberliegende Wand, und blieb an einem Madonnenbilde haften, das dort hing, wo ſich noch vor acht Tagen eine Kopie der Tizian'ſchen Venus befunden hatte. Er lächelte. „Ich wäre ein Thor,“ murmelte er vor ſich hin, „wollte ich nicht ferner noch eine Weile Komödie ſpielen; es wird mir immer noch nützlich ſein, bis ich an jenes Ziel gelangt bin, das ich mir vorgeſteckt habe!“ Da bis zwölf Uhr noch eine halbe Stunde verge⸗ hen mußte, ſo begab ſich Stahl in ſein Bureau, das, wie früher angedeutet worden, ſich in einem der Seiten⸗ trakte neben den Fabriksſälen befand. Vor dem Arbeits⸗ zimmer Stahl's lag ein anderes, in dem der Buchhalter beſchäftigt war, und durch das man ſchreiten mußte, um zu dem des Fabrikanten zu gelangen. Es war Sonnabend und ſomit Zahltag. Stahl trat an ſein Pult, las die eingegangenen Briefe, ertheilte ſeinem Buchhalter die nöthigen Aufträge, und prüfte alsdann den Beſtand ſeiner Kaſſe, die in einem feuer⸗ feſten Schranke verwahrt war. Der letzteren Beſchäftigung gab er ſich mit beſon⸗ derer Befriedigung hin, denn es lag eine ziemlich bedeu⸗ tende Summe in der Kaſſe, trotzdem die noch vor Kur⸗ zem gefürchteten Wechſel im Betrage von 40,000 Gul⸗ den alle waren eingelöſt worden. Stahl aber beſaß nicht allein noch die 10,000 Gulden, welche ihm Weidner über die vorgenannte Summe hinaus vorgeſtreckt hatte, ſondern es waren ihm auch noch einige andere Gelder eingegangen, die er hatte ausſtehen gehabt. Zudem war weder der Baron Lenz noch irgend ein Anderer mit den Bons erſchienen, die der Fabrikant an jenem unglück⸗ lichen Spielabende auszufertigen ſich hatte von ſeiner Leidenſchaft hinreißen laſſen. Jetzt ſah er der Präſen⸗ tation dieſer Gelder ruhig entgegen, einmal weil er gar nicht gewillt war ſie einzulöſen, falls der Baron ſelber damit kommen würde, und dann, wenn er doch gezwun⸗ gen werden ſollte, es an einen Dritten zu thun, weil Fabrikanten und Arbeiter. II. g 50 eine Auszahlung ihn doch nun nicht in die allerpein⸗ lichſte Verlegenheit ſetzen konnte. Stahl überdachte die⸗ ſes ſoeben, als an ſeine Thüre gepocht ward. „Herein!“ rief er. Wie es ſeltſamer Weiſe ſchon oft ſo kommt, daß gerade dieſelbe Perſon zu der Zeit erſcheint, in welcher wir uns im Geiſte mit ihr beſchäftigen, ſo geſchah es auch jetzt. Der Baron Lenz tratein, ſchloß ſorgfältig die Thüre hinter ſich, und näherte ſich dann dem Fabrikanten in nachläſſig ſtutzerhafter Haltung, indem er lächelnd grüßte. „Ah, Herr von Stahl,“ ſagte er in leichtem Tone, indem er auf die Banknotenhaufen, welche Stahl in der Kaſſette zurecht gelegt hatte, einen flüchtigen Blick warf, „mir ſcheint, ich komme gerade zu rechter Zeit!“ Stahlſchloß die Kaſſette bedächtig, ſtellte ſie in den feuerfeſten Schrank, verſchloß auch dieſen, und wendete ſich dann zu ſeinem Beſucher, indem er eine befremdete Miene annahm. „Wie meinen Sie das, Herr Baron?“ fragte er ruhig. „Da merkt man,“ verſetzte der Baron lächelnd, „über welche koloſſale Summen ein Mann wie Sie, liebſter Freund, verfügen muß, wenn er auf die Kleinig⸗ 51 keit von neuntauſend und einundſechzig Gulden vergeſſen kann!“ „Ich? Neuntauſendeinundſechzig Gulden?“ fragte Stahl und blickte anſcheinend nachſinnend einen Augen⸗ blick zur Zimmerdecke empor. Dann ſah er den Baron von Neuem ruhig an und ſchüttelte langſam den Kopf. „Sie erinnern ſich alſo wirklich nicht, Liebſter?“ begann nun der Dandy auflachend, indem er nachläſſig einen Seſſel herbeizog, und darauf niederglitt.—„Ei, ei, das iſt doch für einen Geſchäftsmann nicht ganz in der Ordnung!“ „Es wäre mir wünſchenswerth, wenn Sie meinem ſchwachen Gedächtniß zu Hülfe kommen wollten, Herr Baron!“ erwiederte Stahl trocken. „Dieſe Gefälligkeit kann ich Ihnen leicht erweiſen, Freund!“ antwortete der Baron luſtig. Mit dieſen Worten zog er ein kleines, elegantes Portefeuille hervor, und entnahm dieſem drei Papiere. Eines derſelben entfaltete er und wies es dem Fabri⸗ kanten. Es war der auf fünfhundert Gulden lautende Bon, den Stahl am Spielabend zuerſt ausgeſtellt hatte. „Vielleicht erinnert Sie dieſe Bagatelle,“ fuhr der Baron fort,„an die ganze Geſchichte und die kleine Verpflichtung, welche Sie durch dieſe drei Papierchen 4 ½ 5² übernommen haben, Liebſter. Ich habe bis jetzt damit gewartet, Ihnen dieſelben zu präſentiren, weil ich es für unſtatthaft hielt, eine Spielſchuld unmittelbar nach ihrer Kontrahirung einzuziehen. Da ich aber gerade heute nicht bei Kaſſe bin, und es Sie nicht geniren dürfte, wie ich ſoeben geſehen habe—“ „So, ſo!“ unterbrach Stahl ſeinen Beſucher mit äußerſter Ruhe und eiſiger Kälte.—„Sie haben da die Bons, welche ich vor zehn Tagen bei der Gräfin Leggiero ausſtellte. Ganz ſchön, Herr Baron. Nur muß ich Ihnen bemerken, daß ich mich nicht für verpflichtet halte, dieſe Papiere einzulöſen.“ Der Baron riß die Augen auf. „Weshalb nicht?“ fragte er verwundert.—„Ent⸗ halten dieſe Papiere nicht Ihre Unterſchrift?“ „Das kann ich nicht leugnen!“ antwortete Stahl phlegmatiſch. „Und iſt eine Spielſchuld nicht obendrein eine Ehrenſchuld?“ „Man ſetzt ſeine Ehre nur dort ein, wo möglicher⸗ weiſe Ehre zu gewinnen iſt!“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr!“ antwortete der Baron ernſt und faſt in ſtrengem Ton.—„Doch ſo viel weiß ich, daß ich Ihre Unterſchriften in Händen habe, Sie durch Niemanden gezwungen wurden, die 53 Bons auszuſtellen, und ich auf ehrliche Weiſe in den Beſitz derſelben gelangt bin.“ „Etwa ſo ehrlich, wie in den Beſitz Ihrer Güter und Bergwerke im Banat nicht wahr, Herr Baron?“ fragte Stahl ruhig doch mit einſchneidender Schärfe. „Was gehört das hieher?“ erwiederte der Baron trotzig.—„Und— wie meinen Sie das 9ℳ „Es gehört wohl hieher, Herr Baron,“ verſetzte Stahl kalt,„und wie ich es meine, das ſollen Sie ſo⸗ gleich erfahren. Glauben Sie alſo,“ fuhr er fort, indem er jedes ſeiner Worte betonte, und dabei ſeinen Adler⸗ blick feſt auf den Baron ruhen ließ,„ich habe mich das Zweitemal ſo ſorglos von Ihnen düpiren laſſen, wie es das Erſtemal der Fall geweſen iſt?“ „Erklären Sie ſich deutlicher!“ ſagte der Baron erſtaunt, den Fabrikanten ſcharf anblickend, wie dieſer ihn beobachtete. „Nun denn,“ ſagte Stahl langſam und mit Si⸗ cherheit,„ich weiß, daß der Baron Lenz ſich ebenſo ge⸗ wandt falſcher Karten wie falſcher Dokumente zu bedie⸗ nen vermag.“ Der Baron fuhr von ſeinem Seſſel in die Höhe. Seine Miene trug den Ausdruck heftiger Entrüſtung, ſeine Augen ſchleuderten einen zornigen, durchbohren⸗ , 54 den Blick auf den Fabrikanten. Stahl hielt dieſen Blick gleichmüthig aus. „Wie?“ rief der Baron auffahrend, doch mit ge⸗ dämpfter Stimme.—„Sie wagen es zu behaupten, daß ich falſch geſpielt habe?“ „Wenn ich dieß behaupte, ſo wage ich nicht viel!“ verſetzte Stahl ſpöttiſch.—„Daß ich mich an jenem Spielabend,“ fuhr er ernſt und mit Feſtigkeit fort, „gutwillig von Ihnen plündern ließ, und mir Ihnen gegenüber den Schein gab, als werde ich ernſtlich du⸗ pirt, geſchah nicht etwa, Herr Baron, weil ich einen Zuſammenſtoß mit Ihnen befürchtete, ſondern weil ich es vermeiden wollte, in Geſellſchaft ſo ehrenwerther Herren, wie unſere Mitſpieler waren, einen Eklat her⸗ beizuführen.“ Der Baron ſchäumte anſcheinend vor Wuth. Er griff an die Lehne ſeines Seſſels, als ob er dieſen in erſter Aufwallung Stahl an den Kopf werfen wolle. Der Fabrikant rührte ſich nicht und verzog keine Miene. „Mein Herr,“ begann nach einer kleinen Pauſe der Baron, ſich ſcheinbar zur Mäßigung zwingend, „wären Sie ein Kavalier, Sie würden ſich für dieſen mir angethanenen Schimpf mit mir ſchlagen müſſen, ſo aber verachte ich Sie und Ihr Geſchwätz. Sie wollen nicht zahlen? Gut. Ich bin im Beſitz Ihrer Bons, ich 50 werde ſie veräußern, und hoffe dabei, daß Ihr Kredit zuverläſſiger ſei als Ihr Ehrgefühl.“ „Wenn ich das Gegentheil von Ihnen hoffe, Herr Baron, 4 entgegnete Stahl höhniſch und kalt,„ſo erweiſe ich Ihnen mehr Vertrauen als Sie mir. Setzen Sie brigens meine Bons bei irgend einem Banquier oder ſonſtigen Geſchäftsmanne in baares Geld um, nun ſo dürfte es mir vielleicht möglich ſein, durch jene Papiere, welche ich von Ihnen in Händen habe, Ihren Kredit ebenfalls in Kontribution zu ſetzen,— etwa beim Lan⸗ desgericht!“ „Das werden Sie nicht zu thun wagen, mein Herr,“ erwiederte der Baron in ſo höhniſchem Tone wie der Stahls geweſen war, denn jene Papiere, von denen Sie reden, würden Sie eben ſo ſehr bloßſtellen, wie mich. Ich fordere ſie hiermit auf, mir dieſelben unverzüglich zurückzugeben.“ „Es bedarf hierzu noch zuvor einer kleinen Ueber⸗ legung von meiner Seite, Herr Baron!“ verſetzte Stahl mit eiſigem Lächeln.—„Sie ſagten da ſoeben, ich ſei durch jene, Ihren— angeblichen Grundbeſitz im Banate betreffenden Dokumente, die bei mir wohl verwahrt ſind, ſo gut kompromittirt wie Sie. Ich möchte das ſehr zu bezweifeln wagen. Im Gegentheil, jene Päpiere beweiſen nur, daß Sie mich düpiren wollten, Herr Baron, und 56 dies iſt jenes„Erſtemal“ worauf ich vorhin angeſpielt habe, als ich Ihnen ſagte, ich ſei Ihnen zum Zweiten⸗ male, bei den Karten, nicht in die Falle gegangen. Ver⸗ ſtehen Sie mich, Herr Baron? Als gewiegter Geſchäfts⸗ mann bekenne ich zu meiner Schande, daß ich Ihnen nur allzuleichtgläubig vertraute, denn ich nahm Ihre Dokumente und Ihren Verkaufsantrag arglos hin, und hätte ohne Zweifel nicht allein mich, ſondern auch, was ich mir niemals würde vergeben haben, meinen Jugend⸗ freund, einen wackeren Gewerbsmann, in großen Nach⸗ theil gebracht, wäre nicht, Gott ſei Dank, der Freund vorſichtiger geweſen als ich!“. Der Baron ſtarrte den Fabrikanten groß an und wechſelte die Farbe.. „Hölle und Teufel, Herr,“ rief er nach einer kur⸗ zen Pauſe ernſtlich aufgeregt,„was ſoll dieſe Komödie? Ich hätte Sie betrügen wollen, Sie, der Sie mir all⸗ mälig den Gedanken zu einem ſolchen Scheinverkaufe einflüſterten? War nicht Alles zwiſchen uns verabredet, machten Sie nicht gemeinſame Sache mit mir, und fer⸗ tigte ich nicht darauf hin, daß Sie mir die Verſicherung gaben, Sie würden ſchon irgend Jemanden ſinden, der in die Falle gehen werde, die Papiere an? Sie ſind mein Mitſchuldiger, Herr, und unterfangen Sie ſich, mir die Dokumente vorzuenthalten und ſie zu meinem Schaden 57 zu benutzen, ſo müſſen auch Sie in's Gefängniß, denn ich werde ohne Weiteres die Erklärung abgeben, daß Sie mit mir die Früchte des Betruges haben theilen wollen.“ „Und geſetzt den Fall, dem wäre ſo geweſen,“ er⸗ wiederte Stahl kaltblütig,„wie könnten Sie dies vor Gericht beweiſen? Steht irgendwo in den Papieren mein Name? Haben Sie etwas Schriftliches von mir vorzuzeigen? Nein! Ich aber beſitze Ihre von Ihnen eigenhändig angefertigten Dokumente und fingirten Bi⸗ lanzauszüge, wenn ich ſie vorlege und erkläre, daß Sie beabſichtigten, einen Betrug an mir zu vollführen, was können Sie dagegen thun? Unſer beiderſeitiges Vorle⸗ ben würde bei Gericht zur Sprache kommen, Herr Baron, und ich glaube kaum, daß ſo etwas einem Manne wün⸗ ſchenswerth ſein mag, der fähig und geübt genug iſt, ſolche Dokumente anzufertigen, wie Sie es gethan haben. Wenn Sie vor Gericht behaupten wollten, ich ſei Ihr Mitſchuldiger, ſo würde das höchſt unwahrſcheinlich klin⸗ gen, denn es läßt ſich nicht annehmen, daß Sie die Un⸗ vorſichtigkeit begangen hätten, einem Theilnehmer am Betruge Schriftſachen anzuvertrauen, die Sie allein kompromittiren müſſen, ohne daß Sie ſich wenigſtens in ſo weit vorgeſehen hätten, durch dieſe oder jene Kleinig⸗ 58 keit ſich der Diskretion Ihres Mitſchuldigen zu ver⸗ ſichern.“ „Teufel!“ murmelte der Baron verſtört vor ſich hin, und ſchlug ſich vor die Stirne. Dann ſagte er grimmig zu Stahl:„Ich ahnte nicht, daß ich mit einem ſo ausgelernten Spitzbuben zu thun habe!“ Stahl würdigte dieſe Worte keiner Entgegnung, ſondern ſagte kalt:„Sie ſind wohl jetzt ſelber überzeugt, Herr Baron, daß das Gericht zu Ihrem Nachtheile und meinen Gunſten entſcheiden würde, denn ich werde auf alle Fälle in der Lage ſein, mich von jeder Anſchuldigung, jedem Verdachte zu reinigen.“ „Und wenn ich Sie nöthige, Ihre falſchen Aus⸗ ſagen eidlich zu bekräftigen 4 Stahl lächelte ironiſch. „Herr Baron,“ antwortete er,„wir haben von Perſonen, die weit höher geſtellt ſind als Sie und ich, gelernt, wie man einen Eid heut zu Tage zu behandeln hat,— ich denke, ich werde in dieſem Punkte nicht ſchwieriger ſein als Jene, die uns faſt täglich ein ſo be⸗ quemes Beiſpiel geben! Sie ſehen, Sie ſind völlig in meinen Händen!!. „Schändliches Bubenſtück!“ murmelte der Baron. In Stahl, wie er den Baron ſo triumphirend an⸗ blickte, ſchoß plötzlich ein Gedanke auf, durch deſſen Aus⸗ 59 führung ihm ſein Zweck in Bezug auf Fervals am ſicher⸗ ſten erreichbar ſchien. Er vermochte bei dieſem Gedanken nur ſchwer hinter der Maske der Gelaſſenheit das in⸗ nere Frohlocken zu verbergen, das momentan ſeine ganze Seele erfüllte. „ Und nun wir dieſe Kleinigkeit erörtert haben,“ fuhr er ſo ruhig es ihm möglich war fort, an den ent⸗ muthigten Baron vertraulich herantretend,„nun Sie ſelber einſehen, daß es für Sie eine gewagte Sache ſein würde, wollten Sie meine Bons an einen Dritten um⸗ ſetzen, nun werde ich Ihnen den Beweis geben, daß Sie mit keinem Hinterliſtigen zu thun haben, der Ihr Ver⸗ derben will. Sie erwähnten vorhin, daß Sie nicht bei Kaſſe ſeien. Gut,—“ und Stahl zog während er ſprach eine Brieftaſche hervor und entnahm derſelben fünf Banknoten zu hundert Gulden—“ hier ſind fünfhundert Gulden, ich löſe damit den erſten der Bons ein, welche Sie dort in der Hand halten.“ Stahl reichte bei dieſen Worten dem Baron die fünf Banknoten hin. Dieſer, der ſeine Sache ſchon verloren gegeben hatte, blickte betroffen auf. „Wie?“ rief er erſtaunt, indem er inſtinktartig ſo⸗ gleich nach dem Gelde langte und ſich zu einem Lächeln 60 zwang,—„Sie— Sie hätten nur mit mir geſcherzt, liebſter Freund—?“ „Wie Sie es nehmen wollen, Herr Baron,“ ant⸗ wortete Stahl ſarkaſtiſch lächelnd,„im Scherze kann auch ein tiefer Sinn liegen. Es ſchadet nie, wenn man ſich deſſen zu gelegener Zeit erinnert!“ Stahl ſprach dieſe letzteren Worte mit ſcharfer Be⸗ tonung und indem er den Dandy feſt anblickte. „Haben Sie die Güte,“ fügte er in nachläſſigem Tone hinzu,„mir jetzt die auf fünfhundert Gulden lau⸗ tende Anweiſung zurückzuſtellen.“ Der Baron ſteckte das empfangene Geld ein, über⸗ reichte den erſten Bon und drehte die beiden anderen Papiere zwiſchen den Fingern. „Und wie, liebſter Freund,“ ſagte er in äußerſt ſanſter Weiſe, die gegen ſeinen zuvor ſo aufbrauſen den Ton lebhaft kontraſtirte,„gedenken Sie es mit dieſen anderen beiden Anweiſungen, den größeren, zu halten?“ „Ich werde ſie binnen vierzehn Tagen einlöſen, Herr Baron!“ entgegnete Stahl gelaſſen.—„Sie be⸗ greifen, daß ein Fabrikant, wenn er auch über große Kapitalien zu verfügen im Stande iſt, dieſe nicht immer gleich ſeinem Geſchäfte entziehen kann.“ „Ich begreife das,“ erwiederte der Baron,„und gedulde mich mit Vergnügen. Wie aber,“— fragte er 61 in einiger Unruhe, die er nur ſchlecht zu verbergen ver⸗ mochte,—„gedenken Sie es mit den bewußten Papie⸗ ren zu halten, welche Ihnen von mir anvertraut wur⸗ den? Ich möchte Sie erſuchen, mir dieſelben—“ „Dieſe werden ſo lange in meinem Beſitze bleiben, Herr Baron,“ unterbrach ihn der Fabrikant mit Feſtig⸗ keit,„bis der letzte der drei Bons ausbezahlt ſein wird, was, wie Sie ſoeben gehört haben, ja ſchon in vierzehn Tagen geſchehen iſt. Doch apropos,“— fügte er in leichtem Tone hinzu—„an dieſe Ausbezahlung füge ich noch eine kleine Bedingung.“ Der Baron horchte geſpannt auf. „Ich habe mir wohl gedacht,“ ſagte er mit lauern⸗ dem Blick,„daß Sie eine Bedingung in Bereitſchaft halten würden. Reden Sie, ich höre.“ „Es handelt ſich um eine Kleinigkeit,“ fuhr Stahl fort,„es iſt nicht der Rede werth. Setzen Sie ſich ge⸗ fälligſt an meinen Schreibtiſch. Sie finden dort Tinte, Federn und Briefpapier. Schreiben Sie, was ich Ihnen diktiren werde.“ „Ah,“ entgegnete der Baron raſch und mit einer Miene des Mißtrauens,„Sie wünſchen noch etwas Schriftliches von mir? Genügt Ihnen nicht, was Sie bereits beſitzen? Erinnern Sie ſich, Herr von Stahl, 62 daß Sie mir zuvor die Lehre gegeben haben, man dürfe mit ſeiner Handſchrift nicht zu leichtfertig umgehen!“ „Beruhigen Sie ſich, Herr Baron,“ verſetzte Stahl lächelnd,„was ich Ihnen diktiren werde, iſt weder geeig⸗ net Sie zu kompromittiren, noch betrifft es Sie über⸗ haupt. Auch wird dazu Ihre Unterſchrift nicht begehrt, denn es handelt ſich dabei ganz einfach um eine meiner Privatangelegenheiten, eine, was ſoll ich es leugnen, eine — kleine Liebesgeſchichte. Ich möchte ein Briefchen irgendwo hinſenden, dieſes Briefchen aber nicht ſelber ſchreiben— Sie begreifen!“ „Ja, ja!“ antwortete der Baron gedehnt, der dem Fabrikanten noch immer nicht recht trante.—„Iſt das die ganze Bedingung?“ „Jg. „Und iſt ſie unerläßlich?“ „Unerläßlich. Sie werden doch einſehen, Herr Baron, daß der Inhalt eines harmloſen Briefchens, Sie auch nicht im Geringſten gefährden kann. Setzen Sie ſich nur. Sobald ich Ihnen etwas diktiren ſollte, was Ihnen für Sie verfänglich erſcheinen dürfte, ſo ſteht Ihnen ja noch immer frei, mich zu unterbrechen, und das Geſchriebene zu zerreißen.“ Der Baron zögerte einen Augenblick, dann legte er die beiden Bons, welche er noch immer in der Hand 63 gehalten hatte, ſorgfältig in ſein Portefeuille, ſteckte die⸗ ſes ein, und ſetzte ſich zum Schreibtiſch des Fabrikanten. Stahl zerriß unterdeſſen den eingelösten Bon in kleine Stücke, und warf dieſe in einen Papierkorb. Der Baron ſchob einen Briefbogen vor ſich hin, tauchte eine Feder in die Tinte, und ſagte erwartungs⸗ voll:„Ich bin bereit.“ „Gut!“ antwortete Stahl, ging einige Male im Zimmer auf und nieder, ſich die Stirne reibend, und diktirte dann, indem er zeitweilig kurze Zwiſchenpauſen machte, damit der Baron ihm zu folgen vermöge, das Nachſtehende: „Innigſt geliebte Thereſe!“ „Seit jenem Augenblicke, wo ich im Gehölze eine Piſtole auf mich abdrückte, um mir vor Deinen Augen das Leben zu nehmen, habe ich entſetzliche Qualen ausgeſtanden. O hätteſt Du nicht meinen Arm zur Seite geſtoßen, wäre mir doch die Kugel durch's Herz gefahren, ich würde jetzt von allen meinen Leiden be⸗ freit ſein! Du haſt gewollt, daß ich lebe, wohlan, ich werde leben, wenn es leben heißt, ein elendes Daſein hinzuſchleppen. Ich habe erfahren, welche Folgen unſer Zuſammentreffen im Gehölze für Dich hatte, und ich vergebe Dir um deſſentwillen, was Du gelit⸗ . 64 ten, Alles was Du an mir verbrochen haſt. Aber begehre nicht von mir, daß ich ferner in Wien bleibe, ferner eine Luft mit Dir athme, denn hier würde es mich ewig drängen, Dich zu ſehen, und mein Herz würde von ſtets erneuerten, namenloſen Martern zer⸗ riſſen werden, wenn ich Dich am Arme Deines Man⸗ nes ſehen müßte, den Du betrügen wirſt, wie Du mich betrogen haſt! Wir haben uns, ſeit Du wieder in Wien biſt, nur dreimal geſprochen, und wäre dieſes auch hundertmal geweſen, es hätte ja doch nicht zu einer Verſtändigung zwiſchen uns führen können, denn ich werde nie darein willigen, mich in Deinen Beſitz mit einem Anderen zu theilen. Ich verlaſſe Wien und nehme auch unſer Kind mit mir. Was kann es Dir noch ſein? Du biſt ja zum zweiten Male Mutter geworden, und wirſt den Baſtard verwün⸗ ſchen, während Du Dein Kleines an'’s Herz drückſt!“ 3 „Lebe wohl, und vergiß Denjenigen, der leicht⸗ gläubig dem Verderben entgegentaumelte, indem er an Weibertreue zu glauben wagte! Lebe wohl!“ Stahl ſchwieg und trat nun an den Schreibtiſch. Der Baron ſchrieb noch das„Lebe wohl!“ nieder, und blickte dann im höchſten Erſtaunen zu dem Fabrikanten auf. Stahl nahm das beſchriebene Blatt und überlas langſam den Inhalt desfelben. „Gut!“ ſagte er dann, faltete das Blatt in Brief⸗ form und ſteckte es ein. Während dieſes geſchah, forſchte der Baron in des Fabrikanten Zügen. Dieſe waren kalt und ver⸗ ſchloſſen. „Sie führen da eine eigenthümliche Korreſpondenz, Herr von Stahl!“ bemerkte der Baron, den Fabrikanten ſcharf fixirend. „Finden Sie?“ antwortete dieſer trocken. „Dieſe Zeilen wären geeignet, viel Unheil zu ſtif⸗ ten, wenn ſie in die unrechten Hände kämen!“ fuhr der Baron fort. „Das kann wohl ſein!“ verſetzte Stahl ſataniſch lächelnd. „Es fehlt noch die Adreſſe!“ ſagte der Baron an⸗ ſcheinend leichthin.—„Muß ſie nicht auch von meiner Hand geſchrieben werden?“ „Dieſer Brief wird auch ohne Aufſchrift an ſeine Adreſſe gelangen!“ erwiederte Stahl trocken.—„Herr Baron, die Bedingung, welche ich Ihnen ſtellte, iſt Fabrikanten und Arbeiter. II. 5 66 gewiſſenhaft erfüllt, ich danke Ihnen, und werde nicht ermangeln, auch meinen Verpflichtungen gegen Sie prompt nachzukommen. Mein Haus ſteht Ihnen nach wie vor öffen, vielleicht dürfte ſich bald noch ein kleines Geſchäft zwiſchen uns arrangiren laſſen. Wann gehen Sie wieder zur Gräfin?“ Der Baron erhob ſich und griff zu ſeinem Hut. „Ich komme faſt alle Tage zu ihr, doch nur Abends!“ antwortete er.. „So. Nun, wenn wir uns dort treffen ſollten, ſo brauchen Sie ſich keinen Zwang aufzuerlegen,“ ſagte Stahl,„nur bitte ich, mich zu ſchonen. Ich hoffe, Sie verſtehen mich, Herr Baron!“ Die beiden Herren blickten einander ſeltſam lã- chelnd an. Der Baron verbeugte ſich und ging. Als er das Zimmer verlaſſen, zog Stahl das Schreiben hervor, welches er dem Baron diktirt hatte. Er entfaltete es und durchlas es noch einmal. Dann legte er es wieder zuſammen und ſteckte es in die Bruſt⸗ taſche ſeines Rockes. Ueber das Antlitz des falſchen Mannes glitt der Ausdruck lebhafter Befriedigung, ſein Blick funkelte triumphirend. „So wird es gehen!“ murmelte er mit teufliſchem Lächeln.—„Ich werde doch noch ſiegen!“ Fünftes Capitel. Auch eine Aſſoziation. Stahl ſchritt dem Vorzimmer zu, in dem der Buch⸗ halter zu arbeiten pflegte. Er blickte auf ſeine Uhr; es fehlten noch zehn Minuten an Zwölf. Der Fabrikaut öffnete die Thüre in demſelben Augenblicke, als der Buchhalter, von der Fabrik herkommend, in das Vor⸗ zimmer trat. Der Buchhalter hielt einen großen verſiegelten Brief in der Hand und überreichte ihn ſeinem Herrn. „Von woher?“ fragte Stahl, die Aufſchrift prüfend. 3 „Aus der Stadt,“ antwortete der Buchhalter, „der Briefträger hat ihn mir im Hofe gegeben.“ Stahl erbrach den Brief, und ließ ſeinen Blick 69 über den Inhalt des Schreibens gleiten. Während er las begann ein Lächeln ſeine ſchmalen Lippen zu um⸗ ſpielen. Der Brief kam vom Vorſtande eines frommen Vereines, Präſident und Schriftführer hatten ihn unter⸗ zeichnet. Stahl ſah ſich durch dieſe Zeilen als Vor⸗ ſtandsmitglied in den Verein aufgenommen. „Dieſe Ernennung,“ ſagte ſich der Fabrikant mit Befriedigung,„wird mich in den Augen der Tante als einen Mann erſcheinen laſſen, dem es mit ſeiner Bekeh⸗ rung Ernſt iſt. Hat ſie noch Mißtrauen gegen mich ge⸗ hegt, ſo wird es dieſes Dekret wegblaſen, wie ein friſcher Wind ungeſunde Dünſte zertheilt. Eine große Zahl von Leuten wird verſteckt und offen über mich herfallen, meine nächſte Umgebung mich lächerlich machen und mir Allerlei anhängen, nach dem mich früher keineswegs ſonderlich gelüſtet hat, aber was ſchadet das? Erſcheine ich doch ſo der alten, reichen Frau als ein Märtyrer. Neigungen und Gewohnheiten fliegen Einem nicht über Nacht an, in ihnen äußert ſich der Charakter eines Menſchen, und wenn der meinige hochfliegend und ehr⸗ geizig iſt, ſo beweiſt das nur, daß die Natur mich aus anderen Stoffen gemacht hat, als Jene in ſich tragen, die mit mir wohl von gleicher Abkunft ſind, aber nicht wie ich denken. Nur wer das Bedürfniß hat, etwas Beſon⸗ 70 deres zu werden, wird es, wenn er nebſtbei kein guther⸗ ziger Narr iſt. Und einen Narren nenne ich den, der allein für ſich bleibt, der ſich keiner Partei anſchließt, und Alles durch ſich glaubt erringen zu können. Nur ſoll man einer Partei um ſeiner ſelbſt willen dienen! Sein ganzes Denken und Fühlen in einen allgemeinen Zweck aufgehen laſſen, heißt ſich einer Sache wegen bei Seite ſchieben. Zum Henker, welcher geſcheidte Menſch möchte ſich heut zu Tage noch für etwas in Wirklichkeit begeiſtern? Ueberall iſt blauer Dunſt die Hauptſache, und wer dieſen am beſten blaſen kann, ſo daß dem An⸗ deren die Augen übergehen, der hat recht! Zu was, wenn ich's beim Licht betrachte, will ich ſelber hoch hin⸗ aus, etwas gelten? Bin ich der Thor, für den der ein⸗ fältige, hausbackene Weidner mich anſchaut? An der Quelle will ich ſitzen, aus der die guten Dinge zu ſchöpfen ſind, die unſer bischen Wohlleben dieſer Welt ausmachen, denn mit der anderen— ich glaube nur an das, was ich mit Händen greifen kann! Das iſt Alles! Und hol's der Teufel,„Geld zuſammenraffen um gut leben zu können!“ das iſt ja überhaupt heut zu Tage das Loſungswort, und wer andere Dinge als Triebfedern der Menſchheit hoch preist, der mag nur nicht eingeſtehen, daß er für's praktiſche Leben ein Dummkopf iſt! Sie ſäßen Alle gern an dieſer Quelle wenn ſie's nur verſtünden hinzugelangen! Ich aber, ich werde den Weg ſchon finden. Wer weiß, vielleicht ſteckt in mir noch ein Finanzminſter!“ Dieſe ganze Kette von Betrachtungen fügte ſich im Geiſte Stahl's aneinander, während er, nach Leſung des Briefes das Siegel des frommen Vereines lächelnd anſtarrte. Er würde vielleicht ſeine Reflexionen noch weiter ausgedehnt haben, hätten nicht die zwölf Glocken⸗ ſchläge der nahen Kirche an ſein Ohr geklungen. „Hm,“ murmelte er vor ſich,„es iſt gut, daß die Leute noch da ſind. Ich kann ſogleich,“ fügte er ſarka⸗ ſtiſch lächelnd hinzu,„mein neues Amt antreten.“ Stahl verließ, boshaft ſchmunzelnd, das Geſchäfts⸗ zimmer, und ging die Treppe hinab zu dem ebenerdigen Fabriksſaal dieſes Traktes. Hohn blickte aus ſeinen Augen und lauerte in den Winkeln ſeines ſpöttiſch ver⸗ zogenen Mundes, als er, unten angelangt, einen Augen⸗ blick vor der Eingangsthüre Halt machte. Wie er aber die Hand auf den Drücker der Thüre legte und nun in die geräumige Lokalität eintrat, da waren ſeine Züge im Nu vollſtändig verwandelt, und trugen das Gepräge derjenigen eines Mannes, deſſen Gemüth von frommen Eifer für die Sache des Glaubens erfüllt iſt. Man hätte ſein ſcharf geſchnittenes Antlitz mit dem darin ab⸗ geſpiegelten, würdevollen Ernſt, der ſich mit leutſeliger 72 Beſcheidenheit paarte, als das Muſter einer Heuchler⸗ phyſiognomie hinſtellen können. Die Arbeiter rüſteten ſich bereits zum Fortgehen. Stahl wendete ſich an Einen, der ihm zunächſt ſtand. „Albert,“ begann er,„ſagen Sie doch ſämmtlichen Männern, daß ſie noch nicht ſortgehen, ſondern ſich auf einen Augenblick hier verſammeln möchten, ich habe einige Worte an ſie alle zu richten! Die Frauenzimmer mögen jetzt nach Hauſe gehen, aber halten Sie dieſelben heute Nachmittag nach der Auszahlung zurück!“ Albert, der Werkführer, gab den Arbeitern ſogleich den Willen des Herrn kund, und rief auch die Männer herbei, welche in den übrigen Fabrikslokalitäten be⸗ ſchäftigt geweſen waren, und nun im Begriff ſtanden, ſich zu entfernen, 3 Bald hatte ſich ein ziemlich anſehnlicher Halbkreis um den Fabrikanten verſammelt. Dieſer ließ ſeinen Blick ruhig über die Schaar gleiten, welche ihn erwartungsvoll umſtand. Es waren meiſt blaſſe Männer, mit abgezehrten, kummervollen Mienen, aus denen die Sorge ſprach. Man ſah es dieſen Leuten an, daß ſie ſeit langer Zeit gewohnt ſeien, mit Unluſt zu arbeiten. Nirgends zeigten ſich da ſo kräftige, wohlgenährte Geſtalten mit fröhlichem, breitem Geſicht, kernige Männer, wie ſie die Fabrik Weidner's aufzuweiſen hatte. Freilich iſt die Beſchäfti⸗ gung des Wagenarbeiters im Vergleich zu der des Sei⸗ denwebers eine mehr den Körper ſtählende, aber wer möchte es auch leugnen, daß die Art und Weiſe, in wel⸗ cher der Fabrikant ſich zu ſeinen Arbeitern ſtellt, einen großen Einfluß auf das körperliche und geiſtige Wohl der Letzteren auszuüben fähig iſt? Stahl's Arbeiter wurden bei jeder Gelegenheit gedrückt, er knappte ihnen von ihrem Wochenlohne ab, wo er es nur konnte, und wußte ihnen unter allerlei Vorwänden nicht allein Ab⸗ züge zu machen, ſondern auch einen Theil des ſo zuſam⸗ mengeſchrumpften Lohnes vorzuenthalten. Während die Leute Weidneris, der den alten Spruch„Leben und leben laſſen!“ auch bei ſeinen Arbeitern befolgte, vorwärts kamen, vermochten diejenigen Stahl's ſich nicht aus ihren Verlegenheiten herauszuarbeiten, und geriethen, trotzdem ſie vom Tagesgrauen bis in die Nacht ſich mühten, in immer dürftigere Lage. Nicht die Arbeit iſt's, die den Menſchen entnervt, ihn hohläugig macht, ihn entmuthigt und ihn ſchließlich der Krankheit und dem Elende preisgibt, wohl aber die Sorge thut das, die tägliche Sorge des armen Arbeiters, der, obgleich rechtſchaffen und fleißig, die Seinen ver⸗ kümmern ſieht, weil das Schickſal ihn von einem Manne abhängig machte, der hart mit ihm verfährt. 74 „Warum verläßt ſolcher Arbeiter nicht ſolchen Fabrikanten?“ wird man fragen. Geht hinaus in die Vorſtädte, die Ihr fragt, und ſchaut Euch um. Haben nicht in der Ungunſt der Zeit⸗ verhältniſſe viele Fabrikanten ihr Perſonal verringert, und arbeiten mit halb ſo vielen Leuten, gegen ſonſt? Schleichen nicht Hunderte von Männern und Weibern aus dem Volke, die arbeiten möchten, umher, und finden kein Brot? Fallen nicht viele der erſteren früher oder ſpäter dem Verbrechen und die meiſten der letzteren der Proſtitution in die Arme? Und wenn nun der brave Ar⸗ beiter vor ſolchem Loſe zurückſchreckt, was wundert Ihr Euch, daß der da lieber an dem feſthält, was er hat, als daß er die Fabrik eines ſolchen harten Fabrikanten ver⸗ läßt, um auf's Ungewiſſe hin ſich anderswo ſein Brot zu ſuchen?! Und nun kehren wir zu Stahl und ſeinen Leuten zurück. Der Fabrikant blickte, wie gefagt, ruhig die Arbei⸗ ter an, welche ihn umſtanden und erhob dann ſeine Stimme. Seine Anrede geſchah in äußerſt ſanfter Weiſe. Stahl hatte überhaupt ſeit einer Woche ſeinen Ton gegen die Leute merklich geändert, ohne daß es indeſſen im Uebrigen in der Fabrik anders als ſonſt geworden wäre. „Meine Lieben,“ ſagte Stahl,„ich hatte anfänglich 75 die Abſicht, zu Euch heute Nachmittag nach der Aus⸗ zahlung zu ſprechen, aber ich habe mir überlegt, daß Ihr dann zu ſehr mit Euren Geldangelegenheiten be⸗ ſchäftigt ſein würdet, um der Sache, von der ich mit Euch zu reden habe, Eure volle Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Da ich aber nicht zu tauben Ohren, ſondern Euch in's Gewiſſen ſprechen möchte, ſo hört mich jetzt einen Au⸗ genblick an.“ Die Arbeiter warfen einander Seitenblicke zu, und ſtarrten dann den Herrn der Fabrik lautlos an. Lands⸗ berger, der die ganze Woche unverdroſſen fortgearbeitet, obwohl er ſich im Voraus geſagt hatte, daß es am Sonnabend wieder Konflikte wie gewöhnlich geben werde, trat mit finſterer Miene in die erſte Reihe des Kreiſes. Einige andere Arbeiter, deren Angeſichter keineswegs beſondere Ehrfurcht vor ihrem Chef ausdrückten, thaten dasſelbe. „Ich habe Euch,“ fuhr Stahl in ſalbungsvollem Tone fort,„am vergangenen Sonnabend angedeutet, daß ich es mit Freuden ſehen würde, wenn die Arbeiter meiner Fabrik ſich von beſſerem Geiſte beſeelt zeigen wollten, als dieſes ſeither der Fall geweſen iſt, und Euch darauf hingewieſen, daß eine ehrbare, ſchlichte, gottesfürchtige Verbrüderung Euch eher zu den Segnungen eines or⸗ dentlichen Lebenswandels führen müſſe, als alles Andere 76 in dieſer ſo ſündhaften Welt. Ich machte Euch zugleich auf einen frommen Verein anfmerkſam, und forderte Euch für das Beſte Eures geiſtigen wie leiblichen Woh⸗ les zum Beitritt in dieſen Verein auf. Ich bin Euch ſeitdem mit gutem Beiſpiel vorangegangen, wie das in Allem jeder rechtliche und gewiſſenhafte Mann ſeinen Arbeitern gegenüber thun ſollte, und freue mich, Euch heute melden zu können, daß der tugendſame und hoch⸗ geehrte Verein mich zum Vorſtandsmitgliede erwählt hat. Ich habe alſo jetzt doppelt die Verpflichtung, in Eurem Intereſſe mich Eurer anzunehmen. Albert,“ ſetzte Stahl hinzu, ſich an den Werkführer wendend,„wie viele der Leute haben ſich bis heute zum Beitritt in den Verein bei Ihnen gemeldet?