5—- Leihbibliothek e„ deutſcher, engliſcher und franzöſi iſcher Literatur ſ Eduard Oftmann in Gießen, 3 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. TLeih- und Seſebedingungen 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Buͤcher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ 2. Lesepreis. Bei Rückg, be eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſl beträgt: 4 3 für wöchentlich 2—2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 auf 1 Monat: 1 Mt.—— 1 Mk. 50 Yf. 2 Mk.— Af. ¹ 3. Auswärtige onnenten, haben für Hin⸗ und Zurückſendung— der 6 Geher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ½ „ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 1 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ſ Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 4 lorene oder deſecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt=— der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 1 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 ——yyyb 7 8 „ —2 7 4 U/ ℳ. 9 Wallow's Toͤchter, Seitenſtuͤck zu der Familie Buͤrger; von 4 Guſtav Schilling. Er ſter 2. hei l. Dresden, 1821. in der Arnoldiſchen Buchhandlung. Wilhelminen, der verehrten Frau, in Ehrerbietung zugeeignet. Schriften. von Guſtav Schilling. Zweite Sammlung. Eilfter Band. Wallow's Toͤchter. Seitenſtuͤck zu der Familie Buͤrger. X Erſter Theil. 5 —— Amalie trat in ihres Gatten Zimmer. Sie trug das Wirthſchaftbuch unter dem Arme, einen ſchwarz geſiegelten Brief unter dem Halstuche und Thraͤnen im Auge, die der aufſehende Hofrath erblickte. Liebes Mal⸗ chen! ſprach er betroffen: was fehlt Dir? Geld! fiel ſie truͤbſelig ein: ach, es reicht nirgends mehr; ich kann Dich laͤnger nicht verſchonen. Da iſt mein Buch; entſcheide ſelbſt, ob ich haushielt? Dazu das Leinen⸗ zeug! Man ſchaͤmt ſich vor der Welt und meine Toͤchter verſaͤumen, ſtickend und flickend, die edle Zeit. Der Gatte ſchlug erroͤthend den Arm um ſie, er zwang ſich zu laͤcheln, und entgegnete mit halber Stimme— zulde und hoffe, Schilling 2te S. 11r Bd. 1 geliebtes Weib! Unzaͤhligen geht es wie uns, den Meiſten ſchlimmer, in das Buch aber ſah ich neulich ſchon und begegnete, zwiſchen Hellern und Pfennigen, den ruͤhrenden Spuren Deines Herzleides. Du machſt es, unwillkuͤhrlich, zum Thraͤnenkruge— Gott helf uns! S. Hilf Dir ſelbſt! riefſt Du ſonſt taͤglich den Kindern zu, wenn ſie der Mutter Handreichung begehrten; ich moͤchte jetzt daſſelbe thun.— Schreib' an den Stief⸗ bruder nach Rotterdam, lieber Adolf! Der Drang unſerer Lage, die Gatten⸗ und die Vaterliebe wird Deinen Worren Kraft und Einfluß geben und endlich ſein Gemuͤth, Trotz allem Widerſtand, erweichen. Mein Malchen, entgegnete Wallow: ſcheint zu vergeſſen, daß dieſer Bruder ein eiſerner Menſch und ein filziger Kauz iſt; daß er von Oeiner Stiefmutter im Haſſe ge⸗ —— ———— 3 gen Dich erzogen ward, daß er ſelbſt den freundlichen Pathenbrief unbeantwortet ließ und daß unſer Herr Gott mir ein zu reges Ehrgefuͤhl gab, um mich deſſelben, einem ſolchen gegenuͤber, entaͤußern zu koͤnnen. Darauf legte der Hofrath das ſorgenſchwere Haupt an die Bruſt ſeiner Vertrauten, er⸗ blickte das ſchwarze Siegel des Briefes und jene erwiederte, auf ſein Befragen— Gewiß auch eine Hiobspoſt! ich wollte Dich erſt vorbereiten. Waallow entzog ihr den Brief und ſagte — die Sorgfalt iſt zart, aber unnoͤthig; ich bin geſund, alſo ſtark und ſchon deßhalb geſegneter, als ein ſchreckhafter Millionaͤr. Kind! auch das Schlimme koͤmmt von Oben und iſt das Beſte, weil es koͤmmt. Es gleicht, an Widrigkeit und Heilkraft, Dei⸗ nem Baldrian.— Damit trat er zum Fenſter und las. Amalie hielt ihren Gatten im Auge, denn auf ſeinem Geſichte miſchte ſich das Er⸗ ſtaunen mit der Wehmuth der Freude, die ihn, gegen das Ende hin, gleichſam ver⸗ klaͤrte. Dein Stiefbruder in Rotterdam iſt ge⸗ ſtorben! ſagte er jetzt mit wankender Stimme — Er hat uns bedacht! Aber ich ſollte Dich wohl auch vorbereiten? Gott ehre mir dieſen Baldrian! rief die Auflebende, an ſeinen Hals eilend. Be⸗ dacht? Das Wort iſt auch ein Nervenmittel. Wer ſchreibt Dir denn? Sein Buchhalter. Dem hat er, zu Dergeltung treuer Dienſte, die Handlung, uns aber das baare Vermoͤgen nachgelaſſen und ſein Teſtament wird, mit der naͤchſten fahrenden Poſt eingehen. S. O Adolf! traͤume ich denn? — —— —— — — —— ——ÿ—— ———y— 9 E. Das fuͤrchte ich nicht. Jetzt rath' ein Mal, wie reich wir werden? Amalie ward immer blaͤſſer, er warf den Gluͤckbrief von ſich und umſchlang ſie: ihr lautes Weinen wendete die Ohnmacht ab.— Es iſt nicht moͤglich! rief die Zweiflerin: und der boͤſe Feind treibt ſein Spiel mit uns Ar⸗ men. Der gute Geiſt vielmehr! Ich hoͤrte ſtets das Beſte von dieſem Buchhalter; Dein Bruder, hieß es, habe ihm ſeinen Wohl⸗ ſtand zu danken. Styl und Handſchrift be⸗ zeichnen in der Regel den Schreiber und beide erſcheinen ſo mannhaft und unzweideutig, als ſein Ruf. Es kommen uns demnach an Hundertzwanzigtauſend Thaler zu.— Nichts iſt gewiſſer! Freue Dich! Malchen griff mit bebender Hand nach dem Briefe; ſie laſen ihn jetzt ſtill, ſelbander und weinten, Herz an Herz gedruͤckt. Gott 10 gebe doch! rief Wallow aus: daß uns das Gluͤck ſo gluͤcklich laſſe, als mich ſein heutiger Aufgang, Trotz allem Kummer, gefunden hat.— Jetzt will ich gehn, um meine Be⸗ ſoldung fuͤr den naͤchſten Monat zu erheben, denn es iſt kein voller Thaler mehr in mei⸗ nem Gewahrſam. Sie wollten alle haben; ich gab mich aus. Das Ehepaar umfing ſich, nach dieſer Rede, von neuem und lobte ſchluchzend den Vater im Himmel und den Bruder im Grabe. Dann druͤckte Amalie ihr Wirthſchaftbuch, wie eine verſoͤhnte Feindin an das Herz und begleitete den treuen Gefaͤhrten in Leid und Luſt, bis zur Treppe. 1 — Pauline und Minone, die lieblichen, ſiebzehnjaͤhrigen Zwillinge, rangen eben, luſtig und guter Dinge, um einen Apfel, als 1———— I1 ſie der Mutter vernommerier Fußtritt an den Naͤhtiſch zuruͤcktrieb. Eliſe, die unſchoͤne, aͤltere Schweſter, ſaß ſchreibend am Prilte; alle drei ſahen, bei Mama's Eintritt, ver⸗ ſtohlen auf, gewahrten ihre rothgeyeinten Augen, das Wirthſchafthach, die leeren Haͤnde, die auffollende Veraͤnder'ung ihrer Zuͤge und ſeufzoen glechzeitig, ſchnell ver⸗ duͤſtert. Ihr Muͤtnerchen eilte ſchweigend und ohne aufzublicken, durch das Gemach, in die anſtoßende Kammer. Hier wollte ſie beten, ſich ausweirien und Faſſung gewinnen, denn die Toͤchter ſollten, laut des Gatten Geheiße, vor dem Eing ange der fahrenden Poſt nicht erfa'hren, daß der Oheim, im Tode, ihr Leben verſ choͤnt habe. Kaum aber war ſie rnit ſich all ein, als Eliſe nach⸗ kam und lei' und ſchm eichelnd ſprach— Wem etwa Noth vorhanden iſt, Muͤt⸗ terchen! ſo befehlen Sie nur. Ich habe 12 Geld zu dem Mantel geſammelt und mit dem hat es Zeit. Mich kleidet ja ſo nichts. Zeit? ſagte dieſe, weich und zaͤrtlich: nicht einen Tag laͤnger und Deine Liebe klei⸗ det Dich herrlicher als Sammt und Seide. Damit kuͤßte ſie ihr Maͤdchen, das noch dringender bat und zu welchem ſich jetzt die beiden, nachfolgenden Schweſtern geſellten. Amalie erblickte ſich jetzt im Spiegel, mahle⸗ riſch und Herzbewegend, wie die Madonna, von Engeln umringt. Bin ich nicht reicher, dachte ſie: als mich der ſelige Bruder zu machen vermochte? Sie weinte, von dem Geiſt der Ruͤhrung aufgeloͤſ't, wie vorhin an des Gatten Bruſt und ihre Kinder wein⸗ ten mit und drangen dann, flehend und wett⸗ eifernd, in die Mutter, zu wiſſen, welchem Weh' dies Thraͤnenopfer denn eigentlich gelte? Seyd ſtill in dem Herrn! fliſterte ſie: und jubelt im Herzen! mehr darf ich nicht 13 ſagen, obſchon jeder meiner Odemzuͤge zum Halleluja wird. Eliſe druͤckte, waͤhrend der muͤtterlichen Eroͤffnung, ihre Haͤnde gefaltet an die Bruſt, die feurigen Zwillinge aber wurden laut in dem Herrn. Sie faßten ſich jauchzend, ſie laͤnderten in das Zimmer zu⸗ ruͤck, von dem jungen, laut bellenden Huͤnd⸗ lein angefochten, das ſich, gleich mancher alten Klaͤfferin, in alles mengte und Muͤt⸗ terchen gab die vorgehabte Andacht auf, um ihre Wildfaͤnge zu beſchwichtigen, die nun ſo⸗ fort an den Naͤhtiſch zuruͤckeilten und jene mit himmelſuͤßen Schmeichelwoͤrtchen und verfaͤnglichen Fragen verſuchten. Amalie be⸗ taͤubte ſich indeß am Fluͤgel, den ſie meiſter⸗ haft ſpielte, vor dieſen Locktoͤnen, ſie ſtimmte aus dem Innerſten der Gotterfuͤllten Bruſt, ein Loblied an und die drei Jungfrau'n ſan⸗ gen mit. Der zuruckkommende Vater ver⸗ nahm den Choral, die Silbertoͤne ſprachen 14 ſein Ohr an, der Text befluͤgelte die Seele— „Erheb' ihn ewig, o, mein Geiſt! ſtimmte er, leis eintretend bei und die entflammte Saͤngerin warf ſich, nach dem letzten Laut des Preis⸗Geſanges, an des Gatten Bruſt und ließ nun ihren Thraͤnen und ihrer Wonne freien Lau. Eliſens Augen weideten ſich ſtill an der heiligen Gruppe und die Zwillinge fuhren be⸗ reits auf, um ſie fuͤllen zu helfen und dem Vaͤterchen, das ſie noch nie ſo weich und kindlich ſahen, wo moͤglich, das liebliche Ge⸗ heimniß abzuſchwatzen; da fuͤhrte dieſer ploͤtz⸗ lich die Mama in's Nebenzimmer und Pau⸗ line rief, in ihre zarten Haͤnde ſchlagend— jetzt faͤllt mir's ein! Gott ſey gelobt! Wir haben in der Lotterie gewonnen! Zehntauſend Thaler wenigſtens. Der Vater ſpielt nicht! ſprach Eliſe. So iſter Praͤſident worden! fuhr jene fort. 15 Das waͤre praͤchtig! verſetzte Minona: dann ſollte doch der Strumpf verwuͤnſcht ſeyn, den ich noch ſtopfte. Aber ſagt mir nur, weshalb wirſo arm ſind? Vaͤterchen hat ja die ſchoͤne Beſoldung; wir koſten ihm, zudem, um eins ſo wenig als dem Kammer⸗ rath druͤben, das einzige Neſthaͤckchen— an Baͤlle und Schauſpiele iſt nicht zu gedenken und dennoch kocht die Mama einen Brei nach dem andern und laͤßt uns, gewandt und ge⸗ faͤrbt, wie armer Kinder Puppen einher treten. Eliſe legte die Feder hin und ſprach— Der gute Vater hat ſich, vor Jahren, um ſeinen liebſten Jugendfreund zu retten, fuͤr ihn verbuͤrgt. Aber dieſen verfolgte das Ungluͤck, er mußte dennoch bald darauf fluͤch⸗ tig werden und wir bezahlen nun die Schuld. Und das kann der liebe Galt zulaſſen? fragte Linchen. 16 Jetzt ſeh ich hell und klar, rief Minona: dies Ungluͤck war nur eine Pruͤfung. Der gute Vater beſtand, der Fluͤchtling kam zu⸗ ruͤck und hat bezahlt. Daher die Freude! Nichts iſt gewiſſer! fiel Lischen ſpottend ein: er hielt zudem, aus Dankbarkeit, um eine von uns an. Um Dich! ſprachen Jene: denn wir Beide trennen uns nicht. Ihr guten Kinder! fuhr Eliſe fort: es giebt, unter unſerem Geſchlechte, kein Band, das die Zwiſchenkunft eines Mannes nicht zu loͤſen vermoͤchte und die Gewalt des Inſtink⸗ tes zieht uns aus den Armen der Mutter, der Schweſtern, der bewaͤhrten Vertrauten, an des Waͤhlers ungepruͤftes, oft genug wild⸗ fremdes Herz. Dem widerſprachen die Zwillinge mit ſtei⸗ gendem Eifer; ſie ſchalten bie Heirathluſt, verwarfen im Voraus jeden Freier und ga⸗ ———— 17 ben ſich die Hand darauf, als Unvermaͤlte, treu vereint lachen und weinen, ſticken und flicken, leben und ſterben zu wollen.— Selbſt mein Name ſteht der Heirath im Wege, ſetzte Minona hinzu: denn die Ihrigen hat⸗ ten die Nona zum Noͤnnchen verkleinert, So oft die ſtillſelige Hausfrau jetzt an dem Poſtberichte voruͤber ſchritt, verweilte ſie, um ſich der hollaͤndiſchen Fahrenden zu getroͤſten und verließ am dritten Morgen das Fenſter nicht, denn die erſehnte, goldne Hore war vor der Thuͤr. Endlich erſchien der Brief⸗ traͤger am Ende der Straße, ging aber, zu Amaliens Verdruſſe, faſt keine Hausthuͤr voruͤber, plauderte ſogar, die edle Zeit ver⸗ lierend, mit der geſchwaͤtzigen Beckerin und immer ungeſtuͤmer ſchlug ihr Herz.— Jetzt ſah er zu dem Fenſter auf, jetzt eilte ſie hin⸗ Schilling 2te S. 11r B 2 18 aus, ſchob das bettelnde Noͤnnchen, welches der Mama, zu Verherrlichung des Fruͤh⸗ ſtuͤcks, einiges Gaͤnſefett abſchmeicheln wollte, haſtig abſeits, empfing den Schickſals Bothen ſo guͤtig, als ob er Don Raimond von Taxis, der weiland ſpaniſche Ober⸗Poſtmeiſter ſey, verlieh ihm zwei Groſchen uͤber die Gebuͤhr und flog mit den erhaltenen Briefſchaften nach Wallow's Zimmer. Der Herr ſegne meinen Eingang! rief die Odemloſe, bluͤhend und gluͤhend, wie ſie dem Gatten am erſten Ehemorgen erſchienen war. Das walte Gott! erwiederte der Hofrath mit ruhigem Muthe, nahm das Paket aus ihrer Hand, oͤffnete es und las, waͤhrend dem Amalie, in das Sopha hingeworfen, zu beten ſchien.— Er fand ſein Gluͤck beſtaͤtigt und gegruͤndet, aber zur Erhebung der Erb⸗ ſchaft eine Reiſe nach Rotterdam unbedingt 19 1 nothwendig, und die eben beginnenden Ferien erleichterten ihm die Vollziehung. Von wunderſamen Gefuͤhlen durchdrun⸗ gen, ſchritt Wallow jetzt, hundert und zwan⸗ zigtauſend Thaler reich, im Zimmer auf und ab, verweilte dann vor der weinenden Frau und ſprach bewegt— Aus Deinen ſchuldloſen Haͤnden empfing ich dieſen Schatz! Du Engel meines Lebens haſt mir ihn dargebracht— Zu unſerem Heile, wenn wir die Alten bleiben— zum Fluche, wenn wir uns uͤberheben. Reich⸗ Mt mein gutes Kind! iſt unter jedem Verhaͤltniß, ein gefaͤhrliches, zweideutiges Gut und wenn er ploͤtzlich auf das duͤrre Land des Armen faͤllt, ein Gelegenheit⸗ Macher des boͤſen Feindes, dem große Y Macht hienieden zuſteht. Ich bin gewiß, wir wuͤr⸗ den uns, waͤre das Erbtheil um vieles gerin⸗ ger, der Gegenwart und Zukunft viel kind⸗ * 2* 20 licher erfreuen koͤnnen.— Was denkſt Du nun damit zu thun? zu ſchaffen? zu beſſern? Amalie lispelte, die Augen und Haͤnde gen Himmel erhebend— Schenkt deine Hand mir Ueberfluß, So laß mich maͤßig im Genuß, Und arme Bruͤder zu erfreun, Mich einen frohen Geber ſeyn! Amen, ja! fiel Wallow ein: ſeyd barm⸗ herzig wie euer Vater im Himmel und Maͤßi⸗ gung iſt ja der Quell alles Heiles; das unſre kann, naͤchſtdem, nur unter der Bedingung gedeihen, daß wir den Umfang dieſer Seg⸗ nung verſchweigen. Der ſelige Stiefbruder hat uns bedacht! entgegneſt Du den Horche⸗ rinnen. Wohl recht anſehnlich? fragen ſie und darauf heißt es— wir ſind zufrieden! — Es reicht eben hin! Denn Gnade mir Gott! wenn die Summe bekannt wird. Ein Dutzend lockerer Reſpect⸗Perſonen ſieht es dann fuͤr meine unbedingte Schuldigkeit an⸗ 21 ihr ganz unterthaͤniger Glaͤubiger zu werden — ein Dutzend hochgeborner, verlorner Soͤhne, begehrt mich zum Schwiegervater; jeder verſchaͤmte und unverſchaͤmte Bettler will ſich durch mein Zuthun gerettet, mit dem Schickſal verſoͤhnt, ſeinen Anſpruch auf des Lebens Guͤter vergnuͤgt ſehn. Und wenn ich ſie abweiſe, ſo werde ich verfolgt, gelaͤſtert und ſelbſt dem Beſſern ein Aergerniß, denn die Gluͤcklichen finden nur liebloſe Richter. Du haſt Deinen Willen! antwortete die Gattin: der auch der meine iſt, aber nicht alle angenehme, vornehme Freier ſind des⸗ halb verlorne Soͤhne und unſere Maͤdchen wuͤrden unter gerathenen Grafen und Herren die Wahl haben, wenn ich wenigſtens zuge⸗ ſtehen duͤrfte, der ſelige Bruder ſey, uͤber Erwarten, beguͤtert und guͤtig geweſen. Amalie! ſprach er, mit einem Blick und Tone, der ihr Innerſtes durchdrang; ſie 22 verſtand den Sinn des Zurufs, ſiel ihm bit⸗ tend um den Hals und gelobte Ergebung und Verſchwiegenheit. Darauf brachte Wallow die Relſe zur Sprache, verduͤſterte damit auf's Reue die beſorgliche Gattin, welche ſich jedoch auch hierin ſeinen Gruͤnden fuͤgte und die noͤthigen Anſtalten zu treffen ging. Eliſe begleitet mich! rief er ihr nach und zu den Leuten ſagſt Du— meinem Maͤnnchen that eine Zerſtreuung Noth; er wuͤnſchte laͤngſt, den Rhein zu ſehn. Da gab ich ihm mein Lischen mit, das auch Erheiterung braucht und ſo weiter. — Die Zwillinge ſahen, am folgenden Tage, mit naſſen Augen dem Wagen nach, welcher ihnen den herzliebſten Vater, ſammt der ſtrengen aber huͤlfreichen Schweſter entfuͤhrte und be neideten dieſe, denn ſie hatten ſoviel 23 Herrliches, Sehnſucht⸗erregendes von der Fremde geleſen und gehoͤrt und kaum noch das Weichbild der Hauptſtadt uͤberſchritten. Da wandelte ein junger, wunderſchoͤner Mann die Straße entlang; er ſah zu ihnen auf, gruͤßte lachend und traulich und trat in das Haus. Die Maͤdchen erroͤtheten darob, ſie meinten, er muͤſſe nicht klug oder kurzſich⸗ tig ſeyn und ſie fuͤr andere genommen haben, denn von allen Baͤllen und gemiſchten Geſell⸗ ſchaften entfernt gehalten, lebten ſie bisher, der jungen Maͤnnerwelt verſagt, und ihr faſt unbekannt, wie Himmelsbraͤute. Bald ward es draußen laut; das Muͤt⸗ terchen ſetzte, vernehmbar, die Worte, eine volltoͤnende Stimme uͤberbot ſie; Minona flog zum Spiegel, ihr Ausſehn zu muſtern, Pauline warf, was auf dem Tiſch und Di⸗ van umher lag, in die Kammer, beſchwich⸗ tigte die bellende Leda und beide huͤpften nun 24 zur Thuͤr, um den Wettſtreit wohlklingender Aeußerungen zu belauſchen. Da oͤffnete ſich dieſe und die Mama trat an der Hand des erwaͤhnten ſchoͤnen Mannes ein. 3 Der Vetter Tieffuß! ſagte ſie; die Zwil⸗ linge ergluͤhten. Er eilte auf ſie zu und ſchien das Recht ſeines fruͤhern, traulichen Verhaͤlt⸗ niſſes geltend machen zu wollen, aber die harmloſen Goldpuͤppchen des Juͤnglings wa⸗ ren, waͤhrend dem derſelbe zum Manne reifte, ſchuͤchterne Jungfrauen geworden und ihr heiliger Nimbus entmuthigte ploͤtzlich den Beherzten. Er zog den Schritt ein und ver⸗ beugte ſich. 4 Frau Wallow nahm alsbald von neuem das Wort, um ihre bloͤden Kinder der ſicht⸗ lichen Bedraͤngniß zu entziehn und Tieffuß erwiederte, auf ihr Befragen, daß er zeit⸗ her in Rußland gehofmeiſtert, dann ſeinen Zoͤgling, einen Knaiſenſohn, durch Frank⸗ 25 reich und Italien gefuͤhrt habe, daß dieſer in Neapel verungluͤckt ſey und er dem Vater des Erblichenen eine Leibrente danke, die ihn, bei ſeiner Genuͤgſamkeit, vor dem Fluche ſchuͤtze, auf Koſten ſeines Selbſt nach dem taͤglichen Brote trachten zu muͤſſen. Was der imponirende Neffe, in Hinſicht auf dies Ich, fernerweit mit halben aber zierlichen Worten andeutete, beſagte eigentlich— Ich bin ein Sonnenroß, Frau Tante! das an den Pflug geſpannt, weder Furche noch Schritt halten wuͤrde— bin zum gehor⸗ ſamen Diener verdorben und waͤre am liebſten Alles in Allem. Mich hat zudem— und gern und frei geſteh ich es, das zaͤrtliche Ge⸗ ſchlecht verzogen— es feiert mich! Selbſt die Augen dieſer einfaͤltigen Zwillinge loben bereits, unwillkuͤhrlich, meine Goͤtter⸗Geſtalt und ihre ergriffene Mama den Geiſt, der mich adelt und die Herzen gewinnende Bildung. 26 Wollt Ihr erquickt ſeyn, ſo vernehmt mich als Saͤnger— entzuͤckt? ſo lauſcht meinem Saitenſpiele— gemahlt? anch' io son pittor! Beneidet? ſo bietet mir die Hand zum Tanze. Verfuͤhrt und verloren? ſo laßt Euch nur an einem Wimperhaͤrchen faſ⸗ ſen! Die Zwillinge hoͤrten dem wohlthuenden Schoͤnredner mit Herz⸗begieriger Andacht zu und dachten nebenbei der luſtigen und ergoͤtz⸗ lichen Stunden und Spiele, deren Salz und Seele der Vetter, als damaliger Schuͤler und Koſtgaͤnger im vaͤterlichen Hauſe, gewe⸗ ſen war.