4- 4 2 9. 2 9. ————2 —4.,— e=— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezah Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: t. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 11 11— 1 7 9—„ 1— 11 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 * — —e— e —=. 2 — — 5 I 4 Schriften von Guſtav Schilling. —— Zweite Sammlung. Dreizehenter Band. Wallow's Toͤchter. Seitenſtuͤkk zu der Familie Buͤrger. Dritter Theil. Geld ſagte Tieffuß, den man entſprungen glaubte, waͤhrend dem er ſich in der nahen Kleiderkammer verſteckt hatte— Adelaide deutete, ſtill und mit bebender Hand, nach dem Schranke hin; er verſorgte ſich dort mit dem Inhalte der Schatulle, dem Halsge⸗ ſchmeide und den Ringen, die ſie taͤglich trug und fliſterte dann, zu ihr gekehrt— Dies alles leihen Sie dem Freunde, der nur ungluͤcklich aber kein Boͤswicht iſt— ein ſolcher wuͤrde Sie, zu Deckung ſeiner Flucht, erdroſſeln. Sollte ich aber, durch Ihr Zu⸗ thun, verfolgt und gefangen werden, ſo moͤge alle Welt erfahren, was Sie in Nacht begraben wuͤnſchen! Schilling ate S. 131 Bd. 1 Darauf entwich er durch das Fenſter des Schlafzimmers, das zu ebener Erde lag und Adelaide verhuͤllte ihr Geſicht in dem Haupt⸗ kiſſen. Alfried und ſeine Minona wurden noch immer von dem freundlichen Genius beguͤn⸗ ſtigt. Der Abgang der Tauſendſchoͤn und einer zweiten, minder gefaͤlligen Kuͤnſtlerin, ſtellte ſie, naͤchſt ihrem Talent, an die Spitze der Frauen dieſes Vereines und Alfried pflegte, als ein verſtaͤndiger, ſorgfaͤltiger Gaͤrtner, den reichen Fruchtbaum; er behuͤtete ihn vor dem verderblichen Einfluſſe der Schmeichel⸗ luͤfte und dem Geluͤſte der Naͤſcher und Frevler. Thalia findet uͤberall Schutzherren; zu den leidenſchaftlichſten Theater⸗Freunden der Hauptſtadt, gehoͤrte der Wechsler Madda⸗ — — . — 9 lon. Er war der Sohn eines franzoͤſiſchen Lieferanten, der ſich, waͤhrend des ſiebenjaͤh⸗ rigen Krieges, in Oeutſchland bereicherte und anſiedelte; war, als dieſer, zum Erben ei⸗ nes großen Vermoͤgens, als Schooßkind For⸗ tunens zum Millionair, zum Reichsbaron, zum Gatten eines hoͤchſt reizenden, ſchoͤngei⸗ ſtigen Fraͤuleins geworden und hatte ſich mit allem umgeben, was die aͤuſſere Wohlfahrt verlieblichen— was Geſchmack und Reich⸗ thum gewaͤhren kann. Alfried und Minona wurden von dem genannten Paar auf das eif⸗ rigſte beguͤnſtigt und ausgezeichnet und damit den glaͤnzenden Kreiſen der Vornehmen naͤ⸗ her gebracht. Maddalon weihte heute ſein neuerbautes Haus durch ein Feſt ein, zu deſſen Verherr⸗ kichung Mahler und Dichter, Mimen und Archaͤologen mitgewirkt hatten und das bis zum Morgen dauerte. Alfried war von je⸗ 10 nem erſucht worden, bis nach dem Abgange der Gaͤſte zu verweilen und als er jetzt, allein mit Minonen, vor dem geneigten Paare ſtand, ſagte der Wirth— Ich kann mir den Genuß nicht verſagen, meinen beßten und theilnehmendſten Freunden die neue Schoͤpfung in allen ihren Theilen zu zeigen. Begleiten Sie uns doch! Die Zeit zu der Muſtetung. ſchien um ſo uͤbler gewaͤhlt, da dieſe Freunde bis jetzt, als Darſtellende wie als Taͤnzer, das Aeuſſerſte gethan hatten und ſich erſchoͤpft, nach Ruhe ſehnten. Alfried verwuͤnſchte daher, im Her⸗ zen, die Selbſtſucht der Reichen und Mino⸗ nens Blick bedeutete den Gatten, eine ſchick⸗ liche Ausflucht zu erfinden, doch Maddalon ergriff eben Noͤnnchens Hand und ſeine Ge⸗ mahlin legte die ihrige in Alfrieds Arm und ſo zogen ſie denn, mittenhin durch Pracht und Anmuth, nach dem Seitenfluͤgel, wel⸗ 11 cher, einfach doch ſinnreich geſchmuͤckt, die Ausſicht in den reizenden Umkreis gewaͤhrte und gleichſam den Friedenſitz dieſes Himmel⸗ reichs bildete. Gern, ſagte Maddalon: zoͤge ich auch einigen Gewinn aus dieſem koſtbaren Grund⸗ ſtuͤcke und es iſt, aufrichtig geſtanden, der heimliche Eigennutz, welcher Ihnen jetzt die Beſichtigung zumuthete. Kaufleute laſſen nun einmal nicht von dieſem, er miſcht ſich ſelbſt in unſere Traͤume und waͤhrend dem die Rechte Gold auswirft, greift die Linke nach einer gefallenen Stecknadel; ich ſuche, dem zu Folge, eine ſtille, oder vielmehr eine dekla⸗ matoriſche Familie fuͤr dieſen, mir ganz uͤber⸗ fluͤſſigen Bezirk. Faſt alle Miethleute ſchreien uͤber den Wirth, doch dieſer, wie mir deucht, mit groͤßerem Recht, über jene, da man, nicht ſelten, durch Hausgenoſſen, zu einer Einquartirung koͤmmt, die an den 12 greulichen Zuſpruch der Kriegsjahre erinnert. Sie walten, wie ich hoͤre, mit den guten El⸗ tern zuſammen gepreßt, in einem Kaͤſtchen und ſuchen, was hier zu finden iſt— Ge⸗ laß, Bequemlichkeit und fuͤr die Zukunft eine lichte, geſunde Kinderſtube. Ziehn Sie doch zu mir. Ich werde meinem Kaufmannsgeiſt, in Hinſicht des Zinſes, Gewalt anthun und Florentine wuͤrde mich um eins ſo lieb haben, wenn ſie ihre geliebte Minona unter einem und demſelben Dache mit ſich wuͤßte. Frau von Maddalon umarmte den Gat⸗ ten und ſagte— man liebt Dich ſchon um mehr als alles, aber ich haͤtte dann allerdings in jedem Augenblicke die Wahl zwiſchen der Freundſchaft und der Liebe. O, Kinder! macht uns doch die Freude! Minona blickte jetzt, viel anders als vor⸗ hin, an ihrem Gatten auf— nun ja keine Ausflucht! beſagte der Blick, auch aͤuſſerte 2 13 ſich Alfried auf eine Weiſe, mit der man ſich, ſcheinbar, gegen die Annahme eines willkom⸗ menen Geſchenkes ſtraͤubt, denn er ſchaͤtzte den Goͤnner wie die Goͤnnerin, das Quar⸗ tier war feenhaft genug, um ſeinen ſtillen, langgenaͤhrten Wunſch unendlich zu uͤbertref⸗ fen, und der begehrte Zins ein ſogenannter Spottpreis. „Die Familie ſaß eben daheim, bei dem Fruͤhſtuͤck, als das Ehepaar vom Balle heim⸗ kehrte. Vater! Mutter! rief Minona begeiſtert: welche Nacht! welche Herrlichkeit! mir iſt, als waͤr' ich die Heldin eines Maͤhrchens ge⸗ weſen. Du Gluͤckliche! rief Amalie: ich hob Thee fuͤr Euch auf; komm her, in's Sopha, trink und erzaͤhle. Noͤnnchen machte ſich's bequem, umarm⸗ te die beiſtaͤndigen Schweſtern, ſtellte dann 14 den Geiſt des Feſtes mahleriſch dar, gedachte nebenbei auch der Prinzen und Grafen, mit denen ihr zu tanzen die Ehre ward und Vater Wallom ſagte, um moͤglicher Ueberhebung zu begegnen— es ging demnach, wie einſt bei Weinsberg her.„So mit der Beſenbinde⸗ rin wie mit der Buͤrgermeiſterin.“ Ich ſtehe zwiſchen beiden! erwiederte die Tochter: und im Herzen, Väͤterchen! freut es Dich doch, Dein Noͤnnchen ſo geehrt zu ſehen. Alfried nahm jetzt auch das Wort; er ruͤhmte Maddalons Guͤte und ſein willkom⸗ menes Erbieten, das er angenommen hatte. Amalien war es allerdings verdrießlich, ihre Schooßkinder aus dem Vaterhaus entlaſſen zu ſollen; aber beſſer ſey beſſer! meinte der Hofrath und nun werde ja fuͤr den guten Vetter Rudolf Platz. 15 Rudolf waltete noch immer in des Oheims Wohnung, er hatte eine gefaͤhrliche Opera⸗ zion uͤberſtanden, die ſeinen Kopf von dem zerruͤttenden Uebel befreiete und war heute zum erſten Male wieder auſſer Bett. Pauline, ſeine zaͤrtliche Pflegerin, ſchlich ſich jetzt aus dem Familien Zirkel fort, um ihm das Fruͤhſtuͤck zu bringen. Mein Muͤhm⸗ chen, ſagte er nach dem Morgengruſſe: Du ſcheinſt mir heute wieder recht duͤſter und be⸗ kuͤmmert, und das werde ich dann auch, wenn dieſer Spiegel ein finſtres Bild zeigt. Pauline leugnete erroͤthend, doch dran⸗ gen Zaͤhren unter den ſamtenen Wimpern hervor; eine dieſer blinckenden Perlen fiel in den Thee, den ſie ihm eben darbieten wollte und ſie zog betroffen die Taſſe zuruͤck, doch Wallow ergriff und leerte dieſe. O, Rudolf! lispelte ſie, verweiſend, doch auf's wohlthuendſte von dem Gunſtzei⸗ 16 3 chen geſchmeichelt; und bedeckte nun die Au⸗ gen mit ihrem Tuche, denn jenen beiden Vor⸗ laͤufern folgte ploͤtzlich ein Thraͤnenſtrom. Wo iſt denn heute Deine Aufrichtigkeit? fragte der Vetter, als er vergebens nach der Urſache dieſes ſtillen Herzleides geforſcht hatte: ich bin ja Dein Freund und Dein Vertrauter! Mein Freund und mein Vertrauter! er⸗ wiederte Pauline: ich wuͤrde die Veranlaſ⸗ ſung, ohne Schamroth, kaum zu geſtehn vermoͤgen. Du weißt nicht, wie einem Maͤd⸗ chen, in gewiſſen Pruͤfungſtunden, zu Muth iſt. Das Herz behauptet ſeine Rechte! E. So wollen wir von andern Dingen reden. Von zerſtreuenden. S. Von Deiner Molly, zum Beiſpiel! Ja! das wollen wir! Ich kann Dir neues von ihr ſagen. Sie iſt ſeit kurzem hier, in der Erziehung⸗Anſtalt der Madam Werlam, der unſere Eliſe als Helferin beizutreten 17 denkt: Hetr von Hohland hat das Fraͤulein wegen einer vorhabenden, weiten Reiſe, dort aufgehoben; denn erzogen iſt es bereits und wie! Wallow horchte auf, er ſagte ſeufzend— Sie ſey hier, oder auf der Weihnacht⸗Inſel im Suͤdmeere, das gilt gleich! Die Meinige kann Molly doch nimmerdar werden. Mir iſt dagegen nichts gewiſſer! fiel Lina ein: denn liebt ein Mann Deines Ge⸗ praͤges wie Du, ſo thut er Wunder fuͤr ſei⸗ nen Zweck und hier bedarf es uͤberdem, bloß ernſter Bemuͤhung. Minona iſt, wie Du weißt, der Erb⸗Prinzeſſin angenehm; ſie wird, unfehlbar, des naͤchſten wieder in die Garderobe gerufen werden und wenn Du rei⸗ nen Mund zu halten verſprichſt, ſo will ich Dir vertrauen, was ſie, bei dieſer Veran⸗ laſſung, fuͤr Dich zu thun gedenkt. Wenn ſie mich lieb hat, nichts! fiek Schilling. ate S. 12r Bd. 2 18 Rudolf haſtig ein: und ſich ſelbſt wuͤrde ſie ſchaden. Sie ſoll dort weder Wuͤnſche an⸗ deuten noch fuͤr Befreundete ſprechen— ſoll ſich huͤten im Geiſte gemeiner Klientinnen das reine Wohlwollen der Goͤnnerin zu truͤben und Falls die Fuͤrſten⸗Tochter nach dem Zu⸗ ſtande der Ihrigen fragt, des meinigen ohne allen Zuſatz gedenken. Das gluͤckliche Noͤnnchen! ſprach Pauline und biß, ſchnell wieder von ihrer Wehmuth bewegt, in die Lippen. Rudolf erkannte jetzt den Grund derſelben und ſagte, mit Ernſt und Nachdruck— Man zaͤhlt die Mißgunſt zu den Haupt⸗ fehlern Deines Geſchlechtes; der Zwilling⸗ ſchweſter aber goͤnnſt Du, hoffentlich, das Beßte? Gott kennt mein Herz! erwiederte Pau⸗ line: und ich habe mich ſchon oͤfter, ſtreng und unbefangen, gepruͤft; aber es iſt 19 wahrhaftig! kein ſuͤndliches, neidiſches Ge⸗ fuͤhl, das mein Inneres, in Bezug auf ſie, verbittert— ich goͤnne vielmehr, Deiner Vorausſetzung gemaͤß, der Geliebten alle Kraͤnze des Lebens; aber ſteh' ich nicht neben ihr, wie die Magd neben der Herrin? Sie ward zum Heile berufen, ich zum Leide! Sie zum Genuſſe, ich zur Verſagung! Ihr ward der wuͤrdige Alfried, mir der nichtswuͤrdige Tieffuß— Ihr erſtes Lieben fuͤhrte ſie, uͤber Roſen und Lorbern, zum Gipfel der weibli⸗ chen Ziele, mein erſtes Lieben mich, durch Scham und Gram, zur Entbehrung und waͤhrend dem ich, bei aͤhnlichen Anſpruͤchen, unbeachtet verbluͤhe, wird ſie geprieſen, be⸗ ſungen und mit Auszeichnung uͤberſchuͤttet. O, lieber, guter Rudolf! das kraͤnkt mich! geſtern habe ich ſie wieder zu dem praͤchtigen Feſte geſchmuͤckt, ihr dann ſehnſuchtnall nach⸗ geblickt und nachgeraͤumt; habe, waͤhrend dem 0 20 ſie in Wonne ſchwamm, meine Hausſchuͤrze ausgebeſſert und ihrer Ruͤckkehr bis zum Mor⸗ gen gewaͤrtig, kein Auge geſchloſſen. So wirkt denn auch der Eltern Unmuth, immer und zunaͤchſt, auf mich zuruͤck; wenn Noͤnn⸗ chen koͤmmt, erheitert ſich der Himmel, denn immer iſt der Gluͤcklichen etwas begegnet, deſſen Mittheilung der Mutter ſchmeichelt und den Vater erfreut, waͤhrend dem ihnen, ſelbſt die Erſchoͤpfung meiner Pflicht kaum genug thut. Du gutes Linchen, verſetzte Rudolf: mein Mitgefuͤhl iſt um ſo lebhafter, da es mir, im Vertrauen geſagt, genau wie Dir geht und wohl erwogen, noch viel uͤbler, denn die beleidigte Eitelkeit findet, in ihrem Wahne, mehr als einen Troſt, der dem ge⸗ kraͤnkten Ehrgeize verſagt bleibt. Ach, wie gern wollte ich dem Schickſale ſeine Vorliebe fuͤr ſo manchen Naͤchſten vergeben, wenn ſich 4 21 2 die, an Talenten und Leiſtungen, an Werth des Herzens und Gemuͤthes, mit Deiner be⸗ guͤnſtigten Schweſter zu meſſen vermoͤchten. Aber ich ſah, zum Theil auf meine Koſten, Schaͤcher und Stuͤmper erhoͤht und Falls ſie dann ihr eigener Spott wurden, auf eine be⸗ queme Ruhebank verſetzt, weil ſie Schutz und Gunſt zu erkriechen verſtanden, oder wahl⸗ verwandte Große zu Blutsfreunden oder die wilde Gans des Gluͤcks zum Vormund hatten. Erwaͤge uͤbrigens, mein gutes Kind! ob Noͤnnchens Kranz aus Immortellen gefloch⸗ ten— ob ihr die Dauer dieſer Bluͤthen ver⸗ buͤrgt ward? Den fluͤchtigen Triumphen ge⸗ nialer Weſen folgt nur zu oft der Geiſt der Verkuͤmmerung und der Freudenwein ver⸗ ſauert nicht ſelten uͤber Nacht. Deine Lage giebt Dir, naͤchſtdem, ein Bewußtſeyn der Verdienſtlichkeit, das jener abgeht und uͤber uns waltet ja die Hand, die jedes Opfer der 22 pflichtgetreuen Jungfrau und Tochter waͤgt und es, fruͤh oder ſpaͤt, durch erquickende Segnungen ausgleicht. Das ſagte ich mir auch, erwiederte Pau⸗ line: ich ſagte mir es geſtern noch, waͤhrend dem ich die Hausſchuͤrze ausbeſſerte und den⸗ noch ward ſie von meinen Thraͤnen naß. Jetzt trat Minona ein, begruͤßte, gleich einer freudigen Morgenhore, den Vetter, wuͤnſchte ihm zu der fortſchreitenden, ſichtli⸗ chen Beſſerung Gluͤck und meinte, er habe die, vor Allem, ihrem ſtillen Gebete zu danken. 1 Gewiß? fragte Rudolf. Ich fuͤrchtete beinah, daß nur der Gott der Luſt, Dein Herz beſchaͤftige. Die reine Luſt iſt auch ein Gottesdienſt! erwiederte Minona: und der willkommenſte vielleicht, denn Gruͤbler und Kopfhaͤnger ge⸗ fallen dem Hoͤchſten ſo wenig, als ſich ſelbſt. 23 Sieh, Vetter! ich ſpreche, von dem Balle kommend, noch ſo altklug als irgend eine, die dort ſitzen blieb und bin daher dem Gott der Luſt gewachſener, als Du hoffen magſt. Nun, liebes Linchen, hilfſt Du mir wohl endlich von dem Ballſtaate und zerſtoͤrſt Dein geſtriges Meiſterwerk? Die geheime Raͤthin und noch ein Dutzend Damen prieſen meinen Kopfputz und Anzug, und ich dagegen das Lob der Schweſter, deren Geſchmack mich zum Gegenſtand machte. O, habe Dank! Darauf umarmte Frau Alfried Paulinen und zog ſie mit ſich fort. Amalie hatte indeß den Gatten auf ſein Zimmer begleitet, um ſich mit Wirthſchaft⸗ geld verſorgen zu laſſen. Wallow gab heute zum Ueberſchwang und ſprach mit Freund⸗ lichkeit— 24 Eliſe wird benn alſo, ihrer Paſſion und ihrem Talente gemaͤß, des naͤchſten in der Anſtalt der Frau Werlam das Lehramt an⸗ treten und auch dort Wohnung machen. Wer weiß, wie bald der Beruf Minonen von hier entfernt, die ich jetzt ſchon oft mit Schmerzen vermiſſe. Findet ſich endlich ein Freier fuͤr Paulinen, ſo ſtehn wir einſam und das darf nicht ſeyn. Wie waͤr' es, Malchen! wenn man dieſer eine Gefaͤhrtin beifuͤgte, um ſie fuͤr den Abgang der Schweſtern zu entſchaͤdigen, denn ein Maͤdchen verſtimmt ſich leicht, wenn ihm der Verkehr mit ſeines Gleichen entzogen wird. Mir iſt zudem eine treffliche Perſon bekannt, die ſich, ſeit Kur⸗ zem, bei der Werlam aufhaͤlt und bis dahin Geſellſchafterin der Frau von Hohland war. Fraͤulein duͤ Val, mit unſern Zwillingen in gleichem Alter, doch ſtehen beide weit hinter ihr zuruͤck. Sie verbindet mit ſeltenen Vor⸗ * 4 —— 23 zuͤgen eine Demuth und Einfalt, die ſich je⸗ nen dann wohl auch aneignen wuͤrde. Amalie verſetzte darauf— unſerm Lis⸗ chen iſt das Fraͤulein bereits bei der Werlam, als ein muſterhaftes bekannt worden, aber Geſellſchafterinnen erſcheinen mir als Luxus⸗ Artikel und ſind demnach um ſo entbehrlicher, wenn man ſelbſt drei Toͤchter und kein bedeu⸗ tendes Vermoͤgen hat. Liebes Kind, entgegnete er: dem Fraͤu⸗ lein wurden, im Vertraueu geſagt, gerechte Anſpruͤche auf meine Unterſtuͤtzung, denn ſie iſt die Tochter meines ſeligen, zweiten Bru⸗ ders, der als Hofmeiſter, der Hofmeiſterin des Hauſes zu nahe trat.— Wallow er⸗ zaͤhlte jetzt ſeinem Malchen, was bereits die alte Veronika dem Vetter Rudolf, nur ohne Nennung des Namens, eroͤffnet hatte. Das Fraͤulein, fuhr er fort: weiß auch-von der Goͤnnerin, die ſie groß zog, daß ich ihr 26 Oheim bin und wir ſprachen uns, waͤhrend Hohlands Hierſeyn, auf ſeine Veranlaſſung, zum oͤftern unter vier Augen in deſſen Woh⸗ nung. Vor kurzem uͤberraſcht mich dieſer mit einem Beſuche, er bittet mich, das Maͤd⸗ chen aufzunehmen, weil eine vorhabende, weite Reiſe, ſeinen Hausſtand aufloͤſe und er es indeß, fuͤr den Augenblick, der Frau Werlam anvertraut habe. Uns, liebe Frau, faͤllt uͤbrigens in dieſer Waiſe, keinesweges eine Buͤrde zu, denn Herr von Hohland ſtat⸗ tet dieſelbe, falls ſich ein erwuͤnſchter Freier findet, reichlich aus und hat auch ihren Un⸗ terhalt durch eine lebenslaͤngliche, anſehnliche Rente geſichert. Biſt Du nun meines Sin⸗ nes, ſo wird die gute Molly unſere Pflege⸗ tochter, denn es hat mir ja, gleichſam mit deshalb, der himmliſche Vater die verloren geachtete Schuld des braven Mannes zuge⸗ wandt, der von der andern Halbkugel zuruͤck⸗ — 27 kommen mußte, um meinen Naͤchten Schlaf, um meinen Tagen lang entbehrte Freude und mir, im Tode noch, den Troſt zu geben, daß Weib und Kinder nicht dem Hunger und Kummer anheim fallen werden. Amalie hatte die Mittheilung von des Fraͤuleins Herkunft und ihren Beziehungen zu dem Gatten, mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit vernommen und ihre verirrten und ver⸗ ewigten Eltern Theils beklagt, Theils geſchol⸗ ten. Des ſchuldloſen Kindes erbarmte ſie ſich jedoch um ſo zaͤrtlicher, da Eliſe, wie gedacht, die Bekanntſchaft deſſelben bei Madam Wer⸗ lam gemacht und des Fraͤuleins Anmuth und Trefflichkeit hoͤchlich belobt hatte. Sie er⸗ wiederte demnach, die Haͤnde faltend— dein Wille geſchehe! und dafuͤr kuͤßte ſie ihr Adolf⸗ wie in der erſten Flitterwoche. Eliſe empfing nun, waͤhrend der abend⸗ lichen Theeſtunde, den Auftrag, das Fraͤu⸗ 28 4* lein duͤ Val von dem Entſchluſſe ihrer Eltern und allem Guten, das ihr dieſe freundlich darboten, zu unterrichten. Rudolf und Pau⸗ line hoͤrten ſtill der Unterhandlung zu, jener ergluͤhte, dieſe verblaßte und der Vater bat, vergnuͤgt, um eine geſchwiſterliche Aufnahme fuͤr ſein verwaiſ tes Pflegetoͤchterchen. , Als Minona am Chriſtabende, wo ſie Maddalons Prachthaus bezogen, die dortige Garderoben⸗Thuͤr oͤffnete, um ihre ſchoͤnzier⸗ lichen Feigenblaͤtter zu bergen, fand ſie das Behaͤltniß mit reichen und koͤſtlichen Anzüͤgen fuͤr alle Rollen ihres Faches verſehn und auf dem Nachttiſch ein zaͤrtliches Briefchen der Baronin unter aͤchtem und werthvollen Schmucke. Alfried ward, bei dem Eintritt in ſein Cabinet, gleichzeitig von einem aͤhn⸗ lichen Fund uͤberraſcht, auch enthielt der 29 Schreibtiſch eine Karte, welche das Paar fuͤr immer zur Tafel lud; denn dieſe war tag⸗ taͤglich fuͤr zwanzig Gaͤſte gedeckt und auf's uppigſte verſehen. Alfried ſtand noch— faſt truͤbſelig— vor der reichen Beſcherung, als Minona ju⸗ belnd hereinhuͤpfte und dem Gatten das Lie⸗ besbriefchen unter die Augen hielt, mit wel⸗ chem die Baronin ihre Gaben verſchoͤnt hatte. Des Inhalts feinſinnige Wendungen begeg⸗ neten im Voraus jedem moͤglichen Einſpruche ſeines Zartgefuͤhls und dem Gedanken an Ab⸗ lehnung; Noͤnnchen ſah, zu Vollendung ih⸗ rer Freude, daß auch ihm der heilige Chriſt beſchert worden ſey; ſie wuͤnſchte unter Kuͤſ⸗ ſen, Gluͤck; der Gatte verſetzte mit Ernſt und Nachdruck— Den Gluͤckwunſch, gutes Noͤnnchen! kann ich nur in dem Fall erwiedern, wenn Du Sorge dafür traͤgſt, daß unſeren Kalen⸗ 3⁰ der an dem heutigen, heiligſten und hellſten aller Abende, kein ſchwarzer Hauptſtrich ſchim⸗ Pfire. Laß uns, vor allem, diesmal ein⸗ ſtimmig fuͤhlen und handeln! Wie immer in Hauptſachen! erwiederte ſie: nur kann ich mir nicht denken, daß Du dieſe Zeichen des edelſten und reinſten Wohl⸗ wollens meiner Freundin werdeſt abweiſen wollen, denn ein ſolcher Dank waͤre heillos und unerhoͤrt— E. Daß die Gaben ein Weib verzuͤcken, entſchuldigt allenfalls der Inſtinkt⸗ artige Sinn Oeines Geſchlechts fuͤr Geſchenke, mich aber ſchlagt, was Dich erhebt, zu Boden und ich ſehe mich eben als die Kreatur eines Paares an, das ſein Gold zum Sklavenkauf mißbrauchte. Laß uns demnach die Ruͤck⸗ nahme dieſer theuern, unverdienten Ange⸗ binde, als einen Beweis ihrer Achtung, als die Bedingung des Hierbleibens erbitten und 1 3¹ im aͤuſſerſten Falle lieber mit den Gebern als mit unſerem beſſern Selbſt entzweit werden, Mein beſſeres Selbſt, entgegnete Mino⸗ na: ſtimmt laut und beifaͤllig fuͤr die dank⸗ bare Annahme, es ſtraͤubt ſich gegen dieſe rohe Wehthat und gegen den Schein einer armſeligen Hoffahrt, uͤber die man, im Ge⸗ genfalle, mit vollem Rechte ſchreien wuͤrde— Hoffahrt? rief Alfried— die warf uns, fuͤrchte ich, dieſe Beiſteuer zu und mein Ge⸗ fuͤhl kann mich nicht taͤuſchen. Schnappe nach Broſamen, weſſen Mutter ſich an Pu⸗ deln oder Fiſchen verſehen hat; die meinige gebar mich, unfehlbar, unter dem Zeichen des eben vorherrſchenden Jupiters— Du weinſt, Minona! Deine Thraͤnen, hoffe ich, ſind Perlen eines beſſern Schmuckes, als ir⸗ gend einer, mit dem Dich Frau von Madda⸗ lon begaben koͤnnte. Juwelen der Selbſt⸗Ue⸗ berwindung! Nicht wahr, geliebtes Weib s⸗ 32 Minona faltete, voll Bedraͤngniß, die Haͤnde und flehte, im Aufruhr ihrer innig⸗ ſten und heftigſten Gefuͤhle— Ich beſchwoͤre Dich, Alfried!— Wenn ich Dir lieb bin, ſo kraͤnke dieſe Edeln nicht durch Verſagung, denn Menſchenkraͤnkung iſt ja Suͤnde und Undank, ein Greul vor Gott und den Engeln— das ſagteſt Du ſelbſt neulich— laß Dich erweichen— auf meinen Knieen bitte ich Dich! Er hielt ſie aufrecht und entgegnete— Erweicht haſt Du mich nicht, aber ver⸗ bittert—. S. Deine Grille that das, nicht Dein Weib. Faſt alle Welt feiert heute das Feſt der Erfreuung, wie koͤnnteſt Du, eben jetzt, Dein gutes, weiches Herz verhaͤrten? Ich weiß, es denkt mir Gaben zu; ich aber werde die erbetene Vergoͤnnung als das koͤſtlichſte 4 33 Weihnachtsgeſchenk anſehn. Es iſt Dein erſtes, lieber Mann! E. Das erſte, jal ein ſchwarzer Strich in unſerem Kalender. Damit ſchlug er die⸗ ſen auf und griff nach der Feder. Minona veraͤnderte die Farbe, ihre Lip⸗ pen bebten, ſie ſtreckte die Hand aus, ihm in den Arm zu fallen, doch die Hand ſank zuruͤck und er ſprach mit Gleichmuth— ent⸗ ſcheide! Alfried! rief die Gattin im flehenden Klageton. Alfried legte die Feder von ſich und ſagte— nimm Dir Bedenkzeit!