“ Der Befragte, ein kleiner, ſchmächtiger Mann, mit grauem Haar und ſpitziger, widerlicher Phyſiognomie, ein Menſch, der in hündiſcher Unterwürfigkeit jedem Winke ſeines Herrn zu folgen gewohnt war, zugleich aber den Arbeitern gegenüber ſich ſtets hart, ſtrenge und feindſelig zeigte, und der mit dem Inſtinkte Jener, die den Mantel nach dem Winde tragen, ſich ſeit acht Tagen wie Stahl geberdete, ſchüttelte jetzt langſam den Kopf und verdrehte ſcheinheilig die Augen. „Es iſt leider ſchlecht damit gegangen, Herr von Stahl!“ liſpelte das Männchen.—„Von Allen haben 77 ſich nur zehn gemeldet. Und das haben wir zum großen Theil dem Landsberger dort zu verdanken, denn der hat es den Meiſten ausgeredet.“ Der Werkführer warf einen gehäſſigen Blick auf den Genannten und wies mit dem Finger auf ihn. „So, ſo!“ ſagte Stahl, die dünnen Lippen zuſam⸗ menkneifend, ohne aber ſonſt in Blick und Miene eine Gereiztheit zu offenbaren. Landsberger ſtand regungslos da und erwartete finſter aber ruhig einen Sturm. Stahl jedoch fuhr in ſeiner ſanften Sprechweiſe fort. „Das iſt beklagenswerth,“ ſagte er,„und ich ge⸗ ſtehe offen, daß ich mehr Gottesfurcht von meinen Leuten erwartet habe.“ „Wir ſind auch keine Ketzer und Heiden, Herr,“ ließ ſich jetzt Landsberger's Stimme heiſer und mürriſch vernehmen,„aber wir ſehen nicht ein, zu was wir mit einemmal in einen Verein treten ſollen? Hat uns bis auf den heutigen Tag der Teufel nicht geholt, wird er uns auch ferner nicht holen, wenn wir bleiben, wie wir dem Herzen nach ſind!“ „Sie führen eine läſterliche Sprache, Landsber⸗ ger!“ verſetzte Stahl ernſt, doch ohne ſich zu ereifern. —„Es iſt das leider heut zu Tage die Sprache aller 78 Derjenigen, die ihre ganzen Gedanken nur auf zeitliches Gut ſetzen!“ „Das hat Einer ſehr gut ſagen, Herr,“ entgegnete Landsberger,„der nicht von der Hand in den Mund zu leben braucht. Wir aber, alle wie wir da ſind, müſſen voon unſerer Hände Arbeit leben, und wenn's uns damit beim beſten Willen nicht zuſammen geht, ſo iſt's nicht zum verwundern, daß uns die Sorge um Frau und Kinder, die alle Tage eſſen wollen, mehr durch den Kopf geht, als der Gedanke an das, was wir noch einmal drüben zu erwarten haben. Wenn uns unſer Herrgott halbwegs nur vergelten will, was wir hier auf dieſer Welt auszuſtehen haben, dann wird's ſchon genug für uns ſein, denn wir ſind wahrhaftig nicht verwöhnt. Ein gerechter Gott wird das aber thun, ohne daß wir nöthig haben, vor Heiligenbildern auf den Knieen herumzu⸗ rutſchen!“ „Geſteht es nur,“ rief Stahl in ſcheinheiligem Eifer die Stimme erhebend,„daß Ihr auf Gott kein rechtes Vertrauen ſetzt. Aber ich ſage Euch, wer das nicht thut, der vertraut auch ſich ſelber nicht mehr. Und das iſt die Urſache, weshalb Ihr auf dem Wege ſeid, zu Grunde zu gehen. Seht, Leute,“ fuhr er milde fort,„ich ſchlage Euch ja darum auch vor, einem Vereine beizu⸗ treten, in dem Einer den Andern durch frommen Sinn 9 aufrichtet. Seid Ihr gegen Alles durch Frömmigkeit gerüſtet, dann wird Euch auch der Segen nicht aus⸗ bleiben.“ „Das möchte ſein,“ entgegnete Landsberger feſt, „wenn der Verein darauf gegründet wäre, den armen, fleißigen Arbeiter nicht allein durch Gebet, ſondern auch durch einen Geldvorſchuß aufzurichten. Hätten die from⸗ men Herren, die ſo ſehr für unſer ewiges Wohl bedacht ſind, wie ſie ſagen, lieber einen Unterſtützungsverein für Arbeiter gegründet, ſo wäre den unverſchuldet in Noth Gerathenen wohl beſſer unter die Arme gegriffen, als durch fromme Ermahnungen. Verſtehen Sie mich recht, Herr von Stahl, wir möchten kein Almoſen, aber ein Darlehen, und zu einem Vereine, der uns das bieten wollte, würden wir am Ende, ſo ſchwer ſich's auch thun ließe, unſer Schärflein beiſteuern, wenn auch die Herren Fabrikanten, in deren Dienſt wir unſere Kräfte abnutzen, ihr Beſtes thun wollten. Aber Beiträge zahlen, um ge⸗ meinſchaftlich beten zu können, daß es mit uns beſſer werde, das iſt nichts, Herr. Wir können unſere Kinder nicht mit Gebeten ſatt machen!“ „Ihr möchtet am liebſten alle heilſamen Satzungen über den Haufen werfen!“ antwortete Stahl, wie in frommem Schrecken die Hände erhebend.—„Leute, es heißt: Du ſollſt dem Herrn dienen!— und jedes Volk, 80 das dieſes nicht gethan, iſt noch elendiglich zu Grun de gegangen! Allh dienet dem Herrn, und es wird beſſer werden!“ „Das heißt,“ antwortete ein anderer krank und ab⸗ gehärmt ausſehender Arbeiter,„wir ſollen Abends müde und matt aus der Fabrik in den Betſaal ſchleichen, und Sonntags, ſtatt mit den Unſrigen in die friſche Luft zu gehen, uns für die mühſelige Arbeit des nächſten Tages zu ſtärken, den ganzen Tag in der Kirche ſitzen. Glauben Sie, Herr von Stahl, daß man das, wenn man noch dazu nur von ſchlechter, dürftiger Nahrung leben muß, auf die Länge aushalten kann? Und wenn wir nun krank und arbeitsunfähig werden, unſere Wei⸗ ber verzweifeln, und die Kinder um Brot ſchreien, öffnet da die Geiſtlichkeit den Säckel und gibt ihre Pfründen her, uns aus dem Elend zu reißen? Rein, da machen es die Herren gerade wie Einer, der den Anderen ins Waſſer fallen ſieht, und ſtatt ihn herauszuziehen, ſich hin⸗ ſtellt und dem Ertrinkenden von der künftigen Vergel⸗ tung vorpredigt, bis er erſoffen iſt!“ „Und wenn's in anderer Weiſe noch zu was nutzte!“ rief ein junger Menſch, der ſich aus dem Kreiſe vor⸗ drängte. Aber da ſehen Sie, meinen Vater haben ſie beſchwatzt, jeden Abend in ſolche Betſtunden zu gehen, und er iſt Jahr und Tag gegangen. Jetzt ſitzt er im 81 Irrenhauſe und redet von nichts als Offenbarungen, Teufelserſcheinungen, und glaubt, er ſei der heilige Antonius in der Wüſte!“ 3 „Und neben uns an,“ ſagte ein anderer Arbeiter in trotzigem Tone,„wohnt eine Nähterin mit ihrer Mutter. Sie hat früher fleißig gearbeitet und ſich und die Alte bequem erhalten. Dann iſt ſie, ich weiß nicht wie, zu ſolchen Andachtsübungen gekommen, täglich in die Meſſe und den Segen gelaufen, hat darüber drin⸗ gende Arbeiten liegen gelaſſen, auch am Sonntag, wenn es noth that, keine Hand gerührt, und jetzt, jetzt geht ſie in Lumpen daher, hat für ſich keine Arbeit und für die alte Mutter kein Brot!“ „Wir treten in keinen Verein!“ riefen mehrere der Arbeiter zugleich. „Nein! Nein!“ hieß es von der Mehrzahl im Kreiſe. „Zahlen Sie uns lieber das Rückſtändige von unſerem Lohn!“ brummte eine tiefe Stimme hinter der dichteſten Gruppe. Stahl blieb dieſen lebhaften Aeußerungen ſeiner Leute gegenüber völlig ruhig. Aber er verzog ſeine Miene zu einer ſcheinheiligen Fratze, die tiefes Mitleid ausdrücken ſollte. Fabrilanten und Arbeiter. II. 6 82 „Ich ſehe,“ ſagte er gelaſſen,„in meiner Fabrik hat die Sittenverderbniß Ueberhand genommen, und ſie kann nur dadurch ausgerottet werden, daß ich Diejeni⸗ gen entlaſſe, welche ſich der Ordnung nicht fügen wollen, die ich nun einmal Willens bin hier einzuführen. Ich habe Einigen von Euch nicht immer den ganzen Lohn ausbezahlt, ich geſtehe es, aber das geſchah, weil ich ſie als Verſchwender kenne, und ein Fabrikant der Vater ſeiner Arbeiter ſein und ſie zur Mäßigkeit zwingen ſoll, wenn's ſein muß!“ Aus der Stahl umgebenden Schaar erklang hier und dort ein leiſes, höhniſches Lachen. Der Fabrikant achtete nicht darauf, ſondern fuhr mit feſter Stimme fort: „Ich werde darum auch von jetzt an darauf drin⸗ gen, daß ein jeder meiner Arbeiter dem Vereine beitrete, deſſen Vorſtandsmitglied ich geworden bin. Wer ſich deſſen weigert, der mag gehen, für den habe ich keine Arbeit mehr. Und damit gut. Sie, Landsberger,“ fuhr er eiſig fort,„und Sie Reſch und Schneider und Burg⸗ müller kommen mit mir ins Bureau. Ich habe noch etwas mit Ihnen abzumachen.“ Stahl wendete ſich mit ſo frommer Miene wie er gekommen war, und verließ den Fabriksſaal. 83 Ein Theil der Arbeiter ſtand beſtürzt da, ein ande⸗ rer ſtieß leiſe Verwünſchungen aus. Die durch Stahl bezeichneten Männer aber, eben alle Diejenigen, welche das Wort geführt hatten, folgten dem Fabrikanten in den erſten Stock. 6* Sechſtes Capitel. Der Fuchs in der Klemme. Nachdem Stahl in das Zimmer des Buchhalters getreten war, blieb er bei dieſem ſtehen, ließ ſich ſagen, was die vier Arbeiter, welche ihm gefolgt waren, an Lohn der Woche und Rückſtändigem zu fordern hatten, und ging dann in ſein Bureau. Auf ſeinen Wink traten auch die Arbeiter dort ein. Stahl öffnete ſeinen Geldſchrank und zählte dann den Lohn der Vier auf einen kleinen Tiſch. „Da iſt Euer Geld!“ ſagte er ernſt und ruhig— „Ihr ſeid entlaſſen, ich kann keine Aufwiegler in meiner Fabrik gebrauchen.“ Die Leute ſahen einander an. Bis auf Lands⸗ berger, der, finſterer als zuvor, regungslos und trotzig ſtehen blieb, war in den Angeſichtern Aller Beſtürzung 85 zu leſen. Keiner trat an den Tiſch ſein Geld einzu⸗ kaſſiren. „Nun“, fuhr Stahl in ſeinem ſanften Tone fort, während aber zugleich ſeine Augen boshaft leuchteten, „habe ich nicht deutlich genug geredet? Da liegt Euer Geld, was zögert Ihr es zu nehmen? Ich ſollte denken, es müſſe Euch daran liegen, ſo bald wie möglich mit mir in’s Reine zu kommen!“ Die drei Männer ſchlugen ihre Blicke kummervoll und verſtört zu Boden. So entſchieden ſie noch wenige Minuten zuvor geweſen waren, ſo entmuthigt fühlten ſie ſich jetzt. Sie ſahen ſich in nächſter Zukunft brotlos, denn das Geld, das ſie da vor ſich aufgezählt erblickten, reichte ja nur für wenige Tage hin. Und wo ließ ſich im Augenblicke neue Arbeit finden? Die Leute kannten nur zu gut die für den Arbeiter traurigen Zeitverhält⸗ niſſe. Landsberger allein, wie geſagt, bewahrte ſeine ſichere und ruhige Haltung. Und nachdem Stahl geen⸗ det hatte, trat er vor. „Herr,“ ſagte er in feſtem, doch nicht unbeſcheide⸗ nem Tone,„Sie werden doch nicht dieſe armen Leute auf die Gaſſe jagen? Sie haben ſich nichts zur Seite legen können und ſind Familienväter! Wenn ſie in der 86 nächſten Woche keine Arbeit finden, dann müſſen ſie alle hungern!“ „Dieſe armen Leute,“ entgegnete Stahl gelaſſen, „haben ſich das ſelber zuzuſchreiben, wenn es ſo kommen ſollte. Ihr lehnt Euch gegen die heilſamen Maßregeln auf, welche ich für gut erachtete, in meiner Fabrik einzu⸗ führen, Ihr könnt ſomit nicht verlangen, daß ich mich ferner Eurer annehme. Verſucht es, ob Ihr mit Eurer Verſtocktheit und Anmaßung anderswo beſſer fahret. Es gibt ja heut zu Tage Menſchen genug, leider Got⸗ tes, denen es gleich iſt, ob ihre Leute geiſtig verwildern oder nicht, wenn ſie nur arbeiten!“ „Und mit welchem Rechte, Herr von Stahl,“ ant⸗ wortete Landsberger mit unerſchütterlicher Ruhe,„ver⸗ langen Sie von Ihren Leuten, daß Jeder in ihrer Fa⸗ brik denken ſolle wie der Andere, nach Vorſchrift denken, wie es Ihnen beliebt? Wenn wir auch nicht überall im⸗ mer reden dürfen, wie's uns um's Herz iſt, ſteht uns doch frei, zu denken wie wir wollen. Wir werden für unſere Arbeit gezahlt, und für nichts weiter, iſt ſie ſchlecht, nun, da verſteht es ſich von ſelber, daß der Fa⸗ briksherr Leute entläßt, die ihm Schaden bringen, iſt aber das gut und brauchbar, was wir liefern, und dazu noch unſer Betragen während der Arbeitsſtunden ruhig und beſcheiden, dann, Herr, nichts für ungut, iſt's eine 87 Grauſamkeit und keineswegs chriſtlich, wenn man uns entläßt, nur weil wir auf der Freiheit beſtehen, über Dinge, die nicht in's Geſchäft gehören, denken zu können wie wir wollen! Ich rede da nicht für mich, Herr, denn ich trete bei Ihnen aus, und möchte um die ganze Welt nicht bei einem Manne länger arbeiten, dem es nicht genügt, ruhige, ſtille Arbeiter zu haben, ſondern der auch noch ſcheinheilige Augenverdreher in ihnen ſehen will, aber für meine Kameraden dort rede ich, die mir vom Herzen leid thun. Laſſen Sie ihnen die Sache ſo hingehen, Herr von Stahl!“ Der Fabrikant blickte den Sprecher feſt an, er durchbohrte ihn faſt mit ſeinem Falkenblick, aber er be⸗ wahrte ſeine ruhige, fromme Miene dabei. „Sie fragen mich, Landsberger,“ erwiederte er nach einer langen Pauſe,„mit welchem Rechte ich mich bei meinen Leuten in Dinge miſche, die nicht zum Ge⸗ ſchäfte gehören? Mit dem Rechte des chriſtlichen Haus⸗ vaters, ſage ich Ihnen, wie vorhin. Aber mit welchem Rechte machen Sie den Fürſprecher dieſer Leute und ſuchen dieſelben von Neuem aufzureizen, obwohl Sie deutlich bemerken werden, daß ſie zerknirſcht daſtehen und ihre Uebereilung bereuen? Mit welchem Rechte, frage ich, drängen Sie ſich hier vor?“ „Mit dem Rechte der Menſchlichkeit, Herr!“ ver⸗ 88 ſetzte Landsberger lebhaft.—„Dieſe Leute ſind nicht zerknirſcht, aber eingeſchüchtert ſind ſie, Herr, denn ſie ſehen die Noth vor der Thüre. Ich aber rede frei und offen, denn, Gott ſei Dank, ich brauche für die nächſte Zeit in der Unabhängigkeit nicht zu darben!“ „So nehmen Sie Ihr Geld dort,“ antwortete Stahl kalt,„und gehen Sie, um ſo bald wie möglich unabhän⸗ gig zu ſein.“ Landsberger trat an den Tiſch, blickte auf die für ihn abgezählte Summe, dann auf den Fabrikanten, und ſchüttelte den Kopf. „Iſt das Alles?“ fragte er in rauhem Tone. „Worauf pochen Sie noch?“ verſetzte Stahl. „Ich poche nicht,“ antwortete Landsbergerentſchieden und ruhig,„ich verlange was mir zukommt, mein Erſpar⸗ tes, die dreihundert Gulden, nebſt drei Monat Zinſen!“ „Ihr Erſpartes?“ antwortete Stahl kalt.—„Ha⸗ ben Sie einen Empfangsſchein von mir aufzuweiſen?“ „Herr,“ rief Landsberger mit funkelndem Blick, indem er die Fäuſte ballte,„Sie werden mir doch nicht ableugnen wollen, daß ich Ihnen das Geld übergeben habe? Der Frank⸗Lenzl und der Hillmann⸗Poldl ſind dabei geweſen!“ Stahl lächelte verächtlich. „Ihre Frage kennzeichnet Ihre niedrige Geſinnung!“ 89 89 . verſetzte er.—„Ich werde Ihnen einen Schein aus⸗ ſtellen,—“ „Nein,“ rief Landsberger rauh und beſtimmt,„ich will mein Geld, und das auf der Stelle, Herr. Es iſt beſſer, wir haben dann nichts mehr mit einander zu ſchaffen!“. „Das kann nicht ſein,“ erwiederte Stahl kalt,„Sie werden ſich erinnern, daß ich ſo gefällig war, Ihr Geld gegen vierteljährige Kündigungsbedingung zu überneh⸗ men. Dasſelbe Recht kommt mir zu. Sie kündigen das Geld alſo heute, und in einem Vierteljahre werde ich es Ihnen auszahlen.“ „Inzwiſchen könnte ich mit Weib und Kindern verhungern, wenn ich nicht gleich Beſchäftigung finden ſollte!“ rief Landsberger zähneknirſchend.—„Großer Gott, du ſiehſt, mit dieſem Manne kann man nur anders reden. So ſoll's denn auch geſchehen!“ Und Landsberger trat näher an Stahl heran. „Herr,“ ſagte der Arbeiter entſchloſſen und finſter, „entweder Sie zahlen mir ſogleich Alles, was mir zu⸗ kommt, und—“ hier deutete Landsberger mit dem Fin⸗ ger auf ſeine Kameraden—„behalten dieſe Leute da, ohne ſie durch Bedingungen einzuſchränken, in Ihrer Fabrik, oder—“ Landsberger unterbrach ſich einen Augenblick und 8 90 näherte ſein düſteres Angeſicht bis auf wenige Zoll dem⸗ jenigen des Fabrikanten. „Oder,“ fuhr er ſo leiſe murmelnd fort, daß ſeine Worte nur Stahl verſtändlich waren,„ich ſtelle mich vor Ihre Thüre, und erzähle jedem Ihrer Arbeiter, und Jedem, der’s ſonſt noch hören mag, daß der Fabrikant Stahl, der Familienvater, das Vorſtandsmitglied eines frommen Vereines Nachts ſein Geld in der Gardegaſſe bei einer zweideutigen Gräfin, meiner Tochter, durchbringt!“ Stahl erblaßte, ſeine Lippen bebten konvulſiviſch, er warf einen ſcheuen Blick auf Landsberger und that einen Schritt zurück. Der raffinirte Mann war durch den ſchlichten Arbeiter in die höchſte Verwirrung gebracht worden. Landsberger aber blickte triumphirend auf ſeinen Gegner. „Nicht wahr,“ ſagte er laut mit bitterem Lächeln, „Sie haben Mitleid mit dieſen armen Leuten, und trei⸗ ben Ihre ohnehin ſeit Kurzem erſt datirende Frömmig⸗ keit nicht zu weit, Herr?“ Stahl ſchaute noch immer betreten den Arbeiter an, von dem er nicht im Entfernteſten geahnt hatte, daß er der Vater der Gräfin ſei. Zu dieſer Ueberraſchung geſellte ſich noch der Gedanke, daß ſeine, Stahl's, Schritte unzweifelhaft insgeheim von dieſem Manne beobachtet 91 worden ſeien. Und dies beunruhigte den Fabrikanten auf das Lebhafteſte.„Doch was könnte der Arbeiter ſonſt noch wiſſen?“ fragte ſich Stahl. Und er faßte ſich. „Nun wohl“ begann er mit unſicherer Stimme, ſich nicht allein an den Vater der Abenteurerin, ſondern auch an die anderen überraſchten Arbeiter wendend,„ich will— auf die Bitte Landsbergers Rückſicht nehmen, und— Euch freiſtellen, ſonſt zu thun was— Euch be⸗ liebt, ſobald Ihr als Arbeiter in der Fabrik Eure Pflicht erfüllt. Nehmt Euer Geld, ich entlaſſe Euch nicht. Und Sie,“— fuhr er im ſanften und heuchleriſchen Tone zu Landsberger fort,„werden doch vermuthlich jetzt auch bleiben wollen, lieber Freund?“ „Nein!“ entgegnete der Alte rauh und trotzig— „Ich will mein Geld, und werde gehen!“ Stahl biß ſich in die Lippen. „Dieſen Menſchen darf ich nicht aus den Augen laſſen!“ hatte er ſich gedacht, und demgemäß gewünſcht, den Landsberger in der Fabrik zu behalten. Es blieb Stahl aber jetzt nichts anderes übrig, als ſich dem Willen ſeines Arbeiters zu fügen. Schweigend ging er zur Kaſſe, zählte die Summe ab, welche Landsberger beanſpruchte, und trat damit an den Tiſch. 92 „Nehmt doch Euer Geld!“ ſagte er zu den Ar⸗ beitern, die noch immer verblüfft an der Thür ſtanden. Die Leute näherten ſich eilig und griffen haſtig nach ihrem abgezählten Lohn, als fürchteten ſie, in der ſo plötzlichen und räthſelhaften Umwandlung ihres Herrn könne eben ſo unerwartet ein Rückſchlag eintreten. Ihre bleichen Angeſichter waren mehr von Staunen als Freude belebt. „Geht jetzt!“ ſagte Stahl zu den Dreien.—„Es bleibt dabei, Ihr arbeitet weiter! Mit Ihnen Landsber⸗ ger,“ fuhr er fanft fort, ſich zu dieſem wendend, wäh⸗ rend die drei Arbeiter am Tiſche ihr Geld nachzählten, „möchte ich gern noch einige Worte reden, ſobald wir allein ſein werden.“ „Wozu das, Herr?“ verſetzte der Alte ernſt und ruhig.—„Ich ſehe dort mein Geld in Ihrer Hand, wenn Sie mich bezahlen, ſo ſind wir mit einander fertig. Was wir ſonſt noch reden könnten,“ ſetzte er in ſcharfem Tone hinzu,„mag lieber ungeſprochen bleiben. Es iſt beſſer für uns Beide, Herr, wir ſind nicht unter vier Augen beiſammen!“ Stahl's Blicke glühten, ſeine Lippe zuckte, er unter⸗ drückte mit Mühe eine Aufwallung innerer Gereiztheit. „Gut, wie Sie wollen!“ ſagte er anſcheinend kalt. 92 93 —„Hier iſt Ihr Geld, nebſt den akkordirten Zinſen für drei Monate.“ Landsberger prüfte was ihm überreicht ward, wäh⸗ rend die anderen Arbeiter zur Thüre ſchlichen, ſich zu entfernen. „Es iſt Alles in Ordnung!“ brummte er.—„Ich empfehle mich!“ „Noch einmal bemerke ich Ihnen,“ ſagte Stahl mit erhöhter Stimme,„daß Sie bei mir fortarbeiten können, wenn Sie wollen, Landsberger. Sollte ich,“ fügte er mit ſcheinheilig leutſeliger Miene hinzu,„einem ſonſt ſo wackeren Arbeiter, wie Sie es ſind, im Eifer meiner Chriſtenpflicht wehe gethan haben, ſo thut es mir leid, und ich kann Ihnen das nicht beſſer bezeugen, als indem ich Ihnen erkläre, daß es mich freuen werde, wenn Sie bleiben. Was Sie auch glauben mögen, ich bin doch der Freund meiner Arbeiter, und werde auch nach wie vor der Ihre ſein!“ „Herr,“ antwortete Landsberger trocken,„ein altes Sprüchwort ſagt: Gott ſchütze mich vor meinen Freun⸗ den, mit meinen Feinden will ich ſchon fertig werden! — Sie haben mich zuvor einen Aufwiegler genannt, als ich unſer gutes Recht vertheidigt habe, und jetzt nennen Sie mich einen wackeren Arbeiter. Ich dagegen habe Ihnen zuvor grade heraus geſagt, wie ich über Sie denke, 94 ich verſtehe die Kunſt nicht, im Handumdrehen meine Meinung zu wechſeln, wie Sie und ſo mancher von den feinen, gebildeten und vornehmen Herren, und ich will auch nichts davon lernen. Ihnen aber möchte ich rathen, Herr, von einem armen, einfachen Arbeiter die Lehre an⸗ zunehmen, daß ſich nur Der Beſchämung und Verachtung erſpart, der bei ſeiner einmal ausgeſprochenen Geſinnung offen und ehrlich bleibt, ob's ihm von Vortheil ſein mag oder nicht! Ich empfehle mich!“ Landsberger ſprach's, machte ruhig Kehrt, und folgte den Leuten, welche das Zimmer verließen. Auf dem Treppenraum drängten ſich die Drei um ihn. „Wie habt Ihr's nur angeſtellt, Landsberger,“ murmelten ſie erſtaunt,„ihn ſo umzuſtimmen!“ „Laßt mich,“ brummte der Alte,„mir brennt hier der Boden unter den Füßen! Ich wünſche Euch vom Her⸗ zen, daß es Euch hier gut gehen möge, aber ich glaube nicht recht daran!“ Er ließ die Frager ſtehen und ſchritt haſtig davon. Stahl aber lehnte während deſſen am Fenſter ſeines Bureaus und ſtarrte hinaus auf den Hof. „Dieſer Schurke verkehrt vielleicht direkt mit ſeiner gräflichen Tochter,“ murmelte er vor ſich hin,„und weiß 95 von ihr, daß ich zu ihr gehe! Hm, ich erinnere mich, was man ſich über ihr Vorleben erzählt hat.“ Stahl ſann einen Augenblick nach. „Es iſt doch am Ende beſſer,“ ſprach er in ſich hin⸗ ein,„ich habe ihn nicht in der Fabrik, denn ich werde ſeine Tochter bald für meinen Plan gewinnen müſſen, und da dürfte mir hier der alte Rebell im Wege ſein. Hm, ſteht er nicht mit ihr in Verbindung, und war er mir vielleicht aus eigenem Antrieb ſeit längerer Zeit auf den Ferſen, dann— doch er würde mir anders gedroht haben, wenn er mehr wüßte. Ich werde auf Alles ein wachſames Auge haben und bald erfahren, woran ich bin!“ Siebentes Capitel. Ein guter Tag. Landsberger trabte ſeiner Wohnung in Ruſtendorf zu. Anfänglich war ſein Antlitz verfinſtert, denn dem verſtändigen Alten drängte ſich immer wieder der Ge⸗ danke auf, daß er, obgleich im Beſitz von dreihundert und etlichen Gulden, doch brotlos ſei, und daß, ſollte er nicht gleich irgendwo Arbeit finden, es nicht ſein Capital verbeſſern heiße, wenn er vom Erſparten zehren würde. Nachdem der wackere Arbeiter aber einige Gaſſen durchſchritten hatte, hellten ſich ſeine Züge auf. „Ei was, zum Henker,“ ſagte er ſich,„ich bin kaum eine große Sorge los, und will mir ſchon wieder ſelber eine neue auf den Hals laden, und eine eingebildete viel⸗ leicht obendrein? Wo ſteht's denn geſchrieben, daß ich ein paar Monate ohne Arbeit umherlaufen werde? Die 97 dreihundert Gulden habe ich, um die mir bange war, und für das Andere wird ſchon der Gott der armen Leute ſorgen! Es iſt am Ende gut, daß es ſo gekommen iſt, früher oder ſpäter hätte ich doch müſſen in Sorgen die Fabrik verlaſſen. Und wenn der Schelm, dieſer Stahl, fertig werden ſollte, was mir gar nicht ſo un⸗ wahrſcheinlich vorkommt, trotzdem er den Großen ſpielt, ſtehe ich doch nicht mit den anderen armen Narren, die ihm blindlings vertrauen, rathlos da, habe mein Geld und gewiß auch längſt einen beſſeren Herrn! Werde ich mir da weiter Grillen in den Kopf ſetzen!“ Es iſt im Wiener Volke ein forgloſer Sinn, der, weit entfernt vom eigentlichen Leichtſinn, etwas rührend Kindliches hat. Wie iſt ſie im Auslande ſchon geläſtert und beſpöttelt worden, dieſe treuherzige, gute, ehrliche Wiener Volks⸗Natur, die, obwohl hundert Mal getäuſcht, ſich immer wieder ohne Bedenken dem Erſten, Beſten, der ein redliches Geſicht zu ſchneiden verſteht, in die Arme wirft, die ſich in ihrer Gutherzigkeit Dinge auf⸗ bürden läßt, daran geduldig ſchleppt, und nur leiſe murrt, wenn's ihr zu viel wird, die auf Widerwärtig⸗ keiten, welche ſie zu dulden hat, auf elende Plackereien einen Witz macht, und ihren Drängern ein Schnippchen ſchlägt! Man hat ſie in der Fremde einfältig genannt, Fabrikanten und Arbeiter. II. 7 98 dieſe Volksnatur, und doch was iſt ſie anders als der kerngeſunde Ausdruck eines noch unverdorbenen Ge⸗ müthslebens, jener Kraft, die fähig iſt, Gutes und Großes zu ſchaffen?! Ein Volk, das an jedes beſſere Gefühl der Einzelnen in ihm nicht mehr glaubt, iſt wie ein ausgelebter, raffinirter Menſch, der ſeine Klugheit auf Koſten ſeines Gemüthes erlangt hat. Ein Volk je⸗ doch, das zu leicht und zu viel vertraut, gleicht dem edlen Jünglinge, der trotz der Lebensluſt und Sorg⸗ loſigkeit noch eine Fülle ſittlicher Stärke in ſeinem Her⸗ zen trägt, der getäuſcht, mißbraucht, auf Abwege gelenkt werden kann, aber doch zuletzt ein ganzer Mann werden muß, ſobald er gelernt haben wird, auch in ſich ſelber Vertrauen zu ſetzen! Ein ſolches Volk hat eine Zukunft, was auch die Spötter ſagen mögen! Landsberger gelangte zu ſeiner Wohnung und trat fröhlich ein. „Sieh' Nettel, was ich da bringe!“ rief er, und zog die drei von Stahl erhaltenen Hundertguldennoten hervor. Er hielt ſie triumphirend in die Höhe. „Der Herr hat Dir Dein Erſpartes zurückgezahlt?“ autwortete die blaſſe, abgehärmte Frau erſtaunt. „Ja und die Zinſen dafür obendrein, Neitel!“ verſetzte der Arbeiter. Die drei Kinder, welche am Bette der Mutter kau⸗ 99 erten, mit einer roh geſchnitzten, armſeligen kleinen Schä⸗ ferei ſpielend, die Anton Schulhof, der Mitbewohuer des Stübchens, ihnen gebracht hatte nachdem er den Vorſchuß von Weidner erhalten, ſprangen in die Höhe und umringten den Vater. 88 „Geld, Geld!“ riefen die Kleinen, indem ſie hab⸗ gierige Blicke auf die Banknoten warfen, welche Lands⸗ berger ſchwang. Der Dämon des Geldes umfaßt heut zu Tage ſchon zarte Kinderſeelen. Hunger und ſonſtige Entbeh⸗ rungen bei den Armen, Eitelkeit und alle die Todfünden, welche der jetzige Luxus in's Leben ruft, bei den Rei⸗ chen, das ſind die Helfershelfer dieſes Dämons, ſie ma⸗ chen es ihm leicht, in die unentwickelten Gemüther der Jugend den Keim jener verderblichen Geldgier zu legen, die mehr und mehr unſer Menſchengeſchlecht in einen raſenden, unheilbringenden Taumel wilder Leidenſchaf⸗ ten hineinzieht. „Der Vater hat Geld!“ ſchrie die kleine Leni ju⸗ belnd.—„Jetzt brauchen wir nicht zu hungern! Die Mutter hat geſagt, ſie habe nichts, und wir würden erſt am Abend etwas bekommen!“ „Nein, Kinder, Ihr ſollt jetzt zu eſſen haben!“ antwortete Landsberger mit bitterem Lächeln.—„Die Mutter holt Wurſt aus dem Gaſthauſe und Erdäpfel!“ 7 100 Die Kinder ſchlugen die Hände zuſammen, ihre hageren Geſichterchen waren von Freude überglänzt. Sie hätten ihre kleinen Seelen bereitwillig um die genannten herrlichen Sachen verkauft, wie einſt Eſau ſein Erſtge⸗ burtsrecht um eine Schüſſel Linſen. Ver kaufen nicht Erwachſene alle Tage ihre Ehre um kaum beſſere Dinge? „Hat er endlich ein Einſehen gehabt, Dein Herr?“ ſagte die Frau Landsberger, deren blaſſes Antlitz durch das Lächeln, das auf ihren Lippen erſchien, kaum ſeinen Schmerzensausdruck verlor. „Der ein Einſehen?“ verſetzte der Arbeiter auf⸗ lachend.—„Cher möchte der 2 olf zum Einſehen kommen, daß er den Schafen unbequem ſei, und ſich von Gras und Baumwurzeln ernähren! Beeile Dich, Nettel, und ſchaffe auf den Tiſch. Nicht allein der Hunger, auch's Geld macht Appetit,— wenn man's nicht ge⸗ wohnt iſt!“ fügte er mit ſpaßhafter Betonnng hinzu, indem er die drei Hunderter muſterte und dagegen der Frau einen Guldenzettel hinhielt.. „Ja, das Geld!“ ſagte Frau Nettel, indem ſie zögernd den Guldenzettel nahm.—„Wie haſt denn Du's von Stahl herausgekriegt, Landsberger?“ „Richtig,“ antwortete dieſer,„Du weißt noch nichts von der Geſchichte und wie ich den Schelm ge⸗ 101 waſchen habe, daß er die Farbe hat verändernemüſſen, wie unechtes Tuch!“ Und Landsberger erzählte ſeiner Frau mit wenigen Worten, was zwiſchen ihm, dem Arbeiter, und dem Fa⸗ brikanten vorgegangen war. „Siehſt Du, Weib,“ ſo ſchloß er,„als ehrlicher Kerl habe ich nicht anders reden können, und bleiben durfte ich auch nicht mehr, das Quälen hätte ja ſonſt kein Ende gehabt!“. „Aber wenn'snur gehen wird,“ murmelte die Frau, „daß Du bald—“* „Still, Weib,“ unterbrach ſie der Arbeiter gut⸗ herzig,„ſetze Dir nichts in den Kopf und ſchaffe uns lieber etwas in den Magen.„Es iſt nun einmal ſo auf dieſer Welt, es gibt kein Fleiſch, wo nicht ein Knochen dar⸗ an ſitzt, und damit müſſen wir uns tröſten. Ich für mein Theil danke unſerm Herrgott dafür, daß es ſo hat kommen müſſen,“ fuhr er lebhaft fort,„allein ſchon we⸗ gen der Julie, der harte Weg zu ihr iſt mir auch jetzt erſpart,— das Geld iſt da!“ „Und was wirſt Du damit anfangen?“ fragte Frau Nettel beſorgt. „Mit fünfzig Gulden,“ verſetzte Landsberger, „ſchaffen wir an, was dringend nöthig iſt,— ich glaube, leider Gottes, Alles iſt nöthig!— und decken ferner 10² die nächſte Zukunft. Die zweihundertfünfzig Gulden aber,— nun, die geben wir in die Sparkaſſe, das iſt wahrhaftig heut zu Tage bald der einzige Ort, wo man ruhig und ſicher ſein Geld hingeben kann! Aber jetzt ſpute Dich, Nettel, ſonſt gehts uns wie dem Geizhalſe, der bei ſeinen Schätzen verhungert iſt!“ „Gelt, Vater,“ rief der jüngſte Knabe, ein fünf⸗ jähriger kleiner Burſche,„jetzt haben wir genug, jetzt kann der Hausherrn⸗Ferdel nicht mehr ſagen: Ihr ſeid Geſindel, Ihr habt kein Geld 1— Landsberger lachte hell auf, Frau Nettel nahm einige Teller und ging. Bald war ſie wieder da, und einige Minuten ſpäter ſaß die Familie um den wackeln⸗ den Tiſch herum, und an den dampfenden Schüſſeln. Zu großen Galatafeln drängen ſich die Neugieri⸗ gen auf die Galerie des Speiſeſaales, eine Schaar be⸗ ſternter, halbſatter, gelangweilter Menſchen von ſilber⸗ nen Schüſſeln ſpeiſen zu ſehen. Auf den Tiſch der Ar⸗ men blickt Niemand als ſie ſelber und Gott, aber es geht an den irdenen Schüſſeln, obgleich ſie mit jener einfachen Koſt gefüllt ſind, vor der tauſend ekle Ver⸗ wöhnte die Naſe rümpfen, fröhlicher zu als an der Galatafel der Vornehmen, ſtatt der Sterne dort glänzen hier heitere, glückſelige Blicke, und Alle, die das arme, genügſame Völkchen hätten tafeln geſehen, würden mit 103 ganz anderen, wahrlich beſſeren Gefühlen zur Seite ge⸗ ſtanden ſein, als die Neugierigen hoch oben auf der Galerie. Der Arbeiter und ſeine Familie hatten geſpeiſt. „Ich werde jetzt eine von den Banknoten wechſeln gehen,“ ſagte Landsberger, ſich vom Tiſche erhebend, „denn ich muß dem guten Anton doch heute das zurück⸗ geben, womit er uns die Woche ausgeholfen hat, er braucht es ſelber. Und ich hätte gern ein Kleid für Dich, Nettel, denn Deines iſt ſchlecht, ich habe das ſchon längſt geſehen, aber mein Gott, ich wußte mir keinen Rath, Dir eines zu ſchaffen. Und für die Kinder möcht' ich doch auch etwas thun, Du ſiehſt freilich darauf, daß ſie rein⸗ lich gehen, aber, ihr Anzug ſieht doch ſchon ſo aus, daß neun Katzen keine Maus darin fangen könnten, das iſt doch gewiß!“ „Verthu' Dein Geld nicht, Landsberger!“ ſagte die Frau wehmüthig.—„Es iſt ſchon ſo auch gut mit mir, und ich danke Dir für Deinen guten Willen. Wer ſchaut denn weiter auf mich? Ich brauche nichts! Aber für die Kinder mußt Du freilich etwas thun!“ „Sieh', Nettel,“ murmelte der Arbeiter bewegt, „wenn mich's nun kränken thät, daß Du leer ausgehen ſollteſt, wenn ich nun eine Freude damit hätte, Dir etwas zu geben? 104 „So gib mir zwei Gulden,“ verſetzte die Frau, in⸗ dem ſie, die tiefliegenden dunklen Augen thränenerfüllt, ihrem Manne die Hand drückte,„ich werde mein braunes Kleid auslöſen, worauf mir die Jüdin in der Gaſſe aus Erbarmen Geld geliehen hat, weil das Verſatzamt nur ein paar Kreuzer darauf hat geben wollen.“ „Da haſt Du die zwei Gulden, Nettel,“ ſagte Landsberger,„weil Du's einmal nicht anders willſt, Du braves Weib, und hernach, wenn ich gewechſelt habe, dann gehen wir mit einander, und kaufen für die Kin⸗ der ein.“ Das Mädchen und die beiden Buben jubelten. „Wir dürfen doch mitgehen?“ riefen ſie, die Eltern umſpringend. „Freilich!