7— 2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgäbe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eiinnes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——jjü——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 3— 5„„„ 3„=.„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . 4 f b V XLBUNE Bibliothek deutſcher Priginalromane. Siebenzehnter Jahrgang. Zwanzigſter. Band. . Arbeiter oder: Der Weg zum Irrenhanſe. J. Fabrikanten und ——— — . Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. Fabrikanten und Arheiter oder: Der Weg zum Irrenhauſe. V Sozialer Roman von f Adolf Schirmer. * Erſter Theil. 1 Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. Suhalt. Seite Erſtes Capitel. Ein Attentat...... 1 f Zweites Capitel. Eine Enthüllung..... 19 Drittes Capitel. Eine Fabrikantenfamilie nach modernem Zuſchnitk...... 47 Viertes Capitel. Ein würdiges Ehepaar... 73 Fünftes Capitel. Zwei Fabrikanten... 79 Sechſtes Capitel. Die Fabriksarbeiter... 103 Siebentes Capitel. Die Gräfin mit einer Hand 121 Achtes Capitel. Die Arbeiterfamilie.... 140 Neuntes Capitel. Furchtbare Enttäuſchung.. 148 Zehntes Capitel. Eine Schlange..... 162 Eilftes Capitel. Zwei Leute nach altem, gutem Schlag..178 Zwölftes Capitel. Ein junger Wiener, der„drau⸗ Hen⸗ war.... 190 Dreizehntes Capitel. Aſſociatio..... 200 Vierzehuntes Capitel. Stahl wirft ſein Netz aus 219 Fünfzehntes Capitel. Die Taufe..... 233 Jabrihanten und Arbeiter oder: Der Weg zum Irrenhaufe. —; Erſtes Capitel. Ein Attentat. Es war im Auguſt und ein reizender Abend. Die letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne vergoldeten die höchſten Punkte des Dornbacher Gehölzes nächſt Wien, während im Thal und über den Waldwieſen ein däm⸗ merhaft leichter Nebel ſichtbar ward, und das üppige, ſaftig grüne Laub des Unterholzes mit dem Durchein⸗ ander ſeines Gezweiges berckts vom Abenddüſter über⸗ ſchattet wurde. In demſelben Augenblicke, als die Sonne hinter den bewaldeten Höhen verſchwand und nun die luftige Dämmerung bis zu dieſen emporklomm, verließ eine Dame eine der maleriſch gruppirten Villen, welche am Ende des Dorfes Neuwaldegg, einem der angenehmſten Sommeraufenthaltsorte der Wiener, mit ihren lieblichen Fabrikanten und Arbeiter. 1. Gärten an die romantiſchen Hügel geſchmiegt, ſo wohn⸗ lich und elegant aus der ſie faſt rings umgürtenden Waldung hervorlugen. Dieſe Dame war eine junge, modiſch, doch einfach gekleidete Frau. Sie trug ein lichtes Bardgekleid mit Volants, eine ſchwarze Spitzenmantille und einen italieniſchen Strohhut. Ihre Züge waren edel geformt, geiſtreich, und hat⸗ ten zugleich einen wohlwollenden, herzgewinnenden Aus⸗ druck. Aber ihr ſchönes, freundliches Antlitz trug auch die Spuren einer gewiſſen Abgeſpanntheit, die ſelbſt den Blick ihrer dunklen ſeelenvollen Augen dämpfte; eine zarte Bläſſe überzog die Wangen, welche, wenn auch nicht eingefallen, doch ſchmal genug waren, um auffal⸗ lend gegen die faſt üppige Erſcheinung der Dame zu kon⸗ traſtiren. Sagen wir es gleich: Der verſchleierte Blick, der gewiſſermaßen leidende Ausdruck des Angeſichts, Gang, Haltung und die Umriſſe ihrer Taille verkünde⸗ ten, daß die junge, anmuthige Frau in geſegneten Um⸗ ſtänden ſei. Sie hatte ſich unter der Veranda der Villa von einer alten Dame verabſchiedet, und ſchritt jetzt, das letzte Haus Neuwaldeggs hinter ſich laſſend, langſam in das Halbdunkel des Gehölzes hinein, und zwar auf 2 3 jenem anfänglich emporſtrebenden Pfade, der ſich von Neuwaldegg bis zum benachbarten Orte Pötzleinsdorf erſtreckt. Der Weg lag völlig vereinſamt vor ihr da, die Schatten der zahlreichen hohen Bäume, die ihn über⸗ ragten, ließen ihn in ſeinen Windungen faſt unheimlich erſcheinen, und die zur Rechten und Linken hie und da aus Gebüſch und Waldesdüſter anftauchenden Stämme, die oft wunderliche Geſtalten bildeten, waren keineswegs geeignet, die Phantaſie eines einſam auf dem Pfade Dahinſchreitenden in traulicher Weiſe zu beſchäftigen. Dennoch ging die junge Frau anſcheinend ſorglos vorwärts, ihr Blick, wenn ſie nicht gezwungen war, ihre Aufmerkſamkeit auf die Unebenheit des von Baumwur⸗ zeln durchlaufenen Bodens zu richten, ſpähete ſogar mit einer gewiſſen Zuverſichtlichkeit voraus; die junge Dame erwartete alſo unſtreitig, daß ihr Derjenige bald ent⸗ gegenkommen werde, nach dem ſie forſchend den Weg entlang ſah. Gleich zu Anfang, als ſie das Gehölz betreten hatte, war ihr geweſen, als kniſtere das dichte Gebüſch zur Linken und ducke ſich eine Geſtalt hinter dasſelbe nieder. Sie hatte, einen Moment argwöhniſch, ihren Schritt gehemmt und zur Seite geblickt, aber ſie hatte nichts geſehen als einen Nachtvogel, der plötzlich durch's Gezweige huſchte, und dem dahinflatternden Thiere auch das erſte Geräuſch zugeſchrieben. Dann, nachdem ſie weiter den Pfad emporgeſtiegen, hatte ſie wohl bald hin⸗ ter ſich, bald in einiger Entfernung zur Seite, von Zeit zu Zeit ein kaum hörbares Raſcheln und Kniſtern ver⸗ nommen, aber was konnte das anderes bedeuten, als daß ein Vogel ſich rege, oder eine Eidechſe ſich durch's Ge— ſtrüpp über Moos und Stein ſchlängle? Geht doch in abendlicher Stille durch einen einſamen Wald manch ſeltſames Geräuſch, das völlig harmloſen Urſprunges iſt! Das ſagte ſich wohl die junge Dame, als ſie ſo ruhig und unverdroſſen weiter ſtieg, ohne von Neuem hinter ſich oder zur Seite zu blicken. Und ſie ahnte nicht, daß dasjenige, was ſie für eine flüchtige Täuſchung ihrer Sinne gehalten hatte, Wirk⸗ lichkeit geweſen war. In der That hatte hinter dem Gebüſch, das beim Eintreten der jungen Frau in das Gehölz ſekundenlang ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog, ein Mann in lauernder Stellung gekauert, die Hände krampfhaft in das Moos gekrallt, den Oberkörper vor⸗ übergebogen, den Blick voll fieberhafter Glut auf die wenige Schritte vor ihm entfernt vorüberſchreitende Dame gerichtet. Ein Schauer hatte den Mann durchrieſelt, als ſie ſo nahe an ihm dahinrauſchte, und haſtig hatte er in 5 heftiger Aufregung nach einem der Zweige gegriffen und ſo das Kniſtern verurſacht und den Vogel verſcheucht. Aber in ſeiner Erregung war ihm nicht entgangen, daß die Dame ſtutzte, er hatte ihren zur Seite ſchweifenden Blick aufgefangen, und dann ſich lautlos und blitzſchnell, gleich einer Tigerkatze, die ſich liſtig vor ihrer Beute niederduckt, auf den Boden hingeſtreckt. So war er, die vor Erregung keuchende Bruſt feſt auf den Raſen nie⸗ dergedrückt, liegen geblieben, bis die Dame ſich etwa ein Dutzend Schritte entfernt hatte, dann ohne das lei⸗ ſeſte Geräuſch zu verurſachen in die Höhe geſchnellt, und Derjenigen, deren lichtes Gewand ihm durch Geſtrüpp und Buſchwerk vorleuchtete, mit äußerſter Vorſicht nach⸗ geſchlichen, ohne den Pfad zu betreten, auf dem ſie wei⸗ ter ſchritt. So ſetzte er ihr beſtändig nach, bald unter tiefge⸗ henden Aeſten hinwegſchlüpfend, bald die Zweige des Dickichts auseinauderbiegend, und vorſichtig von Stamm zu Stamm ſpringend, indem er ſich dahinter verbarg, damit ſein Herannahen unbemerkt bleibe. Er ließ die Dame nicht aus den Augen, ſie blitzten beſtändig zur Seite nach dem durch das Düſter ſchimmernden Kleide. Aber ſeine Geiſtesthätigkeit war eine getheilte, denn er beobachtete nicht allein die junge Frau, ſondern er horchte 6 auch mit geſpannter Aufmerkſamkeit nach jener Rich⸗ tung hin, in der die Dame und er ſich bewegten. Und als er weder einen Schritt noch ſonſt irgend ein Geräuſch von dort her vernommen, verdoppelte er ſeine Geſchwindigkeit. Bald hatte er, immer abſeiten des Weges hinter den Büſchen bleibend, die langſam den Pfad Hinanſteigende, um ein Beträchtliches über⸗ holt; er befand ſich jetzt auf der Höhe, zu der die Dame noch hinan mußte. Und nun trat er auf den Pfad hin⸗ aus, der an dieſer Stelle ſich vor einer kleinen, mit Ge⸗ büſch unterwachſenen Baumgruppe theilte, und deſſen ſo gebildete Arme hinter derſelben wieder in einen Weg zuſammenliefen. 1 Der aus dem Schatten des Gehölzes hervorge⸗ tretene Mann blieb einige Sekunden mitten auf dem Pfade ſtehen, und prüfte die Stelle mit fieberhaftem Blick. Er durfte nicht befürchten, von der emporſteigen⸗ den Dame, deren Schritt er deutlich vernahm, geſehen zu werden, denn eine Krümmung des Weges verhin⸗ derte dies. Das matte Abendlicht fiel auf die Geſtalt des Mannes. Er war ein elegant gekleideter, langer und magerer Herr, der etwa fünfundvierzig Jahre zählen mochte. Dunkle, unheimlich funkelnde Augen und eine kühn ge⸗ 7 bogene Adlernaſe verliehen dem bleichen, hageren und ohnehin in allen Zügen ſcharf markirten Antlitz, das jetzt durch heftige Erregung ſichtlich verzerrt ſchien, einen gewiſſermaßen dämoniſchen Charakter. Der Mann muſterte, wie geſagt, den Platz mit haſtigem Blick; dann ließ er dieſen ſcheu über den Pfad nach der Pötzleinsdorfer Richtung gleiten. Er horchte, aber ebenfalls nur einige Sekunden lang. Seine ſchmalen Lippen überflog ein hämiſches Lächeln. .„Ich höre nichts als ihre Schritte,“ murmelte er vor ſich hin,„und der Weg dort iſt frei. Die Verzöge⸗ rung gelang, ihr Mann iſt vielleicht erſt auf der Hälfte des Weges hieher. Ich aber habe ein ungehindertes Spiel! Und, bei Gott, kein gelegenerer Ort ließ ſich zu der Ausführung meines Vorhabens finden, als dieſer da. Vorwärts denn!“ Der Mann warf noch einen Blick vor und hinter ſich und ſchlüpfte dann hinter die düſtere Baumgruppe, welche den Pfad ſpaltete. Dort zog er eine Piſtole aus der Bruſttaſche ſeines Rockes und ſpannte den Hahn. „Ich beſchwere mein Gewiſſen durch keinen Mord,“ flüſterte er ſataniſch lächelnd vor ſich hin,„und ent⸗ ledige mich doch, ich wette zehn gegen eins, jener beiden Weſen, die meinen Plänen im Wege ſtehen, die einzigen, welche ich fürchten muß! Und begehe ich ein Verbre⸗ chen? Was kann ich davor, wenn Weiber ſchwache Ner⸗ ven haben, und— ſtill, ſie kommt!“ Der Mann unterbrach ſeine gemurmelten Betrach⸗ tungen, denn er vernahm nicht allein die Schritte der Dame deutlicher, ſondern auch ſogar ihr leiſes Keuchen. Jetzt erreichte ſie die Höhe, blieb einen Augenblick ſtehen, und warf einen unruhigen Blick an der Baum⸗ gruppe vorbei über den Weg, auf dem ſich der Erwartete nicht blicken ließ. Einen Augenblick lang ſchien es, als überlege ſie, ob es nicht gerathener ſei, nach der Villa, die ſie vor einer Viertelſtunde verlaſſen hatte, zurückzu⸗ kehren, ſtatt dieſen einſamen Pfad weiter zu verfolgen. Aber ſie beſann ſich eines anderen. „Er hat ſich unbegreiflich verſpätet,“ ſagte ſie vor ſich hin,„aber er wird mir doch gewiß gleich entgegen⸗ kommen! Und überdieß iſt die Gegend hier ja durchaus nicht unſicher.“ Die junge Frau ſetzte kurz entſchloſſen ihren Weg fort. Der Mann ſtand regungslos hinter dem Stamme einer rieſigen Buche. Er hielt den Athem an, aber ſeine Pulſe an den Schläfen hämmerten faſt hörbar. Seine Rechte preßte konvulſiviſch den Kolben der Piſtole, ſeine — 9 ganze Seele lag in dem glühenden Blicke, mit dem er auf den Pfad ſtarrte. Jetzt kniſterten die Schritte— eins, zwei, drei— der Mann zählte ſie inſtinktartig. Und nun ſchimmerte das weiße Gewand vor ſeinen Augen. Ein Blitz, ein Knall, ein gellender Aufſchrei des Entſetzens. „Jeſus Maria! Charles, Hülfe!“ ſchrie die junge Frau und ſtürzte zu Boden. In gleichem Augenblick tauchte fern am Ausgang des jenſeitigen Pfades aus dem Dunkel eine Geſtalt auf. Ein Mann ſtürmte in Blitzesſchnelle heran. „Thereſe!“ rief er mit heller Stimme und eilte der Baumgruppe zu, neben der die Frau zuſammengeſun⸗ ken war. Der Mann, welcher geſchoſſen hatte, warf einen Blick auf die am Boden Liegende, einen zweiten auf den aus der Ferne Herbeieilenden, und ſprang mit einem teufliſchen Kichern in das der Baumgruppe gegenüber liegende Geſtrüpp. Die Zweige, welche er auf ſeiner wilden Flucht zuſammenbrach, raſchelten und knackten; bald aber war nach jener Richtung hin Alles ſtill. Die Geſtalt, welche der jungen Frau zu Hülfe eilte, flog wie ein Pfeil heran, und warf ſich neben der Be⸗ ſinnungsloſen auf die Knie. 10 „Um Gottes willen, Thereſe! Was iſt Dir geſche⸗ hen?“ ſtammelte der ſo plötzlich Erſchienene in fran⸗ zöſiſcher Sprach he, indem er ſich haſtig zu der Dont vor⸗ überbog und ſie in ſeine Arme preßte. Er konnte ihre Züge nicht unterſch eiden, da ſie an einer finſteren, von der Rieſenbuche beſch atteten Stelle lag. „Sie iſt bewußtlos, vielleicht gar todt!“ murmelte er entſetzt und mit zitternder Stimme.„Thereſe! All⸗ mächtiger Gott, warum ließ ich fie mir in der Däm⸗ merung entgegen gehen, und allein! Der Schurke, der ſie anfiel, lauert ſicher noch in der Nähe!“ Wie ein Blitz zuckte der letztere Gedanke in ihm auf. Er wußte nicht, was er zuerſt thun ſolle, ob der ſcheinbar Lebloſen beiſtehen, oder Denjenigen aufſuchen, der ſie überfallen hatte. Es konnten ihrer Mehrere rings in den Büſchen verſteckt ſein. Aber das erſchreckte ihn nicht. Die junge Frau, welche er in ſeinen Armen hielt, konnte tödtlich verwundet, vielleicht getödtet ſein; ſich über ihren Zu⸗ ſtand Gewißheit verſchaffen, war Alles, was er im näch⸗ ſten Augenblicke zu denken vermochte. Er raffte ſich auf und trug die Ohnmächtige, un⸗ bekümmert darum, was neben ihm plötzlich geſchehen könne, zu einem Raſenhügel, den er in der Nähe ge⸗ 11 wahrte. Dort legte er ſie ſanft nieder und ſank von Neuem neben ihr auf die Kniee. An dieſer freien Stelle des Gehölzes herrſchte weniger Dunkelheit; der Mond, welcher am Himmel ſtand, hatte bereits an Leuchtkraft zugenommen, ſein bleicher Dämmerſchein machte ſich mehr und mehr gel⸗ tend, beglänzte die Wipfel der Bäume und begann hier und dort das Laub des Unterholzes zu durchflimmern. Auch über den Raſenhügel lag der ſchwache Schimmer ausgebreitet und erhellte matt die Züge der Ohnmäch⸗ tigen und ihres Helfers. Dieſer war ein junger wohlgekleideter Mann von ungefähr achtundzwanzig Jahren. Seine Züge waren augenblicklich durch entſetzliche Angſt um die Beſinnungs⸗ loſe entſtellt. Aber ſo groß auch ſeine Aufregung ſein mochte, fehlte ihm doch nicht die Geiſtesgegenwart. Sein haſtiger Blick flog prüfend über die regungs⸗ los Daliegende. „Gelobt ſei Gott,“ flüſterte er—„Ich ſehe nir⸗ gend Blut— ſie iſt nicht verwundet!— Und könnte—“ Er vollendete nicht ſeinen Satz, ſondern öffnete in fieberhafter Eile das Kleid der jungen Frau. Dann zog er ein Taſchenmeſſer hervor und durchſchnitt raſch die Schnüre ihres ohnehin leicht angelegten Mieders. „Hätte ich nur Waſſer!“ murmelte er verzweif⸗ lungsduſt—„Was beginnen?! Thereſe, geliebte Thereſe!“ Der junge Mann richtete die Frau in eine ſitzende Stellung auf, umſchlang ſie, und lehnte ihr blaſſes Ant⸗ litz, das er mit Küſſen bedeckte, an ſeine Bruſt. In ſei⸗ ner Herz zensangſt rieb er ihr Stirn und Schläfe. Das Zerſchneiden des Mieders mochte der jungen Frau den wichtigſten Dienſt geleiſtet haben; ſie begann leiſe zu athmen, ihre Pulſe belebten ſich, ein Seufzer entrang ſich ihren Lippen. Der junge Mann jauchzte. Sie ſchlug die Augen auf, und blickte zu ihm einpon als träume ſie. „Biſt Du verwundet, Thereſe?“ ſtammelte er. „Charles!“ ächzte die junge Frau, und klammerte ſich krampfhaft an ihn, als fürchte ſie, man könne ſie ihm entreißen. Jetzt erſt ward ſie ſich der jüngſten Ver⸗ gangenheit bewußt, und ſie ſtarrte nun voll Entſetzen nach der zwanzig Schritte entfernten düſteren Baum⸗ gruppe. „Dort, dort!“ murmelte ſie, ebenfalls in iranzu⸗ ſiſcher„ypunche⸗„Der Blitz kam von dort!“ Der junge Mann warf einen wilden Blick auf die Bäume. Dann verſchlang er Diejenige, welche er The⸗ reſe nannte, mit den Augen. Er war auf der olker. 13 „Fühlſt Du irgend einen Schmerz? Biſt Du ver⸗ wundet?“ fragte er außer ſich, als er ein heftiges Zucken ihres Körpers ſpürte und ihre Lippen ſich verzerren ſah. Die junge Frau ſtöhnte leiſe und ſchloß die Augen. „Nein,“— murmelte ſie nach einer kleinen Pauſe, kaum hörbar,—„verwundet nicht— aber— ich fühle—⸗ „O mein Gott, was fühlſt u? Was iſt Dir?⸗ rief der Mann beſtürzt und von entſetzlicher Ahnung ergriffen. „Der Schreck— das furchtbar Unerwartete— die Erſchütterung— ich fühle— Wehen!— Charles — meine Stunde kommt!“ —„Großer Gott!“ ſtammelte der junge Mann— „Und hier in der Einſamkeit, ohne Beiſtand! Es iſt ſchrecklich! Was fange ich an?“ Er ſprang auf und rang verzweifelnd die Hände, während die junge Frau ſich auf den Raſen ſtützte und leiſe wimmerte. Er umfaßte die Leidende und richtete ſie auf. Sie that zitternd einen Schritt, dann ſtieß ſie einen Schrei aus und wäre zu Boden geſchlagen, wenn der junge Mann ſie nicht gehalten hätte. „Ich kann nicht weiter, Charles!“ ſtöhnte ſie. Dieſer ließ ſie behutſam auf den Raſen nieder⸗ gleiten, während er ſchmerzlich murmelte:„Es iſt um den Verſtand zu verlieren!“ Da plötzlich war es ihm, als vernehme er den hal⸗ lenden Tritt eines laufenden Menſchen. Er täuſchte ſich nicht; das Geräuſch kam den Hügel herauf. Haſtig fuhr er empor und ſtarrte nach der Rich⸗ tung, aus der die Tritte erſchallten. „Hörſt Du, Thereſe?“ murmelte er—„Vielleicht kommt Hülfe!“ Die Frau ſchauderte zuſammen. „Der Elende wird zurückkehren!“ jammerte ſie, ſich an die Knie ihres Mannes klammernd. Sie hatte kaum vollendet, als eine Geſtalt um die Baumgruppe bog. Im nächſten Augenblick ſtürzte ſich ein kräftiger Mann auf den Gatten der aufſchreienden Frau. „Was geſchieht da?“ ſchrie jener Mann, indem er mit nerviger Fauſt den Andern an der Bruſt packte. Dieſer, in ſeinen Bewegungen durch die ſich anklam⸗ mernde Frau gehindert, griff dennoch nach dem Halſe des ihn Anfallenden, um ihn zu erwürgen. 15 „Mörder, Räuber!“ ſchrie er zu gleicher Zeit, aber jetzt in deutſcher Sprache—„Hab' ich Dich?!“ „Was Mörder!“ donnerte der handfeſte Mann, indem er mit einer ſeiner eiſernen Fäuſte die zarten Hände des jungen Mannes von ſeinem Halſe ſchleuderte, während die andere noch immer die Bruſt des Gegners gepackt hielt.—„Ich bimauf den Schuß, den ich gehört hab', hieher gelaufen. Was iſt da geſchehen? Wer ſeid Ihr 2 „Um Gottes willen, laßt ihn los, er iſt mein Mann!“ ſchrie die junge Frau, trotz ihres entſetzlichen Zuſtandes ſich heftig aufraffend und zwiſchen ihren Gatten und den Fremden werfend. Dieſer aber ließ nicht los. „Wie? So habt Ihr Eure Frau umbringen wol⸗ len?“ rief er—„Und Euch vielleicht obendrein?“ „Sie irren,“ ſtammelte die junge Frau, ſich er⸗ ſchöpft an ihren Gatten lehnend,—„ich— ich ward angefallen!“ Der Mondenglanz beleuchtete jetzt grell die Gruppe, welche von den Dreien gebildet wurde. Der zuletzt Angelangte war ein breitſchulteriger, unterſetzter Mann. Er trug die Kleidung eines Arbei⸗ ters. Die tiefgefurchten Züge ſeines breiten Antlitzes waren öffen und ehrlich, nnd ſogar jetzt noch, wo er die Stirn gerunzelt, die ſchwarzen, buſchigten Augenbrauen zuſammengezogen hatte, wohlwollend zu nennen. Er mochte ein Fünfziger ſein, denn unter ſeiner Kappe ſtah⸗ len ſich graue Locken hervor. Seine Haltung aber war ſtraff, ſein Körper muskulös, und ſchien an Spannkraft und Gewandtheit demjenigen eines kräftigen Jünglings nichts nachzugeben.* Jetzt blickte dieſer Mann von dem Gatten auf die Frau; er ſah ſie wanken, ſeine Eiſenfinger lösten ſich von der Bruſt des jungen Mannes; er hatte gerade ſo viele Zeit, die von Neuem Ohnmächtige aufzufangen. „Helft mir,“ ſchrie der junge Mann entſetzt,„o Gott, was beginnen?! Jeden Augenblick kann ihre Ent⸗ bindung vor ſich gehen!“ 3 Der breitſchulterige Alte zuckte zuſammen. „Und wie konnten Sie wagen, Herr,“ murmelte er heftig,„mit Ihrer Frau in ſolcher Lage und ſo ſpät hie⸗ her zu gehen?“ „Ahnte ich denn,“ verſetzte der junge Mann,„daß ſich hier ſo Unſeliges ereignen könne? Sie iſt erſt lhm ſiebenten Monat— und nur der furchtbare Schreck—! O mein Gott, ich werde Mutter und Kind zugleich ver⸗ lieren!“ Und mit wenigen flüchtigen Worten theilte er dem 17 Manne mit, was er von dem Ereigniß wußte, das ſich an der Baumgruppe zugetragen hatte. Der Arbeiter blickte theilnahmsvoll auf die junge Frau, die ſich auch von dieſer Ohnmacht erholte. Dann ſagte er:„Ich ſah und hörte nirgend etwas von dem Schurken, als ich herbeilief. Was hilft es, ihn aufſu⸗ chen, er wird ohnehin längſt über alle Berge ſein! Jetzt dürfen wir nur daran denken, der armen Frau zu hel⸗ fen. Der Weg nach Neuwaldegg iſt abſchüſſig, wir ha⸗ ben dahin ſo weit wie nach Pötzleinsdorf. Tragen wir ſie dorthin, wenn's noch möglich iſt!“ „Vorwärts! Barmherziger Gott!“ ſtöhnte die junge Frau, die ſich in Schmerzen wand. Die beiden Männer hoben ſie behutſam auf und trugen ſie den mondbeglänzten Pfad entlang. Es war ein trauriger Marſch, während deſſen die Herzen in dumpfen Schlägen ſtets ängſtlich dem nächſten Augen⸗ blick entgegenpochten. Erſchöpft und mit Schweiß bedeckt erreichten die Männer mit ihrer Bürde Pötzleinsdorf. Sie trugen die junge Frau zum nächſten, Wirthshauſe. Man ſchickte ſich an, die Hebamme des Dorfes zu holen. „Nein, nein!“ ächzte die Leidende.—„Nach Hauſe, ich werde das Fahren ertragen können!“. Fabrikanten und Arbeiter. I. 2 Vom Stellwagen⸗Inhaber ward eilig eine Kaleſche herbeigeſchafft. Wenige Minuten, nachdem dieſes geſche⸗ hen, rollte der Wagen mit der jungen Frau, ihrem Gatten und dem breitſchulterigen Alten langſam der Stadt zu. Zweites Capitel. Eine Enthüllung. In einer der ſchönſten und von früh bis ſpät durch raſtloſen Geſchäftsverkehr belebten Straßen der Wiener Vorſtadt Schottenfeld liegt ein ſtattliches, zweiſtöckiges Gebäude. Wenn man durch das hohe gewölbte Portal 6 desſelben in den gepflaſterten Hof tritt, ſo gewahrt man Zur Rechten und Linken weit ſich dehnende Seitentrakte Trakt zum anderen hinlaufendes, durch viele Schnörkel verziertes, altmodiſches Eiſengitter, das den Hof von dem parkähnlich angelegten ziemlich umfangreichen Gar⸗ ten trennt. Zur Zeit, in der dieſer Roman beginnt, alſo vor einigen Jahren, gehörte dieſe Beſitzung dem angeſehenen Seidenfabrikanten Joſef Stahl. 2* 20 Das ganze Aeußere des Gebäudes, deſſen Vorder⸗ ſeite ausſchließlich vom Beſitzer und ſeiner Familie be⸗ wohnt ward, während die Seitentrakte Fabrik und Stal⸗ lung in ſich ſchloſſen, verkündete ſchon, daß es der Ei⸗ genthümer liebe, ſich mit einem gewiſſen kavalierartigen Glanz zu umgeben. Die hohen und breiten Fenſter des Parterre und erſten Stockes hatten an der Gaſſenfronte luxuriöſe Spiegelſcheiben, die Fagade war bis unter's Dach mit Bildhauerzierrath überladen, der umfangreiche Balkon des erſten Stockes hatte eine Einfaſſung von reich ziſelirter Bronze. In der Einfahrt gelangte man zu der Haupttreppe, indem man durch die Thüre einer Glaswand trat, aber man konnte die Schwelle dieſer Treppe nur überſchreiten, nachdem man angeläutet und ein auf den Ruf der Glocke herbeiwatſchelndes, mit krum⸗ men Beinen und dickem Kürbiskopfe ausgeſtattetes fett⸗ wanſtiges Weſen, das zwiſchen Hausmeiſter und Portier die Mitte hielt— denn einen gallonirten Portier getraute ſich der Eigenthümer des Hauſes, ſo gern er auch hierin den Kavalier geſpielt hätte, doch nicht zu halten, da er die Nachrede der übrigen Fabrikanten und ſelbſt diejenige ſeiner Arbeiter fürchtete— es für gut befunden hatte, Einem Einlaß zu gewähren. Wir ſchreiten mit der Freiheit, welche ſich Dichter und Leſer nehmen dürfen, über die mit Teppichen belegte 21 Treppe zum erſten Stock empor. Die Wände bis hin⸗ auf ſind mit polirtem Stuck belegt, und tragen, wie in manchen vornehmen Hänſern, deren Inneres oft auch nicht von Ueberladung und Geſchmackloſigkeit frei iſt, an den Simſen Goldeinfaſſung und in halber Höhe zur Decke hier und dort Statuetten. Obſchon auf dieſen Aufgang ziemlich viel Luxus verſchwendet iſt, macht doch das Ganze den Eindruck des Improviſirten, ja man ſieht es dem ganzen Gebäude an, daß es alt iſt, und ſich nicht ſchicken mag in die moderne Uebertünchung, die ſtellenweiſe Umbauung und das augenblendende Flick⸗ werk von doch nur zweifelhafter Eleganz. Und ſo iſt es mit den ſämmtlichen Salons, den Boudoirs, Empfangzimmern, den Kabineten dieſer Fabrikantenwohnung; überall prächtige Tapeten, groß⸗ muſterige Vorhänge, abenteuerlich moderne Möbel, glän⸗ zende Parketten, rieſige Trumeaux, tauſend kleine Gegen⸗ ſtände der Mode, aber das Eine in ſchreienden Farben, wenn auch das Andere geſchmackvoll, an dieſer Wand in reichen Goldrahmen die herrliche Schöpfung eines Ta⸗ lentes erſten Ranges, an jener, in gleich ſtolzer Umrah⸗ mung, die elende Farbenklexerei eines Stümpers, der für Trödler zu malen pflegt. Kurz, Alles iſt anmaßlich zuſammengehäuft, und gibt wohl Zeugniß von der Prunk⸗ liebe und Launenhaftigkeit der Bewohner jener Räume, 22 doch nicht von verſtändiger Wahl und Anordnung, wie ſie ein feingebildeter Geiſt zu treffen weiß. Man erkennt auf den erſten Blick, daß man ſich in der Wohnung eines Emporkömmlings befindet. Ungefähr um dieſelbe Zeit, zu der im Pötzleins⸗ dorfer Gehölze ein Schuß auf die junge Frau abgefeuert ward, zog ein Herr die Glocke der Portalglasthüre. Das Zwitterweſen von Hausmeiſter und Portier verließ ſein Kabinet neben der Thür und ſtreckte das bläulichrothe Weingeſicht mit verdrießlicher Miene ge⸗ gen die Glaswand vor. Der kleine, ſchwulſtige Mann, der ſich ſelber eine große Wichtigkeit beilegte, war, wie die Mehrzahl ſeiner Kollegen, in der Regel mürriſch und hochfahrend gegen Beſucher, welche nicht in einer Equi⸗ page vorfuhren, oder wohl gar die ſchlichte Kleidung eines Geſchäftsmannes der Mittelklaſſe trugen. Obwohl nun aber der Herr, den er jetzt hinter der Glaswand erblickte, zu Fuß gekommen und nicht im Ge⸗ ringſten elegant angezogen war, verwandelte ſich doch beim Anblick desſelben die Bullenbeißerphyſiognomie des dicken Pförtners augenblicklich. Er öffnete eilig und mit ehrerbietigem Gruße. Der Herr erwiderte dieſe beinahe kriechende Höf⸗ lichkeit durch ein kaum bemerkbares Kopfnicken, und fragte trocken:„Herr von Stahl zu Hauſe?“ 23 „Nein, Euer Gnaden,“ entgegnete der Dicke mit zudringlicher Unterwürfigkeit und in geſchwätzigem Tone, „auch die gnädige Frau iſt nicht da. Sie iſt mit dem jungen Herrn auf Viſit gefahren, und das gnädige Fräu⸗ lein Ottilie iſt mit dem Herrn Baron von Lenz vor zwei Stunden in die Reitſchule und noch nicht wieder zurück. Aber der gnädige Herr läßt Euer Gnaden ſagen, Sie möchten die Güte haben, ſich einen Augenblick zu gedul⸗ den, er werde bald kommen.“ Der Dicke ſchritt über den mit Marmorplatten be⸗ legten Flur, und öffnete die Thüre eines Kabinetes. „Anton,“ rief er gravitätiſch hinein,„führ' den Herrn von Weidner ins Beſuchzimmer.“ Ein langer Burſche in Livree, mit ſchlaftrunkener Miene und gerötheten Augen, ließ ſich auf der Schwelle blicken. „Laßt das,“ ſagte der ſchlicht gekleidete Herr ziem⸗ lich barſch, indem er eine abwehrende Handbewegung machte,„ich kenne ſchon den Weg, das wißt Ihr ja!“ Und ohne Weiteres ſchritt er einige Stufen der Haupttreppe hinan. Dann blieb er ſtehen und wendete ſich mürriſch um. „Werde ich lange warten müſſen?“ fragte er. „Gewiß nicht, Euer Gnaden,“ verſetzte der Dicke mit einem Kratzfuß,„der gnädige Herr hat geſagt, 24 daß er jedenfalls um halb neun Uhr zu Hauſe ſein werde.“ „Und es iſt alſo Niemand von der Familie da, mit dem ſich ein Wort reden ließe?“ fuhr der Herr nach⸗ denklich fort. „Niemand— das heißt, das Fräulein Pauline iſt ſchon zu Hauſe, aber Euer Gnaden wiſſen wohl—“ „Was weiß ich?“ „Nun,“ verſetzte der Dicke, indem er die kleinen Augen liſtig zuſammenkniff und dabei verächtlich ſchmun⸗ zelte,„Euer Gnaden wiſſen doch ſelber, daß Fräulein Pauline nicht gar unterhaltlich iſt, zu einfach, und nicht wie ihre Schweſter das Fräulein Ottilie oder die andern gnädigen Herrſchaften. Sie bleibt auch für gewöhnlich in ihrem Zimmer, wenn ein Beſuch da iſt, und ſo hab' ich gemeint—“ „Behaltet Eure Meinung für Euch, Freund!“ un⸗ terbrach ihn der Herr barſch—„Ich möchte Euch gerade erſuchen, Fräulein Pauline meine Anweſenheit zu melden, und ihr zu ſagen, daß es mich freuen würde, wenn ſie mir geſtatten wollte, einige Worte mit ihr zu wechſeln. Verſtanden?“ „Ganz wie Euer Gnaden befehlen!“ ſagte der Dicke unterwürfig. „Ich habe hier nichts zu befehlen!“ brummte der 1 25 Herr ärgerlich undſtieg einige Stufen höher. Dann wen⸗ dete er ſich nochmals. „Apropos,“ rief er,„wann war mein Sohn zuletzt hier?“ „Geſtern am Abend bis nach zehn Uhr, Euer Gna⸗ den!“ antwortete der Hausmeiſter⸗Portier, der am Fuße der Treppe ſtehen geblieben war.—„Der junge Herr von Weidner,“ fuhr er fort, indem ſich ſein liſtiger Blick wiederholte,„kamen mit dem Fräulein Ottilie aus dem Theater.“ „Hm!“ knurrte der Herr in gereiztem Tone und ſchob vollends die Treppe hinan. Der feiſte Hausbeſorger ſchnitt ihm eine Fratze nach und brummte vor ſich hin:„Der Grobian, wenn er nicht ſo angeſehen auf dem Grund wär' und mein Herr nicht ſo viele Geſchichten mit ihm machte, und ſein Herr Sohn nicht ſo gute Trinkgelder gäbe, ich wollt' ihm ſchon—“ Er unterbrach ſich ſelber und grunzte dem langen Burſchen zu:„Geh' Anton, und ſag' der Pauline, ſie ſolle herunter kommen und den Herrn von Weidner unterhalten.“ Der Diener ſchlotterte vorwärts, der Hausmeiſter⸗ Portier kroch in ſein Kabinet. Der Herr, welcher Weidner genannt worden war, hatte indeß im erſten Stock einen Salon betreten, deſſen 26 Flügelthüren der Stiege entgegenſtanden, Er befand ſich jetzt in einem Gemache, in dem Alles angehäuft zu ſein ſchien, was pomphafter Luxus und raffinirte Ge⸗ ſchmackloſigkeit im Verein zu bieten vermögen. Der Eingetretene blickte verdroſſen um ſich her, Dann ſtellte er ſeinen Hut auf einen Seſſel, legte die Hände auf den Rücken und ſchritt langſam im Saale auf und nieder, auf deſſen Sophatiſch bereits eine koſtbare Lampe brannte. „Hm,“ murmelte er kopfſchüttelnd vor ſich hin, „die Frau ſpielt die große Dame und fährt auf Beſuche, ſtatt ſich um die Wirthſchaft zu bekümmern, die Tochter galopirt mit Kavalieren in der Reitbahn, der Mann hat ein Geſchäft mit mir abzuthun, an dem ihm viel gelegen ſein muß, und läßt mich warten. Er iſt reich, er hat große Verbindungen, und doch, was wird bei ſolcher Lebensweiſe auf die Länge herausſchauen?! Hm, mein Franz iſt ſchon zu oft hierher gekommen, der Umgang mit dieſer Emanzipirten, wie ſich die übermüthigen, ver⸗ ſchwenderiſchen Weibsbilder ſchelten laſſen, hat ihm den Reſt gegeben, denn an Anlage, ſo ein Taugenichts zu werden, wie die Burſchen, die ſo nobel mit dem fertig zu werden wiſſen, was der Vater ſich ſauer verdient, hat es ihm ohnehin nicht gefehlt! Ich muß da einen Riegel vorſchieben!“ 27 Der Mann, welcher alſo ſprach, war ein Fünfziger. Er hatte einen gedrungenen, kräftigen Körper, der zur Wohlbeleibtheit hinneigte. Seine vollen Wangen trugen die Farbe der Geſundheit, aus ſeinen kleinen, blauen Augen glänzte Freimuth, wie denn auch die ganze Hal⸗ tung des Mannes eine derbe und ungekünſtelte war. In ſeinen Zügen lagen Biederkeit und Wohlwollen, aber auch Charakterfeſtigkeit, und die hohe, vom ſpärlichen grauen Haar eingefaßte Stirn, ſowie die ſcharfgeſchnit⸗ tene Falte, welche die Mundwinkel herabzog, deuteten darauf, daß er ein Mann von eiſernem Entſchluß ſei. Sein Antlitz war nicht ohne intelligenten Ausdruck, und obwohl es mit ſeinen vollen Wangen etwas von dem Ausſehen desjenigen eines behäbigen, ſorgloſen Spieß⸗ bürgers hatte, ließ es doch errathen, daß der Mann einen harten Kampf gegen die Außenwelt zu beſtehen hatte, bevor er ſich in ſeiner Sphäre zur vollen Geltung ge⸗ bracht. Und daß dies letztere der Fall ſein mußte, ver⸗ kündete unzweideutig die ganze in ſchlichter Anſpruchs⸗ loſigkeit ſelbſtbewußte Haltung Weidners, dem man auf den erſten Blick den Mann der Arbeit, den beſonnenen, thatkräftigen Induſtriellen anſah. Nachdem er noch einige Male ſinnend im Saale auf⸗ und abgegangen, blieb er plötzlich vor einem Oelge⸗ mälde ſtehen, das über einer Etagère hing. Das Bild 28 ſtellte ein ſchönes Mädchen dar, aus deren Zügen Leben⸗ digkeit und Zuverſicht ſprachen. „Da iſt dieſe Ottilie!“ murmelte er, das Porträt ſcharf betrachtend.—„Sie iſt ſchön,— aber Schönheit vergeht!“ Der Blick Weidners glitt flüchtig über die andern Bilder des Zimmers. „Da brüſtet ſich die Alte wie ein Pfau,“ fuhr er fort,„die vor fünfundzwanzig Jahren baarfuß aus Böh⸗ men nach Wien gekommen iſt, und beim Bau Steine zugetragen hat! Und dort ſind Vater und Sohn, aber, zum Henker, die andere Tochter ſeh⸗ ich da nirgend. Der armen Pauline geht's an der Wand wie im Leben, man hat ſie auf die Seite geſchoben. Und ſie iſt vielleicht die Beſte von Allen, wenigſtens ſcheint ſie die Vernünftigſte zu ſein!“ Weidner hatte kaum dieſe Worte vor ſich hinge⸗ brummt, als ſich unmittelbar neben ihm eine Seitenthür des Salons öffnete. Ein junges Mädchen trat mit ſchüch⸗ terner Haltung ein und grüßte verlegen. Dieſes Mäd⸗ chen war Pauline. Sie zählte neunzehn Jahre, hatte ein blaſſes, nicht unintereſſantes Geſicht, ſchöne, dunkle, ausdrucksvolle Augen, herrliches kaſtanienbraunes Haar und einen ſchlanken Wuchs. Das waren ihre ganzen körperlichen 29 Vorzüge, die durch eine etwas vorübergebeugte Haltung, durch die Schwächlichkeit der Formen, welche in ihrer Magerkeit faſt eckig erſchienen und durch ein ſcheues, zurückhaltendes Weſen beeinträchtigt wurden So erſchien Pauline auf den erſten flüchtigen Blick von der Natur faſt ſtiefmütterlich bedacht zu ſein, und erſt das länger prüfende Auge eines theilnahmsvolleren Beobachters als die oberflächliche Menge, die ſich immer durch in die Augen ſtechende Sinnlichkeit fangen läßt, wußte die gei⸗ ſtigen Reize Paulinens zu würdigen. Weidner trat zu dem Mädchen, ſein Autlitz heiterte ſich einigermaßen auf. Er drückte ihr voll Herzlichkeit die Hand und führte ſie zu einem Seſſel. Während er dies that, war es ihm, als zittere ſie heftig. Jedenfalls ſah er ſie lebhaft, wenn auch nur flüchtig erröthen. „Was der Teufel,“ dachte er ſich, indem er dem Mäd⸗ chen gegenüber Platz nahm,„ſie wird doch nicht etwa gehört haben, was ich da ſoeben vor mich hinbrummte? Und er richtete die kleinen, blauen, treuherzigen Augen jetzt gewiſſermaßen verlegen auf das junge, ein⸗ fach gekleidete Mädchen, die, den Blick zu Boden ge⸗ ſchlagen, faſt regungslos daſaß, jedoch in großer Unruhe zu ſein ſchien. „Verzeihen Sie, mein Fräulein,“ begann Weidner nach einer kleinen Pauſe,„daß ich Sie ohne viele Um⸗ 30 ſtände habe erſuchen laſſen, zu mir herunter zu kom⸗ men.“ Pauline nahm einen ſichtlichen Anlauf, ihre Be⸗ fangenheit zu bekämpfen. Es gelang ihr. „Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet, Herr von Weidner,“ ſagte ſie anfänglich kaum hörbar, dann lauter redend, doch mit unſicherer Stimme,„daß Sie mir Ihre Anweſenheit anzeigen ließen, denn ich habe nothwendig— mit Ihnen zu reden.