pfangnahme und Rückgabe 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines den angenommen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſ binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurück wird. 8. 1 1 1 9 4 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ der Bücher jeden Tag von Morgens 2. Lesepreis. Bei Rick be eines geliehenen Buches wird von l. Tages iſt zu 24 Stun⸗ d 4 3. Caution. ÜUnbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme . ₰ n 2 gennah tſprechende Summe kerſtattet 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: 3 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Sf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſe 66. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſt V——A Wallow's Toͤchter, 6 Seitenſtuͤck zu der Familie Buͤrger; von Guſtav Schilling. 4 ——— Zweiter Theil. 5— ˖rc⁸e 3. Dresden, 1821. in der Arnoldiſchen Buchhandlung. Schtiften von Guſtav Schilling. —— Zweite Sammlung. Zwoͤlfter Band⸗ Wallow's Toͤchter. Seitenſtuͤck zu der Familie Buͤrger. Zweiter Theil. Als die Mutter aus der Betaͤubung er⸗ wachte, ſtand Eliſe, wie der bleiche Geiſt dieſer Nacht, ſtand Minona, gluͤcklich der Gefahr entronnen, gleich einem Lebensengel, ihr zur Seite. Gott ſey gelobt! ſprach die Schmerzen⸗ reiche: zog beide haſtig an die Bruſt und rief, ihr drittes Kind vermiſſend— Pauline! Pauline! Pauline iſt noch unter Weges! troͤſtete Noͤnnchen: ſie entkam fruͤher, als ich und wir ſahn ſie dann im Freien, aber das furchtbare Gedraͤnge verhinderte die Naͤherung. Amalie faltete, ſtill betend, die Haͤnde und das gepreßte Herz ergoß ſein Leid und ſeine Freude in einem heilſamen Thraͤnen⸗ Schilling 2te S. 1ar Sd. 1 ſtrome. Eliſe neigte ſich jetzt, kraftlos, an der Schweſter Bruſt und dieſe geleitete ſie nach der Kammer. Die Kranke begruͤßte ihr Bettchen, wie der Pilger die Heimat und ſagte— ich habe dem Vater meinen Zu⸗ ſtand verheimlicht, denn er traͤgt ſchwer ge⸗ nug an dem eigenen Kreuz und iſt jetzt un⸗ gluͤcklicher, als wir alle. Baut ja kein Luft⸗ ſchloß auf die Erbſchaft; der feindſelige Oheim ſuchte, im Tode noch, den Eltern weh zu thun und es gelang ihm zum Ueberfluß. Sein Buchhalter empfing den Kern, uns warf er die bittre Schale hin— baut nur auf Gott, Schweſtern! und wandelt in ſei⸗ ner Furcht; Euer Beruf dazu war nie drin⸗ gender. Wo iſt ſie? rief der Vater draußen und Noͤnnchen flog in ſeine Arme.„Ihm fehlte nun kein theures Haupt!“ —. — — 7 Nichts ſchien Minonen gewiſſer, als daß ihr guter Alfried entronnen und geborgen ſeyn muͤſſe, da man, vom Thaater aus, mit wenigen Schritten auf die Straße gelangen konnte. Aber der Erſehnte war um Mitter⸗ nacht noch nicht heimgekehrt und des Maͤd⸗ chens Sorge um ihn und um den Vetter Wallow ward nun ernſter; auch fiel ihr je⸗ ner Traum auf's Herz, in dem der Zwirn an ihrer Nadel, ploͤtzlich zum Aſchenfaͤdchen verwandelt, davon flog. Jetzt kam Suſanne, welche die Neugierde nach der Brandſtelle ge⸗ fuͤhrt hatte, zuruͤck und verſicherte, die Schauſpieler insgeſammt unter den Loͤſchen⸗ den bemerkt zu haben. Schildwachen, Sturmfaͤſſer und Pferde haͤtten ſie nicht zu dieſen gelangen laſſen, dem Herrn Lieutenant aber, wolle ihr Bekannter, der Guͤter⸗Be⸗ ſchauer im Oberthore, noch um neun Uhr auf dem Markte begegnet ſeyn. Vetter Tieffuß ſprach um Mitternacht auch wieder zu, um nach dem allerſeitigen Befinden zu fragen und hoffte ſich, als Paulinens Retter, vergoͤttert zu ſehn. Die Familie aber ſchien es natuͤrlich und nur ei⸗ nen gemeinen Liebesdienſt darin zu finden, daß er, drei Schritte weit von zwei Bluts⸗ Freundinnen entfernt„einen Weg einſchlug, der ihn ſelbſt am ſchnellſten der Gefahr ent⸗ zog und ſie auf dieſem mit ſich nahm. Er ließ jetzt ſeine Lichter insgeſammt vor dem Hofrathe leuchten, welcher, ſinnend und wortkarg, im Lehnſtuhle ſaß und ſprach gleichſam mit Engelzungen; Wallow aber hatte fruͤher ſchon vernommen, daß Vetter Tieffuß ſein Pfund gemißbraucht habe und ein glaͤnzender Taugenichts worden ſey und gaͤhnte demnach den Gaukler, um ihn los zu werden, zu wiederholten Malen, herzhaft an. Als dieſer endlich den Huth ergriff, ge⸗ — „ 9 ſtattete er ſich, dem Herrn Oheim zu jenem reichen Segen Gluͤck zu wuͤnſchen, der end⸗ lich ſein verdienſtliches Leben kroͤne und deſſen Umfang ihm, zu ſeiner herzinnigſten Freude, durch den Wechsler Aaron bekannt worden ſey. Sagen Sie dem Wechsler, erwiederte Wallow: und allen, die an diefem Segen Theil nehmen, daß meine Erbſchaft kaum die Koſten der Reiſe gedeckt habe und um die Leute, im Bezug auf ſelbige, fuͤr immer in's Klare zu ſetzen, verſichere ich es bei mei⸗ nem Ehrenworte! Tieffuß laͤchelte weinerlich, denn er hatte bereits auf eine reiche Braut gezaͤhlt und war entſchloſſen, bei vorgefundenem, elterlichen Widerſtande, Paulinen zu entfuͤhren oder zu entehren, da ihm, zu Erreichung ſeiner Zwecke, jedes Mittel gleich galt. Mein wuͤrdiger Oheim, ſagte derſelbe, 10 ſich beurlaubend: bleiben zum Gluͤcke, Trotz dem Wegfall dieſer Tonne Goldes, noch immer der reichſte Mann im Orte. Nichts was wir haben, nur was wir ſind, iſt un⸗ verlierbar. 4— Der Theaterbrand hatte die Einwohner mit Schreckniß und Trauer erfuͤllt und alle Bedeutende der Stadt, alle Große des Hofes beſchickten Wallow's Haus, um zu hoͤren, ob Alfried 1 g unpunbeſchäͤdigt ſey— eine Ehren⸗Bezelgung, die ihn in des Hofraths Augen wuͤrdigte und die beſon⸗ ders Minonen zu Statten kam, wenn er ſich anders wiederfand. Leidtragende jedes Alters und Standes, umkreiſ'ten am Morgen, verzweiflungvoll, die flammende Ruine, um ihre Bermißten dem Gluthhaufen abzutrotzen. Auch Noͤnn⸗ . 27 —jj— 11 chen irrte jetzt, dem Vaterhaus encronnen, gleich einer Nachtwandlerin, unter dieſen, denn Alfried war nicht heimgekehrt, war nirgends zu finden und ſeine Kunſtgenoſſen zaͤhlten ihn zu den Verlorenen. Herr Amos, vom Rauch und Kohlenſtaub geſchwaͤrzt, hatte ihn, ſeiner Verſicherung nach, mitten durch den Qualm, in das Orcheſter hinab ſpringen ſehen, ihn vergebens gerufen und dann, von Flammen rings umdraͤut, ſich ſelbſt nur mit genauer Noth gerettet. Minona vernahm an ihrem Fenſter dieſe Seelen toͤdtende Ekzaͤhlung und flog, wie gedacht, vom Wahnſinn angefochten, nach der Brandſtelle hin. Dich hat er aufge⸗ ſucht! ſprach ſie durchſchauert: fuͤr Dich den Untergang gewagt und ſich fuͤr Dich in's Flammengrab geſtuͤrzt. Sie ſtand jetzt vor dieſem— ſie ſtarrte es an. Hinein! Hinab! gebot das Herz in der zerriſſenen Bruſt und 12 Thekla's Stimme liſpelte—„Sein Geiſt iſt's, der Dich ruft!“ Ploͤtzlich trat der Vater zwiſchen ſie und die Flamme. Er kam vom Krankenbette ſeines Malchens, ſeiner Eliſe— kam aus Paulinens Armen, welche ihm, die Schweſter —— ‿ᷣ —— vermiſſend und von Alfrieds Umkommen unterrichtet, weinend und jammernd den Werthen geſchildert— ihm ſein Verhaͤltniß zu Minonen entdeckt, ihm ihre Befuͤrchtung an's Herz gelegt hatte. Er ſtand jetzt vor 1 † dieſer, einem Maͤrtyrer aͤhnlich— ſein Aus⸗ ſehn ſprach, noch lauter und entſcheidender als jener Nachtgeiſt, zu der Verſtoͤrten. Mein Kind! mein armes Kind! ſagte Wallow mit gebrochenem Herzen: ſoll denn Deine Mutter verzagen und das todkranke Lischen ungepflegt vergehn! Komm! wende Dich von dieſem hoffnungloſen Abgrunde 1 13 weg und kehre zu uns Troſtloſen heim— ſind wir denn gluͤcklicher, als Du? Ach Vaͤterchen! ſtammelte Minona, kaum der Sprache maͤchtig: Du wuͤrdeſt es heute von ihm ſelbſt erfahren haben, was ich dem Manne galt, der aller Guten Freude— der meines Lebens Leben war— den hat mir nun der große Gott entriſſen! Der iſt den ſchrecklichen Feuertod geſtorben und ihn umfing die Flammenpein, waͤhrend dem ich geborgen davon ging. Hierauf verbarg ſie ihr Geſicht an des Vaters Bruſt. Wallow ſprach ihr, wie vorhin, rüͤhrend zu und ver⸗ wies ſie an den großen Gott und an die Flammenpein, die eben ſein eignes Herz um⸗ fange und ſie folgte ihm, ſtill und willig, zu dem veroͤdeten Haus⸗Altare. Die Bedienten des Herrn von Hohland fragten jetzt, bei allen Bekannten ihrer Herr⸗ ſchaft, nach dem Fraͤulein duͤ Val. Adelaide, 44 welche ſeit jenem Zuſpruche Rudolfs unpaͤß⸗ lich war, hatte das Maͤdchen, unter Beglei⸗ tung ihrer Kammerfrau, nach dem Theater zu fahren vermocht und keine von Beiden war zuruͤck gekehrt. Als das Feuer dort ausbrach und gleich⸗ ſam von dem dunkeln Geiſt, der einſt durch Wallenſteins Haus ging, blitzſchnell verbrei⸗ tet ward, flog Alfrieds erſter Blick nach der Loge der Frau von Halmer. Er ſah dieſe bereits geleert, wußte, daß ſie unfern der Hauptthuͤr lag, durfte alſo Minonen mit Zuverſicht geborgen glauben und wirkte nun, nach Kraͤften, zur Rettung Anderer mit. Rudolf hatte ſeinen Freund vor dem Begin⸗ nen des Sruͤckes, auf das Theater begleitet, er ſah dann, hinter einer Kouliſſe, anfaͤng⸗ lich der Vorſtellung zu, dann aber, die holde 15 Molly erblickend, ausſchließlich nach dieſer hin. Jetzt loderte die Gluth empor und alles ſtuͤrzte durch einander. Das Fraͤulein raffte ſich auf, um ihre alte Veronika feſtzuhalten, die ohnmaͤchtig in die Kniee ſank und draußen fuͤllte und verſtopfte ſich indeß der Gang. Hilf mir das Fraͤulein ſichern! rief Wal⸗ low ſeinem Freunde zu und beide ſprangen durch's Orcheſter zu der Loge hin, an die man, da die Menge ſtuͤrmiſch nach den Aus⸗ gaͤngen hinwogte, bereits gelangen konnte. Wie Tieffuß vorhin, ſchwang ſich Wal⸗ low uͤber die Bruſtlehne. Molly ſchrie, bei dem Anblicke des Befreundeten, ermuthigt auf, ſie beſchwor ihn, vor allem der armen, betaͤubten Veronika fortzuhelfen und Rudolf oͤffnete haſtig die Loge, aber draußen wiebelte der Rauch in dichten Maſſen, rang und wuchtete die Menge, ſperrten Zertretene den 15 Ausweg und er verzweifelte an der Moͤglich⸗ keit des Entkommens. Herab! Herein! rief Alfried: zu mir her! Rudolf ließ ſofort die Alte nach dem Par⸗ terre hinabgleiten und Molly folgte im ge⸗ lungenen Sprunge.— Wohin nun? Auf dem Theater wuͤthete die Flamme; hinter ihnen die Maſſe, uͤber ihren Haͤuptern qualmte ein Dampfmeer. Das Schauſpielhaus war, fruͤher, ein Kloſter⸗Gebaͤude und noch jetzt, im Winkel des Orcheſters, eine Fallthuͤr, welche zu kellerartigen Gewoͤlben und Gaͤngen hinab⸗ fuͤhrte. Alfried gedachte dieſer, ſie erſchien ihm als das einzige Mittel, dem ſicheren Verderben zu entrinnen. Er ſprang dahin, er riß mit jener Rieſenkraft, die ſich auf dem Gipfel der Schrecken bethaͤtigt, das Haͤnge⸗ ſchloß zuſammt der Haſpe aus dem Boden; 17 er warf die eiſerne Pforte auf, welche eine geraͤumige Treppe bedeckte und trug, von dem Freunde unterſtuͤtzt, zuerſt die bewuͤßt⸗ loſe Kammerfrau, dann die ſtille, bleiche Molly und noch Manchen und Manche hinab, die verwundet oder betaͤubt, in der Naͤhe lagen. Sie riefen nach hinten, der Menge zu, hier thue ſich ein Lebensweg auf, aber der Ruf verhallte in dem wilden Getoͤſe, der Rauch ward erſtickend, die Hitze brennend. Jetzt raffte Wallow, um den dunkeln Pfad zu beleuchten, eine Lampe im Orcheſter auf und dann ließen ſie die eiſerne Pforte uͤber ſich zufallen. Gott helfe weiter! rief Alfried und eilte hinab, um den entfernteſten und tiefſten Punkt und einen bequemen Bergeplatz zu er⸗ forſchen. Der Gang, zu welchem die Stiege Schilling te S. 1ar Bd. 2 18 fuͤhrte, lief, unter mehrern Wendungen, uͤber hundert Schritte weit fort und breitete ſich endlich zum Gewoͤlbe, deſſen jenſeitigen Ausgang eine hoͤlzerne, zerfallene Pforte verſperrte. Der Boden war mit Sand be⸗ deckt und demnach, fuͤr eine Nacht wie dieſe, wirthlich genug. Die Fluͤchtlinge wurden nun von den beiden, unermuͤdeten Freunden, nach Maßgabe ihres Zuſtandes, dahin ge⸗ tragen oder gefuͤhrt und der erſte Cuiraſſier trat jetzt in die Rolle des Seelſorgers und legte, ſeiner troſtloſen Gemeine die Pflicht an's Herz, das Geſchick zu ſegnen, ſtatt es zu verklagen und gewiß zu ſeyn, daß die Hand des Barmherzigen weit genug reiche, um ſie aus dieſem Dunkel hervor zu ziehen. Wallow ſtillte, waͤhrend dem, auf den Sand hingeſtreckt, das Blut an der Scheitel, welche die Thuͤr in ihrem Falle traf, mit Moluy's Tuche, das ſie ihm ſelbſt, mater 19 wohlthuenden Klagelauten, um die Schlaͤfe wand. Dann ſchmiegte ſich die Jungfrau, vertrauend, zwiſchen ihn und ihre Veronika, ſie legte das Koͤpfchen in den Schooß dieſer Getreuen, ſie befahl den Geiſt in des Vaters Haͤnde und Rudolf neigte ſich zu ihrem Ohr und fliſterte die Vorworte ihres Andacht⸗ buches— „Sein Heil ſey Dir der Schirm in Noth, Dein Schild im Tod, Dein letzter Troſt auf Erden 1“⸗ Dem Maͤdchen war, als ob der Geiſt der verklaͤrten Mutter durch ſeinen Mund das Herz in ihrer Bruſt erquicke; die from⸗ men Augen laͤchelten ihn ſegnend an, ſie druͤckte ſeine Hand, mit kindlicher Zaͤrtlich⸗ keit, an die Lippen. Alfried muſterte und bettete indeß die angſthafte Gemeine; er ſah ſich von allen gekannt und geprieſen, doch kein bekanntes Weſen unter ihr, ſtellte die Lampe auf einen 20 Abſatz des Gemaͤuers und ſchritt— das ent⸗ ſetzliche Verhaͤngniß dieſes Abends erwaͤgend, laͤngs dem anſtoßenden Gang auf und nieder. Da trat ihm ein verſchleiertes Frauenzimmer, das bis dahin, regunglos im Winkel des Ge⸗ woͤlbes gelehnt hatte, in den Weg und ſagte leiſe— Sollten wir auch zwiſchen dieſen Mauern verderben muͤſſen, ſo wuͤrde mich dennoch eine Gewiſſe beneidenswerth finden. Alfried folgerte aus dieſer Aeußerung, daß eine Vertraute ſeines Noͤnnchens vor ihm ſtehe und entgegnete— es gilt die Frage! Gewiß nicht! ſiel ſie ein. Der Liebende folgt uns hoͤchſtens bis zum Todes Ufer, aber das Weib ſpringt dem Geliebten in die ſtygi⸗ ſche Fluth nach. Witwen, nicht Witwer ſind es, die ſich am Ganges mit dem Leich⸗ nam des Gatten verbrennen. Des Mannes 21 Herz theilt der Ehrgeitz, wir aber ſehn nur in ihm den Gipfel unſerer Ehre— in ihm allein unſere Welt und unſern Himmel. Befreit uns Gottes Hand aus dieſem Kerker, ſo wird es die Bewußte ſchmerzen, nicht gleich mir, dem edeln, heldenkuͤhnen Freund ihre Rettung verdanken zu koͤnnen. Eine Wohl⸗ that, durch die Sie meiner Zukunft Werth gaben und meine Liebe zu dem Leben verzehn⸗ fachten. Als Alfried vorhin, in den Auſſenfarben des erſten Cuiraſſiers, auf der Buͤhne ſtand, haͤtte ſich derſelbe wohl nicht beikommen laſſen, daß ihn, in der naͤchſten Viertelſtunde, tief unten, am Grundſteine des Gebaͤudes, zwi⸗ ſchen Flammenſtroͤmen und der ewigen Nacht, eine Unbekannte mit leiſen Liebes⸗Geſtaͤnd⸗ niſſen und lauten Dank⸗Opfern bedraͤngen wuͤrde. Eine Erſcheinung, welche ihm, bis dahin, allerdings oft genug, doch uͤber Tage nur begegnete. Die Form der Verſchleierten, die Wahl der Ausdruͤcke, die Bekanntſchaft mit ſeiner Herzens⸗Angelegenheit und ihr be⸗ ſonnener Muth, waren Empfehlungen, die ſelbſt am Todesthore Beachtung verdienten und er druͤckte erkenntlich ihre Hand, die zart und ſammetartig und mit Diamant⸗Rin⸗ gen geſchmuͤckt war; Zeichen, welche ſie als eine Tochter edler Herkunft beglaubigten. Der hochgeſtaltete Mann neigte ſich jetzt abwaͤrts, um den Schleier zu durchſchauen und bat, nach dem vergeblichen Bemüͤhn, recht dringend, ihn zu luͤften, doch jene lis⸗ pelte— 3 Ich wuͤrde Sie enttaͤuſchen, mein Herr! und die Eitelkeit, die, ſelbſt am Grab', uns noch zur Seite bleibt, ſtraͤubt ſich dagegen. Nur dieſem Schleier verdanke ich die Lang⸗ muth, mit der mir Alfried eben Rede ſtand. Vor wenigen Wochen verſcheuchte ja meine 23 Mißbildung und Unbedeutenheit denſelben Mann, als ich eben den Zufall gluͤcklich pries, der mir ihn endlich außer der Maske und in ſiner Eigenthuͤmlichkeit darſtellte. Sie jeßen ſelbſt Ihre Huldin im Stiche, um der Hexe zu entrinnen, die ſich in Wallow's Laube draͤngte; doch was mich damals ſchwer bekraͤnkte, koͤmmt mir jetzt wunderbar zu Gute. Die Aermſte kann nun, um ſo mehr, auf Alfrieds Schutz und Beiſtand rechnen, da ſie nur ſeine Großmuth anſprechen und nicht fuͤrchten darf, die Eiferſucht einer Reiz⸗ baren zu erregen.— Ich ſehe kein bekann⸗ tes Weſen hier und deshalb in Ihnen den Bruder, den Vater, den Genius ſelbſt, der mich im wahrſcheinlichen Falle, freundlich in das freundlichere Jenſeit begleiten ſoll. Ihm war jetzt klar, daß er vor dem Fraͤu⸗ lein Julie ſtehe, welches damals im Garten, ſein erſtes Beiſammenſeyn mit Minonen 24 unterbrach. Das Maͤdchen ward von einer ſtillen, aber ſchrankenloſen Leidenſchaft fuͤr ihn verzehrt und waͤhrend dem jetzt, rings um ſie, Angſt und Verzagen laut ward, pries ſich Julie ſelig, durch ſeine Hand dem Untergang entriſſen worden, oder dieſem Un⸗ tergang, im ſchlimmſten Fall, an ſeiner Hand geweiht zu ſeyn. Hier ſtand ja keine ſcheidende, wegſchreckende Geſtalt zwiſchen ihr und dem Erſehnten; hier durfte, konnte, ſollte er ſich, von ihrem Schickſal— ihrer Liebesgluth bewegt, mit jeder laͤnger und laͤnger werdenden Stunde, zaͤrtlicher, inni⸗ ger zu ihr hinneigen, Minonen in ihr ſehn und nur mit ihr den letzten Lebenskelch— und nur mit ihr den Todesbecher leeren. Julie war nicht ſchoͤn, aber geiſtvoll und beredtſam; ihre Form gediegen und in den dunkeln Augen glomm ein ſuͤdliches Feuer. Alfried hatte, veranlaßt von der Bitte —— 25 2 um ſeinen Schutz, des Fraͤuleins Hand ge⸗ faßt und wollte dieſer eben, als Vater, Bruder, Genius antworten, als die Lampe dort im Hintergrunde ploͤtzlich aufflammte und dann verloſch. Die, ſofort eintretende, des Grabes Nacht verſinnlichende Finſterniß, ſteigerte nun das Grauen und die Wehklagen und bald darauf zitterte, wie von einem Erdſtoß erſchuͤttert, das Gemaͤuer, denn der brennende Dachſtuhl und die Gebaͤlke des Hauſes uͤber ihnen, ſtuͤrzten ein und begru⸗ ben ſie, im gluͤcklichſten Falle, fuͤr mehrere Tage lebendig. Aber Molly troͤſtete, nach wie vor, mit ruhiger Ergebung die verzagende Veronika und Wallow pries, verwundert, ihre Seelenſtaͤrke. Ich bin nicht herzhafter, als mein Ge⸗ ſchlecht, erwiederte die Jungfrau:„aber der Herr iſt mein Licht und mein Heil, vor wem ſollte ich mich fuͤrchten? Der 26 X Herr iſt meines Lebens Kraft, vor wem ſollte mir grauen?“ Am folgenden Morgen, der ein Sonn⸗ tagmorgen war, ſprach, in der ſogenannten Kloſterkirche, welche unfern der Brandſtelle lag, der Pfarrherr uͤber den Text—„Se⸗ lig ſind, die da Leid tragen, denn ſie ſollen getroͤſtet werden!“ und verhieß den Opfern des geſtrigen Schrecken⸗Abends, ein freuden⸗ reiches Auferſtehung⸗Feſt. Da regte es ſich, ploͤtzlich, pochend und klopfend, unter dem Altare, uͤber dem die Kanzel hervorſprang— Die dumpfen Toͤne wurden immer ſtaͤrker und droͤhnender; ſie unterbrachen den Redner und ſetzten die Gemeine in Beſtuͤrzung. Ploͤtzlich erhob ſich, wie von Geiſterhaͤnden geöffnet, eine uralte, zwiſchen dem Altar und dem Taufſteine gelegene Gruftthuͤr und 27 ein altdeutſcher, behelmter und gepanzerter Krieger ſtieg, voll Moder und geſpenſterhaft, aus ihr empor. Der Prediger verſtummte, die Gemeine ward laut, der Erſtandene aber klaͤrte, mit dem Nachdrucke ſeiner gewaltigen, in allen Fernen des Tempels vernehmlichen Stimme, die geaͤngſteten Geiſterſeher auf. Ihm folgte Fraͤulein Julie, gleich einer Buͤßerin, mit Staub und Aſche bedeckt und dieſer allgemach in bunter Reihe, das Haͤuf⸗ chen der Fluͤchtlinge, mit Ausnahme einiger Erkrankten und Verwundeten, die, bis auf Weiteres, in dem unterirdiſchen Nachtquar⸗ tiere verweilen mußten. Alfried hatte ſich, von dem hinabtoͤnen⸗ den Kirchen⸗Geſange und einem ſchwachen Lichtſchimmer geleitet, bis zu dieſer Ruheſtatt einſtiger Kloſter⸗Aebte fortgegriffen, die Stiege gefunden und mittelſt ſeines Schwert⸗ griffes die Klappe gewaͤltigt. 28 Endlich und zuletzt, als dieſer ſeltſame Todtentanz, wie vom Winde getrieben, in dem nahen, zur Kirchthuͤr fuͤhrenden K euz⸗ gange verſchwunden war, entſchwebte der Gruft eine Madonnen⸗Geſtalt, welche ein Sonnenblick des grauen Morgens, der eben durch die Fenſter brach, mit Glanz umgab. Die leuchtenden Augen der Jungfrau gruͤßten freudig des Herrn Licht und hafteten dann an dem Altarbild, auf welchem de Mittler, ſtrahlend von Liebeshuld, dem Grab entſtie⸗ gen, ſeiner heiligen Freundin, Maria Mag⸗ dala erſchien. Da beugte Molly, gleich die⸗ ſer, ihre Kniee; die Haͤnde falteten ſich auf der Gott erfuͤllten Bruſt; auf dem Chore ſtimmte der Vorſaͤnger das Lied an—„d Lebensfuͤrſt, Herr Jeſu Chriſt!