2 OA lh Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatue vor Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ————— — „ 3 7„„„—„—. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. dersannereid. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —y—— 5——— —— Bilder aus dem Leben. Sine Auswahl ——— der neueſten Engliſchen Romane und Erzaͤhlungen, beſonders für Frauenzimmer. Vierter Theil. Auswahl kleiner Erzaͤhlungen n ach 3 Maria Edgeworth. Zweiter Theil. Jena, bei Friedrich Frommann, 1 8 2 0. —— —— Bilder aus dem Leben. Sine Auswahl der neueſten Engliſchen Romane und Erzaͤhlungen, beſonders kfür Frauenzimmer. — Zweiter Theil. Kleine Romane und Erzaͤhlungen nach Mr s. O p i e. Zweiter Theil. Jena⸗, bei Friedrich Frommann, 1 8 1 g. — Der Con ra ſt. Erſtes Kapitel. „Welch ein Segen iſt es doch, Vater ſolcher Kinder zu ſein!“ rief Pachter Frankland aus, indem er ſeinen gutgearteten Soͤhnen und Toͤch⸗ tern, die ſich an ſeinem Geburtstage mit ihm am Tiſche befanden, der Reihe nach freundlich ins Angeſicht blickte.„Welch ein Segen iſt es, eine zahlreiche Familie zu beſitzen!“— „Meinethalben moͤgt ihr es einen Segen nennen, Nachbar,“ ſagte Pachter Bettes⸗ worth;„wenn ich euch aber meine Herzens⸗ meinung in dieſer Hinſicht geſtehen ſoll, waͤre ich eher geneigt, es einen Fluch zu nennen.“— E. II. 1 2 „Da koͤnnen wir vielleicht beide Recht und auch Unrecht haben,“ erwiederte Frankland, „denn Kinder ſind entweder ein Segen oder ein Fluch zu nennen, je nachdem ſie gerathen, und ſie gerathen nach der Art, wie ſie erzogen werden. „Erziehe ein Kind auf die Weiſe, wie es werden ſoll,“ war immer mein Grundſatz. Und zeigt mir nun eine beſſere, gluͤcklichere Familie, als die meinige, zeigt mir einen gluͤcklicheren Vater, als ich es bin,“ fuhr der alte Mann fort, in⸗ dem ihm eine Freudenthraͤne im Auge glaͤnzte. So wie er aber bemerkte, daß der Nachbar nie⸗ dergeſchlagen wurde, und leiſe ſeufzte, zaͤhmte er ſeine Rede, und ſetzte demuͤthig hinzu:„es klingt in der That nicht fein, wenn wir uns ſelbſt oder die Unſrigen loben, und kann wohl nur dadurch entſchuldigt werden, daß unſer Herz, vorzuͤglich an einem Tage, wie der heutige mir iſt, unverſehens uͤberſtroͤmt. Werde ich doch heute ſiebzig Jahre, und fuͤhlte mich nie froher, gluͤcklicher!— Komm, liebe Fanny, fuͤllle noch einmal das Glas unſeres Nachbars mit dem von deiner Schweſter verfertigten Aepfelwein.— Ja, Freund, den hat meine Patty gemacht, und —, c— —.4.,.— —, c— 3 ihr habt gewiß nie beſſeren getrunken!— Nein, ruͤckt noch nicht mit dem Stuhle, Nachbar; da ihr gerade bei uns einſpracht, als wir alle ſo froh mit einander beim Mahle ſaßen, ſo muͤßt ihr wahrhaftig noch bleiben, und ſollt uns in unſerer Mitte herzlich willkommen ſein.“— Bettesworth entſchuldigte ſich, indem er vorgab, eilig wieder zuruͤck nach Hauſe zu muͤſſen. Nicht gluͤcklich war dies Haus fuͤr ihn zu nennen, keine liebenden Kinder harreten ſeiner Ruͤckkehr; doch beſaß auch er eine eben ſo zahl⸗ reiche Familie, als ſein Nachbar, drei Soͤhne und zwei Toͤchter. In der ganzen Nachbarſchaft waren ſie beruͤhmt, und wohin man kam, wurden ſie nur der faule Iſak, der wilde Wilhelm, der großprahleriſche Robert, die freche Sally und die thoͤrichte Jeſſy genannt, welche Beina⸗ men, wenn auch durch Schmaͤhſucht erſonnen, ſie doch alle theilweiſe verdienten. Der Vater dieſer Kinder war zeitlebens ſei⸗ nen traͤgen Weg ſo fortgeſchlendert; er kannte nichts angenehmeres, als ſein Pfeifchen mit Ge⸗ maͤchlichkeit zu rauchen, und bequem vor ſeinem Kamine ſitzend, Luftſchloͤſſer zu bauen. Frau I †f Bettesworth hatte fuͤr nichts Sinn, als im Hauſe herum zu keifen, ſich zu putzen, und immer ihren Willen zu behalten; niemand von Beiden bekuͤmmerte ſich um das Beſte der Kin⸗ der.— So lange ſie klein waren, gab die Mut⸗ ter ihnen in allem nach; als ſie heranwuchſen, ſchmaͤhlte ſie unaufhoͤrlich mit ihnen, und wun⸗ derte ſich, wie ſie ſo undankbar ſein koͤnnten, ſie nicht zu lieben. Auch der Vater erſtaunte, daß ſeine Soͤhne und Toͤchter weder ſo angenehm noch ſo fleißig und brav, als Nachbar Franklands Kinder waͤ⸗ ren; jedoch beruhigte er ſich damit, daß einige Leute nun einmal vorzugsweiſe das Gluͤck haͤtten, beſſere Kinder zu haben als andere.— Der Ge⸗ danke, man koͤnne in der Erziehung derſelben auch ſein Theil dazu beitragen, ſiel ihm nicht ein. Franklands Frau hingegen war auch ei⸗ ne gute Mutter geweſen, die ihrem Manne be⸗ ſtaͤndig beigeſtanden hatte, die Kinder ordentlich zu erziehen. Schon als ſie ſich noch in kindli⸗ cher Unſchuld an ihren Schooß anſchmiegten, lehrte ſie ſie einander lieben, huͤlfreich ſein, ihre kleinen Launen uͤberwinden, und ſtrenge ihren —:ꝛ— 5 Befehlen zu gehorchen, wodurch ſie ſpaͤterhin ihnen und ſich ſelbſt manchen Kummer erſparte.— Als dieſe gute Mutter ſtarb, befand ſich eine der Toͤchter im ſiebzehnten, die andere im achtzehn⸗ ten Jahre. Patty, die alteſte von beiden, war durchals nicht huͤbſch zu nennen; aber ſie wußte ſich immer ſo rein und niedlich zu kleiden, ihr ganzes Weſen war ſo angenehm heiter, daß man den Mangel der Schoͤnheit bald bei ihr vergaß, vorzuͤglich wenn man ſah, mit welcher Junig⸗ keit ſie an die vorzuͤglich ſchoͤne Schweſter Fan⸗ ny hing, die bei aller ihrer Schoͤnheit ſo natuͤr⸗ lich, ſo durchaus nicht eitel und anmaßend war, daß faſt jedermann ſich ohne Neid zu ihr hinge⸗ zogen fuͤhlte. Georg, der aͤlteſte Sohn, ſollte Pachter werden; er ſtand dem Vater in jeder Hinſicht treulich zur Seite, der ihn als Freund behan⸗ delte, ſo daß er ſchon jetzt des Alten Geſchaͤft als ſein eignes betrachtete, und keinen Gedanken hegte, ſich von ihm zu trennen, um ſelbſt Herr und Meiſter zu werden. Der zweite Sohn, Jacob, war zur Hand⸗ lung beſtimmt, hatte gelernt, was in ſeinem 6 Fache noͤthig war, und ſich fruͤhzeitig an Ord⸗ nung und Puͤnktlichkeit gewoͤhnt. Der juͤngſte, Franz, beſaß ein weit lebhafteres Temperament, als die beiden andern Bruͤder; des Vaters Vor⸗ ſtellungen und ſein eigner Wille aber halfen ihm die uͤbertriebene Heftigkeit maͤßigen, und Geduld und Ausdauer, bei allem was er vornahm, zu uͤben. Neben den beſondern guten Eigenſchaften, welche jeder der drei Bruͤder beſaß, waren ſie ſich gegenſeitig auf das Herzlichſte ergeben„ und dieſe innige Neigung wurde fuͤr ſie nicht allein eine Quelle der hoͤchſten Freude, ſondern bildete ſie auch zu beſſern Menſchen. Am Abende von des Alten Geburtstage be⸗ gab ſich die ganze Familie in eine Gartenlaube, um dort offenherzig uͤber Familienangelegenhei⸗ ten zu reden. „Lieber Sohn Fra nz,“ hub der gluͤckliche Vater an, der voͤllig der Vertraute ſeiner Kinder war,„wenn der Friede deines Herzens wirklich von der Verbindung mit Jeſſy Bettes⸗ worth abhaͤngt, ſo will ich mich aus allen Kraͤf⸗ ten beſtreben, das Maͤdchen lieb zu gewinnen;. auch ſoll es mir kein Anſtoß ſein, daß ſie nicht 9 3 reich iſt, Doch, lieber Sohn, muß ich dir noch einmal meine Herzensmeinung uͤber ſie ſagen. Sie, die ſchon manchen braven Mann geaͤfft hat, wird ſie es nicht eben ſo mit dir machen, ſobald ſich fuͤr ſie ein ihr vortheilhafter ſcheinender An⸗ trag findet?“ „Laßt es gut ſein, Vater, ich bin nicht in ſolcher Eile, und kann mir noch Zeit nehmen, ehe ich mich beſtimmt gegen ſie erklaͤre. Habt uͤbrigens Dank fuͤr eure Freundlichkeit, die ich nie vergeſſen werde.“. Am Morgen nach dieſem Geſpraͤch kamen Jeſſy und Sally, um den beiden andern Schwe⸗ ſtern einen Beſuch abzuſtatten. Sie waren gerade voller Neuigkeiten, und es brannte ſie, dieſe wei⸗ ter zu tragen. „Um des Himmelswillen,“ rief Jeſſy gleich beim Eintritt,„welch einen allerliebſten Traum ha⸗ be ich ungefaͤhr vor acht Tagen gehabt!— Ein reicher, vornehmer Herr ſteckte mir einen fun⸗ kelnden Diamant an den Finger; und wer weiß, ob der Traum jetzt nicht eintrifft.— Habt ihr denn die große Neuigkeit ſchon gehoͤrt?“— 8 „Ach, was ſollten die wohl wiſſen!“— un⸗ terbrach Sally ſie. „Nun denn, Kinder,“ fuhr Jeſſy außer Athem fort,„der reiche Kapitain Bettesworth, unſer Verwandter, der ein ſo erſchreckliches Gluͤck auf ſeinen Seereiſen machte, hat den Hals auf der Jagd gebrochen, und alles Vermoͤgen fällt uns zu.