“ „Sie mit mir?“ verſetzte Weidner erſtaunt.— „Es lag in der That auch in meiner Abſicht, Sie um einige Dinge zu befragen.“ „Fragen Sie, Herr von Weidner,“ entgegnete Pauline mit ſchon größerer Feſtigkeit.—„Was oder wen betreffen dieſe Fragen?“ „Ihre Schweſter Ottilie und— meinen Sohn!“ ſagte Weidner ernſt. Eine dunkle Röthe überflammte für einen Augen⸗ blick das Antlitz des jungen Mädchens. Dann ward ſie bleicher als gewöhnlich. Ihr Blick irrte ängſtlich vom Beſucher zum Boden. Weidner gewahrte dieſe Unruhe mit einigem Befremden. „Zuvor, mein Fräulein,“ fuhr er fort,„möchte ich aber wiſſen, was Sie mir mitzutheilen haben N ——— — 31 Ich frage wie Sie— um wen oder was handelt es ſich?“ Pauline ſchien ihre ganze Energie zuſammenzuraf⸗ fen. Sie blickte auf und ſah den Frager mit einer gewiſſen fieberhaften Erregung an. „Was ich Ihnen zu ſagen habe,“ ſtieß ſie faſt gewaltſam hervor,„betrifft meinen Vater, und die An⸗ gelegenheit, welche Sie, Herr von Weidner, heute zu ihm führt.“ „Wie?“ rief Weidner lächelnd.„ Pflegt Ihr Herr Vater ſeine Geſchäftsangelegenheiten mit Ihnen zu be⸗ rathen?“ „Ich war gegenwärtig, als der Vater ſich mit mei⸗ ner Mutter und der Schweſter beſprach.“ „Aufrichtig geſtanden,“ verſetzte Weidner noch im⸗ mer lächelnd,„bin ich überraſcht zu hören, daß Mutter und Schweſter ſich für derlei Dinge intereſſiren, da mir doch ſcheint, als ob—⸗ „Es handelte ſich dabei um die Zukunft Otti⸗ liens—!“ begann Pauline und ſtockte dann in peinlicher Befangenheit. „Ei,“ rief Weidner hoch aufhorchend,„um die Zukunft Ihrer Schweſter? Was hat denn dieſe mit dem Geldgeſchäft zu thun, das Ihr Vater mit mir abzuma⸗ chen beabſichtigt?“ „Der Vater,“ flüſterte Pauline faſt tonlos,„hat heute im Sinne, Ihnen nebſt dem Geſchäft eine Ver⸗ bindung Ottiliens mit Ihrem Herrn Sohne vorzu⸗ ſchlagen.“ „Was Sie ſagen!“ rief Weidner überraſcht.— „Alſo mein Sohn hat bei Ihren Eltern um die Hand des Fräuleins angehalten?“ 3 „Ich glaube kaum,“ entgegnete das junge Mäd⸗ chen verwirrt. „Aber er liebt das Fräulein, und hat ſich bei ihr um ſie beworben?“ „Ich weiß nur, daß Ihr Herr Sohn ſich gegen meine Schweſter aufmerkſam zeigt!“ entgegnete Pauline mit leiſe zitternder Stimme. „So glauben Sie,“ fragte Weidner ſcharf, ſeine kleinen Augen feſt und durchdringend auf Pauline rich⸗ tend,„daß Fräulein Ottilie meinen Sohn liebe, und dieſes ihren Eltern geſtanden habe 95 „Ich kann es nicht ſagen,“ erwiederte das junge Mädchen von Neuem erröthend,„meine Schweſter hat mich nicht in ihr Vertrauen gezogen.“ „Sie wollen mir ausweichen, mein Fräulein,“ ſagte Weidner ruhig,„und mir nicht eingeſtehen, daß Sie nicht glauben können, ein Mädchen liebe wahrhaft 2 33 und herzlich den Einen, wenn ſie mit dem Andern allein in die Reitſchule fährt.“ Pauline wollte reden, Weidner hinderte ſie daran. „Laſſen wir das gut ſein,“ fuhr er trocken fort, „ich will Sie nicht nöthigen, in dieſer Sache Ihre Mei⸗ nung abzugeben. Hm,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ver⸗ muthlich iſt alſo dieſes Heiratsprojekt direkt von Ihrem Bater ausgegangen, Fräulein?“ Pauline ſchien während einiger Augenblicke einen heftigen inneren Kampf zu beſtehen. Dann drückten ihre Züge einen herzhaften Entſchluß aus. Sie erhob ſich vom Seſſel. Das Letztere that auch Weidner einiger⸗ maßen betroffen. Das Mädchen trat raſch zu ihm heran. „Herr von Weidner,“ ſagte ſie in heftiger Erre⸗ gung, doch jetzt ohne Scheu,„ich habe Ihnen Eröffnun⸗ gen zu machen, die Ihnen vorzuenthalten von meiner Seite eine Ehrloſigkeit wäre. Seit dieſem Morgen martere ich mich darum ab, was ich beginnen ſolle, liegt mein Gewiſſen mit der Pflicht, welche ich gegen meine Eltern zu erfüllen habe, in Zwieſpalt. Zehnmal ſchon heute war ich entſchloſſen, zu Ihnen zu gehen, Ihnen zu ſchreiben, und eben ſo oft hielt mich der ſchmerzliche Ge⸗ danke davon ab, daß ich im Begriff ſtehe, die Anklä⸗ gerin meiner eigenen Eltern zu werden!“ Fabritanten und Arbeiter. I. 3 34 Das junge Mädchen ſtarrte vor ſich hin, ihr Bu⸗ ſen wogte heftig. Sie war nahe daran in Thränen aus⸗ zubrechen. Weidner ergriff ihe zitternde Hand. Der biedere Mann hatte den Anfang ihrer Rede nicht verſtanden, den Schluß derſelben falſch gedeutet. „Armes Kind,“ ſagte er theilnehmend,„ich be⸗ greife, was Sie leiden müſſen. Sie ſind brav, die we⸗ nigen Male, daß ich dieſes Haus betreten, iſt mir Ihr ſtilles, beſcheidenes Weſen nicht entgangen, aber auch nicht die Ungerechtigkeit, die Zurückſetzung, mit der Ihre Eltern gegen Sie verfahren, die ſchroffe, liebloſe Art, mit der Ihre Schweſter Ihnen entgegentritt. Sie haben das Alles gewiß nicht verdient!“ „O das iſt es nicht,“ erwiederte Pauline, die zit⸗ ternde Hand zurückziehend,„was ich mich unwiderſteh⸗ lich angetrieben fühle, Ihnen mitzutheilen! Da ſei Gott vor, daß ich mich gegen einen Anderen über das Mehr oder Weniger der Zärtlichkeit oder Theilnahme beklage, welche Eltern und Geſchwiſter glauben mir zuwenden zu müſſen. Mir ſteht weder das Recht zu, meine Familie zu verdammen, ſelbſt, wenn ſie die Gefühle zurückſtoßen ſollte, welche ich für ſie hege, noch ſie in den Augen An⸗ derer herabzuſetzen, denn ich gehöre ihr an, und habe als ein Glied derſelben natürliche, ja heilige Verpflich⸗ 35 tungen gegen Alle. Aber ſo weit gehen dieſe Verpflich⸗ tungen nicht, daß ſie mir auferlegen könnten, ruhig zu⸗ zuſehen, wenn man ſich anſchickt, eine Grauſamkeit, eine — Schlechtigkeit gegen Diejenigen zu begehen, die ich achte! Ich beſchwöre Sie alſo, Herr von Weidner, nach dem was Sie von mir hören werden, nicht von mir zu glauben, daß Kränkung, Neid, oder die Bitterkeit über etwaige Zurückſetzung, daß Mangel an Pflichtgefühl gegen meine Eltern mich bewogen haben, Ihnen zu ent⸗ decken, was ich weiß, was man mit Ihnen vorhat!“ „Was ſagen Sie, Fräulein Pauline? Mit mir?“ fragte Weidner geſpannt.—„Was werde ich hören?“ „Sie ſind ein ſchlichter, gerader Mann,“ fuhr Pauline fort,„ich bin gleich Ihnen ſchlicht und gerade, Sie werden begreifen, w arum ich ſo handeln muß. Ich weiß, ich vernichte, wenn ich rede, auf einen Schlag die Pläne meines Vaters, aber ich muß reden, ich kann nicht an⸗ ders! Doch ſchwören Sie mir zuvor, Herr von Weid⸗ ner, daß Sie von dem, was ich Ihnen mitzutheilen habe, keinen anderen Gebrauch machen wollen, als den, ſich und Ihre Familie, die ich hochſchätze, ſicher zu ſtellen!“ „Seltſam!“ murmelte Weidner. Dann antwortete er:„Sie ſind furchtbar aufgeregt, mein Fräulein. Faſſen Sie ſich! Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich von dem, was Sie ſich gedrungen fühlen, mir 3* 8 36 anzuvertrauen, keine Sylbe zum Schaden Ihrer Familie ausbeuten werde. Reden Sie!“ „Herr von Weidner,“ begann das junge Mädchen mit ſichtlicher Anſtrengung,„mein Bater hat Sie auf⸗ gefordert, ſich an einem gewiſſen induſtriellen Unterneh⸗ men, das er ins Leben rufen wolle, mit 40,000 Gulden zu betheiligen.“ „Ja, Fräulein. Und heute Abend ſollte die Sache geordnet werden.“ „Dieſes Unternehmen iſt eine Vorſpiegelung,— mein Vater benöthigt die Summe zur Beſeitigung einer drohenden Gefahr!“ „Iſt es möglich? Aber Ihr Vater iſt doch rangirt, hat bedeutende Verbindungen, Kredit, wenn alſo eine momentane Verlegenheit, in die auch der ſolide Fabri⸗ kant ſchon kommen kann, falls er zufällig nicht von allen Seiten hin vorſichtig war,—“ „Es iſt mehr als das,“ unterbrach ihn das junge Mädchen mit düſterem Blick,„mein Vater iſt auf dem Wege— ſich völlig zu ruiniren. Er hat ſeinen Kredit nach allen Seiten in Uebermaß ausgebeutet, iſt Ver⸗ pflichtungen eingegangen, die er als ehrlicher Mann nicht erfüllen könnte, ohne ſich zu Grunde zu richten, unſer Haus iſt weit über ſeinen Werth hinaus beſchwert, das Geſchäft ſtockt,—“ 4 37 „Aber die großen Aufträge, von denen e bei unſerer geſtrigen Beſprechung eine machte,— 2 „Er kann ſie nicht ausführen fehlen!“ Pauline ſtockte einen Augenblick, dann in äußerſter Beklemmung fort:„Er vermochte in letz⸗ terer Zeit kaum ſeine Arbeiter auszubezahlen, während er Wechſel nach Wechſel ausſtellte.“ „Und das Alles um—“ r mir doch Andeutung fuhr ſie Andern ſeines Standes treten und ſeiner Leiden⸗ zu können!“ murmelte Pau⸗ „Dem Börſenſpiel?“ „Dem Börſen⸗ wie dem Kartenſpiel.“ Das junge Mädchen blickte traurig auf Weidner, der in hohem Grade betroffen war. „Ein unbeſtimmtes Gefühl hat mir ſchon früher einige Bedenken eingeflößt,“ ſagte er ernſt nach einigen Augenblicken des Ueberlegens,„wenn ich— Sie ent⸗ ſchuldigen ſchon, mein Fräulein, daß ich es gerade her⸗ ausſage— wenn ich ſo im Stillen beobachtet habe, was hier im Hauſe für ein Leben geführt wird. Aber ich hätte mir doch nicht träumen laſſen, daß es um Ihren Vater ſo ſtehe. Er läßt viel draufgehen, hab' ich mir geſagt, 29 38 aber er hat große Hülfsquellen, kann er ſich auf dieſe Art, wie er und ſeine Familie leben, nichts zurücklegen, ſo wird er doch nicht über ſeine äußerſten Kräfte hin⸗ ausgehen, denn er hat früher ſo gut zu rechnen gewußt wie ich. Freilich brachte ich, wenn ich ſo dachte, dabei nicht in Anſchlag, wohin Selbſtverblendung, Hochmuth, Eitelkeit den Menſchen führen können! Und zu ſolchen Mitteln der Täuſchung zu greifen, einem alten Freunde gegenüber,— denn hielt uns auch die verſchiedene Le⸗ bensweiſe ſeit Jahren ſo ziemlich auseinander, ſo wuch⸗ ſen wir doch mit einander auf und arbeiteten uns ge⸗ meinſchaftlich in die Höhe! Bei Gott, mein Fräulein, ich werde da um eine bittere Erfahrung reicher, daß er gerade mir einen Be—“ Weidner ſtockte. „Betrug wollen Sie ſagen!“ ſtammelte Pauline dumpf.—„O, es iſt entſetzlich, Und Sie wiſſen erſt einen geringen Theil deſſen, was mein Gewiſſen mich zwingt, Ihnen mitzutheilen! Der Baron Lenz—“ „Ah, jener Kavalier,“ unterbrach ſie Weidner, „mit dem Ihre Schweſter Ottilie heute Abend in der Reitſchule manöverirt! Ich begreife, daß er für die Pläne Ihres Vaters gewonnen ward, denn das Berg⸗ werk und die Kohlengruben im Banat, zu deren Ankau ich die 40,000 Gulden beiſteuern ſoll, gehören, wie Ihj ☛ 39 Vater angegeben hat, zu den Beſitzungen jenes Baron Lenz, die— vielleicht im Monde liegen, nicht ſo, mein Fräulein? Der Baron iſt ein Abenteurer, denken Sie das nicht auch?“ „Er iſt es,“ entgegnete Pauline düſter,„ſeit dieſem Morgen habe ich davon die Ueberzeugung erlangt.“ „Hm! Und wie erfuhren Sie dies Alles?“ „Es kam dieſen Morgen zwiſchen dem Vater, der Mutter, der Schweſter und dem Baron zur Sprache. Man beging die— Unvorſichtigkeit, meine Gegenwart im Zimmer nicht zu beachten. Und nachdem der Baron ſich entfernt hatte, ward die zweite Angelegenheit ver⸗ handelt, die wichtigere und gefährlichere für Sie und Ihre Familie!“ „Was der Teufel?!“ „Jene 40,000 Gulden bilden nur wenig mehr als den dritten Theil der Summe, deren mein Vater bedarf, ſich aus ſeinen Verlegenheiten zu ziehen.“ „Und dieſen Reſt beabſichtigt er von mir heraus⸗ zulocken? Ich bin neugierig, auf welche Art!“ „Mein Vater,“ begann Pauline beklommen und ſich gewaltſam zur Rede aufraffend,„hat bemerkt, daß Ihr Herr Sohn Ottilie auszeichnet, er hat meine Schweſter aufgefordert, Alles daran zu ſetzen, ſich ſeines 40 Herzens zu verſichern, denn— Ihr Sohn wird 80,000 Gulden von Ihnen an jenem Tage erhalten, wo er ſich ſelber einen häuslichen Herd gründet.“ „Alle Wetter,“ rief Weidner überraſcht,„woher weiß das Ihr Vater?“ „Ihre Frau Gemahlin äußerte es während eines Beſuches, den mein Vater vor Kurzem in Ihrem Hauſe machte, auch ließ Ihr Herr Sohn einmal eine ähnliche Andeutung fallen.“ „Thaten ſie das? Hm!“ murmelte Weidner— „Alte Plaudertaſche! Darauf hin ſtützt ſich der Junge, und fängt an ein— das kann Alles anders kommen! Hm,“ fuhr Weidner laut fort,„meine Frau hat mir da wohl einen dummen Streich geſpielt, und mein Sohn nachgeplappert, was die Alte ſchwatzte— denn ich bin nicht der Mann, Fräulein, der an die große Glocke hängt, wie viel er ſich erworben hat, und was er ſeinen Kindern geben wird. Und wenn ich meinem Sohne eine nicht unbedeutende Summe zugedacht hab', ſo mag das zu einer Zeit geſchehen ſein, wo ſich vom jungen Herrn noch erwarten ließ, daß er in Bezug auf Solidität völlig in die Fußſtapfen ſeines Vaters treten werde! Aber gut, nehmen wir an, mein Sohn erhalte eine ſolche Summe, ſobald er heiratet, auf welche Weiſe gedachte ſie denn Ihr Vater in ſeine Hände zu bekommen?“ 41 „Ihr Sohn,“ entgegnete Pauline mit niederge⸗ ſchlagenem Blick,„hat die Technik ſtudiert, er iſt Archi⸗ tekt,—“ „Ja, das heißt, wir warten noch auf ſeinen erſten Bau!“ redete Weidner grimmig und bitter hinein. „Und ſo hat denn mein Vater,“ fuhr das Mädchen fort,„den Plan gefaßt, eine Verbindung Ihres Herrn Sohnes mit Ottilien anzuſtreben, ihn dann zu beſtim⸗ men, die techniſche Leitung jener Kohlen⸗ und Eiſen⸗ werke zu übernehmen,—“ „Die nur auf dem Papier exiſtiren!“ brummte Weidner voll Hohn. „Und die väterliche Mitgift in das Unternehmen zu ſtecken—“ „Wie der Vater zuvor die 40,000 Gulden!“ rief Weidner, deſſen Hohn einer Entrüſtung wich, die ſeine Stirne zu röthen begann.„Brav erſonnen! Natürlich ſollten die Geſchäfte kurz vor der Hochzeit abgemacht werden, und Vater und Sohn erſt nach derſelben die Augen aufgehen! Und Ihre Mutter und Schweſter ga⸗ ben ohne Weiteres dieſem Plane ihre Zuſtimmung, Fräulein?“ „Ja,“ verſetzte Pauline traurig—„Ottillie be⸗ hielt ſich vor, daß ihr vergönnt werde, ihre jetzige Le⸗ bensweiſe fortzuſetzen.“ 12 „Das heißt, den Umgang mit dem Baron⸗Aben⸗ teurer! Bravo! Es fehlt ihr nichts zu einer Weltdame nach nobelſtem Zuſchnitt! Was blieb da auch weiter zu bedenken? Die Heiligkeit der Ehe, das Glück einer Fa⸗ milie? Papperlapap, Gewäſch! Und was war zu riski⸗ ren! Heute tritt ſie lächelnd zum Altar, an der Hand eines Mannes, von dem ſie hoffen kann, daß er ſich möglicherweiſe ſchon in acht Tagen vor den Kopf ſchießt, ſobald er dahinter gekommen, wie man mit ſeinem Her⸗ zen Spiel getrieben und ſein Vermögen geplündert hat. Was kann er auch anderes thun? Den Schwiegervater und die Frau des Betruges zeihen, und ſich durch einen Skandal in den Augen der Welt als einen Dummkopf bekennen, der für den Spott nicht zu ſorgen braucht, da er zeitlebens den Schaden hat? O man iſt klug heut zu Tage, daß es Einem in die Augen beißt! Wie ſoll da der Ehrliche dem Schurken gegenüber Stand halten?! Ueberall iſt man von Elenden umgeben!“ Weidner ballte die Hände im Zorne und ſtampfte mit dem Fuße. Sein ſonſt ſo freundliches Antlitz hatte jetzt einen harten Ausdruck. Sein Blick ſchweifte düſter zu Paulinen hinüber, aber die Strenge desſelben ſtumpfte ſich alsbald an dem Anblick des Mädchens ab. Pauline ſtand milde, theilnehmend da, das Auge kummervoll auf den Empörten gerichtet. Dieſen überkam eine plötz⸗ liche Rührung, haſtig griff er nach beiden Händen Pau⸗ linen s. Er wollte reden, doch drängte er im nächſten Augenblicke die Worte, welche er auf der Lippe hatte, gewaltſam zurück, und heftete ſeine kleinen Augen ſtarr auf das Mädchen. Pauline zuckte unter dieſem Blick zu⸗ ſammen. „Ihr Entſchluß, mir Alles zu bekennen,“ murmelte er,„muß Sie einen furchtbaren Kampf gekoſtet haben! Sie ſind mein und meiner Fanillie rettender Engel! Wo⸗ durch haben ich und mein Sohn ſo viele Theilnahme verdient? Wir ſtehen Ihnen doch mehr oder weniger fern.“ Pauline zitterte leiſe. „Ich vernahm einſt,“ ſagte ſie kaum hörbar,„daß Sie ſich durch Rechtſchaffenheit und Fleiß mühſam zum Wohlſtand emporgerungen, und von jenem Au⸗ genblick an verehre ich Sie im Stillen. Und Ihr Herr Sohn,“ fuhr ſie bebend aber lebhaft fort,„iſt edel und gut. Mag er auch in Dieſem und Jenem durch ſeine Jugend und ſorglos gewählten Umgang ſich zu über⸗ eilten Handlungen hinreißen laſſen, bleibt ſeine Natur doch eine redliche, und gewiß, ſie wird ihn in Ihre Fuß⸗ ſtapfen leiten. Er verdient nicht das Opfer einer ſo grauſamen Täuſchung zu werden!“ Weidner drückte das glühende Mädchen haſtig an 44 ſeine Bruſt. Dann blickte er ſie wehmüthig an und ſagte:„Wollte Gott, mein Sohn hätte ſein Herz an Sie gehängt, Pauline! Wer weiß, was ich dann thäte!“ Das Blut ſchoß in des Mädchens Wangen, ſie preßte ihre Hand krampfhaft gegen die Bruſt. Weidner ſtarrte ſie betroffen an. Vor den Augen des ſchlichten Mannes begann es zu tagen.. „Armes Kind, ſie liebt ihn!“ ſagte er ſich. In dieſem Augenblick raſſelte ein Wagen in das Portal hinein. Pauline raffte ſich zuſammen und ſtürzte zum Salon hinaus. Nach einer halben Minute kehrte ſie eilig zurück. „Mutter und Schweſter kommen!“ ſtammelte ſie, „und nun Sie Alles wiſſen, Herr von Weidner, be⸗ ſchwöre ich Sie, ſchonen Sie meine Familie! O glau⸗ ben Sie mir, meine Eltern und Ottilie ſind nicht ſchlecht, Unbedachtſamkeit führte ſie auf falſche Wege, und nur ihre Rathloſigkeit läßt ſie dem Verbrechen ent⸗ gegentaumeln! Schonen Sie ſie!“ Weidner fuhr ſich mit der Hand über die Stirne. Dann machte er einen Schritt gegen Pauline, und ſagte mit feſter Stimme, ſie freundlich anblickend:„Ich werde mehr thun, ich will verſuchen, ſie zu retten!“ „O mein Gott,“ ſchluchzte das junge Mädchen außer ſich, indem ſie ſich bückte, Weidners Handzu küſſen. 45 „Nicht doch, Kind!“ murmelte dieſer, ſeine Hand zurückziehend—„Still! Verrathen wir uns nicht! Doch Eins noch, Pauline! Was ich für Ihre Familie thun werde, liebes Kind, thu ich um Ihretwillen!“ Drittes Capitel. Eine Fabrikantenfamilie nach modernem Zuſchnitt. Die Flügelthüren des Beſuchzimmers wurden auf⸗ geriſſen, eine Dame rauſchte in den Salon. Sie war klein, dick und demzufolge in Haltung und Bewegung ohne Anmuth. Trotz ihrer Korpulenz trug ſie eine fabelhaft umfangreiche Krinoline, wodurch ſie in ihrer, ungeachtet der Auguſthitze angelegten, ſchweren Moire⸗ Antique⸗Robe einem unförmlichen Seidenballon glich, der durch verborgene Mechanik in Bewegung geſetzt worden. Kleid, Mantille und Hut waren prunkhaft und in auffallenden Farben, die nicht zu einander paßten, zum Ueberfluß trug die Dame, weil ſie glauben mochte, daß ſie damit noch immer nicht genug in die Augen ſcheine, eine goldene Kette um den Hals, die bis zu der an ihrer Taille— wenn man den mittleren Umfang eines Ballons Taille nennen darf— baumelnden Cy⸗ linderuhr hinabreichte, ferner eine Rieſenbroche mit einer photographiſch aufgenommenen Gruppe, die geſammte Kaiſerfamilie darſtellend, und endlich an allen zehn Fin⸗ gern blitzende Ringe. Mit dieſen Ningen wetteiferten an Glanz die runden, ſchwarzen Augen der kleinen Frau, die aus dem ſchwülſtigen, mit dem feinſten Roth und Weiß des Parfümeriehändlers angeſtrichenen Antlitz wie wohlpolierte Steinkohlenknöpfe hervorblitzten. Das war die Mutter Paulinens, Frau Roſalie Stahl, die durch Toilette und anmaßendes Benehmen ihre niedere Abkunft zu verdecken ſich beſtrebte, und durch beides gerade das Gegentheil erzielte. Dieſer würdigen Dame, die mit vielem Geräuſch eintrat, folgte ihre Tochter Ottilie auf dem Fuße. Das junge Mädchen, bereits einundzwanzig Jahre alt, war eine ſtolze, üppige und hochgewachſene Erſcheinung. Sie war blendend ſchön, hatte feingemeißelte, wenn auch mehr ſinnliche als geiſtvolle Züge und einen faſt allzudreiſten Blick. Ihr lichtblondes, herrliches Haar quoll reizend und kokett geordnet unter dem Pariſer Hütchen hervor, ihre Toilette war koſtbar, aber in demſelben Maße geſchmackvoll, wie diejenige der Mutter ſich geſchmacklos zeigte. Beiden Damen ſchritten ein ſchmächtiger, blaßgel⸗ ber junger Menſch, der in Haltung, Anzug und Manie⸗ ren die blaſirten Stutzer der Reſidenz nachzuahmen be⸗ müht war, und ein Herr nach, deſſen Anſtand, zuver⸗ ſichtliches Auftreten und Aeußeres den Weltmann und raffinirten Elegant verkündeten. Der junge Menſch war der fünfzehnjährige Sohn des Fabrikanten Stahl, der Dandy, welcher nach ihm über die Schwelle des Salons trat, der Baron Julius Lenz. Dieſer war ein ſchöner, ſchlanker Mann von etwa dreißig Jahren. Er hatte etwas Ueberwachtes, Abge⸗ ſpanntes in ſeinen Zügen, man mußte ſich bei ſeinem Anblick ſagen: Der Mann hat ſtark gelebt!— er er⸗ ſchien aber dadurch um ſo intereſſanter, um ſo mehr, als ſeine dunkeln Augen, im Gegenſatz zu den Zügen, feurig und lebhaft waren und ſogar bisweilen einen ſchwärme⸗ riſchen Ausdruck hatten, und ſein ſchwarzlockiges, glän⸗ zendes Haar, und der zierliche, ſich in den Backenbart verlaufende Schnurbart die leichte Bläſſe des ebenmäßig geformten Antlitzes hob. Der Blick des Barons hatte zu Zeiten etwas magnetiſch Feſſelndes, aber auch hin und wieder irrte er unſtät umher, beſonders wenn der Baron ſich unbeachtet wußte, und dann konnte es einem ſcharfen Beobachter erſcheinen, als bemeiſtere ſich für Augenblicke des ſo zuverſichtlich auftretenden Mannes eine geheime Unruhe. Das Benehmen des Barons war das eines 49 Kavaliers, der ſich in minder vornehmer Geſellſchaft gehen läßt, war er ein Abenteurer, wie es der ſchlichte Weidner vermuthete, ſo hatte er jedenfalls viel mit Ari⸗ ſtokraten verkehrt. Seine ganze Erſcheinung ließ auf einen Egoiſten ſchließen, der unwiderſtehlich zu werden vermöge, falls er es darauf anlege, es zu ſein. Die dicke Frau des Fabrikanten rauſchte mit vor⸗ nehm ſeinſollender Haltung, zugleich aber auch ihren breiten Mund zu einem ſüßlichen, gezierten Lächeln verziehend, dem ſchlichten, ſtumm grüßen den Weidner entgegen. „Ah, charmant de fous foire!“ liſpelte ſie in dem entſetzlichſten Wiener⸗Franzöſiſch, das je ein, von einer der beliebten Bonnen aus der franzöſiſchen Schweiz herangebildetes Hausherrnfräulein geplappert haben mag—„Freut mich, daß Sie uns auch einmal wieder beſuchen! Ottilie, paiseh la menk!“ Ottilie ſchien dieſe Aufforderung der Mutter, dem einfachen Geſchäftsmanne, aber vielleicht auch Schwie⸗ gervater in spe, die Hand zu küſſen, überhört zu haben. Sie ließ ſich vom Baron die Mantille abnehmen, band ſich das runde Hütchen los und ſank auf einen Fauteuil. nieder. Dann erſt wendete ſie ſich nachläſſig zu Weidner, der ruhig inmitten des Salons ſtand, und ſagte leicht⸗ ½ Sabrikanten und Arbeiter. 1. 50 hin:„Ah, Sie ſind da! Mein Vater wird erfreut ſein. Iſt er nicht hier?“ „Wie Sie ſehen, nein!“ erwiederte Weidner tro⸗ cken—„Und ich erwarte ihn hier bereits ſeit einer hal⸗ ben Stunde vergebens. Da er allerlei Geſchäfte mit mir abmachen möchte, wundert mich das.“ Die dicke Fabrikantensgattin blickte unruhig nach einer mit Emaille ausgelegten Pendeluhr, die an der Wand hing. „Es muß längſt geſchehen ſein, wenn es möglich war! Wo bleibt er?“ murmelte ſie vor ſich hin. Dann wendete ſie ſich raſch und überfreundlich zu Weidner. „Blaſiren Sie ſich doch, liebſter Weidner,“ ſagte ſie,„mein Mann muß im Augenblick kommen! Blaſiren Sie ſich, und wenn's auch nur iſt, damit ich mich ſetzen kann. O mon Dich, ich verſichere Sie, das Stehen und Promeniren iſt mir jetzt ſo fade! Zum kleinſten Gang muß ich die Equipage nehmen! Ich weiß nicht, wie das kommt!“ „Freilich giug das Marſchiren beſſer,“ entgegnete Weidner, ohne eine Miene zu verziehen, indem er ſich ſetzte,„als Sie vor fünfundzwanzig Jahren von Böh⸗ men kamen, und—“ „Liebſter Freund,“ unterbrach ihn die dicke Dame haſtig,„womit kann ich aufwarten? Wie geht's der lie⸗ 9 51 ben Frau Gemahlin? Ich habe leider noch immer keine Zeit gehabt, ſie zu beſuchen, Sie ſehen, o mon Dieh, man iſt ſo beſchäftigt! Warum iſt ſie nicht mit Ihnen gekommen?“. „Meine Frau hat was Beſſeres zu thun, als Be⸗ ſuche zu machen und die Naſe in alle Putzläden zu ſtecken!“ erwiederte Weidner gelaſſen. Der Baron, welcher den ſchlichten Mann beim Eintreten leichthin gegrüßt und ſich dann mit Ottilie beſchäftigt hatte, gewahrte die Verlegenheit der dicken Dame, und trat mit einer Miene zu Weidner, als er⸗ kenne er ihn jetzt erſt. „Ah, unſer ehrlicher Geſchäftsmann!“ ſagte er in einem Tone, der ein Gemiſch von Höflichkeit und Herab⸗ laſſung ausdrückte. „Freilich ehrlich, Herr Baron,“ entgegnete Weid⸗ ner ſo trocken wie vorhin,„und es wäre gut, wenn das heut zu Tage ein Jeder von ſich ſagen könnte! Sie leben das ganze Jahr in Wien, Herr Baron, und nicht auf Ihren Gütern im Banat?“ „Weshalb, bitte ich, ſtellen Sie mir dieſe Frage?“ ſagte der Baron lachend, während er einen lauernden Blick auf Weidner warf. „Nun, wegen der ehrlichen Leute!“ antwortete die⸗ ſer kaltblütig.—„Ich wundere mich, daß Sie Shxem Verwalter ſo viel Vertrauen ſchenken.“ „Was wollen Sie, lieber Freund,“ verſeßt der Baron leichtfertig,„Vertrauen iſt heut zu Tage im Staats⸗ wie im Geſchäftsverkehr ein unentbehrlicher Artikel geworden, deſſen man ſich wohl oder übel bedie⸗ nen muß!“ „Aber auch ein Artikel, Herr Baron,“ bemerkte Weidner ruhig,„der, wie beim Ausverkauf, überall zum halben Preiſe zu haben iſt, und doch noch viel zu theuer bezahlt wird!“ Weidner warf dem Baron einen feſten, dieſer dem Geſchäftmanne einen verſteckt prüfenden Blick zu. Dann lachte der Baron und trat zu Ottilien. Frau Stahl, welche ſich mit Mantille und Hut auf einen Fauteuil niedergelaſſen, erblickte jetzt ihre Tochter Pauline, die ſich inzwiſchen von ihrer Aufregung einiger⸗ maßen erholt und beſcheiden in den Hintergrund zurück⸗ gezogen hatte. Ein herriſcher Blick und ein ungeſtümer Wink riefen das Mädchen heran. Sie mußte der Mut⸗ ter den Hut löſen und abnehmen. Während dieſer Ver⸗ richtung ſprach die dicke Frau. „Mich freut's,“ ſagte ſie,„daß ich auf die Idee gekommen bin, auf der Rückfahrt hierher meine Ottilie und den Herrn Baron von der Reitſchule abzuholen. — 53 Wenn der Vater nach Hauſe kommt, iſt doch ſo die ganzé Familie beiſammen. O mon Dieh, es geht doch nichts über ein glückliches Fämilienleben, liebſter Weid⸗ ner! Was ſtehſt Du da mit dem Hut, Pauline, und ſchauſt mich an? Haſt nicht oben genug zu thun? Ich weiß nicht, zu was Du überhaupt hier biſt?“. „Ich mußte Herrn von Weidner Geſellſchaft lei— ſten!“ ſtammelte das junge Mädchen. „Das mag herrlich ausgefallen ſein!“ rief Ottilie lachend, während ſie mit der Lorgnette ſpielte und ihrer Schweſter einen ironiſchen Blick zuwarf. „Beſſer als Sie glauben mögen, Fräulein!“ ver⸗ ſetzte Weidner in ſeinem trockenen Ton—„Jedenfalls hab' ich davon profitirt, und das iſt etwas, was bei Un⸗ terhaltungen nicht immer herausommt.“ Pauline erröthete, warf Weidner einen vielſagenden Blick zu und verließ das Zimmer. In der Thüre ſtieß ſie faſt auf den langen, ſchlott⸗ rigen und rothäugigen Diener und ein Stubenmädchen, die miteinander eine ganze Schaar von Kiſtchen, Schach⸗ teln und Packeten herbeiſchleppten. So beladen traten die Dienſtleute in den Salon. „Was gibt's?“ rief die dicke Dame—„Was habt Ihr da?“ Der bepackte Anton ſchlenderte zu ſeiner Herrin vor 54 und hielt ihr eine Anzahl bedruckter und beſchriebener Papiere hin. „ene Gnaden,“ ſagte er,„die Sachen von der Mauth, die heute Nachmittag gebracht worden ſind. Ich hatte varrnf vergeſſen. Hier ſind die Mauthſcheine Hundertdreiundachtzig Gulden und fünfzig Kreuzer ſind bezahlt worden.“ Die dicke Fabrikantenfrau warf einen flüchtigen Blick auf die Scheine, die Packete und Kiſtchen. „Lege die Papiere dort auf den Tiſch,“ ſagte ſie i in gleichgültigem Tone,„und bringt die Sachen in mein— mein Budewohr!“ Die Dienſtleute thaten, was ihnen befohlen worden. Ottilie, die, nachdem ſie mit Weidner die wenigen Worte gewechſelt und dann, in ihrer nachläſſigen Stel⸗ lung verharrend, dem Plaudern des Barons mit halbem Ohr gelauſcht hatte, war beim Anblick der Kiſtchen und Schachteln aus ihrer Lethargie aufgefahren, und hatte die verſchiedenen Gegenſtände belorgnettirt. „Nicht wahr, Mama, meine Valencienner Spitzen ſind auch dabei?“ ſagte ſie, als die Gegenſtände ihrer Aufmerkfamtei wieder den Salon verließen. „Oui, ma ville!“ antwortete die Mutter—„Auch 55 die poulet de soi für Dich, meine Modellhüte und die Longſchalls.“ „Auch die zehn Dutzend Handſchuhe und die Par⸗ fümerien?“ fragte Ottilie. „Oui, ma ville!“ entgegnete die dicke Frau nach⸗ läſſig—„Wir werden das alles ſpäter anſchauen, ſo⸗ bald Herr von Weidner—“ „Thun Sie ſich keinen Zwang an!“ unterbrach ſie dieſer. „Mais, comment me fenez fous devant— wie kommen Sie mir vor?“ lispelte Frau Stahl— „Sie werden doch zum Nachtmahl bleiben? In der Fa⸗ milie, ganz Familie, mein Mann, meine Ottilie, omon Dieh, es geht nichts über den häuslichen Kreis!“ „Ich danke,“ verſetzte Weidner kalt,„ein ſolcher Kreis erwartet mich zu Hauſe. Aber ſagen Sie mir,“ fuhr er fort,„woher beziehen Sie alle dieſe Gegen⸗ ſtände, mir ſcheint, Ihre ſämmtlichen Toiletten⸗Bedürf⸗ niſſe?“ „Von Paris!“ antwortete die korpulente Fabrikan⸗ tin ſelbſtgefällig—„Alles von Paris!“ „Und zahlen allein Hundertdreiundachtzig Gulden an Mauthgebühren dafür?“ bemerkte Weidner ernſt. „O mon Dieh,“ lispelte Frau Stahl mit einem affektirten Seufzer,„was ſoll man thun? Einer Dame von 2 58. Eleganz und savon vivre bleibt nichts anderes übrig, als Alles vom Auslande zu beziehen? Man kann ja in Oeſterreich nichts haben!“ „Hm,“ verſetzte Weidner,„Sie laſſen ſich ſogar Seidenſtoffe kommen, poult de soie, wie ich vorhin hörte, und Ihr Mann iſt doch Seidenfabrikant!“ „Liebſter Weidner,“ lispelte die dicke Frau mit ver⸗ ächtlichem Naſenrümpfen—„glauben Sie, mein Mann ſei hier aller Welt voraus? O mon Dieh, Sie wiſſen, unter uns, eben ſo gut wie ich, was die inländiſche In⸗ duſtrie werth iſt!“ „Ja, ich kenne ihren Werth,“ verſetzte Weidner mit blitzenden Augen und lebhafter geröthetem Antlitz,„und weil ich ihn kenne, unterſchätze ich ihn nicht. Der Eng⸗ länder, Franzoſe, Italiener, ja der Lappländer und Chi⸗ neſe, der Geringſte des armſeligſten Ländchens in der Fremde iſt ſtolz auf ſeiner Hände Arbeit, auf die Erſin⸗ dung ſeines Geiſtes, er verleugnet ſie nicht und weiß ſie in den meiſten Fällen dem Auslande, immer aber den Landsleuten gegenüber geltend zu machen. Wir aber müſſen dem, was wir ſchaffen, noch heutigen Tages fremdländiſche Vignetten anhängen, daß es in den Au⸗ gen der vielen Thoren unſeres Landes, die in Tracht, Sitten, Sprache und was der Henker ſonſt noch Alles nur keine Oeſterreicher ſein wollen, den 57 Werth und Abſatz erlange, der ihm gebührt. Und iſt, was wir produziren, ſchlechter als das, was vom Aus⸗ lande kommt? Haben wir nicht Triumphe auf der Lon⸗ doner und Pariſer Weltausſtellung gefeiert? Woher ſtammen die zahlreichen goldenen und ſilbernen Medail⸗ len, die unſere Induſtriellen aufzuweiſen haben? Und doch, werden Sie mir ſagen wollen, will man lieber franzöſiſche und engliſche Produkte, als die Erzeugniſſe inländiſcher Fabrikanten! Warum das? Haben Sie der Ouelle nachgeforſcht, woraus dieſer Widerſtand ent⸗ ſpringt? Von oben herab entſpringt er, und weil der Menſch der deutſchen Zunge mehr Anlage zum Affen zu haben ſcheint, als andere Menſchen, ſo ahmt er denen nach, die über ihm ſtehen. Nicht allein der Adel in unſerem Oeſterreich geht ſeit Jahren in der Verherrlichung des Auslandes, und dem was es ſendet, dem Volke voran, auch die Regier ung hat es ge⸗ than, die Regierung und die großen finanziellen Geſellſchaften, denen ſie geſtattet hat, mit den Ka⸗ pitalien der ihnen vertrauenden Geſchäftsleute faſt nach Willkür umzuſpringen. Da ſind Eiſenbahnen an fremde Unternehmer überkiefert worden, Anſtalten errichtet, die Induſtrie und Handel heben ſollten, und die hinter⸗ her ihre Millionen, ſtatt ſie auf den heim iſchen Markt zu werfen, in franzöſiſche gewagte Unternehmungen 58 ſteckten. Man hat Werkſtätten Belgiens, Englands, Norddeutſchlands beſchäftigt, den öſterreichiſchen Fabri⸗ kanten bei Seite geſchoben und das Geld in's Ansland wandern laſſen. Heißt das die öſterreichiſche Induſtrie heben? Das heißt ſie der Gelegenheit berauben, ſich entwickeln, ſich frei und mächtig entfalten zu können, das heißt ihr das Vertrauen auf ſich ſelber, ihr den Glauben der Nation nehmen! Bis das nicht anders geworden, bis nicht von oben herab der Anſtoß zu einer anderen Richtung gegeben wird, aber nicht in Worten und Verſprechungen, ſondern durch thatkräftiges Handeln, bis nicht Alle, die ihr Vaterland lieben, einſehen lernen, daß den heimiſchen Ge⸗ werbsfleiß mit Füßen treten ihr eigener und des Vaterlandes Untergang iſt, werden wir uns Tag für Tag, Stunde für Stunde dem Auslande gegenüber in der Politik wie in Handel und Gewerbe bloßgeben und ohnmächtig fühlen! Und ſo lange,“ ſchloß Weidner in düſterem Grolle ſeine Rede,„wird man voll Bitterkeit zuſehen müſſen, wie der wohlhabende Oeſter⸗ reicher ſeine Bedürfniſſe und ſeinen Luxus vom lachenden Paris bezieht!“ Der ehrliche Fabrikant ſchwieg und blickte aufge⸗ regt und ſinſter um ſich her. Die dicke Fraun ſaß mit offenem Munde da,— ſie hatte unzweifelhaft nicht den 59 vierten Theil deſſen verſtanden, was Weidner geſprochen. Der Baron blickte mit einem Anflug ſpöttiſchen Lächelns zur Zimmerdecke empor, Ottilie wies gähnend die Per⸗ lenzähne und ließ ihre Ankeruhr repetiren, und Robert, der Sohn des Hauſes, der, ſeit er im Salon an weſend, auf einem Balzac mehr gelegen als geſeſſen war und mit ſeinem Spazierſtöckchen geſpielt hatte, war einge⸗ ſchlafen. „Wem ſagte ich das alles?“ murmelte Weidner beim Anblick dieſer theilnahmsloſen Geſichter vor ſich hin—„Doch gleichviel,“— ſetzte er hinzu,—„ich mußte um meinetwillen meinem Herzen Luft machen!“ Die Thüre des Salons öffnete ſich. Der lange, ſchlotterige Diener trat ein, näherte ſich dem Fauteuil ſeiner Herrin und neigte ſich an ihr Ohr. „Der gnädige Herr iſt ſoeben nach Hauſe gekom⸗ men!“ flüſterte er—„Er iſt in ſein Schlafzimmer ge⸗ gangen, Euer Gnaden möchten ſich doch gleich hinüber bemühen.“ So leiſe dieſe Worte auch geſprochen worden, hatte ſie Weidner doch verſtanden. „Stahl wird doch um meine Anweſenheit wiſſen,“ ſagte er der dicken Frau,„warum kommt er nicht gleich hierher?“ 60 Der Diener beugte ſich von Neuem zum Ohr ſeiner Herrin nieder. „Der gnädige Herr,“ flüſterte er leiſer als zuvor, „befindet ſich in einem Zuſtande, in dem er ſich nicht zei⸗ gen kann. Er muß erſt die zerriſſenen Kleider wechſeln und ſich reinigen!“ Frau Stahl warf einen ſchreckhaften Blick auf ihren Diener. Weidner waren des Letzteren Worte unverſtänd⸗ lich geweſen, aber er hatte das Erſchrecken der dicken Frau bemerkt. „Was bedeutet das?“ ſagte er ſich überraſcht. Der Diener ging. Fran Stahl erhob ſich. „Ich werde Ihnen ſogleich meinen Mann ſchicken!“ ſagte ſie, indem ſie Miene machte, fich zu entfernen. „Bemühen Sie ſich nicht,“ entgegnete Weidner, ſich gleichfalls erhebend,„Ihr Burſche kann mich zu ihm führen.“ „O nein, nein,“ verſetzte die Frau des Fabrikanten haſtig und voll Unruhe in Blick und Geberde,„ich gehe ſchon, bleiben Sie hier, liebſter Weidner, Sie ſollen nicht lange warten!