— Ein vornehmer Zuſpruch rief jetzt die Mama nach dem Beſuchzimmer ab und ſie hatte kaum das Stuͤbchen verlaſſen, als Tieffuß ploͤtzlich ſeinen Arm um die bei⸗ den, begeiſterten Jungfrauen ſchlang, ſie an das Herz zog, von ſeinem heiligen, unver⸗ lirbaren Anſpruch auf ihr ſchweſterliches Zu⸗ 27 trauen ſprach, ihre feenhafte Anmuth mit Dichterglut belobte, und endlich, neckend und koſend, bald die eine, bald die andere, auf Stirn und Wang' und Lippe kuͤßte. Das Paͤrchen ſtraͤubte ſich anfaͤnglich ernſthaft, dann laͤſſiger, denn des Vetters herziger, kirrender, das Foͤrmliche in Luſt und Lachen aufloͤſender Geiſt und Ton, beſtach und ent⸗ waffnete die Unſchuldigen. Zum erſtenmal vom Daͤmon angeregt, bezaubert von Herz treffenden, nie vernommenen Schmeichel⸗ reden, erwiederten ſie, ſich ihrer Blutver⸗ wandſchaft getroͤſtend, den ſuͤßen Kuß. Aber Pauline hatte die Woche und das Maͤdchen rief dieſe jetzt, zu ihrem Verdruſſe, hinaus, da die Mama noch immer durch den erwaͤhn⸗ ten Zuſpruch feſtgehalten ward und das wirth⸗ ſchaftliche Beduͤrfniß keinen Aufſchub litt. Willkommener Augenblick! fliſterte der Vetter, als ſie verſchwunden war: wir ſind 28 allein, ich und Sie, himmelſuͤße Minona! O wuͤrde der entzuͤckende Moment zur Stun⸗ de! zum Tage! zur Ewigkeit Wie wunder⸗ voll hat dieſe Knoſpe ſich entfaltet! Die Roſe prangt, die Schweſter wird zum unſchein⸗ baren Veilchen neben Ihnen. Mein wahl⸗ verwandter Geiſt neigt ſich, bei'm erſten, fluͤchtigen Begegnen, der gleichgeſtimmten Seele zu; die goldnen Tage der Vergangen⸗ heit umſchweben mich, wie ruͤhrende Erinne⸗ rung⸗Engel! Wir wollen ſie feſthalten, liebe Vertraute! und nur der Tod zertrenne das innige Gewebe der Gott geweihten Sym⸗ pathie!. Noͤnnchens Herz ſchlug hoͤrbar, von Angſt und Luſt bewegt. Ihre Sprachkunde war, ſoviel Schoͤngeiſtiges ſie auch bisher in der Stille geleſen, noch viel zu beſchraͤnkt, um eine dieſer Honigreden gleichmaͤßig zu er⸗ wiedern, der Sinn verſchloſſen, die Zunge ge⸗ 29 laͤhmt; ſie wuͤnſchte ſich weit hinweg und weidete ſich dennoch an dem duftenden Nebel dieſer Weihrauch⸗Wolke. Es war ihr bis heute vorgekommen, als ob ſie viel zu reiz⸗ los, zu geiſtarm und ungeſchickt ſey, um den Antheil eines Mannes zu erregen und dieſer bedeutende, praͤchtige, der mit Schrift⸗ ſtellerinnen und Prinzeſſinnen verkehrt hatte und ſelbſt wie ein Prinz und Dichter that und ſprach, ſchien bei dem erſten Zuſammen⸗ treffen mit ihrem Perſoͤnchen, entzuͤndet, verglich ſie den Feen, zog ſie der ſchoͤnern Schweſter vor und bot ihr ſeine Freundſchaft an und mehr! Wenn Er das Schreibbuch ſaͤhe, dachte Noͤnnchen: beſonders das fran⸗ zoͤſiſche! wenn er den Sprachmeiſter fragte oder dein Zeichenbret mit der ſchiefmaͤuligen Ceres erblickte! Als aber Tieffuß, die Klein⸗ muͤthige jetzt, unter vier Augen, viel ſtur⸗ miſcher als vorhin kuͤßte, riß ſie ſich ploͤtzlich 30 los; auch kehrte, gleich darauf, die Schweſter zuruͤck und ſagte haſtig— zur Mutter, Noͤnnchen! Die Frau Geheime Raͤthin will Dich ſehn. Noͤnnchen ordnete ſchnell ihre Locken und ging; es war ihr jetzt faſt angenehm, den Vetter verlaſſen zu muͤſſen, denn das Maͤd⸗ chen hatte ja, im Laufe weniger Minuten, drei uͤberraſchende, willkommene Erfahrun⸗ gen gemacht— Sie wußte nun, wie ein feuriger Maͤnnerkuß munde, wußte, was ſie dem ſchoͤnen Vetter galt und wie irrig ihre bisherige, geringe Meinung von ſich ſelbſt, geweſen war⸗ —— Jedem das Seine! ſprach die Hofraͤthin, als ſie mit den Toͤchtern wieder allein war: und dieſer Vetter macht uns Ehre. Er ſuchte, von Jugend auf, an Leib und Seele 31 ſeines Gleichen, hieß erſt das kluge Kind, ſo⸗ dann der ſchoͤne Leopold, aber die Welt hat den Diamant vollends geſchliffen und es kraͤnkt mich, daß der Vater nicht da war. Der kann ihn vollenden, denn noch fehlt es an der edeln Beſcheidenheit, Die Zwillinge ſtimmten der Mutter aus vollem Herzen bei, ſie muſterten beiher, im Spiegel, ihre belobten Zuͤge und Gliedmaßen, erkannten ſie nunmehr, mit Zuverſicht, fuͤr preiswerthe Kleinode und kehrten, um eins ſo alt, ſo erfahren und ſo freudig, an den Naͤhtiſch zuruͤck. Die Mutter ging in's Ne⸗ benzimmer, um ein Verzeichniß des Noͤthig⸗ ſten aufzuſetzen, was, mittelſt der hundert und zwanzigtauſend Thaler, an Kleidung, Waͤſche und Geraͤthſchaften zu ergaͤnzen ſey und Pauline ſeufzte laut. Der Vetter hatte ſie, nach Minonens Entfernung, gleich dieſer, von der Gewalt ſympathetiſcher Anneigung 3² und dem Zauber des geheimen Seelen⸗Ver⸗ eins unterhalten; ſie ſagte nach dem lauten Seufzer, leiſe zur Schweſter— Ich wollte, daß wir Tuͤrken waͤren! Dann te unte uns nichts! Wenn dann, zum Bei⸗ ſpiele, dem Vetter Tieffuß nach der Einen verlangte, ſo muͤßte er uns Beide heirathen, ſonſt wieſe man ihn ab⸗ In die Trennung ergeb' ich mich, erwie⸗ derte Noͤnnchen: denn er hat mich aufgeklaͤrt und begehrt er mein— man ſetzt nur den Fall, wie ſich verſteht!— ſo ſag' ich Ja! bleib aber, dem unbeſchadet, mein Leben lang, Dein treues Schweſterchen! Herein! rief Lina, weil man klopfte, und abermals erſchien ein junger Mann: die Maͤdchen ſtanden befremdet auf; ſein Gruß und Geberdenſpiel zeigte von feiner Bildung und natuͤrlichem Anſtand; er gemahnte ſie, zu Folge der Gediegenheit und der gemeſſenen 33 Haltung ſeiner Form, wie Simſon auf des Vaters Staats⸗Doſe, war uͤbrigens weder ſo kuͤhn, noch ſo bluͤhend, als der Vetter und viel anſpruchloſer. Die Mama kam dazu, als er eben ſein Erſcheinen mit dem Pflicht⸗ gefuͤhl eines neuen Hausgenoſſen rechtfertigte und ſich ihnen als den Schauſpieler Alfried vorſtellte. Die Zwillinge faßten jetzt den Kuͤnſtler verwundert in's Auge, denn Alfried gehoͤrte unter die Gegenſtaͤnde ihrer ſtillen, aber inni⸗ gen Sehnſucht. Sie hatten bisher ſein Lob in dem Tagblatte geleſen, das ihn oft bis zu den Wolken und hoͤher erhob— hatten Ge⸗ ſpielinnen, die das Theater beſuchen durften, mit Entzuͤcken uͤber Alfrieds Leiſtungen als Held, wie als Liebhaber— uͤber ſeiner Stimme Kraft und Wohllaut, uͤber ſein an⸗ ſprechendes Gliederſpiel und alles, was den Mimen ziert, vernommen. Ach! und da Schilling ate S. I1r Bd 3 34 ſtand nun der Liebling der Schoͤnſten und Sinnigſten aller Staͤnde, an ihrem ſtillen Hausaltare; da neigte ſich der Gefeierte, in Demuth, vor ihrer Unbedeutenheit und buhlte ſichtbar um geneigte Aufnahme und unm ein Huldzeichen der Frau Hofraͤthin. Dieſe kannte jedoch das vaͤterliche Hausge⸗ ſetz, welches alle junge Mannſchaft, abſon⸗ derlich die Dichter, Mimen und Heroen aus⸗ ſchloß, zu genau und fuͤrchtete zu ſehr die Folgen eigenmaͤchtiger Ausnahme, um dem Gegenwaͤrtigen auch nur einen Finger zu reichen. Sie dankte froſtig fuͤr die bezeigte Aufmerkſamkeit, entfernte, mittelſt herkoͤmm⸗ licher Zeichen, die beiden Toͤchter aus dem Zimmer und Alfried ſchlich nach wenigen Minuten, wie der Geiſt im Hamlet, von dieſer rauhen Morgenluft verſcheucht, uͤber den Vorſaal zuruͤck. Die Zwillinge ſahen ihm, aus ihrem Verſtecke, truͤbſelig nach. 35 Sie ſeufzten uͤber die ploͤtzliche Verhaͤrtung der weichen Mutter, die, wie es ſchien, ihren ganzen heutigen Vorrath von Nach⸗ ſicht und Guͤte an den Vetter Tieffuß ver⸗ ſchwendet hatte und bedauerten herzinnig, daß dieſer Goͤttliche nicht auch ihr Bluts⸗ freund ſey. Als die Maͤdchen am folgenden Mor⸗ gen wieder ihr Tagewerk trieben, Lina des ſchoͤnen Vetters, Noͤnnchen des großen Al⸗ frieds gedachte, ließ ſich draußen abermals eine Maͤnnerſtimme, im Wortwechſel mir der Mutter, vernehmen und Pauline ſchlich zur Thuͤr, um durch das Schluͤſſelloch zu ſehn. Nimm Dich in Acht! warnte die Schweſter! Mama iſt heut uͤbler Laune; zum Mittag wird deshalb der geſtrige Brei aufgewaͤrmt und Dein Hemd ſoll zum Abend * 5 fix und fertig ſeyn. Lina guckte dennoch und kehrte, in ihrer Erwartung getaͤuſcht, mit der Nachricht zuruͤck, es ſey nur der Bediente der geheimen Raͤthin und die Rede vom Vor⸗ fahren und der ſechſten Stunde. Jener ging jetzt, die Mutter kam herein, ſie trat zum Pult und ſchrieb; Leda ſchnarchte, die Naͤh⸗ faͤden der fleißigen Toͤchter ſchwirrten, ſelbſt der Haͤnfling war verſtummt; endlich ſagte Amalie ſeufzend fuͤr ſich— Ach wenn Er doch da waͤre! Tieffuß! dachte Lina; Alfrieh! wiſperte Minone und beide ſprachen dann— Der gute Vater wohl? Der gute Vater, ja! entgegnete jene: denn wie ich es auch mache, ſtoß' ich an und alles haͤuft ſich eben jetzt, wo er entfernt iſt und ſetzt mich in Verlegenheit. Die geheime Raͤthin, zum Beiſpiel, kam geſtern mit um Euer Willen. Sie wollte Euch, an ihrer 37 Toͤchter Statt, die weggebeten wurden, heut Abend mit in's Schauſpiel nehmen.— Gnaͤdige Frau kennen meinen Mann! ſagte ich und ſeinen Vorbegriff gegen ſolche Zer⸗ ſtreuungen.— Das Stuͤck iſt moraliſch! entgegnete ſie: und ich verantworte es— Auf meine Koſten, leider Gottes! Ihr ſagt er dann die ſchoͤnſten Dinge, mir aber kraͤn⸗ kende. Die Zwillinge hatten, in aͤußerſter Spannung, der muͤtterlichen Rede gelauſcht; ſie waren, bei Erwaͤhnung der guten Abſicht ihrer Goͤnnerin, empor geſprungen und fragten jetzt, zwiſchen Hoffen und Verzagen — duͤrfen wir denn, Herz⸗Muͤtterchen? Und eben jetzt, fuhr die Mama unmuthig fort: laͤßt ſie mir ſagen, Schlag ſechs Uhr werde der Wagen hier vorfahren; ihr moͤch⸗ tet bereit ſeyn!— Was bleibt mir denn uͤbrig? 38. Da flogen ſie an der Mutter Hals und ſangen Juchheiſa! und Pauline ſprach, das Koͤpfchen erhebend— die Ehre iſt groß, mein Muͤtterchen! Denke nur! Eine der vor⸗ nehmſten Damen holt uns ab und ihre Loge iſt im erſten Range. Es wuͤrden ſich ja Graͤ⸗ finnen von dieſer Wahl geſchmeichelt fuͤhlen. O, das iſt himmliſch! Und wie wird der Vetter Tieffuß erſtaunen, wenn er uns auf dem Ehrenſitze wahrnimmt. Der ſieht da mindeſtens, was wir hier gelten und daß er die Toͤchter des Hofraths Wallow nicht uͤber⸗ ſchaͤtt hat. Amalie ſchlug dieſe aufflammende Hof⸗ fahrt ſofort, durch eine nachdruͤckliche Geſetz⸗ predigt zu Boden und freute ſich des ſtillen Noͤnnchens, das, vor Freude verſtummt war und waͤhrend dem, bald ihre Haͤnde, bald die Arme, bald den Nacken mit Kuͤſſen bedeckte. Minona hatte aͤſtheriſchen Sinn, 39 entſchiedene, mimiſche Anlagen und ihr ſtil⸗ ler, ſteter und liebſter Gedanke war das Theater⸗Weſen. Was des Vaters Buͤcher⸗ Sammlung in dieſem Fach enthielt, konnte ſie, gleich den Komoͤdieen des Kinderfreundes und Gellerts Schaͤferſpielen faſt auswendig und ward von ihren Geſpielinnen mit den Leiſtungen der neuen Buͤhnendichter heimlich verſehn. Wallow haͤtte vielleicht kaum eines dieſer Stuͤcke gutgethan und in ihren Haͤn⸗ den geduldet, der Mutter lag zudem die heim⸗ liche, ihm gelobte Pflicht ob, den reinen, ſcheinbar frommen Phantaſus ihrer Maͤdchen, 4 vor jedem Stoͤrenfried zu ſichern, gleichviel, ob er ſich Alfried oder Tieffuß, Oberon oder Werther nenne, und doch war ſie mit dieſen vertraut. Nur den Beſuch des Theaters verkummerte, Theils die ſtrenge Wirthlich⸗ keit der Mutter, Theils des Vaters erwaͤhnte Beſorgniß vor verderblichen Eindruͤcken und 40 8 die Schlechtigkeit der Truppe, welche, erſt ſeit kurzem, einem gewaͤhlten, trefflichen Kuͤnſtler⸗Vereine den Platz raͤumte. — Amalie hatte ihrem Gatten die Fuͤhrung eines Tagebuchs verheißen, das ihm woͤchent⸗ lich nachgeſchickt werden ſollte und in welchem ſie, ſo eben, die geſtrigen Ereigniſſe dar⸗ ſtellte. Die Arbeit ward ihr ſchwer, denn es galt bereits der Erwaͤhnung fremdartiger Begebenheiten, die, unverſchleiert vorgetra⸗ gen, ſeine Ruhe ſtoͤren und die Vorſicht der Ehren⸗Waͤchterin in Schatten ſtellen konnten. Sie nannte demnach den Vetter Tieffuß, un⸗ ter Verheimlichung ſeiner Schoͤne und ſeines Uebermuthes, eine gute, erkenntliche Haut und die Frau geheime Raͤthin ihre despotiſche Freundin, der ſich die Kinder, ohne zu be⸗ leidigen, nicht verſagen ließen, das heutige 41 Schauſpiel aber eine Tugendſchule, die den Zwillingen mindeſtens ſo heilſam, als ein Kirchgang ſeyn werde. Dieſe wurden, ſchließ⸗ lich, wegen ihres Fleißes und ihrer Folgſam⸗ keit belobt und dann der eignen, ungeheuchel⸗ ten Zaͤrtlichkeit und Sehnſucht nach dem ver⸗ mißten Hausvater, freier Lauf gelaſſen.— Die Schreiberin athmete, als ſie das Werk vollendet hatte, mit erleichtertem Herzen auf; hr war wie der bekuͤmmerten Papiſtin, die nun gebeichtet hat und den Ablaß erwartet. Sie putzte jetzt die froͤhlichen Maͤdchen gutes Muthes heraus und freute ſich, das Feier⸗ kleid der Einen zu kurz, das der andern zu knapp zu finden, denn Beide waren ihnen, ſeit dem letzten hohen Feſt, entwachſen und der Vater konnte, unter dieſen Umſtaͤnden, nicht ſcheel ſehen, wenn ſie fuͤr neue Sorge trug. Ihr ſchwoll das Herz, als jetzt die verſchoͤnten, geſchmuͤckten Lieblinge ſie um⸗ 4² webten, denn die wonnige Erwartung hatte der Kinder Wangen um eins ſo roſig gefaͤrbt und die ſchelmiſchen Augen ſtrahlten ergoͤtzlich. Die Mama verſah das unerfahrne Paar ne⸗ benbei, mit Regeln der Manier und der Le⸗ bensklugheit. Sobald ihr eingeſtiegen ſeyd, ſagte ſie: dankt die Eine der Excellenz, mit Weichmuͤthigkeit und Demuth, fuͤr die eh⸗ rende Auszeichnung, die Andere fuͤr den ſel⸗ tenen, erleſenen Genuß, und eine nimmt der andern das Wort ab, damit ſie beide verneh⸗ men koͤnne. In der Loge aber haltet ihr die Koͤrper aufrecht, das Leibchen von der Bruſt⸗ lehne entfernt, gafft nicht umher, am wenig⸗ ſten die Herren an und erwehrt Euch, wäh⸗ rend der Darſtellung, jedes Eindrucks, denn im erſten Range darf weder gelacht noch ge⸗ weint werden. Vornehme verlaͤugnen dort gern, um ſich von der Menge zu unterſchei⸗ den, jede menſchliche Regung, wenn anders . 43 die Dreſſur ihr Herz und Gemuͤth nicht ſchon ertoͤdtet hat. Sie koͤmmt! Sie koͤmmt! riefen beide, flogen an die Bruſt der Mutter, dann die Treppe hinab, in den Wagen und aͤuſſerten ſich nun, wie ihnen geheißen war; doch ihre Goͤnnerin wies das Dankopfer, zuſammt den geſuchten Worten von der Hand. Da hoͤrt man die legon! ſagte ſie: ihr aber ſollt Euch, frei und natuͤrlich, ohne Zier und Foͤrmlichkeit, aͤuſſern; das iſt das ſchoͤne Vorrecht Euerer Jahre, Eueres Mutterwitzes und Euerer Unſchuld! — Sie traten in das neuerbaute Schauſpiel⸗ haus— ein Feentempel fuͤr die Neulinge! Schon rauſchte die Muſik, der Herren Schaar ſah auf, als der leere Raum dieſer Loge ſich ploͤtzlich mit Damen fuͤllte und zwei fremde, 44 wunderholde Jungfrau'n, in der Roſengluth ihres Bangens, aus dem Dunkel hervortra⸗ ten. Minonen ſchwindelte zu Folge der Ge⸗ walt der Empfindungen, welche die Sym⸗ phonie, der Kerzenglanz, die bunte Menge, der kecke Auf⸗ und Anblick der Maͤnner ploͤtz⸗ lich uͤber ſie brachte; ihr Buſen wallte, die Knie bebten, die Augen wagten nicht, ſich zu erheben. Paulinen machte dagegen die⸗ ſelbe Anregung ploͤtzlich herzhaft und unbe⸗ fangen. Sie erwiederte der ſcherzenden Goͤn⸗ nerin Gleiches mit Gleichen, ſah muthig ringsum und auf's angenehmſte uͤberraſcht, den Vetter Tieffuß in der Nebenloge. Lina ſuchte, laͤchelnd, ſeine Blicke zu feſſeln und an dieſem Ehrenplatze, von ihm bemerkt zu werden, er aber vermied augenſcheinlich die ihrigen und das Maͤdchen erlaubte ſich nun, im uUnmuth uͤber dieſe bekraͤnkende Verleug⸗ nung, bei der Geheimen Raͤthin anzufragen, 45 ob die ſchoͤne Dame neben an, welche der junge Mann ſo eifrig unterhalte, vielleicht die Ehre habe, von ihr gekannt zu ſeyn? Die Ehre hat ſie: erwiederte jene. Es iſt die Frau von Hohlland, die vor kurzem mit ihrem Gemahle von einer Reiſe durch Italien zuruͤckkehrte. Sie ſind hier fremd und am Rheine zu Hauſe, haben aber eine anſehnliche Herrſchaft in unſerer Gegend ge⸗ erbt, die ſie kuͤnftig bewohnen werden. Pauline neigte ſich, dankbar fuͤr die empfangene Auskunft, aber von derſelben verduͤſtert. Das war ja augenſcheinlich der bedeutende Freund und die huldige Goͤnnerin, deren er geſtern beilaͤufig und als verpflichte⸗ ter, dankbarer Weſen gedachte. Die herab⸗ laſſende Guͤte, mit welcher ſich die junge Dame hier, ſelbſt unter den Augen des Gat⸗ ten und des Publikums, zu dem rangloſen Tieffuß bekannte, zeigte wenigſtens, daß er 46 nicht log und Lina wiſperte eben der ſtillen Schweſter die gemachte Entdeckung in's Ohr, als der Vorhang aufrollte und das Beginnen ihre Herzen und Sinne feſſelte. Frau Tau⸗ ſendſchoͤn, eine gefeierte, treffliche Kuͤnſtlerin, brachte zuerſt dieſe Vergeſſenheit uͤber ſie und ploͤtzlich druͤckte die erblaſſende Minona ihr Knie an das ſchweſterliche, denn Alfried, der Unvergleichliche, erſchien. Wie der Alcide trat er auf, in Heldentracht, vom prangenden, federreichen Helm erhoͤht, ein Urbild jugend⸗ licher Schoͤne und maͤnnlicher Gediegenheit. Die Sprache der Leidenſchaft klang, von dem Dichter veredelt und von dem tonreichen Kuͤnſtler beſeelt, im Buſen aller Fuͤhlbaren wieder, erſchuͤtterte, im ſchwellenden Affekt, die Herzen, wie das Haus und die zarte Tau⸗ ſendſchoͤn aͤhnelte iett, von dem Glͤcklichen umſchlungen, der Hebe im Arm ihres Halb⸗ gottes. Der Beifall rauſchte, ſteigend, bis 47 an's Ende und Alfried ſprach, ſammt ſeiner Tauſendſchoͤn hervor gerufen, den Dank fuͤr dieſe Anerkennung ſo buͤndig und ſo geiſtreich aus, daß ihn ein neues, vielſtimmiges Bravo! feierte. Leiſe Anklaͤnge des Staunens und der entflammten Bewunderung flogen, waͤhrend des Spieles, oft genug, uͤber Minonens Lippen. Alfrieds Perſoͤnlichkeit und ſeine Leiſtung— die Kunſt, der Zauber und die Kleiderpracht der feenhaften Tauſendſchoͤn und ihrer Planeten— erſchoͤpfte und uͤberbot, im Vereine mit der blendenden Zuthat, was des Maͤdchens Phantaſie noch je ertraͤumt und gewoben hatte. Sie ſchlich, den Arm der Schweſter faſſend, gleich einer Berauſch⸗ ten zu dem Wagen und mochte ſich es weder laͤugnen noch geſtehn, daß ihr Gefuͤhl fuͤr den Verherrlichten, im Laufe dieſer Stunden zur Gluth geworden ſey— zur Anbetung! 43 mochte es weder laͤugnen noch zugeben, daß ſeine Flammen⸗Augen bei jeder deutſamen, Verlangen, Wehmuth, Sehnſucht athmen⸗ den, die Heldenbraut vergoͤtternden Stelle, nach ihr blickten, ſie, gleich den Blitzen ſei⸗ nes Juwelen⸗Guͤrtels, anſtrahlten und mit Schauern heißer Angſt und ſtiller Seligkeit bedeckten. Jetzt ergoß ſich, zum Ueberfluß, die Frau geheime Naͤthin in Alfrieds Lob: und einen ſolchen ehrt es vor Tauſenden, ſetzte ſie hin⸗ zu: daß er auch ein ſittlicher Menſch iſt. Vornehme, aber tugendloſe Perſonen unſeres Geſchlechtes haben alles verſucht und gewagt, ſeiner habhaft zu werden, doch Alfried ver⸗ ſchmaͤht das Laſter ſo ſtandhaft, als er aus⸗ ſieht, er lebt ausſchließlich ſeiner Kunſt, wan⸗ delt unſtraͤflich, thut den Armen wohl und ſelbſt den Feinden Gutes, wie mir bekannt iſt. 4 49 Minona druͤckte, bei dieſer Aeußerung, die Hand an's Herz und neigte ſich abwaͤrts, um Thraͤnen, die ploͤtzlich ihre Augen fuͤllten, verrinnen zu laſſen. Auch Lina pries den Geruͤhmten jetzt um ein's ſo laut, bedauerte aber, daß der wackere Amos, welcher doch ebenfalls das Seine gethan, auch ihres Be⸗ duͤnkens eine angenehme Form und viel An⸗ ſtand habe, ganz unbeachtet geblieben ſey. Frau von Halmer warf dagegen dieſen Gegen⸗ ſtand des jungfraͤulichen Mitleids, verdam⸗ mend zu den Todten und zieh jetzt ſogar die meiſterhafte Tauſendſchoͤn der Unnatur, als ihr Wagen vor Wallow's Wohnung hielt. Die Maͤdchen beurlaubten ſich, feurig dan⸗ kend, mit Handkuͤſſen und Frau von Hal⸗ mer fliſterte, als wirkliche geheime Raͤthin der Zwillinge— vergoͤttert mir die Schau⸗ ſpieler nicht vor der Mutter! Schilling ate S. rir Bd. 4 4 5⁰ Die Hausthuͤr war bereits verſchloſſen. Als demnach Minona am Klingeldrath zog, ſchlug die Schelle nicht an und Paulinen fiel nun bei, daß jene den Dienſt verſage und der Schloſſer morgen den Zug herſtellen ſolle. Jetzt kuhr ein Wagen vor und Alfried ſprang, mit dem blitzenden Helm unter dem Arme, in ſeinem Buͤhnenſchmuck heraus. Dem Noͤnnchen bebte das Herz, der Odem ſtockte und ihr Zuͤnglein vermochte nicht, ſeine ehr⸗ erbietige Anrede zu erwiedern; Pauline hin⸗ gegen klagte ihm mit eiferndem Unmuth, daß man ſie alleſammt ausgeſperrt habe und die Glocke nicht anſchlage. 3 Dafuͤr iſt Rath! entgegnete der Heros, zog ſeinen Hausſchluͤſſel aus dem Koller und offnete. Es war rabendunkel auf der Flur. Lina eilte, des Raumes kundig, der Treppe zu, Alfried erfaßte— nein, er beruͤhrte nur, mit zarter Scheu, die Hand ihrer Schweſter 2 51 und geleitete ſie— doch Noͤnnchens Zuſtand und die Unbekanntſchaft des neuen Hausge⸗ noſſen, fuͤhrte ſie irr. Das Paͤrchen gerieth in den unangenehmen Hintergrund, ein Fehltritt warf die Jungfrau an ſeine Bruſt — er hielt ſie, Augenblicke lang, im Arme, ihr Antlitz traf an ſein ſchwellendes Herz, doch Minona entzog ſich ihm ploͤtzlich, denn von Oben fiel jetzt ein Lichtſtrahl in die heilige Nacht; das Dienſtmaͤdchen hellte ſie aus; es hatte Lina's Ruf vernommen und ſprang herbei. Waͤhrend dem Amaliens Toͤchter den koͤſtlichen und doch nicht klaren Freuden⸗ becher leerten, fuͤhrte die Mama daheim, im Sorgenſtuhle ruhend, den jener Gluͤckfall nur vergoldet hatte, ſich, mittelſt einer Selbſt⸗ pruͤfung, in's Gericht. Ihr Tagebuch war ». 52 auch nicht klar— es war nicht durchaus reiner Wein, was ſie dem Gatten in jenem darbot und ihr Verfahren als deſſen Statt⸗ halterin um ſo weniger vorwurffrei, da ſie in ſeinem Geiſt und ſeinen Grundſätzen ge⸗ maͤß, zu walten gelobt hatte. Wuͤrde wohl ihr Adolf dieſen Vetter, der ihr ſelbſt ſo loſe als liebenswerth vorkam, mit den Toͤchtern allein gelaſſen haben, um dieſe, im Beſuch⸗ zimmer, der Frau von Halmer zuzuſagen? Wuͤrde ihm, bei ſeiner Heilighaltung des Re⸗ gelrechten, die Zuſtimmung ſo leicht gewor⸗ den, die Verſchwendung des Nachmittags mit Putz⸗Anſtalten, ſo gleichguͤltig geweſen ſeyn? Und mußte nicht dem Weltklugen die Verfaſſerin dieſer beſchoͤnigenden Nachrichten als eine gewoͤhnliche, kindſchwache Mutter oder Heuchlerin erſcheinen und damit ſein Zu⸗ trauen wie ſeine Achtung auf immer ver⸗ ſcherzen? Von dem Geiſt dieſer Erkenntniß 53 eaͤngſtet und geſtraft, zerriß Amalie das Blatt und ſchrieb ihm dafuͤr— Wie beſtechlich und unſelbſtaͤndig das Weib ſey, erfahre ſie, ſeitdem er die Zuͤgel der Regierung in ihre Hand gelegt, und lei⸗ der! ſchon im Beginnen derſelben, mit Be⸗ kuͤmmerniß. Das und das habe ſich, gleich nach ſeiner Abreiſe begeben; Ruͤckſicht, Un⸗ bedacht und ihr Mutterherz, ſie zur Nach⸗ giebigkeit gegen die geheime Raͤthin bewo⸗ gen. Hier ſtehe nun ſein Malchen„wie der Zoͤllner einſt, beſchaͤmet und von ferne!