— Minona ging ſtill weinend ab⸗ Habe ich denn Unrecht? fragte er ſich jetzt: und ſtehn wir nicht, im Gewaͤhrung⸗ Falle, wie ein leibeigenes Paar vor ſeiner gnaͤdigen Herrſchaft, die ſich ein Wohlgefuͤhl SEchilling ate S, 13r Ld. 3 34 verſchaffen wollte und uns einkleiden ließ. „Das hat ſie von mir!“ wird Frau von Maddalon ihren Nachbarinnen in der Loge, im Wagen, bei Tafel und uͤberall zufliſtern, wenn meine Frau künftig, in den Flocken und Brocken dieſer Beſcherung, hervorleuch⸗ tet; ihr Gemahl aber wird um ſo gewiſſer wie ſie thun, denn die Großmuth der Rei⸗ chen iſt koket. Alfried wendete demnach die Augen, ver⸗ ſchmaͤhend, von der geſtickten Uniform, von dem funkelnden, federreichen Helme, von ei⸗ nem blitzenden Theater⸗Orden ab; doch haf⸗ teten ſie, unwillkuͤhrlich, auf wunderſchoͤnen Ritterkrauſen, die offenbar eine Gabe der kunſtfertigen Baronin waren und dieſe huͤpfte jetzt in's Zimmer. Gleich einem Göoͤtter⸗” maͤdchen erſchien ſie ihm, flog federleicht, auf den Beſtuͤrzten zu und umſchlang ihn mit ruͤhrender Heftigkeit. 35 Mag es unſchicklich ſeyn, liſpelte Flo⸗ rentine: mich ſieht doch eben nur der Him⸗ mel, der in's Innere blickt und nicht wie Menſchen, auf den Schein hin, richtet. Die gute, fromme Abſicht ging aus dieſem reinen Innern hervor und es bedruͤckt mein Herz, ſie ſo verkannt zu ſehen.— O, edler Alfried, ſetzte ſie mit magiſchem Wohllaut, ihren Thraͤnen wehrend, hinzu: dem Stolze ward ſein Opfer nun gebracht; ein zweites, ſchoͤneres, gebuͤhrt der Freundſchaft und der Liebe und das verſagen Sie uns nicht. Mi⸗ nona lag eben, geaͤngſtet und in Wehmuth aufgeloͤſ't, an meiner Bruſt, wie ich an die⸗ ſer. Soll ich, wie die, betruͤbt von dannen gehn? 2 Alfried ſah ſich in den Schwanen⸗Armen einer Huldin, die ſelbſt der Hub der dortigen Maͤnnerwelt mit Ehrerbietung feierte; um⸗ ſchmeichelt von ſuͤßer Engelmilde— er fuͤhlte . die Helenen⸗Bruſt an ſeinem Herzen wallen; von einer Regung, die ihm galt, bedraͤngt und ſeine Staͤrke ward zum Spiel ihres ſaͤu⸗ ſelnden Odems. Wir wollen alles zuruͤcknehmen, ſprach Florentine jetzt— alles, womit der gutmuͤ⸗ thige Wille die Theuern zu erfreuen gedachte, nur darf meine geliebte Minona, um keinen Preis, fuͤr einen Mißgriff uͤbereilter Freund⸗ ſchaft und Zaͤrtlichkeit buͤßen. Mit nichten! eerwiederte Alfried, den 6 Weichmuth und Ruͤhrung und die magiſchen Kraͤfte der Zauberin uͤbermannten: ich halte vielmehr alles feſt und danke Ihnen, wie ich fuͤhle. O, edler Mann! rief Florentine, welche alsbald noch um ein's ſo liebreizend und ſo herzig ward: es ſchien als wolle ihm der Ro⸗ ſenmund vergelten. Sie duldete den ſchuͤch⸗ ternen Kuß ſeiner Dankbarkeit und ſie erwie⸗ 37 derte den folgenden, heißeren, entzog ſich ihm dann und floh davon. Alfried ſah ihr nach und dann, klein⸗ muͤthig und geaͤrgert, in ſeine Bruſt. Er hatte jetzt den ſchwarzen Strich verwirkt, mit welchem vorhin dem armen Noͤnnchen gedroht ward, und ihn umloderten die Flammen Semele's. Molly waltete nun bei ihrem Oheim Wal⸗ low und Amalie ſegnete die Wahl, denn das war, nach ihrem innerſten Gefuͤhl, ein Toͤch⸗ terchen, wie es ſeyn ſollte; es vereinigte, ohne irgend einen verdunkelnden Fehler, die ge⸗ ſammten Vorzuͤge ihrer Kinder, in gelaͤuter⸗ ter Reinheit. Am liebſten ſah der Vetter Rudolf den neuen werthen Gaſt, auch Molly fuͤhlte ſich um ein's ſo heimiſch, als ſie den ſtill Ge⸗ —— ———— 38 feierten an Wallow's Haus⸗Altare fand; die taͤgliche Wiederkehr geſelliger Begegnungen verengerte, bald genug, ihr freundſeliges, zartes Verhaͤltniß. 3 Das Fraͤulein ordnete eines Tages, mit Aufraͤumen beſchaͤftigt, den kleinen Buͤcher⸗ ſchatz, als Rudolf eintrat, ſie allein fand und ſich, erroͤthend, zum Helfer anbot. Der Eilfertigen entglitt ein Haͤufchen derſelben, das eben nach dem Schranke getragen werden ſollte; ihr wohlbekanntes Andachtbuch befand ſich unter ihnen; die Zeichen und Heiligen flogen heraus und bedeckten den Boden. Fallſuͤchtige Molkendiebe! ſagte Rudolf. Sie tadelte die Frevelrede und beide laſen, vereint, die verſtreueten auf; ihre Haͤupter und Haͤnde begegneten, beruͤhrten und mie⸗ den ſich wechſelhaft, denn der Kleinmuth des eelfers widerſtand, zu ſeinem Leidweſen, dem Drange der Anzugkraft. 39 Als die Arbeit gethan war und ſie, von dieſer geroͤthet, ſich erhoben, ſagte Molly, das Buch oͤffnend, mit freudigem Erſtaunen — O, ſehn Sie doch! nur Ihr Geſchenk hat ſeinen Platz behauptet; der goͤttliche Kna⸗ be blieb mir treu. E. Der Braͤutigam der Braut— das iſt in der Regel— aber dieſe falſchen, ab⸗ truͤnnigen Nebengoͤtter werde ich, an Ihrer Statt, beſeitigen. Nein, keines Weges! eiferte Molly. Die find meine Puppen, nicht meine Goͤtzen. Ihr Farbenglanz, ihre Goldſcheine und die Liebes⸗ huld in den Nonnen⸗Geſichtern dieſer heiligen Clara und Agnes und Anna, erbauen mich oft inniglich. Der Anblick regt, wenn ich ſie ſtill betrachte, gar wunderſame, wohlthuende Empfindungen in mir auf und ich genieße dann die Wonne des anſchauenden Kindes, das in gemahlten Engeln lebendige ſieht. 9 Dieſelbe magiſche Gewalt uͤben Blumen und ihr Duft an mir aus; ſie beruͤhren, in har⸗ moniſcher Zuſammenſtellung, die ganze Ton⸗ leiter meiner Gefuͤhle und erfuͤllen das Ge⸗ muͤth mit einem Wechſelſpiele reiner Luſt und ſuͤßer Wehmuth. Selbſt jedes goͤttliche Ge⸗ dicht wird, vor meinem inneren Auge, gleich⸗ ſam zu einer Blumenfuͤlle und ich wollte Ih⸗ 3* nen, wenn mir nicht vor dem Spotte graue⸗ te, Stellen und Bilder nachweiſen, die mich als Roſen, als Jasmin, als Violen taͤu⸗ ſchend anduften.— Sie laͤcheln und ich ſchaͤ⸗ me mich; geſchwind alſo zu etwas Anderem— E. Der Tert iſt ſo reizend als eigen⸗ thuͤmlich, mein Laͤcheln aber gilt dem Wohl⸗ gefallen an den Zauberblumen, mit denen Sie meine Phantaſie umkraͤnzten und auch mir wird eben, Statt gemahlter Engel, ein lebendiger ſichtbar. Molh erroͤthete, denn Beider Augen hat⸗ 41 ten ſich jetzt in dem nahen Spiegel begegnet. Sie entzog ihm haſtig die Buͤcher, die er ihr zureichte und ſagte ſchmollend— Mein Geſchaͤft bedarf keines Beiſtandes. E. Die kleine Muͤhe, Theuerſte! iſt viel fuͤßer als ein großes Vergnuͤgen. S. Auch ſieht uns die Tante gewiß mit nicht geringerer Beſorgniß als ich ſelbſt, hier beiſammen. E. Liebe Molly, was regt die Taube denn, mit einem Male, bis zur Wehthat auf? S. O, fragen Sie noch! E. Ich frage! und auf Ihr Gewiſſen! S. Der Vergleich mit dem Engel! E. Er kam vom Herzen— denn wie der Farbenglanz und die Liebeshuld jener Bil⸗ der— wie Blumenſchmuck und Wuͤrzeduft Ihr kindliches Gemuͤth begeiſtern„ſo erquickt mich dieſer lebendige Inbegriff der Huld und des Schmuckes und Molyy wuͤrde mein Ge⸗ 4² fuͤhl verkennen und mißverſtehen, wenn ſie es zu dem irdiſchen zaͤhlte. O, weit entfernt, dieſe Freye, Friedſelige, mit dem Netze ſelbſt⸗ ſuͤchtiger Leidenſchaft umſtricken zu wollen, genuͤgt mir an der Gunſt des Schutzeiſtes und es iſt an Ihnen, der Hoffnung auf die⸗ ſes Heil Gehalt zu geben. Mein guter Wallow, fiel das Fraͤulein tief athmend ein: Sie aͤngſtigen mich! Mei⸗ ne Einfalt verſagt mir jetzt die Faͤhigkeit zur Wahl der Worte, des Benehmens und aller Waffen, die dem weltklugen Maͤdchen, bei ihrem eingeuͤbten Takte, zu Gebote ſtehn. Wie koͤnnten Sie mich wohl, im Ernſte, zum Genius eines Mannes erheben, neben dem die geiſtarme, unbedeutende Molly, wie ein Veilchen am Fuße des Fruchtbaumes erſcheint. Iſt das nicht Falſchheit, ſo giebt es keine und die betruͤbt mich, alſo ſchweige ich. Nur Ihre Anſicht iſt die falſche, erwie⸗ 43 derte Rudolf: aber ruͤhrend und ruhmwuͤr⸗ dig. Was dieſe heilige Demuth dem Veil⸗ chen vergleicht, erkennen Maͤnner fuͤr Jeho⸗ vah⸗Blumen und jene ſchmeicheln nicht, wenn ſie die Reine edel, die Heilige engelhaft nen⸗ nen.— So neigen Sie ſich denn herab, um mir eine zaͤrtliche, vertrauende Schweſter zu werden; dieſe milde Beziehung verkuͤmmert Ihnen ja kein ſuͤßeres Verhaͤltniß der Zukunft und ich liebe Sie, Molly! rein und innig, fromm und ewig, wie ein geſundes Herz das Schoͤne und das Gute liebt. Die himmelklaren Augen der Jungfrau erhoben ſich und ihre Wangen faͤrbte eine ſeli⸗ ge Wallung.— Ich liebe Sie auch, ſagte Molly: mein theuerer Vetter! ach, mein Bruder! und mit derſelben Waͤrme und In⸗ nigkeit. Wie gluͤcklich macht mich Gott durch dieſen Augenblick! Rudolf faßte des Maͤdchens Hand; er 4 ½ druͤckte dieſe an die Bruſt und an die Lippen; da bot ſie ihm die Wange zum Kuſſe dar und Beide ſahen, ſtill verzuͤckt, den Farbenglanz, den Blumenſchmuck, die Liebeshuld des goͤtt⸗ lichſten Momentes, doch Paulinen, die gei⸗ ſterbleiche Zeugin, ſah'n Sie nicht. Dieſe war eben durch die geoͤffnete Thuͤr getreten und von dem Anblicke durchſchauert, nach kurzer Weile, verſtohlen zuruͤck gekehrt. Pauline ſchlich in ihre Kammer und wein⸗ te hier, denn Rudolf, der Liebling ihres Her⸗ zens, hatte, nach dem was ſie eben geſehen und vernommen, Erhoͤrung gefunden und dieſe benahm ihr, fuͤr immer, den ſtillgenaͤhr⸗ ten Wahn, daß Molly nur fuͤr ein Weilchen hier aufgehoben worden ſey, um, nach Hoh⸗ lands erfolgter Scheidung, deſſen Gattin zu 45 werden. Drei andere Freundinnen waren uͤberdieß, im Laufe dieſer Tage, unvermuthet in den Brautſtand getreten— Minona, ih⸗ rem Wahne nach, minder ſchoͤn und fehler⸗ hafter als ſie, prangte auf dem Gipfel des weiblichen wie des ehelichen Gluͤcks und nur ihr nahte ſich, wie durch boͤſer Feen Haß und Zauber, noch immer kein willkommener Mann mit ernſtlicher Abſicht. Dazu hatte die ſcho⸗ nungloſe Groß⸗Tante, vor der Pauline juͤngſt den Unmuth des uͤbervollen Herzens ausſchuͤt⸗ kete, faſt ſchadenfroh erwiedert— „Deine Schuld, du leichtſinniges, un⸗ kluges Maͤdchen! Die Freier trachten, vor allem, nach Geld und Unbeſcholtenheit und beide Guͤter mangeln Dir! Dein Einver⸗ ſtaͤndniß mit dem elenden, entlaufenen Tieffuß, ward, leider Gottes! damals ſtadtkundig; ein ſolcher Verdacht ſchreckt aber, um ſo gewiſſer, jeden Verſtaͤndigen ab, 46 da Deine Ausſteuer den Makel nicht bedek⸗ ken kann.“ —— 2 Jetzt trat die Mutter in Paulinens Kam⸗ mer, fragte betroffen, weshalb ſie weine und die Zeichen der Truͤbſal wurden auf vorgebli⸗ che Aengſte geſchoben, mit denen Lina ge⸗ woͤhnlich die Spuren ihres Kummers ent⸗ ſchuldigte. Auf Regen folgt der Sonnenſchein! ver⸗ p ut Amalie: ich habe Dir Gutes zu berich⸗ ten. Auch Deine Stunde ſchlaͤgt nun, wenn Du willſt, es hat ſo eben ein feiner I Janage ſell um Dich angehalten. 1 Pauline verleugnete das erſchuͤtternde Ge⸗ fuͤhl, welches, bei dieſer Eroͤffnung, ihr In⸗ nerſtes durchdrang.— Wahrhaftig? ſagte ſie, ohne freundlicher als vorhin aufzublicken — foͤrmlich angehalten? Bei Ihnen alſo— 47 nicht bei mir? Der ſucht dann offenbar nur eine Wirthſchafterin. A. Er ſucht, was ich ihm goͤnnen moͤchte und bei den Eltern nur um die Erlaub⸗ niß an, ſich ihrem Kinde naͤhern zu duͤrfen. Der Weg iſt nicht modiſch, doch um o ehr⸗ barer. P. Kenne ich ihn, Mutter? A. Er ſchmeichelt ſich ſogar, Du wol⸗ leſt ihm wohl. P. Und iſt wohl kaum ein Gegenſtand fuͤr den Antheil? A. Vielmehr, nach meinem Beduͤnken, ein Mann nach dem Herzen jeder Beſonne⸗ nen. Er iſt bemittelt, kerngeſund, grund⸗ Lut, ein Dreiſſiger und wohlgeſtaltet und Der bereits ſeit Jahr und Tagen zugethan, hat aber einen Korb gefuͤrchtet, weil ihm Rang und Titel und der ſogenannte, feine Welt⸗ ton abgehn. 1 1 8 3 1 — 48 P. So iſt er wohl ein wenig gemein und derb? A. Schlicht und deutſch, offen und herzig. P. Ich nehm ihn, Mutter! Ungeſehn! A. Ei, wie Du biſt!— Eile mit Weile! Erſt mußt Du ihm, mit Faſſung, naͤher treten und Dich ſodann ganz unbefan⸗ gen pruͤfen, ob er nichts an ſich habe, was Dir widrig ſey, denn nicht ſelten wird die An⸗ und Abneigung von kaum ſichtbaren Ei⸗ genheiten erregt und begruͤndet. Der halt⸗ barſte Liebesreiz entſpringt der Sympathie. Kannſt Du dann aber, nach der Prüͤfung, Deinem raſchen„ich nehm' ihn!“ nicht das „ich lieb' ihn!“ hinzufuͤgen, ſo will er den Korb mitaufrichtiger Dankbarkeit empfangen. Pauline mußte ſie jetzt zu dem Vater be⸗ gleiten, welcher ſich, ruͤhrend und belehrend aͤber den Sinn und Geiſt aͤuſſerte, in dem 49 die angeſprochene Jungfrau gewaͤhren oder ſich verſagen muͤſſe, und uͤber die Ruͤckſich⸗ ten, welche ſie, die Selbſtſucht verleugnend, auf des Freiers kuͤnftiger Beil zu nehmen habe. Darum gehe fromm mit Gott und der Vernunft, dann auch mit Deinem Her⸗ zen zu Rathe, fuhr W. ow fort: denn ich geſtehe mir, als Euer Koͤnig, nur ein be⸗ dingtes Veto zu. Der eine verkauft ſeine Toͤchter dem Mammon, ein zweiter den Se⸗ ligmachern, oder einem andern, unſaubern Geiſte; ich aber ſtimme fuͤr jeden ſaubern, wenn ihm das taͤgliche Brot ſo gewiß als die⸗ ſem iſt. Pauline kuͤßte des Vaters Hand und fragte lauſchend— wie heißt denn mein Freier? Amalie erwiederte darauf— Du und Minona ſpazirten ſonſt, zum oͤftern, nach ſeinem Vorwerk, in die Milch. Schiſting ate S. a3r Bd. 4 50 Herr Gletter alſo? fiel das Maͤdchen ein. Ja, mein Kind! der Wachs⸗Fabrikant Gletter. Er beſitzt, außer jenem Landgute, das ſchoͤne geraͤumige Haus in der Vorſtadt, mit einem angenehmen Garten und ſein Gewerbe naͤhrt den Mann. Ich nehme ihn! wiederholte ſie: und freue mich ſeiner Ausdauer, denn der gute Mann ward bisher ſehr kalt behandelt. Er hat ſchoͤne, ſpaniſche Schafe auf dem Vor⸗ werke; ein Laͤmmchen unter anderen, das Minonens Liebling war, und das nun auch zum Schoͤpſe geworden ſeyn und ſich ver⸗ worfen haben wird— Ach, was verwuͤrfe ſich nicht mit der Zeit! Die Bemerkung iſt unwahr und bitter, 3 erwiederte der Vater: und am wenigſten im Geiſt der Tochter, der man ſo eben ein Glaͤck darbot.— 51 Amalie ſprach beguͤtigend— der leidige Muthwille! Ja, Muͤtterchen! fiel Lina ein: der plagt mich immerdar; der Eheſtand, denk' ich, ſoll ihn tilgen, und Madam Gletter wird, bald genug, ihres Maͤnnchens Wachsſchaͤtze ſo eifrig und andaͤchtig bleichen helfen, als ob ſie zwiſchen Waben und Windlichtern ge⸗ boren und erzogen waͤre. 3 Du Windlicht! fiel Wallow, haſtig und geaͤrgert, ein: Dich plagt die Hoffahrt und der Duͤnkel; aber ich werde dem Wackern heute noch ſchreiben, daß meine Tochter ſei⸗ ner unwerth ſey. Womit, ich frage Dich! kannſt Du das Gluͤck aufwiegen, eines recht⸗ lichen, liebenden und liebenswerthen Man⸗ nes Frau und die Mitgenoſſin ſeines ange⸗ nehmen Wohlſtandes zu werden? Antwort: mit friſchem Fleiſch und rothen Backen, die, uͤber Nacht, vergilben und veralten— mit 82² einem Dutzend eingelernter Stuͤckchen, die Du, taktlos genug, auf dem Fluͤgel trom⸗ melſt— mit einer Mandel franzoͤſiſcher Phraſen, die ſchon zum Theil vergeſſen wur⸗ den und mit einigen weiblichen Fertigkeiten, ohne die ſich eine Frau vor ihrem Dienſt⸗ maͤdchen ſchaͤmen muͤßte. Ich glaube, mei⸗ nen Toͤchtern laͤngſt erwieſen zu haben, was die Bibel, ſchon in ihrem erſten Kapi⸗ tel, bildlich und treffend bezeichnet hat— daß das aͤußere Gluͤck nur eine ſchillernde Luͤ⸗ genſchlange, das innere allein die ewig ge⸗ ſunde Frucht des Lebenbaumes ſey. Du moͤchteſt wohl gern eine Graͤfin oder Gene⸗ ralin werden, und wuͤrdeſt dann doch, nach Jahr und Tagen, ſcheel ſehen und graͤmeln, daß dich unſer Herr Gott nicht zur Fuͤrſten⸗ tochter berufen habe, die ihrerſeits die Buͤr⸗ gerin beneidet. 1 Da fiel ihm Linchen, weinend und reu⸗ 53 muͤthig, um den Hals, verklagte ihre boͤſe Laune, und betheuerte, ſie wolle dem bra⸗ ven Manne vom Herzen wohl, und Herr Gletter moͤge ſie immerhin anſprechen, um die Beſtaͤtigung aus ihrem eigenen Munde zu vernehmen. — Am Abende machte Amalie die Neuigkeit im Tamilienkreiſe kund; ihre Schweſtern umringten Paulinen, welcher Thraͤnen ent⸗ ſtuͤrzten, und wuͤnſchten ihr herzinnig Gluͤck. Alfried hatte, fruͤher, in dem Vorwerke, das nun ihr Eigenthum ward, Minonens wegen, ſo manchen Becher Milch geleert und dabei des Braͤutigams Bekanntſchaft gemacht; er ruͤhmte ihn und freute ſich des achtbaren Schwagers, welchem, ſeiner Aeu⸗ ßerung zu Folge, der gute Ehemann gleich⸗ ſam aus den offenen, ehrlichen Augen ſehe. 54 Die machen ſich rar! bemerkte die Mut⸗ ter. Wallow fragte— durch weſſen Schuld? Beſanders wohl durch ſolcher Maͤnner Schuld, ſagte Rudolf: die in der Erwaͤhl⸗ ten nur ein Leibeſſen ſehn, und gleichſam vom Magen, ſtatt vom Herzen, lieben. Der wird nun, Maß und Ziel vergeſſend, äberfuͤllt, und dann tritt der Uebelſtand ein und die ekle Verſchmaͤhung. Ein arger Vergleich! rief der Vater. Der uns zu Paſteten macht— verſetzte Minona. Die Mutter aber ſagte— da lob' ich mir den guten Gletter! der weiß vom Maß und Ziel! der fragt erſt bei den Eltern an, ob er zulangen duͤrfe und wird die Frau vom Herzen lieben. Wie Du, Papa! Er ruͤckte die Muͤtze; ſie küßte ihn. — 55 Am beßten waͤre es doch, hob Alfried an: und man wuͤrde, ſtatt der zahlloſen Feg⸗ feuer⸗Anſtalten, Millionen kleiner Himmel⸗ reiche auf Erden ſehen, wenn ein geheimer, untruͤglicher Zug dem Manne die paſſende, fuͤr ihn geborene oder geeignete Lebens⸗Ge⸗ faͤhrtin andeutete; denn jeder Heirath⸗An⸗ trag iſt ja ein va banoc! bei dem der Wag⸗ hals ſich und ſein Alles gegen verdeckte Sum⸗ men und unbekannte Sorten einſetzt— R. Wo zudem die Bankhalterin nicht ſelten avec un peu d'aide ſpielt, und wenn er gewinnt, noch oͤfter mit falſchem Golde deckt. Herr Vettert rief Minona drohend. Sr erwiederte— 3 Daß Alfried ein Unmaß von aͤchtem ein⸗ ſtrich, iſt landkundig— wie vielen gluͤckt das wohl? Dir nicht? fragte Molly's Blick; da er⸗ 56 klaͤrte ſeine leiſe Aeußerung e ſtille Geliebte fuͤr ein cryſtallenes Gefaͤß voll Rand⸗Du⸗ katen. Jetzt unterbrachen zuſprechende Freun⸗ dinnen des Hauſes den Verkehr, und Frau Alfried ſagte, auf dem Heimwege, zu ihrem Gatten— Die Schweſter dauert mich. Sie liebt den Rudolf, und dieſer gute Gletter iſt ihe unfehlbar zu unbedeutend. Haſtig entgeg⸗ nete Alfried— So weiſe ihn Pauline ab, wenn ich ſie nicht verachten ſoll. S. Die Gute wird ſich, ſchon um der Eltern Willen, glaubend machen, daß er ein Mann nach ihrem Herzen ſey. Wir arme Laͤmmer ſind ja willenlos und opferlu⸗ ſtig. Paulinen traͤumte freilich ehedem von einer hoͤhern Rolle. — 57 Die eine, hoͤchſte Rolle, erwiederte Al⸗ fried: nach welcher ein gutgeſinntes Maͤd⸗ chen verlangt, iſt die der Hausfrau und der Mutter. Ob im Pallaſt oder in der Huͤtte, kann ihr gleich gelten; denn ſie darf ihre Ge⸗ nuͤſſe nur im heiligen Kreiſe der Haͤuslichkeit ſuchen, die auch den aͤrmlichſten Winkel ver⸗ herrlicht. Minona ſtand ploͤtzlich ſtill und ſagte— Du iſprachſt wohl, jetzt wie vorhin, mir zum Angehoͤr? Er zog ſie mit ſich fort und entgegnete — ohne mein Wiſſen vielleicht! S. So bin ich getroͤſtet! denn meine Schuld iſt es wahrhaftig nicht, wenn, ſeit der letzten Zeit, ſo manche Wolke uͤber un⸗ ſern Himmel lief. E. Die meine wohl? S. Wenn Du das fuͤhl'ſt, mein lieber Mann, ſo klaͤre ihn aus! 58 E. Ich fuͤhle nur, daß ſogenannte Flit⸗ terwochen darum ſo fluͤchtig ſind, weil die junge Frau mit jeder einen Flitterkranz ab⸗ legt. Die Leiſtung iſt vollbracht, das Ziel errungen, der Sieg gewiß, ſie macht ſich's bequem. S. Mich trifft das nicht! Um Dich zu ehren, hab' ich mich bisher mit heiligem Ei⸗ fer der Kunſt geweiht, mir Rolle auf Rolle eingepraͤgt; die ungewohnten Feſte, Baͤlle, Gaſtereien, wirkten bei, und nun mißdeu⸗ teſt Du die natuͤrliche Folge. Ihr Maͤnner wollt nur immer das Firmament voll Ster⸗ ne ſehen und ſeyd doch ſelbſt ſo ſelten ſter⸗ nenhell. 3 Der Fruͤhling kam; die Stuͤrme und Wechſel des Aprilmondes hauſ'ten jetzt auch in Alfried's Bruſt und in ſeines Noͤnnchens 59 beunruhigtem Buſen. Immer enger und blendender umkreiſ'te Beide, ſeit dem Ein⸗ tritt in Maddalons Haus, jene ſchillernde Luͤgenſchlange— immer falber ward, ſo Laub als Frucht am Lebensbaume. Ihm drang ein boͤſer Genius, bei jedem, ſich taͤg⸗ lich haͤufenden Vergleiche, die Ueberzeugung auf, daß ſeine Minona, im Bezug auf An⸗ muth, Geiſt, Gemuͤth und alle Zauber der Weiblichkeit, weit unter ihrer feenhaften Goͤnnerin ſtehe— daß ihre kindliche, inni⸗ ge, jeden andern Gegenſtand ausſchließende Liebe zu ihm, mehr und mehr in der wach⸗ ſenden Selbſtſucht der uͤberſchmeichelten Kuͤnſtlerin verſinke— daß ſie, um Allen zu gefallen, die zaͤrtere Ruͤckſicht gegen den Ein⸗ zigen vernachlaͤſſige, dem eines Mannes Weib vor Allen gefallen ſoll. Minona dagegen ſagte ſich— Ja, ſie ſind durchaus wandelbar! Selbſt die Weich⸗ 60 zaͤrtlichſte Liebhaber wird, als Gatte, zum herriſchen Bruder, zum unfreundlichen Va⸗ ter, zum Gegentheile des Freiers und des Braͤutigams. Nur der gute, einem ewigen Mai gleichende Maddalon gehoͤrt den weni⸗ gen, ſeltenen Ausnahmen zu. O, die be⸗ neideswerthe Florentine — Zu Florentinen ſyrach jetzt dieſer geprie⸗ ſene Maitag— Ich fuͤrchte, ma chere! Sie werden am Ziele ſeyn und Ihn haben, eh' es Ihr ſelbſt im Traume beikommen duͤrfte, welche Vergeltung ſich der Liebhaber fuͤr einen ſol⸗ chen Ueberſchwang von Guͤte und Opferun⸗ gen verſpricht. Noch ſeh ich keine Frucht der Bearbeitung, die Sie mir zuſagten, die ich, als Bedingung Ihres Gluͤcks bei Alfried muͤthigſten verhaͤrten ſich allgemach, und der 1 61 aufſtellte, undderen Erfolg bei dieſem eiteln, ſinnenwarmen, ſein Muſterbild in Ihnen ſuchenden Weſen, unzweifelhaft ſeyn mußte. Kann ich denn zaubern? erwiederte Frau von Maddalon: und leuchteten Ihnen, fruͤ⸗ her, nicht ſelbſt die ungehenern Schwierig⸗ keiten ein, welche ſich nur maͤhlig und mit leiſer Hand entfernen laſſen? E. Erlaſſen Sie uns Beiden den Wort⸗ handel— S. Ich muͤhe mich nach Kraͤften ab und wahrlich mit Erfolg, denn Herr von Mad⸗ dalon iſt ja bereits Minonens drittes Wort. Aber Sie ſteht, leider! noch im erſten Ehe⸗ jahre, und jede, die aus Liebe freit, ſieht da im Manne noch den Gottgeweihten. Sie wuchs zudem, von ſtrengen, baͤnglichen El⸗ tern gehuͤtet, im Geiſte der kleinbuͤrgerlichen Zucht und Ehrbarkeit auf, und es iſt des⸗ halb um ſo kuͤhner von Ihnen, einen Al⸗ 62 fried im Augenblicke verdunkeln und verdraͤn⸗ gen zu wollen. 