“ antwortete Landsberger lächelnd— „Und ich weiß noch was Beſſeres! Wir machen uns Alle heute einen guten Tag, das ſag' ich Dir, Nettel! Sobald die Mutter für Euch eingekauft haben wird, Kinder, gehen wir in's Gaſthaus. Um ſieben Uhr kommt der Anton drüben aus der Fabrik, ich hole ihn von dort ab, und Du, Nettel, kannſt indeſſen mit den Kindern voraus nach Lerchenfeld gehen, wir kommen ſchon nach. Hole aber Dein braunes Kleid gleich von der Jüdin, und ziehe es an, es iſt ſo gut wie neu, nicht wahr?“ „Ja, ja!“ verſetzte die Frau kopfſchüttelnd— 105 „Schau', daß Du's Geld bald in die Sparkaſſe bringſt, Landsberger, es thut nicht gut, wenn arme Leute mehr in Händen haben, als ſie die Woche über brauchen!“ „Geh' zu,“ rief Landsberger lachend,„Du redeſt ja faſt wie die Herren, die uns das alle Tage vorhalten, weil ſie am beſten mit uns umſpringen können, wenn bei uns der Hunger Schildwach' ſteht und die Noth präſentirt. Ich bin ja kein Kind, Nettel, das gleich übermüthig wird, ſobald ihm's einen Augenblick nach Wunſch geht. Ich weiß ja ſo, daß auf ein Loth Glück ein Centner Sorgen folgt!“ Landsberger und ſeine Frau blickten einander ſtill an, und drückten ſich dann wehmüthig die Hände. Der wackere Arbeiter ging und wechſelte ſeinen Hunderter ein. Dann kehrte er nach Hauſe zurück, ſteckte einiges von dem Gewechſelten zu ſich, und legte ſein kleines Vermögen ſorgfältig in die Schieblade eines Schrankens, den er verſchloß. Nach einer Stunde machte ſich die ganze Familie auf den Marſch. Frau Nettel hatte ihr braunes Kleid angezogen, aber ſie ſah dennoch nicht weniger dürftig aus als die Kinder, die ihr„Beſtes“ trugen, das aber faden⸗ ſcheinig genug war. Das Antlitz der Frau hatte nach wie vor jenen leidenden Zug, den ausgeſtandene Sor⸗ gen dem Geſichte aufprägen, ſie lächelte wohl, aber es 106 war ein mattes Lächeln, ein Lächeln ohne rechte innere Freudigkeit, ohne Zuverſicht. Die Kinder zeigten ſich luſtig, ja ausgelaſſen faſt, doch ihre Heiterkeit machte einen wehmüthigen Eindruck, wenn man ſah, daß es blaſſe, ausgehungerte Geſichterchen waren, in denen die Freude glänzte. Landsberger und ſeine Frau kauften in Fünfhaus und Mariahilf allerlei Nothwendiges für die Kinder ein, und Frau Nettel konnte es nicht verhindern, daß auch für ſie einige Ausgaben gemacht wurden. Der gute Ar⸗ beiter war ſo froh, geben zu können, er hätte die Seinen alle gern nach Herzensluſt in Ueberfluß bedacht, wäre nicht die Zukunft immer wieder gleich einem drohenden Geſpenſte vor ihm aufgetaucht. Aber ſie waren doch Alle glücklich, mochten auch die Gaben gering ſein,— denen, die Alles entbehrt hatten, iſt ja ſo leicht zur Freude geholfen!““ 3 Es waren mehrere Stunden vergangen. „So,“ ſagte Landsberger endlich,„jetzt wird's Zeit, Nettel, daß Du mit den Kindern voraus nach Lerchenfeld gehſt, wir haben bald halb ſieben Uhr. Ich muß in die Roßau, ſonſt treffe ich den Anton nicht mehr dort, und der muß doch dabei ſein, wenn wir uns einen vergnügten Abend machen!“ 107 „Aber weißt Du, Landsberger,“antwortete die Frau, „ich habe da alle die Packete, die können wir doch nicht mit im's Gaſthaus nehmen?“ „Warum denn nicht?“ verſetzte der Befragte la⸗ chend.—„Genirt's Dich etwa, wenn die Leute ſehen, daß wir in der Lage ſind, Einkäufe zu machen? Jedes von den Kindern trägt ſein Theil, und ſo marſchirt Ihr drauf los. Sie werden ſchon ſelber auf ihre guten Sa⸗ chen Obacht geben, denn ſo etwas gibt's nicht alle Tage, gelt?“. Die Kinder umſprangen fröhlich die Mutter und langten nach ihren Packeten. Jedes mußte ſein künftiges Eigenthum haben, und die kleinen Dinger ſtellten ſich nun ſtolz und ſelbſtbewußt damit neben die lächelnde Mutter. „Nun gut!“ ſagte dieſe.—„Und wohin ſollen wir gehen, Landsberger?“ „Nun, geht meinethalben zum„Faßl,“ antwortete der Arbeiter,„da ſetzt Euch in den Garten, Du weißt, zu Anfang der Gaſſe neben dem Thaliatheater, das Bier iſt nicht ſchlecht dort und wenn ich und der Anton kom⸗ meu, dann gibt es auch etwas zu eſſen für Euch. Hier haſt Du einen Gulden Nettel, damit Du nicht ohne Geld † —— 108 biſt. Und jetzt ſchaut, daß Ihr weiter kommt!“ ſetzte er lachend hinzu, nachdem er der Frau Geld eingehändigt hatte. Die kleine Schaar ſchwenkte munter links ab, Landsberger ſchritt grade aus, die Mariahilfer Straße entlang, dem Glacis zu. Als er an der Gardegaſſe vorüber kam, warf er unwillkürlich einen ſcheuen Blick hinein. Dort wohnte ſeine Tochter, die leichtſinnige Julie, die frivole Gräfin; Anton zeigte ihm ja in jener Nacht, als ſie einander trafen, die Wohnung derſelben. Landsberger hatte mit Wenigem einige Stunden harmloſen Glückes durchkoſtet. War ſie dort glücklich, die ſicher alle Tage in Sammt undSeide ging, und gewohnt war, ſich allen Genüſſen hinzugeben, die der Luxus und eine galante Exiſtenz bieten? Kannte ſie die Freude, die reine, unverfälſchte Freude, die Zufriedenheit mit ſich ſelber? War ſie noch fähig, das zu empfinden, was er und ſeine Familie jetzt empfunden hatten? Und gedachte ſie in einſamen Stunden, vielleicht in demſelben Augenblicke, in dem der Vater ſo nahe ihrer Wohnung vorüberſchritt, des kleinen anſpruchsloſen Kreiſes, dem ſie in Leichtſinn den Rücken gewandt hatte, um ſich der Sünde in die Arme zu werfen? Sah ſie bisweilen in 109 ihren Träumen das vorwurfsvolle Antlitz des greiſen, rechtſchaffenen Vaters, die kummervollen Züge des ver⸗ rathenen Antons? Oder hatten ihre Sinne, der Taumel, in dem ſie lebte, die Vergangenheit aus ihrem Gedächt⸗ niß gelöſcht und ihr Herz abgetödtet? Etwa dieſelben Gedanken, wenn auch in unbe⸗ ſtimmterer Form, dämmerten in dem ehrlichen Arbeiter auf, als er an der Mündung jener Gaſſe vorüberging und ſcheu hineinblickte. Er runzelte die Stirn und ver⸗ doppelte ſeinen Schritt. Aber als er das Glacis erreichte, ſchüttelte er dieſe trüben Gedanken ab. „Daran iſt nichts mehr zu ändern,“ murmelte er, „ſie iſt für uns verloren!“ . Landsberger bog jetzt um die Ecke, welche die kai⸗ ſerlichen Stallungen bilden. Hier war er Anton an jenem Abende zuerſt begegnet. Und nun kam ihm die Fahrt ins Gedächtniß, welche er von Pötzleinsdorf aus mit dem Herrn und deſſen un⸗ glücklicher Frau unternommen, als dieſe ſich in einem ſo eutſetzlichen Zuſtande befand. Er erinnerte ſich der furchtbaren Angſt, welche er ſelber auf dem ganzen Wege ausgeſtanden hatte. 110 Seit der bisher verfloſſenen Zeit war ihm ſchon öfter der Gedanke an die arme Dame in den Sinn ge⸗ kommen. Er wäre gern ſchon gegangen, ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen, aber der ehrliche Alte hatte be⸗ fürchtet, man werde ſeinen Beſuch falſch auslegen, und glauben, er komme um eine Belohnung, und nicht aus Mitgefühl für die arme Frau. Auch jetzt, wie er weiter ſchritt, und nun bis zur Kaiſerſtraße der Joſefſtadt gelangt war, dachte er ſo, und leiſtete dem längſt gehegten Wunſche Widerſtand. Ohne den Kopf zur Seite zu wenden, gewiſſermaßen um ſich auch nicht durch einen Blick auf das Haus, in wel⸗ chem die Leute wohnten, denen er Beiſtand geleiſtet hatte, in ſeinem Vorſatz wankend zu machen, eilte er am Gla⸗ eis hin vorwärts. „Es iſt ſo,“ brummte er vor ſich hin,„ich gehe nicht zu ihnen. Man hält den geringen Mann für eigennützig, und glaubt, jeder Dienſt, den er leiſtet, werde nur von ihm gethan, daß man ihn bezahle! Die Leute dort in der Kaiſerſtraße könnten mir auch etwas anbieten und mich kränken, und das thäte mir um ſo mehr weh, weil ſie mir Beide gefallen haben! Nein, vorwärts, Landsberger, es iſt nun einmal ſo, daß die 111 beſſere Klaſſe von der geringeren glaubt, ſie brauche kein Selbſtgefühl. Und doch könnte ſie von dieſer manch⸗ mal lernen, was es heißt, das Herz auf dem rechten Fleck haben!“ Achtes Capitel. Die Schneider⸗Fanni. Landsberger war ſo rüſtig vorwärts geſchritten, daß noch einige Minuten an ſieben Uhr fehlten, als er das Eingangsthor des Weidner'ſchen Hauſes erreichte. Er ſtellte ſich dort auf, den Anton zu erwarten, der nun doch bald die Fabrik mit den übrigen Arbeitern verlaſſen mußte. Als er ſo daſtand, dachte er über Anton nach. Der arme Burſche war, ſeit er wieder bei Weidner arbeitete, pünktlich ſeiner Pflicht nachgekommen, und hatte ſicher ſeinem Herrn noch keinen Anlaß zur Unzu⸗ friedenheit gegeben. Das ſagte ſich Landsberger, aber er konnte es ſich auch nicht verhehlen, daß mit Anton während der letzten Tage eine Veränderung vorgegan⸗ gen ſei. Und dieſe gefiel dem alten Arbeiter nicht. 113 Der junge Mann hatte, nachdem ihn Weidner wieder unter ſeine Arbeiter aufgenommen, mit frohem Muthe in die Hand Landsberger's und ſeiner Frau gelobt, daß er völlig mit der Vergangenheit brechen wolle, und kei⸗ nen Schritt mehr thun werde, um in die Nähe ſeiner ehemaligen Geliebten zu gelangen. Er hatte ſogar in den erſten Tagen fröhliche Zuverſicht gezeigt, und ſchien die treuloſe Julie völlig vergeſſen zu haben. War auch ſeine Munterkeit nicht in dem Grade wiedergekehrt, wie er ſie ehemals beſeſſen, ſo hatte er doch geſcherzt und gelacht. Dies ſollte aber leider nicht lange dauern. Die Landsbergers bemerkten bald, daß Anton ſich zum Froh⸗ ſinn zwinge, daß ſeine Zuverſicht eine erkünſtelte ſei, er ward öfters zerſtreut, lachte jetzt, und ſtarrte im näch⸗ ſten Augenblicke tiefſinnig vor ſich hin. Das alles war dem verſtändigen Alten nicht entgangen, aber er hatte auch bemerkt, und dieſes erregte ſeinen ganz beſonderen Verdacht, daß Anton Abends nach der Arbeit erſt ſpät nach Hauſe zurückkehre, alſo nicht direkt von der Arbeit komme und in der Frühe ſich mindeſtens eine Stunde zei⸗ tiger von der Wohnung entferne, als nöthig geweſen wäre. „Der ſchleicht ſicher wieder um ihr Haus,“ ſo ſchloß Landsberger die Reihenfolge deſſen, was ihm durch den Kopf ging,„und wird ſeinem guten Vorſatz⸗ Fabrikanten und Arbeiter. II. 8 ungetren. Wohin muß das führen? Der Burſche wird darüber verrückt werden, dahin wird's kommen, wenn man ihn nicht bald auf andere Gedanken bringt! Aber mit Gewalt oder Ueberredung läßt ſich da nichts thun, und arbeiten, um ſie zu vergeſſen, kann er doch nicht Tag und Nacht! Daß er dieſes elende Geſchöpf liebt, iſt ſchon ſein Unglück geweſen, und wird ihn, ich fürchte es, noch ganz und gar zu Grunde richten! Wüßte ich nur einen Ausweg!“ Landsberger ſchaute bekümmert durch das Ein⸗ gangsthor in den Hof hinein. Da legte ſich dem Alten plötzlich eine leichte Hand auf die Schulter. Er drehte ſich raſch herum, ſein Ant⸗ litz drückte eine lebhafte Ueberraſchung aus. Vor ihm ſtand ein junges, ſchönes Mädchen und lächelte ihn an. Sie hatte roſige Wangen, ſchwarzes Haar, braune, blitzende Augen, ihre Züge waren nicht gerade ebenmäßig geformt, denn ſie hatte ein Stumpf⸗ näschen, deſſen Zierlichkeit aber den pikanten Reiz ihres friſchen Angeſichts erhöhte, auch waren ihre Lippen, zwiſchen denen, wenn ſie lachte, blendend weiße Zähne hervorglänzten, leicht aufgeworfen. Die lebenſprühenden Augen und das ſinnlich ſchwellende Mündchen, das ſtets zum Lachen bereit ſchien, der üppige Buſen, die Taille zum Umſpannen, die runden, elaſtiſchen Formen 115 der Geſtalt, die anmuthige und etwas kokette Haltung machten jenen verführeriſchen, wollüſtigen Eindruck, den die Männer vorzugsweiſe am weiblichen Geſchlechte lie⸗ ben, und der ihnen zu verkünden ſcheint, daß die Be⸗ ſitzerin ſolcher Reize nicht unempfindlich für die Sinn⸗ lichkeit ſei. Aber ſagen wir nur gleich: Der Schein trügt oft! und nicht Alle, welche in ihrem äußeren Weſen einer ver⸗ lockenden Venus gleichen, ſind es in ihrem inneren. Be⸗ ſonders Wien hat ſolche üppige Erſcheinungen in großer Zahl aufzuweiſen, und man iſt gewohnt, in ihnen die echte lebensluſtige Wienerin zu bezeichnen, und nach dem Ausſehen ſeine Meinung von ihr zu bilden. Wüß⸗ ten nur Jene, die ſo nach dem Aeußeren ihr Urtheil ab⸗ zugeben pflegen, wie manches üppige aber rechtſchaffene ſchöne Kind ſich im Stillen darüber ärgert, daß die ge⸗ fährlichen und verdächtigenden Gaben, welche die Natur ihr verlieh, wie die argloſe Heiterkeit ihres Weſens, ſo falſch gedeutet werden! Das junge Mädchen, welche jetzt vor Landsberger ſtand, war reinlich aber nicht elegant gekleidet. Man ſah es ihrem Anzuge an, daß ſie eine Handarbeite⸗ rin ſei. Während ihre Rechte von der Schulter Landsber⸗ gers zurückglitt, hielt ſie an der Linken einen Knaben „ von etwa zwölf Jahren, der fragend zu dem erſtaunten Arbeiter aufblickte. Dieſer Knabe war derſelbe, welchem Pauline das Leben gerettet hatte. Seine Kleidung war geſäubert, ſeine Wangen hatten eine friſche, roſige Farbe, die durch den Schreck in der Mittagsſtunde vom vollen Antlitz verſcheucht worden war; man ſah es dem Kleinen an, daß der Unfall für ihn keine nachtheiligen Folgen gehabt habe. „Der Herr Landsberger kennt mich nicht mehr, das iſt ſchön!“ ſagte das Mädchen auflachend, als ſie die erſtaunte Miene des Arbeiters gewahrte. „Die Fanni!“ rief dieſer.—„Potztauſend! Grüße Sie Gott! Wir haben einander ſeit Jahr und Tag nicht geſehen!“ „Vor anderthalb Jahren iſt's das Letztemal ge⸗ weſen!“ erwiederte das Mädchen plötzlich ernſt. „Ja, ja,“ antwortete Landsberger,“ als der Anton Schulhof—“ Landsberger unterbrach ſich. Das junge Mädchen ward feuerroth. Sie war ſichtlich verwirrt, und wußte im Augenblicke nichts zu entgegnen. In Landsberger aber tauchte die Vergangenheit lebhaft auf, als er Diejenige anblickte, welche er Fanni genannt hatte, und die Beſtürzung gewahrte, von der ſie * 117 bei der Nennung des Namens„Anton Schulhof“ er⸗ griſſen ward. Er hatte auf das Mädchen völlig ver⸗ geſſen gehabt, und jetzt erinnerte er ſich, daß ſie, die ehemalige Freundin ſeiner Tochter, den Anton hoff⸗ nungslos geliebt hatte. Wie, wenn ſie ihn noch liebte? Dieſes heftige Erröthen ließ es vermuthen. Fanni war ſchöner geworden, als ſie damals ge⸗ weſen war, wie der Anton noch mit der Julie ging. Und dieſe war jetzt für Anton verloren, er durfte nicht mehr an ſie denken, er war frei. Sollte es der Fanni unmöglich ſein, ihn von ſeinem Kummer zu heilen? Das fuhr jetzt wie ein Blitzſtrahl durch Landsber⸗ gers Sinn, als er ſich mitten im Satze unterbrach. „Anderthalb Jahre alſo,“ ſprach er dann zu Fanni gewendet weiter,„haben Sie ſich nicht bei uns ſehen laſſen, das iſt eine lange Zeit für alte Bekannte, wie wir ſind! Iſt denn Ruſtendorf gar ſo weit von der Roſeranogaſſe? Sie wohnen doch noch dort?“ „O nein, an der Lerchenfelder Linie!“ verſetzte das Mädchen, die ihre Verwirrung niederzukämpfen ſchien.—„Sie wohnen jetzt in Ruſtendorf? Ich habe das nicht einmal gewußt. Mein Gott,“ fuhr ſie fort, wieder den heiteren ungezwungenen Ton anſchlagend, mit dem ſie Landsberger zu Anfang angeredet hatte, „unſereins hat von der Frühe bis auf die Nacht zu thun, will man ſich rechtſchaffen durch die Welt bringen. Und Sie wiſſen, daß ich obendrein meine Mutter zu ernäh⸗ ren habe, und den ſchlimmen Buben dort, der mir Tag ſür Tag neue Sorgen macht. Da muß ich denn auch die Sonntage zu Hülfe nehmen, und komme ſo zu Nie⸗ mandem!“ „Ich weiß,“ verſetzte Landsberger herzlich,„daß Sie ein braves, fleißiges Mädchen ſind, Füun⸗ uner⸗ müdlich T Tag und Nacht, denn Sie haben ſich nicht ge⸗ ändert, wie die Andere,— drauf w·ll ich mein Wort geben!“ fügte er hinzu, indem ſich ſein An bageſ t einen Augenblick verdüſterte.—„Aber laſſen wir das,“ fuhr er heiter fort„weiß Gott, mich freut's, daß wir uns wiederſehen, und grade jetzt! Fanni, Sie haben ſch hübſch herausgemacht, das muß man ſagen, und fürwahr, d dn Arbeit hat bei Ihnen gut angeſchlagen, beſſer, will ich meinen, als bei Anderen der Müßiggang anſchlagen wird!“ „Ei, Herr Landsberger,“ antwortete Fanni lachend, „Sie wollen mich nur necken! Aber ſagen Sie doch, wie es Ihnen und Ihrer Familie geht? In Ruſtendorf woh⸗ nen Sie gar? Arbeiten Sie nicht mehr beim Stahl?“ „Seit heute nicht, Gott ſei Dank!“ verſetzte Lands⸗ berger lebhaft,—„Es iſt uns eine Weile ſchlecht ge⸗ gangen, Fanni, drum haben wir hinaus müſſen bis an 4 119 der Welt Ende, und dort ſitzen wir in einem Mauſeloche beieinander, und die guten Möbeln und das beſte Bett⸗ gewand hat der Henker geholt! Aber jetzt wird es ſchon wieder vorwärts gehn, Frau und Kinder ſind geſund, was uns Kummer verurſachte, haben wir uns aus dem Sinn geſchlagen, ich habe Geld in der Hand und verſtehe mein Geſchäft. Für's Weitere wird alſo wohl der liebe Gott ſorgen! Und wie geht's der Mutter, Fanni?“ „Sie iſt noch ſo lahm wie früher, und kann nichts arbeiten, denn ſie ſieht auch jetzt ſchlecht,“ antwortete Fanni,„aber luſtig iſt ſie wie ehedem, und vertreibt mir die Grillen, wenn's mir mit dem Schaffen marchmal zu viel wird. Sie hat ihren guten Humor, und mehr brauch' ich nicht zur Beihülfe, ich bringe ſchon allein die kleine Familie ganz gut durch. Wenn mir der Bube da nur nicht bisweilen Kummer und Angſt machen wollt', wie grade heute!“ „Schau, Fanni,“ rief der Knabe, etwas weiterhin wo die Sprechenden ſtanden, auf die Mitte der Gaſſe deutend,„grade dort iſt's geweſen wo ich fiel, und da hat mich auch die Dame gerettet und ſind Pferde und Wagen über ſie weggegangen!“ „Was der Teufel?“ ſagte Landsberger verwundert. —„Was redet der Bub' da?“ 120 „Nun das iſt's ja, warum wir hier ſind, der Bube und ich!“ erwiederte Fanni lebhaft.—„Der Wilhelm iſt heute dort über die Gaſſe gelaufen, wie die Pferde des jungen Herrn von Weidner durchgingen. Eine Dame hat den Wilhelm gerettet, und jetzt bin ich hergekommen, denn früher habe ich nicht können, mich nach der armen Dame, die verwundet in das Weidner'ſche Haus getra⸗ gen wurde, zu erkundigen und ihr zu danken!“ „Was der Henker!“ rief Landsberger erſtaunt.— „Was hatte den Wetterbuben denn von der Lerchenfelder⸗ linie bis hierher nach der Roßau geführt?“ „Ach, eine Dummheit! Ihn hat vor zehn oder zwölf Tagen ein langer, magerer Herr, wie er ſagt, als der Kleine zum Glacis gegangen iſt, um dort mit Ka⸗ meraden zu ſpielen, in ein Haus der Joſefſtädter Kaiſer⸗ ſtraße geſchickt, um nachzufragen, ob dort ein Herr zu Hauſe ſei, und wie der Bube herunter gekommen iſt, da hat ihm der magere Herr einen Zehnkreuzerſchein gege⸗ ben.“— 4 „Ja, und der Schein iſt ein falſcher geweſen,“ rief der Knabe entrüſtet,„da ſchauen Sie ihn nur an!“ Der Kleine zog den Schein, von dem die Rede war, mit einer ſolchen Wichtigkeit hervor und zeigte ihn Landsberger ſo haſtig, daß ſich unzweifelhaft herausſtellte, 121 er betrachte dieſe Angelegenheit als eine Haupt⸗ und im ſtrengſten Sinne des Wortes Kapital⸗Frage. „Ich ſah das erſt,“ fuhr der Knabe fort,„als der Herr an dem Glacis in einen Fiaker ſtieg und fortfuhr. Den Fiaker habe ich freilich nicht einholen, aber mir doch di Nummer merken können, Nummer 67. Das hat mir aber nichts geholfen, der Fiaker, den ich den anderen Tag fragte, kannte den Herrn nicht, und ſnot⸗ nur, daß er ihn bis nach Neuwaldegg habe führen müſſen, wo er dort aber hingegangen ſei, das wiſſe er nicht!“ „Ja, und denken Sie ſich,“ fuhr Fanni lachend fort,„heute ſieht der närriſche Junge am Glacis einen Herrn in einem Einſpänner, bildet ſich ein, es ſei der „Falſchezehnkreuzerherr,“ ſpringt hinten auf den Wagen, und fährt ſo bis hierher in die Schmidgaſſe, wo der Herr ausſteigt und ſich's herausſtellt, daß der Bube ſich geirrt hat. Gleich darauf,“ ſetzte ſie ernſt hinzu,„kam das Un⸗ glück, und wäre die edle Dame nicht geweſen“— „Die Arme ward wohl arg zugerichtet?“ unterbrach ſie Landsberger theilnahmsvoll. „Das läßt ſich denken!“ erwiederte Fanni bewegt. „Jetzt müſſen wir hinauf, und hat man die Dame frtgebranſt, um ihre Adreſſe ſregen Hat ſie Nieman⸗ den ihr zu helfen und ſie zu pfl egen, ſo will ich gern dieſer Tage von der Arbeit abſtehen und ihre Krankenwärterin ſein, ſie that ſo viel für uns, wagte ihr Leben, das Ge⸗ ringſte was ich thun kann, iſt, daß ich ihr meine Zeit opfere.“ „Aber wer arbeitet dann für Mutter und Bruder 55 ſagte Landsberger. „Ich habe mir ſchon, unter uns geſagt, hübſch was erſpart, Landsberger,“ verſetzte das Mädchen mit froher, geheimnißvoller Miene„davon mögen ſie denn unver⸗ droſſen leben. Geht dies Erſparte auch darauf,“ fuhr ſie voll Zufriedenheit fort,„ich bin ja geſund, die Arbeit fliegt mir nur ſo von der Hand, und gute Kundſchaft habe ich auch, da fange ich denn von vorn wieder zu ſparen an, plage mich ein„biſſerl“ mehr als ſonſt, und, geben Sie Acht, ich bring's ſchon wieder ein. Und etwas wird ſich doch auch arbeiten laſſen, während ich die Kran⸗ kenpflegerin mache!“ „Fanni,“ rief Landsberger gerührt, indem er dem Mädchen die Hand drückte,„Sie haben ein gutes Herz, Ihnen darf's nie ſchlecht gehen, unſer Herrgott würde faſt ungerecht ſein, ließe er's zu! Wenn ich Ihnen in irgend etwas dienen kann, ſo kommen Sie zu mir, ich bin jetzt einigermaßen in der Lage—“ Der gute Alte ſtockte lächelnd. „Ich danke Ihnen,“ antwortete Fanni herzlich,„und werde ganz gewiß bald einmal auf Beſuch nach Ruſten⸗ dorf kommen! Aber jetzt muß ich gehen, Landsberger, denn mir läßt es keine Ruhe, ich muß wiſſen, wie's um die arme Dame ſteht! Grüßen Sie mir Frau und Kin⸗ der 6⸗ Fanni wollte, die Hand des Knaben ergreifend, durch den Thorweg des Hauſes eilen, Landsberger hielt ſie zurück. „Fanni,“ ſagte er,„wenn Sie wieder herunter⸗ kommen, müſſen Sie mit nach Lerchenfeld. Meine Nettel und die Kinder ſind ſchon voraus dorthin, wir wollen uns einen guten Tag machen, und wenn ſich's alſo halbwegs thun läßt, da gehen Sie mit mir und dem Anton auch hinaus.“— „Welcher Anton?“ fragte Fanni haſtig, indem ſie von Neuem erröthete. „Potz Tauſend, jetzt iſt mir's doch herausgeruſcht!“ rief Landsberger lachend.—„Ich wollte Sie überra⸗ ſchen! Vom Schulhof⸗Anton habe ich geredet!“ „Der Anton?“ ſtammelte Fanni. Ihre Wangen wurden plötzlich bleich, ſie zitterte leiſe. „Freilich!“ verſetzte Landsberger, ſich den Anſchein gebend, als gewahre er nicht die Beſtürzung des Mäd⸗ chens.— Des Antons wegen ſtehe ich jahier und warte! — Man hat ihm ſeine Strafzeit nachgeſehen, und nun arbeitet er ſeit ein paar Tagen wieder in der Weidner ſchen Fabrik, und wohnt bei mir. Sein braver Herr und ich, Fanni, wir machen uns nichts daraus, daß er einge⸗ ſperrt geweſen iſt,— er war ja kein Dieb und Räuber, gelt, Fanni?“ „Nein, er war jederzeit brav und fleißig!“ ant⸗ wortete das Mädchen mit kaum hörbarer, zitternder Stimme. „Es wird ihn freuen, daß auch Sie gut von ihm denken!“ ſagte Landsberger bewegt.—„Bleiben Sie einen Augenblick, er muß gleich kommen!“ „Nein, nein! Ich gehe jetzt hinauf!“ murmelte Fanni leicht zuſammenſchreckend, indem ſie einen ſcheuen Blick den Hof entlang warf. „Aber Sie kommen bald wieder herunter 2“ erwie⸗ derte Landsberger.—„Wir werden hier warten!“ „Thut das nicht,“ ſagte das Mädchen faſt flehent⸗ lich und in großer Verwirrung,„mein Anblick würde ihn an die Julie erinnern und ihm wehe thun, und ich— ich muß ja ohnehin zu der armen Verwundeten, wenn ſie nicht mehr hier im Hauſe ſein ſollte! Behüte Sie Gott, Landsberger!“ Und ohne eine Antwort abzuwarten eilte Fanni, den Knaben haſtig mit ſich fortziehend, zu der Treppe am Ende des Thorweges, und verſchwand dort mit dem Bruder. 125 Landsberger blickte ihr nach. Seine Miene erhei⸗ terte ſich. „Sie liebt ihn noch,“ murmelte er fröhlich zwi⸗ ſchen den Zähnen,„ich glaube, jetzt habe ich das Mittel gefunden, wie ich ihn kurire!“ Im Hofe des Hauſes ward es jetzt lebendig. Aus den verſchiedenen Werkſtätten, die rings herum lagen, kamen Arbeiter und ſchritten der Treppe zu, um ſich im Komptoir des Fabrikanten tihren Wochenlohn auszahlen zu laſſen. Auch von der Treppe herab kamen ſchon Ei⸗ nige, die bereits in's Bureau gegangen waren, bevor noch Landsberger ſich an den Thorpfeiler geſtellt hatte; ſie waren ſchon befriedigt worden, und eilten nun an dem Alten vorüber nach Hauſe. Weder unter den Einen noch unter den Anderen gewahrte Landsberger den Schulhof⸗Anton. Fünf Minuten mochten etwa verſtrichen ſein, als dieſer endlich im herwege erſchien. Er war von der Treppe herabgekommen und ſchien aufgeregt. Ohne über die Erſcheinung Landsbergers ſich zu wundern, ſchritt er dieſem entgegen. Der alte Arbeiter ſagte ſich daher, daß Anton der Fanni bereits oben be⸗ gegnet ſein und ſie geſprochen haben müſſe. Anton ſah jetzt recht ordentlich, ſogar hübſch aus. 126 Er trug einen netten Anzug, das Kinn und die freilich noch ſchmächtigen Wangen waren glatt raſirt, während ſeine Oberlippe die Anfänge eines blonden Schnurrbärt⸗ chens zeigten. Das Geſicht Anton's bedeckte augenblick⸗ lich eine leichte Röthe, die ihm ein friſches Ausſehen verlieh. Und in den Augen des jungen Mannes blitzte Freude, als er ſich Landsberger näherte. „Sie kamen zur rechten Zeit hieher, Vater Lands⸗ berger,“ ſagte er haſtig.—„Der Heer von Weidner hat mir gerade jetzt den Auftrag gegeben, Sie hieher zu beſtellen, weil er mit Ihnen reden wolle. Gehen Sie daher nur gleich hinauf, er iſt in ſeinem Bureau.“ „Mit mir reden?“ antwortete Landsberger ver⸗ wundert.—„Was wird's denn ſein?“ „Das weiß ich nicht!“ verſetzte Anton.—„Ich denke aber, vom Herrn von Weidner kann nur Gutes kommen!“ „Nun, wenn das ſein ſollte,“ rief der alte Arbeiter luſtig,„dann kommt's Glück ja auf einmal, wie's Bier, wenn man dem Faſſe den Boden einſchlägt! Denn ſiehſt Du, Anton, mir hat heute der ſchuftige Stahl meine dreihundert Gulden ausgezahlt, und wir ſind fer⸗ tig mit einander, ein⸗ für allemal! Wie das gekommen iſt, erzähle ich Dir, wenn wir im Wirthshauſe beiſam⸗ men ſitzen, denn Du mußt mit mir nach Lerchenfeld, 127 mein Weib und meine Kinder warten dort ſchon auf uns.“. „Ich kann nicht mit Ihnen gehen, Vater Lands⸗ berger!“ erwiederte Anton verlegen, nachdem er einen ſcheuen Blick hinter ſich durch den Thorweg geworfen hatte.—„Ich habe noch einen Gang—“ „Für Deinen Herrn?“ unterbrach ihn Landsberger, dem jungen Manne ſcharf in die Augen ſehend. „Das gerade nicht,“ verſetzte dieſer,„aber ich möchte—“ „Für heute darfſt Du nichts anderes mögen, als mit mir gehen, Anton!“ ſagte Landsberger mit feſter Stimme.—„Ich weiß, Du haſt uns gern, und wirſt uns nicht die Freude verderben wollen! Du warteſt alſo hier unten, denn ich gehe jetzt gleich hinauf. Sprachſt Du ſchon die Reisner, Du weißt, die Schneider⸗Fanni?“ ſetzte er in anſcheinend gleichgültigem Tone hinzu. „Ja,“ antwortete Anton beklommen.—„Sie ſagte mir, daß Sie unten ſtänden. Sie iſt gekommen, ſich bei der Retterin ihres Bruders zu bedanken, aber man wird ſie wohl nicht vorlaſſen. Fräulein Pauline liegt im Wundfieber und phantaſirt.“ „Welche Pauline?“ „Nun Stahl's Tochter! Wiſſen Sie's denn nicht?“ „Was der Tenfel! Dem ſtillen, braven Fräulein 128 6 Pauline, der Einzigen, die etwas werth iſt von der ganzen Sippſchaft drüben, iſt das Unglück geſchehen, von dem die Fanni mir erzählte? Wie konnte ich's denn wiſſen, ich war ja den Nachmittag nicht in der Fabrik!“ „Ja, und um Mittag erſt geſchah es! Das Fräu⸗ hat einen Muth und ein edles Herz bewieſen, Lands⸗ berger, die ihresgleichen ſuchen!“ „Ja, ja, ſie iſt aus der Art der Stahl's geſchlagen! Das weiß ein Jeder in der Fabrik drüben! Aber ſage, Anton, iſt ſie in Lebensgefahr?“ „Der Doktor ſagt„Nein!“ Weidners haben alles Mögliche für ſie gethan, der junge Herr, durch den das Unglück herbeigeführt ward, ſcheint untröſtlich zu ſein. Gleich um Mittag ſchickten ſie zu Stahl's hinüber, die ſchlimme Nachricht zu melden, aber ſeitdem war nur die dicke Fabrikantin auf einen Augenblick da, ſich nach der Tochter umzuſchauen, und es hatte den Anſchein, als wenn ſie weniger der Zuſtand ihrer Tochter beunruhigte, als der Gedanke, was das Mädchen eigentlich bewogen haben möge, um Mittag hieher zu gehen. Ich weiß das alles von der Wabi, der alten Köchin hier im Hauſe, die ich noch von früher her kenne,“ „Es gibt ſchon Leute, die ſo ganz und gar kein Herz haben!“ brummte Landsberger in ſich hinein— „Ein Glück iſt's jnoch, daß das Fräulein Pauline nun — 129 wohl bei den Weidners bleiben muß, bis ſie ſich ſo ziem⸗ lich wieder beſſer fühlt! So,“ fuhr er zu Anton gewen⸗ det fort,„ich gehe zu Deinem Herrn hinauf. Daß Du mir nicht davonrennſt, das ſage ich Dir, ſonſt— ſonſt haſt auch Du kein Herz für uns, die wir's gut mit Dir meinen!“ Die letzten Worte ſprach der Alte mit ſeltſamer Betonung. Anton ſchlug den unſicheren Blick zu Boden. Landsberger aber ſchritt nun eilig durch den Thor⸗ weg, um ſich direkt zu Weidner zu begeben. Als der alte Arbeiter fort war, lehnte ſich Anton an den Thorpfeiler, neben dem Landsberger noch vor Kurzem gewartet hatte, und verſank in tiefes Brüten. Von den Arbeitern der Fabrik kamen nur noch einige Nachzügler an ihm vorüber, die ihn nicht beachteten. Was beſchäftigte ihn ſo lebhaft, daß er Alles um ſich her zu vergeſſen ſchien? Plötzlich fuhr er, beinahe ſchreckhaft, aus ſeinem Sinnen auf. Er fühlte ſich am Arm gerüttelt. Neben ihm ſtanden Landsberger, die roſige Fanni und der Knabe. „Da ſeht den Träumer!“ rief der Alte auf⸗ lachend. Anton blickte wie beſchämt auf den Arbeiter. Mit einiger Verwunderung ſah er das Antlitz Lands⸗ 9 Fabrikanten und Arbeiter. II. 130 bergers lebhaft geröthet, unverkennbar ſpiegelte ſich darin eine ſtürmiſche Freude ab, die den Alten er⸗ füllen mußte. „Gaffe mich nicht ſo leblos an!“ rief dieſer jetzt —„Falle mir um den Hals, Anton, denn das Glück mißt mir jetzt mit Scheffeln zu, wie ich's geſagt habe!“ „Wie!“ fragte Anton verwundert. Im nächſten Augenblicke fühlte er ſich an die Bruſt Landsbergers geriſſen, und dann wieder zurück⸗ gedrückt. Der Alte ließ die Hände auf den Schultern des jungen Mannes ruhen, und ſagte lachend, während Thränen ſeine Augen füllten: „Ich habe müſſen Einem um den Hals fallen! Freue Dich doch mit mir, Anton, der Herr Weidner iſt ſeinem Hausmeiſter auf eine Unrechtmäßigkeit ge⸗ kommen! Von Montag an bin ich Hausmeiſter hier, und ziehe mit Weib und Kindern, mit Sack und Pack herüber! Vorwärts, gaffe nicht, und gib der Fanni Deinen Arm. Alle Wetter, wir wollen heute luſtig ſein, und zeigen, daß das Volk lebt!“ Anton ſchüttelte dem ehrlichen Landsberger die Hand. Dann blickte er verlegen auf das Mädchen, dieſe erröthend und befangen auf ihn. 131 Die kleine Gruppe ſetzte ſich in Bewegung. Der runde, zierliche Arm der Schneider⸗Fanni lag leicht und leiſe zitternd auf demjenigen Anton's. Die jungen Leute wußten beide kaum, wie das ge⸗ ſchehen war. Neuntes Capitel. Tante Heuber Einige Stunden, bevor Landsberger, Fanni, Anton und der Knabe von der Roßau aus die„Reiſe nach Lerchenfeld“ antraten, erſchien die Equipage der Tante Heuber vor dem Hauſe, in welchem Fervals wohnten. Thereſe hatte bereits alle Vorbereitungen getroffen, die zu ihrer und des Kindes Ueberſiedelung nach Neu⸗ waldegg waren nothwendig erachtet worden. Obwohl der Landaufenthalt ſich nur auf einige Tage ausdehnen ſollte, ſo gab es doch Wäſchpackete und Kleinigkeiten ge⸗ nug, den Wagen reich damit auszuſtaffiren. Nachdem Alles darin untergebracht, die Wohnung wohl verſchloſ⸗ ſen und noch überdem durch ein Vorlegeſchloß geſichert worden war, ſtiegen Ferval und die Magd mit dem 133 * Kinde ein. Fort ging's, die Equipage rollte nach Hernals hinüber und Neuwaldegg zu. 3 Wie beglückt fühlte ſich Thereſe. Ihre Züge ſahen wohl noch angegriffen aus, aber ſie wurden durch die Freude verſchönt. Ihr Herz wiegte ſich im Gefühl der Sicherheit, mit dem ſie jetzt in die nächſte Zukunft bli⸗ cken durfte. Und Ferval, befriedigt und froh im Bewußt⸗ ſein, das Richtige für das Wohl der kleinen Familie, wenn auch vielleicht auf Koſten ſeiner Ueberzengung, ge⸗ wählt zu haben, theilte die Freude Thereſens mit jener Lebhaftigkeit, welche Naturen eigen iſt, in deren Adern überwiegend franzöſiſches Blut fließt. Die Gatten ſaßen Hand in Hand, und hatten ſich gegenüber das liebliche Kind. Ihre Blicke ſchweiften in ſeliger Trunkenheit zu einander, und hinüber zu dem Gegenſtand ihrer Sorge und Liebe. Dieſer kleine Wagenraum barg einen uner⸗ meßlichen Himmel an Glückſſeligkeit. Es gibt Augen⸗ blicke, in denen der Menſch träumt, das Schöne ſei un⸗ vergänglich,— Thereſe und Ferval durchträumten, wie die Equipage dahinrollte und die Sonne das Angeſicht ihres Kindes verklärte, frohlockend dieſen reizenden Wahn. Endlich hielt der Wagen am Gitter der Heuber'ſchen Beſitzung. Während die Inſaſſen der Equipage ausſtie⸗ gen, und nun die Dienſtleute der Frau von Heuber ſich mit allen den Bündelchen und Packeten beſchwerten, welche die Fahrt nach Neuwaldegg mitgemacht hatten, erſchien— eine ſeltene Auszeichnung!