“— 1— „In Zukunft wird die reiche Frau Crad⸗ dock wohl nicht wieder ſo hochnaſig an mir vor⸗ uͤbergehen; wer weiß, wer nun von uns die Reich⸗ ſte wird, und jetzt kommt meine Reihe, die Naſe hoch zu tragen,“ rief Sally. Die beiden andern Schweſtern wuͤnſchten den Nachbarinnen gutmuͤthiger Weiſe Gluͤck, obgleich ſte nicht begriffen, welche Freude darin liegen konne, die Naſe hoch zu tragen. „Bewahre, Patty, wie du da ſitzeſt und arbeiteſt, als wenn du an den Stuhl feſt gewach⸗ ſen waͤreſt!“ begann Sally wieder;„aber frei⸗ lich, einige Leute muͤſſen arbeiten.— Wie du uns wohl beneideſt, Kind!“— Patty verſicherte, daß ſie im mindeſten nicht die muͤſſigen Leute beneide, und ſehr zufrieden ſei⸗ 9 „SGeſchwaͤtz!“ ſiel Sally ein,„nichts als Geſchwaͤtz!— das mache einem andern weiß; bil⸗ deſt dir wohl ein, weil du eine gute Erziehung gehabt haſt, koͤnnteſt du der ganzen Grafſchaft zum Muſter dienen?— Aber daraus wird nichts; andere Leute koͤnnen nun auch ihr Haupt erheben, und wir wollen ſehen, wer das ſeinige am hoͤch⸗ ſten zu tragen verſteht. Erziehung iſt etwas; aber Geld gilt mehr in der Welt, und du kannſt dein Lebenlang hier ſitzen bleiben, als Jungfer Patty Frankland, und Morgens und Abends zu deiner Beruhigung den ſchoͤnen Spruch aus dem A. B. C. Buche herſagen: „Wenn ich artig bin, Und ohn' Eigenſinn, Thue was ich ſoll, Oh, wie iſt mir wohl!“— Nur Mangel an Athem ſchien hier ihre Re⸗ de ſtocken zu machen; da aber Patty nitt einer ruhig laͤchelnden Miene da ſaß, und nichts erwie⸗ derte, verdroß dies ſie ſo ſehr, daß ſie ſich jetzt an die andere Schweſter wendete. „Was gilt die Wette,“ hub ſie an,„Jung⸗ fer Fanny wird ſich nun gegen einen gewiſſen 10 Jemand, den ich nicht nennen will, auch nicht mehr ſo in die Bruſt werfen!“— Fanny erroͤthete; ſie verſtand ſehr wohl, wie dieſe Worte auf den wilden Wilhelm ge⸗ hen ſollten, der ihr Anbeter war, den ſie indeß nie beguͤnſtigt hatte. „Hoffentlich,“ erwiederte ſie,„habe ich mich nie gegen irgend Jemand hochmuͤthig betragen; wenn du aber auf deinen Bruder Wilhelm zieleſt, ſo verſichere ich, daß weder meine, noch meines Vaters Meinung uͤber ihn geaͤndert wer⸗ den wird, weil er reicher geworden iſt.“— Hier wurde die Unterhaltung durch Franzens Eintritt unterbrochen, dem die Kunde von dem neuen Gluͤcksſterne der Nachbaren ſchon geworden war. Er fuͤhlte ſich ungeduldig zu beobachten, wie Jeſſy ſich jetzt benehmen wuͤrde, um daraus zu ſehen, ob ſeine oder des Vaters Meinung uͤber das Maͤdchen gegruͤndet ſei. Unverkennbar hatte ſie ihm bisher Zeichen ihrer Neigung gegeben; aber der ſchnelle Wechſel des Gluͤcks gab dem Dinge eine andere Wendung. So wie Franz hereintrat, gab ſie vor, eilig wieder nach Hauſe zuruͤck zu muͤſſen, und wich —— 11 durch tauſend kleine Manieren ſeiner Anrede aus, obgleich ſie wohl bemerken mußte, wie gerne er ſich mit ihr unterhalten wollte. Endlich, als ſie ſich zum Fenſter hinaus lehnte, um zu ſehen, ob der Regen voruͤber ſei, trat er hinter ſie, leiſe ſagend: „Warum eilen ſie denn ſo?— Koͤnnen ſie uns nicht noch ein Paar Minuten ſchenken?— Gewiß, ſie waren nicht immer in ſolcher Haſt fortzugehen.“— „Dummes Zeug, Herr Frankland, rief ſie; warum hoͤren ſie nicht auf mich zu pla⸗ gen?“— Bei dieſen Worten oͤffnete ſie das Fenſter, beugte ihren ſchoͤnen Hals hinaus, ſo weit es nur gehen wollte, unter dem Vorwande, nach den Wolken zu ſchauen.— „Wie ſchoͤn die Jasminen riechen,“ ſagte Franz, indem er einige von den, vor dem Fenſter haͤngenden Bluͤthen, abbrach.—„Dies iſt der Jasmin, den ſie immer ſo gerne hatten; ich habe ihn ſorgfaͤltig an der Mauer hinaufgezogen, und nach dem Regen riecht er ſchoͤner als je.— 12 Darf ich ihnen den friſchen Strauß an den Hut ſtecken?— Mit dem groͤßten Abſcheu ſich wegwendend, rief ſie:„Mein Gott, er iſt ja ganz naß, und verdirbt mein neues Lilla⸗Band.— Wie linkiſch und unausſtehlich ſie doch immer ſind!“— „Immer dachten ſie dies wohl nicht, wenig⸗ ſtens ſagten ſie es nicht.“— „Nun, ſo denke ich es jetzt, und ſage es, und das mag ihnen genug ſein.“— „Schon mehr als zu viel, wenn ſie es wirk⸗ lich ernſtlich meinen; doch kann ich es mir noch kaum vorſtellen.“— „Das iſt ihre Sache, und nicht die meine; wenn ſie ſich aber nicht vorſtellen koͤnnen, was ich ſage, iſt dies nicht meine Schuld. Das bitte ich zu bemerken, mein Herr!“— „Mein Herr!— Oh Jeſſy, wie ſind ſte zu dieſem Tone gegen mich gekommen?“— „Was meinen ſie damit, mein Herr?— Ich betheure heilig, daß ich ſie ganz und gar nicht verſtehe!— „Und ich muß glauben, ſie bisher nie ver⸗ ſtanden zu haben?“— 13 „Wahrſcheinlich nicht, und ſo merken ſie es jetzt; beſſer ſpaͤt als gar nicht.“— Die zornige Dame trat in dieſem Augen⸗ blicke vor einen Spiegel, um die Verunglimpfung wegzuwiſchen, welche ihr ſchoͤnes Lilla⸗Band durch Franzens Jasmin⸗Strauß erlitten hatte. „Noch ein einziges Wort,“ rief Franz,„und es iſt auf immer abgethan. Habe ich ſie auf irgend eine Weiſe beleidigt, oder entſteht dieſer Wandel ihrer Geſinnungen aus der Veraͤnderung ihrer Gluͤcksumſtaͤnde?“— „Ich bin nicht verbunden, mein Herr, irgend jemand uͤber mein Betragen Rechenſchaft abzulegen, und kann nicht begreifen, welches Recht ſie haben mich zu examiniren, als ob ſie mein Herr und Meiſter waͤren, welches ſie, Gott ſei gelobt, nicht ſind, noch je werden ſollen.“— Franzens Leidenſchaft befand ſich einige Minuten mit ſeiner Vernunft im Kampfe; er ſtand bewegungslos da, dann rief er mit vernehm⸗ licher Stimme:„Gottlob!“— und wandte der Schoͤnen kalt den Ruͤcken.— „Ich bin geheilt, Vater,“ rief er, ſobald er den Alten erblickte!„du kannteſt ſie beſſer als 14 ich. Dank ſei dem Himmel, daß ich ſie nicht vor einem Jahre heirathete, als ſie in mich verliebt ſchien, und meine Hand nicht ausgeſchlagen ha⸗ ben wuͤrde. Damals dachte ich wohl oft, du beurtheilteſt das Maͤdchen zu hart; aber du warſt nicht von Liebe verblendet, und alſo ein weit beſſerer Richter als ich.“— „Nun, lieber Junge,“ erwiederte der Vater, „ſo halte mich ein ander Mal nicht fuͤr hart, wenn ich vielleicht wieder nicht deiner Meinung ſein ſollte. Waͤreſt du darauf beſtanden, das Maͤd⸗ chen zu heirathen, wuͤrde ich alles nur Moͤgliche gethan haben, dich gut einzurichten; ich wuͤrde auch nicht mit dir gezuͤrnt, wohl aber mich ſtille ge⸗ graͤmt haben, wenn du fuͤr die Laune eines Au⸗ genblicks, das Gluͤck deines ganzen Lebens aufge⸗ opfert haͤtteſt.— War es ſo nicht ont, dich aufmerk⸗ ſam zu machen?— Wie kann wohl kin alter Mann ſeine lange Erfahrung heilſamer anwenden, als wenn er ſie fuͤr ſeine Kinder benutzt?“— Franz fuͤhlte ſich geruͤhrt durch die freund⸗ liche Art, mit welcher der Vater zu ihm redete, und Fanny, die gegenwaͤrtig war, gab einen Brief in ſeine Haͤnde, den ſie Ehenx von Wil⸗ 15 helm Bettesworth empfangen hatte, mit der Bitte, ihr zu ſagen, was ſie darauf autworten ſolle. Obgleich ſie manches in Wilhelms Charakter nicht billigte, fuͤhlte ſie ſich doch ein wenig fuͤr ihn eingenommen, weil er, ihrer Meinung nach, oft Zuͤge von Großmuth gezeigt hatte, und in ſeinem Weſen etwas Einnehmendes lag. Sie hoffte, ſeine Wildheit entſpringe nur aus uͤbertrie⸗ bener jugendlicher Munterkeit, und werde bald in ihre gehoͤrigen Schranken zuruͤckkehren; doch hatte ſie dieſe kleine Partheilichkeit vor ihrem Va⸗ ter geheim gehalten, noch weniger aber je W il⸗ helm in ſeinen Abſichten auf ſie im mindeſten aufgemuntert. Der Vater hegte keine guͤnſtige Meinung von dem jungen Manne, das wußte ſie, und ſo hielt ſie ihn entfernt. Der eben erhaltene Brief war ſo ſchlecht buchſtabiert, daß es keine leichte Aufgabe war ihn zu entziffern. Hier iſt er: „Mein allerſchenſte Fanny! „Ungeachtet Ihrer Krauſamkeit, bin ich mehr als je in Ihnen verliebt, und da ich nun ein kroſes Vermegen erhalten werde, und weder Vatter noch Mutter zu frachen prauge, ſpreche ich: willſt du mir heirathen, ſißes Maͤdchen, und ſchere mir um niemand anders in die ganſe Weld. Die Mutter ſchmehlt immer, und wird mir nie etwas zu gefallen thun, daher will ich aber gu⸗ ſtement nur um deſto veſter auf meinem eignen Kopfe beſtehen, und da ich alle Tage verliebter in Ihnen werde, wuͤrde ich durch Feier und Waſ⸗ ſer laufen, um Sie mein zu nennen. Ihr treier Anpeder W. Bettesworch.