5 8 E. Welche Sottiſe! Iſt dieſer darum ein Apoll, weil Ihre Leidenſchaft ihn vergol⸗ det? Trotz der geringen Meinung von mir ſelbſt, kommt es mir vor, als dürfe ich herz⸗ haft neben ſeines Gleichen treten. Dazu iſt Ihr Schuͤtzling arm, wie Hiob, ein ſchlech⸗ ter Wirth, und kann deshalb dem Weibchen hoͤchſtens ein paar Zahlperlen zuwerfen, waͤh⸗ rend dem ich es, ſobald er ein Auge ſchließen will, mit Juwelen bedecke. Genug, ma femme! Mich wird ſelbſt eine Tina nicht betruͤgen! Du weißt, was geſchehen muß, wenn ich Deine vorjaͤhrige Schuld bezahlen und das gewuͤnſchte Landhaus fuͤr Dich kau⸗ fen ſoll. Ach, haͤtte ichs ſchon! ſprach ſie klein⸗ muͤthig: ach, haͤtte ich Ihn! denn, auf mein Wort! wir ſtehen Beide noch in glei⸗ 63 cher Entfernung von dem Ziele. Noch ſeh' ich den Gewiſſenhaften, bei einem Blicke, Kuſſe, Seufzer, der tauſend Andere ermu⸗ thigen und entflammen wuͤrde, beklommen und ſchamroth, und dieſe ſeltene Erſcheinung macht meine Leidenſchaft krankhaft. Verſu⸗ chen Sie doch, ſeine Frau mit derſelben Glorie zu entzuͤcken; bald genug wird ſie dann, wie ich, befangen werden, und ihren Alfried und jeden Wahnbegriff vergeſſen. Ein weiſer Rath! fiel Maddalon entruͤ⸗ ſtet ein: ich ſoll den Feigen ſpielen, damit die Gleichguͤltige Feuer fange! Am Ende ſind wir Beide nur die Dupe eines fein be⸗ rechneten Planes. Die Fracht des Eſels ward zu leicht befunden. Kehre mit Gold⸗ ſtangen wieder! denkt das Paar, dann wird man ſich zu fuͤgen wiſſen. Welch ein elender, gemeiner Verdacht! rief Florentine! o, ich gaͤbe alle Ihre Gold⸗ 54 ſtangen darum, wenn mir der ſittliche Werth dieſer Weſen, Minonens Seelenfriede und der Gatte ihres Herzens werden koͤnnte. Das Geſtaͤndniß iſt naiv genug! erwie⸗ derte er: mit meinem Golde ſoll ein friſches Gewiſſen und der zweite Mann gekauft wer⸗ den, der bald genug mein Schickſal theilen wuͤrde. Ihr Schickſal, ſagen Sie? Geſtanden wir uns nicht gegenſeitig gleiche Rechte zu, und wer hat darauf angetragen? Keine Haͤndel, Liebe! Ihre Glaͤubiger mahnen und das Landhaus wuͤrde in dieſem ſchoͤnen Fruͤhlinge trefflich zuſagen; alſo den⸗ ken Sie meiner mit Eifer! — Alfried ſtand im Begriff auszugehn, und verkehrte noch mit der Baronin, die eben bei Minonen zugeſprochen hatte, um ihr eine . 65 gefertigte Boͤrſe zu zeigen. Da erſchien der Ritter Crampon, ein franzoͤſiſcher Emi⸗ grant, ſingend und huͤpfend. Er war ein Ultra jener Zeit, ein Liebling der Frau von Maddalon und ihres Kreiſes, bezahlte das taͤglich vorgefundene Gedeck an ihrer Tafel, als aͤchter Franzoſe, durch Witz und Scherz und Schmeicheleien, und hatte ſich dem Hausherrn, als Wahlverwandter, unent⸗ behrlich zu machen verſtanden. Alfried konnte ihm demnach um ſo weni⸗ ger die Naͤherung verſagen und Noͤnnchen wollte, arglos, dem Gefaͤhrlichen wohl, der ſie, laut und uͤberlaut, den Heldinnen der Pariſer Buͤhne verglichen hatte und deſſen drittes Wort ein ſuͤßes oder ſchoͤnes war. Herr von Crampon erſchien heute liebens⸗ wuͤrdiger und muthwilliger als je, denn er hatte geſtern im Faro zweihundert Dukaten — und einen Brillantring von demſelben Werth Schilling ate S. 138 Bd. 5 66 erbeutet, welchen Alfried ihm abkaufen ſollte. Dieſer lehnte das Erbieten lachend ab; der Ritter beſtuͤrmte ihn, einen Schacherjuden nachaͤffend; er warf und haſchte dazwiſchen den blitzenden, zu der Damen Ergoͤtzen und dieſer flog, eben als ihn ein Bedienter Mad⸗ dalons ploͤtzlich abrief, auf Noͤnnchens Schooß. Alfried verwuͤnſchte den Sauſewind, em⸗ pfahl ſich und ging; ſeine Gattin legte den Ring auf ihren Schreibtiſch und folgte der draͤngenden Freundin, die ihren heutigen, antiken Theaterſtaat muſtern wollte, in die anſtoßende Kleiderkammer. Sie fanden hier, wie Gelehrte vor dem Buͤcherſchranke, faſt kein Ende der Mittheilung und kehrten da⸗ her, erſt nach gelaumer Weile, in das Wohn⸗ zimmer zuruͤck. Florentine faßte jetzt Alfrieds uͤber dem Schreibtiſch aufgeſtelltes Bild in die Augen, ſie lobte die Lebendigkeit des Ge⸗ 67 ſichtes und tadelte die Hand; der Trauring an ſeinem Finger erinnerte Minonen an den diamantenen des Ritters, welchen ſie vorhin hier ablegte, doch derſelbe war, zu ihrem Er⸗ ſchrecken, verſchwunden und je laͤnger ihn Noͤnnchen, unter dem Beiſtande der Freun⸗ din, ringsum vergebens ſuchte, je einleuch⸗ tender ward es ihr, daß er indeß geſtohlen worden ſey. Die Thuͤr lag allerdings am Wege, der Vorſaal war offen, das Dienſt⸗ maͤdchen verſchickt, die Zahl der Bettler und ihrer abgefeimten Kinder Legion und Minona warf ſich endlich, zitternd und leichenblaß, in Florentinens Arme. Welch Ungluͤck! ſagte ſie, kaum der Sprache maͤchtig— mein armer Mann! Die Baronin erſchoͤpfte ſich in bedauern⸗ den Worten und Troͤſtungen, die aber un⸗ beachtet verhallten. Ein erſetzbarer Verluſt, ſagte ſie endlich: iſt kein Ungluͤck. Ich würde . * 65 den gegenwaͤrtigen, nur in dem Falle, fuͤr ein ſolches anſehn, wenn der Ring ein wer⸗ thes Gedaͤchtniß⸗Mal und dem Beſitzer des⸗ halb theuer waͤre; Crampon bietet ihn aus, ich erklaͤre mich zur Kaͤuferin, er laͤßt ſich, als Chevalier und Frauenhold, fein billig fin⸗ den und ſo macht ſich die Sache ohne Aufſehn und Klagelieder. Edle Freundin! rief Minona, ſie feſter an's Herz druͤckend: Ihre Großmuth aͤngſtet mich wie der Verluſt; ſie laͤßt mich ihn und meine Nachlaͤſſigkeit nur druͤckender em⸗ pfinden.. Bedruͤckt Sie dieſer kleine Dienſt, fiel Tina ein: ſo kenne ich ein Mittel, mir ihn mit Wucher zu vergelten— Im Ernſt? rief jene: o, mein Gott! wie gern! F. Und es wird Ihnen keine Wahl üͤbrig bleiben, wenn anders der Ring gedeckt 69 werden und Crampon den Vorgang nicht er⸗ fahren ſoll— M. Erfahren? nein, um keinen Preis! Der Leichtſinnige hat, wie es ſcheint, eine ſehr zweideutige Meinung von den Frauen; er wuͤrde Arges denken, wuͤrde nebenbei wohl gar den Erſatz von der Hand weiſen und mei⸗ ne Dankbarkeit in Anſpruch nehmen. F. Unzweifelhaft! Hoͤren Sie demnach meinen Vorſchlag!— Ich bin eben faſt ohne Geld; ich habe ſelbſt einige Diamanten ver⸗ pfaͤndet, denn mein Mann verſagte mir, in einer unbegreiflichen Laune, das faͤllige Na⸗ delgeld. Ein gutes Wort, von ſeinem Lieh⸗ linge fuͤr die Gattin eingelegt, wuͤrde ihn alsbald willfaͤhrig und zahlbar machen. O, wenden Sie das an mich, beßte Alfried, und ohne Zoͤgerung! Er iſt eben zu Hauſe, iſt allein und eine Fehlbitte gar nicht denkbar, denn Maddalon vergoͤttert Sie! 70 Minona blickte erroͤthend abwarts, ſie legte die Hand an ihre Stirn und ſagte, nach kurzem Bedenken— Das Ungluͤck erſchoͤpft ſich heute an mir! denn ach! Sie werden mich als eine Undank⸗ bare haſſen und doch gluͤht mein Herz vor Er⸗ kenntlichkeit. Der Erfuͤllung Ihres Begeh⸗ rens ſteht ein Grundſatz im Wege, den ich in einer feierlichen Stunde zu beachten gelob⸗ te.„Laß dich nie weſentlich von irgend ei⸗ nem Manne verpflichten!“ ſprach mein Va⸗ ter, als er mich, am Trau⸗Abend, unter Lehren und Warnungen ſegnete— und eine innere Stimme ſetzt hinzu—„Am wenigſten von einem, der, wie Sie ſagen, mich ver⸗ goͤttert und ſeinen Liebling in mir ſieht. O, Beßte! erwiederte die Baronin, ſicht⸗ lich beſtuͤrzt: das waren nur gewichtloſe Schmeichelworte und ſeine Gattin ſprach ſie aus. 71 M. Sie haben recht! Doch eines Man⸗ nes Liebling bin ich wirklich, dem nichts Bedeutendes verheimlicht werden darf— F. Und dieſem wollten Sie mein An⸗ liegen und Geheimniſſe preisgeben? M. Nein, nur mein Ungluͤck! erwie⸗ derte Noͤnnchen, da trat der Herr von Mad⸗ dalon in's Zimmer. Er ſagte, laͤchelnd und verneigt— Wer den Vorſaal offen, kein dienſtbares Weſen vorfindet und drei Mal geklopft hat, darf, bei dem endlichen Eintritt, wohl um ſo eher auf Entſchuldigung rechnen, wenn er ſein Weibchen, wie Ceres ihr Kind, wie Pſyche den Amor, ſucht. Oben wartet die Graͤfin Steinhall, liebe Tina! und verlangt mit Schmerzen nach Deiner Wenigkeit. Ich komme ſchon! fiel dieſe ein; ſie war im naͤchſten Augenblicke verſchwunden. Aber was fehlt Ihnen, liebe Alfried? fuhr 72 Maddalon, Noͤnnchens Hand ergreifend, fort: Sie erſcheinen mir, wie der Trauergeiſt an meinem zukuͤnftigen Sarkophage— iſt Ihnen Uebles widerfahren? Kann ich es aͤn⸗ dern— beſſern— in Heil verkehren? Ver⸗ fuͤgen Sie doch uͤber Ihren treueſten Freund! Ich bin nur unwohl! verſetzte Minona. Darauf aͤuſſerte er, in den zaͤrtlichſten Ausdruͤcken, Antheil und Beileid und bat, ſeiner Tina dieſen Abend ſchenken zu wollen, wo Crampon ſie zerſtreuen ſolle. Minonen ſchauerte bei der Erwaͤhnung des Franzoſen. Was thue ich? dachte ſie, geaͤngſtet und rathlos— der Noth muß das Zartgefuͤhl weichen, ein aͤuſſerſter Fall rechtfer⸗ tigt die Ausnahme und wie innig wuͤrde mir die bekuͤmmerte Baronin Dank wiſſen. Nur ſie, nicht ihn verpflichtet die Erfuͤllung ih⸗ res heißen Wunſches und mein Mann kann der Guͤtigen dieſen Vorſchuß allgemach abtragen. 73 Maddalon erlaubte ſich, waͤhrend dem, leiſe Zweifel an der angedeuteten Urſache ih⸗ res Ausſehens zu aͤußern, er machte den An⸗ ſpruch auf ihr Vertrauen mit Herzlichkeit gel⸗ tend und Noͤnnchen ſagte endlich, bebend und kleinlaut— So moͤgen Sie denn wiſſen, daß ſich die liebenswuͤrdigſte der Frauen in banger Verle⸗ genheit befindet und daß mein Zuſtand nur die Folge des empfundenen Antheils iſt— Ah, ich verſtehe! fiel er ein: doch glau⸗ ben Sie mir Liebenswerthere! mein Weih⸗ chen leidet, wahrlich! nur durch eigene Schuld. Ihr allzu weiches Herz macht ſie zum Inbegriffe des Erbarmens, zum Opfer des Mißbrauchs, zum Gegenſtande fuͤr alle Geldbeduͤrftige— man pluͤndert ſie. Zwar hat der Himmel mich geſegnet, doch auch die Milde muß ſich Grenzen ſetzen und verſtaͤndig ſeyn. Die ewige Liebe ſelbſt, beſchraͤnkt ihre 74 Häͤlfluſt und laͤßt ſo manchen Stuͤrmer und Beſtuͤrmten unbeachtet. S. Der Fehler Ihrer Gattin iſt, mei⸗ nes Beduͤnkens, ſchoͤn genug, um ein Fuͤr⸗ wort ruͤhrend unterſtuͤtzen zu koͤnnen— E. Noch ſchoͤner iſt die ruͤhrende Fuͤr⸗ ſprecherin! O, wie beneide ich Florentinen, ſich einer ſolchen erfreuen zu duͤrfen. Wie gluͤcklich macht den Gatten ſelbſt, dies troͤſt⸗ liche, wohlthuende Verhaͤltniß⸗ Ich kuͤſſe Sie dafuͤr! Das that er denn alsbald, doch ſtreiften, zu Folge der verſagenden Bewegung, ſeine Lippen nur fluͤchtig an Minonens Wange hin. So kalt!— So lieblos, ſuͤße Frau? Mir wurde ja, ſchon fruͤher, ein warmer Gegenkuß zu Theil— Es fehlen jetzt zwei Zeugen, die jenen zuthießen. 75 So kritiſch ſind die beiden Zeugen nicht! Noch geſtern fand ich meine Tina am Fluͤgel, mit Ihrem Alfried Kuͤſſe wechſelnd und ſie ließen ſich, wie billig, nicht ſtoͤren. Verblaſſend lispelte Memnona— nicht? Und weshalb? der Freundſchaft wurden, gleich der Liebe, heilige Rechte; ein Thor iſt, wer die ſtoͤren will und Tina wuͤrde ſich graͤ⸗ men und ſchmaͤlen, wenn ſie mich, eben jetzt, ſo ſchmerzlich gekraͤnkt und zuruͤckgeſetzt ſaͤhe. — Du holdes, engelgleiches Weib! fliſterte Maddalon und zog ſie faſt gewaltſam an die Bruſt; doch Noͤnnchen entwand ſich ihm, ſie ſagte, Engeln gleich, vom edeln Stolze ent⸗ flammt— ich bin nur ein ehrliches! Und eben deshalb kuͤſſenswerth! ſtotterte er, ploͤtzlich ablaſſend, griff nach der Brief⸗ taſche und fuhr, mit halber Stimme, Odem ſchoͤpfend fort— Um nun der Freundin ſchoͤnes Werk zu 76 kroͤnen, moͤge Tina die Befriedigung aus die⸗ ſer zarten Hand empfangen und wie ich, den Werth einer ſolchen Vertrauten erkennen. Verſagend entgegnete ſie— am liebſten wird die Frau Baronin dieſe Gabe von dem Gatten gereicht ſehn, der ihr damit ein wi⸗ driges, beſchaͤmtes Gefuͤhl erſpart. Zu Minonens innigem Vergnuͤgen, trat jetzt ihr neues Schweſterchen, das Fraͤulein du Val ein. Maddalon warf noch einige bitterſuͤße Worte hin, ſagte der Molly Schoͤ⸗ nes und ging dann. Florentine hatte gelauſcht und war, als das Fraͤulein nahte, ſchnell nach ihrem Zim⸗ mer gefluͤchtet. Bald darauf folgte ihr der Baron, er ſchritt, wie ein Unhold, auf und ab, kehrte ſich dann haſtig zu ihr und rief, voll Ingrimm— 77 Gest plaisant!— Hinweg mit dem Volke! Fuͤr das, was es mich koſtet, haͤtte ich in Paris bereits eine Perl der Oper. Die ſind auch darnach! ſagte Tina mit Gleichmuth. E. Nicht ſchlimmer als Sie! mich dauert nur die herrliche Intrike! Sie macht dem Crampon Ehre und alles fuͤgte ſich, doch Eis iſt Eis und unter dem Kuſſe des Gluͤhen⸗ den zerrinnt das Schneeweib nur in kaltes Waſſer. An dem erquicke ſich Herr Alfried! Wo iſt mein Ring? S. In guten Haͤnden! E. Das heißt: in den ſchlechteſten! Ich verlange den Ring!. S. Und ich das Nadelgeld. E. Ich moͤchte Dich mit Nadeln ſtechen! S. Aus welchem zureichenden Grunde? E. Das fragſt Du noch? Weil ich muthwillig ausgeſetzt— betrogen ward. 73 Weil der Vertrauten dieſer Salzſaͤule, klaͤr⸗ lich einleuchten mußte, daß da kein Gluͤck zu machen ſey. S. Mir? O, wie fremd er blieb in unſern Herzen! Selbſt der vertrauten Freun⸗ din nicht, nur dem vertrauten Manne giebt man ſich wie man iſt; nur die Gemeine hat vor ihres Gleichen keinen Hehl und ſelbſt eine Bloͤdſinnige iſt noch zu klug, der Freundin zu geſtehen—„Dein Maͤnnchen hat ein Auge auf mich!”“ Darauf legte Frau von Maddalon die Stickerei zuruͤck, eilte zu Minonen hinauf, die eben vor der Molly ihr Herz ausſchuͤttete, winkte ihr in's Nebenzimmer und ſagte, ſie umfangend— Mein guter Engel! wie dank ich Ihnen! und wie gluͤcklich fuͤhlt ſich die Verbundene, Sie mit einer willkommenen Nachricht be⸗ ruhigen zu koͤnnen. Dem Leichtſinne der 79 Franzoſen gleicht wahrlich nichts als ihre Faͤhigkeit, einen Verſtoß gewandt, und ſpielend, gut und vergeſſen zu machen. Crampon laͤuft vorhin von Ihnen zu meinem Manne hinauf, der ihn bald abfertigt. Nun faͤllt ihm der Ring wieder bei, er eilt nach Ihrem Zimmer, findet uns nicht, wohl aber jenen auf dem Schreibtiſch, und nimmt ihn, un⸗ eingedenk der moͤglichen Folgen, mit ſich fort. Jetzt eben fuͤhrt der Zufall dieſen raſtloſen Irrwiſch unter meinen Fenſtern voruͤber; er hat Blumen gekauft, er zeigt ſie mir, er bringt ſie herauf und im Knoten ſeines Hals⸗ tuches blitzt der vermißte Ring. Es kam alsbald zur Aufklaͤrung und Sie koͤnnen den⸗ ken, wie ſchmaͤhlich ihm der Kopf gewaſchen ward. Bald lag er auf den Knieen, bald trieb er Poſſen, die mich laut auflachen machten; man kann ihm nicht gram bleiben und er ſchwoͤrt darauf, aus Reu und Leid, 80 Karthaͤuſer werden zu wollen, wenn ihm Minona den Ablaß verſagt. Gelobt ſey Gott! rief dieſe, neu belebt. Ich vergeb' ihm die Angſt, die ſein Faſelgeiſt uͤber mich brachte, aber er werde vernuͤnftig und huͤte ſich vor meinem Manne! Vor Ihnen, ſtrenge Frau, entgegnete die Baronin: verzagte ſo eben der meinige— Du uͤbertreibſt es, Gute! glaube mir! mein armer Maddalon iſt arglos, wie ich ſelbſt und ward wohl unverdient bekraͤnkt. M. Bekraͤnkt? Wie ſo? Ich verſagte ja nur— F. Nur Alles und Jedes! ſogar die kleinſte Gunſt⸗Bezeigung. Ich weiß wohl auch, was man ſich ſchuldig iſt und— kuͤſſe Deinen Mann! Minona verneigte ſich. Wie einen Bruder, heißt das! den Cram⸗ pon ſelbſt, wenn er fein artig thut. Die 81. Augen, gute Frau! ſind ja gefaͤhrlichere Mittler als der Mund— die kuͤſſen ſich ganz unverwehrt und aus der Ferne ſelbſt, erregend und verſtohlen und ſprechen kecklich aus, was keine Lippe zu betonen wagt. Herr Alfried iſt wohl eiferſuͤchtig? M. Als EChrenmann! doch er vertraut mir! F. Wie Noͤnnchen ihm! M. Ich habe bekanntlich kein Geheim⸗ niß vor dem Gatten. F. Alſo wird ihm alles gebeichtet? M. Was mich betrifft, durchaus! Der Engel der Ehe, ſagte mein Vater: ſey das Vertrauen und die Verheimlichung ihr boͤſer Feind. Wie mahleriſch Ihre Locken fallen! ſprach Tina dazwiſchen: mein Maͤdchen plagt ſich halbe Stunden lang und dennoch ſteh⸗ ich, wie in Allem, auch darinn hinter mei⸗ Schiſling ate S. 131 Bd. 6 82 ner Freundin zuruͤck. Aber Sie haben Be ſuch— Adieu, ma mignonne! Alfried kehrte heim und ſchien verſtimmt. Seine Frau arbeitete deshalb, ſchweigend und ohne aufzublicken, fort. Er warf ſich in den Divan, durchlief eine eben eingegangene Rolle und ſprach dann, ſeufzend— Waͤr ich doch Maddalon! oder ein Tag⸗ loͤhner— oder irgend ein Mittelding zwi⸗ ſchen beiden, denn das Theater⸗Weſen wird mir taͤglich widriger. Auch Maddalon iſt oft mißmuthig, ver⸗ ſetzte Noͤnnchen mit halber Stimme und ich bin gewiß, daß von ihm bis zu dem Tag⸗ loͤhner herab, viele Tauſende gern mit Dir tauſchen wuͤrden. Wer iſt denn zufrieden? Den Bedraͤngten quaͤlt das Leben, den Be⸗ gluͤckten die Todesfurcht und kaum hat man 1 83 jenem muͤhſelig, ein Bluͤmchen abgewonnen, ſo ſtirbt und verdirbt es, oft genug, uͤber Nacht. Wir wollen uns doch, dankbatlich, der unſern freu'n, die noch ſo friſch und duf⸗ tend ſind. Alfried ergriff ein daliegendes Taſchen⸗ buch, welches Florentine ſeiner Gattin ge⸗ lehnt hatte, beſah die Kupfer, erblickte ihren Namenzug darinn und wiſperte laͤchelnd— F. M. F. M. wiederholte Minona— das heißt am Ende— Fliehe Mich! E. Du biſt heute ſehr ſcharfſinnig— S. Noltire dieſen ſeltenen Silberblick im Kalender. Er iſt vielleicht eine Folge der Aufregung.. E. Ei, was begab ſich denn? S. Schreck, Aerger und Verlegenheit. E. Doch kein Zwiſt mit der Maddalon? Die muͤſſen wir auf den Haͤnden tragen— .*. 84 S. Wohl auch im Herzen? E. Zur Sache denn! S. Nur bitte ich, hoͤre die mit Sanft⸗ muth an, ſonſt wird mir bang und dann er⸗ zaͤhle ich ſchlecht. Minona theilte ihm dar⸗ auf den Vorgang, ruhig und ausfuͤhrlich mit— Und Du weigertetſt. Dich, unterbrach er ſie: fuͤr die Bekuͤmmerte zu bitten? Unſerer Wohlthaͤterin— unſerem Engel, den gerin⸗ gen Liebesdienſt zu erweiſen? Seine Gattin berief ſich auf die Worte der Weihe, welche ihr Vater, am Trauung⸗ Abend, in ſeiner Gegenwart ausſprach, er⸗ oͤffnete ihm, daß die Baronin ſie fuͤr den vergoͤtterten Liebling ihres Mannes erklaͤrt und wie ſich dieſer, unter vier Augen, gegen ſie genommen habe. E. Da ſiehſt Du wohl zur Unzeit Ge⸗ ſpenſter, mein gutes Kind! das ſind nur ℳ 85 argloſe Neckereien eines Weltmannes, den ſein bruͤderliches Verhaͤltniß zu uns, muth⸗ willig macht. Er weiß, wie Du mich liebſt und will Dich aͤngſten. S. Ihm aber iſt, wie ich heute, zu meinem Erſtaunen vernahm, ſeine feenhafte Tina ſehr gleichguͤltig, denn es uͤberraſcht und verdrießt den Baron im mindeſten nicht, wenn ſie von einem Hausfreunde gekuͤßt wird und er dazu koͤmmt. Erroͤthend ſagte Alfried— da irrſt Du Dich abermals. Er betet ſie an, doch Eines iſt, gleich uns, des Andern gewiß— S. Gleich uns? E. Genau ſo! Du wirſtihn, hoffentlich, nicht beleidigt haben? S. Ich denke nicht, und das wuͤrde ja, bei Deiner Anſicht, bald wieder gut zu machen ſeyn.. Er fragte aufhorchend— in wie fern? 8— 86 S. Indem ich Tina's Beiſpiel folge. Dem folge nicht! ſprach er aufſtehend, mit Nachdruck— die Maddalon iſt, Kraft ihrer Erziehung, ihres Geiſtes, ihres Welt⸗ tons und der Ehrerbietung, die ihr Rang und Reichthum den Maͤnnern einfloͤßt, ſo man⸗ chem Verhaͤltniſſe gewachſen, das Dich un⸗ fehlbar entwuͤrdigen duͤrfte. S. So ſollſt denn Du mein Vorbild bleiben; Deinem Beiſpiele allein will ich nachſtreben! Dazu ſah ihn Minona, mit ihren hellen, zwiſchen Schalkſinn und Weh⸗ muth blinkenden Aeuglein ſtarr und bedeut⸗ ſam an— die ſeinen wichen aus, er mur⸗ melte— thue das! ergriff die Rolle und eilte in's Nebenzimmer, um zu lernen. 8 Ein Seufzer hob der Gattin Bruſt, ihr Maͤdchen brachte ein eben eingegangenes * 87 Billet, ſie oͤffnete es, begegnete kaum er⸗— kennbaren Schriftzuͤgen und las— „Minona, ſonſt meine liebe, zaͤrtliche Freundin, ſcheint meiner gaͤnzlich vergeſſen zu haben. Es wuͤrde mir den ernſten Gang in das Jenſeit erleichtern, wenn mir die Gluͤckliche, am Rande meines Grabes, noch einen Blick in ihr freunb⸗ liches Geſicht goͤnnen wollte.“ Julie., Die arme Julie hatte, ſeit jener Angſt⸗ und Flammennacht, in der ſie Alfried retten half, fortwaͤhrend gekraͤnkelt; ſie war, lim Theater, eine Zeugin des Triumphes geweſen, den Minona dort, an ihrem Hochzeit⸗Abend feierte, war in der folgenden Nacht von ei⸗ nem heftigen Fieber befallen worden und ſchlich ſeitdem, allmaͤhlig, zwiſchen Gluthen und Schauern, dem Tode zu. Das Fraͤu⸗ lein hatte ſich, ſchon nach jener Begegnung. 88 in der Laube, von Wallow's Toͤchtern abge⸗ zogen, und Minona, mit ihrer ſtillen, aber heißen Leidenſchaft fuͤr Alfried wohl bekannt, derſelben Dank gewußt. Jetzt ſtuͤrzten Thraͤ⸗ nen des frommen Mitgefuͤhls aus ihren Au⸗ gen auf das Blatt; ſie warf den Mantel um und eilte zu der Ungluͤcklichen, Julie waltete bei einer, ihr verwandten Matrone, welche Minonen mit finſterem Geſicht empfing, nach der Krankenſtube hin⸗ zeigte und ſie dann verließ. Dieſe entſetzte ſich, im Stillen, vor dem Schattenbilde, in das die uͤppige, bluͤhende Geſtalt der Freun⸗ din zerronnen war und erwiederte mit inni⸗ ger Wehmuth den Druck der abgeſtorbenen Hand. O, wie erfreuſt Du mich! liſpelte Ju⸗ lie, heiſer und kaum vernehmlich— Du biſt noch gut wie einſt und viel ſchoͤner. — 89 Minona läͤchelte durch Thraͤnen; ſie nahm ein Straͤuschen gewaͤhlter Blumen von der Bruſt und bot es ihr. Auch Julie laͤ⸗ chelte jetzt; der Balſamhauch der duftenden erquickte ſie. Ich werde nun auch wieder aufbluͤhn! ſagte die Kranke: der Liebe Leid und Wun⸗ den„ſind dort nicht mehr!“— Bekenn' es frei! macht Er Dich gluͤcklich? Minona's Gebehrde bejahte— ſie konnte nicht ſprechen. Ich habe Dich geſehen, mein Noͤnnchen, als Du Thekla warſt—„Dein erſt Er⸗ ſcheinen war des Himmels Gluͤck!“ mich aber durchdrang die Marterflamme.— Gedenke mein— zum mindeſten, ſo oft Du Thekla biſt und Gott bewahre Dich— vor ihrem Verhaͤngniſſe! Miinona weinte; die Dulderin ver⸗ ſtummte— ihre Augen ſchloſſen ſich allge⸗ 90 mach, vom Engel des Friedens gekuͤßt, wie Paſſifloren, wenn die Sonne ſinkt und Al⸗ frieds Gattin ſah ſie ſterben. Zu ihres Mannes Schonung verſchwieg ihm Minona, wo ſie geweſen war und was ſie eben erlebt hatte; denn fuͤr wen die Arme litt und verging, war ihr bekanntlich ſchon fruͤher kund geworden. — Alfried ſtand eben, mit Florentinen, unter den Gold⸗Orangen ihres Altanes, als ein Leichenzug in der Straße herabkam. Dieſe bedauerte, mit dem Verhaͤltniſſe der Todten zu ihm, unbekannt, Juliens fruͤhen Hintritt und belobte ſie; da wandte er ſich erſchuͤttert ab und verblaßte. Ei, welch ein Held! ſpottete Tina: den der Anblick des Todtenwagens entfaͤrben kann. Was ſeyn muß, das geſchehe! die Finſter⸗ 9* niß der Nacht ſoll mir den hellen Tag nicht 3 verdunkeln. Alfried ſtimmte dem bei, verſicherte, daß er ſich fruͤher ſchon unwohl gefuͤhlt habe und in der freien Luft Geneſung zu finden hoffe. Damit beurlaubte ſich derſelbe und gab Ju⸗ lien ſtill das Geleite. Vom Huͤgel, unweit des Friedhofes, rief eine bekannte Stimme ſeinen Namen. Er gewahrte Rudolfen, der dort luſtwandelte und geſellte ſich zu ihm, denn ſein Herz trug Leid; es bedurfte der Eroͤffnung.