— die Tante ſelber am Gitter. Die alte Dame war an dieſem Tage von jeglichem Gichtanfalle verſchont geblieben, und trat nun, von vier bis fünf kläffenden Hunden umſprungen, rüſtig ohne ihren Stock heran. Ihre männlichen, fleiſchigen Züge drückten Wohlwollen, aber auch zugleich eine gewiſſe Zurückhaltung aus, unſtreitig wollte die Tante, wenn auch durch den Brief Ferval's zufriedengeſtellt, die münd⸗ lichen Entſchuldigungen und Verſicherungen des jungen Paares abwarten, um nach der Art und Weiſe, in der dieſelben vorgebracht würden, auch den Wärmegrad zu bemeſſen, bis zu welchem ſie die Sonne ihrer Gnade leuchten laſſen dürfe. Sie richtete ſich alſo hoch auf, ſo daß ſie mit ihrem dunklen Bärtchen auf der Oberlippe einem verkleideten alten Wachtmeiſter glich, und erwar⸗ tete ſchweigend und mit Würde, daß ihrem majeſtätiſchen Uebergewicht gehuldigt werde. Thereſe aber erblickte kaum die Greiſin, als ſie ihr, wenig an das Ceremoniell einer Huldigung denkend, in der Freude ihres Herzens entgegeneilte, und ihr, zugleich durch den Gedanken an das Vergangene erſchüttert, ohne Weiteres weinend und lächelnd um den Hals fiel. . 135 Eine unmittelbare Folge dieſer ſtürmiſchen Um⸗ armung, welche die robuſte Dame aushielt, ohne in ihren Grundveſten zu wanken, war ein jämmerliches Gequieke, ſowie ein ſpringfederartiges Aufſchwellen jenes Theiles der koſtbaren Seidenrobe, welche den Buſen der würde⸗ vollen Greiſin bedeckte. Thereſe fuhr erſchrocken zurück, ſie fürchtete, durch die lebhafte Aeußerung ihrer Empfindungen die Exiſtenz eines Günſtlings der alten Dame in Frage geſtellt zu haben. Frau von Heuber aber lächelte ruhig, ohne daß ihr gravitätiſches Weſen auch nur im Geringſten an ſeiner Wichtigkeit eingebüßt hätte. „Beruhige Dich, mein Kind,“ ſagte ſie in ihrer barſchen, ſchnarrenden Weiſe,„es kann ſchon einen or⸗ 3 dentlichen Puff vertragen! Solch' ein Thier hat eine zähe Natur!“ Der Leſer wird ſich noch von dem Beſuche Stahl's bei der alten Dame her erinnern, was dieſe beinahe be⸗ ſtändig im buchſtäblichſten Sinne des Wortes„auf dem Herzen“ zu tragen pflegte, und kann ſich daher die etwas ſeltſam klingende Anrede der Frau von Heuber zur Ge⸗ nüge ſelber erklären. Als ſollte unmittelbar die Verſicherung der würdi⸗ gen Dame thatſächlich bekräftigt werden, und Thereſe die tröſtliche Verſicherung erhalten, daß ihrer ungeſtümen 136 Dankbarkeit gegen die Tante kein unſchuldiges Opfer gefallen ſei, erſchien über dem Buſenausſchnitt des Klei⸗ des, welches Frau von Heuber trug, das Köpfchen des kaum noch ſo hart bedrängten Meerſchweinchens, und ſeine großen Augen blitzten neugierig, aber keineswegs einen„Schmerzensſchrei“ verkündend, zu Ferval hin⸗ über, der ſich ehrerbietig der Herrin des Hauſes näherte, ihre Hand zu küſſen, und ſo einigermaßen nachträglich die Ehre des würdevollen Ceremoniells zu retten, gegen welches Thereſens überquellendes Herz verſtoßen hatte. Bevor es aber Ferval gelang, der Tante Hand zu erwiſchen, fuhr dieſe zum Buſenausſchnitt des Kleides in die Höhe, und verſetzte dem Köpfchen des neugierigen Günſtlings einen ſo wohl angebrachten Denkzettel, daß der Kopf und dem zufolge auch wohl die Neugier des bevorzugten kleinen Weſens unmittelbar verſchwanden. Nach dieſer, wenn auch nicht graziöſen, doch ohne alle Frage wirkungsvollen Fingerfertigkeit der alten Dame, ſtreckte ſie die Hand dem jungen Manne entgegen. Ferval küßte die mit runzliger Pergamenthaut be⸗ deckten Knöcheln dieſer Hand und ſagte in einem Athem eine Menge ſehr ehrfurchtsvoll klingender Dinge her, in die er vielleicht ſo wenig Zuſammenhang zu bringen wußte, als die Dame ſelber, an die ſie gerichtet waren. Aber der Wortſchwall reichte vollſtändig hin, die Tante zu befriedigen und ſie in allen Rechten ihrer Autorität zu beſtätigen. Und ſo fand ſie es denn für angemeſſen, dem jungen Paare den wärmſten Grad ihres Sonnenlächelns zuzuwenden, von dem ſogar auch der pflichtſchuldigſt vor⸗ geführte Sprößling Thereſens ſein Theil erhielt, obwohl die alte Dame diesmal wirklich ein Kind, und nicht ihren Seidenpintſcher, in ihm zu ſehen ſchien. Jetzt ward auch die Mamſell Liſette ſichtbar. Sie ſchlich vom Hauſe heran und ſtreckte ihr ſpitziges Geſicht demüthig vor. Sie war voll Ergebenheit und Dienſt⸗ fertigkeit, und wer ſie ſo ſah, der mußte wähnen, es ſei ihr mit Allem Ernſt. Wie viele Bewunderung und Se⸗ gensſprüche hatte ſie für das Kind, welches anſcheinend freudige Erſtaunen über das Ausſehen Thereſens! Nach ihren, der jungen Frau leiſe zugeflüſterten Andeutungen, war die Verſöhnung mit der Tante ihr Werk, ſie hatte den Sinn der alten Dame zu chriſtlicher Milde gelenkt, ſie hoffte, daß ſie hinfort nicht das Unglück haben werde, zu mißfallen und verkannt zu werden. Thereſe, mit dem Inſtinkte des rechtſchaffenen Weibes begabt, der, ſelbſt wenn er die Heuchelei nicht durchſchaut, dieſe ſelbſt oft dort erräth, wo das Herz des Mannes nur aufrichtig freundliches Entgegenkommen vermuthet, erwiederte die Verſicherungen der Mamſell Liſette leichthin und mit wenigen Worten, 138 Man giug zur Veranda, wo der Kaffee ſervirt ward. Dort thronte die Tante bald auf einem rieſigen Lehnſtuhl; zu Füßen, auf dem Schooß, ſogar auf den breiten Armlehnen hockten ihre vierfüßigen Lieblinge, die Quälgeiſter des Dienſtperſonals, wie im Grunde genommen der Herrin ſelber. Manſel Liſette, deren lauernde Blicke raſtlos hin und herſchoſſen, hatte in ihrer gefälligen Demuth nur Auge und Ohr für die Gäſte, während die Tante, trotz ihres Wohlwollens, mit dem ſie die Nichte und Ferval behandelte, eigentlich doch im Geiſte mehr in den Vier⸗ füßlern, als in ihren lieben Verwandten lebte, und die „Veſper“ der erſteren, deren Schauplatz ebenfalls die Veranda bildete, ihr eine wichtigere Angelegenheit zu ſein ſchien, als dasjenige, was es mit denen zu beſpre⸗ chen gab, die ſie von Neuem ſich bewogen fühlte, als ihre dereinſtigen Erben zu betrachten. So trat denn, wie es bei der Frau von Heuber gemeiniglich der Fall zu ſein pflegte, der Gegenſatz von dem ein, was bei anderen Sterblichen üblich iſt— die Hauptkonverſation ward mit den Hunden geführt, wäh⸗ rend die Menſchen auch ihren Theil von der Unterhal⸗ lung erhielten. Mylord, hieher!“ ſchnarrte die alte Dame ein 77 hübſches Windſpiel an, das von dem halben Dutzend 139 Schalen, welche die„Veſper“ enthielten, fort in den Garten wollte.—„Das Thier kann nicht beim Eſſen bleiben, und treibt ſo lange ſeine Dummheiten, bis die Anderen ihm nichts mehr übrig gelaſſen haben. Hernach kommt's als Hungerleider und bettelt mich an!— Freut mich Ferval, daß Sie bei Zeiten zur Einſicht ge⸗ langt ſind! Was hätten Sie und die Ihrigen davon gehabt, wenn Sie im Widerſtand beharrten?— Hie⸗ her, Mylord, mache mir keine Geſchichten mehr!— Ich erwarte, Ferval, daß Sie von jetzt an vermeiden werden, was nur im Geringſten zu einer Ungelegenheit führen könnte!“ „Gewiß!“ antwortete Ferval.—„Sie kennen jetzt meine Geſinnungen, Frau Tante, ich bedaure auf⸗ richtig, daß es zu einer Störung kommen mußte! Ich würde übrigens Allem vorgebeugt haben, hätte ich im Entfernteſten geahnt, daß der Taufe des Kleinen Schwierigkeiten im Wege ſtehen würden! Und wahrhaft untröſtlich bin ich, Ihnen, ohne es zu wollen, Kummer und Aergerniß verurſacht zu haben!“ „Aha, jetzt kann er kommen, bitten und wedeln!“ ſchnarrte die alte Dame:—„So iſt's recht, hieher, ſchön aufwarten! Nun bin ich zufrieden!— Ja, Ferval, Sie haben mir einige böſe Stunden verurſacht, aber das ſoll nun vergeſſen ſein! Uebrigens können Sie ſich auch 140 bei Stahl bedanken, er war ein paar Mal bei mir, mich freundlich für Sie zu ſtimmen, was mich von ihm freut, denn Verwandte ſollen zu einander halten.— Ich ſehe Dich wohl, Luxl, wie Du wieder um die Joli ſchleichſt, und ſie von ihrem Kaffee verdrängen möchteſt. Wart' nur, Du Spitzbube!— Ja, ja, der Stahl hat ſich mir in der letzten Zeit von einer recht reſpectablen Seite gezeigt!“ „Das freut mich, Frau Tante,“ verſetzte Ferval, „ich werde nicht verfehlen, ihm meinen Dank für ſeine verwandtſchaftliche Freundlichkeit auszuſprechen!“ Ferval warf einen Seitenblick auf ſeine Frau, der zu ſagen ſchien:„Siehſt Du wohl, daß Du den wackern Stahl in falſchem Verdacht hatteſt?“ „Du nährſt alſo wirklich Dein Kind ſelber, The⸗ reſe?“ begann die alte Dame, während ſie den Seiden⸗ pintſcher, der auf ihrem Schooße lag, zärtlich ſtreichelte. „Ja, Tante!“ antwortete die Angeredete, indem ſie ihrem Kleinen, mit dem die Magd tändelnd im Zimmer auf und nieder ging, einen liebevollen Blick zuwarf.— „Ich möchte mein Kind um keinen Preis der Welt einer Amme übergeben, wie es ſo viele Mütter thun! Sind Seele und Körper des Menſchen, ſo lange er athmet, nicht unzertrennlich mit einander verbunden! Wahrlich, ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, ein Kind könne mit der Nahrung, die eine Fremde ihm reicht, 8 ——— auch etwas von dem Gemüthe derſelben in ſich aufneh⸗ men! Und beunruhigend iſt ſolcher Gedanke, wenn man zugleich bedenkt, daß der Arzt, der eine Amme empfiehlt, wohl die Geſundheit ihres Körpers prüft und verbürgt, aber nicht die Eigenſchaften ihres Herzens!“ „Was das wieder für Einbildungen ſind!“ ſchnarrte Frau von Heuber. „Vielleicht iſt alles das, was wir im Leben für unſer Wohl oder Unglück anſehen, eine Täuſchung un⸗ ſerer Einbildungskraft,“ verſetzte Thereſe lebhaft,„ſo lange wir dieſe aber nicht zu beherrſchen verſtehen, wer⸗ den wir fürchten und hoffen, wie ſie es uns vorſchreibt! Und gewiß, liebe Tante, ich würde mich auch nur halb als Mutter fühlen, wollte ich die Sorge um mein gelieb⸗ tes Kind anderen Händen als den meinigen anvertrauen. Ich fühle, daß ein Kind der Mutter um ſo theurer iſt, je näher ſie in allen Beziehungen zu der Entwicklung ſeines jungen geiſtigen wie körperlichen Lebens tritt!“ „Aber eine Mutter, die nicht die ſtärkſte iſt, thut unrecht, ſich dadurch noch mehr zu ſchwächen, daß ſie ihr Kind nährt!“ erwiederte die alte Dame.—„Da ſchau' her!“ fuhr ſie ernſthaft fort, den Seidenpintſcher, welchen ſie auf dem Schooße hatte, einen Augenblick in die Höhe haltend,„meiner Lady habe ich im vorigen Jahre ihre Jungen fortnehmen müſſen, weil das arme 142 Thier zuletzt ein Gerippe geworden iſt, und mir ſicher daraufgegangen wäre, hätte ich nicht ein Einfehen ge⸗ habt. Ich habe dann die Jungen bei der Flaſche auf⸗ gezogen, und durch die Kuhmilch,“ ſetzte ſie lachend hin⸗ zu,—„werden ſie, weiß Gott, keine Eigenſchaften in ſich aufgenommen haben, denn ſieh nur, wie geſcheidt uns Bello und Zampa dort anſchauen, in denen ſteckt doch wahrlich nichts von einem Rindvieh!“ Thereſe wußte nicht, was ſie auf dieſe ſeltſame Logik der Tante und dieſen nicht eben zarten und ſchmei⸗ chelhaften Vergleich ihrer Lage mit der vorigjährigen des Seidenpintſchers antworten ſolle. Ferval aber lachte. Die Tante jedoch plauderte in heiterer Stimmung weiter. Ihr Ideengang verknüpfte wiederum Hunde und Menſchen, verweilte aber vorzugsweiſe bei den erſteren. „Mir ſcheint,“ ſagte ſie, halb zu Mamſell Liſette, halb zu den Vierfüßlern gewendet;„der Zampa hat ein Auge auf die Molly, aber der Luxl ſucht ihn wegzu⸗ beißen!— Wiſſen Sie, Ferval, ich habe die Thereſe nicht allein der guten Luft halber mit dem Kinde her⸗ auskommen laſſen!“ „Und darf ich erfahren, was Sie noch dazu be⸗ ſtimmte?“ war Fervals verbindliche Frage. „Wenn man ſie mit einander einſperrte, da dürfte das eine gute Race geben!“ fuhr die alte Dame fort. V 3 143 „Wie meinen Sie das?“ ſragte Ferval verwun⸗ dert.—„Meine Frau—“ „Ei was, ich rede ja vom Zampa und der Molly!“ verſetzte Frau von Heuber.—„Hm, ja ſehen Sie, Fer⸗ val, da die Trauung, ſchon der Taufe wegen, doch nun bald vollzogen werden muß, und Ihr mit jenem Geiſt⸗ lichen eine unangenehme Auseinanderſetzung gehabt habt, — Kann der Nero aber auch nirgend Ruhe geben! Hat er nicht ohnehin mehr als genug?— ſo meine ich, es dürfte Euch angenehmer ſein, Ihr ließet Euch anderswo als in jenem Bezirke trauen!“ „Sie kommen meinem Wunſche zuvor, Frau Tante!“ antwortete Ferval, ſichtlich durch den Vorſchlag der alten Dame erleichtert.—„Es wäre doch ein ſol⸗ ches erneuertes Zuſammentreffen für beide Theile wohl nur peinlich!“ „Ich werde Euch Beißkörbe anlegen,“ redete Frau von Heuber eifrig weiter,„wenn Ihr Euch nicht mit einander vertragt, Nero und Mylord, der Nero hat ihn jedenfalls längſt verdient!— Ja, ſo meine ich denn, es wäre am beſten, Ihr ließet Euch hier draußen trauen, in Dornbach. Da könnte auch die Taufe am ſelben Tage vorgenommen werden.— Liſette, man muß das, was die Kleinen kriegen, mit Waſſer verdünnen, ſonſt könnten ſie ſich den Magen verderben!— Da Sie aber drinnen aufgeboten werden müſſen, und heute Sonnabend iſt, könnten Sie das morgen in der Frühe in Ordnung bringen, Ferval, denn alsdann ſtände Euerer Trauung morgen über acht Tage nichts im Wege. Bis dahin kann Thereſe gleich hier draußen bleiben, und ſo iſt die Sache in aller Stille am einfachſten abgemacht!— Ich glaube gar, der Emir will ſich im Zimmer unſchicklich auf⸗ führen!“ „Das ſcheint mir auch die einfachſte Art zu ſein!“ beantwortete Ferval den Vorſchlag der Tante. „Hinaus, Emir, in den Garten!“ rief die alte Dame, und fuhr fort:„Aber es werden zwei Beiſtände nöthig ſein!“ „Nun, ich will noch heute an Stahl und einen Bekannten ſchreiben!“ erwiederte Ferval. „Ja, ja,“ verſetzte die Tante,„ganz gut—!— Was ſchnüffelt er denn immer an mir herum, und ſchmeichelt? Was will er denn von mir haben? Er möchte die Anderen bei mir verdrängen der Spitzbube!— Ja, der Stahl wird ſich gewiß ein Vergnügen daraus ma⸗ chen, er hat Euch ſehr gern, kann ich Euch verſichern! Gut, dabei kann's alſo bleiben. Wenn Sie übrigens auch Luſt hätten, die acht Tage hindurch hier draußen bei mir zuzubringen, ſo würde ich Ihnen ein Zimmer 145 einräumen!— Willſt Du folgſam ſein, oder ſoll ich Dich in's dunkle Loch ſperren, he?“ „Ich danke für Ihr gütiges Anerbieten, Frau Tante!“ verſetzte Ferval.—„Da ich zu der bevorſtehen⸗ den Kunſtausſtellung mein Bild zu vollenden habe, ſo möchte ich lieber in der Stadt bleiben.“ „Nun,“ antwortete die alte Dame,„ſo müſſen Sie ſich's denn die nächſten acht Tage wohl oder übel gefal⸗ len laſſen, Ferval, in's Kaffeehaus zu gehen, im Gaſt⸗ hauſe zu ſpeiſen, mit einem Wort, ein Strohwitwer zu ſein!— Ich hoffe, er wird ſich nicht unterſtehen, überall Liebſchaften anzufangen? Dieſen Mylord darf man keine Sekunde aus den Augen laſſen!“ Die Unterhaltung ward in dieſer Weiſe fortgeführt, und alles Nothwendige verabredet. Frau von Heuber übernahm es, die nöthigen Schritte bei dem Dornbacher Pfarrer zu thun, während Ferval nochmals zuſagte, am folgenden Morgen das Aufgebot beſorgen zu wollen, ſo daß dasſelbe noch am gleichen Tage ſtattfinden könne. Manſell Liſette, die als langjährige Geſellſchafte⸗ rin und Vertraute der alten Dame, ihren Kaffee mit den Anderen unter der Veranda trank, und während deſſen den vierfüßigen Quälgeiſtern allerlei Liebesdienſte zu leiſten hatte, horchte, ohne daß ſie es ſich merken ließ, mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit auf jedes Wört⸗ Fabrikanten und Arbeiter II. 10 chen, das während dieſer Beſchlüſſe gewechſelt wurde. Es ward ihr klar, daß dieſelben das Intereſſe Stahl's auf's Höchſte gefährdeten. Sie ließ aber klugerweiſe weder durch Blick noch Geberde merken, daß ſie ſich ernſtlich beunruhigt fühlte, ſondern ſtimmte im Gegen⸗ theil mit ſcheinheiliger Freude bei. Aber ſie benutzte die nächſte Gelegenheit, welche ſich ihr darbot, ſich aus dem kleinen Kreiſe entfernen zu können. Haſtig eilte ſie zu ihrer Kammer. „Ich will keinen Augenblick verlieren“ murmelte ſie vor ſich hin, als ſie dort eintrat.—„Stahl muß noch heute Alles erfahren! Ich darf nich fort von hier, wel⸗ cher Vorwand ließe ſich auch finden, unter dem ich mich entfernen könnte? Ich werde an Stahl ſchreiben!“ Liſette ſuchte eilig Papier und Schreibzeug zuſam⸗ men und ſetzte ſich an einen Tiſch. Sie ſchrieb haſtig einige Zeilen, gab das beſchriebene Blatt in ein Kouvert und ſiegelte dieſes. Nachdem ſie das Schreiben an Stahl adreſſirt hatte, verbarg ſie es ſorgfältig an ihrem chriſt⸗ lichen Buſen. „Es iſt jetzt fünf Uhr,“ murmelte ſie, indem ſie ſich eilig vom Tiſch erhob,„in einer Stunde kann der Brief in Stahl's Händen ſein! Die Witwe Günther unten im Dorf hat einen zuverläſſigen Burſchen, für einen Gul⸗ den wird mir der den Brief nach Schottenfeld tragen, 147 und Stahl iſt ſicher bis ſieben Uhr in der Fabrik, denn heute iſt Sonnabend. Ich habe dann das meinige ge⸗ than! Stahl iſt ein verſchmitzter Kopf, er wird Mittel finden, die Kopulirung zu hintertreiben!“ Liſette ſchlug eine Mantille um die dürren Schul⸗ tern, ſchlich dann aus ihrer Kammer fort, die Treppe hinab, ſchlüpfte an dem Salon vorüber, der an die Veranda ſtieß, einer Seitenthüre des Hauſes zu, und verließ dieſes ungeſehen. Sie eilte dann auf die Fahr⸗ ſtraße, die von der Gartenſeite aus durch Gebüſch ver⸗ deckt ward, und begab ſich ſo raſch wie möglich zu der Witwe, mit der ſie gut bekannt war. Zehn Minuten ſpäter ſchlüpfte ſie wieder über die Schwelle des Heu⸗ ber'ſchen Hauſes,— Manſell Liſette hatte ihr Vorha⸗ ben ausgeführt, ohne daß ihre Entfernung bemerkt wor⸗ den wäre. Sie athmete hoch auf, und ließ ſich dann wieder vor ihrer Herrin und den Gäſten blicken, ſanft, demüthig und mit harmloſem Lächeln. Eine halbe Stunde ſpäter brach Ferval auf. The⸗ reſe geleitete ihren Gatten zu der Pforte des Gartens, die Magd folgte ihnen mit dem Kinde. Ferval hatte der Tante beim Abſchied verſprechen müſſen, ſich am fol⸗ genden Tage zum Mittageſſen bei ihr einfinden zu wollen. Als Thereſe am Gitter neben ihrem Manne ſtand, 10* und dieſer ſie zärtlich anblickte, ſie ermahnte, ihre allmä⸗ lig emporblühenden Kräfte zu ſchonen, als er das Kind wieder und wieder küßte, und die kleine zarte Hand der jungen Frau drückte, um zu gehen, da ſtieg in dieſer ein unerklärliches, banges Gefühl auf. War's eine geheimnißvolle Vorahnung deſſen, was ihr bevorſtand, daß ſie plötzlich von Angſt erfüllt ward, nun ſie ſich von ihrem Manne trennen ſollte? Oder brachten ihre noch immer ſo reizbaren Nerven dieſes unbeſtimmte Gefühl einer inneren Unruhe in ihr her⸗ vor? Genug ſie bebte, und ſchlug beſorgt die Arme um den Hals ihres Mannes. Dieſer blickte ſie verwundert an. Er ſah Thränen in Thereſens Augen, und gewahrte den Ausdruck der Seelenangſt in ihrem Antlitz. „Was fehlt Dir?“ fragte er überraſcht. „O, Charles!“ antwortete die junge Frau.— „Nun Du gehſt, iſt es mir ſo beklemmend um's Herz! Ich fürchte mich, Dich allein gehen zu laſſen.“ 8„Thörichtes Weibchen!“ verſetzte Ferval lächelnd, ſich ſanft aus den Armen ſeiner Frau losmachend.— „Wir ſehen einander ja in wenigen Stunden wie⸗ der!“⸗ „Ich weiß es, daß es thöricht iſt, mich zu ängſti⸗ gen,“ flüſterte Thereſe,—„und doch— kann ich mich . 149 einer unbeſtimmten Furcht nicht erwehren, Charles! Mir iſt, als gingeſt Du einer Gefahr entgegen, als müſſe ich Dich hier zurückhalten, als dürfe ich nicht von Deiner Seite weichen!“ „Was kann mir geſchehen? 24 entgegnete Ferval, die Stirn der jungen Frau küſſend.—„Deine Nerven ſind aufgeregt, Thereſe, ſei ruhig und gib Dich nicht ſo ſehr ängſtlichem Grübeln hin, zu dem keine Beraulaſſung vorhanden iſt! Sind wir nicht glücklich? Iſt nicht Alles zwiſchen uns und der Tante ausgeglichen? Lacht Dich nicht das liebe Kindergeſichtchen freundlich an? Tändle mit dem Kleinen und verbanne die Sorgen um mich oder unſere Zukunft! Die friſche Waldesluft hier draußen wird Dich ſtärken, die Stille Dir wohlthun. Gib Acht, morgen ſchon kommſt Du mir lachend und fröhlich entgegen 1 Thereſe antwortete nicht, aber ſie umſchlang noch einmal ihren Mann und küßte ihn mit beinahe fieber⸗ hafter Heftigkeit. Ferval aber machte ſich wiederum lächelnd von ihr los, warf ihr und dem Kinde eine Kußhand zu, und eilte, von dannen. Er fand den Omnibus zur Abfahrt he⸗ reit und ſtieg ein. In eine Ecke des zur Stadt rollenden Wagens 150 gedrückt, vertiefte er ſich in allerlei Gedanken, aber dieſe waren keineswegs trauriger oder ſorgenvoller Natur. Wie er der unbeſtimmten Befürchtungen Thereſens ge⸗ dachte, da mußte er lächeln. Lag jetzt nicht Alles geebnet vor ihnen? Aber auch die Gunſt der Tante und die reiche Erbſchaft beſchäftigten nicht lange ſeine Phantaſie; der junge Künſtler dachte an die Vollendung ſeines Bil⸗ des, und träumte von Erfolgen, die er ſich durch ſein Talent zu erringen hoffte. Als der Omnibus die Hernalſer Linie erreichte, da blickte Ferval auf. „Ich werde mich nicht weiter rütteln laſſen, murmelte er vor ſich hin,„ſondern lieber über Lerchen⸗ feld nach Hauſe gehen. Das iſt ein ganz hübſcher, lebhafter Spaziergang, und ich bleibe ſo länger im Freien!“ Ferval verließ den Wagen und ſchlug über die Felder nächſt dem Liniengraben die Richtung nach Ler⸗ chenfeld ein. Als er dieſes erreicht hatte und ſich ſchon dem Linien⸗ thor näherte, empfand er heftigen Durſt. „Ich werde ein Glas Bier trinken,“ ſagte er ſich, „aber nicht in einem dieſer dunſtigen Gaſtzimmer! Dort weiterhin ſind ja Gärten!“ 151 Ferval bog rechts von dem Thore ab und ſchritt dem Thaliatheater zu. Er ſchaute in den erſten Garten hinein, dann in den zweiten und trat dort ein. Es war der ‚„Faſſelgarten.“ Zehutes Capitel. Im Faſſelgarten. Lerchenfeld, dieſes„gelobte Land“ des Wiener Vol⸗ kes, wo Gaſthaus ſich an Gaſthaus reiht, aus allen Gärten und in Biergärtchen umgewandelten Höfen Gei⸗ gengeſtöhne, Guitarrengeklimper und der melodienzer⸗ reißende Aufſchrei mehr oder weniger heiſerer Harfeniſten ertönt, wo es auf den Gaſſen, die durch ihren holperigen, beinahe lebensgefährlichen Boden den ohnehin unſiche⸗ ren Tritt Derjenigen, welche„genug haben“ in eine noch lebhaftere Schwingung verſetzen, überall von durſtigen Seelen wimmelt, die ein Unterkommen ſuchen, hat an Sonnabenden, an denen in den Fabriken ausgezahlt wird, ein faſt ſonntägliches Ausſehen. Meiſt alle Lokale und Gärten ſind mit Gäſten gefüllt, die luſtig drauf los zechen und ſchmauſen, unverdroſſene Bierfiedler laſſen ſich 153 da und dort hören,„Volkskomiker“ martern ſich unter haarſträubenden Grimaſſen ab, das Zwerchfell ihrer Zu⸗ hörer wohlthätig zu erſchüttern, à la Prezioſa koſtümirte vierzigjährige Schönheiten, deren dreiſte Blicke und ver⸗ witterte Züge verrathen, daß ſie„manchen Sturm er⸗ lebt haben,“ krähen voll Innigkeit ihre„Steirerliedln“ herunter, Gruppen bilden ſich um die vereinzelten„Stan⸗ deln,“ an denen Obſt oder„Zuckerln,“ allerlei Bilder⸗ kram und was ſonſt noch unüberſättigte Blicke anzieht, verkauft wird; hier lacht man, dort wird gejodelt, drüben erſchüttert ein kräftiger„Vierzeiliger“ die Luft, weiter⸗ hin ſtreifen„Fabrikmadeln,“ je Drei und Vier Arm in Arm, umher, den Stadtſtutzer verhöhnend, der ſich in dieſes urwüchſige Treiben hineingewagt hat, weil ihn die geſchminkte Demi⸗monde ſeines gewöhnlichen Jagdreviers nicht mehr intereſſirt. Und überall in dieſem fröhlichen Durcheinander, das nach ſieben Uhr, den Sommerfeierſtunden in den Fabriken, oft bis zum Gedränge anſchwillt, tauchen die bunten Kopftücher, die Sammetſpenzer, die kurzen, roſa⸗ farbenen Röcke der„feſchen Wäſchermadeln“ auf, die voll ausgelaſſenen Humors durch die Menge ſich drehen, mit Dieſem kokettiren, Jenen in ihrer antwortbereiten Manier ablaufen laſſen, ihr Herz aber nur an jene Gat⸗ tung junger Burſchen verlieren, welche mit beſonderer Vorliebe das„Kappel“ auf einem Ohre, ihre Haare feſt an die Schläfen gedreht gleich einem Fragezeichen, und ein hochrothes oder gelbes Halstuch mit langen Schlei⸗ fen tragen, die Kreuzercigarre beſtändig im Munde füh⸗ ren, und die Hände faſt immer in den Taſchen des Bein⸗ kleides ſtecken haben. So war es auch an dieſem Sonnabend, der Lands⸗ berger und den Seinen Gelegenheit geboten hatte, ſich einen vergnügten Abend zu machen. Der„Faſſelgarten“ war mit Gäſten überfüllt, als der ehrliche Arbeiter da⸗ ſelbſt mit ſeiner Begleitung anlangte, und es währte einige Minuten, bis ſie in der bunten, ſchwatzenden und fröhlich tafelnden Menge die Mutter Nettel und ihre Kinder herausfanden. Aber das war dann auch ein Jubel, als ſie einander endlich entdeckten und begrüßten, und Landsberger, noch bevor man zum Sitzen kam, mit der freudigen Nachricht von ſeiner neuen Verſorgung heraus⸗ platzte, und Alles in erſter Haſt zur Sprache kam, was jeder auf dem Herzen hatte und ſobald wie möglich los ſein mußte. Endlich kam man einigermaßen zur Ruhe, und als genug Strohſeſſel durch Liſt erobert und mit Mühe her⸗ beigeſchleppt waren, auch die Ankömmlinge in eine ſitzende Stellung zu bringen, da zeigte ſich's denn den längſt Erwarteten, daß Frau Nettel den ſchönſten Platz —— 155 im Garten erwählt habe, dicht neben den erhöhten Or⸗ cheſterſitzen, wo kein„G'ſpaß“ der Volksſänger verloren gehen konnte und die Ohren die reichlichſte Gelegenheit finden mußten, ſich mit der obligaten Inſtrumentbeglei⸗ tung für mehrere Tage„anzuſchoppen.“ Freilich konnte eine Unterhaltung mit ſo unmittelbarer Nähe muſika⸗ liſcher Genüſſe während ihrer Dauer nur durch gemüth⸗ liches„Anſchreien“ bewerkſtelligt werden, aber—„das g'hört ja dazu!“ Am Tiſche gab es im Kreiſe herum nur fröhliche Geſichter, Landsberger und ſeine Frau konnten ſich doch jetzt einmal von Grund der Seele aus freuen, da gab's keine Hintergedanken mehr, die mitten in der Freude drohend auf eine ungewiſſe Zukunft hätten deuten und ſo das luſtige Lachen im Entſtehen erſticken können, wie das ſo oft, und ſogar bei der armen Frau noch vor we⸗ nigen Stunden, der Fall geweſen war. Die Kinder des Arbeiters ſtrahlten vor Entzücken, denn ſie waren voll⸗ auf beſchäftigt, ihre Lieblingsgerichte zu bearbeiten und blinzelten bald zu den Tellern, bald zu ihrem Eigenthum, das ſie mit ſolchem Stolz hiehergeſchleppt hatten, und das nun neben ihnen auf einen Seſſel gehäuft war. Fanni, eine luſtige, kreuzbrave Wiener⸗Natur, hatte bald ihre Befangenheit abgeſchüttelt, und lachte und ſcherzte nun, wie es ihr eben vom Herzen ging, vor Allem mit den 156 Kindern. Auch das Brüderchen Wilhelm grinſte vergnügt, doch galt ſeine Heiterkeit vorzugsweiſe der großen Por⸗ tion Fleiſch auf ſeinem Teller und dem Seitel, welches Fanni ihm von Zeit zu Zeit hinſchob. Selbſt Anton ſah freudig umher, und ſchien im Hinblick auf die Glück⸗ ſeligkeit ſeiner Freunde ſeinen ſtillen Kummer vergeſſen zu haben. Er zeigte ſich gegen Fanni nicht mehr ver⸗ legen, ja, es war, als ob das muntere Temperament, das gutherzige, ungekünſtelte Weſen des hübſchen Mäd⸗ chens, ihr lebhafter und doch beſcheidener Blick wohlthä⸗ tig auf ihn wirkten. Er war neben ſie geſetzt worden, und plauderte bald vertraulich mit ihr und den Anderen, ſcherzte ſogar, und dieſer Scherz hatte nichts Erzwun⸗ genes an ſich. Landsberger gewahrte zuerſt die Umwandlung des jungen Mannes; verſtohlen blinzelte er ſeiner Frau zu, als wollte er ſagen:„Wir werden ihn ſchon kuriren, das heißt, die Fanni wird's thun!“ Eine hübſche Weile war vergangen, Bier, Volks⸗ ſänger und die Leckerbiſſen des„Faſſels“ hatten ihr Beſtes gethan, unſere kleine Geſellſchaft in guter Stim⸗ mung zu belaſſen. Da ſprang Fanni plötzlich auf. „Mein Gott,“ rief ſie lachend,„da ſitzen wir nun ſicher ſchon eine Stunde, und ich denke nicht drauf, daß zu Hauſe die Arbeit auf mich wartet! Ich muß fort!“ Schinken dort Ruhe und mache Dich fertig!“ „Warum nicht gar!“ antwortete Landsberger.— „Sie werden ohnehin die ganze Woche fleißig genug ſein, Fanni, weshalb denn ſo ſpät noch am Sonnabend arbeiten? Wir laſſen Sie nicht fort!“ „Ich bliebe ja gern noch hier, das können Sie ſich denken,“ verſetzte das Mädchen,„aber es hilft Alles nichts, ich muß fort! Sehen Sie, Herr Landsberger, ich habe Ihnen nun den Willen gethan, und bin mit hieher gegangen, obgleich ich ſchon eine Stunde hätte recht fleißig ſein können—“ „So rechnen Sie's alſo für gar nichts, daß Sie einmal wieder mit Ihren guten alten Bekannten beiſam⸗ men und luſtig geweſen ſind? Das iſt nicht ſchön von Ihnen, Fanni!“ ſagte Landsberger in ſcherzhaft vor⸗ wurfsvollem Tone. „Reden Sie doch nicht ſo!“ verſetzte das Mädchen, indem ſie erröthete und lachend ihre Perlenzähne wies. —„Sie wiſſen recht gut, wie ich mich gefreut habe, Sie Alle einmal wieder zu ſehen. Und ich bin ja mitge⸗ gangen! Aber nun iſt's auch genug mit der Unterhal⸗ tung, allzuviel iſt ungeſund, beſonders wenn mann eine Mutter zu ernähren hat, und ſolchen Schelmen von Bruder, der immer bei Appetit iſt, wie Sie's heute geſe⸗ hen haben werden! Komm, Wilhelm, gib einmal dem 158 Der Knabe erhob ſich langſam von ſeinem Seſſel, aber nicht eher, als bis er ſich den Mund derartig an⸗ geſtopft hatte, daß ſein Geſicht einem großen Kautſchuk⸗ balle glich. „So,“ rief Landsberger,„das iſt ſchön! Aber ich laſſe die Ausrede nicht gelten, Fanni! Was Sie heute verſäumen, können Sie ja morgen in der Frühe ſchon wieder einbringen! Greif' zu, Anton, und ziehe ſie auf ihren Platz nieder! Du wirſt Dir doch nicht nachreden laſſen, daß Du ein„ſauberes Madl“ ſo ſchlecht unter⸗ halten habeſt, daß ſie Dir fortlaufen mußte?“ Anton lächelte, umfaßte Fanni's Taille und zog ſie ſanft zu ihrem Seſſel nieder. Während er dieſes that, begegneten ihre Blicke einander. Das junge Mäd⸗ chen wurde blutroth. Anton gewahrte dies, und wurde dadurch verlegen. Sie fand im erſten Augenblick kein Wort der Widerrede. Der kleine Wilhelm ſiel ohne Weiteres in ſeinen Seſſel zurück und brachte ſogleich ein Stück Knchen in Sicherheit. Auch Frau Nettel gewahrte das lebhafte Erröthen Fanni's. Sie deutete dasſelbe falſch. „Es iſt nicht recht von Dir, Landsberger,“ ſagte ſie,„daß Du die Fanni zurückhältſt, wenn ſie fort will. —— — alſo um keinen Preis in der Welt, daß wir von ihr 159 Weißt Du denn, ob nicht Jemand zu Hauſe auf ſie wartet— 5 „Ah ſo,“ rief Landsberger luſtig,„freilich, wenn das iſt— nun ja, dann dürfen wir die Fanni wohl nicht aufhalten, ſonſt—“ „Ich weiß ſchon, was Ihr denkt!“ unterbrach ihn das Mädchen lachend und doch zugleich noch verwirrter als zuvor.„Aber ich habe keinen Liebhaber!“ „Wer's glaubt!“ rief der Alte ſchmunzelnd.— „Solch ein„ſauberes Kinderl“, wie die Fanni!“ „Auf Ehre und Seligkeit nicht!“ verſetzte Fanni beinahe heftig.—„Ich habe dringende Arbeit, das iſt alles! Schon ſeit einigen Wochen bin ich für eine junge Dame beſchäftigt; ich glaube, was ich arbeite, iſt zu einer Ausſtattung beſtimmt, denn die junge Dame kommt bei⸗ nahe jeden dritten Tag mit ihrem Bräutigam oder Ge⸗ liebten zu uns, erkundigt ſich, wie's mit der Arbeit vor⸗ wärts geht, und treibt mich an. In acht Tagen ſoll alles fertig ſein. Da muß ich mich ſchon beeilen. Und weiter hat's nichts auf ſich, daß ich jetzt nach Hauſe will, am Allerwenigſten iſt das die Urſache, was Sie ſich gleich denken, Herr Landsberger!“ Der ehrliche Arbeiter lachte hell auf. „Schau,“ ſagte er ſich, ſie ereifert ſich, ſie möchte 160 glauben, ſie habe einen Liebhaber. Sollte ihr gar ſo unſerthalben darum zu thun ſein? Der Anton ſitzt ja auch hier!