(in Eule)“ Beim erſten, fluͤchtigen Durchleſen dieſer Zeilen fuͤhlte Fanny ſich wenigſtens in der Hin⸗ icht fuͤr ihren Anbeter eingenommen, daß er nicht, h 9 gleich ſeiner Schweſter, im groͤßern Gluͤcke ſeine Geſinnungen gegen ſie aͤndere; bald aber kam ihr doch der Gedanke, wie ein ungehorſamer Sohn ſchwerlich je ein guter Ehemann werden koͤnne, und es ſchien ihr ſogar, als ob ſeine Liebe zu ihr nur aus Geiſt des Widerſpruchs ſo ſchleunig zus nehme, denn ſolche feurige Verſicherungen hatte er feuͤher nie gegeben, bis die Mutter ſich be⸗ ſtimmt gegen die Heirath erklaͤrte. Ganz am Ende des Briefes, unter langen Schnoͤrkeln, wel⸗ —=—““ — 17 che er ſeinem Namenszuge beigefuͤgt, ſtand ein Wort gekritzelt, das ſie gar nicht entziffert, und ſich alſo um das Weitere nicht bekuͤmmert hatte. Der Vater ſah, daß es:„ſchlag um,“ bedeuten ſolle, und las alſo die auf der andern Seite be⸗ findlichen Zeilen der Nachſchrift, wie feolget: „Ich weis das dein Vatter mir nicht aus⸗ „ſtehen kann; aber mache dir ja nichts daraus. „So gewiß und wahrhaftig mein Name Wil⸗ „ihelm iſt, will ich dir, mein ſißes Maͤdchen, „ſicher wegſchaffen, ſei es bei Tage oder bei „Nacht. Robert wird mich dann ſchon beiſte⸗ „hen, und ſich mit deine Brider hevumhauen, „wenn ſie ſich muckſen wollen, denn der liebt das „Schlagen. Dieſe Nacht warte ich unter dein „Fenſter, und ich hoffe du wuͤrſt dich als ein ge⸗ „ſcheites Maͤdchen betragen.“— Fanny war uͤber dieſe Nachſchrift ſo ent⸗ ruͤſtet, daß ſie leichenblaß ward, und zu Boden geſunken ſein wuͤrde, wenn der Vater ſie nicht aufrecht gehalten haͤtte. Sobald ſie wieder ihrer Sinne Meiſter geworden war, erklaͤrte ſie, wie jedes Gefuͤhl zu Gunſten Wilhelms auf im⸗ mer in ihr erſtickt ſei.„Ach, Vater,“ ſetzte ſie E. II. 2 18 hinzu,„welch ein Gluͤck fuͤr mich, daß du immer mein Vertrauter geweſen biſt, ſonſt haͤtte ich dir ja nicht alles mitgetheilt, und in welche ungluͤckſe⸗ lige Schlingen moͤchte ich dann gerathen ſein!“— Es bedarf kaum der Verſicherung, daß Fan⸗ ny nach dieſer Lage der Dinge eine beſtimmte abſchlägige Antwort an den Liebhaber ſandte. Aller Umgang zwiſchen beiden Familien wurde ab⸗ gebrochen; Wilhelm fuͤhlte ſich auf das heftig⸗ ſte beleidigt, und Jeſſy war erbittert, weil Franz ſich durchaus nicht weiter um ſie bekuͤm⸗ merte. Sie nahmen nun die Miene an, Frank⸗ lands zu verachten, und ſie als Leute, die unter ihrer Wuͤrde waͤren, zu behandeln. Das Ver⸗ moͤgen, welches ihnen durch des Verwandten Tod zugefallen war, betrug ungefaͤhr 20000 Pfund; durch dieſe Summe waren ſie, ihrer Meinung nach, vornehm geworden, und konnten ein Haus machen, ſo gut als irgend jemand in der ganzen Grafſchaft. Dieſem Vergnuͤgen wollen wir ſie denn auch fuͤr eine Zeitlang uͤberlaſſen, und in der einfachen Geſchichte des Pachters Fran kland und ſeiner Familie fortfahren. Durch vieljaͤhrigen Fleiß hatte der alte — 2 19 Frankland es dahin gebracht, die Pachtung, welcher er vorſtand, in einem ſolchen Grade zu verbeſſern, daß man ihn in ſeiner Lage als ei⸗ nen wohlhabenden Mann anſehen konnte. Haus, Gemuͤſe⸗ und Obſtgaͤrten, genug alles was ihn umgab, befand ſich in einem ſo ordentlichen und gemuͤthlichen Zuſtande, daß jeder voruͤberfah⸗ rende Reiſende, dadurch aufmerkſam gemacht, ſich nach dem Namen des Beſitzers erkundigte; doch ſahen jene Reiſenden nur die Außenſeite, und ſo vortheilhaft ſich dieſe auch ankuͤndigte, war ſie bei weitem noch nicht das Beſte. Haͤtten ſie in das Innre dieſer einfachen laͤndlichen Wohnung ſehen koͤnnen, dann erſt wuͤrden ſie einen Begriff von der Gluͤckſeligkeit bekommen haben, die aus wahrer Liebe und Einigkeit entſteht. Frankland, der es ſo weit in der Welt gebracht hatte, ſehnte ſich nun auch, ſeinen Soͤh⸗ nen gleichfalls eine Verſorgung zu ſichern. Geor g, der ihm lange ſchon ſo treulich in Fuͤhrung der 1 Pachtung beiſtand, ſollte ſein Nachfolger werden. Fuͤr Jacob, der Neigung hatte einen Kramla⸗ den in der benachbarten Stadt Monmouth einzurichten, wurden alſobald die noͤthigen Waa⸗ 2* 20 ren verſchrieben, und der Laden gemiethet. Da indeß noch etwas darin zu bauen war, ſandte er die Ballen fuͤrs erſte nach dem Hauſe ſeines Va⸗ ters, wo die Schweſtern ſie auf ſeine Bitte aus⸗ packten, und alles nach ſeiner Anweiſung ordne⸗ ten. Als Patty noch einſt ſpaͤt in der Nacht, waͤhrend die ganze uͤbrige Familie ſchon ſchlief, damit beſchaͤftigt war, die Zettel an verſchiedene Kaͤſten mit Band zu befeſtigen, und ſich nun eben nach vollendeter Arbeit fort begeben wollte, kam ſie bei einem Seitenfenſter vorbei, das in die weitlaͤuftigen Hoͤfe fuͤhrte, und gewahrte in kleiner Entfernung einen ganz beſonders hellen Schein. Nach genauerer Unterſuchung bemerkte ſie, daß der große Heuſchober in Flammen ſtand. Eilig weckte ſie den Vater und die Bruͤder; man that alles, das Feuer zu loͤſchen und es von den Gebaͤuden abzuhalten, wohin der Wind un⸗ gluͤcklicher Weiſe die Fiamme trieb.— Alle Be⸗ muͤhungen waren vergebens; binnen einer Stunde ſtand auch das Wohnhaus in Flammen. Jetzt war die erſte Sorge der Bruͤder gewe⸗ ſen, den Vater und die Schweſtern in Sicherheit 21 zu bringen, dann hatten ſie ſich mit vieler Geiſtes⸗ gegenwart bemuͤht, alles von Werth, was nur irgend wegzuſchaffen war, zu retten, wozu vorzuͤg⸗ lich auch die Waaren des armen Jacobs gehoͤr⸗ ten. Bis Morgens drei Uhr arbeiteten ſie un⸗ aufhoͤrlich; eine Seite des Gebaͤudes war wenig⸗ ſtens zum Theil gerettet; jetzt umgab ſie Finſter⸗ niß und Grabesſtille, bis das anbrechende Tages⸗ licht ihnen die Scene der Zerſtoͤrung aufs Neue vor Augen brachte. Getraide, Heu, Stroh, alles was die Scheuern enthielten, war verbrannt; die Mauern und einige Ueberreſte des Wohnhauſes ſtanden zwar, aber es war nicht laͤnger bewohn⸗ bar. Nach genauer Berechnung konnte der Scha⸗ de nicht mit ſechs hundert Pfund erſetzt werden; wie der Heuſchober Feuer gefangen habe, war allen bisher unerklaͤrlich. Georg, der ihn errichtet hatte, machte ſich Vorwuͤrfe, das Heu ſei vielleicht nicht trocken ge⸗ nug geweſen, und habe ſich alſo ſelbſt angezuͤn⸗ det. Er tadelte ſich deshalb bitter; aber der Va⸗ ter erklaͤrte, er ſelbſt habe das Heu geſehen, ge⸗ rochen und angefuͤhlt, und es hinlaͤnglich tro⸗ cken und vollkommen gut gefunden. Dadurch wur⸗ 22 de Georg einigermaßen getroͤſtet, noch mehr aber beruhigte ihn Patty, indem ſie ihm einen Topf mit Aſche zeigte, den ſie in geringer Ent⸗ fernung vom Heuſchober gefunden habe. Die Magd, obwohl unvorſichtig, doch ehrlich, geſtand endlich, wie ſie ſich erinure, dieſen Topf am ver⸗ gangenen Abende dort ſtehen gelaſſen zu haben, den ſie im Begriff geweſen ſei nach der Aſch⸗ Grube zu tragen, woran ſie aber durch das Ru⸗ fen ihres Liebhabers verhindert worden, zu die⸗ ſem gelaufen ſei, und den Topf niedergeſetzt und vergeſſen habe. Alles was ſie zu ihrer Verthei⸗ digung hinzufuͤgte war, ſie habe nicht geglaubt, daß ſich noch Funken darin befinden koͤnnten. Der gute alte Mann vergab ihr ihre Unvor⸗ ſichtigkeit, weil er ſah, daß ſie ſich ſelbſt ſchon Vorwuͤrfe genug daruͤber machte; dieſe Guͤte ruͤhrte ſie nur noch um ſo mehr, und um ſie nur einigermaßen zu beruhigen, trug man ihr viele Arbeiten fuͤr die Familie auf, damit ſie ſich thaͤ⸗ tig und nützlich glauben folle. Keins legte indeß in nutzloſen Klagen die Haͤnde in den Schooß; baares Geld fehlte, um Haus und Scheuern wie⸗ der zu erhauen, Jacob aber verkaufte auf der 23 Stelle, was von ſeinen Waaren gerettet worden war, und brachte den Ertrag dem Vater.„Ihr gabt mir dies,“ ſagte er,„als ihr euch dazu im Stande befandet; jetzt gebraucht ihr es, und ich kann es entbehren. Mein Vorſatz iſt, eine Stelle in einem Laden in Monmouth zu ſuchen, und mir ſo ſelbſt fortzuhelfen; eurer Erziehung danke ich die Faͤhigkeit dazu.“ Der Vater nahm das Geld, indem eine Freudenthraͤne in ſeinem Auge glaͤnzte.„Son⸗ derbar,“ rief er,„daß ich ſogar in dieſen be⸗ draͤngten Stunden Freude fuͤhlen muß; aber das iſt der Segen guter Kinder!