“ Und mit allen Anzeichen der Verwirrung erhob ſich die umfangreiche Dame und rauſchte zur Thüre hinaus. Der Baron, welcher in einiger Ueberraſchung mit 61 lauerndem Blick den Bewegungen der ſo unerwartet und geheimnißvoll in Beſtürzung verſetzten Frau gefolgt war, ſah erſt den Geſchäftsmann an, und alsdann das junge Mädchen, deren ſchönes Antlitz nichts als Lang⸗ weile wiederſpiegelte. „Haben Sie doch die Güte, Fräulein Ottilie,“ ſagte er lächelnd, indem er in Blick und Worte eine gewiſſe erkünſtelte Leidenſchaftlichkeit legte,„mir die neue Polka von Strauß vorzuſpielen!“ Ottilie erhob ſich mechaniſch, und trat zu einem Armleuchter, der auf einem Seitentiſche ſtand. Der Baron kam ihr zuvor, zündete mit einem Streichholze die Kerzen an und ergriff den Leuchter. Ottilie und der Baron ſchritten der Thüre eines Nebenzimmers zu. An der Schwelle desſelben erinnerte ſie ſich Weidners und daß es nicht ſchicklich ſei, den Beſuch allein zu laſſen. Sie blickte indeſſen nur über ihre Schulter zurück, ſah zu ihrem ſchlafenden Bruder hinüber, und ſagte dann lächelnd und halblaut, wie zu ſich ſelber:„Wir dürfen wohl gehen, wir laſſen ja Herrn von Weidner nicht allein!“ Dieſer blickte kalt auf und ſagte laut:„Beruhigen Sie ſich, Fräulein, ich bleibe in einer Geſellſchaft, die mich nicht inkommodirt!“ Ottilie lachte auf, ohne den Doppelſinn der Ant⸗ 62 wort aufgefaßt zu haben. Sie folgte dem Baron, der in das Nebenzimmer ihr vorangegangen war. Weidner aber legte die Hände auf den Rücken, und ſchritt gedankenvoll im Saale auf und nieder. Er brütete über das räthſelhafte Erſchrecken der Frau Stahl und die Art und Weiſe nach, wie er ſich ih⸗ rem Manne gegenüber zu verhalten habe. Viertes Capitel. Ein würdiges Ehepaar. Frau Stahl eilte mit, für ihren kugelrunden Kör⸗ per bewunderungswürdiger Schnelligkeit über den Kor⸗ ridor des erſten Stockes zu einem Zimmer, deſſen Fen⸗ ſter auf den Hof hinausgingen. Sie betrat dasſelbe athemlos. In der Mitte dieſes ziemlich großen Gemaches, das mit allem Komfort eines Schlafzimmers ausge⸗ ſtattet war, welches ein Reicher benutzt, ſtand ein Tiſch. Auf dieſem brannten die Kerzen eines dreiarmigen Kan⸗ delabers. Neben dem Tiſche, von den Lichtern grell beglänzt, ſtand ein hoher und hagerer Mann. Wir erkennen in dieſer Geſtalt mit den gelblichblaſſen, ſcharf markirten Zügen, den ſchmalen, zuſammengekniffenen Lippen, der 64 Adlernaſe und den dunklen, großen Augen jenen Mann, der im Pötzleinsdorfer Gehölze eine Piſtole auf eine junge Frau abfeuerte, wie im erſten Capitel erzählt ward. Die Kleider des Mannes waren an einigen Thei⸗ len zerfetzt, mit Staub bedeckt und in Unordnung; ſein Geſicht hatte einige leichte Schrammen. Ueber die Lehne eines Seſſels, der in der Nähe ſtand, war ein Anzug und friſche Wäſche gelegt. Als Fran Stahl eintrat, ſchickte der Mann ſich an, ſich ſei⸗ ner unſaubern Kleidung zu entledigen. Die dicke Frau ſtürzte ihrem Gatten— denn der hagere Mann war niemand Anderer als der Fabrikant und Gemeinderath Joſef Stahl— keuchend entgegen und ſtammelte:„Nun, Peppi, was iſt geſchehen? O mon Dieh, wie Du ausſiehſt! Die Kleider zerriſſen, Schrammen im Geſicht! Iſt's Dir mißglückt? Hat ſie Dich erkannt? Aber ſo rede doch, Du ſiehſt, daß ich in Angſt bin!“ Stahl lächelte, ſein Antlitz trug nichts von jener Aufregung, welche im Gehölze ſeine Züge hatten. „Es iſt Alles in Ordnung!“ ſagte er ruhig.— „Aber da ſieh, was mich der Spaß gekoſtet hat. Ich werde durch acht Tage die Hände in der Taſche oder Handſchuhe tragen müſſen, damit meine Leute nichts davon ſehen.“ 65 Bei dieſen Worten ſtreckte er ſeiner Frau ſeine dürren Finger entgegen. Die Hände waren an einigen Stellen geſchunden und mit getrocknetem Blut bedeckt. Die dicke Frau fuhr beſtürzt zurück. Ihr Mann aber griff in die Bruſttaſche ſeines zerfetzten Rockes, zog eine Piſtole daraus hervor und legte ſie gelaſſen auf den Tiſch. „Um Gottes willen, Peppi,“ flüſterte die Frau entſetzt,„Du haſt die Ferval umgebracht?“ „Schließ' die Thüre ab,“ antwortete der Fabrikant ruhig, indem er den Rock herunterzog und auf den Bo⸗ den fallen ließ,„gebrauche aber die Vorſicht, den Schlüſ⸗ ſel ſo zu drehen, daß man nicht durch's Schlüſſelloch ſchauen kann.“ Die dicke Frau that wie ihr geheißen worden, aber ſie zitterte dabei an allen Gliedern. Alle ihre Zuverſicht und Arroganz, die ihr im Umgang mit der Welt zur andern Natur geworden waren, hatten ſie in dieſem Augen⸗ blicke verlaſſen. Nachdem geſchehen, was ihr Gatte be⸗ gehrte, wendete ſie ſich voller Angſt zu dieſem, der ſich anſchickte eine Säuberung ſeines Antlitzes und ſeiner Hände vorzunehmen, und ſeinen Anzug zu wechſeln. „O mon Dich, haſt Du ſie ermordet, Peppi!“ begann ſie von Neuem zu ſtammeln, während ihre Zähne aneinanderſchlugen, und ihre kleinen Steinkoh⸗ Fabrikanten und Arbeiter. I. 5 66 lenaugen aus den Fleiſchwulſten ihres Geſichtes hervor⸗ zutreten ſchienen. „Alſo Weidner iſt da?“ fragte der Mann kalt⸗ blütig, dem es ein Vergnügen zu bereiten ſchien, ſeine Frau noch eine Weile auf die Folter der Ungewißheit und der Seelenangſt zu ſpannen. „Ja, er iſt da, ſeit einer Stunde!“ keuchte die Frau Stahl mühſam heraus.—„Aber ſo antworte doch in des Himmels Namen,“ fuhr ſie bebend fort, „Du ſiehſt, was ich ausſtehe! Das Blut an Deinen Fingern—?“ „Nun zum Henker,“ ſagte der Fabrikant ruhig, „ich bin im finſteren Gehölz wiederholt über Baum⸗ wurzeln geſtürzt und habe mir dabei die Hände und das Geſicht aufgeriſſen, das iſt Alles!“ „Du haſt alſo gewiß nicht zu kämpfen gehabt, und gethan, was—“ „Närrin!“ flüſterte der Mann, welcher am Waſch⸗ tiſch ſtand.—„Nicht ſo laut, komm' her, ich will Dir mit wenigen Worten Alles erzählen, weil ich mich doch ankleiden muß; aber ich darf Weidner nicht lange war⸗ ten laſſen. Wie iſt er heute aufgelegt?“ „Er iſt ein Grobian und Menſch ohne savon- vivre, wie gewöhnlich,“ ſtammelte die dicke Dame noch unter dem Einfluß des Schreckens, den ſie ſoeben aus⸗ 4 67 geſtanden hatte,„man weiß bei ihm nie, wann er bei Laune iſt!“ Frau Stahl wankte bei dieſen matt ausgeſtoßenen Worten zu einem Seſſel, zog ihn in die Nähe ihres Mannes, und ſetzte ſich erſchöpft. Ihre elephantenglei⸗ chen Glieder zitterten noch, Schweißperlen brachen ſich an ihrer Stirn durch die Schminke Bahn, ihr Buſen hob und ſenkte ſich wie die Springflut eines Oceans. „Du biſt ein hämiſcher Menſch,“ murmelte ſie einen Rieſenſeufzer hervorſtoßend, während ſie den Gat⸗ ten halb erzürnt, halb furchtſam anblickte—„Du läſ⸗ ſeſt Einen ſo lange wie möglich in Ungewißheit und Angſt, weil das Quälen Dir—“ „Still,“ unterbrach ſie Stahl,„verliere nicht, wie immer, überflüſſige Worte. Die Piſtole, welche ich abſchoß, war nicht ſcharf geladen, wie Du weißt, und zu einem Kampfe kam es nicht; das mag Dich alſo vor⸗ läufig beruhigen!“ „O mon Dieh,“ keuchte die dicke Frau,„Du ſiehſt ja, daß ich jetzt beruhigt bin, erzähle alſo nach einander, wie es ſich gehört, und martere mich auch nicht über⸗ flüſſig, wie immer!“ „Nun denn,“ begann der Fabrikant während des Umkleidens,„mein Plan wird wohl ſo gut als gelungen zu betrachten ſein. Es war, weiß Gott, das Geſcheid⸗ 5*. 4 68 teſte, was wir thun konnten, als wir uns hinter die Manſell Liſette ſteckten. Ihre Angaben waren völlig richtig. Die Ferval iſt heute ſchon in der Frühe nach Neuwaldegg zu der Tante hinausgefahren, und den gan⸗ zen Tag bei ihr geblieben; ihr Mann aber war von fünf Uhr an in Pötzleinsdorf, und ertheilte den jungen Baroneſſen Erkershauſen, die dort mit der Mutter den Sommer über wohnen, Zeichnenunterricht, was er zwei⸗ mal in der Woche zu thun pflegt.“ „Wie erfuhrſt Du, daß die Angaben der Mamſell Liſette richtig ſeien?“ fragte Frau Stahl, die ſich mehr und mehr von ihrem Schrecken erholte. „Als ich dieſen Mittag unſer Haus verließ,“ fuhr der Fabrikant fort,„ging ich in die Joſefſtadt zur Kai⸗ ſerſtraße. Da ſchickte ich einen fremden Jungen zur Wohnung Ferval's hinauf, bei der Mägd anzufragen, ob der Herr zu Hauſe ſei. Der Junge kam, wie ich es gehofft hatte, mit der Nachricht, daß Ferval bereits nach Pötzleinsdorf hinaus ſei und die Frau ſchon am Mor⸗ gen die Wohnung verlaſſen habe. Ich gab dem Jungen einen Zehnkreuzerſchein, ſtieg an dem Glacis in einen Fiaker und ließ mich nach Neuwaldegg hinausfahren. Ich hütete mich wohl, auf der Fahrſtraße bis zum Hauſe der Tante vorzugehen, ſchlug mich ſeitwärts hinter den Landhäuſern ins Gehölz und kletterte, obwohl es mir 69 einige Anſtrengung verurſachte, die waldigen Hügel ent⸗ lang, bis ich endlich die rückwärtige Gartenwand er⸗ reichte, welche die Beſitzung der Tante vom Gehölze trennt. Ich verlegte mich vorſichtig auf's Spähen, und ward bald der alten Närrin mit ihren Hunden und der Ferval anſichtig, die der Tante die Polſter der infamen Beſtien zum Luſthauſe nachtrug.“ „Und haſt Du die Manſell Liſette geſehen?“ forſchte Frau Stahl. „Freilich,“ verſetzte der Erzähler lächelnd,„das alte vertrocknete Geſchöpf mit der gottesfürchtigen Miene und den habgierigen Luchsaugen ſchlich hart an der Gar⸗ tenwand vorüber, hinter der ich auf der Lauer ſtand. Sie trug, wie gewöhnlich, ihr Gebetbuch in der Hand, aber ſie ſchien dabei nicht eben fromme Gedanken zu haben, denn ſie ſchmunzelte wie ein alter boshafter Sa⸗ tan vor ſich hin, als ſie zu den beiden Damen hinüber⸗ ſchaute.“ „Du haſt Dich ihr dann vorſichtig bemerkbar ge⸗ macht?“ „Hoho, das ließ ich wohl bleiben! Das wäre eine ſchöne Thorheit geweſen! Da haſt auch nicht eine Idee von der gewöhnlichſten Lebensklugheit, Weib! Wenn Liſette heute meine Anweſenheit in Neuwaldegg erfahren hätte, ſo könnte ſie ſich morgen, ſobald es ruch⸗ 70 bar geworden, was der Ferval im Gehölze widerfahren i*ſt, ganz leicht zuſammenreimen, daß ich den Streich ausführte. Was brauchen wir eine Mitwiſſerin, und eine obendrein, der nicht zu trauen iſt? Die Liſette dient uns nur aus Habgier, und um ihre Zukunft zu ſichern, obgleich ich überzeugt bin, daß ſie den letzten Punkt längſt in Ordnung gebracht hat, denn ſie iſt doch bereits zwanzig Jahre um die Alte, und verſteht ſich auf ihren Vortheil. Sie weiß, daß die Ferval ſie nicht mag und daß ſie nichts zu erwarten hat, falls die Frau des Malers die Erbin der Alten wird, und dieſes, ſowie unſere Verſprechungen, hat ſie angetrieben, in unſerem Intereſſe zu handeln. Ich habe die Liſette ausgehorcht, laſſe mir Alles von ihr hinterbringen und bediene mich ihrer ſonſt noch bei der Alten, ohne ſie mehr in meine Karten blicken zu laſſen als nöthig iſt, dadurch bleibt auf alle Fälle mein Rücken, gedeckt, kann ich ſie jeden Augenblick, wenn ich meine Pläne erreicht haben ſollte, fallen laſſen, ohne mich der Gefahr auszuſetzen von ihr gebrandſchatzt werden zu können. Ich hoffe, Sali,“ fuhr der Fabrikant mit ſtrenger, faſt drohender Miene fort, „Du wirſt das nie vergeſſen, und dieſer liſtigen Liſette gegenüber Deine geſchwätzige Zunge im Zaume halten! Ich weiß nicht was ich Dir anthun könnte, wenn Du mir nicht gehorcheſt!“ 3 71 „Sie ſoll mir verlahmen, Peppi, wenn ich nicht ſchweige,“ betheuerte die kleine dicke Frau furchtſam— „Ich habe Dich verſtanden,“ ſetzte ſie von Neugier ge⸗ trieben hinzu,„und nun erzähle weiter!“ „Nachdem ich mich alſo überzeugt,“ begann Stahl, „daß die Auskunft in Bezug auf die Ferval ihre Rich⸗ tigkeit habe, ſchlich ich durchs Dickicht bis zum Fußweg, der nach Pötzleinsdorf führt. Dort ſuchte ich bedächtig die Stelle aus, welche mir zur Ausführung meines Pla⸗ nes am geeignetſten ſchien, und ging dann nach Pötzleins⸗ dorf hinüber. Bald hatte ich die Wohnung der Baronin ausgekundſchaftet, und durch eine kleine Dirne des Hau⸗ ſes, die von dort zur Ecke der Straße hüpfte, in die ich mich aus Vorſicht nicht hineingetraute, erfahren, daß 4 Ferhal bei den Baroneſſen ſei. Da ich nun durch MMam⸗ ſell Liſette wußte, daß man den Maler ſtets um acht Uhr erwarte, und falls er nicht um dieſe Zeit eintreffe, ſeine Frau ihm entgegen zu gehen pflege, ſo galt es, ſein Erſcheinen um jene Stunde zu verhindern.“ „Und was thateſt Du?“ fragte die dicke Frau ge⸗ ſpannt. „Ich ging ſinnend durch das Dorf. Da begegnete mir am Ansgang desſelben ein junger Burſche, der auf Krücken daher hinkte. Der Burſche! bettelte mich an. Mir kam ein guter Gedanke.„Willſt Du Dir zwei Gulden 72 verdienen?“ fragte ich.—„Warum nicht?“ grinſte der Burſche.— Kurz und gut, ich nahm ihn mit auf den Waldweg. In einer ziemlichen Entfernung vom Dorfe wies ich ihm einen Platz an, dort ſolle er niederhocken, und ſobald gegen halb acht Uhr ein Herr— ich beſchrieb den Ferval dem Burſchen aufs genaueſte— ſich ihm von Pötzleinsdorf aus nähere, möge er ſich kladlith wie ein Hülfsloſer geberden, der nicht allein das Dorf zu erreichen vermöge. Falls dieſer Herr ihm Beiſtand leiſte, und ihn zum Dorf führe, ſolle er es ſo anſtellen, daß ſo viel wie möglich Zeit dabei vergehe. Ich gab dieſen Auftrag ſo, als handle es ſich um einen Scherz, den ich an jenem Herrn auszuüben gedenke. Der Burſche riß zuerſt die Augen auf, dann ging er grinſend auf meinen Vorſchlag ein. Der Junge ſah dabei ſo ſchadenfroh aus, daß ich verſichert ſein konnte, er werde ſeinen Auftrag gemiſſenhaft ausführen. Ich gab dem Schelm einen Gulden voraus, und um auf alle Fälle den Burſchen zu verhindern, daß er, ſobald ich mich entfernt, mit dem Gulden davonhinke, ohne ſeine Aufgabe erfüllt zu haben, machte ich ihn glauben, daß ich mich in einem Dickicht auf die Lauer legen werde. Ich verſchwand in das Buſch⸗ werk, beobachtete den Jungen eine Weile, und als ich ſah, daß er ſich nicht rückte noch rührte, ſtahl ich mich lautlos fort. Kurz vor Sonnenuntergang lag ich ſchon hart am 73 Wege im Gebüſch bei Neuwaldegg. Es ward dunkel, die Ferval kam, ich wußte jetzt mit Gewißheit, daß der lahme Burſche ſeine Pflicht gethan habe; ungeſehen ſchlüpfte ich der Frau voran und ſchoß aus dem Verſtecke, den ich zuvor gewählt hatte, dicht an ihr vorbei. Eine Minute ſpäter hätte ich es nicht ausführen können, denn unmit⸗ telbar nach dem Schuß ſah ich einen Menſchen von der Pötzleinsdorfer Richtung her heranſpringen. Es war ſicher der Maler!“ „O mon Dich,“ ſtammelte die dicke Fabrikantin, durch die Erzählung ihres Mannes in heftige Aufregung verſetzt,„aber Du entkamſt ungeſehen?“ „Das verſteht ſich,“ antwortete Stahl, höhniſch die ſchmalen Lippen verziehend,„und ich hoffe obendrein, daß der Zuſtand der Ferval, trotz der Hinzukunft ihres Mannes, ſo troſtlos geworden iſt, wie wir es nur wün⸗ ſchen können. Sie ſchrie auf und ſtürzte zu Boden als ich entſprang, und ich zweifle keinen Augenblick, daß ein Ereigniß bei ihr eingetreten ſei, oder in den nächſten Stunden eintreten wird, welches uns von einem ge⸗ fährlichen Kinde und, will's Gott, auch von der Mutter desſelben befreit! Eine Fehlgeburt im Walde, der Schreck, der Mangel an Beiſtand, dazu die ohnehin nicht ſtarke Konſtitution der Ferval, es müßte mit dem Henker zu⸗ 74 gehen, wenn uns dennoch das Weib einen Poſſen ſpielen ſollte!“ „Und wenn ſie ſtirbt,“ murmelte Frau Stahl mit leuchtenden Augen, aus denen kein anderes Gefühl als die Begierde der Habſucht hervorſtarrte,„wenn ſie ſtirbt, — das Kind wird ja jedenfalls nicht lebensfähig ſein — dann ſind wir die Nächſten zur Erbſchaft, dann muß die Alte uns ihre Millionen hinterlaſſen, wenn⸗ gleich ſie uns nicht mag! Dann biſt Du gerettet, Peppi, reich, der reichſte Fabrikant Wiens, dann— unſere Stellung— mit Geld kann man Alles erreichen— Du leiſteſt dem Staat einige patriotiſche Dienſte— daneben weiß man ſchon die Wege zu gehen, und Du biſt Baron und Freiherr, ſo gut wie ein Reichenbach, ein Geimüller und wie ſie alle heißen, die geadelten Bürgerlichen!“ Der hagere Stahl richtete ſich hoch auf, ſeine gelb⸗ bleichen Wangen rötheten ſich ſekundenlang, ſein Antlitz überflog ein Ausdruck wilder Freude, während die kleine, dicke und hochmüthige Frau, durch die ſtolzen Bilder, welche ihre Einbildungskraft ihr verſinnlicht, in eine Art ſieberhafter Wallung verſetzt, nach Luft ſchnappte. So befand ſich das herzloſe Paar einander eine Minute lang gegenüber. Dann murmelte der Mann: „Ich werde die Nacht nicht ſchlafen können. Tau⸗ ſend Gulden möchte ich darum geben, wüßte ich jetzt 75 ſchon—! Nun, morgen werden wir ja erfahren, wie wir daran ſind!“ Die wilde Freude Stahls machte einer gewiſſen Unruhe Platz, die aus ſeinen Augen aufzublitzen begann. Die dicke Frau aber ſonnte ſich noch an den lockenden Ausſichten, die ſie begonnen hatte ſich vorzumalen. „Ich zweifle nicht daran, daß Alles gelungen iſt,“ ſagte ſie plötzlich,„die Ferval iſt ein ſchwächliches Frauenzimmer. Und iſt es geſchehen, dieſe Nacht viel⸗ leicht, dann— dann brauchen wir ja den Weidner und die Heirath der Ottiliie nicht, die ſich ohnehin nichts aus dem jungen Weidner macht! Unſer nobel erzogenes Kind kann dann andere Anſprüche machen, und iſt dann, o mon Dieh, nicht zu ſchlecht für irgend einen vorneh⸗ men Kavalier, der—“ „Still, Weib,“ unterbrach ſie Stahl ernſt—„Du erinnerſt mich zu rechter Zeit, daß der Weidner mich erwartet—“ „Verſchiebe das Geſchäft und Deinen Heirathsvor⸗ ſchlag!“ „Wo denkſt Du hin? Man muß das Eiſen bear⸗ beiten, ſo lange es heiß iſt! Ich habe den Weidner ſchon vorgeſtern halb beſtimmt, die 40,000 Gulden herzu⸗ geben, ich darf ihm länger keine Zeit laſſen, ſich zu be⸗ ſinnen. Und was den Heirathsplan betrifft— giebt es 76 nicht tauſend Gründe, um eine Verlobung wieder auf⸗ zuheben, falls es Einem beliebt? Ich will ſicher gehen, Sali! Selbſt wenn dieſe Nacht mich zum Millionär machen ſollte, ſo kann ich nicht vor die Tante treten und 40,000 Gulden zur Einlöſung, der in dieſer Woche fäl⸗ ligen Wechſel, begehren. Und würde mein Kredit auch von morgen ab um ein Beträchtliches wachſen, zahlen muß ich doch, ohne ihn von Neuem auszubeuten, denn ein Zweifel an meiner Solidität darf gerade jetzt um keinen Preis aufkommen! Wer verbürgt Dir, daß die Ferval draufgehen wird? Schwachnervige Weiber haben oft in dieſem Punkt eine zähe Natur! Vielleicht müſſen wir von Neuem auf andere Art gegen ſie operiren, und das kann ſich in die Länge ziehen. Nein, habe ich den Weidner in Händen, ſo laſſe ich ihn nicht fahren; was heute geſchehen kann, wird vielleicht morgen unmöglich! Gehen wir!“ Stahl war mit dem Umkleiden zu Ende. Er ſchloß die Piſtole und die beſchmutzten und zerriſſenen Kleider ein, ergriff den Kandelaber und ſchritt der Thüre zu. Die dicke Dame erhob ſich ſchwerfällig und rauſchte ihm nach. „Soll ich bei Eurer Unterredung gegenwärtig ſein?“ fragte ſie. „Nein!“ murmelte der Fabrikant, „Noch Eins!“ fuhr die Frau fort, ihre Hand auf den Arm Stahls legend, der den Schlüſſel in der Thüre drehte.—„Wirſt Du, wenn ſich etwas ereignet hat, ſo⸗ gleich zur Tante gehen?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete der Mann,„auch zu Ferval, und das mit der bisher erheuchelten Theilnahme. Mein zerkratztes Geſicht würde es freilich wünſchens⸗ werth machen, mich auf einige Tage ihren Blicken ent⸗ ziehen zu können, und namentlich den Luchsaugen der Liſette, doch was thun?— Ja, hätte ich eine zuver⸗ läſſige, ſchlaue Frau, die mit Geiſtesgegenwart—!“ murmelte er in hartem Ton, einen verächtlichen Blick zur Seite werfend. Stahl brummte noch einige Worte unverſtändlich und unwirſch vor ſich hin. Seine Frau beachtete nicht, was er geſprochen. Ein Gedanke beſchäftigte ſie lebhaft. „Wie werden wir morgen erfahren, wenn—!“ be⸗ gann ſie. „Iſt heute Nacht geſchehen, was wir wünſchen, ſo wird uns Ferval ſelber ſchon die Nachricht bringen, und thut er es nicht gleich, doch ſicher Manſell Liſette. Ich habe mit ihr ohnehin in Bezug auf die Alte Wichtiges zu verhandeln! Und jetzt halte mich nicht länger auf, Weib!“* Stahl verließ das Schlafzimmer, ſtellte den Kan⸗ 78 delaber auf einen im Korridor ſtehenden Tiſch und ſchritt haſtig der Thüre des Salons zu. Dort blieb er, indeſſen die dicke Dame ſich, von den Klängen eines Piano's ge⸗ leitet, durch eine andere Thüre zur Tochter und dem Baron begab, eine Minute lang ſinnend ſtehen. Dann warf er den Kopf zuverſichtlich in die Höhe und trat feſten Schrittes in das Beſuchszimmer. Fünftes Capitel. Zwei Fabrikanten. Weidner war ſoeben ſeines Auf⸗ und Abgehens überdrüſſig geworden. Er ſtand in der Mitte des Sa⸗ lons mit über den Rücken gekreuzten Armen, und blickte nun den eintretenden Stahl feſt und mit ernſter Miene an. Ihm entging nicht, daß die Ungezwungenheit des ſich Nähernden eine erkünſtelte ſei. Stahl trat an ſeinen ehrlichen Kollegen heran und ſtreckte ihm lächelnd beide Hände entgegen. Das noch vor Kurzem höhniſch verzerrte, gelbliche Antlitz des hageren Mannes hatte jetzt einen völlig anderen Aus⸗ druck, denn Stahl verſtand es, ſeine Miene zu beherr⸗ ſchen, und dieſe ſowohl wie ſein ganzes Weſen der Weiſe anzupaſſen, in der es ihm gerade klug und nützlich er⸗ ſchien, Dieſen oder Jenen zu behandeln. Die Art, in 80 der er ſich gab, war dann wiederum meiſt mit einer ge⸗ wiſſen Virtuoſität auf den Character und die Denkungs⸗ weiſe Desjenigen berechnet, den er hinter's Licht zu führen beabſichtigte, und ſo gelang es ihm denn auch, die Meiſten, mit denen er in Berührung kam, über ſich zu täuſchen. Stahl beſaß neben dieſer Schauſpielerbe⸗ gabung, der Gabe des echten Schwindlers, auch jene überzeugende Beredtſamkeit, welche Denjenigen eigen zu ſein pflegt, deren ganzes Denken und Handeln auf Trug ausgeht. Der leichtſinnige und egoiſtiſche Mann gab ſich faſt überall anders, ſelbſt da, wo er der Verſtellung nicht bedurft hätte; das Spielen mit Masken war ihm gewiſſermaßen zur anderen Natur geworden. Nur in einſamen Stunden, oder zu Zeiten ſeinem Weibe gegen⸗ über offenbarte ſich in widerlicher Nacktheit der ganze verworfene Character des gleißneriſchen Mannes. Als Stahl dem wackern Manne entgegenſchritt, da hatten ſeine großen Augen nichts Dämoniſches, da zuck⸗ ten ſeine ſchmalen Lippen weder boshaft, noch trugen die ganzen Umriſſe des Antlitzes jenes Raubvogelartige, das ihnen im Walde, als dieſer Mann der armen Frau auflauerte, einen teufliſchen Ausdruck verliehen. Es lag etwas Biederes in Blick und Zügen, eine gewiſſe offen⸗ herzige Sorgloſigkeit, ja der gallige Teint deutete nicht auf das übernächtige Grübeln eines herzloſen Egoiſten, 81 ſondern auf die ſtete Nervenüberreizung eines raſtlos thätigen Mannes, der zugleich nicht den Freuden der Welt entſagt. „Verz eiher mir, daß ich Dich ſo lange warten ließ!“ rief Stahl im Tone aufrichtigen Bedauerns. Weidner nachte keine Miene, die dargebotenen Hände zu drücken; er blieb regungslos. In dieſem Augenblicke verhallten im geſchloſſenen Nebenzimmer die letzten Töne eines Walzers. Stahl blickte zu der Seitenthüre. „Meine Leute ſind ſo unſchicklich geweſen, Dich allein zu laſſen?!“ fuhr er fort. „Höre, Peppi,“ antwortete Weidner trocken, ohne eine Miene zu verziehen, aber immer noch den ſcharfen Blick feſt auf Stahl gerichtet,„es ſcheint mir überflüſſig, daß Du jetzt auf ſo was denkſt, da es Dir und den Deinen ſo manchesmal keinen Kummer verurſacht hat, ohne alle Formalitäten mit uns umzugehen, die ich ohne⸗ hin auch nicht liebe! Wozu alſo plötzlich dieſe Um⸗ ſtände?“ „Ich will nicht hoffen, daß Dir oder Deiner Frau je in meinem Hauſe unziemlich begegnet worden ſei, beſter Freund?“ verſetzte Stahl mit gut geſpieltem Befremden, in dem zugleich ein Gemiſch von Kränkung und Theilnahme lag.—„Ich bin feſt überzeugt, daß Fabrikanten und Arbeiter. I. 6 82 kein Glied meiner Familie meinen alten, redlichen Weid⸗ ner und ſeine brave Hausfrau mit anderen Augen an⸗ ſehen wird, als denen unbegrenzter Hochachtung! Daß wir ſeit Jahren wenig, faſt nur geſchäftlich verkehrten, liegt nicht an mir und den Meinen, guter Leopold! Gott weiß es, wie oft ich meiner Sali geſagt hab': Es thut mir weh, daß die Weidner's nicht mit uns ſo recht ver⸗ kehren, wie es ſein ſollte, weil wir, meiner Stellung und Verbindungen wegen, nicht leben können wie ſie, und unſere Gewohnheiten ſeit Jahren auseinandergehen!— Das habe ich geſagt, Freund, und wiederhole es noch zur Stunde. Aber Du wirſt mir bezeugen müſſen, daß wir, ich und meine Familie, niemals zudringlich unſeren aufrichtigen Wunſch, eine innigere Annäherung zwi⸗ ſchen uns, durchzuſetzen verſucht haben, denn wir ach⸗ teten Eure Gewohnheiten und Grundſüätze ſo ſehr, wie Euern ſchlichten, redlichen Character. Haſt Du das als Kälte von unſerer Seite ausgelegt, ſo ſchmerzt mich dieſes Mißverſtehenum ſo tiefer, als es nur rückſichtsvolle Zurückhaltung war, die uns abhielt, Euch unſeren ge⸗ räuſchvollen Umgang aufzunöthigen, Euch bei Eurer einfachen Lebensweiſe, die Euch über Alles geht, eine Feſſel aufzuerlegen, die Ihr in Eurer Gutherzigkeit viel⸗ leicht getragen, aber nichts deſto weniger drückend ge⸗ funden hättet!““ 83 Stahl hatte das Alles im ehrlichſten Toue von der Welt geſagt, wie ein Menſch, dem nach langer peinli⸗ cher Zurückhaltung endlich das Herz aufgeht, ſeine Stimme hatte ſogar zum Schluß der Rede wie in ſchwach verhehlter Rührung gebebt. Aber an Weidner's markiger Natur waren alle dieſe Kunſtſtückchen macht⸗ los abgeprallt. Zugleich hatte der ſchlichte Mann einen viel zu geſunden Verſtand, als daß er geſonnen geweſen wäre, ſeinem redegewandten Gegner Gelegenheit zu bieten, ſich in vielerlei ſophiſtiſchen Auseinanderſetzungen und Verdrehungen zu ergehen. Weidner's practiſcher Sinn war gewohnt, auf eine Sache grade los zu gehen, ſeine eiſerne Konſequenz ließ nicht zu, daß er vom ein⸗ mal vorgeſteckten Ziele auch nur eine Handbreit ablenke. Er gab alſo auf die mit theatraliſcher Wirkſamkeit vor⸗ gebrachten Floskeln Stahl’s keine Antwort. „Ich muß Dir ſagen, Freund,“ begann er ſo trocken wie vorhin,„daß ich hier bereits länger als eine Stunde bin, und daß Du mich, meines Wiſſens, hier eines Geſchäftes halber zu ſprechen wünſchteſt. Schwei⸗ fen wir nicht davon ab, wenn ich bitten darf. Dir pflegt in Geſchäftsangelegenheiten doch ſonſt Deine Zeit ſo koſtbar zu ſein, wie es mir die meine iſt. Ich muß annehmen,“ fuhr er mit feſtem Blick auf das Antlitz Stahl's fort,„daß Dich ein Unfall nöthigte, mich 6* 84 ſo lange warten zu laſſen, denn ich ſehe, Dein Geſicht iſt zerkratzt.“ 4 „Ich ritt heute im Prater unter einem Baume weg, deſſen Zweige tief herabhingen, und erhielt ſo die Schramme!“ entgegnete Stahl leichthin—„Meine Verſpätung rührt davon her, daß ich mich bei der Ge⸗ neralverſammlung der Aktionäre in der Kreditanſtalt zu lange aufhielt. Ich bitte nochmals, dieſe Verſpätung zu entſchuldigen!“ „Hm, gut!“ murmelte Weidner—„Alſo an's Ge⸗ ſchäft!“ Stahl warf verſtohlen einen lauernden, unzufriede⸗ nen Blick auf ſeinen Beſucher. Dann nickte er und ſchritt durch den Salon einem Schreibtiſche zu, der neben einem der Fenſter ſtand. Auf halbem Wege dahin erblickte er den auf dem Balzac ſchlafenden Sohn. Eine leiſe Ver⸗ wünſchung murmelnd ſchickte er ſich an, ihn aufzu⸗ rütteln. „Laß ihn nur,“ ſagte Weidner,„er ſtört uns ja nicht! Wie kommt es aber,“ fuhr er mit ſcharfer Be⸗ tonung fort,„daß Deine Familie nicht, wie ſonſt jedes Jahr, nach Iſchl in's Bad gereiſt iſt?“ Stahl warf auf Weidner einen zweiten forſchenden Blick, der zu ſagen ſchien:„Du fragſt wohl nicht ohne Grund?“ 85 „Der Doktor hat meiner Frau abgerathen!“ ant⸗ wortete er obenhin, zum Schreibtiſch tretend, während Weidner in Nachdenken zu verfallen ſchien. Dann öffnete er eines der Fächer des Tiſches, und zog eine Mappe ſowie ein Packet daraus hervor. Er trat damit zu dem Tiſche, auf welchem die Lampe ſtand, ſchlug die Mappe auseinander, löſte die Schnur des Packetes und breitete verſchiedene Papiere vor ſich aus. Die Mappe enthielt einige gezeichnete Pläne, Schriften und eine Landkarte. „Hier, Freund,“ ſagte Stahl, Weidner zu ſich her⸗ anwinkend,„ſind die unſer Geſchäft betreffenden Pa⸗ piere. Wir haben jetzt Alles bei cinander. Da iſt vorerſt die Beſchreibung der Gruben und Eiſenwerke,“ fuhr er fort, auf die verſchiedenen Papiere deutend, während er ſprach,„hier die Zeichnung der Gebäude und des gan⸗ zen Komplexes, Anlage Nr. 1 enthält einen Auszug aus den Büchern des Barons, die Bilanz von Erträgniß und Ausgaben, Anlage Nr. 2 das Verzeichniß des nicht un⸗ beträchtlichen Fundus instructus, Anlage Nr. 3 iſt das Gutachten eines Oraviczaer Bergbeamten, und die⸗ ſes ſpricht ſich dahin aus, daß aus den Kohlenwerken das Zehnfache der jetzigen Ausbeute mit Leichtigkeit zu gewinnen ſein würde, falls ein umſichtiger und thätiger Unternehmer das nöthige Betriebskapital darauf ver⸗ 86 wenden möchte. Ich habe alle dieſe Papiere geprüft, und mir leuchtet ein, daß das Unternehmen mit der Zeit einen enormen Gewinn abwerfen dürfte. Sieh her,“— Stahl breitete über die Papiere eine Laudkarte, auf der die Eiſeubahnnetze verzeichnet waren—„hier iſt das Ba⸗ nat, und das da umfaßt unfähr das Bergrevier von Oravicza. Auf dem Wege nach Ruszberg liegen die Gru⸗ ben und Eiſenwerke des Barons, in geringer Entfernung von Steiersdorf. Da nun die Eiſenbahn der Staatsge⸗ ſellſchaft bis nach Steiersdorf ſo gut wie vollendet iſt, und bemnächſt auch dieſe letzte Strecke eröffüet werden wird, ſo muß ſich dadurch für den Beſitzer der Gruben und Eiſenhütten eine bedeutende Ermäßigung der Traus⸗ portkoſten ergeben. Ich zeigte Dir bei unſerer vorgeſtri⸗ gen Beſprechung einige Proben der Produkte, die in der! That trefflich ausfielen, es läßt ſich alſo die Sache je⸗ denfalls gut an, und da der Baron,“ fügte Stahl ſchlau lächelnd hinzu, indem er flüſterte und erſt auf Weidner, ſodann auf die Seitenthür einen liſtigen Blick warf, „ohne alle Frage verkaufen muß, ſo hoffe ich, die Be⸗ ſitzungen um einen Spottpreis an mich bringen zu koͤn⸗ nen. Damit mir aber nicht ein anderer Käufer zuvor⸗ komme,“ ſchloß Stahl im vorigen Geſchäftstone,„ſo bitte ich Dich, Dein Arrangement, falls Du auf meinen Vorſchlag eingehen willſt, ſo zu treffen, daß die beſpro⸗ 87 cheuen 40,000 Gulden jede Stunde zu meiner Verfü⸗ gung ſein können. Dir ſelber ſteht dann noch immer frei, Dich als Theilhaber an der Unternehmung zu be⸗ trachten, oder als meinen Gläubiger, dem ich mit Grund und Boden der Beſitzung für pupillariſche Sicherheit der vorgeſtreckten Summe hafte.“ Stahl ſchwieg und ſchaute Weidner forſchend an. Dieſer, der auch an den Tiſch getreten war, warf erſt einen ruhigen Blick auf die Papiere und dann einen durchdringenden auf den falſchen Mann, der mit ſo anſcheinender Seelenruhe das Gewebe ſeines Betruges entwickelt hatte. Aber Weidner blieb ſtumm.* „Nun, wie iſt's?“ fragte Stahl nach einer Pauſe. —„Willſt Du, daß ich mit dem Baron in Deiner Ge⸗ genwart verhandle,— ich glaube, daß es gut ſein dürfte, Du könnteſt hier und dort in unſerem Intereſſe drein⸗ reden— ſo rufe ich ihn.“ Stahl wollte ſich wenden, um der Seitenthüre zu⸗ zugehen, als er auf ſeinem Arm die Hand Weidner's fühlte, die ihn zurückhielt. „Spare Deine Mühe und höre mich an!“ ſagte dieſer ernſt und voll Feſtigkeit. Stahl zuckte unwillkürlich, doch kaum bemerkbar, beim harten Klang dieſer Worte zuſammen. Er ſchaute mit Befremden und unſicherem Blick auf Weidner. Das 88 Antlitz des wackeren Mannes ſpiegelte in dieſem Augen⸗ blick eine Strenge wieder, die ſcharf mit der behäbigen Gemüthlichkeit kontraſtirte, welche ſonſt gemeiniglich in ſeinen Zügen zu ſo herzlichem Ausdruck kam. Stahl forſchte jetzt unruhig in dieſen Zügen, ſie erſchienen ihm eiſern und undurchdringlich. „Erinnerſt Du dich noch,“ begann Weidner lang⸗ ſam und ruhig,„wie wir Beide vor dreißig Jahren nach Wien kamen?“ „Freilich!“ antwortete Stahl, mit noch größerem Befremden als zuvor den ernſten Mann anſtarrend. Dann ſchüttelte er den Kopf und ſagte:„Aber was ge⸗ hört das hieher, wo wir jetzt ein Geſchäft—“ „Es gehört hieher!“ fuhr Weidner eiſig fort— „Und ich muß Dich erſuchen, mich anzuhören. In dem⸗ ſelben Dorſe geboren, mit einander aufgewachſen, wan⸗ derten wir hieher nach der Reſidenz. Wir waren arme Teufel, aber wir beſaßen etwas, was mehr werth iſt als Geld und Gut,— den feſten Willen, uns in die Höhe zu arbeiten, ſo viel Verſtand als hinreichend iſt den Willen mit Gewandtheit zu unterſtützen, eine unverwüſt⸗ liche Zähigkeit allen Hinderniſſen gegenüber, und endlich einen handfeſten Körper und ein geſundes Herz. Du trateſt bei einem Seiden⸗, ich bei einem Wagenfabrikan⸗ ten ein. Wir hatten einander das Wort gegeben, kein 89 Wirthshaus zu beſuchen, und uns ſo viel vom Munde abzuſparen, als nur möglich war; unſer Sinn ſtand hö⸗ her hinaus, als derjenige der meiſten unſerer Kamera⸗ den, die ſorglos in den Tag hineinlebten,— wir woll⸗ ten vorwärts. Und wir hielten einander Wort.“ „Wie kommſt Du jetzt darauf?“ murmelte Stahl, deſſen Stirn ſich verdüſterte, und der den Blick zu Boden ſchlug. „Unterbrich mich nicht!“ fuhr Weidner ruhig fort —„GUnſere enthaltſame, nüchterne, raſtlos thätige Le⸗ bensweiſe trug ihre Früchte,— einige Jahre nach un⸗ ſerer Ankunft in Wien warſt Du der Geſchäftsführer der alten, kinderloſen Ullrich, und bald darauf Eigen⸗ thümer der Fabrik, ich der Theilnehmer am Geſchäfte meines Herrn und ſein Schwiegerſohn. Du erweiterteſt Dein Geſchäft, ich das meine, nachdem der Schwieger⸗ vater geſtorben war; wir begannen zu den erſten Ge⸗ ſchäftsleuten unſeres Grundes zu zählen. Wir hatten bisher in Sitten, Gewohnheiten und Freundſchaft feſt zu einander gehalten, von nun an ſollte ſich das ändern. Unſere Lebensweiſe ging allmälig auseinander und ent⸗ fremdete uns. Die Erfolge Deiner Unternehmungen verdrehten Dir den Kopf, während mein Glück mich Gottlob ruhig und beſonnen ließ. Du vergaßeſt leider nach und nach, daß der Induſtrielle nie auf⸗ 90 hören darf, ſich als den erſten Arbeiter zu betrachten. Bald hatteft Du nicht allein die Schwäche, dem Drängen Deiner Frau nach zugeben, die, gerade herausgeſagt, eine Putznärrin iſt und die 8 Verſch wendung liebt, ſondern une dem falſchem Ehr⸗ geiz, mehr ſein zu wollen, als Du biſt. Erſt ſollte es heißen: Er iſt der größte Fabrikant Wien's.— Dann war Dir das nicht mehr genng, Du wo ltteſt T Titel, ein Anſehen, wollteſt was im Staate gelten. Als ob der Titel:„Ein ehrlicher Mann,“„Ein rechtſchaffener, ſchlichter Bürger⸗ nicht einen beſſern Klang hätten, als alle die vornehmen Namenanhängſel, als ob ein Ge⸗ werbsmann, der Hunderten im Lande Arbeit und Brot giebt, im Staate nicht ſchon Geltung und Anſehen genng beſitze!