“ und weine und graͤme ſich, denn es reue ſie ſehr und ſie woll' es nicht mehr thun. „Eben kommen unſere Kinder aus dem Schauſpiel zuruͤck“ beſagte die Nachſchrift „und koͤnnen nicht genug ruͤhmen, wie huld⸗ voll und muͤtterlich die Excellenz ſich gegen ſie bezeigte. Das Theater⸗Weſen ſcheint uͤbrigens weder einen tiefen noch lebhaften 54 Eindruck hinterlaſſen zu haben, denn Noͤnn⸗ chen haͤtſchelte, gleich nach dem Eintritt, den Hund, ihre Schweſter verlangte nach der Suppe und Beide belobten immer nur die gnaͤdige Goͤnnerin und ſchilderten die empfun⸗ dene, verkuͤmmernde Leuteſcheu. Vergieb alſo diesmal der Deinigſten“ c. Mitternacht war voruͤber, der Sand⸗ mann blieb auſſen. Lina ſah noch den Vor⸗ hang offen, das Treiben der Schauſpieler, die bewegte Menge und fuͤrchtete fuͤr die Un⸗ ſchuld und Tugend des ſchoͤnen Vetters, denn die Frau von Hohland war ihr, wie das Ge⸗ gentheil von beiden, und ihr Gemahl als ein Einfaͤltiger erſchienen. Und daß die Dame ſich, auch bei den beſten Grundſaͤtzen, in den Geiſt und Leib eines ſolchen Freundes werde verlieben muͤſſen, leuchtete Paulinen um ſo 55 klarer ein, da ſie ſelbſt ſich, ſeit dem kurzen Morgen⸗Beſuche, fortwaͤhrend mit demſelben beſchaͤftigt hatte und ſeines Gleichen, in ih⸗ rem Wahn, auf Erden nicht zu finden war. Jetzt ſprang Minona, welche der innere Sturm, bis dahin, wohl hundert Mal von einer Seite auf die andere warf, aus ihrem Bettlein, ſchluͤpfte unter die Decke der Schweſter, umarmte dieſe, klagte weinend uͤber herzbrechende Angſt und beſchwor ſie, ihr getreu zu bleiben bis in den Tod, der ſie gewiß bald erretten werde. Lina ſchmeichelte der Drangſeligen, ge⸗ lobte ſich und liſpelte— Dein Arzt iſt nah genug und doch ſo fern! Und kaͤm' er auch und freiete um Dich, was wuͤrde wohl der Vater ſagen? 3 O, kaͤm er nur! ſeufzte Noͤnnchen, ihre Schweſter an das Herz preſſend: die Liebe ebnet Felſen und Abgruͤnde! Aber ich und die Tau⸗ 56 ſendſchoͤn! das Sandkorn neben der Juwele — die iſt ſein Abgott! man ſah es deutlich! Ein Herz ſind die und eine Seele! Nichts weniger! troͤſtete Lina: ich glaubte es auch, als Alfried ſie, im letzten Aufzuge, ſo innig umhalſte, und aͤußerte gegen die geheime Raͤthin dieſelbe Vermuthung. Der Schein betruͤgt, mein Kind! erwiederte ſie lachend: denn ſie vertragen ſich wie Feuer und Waſſer. Das Feuer iſt Er! das himmliſche! fiel Noͤnnchen ſchnell begeiſtert ein und Lina dachte ſeufzend: der Vetter iſt noch feuriger! und jede ſah, um's Morgenroth, ihr bren⸗ nendes Idol im Traume. Wallow reiſ'te indeß mit ſeiner Eliſe der reichen Erbſchaft zu und gemahnte ſich, dem Aktenſtaub und der Nahrung⸗Sorge ent⸗ 57 nommen, in der herrlichen Gegend, wie ein Vollendeter, den der Befreiung⸗Engel ploͤtz⸗ lich aus dem Nebelthal an den Lethe verſetzte. Er beſtieg in St. Goar ein Rheinſchiff, um den Wellenpfad der Nymphe zu erſchauen, die einſt die Druſus und Varus, die Carl den Großen als Kind und als Kaiſer— die ſein unſeliges Nachbild, als Halbgott und als Fluͤchtling ſah und ſeit Jahrtauſenden, im raſtloſen Wechſel, Fluch und Segen von einem Ufer zu dem andern trug. Die Ge⸗ ſellſchaft war zahlreich und ſehr gemiſcht. Bald nach der Abfahrt zog ein wohlgekleide⸗ ter, aber blaß und verſtoͤrt ausſehender Mann den Hofrath und ſeine ſtill begeiſterte Tochter in's Geſpraͤch. Er nannte ſich Heling, kehrte mit dieſer Gelegenheit, von Mainz aus, auf ſein Landgut zuruͤck, ſchien mit der Gegend vertraut und gebildet. Eliſe freute ſich des artigen, belehrenden Geſellſchafters, 58 ſie haͤufte, von den mannigfachen, anziehen⸗ den Gegenſtaͤnden erregt, Frage auf Frage und troͤſtete ſich, bei dem Anblicke veroͤdeter Pallaͤſte und Paradies⸗Gaͤrtlein mit der Naͤ⸗ nie:„Auch das Schoͤne muß ſterben, das Menſchen und Goͤtter erfreute ꝛc.“ Aber dem Schoͤnen, erwiederte Heling: ward doch unleugbar ein Genius beigeſellt, der es, mitten in der Drangſal, oft wunder⸗ ſam beſchirmt und ſichert, und zaͤrtlich, wie ein Leidtragender aus dem Staube des Un⸗ rettbaren, neue Anmuth hervorruft. Friſche Bluͤthen und Reben, zum Beiſpiel, aus der vulkaniſchen Aſchenwelle, die den Weinberg und die Orangen bedeckte— uͤppige Weiden aus dem Schlamme der verſchwemmten Trift — maleriſche Truͤmmer aus zerronnenen Ca⸗ pitolen und Tempeln. Sie fuhren eben an den Reſten der Schloͤſſer Liebenſtein und Sternfels voruͤber, 59 die, unterhalb Hirzenach, wie Rieſenſchatten der Vergangenheit, von dem Felſen herab⸗ ſchau'n und bekanntlich„die Bruͤder“ genannt werden. Dort auf dem Sternfels, ſagte Heling zu Eliſen: erzog im zwoͤlften Jahrhundert ein wackerer, beguͤterter Ritter zwei Soͤhne und ein angenommenes Fraͤulein, das zur lieblichen, ſittlichen Jungfrau aufbluͤhte und ſtellte der gereiften die Wahl unter den beiden Jugend⸗Geſpielen frei. Das Maͤdchen ſchien, von Kindheit auf, den juͤngern vorzuziehen; ſein großmuͤthiger Bruder trat demnach, ſo theuer ihm auch die Holde war, freiwillig zu⸗ ruͤck und verließ, in verſtaͤndiger Beachtung des Rathſamen, die Burg, um durch Ent⸗ fernung zu geneſen. Kaiſer Conrad ſammelte eben, zu Frank⸗ furt, Ritter und Mannen zum Kreuzzuge und dem erkorenen, gluͤcklichen Liebling des Fraͤu⸗ 60 leins wandelte, an der Schwelle der Braut⸗ kammer, ploͤtzlich der Drang an, ſich zuvor, auf dieſem Wege, der Mutter Gottes werth zu machen und die Vollziehung ſeines Bun⸗ des bis nach der Ruͤckkehr aus Palaͤſtina zu verſchieben.— Vergebens eiferte der Vater, warnte der Bruder, ſlehte die liebende, nach Einigung und haͤuslichem Segen verlangende Braut— der Entſchluß des Schwaͤrmers er⸗ ſchien ihr endlich als eine Stimme des Him⸗ mels, ſie ſtellte ſich, nach ſeinem Abgang, unter den Schutz ihres Pflegers und des red⸗ lichen Bruders, welcher deshalb auf's neue in dem Vaterhauſe Wohnung machte. Je⸗ ner ging, bald darauf in das Friedenland ein, dieſer bewahrte das anvertraute Kleinod mit Zartſinn und Treue— endlich kehrte ein Knappe des Bruders heim und ſeine Eroͤff⸗ nung verbreitete, ſtatt des Jubels, Groll und Trauer. Zwar befand ſich der Kreuz⸗ 61 ritter unverſehrt auf dem Ruͤckweg, aber eine griechiſche Edeldirne aus Stambul begleitete ihn als angetraute Gattin und das Paar zog, keck und ruͤckſichtlos, mit einem luſtigen Ge⸗ folge in Sternfels ein. Der Liebenſteiner befehdete ſofort, in gerechter Empoͤrung, den Wortbruͤchigen, ein blutiger Kampf begann, doch gleich dem Frieden⸗Engel trat die ver⸗ laſſene Braut zwiſchen das feindſelige Bruͤder⸗ paar, verſoͤhnte es und nahm dann— fuͤr immer der truͤglichen Weltluſt entſagend, den Schleier. Die Griechin warf dagegen den ihrigen von ſich und ließ das Licht ihrer ſelte⸗ nen, geiſtigen und leiblichen Reitze, ſo hell leuchten, daß die jungen Ritter in Schaaren herbei ſtroͤmten und der Stolz des geſchmei⸗ chelten Gatten ſich, bald genug, in Schmach und Herzleid verkehrte. Er dankte dem wach⸗ ſamen, noch immer ſein Beſtes bezweckenden Bruder, die Ueberzeugung, daß eine Buh⸗ 62 kerin den Namen dieſes edeln Stammes ver⸗ unehre und ihr gelang es eben noch, der Rache des ergrimmten Gatten zu entfliehen. Die Bruͤder ſchloſſen nun, auf's neue, den fruͤher beſtandenen, herzinnigen Verein, weih⸗ ten ihre Herzen dem Andenken der verſcherz⸗ ten, gefeierten Gottesbraut, verzichteten fortan auf die Freuden der Liebe, auf die Segnungen des Eheſtandes und ihr Geſchlecht erloſch mit ihnen. Der Erzaͤhler kehrte hierauf, die kuͤhle Abendluft zu vermeiden, nach der Kajuͤte zuruͤck, Eliſe aber ſtarrte, unter elegiſchen Gefuͤhlen, die Bruͤder an; ſie fuͤhlte der Nonne Leid, ihr war, als webe die Gott⸗ geweihte, unter dem Baumſchlage der Truͤm⸗ mer, die das Spaͤtroth vergoldete; ein tiefer G Seufzer pries und beklagte ſie. .O/— 63 Heling unterhielt, auch im Laufe der zweiten Tagesfahrt, die neuen Bekannten auf's Angenehmſte und zeigte, als das Schiff ſich dem Nachtquartier nahete, nach einem Obſtwaͤldchen hin, in deſſen Bezirke ſein Land⸗ gut gelegen ſey. Wallow's Hand ergreifend, ſagte er mit gewinnender Milde— der Abend iſt ſo ſchoͤn, der Weg dahin ſo kurz und lieb⸗ lich und der Wunſch, ſo achtungwerthen Ge⸗ faͤhrten das Nachtlager im Gaſthofe zu er⸗ ſparen, ſo wohlgemeint, daß ich mir die Bitte nicht verſagen kann, Sie am eigenen Heerde bewirthen und betten zu duͤrfen. Mein Wagen bringt die lieben Gaͤſte morgen an das Ufer zuruͤck und Sie werden bei dem widrigen, nach des Schiffers Meinung uͤber Nacht zunehmenden Winde, noch immer zu fruͤh kommen. Die zarte Anhaͤnglichkeit des Fremden hatte Eliſen wohlgethan. Er belobte naͤchſt⸗ * 1 g iffnete endlich eine Alte die Thuͤr und ent⸗ dem ſeine Mutter und Schweſtern, denen in dieſen willkommenen Gaͤſten, eine heil⸗ ſame, erfreuliche Zerſtreuung zufalle; Lis⸗ chens Blicke unterſtuͤtzten demnach ſein Ge⸗ ſuch bei dem Vater und er wiederholte es ſo ernſtlich und dringend, daß Wallow, unter verbindlichen Erwiederungen, gewaͤhrte, Das Landhaus lag, durch Gebuͤſche und uͤppige Triften, von dem Landungplatz ge⸗ ſchieden, im Mittel eines Straußes koͤſt⸗ licher Fruchtbaͤume; ſtill und lieblich, wie ſich Dichter die Feiedenſtadt wuͤnſchen. Große Doggen, die noͤthigen Schutzpatrone ſolcher— Cabanen, ſprangen, wie grimmige Panther, heran und ſchnell von dem Rufe des Haus⸗ herrn gebaͤndigt, vor Freude heulend, an ihm empor. Nach wiederholtem Klopfen 65 gegnete, auf ſeine Frage nach der Mutter und Schweſter: die Frau Baronin habe zu⸗ geſprochen und beide mit ſich nach der Stadt genommen, von dannen ſie am morgenden Abende zuruͤckkehren wuͤrden. Das Mißgeſchick iſt doch mein taͤgliches Brot! murmelte Heling: entſchuldigte bei Eliſen die erregte, vergebliche Hoffnung, aͤußerte, zu dem Vater gewendet, daß man dem unbeſchadet ſatt werden und ein ertraͤg⸗ liches Bett finden werde und fuͤhrte nun die Gaͤſte nach der duftenden, angenehmen Gar⸗ tenſtube. Die Alte brachte Licht, ſie ſchloß die Fenſterladen, deckte den Tiſch, trug edeln Wein und kalte, trefflich bereitete Speiſen auf, und des Wirthes trockne, aber ſinnige Scherzreden wuͤrzten die Mahlzeit. Darauf nahm Vater Wallow, von dem Geiſte des alten Hochheimers belebt, das Wort; er ge⸗ dachte der Heimat, ſchilderke, auf Helings Schilling 2te S. 11r Bd. 5 66 Veranlaſſung, ſein haͤusliches Leben und die Blumen des Kranzes; Eliſe aber ſchlich, vom Schlafe draͤngend angefochten, nach dem entfernten Sopha hin, um unbeachtet einzu⸗ nicken. Der Hofrath fuͤhlte, daß er ſich nur zu lange ſchon, zum Text des Geſpraͤches ge⸗ macht habe und munterte jetzt, um den Uebel⸗ ſtand auszugleichen, ſeinen verſtummten Wirth auf, Gleiches mit Gleichem zu ver⸗ gelten. Scheint es nicht, verſetzte Heling, mit halber, eintoͤniger Stimme: als ob die Menſchen, ſchon Entſtehen theils dem guten und theils dem unholden Daͤmon zuge⸗ theilt wuͤrden, die, im Spiele des Lebens ſo ſichtlich um die Vorhand ringen? Ihnen, mein Herr! muß man unſtreitig, als einem Guͤnſtlinge des freundſeligen, Gluͤck wuͤn⸗ ſchen. Er gab Ihnen die vernuͤnftige Liebe— — 67 zur Amme, zahme Bildſamkeit, ſuͤßes Blut und geregelte Neigungen— Er gab Ihnen des Lebens ſeltenſtes Gut in Ihrem Weibe, gerathene Toͤchter und den ſegenreichen Fluch, das taͤgliche Brot im Schweiße des Angeſichts erwerben zu muͤſſen. Er verlieh dem Be⸗ gabten obendrein dieſe empfehlenden Formen und Augen, die nur aufſchauen duͤrfen, um in des Naͤchſten Bruſt das Wohlwollen und den Glauben an Ihre Redlichkeit zu erwecken. Sehn Sie in mir Ihr unſeliges Gegen⸗ ſtuͤkk. Mir hat noch Keiner getraut, noch Keine mir, aus innerem Trieb' und uner⸗ kauft, den Blick und Kuß der Liebe zugeſtan⸗ den. Schon als Kind ward ich das Marter⸗ holz einer greulichen Stiefmutter und in dem Innern des krankhaften und formloſen Kna⸗ ben, ſchoſſen bereits alle Keime zerſtoͤrender Verwilderung, uͤppig und vorherrſchend auf. Wallow ſah betroffen nach dem Sopha *„ hin, denn dies rohe, verletzende, den fruͤher dargelegten Zartſinn ſo ſchreiend verleugnende Geſtaͤndniß, eignete ſich keinesweges fuͤr das aber Eliſe ſchlief ſanft Ohr einer Solchen; und feſt und jener ſprach, wart der Jungfrau zu beachten— Das Boͤſe draͤngte ſich mir gleichſam un⸗ abweisbar auf. Es war, ohne die Gegen⸗ zu Folge meiner Erinnerung, eine magiſche, gewaltſame Kraft, die den Knaben, Trotz der furchtbaren Geiſel der Stiefmutter, zu dem Verbotenen und Verderblichen hintrieb. Gedanken bezweckten das Unheil, Erquickung in d Schadenfreude, Meine Spiele und ich fand in der Verbitterung fremden Wohlbehagens, in der Qual unſchuldiger Thiere— in allem, was verdammlich iſt. Der gute Wallow ſprach, mit zuneh⸗ mender Beklommenheit— Sie werden mich hoffentlich, ohne Weiteres, durch die Mit⸗ 69 theilung Ihres endlichen, entſcheidenden Sie⸗ ges uͤber dies Unmaß des radikalen Boͤſen, fuͤr das Nachtſtuͤck entſchaͤdigen? Doch ſtarr und geiſterbleich und unhold zu Boden blik⸗ kend, fuhr Heling, mit wechſelloſer Stimme fort— Den Vater jammerte wahrſcheinlich das ſieche, von der Stiefmutter entmenſchte, zur boͤſen Stunde gewordene Ungluͤcks⸗Kind; er uͤberhaͤufte mich, gleich ſeiner Schweſter, mit Langmuth und Zaͤrtlichkeit und der kleine Wolf fuhr in ein Lammfell und ſuchte bald als Heuchler ſeines Gleichen. Auf Schulen ſetzte ich, ſpaͤterhin, durch die ſeltene, unheil⸗ bare Verkehrtheit der moraliſchen Natur, meine Lehrer, durch Heimtuͤcke und ſtille Ruch⸗ loſigkeit die beſſern Mitſchuͤler in Verzweif⸗ lung und wuͤrde in Jena und Halle, als Stoͤrenfried und Unhold, tagtaͤglich mein Skandal gemacht haben, wenn mich nicht, 70 von Jugend auf, der Alp der Feigheit ent⸗ mannt und jedem Kraͤftigen gegenuͤber zu Bo⸗ den gedruͤckt haͤtte. Genug und mehr als genug! rief Wallow entruͤſtet: ich erlaſſe Ihnen, des Schlafs be⸗ duͤrftig, den Reſt und bitte dringend, das Gaſtrecht und die Gegenwart meines Kindes zu beachten. Was koͤnnte ich noch achten? rief Heling mit einem ſchrecklichen, verzerrenden Laͤcheln: Herr! ſcheinen berufen zu ſeyn, ihren Wirth, fuͤr die heilloſe Rolle, die der blinde Daͤ⸗ mon mir aufdrang, nothduͤrftig zu entſchaͤdi⸗ Erzaͤhlung von den zwei Bruͤdern, die das Schickſal, gleich mir, zum Verderben erkor, dem Inhalt derſelben, wie reich Ihr beſſerer die ſtechenden Augen blitzten auf. Sie, mein gen. Ich ſetzte mich geſtern, waͤhrend der in den Beſitz Ihrer Brieftaſche ich ſah aus* Genius Sie gemacht hat, wohin Ihr Weg 8* 21 eben geht und welcher Schatz dort den Erben erwartet. Was ſoll Ihnen der Ueberſchwang? Sie mit dem Heile der Beſchraͤnktheit ent⸗ zweien? Ihr wirthliches Weibchen bethoͤren? Ihre Toͤchter habſuͤchtigen Schaͤchern und Gleißnern ausliefern? Erfahrung zeigt, daß ſolcher Goldregen ſelten vom Himmel faͤllt, der das Gute nur ſpaͤrlich, im Thaue reicht — daß er die Saat des Boͤſen iſt! Der ſechſte Theil deſſelben reicht fuͤr Sie hin, die Hauptſumme aber nehme ich, als ein Haͤupt⸗ ling des niederlaͤndiſchen Vereines, den unſere Neider eine Bande nennen, fuͤr dieſen in An⸗ ſpruch.— Was ſoll das? fuhr er hohn⸗ lachend fort; als Wallow jetzt, wie zum Wi⸗ derſtand aufſprang: ein Kleeblatt meiner koͤr⸗ nigſten Jungen liegt vor den Thuͤren und ſelbſt der Unſchuld dieſes Maͤdchens droht Ge⸗ fahr, wenn mir nur ein herbes Woͤrtchen geſagt wuͤrde. Ein unſchaͤdlicher Schlaf⸗ 27— 22 trunk, den Ihre Tochter vorhin im Wein hinabſchluͤrfte, ſchuͤtzt uns vor ſtoͤrenden Aus bruͤchen geaͤngſteter Weiblichkeit und ſichert Ihnen die Beſonnenheit. Heling warf jetzt den Stuhl zuruͤck und die gewaltige Dogge, welche, bis dahin, zu ſeinen Fuͤſſen lag, erhob ſich mit ihm. Ihr Gemuͤth bedarf der Ermuthigung, fuhr er fort: und ich bin weit entfernt, es durch rohe Gewaltſtreiche zu bedrängen. Sie lie⸗ fern mir, zu Folge einer, naͤchſtens zu erhal⸗ tenden Weiſung uͤber das Wie und Wo⸗ hin, nach Abzug des gedachten, ſechſten Theiles, die Erbſchaft treulich aus und geben keinem Nathe, noch Gedanken an Ausflucht Gehoͤr, da Verſagung und Fallſtricke Ihr Leben dem unvermeidlichen Untergang aus⸗ ſtellen wuͤrden. Unſer Dolch und Blei— das moͤgen Herr Wallow, zu Ihrem Heile, 8 dem Heilloſen glauben— reicht uͤber Berg 73 und Thal— es findet und trifft den Geaͤch⸗ teten, ſelbſt in der Mitte einer Schutzwache, und ich bin den Meinen nuͤtzlich, alſo von Noͤthen und ſchaͤtzbar— einem jeglichen wuͤrde die Pflicht, mich zu raͤchen, Genuß, Belohnung, Ehre bringen. Unſer einer taugt zwar zum Brech⸗Eiſen nicht, aber zur Wuͤnſchelruthe— nicht an den Stoßbal⸗ ken, aber zum Scheidewaſſer! ſo wollte es die dunkle Macht, die dem Schuhu, wie dem Taͤuber, ſein Brot reicht. Nehmen Sie Ihre Brieftaſche zuruͤck! Dies Haus iſt uns fremd, es ward juͤngſt fuͤr aͤhnliche Zwecke gemiethet und wir verlaſſen es mit dem morgenden Fruͤhroth. Man wird Sie beobachten! Faͤnde ich mich je in einem Steck⸗ briefe bezeichnet, ſo buͤßen Ihre Augen da⸗ fuͤr. Wir brennen— blenden— toͤdten, was uns verderben will— So viel zur Warnung! Gute Nacht! 74 Damit verſchwand der greuliche Hoſpes und draußen ſprang ein Riegel vor. Wallow ſtand betaͤubt; er brauchte Zeit, Beſinnung zu gewinnen und eilte— wie der bedraͤngte Glaͤubige vor das Heiligenbild— zu dem frommen, ſchlafenden Mädchen hin, das freundſelig, gleich dem Geiſte ſeines Haus⸗ friedens, laͤchelte, aus deſſen Heiligthum ihn die Unheil bringende Erbſchaft entfernt hatte. Unſchädlich? fliſterte er, des erwaͤhnten Schlaftrunks gedenkend: o, wehe mir im Gegenfalle.— Welch ein Abſchaum! fuhr er fort und bedeckte die Augen mit der Hand, denn die Schreckgeſtalt ſchwebte ihm⸗ Graun erregend, vor: welch ein ſeltſamer Teufel, der ſich mit Selbſtgefaͤlligkeit im Hohlſpiegel muſtert, um Abſcheu buhlt und in der Selbſt⸗ verleumdung Genuß findet. Muß ich ihm nicht uͤberdies Dank wiſſen, daß er ſeine Schergen entfernt hielt, mir die Pappiere, 3 75 Uhr und Boͤrſe ließ und meinem Kinde das furchtbare Schreckniß erſparte? Der Ungluͤck⸗ ſelige! Er iſt nur krank! Grollend mit Gott und dem Bewußtſeyn— verzweifelnd an dem Vater der Liebe, verlor er ſich ſelbſt; mich aber wird die Liebe des Vaters beſchir⸗ men und ſo trotze ich dem Elenden und ſei⸗ nem Gelichter. Muͤtterchen, ſagte Minona, am Feier⸗ Abend: laß mich doch ein wenig in den Gar⸗ ten hinab gehen. Ich habe heute wie ein Daͤchschen gearbeitet und bin ſo truͤbſinnig. Zwei ſeltene Erſcheinungen! erwiederte dieſe: nun immerhin! nur meide die Scheide⸗ wand! es fehlen drei Planken und nebenan iſt ein junger Sauſewind eingezogen; der wuͤrde gleich da ſeyn und ſich zu guter Nach⸗ barſchaft empfehlen. Spazire bloß dieſſeit, 76 laͤngs der Hecke.— Das Maͤdchen entgeg⸗ nete— Ja, wie ein Mäuschen. Gieb mir die Hand darauf! Minona ſtreckte beide aus und Amalie eiferte nun uͤber die Blaͤue der rechten. Das iſt des Zwirnes Werk und des Flei⸗ ßes! fiel jene ein: auch muß ich ja ſchon des⸗ halb den Nachbar fliehn. Damit huͤpfte ſie an der Mutter Hals, die dem Lieblinge Stich hielt und unter Noͤnnchens Kuͤſſen ſprach— Ich gehe jetzt mit Deiner Schweſter zur Groß⸗Tante; ſie ließ am Morgen fragen, ob alles wohl ſey, es habe ihr ein ſchwerer Traum die Nacht verdorben. Mir auch! klagte Minona. Wie ſo denn? Ich ſaͤumte Weißzeug; lauter Laͤppchen! und jeder Faden ward, ſobald er eingefaͤdelt war, zu linem Aſchenſtreif und ſchwamm da⸗ von. 72 Sey ſtill, ich bitte Dich! fiel die Mutter ein; da trat Pauline herbei, ließ ſich von der Schweſter den Nackenſtreif ordnen und fliſterte— eben ritt Tieffuß voruͤber— Zu Pferd iſt er einzig— und gruͤßte. Dankbare Dienerin! ſpoͤrtelte Noͤnnchen, verneigte ſich zierſam und eilte in den Garten hinab. Die Mutter hatte vor dem Zaune ge⸗ warnt, des Maͤdchens verſtohlene Blicke ſchweiften deshalb alsbald uͤber die Planken. Ploͤtzlich ſchollen Toͤne aus der Krone eines Nußbaumes herab, ſie gewahrte den erwaͤhn⸗ ten Sauſewind im Gipfel; er uͤberſchaute Wallow's Gaͤrtlein, muſtzirte nebenbei und ſang„Es iſt ein Maͤdel! eilt herbei! Ja, ja! ein Maͤdel, meiner Treu!“ und Noͤnnchen ſang ihm, unwillkuͤhrlich, doch leiſe, wie ein 78 Heimchen, nach.— Schaͤme Dich! ſprach das Zartgefuͤhl, als die Blicke von neuem zu dem Nußknacker hinauf ſtrebten; die Jung⸗ frau ſchritt alsbald, ihr Strickzeug in's Auge faſſend, auf dem erlaubten jenſeitigen Pfade, der Laube, als dem einzigen Verſteck und Schmollwinkel des Gartens zu und ſtieß nun einen Schreckenlaut aus. Hier lag Herr Alfried auf der Raſenbank und lernte mit Andacht; er ſollte ja des naͤchſten, in Schillers damals erſchienenem Wallenſtein, als Max Piccolomini auftreten. Seine ſtille aber feurige Anbeterin ver⸗ blich vor Beſtuͤrzung und ergluͤhte gleich darauf wieder im Wechſeldrange der Angſt und der Freude, und Alfried ſprang empor, er faßte ihre Hand, beſcheiden, doch ſo kraͤf⸗ tig, daß Noͤnnchen, um das Gleichgewicht zu behalten, einen Vorſchritt thun mußte, der ſie vollends in das Innere brachte. Ver⸗ 7 79 gebung! bat der werthe Hausgenoſſe mit je⸗ nem Herz oͤffnendem Wohllaute, welcher das ihre, bereits im Laufe jenes Trauerſpiels auf⸗ loͤſte: unſer Wirth berechtigte mich zum Mitgenuß des Gartens und waͤhlte ich viel⸗ leicht Ihr Lieblings⸗Plaͤtzchen, ſo beſtrafe mich die ſchnelle Entfernung.