5 von 1 —— der Satyre S piele der Laune, des Wizzes 2 und Johann Friedrich Schink. Arnſtadt und Rudolſtadt, bey Langbein und Kluͤger 4 8 0 1. An den Profeſſor Meyer 3 u Bramſtaͤdt im Hollſtein ſchen. —,— E⸗ find nun, Freund, ſchon zwanzig Jahr' entflogen, Seit wir zuerſt uns an der Leine ſah'n; Durch einen Geiſt, durch einen Trieb ge⸗ zogen, Durchwaltten wir der Jugendtraͤume Bahn; Des Lebens Strom trug uns auf leichten Wogen, Bei reiner Luft', in Blumumwundnem Kahn'; um Klippen ſelbſt ſchwamm unſer Fahrzeug weiter, Und vor uns lag das Ufer hell und heiter. Der Ruder Schlag umhuͤpfte Wellentanz, Wir ſchnizten uns die Staͤb' aus jungen Myrthen; Ihr Reis ummand die Lokken uns, als Kranz, Wenn ſchaukelnd wir die ſanfte Flut durch⸗ irrten; Die Freud' empfing uns in Dianens Glanz, Der Frohſinn kam, uns freundlich zu bewirthen: Wenn unſer Fuß an's Blumenufer trat, Und unſer Blik ein gaſtlich Dach erbat. Es naheten den Frend' ergebnen Gaͤſten Sich uͤberall die guten Menſchen gern; Ergoͤzten uns mit Spielen, Scherz' und Feſteu⸗ Stets vor uns her ging unſres Gluͤkkes Stern. Zur Heimat ward uns Norden, Suͤd' und Weſten, Ein froher Sinn weiß nichts von nah' und ſerg. In welches Land, zu welchem Volk' er trete, Bereitet iſt ihm eine ſichre Staͤte. 4 So fanden wir, wohin der Strom uns trug⸗ Bald Freund' und Siz und Stimm' in ihren Kreiſen; Sie ſolgten gern der Gottin ſüßem Zug, Die mit uns war auf allen unſern Reiſen; Bemerkten kaum der Stunden raſchen Flug, — Sie flohn hinweg bei munt'rer Lieder Wei⸗ ſen— Wenn miit uns froh, wie unſre, ihre Hand Der Freude Kranz um Komus Buͤſte wand. Das war die Zeit von unſern ſchoͤnſten Tagen⸗ Ein jedes Ding trug reizende Geſtalt; Wir ließen uns nicht Spleen und Grillen plagen, ——.— — —— — Ernſt kannten wir nur, wenn es Wahrheit galt; Und liebten ſelbſt, mit Lachen ſie zu ſagen, Bald frei heraus, in Fabelhuͤlle bald; Wir nekten oft der Thoren bunte Rotte, Doch, ohne Groll, und ſpielten mit dem Spotte. Laß an die Zeit, zu ſchnell fuͤr uns entflohn, Dich dieſes Buchs Kurzweil' und Scherze mahnen Zwar ſpricht hier oft, ſtatt jenes Spottes, Hohn, Der Satyr ſtreift auf Swifts und Lis⸗ kovs Bahnen; Die jez'ge Zeit will einen ſchaͤr fern Ton Heiſcht Raͤcherſchwur bei des Etrurers*) Manen;. Der Thorheit Haupt, Lernaͤens Schlange gleich, Faͤllt nur durch Brand, nicht blos durch Geiſ⸗ ſelſtreich, *) Perſius, gebohren zu Volterra, ehemals Volaterraͤ, eine der zwoͤlf etru⸗ riſchen Staͤdte. Doch laß dich nicht durch dieß Geſtaͤndniß ſchrekken, Die alten Scherz' auch, Freund, begegnen * dir; Sie, die den Sinn zum frohen Leben wekken; Dort Graͤmlichkeit des Freundes lachend, hier Durch leichten Spott der Freundin Launen nekken; Der Reime Spiel, wie ſonſt es liebten wir. Dir wird auch hier der alte Trieb behagen, Der Wahrheit Spruch mit Lachen anzuſagen. Nimm freundlich dann, mein Jugendfreund, von mir Dieß Meßgeſchenk, als gutgemeinte Gabe; Ein Denkmal ſei's des alten Bundes dir, Nimm nur vorlieb, ich gebe, was ich habe. Noch huldigen dem Komus beide wir, Laß es ſo ſeyn, bis auf den Weg zum Grabe! Wer unverruͤkt des Lebens ſich kann freun, Darf nicht den Spruch des Lodtenrichters ſcheun. Vorrede. * B En paar Worte muß ich dem Leſer doch 3 wohl uͤber mein Buch ſagen. Er ſoll wiſ⸗ 5 1 ſen, was ich damit will, und von wannen mir dieſes oder jenes gekommen iſt? Zuerſt dann: ich liebe die froͤhlichen Ge⸗ ſichter, die frohſiunigen Herzen. Froͤh⸗ liche Menſchen ſind ſicher gluͤkliche Men⸗ ſchen, und Frohſinn iſt der beſte Gaſt, den eines Menſchen Herz beherbergen kann. Neben ihm kommt nichts Schlimmes auf, weder Graͤmelei, noch Neid, weder Klatſch⸗ noch Verlaͤumdungsſucht. Er geht dem Boͤſen aus dem Wege, ſo viel es ihm moͤg⸗ . lich iſt, lacht uͤber die Thoren, ſo lange 6 ſie ihm nicht gar zu nahe kommen, und, wenn—: ſo ſchuͤttelt er ſeinen Koͤcher, voll Spott, und ſchikt ſie heim, wie ſie es verdienen. Solcher Vorrede. Solcher gluͤklicher Menſchen giebt es nun viele vom Hauſ' aus. Sie bringen den Frohſinn, als ein Erbtheil, mit auf die Welt. Ihrer Schnurren— Wiz— und Spottliebe bring' ich dann dieſe Schnur⸗ ren— Wiz und Spottſpiele, als ein klei⸗ nes Scherflein, dar. Moͤgen ſie ſie nicht verſchmaͤhen, mogen ſie ihnen gewaͤhren, was ſie ſollen, und ihre heitern Stunden wenigſten um eine vermehren! Es giebt aber auch manchen ehrlichen Mann, deſſen Talent gerade der Froh⸗ ſinn nicht iſt, der ſich erſt erwerben muß, was jene ſchon haben. Ihn aͤr⸗ gern die Narren mehr, als ſie ſollten, und Schiefſeherei, Querkoͤpſigkeit, Kabal und Bosheit ſtimmen ihn mißmuthig, duͤſter, nluſtig und verdruͤßlich. Da thut nun eine Schnurre, ein luſtiger Einfall, Spott, der die Thoren, die ihn aͤrgern, auf die Finger klopft, und ein Taͤnzchen der Schief⸗ ſeher, Querkoͤpfe und Kabalenſchmiede un⸗ ter dem Geißelſchlage der Satyre, zuwei⸗ len eine wohlthaͤtige Wirkung. Sie regen ſein Lachen, und mit dem Lachen koͤmmt . auch Vorrede. auch der frohe Muth, deſſen er unter dem Gewimmel und Getuͤmmel des Unſinnes und des Aberwizzes um ihn her nicht hab⸗ haft werden konnte. Dazu dem ehrlichen Manne zu verhelfen, iſt auch ein Zwek meiner Wiz⸗Spott« und Satyrenſpiele. Uebrigens iſt alles, was ich hier gebe, Nro. 2 und Nro. 4 ausgenommen, ganz und eigenthuͤmlich auf meinem Boden ge⸗ wachſen. Nro. 2 hab' ich doch durchaus in meiner Manier, ſehr abgeaͤndert und erweitert, einem Englaͤnder nacherzaͤhlt. Von Nro. 4 gehoͤrt die Idee einem Fran⸗ zoſen. Doch hab' ich nicht nur den Schau⸗ ſpieler in eine Schauſpielerin ver⸗ wandelt, auch die auftretenden Charaktere, ſo wie der Dialog, gehoͤren mir. Dieſer Erklaͤrung uͤber mein Buch fuͤg' ich noch eine Ankuͤndigung hinzu. Der kleinen Taͤnzchen, die ich hier zuweilen die Thorheit habe machen laſſen, ſollen mis der Zeit groͤßere, in allen Manieren der Darſtellung, folgen. Seit langer Zeit ſamm ich an mancherlei Unſug, den Jour⸗ naliſten, Vorrede. naliſten, Recenſenten, Dramaturgen, Schoͤngeiſter, proſaiſche und poetiſche, trei⸗ ben, an demokratiſchen und ariſtokratiſchen Unſinn. Dieſe Sammlung enthaͤlt durch⸗ aus woͤrtliche und unverfaͤlſchte Belege. Aberwiz und Querſinn erſcheinen darin in ihrer eigenthuͤmlichen Ge⸗ ſtalt, ohne den mindeſten Zuſaz; und ich erwarte nur, daß ſie ihr ſchon ziemlich ge⸗ ruͤtteltes Maaß noch voller machen, um zu ihrer gerechten und wohlverdienten Zuͤch⸗ tigung damit hervor zu treten. Man muß zuweilen auch dadurch ſeine Verehrung und Schaͤzzung des Großen, Wahren und Schoͤnen um ſich zeigen, daß man das Ge⸗ meine, Sinnloſe und Veraͤcht⸗ liche in ſeiner ganzen Erbaͤrin⸗ lichkeit aufſtellt. I. Verſifizirte Schnurren. Der hohe Gegenſtand, eine Ode. S. 3 Muͤllernaivetaͤt.„ ⸗ 9 Mutterliebe. 2 3 10 Hammelkob. 3 2 11 Glük bei Unglük... 15 Rangſtreitigkeit... 16 Vincent und Jußtine, Hochzeitſchnurre. 17 Hans von Loo. ⸗ ⸗ 34 Oſtern⸗ Inhalt. Oſternpredigt. 2 S. 34 An eine Freundin. 2 ¹ 35 Jupiters Schoͤpfung, Revolutionsfabel. 38 Impromptuͤ⸗ e 3 40 Herr von Kropf. 4 2 40 Magiſtratsverordnung. 5 4² An Nauwerk in Natzeburg. 5 41 Das Fraͤulein Dunſt. 4. 50 Bav. 2 2 51 Grabſchriften. ⸗. 52 II. Weiberrache, ein Schwank. 55 III. Frau Gertrude Klatſche, ein Maͤhrlein. 3 81 IV. Inhalt. 3 IV. Unberhoft koͤmmt oft, dra⸗ .* 3 matiſches Spruͤchwort. S. 99 b V. Scherz und Laune, in poeti⸗ ſchen Epiſteln an Freund' und 1 Freundinnen. 3 185 Unumſtoͤßliche Wahrheiten, an Thieſ⸗ ſen in Pinneberg. N 89 Der Weltregent, an die Frau Geheime⸗ rathin von Scheel in Rellingen. 192 Die Aſſamblee, an einen Freund. 198 An Hanchen Schubert, zu ihrem Oe⸗ burtstage. 3. 206 9 Das Geluͤbd, an Abel in Rellingen. 209 Der vierzigſte Geburtstag, an Otto von. 4 4 Ayen in Hamburg.. 214 Inhalt. Der Abſchied, an Schroͤder und ſeine Gattin, in Rellingen. ⸗ S. 219 Die ſchoͤne Erfindung, an Karl Schu⸗ bert in Ratzeburg. 3 287 VI. Das Herenabentheuer, eine wahre Begebenheit. 3 233 I. Ver⸗ — J. V Verſifizirte Schnurren. . Der hohe Gegenſtand. Eine Ode. (Wien 1781.) Hrran zu mir, neigt mir ein lauſchend Ohr, Es reget ſich in mir die Kunſt der Muſen, 3 Begeiſtrung hebt gewaltig mir den Buſen, Ein kuͤhnes Lied draͤngt zu der Lipp empor. Denn ſingen will ich, was Homer ſelbſt nicht, 8 Pindar, Horaz und Oſſian nicht ſangen, Wovon nicht Utz, nicht Ramlers Leyern klangen, Nicht Goͤthe's Lied, nicht Schil⸗ lers Muſe ſpricht. Ein 4 Ein Gegenſtand— ſo hat ihn zu erlin, Der Kuͤnſte Sitz, mein Auge nicht ge⸗ ſehen!— Reißt mich dahin, und Erd' und Himmel drehen Sich um mich her. Sei mir gegruͤßt, o Wien! Denn nur in dir, erhabne Kaiſerſtadt, Hab' ich geſehn, genoſſen und empfunden, Was zu Berlin in vierzehntauſend Stunden, Auch nicht einmal mich ſo begeiſtert hat. Erzaͤhl es, Fama, ſag's dem Erdenrund, Verbreit' es rings zu Vindobona's Ehre, Hoͤr's, Donau, du, mach' es von Meer zu Meere, Von Strom zu Strom, in allen Fluͤſſen, kund! 4 5 Ich ſah in Wien— es zittert mein Gebein Fuͤr Freuden noch!— Erheb' o Vin⸗ dobone Dich ſtolz empor in deines Vorrangs Krone! Was ich geſehn, iſt ganz allein nur dein. Ich ſah', ich ſahe, was in Philemon Und Baucis Huͤtte Jupiter erblikte, Was, dargebracht, den Donn'rer mehr erquikte, Als Opfer: auch zu ſeinem Goͤtter⸗ thron. .* Daß er geruͤhrt mit jedem Erdenwohl Und ſpaͤtem Tod erſt beide benedeite. Ich ſah, was einſt vom Untergang be⸗ freite, Erhabnes Rom, dein ſtolzes Kapitol. Sah 6 Sah die Geſtalt, die Kirkaͤ's Zauberſtab, Laut dem Bericht in Pfeffels Apologen, Von boͤſem Geiſt zu boͤſer That gezogen, Oduͤſſeus Hofpoeten gab. Ha! noch fuͤhl ich von dem, was ich ge⸗ ſehn Das Nachgefuͤhl mir alle Pulſe heben; Ich ſah', ich ſah', in ſuͤſſem Wonne⸗ beben,— Wiens fett'ſte Gans auf meiner Tafel ſtehn. Erhabne Gans, die Sprache reicht nicht 1 3 hin, Sie hat kein Wort, dich wuͤrdig aus zu nennen! Wer dich erblikte, er mußte ſtraks be⸗ kennen: Dnu ſeiſt der Stolz, der Gaͤnſe Koͤnigin! Schon 4 7 Schon, als du noch in weißem Federnkleid Einſt ſchnatterteſt, zu aller Gaͤnſe Ehre! Und lieblicher, als juͤngſt der Reimer Heere Beſchnatterten There ſens Sterb⸗ lichkeit. 1 Schoͤn, als du dich, wie unſre Erde ſich, Um ihre Achſ, hehr um das Bratſpieß drehteſt, Die volle Bruſt hier majeſtaͤtiſch blaͤhteſt⸗ Die rings in Wien nicht einem 4 Buſen wich. Schoͤn, als dich dann mit brauner Perlen⸗ haut Die Schuͤſſel trug, aus deinen Poren Leben Und Nektar rann, um Labung mir zu . geben, Wie Hymens Koſt im Arm der ſchoͤ⸗ nen Braut. Schoͤn 7 4 8 Schoͤn endlich, als dein koͤniglicher Saft Den Gaumen nezt', und alle Sinnen wekte, Dein Goͤtterfett ich von den Fingern lekte, Das immer noch auf meiner Zunge haf't. Erhabne Gans, dein herrlicher Geuuß Soll immerdar auf meiner Zunge ſchwe⸗ ben, Stets ſoll dein Lob in meinen Liedern leben, Du ſuͤßer noch, als Cytherea's Kuß! Auch du, o Wien, nimm meinen Lobgeſang Dir muß ſich ſelbſt der Ruhm der Pom⸗ mern beugen, Weit groͤßer noch hiſt du im Gaͤnſe⸗ zeugen! So toͤne dann dein Ruhm Aeonen⸗ lang! 9 Stets ſing' ich dich, du große Naͤhrerin Der ſchoͤnſten Kunſt, dein Lob ſoll laut erſchallen! Kniet Deutſchlands Staͤdr, iſt Wien doch vor euch allen Die erſte Gaͤnſepflegerin! Mällernaiverkaͤt. Des Mäaͤllers, Jekſons, Eſel lief In einen Kloſterhof— die Pforten ſtans den offen— Der Kapuziner, die die Hora eben rief. Der heil'ge Orden ſtand, wie von dem Blitz getroffen, Ergrimmte, tobte, lermte, ſchrie Und pruͤgelte das arme Vieh. Der Muͤller kam dazu.„Hochwuͤrd'ge Herrn, mehr Kuͤhle, Rief er, nicht ſo viel Zorn um ſo ein klein Vergehn! „ Das — 18 Das arme Thier ſah ſo viel Eſel ſtehn, Und dacht', es kaͤm in eine Muͤhle.“ Mutterliebe. Ein junger Spanier vergriff in trunknem 4 Muthe An ſeinem Vater ſich. Man nahm ihn in Verhaft. Der Angegriffene, ein Herr aus altem Blute, Beſtand auf Zuͤchtigung, in aller Schaͤrf unud Kraft. Der junge Mann ſollt auch ſo eben buͤßen; Da warf die Mutter ſchnell ſich zu des Rich⸗ ters Fuͤßen. „Erbarmen!“ ſiehte ſie mit Jammervollem Ton. Nichts, rief der Richter, fort! der unge⸗ rathne Sohn Berdient, was er empfaͤngt. So, wie die That, der Lohn! Die 11 Die Mutter weint und ſchluchzt:„ach! Schuldlos iſt mein Sohn. Bei unſrer lieben Frau, ſein Arm ſchlug nicht den Vaterz Der iſt Thimotheo, der Karmeliter Pater.” — Lob eines Hammels. Lied zu deinem Lobe ſingen, m, geliebtes Thier! und wird es mir gelingen,⸗ Ich will ein Harmloſer Har Leih mir dein Ohr, So bloͤke deinen Beifall mir. em ich Bewundruns zolle, Wie ſett und rund, wie Wollereich! Bei dir heiß'ts nicht, viel Schrei und wenig Wolle; Biſt nicht be ſternten Schoͤpſen gleich. Dein Leib ſey's erſt, d Man 12 Man kann ſein Haupt anſtaͤndiger nicht* tragen, Wie du, und ſo, von Hochmuth frei! Trotz deinem Schmuck von wollnem Prie⸗ ſterkragen, Biſt du nicht ſtolz, wie dieſe Herrn. Geſelligkeit iſt deine groͤßte Zierde, Uünd biſt du in Geſellſchaft, nie Plagt dich der Plauderei, des Witzigſeyns Begierde; O thaͤt auch ſo am Hofs das Vieh. Raſch jede Blum' am Wege zu genießen, Die Weisheit, trotz dem Epikur, Verſtehſt du ſie! Wo dir auch Kraͤuter„ — ſprießen, Du pflaͤlſt den Seegen der Natur. Zwar 13 ſt du nicht, wie waͤlſche Haͤm⸗ mel, ſingen, Du trillerſt keiner Fuͤrſtenſtadt⸗ Doch wirſt du auch nie Leut und Land ver⸗ ſchlingen, Wie man wohl die Exempel hat. Zwar kann Doch treibſt du ſchoͤne Künſt'. Aus dei⸗ nem Steiße Entwickelt ſich der ſtolze Ehrenſchmuck,“) Nachdem der Reimer Schaar abaͤſchert ſich mit Schweiße, Dir koſtet er nur einen Druck. Wie ſchade doch iſts, daß nicht jedem Dichter Sein Recht auf Erden widerfaͤhrt. Sonſt waͤr fuͤrwahr! manch Almanachge⸗ lichter, 9 Harm, wohl deiner Lorbern werth! Ver⸗ *) Lorbern— Schaafslorbern⸗ 24 Verachtung dem, der auf mich hin mie Hohne, Weil ich dir lobgeſungen, bliet! Wie mancher Schops trug ſelbſt ſchon Pe⸗ ters Krone, Und ward mit Preis und Nuhm geſchmuͤkt. 4 Wie mancher prangt bei einer Kour⸗ tagsfe'te, Als Hofmarſchall, hochangeſehn. Auch im Summarium ſah' ich auf heil ger Staͤte, O Schoͤps, oft deines gleichen ſtehn. Wie mancher ſizt, als Lenker in dem Staate, Und iſt kein beß'rer Schoͤps, als du! Wie mancher blökt„ dein Bild! ſein Vo⸗ tum im Senate, Und alles nikt ihm Beifall zu. Warum 15 3 Warum ſollt' ich denn nun dein Lob nicht ſingen? Schon manches Lied ſcholl Schoͤpſen zu; Der Unterſchied iſt blos, daß ſie auf zweien giengen, Auf vieren aber geheſt du! ö Gluͤck bei Ungluͤck. Das Kloſter der ehrwuͤrd'gen Kapuzinen Traf juͤngſt des Blitzes Flammenſtrahl, Und zuͤndete, zum Gluͤck, nur in dem Buͤcher⸗ ſaal. Das rettete des Ordens heil ge Diener; Denn, wie gewoͤhnlich, war der leer. Doch haͤtt' er ſeinen Weg zum Keller hin⸗ genommen, So gaͤb' es keinen Pater mehr; Nicht einer waͤr davon gekommen. Rang⸗ 16 Rangſtreitigkeit. Ein Arzt und Advokat geriethen Bei einer Prozeſſion in Streit, Des Vortritts wegen. Ruh gehieten Half nichts. Mit großer Heftigkeit, Durch hundert Fluͤche, Eid' und Schwuͤre, Behauptet jeder, ihm gebuͤhre Des Vorrangs Oberherrlichkeit; Ein witz'ger Kopf entſchied den Streit. „»Was braucht's, ſprach' er, des Streitens und der Schwuͤre? Daß euch, Herr Advokat, des Vortritts Rang gebuͤhre, Was, in der Welt, kann klarer ſeyn? Stets geht der Dieb voran, der Richter hinter drein. — „ 17 Vinzent und Juſtine. Eine Hochzeitſchnurre. — Daß unſre Welt ein groß Theater ſei, Behaupten Shakeſpear ſchon und mit ihm Laurenz Sterne, Seit langer Zeit, von dieſem Erdenei; Neu dann iſt nicht das Bild, geſtanden ſei das frei! Mit fremder Federn Schmuk ſtolziren wir nicht gerne. Die Sach' iſt wahr, genug! Und modiſch aufgeſtuzt, Herausgeſchnirkelt und gepuzt, Gefaͤllt das Alt auch oft, ſo, wie die alte Dame, Die jung ſich ſchminkt, zuweilen noch gefaͤllt; Und uͤberdem das Bild taugt juſt zu mei⸗ nem Krame. 2 Ein 8— 18 Ein groß Theater iſt die Welt; Die Menſchen ſind Akteurs und ſpielen ihre Rollen, Oft gut, oft ſchlechter, als ſie ſollen. Allein die Kunſt, ſein Lebensroͤllchen gut Zu ſpielen, Frau'n und Herrn, iſt keine leichte Sache. Leicht wird man ausgeziſcht„ doch ſink' uns nie der Muth! Wir reizen nicht allein das Publikum zur Lache. Es giebt der Rollen viel, fuͤr die das Loos uns faͤllt Auf dem Theater dieſer Welt. Jedoch die ſchwierigſte, die kuͤzlichſte von allen, Iſt die des Ehemann’s, iſt die der. Ehefrau; Sie gut zu ſpielen, ſchwer, und ſchwer, darin gefallen. Doch bringt man ſolch' ein Paar zur Trau, Wie „ 19 Wie ihr, Geliebten Zwei, voll Feuer, Kraft und Jugend, Dann iſt die Rolle leicht. Voran geht euch die Tugend, Und Lieb' und Treue gehn euch nach. Erlaubt, daß ich, eh' euch mit ſchlauer Niene Gott Hymen fuͤhrt in's Schlafgemach, Mit einem Schauſpiel euch bediene, Benahmſet: Vinzent und Juſtine. Der erſte Akt beginnt. Da ſeh' i am Altar Ein holdes, liebevolles Paar, In feſtlichem Gewand', und Blumen in dem Haar. Mit Wonnetrunkenem Behagen Stehr's, Arm in Arm geſchlungen, da; Dem laͤngſt erwuͤnſchten Ziel iſt es ja nun ſo nah! Und 20 Und vor ihm ſteht ein Mann mit weißem Kragen, Und fraͤgt: willſt du den Mann, willſt du . die Gattin da? Wollt ihr verbunden Gluͤk und Leid des Lebens tragen? Mit feſtem Ton ſpricht Er, Sie ſohuͤchtern, leiſe„Ja!“ Wohlan, faͤhrt fort der Mann in weißem Kragen, Es ſegn euch Gott, daß euer Bund beſteht; Seid fruchtbar, mehret euch, und geht. Sie gehn und fragen ſich mit taumelndem Entzuͤkken: So biſt du mein? ſo bin ich dein? Antworten dann mit ſanftem Haͤndedruͤkken, Ja, ich bin dein, und du biſt mein. Seht, wie ſie itzt einander freundlich nikken, Sich Wang' an Wange neigt, wie gluͤhend Mund an Mund, Daß 21 Daß man ganz luͤſtern wird nach einem gleichen Bund! Das Beſt' iſt wohl, nicht weiter hin zu blikken, Mir ſelber waͤſſert ſonſt der Mund. Nun giebt es eine Tafelſzene. Man ißt, man trinkt, man lacht und nekt das liebe Paar. Doch nicht der Braͤutigam, nicht ſeine Dulzimene, Wird von dem allen was gewahr. Verſenkt in Hymens ſuͤſſen Traͤumen, In ihrer Liebe Gluk verſenkt; Mit Amors Thau der Augen Paar getraͤnkt, Iſt taub ihr Ohr. Rings in der Schoͤpfung Naͤumen Iſt nur auf ſich ihr trunkner Blik gelenkt. Sie ſehn den Nektar nicht in den Pokalen ſchaͤumen, Ein andrer Nektar traͤnket ſie; Der Nektar ſchoͤner Sympathie, Durch 22 Durch den, in liebendem Ergießen, Die Seelen in einander fließen, Und aus zwei Seelen eine wird; Wo ungewiſſes Licht vor unſern Augen flirrt, In ſanften Abenddaͤmmerungen. Der Sonne Glanz zum Mondſchein wird. Sie ſizzen, Blik in Blik, und Herz in Herz, verſchlungen. Man hebt die Tafel auf, die Gaͤſte werden laut, Der nekt den Braͤntigam, der ſchaͤkert mit der Braut. Es wird erzaͤhlt, geſcherzt, geſpielt, im Chor geſungen, Manch froher Tanz getanzt, manch froher Sprung geſprungen. Man lebt der Freude blos, der ganze Kreis iſt nur Ein gaudeamus igitur. Bald = — 23 Bald nahet ſich die ſchoͤnſte aller Stunden, Die zehnte Stunde ſchlaͤgt und winkt in s Schlafgemach. Und plözlich iſt das holde Paar verſchwunden⸗ „Gut, Herr Poet, wir giengen, daͤcht ich, nach,“ Ruft mir ein Schaͤker zu.— Das will ich ſehr verbitten, Ich bin kein Freund von ſolchen Sitten, Und ſtoͤre Niemands Gluͤk, um alles in der Welt! Auch iſt der erſte Akt zu Ende; Damit genug! Der Vorhang faͤllt, Und Sie, wie ſich's gebuͤhrt, Sie klatſchen in die Haͤnde. Im zweiten Akt erſcheint Juſtinchen zart, Als Hausfrau. Angeregt von ihrer Gegen⸗ wart, Iſt 24 Iſt das Geſinde raſch in allen ſeinen Pflich⸗ ten; Und ſie, in reinlichem Gewand, Nie muͤßig, einen Strumpf, ein Naͤhzeug in der Hand, Ganz ihres Standes Zier, in allem Thun und Dichten; Wie glaͤnzt um ſie Tiſch, Spiegel, Schrank und Wand, Vom Staube rein, blinkt alles ſchoͤner, heller, Als Mondenlicht; und wird der Mittags⸗ tiſch gedekt, Wie blendendweis das Tuch, wie ſpiegeln Glaß und Teller! Da ſut ſie nun, legt freundlich vor, und ſtekt Die beſten Biſſen ſtets mit Guͤtevollen — Blikken Dem Manne zu, des Augen Beifall nikken— Dankbar mit ihr die ſchoͤnen Biſſen theilt, Und ganze Stunden ſo beim Tiſchgelage weilt. Ein 25 Ein andrer Vorhang rollt. Ich ſeh Juſtinchen ſitzen, Ein wenig blaß, bedeutend iſt ihr Blik, Und Ahnung iſt darin von einem neuen Gluͤk. Beſchaͤftigt ſeh' ich ſie mit kleinen Kinders müuͤtzen, Und Hemderchen und Wikkelzeug. Oft ſinkt die Nadel ihr, indeß die Wange bleich Und immer bleicher wird, und truͤb der ugen Sterne⸗ Gebt Acht, ihr Herrn und Frau'n, der Storch iſt nicht mehr ferne! Herr Vinzent kömmt und ſieht, und ſchikt zur weiſen Frau; Die tritt herein, pruͤft forſchend und genau, Und winkt vom Kanapee die kranke, junge Frau. Freund Binzent ſteht mit aͤngſtlicher Ge⸗ berde, Die Augen Thraͤnenſchwer zur Erde, Voll Freud' und Angſt und Hoffnung, da⸗ Auf 26 Auf einmal ruft's:„Viktoria! Ein Knab'!“ Ein freud'ger Schrek fuͤhrt durch des Vaters Glieder, Er ſliegt zur Mutter hin— hier faͤllt der Vorhang nieder. Im dritten Akt ſizt ſie, voll ſuͤßer Mut⸗ terluſt, Den holden Knaben an der Bruſt; Ein Junge, derb' und feſt, und froh, wie ſein Verfaſſer, Dem man's am Aug'anſieht, er iſt kein Freudenhaſſer. Das Knaͤblein wird entwoͤhnt, denn eine Schweſter hat Nun ſeinen Plaz auf Schon— Ju ſtin⸗ chens Schooße; Und, ſo geht's immer fort. Seht, eine kleine Stadt Von lieben Kindern, klein und große, Huͤpft — 27 Huͤpft um die Eltern her, umjauchzt das treue Paar. Auf Stekkenpferden trabt das Thor der jun⸗ gen Herren, Mit Puppen ſpieit der Maͤdchen Schaar. Das iſt ein Schrein, ein Jubeln und ein Plaͤrren, Daß es durch alle Zimmer gellt; Lieb Muͤtterchen ſich oft die Ohren haͤlt, Und Vaͤterchen„ſo ſeid doch ſtill ihr Jungen 12 Aus vollem Halſe ruft. Die Jungen hoͤren nicht, Sie haben allzu gute Lungen; Und, froh ſeyn, iſt noch ihre einz'ge Pflicht. Doch bald wird Stekkenpferd und Puppe weggeraͤumet; Da ſöt ein Knab und lieſt, dort einer und zerbricht Mit Rechnen ſich den Kopf. Ein Maͤgdlein ſizt und ſaͤumet Ein 28 7 Ein Hemd', ein Tuch; eins buchſtabirt, eins ſtrikt; Und, von dem Anblik recht erquikt, Lebt, webt das Mütterchen in ihrer Kinder Kreiſe. Sie beſſert und belehrt, ſingt zur Ermun⸗ terung, Dann manches ſchoͤne Lied, nach Schulz und Hillers Weiſe; Und die Familie, alt und jung, Singt mit, der Vater auch, des Lebens froh, zum Neide. Entwachſen ihrem Knabenkleide, Gehn nun die jungen Herrn fort in die weite Welt. Da giebt's manch Herzeleid, und manche 1 Thraͤne faͤllt, Beim Abſchied, von Juſtinchens Wan⸗ gen; Freund Vinzent troͤſtet ſie. Sein Kuß verſcheucht den bangen Gram, 829 Gram, der ſein Weibchen druͤkt. Die Toͤchter haͤngen ſich An ihrer Mutter Hals⸗ JZuſtinchen laͤchelt wieder, Blikt freundlich auf die Toͤchter nieder, Und kuͤßt und herdt ſie muͤtterlich. Der Schauplatz aͤndert ſich. Die Szeu iſt izt ein Garten. Des Paares oͤlt ſte Tochter geht Mit einem Blikk' umher, in dem geſchrieben ſteht, Sie hab' hier Jemand zu erwarten. Sie ſeufzt und lauſcht, ſchleicht auf den — Zaͤhen Und faͤhrt zuruͤk, ſo oft ein Blaͤttchen weht. Sieh da, ein junger Herr, gar lieblich anzuſehen, Naht ſich, kniet vor ſie hin, kuͤßt ihr ent⸗ zuͤkt die Hand, Fleht Lieb' und Treu. Sie kann nicht widerſtehen, Haucht *9 30 Haucht leiſe Ja, und reicht zum Unterpfand, Ihm ihre weiche, ſchoͤne Hand. Der junge Herr, entzuͤkt, und kuͤhn, wie Doktor Luther, Als er dem Pabſt den ſtolzen Nakken brach, Umkourt Juſtinchen nun, aͤchzt ruͤhrend 9 und Ach! Denn wer die Tochter will, der haͤlt es mit der Mutter. Jezt tritt der Vater in's Gemach, Man traͤgt die Sache vor. Er ruft„in Gottes Namen!