— 1 un was thateſt Du da? Anſtatt Dein Geſ ſchäft i Auge zu behalten, liefſt D Du herum und ſesteſ Alles darau, Gemeinderath zu eder und als Du es geworden, da ſcharwenzelt eſt Du um alle Kreiſe, die den Gewerbsmann nichts augehen, da drück⸗ teſt Du Dich in Deputationen und Ausſchüſſe hinein und drängteſt Dich in die Borzinmer der Miniſter und Räthe, nicht vom Eifer, das Wohl der Stadt zu ver⸗ treten, angetrieben, nein, nur um mit den Anderen ge⸗ naunt zu werden. Du machteſt Dich in Dingen breit, von denen der Gewerbsmann nichts Nerſteht, Dein ge⸗ 91 fälliger Geldbeutel half Dir über die Schwelle des einen oder andern Kavalierſalons, mit einem Wort, überall war Joſef Stahl zu ſinden, nur nicht zu Hauſe, in der Fabrik. Aber elegante, vornehme Verbindungen hatte er! Und da ſollte es ihm nicht einfallen, den Kavalier zu ſpielen? Das ward das Ende vom Liede,— ein fürſtlicher Luxus, Equipagen, Badereiſen, Bälle und SoirCen und daneben zwei Geſchäftsführer, denen Alles anvertraut worden war, und die nach einander wegen enormen Betruges davongejagt und eingeſperrt werden mußten, Unordnung in der Ausführung mancher Be⸗ ſtellungen, ein Mißverhältniß zwiſchen Erwerb und Ausgaben—“* „Wer ſagt Dir das?“ fuhr Stahl auf, den Spre⸗ cher mit funkelndem Blicke meſſend.—„Mein Geſchäft iſt eines der erſten Wien's, mein Kredit unerſchütter⸗ lich!—“ 3„Still!“ gebot Weiduer kalt und zugleich euergiſch. —„Höre mich zu Ende! Statt Dich mit aller Kraft auf das zu werfen, was Du verſtehſt, betrateſt Du in den letzten Jahren, um das Deſieit auszugleichen, die ſchlüpferigen Wege der Speculation, und ſie— ſie ha⸗ ben Dich endlich dahin geführt, wohin Du, trotz Deines großen Geſchäftes, bei Deiner und der Deinigen Lebens⸗ 92² weiſe ohnehin früher oder ſpäter kommen mußteſt— zur Unredlichkeit!“ 3 Stahl fuhr krampfhaft zuſammen, er fühlte ſich in innerſter Seele getroffen; Weidner hatte mit ſchonungs⸗ loſen Zügen einen Umriß ſeines ganzen Lebens entwor⸗ fen. Aber im nächſten Angenblicke war er wieder Herr über ſich. Mit der gut geſpielten Entrüſtung eines Eh⸗ renmannes richtete er ſich empor, die Hände ballend und zornige Blicke auf Weidner ſchleudernd. „Das iſt zu viel,“ rief er—„Du häufeſt Vor⸗ würfe auf Vorwürfe! Du zeiheſt mich der Unredlichkeit — wo haſt Du Beweiſe dafür?“ 3 „Hier iſt gleich einer zur Hand!“ entgegnete Weid⸗ ner kaltblütig, indem er verächtlich auf die Papiere deutete, welche Stahl über den Tiſch ausgebreitet hatte. —„Der Baron iſt ein Abenteurer, deſſen Mitgenoſſe Du geworden biſt, der ganze Bettel dort ein gefälſchter Wiſch!“. Stahl ſtutzte. „Wer wagt das zu behaupten?“ rief er heftig. „Ich!“ entgegnete Weidner mit eiſiger Ruhe.— „Bevor ich hieher gegangen bin, war ich im Telegra⸗ phenamt,— man kennt im Oraviczaer Bergrevier kei⸗ nen Baron Lenz, der dort Beſitzungen habe!“ Der ehrliche Weidner bediente ſich der Nothlüge, 93 um Pauline nicht zu verrathen. Er hätte aber auch nicht ſchlagender antworten können. Stahl biß ſich in die Lippen, einige Sekunden lang wußte er nicht, was er ſagen ſollte. Dann faßte er ſich. „So hat mich der Baron betrogen!“ ſtammelte er haſtig und ſchickte ſich an, dem Nebenzimmer zuzueilen, aus dem, faſt ſeit Beginn der ernſten Unterredung, durch die geſchloſſene Thüre gedämpft, die luſtigen Klänge des Piano's ertönten. Weidner vertrat dem falſchen Manne den Weg. „Halt,“ rief er,„laſſen wir die Komödie! Der Betrogene ſollte einzig und allein ich ſein! Stahl, ich kenne Deine Verhältniſſe beſſer als Du glaubſt, und ſtehe hier,— trotzdem ich ſie kenne, ungeachtet Du dar⸗ auf ausgingſt, mich zu betrügen,— Dir, ſo viel in meinen Kräften liegt, zu helfen!“ Stahl ſtarrte den Mann an, welchen er ſich zum Opfer erkoren gehabt. Züge und Stimme Weidner's waren zu ehrlich und ernſt, als daß er ſich täuſchen konnte. Er begriff nicht, wie der practiſche, vorſichtige Weidner ihm ſolches Anerbieten machen könne, aber er zweifelte nicht an der Aufrichtigkeit desſelben, und fühlte, daß er ſeine Maske fallen laſſen, wenigſtens mit einer anderen vertauſchen müſſe. Darum zeigte ſich im 94 nächſten Augenblick Beſtürzung und Zerknirſchung in ſei⸗ nem Antlitz. „Vergib, Freund!“ ſtammelte er—„Meine Rathloſigkeit— ich durfte nicht hoffen—! Du weißt alſo—!“ 1„Daß Du der 40,000 Gulden benöthigſt, die Wechſel der nächſten Woche zu decken. Für dieſe Summe will ich auffommen,— unter Bedingungen!“ „Welche— 2 „Du beſchränkeſt Deinen Umgang auf Leute Dei⸗ nes Standes, widmeſt Dich mit Eifer der Fabrik und Deinen Aufträgen, zu deren Realiſirung ich Dir wei⸗ tere 10,000 Gulden vorſtrecke,— vermeideſt das Bör⸗ ſenſpiel nnd das andere— ich kenne Deine Wege—“ „Zur Gräfin Leggiero?“ ſtammelte Stahl be⸗ ſtürzt. 4 Weiduer blickte ihn betroffen an. Stahl hatte eine der eleganten, ſtadtbekannten Damen der demi-monde Wiens genannt, ein Weſen, das einſt Polirmädchen in der Wagenfabrik Weidner's geweſen war. „Du haſt ferner,“ fuhr Weidner, ſeine Ueber⸗ raſchung verdeckend, fort,„den jetzigen Aufwand zu meiden—“. „Wie kann ich das?“ murmelte Stahl.—„Mau 95 wird vermuthen, ich ſei ruinirt, mein Kredit würde lei⸗ den—!“ „Er würde leiden,“ verſetzte Weiduner,„wenn Du Dein Geſchäft verringerteſt, ſobald Du aber Dein Haus⸗ weſen auf ein vernünftiges, bürgerliches Maß einſchränkſt, wird das jeder verſtändige G ſchäftsmann, mit dem Du zu thun haſt, nur billigen können. Thörichte Furcht, mit welcher Derjenige, der gefehlt hat, dem Abgrund zurennt! Solchen Einwurf haben ſich Geimüller, Eskeles und alle die geſtürzten Handels⸗ und Fabriksgrößen auch gemacht, und ſind darüber zu Grunde gegangen. Was kann der ſolide Fabrikant, wenn er Deine und Deiner Familie ver⸗ änderte Lebensweiſe ſieht, anderes glauben, als daß Du Dir bei Zeiten geſagt haſt: Halt, bis hieher nud nicht weiter!— und zur Erkenntniß gelangteſt, daß ein Gewerbsmann weit beſſer thut, wenn er rechnet, als wenn er den Börſenſpekulan⸗ ten macht, den Politiker ſpielt, oder ſich bemüht, es den Kavalieren gleich zu thun, die ihn doch nur über die Achſel anſchauen! Willſt Du Dich fügen, Stahl?“ „Ich will— es verſuchen,“ ſagte dieſer zögernd, nin nächſter Zeit, ohne daß es auffällig werde! Iſt es möglich,“ fuhr er lebhafter fort,„Du wollteſt das Alles alſo wirklich für mich thun, und— 2“ 96 „Ich weiß,“ unterbrach ihn Weidner,„daß Du noch größere Verpflichtungen haſt, aber nicht für die nächſte Zeit. Durch die prompte Ausgleichung der 40,000 Gulden wirſt Du neuen Kredit gewinnen, und inzwiſchen in Stand geſetzt ſein, Deine Aufträge zu effektuiren, und hoffentlich Dein Geſchäft wieder ins rechte Geleiſe zu bringen.“ „Wie ſoll ich Dir danken?!“ liſpelte Stahl. Er haſchte nach Weidner's Hand. Dieſer zog ſie zurück. „Ich will Deine Hand nicht,“ ſagte er kalt—„es iſt die Hand eines Mannes, der ſeinen Jugendfreund gefährden wollte; ihn hat er gefährden wollen, von dem er obendrein weiß, daß er ſich im Schweiße ſeines An⸗ geſichtes mühſam und redlich emporgearbeitet hat. Pfui, Stahl!“ „Ich ſchwöre Dir,“ verſetzte Stahl, den Ton des Schmerzes und der Aufrichtigkeit anſchlagend,„daß ich nie daran dachte, Dich zu gefährden. Nur für den Au⸗ genblick wollte ich Dich über meine Lage täuſchen. Bin ich nicht mehr als ſolvent, wenn die Tante Heuber ſtirbt? Iſt ſie nicht eine ſiebenzigjährige, ſchwächliche Frau? Die Millionärin wird mich reichlich bedenken! Iſt Dir nicht bekannt, daß ſie meine Mädchen aus der Taufe 97 gehoben, und ihnen in ihrem Teſtamente eine bedeutende Summe ausgeſetzt hat?“ „Hm,“ entgegnete Weidner,„das geſchah freilich, als Du noch nicht den Kavalier in dem Maße wie jetzt ſpielteſt. Ich weiß aber ſehr wohl, daß die alte Frau ihre Meinung von Dir ſehr geändert hat, und ſeit Jah⸗ ren keineswegs mehr auf dem früheren Fuße mit Dir ſteht. Sie mag in manchen Dingen ein närriſches altes Weſen ſein, aber ſie iſt doch vernünftig und gottesfürchtig genug, Enre Verſchwendung, Euren Leichtſinn nicht gut⸗ zuheißen! Das mag die Sache geändert haben!? „Nicht doch, Weidner!“ erwiederte Stahl.— „Eben weil ſie eine fromme Frau iſt, die das gegebene Wort heilig hält, nimmt ſie nicht zurück, was ſie ihren Pathkindern zugeſagt hat. Auch iſt in letzterer Zeit ſo ziemlich Alles zwiſchen uns ausgeglichen, was ich zum Theil, ich geſtehe es, der guten Thereſe Ferval zu ver⸗ danken habe!“ „Richtig, die Ferval!“ ſagte Weidner—„So viel ich weiß, iſt die Thereſe mit ihrem Manne auf den Wunſch der Heuber vor einigen Monaten aus Belgien nach Wien gekommen. Sie iſt die Nichte der alten Frau, während Ihr dieſe, als entferntere Verwandte, nur Tante nennt. Deine Töchter mögen bedacht werden, mag ſein, aber Thereſe wird doch das große Vermögen erben!“ Fabrikanten und Arbeiter I. 98 „Vergiß nicht,“ verſetzte Stahl in vorſichtig de⸗ likatem Ton und mit erheuchelter Milde,„daß Thereſe in anderen Umſtänden iſt und eine ſchwächliche Konſti⸗ tution hat; wie leicht kann ſich da ereignen, was Gott verhüten möge,— denn wir lieben die gute Thereſe Alle, und haben ſie, ſo oft ſie zu uns gekommen, mit offenen Armen empfangen, daher bei uns von Mißgunſt keine Rede—“ Stahl brachte ſeinen Satz nicht zu Ende, denn die Hausglocke ward in auffallender Weiſe ſtürmiſch und ausdauernd angezogen. „Was kann das ſein?“ riefen beide Herren zu⸗ gleich. Das Klavier nebenan verſtummte. Die Thüre des Seitenzimmers ward haſtig geöffnet. Die dicke Fabri⸗ kantin trat eilig in's Zimmer, von Ottilien und dem Baron gefolgt. „Hörſt Du? Was mag geſchehen ſein?“ rief ſie ihrem Manne zu, einen beſorgten Blick auf ihn werfend. Im nächſten Augenblicke entſtand ein lebhaftes Geräuſch auf der Treppe, ein Mann riß die Thüre des Salons auf und ſtürzte bleich und athemlos herein. 99 Dieſer Mann war der Gatte Thereſens, der junge Bel⸗ gier, dem wir bereits im erſten Capitel dieſes Romans begegnet ſind. Beim Anblick Ferval's ward Stahl blaß wie der Tod, er wankte und mußte ſich an einen Seſſel halten. Seine Frau taumelte mit einem Aufſchrei zurück. Kannte Ferval den Urheber der an ſeiner Frau begangenen Schändlichkeit? Kam er, ihn zur Verantwortung zu ziehen? „Um Gottes willen,“ rief der junge Mann in deutſcher Sprache, doch fremdem Accent, ſich händerin⸗ gend an die Anweſenden wendend,„meine Frau liegt im Sterben! Ich ließ ſie in den Händen eines fremden Arztes und einer Nachbarin. Vetter, Couſine, Sie ha⸗ ben uns, ſeit wir in Wien ſind, ſo viele verwandtſchaft⸗ liche Theilnahme geſchenkt, nehmen Sie ſich unſer an! Ein Wagen hält unten,“— fuhr er fieberhaft fort, Frau Stahl anblickend—„Thereſe bedarf der Frau, welche Sie mir empfohlen haben, ſie bedarf weiblichen Beiſtandes, ihre Stunde iſt da, aber durch einen Schreck, ein ſchändliches Bubenſtück verfrüht!“ Und mit wenigen, haſtigen Worten theilte er mit, was im Pötzleinsdorfer Gehölze geſchehen war. Stahl athmete hoch auf, aber er zitterte noch leiſe, 7* 100 ſeine Hand krampfte ſich noch an die Lehne des Seſſ els. Ottilie wendete ſich ab und ging in's Nebenzim mer. Frau Stahl ſank in ein Fauteuil. „Ich kann nicht mit!“ ſtieß ſie mühſam hervor— „Meine Nerven—!“ Ferval blickte angſterfüllt umher. „Sagen Sie mir wenigſtens die Adreſſe der Frau!“ ſtammelte er. Da trat Pauline, die unbemerkt auf der Schwelle erſchienen war, erröthend doch voll Entſchloſſenheit in Blick und Haltung an ihn heran. 4„Ich fahre mit Ihnen,“ ſagte ſie mit feſter Stimme und ergriff die Hand Ferval's,„ich will Thereſens Wärterin ſein!“ Und das junge Mädchen zog, wie ſie war, ohne Hut und Shawl, den Angſterfüllten mit ſich fort, die Treppe hinunter zum Wagen. „Das iſt ein Mädchen!“ murmelte Weidner vor ſich hin. Dann ſtarrte er auf Paulinens Eltern, die er hatte erblaſſen und zittern ſehen, bevor noch Ferval ein Wort geſprochen. „Seltſam!“ brummte er in ſich hinein. 101 Alsdann griff er zum Hut und ſagte mit ſcharfer Betonung: „Ich gehe, und überlaſſe Euch Euern verwandt⸗ ſchaftlichen Pflichten. Im Uebrigen bleibt es, Stahl, wie wir beſprochen. Gute Nacht!“ Weidner ging. Stahl war nicht ſo viel Herr ſeiner ſelbſt, daß er antworten konnte. Seine Frau lag halb ohnmächtig im Fauteuil. Der Baron blickte verwundert umher. Dann trat er zu Stahl und flüſterte ihm zu:„Iſt Alles in Ord⸗ nung?“ Der Angeredete ſchien gedankenlos in's Leere zu ſtarren. Der Baron ſchüttelte den Kopf, ſah den Ver⸗ ſtörten durchdringend an und flüſterte wie vorhin: „Sie werden mich wohl heute nicht zur Gräfin Leggiero begleiten?“ Stahl fuhr aus ſeiner Betäubung auf. Ein trium⸗ phirendes Lächeln glitt über ſeine hageren Züge, ſein Auge blitzte. „Sie ſtirbt!“ murmelte er in ſich hinein. Dann flüſterte er dem Baron zu:„Zur Gräfin? O heute ganz gewiß! Kommen Sie!“ 102 Stahl trat zum Tiſch, raffte die Papiere zuſam⸗ men, warf ſie in ein Fach des Schreibtiſches und ent⸗ nahm dieſem ein Packet Banknoten, das er haſtig ein⸗ ſteckte. Dann warf er ſeiner Frau einen vielſagenden Blick zu und verließ mit dem Baron den Salon. Sechſtes Capitel. Die Fabrikarbeiter. Die zehnte Stunde war vorüber, alle Häuſer der Reſidenz waren bereits geſchloſſen, die Straßen lagen ſo ziemlich verödet da, und über die Glacis bewegten ſich nur wenige Menſchen, als von der Vorſtadt Joſefſtadt her, an der weithin ſich dehnenden Fronte der kaiſerlichen Stallungen entlang, der bejahrte Arbeiter, welcher dem jungen Belgier im Gehölze hülfreiche Hand geleiſtet hatte, der Hauptſtraße der Vorſtadt Mariahilf zuſchritt. Als das Pötzleinsdorfer Fuhrwerk vor einer halben Stunde etwa an der Wohnung Ferval's angehalten, da hatte der Arbeiter die leidende Frau hinauftragen hel⸗ fen, und war dann, weil der nahewohnende Hausarzt Ferval's nicht zu finden geweſen, zum Alſervorſtädter Spital gelaufen, einen Primararzt zu holen. Und nach⸗ 104 dem er ſich alſo dienſtfertig erwieſen, war er gegangen, ohne die Rückkunft Ferval's abzuwarten, der ſich inzwi⸗ ſchen in einen Fiaker geworfen hatte, den Beiſtand und Rath der verwandten Familie Stahl in Anſpruch zu nehmen. Der wackere Arbeiter hatte ſich davongeſchli⸗ chen, ohne daß in der Beſtürzung dann gedacht worden war, ihm für ſeine Dienſte eine Belohnung anzubieten;— der ehrliche Alte würde dieſe ohnehin zurückgewieſen haben. Jetzt wanderte er nachdenklich und mit düſterer Miene ſeiner Wohnung zu. Als er um die Ecke der Stallungen bog, um die ſteilbeginnende Mariahilferſtraße hinanzuſchreiten, rannte er heftig an einen Menſchen, welcher die Straße herab⸗ kam. Der Arbeiter murmelte einen Fluch, trat zur Seite, und warf einen Blick auf den Anderen. Dieſer, deſſen Antlitz und Geſtalt das Gaslicht der Ecklaterne ſcharf beleuchtete, war ein junger Menſch in ärmlicher Kleidung. Eine zerriſſene Kappe deckte ſein kurz geſchorenes Haar. Seine Züge mochten hübſch ge⸗ weſen ſein, jetzt waren ſie fahl und entſtellt, Kummer und Trotz, mit einander gepaart, ließen ſie menſchen⸗ feindlich und elend erſcheinen. Die hohlen Wangen, das ſpitzige Kinn, die zur Bitterkeit verzogene Lippe waren mit langen, blonden Bartſtoppeln bedeckt, unter den zu⸗ ſammengezogenen Brauen ſchoſſen unſtäte, wilde Blicke 105 hervor. Die ganze Erſcheinung war die eines Vagabun⸗ den, die, wenn man ihr nächtlich auf einſamem Wege begegnet, geeignet iſt, Beſorgniß einzuflößen. Dieſer junge Menſch ſchickte ſich bereits an, ſeinen Weg fortzuſetzen, als er von ungefähr einen gleichgülti⸗ gen Blick auf den zur Seite getretenen Arbeiter warf. Kaum aber war dieſes geſchehen, als ſeine düſteren Augen ſich ſchreckhaft erweiterten, er haſtig zuſammen⸗ zuckte, mit allen Anzeichen der Beſtürzung einen Schritt zurücktrat und einen leiſen Schrei ausſtieß. „Landsberger!“ ſtammelte er. Der bejahrte Arbeiter blieb wie angewurzelt ſtehen. Sein Blick überflog einige Momente lang forſchend die welken Züge des jungen Menſchen. Dann erſchrack auch er. „Anton!“ rief er betroffen,—„Biſt Du's, Anton Schulhof? Der unglückliche Anton?“ „Ja, der Anton bin ich!“ antwortete der Andere bewegt,—„Und Sie haben recht, der unglückliche—!“ „Aber— wie kommſt Du hierher— Da Du doch—? Menſch, Du biſt doch nicht ausgebrochen?“ „Nein, ſeit vier Tagen bin ich auf freiem Fuß. Man hat mir den Reſt meiner Strafe nachgelaſſen.“ „Und warum haſt Du mich nicht aufgeſucht, Anton?“. 106 Der junge Mann ſchlug den Blick kummervoll zu Boden. „Wie konnte ich es wagen, Ihnen unter die Augen zu treten, Landsberger?“ murmelte er—„Kann ich, ein entlaſſener Sträfling, ohne Weiteres ehrliche Men⸗ ſchen heimſuchen? Und dann, welchen Empfang durfte ich von Ihnen erwarten, ich, der ich mich in wahnſinniger Wuth an Ihrer Tochter vergriff— 2 „Tochter?“ verſetzte Landberger bitter—„Ich weiß nichts von einem Kinde, das Zulie heißt, und danke unſerem Herrgott, daß die, welche Du meine Tochter nennſt, einen anderen Namen führt, denn ſo ſchändet ſie doch nicht mehr meinen ehrlichen! Anton, Du verfündig⸗ teſt Dich ſchwer, Du fügteſt in der Wildheit, im Zorn, im Schmerz Deinem Nebenmenſchen ein Leid zu, einem wehrloſen Frauenzimmer ſogar, Du hätteſt ſie tödten können, und dann— ſchaudert Dir nicht?— dann hätteſt Du jetzt einen Mord auf der Seelel— Du büßteſt Deine That hart,— mit Deinem ehrlichen Na⸗ men, und wirſt ſie ferner büßen, Anton, denn es wird Dir ewig ankleben, daß Du im Zuchthauſe geſeſſen biſt, magſt Du nun durch Redlichkeit, Fleiß und Reue Dich bemühen, dieſen Flecken von Dir abzuwaſchen! Du ver⸗ dienteſt die Strafe, die das Kriminal über Dich aus⸗ ſprach und doch— doch warſt Du nicht ſo ſtrafbar als 107 ſie, die an Dir, an uns Allen ſchlecht handelte. Und ſie iſt es noch! Du zerſchlugſt ihr die Hand, wurdeſt einge⸗ ſperrt, und büßteſt Deinen Frevel ab, ſie aber zerreißt mir noch jetzt alle Tage das Herz, ſie kennt keine Reue, ſie lebt herrlich und in Freuden und trägt ihre Schande lachend zur Schau! Gieb mir Deine Hand, Du armer Burſche, ich verzeihe Dir, was Du gethan haſt!“ Landsberger hielt dem jungen Manne ſeine Hand hin. Ueber Antons hohle Wangen tropften heiße Thränen nieder. Ohne ein Wort zu ſagen, ſtürzte er dem Alten um den Hals und ſchluchzte leiſe. „Sie verdarb Dir Deine Zukunft,“ ſagte Lands⸗ berger ergriffen,„doch faſſe Dich, ein Jeder hat ſein Theil Unglück auf dieſer Welt, aber der iſt immer doch noch am beſten daran, der es mit rechtſchaffenem Her⸗ zen trägt! Komm, geh' mit mir nach Hauſe. Und Landsberger ſchob den Schluchzenden von ſeiner Schulter. *„Ich kann nicht!“ murmelte Anton—„Wenn man mich bei Ihnen ſähe, Vater Landsberger, ſo würde die ganze unglückſelige Geſchichte wieder aufgerührt, und Ihr hättet dann neuen Schimpf davon. Ich habe Euch auch darum nicht aufgeſucht und Euch vermeiden wollen, und hätte nicht jetzt der Zufall—“ „Sage das nicht, Anton,“ unterbrach ihn Lands⸗ 108 berger ernſt.—„Gott hat es wollen, daß wir uns fin⸗ den, und er weiß, wie es am beſten iſt! Was kümmern mich die Nachbarsleute und ihr Geſchwätz? Du gehſt mit! Iſt es nicht beſſer, wir richten einander auf, als daß Jeder ſeinen Kummer für ſich allein trage? Und dann— Anton, Du warſt immer ein braver, ordent⸗ licher Burſche— gerade heraus, ich habe mir erzählen laſſen, die ſchlechte Geſellſchaft im Strafhauſe mache—“ „Ich weiß, was Sie ſagen wollen, Vater Lands⸗ berger!“ rief der junge Mann aufgeregt und mit leuch⸗ tendem Blick.—„Gott iſt mein Zeuge, daß ich mich vor dem Umgange dieſer Menſchen ſcheute, wie vor der Peſt, und daß ich jetzt mehr als je Gott bitte, er möge mir die Kraft geben, ehrlich und rechtſchaffen zu bleiben!“ „Ich habe das von Dir erwartet, Anton!“ ver⸗ ſetzte Landsberger, ihm herzlich die Hand drückend.— „Damit Dir aber leichter werde, Deine guten Vorſätze auszuführen, iſt es beſſer, Du haſt einen Anhalt, als Du biſt Dir ganz und gar ſelber überlaſſen. Was willſt Du in der Zukunft anfangen? Und wohin willſt Du jetzt?“ 3 „Ich— ich weiß es ſelber nicht!“ antwortete Anton trübſelig. „Wie? So haſt Du wohl gar keinen Unterſtand?“ „Wo hätte ich einen finden ſollen,— ohne Geld?“ 109 „Wie lange biſt Du in Wien?“ „Seit drei Tagen.“ „Und konnteſt Du Dich nicht um Arbeit um⸗ ſchauen?“ „Ich that es, Vater Landsberger. Zu meinem früheren Arbeitgeber mochte ich nicht gehen, und die Leute, denen ich mich antrug, ſchickten mich fort, ſo wie ich ihnen eingeſtand, daß ich erſt aus dem Strafhauſe entlaſſen worden ſei. Mein jetziges Ausſehen mag auch wohl wenig Vertrauen erweckend ſein! So iſt denn nichts aus einer Arbeit geworden; der letzte Kreuzer ging heute darauf! Ich habe dieſe drei Nächte auf dem Felde ge⸗ ſchlafen, Vater Landsberger!“ „Du armer Schelm!“ murmelte dieſer—„Du mußt alſo jedenfalls mit mir. Vielleicht finden wir et⸗ was für Dich. Komm, bleiben wir hier nicht ſtehen.“ Mit Widerſtreben gehorchte Anton der Auffor⸗ derung Landsberger's. Beide Männer ſchritten in die Mariahilferſtraße hinein. „Es geht Ihnen alſo gut?“ ſagte Anton nach ei⸗ ner Pauſe—„Sie arbeiten noch immer beim Stahl?“ „Ja. Aber ich müßte lügen, wenn ich ſagen wollte, daß es mir gut gehe!“ antwortete Landsberger düſter —„Wäre es der Fall, dann würden wir uns hier ge⸗ wiß nicht heute begegnet ſein!“ „ 110 „Ja, ja, es iſt auch wahr,“ ſagte Anton, befrem⸗ det aufſchauend—„ich weiß, Sie ſind gewohnt aus der Fabrik nach Hauſe zu gehen und dort zu bleiben. Höch⸗ ſtens haben Sie bisweilen ein Glas Wein in Fünf⸗ haus getrunken. Was geht Ihnen denn ab, wenn Stahl Ihnen doch Arbeit gibt?“ „Arbeit? Ja, aber kein Geld!“ erwiderte Lands⸗ berger unwillig—„Von meinem Arbeitslohn iſt mir ſeit ein paar Wochen nur immer ein Theil ausbezahlt worden. Den Anderen von der Fabrik ging es nicht beſſer. Einige haben auch ſchon geſagt, daß es mit Stahl nicht zum beſten ſtehe, da obendrein nicht viel, bei Licht ſchon gar nicht mehr gearbeitet wird. Aber ich kann's nicht glauben, und es wäre auch ſchrecklich, wenn ich es müßte, denn ich gab dem Herrn mein Erſpartes hin, runde dreihundert Gulden, weil er mir höhere Zin⸗ ſen zuſagte, als ich ſonſt bekommen würde. Es iſt auch nichts an dem Gerede, denn wenn es mit der Arbeit ſtockt, nun, da ſind die Zeitverhältniſſe daran Schuld, das iſt doch gewiß! Und das Auszahlen— man weiß ja, wie die reichen Leute ſind, ſie haben das Geld liegen, aber ſie geben es nicht her, es iſt ihnen ordentlich leicht, wenn ſie es noch zurückhalten können, ſei es auch nur einen lumpigen Tag! Daran denken ſie freilich nicht, daß der arme Arbeiter darauf wartet, um ſich Brot 111 kaufen zu können, daß er ſchon in Noth und Sorgen iſt, wie es ihm mit ſeinen paar Kreuzern ausgehen werde. Und wenn es ihm doch einfallen ſollte, was kümmert es ihn? Der Arbeiter iſt ja nicht das Roß des Herrn, in demer Kapital ſtecken hat! Hat er ſich durch Sorgen und Anſtrengung abgenützt, dann gibt es ja hundert Andere, die ſtatt ſeiner eintreten können, was iſt es da weiter?“ Landsberger ſprach die letzteren Worte mit bitte⸗ rem Hohne und mit düſterem Blicke. „Ja,“ fuhr er trübſelig fort,„es iſt nicht mehr ſo, wie es früher war, wo es noch gegenſeitige Anhänglich⸗ keit zwiſchen Herrn und Arbeiter gab, und auf dieſen etwas gehalten ward, wenn er lange in der Fabrik war und als Menſch und Arbeiter das Vertrauen ſeines Herrn verdient hatte. Seit es überall Maſchinen gibt, betrachten viele von den Herren uns auch als nichts an⸗ deres! Hol' der Henker die Welt, wie ſie jetzt iſt, ich finde mich in ihr nicht mehr zurecht!“ Landsberger ſchwieg mit trotziger Miene, Anton ſenkte traurig den Kopf. Dann blieb der junge Mann plötzlich ſtehen, blickte ſeinen bejahrten Gefährten theil⸗ nahmsvoll an und hielt ihn am Arm zurück. „So geht es Ihnen alſo nicht zum beſten!“ ſagte 112 Anton.—„Und thut ſie nichts für ihren Vater, ihre Familie?“ „Sie?!“ antwortete Landsberger grollend.— „Seit der Gerichtsverhandlung, in der ich erſcheinen mußte, ſah ich ſie nicht wieder. Ich legte Zeugniß gegen ſie, zu Deinen Gunſten ab, wie Du weißt, und wäre das auch nicht geſchehen, ſie hätte ſich doch nicht nach uns umgeſchaut. Und glaubſt Du, Anton, ich hätte von ihrem Sündengelde auch nur einen Kreuzer nehmen mögen, ſo lange mir nur irgend Ausſicht blieb, Weib und Kinder durch meiner Hände Arbeit vor Hunger ſchützen zu kön⸗ ken? Das,“— murmelte er finſter in ſich hinein,—„iſt nun kaum mehr möglich!“ „Und Sie wollen, daß ich Ihnen noch zur Laſt falle,“ rief Anton lebhaft,„wo Sie doch ſelber kaum—? Nein, Landsberger, das geht nicht! Gute Nacht, ich will ſchon ſehen, wie ich durchkomme!“ Anton hielt dem Gefährten die Hand hin, denn er war entſchloſſen, nicht weiter mitzugehen. Der Andere aber ſtieß die Hand zurück. „Wenn Du nicht mit mir gehſt, ſchaue ich Dich mein Lebtag'nicht wieder an!“ ſagte er faſt unwillig.— „Das wäre eine Art, einen Freund auf der Straße zu laſſen, wenn man weiß, daß er keinen Unterſtand hat! Du bleibſt bei uns, bis ſich etwas für Dich findet und 113 willſt Du es uns in was vergelten, gut, ſo kannſt Du ja zu dem, was wir zuſammenbringen, Dein Theil bei⸗ ſteuern, ſobald Du Arbeit haſt!“ „Ja, Vater Landsberger,“ entgegnete Anton herz⸗ lich,„unter der Bedingung gehe ich nicht allein für heute mit, ſondern bleibe ich auch bei Euch, wenn es ſein kann! Ich will für Euch arbeiten nach beſten Kräften und nicht raſten und ruhen, bis wir uns mit einander aus dem Drückendſten herausgearbeitet haben. Bevor Ihr die Julie verloret, nanntet Ihr mich Euren Sohn,— nehmt mich als ſolchen wieder auf, Ihr habt einen mehr, der verdienen hilft, und ich will Euch keine Schande machen, weiß Gott nicht!?“ Die Augen des alten Arbeiters füllten ſich mit Thränen, er drückte den jungen Mann kräftig an ſein Herz und murmelte:„Komm, komm!“ Und nun ſchob er ſeinen Arm unter denjenigen Antons. Sie ſchritten wieder vorwärts. „Aber ſagen Sie mir, Vater Landsberger,“ begann Anton,„wie kommt es denn, daß ich Sie am Glacis gefunden? Sie ließen da vorhin einige Worte fallen, daß es nicht geſchehen wäre, wenn—“ „Wenn ich heute nicht einen ſchweren Gang vor⸗ gehabt hätte!“ unterbrach ihn Landsberger, deſſen Miene ſich wieder verdüſterte.—„So iſt's. Ich unnßi mich Faabrikanten und Arbeiter. I. 114 heute aufmachen, obwohl mir's in die Seele ſchnitt, und ich lieber alles Andere in der Welt hätte thun mögen, tie— das ungerathene Kind aufzuſuchen!“ „Die Julie?“ rief Anton verwundert. 3„Ja, ja!“ verſetzte der Arbeiter dumpf—„Nicht um meinethalben, bei Gott, mir ſelber könnte es noch ſo elend gehen, ich würde mich eher in den Kanal ſtürzen, als ihr kommen— aber mein Weib gab heute keine Ru⸗ re und jammerte: Anton, wir haben kein Brot zu Hauſe, die Kinder hungern!— und da mich der Herr in der Fabrik heute kurz abfertigte und mit dem Lohn auf die nächſte Woche verwies— da— was ſollte ich anfan⸗ gen?— da wollte ich die Julie aufſuchen, und— ſie bitten, für die Kinder etwas zu thun, die doch immer ihre Geſchwiſter bleiben, wenn ſie auch die Kinder ihrer Stiefmutter ſind, die wahrlich ſtets gut an ihr handelte, Du weißt es!“ Der ehrliche Landsberger hatte dieſes Geſtändniß mühſam hervorgebracht; er ſchien, ſich desſelben zu ſchä⸗ men und mit ſich ſelber zu zürnen. „Sie ſprachen ſie nicht?“ fragte Anton aufgeregt. „Nein!“ antwortete Landsberger niedergeſchlagen. —„Ich wußte von einem Fiaker, der mir bekannt iſt, daß ſich die Julie in Neuwaldegg oder Pötzleinsdorf aufhalten ſolle, ganz genan konnte er es nicht ſagen, und 115 da ging ich nach der Arbeitsſtunde hinaus. Aber in Neuwaldegg war ſie nicht, und in Pötzleinsdorf nach ihr fragen, dazu hatte ich keine Zeit, denn eine andere Ge⸗ ſchichte, die ich Dir einmal ſpäter erzähle, und wegen der ich bis nach der Joſefſtadt habe herein müſſen, verhin⸗ derte mich daran.“ „Auch dort iſt ſie nicht!“ verſetzte Anton raſch.— „Sie iſt ſchon zur Stadt gezogen, und wohnt nur wenige Schritte von hier, in dieſer Vorſtadt.“ Landsberger blickte dem jungen Manne ſcharf ins Geſicht. „Seit ein paar Tagen biſt Du hier,“ ſagte er, „und weißt das ſchon? Und jetzt kommſt Du mir von der Richtung her entgegen, in der Du ſagſt, daß die Julie wohne? Geſteh's, Du ſchlichſt um ihr Haus! Anton, Du kannſt die ſchlechte Perſon noch immer nicht vergeſſen!“ 8 Anton erröthete bis zur Stirn und blickte verwirrt zu Boden. Dann ſchaute er auf und ermannte ſich. „Vater Landsberger,“ ſagte er mitzitternder Stim⸗ me,„hört mich an! Als ich vor anderthalb Jahren als Urlauber entlaſſen ward, von Italien nach Wien kam und nun erfuhr, welch ein Leben die Julie führe, da gerieth ich in Wuth und Verzweiflung, da haßte ich ſie bis auf den Tod. Und dann kam der entſetzliche Auftritt zwiſchen 8* 116 uns, der mich in's Strafhaus brachte! Seit jener un⸗ glücklichen Stunde muß ich alle Tage an ſie denken, ſehe ich ſie faſt jede Nacht, wenn ich träume. Da ſteht ſie todtenblaß vor mir und zeigt mir die blutige, zerſchlagene Hand, ſie ſchaut mich traurig und bittend an, und mir iſt's dabei, als wäre ſie die Julie von ehemals, die un⸗ ſchuldige, herzige Julie. Und da fällt es mir auf's Herz, daß ich weinen muß, und wenn ich wache keine Ruhe habe! Mein Haß iſt verflogen, ich kann nichts denken, als daß ich ſie liebte, und daß ich ſie ewig lieben werde! Ich weiß, ſie iſt ehrlos, ſie iſt für mich verloren, ich ſollte ſie verachten, und doch— ſcheltet mich, Vater Landsberger, wie Ihr wollt, ich kann nicht anders— doch treibt es mich in ihre Nähe, doch muß ich immer und immer denken, daß es kein größeres Glück auf dieſer Welt für mich geben kann, als ſie!“ „Höre, Anton,“ verſetzte der Alte ernſt,„wohin ſoll das führen? Du marterſt Dich und wirſt Dich aufrei⸗ ben! Denke, ſie habe Dich nie ſo recht geliebt, wie es hätte ſein ſollen, denn ſonſt würde ſie Dich nicht haben aufgeben können, um ſich der Schande in die Arme zu werfen! Denke das, und arbeite Tag und Nacht, ſtatt um ihr Haus zu ſchleichen, Arbeit bringt auf andere Gedanken! Du biſt jung, es gibt genug brave Mädchen in der Welt—“ 117 „Ich kann nicht wieder lieben—“ „Das denkſt Du jetzt—, „Und kein braves Mädchen würde mit mir gehen wollen, wenn ſie erfahren würde, daß ich—“ „Du haſt Dich in der Verzweiflung vergangen, Du warſt kein Dieb oder Räuber—“ „Aber gebrandmarkt bin ich doch— ſo gut wie ſie!“ murmelte Anton dumpf. Dann fuhr er auf und rief haſtig:„Ja, Vater Landsberger, ich will arbeiten, für Euch Alle, ich will es verſuchen und gegen meine. Gefühle ankämpfen!“ „Und nun reden wir nicht mehr davon!“ ſagte Landsberger—„Aber noch Eins,— zeige mir das Haus, wo ſie wohnt.“ „Wir haben dahin nicht weit mehr!“ murmelte Anton. Schweigend, Arm in Arm, ſchritten die Männer weiter. Sie bogen in die Gardegaſſe ein und gingen an der Kaſernenſeite. Als ſie am Gardehauſe vor⸗ über waren, trat Anton mit ſeinem Gefährten unter ein Portal.— „Dort gegenüber,“ flüſterte er bebend,„wohnt ſie im erſten Stock.“ Und er deutete auf eine hell erleuchtete, durch Vor⸗ hänge verwahrte Fenſterreihe. 118 Im nächſten Augenblicke ſtreiften an den beiden Arbeitern zwei Herren vorüber, die dem bezeichneten Hauſe zuſchritten, ohne die unter dem Portal Stehenden zu beachten. „Ich freue mich darauf,“ ſagte einer der Herren ziemlich deutlich,„ſo viel ich erfuhr, wird man heute bei der Gräfin hoch ſpielen!“ „Deſto beſſer,“ antwortete der andere Herr,„ſo werde ich heute Alles daran wagen. Wer wagt, gewinnt!“ Landsberger und Anton hatten die Worte vernom⸗ men. Der Erſtere warf einen haſtigen Blick auf die Her⸗ ren und zog ſeinen Gefährten raſch in das Dunkel des tiefgehenden, verſchloſſenen Portals. „Zum Henker!“ flüſterte er—„Der zuletzt geredet hat, iſt Stahl! Ja, ja, ich ſeh'es jetzt, mein Herr iſt's!“ Die Herren waren am gegenüberliegenden Hauſe ſtehen geblieben und hatten angeläutet. Auch Anton blickte hinüber. „Iſt'’s möglich?“ murmelte er. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre drüben, die Herren verſchwanden in das Haus. „Haſt Du es gehört?“ flüſterte Landsberger zit⸗ ternd—„Sie gehen zu ihr! Eine Spielhölle iſt dort oben! Und Stahl, der ſeinen Arbeitern den Lohn vor⸗ enthält, ſetzt dort vielleicht Tauſende auf eine Karte! 9₰ Aber Höll' und Teufel,— ich will hinauf— mag dar⸗ nach kommen, was da wolle— ich will—!“ „Um Gottes willen!“ unterbrach ihn Anton, indem er den Alten in heftiger Angſt umfaßte, der ſich von ihm losreißen wollte—„Landsberger, thun Sie nichts Un⸗ überlegtes, ich beſchwöre Sie, Vater, bei Ihrem Weibe, bei Ihren Kindern!“ Und er zerrte den, im Zorn und Schmerz Verwünſchungen ausſtoßenden, armen Mann gewaltſam mit ſich fort. Siebentes Capitel. Die Gräfin mit einer Hand. Stahl und der Baron Lenz— denn ſie waren in der That jene Herren, welche von Landsberger und ſei⸗ nem Gefährten flüchtig beobachtet worden— wendeten ſich, nachdem ſie das Haus betreten hatten, der Haupt⸗ ſtiege desſelben zu. Der erſte Stock bildete nur eine Wohnung. Dort läuteten ſie an. Die Thüre des Einganges hatte ungefähr in Manneshöhe ein durch Eiſendraht vergittertes, kleines Fenſter. Nachdem der Baron die Glocke angezogen hatte, hörten die Herren, wie leiſe eine Doppelthüre ge⸗ öffnet wurde, und ſahen ein paar Augen hinter dem Gitter funkeln. Die Recognoscirung, welche von dieſen Augen ausging, fiel jedenfalls befriedigend aus, denn in der nächſten Sekunde ward auch die Eingangsthüre 121 geöffnet. Ein junges, zierlich gekleidetes Stubenmäd⸗ chen mit verſchmitztem Blick erſchien, trat lächelnd zur Seite und ließ die Herren ein. Der Baron kniff dem Mädchen in die Wangen und murmelte ihr im Vorbeigehen zu:„Iſt viele Ge⸗ ſellſchaft da, Karoline?“ „Nur fünf Herren,“ liſpelte das Mädchen kaum hörbar,„aber es verlohnt ſich der Mühe!“ Karoline tauſchte mit dem Grafen einen flüchtigen Blick des Einverſtändniſſes aus. Blick und Wort be⸗ wieſen zur Genüge, daß der Baron hier zu Hauſe ſei, das eigenthümliche:„Aber es verlohnt ſich der Mühe!