— Sie blickten dem Sarge nach, der mit Kraͤnzen und Gedaͤchtniß⸗ Zeichen bedeckt war; Rudolf ſprach— Mit dem Leben, ſeh' ich, entflieht, Gott Lob! auch des Naͤchſten Mißgunſt; dann regnet es Kraͤnze, waͤhrend dem vorher oft das kleinſte Myrtenblaͤttchen verſagt ward. — Wie viel leichter wuͤrde dem guten, oft verkannten und zur Ungebuͤhr getadelten 9² Maͤdchen, das dunkle Daſeyn erſchienen ſeyn, wenn ihm, bei ſeines Leibes Leben, fuͤr jede dieſer nachgeworfenen Blumen ein Zeichen freundlicher Geſinnung geworden waͤre. Hat Deine Dankbarkeit nicht auch, im Stillen, ein Scherflein auf den Sarg ge⸗ legt? 3 Alfried erwiederte— Sie haͤlt in der rechten Hand eine Palme, die ihr Minona mit Liebe und Thraͤnen zutheilte. R. Die Gabe ruͤhrt mich, im Geiſte der Begabten; es muß zudem weit troͤſtlicher feyn, eine todte, ungluͤckliche Nebenbuhlerin zu ſchmuͤcken, als eine lebendige, gluͤckliche, feiern zu helfen. Der Sage nach, befindet ſich Dein edles Weib im letzteren Falle und die ſeltſame, mir ſeit einigen Wochen be⸗ merkbar gewordene Verkehrung Deines We⸗ ſeus, laͤft fuͤrchten, das jene nicht durchaus grundlos ſey. Verleumdung! ſagte ich mir — — — 93 oft: dieſer feſte, gleichmuͤthige, verſtaͤndige Mann, wird wohl eher drei Julien unbe⸗ guͤnſtigt vergehn und ſterben laſſen, als eine Pflicht, die in Minonen's Beſitze, dem ſuͤßeſten Genuſſe gleicht, uͤber der unwuͤrdigen Begierde vergeſſen— doch auch die Feſten und Starken, ſagte ich mir oft: ſind, der Verſucherin gegenuͤber, nur Eva's Soͤhne und fallen, ein Mal erſchuͤttert, wie Engel, hoffnunglos.— Sieh, dort ſenken ſie Ju⸗ lien ein— die Menge betet eben ein Vater⸗ Unſer!—„und fuͤhre uns nicht in Ver⸗ ſuchung!“ ſprach er mit erhobener Stimme —„ſondern erloͤſe uns von dem Uebel!“ Alfried hielt des Fraͤuleins Grab in den Augen; Thraͤne auf Thraͤne fiel aus dieſen; er faßte dann des Freundes Arm und ſagte, tief bewegt— Sollte man mich wirklich beargwohnen? R. Daran zweifelſt Du? Die Unzahl — 99. der Splitter⸗Richter haͤlt ſich an den Schein, die Unzahl der Neider und der Schlimmen erdichtet blindlings und wer die Macht der Weltluſt üͤber Herz und Sinne kennt, ſieht Dich und Minonen der Entwuͤrdigung nah. Alfried ergluͤhete bis zur Stirn. Nenne dieſe Seher! rief er ſtuͤrmiſch: ich will ihnen die Staarhaut vom Auge ziehn. R. Das Unrecht iſt am liebſten gewalt⸗ thaͤtig; doch ſelbſt die hundert tauſend Arme tiranniſcher Machthaber reichen nicht hin, den Geiſtern einen Wahnbegriff aufzudringen, wenn ihre Erkenntniß ihn verwirft. Im Unrecht biſt Du! fuͤhle das! Die ſchoͤne Maddalon hat Dich bezaubert und verſtoͤrt. Es iſt vielleicht die erſte Verirrung Deiner Kraft und je ſpaͤter uns der Daͤmon gewaͤl⸗ tigt, je mehr verruͤckt ſich unſer Sinn. Ein ſolcher haͤlt Dich feſt! Du haſt, wie Fauſt, ———:— — 95 Dich uͤberhoben, Dein Weg zum Blocksberg iſt der naͤchſte. A. Du wilſt erſchuͤttern, Wallow! aber Dein Wille iſt klärer als Dein Wiſſen. Bei Gott! es hat ſich, bis zu dieſer Stunde, zwiſchen mir und Florentinen nichts begeben, was ihres Mannes oder meiner Frauen Recht bekraͤnken muͤßte. Daß Noͤnnchen ubrigens— gleich der ganzen, gebildeten Frauen⸗Maſſe der Hauptſtadt, in jeder Hin⸗ ſicht unter der Baronin ſteht, wird ſelbſt dem Unbefangenſten einleuchten. R. Mirr leuchtet ein, daß Dich die Lei⸗ denſchaſt meiſtert und blendet. Der Baro⸗ nin, in ſo weit ich ſie kenne, ward allerdings die Anmuth der Grazien, doch eine ſolche Frau iſt nur in ſeltenen Faͤllen, der Engel, den ſie ahnen laͤßt, und des Boͤſen Geiſt verbirgt ſich, am liebſten wie am erfolgreichſten, un⸗ ter reizenden Menſchenformen. 96 A. Boͤs iſt ſie nicht! Ein Lamm viel⸗ mehr— freundſelig, herzig, dreiſt und dieſe kindliche Liebeshuld fuͤhrt die Augen irr und aͤrgert die Pruͤden. R. Biſt Du es, der ſie prufteꝛ A. Ich bin kein Fremdling in des Wei⸗ bes Herzen. R. Die Maͤnnin magſt Du kennen, nicht das Weib, des Lebens Raͤthſel!— Und wie lange wird die reine, aber taͤuſch⸗ bare Minona den Fallſtricken des Barons entgehn? Es giebt Menſchen, die das Gluͤck, im Bezug auf die oͤffentliche Meinung von ihrer Sittlichkeit, zum Erſtaunen beguͤnſtigt. Maddalons gehoͤren zu dieſen; doch ſcharfe und ehrenwerthe Beobachter verſicherten mir, geſtern noch, daß unter dieſem Schein aͤußerer Zucht und ehelicher Harmonie, das frevelnde Laſter ſein Spiel treibe. Frau Alfried, ſetzte man hinzu: ſey unzweifelhaft verloren, wenn ſie nicht ſchnell gerettet werde, und habe mehr als eine, mir genannte, Vor⸗ gaͤngerin gehabt. Rudolf ſchritt jetzt vom Huͤgel herab; ſein Freund folgte nicht. Jener ſah ſich end⸗ lich nach ihm um; doch Alfried blieb, ver⸗ ſunken in ſich ſelbſt, zuruͤck. Minonens heutige Mittheilungen hatten, waͤhrend die⸗ ſer kurzen, aber gewichtigen, Eroͤffnung, als ſtille Zeugen fuͤr den Warner angeſprochen und ploͤtzlich den grimmigen Argwohn in ſei⸗ nem gaͤhrenden Herzen entbunden. So manches Beiſpiel um ihn her und die Kennt⸗ niß des Weltlaufs unterſtuͤtzten dieſen; ſein Satyr ſpottete der bisherigen, kurzſichtigen Einfalt und Glaubensluſt, ſein Ehrgefuͤhl empoͤrte ſich, es brannten ihn die Flammen der Scham und des Zweifels. Dazwiſchen ſagte das Gewiſſen— Gleiches mit Gleichem! Blick' in die Schilling 2te S. 131 Bd. 7 eigne Bruſt! Was Tina Dir, iſt Dein Weib ihrem Manne, und ein Verdam⸗ mungswerther ſpiegelt ſich, verſtohlen, in dem andern. Rudolf hatte indeß den nahen Gottes⸗ acker betreten— hatte manchen Denkſtein gemuſtert, den die Eitelkeit der Faulniß ſetz⸗ te, an dem die Luͤge ſich in Goldſchrift breit machte und mahlloſe Graͤber der Edeln be⸗ gruͤßt, des Marmors und der Fackelſenker werth, die an jenen nur als Heuchler erſchie⸗ nen. Er ſtand jetzt vor Juliens Grabſtaͤtte, deſſen Decke der Todtengraͤber eben uͤber ihr ausbreitete; da ſchritt Alfried, wie der Nachtgeiſt, uͤber Neſſeln und verſunkene Graͤber, auf ihn zu. Was ſoll ich thun? fragte er: rathe dem Kranken! 99 Frage dieſey! erwiederte Rudölf, in Ju⸗ liens Grab deutend: ſie kann Dir ſagen, wohin die ungezuͤgelte Leidenſchaft fuͤhrt— ihr Weg gleicht dem, auf welchem Du eben zu mir kam'ſt. A. Wenn der Ruf meiner Frau in Ge⸗ fahr iſt, ſo werde ich morgen das Haus ver⸗ laſſen— R. Nur darum, Alfried? A. Denn außerdem wuͤrde es mich geluͤ⸗ ſten, das verdaͤchtige Paar zu ergruͤnden, und Deine Seher dann, nach Befinden, Luͤ⸗ gen zu ſtrafen, der dieſen Maddalon zu erwuͤrgen. R. Dein Herz, mein armer Freund! geluͤſtet blos nach einer Ausflucht, nach ei⸗ nem zureichenden Grunde zur Ausdauer in dem Feenſitze. Pruͤfen willſt Du? willſt ohnfehlbar den Kopf, verſuchweiſe, in die Haͤnde Deiner Delila legen und Minonen * 100 veranlaſſen, daß ſie, ſcheinbar, den Herrn von Maddalon beguͤnſtige? Ich aber bin ge⸗ wiß, daß Du die Probe mit glatt geſchore⸗ nem Haupte buͤßen wuͤrdeſt, und halte Dich fuͤr unfaͤhig, Deinem ſittlich guten Weibe das Gaukelſpiel einer Buhlerin anzumuthen. Werde nuͤchtern, Du Trunkener!— lege Dich, ein Stuͤndchen lang, zu Juliens Fü⸗ ßen und ſchlafe den bethoͤrenden Rauſch aus. Alfried ſtarrte das Grab an und ſagte, herabgeſtimmt— Ich will dieſe Ruheſtatt mit einem Denk⸗ male zieren— Laß uns gehn! Feiere ſie lieber durch eine That! erwie⸗ derte Rudolf: denn ihr Staub wird, in Hal⸗ men und Blumen, ruͤhrender als jenes, den Huͤgel ſchmuͤcken. O, Bruder! wie voll iſt mein Herz! die Todten, ringsutn, haben ein Heimweh in mir angefacht, das nach dem Vaterhauſe ſtrebt; das tiefſte der Ge⸗ 101 fuͤhle erweckt, die den Dichter begeiſtern und das doch keiner betonen kann— eine goͤtt⸗ liche, untaͤuſchbare Ahnung! Ja, wir ſind Engel! geſunkene! fuͤr eine Spanne Zeit ent⸗ wuͤrdigt. Dann aber ſendet des milden Va⸗ ters Huld den verkannten Befreier! Er oͤff⸗ net die Fallthuͤr, er loͤſ't die Banden und draͤngt uns aus der Marterkammer. Ge⸗ lobt ſey Er!— Jetzt gehe heim, Bruder! geh', ſtreife die ſelbſt gewaͤhlten Ketten ab, und feiere, wie ich Dir rieth, die Schlum⸗ mernde durch eine That. — Mein gutes Kind, ſagte Alfried am fol⸗ genden Morgen zu ſeiner Frau: es gingen vor kurzem, von mehr als einem achtbaren Buͤhnen⸗Vorſteher, ehrende Einladungen zu Gaſtrollen an mich ein. Man bietet oiel, mehr, als ich fordern wuͤrde, und 102 gruͤndet, ſchmeichelhaft, ben Wunſch auf unſern ausgebreiteten Ruf. Haͤtteſt Du wohl Luſt, Dein helles Licht, waͤhrend der nahen Ferien, da oder dort, leuchten zu laſ⸗ ſen? Das Unternehmen wuͤrde, in jeder Hinſicht, Fruͤchte tragen, mich gleichſam auffriſchen und Deine Vollendung zeitigen. Entſcheide Du, doch ſchnell, denn morgen muͤſſen die Antworten abgehn, und wir, im Gewaͤhrungfalle, des naͤchſten aufbrechen. Ja, Herzensmann! ſiel Minona, ſich an ihn ſchmiegend, ein: ich ſtimme unbe⸗ dingt fuͤr Alles, was Dir rathſam deucht, und wuͤnſche nur, daß man mich anderwaͤrts nicht allzu tief unter der Erwartung finden moͤge. Alfried druͤckte ſein Noͤnnchen geruͤhrt an die Bruſt und ſprach— Ich bin vergnuͤgk, Dich faſt entſchloſſener, als mich ſelbſt, zu ſehn, und beſorge nur den Einſpruch der 103 Frau von Maddalon, die, an Dich ge⸗ woͤhnt, ihre Freundin hoͤchſt ungern entbeh⸗ ren wird. Noͤnnchen erwiederte— Du haſt das, nur im Bezug auf ihren Antheil an dem Freunde zu fuͤrchten; ſie iſt ja, augenſchein⸗ lich, in Dich verliebt. E. Und das behaupteſt Du mit dieſem Gleichmuthe? S. Ja, Gott ſey Dank! denn Deine Reiſeluſt hat meine Grillen ploͤtzlich ver⸗ ſcheucht. Empfaͤndeſt Du fuͤr ſie, ſo wuͤr⸗ den dieſe Antraͤge weder beachtet noch er⸗ waͤhnt worden ſeyn. Vergieb mir, Her⸗ zensfreund! Dein Weib war ſchwach ge⸗ nug, zu waͤhnen, die ſchoͤne Tina habe mich verdraͤngt. Was bin ich, dieſer ge⸗ genuͤber, und wie unbedeutend wird ihr Maddalon, mit aller ſeiner Herrlichkeit, ne⸗ ben Dir— Du aber biſt ein edler Mann! 104 1 Alfried erroͤthete, ſeine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen. Bin ich das, ſagte er: und ſoll ich es bleiben, ſo wird die Pflicht um ſo dringender, nach unſerer Ruͤckkehr ein anderes Quartier zu beziehen und das Verhaͤltniß zu dieſen Zweideutigen allmaͤhlig abzubrechen. MNiinona kuͤßte ihm die Hand. Du biſt ſehr gut! ſagte ſie liebkoſend: aber ſey es, vor allem, auch im Bezug auf dieſes Paar. Wir danken ihm viel, und nur hoͤchſt triffti⸗ ge Gruͤnde wuͤrden die Mißdeutung abwen⸗ den koͤnnen. Nur ja kein Herz kraͤnken, das uns wohl will und erfreute. Undank iſt greulich! ſelbſt Thiere ſind dankbar. Ich theile dieſe Anſicht, egwiederte Al⸗ fried: und werde Gruͤnde aufſtellen, die un⸗ verwerflich ſind— Laß mich ſorgen! — — 105 Den Freiherrn von Maddalon hatte eine Geſchaͤftreiſe auf einige Tage entfernt; die Strohwitwe ſaß verduͤſtert im Divan; ihre Hand war, ſammt dem Almanache, welchen ſie eben durchblaͤtterte, in den Schooß geſun⸗ ken: der Fluch der Gluͤckskinder— der Ekel vor dem Ueberſchwang an allem, was ihr Leben wuͤrzte, entgeiſterte ſie. Zwar ſtand der Koͤnigin der Baͤlle, zum Abende, ein glaͤnzender bevor; doch Tina theilte eben das Gefuͤhl einer wirklichen Herrſcherin, die, von der Buͤrde der Groͤße bedruͤckt, ſich in die Schaͤferhuͤtte ſehnt— Zwar ſtanden, in offenen Schmuckkaͤſten, Diamanten und Perlen um ſie her; aber ſie funkelten heute wie Katzen⸗Augen, und kamen, im Ver⸗ gleiche zu den Juwelen⸗Schaͤtzen einiger an⸗ dern, kaum in Betracht. Zwar konnte ſie in dem neuen, wunderherrlichen Wagen nach dem Thiergarten fahren; aber man ſah dort immer nur daſſelbe, und der Staub ver⸗ kaͤmmerte zudem die langweilige Veraͤnderung. Nach einem Gute nur verlangte ſie, und mit hell lodernder Begierde: dies eine nur blieb unbeſchwoͤrbar und widerſtand dem Ta⸗ lisman. Da meldete das Maͤdchen den Herrn Alfried; ihr Groll entfloh— Haſtig warf ſie ein neues, indiſches Tuch um und einen Blick in den Spiegel, um zu ſehen, ob auch der Stundenkummer ihr Geſicht ver⸗ laſſen und der Zauberin Hulda Raum gege⸗ ben habe, die den Willkommenſten anſtrah⸗ len ſollte. Alfried trat ein; die ſchoͤne Hand ward zum Kuſſe gereicht und wies ihn darauf an ihre Seite. Er theilte der Baronin, nach dem Verlauf einiger Wechſelreden, ſeinen Reiſeplan mit, und ſah, nicht ohne Leid, wie tief ſein Vorhaben ſie bekraͤnke und wie theuer er Florentinen ſey; denn Ueberra⸗ 107 ſchungen ſolcher Art entzogen ihr ploͤtzlich je⸗ den Schleier. Mit bebenden Lippen fragte dieſe— Wird Ihre Gattin Sie begleiten? E. Allerdings! als Künſtlerin, als Lie⸗ bende und als Geliebte. Florentine ſchwieg, ſie ſchoͤpfte Odem und bat, nach dem Verlauf einer Minute, mit ihrem ſuͤßeſten Molltone— Bleiben Sie bei uns!— Die flammenden Augen unterſtuͤtzten, zwiſchen Groll und Zaͤrtlich⸗ keit, die Bitte. Es iſt eine heilige Pflicht, die mich geh'n und Heilung ſuchen heißt, erwiederte er mit derſelben Milde: und ich darf gewiß ſeyn von Ihnen verſtanden, entſchuldigt, ſelbſt belobt zu werden; das weibliche Herz iſt ja die ſicherſte Kampfrichterin bei dem Streite der Sinne mit der Sittlichkeit. Es iſt die Heimath des Zartgefuͤhls, und empfindet zudem, mit dem ſeligen Weh der Enkbeh⸗ 108 rung vertraut, das Gewicht, wie die Noth⸗ wendigkeit ſolcher Opfer. Florentine griff haſtig nach der Klingel⸗ ſchnur und ſagte, verblaſſend— Die Wit⸗ terung ſcheint Ihre Reiſe beguͤnſtigen zu wollen— Stellt ſich der laͤngſt gewuͤnſchte Regen ein, ſo wird Ihnen der Staub nicht beſchwerlich fallen. Ihr Maͤdchen trat, dem Rufe der Schel⸗ le folgend, ein. Ausfahren! rief die Baronin und ſtand auf. Alfried that, ergluͤhend, daſſelbe und ſprach einige Abſchied⸗Worte. Sie neigten ſich gleichzeitig, mit Foͤrmlichkeit; er ging im Heldenſchritte von dannen und traf in der Thuͤr' auf Minonen, die, eben von den Eltern heimkehrend, ſich ebenfalls beurlau⸗ ben wollte, um dann ungeſtoͤrt ihr Haus be⸗ ſtellen zu koͤnnen. Als dieſe wieder zu dem Gatten hinauf — 109 kam, wandelte er, noch im Schritt und Gei⸗ ſte ſeines Abgangs, auf und nieder. Noͤnn⸗ chen ruͤhmte, mit naſſen Augen, die Zaͤrt⸗ lichkeit der Baronin, welche ihm nochmals eine gluͤckliche Reiſe und den gehofften Er⸗ folg wuͤnſche und die Liebe und Guͤte ſelbſt geweſen ſey. Er trat, ſich abwendend, zu dem offenen Fenſter; ſein Weibchen ſchlug, gleich der Nachtigall, leis und elegiſch an, und ergoß ſich dann im wehmuthreichen Liede. Der Wagen ſtand vor Wallow's Woh⸗ nung und die reiſefertige Minona zwiſchen Amalien und den Schweſtern, die es an Thraͤnen nicht fehlen ließen; Alfried aber ſuchte Rudolfen in ſeinem Zimmer auf und ſprach bewegt— Das Denkmal, hoff ich, ward geſebt⸗ 110 die Ruheſtatt der Dulderin gefeiert, die Ket⸗ te abgeſtreift und mein Weg zum Blocksberg iſt nun der weiteſte. Nicht jubilirt! nicht groß gethan! fiel dieſer ein: Ruhmredige haben ihren Lohn dahin, und die aͤchte Tugend iſt ſtumm, wis das Grab, uͤber dem ſie gepruͤft wird. — Eliſe, die ehrenwerthe Mitregentin der, ſchon gedachten, Erziehung⸗ Anſtalt, ging von dem Wagen, zu dem ſie Minonen be⸗ gleitet hatte, nach des Vaters Zimmer, wel⸗ cher ſie unter vier Augen zu ſprechen begehrt hatte. Es wird Dich ein ſchoͤner, gutartiger Mann zur Ehe begehren, ſagte der Hof⸗ rath: und mein Lischen hoffentlich die Ma⸗ dame Werlam und ihr Lehramt uͤber ihm vergeſſen. Er iſt zwar mittellos und zur 111 Zeit noch unſer juͤngſter Sekretair, hat aber Talent und Ausſichten, und ich wuͤrde, um auch Dich verſorgt und Deine anſpruchloſe Tugend belohnt zu ſehn, das Noͤthige vaͤter⸗ lich beitragen, Eliſe kuͤßte ſeine Hand und erwiederte— Der Mann hat mir bereits geſchrieben — ich kenne ihn, ich weiß, wie wohlgebil⸗ det und geſchickt, doch weniger, wie gut und aufrichtig er iſt, und fuͤhle nur, daß ich— ſelbſt im erwuͤnſchten Falle— einen Gatten ſchwerlich begluͤcken wuͤrde. Mir fehlt ja alles, was den Sinnen zuſagt, und zudem auch die Faͤhigkeit, durch Gaben und Behel⸗ fe der Weiblichkeit, ein Herz zu gewinnen und feſtzuhalten. Den Frauen, welchen jene geworden ſind, ſchaden ſelbſt ihre Fehler ſo wenig, daß ſie dem Gatten, oft genug, als reizende Schwaͤchen erſcheinen, und ihn ruͤhrender anſprechen, als muͤhſam erworbe⸗ 112 ne Tugenden einer ſolchen, die das Herz der Vernunft unterwarf, und zu gewiſſenhaft iſt, den Mann durch Blendwerke zu bethoͤ⸗ ren. Ich, guter Vater, gehoͤre, wie Ih⸗ nen einleuchten muß, einer Gattung an, die beiden Geſchlechtern Aergerniß giebt, und weder taͤuſchen mag noch täͤuſchbar iſt. Wenn aber meines Gleichen weder auf Baͤl⸗ le, noch fuͤr die Sinnenluſt, noch als Mu⸗ ſterpuppen taugen, ſo hat ihnen der Himmel dafuͤr einen nuͤtzlichen, geſegneten Wirkung⸗ kreis angewieſen. Sie ſind, wie die Erfah⸗ rung lehrt, zur verſtaͤndigen Erziehung der Toͤchter, zur Pflege der Kranken, zur Stuͤ⸗ ze des Hausweſens weltluſtiger Frauen, zu ſichern und raͤthlichen Freundinnen geeignet, und duͤrfen, am Feier⸗Abende, freudig in jene Welt und auf Gott blicken, wenn ſein heiliger Wille, treu und eifrig, von ih⸗ nen gefoͤrdert ward. 113 Deines Gottes Wille war immer der Deinige! verſetzte der geruͤhrte Vater: dar⸗ um mag ich ihn auch jetzt nicht meiſtern, noch tadeln. Er ſegne Deinen Weg! er neige dereinſt, am ſtillen Feier⸗Abende, ſein Antlitz uͤber Dir! Er gebe Dir Friede! — Herr Gletter ließ Paulinen heute, zum erſten Mal, ihr kuͤnftiges, vorſtaͤdtiſches Wachs⸗Paradies erſchauen; er holte die Fa⸗ milie in ſeinem ſchoͤnen Wagen ab und leitete ſelbſt das treffliche Rappenpaar. Amalie lächelte, wohlgemuth, ihr Linchen an, denn die eigenen Wagen und Pferde guter Toͤchter erfreuen das Mutterherz, und die Braut läͤchelte, gleich der Mamma und als ihr Spiegel. Gletters Arbeiter umringten, bei der An⸗ kunft, die Erwaͤhlte ihres Herrn, ſie huͤl⸗ Schilling. ate S. 13r Pd. 8 114 digten, von Paulinens Holdſeligkeit erfreut, mit beifälligen Geberden der zukuͤnftigen, geſtrengen Frau und die alte, vielgetreue Chriſtiane, ſeine Wirthſchafterin, zeigte ſel⸗ biger, nach dem Fruͤhſtuͤcke, die Werkſtaͤtten ihres hausfraͤulichen Berufes. Amalie und Molly folgten mit eifriger Theilnahme, denn überall waltete der Geiſt der Ordnung und der Nettigkeit. In der hellen, ſtattlichen Kuͤche prangten, laͤngs den Wanden, die glaͤnzenden Zinn⸗ und Kupferſchaͤtze; der Spar⸗Ofen war ein Meiſterſtuͤck, Holz und Waſſer ſtieg, durch Huͤlfe der Mechanik, mit⸗ telſt der Bewegung eines Hebels, von unten herauf und ein Treppchen fuͤhrte aus ihr in den Keller, der ſeiner Friſche wegen, an die⸗ ſem heißen Tage, unbeſehn bleiben mußte. Die Wohnſtuben waren einfach doch gefaͤllig ſtaffirt, Lina uͤberſchaute, aus der ihren den anſtoßenden, praͤchtigen Garten des Erb⸗ 113 prinzen, wie den ihrigen, deſſen Fruchtbaͤume veredeltes Obſt trugen und welcher uͤbrigens als Bleichplatz fuͤr das Wachs diente, das ei⸗ nen balſamiſchen Geruch verbreitete, Der Braͤutigam war und blieb zu allen dem, in Paulinens Augen, der ſchoͤnſte Schmuck ſeines Hauſes. All' ſein Thun und Aeußern ging von dem Geiſt der Guͤte und des Frohſinnes aus, der auf die Umgebun⸗ gen gewinnend und ergoͤtzlich einwirkte und vom jungen Lupas, dem Haushunde, bis zum alten Kranach, dem Faktore, ihm alle ſeine Leute mit Banden freudiger Anhaͤng⸗ lichkeit verknuͤpfte. Als die Geſellſchaft, nach gehaltenem Um⸗ zuge, wieder in den Hof, unter jene, dort beſchaͤftigte Arbeiter trat und ſie, wie vorhin, mit ſichtbarem Wohlgefallen zu der blddſchoͤ⸗ ** 116 nen Braut aufſahn, brach die Geruͤhrte ploͤtz⸗ lich in Thraͤnen aus und warf ſich, von der Inbrunſt eines heiligen Gefuͤhls ergriffen, an des Braͤutigams Hals, der ſie mit ſtar⸗ kem Arm erhob und die Gluͤhende ſeinen Leu⸗ ten jubelnd entgegen hielt. Da zerdruͤckte Vater Wallow eine Freudenperl unter den Wimpern, Amalie umarmte ihn, von ſtil⸗ ler Mutterluſt durchſchauert und Molly ſpie⸗ gelte ſich, ſelig laͤchelnd, in den hellſtrahlen⸗ den Augen ihres Vertrauten. Die Geſellſchaft lagerte ſich jetzt unter dem Schatten des gewaltigen Nußbaums. Herr Gletter, ſagte Rudolf zu dem Wir⸗ the: wie gluͤcklich ſind Sie doch, in jeder Be⸗ ziehung! Wie beneidenswerth vor Allem, als ein Unabhaͤngiger, auf deſſen Schlaf und Wachen, der Sektenſchwindel, der Baſſen⸗ ſtolz und die ſchlechte Verdauung hoher oder roher Gewalthaber, nie eine verkuͤmmernde 1 117 Rüͤckwirkung zuſſern kann und deſſen Hals⸗ wirbel nur die eigne Willkuͤhr beugt. Wir Subalternen ſind zudem alleſammt Froͤhner, die ihr Wachs, muͤhſelig und unbedankt, zu Stocke tragen, Ihnen muß dagegen der Fuͤrſt jedes Nachtlicht bezahlen. Weil ich Hof⸗ Fackel⸗ Lieferant bin! ent⸗ gegnete Gletter, ſich in die Bruſt werfend: drum ſehn ſie auch ſo hell im Schloſſe. Chriſtiane hatte trefflich gekocht und Glet⸗ ters Weine glichen, an Feuerſtoff, der rei⸗ nen Flamme ſeiner Fackeln. Der gute Nach⸗ bar, des Erbprinzen Gaͤrtner, ein gereiſ'ter, unterrichteter Mann ſpeiſ'te mit und fand die Braut, zu ſeinem Vergnuͤgen, in der Bota⸗ nik bewandert, die Pauline, unter des Va⸗ ters Leitung, mit Andacht getrieben hatte; 118 ihr Wiſſen und des Nachbars Anerkennung erhoͤheten Gletters Stolz auf ſeine Braut. Er ward immer drolliger, nur Alfried und Minona fehlten zu Vollendung des elterli⸗ chen Gluͤcks. Der Gaͤrtner fuͤhrte die Geſellſchaft, nach dem Eſſen, in die Gewaͤchshaͤuſer des Prin⸗ zen. Lina gedachte hier, erroͤthend, des fuͤrſt⸗ lichen und ſegnete ſtill den Feigenbaum, wel⸗ cher ſie dort, zur rechten Stunde, an Evens Irrſaal erinnerte und damit aͤhnlichem ent⸗ riß. Der Gaͤrtner zeigte ihnen das praͤchtig geſchmuͤckte Schloß und als Gegenſatz, eine beſcheidene, von Trauerweiden umfliſterte Huͤtte, den Liebling⸗Aufenthalt der Prinzeſ⸗ ſin. Dann ward der junge, gekirrte Loͤwe beſichtigt, welchen ihr Gemahl vor kurzem aus England mitbrachte. Eine Umzaͤunung ſchloß das Raſenſtuͤck und die kuͤnſtliche, von Felſenſtuͤcken geformte Hoͤhle ein, vor wel⸗ 119 cher ſich der koͤnigliche Juͤngling eben ſonnte und die ſchuͤchternen, uͤber den Zaun ſchauen⸗ den Zuſpruͤche, mit ſanftem Brummen und raſchen Schwingungen