“ Mamſellchen muß herein. Er,„willſt du ihn?“ Sie„Amen!“ Die Hochzeit feyert man, erfuͤllt den Eh⸗ kontrakt. Vollendet iſt der vierte Akt. N Als Schwiegervater hoͤrt ſich nun Herr Vinzent gruͤſſen, Nicht lange drauf auch Großpapa! Ge⸗ — 1 02 Geſchaͤftig laͤuft herum die gute Großmama; Sie muß ihr Enkelchen einwikkeln, fuͤttern, kuͤſſen. Da nun der Toͤchter mehr noch da, Die Soͤhn auch frey'n: ſo iſt des Hochzeit⸗ gebens Kein Ende, wie des Treiben's, Webens Auf der Großeltern Schoos. Die wak re Großmama, Da ſizt ſie nun, mit ihr der liebe Großpapa, Von Enkeln, ohne Zahl, umgeben. Hier muß Großmuͤtterchen eins auf die Arme heben Dort reitet Großpapa auf einem Stekken⸗ pferd Den Enkeln vor. Das iſt ein Lermen, Weben! So fühlen ſie des Lebens Werth,. Und ſegnen ihren Bund und druͤkken ſich die Haͤnde; Hier hat der vierte Akt ein Ende. —— 8 0 32 Noch einmal ſeh' ich am Altar 2 Das gluͤckliche beneidenswerthe Paar, Das Haupt bedekt mit Silberhaar, Froh, Hand in Hand, zur Jubelfeyer ſtehen. Wie ſie, als waͤr's zum erſtenmal, Sanft, wie der Abendſonne Strahl, Einander in die Augen ſehen! Aufs neue ſchwoͤren ſie den Eid der Lieb' und Treu, So feierlich, ſo warm, als waͤr's von ihrem Bunde Die erſte feierliche Stunde. Rings um ſie ſtehn in bunter Reih, In friſcher, jugendlicher Schoͤne, Die Toͤchter hier, und dort die Soͤhne. Sie draͤngen ſich herzu. Das graue Eltern⸗ paar Reicht' ihnen ihre Arm' entgegen,. Und Kind' und Kindeskind empfangen ihren Segen. So —— . 3 9 —2 So ſeh' ich ſie noch manches liebe Jahr Den Blumenpfad des Lebens wallen, Und ſpaͤt erſt Arm in Arm,— hier mag der Vorhang fallen. Und nun, mein liebes Paar, wenn dir dies Freudenſpiel An deinem Hochzeittag aefiel: So laſſe deine Hand lautklatſchend mir . erſchallen Und nikke fein mir Beifall zu. Jezt wuͤnſch' ich angenehme Ruh! Geht, unter froͤlichem Gewimmel Der Liebesgoͤtterchen, ſtets euren Weg . fuͤrbaß! Und ſeid ihr dann recht froh, ſo betet: „lieber Himmel, Gieb auch dem Dichter bald ſo was. 3 Hans — 34 Hans von Loo. „Wird mir der Himmel Soͤhne geben, So wird der duͤmmſte Pfaff, ich ſchwoͤr's bei meinem Leben! Sprach juͤngſt zu ſeinem Pfarr der witz ge Herr von Loo. „„Vortreflich, rief der ſchlaue Pater, Da thun Sie recht; doch Ihr Herr Vater⸗ Der dachte, gnaͤd ger Herr, nicht ſo.“ —— Oſternpredigt. Warum erſchien, als er dem Grab' ent⸗ ſtieg, Der Heiland wohl zuerſt den Frauen? Fragt um die Oſternzeit der Franziskaner, Mieg, Der auf der Kanzel ſtand, die Chriſten zu erbauen. „⸗Ihr lieben Bruͤder, im Vertrauen, Das war ein feiner Streich vom Herrn; Er 4 2 35 Er kannte des Geſchlechts beruͤhmte Red⸗ nergaben, Und wollte die Geſchichte gern, So bald, als moͤglich, ruchtbar haben.“ An eine Freundin. (Erfuͤllung einer Aufgabe, viel in ei zu reimen) Aus meiner Dichtereinſied'lei Send' ich, am lezten Tag' im Mai, Dir, Freundin, dieſe Reimerei, Zwar dieſer Mond, weiland der ſchoͤnſt' auf Erden, Koͤmmt jezt nicht mehr mit jener Zauberei, Die ſonſt ihm eigen war, den ſreundlichen Geberden, Mit denen er, was aus der Mutter Ei Ins Leben kroch, zu ſeinem Freunde machte; Zwar ſieht er, der vordem mit beiden Augen lachte, Mit 36 Mit einem Aug' izt oft, ooll truͤber Graͤmelei, Auf Feld und Flur, und runzelt ſeine Stirne, Daß ſie voll Falten wird, gleich einer alten Birne. Doch ſchmuͤkt er immer noch mit bunter Faͤrberei Uns unſre Thaͤler, Waͤlder, Wieſen, Bringt uns der Voͤgel Melodei Und ihre ſuͤße Liebelei; Drum werd' er laut von mir geprieſen! Du aber, Freundin, ſtimme bei Der dicht'riſchen Lobrednerei. Er ließ auch dich der Blumen mancherlei An Farb' und Duft auf deinem Wege ſinden. Laß dann am lezten Tag' im Mai, Der beſten Erdenblumen drei In deines Daſeyns Kranz mich winden, Das Bluͤmchen, Hoffnung— immer ſei Dir's friſch und gruͤn!— Das Bluͤmchen, langes Leben, Und —— 37 Und dann das Bluͤmchen, Sorgenfrei! Drei ſchoͤn're Blumen kann es auf der Welt nicht geben. Iſt Hoffnung nicht des Lebens Mai? Sie troͤſtet uns, wenn Heuchelei, Neid und Verſolgung uns des Lebens Muh erſchweren, Mit beß'rer Zukunft, taͤuſcht durch holde Phantaſei, Und troknet leiſ' uns ab die Zaͤhren. Sie troͤſtet uns, tritt einſt Freund Hain herbei, Mit neuem Seyn in hoͤhern Sphaͤren. Und langes Leben, ſag' es frei, Iſt's nicht ein Gut, wohlangewendet? Wird's in der Bibel nicht, als Tugend⸗ lohn, geſpendet? Nimm noch dazu das Bluͤmchen, Sorgenfrei⸗ Was kann man beß'res wohl begehren? Mit ihm lernt man die Kanſt, Entbehren; Mit ihm ſchmekt uns ein Teller Hirſebrei, Wie 38 Wie Ragoutfin aus Frankreichs beſter Kuͤche; Ein Quellentrunk, wie Nektar aus Tokai, Und lieblich ſind des Bluͤmleins Wohlgeruͤche. Drum, Freundin, iſt mein Wunſch am lezten Tag im Mai; Gott gebe dir die Bluͤmchen alle drei. Jupiters Schoͤpfung. Revolutionsfabel. Zeus war einmal in uͤbler Laune, Und zog die Stirn in hundert Falten kraus; „Es werd' ein Monſtrum!“ rief er zornig aus, Und kocht' in ſeinem Grimm, vom Luchs vom Fuchs und Faune, Vom Tiger und vom Krokodil, Ingredienzien in einem Topf zuſammen. Da 59 Da ſich der Spuk ſogleich nicht modeln will, Miſcht er's wit Freiheitsſchaum— Schnell lodern helle Flammen. Sieh da! ein neu Geſchoͤpf ſteigt aus dem Topf hervor, Und rekt den hagern Hals empor. Ein haͤßliches Geſchoͤpf! Der Lauerblik vom Luchs, Die Diebeshinterliſt vom Fuchs, Das Grinſen von dem Faun, vom Tigerthier die Tuͤkke, Vom Krokodil die Heuchelei, Die weinen kann und wuͤrgt. Zeus fuͤhlt, bei'm erſten Blikke, Des Thiers Beſtimmung, und es ſchaudert ihm dabei. „Flieh, rief er, flieh', und ſei Alekto's er⸗ ſter Diener!“ Da kroch es nach Paris und hekte— Jakobiner⸗ 40 Im promptu äber einer jungen Dame Mut beim Aderlaſſen. Wie Helden, ohne Furcht, ihr Helden⸗ . blut vergießen, Mut, kalten Troz im Angeſicht: So ließeſt du dein Blut bei'm Aderlaſſen fließen! Wie Arria, ſprachſt du:„Mama, es ſchmerzet nicht.“ Herr von Kropf. „Ach! rief von Kropf, man wird mich bald begraben Bedauert mich, die Gicht ſtieg mir zu Kopf!“ Warum, ſprach Spoͤtter Flink, warum denn Herr von Kropf? Man muß doch was im Kopfe haben. Ma⸗ 4¹ Magiſtratsverordnung. „Man ſoll die Buͤrger unſrer Stadt Zwar ordentlich begraben, Doch einen Leichenſtein ſoll kuͤnftig Niemand haben.“ Was will mit dem Befehl ein edler Ma⸗ giſtrat? Ein Beiſpiel ſeiner Milde geben Und der Philanthropie. In Zukunft druͤkt er nur die Buͤrger noch im Leben, Im Tode ſchont er menſchlich ſie. An Nauwerk in Natzeburg 1797. Mich plagt der Spleen. Ich muß mich ſein entladen Durch eine luſt ge Reimerei; Verhalten braͤcht er nur dem Leibe Schaden, Dem 42 Dem Geiſte mit: drum mach' er raſch ſich frei Durch Vers und Reim, nach meiner alten Weiſe! Sieh da, geſattelt ſteht zur Neiſe Bereits mein Fluͤgelpferd. Hinauf! Und nun davon in vollem Lauf. Da reißt er aus. Hop! hop! Poz Velten! Wie ſauſen Laͤnder, Meer' und Welten Vor meinem Blik voruͤber? Hu! Ich glaub⸗ es geht dem Monde zu. In Gottes Namen, wakk'rer Renner! Dort giebt es keine Purpurmaͤnner, Die, dehnend ſich im Kanapee, Nicht kuͤmmert Landes Wohl und Weh; Mit ihren Schlemmern und Maitreſſen Im Buͤrgerſchweiße fett ſich eſſen, Hochſchwelgen in des Landes Mark, Am Geiſte ſchwach, am Leibe ſtark, In 43 In Menſchenblut den Purpur tauchen, Und Staͤdt und Lander laſſen rauchen Von Feuerdampf und Pulverqualm; 4 Verordnen Jubellied und Pſalm, Wenn eine moͤrd'riſche Battalje Zu Huͤgeln aufthuͤrmt die K..., Die, weil ſie von dem Poͤbel ſtammt, Erwuͤrgt zu werden, iſt verdammt, Berdammt, der Willkuͤhr zu verbluten. „Laßt dann ihr Vlut in Stroͤmen fluten? Gleichviel, ob Schwerd, ob Roſſes Huf Es ſtroͤmen macht,'s iſt ihr Beruf! Genug, wenn ſie nur unſre Muͤzzen Indeß wir ſchnarchen, nicht beſpruͤzzen, Nur immer weich ruht unſer St— 5! 4 Was kuͤmmert uns ihr Todesſchweiß?“ So ruft das Sophavolk, laͤßt das„te Deum“ ſingen, Dem Tode neue Opfer bringen, Und 44 Und krazt ſich nur mißmuthig hinterm Ohr, Wenns mit der Poͤbelbeut auch eine Schlacht verlohr. Weg aus der Welt und ihren Leichen⸗ ſtaaten, Wo wilder, rauher noch die Tiger, De⸗ mokraten, Bollrauſchen ſich in Buͤrgerblut, und Mordſucht taufen Heldenmut. Wo ſelbſt des Tages Held nicht Menſchen⸗ leben achtet, Und blos fuͤr ſeinen Ruhm, wie's Vieh, Soldaten ſchlachtet, Das unterjochte Land, dem Freiheit er . empfiehlt, Brandſchazt, wie Attila, und, wie Cartouche— ſtiehlt. Hin⸗ 45 Hinauf zum Monde dann, Meduſens Sproͤßling,*) gerne, Flieh ich aus einer Welt, voll Baͤnder und voll Sterne; Wo Uebermacht und Rang des Kleinen Un⸗ heil hekt, Und nur zu Wuͤrden kommt, wer kriecht und Speichel lekt. Geldadel mehr ſich noch, als Ahnenadel, ſchaͤndet, Geld Menſchenwerth beſtimmt und Glanz dem Dummkopf ſpendet; Die goͤttliche Vernunft noch Prieſterfeſſeln traͤgt, Und man nicht, was man thut? nein, was man glaubet“ fraͤgt. Wo die Gerechtigkeit in des Gerichtsamts⸗ Stube Des *) Pegaſus entſtand aus dem Blute der Meduſa, als Perſeus ihr das Haupt ab⸗ ſchiug. 46 Das blinde Kuhſpiel treibt, und mancher 22 feile Bube Der Themis Wage haͤlt, und blind mit ihrem Schwerd — Daher ſo manches Loch!— in das Ge⸗ ſesbuch faͤhrt; Die heil'geen Blaͤtter loͤßt, weit in die Luͤfte ſtreuet, Des Mittelalters Greu'’l, das Recht der Fauſt erneuet; uUnd ach! wohin der Blik des Menſchen⸗ freundes ſinkt, Um Leben, Ruh' und Gluͤck den Unter⸗ druͤkten bringt. „ Doch weil' ein wenig noch auf deinem Ritterzuge In das gelobt re Land, und wend' in dei⸗ nem Fluge Noch einmal deinen Blik auf's Mutter⸗ land zuruͤk, So 47 So ſchoͤn durch Gottes Hand! Gewiß keimt auch noch Gluͤk In ſeinem Blumenſchooß! Es lacht mir ſchon entgegen, 3 Nicht blos vom Blute dampft die Erd', auch Bluͤth' und Seegen Traͤgt ſie in reichem Maaß'; und manch begluͤktes Land Umſchlingt durch Fuͤrſtenhuld der Ein⸗ tracht Friedensband. Es reifen fruchtbar hier des Buͤrgerfleißes Saaten, Und wahre Freiheit herrſcht auch noch in freien Staaten. Gerechtigkeit erliegt nicht ſtets des Staͤr⸗ kern Drang, Und dem Verdienſte weicht auch Geld und Ahnenrang. Drum fuͤhre nicht zu grell, o Muſe! dei⸗ nen Pinſel. Zu ſtaͤrken deinen Blik, richt ihn auf jene Inſel, . Die 48 Die unter Menſchen dir, des ſchoͤnen Ra⸗ ½ mens werth, So manchen frohen Tag,ſo mancheLuſt beſchert. Wo du vom ſtillen See, leicht wogend, ſanft umfloſſen, Von kuͤhlem Laub' umkraͤnzt, ſo manches Gluͤk genoſſen; Wo dich die Gaſtfreundſchaft auf Mutter⸗ haͤnden trug, Manch ſchoͤnes Blatt dir auf im Lebens⸗ buche ſchlug; Wo Weiber, gut und ſchoͤn, ſauft ſchmei⸗ chelnd dich umgaben, Wo es noch Menſchen giebt, die Sinn fuͤr Freundſchaft haben. Wo man die Muſen liebt, und Mozarts Hormonie'n, Wie Philomelens Lied, die Hoͤrer an ſich ziehn. Vergiß des Dorfes*) nicht, wo unter Huld⸗ Goͤttinnen, . Von ²) Der Dichter lebte damals zu Rellin⸗ gen, einem hollſtein'ſchen Dorfe. 49 Von Freundſchaft mild gepſlegt, die Tage froh verrinnen; Wo man ſich durch Talent, und nicht durch Rang' empfiehlt, Wo man die Zeit dir kuͤrzt, nicht hoͤfiſch ſie dir ſtiehlt. Wo, truͤbt ein Woͤlkchen dich, Theilnahme, Scherz und Lachen, Die Stirn dir heiterer, den Schmerz dir leichter machen. Ja, ſchoͤn bleibt dieſe Welt, bei allen Maͤngeln, doch, Drum weile gern, mein Geiſt, auf ihrem Runde noch, Und pfluͤkke Roſen dir, ſo einzeln ſie auch ſtehen; Mit Huͤlfe der Vernunft kannſt du die Dor⸗ nen maͤhen. 4 Das 50 Das will ich dann, mein Freund, nach meinem alten Brauch; Doch nicht allein fuͤr mich, fuͤr meine Lieben auch. Wohl manches Schlimme mag an eurem Freunde kleben, Doch iſt das Gute mein, gern andrer Freude leben. Gern halt' dem Freund' ich rein des Lebens Dornenbahn, Und reich ihm treu die Hand, auch noch in Charons Kahn. Das Fraͤulein Dunſt. Warum ſteht wohl das Fraͤulein Dunſt Beim Doktor, Kraut, ſo ſehr in Gunſt? Ich wuͤſte nicht, was an ihr reizend waͤre? Sie iſt ja nur Gebein und Haut; Nun 51 5 Nun eben drum, der Doktor, Kraut Studirt an ihr die Knochenlehre. B a v. In ſeinem Kopf einmal Gedanken auf⸗ zujagen, Muͤht Bav ſich Tagelang, ob's ihm ge⸗ linget? Kaum! Auch iſt der Einfall toll, es frei heraus⸗ zuſagen; Wer jagte je in leerem Raum? 52. Grabſchriften. v — 1. Auf einen Fuͤrſten. Brich aus, o Volk, in laute Klagen, Entleibt ruht dein Regent hier, Klag' iſt Pflicht! „Wie dann entleibt?“ Entſeelt kann man nicht ſagen, Denn eine Seele hatt' er nicht. 2. Auf einen Kaufmann. Hier ruht, der eigentlich den Galgen ſollte zieren, Allein er ſtahl durch— Spekuliren. 3. Auf einen Fuͤrſtbiſchof. In dieſem praͤcht'gen Sarkophage Ruht unſer Herr, der Fuͤrſtbiſchof, Lothar. Er 55 Er lebte fuͤnf und achtzig Jahr. „Was that er?“ fragt ihr? Welche Frage! Hoͤrt ihr denn nicht, daß er Fuͤrſtbi⸗ ſchof war. 4. Auf eine Buhlerin. Hier liegt die ſchne Mamſell, Bonne, Sie glich der Erd' und glich der Sonne. Wie jene nahm ſie Klein und Groß, Krumm' und Gerad' in ihren Schooß: Wie dieſ' erwaͤrmte ſie— die Stadt kann es beeiden— Die Juden, Tuͤrken, Chriſten, Heiden. 5. Auf einen ſchlechten Schau⸗ ſpieler. Der jede Rolle hier verdarb, Verdirbt nun nichts mehr, ſeit er ſtarb. Doch iſt's nur Rolle, was er thut, Spielt er zum erſtenmale gut. 7. Auf 54 9⁹ 6. Aufeine Harfe (die eine hagre Marquiſe in Stuͤcken ſchlug.) Da liegt ſie nun, der Tonkunſt Zier and Stolz! Durch unbeſeeltes Holz ſiel ein beſeel⸗ tes Holz. fI. Weiberrache. Ein Schwank. Ei paar deutſche funge Faͤntchen, die vor der franzoͤſiſchen Revolution, zu Mar ſeille einige Jahre auf dem Comtoir zu⸗ ſammen fleißig geſchrieben, und außer demſelben die Stuzzer geſpielt; waͤh⸗ rend der Revolution das Nationalgewehr geſchultert und den Marſeiller Marſch ge⸗ plaͤrrt, als aber die Guillotine Mode wurde, die neue Republik verlaſſen, und, nachdem ſie Savoyen, die Schweiz, Brabant, Holland und England durchſtreift hatten, wieder in ihre Vaterſtadt, M.. zuruͤckgekehrt waren: beſchloſſen endlich, ohngefaͤhr im vier und zwanzigſten Jahre ihres Alters, ein eignes Haus zu etabliren. Der eine, Tobias Bok, war Seidenkraͤ⸗ mer auf der langen Straße, der andere, Valentin Kalb, handelte mit Material⸗ waaren 53 waaren und hatte ſein Gewoͤlbe auf dem alten Markte. Das Gluͤk wollte ihnen wohl. Ihre Laden waren immer voll Kaͤufer und Ell' und Wage in beſtaͤndiger Thaͤtigkeit. Zu⸗ dem galten ſie fuͤr ein paar gar geſcheite und gelehrte Kaufleute, weil ſie ge reiſt waren, wiewohl alle auf ihren Reiſen errungenen Vortheile in nichts, als einer ſehr hohen Meinung von ſich ſelbſt, und in einer ſehr veraͤchtlichen von dem ganzen weiblichen Ge⸗ ſchlechte beſtanden. Ihrer Behauptung nach, war in allen Landen kein Nebenbuh⸗ ler neben ihnen aufgekommen und das Buch des weiblichen Herzens hatten ſie, bis auf das lezte Blatt, durchſtoͤbert. Man muß geſtehen, ſie beſaßen viel weibliche Lektuͤre. Aber mehr von Leſe⸗ wuth, als Begierde, ſich zu bilden und un⸗ terrichten, galeitet, waren ihnen gerade nur 4 59 nur die ſchlechteſten Buͤcher dieſes Fa⸗ ches in die Haͤnde gefallen; daher dann ihre eben nicht gar reſpektablen Begriffe von ei⸗ nem Geſchlechte, deſſen vortr eflich e Seite kennen zu lernen, ſie ſich nie Muͤhe gegeben hatten. Wird man ſich nicht wundern, daß dieſe beiden Laffen, ihrer Weiberverachtung zum Troz, ehe man ſich's verſah, ein paar Ehe⸗ maͤnner wurden? Aber, da ein Gek nicht das Produkt der Natur, ſondern das Werk ſeiner eigenen Mache, ſolglich ein perſoniſicirter Widerſpruch iſt, wie haͤtten Bok und Kalb etwas anders ſeyn ſollen? Sie heyratheten alſo friſch drauf los und erhielten ſogar— wie man denn in dieſer Welt am meiſten, ohne Verdienſt⸗ gerecht wird— Frauen, die eben ſo ſchoͤn, als klug, und eben ſo gut, als klug, wa⸗ ren. Ja, es gab ſogar„ waͤhrend der Honigmonde ihres Ehe ſtandes, keine ge⸗ trenern 60 treuern Ehemoͤnner, als Tobias Vok und Valentin Kalb. Aber ſelten iſt die Herrlichkeit der Ho⸗ nigmonde von langer Dauer. Nur zu hald beginnt die Fakkel der ehelichen Zaͤrtlichkeit zu flakkern, die Flamme wird immer ſchwaͤcher, und löͤſcht endlich ganz aus. So gings auch hier. Nach Verlauf von einigen Monaten bemerkte Tobias zuerſt: ſeines Freundes Frau ſei unendlich reizender und liebenswuͤrdiger, als ſeine eigene; ihr Wuchs ungleich uͤppiger, ihr Aug' unendlich feuriger, und ihr Mund mehr zum Kuſſe geſchaffen, als irgend einer ſeiner ſchoͤnen Landsmaͤnninnen. Dieſe Bemerkung ward bald Luͤſternheit, die Luͤſternheit Begierde, und die Begierde Beſtreben, es koſte, was es wolle, Genießer allee dieſer Vorzuͤge zu werden. Sein gegebenes Wort, ſein Weib allein zu lieben, kam nicht in An⸗ ſchlag. 61 ſchlag. Was verſpricht man nicht alles? dacht' er, ein Mann ein Wort, iſt nur eine Verpflichtung gegen das maͤnnliche Geſchlecht; das weibliche, ſelbſt Luͤge, hebt alle Wahrheit auf. Weiber ſind Spiel⸗ zeuge, und was kann man mit Spielzeugen anders, als ſpielen? Gerade ſo raiſonnirte auch Valentin. Ihn geluͤſtet es nach Tobias Weibe; und obgleich ſeine und ſeines Freundes Freund⸗ ſchaft vor der ganzen Welt fuͤr ein Davids⸗ — und Jonathansbund galt, ſo machte ſich doch David gar kein Gewiſſen daraus, ſeinem Bruder, Jonathan, die Stirn um einige Zoll zu verlaͤngern, wenn der Ge⸗ genſtand ſeiner Wuͤnſche nur irgend ein we⸗ nig Bereitwilligkeit dazu zeigen ſollte. Ein Zufall brachte dieſe Plane in Kur⸗ zem zur Wirklichkeit. Bei einer naͤchtlichen Konverſation dieſer beiden Seelenbruͤder in einem 62 einem Weinhauſe, wo ein alter Bekannter die driste Perſon machte, und der Hoch⸗ heimer die Lebensgeiſter in eine mehr, als luſtige Stimmung, verſezte, kam das Geſpraͤch auch auf die Leiden und Freuden des Eheſtandes. Bok, Kalb und ihr Mitzecher waren unerſchoͤpflich in Sarkas⸗ men gegen die Weiber; denn jede Sie ihrer Bekauntſchaft aus Sankt Hymens Pruͤ⸗ fungs; und Laͤuterungsgilde, ſeit zehn Jah⸗ ren, wurde vor das unerbittliche Tribunal ihrer Erfahrungen gezogen; eine laͤſterliche Anekdote jagte die andere und das Reſultat thres hochnotpeinlichen Halsgerichtes war: ſo ein Ding, wie ein tugendhaftes Weib, ſei in der ganzen Welt nicht zu ſinden. Mit dieſer Ueberzeugung taumelte das wei⸗ berfeindliche Kleeblatt in ſeine Behauſung. Der dritte gute Freund, der dieſen Abend mit in das alte Lied der Weiberverhoͤhnung eingeſtimmt hatte, war ein Hageſtolz, nicht aus 63 aus Wahl oder Grundſaͤtzen, ſondern ge⸗ zwungen durch ſein eiſernes Schikſal, das ihn, von ſeinem vier und zwanzigſten bis zu ſeinem funfzigſten Jahre, nicht mehr, als ein ſchoͤnes Mandel Koͤrbe hatte einſam⸗ meln laſſen. Nicht nur die aͤußerſte Miß⸗ geſtalt ſeines Koͤrpers, auch die noch groͤßere Schiefheit ſeines aus Stolz, Un⸗ verſchaͤmtheit, Neid und Schmaͤhſucht zu⸗ ſammen geſezten Charakters, waren uͤberall ſeinen Bewerbungen um die Zunei⸗ gung edler Frauen ein unuͤberſteigliches Hin⸗ derniß geweſen. Selbſt die verworfen⸗ ſten ihres Geſchlechtes verkauften ihm ihre veraͤchtlichen Gunſtbezeugungen nur um ſchwere Geldſummen; ſo tief war der Stempel ſeiner Nichtswuͤrdigkeit ſeinem aͤuſ⸗ ſern und innern Menſchen eingedruͤkt. Da⸗ her ſeine Giftvolle Verlaͤumdung auch der bewaͤhrteſten weiblichen Tugend, ſeine Laͤſte⸗ rung des Eheſtandes. Sein Gallevolles Herz bruͤtete unaufhoͤrlich uͤber der Vernich⸗ tung 6¾ tung haͤuslicher Gluͤkſeligkeit. Die Maͤnner zu Ausſchweifungen, und dadurch die Wei⸗ ber zur Treuloſigkeit zu verfuͤhren, war ſeiner Schadenfreude ein hohes Feſt. Die⸗ ſes Feſt ſollten ihm auch Boks und Kalbs brave Frauen geben. Willkommen war ihm der heutige Abend, der ſeinem ſchaͤnd⸗ lichen Plane ſo treflich auf die Beine half. „Ihr Herren, begann er, waͤhrend er mit den beiden Laffen durch die Straßen taumelte: bei alledem ſeid ihr doch ein paar ſehr gluͤkliche Taugenichtſe. Ihr habt ſo mancher weiblichen Tugend den Hals ge⸗ brochen und fuͤr die Vermehrung des Horn⸗ viehs in der Maͤnnerwelt, nach Nothdurft, geſorgt; demungeachtet hat euch der Himmel Weiber gegeben, die, die einzigen in ihrer Art, ſo weit die Sonne reicht, die Fabel von der Penelope wahr machen, und eure Stirnen von einem Zierrathe rein erhalten, der ſonſt der Orden pour le merite fuͤr 4. die 65 die geſammte Ehemaͤnnerinnung iſt. Man kann ſie im ganzen Lande nicht ſchoͤner finden und nach zaͤrtlichern ſich die Augen ausſehn, vom Morgen bis zum Abend. Die zu verfuͤhren, koͤnnten im Paradieſe eures Eheſtandes zehn Aepfelbaͤume ſtehn, ſie wuͤrden die Hand nicht darnach ausſtrekken, und wenn ſich die Schlange die Seele aus dem Leibe deklamirte. Ihr, zum Beiſpiele, ſeid ein paar Erzgauner, und recht dazu gemacht, auch die wohlverwahr⸗ teſte Bettgardine der weiblichen Treue aus⸗ einander zu ſchieben. Aber verſucht es ein⸗ mal, und ſtellt euch einer in des andern ſei⸗ ne Frau verliebt, und ihr ſollt ſehn, mit welcher langen Naſe ſie euch nach Haus ſchikken!!“ Hiemit begann das Drama der Ver⸗ ſuchung, das dieſer Weiberhaſſer und Haus⸗ friedenſtoͤrer in ſeinem, nichts als Trug und Buͤberei hekkenden, Kopf' entworfen 5 hatte. 66 hatte. Er wiederholte Satans Rolle im Garten, Eden; nur nicht, als Schlange, ein viel zu mildes Bild fuͤr ſeine hoͤkerige, verſchrobene, grießgrauhaarige, auf krum⸗ men Saͤbelbeinen einherhinkende Menſchen⸗ frazze. In ſcheußlicher Drachengeſt alt ſtand er vor dem Baume der Erkenntniß des Guten und des Boͤſen, von dem Kalb und Bok den Tugendtod ihrer Weiber pfluͤk⸗ ken ſollten. Seinem Spionenblikke war das luͤſterne Augenſpiel nicht entgangen, mit denen jeder der neben ihm taumelnden Suͤnder an dem Gegenſtand ſeiner Begier⸗ den hing. Dieſe Begierde zur That anzu⸗ fachen, ruͤkte er ihnen den Taumelkelch der Schmeichelei und Selbſtſucht vor die Lip⸗ pen, und ſie nahmen und tranken. Von dieſem Augenblik an fuhr der Teufel in ihr Herz, und jeder von ihnen ſann nur, wie er den andern uͤberliſten koͤnnte? Das ſicherſte Mittel aber ſchien ihnen, ſich zu ſtellen, als ob nur von einer Probe die Rede 67 Rede ſeyn ſollte. Der grießgraue Drache errieth bald ihres Herzens Gedanken und ließ ſein Verſuchungsdrama in folgendem Dialoge fortruͤkken: „Nun, ihr Herrn, ſeid ihr doch auf einmal ganz ſtill geworden, und reibt eure Stirnen, als ob ihr ſie nicht ganz ſicher glaubtet. Laßt euch den Teufel des Un⸗ glaubens nicht blenden! Er iſt ein gefaͤhrli⸗ cher Gaſt. Wo er in's Haus koͤmmt, draͤngt er den Frieden zur Thuͤr, und den Schlaf zum Ehebette hinaus; legt euch das Schlangenkuͤſſen des Zweifels unter den Kopf und in eure Arme die Furie, Eifer⸗ ſucht. Was habt ihr zu fuͤrchten? Eure Sicherheit iſt in euren Haͤnden. Ueber⸗ zeugt euch, wuͤrd' ich ſagen, wenn mir eure huͤbſchen Augen nicht zu lieb waͤren. Denn darauf wett ich, eins davon laßt ihr ge⸗ wiß in dem Verſuche.“ 683 Tobias hm! die Augen wollen wir wohl wahren. Die weibliche Tugend faͤngt mit Ohrfeigen an, und mit denen laſſen wir uns begnuͤgen. Wie waͤr's, Freund, Valentin, wenn wir das Ding verſuchten? Ohrfeigen uns unſere Weiber brav ab, deſto beſſer!— thun ſie's nicht—— Der Drache.