“ Landsberger ſchickte ſich an, der Schneider⸗Fanni eine humoriſtiſche Antwort zu geben, als plötzlich dicht neben ihm ein Ausruf des Erſtaunens ertönte. Er blickte zur Seite und gewahrte überraſcht den jungen Herrn aus der Kaiſerſtraße, dem er im Pötzleins⸗ dorfer Gehölze einen ſo wichtigen Dienſt geleiſtet hatte. Der Ausruf war in der That von Ferval gekommen, der, nachdem er bis hieher in den Garten vorgedrungen, um einen Platz zu finden, unerwartet den redlichen, un⸗ eigennützigen Arbeiter wiederſah und ſogleich erkannte. Ferval trat an dieſen heran, der ſich verlegen grü⸗ ßend erhob, und ſchüttelte ihm die Hände. „Sieh' da, das iſt herrlich!“ rief der junge Mann freudig.—„Wer weiß, wann ich Ihnen ohne dieſen glück⸗ lichen Zufall begegnet wäre! An jenem Abend, wo Sie mir und meiner armen Frau Beiſtand leiſteten, war ich zu beſtürzt, als daß ich daran hätte denken können, nach Ihrem Namen zu fragen. Ich wußte daher nicht, wo Sie aufſuchen, Ihnen zu danken. Warum kamen Sie nicht zu uns, und entzogen ſich unſerem Danke?“ „Ich bitte Sie, Euer Gnaden,“ antwortete Lands⸗ berger,„was ich that, war ja nicht der Rede werth,—. 161 was ein Menſch dem andern aus Chriſtenpflicht ſchul⸗ dig iſt, weiter nichts! Und nun reden wir nicht mehr davon. Ich hätte freilich ſchon längſt gern gewußt, wie's der Gnädigen geht, aber ich habe mir gedacht: wenn Du hingehſt, da könnten Sie denken— Euer Gnaden werden mich ſchon verſtehen!“ „Ja, ich verſtehe, daß Sie ein braver, edler Mann ſind!“ verſetzte Ferval lebhaft, dem Alten die Hand drückend.—„Aber ich hoffe zugleich, Sie ſind nicht ſo ſtolz meinen Dank zu verſchmähen und die Verſicherung hinzunehmen, daß ich Ihr Schuldner bleiben will!“ Ferval ſchüttelte dem Arbeiter nochmals die Hand. Dieſer aber ſagte haſtig, jeder weiteren Erkenntlichkeit von Seiten des jungen Mannes auszuweichen, zugleich aber auch von lebhafter Theilnahme angetrieben:„Und wie geht's denn der Gnädigen?“ „Der Himmel hat alles zum Beſten gefügt, mein Freund!“ antwortete Ferval freudig.—„Die Frau iſt geſund, und wiegt in ihren Armen unſer höchſtes Glück, einen niedlichen, trotz ſeiner ſieben Monate, kräftigen Buben!“ „Gott ſei Lob und Dankl“ ſagte Landsberger ernſt und bewegt.—„Hörſt Du, Weib?“ fuhr er dann fröhlich fort, ſich raſch zu der Frau Nettel wendend.— 3 eTe iſt der Herr, von dem ich Dir erzählt habe,— 11 Fabrikanten und Arbeiter. II. weißt Du die Pötzleinsdorfer Geſchichte mit der jungen Frau— nun, es iſt Gott ſei Dank alles glücklich abge⸗ laufen, die Gnädige hat einen kleinen Buben, und ſie ſind alle Beide kreuzfidel!“ „Aber daß mir Weib und Kind erhalten ſind,“ ſetzte Ferval voll Herzlichkeit hinzu, indem er im Kreiſe der Tiſchgeſellſchaft umherblickte und nochmals nach Landsberger's Hand griff,„das habe ich, nächſt Gott, zum großen Theil dieſem braven Manne zu verdanken, der mir bereitwillig und uneigennützig hülfreiche Hand leiſtete!“ „Ich bitte Sie, Euer Gnaden,“ murmelte Lands⸗ berger in einer Verlegenheit, die ſeinem breiten, derben, gutherzigen Geſichte einen komiſchen Ausdruck gab, „machen Sie wegen der Kleinigkeit keine Geſchichten, die Leute da herum ſchauen ſchon alle auf uns, als wenn's hier ein Theaterſpiel gäbe! Euer Gnaden ſind wohl hieher gekommen, ein Glas Bier zu trinken?“ „Ja!“ verſetzte Ferval.—„Erlauben Sie, daß ich mich zu Ihnen ſetze?“ „Aber ich bitte, Euer Gnaden!“ verſetzte Lands⸗ berger lächelnd.—„Wenn der gnädige Herr ſich nicht geniren—!“ „Wie können Sie nur ſo reden, Freund!“ ant⸗ wortete Ferval.„Doch bevor wir weiter plaudern, ſagen 163 Sie mir Ihren Namen, damit ich endlich einmal wiſſe, wie ich meinen Freund in der Noth nennen ſoll?! Ich heiße Ferval.“ „Nun denn, Euer Gnaden, und ich Landsberger!“ erwiederte der Alte ſchmunzelnd. Und indem er ſich ge⸗ wiſſermaßen voll Selbſtgefühl in die Bruſt warf, fuhr er fort:„Seit heute wohlbeſtellter Hausmeiſter bei dem reichen und hochgeachteten Wagenfabrikanten Weidner!“ „Weidner?“ verſetzte Ferval.—„Ah, den kenne ich, wenn auch nur flüchtig! Ich traf ihn einmal bei einer mir verwandten Familie. Meine Frau iſt mit dieſen Weidners von früher her beſſer bekannt. Charmante, ein⸗ fache Leute, wie ich gehört habe!“ „Trifft ſchon zu!“ ſagte Landsberger.—„Der Anton kann's bezeugen, er iſt Arbeiter dort.“ Anton, der aufgeſprungen war, und von einem der nächſten Tiſche einen Seſſel gekapert hatte, trat mit dieſem im gleichen Augenblick als Landsberger ſprach zu Ferval heran. „Ja, Euer Gnaden,“ ergänzte Anton,„in unſerer Fabrik iſt kein Arbeiter, der nicht für Herrn von Weid⸗ ner ſein Leben laſſen möchte.“ „Ihr Wort klingt ehrenvoll für den Herrn wie für ſeine Arbeiter!“ antwortete Ferval freundlich, indem er dankend den Strohſeſſel annahm, und ſich in den fröh⸗ 11* 164 lichen Kreis ſetzte.—„Und das hübſche Mädchen dort,“ fuhr er fort lächelnd auf Fanni deutend,„iſt wohl eine. Tochter von Ihnen, Herr Landsberger, vielleicht die Braut des Herrn hier, den Sie Anton genannt haben?“ Fanni's Wangen überzog eine brennende Röthe. Anton zuckte leiſe zuſammen. Wie hatten die arglos hin⸗ geworfenen Worte des fremden Herrn die Eine in's Herz getroffen, den Anderen an die verrätheriſche Julie erinnert!. Landsberger lachte laut auf. „So iſt's nun wohl nicht, Euer Gunaden!“ rief er. —„Das Mädchen dort iſt die Schneider⸗Fanni, die kreuzbravſte von allen Schneider⸗Fanni's in der Vor⸗ ſtadt, und eine alte Bekannte von uns, mit einem jun⸗ gen,„ſaubern“ Geſicht und friſchen Herzen! Solche Tochter möchte ich mir freilich gefallen laſſen,“ ſetzte er ernſter hinzu, und fuhr daun, wieder in den munteren Ton hinüberlenkend fort—„aber ſie iſt's nun einmal nicht! Und eben ſo wenig iſt ſie Braut, Euer Gnaden, ſie hat mir's grade jetzt ſo ernſthaft geſchworen, daß man hätte glauben dürfen, es handle ſich um ein Staatsver⸗ brechen! Nun, was die Brautſchaft anbelangt, ſo iſt noch nicht aller Tage Abend!“ „Sie ſind ein rechter Spaßmacher, Landsberger!“ dem Blick.—„Der Zehner muß an den rechten Mann! 165 unterbrach ihn Fanni erröthend und lachend zugleich. —„Wer wird denn ſo„ſchlimm“ ſein!“ „Ja, das kommt davon, wenn man„a Geld, im Sack hat!“ verſetzte der Alte lachend. Die Anderen lachten ebenfalls. Aber Anton's Hei⸗ terkeit hatte jetzt etwas Erzwungenes. Er begann, wäh⸗ rend man luſtig weiter plauderte, von Zeit zu Zeit vor ſich hinzuſtarren. Ein Orangenhändler trat an den Tiſch und bot ſeine Waare feil. Der Bruder Fanni's zog ſeinen falſchen Zehnkreu⸗ zerſchein hervor, betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn und rief:„Wäre das jetzt ein echter, dann könnte ich mir die ſchöne große Pomeranze dort kaufen! Aber wart' nur, ich ruhe nicht eher, als bis ich den langen„zaun⸗ dürren“ Herrn herausgefunden habe. Einmal wird er mir ſchon begegnen!“ „Der Bube hat auf nichts zu denken, als auf ſeinen falſchen Schein!“ bemerkte Fanni halb lachend, halb ärgerlich.—„Es wird ſeine fixe Idee!“ „Ei, da kann Dir ja bald geholfen werden!“ ſagte Ferval zum Knaben.—„Gib Dein falſchen Schein her, ich tauſche ihn Dir gegen einen echten um!“ „Nicht um die Welt!“ rief der Knabe mit funkeln⸗ 166 Ich bin nun einmal böſe auf ihn, und hätte ich den Zehner hergegeben, und ich ſollte den Herrn wo treffen, da könnte ich ja nichts beweiſen!“ Alle lachten. Ferval aber kaufte dem ſtarrköpfigen kleinen Schelm und den andern Kindern Orangen. Man unterhielt ſich noch eine Zeitlang. Ferval trank und ſchwatzte munter mit Allen. Endlich ſprang Fanni auf. „Aber jetzt muß ich fort!“ ſagte ſie.—„Wilhelm, mache Dich fertig. Es iſt die höchſte Zeit, daß ich an die Arbeit komme!“ „Ei was,“ rief Landsberger,„Sie müſſen noch bleiben, Fanni! Wenn Sie bei der braven Retterin des Buben dort als Wärterin, wie's Ihre Abſicht war, hätten bleiben dürfen, würde aus dem Arbeiten ja ohne⸗ hin nichts geworden ſein! Alſo dageblieben— iſt die arme Stahl⸗Pauline bei Weidners in guten Händen, ſo ſind Sie's bei uns auch!“ Ferval horchte hoch auf. „Von welcher Pauline Stahl reden Sie da?“ fragte er lebhaft.—„Von der Tochter des Seidenfabrikanten in Schottenfeld?“ „Freilich!“ antwortete Landsberger.„Die Tochter meines ehemaligen Herrn. Sie liegt verwundet im —— —-— 167 Weidneriſchen Hauſe, aber ſie iſt außer Gefahr! Sie kennen das arme Fräulein?“ „Mein Gott, ſie iſt ja meine Kouſine, und die Freundin meiner Frau!“ verſetzte Ferval haſtig und beſtürzt.—„Was iſt ihr geſchehen?“ Fanni, Landsberger, Anton, erzählten jedes einen Theil der tragiſchen Begebenheit, welche ſich an die Ret⸗ tung des Knaben knüpfte, der bald zärtlich auf ſeine Orange ſchielte, bald mit ſtillem Groll den verhängniß⸗ vollen Zehner betrachtete, ihn in ſeiner Weſtentaſche„wu⸗ zelte“ und ſich im Uebrigen nicht ſonderlich darum zu bekümmern ſchien, daß er in dieſen Mittheilungen eine nicht unbedeutende Rolle ſpiele. Als die Erzählenden geendigt hatten, blickte Ferval, der ihnen betroffen zuge⸗ hört ernſt vor ſich hin. „Das arme Mädchen!“ murmelte er.—„Und wie wird Thereſe beſtürzt ſein, wenn ſie die Nachricht er⸗ fährt! Ich darf ſie nur vorſichtig und allmälig davon in Kenntniß ſetzen!“ Ferval erinnerte ſich jetzt, daß er dem Vater Pauli⸗ nens zu ſchreiben verſprochen habe. Er erhob ſich. „Ich muß mich noch heute oder morgen in der Frühe perſönlich nach dem Beſinden meiner armen Kou⸗ ſine erkundigen!“ ſagte er.—„Sie bewies ſich, wäh⸗ rend meine Frau litt, edel und aufopfernd, ſie hat ein doppeltes Recht an unſere Theilnahme! Laſſen. Sie ſich nicht ſtören,“ fuhr er zu Landsberger und den Anderen fort, die ſich nun ebenfalls von ihren Sitzen erhoben, „ich muß jetzt gehen. Leben Sie wohl, und Sie, Herr Landsberger, vergeſſen Sie nicht, daß auch meine Frau ſich darnach ſehnen wird, Ihnen dankbar die Hand drü⸗ cken zu können! Hier iſt meine Karte.“ 3 Ferval hatte in die Brieftaſche ſeines Rockes ge⸗ griffen und überreichte nun dem Arbeiter eine Viſiten⸗ karte.. „Nichts für ungut, Euer Gnaden,“ antwortete der ehrliche Alte bewegt,„aber Fräulein Pauline wird wohl einige Tage bei den Weidneriſchen bleiben müſſen— und wenn Sie da Ihren Beſuch wiederholen ſollten, dann möchte ich bitten,— ich bin, wie geſagt, von Montag an dort Hausmeiſter, Euer Gnaden.“ „Gewiß, ich ſpreche bei Euch vor, Ihr braven Leute! Lebt wohl!“ Ferval ſchüttelte Landsberger die Hand, grüßte die Anderen und ging. Landsberger blickte ihm voll Herzlichkeit nach. „Der arme, liebe Herr,“ ſagte er langſam,„ihn hat die Nachricht angegriffen! Aber zum Henker, wie konnten wir denn auch wiſſen, daß er ein Verwandter der Stahl⸗Pauline ſei!“ 169 Anton, der einige Augenblicke zerſtreut neben Lands⸗ berger geſtanden war, griff mechaniſch zu der Karte, welche dieſer noch hielt. „Charles Ferval, Kaiſerſtraße Nr. 36, im erſten Stock!“ las er laut herunter. „Jeſus!“ rief der Bruder Fanni's,„ich hatte die Nummer vergeſſen! Ja, ja, 36, im erſten Stock! Dort⸗ hin hat mich der lange, magere Herr hinaufgeſchickt, und dort hat mir die Magd geſagt, daß die Frau in der Frühe auf's Land und der Herr nach Pötzleinsdorf hin⸗ aus ſei. Und dann gab er mir dieſen Satans⸗Zehner — aber ich krig' ihn—“ „Alle Wetter!“ unterbrach Landsberger den Kna⸗ ben lebhaft.—„Fanni, Sie ließen ſchon vorhin vor der Thüre bei Weidner ein Wort davon fallen, aber ich achtete nicht ſonderlich darauf. Wie lange iſt das her, Bube, daß der Herr Dich dort hinaufgeſchickt hat?“ „Nun in voriger Woche war es,“ antwortete Wilhelm,—„am Mittwoch.“ Landsberger blickte auf ſeine Frau. „So, ſo!“ murmelte er dann vor ſich hin.—„Der⸗ ſelbe Tag! Wenn das mit dem Ueberfall im Gehölze zuſammenhängen ſollte? Wenn ſich eine Spur von dem Herrn finden ließe! Hm, der Herr von Weidner iſt ge⸗ 8 ſcheidter als wir, ich werde mit ihm darüber reden. Meinſt Du nicht, Anton?“ Dieſer fuhr wie aus einem Traume auf. Er hatte mit leerem Blick auf die Karte geſtarrt. „Ja, ja, Vater Landsberger!“ ſtammelte er, die Karte zurückgebend. Landsberger blickte den jungen Arbeiter ernſthaft von der Seite an. Alsdann lehnte er ſich zu ihm hin⸗ über, klopfte ihm auf die Schulter, undflüſterte ihm in's Ohr:„Anton, woran denkſt Du?“ Dieſer zuckte kaum bemerkbar zuſammen. „Ich will Dir's ſagen,“ fuhr Landsberger ſo leiſe fort, daß nur Anton die Worte vernehmen konnte,„Du denkſt an die Julie! Weißt Du, was das Ende davon ſein wird, Anon? Dein Untergang, vielleicht— das Irrenhaus! Sei vernünftig, ich warne Dich! Da ſchau, ſiehſt Du nicht, daß die Fanni ſich ihr Tuch umhängt? Hilf ihr, begleite ſie die paar Schritte bis nach Hauſe und komme wieder her, daß wir mit einander über die Schmelz nach Ruſtendorf gehn, wenn's uns hier nicht mehr gefallen ſollte!“ Anton trat ſchweigend zur Fanni. Dieſe aber hatte ihr Umſchlagetuch ſchon zurecht gezogen, reichte nun der Frau Nettel und Landsberger die Hand, und küßte die Kinder des Arbeiters.. *„Lebt Alle wohl!“ ſagte ſie munter. „Nach Ruſtendorf darf ich Sie ſchon nicht mehr einladen, Fanni,“ rief Landsberger,„aber ich hoffe, Sie werden uns doch bald beſuchen, wenn wir beim Herrn von Weidner eingerückt ſind!“ „Nun das verſteht ſich!“ antwortete Fanni.— „Und bald komme ich,“ fuhr ſie, auf die Packete deutend, fort, welche auf dem Seſſel lagen,„ſchon wegen der Kleider, die ich den Kindern machen will— ich ſag's Ihnen, Frau Landsberger, Sie dürfen ſich nicht an eine Schneiderin wenden, wozu ſollen Sie ſich da noch eine Ausgabe machen, ich thu's ja gern und werde ſchon noch ſo viele Zeit dazu erübrigen! Aber auch des armen Fräuleins wegen müſſen wir ja bald in die Roßau gehen, der Bube dort und ich, denn ich kann nicht ruhen, bis ich ſie geſehen und ihr das geſagt habe, wovon mir das Herz voll iſt! Der Herr Anton“— fügte ſie gewiſſer⸗ maßen lächelnd und leiſe erröthend hinzu—„wird viel⸗ leicht ſo gut ſein, mir zu melden, wann ich das Fräulein werde ſprechen können!“ „Das wird er,“ antwortete Landsberger für den zerſtreut blickenden Anton.—„Ich werde ihm ſchon Füße machen! Grüßen Sie die Mutter von uns, Fan⸗ ni! Und da, nehmen Sie ihr das mit nach Hauſe!“ 172 Landsberger packte dem Mädchen, obwohl ſie ſich ſträubte, einige Kuchenportionen auf. Fanni drängte ſich zurückwinkend und grüßend zwi- ſchen den Tiſchen der anderen Faſſelgäſte hindurch; Anton folgte ihr mechaniſch mit dem Knaben. Landsberger ſchlug, als er ihnen nachſchaute, plötz⸗ lich mit der geballten Rechten in die flachgehaltene linke Hand. „Und ich bringe doch noch die Julie aus ihm her⸗ aus!“ murmelte er vor ſich hin. Eilftes Capitel. Ein Familienleben. Es war in der achten Morgenſtunde des Sonn⸗ tags, als Stahl, völlig zu Ausgehen angekleidet, im Wohnzimmer an einem der Fenſter ſaß, und in Ge⸗ danken vertieft an die Scheibe trommelte. Der Sophatiſch war zum Frühſtück gedeckt, alles dazu Nöthige war bereits aufgetragen worden, nur der Kaffee fehlte noch. Die Dienſtleute hatten ſchon zeitig von ihrem Herrn die Weiſung erhalten, daß die Familie heute ge⸗ meinſchaftlich frühſtücken werde, und es war ihnen dieſes überraſchend erſchienen, da ſich ein ſolcher Fall ſeit lan⸗ ger Zeit nicht ereignet hatte. Jedes Glied der Famillie war gewohnt, zu anderer Zeit aufzuſtehen. Stahl, der meiſtens ſehr früh das Bett verließ, nahm ſeinen Kaffee 174 zuerſt und allein, und pflegte während des Frühſtückens Zeitungen zu leſen; die dicke Herrin des Hauſes ließ ſich wohl eine Stunde ſpäter den Kaffee an's Bett brin⸗ gen, denn ſie liebte es nicht, vor Beendigung ihrer Toi⸗ lettenkünſte ſichtbar zu werden, und dieſe waren ſo um⸗ faſſender Natur, daß ſie zu einem gemeinſchaftlichen Frühſtück meiſtens zur Mittagsſtunde erſt hätte erſcheinen können. Ottilie ahmte im Frühſtücken, wie in manchen anderen Dingen, ihrer Mutter nach, nur etwa um eine Stunde ſpäter als dieſe. Der letzte war immer Robert, das verzogene Mutterſöhnchen, der ſeinen Kaffee auch im Bette trank. Pauline hatte ſich durch dieſen Haus⸗ brauch, der eben kein glänzendes Zeugniß von einem „gemüthlichen Familienleben“ lieferte, auch längſt daran gewöhnt, das Frühſtück allein einzunehmen. Der dicke Hausmeiſter, der rothäugige Diener Anton und die Mägde ſteckten alſo natürlich die Köpfe zuſammen, als ſie in aller Frühe den Befehl des Herrn vernahmen, der ſo die Ordnung dieſer Unordnung heute aufhob; ſie hatten auch gewahrt, daß ſich die Familie zu unge⸗ wöhnlicher Zeit in ihren verſchiedenen Kabinetten und Boudoirs rühre, aber ſie riethen vergebens, worauf dies Ungewöhnliche hinziele, denn keine ſonſtige Ordre war gegeben worden. Stahl ſaß alſo am Fenſter, und trommelte an dasſelbe, ſeine Familie erwartend. Er hatte, wie es von Mamſell Liſette war berech⸗ net worden, am Abend vorher gegen ſechs Uhr den Brief ſeiner Verbündeten erhalten, und ſogleich eingeſehen, daß er den neuen Plan, welchen er zum Verderben der Fervals entworfen, und den er geſonnen war, in der kommenden Woche auszuführen, ſogleich in's Werk ſetzen müſſe. Keine paſſendere Zeit als jetzt ließ ſich finden: Thereſe auf dem Lande, Ferval allein in der Wohnung! Demgemäß hatte er denn auch unmittelbar nach Em⸗ pfang von Liſettens Brief die Zeilen, welche er dem Baron diktirt, und deren der Leſer ſich noch erinnern wird, in ein Kouvert gethan, an Frau Thereſe Ferval, Kaiſerſtraſſe Nr. 36, mit verſtellter Handſchrift adreſ⸗ ſirt, und beſchloſſen, dieſen verhängnißvollen Brief noch Abends ſelber auf die Poſt zu tragen. Das war denn auch um acht Uhr geſchehen, zu⸗ gleich hatte der Fabrikant aber, obwohl ſeine In⸗ trigue ihn lebhaft beſchäftigte, keineswegs verſäumt, eine Stunde früher den Arbeiterinnen ſeiner Fabrik ähnliche Ermahnungen und Vorſchriften zu geben, wie ſie um die Mittagsſtunde ſein männliches Arbeiterperſonal von ihm hatte anhören müſſen. Am Abend war Stahl ſpät nach Hauſe zurückgekehrt und hatte ſeine Famillie nicht 176 mehr geſprochen. Er war nicht zu Weidners gegangen, doch hatte ihm ſchon am Nachmittag ſeine Frau die Nachricht gebracht, daß es um Pauline nicht ſchlimm ſtehe, ſie jedoch des Wundſiebers wegen nicht von den Weid⸗ neriſchen fortgebracht werden könne. Am folgenden Mor⸗ gen nun, eine halbe Stunde bevor ſich Stahl an's Fen⸗ ſter geſetzt hatte, war Fervals Schreiben gekommen, in dem der junge Mann Paulinens Unfall, der ihm, wie er ſchrieb, von ungefähr zu Gehör gekommen, lebhaft beklagte, und zugleich Stahl freundlich erſuchte, ſich am Vormittag zu ihm verfügen zu wollen, um bei der Cere⸗ monie des Einſchreibens in das Kirchenbuch der Pfarre als der Beiſtand Thereſens zu fungiren. Auf dieſen Brief Fervals war Stahl ebenfalls ſchon durch die Zeilen der Mamſell Liſette vorbereitet worden, und er betrachtete nun die Einladung des jungen Mannes als die erwünſchteſte und unverfänglichſte Gelegenheit, welche ſich ihm darbieten konnte, Ferval heute aufzu⸗ ſuchen. „Ich muß gegenwärtig ſein, wenn Ferval den Brief an ſeine Frau empfängt,“ hatte er am Abend zuvor ge⸗ ſagt,„damit ich meinen Einfluß ſo anwende, daß die Leidenſchaft des jungen Mannes nicht das Gegentheil von dem hervorrufe, was ich bezwecke!“ Als Stahl ſinnend auf ſeine Familie wartete, dachte — 177 er nicht allein daran, wie er Ferval zu leiten habe, ſondern es fuhr ihm auch der Gedanke an Paulinen durch den Sinn. „Teufel noch einmal,“ murmelte er vor ſich hin, „was hat ſie geſtern um Mittag in der Roßau wollen? Zum Weidner gehen, dem einzigen Bekannten, den wir dort haben? Aber zu welchem Zweck? Hm, Weidner zeigte ſich in vergangener Woche bei unſerer Unterre⸗ dung beſſer von meinen Verhältniſſen unterrichtet, als ich ahnen konnte, er wußte ſogar, daß ich ſpiele! Ich habe wohl hie und da zu Hauſe ein Wort fallen laſſen, aber ich war doch nie ſo unvorſichtig, dies in Gegenwart der Dienſtleute zu thun. So kann er alſo von niemand Anderem als Einem aus der Familie etwas wiſſen. Und hat mir meine Frau nicht geſagt, daß er mit Pauline allein war, bevor ich ihn ſprach? Weidner iſt, trotz ſei⸗ ner Ehrlichkeit, ein ſchlauer Kopf. Wie, wenn die Pau⸗ line ſich bei ihm verplaudert hätte! Und wenn ſie nun zu ihm gegangen wäre, ihm über uns Bericht abzu⸗ ſtatten,— das ſchwache Mädchen iſt ja ſo leicht zu lei⸗ ten, wer weiß, was er ihr vorgeſchwatzt hat! Für⸗ wahr, ich hätte ſie etwas beſſer im Auge behalten ſollen! Hm, dann hat Weidner vielleicht auch ſchon etwas von dem Heirathsplane erfahren, den ich hatte.— Hatte? — Ich habe ihn noch nicht aufgegeben, denn, in der 12 Fabrikanten und Arbeiter. II. 178 That, ohne das Geld des guten Franz werde ich mich nicht in die Höhe arbeiten können! Wer weiß, wie lange dieſe Tante Heuber noch leben wird, ſie hat eine zähe Natur, wie die Hunde, die ſie liebt!— Weidner ließ freilich kein Wort darüber fallen, daß er um meinen Heirathsplan wiſſe, aber er lieh mir ohne Weiteres eine bedeutende Summe, und das hätte er doch ſicher nicht gethan, dächte er nicht an eine nähere Verbindung unſe⸗ rer Familien. Er kennt meine Verlegenheiten, aber auch die Größe meines Geſchäftes, und ſo ehrlich er auch immer thut, mag er doch ein wenig auf das Pathengeld der Ottilie für ſeinen Sohn ſpekuliren, und auf unſere Erbſchaftshoffnungen, die, ſo Gott will, jetzt bald keine Hoffnungen bleiben: So hat uns am Ende gar die In⸗ diskretion Paulinens gegen ihren Willen Nutzen ge⸗ bracht!“ Stahl lachte vor ſich hin. Er kam in ſeinen Betrachtungen nicht weiter, denn die Thüre des Salons öffnete ſich, und ſeine umfang⸗ reiche Gattin erſchien. Die dicke Frau war noch im Negligee, doch ihr flei⸗ ſchiges Antlitz glänzte bereits im jugendfriſchen künſt⸗ lichen Weiß und Roth. Einen Gegenſatz zu dieſen heiteren Farben aber 179 bildeten die mürriſchen Züge der Dame und ihre kleinen Steinkohlenaugen, die Unmuth verkündeten. In demſelben Augenblicke, als Stahl's Gattin vom Korridor aus eintrat, erſchien auch Ottilie. Sie kam aus dem Nebenzimmer und war noch weniger als die Mutter auf ein Ordnen ihrer Morgentoilette bedacht geweſen, denn der leichte Ueberwurf von türkiſchem De⸗ laine hing ſo loſe und ſchlottrig um ſie herum, wie ſie, dem Bette entſteigend, in ihn mußte hineingefahren ſein, und ihr herrliches, lichtblondes Haar war in größter Un⸗ ordnung. Obwohl nun zu gleicher Zeit Ottiliens Augen und Züge etwas Schlaftrunkenes hatten, und eine gewiſſe Unbehaglichkeit ſich in ihnen abſpiegelte, gewährte doch die Erſcheinung des ſchönen Mädchens einen ungemein pikanten und reizenden Anblick, denn eben dieſes zu un⸗ gewöhnlicher Stunde Erwachtſein gab ihrem Blick etwas feucht Dämmerndes, ſinnlich Schmachtendes, hatte ihre Wangen roſiger gefärbt, und ihre degagirte Umhüllung ließ von ihren üppigen Formen mehr errathen, als dieſes bei einer ſteifen, ballonartigen Krinoline der Fall geweſen wäre. Ottilie reizte in ihrer Nachläſſigkeit durch den Zauber der Jugend, den die Franzoſen„la beauté du diable!“ nennen. Mutter und Tochter murmelten kaum hörbar ein: 1 12*½ 180 „Guten Morgen.“ Die dicke Frau ſank ſogleich in ein Fauteuil, das zum Frühſtückstiſch gerückt war. Ottilie trat in nachläſſiger Haltung an denſelben und begann wie gedankenlos mit einem der zierlichen ſilbernen Löffel zu ſpielen. Stahl erhob ſich, ohne den Morgengruß zu erwiedern. 4„Weshalb habt Ihr noch keine Toilette gemacht?“ fragte er in hartem Ton, indem ſein Blick über Mutter und Tochter hinglitt. „O mon Dich!“ antwortete die dicke Dame ge⸗ reizt,„das fehlte noch! Iſt es nicht genug, daß Du uns hier ſiehſt, wie Du es gewünſcht haſt?! Uns nicht ein⸗ mal unſere Morgenruhe zu gönnen, das iſt eine Tyran⸗ nei, nicht wahr, Ottilie, mein Augapfel, mon— mon pomme de J'oceuil?² Ottilie fuhr, ohne zu antworten, mit ihrem Spiel fort. „Mir bleibt keine Zeit zu langen Auseinander⸗ ſetzungen,“ erwiederte Stahl,—„denn ich muß Euch bald verlaſſen. Ich habe Euch hierher beſchieden, weil Ihr geſtern ſchon ſchlafen gegangen waret, als ich nach Hauſe kam, und ich Euch doch für die nächſten Tage einige Verhaltungsregeln geben muß. Das kann ich während des Frühſtückens. Ottilie, den Kaffee.“ „Zieh' die Glocke, ma ville!“ liſpelte Frau Stahl. Ottilie ging mechaniſch zum Glockenzug. Sie ſtreckte 181 die Hand darnach aus, wendete ſich aber dann zu den Eltern herum. „Sollen wir auf Robert warten?“ fragte ſie in gleichgültigem Ton.—„Er wird noch nicht aufgeſtanden ſein.“ „Wir warten nicht auf ihn!“ verſetzte Stahl, in⸗ dem er ſich auf's Sopha ſetzte.—„Mir iſt es ſogar lieb, daß er noch nicht hier iſt, denn ich habe Euch Eini⸗ ges zu ſagen, was er nicht grade nothwendig zu hören braucht.“ Ottilie läutete und ſchritt dann ſo nachläſſig zu einem Seſſel, wie ſie zum Glockenzug gegangen war. Sie nahm der Mutter gegenüber Platz. Der rothäugige Diener brachte den Kaffee und ver⸗ ſchwand wieder. Man frühſtückte.. „Mir ſcheint,“ begann Stahl gelaſſen,„Ihr wollt Euch nicht gutwillig in die Nothwendigkeit fügen. So werde ich Euch zwingen müſſen!“ „Zwingen? Wozu?“ verſetzte die dicke Dame be⸗ troffen, die kleinen Augen aufreißend.—„Ich verſtehe Dich nicht!“ „Seit einigen Tagen,“ ſuhr Stahl fort,„bemerke ich, daß Ihr Euren gewöhnlichen Aufwand macht. Ge⸗ ſtern Abend waret Ihr im Theater, wie ich gehört habe,—“ 182 „Aber Du wirſt doch nicht,“ unterbrach ihn Frau Stahl, indem ſie ſich in die Bruſt warf,„von einer Frau, die savon vivre beſitzt, verlangen, daß ſie—“ Stahl ließ ſie nicht ausreden. „Ich verlange,“ ſagte er entſchieden und kalt,„daß Ihr Euch einen Zwang auferlegt, bis ich ein gewiſſes Ziel erreicht habe, das Ihr kennt. Soll man etwa der Tante Heuber hinterbringen, daß wir in alter, gewohnter Hoffart auftreten, und das grade in einem Augenblick, wo Alles davon abhängt, daß wir ein wenig nach ihrem Sinne leben?“ „O mon Dieh!“ ſeufzte die dicke Dame.—„Wie lange ſoll das noch dauern? Ich ſehe das Ende davon nicht ab! Und was wird es helfen? Brachteſt Du nicht geſtern die Nachricht, daß Fervals wieder mit der Tante ausgeſöhnt ſeien?“ „‚Sollen wir vielleicht, wie der Vater, in einen frommen Verein treten?“ fragte Ottilie ſpöttiſch. „Nein,“ entgegnete Stahl gelaſſen,„aber Ihr ſollt Euch auch nicht in thörichter Weibermanier durch Man⸗ gel an Geduld den Weg zum Glücke ſelber verrennen! Hört mich! Ich ſage Euch mit wenigen Worten, daß ich im Begriff ſtehe, durch einen wohlangelegten Plan Fer⸗ val mit ſeiner Frau, und Beide mit der Tante zu über⸗ werfen, und zwar dieſesmal wird es mir wohl ohne 183 Zweifel gelingen, einen unausgleichbaren Bruch herbei⸗ zuführen. Ich laſſe mich auf keine Details mit Euch ein, denn Ihr ſeid Frauenzimmer, auch habe ich Euch, wie geſagt, nur hierher beſchieden, Euch Verhaltungsmaß⸗ regeln zu geben. Gut denn! Zieht Eure einfachſten Kleider an und fahrt heute Morgen in die Kirche—⸗ „Ich kann die Mutter nicht begleiten!“ unterbrach Ottilie ihren Vater heftig, indem ſie die Schale, welche ſie im Begriff ſtand, zum Munde zu führen, feſt nieder⸗ ſetzte.—„Der Baron Lenz hat mir geſtern durch Ro⸗ bert, der ihn zufällig getroffen, ſagen laſſen, daß er heute am Vormittag kommen werde, mir ein neues Tanzalbum vorzulegen, und da kann ich Schicklichkeits halber nicht ausgehen.“ „Du wirſt Schicklichkeits halber mit der Mutter in die Kirche fahren!“ herrſchte Stahl ſeine Tochter an.— „Ich kann Euch nicht begleiten,“— fuhr er in ruhige⸗ rem Tone fort,—„denn ich habe ein anderes Geſchäft, aber ich will, daß Ihr in der Kirche geſehen werdet, und damit gut. Und hernach fahrt Ihr zu Weidners, Euch nach der Pauline umzuſchauen.“ „O mon Dieh! War ich nicht geſtern erſt dort?“ rief die dicke Dame. „Freilich, nutzlos, wie alle Deine Gänge zu ſein pflegen!“ antwortete Stahl verächtlich.—„Was ich 184 wiſſen wollte, habe ich nicht erfahren! Dazu werde ich ſelber das Mädchen aufſuchen müſſen, aber das kann erſt dieſer Tage geſchehen. Inzwiſchen wird es gut ſein, Ihr zeigt mehr Theilnahme für Pauline. Was ſollen Weidners von Euch denken? Und warum haſt Du ge⸗ ſtern die Mutter nicht dorthin begleitet, Ottilie?“ „Muß ich denn überall mit der Mutter ſein?“ verſetzte Ottilie unwillig.—„Ich bin einundzwanzig Jahre alt, wie lange noch ſoll ich am Gängelbande lau⸗ fen?“ „So lange,“ antwortete Stahl mit flammendem Blick,„bis Du in der Lage ſein wirſt, auf eigenen Füßen ſtehen zu können. Biſt Du einmal verheirathet, dann magſt Du thun, was Dir beliebt. Uebrigens, läßt man Dir nicht freien Willen genug? Mehr als zu viel, ſage ich Dir, Ottilie! Weit eher als Du hätte Deine Schwe⸗* ſter Urſache, ſich zu beklagen!“ „Meine Schweſter!“ verſetzte Ottilie, die Lippe verächtlich aufwerfend.—„Sie iſt aus anderem Stoff als ich! Glauben Sie, Vater, ich würde mich ſo ohne Weiteres bei Seite ſchieben laſſen, wie ſie es geſchehen läßt? Wenn Kinder nichts als die Sklaven der Eltern ſein ſollen, ſo verlohnt es ſich nicht der Mühe zu leben!“ „Und wenn Kinder ſich zu Sklaven thörichter Lau⸗ nen machen, muß die Klugheit der Eltern ihnen den — —4 Zügel anlegen!“ ſagte Stahl gelaſſen und ſtrenge.— „Die Klugheit aber gebietet hier, den Plan nicht außer Augen zu laſſen, welchen ich mit Dir und dem jungen Weidner habe.“ „Wie?“ rief Ottilie auffahrend, indem ſie die Kaffeeſchale haſtig von ſich ſchob.„Sie denken allen Ernſtes daran, daß ich in dieſe ſpießbürgerliche Familie heirathe?“ „Ma ville! Der Vater meint nur—!“ begann die dicke Dame begütigend. „Schweig!“ unterbrach ſie Stahl.—„Vergiß nicht, Mädchen,“ fuhr er ruhiger fort,„daß man von dieſer ſpießbürgerlichen Familie ſagt, ſie beſitze eine halbe Million, daß Franz Weidner der einzige Sohn iſt, daß der Vater mir eine namhafte Summe vorge⸗ ſtreckt hat, und, wie ich ſtark vermuthe, nur weil entwe⸗ der ſein Sohn ihm von Dir geſprochen hat, oder weil der Alte ſelber Eure Verbindung wünſcht. Du biſt eine Egoiſtin, Ottilie, Du wirſt den jungen Mann bald be⸗ herrſchen, und dann Deinen Launen folgen können, alſo unabhängig ſein— was verlangſt Du mehr? Ich will ja nur, was nach Deinen Begriffen Dein höchſtes Glück iſt!“ „Sie wollen mein Glück, Vater, ſagen Sie?“ antwortete Ottilie kalt.—„Sie nennen die Sache nicht 186 beim rechten Namen. Und da Sie nicht weniger Egoiſt ſind, als ich es bin, ſo reden wir doch deutlich mit ein⸗ ander. Sie wollen nicht mein Glück, ſondern ich ſoll das Ihre machen. Sie wollen das Vermögen Weidner's in Ihre Hände bekommen, das iſt Alles. Und was bleibt dann mir? Die Summe, welche mir die Tante Heuber als Pathin ausgeſetzt hat, und vielleicht— aber das iſt noch in weitem Felde— ein Stück Erbcheil das aus dem Vermögen der Tante Heuber ſtammt, falls, was noch die Frage iſt, Sie, nach Jahren in der Lage ſein ſollten, uns, Ihren Kindern, etwas davon zu hinter⸗ laſſen!“ Stahl ward vor Zorn noch wachsgelber, als er ge⸗ wöhnlich war. Er richtete ſich auf dem Sopha hoch in die Höhe und runzelte die Stirn, während er einen ver⸗ nichtenden Blick auf die kühne Tochter warf, die ſich ge⸗ laſſen in's Fauteuil zurücklehnte, einen Fuß über den andern legte, und dem Wuthausbruche des Vaters mit ruhiger Miene begegnete. „Hölle und Teufel!“ rief Stahl.—„Unver⸗ ſchämte, Du wagſt es, eine ſolche Sprache gegen mich zu führen?!“ „Was können Sie von einer Egoiſtin, die in Ihrer Schule gebildet worden iſt, anderes erwarten?“ ant⸗ wortete Ottilie ruhig. Fran Stahl ſchlug erſchrocken die Hände zuſammen. „Reize den Vater nicht noch mehr! ſtammelte ſie. „Ich ſuche keinen Streit,“ verſetzte Ottilie ſo ent⸗ ſchieden und gelaſſen wie zuvor,„am wenigſten mit dem Vater. Aber ich will auch nicht immer und ewig die Drahtpuppe ſein, die ſich willenlos lenken läßt. Ihr überhäuft mich mit Allem, und macht es doch im Grunde nicht beſſer mit mir, als mit der Pauline! Ich danke dafür! Ich verlange, daß auch mein Intereſſe berück⸗ ſichtigt werde, und hoffe, der Vater werde mich nicht zwingen, dem jungen Weidner oder Anderen Enthüllun⸗ gen zu machen, die ihm nicht angenehm ſein dürften!“ „Ottilie!