ſeines Schweifes be⸗ gruͤßte. Jener verſicherte, daß der Waͤrter oft ſtundenlang ſein Spiel mit ihm treibe, daß Leo eine beſondere Neigung zu der Prin⸗ zeſſin aͤuſſere und ſo oft ſie ſichtbar werde, ſich, der Liebkoſung gewaͤrtig, an die Zaun⸗ luͤcken ſchmiege und dieſe ihn dann kecklich an⸗ greife und ſtreichle. Darauf wurden die Gold⸗ und Silber⸗ fiſchchen des Weihers mit geworfenen Brok⸗ ken geſpeiſ't, die Waſſerkunſt angelaſſen und als ſie endlich zuruͤckkehrten, vermißte Molly mit Erſchrecken ein Ringlein, das ihr Rudolf neulich am Geburttag verehrte und welches demnach ihr köſtlichſtes Kleinod war. Sie ſonderte ſich alsbald, unvermerkt, von der Geſellſchaft ab, um es am Teich aufzuſuchen⸗ 120 wo vorhin, zu Speiſung der Fiſche, det Handſchuh abgeſtreift worden war. Das Fraͤulein verfolgte eben, mit flie⸗ genden Schritten, den Fußſteig, welcher ſich durch niedrige Gebuͤſche hinzog, als der hohe Beſitzer des Gartens, den man heute auf ei⸗ nem Jagdſchloſſe glaubte, ploͤtzlich und in Molly's Naͤhe voruͤberging. Dieſe verbarg ſich alsbald hinter dem Baumſchlage, denn der Zutritt war keinem Fremden geſtattet; des Prinzen Gaͤrtner hatte eben uͤber die Hart⸗ naͤckigkeit dieſer Grille und uͤber die herben Verweiſe geklagt, welche er, im Gefolge ei⸗ niger, auf ſeine Gefahr zugeſtandener Aus⸗ nahmen, erhalten habe. Dieſem braven Manne durfte nun, um keinen Preis, ein aͤhnlicher Verdruß bereitet und ſie noch weni⸗ ger, einſam und verſteckt, hier von dem Prinzen vorgefunden werden. Das Fraͤu⸗ lein ſchlich dennach, ſich zum Waldweibchen 121 verkleinernd, durch die Gebuͤſche, traf bald auf eine Thuͤr, die in's Freie zu fuͤhren ſchien, die ſich oͤffnen ließ und als ſie hindurch ge⸗ ſchluͤpft war, mittelſt eines Gewichtes, von ſelbſt hinter ihr zufiel. Molly ſah ſich auf einem verzaͤunten Ra⸗ ſenplatze und nirgend einen Verſteck noch Ausgang. Sie kehrte betroffen wieder um, doch die Betroffenheit ward zum verſteinern⸗ den Entſetzen, als ein viel ſchlimmerer Prinz und Grundherr, als der, vor welchem ſie ge⸗ flohen war, hinter einem Felſenſtuͤck auf⸗ tauchte, das Haupt erhob, die Maͤhnen ſchuͤt⸗ telte und auf ſie zuſchritt. Sie befand ſich in dem Garten des Loͤwen, der ihr ſo eben den Ruͤckweg abſchnitt; ſeine Augen ſtarrten, funkelnd, das erſtarrte Maͤdchen an. Molly befahl, im leiſen Geſtoͤhne, ihre Seele dem Herrn, die Sinne ſchwanden, ſie ſank, ver⸗ gehend und betaͤubt, zu Boden. Der Koͤwe 122 umkreiſ'te die Lebloſe, er ſchnob und brummte und warf ſich jetzt, hart neben ihr, auf den Raſen. Ein Arbeiter, welchen der Zufall vor⸗ uͤber fuͤhrte, hatte, durch die Luͤcken des Zau⸗ nes, das Fraͤulein in der Gewalt des Raub⸗ thiers erblickt, er eilte zu Gletters, um ſei⸗ nem Herrn deshalb Meldung zu thun. Ru⸗ dolf ging dort eben, mit dieſem, im Garten auf und ab, ſie trafen auf den Schreckensbo⸗ ten und vernahmen, was ſich begab. Wallow erblich und faßte eine da liegende Baum⸗Axt; er riß den Gaͤrtner ſtuͤrmend mich ſich fort. Faſſung! Faſſung! mein Herr Soldat! ſagte dieſer, ihn abwehrend— verſchmaͤhen Sie die Univerſal⸗Medizin Ihres Standes nicht. Der Prinz moͤchte mir es nie verge⸗ ben, wenn ich, ohne die aͤuſſerſte Noth, an ſeinem Zoͤglinge, den er wohl lieber als un⸗ ſer Einen hat, zum Herkules wuͤrde und Leo 123 iſt fromm wie ein gemahlter; er kann ſo ploͤtlich nicht aus der Art ſchlagen. Jetzt trat, zu des Gaͤrtners Erſchrecken der Erbprinz, welchem derſelbe Arbeiter den Unfall verkuͤndigt hatte, zwiſchen ſie. Molly war indeß aus ihrer Ohnmacht zuruͤck gekommen; ſie fand ſich unverſehrt und rief, wie Daniel, den hoͤchſten Helfer mit der Inbrunſt der Todesangſt an. Ihr Glaube wuchs und ſtaͤrkte die Jungfrau; ſie raffte ſich auf. Der Loͤwe hielt ſie unverruͤckt im Auge und als jetzt Molly einige Ruͤckſchrit⸗ te nach der Pforte wagte, umging er dieſelbe, ſtellte ſich quer vor den Weg und druͤckte ſei⸗ nen Kopf an ihre Huͤfte. Es fiel ihr bei, was der Gaͤrtner vorhin von den Liebkoſun⸗ gen der Prinzeſſin erzaͤhlte; ſie that wie jene, ſie krauete ihn mit bebender Hand an der 124 Schheitel; Leo hielt maͤuschenſtill und brumm⸗ te. Bald aber verſagte der Geaͤngſteten die Hand den Dienſt, da erhob der Furchtbare ploͤtzlich das Haupt und ſchien zu lauſchen; er ſchnob und witterte und eilte ploͤtzlich in kurzen Spruͤngen nach einer entfernten Ecke hin. Dort ſtand ſein Waͤrter, jenſeit der Planke, der, um ihn abzulocken, gepfiffen hatte, wie er vor jeder Fuͤtterung zu thun pflegte.— Molly benutzte den befreienden Augenblick, ſie ſprang, dem Loͤwen gleich, nach der Thuͤr, welche draußen geoͤffnet ward, warf ſich jenſeit derſelben an Rudolfs Bruſt und zog ihn, von der Angſt befluͤgelt, fort. Der Erbprinz befand ſich in der Naͤhe, er ſah der Fliehenden, unbemerkt von dieſer⸗ laͤchelnd nach und ſprach dann, wieder ernſt werdend, zu dem Gaͤrtner— Ihr Feindſeligen! Ungerechten!— Der Loͤwe, ſagten Sie vorhin zu dem Offiziere: ——— 125 ſey mir wohl lieber, als einer meiner Die⸗ nerſchaft; das Raubthier alſo werther als ein Menſch! Der Ausſpruch iſt im Geiſt der Zeit, doch nicht im Geiſte der gebildeten Ver⸗ nunft, die uͤbrigens in Ihnen vorherrſcht und der Sie meine Achtung danken. Belegen Sie jetzt, frei wie vorhin, die grauſame Anklage! Gnaͤdigſter Herr! erwiederte der betrof⸗ fene Gaͤrtner: ich urtheilte nach dem Schein und irren iſt menſchlich, doch ſoviel wohl un⸗ zweifelhaft, daß Leo ſich eines waͤrmeren An⸗ theils, einer guͤtigern Beachtung und milde⸗ rer Worte und Gunſtzeichen zu erfreuen hat, als ich und meine Mitgehuͤlfen, die immer⸗ fort empfinden muͤſſen, daß uns, im Lotto des Lebens, eine Niete fiel. Sein Herr bedachte ſich eine Minute lang und ſagte dann— ich und meines Gleichen haben alſo, nach Ihrer Meinung, einen 126 Treffer gezogen? Halten Sie es wirklich fuͤr ein Gluͤck, vom Aufgange bis zum Nieder⸗ gange, das Ziel des Neides, der Heuchelei, der Mißgunſt, der Habſucht, des liebloſen Tadels und jeder boͤsartigen Leidenſchaft zu ſeyn? Der wohlthuenden Freundſchaft, der ſchoͤnſten Bluͤthen und Erquickungen des Le⸗ bens verluſtig zu gehn? In tauſend Schrif⸗ ten und bekraͤnkenden Andeutungen, fort und fort, dem bittern Vorwurfe uͤber eine Stellung begegnen zu muͤſſen, die uns weder Heil noch Freuden, die uns nur die betruͤbende Erkennt⸗ niß der Nichtigkeit alles Scheingluͤcks und des umfangs menſchlicher Verdorbenheit ge⸗ waͤhrt.— Wie kam dies Maͤdchen zu dem Lowen und in meinen Garten? Wer ließ ſie ein? Das Erſtere war jenem ſelbſt noch raͤth⸗ ſelhaft. Er theilte indeß dem Prinzen die Veranlaſſung des Feſtes mit, zu dem ihn — 127 ſein Freund geladen habe und entſchuldigte die Uebertretung des Gebotes, welches alle Fremde von dem Zutritt im Garten aus⸗ ſchloß, mit der Wuͤrdigkeit dieſer Familie, und dem Verlangen des Hofraths und ſeiner Tochter Pauline, nach der Beſchauung der botaniſchen Seltenheiten, P. Iſt nicht die Schauſpielerin Alfried, Paulinens Schweſter? Jener bejahte, der Prinz nickte laͤchelnd, denn er wollte, gleich ſeiner Gemahlin, Mi⸗ nonen wohl. Darauf gedachte der Gaͤrtner des Fraͤuleins duͤ Val. P. Und dieſe traf das Mißgeſchick? Sie dauert mich! ich hoͤrte von ihr! das Maͤd⸗ chen iſt ſo zart als achtbar— Auch aus den Flammen des Theater⸗Brandes ward es ge⸗ rettet, die Engel muͤſſen ihm beſonders ge⸗ neigt ſeyn. G. Wie billig, gnaͤdigſter Herr! Und 128 der Offizier, welcher ſie damals bergen half, iſt jetzt des Fraͤuleins Verlobter. P. Ein braver Soldat! Aber die Zunge ſoll ſo kuͤhn als der Muth ſeyn— das beſſert nicht und ſchadet nur. G. Auch ſteht er im Wartegelde! P. Mit vielen Wackeren! Der Vor⸗ wurf trifft den Frieden⸗Engel.— Erſinnen Sie ein rechtliches Mittel, den Ueberfluß der reichen Verdienſtloſen auf darbende Verdiente abzuleiten, ſo will ich es mit Freuden em⸗ pfehlen. Fuͤr jetzt liegt mir daran, zu wiſ⸗ ſen, wie es um das Fraͤulein duͤ Val ſteht? Der Gaͤrtner verbeugte ſich und eilte zu Glettern, um nach Molly's Befinden zu fragen. Die Frauenzimmer hatten, waͤhrend des — — 129 geplaudert, erfuhren ihn daher, zu ihrem Beſten, erſt nach Molly's Ruͤckkehr; ſie ent⸗ ſetzten ſich und lobten, vereint mit dieſer, den Herrn. Chriſtiane, die getreue Haus⸗ haͤlterin, brachte alsbald ein Arkanum her⸗ bei, das, vom Huͤhner⸗Auge bis zum Glied⸗ ſchwamm, alle Uebel heilte, noͤthigte ihr ſol⸗ ches ein und Molly fuͤhite ſich, gleich der uͤbri⸗ gen Geſellſchaft, von dem freundlich und leb⸗ haft geaͤußerten Antheile des Durchlauchtig⸗ ſten geſchmeichelt und erhoben. Die Erqui⸗ ckung ward noch balſamiſcher, als der Gaͤrt⸗ ner bald darauf von neuem zuſprach.— Mein gnaͤdigſter Herr, ſagte er: ließ durch alle unſere Leute, ſowohl am Teich als an⸗ derwaͤrts, das vermißte Liebespfand aufſu⸗ chen, allein, es fand ſich, leider! nicht. Er ſendet demnach dem Leutnant Wallow einen andern Ring, um ſeiner Braut den Verluſt in etwas zu erſetzen. Dieſer war nun faſt Schilling ate S. 13r Ed. 9 130 noch ſchoͤner, als jenes Kleinod, mit welchem Herr von Maddalon, vor kurzem, Minonen aͤngſtete und zudem verbat der Geber allen Dank, war auch bereits nach dem Jagd⸗ ſchloſſe zuruͤck geritten. Ich bin fuͤr immer mit meinem Prinzen ausgeſoͤhnt, ſetzte der Gaͤrtner hinzu: denn als ich ihn jett verließ, rief er mir nach— Sagen Sie dem guten Nachbar und ſei⸗ ner Braut meinen Gluͤckwunſch und daß der Garten ihm und den Seinen, von nun an, offen ſtehe; Leo's Milde moͤge dem künfagen Gatten zum Vorbilde dienen. Auch dem kuͤnftigen Landesherrn! fliſterte dieſe, ihre lilienweiße Hand erhebend, welche Rudolf eben mit der Gabe geſchmuͤckt hatte. die funkelte ſo herrlich, daß Pauline im Herzen wuͤnſchte, jenes Abenteuer ſtatt des Fraͤuleins beſtanden zu haben; der vermißte Ring aber fand ſich, als Molly am Abende — ——,— —.— 131 die Handſchuh wieder anlegte, zu ihrem Er⸗ ſtaunen, in der Fingerſpitze. Waͤhrend dem indeß Frau Alfried, ander⸗ waͤrts, mit ausgezeichnetem Erfolge leiſtete, ward ſie, in der Heimat, von einer Kuͤnſt⸗ lerin des erſten Ranges verdunkelt, die ſich, bei ihrer zufaͤlligen Durchreiſe, von dem rach⸗ ſichtigen Maddalon bewegen ließ, in einigen Rollen Minonens aufzutreten und damit das Publikum den Abſtand zwiſchen einem gluͤck⸗ lichen, noch unerzogenen Talent und der vollendeten, durch Kunſtbildung verklaͤrten Trefflichkeit, fuͤhlen zu machen. Alfrieds Wagen brach, im Laufe ſeinet Reiſe, unfern eines Staͤdtchens, in welchem man uͤbernachten wollte; der Abend war ſchoͤn, ſie wanderten auf dem Fußſteige fort⸗ . 132 uͤber den Kirchhof des Ortes, der eben, we⸗ gen der Beiſetzung eines laut beklagten Maͤd⸗ chens, mit Menſchen bedeckt war. Noͤnn⸗ chen draͤngte ſich zu dem Sarge hin, deſſen Deckel geoͤffnet ward, um noch einmul die verblichene Roſe ſehen zu laſſen, welche das Abendroth taͤuſchend auffriſchte; Alfried irrte, waͤhrend dem, zwiſchen den Graͤbern und verweilte, im Innern getroffen, vor einem friſchen Kreuze, denn auf ihm ſtand, mit Goldſchrift— Agnes Tauſendſchoͤn, Schauſpielerin. Er hatte, zu ſeiner Bekuͤmmerniß, ſeit der ploͤtzlichen Abreiſe der Freundin, weder Briefe noch andere Zeichen ihres Daſeyns und Aufenthaltes empfangen und deshalb in Wien, vergebens ſchriftlich angefragt. Als nun die Leidtragenden, zuſammt dem Beicht⸗ vater der beerdigten Jungfrau, von dem — — ——— 133 Gottesacker zuruͤckkehrten, ſprach er dieſen an und erfuhr, daß die Genannte auf ihrer Durchreiſe, hier, im Gaſthofe zur Taube erkrankt, vorzeitig entbunden worden, am Tage nach der Niederkunft, verſchieden und mit dem todtgeborenen Knaͤblein, in einem und demſelben Sarge, beigeſetzt worden ſey⸗ Den Nachlaß habe ſie, im Vorgefuͤhl des nahen Hintrittes, zu Deckung des Arztes und der Begraͤbniß⸗Koſten angewieſen, den Ueberſchuß der Maͤdchenſchule zugeſprochen und ſey dann, unter ſeinem Gebete, im freudigen Glauben an die Vaterliebe Gottes, entſchlafen. Alfried dachte ihres freundlichen Ver⸗ trauens, ihres Ungluͤcks, ihres Werthes und vergangener, Hand in Hand mit dieſer Kunſtgenoſſin gefeierter Triumphe; er rief erſchuͤttert— O der Vergaͤnglichkeit! Wie eine Un⸗ 134 ſterbliche glaͤnzte ſie damals, ruͤhrte Maͤnner zu Thraͤnen, erhob die Herzen in das Reich des Schoͤnen und liegt nun, vergeſſen und unbetrauert, im Staube. Ich ſehe mein Vorbild in dieſer Freun⸗ din! bemerkte Minona; ſie weinte laut. Das wende Gott ab! fiel Alfried ein: denn Agnes ward das Opfer eines Verwor⸗ fenen. —— Paulinens Verlobter war unpaß und die Braut, welche ſich, zu Gletters inniger Zu⸗ friedenheit, des Seinigen bereits mit freudi⸗ gem Eifer annahm, ging deshalb an dem ſo⸗ genannten Armentage, in Molly's Beglei⸗ tung hinaus, um zum Rechte zu ſehn und eine Anzahl von Duͤrftigen, deren Verſorger er war, mit Suppe zu verſorgen. Das Ge⸗ ſchaͤft ſprach die Weiblichkeit des Maͤdchens — 135 um ſo erquicklicher an, da dieſe Gaͤſte der kunftigen Schutzpatronin angenehm zu wer⸗ den trachteten, und ſie als eine ſolche feier⸗ ten. Eben ſo herzig und liebreich geberdeten ſich die dienſtbaren Geiſter des Fabrikherrn, denn jeder ſah in Paulinen eine huͤlfwillige, leicht zu gewinnende Mittlerin, und dazu machten ihre Augen, Zuͤge und Aeuſſerungen. das Recht der Anmuth geltend, die, vom Wachsſieder bis zum Erbprinzen, alle Maͤn⸗ ner vermenſchlicht. Selbſt Chriſtiane, die ſtille Vize⸗Koͤnigin, erbat ſich, bei Lina's Erſcheinen, jedes Mal, in ſchlauer Demuth, Verhaltungbefehle; ſie legte derſelben, bei ſchwierigen Aufgaben, die Antwort in den Mund und pflichtete dann eifrig bei. Am heutigen Feier⸗Abende faßte Pauline Molly's Arm und ſchlich mit ihr, der em⸗ pfangenen Erlaubniß zu Folge, in das Ge⸗ biet des fuͤrſtlichen Nachbarsz hinuͤber, um 13 im Bezug auf eine kraͤnkelnde Hortenſie, des Gaͤrtners Meinung zu vernehmen. Dieſer verhandelte, am Ende der Allee, von ihr abgewendet, mit einigen Arbeitern, er ver⸗ ſchwand ſammt dieſen, als ihn das Paͤrchen faſt erreicht hatte und beide folgten, den Schritt verdoppelnd, um die Ecke der Laub⸗ wand. Ploͤtzlich entzog Pauline der Freun⸗ din ihren Arm und kehrte pfeilſchnell zuruͤck. Sie hatte nehmlich, um einige Augenblicke fruͤher als dieſe, das offene, mit vornehmer Herren⸗Geſellſchaft erfuͤllte Luſthaus wahrge⸗ nommen, trug ohnehin Scheu vor den Gro⸗ ßen und mochte ſich, im Hauskleide, neben der ſchoͤn gekleideten Molly nicht in den Schatten geſtellt ſehen. Auch dieſe wollte jetzt— betroffen aufblickend— der Fliehen⸗ den folgen, da trat der Prinz, welchen ſie vorhin fuͤr den Gaͤrtner angeſehen, aus dem Bosket hervor, erfaßte ihren Arm und ſagte 137 Halt! Gefangen! Ergeben Sie ſich, Fraͤu⸗ lein duͤ Val. Ich ſehe dort nicht eine Dame, erwiederte Molly, waͤhrend der tiefen Verbeugung und hoffe daher um ſo gewiſſer auf die Vergoͤnnung des freien Abzuges. E. Es wird Ihnen wohl, wie neulich, dem Loͤwen gegenuͤber, zu Muthe? S. Nur in ſo fern, als ich abermals die Schuld der Uebereilung buͤße. Wir glaub⸗ ten, den verſchloſſenen Fenſterdecken zu Folge, die hoͤchſte Herrſchaft abweſend und den Gaͤrt⸗ ner in der Naͤhe, mit dem meine Freundin ſprechen wollte— nun iſt die ſo lieblos, mich im Stiche zu laſſen und ich werde, ſchon als Verlaſſene, ein Gegenſtand fuͤr die Groß⸗ muth. E. Fuͤr den Dienſteifer vielmehr! Koͤnnte ich Ihnen nuͤtzlich ſeyn! S. Ich habe fuͤr ein reiches, ehrendes Geſchenk zu danken. Der Prinz warf einen Blick auf ihre Hand, und ſagte— das wuͤrden Sie, im Falle der verſicherten Beachtung, tragen. S. Meine Lage unterſagt mir ſolchen Schmuck— E. Das heißt— Ihr Braͤutigam? S. Das heißt vielmehr— die Lage der mittelloſen Braut eines armen Soldaten— Sie ſteht im offenen Widerſpruche mit Brillanten. E. Zu meinem Bedauern. S. Ich bin zufrieden. E. Sie wollen mit dieſer Aeußerung, im Zartgefuͤhle Ihres Stolzes, den Antheil eines Zudringlichen abweiſen? S. Nur den Schein einer Bittſtellerin vermeiden. E. Denn Ihr Herr und Meiſter iſt ſich — — — 139 ſelbſt genug. Er verſchmaͤht, als ein Freier, was das Gluͤck, wie er waͤhnt, aus Laune oder Eitelkeit, dem Verdienſt etwa darbieten moͤchte. S. Mein Wallow verehrt, als ein ed⸗ ler Menſch, die Edleren und darum hat ihn jenes Angebinde im Innerſten geruͤhrt. Der Prinz erwiederte, bewegt und mild — auch Sie lernten ſchmeicheln? S. Die Einfalt iſt ehrlich. E. Ich ſchätze Ihren Wallow, gutes¹ Maͤdchen! und wer die Zukunft eines ſolchen Paares zu verbeſſern ſtrebt, erfuͤllt nur eine angenehme Pflicht. Bleiben Sie ihm treu und hold, er aber faſſe Zutrauen und lerne. vergeſſen, daß ich als Prinz geboren ward. Sie duͤrfen ihn, hoffentlich, wiſſen laſſen, daß wir uns ſprachen— S. Das bin ich Ihnen ſchuldig, wie ihm und mir! 140 E. Und ohne Mißdeutung fuͤrchten zu buͤrfen? Denn Fuͤrſtenſoͤhne gelten, in der oͤffentlichen Meinung, großentheils fuͤr den Wolf in der Fabel. Wir ſind zu bedauern! fuhr der Prinz, auf den neulich verhandelten Text zuruͤck kommend, fort: an uns wird heimgeſucht, was die Voreltern, hie und da, in Zeiten roher Willkuͤhr verſchuldeten. Braucht der Dichter und Erzaͤhler einen Wuͤſtling oder Hoͤllenbrand, wir muͤſſen ihn liefern— einen Heuchler, Schmeichler, Gecken, Verfuͤhrer— er wird aus unſerm Gefolge genommen— ein Baſilisken⸗Neſt— der Hof muß es darſtellen. Verſagt die Na⸗ tur ihre Gaben— tritt das Schickſal feind⸗ ſelig unter die Menſchen— macht der Lauf der Dinge, die Erhaltung des Staates Opfer und Leiſtungen nothwendig, ſo hat der Fuͤrſt das Unheil ve anlaßt, ſo traͤgt ſeine Laͤſſig⸗ keit, ſeine He bſucht, ſeine Beſchraͤnktheit die — — —yp — 141 Schuld und alle Welt ſieht, mit Neid und Aerger, zu dem Goldreif der Krone auf, die nur ein flimmernder Dornenkranz iſt Ich wuͤnſche, gutes Fraͤulein! daß wenigſtens mir, in Ihren und Ihres Braͤutigams Au⸗ gen, Gerechtigkeit wiederfahren moͤge. Molly neigte ſich ergluͤhend und kuͤßte raſch des Goͤnners Hand; er laͤchelte dankbar und kehrte zu der Geſellſchaft zuruͤck. Pauline hatte vorhin, unker dem Schir⸗ me der naͤchſten Laubwand, ihrer Flucht ein Ziel geſetzt und von da aus die Freundin be⸗ obachtet; des Prinzen Angeſicht und Geber⸗ denſpiel zeigte klar, daß dieſe nicht geſcholten ward. Es kraͤnkte ſie, auch heute, wie neu⸗ lich, wo jene fuͤr das bischen Angſt den praͤch⸗ tigen Ring davon trug, unbeachtet im Hin⸗ tergrunde verweilen zu muͤſſen, Molly fand 14² daher, bei der Ruͤckkehr, einen auffallend kuͤhlen Empfang. Du haſt wirklich vom Gluͤcke zu Hege ſprach Pauline: denn der zukuͤnftige Landes⸗ vater macht Dir, Trotz ſeinem Stolze und ſeiner bekannten Verſchmaͤhung unſers Ge⸗ ſchlechtes, augenſcheinlich den Hof. Seine Geſellſchafter hielten Euch, laͤchelnd und ver⸗ ſtohlen, im Auge und wiſperten dann unter ſſcch. Ich fuͤrchte nur die uͤble Nachrede der argen Nachbarn, da die Geſchichte von dem Loͤwen und der diamantnen Entſchaͤdigung bereits landkundig wurde und ſie der Hof⸗ dichter ſogar zu einem Balladenſtoffe benutzt hat; auch uͤberſieht man den Garten aus allen dieſen Hinter⸗Haͤuſern, und die drei Gaͤhnaͤffchen im Storche, lauern noch jetzt an dem Eckfenſter. Mir iſt es deshalb um ſo lieber, daß ich nicht Stand hielt, denn wer uns ſah, wird denken, man gehe der — —— . 143 Herrſchaft oder dem Hofgaͤrtner zu ge⸗ fallen. Dieſe herben Gloſſen verkuͤmmerten die ſtille Seelenfreude, welche eben Molly's Herz erquickt hatte; ſie blickte erroͤthend zu den Fenſtern des Storches und zu allen nachbar⸗ lichen auf. Pauline nahm jetzt das geaͤng⸗ ſtete Maͤdchen in Frage; ſie wollte wiſſen, was der Prinz geaͤußert, ob er auch ihrer ge⸗ dacht, womit ſie die Flucht der Gefaͤhrtin entſchuldiget habe, und ihr Unmuth wuchs, als das Fraͤulein verſicherte, daß derſelben mit keinem Worte Erwaͤhnung geſchehen ſey. Eben ſo wenig befriedigten Paulinen die uͤb⸗ rigen, kurzen und abgebrochenen Antworten, denn Molny fuͤhlte, daß eine offene Mitthei⸗ lung der verhandelten Gegenſtaͤnde, jene Be⸗ ſorgniſſe und den Argwohn der Bedenklichen nur erhoͤhen und ihren Tadel ſteigern werde⸗ 144 So kamen denn beide, faſt uneinig, in das Paterhaus zuruͤck. Molly fand ihren Rudolf in der Laube des Gaͤrtchens, ſie ſchmiegte ſich, zwiſchen Luſt und Kummer, an ſeine Bruſt; ſie ſchuͤttete, unter Thraͤnen, das Herz aus und eroͤffnete ihm des Goͤnners freundliche Ab⸗ ſicht. Mein gutes Maͤdchen, erwiederte dieſer: Du kennſt ja Paulinens weiblichen Haupt⸗ fehler, und mußt den um ſo mehr entſchul⸗ digen, da ſelbſt manche zaͤrtliche Vertraute ſich nicht allzu feurig uͤber Auszeichnungen freut, welche der Naͤchſten, waͤhrend dem ſie das Zuſehen hatte, von Seiten bedeutender Maͤnner widerfuhren. Fließt auch vielleicht des Muͤhmchens Beſorgniß aus getruͤbter Quelle, ſo rathe ich meiner Molly doch, ſie — zu beherzigen, denn feindſeliger Eifer iſt auf⸗ richtiger, alſo nuͤtzlicher, als die hoͤfelnde Schmeichelluſt. Dein Prinz gilt fuͤr redlich und weltklug, fuͤr ſtolz und gemeſſen; aber auch ihn gebar ein Weib, er fuͤhlt ſich zu⸗ dem, als Gatte, nicht befriedigt, ſich, wie ich glaube, von Deiner Eigenthuͤmlichkeit angeſprochen, und ſein Loͤwe ward gleichſam zum Bindemittel zwiſchen ihm und Dir. Der ehrliche Loͤwe! fiel Molly ein: ſie meinen es Beide gut mit uns. Noch beſſer, erwiederte er: meint es der wackere Herr von Hohland, der mir, von Landhelm aus, geſchrieben hat. Der Brief ging vorhin ein, und ich ſeitdem, des In⸗ halts wegen, mit mir ſelbſt zu Rathe. Das freundliche Verhaͤngniß ſtellt mich gleichſam zwiſchen zwei Genien, deren jeder uns ei⸗ nen Bluͤthenkranz bietet, und mein inneres Gefuͤhl bindet den Willen und die Hand, Schilling ate S. 131 Bd. 10 146 die bald nach dieſem greifen, ſich bald nach jenem ausſtrecken moͤchte. Dein Prinz kann mich trefflich betten und verſorgen; aber ich werde in dieſem Falle manchem vor⸗ gezogen, den ein naͤherer Anſpruch und hoͤ⸗ here Brauchbarkeit berechtigen, ich thue weh, indem mir wohlgethan wird und verliere in den Augen der Beßten.