“ deutete zugleich an, daß ſich im Salon vornehme, jeden⸗ falls reiche Gäſte befinden mußten. Der Fabrikant, welcher dem Baron auf dem Fuße folgte, hatte weder die Worte vernommen, noch den Blick beachtet. Beide Herren legten ihre leichten Paletots und Hüte zu denen, welche ſie im Vorzimmer bereits vor⸗ fanden, und ſchritten weiter. Sie mußten durch zwei elegant ausgeſtattete, kleine Zimmer, bevor ſie in den Salon gelangten. Die Wohnung war durch Gas be⸗ leuchtet, in den beiden Zimmern brannte es matt, ge⸗ dämpft, deſto blendender glänzte es in dem Salon, den nun der Baron und Stahl betraten, und es ſchien dar⸗ 122 auf berechnet zu ſein, das Auge des Eintretenden um ſo ſicherer zu überraſchen. In dem Salon war eine geradezu fürſtliche Pracht entwickelt. Die Tapeten waren von lichtblauem Sammt mit zart hineingewirkten Goldarabesken, Seſſel, Fau⸗ teuils, Bergeren mit perlgrauer, von weißen Atlas⸗ guirlanden zierlich gehobener Seide überzogen, und die weitbauſchigen Draperien der reichen Spitzenvorhänge von gleichem Stoff, wie derjenige der Möbeln. Der blitzende, vielarmige Gaskronleuchter, welcher von der Decke herabhing, warf ſein ſtrahlendes Licht, das aus koſtbaren, reichvergoldeten Wandſpiegeln zurückglänzte, über dieſen mit allerlei ſonſtigem Luxus ausgeſtatteten flimmernden Raum, und beleuchtete ſcharf die verſam⸗ melte Geſellſchaft. Dieſe beſtand aus zwei weiblichen Weſen und, wie das Stubenmädchen geſagt hatte, aus fünf Herren. Die Herren waren um das ältere der Frauenzim⸗ mer gruppirt. Dieſe lag mehr als ſie ſaß auf einem Fauteuil. Sie trug ein reizendes Bardgekleid deſſen Stoff ſehr leicht und luftig war, und ſie in ſo verſchwen⸗ deriſcher Fülle umgab, daß ſie wie in eine zarte Wolke ein⸗ gehüllt zu ſein ſchien. Das ausgeſchnittene Kleid war nicht rund dekolletirt, denn die junge Dame, die etwa fünfundzwanzig Jahre zählte, trug lange Aermel, aber 123 es verrieth wunderbar wollüſtige Formen, die ohne Zweifel im herrlichſten Ebenmaße zu einander ſtanden. Die Dame war ſchön, ſinnlich ſchön, verführeriſch von Antlitz und Geſtalt. Ihre Augen waren ſchwarz, wie ihr glänzendes, künſtlich geordnetes Haar, und blitzten lebhaft und nicht ohne Geiſt hier und dorthin. Auf den erſten Blick ließ ſich gewahren, daß ſich die junge Dame ihrer Reize völlig bewußt ſei und ſie zur vollen Geltung zu bringen wiſſe. Nur in einem Punkte war ſie gezwungen, ſich ſelber im Lichte zu ſte⸗ hen. Sie hatte ſo ſchön gemeißelte, üppige Arme, wie die der mediceiſchen Venus nur immer ſein können, und doch trug ſie nie die Arme entblößt. Es hatte dies ſeine triftige Urſache, denn der jungen Dame fehlte die rechte Hand. Der Stumpf dieſes ſchönen Armes, der ſo durch ein Ereigniß entſtellt worden war, das dem Leſer im vorigen Kapitel angedeutet worden iſt, war durch Mouſſelin und Spitzen verhüllt, und die Dame trug ihn obendrein in einer leichten Schlinge, obwohl ſie derſelben nicht benöthigt hätte. Die Gräfin Leggiero, bekannter in gewiſſen Krei⸗ ſen der Reſidenz unter dem Namen„die Gräfin mit ei⸗ ner Hand,“ war die Tochter eines Arbeiters, wie der Leſer weiß, war ehemals ein gewöhnliches Fabrikmäd⸗ 124 chen, und doch hatten jetzt ihre Erſcheinung und ihr Be⸗ nehmen den Anſtrich, als ſei ſie in der vornehmen Welt aufgewachſen. Sie beſaß keine eigentliche Bildung, aber der Umgang mit Kavalieren hatte ihr einen ge⸗ wiſſen eleganten Tact verliehen, Scharfſinn, Mutter⸗ witz und angeborene Grazie ſie zu einer gefährlichen Abenteuerin entwickelt. Wie ſie zu ihrem Titel„Gräfin“ gelangt? Auf ganz einfache Art. Ein verkommenes Subjekt, der letzte Abkömmling eines altadeligen, itali⸗ eniſchen Geſchlechtes, trieb ſich ſeit Jahren in Wien umher. Als Julie die Laufbahn einer Dame der demi- monde betrat und ihren Erfolg vorausſah, da ſagte ihr ihre Schlauheit, daß dieſer Erſolg ſich noch ſteigern müſſe, wenn ſie ihn unter dem Titel einer Dame von Welt verfolge. Das herabgekommene Subjekt wurde leicht gewonnen, der Elende ſah eine ſorgloſe Exiſtenz vor ſich, und ſo ward Julie Gräfin. Sie hatte das Glück, nach wenigen Wochen Witwe zu werden, und von nun an machte ſie eigentlich erſt ihre Karriere. Ob⸗ wohl einige von ihren Verehrern um ihre Lebensgeſchichte und die Gerichtsverhandlung wußten, gab ſie ſich jetzt doch jederzeit wie eine Dame von Welt, die mehr ihrer Unterhaltung als einem Ausbeutungsſyſteme folge, ſie duldete in ihrem Salon kein zweideutiges Benehmen, und der Berluſt ihrer rechten Hand fand bei der Mehr⸗ 125 zahl der Beſucher ihres Salons eine Erklärung in einem Sturze mit dem Pferde. Die zweite Repräſentantin des ſchönen Geſchlech⸗ tes in dieſem Salon war ein junges achtzehnjähriges Mädchen, die ſtete Geſellſchafterin der Gräfin. Dieſes Mädchen war jugendfriſch, ſchön, verlockend und faſt ebenſo elegant gekleidet, wie die Gräfin, aber ſie hatte weder die Anmuth, noch die feine Schlauheit derſelben. Die liſtige Gräfin hatte ſich mit kluger Berechnung eine Geſellſchafterin gewählt, die nur äußere Vorzüge beſaß, und geeignet war, auf einige Zeit zu feſſeln, ohne ihr ſelber gefährlich zu werden. Allabendlich fanden ſich bei der Gräfin einige Ka⸗ valiere, Bankiers und reiche Fabrikanten ein, man plau⸗ derte und kam dann zum Spiel. Dies letztere ward im⸗ mer wie zufällig eingeleitet, aber alle dazu getroffenen Anſtalten wieſen nur zu deutlich darauf hin, daß das Spiel der eigentliche Zweck der Geſellſchaft ſei. Die Gräfin ſpielte nicht, die Seele des Spieles war der Baron Lenz. Er ſtand, dem Anſcheine nach in keiner nä⸗ heren Beziehung zu der Gräfin, als ihre anderen Gäſte. In wie weit dennoch das Gegentheil hiervon der Fall war, wird der Leſer bald erfahren. Es waren an dieſem Abende ein reicher Bojaren⸗ ſohn aus der Wallachei, ein etwas ungeleckter Bär, der 126 nach Wien gekommen war, Lebensart zu lernen, und der nun nebſtbei ſich unterrichten ließ, wie man mit guter Manier ſein Geld todtſchlagen könne, ferner ein Frei⸗ herr, der das Theater und die demi-monde protegirte, daneben Muſikrezenſionen ſchrieb und in ſeiner Leiden⸗ ſchaft für alle drei Dinge ſich nichts daraus machte, wenn er ſich kompromittirte, ſodann ein reicher Produk⸗ tenhändler aus Siebenbürgen und ſchließlich zwei Fa⸗ brikanten zugegen. Dieſe Herren begrüßten den Baron und Stahl wie gute Bekannte. Die Gräfin ſtreckte ihnen, ohne ihre Haltung zu verändern, zum Willkomm lächelnd ihre ein⸗ zige Hand entgegen, die von durchſichtiger Weiße und wunderbar ſchön geformt war. 8 „Sie kommen jetzt erſt, meine Herren?“ liſpelte ſie—„Entweder haben Sie dieſen Abend mit einander ſo viel erlebt, daß Sie nicht früher erſcheinen konnten, oder auch Sie ſtellen ſich ſo ſpät ein, weil Ihnen voͤr Langweile nichts anderes übrig blieb, als endlich an mich zu denken.“ „Nach dieſer letzteren Vorausſetzung,“ entgegnete der Baron galant,„iſt es außer allem Zweifel, daß wir die gelangweilteſten Geſchöpfe auf Gottes Erdboden ſind, denn wir— für mich kann ich wenigſtens einſte⸗ 127 hen— denken den ganzen Tag an Sie und— was ſonſt noch Ihr reizender kleiner Salon umſchließt!“ Dieſe letzten Worte richtete der Baron halb an das ſchöne Mädchen, die Geſellſchafterin, welche in ſei⸗ ner Nähe ſtand. Er begann mit ihr ſogleich zu plau⸗ dern, während die Gräfin lachte, und die Komplimente Stahl's entgegennahm, der in dieſem Augenblicke ein ganz Anderer als zu Hauſe war. Seine Züge drückten jetzt eine Art ſchlechtverhehlter Frivolität aus, ſeine Au⸗ gen blitzten in behaglicher Glut, während er ſich zugleich die nachläſſige Haltung eines Mannes zu geben ſuchte, der gewohnt iſt, mit der vornehmen Welt zu verkehren und der nebenbei auch den Zerſtreuungen einer minder gewählten nicht aus dem Wege zu gehen pflegt. Der Bojarenſohn und der theaterwüthige Freiherr ſaßen bereits, als Stahl und Lenz eintraten, an einem Spieltiſche. Sie ſpielten Whiſt, und jeder von ihnen hatte eine anſehnliche Handvoll Banknoten vor ſich liegen. „Sehen Sie nur,“ rief die Gräfin luſtig, nachdem Stahl mit ſeinen Artigkeiten zu Ende war,„die Herren dort wiſſen ihre Zeit, wie es ſcheint, beſſer zu benützen, als mir den Hof zu machen. Es iſt erſtaunlich, wie praktiſch unſere Männerwelt heut zu Tage gewor⸗ den iſt!“ 128 „Beſchäftige mich doch mit Ihnen!“ entgegnete der Bojarenſohn, über die Schulter ſprechend.—„Hab' ich Herzdame, denke ich immer an Sie!“ „Daher verlieren Sie auch immer, wie ich bemer⸗ ke!“ verſetzte die Gräſin lachend.—„Sehen Sie, das iſt Ihre Strafe! Sie hätten bei mir nicht an die Karten denken ſollen. Denken Sie jetzt wenigſtens nicht bei den Karten an mich, das iſt das Beſte, was ich Ihnen rathen kann!“ Die Gräfin plauderte eine Zeitlang ſcherzend und von Tagesneuigkeiten mit Stahl und den Herren, welche ſie umgaben. Der Baron ſchien nur Auge und Ohr für die ſchöne Geſellſchafterin zu haben, in Wahrheit aber betrachtete er das Spiel der Herren und die Mienen der anderen Gäſte. Das ſchöne Mädchen, gegen die er ſo galant that, kümmerte ihn ſehr wenig, er gab ſich nur den Anſchein, ihretwegen hieher zu kommen, damit Stahl oder ſonſt irgend einer der Herren nicht auf den Gedan⸗ ken verfalle, er ſtehe mit der Gräſin in Verbindung. Die ſchöne Frau ſchien ſo wenig den Baron zu beachten, wie dieſer ſie, von Zeit zu Zeit aber wechſelten Beide ver⸗ ſtohlen einen Blick mit einander. Nach einer Weile trat der Baron an das Tiſchchen der Spieler. „Ich glaube immer,“ ſagte er,„in Kartenſpielern 8 129 ſteckt etwas epidemiſches, wie in Cholerakranken,— kommt man in ihre Nähe, ſo wird man ſogleich ange⸗ ſteckt!“ Die Geſellſchaft lachte. „Falls ſchon etwas vom Krankheitsſtoff in Einem ſelber ſteckt!“ ergänzte die Gräfin lächelnd. „Meinen Sie?“ antwortete der Baron.—„Und was müßte man thun, um dieſen ſo raſch wie möglich zu beſeitigen?“ 1 „Nun, man läßt ihn halt heraus!“ rief der Pro⸗ duktenhändler mit breitem Gelächter. „Gut, ſo machen Sie den Doktor an mir,“ verſetzte der Baron ebenfalls lachend,„denn ich ſpüre einen be⸗ denklichen Krankheitsſtoff in mir! Wollen Sie Whiſt oder Ecarté?" „Mir alles Eins!“ grunzte der dicke Angeredete. Ein zweites Tiſchchen ward arrangirt, und weil da⸗ mit auch das zweite Beiſpiel gegeben war, ſo folgten ihm bald Stahl und einer der Fabrikanten, während der andere, ein paſſionirter Damenfreund, ſich bemühte, auf die ſchöne achtzehnjährige Toni einen Eindruck zu machen. Die Gräfin trat bald an dieſen, bald an jenen Tiſch, dem Spiele zuſchauend, dann und wann plaudernd. Wäre ein argwöhniſcher und aufmerkſamer Beobachter Fabrikanten und Arbeiter, I. 9 130 im Salon geweſen, ihm würde bald nicht entgangen ſein, daß ſie ſich am häufigſten hinter dem Seſſel des Produk⸗ tenhändlers aufhielt. während ſie alsdann gleichgültige, das Spiel durchaus nicht berührende Worte hinwarf, und meiſt zu dem Baron Lenz ſprach, ohne daß dieſer auch nur einen Blick von den Karten wendete. Der Leſer hat ſicher einer jener Schauſtellungen beigewohnt, in der eine Dame mit verbundenen Augen alle jene Dinge, welche der Taſchenſpieler vom Publikum erhält, ſcheinbar erräth und laut nennt. Die Art und Weiſe, in der die Fragen des Taſchenſpielers an ſeine Helfershelferin geſtellt ſind, bildet den Schlüſſel des Kunſtſtückes, gewiſſe anſcheinend harmloſe Wendungen diktiren der Dame die Antwort. Bediente ſich die Grä⸗ fin dieſes Kunſtgriffes, Lenz genau die Karten anzugeben, welche der Produktenhändler in Händen hielt? Es mußte wohl ſo ſein, denn der Baron gewann ihm in nicht allzu langer Zeit, da beide Herren hohe Einſätze gemacht hat⸗ ten, eine bedeutende Summe ab. Stahl hatte ebenfalls gewonnen, wenn auch nicht namhaft. Als ein beträchtlicher Haufen großer und kleiner Banknoten neben dem Baron lag und das Portefeuille des reichen Siebenbürgers ſo ziemlich erſchöpft war, da gab ſich die Gräfin den Anſchein, als intereſſire ſie nicht 131 mehr das unthätige Zuſchauen und Wandern von Tiſch zu Tiſch. „Meine Herren,“ ſagte ſie lächelnd,„ich geſtatte Ihnen nur noch dieſes Spiel, in dem Sie gerade enga⸗ girt ſind. Sie hatten vorhin recht, Herr Baron, vom Zuſehen wird man ſpielkrank! Ich bin ungeduldig, auch mein Glück zu verſuchen, aber Sie wiſſen, meine Herren, daß ich von Ihren Spielen nichts verſtehe. Wie wäre es, wenn eine Bank aufgelegt würde? Da könnte ich doch mit pointiren!“ Die Herren ſtimmten zu. „Sie haben am meiſten gewonnen, Herr Baron,“ fuhr die ſchöne Frau fort,„machen Sie den Banquier.“ „Mit Vergnügen!“ antwortete Lenz,„Wir ſind bei der letzten Taille.“ Bald waren die verſchiedenen Spiele beendigt. Die Gräfin ließ den Sophatiſch, der zum Auseinanderſchie⸗ ben war, durch einen Diener und das verſchmitzt blickende Stubenmädchen richten. Einige Minuten darauf ſaß die Geſellſchaft im Kreiſe um die Tafel, die Gräfin neben dem Baron, der nahe an 2000 Gulden vor ſich aufge⸗ häuft hatte, ihm gegenüber Stahl, deſſen Blicke jetzt wieder etwas Raubvogelartiges hatten, und in deſſen Zügen ſich deutlich die Spannung einesleidenſchaftlichen Spielers ausdrückte. 9* Der Baron miſchte die Karten; das Spiel begann. Alle Sätze waren ziemlich hoch, Stahl hatte fünfzig Gulden auf die Piquedame geſetzt. Zu der Wahl dieſer Karte hatte ihn unwillkürlich in beinahe abergläubiſchem Inſtinkt der Gedanke an Thereſe Ferval geleitet, welcher Vü trotz ſeines Spieleifrrs von Zeit zu Zeit durch den Kopf ging. „Sie ſtirbt,“ frohlockte es in ihm,„vielleicht in dieſem Augenblick! Alſo eine Dame iſt's, die mein Schick⸗ ſal wendet, durch eine Dame werde ich gewinnen! Ich ſetze auf die Dame!“ Nur ſekundenlarg konnte er ſich bei dieſem Gedan⸗ ken an die unglückliche Verwandte eines leiſe auftauchen⸗ den Schauers nicht erwehren, denn dieſen erdrückte ſo⸗ gleich die Hoffnung, daß bis morgen Alles abgethan ſei, und ſich dann die nächſte Zukunft glänzend geſtalten müſſe. Und dieſe Hoffnung verlieh Stahl jene Zuver⸗ ſicht, die dem Spieler häufig Glück zu bringen pflegt. Die Karten wurden abgezogen— die Dame gewann. Eine neue Taille begann. Stahl ließ Satz und Gewinn auf der Dame ſtehen. Sie brachte von Neuem einen Haufen Banknoten. Der Fabrikant zog davon einen Theil ein, und ließ das andere Geld bei der Dame. In der nächſten Taille verlor er ſeinen Satz. 133 „Ich habe trotzdem bis jetzt noch mit Gewinn ge⸗ ſpielt!“ rief Stahl lachend. „Wählen Sie eine andere Karte!“ ſagte die Gräfin. „Nicht doch,“ entgegnete Stahl,„die Dame trägt nicht die Schuld, ich hätte vom Gewinne nichts zurück⸗ ziehen ſollen. Das Kartenſchickſal hat mich für mein Mißtrauen beſtraft.“ Und Stahl ſetzte wiederum auf die Dame, und zwar eine Hundertguldennote. Seine Zuverſicht hatte Erfolg, er gewann. Und nun ließ er, wie zu Anfang, die Summe ſtehen. Bald war ſie verdoppelt, vervierfacht. Das Glück des Barons, der dem Produktenhändler eine ſo nam⸗ hafte Summe abgewonnen hatte, ſchien ſich überhaupt gewendet zu haben; der Banknotenhaufen vor ihm hatte ſich um tauſend Gulden verringert, die Mehrzahl der Spieler hatte gewonnen. Man ſcherzte über den Bank⸗ halter. Der Baron nahm die Scherze lächelnd und kaltblütig hin. 1 „Geben Sie Acht,“ rief Stahl,„ich werde mit mei⸗ ner Dame noch die Bank ſprengen. Sie ſehen,“ fuhr er lächelnd zu der Gräfin fort,„die Dame hat ſich wie⸗ der mit mir ausgeſöhnt.“ 134 Und von Neuem ſchoß der Gedanke an die ſter⸗ bende Thereſe ihm durch den Sinn. Die Gräfin lachte aber hell auf. „Vielleicht überträgt ſie auch etwas von ihrer Gnade auf mich!“ rief ſie luſtig.—„Wollen Sie mir geſtatten, daß ich vierzig Gulden auf Ihre Karte ſetze?“ „Mit Vergnügen,“ entgegnete Stahl,„wenn es der Banquier annimmt!“ „Angenommen!“ erwiederte der lächelnde Baron lakoniſch. Ddie Taille begann. Eine Minute ſpäter wanderten die vierhundert Gulden Stahl's nebſt den vierzig der Gräfin zu dem Banknotenhaufen des Barons hinüber. „Und ich werde doch bei der Dame bleiben!“ lachte der Fabrikant.—„Kommen Sie, Gräfin, laſſen wir uns nicht einſchüchtern.“ „Setzen Sie bei mir weitere fünfzig Gulden für die nächſte Taille, wir werden den Verluſt raſch wieder einbringen!“ Stahl hatte im Ganzen zweitauſend Gulden einge⸗ ſteckt, bevor er mit dem Baron ſein Haus verlaſſen, ſeinen ganzen Baarvorrath. Jetzt zog er aus dem Por⸗ tefeuille, das neben ihm lag, vierhundert Gulden her⸗ vor; er riskirte ſie auf einen Satz. Das Geld wanderte dem von der vorhergehenden 135 Taille nach. Die Gräfin verlor dabei wieder fünfzig Gulden. Stahl ward unruhig, er erhitzte ſich, während er mit erzwungenem Lächeln den Gleichgültigen ſpielte. „Ich ſetze nicht mehr auf Ihre Karte!“ rief die Gräſin. „Und ich bleibe bei der Dame!“ entgegnete Stahl. Es war als zwinge den Fabrikanten eine unwider⸗ ſtehliche Macht, nicht von derſelben Karte zu laſſen. Er ſetzte und ſetzte, und während der Eine oder Andere e⸗ ben ihm gewann, verlor er fort und fort. Der Baron war jetzt gegen Alle im Glück. Schlug er die Volte? Verwechſelte er durch irgend einen ſonſtigen Kunſtgriff die Karten? Wer hätte im Entfernteſten daran denken können, ſo etwas zu behaupten, oder auch nur einen Verdacht zu hegen? Waren nicht alle Blicke auf ſeine Finger und die Karten gerichtet, welche er abzog? Er hätte die Geſchicklichkeit eines Bosco beſitzen miſſſen, alle dieſe Augen zu täuſchen. Aber beſaß er ſie nicht viel⸗ leicht? Genug, er gewann alle hohen Einſätze, während das, was er hier und dort auszuzahlen hatte, nur kleine Gewinnſte der Spieler waren. Jetzt ſchob Stahl den Reſt der zweitauſend Gul⸗ den auf die Dame. Sein Auge glühte düſter, ſein Athem 136 flog, ſeine Hand zitterte kaum bemerkbar. Er hatte ſéine Zuverſicht eingebüßt. Und die Dame verlor. „Ich habe kein Geld mehr bei mir,“ ſagte er, ſich zur Gelaſſenheit zwingend,„aber ich möchte noch weiter ſpielen. Nehmen Sie es an, Herr Baron, wenn ich Ih⸗ nen eine Anweiſung auf mich ausſtelle?“ „So viele Sie wollen!“ verſetzte der Angeredete lächelnd.—„Die Firma Stahl iſt mir die ſicherſte Bürg⸗ ſchaft, daß ſie prompt eingelöst werden!“ Die jugendliche Geſellſchafterin, welche dem gan⸗ zen Spiele zugehört hatte, ohne ſich daran zu betheili⸗ gen, erhob ſich und brachte ein Schreibzeug und Papier. Stahl kritzelte mit fieberhafter Haſt auf ein Blatt: „Gut für fünfhundert Gulden. Joſef Stahl.“ Er ſchob den Bon zu der Pique⸗Dame. „Sie muß doch endlich einmal gewinnen!“ mur⸗ melte er.. Eine Minute ſpäter gehörte das Blatt dem Baron. „Und ich zwing's!“ ſtieß der Fabrikant mit der Hartnäckigkeit eines leidenſchaftlichen Spielers hervor, welcher den Kopf zu verlieren beginnt. Er ſchrieb einen Bon auf tauſend Gulden lautend und ſetzte ihn. Das Blatt folgte dem anderen. Das 137 Spiel Stahl's begann die anderen Spieler bereits mehr zu intereſſiren als ihr eigenes. Jeder blickte geſpannt auf den Fabrikanten. Dieſer ſtarrte, das Antlitz wachs⸗ gelb, die Hände krampfhaft an den Tiſch gepreßt, zu den Banknotenhaufen hinüber. „Machen wir der Sache ein Ende,“ rief er mit konvulſiviſch bebender Stimme, während er ſich be⸗ mühte, ſeine Züge ſo kalt als möglich erſcheinen zu laſ⸗ ſen.—„Ich halte für die nächſte Taille das da, was Sie vor ſich liegen haben, Baron! Sind Sie's zu⸗ frieden?“ „Ich bin's!“ erwiederte der Baron gelaſſen—„Die letzte Taille alſo!“ Die übrigen Herren zogen ihre Einſätze zurück und blickten begierig auf Stahl und den Baron, jetzt die einzigen Spieler, der Banknotenhaufen ward abgezählt, es fanden ſich, die Bons des Fabrikanten mitgerechnet, ſiebentauſend fünfhundert ein und ſechzig Gulden vor. Stahl ſtellte einen Bon über die gleiche Summe aus. Während er mit zitternder Hand ſchrieb, war ſein Ant⸗ litz ruhig, aber kleine Schweißperlen traten auf ſeine Stirn. Der Baron miſchte die Karten. Die Taille begann. Stahl's Blicke hefteten ſich fieberhaft an die Karten. Niemand im Salon flüſterte auch nur. 138 Der Baron nannte ruhig die Karten, die er auf den Tiſch legte. 8„Zwei und Neun, Zehn und Bube, Sechs und 9 64*. Es war ſo ſtill ringsum, daß man den leiſe keu⸗ chenden Athem Stahl's vernehmen konnte. „Sieben und Bube, König und Drei, Aß und Zehn, Bube und— Dame!“ 4 Nachläſſig ſtreckte der Baron die Hand aus und zog die Anweiſung des Fabrikanten an ſich. Dieſer ſtand auf und raffte alle ſeine Energie zu⸗ ſammen, um vor der Geſellſchaft eine gewiſſe Faſſung zu bewahren. Durfte er zeigen, daß einem Joſef Stahl an 11,000 Gulden, die er beiläufig dieſe Nacht ver⸗ ſpielt hatte, etwas liege?. Da die letzte Taille verſpielt worden war, erhob ſich die Geſellſchaft ebenfalls. Man verabſchiedete ſich von der Gräfin. Stahl war der Erſte, welcher ging. Er blickte auf ſeine Uhr. „Ein Uhr!“ ſagte er lächelnd.—„Ich habe für heute genug! Gute Nacht!“ Er grüßte die Geſellſchaft und wankte hinaus, 139 Er trug jetzt nicht einmal ſo viel mit ſich fort, als zum gewöhnlichen Trinkgeld des Stubenmädchens hingereicht hätte, das dem verſtörten Manne hinaus⸗ leuchtete. Achtes Capitel. Die Arbeiterfamilie. Anton, der doch ſelber ſo ſehr der Beruhigung und des Troſtes bedurfte, war es gelungen, ſeinen Gefährten Landsberger zu beſchwichtigen. Beide Männer, die für ſie nicht ſehr roſige Zukunft beſprechend, waren rüſtig ausgeſchritten und erreichten die Neugaſſe Ruſtendorfs, die letzte der Straßen, weiche ſich vor dem kaiſerlichen Luſtſchloſſe Schönbrunn von der Fünfhauſer Hauptſtraße bis zum Wienftuß erſtrecken. Sie traten in die Gaſſe ein, hielten ſich rechts und gingen bis faſt zur Mitte der⸗ ſelben. Hier machten ſie an einem ebenerdigen, unſaube⸗ ren Häuschen Halt. Landsberger pochte zuerſt an einen morſchen Fenſterladen durch deſſen Ritzen ein mattes Licht drang, und rüttelte dann an einer Thüre, die ſich neben dem Hausthore befand. Der Arbeiter bewohnte 41 mit ſeiner Familie ein Zimmerchen, das ehemals zu einem kleinen Gaſſenladen gedient hatte, man gelangte alſo von der Gaſſe unmittelbar in den winzigen Raum der Behauſung, welcher zugleich Wohn⸗ und Schlafzim⸗ mer, aber auch die Küche bildete, wie es bei den meiſten ärmlichen Wohnungen der Fall iſt, wo ein Kochofen die Stelle des Herdes vertritt.. Nachdem Landsberger einige Male tüchtig gerüttelt hatte, ließ ſich im Innern der Wohnung ein Geräuſch vernehmen, wehklagende Kinderſtimmen wurden laut, dann ward ein hektiſches Hüſteln hörbar, und endlich rief eine ſchwache, heiſere Weiberſtimme:„Biſt Du's, Ferdel?“ „Ja,“ antwortete Landsberger,„mach' auf! Aber was heißt das?“ fuhr er im Tone des Vorwurfs fort, „Du biſt zu Bette gegangen und haſt's Licht brennen laſſen? Nun ja, können wir doch ſo wirthſchaften!“ „Nicht doch, Ferdel,“ klang die Weiberſtimme zu⸗ rück, während das Schlurfen von Tritten hörbar ward, „ich bin nur auf eine Weile beim Handſchuhnähen ein⸗ genickt, weil mir die Augen ſo weh gethan haben!“ „So beeile Dich!“ rief Landsberger ungeduldig. —„Sch bringe einen Gaſt, den Du nicht erwarteſt!“ „O mein Gott!“ rief das Weib mit unſicherer, faſt ängſtlicher Stimme, indem ſie den Schlüſſel der 142 Thüne drehte—„Hat ſie ſich erbarmt, und iſt doch nicht etwa ſelber—“ Die Thüre ging auf. Die Frau ſtockte in ihrer Rede, denn ſie ſah hinter ihrem Manne im Dunkel der Straße eine männliche Geſtalt. Frau Landsberger, die jetzt befremdet zurücktrat, war nur mit Unterrock und Hemd bekleidet. Sie war ein dürres, abgehärmtes Weib, aus deren tiefliegenden, von bläulichen Ringen umzogenen Augen und abgeſpannten Zügen Kummer und Sorge ſprachen. Landsberger trat in die von Rauch geſchwärzte Wohnung. Anton folgte ihm nach und zog die Thüre hinter ſich zu. „Wenn Du geglaubt haſt, daß ſie mit mir kom⸗ men werde,“ ſagte der bejahrte Arbeiter finſter, indem er ſeine Frau anblickte, die zu Anton hinüberſtarrte,„ſo haſt Du Dich verrechnet, Nettel! Glaub's kaum, daß die vornehme Dame“— und Landsberger ſpuckte auf den Boden—„ſich ſo weit herablaſſen würde! Was ſchauſt Du den dort ſo an?“ fuhr er freundlicher fort.— „Kennſt Du ihn nicht?“ „Der Schulhof⸗Toni!“ rief die arme Frau, plöͤtz⸗ lich erſchreckt zurückfahrend, indem ſie die mageren Hände zuſammenſchlug. „Grüß' Sie Gott, Frau Landsberger!“ ſagte An⸗ ton wehmüthig, ſeine Hand der Frau entgegenſtreckend. Dieſe aber machte in ihrer Ueberraſchung keine Miene, die dargebotene Rechte zu ergreifen. Sie ſtarrte den ſo unerwartet Erſchienenen lautlos an. Aber nicht ſie allein that das, ſondern auch drei faſt völlig nackte, abgezehrt ausſehende Kinder, die ſich halb aus einem der beiden elenden Betten aufgerichtet hatten. Endlich fand die Frau Worte. „Toni!“ ſtammelte ſie.—„Ich hätte Dich nicht erkannt!“ „Ich Sie auch nicht!“ murmelte dieſer kaum hör⸗ bar—„Vater Landsberger,“— ſagte er traurig,— „was iſt aus Ihrer noch vor anderthalb Jahren ſo blü⸗ henden und kräftigen Frau geworden! War ſie krank?“ „Sie iſt es noch!“ entgegnete Landsberger voll Bitterkeit.—„Aber ſie hat eine Krankheit, der kein Doktor abhelfen kann, und der wir Alle mit der Zeit unterliegen werden, wenn's nicht bald beſſer kommt,— die Noth! Da ſchau' Dich um, Anton,“ fuhr er wehmü⸗ thig fort,„ſo müſſen wir jetzt wohnen, und die beſten Möbeln ſind auch verkauft! Das ſoll mein armes Weib nicht kränken!“ „Mir iſt's nicht um die Sachen, Ferdel, gewiß nicht,“ entgegnete die Frau,„aber wenn man ſieht, daß man 3 144 nicht einmal mit der angeſtrengteſten Arbeit den Kin⸗ dern geben kann, was ihnen zukommt, da wird's Einem — Sieh“ Toni, ich verdiene den Tag über, bei meinen ſchlechten Augen nicht mehr als dreißig Kreuzer, und Landsberger bringt am Ende der Woche, ſeit ein paar Monaten ſchon, immer nur den halben Lohn nach Hauſe, manchmal noch weniger, und ſeit er ſein Erſpartes dem Herrn anvertraut hat, da iſt's denn ſchwer—“ „Und obendrein Alles theuer, Miethe, Lebens⸗ mittel,“ ergänzte Landsberger,„und dann haben wir den Doktor im Hauſe gehabt, der Frau wegen und der kleinen Leni dort,— was haben wir nicht allein dem Apotheker zahlen müſſen—! Wenn was kommt, kommt Alles mit einemmal, das i*ſt ſchon ſo!— Hol's der—“ * „Rege Dich nicht auf, Ferdel,“ unterbrach ihn ſeine Frau,„es ſchadet Dir, und was würde aus uns werden, wenn auch Du—“ „Haſt recht, Nettel“ verſetzte der Arbeiter bitter, „und machen wir's durch Klagen beſſer? Reden wir von was Anderem! So viel noch— ich habe die Julie heute nicht geſehen, wir ſprechen morgen davon. Du ſtehſt ja noch, Anton?“ Landsberger ſchob die Nähmaſchine von dem Stuhl 145 fort, auf dem die Frau eingeknickt geweſen war. Anton ſetzte ſich dankend. Die Unſchlittkerze beleuchtete jetzt ſein hageres Antlitz und ſeine elende Kleidung deutli⸗ cher. Frau Landsbergers Blick glitt über ſeine Geſtalt. Sie trat theilnahmsvoll näher. „Aber wie iſt's denn Toni,“ ſagte ſie,„Du biſt frei? Und wenn mir recht iſt—“ „Sie haben mich laufen laſſen!“ entgegnete Anton. „Toni, Toni!“ ſagte die Frau mit klagender Stimme—„das Alles wäre nicht geweſen, hätteſt Du Dich nicht hinreißen laſſen, der Julie das anzuthun, was Du ihr angethan haſt!“ „Und was that ſie mir!?“ verſetzte Anton ſchmerz⸗ lich.—„Denken Sie daran, Frau Landsberger! Mußte ich nicht von der Julie glauben, als ſie mich zum Militär nach Italien nahmen, daß ich ihr ſtets ihr Einziges und Alles ſein werde? Wie jammerte ſie, als ich ging! Toni, ſagte ſie, hier haſt Du meine Hand, ich bleibe Dir treu, und, Gott hört es, Du ſollſt mir dieſe Hand abhauen dürfen, wenn ich jemals vergeſſe, daß ich nur für Dich auf der Welt da bin, wenn ich meine Ehre einem An⸗ deren preisgebe!— Und als ich nun nach Wien zurück⸗ kam, ihre Schande erfuhr, und ſie in ihrer Wohnung zur Rede ſtellte, o mein Gott, hätte ſie da geweint und bereut, ich wäre in meinem Schmerz von ihr gegangen, Fabrikanten und Arbeiter. I. 146 ohne ihr ein Leides zuzufügen. Sie aber hörte mich kalt und höhniſch an, und als ich zu Ende war, wies ſie mir verächtlich mit der Hand die Thüre. Da ſchoß mir das Blut in den Kopf, ich ſah nichts mehr, als die weiße Hand, die ſie mir entgegenſtreckte, und nichts vermochte ich zu denken, als die Abſchiedsworte, die ſie vor fünf Jahren geſprochen: Du ſollſt mir dieſe Hand abhauen dürfen, wenn ich meine Ehre einem Anderen preisgebe! — Wie Wahnſinn packte es mich, ich war meiner nicht mehr mächtig, und als ich wieder zu Sinnen kam, da — da war's geſchehen!“ Anton blickte verſtört zu Boden. Frau Landsber⸗ ger überlief ein Schauer, ſie faltete die hageren Hände und ſchaute kummervoll auf den jungen Mann. Der alte Arbeiter aber ſprach ernſt:„Was quälſt Du Dich um Dinge, die nicht zu ändern ſind? Sie lebt nach ihrer Art ja wieder in Freuden. Und geht's damit einmal zu Ende,“ fügte er grimmig hinzu,„dann hat ſie wenigſtens als Bettlerin ein Gebrechen, das ihr das Mitleid der Leute ſichert! Und nun genug davon!“ fuhr er ruhiger fort,—„Sag', Nettel, haſt Du etwas zu eſſen da? Den Anton wird hungern!“ Die Frau legte die Hand an eine Tiſchlade. „Brot iſt noch da!“ ſagte ſie.—„Wir haben ſonſt nichts, Toni.“ 147 „Ich danke, ich kann nichts eſſen!“ „So lege Dich ſchlafen, Anton,“ ſagte Landsber⸗ ger,„und morgen ſchauen wir, wie's weiter werden kann. Lege ihm unſere Decke auf die Erde, Nettel, und was wir ſonſt noch entbehren können!“ Ddie Frau machte ſich raſch daran, zu thun wie ihr geheißen worden. „Ich verurſache Ihnen Umſtände—“ begann Anton. „Still davon, Du armer Burſche!“ unterbrach ihn der ehrliche Alte.—„Wir werden morgen mit ein⸗ ander rathſchlagen, wie ſich's thun läßt, daß wir mit einander wirthſchaften,— denn, Nettel, der Anton muß bis auf Weiteres hier bleiben. Und Dir, Burſche, werde ich den Kopf zurechtſetzen, daß Du Dir nicht ſelber weiter die guten Ausſichten verſchließeſt, die Dir noch immer zu Gebote ſtehen. Ich werde nicht ruhen bis Du zu Deinem früheren Arbeitsgeber gehſt, der Dich gern gehabt hat. Weidner iſt ein ehrlicher, rechtſchaffener Mann, wie alle Leute ſagen, die mit ihm in Berührung gekommen ſind, und wenn Du ihm die Sache vorſtellſt, wie ſie iſt— und willſt Du's, ſo gehe ich mit Dir und ſag's ſelber— dann wird er ganz gewiß keinen Anſtoß daran nehmen, und Dich wieder in ſeiner Fabrik anſtel⸗ 10* 148 len. Einen guten Lackirer wird er immer brauchen können.“ „Aber Vater Landsberger!“ murmelte Anton kleinlaut. „Still, Burſche,“ unterbrach ihn der Alte,— „lege Dich auf's Ohr. Ihr Drei dort hinten, die Ihr die Augen aufreißt, thut dasſelbe, das rathe ich Euch!“ Die Mutter ging zu ihren Kindern, und hieß ſie, ſich niederkauern. Während dieſes geſchah, trat Lands⸗ berger zu Anton. „Sage meiner Frau auch morgen nichts von dem, was wir dieſe Nacht erfahren haben!“ flüſterte er ihm zu. Die Männer entkleideten ſich halb, ohne ein Wort zu ſprechen, jeder war in ernſte Gedanken vertieft. Sie warfen ſich ſtumm auf's Lager. Die Frau löſchte das Licht und legte ſich nieder. Alles war ſtill und finſter in dem kleinen Raume. Aber von Allen waren es wohl nur die Kinder, welche die Nacht ſchliefen. Es war eben eine Nacht, wie de⸗ ren das ſorgenvolle Volk ſo viele hat. Neuntes Capitel. Furchtbare Enttäuſchung. Am Morgen nach der nächtlichen Spielpartie ging Stahl in ſeinem Beſuchzimmer auf und nieder. Er ſah überwacht aus, noch blaßgelber als gewöhnlich, und war von peinlicher Unruhe erfüllt. Was mochte in der vergangenen Nacht bei Fervals vorgegangen ſein? Dieſer Gedanke beſchäftigte ihn noch mehr, als der an die Verluſte, welche er beim Kartenſpiel erlitten hatte. In der Frühe war weder eine Mittheilung aus der Joſefſtadt gekommen, noch Pauline von dort nach Hauſe zurückgekehrt. Stahl, dem es bis zum Morgen unmög⸗ lich geweſen war, die Augen zu ſchließen, hatte ſeine kor⸗ pulente Gattin ungewöhnlich zeitig geweckt, ſie aufgefor⸗ dert, ſich in kürzeſter Friſt zu Fervals zu begeben und ihm ſobald wie möglich Nachrichten von dort zu bringen. Ottilie hatte ſich geweigert, ihre Mutter zu begleiten, und ſo war dieſe denn, verſtört ſowohl durch die aufregende 150 Ungewißheit, in der auch ſie ſchwebte, wie durch den Um⸗ ſtand, daß ihr Gatte ſie zwang, ſich früher als gewöhn⸗ lich zu erheben und ihre Toilettenkünſte zu beſchleunigen, allein davongefahren. Stahl, durch den ſie wußte, daß Weidner ſich bereit erklärt habe, ohne daß Ottilien's ge⸗ dacht worden ſei, eine bedeutende Summe vorzuſtrecken, hat⸗ te wohlweislich der keineswegs energiſchen oder auch nur ei⸗ nigermaßen geiſtig, vortheilhaft bedachten Frau verſchwie⸗ gen, daß bereits ein Theil der Summe die noch nicht in ſeinen Händen von ihm war, verſpielt ward. Es war der Frau Stahl wohl bekannt, daß die mehrmals in der Woche ſich wiederholenden nächtlichen Gänge ihren Gat⸗ ten und den Baron an den Spieltiſch führten, aber ſie wußte nichts anderes, als daß die Herren das adelige Kaſino beſuchten, um ſich dort an einem erlaubten, wenn auch hohen Spiel zu unterhalten. Hätte ſie den wahren Sachverhalt geahnt, ſie würde den Kopf völlig verloren haben, und für ihre Sendung gänzlich untauglich ge⸗ weſen ſein. Seit einer Stunde war ſie fort, Stahl hatte dieſe Stunde qualvoll zugebracht. Er war raſtlos von Zim⸗ mer zu Zimmer geſchlichen, von dort in die Fabrik, in ſein Bureau, das daneben im Seitentrakte lag, dann hatte er im Garten Luft geſchöpft und war wieder zurück zum Beſuchzimmer, in dem wir ihn jetzt finden. Ueberall 151 hatte er die folternde Angſt, die ihn erfüllte, ſeit er den Salon der Gräfin verlaſſen, mit ſich herumgetragen, ſie drohte nun ſeine Bruſt zu zerſprengen. Er war allein. „Sie könnte längſt zurück ſein!“ murmelte er vor ſich hin.—„Soll ich es als ein gutes Zeichen anſehen, daß ſie noch nicht hier iſt? Wenn dieſe Thereſe mit dem Leben davon käme, ich müßte verzweifeln!“ Stahl blieb ſtehen und ſah finſter brütend vor ſich hin. Dann verzog ſich, während er wieder aufblickte und von Neuem auf und nieder ſchritt, ſein Antlitz höhniſch. „Warum verzweifeln?“ fuhr er in ſeinem Selbſt⸗ geſpräche fort.—„Bleibt mir nicht immer noch Zeit, auf andere Mittel für meinen Zweck zu ſinnen? Oder ſollte ich mich wegen der Anweiſungen im Betrage von 9061 Gulden fürchten, die jetzt der Baron von mir in Händen hat? Das wäre albern, denn ſind ſie nicht durch die 10,000 Gulden gedeckt, welche mir Weidner für den Betrieb der Fabrik zugeſagt hat, und dann—2— werde ich ſie überhaupt einzulöſen haben? Der Baron iſt ein Abenteurer— er würde mir nicht ſo leicht auf ein ſolches Geſchäft eingegangen ſein, wie dieſer Kohlen⸗ grubenhandel iſt, wenn er es nicht wäre. Er hat bedeu⸗ tende Verbindungen, aber vermuthlich doch eine ehrloſe Vergangenheit, er iſt vielleicht nicht einmal, was er zu ſein vorgibt. Wenn es mir gelingen ſollte, dieſen Men⸗ ſchen zu entlarven, und ihn ſo zu zwingen, ſeiner Forde⸗ rung zu entſagen, oder ſich doch mit einer geringen Ab⸗ findungsſumme zu begnügen? Hm, ich bin im Grunde ſo verſchmitzt wie er, er hat mich nicht in Händen, wohl aber ich die Papiere, die Weidner täuſchen ſollten! Aber was kann die Folge eines ſolchen Konfliktes ſein, wenn der Baron ſich nicht einſchüchtern ließe? Gerichtsver⸗ handlungen, die mich ſo gut kompromittiren würden, wie die anderen Gäſte der Gräfin! Der Baron wird oben⸗ drein die Anweiſungen wohl begeben, ſie ſind vielleicht heute ſchon in den Händen Anderer, und ich muß ſie ein⸗ löſen! Und was iſt's denn weiter als ein wahrer Bettel, wenn dieſe Nacht, in der ich geplündert ward, mich zugleich zum Millionär gemacht hat. Wenn— ja, wenn!“ Stahl verſank wieder eine Zeitlang in ängſtliches Brüten. Dann murmelte er: „Ich bin ganz ohne Geld, ich werde mich vorſehen müſſen, für den Fall, daß die Bons oder auch nur einer derſelben heute ſchon präſentirt würde. Und ſoll ich nicht lieber gleich den Weidner beim Wort nehmen, ftat da⸗ mit zu warten? Es müßte ja doch dieſe Woche geſchehen, und er hat ſicher die Summe in Obligationen, Metalli⸗ ques oder dergleichen liegen!“ 153 Der Fabrikant ſetzte ſich an den Schreibtiſch und ſchrieb haſtig einige Zeilen. Dann ſchloß er den Brief, adreſſirte ihn an den Wagenfabrikanten Leopold Weid⸗ ner in der Roßau, und zog an der Klingelſchnur. Der lange, rothäugige Diener erſchien. „Der Brief muß noch dieſen Morgen abgegeben werden. Jedenfalls!“ ſagte Stahl nachdrücklich. Der Diener ging. Ein Wagen rollte durch die Straße. Stahl ſprang auf und eilte fieberhaft erregt an's Fenſter. „Sie iſt es nicht!