(haͤmiſch lachend) Ich garantire die Maulſchellen. Valentin. Ein koͤſtlicher Einfall, Bru⸗ der, Tobias. Ein Spaaß, der uns hoͤch⸗ ſtens, wie du ſagſt, ein paar friſche Bak⸗ ken zuzieht. Wir ſind ehrliche Kerl unter⸗ einander, was hat's fuͤr Gefahr? Topp! wir ſtellen unſere Weiber auf die Probe. Jonathan und David gaben ſich einander die Haͤnde und ein Judaskuß verſiegelte den ſaubern Vertrag. Dann ſchieden ſie, and . der 69 der Drache hinkte, Schadenfroh in ſich hineingrinſend, auch ſeine Straße. Die Seelenbruͤder ſchliefen einen geſun⸗ den Schlaf, mit dem zwar ihr Rauſch, aber nicht ihr Kroͤnungsplan verflog. Jeder freute ſich insgeheim, den andern ſo gluͤklich uͤber⸗ liſtet zu haben. Mit allem Unglauben an weibliche Tugend uͤberhaupt, war je⸗ der ſeiner Vorzuͤge doch ſo gewiß, daß die Treue ſeiner eigenen Frau ihm eben ſo zu verlaͤßig ſchien, als ſein Sieg uͤber die Frau ſeines Freundes.„Der Him⸗ mel kann einfallen, ſagte Bok zu ſich ſelbſt, aber meine Liebenswuͤrdigkeit ſteht unuͤberwindlich vor den Augen meiner Frau;“ und Kalb, der ſich fuͤr eine Art Adonis hielt, betheuerte ſich mit einem Fluche, daß ſeine Figur, ſo wie ſeine ganze Perſoͤnlichkeit, ihn auf ſein ganzes Leben vor der Ehre der Hahnreihſchaft ſichere. In 70 In dieſem ſelbſtſuͤchtigen Wahne eilten beide, was ſie konnten, zur Ausfuͤhrung ihrer heilloſen Verraͤtherei, und, ehe vier Tage vergingen, hatte jeder ſchon der Dame ſeines Herzens oder vielmehr ſeiner Sinn⸗ lichkeit, das Geſtaͤndnis ſeiner Flamme und ſeiner Wuͤnſche abgelegt. Die guten Weiber, denen wir, der ho⸗ hen Reinheit ihres Charakters und ihrer Sitten wegen, die bibliſchen Namen Mar⸗ tha und Maria geben wollen, beſaßen das wirklich, was ihnen ihre Maͤnner nur aus Eitelkeit zutrauten, unerſchuͤtterliche Treue; aber auch zugleich alle weibliche Empfindlichkeit fuͤr eine Impertinenz dieſer Art. Durch eine wahrhaft ſchweſterliche Zuneigung mit einander verbunden, ver⸗ trauten ſie ſich noch an dem nehmlichen Tage den Schaamloſen Antrag ihrer Maͤnner. Rache war ihr gemeinſchaftlicher Entſchluß. Nur 71 Nur uͤber das Wie? derſelben konnten ſie nicht gleich einig werden. Aber Weiberliſt koͤmmt ſchnell und ſicher. Was dieſer Bemerkung an Neuheit abgeht, erſetzt ſie durch Wahrheit. Martha und Maria koͤnnen zum Beweiſe dienen. Es war gerade Sommer, deſſen groͤßten Theil beide Familien in einem Doͤrfgen, ohngefaͤhr eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, zuzubringen pflegten. Hier be⸗ wohnten ſie ein paar nahgelegne Landhaͤus⸗ chen, die blos ein großer Garten, den ſie gemeinſchaftlich beſaßen, von einander ſchied. Dieſer Sommeraufenthalt wurde beſtimmt, der Schauplaz ihrer Rache, ihres Triumpfs und der Beſchoͤmung ihrer Treu⸗ loſen zu werden. Lange mußten dieſe die zaͤrtlichen Schaͤfer umſonſt ſpielen, lange vergebens alle Nuͤan⸗ gen 72, gen ihrer Koridonsrollen durchlaufen. Die unbarmherzigen Duleineen achteten weder des Winſelns, noch Seufzens, weder des Girrens, noch Schmachtens. Endlich aber ſchien ihr Herz zu ſchmelzen, ihr Blik wurde freundlicher, die Stimmen ſanfter und ein Haͤndedruk leiſ' erwiedert. Man wich nicht mehr aus, man ließ ſich finden. Wer war gluͤcklicher, als unſere Donquichote: Als nun vollends ein Geſtaͤndniß durch Worte das ſtumme Spiel der Zuneigung verſinnlichte, wie hoch ging die Phantaſie der beiden Liebesritter? Sie waren nicht auf der Erde, ſie ſaßen auf Megelonens Pferde, ſahen die Ziegen des Himmels gras ſen und hoͤrten ſie ſogar maͤkkern. Die Damen ſpielten vortrefflich. Dem Geſtaͤndniße ihrer Liebe ließen ſie bald eine Beſtellung folgen. Jede beredete ihren Lieb⸗ haber mit aller Schaam der uͤberwundnen Liebe, naͤchſten Sonntag bei ſeiner Frau eine 73 eine Geſchaͤftsreiſe auf einige Tage vorzu⸗ geben, Abends, um eilf Uhr, aber zuruͤk⸗ zukehren und an ihre Hausthuͤr anzuklopfen. Sie ſelbſt wuͤrde dann ſeiner harren, mit aller der Bereitwilligkeit, die ſo eine aus⸗ gezeichnete Liebe verdienen. Alles gieng nach Wunſch. Die getaͤuſch⸗ ten Gekken beſtiegen am Sonntagmorgen ihr Pferd, und ritten, ohn einander ihr Geheimnis zu verrathen, der eine da, der andere dorthin. Schon drei Viertel auf eilf des Nachts fand Bok ſich vor ſeines Nachbars Hauſe ein. Eine ſanfte, weiche Hand oͤfnete die Thuͤr und zog ihn leiſ und langſam herein. Mit dem vollen Schlage eilf pochte Kalb an Freund Boks Hauspforte, fuͤhlte gleich⸗ fals eine kleine, warme Hand in der ſeinigen, und ſolgte mit hochklopfendem Herzen ih⸗ rem ſanften Zuge. Die Verabredung war, daß 74 daß auch nicht ein Wort gewechſelt, ſon⸗ dern ſtill und Lautlos der Lohn der Liebe, und noch obendrein in der tiefſten Finſterniß eingeerntet werden ſollte. Tobias und Valentin folgten ihr puͤnktlich, und waren nahe daran, in Lieb' und Entzuͤkkung zu vergehen. Sie genoſ⸗ ſen des vollkommenſten Sieges, und keiner ahnete, daß es ſeine eigene Frau war, mit der er unter des Nachbars Dache Amors Freudenbecher leerte. Gegen Sonnenaufgang wurden ſie, nur allzufruͤh fuͤr den Tanmelgenuß ihres uͤber⸗ ſchwenglichen Gluͤks, zu gleicher Zeit aus dem dunklen Schauplaz' ihrer Freuden ent⸗ laſſen. Da der Garten, in dem ihre Land⸗ haͤuſer lagen, nur einen Ausgang hatte, ſo mußten beid' auch auf einem Wege zu⸗ ruͤk. Welch' ein Auftritt der Wuth und Rache, als beide ſich begegneten, beid' ein⸗ ander — 7⁵ ander erkannten, und jeder ſich von dem andern betrogen glaubte! Zorn und Raſe⸗ rei flammten auf ihren Geſichtern. Sie vergaßen die Weiber, von denen ſie ſich hintergangen hielten und ließen ihre Wuth an ſich ſelbſt aus. Die bitterſten Vorwuͤrfe entſtroͤmten ihrem Munde. Dieſen folgten die graͤßlichſten Schimpfwoͤrter, die Auf⸗ kuͤndigung aller Freundſchaft und endlich Thaͤtlichkeiten. Die Arme ſtrekten, die Faͤuſte ballten ſich. Sie hatten auf ihrer Reiſe durch England nicht umſonſt die edle Boxkunſt profitirt. Sie zogen die Kleider aus, ſtreiften die Hemdaͤrmel auf, ſtuͤrzten gegen einander, und zerpaukten ſich mit einer wahrhaften Blut⸗ und Mordgier. Zum Gluͤk koſtete es kein Leben. Aber, wenn blaue Augen eine Schoͤnheit ſind, ſo gehoͤrten ſie in dieſem Augenblikke zu den ſchoͤnſten Figuren ihres Geſchlechtes. 76 Die Wuth des Gefechtes ward endlich durch ein lautes Gelaͤchter unterbrochen. Es war ein weibliches Gelaͤchter. Die Boyper ſtokten in ihrem Kampfe, ſahen ſich um und mit Erſtaunen, Schaam und De⸗ muͤthigung, erblikte jeder an dem Fenſter ſeines Nachbars ſeine eigene Frau. Aber die Freude, ihre Stirnen ungekraͤnkt erhal⸗ ten zu haben, ließ ſie die Demuͤthigung, ſo nachdruͤklich von ihren Ehehaͤlften gezuͤch⸗ tig worden zu ſeyn, bald vergeſſen. Sie ſielen einander in die Arme, verſoͤhnten ſich und erkannten, auf ihr Knie geworfen, ihre treflichen Weiber, als Muſter der Treue⸗ Lieb; und Großmuth; ſich ſelbſt aber, wo⸗ von ihre blauen Augen den einleuchtendſten Beweis lieferten, fuͤr ein paar ausgemachte Taugenichtſe. Schlimmer noch, als die Verfuͤhr⸗ ten, kam der Verführer weg. Die Damen, von dem Verſuchungsdrama un⸗ terrich⸗ 77 terrichtet, vergaben ihren armen Suͤndern um die Haͤlfte leichter. Aber deſto ſchwe⸗ rer ſiel ihre Erbitterung auf den Drachen. „Bravo, riefen ſie, als Valentin und Tobias ihm Strafe und Zuͤchtigung ſchworen, wir wollen ihn euch zuͤchtigen helfen.“ Straks ward ein Plan entworſen und, wie folgt, ausgefuͤhrt. Der Drache erhielt eine Einladung zum Abendeſſen auf Tobias Landhauſe. Er erſchien. Martha und Maria empfin⸗ gen ihn, gaben vor, ihre Maͤnner ſeien noch in der Stadt beſchaͤftigt, und fuͤhrten ihn in dem Garten unter einen ſchattigten Nuß⸗ baum. Hier nahmen ſie ihn auf einer Raa⸗ ſenbank in die Mitte, und ſagten ihm die freundlichſten und ſchoͤnſten Dinge. Mei⸗ ſter, Hoͤker, der gar nicht wußte, wie ihm geſchah? und in der nahen Nachbar⸗ ſchaft von zwei ſo reizenden Geſchoͤpfen lich⸗ terloh zu brennen begann, zog ſeine kleine Kaz⸗ 78 9 Kzzaigrauen Augen zuſammen, wie ein Menſch, der zu viel getrunken hat, und angelte ſogar mit ſeinen Krebsſcheeren von Fingern nach den niedlichen Haͤnden ſeiner Rachbarinnen. Nicht lange, ſo folgte eine förmliche Liebeserklaͤrnng, in der er ſich ſehr grotesk mit dem Herkules auf dem Scheidewege veralich, ſeinen Plaz verließ⸗ und mit einem Rukke, bei dem alle ſeine Gebeine knakten, vor ihnen auf die Kuie plumpte. 5 In eben dem Augenblikke ſprangen B ok und Kalb hinter einer nahen Hekke hervor⸗ Die Weiber kreiſchten laut auf und liefen davon. Die Herrn mit den blau geraͤnder⸗ ten Augen, pakten ihn, riſſen ihn vom Boden, umguͤrteten ihn mit einem tuͤchti⸗ tigen Strik, hingen ihn an einem der feſteſten Zweige des Nußbaums auf, und drehten ihn, ſo farchterlich er auch plaͤrrte, eine gute Viertelſtunde immer im Kreiſe herum 79 herum. Dann klatſchten ſie mit den Zungen. Jezt flogen die Weiber herbei, mit fuͤrch⸗ terlichen Ruthen bewafnet. Dem Haͤngen⸗ den wurden die beiden Haͤnde uͤber einander gebunden und Martha und Maria machten von ihren Waffen einen ſo fuͤrchter⸗ lichen Gebrauch, daß ſeine Erdfahlen Haͤndegerippe, binnen einigen Minuten, das leuchtende Hochroth von geſottenen Krebſen erhielten. Der Drache blaͤkte, daß es weit umher hallte, und ſtrampelte mit Haͤnden und Fuͤſſen, ſich aus ſeinem zwiſchen Himmel und Erde ſchwebenden Zuſtande zu befreien. Alles umſonſt! Man hob zwar das Zuͤchtigungsamt mit der Ruthe auf, aber haͤngen blieb er. Baumelnd an dem Nußbaume, ſah er die Weiber vor ſeinen Augen die Abendtafel bereiten, ſich mit ihren Maͤnnern daran ſezzen, froͤhlich eſſen und trinken, in zaͤrtlichen Liebkoſungen ſich mit ihnen ausſoͤhnen; hoͤrte — Mar⸗ 80 Martha's und Maria's unuͤberwind⸗ liche Treue preiſen und Valentins und Tobias heilige Verſprechungen, nie wieder dem Teufel und ſeinen Eingebungen zu folgen. Erſt nach geendetem Mahle, ward der Strik abgeſchnitten und der Drache ziemlich unſanft auf freien Fuß geſtellt. Die Damen wuͤnſchten ihm geſegnete Mahlzeit, und ihre Ehemaͤnner, waͤhrend ſie ihn zur Gartenthuͤr hinauswarfen, dankten fuͤr erzeigte Ehre, und baten ihn, es ſich doch ia bald wieder bei ihnen gefallen zu laſſen. —ü‧—— III. III. Frau Gertrude Klatſche. Ein Maͤhrlein. E⸗ war einmal ein Biedermann, Vor nicht gar langen Jahren, Der ſchlecht und recht— jedoch ich kann Mir ſeine Schild'rung ſparen. Leſ't nur, bis es zu Ende geht, Mein Maͤhrlein weiter, und ihr ſeht Dann ſelbſt, was er geweſen. Er hieß Friz Wahrmund, und begab Sich einſtmals auf die Reiſe; Zu Pferde ging's Berg auf, Berg ab, Durch alle deutſche Kreiſe, Zu ſehn, wie es im Vaterland' Um Geiſtes— Sittenbildung ſtand? Durchreiſt' er Staͤdt' und Staaten. Faſt 84 Faſt hatte ſchon durch Wald und Flur Sein Roß den Lauf vollendet; Beinah war ſeine grande tour Durch's deutſche Reich geendet; Da lag auf einmal, ſchaurig wild, Vor ihm ein waldigtes Geſild, Vermiſcht mit grauen Felſen. Er trabte fuͤrder. Ploͤzlich hob Sein Gaul ſich, wieß die Zaͤhne; Stand auf den Hinterfuͤßen, ſchnob, Und ſchuͤttelte die Maͤhne. Umſonſt druͤkt er die Sporen tief Ihm in die Rippen, ſchimpft und rief, Es wich nicht von der Stelle. Es troff daßzarme Thier von Schweis Man ſah es ſichtbar beben; Gebannt in einen Zauberkreis, Schien's vuͤkwäͤrts nur zu ſtreben; Der Renter warf den Blik empor, Sieh da, ein großes Eiſenthor Stand dicht ihm vor der Naſe. Und 8⁵ 1 Und hinter ihm erhob ſich grau, Mit ſchwarz beruſten Waͤnden, Mit einem Dache, gelblich grau, Bequalmt auf allen Enden, Ein altes gothiſches Gebaͤu; Begreiflich war des Roſſes Scheu Nun ihm, und ſein Entſetzen. Ein dichter, Nebelgleicher Rauch Umzog des Hauſes Giebel; Der, ſtatt des Schornſteins, einem Schlauch' Entſtieg am Dach. Die Bibel Beſchreibt nicht graͤßlicher den Rauch, Der aus des Hoͤllenabgrunds Bauch' Emporqualmt in die Luͤfte. Ein preſſender, mephit'ſcher Duft Entſtroͤmr ihm, langſam wallten Aus ſeinem Dunkel in die Luft Todtaͤhnliche Geſtalten, Blaß, zu Gerippen abgezehrt; Hochauf fuhr ſchaudernd Wahrmunds Pferd, Er ſelber bebt' und ſtarrte. Auf 6 Auf einmat ſah' er ſich umziſcht Von blauen Schwefelflammen; Ihn ſchüttelte, mit Angſt gemiſcht, 1 Ein Fieberfroſt zuſammen; Er ſah' am Eiſenthor ein Schild, Darauf ſtand eines Weibes Bild, Erſchreklich anzuſchauen! Es war ein hag'rer alter Kopf, Mit vielen tauſend Falten; Auf dem, vom Ohre bis zum Schopf, Wohl hundert Schlangen wallten; Es ſtand Bergan ſein ſtruppicht Haar Ein Katzengruͤnes Augenpaar Starrt' ihm aus Haut und Knochen. —— Blau war der Lippe Rand geſtreift, Und— denket euch Hyaͤnen!— Mit gelbem Geifer eingeſeift; Aus ein paar Stummelzaͤhnen Blkt eine Zunge, ſchwarz von Gift; Es trug das Schild die Unterſchrift: Gaſthof zur Laͤſterzunge. Ent⸗ 87 Entſetzen ſenkte WGahrmun ds Blik Vom Schilde zu der Erde! Wie Eis umlief es ſein Genik, Er ſprang von ſeinem Pferde. Auf Graͤbern ſtand ſein Fuß, und ſchnell Las er an Leichenſteinen hell: Hier modern gute Namen. Zuruͤk wollt er. Da ſprang das Thor Raſch auf mit beiden Fluͤgeln. Und eine Hexe trat hervor, Dicht an den Todtenhuͤgeln. „Halt, rief ſie, meiner Einſted'lei Koͤmmt unbemerkt kein Menſch vorbei, Ich bin Gertrude Klatſche.“ Ausſtrekte ſie die Klapperhand, Und griff nach Wahrmunds Haͤnden; Er mußt' hinein, und bebend ſtand Er zwiſchen hohen Waͤnden, Mit gelben Spiegeln uͤberdekt; Die Zunge hieng herausgeſtrekt, Der Hexe von den Leſzen. „Komm 88 „Koͤmm her, rief hoͤhnend ſie, halt Raſt Von deiner langen Reiſe, Und ſei an meinem Tiſche Gaſt, Gedekt nach meiner Weiſe. Du ſchauderſt? Naͤrrchen, ſprich, wofuͤr? Iß, ohne Furcht, du zahlſt dafuͤr Nur deinen guten Namen.“ „Gern naͤhm' ich auch den Klepver ein, Doch, weder Heu, noch Hafer Hab' ich fuͤr ihn— Du wirſt verzeih'n!— Ich tiſche nur Kadaver. Willſt du nicht mit zur Tafel gehn, So kannſt du mich doch ſchmauſen ſehn Mit großem Appetite.“ „In dieſen langen Spiegeln hier Erſeh' ich meine Beute; Was immer vorgeht, zeigt ſich mir Viel Meilen in der Weite; Und daß kein Bild rein vor mich tritt, So faͤrb' ich dieſe Spiegel mit Der Farbe meiner Seele.“ 1„Sind 89 „Sind ſo von meines Weſens Schein Umfloſſen die Figuren; Schaff ich Naturen, Engelrein, Zu teußtiſchen Naturen; Der Unſchuld weißes Feſtgewand, Wird, faßt es meine feuchte Hand, So brandgelb, wie mein Inn'res.“ Sie ſprach's, zog Wahrmund aus dem Saal In eine Hoͤhle nieder, Und:„Hier bereitet man mein Mahl;“ Begann ſie grinſend wieder. „Wirf her den Blik auf dieſen Berg Zernagter Knochen, und den Zwerg, Noch am Zernagten nagend.“ „Es iſt mein lieber Sohn, der Neid, Schief, buklicht, krumm und hager; Einſt war er lang' und fett und breit, Jezt iſt er ſchmal und mager; Die Mißgunſt ſchrumpft' ihn ſo zum Zwerg, Und dieſen hohen Knochenberg Nagt' er ſich hier zuſammen.“ „Sein 9⁰ „Sein Zahn faͤllt uͤber alles her, Was glaͤnzt und Farben ſpielet; Sei's, daß Verdienſt, daß Ohngefaͤhr Sich Farb' und Glanz erzielet. Was in der Welt zu Anſehn hebt, Gunſt, Schoͤnheit, Tugend, Gold! er graͤbt Hinein mit ſeinem Zahne.“ „Dies Ungethuͤm, von Blik ein Luchs, Mit Schlangumwundner Kruͤkke, Von innen und von außen Fuchs, Iſt weine Tochter, Tuͤkke.“ Sie wies mit ihrer Knochenhand Auf ein Geſchoͤpf, das ſeitwaͤrts ſtand, Und ſchwarze Suppe kochte. „Die Suppe, ſuhr die Hexe fort, Entſteht aus ihrem Geifer; 72 Mit ihm beſpruͤzt ſie That und Wort, And reiner Tugend Eifer; Waͤr auch dein Ruf, wie Schnee, ſo rein, Ein Troͤpfchen ihrer Suppe drein, So wird er dlbwass wie Kohlen. „Sieh 9¹ „Sieh ferner noch hier meine Schnur, Schon laͤngſt vermaͤhlt dem Neide; Wie er, Sataniſcher Natur, Ihr Nau iſt Schadenfreude; Wie in des Niles Schilfe ſtill Nach Beute lauſcht das Krokodil, So brutet ſtill ſie Unheil.“ „Ihr Antliz traͤgt der Pavian. An Schwaͤrze gleich den Schiefern, Fletſcht ſie den langen Eberzahn, Und klappert mit den Kiefern, Still in ſich grinſend, haben Neid Und Tuͤk ingwietracht, Zank undStreit Nachbar und Freund verwikkelt.“ „„Dann faͤhrt ſie aus der Hoͤhl hervor, Und pakt mit ihren Krallen Den Blutenden; laͤßt in ſein Ohr Ein Hohngelaͤchter ſchallen; Quaͤlt langſam ihn zum Todesſchweis, Und miſcht damit mir Trank und Speiſz Ein lekres, koͤſtlich Gaſtmal!“ „Mein 92 „Mein Tiſch, durch dieſe drei beſtellt, Verraͤth, wie ich mich naͤhre; Kein guter Nam iſt in der Welt, An dem ich hier nicht zehre; Tagtaͤglich ſend' ich aus die drei, Auch halt' ich ſonſt noch Zechefrei Betſchweſtern, alte Jungfern.“ „Du ſahſt gewiß im deutſchen Reich Manch Zuͤnft'gen Kaffeeſchweſtern, Die ihren Noͤchſten, arm und reich, Und alt und jung, belaͤſtern; Dire ſaͤmmtlich, wo nur immer tollt Ihr Schmaͤhgeruͤcht, ſie ſtehn in Sold VonFrau GertrudenKlatſche. „Sahſt auch auf deinen Reiſen wohl Getadelte Autoren, Die, hohen Eigenduͤnkels voll, Wie, ohne Fehl, gebohren, Ergimmten, daß man ſchief hieß ſchief, Und nicht„vortreſlich, herrlich ee rief, Wenn ſie nichts treflich's machten.“ „Das 93 „Das ſtleg den Herrn gewaltig nun Zum Duͤnkelvollen Braͤgen; Und ſtatt, wie weiſe Maͤnner thun, Die Fehler abzulegen, Bewarfen ſie mit Staub und Koth Die Tadler; recht! ſie eſſen Brod Vonßrau Gertruden Klatſche.“ „Trafſt auch wohl auf ein Quatuor Von Mitleidswuͤrd'gen Gekken, Die, kek die freche Stirn empor, Selbſt große Todten nekken; Den Kopf, voll Bombaſt und voll Wind, Fuͤr fremde große Thaten blind, Sich ſelber nur belaͤcheln.“ „Beruͤhmter Maͤnner Monument Mit Raͤuberfauſt zerſchellen; Auf ihrer Buͤſten Poſtament Ihr winzig Ichlein ſtellen, Und ſchrein:„unſterblich ſind nur w ir! Auch ſie ſind Zoͤglinge von mir, Von Frau Gertruden Klatſche 28 „Du 94 „Du ſiehſt hieraus, daß weit und breit Gertrudens Pfeile rekken; Daß Schadenfreude, Tuͤk und Neid Beheerſchen Staͤdt' und Flekken. Auch du ſollſt wahrlich nicht entgehn, Dir hab' ich eine Ruth' erſehn,— Denk an Gertrude Klatſche.“ „Lobſt du nicht, was du Gutes ſiehſt, Mit Waͤrme, frei vom Neide? Ehrſt Wahrheit und Vernunft, und ziehſt Sogar zum Kampf fuͤr Beide? Biſt deiner Freunde Freund, erzaͤhlſt Gern gute, edle Thaten, waͤhlſt Sie dir ſogar zum Muſter?“ „Und ehrſt du an den Weibern nicht Mehr Herz und Geiſt, als Bluͤthe Der Schoͤnheit, machſt ſogar zur Pflicht Den Frauen Geiſt und Guͤte?. Biikſt kalt in's bluhendſte Geſicht, Wenn aus ihm keine Seele ſpricht, Und gehſt und zuͤkſt die Achſeln 2 „Be⸗ — — „ 103 Moſer. Zu befehlen genug. Aber mit meinen Befehlen geht es, wie mit man⸗ chen fuͤrſtlichen. Sie werden auf Kaſſation auf Leib und Leben angeſchlagen, und die Leute thun doch, was ſie wollen. Kraft. Ich wuͤßte doch nicht— Moſer. Aber ich weiß.(Giebt ihm ein Paket Rollen.) Ein ſchoͤn Stuͤck Arbeit! Kraft(es anſehend und lachend.) Ah! Herr Veilchenbluͤth. Moſer(aͤrgerlich.) Ich wollt', er hieße Kuhblume, ſtaͤnd' auf einer Wieſe und wuͤrde gefreſſen, ſo waͤr' ich ihn doch los. Ich weiß auch nicht, wo ich meinen Kopf gehabt habe? einen Poeten zum Rol⸗ lenabſchreiber zu machen? Die Leute ſchrei⸗ ben, daß ſie ſich ſelber nicht leſen koͤnnen. Wie ſoll nun erſt ein vernuͤnftiger Menſch— Kraft. 4& Kraft. Bewahre, Herr Moſer! Sie werden doch den Poeten nicht die Vernunft abdiſputiren? Moſer. Vernunft? die hat was ge⸗ ſcheiter's zu thun, als ſich bei Poeten ein⸗ zuquartieren. Kurz und gut, Herr Veil⸗ chenbluͤth iſt ſeines Amtes entlaſſen. Ich kann ihn nicht brauchen. Kraft. Aber was ſoll denn der arme Teufel anfangen? Moſer. Er mag ſich haͤngen. Dann ſetz' ich ihm die Grabſchrift, die ich irgend einmal geleſen habe: „Ihm, deſſen Muſe ſich ſonſt keinen Zoll hoch ſchwang, Gelang es endlich durch den Strang.“ Kraft. Lieber Himmel! Moſer. Sehen Sie nur ſelber. Es iſt nicht nur ſchlecht, es iſt auch lieder⸗ 5 lich 105 lich geſchrieben. Bald ſteht eine Stelle falſch da, bald iſt gar eine ausgelaſſen. Da ſetzen Sie ſich hin und miſten Sie den Stall des Augias. Die Haare werden Ihnen zu Berge ſtehn. Kraft. Ich will ja gern beſſern und ausflikken. Nur diesmal noch Pardon. Er wird's ſchon lernen. Moſer. Poeten lernen nichts. Machen Sie nur, daß Sie fertig werden. Die neue Aktriſe will in dem Hamlet debuͤtiren. Ich erwarte ſie alle Tage⸗ Kraft. Nun dann, friſch an die Ar⸗ beit!(Er ſezt ſich an einen Tiſch, linker Hand⸗ ſchlaͤgt den gedrukten Hamlet auf und ver⸗ gleicht ihn mit den ausgeſchriebenen Roll Prinz Hamlet mag den Ball eroͤfnen. Moſer(ſezt ſich an ſeinen Tiſch und kramt unter Rechnungen.) Der Angſt⸗ ſchweiß bricht mir aus. Schulden uͤber Schul⸗ 106 4 Schulden und keine Einnahme! Uieſt) Dem Kaufmanne fuͤr Leinwand, Tuch und ſeidne Zeuge, fuͤnf und ſiedenzig Thaler; fuͤr die Garderobe zu den Raͤubern hundert und funfzig Thaler; fuͤr Helme, Federnbuͤ ſche und Flittern, funfzig Thaler; fuͤr neue De⸗ corationen und Reparaturen auf dem Thea⸗ ter, ſechszig Thaler; an den Juden Aaron fuͤr falſchen Schmuk, vierzig Thaler; auf⸗ genommen baares Geld, tauſend Thaler: Summa Summarum ein tauſend drei hun⸗ dert fuͤnf und ſiebenzig Thaler! Es iſt entſez⸗ lich, ein tauſend drei hundert fuͤnf und ſiebenzig Thaler! Kraft(der eine Stelle einflikt und fuͤr ſich laut wiederhohlt.)„„Himmel und Erde! warum muß mir mein Gedaͤchtniß ſo treu ſeyn? Moſer. Meine Schuld! Warum ſezr ich mir die Grille in den Kopf, fuͤr die Kunſt zu arbeiten. Warum geb ich nichts, als feine, witzige, verſtaͤndige Stuͤkke? Warum 107 Warum fing ich nicht fruͤher an zu raͤubern? Ließ Mord und Tod trageriren? Warum gab ich keine Baͤrenhetzen, keine Kampf⸗ und Turnierſpektakel? Aber von nun an ſoll den guten Geſchmak auch der— Gott ſei bei uns! holen. Nicht ein einziges feines Schau⸗ ſpiel ſoll mir wieder auf's Theater; nichts, wie Sturm⸗ und Drangſtuͤkke, will ich geben. Kraft(wie oben.)„Ich will ſie alle von der Tafel meines Gedaͤchtniſſes weg⸗ wiſchen, alle die alltaͤglichen, laͤppiſchen Erinnerungen.“ Moſer. Aber, wie das anfangen? Meine erſte tragiſche Heldin iſt aus der Mode gekommen. Sie iſt gut, ſie ſpielt richtig. Aber die Leute wollen ein neues Geſicht. Sie haben ſich an dem alten die Haͤnde muͤde geklasſcht. Ein neues, neues! ſchreien ſie. Und die neue Aktriſe koͤmmt nicht, ich warte mir die Seel' aus dem Leibe. Wenn ſie nicht bald koͤmmt, muß 106 muß ich das Komoͤdienhaus zuſchließen, durchgehen und meinen unterthaͤnigen Ab⸗ ſchied nehmen. Kraft(wie oben.)„Mein Leben aus⸗ genommen, koͤnnt ihr mir in der Welt nichto nehmen, deſſen ich ſo leicht eutbehlen koͤnnte“ Moſer. Durchgehen! Ja, das iſt kein anderer Rath. Aber mein ehrlicher Name! Pfuy! Nein, ich bleibe. Die Leute hier haben mir ſo ehrlich geborgt. Wenn ſie mich aber nun bei dem Kopf neh⸗ men, mich ſeſtſetzen? Wie dann? Was ſoll ich thun? bleiben oder durchgehn? Kraft(wie oben.)„Seyn oder nicht ſeyn? Das iſt die Frage.“ Moſer. Ich will bleiben. Ehrlich waͤhrt am laͤngſten, und unverhoft kommt oft. Vielleicht iſt ſie ſchon unterwegs, viel⸗ leicht iſt ſie da, ehy ich's denke. Dann iſt alles 5 109 alles gut. Und, wenn nicht? ſo bleib' ich, wie ein rechtſchafner Kerl bei meinen Schuld⸗ nern, verkaufe was ich habe, und— ſchieße mir eine Kugel vor den Kopf: Dann kann Ain Menſch ſagen, daß ich durchgegangen bin. Aber verteufelte Kopfſchmerzen wird mir die Operation machen. Poſſen! Ein tragiſcher Held, wie ich, trinkt den Becher des Todes, wie ein Glas kalt Waſſer. Was iſt's auch? ein Schuß? und damit holla! Kraft(wie oben.)„Sterben, ſchla⸗ fen! weiter nichts.“ Moſer. Aber, wenn mir's am Muthe gebricht? Eine Kugel iſt keine Prieſe Schnupftabak. Wenn mir nun die Piſtole aus der Hand faͤllt, wenn ſie mir verſagt, was dann? Kraft(wie oben.)„In ein Nonnen⸗ kloſter, in ein Nonnenkloſter, und das bald!