“ und die Ge⸗ meine ſtimmte, in ſichtlicher Bewegung, bei. 4¼ — 29 Als Minona, um dieſelbe Zeit, von ih⸗ rem Vater an der Brandſtaͤtte aufgefunden und heimgefuͤhrt, in den Vorſaal trat, eilte ihr Pauline entgegen und ſagte, laͤchelnd wie die Freude— eben ward uns eine troͤſtliche Nachricht. Es ſollen ſich wohl zwanzig der Vermißten, friſch und geſund, in einem al⸗ ten Gemaͤuer unter dem Schauſpielhauſe wieder gefunden haben. Gewiß iſt Alfried unter dieſen. Leerer Wahn! rief Minona und der Va⸗ ter erklaͤrte es fuͤr unbeſonnen, auf eine Sage hin, die Arme mit Hoffnungen zu aͤngſten. Aber geſett nun! fiel Linchen ein und warf ſich, der Gewißheit verſichert, in lautes Weinen ausbrechend, an der Schweſter Hals. Aber geſetzt nun! wiederholte Minona gedankenlos, ſtarrte Paulinen an und ſagt⸗ 3⁰ dann ſeufzend— Ach, Du kannſt weinen? — Gluͤckliche! ich kann es nicht. Freudenthraͤnen! liſpelte Lina. Iſt's moͤglich? fragte der Vater: ihr Flick benahm ihm jeden Zweifel. Freudenthraͤnen? ſprach Minona der Schweſter nach, aber die veroͤdete Seele faßte des Wortes goͤttliche Bedeutung nicht. — Wenn nur der Staub des Todten zu finden waͤre, ſetzte ſie, die Haͤnde ringend, hinzu— Ach! ſelbſt ſein Grab muß ich ent⸗ behren!. Gott iſt die Liebe! rief Wallow froͤhlich aus: wie, wenn er Dir ihn aufgeſpart— ihn unverſehrt aus den Flammen gefuͤhrt haͤtte? Wuͤrdeſt Du auch ſtark genug ſeyn, die Freude zu ertragen?. Ein wunderbares Laͤcheln flog uͤber Noͤnn⸗ chens leichenblaſſes Geſicht und heftig zitternd 31 fliſterte ſie— ja, ich bin ſtark, Vater! rieſenſtark! Jetzt trat Suſanne, heimkommend, durch die Thuͤr und rief— Herr Alfried lebt ja, Gott ſey Dank! Lebt? wiſperte Minona, die Arme krampfhaft empor werfend: dann ank ſie, mit einem gellenden Schrei, an das Vater⸗ herz. Alfried war bereits im Zimmer; er ver⸗ nahm den Ruf, er ſchlich herbei— Wallow legte ſie in ſeine Arme und ſprach erſchuͤttert— Da iſt die Ihrige! und moͤge ſie geliebt ſeyn, wie ſie liebt! Der Herr von Hohland war, erſt am geſtrigen Abende von einer Reiſe heimgekehrt. Seine Gemahlin machte ihn mit dem Zu⸗ ſpruche des Offiziers bekannt, der ihnen 32² Landhelm erhielt und die Zofe und der Kam⸗ merdiener prieſen den jungen, beſcheidenen Mann um die Wette. Er aͤußerte ſich er⸗ freut von der Ausſicht, ſich nun vielleicht ſeiner Schuld entledigen zu koͤnnen, und Adelaide ſprach eben von dem kalten Stolze, mit dem er ſelbſt die Anerkennung ſeines Dienſtes zuruͤck weiſe, als die Sturmglocke das Geſpraͤch unterbrach und ihnen, zu Folge des ausbleibenden Fraͤuleins, eine ſchlafloſe Nacht ward. Als Molly am Morgen mit ihrer Vero⸗ nika zuruck kam, verkuͤndigten dieſe mit Be⸗ geiſterung, was der edle, muthige Soldat an ihnen gethan und daß ſie, ohne ſein kuͤh⸗ nes Leiſten, unfehlbar ein Haͤuflein Aſche ſeyn wuͤrden. Aber der brave Mann! klagte das Fraͤulein und Thraͤnen perlten aus den lieblichen Augen; er liegt noch immer dort 8 3 29 unten, am Kopfe verwundet und ſeit der Mitternacht beſinnunglos. Haſtig zog Hohland die Schelle; er be⸗ fahl dem herbei eilenden Kammerdiener, ihn unverzuͤglich, in einer Saͤnfte, nach ſeinem Hauſe tragen zu laſſen; ein Bedienter ward zu dem Wundarzte geſandt und Molly be⸗ auftragt, ein Zimmer in ihrer Naͤhe zur Krankenſtube fuͤr ihn einzurichten. Denn Wallow war Ihr Genius, ſetzte Hohland hinzu: alſo Gleiches mit Gleichem! Sie werden nun der ſeinige und pflegen ihn. Mein GottW! fiel dieſe, ſchnell ergluͤhend, ein: wie gern! aber das ziemt ſich wohl nicht? Sie ſcherzen nur! Ach! wenn er doch ein Maͤdchen waͤre! Hohland belachte ihren Wunſch und er⸗ wiederte abgehend— der Reinen ziemt das und ich ſcherze nicht! Adelaide aber ſagte nun— Schilling ate S. 1ar Bd. 85 34 Du mußt dieſe Forderung nicht woͤrtlich verſtehn. Die alte Veronika iſt dem Kran⸗ ken noch verpflichteter, als Du und zudem ei⸗ ne paſſende und treffliche Waͤrterin. Es reicht ja hin, wenn Du ihm, in ihrem Bei⸗ ſeyn, taͤglich einige Minuten ſchenkſt. Ich will nun ohnedies die juͤngſt ererbte Herr⸗ ſchaft ſehen, und nehme Dich mit— denn fliehen mußte Adelaide, das war ihr klar. Konnte ſie jetzt noch Wallow's Naͤhe, ſei⸗ nen Anblick ertragen? Hatte ſie nicht der Inhalt der Brieftaſche, in ſeinen Augen, fuͤr immer entwuͤrdigt? Molly ward darauf mit Fragen, in Be⸗ zug auf das ſchreckliche Exeignis— auf Wallow's Beiwirkung zu ihrem und Vera⸗ nika's Beſten, uͤberhaͤuft, Adelaide wollte je⸗ de ſeiner Aeußerungen— wollte vor allem wiſſen— wie er ſich in der naͤchtlichen Fin⸗ ſterniß, als ihr Nachbar genommen habe, 35 und wog im Stillen jedes Wort. Das Maͤdchen beichtete, gleich einer unſchuldigen Nonne; ſie eilte nun in ihre Kammer, wo das Voͤglein die Vermißte ſchmetternd will⸗ kommen hieß, und griff dann, in wohl⸗ thuender Wehmuth des Freundes gedenkend, nach ihrem lieben Andachtbuche. Hohland's Beſuchzimmer fuͤllte ſich, in den naͤchſtfolgenden Tagen, mit Damen, die dem Fraͤulein Gluͤck wuͤnſchen, und das merkwuͤrdige Ereigniß, vom erſten Feuer⸗ ſchrei bis zur froͤhlichen Auffahrt in der Klo⸗ ſterkirche, aus ihrem eigenen, wahrhaften Munde vernehmen wollten. Der Helfer Wallow ward geſegnet, Al⸗ fried aber, als gemeinſamer Liebling, ein⸗ ſtimmig vergoͤttert; jede wußte etwas Ruͤhm⸗ liches von ihm zu erzaͤhlen; Frau von Hoh⸗ .. 36 land belobte, vor allem, jenen ſtillen Adel der Form und des Weſens, der ihm gewiſ⸗ ſer maßen den hohen Ordnungen der Geſell⸗ ſchaft gleich ſtelle und anreihe, waͤhrend dem er, leider! in ſeinem Kuͤnſtler⸗ oder Buͤrgerſtolze, die Gunſt derſelben zu ver⸗ ſchmaͤhen ſcheine. Die aͤußere Wuͤrdigkeit erklaͤrt ſich leicht! fiel Frau von Halmer ein: ich kann Ihnen im Vertrauen ſagen, daß Alfried urſpruͤng⸗ lich unſers Gleichen— daß er ein geborner Freiherr und der Schwager des reichen Mar⸗ keſe Roſarno iſt, der auf einer Reiſe durch Deutſchland deſſen einzige, bildſchoͤne Schwe⸗ ſter kennen lernte und ſich vor kurzem mit ihr vermaͤhlt hat. Die Damen erſtaunten. Alſo ein verlorner Sohn? rief Abelaide. Ein Ungluͤckſohn vielmehr! fuhr jene fort: den uͤberdem die Schwaͤrmerei und der 37 leidige Zeitgeiſt bethoͤrten. Die Mutter ver⸗ lor er ſchon als Kind, und der Vater, ein roher, boͤsartiger Mann, hat den genialen, auͤberkraͤftigen Knaben verkannt und tyran⸗ niſch behandelt. Da bricht die Revolution in Frankreich aus. Der fruͤhreife Wildfang wird von dem Schwindelgeiſt der Freiheit und der Menſchenrechte und des geſammten, tollen Unweſens ergriffen, er verlaͤßt, kaum dreizehn Jahr alt, nach einer, von dem Va⸗ ter erlittenen, beſchimpfenden Mißhandlung, die Heimath, und ſchließt ſich in Mainz, das eben Cuͤſtine genommen hatte, den Franzo⸗ ſen an. Hier zeichnet ſich mein Alfried, im Laufe der Belagerung, durch Kuͤhnheit und Todes⸗Verachtung aus, erwirbt ſich einen Ehrenſaͤbel, wird Offizier und zieht dann mit jenem Heertheil in den Vendee⸗Krieg. Aber er iſt und bleibt ein Fremder, hat ſich, durch ſein Hervorragen, Neider und Feinde, 38 durch freimuͤthige Aeußerungen uͤber die Hen⸗ ker und Unholde der Schreckenzeit, Verfol⸗ ger zugezogen— er wird verhaftet, der Tod iſt ihm gewiß, doch Alfried findet, durch Frauenhuld beguͤnſtigt, das Mittel, nach Deutſchland zu entkommen. Sein Vater⸗ haus bleibt ihm fuͤr immer verſchloſſen, Hun⸗ ger, Kummer und Inſtinkt fuͤhren den Hei⸗ mathloſen auf die Buͤhne, und er macht be⸗ reits als Schauſpieler Aufſehn, als die Fran⸗ zoſen auf's neue vordringen, Frevel auf Frevel haͤufen und Alfried ſeinen Ehrenſaͤbel hervorſucht, um dies Mal gegen ſie zu fech⸗ ten. Darauf wird Friede, der Entlaſſene kehrt, nach wie vor, ſeine edle Abkunft ver⸗ leugnend, auf das Theater zuruͤck, und da⸗ fuͤr hat ihn nun Thalia erhoben. Gefuͤrſtet! rief Molly: die Hohland ſah ſie unhold an. 3 Ich weiß dies alles aus der erſten Hand! — 39 fuhr Frau von Halmer fort: ich weiß es, im Vertrauen geſtanden, von ſeiner Schwe⸗ ſter ſelbſt, die mit ihrem Gemahle vor weni⸗ gen Tagen hier ankam und meine aͤlteſte Tochter aufſuchte, mit welcher ſie, nach ih⸗ res Vaters Tode, in einer und derſelben An⸗ ſtalt ausgebildet ward. Das junge Ehepaar iſt auf der Reiſe nach Suͤden begriffen und will einige Tage hier verweilen, um Bekann⸗ te zu ſehen und den Bruder zu vermoͤgen, daß er zu ſeinem Stande zuruͤckkehre und ihm auf die Guͤter des Markis nach Italien folge. Er wird doch nicht? ſprachen einige— Er wird doch hoffentlich? fielen andere ein. Frau von Halmer meinte: es duͤrfe wohl in dieſer Theater⸗ſuͤchtigen Zeit am gerathen⸗ ſten ſeyn, einen adeligen Kuͤnſtler⸗Verein zu errichten, da außerdem jedes glaͤnzende, mimiſche Genie ihres Standes, das ſchoͤne 4⁰ Licht vergraben, oder den Ebenbuͤrtigen zum Aergerniß gereichen muͤſſe. Zum Aerger? fiel eine junge Hofdame ein: zur Ehre vielmehr! denn ich meine mit unſerer ſtillen Molly dort— der Genius fuͤrſte! Alfried hatte eben dem Hofrath, als kuͤnftigen Schwiegervater, denſelben Lebens⸗ lauf, nur ausfuͤhrlicher und folgerechter mit⸗ getheilt, als er in einem franzoͤſiſchen,„le Marquis de Rosarno“ unterzeichneten Brieflein, nach dem vornehmſten Gaſthofe der Stadt entboten ward. Er hatte, ſeit geraumer Zeit, weder von ſeiner Schweſter, noch weniger, bis jetzt, ein Wort von ihrer Verbindung mit dem Erwaͤhnten gehoͤrt, die Zuſchtift aber verhieß angenehme Nach⸗ richten; es konnten ihm aus Frankreich, wo 41 Alfried werthe Freunde zuruͤck ließ, derglei⸗ chen zukommen. Er entzog ſich demnach den Armen ſeines Noͤnnchens, das jetzt die Gluͤcklichſte aller liebenden Geliebten war, und fand, ſtatt des Markis, eine junge Da⸗ me vor, die ſich als deſſen Gattin und als ſeine Schweſter darſtellte. Franziska war, bei Alfried's Entfernung aus dem vaͤterlichen Hauſe, erſt zwoͤlf Jahr alt, klug und ſchoͤn, aber, gleich dem Vater, hart, boͤsartig, jaͤh⸗ zornig, ſein Liebling und des Bruders bit⸗ tere Feindin. Jetzt empfing ihn Franziska im prun⸗ kenden Staatskleide, mit Juwelen bedeckt; ſie glaubte, durch ihre Pracht das Macht⸗ wort, welches ſie zu ſprechen gedachte, un⸗ terſtuͤtzen, glaubte, in ihrer Verzogenheit, den Bruder einſchrecken und durch dargebo⸗ tene Vortheile und Entſchaͤdigungen, den beabſichtigten Zweck leicht erreichen zu koͤn⸗ 4² nen. Aber die magiſche Gewalt ſeiner Flam⸗ men⸗Augen entmuthigte ſie, bei dem erſten Aufblicke; Franziska fragte, die Faſſung verlierend, betroffen und verwirrt— freu'ſt Du Dich denn auch der endlichen Wieder⸗ Begegnung? Alfried entgegnete— wie koͤnnte ich mich einer Schweſter freu'n, die den Thurm erſteigt, um auf den Bruder herab zu ſehen — die, nach ſo vieljaͤhriger Trennung, we⸗ der offne Arme, noch einen Kuß, noch eine Thraͤne der Zaͤrtlichkeit fuͤr ihn zu haben ſcheint. 1 Deine Antwort, erwiederte die Markiſe, zwiſchen Groll und Beſchaͤmung: rechtfertigt die Weiſe des Empfanges. Ich hoͤrte ja, leider! ſeit meinen Kinderjahren, ſelten ein Wort uͤber Dich, das die Achtung und Zaͤrt⸗ lichkeit des Schweſterherzens zu naͤhren ver⸗ mocht haͤtte. 43 E. Du lockteſt mich alſo nur deßhalb herbei, um dieſem Schweſterherzen die Ge⸗ nuͤſſe Deiner Kindheit zu vergegenwaͤrtigen? um Dein Muͤthchen, wie damals, an dem Gehaßten zu kuͤhlen, und Unbilden aufzufri⸗ ſchen, die ich, des Zornhaltens unfaͤhig, ent⸗ ſchuldigt und vergeſſen hatte. Mein Bewußtſeyn iſt troͤſtlich! fiel Fran⸗ ziska erroͤthend ein: ſoll es die Schweſter entgelten, daß Dich der Vater enterbte? Ob mit Recht, entſcheide das Deinige. E. Nach ſeiner Anſicht und ſeinem Sin⸗ ne, that er Recht! S. Das erkennſt Du? Wohl Dir! er handelte, ſeiner Ueberzeugung gemaͤß, als Menſch, als Vater, als Edelmann. Kein Wort von dem Unſinnigen! rief er, als ich, noch im Laufe ſeiner letzten Stunden, fuͤr Dich ſprach— entlief nicht Alfried zur Schadenfreude meiner ungerechten Tadler 44 und Feinde, wie ein Dieb in der Nacht? Hing er nicht ſein ehrenwerthes Wappen am Galgenholz des Freiheitbaumes auf? Und als Dich endlich ſelbſt die Sansculottes ver⸗ werfend ausſtießen, fuhr Franziska fort: weil der Edelmann und der Chriſt noch zu⸗ weilen in Dir aufblicken mochte; kehrteſt Du dann wohl an den Haus⸗Altar, zu den Fuͤßen des Vaters zuruͤck, wo alles gut zu machen und in der Schweſter eine Mittlerin zu finden war? Nein! nein! Du wurdeſt, um den Reichsbaron auf immer zu empoͤren, ein Comoͤdiant. Franziska's Verbitterung brach, waͤh⸗ rend dieſer Rede, in helle Flammen aus. Ihre Arme durchſchnitten die Luft, es trieb ſie durch das Zimmer hin und her, auf und ab. Selbſt unſern edeln, geſchichtlichen Na⸗ men, rief ſie, wie Alrkto ſtuͤrmend: legteſt Du im Stande der Erniedrigung nicht ab, 45 und wirſt des naͤchſten, wie ich hoͤre, ein buͤrgerliches Gaͤnschen zur Frau nehmen. So bietet denn dieſer Ungluͤckliche, verblen⸗ det und entſchloſſen, alles auf, um Berge und Seen zwiſchen uns zu werfen, waͤhrend dem ich ſchweſterlich die Sorge fuͤr ſein Heil im Herzen trage. Wiſſe, daß uns dieſe hierher fuͤhrte, daß mein Gemahl, von ei⸗ nem guͤnſtigen Vorbegriffe fuͤr Dich beſtimmt wird— daß er Dir in Italien, eine anſtaͤn⸗ dige Laufbahn bereiten, Dich zu Ehren ſe⸗ tzen, Dir eine Rente zuſichern will, wenn Du uns dahin begleiteſt, der Creatur ent⸗ ſagſt und— wenn auch nur zum Schein, — katholiſch wirſt. E. Das wurdeſt Du? Par pure politique! ſprach ſie, einen Roſenkranz von Perlen und Edelſteinen aus dem offenen Schmuckkaſten hervorziehend: dafuͤr ward mir Gold, Rang und Ablaß. 46 Das Stuͤck iſt aus! entgegnete Alfried: der Vorhang faͤllt, ich eile nach Hauſe. Franziska Moor hat mich ergriffen— er⸗ griffen, wie ich Dich! Die Markiſin erblaßte, denn ihr zarter Arm ſchien, unter dem Drucke der loͤwen⸗ ſtarken Hand, die ihn eben erfaßt hatte, zer⸗ ſplittern zu muͤſſen.— Aber er ließ ihn im folgenden Augenblicke fallen und ſprach ge⸗ faßt— Boͤſe ſind wahnſinnig; wie koͤnnte ich mit einer ſeelenkranken Schweſter hadern? Nimm an, daß ich neulich mit dem Theater verbranne ſey, ich mache mir dagegen glau⸗ ben, du habeſt hier ſo eben, als Kuͤnſtlerin, eine Gaſtrolle verarbeitet. Das Duodram iſt, wie ich vorhin bemerkte, geendet, der Mitſpieler geht davon und Dein Gewiſſen, der Kritikus, ſpricht das Urtheil. Ich bin 47 fuͤr Dich hinfuͤhro Staub und Aſche, doch, iſt es moͤglich, ſo lebe wohl! Darauf verließ Alfried das Zimmer und eilte in Minonens Arme zuruͤck, die ihn kommen ſah und dem Erſehnten entgegen flog; er ſagte unter ihren Kuͤſſen— Auch eine Schweſter mußt Du mir ſeyn und Dei⸗ nem Glauben treu, wie mir! Ach, alles! unterbrach ihn die willfaͤhri⸗ ge Braut: alles, wozu mich Deine Gunſt berufen mag! Ich glaube an Dich! und hoffe wie ich liebe! Alfried beſuchte, bald darauf, ſeinen Freund Rudolf, da dem Wallow'ſchen Hau⸗ ſe, auf wiederholte Erkundigungen nach dem Vetter, keine befriedigende Antwort zuge⸗ kommen und er ſelbſt von einem Krankheit⸗ Anfall daheim gehalten worden war. b 48 3 Derſelbe hatte, ſchon zum oͤftern, die Schelle gezogen, als endlich eine alte Magd erſchien, graͤmlich nach ſeinem Begehren fragte, und dann, zoͤgernd und brummend, auf die Thuͤre der Krankenſtube hindeutete. Wallow lag noch zu Bett und ſagte ſeuf⸗ zend— endlich eine Freundes⸗Geſtalt! A. Die auch zu Bette lag! Wie geht es, Lieber? W. Liebſter, mir iſt wie vermauerten Ketzern— wie Einem, den ſie, um der Wahrheit willen, die verdammt iſt, geſaͤckt haben. Frau von Hohland ſcheint, in ih⸗ rer Großmuth, mir dieſes Schickſal zuzu⸗ denken! Meine Kopfwunde ſoll nicht gefaͤhr⸗ lich ſeyn, aber es blieb, ſeit dem letzten Feldzuge, wo wir einſt, von dem Feinde ge⸗ draͤngt, in den eiskalten Strom ſprangen, ein Uebel zuruͤck, das mich bei jeder gewalt⸗ ſamen Regung anfaͤllt, bis zur Ohnmacht 2 abſpannt und in euerem Theater⸗Keller voͤllig betaͤubte. A. Aber Hohland wird doch, hoffent⸗ lich, ſeiner Abſicht gemaͤß, fuͤr den Retter der Burg und des Fraͤuleins geſorgt haben und zudem umſchwebt Dich ja hier dieſer Halbengel, auf Fittichen der Dankbarkeit. W. Ein boͤſer Daͤmon vielmehr, auf Vampyr⸗Fluͤgeln ſeines Grolles. Heiducken trugen mich in einer praͤchtigen Senfte nach disſem Pallaſte. Der Herr von Hohland uͤberhaͤufte mich mit Lobſpruͤchen und Be⸗ theuerungen ſeiner Erkenntlichkeit, beklagte nur die unfreundliche Veranlaſſung und wollte dies Zimmer blos darum zur Kran⸗ kenſtube ausgewaͤhlt haben, weil es an Molly's Kabinet grenze und deren Nachbar⸗ ſchaft mir ſo nuͤtzlich, als angenehm ſeyn werde. Des Fuͤrſten Wundarzt ſolle gleich eintreſſen und der Koch, in Hinſicht meiner, Schilling ate S. 12r Sd, 4 50 an deſſen Vorſchrift verwieſen werden. Seine Gattin ſchwimme in Thraͤnen, die zu Ehren meiner wiederholten Aufopferung fuͤr das Beſte ihres Hauſes, floͤſſen, ſie verſichere mich der innigſten Anerkennung und er werde mir ſie zufuͤhren, ſobald mein Zuſtand es ge⸗ ſtatte. Die Schwaͤche vergoͤnnte mir kaum, ein Wort auf Tauſend zu erwiedern, aber ich freute mich im Stillen der Fruͤchte, die der Sturm auf Landhelm trug, der Naͤhe des goͤttlichen Maͤdchens und der Berechtigung, die mir ſein guter Wille, im Bezug auf die Nachbarin zugeſtand. Jetzt trat die alte Veronika, als meine Waͤrterin auf und eine leibliche Mutter kann nicht zaͤrtlicher ſeyn. Der Leibwundarzt aber hatte mehr zu thun, er ſchickte ſeinen Famulus, der mich verband, die aͤltere Kopf⸗Wunde mit beſichtigte und mir den Troſt gab, daß ſie, von einem —— . 51 Pfuſcher uͤbel geflickt, des naͤchſten wieder aufbrechen werde. Ich lag nun, bis zum Morgen, in der Wuͤſtenei einer Fieberwelt und von Fratzen geaͤngſtet. Die Frau von Hohland, zum Beiſpiele, nahm unterweilen auf dem Bette Platz; ſie ſtreichelte mich mit haarſcharfen Katzenpfoͤtchen und dieſer Traum ſcheint auszugehn. Dann ſprach auch Jenny, das Kammermaͤdchen, ein, ſie fragte, ver⸗ wundert, wie ich zu der ſchnarchenden Dop⸗ pelnaſe gekommen ſey und ſchnitt mir die, ſo oft die Schildwache im Thore„Abgeloͤſ't!“ rief, mit ihrem ſtumpfen Monſtre weg; im Winkel aber ſaß, wenn ich aufblickte, die gute Molly, regunglos, mit gebrochenen Augen am Boden. A. Dein Phantaſus zeigt Phantaſie. W. Am Morgen verſchwand der; nur die gute Veronika weilte, gleich der Parze Atropos, an meinem Bette und ſah mich .„ 52 truͤbſelig an. Mamachen, ſagte ich, Sie ſchneiden wohl auch? Nur huͤbſch piano! Jenny rupfte. Iſt denn der Winkel dort wieder rein? der Schnarcher gehoͤrig erſtir⸗ pirt und Molly beſſer? Sie ſoll mir doch, wenn ich geſtorben bin, ihr Daͤumchen auf die Augen ſetzen! 6 Gefahr iſt hier gar nicht! troͤſtete Vero⸗ nika: aber das Fraͤulein hat, leider Gottes! die gnaͤdige Herrſchaft begleiten muͤſſen. Wie nun unſere Frau zu ſeyn geruht. Bald nach Ihrem Eintreffen kam es der Wunder⸗ lichen vor, als ob ein Brandgeruch mit dem Kranken in das Haus gekommen ſey— es ahnete ihr lauter Ungluͤck, wenn ſie jetzt laͤn⸗ ger in der Stadt verweile; ſie war gewiß, ploͤtzlich nachſterben zu muͤſſen, Falls unſer Herr Gott uͤber den Herrn Leutenant gebie⸗ ten ſolle und weinte, jammerte und drang ſo anhaltend in den Herrn, der ihr nichts 53 abſchlagen kann, und einen Ausbruch der gewoͤhnlichen Kraͤmpfe fuͤrchtete— da ward dann ſchleunige Anſtalt zur Reiſe nach der juͤngſt ererbten Herrſchaft getroffen und ab fuhren ſie. Das arme Molly'chen waͤre wohl nie lieber zu Hauſe geblieben. Sie weinte auch, doch in der Stille und lauſchte beiher an Ihrer Thuͤr. Komm nur, mein Laͤmmchen! ſagte ich, als ſich die gnaͤdige Frau ankleiden ließ, Du moͤchteſt ihn vielleicht nicht wieder ſehn, denn der Herr Leutenant llagen, wie im Hinſcheiden, die ganze Nacht. Da ſtahl ſich Molly an das Krankenbett— ſie neigte ſich zu Ihnen und eine helle Thraͤne fiel auf Ihre Stirn, die hat ſie wieder auf⸗ gekuͤßt. Und dann legte ſie die Hand, wie zum Segen, auf Ihr Haupt und eilte ſchluch⸗ zend in ihr Kaͤmmerlein. Unſer Herr aber machte mir es zur Pflicht, ihn wegen der ploͤtzlichen Entfernung mit einem unverſchieb⸗ 54 baren Geſchaͤft auf den Guͤtern zu entſchul⸗ dizen und zum Gewiſſen, den Kranken mit Sorgfalt zu verpflegen.— Die Weiſung iſt vom Ueberfluß, ſagte ich; der brave Mann hat ja mich altes Weib, auf Gefahr ſeines Lebens, der Feuerpein entriſſen, daſuͤr will ich ihn jetzt, wie ein eignes Kind war⸗ ten; ſo Tag als Nacht und der Herr wird mich ſtaͤrken! Das Muͤtterchen hielt redlich Wort, als Groll und Scham die Sünderin und dieſe ihren leibeigenen Eheherrn, aus dem Pallaſt vertrieben hatte. Doch ehegeſtern erkrankte ploͤtzlich meine Veronika und wir ſehen uns Beide ſeitdem, von einer faulen, boͤsartigen Magd gewartet, oder vielmehr verlaſſen und verſaͤumt. Die Vettel iſt taub oder der Teu⸗ fel ſelbſt, denn von allem, was ich, ſeit ih⸗ rem Auftritte gewuͤnſcht, begehrt, erbeten habe, iſt mir bis heute nichts geworden und 55 auch der Wundarzt koͤmmt nicht wieder. Im Hauſe aber befindet ſich gegenwaͤrtig, außer uns beiden Sterbefertigen und jener mittel⸗ baren Todſchlaͤgerin, nur eine Beſtie von Thuͤrſteher, die ſeit zehn Jahren betrunken iſt und dem rothnaſigen Bierſchenken gleicht, dem Falſſtaffs leichte Infanterie die Hemden ſtahl. Leidige Folgen Deines Frevels, erwiederte Alfried: von mir vorausgeſagt. Was bleibt, nach der Uebergabe der unſeligen Brieftaſche, einem Weſen von Adelaidens Gepraͤge noch uͤbrig, als ihre Selbſtverachtung an dem Straf⸗Engel zu rächen, der ſie zertrat und deſſen Charakter ihr zudem Buͤrge dafuͤr iſt, daß er Gleiches nicht mit Gleichem vergelten werde. Danke Gott, daß Adelaide mehr ſchlecht, als boͤs iſt. Sie waͤre da geblieben, ſie haͤtte ſich ſelbſt der Pflege des Verwuͤnſch⸗ ten unterzogen, haͤtte Dich, als Buͤßerin 56 befangen und dem Erbauten, mitten in der ſcheinbaren Zerknirrſchung, wie weiland Frau Urſinus, die Fleiſchbruͤhe mit Arſenik geſal⸗ zen. Vor allem mußt Du jetzt den ſtreicheln⸗ den Katzenpfoͤtchen entriſſen werden, dann aber ſinnen wir auf Mittel, auch Dein Fraͤu⸗ lein aus dieſem Hauſe zu entfernen, denn die Unſchuld ſteht hier gleichſam auf verlorner Poſt und ich begreife nicht, wie Adelaide ſich ein ſolches Gegenſtuͤck ihrer ſelbſt, aufbuͤrden mochte? wie ſie ſich neben dieſer ertragen kann? Weißt Du vielleicht um die Veran⸗ laffung 2 W. Herr von Hohland, vertraute mir Veronika, die ich deshalb in Frage nahm: hat eine Tante, die Mutter vieler Kinder iſt. Es gah demnach in dieſem Hauſe, naͤchſt der .Bonne, einen Hofmeiſter— voorrzuͤgliche Leitſterne! beide weideten die Schaͤflein auf s beſte, wurden jedoch, zu Folge des ſchaͤfer⸗ —— 57 lichen, gemeinſamen Triebes und der allmaͤch⸗ tigen Liebe, von einer Stunde beſchlichen, der Molly ihre Entſtehung dankt. Kaum ahnte ma Bonne die boͤſe Folge, als ſie ihre Stelle aufgab und zu fernen, zaͤrtlichen Verwandten fluͤchtete. Sie trat dort, als die Witwe eines gebliebenen, franzoͤſiſchen Offiziers auf, ward Molly's Mutter, erwarb den Bedarf durch Unterricht und empfahl ſich durch Faͤhigkeit und ſittliche Schoͤne. Erſt nach Verlauf von acht Jahren ſah ihr ent⸗ fernter, aber vielgetreuer Schaͤfer ſich in den Stand geſetzt, das Uebel auszugleichen und ſeiner Helene endlich die Hand zu bieten; jett aber kam ihm ein Nervenfieber zuvor und machte ſie zur Braut des Senſenmannes. Hohlands Tante hatte die ehemalige, werth⸗ volle Fuͤhrerin ihrer Kinder wie eine Schweſter geliebt, fie als ein Opfer der Verfuͤhrung be⸗ klagt und jetzt deren Hintritt erfahren; Vero⸗ 58 nika ward, in jenen Tagen, an ihren Wohn⸗ ort geſandt, um die achtjaͤhrige, verwaiſ'te Molly mitzubringen und dieſe nun den Toͤch⸗ tern beigeſellt und mit denſelben groß gezogen. Jetzt waͤhlte Hohland die aͤlteſte derſelben zur Gattin und erbat ſich das Fraͤulein, um Adelaiden, welche es, an die Freuden einer Hauptſtadt gewoͤhnt, in Landhelm ſehr ein⸗ ſam finden mußte, Geſellſchaft zu leiſten. Molly trat, als das Ehepaar, waͤhrend des Krieges, nach Italien reiſ'te, unterweilen in jenes Haus zuruͤck und ward, nach deſſen Heimkehr, auf's Neue Adelaidens Geſell⸗ ſchafterin. A. Der ungluͤckliche Hofmeiſter heißt affo d Vale—-— W. Wie er heiße, ſagte Veronika, koͤnne mir um ſo gleichguͤltiger ſeyn, da man das Fraͤulein, zu Schonung ſeiner Verhaͤlt⸗ niſſe, auf den Namen der Mutter getauft 59 habe, deren Voreltern, als Hugonotten, Frankreich verlaſſen und einen Stammbaum mit ſich gebracht haͤtten, den Veronika an Groͤße und Breite, ihrer Schuͤrze verglich. Er iſt in Hohlands Haͤnden, welcher wohl auch den Vater kennen mag. Alfried ſagte darauf— daß Du das Maͤdchen anbeteſt, leuchtet ein und daß Du ihre Liebe und zudem ihre erſte biſt, darf ich, aus mehr als einem Grunde, vorausſetzen. Haͤtte nicht der boͤſe Feind die unſaubere Brieftaſche dazwiſchen geworfen, ſo wuͤrden Hohland's mit Freuden das Mittel ergreifen, die eigene Schuld, wie des Fraͤuleins Ver⸗ pflichtung, durch dieſe holde Waiſe zu decken; man wuͤrde ſie ausſtatten und mein Rudolf als Freier, ſchwerlich eine Fehlbitte thun— aber ſo!