“ ſeufzte er, dem vorüberrollenden Wagen nachſtarrend. Als er den Kopf vom Fenſter zurückzog, zeigten ſeine bewölkte Stirn, ſein unſtäter Blick, daß die Seelen⸗ angſt von vorhin ſich wieder in ihm erneuere. „Wenn die alte Liſette doch käme!“ murmelte er. —„Der Belgier hat ſicher ſchon zur Tante hinausge⸗ ſchickt. Liſette, die Schlange, könnte mir vielleicht jetzt einen weſentlichen Dienſt leiſten und gewiſſe Winke geben. Es iſt keine Frage, ich habe noch immer genug zu thun, das Vorurtheil der Tanute gegen mich zu beſiegen! Und, mag es ſich bei den Fervals ſo oder ſo gewendet haben ich darf mein Ziel nicht außer Augen laſſen!“ Stahl blickte auf die Pendeluhr. „Wäre ich ſelber hinübergefahren,“ fuhr er düſter fort,„ſo wüßte ich doch jetzt— Ichertrage dieſe Folter nicht länger!“ Es ließ ſich von Neuem ein Wagengeraſſel hören. Dieſesmal hielt das Fuhrwerk am Portal des Stahl'ſchen Hauſes an. Der Fabrikant eilte auf den Korridor hin⸗ aus und zur Stiege. Frau Stahl war zurückgekehrt. Die dicke Dame, augenſcheinlich verſtört und durch geiſtige Anſtrengungen erſchöpft, ſchleppte ſich, auf den Hausmeiſter⸗Portier ſich ſtützend, die Stiege hinauf. Stahl forſchte beſtürzt in den unheilverkündenden Zügen ſeiner Gattin. Er vermochte ſich nicht länger zu bezähmen. „Nun, wie iſt's?“ rief er der mühſam Emporklim⸗ menden entgegen. „Alles iſt— iſt gut!“ ſtammelte die dicke Frau keuchend und mit einem kläglichen Blick auf den For⸗ ſchenden. Dieſer war durch die Antwort ſeiner Frau um nichts beſſer daran, als zuvor. Was war gut? Und für wen? Alles gut und daneben das verſtörte Ausſehen ſeiner Frau? Jetzt erſt empfand Stahl die heftigſte Fol⸗ ter. Aber er beſann ſich, daß er in Gegenwart ſeiner Untergebenen nichts weiter fragen dürfe. In dieſem 155 Augenblicke furchtbarer Spannung für ihn hieß es: Warten! Endlich ſtand die faſt atheniloſe Frau neben ihrem Gatten. Sie war dem Umſinken nahe. Stahl entließ den Hausmeiſter, ergriff mit zitternden Händen den Arm ſeiner Frau und zog ſie in's Zimmer. Dort ſank ſie ſogleich halb ohnmächtig ins Fauteuil. tahl eilte zu einer Etagere, nahm haſtig ein Fla⸗ con mit Kölner Waſſer und beſpritzte das ſchwulſtige Antlitz ſeiner Frau, auf die Gefahr hin, ihr ſchön gemal⸗ tes Roſenroth zu zerſtören. Frau Stahl machte eine ab⸗ wehrende Handbewegung und ſtöhnte. „Was iſt gut, Weib? Wirſt Du reden?! Du biſt ja völlig außer Dir! Um Gottes willen, was bringſt Du für Nachricht?“ ſchrie Stahl. „Sie hat— einen Knaben geboren— ein Sie⸗ benmonatskind— ¹“ keuchte die Frau, ihre Augen ver⸗ drehend.—„O mon Dich— Der Arzt hat das Kind für ein lebensfähiges erklärt—!“ Stahl wankte einen Schritt zurück und fuhr krampf⸗ haft mit der Hand zur Seite, als taſte er nach einem Anhaltspunkte. „Und ſie?“ ſtammelte er, während ſein Antlitz ſchreckhaft bleich wurde, und ſeine düſteren Augen aus dem Kopfe zu treten ſchienen. 156 „Sie kommt davon,“— ſtöhnte Frau Stahl— „ganz ſicher— ſie hat nicht mehr gelitten als andere Wöchnerinnen— der Schreck hat ſonſt keine Folgen gehabt!“ Stahl ſtarrte ſeine Frau an, als dürfe er ihren Worten nicht trauen. „Aber Ferval brachte doch die Nachricht hierher, daß ſie im Sterben liege!“ lallte er. „Es war übertriebene Angſt von ihm—!“ ſtöhnte die Frau.—„Sie kann ſich, den Umſtänden nach, nicht wohler fühlen. Vielleicht daß in den nächſten neun Tagen eine Aenderung eintritt,— aber der Doktor iſt faſt über⸗ zeugt, daß Alles gut abgehen werde!“ Das Antlitz des Fabrikanten, das Entſetzen wie⸗ dergeſpiegelt hatte, verzog ſich zu dämoniſcher Wildheit. „Hölle und Teufel!“ murmelte er in ohnmächtiger Wuth.—„Es war Alles ſo gut angelegt und die Aus⸗ führung gelang ſo ſicher— und doch—!“ Stahl ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn. „Danken wir Gott,“ entgegnete Frau Stahl, die ſich einigermaßen erholt hatte,„daß ſie Dich nicht er⸗ kannte, ja ich glaube ſogar, Deine Geſtalt nicht einmal geſehen hat. Wäre das der Fall geweſen, dann wäreſt Du jetzt verloren! Nun aber—“ 157 „Das werde ich ſo wie ſo ſein!“ ächzte Stahl ver⸗ zweifelnd—„Durch dieſen Unfall muß ſie unbedingt noch mehr als zuvor die Theilnahme der Tante gewin⸗ nen, und was ich erſonnen hatte, uns dieſer zunächſt zu ſtellen, läͤßt uns nun ganz gewiß bei ihr erſt recht in den Hintergrund treten! O Gott, es iſt eine ſchreckliche Ent⸗ täuſchung,— ich hatte ſo feſt darauf gerechnet, daß—“ Stahl unterbrach plöͤtzlich den Ausbruch ſeiner Ver⸗ zweiflung. Sein nach allen Richtungen hin kombiniren⸗ der Geiſt faßte plötzlich einen Umſtand auf. „Neun Tage—!“ ſagte er mit verändertem Antlitz und Ton.—„In den erſten neun Tagen iſt eine Wöch⸗ nerin noch nicht außer Lebensgefahr— irgend eine Ver⸗ nachläſſigung, ein Verſehen kann den Tod herbeiführen! Neun Tage ſind unter ſolchen Umſtänden eine lange Zeit, in der ſich Vieles ereignen kann!— Wie, wenn es möglich wäre, ein ſolches Verſehen herbeiführen? Wenn ſich die Hebamme beſtechen ließe?! Was hat die Ferval für eine Frau?“ Die dicke Fabrikantin fuhr erſchrocken über den Plan ihres Mannes in die Höhe. „Wo denkſt Du hin?“ rief ſie—„O mon Dieh, dieſer Mann wird ſich noch ins Zuchthaus bringen! Ja, wenn's ſich noch ausführen ließe, aber ſo—“ „Warum nicht, Du Närrin?“ verſetzte Stahl mit leuchtenden Augen,„es kommt nur darauf an, daß man in der Hebamme eine Perſon fände, die—“ „Das iſt hier unmöglich,“ entgegnete Frau Stahl haſtig,—„denn die Pauline iſt mit Ferval von hier zu der Frau Stoß gefahren. Du weißt, die auch unſere Kinder gebracht hat,— vor ein paar Monaten empfahl ich ſie der Thereſe, und daher iſt ſie auch von ihnen ge⸗ holt worden.“ 3 „Zum Henker, Weib“ fuhr Stahl grimmig auf, „wie konnteſt Du ſo thöricht ſein—!“ „Du hatteſt mir damals noch nichts von Deinen Plänen mitgetheitt!“ erwiderte die Frau lebhaft.„Was geſchehen iſt, läßt ſich nicht ändern! Aber Du wirſt jetzt einſehen, daß ſich auf dieſe Art nichts thun läßt. Die Stoß iſt nicht allein ſehr geſchickt, ſie iſt auch eine Frau, die nicht um die Welt ſich bereit ſinden würde, auch nur das Geringſte zum Nachtheile der Frauen zu thun, die ſie bedient. Und haſt Du vergeſſen, daß nicht ſie allein um die Ferval iſt, ſondern auch Pauline?“ Stahl biß ſich in die Lippen und ſtampfte mit dem Fuße. „Pauline!“ rief er haſtig—„Ueberall iſt ſie im Wege, mit ihrer albernen Empfindſamkeit, ihren ſelt⸗ ſamen Begriffen! Wer hieß ſie dort hingehen? Aber ſie muß fort von der Ferval noch heute, und wir werden ſie,“ 159 fügte er ſinnend hinzu,„durch eine Wärterin zu erſetzen ſuchen, die—! Und doch kann ich nicht wagen, bei einer derartigen Angelegenheit eine ſolche Perſon in die Mit⸗ wiſſenſchaft zu ziehen— das iſt gefährlich—! Wie wäre es, Frau, wenn Du ſelber Dich der Aufgabe unter⸗ ziehen wollteſt, und—“ „Ich?“ rief Frau Stahl, ſich entrüſtet vom Fauteuil erhebend.—„Ich ſollte mich dazu hergeben? O mon Dieh!“ „Weib, Du weißt, was auf dem Spiele ſteht!“ herrſchte ſie Stahl an, indem er ihr einen durchbohren⸗ den Blick zuwarf. „Aber ich, die Gemeinderäthin Stahl, die Gemah⸗ lin des reichen, vornehmen Fabrikanten, ſollte bei der Frau eines Malers die Wärterin machen— 2!“ „Iſt das Dein einziger Einwurf?“ grinſete der Fabrikant höhniſch.—„Ach, ich dachte ſchon Dein Ge⸗ wiſſen ſträube ſich gegen das, was ich von Dir begehre. Wenn's aber weiter nichts iſt als Dein Hochmuth, Weib, dann beruhige Dich und denke daran, daß die Ferval nicht allein die Frau eines Malers, ſondern auch die Erbin einer Millionärin, und obendrein Deine Ver⸗ wandte iſt! Alle Welt wird es ganz natürlich finden, wenn Du ſelber ihr Deine Sorgfalt zuwendeſt. Führſt Du aber aus, was mir jetzt durch den Sinn fährt, und 160 Du errathen wirſt, dann ſind wir ſicher, dann haben wir keine Mitwiſſerin, und—“ „Es geht nicht, es iſt unmöglich!“ ſtammelte Frau Stahl aufgeregt, das ohnehin geringe Maß ihrer Energie zuſammennehmend—„Ich wollte ſchon vorhin die Pauline mit mir nehmen, als ich die Ferval verließ, aber dieſe bat mich dringend, ihr das Mädchen zu laſſen, und Pauline ſelber beſchwor mich ſogar, bei der jungen Frau bleiben zu dürfen, die ſie keine Sekunde aus den Augen läßt. Was ſollt' ich da thun, ich mußte mich fügen! Wäre Ottilie da, ich könnte wohl faſt dafür gutſtehen, daß ſie auf Deine Pläne eingehen würde, verrathen würd' ſie uns keinesfalls, wenn wir—! Aber Pauline, Du weißt, auf die iſt in nichts zu rechnen! Mußte uns unſer Herrgott auch mit ſo einer Tochter ſtrafen!“ „Und mich mit einem Weibe, das mir mit ihrer gedankenloſen Ungeſchicklichkeit den Weg verſtellt, deſſen ich mich ſo leicht hätte bedienen können!“ murmelte Stahl zornig. 4 Frau Stahl zeigte eine zerknirſchte Miene und wollte ſprechen. Ihr Gatte aber gebot ihr plötzlich durch ein Zeichen Stillſchweigen und blickte nach dem Haupt⸗ ausgang des Salons. „Es iſt Jemand an der Thüre!“ ſagte er leiſe. In der That öffnete ſich dieſe im nächſten Augen⸗ 161 blick. Das braunrothe, kupferige Geſicht des Hausmeiſter⸗ Portiers ſchob ſich durch den Thürſpalt.— „Die Mamſell Liſette ſteht draußen!“ ſagte der Bullenbeißer. „Ah, Liſette, vielleicht unſere einzige Hoffnung jetzt!“ flüſterte Stahl in ſich hinein. Dann ſagte er dem Haus⸗ meiſter:„Laß ſie eintreten!“ Das aufgedunſene Antlitz verſchwand. „Du darſſt nichts von Aufregung oder Angſt blicken, laſſen, Weib!“ raunte Stahl ſeiner Frau zu—„Kannſt Du Dich nicht beherrſchen, ſo gehe lieber gleich in’'s an⸗ dere Zimmer.“ „Ich werde mich beherrſchen!“ murmelte Frau Stahl. „Gut,“ war die geflüſterte Antwort,„ aber miſche Dich ſo wenig wie möglich in's Geſpräch, die Liſette iſt verſchmitzter als Du! Und ſie kann uns vielleicht ange⸗ ben, wie uns gefahrlos zu helfen iſt! Still, ſie kommt!“ Fabrikanten und Arbeiter. 1 Zehntes Capitel. Eine Schlange. Die Thüre ging auf; eine ſeltſame Geſtalt glitt, gleich einem Schatten, geräuſchlos in den Salon. Das Frauenzimmer, welches zu dem Stahl'ſchen Ehepaare herantrat, war Manſell Liſette, die Geſellſchafterin der alten Frau Heuber, der bereits mehrfach in den vorſte⸗ henden Kapiteln Erwähnung gethan wurde. Mamſell Liſette war eine blaſſe, ſchmächtige Per⸗ ſon mittler Größe, und mochte etwa fünfzig Jahre zäh⸗ len. Ihr Antlitz, das tiefe Spuren von Blatternarben trug, hatte ſtets den Ausdruck von Ergebenheit und Frömmlichkeit, man würde es haben das Antlitz einer Dulderin nennen können, hätte nicht aus den halbge⸗ ſchloſſenen Augen ein lauernder, auf Alles ringsum wachſamer Geiſt geleuchtet, und wäre nicht das ſüßliche 163 Lächeln geweſen, das beſtändig um ihre dünnen Lippen ſpielte, ſobald ſie mit Anderen in Berührung kam. Sie war dunkel und unanſehnlich gekleidet, faſt mit einem klöſterlichen Anſtrich, aber die Sauberkeit ihrer ſchlichten Toilette, ſowie die braune, bereits ins Röthliche ſpielende Perrücke, welche ſie trug, verkündeten, daß ihr noch et⸗ was an der Meinung der Welt liege. Mamſell Liſette, deren Familiennamen kaum der größere Theil ihrer Bekanntſchaft wiſſen mochte, hielt in den dürren Händen ein Gebetbuch. Sie verneigte ſich reſpectvoll vor dem Ehepaare. „Ei ſieh da, die liebe Mamſell Liſette!“ ſagte Stahl, ſeine Frau durch einen herriſchen Blick auffor⸗ dernd, die Eintretende mit Zuvorkommenheiten zu über⸗ häufen. Frau Stahl befand ſich noch in ſo großer Aufre⸗ gung, daß ſie nur mitäußerſter Anſtrengung eine Grimaſſe zu ſchneiden vermochte, die halbwegs einem Lächeln glich. Dabei wußte ſie im Moment nichts anderes zu ſtammeln, als was ihr Mann geſagt hatte:„Ei ſieh da, die liebe Mamſell Liſette!“ 3 Dieſe blickte das Ehepaar ſchweigend und in einer Weiſe an, als errathe ſie, was hier eben verhandelt worden. 41* 164 Auf Stahl machte der halbverſchleierte, forſchende Blick Liſettens einen unbehaglichen Eindruck. „Schon ſo früh in der Stadt?“ ſagte er daher raſch.„Sie wiſſen alſo wohl bereits—?“ „Nehmen Sie doch Platz, liebe Mamſell Liſette!“ unterbrach die dicke Dame des Hauſes ihren Gatten. Sie ergriff zugleich, nun ſie ſich einigermaßen wieder gefaßt hatte, die eine jener dürren Hände, welche ſich vom Gebetbuche abgelöst hatte, und zog Mamſell Liſette zu einem Fautenuil. „Sie werden jedenfalls etwas bei uns frühſtücken, da Sie doch ſo zeitlich hereingekommen ſind!“ liſpelt⸗ Frau Stahl, deren Zunge jetzt geläufig zu werden bee gann.—„Womit kann ich aufwarten?“ „Ich danke für Alles!“ verſetzte Mamſell Liſette mit überaus ſanfter Stimme.—„Ich habe,“ fuhr ſie fort, ſich in beſcheidener Haltung ſetzend, indem ſie ihrem Blick einen ſo viel wie möglich frommen Ausdruck zu geben ſich bemühte,„bereits geiſtige Nahrung zu mir ge⸗ nommen, und dieſe ſtärkt wahrlich mehr als die leibliche! Bevor ich zu Fervals in die Kaiſerſtraße ging, ſprach ich bei den Piariſten vor!“ „Sie waren ſchon bei der lieben Thereſe?“ fragte Stahl unwillkürlich haſtiger, als er es beabſichtigt hatte. 165 —„Ferval ließ Ihnen alſo noch in der geſtrigen Nacht den Unfall melden?“ „Vor zwei Stunden erſt kam ein Bote zu uns nach Neuwaldegg,“ liſpelte Mamſell Liſette,„und brachte einen Brief des Herrn von Ferval, worin dieſer das ge⸗ ſtrige Ereigniß anzeigt und hinzufügt, daß die Tante ſich beruhigen möge,— es ſei Alles glücklich abgelaufen.“ Bei den letzten Worten heftete Mamſell Liſette den verſchleierten Blick unverwandt auf Stahl. „Ja— glücklich! Gottlob!“ ſagte dieſer, ohne eine Miene zu verziehen.—„Meine Frau war ſchon dort ſich erkundigen.“ „Ich weiß es,“ entgegnete Mamſell Liſette,„ich kam ja, als die Gnädige fortgfeahren war.“ „Auch haben wir der guten Thereſe ſchon geſtern, gleich nachdem wir das beklagenswerthe Ereigniß erfah⸗ ren, unſere Pauline zu ihrer Verfügung geſtellt!“ fuhr Stahl mit erkünſtelter Wärme fort.—„Ich hoffe, Niemand wird von uns ſagen können, daß wir theil⸗ nahmsloſe Verwandte ſeien.“ „Wer würde das zu behaupten wagen!“ erwiederte Mamſell Liſette ſanft, noch immer den lauernden Blick feſt auf Stahl gerichtet—„Ihr rückſichtsvolles Be⸗ nehmen wird ohne Zweifel einen ſehr guten Eindruck auf die Frau von Heuber machen! Aber was ſagen Sie 166 zu dem entſetzlichen Ueberfall im Gehölze!“ fuhr ſie die Hände zuſammenſchlagend, fort—„Es iſt faſt un⸗ glaublich, daß ſo etwas ganz in unſerer Nähe hat ſtatt⸗ finden können, und auf einem Wege, der nicht im Ge⸗ ringſten verrufen iſt! Himmel, man wird ſich jetzt kaum mehr nach Sonnenuntergang aus dem Hauſe wagen dürfen! Oder glauben Sie, daß es der Uebelthäter ganz beſonders auf die Frau von Ferval abgeſehen hatte?“ „Hm,“ verſetzte Stahl ruhig,„weshalb das? Ich bin überzeugt, der Burſche hätte auch mich angefallen, wäre ich zufällig ſtatt der Thereſe dort gegaugän Die ganze Umgegend von Wien ſteckt jetzt voller Vagabun⸗ den, da wegen der ſchlechten Zeiten in vielen Fabriken und bei manchen Handwerkern die Arbeitskräfte verrin⸗ gert worden ſind. Noch in der vergangenen Woche, als ich ſpazieren ritt, begegneten mir allein ſchon von Mauer bis Kalksburg nacheinander fünf bettelnde Kerle, die wie echtes Räubergeſindel ausſahen. Es waren, wie ſie ſagten, entlaſſene Arbeiter.“ „O, wie ſchlecht ſieht es heut zu; Tage um die Mo⸗ ral des Volkes aus!“ liſpelte Mamſell Liſette, mit einem Seufzer die Augen verdrehend.—„Man kann das alle Tage beobachten! Und wer trägt daran die Schuld? Dieſe ſogenannten Aufklärer, die ſich die Männer des Volkes nennen! Wie Wenige glauben jetzt noch an eine 167 Vergeltung böſer Thaten im Jenſeits! Ganz Wien würde ſchon durch dieſe Neuerer vergiftet worden ſein, wirkten nicht einige edle Männer in ſegensreichem Ver⸗ eine darauf hin, ſie ſo viel wie möglich unſchädlich zu machen. Aber was frommt es im Allgemeinen?! Die Macht der Böſen iſt ſo groß! Doch,“ fuhr ſie fort, plötzlich ihre chriſtlichen Betrachtungen abbrechend, in⸗ dem ſie zugleich wieder ihren verſchleierten Blick auf Stahl richtete,„was denken Sie? Ich glaube nicht, daß jener gottloſe Menſch die Frau von Ferval berau⸗ ben wollte!“ „Weshalb nicht?“ fragte Stahl gedehnt. „Nun,“ verſetzte Mamſell Liſette,„ich dächte, ein Räuber hätte nicht nöthig gehabt, auf eine wehrloſe Frau zu ſchießen, um ſich ihrer Habſeligkeiten zu be⸗ mächtigen. Auch würde ein ſolcher ſich wohl gehütet ha⸗ ben, durch einen Schuß Leute herbeizulocken. Ich gehöre nicht zu Denen, welche es lieben einen Stein auf ihren Nächſten zu werfen, aber ich muß bekennen, daß dieſes geheimnißvolle Ereigniß ſehr geeignet erſcheint, die Frau von Ferval zu verdächtigen.“. „Wie ſo?“ fragte Stahl haſtig. „Ei,“ verſetzte Mamſell Liſette, anſcheinend unbe⸗ fangen und doch jedes Wort ſcharf betonend,„könnte nicht ein Uebelwollender es ſo auslegen, daß Frau von 168 Ferval, bevor ſie als junges Mädchen von Wien fort⸗ ging, um in ein belgi iſches s Inſtitut als Lehr erin einzu⸗ treten, ein Verhältniß eingegangen ſei, gewiſſe Verſpre⸗ chungen gegeben habe, und Unn, wegen Nichterfüllung derſelben, der Getäuſchte ſich habe rächen wollen? Und wie, wenn ein folch er Uebelwoll ender den Keim des Arg⸗ Mannes legte, der vhnhin inzoſen beſi tzt, und zug leich tigen Fran, gewiſſe Winke falter leße 2 Was kannte das vorausſichtlich für Fol⸗ gen haben; 2 Jedenfalls möchte das dem Rufe der Frau Ferval ſchaden, und ihr etwas von der Eympathir der Tante rauben.“ „Sie haben Recht!“ ſagte Staht mit bedeutnm vollem Blick auf Manſell Liſette. „Zumal,“ fuhr dieſe fort,„wenn ein ſo Uebelwol⸗ lender, namentlich der Tante gegenüber, ſich ſelber ſo hinſtellen wollte, daß er bei dieſer durch ſein Benehmen und ſeine zur Schau getragenen Grundſätze Vertrauen, Glauben und Theilnahme für ſich erwecken müßte.“ „Was hätte er da alſo zu thun?“ fragte Stahl, ſcheinbar ſo unbefangen wie Manſell Liſette. „Nun,“ verſetzte dieſe äußerſt ſanft,„wenn er zum Beiſpiel ein Mann wäre, der nur für die Freuden dieſer Welt lebte, ſo müßte er ſich, wenn er es nicht aufrichtig 169 ſein könnte, wenigſtens den Anſchein geben, als ſei er, wie Paulus im Evangelium, aus einem heidniſchen An⸗ beter der Lüſte ein frommer Bekenner des Chriſtenthums geworden, aber er müßte auch, um Glauben zu verdie⸗ nen, ſich, ſeine Familie, ja ſeine Leute nach dieſem Mu⸗ ſter umformen. Ich denke, wäre er ein Bermwandter der alten, frommen Frau, er könnte ihrer Nichte ſo durch chriſtliche Demuth den Rang abgewinnen! Es iſt ein wahres Glück,“ ſetzte die Scheinheilige hinzu, indem ſie den Fabrikanten auf eine ſeltſame Art lächelnd anſah,— „daß es keinen ſo Uebelwollenden unter ihren Verwand⸗ ten giebt, denn Frau von Ferval wäre ſo leicht in Nach⸗ bheit zu bringen, da ii eben nicht den wahren chriſtli⸗ chen Sinn beſitzt— ſie iſt eine ſehr freigeiſtige Katho⸗ lüin, ich fürchte, ſie hut faſt gar keine Religion.“ „Hm, ihr Mann iſt Proteſtant!“ bemerkte Stahl. „Das mag zum Theil die Urſache ihrer Gleichgül⸗ tigkeit in religiöſen Dingen ſein! Leider ſtellen heut zu Tage ſo viele Katholiken das Zeitliche höher als das Ewige, und ſchmähen Diejenigen, ſo am Chriſtenthum feſthalten! Ich weiß, daß mir Frau von Ferval nicht wohl will, und der Frau von Heuber erklärt hat, ich ſei eine Frömmlerin, aber ich trage ihr das nicht nuch ſie nacht eben die herrſchende Mode mit, die Religioſität für Heuchlei erklärt. Ich habe mich auch nicht vor der ———— —ꝛ—: 170 Frau von Heuber vertheidigt, aber vor Einem warnte ich ſie heute,— die Pflichten nicht zu leicht aufzufaſſen, welche ſie als Pathin eines Kindes in der Religion ſo indifferenter Eltern wird zu übernehmen haben, falls nicht die unſchuldige Kinderſeele in den Unglauben der Eltern verfallen ſoll!“ „Das haben Sie gethan, Mamſell Liſette?“ ſagte Stahl lebhaft, indem er eine der knöchernen Hände der alten Jungfer drückte,—„Das war brav und verſtän⸗ dig zugleich. Aber Fervals,“ fügte er hinzu,„beſitzen ja ohnehin ſo viel Lebensklugheit, in ihren religiöſen An⸗ ſichten der Tante nicht geradezu entgegenzutreten, wird ihr Kind doch katholiſch getauft werden, obwohl es ein Knabe und der Vater Proteſtant iſt! Es wird alſo vor⸗ ausſichtlich nichts geſchehen, was die Dame den Eltern des Kindes entfremden könnte!“ „Wer ſagt Ihnen das?“ verſetzte Mamſell Liſette. —„Wenn es nun möglicherweiſe doch leider einen Um⸗ ſtand gäbe, der einen Riß in das Verhältniß der Frau von Heuber zu Fervals gar leicht machen dürfte, und der ſogar die alte Dame, beſtimmen könnte, ihre Pathen⸗ ſchaft nicht anzutreten?“ „Wie ſagen Sie? Wie iſt das möglich?“ rief Stahl.—„Ohne Zweiſel wird man die Tauſe wohl beſchleunigen! Wann ſoll ſie ſtattfinden?“ 171 „Dieſen Nachmittag!“ „O mon Dieh!“ ſtammelte Stahls dicke Gattin, „ich vergaß, wir ſind ja auch geladen, um fünf Uhr!“ „Nun alſo! Und die Tante iſt doch jedenfalls ſchon mit Ihnen zur Thereſe hereingefahren?“ ſagte Stahl. „Nein,“ verſetzte Mamſell Liſette,„ſie mußte einer Unpäßlichkeit wegen dieſen Morgen im Bette blei⸗ ben.“ „Sie iſt krank?“ rief Stahl erſchrocken.—„Die unerwartete Nachricht wird die alte Frau angegriffen haben, und da könnte—?“ „Beruhigen Sie ſich, Herr von Stahl,“ entgegnete Manſell Liſette, noch ſüßlicher lächelnd als gewöhnlich, „Frau von Heuber hat einen ihrer alten Gichtanfälle, nichts weiter! Sie entſetzte ſich freilich bei der Nachricht von der frühzeitigen Entbindung der Frau von Ferval, aber das hatte doch keine üblen Folgen, und ſie wird dieſen Nachmittag zu Fervals fahren.“ „Gott ſei Dank!“ ſagte Stahl, und murmelte in ſich hinein:„Alles wäre verloren, wenn die Alte jetzt ſterben ſollte! Aber nennen Sie mir den Umſtand,“ fuhr er lant fort,„der bewirken könnte, was Sie vorhin aus⸗ geſprochen.“ Mamſell Liſette ſah den in heſtiger Aufregung redenden Stahl und ſeine Gattin leutſelig lächelnd an, 172 die neben ihrem Manne ſtand, die kleinen Augen auf⸗ reißend, ohne daß es den Anſchein hatte, als faſſe ſie den Sinn des Geſpräches auf, in welchem beide Betheiligten ſich ſo vorſichtig den Rücken deckten. „Als ich,“ ſagte ſie ſanft,„in die Ferval'ſche Woh⸗ nung kam, war Fräulein Pauline emſig um die Wöchne⸗ rin beſchäftigt, Herr von Ferval aber ſtand im Zimmer und kramte in Papieren, die durcheinander auf einem Tiſche lagen. Eines dieſer Papiere befand ſich ausein⸗ ander geſchlagen ein wenig von den anderen entfernt. Wie ich an dem Tiſche vorüber ging, blieb ich einen Augenblick ſtehen. Mein Blick fiel zufällig auf das Pa⸗ pier. Es war jedenfalls ein Dokument, denn es trug einen amtlichen Stempel, war zugleich bedruckt und be⸗ ſchrieben, aber in einer mir unbekannten Sprache.„Ei,“ ſagte ich,„iſt das wohl ein belgiſcher Trauſchein?“— „So etwas dergleichen!“ antwortete Herr von Ferval. —„Etwas dergleichen?“ ſagte ich verwundert—„Hm, unſere Trauſcheine tragen ein kirchliches Siegel, während dieſes—“„Es iſt das da eben kein kirchliches Doku⸗ ment,“ entgegnete Herr von Ferval,„und nicht ein Pfar⸗ rer, ſondern der Maire, eine Magiſtratsperſon, hat es unterſchrieben. In Belgien bedarf es keiner kirchlichen Einſegnung zum Abſchluß einer Ehe!“—„So, ſo,“ murmelte ich, und fragte nicht weiter. „Wie?“ rief Stahl mit leuchtendem Blick.— „Fervals gingen in Brüſſel eine Civilehe ein? Ich wußte das nicht, ſo wenig wie es die Tante wiſſen wird. Glau⸗ ben Sie nicht, Liſette?“ „Sie weiß es nicht, 33 berſtchertedieſe—„Fervals, bei ihrer Indifferenz in religiöſen D Dingen, mögen wohl ſelber nicht darauf denken, daß man in einem chriſtlichen Staate, wie Oeſterreich, Gottlob nicht wie 3 Belgien verfährt! Und nun, meine ich— „Ja, ja,“ unterbrach ſie Stahl, deſſen Antlitz eine ſataniſche Freude belebte,„das iſt ein Anhaltspunkt. Ich laſſe anſpannen, Liſette, fahren wir ſogleich zur Tante hinaus!“ „Nicht doch,“ verſetzte die alte Jungfer ſanft, „wollen Sie den Schein auf ſich laden, als ergriffen Sie mit Freuden die Gelegenheit, eine Verwirrung berdeinu⸗ führen? Darf die Tante auch nur einen Augenblick glau⸗ ben, daß Sie der Egoismus leite? Was ja ohnehin nicht der Fall iſt!“ fügte ſie ſüßlächelnd hinzu. „Aber als guter Katholit—!“ begann Stahl. „Bethätigen Sie ſich als ſolchen bei der Tante,— Sie werden ſich erinnern, was ich vorhin angedeutet habe — ja, fahren wir hinaus, und holen Sie die Frau Tante zur Taufe ab, aber verlieren Sie bei der Frau von Heuber kein Wort über das, was Sie jetzt wiſſen! Wol⸗ 17. len Sie als guter Katholik Ihre Pflicht dennoch erfüll en, ſo wird es genügen,“ fügte Mamſell Liſette mit ſche in⸗ heiliger Miene und ſo ſanft wie möglich hinzu,„wenn Sie den hochwürdigen Herrn, von dem die Taufe ſoll vollzogen werden, zuvor durch wenige Worte von der Sachlage ſchriftlich benachrichtigen.“ „Das iſt's!“ rief Stahl freudig.—„Ja, das werde ich thun, ſo ſehr es mich als Verwandter der guten Fer⸗ vals ſchmerzt,“— fuhr er mit ſo ſcheinheiliger Miene fort, wie die der Mamſell Liſette in dieſem Augenblick war,—„ich muß es, im Intereſſe unſeres Glaubens!“ Der Fabrikant und die heuchleriſche Schlange blin⸗ zelten einander an und lächelten. Stahl drückte mehr⸗ mals die Hand der Gleißnerin. „Wenn Fervals, meine guten Verwandten,“ ſagte er,„Sie auch verkennen, meine liebe Mamſell Liſette, ſo gehört Ihnen doch die Achtung und Liebe Derjenigen, die ein chriſtliches Gemüth und Hingebung an edle Zwecke zu ſchätzen wiſſen. Und erfahren Sie denn, daß Sie durch Ihre überzeugenden, eindringlichen Worte in mir einen Menſchen gewonnen haben, der bereit iſt, dem fündhaften Treiben der Welt zu entſagen, um hinfort in Worten und Werken nebſt den Seinen dem Herrn zu dienen. Gehen wir Hand in Hand, Manſell Liſette,“ ſetzte er mit Betonung und einem leichtverſtändlichen Blick hinzu, 175 „unterſtützen wir einander in unſeremn ger rechten Vorha⸗ ben, und ich werde Sie jederzeit wie eine in Chriſto ge⸗ wonnene Schweſter betrachten, die dereinſt, wenn die Tante das Zeitliche geſegnet haben wird, wie ein Glied meiner Familie gehalten ſein ſoll!“ Mamſell Liſette erhob ſich. Sie verneigte ſich de⸗ müthig. „Ich dagegen,“ ſagte ſie,„will ſtündlich darauf bedacht ſein, das Beſte derjenigen zu fördern, die mich unwürdige Dienexi i ihrer Güte und Theilnahme werth finden!“ Stahl trat rafch anf den Korridor hinaus, und beugte ſich über's Treppengeländer. „Der Johann ſoll an iſpaunen,“ rief er dem dicken Cerberus zu,„jogleich! In zehn Minuten muß gefahren werden!“ Dann kehrte Stahl in den Salon zurück, ſetzte ſich an den Schreibtiſch und ſchrieb, während ſeine dicke Gat⸗ tin verblüfft daſtand und Mamſell Liſette anſcheinend in den Anblick eines Bildes vertieft war, das eine büßende Magdalena darſtellte, folgende Zeilen mit verſtellter Handſchrift:„ „Hochwürden! Schreiber dieſer Zeilen hat in Erfahrung ge⸗ bracht, daß Euer Hochwürden dieſen Nachmittag die 176 heilige Handlung der Taufe an dem neugebornen Knaben des Proteſtanten Herrn Charles Ferval und der Katholikin Thereſe, in der Kaiſerſtraße wohnhaft, zu vollziehen beabſichtigen und fordert Euer Hochwür⸗ den im Namen der allein ſeligmachenden Kirche auf, vor Beginn der heiligen Handlung den Kopulirſchein genannten Paares einer Prüfung zu unterwerfen.“ Stahl ließ dieſen Brief ohne Unterſchrift, ſiegelte ihn, ſetzte eine Adreſſe darauf und ſteckte ihn ein. Dann erhob er ſich und griff zu ſeinem Hut, der auf einem Seſſel ſtand. „Frau,“ ſagte er zu ſeiner dicken Gattin, die ihn mit offenem Munde anſtarrte,„von Weidner wird dieſen Morgen eine Sendung kommen, Du wirſt ſie in Gegen⸗ wart unſeres Buchhalters in Empfang nehmen, und ihn darüber gehörig quittiren laſſen. Kommen Sie mit mir hinunter, Mamſell Liſette, mein Kutſcher wird uns wohl nicht lange mehr warten laſſen.“ „Und was iſt denn eigentlich hier verabredet wor⸗ den?“ murmelte Frau Stahl verwundert.„Ich habe, offen geſtanden, nicht eine Silbe—“ „Weib,“ raunte Stahl ſeiner Frau zu, ſie in ver⸗ ächtlichem Tone unterbrechend,„ſtrenge Dein beſchränk⸗ tes Gehirn nicht unnöthiger Weiſe an, denn Du wirſt ewig mit ſehenden Augen blind ſein! Wir werden jetzt 177 ohne Gewaltſtreich Alles erreichen! Ich ſehe Dich um fünf Uhr mit Ottilien bei Fervals!“ Der Fabrikant und Mamſell Liſette lächelten ein⸗ ander wiederum milde an und verließen mit einander den Salon. Einige Minuten ſpäter rollte die Equipage Stahls mit Beiden in eine andere Vorſtadt. Am Pfarr⸗ hauſe ließ Stahl den Kutſcher anhalten und übergab dem Pförtner den für den Geiſtlichen beſtimmten Brief. Dann ging es hinaus nach Neuwaldegg. Fabrikanten und Arbeiter. 1. 12 Eilftes Capitel. Zwei Leute nach altem, gutem Schlag. Der Leſer folge uns zur Schmidgaſſe der Vorſtadt Roßau. Dort wohnt Leopold Weidner, der wackere Wa⸗ genfabrikant, den wir durch den Verlauf der Erzählung gezwungen waren eine Weile aus den Augen zu ver⸗ lieren. Weidner iſt Hauseigenthümer, wie Stahl, und ſein Grundſtück beinahe noch umfangreicher, als das des Seidenfabriksbeſitzers, aber er prätendirt nicht, wie der letztere, gleich einem Kavalier wohnen zu müſſen. Er lebt daher nicht in ſeinem Hauſe, das eine breite Gaſſenfronte hat, mit ſeiner Familie allein, ſondern er hat den zweiten Stock vermiethet und die Hälfte der Parterrelokalität an einen Sattlermeiſter überlaſſen. Auf die Gaſſe hinaus gehen zwei Gewölbe, eines an je⸗ 179 der Seite der breiten Hauseinfahrt; in dem der Stadt zunächſten hat der Sattler, der ſich in der That ſehr praktiſch neben einer Wagenfabritk einniſtete, ſein Riem⸗ zeug zum Verkauf ausgeſtellt, während das andere Ge⸗ wölbe mit dem breiten Eingang ſich Weidner für einige fertige Equipagen reſervirt hat, die man dort durch die breiten Fenſterſcheiben erblickt. Dieſer Raum, in dem ſtets mehrere elegante Kaleſchen ſtehen, iſt, zur Bequem⸗ lichkeit des Fabrikanten, mit ſeiner Wohnung im erſten Stock durch eine kleine Wendeltreppe aus Gußeiſen ver⸗ bunden, die in das Geſchäftszimmer Weidner's mündet. Tritt man durch das Hausthor in den geräumigen Hof, ſo gewahrt man nicht allein Seitentrakte, auf die aber kein Stock gebaut wurde, ſondern auch im Hintergrunde einen ebenerdigen Quertrakt, ſo daß hier von einem Ziergarten oder gar einer parkähnlichen Anlage, wie bei Stahl, nicht die Rede iſt. Jeder Fleck da ringsher⸗ um wurde nützlicher Thätigkeit gewidmet; hier liegen die Abtheilungen der Werkſtätten, in denen die verſchie⸗ denen Wagentheile angefertigt werden, dort iſt die Lackierfabrik, weiterhin ein Polierraum, im Hindergrunde des Hofes die Schmiede, in der die nöthigenEiſenbeſchläge, Reifen, Federn, Bolzen u. ſ. w., den Theilen angepaßt und geſchweißt werden, die man in der anſtoßenden Lo⸗ kalität zum Wagen zuſammenſetzt. So iſt denn unter 12* 180 der Woche, ſelbſt zu Zeiten an Sonntagen, dieſes den Hof umgrenzende Gebäudeviereck der Schauplatz raſtlo⸗ ſer Arbeit und faſt immer gleichmäßigen Geräuſches, und ſelbſt der Hof, in deſſen einem Winkel ſich ein Schupfen mit den Holzvorräthen befindet, wird zum großen Theil ein Tummelplatz dieſer Geſchäftigkeit und ſogar oftmals völlig mit jenen Dingen angefüllt, die zum Wagenbau gehören und der Fleiß der Arbeiter nach einander geſchaffen hat. Das Aeußere dieſes Weidner eigenthümlichen Ge⸗ bäudekomplexes iſt keineswegs elegant, Wohnhaus und Trakte ſind nach alter Bauart, aber nirgends zeigen ſich die Spuren von Baufälligkeit, Alles iſt hübſch geweißt, ordentlich und reinlich gehalten, trotzdem ſich die Werk⸗ ſtätte, wie geſagt, oft bis über den ganzen Hof erſtreckt. Von der Gaſſe aus durch den Thorweg ſchreitend, gewahrt man am Ende desſelben die ſaubere, den Stock⸗ werken gemeinſame Stiege, über der bis in den erſten Stock die niedere Decke eine Wölbung bildet, wie man das häufig bei alten Häuſern findet. Man wird nicht, wie bei Stahl, durch einen groben Hausmeiſter aufge⸗ halten, der für einen Portier gelten möchte, und gelangt ungeſchoren im erſten Stock auf einen ſchmalen Gang, deſſen Fenſter auf den Hof gehen, und der ohne Zierrath oder theilweiſe Abſperrung links direkt zu der Wohnung 181 Weidner's führt. Die Wohnung bildet den lebhafteſten Gegenſatz zu den Salons des Seidenfabrikanten. Die Zimmer ſind winzig, niedrig aber freundlich, der mo⸗ derne Luxus iſt ihnen fremd, die Einrichtung iſt eher kleinbürgerlich als behäbigen Wohlſtand verrathend, man ſchreitet nicht über parkettirte Fußböden, ſieht ſtatt prahleri⸗ ſcher Gemälde hier und dort an den Wänden nachgedunkelte unſcheinbare Familienbilder, offene, treuherzige Geſich⸗ ter, ſtatt prächtiger Seidenfauteuils ganz einfache mit Wolldamaſt überzogene Seſſel, mit einem Worte, die Wohnung der Familie Weidner's, deſſen Vermögen man auf eine halbe Million ſchätzt, iſt ſo ſchlicht wie der Mann ſelber, und doch fühlt man ſich gleich ſo heimiſch in dieſen kleinen Räumen, doch athmet uns aus Allem, was uns hier umgibt, ein trauliches, beſcheidenes Wohl⸗ leben an, das uns zu Herzen geht, uns erquickt und uns empfinden läßt, wie der im Stillen waltende Geiſt einer ſchlichten, ordentlichen Hausfrau auch in beſchränktem Raume und mit wenigen Mitteln wohlthnend zu ſchaffen weiß. Es war um die zehnte Morgenſtunde deſſelben Ta⸗ ges, an welchem Stahl den Beſuch der Manſell Liſette empfing. Weidner ſaß mit ſeiner Frau am runden Tiſche des Wohnzimmers, das an das Geſchäftskabinet ſtieß. 182 Frau Weidner legte ihrem Manne die einfache, aber herzhafte Hausmannskoſt vor, die das zweite Frühſtück bildete. Die alte Frau mit ihren erhitzten Wangen, denn ſie war in der Küche der Magd zur Hand geweſen, ſah recht ſchmuck und ſtattlich aus. Sie war noch rüſtig und hatte blitzende, kluge und vor Allem herzgewinnende Au⸗ gen. In der Haltung der unterſetzten Frau war eine Sicherheit, die einen feſten Charakter verrieth, ſie glich faſt ihrem Manne, ein Fremder hätte Beide für Ge⸗ ſchwiſter halten können, ſo ſehr ließ ſie ein und derſelbe Zug gerader Biederkeit, den im jahrelangen Zuſammen⸗ leben dieſe ſchlichten Naturen gemeinſam und einander ergänzend aus ſich herausgebildet hatten, einander im Ausdruck ihres Weſens ähnlich erſcheinen. Frau Weidner trug ſich ſo einfach, wie ihr Mann ſich zu tragen liebte. Sie ſchämte ſich nicht ihrer grauen Haare, die ſich munter und wohlgemuth in kleinen Löckchen an Stirn und Schläfen unter der ſchneeweißen Haube hervordrängten. Sie war überhaupt in Wort und That gerade heraus, und hatte jenen kernigen Humor, der dem Wiener Volke eigen iſt. War ſie doch eine jener Wienerinnen von echtem Schrott und Korn, denen das Heerz in den Augen und auf der Zunge ſitzt, wenngleich ſie ſich darin von vielen ihrer Landsmänninen unter⸗ 183 ſchied, daß ſie nicht jenen leichten Sinn beſaß, der gut⸗ herzig über Alles hinweglacht und ſelbſt ernſte Dinge gehen läßt, wie ſie eben gehen mögen. Sie zeigte ſich im Gegentheil verſtändig, beſorgt, mannhaft darf man ſa⸗ gen, aber eben dort nur, wo es darauf ankam, es zu ſein. Während Weidner den Speiſen zuſprach, blickte er nachdenklich vor ſich hin. Seiner Frau, die jetzt ne⸗ ben ihm ſaß, entging dieß nicht. Was wäre ihr auch in ihrem kleinen Kreiſe entgangen? „Was iſt Dir denn, Leopold?