“ rief die dicke Frau beſtürzt. Stahl ſchoß einen giftigen Blick auf ſeine Tochter und biß ſich in die Lippen. Es ſchien, als ringe er nach Worten und finde im erſten Augenblicke keine. Ottilie kreuzte die Arme, ſtarrte zur Zimmerdecke empor und ſchlenkerte mit dem Fuße, welchen ſie über⸗ geſchlagen hatte. So vergingen einige Sekunden. Endlich öffneten ſich Stahl's Lippen. Aber kein Zornesausbruch kam über dieſelben.„Dein Intereſſe!“ ſagte er eiſig.— „Worin beſteht es nach Deiner Auffaſſung? Mit dem Baron zu tändeln, Dich und uns in's Gerede zu brin⸗ gen, wie es ſcheint! Aber ſo lange Du in meinem 188 Hauſe biſt, muß ich gegen ſolche Auffaſſung proteſtiren, die Dein wahres Intereſſe und obendrein das von uns Allen gefährdet! Der Baron iſt ein Abenteurer, Du weißt es. Ich war ſeither zu nachſichtig gegen Euer Treiben, eben weil ich Dich gewarnt hatte, und Deiner ſicher zu ſein glaubte. Es ſcheint, ich habe mich in Dir getäuſcht. Du wirſt von jetzt an die Beſuche des Ba⸗ rons ſeltener empfangen—“ „Er war ja ohnehin ſchon lange nicht hier!“ ſtam⸗ melte Frau Stahl dazwiſch en. „Nicht mehr in's Theater oder in die Reitſchule mit ihm fahren,“ fuhr Stahl fort, ohne die Einrede ſei⸗ ner Frau zu beachten,„und überhaupt alle Vertraulich⸗ keiten fallen laſſen! Haſt Du mich verſtanden?⸗ Ottilie antwortete nicht. Ste ſtarrte noch immer mit gleichgültiger Miene zur Zimmerdecke empor und ſetzte ihre Fußbewegung fort. „Und jetzt,“ ſo ſchloß Stahl ingrimmig nach einer kurzen Pauſe,„folgſt Du Deiner Mutter in die Kirche, dann zu Weidners, und wehe Dir, wenn Dyu dort auch nur durch einen Blick, eine Bewegung meine Pläne kreu⸗ zeſt, ich— ich weiß nicht, was ich Dir anthun würde, Mädchen!“ Ottilie verharrte in ihrer Stellung; es war, als habe ſie den Vater nicht gehört. 189 Da ließ ſich plötzlich ein Geräuſch im Nebenzim⸗ mer vernehmen.. „O mon Dieh, laßt die Sache jetzt auf ſich be⸗ ruhen!“ ſtotterte Frau Stahl.—„Der Robert kommt!“ Was braucht er zu wiſſen, was hier vorgefallen iſt?“ Die Thüre des Nebenzimmers öffnete ſich. Der blaſſe, ſchmächtige Robert trat ein. Auch er war im Morgenrock und hatte ungekämmtes Haar; er ſah über⸗ wacht aus, um ſeine Augen lief ein leichter, bläulicher Ring. Als Robert, kaum hörbar grüßend, vorwärts ſchritt, erhob ſich Ottilie vom Fauteuil. Sie warf we⸗ der dem Vater noch der Mutter einen Blick zu, wohl aber heftete ſie die Augen feſt auf ihren Bruder, als ſie an ihm vorüberging. „Ein Billet von ihm?“ flüſterte ſie ſo leiſe, daß die Eltern es nicht vernehmen konnten. Robert antwortete nicht, ſondern ſchüttelte nur kaum bemerkbar den Kopf. Ottilie aber verließ das Zimmer, „Es iſt Zeit, kleidet Euch an, und beeilt Euch da⸗ mit!“ brummte Stahl, ſeiner Frau einen herriſchen Blick zuwerfend. Die dicke Dame erhob ſich ſchwer aufathmend. Sie war ſo ſehr von der Seene angegriffen, deren Zeu⸗ 190 gin ſie ſoeben hatte ſein müſſen, daß ſie darauf vergaß, das Mutterſöhnchen zu liebkoſen. Sie ſchwankte der Tochter nach. Robert trat an den Tiſch, ſetzte ſich, und begann ſchweigend zu frühſtücken. Als Stahl mit ſeinem Sohne allein war, lenkte ſich auf dieſen der Unmuth des heftig gereizten Mannes. Er beobachtete eine geraume Weile mit düſterem Blicke die langſamen Bewegungen Roberts, der, unbe⸗ kümmert um ſeinen Vater, und ohne aufzublicken, ſich mit ſeinem Kaffee beſchäftigte. „Warum biſt Du nicht mit den Anderen zugleich zum Frühſtück gekommen?“ begann Stahl endlich ſcharf und ſchneidend. „Weil man mich ſpäter als die Anderen geweckt hat!“ antwortete der Sohn trocken, ohne ſeinen Vater anzuſehen. „Das iſt eine Lüge! Du brauchſt aber zu Allem eine Stunde länger als alle Welt! Es wird einem wahr⸗ haftig unwohl, wenn man Dir frühſtücken zuſchaut!“ „So ſchauen Sie mir nicht zu, Vater!“ murmelte Robert in ſich hinein. „Wie ſagſt Du?“ herrſchte Stahl, der nur einen Theil deſſen verſtanden, was ſein Sohn gebrummt hatte. 191 „Nichts!“ antwortete dieſer phlegmatiſch, und frühſtückte weiter. Stahl's Erbitterung ſtieg. „Und in welchem Zuſtande kommſt Du endlich, nun wir mit dem Frühſtück fertig ſind? Schämſt Du Dich nicht? Im Schlafrock, ungewaſchen, mit zerzaus⸗ tem Haar—!“ „Die Mutter und Ottilie waren jetzt auch nicht anders!“ verſetzte der junge Mann gelaſſen, beinahe höhniſch. „Muß man immer von Anderen das Tadelns⸗ werthe annehmen?“ murmelte Stahl, der den auflodern⸗ den Zorn noch zurückdrängte. „Man gewöhnt es, ſich nach dem Hausbrauch zu richten!“ erwiederte Robert, indem er den Kopf erhob und ſeinen Vater ruhig und dreiſt anſah.—„Warum aber,“ fuhr er mit für ſeine Jugend erſtaunlicher Kalt⸗ blütigkeit fort,„laſſen Sie es mir entgelten, wenn An⸗ dere Sie geärgert haben?“ Stahl ſchnellte von ſeinem Sitze in die Höhe und ſtand nach zwei Schritten neben ſeinem Sohne, der re⸗ gungslos auf ſeinem Platze blieb und gelaſſen zu dem Vater aufblickte. „Wer ſagt Dir, naſeweiſer Burſche, daß ſie mich geärgert haben?“ rief dieſer heftig.—„Dein Betragen 192 tagtäglich, Deine Lebensweiſe genügen vollſtändig, auch den Langmüthigſten zu erbittern! Glaubſt Du, ich be⸗ obachte Dich nicht längſt, und wiſſe nicht, was Du treibſt? Es iſt eine Schande— mit fünfzehn Jahren — nur erſt ein Bube!“ „Ich bin kein Bube mehr!“ verſetzte der Sohn, den düſteren Blick ſeines Vaters ebenſo ſcharf und aus⸗ dauernd erwiedernd. „Hoho, das iſt der rechte Ton mit mir!“ brauste Stahl auf—„Nur ſo zu, und ich jage Dich hinaus auf die Gaſſe, dann magſt Du zuſehen, ob Du vom Manne ſo viel in Dir haſt, Dir Dein Brot verdienen zu können! Robert, ich ſage Dir, Du änderſt Dich, oder ich mache eines Tages meine Drohung wahr! Ein halbes Kind noch, machſt Du die Anſprüche eines Er⸗ wachſenen, wohin ſoll das führen? Deine Mutter hat Dich auf dem Gewiſfen, ſie hat Dich verhätſchelt, eine Modepuppe aus aus Dir gemacht, einen Taugenichts! Und nun muß ich täglich ſchöne Sachen über Dich hö⸗ ren! Du rauchſt Cigarren, ſtehſt, anſtatt in die Technik zu gehen, mit Burſchen Deines Gelichters am Billard⸗ tiſche!— 4 „Ich ſpiele nicht ſo gefährlich wie andere Leute!“ unterbrach Robert ſeinen Vater gelaſſen, indem er vom Tiſche aufſtand, und den Zürnenden feſt anblickte. 193 Stahl's fahles Antlitz zuckte in einem Gemiſch von Wuth und Verwirrung. „Genug, Du gibſt Dich allen laſterhaften Zer⸗ ſtreuungen hin,“ fuhr er haſtig fort,„ich weiß es, man hat mir's hinterbracht, leugne nichts! Noch geſtern hat man Dich einer Fabriksarbeiterin nachſchleichen ſehen!“ „Freilich reicht mein Taſchengeld nicht aus, zu Gräfinen gehen zu können!“ antwortete der Sohn, indem er den Vater ſeltſam anſtarrte, während ein höhniſches Lächeln um ſeine blaſſen Lippen ſpielte. Stahl wich betroffen einen Schritt zurück. Sein Adlerauge bohrte ſich in den verſchleierten Blick des Sohnes hinein. Aber der Fabrikant erlangte im näch⸗ ſten Moment ſeine Faſſung wieder. „Um Dich ſteht es ſchlechter, als ich geglaubt habe!“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe mit einer Stimme, die vor innerer Aufregung zitterte.—„Die Nachſicht, welche ich Dir ſeither, ich ſehe es ein, leider zur Unzeit angedeihen ließ, wird ſich in eiſerne Strenge verwandeln müſſen. Und Deinen Trotz werde ich zu brechen wiſſen! Fort, kleide Dich an! Du fährſt mit der Mutter.“ Robert wich nicht vom Fleck. „Wohin?“ fragte er lakoniſch. Fabrikanten und Arbeiter. II. 13 194 „Zur Kirche. Haſt Du vergeſſen, daß heute Sonn⸗ tag iſt?“ „O nein, ich erinnere mich deſſen ſehr wohl, Va⸗ ter,“ eutgegnete Robert trocken,„denn Sie gaben mir immer Sonntags mein Taſchengeld. Das ſcheinen Sie vergeſſen zu haben. Ich brauche, Vater.“ „Du wagſt es, Leichtſinniger,“ rief Stahl in voller Wuth,„mir in dieſem Augenblick, nach dem, was zwi⸗ ſchen uns vorgegangen, mit frecher Stirne Geld abzu⸗ fordern?“. „Warum nicht, Vater,“ verſetzte Robert mit un⸗ erſchütterlichem Gleichmuth,„woher ſollte ich es denn ſonſt nehmen? Ich beſitze,“ fuhr er fort,„keine gefälſch⸗ ten Dokumente, mit denen ich verſuchen könnte, einem Anderen Geld zu entlocken!?! Stahl zuckte kaum bemerkbar zuſammen. „Was ſoll das heißen?“ fragte er mit unſicherer Stimme. „Nun,“ antwortete der Sohn langſam und trocken, indem er ſeinem Vater feſt in's Antlitz ſchaute,„man kann die Augen geſchloſſen haben, und doch nicht ſchlafen!“ Der Fabrikant ſtarrte ſeinen Sohn ſchreckhaft an. Wie ein Blitz ſchoß es jetzt in ſein Gedächtniß, daß Robert an jenem Abend, als er von Weidner des Be⸗ 195 truges überführt worden, im Wohnzimmer auf dem Bal⸗ zac gelegen war. Robert hatte alſo nicht geſchlafen, er kannte die Lage ſeines Vaters, ſeine Schande, er wußte Alles. Stahl's Antlitz entfärbte ſich, bis es aſchgrau war, ſeine Lippen zuckten, er war keines Wortes der Entgegnung fähig. Sein ſonſt ſo zuverſichtlicher, ſcharfer Blick ver⸗ mochte denjenigen des jungen Taugenichts nicht zu er⸗ tragen. Beſtürzung und Unentſchloſſenheit dauerten einige Sekunden. Dann griff Stahl krampfhaft in ſeine Bruſttaſche, riß eine Handvoll Banknoten hervor, warf ſie auf den Tiſch, ſchleuderte Robert einen ſeltſamen, unheimlichen Blick zu und verließ haſtig das Zimmer. Der Vater floh vor dem Sohne. 13* Zwölftes Capitel. Der verhängnißvolle Brief. Ferval ſaß in farbenbeklexter Blouſe an ſeiner Staffelei und malte. Von Zeit zu Zeit hielt er inne und betrachtete mit Wohlgefallen ſeine Arbeit. Er hatte ſie an dieſem Morgen meſentlich gefördert, denn die ge⸗ räuſchvollen Störungen, welche ſelbſt der kleinſte Haus⸗ halt mit ſich bringt, waren durch die Entfernung von Frau, Kind und Magd auf das Land beſeitigt worden. Die Stille um ihn her in der kleinen freundlichen Woh⸗ nung und auf der an Wochentagen lebhaften Gaſſe hatte ſo recht dazu beigetragen, ſeinen Geiſt völlig in das⸗ jenige zu verſenken, was ſein Genius geſchaffen, und woran er jetzt endlich im Begriff ſtand, die letzten Pin⸗ ſelſtriche zu thun. 197 Die Pendeluhr an der Wand neben ihm ſchlug halb Zehn. Ferval blickte überraſcht vom Bilde auf. „Wie raſch iſt die Zeit vergangen!“ flüſterte er vor ſich hin,„und wie gern wäre ich heute vor Thereſe getreten, und hätte ihr geſagt: Endlich iſt das Bild vol⸗ lendet!— Damit iſt's nun nichts! Freilich, wenn ich noch ein Stündchen malen wollte—, aber das geht nicht, ich muß Toilette machen, denn Stahl kann jeden Augen⸗ blick kommen; ich zweifle nicht, daß er pünktlich ſein wird, er hat ſich mir ſeither immer ſo dienſtfertig gezeigt. Bis wir dann meinen Zeugen, den alten Buckwald, aus ſeiner Wohnung abgeholt und die Einſchreibung bei dem Geiſtlichen bewerkſtelligt haben, wird eine Stunde ver⸗ floſſen ſein. Mir bleibt dann kaum ſo viele Zeit, mich nach Paulinen umzuſchauen, denn die Tante darf ich keinesfalls mit ihrem Diner auf mich warten laſſen, das hieße den guten Eindruck ſchmälern, welchen ich geſtern augenſcheinlich auf ſie gemacht habe! Ja, ich muß mich beeilen, und wahrlich gegen meinen Wunſch der Noth⸗ wendigkeit Gehör geben!“ Ferval ſtand auf, reinigte eilfertig Palette und Pinſel und legte ſie zur Seite. Indem er ſich ſeiner Blouſe entledigte und ſich umzukleiden begann, malte er ſich im Geiſte die fröhlichen Stunden aus, welche er bis zum Abend neben Thereſen und dem Kleinen auf dem 198 reizenden Sommeraufenthalt undain der lieblichen wal⸗ digen und bergigen dienu un Mehehan idilliſch zu ver⸗ leben hoffte. B Er war mit dem Umkleiden etwa zur Hälfte fertig, als bei der Wohnung angeläutet ward. „Da haben wir's,“ murmelte er,„das iſt ſicher ſchon Stahl, und ich bin erſt bei der Kravatte!“ Ferval ging wie er war und ſchloß die Wohnungs⸗ thüre auf. Er hatte es errathen,— der Vetter Stahl ſtand auf dem offenen Brettergang, welcher von der Hausſtiege aus im Hofe an einem Theile des Gebäudes entlang lief. Stahl's Antlitz trug jetzt wieder den gewöhnlichen, gleißneriſchen Ausdruck. Niemand hätte aus den freund⸗ lich ernſten Zügen herausleſen können, daß das Gemüth. dieſes Mannes kaum eine Stunde früher von wilder Leidenſchaft erfüllt, von dumpfem Schrecken erſchüttert und bis zu dem Augenblick, der ihn jetzt mit Ferval zu⸗ ſammenführte, durch Befürchtungen und düſtere Kom⸗ binationen bedrückt und geängſtigt worden war. Stahl's Blick überflog haſtig und mit durchdrin⸗ gendem Forſchen Ferval's Antlitz. Die Züge des jungen Mannes, der den Fabrikanten artig und heiter einließ, boten dem Letzteren eine große Beruhigung. EEr hat den Brief noch nicht erhalten!“ ſagte ſich 199 Stahl und drückte Ferval voll anſcheinender Herzlichkeit die Hand. Dieſer führte ſeinen Beſuch in das Wohnzimmer, wo die Staffelei ſtand, und entſchuldigte ſich wegen ſei⸗ nes noch unvollendeten Anzuges. „Das hat nichts zu bedeuten!“ verſetzte Stahl mit wohlwollendem Lächeln.—„Indeß Sie ſich völlig an⸗ kleiden, ſetze ich mich ein wenig, und nehme Ihr ſchönes Gemälde dort genauer in Augenſchein. Ich bin ein Freund von Genrebildern. Thereſe iſt natürlich auf dem Lande, bei der Tante?“ „Ja, mit dem Kinde, ſeit geſtern Nachmittag!“ antwortete Ferval, die Schleife ſeiner Kravatte bindend. —„Und wie geht es Paulinen?“ fuhr er fort.„Sie haben ſie unſtreitig dieſen Morgen ſchon geſehen?“ „Nein, mein Freund!“ erwiederte Stahl, der dem Bilde gegenüber Platz genommen hatte, in ſalbungs⸗ vollem Ton.—„Bevor ich meine Schritte zu Ihnen lenkte, war ich in der Kirche, dem Herrn für die Rettung des armen Mädchens inbrünſtig zu danken!— Das iſt ein ſehr ſchönes Bild, Ferval, es wird Ihnen viele Ehre einbringen!“ fuhr er fort, das Gemälde betrachtend.— „Der Schmerz der Mutter, die ihr Kind auf ewig für ſich verloren weiß, iſt meiſterhaft und herzzerreißend 200 dargeſtellt. Ich habe ſeit geſtern durchgekoſtet, Ferval, was Elternſchmerz bedeutet.“ 3 Sdtahl ſenkte einen Augenblick verdüſtert den Kopf. Heuchelte er, indem er auf die Gefahr Paulinens an⸗ ſpielte, oder gedachte er in dieſem Augenblick wirklich er⸗ griffen der Auftritte, welche er kaum erſt durch ſeine anderen Kinder erlebt hatte. Wer mag das entſchei⸗ den?. Jedenfalls drückte ſein hageres, blaßgelbes Antlitz einen Moment ſo lebhaft Kummer und Niedergeſchla⸗ genheit aus, daß Ferval davon bewegt ward. Er trat zu Stahl heran, legte theilnahmsvoll eine Hand auf die Schulter desſelben, und ſagte:„Die liebe Pauline iſt ja außer Gefahr, was beſorgen Sie noch? Es trifft ſich gut,“— ſetzte er dann hinzu,—„daß Sie noch nicht dort waren. Meine Abſicht war ohnehin, mich heute noch nach dem Befinden unſerer Heldenmüthigen zu erkundi⸗ gen, wenn es Ihnen daher recht iſt, ſo gehen wir mit einander vom Geiſtlichen zu ihr hinüber.“ Stahl ſtarrte noch vor ſich hin. Dann fuhr er ſich mit der Hand über die Augen, ſtieß einen Seufzer aus und blickte wieder auf. „Ja, ja!“ antwortete er—„Und wie erfuhren Sie— 2 201 „Durch einen Arbeiter der Weidneriſchen Fabrik, den ich kenne.“ 3 „So, ſo!— Bringen Sie Ihre Toilette zu Ende, mein Freund!“ „Ich werde mich beeilen!“ „Das iſt nicht grade nöthig, ich habe Zeit!“ ver⸗ ſetzte Stahl, indem er einen flüchtigen Blick auf die Uhr warf. „Zum Henker,“ ſagte er ſich,„wir haben ſogleich Zehn. Aber die Abendbriefe werden ja immer um dieſe Zeit zugeſtellt!“ Stahl richtete den Blick wieder auf das Bild. „Warum haben Sie denn dieſer armen Mutter, die händeringend in äußerſter Noth ihr Kind dem Fin⸗ delhauſe überliefert hat, die Geſichtszüge Thereſens ge⸗ geben?“ fragte er gedehnt.—„Mein Freund,“— ſetzte er im Tone leiſer, wohlmeinender Mißbilligung hinzu,—„das heißt das Schickſal herausfordern!“ „Wie?“ verſetzte Ferval erſtaunt.—„Die Züge Thereſens? Wo denken Sie hin, Vetter! Ich habe nicht daran gedacht, und ſinde auch nicht—“ „Und doch iſt dem ſo!“ unterbrach ihn Stahl, mit dem Finger auf das Bild deutend.„Es iſt da mehr der charakteriſtiſche Ausdruck ihrer Züge als eine ſklaviſche 202 Kopie von den Umriſſen derſelben— ſehen Sie nur! Und die Augen vollends—“ „Bei Gott, Sie haben in etwas recht!“ ſagte jetzt Ferval betroffen.—„Ich begreife nicht, wie es mir ſeit⸗ her hat entgehen können— es iſt da etwas, das—! Ich dachte an mein Weib, während ich malte, und unſer Kind, und vergegenwärtigte mir lebhaft den Schmerz einer Mutter, die ihr Kleines einem ungewiſſen Loſe preisgegeben ſieht— da mag es unwillkürlich gekommen ſein, daß—! Aber die Aehnlichkeit iſt nur gering, und wie Sie ſagten, mehr geiſtig, als der Form nach!“ „Bei alledem ein ſeltſamer Umſtand, der mich be⸗ unruhigen möchte, obwohl ich nicht abergläubiſch bin!“ murmelte Stahl anſcheinend vor ſich hin, aber ſo ver⸗ ſtändlich, daß Ferval keine Silbe des Geſprochenen ent⸗ gehen konnte. Der junge Mann aber lächelte, als er jetzt zum Rock griff, ſeinen Anzug zu vervollſtändigen. Und nun war er fertig und nahm den Hut, mit der Bürſte darüberhin zu fahren. „Wir können ſogleich gehen!“ ſagte er. Stahl blickte nochmals zur Uhr und erhob ſich lang⸗ ſam. Es war ein Viertel auf Eilf. „Teufel,“ ſagte er ſich,„unter welchem Vorwand werde ich ihn hier noch zurückhalten können?“ Da ward draußen angeläutet. Der Ton der Wohnungsglocke ſchlug an Stahl's Ohr, wie ein greller Aufſchrei und durchzitterte ihm Mark und Bein. Ein nervöſes Rieſeln lief über ſeinen ganzen Körper. Aber weder entfärbte ſich ſein Antlitz, noch zuckten Blick oder Lippe. Das Läuten wiederholte ſich. „Ich werde nachſchauen, wer dort ſo ungeſtüm iſt!“ ſagte Stahl mit vor innerer Erregung hohlklingen⸗ der Stimme. Er hatte ſeine ganze Selbſtbeherrſchung nöthig, um kalt zu erſcheinen. „„Bemühen Sie ſich nicht!“ rief Ferval.—„Wir gehen ja mit einander!“ Aber ſchon war Stahl draußen. Ferval legte ſoeben die Bürſte hin, mit dem Hut in der Hand dem Better zu folgen, als dieſer wieder in's Zimmer trat. Stahl hielt dem jungen Manne einen Brief entgegen. „Für Ihre Frau!“ ſagte er in gleichgültigem Ton.„Ich habe den Briefträger ſchon abgefertigt. Ferval griff verwundert nach dem Brief und ſetzte ſeinen Hut auf einen Tiſch. „Für meine Frau?“ ſagte er, und betrachtete Auf⸗ ſchrift und Siegel. 204 Die Schriftzüge waren ihm unbekannt, das Siegel zeigte den Abdruck eines Guldenſtückes. Ferval ſann einen Augenblick nach. „Verzeihen Sie,“ ſagte er dann zu Stahl,„daß ich in Ihrer Gegenwart das Billet leſe. Meine Frau und ich,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„haben keine Geheim⸗ niſſe vor einander!“ Stahl machte eine artig zuſtimmende Handbewe⸗ gung. Er ſagte kein Wort, denn er fürchtete durch den Ton ſeiner Stimme ſeine innere Aufregung zu ver⸗ rathen. Ferval erbrach den Brief, und ließ das Kouvert auf den Boden fallen, während er das Blatt, welches die Hülle umſchloſſen hatte, raſch entfaltete. Er blickte darauf, und ſah eine ihm unbekannte Handſchrift. Er begann zu leſen. Stahl folgte regungslos jeder Bewegung des jun⸗ gen Mannes mit fieberhaftem Blick. Und nun forſchte er athemlos mit klopfendem Herzen in den Zügen des Leſenden. Dieſe änderten ſich in erſchreckender Weiſe, denn plötzlich bedeckte Leichenfarbe das Antlitz Ferval's, ſeine Augen, die mit gläſernem Ausdruck auf das Papier zu ſtarren begannen, ſchienen aus dem Kopfe hervortreten zu wollen, ſeine Lippen bebten krampfhaft. Das Blatt, welches er in der Hand hielt, war in heftig zitternder Bewegung. Er hielt einen Moment mit Leſen inne, fuhr mit der Rechten zur Stirne, als empfinde er dort einen un⸗ ſäglichen Schmerz, erfaßte dann das Papier mit beiden Händen, die heftig flogen, und hielt es ſeinen Augen näher. Mit wahnſinniger Haſt las er zu Ende, er er⸗ rieth die vor ſeinem Blicke tanzenden Worte mehr als er ſie las. Dann ſtieß er einen dumpfen Schrei aus, taumelte zurück und griff nach dem Tiſch hinter ihm, an den er ſchwankend ſich lehnte. Das Blatt war ſeinen Händen entfallen, und lag nun neben dem Kouvert auf dem Boden. „Um Gottes willen!“ rief Stahl mit erheucheltem Schrecken.—„Was iſt Ihnen, Ferval?“ Dieſer, eine Hand an die keuchende Bruſt gepreßt, auf die andere ſich ſtützend, das Antlitz verzerrt, gleich dem eines mit dem Tode Ringenden, ſtierte auf das Blatt, und hauchte kaum vernehmlich die einzigen Worte:„Leſen Sie!“ „Mein Gott,“ rief Stahl, eine haſtige Bewegung vorwärts machend,„Ihnen ſchwindelt! Wollen Sie Waſſer?“ Ferval, die Augen ſtarr und ausdruckslos auf das 206 Papier gerichtet, ſchüttelte den Kopf und keuchte:„Leſen Sie!“ Stahl blickte, anſcheinend betroffen, auf den jungen Mann, und dann bückte er ſich. Er hob das Blatt auf, aber mit dieſem auch das Kouvert. Er gab ſich den Anſchein, als leſe er jene Zeilen, welche er dem Baron Lenz diktirt hatte. Dann erſchien der Ausdruck lebhafter Beſtürzung auf ſeinen hageren Zügen. Er ließ die Hand mit dem Briefe ſinken. „Iſt es möglich!“ ſtammelte er.—„Dieſer Brief — er iſt nicht unterzeichnet— kennen Sie die Hand⸗ ſchrift?“ „Nein!“ ſtöhnte Ferval. „Das— das— ich kann ſo etwas von Thereſen nicht glgauben— Thereſe— unmöglich! Hinter dieſem Briefe ſteckt eine Schelmerei— man— man will Sie eiferſüchtig machen, Ferval— man ſandte ihn ab, daß er in Ihre Hände gelange,— ja, ſo wird es ſein!“ rief Stahl.. „Geben Sie her!“ lallte der junge Mann gewalt⸗ ſam ſich aufraffend, indem er die zitternden Hände dem Blatte entgegenſtreckte. Stahl reichte es hin. Ferval überlas es nochmals, ſein Blick ſtarrte ſo angſterfüllt darauf, daß Stahl in das Herz des jungen Mannes mit ſchonungsloſer Flammenſchrift des Schreckens hineinbrenne. Der Argliſtige verfolgte triumphirend die Symp⸗ tome der Qualen ſeines Opfers. Ferval hatte geendigt. Er preßte das Blatt zwi⸗ ſchen den zuckenden Fingern zuſammen. „O Gott!“ ſtammelte er.—„Es iſt klar—!“ „Wie?“ unterbrach ihn Stahl haſtig.—„Sie glauben an dieſen verrätheriſchen Brief. Thereſe ſollte — die edle Thereſe!“ „Aber alles das da,“ rief Ferval ſchmerzlich, die zitternde Hand mit dem zerknitterten Blatte vorwärts ſtreckend,„ſteht in ſolchem natürlichen Zuſammenhange mit dem Ereigniß im Pötzleinsdorfer Gehölze— jedes Wort—! Thereſe ward weder beraubt noch verwundet — ja, ja, es iſt klar, ein Dieb und Räuber wäre anders verfahren— wo, wo hatte ich meine Augen, meine Ueber⸗ legung, daß ich keinen Verdacht ſchöpfte?— Der Schuß konnte nicht für ſie beſtimmt ſein!“ „Wenn dieſer Brief aber dennoch eine Täuſchung bezwecken ſollte,“ verſetzte Stahl—„in unüberlegtem Scherz oder gar in der Bosheit geſchrieben wäre? Und doch“— fuhr er düſter fort—„doch iſt es wieder un⸗ glaublich,— Sie ſind zu kurze Zeit in Wien, Ferval, leicht gewahren konnte, wie jedes der geſchriebenen Worte 208 als daß Sie Feinde haben könnten, die einen ſo furcht⸗ baren Haß—! Sollte denn wirklich Thereſe, bevor ſie Wien verließ— ich kann's nicht glauben!“ „Sie wollen meiner ſchonen, Stahl!“ unterbrach ihn Ferval in wilder Verzweiflung.—„Aber dieſer Brief öffnet mir die Augen, ein Unglücklicher hat ihn geſchrieben, elend wie ich! Aus jeder Zeile ſpricht Wahrheit, ſpricht der Jammer eines zerriſſenen Herzens! Es iſt klar, ich bin betrogen, teufliſch betrogen, durch ſie, durch dieſes Weib mit dem harmloſen Engelslächeln, dem reinen unſchuldsvollen Blick, der liebevollen Hin⸗ gebung! Alles Lüge, Heuchelei! Teufel!“ Ferval ſchlug ſich vor die Stirn, ſank auf einen Seſſel, preßte den Kopf an die Lehne desſelben und ſchluchzte krampfhaft. Stahl blieb wie tief erſchüttert ſtehen. Er ſagte kein Wort, gleichſam als dränge ſich Ferval's Ueberzeu⸗ gung auch ihm gewaltſam auf, als wage er nicht gegen dieſe ſeine Ueberzeugung eine unhaltbare Einrede vor⸗ zubringen. Bang ging eine lange fürchterliche Pauſe vorüber. Ferval erhob den Kopf. Alles Blut war aus ſeinen Wangen gewichen, auf denen ſich Thränenſpuren zeigten. „Ich habe ſie geliebt, wie man eine Gottheit ver⸗ ehrt!“ jammerte er leiſe.„Sie war für mich der Inbe⸗ 209 griff alles Reinen, ihre Nähe läuterte mich, ihr Wort begeiſterte mich, nach allem Edlen und Hohen zu ringen! In ihr ſah ich das Muſter echter Weiblichkeit, ich pries in einſamen Stunden, daß Gott mich ſchon auf Erden mit ſolchem Himmel begnadigt habe! Ich würe fähig geweſen, für ſie alles zu thun— ich war glücklich— glücklich—!o mein Gott, ſo glücklich, daß mir oft heimlich bangte, es könne ein Menſchenleben nicht ſo— reich und geſegnet verfließen.— Und jetzt—! Alles ein ſchöner Wahn, mit dem meine glühende Phantaſie mich betrog! Sie, die ich wie eine Heilige anbetete, nichts als ein gewöhnliches, herzloſes, trügeriſches Weib, nein, weniger noch, der Abſchaum alles Niedrigen, Verwor⸗ fenen!“ Ferval ſprang vom Seſſel auf. Sein Blick flammte unheimlich aus dem geiſterhaften Antlitz hervor. „Aber ich will hinaus zu ihr, ſogleich!“ rief er in toller Leidenſchaft.—„Ich will ſie vernichten, vor der Tante, vor aller Welt! Dieſes Zeugniß ihrer Schuld will ich ihr vorhalten, ihr die Larve der Tugendhaftig⸗ keit vom Angeſicht reißen, daß ſie in ihrer nackten Nichts⸗ würdigkeit ſich elend vor mir krümme!“ Ferval ſchwang mit wilder Geberde das verhäng⸗ nißvolle, zerknitterte Blatt, griff zum Hut, und machte Miene, zur Thüre zu ſtürzen. Fabrikanten und Arbeiter. II. 14 210 „Um Gottes willen, Ferval, was wollen Sie thun!“ rief Stahl, ſich haſtig zwiſchen den jungen Mann und die Thüre ſtellend.—„Ich laſſe Sie ſo nicht fort! Sie wären fähig, das Schrecklichſte zu begehen! Ihr Schmerz muß ſich ausgetobt haben, bevor Sie handeln! Wenn Sie gefaßter ſind, überlegen wir, was in Ihrer Lage zu thun ſein wird!“ .„Nein, laſſen Sie mich!“ rief Ferval außer ſich, zur Thüre drängend. „Ich beſchwöre Sie, Ferval, keine Uebereilung!“ antwortete Stahl und ſchob den jungen Mann zurück. —„Treten Sie mit einer ſolchen Enthüllung vor die Tante, ſo wird dieſe ihre Hand von Thereſen abziehen!“ „Gleichviel!“ entgegnete der junge Mann heftig. „Ferval, Sie wiſſen, ich habe vom erſten Augen⸗ blicke unſerer Bekanntſchaft an Theilnahme für Sie ge⸗ zeigt,“ fuhr Stahl fort, die Hand Ferval's ergreifend, „ich rede auch jetzt als wohlmeinender Freund! Mit Schmerz bekenne ich, daß auch ich Thereſe für ſchuldig halte. Aber wenn ſie auch ſtrafwürdig iſt, daß ſie Ihnen ein früheres Verhältniß, ja einen Fehltritt verheim⸗ lichte—“ „Nicht das allein!“ unterbrach ihn Ferval leiden⸗ ſchaftlich.—„Unter meinen Küſſen hat ſie eines Ande⸗ ren gedacht, und mir Liebe geheuchelt, jenen Andern in 211 dem Augenblicke zu ſchändlicher Buhlſchaft an ſich her⸗ anzuziehen geſucht, wo ich gegen meine Ueberzeugung voll Liebe that, was ſie von mir wünſchte!“ „Ich geſtehe, Sie ſind in entſetzlicher Lage, armer Freund!“ ſagte Stahl.—„Und ich wiederhole, The⸗ reſe iſt ſtrafbar! Dennoch treten Sie nicht mit einer Enthüllung vor die Tante! Was hat das unſchuldige Kind, Ihr Knabe, verbrochen, daß Sie ihn aller Vor⸗ theile berauben wollen, welche die Tante ihm zu bieten ſich anſchickt! Sie würden ſeine Zukunft zerſtören, wenn Sie Thereſe der Verachtung preisgeben! Ihr Kind—“ „Wer verbürgt mir, daß dieſes Kind das meine iſt?“ ſtammelte Ferval, ſich erſchöpft und verzweiflungs⸗ voll auf einen Seſſel werfend.—„Jetzt nach dieſen Zeilen, halte ich ſie zu Allem fähig!“ Stahl hatte, während er zu Ferval begütigend ſprach, unbemerkt das Kouvert eingeſteckt. Jetzt trat er zu dem jungen Manne heran. „Geben Sie mir den Brief,“ ſagte er,„ich will mich, aus Freundſchaſt für Sie, peinlichen Aufgabe unte icher, mit Thereſen zu reden.“ Stahl langte nach dem zerknitterten Blatt. „Nein,“ rief Ferval, und ſchob mit heftiger Bewe⸗ gung das Blatt in die Bruſttaſche ſeines Rockes,„ich gebe den Beweis ihrer Schuld nicht aus den Händen, 14* 212 ich muß den Schreiber dieſer Zeilen erforſchen, mir— mir muß das ehrvergeſſene Weib Rede und Antwort ſtehen!“ „Ferval,“ begann Stahl von Neuem,„am Beſten wäre es, glauben Sie mir, wenn Sie den Brief vernich⸗ teten und Ihr Schickſal als Mann trügen!“ „Nimmermehr,“ entgegnete Ferval leidenſchaftlich, indem er aufſtand, und in ſeinem bleichen Antlitz, ſeinem glühenden Blick ein furchtbarer Entſchluß aufdämmerte. —„Mein Lebensglück iſt zerſtört— ſie ſoll es mir entgelten!“ Stahl nahm den Hut ſeines Opfers, und ſchob ihm denſelben in die Hand. 3 „Kommen Sie, Vetter,“ ſagte er ſanft,„ich erwarte von Ihrer Charakterſtärke, daß Sie die Vernunft nicht außer Augen ſetzen werden! Gehen wir hinaus in's Freie. Ueberlegen wir mit einander, berathen wir auf dem Wege zu—“ „Wohin?“ unterbrach ihn Ferval mit bebenden Lippen. „Nun, zu Ihrem anderen Zeugen, denn das Auf⸗ gebot—“ Ferval ließ den Redenden nicht weiter ſprechen. „Wie?“rief er mit flammendem Blick und in furcht⸗ barer Aufregung.„Glauben Sie, ich werde unter dieſen 213 Umſtänden mit jener Chrloſen vor den Altar treten? Nicht um die Welt!“ Ein Blitz zuckte aus Ferval's verdüſterten Augen auf. 3 „O mein Gott,“ fuhr er haſtig und dumpf fort, „in dieſem Lande iſt die Civilehe keine Ehe, und wenn—!“ Ferval ſtockte. Eine brennende Röthe überflog ſeine Wangen. „Noch ſehe ich einen Ausweg aus dieſer Schande!“ murmelte er vor ſich hin. Dann ergriff er mit konvul⸗ ſiviſcher Heftigkeit den Arm Stahl's, und zog dieſen zur Thüre. „Ja, in's Freie!“ rief er—„Dort wird mir der rechte Entſchluß kommen! Hier erſticke ich!“ Stahl und Ferval verließen die Wohnung, der erſtere anſcheinend kummervoll, der andere mit verſtörter Miene. „Bald habe ich ihn ſo weit, wie ich ihn wünſche!“ frohlockte der argliſtige Fabrikant im Stillen. Dreizehntes Capitel. Demi⸗monde. Der Abend war da. Die Gräfin Julie ſaß in einem der kleinen, eleganten und anmuthigen Zimmer, welche an den Spielſaal ſtießen, den der Leſer bereits kennt. Sie hatte ſich neben einem zierlichen Tiſch, auf dem für zwei Perſonen zu einem Souper gedeckt war, in ein Fauteuil zurückgelehnt. Der Luſter, welcher vom Plafond herabhing und einen blitzenden Kranz von Gasflammen ausſtrömte, befand ſich faſt über ihr, und beleuchtete ſcharf die reizende Erſcheinung. Die Gräfin Julie trug ein koſtbares Volantkleid von Gaze Chambery, deſſen zarter lila Grund mit Blu⸗ men in brillanten Farben überſäet war. Sie befand ſich in dem Zimmer allein; die Vor⸗ hänge deſſelben waren herabgelaſſen. In der Hand hielt ſie ein Buch, aber ſie las eigentlich nicht, ſondern blät⸗ terte nur darin. Ihre ſchönen, ebenmäßigen Züge verriethen eine lebhafte Ungeduld, der brennende Blick ihrer großen, dunklen Augen ſchweifte von Zeit zu Zeit vom Buche weg nach der Thüre. Sie ſchien auf das leiſeſte Ge⸗ räuſch zu horchen, welches von dort kam. Die innere Unruhe der Gräfin mochte den höchſten Grad erreicht haben, als ſie Thüren öffnen und ſchließen hörte, und vom Nebenzimmer her Tritte ver⸗ nehmlich wurden. Sie ließ haſtig das Buch in den Schooß fallen und blickte in großer Spannung nach der Seite, von der das Geräuſch dieſer Tritte ertönte. Die Thüre, welche zum Vorzimmer führte, öffnete ſich. Das Stubenmädchen Karoline erſchien. Das junge Mädchen mit dem verſchmitzten Blick trat zu ihrer Herrin heran. „Du biſt lange fortgeblieben, Karoline!“ ſagte die Gräfin, indem ſie forſchend die Eingetretene anſchaute. —„Haſt Du wenigſtens etwas Genaueres erfahren, als ſonſt?“ 3 „Ja, Frau Gräſin!“ entgegnete das Mädchen.— „Ich konnte nicht früher zurück ſein, denn als ich an die Wohnung des Herrn Barons kam, paßte mir ſchon der 216 Ignaz auf und ſagte mir, ſein Herr ſei da, und werde wohl noch eine Stunde zu Hauſebleiben. Ich hab' daher Straße auf, Straße ab die Stadt durchlaufen müſſen, bis ich wieder hingehen konnte, und an Sonntagen, wo alle Gewölbe geſchloſſen ſind, iſt das wahrhaftig nicht amüſant!“ „Nun, und dann?“ rief die Gräfin ungeduldig.— „Ich bitte Dich, ſei nicht weitſchweifig, Karoline!“ „Ich mußte doch mein langes Ausbleiben recht⸗ fertigen, Frau Gräfin!“ verſetzte das Mädchen ſpitzbü⸗ biſch lächelnd.—„Gutalſo,“ fuhr ſie fort,„als ich nach einer Stunde etwa wieder hinkam, war der Herr Baron ſchon fort. Der Ignaz führte mich in's beſte Zimmer ſeines Herrn, holte mir dann Chocolade vom Zucker⸗ bäcker und allerlei Näſchereien. Er ſetzte ſich zu mir, ſchwatzte mir Zärtlichkeiten vor, redete vom Heirathen, und ſolches Zeug! Dazu machte ich natürlich, weil Sie's ſo befohlen hatten, Frau Gräfin, die freundlichſte und ehrlichſte Miene von der Welt, wenn ich auch den häß⸗ lichen Burſchen von ganzem Herzen hätte auslachen mögen—“. „Mein Gott, bis Du zur Sache kommſt, Mäd⸗ chen!