— So lange wir alle bereit ſind einander beizuſtehen, koͤnnen wir nie ganz ungluͤcklich werden. Aber nun laßt uns auch darauf bedacht ſein, das Haus wieder aufzu⸗ bauen,“ fuhr der thaͤtige alte Mann fort.— „Franz, lange mir meinen Hut einmal dort her⸗ unter; ich glaube, ich habe mich in der Nacht beim Feuer erkaͤltet, der Arm iſt mir ſo ſteif; aber es wird mir gut thun, in freier Luft mich zu be⸗ wegen, und dann moͤchte ich doch wahrlich auch nicht der einzige Faullenzer unter ſo vielen thaͤ⸗ tigen jungen Leuten ſein.“— 24 Mit dieſen Worten begab er ſich raſch an die Arbeit, als ſich ein Fremder zu Pferde, deſſen Miene eben nichts Empfehlendes hatte, ihnen nahe⸗ te, welcher, nachdem er ſich nach ihrem Namen erkundigt hatte, einige Papiere an ſie uͤbergab. Es waren Abſchriften eines gerichtlich ausgeſtellten Befehls, die Pachtung vor dem erſten Septem⸗ ber zu verlaſſen, widrigenfalls man ſie um das Doppelte erhoͤhen wuͤrde. „Das muß ein Irrthum ſein, lieber Herr,“ ſagte der Alte freundlich.— 4 „Ganz und gar nicht,“ erwiederte der Fremde. „Alles iſt gerichtlich unterſchrieben, ich habe euren Pachtbrief mit meinen eigenen Augen geſehen, der ſchon am verfloſſenen letzten Mai abgelaufen war, und gegen Recht und Gerechtigkeit habt ihr euch ſchon eilf Monate uͤber die Zeit hier verweilt.“ „Mein Vater handelte in ſeinem ganzen Le⸗ ben nicht gegen Recht und Gerechtigkeit,“ rief Franz, dem der Unwille aus den ſeurigen Augen blitzte. „Ruhig,“ lieber Sohn, ſagte der Vater, die Hand auf ſeine Schulter legend;„ruhig Lie⸗ 25 ber!— Laß mich mich nur erſt mit dieſem Herrn verſtaͤndigen. Es muß ein Irrthum hier obwalten; freilich war mein Pachtbrief vergangenen Mai abgelaufen; aber ich hatte von meinem lieben Gutsherrn das Verſprechen der Erneuerung.“ „Das geht mich alles nichts an,“ fiel der Fremde ein, indem er in ſein Taſchenbuch ſah. „Ich weiß nicht, wen ihr mit dem Namen eu⸗ res lieben Gutsherrn bezeichnen wollt, da das vor Gericht nichts gilt; fprecht ihr aber von dem vormaligen Beſitzer, Francis Folings⸗ by, ſo kann ich euch mit der Nachricht dienen, daß er den ſiebzehnten dieſes in Bath geſtor⸗ ben iſt.“— „Geſtorben!— Mein lieber Gutsherr todt! — das geht mir in der That ſehr nahe.“— „Und ſein Neffe und rechtmaͤßiger Erbe, Philipp Folingsby, kam in den Beſitz die⸗ ſes Gutes; unter ſeinem Befehle handle ich, da ich der Anwalt deſſelben bin.“— Aber Herr Philipp Folingsby wird vielleicht nichts von dem Verſprechen wiſſen, das ich von ſeinem Oheim hatte.“— „Muͤndliche Verſprechen ohne hinlaͤngliche — ͦ— ꝗ ¾ 26 Zeugen ſind nichts, Herr, ſind keineswegs guͤl⸗ tig, falls ihr keine gerichtlich unterzeichneten Pa⸗ piere aufzuweiſen habt.“ „Das habe ich freilich nicht; hielt aber meines lieben Gutsherrn Wort eben ſo guͤltig als ſeine Unterſchrift und ſein Siegel.“ „Ja,“ fiel Franz ein,„ich war dabei, wie ihr ihm das ſagtet, und der gute Herr ver⸗ ſprach, es euch ſchriftlich zuzuſtellen, indem er hinzufuͤgte: unter ehrlichen Leuten iſt das Wort hinlaͤnglich; aber wer weiß, wie lange ich lebe, und wie mein Nachfolger daruͤber denkt. Nun rühmte er euch, weil ihr die Pachtung ſo ſehr verbeſſert hattet, und wollte ſich eben niederſetzen, um zu ſchreiben, als Geſellſchaft hereintrat. Am folgenden Morgen reiſte er ſchnell vom Gute ab, und ich glaube gewiß, er iſt in der Meinung ge⸗ weſen, uns die noͤthigen Papiere ausgeliefert zu haben.“— „Das alles beweiſt nichts,“ ſagte der Fremde in hoͤchſt gleichguͤltigem Tone;„ als Anwalt bin ich nur beſugt, die Auftraͤge meines Elienten auszurichten. Wenn wir Brief und Siegel ſehen, iſt es eine andere Sache. Gott + ³ Go G 27 befohlen!“ fuͤgte er mit haͤmiſchem Laͤcheln hinzu, indem er ſein Pferd abwaͤrts lenkte.„Bitte zu erwaͤgen, daß es nicht meine Schuld iſt, wenn ihr gezwungen werdet, den doppelten Preis der Pachtung zu bezahlen.“— „Es iſt kein Zweifel, Vater, daß Herr F lingsby euch glauben wird,“ ſagte F Franz, als der Fremde fortgeritten war.„Er iſt ein Mann von Ehre, hoffe ich, und denkt nicht wie ſein Anwalt, der ein recht gemeiner Rabuliſt zu ſein ſcheint.— Ich haſſe alle Advocaten!“— „Alle unredliche, willſt du ſagen, mein Sohn;“ fiel der wohlwollende Greis ein, der ſelbſt im groͤßten Mißgeſchick ſich keine bittern Aeußerungen uͤber irgend Jemand erlaubte. Der neue Beſitzer kam auf's Gut, und wenige Tage nach ſeiner Ankunft begab ſich der alte Frankkand zu ihm; aber es war wenig Hoffnung, bei dem jungen Herrn vorgelaſſen zu werden, der nichts als ſchoͤne Wagen, Hunde und Jagd im Kopfe hatte. Geſchaͤfte ekelten ihn an, Vergnuͤgen war ſein Geſchaͤft; Geld betrachtete er als Mittel, ſich jenes zu verſchaffen, und Paͤchter als Maſchinen, um dieſes immer 28 im gehoͤrigen Maße herbeizuſchaffen. Er war weder geizig, noch grauſam, aber unbeſonnen und verſchwenderiſch. Seines Gleichen ſielen die⸗ ſe Fehler an dem jungen modiſchen 1 danne nicht auf, ſohald er indeß zu großen Beſitzthuͤ⸗ mern gelangte, fuͤhlten ſeine Untergebenen ſie um deſto mehr. 1 Eben beſtieg Folingsby den neuangekomme⸗ nen Wagen, nahm die Zuͤgel der Pferde in die Hand, um ihn zu probieren, als Pachter Frank⸗ land, der ſchon eine gute Stunde auf ihn ge⸗ wartet hatte, an ihn hinantrat. Der Wind ſpielte mit den grauen Locken des alten Mannes, indem er, mit dem Hute in der Hand, an den Gutsherrn hinantrat. „Setzt den Hut auf, mein Freund, und huͤtet euch, den wilden Pferden zu nahe zu kom⸗ men; habt ihr mir etwas zu ſagen?“— „Ich habe ſchon lange auf euch gewartet, gnaͤdiger Herr; wenn es euch aber heute nicht ge⸗ legen iſt, will ich morgen fruͤh wieder kommen,“ ſagte der Alte. „Ja, ja, das thut; kommt morgen fruͤh/ denn jetzt habe ich keinen Augenblick Zeit,“ er⸗ 29 wiederte der junge Herr, indem er ſeinen Pferden die Peitſche gab und davon fuhr, als wenn das Gluͤck der ganzen Welt zu erjagen geweſen waͤre. Den folgenden Tag und noch viele andere folgende Tage kam der alte Pachter wieder, ohne vorgelaſſen zu werden; er ſchrieb mehrere Briefe, ohne Antwort zu erhalten. Endlich, nach⸗ dem er dem Kammerdiener einige Thaler in die Hand geſteckt hatte, erhielt er Zutritt. Folings⸗ by zog gerade ſeine Stiefeln an, die Pferde wa⸗ ren ſchon vor die Thuͤre gefuͤhrt, und Frank⸗ land ſah die Nothwendigkeit ein, ſich kurz zu faſſen. Er beruͤhrte nur die Hauptumſtaͤnde, berief ſich auf die Laͤnge der Zeit, die er hier Pachter geweſen, die Verbeſſerungen, die er ge⸗ macht, und das Ungluͤck, welches ihn kuͤrzlich getroffen habe. Bis er zu dem Verſprechen der Erneuerung des Pachtcontrakts und der Weiſung die Pachtung zu verlaſſen, gelangte, waren die Stiefeln aufgezogen. „Verſprechen, Weiſung;— ich weiß von dem allen nichts, das iſt meines Anwalts Sache, ſprechen ſie mit ihm, er wird ihnen Gerechtig⸗ keit wiederfahren laſſen. Sie thun mir wahrhaf⸗ 30 tig Leid, lieber Herr Frankland, recht von Herzen Leid.— Der verwuͤnſchte Kerl, der die Stiefeln gemacht hat!— Aber, mein Freund, ſie ſehen, wie es mir geht; ich kann keinen Au⸗ genblick mein nennen. Schon morgen muß ich aufs Pferderennen nach Ascot; meine Minuten ſind abgezaͤhlt.— Sprechen ſie mit meinem An⸗ walt, er wird billig ſein, ihm habe ich alles uͤber⸗ laſſen.— Johann, ſind die Pferde vorge⸗ fuͤhrt?— „Gnaͤdiger Herr, ich habe mit ihrem An⸗ walt geſprochen,“ fagte der alte Pachter, indem er dem gedankenloſen Gutsherrn einige Schritte folgte;„aber er erwiederte mir, daß muͤndliche Verſprechungen ohne gehoͤrige Zeugen nicht guͤl⸗ tig waͤren, ſo kann ich alſo nur zu ihrer Gerecht⸗ tigkeitsliebe meine Zuflucht nehmen. Muͤſſig bin ich in dieſen Jahren wahrlich nicht geweſen, da⸗ von koͤnnen meine Felder zeugen.“ „Gut, gut, ſagen ſie das alles dem Herrn Deal, dem ich meine ganze Geſchaͤftsverwaltung uͤbertragen habe. Mir bleibt keine Zeit zu dieſen Dingen; aber Herr D eal wird billig ſein.