— Damit traf er An⸗ ſtalt zu dieſer, ergriff den Hut und ſchob die Rolle in ſeine Bruſttaſche, aber die Jung⸗ frau entgegnete, mit noch weicherer Milde— Unſer Recht iſt ja gleich und mein Schreck — ſetzte ſie, erglaͤnzend, hinzu— weicht der Freude! Alfried verneigte ſich, er fuͤhrte das Maͤd⸗ chen zu dem Raſenſitze, denn ihre Hand lag noch, zitternd, in der ſeinen, Noͤnnchen aber fuhr jetzt, Odem ſchoͤpfend, alſo fort— Der Freude uͤber die endliche Gelegenheit, Ihnen fuͤr einige Stunden danken zu können, die uns der Kuͤnſtler verherrlichte und Sie 8⁰ werden dies Gefuͤhl um ſo aufrichtiger finden, da ich und meine Schweſter an jenem Abende zum erſten Mal ein Theater beſuchten. Die Mutter meint zwar, man ſolle keinem Treff⸗ bent nes Werthes ſagen, aber ich fuͤrchte, dies heiße den Zartſinn zu weit treiben, und was on der empfundenen Anerkennung ſei⸗ Sie leiſten, wird Ihnen ja uͤberdies, heut im lauten Zuruf, morgen in ſtillen Thraͤnen kund. Waͤr ich der Fuͤrſt, Herr Alfried, Sie haͤtten, gleich nach dem Falle des Vor⸗ hanges, den Orden erhalten. Wer Meiſter ſeiner Kunſt— einer ſo ſchwierigen Kunſt ward— wer ihrer Uebung ſeine Lebenskraft opfert, wer mit dieſer Opferung Hunderte erheitert, veredelt, erhoͤhet, und zudem ſelbſt ein Veredelter und Erhöoͤheter iſt, verdient wohl eher als mancher Beſternte, ein oͤffent⸗ liches Merkzeichen der Wuͤrdigkeit. Noͤnnchen waͤre jetzt gern ihrem eigenen 81 Ich um den Hals gefallen, denn das Maͤd⸗ chen begriff niiht, wie es Theils zu dem Muthe, ſich auszuſprechen, Theils zu ſo ge⸗ waͤhlten Worten und Ausdruͤcken komme, die den Geprieſenen ſichtlich erquickten Al⸗ fried erroͤthete unter dem Lorbeer, den die Begeiſterung der Unſchuld, die Wahrheit und Innigkeit ihres Gefuͤhls um ſein Haupt flocht; er kuͤßte Minonens Hand und ihre Augen hafteten fuͤr Momente, mit dem Aus⸗ drucke der erſten, verzuͤckenden Liebesgluth an dem leuchtenden Paare der ſeinigen. Er kannte das Geſchlecht und die magiſche Gewalt der Mimen ſeiner Gattung uͤber des Weibes Sinn und Fuͤhle, doch ehrte ſein Herz die Pflicht des Biedermannes. Ge⸗ ſchmeichelt und befangen und zur Erwiederung dieſes Anſchau'ns und jener Huldigung ver⸗ ſucht, zog Alfried dennoch, ſeiner maͤchtig, die Augen von dem offenen Himmel ab— Schilling ate S. 11r Bd. 6 82² wies er den Opferduft mit artigen Gemein⸗ ſpruͤchen zuruͤck und klagte, um dem bedenk⸗ lichen Verkehr einen harmloſen Character zu geben, uͤber die Schwierigkeit der Rolle, die ihm als Max, zu Theil worden ſey. Minona hatte das neue Trauerſpiel be⸗ reits durch die Guͤte einer Vertrauten erhal⸗ ten, geleſen, verſchlungen und des Abends in der ſichern Kammer, vor Paulinens Bett, die Prachtſtellen deſſelben, zur hoͤchſten Er⸗ bauung der Schweſter, deklamirt, denn ihre Stimme war ſilberrein, voll Wohllaut und Herz⸗ergreifend, wie ihr Geſang. Der Mitwiſſenſchaft froh, ging ſie jetzt auf den Text ein, vergoͤtterte den Dichter, pries ih⸗ ren Nachbar ſelig, ſich, als Max, von Neuem verherrlichen zu koͤnnen und ließ end⸗ lich Thekla's ruͤhrendes Selbſtgeſpraͤch auf die bebenden Lippen treten. Die Stimme und der Ausdruck wuchs, gleich dem Affekte, den — — 83 ſie mit der Graͤfin theilte— der in der liebe⸗ kranken Bruſt erſchwoll. Der Kuͤnſtler horchte auf— er erſtaunte, das kloͤſterliche Engelkind mit Thekla's Wor⸗ ten, mit Thekla's Weh und dem Geiſte der Leidenſchaft vertraut zu finden— erſtaunte noch lebhafter uͤber den Odem der Weihe, der im Vortrage dieſes Bruchſtuͤckes wehte und des Maͤdchens entſchiedene Anlage be⸗ glaubigte. Jetzt aber erhob Minona, in ſe⸗ liger Bedraͤngniß, die lieblichen, thraͤnen⸗ vollen Augen, denn— „Ihr Empfinden war des Himmels Gluͤck— In ſein Herz fiel ihr Liebesblick!“ Und Alfried betonte, getroffen und bewegt, ſein Gefuͤhl und ſeinen Beifall. Noͤnnchen ſchmaͤlte, zum Schein, auf den Spoͤtter und wollte in jenem Augenblicke vergeſſen haben, daß ein Prieſter Thaliens ihr Zuhoͤrer ſey. Dann aber fragte ſie, mit * 84 kindlicher Traulichkeit, ob es ihr wohl ge⸗ lingen koͤnne, irgend je mit einigem Erfolg auf der Buͤhne zu leiſten? Ihr Weſen neige ſich, in unſaglicher Sehnſucht, dieſer goͤtt⸗ lichen Kunſt zu, und wie die Braut den Vater, die Mutter und alle Bluͤthen und Altaͤre ihrer Heimat verlaſſe, um mit dem erkorenen Gatten zu ziehen, ſo wuͤrde ſie, entſchloſſen und freudig, dieſelben theuren Guͤter und Lieben dahinten laſſen, wenn er⸗ der ſcharfſichtige, erfahrene Kenner, ſie zum Dienſt der hohen Muſe berufen glaube. Sie ſprechen, entgegnete Alfried: in ver⸗ trauender Zuverſicht den treuen Nachbar an — Sie machen das Heil der Zukunft von ſeinem Urtheil abhaͤngig und rechtfertigen da⸗ mit, im Voraus, des Rathgebers Offenheit. Solches Streben gleicht, in der Regel, dem Tanze der Muͤcke um das Licht, dem Ver⸗ langen des Kindes nach dem Rauſchgold der 85 blendenden Puppe. Soll Ihnen aber das eigentliche licht⸗ und goldarme Loos und Far⸗ benſpiel unſeres Lebens und Standes klar werden, ſo treten Sie, am hellen Mittag, auf ſeinen Tummelplatz— ſo ſehen Sie dort unſere Schloͤſſer und Luſthaine, unſere Throne und Schaͤferhuͤtten, uns ſelbſt, noch unberuͤhrt vom Talisman der abendlichen Fee, als Dangiden und Tantaluſſe, zwiſchen dem entzauberten Gerille— ſo fuͤhlen Sie den Fluch, ihre Zeit, zerfallend zwiſchen Seyn und Scheinen, oft genug an das Machwerk eines Stuͤmpers verlieren und dem widerſtrebenden Gedaͤchtniſſe zerrinnenden Un⸗ ſinn einpraͤgen zu muͤſſen— ſo theilen Sie alsdann, Trotz allem Kraftaufwand, die Schmaͤhung des Publikums mit dem Pfuſcher — ſo beachten Sie den Tirannengeiſt des Haufens, der die Abtoͤdtung eines Karthaͤu⸗ ſers in dem Darſteller jeder Wallung voraus⸗ 86 ſetzt, waͤhrend dem er ſelbſt von den wechſel⸗ hafteſten Launen bewegt wird— ob Nah⸗ rungſorge oder graͤmendes Leid Ihr Gemuͤth, Truͤbſinn den Willen, erlittene Wehthat den Genius laͤhme— gleichviel! die Stunde ſchlaͤgt, der Vorhang ſteigt! Wir ſollen und muͤſſen— das Sterbliche verleugnend— der Rolle genug thun und Wehe uns, im Gegenfalle. Die Menge verwirft, wie ſie erhebt, befangen und ungemeſſen, und der boͤſe, ſchriftſtellende Feind kreuzigt, vor ganz Deutſchland, den Fehlenden. Minona verſetzte mit Zuverſicht— Sie duͤrfen die Kritik verachten! E. Ich ſegne die verſtaͤndige und zaͤhle die bitterſte ſelbſt, zu den nützlichen Giften. Sie tilgt, dem Hoͤllenſteine gleich, das wilde Fleiſch unſers Erbſchadens— den Duͤnkel! S. Herr Alfried ſagten vorhin, als ich — 87 mit Thekla's Worten ſprach— mein Vor⸗ trag uͤberraſche Sie— E. Wohl that er das! ich glaubte, un⸗ ſere Tauſendſchoͤn im Echo zu vernehmen. Schon laͤchelte die Wonne des erquickten Selbſtgefuͤhls aus Noͤnnchens Augen, als ihr die Aeußerung der Frau von Halmer uͤber ſein Mißverhaͤltniß zu jener Kuͤnſtlerin bei⸗ fiel; ſie ſagte, ſchnell entmuthigt— Das Echo ihrer Fehler nur! E. Die duͤrften kaum vernehmbar ſeyn! mein Vergleich ſollte beide beloben. S. Hoͤhnt mich der Meiſter, oder will mich der Schmeichler bethoͤren? Sie ſollten Wahrheit haben fuͤr die Vertrauende. E. Mein Gefuͤhl ſprach das Urtheil und ich reichte Ihnen ja bereits die Frucht der Er⸗ kenntniß. Zwei Wege fuͤhren Sie an's Ziel des Lebens. Der ſichere, anmuthige, be⸗ queme, läuft durch das Friedenthal; auf 1 88 ihm begleitet Minona die zäͤrtlichen Eltern, Verwandten und Freundinnen— der andere, ſchwierige, gefahrenreiche, fuͤhrt durch die Fremde, uͤber ein treuloſes Meer. Sie aber ſah'n bis jetzt nur ſeine Spiegelflaͤche, nur das Gekraͤuſel der blinkenden, vom Zauber⸗ licht vergoldeten Wellen und ſehnen ſich des⸗ halb auf das Deck des bewimpelten Schiff⸗ chens. S. Und dieſer rauhe Steuermann weiſ't mich zuruͤck. E. Er deutet, gleichmaͤßig, auf die Klippen und Wetter, die nach allen Strichen der Windroſe hin, drohend auftauchen. Sie ſind abhaͤngig, gutes Maͤdchen! abhaͤngig von Eltern und Freunden, welche die ſeltſame Wahl des geliebten Kindes erſchrecken und be⸗ truͤben wuͤrde. Sie ſind anmuthig, taͤuſch⸗ bar, unerfahren. Die ernſte Selbſtpruͤfung entſcheide, ob Ihnen auch Feſtigkeit des Her⸗ 89 zens, Staͤrke der Seele genug ward, um unbehuͤtet, taͤglich ausgeſetzt, von der Ge⸗ walt der Vergoͤtterung, vom Zauber lieblicher Gaben und Geber bedraͤngt, rein und ſitt⸗ ſam zu bleiben? Rein und ſittſam! wiederholte Minona, die Hand auf ihren Buſen legend— ja! bei dem Engel in meiner Bruſt!— ichfuͤhle die Goͤttlichkeit der Tugend; mir grauet vor dem Gegentheile! Mit welchen Waffen aber, fuhr Alfried, ſtill ergriffen, fort— wird dieſe wehrloſe Fromme, der raſtloſen Mißgunſt, der ſtillen Tuͤcke, der offenen Bosheit begegnen? Denn unſere Muſe traͤgt, nicht ohne Bedeutung, die Maske und den Dolch in der Hand— ſelbſt auf dem Gipfel des Lebens, im drei⸗ faltigen Kranze der Tugend, der Schoͤne und der Meiſterſchaft, wuͤrde Ihr Gluͤck nur ein glaͤnzendes Leid ſeyn und Frau Tauſendſchoͤn, „ 90 im Vertrauen befragt, meiner Wahrſagung beiſtimmen. S. Bleib ich nur fromm und feſt, ſo hat das Boͤſe keine Macht an mir. Alfried widerſprach und unterſtuͤtzte ſeine Warnungen durch leidige Beiſpiele; Minona lauſchte, verduͤſtert, der Rede. Sie ließ das Strickzeug in ihren Schooß ſinken und ſagte dann, truͤbſinnig aufblickend, mit Wor⸗ ten ſeiner Rolle— „Ach, alles, alles wollt ich Ihm verdanken! Das Loos der Seligen wollt' ich empfangen Aus ſeiner vaͤterlichen Hand— Er hat’s.— Zerſtoͤrt! doch daran liegt Ihm nichts!“ Ach alles, alles Heil der Erde, fiel Al⸗ fried, von dem Vorwurfe bekraͤnkt, mit auf⸗ gehendem Herzen ein: haͤufte ich am Liebſten uͤber Ihnen. Beglaubigte nicht mein treu gemeinter Rath die Freundeshand? Sie ſind mir theuer, Liebenswerthe! Von allen Guten dieſer Stadt als gut und lierlich anerkannt, 91 waren Sie ſchon laͤngſt ein Gegenſtand des zaͤrtlichen Antheils, den dieſe Begegnung zur Sprache bringt. Minona ergluͤhte, ihre Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, ſie neigte ſich abwaͤrts. Des Antheils, fuhr er fort: den mein Herz zuerſt an jenem Tage nahm, wo Sie mir, unter Ihren Geſpielinnen im Garten jener Meyerey, gleich einer Hirtin der Un⸗ ſchuldwelt erſchienen. Sie theilten Ihre Milch mit dem Lamme, das ſich, traulich, wie die Sympathie, zu der kindlichen Freun⸗ din geſellt hatte. Man nahm mich wahr; unſere Augen begegneten ſich und Minona verbarg ihr ruͤhrendes Schamroth im Fließe des Laͤmmchens, das jetzt an den Buſen ge⸗ druͤckt und wie ein Liebling geherzt ward. Oft ſah ich Sie dann, unbemerkt, bald im Kirchſtuhle, bald auf Spaziergaͤngen und derſelbe, taͤglich zunehmende Antheil, be⸗ 92 ſtimmte jetzt die Wahl meiner Wohnung. Weit entfernt, den Frieden der Unſchuld zu ſtoren, genuͤgte mir an der wohlthuenden Naͤhe, gewaͤhrte ſie dem ſtillen Nachbar, ohne Ihr Ahnen, bereits manche ſuͤße Be⸗ friedigung, denn jeder lautere Ton dringt durch das Fachwerk der Scheidewand zu mir heruͤber. Ich ſang des Morgens, ich betete des Abends mit Ihnen, ich litt und freute mich, je nachdem der Trauergeiſt oder der goldene Komus in Ihrer Welt vorherrſchte. Alfried faßte jetzt Minonens Arm. Und wo, ſprach er, in tiefer Bewegung, mit Worten Piccolomini's— „Wo iſt eine Stimme Der Wahrheit, der ich folgen darf? Uns Beide Bewegt der Wunſch— die Leidenſchaft!— daß jetzt Ein Engel mir vom Himmel nieder ſtiege! Das Rechte mir, das Unverfaͤlſchte ſchoͤpfte, Am reinen Lichtquell, mit der reinen Hand!“ 93 Ob ich Sie fliehn oder faſſen, Sie Ih⸗ rem haͤuslichen Schutzgeiſte zuruͤck geben oder feſthalten und erringen ſolle, das iſt die Frage! Nun endlich denn! rief Wallow's Dienſt⸗ maͤdchen, raſch in die Laube tretend: hab' ich doch, vom Keller bis zum Oberboden ge⸗ ruft und geſucht. Fraͤulein Julie ſind vorn und verlangen nach Ihnen. Die falſchen, gierigen Augen der Magd muſterten, waͤhrend dieſer Rede, bald Mi⸗ nonens verweintes Geſicht, bald das ent⸗ flammte des Nachbars und uͤher ihr eigenes verbreitete der boͤſe Feind die Auſſenzeichen des Argwohns, des Aergers und der Scha⸗ denfreude. Ich komme! ſprach Minona mit beben⸗ den Lippen; jene verſchwand, von Alfried's Blick erſchreckt und dieſe klagte jetzt mit ge⸗ rungenen Haͤnden— o, wehe mir! noch 94 vor dem Abend erfaͤhrt nun die Mutter— erfaͤhrt die Nachbarſchaft und wer es hoͤren will, daß ich bei Ihnen— in dieſem Ver⸗ ſtecke gefunden ward und mehr! Denn Sus⸗ chen iſt boshaft und verleumderiſch. Schnell genug, erwiederte Alfried: hat das Schickſal meine Frage beantwortet. Es weiht mich zum Ehrenretter und ich frage nun— willſt Du mein Weib ſeyn? Was das Leben und die Liebe bedarf, kann ich Dir bieten.— Willſt Du mein Weib ſeyn? Minona druͤckte, von dieſen Zauberlau⸗ ten durchſchauert, die gefalteten Haͤnde auf das zuckende Herz; ſie neigte ſich dann, ſchluchzend, an ſeine Bruſt; ihr Geſicht ver⸗ barg ſich an dieſer, die Arme umſtrickten ihn, feſter und feſter. Es ſtehen Felſen zwiſchen uns! fuhr Al⸗ frisd fort: das Vorurtheil— verſagende 95 Eltern— abmahnende Freunde— geaͤr⸗ gerte Verwandte— Ich bin die Ihre! fiel Minona, ſich ſchnell erhebend, ein: das wie wird meines Engels Sorge. Iſt wohl ein Berg zu hoch, ein Herz zu feſt, ein Wille zu eiſern, fuͤr die Entſchloſſenheit der goͤttlichen Liebe?— Ihre Lippen begegneten ſich jetzt im Ver⸗ lobung⸗Kuſſe und er entzog ſich, gewalt⸗ ſam, dem Heilkelche, denn es wurden Fuß⸗ tritte in der Naͤhe vernehmbar. Fraͤulein Julie trat in die Laͤube. Sie fand das Paar, nur eben geloͤgt, noch ver⸗ klaͤrt; ſah es, wie vorhin Suschen, doch um vieles argloſer an, und der freie, laͤcheln⸗ de Muth, mit dem die Freundin ſie will⸗ kommen hieß, milderte die gerechte Befrem⸗ dung. Herr Alfried, mein Schuͤler! ſagtz Noͤnnchen, ihn vorſtellend: den ich ſo eben 96 uͤberhoͤre— Noch einen Augenblick, ſo ſind. wir fertig; dann geht er ab!— Und ſchnell in Thekla's Rolle tretend, ſetzte ſie hinzu— „Wie Du Dir ſelbſt getreu bleibſt, biſt Du's mir! Uns trennt das Schickſal— unſere Herzen blei⸗ ben einig.“ Alfried erwiederte ſofort, nach ihr ſtre⸗ bend—— „Max faßt ſie in die Arme, heftig bewegt.“ Mit nichten! fiel Minona ein: das ſteht nur in der Parentheſe! dann draͤngte ſie ihn aus der Laube und der Fliehende rief, mit der Geberde und dem Seelenſchmerze des ſcheidenden Max— „So muß ich von Dir gehen? Dich verlaſſen?“ 3 1. Iſt das nicht heillos? ſchmaͤlte Julchen: den Herrlichen, Praͤchtigen zu verjagen, da ich doch, wie Du weißt, darnach geſchmach⸗ tet habe, Alfrieds naͤhere Bekanntſchaft zu 1 97 machen. Geſtern, bei'm Thee, pries ein Chor von fuͤnf Muͤttern und neun Toͤchtern, ein halbes Stuͤndchen lang, ſein Lob; ſie alle wuͤnſchten nichts ſehnlicher, als was mir eben werden ſollte und Deine Mißgunſt ſcheucht ihn fort. Getroͤſtet von der Zuverſicht, daß Julie dies Beiſammenſeyn mit ihm unſtraͤflich finde, ſprang Noͤnnchen an der Freundin Hals und ſagte ſchmeichelnd— wiſſe mir Dank, Liebe! Du wuͤrdeſt, nach der erſten Minute, gegaͤhnt und lange Weile gefuͤhlt haben, denn der Piccolomini ging ihm im Kopfe herum. J. Und Thekla im Herzen. Die warſt Du! M. Julchen! J. Noͤnnchen! oder Friedchen vielmehr — Alfriedchen, das ſein wunderblauer Bart geſtochen hat. Hier— hier— und hier! Schilling ate S. 11r Sd. 7 6 98 M. Verſuͤndige Dich nicht! J. Ich fiad' es ſuͤndlich, im Gluͤcke der Verſaͤumten zu ſpotten; denn ſeine Au⸗ gen funkelten wie Sterne und funkelten fuͤr Dich! Das liegt am Tage, doch begreife ich's kaum. Ein ſolcher Phoͤnix, der, laut er oͤffentlicen Meinung, von keiner Schwaͤche weiß, laͤßt ſich von dieſem ſtillen Waͤſſerchen erweichen und die geſtrenge, uͤber⸗ aͤngſtliche Mama denkt, ihr Noͤnnchen jaͤte Unkraut hier, waͤhrend dem es geſäͤet wird. Nimm Dich in Acht, Liebe! Du tanzelſt ihm entgegen, er reißt Dich fort! Die Ro⸗ ſen ſind fluͤchtig, die Dornen wie von Erz! M. Dank fuͤr die Warnung, mein Jul⸗ chen! ich aber ging den Kirchenſchritt und Du findeſt es, mit Recht, hoͤchſt unnatuͤr⸗ lich, daß der Phoͤnix bis zu mir herabſteigen koͤnne. 99 Das Fraͤulein ſagte, geaͤrgert— genug, Ihr verſteht Euch! M. Ach allerdings! und je lauter wir ſchreien, je beſſer. J. Ich ſehe klar und halte Dich feſt! M. Das that Er auch, nach kurzem Bedenken. Erſt wollte mich der Gewiſſen⸗ hafte dem haͤuslichen Schutzgeiſte zuruͤck ge⸗ ben, doch dank ich's Dir allein, daß er ſich eines Beſſern beſann. Als Dich Suſanne meldete, rief meines Freundes zaͤrtliche Geſtalt — die koͤmmt als Schickſat, roh und kalt! Ich aber halte Dich, von nun an, am Fittich! J. Du biſt wie ausgetauſcht! Die Folge des Uebermuths! Mich trieb der Antheil her. Ich wollte Dir Gluͤck wuͤnſchen, ſo ſorgfaͤltig auch der reiche Segen vor der bewährten Freundin verheimlicht ward. Dich hat er, leider! ſchnell veraͤndert. M. Gluͤck zu Ihm? 100 J. Wer denkt an den? 3 M. Dies liebe und verliebte Kind! und⸗ hundert Andre noch. J. Du willſt heute nun einmal meine Geduld pruͤfen— So wiſſe denn, daß das Geheimniß ſtadtkundig ward. Der Wechsler Aaron hat es, am Mittag, auf der Boͤrſe verkuͤndigt und zu Deines Vaters Ehre, herz⸗ lichen Antheil erregt. M. Du ſprichſt in Raͤthſeln, auf mein Wort! J. Wahrhaftig? Ei, ſo rath' ein Mal? M. Verſchone mich! J. Nicht ein Mal neugierig? Selbſt Deine Weiblichkeit iſt bereits in der Leiden⸗ ſchaft untergegangen, und es bedarf demnach keiner Vorbereitung; ich kann mich wie ein Zeitungblatt ausſprechen. Nach Briefen aus Holland, die der Wechsler Aaron am Morgen empfing, hat Euch ein dortiger Ver⸗ 101 wandter mit mehr als einer Tonne Goldes bebacht. Nun biſt Du reich, mein Noͤnn⸗ chen! und nun erſt in der Maͤnner Augen bedeutend und mannbar. Die Herren Duͤrf⸗ tig und Vollauf, Hold und Geiſtreich und wie die Geldſuͤchtigen alle heißen, klopfen nun, lebhaft, bei Dir an. Die Sang⸗ faͤhigen bringen Dein Schoͤnes in Verſe, die Tonkuͤnſtler ſetzen Dein Gutes in Muſik, die Soldaten laufen herzhaft Sturm und der Herr Beichtvater ſinnt auf die Traurede. Minonen leuchtete, zufolge dieſer Nach⸗ richt, die Urſache der neulichen Verklaͤrung ihrer Eltern und der ploͤtzlichen Abreiſe des Vaͤterchens ein, und ſie erblaßte vor Schreck, denn das Toͤnnchen Goldes rollte, wie ein fallender Eisberg, zwiſchen ſie und Ihn. Julie nahm, mit Erſtaunen, den ſeltſamen Erfolg ihrer Verkuͤndigung wahr, und ſetzte, ernſt werdend, hinzu— —————— 102 Hat denn etwa ein widriges, mir unbe⸗ kannt gebliebenes Aber, den Segen ver⸗ kuͤmmert, oder ſpielſt Du, Deiner heutigen Laune getreu, wie vorhin, Comoͤdie? Das Aber, entgegnete jene: iſt, in meinen Augen der Reichthum, den ich, als des boͤſen Feindes Vorlauf fuͤrchte und den ja ſelbſt die Schrift fuͤr eine Wurzel alles Uebels erklaͤrt. Das Gerücht wird ſich, hoffentlich, nicht beſtaͤtigen. Du machſt mich irr' an Dir! erwiederte Julie, ſagte, ſchnell aufbrechend, das Lebe⸗ wohl! und ſie ſchritten ſchweigend durch den Garten zuruͤck; doch beide focht, Trotz ihrer Verduͤſterung, ein Laͤcheln an, denn auf dem Nußbaume des Nachbars ſang jetzt der Sau⸗ ſewind, das Paar erblickend, mit lauter Stimme— Sen „Wo ich ſey und wo mich hingewendet ꝛc.