““. Mo⸗ 110 Moſer. Oder die Aktriſe koͤmmt, ſpielt, und gefaͤllt nicht; kein Menſch will ſie ſehen und mein Theater bleibt leer, wie vor? die Schuldner kommen mir uͤber den Hals, die Akteurs wollen bezahlt ſeyn, und ich habe kein Geld? Gerichtsdiener machen mir Viſite, ich disputire, und es hilft nicht; einer von ihnen faßt mich bei dem Schopf, ich werde deſperat, vergreife mich an ihm? Er veeſteht's unrecht und ſchlaͤgt mich vor die Stirn, daß ich das Aufſtehn vergeſſe? Wie dann? Was fuͤr ein Getraͤtſch wird das in der Stadt geben, und die Leute, was werden ſie ſagen? Kraft(wie oben.)„Das war brutal von ihm, ein ſolches Kapitalkalb umzus bringen.“ Moſer. Ich bin verlohren, ich mag denken und ſinnen, wie ich will. Ualb tra⸗ giſch)„Die Zeit meines Welkens iſt nah, nah der Sturm, der meine Bluͤthen her⸗ ab K 111 abſtoͤrt. Bald wird der Wanderer kom⸗ men, der mich ſah in meiner Schoͤnheit, ſah in meiner Direktorherrlichkeit! Nings wird ſein Aug' auf dem Theater mich ſuchen, ſuchen in der Garderobe, ſuchen auf dem Boden, ſuchen an der Kaſſe, und nicht mehr finden.“(umherlaufend) Ach! wo find' ich Huͤlſe, wer wird mich retten? (bleibt mit klaͤglicher Miene vor dem Souf⸗ fleur ſtehen.) Kraft(ſeht ihn an und faͤhrt dann fort, wie oben)„O ſieh mich nicht ſo an, oder dieſer traurige Anblik verwandelt meinen froͤmmern Vorſaz in Wuth!’c Cer holt eine Seinmel aus der Taſche und ißt.) Moſer(geht zu des Souffleurs Tiſch⸗ und zaͤhlt die Rollen des Hamleis nach) Koͤnig, Koͤnigin, Geiſt, Guſtav, Guͤl⸗ denſtern, Ophelia, Laertes.— Da fehlt ja eine Rolle. Wo iſt Oldenholm? Kraft. 112 Kraft.(den Mund voll und ſchneibend) „Beim Eſſen.“ (Es wird gepocht.) Moſer. Wer pocht? Kraft.(wie oben.)„Schikt hin und laßt fragen.“. Dritter Aufftritk. Vorige. Ein Landfraͤulein. Landfraͤulein(im leichtem Relſe⸗ kleide, langer ſchwarzer Saloppe, das Kapuͤ⸗ ſchon uͤber den Kopf gezogen; das Geſicht iſt halb vermummt. unter der Salsppe hat ſie ein Päktchen mit Waͤſche. Sie tritt aͤngkllich und ſchuͤchtern herein; laͤuft gerade auf Mo⸗ ſern los und nimmt ihn bei der Hand.) Alch! nehmen Sie es mir doch ja nicht uͤbel, wenn ich etwa nicht recht bin.(ſie ſieht ſich um, wird den Souffleur gewahr, wirft einen fragenden Blik auf ihn, auf das Kabi⸗ net, ———— 113 nett, linker Hand, deutend, den Kraft mit Nikken beantwortet. Dann wendet ſie ſich wieder an Moſer, und faltet die Haͤnde vor die Bruſt.) Ach! Sie ſind doch auch Herr Moſer 2 Moſer(ſte verwundernd anblikkend) Der bin ich, mein Herr oder Madam, ich kann noch nicht recht darhinter kommen. Landfraͤulein.(wit einem Knix die Kappe zuruͤkwerfend) Fraͤulein Flinker. Aber Sie ſind's doch auch gewiß? Ich fiel' auf der Stell' in Ohnmacht, wenn Sie mir etwa ein Näschen drehten.(Sie ſtellt ſich vor ihn hin, faßt ihn an das Kinn und ſieht ihm gerad' in's Geſicht.) Nicht geblinzelt, machen Sie mir nichts weiß? ſind Sie Herr Moſer? Moſer(laͤchelnd) Mit Leib und Seele. Landfraͤulein. Gewiß? Nun das iſt ſcharmant, Cin die Haͤnde klatſchend) 8 recht 114 recht ſcharmant!(Sie bindet die Saloppe ab und legt ſie mit dem Paͤkchen auf einen Stuhl, praͤſentirt ſich Moſern und ſagt: Wie ge⸗ fall' ich Ihnen? Moſer. Unvergleichlich, mein Fraͤulein⸗ Landfraͤulein.(laͤchelnd) Wahr⸗ haftig? bin ich gut gewachſen?(ihm naͤher tretend) Was ſagen Sie zu dieſen Augen? Gieht den Mund juͤngferlich zuſammen) Was zu dieſem Munde? kann ich ihn nicht recht niedlich ſpitzen?(ihm die Zaͤhne zeigend) Was denken Sie von meinen Zaͤhnen, ha⸗ ben Sie ſchon weiſſere geſehen? Und mei⸗ nen Arm, beweg ich ihn nicht recht gut? und die Hand,(ſie ihm dicht vor's Geſicht haltend) kann ich mich wohl damit ſehen laſſen? Moſer(die Hand kuͤſſend) Man koͤnn⸗ te ſie nicht niedlicher beſtellen. Land⸗ 115 1 Landfraͤulein(verſchaͤmt läͤchelnd.) Ei, Sie muͤſſen ſie mir nicht ſo druͤkken. Sie machen, daß ich ſo roth werde, wie eine Moosroſe. Ach! mir iſt ſo wunder⸗ lich. Es koͤmmt mir ordentlich etwas Naſ⸗ ſes in die Augen. Giebt Moſern ein Schnupf⸗ tuch) O wiſchen Sie mich doch ab. Ich will kein ehrliches Maͤdchen ſeyn, wenn das nicht Thraͤnen ſind, was mir da die Bakken herunter laͤuft. Ach! lachen Sie mich doch ja nicht aus, ich bin ganz entſetzlich em⸗ pfindſam. Moſer. Eine liebenswuͤrdige Eigen⸗ ſchaft fuͤr ein ſo reizendes Fraͤulein. Landfraͤulein(etmas einfaͤltig.) Ja? es iſt doch auch wohl wahr? Sie haben mich doch nicht zum Beſten? Sie glauben gar nicht, was fuͤr einen weichen Narren von einem Herzen ich habe. Es iſt ſo zart, wie ein Eyhaͤutchen. Wenn ich den Mond ſehe, ſtehn mir gleich die Augen voll Waſ⸗ ſer z * 116 ſer; und, wenn ich die Nachtigall ſingen hoͤre, ach! da iſt mein Herz hin, glatt hin; und ich kann's eine ganze Welle nicht wieder finden.(ſie macht mit Karrikatur ein tragiſches Geſicht) Da, ſehen Sie mich einmal an. Seh' ich nicht recht klaͤglich aus? Daſſelbe Geſicht mach' ich, wenn ich die Nachtigall ſingen hoͤre. Kraft(ſieht ſie an und flikt eine neue Stelle aus dem Hamlet in die vor ihm lie⸗. gende Rolle.)„Gott hat euch ein Geſicht gegeben und ihr macht euch ein anderes und verhunzt es.“ Landfraͤulein(zu Moſer) Ha, ha, ha! wie Sie mich angaffen. Ich will wetten, Sie denken, bei der iſt's im Oberſtuͤb⸗ chen nicht richtig. Da haben Sie doch Un⸗ recht. Toll naͤrriſch bin ich wahrhaftig— nicht, aber, was man ſo Pudel naͤrriſch nennt. Oft muß ich ſelber uͤber mich lachen, und ich lache fuͤr mein Leben gern. Da krieg * 117 krieg' ich denn manchen Ausputzer zu Hauſe. Sehen Sie, mein Papa heißt Herr von Flinker, und meine Mama iſt ſeine Frau; und die haben ein Landgut, zwei Meilen von hier; auf dem Gute wohnen wir. Da iſt aber noch eine alte Marquiſe im Hauſe, eine Emigrantin aus der Picardie, die ſtellt meine Gouvernante vor, und ich lerne fran⸗ zoͤſiſch von ihr. Ha, ha, ha! Die ſoll⸗ ten Sie ſehen, eine Figur zum todtlachen! Sie mag wohl an die funfzig Jahre zaͤhlen, und kann den Kopf nicht mehr recht gerade halten, er geht immer hin und her. So! (ſie wakkelt mit dem Kopfe. Wenn ich nun ſo recht luſtig bin und uͤber Tiſch' und Stuͤhle ſpringe: da rekt ſie ſich in die Bruſt und wirft die Lippen auf und ſpricht durch die Naſe und ſchnarrt:(Sie parodirt die Marquiſe) Sir mon honeur, Made- moiſelle de Flinker, vous aves perdu T'esprit. Vous n'etes gargon, Vous etes fille. Doucement, Doucement! Aber 118 Aber ich lache ſie brav aus, und huſch! geht's wieder an's Springen, hop! hop! daß es eine Art hat. Moſer. Ha, ha, ha! Landfraͤulein. Und dann koͤmmt ein junger Herr zu uns hinaus, ein Kadet aus der Garniſon hier. Ein großer Held mag er aber nicht ſeyn, denn er iſt noch ganz glatt um's Kinn und Pulver riecht er nur bei’m Exercieren; aber verliebt iſt er zum Sterben. Nun rathen Sie einmal in wen? Moſer(mit Laune.) Gewiß in die alte Marquiſe? Landfraͤulein. Ha, ha, ha! Was Sie poſſirlich ſind!(mit beiden Häͤnden auf ſich deutend.) In mich! Sie ſollten nur einmal hoͤren, was er mir alles Schoͤnes vorſagt, und wie er vom Hauen, Stechen und Erſchießen ſpricht, wenn ich ihn nicht erhoͤre. ————᷑—᷑˖˖‧:ʒ—ʒ—ꝛ—ꝛꝛ—:˖—ꝛ·;·’—᷑—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ-Z-U˖Z˖/ 119 erhoͤre. Wahrhaftig, einmal hatt er den Degen ſchon ganz aus der Scheide heraus, und ſtellte die Spitze auf die Bruſt, als wenn er loßſtoßen wollte. Aber mir macht er nichts weiß.„Man zu!“ rief ich. Da ließ er's huͤbſch bleiben und ich ſtellte die Haͤnd in die Seite,(thut's!) ſo! und lacht ihn aus. Ha, ha, ha! Moſer. Ich dank Ihnen, mein Fraͤulein, daß Sie mich ſo genau mit Ihrer allerliebſten Perſoͤnlichkeit bekannt machen. Aber duͤrft ich Sie wohl um die eigentliche Abſicht Ihres Beſuchs bitten? Landfraͤulein(cſchuell einfallend.) Die will ich Ihnen gleich ſagen.(Vertrau⸗ lich und naiv.) Sie ſollen mich heyrathen. Ich will Madame Moſer werden und die Julie ſpielen. Aber Sie muͤſſen mein Romeo ſeyn; das ſag ich Ihnen. O hoͤ⸗ ren Sie, ich kann ganz ſcharmant agiren, und ich mach's viel huͤbſcher, als Ihre Mam⸗ .³ 120 Mamſell, die vor ein paar Wochen die Rolle ſpielte. Ich bin auch viel huͤbſcher. Hoͤren Sie, Sie ſollen Ihre Freude haben, wenn Sie mich im Sarge liegen ſehen. Je mehr Sie lamentiren, ſchluchzen und die Haͤnde ringen, deſto ſeſter will ich die Au⸗ gen zudruͤkken und den Athem anhalten. Die Leute ſollen Stein und Bein drauf ſchwoͤren, daß ich natuͤrlich todt bin. Das Sterben auf dem Theater, das iſt ſo recht meine Sache. Da kann man recht ſein Spiel anbringen, blaß werden, ſich rekken und dehnen, die Augen verkehren, und Zukkungen kriegen, daß es eine Art hat; und es iſt gar nicht ſchwer. Kraft(der wieder eine Stelle einflikt.) „Es iſt eine ſo leichte Sache, als Luͤgen.“ Landfraͤulein. Alſo Sie muͤſſen mich heyrathen. Sie gefallen mir un⸗ menſchlich. Sie koͤnnen ſo zaͤrtlich thun, und haben ſo was Ruͤhrendes in der Sprache, das 121 das einem das Herz im Leibe umkehrt. Sehen Sie, vor vier Wochen war ich mit meiner Mama bei Ihnen in der Komoͤdie, und da hab' ich Sie, als Romeo, geſehn, und mir's gleich vorgenommen, Sie zu heyrathen. Davon weiß aber die Mama nichts, ich ließ mich nichts merken. Blos unſrer Kleinmagd, der Ilſe, ſtekt' ichs, und verſprach ihr, ich wollte ſie mit mir nehmen. Da ſollte ſie denn alle Tage zu⸗ ſehn, wenn ich agirte. Zu Hauſe ſtellt' ich mich ganz unſchuldig, und war ganz ſtill und artig. Aber hernach trieb' ich's ſo lange, bis die Mama erlaubte, daß ich wieder in die Stadt fuhr. Geſtern Abend bin ich nun mit der alten Marquiſe in der goldnen Gans hier angekommen, und mit der guten Iiſe. Heute Morgen aber bin ich fixr aus dem Bette geſprungen. Die alte Madam mit dem Wakkelkopfe ſchlaͤft noch. Aber Ilſe wird gleich nachkommen. Nun heyrathen Sie mich geſchwind, damit nichts 122 nichts darzwiſchen koͤmmt. Wenn ich ein⸗ mal Ihre Frau bin, ſo moͤgen Papa, Mama und die alte Marquiſe ſagen, was ſie wollen. Na, kommen Sie, wir wollen uns gleich trauen laſſen. Moſer. Mein Fraͤulein, Sie erzeigen mir viel Ehre. Aber, wenn Sie nicht mit Ihrem unterthaͤnigen Diener Ihren gnaͤdigen Spas treiben, ſo iſt das wohl ein ſehr naiver, aber auch ein ſehr unvorſichti⸗ ger Streich, den Sie Ihrer Familie ſpielen; und ſchwerlich moͤcht er uns beiden wohl bekommen. Erlauben Sie mir alſo, Sie wieder zu Ihrer Gouvernante zuruͤk zu fuͤhren. Landfraͤulein. Daraus wird nichts, Herr Moſer. Meine Aeltern ſchluͤgen mich todt und die alte Marquiſe krazte mir die Augen aus dem Kopfe.(weint.) Sie muͤſſen mich abſolut heyrathen. Sie den⸗ ken wohl, ich rauge nicht zur Aktriſe. O, . 4 ich 123 ich kann auswendig lernen, wie der Blitz. Das ſollen Sie gleich ſehen. Warten Sie nur.(Sie geht an Moſers Tiſch, und ſucht ſich eine Rolle aus.) Ha! der taube Apo⸗ theker. Da iſt ein Kabinet; ich gehe hin⸗ ein, und in einer halben Stunde weiß ich die Rolle, Wort fuͤr Wort, auswendig. Geben Sie man Acht(blaͤttert in der Rolle, indem ſie in's Kabinett geht)„He! was ſagen Sie? haben Sie die Zeitung geleſen?“* (Ehe ſie in's Kabinet geht, wirft ſie noch einen Blik auf den Souffleur, den dieſer mit einem Kopfnikken beantwortet.) Vierter Auftritt. Moſer. Kraft. Moſer. Ha, ha, ha! Der Auf⸗ tritt iſt nicht mit Geld zu bezahlen. Ein recht allerliebſtes Geſchoͤpf! Aber, der Hen⸗ ker! ich muß ſie mir vom Halſe ſchaffen. Der 124 Der Spas koͤnnte mir ſonſt von der hoch⸗ adelichen Familie ſchlimm verſalzen werden. Was zu thun? Heyrathen kann ich ſie doch wahrhaftig nicht. Ich muß ſie ſortſchikken. Rathen Sie mir doch— Kraft. Wie waͤr's, wenn ich hin⸗ ginge und ſtekt' es der alten Marquiſe. Die kaͤme dann her und holte ſie ab, da muͤßte ſie wohl fort. Moſer. Bravo! das geht. Aber das liebe Geſchoͤpf muß mir nicht etwa mißhan⸗ delt werden. Kraft. Das will ich ſchon abwenden. Der Wirth in der goldnen Gans iſt mein Vetter. Ich zieh' eine Kellnerjakke an und bringe der Alten den Kaffee. Fragt ſie nun nach dem Fraͤulein, ſo ſag' ich:„iſt ſchon ausgegangen.“— Aus? wohin?„Ver⸗ muthlich in die Komoͤdienprobe. Sie er⸗ kundigte ſich, wo Herr Moſer wohne?“ Die Fran⸗ 125 Franzoͤſin findet das ſehr wahrſcheinlich, macht ſich auf die Beine und koͤmmt her. Sie beſtaͤtigen meine Ausſage, und leſen ihr zugleich die Leviten, daß ſie auf ihre Eleve nicht beſſer acht giebt. Das macht ſie kleinlaut. Sie uͤberliefern ihr das Fraͤu⸗ lein, das ſich wohl huͤten wird, die eigent⸗ liche Wahrheit zu ſagen, und das Wetter zieht gnaͤdig(mit bedeutendem Akzent) vor dem lieben Geſchoͤpfe voruͤber. Sorgen Sie nur(die Hand auf's Herz) daß ſonſt kein Unheil paſſirt.(ab) Fuͤnfter Auftritt. Moſer. (verfolgt den abgehenden Kraft mit einem lan⸗ gen aͤngſtlichen Blikke. Als er ſort iſt, faͤhrt er ploͤzlich mit der Hand nach dem Herzen.) „Daß nur ſonſt kein Unheil paſſirt!“ Verhuͤt es der Himmel! Da waͤr ich vol⸗ lends 126 lends der Direkteur 7 tauſend Aengſten. Und doch— Umſonſt muzte mir Kraft das liebe Geſchoͤpf nicht auf. Ganz ge⸗ wiß ſtekte in meinem Tone—— Der Henker hohl ihn, dieſen verdammten Ton! Denn ſtekt ein Maͤdchen erſt in unſerm Tone, ſo hat ſie das Unheil gewiß auch, wo es noch ein bischen gefaͤhrlicher iſt. (Man hoͤrt des Fraͤuleins Stimme im Kabinete.) Still! das liebe Geſchoͤpf ſpricht.(Er tritt der Thuͤr des Kabinetes etwas naͤher und horcht.) Ha, ha, ha! So wahr ich lebe, ſie lernt den Agapite*) auswendig.(horcht wie⸗ der) bravo, allerliebſt! Das liebe Geſchoͤpf hat Talente. Was fuͤr ein reizendes Organ! Und das liebliche Figuͤrchen, das allerliebſte Geſichtchen, die großen, ſprechenden Augen dazu: recht haͤßlich, daß es von Familie iſt! Das waͤr ein Fund! Mamſell Brenner koͤnnte *) Der Apotheker in Goldoni's finta ama- lata. 127 koͤnnte bleiben wo ſie iſt, und ich— (mit beiden Haͤnden ſein Herz haltend) Still da, du verwegnes Ding, und du,(mit der einen Hand nach der Stirn fahrend) Frau Hofmeiſterln im Hauſe, Vernunft, thu du deinen Mund auf, bewahre mich vor einem dummen und vor einem ſchlechten Streiche dazu!(es wird gepocht) Dem Himmel ſei Dank, daß Jemand koͤmmt— herein! Sechſter Auftritt. Moſer. Ein Bauermaͤdchen. Baͤurin(mit vielen bäuriſchen Kuixen.) Ach nehm' er's doch nicht uͤbel, Herr, wenn er etwa nicht der rechte iſt. Moſer(nur leicht auf ſie hinblikkend, indem er wieder zu ſeinem Arbeitstiſche geht⸗) Zu wem will ſie denn? Baͤurin. 198 Baͤurin. Je nun, ich denke, zu ihm, wenn er's man iſt. Moſer(lachend.) Ja, wir muͤſſen einmal zuſehen. Wer ſoll ich denn eigent⸗ lich ſeyn? Baͤurin. Ih! nu, wenn er ſo gut ſeyn wollte, meiner Froͤhlen ihr Braͤutigam. Moſer(Laſch von ſeinem Arbeitstiſche weg, fuͤr ſich.) Die Ilſe, ſo wahr ich Mo⸗ ſer heiße.(Sieht ſie an, und bleibt ganz verduzt ſtehen.) Baͤurin(ſchlaͤgt die Augen nieder.) Herr Je! wie er mich anſieht! Wenn er das nicht ſeyn laͤßt, ſo geh' ich gleich weg. Moſer(noch immer ſie auſehend, und mit wachſender Verlegenheit.) Fraͤulein— Ilſe— Baͤurin. Ilſe? Ja, die bin ich. O nun iſt er's auch. Er weiß ja alles. Gewiß 129 Gewiß hat er's Froͤhlen ſchon geheyrathet. Das iſt mal allerliebſt. Und ich muß ihm man ſagen, daß er mir ordentlich gefaͤllt. Moſer(fuͤr ſich) Die Stimme iſt's nicht. Zwar hat ſie Aehnlichkeit, aber das liebliche, das Sonore fehlt. Baͤurin. Nu, was brummt er denn ſo in den Bart? Er iſt doch ein kurioſer Menſch. Erſt gukt er einen an, daß man die Augen zukneipen muß, und denn macht er wieder mumm! mumm! daß man kein Wort verſtehr. Moſer(nuoch immer mit ſich ſelbſt uneins.) Fraͤulein— Baͤurin(laut auf lachend.)) Nu merk ichs. Er denkt wahrhaftig, ich bin's Froͤh⸗ len. Sieht er, das iſt mir ſchon oͤfters ge⸗ paſſirt. Der gnaͤdige Herr draußen, der Froͤhlen ihr Papa ſelber, nimmt mich manchmal bei'm Kopf und kuͤßt mich. Hi, 9 hi, 130 hi, hi! Er meint denn, ich bin's Froͤhlen. Ich laß ihn denn auch dabei. Aber, wenn er ſich nun recht ſatt gekuͤßt hat, ruf' ich auf einmal:„ich bin man die Ilſe“ und lach' ihn aus. Moſer. Sie iſt alſo? Baͤurin. Die Ilſe vom Schloſſe. Meine Mutter iſt auch vom Schloße. Wie der gnaͤdige Herr noch nicht geheyra⸗ thet hatte, war ſie Haushaͤlterin bei ihm. Hernach kam ſie weg und des Herrn Leib⸗ jaͤger nahm ſie zur Frau. Moſer. Cfuͤr ſich) Ha! nun begreif ich.(zu Ilſen) Deine Mutter war wohl huͤbſch?— Baͤurin. 3u2 dienen, die Leute ſagen es. VBeſonders der gnaͤdige Herr, der kann ſie nicht genug ruͤhmen. Aber das iſt nun vorbei. Es ſind ſchon zehn Jahr, daß ſie in's Grab gebiſſen hat. Seitdem bin ich 12 131 ich auf dem Schloße, und wie das Kind vom Hauſe. Moſer.(lachend) Das iſt billig. Baͤurin. Das Froͤhlen hat mich lieb, wie ihre Schweſter.— 1 Moſer.(fuͤr ſich) Stimme der Natur. Baͤurin. Ich bin nur ein Jahr aͤlter und der gnaͤdige Herr wollte haben, ich ſollte alles lernen, was das Froͤhlen lernte. Aber die gnaͤdige Frau ſogte: nein! Da bin ich denn man ein dummes Ding ge⸗ worden, und die alte haͤßliche Franzoͤſin nennt mich immer eine O— a. Mein gnaͤdig Froͤhlen ſagt, das hieß auf deutſch eine Gans. Aber das mag die alte Hexe wohl ſelber ſeyn, denn ſie ſchnattert den ganzen Tag, und kein Menſch kanns ver⸗ ſtehen. Moſer. Ha, ha, ha! Bau⸗ — 132 Baͤurin. Ja, er hat wohl recht, daß er ſie auslacht. Das thun wir auch; das ganze Schloß thut's. Aber, da kann ſie recht boͤſe werden und kullert ordentlich vor Bosheit, wie ein Putterhahn, wenn er was rothes ſieht. Nun, uns beiden, dem Froͤhlen und mir, wird ſie nichts mehr vor⸗ kullern. Wenn er man Herr Moſer iſt und mein Froͤhlen zur Madam gemacht hat, ſo mag ſie man herkommen, mit ſammt ihrem Kauderwelſch, und ſich die Seele aus dem Leibe handthieren, wir aͤtſchen ſie aus. Nu, ſag er doch, iſt's ſchon vor⸗ bei? hat ihn der Paſtor ſchon gekuplirt? Moſer. Ja, meine gute Ilſe, das geht nicht ſo geſchwind. Baͤurin. Je, warum denn nicht? wenn er man will. O thu er's doch. Sonſt kommen wir beid' in's Henkers Kuͤche, das Froͤhlen und ich, daß wir davon ge⸗ laufen ſind. Mo⸗ —„,— 133 Moſer. Eben deswegen kann nichts draus werden. Wir werden alle drei ein⸗ geſperrt, wo nicht Sonn' und Mond ſcheint. Baͤurin. Ach! denn wollen wir's lie⸗ ber man nicht thun, Er macht mir ganz bange. Ne, wenn ſie uns einſperren, lau⸗ fen wir lieber wieder nach Haus, ehe die alte Hexe aufwacht. Moſer. Thu ſie das, mein Kind, und nehme ſie das Fraͤnlein mit. Baͤurin. Ach! von Herzen gern. Bring' er ſie man her. Moſer Cauf das Kabinet deutend.) Da drinnen iſt ſie. Geſchwind geh ſie zu ihr. Ich kann ſie doch nicht wegbringen. Und bleibt ſie nur noch eine Viertelſtunde, ſo iſt die Alte da und wir muͤſſen alle drei in's Loch. Baͤurin(weinend.) O Jerum, o Jerum, das waͤr eine ſchoͤne Hochzeit. Froͤh⸗ 154 Froͤhlen, gnaͤdiges Froͤhlen(ſtürzt weinend in's Kabinet. Man hoͤrt ſie noch weinen, wenn ſie ſchon im Kabinet iſt, und das Fraͤu⸗* lein antworten:„Ih, Ilſe, biſt du's*5) Siebenter Auftritt. Moſer. Gebe der Himmel, daß ſie ſie fortbringt, ehe mir noch die Alte uͤber den Hals koͤmmt. Ich kann das franzoͤſiſche Geſchnattre nicht leiden, und die kann gewiß kein Wort 4 deutſch. Ein verwuͤnſchter Vorfall! Ich wollte, ich waͤre ſonſt was, als ein Schau⸗ ſpieler. Dann haͤtt' ich weder ſo reizbare, 6 noch ſo leicht empfaͤngliche Nerven fuͤr Schoͤn⸗ heit und Niedlichkeit, und koͤnnte doch noch 2. eher hoffen. Hoffen? was denn? O weh!. das Maͤdchen hat mir wahrhaftig ſchon den Kopf verruͤkt. Wenn ich es nur ſchon lͤs waͤre. Stellt ſich's noch einmal ſo vor mich —, 135 mich hin, wie vorher, und bittet mich, daß ich es heyrathen ſoll: da weiß ich bei'm Him⸗ mel nicht, wie ich widerſtehen werde. Das allertollſte iſt, in das Bauermaͤdchen bin ich auch halb und halb verliebt. Dieſe erſtaunende Aehnlichkeit! Wahrhaftig ganz ſo niedlich, nur roher, ungebildeter— Selbſt die Stimme klang zuweilen ganz ſo, wie ihre! Aber freilich, die Haushaͤlterin auf dem Schloſſe—(Es wird gepocht.) Der Himmel ſei mir gnaͤdig, gewiß die Franzoſinn. Achter Auftritt. Die Marquiſe. Moſer. Marquiſe(ſchwarz gekleidet, mit kur⸗ zem Salopp und einem Kopfputze aus dem vieux regime des Pariſer Modejournals. Viel Geſtikulation und Kopfbewegung; ſchnar⸗ rende, naſale, ſchnell fortrollende Sprache; ſtar⸗ 136 ſarker Aecent.) Ceſt lui! je l'attrappe au premier moment. Moſer(alb laut.) Richtig, die Alte! (kauter.) Was beliebt? Marquiſe(hochfahrend.) Beliebt? Plus de reſpect! Je merite bien un, qu'ordonnes Vous. Voyes en moi une dame du ſang vraiment royal, la Marquiſe de la Fanfare; Veuve d'un Colonal bien merite vt celébre, che- vallier de Saint Louis et d'une famille tres antique er fameuſe. Moſer(ſieht ſie ſtarr an, als ob er kein Wort verſtaͤnde.) Marquiſe. Vous me ſemblez un peu etonné de la grandeur de mon rang et de mes ancétres. Ah! Mon- ſieur, que ſe ſuis devenue!— Chaſ- ſée de ma patrie par l'infame, demo- cratisme de ces republicains remerai- res, — 137 res, qui blament et perſecutent la nobleſſe a la fureur, derobée de mon epoux par le mandit poignard de Ja- cobins ſanguinaires—,—(ſe zieht ihr Taſchentuch heraus und vereaͤllt in ein tragi⸗ ſches Schluchzen.) Moſer(bei Seite.) O weh! die werd⸗ ich fuͤr's erſte nicht los. Marauiſe(die ihr Taſchentuch langſam vom Geſichte abzieht, eine Trauerſpielmiene macht und dann ooͤllig in franzoͤſiſche Trauer⸗ ſpielaktion uͤbergeht) Ah Monſieur, Vous connoiſſes ſans doute la triſte hiſtoire de la France malheureuſe, declarée republiquaine par la Convention na- tionale, ſans aſſurer, ſi le peuple veut; ſans debattre la grande queſtion, qui doit devider du choix entre la Republique er la monarchie. Cet en- gagement, ſeulement dicté par la peur, par ceux, qui ont les mains encore teintes du ſang d'un roi, maſſacré ſans formes 138 formes iudicaires? que de malheurs il a produit ſur ma pauvre patrie! (Mit einer Art Schauder auffahrend, die Haͤnde zuſammenſchlagend, Geberd' und Ton hoͤchſt tragiſch.) Ah quel drame triſte et af- freux! Que de pafſions toujours ef- frenées, de crimes toujours atroces, auſſi loin de la nature, qu'inouis dans nos moeurs. On ni marche, que parmi des decombres, a travers de flots de fang, ſur de monceaux de morts, et l'on n'arrive a la Ca- taſtrophe que par l'empoifonnement, Paſfaſſinat, l'inceſte, ou le parricide. Moſer(für ſich.) Nun reißt mir die Geduld. Wenigſtens ſoll ſie deutſch re⸗ den, oder ich antwort' ihr nicht ein Wort. (Laut.) Madame, la Marqauiſe, ich muß Sie bitten, ſich in meiner Sprache gegen mich zu erklaͤren, wenn es Ihnen um eine Antwort von mir zu thun iſt. Mar⸗ 138 Marquiſe. Quoi Monſieur, Vous ne parles pas français? Moſer. Doch, ein wenig fur's Haus. Aber in meinem Vaterlande ſpreche ich keine fremde Sprache. Marquiſe(ſooͤttiſch) C'eſt bien allemand. Moſer. Nicht mehr deutſch, als Sie in Ihrem Lande franzoͤſiſch ſind. Wuͤr⸗ den Sie, mir zu Gefallen, in Paris deutſch ſprechen? Marquiſe(mit der Geberde des Ab⸗ ſcheues.) Dieu m'en garde! Moſer. Nun mich ſoll Gott auch bewahren. Marquiſe. Mais Monſieur, c'eſt une grande difference entre Vous et moi. Tout le monde parle francais, perſonne la langue de votre pays, ex- 3 ceptés 140 ceptés les allemands mèmes, Ia lan- gue de votre pays eſt rude, ruſtique et barbare comme le peuple, qui la parle. Elle manque d'harmonie, d'energie, des termes expreſſives— des manieres. Moſer(etwas erhizt ihr einfallend.) O pour cela, on a chez nous des manie- res bien expreſſives, on jette les im- pertinents par la fenétre. Marquiſe. Quoi? ſaves vous comedien— Moſer.