“ ſagte ſie, die Ga⸗ bel hinlegend,—„Dir geht etwas im Kopfe herum.“ „Geſchäfte!“ brummte Weidner ohne aufzublicken. „Das iſt nicht wahr!“ entgegnete die Frau ruhig „Wo Alles am Schnürchen geht, wie bei uns, da hat Alles ſeine Zeit. Und jetzt hätteſt Du von Rechtswegen auf nichts anderes zu denken, als auf die Leberwurſt da vor Dir, die Du ſo anſtarrſt!“ „Hm,“ entgegnete Weidner aufblickend,„ich denke aber doch an ein Geſchäft, Kathi.“ „Und ich will es Dir nennen!“ verſetzte die Frau —„Du denkſt daran, daß Du dem Joſef Stahl 50,000 Gulden zugeſagt haſt, und jetzt reut es Dich. Siehſt Du, Du biſt mit Deinem Gemüth wie die Kinder mit ihren Augen die ſind auch jederzeit größer als ihr 184 Magen. Das paßt nicht für heut zu Tage, Alter, wo ein Jeder ohnehin unaufgefordert die Hand in des An⸗ dern Taſche ſteckt! Und Stahl ſcheint mir ein ſolcher Mann zu ſein, der das aus dem Grunde verſteht. Haſt Du nicht oft genug ſelber geſagt: Wenn's nur mit dem Stahl gut gehen wird, ſobald er's noch lange ſo fort⸗ macht?!— Das haſt Du geſagt, und doch läßt Du Dich mit ihm ein. Liegt drin ein Sinn? Stahl iſt ein Maul⸗ macher, das weiß der Mann, und läßt ſich doch von ihm überreden! Jetzt ſteigt Dir ſchon heute ein Grauſen auf! Ja„warſt nit aufi g'ſtiegen, warſt nit abig'fallen!“ heißt's da!“ „Nichts ſteigt auf!“ antwortete Weidner, indem er die ſich im Intereſſe ihres Mannes ereifernde praktiſch den⸗ kende Frau ruhig lächelnd anſah,—„Stahl iſt weder der Mann, nicch zu betrügen, noch ich derjenige, ohne Ueberlegung zu handeln. Wie wär's nun, Kathi, wenn ich das Geld daran ſetzen möchte, uns eine Schwieger⸗ tochter in's Haus zu bringen? He? Eine Brave dürfte doch um dieſen Preis nicht zu hoch ſein?“ „Wie? Die Ottilie?“ antwortete Frau Weidner. —„Dieſes hoffärtige Ding, dieſe Putznärrin? Du haſt ſie ja ſelber nicht leiden können!“ „Muß es denn gerade die Ottilie ſein?“ 185 „Du denkſt doch nicht etwa gar an die Pau⸗ line?“ „Warumn ſollte ich das nicht?“ „Die iſt eben ſo wenig eine Frau für unſern Franz! Was fällt Dir denn ein? Sie mag ein recht gutes Herz haben, ich glaub's ſogar, aber das iſt für unſern Franz nicht genug. Sie haben zu Hauſe ein Aſchenbrödel aus ihr de nauhe, ein willenloſes Geſch höpf, das ſich überall duckt und bei Allem dreinſchant, wie der Himmel, wenn er zu regnen anfangen möchte. Unſer Franz aber braucht eine Frau, die Energie hat, die ihm nicht Alles angehen läßt, aber auch einen guten Humor hat für trübe Stun⸗ den, die einmal doch bei keinem Menſchen ausbleiben. Du weißt, Leopold, der Franz iſt mein Augapfel, aber ich ſag's doch, er braucht eine Fran, die ihn ſo ein kleines „Biſſel“ nicht aufkommen läßt, bald durch ihr herziges Weſen⸗ bald durch ihre beſonnene Entſchiedenheit. Der Burſche iſt brav, das iſt nicht zu leugnen, aber er hat in München und Berlin ſo Einiges angenommen, was nicht einmal in ſeiner Wiener Natur liegt, und ihn früher oder ſpäter geradezu auf Abwege führen könnte. Ja, ein lebenskluges, herzliches Weib, das aber auch Charakter hat, möchte gerade geeignet ſein, alle dieſe Stten bei ihm abzuſtoßen, und ihn vor Thorheiten zu bewahren! Aber dazu ſcheint mir die Pauline nicht tauglich!“ 186 „Mit einem Wort,“ verſetzte Weidner lächelnd, „Du willſt ſagen, der Franz braucht eine Frau, wie Du ſelber biſt, Kathi!“ Frau Weidner begann ebenfalls zu lächeln. „Nun ja denn,“ antwortete ſie,„was ſoll ich's in Abrede ſtellen? Ich habe mir's ſo ungefähr gedacht! Und biſt Du etwa ſchlecht mit mir gefahren, Alter?“ „Gewiß nicht!“ rief Weidner, ſeiner Frau liebevoll die Hand entgegenſtreckend. „Geh' nur,“ verſetzte dieſe, halb freundlich, halb ſchmollend die Hand des Mannes zurückſchiebend,„Du haſt mich ſonſt in allen wichtigen Sachen um meinen Nath gefragt, und doch jetzt, ohne mir etwas zu ſagen, dem Verſchwender die Zuſage gemacht!“ „Und die muß ich halten, Kathi ſelbſt wenn ſie mich heute reuen ſollte!“ „Das weiß ich!“ murmelte die Frau.—„Ein Mann, ein Wort! wenn's auch heut zu Tage in der Welt keinen Pfifferling mehr gilt. Wir ſind einmal nach altem Schlag!“ „Und es reut mich die Zuſage auch nicht!“ fügte Weidner hinzu. „Freilich, da Dir's der Stahl nun einma ange⸗ than hat—“ 1 „Wer ſagt Dir das?“ unterbrach ſie der Mann 187 lebhaft.—„Wenn Duss wiſſen willſt, die Pauline hat mir's angethan, und zwar ſo ſehr,“— fuhr er mit Wärme fort—„daß ich meinen Kopf darauf ſetzen werde, ſie zu unſerer Schwiegertochter zu machen!“ Frau Weidner ſtarrte ihren Gatten an. „Ja,“ ſagte ſie verwundert,„Du geräthſt ja ordent⸗ lich in Feuer! Da iſt's ja aus und geſchehen!“ „Höre mich an,“ fuhr Weidner herzlich fort,„die Pauline iſt ein ſeltenes Frauenzimmer, obgleich ſie ſo ſtill einhergeht. Sie hat Charakter und Herz, ich hab's ſelber nicht ſo in ihr vermuthet. Und wenn ſie nicht luſtig und wohlgemuth ſein kann, wie Du's biſt, Alte, ſo iſt's ja nicht zum verwundern. Ich glaube immer, auch das liegt in ihr, und wenn ſich ihre Lage änderte, müßt's zum Vorſchein kommen. Und nun gib' Acht und höre, was ich Dir geſtern Nacht verſchwieg!“ Weidner theilte ſeiner Gattin mit, was zwiſchen ihm und Pauline am verfloſſenen Abend vorgegangen war und der Leſer im zweiten Kapitel dieſes Romanes erfahren hat. Auch ſchilderte er lebhaft, mit welcher edlen Bereitwilligkeit das Mädchen ohne Weiteres Ferval zu der Leidenden gefolgt ſei. Als Weidner endigte, ſah er, wie in den Angen der rechtſchaffenen Frau Kathi das helle Waſſer ſtand. „Ja, ja,“ ſagte ſie,„nach dem, was Du mir da 188 erzählt haſt, glaube ich wohl, daß die Pauline die Rechte für unſern Franz ſein könnte. Aber der Burſche achtet ja nicht auf ſie und liebäugelt mit der Ottilie!“ „Geh',“ antwortete Weidner,„als ob's ihm damit Ernſt ſein könnte! Ich kann mir das doch nicht denken, denn ſieh, der Franz mag wohl von ſolchem Burſchen, der da weiß, daß die Eltern vermöglich ſind, mehr an ſich haben, als mir lieb iſt, aber wenn's darauf ankommt, iſt er doch geſcheidt und wird ſich ſagen, daß eine Perſon, die wie eine Gräfin zu leben gewohnt iſt, es obendrein mit ihrem Herzen nicht ſo genau nimmt, nicht für ihn paßt. Franz iſt wohl der Burſche, der ein paar Jugendthor⸗ heiten durchmachen, aber weder eine große Dummheit, noch eine Schlechtigkeit begehen wird. Wir haben denn doch eine gute Grundlage bei ihm gelegt, und ſo etwas hält Gott ſei Dank für’s ganze Leben vor!“ „Nun,“ meinte Frau Weidner nachdenklich,„was denkſt Du, wenn ich ihm jetzt ſchon der Pauline halber zureden würde?“ „Zureden?“ verſetzte Weidner lächelnd.—„Ei, Du biſt ja doch ſonſt ſo praktiſch, Alte, und willſtt jetzt mit dem Zureden kommen? Wie haſt denn Du in den meiſten Fällen Deinen Zweck erreicht, wenn ich bei einer Sache, die Du für richtig erkannteſt, nicht habe anbeißen wollen? Das Gegentheil davon haſt Du mir vorgeſchla⸗ 189 gen. Siehſt Du, Alte, ich will's einmal beim Franz mit Deiner Politik verſuchen.“ Frau Weidner ſchmunzelte. Gleich darauf aber horchte ſie nach der Thüre. „Still, Männchen!“ ſagte ſie leiſe.—„Mir ſcheint der Franz kommt!“ Zwölftes Capitel. Ein junger Wiener, der„draußen“ war. Die Thüre ging auf. Der junge Mann, welcher eintrat, war in der That der Sohn des Hauſes. Franz war ein ſchöner junger Mann, ſchlank und hoch gewachſen. Sein Ausſehen war blühend, ſein blon⸗ des, zierlich hinauf gedrehtes Bärtchen verlieh den leb⸗ haften, zuverſichtlichen Zügen etwas Kokettes. Sein Blick war voll Offenheit, wie der ſeiner Eltern, ſeine Haltung eine entſchiedene, obwohl ſeine ganze Er⸗ ſcheinung etwas von der eines verweichlichten Stutzers hatte. Es war denn auch ſeine Kleidung höchſt elegant, mit faſt ängſtlicher Genauigkeit der neueſten Mode an⸗ gepaßt. Franz war eine jener Naturen, welche man jetzt chon häufiger unter den jungen Wienern findet, als dies 191 früher der Fall geweſen, wo ſelten ein junger Mann „hinaus“ kam, wie es leider noch immer heißt, wenn der deutſche Wiener die öſterreichiſche Grenze überſchreitet und nach Deutſchland geht! Franz hatte, nachdem er die Technik in Wien abſolvirt, in München und dann in Berlin weitere Studien gemacht, war überhaupt in den deutſchen Landen herumgekommen. Namentlich im Norden hatte der junge Oeſterreicher Vieles mit anhören müſſen, wenn man auf die Inſtitntionen, die Politik, die Sitten und Gebräuche ſeines Vaterlandes zu reden kam, und mit beißendem, den Norddeutſchen eigenem Sarkas⸗ mus ſpottete, daß Oeſterreich in Allem zurück ſei. Der junge Mann, mit reifem Verſtande begabt, hatte da, wo er die Vorwürfe, welche man ſeiner Nation machte, als gerechte anerkannte, ernſt und niedergeſchlagen geſchwie⸗ gen, in Fällen aber, wo man dem öſterreichiſchen Volke zur Laſt legte, was nur ein lichtſcheues Regierungsſyſtem, das ſich längſt überlebt hat, treffen kann, ſeine Heimath mit jener Wärme, ja Leidenſchaftlichkeit vertheidigt, die dem Oeſterreicher eigen iſt. Nach Wien zurückgekehrt änderte ſich das bei ihm, es war ihm nichts mehr recht, und„draußen“ Alles beſſer,— er machte es eben nur, wie viele deutſche Landsleute es machen, wenn ſie von England oder Frankreich nach ihrem Preußen, Sachſen, 192 Hannover, oder wie nun ihr erkluſives deutſches Vater⸗ ländchen heißen mag, heimgekehrt ſind. Zu ſeinen Eltern herantretend, grüßte Franz freund⸗ lich und ehrerbietig. „Willſt Du mit uns frühſtücken?“ fragte Frau Weidner ihren Sohn. „Ich danke, liebe Mutter,“ entgegnete Franz,„ich habe das bereits abgethan, und wollte Ihnen nur einen „Guten Morgen“ wünſchen.“ „Du kommit ſpät mit Deinem„Guten Morgen,“ Franz!“ ſagte Weidner.—„Beim Kaffee haben wir Dich nicht geſehen, und es hieß, Du ſeieſt nicht zu Hauſe. Hm, komm' doch einmal näher!“ fuhr er fort, indem er den Blick ſcharf über die Kleidung ſeines Sohnes gleiten ließ—„Du ſiehſt ja ſo beſtaubt aus, und an Deinem Beinkleide hängen Pferdehaare, wenn ich nicht irre.“ „Ich nahm mir nicht die Zeit, meine Toilette zu wechſeln, und trat daher bei Ihnen ſo ein, wie ich vom Reitſtalle gekommen bin!“ verſetzte Franz. „So,“ bemerkte Weidner tro cken,„Du machteſt einen Spazierritt. Hm, wie ſpät mag's wohl ſein?“ „Halb eilf!“ antwortete Franz, nachdem er einen flüchtigen Blick auf ſeine Cylinderuhr geworfen hatte. „Alſo der Vormittag ſo gut wie hin!“ fuhr Weid⸗ 193 ner in demſelben trockenen Tone fort—„Hm, was haben wir doch heute eigentlich für einen Tag?“ „Donnerſtag!“ erwiederte Franz leicht erröthend, denn nun erſt errieth er, was der Vater mit ſeinen Fra⸗ gen meine. „Hm, man kommt doch wirklich dadurch hin,“ fuhr Weidner äußerſt gelaſſen fort,„wenn man ſo unſere junge Welt viel vor Augen hat. Einmal gibt's bei ihr keinen Unterſchied z wiſchen Sonntags⸗ und Alltagsklei⸗ dern mehr, und dann iſt es ja ſo Sitte, daß viele der Herren Söhne von Großhändlern und Fabrikanten mit Sporen und Reitpeitſche in's Geſchäftszimmer treten, als gelte es, in die Buchhaltung etwas Pferdedreſſur hineinzubringen. Freilich gehört eine Roßnatur dazu ſich an derlei Anblick zu gewöhnen. Was meinſt Du, Alte, wenn ich in Zukunft meiner Kundſch aft in Schlaf⸗ rock und Pant ffeln aufwarte, oder mir bei meinen Ar⸗ beitern mehr Achtung dadurch zu erwerben ſuche, daß ich mich in Waſſerſtiefeln und mit der Jagdflinte über dem Rückeni in die Fabrik ſtelle, he?“ „Ich ritt dieſen Morgen mit einem Kollegen nach Hietzing, lieber Vater,“ ſagte der junge Mann einiger⸗ maßen beklommen,„um einen intereſſanten Bau in Angenſchein zu nehmen.“ Fabrikanten und Arbeiter. 1. 13 194 „So, ſo!“ verſetzte Weidner ſo trocken wie vorhin —„Und dieſer Kollege trug vermuthlich ein Schlepp⸗ kleid und nannte ſich Ottilie?“ „Lieber Vater,“ antwortete Franz, dunkler als zu⸗ vor erröthend,„kennen Sie mich als einen Lügner? Habe ich nicht ſtets eine begangene Thorheit offen und ehrlich eingeſtanden?“ „Es wäre am Ende keine ſo große Thorheit, Franz,“ warf Weidner gelaſſen hin,„wenn Du mit Fräulein Ottilie geritten wäreſt. Es iſt das noch unſerer hoffnungsvollen Jugend als ein Verdienſt anzurechnen,“ fuhr er zu ſeiner Frau gewendet fort,„daß ſie ſich we⸗ nigſtens nicht mehr, wie das zu unſeren Zeiten der Fall war, in arme Mädchen verliebt, ſondern auf Geld aus⸗ geht, ſobald ſie einmal den ledigen Stand ſatt hat! Hm, die Ottilie iſt eine brillante Partie, und ihre Mit⸗ gift würde jedenfalls hinreichen, aus einem jungen Stutzer, der ſich nicht gern ſelber ſeinen Lebensunterhalt verdienen mag, wenn auch nicht einen berühmten Archi⸗ tekten, doch wenigſtens einen Häuſerſpeculanten zu machen.“ Weidner ſagte dieſe Worte ohne die geringſte Bit⸗ terkeit, ja ſelbſt ohne ſcharfe Betonung, er ſprach wie ein Mann, der die Dinge nimmt, wie ſie vorliegen, und 195 darauf bedacht iſt, ſie zu nutzen, wie es eben geht, da er ſieht, daß es doch nicht anders ſein kann. Trotzdem aber war Franz jedes Wort des Vaters ein Stich in's Herz. „O mein Vater,“ rief er in gekränktem Tone,„ich kann nicht glauben, daß Sie ſo niedrig von mir denken! Wäre ich ſogar ein armer Menſch, ich würde Selbſtge⸗ fühl genug beſitzen, nicht einem Frauenzimmer meine bürgerliche Stellung verdanken zu wollen, ja, Nieman⸗ dem, als mir ganz allein!“ „Da Du nun aber zu wiſſen glaubſt, daß Du das Unglück haben wirſt, reich zu ſein,“ verſetzte Weidner ge⸗ laſſen,„hat es mit dieſem Selbſtgefühl noch keine Noth, he 2— „Seien Sie verſichert, lieber Vater,“ antwortete Franz verlegen,„daß ich nicht darauf ausgehe, die gün⸗ ſtige Lage zu mißbrauchen, in welche mich Ihr Wohlſtand verſetzt. Ich ſchätze im Gegenth eil das Glück, vor Anderen meines Berufes in finanzieller Beziehung bevorzugt zu ſein, nur darum, weil es mir den Vortheil gewährt, nicht mit unreifen Kenntniſſen mich ins praktiſche Leben wagen zu müßen. Mag es auch nicht ſo ſehr den An⸗ ſchein haben, lieber Vater, ſo ſtudiere ich doch!“ „Ja, ja, vom Pferde herab!“ entgegnete Weidner in derſelben trockenen Weiſe,i in der er vom Auſans an 1 196 das Geſpräch geführt hatte.—„Ich will Dir ſagen, mein lieber r drn, wie ich Dich kenne, denke ich, thäteſt Du doch am beſten, Dich trotz Deines Sel bſtgefühl 8 an die Oktile zu halten. Du überſchätzeſt ſowohl das Vermögen Deines Vaters, wie das alle Welt thut. Halte Dich an Fräulein Ottilie, mein Sohn, dann kannſt Du wohl zeitlebens ein Architekt nach d einem jetzigen Geſchmack bleiben, denn Du würdeſt ja von der Welt unabhängig ſein!“ „Auf wie lange, mein Vater?“ verſetzte Franz lächelnd—„Ich denke, wer Fräulein Ottilie heirathet, erwirbt ſich eben kein beneidenswerthes Loos!“ „Das iſt nicht Dein Ernſt, Franz,“ warf Weid⸗ ner trocken hin.— MR an hat mir hinterbracht, daß Du Dich um ſie bewerbeſt!“ „Ich mich bewerbe?“ erwiederte der junge Mann leichthin—„Da müßte ich thörichter fein, lieber Vater, als Sie glauben, daß ich ſei. Sie kommen ſelten zu Stahls, und haben auch dann vielleicht dhr Augenmerk kaum auf Fräulein Ottilie gerichtet. Wiſſen Sie, was man im Auslande ſagt?„Leicht iſt mein Herz, leicht iſt mein Sinn, dafür bin ich'ne Wienerin!“— Nun, ich habe mir dieſen Spruch etwas gemerkt und ihn hier zur Ge⸗ nüge bewährt gefunden. Wenn ich zur Wahl einer Frau ſchreiten müßte, ich geſtehe es offen, würde ich G 197 ganz gewiß zu allerletzt eine meiner hübſchen Landsmän⸗ ninnen wählen, und vollends nicht Fräulein Ottilie, die trotz ihrer vermutlich großen Mitgift den zu Grunde richten muß, der ſie heirathet, denn ſie iſt verſchwenderiſch, putzſüchtig, kokett, ohne Sinn für Häuslichkeit, ſie iſt— eine Wienerin, damit iſt Alles geſagt!“ „Das iſt Deine Mutter auch!“ entgegnete Weid⸗ ner im ernſten, ſtrafendem Tone. Franz erröthete und ergriff beſchämt und voll Liebe ſeiner Mutter Hand, die er an die Lippen drückte. „Vergebung Mutter,“ ſtammelte er dann,„Sie ſind die beſte der Frauen! Und ich glaube wohl—“ „Ich glaube wohl,“ ergänzte Frau Weidner lä⸗ chelnd,„daß Deine Ausländer mit ihrem Spruche Haus⸗ narren ſind, die in ihrer Heimat gerade ſo leichtfertige Frauenzimmer haben werden als wir in Wien, nur mögen es jene verſteckter, lebenskluger anzuſtellen wiſſen, als unſere Wiener„Mädeln,“ die einmal ſelbſt da offen und natürlich ſind, wo es ihnen nicht gerade zur Ehre gereichen mag. Mit der Ottilie übrigens kannſt Du Recht haben, Franz!“ „Aber er macht ihr doch den Hof!“ warf Weid⸗ ner ein. 4 „Was ſoll ich es läugnen, daß mich das Mädchen intereſſirt?“ verſetzte der junge Mann lächelnd— ——ͤ 198 „Sie iſt nicht ohne Geiſt, hat muntere Laune, iſt ſchön und elegant. Wo ſie erſcheint, da macht ſie Aufſehen. Sie gefällt mir, aber heirathen möchte ich ſie darum doch nicht. Wenn ich aufrichtig ſein ſoll, ich— ich erweiſe ihr einige Artigkeiten, weil es meiner Eitelkeit ſchmei⸗ chelt, von ihr vor den Andern, die ſich um ſie drängen, ausgezeichnet zu werden!“ „Du biſt ein Geck!“ rief Weidner lachend.— „Hm,“ fuhr er in oberflächlichem Tone fort,„ihre Schweſter Pauline ſcheint mir anders zu ſein.“ „Ich hatte wahrlich noch keine Zeit, mich mit ihr zu beſchäftigen!“ antwortete Franz gleichgültig. Weidner und ſeine Frau wechſelten insgeheim einen verſtändlichen Blick mit einander. Aus demjenigen Weidner's ließ ſich herausleſen:„Sagt' ich's nicht, liebe Alte, daß eine gute Grundlage für's ganze Le⸗ ben vorhalte?“ Der Blick der Frau aber ſchien zu ſa⸗ gen:„Wir ſind noch weit vom Ziele, Alter!“ Die Eheleute hatten einander kaum in dieſer Weiſe verſtohlen angeſchaut, als an die Thüre gepocht ward. Der Buchhalter Weidner's, ein alter gewiſſenhaf⸗ ter, pedantiſcher Mann, der mit ſeinem langen grauen Schnurrbarte eher einem penſionirten Wachtmeiſter als einem Weſen der doppelten Buchhaltung glich, erſchien auf der Schwelle des Geſchäftszimmers. 199 „Ein Diener des Herrn von Stahl iſt da, mit einem Billet!“ brummte der Buchhalter in martialiſchem Tone. Weidner erhob ſich und murmelte:„Ich dachte mir's wohl, daß er ſich beeilen werde! Nun gut!“ Der Fabrikant ſchritt dem Geſchäftszimmer zu. Bevor er dasſelbe betrat, wendete er den Kopf zu ſeiner Frau herum, der ſich Franz genähert hatte, und legte, ohne daß dieſer es bemerkte, den Finger bedeutſam auf den Mund. Die Frau nickte verſtohlen. Sie hatte ihren Mann verſtanden. Dreizehntes Capitel. Aſſociation. Vom Geſchäftszimmer Weidner's führte eine Thüre auf den Gang, eine andere in's Wohnzimmer des Fa⸗ brikanten. Als dieſer durch die letztere eintrat, öffnete ſich auch die andere Thüre und eine etwas verwachſene, aber doch vierſchrötige Geſtalt hinkte herein. Es war das ein Arbeiter der Fabrik. Er hatte ſtruppiges braunes Haar, hervorſtehende Backenknochen, eine eingedrückte Naſe, kleine Augen, aus denen Falſch⸗ heit und Habgier leuchteten, ein breites Maul und eine bräunliche Geſichtsfarbe. Die ganze Form ſeines dicken Kopfes verkündete den Böhmen. Er grüßte katzenfreundlich und blieb in unterwür⸗ figer Haltung neben dem wartenden Diener Stahl's, dem langen, rothäugigen Anton ſtehen. 201 „Was gibt's?“ fragte Weidner den Arbeiter in etwas barſcher Weiſe. „Hab' ich zu reden mit gnädige Herrn,“ antwor⸗ tete der Böhme—„alle bitt' ich Ihne— was angeht Arbeiter Kindner und Hofer und— „Nachher!“ unterbrach ihn Weidner kurz.—„Sie können warten, bis ich dieſen Mann abgefertigt habe.“ Weidner ſchritt zu ſeinem Schreibtiſche. Er erbrach und las das Billet, welches ihm der Buchhalter an der Schwelle des Zimmers überreicht hatte. Dann ging er zu einer feuerfeſten Kaſſe, die neben dem Tiſche ſtand, und öffnete ſie. Aus einem Fache dieſer Kaſſe da m er eine Anzahl Papiere, die durch eine Schnur zu ſinen Packet zuſammengebunden waren. Dieſes Packet ſteckte er in eine Ledertaſche, an der ein Schloß befindlich war. Er verſperrte dieſelbe mit einem Schlüſſel. „Stierling!“ ſagte er zu den Vucgates in Wacht⸗ meiſtergeſtalt—„Nehmen Sie die Taſche. Es ſind die 50,000 fl. darin. Sie haben doch alle Obligationen mit ihren Serien und Nummern richtig eingetragen?“ „Alle!“ brummte der Buchhalter. „Gut!“ antwortete Weidner—„Hier iſt der Schlüſ⸗ ſel. Gehen Sie mit dem Manne zu Stahl. Das Uebrige wiſſen Sie ja „Freil lc knurrte der Buchhalter, indem er Taſche 202 und Schlüſſel entgegennahm, und ſich ſeinen Dragoner⸗ bart ſtrich. Während Herr Stierling ſeinen Komptoirrock mit dem Straßenüberzieher vertauſchte und ſeinen Hut und die auf einige Augenblicke zur Seite gelegte Ledertaſche nahm, verſchloß Weidner die feuerfeſte Kaſſe, auf die der unterwürfig daſtehende Böhme aus den äußerſten Winkeln ſeiner kleinen Augen wiederholt ſehnſüchtig verſtohlene Blicke geſchoſſen hatte. Der Buchhalter und der Diener Stahl's entfern⸗ ten ſich. „Nun, Beniſchek, was gibt's ſchon wieder?“ fragte Weidner indem er am Schreibtiſche ſtehen blieb, die Arme nach ſeiner Gewohnheit auf den Rücken legte und den Arbeiter anblickte. Dieſer machte, demüthig wie ein Hund, einen Kratz⸗ fuß, verzog das breite Maul zu einem Grinſen, gab dann ſeinem Geſichte einen Ausdruck, welcher Ergebenheit heuchelte, und trat einen Schritt vorwärts. .„Alle bitt' ich Ihne, gnädige Herr,“ begann er,„iſt geſchehen in der Fabrik, was kann ich nicht verſchweigen. Haben ſechs Arbeiter vor zwei Tagen genommen ein Los, hat gewonnen, iſt Nachricht worden gebracht vor fünf Minuten,— 20000 Gulden!“ „Was der Teufel!“ rief Weidner, überraſcht.— 203 „Wer? Sagten Sie nicht vorhin, der Kindner, oder Hofer— 2 „Ja, und Gansberger, Rollinger, Rippel und Steiner!“ ergänzte Beniſchek. „Alle Sechs brave Arbeiter und Familienväter rief Weidner mit leuchtenden Augen,—„20,000 Gul⸗ den? Das freut mich vom Herzen!“ „Nix zu freuen, alle bitt' ich Ihne, gnädige Herr!“ erwiederte der Böhme, indem er den Kopf ſchüttelte und den Fabrikanten auf eine eigenthümliche Art ſchlau an⸗ 14 blinzelte. „Wie ſo denn?“ fuhr Weidner barſch auf—„Und wie kommt's denn,“ fuhr er fort, den Arbeiter ſcharf in's Auge faſſend,„daß Sie mir dieſe Nachricht bringen, Beniſchek?“ „Stehen zuſammen, die Sechs, unten im Hof,“ verſetzte der Böhme,„ſprechen, was anfangen mit Geld ihriges? Bin ich geſchlichen vorbei, hab' ich gehört, was geſagt hat der Hofer, hat geſagt, daß könnten anfangen nicht Geſchäft eigenes mit Geld ihriges jeder allein, wenn aber Geld ihriges zuſammengeben alle Sechs, wird ſchon gehen, daß Wagenfabrik etabliren. Hab' ich denkt, geh' ich zu Herrn meinigen, ihm ſagen, wird gnädige Herr ausreden die Sechs das Geſchäft, wegen Konkurrenz, alle bitt' ich Ihne!“ 204 „So?“ ſagte Weidner ſtrenge und legte die Stirn in Falten.—„Haben die Leute, die Sie im Hofe be⸗ horchten, auch geſagt, daß ſie ſich mit mir darüber be⸗ ſprechen möchten?“ „Glaub' ich nicht, gnädige Herr,“ verſetzte der Böhme eifrig,„denk' ich ſind undankbare Leut', nicht wie Beniſchek, alle bitt' ich Ihne! Werden's thun heim⸗ lich!“ Der Böhme hatte kaum geendigt, als ein Geräuſch auf dem Gange entſtand, und gleich darauf leiſe an die Thüre des Geſchäftszimmers geklopft ward. „Herein!“ rief Weidner, deſſen Geſicht ſich auf⸗ klärte. Statt der ſechs Arbeiter ſeiner Fabrik, deren Ein⸗ treten Weidner zuverſichtlich erwartete, erſchienen Lands⸗ berger und Anton, der entlaſſene Sträfling. Vater Landsberger's treuherzige Züge drückten Ehrerbietung, doch zugleich auch Zuverſicht aus. Anton war bleich. Er trug noch ſeine ärmliche Kleidung, aber er war wenigſtens raſirt und keineswegs unreinlich in ſeinem Aeußeren. Als beide Männer den Fabrikanten grüßten, wagte Anton nicht, den Blick vom Boden aufzuſchlagen. „Was wünſchen Sie?“ fragte Weidner, in deſſen Miene ſich ſeine Enttäuſchung flüchtig abſpiegelte. „Ich weiß nicht, Herr von Weidner,“ begann Landsberger, ſeine Kappe in den Händen herumdrehend, „ob Sie ſich unſerer noch erinnern, beſonders dieſes da?“ Und der ehrliche Alte wies mit dem Daumen auf ſeinen jungen Begleiter. Weidner blickte dieſen ſcharf an. „Hm,“ ſagte er kangſam„das Geſicht i i ſt mir be⸗ kannt, aber ich weiß im Augenblicke nicht— „Er jatlange bei Ihnen gearbeitet, gnädiger Herr,“ unterbrach ihn Landsberger und fuhr zögernd fort:„Er iſt der Schulhof⸗Anton.“ Weidner trat einen Schritt zurück und maß die beiden Eingetretenen mit prüfendem Blick. Dann blieb dieſer auf dem Alten haften. „Hm,“ ſagte der Fabrikant kalt,„ja! Und Sie kenne ich jetzt auch. Sie ſind der Vater des Mädchens, die früher in meiner Fabrik geweſen iſt, der Julie— der Grüftn Leggiero, wollt' ich ſaneub „Leider bin ich's!“ ſtammelte Landsberger, über deſſen Antlitz ein diſſterer Schatten glitt. „Und was wollen Sie von mir?“ fragte Weidner hart.. 206 „Ich eigentlich nichts!“ entgegnete Landsberger einigermaßen betreten. Sch bin nur mitgegangen, weil der Anton nicht das Herz hat, Ihnen— er traute ſich kaum hieher— und da glaubte ich— „Faſſen Sie ſich kurz, wenn iich bittem darf!“ un⸗ terbrach ihn Weidner in ſtrengem Tone. Antow's Lippen bebten, aber er ſprach weder ein Wort noch wagte er ſeinen ehemaligen Herrn anzu⸗ ſchauen. „Nun,“ entgegnete Landsberger, indem ſein Blick wieder freimüthiger dem ernſten des Fabrikanten begeg⸗ nete,„Sie werden ſich erinnern, Herr von Weidner, daß der Anton vor anderthalb Jahren etwa wegen der unglücklichen Geſchichte mit meiner Tochter eingeſperrt ward. Vor einigen Tagen wurde er begnadigt, und da ihm der Herr von Weidner bei der Gerichtsverhandlung ein ſo günſtiges Zeugniß ausgeſtellt haben⸗ daß er im⸗ mer ein fleißiger Arbeiter und braver Burſch' geweſen ſei, und dergleichen, da dachte er denn, und ich auch, daß der Herr von Weidner vielleicht ſo gütig ſein möch⸗ ten, ihn wieder anzunehmen.“ Landsberger ſchwieg und ſchaute den Fabrikanten treuherzig an. Anton ſtand wie vernichtet da. Weidner ſchwieg eine Weile, ſeinen ehemaligen Arbeiter in's Auge faſſend. 207 „Hm,“ ſagte er alsdann gedehnt und eiſig,„es iſt immer ein ſchlechtes Zeichen, wenn der Menſch eines Fürſprechers bedarf. Was haben Sie mir zu ſagen, Anton Schulhof?“ Anton bewegte die Lippen; er vermochte kein Wort hervorzubringen. Ein lebhaftes Geräuſch auf dem Gange enthob ihn auch im nächſten Augenblick einer Antwort und lenkte die Aufmerkſamkeit des Fabrikanten von ihm ab. Man vernahm zahlreiche Tritte, ein Ge⸗ murmel und ſodann ein ſchüchternes Pochen an der Thüre. Weidner's„Herein“ erklang von Neuem. Die Thüre ging auf. Jene ſechs Arbeiter, die der Fabrikant ſchon vorhin erwartet hatte, ſchoben ſich, ob⸗ wohl derbe, tüchtige Männer, mit unbeholfener Zaghaf⸗ tigkeit nacheinander in das Zimmer. Auf ihren breiten, blühenden Angeſichtern lag ein Gemiſch von Jubel und Befangenheit. Wie ſie in der Werkſtatt beſchäftigt ge⸗ weſen, ſo ſtanden ſie da, einige ſogar mit ihren Geräth⸗ ſchaften in den Händen. Sie blieben in ehrerbietiger Entfernung von ihrem Brotherrn, es hatte ſogar den Anſchein, als getraue ſich Keiner ſo recht, der Vorderſte zu ſein. Anton und Landsberger ſowohl, wie der lauernde Böhme waren zur Seite getreten, den Arbeitern Platz zu machen. Weidner zeigte dieſen Letzteren ein Geſicht, aus dem ſich nichts entnehmen ließ, aber der eben ſo eigenthümliche als wackere Mann weidete ſich innerlich an der Verlegenheit ſeiner Leute. Von dieſen faßten die zwei Vorderſten, durch leiſe Rippenſtöße ihrer Hinter⸗ männer und den eigenen Drang ihren Herzen Luft zu machen, angetrieben, indeſſen alſobald Muth. „Her von Peidner,“ ſtammelte der Eine—„das Glücktt 6. „Ach Gott ja,“ ſtolterte der Andere—„wir alle ſechs—6— „Ich weiß was Ihr ſagen wollt!“ unterbrach ſie Weidner, ohne eine Miene zu verziehen—„Ihr habt einen Treffer mit 20,000 Gulden gemacht!“ „Das haben wir!“ jubelten die Arbeiter, einen Augenblick den Reſpekt vergeſſend. In der nächſten Se⸗ kunde aber riſſen ſie verwundert die Augen auf. „Woher— woher weiß es denn der Herr?“ brachte der erſte Sprecher mühſam hervor. „Von dem da!“ antwortete Weidner auf den Böh⸗ men deutend, ohne daß er ſeinen ernſten Ton und die Miene änderte.—„Und ich weiß auch, daß Ihr mich auf der Stelle verlaſſen wollt.“ 3 „Verlaſſen—? Auf der Stelle—? Wer ſagt das?“ ſtießen die Arbeiter verlegen und halblaut hervor. 209 „Das— das hat Keiner von uns geſagt!“ begann der Erſte—„Aber—“ „Aber,“ unterbrach ſie Weidner mit unerſchütter⸗ licher Ruhe,„Ihr ſeid entſchloſſen, ſobald wie möglich gemeinſchaftlich eine Wagenfabrik zu etabliren, um ge⸗ gen Euern bald ehemalig en Brotherrn in Konkurrenz zu treten.“ „Entſchloſſen? Das— das iſt auch nicht wahr—! Entſchloſſen?“ murmelten die Arbeiter von Neuem halb. laut durcheinander. „Wir ſind— noch nicht entſchloſſen,“ zwängte der erſte Sprecher mühſam heraus, während Schweiß⸗ perlen auf ſeine Stirne traten,„wir ſind nur gekommen, den Herrn zu bitten, daß er uns rathe, was wir thun und laſſen ſollen.“ „Ja, ja!“ bekräftigten die übrigen Arbeiter. „Und dazu wendet Ihr Euch gerade an mich?“ fragte Weidner ruhig, während ſeine Augen eigenthüm⸗ lich funkelten.—„Sie, Hofer,“ fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten,„haben ſechzehn Jahre bei mir ge⸗ arbeitet, Sie, Rollinger, zwölf, Sie, Kindner, zehn, und die Andern durch lange Zeit. Wenn Ihr meine Fabrik verlaſſet, verliere ich ſechs meiner fleißigſten und geſchickteſten Arbeiter. Und Ihr könnt Euch nicht im 14 Faabrikanten und Arbeiter. I. 210 Voraus denken, was ich Euch für einen Rath geben werde?“ „Wir wiſſen nur Eins, Herr,“ entgegnete der erſte Sprecher mit bewegter Stimme und Thränen in den Augen,„daß Sie der Vater Ihrer Arbeiter ſind, und uns rathen werden, was unſer Beſtes iſt! Was Sie uns ſagen, das werden wir thun, da iſt Gott unſer Zeuge! „Ja, gewiß!“ murmelten halblaut beſtätigend die fünf andern Arbeiter. „Nun denn, Leute,“ rief Weidner gerührt, indem die helle Freude, die er mühſam verhalten hatte, plötz⸗ lich ſein biederes Angeſicht überglänzte,„ſo thut Euch in Gottes Namen zuſammen, ich kann Euch nichts Beſ⸗ ſeres rathen! Ich wäre ein engherziger Schelm, wenn ich anders ſprechen wollte! Gebt mir die Hände, Leute, freut Euch Eures Glückes aber mehr noch Eures wacke⸗ ren Entſchluſſes! Wollte Gott, daß der Gemeinſinn ſich überall im Lande verbreitete und die kleinen Handwer⸗ ker und Arbeiter ihr Weniges zuſammenlegten, dann gäbe es nicht Tauſende, von denen jetzt Jeder ſich ver⸗ geblich anſtrengt und elendiglich verkümmert. Aſſociation, das iſt die Seele in Handel und Gewerbe, die Seele in Allem! Wenn tüchtige, ſtrebſame Männer vereint auf ein Ziel losgehen, ſobald es Einer für Alle und Alle 211 für Einen heißt, dann müßt's mit dem Henker zugehen, wenn ſie nicht in die Höhe kommen ſollten. Der Ein⸗ zelne wird freilich nicht reich dabei, aber Alle werden ſie genug haben. Fürchtet Euch nicht, Leute, mir eine Kon⸗ kurrenz zu machen, arbeitet darauf los in Gottes Na⸗ men, ich thu's ja auch, wir werden nicht allein neben einander beſtehen, ſondern ich ziehe ja auch einen Vor⸗ theil aus Euerem Fleiß, denn wahrlich, ich will der Erſte ſein, der ſich mit Aktien an Eurem Unternehmen bethei⸗ ligt. Noch Eins! Braucht Ihr einen Rath, ſo kommt und genirt Euch nicht, ich werde nie vergeſſen, daß Ihr mir treue Arbeiter geweſen ſeid! Und nun, Leute, laßt die Arbeit ſtehen und lauft nach Hauſe, daß Weib und Kinder auch ihre Freude haben. Aber kommenden Sonn⸗ tag ſtellt Euch mit Eurer ganzen Sippſchaft ein, und ſagt das den anderen Arbeitern auch, die nicht ſo glück⸗ lich waren, wie Ihr,— ich werde allen meinen Leuten ein kleines Feſt geben! Aber ſeid hübſch ſtill, wenn Ihr geht, daß Ihr mir die ganze Nachbarſchaft nicht rebel⸗ liſch macht!“ Die Arbeiter ſchüttelten dem wackeren Manne, der alſo geſprochen hatte, die dargebotene Rechte. Thränen liefen über die gebräunten Wangen der handfeſten Männer aus dem Volke, ſie ſchluchzten wie die Kinder. Dann dräng⸗ ten ſie ſich ſtill hinaus und ſchlichen mäuschenſtill fort. 14* 212 Weidner fuhr ſich mit der Hand über die Augen und dann lachte er. Sein Blick fiel auf den Böhmen, ſein Antlitz wurde ernſt. „Herr Stierling wird Ihnen am Sonnabend den Wochenlohn auszahlen, Beniſchek, und dann brauchen Sie nicht wieder zu kommen!“ ſagte er.⸗ „Gnädige Herr, alle bitt' ich Ihne!“ ſtammelte der Böhme beſtürzt. „Ich kann keine Angeber brauchen!“ unterbrach ihn Weidner trocken—„Gott gebe nur, daß bald eine neue Zeit über unſer gutes Oeſterreich komme, in der 3 auch der Geringſte lerne, was Selbſtgefühl heißt. Wir können es brauchen! Gehen Sie!“ Beniſchek ſchnitt eine Grimaſſe und hinkte zur Thüre hinaus. Weidner aber wendete ſich zu Landsber⸗ ger und Anton. Er ſah, daß auch ſie durch den Auftritt von vorhin ergriffen waren. „Nun?“ ſagte er mit der alten gelaſſenen Miene. Anton hatte längſt den Blick erhoben. Durch den rührenden Auftritt, dem er ſoeben beigewohnt, war ſeine Angſt verſcheucht worden. Er ſchaute vertrauungsvoll auf ſeinen ehemaligen Brotgeber und trat näher an ihn heran. „Herr von Weidner,“ ſagte er mit weicher, unſi⸗ 213 cherer Stimme,„ich bin nicht gekommen, die ſtrafbare Handlung, welche ich beging, vor Ihnen zu entſchuldi⸗ gen, nein, Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß ich bitter bereue, was ich im Zorn, in der Verzweiflung that!“ „Hm, das iſt etwas,“ entgegnete Weidner ruhig, „das iſt ſchon viel.“ „Mein Ausſehen muß Ihnen ſagen, daß ich die Wahrheit ſpreche.“ „Sie ſehen freilich anders aus als damals, Anton, wo ſie ein fleißiger Arbeiter waren!“ bemerkte Weidner. —„Sie ſchienen mir damals kein ſolcher Hitzkopf zu fein!“ „O wenn Sie Alles wüßten,“ entgegnete Anton ſchmerzlich,„was mich dahin brachte, daß ich—“ „Laſſen wir das!“ unterbrach ihn Weidner,— „ich weiß, wie viele Schuld Sie, wie das Mädchen trifft. Glauben Sie, ich laſſe einen Arbeiter ganz aus den Augen, der ſich in meinem Dienſte thätig und der Theil⸗ nahme werth zeigte?“ „So nehmen Sie mich wieder an!“ rief Anton mit faſt flehender Geberde. „Halt, mein Freund,“ verſetzte Weidner,„ich hegte herzliche Theilnahme für den braven Arbeiter,— der beſtrafte Uebelthäter muß ſich dieſe erſt verdienen;“ 214 Antons ſchmale Wangen überflog eine brennende Röthe. Er zitterte. „Darnach werde ich trachten,“ ſagte er, indem ihm faſt die Stimme verſagte,„und darauf hinaus geht mein ganzes Denken! Wenn ich auch elend ausſehe, werde ich doch ſo gut wie früher arbeiten können!“ „Hm, Sie glauben das?“ war Weidners Ant⸗ wort—„Ich will Ihnen etwas ſagen, Anton. Sie waren erſt beim Militär und dann im Strafhauſe,— das eine macht den Mann nicht immer fleißiger, das andere nicht von Herzen beſſer—!“ —„Wenn Sie Erkundigungen bei meinem Haupt⸗ manne einziehen wollten, Herr von Weidner,“ verſetzte Anton,—„mein Verhalten iſt weder beim Militär noch im— im Strafhauſe“— Anton ſtockte und ſetzte dann mit bebender Stimme kaum hörbar hinzu—„im Strafhauſe getadelt worden! O nehmen Sie ſich mei⸗ ner an“— fuhr er lebhaft, die Hände faltend, fort— „wenn Sie mir Arbeit geben, geben Sie mir auch mei⸗ nen guten Namen wieder, wenigſtens eine beſſere Mei⸗ nung von mir den rechtſchaffenen Menſchen. Heißen Sie mich jetzt gehen, dann— dann bin ich vielleicht ver⸗ loren!