“ unterbrach ſie die Gräfin in einem Anflug von Gereiztheit. „Ich komme ſchon dahin!“ ſchwatzte Karoline un⸗ — . 217 bekümmert weiter.—„Nun denn, wie mein abſcheulicher Anbeter warm und ſo recht zutraulich geworden war, da holte ich ihn ganz ſachte und unvermerkt über ſeinen Herrn aus. Und der einfältige Burſche hat denn auch dummehrlich Alles herausgeplaudert, was er weiß. Es iſt richtig, der Herr Baron iſt die ganze Zeit viel zum Herrn von Stahl gegangen, mit Fräulein Ottilie, wie die Tochter des Fabrikanten heißt, ſehr oft in der Reit⸗ ſchule neben der Alſerkaſerne geritten, oder mit ihr in's Theater gefahren und auch herum ſpaziert.“ „Aber das weiß ich ja längſt!“ rief die Gräfin un⸗ muthig.—„Wenn Du keine genaueren Nachrichten bringſt—. Iſt dieſe Ottilie ſchon in die Wohnung des Barons gekommen?“ „Nein, der Ignaz behauptet ſteif und feſt, das ſei bis jetzt nicht der Fall geweſen. Aber er ſagte, und dabei verzog er grinſend ſein breites Maul bis zu den Ohren, daß er überzeugt ſei, der Baron und dieſes Fräulein Ottilie treffen ſich insgeheim an einem dritten Orte.“ „Wo kann das ſein? Hatte der Ignaz nicht ein⸗ mal eine Ahnung von dem Orte ſolcher Rendezvous?“ fragte die Gräfin, deren Stimme von heftiger Erregung leiſe zitterte. „Er hat keine Ahnung!“ verſetzte Karoline lächelnd. —„Der Herr Baron hält ſich vermuthlich einen ſo 218 dummen Diener, weil er befürchtet, ein pfiffiger könne ihm auf Allerlei kommen, und—“ „Spare Deine überflüſſigen Bemerkungen!“ unter⸗ brach ſie die Gräfin in ſtrengem Ton.—„Haſt Du nichts weiter zu melden?“ fuhr ſie ruhiger, und voll getäuſchter Erwartung fort. „O doch!“ antwortete das Mädchen, einen lauern⸗ den Blick auf ihre Herrin werfend.—„Der Ignaz hat mir erzählt, daß der Herr Baron ſeit acht Tagen nicht zu dieſen Stahls gegangen ſei.“ „Woher kann der alberne Burſche das wiſſen? Sein Herr wird ihn doch nicht überall hin mit ſich ge⸗ ſchleppt haben!“ „Natürlich nicht!“ verſetzte Karoline lachend.— „Aber der Ignaz ſagte, daß er ſeit acht oder zehn Tagen wohl drei oder viermal Billete ſeines Herrn nach Schot⸗ tenfeld tragen und in der Wohnung des Fabrikanten abgeben mußte—“ „Billete an dieſe Ottilie?“ „Nein, an den Herrn Robert Stahl, den Sohn. Und geſtern ſei dieſer, ein junger, blaſſer, kränklich aus⸗ ſehender Stutzer, zum Baron gekommen, und habe er, der Ignaz, zufällig gehört, wie der junge Menſch ſich zum Baron äußerte: Kommen Sie doch ohne Weiteres wieder zu uns, Baron, der Vater hat Sie ja ohnehin V 219 wieder eingeladen, und ich fürchte immer, es könne ihm eines Ihrer Billete in die Hände fallen!— Das hat der Ignaz gehört!“ Die Gräfin blickte einige Augenblicke ſinnend vor ſich hin. „Er fürchtet, daß eines dieſer Billette—!“ mur⸗ melte ſie dann halblaut vor ſich hin.—„Was kann der Bearon dem jungen Menſchen ſo Geheimnißvolles zu ſchreiben haben, wenn nicht—“ Die Gräfin Julie unterbrach ſich. Ein eigenthüm⸗ licher Blitz ſchoß aus ihren dunklen Augen auf. „Frau Gräfin können das leicht erfahren!“ begann Karoline verſchmitzt lächelnd.—„Hier iſt ein Billet des Barons an den jungen Herrn.“ Das Mädchen zog aus der Taſche ihres Kleides ein zierlich gefaltetes Briefchen hervor und hielt es ihrer Herrin hin. Dieſe griff haſtig darnach. Ihr Blick überflog die Adreſſe. Dieſe lautete:„Herrn Robert Stahl.“ „Wie biſt Du in den Beſitz dieſes Billets gekom⸗ men?“ fragte ſie das Mädchen überraſcht. „Auf die einfachſte Art!“ murmelte Karoline lä⸗ chelnd.—„Der Ignaz klagte mir während unſeres Plauderns, daß er mit einem Billet ſeines Herrn an den jnngen Stahl noch heute nach Schottenfeld müſſe, und 220 doch gern, ſobald ich fortgegangen ſei, mit einigen Ka⸗ meraden in der Leopoldſtadt den Abend zugebracht hätte. Wie ich das hörte, da dachte ich mir, es werde die Frau Gräfin vielleicht intereſſiren, welcher Art die Korreſpon⸗ denz ſei, die der Herr Baron und der junge Stahl mit einander führen, und da bot ich denn dem Ignaz an, das Billet beſorgen zu wollen, da ich ohnehin mit einem Auftrag meiner Herrin zu einer alten Frau nach Schot⸗ tenfeld müſſe. So ſchöpfte denn der Ignatz keinen Ver⸗ dacht, und übergab mir das Billet unter vielen Dank⸗ ſagungen, ich machte mich dann ſo bald wie möglich von ihm los und ging direkt hierher. Ich hoffe, Frau Gräfin,“ — fügte ſie ſchelmiſch lächelnd hinzu—„ich habe da keinen dummen Streich gemacht!“ „Nein, nein!“ verſetzte die Gräfin lebhaft.—„Ich bin mit Dir zufrieden, Karoline!“ Mit beinahe fieberhafter Neugier blickte die Gräfin auf das Billet, das ſie in ihrer Hand hielt. „Bringe mir ein brennendes Licht und ein Feder⸗ meſſer aus meinem Schreibneceſſaire!“ ſagte ſie. Karoline ſchickte ſich an, den Befehl der Herrin zu vollziehen. Sie hatte bereits die Hand auf den Drücker der Thüre gelegt, welche zum Nebenzimmer führte, als draußen an der Wohnung zweimal raſch nach einander angeläutet ward. „Der Baron!“ ſagte die Gräfin haſtig.—„Ich muß mein Vorhaben bis auf ſpäter verſchieben, Karo⸗ line, geh' jetzt!“ Karoline entfernte ſich von der Thüre, an der ſie ſtehen geblieben war, und verließ durch die derſelben gegenüber liegende das Zimmer. Die Gräfin aber verbarg blitzgeſchwind das Billet an ihrem Buſen. Sie nahm dann das Buch zur Hand und gab ſich den Anſchein, als ſei ſie, behaglich in die Kiſſen des Fauteuils zurückgelehnt, völlig in das Buch vertieft. Der Baron trat ein und warf einen ziemlich gleich⸗ gültigen Blick auf die ſcheinbar Leſende. „Entſchuldige mich, Julie, wenn ich Dich heute über die Gebühr habe warten laſſen!“ ſagte er leichthin. —„Der Graf Hohlfeld, zu dem ich dieſen Abend einer kleinen Angelegenheit halber gehen mußte, hielt mich mit allerlei Umſtändlichkeiten auf!“ Während dieſer Worte entledigte ſich der Baron ſeines Hutes und leichten Paletots. Dann warf er ſich auf das Sopha, vor dem der gedeckte Tiſch ſtand. Die Gräſin blickte wie zerſtreut auf und ſah zu dem Baron hinüber. „Iſt es denn ſchon ſo ſpät?“ ſagte ſie.—„Ich habe da ſo eifrig geleſen,“ fügte ſie lächelnd hinzu,„daß 222 ich auf alles in der Welt vergaß, ſogar, offen geſtanden, auf Dich, mein Schatz!“ „Hoffentlich hat ſich dieſe Leſewuth, und in Folge einer ſolchen auch die Gedächtnißſchwäche nicht bis auf Deine dienſtbaren Geiſter in der Küche ausgedehnt!“ verſetzte der Baron lachend.—„Mich hungert, Julie!“ „Wie ſpät iſt es denn?“ Der Baron ſah auf ſeine Uhr. „Halb Neun!“ autwortete er. „Da kann man freilich nicht unpünktlicher ſein, als Du jetzt geweſen biſt, mein Freund!“ entgegnete die Gräfin, denſelben leichten Ton anſchlagend, in welchem der Baron die Unterhaltung begonnen hatte.—„Ein Glück für Dich iſt's, daß Dein Verbrechen die Küche empfindlicher getroffen hat, als mich!“ „Du haſt Dich alſo bei Deinem Buche ſo vertreff⸗ lich unterhalten?“ warf der Baron hin und gähnte. „Vortrefflich!“ „Und darf man fragen was Du lieſeſt?“ „Die Kameliendame von Dumas— zum zweiten Male, aber das Buch intereſſirt mich doch ſo, als wäre es mir noch völlig neu.“ Der Baron lächelte ironiſch. „Das wundert mich um ſo mehr,“ antwortete er, 223 „als Du doch am Ende nichts Neues daraus erfahren kannſt, mein Kind!“ „Ich bin ſeit einiger Zeit daran gewöhnt, biswei⸗ len von Dir Sottiſen zu hören!“ verſetzte die Gräfin, ohne auch nur im Geringſten eine Gereiztheit blicken zu laſſen.—„Aber ich entſchuldige das,“— fügte ſie ſpöttiſch hinzu.—„Der Herr Baron hat vermuthlich ſeine Liebenswürdigkeit und ſeinen Geiſt anderswo ſo nöthig, daß er ſich gezwungen ſehen muß, bei mir mit beiden ſehr ſparſam umzugehen!“ „Was willſt Du mit dem„anderswo“ ſagen?“ fragte der Baron in gleichgültigem Ton, während indeſſen ſein Blick ſcharf und forſchend zu der Gräfin hinüber⸗ ſchweifte. „Nichts!“ antwortete dieſe in derſelben Weiſe.— „Ich überlaſſe es Dir, das Wort nach Belieben zu deu⸗ ten. Eine Frage, die Dich augenblicklich lebhafter be⸗ ſchäftigen muß, wird die Souperfrage ſein, denn Dich hungert, wie Du ſagſt. Erledigen wir vorläufig dieſe!“ Die Gräfin ſchloß das Buch mit gleichgültiger Miene, legte es in den Schooß, griff zu einer Schelle, welche neben ihr auf dem Tiſche ſtand, und läutete. Karoline erſchien. „Das Nachteſſen!“ Das Mädchen verſchwand. 224 Die Gräfin griff wieder zum Buche und erhob ſich vom Fauteuil. Der Baron betrachtete während deſſen bald die zugeſpitzten Nägel ſeiner ſorgfältig gepflegten weißen Hände, bald glitt ſein Blick zu Julien hinüber. Dieſe aber ging jetzt langſam zum Sopha, tupfte dem dort nachläſſig ausgeſtreckten Kavalier mit dem Buche auf die Schulter, und ſchaute eigenthümlich lä⸗ chelnd zu ihm nieder. „Ich habe doch,“ ſagte ſie, indem ſie ſich zwang, ſo kalt wie möglich zu erſcheinen,„nach wiederholtem Leſen indirekt etwas von der Margarethe dieſes Romans ge⸗ lernt, mein Freund!“ „Und das wäre?“ fragte der Baron in der vorigen gleichmüthigen Weiſe zu der Gräfin aufblickend. „Daß ein Frauenzimmer eine Närrin iſt,“ ſagte ſie, „wenn ſie in edler Regung ihres Herzens mehr an das Wohl und die Zukunft deſſen denkt, den ſie liebt, als an ihr eigenes Glück!“ „Da haſt Du recht, mein Kind,“ verſetzte der Ba⸗ ron lauernd, aber anſcheinend unbefangen,„mit dem Egoismus kommt man immer am beſten durch die Welt, vorausgeſetzt, man kleidet ihn in gefällige Formen, ſo lange man gleiche Wege geht, und ſieht zu rechter Zeit ein, wann man ſich zu verſtändigen hat, wenn dieſe Wege ſich trennen!“ ——— 225 Der Blick der Gräfin flammte ſekundenlang mit energiſchem Ausdruck zum Baron nieder. „Ja, ja!“ ſagte ſie dann ruhig aber entſchieden. —„Es mag indeß nicht immer der Egoismus dabei im Spiele ſein, wenn ein Frauenzimmer das Gegentheil von dem thut, was die Margarethe des Dumas gethan hat. Ihr Opfer iſt erklärlich, denn ſie ſah die Exiſtenz des ehrenhaften Mannes, an dem ihr Herz hing, gefährdet, ſobald ſie auf ein Zuſammenleben mit ihm beſtanden hätte. Wäre aber dieſer Mann ihr Verführer geweſen, hätte er durch allerlei Künſte aus dem ehrlichen Mädchen das gemacht, was ſie war, ihre Eigenſchaften dann aus⸗ gebeutet, und wollte ſie ſchließlich ſeines Vortheiles willen opfern, ſo glaube ich kaum, daß ſelbſt eine Margarethe für einen ſolchen Mann die Selbſtverleugnung und Entſagung ſo weit getrieben haben würde! Denkſt Du nicht, mein Freund,“— fügte ſie mit ſcharfer Betonung hinzu, indem mühſam verhaltene Erregung aus Blick und Ton ſprach—„daß ein weniger empfindſames Gemüth als dieſe Margarethe in letzterem Falle nicht allein das Necht haben, ſondern auch Alles daran ſetzen würde, einen ſolchen Egoiſten durch jegliches Mittel daran zu verhindern, ſeinen eigenen Weg zu gehen?— Aber, ſieh doch,“— rief ſie auflachend und in eine leichtfertige Sprechweiſe übergehend,—„da rede ich von Dingen, 15 Fabrikanten und Arbeiter. I1. die ſelbſtverſtändlich ſind, und das mit einem Ernſt, als berührten ſie uns ſelber! Gott ſei Dank, Julius, wir ſind nicht allein durch unſere Intereſſen, ſondern auch durch unſere Herzen für ewig mit einander verbunden!“ ſchloß ſie ernſter und mit lebhaftem Ausdruck. „Gewiß!“ antwortete der Baron, und gähunte hin⸗ terher. 3 Das Lachen ſowohl, wie die lebhaften Schlußworte der Gräſin hatten etwas verſteckt Fieberhaftes gehabt, in dem„Gewiß“ des Barons, mit ſo pathetiſcher Be⸗ theuerung es auch ausgeſprochen worden, war für ein argwöhniſches Ohr eine nur leicht verhüllte Mißſtim⸗ mung bemerkbar geweſen. Sie ſowohl wie er hatten vorſichtig und verdeckt nach ihren gegenſeitigen Geſinnungen geforſcht,„bei ein⸗ ander auf den Buſch geklopft,“ wie man in gewöhnlicher Redeweiſe ſich ausdrückt, und jetzt ſagte ſich die Eine wie der Andere, was ſie von einander erwarten dürften. Karoline, welche ausſchließlich zu bedienen hatte, wenn der Baron ſich bei der Gräfin allein befand, brachte das Nachtmahl, das aus wenigen, aber erleſenen Gerichten beſtand. Zu dieſen Schüſſeln erſchienen eine Flaſche Gumpoldskirchner Ausbruch und ein Fläſchchen Muscat Lünel, jene für den Baron, dieſes für die Gräfin. Der Baron blieb auf dem Sopha, die ſchöne Dame der 227 Demi⸗monde nahm ihm gegenüber auf dem zur Tafel gerückten Fauteuil Platz. Sie ſoupirten, beide anſchei⸗ nend in heiterer Laune. Der Baron mußte der Geliebten das Geflügel zerlegen, da die„Gräfin mit einer Hand“ eben zu derartigen Verrichtungen fremder Hülfe bedurfte, wenn ſie auch im Allgemeinen bereits gelernt hatte, durch die Linke auch die fehlende Hand zu erſetzen. Nachdem Karoline Alles aufgetragen hatte, war ſie verſchwunden. „Wo iſt Deine Geſellſchafterin?“ fragte der Ba⸗ ron, während er ſein Glas füllte. „Die Toni klagte dieſen Nachmittag über Kopf⸗ ſchmerzen, und hat ſich ſchlafen gelegt!“ antwortete die Gräfin. „Erwarteſt Du Gäſte?“ „Das gerade nicht. Der Freiherr und der Bojar mögen noch kommen, ich wüßte nicht wer ſonſt noch, — wir haben ja heute Sonntag.“ „Sollte ſich Stahl einfinden, ſo wird heute nicht geſpielt.“ „Weshalb nicht?“ „Der Fabrikant iſt ſeit jenem Abend, an welchem er hier mit den Karten ſo unglücklich war,“ ſagte der Baron bedeutungsvoll lächelnd—„mißtrauiſch ge⸗ worden.“ 15⅔ 228 „Du haſt ihn ja geſtern Mittag aufgeſucht!“ ſagte die Gräfin, nachdem ſie vom Lünel genippt hatte. —„Ich weiß noch immer nichts darüber,“ fuhr ſie in pikirtem Tone fort—„beliebt es Dir doch ſeit einiger Zeit, Dich oft durch länger als vierundzwanzig Stun⸗ den nicht blicken zu laſſen!“ „Biſt Du eiferſüchtig, mein Schatz?“ warf der Baron ſarkaſtiſch lächelnd hin.—„Ich denke, bei dem Verhältniß, in dem wir zu einander ſtehen,“ fuhr er ruhig fort,„wäre das, gelinde geſagt, eine Thorheit. Unſere Aufgabe iſt, Julie, vereint auf der Menſchen Leidenſchaften und Schwächen zu ſpekuliren; uns ſelber aber auch mit Leidenſchaften und Schwächen den Kopf anfüllen, hieße unſer Uebergewicht opfern, und uns den Thoren gleichſtellen! Du weißt, mein Kind, daß ich von Zeit zu Zeit darauf bedacht ſein muß, unſeren Spiel⸗ abenden neue Kräfte zuzuführen, das ließe ſich aber freilich nicht vollbringen, wenn ich Tag für Tag beſtän⸗ dig neben Dir hocken wollte. Auch würde man bald auf die Vermuthung kommen, wir machen gemeinſchaftliche Sache! Noch mehr, die Vorſicht dürfte es mir ſogar ge⸗ bieten, mich bald eine kurze Zeit von Dir entfernt zu halten.“ Die Gräſin horchte auf. Ihr Blick ſchweifte miß⸗ 229 trauiſch zu dem Baron hinüber, der gelaſſen einen Biſſen zum Munde führte. Di Vorſicht?“ fragte ſie.—„Weshalb?“ Nun, Kind, das iſt ganz einfach. Ich war alſo geſtern beim Stahl, meine Bons einzukaſſiren. Er hat die Zahlung unter einem Vorwand, den ich aus Hof⸗ lichkeit gelten laſſen mußte, auf fünf Wochen hinausge⸗ ſchoben. Er zeigte ſich artig, ja ſogar liebenswürdig, aber dennoch entging meinem Scharfblicke nicht, daß er den Verdacht hege, ich gehe beim Spiel nicht ehrlich zu Werke.“ „Du gingſt in der That, an jenem Abend zu weit!“ ſagte die Gräfin mit Nachdruck. „Mag ſein!“ fuhr der Baron fort.—„Vielleicht und wohl gar wahrſcheinlich dehnt ſich dieſer ſein Ver⸗ dacht auch auf Dich aus. Iſt dieſes der Fall, dann wird er uns ſcharf dendachten denn er mag ſo wohl die Möglichkeit vorausſehen, ſein verſpieltes Geld zu retten, das heißt, mir die Auszahlung der Bons vorenthalten zu können. Es wird daher nicht geſpielt, ſobald Stahl gegenwärtig iſt, denn ich vertraue, weiß Gott, weniger meinem Glücke, als unſerer Gewandtheit!“ „Nun? Und wenn wir in ſeiner Gegenwart nicht ſpielen, iſt das nicht Vorſicht genug?“ fragte die Grü⸗ fin lauernd.—„Wozu obendrein eine zeitweilige Tren⸗ nung!“ „Mir ſcheint,“ entgegnete der Baron, indem er ſeiner Miene den Ausdruck der Ueberzeugung gab, „dieſer Stahl hat hier und dort Winke und Andeutungen über uns fallen laſſen; ich glaubte das an der, wenn auch ſehr diskreten Zurückhaltung einiger unſerer Gäſte zu erkennen, die ich heute traf. Meinſt Du daher nicht auch, mein Kind, daß es gut ſein würde, wenn wir, jeden Verdacht eines Einverſtändniſſes zu entkräften, auf kurze Zeit uns ſeltener ſehen möchten?“ „Seltener— oder gar nicht einſtweilen?“ fragte die Gräfin, in ihre Frage den Schein der Argloſigkeit legend. „So iſt's! Zu Deiner, zu unſerer Sicherheit!“ verſetzte der Baron.—„Und wie wär's denn, wenn Du wieder auf's Land gingeſt, auf ſechs Wochen etwa? Ich könnte Dich dennoch dann und wann heimlich ſehen!“ Die Gräfin und der Baron ſahen einander in die Augen, als ſuche Jedes in der Seele des Anderen zu leſen. Mit Blick, Antlitz, Geberde lagen beide gegen einander im Hinterhalt, ſo viel wäre für einen Dritten unſchwer erkenntlich geweſen. Eine kleine Pauſe entſtand. Dann ſchob die Grä⸗ fin gelaſſen ihren Teller zur Seite, ſtützte den Arm auf 231 den Tiſch, lehnte den Kopf auf die verführeriſch kleine Hand und ſagte anſcheinend mit großer Seelenruhe: „Ich werde hier bleiben, mein Freund, und Du wirſt mich nach wie vor beſuchen!“ Der Baron, welcher, wie die Gräſin, ſein Nacht⸗ mahl geendigt hatte, ſtreifte mit der Serviette über ſeine Lippen, und legte ſich dann mit gleichgültiger Miene in die Kiſſen des Sophas zurück. „Wie Du willſt, mein Kind!“ ſagte er ruhig, wie die Gräfin geſprochen hatte.—„Ich mache Dich nur darauf aufmerkſam, daß eine Unüberlegtheit uns beide verderben könnte!“ „Was haben zwei Leute zu fürchten, welche ſo vor⸗ ſichtig zu Werke gehen, wie Du und— ich?“ verſetzte die Gräfin mit ſeltſamem Lächeln, während ihre feſt auf den Baron gerichteten dunklen Augen beinahe ſchaden⸗ froh ſchimmerten.—„Höchſtens einander, Julius, und da hat es ja mit uns keine Gefahr!“ Der Baron ſchoß aus den halbgeſchloſſenen Augen einen prüfenden Blick auf ſein reizendes Gegenüber. „Sie hat irgend einen Verdacht!“ ſagte er ſich. Vom Vorzimmer her ließ ſich ein Geräuſch ver⸗ nehmen. Die Thüre ward geöffnet, Karoline trat ein. „Der Herr von Stahl iſt draußen!“ ſagte das Mädchen—„Als ich die Stiege hinabgehen wollte, iſt 232 er mir entgegengekommen. Ich habe ihm geſagt, ich wiſſe nicht, ob die Frau Gräfin heute zu ſprechen ſei.“ Der Baron war mit einem Satz vom Sopha auf, und ging, ſeinen Hut und Paletot zu nehmen. Die Gräfin ſah ihren Geliebten mit Befremden an. „Wohin?“ ſagte ſie—„Wenn er Dich genirt, ſo wird er nicht vorgelaſſen. Karoline kann mich ihm un⸗ päßlich melden.“ „Nicht doch,“ verſetzte der Baron,„ich wäre ohne⸗ hin in einer Virrtelſtunde gegangen, da ich noch in's Kaſino muß. Da die Toni krank iſt, ſo haſt Du wenig⸗ ſtens eine Zerſtreuung, wenn Du den Beſuch des Fa⸗ brikanten annimmſt.“ „Ah, Du ſuchſt einen Vorwand, um fortkommen zu können! Ich will nicht läſtig fallen!“ „Thörin,“ antwortete der Baron leiſe lachend, „muß ich nicht heute der Nothwendigkeit ein Vergnügen opfern? Wir dürfen ja nicht Stahl's Verdacht beſtär⸗ ken. Ich trete den Rückzug an! Alſo— bis auf mor⸗ gen, mein Kind!“ Der Baron war, während er ſprach, in den Pale⸗ tot gefahren, nahm nun den Hut, trat zu der Gräfin, die mit erkünſtelter Gleichgültigkeit aufblickte, küßte flüchtig ihre Stirn und verſchwand in ein Seitenkabinet, von dem aus man ebenfalls in's Vorzimmer gelangen und ſo die Wohnung verlaſſen konnte. Die Gräfin blickte dem Baron nach und murmelte vor ſich hin:„Wenigſtens kann er ſo ſpät nicht mehr dieſe Ottilie ſehen!“ Dann erhob ſie ſich vom Fauteuil, muſterte ihre Toilette einige Sekunden lang in einem großen Wand⸗ ſpiegel und ſagte:„Räume Alles vom Tiſch, Karoline, raſch!“ Das Miäͤdchen beeilte ſich, im Nu befanden ſich Teller, Gläſer, Flaſch en und Alles, was ſonſt noch ein Souper unter vier Augen hätte verrathen bönnen, im Nebenzmirmer, i in dem auch der Baron noch harrte, um nicht im Eingang der Wohnung auf den Fabrikanten zu ſtoßen. „So, jetzt laß' den Herrn von Stahl eintreten!“ ſagte die Gräfin zu dem zurückkehrenden Mädchen. „Eine neue Störung!“ liſpelte Karoline lächelnd. „Ich werde den Fabrikanten ſobald wie möglich verabſchieden!“ murmelte ihre Herrin. Einen Augenblick ſpäter ſtand Stahl vor der Gräfin. Er hatte kaum das Zimmer betreten als der Baron ſeinem Verſteck entſchlüpfte, durch's Vorzimmer glitt und lautlos die Wohnung verließ. 234 Während der Geliebte der ſchönen Julie durch das Hausthor auf die Gaſſe trat, ſagte er ſich:„Aha, meine kleine Gräfin will mir unbequem werden! Wir müſſen uns beeilen!“ Vierzehutes Capitel. Die Gräfin vielfach beſchäftigt. Bevor wir nun zu der Gräfin Julie und Stahl zurückkehren, bleibt uns Einiges nachzutragen übrig. Als Stahl mit dem von Schmerz und Wuth über⸗ wältigten Ferval die Wohnung in der Kaiſerſtraße ver⸗ laſſen hatte, waren ſie auf dem Glacis wohl eine Stunde hin und her geſchritten. Dort war es ihm nur mitäußerſter Mühe und Aufwendung ſeiner ganzen Beredtſamkeit ge⸗ lungen, den heißblütigen jungen Mann in ſo weit gelaſ⸗ ſener zu ſtimmen, als dieſer ſich endlich entſchloß, nicht ſelber ſeine Frau zur Rechenſchaft ziehen zu wollen, ſon⸗ dern dem Freunde und Verwandten Stahl die ganze Angelegenheit in die Hände zu geben. Stahl hatte ſomit erreicht, was er beabſichtigte. Er mußte den Vermittler 236 machen, die Sache noch mehr zu verwirren, die Gemüther der jungen Eheleute einander gründlich zu entfremden. Würde Ferval ſogleich nach Neuwaldegg hinaus geeilt ſein, ſo wäre der Plan des ränkevollen Mannes ohne Zweifel vereitelt worden, denn nach dem erſten An⸗ prall der Gemüther hätten ſich Ferval und Thereſe ſicher darüber verſtändigt, daß eine geheime ſchändliche Machi⸗ nation im Werke ſei, das Glück der Gatten zu zerſtören. Das wußte Stahl, und darum war auch ſein ganzes Beſtreben darauf hinausgegangen, eine Zuſammenkunft der jungen Leute zu hintertreiben. Und obwohl er endlich das Wort Fervals erhalten, einen heftigen Auftritt, vor Allem in Gegenwart der Tante, vermeiden zu wollen, hatte er es doch aus Vorſicht für nothwendig erachtet, den jungen Mann den ganzen Sonntag hindurch nicht außer Augen zu laſſen, ihn hier und dorthin zu ziehen, damit er in ſeinem Entſchluſſe, ſeine Gattin nicht eher ſehen zu wollen, als bis Stahl ſie ausgeforſcht habe, nicht durch ſeine Leidenſchaften, ſeinen zu einem Auf⸗ ſchluß drängenden Schmerz wankend gemacht werde. Obwohl Ferval ſich nun bewußt war, welche Störung in Neuwaldegg ſein Nichterſcheinen verurſachen werde, folgte er dennoch beinahe willenlos Stahl, der ihn mit ſich zum Hotel Munſch zog, wo ſie ſpeiſten, und ihn dann von einer Zerſtreuung zur andern führte, ihn gewiſſer⸗ — 237 maßen nicht zur Beſinnung kommen zu laſſen. So war der Abend angebrochen. Ferval, vom Wein erhitzt, trotz aller Zerſtreuung immer wieder von Zeit zu Zeit dum⸗ pfem, ſchmerzlichem Brüten hingegeben, hatte ſich wüſt im Kopf gefühlt, erſchöpft, hatte im bunten Sonntagstreiben, in das Stahl ihn und ſich hineingedrängt, nirgend Ruhe, noch Erleichterung ſeines Zuſtandes gefunden. Er hatte nach Hauſe begehrt, Stahl ihn dorthin begleitet, und der Heuchler ihn dann mit der Verſicherung verlaſſen, daß am folgenden Tage alles geſchehen ſolle, der Wahrheit deſſen auf den Grund zu kommen, was in dem an The⸗ reſe gerichteten verhängnißvollen Schreiben ſo Unſeliges geſagt worden war. Stahl hatte ſich dann direkt von Ferval zu der Gräfin verfügt. Was wollte er dort? Der Leſer wird es aus dem Folgenden errathen. Der Fabrikant trat lächelnd an die Gräfin heran, welche inmitten des anmuthigen kleinen Gemaches den Beſuch ſtehend erwartete. „So allein, meine Gnädige?“ ſagte er, indem er den Blick umherſchweifen ließ, als ſuche er nach Spuren, welche darauf ſchließen laſſen könnten, daß ſich vor ihm ein anderer Beſuch bei der Gräfin befand, oder noch in der Nähe befinde. „Ganz allein, wie Sie ſehen!“ antwortete die Gräſin, ebenfalls lächelnd.—„Im großen Wien eine 238 Einſiedlerin! Das iſt unerhört, nicht wahr? Ich ſtand im Begriff mich zu fragen, was ſchwerer zu ertragen ſei, meine Verlaſſenheit oder die Unbeſtändigkeit der Män⸗ nerwelt, die hier und dorthin flattert.“ „Wenn Schmetterlinge ſtündlich die Flamme um⸗ kreiſen würden, möchten ſie ſich noch eher die Flügel ver⸗ ſengen, als dies ohnehin geſchieht!“ verſetzte Stahl galant.—„Sie thun ſich alſo nur einen nothwendigen Zwang an, weil der Trieb der Selbſterhaltung ihnen befiehlt, ſich nicht ſtets in Gefahr zu begeben. Gefahr aber iſt in Ihren ſchönen Augen für Jeden, der zu tief und zu oft in ſie hineinblickt!“ „Sie ſagen damit nur,“ antwortete die Gräſin be⸗ luſtigt,„daß die Schmetterlinge der Reſidenz vielleicht mehr auf ihre Selbſterhaltung bedacht ſind, als dieſes nöthig ſein dürfte! Sie, Herr von Stahl, haben ſich zum Beiſpiel eine Ewigkeit nicht bei mir blicken laſſen!“ Die Gräfin deutete mit graziöſer Handbewegung auf einen Seſſel. Stahl ſetzte ſich, die Gräſin that des⸗ gleichen. „Eine Ewigkeit von zwölf Tagen etwa!“ liſpelte Stahl mit ſeinem verbindlichſten Lächeln.—„Leider muß der Geſchäftsmann dem Gotte Merkur oft mehr gehorchen, als der Göttin Venus! Wenn es nach meinem Wunſch und Willen gegangen wäre, dann freilich—! 239 Aber ich will nicht hoffen,“— unterbrach er ſich, ir dem er, wie vorhin, ſeinen Blick umherſchweifen ließ—„daß ich heute zur Unzeit gekommen ſei? Es war mir vor⸗ hin, als zögerten Sie, mich vorzulaſſen!“ „Sie ſind im Irrthum!“ warf die Gräfin leicht hin.—„Ich war vor Langeweile über dem Buche, das Sie dort auf der Konſole ſehen, eingeſchlafen, und da glaubte mein Mädchen—“ „Daß ich Ihre Ruhe nicht ſtören dürfe!“ ergänzte Stahl.—„Ich mache mir kein Gewiſſen daraus, daß dieſes dennoch geſchehen iſt, ſtören Sie doch täglich die Ruhe derjenigen, welche in Ihre Nähe treten! Ueberdies iſt mein Verbrechen nicht groß, da Sie nur ein téte-a- téte mit einem Romane, und nicht mit einem jungen Manne hatten!“ Stahl warf einen Falkenblick auf die lächelnde Gräfin. „Vermuthlich verbannten Sie ſich ſelber zur Ab⸗ geſchiedenheit,“ fuhr er fort,„denn ich ſehe nicht einmal Fräulein Toni hier!“ „Das arme Kind leidet an Kopfſchmerzen, und liegt!“ verſetzte die Gräfin.—„Man ſagt Kopfſchmer⸗ zen ſtammen aus dem Magen, das Herz mag aber öfter wohl eben ſo große Rechte darauf haben.— Der Baron war ſeit einigen Tagen nicht hier!“ 240 „Ah, ich verſtehe!“ ſagte Stahl.—„Der Baron,“ fuhr er anſcheinend harmlos fort, während er argliſtig auf die Gräfin ſchaute,—„ſcheint es darauf abgeſehen zu haben, überall den jungen Mädchen die Köpfe zu verdrehen!“ „Gönnen Sie ihm dieſen Triumph, mein Freund!“ verſetzte die Gräſin mit gleichgültigem Lächeln.—„Es ereignet ſich in dieſer Zeit der Blaſirtheit ohnehin ſelten, daß junge Weltmänner darin ihr Glück mehr als in andere Dinge ſetzen!“ „Sie haben recht!“ entgegnete Stahl.—„Und in der That, durch dieſe Bemerkung bringen Sie mich auf einen köſtlichen Einfall, Gräfin!“ „Laſſen Sie ihn hören!“ „Ich bin vor Kurzem mit einem jungen Ausländer, einem Belgier, eine eigenthümliche Wette eingegangen. Wahrhaftig, Gräfin, Sie könnten mir beiſtehen, dieſelbe zu gewinnen!“ „Und worin beſteht ſie?“ „Weiß Gott, ich begreife nicht, wie es kommt, daß ich nicht gleich an Sie dabei gedacht habe,— die Wette wäre unbedingt jetzt ſchon längſt gewonnen—!“ „Aber warum handelt es ſich denn? Sie machen mich in der That darauf geſpannt—!“ „Nun denn! Mein Belgier gehört zu jener Gat⸗ tung mehr oder weniger blaſirter junger Leute, die ihren Stolz darein ſetzen, dem weiblichen Geſchlechte gegenüber für unempfindlich zu gelten. Vor Kurzem befand ich mich mit ihm in einer Herrengeſellſchaft. Wir ſprachen den Weinen fleißig zu, und befand’n uns bald in bei⸗ nahe ausgelaſſener Stimmung. Wie es ſo zu geſchehen pflegt, daß Herren unter ſich, ſobald ſie der fröhlichen Laune die Zügel ſchießen laſſen, ſehr leicht in der Un⸗ terhaltung auf das Thema von den Frauen gerathen, ſo kam es auch jetzt. Einige bedauerten, daß das ſchöne Geſchlecht in dem Kreiſe nicht vertreten ſei, es regnete bald Mittheilungen von galanten Abenteuern. Man be⸗ hauptete ſo ziemlich allgemein, der Scharfſinn der Frauen übertreffe in Liebeshändeln den der Männer, und die letzteren ſeien leichter in eine ernſthafte Herzensange⸗ legenheit verwickelt als die erſteren. Mein Belgier machte ſtarke Oppoſition dagegen. Er gab zu, die Weiber ſeien raffinirt, aber nur ein Neuling laſſe ſich fangen, es genüge, eine dieſer berechnenden Koketten ſtudirt zu haben, um gegen alle gleichgültig bleiben zu können. Ich widerſprach ihm, er aber erklärte, vermuth⸗ lich durch meinen Widerſpruch aufgeſtachelt, daß auf ihn ſelber zum Beiſpiel kein weibliches Weſen den ge⸗ ringſten Eindruck zu machen vermöge, da er die an⸗ Fabrikanten und Arbeiter. II. 242 ſpruchsloſen Frauenzimmer langweilig finde, die raffi⸗ nirten durchſchaue, mit einem Wort das ganze Ge⸗ ſchlecht verachte!“ „Woher iſt dieſer Menſch gekommen? Aus Sibi⸗ rien?“ fragte die Gräfin lächelnd. „Aus Belgien, meine Gnädige. Alſo— ſeine Be⸗ hauptung zu bekräftigen, bot er die Wette an, daß ihn kein Frauenzimmer werde verliebt machen können. Ich lachte und ging auf die Wette ein, in tollem, ausgelaſſe⸗ nem Uebermuth ſetzten wir die Summe von tauſend Gulden als Preis dieſer Wette feſt, und machten la⸗ chend die Geſellſchaft zu Zeugen unſerer Uebereinkunft. Der Zeitraum von zwei Monaten wurde als Prüfungs⸗ zeit für meinen vermeſſenen Belgier feſtgeſetzt. Hat er ſich bis zum Ablauf dieſer Friſt nicht verliebt, ſterblich verliebt, blindlings, ſo zwar, daß er zu jeglicher Thor⸗ heit fähig ſein dürfte, ſo muß ich zahlen.“ „Sie werden natürlich nicht alles dem Zufall überlaſſen! Was haben Sie ſeitdem unternommen, Ihre Wette zu gewinnen?“ „Nichts!“ „Und wie viele Zeit iſt ſeit jenem Abend verſtri⸗ chen?“ „Eine Woche.“ „Hm, bleiben noch ſieben, alſo ein Jahrhundert 243 für ein Frauenzimmer, das ſich ein wenig auf die Gabe der Verführung verſteht!“ antwortete die Gräſin mit eigenthümlichem Lächeln. „Wenn ſich die reizendſte aller Verführerinnen meiner Sache annehmen wollte!— Ich wäre bereit, ihr den Preis der Wette— den klingenden Preis, wohl verſtanden— denn den Ruhm erntet ſie ohnedies allein — unweigerlich zu Füßen zu legen!“ Die dunklen Augen der Gräfin begannen lebhaft zu blitzen. Stahl und die ſchöne Dame der Demi⸗ monde wechſelten einen Blick des Verſtändniſſes. „Ich wäre wohl nicht abgeneigt,“ ſagte ſie lachend „den barbariſchen Hochmuth gegen unſer Geſchlecht in dieſem Sibirier zu demüthigen.“ „Und den klingenden Preis davon zu tragen, na⸗ türlich nur, weil das ſo mit einander zur Wette gehört!“ ergänzte Stahl, ſeine ſchmalen Lippen zu verſchmitztem Grinſen verziehend.—„Darf ich alſo hoffen?“ „Es ſei!“ verſetzte die Gräfin.—„Und wie wol⸗ len Sie meine Bekanntſchaft mit dieſem Belgier vermit⸗ teln? Er darf natürlich nicht ahnen, daß ich in Ihr Intereſſe verflochten bin!“ „Freilich nicht! Eine unverfängliche Art der An⸗ näherung iſt aber leicht gefunden. Seien Sie morgen 16* 244 Nachmittags um ſechs Uhr im Paradeisgärtchen, in Be⸗ gleitung Ihrer Geſellſchafterin, Fräulein Toni.“ „Gut.“ „Ich werde, wie von ungefähr, mit meinem Bel⸗ gier Arm in Arm daher kommen, einige Worte mit Ih⸗ nen wechſeln, Ihnen meinen Freund vorſtellen, nach kurzem Plaudern einen Vorwand finden, mich auf ein halbes Stündchen zu entfernen, und meinen Blaſirten Ihrer Obhut anvertrauen. Er mag vielleicht anfänglich verdrießlich ſein, zerſtreut, aber er wird ſich nicht von Ihnen entfernen können, da er meine Rückkunft erwar⸗ ten muß,— er darf ſich nicht entfernen, und dies für ihn zur Unmöglichkeit zu machen, beſitzt ja die ſchöne Gräfin Leggiero alle Mittel!“ Stahl erhob ſich, die Gräfin Julie that ein Gleiches. „Ich werde thun, was ich vermag!