“— Hierin taͤuſchte ſich jedoch der Gutsbeſitzer; Herr 31 Deal hatte bereits die Vorſchlaͤge eines andern Pachters angenommen, der ſeinem Antrage eine anſehnliche Summe fuͤr die zu habenden Bemuͤ⸗ hungen beifuͤgte, und dieſe Sprache ſchien dem Advocaten eindringlicher als alles was der gute Alte vorbrachte. Unter dem Vorwande des Rechts wurde dieſem die Pacht genommen, da der neue Pachter uͤberdies noch verſprach, anſtatt des abge⸗ brannten Hauſes ein neues, und viel ſchoͤneres auf eigene Koſten erbauen zu laſſen. Folingsby that bei ſolchen Sachen nichts als die Contrakte blindlings zu unterzeichnen, und alle halbe Jahre regelmaͤßig die Zinſen mit großem Wohlbehagen einzuſtreichen, da es ihm, ungeachtet ſeines gro⸗ ßen Vermoͤgens, oft an baarem Gelde fehlte.— Geldgier allein haͤtte ihn indeß nie dahin bringen koͤnnen, einen alten, wuͤrdigen Pachter, gegen den Willen ſeines verſtorbenen Oheims, von einer Pach⸗ tung zu vertreiben; aber lange vorher ſchon, ehe der Contrakt ihm zur Unterſchrift geſandt war, war jede Sylbe von dem aus ſeinem Gedaͤchtniſſe ge⸗ ſchwunden, was der alte Frankland mit ihm uͤber dieſen Gegenſtand geſprochen hatte. 22 Zweites Kapitel. Der Tag, an welchem die Pachtung verlaſſen werden mußte, war ein Tag des Kummers fuͤr die ganze ungluͤckliche Familie, denn ſchon des Alten Vater und Großvater waren Paͤchter hier geweſen, und hatten redlich ihre Pflicht erfuͤllt. Die Nachbarn bemitleideten den braven alten Mann, der nun ſo davon ziehen ſollte, und ſchimpften uͤber Herrn Folingsby's Ungerech⸗ tigkeit; dieſer aber ſaß in Ascot, hoͤrte keine Sylbe davon, ſondern verwettete auf dem Pfer⸗ derennen mehrere Hunderte, waͤhrend die arme Familie langſam auf einer Art von bedecktem Lei⸗ terwagen den ſchmalen Weg zwiſchen den Hecken hinunter fuhr, der von ihrer Pachtung ableitete, den Feldern, welche ſie bearbeitet, und der Ernd⸗ te, die ſie geſaͤet hatte, und deren Ertrag ſie nicht genießen ſollte, ein letztes Lebewohl zurufend. Hanna, die Masd, welche es bitterlich bereuete, den Topf mit Aſche ſo nah am Heuſcho⸗ ¹ 33 ber ſtehen gelaſſen zu haben, unterließ nichts, um ihrem armen Herrn jetzt huͤlfreiche Hand zu lei⸗ ſten. Ihre Kraͤfte ſchienen ſich verdoppelt zu ha⸗ ben, ja ſie zeigte einen Grad von Gewandtheit und Gegenwart des Geiſtes, der ihr fruͤher nie eigen geweſen war. Dankbarkeit ſchien ſie mit neuen Gaben auszuruͤſten. Ehe ſie zu dieſer Familie kam, hatte ſie bei einem Pachter gedient, der, wie ſie ſich jetzt erinnerte, einen kleinen Meierhof mit einer engen Huͤtte auf ſeiner gre⸗ ßen Pachtung beſaß, von dem der Miethzins gerade in dieſem Jahre abgelaufen ſein mußte. Ohne ein Wort von ihrem Vorhaben zu ſagen, ſtand ſie eines Morgens ſruͤh auf, machte den langen, beſchwerlichen Weg dahin zu Fuße, und erbot ſich, den Zins dafuͤr von ihrem erſparten Lohn zum voraus zu bezahlen, wenn der Pachter den Meierhof an den alten Frankland vermie⸗ then wolle. Der Pachter nahm Hanna's Geld nicht an, ſondern erwiederte, daß ihm die an⸗ erkannte Redlichkeit der ganzen Familie Buͤrge ge⸗ nug ſei. Willig ſtand er ihnen den Meierhof ab, welcher aber nur ein Paar Morgen Landes ent⸗ E. II. 3 34 hielt, und von dem das Haus ſo klein war, daß es nicht viel mehr als drei Menſchen faſſen konnte. Dahin begaben ſich nun der Alte und ſein Sohn Georg. Jacob wandte ſich nach Mon⸗ mouth, wo er ſich bei einem Kleinhaͤndler als Gehuͤlfe anboth. Herr Cleghorn, ein redli⸗ cher Mann, gab ihm den Vorzug vor drei andern, die ſich zugleich mit ihm um dieſe Stelle bewor⸗ ben hatten.„Junger Mann,“ fragte er ihn, „wiſſen ſie auch, warum ich dies thue?“— „Vermuthlich,“ erwiederte Jacob,„glaub⸗ ten ſie, ich ſei ein ehrlicher, wohlerzogener Menſch, da ſie, wie ich mich erinnere, in fruͤheren Zeiten meine Mutter kannten.“ „Nicht allein dieſe kannte ich, ſondern lern⸗ te ſie ſelbſt, junger Mann, aus einem Zuge kennen, den ſie vielleicht voͤllig vergeſſen haben. Als neunjaͤhriger Knabe kamen ſie in meinen Laden, um eine Rechnung fuͤr ihre Mutter zu bezahlen, in welcher einige Thaler zu meinem Nachtheil anzuſetzen vergeſſen worden waren. Sie fanden den Fehler aus, und bezahlten mir mein volles Geld. Nun denke ich, ſie muͤſſen noch immer ein eben ſo ehrlicher Menſch und gu⸗ 12Q ſen gu⸗ 35 ter Bezahler ſein, und obgleich ich in dieſem Augenblicke auf eine ſchaͤndliche Weiſe von einem meiner Gehuͤlfen, dem ich blindlings trauete, be⸗ trogen worden bin, ſoll mich dies nicht mißtrauiſch gegen ſie machen, weil ich weiß, ſie haben eine ordentliche Erziehung genoſſen, und das iſt die beſte Empfehlung, welche ein junger Menſch ha⸗ ben kann.“ 4 Auch die beiden Schweſtern waren in der ganzen umliegenden Gegend als wohlerzogene Maͤdchen bekannt, und jetzt, da der Vater ſie nicht länger ernaͤhren konnte, wurde es ihnen leicht, gute Skellen zu erhalten. Die beſten Familien in der Grafſchaft beeiferten ſich, ſie fuͤr ſich zu gewinnen; Fanny zog zu Frau Hungerford, einer Dame aus einer alten, angeſehenen Fami⸗ lie, die zwar ein etwas ſtrenges, vornehmes Weſen hatte, aber im Grunde einen großmuͤthi⸗ gen, edlen Charakter beſaß. Sie war Mutter mehrerer Kinder, und freuete ſich Fanny als Waͤrterin derſelben zu erhalten. „Sobald ich bemerke, daß ſie genau meinen Willen in Hinſicht meiner Kinder beobachten,“ ſagte die Dame ihr beim erſten Zuſammentreffen, 3* 36 „ſo werden ſie keine Urſache haben ſich uͤber die Art zu beſchweren, wie man ſie in meinem Hau⸗ ſe behandeln wird. Mein Wunſch iſt jeden, der es mit mir bewohnt, gluͤcklich zu machen; wie ich hoͤre, iſt ihre Erziehung uͤber ihren gegenwaͤr⸗ tigen Stand erhaben, und ich hoffe und glaube, daß ſie das Vertrauen was ich auf ſie ſetze, zu verdienen ſuchen werden.“ Fanny füuhlte ſich zwar durch das Stolze, Vornehme in dem Betragen der Frau Hun⸗ gerford etwas in Furcht geſetzt, doch zeigte ſie bei jeder Gelegenheit ein beſcheidenes Vertrauen in ſich ſelbſt, das ihrer Gebietherin durchaus nicht mißfiel. Schweſter Patty war waͤhrend dieſer Zeit auch in einen Dienſt gegangen; ihre Herrſchaft, eine alte, reiche Frau Crumpe, befand ſich oft unwohl und bei ſehr uͤbler Laune, und verlang⸗ te daher eine immer heitere Perſon zu ihrer Ge⸗ ſellſchaft. Sie lebte in einer nur geringen Ent⸗ fernung von Monmouth, wo ſie viele Ver⸗ wandte hatte; jedoch fuͤhrte ſie wegen ihres Al⸗ ters, ihrer Kraͤnklichkeit und ihrer uͤblen Lau⸗ nen, ein ſehr einſames Leben. 4 37 Von der ganzen Franklandſchen Famillie fehlte es jetzt nur noch Franz an einer Stelle; er wandte ſich an einen gewiſſen Herrn Bar⸗ 1 low, einen Advocaten, von entſchiedenem red⸗ lichen Charakter. Fruͤher ſchon war dieſer Mann durch die Aufrichtigkeit und Redlichkeit, welche Franz in einem Streite mit den Bettes⸗ worths bewieſen hatte, ſo ſehr fuͤr ihn einge⸗ nommen worden, daß er verſprach ihm zu dienen, wenn es irgend einmal in ſeiner Macht ſtehen follte. Gerade bedurfte er zu dieſer Zeit eines Schreibers, und da er Franzens Geſchicklich⸗ keiten kannte, und Vertrauen in ſeine Redlichkeit fetzte, beſchloß er, ihm dieſe Stelle anzutragen, Franz, welcher fruͤher Mißtrauen gegen alle Advocaten hegte, glaubend, daß es keine redlichen Maͤnner in dieſem Stande gebe, fand ſich von feinem Irrthume geheilt, ſobald er in naͤhere Verbindung mit Barlow trat. Nie diente die⸗ ſer Mann dem Betruge oder der Bosheit, und anſtatt gewoͤhnliche Streitigkeiten, aus Liebe zum Gewinn, in die Laͤnge zu ziehen, ſetzte er ſeine Freude und ſeinen Stolz darin, die Partheien bald zu verſoͤhnen. Sein guter Ruf war ſo all⸗ 38 gemein anerkannt, daß man ſich nicht allein in der Naͤhe ſeines Wohnortes, ſondern auch aus entfernteren Gegenden an ihn wandte. Unter einer ſolchen Anleitnng ſah Franz bald ſein Gluͤck voraus, und er gelobte in ſeinem Innern, es an nichts fehlen zu laſſen, um ſeines Herrn Vertrauen und Achtung zu verdienen. Auch Jacob gelang es, in gleichem Grade das Zutrauen ſeines Lehrherrn zu erwerben, deſe ſen Laden nie ſo fleißig von kaufluſtigen Kunden beſucht worden war, als gegenwaͤrtig. Buͤcher und Rechnungen wurden in ſtrengſter Ordnung gehalten; ja, der Fleiß und die Aufmerkſamkeit des jungen Mannes gingen ſo weit, daß der ſonſt ſehr geſtrenge Herr ihn ſelbſt ermunterte, ſich doch einmal ein Vergnuͤgen zu machen. Als daher Franz den Bruder Jacob einſt beſuchte, beſchloſſen beide zu der Schweſter Fanny zu gehen, die ſie nun ſchon ſeit langer Zeit nicht geſehen hatten. Die Nachricht des Be⸗ dienten, Jungfer Fanny ſei nicht zu Hauſe, ſondern mit den Kindern auf einem Spatziergan⸗ ge begriffen, verſtimmte ſie ein wenig; ſie wuß⸗ ten nicht, welchen Weg ſie genommen habe, und 39 da ihre Zeit beſchraͤnkt war, ſchlugen ſie Arm in Arm ihren Ruͤckweg durch einen der ſchattigen Gaͤnge ein, die nach Monmouth ſuͤhren. Schon befand ſich die Sonne im Untergehen, und den bei⸗ den Bruͤdern, ſeit geraumer Zeit nun ſchon in enge Sruben gebannt, war die friſche Luft, die Aus⸗ ſicht auf die gruͤnen Wieſen und der Geruch der aus den Hecken duftenden Blumen, eine wahre Labung. „Als wir uns noch den ganzen Tag im Freien herumtrieben,“ ſagte Jacob,„achteten wir dieſer Dinge nicht; jetzt aber liegt ein eigner Reiz darin, welchen diejenigen wenig genießen, denen er immer zu Gebote ſteht.“— Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als ſich die Stimmen mehrerer froͤhlichen Kinder ver⸗ nehmen ließen, die eben beſchaͤftigt waren, uͤber die Hecke in den ſchmalen Weg zu ſteigen, wo die Bruͤder langſam ſchlenderten. Jedes der Kleinen trug einen großen Strauß ſchoͤner Blu⸗ men, den es, waͤhrend des Hinuͤberkletterns, ei⸗ nem jungen Maͤdchen, die ihnen folgte, aufzuhe⸗ ben gab. Jacob und Franz ſprangen hinzu, um den Kindern huͤlfreiche Hand zu leiſten, und 40 erblickten nun in dem Maͤdchen ihre Schweſter Fanny. „Liebe, liebe Fanny,“ rieſen beide voll Entzuͤcken,„wie herrlich, daß wir uns noch tref⸗ fen!— Wie lange haben wir uns nicht geſehen! Komm jetzt mit uns, damit wir im Wandeln noch ein trauliches Wort reden koͤnnen; der Ahend iſt ſo ſchoͤn!“— „Allerdings iſt der Abend ſchoͤn,“ ſagte Fanny nach einigem Zoͤgern,„und ich hoffe, daß es morgen eben ſo ſchoͤn werden wird, dann will ich um Erlaubniß bitten, mit euch ſpatzieren gehen zu duͤrfen, heute aber darf ich nicht bei euch bleiben, weil die Kinder unter meiner Auf⸗ ſicht ſind, und ich verſprochen habe, niemals mit Jemanden ſpatzieren zu gehen, wenn ich ſie bei mir habe.“ „Aber doch wohl mit deinem leiblichen Bru⸗ der?“ erwiederte Franz etwas aͤrgerlich. „ch verſprach, mit Niemanden zu gehen, und du wirſt doch wohl als Jemand betrachtet werden koͤnnen. Lebt alſo wohl, ihr Lieben,“ ſagte Fanny, indem ſie ſich bemuͤhete, ihren ¹ „ 4 41 kleinen Kummer unter einem leichten Laͤcheln zu verbergen. „Aber, um des Himmels willen, welcher Schade kann denn den Kindern daraus erwachſen, daß ich mit dir gehe,“ rief Franz, die Schwe⸗ ſter beim Kleide ergreifend. „Das weiß ich nicht; aber ich weiß die Be⸗ fehle meiner Herrſchaft, und du, lieber Fran 3, weißt, daß, ſo lange ich in ihrem Dienſte bin, es meine Pflicht iſt zu gehorchen.“ „Lieber Bruder, ſie muß gehorchen,“ bm Jacob. Augenblicklich ließ Franz ſie los;„d haſt recht, liebe Fanny, und ich habe Inrce rief er,„gute Nacht alſo, nur vergiß nicht, auf Morgen Abend um Erlaubniß zu bitten mit uns ſpatzieren gehen zu duͤrfen. Ich habe Briefe vom Vater und Bruder Georg, die ich dir gerne zeigen moͤchte; bleib nur fuͤnf Minuten, und ich will ſie dir vorleſen.“ Fanny aber, obgleich ſie wohl begierig war, die Briefe zu hoͤren, wollte nicht warten, ſondern eilte mit den ihr anvertrauten Kindern hinweg, ſagend, ſie muͤſſe ſtrenge ihr Verſprechen halten. Franz folgte ihr noch einige Schritte, legte 4² die Briefe in ihre Hand, ſah ſie mit dem Aus⸗ druck der zaͤrtlichſten Bruderliebe an, und rief: „du biſt ein liebes, gutes Maͤdchen, und verdienſt alle die ſchoͤnen Sachen, welche der Vater uͤber dich in dieſem Briefe aͤußert. Nimm ihn hin, Kind; deine Herrſchaft verbiethet dir gewiß nicht, einen Brief vom Vater zu empfangen. Laͤßt ſie dich aber morgen nicht mit uns ſpatzieren gehen, ſo wuͤnſche ich, ſie waͤre wo der Pfeffer waͤchſt,“ ſetzte er leiſe hinzu. Oft wurde Fanny, waͤhrend ſie den Brief auseinander faltete, von den Kindern unterbro⸗ chen; bald wollte hier eins eine Blume von der Hecke herunterpfluͤcken, bald dort wieder ein anderes einen Buſch haben, und wenn die kleinen Arme nicht hinreichten, mußte Fanny aushelfen. Endlich ſchlug Guſtav, der jüͤngſte Knabe, vor, uͤber die große Wieſe, wo es ſo viele Johan⸗ niswuͤrmchen gebe, nach Hauſe zu gehen.„Ma⸗ ma hat's erlaubt,“ fuͤgte er hinzu,„und waͤhrend wir die artigen Dingerchen haſchen, kannſt du dich auf einen Stein, oder eine Bank ſetzen, und deine Briefe ruhig leſen.“ Sobald ſie auf der Wieſe angekommen wa⸗ . 43 ren, fand der Kleine bald einen artigen Sitz fuͤr ſeine liebe Fanny aus, und hier las ſie nun folgenden Brief mehr als einmal, welchen wir den Leſern nicht vorenthalten wollen, weil er den guten alten Mann in aller ſeiner vaͤterlichen Liebe treu ſchildert. „Meine lieben Soͤhne und Toͤchter! „Kommt es mir doch ganz wunderbar vor, ohne Euch zu ſein, obgleich ich wohl weiß, daß in meiner Naͤhe, oder entfernt von mir, Ihr ſtets Eure Pflicht thut, und dies iſt der beſte Troſt, den Euer alter Vater haben kann. Es freut mich unendlich, daß mein lieber Franz durch ſeine eigenen Verdienſte eine ſo gute Stelle bei dem vortrefflichen Herrn Barlow erhalten hat, und ich wette, ſein Haß gegen die Advocaten iſt nun voruͤber. Der gute Junge!— eigentlich wuͤrde er keinen Menſchen nur eine halbe Stun⸗ de haſſen koͤnnen, wenn er ihn auch noch ſo ſehr beleidigt haͤtte.— Gottlob! keins meiner Kinder hegt rachſuͤch⸗ tige oder neidiſche Gedanken, und ſie zanken ſich nicht mit einander, als die Bettesworth's —mÿõ— ——:— — » 44 nun um ihr Vermoͤgen thun, wie ich leider! hoͤ⸗ re. Beſſer iſt das einfachſte Mahl in Eintracht und Liebe verzehrt, als Ueberfluß, bei dem Haß und Neid herrſcht. Ich brauche Euch, Ihr Kin⸗ der, das freilich nicht erſt vorzuerzaͤhlen; aber alte Leute ſchwatzen gerne. Mein fataler Rheu⸗ matismus hindert mich indeß daran, ſo geſchwaͤ⸗ tzig zu fein, als ich es wohl wuͤnſchte. Seit dem Tage, da ich ſo lange in meinen naſſen Kleidern auf Herrn Folingsby warten mußte, iſt es weit ſchlimmer geworden, doch wird es auch wohl bald beſſer werden, und ich mich dann im Stande be⸗ finden, dem guten Georg bei der Arbeit huͤlf⸗ reiche Hand zu leiſten; der arme Junge! er hat ſo viel zu thun, daß ich fuͤrchte, er uͤberarbeitet ſich noch. Ich bitte ihn oft, ſich zu ſchonen. „Euch aber, lieber Jacob und Franz, bitte ich, Euch nicht unaufhörlich in Laden und Schreibſtube einzuſchließen; dies iſt die einzige Furcht, welche ich fuͤr Euch habe. Gruͤßt und ſegnet mir meine lieben Toͤchter; waͤre Fanny nicht eben ſo klug als ſie huͤbſch iſt, wuͤrde ich um ſie beſorgt ſein, da Frau Hungerford⸗ wie ich hoͤre, ſo viel vornehme Geſellſchaft in in 45 ihrem Hauſe ſieht. Eine dienende Perſon in ſol⸗ chem Hauſe iſt in großer Gefahr; aber meine Fanny wird gewiß zeitlebens der Mutter Bei⸗ ſpiel und Lehren vor Augen und im Herzen ha⸗ ben. Man ſagt mir, die Frau Crumpe, Pat⸗ ty's Herrſchaft, habe ſehr viele Launen, welches gewiß von ihrer Kraͤnklichkeit und hohem Alter her⸗ ruͤhrt; aber meine Patty hat ein ſo ſanftes, gleiches Weſen, daß ich den ſehen wollte, der ſie nicht lieben muͤßte. Neine dumme Hand will nicht mehr fort, da ich mit der Linken ſchreiben muß, weil die Rechte ſo ſteif von der Gicht iſt, und Georg auf dem Felde zu thun hat, alſo nicht fuͤr mich ſchreiben kann. Gott ſegne und erhalte Euch Alle, meine theuren, geliebten Kin⸗ der! Mit ſolchen Stuͤtzen, als Ihr mir ſeid, kla⸗ ge ich in meinem Alter nicht; das aber weiß ich, daß ich keins von Euch vertauſchen moͤchte gegen alle Schaͤtze der Welt.— Schreibt bald Eurem — Euch liebenden Vater B. Frankland.* „Sieh doch, ſieh, die ſchoͤnen Johannis⸗ wuͤrmchen!“ rieſen die Kinder, indem ſie ſich an 45 Fanny hingen, als ſie gerade den Brief geleſen hatte. Eine unendliche Anzahl derſelben ſchwebte wirklich uͤber der Wieſe, und die kleinen Din⸗ gerchen leuchteten, im Graſe oder auf den Hecken gelagert, gleich funkelnden Sternen. Indem der Kinder Blicke ihnen noch mit Entzuͤcken folgten, ward ihre Aufmerkfamkeit ploͤtz⸗ lich durch den Schall eines Waldhorns auf einen andern Gegenſtand gezogen. Sie ſahen nach al⸗ len Seiten, und gewahrten endlich, daß die Toͤne von dem Balcon eines nahen Hauſes kamen. „Laß uns dorthin gehen,“ riefen ſie alle, „damit wir die ſchoͤne Muſik beſſer hoͤren koͤnnen.