“ —— 103 Als nun das Fraͤulein im vorderen Haus⸗ raume ſich noch ein Mal, fluͤchtig und ſchmol⸗ lend, zu Minonen kehrte, zog dieſe die Freundin an ihre Bruſt und bedeckte ſie, in ihrem Weichmuth, mit Thraͤnen und Kuͤſſen, Julie aber rang ſich los und eilte fort. — Als Frau Wallow vorhin mit Paulinen zur Großtante ging, fiel ihr unter Weges bei, daß ſie den Schrankſchluͤſſel ſtecken ließ und Suſannen nicht trauen duͤrfe. Lina mußte zuruͤckkehren um ihn nachzubringen, und als dieſe wieder aus dem Hauſe trat, kam Vetter Tieffuß aus jenem des Wechslers. Auch er hatte von dem Inhalte der hollaͤn⸗ diſchen Briefe gehoͤrt, hatte den Juden Aaron befragt, und das unbegleitete Muͤhmchen kam, wie gerufen; er huͤpfte freudig an des Maͤd⸗ chens Seite und bot ihm den Arm. Der 104 Schreck und die Freude uͤber dies unverhoffte, ploͤtziiche Zuſammentreffen mit dem Gegen⸗ ſtand ihrer innigen Sehnſucht, erhoͤhete Paulinens Verlegenheit. Noch war das kloͤſterlich erzogene Maͤdchen mit keinem jun⸗ gen Manne Arm in Arm gegangen und zoͤ⸗ gerte deshalb; da legte er die Hand in den ihrigen und geberdete ſich nun ſo traulich, daß es ſchien, als ob ein junges Ehepaar uͤber die ſuͤßen Myſterien ſeines Gluͤckes ver⸗ kehre. Tieffuß verſicherte Paulinen, ſie anfaͤng⸗ lich fuͤr die Frau von Hohland angeſehen zu haben, welche er neulich im Schauſpiel unter⸗ hielt und die fuͤr ein Schoͤnheit⸗Muſter galt; er machte mittelſt dieſer wohlthuenden Aeuße⸗ rung, ſein neuliches, verleugnendes Betra⸗ gen wieder gut. Derſelbe erklaͤrte fernerweit, daß er, zwiſchen Beide geſtellt, unzweifelhaft ſeinem goͤttlichen Muͤhmchen den Apfel rei⸗ 105 chen wuͤrde, denn Lina habe den goldenen Lockenſchmuck und ihr wunderniedliches Fuͤß⸗ chen zum Voraus, das bei der naͤchſten, zeugenloſen Begegnung, gekuͤßt werden ſolle. Seufzend und mit fallender Stimme, ſetzte der Vetter hinzu— er habe ſich, ſeit je⸗ nem erſten Beſuche, nur darum entfernt gehalten, weil Linchen, der Sage nach, eine geheime Braut ſey und die fernere Annaͤhe⸗ rung, unter dieſem Verhaͤltniſſe, hingereicht haben wuͤrde, einen ſo verletzbaren Gefuͤhl⸗ menſchen zu zerruͤtten und Werthers Loos und Ende uͤber ſein Haupt zu bringen. Das Maͤdchen hoͤrte maͤuschenſtill und mit immer roͤther werdenden Baͤckchen dem anſprechenden Wortfalle zu, und ſann auf Ausdruͤcke zur Erwiederung, denn jene falſche, ſie in Erſtaunen ſetzende Nachricht mußte widerlegt werden und er ſchien begeiſtert, als Lina hoch und theuer verſicherte, daß ſie von 106 keinem Manne wiſſe, daß ihr ſolch grund⸗ loſes Geſchwaͤtz um ſo aͤrgerlicher ſey, da die Mama, Falls es derſelben zu Ohren komme, ſie vielleicht noch ſtrenger inne halten, oder irgend ein Verhaͤltniß argwoͤhnen werde, waͤhrend dem ihr dergleichen ſelbſt im Schlafe nicht beikomme. Liebloſes Muͤhmchen! fuhr Tieffuß fort: ſo haben Sie alſo nicht ein Mal von mir getraͤumt, indeß mein Phantaſus in Ihrem Stuͤbchen Huͤtten baut. O, goldene, ein⸗ zige, anbetungwerthe Pauline! koͤnnte Jh⸗ nen doch irgend ein Zaubertrank, fuͤr Augen⸗ blicke, Allwiſſenheit mittheilen! Sie wuͤrden dann Ihr Engelbild im Heiligthume meiner Bruſt erblicken— Sie wuͤrden mit der Ab⸗ goͤtterei, zu der es mich aufregt— mit der Unzahl der Seufzer, der ruheloſen Stunden, der Thraͤnenſtroͤme bekannt werden, die 107 Wehmuth, Sehnſucht, der Ueberſchwang der Leidenſchaft uͤber mich brachte. So lieblich und erwuͤnſcht toͤnte das Schmeichellied, dem ſie, die Mama und die Großtante vergeſſend, mit Sinn und Seele lauſchte, daß die Andaͤchtige nur unterweilen, von ihren Stolz erhoͤht, aufblickte, um zu bemerken, ob Mundchen hier und Gundchen dort, am Fenſter ſitze und ihr Gluͤck, von dem ſchoͤnſten aller Maͤnner gefuͤhrt und gefeiert zu werden, erſchaue. Duͤrfe er, ſetzte der Vetter nach einem tiefen Odemzuge hinzu: auch nur eines leiſen, aͤhnlichen Anklanges in ihrer Feenbruſt ſich getroͤſten, ſo frage ſein Muth nicht nach Himmel noch Erde, ſein Herz nicht nach dem kunſt⸗ und ſteinreichen Mundchen, nicht nach der freiherrlichen Kunigunde, die ihn, gleich mancher andern, auffallend auszeich⸗ neten und er werde mit dem Morgen, die 108 guͤtige Mama und ſpaͤterhin den wuͤrdigſten der Vaͤter, um die Perl der Jungfrauen an⸗ ſprechen. Die Mutter, erwiederte Lina, mit hal⸗ ber und ſchwankender Stimme— iſt Ihnen, frei geſtanden, herzlich gut, aber das Vaͤter⸗ chen hat ſeine Grillen und Eigenheiten; es will behandelt ſeyn! 3 Und wie denn, meine Himmliſche? Ach Gott! ich bin ja der Ungewandteſte nicht; ich lebte in der Welt, ich lernte mich fuͤgen, ich gehe, wenn es Ihren Beſitz gilt, durch ein Nadeloͤhr und fuͤrchte weder Drachen noch andere, widerhaarige Reſpekt⸗Perſonen. P. Der Vater wird, im gluͤcklichſten Falle, ſagen— Ich muß ihn erſt kennen lernen und dazu gehören, nach ſeiner An⸗ ſicht, Jahre und Tage. T. Die boͤſe Foͤrmlichkeit! Ihr redlicher Vetter iſt ſo offen, ſo arglos, ſo durchſichtig⸗ 109 gleichſam, daß vier Wochen mehr als zurei⸗ chen duͤrften, wenn er mir, als geneigter Oheim, fuͤr die Pruͤfungzeit ein Stuͤbchen ſeiner Wohnung abtraͤte. Darauf verzichten Sie! fiel Pauline ſeuf⸗ zend ein: unſer Quartier iſt nur ein Nuͤß⸗ chen und hoͤchſt unbequem. Und die Mama, ſuͤße Huldin? P. Vor allem wuͤrde Mutter fragen— Hat der Herr Vetter Brot? Denn Sie ken⸗ nen ja wohl unſere Lage? T. Brotſtoff, ma mére! werd' ich entgegnen. Man zahlt mir ſechs Dukaten fuͤr ein Migniatur⸗Gemaͤlde; die Kapelle wuͤrde verſorgt ſeyn, wenn ich mich als Hof⸗ Muſikus aufnehmen ließe, dem Miniſter ein Sekretair von meiner Sprach⸗ und Welt⸗ kenntniß unfehlbar zuſagen, anderer Fertig⸗ keiten nicht zu gedenken, die das Zartgefuͤhl zu bezeichnen verbietet.— Doch Herr Tieffuß 110 ſchien bereits mit dem folgenden Odemzuge dieſe Erlaubniß erhalten zu haben und fuͤhrte nun ſein Luͤgenbild mit Eifer und im glaͤn⸗ zendſten Styl aus. Aber guter Vetter! wo ſind wir? fragte Lina endlich, kaum ihren Augen trauend; denn ſie fand ſich jetzt, aufblickend, wie durch Geiſterhaͤnde, in Armidens Luſthain verſetzt; umſtroͤmt von wuͤrzereichen Duͤften, unter Palmen, Piſang und Zimmetbaͤumen. Tieffuß war mit der Gefaͤhrtin, durch das Thor, nach dem praͤchtigen Gewaͤchs⸗ hauſe des Hofgaͤrtners ſpazirt, der das Schoͤne zu dem Seltenen gefuͤgt und unter hohem, tempelartigen Dach und Fach, ein kleines Elyſium erſchaffen hatte. Hier floß, naͤchſtdem auch, zur Erquickung der Schau⸗ luſtigen, fuͤr angemeſſene Zahlung, Milch und Honig, Orſade, Negus, Gloria und alles Ungemeine bis zum Kapwein hinauf. 111 Huͤbſche, beredtſame Zoͤfchen kredenzten, flink wie Iris, den Blumenfreunden und verſchwanden gefaͤllig, wenn ein harmoniſches Paar, hinter Myrten⸗ und Mandel⸗Ge⸗ buͤſchen, eines Ruhepläͤtzchens froh werden wollte. Zu einem ſolchen, dachte Tieffuß, ſein ſtill verzuͤcktes Muͤhmchen hinzuleiten, und das Buͤndniß ungeſehen, durch die Zu⸗ that des erſten Kuſſes zu befeſtigen. Nie noch hatte Lina, eine zaͤrtliche Blumen⸗ und Bluͤthenfreundin, Aehnliches erſchaut, ſie fuͤhlte ſich von Liebeswonne und Wuͤrzeduft berauſcht und Amor ſchien, mit eigner Hand, die Raſenbank, zu der er das Maͤdchen ge⸗ leitete, hinter den Blaͤtterteppich indiſcher Feigen gebettet zu haben. Jetzt aber erweckte der Anblick dieſes Laubes, durch eine begreif⸗ liche Ideen⸗Verbindung, in Lina's Innerem den Gedanken an Evens Leichtſinn und Irr⸗ ſal und damit ihr Pflichtgefuͤhl und ihr Be⸗ 112 wußtſeyn. Auch ſie bedurfte bereits des ver⸗ ſteckenden Feigenblattes, Falls ein Zufall die Mama, die Frau von Halmer, Julien oder Mundchen und Gundchen, oder irgend eine andere Geſtrenge in das Paradies und hinter dieſe Straͤucher fuͤhrte. Lina entſetzte ſich ploͤtzlich vor dem Frevel, Arm in Arm mit dem Wildfang und ohne Ehren⸗Waͤchterin, vor das Thor, unter dieſe Baͤume der Er⸗ kenntniß geſchlichen zu ſeyn; ſie gewaͤhrte dem Hoffnungreichen, zu ſeinem Erſchrecken, nur einen fluͤchtigen, von der Entzauberung verſauerten Kuß und gab, Statt zu folgen, Geſetze. Er ſolle ſie, unverzuͤglich, auf Nebenwegen, aber im Doppelſchritte, bis zum Thore geleiten, dann unter foͤrmlicher Verbeugung abgehn, und um Gottes Willen nicht laut werden laſſen, wohin man ihm in der Zerſtreuung gefolgt ſey. Vetter Tieffuß empfand, nach Vernehmung dieſer herben, 3 von angſthaften Blicken, Zuͤgen und Geber⸗ den unterſtuͤtzten Verordnungen, ſtill er⸗ grimmt, doch harmlos laͤchelnd, die Ueber⸗ legenheit des guten Genius und ermaß, bei ſeiner Bekanntſchaft mit dem Geiſte des Ge⸗ ſchlechtes, daß es jetzt am gerathenſten ſey, unbedingt zu gehorchen und die Reuige beſtens zu troͤſten. Ihn ſelbſt troͤſtete der blitzſchnelle Erfolg ſeiner Bemuͤhungen und Paulinen's ſichtbar gewordene Gegenliebe; das Maͤdchen erſchien ihm, in ſeiner Anmuth und Beſchraͤnktheit, als eine recht ertraͤgliche Beilage zu der Mitgift, die ihm aus der vaͤ⸗ terlichen Tonne Goldes zufallen mußte. Sie eilten nun, obſchon das Muͤhmchen, bloͤder als Eva, die Schlange floh, gleich jenem Paare, unter den Palmen, Piſangs und Zimmetbaͤumen hinweg, aus dem moder⸗ nen Paradieſe und wie jenem die argloſen Voͤgel und Saͤugthiere, ſahen dieſem die arg⸗ Schilling 2te S. 11r Bd. 8 114 liſtigen Dryaden und Iriſſe der Anſtalt, verwundert und gloſſirend, nach. Im Vor⸗ hof aber geberdete ſich Lina ploͤtzlich, als ob der Engel mit dem feurigen Schwerte her⸗ bei rauſche und ihr den blonden Lockenkopf vor die vorhin belobten Fuͤßchen zu legen ge⸗ denke. Das iſt mein Letztes! liſpelte ſie, verblaſſend und erbebend; denn Mundchen, Gundchen und eine Schaar unbekannter Da⸗ men ſchritt, von dem nahen Stadtthore her, auf ſie zu. Entrinnen ließ ſich nicht; der Weg war durch Scheunen und Garten⸗ mauern beſchrankt und Tieffuß dachte im Herzen— immer heran, ihr Falkenaugen und ihr Leuenmaͤuler! Koͤmmt ſie mit mir in's Geſchrei, ſo machen die Eltern aus der Noth eine Tugend und verkuͤrzen das lang⸗ wierige Probejahr. Tieffuß that deshalb mit Paulinen noch um eins ſo ſchoͤn und ver⸗ traut; er neigte ſich zu ihrem Ohr und 115 fliſterte— Muth gefaßt, Engel! das Recht der Blutfreundſchaft iſt unſer Schild, ſehn Sie mich nur recht freundlich, herzig, wohl⸗ wollend an; die Farben der Unbefangenheit entwaffnen den Argwohn. Doch Linchens ohnehin geringer Muth erlag der Scheu; ſie neigte das Haupt, damit der Huthſchirm ihr Antlitz verberge und zitterte ſichtlich— Jetzt traf man auf den Feind!— Jent oöͤffnete ſich der Damenhaufe, um dem er⸗ kannten Paare Platz zu machen und Lina beugte ſich, demuͤthig, nach der Rechten und Linken, als ob ſie zwiſchen Engeln und Erz⸗ Engeln hindurch, aus dem Himmel getrieben werde, dieſe aber ſahen ſie, zum Theil recht ſtraͤflich an und dankten vornehm. Tieffuß ſtolzirte dagegen wie ein Held, er ſah dem kritiſchen Schwarme ſo frei, ſo wohlgemuth, mit ſo treuherziger Bruderliebe in die Augen, daß der ruͤhrbare Theil ſoſort des Paͤrchens 116 Partie nahm. Dieboͤſen Bonnen verdamm⸗ ten es nun um ſo lauter und die guten Muͤt⸗ ter entſchieden ſchließlich, daß es einem ehr⸗ baren Maͤdchen nicht zieme, auch mit dem ehrbarſten Vetter, wenn er in dieſen For⸗ men einhertrete, Sola cum solo, zwiſchen 8 den Scheunen und Gartenzaͤunen zu luſt⸗ wandeln. Als die Frau Hofraͤthin von der Groß⸗ Tante heimkehrte, fand ſie Paulinen, die auch eben erſt zuruͤck gekommen war, mit verbundenem Kopf im Sopha, denn ihr ge⸗ woͤhnliches Uebel, der Kopfſchmerz, hatte ſich, zu Folge der heutigen, mannigfaltigen Gemuͤth⸗Bewegungen heftig und ploͤtzlich ein⸗ geſtellt. Die Strafpredigt uͤber das Auſſen⸗ bleiben, zerfloß demnach, auf den Lippen der Mutter, in Aeußerungen zaͤrtlicher Theil⸗ 117 nahme und Minona, die ein haͤusliches Ge⸗ ſchaͤft, ſeit Juliens Abgang, in der Kuͤche feſt hielt, ward herbeigerufen, das Stirn⸗ haar der Kranken zu wickeln und dann die frei gewordenen Schlaͤfe mit Umſchlaͤgen zu verſehen. Wie gut, ſagte die Mama, waͤhrend dem Entkleiden: daß der Herr Vetter Tief⸗ fuß uns mit allen ferneren Beſuchen ver⸗ ſchont hat. Ein ſauberer Patron! Ein Gluͤcksritter und Wuͤſtling; die Großtante hat mir bis jetzt von ihm erzaͤhlt und lauter Schlimmes. Es greift ſie an, weil das Laſter ihr Pathchen iſt. Er ſpielt, er trinkt, er borgt von Gott und aller Welt; haͤngt ſich an junge Frauen und laͤuft den feilſten Kreaturen nach. Schade, ewig Schade um des Menſchen Ausſehn und die ſeltenen Ta⸗ lente! Aber ſo ſind ſeines Gleichen! das ſchillert und leuchtet, macht Gluͤck und Auf⸗ 118 ſehn und lebt und verliſcht doch, wie der Irr⸗ wiſch, im Sumpfe. Mein Haus ſoll er zum letzten Mal betreten haben. Die Pulſe haͤmmerten jetzt hoͤrbar in Linchens Hinterhaupte, den Buſen hob das ſchmerzende, von Angſt und Leid befallene Herz, dennoch ermuthigte ſie ſich und ſagte weichmuͤthig— der arme Verkannte! Sey doch gerecht, Muͤtterchen! Weißt Du wohl, wie der Vater ſpricht— unter den Scheffel mit dem Laͤmpchen; ſonſt blaͤſt es der Neid aus! Tieffuß aber traͤgt das ſeinige vor der Bruſt und verachtet, als ein Starker, das Duͤnnthun. Die Boͤſen, ſagt der Vater: ſind mißguͤnſtig, und fuͤhlen ihr Nichts um ein's ſo tief, wenn der beſſere Nachbar ſchoͤn, herzhaft, witzig iſt und allen Guten wohlge⸗ faͤllt. Blick' ihm doch nur ein einziges Mal, recht unbefangen, in die klaren, treuherzigen Augen; erinnere Dich, mit welcher Begei⸗ 119 ſterung der Vetter neulich, waͤhrend dem erſten Beſuche, unſer Geſchlecht erhob und wie ſtreng er das ſeine richtete. Wenn ihn da die Großtante gehoͤrt haͤtte! ich bin ge⸗ wiß, ſie wuͤrde zu mir ſagen— weißt Du was, Lina, das Tieffuͤßchen waͤr' ein Mann fuͤr Dich! den muß ich loben! Ich merke wohl, entgegnete die ereiferte Mutter: was Du zu Dir geſagt hoͤren moͤch⸗ teſt, doch eher wollt ich mein Kind in der Gruft, als einem modiſchen Taugenichts zu Theil werden ſehen. Ein Wort wie tauſend! Das beherzige und denk' an den Vater. — Wir verließen den entfernten Hausherrn vorhin, im Laufe ſeiner baͤngſten Lebensnacht. Gegen den Morgen kam Eliſe allgemach aus der gewaltſamen Betaͤubung zuruͤck und fand ſich in des Vaters Armen; das Bewußtſeyn 120 der naͤchſten Vergangenheit ſchien ihr ent⸗. ſchwunden zu ſeyn, ſie klagte uͤber Kopfweh und druͤckendes Unbehagen, glaubte nur eben eingenickt zu ſeyn und verlangte zu Bette. Du ſchliefſt vier Stunden lang, erwie⸗ derte Wallow, von ihrem endlichen Erwachen getröſtet: es daͤmmert ſchon, und der Wind hat ſich umgeſetzt, wir muͤſſen deshalb, ohne Zoͤgern aufbrechen, denn der Schiffer laͤßt uns, auſſerdem, im Stiche. Ermanne Dich und komm; die Fruͤhluft wird das Uebelſeyn mindern. Eliſe raffte ſich, verwundert und nicht ohne Anſtrengung auf, und jett erſchien die. Alte, welche ſie am Abend einließ, oͤffnete Thuͤr und Fenſterladen, winkte dem Vater und wiſperte— es ſey an der Zeit, das Haus zu verlaſſen und ihr Herr bereits auf⸗ gebrochen. Sie wolle ihn bis zum Fuhrwege geleiten, wo er ſodann nicht fehlgehen koͤnne. 121 Ohne Lebewohl? Ohne Fruͤhſtuͤck? fragte Eliſe, als ihr jener, die Weiſung beachtend, den Arm bot. Um nicht zu ſtoͤren, entgeg⸗ nete er: verbat ich dieſes, und den Wirth entfernt ſein Beruf. Darauf traten ſie in's Freie und Wallow empfahl ſich ſtill in Got⸗ tes Schutz. Der Fußſteig lief durch dichte Geſtraͤuche, doch die boͤſen Geiſter ſchienen vor dem fun⸗ kelnden Morgenſtern entflohen zu ſeyn und nach einem Weilchen ſtand die Alte, welche in ein altes, aſchgraues Tuch verhuͤllt, bis dahin, geſpenſterhaft, vor ihnen hinſchwebte, auf einem Kreuzwege ſtill und deutete nach der nahen Landſtraße.—„Wohlgethan!“ ſagte ſie, als er ihr ein Guldenſtuͤck in die Hand druͤckte: und Falls den Herren irgend Einer, auf zwanzig Meilen in die Runde, unſanft anginge, dann ſprecht nur„Vetter Heling gruͤßt!“ ſo wird Euch kein Haar ge⸗ 122 9 kruͤmmt.— Alsdann verſchwand ſie in dem Gebuͤſche. Was meinte die Alte? fragte Lischen be⸗ fremdet. Sie iſt wahnſinnig! erwiederte der Va⸗ ter; da grauete ihr. — Im Gaſthofe war ſchon reges Leben und die Schiff⸗Geſellſchaft bei'm Fruͤhſtuͤcke. Wallow ſah auf, ſchoͤpfte Odem, fuͤhlte ſich von dem Uebergang aus jener furchtbaren Einſamkeit unter die ſichernde, lebensfrohe Menge erquickt, doch Eliſe erſchrack dagegen vor der Verſtörung und der Blaͤſſe ſeines Angeſichts. Der Vater folgte jetzt dem Wirth in den Hof und verwickelte ihn in ein Geſpraͤch, um beilaͤufig zu erfahren, weſſen Dach und Fach ſein Peiniger, zu Veruͤbung der Frevelthat, mißbrauchte. Dieſer wußte 123 nur, daß das bezeichnete Landhaus, Theils wegen der reizenden Lage, Theils wegen der innern Baufaͤlligkeit, aus einer Hand in die andere gehe und ſeit kurzem einem hollaͤndi⸗ ſchen Juden gehoͤre, welcher ſich aber ſelten dort ſehen laſſe und es unfehlbar zur Nieder⸗ lage eines Paſchhandels benutze. Der Wirth ſchilderte den Hebraͤer als einen drolligen, einaͤugigen Kauz, mit ſchneeweißen Haaren und kirſchfarbiger Naſe, und wußte von kei⸗ nen weitern Hausgenoſſen. Wallow brach das Geſpraͤch endlich ab, denn ein gewaltiger Jägersmann ſchritt, waͤhrend deſſelben, fort und fort, im Hof auf und nieder, an ihm voruͤber. Es leuchtete ein, daß, bei der Schonung, welche dieſe maͤchtige, greuliche Bande in den rheiniſchen Laͤndern fand— daß bei der Unthaͤtigkeit der einen, den feſ⸗ ſelnden Verhaͤltniſſen der andern Behoͤrde— bei dem Mangel an zweckmaͤßigen, gleichzei⸗ 124 tig durchgreifendem Eifer— daß endlich bei den Maßregeln, die Heling unfehlbar zu ſeiner Sicherſtellung getroffen hatte, eine Anzeige fuͤr den Augenblick nicht fruchten, ihn aber ſchnell verderben koͤnne. Er fuͤhrte demnach Eliſen auf das Schiff und dieſe eilte ungeſaͤumt nach der Kajuͤte, denn der ſcharfe Wind verleidete den Genuß des ſchoͤnen Mor⸗ gens. Selbſt Elyſiums Gefilde wuͤrde jetzt allerdings vergebens ſeine Herrlichkeit vor dem gebeugten Mann und dem verduͤſterten Maͤdchen aufgethan haben, das, außer der Nachwirkung des abſpannenden Schlaftrun⸗ kes, ein Anfall des Heimwehes niederſchlug. Wie iſt Dir? fragte der beſorgliche Va⸗ ter, ſo oft er aus der Verſunkenheit in ſein eignes Nachtſtuͤck, erwachte. Wohl, Vaͤterchen! troͤſtete Eliſe jedes „Mal, doch ihre Blaͤſſe, die naſſen Augen, die verſchwundene Theilnahme an allem, was 125 noch geſtern ihr Gemuͤth ſo lebhaft beſchaͤftigte und ergoͤtzte, ſtrafte die Verſicherung Luͤgen — ſo oft endlich der heilſame Geiſt des Schlummers uͤber den Erſchoͤpften kam, miſchte ſich Heling's erdfahles Larvengeſicht in ſeine Traͤume und ſchlug er die Augen auf, ſo hafteten ſie unwillkuͤhrlich auf dem ſchwarz⸗ braunen Jaͤger, der ſich heute mit einge⸗ ſchifft hatte und wortkarg und lauſchend zwi⸗ ſchen graubaͤrtigen, ſchnatternden Juden ſaß. Die Geſchichte des Tages, welcher indeß Eliſens Schweſtern an das Herz ihrer Ab⸗ goͤtter fuͤhrte und ihnen blitzſchnell und gleich⸗ zeitig, die Knoſpe des erſten Verhaͤltniſſes bot, hatte dieſe Zwillinge inniger als je ver⸗ bunden. Jede vernahm in der folgenden Nacht, mit Erſtaunen, die Beichte der An⸗ dern und Minona, die Gluͤcklichere, weinte 8 126 mit der weinenden Lina, die, auf jenem Schleichwege an des Vetters Arm ertappt, ihn gleich darauf von der Mutter verdammen hoͤrte und ihrer Welt Untergang vor Augen ſah, wenn jene erfuhr, daß ſie mit dem Be⸗ zuͤchtigten nach Elyſium gewandert, und dort den Kritiſchen ein Aergerniß geworden ſey. Darauf aber erſchoͤpften ſich beide in Ent⸗ wuͤrfen, das neue Trauerſpiel zu ſehen und der Tag grauete bereits, als Minona vor⸗ ſchlug, die Frau geheime Raͤthin, in einem ſchoͤn geſtellten Briefchen um ihre entſchei⸗ dende Vermittlung anzuſprechen. Ich ſchreib' in Verſen! fuhr ſie fort; denn das ſchoͤn⸗ geiſtige Maͤdchen, machte recht niedliche— und ſpreche, als die Najade der Pimplea, ihre Muſen⸗Excellenz an. Da muß ſie la⸗ chen, fuͤhlt ſich geſchmeichelt und noͤthigt uns der Mutter ab. Herrlich! praͤchtig! fiel Lina ein: es 27 127 kann nicht fehlen! Und dann ſchuͤtte ich, im Zwiſchenakte, das Herz vor ihr aus, beſchwoͤre ſie, die Mama fuͤr meinen Tieffuß zu ge⸗ winnen; erzaͤhle, daß ich, in aller Unſchuld, ein Reſeda⸗Stoͤckchen bei dem Hofgaͤrtner kaufte und den Vetter dort vorfand, daß dieſer mich, des boͤſen Kettenhundes wegen, uͤber den Vorhof begleitet und uns der Zufall mitten unter die Bewußten gefuͤhrt habe. Das wird ihr recht leid thun! Darauf entſchliefen Beide, vom Geiſte friſcher Zuverſicht gewiegt; Amalie mußte die ſcheintodten Zwillinge, am Morgen, zu wiederholten Malen in's Leben ruͤtteln und das verſtimmte ſie zu der Kinder Betruͤbniß, die nun mit Arbeit uͤberhaͤuft, kaum auf⸗ ſchauen durften. Zum Ueberfluſſe verſagte ſich Minonen heute, Trotz alles Sinnens, der poetiſche Geiſt; was ſie in Gedanken, ihrer Pimplea 128 in den Mund legte, zerlief, unter das Maß gebracht, in klang⸗ und geiſtloſe Pimpelei und fand ſich ein Reimwort, ſo widerſtand ihm die Fuͤgung des Baues. Als endlich die Zwillinge, nach Anwuͤnſchung der geſeg⸗ neten Mahlzeit, recht flehentlich um Erlaub⸗ niß baten, ſich ein wenig im Gartem ergehen zu duͤrfen, ſprach die Mama, kurz und ge⸗ bieteriſch— da ſteht er! und zeigte zu dem Naͤhtiſch hin. Nichts war Minonen jebt gewiſſer⸗ als daß Suſanne ſie verrieth; Paulinen nichts einleuchtender, als daß Mama, bei der, im Laufe des Morgens, einige Freundinnen zu⸗ ſprachen, von ihrem geſtrigen Ausflug unter⸗ richtet worden ſey; ſie fadelten demnach den Zwirn mit unſtaͤter Hand und bebenden Her⸗ zen ein und Noͤnnchen gedachte kleinmuͤthig des Traumes, in welchem derſelbe, unter 129 ihren Haͤnden, zum Aſchenfaͤdchen werdend, davon flog. Die Hofraͤthin war allerdings, ſeit Jah⸗ ren, nicht ſo unhold, als heute, geweſen, und doch wußte ſie noch kein Woͤrtlein von jenem angehenden, ploͤtzlichen Wildlauf ihrer Kuͤch⸗ lein und kaͤmpfte mit der eigenen Verſuchung. Jene zuſprechenden Freundinnen hatten, ſeit des Gatten Entfernung, den lebhaften Wunſch geaͤußert, ihr waͤhrend des Stroh⸗ witwen Standes, manche, bis dahin ent⸗ behrte Zerſtreuung verſchaffen zu duͤrfen, um der Geliebten ein Mal froh zu werden. Die Eine wollte ſie, ſammt den Zwillingen, auf ihr Landgut entfuͤhren, die zweite, zu Gun⸗ ſten der letztern, ein Baͤllchen veranſtalten; die dritte beſtand darauf, daß Amalie das Schauſpiel beſuche und verhieß drei Einlaß⸗ Karten. Eine vierte erklaͤrte es ſogar fuͤr lieblos und ſtiefmuͤtterlich, daß Mama die Schilling ate S. 11r Bd. 9 130 armen Moͤdchen von allen Genuͤſſen ihres Alters und Geſchlechtes entfernt halte und bezeichnete dieſe ungerechte Beſchraͤnkung jun⸗ ger, lebensluſtiger Maͤdchen als ein gefaͤhr⸗ liches Aufregung⸗Mittel zu geheimer Befrie⸗ digung des verkuͤmmerten Anſpruchs.