— Die Argen da⸗ gegen gloſſiren und verſichern dann, daß die⸗ ſer Schleicher ſein ſchreiendes Gluͤck dem Hofloͤwen danke, der ſich, als guter Cour⸗ tiſan, in Dir einen Leckerbiſſen verſagt ha⸗ be, um ihn dem Prinzen aufzuſparen. Abſcheulich! rief Molly: das koͤnnten Sie? Unzweifelhaft! fiel Rudolf ein: dagegen ſchreibt mir Herr von Hohland— er habe erſt jetzt, waͤhrend ſeines neuerlichen Auf⸗ enthaltes in Landhelm, den ganzen Umfang meines, ihm erwieſenen Dienſtes wuͤrdigen — 147 gelernt. Mir allein danke er die Erhaltung ſeines Lieblingſitzes, und mehr als einer hal⸗ ben Tonne Goldes an Gebaͤuden und verbor⸗ gen gebliebenen, theils werthvollen, theils ihm beſonders lieben Geraͤthſchaften. Das Freigut auf der Herrſchaft Berga, die er zu verkaufen vorhabe, ſey wohl verſehen, ſchoͤn gelegen, und der Braͤutigam ſeiner Freun⸗ din duͤ Val duͤrfe ſich, als ſolcher, nicht weigern, es, als ein hochzeitliches Ange⸗ binde und Dankopfer, in Beſitz zu nehmen. Der herrliche, der edle Mann! rief Molly aus: er fuͤhlt ſich gluͤcklich, wenn er gluͤcklich machen kann! Er traͤgt zudem bloß eine Ehrenſchuld ab und entaͤußert ſich uͤber⸗ haupt, in dieſem Geſchenke, bei ſeinem Reichthume, nur eines Scherfleins, das aber fuͤr uns ein Goldſchatz iſt. Ja, Her⸗ zensfreund!„dahin, dahin will ich mit Dir!“ Das neu gebaute Haus liegt auf 148 einem Huͤgel, unfern des Fluſſes, deſſen mahleriſches Thal man uͤberſchaut, und der Huͤgel bildet den freundlichen, baumreichen Earten, welcher bis zum Ufer hinab laͤuft. Die Felder ſind hoͤchſt fruchtreich; auch gehoͤrt ein Birkenwaͤldchen dazu. Es wurden ihm, waͤhrend meines Daſeyns, zwanzigtauſend Gulden dafuͤr geboten, und er verwarf ſie als einen Spottpreis. Dort kann Dir Mol⸗ iy nuͤtzlich werden. Die Landwirthſchaft iſt mir nicht fremd, iſt meine Freude. Ich ha⸗ be mich derſelben, in Landhelm und Berga, mit Eifer gewidmet, und auch darüber ge⸗ leſen und gedacht. Du darfſt mir trauen! Rudolf theilte der Geliebten Hohland's Zuſchrift mit; ſie bewies ihm, nach der Durchſicht des Briefes, daß er, bei der Stellung des Erbietens, daſſelbe unmoͤglich* von der Hand weiſen koͤnne, ohne den Dar⸗ bieter auf's empfindlichſte zu kraͤnken. Die — z 149 Vorſehung, ſagte Molly: greift nur bei ſel⸗ tenen Faͤllen, unmittelbar in das Leben des Menſchen ein, ſie bedient ſich, in der Re⸗ gel, der Guten, um den Weg anderer Gu⸗ ten zu bahnen und auszuhellen. Der Stol⸗ ze aber, der, von Hoffahrt und Duͤnkel ge⸗ blendet, ſein eignes Schickſal werden will, wird dann der nothwendigen und verderbli⸗ chen Folge ſeiner Willkuͤhr uͤberlaſſen. Du predigſt ja, wie Jonas in Ninive: und ich muß, Ehren halber, in aller De⸗ muth, dem Beiſpiele des ſanften Loͤwen folgen. Ich ſtreite fuͤr die Wahrheit, fuhr Mol⸗ ly, laͤchelnd und den Ausdruck mildernd, fort: und kenne unſern Hohland als einen der gutmuͤthigſten, edelſinnigſten Maͤnner, deshalb darf ihm, mit meinem Willen, nichts zu Leide geſchehen. Auch unir, mein lieber Rudolf: ward Zartgefühl und Selbſt⸗ 8 150 wuͤrdigung; aber ich nahm die verhießene Ausſtattung, gleich der zugetheilten, jaͤhrli⸗ chen Rente, mit Freudigkeit und ohne Schamroth an. Kann er wohl weniger fuͤr einen Braven thun, der, nach ſeiner An⸗ ſicht, unverpflichtet das Leben daran wag⸗ te, um ihm ſein Stammhaus und einen betraͤchtlichen Theil des Vermoͤgens zu ret⸗ ten?. Da taͤuſcht er ſich, unterbrach ſie Ru⸗ dolf: ich ſuchte, der Pflicht getreu, den Feind auf und fragte, bei dieſem Streben, nicht danach, ob dem Beſitzer Landhelms Gutes oder Uebles aus dem Ueberfalle zu⸗ wachſe. Gott lenkte Deine That zum Heil fuͤr Beide! bemerkte Molly: und wenn ich Dir lieb bin, ſo nimmſt Du das Freigut, und ich uͤberhebe Dich der Handreichung, die ei⸗ nem Manne Deiner Gattung ſo ſchwer zu — 15¹ werden ſcheint und beantworte des Gebers Brief. Wallow ſprach von Bedenk eit, er ver⸗ ließ die Laube und das Haus, kehrte, erſt ſpaͤt am Abende, heim, traf ſeine Molly bereits an der Thuͤr ihres Schlafgemaches, umfing ſie und ſagte wehmuͤthig— Ich pruͤfte mich, herzliebſtes Kind! ich fand mich weder von der Hoffahrt, noch von dem Duͤnkel geblendet, und Du biſt mir lieb; alſo nehme ich das Freigut an und fol⸗ ge Dir jetzt mit Deiner Erlaubniß, um das Weitere ungeſtoͤrt zu beſprechen. Molly laͤchelte, bis zur Stirn erroͤthend; ſie entzog ſich ſeinem Arm, und es flog ihm die erwaͤhnte Thuͤr, ſtatt der erwarteten Vergoͤnnung, im folgenden Augenblicke vor den Augen zu. Wie reimt ſich das? fragte er draußen: 152 zu der heutigen Predigt uͤber die Dankbar⸗ keit und die Pflicht ihrer Anerkennung? 3 Das Fraͤulein erwiederte— um dieſe Zeit und auf dieſer Stelle kann ein Maͤdchen weder unerbittlich, noch undankbar genug ſeyn.— Dabei verharrte ſie. — Alfried und Minona kamen zuruͤck und bezogen alsbald eine freundliche, in der Naͤ⸗ he des Vaterhauſes gelegene, Wohnung, die Rudolf fuͤr ſie gemiethet hatte. Wohl mir! rief Jener aus voller Bruſt, durch die Reiſe und ihre Zerſtreuungen ge⸗ heilt: unſer Maddalon iſt ein Bierwirth und ſeine Tina eine Meerkatze: dies Pa⸗ radies hat keine Schlange. Wohl mir! lispelte Minona beiſtim⸗ mend, doch minder herzlich: denn ihr weib⸗ liches Herz vermißte jetzt, ungern und weh⸗ — 153 muͤthig, die Herrlichkeit jenes Feenſitzes und des glaͤnzenden Kreiſes, der ſie mit Weih⸗⸗ rauch und Myrten bedeckt hatte. Man wußte in der Heimath bereits von dem entſchiedenen Beifalle, den das talent⸗ reiche, liebenswerthe Paar in zwei glaͤnzen⸗ den Hauptſtaͤdten erwarb; die Befreundeten empfingen es daher mit verdoppelter Zaͤrtlich⸗ keit, Vater Wallow maͤßigte jedoch die ſei⸗ nige, im Bezug auf Minonen, nach dem Verlaufe der erſten Mittheilung. Es kam ihm vor, als ob der eingeſogene, fremde Opferduft und die ungewoͤhnlichen Auszeich⸗ nungen, welche ſeinem Töͤchterchen, ſelbſt von Seiten eines großen und kunſtſinnigen Hofes geworden waren, ihrer kindlichen Na⸗ tur und Beſcheidenheit Eintrag gethan, und derſelben einen Geiſt angeeignet haͤtten, wel⸗ cher Minonen, unbekaͤmpft anwachſend, bald genug zur leidigen Ueberhebung fuͤhren, und „Himmels⸗Gaben zu, neben denen ihr eige⸗ Das Haus blieb, des ſchoͤnen Tages wegen, 154 damit ſo mancher ruͤckgaͤngigen Meiſterin gleichſtellen mußte. Der ſuͤße Rauſch, in welchen ſie zu dem Haus⸗Altar und an die Wiege ihres dramatiſchen Beginnens heim⸗ kehrte, wich jedoch allgemach, ohne ſein Zu⸗ thun, dem nuͤchternen, kritiſchen Genius, den ſie jetzt vorfand, und einer Reihe verſtim⸗ mender Eindruͤcke. Selbſt ihre zaͤrteſten Vertrauten ſprachen, mit Eifer und Waͤr⸗ me, von den Leiſtungen der Virtuoſin, die 8 waͤhrend dem ihr Licht leuchten ließ, und das Tagblatt ſchrieb der Geprieſenen ein 4 Maß von Ausbildung und einen Schatz von nes Pfund zum gehaltloſen Quentchen ward. Jene war, als Minna von Barnhelm 4 geſchieden, und Minona mußte ſich, als die⸗ ſe, zuerſt wieder ſehn und vernehmen laſſen. 5 faſt unbeſucht; ein kaum vernehmbarer Haͤn⸗ 155 deſchlag begruͤßte die Zuruͤckgekehrte, und er war, ſo muͤhſelig ſie auch ſtrebte, ſich ſelbſt zu uͤbertreffen, das einzige, ihr heute ge⸗ wordene Beifallzeichen. Am folgenden Tage trat Alfried in einer, keines Weges bedeutenden, Rolle auf; man empfing ihn mit rauſchendem Beifall, und legte dieſen auch, im Laufe des Nachſpieles, bei jeder geringen Veranlaſſung, mit Eifer an den Tag. Das iſt der Fluͤgelſchlag boͤſer Geiſter! ſagte Alfried zu Amos, dem wackeren Vor⸗ ſteher: und eine Folge ihrer geheimen Ueber⸗ einkunft, denn der Bravoruf und das Haͤn⸗ deklatſchen wird immer an derſelben Stelle laut und fand ſein Echo auf der obern Gal⸗ lerie. Man will mich, auf Koſten meiner Frau, beguͤnſtigen, will uns damit ent⸗ zweien, uns, als Menſchen, wie als Kuͤnſt⸗ ler, mit Galle traͤnken und verderben. 1556 Faſt moͤchte ich Ihnen beipflichten! er⸗⸗ wiederte dieſer: und werde, aus dieſem Grunde, des naͤchſten, den Wallenſtein wie⸗ der auf die Buͤhne bringen. Er hob Ihre Thekla, im Beginnen der Laufbahn, zu der Hoͤhe einer angehenden Meiſterin, und der⸗ ſelbe Zauber ſoll, hoffentlich, die fruͤher ge⸗ aͤußerte Kraft wieder geltend machen, die Feinde entwaffnen und ihr alle Unbefangene auf s neue gewinnen. Jener druͤckte ihm, erkenntlich, die Hand. Tags darauf gab Alfried den Clavigo, ſei⸗ ne Gattin die Maria Beaumarchais. Das Haus war nicht beſuchter, als geſtern, er glaubte, bei einem forſchenden Blicke durch die Spalte des Vorhanges, denſelben ver⸗ —— 15⁷ dächtigen Trupp auf derſelben Stelle wahr⸗ zunehmen. Als nun Clavigo, im erſten Auftritte des Stuͤckes, ſagte—„Ich kann die Erinne⸗ rung nicht los werden, daß ich Marien ver⸗ laſſen— hintergangen habe“ erſcholl ein nachdruͤckliches Hm! in jener Gegend. Die⸗ ſem folgte, im vierten Akte, als Alfried mit Nachdruck ausrief—„Die Welt urtheilet nach dem Scheine!“ ein helles Gelaͤchter, und ein aͤhnliches hatte fruͤher ſchon, bei Mariens Worten—„Ach„ warum bin ich nicht mehr liebenswerth?“ Minonens Herz empoͤrt und verwundet. Als endlich Clavigo erſtochen ward, rief Einer Bravo! und to⸗ ſende Haͤndeſchlaͤge begleiteten den Ruf. 8 — 158 Minona hatte, bis heute, dem Gatten gegenuͤber, Faſſung und laͤchelnden Gleich⸗ muth erkuͤnſtelt, die ſich jedoch laͤnger nicht feſthalten ließen. Sie kehrte, da dieſer noch im Nachſpiel auftreten mußte, fruͤher als er, heim, weinte ſich an der mitfuͤhlenden Bruſt ihrer getreuen Molly aus, und Alfried fand ſie blaß, verſtoͤrt, mit Thraͤnen bedeckt, auf dem Sopha ihres Wohnzimmers. Noͤnn⸗ chen reichte ihm die Hand und lispelte mit wankender Stimme— Sage mir, was be⸗ deutet das? 1 Weiber⸗Rache! fiel Alfried ein: ich bin im Klaren! Rudolf hat, auf meine Veran⸗ laſſung, die Bande beobachtet und bemerkt, daß Crampon, der Emigrant, Maddalons Vertrauter, ihr Leitſtern und Ton⸗Ange⸗ ber ſey. Entſetzlich! rief Minona, auffahrend: — 159 aber Maddalons ſind ja im fernen Carls⸗ bade. E. Um ſo gewiſſer koͤmmt der⸗Schlan⸗ genſtich von Ihr! S. O, von Beiden! E. Das fuͤrchteſt Du! Minona bezeichnete die Gruͤnde ihrer Vermuthung. E. In welchen Haͤnden waren wir! S. In welchen ſind wir noch! Man hat uns uͤberdieß verleumdet: ich begegnete den Spuren uͤbler und geglaubter Nachrede, ſeit unſerer Ruͤckkehr, in mehr als einer Fa⸗ milie, die mich ſonſt zuvorkommend auf⸗ nahm, liebte und ehrte. E. So giltſt Du denn fuͤr Maddalons Geweſene! mich halten ſie fuͤr Florentinens Abgedankten. Wiulſt Du mich toͤdten? rief ſie ſchluch⸗ zend. fahr— — 160 Im Gegentheile, mein Noͤnnchen! Du ſollſt nur mit der Moͤglichkeit des ſchlimm⸗ ſten Falles vertraut werden. Das Bewußt⸗ ſeyn der Unſchuld hat, in ſolchen Bedraͤng⸗ niſſen, eine goͤttliche Troſt⸗ und Staͤrkung⸗ kraft; ich wenigſtens wuͤrde mich, unter ſei⸗ nem Schilde, der ganzen Bande, die das Laſter gegen mich aufbot, gewachſen fuͤh⸗ len. Es gelte nun, im Wallenſtein, den letzten Verſuch! Du biſt dann Thekla, ich bin Max, und die Widerſacher ſollen dieſen in alle Wege geharniſcht finden. Noch iſt mein Degen ſcharf!— S. Mir geh' es, wie Gott willt nur fuͤr Dich ſchweb' ich in Aengſten und ſehe nur Schrecken im Anzuge. E. Sey Du wie Thekla, meine Liebe! des ſtarken Mannes ſtarkes Weib! S. Ich ſehe ſelbſt Dein Leben in Ge⸗ 16* E. Ich mehr als tauſend Leben auf dem Spiele— Deinen Ruf und meine Ehre! S. Du haſt es auf Crampon, und man weiß doch nicht beſtimmt, ob er ſchul⸗ dig iſt, gewiß dagegen, daß er zu den beßten Fechtern gehoͤrt. Es waͤre ja ſchauerhaft, wenn Du Dich ausſetzteſt und zum Opfer wuͤrdeſt. Alfried faßte ihre Hand und ſagte mit verhaltenem Grimme— Sollen wir uns lieber geſchmaͤht, beſchimpft und verdaͤchtig, wie weggeſchreckte Stuͤmper und Elende, da⸗ von ſchleichen? S. Unſeres Bleibens, fuͤrchte ich, wird nun ohnehin laͤnger hier nicht ſeyn. E. So findet ſich, jenſeit dieſes Weich⸗ bilds, Entſchaͤdigung und was die gewarn⸗ te Jungfrau mir verhieß, wird die Gattin mit frohem Muthe vollziehen. S. Nicht frohen Muthes, aber erge⸗ Schilling ate S. 13 Bd. 11 16² ben und willfäͤhrig. Ach, Lieber! es iſt ſo ſuß, unter den Augen der Befreundeten und der Eltern ſelbſt, zu leiſten, ſo goͤttlich „wenn unſre Freude ihre Wangen roͤthet“, wenn das Kind unter ihren Augen ſich er⸗ hoͤht und den errungenen Ehrenkranz um ihre Schlaͤfe winden kann— die Frucht meiner Muͤhe und ihres Segens. Dies Heil iſt Dir geworden! Duld' um ſo muthiger die Dornenkrone und mache Dich auf alles gefaßt. Die Weibiſche ver⸗ zagt im Sturme— die Weibliche macht er zur Heldin, und wenn auch unter Pein und Leiden, mußt Du es dennoch gut heißen und recht ſprechen, wenn ich, als Mann, die Maͤnnlichkeit bewaͤhre. Weinend erwiederte Minona— 3 Heldin ward ich nicht erzogen und zittre vor Deinem Soldatengeiſte. Tritt aber die ei⸗ ſerne Nothwendigkeit ein, ſo thue, was dem — — Ehemanne ziemt und Dein Muth uͤben ſchatte mich! E. So hoͤr ich's gern und dabei bleibt ⁴8! 1 Ja, bleib' ein Mann! entgegnete ſie, ihm die Hand reichend. Er umſchlang, von dem Geheiß erfreut, das werthe Weib, und es vergaß, unter dem Flammenkuſſe, die Truͤb⸗ ſal der Gegenwart. 8 — Der erſte Theil des Wallenſteins ward nun gegeben. Molyy hatte ihr Ninnchen gekleidet und dieſer war, wie angehenden Kriegern am Vorabende der nahenden Schlacht; ſie ſagte, mit Worten ihrer Rolle— *„Das Schickſal hat mir den gezeigt, dem ich mich epfern ſoll— ich will ihm freudig fot⸗ gen! 2* 7 464 Das Haus war heute beſuchter, als bisher, nur der Hof wieder abweſend, auf dem Luſt⸗ ſchloſſe, die Rohen hatten demnach, im Lau⸗ fe der Sommerzeit, dort freies Spiel. Sie vergaßen wohl, Roth aufzulegen? fragte Amos, der Vorſteher, als Minona eintrat. Ueberſehen Sie das heute! entgegnete ſie mit erkuͤnſtelter Laune: meine Liebhaber werden mich, wie neulich, zum Ueberfluß ſchminken. Der Vorhang erhob ſich, die Handlung ſchritt, bis zu Thekla's erſtem Auftritt, ungeſtoͤrt fort— Bei ihrem Erſcheinen entſtand, auf dem gewoͤhnlichen Laͤrmplatze, ein vernehmliches Gemurmel; dagegen ward alsbald, in der Naͤhe der Stoͤrer, ziſchend und mit Nachdrucke, Ruhe geboten, denn es hatte ſich hier ein kraͤftiger Verein von Schatzern des befehdeten Paares aufgeſtellt, — 4 165 um den bisherigen Unbilden ein ploͤtlliches und ſchmaͤhliges Ende zu bereiten. Jene verſtummten zwar fuͤr den Augenblick, doch bald darauf ward jede deutſame Aeußerung Minonens, durch irgend einen Spott⸗ oder Tadellaut bezeichnet und, als Thekla, war⸗ nend zu ihrem Max ſagte—„Trau Niea mand hier als mir! ich ſah es gleich, ſie ha⸗ ben einen Zweck!“ gab Herr von Erampon die Looſung zu einem chorartigen Gelaͤchter. Er lachte noch, als ploͤtzlich ein rieſen⸗ ſtarker Officier auf ihn zuſprang, den feder⸗ leichten Franzoſen beim Schopf ergriff, ihn raſch aus dem Haufen, durch die weichende Menge, zur Thuͤr ſchleifte und dem Hin⸗ ausgeworfenen folgte. Max und Thekla hatten, waͤhrend dem, ihr Zwiegeſpraͤch fortgeſetzt, denn dieſe be⸗ achtete getreulich ſein Geheiß, ſich fuͤr alles, was etwa, jenſeit der Buhne, zu ihrer Be⸗ 166 kraͤnkung geſchehen moͤchte, zu betaͤuben. Zitternd, doch muthig, betonte ſie jetzt, an ſeine Bruſt geſchmiegt, mit ergreifender Ruͤhrung, die Stelle— „Wir haben uns gefunden, halten uns Umſchlungen, feſt und ewig!“ Und lauter Beifall rauſchte ſofort, feneis und anhaltend, in allen Theilen des Hauſes auf; er roͤthete, wie Labewein, Minonens Lilien mit der Roſengluth der wohlthuendſten Wallung, und Bravo! Bravol rief es wie⸗ der, als Alfried das geliebte Weib, begeiſtert, zu ſeinem Mund ethob und feurig kuͤßte. Minona erfaßte, nach ſeinem Abgange⸗ der Rolle gemaͤß und neu belebt, im Geiſt der fruͤhern Zuverſicht die Guitarre; ſie praͤ⸗ ludirte, der Vorſchrift zu Folge, ſie wagte es jetzt wieder, einen Blick auf die Zuſchauer zu werfen und der beſeelende, kaum in der Bruſt erwachte Freudengeiſt wich ploͤtlich ei⸗ — 167 nem fieberhaften Graun— Ihre Augen haf⸗ teten näͤmlich an einer weiblichen, bleichen, in Aſchgrau gekleideten Geſtalt, die auf der erſten Bank des Parkettes ſaß und ſie bewe⸗ gunglos anſtarrte. Die Plaͤtze zur Rechten und Linken derſelben waren unbeſetzt, das Weſen ſelbſt ein Ebenbild der verſchiedenen Julie— in Noͤnnchens Wahn die ſelbſt. 4 Gedenke mein! ſprach Julie damals, in der Todesſtunde: gedenke mein, ſo oft Du Thekla biſt! und Gott bewahre Dich vor ih⸗ tem Schickſlet— Sie hatte ihrer nicht gedacht und jetzt durchſchauerte die Erinne= rung, wie Grabes Hauch, ein Herz, das ſeit Stunden ſchon, die Seelen⸗Angſt preßte. Minona ſang, ſich bezwingend, den er⸗ ſten Vers des Liedes— ihre Stimme ſprach die befremdeten Hoͤrer, gebrochen und zer⸗ rinnend, gleich Geiſterlispeln, an; ſie ſelbſt 158 aͤhnelte einer Scheintodten, die eben aus der tiefen Traumnacht auftaucht. Die Verſtoͤrte ſchoͤpfte jetzt Odem fuͤr den Vortrag der zweiten, ſie klagte mit ver⸗ ſchwebenden Wehlauten— „Das Herz ſt gebrochen, die Welt iſt leer und weiter giebt ſie dem Wunſche nichts mehr!“ Da entfiel ihr das Saitenſpiel und Mino⸗ na glitt in den Arm der hervor ſtuͤrzenden Graͤfin Terzky. Gleichzeitig rollte, auf ein Zeichen des beſonnenen Amos, der Vorhang herab. 3 Da ſich der Unfall in der Schlußſcene ihrer Rolle begab, ſo konnte das Stuͤck, ohne Hinderniß, zu Ende gebracht werden. — 1 Alfried's Wundarzt, der ſich unter den Zuſchauern befand, eilte nach dem Ankleide⸗ — . 169 Zimmer, wo die Genoſſinnen Minonen huͤlfreiche Hand leiſteten. Der Verſuch, eine Ader zu oͤffnen, wollte nicht gluͤcken; ſie kam endlich aus der tiefen Ohnmacht zuruͤck, blickte ſchuͤchtern rings umher, zog eine junge, ihr beſonders anhaͤngende Schau⸗ ſpielerin an die Bruſt und verbarg das Ge⸗ ſicht in dem kuͤhlenden Buſen des Maͤdchens. Was ſie ſprach, war nicht vernehmbar. Man brachte die Kranke heim, Alfried, Molly und der Arzt blieben, bis zum Mor⸗ gen, an ihrem Bett, und jetzt ſtroͤmten die Boten der Theilnehmenden herbei, denn ſie war, Trotz den Verleumdungen ihrer Fein⸗ de, ein Liebling aller Kunſt⸗ und Schoͤnſin⸗ nigen geblieben. Minona vertraute dem Gatten, am Morgen, mit ſichtlicher Anſtrengung, was 170 ihre Sinne geſtern ſo plöͤtzlich zerruͤttete. Auch Alfried hatte jene ſeltſame Unbekannte geſehen und ſich, bei ihrem Anblicke, an ein Weſen erinnert, deſſen Grab ihn, mittelbar, zu der Flucht aus Maddalons Hauſe be⸗ ſtimmte und die Rache jener Elenden uͤber ſein Weib brachte. Noch an demſelben Tag erfuhr er indeß von einer Freundin, welche Minonen beſuchte und geſtern ohnfern dieſer Schein⸗Julie geſeſſen hatte, daß ſelbige die Blutsverwandte und Erbin der Todten, und in einem Mantel und Haͤubchen derſelben einher getreten ſey. Das Maͤdchen war eher hößlich als ſchon, doch hatte die verſtörende Krankheit Julien, bei gleichartigen Familien⸗ Zuͤgen, dem Muͤhmchen auffallend aͤhnlich gemacht und damit in Minonens Augen die Taͤuſchung erhoͤhet. Alfried eroͤffnete ſofort ſeiner Gattin den empfangenen Aufſchluß. —4 171 Ich glaube Dir! erwiederte ſie: und zweifle heute ſelbſt an der Moͤglichkeit deſſen, was mir geſtern unleugbar ſchien; aber bei der Qual und Pein jener Stunde— bei dem uͤberreizten, fieberhaften Zuſtand und der Gewalt, die ich mir anthat, waͤhrend dem die Aengſte uͤber mein Haupt gingen, ward dieſe Fremde, in meiner Einbildung, zu Juliens Schatten, und mir ſchwindelt, wie geſtern, wenn ich die Erſcheinung im Geiſte zuruͤck rufe. Minona ſprach dieſe Worte mit heiſerer faſt erloſchener Stimme, und druͤckte, weh⸗ muͤthig laͤchelnd, des Gatten Hand an ihre Lippen. Mein geliebter Mann! fuhr ſie fort: ich habe, ſeit unſerer Ruͤckkehr, weit mehr ge⸗ litten, als Du waͤhnteſt, denn die kleinſte Wolke verfinſtert den Tag, wenn uns das Gluͤck verzogen hat. Von allen Pfeilen⸗ 172 die der unſichtbare, gewaltſame Bildner ge⸗ gen das ſelbſtgefaͤllige Herz richtet, ſind Hohn und Schmach die ſchmerzendſten, und ſie ha⸗ ben zeither das meinige zu wiederholten Ma⸗ len getroffen. Auch der gute Amos wird jetzt bitterboͤs auf mich ſeyn: er waͤhlte, zu Thekla's Beßtem, das Stuͤck und die arme Thekla verdarb es! Der Redliche, troͤſtete Alfried mit Grund der Wahrheit: hat Dich nie inniger geſchaͤtzt, nie herzlicher bedauert, und ſein frommer Zweck ward erreicht, denn der Antheil an dem bekraͤnkten Lieblinge des Publikums iſt lebhaft und allgemein, und die Feinde wur⸗ den ſo ſichtlich zu Schanden, daß wir uns, in dieſer Hinſicht, Gluͤck wünſchen duͤrfen. Jetzt traten die bekuͤmmerten Eltern ein, welche eben von einer Luſtreiſe nach Berga heimgekehrt waren; gleichzeitig ſprach Herr Amos zu und erzaͤhlte ſeinem Freund Alfried — —õ——— 8 5 173 ingebeim— der Ritter Crampon ſey fuͤrch⸗ terlich zerſchlagen worden, und man zweifle ſelbſt an ſeinem Aufkommen. Er habe ge⸗ ſtern, vor der Theaterthuͤr, einen Dolch ge⸗ gen ſeinen ſtuͤrmiſchen Wegweiſer gezogen, und dieſer ihn dagegen, als einen Meuchler gewuͤrgt, entwaffnet und faſt zerknirrſcht. Vater Wallow neigte ſich indeß zu Noͤnnchens Haͤupten und ſagte leiſe— Heil und Unheil, Du gutes Kind! er⸗ ſcheinen in meinem Hauſe, ſeit Jahren, durchaus Hand in Hand, und ich koͤnnte Dir eben eine hoͤchſt erfreuliche, troͤſtliche Nachricht mittheilen, wenn Dein koͤrperli⸗ cher Zuſtand es geſtattete. Unbedingt! erwiederte Noͤnnchen, wohl⸗ thuend bewegt, mit reger Neugierde: hat der Fuͤrſt Sie befoͤrdert? Ihnen endlich Zu⸗ lage ertheilt? Hat er den Rudolf verſorgt? — Ward Eliſe, wie Frau Verlam hofft, 174 als Unter⸗Lehrerin bei den juͤngern Prinzeſ⸗ ſinnen angeſtellt?