(ſe ſchuelt unterbrechend) Ar⸗- rettes Madame la Marquiſe. Wenn Sie ſchimpfen wollen, ſo bitt' ich mir's auf deutſch aus, franzoͤſiſch hoͤr ich kein Wort mehr an. Marquiſe. Gut, mein Err, ik auch weis zu parlier auf deutſch. Moſer. 141 Moſer. Scharmant das! Und damit Sie mehr Reſpekt fuͤr die Deutſchen bekom⸗ men, will ich Sie mit einigen unſerer Ta⸗ lente bekannt machen. Marquiſe. Que dites Vous? de talents bei die Deutſch; das wird ſein ein erbaulik Bekanntſchaft. Ce me fait rire von aller meiner Erz. Moſer. Das ſoll heißen wir Deut⸗ ſchen haben keine Talente. So will ich Sie denn gleich mit einem recht großen be⸗ kannt machen. Wir Deutſchen werden nie boͤſe, wenn eine Naͤrrin lacht und nicht weiß— warum? Marquiſe.(geſpannt) Das ſoll eiſ⸗ ſen mein Err? Moſer. Wird ihrem weitern Nach⸗ denken uͤberlaſſen. Aber mir die Ehre Ihres Beſuches ſo viel, als moͤglich, zu verkuͤrzen, will ich Sie doch mit einem Ta⸗ lente 142 lente bekannt machen, davon Sie ſich auf der Stelle uͤberzeugen ſollen. Marquiſe. It ſeye ſehr begierik darauf. Moſer. Wir ſind Propheten. Marquiſe. Comment? Moſer. Wir ſehen dem Menſchen an der Naſ' an, was er will, ſucht und wuͤnſcht, und leſen friſch aus ſeiner Hand weg, ob er bekommt, was er will, und findet, was er ſucht. Marquiſe. O je n'en doute pas, les allemands ſont les vrais egyptiens. Moſer. Das iſt wider die Abrede. Sie ſollen deutſch ſprechen. Marquiſe. Die Deutſch ſeye die veritablen Ziegeuner. Mo⸗ 143 2— Moſer. Wenn das im Ihrem Lande fuͤr Wiz gilt, ſo iſt der franzoͤſiſche Wiz ſehr platt. Doch das bei Seite. Jezt mein prophetiſches Talent.(er ſtellt die Marquiſe, daß ſie im Proſil ſteht, und ſirirt ſie.) Rich⸗ tig. Sie ſind Gouvernante bei einem jungen Fraͤulein. Das Fraͤulein wohnt zwei Meilen von hier, iſt jung, ſchoͤn, leb⸗ haft, voll Feuer, munter und voll Muth⸗ willen. 3 Marauiſe.(ganz erſtaunt) Est- il poſſible? Moſer. Sie iſt geſtern mit Ihnen nach der Stadt gekommen, heute mein Theater zu beſuchen. Dieſen Morgen iſt ſie Ihnen davon gelaufen und Sie vermu⸗ — then Sie bei mir.— Marquiſe. mit wachſendem Erſtau⸗ nen) je fuis tout interdite. Moſer. 144 Moſer. Das Fraͤnlein iſt nicht allein ſort. Ein niedliches Ding von ei⸗ ner Bauerdirne iſt auch fort. Marquiſe.(die Haͤnde zuſammen⸗ ſchlagend) Ssurement, vous etes un Sorcier. 4 Moſer.(nimmt eine ihrer Hände und ſieht hinein) Sie werden finden, was Sie ſuchen, das Fraͤulein und die Baͤurin. Haben ſie nur die Guͤte, dieſe Thuͤr zu oͤfnen.(deutet auf das bewußte Kabinet) Marquiſe.(ſeht ihn eine Weile, voll des hoͤchſten Erſtaunens an, geht daun, oͤfnet die Thuͤr und ſchreit.) Mon dieu, il a rai- ſon!(Sie ſtuͤrzt hinein. Man hoͤrt das Fraͤulein und Ilſen erſchrokken aufſchrein⸗ und bald eine deutſche, bald eine franzoͤſiſche Redensart fallen.) Neun⸗ — 143 Neunter Auftritt. Moſer. Eine haͤßliche Perſonage, die Alte, und eine Naͤrrin obendrein. Wie ſie ſchnattert, ha⸗ ranguirt und deraiſonnirt! Die wahre Fran⸗ zoͤſin aus dem vieux regime.—(horcht an der Kabinettsthuͤr.) Alles ſtill drinnen. Wahrſcheinlich verſoͤhnt! Recht gut, daß es ſo ablaͤuft. Den lieben Geſchoͤpfen ge⸗ ſchieht nichts, und ich werde ſie los in Frie⸗ den. Los? iſt's mir denn wirklich ſo dar⸗ um zu thun?(ſeufzend.) Muß ja wohl. Verfuͤhrer, Kinderraͤuber? Pfuy!— Weg dann hier(auf das Herz und Kopf deutend,) und da! Ich will wieder an meine Rechnun⸗ gen gehn. Der Angſtſchweiß, der mir bei ihrem Anblick immer ausbricht, wird jedem verliebten Gedanken bald ein Ende machen und die Leibesnahrung und Nothdurft die Liebesnothdurft vertreiben, eh ich mich's verſehe.(ſetzt ſich, unterſucht und lieſt die 10 146 Papiere; eine Pauſe) Hilft nichte! hier huͤpft die eine, und dort die andere, das Fraͤulein und das Kleinmaͤdchen. Beid' umklammern mein Herz, und ich ſehe ſchon, einer muß ich's laſſen, oder mein Kopf geht mir Heidi!— — Zehnter Auftritt. Kraft. Moſer. Krafr. Paſſen Sie auf, der Teufel iſt los.—.* Moſer(ſeufzend.) Weiß ſchon. Kraft. Schon? wie ſo? Moſer. Ich fühls. 1 Kraft(lachend.) Ah! Sie meinen den Liebesteufel. Moſer. Sie einen andern? Kraft. 147 Kraft. Ja wohl, einen weit ſchlim? mern, den Streit⸗ und Zankteufel. Ein Duell iſt unter wegs! Moſer. Duell? Kraft und ein grimmiges. Sie werden erſchoſſen oder erſtochen. Eins ge⸗ ſchieht gewiß, wenn nicht gar beides. Moſer. Schreckensprophet! Kraft. Der Kadet iſt unterwegs. Moſer. Des Fraͤuleins Liebhaber? Kraft. Er ſelbſt. Moſer. Scharmant! Freut mich, ihn kennen zu lernen. Aber, wie Teufel! hat der erfahren? Kraft. Sollen gleich hoͤren. Mit der Gouvernante macht ich's voͤllig ſo, wie wir's verabredet hatten. Sie war nicht wenig erſchrocken, und wie ſie vollends hoͤrte, auch die Ilſe waͤr uͤber alle Berge, fuhr 143 fuhr ſie, wie der Blitz, in Strümpfe, Schuhe, Kleider, Haub' und Saloppe. Ich mußte voran, ſie wips! uͤber das Steinpflaſter hinter mich her, als wenn ſie ein Froſch waͤre, dem ein Storch nachſetzte. So praktiſirt' ich ſte Ihnen richtig in's Haus. Neugierig, wie das Ding weiter ablaufen wuͤrde? patroullirt' ich die Straße hin und her. Auf einmal koͤmmt ein junges Buͤrſch⸗ gen in Uniform daher und will, mir gerade vorbei, in's Haus hinein,'s war der Ka⸗ dett. Das Herrchen hat Wind gekriegt, daß das Fraͤulein in der Stadt iſt, hat in der goldnen Gans Viſite machen wollen und erfahren, daß es auf der Komoͤdienprobe iſt. Den darfſt du nicht paſſiren laſſen, denk' ich, s giebt nur Spektakel; und ſo verrenn' ich ihm den Paß. Henker! wie nahm der junge Haudegen das uͤbel! Ratſch! hat er ſeinen Sarras aus der Scheide und droht, mir und Ihnen Naſ' und Ohren abzuſaͤbeln, wenn ich ihn nicht herein laſſe. Nun 149 Nun war mir davor eben nicht bange. Aber noch groͤßeren Spektakel zu vermeiden, als ich abwehren wollte, ließ ich ihm lieber freyen Paß, und lief nur geſchwind her, Ihnen ſeine Ankunft zu melden. Sehen Sie nur zu, wie Sie mit ihm ſertig wer⸗ den. Moſer(lachend.) Das ſoll nicht viel Muͤhe koſten.(Man hoͤrt das Wetzen eines Degens vor der Thuͤr.) Kraft. Hoͤren Sie? Nun koͤnnen wir nur unſre Ohren wahren. Eilfter Auftritt. Der Kadet(mit bloßem Degen, den Dra⸗ gonerhut tief in die Augen gedruckt.) Vorige. Moſer(kalt und nachlaͤſſig.) Was be⸗ liebt? Kadet. 15 Kadet. Ich will die Komoͤdienprobe mit anſehn. Moſer. Sie ſcherzen. Alle meine Anſchlagzettel verbitten ſich dieſe Ehre. Kadet(trotzig.) Thut nichts. Ich will die Ehre haben. Moſer. Wird nicht geſtattet. Kadet. Mordbatallion! Spricht man ſo mit mir? Sehen Sie, Herr, wer ich bin 2 Moſer. Errath' es wenigſtens. Kadet vom hieſigen Dragonerregiment. Thut aber nichts. Auf meine Proben koͤmmt Niemand, und in meinem Zimmer leid' ich keine bloße Degen. Stecken Sie ein. Kadet. Nicht eher, als bis ich eins von ſeinen Ohren aufgeſpieſt habe. Moſer. Hat gute Wege. Auch bin ich kein Er. Wer mit mir ſprechen will, muß Sie ſagen. 3 Kadet. 151 Kadet. Alle Teufel, Herr!(geht mit dem Degen auf ihn los. Moſer ergreift einen Stock und ſchlaͤgt ihm den Degen aus der Hand.) Mord und Tod!(will nach dem Degen greifen, aber Moſer koͤmmt ihm zuvor und bemaͤchtigt ſich deſſelben) Herr, Sie unterſtehen ſich? Moſer. Blanke Degen ſind kein Spielzeug fuͤr Kinder. Kadet(erboßt.) Kinder? Moſer. Wer noch keinen Bart hat, iſt ein Kind. Kadet. Herr, ich kratze Ihnen die Augen aus. Moſer. Auch ein ungezogenes Kind, wie ich ſehe. Kadet(ſtampft mit den Fuͤßen.) Mei⸗ nen Degen her, und ich will ihm zeigen, Herr Theaterkoͤlig— Moſer. 152 Moſer(ſpoͤttiſc.) Vramarbas en Migniatuͤre. Kadet(druͤckt ſich den Hut noch tiefer ins Geſicht.) Mich ſoll der Teufel holen— wenn— Moſer. Wer weiß, was geſchieht, wenn Sie nicht bald artig ſind. Auf die Probe kommen Sie einmal nicht. Das er⸗ laub' ich keinem, ſelbſt dem artigſten nicht. Am allerwenigſten ſolchen unartigen Gaͤſten, wie Sie, die mit der Thuͤr in's Haus fallen. Kadet. Den Teufel auf Ihre Probe, ich frage den Henker darnach. Moſer. Was denn? Kadet. Das Fraͤulein Flinker iſt hier im Hauſe, zu dem will ich. Moſer. Und was bei dem? Kadet(erhitzt.) Herr, was deht das Sie an? Moſer. ——— —— 155 Moſer. Sehr viel, Herr Kadet. Sie koͤnnten dem Fraͤulein unhoͤflich begegnen, dagegen muß ich es ſchuͤtzen. — 1 Kadet(wie oben. Herr, es koſtet Ihnen das Leben, wenn ich meinen Degen wieder habe. Moſer(lachend.) So muß ich ihn wohl noch ein wenig behalten. Kadet(hoͤchſt boͤfe.) Auslachen?— (ſpringt auf ihn zu und will ihm den Degen aus der Hand reiſſen) Moſer(giebt den Degen an Kraft, faßt den Kadet und druͤkt ihn in einen Stuhl.) Da verſchnaufen Sie ſich. Sie haben ſich ſehr erhitzt. Kadet(druͤckt den Hut noch tiefer in's Geſicht und bedekt es mit beiden Haͤnden.) Verwuͤnſcht! Kraft(aͤngſtlich.) Laſſen Sie es doch gut ſeyn. Der arme Teufel dauert mich. Schicken Schicken Sie ihn zum Fraͤulein, ſo wird er euhig. Moſer. Erſt ſoll er artig werden. (Zum Kadet.) Sie ſchaͤmen ſich, junger Menſch, wie es ſcheint? das iſt ein gutes Zeichen, und ich will vergeben und vergeſſen. Kadet(wie oben.) oh! Moſer(zn Kraft.) Jezt jammert er mich ſelbſt. Kraft(uoch immer aͤngſtlichz) Nun, ſo ſchicken Sie ihn hinein. Kabinet linker Hand.) Moſer(u Kraſt.) (deutet auf das Soll geſchehn. (zum Kadet.) Sie haben mich gezwungen, Herr Kabet, Unhoflichkeit mit Unhöflich⸗ keit zu vergelten. Sie ſind wieder artig. Nun ſollen Sie das Fraͤulein ſehn. Kadet(Maſch aufſpringend.) Das Fräaͤulein? wo? Moſer⸗ 155 Moſer. Hier im Kabinette. Wenn's beliebt? Kadet. Dort?(ſchnell hin, reißt die Thuͤr auf und ſchreit) Ha! mein Fraͤu⸗ lein!(ſtuͤrzt hinein.) Man hoͤrt das Fraͤu⸗ lein rufen:„Der Kadet!“ Die Marquiſe: nc eſt lui!“ und die Ilſe:„Herr Je! Zwoͤlfter Auftritt. Moſfer. Kraft. Kraft(mit erleichtertem Herzen) Gott⸗ lob! Moſer.(lachend) Ihnen war wohl ordentlich bange? Kraft. Wahrhaftig, ich dachte, am Ende koſtets dem armen Teufel noch den Hals. Moſer. Fuͤr ſo toll hielten Sie mich? Da haͤtt' ich Schlaͤge verdient. Amuͤſirt hat 156 hat mich das Naͤrrchen; am Ende ſogar geruͤhrt. Weiß der Teuſel, wie er ſein „verwuͤnſcht“ und ſein„Oh!“ ausſprach, war mies ordentlich, als hoͤrt' ich des Fraͤuleins Stimme. Das iſt mir ſchon einmal ſo gegangen. Auch bei der kleinen Ilſe kam mirs ſo vor. Kraft.(lachend) Ei, ei, was mag das wohl bedeuten? Moſer. Ich fuͤrchte, nichts gutes. Am Ende iſt's, wie Sie prophezeiten.(er deutet auf ſein Herz.) Hier paſſirt Unheil. Kraft. Willl nicht hoffen.(beiſeite) Das waͤr ein praͤchtiger Spaaß. Moſer. Ich wollte, ſie waͤr erſt aus dem Hauſe. Kraft. O das wird nun nicht lange mehr waͤhren. Mo⸗ —— —— 157 Moſer. So muß ich machen, daß ich fort komme. Ich will ſie durchaus nicht mehr ſehn. Kraft(fuͤr ſich.) Bravo! Moſer. Nur begreif ich nicht, daß alles ſo ſtill im Kabinett' iſt. Kein Wort, kein Laut, weder von den beiden niedlichen Dingern vom Lande, noch von der fran⸗ zoͤſiſchen Gans, noch von dem jungen Hau⸗ degen. Kraft. Kurios! ich will doch mal hineingehn. Moſer. Thun Sie das. Schaffen Sie ſie fort. Unterdeß pakk⸗ ich mich auch weg.. Kr aft.(lachend) Wenn Sie koͤnneu. (Geht in das Kabinett.) Drei⸗ 153 Dreizehnter Auftritt. Moſer.(mit etwas aͤngſtlichem Ton.) Er hat Recht, ich werde nicht koͤnnen⸗ Mich geluͤſtets entſezlich, ſie noch einmal zu ſehn, das Fraͤulein und die Ilſe. Am Ende weiß ich nicht, in welche ich eigent⸗ lich verliebt bin? Aber ich denke, ich halte mich an die letzte. Da iſt wenigſtens Hofnung für meine Liebespein. Ein recht alberner Handel! Es iſt doch am beſten, ich weich' ihm ganz aus. Es wird mir freilich was koſten. Die Verfuͤhrung iſt ſo reizend und die Erfuͤllung ſo wahrſcheinlich. Aber(indem er ſich ermannt, in die Bruſt wirft und hoͤchſt pathetiſch und mit theatrali⸗ ſchem Anſtand in folgende Zeilen des Don Karlos ausbricht:) „O Karl, wie groß wird unſre Tugend, Wenn nunſer Herz bei ihrer Uebung bricht.“ (er will ab.) Vier⸗ 459 Vierzehnter Auftritt. Eine Profeſſorfrau, Moſer.. Moſer.(zuruͤktretend) Was iſt das fuͤr eine Karrikatur? Profeſſorfrau.(in Amazonenhabit⸗ rundem Hute mit großem Federbuſche, brauner Peruͤkke und einem Stoͤkgen in der Hand. Sie hat einen ſehr dunklen Teint und ſieht ſehr 4 geniemaͤßig aus. Der Ton ihrer Stimme iſt hohl und affektirt deklamatoriſch, ihre Aktion will alles malen und bezeichnen. So bald ſie eingetreten iſt, zieht ſie eine Lorgnette aus der Taſche, unterſucht erſt das Zimmer, dann Moſers Figur und fragt:) Herr Moſer? Moſer. Zu dienen, und Sie? Profeſſorfra u. Vordem Sabina Kiel, Profeſſorfrau. Moſer. Jetzt? Profeſſorfrau. Luzinde Salbſt. Mo⸗ Moſer. 160 Moſer. Neu verheirathet? Profeſſorfrau. Nein. Moſer. Profeſſorfrau. Moſer. Witwe? Profeſtorfrau. Nein. Moſer. Sondern? Profeſſorfrau. Geſchieden. Moſer. Par depit? Profeſſorfrau. Moſer.(als ob er begriffe) Ah! Profeſſorfrau. Was Ah? Moſer. Nun begreif ich. Profeſſorfrau. Was? Ja. Par genie. Ihren veraͤnderten Namen. Profeſſorfrau. Laſſen Sie hoͤren. Moſer. s iſt ein Ceniename. Pro⸗ Blos den Namen veraͤndert? 161 Profeſſorfrau. Recht! Moſer. Heldin eines heruͤhmten Romans. Profeſſorfrau. Getroffen. Moſer. Ihr Muſter? Profeſſorfrau. Errathen. Moſer.(beſieht ſie von oben bis unten und reibt die Stirn) Werden's erreichen. Profeſſorfrau. Hoffs. Moſer. Ihr Beſuch? Profeſſorfrau. Gilt Ihnen. Moſer. Wie ſo? Profeſſorfrau. Ich bin auf Reiſen. Moſer. Auf gelehrten? Profeſſorfrau. Auf theatraliſchen. Moſer. Ihr Zweck? Profeſſorfrau. Ich ſpuͤre Genie⸗ auf. 12 Moſer. 162 Moſer. Das heißt? Profeſſorfrau. Große Tendenzen des Zeitalters. Moſer, Tendenzen? Profeſſorfrau. Leute, die tendiren, was nie war, nicht iſt und nie ſeyn wird. Moſer. Ich bin keine Tendenz. Profeſſorfr a u. Sollen eine werden. Moſer. Wird der Himmel verhuͤten, Profeſſorfrau. Warum? Moſer. Weils ſonſt mit meiner Kunſt aus waͤre.] Profeſſorfrau. Wie ſo? Moſer. Wenn die Kunſt der Buͤhne icht giebt, was war, iſt und ſeyn wird, liſt ſie Tollheitsprodukt. Profeſſorfrau. Es iſt etwas göͤtt⸗ hes um den Wahnſinn und Wahnſinn die weſie der Poeſie Mo⸗ 163 Moſer. Mir wird bange. Profeſſorfrau. Wovor? Moſer. Vor ihrer Poeſie. Profeſſorfrau. Was nennen Sie bange? Moſern Wenn einem iſt, als wenn's nicht recht geheuer waͤre. Profeſſorfrau. Bravs! Reine Poeſie darf nicht geheuer ſeyn. Sie geben Hofnung, Moſer. Doch nicht zum Tolhauſe? Profeſſorfrau.(als ob ſie's nicht ge⸗ boͤrt haͤtte) Fuͤr die uͤberſinnliche Welt des neuen Genius. Moſer. Synonyma!* Profeſſorfrau. Sie meinen? Moſer. In der iſt es a Sn. geheuer. 8 2* J e 164 Prafe ſorfrau. Ganz recht. Das macht ſie eben ſo erhaben. Nur da iſt hoher, aͤchter Genius, ſei's in der Poeſie, ſei's in der Philoſophie, wo es ſpukt. Moſer. Wie ſpukt der Genius dann im Drama? Profeſſorfrau. Wenn er roman⸗ tiſch dichtet. Moſer. Genoveven, zum Beiſpiel? S„Profeſſorfrau. In meine Arme. 4 un e Seelen verſtehn ſich.(geht auf ihn zu, 1 umarmen.) ₰ doſe r.(der zuruͤcktritt) Den Pafe ſauch. afe, ſferfrau. Anvertraun on ich hie Geheimniſſe meines Genius, des igen! 1 ſe r. Allzu viel Ehre. 1 40 rfrau. Beſcheidner Per⸗ 3 er Pflege uͤbergeb' ich die 165 Nachtwachen meines Genius, gebildet nach Genovevens Muſter, dem erhabenen! Drei Seelvolle Volksmaͤrchen Aſchenbroͤdel, den gehoͤrnten Siegfried, den dreibeinigten Eſel. Moſer. Doch nicht fuͤr die Buͤhne? Profeſſorfrau. Was ſonſt? Kuͤhne und doch liebliche, freche und doch religioͤſe, ſchauerliche und doch luſtige, pathetiſche und doch troigle e Dichtungen. Moſer, tstc) Das Triviale glaub ich,„uh Schxvur.— Profeſ och. daha trete dain f kebloſe und aadtte Kreaturen n dari: d Elemente ſi um in Zeileg wid zin Fins ralien lang. 4 reimen⸗ das di Zuſeh uer nnunneeet werden.. arn die Abwechslung, die poetiſches nte andriner, Stanzen und Sonet un nebliazem Wahn⸗ ſinn ſich in die Phantaſie.; Aſchenbroͤdel 1 ſpricht ihren Wantontel in Stanzen an. die 166 hellige Genoveva konnte ſie gemacht haben; und mein dreibeinigter Eſel reimt Sonette, bas Athenaͤum wuͤrde ſie loben, wenn es ſie kenute. Moſer. Ein Eſel, der Sonette macht, hohe Genialitaͤt! das muß ich bekennen. Profeſſorfrau. Iſt auch nur in ſolchen Dichtungen zu Haus. Es iſt unſaͤglich, was fuͤr ein tiefer Sinn in Maͤrchen der Art liegt! Welche lebendige Dramen ſi ſie geben, welche Freiheit ſie dein Dichter gewaͤhren von allem, was Regel⸗ foderung, die ſchulf chſiſche, von Korrekts heit, Natur, Geſchmak, Energie und Sprachreinheit diktatort. Der Genius uͤberlaͤßt ſich da ganz der edlen Nachlaͤſſig⸗ keit und der Gottaͤhnlichen Faulheit, die alle Anſtrengung ſcheut; ſie konſtruirt und reimt, wie's ihr in den Mund koͤmmt⸗ befoͤrdert den Spinnrokkenglauben, die eigentliche Quelle wahrhafter Poeſte. Des⸗ 197 wegen iſt die neuſte Philoſophie auch die poetiſchſte aller Philoſophien; ihre uͤber⸗ ſinnliche Welt fuͤhrt gern deswegs in die Spinnſtuben. Moſer. Erhabne Tendenzen! Profeſſorfrau.(zieht eine Schreibtafel auz ihrem Buſen) Ich bin Ihnen noch einige Proben ſchuldig.(nimmt einen Stuhl, ſich zu ſezzen) Hoͤren Sie eins von den So⸗ netten meines dreibeinigten Eſels. Moſer.(wiſcht ſich den Angſtſchweiß von der Stirn) Wollen Sie nicht hier eintreten? (eutet auf das Kabinett) Dort iſt eine ganze Geſellſchaft. Die wird es freuen, ſolch ein poetiſches Genie kennen zu lernen. Profeſſorfrau. Geſellſchaft? Vor⸗ treflich! Da kann ich mir gleich mein Pu⸗ blikum werben. Ich lobe ſie und ſie loben mich wieder.(geht) Die neuſte Mode, beruͤhmt zu werden. Geſchwind hinein! (Geht in das Kabinett.) Funf⸗ 163 Funfzehnter Auftritt. Moſer. Dem Himmel ſei Dank, daß ich dieſer Tollheitskandidatin los bin. Faͤhrt die litterariſche Hirnwuth unſrer neumodiſchen Genies ſegar in die Weiber? Dann wehe dem geſunden Menſchenverſtande! Heilige Vernunft, wenn auch bei dieſen natuͤrlichen Geſchoͤpfen die Unnatuͤrlichkeit Mode wird, und, fuͤr Beſcheidenheit, ſchlichten Sinn, und ſeine Zuruͤkhaltung, Unverſchaͤmtheit, Verkruͤpplung und platter Witz die Gefaͤhr⸗ tinnen des ſchoͤnen Geſchlechts werden: wie ſieht es dann um dich aus, ſchoͤnſte Tochter des Himmels, und dein Gefolge, die guten Sitten! Sechzehnter Auftritt. Kraft.(aus dem Kabinette) Moſer. Kraft.(faſt ſtikkend fuͤr Lachen) Ha, ha„ ha T Mo⸗ —— Moſer. Nun?— Kraft. Laſſen Sie mich man erſt auslachen. Ha, ha, ha! Moſer. Was gill's? die Profeſſor⸗ frau— Kraft. Richrig, eben die. Ha, ha, ha! Moſer. Sie iſt toll. —— Kraft. Toll, völlig toll! Ha, ha, 8 ha! Moſer. Wenn nur kein Ungluͤk— 3 Kraft. Hat nichts zu bedeuten. Kein 5 Menſch hoͤrt auf ſie. Sie haranguirt den 1 dreibeinigten Eſel, faͤllt jeden mit einem 1 Sonnet an, aber jeder verſtopft ſich die Ohren. Moſer. Und die andern? Kraft. Treiben ihre Narrheit fuͤr ſich. Das Fraͤulein weiß ſchon den ganzen Aga⸗ 17⁶ Agazito auswendig, und ſpielt ihn en mer⸗ veille. Die Ilſe ſteht vor ihr und lacht, daß ihr die Thraͤnen von den Bakken laufen. Die Franzoͤſin hat ein Exemplar von Korneillens Trauerſpielen gefunden und tragerirt die Kleopatra, und der Kadet will ſich zum Fenſter hinausſtuͤrzen, weil das Fraͤulein ſagt, daß ſie Sie heyrathen wolle. Moſer. Lieber Gott, das iſt ja ein voͤlliges Irrenhaus! Kraft. Beinahe. Gehen Sie ja nicht hinein. Sonſt geht der Spektakel erſt los. Alles ſtuͤrzt auf Sie zu, und am Ende riskiren Sie ſelbſt— Moſer. Toll zu werden? Sehr wahrſcheinlich. So was iſt anſtekkend. Aber um Himmels willen, wie werd' ich die Narren wieder los? Kraft. Sie muͤſſen Sie ſich ganz ſelbſt uͤberlaſſen, ſo werden ſie's am Ende ſatt ſatt und ziehen ab. So bald Sle das merken, machen Sie ſich aus dem Staube. Auf Sie muͤſſen ſie durchaus nicht wieder ſtoſſen. Sonſt geht das Unheil aufs nene an. Moſer. Will mich wohl huͤten, und lieber gleich gehn. Bleiben Sie da und transportiren ſie zum Hauſe hinaus. Kraft. Will mein Heil verſuchen Ces wird gepocht) 3 4 Moſer. Barmherziger Himmel! was giebts nun wieder? Siebzehnter Auftritt. Eine Jüdin. Vorige. Kraft. Ein Schickſelchen. Moſer.(aͤrgerlich) Was will Sie⸗ Habe nichts zu ſchachern. * 172 Juͤdin. Schachern? will ich doch noch nicht ſchachern. Moſer.(wie oben) Nun was denn? Juͤdin. Auweih! Wos der Herr fuͤr a Geſicht macht! Sieht er doch aus, wie der Fiſch, der den jungen Tobias freſſe will. Kraft. Geh, Schikſelchen, der Herr iſt nicht bey guter Laune. Juͤdin. Soll er's doch werde. Iſt er doch aͤ wizziger Kopf, aͤ großer Akteur, à groß Genie; will ich'm doch was erzaͤhle, was'm freue ſoll. Will ich'm doch nur bitte, daß er met mer komme ſoll. Hob zu Haus aͤ Kaſten voll Roritaͤten, große Roritaͤten, ane immer ſchoͤner, as de andre. Moſer.(noch immer aͤrgerlich) Den Teufel auf Ihre Naritaͤten! Ju⸗ —jj——— EE———— 173 Jauͤdin. Wo’s Teufel? kenn den Herrn nicht. Is bei mir alles ſtill und ordentlich. Waiß das der Herr noch nicht? Moſer.(wie oben) Weiß den Henker. Juͤdin. Nun, was waiß der Herr denn? Bin ich doch die Salome, jedes klane Kind kennt ſie. Hob' ich doch eine Tochter, haißt die ſchoͤne Rachel, a propres Madel, ſpielt's Portapee, wie ein Engel, und ſchlagt a Triller, wie a Muͤhlenrad. Kraft. Portepee fuͤr Forte Piano! ha, ha, ha! Moſer.(beſaͤnftigt) Muß wahrhaftig mit lachen. Juͤdin. Und eine Aktriß iſt ſie, das Herz in Laibe ſpringt einem, wenn man ſie agiren ſieht. Hat ſie doch von keinem großen Akteur dekliniren gelernt⸗ Kraft. Delliniren, Schikſelchen? Juͤs 174 Judin. Das iſt all a'ns, derlamtren oder dekliniren, was iſt da vor a Schied unter? Aber vergeß ich doch, was ich eigentlich wollte von dem Herrn; wollt' ihm nur zeigen meine rore Saͤchelche, hab dervon funfzehn Staͤk, viel Dukate wert. Als zum Exempel, das Gehirn von einem Kammerjunker in Spiritus. Is nicht wos rores? Moſer. Spaßmacherin! Juͤdin. Spaaß? Nu jo, den ſallen Sie genug haben, wenn Sie zu mer komme und beſehe. Will ich Ihne zeige eine Feder von einem Doktor medizi„ die in ihrem Leben nicht hat geſchrieben einen Menſchen auf den Kirchhof. Dos is doch wohl was rores? Moſer.(ſieht die Jüdin und dann Kraft verwundernd an) Was Henker ſtellt das vor 2 3 3u⸗ 275 Juͤdin. Hob ich auch noch a klanes Vlaͤttche Papier, wie a Fingerglied lang, da ſteht druf alle geſunde Vernunft, die enthalten iſt in der Theologie. Moſer. Das iſt noch viel. Ich dacht immer, es lieſſe ſich gar kein Papier damit beſchreiben. Juͤdin. Hernach einen Lorbeerkranz von einem Prinzen, den er ſelber erfoch⸗ ten hat, und nicht ſein Genneraladjutagt; a Herz von einer Ehefrau, die immer nur hat geliebt ihren Mann ganz allein; eine große Flaſche voll von dem Menſchenver⸗ ſtande, der mit der allerneuſten Philoſophte in den Mond geflogen iſt. Mo ſer.(ganz erſtauut) Ich erſtarre. Kraft, was denken Sie von dieſem ſonder⸗ baren Geſchoͤpfe? Kraft(mit judiſchem Aecent). Ein witziges, ein ſatyriſches Schickſelchen. 276 Zuͤdin(immer fortfahrend, ohne darauf zu hoͤren, was um ſie geſprochen wird.) Den Mund eines Liebhabers, der ſeiner Gelieb⸗ ten nie eine Unwahrheit vorgeſagt hat, in Gold eingefaßt. Moſer. Er verdient die Ein⸗ faſuung. 5 Juͤdin. Eine trokne Brodrinde von der fetten Tafel eines Verlegers, das Honerar eines beruͤhmten Schriftſtellers; ein Verzeichnis von Kaufmannsſpekulazionen, die keinem andern ſein Geld gekoſtet haben; ein britiſches Journal, in dem keine einzi⸗ ge partheiiſche Rezenſion vorkoͤmmt; ein reines Advokatengewiſſen; eins der rorſten Stuͤkke.