— Aber ſo? fiel dieſer ein: was iſt ſo ſchlimmer? Der Staat warf mir ein arm⸗ 1 8 60 ſeliges Wartegeld aus, Molly iſt blutarm und die Feen hoͤrten laͤngſt auf, verliebte Bettelleute zu traktiren. A. Herr von Hohland haͤtte Dir dann, unzweifelhaft, ein Amt verſchafft— ein nährendes, ehrendes. Solche Patrone, die den Ober⸗Marſchall zum Freund und Vetter haben, wenden ja dergleichen, mit leichter Muͤhe ihren Laſtthieren zu, geſchweige denn einem, der ihre Burgen und Schuͤtzlinge ret⸗ tete.— Aber Hohland, der Unmann, ward von ſeiner Haus⸗Tyrannin unterjocht und will ſie, ſo verfolgt er Dich— Sie will! das liegt am Tage. O haͤtteſt Du die Brief⸗ taſche in den Brunnen von Landhelm gewor⸗ fen!. Wallow entgegnete— Minona, die Du kennen wirſt, behauptet mit ihrem Schiller —„Der Zug des Herzens ſey des Schick⸗ ſals Stimme!“ und Pauline verſichert mit 61 ihrem Wieland„Es fuͤhr' uns alle ein ge⸗ heimer Zwang“ alſo befehl ich dem Zwing⸗ herrn meine Wege! Dir geſchehe, wie Du glaͤubſt! entgeg⸗ nete Alfried und ging nun, um die Ver⸗ ſetzung ſeines Freundes aus dieſem Hexen⸗ Pallaſte zu veranſtalten. Rudolf verließ, als er ſich allein und von der aufregenden Mittheilung merklich ge⸗ ſtaͤrkt fuͤhlte, ſein Bette. Er oͤffnete, voll Sehnſucht und Neugierde, die Nebenthuͤr, ſtahl ſich in Molly's Sakriſtei und ſchlich, wie ein waͤhliger Dieb, von einem anziehen⸗ den Gegenſtande zu dem andern, aber der Naͤhtiſch war verſperrt und das Kämmerlein verſchloſſen— der Stickrahm zeigte von ihrer Kunſtfertigkeit und die Zeichnung auf dem verſteckten und bedeckten Reißbrete von Molly's Talente, wie von ihren Gefuͤhlen, 62 denn es laͤchelte ihn eine gelungene Nachbil⸗ dung des kleinen Heilandes an, den er neu⸗ lich ihrem Andachtbuche beifuͤgte. Auf der Weltkugel aber ſtanden die Worte des alten Kirchenliedes„Ach, nicht ſuͤßer s iſt, als Du, fuͤße Liebe!“ Molhy, ſuͤße Liebe! ſeufzte Rudolf, und nahm, aufblickend, ihr Voͤglein wahr. Es ſaß, verſtummt und truͤbſelig, mit haͤngen⸗ den Fluͤgeln und halb geſchloſſenen Augen, am Boden des Kaͤfigs; Wallow bemerkte, daß das arme Maͤtzchen, gleich ihm, von der heidniſchen Magd verſaͤumt, dem Hun⸗ gertode nahe ſey und verſah alsbald das leere Kaͤſtlein mit der vorgefundenen Vogelſpeiſe. Da huͤpfte der Saͤnger, ſchnell auflebend, heran, dankte zwitſchernd und ließ ſich es ſchmecken. — — — 63 Vater Wallow ſaß indeß, drangſelig, am Arbeittiſch; er nahm, im Spiegel, ſeine Gattin wahr, die ſchweigend ſtrickte und mit dem fertigen Theile des Strumpfes, ihre Augen trocknete, denn ſie konnte ſich noch immer nicht, mit dem Gedanken befreun⸗ den, ihr geliebteſtes Kind eine Schauſpielerin werden zu ſehn und hing ſo eben dieſem Kum⸗ mer nach. Der Gatte errieth alsbald die Veranlaſſung der Thraͤnen, ſie fielen in ſein Herz, er legte die Feder weg und ſagte mit ſcheinbarem Frohmuth— Ich halte es doch, in meiner druͤckenden Lage, fuͤr ein wahres Gluͤck, daß uns der Himmel jetzt einen wackern Schwiegerſohn zufuͤhrte. Als Kuͤnſtler geprieſen, als Menſch geehrt und in dem ſeltenen Falle, bei großen Talenten, nur geringe Fehler zu haben, iſt er ein Mann nach meinem Wunſch und Sinne; ich darf ihm das Kind mit Zu⸗ verſicht anverkrauen. Es findet zudem ſeine Welt in ihm und tritt aus der aſchgrauen Armuth in den Ueberfluß, denn der erſte Liebhaber wird hier jaͤhrlich mir zwei tauſend Thalern vergnuͤgt. Waͤr' ich doch auch einer! Aber hat Dir wohl je geahnt, entgeg⸗ nete die Hofraͤthin: daß Du dem Theater eine Tochter erziehn, einen Schauſpieler zum Schwiegerſohn bekommen und unſerem Fleiſch und Blut, an allen Ecken, wo ein Komoͤdien⸗ Zettel klebt, begegnen wuͤrdeſt? Ein aͤchter Kuͤnſtler, erwiederte Wallow: iſt der Schmuck jeder Ecke, an der ſein Name prangt und die Ehre jedes Hauſes, mit dem er in Verwandſchaft tritt. Wenn nun Mi⸗ nona, bei dem ungemeinen Talente, das Alfried in ihr finden will, dem gewählten Fache genug thut, ſo werd' ich mich geſchmei⸗ chelt fuͤhlen, ſie unter Verdienſtlichen ge⸗ nannt zu leſen. Nur das koͤnnte mich beugen 65 und mit Schamroth bedecken, wenn meine Tochter, als Pfuſcherin, die Langmuth des Publikums verſuchte, und ſich, nach aller Pfuſcher Weiſe, nicht abhalten ließe, der Spott der Leute und die Verachtung der Kunſtſinnigen zu werden. Das Letztere haben wir nun gar nicht zu fuͤrchten! fiel Amalie ein: deſto mehr aber die Koſten der Ausſtattung. Du weißt nicht, Lieber! wie viel jetzt eine Einrichtung erfor⸗ dert, und welchen Ueberſchwang die Schau⸗ fpielerin, nur allein an Kleidern bedarf. Dazu gehoͤrt, vom A bis Tz, was uns jetzt mehr als jemals fehlt und man kann doch ſein Kind nicht, nackt und bloß, in des Braͤutigams Arm legen. Aber im Hauskleide, Malchen! das reicht, Gott Lob! hin. Der ehrliche Alfried macht es zur Bedingung, ihm das Maͤd⸗ chen, wie es geht und ſteht, einzuhaͤndigen⸗ Schilling 2te S. 1r Bd. 5 Er habe, ſagte er mir geſtern, bereits tau⸗ ſend Dukaten, fuͤr einen kuͤnftigen Nothfall, geſammelt und ſtelle dieſe zu Noͤnnchens Verfuͤgung. Amalie laͤchelte zwiſchen Wehmuth und Zufriedenheit. Der herrliche Mann! rief ſie aus: waͤr' er nur irgend einer andern Kunſt zugethan, ich wuͤrde mein Noͤnnchen ſelig preiſen und mich dazu So, ſo! fiel ihr Adolf ein: einer an⸗ dern? dem Seiltanze, zum Beiſpiel, oder der Bauchredekunſt?— Aber wenn nun die Mama, in dem dunkelſten Winkel des Thea⸗ ters ſitzen und ihr Noͤnnchen mit bebendem Herzen auf dem Kothurn erblicken und be⸗ lauſchen und mit Handſchlag und Acelama⸗ tion gefeiert ſehn und in den Zeitſchriften verengelt finden wird— wie dann?— Dann pflanzen wir uns kaͤnftig auf die er⸗ ſte Bank, dann ſagen die Blicke der Mama 67 „ſeht her! ich bin die Mutter der Bewun⸗ derten! bin auf die Blaͤtter ſtolz, die von ihrem Lorberkranze fuͤr mich abfallen.“ Amalie ſchalt den Spoͤtter und ging dann zur Kuͤche, um nach dem Karpfen zu ſehn. Sie haͤtte die Lorberblaͤtter, welche ſich hier in der wallenden Bruͤhe tummelten, viel lieber in Noͤnnchens Locken wahrge⸗ nommen. 4 Die Zerſtoͤrung des neu erbauten, praͤch⸗ tigen Theaters hatte das alte wieder zu Eh⸗ ren gebracht, welches um ſo ſchneller geflickt und verjuͤngt ward, da die Fuͤrſtin zu ihrem bevorſtehenden Lebensfeſte den ſchon ſo oft verſchobenen Wallenſtein gegeben zu ſehen wuͤnſchte. Das Unheil bringende Lager ſoll⸗ te gaͤnzlich beſeitigt, der zweite Theil des Stuͤcks am naͤchſtfolgenden Tage aufgefuͤhrt . 68 werden, und Minona an dieſem, ihrem Hochzeit⸗Abend, als Fraͤulein Neubrunn, den erſten Verſuch wagen. Vor allem war es demnach jetzt an der Zeit, der Thekla Tauſendſchoͤn aufzuwarten, und Noͤnnchen unterzog ſich dieſer Pflicht mit Zagen, da Alfried, ihres Wiſſens, bis dahin, in einem unklaren, geſpannten Ver⸗ haͤltniß zu derſelben geſtanden hatte. Ueber⸗ dem konnte vielleicht die Kuͤnſtlerin, bei ei⸗ niger Eiferſucht, in dieſem aufgehenden Sternlein, deſſen Licht ihr Braͤutigam den Kunſtgenoſſen bereits laut und feurig ange⸗ ruͤhmt hatte, eine kuͤnft ge Nebenſonne fuͤrch⸗ ten, und ſie, ſchon deshalb, kalt und nie⸗ derſchlagend behandeln. Doch ward ihr ploͤtzlich wohl zu Muth, und das warme Herz that ſich, ſtill erquickt, unter den Strahlen der Liebeshuld, auf, mit der Mi⸗ nona ſich umfangen ſah. Die Meiſterin 59 war, auch als Frau, ſehr liebenswerth; romantiſchen Gepräͤges, gemuͤthvoll— ſchwaͤrmeriſch. Sie ſprach vielleicht zu zier⸗ lich, zu geſchimuͤckt, aber aus Reichthum an Phantaſie und im lebendigen Gefuͤhle des Schoͤnen, mit dem ſie ſich denn auch, der Charis voll, umgeben hatte. Minona glaubte, in den Roſenſitz einer Fee zu tre⸗ ten, es ſah hier ungefehr, wie in dem Ka⸗ binet der Frau von Hohland aus, zwar min⸗ der praͤchtig, doch anmuthiger; wie von Ka⸗ moͤnen⸗Haͤnden veredelt. Sie wollen alſo die Unſere werden? ſag⸗ te Frau Tauſendſchoͤn, Hand in Hand mit dem Noͤnnchen in die uͤppigen Kiſſen des Di⸗ vans verſinkend— Sie wollen, der Ariad⸗ ne gleich, aus dem ſichern Friedenſchooße, in die Wuͤſte, auf das Felſenriff eilen, und wie dieſe, dem betruͤglichen Halbgotte nach⸗ ſehen? 70 Minona blickte, von der Aeußerung ver⸗ wundet, zu Boden, denn ſie glaubte, ihren Alfried unter dem Betruͤglichen gemeint.) Die Buͤhne iſt dies Felſenriff, fuhr jene fort: das Leben der Kuͤnſtlerin jene Wuͤſte; im Theſeus aber ſehe ich den boͤſen Genius des Unbeſtandes, der uns eine Bluͤthe nach der andern entfuͤhrt, uns zu Geweſenen macht, wenn eben erſt die Frucht der langen Muͤhe reift, wir eben erſt den Reiz unſers Seyns und jenes Kranzes wuͤrdigen lernten. Doch, Herr Alfried hat, wie ich ihn kenne, unzweifelhaft ſeiner Erwaͤhlten die Wahrheit dargeſtellt; Sie aber folgen, nach verſtaͤndi⸗ ger Erwaͤgung, mit Entſchloſſenheit der in⸗ nern Stimme, und ſo darf ich denn, zu Ihrem Troſte, verſichern, daß es auf Na⸗ pos auch liebliche Blumengaͤrtchen und ent⸗ zuͤckende Sonnenblicke giebt, die ſelbſt die Abendroͤthe der Geweſenen durch Lichter 4 3* G 271 der Erinnerung verſchoͤnen.— Wenn un⸗ ſere goldne Stunde ſchlaͤgt— wenn des ge⸗ weihten Dichters Sinn und Wort die Kuͤnſt⸗ lerin erhoͤht; wenn es ihr, in dieſer Begei⸗ ſterung, gelingt, ſein Ideal ergreifend zu verſinnlichen, und die Herzen der Lauſchen⸗ den in ihren innerſten Tiefen zu beruͤhren, wenn Ihre Verklaͤrung ſich in reinen Seelen ſpiegelt, aus Maͤnner⸗Thraͤnen wiederſtrahlt und mein Geſchlecht in Ruhrung hinſchmilzt — wenn Dich endlich der aufflammende Beifall, hoͤher und hoͤher, wie die Gluth den Phoͤnix, umlodert— o, heller Punkt in unſerm Lebenslauf! Wir ſah'n Sie juͤngſt in ſolchen Flam⸗ men! erwiederte Minona, vom Strahle die⸗ ſer Gluth entzuͤndet: wir ſah'n Sie, durch den Sinn und die Worte des goͤttlichen Dichters befluͤgelt— ein hoͤheres Weſen! „Unwiſſend, daß ſie Anbetung erzwun⸗ 72 gen, wo ihr von eig'nem Beifall nie ge⸗ traͤumt!“ T. Still, Liebe! davon traͤumt uns wohl! Wir ſetzen ja unſer Koͤſtlichſtes an dieſe Triumphe, das Leben oft an eine Rolle, und welche daͤchte wohl des morgen⸗ den Tages, wenn ſie eben nach der Krone des heutigen anſtrebte— Jeotzt ein Wort im Vertrauen, liebe Wallow! ich verſchwen⸗ de dies in der Regel nicht, doch Ihr liebes Geſicht, die gemuͤthlichen Augen, ihr gan⸗ zes Seyn und Weſen, ſpricht mich wahl⸗ verwandt an und mein Herz oͤffnet ſich un⸗ willkuͤhrlich, um Ihnen, gleich im Begin⸗ nen unſers Verhaͤltniſſes, ein Pfand der Lie⸗ be und des innigen Zutrauens zu geben.— Man rechnet darauf, mich des naͤchſten her⸗ geſtellt und als Thekla zu ſehn— ich werde nie als Thekla auftreten und denke Ihnen dieſe Rolle zu. 73 M. Sie ſcherzen offenbar! T. Nur zwei der Unſern koͤnnten Ein⸗ ſpruch thun; doch Frau Amos liegt eben im Kindbette, die andre iſt verreiſt und der Vor⸗ ſteher, mit dem ich heute bereits im Stillen Ruͤckſprache nahm, macht ſeine Zuſtimmung von dem Ausfalle der erſten Probe und dem Maas Ihres Muthes abhaͤngig. Dieſe Pro⸗ be iſt morgen, der Text Ihnen, wie ich von Alfried vernahm, ſchon gelaͤufig, alſo jede Bedenklichkeit vom Uebel, wenn Sie wirklich Kraft und Beruf in ſich fuͤhlen, ohne die man, ſogar als Fraͤulein Neubrunn, unnuͤtz und mißfaͤllig wird. Der Schluß dieſer Aeußerung ſchien zwei Eigenſchaſten in Zweifel ſtellen zu wollen, die ſelbſt Alfried im ungemeinen Maas an ihr gefunden hatte. Ich glaube beide zu fuͤhlen, erwiederte Minona: doch eben ſo lebhaft die Unmoͤglichkeit, mit einigem Er⸗ 74 folg als Ihre Stellvertreterin zu erſcheinen. Machte mich ſelbſt eine Fee dem Urbilde gleich, ſo wuͤrde doch der Vorbegriff zu mei⸗ nem Nachtheil entſcheiden und uͤber Anma⸗ ßung und Frevel ſchreien. Das Vorurtheil, erwiederte Frau Tau⸗ ſendſchoͤn: entkraͤften Sie durch die liebliche Geſtalt, durch den neuen, eigenthuͤmlichen Reiz Ihres Talentes, durch friſche Bluͤthe, und in dieſer Rolle uͤberdies durch den Hei⸗ ligenſchein zarter Jungfraͤulichkeit, der, vor vielen, dieſe Thekla umſtrahlt. Ihr Alfried endlich buͤrgt fuͤr den Erfolg, fuhr ſie fort, ergriff das aufgeſchlagene Stuͤck und ſprach — jetzt bin ich Max und Sie beginnen „Spart Euch die Muͤhe, Tante!“ Noͤnnchen meinte, die Forderung ableh⸗ nend— ſie muͤſſe, leider! daſſelbe zu ihr ſagen; aber jene bat ſo beredtſam, verſicher⸗ te mit ſolchem Nachdrucke, daß Alfried's — Wunſch und Wille ſie veranlaſſe, und in des Maͤdchen Herzen ſprach die Sehnſucht, ſogleich in einer Hauptrolle aufzutreten, ſo lockend an, daß ſie ſich endlich bewegen ließ. Die Freundin ſchien nun bloß das Buch im Auge zu halten, aus dem ſie, als Max, erwiederte, und warf, nur zu Zeiten, ein Wort der Weihe und der Belehrung dazwi⸗ ſchen, dann aber trat ſie an Minonen's Platz, um ſich vor dieſer, als Thekla, ver⸗ nehmen zu laſſen. Der Staatsbeſt uch ward, dieſem nach, eine heilſame Lehrſtunde, welcher, bis zum Tage der Darſtellung, noch manche folgte. Da⸗ heim wurden uͤberdies die Scenen zwiſchen Mar und der Graͤfin, mit ihrem Alfried eingeuͤbt, und der lang erſehnte Abend kam herbei. — ◻☛ Das arme, noch immer kraͤnkelnde Ls⸗ chen bot heute den Reſt ihrer ſinkenden Le⸗ benskraft auf, um die Schweſter ſchmuͤcken zu helfen, und ſie durch ein heiteres Geſicht und gute Laune zu ermuthigen. Pauline, die zeither, von der Eltern entſchiedener Ab⸗ neigung gegen ihren Tieffuß gebeugt, von dieſem, ſeit des Vaters Ruͤckkehr vernachlaͤſ⸗ ſigt, und noch immer in Liebe fuͤr den ver⸗ kannt Gewaͤhnten gluͤhend, den Wurm im Buſen trug, folgte Eliſens Beiſpiele, und Minona, welche die Schweſtern durchſchaute, troͤſtete beide, denn ſie hatte ſich nie ſicherer und unbeklommener gefuͤhlt. Jetzt ſtand nun Thekla, im fuͤrſtlichen Gewand, umrankt von Knospenzweigen— mit der braͤutlichen Myrte uͤber der funkeln⸗ den Stirnbinde— eine liebliche, feenhafte Erſcheinung, des Wagens gewaͤrtig, vor den Schweſtern, die, gleich dienenden Nymphen, 92 an ihr aufſahn und noch dies und jenes ord⸗ neten. Die Mutter ſchlich, in Wehmuth und Bangigkeit verſunken, um ſie her, und haͤtte gern das liebſte Kind, an dieſem ent⸗ ſcheidenden Markſtein ihres Lebens, umfan⸗ fen und geherzt, doch ihr Anzug und ihr Vorhaben machte Minonen jetzt zu einer ver⸗ letzbaren Sinnpflanze. Suſanne rief Amalien in's Nebenzim⸗ mer. Da ſtand Max Piccolomini, herrlich, wie ein junger, thatenluſtiger Götterſohn. Er empfing die Erblaſſende und ſagte freund⸗ ſelig Jetzt, theure Mutter! bitte ich Sie, uns nicht im Geiſte des Unmuths, uns wenig⸗ ſtens mit ruhiger Ergebung, wo moͤglich mit Zufriedenheit und Zuverſicht zu entlaſſen. Ihre Tochter geht, als Prieſterin, ein heili⸗ ges Lehramt anzutreten— um bald zu er⸗ bauen, bald zu erſchuͤttern, bald zu erquik⸗ 78 ken— um das Gefuͤhl der Pflicht, um den Sinn fuͤr das Holde, Wahre, Goͤttliche, in jeder empfaͤnglichen Bruſt zu erhoͤhen, und durch die Reinigkeit ihres Wandels, ein Bei⸗ ſpiel fuͤr viele, der Buͤhne Genius, der El⸗ tern Ehre, des Gatten Glorie zu werden. Amalie druͤckte ihn ſchluchzend an die Mutterbruſt— Gott ſegne! Gott geleite Euch! ſtammelte ſie: kehrt froͤhlich heim! der Himmel verkuͤrze mir die bangen Stun⸗ den. Nun trat Pauline ein und gab ihm ei⸗ nen Wink, denn Lischen hatte, waͤhrend dem, ſeine Braut, der Verabredung zu Fol⸗ ge, an den Wagen begleitet, um ſie vor Nuͤhrungen zu retten, die Minonen jetzt er⸗ ſpart werden mußten, Die Neugierigen ſtroͤmten in Schaaren nach dem Theater. Selbſt graͤmliche Duck⸗ maͤuſer und geaͤrgerte Betſchweſtern von 79 Wallow's Bekanntſchaft, die es als des boͤ⸗ ſen Feindes Vorhaus verſchrieen, ſprachen heute dort zu, um Noͤnnchens Probeſtuͤck und den Hexenmeiſter zu ſehn, dem ein Mann von des Hofraths Gepraͤge, ein Stil⸗ ler im Lande gleichſam, die Tochter preis gab. Auch fehlte es ihr nicht an Neiderin⸗ nen, welche die Hoffnung des Mißlingens herbeifuͤhrte— auch nicht an wohlwollenden Weſen, die heute, mit Bangen, das Haus betraten, und ſtatt ihrer erblaßten, als ſie endlich mit den Worten„Spart Euch die Muͤhe“ hervortrat— leuchtend, aber mild, zart, aber muthig, und nach dem erſten Hinblicke ſchon, der Maͤnner Augenluſt. Vater Wallow hatte, nothgedrungen, am Mittage, bei dem Praͤſidenten geſpeiſt, wo man gewoͤhnlich ſpaͤt zur Tafel ging, und N 80 die Geſellſchaft, diesmal aus lauter eiſernen Geſchaͤftmaͤnnern beſtehend, drei Stunden lang uͤber Staatshaushalt, Rechtsfaͤlle und das leidige Steuerweſen verkehrte. Der Hofrath ſaß mit bekuͤmmertem, immer ſchwe⸗ rer werdenden Herzen, hinter fuͤnf Weinglaͤ⸗ ſern, denn ein edles Gewaͤchs folgte dem an⸗ dern, und trank, ſeiner Sitte zuwider, mit dem Nachbar um die Wette; die Bruſt woll⸗ te dennoch nicht freier, die Buͤrde nicht leich⸗ ter, die Farbe dieſes Tages nicht freundlicher werden. Jetzt endlich ſchob die Hausfrau den Stuhl, er ſchlich ſich fort, auf die Kanz⸗ lei, aber die Akten glichen heute chineſiſchen und keine Feder ſchrieb Verſtaͤndliches. Wal⸗ low lief, mit ſich ſelbſt hadernd, davon, weit in das Feld hinaus; acht Uhr war voruͤber, als er, heimkehrend, an dem Theater vor⸗ uͤber ſchritt; es zog ihn, wie mit Geiſterhaͤn⸗ den, zu dem Eingange hin. Er hoͤrte jetzt 8¹ den Schlag des Vaterherzens, ſein Noͤnn⸗ chen fuͤhlte eben, unzweifelhaft, dieſelbe Pein; die Arme war vielleicht bereits ein Geg enſtand des Mitleids und das Ziel bs artiger Gloſſen geworden. Aber ſie ſchlugen jetzt drinnen aus Lei⸗ beskraft in die Häͤnde und riefen Bravo! und Wallow ſchlich zu der Kaſſe hin und fragte den Groß⸗Schatzmeiſter, welcher in ſeinem Kaͤfiche, mittelſt eines Fenſterchens, dem Spiele zuſah, lauſchend und kleinlaut— Erlauben Sie, wem galt denn das? Der Thekla! erwiederte dieſer in froher Bewegung. Sie ſprach eben den Monolog „Du, Liebe, gieb uns Kraft, Du Goͤttliche!“ und ſprach ihn goͤttlich, ſag' ich Ihnen! Gefaͤllt alſo? Ei, ſie entzuͤckt! Selbſt Seine Durch⸗ laucht ſchlug in die Haͤnde, was ich zum erſten Male ſah— Aber es iſt auch eine Schilling 2te S. 129 Pd. 6 8² Anmuth in ihr— ein Geberdenſpiel— eine Wuͤrde— eine Sicherheit— Nun, die Frau Tauſendſchoͤn mag ſich ruͤſten!— Der Jubel brach ſchon vorhin aus, als Thekla zur Guitarre das Liedchen vortrug. Sie ſang, wie die Nachtigall, kunſtlos und ſeelen⸗ voll!—„Du Heilige, rufe Dein Kind zu⸗ ruͤck!—“ Nein, laß es uns! wir bitten ſehr!—. Zwei Thraͤnen funkelten in Wallow's Augen; die wonnereichſten, die er je vergoß. Ich bin der Vater! ſagte er und ging davon. Als Alfried jetzt, die letzten Worte des Stuͤcks— „Und eh der Tag ſich neigt, muß ſich's erklaͤren, Ob ich den Freund, ob ich den Vater ſoll entbeh⸗ . ren?“ 83 geſprochen hatte und der Vorhang gefallen war, flog ſeine Minona hervor, an des Ge⸗ liebten Hals. Sie waren ſich, der Ueber⸗ einkunft zu Folge, hinter der Szene mit Sorgfalt ausgewichen und nun verſtrickte ſein ticfſtes, ſeligſtes Gefuͤhl das Paar in ine lange, innige, ſie fuͤr die Stimmen der Außenwelt betaͤubende Umarmung. Draußen rief indeß die Menge, laut und uͤberlaut, der herrlichen Thekla und als des⸗ halb der Vorhang aufſtieg, erſchienen die Gluͤcklichen noch in dieſer ruͤhrenden Gruppe, welche die huldigenden Herzen und Haͤnde der Zuſchauer auf's Neue in Bewegung ſektte. Die Jungfrau beugte, ſich losreiſſend, in holdſeliger Verwirrung, das Knie; ihre Arme kreuzten ſich uͤber dem wogenden Bu⸗ ſen— Alfried aber legte die Hand auf ihr Haupt und ſprach begeiſtert— 8* Dieſe Myrten werden, heute noch, mein 84 Theil! Sie weichen einem hoͤhern Kranze— Minona dankt, in Demuth, fuͤr den reichen Erſatz! Als der Vorhang wieder gefallen war, umringte der geſammte Kaͤnſtler⸗Verein die neue Genofſin und mindeſtens ſchienen die Gluͤckwuͤnſche des maͤnnlichen Theiles aus vollem und aufrichtigen Herzen zu komnien. Aber vergebens ſuchten Minonens Augen die gute Fee, Frau Tauſendſchoͤn, welche ſie, nach jedem Abgange, wie ein guter Genius empfangen, belobt und berathen hatte. Sie ſey wieder unwohl, verſicherte der alte Thea⸗ ter⸗Diener, ſey deshalb nach Hauſe gefahren und er von derſelben beauftragt worden, dem Brautpaare, Namens ihrer, gute Nacht zu ſagen. . 85⁵ Als der Hofrath vorhin, von der Theater⸗ Kaſſe weg, nach ſeiner Wohnung eilte, um die uͤberſchwenglich gute Botſchaft zu verkuͤn⸗ digen, fand er bereits Frau und Kinder in vollem Jubel, denn der Vetter Rudolf war ihm, als Augenzeuge, in derſelben Abſicht zuvor gekommen und fiel nun dem Vater, bewegt wie dieſe, um den Hals. Schon prangte, im Nebenzimmer, die ge⸗ ſchmuͤckte Tafel, denn um neun Uhr ward der Herr Kloſter⸗Prediger erwartet, unter deſ⸗ ſen Augen Alfried neulich, ſammt der unter⸗ irdiſchen Gemeine, vom Tod erſtanden war und der ihn jetzt, als Minonens ehemaliger Taͤufer und aͤlteſter Freund des Hauſes, mit dieſer trauen ſollte. Es iſt auch ein Brief an Dich eingegan⸗ gen, ſagte Amalie, zum Pult eilend— und der koſtet zwoͤlf Groſchen Poſtgeld denke nur! Wallow trat an's Licht, ihn zu oͤffnen, 86 er las, beſah die Inlage, blickte himmel⸗ waͤrts und ſprach dann, mit naſſen Augen, zu der Gattin— Zwoͤlf tauſend Thaler! denke nur! O ſegenreicher Tag! Ein Schuldner unſers Erblaſſers, der ſchon vor vielen Jahren fal⸗ lirt hatte und laͤngſt verſchollen war, koͤmmt juͤngſt, als ein hochbeguͤterter Mann, aus Samarang zuruͤck, hoͤrt von des Bruders Buchhalter, daß ich ſein Glaͤubiger gewor⸗ den ſey, haͤndigt meinem Beauftragten in Rotterdam das Capital zuſammt den Zinſen ein und dieſer uͤberſendet mir es eben, in Wechſeln an Aaron und andere. Drum feſt auf Gott vertraut! rief Mal⸗ chen ſtill entzuͤckt: lobe den Herrn, meine Seele! Sie waͤre gern in Thraͤnen hinge⸗ floſſen, aber die Angſt um ihr Noͤnnchen, hatte fuͤr heute dieſen Quell erſchoͤpft. 87 Bald darauf trat Suſanne ein. Eine boͤſe Hand machte dieſe, ſeit einigen Tagen, zur Arbeit untuͤchtig; ſie war, demnach, im Drange der Neugierde, ſchon bei guter Zeit nach dem Theater geeilt, um zu ſehn, wie ihre Mamſel ſich, als Fuͤrſtentochter, aͤußern und nehmen werde. Ganz von Bewunde⸗ rung durchdrungen, kehrte Suschen eben, von der Gallerie zuruͤck; verkuͤndigte ſie den Eltern das Heil und die glaͤnzende Huldigung, welche dem herrlichen Brautpaare noch zu⸗ letzt geworden ſey und hob es uͤber alle Him⸗ mel. Leider Gottes! fuhr ſie redſelig fort: hat mich da oben das Rudel von Schmutz⸗ puppen und Grobianen faſt erdruͤckt. Ich habe nur einen manierlichen unter ihnen ge⸗ funden, den Fleck⸗Ausmacher Salbey, der mich frug, mit wem er denn die Ehre habe? Ich bin die Kammerjungfer der Prinzeſſin dort! ſagte ich, die Ihnen eben das helle 83 Waſſer in die Augen zog— Da ſchob er mich, recht mit Gewalt, an die Lehne vor und wiſperte, noch ganz weinerlich— Sie ſerviren, mit Verlaub! einem leibhaften En⸗ gel!