— Zwar hatte ſich Amalie auf den gemeſſenen Willen des weiſen, ihr die Haͤnde bindenden Geſetzgebers berufen, aber Eine, wie die An⸗ dere, ſofort entgegnet— Die Maͤnner! ach, die Maͤnner ſind alle wunderlich und eigen⸗ ſuͤchtig und ſelbſt der Deinige— ein guter Pfennig, ja ein halber Engel uͤbrigens— erſcheint in dieſer Hinſicht hart und einſeitig, den Andern gleich 5 Der aber erfaͤhrt ja zu⸗ dem kein Sterbenswort und geht jetzt eben⸗ falls auf Roſen, uͤber Berg und Thal.— Die fuͤnfte Freundin endlich, die gewalt⸗ ſamſte, bei der ſich Amalie mit dem Mangel an zeitgemaͤßem Putz und an ſattſamen Mit⸗ X 131 teln entſchuldigte, ſah ihr, ſpoͤttiſch laͤchelnd, in's Auge und ſprach— ſo heimlich Du auch thun magſt, die Stadt weiß es beſſer. Sie weiß, ſeit geſtern, daß Dir der ſelige Bruder in Rotterdam, ein unermeßliches Vermoͤgen nachließ; alſo machſt Du, von nun an, Dein Maͤnuchen zum Manne und darfſt mit gutem Grund auf Oein Frauen⸗ recht fußen— fehlt Dir es jetzt? ich bin eben bei Gelde! Beſiehl nur! Die Hofraͤthin fuͤhlte ſich von dieſem vielſeitigen Treiben, dieſem Tadel, dieſer Anregung beunruhigt, geſtoͤrt, in Gaͤhrung verſetzt. Das Loos der beiden Maͤdchen, die bis dahin immerdar nur das Nachſehen hatten, wenn ihres Gleichen, ſchoͤn heraus⸗ geputzt, den Baͤllen und Geſellſchaft⸗Kreiſen zueilten, ging ihr zu Herzen; und jene ahn⸗ ten nicht, daß die heutige, folgewidrige Strenge der Mutter, aus dem unklaren .. 132 Wollen des Gegentheiles entſprungen ſey⸗ Wenn jetzt ſein Genius uͤber das Paͤrchen ge⸗ kommen, wenn es an der Mutter Hals ge⸗ eilt und dieſe(wie ein anderes Mal um Kaffeh, Obſt oder Gaͤnſefett) um die hoͤhern Guͤter der Gegenwart, mit Liebkoſung und Schmeichelworten bedraͤngt worden waͤre, ſie haͤtte Suſannen nach den Einlaß⸗Karten ge⸗ ſchickt, ſie haͤtte die Einladung zum Baͤllchen und wohl ſelbſt den dargebotenen Vorſchuß zu Ausſchmuͤckung der beduͤrftigen Kindlein angenommen. Aber dieſe ſahen verſchuͤchtert auf ihre Naͤhterei und Lina nebenbei verſtoh⸗ len zwiſchen den Blumen hindurch auf die Straße, denn Tieffuß und zehn andere, an⸗ nehmliche Junggeſellen ritten gewoͤhnlich um dieſe Zeit vorbei und an dem Fenſter gegen⸗ uͤber koſete zudem ein Braͤutigam mit der Braut und vergegenwaͤrtigte damit dem Noͤnnchen jenen goͤttlichen Moment in der — 133 Laube, wo jetzt ihr Alfried unzweifelhaft— zur Wiederholung jener Seligkeit bereit, ver⸗ gebens harrte. Unnennbare Sehnſucht er⸗ fuͤllte, bei dem Anblicke jener Gluͤcklichen, ihre Bruſt— ſie mußte— das fuͤhlte ſie im innerſten Gemüͤthe— den herrlichen Al⸗ fried beſitzen, oder ſterben und Thekla rief ihr zu— „Der Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimme! Den feſten Willen hab' ich kennen lernen, Den unbezwinglichen, in meiner Bruſt, Und an das Hoͤchſte kann ich alles ſetzen.“ — Die Mutter oͤffnete, waͤhrend dem, den Schreibtiſch, denn morgen war Poſttag. Das Tagebuch ſollte fortgeſetzt werden und es verſagte ſich derſelben nun, zu ihrer Be⸗ truͤbniß, jene Fuͤlle der Zaͤrtlichkeit und des Vertrauens, in dem ſie es begonnen hatte. Die unſteten Augen hafteten endlich auf dem * 8 134 Bild ihres Adolfs uͤber jenem; der Geiſt des innern Friedens, der Wahrheit, der Feſtig⸗ keit, der verſtaͤndigen Guͤte, offenbarte ſich, vorleuchtend, in ſeinen Blicken und Zuͤgen, und ebnete die zwiſtigen Wogen ihres Innern. In das Anſchaun des Trefflichen verſunken, ward Amaliens Geſicht und Herz allgemach zum Spiegel ſeines Bildes; ſie liſpelte unter hellen Thraͤnen— ja, lehre mich thun nach Deinem Wohlgefallen! und entſchied ſich, zu Folge dieſes magiſchen Seelen⸗Ver⸗ kehres, fuͤr die ſtrenge Beachtung ſeines Willens i.e. Bezug auf das bisherige Still⸗ leben und auf die enge Beſchraͤnkung der Toͤchter. Aber dieſe umſchleichen bereits Deine Schranken, gutes, taͤuſchbares Muͤtterchen! und Du zuͤgelſt und bewachſt mit vergeblicher Sorgfalt, was ſein eigener Engel zu ſchirmen aufgiebt, wenn es ſich ſelbſt nicht huͤten mag. Deine Toͤchter waͤhnen zudem: daß ihr from⸗ mer, ruͤhrender Trieb den Schleichweg hei⸗ lige, daß die allmaͤchtige Liebe, laut unzaͤh⸗ liger Beiſpiele, kein Gebot kenne und tau⸗ ſend geprieſene Lieder und Dichtungen helfen den Irrwahn begruͤnden und beſchwichtigen mit Zauberwort und Ton, ihr Gewiſſen— ſelbſt das verraͤtheriſche Suschen ſchweigt, von angenehmen Gaben und der Ausſicht auf ein zwiefaches Brautgeſchenk beſtochen. Wehrt auch Pauline noch, Kraft ihres ſitt⸗ lichen Gefuͤhles, dem heuchelnden, bethoͤren⸗ den Verderber: ſichert auch des Lieblings rei⸗ ner Geiſt und Zweck, die gluͤhende Minona vor dem Falle, ſo ſteht Mephiſtos doch ge⸗ ſchaͤftig hinter beiden und lockt und webt und denkt—„die Zeit nur macht die feine Gaͤh⸗ rung traͤchtig!“ 135 Sie ſaßen truͤbſelig um den Tiſch gereiht und ſtrickten, denn ein Gewitter hatte die Hoffnung auf den Spaziergang vereitelt; die Mutter las ihnen aus dem Kinderfreunde vor; da oͤffnete ſich leiſe die Thuͤr, ein ſchwarzbrauner Lockenkopf ward in ihr ſicht⸗ bar— ein Offizier!— und die Aufdlicken⸗ den erkannten, Trotz dem gewaltigen Backen⸗ und Schnurbart, welcher dem Befreundeten ſeit Jahr und Tagen zugewachſen war, ih⸗ ren Rudolf. Auch er war, gleich dem Tieffuß, der Zwillinge Vetter und Jugend⸗Geſpiele, und hatte ſich, bei dem Ausbruche des Krieges gegen Frankreich, als trefflicher Primaner, in ſeinem Feuer⸗Eifer, einem durchziehenden Jäͤger Bataillon angeſchloſſen, das Muͤth⸗ chen gekuͤhlt und der Pflicht des Soldaten mehr als genug gethan. Der Friede loͤſ'te jenes auf und Rudolf kehrte nun— ein ver⸗ 137 ehrlicher aber brotloſer Ober⸗Lieutenant— nach der Heimath zuruͤck, um die geliebte Mutter zu begruͤßen und einen Lebensplan fuͤr ſeine Zukunft zu erſinnen. Amalie hatte den einzigen Sohn ihrer duͤrftigen Schweſter, der Witwe von Wal⸗ low's verſtorbenem Bruder, immerdar, gleich dieſer, geliebt, hatte vor Freuden mit ihr ge⸗ betet und geweint, als die Zeitung ſeiner, wiederholt, auf's Ruͤhmlichſte gedachte und der Monarch ihn zum Offizier erhob; und jetzt trat Rudolf, gediegen und ritterlich, mit der benarbten Stirn und der geſchmuck⸗ ten Bruſt, vor die Erſtaunte und kuͤßte, das Knie beugend, keines Wortes maͤchtig, mit kindlicher Zaͤrtlichkeit ihre Hand. Dieſe Huldigung gebuͤhrte Amalien, denn es war ihm, durch ihre Milde und die erſparten Scherflein, welche die Zwillinge und Eliſe gutmuͤthig hinzu thaten, waͤhrend des Krie⸗ 138 ges, manche Huͤlfe in der Noth geworden und Rudolfs Herz ein erkenntliches. Mut⸗ ter und Toͤchter umfingen den Praͤchtigen auf's ſuͤßeſte geruͤhrt; ſie lobten ſeinen Wan⸗ del, ſeine Thaten, die edle Geſtalt und das ſtulitbare Ausſehn; ſie weideten ihre Augen an dem Kreuz und dem blinkenden Ehren⸗ pfennig und prießen ihn gluͤcklich. Da brach der ernſte Krieger ploͤtzlich in Thraͤnen aus und ſagte, die Hände gefaltet erhebend— Die Hoffnung mahlte mir dieſen Tag als den göͤttlichſten meines Lebens aus und er ward, leider! zum ſchmerzenreichſten! Als ich vorhin, zitternd vor Sehnſucht und Er⸗ wartung, in meiner Mutter Wohnung eile, tritt mir im Vorhauſe, wo alles neu und anders war, eine geſchminkte, uͤberputzte Matrone entgegen— ich frage, ob Madam Wallow vielleicht weggezogen ſey?— Aller⸗ dings! Wohin? In jene Welt! Geſtorben —— 139 und begraben— vor zwei Monaten ſchon! Ja! die ruht ſanft! liſpelte Amalie und umſchlang ihn, in Thraͤnen ausbrechend: und davon wußteſt Du noch nicht? Du ar⸗ mer Sohn! So ging unſer Brief fehlz— Sanft und ſelig entſchlief ſie, mein gutes Kind! bald nach dem Eingange Deiner Zu⸗ ſchrift, die ihr von den erhaltenen Ehren⸗ zeichen Meldung that. Ein ſchoͤnes Abend⸗ roth! ſagte die Gluͤckliche: wohl Jeder, der des Kindes Tugend noch das Sterbebett aus⸗ ſchmuͤckt!— Darauf theilte ihm die Hof⸗ raͤthin den Verlauf der Krankheit und das milde, verklaͤrende Hinſcheiden der Gerechten mit; ſie ward jetzt abgerufen und Rudolf 4 ſagte zu den Muͤhmchen— Ich zog damals gegen der Mutter Wil⸗ len in den Krieg und dieſer Ungehorſam wuͤrde mein Gewiſſen belaſten, wenn mir 140 nur irgend eine Wahl geblieben waͤre. Un⸗ ſere Armuth machte den Beſuch einer hohen Schule unmoͤglich; nirgends fand ſich ein Goͤnner und mich trieb eine gewaltſame Kraft, dem Staube zu entrinnen, zu dem der Mangel und die Schußtloſigkeit den Ver⸗ ſaͤumten hinabwies. Du thateſt wohl, dieſem Triebe zu fol⸗ gen, Du herrlicher Rudolf! erwiederte Mi⸗ nona: denn„der Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimme!“ „Und willig oder nicht“ fiel Lina ein: „fuͤhrt ein geheimer Zwang uns Alle!“ das ſteht im Oberon. Der Vetter ſah die beiden, niedlichen Orakel befremdet an, lobte ihre Beleſenheit, warnte Paulinen vor der Mißdeutung dieſes Eitates und rieth ihnen, dem Zuge des Her⸗ zens nur in ſofern nachzugeben, als ſich in 141 ſeiner Stimme der untruͤgliche Ruf ihres Engels kund thue.— Die zuruͤckkehrende Mama unterbrach das Geſpraͤch, ſie ſchickte ihre Maͤdchen nach der Kuͤche und dem Keller, um das Abend⸗ mahl zu verſorgen und ſagte dann liebreich zu dem Vetter— Ach, gutes Kind! wie gern boͤte ich Dir unſer Dach und Fach fuͤr die Zeit Deines „Hierſeyns an; aber die erwachſenen Toͤchter — die arge Welt— meines Mannes Strenge, der eben verreiſ't iſt— dazu das liebe Fleiſch und Blut! Du biſt viel zu huͤbſch und zu anziehend, um es darauf wa⸗ gen zu koͤnnen, alſo entſchuldige mich. Rudolf widerſprach, bei der beſcheidenen Meinung von ſich ſelbſt, mit Eifer dem an⸗ gefuͤhrten Grunde, ließ dagegen ihrer lebens⸗ klugen Anſicht Gerechtigkeit widerfahren und fragte, ob ihm denn wohl erlaubt ſey, bei 142 einem Herzensfreunde Wohnung zu machen, den mindeſtens eine Vorſaalthuͤr, ſammt Schloß und Riegel, von ihrem Haus⸗Altare ſcheide. Er meine den Schauſpieler Alfried, ſeinen braven Kriegs⸗Gefäͤhrten, der gleich ihm, freiwillig fuͤr das Vaterland gefochten und nur darum die vorige Laufbahn auf's Neue betreten habe, weil er, Trotz der Er⸗ ſchoͤpfung ſeiner Pflicht, von einem haͤmi⸗ ſchen Gewaltigen verfolgt, bekraͤnkt und hintan geſetzt worden ſey. Rudolf pries jetzt, feurig und beredtſam, des Freundes Lob, die Hofraͤthin freute ſich, das viele Gute, welches derſelben bereits, im Bezug auf dieſen ſo nahen, ſie bekuͤmmernden Nachbar zu Ohren kam, von ihrem Lieblinge be⸗ ſtaͤtigt zu hoͤren; ſie ſtimmte mit Zufriedenheit der getroffenen Wahl bei und bat um Erlaubniß⸗ ihn, bis auf weiteres, taͤglich mit ihrer ge⸗ ringen Hausmannskoſt verſorgen zu duͤrfen. * 243 Gleichzeitig hoͤrte auch Minona, mit in⸗ nigem Vergnuͤgen, von dem lieblichen Ver⸗ haͤltniß, in dem ihr Trauter zu dem Vetter ſtehe und daß jener ihn beherbergen werde, denn als ſie vorhin nach der Kuͤche geſchickt ward, trat Alfried eben, als Major von Walter aus ſeiner Thuͤr, um in's Theater zu fahren und den Feuerbrand in das junge, friedſame Herz der Stadtgfeifers⸗Tochter und unwillkuͤhrlich in manches aͤhnliche zu werfen— — ſie erkannten ſich, Trotz dem Dunkel, ſie flogen einander in die Arme, ſie tranken von dem Becher der Seligkeit und Minona die liebetrunkene, liſpelte † Ach, wir ich doch fuͤr heute Luiſe Miller! wenn Ou mir auch morgen ſchon den Todeskelch reichteſt! . 3 5. Waͤhrend des Abend⸗Eſſens weideten ſich die Augen der Mutter und der Toͤchter um 144 die Wette und mit gleichem Wohlbehagen an dem bluͤhenden, kraͤftigen, gehaltenen Manne. Dieſe dachten ihm bereits, in Hin⸗ ſicht auf ihre Heirath⸗Angelegenheit, das Mittler⸗Amt zu, denn ein ſolcher Vorbitter mußte, wie es ihnen ſchien, die Eltern mit liichter Muͤhe fuͤr ihr Beſtes gewinnen koͤn⸗ nen. Sie waren ſowohl deshalb, als zu Folge des Inſtinktes bemuͤht, dem trefflichen Verwandten zu gefallen und auch die Mama viel guͤtiger und heiterer, als ſeit langer Zeit, benn Rudolfs zarte Huldigung und der Eifer, mit dem er ihr bluͤhendes Ausſehn pries, er⸗ freute Amaliens Herz und der Spiegel, in den jetzt ein Seitenblick fiel, ſprach— Er hat Recht! wir ſchmeicheln Dir nicht! Bevor der angenehme Vetter endlich gute Nacht nahm, feagte er angelegentlich, ob ſich eine Frau von Hohland hier aufhalte und von ihnen gekannt ſey? * 5 . 145 Pauline, welcher neulich der freundliche Verkehr dieſer Dame mit ihrem Tieffuß, das Schauſpiel verkuͤmmert hatte, nahm alsbald das Wort und erwiederte— Ja, liebes Vetterchen, die findeſt Du hier; Sie kam vor kurzem mit ihrem Gatten von einer Reiſe nach Italien zuruͤck und hat eine große Herrſchaft geerbt, deren präͤchtiges Schloß ſie kuͤnftig bewohnen werden. Die Hohland iſt eine junge, lebensluſtige Frau, die ihren Gemahl nicht ſonderlich zu achten ſcheint. Wer ſagte Dir das? fiel die Mutter verweiſend ein— N Die Excellenz! ſprach jene mit Zuver⸗ ſicht: Frau von Halmer! Und wer erlaubt Dir, es nachzuſagen? In ſolchen Faͤllen kehrt man zum Beſten, oder ſchweigt! Schiling ate S. rir Sd. 10 . 146 Iſt denn ihr Gatte ſo unbedeutend?— fuhr Rudolf fort. Ich weiß es nicht! wiſperte Lina, ver⸗ ſchuͤchtert und die Achſeln zuckend— Der Mann kann nicht aͤlter, als Du ſeyn! fuhr Noͤnnchen fort: ſieht aber blaß und kraͤnklich aus. Du haſt wohl Auftraͤge an das Haus? Die Dich nicht angehen! rief die Mutter und nahm ſeine Nachſicht mit dieſen vor⸗ lauten, des Welttons noch ermangelnden Zwillingen in Anſpruch. Er aber wuͤnſchte ſich dagegen, gefaͤllig und beredtſam, zu den naiven Muͤhmchen Gluͤck und ſchied dann, von Minonen beneidet, denn ihn erwarteten ja nun die offenen Arme ihres Gefeierten. Ach, ſie waͤre ſo gern unverzuͤglich nach ih⸗ rem Kaͤmmerchen geeilt, an deſſen Wand man jedes laute Wort vernehmen konnte, das in Alfrieds anſtoßendem Wohnzimmer 147 geſprochen ward. Es ſchien ihr gewiß, daß ſich Wallow, dem Herzensfreunde gegenuͤber, aufrichtig uͤber ſie aͤußern, daß dieſer darauf eingehen, ſich ihm entdecken— daß beide uͤberhaupt ſo manches Hoͤrenswerthe be⸗ ſprechen wuͤrden. Aber der Mutter geſiel es jetzt, ſich, in Bezug auf den guten Vetter, weitlaͤufig auszulaſſen und ihn, mit dem ge⸗ haßten Tieffuß in Vergleich geſtellt, auf deſ⸗ ſen Koſten zu erheben. Die Maͤdchen, welche neulich, bei der Erſcheinung des Letz⸗ tern, kein Ende ihres Lobes finden konnten, waren diesmal, zu der Mutter Verdruſſe, ſehr einſilbig; Noͤnnchen griff, viel eifriger als ſonſt, nach dem Andachtbuch und las ſo ſchnell, daß die Mama ſie mit einem ſtraͤf⸗ lichen— ſchnattre nicht! zurecht weiſen mußte.— Endlich rauſchten die Schnuͤr⸗ baͤnder, wurden die Loͤckchen im Fluge ge⸗ ℳ*. 148 rollt und der Heimzug nach Bethlehem er⸗ folgte im geſtreckten Galoppe. — . Noch war die Unterhaltung der Nachbarn im vollen Gange, aber ſie ſprachen von Din⸗ gen, die ein Maͤdchen wohl eher ſchrecken als ergoͤtzen, denn Wallow's Feldzug gab den Stoff. Genug, fuhr dieſer fort: der Ueberfall mißlang, wir warfen den Feind, und ich folgte ihm mit meinen Leuten durch den Wald, aus dem das Bergſchloß Landhelm hervor⸗ ſah. Ein herrſchaftlicher Jaͤger, der ſich, waͤhrend des Gefechtes, zu uns fand, bat mich dringend, jenes zu retten. Es ſey dem Freiherrn von Hohland gehoͤrig und die Fa⸗ milie waͤhrend der Nacht, von dem uͤber⸗ raſchenden Feind aufgeſchreckt, nur mit ge⸗ nauer Noth entflohen. Dieſer habe dort 149 eine ſchwache Beſatzung zuruͤckgelaſſen und wolle ich mit leichter Muͤhe einen tuͤchtigen Fang machen, ſo ſtehe er fuͤr den Erfolg und ſey erboͤtig, uns auf verſteckten Wegen zum Gipfel und mitten unter ſie zu fuͤhren.— Vorvaͤrts alſo! Er an der Spitze. Wir ſchlugen uns in's Dickicht, zogen auf ſchma⸗ len, den Moraſt durchkreuzenden Wegen, der Burg zu und klommen nun in einem Felſenſpalt bergan. Faſt am Ziele gleite ich auf dem ſchluͤpfrigen Mooſe, rolle eine Strecke hinab, erfaſſe Geſtraͤuch und nehme, mich aufraffend, eine reichgeſtickte Brieftaſche zu meinen Fuͤßen wahr. Ein treffliches Kunſt⸗ werk! Es war unzweifelhaft einem Gliede der Familie entfallen, die ſich, bei Nacht und Nebel, auf dieſem Wege rettete. Ich berge den Fund in der Bruſttaſche, klimme wieder auf⸗ waͤrts, finde die Mannſchaft, meiner har⸗ rend, am Fuße der Burgmauer, vor einer 150 offenen, unter Strauchwerk verborgenen Thuͤr. Dieſe Treppe, ſagt Markold der Jaͤger: fuͤhrt kerzengrad hinauf und durch ein leeres, zu ebner Erde liegendes Gewoͤlbe, in den Schloßhof. Treffen Sie, dieſem nach, Ihre Maßregeln; ich warte hier den Ausgang ab. 4 Es gab nur eine moͤgliche— mich an die Spitze zu ſtellen, einige Brave zu Deckung der Thuͤr zuruͤckzulaſſen und„die Bruſt zum Gefecht zu luͤften.“ Auf meine Schuͤtzen konnte ich rechnen, auch waren ſie, ſeit geſtern, nuͤchtern und der Jaͤger hatte Land⸗ helm als ein gelobtes Land voll Schinken, Wurſt und Doppelkuͤmmel geſchildert, alſo ward luſtig und herzhaft zugeſtiegen. Ich ſteige im Geiſte mit! ſiel Alfried ein— Deinen Eingang ſegne Mars! Dei⸗ nen Ausgang gleicher Maßen!. Ein ſchwacher, von oben herab fallender 151 Lichtblick diente zum Leitſtern, die Treppe glich uͤbrigens dem Tugendpfade, war ſteil und ſchluͤpfrig, ſtockdunkel und nicht ausge⸗ treten. Jetzt ſtanden wir, Odem ſchoͤpfend, in dem obern Gewoͤlbe und uͤberſahen von da aus den Hof, auf dem ſich der Feind, mit Beute uͤberladen, zum Abzug ruͤſtete. Die Offiziere trieben aus allen Thuͤren Wi⸗ derſpenſtige herbei, die noch ſchwelgen und pluͤndern, zertruͤmmern und anzuͤnden wollten; ſie hieben ſcharf ein und machten tobend die Rotten voll.