— Moſer(lacht). Ich glaub's. Juͤdin. Ein Stammbaum, an dem die Blaͤtter alle koſcher ſind; das Portrait eines Poeten, der ſich nie ſelbſt gelobt hat, die Biographie einer Schauſpielerin, die huͤbſch 177 huͤbſch war, großen Beifall hatte, ge⸗ lobt, beſungen und in Kupfer geſtochen wurde und doch nie eine Kabale erlebte; und endlich die Hand von einem Schacherjuden, die nie einen Dukaten beſchnitten„ nie was von Maaß und Gewicht abgeknipſt hat. Moſer. Bravo! Sie iſt unpartheiiſch, ſie ſchont ihre eigene Nazion nicht. Juͤdin. Was iſt do zu ſchone? Mer erzaͤhlt, wie's is. Na will der Herr meine Roritaͤten ſehn? Moſer. Der Muͤhe werth waͤrs. Aber hoͤr einmal d ſatyriſcher Kopf in der Hebraͤermasgue, mit deinem Iudenthume iſt's nicht richtig. Hinter dir ſtekt was anders. Laß dich einmal naͤher beſehen. Ler nimmt ihre Hand, und ſtuzt.) Was Henker!(haͤlt ihre beiden Haͤnde und ſieht ihr ſcharf in die Augen) So wahr ich lebe⸗ das iſt— 18 Ju⸗ 173 Jädin(in ordentlichem Akzent, ſchnell hinter einander, im Tone der Soubrette) Froͤulein Flinker, Kleinmaͤdchen Ilſe, Marquiſe de la Fanfare, Kadet Haudegen, Profeſſorfrau Luzinde, Juͤdin Salome und Mamſel Brenner, die Aktriſe die Sie ver⸗ ſchrieben haben und ſo frei geweſen iſt, Ihnen einige kleinen Proben ihres Schauſpielerta⸗ lents zu geben. Moſer(mit freudigem Erſtaunen) Waͤrs moͤglich?. Mamſell Brenner. Wirklich. Der Herr hier(auf Kraft deutend) wird's Ihnen bezeugen. Wir kennen uns von andern Theatern. Mit ihm iſt die ganze Ueberra⸗ ſchung verabredet. Mo ſer. Ein foͤrmliches Komplott alſo? Aber ein ſchoͤnes, herrliches Komplott! (küßt ihr beide Haͤnde mit Entzuͤkken) Tauſend Dank dafuͤr! Ich erſtaune uͤber Ihre Ta⸗ zente und bin bezaubert von ihrem reizenden 8 Fi⸗ 279 guͤrchen. Aber bei alle dem begreiſ' ich nicht. Wie Sie in dieß Kabinett kamen, weiß ich, aber wie wieder heraus? Kraft. Sie wiſſen, hinter der Mauer des Kabinettes geht eine Treppe in den Hof, da hab' ich die Wand durchbrechen laſſen und die Oefnung mit einer Tapetenthuͤr bedekt. Moſer. Aber, wie Henker, konnten Sie das, ohne mein Wiſſen? Kraft. Hab' ich Sie nicht vierzehn Tage aufs Land geſchikt, den Brunnen zu trinken, waͤhrend das Theater, der Faſten wegen, verſchloſſen war? Unterdeß— Moſer. Nun begreif ich. Aber die verſchiednen Stimmen im Kabinette, die ſchnellen Umkleidungen? Mamſell Brenner. Die Stimmen executirt' ich ſaͤmmtlich allein; bei den Umkleidungen half mir mein Kammermaͤd⸗ — chen⸗ 180 chen, das durch die Tapetenthuͤr eingelaſſen wurde— Moſer.(lachend) Taſchenſpielerin! Aber wenn ich einmal ſelbſt mit in's Kabi⸗ nett gegangen waͤre? Mamſell Brenner. Davor war mir bange genug. Sie haͤtten dann die Komoͤdiantin ſamt ihrer Garderobe erblikt. Ueberhaupt hatt' ich keine kleine Angſt, daß Sie hinter meine Poſſe kommen wuͤrden, ehe ſie aus waͤre. In meiner Kadetten⸗ rolle war es nahe daran. Sie hatten mich da nicht wenig in der Klemme. Mein Geſicht konnt' ich hier nicht genug verſtellen. Ich half mir alſo mit einer blonden Peruͤkke und druͤkte den Hut tief in's Geſicht. Nun draͤngten Sie mich in den Stuhl, Peruͤkke und Hut verſchoben ſich, und mir wurde weh und uͤbel. Mo⸗ 2821 MNoſer. Ah! deswegen Ihr Oh! und Ihr verwuͤnſcht! das mir natuͤrlich klang, als ſpraͤch's das Fraͤulein. In der Angſt vergaſſen Sie Ihre Rolle. Kraft. Und ich, nicht weniger angſt, bat deswegen ſo beweglich, Sie moͤchten's doch nur gut ſeyn laſſen. Moſer. Scharmante Naſe, die mir die beiden Komoͤdianten da gedreht haben. Mamſell Brenner. Mein Akker und Pflug! Kraft. und etwas proſitiret ein Souffleur doch auch von der Kunſt. Moſer. O ich bin auch gar nicht boͤſe druͤber, vielmehr ich moͤchte die allerliebſte Komoͤdiantin kuͤſſen. Mam⸗ 188 Mamſell Brenner. Dafuͤr bin ich nicht engagirt. Moſer. Aergerlich genug. Das Fraͤulein Flinker wird mir nie wieder aus dem Kopfe kommen. Es war ein ſchar⸗ mantes Maͤdchen, es wollte mich heirathen, und—(ſcchnell ihre Hand ergreifend) ich halt es beim Worte; wir ſind ein Paar. Mamſell Brenner. Ich bin aber das Fraͤulein nicht mehr. Moſer. Thut nichts.“ Ich bin in Mamſell Brenner eben ſo verliebt, wie in das Fraͤulein Flinker. Alſo—(kuͤßt ihre Hand und ſieht ſie zaͤrtlich an.) Mamſell Brenner.(mit einem ſchalkhaften Blik) Koͤmmt Zeit, koͤmmt Rath.— 183 Moſer. Wenn er nur bald koͤmmt. Soll er? Sie ſollen nicht Ja ſagen, aber, wenn die kleine niedliche Hand, die ich da halte, die meine nur ganz ein klein wenig druͤkt, ſoll mir's dafuͤr gelten. Mamſell Brenner(druͤkt ihm die Hand.) Moſer(eerſchlingt ihre beiden Haͤnde mit Kuͤſſen.) Tauſend Dank, allerliebſtes Maͤdchen. Kraft. Gratulire. Mo ſer(einen Arm um Mamſell Brenner ſchlingend.) Nein! ſo bin ich in meinem Leben nicht uͤberraſcht worden. Da ſizz ich, bis uͤber die Ohren in Noth um die neue Aktriſe, jammere in allen Toͤnen des Trauerſpiels, daß ſie nicht koͤmmt, und ſee iſt mir ſo nahe, daß ich ſie mit Haͤnden greifen 184 greifen kann. Ich plage mich mit boͤſen Konto's, denk in meinem Herzeleid an⸗ nichts weniger, als an eine Frau, und ſiehe da, die allerſchoͤnſte, allerweiſſeſte Hand auf der weiten Erde wird mit Gottes Huͤlfe in vier Wochen mein.— Mamſell Brenner(ſchaͤerad.] Unverhoft koͤmmt oft. V. Scherz und Laune in poetiſchen Epiſteln an Freund' und Freundinnen. —— —— Unumſtoͤßliche Wahrheiten an Thießen. Ratzeburg, 1796. — Veon meiner Reiſ hierher Bericht Verlangteſt du zu leſen; Vernimm zuerſt dann: ich bin nicht, Wo ich vorher geweſen. — . Und daß mit Tint und Feder dir Ich's weiß auf Schwarz erzaͤhle 8 Beweiſ't unleugbar, daß es mir An allen drein nicht fehle. Von 188 Von meinen Freuden hier ſollſt du Heut eine nur erfahren; Denn fuͤgt' ich Dir noch eine zu, Gaͤb's zwei zu offenbaren. Nur eine werde dann erzaͤhlt, Die Zeit fehlt, mehr zu ſchreiben; Und wenn die Zeit zum Schreiben fehlt, Muß es auch laſſen bleiben. Auf's Amt alhier, nah bei der Stadt, Bat man uns juͤngſt in Gnaden; Und, Freund, wen man gebeten hat, Der koͤmmt nicht ungeladen. Die Fahrt dahin beſchloſſen ward, Zu Waſſer, ſo zu ſagen; Da nun zu Waſſer gieng die Fahrt, So gieng ſie nicht zu Wagen. Der 189 Der Unſern einer ſtieß den Kahn Hart von des Stromes Rande; Als wir nun fern das Ufer ſah'n, Schwamm fern der Kahn vom Lande⸗ Es ſchlugen Ruder dann den Fluß, Die ſie zuvor uns gaben, Denn, wer da rudern will, der muß Bekanntlich Ruder haben. Auf einmal machte ſich empor Der Wind mit lautem Brauſen;— Da von uns keiner litt' am Ohr, ½ So hoͤrten wir ihn ſauſen. Er tobt' um unſer kleines Schiff, Als wollt' er nie ermatten; 5 1 Und doch er nicht in's Seegel pfiff,— 4 Weil wir kein Seegel hatten. Weit 190 Weit rukt er von uns unſer Ziel, 2 Nichts half uns Kampf und Wille! Das Waſſer ſtieg, das Waſſer fiel, Und war drum auch nicht ſtille. Doch endlich ward, Gott ſei gelobt! Zum Saͤuſeln rings das Brauſen; Denn hat der Sturm erſt ausgetobt, So legt ſich auch ſein Sauſen. Doch nah' am Ufer ſtand der Kahn, Wir ſaßen auf dem Sande; Weil nun gehemmt hier ward die Bahn, Kam man auch nicht zum Lande. Ein flach'res Fahrzeug aber ſtieß, Zur Huͤlf' uns, ab vom Strande; Da dies uns nun nicht ſtekken ließ, So kam's auch bald zum Lande. So 191 So war, troz allem Ungluͤkskram, Die Fahrt gut abgeloffen; Und, da kein Menſch um's Leben kam, War Niemand auch erſoffen. Daraus ergiebt ſich, hell und klar, Die Wahrheit nun, mein Lieber, Haſt du beſtanden die Gefahr, So iſt ſie auch voruͤber. 192 Der Weltregene an 4 die Frau Geheimeraͤthin von Scheel⸗ F Rellingen, 1796. [O— (Was ſich in dieſer Welt faſt gar nicht 2 laͤßt entbehren, Was manch Gewiſſen druͤkt und Manches Schlaf erſchwert, Was zu erlangen, oft, weh dem, der es erfaͤhrt!— Die Großen dieſer Welt, ſo Land, als Leute, ſcheeren, Das unbedeutendſte, und doch von hohem Werth; Was blinder Zufall meiſt Dummkoͤpfen nur beſcheert, Was, von der Huͤtte, bis zum Throne, Allein dem armen Erdenſohne Des Lebens Dauer fortgewaͤhrt, Ihn 193 Ihn kleidet, traͤnket, ſpeiſt und naͤhrt; Wofuͤr ſo manche arme Seele Dem Teufel in den Rachen faͤhrt; Wofuͤr die neue Gabriele, Miß Mara, Dank ſei's ihrer Kehle! Das Londner Publikum durch Kuͤnſtlerlaus nen ſcheert;*) Wodurch ſo mancher Tropf im goldnen Wa⸗ gen faͤhrt, Der, wenn Gerechtigkeit ihr Amt verwal⸗ ten wollte, Nur auf dem Wagen ſtehen ſollte; Wodurch des Richters Wage ſinkt, Wenn uͤber Recht und Unrecht er entſcheidet; Wor⸗ *) Der Dichter uimmt ſich die Freiheit, ſcheeren, vexiren, zum Beſten haben, zum Unterſchiede von ſcheeren, pluͤndern, pfluͤcken in der dritten Perſon ſcheert⸗ ſtatt ſchiert, zu conjugiren. 15 194 Wornach der Prieſter Schaar, ſchwarz oder bunt gekleidet, Mehr, als nach reiner Lehre, ringt; Wofuͤr manch Recipe in's Sterbehemd uns kleidet, Der Autor Buͤndel Federn ſchneidet, Und manches Rieß Papier beklekt; Der Rezenſententroß hier lobt, dort ta⸗ delnd nekt, Armeen ſich zur Schlachtbank fuͤhren laſſen; Worauf mit Lauergier die Erben ſeufzend paſſen, Der Geizhals filzt, der Kaufmann ſpekulirt; Was oft zu Aemtern hilft, Rang giebt, nobilitirt, Durch Wucherer zu Haufen wird geſtohlen; Kurz, was die ganze Welt regiert, Geld, Geld aus Hamburg mir zu hohlen, Verlaß ich morgen Wald und Flur, Die ſchoͤne laͤnbliche Natur; Scheid' ich aus deiner lieben Mitte, Von deines Blikkes Freundlichkeit„ Der ͤ 195 Der reinen unverfaͤlſchten Sitte, Der alten ſel'gen goldnen Zeit; Von Gaſtfreundſchaft und Einfachheit, Von deines Hauſes ſtillem Frieden, Von deiner Toͤchter Lieblichkeit, Von jedem Gluͤck mir ſonſt beſchieden! Zum Raͤuber an mir ſelbſt werd' ich Fuͤr kahles Geld— bedau're mich. Nicht, als wollt' ich ein Gut verachten, Das zu beſizzen, alle trachten, Du wuͤrdeſt mir die Prahlerei, Verehrte Freundin, doch nicht glauben; Du daͤchteſt ganz gewiß dabei An Phäͤdrus Fuchs und ſeine Trauben, Und das mit Recht, ich ſag' es frei. Ach! wahrlich nein, den Potentaten Der Potentaten allzumal, Das ſummum bonum aller Staaten, Kann ich am wenigſten entrathen, Und der nur, dem er fehlt„ iſt kahl; Ein 196 Ein armer Wicht iſt er auf Erden. Laß darum ja nicht ruchtbar werden, Das Wort, das ihm mein Unmuth gab; 5 Sonſt knikkert mir mein Herr Verleger, Bei meinen Kindern Path' und Pfieger— Gott wahr's! vom Pathengelde ab; Und leider! wird, ſeit die Neufranken Um ihre Freiheit mit uns zanken, Das Honorar ſchon merklich knapp. Von den zwoͤlf Thalern fuͤr den Bogen, Die ſonſt man in den Beutel ſtrich, 3 Wird leider! taͤglich abgezogen. Ach! Autorbrod naͤhrt kuͤmmerlich! Das Lob in kritiſchen Journalen, Verdient mit Arbeit, Fleiß und Muͤh“, Muß alle Sorgfalt uns bezahlen Der ſtrengen Feile, ſpaͤt und fruͤh! Und ſchwoͤren gar die Partiſane Der Kritika nur zu der Fahne Von einer herrſchenden Parthei, Die einzig und allein ſoll gelten, Dann —— —— 197 Dann wehe jedem Autorey, Das nicht gelegt hat die Parthei. Es wird zerklopft mit Schimpf und Schelten; Mir faͤllt davon manch Beiſpiel bei. Doch gegen Dich daruͤber ſchweigen! Es kämmt ein andermal wohl vor: Den Afterkritikern zu zeigen, Daß man ſie kennt am langen Ohr. Drum, daß ich kurz es dir noch melde, Ich nard nur darum gram dem Gelde, Auf ein'ge Zeit, weil fort ich muß. Die Trennung nur giebt mir Verdruß. Es laͤßt ſo gut ſich bei dir hauſen, Man hoͤrt nicht Wind und Wetter ſauſen In deiner holden Toͤchter Kreiß; Der edlen Mutter Stolz und Preis! Es ſchwingt ihr roſigtes Geſieder Die Freude ſegnend, wo J Ihr ſeid. Nun, lebet wohl! auf kurze Zeit. Eh ihr es glaubt, ſeht ihr mich wieder. Die 193 Die Aſſamble⸗ an einen Freund in Ratzeburg⸗ Hamburg 1796. Ich war verreiſ't zum Staͤdtlein W. Es hat ein Freund mich hingeladen; Dort gab's auch eine Aſſamble“ Bei eines Freiherrn hohe Gnaden, Einſt Hofmarſchall, jezt penſionirt, Mit Schluͤſſel, Band und Stern geziert. Der nun, ſich zu deſennuͤyren, — Denn in den Sechszigen und Vieren Ein Hageſtolz noch, ennuͤyrt Er ſich bis zum Deſesperiren— Des Hofes ſchalen Dienſt kopirt, Und aus der Naͤh' und aus der Ferne Zweimal die Woche, Band und Sterne Ja ſelbſt vor dem tier- etat Des Staͤdtleins Honoratioren, Den Buͤrgermeiſter, die Paſtoren, Kurz ——— — 199 Kurz jedem, der das Praͤdikat Ehrwuͤrden fuͤhrt und Wohlgebohren Um ſich verſammelt.— Nun kam, Weh! Es zu den Ohren ſeiner Gnaden Ich ſei zu W.; und eingeladen Ward ich zu ſeiner Aſſamble“. „O, rief ich, all ihr guten Geiſter!“ So ſehr erſchrak ich, kreuzigte Mich dreimal. Doch der Buͤrgermeiſter — Es war mein Gaſtfreund— laͤchelte. „Was, ſprach er, faͤhrſt du ſo zuſammen? Gut meint's mit dir der Hofmarſchall, Stoff giebt er dir zu Epigrammen; Hin zu der Thorheit bunten Ball!“ Was war zu thun? Ich ließ mich fangen, Es iſt ein gar zu luſtig Ding Ums Epigrammenſpiel! Ich ging— O waͤr ich doch nicht hingegangen! Ih — — 200 Ihr Goͤtter, welche Aſſamblee! Bei ſchaalem Witz und ſchaalem Thee, Saß ich von ſeidenen Gewaͤndern Umrauſcht, umſummt von Ordensbaͤndern; Die leere Abgeſchliffenheit, Die buͤrgerliche Aengſtlichkeit, Stand um mich her in bunten Gruppen; Ich glaubt', ich ſaͤh' ein Spiel aus Puppen; Wie man's auf Dorfjahrmaͤrkten lieht; Denn g'rade wie die Marionette Der Prinzipal am Faden zieht, Zog hier auch ſteife Etikette An ihrem Faden jedes Glied. Und das Geſpraͤch, ihr guten Goͤtter! Von Politik, von ſchlechtem Wetter, Vom Bonapart' und neuem Zaar, Zuletzt von neuen Buͤchern gar, Wie ziſcht es von den regen Zungen, Der Geiſt nicht thaͤtig, nur die Lungen. Auf meine Bitte durfte mich Der Hofmarſchall nicht praͤſentiren! Es 201 Es gaͤbe ſo, behauptet' ich, Mehr Stof ihm, ſich zu amuͤſtren; Und laͤchelnd ſchlug er ein, gab mich, Fuͤr einen kritſchen Philoſophen; Das war genug, ganz ruhiglich Mich ſtehn zu laſſen bei dem Ofen. Denn die geſammte Welt hier fand Zu tief den kritiſchen Verſtand. Man gnuͤgte ſich mit fluͤcht'gen Blikken Mich allergnaͤdigſt anzunikken, Und ſchwazte fort, die kreuz und quer; Auf einmal fuͤhrt ein Ohngefoͤhr Auch das Geſpraͤch von mir daher. „Da iſt ja, wie ich heut vernommen, Rief einer, Schink hier angekommen, Warum kriegt man ihn nicht zu ſehn? Er iſt Ihr Gaſt, Herr Buͤrgermeiſter, Ich muß es Ihnen frei geſtehn, Ich liebe ſehr die ſchoͤnen Geiſter; Izt eine gnaͤdge Frau begann, Was iſt's fuͤr eine Art von Mann? Wie iſt ſein Anſtand, ſein Betragen? Weiß 20²2 Weiß er den Leuten was zu ſagen? Womit vertreibt er ſich die Zeit? Was hat fuͤr Farb' und Schnitt ſein Kleid? Iſt er noch jung, iſt er bei Jahren? Von braunen oder blonden Haaren? Traͤgt er im Zopf ſie oder rund? Was fuͤr Geſinnung macht er kund? Haͤlt er's mit den Ariſtokraten, Bekennt er ſich als Demokraten? Was ſchrieb er neues doch zuletzt? Mir ſcheint ſein Styl ganz wohl geſezt, Da hab' ich neulich noch geleſen In— in— wo iſt's doch ſchon geweſen? Ein Ding von ihm, das mir gefiel; Es ſtirbt Jemand beim Harfenſpiel. Es war ganz artig ausgefuͤhret, Und hat fuͤrwahr! mich recht geruͤhret, Was denn bei mir die Hauptſach' iſt.“ „Frau Graͤſin, eine Parthie Whiſt, Ward das Geſpraͤch izt unterbrochen, Und weiter nun kein Wort geſprochen, Als, — 203 Als was zum Spiel gehoͤrk. Ich ſchlich Nun unbemerkt von dannen mich; Und, voller Angſt, daß noch am Ende Aus dem Inkognito heraus Ich ſiel in der Frau Graͤfin Haͤnde, Rannt ich, in voller Haſt, nach Haus. Geprieſen ſei mir deine Inſel, Geprieſen dort die Aſſamblee. Da giebt es doch noch mehr, als Thee, Und keinen Stof fuͤr Hogarths Pinſel. Der Unterhaltung leichten Schwung Hemmt da nicht Prunk, nicht Etikette; Nicht Langeweile winkt in's Bette, Es ſchwebt der Scherz um Alt und Jung; Mit lieblicher Geſtalt im Bunde, Nekt dort aus manchem ſchoͤnen Munde Der Wiz, nicht Perſiflage nur; Und nur der Schoͤnheit macht man Cour. Dort amuͤſiren nicht blos Troͤpfe. Die große und die ſchoͤne Welt; Nein, Gott ſei Dank! dort ſind auch Koͤpfe Der Unterhaltung beigeſellt. Am 204 — Am Spieltiſch' ſelbſt, die Kart' in Haͤnden, Sist man nicht, wie Pagoden, dort; Frei darf die Unterhaltung fort, Frei auf und ab der Scherz ſich wenden. Sonſt, wie du weißt, taug' ich nicht viel Fuͤr Antiſchambren, Aſſambléen; Weiß nicht zu ſtehen, nicht zu gehen, Nicht an Jabot und Hut zu drehen, Bin Ignorant fuͤr jedes Spiel. Die Karten, dieſe maͤcht'gen Goͤtter 3 Des Zeitvertreibs, fuͤr jeden Stand, In meiner ungeſchikten Hand Sind ſie nur kahle, weiße Blaͤtter. Nichts weiß ich von Pachat und Skieß Nichts von a tout. Durchaus verlohren Sind fuͤr mich alle Matadoren. Als ob mich mein Verſtand verließ⸗ ¹ Und alle Geiſteskraͤft' entſchliefen, Siz' ich bei ihrem Anblik da. eer iſt, als hoͤrt' ich Hieroglyphen, Ertoͤnen um mich fern und nah, 205 Die Formeln„Kasko, Solo, Frage“; Viel lieber hoͤr' ich Wetterklage Und Klagen uͤber theure Zeit. O dreimal dann gebenedeyt Sei deine Inſel, wo nicht Meiſter Der Unterhaltung, Karten ſind; Wo auch des Scherzes frohe Geiſter, Der Wiz, der Laune holdes Kind, Theilnehmer der Geſellſchaft ſind. Wo nicht in tief gekruͤmmten Ruͤkken, In ew' gen Scharren und ſich Buͤkken Die feine Lebensart beſteht! Und Niemand mit erlahmten Ruͤkken Zuruͤk in ſeine Klauſe geht, Wo man in frohem heitern Kreiſe Beinah vergißt die Aſſamble“; Kurz ganz, durch Ton und Geiſt und Welſe, Das Gegentheil von der zu W. An —õ 2⁰06 An Hanchen Schubert zu ihrem Geburtstager Ratzeburg, 1799. Mit Sang' und Klang komm' ich zu dir, Des heut'gen Tages mich zu freuen, Und deine Gunſt, wo moͤglich, mir, Wie deine Freundſchaft, zu erneuen. Du weißt, ich bin ein ehrlich Blut, Und biſt mir drum ein wenig gut! Obgleich ich nimmer hoͤſl und ſchranze, Und, wie ein aͤchter Liebesknecht, Am Seile deiner Reize tanze, — Zu ſolchem Spaße taug ich ſchlecht— Bin ich doch herzlich dir ergeben, Und freue mich, daß du in's Leben An dieſem Tage kamſt, gar ſehr. Ich bin bereit— du willſt nicht mehr!— In — 207 In Wind und Wetter, Sturm und Regen, Durch Ditk' und Duͤnn mich zu bewegen, Geſchaͤhe dir ein Dienſt damit; Und gingen auch bei jedem Schritt Zu Grunde Struͤmpfe, Schuh' und Sohlen. Ja wuͤrd' ich unausbleiblich mir Kolik, Katarrh und Schnupfen hohlen; In Gottes Namen! nuͤzt es dir. Genug, du biſ mir werth und theuer, Ich laufe fuͤr dich ſelbſt durch's Feuer. Roͤch auch ein wenig ich nach Brand, Du gaͤbſt nar lieber mir die Hand, Und ſtricheſt mir die Feuerflokken Aus den fuͤr dich verſengten Lokken; Willkommner ſo dir, als wenn ich Vor dir auf beiden Knieen kroͤche, Nach Muskus und Lavendel roͤche, In Liebesnoth verzehrend mich. Auch weiß ich, daß mit vierzig Jahren Sich ſolche Poſſen ſchlecht nur paaren, Sie 208 Sie machten doch mich laͤcherlich.„ Es wuͤrde wahrlich! mich nicht zieren,“ Wollt' ich noch ſeufzen und ſcharmiren; Ausziſchen wuͤrdeſt du nur mich; Und daß mit Recht. So laß ich s bleiben. Vernuͤnftig dir die Zeit vertreiben Durch Laun und Wiz, ein gutes Buch, Erlaubſt du freundlich mir Beſuch: Das ziemet Leuten, meines Gleichen; Nicht, ſeufzend um die Fenſter ſchleichen, Und ſchmachten, wie ein Mondpoet, Dem Amor das Gehirn verdreht. So wünſch' ich dir von ganzem Herzen Zu dieſem heut' gen Tage Gluͤk; Er kehre, reich an Freud' und Scherzen, Uns allen noch recht oft zuruͤk! Ich ſelbſt hoff' ihn noch oft zu feyern, Und manches Lied noch, gut gemeint, Auf meiner Zitter dir zu leiern⸗ 209 Und bin ich heimgegangen, ſcheint Die Sonne hin auf mein Gebeine, Weiß ich gewiß, du ſchenkeſt mir Das Zeugniß auf dem Leichenſteine: „Ein rechter guter Menſch ruht hier.“ Da s Gelubd, an Abel. Rellingen, 1797. ([(/——— Glak zu! Noch haͤltſt du immer Stand, LTaͤßt dich nicht von der Stelle ſchieben; Vergebens ſtrekt Hans Mors die Hand, Zu deinen Sechszigen und Sieben Thuſt du noch Numro Acht hinzu; Freund Hain mag ſcharren, nach Belieben, Mit ſeinen Spindelbeinen; du 44 Machſt 210 Machſt ein Rechtsum! laͤßt kalt ihn ſtehen, Und dich, wie Gottes Herrlichkeit 4 3 Einſt Moſes ſah, von hinten ſehen. Dran thuſt du wohl. Nimm dir huͤbſch Zeit, 3 Man kommt zu der Entſchlafnen Haufen Doch ſtets zu fruͤh. Der Sterblichkeit Kann leider! ja kein Menſch entlaufen. Vorſichtig und bedaͤchtig ſeyn, Iſt Klugheit, traun! bei allen Thaten; Und alſo auch mit Bruder Hain Das„eile langſam!“ anzurathen. Nicht immer zwar warſt du ſo klug, Darf man der Fama Sagen trauen; Nach ihr triebſt du's gar viel mit Frauen, Und thateſt manchen tiefen Zug 5 Aus Amors ſchwelgeriſchem Becher; Warſt hier ein Weltberuͤhmter Zecher, Gekuͤßt ward jedes ſchoͤne Kind, Und, wie hu ſelbſt wirſt ſagen muͤſſen, V Es „ 211 Es blieb nicht immer bei dem Kuͤſſen— Da lebt man freilich dann geſchwind, Und knakt zulezt an tauben Nuͤſſen Die Zaͤhn entzwei. Im großen Zaͤh — Das ſind ſo vom zu Viel die Nikken!— Entſteht ein Brennen und ein Zwikken, Und manch’„o Himmel!“ manch' Auweh! Wird Zeuge dann von Amors Tuͤkken. Denk nur zuruͤk an jeden Fluch, Den dir das Podagra entrungen, So nennſt du das nicht Laͤſterungen. Wohl dir, du wardſt durch Schaden klug. Du haſt entſagt dem alten Brauche, Nippſt nun nicht mehr aus Amors Schlauche, Nein, ſchnupperſt weislich nur daran. — Man laͤßt ſehr klug, was man nicht— kann.— Ich muß dafuͤr dich billig loben, Heil dir zu der Enthaltſamkeit! Du uͤbſt ſie noch zur rechten Zeit. Dank⸗ 212 Dank' es der Gnade huͤbſch von oben, 4* Der himmliſchen Barmherzigkeit! 8 Nun weil' auf dem betrel'nen Pfade, 4 Freund, bleibe treu dem Ruf der Gnade; Weg jede ſuͤndliche Begier, Und wahre dich vor Wurm und Made! Die Traub' erlaub' ich gern noch dir. Doch aber Ach! ſollt' Amor winken, Links um gemacht, und friſch an's Trinken. Thu, was der Katechismus raͤth, Nimm deine Zuflucht zum Gebet, Und murno'le ſtraks die ſechſte Bitte, Sonſt wippt dich Hain aus unſrer Mitte; Und, ſieh! das moͤchten wir nicht gern. Wir lieben all den alten Herrn, Mit ſeinem Wizy und ſeinen Schwaͤnken, Und moͤgen ſeinen Tod nicht denken. V Das Sprichwort ſagt: ein Mann, ein Wort! Und du haſt uns dein Wort gegeben, Noch 213 Noch dieß Jahrhundert auszuleben; So darfſt du auch nicht eher fort. End erſt dann am beſchwornen Ziele — Iſt's moͤglich, treib' es laͤnger noch!— Dein guter Ruf ſteht auf dem Spiele; Ein Dummbart war— du weißt es doch?— Der Trumpf.*) Mach' es nicht, Lieber, Wie unſer St“*, der ging hinuͤber, Wie einer, der ſein Wort nicht haͤlt; Drum bitt' ich herzlich dich, mein Lieber, Geh' nicht, als Dummhart, aus der Welt. *) Es ward in einem froͤhlichen Zirkel ein Dummbart drauf geſezt, wenn man das Jahrhundert nicht auslebte. . 214 Der vierzigſte Geburtstag an Otto von Axen. RNatzeburg, 179 8. Dem Herrn von Axen meinen Gruß, Und Heil und Seegen ſeinem Hauſe! Hat auch ſein Feſt beim Hochzeit⸗ ſchmauſe,*) Denn heute ſezt er ſeinen Fuß Aus der Zahl Dreißig hin in Vierzig, Es ſchmekt' ihm dann der Gattin Kuß, Als zaͤhl er zwanzig erſt, ſo wuͤrzig. Ihm geht's viel beſſer doch, als mir, Zaͤhl ich nicht auch der Jahre vierzig? Doch, wie ein Klaußner, ſizz' ich hier. Kein Weibchen ſchlingt um mich die Arme, Dekt *) Er war Gaſt bei einer ffilbernen Hoch⸗ zeitfeher. 215 Dekt meinen Tiſch, kredenzt den Wein Und, daß der Himmel ſich erbarme, Ich ſchlaf in meinem Bett' allein. Wenn Thoren mich und Grillen narren Entſchaͤdigt mich dafuͤr kein Kuß; Verſchlukken muß ich den Verdruß Und auf die beſſern Zeiten harren. . 