— Es that mir in der innerſten Seele weh, den Ehrenmann ſo mit dem Ruͤcken anſehn zu muͤſſen. Und wie dankte denn Noͤnnchen fuͤr die Auszeichnung? fragten Mutter und Schwe⸗ ſtern jetzt, gleichzeittig— Suſanne machte es Minonen nach; die Schwerfaͤllige waͤre, als ſie das Knie beugen wollte, faſt der Laͤnge nach hingeſchlagen, hielt ſich jedoch am Ofen⸗ beine feſt und ſprach— So knieten Mam⸗ ſell und muckten nicht, dagegen nahm Herr Alfried das Wort und rief— Dieſe Myrten werden heute Nacht mein Theil— dann ſprach er noch von einem hoͤ⸗ hern Kranze und Minona dankte, in der Wehmuth, fuͤr den reißenden Erſatz, oder 9⸗ 89 ſo ungefaͤhr, denn unſer Eine faßt das nicht, Herr Salbey aber ſtieß mich an und ſagte— goͤttlich! Der Vater lachte laut und die Maͤdchen liefen davon und gegen den Herrn Kloſter⸗ Prediger an, der eben mit feierlichem Amt⸗ geſicht eintrat. Ihm folgte, in der naͤchſten Minute, das Ruhm bedeckte Brautpaar, ei⸗ lend in die offenen, weit ausgebreiteten Arme 1 der treuen, laut weinenden, mit dem Ge⸗ ſchicke verſoͤhnten Mutter. Es ſchlug zwei Uhr; der Vollmond er⸗ hellte die Freudennacht. Das Brautpaar war, des Gottes voll, der dies Hochzeit⸗ mahl wuͤrzte, unter ſegnenden Thraͤnen und 4 Kuͤſſen, nach ſeiner Kammer geſchlichen, die Maͤochen raͤumten auf, Amalie betete und ihr Eheliebſter ſchritt noch, der Dinge Lauf 1 1 00 und Wechſel erwaͤgend, in ſeinem Arbeit⸗ zimmer, zu ebener Erde, auf und nieder. Er wog eben die Goldfruͤchte des hentigin Tages und athmete, ſeit der Rheinfahrt, zum erſten Male wieder freudig auf; da klopfte es nachdruͤcklich an das Fenſter. Wallow eilte befremdet hin, oͤffnete es und erblickte ein larvenhaftes, erdfahles, aus dem Mantelkragen hervor lauſchendes Geſicht, deſſen ſtechende Augen, wie Dolchſtoͤße, ſein Innerſtes trafen. Gleichzeitig flog ein Brief in das Zimmer und die greuliche Erſcheinung verſchwand. Das war Heling!— Heling, der, ſeit jener Nacht im Landhauſe, nicht wieder von ſich hoͤren ließ. Ihm war, nach der Vor⸗ ausſetzung, mit der ſich Wallow bis dahin troͤſtete, unzweifelhaft bekannt worden, daß die gehoffte Erbſchaft zerronnen ſey und der Gauner hatte ſich, zu Folge dieſer Anſicht, 91 die Muͤhe erſpark, Feigen von den Diſteln zu leſen und den unerfuͤllbaren Anſpruch auf⸗ gegeben.— Der Schmeichelwahn taͤuſchte ihn. Da ſtand ja der Unhold, mahnend wie Mephiſtos am Zahltage.— Wallow raffte endlich den Brief vom Boden auf und las— „Man goͤnnte Ihnen Zeit, die noͤthige Eintheilung zu treffen und weiß auch, daß Ihr Erbtheil ſich verkuͤrzte. Sie ließen kluͤglich bekannt werden, es ſey gaͤnzlich zu Waſſer geworden, doch taͤuſcht uns dieſe Vorgabe nicht. Wir beſchraͤnken fuͤr jetzt, die Forderung, auf drei tauſend Dukaten. Die Summe muß, wohl ver⸗ packt, Morgen um Mitternacht, auf dem innern, ſteinernen Simſe des Hochgerich⸗ tes vor dem Waldthore zu finden ſeyn.— Keine Ausfluͤchte! Keine Gegen⸗Anſtalten! Wir drohen nicht, aber es gilt!“ Am Morgen gingen viel angenehme Hoch⸗ zeit⸗Geſchenke fuͤr das neue Ehepaar ein; auch die Fuͤrſtin, Alfrieds große Goͤnnerin, ließ ihm Gluͤck wuͤnſchen und ihre lebhafte Zufriedenheit mit der geſtrigen Leiſtung ſeines jungen Welbchens bezeigen. Wie ſchmaͤhlig hatte Wallow's furcht⸗ barer Stoͤrenfried dem Brautvater die Lieb⸗ lichkeit dieſes ſeltenen Morgens verbittert! wie laͤſtig ward es ihm, mit der Qual im Herzen, unter dieſen Frohen, froh erſchei⸗ nen, ſeinen Gram verbergen und das krank⸗ hafte Ausſehn fuͤr die Wirkung der Freuden⸗ nacht und der ruͤhrenden Einbruͤcke dieſer Stunden erklaͤren zu muͤſſen. Alfried war zu lebhaft mit dem Roſen⸗ baume des erſten Flittermorgens und den zu⸗ ſprechenden Freunden beſchaͤftigt, um jene, * — 93 oft genug vorblickende Verſtoͤrung ſeines Schwiegervaters bemerken zu koͤnnen, als er aber mit Minonen, zu Abhaltung der Probe, nach dem Theater gefahren war, folgte Rudolf jenem auf ſein Zimmer; er entſchuldigte die Zudringlichkeit mit dem kind⸗ lichen Antheil und der Beſorgniß, daß ſein Herr Oheim vielleicht, aus Schonung gegen die Gluͤcklichen, das Vorgefuͤhl einer Krank⸗ heit zu verheimlichen ſtrebe, die ihn ſichtlich verſtimme. Der Vater warf ſich, erſchoͤpft, in das Sopha, er faßte die Hand des geliebten Verwandten, wußte ihm die Anfrage, welche ſein Inneres zur Sprache brachte, Dank und machte denſelben fofort mit dem Kum⸗ mer bekannt, der ſo lange ſchon ſeinen Le⸗ benskelch vergaͤllte. Du biſt der erſte, ſprach er: dem ich mein Herzleid vertraue und auch Dich wuͤrde ich mit der betruͤbenden Eroͤffnung verſchonen, wenn ich es nicht jetzt als eine Pflicht gegen mich ſelbſt anſaͤhe, die Meinung eines ruhi⸗ 9 gen, muthigen, unbefangenen Freundes zu Der fruͤhere Entſchluß, dem Scheuſale Trotz zu bieten, das wahrſchein⸗ jenen Schlaftrunk die Geſundheit meines armen Lischens zerruͤttete, ſteht noch immer feſt, obgleich ſein Erſcheinen in dieſer weiten Entfernung von dem eigentlichen Heerde der furchtbaren, noch immer thaͤtigen Bande, deutlich zeigt, daß Heling es ernſtlich meint und wenn auch unbefriedigt, doch nicht ungeraͤcht zuruͤck kehren wolle. Er kam wohl ſchwerlich allein und die Unzahl der Boͤrſen und Uhren, der S beutel und Ringe, die, waͤhrend des Theater⸗Brandes, zum Theil mit offener Gewalt geraubt worden ſind, laͤßt mich fuͤrchten, daß ſich ein Haufe des E 95 Gelichters, unter ſeiner Fuͤhrung, in dieſe Gegend gezogen hat. Rudolf verbarg den gefuhlten Kummer, hinter dem geaͤußerten Erſtaunen uͤber die ſeltene Eigenthuͤmlichkeit des Verbrechers und ſagte, nach einigem Beſinnen— Gelaͤnge es uns, das Haupt unſchaͤdlich zu machen, ſo duͤrfte die Sippſchaft, hier, wo es an Verbindungen, Schlupfinkeln und juͤdiſchen Helfershelfern fehlt, wohl ſchwerlich ausdauern, noch die Vollziehung der Entwuͤrfe Helings gegen Sie zu fuͤrchten ſeyn. Unſere Polizei iſt langmuͤthig, wie der Himmel und treuherzig, wie die Unſchuld: X8 Jener duͤrfte unzweifeihaft, fräher, als er „ aufzufinden waͤre, ſchon erfahren, was ge⸗ gen ihn im Werke ſey. Mir aber faͤltt ein Mittel ein, deſſen Geliagen Sie auf immer von dem Buben befreit und das ihn, in unwahrſcheinlichen Gegenfalle, mindeſtens 6 ſchrecken und damit wohl auch verſcheuchen wird. Laſſen Sie mich handeln, guter Oheim! und verſetzen Sie ſich, bis der Er⸗ folg entſchieden hat, in ein Zimmer des obern Stockes, ohne bis dahin, das Haus zu ver⸗ laſſen. Die nahe Hauptwache ſichert es vor einem offenen Anfall und gegen den Dieb in der Nacht, reicht wohl jede, am Wege lie⸗ gende Maßregel hin. Wallow erwiederte darauf— Du biſt Soldat, mein guter Rudolf! biſt von Gefahren und Wagſtuͤcken abgehaͤr⸗ tet, und Kraft Deines Muthes gewoͤhnt, die Vorſicht, die ihr Feigheit ſcheltet, zu verachten. Aber ich darf Dich, meinetwegen, um keinen Preis ausſetzen und verlange zu⸗ vor Dein Ehrenwort in dieſer Beziehung. Mein Ehrenwort! fiel Rudolf, ihm die Hand bietend, ein. W. Alſo ſoll eine Liſt den Schlauen 97 in's Garn locken? Glaubſt Du, ehrlicher Mann, dieſen abgefeimten Schleicher ver⸗ blenden zu koͤnnen? R. Ich hoffe das und erbitte mir dazu dies eiſerne Kaͤſtchen, das ſich erwuͤnſchter fuͤr meinen Zweck nicht finden ließe. W. Es iſt zwar ein Erbſtuͤck, aber als Schatzkaͤſtlein vom Ueberfluß. Nimm es hin. R. Der Burſche verlangt ja das Gold wohl verpackt, und dieſe niedliche Schatulle entſpricht dem Begehren; ſie wird ihm ge⸗ fallen, hat eben Raum fuͤr die ſchuldige Summe und die verlege ich indeß. Wallow lachte. Aber biſt Du wirklich geſonnen, das Kaͤſtchen, als ein Scheinzei⸗ chen der Gewaͤhrung, auf den bezeichneten Platz am Hochgerichte nieder zu legen? R. Allerdings! ſobald es dunkelt. Die Schilling ate S. 1ar Bd. 7 98 Thuͤr iſt zerfallen, wie ich neulich, dort vor⸗ uͤberreitend, bemerkte; der Eingang iſt offen. W. Ich gebe Dir zu bedenken, daß das Gemaͤuer frei auf der baumloſen Hoͤhe ſteht, und es alſo ringsum, bis zu der Vorſtadt herab, keinen Verſteck zu Bergung eines Hinterhaltes giebt. Wohl aber koͤnnen jene — und es finden wohl zwei Dutzend Maͤn⸗ ner in dem Innern Raum— von dort aus, unbemerkt, die ganze Gegend uͤber⸗ ſchau'n; ſie halten gewiß ſchon jetzt den Platz im Auge, und wir haben zudem helles Wet⸗ ter und Vollmondſchein. Deſto beſſer, lieber Oheim! Um ſo eher wird ſie die ſcheinbare Sicherheit taͤuſchen; um ſo gewiſſer der Marder den lockenden Koͤder annehmen und die Nemeſis ihn endlich ereilen. Das Wie und Wodurch bleibt vor der Hand mein Geheimniß. Eben trat Amalie mit Freundinnen ein, 99 die den Brautvater zu begruͤßen kamen; Rudolf nahm, verſtohlen, das Kaͤſtchen an ſich und verſchwand; Wallow ſchoͤpfte freier Odem. Waͤhrend der Probe erhielt Alfried ein Brieflein von Frau Tauſendſchoͤn, das ihm der Theater⸗Diener verſtohlen in die Hand ſchob. Zwar galten beide, in der Meinung der Stadt, keines Weges fuͤr Sympathie⸗ Voͤgel, und man bezeichnete ſich ſogar die Veranlaſſungen und Gruͤnde des obwalten⸗ den Mißverhaͤltniſſes; doch war dieſe ſchein⸗ bare Spannung nur das Werk einer laͤngſt getroffenen, ſtillen Uebereinkunft, um ſiche⸗ rer Verleumdung zu entgehen, welcher ſie, als das oͤffentliche erſte Liebespaar der Buͤh⸗ ne, außerdem wohl ſchwerlich entronnen waͤ⸗ ren.— Sie ſchrieb— 100 „Ein neuer Anfall meines Uebels machte mir es geſtern unmoͤglich, das Ende des Stuͤckes im Theater zu erwarten, und dem gluͤcklichen Paare heute perſoͤnlich von dem Antheile meines wahrhaft ſchweſter⸗ lich fuͤhlenden Herzens zu ſagen. Schen⸗ ken Sie mir— ich bitte dringend darum — des naͤchſten Ihre Gegenwart, denn irgend Eine will Ihnen Heimliches ver⸗ trauen. Das, denken Sie, klingt wie ein Ruf zum Stelldichein! Ja, ja! ich. muß, der ſchoͤnen Frau zum Trotze, mein Heil verſuchen. Bin ich doch eine Tauſendſchoͤn.“ Am Abende ſchlich auch Noͤnnchens Mut⸗ ter, mit Eliſen und Paulinen, dem Theater b zu. Alfried hatte eine der dunkelſten Logen fuͤr ſie in Beſchlag genommen; Linchen aber 1 101 haͤtte dies Mal, noch viel lieber als ſonſt, in vollem Lichte neben der Frau von Halmer geprangt, um ſich als die Schweſter der ge⸗ feierten Thekla, beſchauen zu laſſen. War ſie doch, nach aller Urtheil, noch ſchoͤner als dieſe. Es gilt die Frage, ſprach Minona, klein⸗ laut geworden, kurz vor dem Anfange des Stuͤckes: ob ich auch heute gefallen werde, denn ich verdanke den geſtrigen, lebendigen Eindruck, vorzuͤglich wohl dem Selbſt⸗Ge⸗ ſpraͤche„Du Liebe, gieb uns Kraft, du Goͤttliche!“ das mich in meiner Lage natuͤr⸗ lich begeiſtern mußte, und vorzugweiſe wie⸗ derum der bezugreichen Schlußſtelle— „O wenn ein Haus im Feuer ſoll ver⸗ geh'n, So ſchießt der Blitz herab aus heitern Hoͤh'n.“ Gewiß! es war augenſcheinlich nur die 102 anſprechende Erinnerung an den Theater⸗ brand, die alles ſo erſchuͤtternd aufregte.“ Sie wirkte bei, erwiederte Alfried: aber der Haupt⸗Eindruck ging von dieſem rein geſtimmten Saitenſpiel aus, das in Schil⸗ ler's Grundtoͤnen wiederklang—„Weil der Gott Dich beſeelt, ſo wirſt Du dem Hoͤrer zur Goͤttin!“ biſt aber, als Mime, nur die Form, in der ſich dann der Genius des Dich⸗ ters ſichtbar macht. Hienieden muß die Geiſtesflamme ſelbſt, in einem zierlichen Ge⸗ faͤße lodern, wenn ſie die Sinnlichen erwaͤr⸗ men ſoll; Du aber erſcheinſt als ein ſolches Gefaͤß, in dem ſich jener Engel, annehmlich und genugthuend, offenbaren kann. Nur laß Dich gehn! Sey wie Du biſt! Die Co⸗ moͤdiantin faͤhrt, ereifert, aus der eigenen Haut in die fremde, und ſtellt dann, weil die nirgend paßt und haftet, ein Zerrbild in ſich dar; die Kuͤnſtlerin dagegen nimmt den 103 Charakter des Gebildes in ſich auf und wird, ihrer Eigenthuͤmlichkeit treu bleibend, ſein Spiegel.— Minona liebt mich, ſo Gott will! wie Thekla ihren Oberſten, auf Tod und Leben, und alſo haſt Du um ſo leichte⸗ res Spiel.„Glaͤnzend liegt vor Dir der neue goldne Tag“ und ein goldner Abend aͤberdies, den jene, leider! in der Gruft des Katharinen⸗Stiftes ſuchen muß. Um aber mein heutiges Grab aufzufinden, darfſt Du nur die Hand nach ihm ausſtrecken; ſobald Du dem Sarge nah'ſt, werd' ich lebendig. Darauf umfing er ſie, doch Noͤnnchen ſtraͤubte ſich, von den loſen Worten geaͤr⸗ gert; hauptſaͤchlich wohl der Schminke und des Anzugs wegen, welche die Liebesluſt des unzarten Kriegs⸗Oberſten bedrohte, doch„im Sturm errang er den Minneſold!“ Da applaudirte die geſammte, um ſie her ſtehen⸗ de Generalitaͤt, welcher nach aͤhnlicher Mund⸗ 104 Porzion geluͤſtete, und ſelbſt der graͤmliche Wallenſtein fuͤhlte ſich verſucht, ſein Vater⸗ recht geltend zu machen, aber Seni, der Sterndeuter, rief ihn ab, denn das Trauer⸗ ſpiel ſollte beginnen. Geſtern hatte Minona bereits die Herzen und Gemuͤther der Menge gewonnen, heute ſtimmten ſelbſt die kritiſchen Geiſter, mit Ausnahme einiger Helinge, zu dem Chor, und brachten der fruͤhreifen Kuͤnſtlerin ein reiches, wohlverdientes Opfer.— Endlich, bei den Schlußworten der Rolle—„Gute Nacht, geliebte Mutter!“ warf Minona, in ihrer Ruͤhrung, die leuchtenden Augen nach dem Dunkel hin, wo die liebende, ge⸗ liebte Mama, waͤhrend dem, die ganze Stu⸗ fenleiter muͤtterlicher Gefuͤhle, von der za⸗ genden Angſt um das Kind, bis zur hoͤchſten Sproſſe elterlicher Wonne, durchlaufen hat⸗ te. Es war die wohlthuendſte gute Nacht, . g 105 die ihr je noch von ihrem Noͤnnchen geboten ward. 3 Hab' ich Dir denn genug gethan? fragte Frau Alfried, nach dem Abtreten, ihren Gatten. Mehr als geſtern, erwiederte er: und den Zuſchauern uͤber die Gebuͤhr. Laß Dich von dieſen nicht verziehn, und erwarte uͤber⸗ haupt nur den geringſten Theil von allem, was die glaͤnzende Gegenwart Deiner Zu⸗ kunft verheißt. Du ſtehſt eben, als Kuͤnſt⸗ lerin, wie als Ehefrau, im Roſenſchein und Himmelslicht der Flitterwochen. Aber die Lichter verglimmen, aber die Roſen haͤngen an Spinnenfaͤden und der ſchoͤne Wahn reißt, bekanntlich, nach den Feiertagen, ent⸗ zwei. Das Publikum wird bald genug bloͤd⸗ ſichtig fuͤr unſere Vorzuͤge, doch um ſo ſcharfſichtiger fuͤr unſere Gebrechen. Die Hichter und Mimen vermochten ſonſt wohl 8 106 alle Welt mit ſchlichter Hausmannskoſt zu vergnuͤgen, jetzt mundet höͤchſtens nur die Truͤffel dem uͤberreizten Volk, und nach dem Schmauſe wird auch die noch bekrittelt. Es iſt erſchrecklich! fiel Noͤnnchen ein: aber ſprich jetzt nicht von Leckerbiſſen, denn mich hungert unbaͤndig, und wir finden heu⸗ te, zu Hauſe, nichts Warmes. Da fiel der Vorhang, ſie ward, wie geſtern, geru⸗ fen, fand ein um ſo waͤrmeres Publikum und ſagte, hold in ſich geſchmiegt, mit dem Dichter— 1 „Ein erhabenes Loos, ein goͤttliches iſt mir gefallen! Schon in des Strebens Beginn ſeh ich die Schlaͤfe bekraͤnzt.“ und dann dankte ſie den Guͤtigen noch, in Proſa, ſo kindlich und ungeſucht, als bisher wohl der Mama, wenn ihr dieſe mit den an⸗ genehmen Gaͤnſefett beiſprang. Alfried aber 3 ſagte tadelnd— Toujours perdrix! von — 4 3 107 den Kraͤnzen war erſt geſtern die Rede, und der Anti⸗Klimax am Schluſſe, vom Uebel. Am folgenden Morgen bewies die Po⸗ lizei, daß Rudolf ſie zur Ungebuͤhr getadelt habe, denn die thaͤtige war, Mann bei Mann, auf den Fuͤßen, um zwei Leichname aufhe⸗ ben und beſichtigen zu laſſen, die, laut der Anzeige des Nachrichters, am Hochgerichte lagen. Rudolf trat jetzt in des Hofraths Zim⸗ mer, der die Nacht ſchlaflos, in banger Sorge zugebracht hatte und wuͤnſchte ihm Gluͤck.. Heling iſt gerichtet, ſagte er: und wun⸗ derbarlich! durch des Schickſals Hand. Nicht durch die Deinige? rief Wallow: jener verneinte— Gott ſey gelobt! wie 108 R. Ich dachte geſtern, als Sie mit Ih⸗ ren Kummer und die drohende Gefahr mit⸗ theilten, und mir das eiſerne Kaͤſtchen in's Auge fiel, zuerſt an das Petarden⸗Weſen, denn es iſt, zweckmaͤßig angewandt, von moͤrderiſchem Erfolge. Die Schatulle ſollte, meinen Gedanken nach, zu einer ſolchen vor⸗ gerichtet, mit Pulver gefuͤllt, ein geſpann⸗ tes Terzerol hinzugefuͤgt, der Druͤcker durch einen Draht mit der aͤußern Umgebung ver⸗ bunden werden, und ſo mußte es, wenn der Raͤuber das Kaͤſtchen weg hob, einen Selbſt⸗ ſchuß ergeben, der ihn Theils verbrannt, Theils zerſchmettert, Theils erſtickt haͤtte, und das reichte hin. Naͤher erwogen, fand ſich jedoch, in der Ausfuͤhrung, manche Schwierigkeit, moͤgliches Mißlingen, aͤrge⸗ res Uebel dem zu Folge, und vor allem ſtraͤubte ſich mein Gefuͤhl gegen das meuchel⸗ hafte des Entwurfs. Es kam mir vor, als — 8 10⁰9 muͤſſe ich, Ehren halber, Mann gegen Mann, das Abentheuer beſtehen. Ich durf⸗ te zu dem hoffen, den Burſchen allein zu finden, denn warum ſollte ſich der Geldgie⸗ rige mit Helfern belaͤſtigen und zu einer Theilung bequemen, da dem Einzelnen, Falls ſein Brandbrief wirkte, das Ganze ge⸗ wiß blieb. Statt des Kaͤſtchens ward dem⸗ nach ein Werchgebund von alten Lappen, mit Blei beſchwert, geraͤdelt und umſtrickt, und ſo ſchritt ich am Abende, mit ſichern Piſtolen, mit einem haarſcharfen Hirſchfaͤn⸗ ger unter dem Ueberrocke und dem gewalti⸗ gen Steuer⸗Packet im Arme, dem hellen, lichten Galgen zu. Ringsum war alles ſtill, der Mond ging auf, kein Menſch ließ ſich blicken. Heling konnte bereits, unter den Flie⸗ derſtraͤuchern und dem hohen Unkraute, die das Innere des Gemaͤuers fuͤllen, verſteckt 110 Sollte ich mich ein bischen drinn umſehen?— Ja, unbedenklich! Nur auf liegen. Ihr Gold, lieber Oheim, war es abgeſehen, und der Vorbehalt, Ihnen kuͤnftig noch mehr abzupreſſen, in dem Briefe bezeichnet, mein Leben alſo, hoͤchſt wahrſcheinlich, in Sicherheit.— Die rechte Hand faßte und ſpannte nun, zur Vorſorge, ein Piſtol in der Taſche, die linke hielt den Bleiſchatz, der zugleich Bruſt und Herz vor Schuß und Stich ſichern half und als Verſoͤhnung⸗ Zei⸗ chen galt; alſo ward eingetreten. Holla! rief ich, doch nur das Echo der Galgenmauer ſprach es nach— ich wadete durch Neſſeln und Strauchwerk zu dem Flie⸗ der hin— da funkelten ein Paar feurige Augen im Winkel; ſie mochten einem Kaͤutz⸗ lein oder Kater gehoͤren, Gott weiß es! menſchliche Raubthiere fanden ſich nicht. Ich legte meine Buͤrde, dem Eingange ge⸗ 1 111 genuͤber, auf den bezeichneten Sims und verließ nun den ſchauerlichen Eirkus. Eban trat der Mond hinter ſchwarze Gewoͤlke. Kaum zwanzig Schritte weit vom Hoch⸗ gerichte breitet ſich des Nachrichters Kartof⸗ fel⸗Flur aus. Nach dieſer ſtand mein Sinn; die ſchnelle Verfinſterung ſicherte jetzt vor dem Blicke moͤglicher Kundſchafter; huſch, war ich drinn, bettete mich, der Laͤnge nach, unter das Kraut, in die Furche, und konnte nun, ungeſehen, Heling's Sans⸗ ſouci und ſeinen Eingang beobachten. Das Ohr lag am Boden, in jeder Hand eine ſchußfertige Piſtole, der Teufel ſelbſt haͤtte ſeinen Mann an mir gefunden. Aber kein Heimchen ruͤhrte ſich, nur ein verliebter Rammler ſpazirte in der Naͤhe voruͤber, ſei⸗ ner Haͤſin nach.— 8 Die Zeit ward mir allmoͤhlig lang. Es ſchlug zehn Uhr in der Stadt— eilf— 112 halb zwoͤlfe!— Der Mond ſchien wieder hall, und jetzt endlich ſchritten, vom Wald aus, zwei Maͤnner auf einem Raine her. Sie nahten ſich im leiſen Wortwechſel, ſa⸗ hen ringsum, verweilten an dem nahen, aus⸗ ſpringenden Winkel meines Lagers und buͤck⸗ ten ſich, um, wie es ſchien, zu erſpuͤren, ob nicht vielleicht die hochedle Polizei in dem Kartoffelkraute Ausſuchung thue. Dann ſchluͤpften beide durch die Arme⸗Suͤnder⸗ Thuͤr in's Innere des Hochgerichts. Ihr Peiniger, mein guter Oheim! hatte alſo einen Spießgeſellen. Jetzt kam der Ingrimm uͤber mich, und im Begriff, mich aufzuraffen, und die Buben, ſobald ſie mit dem gehobenen Schatze hervortraten, gehoͤ⸗ rig auf den Kopf zu ſchießen, wird es im Innern laut, vernehme ich einen Schrei— Angſtgeſtoͤhne— dumpfes Gebruͤlle.— Die Zweigſpitzen der Flieder⸗Gebuͤſche, welche 113 uͤber die Galgen⸗Mauer hervorragen, ſchwankten, wie vom Winde getrieben— dann ward es ſtill und Keiner von Beiden kam zuruͤck.