“ In dieſem Augenblicke erſchallten auch die Toͤne einer Geige und Floͤte.„Bitte, bitte, komm mit uns,“ wiederholten die Kinder, indem ſie ſich bemuͤheten, Fanny mit aller Gewalt fortzuzie⸗ hen. „Lieben Kinder,“ erwiederte ſie,„es wird ſpät, und wir muͤſſen nach Hauſe eilen. Auch ſeht ihr ja, daß eine Menge Menſchen auf dem Balcon und vor der Thuͤre des Hauſes ſteht; kaͤmen wir naͤher, ſo wuͤrde ſicherlich einer oder 47 der andere mit euch ſprechen, und ihr wißt wohl, daß die Mutter dies nicht will.“ Die Kinder ſchwiegen eine Weile, und ſchie⸗ nen ſchon gehorchen zu wollen, als man auf einmal Pauken erſchallen hoͤrte. Es war dem kleinen Guſtav unmoͤglich, dieſem lockenden* Tone zu widerſtehen; er riß ſich von Fanny los, und lief ſpornſtreichs auf das Haus zu. Fanny ſah ſich jetzt genoͤthigt, dem kleinen Fluͤchtlinge zu folgen, und durch die Menge zu drin⸗ gen. Er eilte auf einen jungen Mann in Uni⸗ form zu, der ihn auf ſeine Arme nahm und aus⸗ rief,„bei Gott, ein allerliebſter kleiner Bube, ein gebohrner Soldat!— Er muß die Pauken ſehen, und ſie ſelbſt ſchlagen.“— Indem trug der gewandte Faͤhndrich den Kleinen ſchnell die Treppen hinan, um nach dem Balcon zu kommen. In der groͤßten Angſt folg⸗ te Fanny ſeinem raſchen Schritte, laut bittend, er möͤge das Kind ihr nicht vorenthalten, welches ihr anvertraut ſei. Ihre Vorſtellungen wurden durch eine gel⸗ lende weibliche Stimme unterbrochen, welche aus der Naͤhe des Fahndrichs zu ihr heruͤber ſchallte, 48 und ungeachtet der Veraͤnderung in ihren Klei⸗ dungen erkannte ſie bald die beiden vormaligen Nachbarinnen, Sally und Jeſſy Bettes⸗ worth, unter der Menge. 4 „ du meine Guͤte, das iſt Fanny Fr ank⸗ land“ rief Sall y.„Was die faͤr einen Laͤr⸗ men um nichts macht.— Halte ſie ſich in ihren Schranken, Jungfer; wer bekuͤmmert ſich hier dar⸗ um, ob ſie Gezanktes von ihrer Herrſchaft be⸗ kommt; die kann uns nichts anhaben, die muß es wohl bleiben laſſen, den Faͤhndrich Blos⸗ mington zur Rede zu ſtellen 1w— — Ein unverſchaͤmtes Gelaͤchter, in welches Manche aus der Geſellſchaft einſtimmten, ſchloß dieſe Rede; einige Maͤnner jedoch, die durch Fan⸗ ny' s Ausdruck fuͤr ſie eingenommen wurden, riefen dem Faͤhndrich zu, dem armen Maͤdchen, welches ſo in Angſt ſei, das Kind wieder zu geben. „Schon war Bloo mington bereit dazu, als Sally ſich mit der Drohung zu ihm wandte, ihn nie wieder anzuſehen, wenn er der albernen Gans nachgaͤbe.„Wer kuͤmmert ſich darum, 5b ſie Schelte von ihrer Herrſchaft bekommt oder nicht,“ fuͤgte ſie noch einmal hinzu. ——— „ 49 „Ich, ich,“ rief der kleine Guſtav, indem er vom Arme des Faͤhndrichs ſprang;„ich kuͤm⸗ mere mich darum, und ich will lieber niemals eine Pauke ſehen, als daß Mama boͤſe auf ſie iſt.“ Vergebens verſuchte Sally ihn zuruͤckzu⸗ halten; der Knabe rannte die Stiegen hinunter, faßte Fanny's Hand, und ging im ſtolzen Be⸗ wußtſein eines Helden davon, deſſen Großmuth die aufkeimende Leidenſchaft uͤberwunden hat. Gu⸗ ſtav war in der That ein ſehr gutes Kind; nicht ſobald befand er ſich in der Naͤhe der Mutter, als er ihr die ganze Geſchichte des Abends erzaͤhl⸗ te. Frau Hungerford, entzuͤckt uͤber das Kind, glaubte es nicht beſſer belohnen zu koͤn⸗ nen, als wenn ſie ihre Zufriedenheit mit dem Maͤdchen bezeigte, an welchem der Knabe mit vol⸗ ler, kindlicher Liebe hing. Von dieſem Augen⸗ blicke an wurde Fanny auf eine ganz andere Weiſe im Hauſe behandelt; ſie war bei den Lehr⸗ ſtunden der Kinder gegenwaͤrtig, die ſonſt ſo ſtol⸗ ze Frau betrachtete ſie voͤllig wie eine Freundinn, und verſprach ihr, ſobald ſie noch etwas mehr durch den Unterricht, welcher den Kindern in ih⸗ E. II. 4 rer Gegenwart ertheilt werde, gebildet ſein wuͤr⸗ de, ſie zur Lehrerinn ihrer Kinder zu machen. „Aber, Mama,“ Aief Guſtav, der bei dieſer Rede gegenwaͤrtig war,„Fanny darf doch auch zuweilen mit ihren Bruͤdern ſpatzieren ge⸗ hen? Sie liebt ſie gewiß eben ſo ſehr, als ich meine Schweſtern liebe.“ Es wurde nun erlaubt, daß Fanny jeden Morgen, waͤhrend die Kinder Unterricht im Tan⸗ zen hatten, ausgehen duͤrfe. Auf dieſen Wande⸗ rungen fand ſie zuweilen ihre Bruͤder, und dies wurden die ſuͤßeſten Stunden der Mittheilung fuͤr die ſich ſo ſehr liebenden Geſchwiſter. Die arme Patty konnte ſich aͤhnlicher Er⸗ heiterung der Seele nicht erfreuen, denn ſie war ihrer kranken Herrſchaft ſo nothwendig, daß es ihr durchaus nicht geſtattet wurde, ſich vom Hanſe zu entfernen; ja ſogar alle Geſchaͤfte im Innern des Hausſtandes waren ihr uͤbertragen, weil nie⸗ mand anders es der uͤbelgelaunten Frau nur eini⸗ germaßen recht machen konnte. Selbſt in der Nacht hatte die Arme nicht einmal Ruhe, denn wenigſtens zwei oder dreimal wurde ſie von ihrer Frau geweckt, um nachzuſehen, warum der Hund „ 51 belle, oder die Katze miaue. Schlief ſie dann ermuͤdet gegen Morgen wieder ein, ſo wurde ſie aufs Neue aus dem Schlummer geriſſen, und ihr der Befehl ertheilt, in den Huͤhnerſtall zu gehen, und die Haͤhne am Kraͤhen zu hindern, damit die Gebieterinn noch ſchlafen koͤnne. Wie wenig Schlaf Patty ſelbſt daruͤber zu Theil wurde, daran dachte die durch Krankheit und Laune voͤllig egoiſtiſch gewordene Frau nicht. Manchmal ſiel es ihr wohl ein, wie viel dies Maͤd⸗ chen fuͤr ſie thue, wie keine ſie ſo gut bediene, und in ihren beſten Augenblicken nahm ſie ſich dann vor, ihr in ihrem Teſtamente etwas zu vermachen, denn daß Patty, wie jeder andere, nur durch Eigennutz geleitet, und in Hoffnung auf dies Vermaͤchtniß zeitlebens ihre Sclavinn bleiben werde, hielt ſie fuͤr eine ausgemachte Sache. Doch hierin taͤuſchte ſie ſich. Eines Morgens trat das arme Maͤdchen mit einem ungewoͤhnlich traurigen Geſicht vor ihr Bett; kaum war es ihr moͤglich, die Thraͤnen zu⸗ ruͤckzuhalten. Auf wiederholtes Fragen geſtand ſie nun, daß ſie einen Brief von ihrem Vater habe, der ihr berichte, wie der Bruder Georg 4* 52 ſo gefaͤhrlich krank ſei, daß man keine Hoffnung zu ſeiner Beſſerung habe, und wie ſie um die Erlaubniß bitte, nach Hauſe reiſen zu duͤrfen, um ihn noch einmal zu ſehen. Daran war nun nicht zu denken; Frau Crum⸗ pe hielt es fuͤr eine Unmöglichkeit, ihre Jungfer, wie ſie ſie nannte, zu miſſen. Wer ſollte ihr die Suͤppchen kochen, die Hauben buͤgeln und aufſtecken, und tauſend andere Dinge thun, die ganz unerlaͤßlich nothwendig waren. Patty's Bitten und Vorſtellungen, daß ihre uͤbrigen Bruͤ⸗ der und ihre Schweſter hingingen, um den ar⸗ men Sterbenden noch einmal zu ſehen, und den tiefgebeugten Vater zu troͤſten, waren vergebens, Frau Crumpe wurde zuletzt ſo aufgebracht, daß ſie ihr, im Falle ſie ſie auf einige Tage verlaſ⸗ ſen wolle, den Dienſt aufſagte, und hinzuſetzte: „Nun ſei es mit dem ihr zugedachten Legat im Teſtamente auch vorbei.“ Patty bedauerte, ſie wider ihren Willen in Zorn ſetzen zu muͤſſen, entfernte ſich aber, um zur Thuͤr hinaus zu gehen. Noch einmal rief die aufgebrachte Frau ſie zuruͤck, wiederholte ihr, welch ein Gluck ſie ihr 53 zugedacht hatte, und bat ſie, dies nicht als eine Thoͤrinn von ſich zu ſtoßen.„Oder,“ ſetzte ſie hinzu,„erwartet ſie vielleicht von ihrem Bruder eine reiche Erbſchaft zu thun, ſonſt waͤre es doch wohl nicht moͤglich, daß ſie ſich ſo unklug betra⸗ gen koͤnnte.“— Erſtaunt uͤber dieſe letztere Aeußerung ſtand Patty einige Augenblicke bewegungslos ſtille, und antwortete dann mit ſanftem, aber be⸗ ſtimmten Tone: 1 „Ich erwarte in dieſer Hinſicht nichts von meinem Bruder; er iſt eben ſo arm als ich, aber deshalb liebe ich ihn nicht weniger.“ Noch ehe Frau Crumpe den Sinn dieſer Rede voͤllig faſſen konnte, hatte Patty bereits das Zimmer verlaſſen. Wie verſteinert blieb die Alte einige Minuten in derſelben Stellung auf⸗ recht im Bette ſitzen, die Augen ſtarr auf die Thuͤr gerichtet, aus welcher das Maͤdchen ſich ent⸗ fernt hatte, ohne ſich von ihrem Erſtaunen erholen zu koͤnnen. Eine Menge peinlicher Gedanken druͤckten ihr Gemuͤth nieder. „Wenn ich ſterbend und arm waͤre, wer wuͤrde dann zu mir kommen?“ ſagte ſie ſinnend. 54 „Kein Verwandter wuͤrde ſich um mich bekuͤm⸗ mern, kein Menſch auf der Welt liebt mich, wie dies arme Maͤdchen ihren Bruder liebt, der eben ſo wenig beſitzt als ſie!