2 / Doch Herr von Axen ſchwelgt darin, Und ſizt im Gluͤkke, bis an's Kinn. Nur frem de Kinder hoͤr' ich quarren, Nicht eins von meinem Fleiſch und Bein: Wenn eign' ihm in die Ohren ſchrein. Ach! auf und ab mit ſeinen Kindeln Zu tummeln ſich, welch' eine Luſt! Sie legen aus und in die Windeln, Sie ſehen an der Mutter Bruſt; Mit ihnen ſanft ihr an ſich ſchmiegen, Den trunknen Blik auf ſie geſenkt, Den Buſen kuͤſſen, der ſie traͤnkt; In ſeinen Armen ſie zu wiegen, Und Maͤdchen hier, und Knaben dort, Das Voͤlkchen in die Hoͤhe heben, Und 216 Und rechts und links ihm Maͤulchen geben; Mit, wenn ſie ihre Stimm erheben, Daß man nicht hoͤrt ſein eigen Wort, Darunter ſchrein, daß Schrank und Spinde Im Zimmer bebt, und mit zum Kinde Noch einmal werden, welch ein Feſt! Heil dir! dieß Feſt ward dir gegeben, Und doppelt froh lebſt du dein Leben; Denn voll von Kuͤchlein iſt dein Neſt. Ich armer Mann! mein Kinderweſen Iſt leider! nur gedrukt zu leſen, Und keiner nimmt ſich ſeiner an; Kunſtrichter ſchnuppern drum und dran; Beſehn von unten ſie und oben. Da hoͤr' ich ſie wohl manchmal loben, Doch oft ſchnauzt ſo ein Urian Mir auch die armen Jungen an. Da ſizz' ich dann, ich armer Vater, Und jamm're laut mein ſtabat mater, Wenn ein in dulci iubilo Von Axen ſingt: ſo geht mir's, ſo! Doch 217 Doch ich will meine Noth vergeſſen, Freund Ott', und ſeiner Luſt mich freun. Es ſegn ihm Gott ſein Mirtagseſſen! Helf' er dem Brautpaar Blumen ſtreun. Lern' er von ihm huͤbſch ſich zu paaren. Das heißt, nach ſuͤnf und zwanzig Jahren, Die Hochzeitfreuden zu erneu'n; Doch nicht, wie ein gewiſſer Alter,*) Die zweite Frau noch an ſich frey'n. Der zahlt dafuͤr durch Buß und Pſalter, Muß ſich vom Podagra kaſtey'n, Und von den Aerzten hudeln laſſen. Seht nur, da hinkt er durch die Gaſſen, Mit lahmen Fuß', den großen Zaͤh Im aufgeſchnittenen Pantoffel; Und ſchreit bei jedem Schritt'„Auweh!“ Sancta Maria, Sanct Chriſtophel, Wie raͤcht an ihm die Suͤnde ſich! Darum, **) Der Held der vorhergehenden Exiſtel. 218 Darum, mein Theurer, ſpieglle dich, Uad argre nicht dein Weib zu Tode. Nein, iß mit ihr von deinem Brode, So lang du lebſt! Noch vierzig Jahr, Laß von Louiſens Hand dich pflegen, Doch ſorg' auch huͤbſch fuͤr ihren Seegen. und nun Adieu, mein lieber Otr, Es ſei mit ihm der liebe Gott! Kuß' er ſein Weib in meinem Namen, Und ſegn' er ſie in ſeinem! Amen! 219 Der Abſchied au Schroͤder und ſeine Gattin⸗ bei meiner Abreiſe aus Rellingen nach Ratze⸗ burg 1797. Da ſteh' ich dann im Reiſerokk' und Hute, Den Wanderſtab in meiner rechten Hand, Noch einmal da; mein Buͤndel iſt geſchnuͤrt, Es liegt vor mir die Straße, weit und breit, und zieht mich fort in eine and're Gegend. Dem Juden gleich, der, wie die Sage geht, Bis an den Tag dee wekkenden Poſaune, Durch alle Meer' und Laͤnder immer wan⸗ dert, Und, wo er kommt, nie Herd' und Heimat hat; Es treibt ihn fort, ein neu gelobtes Land, Das eignes Dach' und eigne Stätt⸗ ihm gebe⸗ Sich 220 Sich auſzuſinden. Doch umſonſt! Er trift Niicct, was er ſucht, ergreift aufs neu 4 den Stab, Und wandert fort zu finden, was er ſucht. So wandr' auch ich, den Querſak auf dem Ruͤkken, — Denn meine Hab' umfaßt ein QAuerſak leich— Seit Jahren ſchon, durch Flekken, Staͤbi' und Laͤnder, Und ſuch', ihm gleich, mir mein Jeruſalem. Stets werf' ich aus der Hoffnung Wün⸗ ſchelruthe, Daß ſie mir an der Heimat Staͤtte zeige. Doch nirgends ſteht das Zauberinſtrument Und weiter muß der umgetriebne Wanderer. Verwundert euch dann, Freunde, nicht, wenn ich Vom Genius der Pilgerſchaft getrieben, Da hier auch nicht die Wunſchelruthe ſteht, Nun abermals den Wanderſtab ergreiſe, Und 221 Und wieder ſuche, was ich noch nicht fand. Es winken mir der hohen Waldung Schatten Am Silberſee, mir winkt ein Paradies, Das, Edens Bild, in ſtiller Flut ſich ſpiegelt, Und, Quellenreich, mit leiſen Friedens⸗ toͤnen Den Waller ſanft zu ſtillem Sinnen lokt; Wo Dichtern rings die Hippokrene ſprudelt, So wunderſchoͤn rinnt uͤber Blum und Moos Der Quellen Meng', und plaͤtſchert, wie⸗ derſtroͤmend, Muſtk in's Ohr, wie keines Irrdiſchen. Auf Buchen wiegt, und in der Woͤlbung Schatten, Sich eine Welt von Nachtigallen, rings Ertoͤnt der Wald von ihren Wunderkehlen; Und, wenn die Sonn' im Abendſchimmer gluͤht, Der Horizont, wie eine Purpurdekke, Haͤngt uͤbern Strom; und, wie in Golde wogend, Die 222 Die Inſel ſtrahlt, gleich Horebs heil'gem Hain; Wenn Luna's Licht ſich in das kuͤhle Dunkel Der gruͤnen Schatten magiſch flimmernd ſtiehlt, Dann iſt es oft dem Waller, als betraͤte Elyſiums geweihten Boden er. Dort, dort hinein winkt mir mein Genius, Vielleicht, daß dort die Wuͤnſchelruthe ſchlaͤgt! Doch— eh' ich fort aus euren Augen ſcheide, Ein ſuͤſſes Wort noch der Erinnerung. Schoͤn war die Zeit, die ich mit euch verlebte, Sie floh dahin, von Blumen froh umkraͤnzt Wir opferten dem Bacchus und dem Komus, Doch immer nur, wie Sophroniskus Sohn⸗ Mit Maͤßigung und muit der Charis Sitte. Der Luſt Gelag ward nie te zum Bacchanal⸗ Das 223 Das Lachen nie zum Fauniſchen Gelaͤchter, Selbſt, wenn der Scherz die Seiten keu⸗ chend hielte, Und lachend uns das Aug' in Thraͤnen glaͤnzte. Wir kannten nicht der Etikette Zwang, Frei machten ſich Gedanken, Wort' und Meinung, Wie Kopf und Herz ſie dachten und em⸗ pfanden; Wir ſcheuten nicht der Fuͤrſten langen Arm, Er reichte nicht bis uns, denn Pallas Schild War um uns her, und keines Spaͤhers Blik Im Fuͤrſtenſold ertraͤgt des Schildes Glanz. Uns ſchienen nur des Himmels lichte Sterne, Die Kleiderſterne duldeten wir blos. Sie taugten nicht an unſern Horizont, Und loſchen aus in ungeborgtem Licht. Auch ſtoͤrte nie den friedlichen Genuß Der ——— ——— 224½ Der beſſern Freuden uns der Adel, den Der Geldſak macht, der unertraͤglichſte! Die Laͤſterſucht ſchuf niemals unſern Spott Zum Gift, das Biedermaͤnner toͤdtet. Wir Verlachten nur den Troß der Thoren. Nur Der Schurk empfand der Geißel Knoten⸗ ſchlag. Pflicht, Recht und Wahrheit und Verdienſt erhielten Durch Wort und That gerechte Huldigung. Manch luſt ges Feſt gab uns der Thoren Tanz, Wenn kek und ſtolz Selbſtduͤnkel, falſcher — Ruhm, Abſprechen, verkruͤppelter Geſchmak, Vor uns vorbei mit ihren Schellen zogen, Es ſchwang der Spott die Geißel auf und ab, Wenn Theetiſch' und Kaffeekollationen Kunſtrichterten von Drama, von Action; Der Stachelreim' entlud ſich die Satyre, Wenn Dramaturgen— rifum teneatis! Des 225 Des Kuͤnſtlers Kunſt, des Dichters Zwek und Ziel Aus der Peruͤkk, aus Kleiderſchnitt und Farbe Mit hohem Ernſt tiefſinnig abſtrahirten; Laut lachten wir dem bunten Troſſe nach⸗ Jezt ſcheiden wir und ſchuͤtteln uns die Haͤnde, Denn fort beſteht der Bund fuͤr Recht und Pflicht; Der Thorheit Haß, des Duͤnkels Zuͤchtigung, Der Wahrheit Dienſt, und jeglichen Ta⸗ lentes Von aͤchter Art Neidloſe Huldigung. Kommt, Freunde, dann, laßt uns auch dieſen Tag Mit Scherz und Spott' und Wein und Lie⸗ dern feiern. Des Rheines Traube fuͤlle den Pokal, Und eine reiche Libazion aus ihm 15 Und 226 Fließ' auf den Boden, heilig der geehrten Und hochgelobten Gottheit: Unbeſtechlichkeit, Vernunft und Wahrheit ſei das Looſungs⸗ wort 3. und unſer Troſt! laßt hell die Glaͤſer klin gen! Es ſpiegle ſich die Luſt in unſern Blikken, Und in der Traube goldnem Nektartrank! So laßt uns ſcheiden, denn es haͤngt der 1 Bund, Der uns verband, nicht ab von Raum und 3 Zeit; Und, wo im Leben wir uns wiederſehn, Sei unſer Gruß und Ruf: Vernunft und Wahrheit! 227 — Die ſchoͤne Erfindung an Karl Schubert Ratzeburg, 1800. Der Weltberuͤhmte Sancho ſagt: „Gott ſegne den, der uns den Schlaf er⸗ funden!* Ein weiſes Wort, das maͤnniglich behagt. Was mich betrift, ich bin auch dem verbunden, Der die Geburt erfunden hat. Sprich ſelbſt: was haͤtte man vom Leben, Und was fuͤr Dank dem, der's gegeben, 4 Freund, faͤnde die Geburt nicht ſtatt? Man lebte wie ein Deportirter, V Im engen Kerker ohne Licht, Und traun! um vieles noch genirter: Man ſaͤhe Gottes Schaͤpfung nicht, Haͤtt', ohne Nießbrauch, Naſ' und Ohren Und roͤch' und hoͤrte nicht damit. Kaͤm' auch nicht vorwaͤrts einen Schritt, Ge⸗ A 228 Gewahrte nicht den Tanz der Horen, So reich an Zauber! Seegen dann Sei dem Erfinder, der gebohren In's Leben werden uns erſann. Wenn in dem Buſen athmend heben Noch lange nicht beſteht das Leben, Das kaum ein halbes Daſeyn macht. Wenn man auch athmen muß im Freien, Wenn es zum Leben ſoll gedeihen: So ward nichts kluͤg'res noch erdacht, Als die Geburt; und aller Kuͤnſte Erfindungen, ſo groß und hehr Sie ſeyn auch moͤgen, ſind nur Duͤnſte, Nur Quark dagegen und nichts mehr! Denn, wenn— erlaube mir die Frage— Der Kuͤnſtler nicht gebohren waͤre? Wo kaͤme ſeine Kunſt wohl her? Die Antwort, denk ich, liegt am Tage⸗ Darum, mein Lieber, iſt es auch, Wie mich bedünkt, ein feiner Brauch, Hoch 9 Hoch die Erfindung celebriren, Und zu dem Tag', der uns gebahr, Einander ſich zu gratuliren. Das thu' ich dann, aus voller Bruſt, Auch heut zu Deinem Wiegenfeſte; Blos athmen waͤre wenig Luſt, Drum bleibt Geburt dabei das Beſte. Und, da wir nun gebohren ſind, So laß uns davon Vortheil ziehen; Des Lebens Zeit entflieht geſchwind, Laß ſie uns nuͤtzen im Entfliehen. Auch iſt's fuͤrwahr der Muͤhe wert, Genießen, was uns Gott beſchert. Es iſt ein koͤſtlich's Ding um's Leben, Troz aller Sorg und aller Muͤh⸗ Und aller Arbeit, ſpaͤt und fruͤh; Wohl Dank verdient, der's uns gegeben. Drum ſollen auch die Vaͤter leben, Sie gaben uns, was uns erfreut. Mir, zum Exempel, bot und beut Das Leben nichts, als was ſo eben Mein 230 Mein Mund bedarf zu ſeiner Zeit; Mein Leichnam, ſich zu dekoriren, Und ſo viel Holz, zur Winterzeit, Bei'm Reimaufjagen, nicht zu frieren. Kaum ſeine hundert Thaler wert Waͤr', ließ ich es verauktzioniren, Mein Hab' und Gut. Kein eigner Herd Dampft mir, troz allem Poeſiren! Kein eig'nes Dach beſchirmt mein Haupt, Um das kaum, kaum ſich Lorbern ſchmiegen; Weil die Kritik oft wieder raubt, Was Muſengunſt mir half erſiegen. Kein holdes Weib ſchlingt ſeinen Arm, Als liebe Frau, um meinen Nakken; 8 Ich Kinderfreund, muß, Gott erbarm'’!— Fuͤr fremde Kinder— Nuͤſſe knakken. H Und doch, fuͤrwahr! verſtoͤnd' ich's wohl, An Weibesbruſt mich ſanft zu ſchmiegen, Und eigne Kinder liebevoll, Eia Poleia! einzuwiegen. Gar manchmal— ich geſteh' es dir, Nagt mir's das Herz, daß ich von mir Kein 231 Kein Menſchenweſen generire, Statt Soͤhne, Buͤcher unr edire. Es giebt mir manchesmal Verdruß, Sizy ich in meinem kleinen Zimmer, Daß, wenn ich Pſcha! mach'’, immer, immer Mir ſelber Proſit! ſagen muß. Und doch, bei allen dem Entbehren, — Ich muß es feyerlich erklaͤren— Moͤcht' ich nicht ungebohren ſeyn. Muß ich auch gleich mein Fleiſch kaſteyen, Und kreuzigen, nach Paulus Willen; Den Liebesdurſt mit Frankreichs Wein, Ach! oft auch nur mit Waſſer ſtillen, Und alle Mittag mein Gebein Zum oͤffentlichen Tiſche treiben Und, was das tollſt' iſt, obendrein Selbſt meinen Waͤſchezettel ſchreiben; Kurz, muß ich vieles gleich entbehren, Kenn' ich gleich weniges nur mein, Muß ich noch einmal doch erklaͤren, Nicht ungebohren moͤcht ich ſeyn. Und 232 Und fließt der Freundſchaft Labewein Nicht reich mir in des Lebens Vecher? Rief nicht Apoll mich in die Reih'n Der deutſchen Hippokrenenzecher? Ward in dem deutſchen Muſenhain, Troz meiner Gegenfuͤßler„Nein fee Nicht manches Lorberblaͤttchen mein? Nennt mancher Edle meinen Namen Mit Achtung nicht und Liebe? ha! Gelt' ich nicht ſelber bei den Damen Noch ein klein wenig, hier und da? Nun vollends Du, bis an den Ohren, In Wohlſtand und Bequemlichkeit; Mit einem Weiblein auserkohren, Blauaͤugigt, zart, ſchlank, wie die Horen, Und durch und durch voll Lieblichkeit: Bliz! was iſt Dir's erſt wert, gebohre n, Und in die Welt geſezt zu ſeyn! So laß daun meine Reimereien, Dem Tage, der Dich gab, zu Ehren, Nicht unwillkommen bei Dir ſeyn! Moͤcht er recht oft doch wiederkehren! VI. VI. Das Hexenabentheuer eine wahrhafte Begebenheit. Noe⸗ iſt einem denkenden Menſchen wohl ſchwerer, als Losſagung von der Ver⸗ nunft, und kein Uebergang greller, als der, von ihrem pruͤfenden Lichte zum Pechfak⸗ kelndampfe des Glaubens: dennoch— es iſt ſchreklich zu ſagen— kann der erklaͤrteſte Anfaͤnger jenes Lichtreiches in Gefahr kom⸗ men, dieſes fuͤrchterliche Kopfuͤber aus dem Tag' in die Finſterniß zu machen. Ach! Hamlet hat Recht:„es giebt Dinge im Himmel und auf Erden, von denen ſich un⸗ ſere Philoſophie nichts traͤumen laͤßt.“ Gewiß iſt meinen geneigten Leſern— wenn ich mich anders ſolcher ruͤhmen kann — ſaͤmmtlich bekannt, daß ich der Ver⸗ nunft gehuldigt habe all mein Lebelang, daß ich ihr diente, nach allen meinen Kraͤften⸗ und ——— 236 und fuͤr ihre Rechte mit den Waffen des Spottes und des Ernſtes kaͤmpfte, ſo viel ich vermochte. Werden ſie es nun glau⸗ ben, wenn ſie die Erklaͤrung hoͤren: die Vernunft fang' an, mir verdaͤchtig zu wer⸗ den, der Glaube hingegen meinen Glauben zu gewinnen? Doch iſt's ſo. Eine Be⸗ gebenheit von fuͤnf Jahren her, die ich laͤngſt ſchon vergeſſen hatte, tritt mit den Zeichen der Zeit ploͤzlich wieder vor meine Erinnerung und ruft mit maͤchtiger Stimme mich zum Glauben auf. Da ſteh' ich denn nun, ſo lang entſchie⸗ den fuͤr die hehre Goͤttin mit dem Strah⸗ lenkranze, aufs neue am Scheidewege, ſchwankend zwiſchen ihr und der dunklen Dame im Nebelgewande. Ach! und nicht etwa, wie ehemals Herkules, zwiſchen Tu⸗ gend und Wolluſt, mit getheiltem Herzen; — nein! mein Herz neigt ſich noch immer der hehren Goͤttin zu und ſchaudert vor der —— der Dunklen zuruͤk.— Aber die Bege⸗ benheit vor fuͤnf Jahren entſcheidet laut fuͤr die lezte, und die innere Stimme fuͤr die erſte muß vor ihr verſtummen⸗ Run iſt hier nicht etwa die Rede von dem Glauben, den Kant ein moraliſches Beduͤrfniß nennt. Der, ein Kind der Vernunft, aͤhnelt der leichten Natur ſeiner Mutter viel zu ſehr, als daß man ihn nicht, ſammt der Mutter, lieben ſollte. Ach! mit ihm hat die Nebeldame, mir zur Linken, leider! keine Gemeinſchaft. Sie iſt eine Toch⸗ ter der Theologie, ſchwoͤrt auf ſymboliſche Buͤcher und befiehlt jedem, der ihrem Zepter zunikt, ſich vorher die Augen auszuſtechen. Mit dieſem Glauben ſich familiaͤr machen, ſchwerer, herber Strauß! So lang' ich lebe, iſt mir der immer vorge⸗ kommen, wie ausgedroſchenes Stroh, das zu genießen jedem ſauer werden muß, der keinen Strohappetit hat. Dazu koͤmmt, „ 238 koͤmmt, daß die wakkern Maͤnner, So⸗ krates, Confucius, Marcs⸗ Au⸗ rel, Leibniz, Friedrich der Große, Leſſing und Mendelsſohn erklaͤrte geſchworne Feinde dieſer Strohweide waren, was mich gewaltig ſtuzzig macht. Aber, troz allem Straͤuben auch meiner Ver⸗ nunft gegen dieſe Saft— und Nahrungs⸗ loſe Koſt, iſt mir dieſer Strohglaube in die Haͤnde gekommen und ich muß an ſeinen Genuß, ſo ſehr mein Magen ſich auch dagegen empoͤrt.„Friß Vogel⸗ ſagt das Sprichwort, oder ſtirb!“ Wird man nicht glauben, ich faſele oder liege ſchon in Glaubenswehen, wenn ich erzaͤhle, daß ich Hexen geſehn habe, leibhaftige Hexen, Hexen mit Feuer und, Flammen umgeben? daß ich ihren Schwe⸗ feldampf roch, in ihren Zauberkreiß gefuͤhrt wurde? daß ſie eine Suppe kochten, und da ich ſie nicht genießen wollte, eine fuͤrch⸗ terliche — 239 terliche Weiſſagung ausſprachen, an die ich nicht glaubte, und die, demohngeachtet, in Erfuͤllung ging? doch muß ich mit dem Herrn Profeſſor Fichte erklaͤren:„es iſt ſo, es iſt ſchlechthin ſo: ich weiß es ſo gewiß, als ich irgend etwas weiß, und ſo gewiß, als ich von mir ſelbſt weiß; ja ich kann— was der Herr Profeſſor nicht wollte oder nicht konnte, ich kann es ſogar beweiſen. Kurz und gut, ich rede von einem Ereigniſſe, von keinem Traume, von keinem Produkte meiner Phantaſie. Was ich erzaͤhle, trug ſich zu, und der Erfolg zeigt, daß kein Phan⸗ tasma meine Sinne irre fuͤhrte. Zur Sache. Ich lebte vor fuͤnf Jahren zu R.., einem holſteiniſchen Dorfe, und fand da, was man nicht immer auf dem Lande fin⸗ det, einen Zirkel ſehr gebildeter, durch Kopf und Herz intereſſanter Menſchen. Mein ——— 240 Mein guter Genius reihete mich ihm bald ein und ſo hatt' ich koͤſtliche Tage. Wenn gute und getr eue Nachbaren ſchon ein gut Glk ſind, ſol war mein Gluͤk noch mehr, als gut, ich hatt auch Geiſt⸗ reiche Nachbaren und ſchoͤne Nach⸗ barinnen nah und fern. Zu den lezten gehoͤrten vorzuͤglich zwei liebenswuͤrdige Fa⸗ milien, in denen ich bald ſo einheimiſch wurde, als waͤr ich da zu Hauſe gewe⸗ ſen. Sechs junge Fraͤulein, Toͤchter von zwei vortrefflichen Muͤttern, flochten hier den lieblichſten Kranz des Umgangs und der Unterhaltung. Unter der Praͤſidenten⸗ ſchaft der Gaſtfreundli chkeit gingen Schoͤn⸗ heit, Reiz und Talente bei ihnen Hand in Hand, und Bildung des Geiſtes und des Herzens umſchlangen ſie mit ſchweſterlichem Arm. Es waren Bienen, bie von allen Blumen des Erkennens und Wiſſens den Honig in ihre Zellen trugen. Sie ſtachen auch, wie Bienen, aber ohne Schmerz. Da — 241 Da ſaß ich nun manchen Tag unter ihnen, ließ mich von ihnen mit Honig laben und ſtechen, dankt' ihnen und wehrte mich, wie es fiel; befand mich aber doch immer wohl. Dazu kam noch, daß der Glaube, der theologiſche nehmlich, gar nicht uͤber die Schwelle bei ihnen durfte; die Vernunft allein hatte Siz und Stimme. Es giebt Paſtoren, die behaupten, die Vernunft ſei blind. Sie wuͤrden anders ſprechen, wenn ſie meine Fraͤulein geſehen haͤtten, denn bei ihnen gukte ſie ſo hell aus blauen und ſchwarzen Augen, daß man ſich ihr er⸗ geben mußte, man mochte wollen oder nicht. Eines Sonntagabends— es war am ſechſten Juni 1795.— las ich ihnen Buͤrgers Bearbeitung des Makbet vor. Die Fraͤulein ergoͤzten ſich ſehr an der mei⸗ ſterhaften Uebertragung der Hexenſzenen. Es war ihnen aber doch, als paßt' das 16 Koſtuͤme, 242 Koſtuͤme, in dem ſie erſchienen, ſo getreu. dem Hexenglauben und Hexenſagen es auch ſei, nicht recht zu dem erſchuͤtternden, furchtbaren Stofe des Trauerſpieles; als muͤſſe das tragiſche Intereſſe dadurch ſehr geſchwaͤcht, wo nicht gar gehindert wer⸗ den. Die Fraͤulein empfanden ſehr richtig. Was ſie blos ahneten, hatt' ich mehr als einmal bei den Vorſtellungen dieſes Shakeſpear'ſchen Meiſterwerks erfahren. Denn, neben dem entſchiedenen Unglauben unſerer Parterre an Hexen und Hexenweſen, ſchadete ihr barokkes Koſtuͤme, der komiſch grauerliche Ton, den ſie haben, die ſon⸗ derbare Miſchung von Ernſt und Poſſe in ihrer ganzen Darſtellung, der tragiſchen Wirkung durchaus, und war Urſach, daß die Zuſchauer fuͤr den groͤßten Theil dieſes mit Shakeſpears Meiſterſtempel ſo vorzuͤg⸗ lich bezeichneten Trauerſpiels kalt und un⸗ empfindlich blieben. 243 Ich verheelte das meinen ſchoͤnen Freun⸗ dinnen nicht, und wiederholte zugleich ei⸗ nen Vorſchlag, den ich vor bereits neun⸗ zehn Jahren uͤber dieſen Gegenſtand oͤf⸗ fentlich kund gethan hatte. Ich er⸗ klaͤrte nehmlich:„das einzige Mittel, dieſe Hexenſzenen, die doch einmal unumgaͤng⸗ lich in den Plan des Stuͤks gehoͤrten, fuͤr das tragiſche Intereſſe deſſelben wirkſamer zu machen, ſei, die Hexen darin zu einer hoͤhern Gattung von Zauberinnen zu er⸗ heben; ſie als Straf⸗ und Rachegoͤttinnen erſcheinen zu laſſen, und ihrem Koſtuͤme und Ausdruk all' den furchtbar, feyerlichen Anſtrich zu geben, der unſern Glauben an ſolche Zauberinnen entſtehen zu laſſen und zu erhoͤhen, faͤhig waͤre; ihre Sprache nicht blos ſchauerlich, ſondern auch Ehrfurcht und Schrekkengebietenb zu bilden, kurz ſie durch Tracht, Geberde, Sprach' und Stimme, zu erhabenen uͤbernatuͤrlichen Dienerinnen des Sohickſals aus⸗ 244 auszuruͤſten, die herabgeſandt wuͤrben, Makbets hochſchwellenden Uebermut zu zuͤchtigen.“*) Die Damen gaben dieſem Vorſchlag' insgeſammt ihren Beifall, und ſie muͤſſen wohl Recht gehabt haben, da auch Herr Schiller in ſeiner Bear⸗ beitung des Makbets, laut oͤffentlichen Nachrichten, dieſelbe Idee gehabt, und Shakeſpears Hexen in einem hoͤhern feierli⸗ chern Koſtuͤme dargeſtellt hat. Indes meinten die Damen doch, ſelbſt dieſes erhoͤhte Zauberkoſtuͤme wuͤrde das tragiſche Intereſſe im Makbet nur weniger hindern, aber nie voll und rein erhalten. Der Grund davon, wie ich ſelbſt bemerkt habe, liege hauptſaͤchlich in unſerm Un⸗ 8 glau⸗ * Dramaturgiſche Fragmente. Erſter Band drittes Stuͤck, Seite 313 und 315. Graz, 1781. 