— Ich ſtand ſchußfertig, an den Boden gewurzelt und harrte vergebens, wohl aber webte und regte es ſich auf der Schwelle des Einganges, der im Schat⸗ ten lag. Verlaßt Euch nicht auf Menſchen! ſagt die Schrift— und eben ſo wenig auf Euch ſelbſt! ſetze ich im Geiſte der Erfahrung hin⸗ zu, denn wir ſind alle nur Sklaven des nichtigen Leibes, der die Seele nach Gefallen bindet und los laͤßt. Furchtlos und ent⸗ ſchloſſen, bis zu dem Beginnen des myſti⸗ ſchen und moͤrderiſchen Treibens der beiden Unholde, vermochte ich es jetzt nicht uͤber mich, zu unterſuchen, was dort aus ihnen ward. Es trieb mich gewaltſam bergab, querfeldein, nach der Vorſtadt zuruͤck und Schiſting 2te S. 12e Bd. 8 114 Scham und Grauen bedeckte mich, wechſel⸗ haft, mit Fiebergluth und Grabeskaͤlte. Der Menſch hat den Soldaten abgeloͤſ't! bemerkte Wallow: und dieſer raſche Ueber⸗ gang von der Verwegenheit zum Kleinmuth erklaͤrt ſich leicht. Heut am Morgen, fuhr Rudolf fort: findet des Nachrichters Knecht, der auf dem Felde ſeines Meiſters zu thun hat, einen Leichnam vor der Schwelle des Hochgerichts und einen zweiten innerhalb der Mauer. So haben ſich denn, wahrſcheinlich, beide den Alleinbeſitz des Goldes verſchaffen wollen, jeder hat dem andern im Voraus den Tod zugedacht, oder der Moͤrder iſt ein Opfer der Nothwehr geworden. Man brachte eben beide Koͤrper nach dem Zergliederung⸗Saal und Sie koͤnnen ſich dort ſogleich uͤberzeugen, ob Heling unter ihnen iſt. Der Hofrath warf ſich ſchnell in die Klei⸗ der und fragte beſorglich, ob Rudolf auch glauben duͤrfe, unbemerkt geblieben zu ſeyn, da ihm außerdem eine peinliche Unterſuchung bevorſtehe. Ich bin gewiß, erwiederte dieſer: daß mich, außer den Feuer⸗Augen der vermuth⸗ lichen Raubkatze und den Klotz⸗Augen des ehrlichen Rammlers, kein ſterbliches Geſchoͤpf erblickte. Gern, ich geſteh es, haͤtte ich mei⸗ 3 nen Freund Alfried, bei ſeiner Vorliebe fuͤr verlorene Poſten, zum Beiſtand eingeladen, Theils aber waͤr' es heillos geweſen, ihn in der zweiten Hochzeitnacht auf ſcharfes Kom⸗ mando zu ſchicken„Theils mußte ich das Ge⸗ heimniß ehren und that auf alle Faͤlle wohl, nur mich ſelbſt einzuſetzen. Koͤnnte ich vergelten! rief der Oheim, ihn an's Herz druͤckend und machte ſich dann einen Behelf, um den Vorſteher jener Zere gliederung⸗Anſtalt, ſeinen guten Bekannten, 1 115 — * unverzuͤglich, einſtudirt werden mußte, und 116 heimzuſuchen; er ſah dort die Leichname und mit Schauern in Helings unverkennbares 3 Geſicht, das von dem Todeskrampf verzogen, einer Teufels⸗Larve glich. — Noͤnnchen griff jetzt, noch flammend von 1 des Gatten Kuſſe, nach einer Rolle, die nun, Alfried ging, um dem Verlangen der Frau Tauſendſchoͤn zu genuͤgen. Er fand ſie krank, auf den Divan gebettet, blaß und truͤbaͤugig, doch ſein Erſcheinen klaͤrte ploͤtzlich die Roſen⸗ ſtirn aus; ſie bat ihn, an ihrer Seite Platz zu nehmen, befahl dem harthoͤrigen Dienſt⸗ maͤdchen, im offenen Nebenzimmer zu ver⸗ „weilen, jeden etwaigen Zuſpruch abzuweiſen und ſagte, nach den erſten Wechſelreden— Mich, verlangte nach Ihnen, wie der Vergehenden nach ihrem Genius und ich er⸗ 117 kenne den meinigen in dieſem Freunde. Uns hat ja dieſelbe Kunſt, daſſelbe Loos und Ta⸗ lent verknuͤpft. Wie oft ward ich von Ih⸗ nen mit Liebesgluth erhoben oder gepeinigt, vergoͤttert oder vergiftet, je wie es die Rolle mit ſich brachte. Jetzt aber moͤge mir der Vertraute, auch hinter dem gefallenen Vor⸗ hange, die helfende Hand reichen, wenn es noch Huͤlfe fuͤr mich giebt. Ich bedarf Rath und That eines Getreuen, mag keinem Weibe beichten und rechne auf Sie. Zwar ſind die Maͤnner, im Allgemeinen, nicht verſchwiegener, als wir und geben, Trotz aller Geluͤbde, das Geheimniß des Freundes und der Vertrauten, oft genug einer Delila preis, doch Alfried, denk' ich, iſt der Mann im hoͤhern Sinne des Wortes. Entzweit mit allem, was dem Leben Werth und Reiz ver⸗ leiht, blicke ich luͤſtern zu dem Schleichwege hin, der an den Lethe hinabfuͤhrt, und ſeit 118 Wochen ſchon verbarg ſich unter dieſem läͤ⸗ chelnden Geſichte, der hoffnungloſe Gram. Alfried faßte erſchrocken ihre Hand, denn die holde, gutartige Tauſendſchoͤn war ihm lieber, als er ſich es, bis dahin, geſtehn wollte, und eine ſolche Eroͤffnung aus dem Munde der Lebensfrohen, ihm ſo uͤberraſchend, als betruͤbend. Theure Freundin, ſagte er bewegt: um Ihrem ehrenden Vertrauen zu entſprechen, bemerke ich zuvor, mit bruͤder⸗ licher Offenheit, daß Sie ſich, bei Ihrer an⸗ geborenen Reizbarkeit, bei Ihrer gluͤhenden Phantaſie und in ſo fieberhafter Spannung, unfehlbar da verloren glauben, wo jede Andere vielleicht nur eine Wetterfloge ſehen wuͤrde und daß die Verzweiflung nur dem Selbſtveraͤchter geſtattet iſt. Hoͤren und entſcheiden Sie denn! fiel ſie ein: ich will den langmuͤthigen Freund, weil es unbedingt nothwendig ſcheint, an meine 8 — — 119 Wiege zuruͤck und dann, laͤngs einem aſch⸗ grauen Lebensfaden, bis zu dem Grabe fuͤh⸗ ren, das ich, des Endes beduͤrftig, vor mir aufzuthun gedenke. Mein Vaͤterchen, lieber Alfried! war ein ſogenannter Kraͤmer oder Spezerei⸗Haͤndler in einem Staͤdtchen des ſuͤdlichen Deutſch⸗ lands. Ein frommer, beſchraͤnkter, beruf⸗ treuer Mann, der ſich, hinter der Laden⸗ tafel, vom Morgen bis zum Abend abmuͤhte, richtiges Maß und Gewicht fuͤhrte, und dem Armen ſein Brot brach. Eine beguͤterte Dame, die in dem Oertchen lebte und die⸗ Freundin meiner guten, ſehr verſtaͤndigen Mutter ward, fand mich geeignet, ihr laͤſ⸗ ſiges Toͤchterchen zum Wetteifer anzuregen; ich genoß demnach, vom ſiebenten bis zum vierzehnten Jahre, mit derſelben gemeinſa⸗ men Unterricht und danke dieſer Beguͤnſtigung und der trefflichen Fuͤhrerin des Fräͤuleins, 4— — 120 was ich bin, ſo wenig es ſeyn mag. Nach den Schulſtunden aber mußte ich, an der Eltern Seite, dem Gewerbe gemaͤß, Krethi und Plethi mit Eſſig und Oel, mit Syrup und Taback verſorgen, mußt⸗ den aͤrgſten Aſchebroͤdeln Schönes ſagen, damit ſie gefaͤl⸗ ligſt wiederkamen; herzbegierige Theilnahme an dem Gewaͤſche der Gevatterinnen zeigen und unzarte Scherz⸗ und Schmeichelreden der Dorfkunden mit Duldſamkeit anhoͤren. Die Kaͤufer haͤuften ſich vorzuͤglich um das Weihna htfeſt; die Feier ag fanden uns demnach gewoͤhnlich im Zuſtande voͤlliger Er⸗ ſchoͤpfung, denn Vaͤterchen verſagte ſich, aus Furcht vor Veruntreuung und als ich heran wuchs, um meinetwillen, den noͤthigen Beiſtand eines Dieners. Ploͤtzlich erkrankte an einem ſolchen Chriſtabende, meine pflicht⸗ getreue, aber ſchwaͤchliche Mutter und wir begleiteten ſie, am folgenden Neujahr⸗ 121 Morgen, troſtlos, zur Ruheſtatt. Der Nachruhm heiligte ihren Grabhuͤgel und mein Schmerz war grenzenlos, weil er der erſte, Herz erſchuͤtternde meines Lebens war. Jetzt wendete ſich auch jene, mir ſo wohl⸗ thaͤtige Goͤnnerin nach der Hauptſtadt und bald genug ſtand dem funfzehnjaͤhrigen Maͤd⸗ chen eine Stiefmutter zur Seite. Die neue Mama wollte als Ausnahme von der Regel gelten; ſie wollte eine leibliche, zaͤrtliche, ge⸗ treue Mutter in ſich darſtellen und ein Herz gewinnen, das nur fuͤr die verklaͤrte ſchlug. Meinen Schwaͤchen wurde geſchmeichelt, meine Wuͤnſche wurden errathen und wo msglich befriedigt; mein Ausſehn, mein Er⸗ lerntes und was mich etwa uͤber die Gaͤnſe⸗ ſchaar des Neſtes erhob, mit Eifer und vor den Leuten an's Licht gezogen und geprieſen. Und dennoch ward ihre Agnes deshalb weder eitler noch hoffaͤrtiger, noch anmaßender, — 122 weil mich die Stiefmutter wie ein widriger Liebhaber gemahnte, den ſein Muͤhen und Opfern bekanntlich nur fataler macht. E. Die Stiefmutter war demnach nicht achtungwerth? S. Sie war, Trotz ihrer koͤrperlichen Unlieblichkeit, eine eitle, putzſuͤchtige Thoͤrin, vergnuͤgenſuͤchtig, haͤmiſch, falſch und gleis⸗ neriſch; und wo es nicht Befriedigungen ih⸗ rer Selbſtſucht galt, ſteinhart und ſchmutzig karg.— Das Staͤdtchen hatte, ſeit kurzem, reitende Jaͤger zur Beſatzung erhalten, deren Befehlhaber uns gegenuͤber wohnte und deſ⸗ ſen Gattin, eines Wechslers Tochter, um ihres Geldes willen, zur Majorin ward. Dem Geldduͤnkel, der ſie auftrieb, hatte ſich ſeitdem der Adelſtolz beigeſellt; die Straßen⸗ einder nannten ſie den Pfau. Es thut mir leid, guter Alfried! Sie von mehr, als einem Zerrbild unterhalten zu muͤſſen, aber ſie ge⸗ — w — 123 hoͤren zum Ganzen und das ſchlimmſte der⸗ ſelben ſteht Ihnen noch bevor. Es war Herr Stallmann, der Bruder der Majerin, der, eben aus England zuruͤckgekommen, bei ſeinem Schwager auflag und als deutſcher Taugenichts den brittiſchen whimsical man in ſich darſtellen wollte. Er war unlaͤngſt, fuͤr tauſend Gulden, zum Freiherrn von Stallmark ernannt worden, gefiel ſich in der Peinigung ſeiner edeln Pferde und Hunde, als der Maͤzen der Straßenmaͤdchen, als un⸗ ermuͤdlicher Tagedieb und gleich ſo manchem andern verdorbenen Mutterſoͤhnchen großer Handelſtaͤdte, in allen dem, was edlere Naturen fliehen und haſſen. Aber Stall⸗ mann war herrlich geſtaltet, war, Trotz dem Vergeuden des Goldes, noch im Beſitz ei⸗ nes anſehnlichen Rittergutes; wuͤrdigte mich Feldbluͤmchen der Beachtung, die Mutter des Gruſſes und dieſe glaubte nichts gewiſſer, — 124 als daß ihr Liebling des naͤchſten um mich freien werde. Ich ſah mich, zu meinem Befremden, aus dem Hinterſtuͤbchen in ein vorderes gebettet, deſſen Fenſter auf die ſei⸗ nigen trafen, ward eifrig anermahnt, mich tiefer und freundlicher vor der Frau Majorin zu beugen und mit ihrem Zorn und Eifer be⸗ droht, wenn ich dem gnaͤdigen Herrn ſo ſchnoͤde, als bisher, den Ruͤcken kehre und ihm 1 nicht vielmehr ein wenig entgegen komme. f Ich aber verabſcheute den Elenden und haderte im Stillen mit Gott, der einen ſolchen in den Ueberfluß ſetzte, waͤhrend dem unſer ver⸗ dienſtlicher, erblindeter Schullehrer, die Schmerzenmutter Dorothee und noch ein Dutzend mir bekannter, frommer, pflichtge⸗ treuer Armen, in Hunger und Kummer vergingen. Gedachte Frau Dorothee, die Witwe ei⸗. nes Wachtmeiſters, der auf dem Schlacht⸗ ———,— 125 felde geblieben war und die nun ſeine bloͤd⸗ ſinnige Schweſter und fuͤnf unerzogene Kin⸗ der pflegen und mit ihrer Haͤnde Arbeit er⸗ naͤhren mußte, klagte mir eben, eines Abends, im Laden ihre Noth, als einer der reitenden Jaͤger eintrat und eine Waare verlangte, die unſer Lehrburſche aus der Niederlage her⸗ bei zu holen ging. Er hoͤrte, waͤhrend dem, der Kreuztraͤgerin zu und das Mitleid roͤthete ploͤtzlich des ſchoͤnen Juͤnglings Angeſicht. Ich ſah, wie er ihr, nach dem Empfange des Begehrten, ein Geldſtuͤck in die Hand ſchob und davon eilen wollte. Nein, lieber Mann! rief Dorchen, ihn feſt haltend, in ihrem Zartgefuͤhle: die Meinung erkenn' ich, kann aber noch arbeiten und mein Seliger wuͤrde ſich in ſeinem Soldatengrab umwen⸗ den, wenn ich Allmoſen naͤhme.— Der Jaͤger ergluͤhte vor Schamroth und Betroffen⸗ heit. Ich leih' Ihnen dieſe Kleinigkeit nur! — 126 ſagte er, und zu mir gewendet, mit einem ruͤhrenden Blicke ſeiner dunkeln, gemuͤth⸗ reichen Augen— O, holdes Maͤdchen! bitten Sie doch vor! Leihen? fuhr jene fort: von Ihrem bischen Loͤhnung? ich muͤßte mich der Suͤnde fuͤrchten. Gott vergelte Ihnen den frommen Willen! Der nimmt ihn fuͤr die That. Nicht von der Loͤhnung! erwiederte der Jaͤger und zog einen Dukaten hervor: da ſehen Sie, daß ich bei Kaſſe bin.— Sein Blick begegnete jetzt abermals dem meinigen, er ſah mich in Thraͤnen und ſprach, ſchnell ermuthigt— Zur Strafe fuͤr eine Demuͤthigung, die ich ſobald nicht verſchmerzen werde, muͤſſen Sie nun unbedingt dies Goldſtuͤck, ſtatt des armſeligen Guldens, als Vorſchuß annehmen — Sehn Sie nur hin; die Mamſell will es ſo! Damit legte er den Dukaten auf die Sr Sr 127 Tafel und ſprang hinaus; ich that, wie er gewuͤnſcht, ich redete der Armen zu, ich ſagte, der Herr hab' ihr, in dieſem Juͤnglinge, ſeinen Engel geſendet und ſie ſchied, Geſchoͤpf und Schoͤpfer lobend, mit Segenthraͤnen. Ein ſeltſamer Jaͤger! rief Alfried: von Stande wohl? Zur Halbſchied, ja. Der natuͤrliche Sohn eines Oberſten; er ſollte eben Ofſizier werden, als ſein Vater ſtarb und ihm nun andere vorgezogen wurden. Er hatte ſich, im Drange ſeines Ehrgeitzes, deshalb geregt, hatte ſich, von ſchnoͤder Abfertigung empoͤrt, mit harten Worten gegen den General ver⸗ gangen und war deshalb, nach langem Ver⸗ hafte, zum Gemeinen herabgeſetzt worden. E. Die Strafe iſt haͤrter, als das haͤr⸗ teſte Wort. S. Abſonderlich fuͤr ſeines Gleichen. Er ſchien geeignet, die Zierde jedes Offizier⸗ — 123 Corps zu ſeyn. Gebildet, edel, wunder⸗ ſchoͤn, ſprach dieſer Ungluͤckliche Sinn und Gemuͤth an und ſelbſt ſein bildlicher Name that mir wohl. E. Trug Er den vaͤterlichen? S. Nein! denn verſtohlene Liebe hatte ihn geboren und Tauſendſchoͤn genannt— E. Ihr Namenvettet alſo? wie wun⸗ derbar! S. Mit nichten. Ich ſelbſt nahm ſpaͤterhin, in die wildfremde Welt hinaus geworfen, den werthen Namen an, um bis an's Ende mich an ihn gemahnt zu hoͤren.— Agnes trocknete ihre thraͤnenden Augen und ſprach- Moritz lag neben an im Quartiere— die Thuͤren beider Hinter⸗Gebaͤude fuͤhrten auf das Feld und wir ſahn uns dort, zufäͤl⸗ lig, an einem der naͤchſten Abende— mir bebte das Herz vor Angſt und Freude, und 129 die Angſt hieß mich fliehn. Da trat er be⸗ ſcheiden herbei und ſprach mich an: ich lauſchte der ſittigen, wohlthuenden Rede und der Liebreiz ſeiner Stimme, ſeiner Form, ſeiner Blicke, miſchten ſich, waͤhrend der folgenden Nacht, in meine Traͤume. Er fand am naͤchſten Abende daſſelbe Maͤd⸗ chen an derſelben Stelle, er fand es, Abend fuͤr Abend wieder, und immer kuͤrzer ward der Abend und immer liebenswerther der Ge⸗ faͤhrte. Einſt traf er mich, Cyanen zu dem na⸗ hen Johannisfeſt pfluͤckend, unter den mannshohen Aehren. Er half und erzaͤhlte von der Nymphe dieſes Namens, die ſich, um der Ceres bedraͤngte Tochter zu retten, ihrem Entfuͤhrer kuͤhn, doch umſonſt, ent⸗ gegen ſtellte— erzaͤhlte mir von dem tra⸗ giſchen Verhaͤngniſſe dieſer Koͤnigin des Schattenreiches und von dem Jammer der Schilling ate S. 1ar Bd. 9 goͤttlichen Mutter, die, vergebens, rings um den Erdkreis das verſchwundene Kind ſuchte. Die ruͤhrende Fabel weckte in beiden Herzen Erinnerungen an die eigene, zu dem Schat⸗ tenreich hinab geſtiegene Mutter; beide prie⸗. ſen und ſegneten den entſchwundenen Engel; in ſeinen Augen glommen Thraͤnen der kind⸗ lichen Wehmuth, die meinigen wurden zum Strome. Da zog mich der leidtragende Juͤngling, in frommer Zaͤrtlichkeit erglaͤn⸗ zend, an ſeine Bruſt und ich ſtraͤubte mich nicht— er kuͤßte mich und ich erwiederte den Kuß— er fliſterte Worte der Liebe, und die erſte, gluͤhende Leidenſchaft antwortete. Ploͤtzlich ſpazirte der widrige Stallmann an uns voruͤber. Ich, die in dieſer erſten Ver⸗ klaͤrung des Lebens, die Außenwelt vergeſſen hatte, erwachte, wie von einem Geſpenſt er⸗ ſchreckt, und haͤtte faſt aufgeſchrieen. Wir ſtanden auf dem ſchmalen Rain unter den 131 Aehren; das Antlitz des Stoͤrenfrieds er⸗ gluͤhte, Trotz der Daͤmmerung, ſichtlich und wie ein Wiederſchein der Hoͤlle und ein gellendes Gelaͤchter, das er, gleich darauf, in unſerm Ruͤcken hoͤren ließ, durchſchnitt mein Innerſtes. Wem galt das? fragte Moriz und wollte ihm nachſtuͤrzen, ich aber ſank verzagend in die Knie, er mußte mir beiſtehn, mein Schickſal druͤckte mich zu Boden. Jener Widrige hatte mir bisher immer naͤher zu treten verſucht. Bald fuͤhrte ihn dieſer, bald jener Behelf in unſer Gewoͤlbe, bald aͤngſtigte er mich des Abends durch den Geſang unreiner Lieder, die, Trotz der ver⸗ ſchloſſenen Fenſter und Vorhaͤnge, in mein Schlafſtuͤbchen drangen, und der Stiefmut⸗ ter Groll gegen mich wuchs in dem Maß, als ich den meinigen dieſem Verhaßten zu Tage kegte. Wehe mir! Nach dem heuti⸗ * 132 gen Ueberfalle durfte Er ja, nach ſeiner An⸗ ſicht, vorausſetzen, daß mein Benehmen gegen ihn nicht aus der Quelle jungfraͤuli⸗ cher Zucht, nicht aus dem Zartgefuͤhl der Unſchuld, nicht aus der bloͤden Furcht vor ſeinem Geſchlechte hervorgehe. Ich aber konnte Tauſend gegen Eins wetten, daß mich der Boshafte ſchadenfroh preisgeben, fuͤr die Buhlerin eines gemeinen Soldaten er⸗ klaͤren und jenes Zuſammentreffen mit Far⸗ ben der Rachſucht und Verleumdung aus⸗ ſchmuͤcken werde. Dies alles gab ich, unter tauſend Thraͤ⸗ nen, dem Vertrauten zu bedenken und er erwiederte— ja, ich mag Dich nicht taͤu⸗ ſchen! Deine Furcht iſt gegruͤndet und ich begegne hier von neuem dem naͤchtlichen, feindſeligen Geiſte, der ſichtbar uͤber meinem Leben waltet und mich jetzt zum Stoͤrer Dei⸗ nes Friedens, zum Flecken Deines Rufes, 1 133 zum Verderber meines Abgottes macht. Da rief die Mutter von der Gartenplanke her; ich faßte eilig meine Feldblumen auf, ich druͤckte ihn ſchluchzend an das brechende Herz und eilte heim. Meinen Moriz traf am folgenden Tage die Wache. Er ſtand eben, vor des Majors Quartier, auf der Schildwache; den Vater hielt der Poſttag im Ladenſtuͤbchen feſt, und ich war— vor Angſt und Kummer bleich und krank— mit dem Burſchen und der Mutter allein im Gewoͤlbe, als Stallmann, gleich dem Widerſacher, eintrat. Er fragte nach Waaren, verkehrte mit jener, wendete mir hohnlaͤchelnd den Ruͤcken zu und warf, ſtolz abgehend, ein Zettelchen vor meine Fuͤ⸗ ße, das ich entweder alsbald beſeitigen, oder gewaͤrtig ſeyn mußte, es von der Mutter er⸗ blickt und geleſen zu ſehn. Ich erhob das Blatt, der Ohnmacht nah', ich ſchlich nach 134 meinem Kaͤmmerchen, und fand es, nach kurzer Ueberlegung, in meiner Lage unbe⸗ dingt noͤthig, mit dem Inhalte bekannt zu werden. Agnes griff jetzt nach ihrer Brieftaſche und reichte es dem Freunde; dieſer las— „Sie kleine Hexe ſind alſo auch wie alle die andern? Wenn werd' ich Taͤuſchbarer denn einmal klug werden? Soll es Papa und Mama und jedes kleinſtaͤdtiſche Laͤ⸗ ſtermaul erfahren, daß die und die ſogar mit gemeinen Jaͤgern im Korne buhlt, oder wollen Sie mir, auf derſelben Stel⸗ le, fuͤr immer den Mund verſiegeln, was Ihr Schade nicht ſeyn wird. Es macht ſich herrlich, da er von ſieben bis neun Uhr wieder auf der Schildwache ſteht, wir alſo voͤllig ſicher ſind. Sie haben die Wahl und ich halte in beiden Faͤllen Wort, worauf ſich zu verlaſſen iſt!“ 135 Abſcheulich! rief Alfried. Entſetlich! ſiel Frau Tauſendſchoͤn ein. Ich raffte mich endlich auf, denn der Mutter wiederholter Ruf zog mich in das Gewoͤlbe zuruͤck. Mo⸗ riz ſtand noch auf ſeinem Poſten, er uͤberſah jenes von dort aus; er hatte vielleicht ſelbſt den Fall des Blaͤttchens und daß ich es vom Boden aufnahm, bemerkt; ſein Geſicht war ſeltſam veraͤndert, verſtoͤrt, faſt Schreck er⸗ regend— Da fuͤhlte ich mich heftig in den Arm geknippen und ſchrie laut auf. Meine Stiefmutter hatte mir irgend etwas geheißen und wieder geheißen, aber mich betaͤubte mei⸗ ne Lage, und ſie machte ſich jetzt um ſo furchtbarer, da Stallmann's Thun und Ge⸗ behrden, im ſchreienden Widerſpruche mit dem bisherigen, ſie beleidigt und ihren ſtillen In⸗ grimm gegen mich verdoppelt hatte. Moriz erhielt vor der Abloͤſung ein Zei⸗ chen, das ihn her beſchied; ich ſtahl mich 136 noch einmal hinauf, um den abſcheulichen Wiſch mit einigen Worten von mir zu be⸗ gleiten, und ſpielte ihm dieſen, als er, gleichzeitig mit zwei andern Reitern, eintrat, in die Hand. Moriz ward dann, wie dieſe, abgefertigt, und ich eilte, mich krank mel⸗ dend und von meinem Anſehn beglaubigt, zu Bett, um die ſchoͤne Johannisnacht zu durchweinen. Am Morgen gingen die Aeltern zur Kir⸗ che, mein Freund ſtand wieder auf ſeinem Poſten und ſah, noch verſtoͤrter als geſtern, drein. Ueber ihm lag ſein boͤſer Feind im offenen Fenſter, ſang und pfiff, warf Stein⸗ chen, aus ſeinen Blumentoͤpfen hervorge⸗ ſucht, gegen das meine, und goß jetzt ploͤtz⸗ lich ein Glas voll Waſſer aus, das der Schildwache galt und ſie uͤberſtroͤmte. Scha⸗ denfroh ſah der Haͤmiſche dem Erfolge nach, Moriz dagegen erblaſſend auf; er rief— 8 „ 132 Coujon! und drohte ihm mit dem erhobenen Saͤbel. Da verſchwand der Coujon, ich aber warf mich, laut weinend, auf das Bett. Alfried ſprang empor und ſchritt haſtig auf und nieder; er ſchien, als Menſch, wie als ein geweſener Soldat, die Gaͤhrung zu theilen, die jetzt den Jaͤger entzuͤnden mußte, und ſein Gebehrdenſpiel zeigte, daß er, im Geiſte, dem Freiherrn von Stallmark zu Leibe gehe. Nach Abloͤſung der Wache, fuhr Frau Tauſendſchoͤn fort: blieb mein armer Moriz, auf Befehl des Majors, im VBerhaft. Er hatte ja einen Haupt⸗Frevel begangen, hatte als Schildwache verbrochen, den Reichsba⸗ ron als einen Coujon ausgerufen, der, ſelbſt als ſolcher, der Blutsverwandte ſeines hohen Vorgeſetzten blieb und nur zufaͤllig das Vlu⸗ menglas umſtieß, deſſen unſchuldiges Waſ⸗ ſer den Jäͤger, hoͤchſtens Tropfenweiſe, be⸗ 1— 138 netzt haben konnte. So lautete wenigſtens des Klaͤgers Anzeige. Jenem wurden dem⸗ nach, am folgenden Tage, nach einer Reihe woͤrtlicher Mißhandlungen, zwanzig Klin⸗ genhiebe zuerkannt, und noch ein Dutzend folgte ihnen, wegen des geaͤußerten, ſtaͤrri⸗ gen Trotzes, mit dem ſie Moriz hinnahm, ohne, nach der Sklavenſitte jener Zeit, fuͤr die gnaͤdige Strafe danken zu wollen. Ich erfuhr alsbald den heilloſen Vor⸗ gang durch unſer Maͤdchen, das, gleich allen Maͤdchen des Ortes, an dieſem Seltenen lebhaft Theil nahm und mit der Kammer⸗ frau des Pfaues im Vernehmen ſtand— ich litt wohl mehr als Moriz ſelbſt, war un⸗ faͤhig aufzudauern, und am Abende brachte mir das Soͤhnlein ſeines Wirths, unſer ge⸗ meinſamer Liebling, ein Briefchen, in dem er die Geſchichte der veruͤbten Unthat, kurz und gleichmuͤthig, darſtellte. Ich werde, 139 ſchrieb mein Vertrauter am Schluſſe: ich wer⸗ de Dich', des naͤchſten und auf immer, von dieſem Moloch befreien, und meine Agnes dann, fuͤr ein Weilchen und mit Zuverſicht, dem Engel der Pruͤfung uͤberlaſſen, an de⸗ ren Ziele der Brautkranz erbluͤht. Sey ſtark und ruhig! ſo bleibſt Du mein bis in den Tod. „Ich bin ein Weib, alſo ſchwach und angſtvoll, entgegnete ich: und aus jedem Deiner Worte, mein Moriz! blickt die ſtille Verzweiflung neben dem ſcheinbaren Friedensgeiſt hervor. Die Pruͤfung kom⸗ me, ſie wird mich bewaͤhren; aber wie koͤnnte ich das Ziel erreichen und Dein bleiben bis in den Tod, wenn Du mir vielleicht, durch ein Verbrechen, von dem Feinde zu helfen gedaͤchteſt? Du raͤchſt den Boͤſen dann, nicht uns! O, das be⸗ herzige!“ 140 Stallmann pflegte ſeine Pferde auf ei⸗ ner wuͤſten, zwiſchen dem Thor und dem Gottesacker gelegenen Sandſteppe zu tum⸗ meln. Die Jaͤger waren bei der geſtrigen Kirchen⸗Parade ſchlecht marſchirt; der Ma⸗ jor fuͤhrte ſie deshalb heute da hinaus, um den vernachlaͤſſigten Fußdienſt einzuuͤben; Moriz blieb, krank gemeldet, zuruͤck. Bald nach dem Ausruͤcken folgte Stallmann zu Roß, und wenige Minuten ſpaͤter ſprengte, zu meinem Entſetzen, mein Freund, den ich von den Nachwehen der erlittenen Mißhand⸗ lung, an das Bett gefeſſelt glaubte, auf dem Polacken ſeines Wirthes, in eigenen Klei⸗ dern, uͤber den Markt, aus dem Thore. Waͤhrend dem nun draußen der Major die Leute trillt, die Officiere beiher ziehn und der Baron die Truppe in kunſtmaͤßigen Bo⸗ gen⸗Linien umkreiſ't, ſprengt ein Reiter auf dieſen zu. Er ruft, wie geſtern, Coujon! 