“ ſagte ſie lä⸗ chelnd. „Dann iſt der Preis gewonnen,“ liſpelte Stahl zum Hut greifend,„der Ruhm und— das Klingende!“ „Und weiter bedarf es keiner Andeutungen für mich?“ „Weiter keiner, ſchöne—“ „Nun gut, um ſechs Uhr im Paradeisgarten, Herr von Stahl!“ 245 „Um ſechs Uhr!“ Stahl empfahl ſich und ging. „Die Männer ſind und bleiben Thoren!“ mur⸗ melte die Gräfin vor ſich hin, nachdem Stahl das Zim⸗ mer verlaſſen hatte.—„Es genügt ihnen nicht, ſich ſelber durch ihre Schwächen in unſere Hände zu liefern, ſie müſſen auch Andere noch mit ſich ziehen!— Dieſer Belgier kommt mir gelegen, vielleicht könnte ich— Ju⸗ lius zeigt ſich gleichgültig, da er mich als von ihm ab⸗ hängig betrachtet— und überzeugt iſt, ich könne nicht ohne ihn ſein! Wenn ich ihn durch dieſe neue Erſchei⸗ nung aufzuſtacheln vermöchte—! Hm! Wir werden es in Ueberlegung ziehen!“ Der Gedanke an den Baron brachte ihr auch das Billet desſelben an den jungen Stahl in's Gedächtniß. Sie zog das Briefchen haſtig hervor, legte es auf den Tiſch, nahm auf dem Sopha Platz und berührte mit der Hand ſchon die Schelle, als Karoline ungerufen eintrat. Das Mädchen trug die bereits zuvor befohlenen Dinge in den Händen— ein brennendes Licht und ein Feder⸗ meſſer. „Sehr gut, Karoline!“ ſagte die Gräſin.— „Setze das Licht dort vor mich hin, gib mir das Meſſer und drücke das Billet ſo auf den Tiſch, daß es feſt liege.“ X 246 Die Gräfin nahm das geöffnete Meſſer, hielt die dünne Klinge desſelben in die Flamme der Kerze, und löſte dann mit ſeltener Geſchicklichkeit das Siegel des Briefchens. In wenigen Sekunden war die delikate Ar⸗ beit gethan, ohne daß das Siegel zerſtört worden wäre. Die Gräfin zog aus dem geöffneten Kouvert ein zuſam⸗ mengelegtes Blatt hervor. Sie entfaltete es, runzelte die Stirn und wechſelte flüchtig die Farbe. Was ſie ge⸗ argwöhnt hatte, ſah ſie jetzt beſtätigt. Nur die Hülle des Briefchens war an den jungen Robert Stahl gerichtet. Das Blatt enthielt folgende Zeilen: „Geliebte Ottilie! „Ich erwarte Dich am Dienſtag Nachmittags um ſechs Uhr an unſerem gewöhnlichen Zuſammenkunfts⸗ orte, bei Deiner Schneiderin an der Lerchenfelderlinie. Setze Alles daran zu kommen, denn wir haben Dinge von der größten Wichtigkeit mit einander zu beſpre⸗ chen. Es handelt ſich um unſer gegenſeitiges Ein⸗ verſtändniß bei den Schritten, welche wir von jetzt an bis zu dem nicht mehr fernen Augenblick wer⸗ den zu machen haben, der unſer Glück begründen wird. Dein Julius.“ Die Gräfin faltete das Blatt zuſammen und gab es dem Kouvert zurück. Ihr Buſen wogte ſtürmiſch, ihr Blick flammte düſter. Sie vermochte die furchtbare * 247 Aufregung, welche ihr Inneres erfüllte, kaum zu meiſtern. „Karoline,“ ſagte ſie mit bebenden Lippen,„Du trägſt dieſen Brief morgen in aller Frühe nach Schot⸗ tenfeld. Bringe mir aufgelöſten Gummi, damit ich das Siegel ſo ſchließe, daß man keinen Bruch daran ge⸗ wahre.“ „Sehr wohl!“ antwortete das Mädchen und wollte ſich entfernen. „Noch eins!“ rief die Gräfin.—„Du mußt morgen unter irgend einem Vorwand ſuchen, mit dem Ignaz heimlich zuſammenzukommen.“ „Ich verſtehe, während der Herr Baron nicht zu Hauſe iſt!“ „Ja. In dieſem Billette iſt von einer Schnei⸗ derin die Rede, welche an der Lerchenfelderlinie woh⸗ nen ſoll, und zu welcher der Baron bisweilen geht. Vielleicht weiß der Iguaz darum. Suche durch ihn die genaue Adreſſe dieſer Schneiderin zu erfahren.“ „Wenn er ſie weiß, werde ich ſie bald aus ihm heraus haben, verlaſſen Sie ſich darauf, Frau Gräfin!“ „Gut. Geh' jetzt!“ Karoline ging. Die Gräfin preßte ihre Hand an das wild po⸗ chende Herz. „So weit ſind ſie ſchon mit einander?“ mur⸗ melte ſie.—„Er hat mich bethört, entehrt, ausge⸗ beutet, und jetzt möchte er mich verächtlich fallen laſſen! O, Herr Baron, Sie werden ſich verrechnet haben! Jetzt ſetze ich Alles daran, zu erfahren, was dieſe Beiden am Dienſtag verhandeln werden, und dann— wehe ihnen!“ Die Gräfin wankte zum Sopha, ihre Kraft ſchien gebrochen. Sie ſank auf die Kiſſen nieder, biß die Zähne über einander, und weinte vor Wuth und Schmerz. —— Fünfzehntes Capitel. Der Auftritt im„Paradeisgarten.“ Es war am nächſten Morgen, kaum acht Uhr, als Stahl bei Ferval erſchien. Der Argliſtige hatte ſich geſagt:„Ich muß der Thereſe bei ihm nndorkomnen⸗ 15 Der junge Mann empfing ihn mit kummervoller Miene und düſterem Blick. Sein Antlitz war bleich. Ferval hatte ſich völlig zum Fortgehen angekleidet. „Nun, ſagte Stahl in jenem theilnehmenden Heuchlerton, den er ſo gut anzuſchlagen wußte,„ſind mit der Nacht Ueberlegung und Selbſtbeherrſchung bei Ihnen eingekehrt, armer Freund?“ „Ich habe ſie halb durchwacht, halb in Fieber⸗ träumen hingebracht!“ antwortete Ferval dumpf und niedergeſchlagen.„Und jetzt“— er ſtockte eine Sekunde 250 und ſchaute dann mit wildem Blick zu Stahl auf— „jetzt ſehe ich mit dem Todesmuth der Verzweiflung mei⸗ nem Schickſal entgegen!“ „Sie ſind noch immer nicht, armer Freund, wie ich Sie haben möchte!“ liſpelte Stahl, ſeine Hand ſanft auf die Schulter Ferval's legend.—„Ich dachte mir's, als ich dieſen Morgen erwachte und Ihr leidenſchaftliches Temperament in Erwägung zog. Darum ſehen Sie mich ſo zeitig hier. Thereſe wird ſicher bald kommen, denn Ihr geſtriges Nichterſcheinen in Neuwaldegg muß ſie beunruhigt haben.“ Ferval zuckte zuſammen und blickte haſtig nach der Pendeluhr. „Acht Uhr!“ murmelte er—„Ja, Sie haben recht. Better, ich hätte ihr nicht geöffnet, wenn ſie zuvor gekommen wäre, als ich noch allein war. Ihr Anblick würde mich in tolle Wuth verſetzen, und dann— allein mit ihr,— ich könnte mich nicht beherrſchen! Bleiben Sie, empfangen Sie meine Frau! Sie haben ſich als Berwandter ſo gütig meiner angenommen, ich flehe Sie an, unterziehen Sie ſich noch dieſer peinlichen Aufgabe!“ „Sie ſehen mich ja deshalb hier, Freund! O be⸗ ruhte doch Alles auf einer Täuſchung,— könnte ich aus⸗ gleichen, Euch verſöhnen.“— „Sie werden begreifen, Vetter,“ verſetzte Ferval 251 mit düſterem Ernſt,„daß von einer Ausgleichung nie die Rede ſein kann, wenn ſich auch nur die Hälfte deſſen be⸗ ſtättigt, was in dem Briefe an meine Frau enthalten iſt. Forſchen Sie nach, und ich beſchwöre Sie, mir nichts von dem Geſpräche mit Thereſen vorzuenthalten, kein Wort, keine Silbe! Ich will Wahrheit, unumwundene Wahrheit, ich werde ſie, und ſollte ſie mir auch tief in das Herz einſchneiden, ſtandhafter ertragen, als dieſen qualvollen Zuſtand, in dem ich mich jetzt befinde! Ich gehe, leben Sie wohl!“ Ferval griff zum Hut, der auf einem Seſſel ſtand, und drehte ſich dann wieder zu Stahl herum. „Hierher komme ich heute nicht wieder,“ ſagte er, „ich will, ich darf ihr nicht eher begegnen, als bis ich völlig meiner Herr ſein werde!“ „Ich halte das auch für das beſte, Freund!“ ant⸗ wortete Stahl.—„Ihre Leidenſchaft würde noch größe⸗ res Unheil ſtiften, Ihre Frau gegen Sie empören, wenn Alles doch nur Verleumdung ſein ſollte! Iſt Thereſe ſtrafbar, dann handeln Sie ehrenhafter als Mann, wenn Sie ihr Kälte und Verachtung entgegenſetzen, als wenn Sie durch blinde Wuth ſich an ihr rächen würden! Ge⸗ hen Sie alſo, armer Freund, ich bleibe, und müßte ich auch einige Stunden hier warten. Bis um Mittag hoffe 252 ich Ihnen ein Reſultat mittheilen zu können. Kommen Sie zu mir, nach Schottenfeld.“ 3 „Ich werde um Mittag kommen!“ murmelte Ferval. Der junge Mann drückte dem Fabrikanten die Hand und wollte gehen. Stahl hielt ihn noch einen Au⸗ genblick zurück. „Meine ganze Beſprechung mit Thereſen,“ ſagte er,„würde zu nichts geführt haben, Ferval, wenn Sie, ſobald ich Thereſe verlaſſen, ihr in den Weg treten und eine Scene herbeiführen wollten, ohne daß Sie mich zu⸗ vor geſprochen hätten. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie Thereſe nicht ſehen wollen, bevor ich nicht klar in der ganzen Sache bin!“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!“ antwortete Ferval mit bebender Stimme. „Nun denn, auf Wiederſehen um die Mittagszeit!“ ſagte Stahl.—„Seien Sie überzeugt, Ferval, daß ich mit aller Delikateſſe vorgehen werde!“ Ferval's Augen füllten ſich mit Thränen, er warf ſich dem falſchen Manne an die Bruſt. „Wie ſoll ich Ihnen danken!“ ſtammelte er.— „Sie ſind mein guter Genius! O mein Gott,“— fuhr er erſchüttert fort—„ich ſchäme mich meines Geſtänd⸗ niſſes— ich ahne, daß ich Thereſe auf ewig verloren 2. habe, daß ſie meine Verachtung verdient, und dennoch — dennoch liebe ich ſie— ich werde namenlos elend ſein!“ „Muth, armer Freund, Muth! Und bis Sie nicht Gewißheit haben, hoffen Sie!“ verſetzte Stahl. „Aber ich will Wahrheit. Stahl, hören Sie? Wahrheit!“ rief Ferval in ſieberhafter Aufregung. „Laſſen Sie mir den Brief da,“ ſagte der Argliſtige, „daß ich ihn ihr vorhalte, ſobald es nöthig ſein dürfte.“ „Nein, nein!“ antwortete der junge Mann haſtig. —„Wenn ſie Ihnen gegenüber Alles läugnet, ſo trete ich ſelber mit dem Brief vor ſie hin! Ich ſelber will ſie ins Auge faſſen, wenn ſie den erſten Blick auf dieſe Zeilen wirft, und ſie müßte ein Teufel in Menſchenge⸗ ſtalt ſein, wenn ſie ſich mir nicht verrathen ſollte, iſt ſie ſchuldig!“ Ferval hatte kaum ausgeſprochen, als beide Män⸗ ner ein Geräuſch vor der Wohnung vernahmen. Mit verſtörtem Blick ſetzte der junge Mann haſtig den Hut auf. Stahl trat in's Vorzimmer hinaus und blickte durch die Glasfenſter der Wohnungsthüre auf den hölzernen Gang, der ſich im Hofe an dem erſten Stock entlang zog. „Sie iſt es nicht!“ rief er Ferval zu.—„Zwei Arbeiter ſchleppen einen Kaſten zur Nachbarwohnung.“ Ferval antwortete nicht. Er ſtürzte zur Wohnungs⸗ thüre und ſchloß ſie auf. „Um Mittag bei Ihnen in Schottenfeld!“ flüſterte er Stahl zu und eilte die Stiege hinunter. Stahl, der ihm über die Schwelle auf den Gang hinaus gefolgt war, trat wieder in die Wohnung, ſchloß hinter ſich ab, und kehrte in das Zimmer zurück. Ein hämiſches Lächeln umſpielte jetzt ſeine Lippen. „Mit Ferval will ich ſchon fertig werden,“ mur⸗ melte er vor ſich hin, während er ſich die Hände rieb, „laß ſehen, ob mir das nicht auch bei ſeiner Frau ge⸗ lingt!“ Stahl ſetzte ſich und ließ an ſeinem Geiſte alles das vorübergehen, was er die Abſicht hatte, Thereſen zu ſagen. Er mochte etwa eine Viertelſtunde ſo nachdenklich geſeſſen ſein, als ein Anläuten verkündete, daß Jemand Einlaß begehre. „Ah, es ſcheint, ich werde nicht nöthig haben, meine Geduld weiter auf die Probe zu ſetzen!“ ſagte ſich Stahl, indem er aufſtand. Er ging hinaus. Durch die Scheiben der Woh⸗ nungsthüre ſah er, daß Thereſe und Mamſell Liſette draußen ſtanden. Stahl frohlockte innerlich, als er die alte Gleißne⸗ rin erblickte. Sie konnte ihm ſein Vorhaben weſentlich erleichtern. Hatte ſie Thereſe nur aus Neugier beglei⸗ tet, oder ihr feiner Inſtinkt ihr voraus geſagt, daß etwas Außergewöhnliches ſich ereignen werde, und ihr Beglei⸗ ten Thereſen's dem Verbündeten von Nutzen ſein dürfte? Wie dem auch ſein mochte, Stahl war ihr Erſcheinen hoch willkommen. Er öffnete raſch. Stahl's unerwarteter Anblick war Thereſen wie ein Stich in's Herz. Sie ſchaute in höchſtem Befremden, bei⸗ nahe furchtſam, in das Antlitz des Heuchlers, der ſo viele Zeit gewonnen hatte, als hinreichte, von Thereſen unbemerkt einen blitzſchnellen, vielſagenden Blick mit der alten, lauernden Mamſell zu wechſeln. „Sie ſind überraſcht, mich hier zu finden, Thereſe, und allein—!“ begann Stahl. Thereſe ließ ihn nicht weiter reden. Sie wardbleich und ſtammelte in banger Haſt:„Charles iſt nicht hier? Wo iſt mein Mann?“ „Treten Sie ein, Thereſe,“ ſagte Stahl mit einer gewiſſen ernſten Würde,„wir können hier an der Schwelle nicht reden.“ Die ausweichende Antwort und die Gemeſſenheit Stahl's fielen der jungen Frau ſchwer auf's Herz, ſie fühlte eine unbeſtimmte Angſt in ſich aufſteigen. Raſchen 256 Schrittes trat ſie in's Zimmer und ſchaute dann unruhig auf Stahl. „Was ſoll dieſes Geheimnißvolle? Wo iſt Char⸗ les?“ fragte ſie mit bebenden Lippen.—„Seit Sonn⸗ abend habe ich ihn nicht geſehen— und nun mich die Beſorgniß hierher getrieben, finde ich Sie allein, Vetter, ernſt und augenſcheinlich beklommen!— Um Gottes willen, reden Sie, es iſt ihm doch nichts geſchehen?“ „Ferval hat mich vor einer Viertelſtunde verlaſſen,“ antwortete Stahl,„und mir den Auftrag gegeben, mit Ihnen in ſeinem Namen zu reden.“ „Wie? Was heißt das? rief Thereſe geängſtigt. —„Er erwartete alſo, daß ich kommen werde, und doch — Was konnte ihn ſo Dringendes abberufen, Vetter, daß er Sie beauftragen mußte—“ Thereſe ſtockte und warf einen mißtrauiſchen, be⸗ ſorgten Blick auf den Mann, vor dem ſie längſt eine ihr unerklärliche, innere Scheu hegte, und deſſen räth⸗ ſelhafter Geſichtsausdruck ihr jetzt das Herz zuzuſchnüren begann. „Ferval iſt gegangen,— eben weil er es vermei⸗ den wollte, mit Ihnen zuſammenzutreffen, Thereſe!“ ant⸗ wortete Stahl in väterlichem Tone.„Er ging in heftiger Aufregung!“ 3 Die junge Frau wich betroffen einen Schritt zurück. — 257 „In furchtbarer Aufregung?“ ſtammelte Thereſe. —„Wer hat ſie veranlaßt?“ „Sie ſelber, mein Kind,“ verſetzte Stahl ſanft und ruhig—„wenigſtens nach dem, was Ferval mir mitge⸗ theilt.— Doch was ich Ihnen zu ſagen habe, Thereſe, betrifft Sie, und iſt ſo entſetzlich ernſter Natur, daß ich nicht weiß, ob ich vor Zeugen reden darf—“ Stahl's Blick ſchweifte zu Mamſell Liſette hinüber. „Ich gehe!“ ſagte dieſe demüthig und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. „Bleiben Sie!“ rief Thereſe erregt.—„Sie ſagen, Vetter, Ihre Mittheilung betreffe mich, ich aber bin mir keiner Handlung bewußt, die nicht ein Jeder hören könnte.“ Mamſell Liſette blieb, zog ſich aber zu einem der Fenſter zurück, von dort die halbverſchleierten Augen bald auf Thereſe, bald auf Stahl richtend. „Und wenn es ſich nun doch um eine Sache han⸗ delte,“ begann der Letztere,„die beſſer das Geheimniß Weniger bliebe, als daß—“ „Vetter,“ unterbrach ihn Thereſe voll edlen Selbſt⸗ gefühls,„wenn dieſe Sache allein mich betrifft, ſo hat ſie nicht das Licht zu ſcheuen! Reden Sie! Welchen Auftrag hat Ihnen Ferval gegeben? Es iſt das erſte Mal,“ fügte ſie ſchmerzlich und mit zitternder Stimme hinzu,„daß Fabrikanten und Arbeiter. II. 17 258 mein Mann ſich eines Dritten bedient, in einer Ange⸗ legenheit, die, wie Sie ſagen, nur ihn und mich be⸗ trifft!“ „Sie iſt zu ernſter Natur,“ entgegnete Stahl voll milder Würde,„und Ferval iſt zu leidenſchaftlich erregt, als daß es rathſam geweſen wäre, Ihr Mann hätte hier ſelber geſprochen, Thereſe!“ „Sie foltern mich!“ rief die junge Frau qualer⸗ füllt.„Was haben Sie mir von meinem Manne zu ſagen?“ „Ich ſehe Sie zittern! Setzen Sie ſich!“ ſagte Stahl, indem er einen Seſſel näher ſchob. „Was Sie mir mitzutheilen haben, kann ich auch ſtehenden Fußes hören!“ antwortete Thereſe, noch bleicher und unruhiger als zuvor.—„Ich zittere nur vor einer unbekannten Gefahr, die heimtückiſch Entſetzliches ahnen läßt, und gegen die man ſich nicht waffnen kann, ſo lange ſie verborgen bleibt. Reden Sie!“ „Nun denn, Thereſe, ich rede!“ erwiederte Stahl ruhig.—„Aber vergeben Sie mir, wenn ich zuvor einige Fragen an Sie richte, die Ihnen indiskret erſchei⸗ nen werden. Ich muß ſie thun, denn ſie ſtehen im Zu⸗ ſammenhang mit der Anklage, welche Ferval auf Sie ſchleudert.“ Thereſe ſchreckte empor. 259 „Wie?“ rief ſie in heftiger Erregung—„Charles klagt mich an? Und weſſen? O mein Gott,“— fuhr ſie fort, vor ſich hinſtarrend—„es muß etwas Entſetzliches ſein, daß er, der zartfühlende Mann, eines Dritten be⸗ durfte, ſeine Anklage vor mich zu bringen!“ Die junge Frau ſtarrte noch einige Sekunden lang lautlos vor ſich hin, während ihr Buſen ſich heftig hob und ſenkte. „Fragen Sie!“ hauchte ſie dann kaum hörbar, und blickte Stahl in namenloſer Erregung an. „Sie waren neunzehn Jahre alt, als Sie Wien verließen, um nach Belgien zu gehen!“ hub Stahl an. „Als junges Mädchen kamen Sie bisweilen zu uns in's Haus, Thereſe, wie Sie ſich erinnern werden, ſelten freilich, doch hinreichend, daß meine Frau und ich von Ihnen die Ueberzeugung gewinnen konnten, Sie ſeien ein ſittliches, rechtſchaffenes Mädchen. Und doch—“ „Und doch?“ murmelte Thereſe und richtete den aufflammenden Blick feſt auf Stahl. „Ein junges, hübſches Mädchen,“ fuhr dieſer fort, „iſt um ſo leichter verführt, je argloſer und unſchuldiger ſie in das egoiſtiſche Treiben der Welt tritt. Machten Sie damals vielleicht die Bekanntſchaft eines Mannes, Thereſe, der ſich in Ihr kindlich unbeſangenes Herz zu ſtehlen wußte, der den ſchönen Traum einer erſten Liebe 17* 260 in Ihnen aufdämmern ließ, um Sie dann das— Opfer Ihrer Unerfahrenheit werden zu laſſen?“ Thereſe blickte in ſprachloſer Erſtarrung auf Stahl. Sie wähnte zu träumen. 3 „Wie,“ dachte ſich Stahl, während er forſch end 4 die Miene der keines Wortes mächtigen jungen Frau prüfte,„wenn ich da zufällig das Rechte getroffen hätte, ohne es zu ahnen? Das käme mir gelegen! Sie iſt au⸗ genſcheinlich beſtürzt!“ Die verſchleierten, forſchenden Augen Liſettens er⸗ weiterten ſich in dem gleichen Momente, und ſchienen dasſelbe zu ſagen. Der Schreck des Schuldloſen, einer unerwarteten furchtbaren Anklage gegenüber, gleicht nur zu oft in ſeinen äußeren Symptomen der Beſtürzung des entlarv⸗ ten Verbrechers, und reicht hin, ſelbſt das reinſte Ge⸗ müth zu verdächtigen. Aber Thereſe erholte ſich bald. „Wie? 29 rief ſi entrüſtet in höchſter Aufregung, „zu einer ſolchen Frage hätte Sie mein Mann berech⸗ tigt? Ich kann es, ich darf es um ſeiner Ehre willen nicht glauben!“ 4 „Thereſe,“ entgegnete Stahl, indem er ſeinem Ant⸗ litz den Ausdruck der größten Theilnahme gab und in ſeine Stimme ſo viel ihm möglich war den Klang der 261 Herzlichkeit legte,„ich beſchwöre Sie um Gottes willen, nehmen Sie dieſe Frage nicht als vorwitzig und anma⸗ ßend von meiner Seite. Ich ſtehe hier nicht, um Ihr Gemüth und das Ihres Mannes einander zu entfrem⸗ den, ich möchte der Haltloſigkeit eines böſen Verdachtes auf die Spur kommen. Ich möchte zu Ihrem Herzen reden, Thereſe, wie der Vater zu ſeiner Tochter, antwor⸗ ten Sie mir als ſolche. Ferval beſchuldigt Sie, ein ehe⸗ maliges Verhältniß, das beklagenswerthe Folgen für Sie hatte, und das Sie ihm verheimlichten, im Stillen wieder angeknüpft zu haben. Er gibt vor, daß er Be⸗ weiſe dafür beſitze, daß der Ueberfall im Pötzleinsdorfer Gehölze damit in Verbindung ſtehe. Thereſe, ich be⸗ ſchwöre Sie, ſeien Sie offen gegen Ihren väterlichen Freund,— hatten Sie ein Verhältniß, bevor ſie nach Belgien gingen?“ Liſettens matte Augen begannen zu glänzen, ſie preßte die dürren Lippen aneinander— ſie begriff. Thereſe aber richtete ſich hoch und ſtolz auf. Ihr Antlitz trug jetzt mehr als je den Stempel ihres See⸗ lenadels. „Nein!“ antwortete ſie mit Feſtigkeit.—„Nie⸗ mand kann auftreten und ehemalige Anſprüche an mich geltend machen wollen! Nicht einmal zu dem Schein eines Verhältniſſes gab ich Veranlaſſung bevor ich Fer⸗ 262 val kennen lernte! Und nun ich Ihnen geantwortet habe,“ fuhr ſie fort,„erklären ſie ſich deutlicher, Vetter!“ „Liebe Thereſe,“ erwiederte Stahl ſanft,„Ihre Erklärung iſt ſo voll edler Entrüſtung eines reinen Her⸗ zens, von ſo überzeugender Wahrheit, daß ich mit Freu⸗ den bereit bin, Ihre Schuldloſigkeit zu verbürgen! Er⸗ laſſen Sie mir daher jegliche fernere Auseinander⸗ ſetzung! Ich werde mit Ferval reden!“ „Wo iſt er?“ rief Thereſe.—„Ich will ihn ſelber ſehen! Man hat mich verläumdet, ſchändlich verläum⸗ det! Und Sie ſagen, daß er im Beſitz eines Beweiſes ſei—?“ .„Ferval gibt dies wenigſtens vor!“ antwortete Stahl achſelzuckend und mit bekümmerter Miene.— „Aber— ich habe ſo meine eigenen Gedanken dar⸗ über—“ „Wie ſagen Sie?“ fragte Thereſe, deren Blick ſtarr an Stahl's Lippen hing.—„Reden Sie unver⸗ holen— Sie ſind es mir ſchuldig—“ „Nun denn, offen heraus,“ ſagte Stahl nach eini⸗ gem Zögern,„mir ſcheint, Ihr Mann ſuche einen Vor⸗ wand, um mit Ihnen brechen zu können!“ „Das iſt unmöglich!“ rief Thereſe leidenſchaftlich. —„War er nicht herzlich und zärtlich wie immer, als er mich und ſein Kind vorgeſtern in Neuwaldegg verließ? 263 Hat er mir nicht jüngſt erſt den Beweis geliefert, daß ihm mein und unſeres Kleinen Wohl über Alles gehe?“ „Und doch!“ verſetzte Stahl.—„Hm— Ferval beſitzt ein leicht erregbares, excentriſches Gemüth,— er iſt Belgier, was dem Franzoſen gleichkommt. Und oben⸗ drein iſt er Künſtler— die leidenſchaftliche, entfeſſelte Phantaſie eines ſolchen überſpringt oft leichtfertig den Ernſt des Lebens, und läßt ihn ſich hinausſehnen aus dem beſchränkten Kreiſe der Familie, die ein anderes, weniger ideales Gemüth ausfüllen würde.“ „O mein Gott!“ unterbrach ihn Thereſe voller Schrecken—„Sie glauben, Stahl?— Laſſen Sie mich zu ihm! Es muß zwiſchen uns ſelber zu einer Er⸗ klärung kommen!“ „Nein, mein Kind, noch nicht,“ antwortete Stahl milde,„wenigſtens nicht, bevor ich noch einmal eindring⸗ lich mit ihm geſprochen, ihn näher erforſcht habe. Viel⸗ leicht täuſche ich mich in meiner Vermuthung über Fer⸗ val, und dann wird es ein Leichtes ſein, Sie von jeg⸗ lichem Verdachte zu reinigen, Thereſe, wenn man Sie bei Ihrem Manne verläumdet hat. Auf alle Fälle wer⸗ det Ihr beide einander ruhiger entgegen treten, wenn ich zuvor nochmals zwiſchen Euch vermittle. Ferval iſt jetzt furchtbar erbittert, vielleicht gibt er ſich auch nur den Anſchein es zu ſein, ich werde das ergründen. Blei⸗ ben Sie hier, Thereſe. Es iſt gut, daß Mamſell Liſette Sie begleitet hat, ſie wird Ihnen zur Seite ſtehen. Ver⸗ laſſen Sie die Wohnung nicht, im Laufe des Nachmit⸗ tags werde ich Ihnen Beſtimmteres melden, vielleicht— will's Gott— Ferval ſelber zuführen können! Bis da⸗ hin Geduld, liebes Kind, Ruhe und Gottvertrauen!“ Thereſe ſank auf einen Seſſel nieder, bedeckte tief erſchüttert das Angeſicht mit ihren Händen und ſchluchzte. Stahl griff zum Hut, warf der Mamſell Liſette, die ſich Thereſen mit der Miene der Theilnahme näherte, einen vielſagenden Blick zu, und entfernte ſich. Der Fabrikant ging nach Hauſe. Er brachte ſeine Zeit bis um Mittag in Bureau und Fabrik zu. Dann kam Ferval aufgeregt und düſter. Er hatte den Vormittag in den Gaſſen und Kaffeehäuſern Wien's verbracht, er wußte kaum wie. In banger Haſt fragte er jetzt den vermeintlichen Freund aus. Stahl gab ungewiſſe Antworten, er ſprach von dem heftigen Erſchrecken Thereſens, aber er ſagte auch zu⸗ gleich, daß ſie nichts geſtanden habe, und daß es einer zweiten Zuſammenkunft bedürfe, dem Sachverhältniß auf den Grund zu kommen. Bis nach dieſer zweiten Beſprechung, die er für den nächſten Tag in Ausſicht ſtellte, möge Ferval ſelber nichts unternehmen. 265 Stahl, der einen Beſuch Thereſens befürchtete, zog Ferval mit ſich fort, und ließ bei dem vollwangigen Hausmeiſter⸗Portier die Meldung zurück, deß er nicht zu Hauſe ſpeiſen und erſt Abends zurückkehren werde. Raſch fuhren beide Herren zur Stadt. Stahl gab ſich alle erdenkliche Mühe, ſeinen Ge⸗ fährten zu zerſtreuen, wie er es am Tage zuvor gethan hatte. Er wußte es ſo einzurichten, daß er und Ferval ſich erſt um vier Uhr in dem kleinen Seitenſalon eines Hotels zu Tiſche ſetzten. Stahl ließ vortreffliche Weine bringen, Ferval trank, erſt in düſterer Zerſtreuung, dann ſeinen Miß⸗ muth hinwegzuſchlürfen. Nach der Tafel fühlte der junge Mann das Blut in ſeinen Adern heißer pulſiren, er war nicht berauſcht, aber in jener Stimmung, in welcher ein Unglücklicher wohl nicht Gram und Leid vergißt, doch ſich momentan darüber hinausſetzt. Stahl hatte die allmälige Wirkung des Weines ſcharf beobachtet.. „Jetzt iſt's genug!“ ſagte er ſich. Und es wies der Zeiger der Uhr drei Viertel auf Sechs. Stahl erhob ſich, Ferval mit ihm. Arm in Arm ſchlenderten ſie durch einige Gaſſen. 266 Stahl bog zur Baſtei hinauf. Unvermerkt befanden ſie ſich am„Paradeisgarten“, und vernahmen gleich darauf Walzerklänge. Sie traten in den Kaffeegarten. Stahl's Blick überflog die Gäſte. Er gewahrte augenblicklich die Gräfin und ihre Begleiterin Toni. Siie hatten unmittelbar an dem Hauptwege, welcher den Garten durchſchneidet, Platz genommen, ſie hätten keine günſtigere Stelle für die Abſichten Stahl's wählen kön⸗ nen, da dieſer und Ferval an ihnen vorüberſtreifen mußten, wollten ſie den Garten durchſchreiten. Die Gräfin hatte eine bezaubernde Toilette ge⸗ wählt, ihre verführeriſchen Reize zogen die Blicke Aller auf ſich. Auch Ferval gewahrte ſie ſogleich. Das Auge des Künſtlers mußte unwillkürlich von dieſer ſtolzen, herrlichen Erſcheinung gefeſſelt werden. Stahl ſchien ſie nicht zu bemerken. Beide Herren waren nur wenige Schritte noch von dem Tiſche entfernt, an welchem die Gräfin und ihr hübſches Geſellſchaftsfräulein ſaßen, als Stahl ſich zu ſeinem Begleiter wandte. Nir ſcheint,“ ſagte er lächelnd,„Sie faſſen da einen Gegenſtand beſonders ſcharf in's Auge!“ Und Stahl folgte der Richtung von Ferval's Blicken. Im gleichen Augenblick vernahm der Fabrikant ſich angeredet. 267 „Geht man ſo ſtolz an Bekannten vorüber?“ liſpelte die Gräfin von ihrem Platze aus. Stahl ſtammelte eine Entſchuldigung, und zeigte ſich entzückt, die Gräfin ſo unvermuthet zu finden. Dann ſtellte er ſeinen Begleiter vor. Man wechſelte einige höfliche Worte, darauf erhielten die Herren eine Einladung, ſich zu ſetzen. Sie leiſteten derſelben Folge. Die Gräfin bot allen Zauber der Unterhaltung auf, ſie war unwiderſtehlich, freilich unwiderſtehlich wie eine Demimonde⸗Dame ſein kann. Bald richtete ſie wie zufällig mehr das Wort an Ferval als an den Fabrikanten, der ſich vorzugsweiſe mit der Geſellſchafte⸗ rin beſchäftigte. Stahl bemerkte mit innerer Luſt, daß Ferval ſich raſcher durch die Plaudereien und das verführeriſche Weſen der Gräfin angeregt fühlte, als er es erwartet hatte. Der Blick des jungen Mannes hing unverkennbar mit immer lebhafter ſteigendem Intereſſe an den ſchönen Lippen und dunklen, leidenſchaftlich ſprühenden Augen der koketten Plauderin. Mochte die Stimmung, in der Ferval die Tafel verlaſſen hatte, dazu beitragen, daß der reizenden Gräfin gegenüber ſo bald gänzlich die Wolke von ſeiner Stirne wich, welche ſie kaum noch von Zeit zu Zeit verdüſtert hatte, genug, der junge Mann ſchien völlig auf ſich und ſeinen Schmerz vergeſſen zu haben. 268 Stahl, dem dieſes nicht entging, wendete ſich plötzlich zu der Gräfin und Ferval. „Ich erinnere mich,“ ſagte er,„daß mich ein wich⸗ tiges Geſchäft nach der Teinfaltſtraße ruft. Entſchuldi⸗ gen Sie, Frau Gräfin, wenn ich leider genöthigt bin, mich jetzt zu beurlauben!“ Ferval ſchaute zu Stahl auf, der ſich erhoben hatte. Es war etwas in dem Blick des jungen Mannes, das anzudeuten ſchien, er wäre nicht ungern noch geblieben. Er ſchickte ſich zum Aufſtehen an. Die Gräfin lächelte. „Ah, Herr von Stahl,“ ſagte ſie ſchalkhaft,„dieſes wichtige Geſchäft ſcheint nur ein Vorwand zu ſein, um ſich mit Ihrem Freunde zurückziehen zu können. Laſſen wir ihn indeſſen gelten, dieſen Vorwand, ich will mich nicht des Verbrechens ſchuldig machen, die Herren von vielleicht doch wichtigen Unterhaltungen fernzuhalten!“ „Auf mein Wort, Frau Gräfin,“ erwiederte Stahl lachend,„Sie ſind im Irrthum. Ich kehre etwa in einem Viertelſtündchen wieder zurück. Wollen Sie ein Pfand zum Beweis meiner Ehrlichkeit, ſo geſtatten Sie, daß ich Ihnen meinen Freund hier laſſe, der ſich ohnehin entſetzlich langweilen würde, wenn er in der Teinfalt⸗ ſtraße auf und ab patrouilliren müßte!“ 269 „Falls Ihr Freund das doch nicht etwa vorziehen ſollte—!“ liſpelte die Gräfin. Ein Blick Ferval's verſicherte das Gegentheil. Stahl entfernte ſich mit der beſtimmten Erklärung, daß er baldigſt zurückkehren werde. Er verließ haſtig die Baſtei, eilte an der kaiſerlichen Burg vorüber zum Michaelerplatze. Dort warf er ſich in einen Fiaker. „Zur Kaiſerſtraße 36, ſo raſch wie möglich!“ rief er dem Kutſcher zu. Bald hielt der Wagen draußen vor der Wohnung Ferval's. Eine Minute ſpäter ſtand Stahl vor Thereſen. „Nun!“ rief ihm dieſe in heftiger Aufregung ent⸗ gegen—„Welche Nachricht bringen Sie?“ „Nehmen Sie Hut und Mantille, Thereſe, und kommen Sie!“ antwortete Stahl, der jetzt ſeinem Ant⸗ litz den Ausdruck der Niedergeſchlagenheit gab—„Unten wartet ein Fiaker auf uns.“ „Sie führen mich zu Charles?“ rief die junge Frau mit freudigem Beben.—„Es iſt Alles ausge⸗ glichen?“. Und Thereſe ſetzte haſtig ihren Hut auf, während Manſell Liſette, den lauernden, verſchleierten Blick auf Stahl geheftet, den leichten Shawl Thereſens brachte. „Arme junge Frau,“ antwortete Stahl halblaut, 270 „mein Verdacht in Bezug auf Ferval war leider nur zu gerechtfertigt!“ „Um Gottes willen,“ rief Thereſe erblaſſend und mit zitternder Stimme, indem ſie die Hände rang„was haben Sie erfahren? Reden Sie!“ „O, Thereſe,“ antwortete Stahl im Ton des Schmerzes und tiefinnerſter Theilnahme,„vergönnen Sie mir, daß ich ſchweige. Ich vermag nicht mit nackten Worten— kommen Sie— ein Zufall ließ mich Alles entdecken,— kommen Sie,— Sie werden durch Ihre eigenen Augen eine Aufklärung erhalten!— Manſell Liſette, begleiten Sie uns!“ Thereſe, furchtbar geängſtigt, vermochte nichts zu erwiedern. Sie folgte Stahl beinahe willenlos. An der Wohnungsthüre ergriff dieſer die Hand der jungen Frau. „Faſſen Sie ſich, Thereſe,“ ſagte er ernſt und an⸗ ſcheinend bewegt—„und geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie ſich beherrſchen werden, wie eine verſtändige Frau, — was Sie auch ſehen mögen,— ſonſt— ſonſt kann ich Sie nicht mit mir nehmen!“— „Ich gebe mein Wort!“ ſtammelte Thereſe— „Aber Aufklärung wird mir doch werden, ſagen Sie?“ „Ja, dringen Sie aber nicht unterwegs in mich, mein armes Kind!“ „ 271 Mamſell Liſette war bereit. Alle Drei verließen die Wohnung, welche Stahl abſchloß. Sie ſtiegen in den Fiaker, der mit raſender Eile⸗ davonrollte. Er hatte den Auftrag erhalten, bis zu Corti's Kaffeehaus nebem dem„Paradeisgarten“ zu fah⸗ ren, und daſelbſt halten zu bleiben. In weniger als zehn Minuten war er dort. Im Wagen war kein Wort ge⸗ wechſelt worden. Die entſetzliche Spannung ſchnürte Thereſens Bruſt zuſammen und ließ ihren Körper wie im Fieber erzittern. Jetzt ſtiegen ſie aus, Stahl legte den Arm der ſchwankenden Thereſe in den ſeinen und führte ſie raſch zu dem Theil der Baſtei, der unmittelbar an die Gebü⸗ ſche des Paradeisgartens grenzt. Liſette folgte. Sie ſtanden auf dem kleinen Gange, der die Ba⸗ ſteibrüſtung von dem Garten trennt. Sie überblickten dieſen mit Leichtigkeit. „Schauen Sie dorthin, Thereſe, nach der erſten Gaslaterne des Mittelweges!“ ſagte Stahl, indem er mit der Hand die Richtung bezeichnete. Thereſens Blick flog über die, an jener Seite wo ſie ſtand, ſpärlich verſammelten Gäſte. Plötzlich war es, als durchzncke ſie ein elektriſcher Schlag. Jeder Blutstropfen wich aus ihrem Antlitz, ihre Züge wurden fahl und ſtarr, wie die einer Leiche. Sie ſah ihren Gatten in lebhaftem Geſpräche mit einer reizenden, verführeriſchen Dame, deren zweideutige Lebensſtellung ſie im Moment mit dem Inſtinkt des recht⸗ ſchaffenen Weibes errieth. Dieſe Dame lachte und ſcherzte vertraulich, und richtete ihren glühenden Blick leidenſchaftlich auf Ferval, der lächelnd und erregt ſein ganzes Sein in die dunklen Augen der ſchönen Verführerin zu verſenken ſchien. Thereſe ſchwankte. Sie griff voll Entſetzen mit ihren zitternden Händen zu den Schläfen. Sie ſtieß einen unterdrückten Schrei aus, „Allmächtiger Gott!“ murmelte ſie beinahe tonlos. —„Er liebt mich, er liebt ſein Kind nicht mehr!“ Ihr ward dunkel vor den Augen, krampfhaft griff ſie nach dem Arme Stahl's, ihre Sinne ſchwanden. Der Fabrikant fing die Bewußtloſe in ſeinen Armen auf. „Suchen wir die Ohnmächtige ohne Aufſehen in den Fiaker zurückzubringen!“ raunte Stahl der Mamſell Liſette zu. Ende des zweiten Theiles. Druck von Lutſchansky u. Spitzer. NIInnnn ſnnſnFzhpnine 6 1 8 9 10 11 12 13 14 15 16