— ſollte ich mich auf die zwie⸗ fach ſtaͤrkere Maſſe werfen, oder von dieſem ſichern Caſtell aus, den Tod unter ſie ſchleu⸗ dern? Meine Schuͤtzen ergriff der Jagdkoller, ſie brannten vor Begierde, fuͤr erſt die ſchuß⸗ gerechten Offiziere wegzupuͤrſchen; der eine bat mich um den Langen, der andere um den Dicken, mein Fallſtaff um ein ganzes Glied; rings um knackten Haͤhne, waͤhlte 152 ſich jeder ſein Opfer aus und noch ordne, verfuͤge, beobachte ich, als zufaͤllig ein Ge⸗ wehr los geht und damit, wie gewoͤhnlich, die Looſung zum Lauffeuer giebt. Schuß auf Schuß brannte nach, die Fenſter des Ge⸗ woͤlbes flogen klirrend in Splitter, draußen ſturzte ein Dutzend oder mehr, taumelten andere, wohl verſorgt, nach dem Ausgange hin, die Maſſe aber ſchrie grimmig auf und flog aus einander. O Du Beneidenswerther! rief Alfried, vom Soldatengeiſt entflammt und ſprang empor: nun drauf! drauf! nicht erſt gela⸗ den— So meinte ich's auch! fuhr Wallow fort: wir warfen uns, durch Thuͤr und Fenſter, mitten unter ſie. Das Bajonnet entſchied, der Kampf war kurz, und ward zur Haſenjagd— nur einige alte Streit⸗ haͤhne, aus der Schreckenzeit, hielten zu⸗ ⸗ 1 153 ſammen; ſie wehrten ſich wie Koͤnigstieger, verſchmaͤhten den Pardon und wurden mit den Kolben beſchwichtigt. Als ich endlich alles gethan glaube und zwiſchen den Gefalle⸗ nen hin, nach dem Eingange zuſchreite, rafft ſich ein junger, blutbedeckter Offizier vom Boden auf; er reißt mich nieder, will mir den Degen entwinden und wir ringen noch, als Markold der Jaͤger wie ein Schutzgeiſt erſcheint und den Wuͤthigen mit einem Stoß ſeines Hirſchfaͤngers abfertigt. Ich lobe Beide! rief Alfried— nun? Nun konnten wir das Te Deum ſingen, denn der Feind lag im Staube; er ward ent⸗ kaden und eingeſperrt; meine Schuͤtzen brach⸗ ten dem Jaͤger ein Hurrah, ich umarmte den Braven; wir eilten in's Schloß, um zum Rechten zu ſehen und ſahen Graͤuel. Die koͤſtlichſten Geraͤthſchaften, Schildereien und Prachtwerke, bedeckten, zerſchmettert, 154 den Boden; uͤberall die Faͤhrte des Raub⸗ thiers. Jetzt aber ſprang, unter dem Hand⸗ druck des Jaͤgers, eine Tapetenthuͤr auf und ich ſah in ein freundliches, heimliches Kaͤm⸗ merchen; der gute Genius der entflohenen Bewohnerin hatte das Heiligthum bewacht. Die ſeidene Decke des Bettchens, dem ſie entſchluͤpft war, lag am Boden; auf dem Nachttiſch, unter der Vaſe voll Roſen, ein offenes Gebetbuch. Schnell erheitert rief Markold aus— Nun, das erfreut mich. Da ſieht man klar, wie lieb unſer Herr Gott das Fraͤulein hat. Wie billig! fiel ich ein: die Jungfrau'n ſind ja Spiegel des Allheiligen. Iſt das Fraͤulein des Hauſes Tochter? Die Pflegetochter nur— oder die Ge⸗ ſellſchafterin vielmehr, denn unſere Frau ——— 155 ward eben erſt muͤndig und nahm die Ver⸗ waiſ te, vor etwa zwei Jahren auf. Und ſie heißt? Molly duͤ Val. Die Aehnlichkeit unſerer Namen that mir wohl. Und Molly iſt ſchoͤn und gut? Schoͤn und zart, fromm und gut. Ein goldiges Kind! Meine Augen hafteten auf Molly's net⸗ ter Ruheſtatt; die Aeuſſerung des wackern, glaubwuͤrdigen Zeugen, erhob dieſe ja zum Madonnen⸗Altare— ich ergriff das ver⸗ brauchte Gebetbuch. Niedliche Bilder er⸗ fuͤllten es, ſtatt der Zeichen; laͤchelnde Hei⸗ lige, von Nonnen⸗Haͤnden gemahlt und ver⸗ ziert— iſt ſie katholiſch? Gut evangeliſch! fiel der Jaͤger ein: die Bildchen kamen ihr von einem ausgewander⸗ ten Pater zu, dem der Herr das Gnaden⸗ brot gab, und der uns alle paͤpſtlich machen 156 wollte. Ein greulicher Ahab und Seelen⸗ Jaͤger. Der Seelenfeind hol ihn! Ich beſah mir das Buch und fand auf dem weißen Vorblatte, in netten, weiblichen Schriftzuͤgen, den Gellert'ſchen Vers— Laß Dich im Eifer des Gebet's, Laß Dich in Lieb und Demuth ſtets, Vor Gott erfunden werden— Sein Heil ſey Dir der Schirm in Noth, Dein Stab im Gluͤck, Dein Schild im Tod⸗ Dein letzter Troſt auf Erden! Deine treue Mutter Helene. Die leiſe Mutterſtimme ſprach mich, nach der graͤulichen Blutſcene, von der ich her kam und mitten unter Truͤmmern irdi⸗ ſcher Herrlichkeit, beweglich an. Das Buch iſt meine gute Beute! ſagte ich zu dem Jaͤger: das ſoll die fromme Jungfrau, irgend ein Mal, gebuͤhrend ausloͤſen— mit einem freundlichen Blick— einer dankbaren Thraͤne vielleicht! und bis dahin ſey es mein Talis⸗ — 157 man gegen Blei und Eiſen— gegen Seu⸗ chen und Siechthum— gegen jede Ver⸗ ſuchung des Boͤſen. Markold ſagte mir Schoͤnes und meinte dann— unſer Herr iſt wacker; der wird vergelten. Steht doch das Schloß unver⸗ brannt und auch der Keller ward nicht auf⸗ gefunden, in dem wir, ſchon bei dem Aus⸗ bruche des Krieges, das Beſte vergruben. Es wuͤrde den Spuͤrhunden, wenn ſie Zeit gewannen, nicht entgangen ſeyn. Ei, Du Geſegneter! rief Alfried aus: ſo trittſt Du denn hier als Glaͤubiger auf, um Tauſend fuͤr Hundert einzuſtreichen— als Gluͤckvogel, um das gewonnene große Loos zu erheben. Darf ich wohl auch einen Blick in die gefundene, praͤchtige Brieftaſche werfen? Nur auf die Auſſenſeite! erwiederte 158 Wallow: und auch dieſen nur unter dem Schleier des Vertrauens. Die Maͤdchen hoͤrten jetzt das Kunſtwerk preiſen; ſie haͤtten gern die Arbeit und noch lieber den Inhalt beſichtigt, welcher ſelbſt dem innigſten Freunde verſagt blieb. Eine Myſterie alſo? fuhr Alfried fort: unſtreitig verlor die Frau von Hohland, in dieſem Kleinod, ihr geheimes Archiv? Ja, ja, ich errieth es und ſie muß, wenn der Wandel der beſcholtenen Frau ihrem Rufe gleicht, vor dem Manne verzagen, der als Mitwiſſer des Inhalts, mit dieſem Funde vor ſie tritt. Des Freundes Vorausſehung war aller⸗ dings gegruͤndet. Die Brieftaſche enthielt, außer andern, ſeltſamen Kleinigkeiten, das wohlgetroffene Bildnis eines beruͤchtigten Großen und eine Reihe ſeiner eigenhaͤndigen Zuſchriften, die ihn als den zweiten Don 159 Juan und die Beſitzerin als ſeine willfaͤhrige Beute bezeichneten. Ihr Name prangte in Perlen geſtickt, auf dem Umſchlage des Be⸗ haͤlters. 3 Lauſchend und leiſe ſprach Wallow jetzt — ihr Ruf iſt alſo nicht unbefleckt? und in derſelben Weiſe erwiederte jener— frage die Brieftaſche! W. Ich trug Bedenken ſie zu oͤffnen. Soll ich das glauben, fiel Alfried lachend ein: ſo wirſt Du ihr dies unſaubere Pfand, um folgerecht zu bleiben, mittelbar in die Haͤnde ſpielen; wirſt eine anonyme Zuſchrift beifuͤgen, die ſie von Deiner beiſpielloſen Zartheit unterrichtet und damit, ohne Dich ſelbſt zu gefaͤhrden, einen Zentner von ihrem ſchoͤnen Buſen nehmen. W. Naͤthſt Du mir das? A. Im„ deſſelben Zartgefühls. W. Ab dieſe Milde wuͤrde, im vor⸗ 160 ausgeſetzten Falle, nur dem Leichtſinn einer. Buhlerin ſchmteicheln und vielleicht berief mich das Schickſal zum Straf⸗Engel der Geſunke⸗ nen— vielleicht fuͤhrt ſie das Verhaͤltniß, in welches mich die Ruͤckgabe zu ihr ſetzt, durch die Gluth des Schreckens und der Schmach, zur Erhebung. Kindlicher Traͤumer! rief ſein Freund. Sie hat, ſeit dem Verluſte, Zeit genug ge⸗ habt, fuͤr dieſen und aͤhnliche Faͤlle auf eine Ausflucht zu ſinnen. Ihr ward zudem, außer dem Weltton und regem Verſtande, Cytherens Guͤrtel, der magiſche Liebreiz. Sie wird Dich alſo bethoͤren, oder ruͤhren, beſchaͤmen, oder entzuͤnden und die Lippen des Geblendeten mit ihrem Zauberkuß verſiegeln. Die Sage aber weiß, durch Jahrkauſende, nur von einem unberauſchbaren Joſeph. Ich denke, dem ein Seitenſtuͤck zu geben, fiel Wallow erroͤthend ein: nicht aber, wie 161 dieſer Gleisner, davon zu laufen. Minde⸗ ſtens iſt es, Falls die Brieftaſche Arges ent⸗ halten ſollte, ſo heilſam, als verdienſtlich, ſie zu erſchuͤttern. A. Dich reizt das Abenteuer! aber for⸗ dere den Boͤſen nicht heraus! Bedenke, daß der Schoͤpfer ſelbſt an der Moͤglichkeit ver⸗ zweifelte, die Luͤſternheit unter den Lebens⸗ baum zuruͤck kehren zu ſehen und deshalb ſeine Gartenthuͤr auf ewig hinter Even zu⸗ warf. Viel eher werden zwanzig ſolche Schlangen den Sitten⸗Prediger zum Miteſſer machen, als es einem ſolchen gelingen duͤrfte, nur eine von ihnen in den Aſchenſack zu locken. Glaube das dem erſten Liebhaber hieſiger Buͤhne. W. Aus dem die Erfahrung zu ſprechen— ſcheint. A. Ich darf mich nicht bruͤſten, Freund! denn meine Tugend gleicht nur der Maͤßigung Schiling ate S. Irr Bd. II 169 des Zuckerbaͤckers, dem Gleichmuth des Obſte⸗. trikers— das Tagewerk entzaubert uns. W. Beſcheidener Held, ich kenne Dich beſſer und Du warſt, ſeitdem wir uns fan⸗ den, mein Vorbild. Um ſo erfreulicher iſt es mir, den Ringer noch auf ſeinen Lorbeern zu finden, da meine Muͤhmchen außerdem große Gefahr laufen wuͤrden. Minona druͤckte jetzt ſo haſtig den Ellbo⸗ gen in das zarte Fleiſch der Mitlauſcherin, daß Pauline faſt laut geworden waͤre und Alfried erroͤthete, bei Rudolfs Aeußerung, gleichzeitig mit den Unſichtbaren. Es fiel ihm eben, ſpaͤt genug, bei, daß die duͤnne Scheidewand jedes ſtark betonte Wort durch⸗ laſſe, daß ſie druͤben noch wach und in dieſem Falle eifrige Hoͤrerinnen des Worts ſeyn duͤrf⸗ ten, und die Zwillinge vernahmen von nun an nur ein unverſtaͤndliches Gemurmel, das immer dumpfer ward. 163 Jetzt gilt es uns fliſterte Lina. Im Beſten! erwiederte Minona. Aber mir iſt die gottloſe Hohland auf's Herz gefallen— fuhr jene fort: ich zittre und bebe! Die hat wohl auch, in aller Stille, meinen Tieffuß geruͤhrt, geblendet entzuͤn⸗ det, und ihm die Lippen mit ihrem ſuͤndlichen Zauberkuſſe verſiegelt, denn er verleugnete ſie ja, ſo oft ich deshalb in ihn drang. Zu⸗ dem iſt er unſtreitig viel reizbarer als Vetter Rudolf und zehnmal waͤrmer und ſchwaͤcher als Dein Geliebter, wie das Geſpraͤch er⸗ gab. Noͤnnchen aber verſicherte, Alfried ſey eben warm genug, ſie moͤg' ihn gar nicht heißer, und danke ihrem Gott fuͤr dieſe an⸗ genehme Temperatur.— Jenſeit der Wand wiſperte derſelbe, waͤh⸗ rend dem, in Antwort aufRudolfs Andeu⸗ tung— Fuͤrchte nichts! Bis zur Entſittlichung . 164 eines zuͤchtigen Maͤdchens wuͤrde mich, wie ich glauben darf, weder die Gewalt der Sin⸗ nengluth, noch der boͤſe Geiſt der Gelegen⸗ heit jemals hinabreißen. Aber es beſteht allerdings zwiſchen Minonen und mir ein trauliches Einverſtaͤndniß und ich erwarte nur des Vaters Ruͤckkehr, um ihn damit bekannt zu machen. Mich, Lieber! der ſelbſt ſo mancher Tauſendſchoͤn gegenuͤber, nur die Wallung des Kunſtfreundes empfand, zog eine wunderbare, draͤngende Gewalt zu die⸗ ſem Maͤdchen hin. Zufäͤlle— Geiſter viel⸗ leicht und gute, hoffentlich! miſchten ſich, faſt ſichtbar, in's Spiel, uns zu verknuͤpfen und Du, mein Vielgetreuer! faͤllſt jetzt, als der noͤthigſte Sekundant, vom Himmel unter uns. Wiſſe denn, daß ich Dein Muͤhmchen wahr und innig liebe— daß aus Tauſenden ihre Geſtalt und ihre Zuͤge, ihr Weſen und Weben meinem Sinne zu⸗ 169 ſagte, daß dieſe Miſchung von Geiſt und Einfalt, von Pathos und Ethos, von Kind⸗ lichkeit und Koketterie mich wohlthuend an⸗ ſpricht. Nichts endlich iſt gewiſſer, als daß Minonens mimiſches Talent, bei dieſer Gra⸗ zie der Form, dieſer Anmuth der Geberde, dieſem reichen Wohllaut einer kraͤftigen Stimme, ſie bald genug zur Zierde jeder Buͤhne machen wuͤrde. Seufzend erwiederte Wallow— das Bild iſt mit Farben der Zaͤrtlichkeit verklaͤrt, aber getroffen. Doch, wenn ich mir den Hofrath denke, mit ſeinen Grundſaͤtzen, An⸗ ſichten, Wahnbegriffen, ſo thuͤrmt ſich eine Alpenkette zwiſchen Dir und ſeinem Toͤchter⸗ lein auf— meinem Oheim wuͤrde es, wie ich glaube, den ganzen Tag verkuͤmmern, wenn ihm des Nachts getraͤumt haͤtte, daß eine ſeiner Toͤchter zum Buͤhnenſchmuck be⸗ rufen ſey.— Vorurtheil! wirſt Du ſagen, 156. aber der Menſch giebt viel eher den Grund, ſatz, als die Meinung auf. Jener gehoͤrt dem Geiſte, dieſe dem Herzen an, und das iſt weiblichen Gepraͤges; es iſt die Mitgift von der Mutter und hegt deshalb, mit In⸗ brunſt, ſeine Pappen. Verſuche Dein Heil bei den Eltern! bat „ihn Alfried, bekuͤmmert und kleinlaut: fuͤhre meine Sache! ſie iſt fromm. Was ſich verſuchen laͤßt! fiel dieſer ein: ich ſtuͤrme ſelbſt, wenn die Fluͤgel nicht zu umgehen ſind und viebeicht ſendet mir das Schickſal, wie damals, einen beiſtaͤnoigen Jager vom Himmel. Nur ohne Hirſchfaͤnger! fiel jener ein: wehe dem Freier, der das geheiligte Vater⸗ und Mutter⸗Recht durch Liſt und Trotz, oder Gewaltſtreiche zu brechen ſucht. Solche Waffen erringen mit dem Gute nur Boͤſes und Unſegen. 167 W. unſere Belagerung⸗Mittel ſind erſtens— Deine Rechtlichkeit! Die ſteht Dir ja wie eine blitzende Karthaune zur Seite. Zweitens— Dein Talent! Es verſorgt Dich mit Lorbeern und Herrenbrot, das Deine Wirthlichkeit und Maͤßigung, als redliche Wardeine mehren. Um endlich des Vaters Beſorgniß vor Deiner Gattin moͤglichem Straucheln auf eurer glatten Lauf⸗ bahn zu zerſtreuen, reicht, denke ich, des Weibchens Sinn fuͤr Deinen Werth und ihre Liebe hin. 1 Das Morgenlicht roͤthete bereits die Wangen des Noͤnnchens, als noch die Rede von ihr war, und es fehlte jetzt, um Alfrieds Leidenſchaft bei dem Freunde vollauf zu recht⸗ fertigen, nur an einem Zauberſtabe, der die Scheidewand in Glas verwandelt und die ſchlafende Jungfrau in der Fuͤlle ihres Bluͤthenkranzes ſichtbar gemacht haͤtte. — 168 Rudolf betrat, am folgenden Tage, die Wohnung des Herrn von Hohland mit klopfendem Herzen. Er hatte ſich, bei der Erſtuͤrmung des Bergſchloſſes, viel freier und behaglicher gefuͤhlt. Seine Augen ſuch⸗ ten, unter den Bedienten im Vorſaale, ver⸗ gebens den wackern Jaͤger Markold, welcher bald nach jener That, ohne ſeine Herrſchaft wieder geſehen zu haben, ploͤtzlich verſtorben war. Der Lieutenant Wallow, ſagte Rudolf nun zu einem der Dienſtbaren: mit Auftraͤ⸗ gen an die gnaͤdige Frau insbeſondere. Waͤre ſie fuͤr jetzt nicht allein oder beſchaͤftigt, ſo beſtimme ihre Guͤte Zeit und Stunde. Die gnaͤdige Frau nehmen heute keinen Beſuch an. So melden Sie mich dem Fraͤulein duͤ Val. Der Bediente zuckte laͤchelnd die Achſeln und ſagte— das darf ich nicht! 1 5 169 Denn der Herr Leutnant, fiel ein luſtiger, eisgrauer Kammerdiener, hinzutretend, ein — muͤßten, um bei dem Fraͤulein Zutritt zu finden⸗ wenigſtens ſo blond, als ich ſeyn, gehoͤrig mit dem Kopfe wackeln, oder auf hoͤlzernen Stacheten einher gehen. Jetzt aber huſchte ein Zoͤfchen uͤber den Vorſaal, faßte alsbald den ſchoͤnen Offizier in ihre Schelmen⸗Augen, hoͤrte ſich von ihm angeſprochen und das weibliche Mitleid er⸗ wachte. Jenny beſann ſich einen Augen⸗ blick und liſpelte dann— Zwar ſieht das Fraͤulein, in der Regel, keine Herren bei ſich, aber da Sie ein Auf⸗ trag herfuͤhrt, ſo bin ich wohl im Stand und nehme es auf mich, Ihnen den Weg zu weiſen. Damit winkten ihm die regen, flammenden Augen, er ſchritt hinter der Enteilenden drein, durch ein Zickzack von Gaͤngen; Jenny ſah ſich, bei jeder Wendung, 170 nach dem folgſamen Soldaten um, ſtand endlich ſtill und ſagte— Einen Offizier zu melden, wag ich nicht; wir wuͤrden beide abgewieſen; aber klopfen Sie nur herzhaft an dieſe Thuͤr.— Sprach es und huͤpfte um die Ecke. Da ſtand er— zagend wie ein Schatten am Himmelsthor, ſchͤpfte Odem und klopfte kaum hoͤrbar— Ihr Silberſtimmchen rief— herein! er ſchluͤpfte beklommen durch die Thuͤr. Das ſchneeweiß gekleidete, lilienbleiche Maͤdchen ſchritt ihm mit ſichtlichem Erſchrek⸗ ken entgegen, die zarten Wangen uͤbergoß eine Purpurfluth, ſie blickte nach der Klingel⸗ ſchnur. Rudolf verharrte zunaͤchſt der Thuͤr, er entgegnete, ſich demuͤthig neigend, leis und kindlich— Entſchuldigung! Der Jaͤger Markold — 171 ſtaͤrkte meinen Muth zu dieſem Ueberfall; ich heiße Wallow? Wallow?— Markold? wiederholte ſie ſinnend, der verduͤſterte Himmel klaͤrte ſich ploͤtzlich auf und ihre zarten Haͤnde faltend, ſetzte Molly dann hinzu— ſo ſeh ich wohl den heldenmuͤthigen, huͤlfreichen Mann vor mir, der Lanohelm einnahm und befreite 2 Einen Frevler vielmehr, fiel Rudolf mit bußfertigen Geberden ein: der dort zum Frei⸗ beuter ward, und ſeldſt Uraniens Altar be⸗ raubte. Doch ſein Gewiſſen iſt erwacht und ich bringe Ihnen hier jene wunderthaͤtige Re⸗ liquie zuruͤck, die mein Leben in mehr als einem Kugelregen und mitten unter Krieg⸗ ſeuchen ſchuͤtzte. Rudolf legte, waͤhrend dieſer Rede, das erwaͤhnte Gebetbuch in Mollys Haͤnde und ihre Aeuglein fuͤllten ſich mit hellen Thraͤnen. Sie druͤckte es, ſtill laͤchelnd, an die Bruſt 172 — ſie druͤckte es, mit ſteigender Inbrunſt, an die Lippen. O, wie erfreu'n Sie mich! rief Molly, im Drange ihrer frommen Wal⸗ lung: dies Andachtbuch iſt eine Gabe mei⸗ ner theuern, ſeligen Mutter— ihre letzte — ein Vergißmeinnicht! Der Lieutenant rief jetzt ſchamroth aus — und das konnte ich Unſeliger entwenden? Sie hoben es nur auf! fiel das Fraͤulein, troͤſtend und zuſprechend ein: und ich weiß Ihnen Dank fuͤr die Sorgfalt— warmen! herzinnigen Dank! ſetzte ſie mit ſteigendem Eifer hinzu und ihre ſchoͤn geformten Arme erhoben ſich, wie zum Umfangen, aber die heilige Scheu zog die geoͤffneten ploͤtzlich zu⸗ ruͤck. Molly ſchlug nun, um ihre Verlegen⸗ heit uͤber dieſen Ausbruch des uͤberwallenden Herzens zu verſtecken, das Buch auf und blaͤtterte; die bekannten Heiligen⸗Bilder laͤ⸗ chelten ſie an.— Auch ihr noch! rief das 173 Maͤdchen, hoch erfreut und erblickte jetzt ein neues, recht liebliches, das Rudolf, ein trefflicher Zeichner, hinzugefuͤgt hatte. Ma⸗ riens Sohn ſtand, als Kind, mit geoͤffneten Armen, als ob er die Beſchauende umfangen wolle, auf einer Weltkugel, und auf dem Globen ſtanden, zierlich geſchrieben, die Worte— „Selig ſind, die reines Herzens ſind!i⸗ Die kindliche, uberirdiſche Huld ſeines Angeſicht's ſpiegelte ſich jetzt in dem Antlitz der Jungfrau; ſie las, ſtill bewegt, die er⸗ hoͤhende Loſung, ſie empfand im Innern die Wonne dieſer Seligſprechung; ihr ver⸗ klaͤrte ſich in dieſem Bild die heilige Liebe, und die erglaͤnzenden Augen fielen zu dem Buſen nieder, der ſeine Schranken uͤberſtieg. Den Thraͤnen wehrend, ſagte Molly— Ihre Guͤte hat mich ſo ruͤhrend erbaut und ich bin leider! ganz unfaͤhig, irgend 174 eine lebhafte Regung auszuſprechen. Ach!. — es verſagt ſich der Einfalt jedes Mittel, dem edeln Manne zu vergelten. Das Mittel liegt vor Augen, mein theures Fraͤulein! fiel Rudolf ein und Ihre Milde giebt mir den Muth, zum Gedaͤchtniß ſeltener Momente, dies liebliche Veilchen⸗ paar in Anſpruch zu nehmen. Molly ergluͤhte bis zur Stirn, denn das begehrte Paar ruhte, kaum ſichtbar, unter dem Streife der wallenden Bruſt— ſie zoͤ⸗ gerte, ſie ſchwankte, ſie kehrte ſich jetzt haſtig ab und bot es ihm dann, ſchweigend, ohne aufzuſehen, vom Flammenglanze zarter Scham umſtrahlt. Noch ruhten ſeine Lip⸗ pen auf der Hand der geaͤngſteten Jungfrau, als Jenny herein ſtuͤrzte und zu ihm ſprach— Der Kammerdiener hat Sie gemeldet und die Frau iſt zu ſprechen— geſchwind. Rudolf bettete alsbald die Veilchen an 175 ſein Herz, verbeugte ſich und eilte nun, in ſeltſamer Spannung, uͤber ſpiegelglatte Die⸗ len, durch praͤchtige Zimmer. Geduld! ſagte jetzt das Maͤdchen; es ſchluͤpfte in ein Kabinet. Er ordnete vor dem nahen Spiegel ſein Geſicht und ſah in dieſem das lebensgroße Ge⸗ maͤlde der Frau von Hohland an der Gegen⸗ ſeite. So idealiſch, ſo wunderlieblich hatte er ſich, bis heute, das Fraͤulein gedacht; aber Molly erſchien, mit dieſer verglichen, wie Pſyche neben der gnidiſchen Goͤttin— jene als das Sinnbild der Heiligung, dieſe als die Fee des Sinnengluͤcks. — Endlich oͤffnete Jenny die Thuͤr, er trar hindurch. Der Mahler hatte nicht gelogen und nur die Nacht um ihre Augen und eine verduͤſternde Stirnfalte gemildert. Aoelalde 176— ſaß im Divan und arbeitete; vor dieſem ſtand. ein koͤſtliches Tiſchchen mit allerlei Geraͤth⸗ ſchaften, von Gold und Stahl; Wohlgeruch ſtroͤmte, wie Hauch aus Aphroditens Munde, von ihr aus. Jenny ſtellte einen Stuhl neben das Tiſchchen und ging. Sie nahm, bei ſeinem Eintritt das Wort; ſie fragte mit gefäͤlliger, tonreicher Stimme, ob er derſelbe Wallow ſey, der vor Jahr und Tagen ihr Landhelm gerettet habe und uͤberhaͤufte ihn, als ſeine Verneigung dies zu beſtaͤtigen ſchien, mit Ruhm und Dank. Rudolf ſprach dieſe Kraͤnze, beſcheiden, dem verſtorbenen Mar⸗ kold zu, er beklagte, daß ihn ſein Erſcheinen⸗ als einen eiteln, lobſuͤchtigen Thoren bezeich⸗ nen und er ſich deshalb beeilen muͤſſe, den hoͤ⸗ hern Zweck deſſelben anzudeuten. Er haͤndige ihr, dem gemaͤß, eine Brieftaſche ein, welche bei der Beſtuͤrmung des Schloſſes, 177 auf dem Felſenſteig gefunden worden ſey und die der Finder bis jetzt, treu und heimlich verwahrt habe. Adelaide warf einen Blick auf die darge⸗ botene, laͤchelte harmlos und freundſelig und ſagte mit Anmuth— Ein zweiter Dienſt! Wie verbinden Sie mich! Laͤngſt hatte ich bereits dies werthe Andenken verloren gegeben, und jetzt und kuͤnftig verſinnlicht es mir auch die bange Stunde unſerer Flucht— wir entſprangen im Nachtkleide, es dunkelte noch— ich fiel, auf jenem Fußſteige fehltretend, uͤber ein Felſenſtuͤck hinab— ein halbes Wunder hat mir das Leben gerettet und dies liebe Anden⸗ den, das ich, ſammt andern Lieblingsſachen, in der Bedraͤngniß ergriffen hatte, ward erſt am folgenden Morgen vermißt. Aber Sie haͤuften fuͤrwahr! ein Unmaß von Guͤte und Verpflichtung uͤber uns! Sie ſebzten ſelbſt Schining ate S. 11r Bd. 12 178 Ihr edles Leben zu Rettung unſers Ueber⸗ fluſſes ein, und es wird zur Aufgabe, Ih⸗ nen dafuͤr wuͤrdig und ausreichend zu danken. Das Werk zu kroͤnen, ſollten Sie ſelbſt, ge⸗ aͤllig, die Hand bieten. Mein guter Mann preiſtt, ſo oft von Landhelm die Rede iſt, das Lob des Befreiers. Er wird ſich wahr⸗ haftig gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn ihm dieſer mit ſeinen Wuͤnſchen bekannt macht und ein freundliches Verhaͤltniß zu unſerm Oheim, dem Ober⸗Marſchall, ſetzt ihn in den Stand, zu nuͤtzen. Mir, guter Freund! fuhr Adelaide mit ſteigender Traulichkeit fort— muß es indeß geſtattet ſeyn, dem alten, her⸗ koͤmmlichen Halb Part genug zu thun, und dieſem ehrlichen Finder ſein Theil auszuhaͤn⸗ digen. Sie treten mir, in Ihrer Guͤte, den Inhalt ab und laſſen ſich an dem Umſchlag genuͤgen— Ja! ja! rief Adelaide in flehen⸗ den Silbertoͤnen und ſchickte ſich an, den „ 179 Behaͤlter zu oͤffnen, um die Pappiere an ſich zu nehmen und ihm die praͤchtige Kapſel dar⸗ zureichen. Wallow hatte, waͤhrend dieſer Reden, wie ein verzauberter Prinz da geſeſſen. Als Landhelm damals erſtuͤrmt, jede noͤthige Anſtalt getroffen war und er ſich ſelbſt wieder angehoͤrte, fiel ihm die gefundene Brieftaſche bei und er gedachte ſie dem Jaͤger Markold zuzuſtellen, da der Name Adelaide v. Hoh- land mit Perlen auf den Umſchlag geſtickt war. Leicht aber konnte ja das Prachtſtuͤck Sachen von hohem Werth, reiche Wechſel, Diamanten, geheime Schriften enthalten, die man, beſonders als fremdes Gut, ſelbſt wackern Dienern zu vertrauen, Bedenken traͤgt. Seiner ſelbſt war er gewiß und ſchob demnach den diamanteen Riegel zuruͤck, um ſich von dem Inhalte beſtimmen zu laſſen. Was ſie enthielt, konnte Adelaiden unmoͤg⸗ * 180 lich entfallen ſeyn und das erſte, beſte Blatt, an welchen Rudolfs Augen damals hafteten, faͤrbte die Wangen des Ehrbaren mit Scham⸗ roth und zeigte klar, daß er den Fund, ſelbſt verſiegelt, in keines Andern Hand legen koͤnne, ohne die Ehre der Beſitzerin zu ge⸗ faͤhrden— es zeigte klar, daß ſie, im Falle des Mißbrauchs, fuͤr immer entwuͤrdigt— ja vernichtet ſey. Frau von Hohland hatte, als ſich der Krieg ploͤtzlich nach jener Gegend zog und der Gemahl bereits die Anſtalten zur Ent⸗ fernung von Landhelm traf, in der Eile ihr Haus beſtellt; hatte das Beſte und Werth⸗ vollſte durch den getreuen Markold vergraben laſſen und unter anderem auch ihre Pappiere