141 und ſchwingt einen gewaltigen Kantſchuh. Der Feige ſtrebt, laut aufſchreiend und ver⸗ gebens, ſich unter die Fluͤgel des Schwagers und der Compagnie zu retten; doch jener hat ihm den Weg verrannt, er muß hinaus in's Weite. Moriz bleibt ihm auf dem Nacken und hetzt den Verzagten, in immer weitern Kreiſen, rings um die Waffenbruͤder, wel⸗ che der Major vergebens zur Jagd auf den Frevler antreibt. Die Jaͤger erkennen ihren geliebten, gemißhandelten Kameraden in dem Anfechter, ſind, gleich ihm, gegen Je⸗ nen erbittert, und ihre Officiere ſehn, dieſel⸗ be Stimmung theilend, auf die Saͤbel ge⸗ ſtuͤtzt, dem Veitstanze lauſchend zu. Im⸗ mer dichter fallen die Schlaͤge, immer klaͤg⸗ licher ſchreit der Geſchlagene, und endlich fliegen beide an dem Wagen voruͤber, in dem der Pfau ſpaziren faͤhrt. Moriz hat jetzt die Straße erreicht, er laͤßt von dem 142 Zermalmten ab, verliert ſich in dem nahen Wald und iſt, mit dem ſinkenden Abende, jenſeit der Grenze und damit ein geborgener Mann. 1 Alfried ſchlug erfreut in die Haͤnde. Ich habe nach Kraͤften mit gehauen! rief er auf⸗ athmend: wie befindet ſich der Freiherr von Stallmark? Die Jaͤger waren nun verſoͤhnt! fuhr Agnes fort: ſie hoben den Schmerzenmann vom Pferde, ſie trugen ihn dienſtwillig in den Wagen und der Compagnie⸗Chirurgus nahm auf dem Ruͤckſitze Platz. Der pfla⸗ ſterte und baͤhete nun, in Hinſicht auf die volle Boͤrſe des Geblaͤueten, Wochen⸗lang, und dann verſchwand der Letztere, bei Nacht und Nebel, vorgeblich, um ſeinen Halb⸗ todtſchlaͤger bis an das aͤußerſte Meer zu verfolgen; aber er eilte, ſtatt deſſen, nach Paris, kehrte, bald genug, gepluͤndert und 4 41r,—— 4 9 143 verarmt, aus den dortigen Spielhaͤuſern zu⸗ ruͤck, und iſt vor Kurzem, als Polizei⸗Spion, in W. verſtorben. Ein edler Lebenslauf! Und unſer Tau⸗ ſendſchoͤn? S. Moriz ſchickte das Roͤßlein, am fol⸗ genden Tage, ſeinem Wirthe zuruͤck; er hat⸗ te es abſichtlich, ſtatt des Dienſtpferdes, ge⸗ braucht, und was der Compagnie gehoͤrte, bis auf das kleinſte Stuͤck, daheim gelaſſen. Ich Aermſte aber blieb, fortan, ohne irgend ein Zeichen ſeiner Fortdauer, und jetzt zog ſich der Krieg in das Land. Die boͤſe, ver⸗ feindete Stiefmutter hatte mir dieſen bereits, ſeit Stallmann's Entfernung, erklaͤrt; mein Leben ward immer dunkler. Der Vater klagte ſich eines Morgens, und war, vor dem Abende, verſchieden. Sie beerbte ihn. Aber am achten oder neunten Tage nach dem Heimgange des Seligen,(deſſen Herz die 144 Boshafte gegen mich erbittert und verſchloſ⸗ ſen hatte, gab es, unfern des Ortes, ein. heftiges Treffen. Der Feind eilte den flie⸗ henden Unſerigen nach, welche das arme Staͤdtchen, zu Sicherung des Ruͤckzuges, in Brand ſteckten. Die Gluth ergriff, gleich Anfangs, mein vaͤterliches Haus; die Stief⸗ mutter rannte, einer Wahnſinnigen aͤhnlich, Treppen auf, Treppen ab, wollte loͤſchen, dergen, retten, und doch, aus Furcht vor. der Pluͤnderung, keinem Beiſtand das Haus offnen. Sie fluͤchtete ſich endlich in den Keller, der fuͤr feuerfeſt galt, ich aber warf mich in einen Anzug des ſeligen Vaters, welcher ertraͤglich genug paßte, und floh durch die Hinterthuͤr' nach dem Feld und in das hohe Korn, das einſt, in ſchnell ver⸗ rauſchten, goͤttlichen Stunden, nſere ſchuld⸗ loſe Liebe verbarg— Ach! waͤr' ich Jener in den Keller gefolgt! Man fand ſie dort 145 erſtickt— ich lebe noch!— Da ſtand ich an dem werthen Platze, doch Moritz, wel⸗ cher der Einſamen jetzt zum Schilde gewor⸗ den ſeyn wuͤrde, ſtand nicht mehr an meiner Seite. Noch immer hatte er nicht geſchrie⸗ ben, wußte niemand um ſein Schickſal, troͤſtete ich mich, ſo oft mein Herz vor Sehnſucht brechen wollte, mit der Noth⸗ wendigkeit dieſer Pruͤfungſtunden, die mein Verlobter als Bedingungen kuͤnftiger Gluͤck⸗ ſeligkeit bezeichnet hatte. Aber zuruͤck unter die Aehren, welche mich noch vor Freund und Feind und ihren Kugeln ſchuͤtzten, die mehr als einen fliehen⸗ den Mitbuͤrger, ſelbſt Frauen und Kinder niederſtreckten. Jetzt wendete ſich ploͤtzlich das Spiel, denn unſere Truppen hatten ſich am Walde geſetzt, ſie drangen wieder vor, warfen jene durch den brennenden Ort und der Weg vor uns ward frei. Ringsum ſtan⸗ Schilling 2te S. 1ar Bd. 10 146 den nun, zu meinem Troſte, Nachbarinnen und Bekannte auf und ich eilte mit ihnen Waldeinwaͤrts. Meine Lage war heillos. Ein zartes, ſchreckhaftes, verlaſſenes Maͤd⸗ ſchen, zog ich mit dem Strome der Ungluͤck⸗ lichen fort, die von dem eigenen, uͤberraſchen⸗ den Elende betaͤubt, mir Rath und That und Antheil verſagten. An das Weichbild der Heimat grenzte zudem fuͤr mich, rings um eine wildfremde Welt und meine Habe be⸗ ſchraͤnkte ſich auf unpaſſende Mannskleider, auf dies goldne Ringlein mit den Haaren des Geliebten und einiges Spargeld. Im Walde traf ich, wie durch himmliſche Fuͤgung, auf den ehemaligen Wirth meines Moritz; unſer ſonſtiges, freundliches Brief⸗ traͤgerchen, hing, ſchlafend, auf des Greiſes Schulter, ich klagte ihm, jammervoll, meine Noth. Seyn Sie doch ruhig, Herzenskind! — V 147 troͤſtete er—„Wenn Menſchenhuͤlfe Dir gebricht, ſo hoff' auf Gott, verzage nicht!“ Wir gehn jetzt, unter ſeinem Schirme, ſelb⸗ ander, auf Waldwegen, die ich kenne, nach Kirchberg, wo mein Bruder, ein wohlhaben⸗ der Gaſtwirth, hauſ't. Dort iſt eben Sicher⸗ heit, der Mann kindgut und ſeine Toͤchter werden Sie mit Herzlichkeit aufnehmen. Ich ſegnete den redlichen Freund, wit eilten fort, durch dichte Waldungen; die Nacht war rabenſchwarz, doch hinter uns roͤthete das brennende Staͤdtchen den Him⸗ mel, mit furchtbarem Glanze. Mein Herz zerrann in unnennbare Wehmuth; ich dachte der vergangenen, goldenen Friedenzeit, der verewigten Eltern, des freundlichen Still⸗ lebens und pries die Schlafenden gluͤcklich in ihrer Kammer. Auch Morit, dieſer fluͤchtige Silberblick meines Lebens, ſchwebte mir jett lebendiger als jemals vor. Um von ihm re⸗ *. 148 den zu koͤnnen, that ich jener Jaͤger Erwaͤh⸗ nung, ging dann auf den Verſchwundenen uͤber und fragte, ob Er nichts von dem Fluͤcht⸗ linge vernommen? 3 Der Nachbar pries, gleich mir, ſein Lob und ſagte: er wiſſe nur ſo viel, daß Tauſend⸗ ſchoͤn, nach der Entweichung, zu dem Bru⸗ der ſeines verſtorbenen Vaters, einem vor⸗ nehmen, ruſſiſchen Offiziere gereiſ't ſey, der weit draußen, am ſchwarzen Meer im Quar⸗ tier ſtehe. Dort ſolle er die beßte Aufnahme und bei ſeiner Geſchicklichkeit gute Ausſichten gefunden haben, jedoch, bald nach der An⸗ kunft, an einem boͤsartigen Fieber geſtorben ſeyn.— Mir ſchauerte. Aber ich fuͤhle mich zu erſchoͤpft, guter Alfried! um vor jedem Trauergeiſte meines Nachtſtuͤcks zu verweilen. Wiſſen Sie alſo, daß mir, bei jener Familie in Kirchberg eine erquickende Aufnahme ward, — 149 daß ſich eine, auf ihrer Flucht vor dem Feind, in dem Gaſthof erkrankte Graͤfin, auf des Wirthes Empfehlung, meiner Pflege bediente, daß ich ihr Wohlwollen erwarb und ſie nach dem Hoflager begleiten mußte, wo ihr Ge⸗ mahl, als Kunſt⸗Direktor, auch der Buͤhne vorſtand, die meine Phantaſie, als eine nie erblickte Feenwelt, magiſch anſprach und ſchnell die Keime des Berufs in mir entfal⸗ tete. Meine Goͤnnerin und ihr Gemahl rieth mir vergebens ab; ich beglaubigte jenen Beruf fuͤrerſt bei einer mimiſchen, der Feier ihrer ſilbernen Hochzeit geltenden Darſtellung, im engern Kreiſe und betrat, bald darauf, unter dem Schutze des Grafen und nun von ſeiner Gattin ſelbſt beguͤnſtigt, die dortige Buͤhne. Auch mir ward, gleich Ihrer genialen Mi⸗ nona, eine hoͤchſt ehrende Aufnahme und ich fand, wie durch Eingebung, bald genug, das Rechte und die Weihe zu der Kraft. 150 Noch immer lebte der Gedanke an den Verlorenen, in ungeſchwaͤchter Wehmuth und Sehnſucht fort. Der gefaͤllige Graf ſchrieb jetzt, auf mein Andringen, an den Oheim, in deſſen Schutz ſich Moritz, jener Sage zu Folge, begeben hatte und die Ant⸗ wort beſtaͤtigte ſie, zu meinem Entſetzen. Der General hatte ſelbſt den Todtenſchein beigefuͤgt. Kein Wort von dem Herzleid, das dieſe ſchreckliche Gewißheit uͤber mich brachte. Kein Wort von meinen Lehrjahren und Lei⸗ ſtungen auf jenem Theater, noch von der eiſernen Treue, mit welcher ich, Trotz locken⸗ der Verſuchungen, den Seligen zu feiern glaubte, in welchem die Verwaiſ'te ihren Schutzgeiſt ſah. Der ungluͤckliche, die Flucht des Hofes und der Großen veranlaſſende Krieg, loͤſ'te unſern Kuͤnſtler⸗Verein auf. Ich trat unter die Fittiche der edlen Goͤnnerin — ———,, — ⸗ 151 zuruͤck, die mein Gluͤck dort gegruͤndet, mein Leben verſchoͤnt, ihm zu Bedeutung geholfen und mich, naͤchſt der heiligenden Liebe, auf ebner Bahn erhalten hatte. Ein koͤrperliches, hoͤchſt bedenkliches Uebel, be⸗ ſtimmte die Graͤfin bei einem beruͤhmten, ihr im Karlsbade bekannt wordenen Arzte, Huͤlfe zu ſuchen und wir reiſten deshalb nach Wien. Aber der Geiſt der Kunſt ſtrebte vergebens, das Schickſals⸗Rad zu hemmen, die Edle ſtarb dort in meinen Armen und ich ſtand, wie am Abende meiner Flucht aus der bren⸗ nenden Heimat, verllaſſen und verwaiſ't in oͤder Fremde. Doch„wenn Menſchenhuͤlfe Dir gebricht“ ſagte damals mein alter Schutz⸗ patron„ſo trau auf Gott, verzage nicht!“ Und der fromme Rath bewaͤhrte ſich auf's Neue an der Zagenden. Fernher und uner⸗ wartet kam der Ruf, der mich unter den willkommenſten Bedingungen an unſere Ge⸗ 152 ſellſchaft knuͤpfte. Ich trat, aus Gruͤnden, welche Theils in meiner unerloͤſchlichen Liebe fuͤr den Verewigten, Theils in meiner Weib⸗ lichkeit, Entſchuldigung finden duͤrften, als die Witwe Tauſendſchoͤn zu derſelben und lebte ſeitdem unter Ihren Augen— Und tadellos, fiel Alfried ein: und muſterhaft, als Jungfrau, wie als Kuͤnſt⸗ lerin— Stilll rief ſie, ergluͤhend und fuhr dann fort—8 Vor Monaten wird, eines Morgens ein Herr gemeldet. Der Name war mir fremd, ich hatte mich uͤberdies, am vorigen Abend, als Ariadne erſchoͤpft, war unwohl, im Nachtkleide und ließ ihn abweiſen. Das Maͤdchen kam zuruͤck und ſagte laͤchelnd— Er will nicht gehn! Er habe geſtern, auf dem Theater, einen Haarring gefunden, in dem Ihr Name ſtehen ſoll und ſey zu eitel, — vE 4 133 um ſich der Gunſt des Zufalls zu begeben. Eitel oder nicht! ſetzte ſie hinzu: er hat das Recht dazu, denn ich ſah noch keinen liebens⸗ wertheren Mann! a Ich blickte, waͤhrend dieſer Entgegnung, erſchrocken auf meine Hand, vermißte, jetzt erſt, das werthe Kleinod, fuͤhlte mich dem ge⸗ faͤlligen Freunde alsbald auf's Innigſte ver⸗ pflichtet, warf ſchnell den Mantel um, ein Haͤubchen auf und ſagte— Laß ihn kommen! Da trat er ein und ich ſchrie auf und ſtuͤrzte ſchwankend zu ihm hin, an ſeine Bruſt, denn Moritz ſtand vor mir! und eben ſo ſchnell riß ſich die Getaͤuſchte wieder los, denn eine ſeltene, ſprechende Aehnlich⸗ keit hatte ſie betrogen. Ach, er war eben ſo ſchoͤn, ſo herrlich geſtaltet, viel beredtſamer jedoch und geſchmeidiger, aber den Augen mangelte jener wohlthuende Geiſt, der mich, aus Blicken des Vollendeten, wie Cherubim 154 anſtralte. Ich ſtammelte Entſchuldigungen und rechtfertigte mein Treiben mit der ange⸗ deuteten Verkennung; Moritz ward fuͤr einen lieben, todt geglaubten Bruder erklaͤrt. 3 Der Fremde wuͤnſchte ſich Gluͤck und be⸗ klagte gleichzeitig die Kuͤrze deſſelben und den ſchnellen, bekraͤnkenden Wechſel. Herr Amos, ſagte der Gaſt fernerweit: habe ihn geſtern, weil er vergebens das Doppelte fuͤr einen Platz geboten, mit ſich auf das Theater genommen und er, nach dem Schluſſe des Stuͤckes, den Ring am Boden erblickt, und mittelſt der Inſchrift, hoch erfreut, die Beſitzerin deſſelben entdeckt. Taͤuſcht mich nicht alles, hob Alfried, mild und ſeufzend an: ſo ward der Fund und das ſcheinbare, der Phantaſie ſchmei⸗ chelnde, Verhaͤngniß, das dieſes Ebenbild des ſeligen Moritz zum Finder ſeines Ringes erkor— ſo ward Ihre Sehnſucht— Ihr 7 — — — 155 zaͤrtliches Herz— ſeine Anmuth und Ihre Dankbarkeit zum Garn, aus dem der Feind alles Heils den Zauberſchleier wob, in dem Sie jetzt, entzaubert, das Leichentuch ſehen. Agneſe bedeckte haſtig ihr Geſicht mit den Haͤnden, unter denen die Thraͤnen hervor⸗ ſtroͤmten und rief— Sie ſehen klar! A. Ihr Herz vergaß allmaͤhlig das Muſter uͤber dem Abbilde— S. Nein! ich ſah meinen Todten in ihm— A. Und der Scheintodte mißbrauchte dieſe Selbſttaͤuſchung— S. Er war ein Mann, wie, ach! faſt Alle ſind! A. Die Stunde ſchlug? Agneſe ſchwieg — das leuchtet ein! Sie ſagte bebend— das wird auch, bald genug, aller Welt einleuchten. Daher mein Kraͤnkeln und mein Ausſehn! A. Iſt ſeine Hand noch frei? S. Allerdings! wir verlobten uns und nur ein Hinderniß, das Er, wegen der nach geglaubten Entfernung deſſelben, nicht naͤher bezeichnen wollte, machte es bis jetzt rath⸗ ſam, die Heirath zu verſchieben und unſer Verhaͤltniß geheim zu halten. Noch immer war indeß jener Anſtoß nicht beſeitigt, als ich die Zeichen meiner Lage untaͤuſchbar em⸗ pfand und ihm mittheilte, denn es galt nun der Ehrenrettung und jede andere Bedenklich⸗ keit mußte weichen. Mein Freund ſchien be⸗ troffen, ja erſchuͤttert; die Nachwirkung die⸗ ſes Eindrucks blieb mir, Trotz der Gewalt, die er ſich anthat, noch im Laufe der naͤchſt⸗ folgenden Zuſammenkunft ſichtbar, aber der Trauungtag ward nun beſtimmt. E. Und der Betruͤger floh? S. O, nicht doch! Sein Wille war und blieb der beßte— —,— —— — —/ 157 E. Aber das Hinderniß, das erdichtete, wie ich glaube, trat ploͤtzlich noch gewaltſamer in den Weg— S. Ein Hinderniß allerdings, aber ein anderes, das, gleich dem Blitze, ſchoͤn und ſchrecklich, vom Himmel fiel. Sie ſahn, mein guter Alfried, bis jetzt nur den Schat⸗ ten des Ungluͤcks, das meine weibliche Schwuͤche uͤber mich brachte— hier aber iſt mein Ten Mea en Sie! denn Morit lebt! und liebt mich noch! Damit reichte ſie ihm einen Brief aus Trieſt. Morit ſchrieb, im Geiſte ſeiner fruͤhern⸗ reinen und innigen Zaͤrtlichkeit; er verſchob die noͤthige, aus ſeltſamen und gebieteriſchen Verhaͤngniſſen hervorgehende Rechtfertigung des langen Schweigens und Ausbleibens, auf den wonnereichen Tag des Wiederſehns. Dieſer ließ ſich, fuͤr den Augenblick, nicht puͤnktlich beſtimmen, doch ſtand zu hoffen, 158 der goͤttliche werde nicht fern ſeyn, da alles, was die Sehnſucht eines menſchlichen Her⸗ zens befluͤgle, ihn an das Herz der Vielge⸗ treuen ziehe.— Der Vielgetreuen! rief Agneſe, laut weinend, aus, warf ſich, verzweiflungvoll, vom Divan auf die Knie und die Haͤnde ge⸗ rungen gen Himmel. Alfried hob ſie auf, er ſprach und troͤſtete mit heilſamer Milde und mit endlichem Erfolge und fragte nun— Weiß denn Ihr Braͤutigam um die Ver⸗ kuͤndigung des Todtgeglaubten? 1 Er weiß darum! erwiederte ſie: und er⸗ klaͤrte, nach dem Verrauſchen des erſten Sturmes, daß nun die Ankunft des wieder Gefundenen erwartet, dieſer mit unſerem Verhaͤltniß und ſeinen Folgen bekannt ge⸗ macht und zu freier Wahl geſtellt werden muͤſſe. Falls Moritz, auch unter dieſen Um⸗ ſtaͤnden, den alten Anſpruch geltend mache, — 159 trete er, ſoviel es ihm auch koſten moͤge, be⸗ ſcheiden zuruͤck, getroͤſtet von der Zuverſicht, mich, einem ſolchen Beweiſe nach, uner⸗ meßlich geliebt zu wiſſen. Alfried faßte ihre Hand, er ſagte, mit herziger Traulichkeit— Geſtehn Sie mir es endlich, ſuͤße Liebe! wie nennt ſich dieſer großmuͤthige Opferer? Leis und erroͤthend entgegnete ſie— ich nenne ihn unter dem Siegel Ihrer Ehre— Sein Name iſt Tieffuß! Da ließ er ſchnell die zarte Hand fallen, ſprang auf und rief— iſt's moͤglich? Der! — Ach kaͤme doch Moritz! und moͤchte er dieſem zweiten Stallmark wie dem fruͤheren vergelten! Der Bube iſt ein ſchleichendes Gift— Ein Typhus! Gott verdamme ihn! S. Ich hoffte auf Rath und Troſt und milden Balſam fuͤr unheilbare Wunden, Sie aber zerbrechen mir vollends das Herz. 160 Man ſagt ihm alkerdings, wie ich erſt ſpaͤter⸗ hin vernahm, viel Schlimmes nach, doch ſo viele glaͤnzende Vorzuͤge mußten natmuͤrlich Mißgunſt und Feindſeligkeit erregen. Alfried ging ſinnend auf und nieder, ließ ſich die Antwort des ruſſiſchen Generals und den beigeſchloſſenen Todtenſchein zeigen, die Beide in Agneſens Beſchluſſe waren und fand den Inhalt beider in der Form und hoͤchſt glaubwuͤrdig. Er verglich auch jenes fruͤhere Briefchen des Jaͤgers mit ſeiner Zu⸗ ſchrift aus Trieſt, fand beide von derſelben Hand und fragte, ob Tieffuß dieſe Pappiere in den Haͤnden gehabt habe? Zum oͤftern, ja! und neulich, Tage lang, die ganze Brieftaſche, um ſie mit ei⸗ nem neuen Schloͤßlein verſehn zu laſſen. Alfried ergriff alsbald wieder den einge⸗ gangenen Brief und ſagte, nach abermaliger, genauer Durchſicht— Sie wurden be⸗ — 261 trogen, arme Freundin! ich ſchwoͤre dar⸗ auf! Aber, mein Gott! rief ſie klaͤglich: die Handzuͤge und der Poſtſtempel ſind ja unum⸗ ſtoͤßliche Zeugen der Aechtheit, und was, in aller Welt, koͤnnte Tieffuß mit dieſem grau⸗ ſamen Gaukelſpiele bezwecken? A. Den Aufſchub der Heirath, deucht mir; mehr begehrt er nicht. Unterdeß wird Ihr Zuſtand ruchbar; Sie dringen in ihn; er aber macht es zur Gewiſſenſache, den Dritten zu erwarten, deſſen Naͤherrecht nicht verkuͤmmert werden duͤrfe, und ſagt, wenn die Geaͤngſtete, in ihrer Bedraͤngniß, auf jenen verzichten ſollte— nimmermehr! Ich kann mir es, Kraft der heiligen Pflicht gegen mich ſelbſt, in keinem Fall zumuthen, mein Schickſal an ein Weſen zu ketten, das einem Andern anhaͤngt und angehoͤrt, und Schilling 2te S. 1ar Bd. 4 11 162 immer nur den Nothhelfer in mir ſehen wuͤrde.. S. Sie deuten, wie Sie haſſen, Al⸗ frieb! Aber ſo argliſtig, ſo tüͤckiſch und ſelbſtſuͤchtig iſt Tieffuß wahrlich nicht. E. Und waͤr' er es dennoch, dann ſehe ich, im Falle des Schleiers, Ihre Rettung. Sie verlaſſen, von der Kraͤnklichkeit genoͤ⸗ thigt, die Stadt, werden in der Ferne Mut⸗ ter, und erſcheinen dann auf irgend einer andern, genannten Buͤhne, von neuem, und unbezweifelt mit demſelben Erfolge. Ja, ſollte ſelbſt verlauten, was geſchah, ſo richtet die Welt, Thaliens Prieſterinnen be⸗ kanntlich im Geiſte der Milde. Leicht fäͤllt ja, die Allen gefallen ſoll. S. Ein ſchmaͤhlicher Troſt fuͤr meines Gleichen! Aber geben Sie mir die Gewiß⸗ heit, daß Moritz wirklich zu Staube und Tieffuß mein boͤſer Daͤmon ward, und ich — 163 will den hartmuͤthigen Freund, fuͤr beide Herz⸗zerreißende Beweiſe, ſegnen, will Kraft zur Ausdauer ſammeln und meiner Zukunft getroſt entgegen gehn. E. Es gilt den Verſuch, ſo ſehr ſich auch, was weiblich in ihm iſt, gegen die Ue⸗ berzeugung ſtraͤuben duͤrfte. Dem Schickſa⸗ le verfallen, wird ſelbſt der ſchlaueſte Boͤ⸗ ſewicht, im entſcheidenden Augenblicke, vom Leichtſinne bethoͤrt, von der Beſonnenheit verlaſſen, unwilluͤhrlich ſein eigner Anklaͤ⸗ ger; ich begegnete hier eben einem ſolchen Selbſtverrath und lobe die ſtille Nemeſis. Halten Sie dieſen Brief aus Trieſt gegen das Licht! Wie kam wohl Moritz, in der Entfernung von achtzig Meilen, zu dieſem Briefbogen, der unſer Staatswappen und die Zeichen der hieſigen, eben erſt in Gang geſetzten Pappierfabrik, im Waſſerzug ent⸗ haͤlt? Selbſt der Poſtſtempel ward nur mit 164 Tuſche aufgetragen, und die Aehnlichkeit der innern Schriftzuͤge mit den ſeinigen ſind ein. Kunſtwerk des Gauners, der dies Talent unfehlbar zu Fertigung falſcher Wechſel und Unterſchriften benutzen mag. Frau Tauſendſchoͤn ſtarrte ſchweigend das vorgehaltene Blatt und die eben einge⸗ tretene, noch unbemerkte Minona, ihren Mann und ſein Beichtkind an. Man hatte derſelben eine ſehr ſchwierige Rolle zugetheilt, nund ſie traf vorhin, bei der Durchſicht, auf ſo manchen Zweifelknoten, den ihre kritiſche Freundin, welcher ſie ohnehin einen Kran⸗ kenbeſuch zudachte, wohl am beßten zu loͤſen vermochte. Das Dienſtmaͤdchen fand, Trotz der erhaltenen Weiſung, um ſo weniger Be⸗ denken, Frau Alfried einzulaſſen, da ſie un⸗ ſtreitig kam, ihr Maͤnnchen abzuholen und demnach als eine Ausnahme zu betrachten war. 165 Frau Tauſendſchoͤn erſchrak vom Herzen, als ihr dieſe geiſterhafte Erſcheinung in's Au⸗ ge fiel; Alfried dagegen nickte gleichmuͤthig dem Spiegel zu, in dem ihm jetzt ihr Bild erſchien; er legte gemachſam den Brief zu⸗ ſammen, reichte ihn der Kranken und ſprach — meine Anſicht, denk ich, kann nicht taͤuſchen! Frau Tauſendſchoͤn aber umarmte Minonen mit Zaͤrtlichkeit, und ſuchte die Wolke wegzuſcherzen, welcher ſie auf dieſer ſchoͤnen Stirn begegnete. Du ſuchſt mich wohl, Herzchen? fragte Elfried indeß; das Herzchen deutete, weich und kleinlaut, den eigentlichen Zweck des Zuſpruchs an; habe aber die Freundin viel⸗ leicht eben mit ihm zu verkehren, ſo komme ſie ein anderes Mal wieder. Ei, Du galante Frau! rief der Gatte und zog Minonen an die Bruſt, was ſie, bitterſuͤß laͤchelnd, geſchehen ließ. Agneſe 166 verſicherte waͤhrend dem, man habe aller⸗ dings verkehrt, weil die Krankheit ſie gefan⸗- gen halte, und Herr Alfried es gefaͤllig uͤber⸗ nehmen wolle, Namens ihrer mit dem Vor⸗ ſteher zu ſprechen und derſelben einen unbe⸗ dingten Urlaub auszuwirken. Das Geſpraͤch ward jetzt allgemein, Noͤnnchens kluge Au⸗ gen muſterten indeß, verſtohlen, das Aus⸗ ſehn ihres Mannes, deſſen Antlitz in Pur⸗ purlicht ſtrahlte, und die verblichene Tau⸗ ſendſchoͤn, deren ſchalkhaftes Treiben und Lachen die Truͤbſeligkeit des Innern nicht durchaus verhehlen konnte. Alfried fand es, von Agneſen heimkeh⸗ rend, rathſam, den ſchoͤnen Herbſttag zu ge⸗ nießen und mit Minonen um die Stadt zu gehen. Sie wandelten ſchweigend an der 8 167 ſchoͤnen Welt voruͤber, welche das holdſelige, kunſtreiche Paar mit Wohlgefallen betrachte⸗ te, und ihr Eheherr ſagte— Wer uns begegnet, erſcheint mir wie ein ſpazirender Gluͤckmunſch; denn alle faſſen Dich laͤchelnd in's Auge und preiſen mich im Herzen ſelig, und wer nicht preiſt, den frißt der Neid. 4 Du biſt ſehr irrig, entgegnete Minona: die Damen wenigſtens ſehn bloß den herrli⸗ chen, beruͤhmten Alfried an, der Taube hoͤ⸗ rend, Geſunde herzkrank macht und Sieche herſtellt. Ich moͤchte vielmehr Dich des Irrthums zeihen, erwiederte ihr Mann. Der Antheil, welchen Dein Geſchlecht an ſeinen Schwe⸗ ſtern nimmt, iſt ſo lebhaft, daß der Gefaͤhr⸗ te faſt gaͤnzlich unbeachtet bleibt, wenn er eine Dame begleitet; denn nur auf dieſer haften ihre Blicke. 