“ 1 Der Blick des armen Anton hing beinahe fieber⸗ haft an den Lippen Weidner's. 215 „Anton,“ ſagte dieſer,„iſt es Ihnen Ernſt, mit Ihren Erinnerungen brechen zu wollen? Haben Sie den feſten Willen, Ihrer ehemaligen Geliebten nicht mehr in den Weg zu treten?“ „Ich werde— dieſen Willen erlangen!“ antwor⸗ tete Anton zitternd. „Gut,“ ſagte Weidner milde,„Sie können gleich morgen zur Arbeit kommen.“ „Tauſend Dank!“ ſtammelte der junge Mann deſſen Augen Thränen entſtrömten und der ſich zur Hand Weidner's niederbengte, die dieſer raſch zurückzog⸗ „Laſſen Sie das!“ ſagte Weidner.„Sie ſehen, Anton,“ fuhr er lächelnd fort,„daß Sie keines Aſſiſten⸗ ten bedurft hätten, um mit mir in Ordnung zu kommen. Sagen Sie doch, mein Freund,“ ſetzte er hinzu, ſich an Landsberger wendend,„bei wem arbeiten denn Sie, daß Sie ſo unter der Woche aus der Fabrik fortbleiben können, um einen Fürſprecher zu machen 24** „Beim Herrn von Stahl!“ verſetzte Vater Lands⸗ berger, ohne in Verwirrung zu gerathen. Und die ehr⸗ lichen Augen treuherzig und feſt auf Weidner gerichtet, fügte er hinzu:„Ich vertraute meinem Herrn dreihun⸗ dert Gulden an, all mein Erſpartes, und kann jetzt weder vom Kapital noch den Zinſen einen Kreuzer erhalten. Dazu bekomme ich ſeit Wochen nur den halben Lohn. 216 Ich weiß nicht, Herr von Weidner, wer von uns Beiden gewiſſenhafter iſt, mein Herr oder ich? Aber, mein Gott —“ fuhr er haſtig und beſtürzt fort, ſich plötzlich mit der Fauſt vor die Stirn ſchlagend,—„das iſt es ja nicht, was ich Ihnen ſagen wollte, und Sie erfahren müſſen! O du mein Himmel, über dem Allen, was ich hier ſah und hörte, iſt's mir aus dem Gedächtniß gekommen! Vielleicht iſt's jetzt zu ſpät!“ „Was müſſen Sie mir ſagen?“ fragte Weidner erſtaunt. „Sie haben ſoeben meinem Herrn eine große Sum⸗ me geſchickt“— war die Antwort—„50,000 Gulden!“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Der Diener Stahl's, der lange Anton, kam auf der Treppe an uns vorüber, und ſagte mir's. Wenn Sie dieſe Summe nicht zurückbekommen können, bevor ſie mein Herr in die Hände kriegt, ſo iſt ſie verloren, wie es meine dreihundert Gulden ſind!“ „Weshalb?“ „Mein Herr ſpielt und benöthigt vielleicht heute nur Ihres Geldes, um den Verluſt der geſtrigen Nacht zu decken!“ „Der geſtrigen Nacht? Ich verließ ihn in ſeinem Hauſe um halb eilf etwa! Er ging alſo noch fort, und Sie wiſſen wohin?“ „Zu meiner Tochter, die eine Spielhölle unterhält!“ entgegnete der alte Arbeiter dumpf—„Als wir uns geſtern fanden, der Anton und ich, da ſahen wir meinen Herrn und einen andern in das Haus ſchleichen, wo ſie wohnt!“ 6 Weidner's Antlitz verfinſterte ſich. F „Der Baron!“ murmelte er vor ſich hin.— „Und er— er hält ſein Wort nicht, er iſt verloren!“ Das Angeſicht Weidner's nahm im nächſten Au⸗ genblick einen ruhigen Ausdruck an. „Mein Freund,“ ſagte er zu Landsberger,„ich glaube nicht, daß Ihre dreihundert ſammt meinen 50,000 Gulden verloren ſein werden, denn ich kann Ihnen ſagen, daß Herr von Stahl vielleicht ſchon binnen Kurzem mindeſtens eine Million erben wird. Gehen Sie alſo beruhigt an Ihre Arbeit. Der Anton ſoll mir übrigens Ihre Adreſſe bringen, denn ich dürfte bald mit Ihnen einige Worte zu reden haben. Guten Morgen!“ Die Arbeiter verneigten ſich und ſchritten der Thüre zu. „Halt,“ rief Weidner,„nehmen Sie dieſen Vor⸗ ſchuß, Anton, damit Sie ſich etwas in Stand ſetzen können!“ Und der wackere Fabrikant drückte dem über⸗ 218 raſcht dankenden armen Burſchen eine Zehnguldennote in die Hand. Als ſich Weidner allein ſah, blieb er einen Augen⸗ blick ſtehen und ſchüttelte den Kopf. „ Stahl iſt verloren, mag er auch Millionär wer⸗ den! Ich gebe ihn auf!“ ſagte er düſter. Gleich darauf aber erheiterte ſich ſein Antlitz. Raſch ſchritt er dem Vorzimmer zu. Seine Alte mußte ja an der Frende über das Glück der Arbeiter theil⸗ nehmen! — Vierzehntes Capitel. Stahl wirft ſein Netz aus. Während der Fahrt nach Neuwaldegg, die der Fabrikant Stahl mit der Mamſell Liſette unternahm, be⸗ ſprachen ſie ſich über Vielerlei, das im Intereſſe Beider lag, aber ſie bewahrten dabei immer dieſelbe Vorſicht gegen einander. Sie ließen ihre Abſichten nur errathen, ſprachen ſich aber nicht unumwunden gegen einander aus, in der Furcht, es möge Einer über den Andern ein mehr als wünſchenswerthes Uebergewicht erlangen. Mamſell Liſette war beinahe davon überzeugt, daß der Fabrikant der Urheber des bewußten Attentates im Walde ſei, aber obwohl ihr nicht entgangen war, daß Stahl's eine Wange mehrere Schrammen hatte, glaubte ſie doch nicht, daß er ſelber der Thereſe Ferval aufgelauert und den Schuß abgefeuert habe, ſondern ſie dachte, er habe ſich 220 irgend eines gewiſſenloſen Menſchen hiezu bedient, und kam in ihrem Sinnen darüber ſogar bis auf den Baron Lenz, dem ſie öfter im Stahl'ſchen Hauſe begegnet war. Die mißtrauiſche Gleißnerin hielt bereits längſt den Baron für wenig mehr als einen Abenteurer. War ſie nun alſo ſo ziemlich der Meinung, daß Stahl der An⸗ ſtifter des Ueberfalles geweſen ſei, ſo ließ ſie doch auch nicht das leiſeſte Zeichen eines Verdachtes dem Fabrikan⸗ ten gegenüber fallen, den ſie nicht ſtutzig machen durfte, ſondern ſie legte im Verlaufe des Geſpräches, das ſie während der Fahrt mit einander führten, noch mehr als es bereits geſchehen war, den Unfall ſo aus, wie er ſich am beſten für die Zwecke Stahl's ausbeuten ließ, nichts⸗ deſtoweniger insgeheim darauf bedacht, zu gelegener Zeit der Sache weiter nachzuforſchen. Um die Mittagsſtunde erreichte die Kaleſche Stahl's das Landhaus ſeiner Verwandten. Stahl und Manſell Liſette begaben ſich ſogleich zu der Frau von Heuber. Bevor wir ihnen zu der alten Dame folgen, ſagen wir einige Worte über dieſelbe, ihre Lebensverhältniſſe und ihre Stellung zu ihrer Verwandtſchaft. Frau von Heuber war die Witwe eines Großhänd⸗ lers, und, wie der Leſer weiß, Millionärin. Sie hatte früher zwei Söhne, der ältere war Oſiizier, der jüngere hatte ſich zur einzigen Lebensaufgabe gemacht, als bla⸗ 221 ſirter Stutzer das Pflaſter der Reſidenz zu treten. Stahl war, wie dem Leſer ebenfalls bekannt iſt, nicht der nächſte Verwandte der Matrone. Es lebte in Wien die Witwe ihres Bruders. Dieſe hatte eine Tochter, Thereſe. Frau Binder war arm, ſie ward von ihrer Schwägerin unter⸗ ſtützt, die Thereſen eine ſehr gute Erziehung geben und das junge Mädchen zur Lehrerin ausbilden ließ. Die Mutter ſtarb. Der Zufall fügte es, daß Thereſen der Antrag gemacht ward, in ein Brüſſeler Inſtitut als Lehrerin einzutreten. Sie erhielt von der Tante eine Ausrüſtung und einiges Geld und verließ Wien. Der jüngere Sohn der Frau von Heuber, welcher ein aus⸗ ſchweifendes Leben geführt hatte, war körperlich wie moraliſch völlig herabgekommen. Ein Zehrfieber be⸗ ſchleunigte die Auflöſung ſeiner Kräfte, er ſtarb. Etwa ein Jahr bevor dieſer Roman begonnen, ward auch der Offizier ſeiner Mutter durch den Tod entriſſen. Frau von Heuber, welche als gottesfürchtige Frau dieſe entſetz⸗ lichen Prüfungen ſtandhaft ertrug, erinnerte ſich, nun ſie ihrer leiblichen Erben beraubt war, ihrer Nichte The⸗ reſe, die ihr ſo gut wie aus dem Sinne gekommen war. Dieſe hatte eine Zeitlang im Brüſſeler Inſtitut ehren⸗ voll als Hülfslehrerin gewirkt, den jungen Maler Char⸗ les Ferval, der täglich in das Inſtitut als Zeichnenleh⸗ rer kam, kennen und lieben gelernt, und war deſſen 222 Gattin geworden. Die jungen Leute lebten faſt ein Jahr lang glücklich aber in ziemlich beſchränkten Verhältniſſen, als plötzlich ein Brief der reichen Tante bei ihnen ein⸗ traf, der das Paar nach Wien berief. Es war der Frau von Heuber nicht unbekannt, daß der Gatte Thereſens ein Proteſtant ſei, es mochte dieſe Miſchehe nicht ſo ganz nach ihrem Wunſche ſein, aber ſie ging doch über dieſen Umſtand hinweg, denn ſie zog es am Ende vor, Thereſe und ihr zu erwartendes Kind, falls die Eltern ſich verpflichten würden dieſes im katho⸗ liſchen Glauben erziehen zu laſſen, zu ihren Erben ein⸗ zuſetzen, als Stahl und den Seinen, deren Verſchwen⸗ dungsſucht und weltlichen Sinn ſie mißbilligte, ihr Ver⸗ mögen preiszugeben. Charles Ferval und ſeine junge Frau, beide aufgeklärt und tolerant, hatten hocherfreut der Bedingung der Tante beigeſtimmt, und waren nach Wien gekommen. Hier wußte ſich Thereſe bald durch ihr liebenswürdiges Weſen der alten wunderlichen Frau an⸗ genehm zu machen, ſo daß Stahl und ſeine Familie, die von Zeit zu Zeit trotz ihres einigermaßen geſpannten Verhältniſſes zu der reichen Verwandten, dieſelbe beſuch ten, noch mehr als früher in den Hintergrund traten, ohne daß Thereſe es darauf angelegt gehabt hatte, ihnen zu ſchaden. Folgen wir jetzt den aus ſo verſchie denen Gründen 223 und Intereſſen erbitterten Feinden Thereſens, der Mam⸗ ſell Liſette und Stahl. Am Eingang der Villa kam ihnen eine Magd ent⸗ gegen. „Iſt die gnädige Frau noch im Bette?“ liſpelte Manſell Liſette. „Nein, Fräulein,“ antwortete das Mädchen,„die Gnädige ſitzt im blauen Zimmer.“ Mamſell Liſette huſchte vorwärts, Stahl folgte ihr. Die Geſellſchafterin der alten wendete ſich zu dem Zimmer, von dem man auf die Veranda des Hauſes ge⸗ langte. Noch bevor ſie dieſes Zimmer betreten, vernahmen ſie das Bellen einer ganzen Hundeſchaar. Als Liſette die Thüre öffnete, ſtürzte ihr ein halbes Dutzend ſolcher Vierfüßler der verſchiedenſten Racen und Größen mit lautem Gekläffe entgegen. Die Thiere ſprangen freudig zu ihr empor, und umkreisten mißtrauiſch knurrend und die Zähne entblößend den ebenfalls eintretenden Stahl. Das hübſche, große Gemach bot einen ſeltſamen Anblick dar. Die Möbel waren koſtbar und von blauer Seide, aber Seſſel, Fauteuils und Sophas derart zer⸗ fetzt, daß ganze Stücke des theuren Stoffes von ihnen herabhingen. 6 224 Die blauen Draperien und weißen Vorhänge an den Fenſtern befanden ſich an ihren untern Theilen faſt ſämmtlich in gleichem Zuſtande. Der parkettirte Fuß⸗ boden war ſo zerkratzt und benagt, wie das ſchön gebohlte Holz der Möbeln, oder die leichte Tapete der Zimmer, unten an den Parketten. Dieſe abſcheuliche Verwüſtung war von den Hunden angerichtet, und ſagen wir gleich, daß es im ganzen Hauſe nicht beſſer ausſah als in die⸗ ſem Gemache. Die ungeberdigen Beſtien, die ohnehin kaum auf den Ruf ihrer Herrin mehr hörten, durften treiben was ihnen beliebte, und da ſie doch in wenigen Tagen zerſtört hätten, was wieder in Stand geſetzt wor⸗ den, ſo ward auch Alles ſo gelaſſen wie es war, zumal Frau von Heuber ſich aus dem Ausſehen ihrer Salons durchaus nichts machte. Wie auf dem Lande, ſo war es bei ihr in der Stadt beſchaffen, ſie gab keine Geſell⸗ ſchaften, was kümmerte es ſie da, ob hier und dort die Fetzen herunterhingen, ihre Lieblinge mußten ja eine Unterhaltung haben! Von Niemandem konnte ſie ein Wort der Gegenrede vertragen, aber von ihren Lieblin⸗ gen ließ ſie ſich tyranniſiren. Sie wechſelte jeden Mo⸗ nat ihre Dienſtlente, das heißt, dieſe flohen freiwillig die Hundewirthſchaft. Nur Mamſell Liſette hatte Stand gehalten, ſie wavfeben eine zähe Natur. Frau von Heu⸗ ber's Neigung zu ihren vierfüßigen Lieblingen ging ſo weit, daß ſie, ſo oft ſie in ihrer Equipage fuhr, ſich auf den Boden des Wagenkaſtens zu ſetzen pflegte, mit den Hunden ſpielend, die ſich auf den Sitzpol⸗ ſtern hin und her kollerten. Und ſo lagen und hockten ſie denn auch im Hauſe auf Tiſchen, Stühlen und Fen⸗ ſterbrettern. Als Stahl und Liſette eintraten, ſtand die Gebie⸗ terin, oder richtiger Sklavin dieſer Hundeſchaar in der Mitte des Zimmers, von Tellern und kleinen Schalen umgeben, deren Inhalt zum Theil auf dem Boden aus⸗ geſchüttet war. Trotz ihrer ſiebenzig Jahre war ſie eine noch rüſtige Frau, die nur dann, wenn die Gicht ſie heimſuchte, an einem Stocke ging. Nebſt einer hohen Geſtalt hatte ſie faſt männliche, tiefgefurchte aber flei⸗ ſchige Züge, ihre Lippen bedeckte ein kleines dunkles Bärtchen, an ihrem Kinne wachſen vereinzelt lange Haare. An ihrer Naſe bemerkte man die Spuren des Tabakſchnupfens, ihr faſt gänzlich weißes Haupthaar war in Unordnung, wie gewöhnlich. Sie trug ein reiches Atlaskleid, auf dem die Spuren von Hundepfoten ſicht⸗ bar waren, aber dieſes Kleid war hinten nicht zugeneſtelt, ſondern klafft: weit auseinander,— Frau von Heuber ging nie anders als in einem Kleide, das ſtets koſtbar ſein mußte, hinten aber offen blieb, ſo daß ſie eine Man⸗ Fabrikanten und Arbeiter. I. 4 15 226 tille umnehmen mußte, wenn Beſuch kam, und dieſe nir⸗ gends ablegen konnte, ſobald ſie eine Viſite abſtattete oder überhaupt das Zimmer verließ. Eine weitere Seltſamkeit beſtand darin, daß ſie unter dem Kleide, auf dem Buſen, der Geſundheit hal⸗ ber, wie es hieß, ein lebendes Meerſchweinchen trug, das an ſeinem Aufenthaltsort, um den es wohl nicht zu be⸗ neiden ſein mochte, bisweilen quiekte und plötzlich allerlei Bewegungen ausführte, welche die alte Dame keineswegs genirten, mochte ſie ſich auch gerade mit Leuten unter⸗ halten. Stahl trat zu der alten Dame, die er ſtets, ohne dazu berechtigt zu ſein,„Frau Tante titulirte, und küßte eine ihrer grobknochigen Hände. „Meine Mantille, Liſette!“ ſchnarrte die alte Frau, ohne die Begrüßung Stahl's zu erwiedern. eiſette beeilte ſich, ihrer Herrin den gewünſchten Gegenſtand umzuhängen, der für die Rückſeite ihrer Toilette ſo unentbehrlich war. „Ich habe mit Schmerzen erfahren, daß Sie ſich dieſen Morgen unwohl fühlten, beſte Frau Tante,“ be⸗ gann Stahl mit vortrefflich geheuchelter Beſorgniß in Miene und Ton,„und bin deshalb mit Mamſell Liſette herausgefahren, mich nach Ihrem Befinden zu erkundi⸗ gen.“ 227 Die„Frau Tante“ blickte den Fabrikanten ſtarr an. Dann erhob ſie die von Stahl ſoeben geküßte Hand bis zur Höhe ihres Buſens, und verſetzte ſich, wie es den Anſchein hatte, einen kleinen Puff darauf. „Wirſt ſtill ſein, dummes Thier?“ ſchnarrte ſie. Stahl erweiterte ſeine Augen, die er ſchon begonnen hatte gleißneriſch zu verzücken. „Wie ſagten Sie, liebe Tante?“ fragte er ver⸗ wundert. „Ah, ich habe mit„wem Anderen“ geredet!“ ant⸗ wortete die alte Dame barſch. Dieſer„wer Andere“ war aber das beſagte„Meer⸗ ſchweinchen.“ Es hatte heute ſeinen unruhigen Tag. Ohne Stahl's Frage um das Wohlbefinden zu beachten, wendete ſich die alte Dame, die ſich augen⸗ ſcheinlich durch den Beſuch ihres Verwandten unange⸗ nehm berührt fühlte, zu Mamſell Liſette. „Nun, wie ſtehts mit der Thereſe?“ fragte ſie in etwas ungeſtümer und herriſcher Weiſe. Stahl, der ſich keineswegs durch das Benehmen der „Frau Tante“ einſchüchtern ließ, ſchnitt der Mamſell das Wort vom Munde weg. „Sie iſt Gottlob außer aller Gefahr“ ſagte er mit theilnahmsvoller Miene,„das ſchändliche Bubenſtück hat weiter keine Folgen gehabt, als daß die gute Thereſe 15* 228 zwei Monate früher, als wir es erwarten durften, ihre ſchwere Stunde durchmachen mußte. Wir wollen dem Himmel dafür danken, daß auch dieſe Sorge hinter uns iſt! Meine Frau, welche dieſen Morgen in aller Frühe zur guten Thereſe hinübereilte, fand Alles im beſten Zu⸗ ſtande, es hat aber auch der lieben jungen Frau, die wir Alle ſo gerne haben, an der nöthigen Pflege nicht gefehlt, — unſere Pauline iſt die ganze Nacht nicht vom Bette der Wöchnerin gewichen; heute kann Ottilie ſie ablöſen.“ „So, ſo!“ ſagte Frau von Heuber in etwas weni⸗ ger mürriſchem Tone, ohne Stahl anzublicken oder ihre Züge zu erheitern.—„Ihre Familie nahm ſich alſo meiner armen Nichte an? Das iſt recht hübſch!“ „Das war Schuldigkeit!“ verſetzte Stahl lebhaft. —„Die jungen Leute hatten begreiflicherweiſe keine An⸗ ſtalten treffen können, da das Ereigniß ſo unerwartet und verfrüht kam. Was hätten ſie beginnen ſollen? Fer⸗ val benachrichtigte uns Gottlob augenblicklich, und ſo konnten wir denn den lieben Verwandten mit Rath und That beiſpringen. Jetzt iſt, wie geſagt, Alles in beſter Ordnung, und meine einzige Sorge war ſeit einer Stunde nur, als ich durch Mamſell Liſette das Unwohlſein der Frau Tante erfuhr, daß der Schreck über die unerwar⸗ tete Nachricht für die Frau Tante nachtheilige Folgen gehabt haben könne! Ich beeilte mich daher, meiner pein⸗ 229 lichen Ungewißheit darüber ein Ziel zu ſetzen, und da Mamſell Liſette doch hieher zurückkehren mußte, Ihnen Botſchaft zu bringen, ſo ließ ich ſie gleich mit mir fahren.“ „Ich danke Ihnen,“ verſetzte Frau von Heuber, noch immer zurückhaltend aber nicht unfreundlich, indem ſie den erſten Blick auf Stahl's Antlitz warf, das nichts als liebevolle Beſorgniß ausdrückte—„und zwar zu⸗ erſt muß ich Ihnen für den Beiſtand danken, welchen Sie Fervals eegedeihon ließen. Verwandte pflegen mit Hülfe und Theilnahme nicht immer bei der Hand zu ſein, wenn Noth am Mann iſt, gerade da lernt man oft ken⸗ nen, was man von ihren überſchwänglichen Freund⸗ ſchaftsverſicherungen, ihrer zur Schau getragenen Ver⸗ tandrcni de zu halten hat. Ich geſtehe Ihnen offen, Stahl, daß ich auf Ihre Theilnahme für Fervals nicht viel gab, ich weiß auch warum! Still, unterbrechen Sie mich nicht! Mich freut es ⸗daß Sie und Ihre Familie ſich anders ee als ich gl aubte afuneſeden zu dür⸗ fen. Was mein Unwohlſein betrifft, ſo war es weiter nichts als einer meiner gewöhnlichen Gichtanfälle. Er iſt ſchon vorüber. Unglücks Sfälle werſan mich nicht ſo leicht auf's Krankenbett, Sie wiſſen, was ich ſeit eini⸗ gen Jahren davon erlitt, und bin doch noch oben drauf. Gute Nerven und die Religion helfen da!“ * 230 „Vor Allem die Letztere!“ fügte Stahl hinzu, mit gläubiger Miene die Hände faltend. Frau von Heuber blickte ihren Verwandten groß und durchdringend an. Um ihre Lippen ſpielte ein Zug, der anzudeuten ſchien, daß ſie die Worte Stahl's für Heuchelei halte. „Ja,“ fügte der Fabrikant, dem dieſer Zug nicht entging, unbekümmert in ſanftem, ſcheinheiligem Tone hinzu,„unſer Wiſſen und Glauben, unſer Vertrauen und Hoffen drängt doch immer zu Gott, mögen wir es ſelbſt nicht wollen. Verblendung kann immer nur kurze Zeit dauern, wenn auch auf Umwegen, muß man doch zu der Quelle zurückkehren, die wahres Leben gibt. Sie haben Recht, Frau Tante, in der Noth erkennt man ſeine Freunde, aber auch in der Gefahr ſeinen Gott! Wie deutlich hat ſich bei Fervals die Hand des Herrn gezeigt, indem ſie Mutter und Kind erhielt, die unwiederbring⸗ lich verloren ſchienen! Und mir ſelber, mir offenbarte ſich der Finger Gottes vor wenigen Tagen und bedeutete mir, welchen Weg ich hinfort werde zu wandeln haben!“ „Wie ſo?“ fragte die alte Dame erſtaunt. Ein ſeltſames„Uih!“ das wie von einem Bauch⸗ redner zu kommen ſchien, ließ ſich in dieſem Augenblick vernehmen. Im gleichen Moment begann anſchei⸗ nend der Buſen der Frau von Heuber heftig zu arbei⸗ 231 ten. Dieſe aber griff ohne viele Umſtände oben in ihr Kleid hinein, zog dort ein gelb und weißgeflecktes Meer⸗ ſchwein hervor, und ſetzte es auf den Tiſch. Dann blickte ſie ihren Verwandten an, ohne daß ſich ihre erſtaunte Miene auch nur im Geringſten verändert hätte, und ſagte:„Nun?“ „Hören Sie, Frau Tante!“ begann Stahl mit einer Stimme, in die er geſchickt ein Etwas zu legen wußte, das ſich wie innere Bewegung anhörte.—„Ein Geſchäftsmann hatte mich vor Kurzem erſucht, ihm zu einem Unternehmen 50,000 Gulden vorzuſtrecken. Da er ein langjähriger Freund von mir war und ſich in den Gewerbskreiſen eines außerordentlich guten Rufes er⸗ freute, ſo hatte ich ihm das Verſprechen gegeben, ihm dienſtbar ſein zu wollen. Vor einigen Tagen nun ſchrieb er mir, ich möge ihm die beſprochene Summe, wenn irgend möglich, noch am ſelben Tage ſenden. Gut, ich hatte ſo viel in Staatspapieren liegen, packte ſie einige Stunden nach Empfang des Briefes zuſammen und ſchob dieſes Packet in die Taſche meines Rockes, mit der Abſicht, es perſönlich meinem Freunde zu übergeben. Ich greife zum Hut und verlaſſe mein Geſch äftszimmer. Auf der Treppe ſtürzt mir mein Buchhalter entgegen und meldet, daß meinen Freund vor einer Viertelſtunde der Schlag gerührt habe. Ich wankte zurück. Eine 232 Stunde ſpäter ward mir die Nachricht von ſeinem Tode, und am folgenden Tage kam es heraus, daß der Mann in den zerrüttetſten Verhältniſſen geſtorben ſei. Meine 50,000 Gulden wären verloren geweſen, hätte ich ſie zwei Stunden früher abgeſendet, wie ich es anfänglich thun wollte,— der Mann hinterließ zahlloſe Schulden, er hatte ſich durch Aufwand, Börſeſpiel, mit einem Wort, durch eine ſorglos leichtfertige Lebensweiſe ruinirt! Frau Tante, ich ſage es gerade heraus, ich war tief erſchüttert, ich bin es noch, ich preiſe Gottes Güte, die ſo großen Schaden von mir abwen⸗ dete, und werde hinfort bemüht ſein, dem Fingerzeige des „Allmächtigen Folge zu leiſten!“ Stahl blickte wie ein reuiger Sünder, aber auch zugleich wie ein angehender Tugendheld auf die alte Dame. Was konnte dieſe anderes thun, als an die Umwandlung des Fabrikanten glauben? Erſchien ihr nicht Alles, was ſie ſoeben gehört hatte, ſo natürlich, ſo folgerichtig, ſo überzeugend? Ihr Antlitz verlor den größten Theil ſeiner Strenge. Sie hielt Stahl eine ihrer grobknochigen Hände hin. „Stahl,“ ſagte ſie,„was ich da von Ihnen höre, freut mich Ihret⸗ und Ihrer Familie wegen! Bleibt ſtandhaft!“ „Standhaft!“ echoete der Gleißner und küßte von Neuem die Hand der alten Frau. 233 „Nun aber,“ fuhr er fort, zur Seite blickend, da er gewahrte, daß Mamſell Liſette ab und zuging,„will ich die Frau Tante nicht länger ſtören, denn ich weiß, Ihre Speiſeſtunde iſt da.“— Frau von Heuber ſchien ſich einen Augenblick zu bedenken. „Sie haben,“ ſagte ſie alsdann,„einen weiten Weg gemacht, um ſich nach meinem Befinden zu erkun⸗ digen, es wäre unſchicklich, wollte ich Sie ſo ohne Wei⸗ teres zurückfahren laſſen. Da ich doch ſpeiſe, und Sie nun einmal hier ſind, ſo bleiben Sie bei mir zu Mittag. Liſette, noch ein Gedeck für Herrn von Stahl!“ Der Fabrikant verneigte ſich zuſtimmend, obgleich die Einladung nicht eben in herzlicher oder ſchmeichel⸗ hafter Art war gegeben worden. Aber ſie war doch ge⸗ geben. „Hoho,“ ſagte ſich Stahl,„meine Fabel wirkte vortrefflich, ſie ladet mich zu Tiſche, das iſt mir noch niemals von ihr widerfahren!“ „Nun denn, Frau Tante,“ ſagte er alsdann laut, „geſtatten Sie mir, ſo lange hier bleiben zu dürfen, bis Sie zur heiligen Tauſhandlung hinein müſſen. Da ich derſelben ja auch beizuwohnen habe, könnten wir ja miteinander fahren. Ich hofſe, Sie nehmen einen Sitz in meinem Wagen an!“ 234 Frau von Heuber, die ihren reuigen Verwandten mit einer gewiſſen chriſtlich vergebenden Theilnahme zu betrachten begann, gab dem Vorſchlage ihre Zuſtim⸗ mung. Man verfügte ſich in's Nebenzimmer zur Tafel. Die würdige Dame hatte zuvor das Meerſchweinchen an ſeinen alten Platz geſchoben, und bei dem Diner der lallenden Vierfüßler präſidirt, für die im ſogenannten blauen Zimmer extra ſervirt worden war. Während Stahl mit der„Frau Tante“ und Mam⸗ ſell Liſette ſpeiſte, und nachher, als er mit der Erſteren unter der Veranda beim Kaffee ſaß, ſpielte er ſeine Rolle eines Bekehrten zu ſeiner eigenen Zufriedenheit und mit großer Vorſicht. Er bot nicht zu viel, nicht zu wenig, ließ mit Feinheit gewiſſe Andeutungen darüber fallen, wie er ſein Hausweſen allmälich umzugeſtalten gedenke, ſprach davon, daß er ernſtlich mit dem Gedan⸗ ken umgehe, ſeinen Sohn in das Erziehungsinſtitut der frommen Väter Jeſu nach Kalksburg oder in ein ande⸗ res von Geiſtlichen geleitetes Penſionat zu geben, daß er hinfort ſeine Arbeiter auf den Pfad der Tugend und Religioſität führen werde, indem er ſie beſtimmen wolle, dem Severinusvereine oder anderen frommen Verbrü⸗ derungen beizutreten. Ueber alle dieſe Projekte, die er behutſam vorbrachte, erbat er ſich beſcheiden die weiſen 235 und frommen Rathſchläge der lieben Frau Tante. Kurz, Stahl benützte ſeine Zeit ſehr wirkſam, und als endlich die wackere alte Dame mit ihm in den Wagen ſtieg, um zu Fervals nach der Vorſtadt Joſefſtadt zu fahren, da drückten ihre zuvor ſo ſtrengen Züge faſt eine Art Ge⸗ wogenheit für den falſchen Mann aus. Fünfzehntes Capitel. Die Taufe. Die Kaleſche hielt vor der Wohnung in der Kaiſer⸗ ſtraße an. Frau von Heuber, keineswegs in übler Laune, wohl aber vielleicht im Stillen ſich kränkend, daß ſie ihren Lieblingsſeidenpintſcher, den ſie mitgenommen 4 hatte, im Wagen zurücklaſſen mußte, ſtieg, von Stahl gefolgt, in den erſten Stock zu Fervals. Die gute Dame wäre vielleicht fähig geweſen, als Pathin während der Taufe auf einem Arme das Kind und im andern ihren Pintſcher zu halten, hätten ihr religiöſer Sinn und ihre Achtung vor heiligen Handlungen nicht über die Wünſche ihres Herzens geſiegt. Sie traten in die beſcheidene Wohnung Ferval's 237 und kamen noch eben zu rechter Zeit, denn man erwar⸗ tete jeden Augenblick die Ankunft des Geiſtlichen. Der junge Mann, den wir im erſten Kapitel dieſes Romanes in einer ſo verzweifelten Lage erblickten, der Gatte Thereſens, führte die Tante und Stahl in das Zimmer der Wöchnerin. Ferdal's feine und intelligente Züge waren jetzt durch eine namenloſe Freude belebt und verklärt. „Nun, wie iſt ihr jetzt?“ waren die erſten Worte der Tante. „Vortrefflich!“ antwortete der junge Mann.— „Und da ſehen Sie nur den Buben!“ Madame Stoß, die Hebamme, eine korpulente Frau mit freundlichen, vertrauenerweckenden Geſichtszügen, trat, das neugeborene Kind auf dem Arme, zu der alten Dame heran, und zeigte es. Der Kleine war nicht win⸗ ziger als alle neugeborenen Kinder ſind, und ſchrie, als ſtecke er an einem Spieße; es fehlte ihm alſo auch nicht an der gehörigen Lunge. Frau von Heuber, die keine kleinen Kinder leiden konnte, mochte ſich ihres Seidenpintſchers erinnern, denn ſie lächelte den Sprößling Thereſens an. „Und Sie werden das Kind Leonce nennen?“ ſagte ſie dann—„Sonderbarer Name!“ 238 „Leonce Frederic— Friedrich!“ ergänzte Ferval. Frau von Heuber nannte ſich mit ihrem Taufna⸗ men Friederike. „Gut,“ ſagte die alte Dame,„jetzt zu der Mut⸗ ter l⸗⸗ Die junge Frau lag am andern Ende des Zimmers im Bette. Sie ſah ſehr bleich aus, aber ſie lächelte. Die dicke Frau Roſalie Stahl nebſt ihrer 2 Tochter Ottilie ſtanden zu Füßen des Bettes. Beide waren im höchſten Putz. Pauline, welche mit aufopfernder Hingebung die ganze Nacht ſich den Pflichten einer Wärterin und Magd unterzogen und keine Sekunde die Augen geſchloſſen hatte, ſtand abſeits in einem Winkel. Sie hatte we⸗ der Zeit noch Gelegenheit gehabt, ihre unſcheinbare Hauskleidung, in der ſie Ferval gefolgt war, für die heilige Handlung zu wechſeln, und es war ihr das auch nicht in den Sinn gekommen, ſie mußte ja an Wichtigeres denken! Ihr dunkler, ausdrucksvoller Blick blitzte umher und forſchte, wo ſie ſich nützlich machen könne? Sie hatte bereits Alles zur Taufe geordnet, und hielt ſich nun beſcheiden zurück, von Mutter und Schweſter keines Blickes gewürdigt. Pauline war faſt ſo bleich wie die junge Frau im Betto, ſie fühlte ſich 239 erſchöpft, aber dennoch war das brave junge Mäd⸗ chen jeden Augenblick bereit, zu helfen wo es Noth thun würde. Ein dankbares Lächeln Thereſens, ein Händedruck Ferval's hatte ſie von Zeit zu Zeit für ſo viele Mühen gelohnt, was begehrte ſie mehr? Von ihren näheren Verwandten ward ihr kein Wort der Anerkennung; das kränkte ſie nicht. War ſie nicht dar⸗ an gewöhnt, ohne ein aufmunterndes Wort zu ſchaffen, ſich zu mühen? Ottilie kam der„Frau Tante“ die Hand zu küſſen, Stahl's Gattin verneigte ſich ſo tief und zeigte ein ſo liebeſtrahlendes Geſicht, als ſie einer Millionärin gegen⸗ über für nöthig hielt, die obendrein eine Verwandte war, welche zu Hoffnungen berechtigte. Frau von Heuber trat an's Bett ihrer Nichte und ſagte ihr in ihrer ſchnarrenden und barſchen Weiſe einige freundliche Worte, die von der jungen Frau lächelnd und mit matter Stimme erwiedert wurden. Stahl heuchelte liebevolle Theilnahme. Da ertönte die Wohnungsglocke. Obwohl die Magd Ferval's draußen war, eilte doch Pauline hin⸗ aus. Eine Minute ſpäter erſchienen der Geiſtliche und der Meßner, von Paulinen gefolgt. 240 Es entging der ehrfurchtsvoll grüßenden kleinen Verſammlung nicht, daß auf den Zügen des geiſtlichen Herrn eine ſeltſame Strenge lagerte, und daß er einige Worte der Anſprache zurückhaltend und mit unerſchüt⸗ terlichem Ernſt erwiederte. 3 An einer Wand des Zimmers ſtand ein kleiner Tiſch. 633 befanden ſich darauf ein Krucifix zwiſchen zwei brettenden Kerzen und das zur Taufe Nöthige. Die Hebamme übergab der Frau von Heuber das Kind, dieſe trat damit an den Tiſch. Die Verſammel⸗ ten bildeten ſchweigend einen Halbkreis, der Meßner ſchickte ſich an, den Geiſtlichen mit dem Chorhemd zu bekleiden. Dieſer aber machte eine abwehrende Handbe⸗ wegung, trat zum Tiſch, warf Ferval einen ernſten Blick zu und ſagte ruhig:„Wo iſt der Trauſchein, mein Herr?“ Ferval ſchoß das Blut in die Wangen. Die Frage des Geiſtlichen klang wie eine Beleidigung in ſein Ohr. Er wußte ſehr wohl, daß ein Trauſchein ſtets nach vollzogener Taufe zur Einſicht begehrt und vor⸗ gelegt wird. Von plöͤtzlicher Aufwallung des Unmuths ergriffen, wendete er ſich mit beinahe fieberhafter Haſt zu einem 241 anderen Tiſche, nahm von dort ein Papier und überreichte es dem Geiſtlichen. „Hier iſt er!“ ſagte er in einem Tone, der gereizt und zugleich vorwurfsvoll klang. Der Geiſtliche legte das Papier gelaſſen ausein⸗ ander und überflog es mit prüfendem Blick. „Das iſt kein Trauſchein!“ ſagte er dann ernſt, vom Papier auf den Vater des Kindes ſchauend. „O doch, Ehrwürden!“ verſetzte Ferval mit beben⸗ der Stimme und nun erbleichend.—„Es iſt eine Be⸗ ſtätigung des Brüſſeler Maire, vor dem wir unſere Hei⸗ rathserklärung abgelegt und die Ringe gewechſelt haben. Dort iſt ſeine Unterſchrift und das Magiſtratsſiegel!“ „Und wo haben Sie den Trauſchein, mein Herr?“ begann der Geiſtliche von Neuem.—„Die kirchliche Beſtätigung?“ „Ich beſitze keine!“ antwortete Ferval zuverſicht⸗ lich, mit Mühe ſeine Gereiztheit zurückhaltend.—„In meinem Vaterlande bedarf man keiner zweiten Trauung, die Erklärung vor dem Maire genügt. In unſerem Lande iſt die Civilehe geſetzlich!“ Fabrikanten und Arbeiter. I. 16 242 Der Geiſtliche richtete ſich hoch auf. Er legte das Papier auf den Tiſch, vor dem Frau von Heuber mit dem Kinde ſtand. Der Blick, der über die kleine athemloſe Verſammlung ſchweifte, war ſo ſtrenge wie ſein Ange⸗ ſicht.— „So kann ich dieſes Kind,“ ſagte er mit feſter, lauter Stimme,„nur als ein uneheliches taufen!“ Ein Schrei der Verzweiflung tönte vom Bette her. Frau von Heuber ließ das Kind in die Hände der Heb⸗ amme gleiten, Ferval taumelte zurück. Stahl ſtand zur Seite, das wachsgelbe Antlitz regungslos, den glühen⸗ den Blick bald auf die Tante, bald auf Ferval geheftet. Pauline ſtürzte an das Bett, ſank in die Knie und preßte die Hände der jungen qualerfüllten Mutter. Die Uebri⸗ gen waren lautlos, beſtürzt. Eine furchtbare, beklemmende Pauſe folgte den Worten des Geiſtlichen. Dann raffte Ferval ſich auf. Er vernahm das krampfhafte Schluchzen ſeiner Gattin. Sein Weib, der reine Engel, den er über Alles liebte, war beſchimpft, erniedrigt, der Verzweiflung, vielleicht durch dieſen jähen Seelenſchmerz der Todesgefahr preis⸗ gegeben. Eine an Wahnſinn grenzende Wuth erfaßte ihn. Dennoch bezähmte er noch einmal ſeine auflodernde Leidenſchaft. 2 243 „Sie wollen unſer Kind nicht taufen, Ehrwür⸗ den,“ ſtammelte er, indem der Angſtſchweiß auf ſeiner Stirne perlte,„wie es der Ehre meiner mir vor Gott und Menſchen angetrauten Gattin angemeſſen iſt?“ „Die Kirche erkennt ſolche Trauung, die keine iſt, nicht an,“ murmelte der Geiſtliche mit erhobe⸗ ner Stimme,„und nur nach vollzogenem Akt einer kirchlichen Trauung können Sie darum einſchreiten, dieſes Kind als ein legitimes erklären zu laſſen!“ Ferval war außer ſich. „So laſſe ich es proteſtantiſch taufen!“ rief er. Die Tante Thereſens zuckte zuſammen und machte eine ungeſtüme Bewegung. „So viel ich weiß,“ murmelte der Geiſtliche kalt, „muß ſich die proteſtantiſche Kirche den Geſetzen des Landes fügen!“ „Nun deun,“ rief Ferval bebend,„ſo mag der proteſtantiſche Diener Gottes uns trauen, aber nicht der Diener der Intoleranz!“ „Ich habe nur eine Antwort darauf,“ entgegnete der Geiſtliche mit markdurchſchneidender Stimme, die 16* 244 Hand nach dem Bette der Wöchnerin ausſtreckend,„Ihr Kind wird Sie dermaleinſt verfluchen!“ Ein neuer Aufſchrei ertönte vom Lager der jun⸗ gen Frau her. Der Geiſtliche winkte mit finſterer Miene ſeinem Meßner, und verließ mit dieſem das Zimmer. „Stahl!“ murmelte Frau von Heuber keuchend und mit gerunzelter Stirne—„Fort von hier! Ich er⸗ ſticke!“ Und die alte Dame hing ſich an den Arm des Fabrikanten, der mit der Miene eines Mitleid heucheln⸗ den Phariſäers auf Ferval blickte, die Achſeln zuckte und dann ſich mit der grollenden und keuchenden Greiſin entfernte. Stahl's Gattin und Ottilie drängten ſich ihnen nach. Die ehrliche Frau Stoß ſtand zitternd da und be⸗ kreuzigte ſich. Ferval ſank auf einen Seſſel nieder und be⸗ deckte ſein Antlitz mit den Händen. Pauline war auf⸗ geſprungen und neigte ſich weinend über die ohn⸗ mächtige Thereſe. Erlöſers. 245 Die Kerzen brannten zur Rechten und Linken des Crucifixes und beleuchteten düſter das Bild unſeres Ende des erſten Theiles. Die geehrten Abonnenten des„Album“ müſſen wir leider benachrichtigen, daß Frau Louiſe Mühl⸗ bach nicht im Stande iſt den verſprochenen Roman: „Maria Antoinette und Gluck“ für den XVII. Jahrgang des„Albums“ zu vollenden. Durch den Tod ihres geliebten Gatten iſt die verehrte Schriftſtellerin in tiefe Trauer verſetzt. Treu unſerem Grundſatze, für das„Album“ immer neue und bewährte Mitarbeiter zu gewinnen, haben wir keine Opfer geſcheut, um den Erwartungen unſerer ge⸗ ehrten Abonnenten trotz dieſem fatalen Zwiſchenfall gerecht zu werden, und es iſt uns gelungen, einen neuen intereſſanten und ſpannenden Roman aus der Feder des bereits in weiteren Kreiſen bekannten und beliebten Ver⸗ faſſers des Romanes:„Das Handelshaus Willf ord“ u. A. zu erwerben. ————— Wir bitten unſere P. T. Abonnenten die Nichtein⸗ haltung des Programmes nicht uns zur Laſt legen zu wollen, es wird unſer Beſtreben ſein künftig jede Abän⸗ derung zu vermeiden. Das Programm des nächſten XVIII. Jahrganges des„Album. Bibliothek deutſcher Original⸗ Romane“ wird bei Ausgabe des 23. Bandes ver⸗ öffentlicht werden. Wien, im September 1862. — 1 Die Verlagshandlung 9. Markgraf& Comp. . 8 5 2 — G 8 2 8 5 5 2 = 8 5 8 Z A — 3“ — „ ſſfſfffſſſſſf 12 13 14 16 17 18 1 1*„ .—.. EEmmmrmnrraaaaaaaqmnwmnn 8 9 11