— Wallow verneinte— Muͤtterchen! ſage Du es! bat Minona, ſich zu dieſer wendend— Amalie ward von einem Thraͤnenſtrom uͤberraſcht und um⸗ ſchlang ſie. Wallow verſetzte hierauf— Du biſt zu reizbar fuͤr Neuigkeiten— M. Gute ſind Arzneien, beßter Vater! und Sie haben mich ja ſattſam vorbereitet — Die Ungewißheit kann mir ſchaden, die Eroͤffnung wird und muß ein Wunden⸗ und Wunderbalſam fuͤr mich werden. So wiſſe denn, daß eben wieder ein be⸗ deutender, fuͤr verloren geachteter Theil der hollaͤndiſchen Erbſchaft einging. Noͤnnchen verſetzte gleichmuͤthig— Durch Gottes Guͤte! Sie werden noch der reiche Wallow genannt werden. Das iſt er ſchon! fliſterte die Mutter— — 1 ———:—QOQ, ,ʒ—:ꝛ„.,·————----—— Er hat des ſeligen Bruders zweifelhaften, weit ausſehenden Prozeß gewonnen und da⸗ mit achtzigtauſend baare Thaler. Das Geld liegt in Holland bereit; wir fanden heimkeh⸗ rend des Sachwalters Brief. Minona reichte dem Vater mit einem wunderſuͤßen Laͤcheln die Hand. Nun ſeyd Ihr alle geborgen! ſagte Ama⸗ lie: ach, wie ſuͤß und lieblich iſt es fuͤr ein Mutterherz und eines Vaters Ruhe, die Seinigen, bei dem Heimgange, vor der Haͤr⸗ te, wie vor dem Mitleide des Naͤchſten, ge⸗ ſichert zu wiſſen. Und nun folge, mein Vaͤterchen! lege Dein Amt nieder! Du wuͤrdeſt, als ein ſchlecht und recht Gebore⸗ ner, doch bis an's Ende bleiben, was Du biſt. Laß uns die Herrſchaft Berga kaufen, die Dein Freund, der Herr von Hohland, feil bietet, wo unſer Rudolf bereits Haus 176 und Hof hat und Dir ein neues Leben ent⸗ gegen bluͤht. O, thun Sie das! lispelte Noͤnnchen — Der Vater ſagte laͤchelnd— ich will es beſchlafen! — Minona war, nach dem Verlaufe von vier Wochen, noch immer unfaͤhig, aufzu⸗ dauern— war ſchmerzlos, doch ohne Kraft und fortwaͤhrend heiſer. Rudolf und Glet⸗ ter, die mit gleicher Sehnſucht nach dem Einzug in das verhoffte Freudenreich ver⸗ langten, hatten das Hochzeitfeſt, in der Er⸗ wartung, die Kranke geneſen zu ſehn, noch immer verſchoben; aber der Arzt aͤußerte ſich ſo unbeſtimmt, Minona ſelbſt bat ſo drin⸗ gend, es ihretwegen laͤnger nicht auszuſetzen, und Gletters Hausſtand machte den endli⸗ chen Verein ſo nothwendig, daß die Art — — 177 und Weiſe der Feier demnächſt berathen ward. Der Fabeikant wuͤnſchte und begehrte mit Eifer, daß man, zur Ethoͤhung der Luſt, beide Verbindungen an einem Tage, in ſei⸗ nem, zu Feſtlichkeiten geeigneten Hauſe und auf ſeine Koſten vollziehen moͤge. Er ſprach: da Wachs und Honig bei mir fließt, ſo muß es auch, auf meiner Hochzeit, wie zu Kanaan her⸗ gehn, muͤſſen ſelbſt die Hungerleider unſers Viertels mit aqua vitae und Dickkuchen be⸗ gabt werden. Die Zutrittfaͤhigen aber, vom Paſtor Primarius an, bis zum Aſſiſtenz⸗ Einnehmer im Laͤmmerpfoͤrtchen, der mich Herr Vetter nennt, weil unſere Großmuͤtter im dritten Gliede verwandt waren, duͤrften ſich mindeſtens auf dreißig Paare belaufen. 7 Deſto ſtaͤrker wird die Colonne, erwie⸗ derte die tanzluſtige Braut: der Ehrentag behaͤlt ſein Recht, man macht, die Geſchenke Schilling zte S. 131 Bd. 12 78 verbittend, ſich den Gaͤſten doppelt angenehm und die Armen mauſen uns zum Herbſte das Obſt nicht, wenn wir auch ihnen eine Guͤte 4 thun. 6 Molly bat dagegen ihren Rudolf herzin⸗ nig, ſich am Trautage nicht mit ihr auf Gletters Zinne zu ſtellen: ſie werde viel lieber in frommer Charfreitag⸗Stille, als unter Trompeten und Pauken— lieber im Pilger⸗ kleide, denn als Staatspuppe, uͤber die Schwelle des neuen Lebens treten. Dein Gefuͤhl iſt das meinige! erwiederte Rudblf und unſre angehende Wachsfabrikan⸗ tin wird mich an ihrem Hochzeittage gemah⸗ nen, wie eine Maͤrtyrin, die der Antichriſt als Fliegenſpeiſe, mit Honig beſtrichen, an die Sonne geſetzt hat. Wir, denke ich, fah⸗ ren, ſo Gott und meine Molly will, auf unſer Gut; ſprechen den dortigen Paſtor, mit dem geloͤſten Befehl in der Hand, um 1— * 179 die Einſegnung an und Tags darauf finden ſich unſere Lieben ein und uns am Ziele. Sie kuͤßte ihn fuͤr den willkommenen Ge⸗ danken; Rudolf ging, um die noͤthige Ein⸗ leitung zu treffen und die Kuͤche ſammt dem Keller des Landgutes, mit allem Noͤthigen zu verſehen. Auch Glettter ſchritt zur Vorbereitung; er entſiegelte zwei gewaltige Geldſäcke, und verkehrte mit allerlei Volke, das Paſteten und Tokaier fertigt, wilde Schweinkoͤpfe zu⸗ ſtutzt, Ananas aufzieht und die Tafeln hoch⸗ zeitlich zu ſchmuͤcken verſteht. — Als Rudolf, am ſchoͤnen, friedlichen Braut⸗Abende, Arm in Arm mit der wonne⸗ ſeligen Molly, aus der Kirche zu Berga, in ſein Landhaus zuruͤckgekehrt war, ſchloß er ein Gemach vor der Huldin auf, welches ih⸗ +8. 180 rer einſtigen Schlafkammer in Landhelm taͤuſchend nachgebildet war. Er hatte, bei der Einnahme jenes Schloſſes, dort zuerſt ihre Spur gefunden und das Gebetbuch lag, wie damals, auf dem Nachttiſche; jenſeit des letztern erhob ſich, zur einzigen Aus⸗ nahme von dem Vorbilde, ein zweites Bett. — Die Braut ſah, ruͤhrend uͤberraſcht, in dieſen Spiegel ihrer Vergangenheit und dankte ihm mit Thraͤnen der ſuͤßen Wehmuth. 3 Ich that dies nur um meinetwillen, er⸗. wiederte Rudolf: der Anblick ſoll kuͤnftig, bei jedem Eintritte, die fromme, zaͤrtliche Empfindung auffriſchen, mit welcher ich, vor Jahren, das Heiligthum der ungekann⸗ ten Jungfrau betrat. Mir war an jenem Tage wie einem, den des Todes Pfeil⸗ mit Pfeiles Schnelle, aus dem Schlachtgewuͤhl in den Himmel verſetzt und Dein Andacht⸗ buch lehrte mich beten.— NRudolf ergriff — 181 und ſchlug es auf; das Jeſuskind laͤchelte den Braͤutigam anz es ſagte, laut Molly's Unterſchrift— „Ach, nichts ſuͤßer's iſt, als Du, fuͤße Liebe!— Und die Braut fliſterte, tief bewegt— Gelobt ſey dieſer Hochzeit⸗ gaſt!. Morgen ſollte Vater Wallow mit Ama⸗ lien— ſollte das Gletterſche Brautpaar mit Alfried und Eliſen eintreffen. Da Rudolf die Einrichtung des Hauſes, ohne Zuthun ſeiner jungen Frau beſtritten hatte, ſo ver⸗ mißte dieſe noch manches Nothwendige, zur Bewirthung und Pflege der erwarteten Gaͤſte. Um aber den Gefaͤlligen nicht zu beſchaͤmen, fertigte ſie, in der Stille, die ſogenannte Schaͤfer⸗Gundel, des Hirten ſtaͤmmige, aber ſchnellfuͤßige Tochter nach der Stadt ab.— 182 Ihr Gatte bemerkte geſtern ſchon, daß er ein treffliches Kaͤſtchen dort vergaß, welches ihm Frau von Halmer, vom Carlsbad aus, zum Brautgeſchenke fuͤr das Fraͤulein duͤ Val uͤberſandt hatte. Es enthielt weibliche Schmuck⸗ und Arbeitgeraͤthe im beſten Ge⸗ ſchmack und aus den edelſten Stoffen gebil⸗ det, das praͤchtige, reich mit Silber verzierte Gehaͤuſe machte es zu einer Zierde des Nachttiſches.— Still wie ſie, verſah er den ſogenannten Strohmatz mit einem Brief an Alfried, wel⸗ cher es aus ſeinem Quartier entnehmen und jenem wohl verpackt einhaͤndigen ſollte. Der Eilbothe, eigentlich Strohmann genannt, war eine einfaͤltige, aber ehrliche und zuthaͤ⸗ tige Perſon, war, ſelbſt bei Waſſer und Brote, guter Dinge und Trotz allem Miß⸗ brauche, den die Rohheit und der Aberwitz der dortigen Spaßvoͤgel mit ihm getrieben — 183 hatten, ſtuͤndlich bereit, fur Freund und Feind durch das Feuer zu laufen. Beide Couriere fanden ſich, waͤhrend der Heimkehr, zuſammen und wanderten nun, als befreundete, wahlverwandte Weſen ſelb⸗ ander fort. Cunigunden druͤckte Theils der ſchwere Korb, Theils der Gram uͤber Hans⸗ Adams wetterwendiſches Gemuͤth, der ihr bisher, als Beurlaubter, liebreich zur Hand ging, ihr Kalb und Kuh austreiben, die Pflege⸗Ferkel des Herrn Vaters poliren und regieren half und der ſie jetzt, als Gefreiter der Thorwache, mit verſchmaͤhenden Napo⸗ leons⸗Blicken gebeugt und der Zaͤrtlichen, fuͤr Schmeichelgruß und Liebesblicke, einen Gaͤhn⸗ affen geſchnitten hatte. Strohmatz dagegen war, wie immer, ſeelenfroh. Er kam von einer. Sibylle her, 4 welche den Bergaiſchen Milch⸗ und Markt⸗ maͤdchen, fuͤr Quarkkaͤſe oder deren Betrag⸗ wahrſagte; die hatte ihm der Mutter geſtri⸗ gen Traum deuten muͤſſen und dieſer galt, laut der Deutung, dem Sohne; es ſollte ihm, wo nicht des naͤchſten, doch vor aller Tage Abend, Erfreuliches begegnen. Auch wohl Verdruß! hatte die Seherin hinzuge⸗ fuͤgt: da hienieden, leider! kein Fiſch ohne Graͤten ſchwimme, doch gleiche letzterer nur etwa einem lahmen Floh; er koͤnnne ihn „knicken und erſticken.“ Die Hirtentochter, welcher Strohmann jene Offenbarung, in ſeiner Zufriedenheit, ver⸗ traulich mittheilte, aͤußerte ſich heute ſkeptiſch und freigeiſteriſch, denn Hans⸗Adams Gaͤhn⸗ affe machte ſie unglaͤubig. Das Maͤdchen verklagte den Gefreiten und ſein ganzes Ge⸗ ſchlecht erzaͤhlte dann von dem Inhalte der Zettel, welche am Thore klebten, und die ſie, in ihrer Wißbegierde, muͤhſelig durchbuch⸗ ſtabirt hatte. Fuͤnf Thaler! rief Gundchen — A 185 aus: wer einen entflogenen Papagei in den Adler zuruͤckbringt: wie hoch muß da ein Ochſe kommen? Liebes Herzchen! entgegnete Strohmatz: das faͤllt in die Regilla Zetri! ich waͤre zu⸗ frieden, wenn das liederliche, koſtſpielige Vieh hier auf dem Zaune ſaͤße— Huſch meinen Filz drauf; nun haͤtten wir's und truͤgen es unverzagt in den Adler. Da ſitzt es! brummte ſie, mit Spott im Ton und einer deutſamen Geberde und fuhr dann fort— Sie boten drinn auch Scheinverdienſt aus: der Brief klebte, ſchwarz auf weiß, an allen Ecken. O Du Einfalt! eiferte jener: es iſt ja der Komoͤdianten⸗Zettel. Dort ſpielen ſie gar wunderliche Dinge; ganze Bataillen zum Exempel und ohne Hanswuͤrſtel! ich habe es neulich mit angeſehen. Ja! durch die Thuͤr⸗ ſpalte. Doch wie der Vorhang aufging, 186 kam die Schildwache und ſagte— Na, Marſch! Es war Hans Adam, der Grobian! Suſanne ſeufzte laut. Sie gedachte von neuem ihres Verſchmaͤhers, der Name fiel verwundend in das Herz; Strohmatz aber gedachte des Vogels, er ſah in jeder aufflie⸗ genden Elſter den Papagei und widmete, im erwuͤnſchten Falle, jene fuͤnf Praͤmien⸗Tha⸗ ler der blutarmen Mutter. Die Sonne brannte, die Mittheilung ſtockte, Gundchen zirpte, wie die Grillen des Hirtenhauſes, unter der Buͤrde und blieh dahinten.— Gott's Hadich! rief der Gefaͤhrte ploͤt⸗ lich, mit klaffenden Augen und Lippen, denn eine goldene, von gewaltigen Edelſteinen um⸗ rankte Krone, lag, unfern des Weges, im Graſe— Herzliebſte Gundel, komm heran! da iſt wohl ein ganzer Batzen Sterne vom Himmel gefallen?— Seh ich denn recht, — — — 187 oder ſicht mich der Satan an? denn hier iſt ein Kreuzweg.— Die Kronenſteine funkelten wie Baſilis⸗ ken⸗Augen. Strohmatz ſteckte ſeinen Stab hindurch, erhob das Kleinod und lachte es⸗ wie ein Wahnſinniger an. Halb Part! rief die herbei trabende Hir⸗ tin; ſie ſiel ihm haſtig in den Arm. Ei, das verſteht ſich, tröſtetejener: ſchris Mirakel und umhalſte ſie. Die Zuͤchtige wehrte dem Stuͤrmer, be⸗ ſah den Fund, lachte mit und ſagte dann, ſchnell verduͤſtert— Mirrakel meint Ihr? ich weiß es beſſer! der Fuͤrſt iſt auf die Jagd gefahren; er iſt im Wagen eingenickt und das Blitzding von dem geſalbten Haupte herunter, in den Weg gerollt. So verhaͤlt ſich die Sache! Uns aber bleibt das Zuchthaus gewiß, wenn Ihr 188 nicht uuf der Stelle zuruͤck lauft und die ieſchan⸗ dige Anzeige thut.— Wohl an den Ecken? fragte der Geaͤr⸗ gerte: neben dem Papagei und dem Schein⸗ verdienſte? Daß ich ein Narr waͤre! ſteht denn etwa der Name darinnen? oder: abzu⸗ geben im Schloſſe, oder bei'm Thorſchreiber, oder irgendwo? Das koͤmmt von Oben, liebe Seele! und unſer Herr Gott weiß am beſten, was mir nuͤtlich iſt. Damit warf er ſeinen loͤcherreichen Huth in des Maͤdchens Korb, druͤckte, laut jubelnd, die Krone auf den Wirbel und tanzte, wie David, vor ihr her. 3 Cunigunde ward von dieſem Treiben nur verbitterter, der Neid ſprach in ihr an, ſie fuͤrchtete zudem, ſelbſt im gluͤcklichſten Falle, bei der Theilung verkuͤrzt zu werden und ver⸗ kuͤndigte ihm Ketten und Banden.— Doch, immer ſichtlicher offenbarte ſich indeß, der — 180 Mißguͤnſtigen zu Trotz, das Gluͤck des Sonn⸗ tagkindes, denn dort im Haſelſtrauche hing ein purpurfarbener, mit Gold und Hermelin verbraͤmter Fuͤrſtenmantel und unter ihm, im Kothe, lag ein praͤchtiges Schwert mit geſticktem Gehaͤnge. Der Verzuͤckte raffte die geſammte Beſcherung gierig auf, er ſchmuͤckte ſich damit, trat auf das Fußgeſtelle des nahen Meilenſtein's und rief der Nacheilenden zu— Heh! Schaͤfergundel! Guck ein Mal! der Koͤnig iſt fertig! Vivat hoch! Land und Leute finden ſich, am Ende wohl auch noch— Gundchen ward immer aufgebrachter. Sie erklaͤrte den Stolzirenden fuͤr einen ge⸗ kroͤnten Strohmann, ſie verglich ihn dem Komoͤdien Zettel, drohte mit Hans⸗Adams Verfolgung und ſchrie um Huͤlfe, als jener . ſoofort das Schwert aus der Scheide zog und miittelſt einiger Kreuzhiebe darthat, was der Gefreite, in dieſem Falle, von ſeiner Ma⸗ 190 jeſtaͤt zu befahren habe. Ihm that indeß das Mißtrauen und Zetergeſchrei der Gefaͤhrtin in der ehrlichen Seele weh; er ſteckte den Degen wieder ein und ſagte traulich— Naͤhmſt Du mich denn, mein Zucker⸗ ſchaͤſchen, wenn ich ein Potentate waͤre? S. ein Koͤnig Ahasverus, Gott hab ihn ſelig! von welchem dort geſchrieben ſteht. Es ſollte Dir nicht ſchlimmer, als ſeiner Eſther gehn. Fuͤr's erſte wuͤrde dem Livater ein neues Hirtenhaus gebaut und zu dem Volke ſpraͤche ich— So und dergleichen! Sind wir doch insgeſammt arme Suͤnder! und welcher Fremde faͤnde wohl, unter zehn Nackenden, die im Schloßteiche plaͤtſchern, den Regenten X heraus? Sorgt nur dafuͤr, daß Euer Herr nichts Boͤſes ſtiften und keiner ehrlichen Haut ein Haar zu kruͤmmen vermoͤge, dieweil er, als ein Menſchenkind, wie Nebugadnezar überſchnappen und, gleich dem Schulzen, — — 191 meißeldraͤhtig werden kann. Dann muͤßte ich, nolens, polens, Gutes thun und das lobt Gott! was meinſt Du Gundchen? Doch ſelbſt das Darbieten ſeiner koͤnigli⸗ chen Huld und Hand, war unvermoͤgend, die Hirtentochter mit der Illegitimitaͤt des li⸗ beralen Uſurpator’s zu verſoͤhnen. Sie er⸗ klaͤrte ihn fuͤr einen Rebellen und Kronen⸗ ſchaͤnder und drohte mit dem graͤulichen Schulzen, deſſen drittes Wort das Hundeloch war. Da verließ er die Feindſelige und trip⸗ pelte, durch Korn und Dorn, querfeldein, nach dem Dorfe.. Die Kinder trabten eben aus der Schule heim, als er von dem Huͤgel herab, auf ſie zuſchritt— ſeine Krone ſtrahlte, der Pur⸗ pur flatterte im Winde; das Haͤufchen ſchrie, bei dem Anblicke der Zaubergeſtalt, verwun⸗ dert auf und rief im Chor— Da koͤmmt der Koͤnig Salomo! Nachtrupp ein Exempel ſtatuiren, als ihm ungeſalbten und aus der nahen Buſch⸗Ecke Beackel auf die Bruſt und die Kinder um⸗ 192 Ihr Lehrherr vernahm das oft unterſagte Jubiliren, er ſtuͤrzte mit dem ergriffenen Backel aus der Thuͤr und wollte eben am der Arm erſtarrte, denn auch er ſah jetzt den ſprangen, gleichzeitig, zwei Herren und ein 4 Frauenzimmer herbei, die, aus Leibes⸗ Kraͤften, Halt auf! ſchrie'n. e. Ahasverus ſtutzte, ward kleinmuͤthig und verzagte, denn der Schulmeiſter ſetzte ihm, von dem Polizei⸗Ruf ermaͤchtigt, den kreiſten den guten Strohmann, nach dem Beiſpiele des Weiſels, gleich ſchwaͤrmenden Bienen. Jene Verfolger waren die Inhaber ei⸗ nes wandernden Wachspuppen⸗Cabinettes, welches die Figuren der beruͤhmteſten und 3 berüͤchtigtſten Perſonen enthielt. Einige — — 1193 Anhaͤnger des Helingſchen Syſtemes hat⸗ ten, vorhin, den Garderobe⸗Wagen ange⸗ fallen, gepluͤndert„ von Landreitern ver⸗ ſcheucht, den Raub weggeworfen und die Be⸗ ſitzer eilten nun aus einem, in dem Walde gefundenen Verſteck herbei, um jenen wahr⸗ genommenen Kroͤnungſtaat zu retten. Rudolfs Eilbothe ward ſofort, unter Kinderſpott und loſen Reden, zu dem Schul⸗ zen gebracht, wo die Sache ſich, zu gemein⸗ ſamer Befriedigung, aufklaͤrte, die Hirten⸗ tochter, wider Willen, fuͤr den Gefaͤhrten zeugen mußte und dieſer fuͤr die Ruͤckgabe des Glas⸗ und Zindelgutes reichlich genug ent⸗ ſchaͤdigt ward. Am folgenden Tage ſprach Wallow, mit den Seinen, dem jungen Ehepaare zu und fand es auf dem Sonnenpunkte. Jebt, lie⸗ Schilling ate S. 13r Bd. 13 194 4 ber Oheim! ſagte Rudolf zu ihm: empfinbe ich erſt den goͤttlichen Werth des Lebens, graut mir vor dem ſchrecklichen Fluche der Vergaͤnglichkeit. Wenn ich ſo daſtehe, ein freier, geſunder Mann, von dem himmli⸗ ſchen Weibe umfangen, mit dem Wohlge⸗ fuͤhl eines Seligen, Gott im Gemuͤthe, die ewige Liebe in der Bruſt, Kraft fuͤr Jahr⸗ tauſende in jeder Muskel ſpuͤre, da beſchleicht mich ploͤzlich der entgeiſternde Gedanke, daß dieſe Flamme verlodern, daß ihr Altar ſich verkohlen, daß ich hinab muͤſſe in die Nacht der Gruft, in den Tod und den Moder.— Hinab?— Vernichtet? Es iſt unmoͤglich! die Ahnung des Engels, der Gott im Ge⸗ muͤthe, die ewige Liebe in der Bruſt wider⸗ ſpricht, und ſoll ich ſelig werden, ſo muß ſich Molny wiederfinden und ewig die Meine ſeyn! Vater Wallow ſtimmte ſeiner Anſicht und Hoffnung eifrig bei und Moluy ſtaͤrkte — 19 zudem, Kraft ihrer heiligen Lieblichkeit, den 4 Gatten im Glauben. Auch jener ward hier, im Schooße der Natur und der Liebe, der Einfalt und des Friedens, recht vom Herzen ſeines Gluͤckes froh, er beſchloß ſofort, die Herrſchaft Berga zu erkaufen und unter dem Schatten der hundertjaͤhrigen Schloßlinde, den ſtillen Wegweiſer in das Palmenland zu erwarten. Eine Wolke nur, verdunkelte fortdauernd ſeinen lichten Hintergrund— Minonens Siechthum. Noch immer lag dieſe, kraftlos und heiſer, zu Bett und die Aerzte erkannten nicht klaͤrlich, was hier zu thun und wie ihr zu helfen ſey. 5 3 1 * Bald nach Rudolfs ſtillem Beilager ward auch das Seitenſtuͤck der Hochzeit zu Kanaan in der Wachsfabrik gegeben. Paulinen fehl⸗ te bloß, was Strohmat neulich fand, um 5 195 einer Koͤnigin zu gleichen. Hundert Kerzen vom reinſten Jungfernwachſe, beleuchteten, auf modiſchen Armleuchtern prangend, die glaͤnzende Braut und die buntſcheckige, gro⸗ ßentheils uͤberputzte Verſammlung. Leidhunger, der Aſſiſtenz⸗Einnehmer am Laͤmmerpfoͤrtchen, trug heute, zum erſten Male, glaſſirte Handſchuh, ſeidene Struͤm⸗ pfe und die Naſe hoͤher als ſelbſt Ahasverus im Puppenornate. Er geſellte ſich, nach der Tafel, um das Recht der Vetterſchaft aner⸗ kannt zu ſehn, dem Braͤutigam zu, welcher eben, mit Paulinen, ein wenig von der Laſt der Darſtellung ausruhte, und fragte, nach den erſten Wechſelreden, als ein krankhafter Politikuz, was Herr Gletter wohl, in ſeiner Verſtaͤndigkeit, von der truͤbſeligen, wild bewegten Gegenwart halte? Der Braͤutigam, welchen Wein und Freude, in eine ungewoͤhnliche, poetiſch⸗pa⸗ 197 thetiſche Stimmung zu erheben pflegte, ent⸗ gegnete darauf— Was der Seemann vom Meere haͤlt! Er kennt ſeine Klippen und Ungeheuer, ſeine Springfluthen und Windbraͤute, ſeine Tie⸗ fen und Tuͤcken und traut ihm doch, weil Gott es wogen laͤßt und ſeine Hand ihn haͤlt. Die See, Herr Vetter! gemahnt mich, uͤberhaupt, als ein Spiegel des Le⸗ bens, das Leben als ein Streif der Fluth, äber die wir nach der erſehnten Goldkuͤſte ſchiffen und die Ueberfahrt hat, bekanntlich⸗ ihr Ungemach. Der Hauptmann iſt, ſelten oder nie, ein Mann im Geiſt der Zeit, wohl oͤfter ein Tyrann oder Schwaͤchling, die Steuer⸗ und Bootmaͤnner gleichen, in der Regel, dem Meiſter, und alle wirft der Sturm zuweilen durch einander. An See⸗ kranken fehlt es nimmerdar. Leidhunger ſagte, die Haͤnde faltend— 198 in der Kajuͤte erträgt ſich das noch; ich aber ſitze, leider Gottes! am Laͤmmerpfoͤrtchen! Ihr Wille, entgegnete der Braͤutigam: kann ſelbſt dieſes zur Himmelpforte machen, ſobald Sie ihn mit Feſtigkeit bethaͤtigen und die eigne Welt anbauen und veredeln; denn aller aͤußere, uͤberſchwengliche Unrath wird zum heilſamen Duͤnger und Treibmittel der innern, ewigen Lebensfrucht. Und dieſſeit ſoll alſo der Unrath unſerer Zeit, bei meines Leibes Leben, nie verſchwin⸗ den und uns nie wohler werden, als in der haͤßlichen Gegenwart? Wohl hoͤchſtens auf Momente! fiel Glet⸗ ter ein: hier frißt der wilde Baͤr das Land zuſammt den Leuten, den Freiſtaat ſammt den Freien, die Bienen mit dem Honigſeim und aus dem Balge des Drachen, den heut ein Held oder Volk, nach langem, zweifel⸗ 199. haften Kampf erſchlug„ wird morgen neues Otterngezuͤchte hervor gehn. Der Einnehmer wisperte verſtohlen— zum Beiſpiel der Pa— die Pe— und der Pi— dies heilloſe Trifolium intonire, wie unſer ſeliger Terzius zu ſagen pflegte, drei der verderblichſten Calamitaͤten. Nur jetzt keine Charaden und Aufgaben! rief Pauline, von der Bilderſprache ihres Far brikanten in Erſtaunen geſetzt: ſie nannte ihn einen Weltweiſen im blumigen Schlaf⸗ rocke. Vater Wallow hauſ'te nun auf der er kauften Herrſchaft Berga, Rudolf, ſein Va⸗ ſall, als ein eifrig ſtudirender Landwirth⸗ auf dem Freigute. Pauline webte, gleich der Bienen⸗Koͤnigin, zwiſchen dem Wachs und der Zelle, Minona, noch immer keines ——— 4 4 200 lauten Wortes maͤchtig, bei den Eltern und Eliſe unterrichtete die jungen, bildſamen Fuͤrſtentoͤchter, deren Lehterin ſie geworden war, mit ſichtlichem Erfolg. Alfried glaͤnz⸗ te, beliebter denn je, als Held der Buͤhne und ſuchte, an den ſeltenen Raſttagen, ſein Noͤnnchen in Berga heim. Crampon hatte ſich, nach der endlichen Herſtellung, aus dem Staube gemacht, Herr von Maddalon durch tollkuͤhne, ſein fruͤheres, blindes Gluͤck er⸗ ſchͤpfende Wagſtuͤcke und den ploͤtlich wieder ausgebrochenen Krieg, eilf Zwoͤlftheile ſeines Reichthums verloren und die verſchwendriſche Florentine, vor welcher er, aus falſcher Scham, das Ungluͤck verheimlichte, beeiferte ſich mit Freudigkeit, den anſehnlichen Reſt, nach herkoͤmmlicher Weiſe zu vergeuden. Der Krieg fuͤhrte jetzt feindliche Truppen und einen ihrer Landpeiniger in die Haupt⸗ ſtadt, der bei Maddalons Wohnung machte. — 201 In ſeinem Gefolge erſchien Herr Tieffuß mit Adelaiden, Hohlands geſchiedener Frau, wel⸗ che, daheim gemieden und verachtet, dem Vaterland entflohn, ihren alten Freund auf⸗ geſucht, ihn verſoͤhnt hatte und jetzt fuͤr ſeine Gattin gehalten ſeyn wollte.