168 Euch, des lieben Anſtands wegen, nur fluͤch⸗ tig beſehn duͤrfen; unſere gegenſeitige Be⸗ achtung gilt uͤbrigens weniger der Perſon, als dem Anzuge, da uns die Mode Schnitt und Formen vorſchreibt, jede alſo in der an⸗ dern gleichſam ſich ſelbſt muſtert, oder Neues an ihr aufſucht und abſieht. G E. Wir Maͤnner ſehen allerdings mehr auf den Kern, und wiſſen wohl kaum, wenn uns Eva begegnet hat, ob ſie ein gruͤnes Feigenblatt trug, oder blitzblimerentblaue. S. Dann iſt der guten Tauſendſchoͤn Gluͤck zu wuͤnſchen, der es heute an Blaͤt⸗ tern zu fehlen ſchien. E. Wahrhaftig? Sieh, das zeugt fuͤr meinen Satz. Die Arme ſchuͤtzt denn wohl das Krankenrecht, S. So duͤrfte mich ſelbſt der Arzt nicht erblicken. 3 Noͤnnchen verſetzte darauf— weil wit 8 4 169 E. Ich ſah nichts Arges, liebes Kind! und ſie in mir gleichſam den geſchiedenen Mann. Das Weibchen iſt, manch Dutzend Mal, meine Geliebte, meine Frau oder Maitreſſe geweſen; ſie hat mir, mit und ohne Shawl und faſt unter allen Abſtufun⸗ gen weiblicher Kriſen, bald lebenskraͤftig, bald beſinnunglos, geſund und todt am Her⸗ zen gelegen— Berufsweiſe und vor der Welt Augen! fiel Minona verdrießlich ein: das iſt in der Regel! aber heute— E. Aber heute, mein Schatz! mach' ich den erſten ſchwarzen Strich in unſern Haus⸗ kalender, und einen ſolchen kuͤnftig unter jeden Tag, an welchem mir mein Noͤnnchen, un⸗ veranlaßt, den Handſchuh hinwirft. S. Lieber! Beßter! wer tadelt denn Dich? Nur von dem Nachtkleide der Tau⸗ 170 ſendſchoͤn war ja die Rede, und wuͤrde mein Alfried nicht vielleicht den ganzen Kalender in's Tintenfaß ſtecken, wenn er ſeines Glei⸗ chen bei mir gefunden und ich jener aͤhnlich geſehen haͤtte? Alfried ſagte, nach kurzem Beſinnen— allerdings! Du biſt vernuͤnftig, und Deine Eiferſucht ſpricht ſich ſo fromm und gutartig, wie ein Zartgefuͤhl aus, das ich ehren muß. Tauſend andre, ſelbſt achtbare und belobte Frauen, wuͤrden ſich, ſchon in dem Kran⸗ kenſtuͤbchen, kaum zu faſſen gewußt und mich dann, unter vier Augen, wie boͤſe Feen, angeſpruͤht haben; da waͤre nun der erſte Hader losgebrochen und beide haͤtten Unrecht gehabt, Unrecht gethan, und den erſten Streitkolben fix und fertig geſchmiedet. Glaube mir auf mein ehrliches Wort, gutes Noͤnnchen! ich und Frau Tauſendſchoͤn ſtan⸗ den wohl nie entfernter vom Baume des — 171 Erkenntniß, als eben in dieſer Morgen⸗ ſtunde. Faſt haͤtte ihn Minona jetzt, in ihrer Zufriedenheit, zur Erbauung der zahlreichen Luſtwandler, umarmt, beſann und maͤßigte ſich jedoch und lispelte, floͤtend und flehend— nun keinen ſchwarzen Strich! Bewahre mich Amor! erwieberte der Gatte: einen rothen vielmehr! der ſoll hin⸗ fuͤhro jede neu aufſproſſende Knospe unſers Gluͤckes bezeichnen, und am Sylveſterabend iſt dann alljaͤhrlich Muſterung. Wie freue ich mich! rief Noͤnnchen aus: bleibſt Du Dir gleich, ſo wird der Roͤthel im Preiſe ſteigen. Der,Hofrath hatte den guten Vetter Ru⸗ dolf, nach deſſen Flucht aus Hohland's Hau⸗ ſe, in ſein Gartenſtuͤbchen verſetzt, das je⸗ 172 6 doch waͤhrend des Winters, welcher ſich nun allmaͤhlig nahte, nicht bewohnbar war. Der⸗ ſelbe mußte auch taͤglich bei ihm eſſen, und ſah ſich uͤberhaupt, als den Liebling des Hau⸗ ſes, mit zuvorkommender Sorgfalt beachtet; aber es that dem zartfuͤhlenden, ſelbſtaͤndi⸗. gen Manne nur um ſo weher, dieſen güti⸗ gen Verwandten zur Laſt fallen zu ſollen. Dazu bekuͤmmerte ihn ſein koͤrperlicher Zu⸗ ſtand; die Kopfwunden machten ſich, in ih⸗ ren Nachwehen, noch oft genug fuͤhlbar, und vergebens bewarb er ſich um Anſtellung, denn es fehlte ihm zwar nicht an gerechten Anſpruͤchen und Faͤhigkeiten; aber an dem Rechte des Unrechts, das, naͤchſt dem Gluͤckskinde, die Treffer zieht. Rudolf fand endlich ein ſehr freundliches Quartier im dritten Stocke des benachbarten Hauſes. Ein Pietiſt der tollſten Klaſſe hat⸗ te vor kurzem, in demſelben, ſeine Gattin 1 — 173 und zwei liebliche Kinder, mittelſt eines Scheermeſſers, dem Herr⸗Gott geopfert und ſich dann ſelbſt den Hals abgeſchnitten. Es blieb ſeitdem unbewohnt, weil das Grau'n vor der Unthat die Miether abſchreck⸗ te, und der Wirth des Hauſes erbot ſich, als Wallow es beſah, ihm ſolches fuͤr die Halb⸗ ſchied des bisherigen Zinſes abzulaſſen. Ru⸗ dolf bezog es ſofort, Trotz aller Einwendun⸗ gen Amaliens und ſeiner Muͤhmchen, wel⸗ chen, bei dem bloßen Gedanken an dieſe un⸗ heimlichen vier Pfaͤhle, die Haut ſchauerte, und er und Alfried mußten ſelbige dahin be⸗ gleiten, als ſie, aus Liebe zu dem Vetter, ann hellen Mittage dort einſprachen, um die Junggeſellen⸗Wirthſchaft einzurichten und ſeine Fenſter kunſtmaͤßig zu behaͤngen. Der Vater und Amalie ſorgten fuͤr den uͤbrigen Hausrath, und ſo ward denn die greuliche Moͤrderhoͤhle ploͤtzich zu einem lieblichen 174 Sorgenfrei, aus dem man den bunten, huͤ⸗ geligen Teppich der Umgebung mit ſeinen Doͤrfern, Waͤldchen und Landhaͤuſern, uͤber⸗ ſah. Nudolf fuͤhlte ſich hier ſo wohl und erheitert, als ob ihn der Fuͤrſt in einen neuen, nuͤtzlichen Wirkungkreis verſetz häͤtte. Auch an ſeines guten Oheims Haus⸗Al⸗ tare bluͤhten jetzt erblichene Roſen wieder auf. Tieffuß hatte, ſeit jener Brandnacht, die Familie verlaſſen und gemieden, ſich von Paulinen gaͤnzlich abgezogen und damit das bitterſte Herzleid uͤber die Verblendete ge⸗ 3 bracht. Doch ihre Leidenſchaft wich allmaͤh⸗ lig der Empoͤrung uͤber ſeine unverwirkte Treuloſigkeit; ſie ging endlich in dem Ab⸗ ſcheu unter, welchen die Schweſtern, die Mutter und Rudolf, durch mitgetheilte Thatſachen und unleugbare Beweiſe ſeiner ſtillen Verworfenheit begruͤnden halfen.„So⸗ phiens Reiſen von Memel nach Sachſen“, — 175 die Amalie eben damals den Kindern, im Laufe der laͤnger werdenden Abende, vorlas, vollendeten, Trotz ihrem altmodiſchen Reif⸗ rocke und den uͤberall vorragenden Pedan⸗ ten⸗Ohren des Verfaſſers, als eine treff⸗ liche Maͤdchenſchule, Paulinens Heilung. Das gute Lischen, bis dahin ſichtlich dem Tode zureifend, beſſerte ſich, zu des Vaters ſtiller Verwunderung, ſeit Heling's Unter⸗ gange, von deſſen furchtbarer Beziehung zu ihm und ihr, ſie doch keine Ahnung haben konnte, auffallend ſchnell und dauerhaft. Minona endlich ſchritt mit glaͤnzendem Er⸗ folge, auf dem gewaͤhlten Wege vor, und Alfried, ihr Genius, erhielt ſie, Trotz al⸗ lem Weihrauche, welcher, nah' und fern, zu Noͤnnchen's Ehre dampfte, bei dem Gei⸗ ſte der Demuth und der Gelehrigkeit. Der Kalender wimmelte bereits von rothen Schaͤ⸗ ferſtaͤͤben, und der einzige ſchwarze Strich 1 176 unter dieſen war nur das Hoͤrnlein eines Zwergboͤckchens⸗ Frau Tauſendſchoͤn hatte indeß, wegen zunehmender Kraͤnklichkeit, ihre Stelle aͤuf⸗ gegeben und bekannt werden laſſen, daß ſie nach Wien zu reiſen, und ſich bei dem Arzte, welcher dieſelbe, fruͤher, dort von heftigen Kraͤmpfen befreiete, Rathes zu erholen ge⸗ denke. Ihr fleckenloſer Ruf und die Sorg⸗ falt, mit welcher Tieffuß, aus Ruͤckſicht auf aͤhnliche Verhaͤltniſſe zu andern Bethoͤr⸗ ten, ſein Verſtaͤndniß mit Agneſen, ver⸗ heimlicht hatte, ſicherten ſelbige vor allem Verdacht und damit vor zweideutigen Nach⸗ reden. War jener Brief ihres Moritz wirk⸗ lich aͤcht, ſo fand derſelbe im Polizei⸗Amte, wo er, bei dem Eintreffen, nothwendig er⸗ ſcheinen mußte, eine, dort von ihr nieder⸗ — I27 gelegte, ſchriftliche Weiſung, ſich an Herrn Alfried zu wenden, welchen ſie, mit vollem Vertrauen, zu ihrem Mittler auserkoren hatte. Dieſer glaubte indeß gewiß ſeyn zu duͤrfen, daß Moritz, fall's er noch unter den Lebenden walle, an dieſer Zuſchrift kei⸗ nen Theil habe; er beklagte die arme Ver⸗ leitete und erblaßte vor Ingrimm, ſo oft ihm der heilloſe Tieffuß irgendwo aufſtieß. Als in jenen Tagen ein Geſchaͤft den Herrn von Hohland, fuͤr ſeine Perſon, von der ererbten Herrſchaft Berga, nach der Hauptſtadt zuruͤckfuͤhrte, fand er die alte, gute Veronika im Hinſcheiden begriffen, und verweilte, tief geruͤhrt, an ihrem Bette, denn er kannte den Werth der Getreuen, ihre vieljaͤhrigen, weſentlichen Verdienſte um das Haus ſeiner Schwiegermutter, wie Schilling ate S. 12r Bd. 12 178 um die eigene Gattin. Sein Erſcheinen rief die Matrone vom Todes⸗Ufer zu⸗ ruͤck; ſie druͤckte dem Goͤnner die Hand, fuͤhlte Kraft und Sehnſucht ſich zu aͤußern, dankte ihm fuͤr die freundliche Anerkennung und ſprach mit Wehmuth den Wunſch aus, daß ſein inneres Gluͤck dem aͤußern kuͤnftig gleichen moͤge. Ich verſtehe Dich, Muͤtterchen! erwie⸗ derte er ſeufzend: und es mag Dir laͤngſt klar geworden ſeyn, daß es mir an jenem gaͤnzlich gebreche; aber was laͤßt ſich in mei⸗ ner Lage thun, wenn ein ſanftmuͤthiges, nachſichtvolles, den Frieden liebendes Herz, den Gewaltſchritten widerſtrebt? Ich kann mein Ehekreuz nicht abwerfen, ohne die wa⸗ ckere Mutter meiner Frau bis in den Tod zu betruͤben— ich kann die Rechte, um welche ihre Schlauheit und Herrſchſucht den Ver⸗ blendeten allgemach brachte, nicht zuruͤck — 179 nehmen, ohne mein Haus zur Hoͤlle, mein Weib zum boͤſen Geiſte werden und ſie von den Ausbruͤchen ihrer wilden Heftigkeit zer⸗ ruͤttet zu ſehn. Sie liebt mich nicht! In diee ſer Ueberzeugung liegt ein Ungluͤck, das ich mit unzaͤhligen Freiern und Ehegatten thei⸗ le, die es nicht ahnen, weil Selbſtſucht oder Kurzſichtigkeit ſie ſelig taͤuſcht. Aber Ade⸗ laide iſt, bei allen ihren Flecken, treu, und dieſe Tugend entſchaͤdigt den Mann von Ch⸗ re fuͤr alles, was er uͤbrigens, nach einem Mißgriffe dieſer Gattung, an der Gewaͤhl⸗ ten vermiſſen und entbehren mag. Die Treue iſt das Hoͤchſte! Treus wiederholte Veronika, mit ei⸗ nem Blick, einer Stimme und Gebehrde, welche die Binde vor ſeinen Augen gleichſam mit dem Schwert zerhieb; denn Blick und Gebehrde ſchrieen, als ſichere Zeugen des Gegentheiles, auf, und das Wort gemahnte 2 2 180. ihn, in dieſer Weiſe ausgeſprochen, wie der Zeterruf des oͤffentlichen Anklaͤgers. Nicht? rief er aufſchauernd: da ſchloß Veronika die Lippen und verſchied. Herr von Hoöhland haͤtte um die Erlaͤu⸗ terung jenes einzigen, armſeligen Lautes eine Tonne Goldes gegeben; aber die Zungen der Todten kann nur der Engel des Welt⸗ gerichts loͤſen. Nicht? wiederholte er— nicht! alſo treulos? Und dieſe fromme, bewaͤhrte Tu⸗ gendſame, ſprach, mit Wiſſen, nie ein un⸗ wahres Wort; wie koͤnnte ſie in der Ster⸗ beſtunde luͤgen? Veronika mußte ihrer Sa⸗ che gewiß ſeyn, und wollte jetzt dem Pflicht⸗ gefuͤhl— dem Drange des Gewiſſens genüͤ⸗ gen. Da tritt die blinde Schickſals⸗Goͤt⸗ tin dazwiſchen, die, wechſelhaft, die Kinder und Werke der Suͤnde bald verraͤth, bald — 181 beguͤnſtigt, und ſtuͤrzt mich in den Abgrund des Argwohns! 1 Hohland verließ jetzt die Todte; er ſchritt 4 durch die Zimmerreihe, nach ſeinem Gema⸗ che, und auf dieſem Wege auch durch jenes, welches, vor ſeiner Abreiſe, dem Retter von Landhelm zugetheilt ward. Wallow? lispelte er, ſich beſinnend: der ſprach ja, waͤhrend meiner fruͤhern Entfer⸗ nung, bei ihr ein— den lobten alle meine Leute, das Fraͤulein Molly ſelbſt und Ade⸗ laide erroͤthete— ja ſie erroͤthete und ſchien betroffen, ſo oft die Rede von ihm war, und lobte auch, doch gleichſam nothgedrun⸗ gen, und beſchwichtigte haſtig, faſt ſtuͤrmiſch, die gute Molly, wenn dieſe ſeiner, ſpaͤter⸗ hin, Erwaͤhnung that. Und dieſer Mann hat, wie der Thuͤrſteher ſagt, noch ſchwach 182 und krank, mein Haus am zweiten Tage wieder verlaſſen. Das Alles aber geſchah am Ende, um mich ſicherer zu taͤuſchen und als Folge geheimer Uebereinkunft; denn wes⸗ halb ſprach dieſer Officier, eben in meiner Ab⸗ weſenheit und dann nicht wieder zu, da ſei⸗ ne That ihm doch die beßte Aufnahme ver⸗ buͤrgen mußte?— Hohland muſterte dar⸗ auf, im Geiſte, den Kreis ſeiner uͤbrigen, jungen Tafel⸗ und Ballgaͤſte. Zwar gab es manchen unter dieſen, dem die Verfuͤh⸗ rung, ſelbſt eines Halb⸗Engels, gelingen konnte; manchen, der ſich in der Wuͤſtenei der Luͤſte, oder, als Soͤldner einer Buhle⸗ rin gefiel, oder, dem Teufel gleich, am lieb⸗ ſten der Liebe Gluͤck und das Heil der Un⸗ ſchuld zerſtoͤrte— doch ſah er rings nur Tiefen, nirgends Grund. Der Kammerdiener unterbrach, durch allerlei Anfragen, die Betrachtung, und — 183 Hobland oͤffnete einen Zettel voll Auftraͤge, die Adelaide, um ſeinem Gedaͤchtniſſe zu Huͤlfe zu kommen, darin verzeichnet hatte: am Schluſſe ſtand geſchrieben— Tieffuß ſoll uns beſuchen.— Bring' ihn mit! keine Ausfluͤchte! Der Name fiel, gleich dem Begehren, auf ſein Herz. Tieffuß hatte ja, in Rom und Neapel, ſeiner Gattin als Chevalier d'honneur gedient, ſich ihm hier alsbald wieder zugeſellt, und dort und hier, von Adelaiden mehr als irgend einer beguͤnſtigt, freien Zutritt gehabt— dieſem mußte un⸗ fehlbar Veronika's ſtille Deutung gelten, an dieſem haftete ploͤtzlich ſein Verdacht, und der gruͤbelnde Argwohn trug ſofort, eine Fuͤlle von Belegen aus der Vergangenheit und der Gegenwart herbei. Es galt die Pruͤfung, und Adelaidens Verlangen erleich⸗ terte ſie. Tieffuß ward eingeladen, er ſagte 184 zu und begleitete den Herrn von Hohland nach Berga. — Schon ſeit zwei Tagen hatte ſich Ru⸗ dolf nicht in Wallow's Hauſe blicken laſſen, und Alfried ging jetzt hin, den Grund ſeines Ausbleibens zu erfragen. Er fand den Ver⸗ trauten in ſichtlicher, nur mit Anſtrengung verhaltener Bewegung, und erzaͤhlte ihm, als jener der theilnehmenden Frage auswich, vom alten Kloſter⸗Prediger und von dem letzten Maskenballe, von Noͤnnchens Thun und Napoleons Treiben, und Rudolf ſaß wie Carlos da, als die Prinzeſſin Eboli mit ihm verkehrte. Du ſchmoll'ſt und ſinn'ſt! ſprach Alfried endlich: aber ich muß, vor meinem Abgan⸗ ge/ mit dem unſaubern Geiſte bekannt wer⸗ — den, der ſo ploͤtzlich und ſo ſichtbar zwiſchen uns trat— Wo iſt er? wo? rief Wallow aufſprin⸗ gend; ſeine Augen rollten ſcheu und erſchre⸗ ckend umher. Alfried ſtand erſtaunt; er zog den Ver⸗ ſtoͤrten an die Bruſt, er fragte weichmuͤthig — was iſt Dir, Guter? ich begreife Dich nicht— Du liegſt ja in des Freundes Ar⸗ men. Faſſe doch Vertrauen und ſchuͤtte Dein Herz uns! Gern, da auch Du ihn ſieh'ſt! erwie⸗ derte Rudolf— ſonſt haͤtte ich's verſchwie⸗ gen; leicht wird man ja laͤcherlich, und doch iſt das Unding, das mich draͤngt, bei Gott! kein Gegenſtand fuͤr Scherz und Spott. So ernſt vielmehr und ſo daͤmoniſch, daß es mich faſt zerruͤttet² hat.— Du weißt, wie wohl mir ward in dieſer Wohnung, und daß ich gleichſam einen Hafen in ihr ſah— 186 ein wohlthuendes Raſtquartier nach widrigen Biwachen. Ich zeichnete in dieſem ſchoͤnen Licht um eins ſo gut, ich ſtudirte, las, ſchrieb Beitraͤge fuͤr eine militaͤriſche Zeit⸗ ſchrift und war immer bis nach Mitternacht thaͤtig, denn die Nacht iſt mein Engel und das Licht des Friedens geht fuͤr mich immer erſt mit den ſtillen, ewigen Geſtirnen auf. Vor kurzem berechne ich eben einen tri⸗ gonometriſchen Satz und meine Augen haf⸗ ten endlich an der Uhr, die auf zwei zeigt. Es war rathſam, das Bett zu ſuchen. Ich entkleide mich und denke noch der Aufgabe nach; da laͤßt ſich vor der Thuͤr' ein Weh⸗ laut hoͤren. Katzen vermuthlich. Auch die plagt das Herzweh, dachte ich: laß ſie ge⸗ waͤhren. Aber bald darauf ſchleicht es ver⸗ nehmlich vor der Thuͤr' und wispert, webt — entrauſcht.— Diebe vielleicht? aber die ſuchen ſchwerlich einen ſchlagfertigen, — ——— +—— 187 Hunger leidenden, auf Wartegeld geſetzten Lieutnant heim, und außer mir walten hoͤch⸗ ſtens einige Maͤuſe⸗Familien in dieſem ver⸗ rufenen, dritten Stocke. Geſpenſter alſo? Doch unter allen Fratzen, welche die Wahn⸗ ſucht den Menſchen aufdringt, war ſolcher Spuk mir immer am laͤcherlichſten. Ich ergreife das Licht, trete hinaus und verfolge den Gang bis jenſeit der Ecke, wo er, recht⸗ winklich abbrechend, noch etwa zehn Schrit⸗ te weit fortlaͤuft und vor der Thuͤr einer Kammer endet. Man uͤberſieht dieſe mit⸗ telſt des Fenſters, durch das ſie, vom Gang aus, beleuchtet wird, und weder auf dieſem noch in jener ließ ſich, außer mir, etwas blicken. Alſo Katzen! dachte ich: die raſtloſe Ad⸗ jutantur des alten Unholds und fuͤr die un⸗ heimliche Zuthat hat Deine Phantaſie geſorgt. Damit Punktum! ſchaͤme Dich und geh zu Bette! 188 In der folgenden Nacht beginnt jedoch, weit fruͤher, daſſelbe Spiel. Ich hoͤre win⸗ ſelnde Kinderſtimmen; es rieſelt— fliſtert — tropft. Jetzt erſt ſiel mir die vergeſſene, in dieſem Bezirke veruͤbte, greuliche Menſchen⸗ Opferung meines wahnſinnigen Vorgaͤngers ein und die Sache gewann nun, tief in meiner Bruſt, ein anderes Anſehen. Ich bin vom Weibe geboren, alſo dem Inſtinkt 8 unterthan, der ſelbſt das phantaſieloſe Thier, oft genug, mit Grauen erfuͤllt und das be⸗ ſchlich mich, wie der kaͤltende Tod. Ich mußte der widerſtrebenden Natur Gewalt an⸗ thun, um die geſtrige Unterſuchung zu wieder⸗ holen und auch dies Mal fand ſich nichts, ob ich gleich ſelbſt jene Kammer, am Ende des Ganges oͤffnete und unterſuchte. Man hatte, nach der Greuelthat, die Koͤrper der Erwuͤrg⸗ ten in ihr aufgehoben; noch haͤngen beide Kinderkaͤppchen, vom Blute ſtarrend, an — ——— 189 der Wand— ich kehrte, wie geſtern, un⸗ aufgeklaͤrt zuruͤck, warf mich auf's Bett, ſtand wieder auf und muſizirte, um mein Gehoͤr vor jeder weitern Anregung zu betaͤu⸗ ben und mit dem Morgen ſtellte ſich jener be⸗ taͤubende Zufall, den ich fuͤr immer ver⸗ ſchwunden glaubte, allmaͤhlig wieder ein. Du biſt allerdings krank! verſetzte Alfried: und warſt es augenſcheinlich bereits in der Nacht, wo ſich der Spuk zum erſten Mak vernehmen ließ. A Ich war geſuͤnder, als ſeit Jahren! fiel Wallow ein: ich erwachte, faſt hergeſtellt, aus jenem Hinbruͤten, das mich, bis zum Nachmittag, im Bette feſt hielt; ſtand auf, umkreiſ'te die Stadt, um Blut und Nerven in der freien Luft zu erfriſchen, und es war noch taghell, als ich heimkehrte, des Un⸗ weſens jetzt im Herzen lachend und uͤber den Gang auf meine Stubenthuͤr zuſchritt⸗ 190 Aber da ſchaut um die Ecke, im Hinter⸗ grund, ein erdfahles Frauengeſicht aus blu⸗ tigen Augen. Komm mit mir! bat Alfried, ſeine Hand faſſend: ich bin nun einmal Dein Quartier⸗ meiſter und lege Dich, vor der Hand, in das Stuͤbchen, wo Minona ihren Kleider⸗ kram aufſtellte; wie gern wird ſie den Vetter betten, der ihrem Mann, in dunkeln wie in lichten Stunden, getreu zur Seite blieb. Komm, Bruder Herz! der Wundarzt muß nach Deinen Wunden ſehn. Jetzt war es uͤberhaupt nicht ziemlich, Dir den zerhaue⸗ nen Kopf mit Gleichungen, Potenzen und dergleichen abſtraktem Gerille zu zerbrechen. Dein belobter Nacht⸗Engel iſt uͤbrigens je⸗ dem Sterblichen, ein boͤſer feindſeliger; des⸗ halb wendet auch die alma mater unſer Antlitz von ſeiner dunkeln Unform ab und verſchließt ihm, wohlthuend, Augen und — —— 191 Sinne. Der große Donnerer ſelbſt und alle Goͤtter der Mythe, die hohen Sinnes voll iſt, fuͤrchteten die Nacht.— Dieſe Stelle, fuhr Alfried lachend fort: ſteht in Minonens Schreibebuche, das jetzt zu Wickeln verbraucht wird; doch ſtatt des Wortes„Unform“ hat ſie damals„Uni⸗ form“ geſchrieben. Die ſchwebt den Maͤd⸗ chen immer vor und bleibt ihnen angenehm, wenn auch die dunkle Unform darinnen ſteck⸗ te.— Genug, Du folgſt mir jetzt, und ſtatt dieſer graͤulichen Phantome ſoll meine Frau, ſoll Lischen, Linchen und die zaͤrtli⸗ che Mutter— ein Chorus guter Geiſter, Dich umgeben. Rudolf druͤckte ihm, faſt krampfhaft, die Hand und ſagte wehmuͤthig— waäͤr' ich doch als Soldat gefallen! Nun falle ich Euch zur Laſt und dem Staate. Dem Staate, Du? der hartmuͤthigen — 192 Stiefmutter, die Dich, fuͤr theuere Opfer⸗ ungen, mit Salz und Brote ſpeiſſt! Doch komm! es daͤmmert ſchon und ich muß mich heute noch ſeltſam gebehrden, denn Hamlet ſteht vor dir. Mir grauet vor dem Pruͤfung⸗ ſteine, und ich lebe, ganz in der Stille, des Glaubens, daß der große Genius ſeinen Prinzen ſo wenig als ich verſtand, als er ihn auf das ſchwankende Seil, zwiſchen Witz und Wahnwitz, zum unloͤsbaren Naͤthſel fuͤr den Darſteller, hinpflanzte. Wallow erwiederte, die Hand an ſeine Stirn legend— mir iſt, als ſtuͤnde ich ne⸗ ben ihm, vom Wite verlaſſen und vom Wahnſinne beſchlichen, ein Pruͤfſtein fuͤr die Freundes⸗Treue. Die wird ſich bewaͤhren! rief Alfried, ſchmerzlich ergriffen: nur folge mir und ohne Saͤumen. Es ſoll Dir zu Muthe werden, wie neulich uns, als wir aus dem dumpfen, — 2 6 2 193 dunkeln Theater⸗Keller in das helle Gottes⸗ haus eintraten. Komm! meine Schwaͤge⸗ rinnen moͤgen Minonen nicht als Ophelia ſehn, und ich verſprach ihnen eine Entſchaͤdi⸗ gung. Du biſt den Muͤhmchen die will⸗ kommenſte. Rubolf lauſchte erheitert, er verſchloß ſein geringes Habſal und Alfried fuͤhrte ihn mit ſich fort, in Wallow's Wohnung, denn derſelbe hatte das Quartier, welchem er ſeine Minona dankte, auch als Ehemann behalten und eine Thuͤr verband jetzt beide. — Die Maͤdchen huͤpften ihm froͤhlich ent⸗ gegen, die Hofraͤthin bot ihm zaͤrtlich die Hand; doch Rudolf war bereits, unter We⸗ ges, in ſich verſunken und verſtummt; er gruͤßte, laͤſſig und wortkarg und nahm, waͤhrend dem ſein Freund die Mutter abſeit Schilling 2te S. 1ar Bd. 13 194 zog und heimlich mit ihr ſprach, auf deren Sorgenſtuhl im Winkel, Platz. Alfried ging nun und Amalie ſagte, zu dem Vetter zuruͤckkehrend— ſie hoͤre mit Bedauern, daß er von neuem unwohl ſey; er ſolle ſich doch, unbedingt, als den Sohn des Hauſes betrachten, aufrichtig begehren was er wuͤnſche, eroͤffnen, was ihm widrig ſey und wie zu Hauſe thun. Aufrichtig? ſiel Rudolf haſtig ein: wir heucheln insgeſammt, gute Tante! am mei⸗ ſten gegen Gott und gegen Alles, was mit Furcht geliebt ſeyn will. So viel kann ich indeß mit Wahrheit verſichern, daß mir nichts widriger iſt, als ein Tagedieb, den ich darſtelle und nichts erwuͤnſchter, als das Ende. A. Das ſey noch fern, mein Sohn! und was Du in Dir darſtellſt, wuͤrde ſelbſt Furſtenſoͤhne zieren. Dein Ungluͤck wird voruͤbergehn. 195 R. Mein Ungluͤck, Tantchen! iſt der Duͤnkel, der Kuͤnſtler, Dichter, Krieger draͤngt, weil ſie die Flamme brennt!— Die Kraft!