245 glauben an jede Art der Zauberei. Zwar 3 koͤnne die Kunſt des Dichters uns auf eine gewiſſe Weiſe zu dem Glauben daran hin taͤuſchen, aber doch nur in Werken, die blos auf unſere Phantaſie einwirken und uns mehr ergoͤzzen, als ruͤhren und erſchuͤt⸗ tern ſollten. Sobald hingegen an dieſe Zaubermachinazionen eine große tragiſche Handlung hienge, durch ſie gleichſam be⸗ wirkt, herbeigefuͤhrt wauͤrde, ſo ſaͤh' es um dieſe Taͤuſchung ungleich mißlicher aus. Unſere anders uͤberzeugte Vernunft herrſche dann uͤber unſre Phantaſie, kuͤhle ſie ab, laß' uns nur Dichtung, keine wirk⸗ liche Begebenheit ſehen, und hindere eben dadurch, beſonders im Drama, unſre lebhafte Theilnahme, unſer Intereſſe mit ganzer Seele. Kurz, meine jungen Freundinnen wauͤnſchten, es koͤnnt ein an⸗ der Medium erfunden werden, durch das die tragiſche Handlung im Makbet einge⸗ leitet und bis zur Kataſtrophe entwikkelt wuͤrde. 246 wuͤrde. Sie wollten durchaus keine Art von Heyen, weil ſie ſich ſchlechterdings nicht zum Glauben an ſie taͤuſchen laſſen koͤnneen. Mich ergoͤzte der Eifer, mit dem die junge weibliche Welt um mich her das Verdam⸗ mungsurtheil uͤber allen Zauberglauben aus⸗ ſprach, um ſo mehr, da ſonſt wohl keine Phanta⸗ ſie ſich leichter zum Wunderglauben hinneigt, als die weibliche. Unſere Unterhaltung uͤber zieſen Gegenſtand wurde bald lebhaf⸗ ter. G Wir ſtritten gegen das Daſeyn der Hexen mit einem Aufwande von Ernſt und Spott, und behandelten dieſenStreit mit einer Wichtigkeit, alg haͤtte der Gegen⸗ ſtand deſſelben uns zum Glaubensartikel aufgedrungen werdengſollen. Wir kaͤmpften und fochten fuͤr die Mrſchaft der Vernunft, als haͤtten wir, um zhrentwillen vor einem Inquiſitions⸗Tribunal geſtanden, den Maͤr⸗ tyrertod zu ſterben und endeten endlich mit Lachen uͤber unſern Eifer gegen einen Glau⸗ ben, 47 ben, den Niemand von uns gefordert, uͤber unſern Kampf fuͤr die Aufrechterhaltung einer Sache, die Niemand gefaͤhrdet hatte. Unter dieſem Lachen und Gezaͤnk ver⸗ ſtrich der Abend. Beim Abſchiednehmen verabredeten wir eine Luſtparthie, fuͤr den morgenden Tag, auf den Landſitz eines benach⸗ barten Edelmanns; und lachend und ſchaͤkernd gieng jeder ſeines Weges. Die Sonne gab uns einen ſchoͤnen Tag. Unſere Luſtfahrt ging vor ſich. In kurzer Zeit waren wir an dem beſtimmten Orte. Man nahm uns gaſtfreundlich auf. Ein großer Saal verſammelte uns. Wir ſaſſen eintraͤchtig bei einander, Heiterkeit und Frohſinn in unſrer Mitte. Die Damen ſtroͤmten uͤber vom Wiz, ſtachen und er⸗ quikten mich, wie gewoͤhnlich, und ich war wie im Vorhofe von Elyſium. Dabei aber druͤkte mich ein ſonderbares Bangen und 1 ₰ 248 und Ahnen, wie wenn einem etwas bevor⸗ ſteht. Es war mir, als riefe mir eine unſichtbare Stimme zu:„du wirſt heute noch Geiſter ſehen. Ich ſchaͤmte mich nicht wenig uͤber mich ſelbſt und bot meine ganze Vernunft auf, dieſen Geiſterſpuk in mir zur Ruhe zu verweiſen. Aber meine Vernunft verlohr all' ihr Latein, meine Ah⸗ nungen blieben und die unſichtbare Geiſter⸗ weißagung toͤnte fort. 1 Indeß konnte gleich meine Vernunft meine Ahnungen und die Stimme um mich her nicht vernichten, ſo ſtand ſie doch unerſchuͤtter⸗ lich gegen die Moͤglichkeit einer Geiſterer⸗ ſcheinung, ohne Fleiſch und Bein. Denn freilich bekleidet, und in einer ſchoͤnen Huͤlle, ſah' ich immer Geiſter, wenn ich mei⸗ nen jungen Freundinnen in die Augen blikte. Ich trozte alſo meinen Ahnungen und den Verheißungen um mich her; ward aber doch, gegen meinen Willen, ganz ernſt⸗ haft 249 haft und lautlos, legte alle Augenblikt die rechte Hand auf mein baͤnglich klopfendes Herz und laͤchelte, ſtatt der Antwort, wenn ich angeredet wurde, das heißt, ich war abweſend. Meine Bangitkeit ſtieg mit je⸗ der Minute, machte mich immer Wortkar⸗ ger und ließ mich ſogar an dem wohlbeſez⸗ ten Mittagstiſche ohne allen Appetit. b Nach aufgehobner Tafel gingen wir in den Garten, der dicht an eine Waldung bejahrter Eichen und Buchen ſtoͤßt: hier ſchlenderten wir eine Weile auf und ab. Dann ward eine Vorleſung vorgeſchlagen, die mir ſehr willkommen war, weil die Unterhaltung von meiner Seite durchaus nicht vom Flekke wollte. Ich las Nathan 3 den Weiſen und dieſes ſchoͤne Vernunft⸗ produkt zerſtoͤrte, nach und nach, meine wunderlichen Ahnungen, ja ſelbſt die Gei⸗ V ſterſtimmen um mich her verſtummten. Meine 250 Meine Vorleſung endete und es war Abend geworden. Wir genoſſen ſeine Milbe durch einen erneuten Spaziergang; bei dem aber die Fraͤulein, nach und nach, verſchwanden. Nicht lange ſo vernahm ich aus der Waldung her ein fernes Sum⸗ men dumpfer Stimmen, ein Rumoren und Klappern, wie Donnergemurmel, und das Zuſammenſchlagen metallener Bekken. Ich hoͤrte Ketten klirren, und eine Art von Klang und Geſang aus der Weite. Ich ſtuzte. Da aber von der bei mir zuruͤk gebliebenen Geſellſchaft auch nicht einer zu vernehmen ſchien, was ich vernahm, erroͤthete ich bis an die Fingerſpizzen vor Schaam uͤber den unſeligen Spuk, den meine Phantaſte heute mit mir trieb. Aber meiner Schaam zum Poſſen, dauerte der Spuk fort, und mich wandelte ſogar ein kleiner Schauer an, als die Dame vom Hauſe mir ihren Arm zum Eintritt in die Waldung darbot. Dun⸗ 2 254 Dunkel umgab uns der Schatten der al⸗ ten Eichen und Buchen, und um ſo dunk⸗ ler, da die Sonne bereits untergegangen war. Wir mochten wohl ein hundert Schritte vorwaͤrts gekommen ſeyn, als ein unterirdiſcher, narkotiſcher Duft meine Naſe fuͤllte und das dumpfe Getoͤß vermiſchter Stimmen lauter in meine Ohren ſiel. Ja, keine funfzig Schritte von mir, ſah ich ſo⸗ gar, mir zur Rechten, einen ſonderbaren Feuer⸗ ſchimmer durch das dunkle Gruͤn leuchten. Jezt bemerkt ich, daß auch meine Beglei⸗ terin und die ubrige Geſellſchaft, die uns, die jungen Damen ausgenommen, gefolgt war, ſtuzten, und von einer kleinen Vlaͤße uͤberfflogen wurden. Dennoch gingen wir weiter und bogen in eine Seitenallee, wo uns ploͤzlich der ſeltſamſte Aublik uͤberraſchte. Mitten in dem Gange, den wir eingeſchla⸗ gen harten, gewahrten wir einen lodernden Feuerhuͤgel und vor im In 252 In einem braunen Talare, Mit abwaͤrtsfliegendem Haare, Vom Scheitel bis zur Sohle verhüllt, Mit Rabenſchwarzem Geſichte, Beblinkt von blaͤulichem Lichte — Die Gegend um ſie mit Rauch an⸗ gefuͤllt— Saß auf die Kniee ſich hukkend, In einen Feuernapf gukkend, Der Flammen ausſpruͤhend vor ihr ſtand, Dumpfmurmelnd eine Hexe — Bald wurden es ihrer Sechſe— Mit Ruthen ruͤhrend den hoͤlliſchen Brand. In einem Winkel zur Rechten und Linken, Sah' ich zwei andre ſich beſprechen mit heimlichen Winken, Gleichfalls in braunem Talar, Nur ſichtbar das flatternde Haar Und ihre Geſichter ſo bleich, als waͤren's Geſichter von Schatten; Allein 253 Allein der Augen liebliches Paar, Mild wie Diaunens Licht im Mai auf . lumigten Matten, Es kontraſtirte wunderbar Mit dieſer Todtenfarbe der Wangen; Und, neues Wunderwerk! mir war, Als haͤtt' ich ſonſt wohl ſchon an dieſen Augen gehangen. Auch glaubt' ich mich der Natur dieſes Zauberauftrittes ploͤzlich auf der Spur. Meine ſchoͤnen Freundinnen und unſere geſtri⸗ ge Unterhaltungen ſielen mir ein. Es iſt ein Hexendrama von ihrer Erſindung, dacht' ich. Sie waren aus der Geſellſchaft ver⸗ ſchwunden, und nicht wieder zuruͤkgekehrt. Das Raͤthſel, wenn's eins fuͤr mich ſeyn konnte, war aufgeloͤſ't. Den Scherz der Sinnenreichen Schauſpielerinnen zu erhoͤs hen, nahm ich mir vor, Spiel mit Spiel zu vergelten, und den Geraͤuſchten bis zur hoͤchſten Taͤuſchung zu machen. Starr und 25% und ſtaunend blikk' ich alſo auf ihre Zau⸗ beranſtalten, ſchien meinen Augen nicht zu trauen, und maͤchtig zwiſchen Glauben und Unglauben zu kaͤmpfen. Was geſchah? Ploͤzlich traten noch drei Geſtalten hervor, abentheuerlicher und gro⸗ tesker, als die uͤbrigen. Alle eilfe ſchlu⸗ gen nun die Haͤnde in einander, bildeten einen Kreis um den flammenden Napf und ſangen in ſeltſamen, ſchauerlichen Toͤnen:. Truͤglich ſchwanken Menſchengedanken, Irren Verwirren Sich mannigfach; Tappen im Finſtern Der Wahrheit nach; Waͤhnen ſich zuͤnftig Im Reiche des Lichts. Weiſ' und vernuͤnftig, Und 25⁵ Und wiſſen doch— nichts! Bleiben dem Zeugniß Der Sinne ſelbſt blind; Heißen ſie Truͤger; Und duͤnken ſich kluͤger, Als ſie nie ſind. Aermliche Weſen Auf ſchwankender Bahn Wiſſet, wir leſen Tief in dem Herzen Jeglichen Wahn. Ich erſchrak nicht wenig, mich vor die⸗ ſen Kunſtvollen Schauſpielerinnen auf mei⸗ nen geheimſten Gedanken ertappt zu ſehen, und ſchaͤmte mich uͤber meine Ungeſchiklich⸗ keit. Aber deſtomehr intereſſirte mich das Talent der Damen. Hoͤchſt begierig auf den Verfolg ihrer Zauberkomoͤdie, ſtand ich harrend und erwartend, als auf ein⸗ mal ein Donnerſchlag in meine Ohren er⸗ toͤnte. Unwillkuͤhrlich fuhren meine Be⸗ gleiter 256 gleiter und ich zuſammen. Die Dame, die ich fuͤhrte, zog erſchrokken ihren Arm aus dem meinen und trat ruͤkwaͤrts. So ſtand ich allein in der Naͤhe des Feuers, das dreimal laut aufknallte. Dem Zau⸗ bernapf entſtieg hoch eine blaue Flamme, und ploͤzlich ergriffen mich zwei der bleichen Geſtalten bei den Haͤnden.„Komm.“ riefen ſie mit dumpfer Stimme, undein ihrer Mitte zogen ſie mich zu einer dunklen Woͤl⸗ bung, die in einem Kreuzwege, linker Hand, lag'— Himmel! was erblikk ich: Auf einem Throne ſaß ſtolz und hehr Frau Hekate, Vermummt, wie die andern, vom Kopfe zum Zeh; Juſt, wie ſie Graͤcia's und Roma's . 1 Dichter malen. Drei Koͤpfe trug ihr ſchlanker Leib, Drei Koͤpfe, Wunderſchoͤn, ſchoͤn wie das ganze Weib; Doch 237 Doch von des Schwefelfeuers Strahlen⸗ Das auch hier loderte, zu einem Schat⸗ ten verbleicht! Sie hob die Hand und winkte leicht Die andern Geſtalten herbei, die auf ihr Knie ſich beugten; Dann traten ſie um mich mit bunten ma⸗ giſchen Leuchten. Und Hekate zu mir begann: „Heran lee Ich laͤchelte. Mit ziemlich kekkem Schritte Trat ich ihr nah, in der Verſammelten Mitte. „»Vermeßner Sterblicher, begann Frau Hekate wieder, Und ſah mit drohendem Blik auf meine Kekheit nieder, Wie ſteht es nun um deine ſtolze Ver⸗ nunft, Der, was aus ihrem Lichte nicht ſtam⸗ met, 17 Als 258 Glaubſt du noch nicht an unſ're Zunft? Troz dem, was deine Augen ſehen, Troz dem, was heute dir geſchehen? An unſerm Daſeyn nicht in Luͤften und in Seeen, Und in der Erde Tiefen nicht? Duͤnkt alles um dich her, dir nur ein Traumgeſicht? Laͤßt du dich immer noch von der Ver⸗ Mit der du, wie du glaubſt, in's Reich der Geiſter ſtreifſt? Wirſt du auch ferner noch dem falſchen Dunkel ſchwoͤren, Zu glauben nur, was du begreifſt?“ Verſtellung, Ton und Stimme der launig⸗ ſten und muthwilligſten meiner jungen Freun⸗ dinnen, und ich beſchloß dieſe kleine Heen⸗ farge mit aller Feierlichkeit der Taͤuſchung fort⸗ Als Aberwiz, als ungereimt, verdammet?* nnunft bethoͤren,. Jezt hoͤrt' ich ganz deutlich, troz der 4 259 fortzuſezzen, aber doch auch nicht im Scherz' einmal, der Goͤttin abzuſchwoͤren, deren Dienſt' ich mich geweiht hatte auf immerdar. Ich beugte mich alſo dreimal vor Hekates Throne, und deklamirte mit großem Pathos in Geberd' und Stimme: „Wer du auch immer ſeiſt, die du ſo hehr und erhaben— Auf deinem Throne gebeutſt, und Wun⸗ der! dreimal haſt, Was auf den Thronen der Erde ſo man⸗ che kaum einmal haben; Wie ſehr Erſtaunen mich auch mit maͤch⸗ tigem Arme faßt, Daß aus ſechs Augen, die hier auf mich hernieder blikken, Verſtand und forſchender Geiſt mir Licht entgegen nikken, Was bei dem ſchoͤnen Geſchlechte ſo ſelt ten aus zweien geſchieht; So Ich bleibe treu der Vernunft, die ich 260 So ſehr auch Wirklichkeit ſcheint, was rings mein Blik erſteht: So muß dir dennoch mein Mund— und ſollt es ewig waͤhren Das wunderbare Geſicht, das weit um⸗ her mich umgiebt- Vom Geiſt in mir gezogen, vor allen Sternen erklaͤren: 8 von Kindheit geliebt; Und halte lieber, was ich mit meinen Haͤnden feſt greiſe, Das ganze Heyengewuͤhl, und, dreifach Behauptete, dich, Blos fuͤr ein lufu'ges Phantom der truͤ⸗ geriſchen Sinn', eh' ich Hinuber in's dunkle Gebiet des Aber⸗ glaubens ſchweife. Nein, Hexenglaͤubig erblikſt du nun und nimmer mich!“ „Wie 261 „Wie wuͤrd ich jemals auch von ei⸗ nem Wahne gebunden, Den meine Kindheit ſchon, als Luftze⸗ bild', erkannt, Es war der Beſenſtielritt vom Brokken ſchon entſchwunden, Als noch im Pohlrok ich vor meinen El⸗ 4 tern ſtand. Zwar giebt es Hexen noch, doch durch die Macht nur der Sterne So lieblicher Augen, wie rings hier auf mich ſind gewandt; Und, die verbrennr man nicht, man wird durch ſie verbrannt, Und brennt im lieblichen Feuer gar gerne. Denn freundlich wedeln ſie bald mit lie⸗ beboller Hand Uns kuͤhle, mildern uns, durch Hofnung, Glut und Flammen; Ja, ſchlaͤgt die Loh' auch oft uns uͤber'm Kopf zuſammen, So loͤſcht ein Kuß urſchnell den ſengenden Brand.“ Ihr 262 Ihr ſeht, Frau Hekate, dann nicht mehr nach alter Weiſe Rumort der Hexenverkehr. Man faͤhrt aus der Neueren Kreiſe Zur Hoͤlle nicht, wie ſonſt, man foͤhrt in's Himmelreich. Durch keinen Schornſtein geht die Reiſe Und nicht zum Bloksberg mehr. Zer⸗ ſtoͤrt iſt dieſes Reich. Darum, Franu Koͤniginn, verzeiht, nennt es nicht Laͤſtern!, Erklaͤr' ich ſelber Euch, ſamt allen Eu⸗ ren Schweſtern, Die hier verſammelt ſind, fuͤr ſolche Heyen nur: Fuͤr Hexen beſſerer Natur, Als die Walpurgisnacht ehmals zuſam⸗ menbrachte. Und, wenn ich, wie geſagt, auch nie dem Traum' entwachte, Der 4 263 4 Der eben mich gefeſſelt haͤlt, Nur ſolcher Hexen Seyn erkenn’ ich in b. der Welt. Hier ſchwieg ich und trat einige Schritte ruͤkwerts. Hekate ſchuͤttelte ihre drei Koͤpfe⸗ Sechs zuͤrnende Augen ſielen auf mich⸗ Aber ich achtete ihrer nicht, warf mich, mitten im Kreiſe der Zauberinnen, auf 3 mein Knie nieder, breitete meine Haͤnde gen Himmel, und betetet Goͤttin mit der Strahlenkrone, Angebetet von der Denker Zunft, Kind des Himmels, heilige Vernunft, „Blik herab von deinem lichten Throne, Und aufs neu vernimm den nie get brochnen Eid, Dir nur ſei mein Leben hier geweiht! 1 Kamyf . 26¾ Kampf fuͤr dich und deine Rechte Schwoͤr' ich, Goͤttin, gegen Wahn und Lug, Schwaͤrmerei, getaͤuſchter Sinnen Trug, Und des Despotismus feile Knechte. Gegen Afterweisheit und Verfinſterung Des Verſtandes, durch Verkruͤppelung. Nimmer deinem Dienſt' entſagen Werd' ich, Goͤttin, ſelbſt im Scherze 1 nicht! Sieh', ich ſchwoͤr⸗ es bei dem Zauber⸗ licht, Das zu mir ſechs ſchoͤne Augen tragen. Selbſt gefeſſelt, Goͤttin, an der Schoͤnheit Joch, Faß' ich, treu dir, deine Rechte noch. Jezt ſprang ich auf und wollte mich ents fernen. Aber ein dumpfes„halt!é aus ſechs weiblichen Kehlen und der dichter zu⸗ ſammen⸗ 265 ſammengezogene Kreis der um mich ver⸗ ſammelten Zaubergeſtalten„ hemmten mei, nen Vorſaz. Ich laͤchelte, denn ich er⸗ kannte immer deutlicher wohl bekannte Phy⸗ ſiognomieen. Meine Augen wandten ſich wieder der Dame mit den drei Koͤpfen zu, die halb zuͤrnend, halb veraͤchtlich, auf mich niederblikte, und mit Ungluͤckweiſſa⸗ gender Geberde alſo ihre Stimm erhob: 5„„Schwacher Sohn des Staubes, der vermeſſen Hohn den Zeugen ſeiner Sinne ſpricht; Kekz genug, des Urſprungs zu vergeſſen, Den er nahm aus Leim und Erde, Wicht, Der ſein Meinen, Waͤhnen, thoͤricht Licht, 3 Wahrheit nennt, mit einem Dienſte 4 prahlet, Deſſen Goͤttin nimmer niederſteigt, Und vom Glanz, in dem ſie glorreich ſtrahlet, Staub 266 Staubgebohrnen nur die Daͤmm'rung zeigt. Wiſſe, wir der Nacht geheime Schwe⸗ ſtern, Die, in's Angeſicht, zu laͤſtern Frech dein Frevelmund gewagt, Hahen bittre Rache dir geſchworen. Siehe, Stolzer, den ein Weib gebohren, Deinem Lichte, dem du laut geſchworen, Werd von uns ein Zauberdunſt gegohren Der dem Morgen, der in Deutſchland tagt, Dichte Nebelwolken ſendet; Und nur Afterlicht gebiert, Das, ſtatt Strahlen, Schwefelduͤnſte ſpendet, Und in Moor und Suͤmpfen ſich verliert. Ganzer Horden Koͤpfe werden ſchwindeln Von dem Dunſt' auf ſie herabgeſandt; Und zuruͤk in ſeine fruͤhſten Windeln Kehrt durch ſie der menſchliche Verſtand. Ein Gebild' aus Wahn und Duͤnkel knaͤten Wer⸗ — — —.— — 267 Werden ſie, damit durch Deutſchland ziehn, Nieder vor dem eignen Machwerk knien, Und das Volk verſammeln, anzubeten. Auch wird rings, verdreht vom gleichen Schwindel, Knien die Menge; wie um Aarons Kalb Einſt Judaͤa, bunt ein Tollgeſindel, Halb noch Schuͤler, und Magiſter halb, Tanzen um das neugebohrne Kalb. Alſo wird des Lichtes Reich vergehen, Hochgeehrt von dir und deiner Zunft, Und verhoͤhnt von Afterprieſtern ſtehen Die geprieſ'ne, goͤttliche Vernunft.“ Ein fuͤrchterlicher Donnerſchlag folgte dies ſer ſchreklichen Weiſſagung, und eh' ich mich's verſahe, warfen die naͤchtlichen Schweſtern ein ſchwarzes undurchſichtiges Tuch uͤber mich, in das ſie mich, vom Kopfe bis zum Fuße, einwikkelten. Ich brauchte 268 brauchte wohl gute zehn Minuten, ehr ich mich wieder aus ihm loswand, und ward ſonderbar uͤberraſcht, da ich von dem gan⸗ zen Hexenſpuk um mich her keine Spur weiter fand, als den dampfenden Feuer⸗ haufen, auf dem die Zauberſuppe gekocht hatte. Ganz allein ſtand ich unter den Woͤlbungen der Buchen. Sogar meine Begleiter hatten mich verlaſſen.„Gut ge⸗ ſpielt!“ ſagt' ich zu mir, und lachte laut auf; machte mich auf den Ruͤkkweg, und nahm mir vor, die jungen Kuͤnſtlerinnen meines hoͤchſtens Beifalls uͤber ihre niedliche Hexenkomodie zu verſichern. Neue Ueberraſchung! Ich fand meine ſechs Fraͤulein, voͤllig ſo, wie ſie vor dem Waldſchauſpiele waren, einmuͤthig im Saale bei einander ſitzen. Zwei ſpielten Schach, drei beſchaͤftigten ſich mit weiblichen Arbei⸗ ten, und eine las Wielands Muſarion vor, ſe — 269 ſo unbefangen, als waͤren ſie nicht von der Stelle gekommen. 9.. „Sind Sie endlich da, Nachtwandler? rief mir die Dame vom Hauſ' entgegen. Wo blieben Sie denn auf einmal, als Sie meinen Arm fahren ließen? Ich und die Frau von S. riefen uns faſt die Kehie hei⸗ ſer. Aber Sie hoͤrten nicht und waren und bliehen unſichtbar.“ 3 „Bravo! erwiedert'’ ich, ich ſinde hier, wie ich ſehe, eine allerliebſte Schauſpieler⸗ truppe bei einander.“— Schauſpieler⸗ truppe?“ fragte ſie mit einer ſo befremde⸗ ten Miene, daß man haͤtte ſchwoͤren ſollen, ſie wäͤr' es wirklich, und bat um eine Er⸗ klaͤrung.„Ha, ha! ſagt' ich zu mir ſelbſt, man will den Scherz noch weiter treiben. Sei galant und verdirb den Spaß nicht!“ Ich blieb alſo die Erklaͤrung ſchuldig und ſezte mich zu den Fraͤulein. Das beſte, hinter 270 hinter ihre Kunſtſtuͤkke zu kommen, dacht ich, iſt: gar nicht thun, als ob was vor⸗ gefallen waͤre, und von Dingen ſprechen, die mit dieſen gar nicht in Verbindung ſte⸗ hen. Dann— oder ich muͤßte das ſchoͤne Geſchlecht nicht kennen— werden ſie das Abentheuer auf's Tapet bringen, und fra⸗ gen: ob mir nichts begegnet ſey? Mit dieſem Vorſatze naͤhert, ich mich ihrem Tiſche, und bat um Erlaubniß, ihrer Vorleſung beiwohnen zu duͤrfen. Ein freund⸗ liches Nikken gewoͤhrte meine Bitte. Ich ſezte mich und ſtudirte ihre Phyſiognomieen durch und durch. Es waren offenbar die⸗ ſelben, die ich auf Hekate's Throne und vor dem Zaubernapfe geſehn hatte, von de⸗ nen ich in den Zauberkreis gefuͤhrt worden; nur frei von Hexenlarv' und Schminke, ſamt dem uͤbrigen Hexenkoſtuͤme. Aber dabei verrieth auch nicht eine Miene, nicht eine Veraͤnderung in ihrem Anzuge, daß 272 daß ſie mir etwas vorgeabentheuert oder irgend ein Kleidungsſtuͤk gewechſelt haͤtten. Jede Lokke ihres blonden oder braunen Haa⸗ res, jede Blume, jede Perle, die ſie ſchmuͤkte, Hals⸗ und Armband, Tuch und Schawl: alles lag, ſaß, hing genau ſo, wie es den ganzen Tag uber gelegen, geſeſ⸗ ſen und gehangen hatte. Was mich aber am meiſten uͤberraſchte, war, meine Er⸗ wartung betrog mich durchaus. Wie ich, thaten ſie, waͤhrend, und nach der Vor⸗ leſung, als ſei ganz und gar nichts vorge⸗ fallen. Sie trieben ihr altes Spiel, nek⸗ ten, ſpotteten, hatten einen wizzigen Ein⸗ fall uͤber den andern, aber auch nicht die fernſte Anſpielung verrieth ihre Kundſchaft mit meinem Abentheuer im Walde. Wir ſcheinen einen Vorſaz gehabt zu haben und wir ſind ihm treu geblieben, bis auf den heutigen Tag. Nie iſt von dieſem E273 bieſem Hexenſcherze die Red' unter uns ges weſen.. ₰ 2 Scherz ſag' ich, weil ich wirklich, bis jezt, alles fuͤr Scherz hielt, und ſogar, als einen Scherz, vergeſſen hatte. Aber die Zeichen der Zeitz um mich her erinnern mich ſehr ernſthaft daran, und die genau in Erfuͤllung gegangne Weiſſagung der Hexen⸗ kznigin macht mich ſo ſtuzzig, daß ich nicht mehr weiß, was ich davon denken ſoll. Ein dichter Dunſtkreis, dunkelgran, Dampft rings ſauf Deutſchlands Gauen, And in ihm ſpuken, Schweſelblau, Geſtalten um, zum Grauen; Unweſentlich und Schemen blos! Die bei des kleinſten Windes Stoß In Nichts zuſammenſinken. Sie 273 Sie ſchwanken hin und ſchwanken her, Im Nebel um ſich tappend. Und in der dunklen Atmosphaͤr' Mäͤhſam nach Athem ſchnappend; Sie ſchlukken gierig Dunſt und Wind Mit Naſ' und Mund ein, und ge⸗ ſchwind Dehnt ſich ihr Kopf zum Schrek⸗ ken. Ein Strohkranz ſchmuͤkt die Vogelſcheuh⸗ Gleich einem Diademe: Wer ſind die Schemen dann? die neu Gebruͤteten Syſteme! Und der verſchlukte Wind und Dunſt, Der ihren Kopf ſo ſchwellt, mit Gunſt, Der philoſophſche Duͤnkel. 18 Im 274 Im tiefen Moor die Schemen gehn, Zerrizt von manchem Dorne; Und jeder Irrwiſch, den ſie ſehn, Heißt ihnen Licht von vorne; Verſunken, bis zum Nabel faſt, In tiefem, ſchlammigten Moraſt Wuͤhlt rings ihr Ich— und ; △‿ ℳ Nicht— Ich. Ihr Blik' ins uͤberſinnliche Licht ganz und gar verwoben, Vergißt den Pfad durch's Irdiſche, Und duͤnkt ſich ſchon erhoben Hoch uͤber Raum und Zeit und Schein; Doch ploͤzlich ſinkt der Boden ein, Sie waten nur in Suͤmpfen. Doch deriaae f 275 275. Doch dünken ſie ſich maͤchtiglich Erleuchtet, klug und weiſe; Und preiſen Dampf und Dunſt um ſich Als aͤchte Goͤtterſpeiſe. Sie ſelber ſchmauſen hoch darin, Und gebew's wieder von ſich, in Niethammerſchen Journalen. Jurisprudenz, Theologie, Arzneikunſt, Paͤdagogik, Naturgeſchicht, Aſtronomie, Aeſthetik, Demagogik, Hiſtorte, Hebammenkunſt, Wird alles aus von vorngem Dunſt' Erkklaͤrt und demonſtriret. . Und 276 Und ſieh, wie Jungen jeder Art Sich bunt zuſammenrotten; und, kaum verſehn mit einem Bart, . Schon der Erfahrung ſpotten; Beachſelzukkend den Verſtand — Gemein von jener Zunft ge⸗ nannt— Der gern in's Klare ſiehet. Und ſchwingen ihre Haͤnd und ſchrein; „Herbei zu unſerm Vunde, Einander Herold uns zu ſeyn, Durch Lob mit Kiel und Munde! ** Wir, uͤberſinnlicher Natur, Sind auch des Lichtes Soͤhne nur Allein im Weisheitstempel. 277 „Drum jeden nieder, der uns nicht Auf’s Wort will glauben, trauen; Und kuͤhn mit der Erfahrung Licht In unſer Licht will ſchauen, Die wir doch laͤngſt ſchon abgethan; Denn Sinnenwelt iſt eitel Wahn, Und mit ihr die Erfahrung.“ Und ſieh, ſie halten ihren Bund, Sie haͤngen ſich zuſammen; Lobpreiſen ſich mit Kiel und Mund, Verkaufen Rauch fuͤr Flammen; Und jede Wiſſenſchaft und Kunſt Verwandelt ſtraks in Dampf und Dunſt Ihr uͤberſinnlich's Treiben. Das 278 Das iſt es„ was Frau Hekate Als Schwefeldampf verkuͤndet; Das iſt das Afterlicht, o weh! Das ſich an Duͤnſten zuͤndet; Das iſt das Sild aus Trug und Wahn, Das ganze Horden beten an, Vor'm eignen Machwerk knieend. Vor dem ſo gern ſie Stadt und Land Weitum verſammeln moͤchten, Damit ſie maͤchlich den Verſtand Zu Windeln wiederbraͤchten! Das iſt das philoſoph'ſche Kalb, Das Schüler halb, Magiſter haſb, „Die bunte Rott' umtanzet: —— —.— — 927 1 Die ihren Hirnſpuk macht bekamnt Als Weisheit! ihren Schwindel chen Verſtand; Als reinen, krit Das Kraft⸗Geniegeſindel, Der Afterweisheit Prieſterzunft, Die, wenn ſie duͤrfte, die Ver⸗ nunft Ganz weg aus Deutſchland qualmte. 8 Alſo eingetroffen iſt He ekate s fuͤrchterliche rophezeihung, wenn ſchon nicht ganz, doch groͤßtentheils. Zwar noch beſteht, troz des Nauchs und Qualms ihrer Verguerer, das Reich der Vernunft, der Leibniz, Wolf, Preuſſens Fried erich, Leſſing, Mendelsſohn, Garve huldigten, und Eberhard, Engel, Herder, Nicolai und Wieland fort huldigen, der auch Kant, Rein⸗ 230 Reinhold, ſamt denen, die ihnen annehm⸗ lich ſind, mit hellem Kopfe und beſcheide⸗ ner Wahrheitsliebe dienen. Aber, wer weiß, was fuͤrder geſchieht? ob Hekate nicht noch ganz Wort haͤlt, und durch ihren naͤchtlichen Zauberdunſt das Reich der Verkruͤppler und Verquerer ſo vermehrt, daß ihr Dampf und Nebel das hellere Licht der beſſern Weiſen endlich uͤberqualmt? Geſchiehr das, was kann ich anders glau⸗ ben, als, daß die Hexen, die ich ſahe, doch wirkliche, keine geſpielte Hexen ſind? Schreklich, wenn ich zu ſo einem Glauben uͤbergehn muͤßte. Doppelt ſchreklich, denn ich muͤßte meine ſchoͤnen jungen Freundinnen ſelbſt fuͤr Heyen halten. 261 halten. Gewiß und wahrhaft, ſie wa⸗ ren es, die mir jenen naͤchtlichen Spuk vorſpiegelten. Und ſie ſollten mich zu dieſem Vernunftloſen Glauben bekehren, ſie, die in ihrer andern liebenswuͤrdigen Geſtalt, meine Vernunftſchaͤzzung immer ſo erhoͤhten? Aber nun und nimmermehr! dieſe weib⸗ lichen Schlaukoͤpfe ſollen wenigſtens auf dieſe Weiſe meine Vernunft nicht irre fuͤhren. Ihrer Hexenmummerei ſoll nicht noch gelingen, was ihr bis jezt fehl ſchlug. Ich bleibe meiner Goͤttin getreu, und werfe den Glauben, nach dem ich meine Hand ſchon ausſtrekte, wieder in den Aus⸗ kehricht, wohin er gehoͤrte. Weg mit dieſer 2839 dieſer Strohweide! Wenn auch alles erfuͤllt wuͤrde, was Frau Hekate weiſſagte, wenn die Verquerungs⸗ und Verkruͤppelungs⸗ Parthei auch ſtuͤndlich in Deutſchland an⸗ wuͤchſe: doch will ich mich nicht uͤberreden laſſen, daß ich Hexen geſehn habe. Zauberinnen koͤnnen meine ſchoͤne Fraͤu⸗ lein wohl ſeyn, aber in Heyen haben ſie 9/ 9 ſich nurvermumm t. Kurz und gut, muß ich an ſie, als Zauberinnen, glauben, ſo ſind ſie Feen, die, weil man ſo lange nichts von ihnen gehoͤrt hat, wahrſchein⸗ lich eine große Tour durch die Planeten und Fiyxſterne gemacht haben, und nun, da ſie damit fertig ſind, wieder zu uns zuruͤkkehren. Iſt das, ſo ſind es ſehr wohlthaͤtige Feen, denn ſie ſtammen in 09 —602 1 4 in gerader Linie von der großen Regentin aller Dinge im Reiche des Verſtandes und bes Sittlicheit, von der Vernunft, ab, und haben keine Gemeinſchaft mit dem 6 Nebel⸗ und Dunſtregime ſagung vorher verkuͤndete. Si „. J. 4 alſo oͤffentlich erfahren, daß ich in ches Anhaͤnger geblieben bin und bleiben 42. 2 werde all mein Lebelan — 4 2“ 3 ſſiſſiſſſſſſſi nſffffffffſnſſnin ſſſ ſinſinnſſiſt 7 8 9 10 11 42 14 15 16 1 8 19 ——