— Tieffuß, vor Jahren hier als ein Verfaͤlſcher, als be⸗ truͤglicher Spieler und Landſtreicher verfolgt, hatte ſich, durch zweideutige, eben brauchbare Talente, durch Heuchelſchein, Gewandtheit und Kundſchafter⸗Dienſte, dem neuen Herrn und Meiſter zu empfehlen, ihn zu blenden und unter Adelaidens Beihuͤlfe, zu umſtrik⸗ ken gewußt. Er trat jetzt mit der eiſernen Stirn, mit dem Herzen voll Rach⸗ und Hab⸗ ſucht, mit der Gewalt, zu zuͤchtigen und loszulaſſen, unter die fruͤhern Veraͤchter und waͤhlte, Paulinens in Gnaden gedenkend, die Wachs⸗Fabrik zu ſeinem Quartiere. Frau Gletter ſah, voll Bangen, dem 202 feindlichen, noch ungekannten Gaſt entgegen, denn ihr Mann hatte vor Kurzem, in An⸗ gelegenheiten ſeines Gewerbes, eine Reiſe nach Polen angetreten; da rollte ein modi⸗ ſcher Wagen in den Hof; ſchmucke Reitpfer⸗ de folgten dieſem und endlich trat, zu ihrem Entſetzen, der Herr Vetter, im geſtickten, Uniform⸗artigen Kleide, mit einer funkelnden Bruſtnadel im Hemdſtreife, vor die erblaſ⸗ ſende Frau Muhme und begruͤßte ſie ſo trau⸗ lich, als in den Tagen ihres geheimen Ver⸗ ſtaͤndniſſes. Er ſang, ſpruͤchwoͤrtlich, das alte Lied und uͤberſchuͤttete Paulinen mit himmelſuͤßen Schmeichelworten. Die Haus⸗ frau aͤußerte ſich um ſo einſilbiger, ſprach von ſeiner Großmuth und Rechtlichkeit, auf die ſie ihr Vertrauen ſetze, verſchloß ſich, als ihn jetzt ein Bote des Gebieters zu dieſem ab⸗ rief, in ihr Kaͤmmerlein und betete und bat um Licht und Rath, um Schutz und Staͤrke, 203 Ihre Eltern befanden ſich, zum Ungluͤck, eben in Berga und wurden dort von der Sor⸗ ge fuͤr ihr Eigenthum feſtgehalten; auch Mi⸗ nona war bei ihnen und ſo eilte ſie denn zu Eliſen, die jetzt in der Naͤhe ihrer Zoͤglinge, auf dem Schloſſe wohnte und Lina's fruͤhere Verhaͤltniſſe zu dem unſeligen Vetter kannte. Sie beſchwor dieſe, wie vorhin den Himmel, um Rath und That. Der Schweſter ſichtbares Erſchrecken uͤber die Mittheilung, zeigte Paulinen, daß ſie ſich nicht zur Ungebuͤhr aͤngſtige; Eliſe ver⸗ ſprach, die Fuͤrſtin, unter Eroͤffnung des Vorfalles, um Urlaub anzugehn und ihr dann, bis auf Weiteres, zur Seite zu bleiben. Als Pauline zuruͤck kam, erfuhr dieſelbe von ihrem Maͤdchen, welches bereis mit dem Kammerdiener des Herrn Vetters in freund⸗ liche Beziehung getreten war, daß ſeine Ge⸗ 204 2 mahlin ebenfalls bei der Frau von Maddalon, ihrer Bekannten, Wohnung gemacht habe, daß Tieffuß des Tages uͤber, ſich, von ſeinen Geſchaͤften gebunden, dort aufhalten und nur die Naͤchte hier zubringen werde. — Auf der Herrſchaft Berga war, gleichzei⸗ tig, ein Dragoner⸗Regiment eingetroffen, und hatte ſich, durch Frevelthaten und uner⸗ ſchwingliche Forderungen, unverweilt als Feind beglaubigt. Vor allen ward Rudolfs 1 Langmuth und Faſſungkraft gepruͤft, der auf ſeiner bisherigen Laufbahn ſich nur als Gaſt, nicht als dienſtbarer Wirth zu nehmen gelernt hatte. Doch, zur Vergeltung fuͤr die ſcho⸗ nende, wohlthuende Menſchlichkeit, in deren Geiſt er damals jedem Wirthe als ein guter Genius erſchien, trat ihm jetzt, in ſeiner Molyy, ein Engel zür Seite. Die entwaff⸗ — 2- 205 nende Anmuth und Milde dieſer Carita, zuͤgelte die rohen Draͤnger und der beſſere Theil lernte bald, in Molly's Gatten, den gewiegten und verdienten Kriegsmann achten.— Der Er⸗ folg wirkte heilbringend auf das Haus des vielgeplagten Oheims zuruͤck und ſein Pflege⸗ Toͤchterchen trug dadurch, mittelbar, eine Eh⸗ renſchuld ab. 8 Herr Tieffuß war in Pluͤnderungs⸗Ge⸗ ſchaͤften verſandt geweſen; er kam zuruͤck und ſtutzte, als die gehaßte Eliſe ſtatt der begehr⸗ ten Wirthin erſchien; doch verbarg der Heuch⸗ ler ſeinen Aerger, erklaͤrte ſich, von dieſem Zuſammentreffen mit dem theuerſten Muͤhm⸗ chen, auf's angenehmſte uͤberraſcht, beklagte, jede zaͤrtere, verwandtſchaftliche Ruͤckſicht, den rauhen Pflichten des Verhaͤltniſſes unter⸗ ordnen zu ſollen, und die bekraͤnkende Ge⸗ —— — 206 ringſchaͤtzung, welche er, in der letzten Zeit, von Seiten der Familie empfinden muͤſſen, mit Schutz und Schonung nicht vergelten zu koͤnnen. Zwar wuͤrde er, ſelbſt auf eigne Gefahr, verſucht haben, dem Onkel in Berga huͤlfreiche Hand zu leiſten, der aber verſchmaͤ⸗ he ſie im unverwirkten Grolle und finde es unter ſeiner Wuͤrde, ihn muͤndlich oder in zwei Zeilen, um Vermittlung anzugehn. Eliſe ſchwieg und Tieffuß fragte jetzt in einem Odem nach ihrem Befinden, nach ih⸗ ren Verhaͤltniſſen im elterlichen Hauſe und nach der Hausfrau, welche ſich noch immer nicht blicken ließ⸗ Mein Befinden wird von Ihren Maaß⸗ regeln abhaͤngig, erwiederte jene: uͤbrigens walte ich, als Lehrerin der juͤngern Toͤchter unſers Fuͤrſten, im Schloſſe und die huld⸗ reiche Mutter meiner Zoͤglinge hat mich ver⸗ anlaßt, fuͤr jetzt an Paulinens Stelle zu tre⸗ — 207 ten, welche dafuͤr, unter dem Schutze der durchlauchtigſten Frauf meine Wohnung in der Burg bezog. Welche zartſinnige Auskunft von allen Seiten! fiel Tieffuß bitter laͤchelnd ein— Sie war nicht vom Ueberfluß, verſetzte Eliſe: da mein Schwager eben abweſend und der boͤſe Geiſt der Verleumdung immer ge⸗ genwaͤrtig iſt. E. Ihre Weisheit ſtellt alſo hier die Wirthin vor und glaubt ſich der eingebildeten Gefahr gewachſener?— Sollte nicht dieſer Tauſch der Frau Schweſter viel nachtheiliger werden, als die Ausdauer auf ihrem Platze? Man traut Paulinen nicht, wird es heißen: man hat ſie unter Schloß und Riegel legen muͤſſen und der vorhin erwaͤhnte, immer ge⸗ genwaͤrtige Geiſt der Verleumdung ſetzt dann unzweifelhaft hinzu— Frau Gletter ſey, zu 2⁰8 ihrem groͤßten Mißvergnuͤgen, der erfreuli⸗ chen Verſuchung entnommen worden. Darauf wagt es meine Schweſter, fiel Eliſe ein: und ein Blick auf gewiſſe, fruͤhere Verhaͤltniſſe derſelben, wird hoffentlich Pau⸗ linen in Ihren Augen rechtfertigen, ja er⸗ hoͤhen. 1 E. Ich, Jungfer Lieschen! erblicke uͤberall nur die ſchreiendſte Beleidigung und den entſchloſſenen Willen, mich in der oͤf⸗ fentlichen Meinung zu beſchimpfen. Wie ruchlos muß der Vetter ſeyn, wenn die Blutsverwandte Haus und Hof im Stiche laͤßt, um mit ihm nicht unter demſelben Da⸗ che zu walten; wenn ſie ſelbſt bei ihrer Fuͤr⸗ ſtin Schut ſucht und findet? Man hat ſich, hoffentlich, uͤbereilt! Schaffen Sie daher Paulinen zur Stelle und ich will vergeben und vergeſſen, will Ihnen nuͤtzlich werden, will mich fuͤr Ihren Vater, fuͤr Ihren Schwa⸗ — —— 209 ger Alfried, ſelbſt fuͤr den tollkoͤpfigen Rudolf verwenden, welche ſich, vor unſerer Ankunft, uͤber den Helden des Jahrhunderts auf eine Weiſe und in Ausdruͤcken geaͤuſſert haben, die nicht verhallt ſind und ſie verderben muͤſ⸗ ſen. Der Komoͤdiant wird ſo eben verhafe tet, und wenn ich mich nicht in's Mittel ſchlage, ſo gehen, morgenden Tages, Be⸗ auftragte nach Berga ab, um auch jene un⸗ verſoͤhnlichen Feinde der guten und großen Sache, fuͤr immer unſchaͤdlich zu machen. Eliſe verblaßte zwar, doch ſagte ſie mit feſter Haltung— nur der Verworfenſte wird einen Einfluß, den er dem Ungluͤcke ſeines wehrloſen Vaterlandes dankt, zur Verfol⸗ gung edler und tugendhafter Verwandten mißbrauchen, die er fuͤr ſeine Feinde haͤlt. E. Nur haͤlt? ich weiß woran ich bin — weiß, wen ich unbedankt dem Flammen⸗ tod entriß; weiß, wer mich ſchnoͤd' und feind⸗ Schilling ate S. 13r Bd. 14 210 ſelig zuruͤck ſtieß und damit der ganzen Stadt als einen Taugenichts bezeichnete. S. Ihr Bewußtſeyn muß Ihnen ſagen, ob wir es waren, welche eine ſolche Meinung 1 veranlaßten. „E. Das Bebußtſeyn ließ ich, gleich dem Herrn, dem wir dienen, in dem letzten Friedens Quartiere zuruͤck und weiß nur ſo⸗ viel, daß meine Zeit zu koſtbar iſt, um ſie hier an einen Wortwechſel zu verſchwenden, der, zum Unheile der Ihrigen, des Zweckes verfehlt. Sie retten dieſe, wenn ich Pauli⸗ nen unverzuͤglich zuruͤck kehren ſehe. Pau⸗ line ſoll mich achten lernen. S. Dazu bedarf es der Gegenwart mei⸗ ner Schweſter nicht E. So iſt denn der Krieg erklaͤrt und jede Ruͤckſicht am Ende. Bedenken Sie das! 5—— — 8 211 S. Ich denke, daß uns Gott beſchuͤtzen wird. Es gilt den Verſuch! fiel er ein und ging, wendete ſich an der Thuͤr noch ein Mal gegen Eliſen und ſagte— des Vaters Ungluͤck fäͤllt auf Sie zuruͤck— auf die gemuͤthloſe Pruͤde, die ſich, von ihrem weibiſchen Duͤnkel verblen⸗ det, glauben macht, daß man nur drohen und einſchrecken wolle— doch wehe Euch!— Wir ſchonen Bruͤder und Freunde nicht, ge⸗ ſchweige denn die Widerſacher! Eliſe brach in Thraͤnen aus, ſie wies ihn mit einer Gebehrde des Abſcheu's hinweg und verhuͤllte ihr Geſicht in dem Tuche. ——— 212 Der verhaftete Alfried ward, am folgen⸗ den Morgen, zu dem Landpeiniger gefuͤhrt, um daſelbſt durch Kreuz⸗ und Querfragen ge⸗ irrt, verſtrickt und nach Befinden in ein Burgverließ geworfen, oder vor den Kopf geſchoſſen zu werden, denn wehe jedem, der ſich zur guten Sache der Freiheit und Ver⸗ nunft bekannte, wenn Tyrannei und Unver⸗ nunft das Spiel gewinnen. Er fand in dem Vorzimmer eine Menge aͤhnlicher Ungluͤcks⸗ Genoſſen, und alle wurden, nach Verlauf banger Stunden, ungehoͤrt wieder fortge⸗ bracht, denn es hatte den Gewaltigen, waͤh⸗ rend dem Fruͤhſtuͤcke, die Luſt zu jagen ange⸗ wandelt, und derſelbe die Beſichtigung der Opfer auf unbeſtimmte Zeit verſchoben. Unſern Alfried hieß jetzt ein Unbekannter hier verziehn, er fuͤhrte ihn, als das Zim⸗ mer geleert war, nach einem kleinen, anſtoſ⸗ ſenden Cabinet und verſchwand. Bald dar⸗ — 213 auf oͤffnete ſich eine Tapetenthuͤr, aus wel⸗ cher Frau von Maddalon, ſchoͤn wie Iris, laͤchelnd wie Aglaja, hervortrat. So ſehen wir uns wieder? lispelte ſie, mit den Worten der Koͤnigin, im Carlos. Er verbeugte ſich. Wir ſind uns gegenſeitig noch Erklaͤrun⸗ gen ſchuldig, fuhr Tina fort: und ich kann mir es laͤnger nicht verſagen, in Ihren Au⸗ gen gerechtfertigt zu erſcheinen. Werden Sie wohl der Gehaßten glauben, daß ſie kei⸗ nen Theil an den Wehthaten habe, die ei⸗ nem, mir ſo theuern, Paare, widerfahren ſind? Daß mir, erſt nach der Heimkehr aus dem Bade, bekannt ward, wie elend ſich mein Mann, durch Crampon, ſeinen Helfershelfer, fuͤr die verſchmaͤhte Gunſt zu raͤchen ſuchte? Ich bin nicht rein, nicht fromm, nicht achtbar— ein Ungeheuer bin ich nicht! Der boͤſe Daͤmon hat mich fruͤh 214 beſchlichen; feurige, vorzeitig gereifte Sinn⸗ lichkeit, eine verwahrloſ'te Erziehung, ver⸗ derbliche Leſerei und das Beiſpiel glaͤnzender und geſuchter Frauen, bot ihm die Hand. Ach, waͤre mir ein Alfried geworden! aber ich fiel n Maddalons Netz, und verſank, des Mitleids werth, nicht Ihres Abſcheu's! Der letzte Troſt, die himmliſche Barmher⸗ zigkeit, verlaſſe mich in meiner Todesſtunde, wenn ich jetzt log oder heuchelte und, zur Stöoͤrung Ihres Gluͤckes, nach der Entfer⸗ nung aus dieſem Hauſe, irgend mitwirkte. Alfried ſah, nicht unbeſorgt, zu den thraͤnenvollen Augen der Zauberin auf, ſah in dieſen die Beglaubigung ihres Schwures und beredtſame Fuͤrſprecher. Verloſchene Gefuͤhle erſtanden und ergluͤhten wieder, ſie aber druͤckte, dieſer Wallung begegnend, ſei⸗ ne Hand an die Bruſt und ſagte mit Herz gewinnendem Weichmuthe— 215 Darf Eine, deren Abgott dieſer eherne Mann war, auf die Erfuͤllung einer arglo⸗ ſen Bitte hoffen? Ihm verſagte ſich das Wort zur Erwie⸗ derung, doch Alfried's Ausſehn und Gebehr⸗ de ermuthigte, ihm ſelbſt unbewußt, Floren⸗ tinen, und ſie ſprach— Ich erbat Ihre Befreiung, und bin be⸗ klagenswerth, wenn der falſche Stolz dieſe Huͤlfe, der Mittlerin wegen, zuruͤck weiſ't. Auch fuͤr den Vater Ihrer Minona und fuͤr ſeinen Vetter verwendete ich mich mit war⸗ men Eifer; doch Tieffuß und ſeine Gattin haſſen dieſe mit Ingrimm, und weiſen die Fuͤrſprache, in Bezug auf ſelbige, unerbitt⸗ lich von der Hand. Frau von Maddalon zog den Entlaſ⸗ ſungſchein aus ihrem Buſen und bot ihn dem Beguͤnſtigten dar. Ihre Blicke ſpra⸗ 216 chen ihn wie bittende Engel an. Mit Weh⸗ lauten ſagte Tina— Und Sie bedenken ſich, Alfried? Ich dachte nach, erwiederte er, ſeufzend und traurig: um welchen Preis Ihnen der luͤſterne Despot dies Blatt wohl zugeſtanden haben moͤge? Vor dieſer kraͤnkenden Beſorgniß ſichert Sie die Gewalt Adelaidens uͤber den Schwaͤch⸗ ling: er iſt ihr Sklave! nur ihr verdanke ich die Losſprechung. Und ich ſoll dieſe von einer Elenden hin⸗ nehmen, die den ehrenwerthen Vater meines Weibes, die den edelſten meiner Freunde verderben will? O, wenn mir jenes Weib ſelbſt eine Krone reichte, ich wuͤrde ſie auf ihrer eiſernen Stirn zerſchlagen und freudig auf den Sandhaufen knieen. Faſt wankte ich bereits, denn Dankbarkeit und Mitleid „— 217 ſind Himmelſtrahlen, die ſelbſt Feſſeln der Pflicht und des Ehrbegriffs aufloͤſen; aber Sie nannten mir den vergifteten Quell, und Ihr beſſeres Selbſt muß mich loben, wenn ich den Freibrief entſchloſſen zuruͤckweiſe. S. Wie kann doch ein Mittel in Be⸗ tracht kommen, wo das Heil Ihrer Gelieb⸗ ten und Ihr eignes der Zweck iſt? Wo es gilt, jene zu unterrichten, zu warnen, zu entfernen? E. Ich weiß, durch einen Vertrauten, der, am Morgen, den Weg zu meinem Kerker fand, daß Eliſe die Meinen unter⸗ richtet hat, und daß ſelbſt der Hof ſich ihrer annehmen werde. 1 Alfried! lispelte Tina, weinend und fle⸗ hend/ an ſein Herz geworfen: eiſerner Menſch! fuͤhlen Sie nicht, daß dieſer Widerſtand Ih⸗ re Feinde toͤdtlich beleidigen und den Haß zur Vertilgungſucht entflammen werde? — — — 218 Durch Thraͤnen laͤchelnd ſagte er— Was jene vermoͤgen, das begegne mir! Der Mann auf rechtem Wege hat nichts zu fuͤrchten, als ſeines Herzens Wankelmuth. Iſt das Ihr Endurtheil? Ja! unbedingt! Sie ließ ihn ſchluchzend los und kehrte burch die geheime Thuͤr zuruͤck; er durch die andere. Die Polizei⸗Diener waren ver⸗ ſchwunden. Alfried eilte nach dem Gefaͤng⸗ niſſe, doch der Kerkermeiſter verſagte ihm den Eintritt. Er kehrte heim, um Adelai⸗ den zu ſchreiben, und fuͤhlte jetzt, daß es heillos ſeyn wuͤrde, Florentinen, zum Dan⸗ ke fuͤr ihren liebreichen Huͤlfeifer, zu verwi⸗ ckeln— Er fragte, brieflich, bei ihrem vorgeblichen Gatten um die Gruͤnde der Ver⸗ haftung und der Losgabe an, und dieſer er⸗ wiederte, in zwei Zeilen—„Excellenz ha⸗ be, durch beide Verfuͤgungen, der Pflicht ge⸗ — 1 219 nuͤgt und ſey Herr ſeines Willens.“ Es 1 blieb ihm nichts uͤbrig, als die beſchaͤmende Ergebung in dieſen, und Freund Amos nahm alsbald den erſten Helden und Liebha⸗ ber von neuem in Anſpruch; denn Schau⸗ ſpiele, Baͤlle und Erleuchtungen ſollten jetzt den Klageruf des oͤffentlichen Elends Luͤgen ſtrafen. Zwar unterblieb, zu Folge der eingetre⸗ tenen, kraͤftigen Fuͤrſprache erlauchter Per⸗ ſonen, die Verhaftung des ſchuldloſen Wal⸗ low und ſeines Vetters; aber das Gut ward dergeſtalt mit Truppen uͤberlegt, und dieſe beſtanden großentheils aus ſo entſchloſſenen Plagegeiſtern, daß Amalie ſich, oft genug, 1 aus ihrem ſchoͤnen Schloß in die Gruft hin⸗ kb ſehnte. Du verſuͤndigeſt Dich, Malchen! ſagte 220 Wallow: der das Uebel mit Gleichmuth hin⸗ nahm, und es, durch Beſonnenheit, bald abzuleiten, bald zu mildern ſuchte. Alle Gaben des Lebens ſind ja nur unverdiente Darlehne der Gluͤckgoͤttin, und wir ſeufzen und hadern zur Ungebuͤhr, wenn endlich der Glaͤubiger koͤmmt und ſie aufkuͤndigt. Wie viel Gutes iſt uns nicht durch dieſen Vor⸗ ſchuß zugewachſen? wie mancher tohe Draͤn⸗ ger befriedigt, wie mancher Tag und Abend damit ausgehellt, wie manche ruhige Nacht gewonnen worden, und wie manches him⸗ melſelige Gefuͤhl dankt ihm das Herz, wenn wir auch Gutes damit ſtifteten. Du moͤch⸗ teſt immerhin weinen und trauern, falls uns der Krieg in der fruͤheren Duͤrftigkeit gefunden und dieſe Laſt aufgewaͤlzt haͤtte; ich aber denke mich, ſo oft die Truͤbſal uns zu Haͤupten ſteigt, an armer Leute Platz, die ihr letztes bischen Habe— werthe — e 221 Denkzeichen, an denen die Erinnerung gold⸗ ner Stunden haͤngt, die das muͤhſam er⸗ ſparte Scherflein, das letzte Bett, den Pfuͤhl der kranken Mutter, dem Wucherer preisgeben muͤſſen, um der Luͤſternheit und Raubſucht boͤſer Buben genug zu thun. Sieh doch auf unſer Pflege⸗Toͤchterchen, das kein hollaͤndiſcher Vetter bereicherte, das haͤrter, als wir, betroffen ward und, unter herzbrechenden Bedraͤngniſſen, freund⸗ ſelig wie ein Engel iſt, um den empoͤrten Rudolf, der ſich noch immer nicht verbuͤr⸗ gern, noch in den Takt des Naͤhrſtandes finden kann, zu zuͤgeln, zu beſaͤnftigen. Uns bleibt, im ſchlimmſten Falle, was Maͤ⸗ ßige beduͤrfen; wer mehr hat, gleicht ge⸗ woͤhnlich der Schildwache vor dem Finanz⸗ hauſe. Er huͤtet und wacht, bis der Se⸗ quens koͤmmt und ihn abloͤſ't. — 222 Unfern der Hauptſtadt lag das ſoge⸗ nannte Bergſchloͤßchen, ein Vergnuͤgung⸗ Ort, der, wegen ſeiner romantiſchen, aus elſen, Abgruͤnden und Dickigten beſtehen⸗ den Umgebung, ſehr beſucht war. Alfried fuͤhrte jetzt ſeine Minona dahin, denn ſie gingen auf dieſem Wege zugleich ihrem Freunde Rudolf entgegen, der, von Ge⸗ ſchaͤften nach der Stadt gefuͤhrt, heute ein⸗ treffen wollte. Noͤnnchen war nun voͤllig wieder hergeſtellt, doch blieb die Faͤhigkeit, ſich laut auszuſprechen, fuͤr immer ver⸗ ſchwunden, und damit ihrer Laufbahn, als Kuͤnſtlerin, ein ſchnelles Ziel geſetzt. Ein ſchmerzlicher Verluſt fuͤr die Buͤhne, fuͤr Alfried und ſie ſelbſt. Aber der Himmel iſt nur gerecht! ſagte Minona, auf dem Wege nach dem Bergſchloͤßchen, zu ihrem Gatten— er hatte mir, ohne mein Ver⸗ dienſt und Zuthun, einen ſo reichen, uͤber⸗ — 223 ſchwenglichen Kranz gereicht, daß die Erin⸗ nerung hinreicht, mich fuͤr die ganze Folge⸗ zeit zu entſchaͤdigen. Wie manche meiner Mitſchweſtern auf der Buͤhne ringen, ein halbes Leben lang, muͤhſelig und unbedankt, nach Erfolgen, die ich ſpielend fand, und wie guͤtig ließ mich mein Genius, ganz oh⸗ ne Anſtrengung, das Rechte treffen, die Ge⸗ muͤther ruͤhren, den Anſpruͤchen der Kunſt 4 genug thun, ohne daß ich mich je zu äͤngſt⸗, licher Wahl ſtellen oder fruchtlos erſchoͤpfen durfte. Meine Mißgriffe ſelbſt, wurden von den Splitterrichtern verkannt, wurden als neue, aber gluͤckliche Wendungen des Ge⸗ 6 nius geprieſen und mir verſtaͤndige, aus den Tiefen der Kunſt entſpringende Abſicht⸗ lichkeit angedichtet, wo ich mich ſorglos ge⸗ hen und den Geiſt der Eingebung walten ließ. Alſo waͤre es thoͤricht und ſtrafbar, mit dem Himmel zu ſchmollen, wenn er mir 224 fuͤr die Zukunft eine Gunſt verſagt, die ich, ſo wenig als irgend ein Erbe ſeinen Reich⸗ thum, als irgend ein Maͤdchen ſeine An⸗ muth, erworben habe, noch Kraft des gu⸗ ten Rechtes beſitze. Freund Amos aber kann mich kuͤnftig an die Kaſſe poſtiren, um junge Herren herbei zu ziehn; ich ſchmeichle mir, als Invalidin noch, den Theaterſchatz fuͤllen zu helfen. Alfried belaͤchelte die Neckerei und ſprach— Immerhin! Du wuͤrdeſt, als ſolche, das ſprechende Wahrzeichen unſerer Fhalia darſtellen. In der Thuͤr des Schloͤßchens trat ih⸗ nen jetzt Vater und Mutter, Rudolf und Molny, uͤberraſchend entgegen. Sie reih⸗ ten ſich alle um Minonen, und dieſe ſah, 1— 2 . 225 mit Wehmuth, wie ſchnell der boͤſe Krieg die Haare des Vaͤterchens und die Wangen der Mutter gebleicht habe, welche letztere bis dahin, ſo oft ſie den ſogenannten, ſchoͤnen Tag hatte, faſt ſo bluͤhend und jugendlich, als ihre reizenden Toͤchter erſchien. Es wen⸗ dete ſich dann auch eine Schaar von Buͤh⸗ auf's lieblichſte zu der endlichen Herſtellung Gluͤck zu wuͤnſchen; doch wurden ſie, zu ih⸗ rer Betruͤbniß, von einer heiſeren Nachti⸗ gall bedankt. Ich begleitete geſtern meinen Mann in die Probe, ſagte Noͤnnchen, um auf immer von dem Schauplatze meiner rau⸗ ſchendſten Freuden Abſchied zu nehmen. „Minona wird nun nicht mehr auf ihm wandeln— Minona ſagt ihm ewig Lebe⸗ wohl!“ All' unſre werthen Kunſtgenoſſen umringten mich; in ihren Zuͤgen ſprach die wohlthuende Wehmuth, in ihren Augen Schilling. ate S. 13 Bd. 15 * nenfreunden an Alfried's Gattin, um ihr 226 glaͤnzten ruͤhrende Thraͤnen, und von allen Kronen, die mir ein heller Genius auf der Buͤhne gereicht hat, bleibt dieſer Kranz von Immergruͤn meinem Herzen am theuerſten. Die Befreundeten ſchuͤtteten nun, ge⸗ genſeitig, den geſammelten Stoff aus. Dann wurden gute Nachrichten verkuͤndigt, Hoffnungen gemahlt und Neuigkeiten mit⸗ getheilt, deren friſcheſte Maddalons verun⸗ gluͤckter Selbſtmord war. Die Koſten der Bewirthung des Land⸗Peinigers und die Flucht eines Schwindlers, dem er vertraut hatte, machten ihm ploͤtzlich den Garaus. Der Verlorene griff nach den Piſtolen, doch ſeine Suͤnderangſt verpfuſchte die That und er verſtuͤmmelte ſich nur. 1 Die Eltern und Rudolf beeilten ſich nun, die Stadt zu erreichen, Alfried und ſeine — 227 Frau folgten ſpaͤterhin. Herr Tieffuß hatte das köſtliche Pferd eines wuͤrdigen, ihm und dem Feinde beſonders abholden Man⸗ nes, durch einen Machtſpruch, zu dem ſeini⸗ gen gemacht, um es vor ein eben ſo koͤſtli⸗ ches Waͤglein zu ſpannen, das er ſeinen Spielkuͤnſten dankte, und fuhr jetzt, in der wohl erworbenen Beute, Adelaiden nach dem Bergſchloſſe. Auch dieſe prangte mit er⸗ ſchlichenem und erpreßten Gute; trug Ohr⸗ ringe, die der Magiſtrat, Hals⸗ und Arm⸗ baͤnder, welche die Kaufmannſchaft geopfert hatte: den Fluch der Stadt, als Stirnband, in den Locken. Minona erkannte das nahende Paar und griff nach dem Schleier, um ihr Geſicht zu bedecken, deſſen Anblick ſie den Verworfe⸗ nen nicht goͤnnte. Da hob jenen ploͤtzlich ein lebhafter Windzug hoch empor, und das Flattern der ſchneeweißen Welle erſchreckte ** 228 den wilden, ſchüͤchternen Gaul. Tieffuß ſchwang, an Gewaltthat gewoͤhnt und von der Erſcheinung dieſer gehaßten Verwandten geaͤrgert, die Peitſche, doch ſie beruͤhrte kaum das Pferd, als es brauſend, quer⸗ feldein, im geſtreckten Galoppe davon rannte. Adelaide warf, erbleichend, die Arme gen Himmel— Der Weg, den es einſchlug, fuͤhrte das Paar, unaufhaltſam, einer Fel⸗ ſenplatte zu, die erſt maͤhlig, dann ſenkrecht abfallend, eine wuͤſte, hundert Ellen tiefe Kluft bilden half. Alfried ließ ſein Noͤnnchen ſtehen und folgte jenen im vollen Laufe. Tieffuß rief verzagend um Huͤlfe, ſptang endlich zur Er⸗ de; ſeine Hand blieb in dem Lenkſeile ver⸗ ſtrickt, der Renner ſchleifte ihn uͤber Stock und Stein.— Jetzt nahete das Ziel, Pferd und Wagen ſchwanden, wie vom Boden 229 verſchlungen, Adelaidens gellender Angſtruf verhallte. Alfried erreichte bald darauf den Ab⸗ hang; er ſah hinab— ſah endlich, zwiſchen den Felſenſtuͤcken der Tiefe, ein flimmerndes Glaͤnzen und zuckende Bebungen— die Koͤr⸗ per der Frau und des Roſſes, zerſchmettert, unter Wagentruͤmmern; Tieffuß aber hing⸗ eine Strecke weit unter ihm, am Aſt der Birke, die ſeinen Fall gehemmt hatte und ſich jetzt, von der Laſt gebeugt, uͤber den Ab⸗ grund neigte. Er hielt ſie, jeden Augenblick des Sturzes gewaͤrtig, mit krampfhafter Angſt umfaßt; das Echo ſprach, wie ein Spottgeiſt der Hoͤlle, ſeine Wehklagen nach. Alfried entſetzte ſich, die Erſcheinung war grauſend— Rette den Todfeind! gebot der Gott in ſeinem Buſen, und er klomm, der Stimme gehorſam, nach kurzer Umſicht, in einer Felſenſpalte hinab, um ſich dem Baume 23⁰0 zu naͤhern. Minona war ihm nachgeeilt, ſie ward die Zeugin der ſtillen That und bebte, jammernd, fuͤr ſein Leben. Ihr edler Gat⸗ te erreichte die Birke, er ſtellte ſich feſt und ſtreckte den Arm aus, ſie zu erfaſſen und an ſich zu ziehen; da brach die Nemeſis ihren Stamm mitten durch. Der uͤberreife Suͤn⸗ .. der ſtuͤrzte, laut aufſchreiend, in den Ab⸗ grund; man fand ihn, am Morgen, noch im Todeskampfe; in Wallow's Hauſe aber kehrte, mit dem Frieden, der gute Geiſt des . Heils fuͤr immer ein und ſegnete und ſchuͤtzte „. ihn fortan, zuſammt den Seinen. Ende. — AARaaaxawmmmmEnrmmnmmmrnnnmn ſſſſſſſtiſniſinnſeinenſſchühin 3 1 15 1 6 7 8 9 10 11 12 1 5 6