— die war im Anfang— nicht die That! das Kind nicht fruͤher als die Mutter — ich wollte thun, was Maͤnnern ziemt und war nur eines Mannes Schatten. Amalie wendete ſich ſeufzend ab; die Maͤdchen lauſchten, voll Erſtaunen und blickten verſchuͤchtert zu Boden, wenn ſeine rollenden, funkelnden Augen den ihren be⸗ gegneten. Er verbarg ſie jetzt unter der Hand und ſagte mit ſinkender Stimme— Mir grauſ'te vor den Kinderkappen! Es war ein Wunder, daß ich gefaßt blieb. Doch Wunder walten ja ringsum und jeder Herz⸗ ſchlag iſt ein ſolches. Jetzt trat der Hofrath ein, den Alfried eben unterrichtet hatte und der Arzt mit ihm. Man brachte den Kranken zu Bett, an dem 196 der Freund, der Oheim und Amalie uͤber Nacht verweilten. Sein Aeuſſern und Trei⸗. ben ward beängſtigend. Tieffuß konnte, auf dem Wege nach Berga, nicht muthmaßen, daß der Geiſt der Erkenntniß uͤber ſeinen Goͤnner gekommen ſey, denn derſelbe verbarg, als Weltmann, Gram und Argwohn hinter den harmloſen Auſſenfarben der gluͤcklichen Blindheit, der ihn Veronika entnommen hatte. Adelaide ſlog, bei der Ankunft, dem Ge⸗ mahle weit zaͤrtlicher als ſonſt, mit Schmei⸗ chelworten und offenen Armen entgegen und es leuchtete ihm ein, wem dieſer zaͤrtliche Empfang zu danken ſey. Hohland erwiederte, obwohl unter Hautſchauern, die Liebkoſung, entledigte ſich der beſorgten Auftraͤge, deren gefaͤllige und entſprechende Vollziehung die Gattin hoͤchlich pries, umarmte die ſtill er⸗ — 197 freute, erroͤthende Molly mit wehmuthvoller Herzlichkeit und Tieffuß fuͤhrte bei der Abendtafel das Wort und unterhielt, wie immer, auf's angenehmſte. Frau von Hohland konnte ihren Guͤnſt⸗ ling erſt am folgenden Nachmittag unter vier Augen ſprechen. Da aber war ihr Gatte auf die Jagd geritten, Jenny entfernt und das Fraͤulein machte der Paſtorin einen Rockenbeſuch; der Boͤſe ſelbſt ſchien Weg und Bahn zur ungeſtoͤrten, geheimen Zu⸗ ſammenkunft geebnet zu haben. Nun, endlich! liſpelte ſie, an den Hals des Hereinſchleichenden huͤpfend: nach langer, ſchmerzlicher Entbehrung wieder mein! Aber ich mußte erſt mahnen und bitten, und ſelbſt den Mann zum Bothen brauchen. Iſt das Deine Sehnſucht?— Meine Sehnſucht, erwiederte Tieffuß⸗ kalt und ſchmollend: iſt, wie Sie wiſſen, 198 Ihr Beſitz! Sie aber bleiben taub fuͤr dieſe und mir ſoll nur an fluͤchtiger Gunſt, nur an dem Rechte und Gluͤcke des Augenblicks genuͤgen. 3 S. Weil der Beſitzſtand dies Gluͤck vernichtet. Das weißt Du ja ſo gut als ich und irgend einer, der die Liebe kennt. Du weißt zudem, daß ich ein armes Maͤdchen war, und aller Reichthum, der mich rings umgiebt, nur ihm gehoͤrt. E. Doch hat Dich Hohland wie ein Fuͤrſt begabt. Schon Deine Diamanten, Dein Goldkaͤſtchen, Deine Banknoten rei⸗ chen hin, unſere Zukunft zu ſichern und ei⸗ nige hundert Gulden machen mich, nach Deinem Gefallen, zum Freiherrn, einige tauſend zum Grafen; ich aber laſſe alles aus mir machen, nur einen Luͤckenbuͤßer nicht. Deine Hand in die meine, wenn mehr als Sinnentrieb dies Herz bewegt. — L 199 S. Wie ich Dich liebe, uͤber alles! ward Dir bewieſen; Du ſollteſt billig, menſchlich, dankbar ſeyn und das Unmoͤg⸗ liche nicht fodern. Der gute Hohland traͤgt mich auf den Haͤnden, erraͤth meine Wuͤnſche, bedeckt mich mit Ueberfluß— Wo faͤnde ſich ein Scheidunggrund?— E. Flucht ſcheidet durch die That. S. Aber ſie aͤngſtet und entehrt, ſie wuͤrde meiner Mutter das Herz brechen und ein milderes, willkommenes Auskunftmittel liegt am Wege. Wir koͤnnen einander, ohne Wagſtuͤcke und Aufſehn, ohne Wehthat und verkuͤmmernhe Opfer zugehoͤren; bequem und ungelaͤſtert, in ſuͤßer, bindender Verſtohlen⸗ heit, Eins ſeyn. Der Zuwachs an Guͤtern, Verhaͤltniſſen und Geſchaͤften, macht meinem Maxnn einen Gehuͤlfen noͤthig. Er will Dir wohhl, er kennt und achtet Deine Faͤhigkeiten, or wuͤrde ſich unzweifelhaft hoch erfreut fuͤh⸗ 200 len, wenn ein Mann wie Tieffuß für ihn leiſten wollte und Dich reichlich entſchaͤdigen — o, werde der Unſere! E. Das heißt doch— als ganz gehor⸗ ſamer Haus⸗Sekretaͤr? S. Der bald genug im Hauſe nicht we⸗ niger als in dieſem Herzen gelten wuͤrde, denn Hohland iſt ſo gut! 3 E. Selbſt mit dem Beßten mag ich Dich nicht theilen. Sey mein! entſchließe Dich!— Du ſchweigſt— und weinſt?— Du liebſt mich nicht! S. Ach, ſpraͤchſt Du wahr! E. So mache den Geliehten gluͤcklich! Folge mir!. S. Ich bin, o Gott! der Schwaͤchſten eine! gefallen— entwuͤrdigt— in Deiner Hand! aber der Mutter kann ich das Herz⸗ leid nicht anthun und einem Mann, wie die⸗ ſem, nicht ſo heillos vergelten. 201 E. Man weiß ja uͤberall, wie ihm bis⸗ her vergolten ward: die Hauptſtadt kennt und nennt meine Vorgaͤnger; es kann dem⸗ nach ein ſolcher Schritt, ſelbſt die Frau Mutter nicht erſchrecken. S. Grauſamer, ſchonungloſer Menſch! Bei dieſer Meinung von mir, wuͤrde ich, bald genug, das abverlangte Opfer bereuen muͤſſen. E. Wohlan! ſo ſind wir denn geſchieden. Doch muß ich nun, dem Beiſpiele dieſer Selbſtſuͤchtigen gemaͤß, an mich ſelbſt denken, der ich mein eigner Naͤchſter bin. Meine Lage, gnaͤdige Frau! gehoͤrt jetzt eben zu den druͤckendſten. Auch das Spiel iſt ein Weib, vor allem Pharaonis Tochter! Es hat mich angelockt, bezaubert, geaͤngſtet, be⸗ trogen und ein Vampyr aus dem Volke des Herrn, verfolgt mich, wie den Doktor Fauſt ſein Teufel, auf dem Fuße. Ich muß, zum 202 Herzleid der Meinigen und zu eigener Pein und Unehre, des naͤchſten in den Schuld⸗ thurm wandern, wenn Ihre Guͤte nicht den Daͤmon bannt— wenn Sie nicht tauſend Piſtolen an mich wenden, muß ich bei einer geladenen Ruhe ſuchen. Fuͤnftauſend Thaler, Apelaide! mein Leben haͤngt an der Gewaͤh⸗ rung. Frau von Hohland erſchrack, ſie ſeufzte, ſann und ſagte dann— Ich habe, bei meinem Ehrenworte! kaum hundert in den Haͤnden. Ueberzeuge Dich ſelbſt und nimm, was Du findeſt. Der Schrank dort iſt offen. Kaum hundert? Vor wenigen Wochen ſah ich ein Kaͤſtchen voll Banknoten. S. Die hat mir eine Freundin abgeborgt. . E. Empoͤrende Ausfluͤchte! und Ihren reichen Schmuck verzehrten die Maulwuͤrfe. S. Ich dachte vor allem an dieſen; der — 203 aber iſt, ſeitdem mein Mann die bewußte Buſen⸗Nadel vermißte, in ſeinem Beſchluſſe. O, wenn Sie ſich doch Ihm entdeckten! Da kehrte Tieffuß ihr den Ruͤcken und warf, abgehend, die Thuͤr im Sturme zu. —— Sie ſahen ſich erſt bei dem Nacht⸗Eſſen wieder. Adelaide klagte uͤber Kopfweh, um ihre Verduͤſterung zu entſchuldigen, Hohland ſchien von der Jagd erſchoͤpft, Tieffuß zer⸗ ſtreut und verſtimmt. Molly erzaͤhlte, das Wort nehmend, von des Paſtors liebens⸗ werthem Karl und ſeinem mutterwitzigen Lottchen; ſie lobte der Mutter verſtaͤndige Erziehung Weiſe und bemerkte, die ſey doch aller Eltern hoͤchſte und heiligſte Pflicht, da von dem Geiſt derſelben, das ganze, kuͤnf⸗ tige Wohl oder Weh der Kinder abhaͤnge. Nicht durchaus! erwiederte Hohland, 2⁰ mit einem Seitenblick auf ſeine Gattin: denn der Beobachter mag ſich kaum des Glaubens erwehren, daß es geborenes Unkraut gebe und welcher Gaͤrtner kann die Neſſel zur Myrte, den Kirſchlorber zur Palme veredeln? Dagegen waltet, in andern Herzen, eine ſo entſchiedene, innige Wahlverwandtſchaft zu dem Guten und Goͤttlichen vor, daß weder die Schlechtigkeit der Bildner, noch das Giſt des Beiſpiels, noch irgend ein moraliſcher Typhus ſie ertoͤdten kann. Herr Tieffuß⸗ hab' ich Recht?. Unzweifelhaft! erwiederte dieſer, die Farbe veraͤndernd— Und was meinſt Du denn, Adelaide? Iſt dem ſo, ſagte ſie und ergluͤhte bis zur Stirn: ſo ſollten die Verwahrloſ'ten ſanf⸗ ter und ſchonender gerichtet werden; denn heißes Blut, vorzeitige Fuͤhle und krankhafte Phantaſie verwirken demnach, was man dem — * 205 nothgedrungenen Opfer dieſer Draͤnger zur Laſt legt und es wird verdammt und verwie⸗ ſen, waͤhrend dem Gott ſelbſt es entſchuldigt und ſeine Engel es beklagen. Was ſagt denn unſere Molly? fragte Hohland. Sie blickte in ihren Buſen nieder und erwiederte leiſe und verſchaͤmt— „Lebt Seine Lieb' in meiner Seele, So treibt ſie mich zu jeder Pflicht Und ob ich ſchon aus Schwachheit fehle, ‚Herrſcht doch in mir die Suͤnde nicht.“ In der Mittagſtunde des folgenden Ta⸗ ges kehrte Tieffuß aus dem Schloßgarten zu⸗ ruͤck, wo ihn Adelaide, unter Herzklopfen, mit ihrem Gatten auf und abgehend, geſehn hatte und jetzt trat er bei ihr ein. Aus ſei⸗ nen Augen blitzte der verhaltene Grimm; er war nun voͤllig zum Unhold geworden, trat vor ſie und ſprach— 1 206 Ihr gnaͤdiger Herr iſt ein gewoͤhnlicher Patron und bedauert ſehr, mir nicht dienen zu koͤnnen. Er iſt zwar bei Guͤtern, doch eben deshalb nicht bei Kaſſe, weil die noͤthige Verbeſſerung der erſtern, die letztere in An⸗ ſpruch nahm und erſchöpfte.— Der Name Hohland, ſagte ich, reicht hin— zwei Zei⸗ len an Ihren Wechsler— eine gefaͤllige Buͤrgſchaft! und darauf ward mir der elende Gemeinſpruch aller Filze—„Den Buͤrgen ſoll man wuͤrgen!“ und er ging auf die An⸗ lage ſeiner Baumſchule uͤber.— Hier bin ich denn, von nun an, eine widrige Laſt, kehre deshalb auf der Stelle in die Stadt zuruͤck und rechne dort auf Sie! Adelaide frage ſich ſelbſt, ob ihre ſchriftlichen Eroͤffnungen, die ich treulich aufhob, nicht mindeſtens tauſend Piſtolen werth ſind, da ich das Paͤcklein, Falls Sie es, binnen drei Tagen nicht ausloͤſen, dem Herrn von Hoh⸗ — 2⁰⁷ land um dieſen Preis anbieten werde.— Ein furchtbarer Schwur zeugte von der Feſtigkeit ſeines heilloſen Willens und Adelaide fuhr 1 erbleichend auf. Empoͤrung, Angſt, Ent⸗ ſetzen zuckte, gleich Blitzſtrahlen, durch ihr Herz— die Knie beugten ſich zur ſchmaͤh⸗ V ligſten Erniedrigung, aber ein Reſt des weib⸗ lichen Ehrgefuͤhles flammte gleichzeitig auf und ſtatt des Fußfalles erhob ſie ſich und ſagte mit Faſſung— Ich werde dann zu ſterben wiſſen und Hohland zertritt Sie! Sanft wie ein Lamm, gleicht er dem Loͤwen, wo es gilt! Es kam eben Beſuch! ſprach Molly, in's Zimmer tretend. Zwei Unbekannte— ſie muͤſſen durch den Garten herein geſchlichen ſeyn und werden eben dem Herren gemeldet. Tieffuß wendete ſich jetzt, mit ſcheinbarer Unbefangenheit, ſcherzend und taͤndelnd, an das Fraͤulein, ward aber kurz und kalt abge⸗ fertigt, denn ihr grauete, Trotz ſeiner An⸗ muth und Laune, vor dem Gaſte; die ſtechen⸗ den und gluͤhenden Blicke, mit denen er ſie, ſo diesmal als fruͤher, verſtohlen uͤberfiel, hatten ihre ahnungvolle Scheu begruͤndet. Herr Tieffuß! rief Jenny durch die ge⸗ oͤffnete Thuͤrſpalte. Dieſer zoͤgerte befrem⸗ det, folgte endlich dem Rufe und draußen ſtand ein ſchwarzbrauner, gewaltiger Mann, welcher den Wunſch aͤußerte, ihn unter vier Augen zu ſprechen. Der Fremde war einer von den beiden, eben eingetroffenen Gaͤſten und ein Dienſt⸗ barer des Ober⸗Polizei⸗Meiſters, welcher ſich bereits auf Hohlands Zimmer und mit dieſem im Geſpraͤche befand. Herr von Hohland, ſein genauer Be⸗ kannter, ſagte ſcherzend: Sie kommen doch, hoffentlich, bloß um meine Haſen und Reh⸗ — .200 boͤcke in Schrecken zu ſetzen, und nicht etwa Kraft Ihres Amtes? Kraft meines Amts! erwiederte Herr Binding: und gleichſam als der boͤſe Feind, um Don Juan den juͤngern zu holen, der hier zu Lande Tieffuß heißt und welchen ich, von Ruͤckſichten beſtimmt, perſoͤnlich aus ei⸗ nem Hauſe entfernen will, das ſeine Gegen⸗ wart beſchimpft. Der Menſch ward uns, bald nach ſeiner Herkunft, verdaͤchtig und ſeitdem in's Auge gefaßt. Er iſt Spieler vom Handwerk, iſt ein um ſo ſchlimmerer Gluͤckritter, da ſeine Form, ſeine Gaben und Neigungen ihn zum Lieblinge verbuhlter Frauen machen und hat, zudem, vor weni⸗ gen Tagen, bei Aaron und Sohn auf falſche Wechſel gezogen. Die geſtern verhan⸗ gene Unterſuchung ſeiner Pappiere zeigt, daß er, waͤhrend des Krieges, dem Feind eine Zeit lang als Kundſchafter diente und gegen⸗ Schilling ate S. 12r Bd. 14 210 waͤrtig hier, auf Koſten betrogener Ehe⸗Maͤn⸗ ner lebt. Des Wuͤſtlings bekannte Verhaͤlt⸗ niſſe zu Damen, deren Rang und Name Schonung fodert, beſtimmte mich, die Durchſicht dieſer Pappiere perſoͤnlich zu uͤber⸗ nehmen und auf der Stelle zu beſeitigen, was außerdem laut geworden ſeyn und Aerger und Skandal veranlaßt haben wuͤrde. Hohland ſagte, haſtig und erblaſſend— verſteh' ich Sie? B. Ei, in wie fern? H. Heraus mit den Briefen; ich weiß Ihnen Dank! Binding erwiederte— wir fuͤhren am Ende wohl, den„argwoͤhniſchen Ehemann“ auf. Fuͤr einen ſolchen aber gilt wenigſtens unſer Hohland nicht und ich wuͤrde mich, im Gegenfalle, wohl huͤten, nur einen Laut uͤber jene Briefſchaften fallen zu laſſen. — —yp 211 H. So beruhige mich denn Ihr Ehren⸗ wort! B. Was ſicht Sie an? Ich ſchwoͤre nie! H.„Ich ſchwoͤre nie!“ verſichert jede heimliche Suͤnderin, um Meineiden vorzu⸗ — . bauen, zu denen der Betrogene ſie draͤngen moͤchte. O, das war auch die Looſung— einer Gewiſſen! Ihr Wort alſo! B. Mirr haͤtte wohl eher alles geahnt, . als Sie, mein Freund! von ſolchen Kuͤm⸗ merniſſen bewegt zu ſehn und mich als den unſchuldigen Friedenſtoͤrer bedauern zu muͤſſen. 5 H. Sagen Sie vielmehr, als Quaͤl⸗ geiſt!— zu welchem Ende dieſe halben Worte, dieſe Umſchweife, dieſe ſchmerzliche Reizung der Staarhaut, die Sie mit raſchem Schnitte trennen ſollten. Daß ich verrathen ward, hat mir, wie allen argloſen, nicht ſelbſt von der Schule des Laſters oder ſchrecke— licher Erfahrung gewitzigten Maͤnnern, fruͤ⸗ .. 212 her kaum denkbar, ſeit kurzem wahrſchein⸗ lich, ſeit geſtern unzweifelhaft geſchienen, und meine Trennung iſt beſchloſſen, wenn auch Sie eben, auf die Unſchuld der Bezuͤch⸗ tigten geſchworen haͤtten. Heil Ihrer Zukunft, wenn dem ſo iſt! ſiel Binding ein: und der Kirchenrath wird in gewiſſen Pappieren mehr als zureichenden Grund finden, ein Band zu loͤſen, das ſchwerlich im Himmel geknuͤpft ward. H. Wo ſind die Pappiere? Wo? B. In Ihren Haͤnden, ſobald ſich Herr von Hohland zu einigen unerlaßlichen Be⸗ dingungen verſteht— H. Zu jeder, die ein Mann von Ehre bewilligt. B. Es kann wohl, zwiſchen uns, uͤber⸗ haupt nur von ſolchen die Rede ſeyn, und dieſe ſtimmen hoffentlich mit Ihren Pflichten und Gefuͤhlen uͤberein. Der ſchaͤndliche Be⸗ — 213 teüͤger iſt der Nemeſis verfallen; Sie uͤber⸗ laſſen dieſer ausſchließlich das Strafamt.— Der Verfuͤhrten werde, naͤchſtdem, milde Schonung in Wort und That. Sie wird, als Spielart einer verwilderten Gattung, von dem Erbtheile krankhafter Frauen, von Kriſen und Gaͤhrungen beherrſcht, die das beſſere Wollen feſſeln und ſeltſame Geluͤſte foͤrdern. H. O, ſeltene Polizei, die den ſchmaͤh⸗ lichen, innern Prozeß meiner Chehaͤlfte viel beſſer als ich ſelbſt zu kennen ſcheint, doch nicht den Tod der Suͤnderin will, und ſie mit Liebesmaͤnteln zudeckt.— Binding lach⸗ te.— Man ſcherzt zuweilen, wo man raſen ſollte, fuhr jener fort: und man thut ar in, denn ein Thor iſt, wer die 8 rragödie dieſes undegreiflichen Lebens tzen nimmt. Hier iſt meine Hand und mein Wort! Ich uͤbergebe jenen Tief⸗ ———— 214 fuß, gleich dieſer krankhaften Spielart, ih⸗ rem Verhaͤngniß, und werde beiden kein Haar kruͤmmen, Darauf haͤndigte ihm Herr Binding ein anſehnliches, mit ſeinem Wappen verſiegel⸗ tes Paͤckchen ein, und eben ſchrie man drau⸗ ßen— Halt auf! Tieffuß erkannte vorhin, auf den erſten Blick, in jenem ſchwarzbraunen Mann, ei⸗ nen Polizei⸗Diener, der ihn ſchon oͤfter umſchlichen hatte, und lud denſelben nach ſeinem Zimmer ein, wo er, ganz ungeſtoͤrt, ſein Begehren vernehmen koͤnne. Der Fremde verſagte dort— ſcheinbar aus klein⸗ ſtaͤdtiſcher Demuth, den Vortritt; Tieffuß aber ſtreckte nun den argliſtigen Kraßfßler ploͤtzlich durch einen Fauſtſchlag auf den! terleib zu Boden und entſchluͤpfte.. — 1 215 Der Polizeier ſchoͤpfte allmaͤhlig wieder Athen; er rief, mechaniſch, noch halb ſinn⸗ los— Halt auf! der gute Binding aber fuͤhlte ſich, den Ruf und ſeine Urſache ver⸗ nehmend, vom Ingrimm angefochten, denn dieſes Mißgeſchick galt ihm, als ein neuer Beweis, daß er auf ſeinem Poſten weder Gluͤck noch Stern, und ſich in der Wahl des dienſtbaren Geiſtes, gleich manchem andern Wahlherrn, vergriffen habe. Er warf ſich auf das Pferd und verlangte Beiſtand an Jaͤgern und Spuͤrhunden, doch Herr von Hohland verſagte ſie ihm; des Verſprechens gedenkend, ſeinen Todfeind der Nemeſis uͤberlaſſen und ihm kein Haar kruͤmmen zu wollen. Jene Beide revierten nun, bis zur ſinkenden Nacht, in Wald und Flur, und kehrten„ unverrichteter Sache, nach der Hauptſtadt zuruͤck. — 4 2¹6 Als der Laͤrm, welchen dieſer polizeiliche Ueberfall in ſeinen Folgen verbreitete, all⸗ maͤhlig verſchollen war, raffte ſich Adelaide haſtig auf und eilte in ihres Gatten Zimmer. Sie wußte nicht klar, zu welchem Zwecke, folgte aber, unter Schauern, dem innern, gewaltſamen Drange und warf ſich ſchluch⸗ zend in ſeine Arme. Er wand ſich los und ſagte— was ſoll das? Zwiſchen uns gehoͤren, von nun an, Berg und Thal. Ich beſtelle eben mein Haus, das des Gauners Zutritt beſchimpft hat, verlaſſe das Land und kehre auf die rheiniſchen Guͤter zuruͤck. Dieſe Herrſchaft wird verkauft und Ihnen, nach der Schei⸗ dung, jaͤhrlich eine Summe verabreicht, die Sie vor Mangel ſicher ſtellt. G Nach der Scheidung? fliſterte Adelaide, die Haͤnde faltend: O, mein Gott! 2¹17 E. Ihr Gott kennt die Gruͤnde, und dieſe Belege, denk' ich, kennt die Schreiberin. Frau von Hohland erblickte das hinge⸗ worfene Packet ihrer Briefe an Tieffuß; ſie ſah ſich verrathen, wendete ſich, ſchwankend, nach der Thuͤr, erreichte jedoch nur den naͤchſten Stuhl und glitt in dieſen. Es fand ſich, fuhr ihr Gatte fort: mit⸗ ten in den Briefen die neulich vermißte, dia⸗ mantene Bruſtnadel, welche Tieffuß ent⸗ wendet oder als Suͤndenſold empfangen ha⸗ ben muß. Empfangen! rief Adelaide. E. So kam ſie denn von einer reinen Bruſt an die andre. S. Ich erkenne mein Verbrechen; aber es war das Werk eines Zaubers, der Herz und Sinn gewaͤltigte und vor dem Sie Ihr Gleichmuth bewahrt. 218 E. Selbſt in der Bezauberung mußte Ihnen einleuchten, was an den Maͤnnern iſt, die das Weib ihres Freundes oder Wohl⸗ thaͤters entehren, und des Naͤchſten heiligſten Segen, den haͤuslichen, in Fluch verwan⸗ deln. S. Verſtand und Gefuͤhl ſagen mir, es falle ein Theil der Schuld, Theils der Ge⸗ legenheit, Theils Ihnen ſelbſt zur Laſt. Ich ward, ſeit dem erſten Zuſammentreffen mit Jenem, von der unſaglichſten Leiden⸗ ſchaft entflammt, und eine fieberhafte Reiz⸗ barkeit hat mich ja, ohnehin, von Kindheit an, erregt. E. Und nur dem Gatten gegenuͤber ver⸗ ließ Sie dieſer Reiz. S. Ich ehrte den Gatten mit Innigkeit. E. Die Beweiſe ſind ſeltſam, aber him⸗ melſchreiend. —— 219 S. Ein ſolches Weſen bedurfte gemeſſe⸗ ner Schranken, eines feurigen Huͤters und einſchreckender Eiferſucht; doch Ihre ſorgloſe Sicherheit machte mich unmuthig und ver⸗ wegen, ſie wiegte mein Gewiſſen ein und eb⸗ nete den Weg zum Falle.— E. Das arme Weib! Der Mann hat ihn verſchuldet! Zum Schlangenhuͤter tauge ich freilich nicht. Ich waͤhnte ehemals, daß das Kind der Mutter gleichen werde, und nahm es hin, in Liebe, auf Treu' und Glauben. S. O, meine Mutter! Die Nachricht wird ihr den Tod bringen— was ſoll dann aus mir werden, bei dieſem Bewußtſeyn? E. Dich wird der unbegrenzte Leichtſinn troͤſten, und immer raſcher in den Strudel ziehn und ſchnell vertilgen; denn es gebricht Dir, was die Buhlerin vom Handwerk auf⸗ recht haͤlt— die phyſiſche Leichenkaͤlte zu dem 220 Seelentodte— Iſt Jene, was ſie ſcheinen muß, füͤchtig und gluͤhend, ſo verlodert das Irrlicht uͤber Nacht. S. Mein Herz iſt gluͤhend, aber kinb⸗ lich— warum verſteinert ſich das Ihrige vor der vergehenden Buͤßenden? Du ſollteſt barmherzig ſeyn, wie Dein himmliſcher Va⸗ ter; denn ich war Dir theuer und ich bin Dein Weib! E. Mein Weih! Alſo die Haͤlfte meines Ich's! Und blieb'ſt Du das, ſo muͤßte ja Dein Mann ſich zur Halbſchied verachten, und da ſey Gott fuͤr. Hohland zog jetzt die Klingelſchnur; der Jäger trat ein, er verkehrte mit dieſem und ſein Wink hieß ſie gehn. 221 Fraͤulein Molly hatte den ſeltſamen, Frieden ſtoͤrenden Hergaͤngen dieſes Tages nur aus der Ferne, doch mit Kummer, zu⸗ geſehn. Sie ſetzte die Thraͤnen und das angſthafte Gebehrden ihrer Pflegmutter und Hohland's ſichtlichen Groll und Zorn, auf Rechnung des beſchaͤmenden Ereigniſſes; denn es mußte dieſem vornehmen, in der Regel nur von Ebenbuͤrtigen umgebenen Paare, allerdings zum Aerger gereichen, ei⸗ nen entlarvten, bisher als Hausfreund an⸗ erkannten und beguͤnſtigten Verbrecher, in ſeiner Mitte von der Polizei geſucht und er⸗ griffen zu ſehn. Es daͤmmerte bereits— Schnee und Regen wechſelte draußen, und der Sturm ſchuͤttelte den Reſt des Laubes aus den Wi⸗ pfeln; dennoch ſchritt Herr von Hohland, als ob der Lenz eben die Erde verklaͤre, ſeit einer Stunde in der großen Allee auf und 222 3 ab. Dann mußte ſie Adelaiden zu Bett bringen, die uͤber Krampf und Kopfweh klagte, und am Abend allein mit dem Haus⸗ herrn eſſen, der, ſtumm und finſter, in den Speiſen wuͤhlte und, als ſie ihm endlich die gute Nacht bot, zu ihr ſagte— Sie werden mich morgen fruͤh nach der Hauptſtadt begleiten. Wir fahren noch vor Tages Anbruch ab. Zu Ihrem Befehl! erwiederte das Fraͤu⸗ lein, betroffen und kleinlaut— aber werd' ich hier nicht als Krankenpflegerin noͤthig ſeyn?. Bei meiner Frau bleibt Jnp ent⸗ 8 1 6 7 gegnete er: und die Sorge fuͤr Ihr Beßtes veranlaßt die Reiſe. Sie neigte ſich und ging. Mein Beß⸗ tes? dachte die Sinnende, waͤhrend des Entkleidens: vielleicht hat Wallow dich be⸗ — — folgenden Momente ward die ſeidene Gardine 223 gehrt. Der herrliche Wallow! ach, wollte es Gott! 3 Die Jungfrau athmete, bei dieſem Ge⸗ danken, laͤchelnd auf und griff nun zu dem Andachtbuche. Auch der goͤttliche Knabe, der noch immer in ihm prangte,— ſchien um eins ſo holdſelig zu laͤcheln. Molly be⸗ tete mit erhoͤhter Inbrunſt, ſchluͤpfte dann, ſtill beſeligt, in ihr Bettlein und ſchlief flugs ein, und ihr traͤumte von dem werthen Soldaten. Im Nebenzimmer aͤngſtete dagegen der Geiſt der boͤſen That die Suͤnderin. Des Bettes Daunen wurden zu ſo viel Hoͤllen⸗ flaͤmmchen, jede Locke ihres Hauptes zur Diſtel— es ſchlug zwei Uhr, ſie wachte noch und ſchauerte jetzt auf, denn die Thuͤr⸗ Angel ließ ſich vernehmen, und im naͤchſt⸗ des Bettes gewaltſam zuruͤckgeworfen. Der 224 eben aufgegangene Mond umdaͤmmerte die Nachtgeſtalt, die ihr in's Auge ſah und, Ru⸗ he bietend, mit einem blinkenden Meſſer ſie bedrohte. Ende des zweiten Theiles⸗ — — DIraraaunpmmmanuaa ilicl 16 17 Winnnnſſtninn(llſch 1 12 13 14 15 Tſnſſinſſi 7 ſiſn 9 10 1 * 2* 6 8—