geſichtet. Der Inhalt dieſer Brieftaſche ward, vor allem, dem Feuer zugedacht, Abelaide aber opferte, von der Zerſtreuung beherrſcht, die ſie faſt immer der Gegenwart entruͤckte, = 181 die Zuſchriften einer werthen, 4 entſchlafenen 6 Jugendfreundin, welche in der erwaͤhnten Brieftaſche aufgeſpart werden ſollten, der Flamme und fuͤllte ſie, bewußtlos, mit die⸗ ſen ſchreienden Zeugen ihrer Entartung und 4 Verſunkenheit. Wallow erſtaunte bis jetzt, uͤber den To⸗ desſchlaf der Scham und des Gewiſſens, uͤber die laͤchelnde Ruhe, mit der ſie den Herold ihrer Schande aus ſeinen Haͤnden nahm, mit der ſie ſogar des Inhalts gedachte— mit der ihn Adelaide, ſelbſt unter ſeinen Augen offnete. Die ihrigen fielen nun auf die Pappiere, welche ſie, um ihn aͤt der Brieftaſche zu be⸗ gaben, auf den Tiſch rollen ließ— ſie haf⸗ teten an den bekannten, vertilgt geglaubten Schriftzuͤgen, ſie ſtarrten ein beiliegendes Bild an und die leuchtenden Roſen ihres Ge⸗ ſichtes wurden alsbald bleich und erdfahl; 132 das Entſetzen ſtellte ſie der Verurtheilten an den Schranken des Halsgerichtes gleich. Ein gellender Wehlaut ſchreckte jetzt den geſpann⸗ 3 ten Zuſchauer auf, ihr ſchoͤner, gediegener Koͤrper glitt durchſchauert, unter Zuckungen, vom Divan, auf den Teppich des Bodens. Ihm ſchauerte auch. Er faßte und bet⸗ tete ſie wieder auf jenen. Der Mund war veilchenblau, Arm und Hand eiskalt, kein Odemzug erhob den Buſen, die Augen ſtarr⸗ ten ihn, entfaͤrbt und erloſchen an; Rudolf goß den Inhalt eines Flakons, der aus dem Arbeitkoͤrbchen ſah, uͤber ihr aus und warf das Tuch derſelben uͤber die Briefe. Allmaͤlig wich der Krampf; ſie athmete wieder, ſie lebte auf, erkannte ihn, kehrte ſich, von dem Anblicke vernichtet, mit Un⸗ geſtaͤm nach der Wandſeite, brach nun in nutes Weinen aus und die erhobene Hand wies ihn weg. 183 Gnaͤdige Frau, ſagte Rudolf mit beguͤ⸗ tigender Milde: ich laſſe Ihnen wenigſtens den Troſt zuruͤck, daß mir nur einer dieſer Briefe bekannt ward, daß ich die Durchſicht der uͤbrigen verſchmaͤhte und daß kein Leben⸗ der auch nur einen Schriftzug des Inhalts erblickt hat. Adelaide reichte ihm, laut ſchluchzend, mit verhuͤlltem Geſichte die Hand; ſie druͤckte die ergriffene an's Herz und lies ſie dann ploͤtzlich los, um ihn, wie vorhin, wegzu⸗ weiſen— Wallow ging und die Thuͤr, durch welche er, in ſeiner Beſtuͤrzung, davon ſchlich, traf auf eine lange, dunkle Gallerie, welche nach dem Vorſaal zu fuͤhren ſchien. Er verfolgte dieſe und weilte, von dem Anblicke feſtgehalten, vor einer Glasthuͤr, die Molly's Wohnzimmer mit dem Gange verband. Das Maͤdchen hatte eben die erwaͤhnten Buch⸗ zeichen auf dem Tiſch ausgebreitet und ſchien 184 8 dieſe lang entbehrten Bekannten mit Wohl⸗ gefallen zu muſtern— ihr kirres Voͤgelchen, kanariſcher Abkunft, ſpazirte neugierig zwi⸗ ſchen den Heiligen, ſchlug, wie zum Gruße, die goldgelben Fittiche und flatterte dann keck nach dem Roͤschen hinauf, das an den Platz der Violen getreten war. Aber der Streif und das Wechſelſpiel der bewegten Bruſt, verwehrte ihm, hier feſten Fuß zu faſſen und Molly haſchte und koſete den zudringlichen Saͤnger und ſchmaͤlte dazwiſchen, denn Maͤtzchen pickte, undankbar, die wohlthuen⸗ den Lippen— es erkannte ſein Gluͤck nicht! Die Bilder wurden hierauf in das Buch zu⸗ ruͤck gelegt und nur auf ſeiner Gabe— nur an dem goͤttlichen Knaben verweilten Molly's Augen noch, voll zaͤrtlicher Inbrunſt. Der Lauſcher ſchlich ſich endlich, ſtill begeiſtert fort und traf im Vorſaal ſeinen Vetter Tief⸗ fuß mit Jenny verkehrend, die dieſem eben 185 verſicherte, daß die gnaͤdige Frau heute fuͤr keinen Herrn zu ſprechen und unwohl ſey. Dennoch kam Rudolf, der ihm, ſchon in den Tagen der Schulzeit, verhaßt war, au⸗ genſcheinlich von ihr her und Tieffuß um⸗ armte ihn in ſeinem Aerger und fragte: ob derſelbe vielleicht dem Hausherrn vorgeſtellt zu ſeyn wuͤnſche? er, fuͤr ſein Theil, duͤrfe ſich der beſondern Gunſt dieſes trefflichen Paares ruͤhmen, das er, noch vor kurzem, von Neapel nach Rom begleitet und das Gluͤck gehabt habe, es da wie dort, durch nuͤtzliche Dienſte verpflichten zu koͤnnen.— Wallow's Augen maßen den Prahler mit ei⸗ nem Blicke, der das„Hebe Dich weg!“ ſo gebietriſch ausſprach, daß Vetter Tieffuß⸗ ſtill ergrimmt und von dem aufflammenden Argwohn der Eiferſucht durchdrungen, davon ging. 186 Die Familie Wallow war, ſeitdem der Wechsler Aaron die Nachricht von der Erb⸗ ſchaft in Umlauf geſetzt hatte, von Zuſprechen⸗ den und Gluͤckwuͤnſchenden, heimgeſucht worden. Amalie verkleinerte, ihres Mannes fruͤherem Rathe gemaͤß, den Gluͤckfall, wel⸗ cher ſich laͤnger nicht ableugnen ließ und gab damit, ohne ihr Wiſſen, der Wahrheit die Ehre, denn die bewußte Tonne Goldes ent⸗ hielt, als ihr Gatte ſie jetzt, an Ort und Stelle eingetroffen, beſichtigte, ſaſt durch⸗ aus nur Katzengold und Glimmerſchiefer. Zwar ſah er ſich, den vorgefundenen Ver⸗ ſchreibungen und Anſpruͤchen nach, im Be⸗ ſitze des genannten Capitals, doch ſeine Schuldner waren Theils Ungluͤckliche, die der Krieg und falſche Berechnungen an den Bettelſtab brachten, theils Schwindler und Verſchollene und die Rettung einer Haupt⸗ ſumme, welche der Staat ſeinem Erblaſſer — 187 fuͤr gemachte Lieferungen zu zahlen hatte, beruhte auf dem Ausgange eines weitſchich⸗ tigen und koſtſpieligen Prozeſſes, dem die dortigen Rechts⸗Aerzte, auf ſein Befragen, ein langes Leben und ein ſchmaͤhliges Ende fuͤr das Intereſſe des Erben verſprachen. Wallow's Briefe an Amalien gedachten die⸗ ſer verkuͤmmernden Umſtaͤnde nur leis und andeutend; auch Eliſe verſchwieg in den ih⸗ rigen das fortwaͤhrende Uebelbefinden, an welchem ſie, ſeit jener Rheinfahrt litt und das unbezwingliche Heimweh, welches ihre Seele mit Schwermuth erfuͤllte. Die Hof⸗ raͤthin machte ſich demnach darauf gefaßt, eine Frau von hoͤchſtens achtzigtauſend Tha⸗ lern zu werden und nahm dennoch taͤglich an Freudigkeit des Geiſtes zu. Die Ausſicht auf den kuͤnftigen Wohlſtand, die allgemeine, zaͤrtliche Theilnahme an ihrem Gluͤck, welche ſie, in ihrer Argloſigkeit, auf Treu und 188 Glauben fuͤr redlich hielt, und ſo manche Auszeichnung, die ihr und den Kindern ſeit⸗ dem widerfuhr, erquickte Malchens Herz, nach ſo langer Entaͤuſſerung, um ſo wohl⸗ thuender; der Vetter Rudolf ſtieg, zufolge ſeiner einleuchtenden Wuͤrdigkeit, täglich in ihrer Gunſt und trug nicht wenig bei, ſie zu erheitern. Als endlich, nach manchem be⸗ ſeitigten Hinderniſſe der lang erhoffte Wallen⸗ ſtein auf die Buͤhne gebracht werden ſollte, lag ihr die Frau geheime Raͤthin ſo dringend an, den Toͤchtern dieſen Genuß zu goͤnnen, Rudolf, der Liebling, bat ſo zaͤrtlich vor, die Zwillinge ſelbſt flehten ſo ruͤhrend und es war zudem ſo ſchmeichelhaft, ihre Kuͤchlein unter den Fittichen einer Exzellenz zu erblik⸗ ken, daß die Mama endlich Ja ſagte. Sie aber ließ ſich bei der Großtante melden, um den kangen Abend nicht einſam hinzubringen, denn es beſchlichen ſie dann gewoͤhnlich ver⸗ ——— 189 duͤſternde Gedanken an eine Zeit, wo die Toͤchter Vater und Mutter verlaſſen, um ihrem Waͤhler anzuhangen. — Die Zwillinge prangten bereits, fein und lieblich geſchmuͤckt, in der Loge der Frau von Halmer und noch viel beachteter als damals, denn ſie wurden jetzt, der oͤffentlichen Mei⸗ nung zu Folge, den Reichen beigezaͤhlt. Paulinens Blicke verhandelten ſtill mit dem Vetter Tieffuß, welcher im Parterre unter dieſer Loge ſtand, und Minona pries ſich ſelig, das Herzblatt des gefeierten Piccolo⸗ mini zu ſeyn, der zuerſt im Vorſpiele, als Jerſter Euiraſſier auftreten ſollte. Die Hofraͤthin ſchritt indeß, nicht ohne Sehnſucht nach dem Mitgenuße, am Thea⸗ ter voruͤber, zu der Großtante hin und Su⸗ ſanne benutzte den Ausflug der Herrſchaft, 190 um ihren Liebſten, den Guͤter⸗Beſchauer im Hausthore, zu beſchleichen. Der Wandel⸗ bare hatte, laut erhaltener Nachrichten, ein Auge auf die dortige Thorſchreiberin gewor⸗ fen; er ſollte deshalb guͤtlich gewarnt, auch nach Befinden mit der Schaͤrfe der zehn Naͤ⸗ gel bedroht werden. Doch Suschen fand denſelben, wie vom Schickſal herbeigefuͤhrt, ſo eben im offenen Hader mit der Gefuͤrchte⸗ ten, die ihn bereits an der Krauſe feſthielt und ſtellte ſich eben zurecht, um ihm beizu⸗ ſpringen, als ein Voruͤbergehender ihren Arm ergriff und haſtig fragte, was ſie hier treibe? Suschen erkannte, bei dem Schimmer der nahen Laterne, mit Staunen ihren Herrn; ſie geberdete ſich, als ob ihr der heilige Chriſt erſcheine und verſicherte, ſchnell gefaßt, die Thorſchreiberin preſſe ihre Krauſen und ſie domme von dieſer. Aber zu Fuße, mein 195 Herr Hofrath! fuhr Suſanne aufkraͤhend fort: der Wagen zerbrach wohl? das ſollte mich in der Seele ſchmerzen.— Mein Lischen iſt k ank worden, entgeg⸗ nete Wallow: da ſchritt ich zum Voraus, um die Mama ein bischen vorzubereiten— Krank? unſer engliſches Lischen? wim⸗ merte die Magd und wollte weinen: ach Je⸗ ſulein! Nicht eben bedenklich— ſind denn die Meinigen alle geſund? Wie Fiſche im Waſſer! fiel Suschen, ſchnell wieder auflebend, ein— ja, Gott ſey gelobt! Beide Mamſellen fuhren ſo eben mit der gnaͤdigen Frau von Halmer in's Schauſpiel, wo heute unſer neuer Hausge⸗ noſſe wieder ein Mal erzellentiren wird. E. Ein neuer Hausgenoſſe? S. Nun freilich wohl! Herr Alfried, ber Comoͤdiant. Ein praͤchtiger Menſch, 6 192 ſag' ich Ihnen und jungfraͤulich wie unſer Eine. Wenn ihn Mamſell Noͤnnchen im Garten treffen, ſo geht es wie in der Kirche her und ihre Worte ſetzen ſie, daß man ſich dabei erbauen muß— Ich hoͤr es taͤglich, am Küuͤchenfenſter. Auch ſind zwei junge, ſcharmante Vettern angelangt. Herr Tief⸗ fuß und der Lieutenant Wallow, der einen Schnurbart traͤgt, ſo groß— Paulinchen ſchreien laut, wenn er ſie kuͤſſen will und das junge Blut hat ſchon zwei Orden. Es lag in Suschens Naturell, bei guter Laune alles was ſie fuͤhlte, dachte, wußte, ſtromartig auszuſchuͤtten. In dieſe Stimmung aber hatte ſie der Zweikampf ihres Guͤter⸗ Beſchauers mit der Krauſen⸗Preſſerin und die ploͤtzliche Ankunft des Brotherrn verſetzt, der ja bekanntlich eine Tonne Goldes mit brachte, von welcher mindeſtens einige Du⸗ katen fuͤr ſie abfallen mußten. 9 Dem Hofrath lief, bei Vernehmung der leidigen Beichte, der Tod uͤber das Grab; er fragte ſich, ob dieſe Begegnung vielleicht nur ein ſchwerer Traum ſey? fragte dann auch Suſannen wiederholt nach dem Verhaͤlt⸗ niſſe der Vettern und des Schauſpielers zu den Seinigen und die ereiferte Schwaͤtzerin goß immer friſches Oel in's Feuer— ſein ſtilles Gotteshaus ſchien demnach zu einem Tummelplatze lockerer und muͤſſiger Geſellen — ſein Toͤchterpaar aus dem ſicheren Ge⸗ wahrſam in deren Fallſtricke gerathen, die ſtrenge, ſorgfaͤltige Mutter zum verdamm⸗ lichen Gegentheil einer ſolchen geworden zu ſeyn. Der guten Mama aber, welche ſich heute bei der Großtante gehaben wollte, ward dort, naͤchſt falben Thee, ein aͤhnlicher Wehrmuthkelch gereicht. Die Matrone hatte naͤmlich vor kurzem erfahren muͤſſen, daß Pauline mit dem gefaͤhrlichen Tieffuß in ge⸗ Schilling ate S. 11r Bd. 3 13 193 194 heimen Vernehmen ſtehe und Arm in Arm. mit ihm auf verſteckten, einſamen Pfaden wandre— daß Minona den Schauſpieler Alfried tagtaͤglich in der Gartenlaube treffe; daß die ganze Stadt darum wiſſe und die halbe noch Schlimmeres erzuͤhle. Die Groß⸗ tante ſchuͤttete jetzt dieſen gruͤnen Beutel voll Ungeziefer, vor der Hofraͤthin aus und theilte derſelben, zu voͤlliger Zerknirrſchung des Her⸗ zens, ſelbſt die Sage mit, laut welcher Amaliens leiblicher Schweſter Sohn, der Lieutenant Wallow, derſelben mit entſchiede⸗ 1 nem Erfolge den Hof mache. Die Tante vermaß ſich ſogar, am Schluſſe der ſchonung⸗ loſen Eroͤffnung und Strafpredigt, hoch und theuer, daß dieſe angehenden Suͤndenfaͤlle der Zwillinge, keinem Zweifel unterlaͤgen und erklaͤrte ſelbige, unter Thraͤnenſtroͤmen, fuͤr Naͤgel ihres bereits fertigen Sarges. Amalie erſchoͤpfte in dem Ueberſchwange 195 der Scham und der Angſt, welche dieſe Schreckens⸗Nachrichten uͤber ſie brachten, ihre ganze Beredtſamkeit, die Großtante eines Beſſern zu belehren und brach dann ploͤtzlich auf, um daheim der Wehmuth freien Lauf zu laſſen, dem himmliſchen Vater ihr Leid zu klagen und ihn um Troſt und Beiſtand anzu⸗ flehen. Der bittre Gram ward indeß bereits unter Weges zum herzbrechenden, als ſie die Moͤglichkeit einer ſolchen Abartung ihrer Toͤchter, aus verſchiedenen, fruͤher nicht be⸗ achteten Umſtaͤnden zu folgern begann, als derſelben der Gedanke an ihre Verantwort⸗ lichkeit bei dem Gatten und an den heilloſen Schatten beiſiel, der das ſchneeweiße Unſchuld⸗ kleid der beiden Maͤdchen— ach, ſelbſt ihr eigenes, von nun an, untilgbar verdun⸗ kelte. 196 Als Wallow jetzt, zwiſchen Groll und Wehmuth— von keinem befreundeten, ge⸗ liebten Weſen empfangen und umfangen— in ſeiner Frauen Wohnſtube trat, fuhr die gebeugte, in Thraͤnen ſchwimmende Schmer⸗ zenmutter, mit einem Schrei vom Sopha auf, denn ſie glaubte ihres Adolfs Geiſt zu ſehen: er aber hatte, in ſeiner Gaͤhrung, nicht bedacht, wie leicht der Schreck, ſelbſt aͤber erfreuliche Erſcheinungen, verderblich wird. Sie ſtanden beide, Sekunden lang, ſtumm und erſchuttert, gegen uͤber; dann trieben Zaͤrtlichkeit und Wehgefuͤhl, die Be⸗ draͤngte an ihres beſten Freundes Bruſt. Da bin ich denn! ſagte Wallow, in ihre verweinten Augen ſehend: und der Zu⸗ ſtand, in dem ich Dich finde, deutet auf Un⸗ heil. Meine Sehnſucht, mein ſchoͤnſter Ge⸗ danke in der wildfremden Ferne, war die Stunde des Wiederſehens.— Da bin ich 197 denn! wiederholte er: und finde Dich einſam, verblichen, in Thraͤnen und mein Haus ge⸗ mahnte mich, bei'm Eintritte, wie ein Sterbehaus.— Amalie! Die Betonung dieſes Wortes, das in der Regel, als ein Liebesruf erklang und in dem ſich jetzt der Groll und der Vorwurf aus⸗ ſprach, zerſchnitt ihr Innerſtes. Sie ver⸗ barg das Geſicht an Adolfs Bruſt und weinte laut; er ſagte milder— Endige doch meine Qual! geſtehe ohne Umſchweife, was Dich bedruͤckt und uns die Freude der heißerſehnten Nuͤckkehr verkuͤm⸗ mert? Der Himmel hat mich, waͤhrend der Entfernung, wahrhaftig nicht verwoͤhnt, ich komme aus den Flammen des Fegfeuers; ge⸗ laͤutert, ſo Gott will! gefaßt auf alles, nur auf dieſe Verheimlichung nicht! Du kennſt meine Zufaͤlle! liſpelte Ama⸗ lie, ohne aufzuſehn. Da fuͤhrte ſie Wallow 198 haſtig zum Sopha und fragte mit herbem Nachdruck— wo ſind die Kinder? Wo iſt Eliſe? rief die Mutter, das Maͤdchen vermiſſend und ſah verſtoͤrt und angſthaft auf. E. Wenigſtens nicht auf dem Wege zum Verderben. Ich ließ ſie, unpaß, im Wagen zuruͤck und eilte zum Voraus, ihr Thee und Arznei beſorgen zu laſſen und die Kranke den Schweſtern an's Herz zulegen— An's Herz der Mutter nicht? fragte ſie ſchluchzend- E. Der Mutter Herz ſollte fuͤr heute mein eignes Ruhekiſſen werden, aber die goldne Hoffnung taͤuſchte mich; der boͤſe Feind hat ſie vereitelt. Mein Engel kehrte ja zuruͤck! ſprach Amalie, die Haͤnde nach ihm ausſtreckend: nun wird der Boͤſe weichen und Dein Mal⸗ chen wieder aufleben und froh werden. — 199 E. Der beſte Engel iſt die heilige Ver⸗ nunft! Der ſicherſte Erheiterung⸗Geiſt, ein gutes Bewußtſeyn! Verlaſſen wir jenen, ſo ſtraft uns dieſer und dann ſteht man ſcham⸗ voll und rathlos wie— Du vor mir! Jetzt ſchlug die große Thurmglocke, im Takte ſeiner heftig bewegten Pulſe, haſtig und droͤhnend an. Sie ſtuͤrmen! rief er aus— wo ſind die Kinder?— O, mein Gott! Die furchtbaren Glocken⸗Schläge wirkten mit harmoniſcher Gewalt auf Amaliens ſturmbedraͤngtes Gemuͤth; ſie raffte ſich, ſchnell ermuthigt auf und flog an des Gatten Hals. Das Theater! Das Theater! ſchrie Su⸗ ſanne, herbei eilend— Die Flamme ſtroͤmt ſchon mannhoch aus dem Dache. Wallow erblich!— Meine Kinder! rief er, die Haͤnde gen Himmel werfend und 200 ſtuͤrzte fort, nach der Brandſtaͤtte hin; die Mutter ſank, beſinnunglos, in Suschens Arme. — „Sie gaben heute dort, wie erwaͤhnt ward, Wallenſteins Lager und die beiden Piccolomini— Eine dauernde Unpaͤßlichkeit der Frau Tauſendſchoͤn hatte die Darſtellung ſo weit hinaus geruͤckt und als jetzt der Vor⸗ hang aufrollen ſollte, fuͤhlte ſich jene ploͤtzlich von einem Ruͤckfall angewandelt und dies Mißgeſchick veranlaßte, wie gewoͤhnlich, Verwirrung, Zoͤgerung und nebenbei auch Zwiſtigkeiten. Endlich begann das Vorſpiel, jeder that, gleich malkontenten aber recht⸗ lichen Kriegern, jetzt wo es galt, das ſeinige und man war bereits, unter ſteigendem Bei⸗ fall, bis zu der letzten Szene deſſelben vor⸗ geruͤckt.—„Liege, wer will!“ ſprach Alfried „— 201 eben als erſter Cuiraſſier— und gleich ei⸗ nem Ungluͤck⸗Herold ſprach er das, in ſelt⸗ ſamer, jeden Fuͤhlenden und vor allen die fuͤhlende Minona, ergreifender Bewegung— Liege, wer will, mitten in der Bahn, Sey's mein Bruder, mein leiblicher Sohn, Zerriß mir die Seele ſein Jammerton— Ueber ſeinen Leib weg muß ich jagen, Kann ihn nicht ſachte bei Seite tragen— Da ziſchte, gleich dem Blitz, im Hinter⸗ grunde, wo das Kochfeuer der Kroaten flackerte, eine Feuerſchlange an der Conliſſe hinauf. Zwar fehlte es dort nicht an Vor⸗ kehrungen fuͤr ſolchen Fall, aber die Waͤchter hatten, von der ſeltſamen Wirthſchaft und dem luſtigen Treiben der Wallenſteiniſchen Kriegsleute angelockt, großentheils ihre Poſten verlaſſen, um auf bequemern Stellen zuzu⸗ ſchauen und der Aufſeher und Anſteller fuͤhrte eben die erkrankte Frau Tauſendſchoͤn zu der Saͤnfte. Die Feuerſchlange ward alsbald 202 zum Hoͤllenſchweif und rieſengroß. Im Laufe der naͤchſtfolgenden Minuten ſtand das geſammte Lattenwerk ſammt den ſchwebenden und ſtehenden Verwandlungen— ſtand die Unzahl feuerfangender, gleichſam zum Be⸗ huf einer Brenn ⸗Anſtalt gehaͤufter Geraͤth⸗ ſchaften, in vollen Flammen und Gluth und Dampf vertrieb die Wenigen, welche jetzt noch, das entzuͤgelte Element zu baͤndigen verſuchten. Im Hauſe ging es, waͤhrend dem, wie bei der Flucht aus Rußland, am Strand der Berezyna her. Die Menge ſtuͤrzte in blinder Haſt aus den Logen auf die Gaͤnge, aus dem Parterre nach den wenigen Ausgaͤn⸗ gen hin und die Gaͤnge und die Thuͤren wurden, im Augenblicke, von den Koͤrpern der Gefallenen und Erdruͤckten verſtopft; hin⸗ ten nach aber woͤlzten ſich ſchwarzgraue Qualmmaſſen und verhuͤllten das Schauer⸗ W 7 R 203 ſtuͤk. Die Todesangſt machte Maͤnner zu Feiglingen und Feige und Selbſtler zu Wahnſinnigen— Liebes und Holdes, Edles und Zartes ward erbarmenlos in den Staub getreten, Herz und Seel' erſchuͤtternd gellte das Angſtgeſchrei, der Wehlaut und der wilde Fluch; gleich einem Jammerchore, das aus geborſtenen Kluͤften des Orkus herauf⸗ toͤnt. Vater Wallow eilte vorhin, ſeiner Zwil⸗ linge eingedenk, bei den erſten Sturmſchlaͤ⸗ gen dem brennenden Muſentempel zu. Er ſtand jetzt— den Schutzgeiſt in jedem Le⸗ bensſturme, die Beſonnenheit, muͤhſelig feſt haltend, vor dem Haupt⸗Eingang, aus dem ſie, gewaltſam, im moͤrderiſchen Drange hervorſtuͤrzten, todtbleichen Suͤndern aͤhn⸗ lich, die auf dem Stuͤhlchen des Hochgerichts der Gnadenruf anwehte. Er warf ſich jedem 204 Bekannten entgegen und fragte mit dem ein⸗ dringlichen Tone der Vaterangſt— Sahen Sie wohl meire Toͤchter? Mi⸗ nonen?— Paulinen?— Meine Kinder? Doch der Eine ſtarrte ihn bewußtlos an, der Andere ſagte Ja und Nein! zugleich— den dritten hatten Quetſchungen oder Wun⸗ den und Andre der Verluſt der Gattin, Toch⸗ ter, Braut entgeiſtert, die in dem grimmi⸗ gen Kampfe gegen Wuth und Gluth unter⸗ lagen oder verdraͤngt wurden. Der Vater rannte nun rings um das Haus, aus deſſen Fenſtern Zartes und Hol⸗ des, und Greis und Matrone, den Rettung⸗ ſprung wagten, er ſuchte ſeine Kinder unter den Ungluͤcklichen, die das mißrathene Wag⸗ ſtuͤck verſtuͤmmelt am Boden hielt und ſchrie laut auf, als ſich Pauline jetzt, zwar bleich, doch unverletzt, an ſeine Bruſt warf und jauchzend— Vater! o mein Vater! rief. — 203 Tieffuß hatte das Ungluͤck im Entſtehn bemerkt. Unter der Loge der geheimen Raͤ⸗ thin lehnend, die in der erſten Reihe, faſt zu ebener Erde ſich befand, erklomm er dieſe, bei dem erſten Aufblicke der Flamme, trieb die Damen nach. der Halle hinaus und zog Paulinen mit ſich fort. Doch die nervenſchwache Frau von Halmer blieb, ge⸗ laͤhmt vom Feuerſchrei und von dem treuen Noͤnnchen unterſtuͤzzt, dahinten. Zwar trieb Pauline, als ſie draußen die Gefaͤhr⸗ tinnen vermißte, den Fuͤhrer flehend an, auch dieſe nachzubringen, doch ihrer For⸗ derung ſtand die Unmoͤglichkeit entgegen und als die Augen der Geretteten, Minonen in der Menge ſuchten, begegneten ſie den Zuͤgen des Vaters und ihn und ſie belebte jetzt die herzerquickende Begegnung. Ende des erſten Theiles. ——— fenſinſffffſinſnſſnſſfffffſſfſſini 8 9 10 11 1 3 1 5 16 17 18 1' 2 1 4 1