“— Hier wurden ihre Betrachtungen durch den Trab des Pferdes unterbrochen, w welches mit Patty., unter ihrem Fenſter weg, davon jagte. Frau Crumpe legte ſich aufs Ohr, um noch einmal wieder einzuſchlummern; aber vorbei war es mit aller Ruhe. Sie zog heſtig an die Klingel, zaͤhl⸗ te aus ihrer Boͤrſe zwanzig recht blanke Guineen hervor, und befahl, der Verwalter ſolle augenblick⸗ lich auf bem beſten Pferde aus ihrem Stalle der Jungfer nachreiten, und ihr dieſe Summe anbie⸗ then, wenn ſie ſich entſchloͤſſe zuruͤckzukommen. „Er mag den Handel mit einer Guinee anfan⸗ gen,“ ſetzte ſie hinzu,„und immer fort biethen, bis ſie ſich meinen Wuͤnſchen fuͤgt; denn zuruͤck haben will ich ſie durchaus, und waͤre es auch nur, um mich zn uͤberzeugen, daß ſie eben ſo gut fuͤr Geld zu haben iſt, als jeder andere.“ Der Verwalter, das Geld in der Hand nachzaͤhlend, dachte bei ſich ſelbſt, es ſei doch ein recht thoͤrichter Einfall, die blanken Goldſtuͤcke um 53 einer Laune willen wegzuwerfen. Solche Launen hatte er bei ſeiner Herrſchaft noch nie erlebt; aber vergebens waren ſeine Einwendungen, ſie beſtand auf ihren Willen, und er mußte gehor⸗ chen. Nach zwei Stunden kehrte er zuruͤck, und Frau Crumpe erhielt ihr Geld wieder, zu ihrem nicht geringen Erſtaunen. Der Verwalter ver⸗ ſicherte, Patty habe die blanken Dingerchen nicht einmal eines Blckes gewuͤrdigt. Dies verſetzte die Alte in einen ſo fuͤrchterlichen Anfall von Wuth, den wir nicht zu beſchreiben unternehmen wollen. Drittes Kapitel. 1 — 3 Als Patty ſich nur noch in einer kurzen Entfernung von der Huͤtte befand, worin ihr Vater lebte, kam ihr die treue Hanna entge⸗ gen, welche ſchon den ganzen Morgen in der 56 Gegend auf ſie gewartet hatte; ſo wie ſie ſie aber erblickte, fehlte es ihr an Kraft zu reden. Auch Patty konnte kein Wort hervorbringen; ſtumm druͤckte ſie die Hand der treuen Magd, und ritt langſam neben ihr her. „Wollt ihr nicht ein wenig ſchneller reiten,“ ſtammelte Hanna endlich hervor,„er ruft und ſchreit unaufhoͤrlich nach euch.“ „Er lebt alſo noch!“— rief Patty; und in vollem Galopp ging es nun bis vor die Thuͤr 3 der Huͤtte, wo Ja cob und Franz ihrer harre⸗ ten. Sie halfen ihr vom Pferde, und fuͤhlend wie ſehr ſie zittere, verſuchten ſie es, ſie noch eine Weile in der freien Luft zuruͤckzuhalten, um ihr Zeit zu verſchaffen ſich zu ſammeln; ſie aber rannte an ihnen vorbei, und gerade in das Zim⸗ mer, worin ſich der kranke Bruder befand. Als ſie hineintrat, bemerkte er ſie nicht, denn er lag beſinnungslos da; Fanny, welche mit einem Arm das Haupt des armen Kranken unterſtuͤtzte, reichte die andere Hand der kommenden Schwe⸗ ſter entgegen, die ſich leiſe naͤherte, fragend, ob der Bruder ſchliefe?— 1 „Es iſt kein Schlaf,“ entgegnete dieſe; 57 „doch hoffe ich, daß er ſich bald wieder ein wenig erholen, und ſich deiner Ankunft freuen wird.“ Jetzt erblickte Patty den Vater in einer Ecke des Zimmers auf den Knieen liegend und beten. Ein Sonnenſtrahl, der durch die verſchloſ⸗ ſenen Vorhaͤnge fiel, beleuchtete eben ſein ſilber⸗ graues Haupt, und verbreitete einen hellen Glanz um ihn. Als der Greis die Tochter gewahr wurde, erhob er ſich, und ging ihr mit einem Ausdrucke entgegen, der zeigte, daß der himmliſche Troſt den irdiſchen Schmerz ſchon groͤßtentheils uͤberwunden habe.„Liebes Kind,“ ſagte er, „wir werden ihn verlieren; aber Gottes Wille geſchehe.“— „Ach es iſt noch Hoffnung!“ rief Patty; „ſeht, die Lippen faͤrben ſich aufs Neue, die Augen oͤffnen ſich!— Oh Georg, Georg!— lieber, theurer Bruder, hier iſt deine Schweſter, deine Patty; kennſt du ſie nicht?“— „Patty!— Ja, warum kommt ſie auch nicht zu mir?— Wenn ich nur koͤnnte, ginge ich zu ihr,“ ſagte der Leidende, in fortwaͤhren⸗ der Abweſenheit des Geiſtes.„Schicke ihr doch ein anderes Pferd entgegen, Franz; es ſind 58 ja nur drei Stunden.— Aber aͤngſtige ſie nicht, ſage ihr nicht, daß ich ſo krank bin, auch dem Vater nicht. Laß weder ihn, noch Jacob, noch Franz, noch die huͤbſche Fanny mich ſehen; ſie lieben mich alle zu ſehr.— Nur die arme Patty moͤchte ich vor meinem Tode noch einmal ſehen; aber erſchrecke ſie nicht;— ſage ihr, ich wuͤrde beſſer, ſobald ſie kaͤme.“ Nachdem er ſeinen Phantaſien noch eine Weile in dieſer Art gefolgt war, ſchloß er die Augen wieder, und lag in einem Zuſtande der Be⸗ wußtloſigkeit. Stumm ſtanden Vater und Schwe⸗ ſtern um ihn. Endlich traten die Bruͤder mit einem Geiſtlichen aus der Nachbarſchaft herein, den der Kranke fruͤher begehrt hatte. Dieſer wuͤrdige Mann brachte noch einen geſchickten Arzt mit, der ſich gerade damals in ſeinem Hauſe befand. Sobald dieſer den Kranken ſah, den Puls fuͤhlte, bemerkte er, daß der unwiſſende Apotheker ihm eine, fuͤr ſeinen Zuſtand ganz falſche Arzenei gegeben habe; doch nun kam jede menſchliche Huͤlfe zu ſpaͤt, indeß ließ er kein Mittel unangewandt. Gegen Abend ſchien die Krankheit eine gin⸗ 3 nz de ein in 59 ſtige Wendung zu nehmen; der Patient bekam ſeine Beſinnung wieder, erkannte Vater, Bru⸗ der und ſeine Schweſter Fanny, ſprach ſehr freundlich mit ihnen, und fragte: ob Patty gekommen ſei? Als er ſie erblickte, dankte er ihr auf das Zartlichſte, konnte ſich aber durchaus nicht beſinnen, daß er ihr etwas Beſonderes zu ſagen gehabt habe. „Mein einziger Wunſch war, euch noch alle einmal beiſammen zu ſehen, euch fuͤr alle Liebe zu danken, die ihr mir von Kindesbeinen an er⸗ zeigt habt, und von euch Abſchied zu nehmen, ehe ich ſterbe.— Weint nicht ſo, ihr Lieben!— Der arme Vater iſt am meiſten zu beklagen; aber Jacob und Franz bleiben ihm.¹— Als er des Vaters wieder hervorbrechende Ruͤhrung ſah, die der Alte vergebens zu unter⸗ druͤcken ſtrebte, hielt er mit Reden inne. Er legte beide Haͤnde vor den Kopf, als ob er eine neue Verwirrung ſeiner Sinne fuͤrchte, und bat, den Prediger jetzt vorzulaſſen. Dann nahm er die Haͤnde ſeiner Geſchwiſter in die ſeinigen, zog ſie an ſeine brennenden Lippen, und wandte den —— 60 Blick nach dem Vater, der eben mit dem Ruͤcken gegen ſie gekehrt ſtand. „Ihr verſteht mich,“ ſagte er leiſe,„es wird ihm nie an etwas fehlen, ſo lange Gott euch Geſundheit und Kraͤfte ſchenkt, fuͤr ihn zu arbeiten, und ſeine Stuͤtzen zu ſein. Wenn ich euch auf dieſer Welt nicht wiederſehen ſollte, ihr Theuren, ſo empfangt mein letztes Lebewohl.— Jetzt bittet den Vater, daß er mir ſeinen Segen ertheile!“— „Gott ſegne, ſegne dich, mein theurer, ge⸗ liebter Sohn!— Gott wird gewiß einen ſo gu⸗ ten Sohn ſegnen,“ ſagte der in Schmerz verſun⸗ kene Vater, indem er die Haͤnde auf des Soh⸗ nes ſchon kalte Stirne legte. 5 „Welch ein Troſt im Tode iſt der Segen eines Vaters!“ rief der Kranke.„Moͤge Gott ihn euch alle empfangen laſſen, wenn euer Stuͤnd⸗ lein kommt, ſo wie ich ihn jetzt empfange!“— „Hoffentlich werde ich lange vor ihnen die⸗ ſe Welt verlaſſen,“ ſagte der arme alte Mann, indem er die Stube verließ.„Doch des Herrn Wille geſchehe! Jetzt ſendet den Prediger her⸗ ein.“— 61 Nur kurze Zeit verweilte der Geiſtliche im Zimmer des Kranken; als er zu der Familie zu⸗ ruͤckkehrte, las man in ſeinen Blicken, der Kampf ſei vollendet.— Eine tiefe Stille herrſch⸗ le.— „Troͤſtet euch,“ ſagte der Prediger;„nie verließ wohl ein Menſch die Welt mit reinerem Gewiſſen und ſchoͤneren Hoffnungen fuͤr das kuͤnſtige Leben. Der Gott, der ihn gefuͤhrt hat, ſtehe auch euch in dieſem Augenblicke bei, wo der menſchliche Troſt wenig Eingang bei euch fin⸗ den wird.“— Die ganze Familie blieb noch vereint, um dem Leichenbegaͤngniſſe beizuwohnen. Es fand an einem Sonntag⸗Morgen, vor der Betſtunde, ſtatt. Sobald der Koͤrper der Erde wieder gegeben war, verließen Vater, Bruͤder und Schweſtern den Gottesacker, um ſich den Augen der zur Kirche herbei eilenden Menge zu entziehen. Sie aber richteten ihren Weg heimwaͤrts uͤber das Feld, welches Georg bearbeitet hatte. Hier ſahen ſie uͤberall die Spuren ſeines Fleißes; noch ſteckte der Spaten an der naͤmüchen Stelle, wo er ihn, 1. 62 als er zuletzt zur Arbeit hinausgegangen war, gelaſſen hatte. Noch einige Tage weilten die Kinder beim Vater. An einem dieſer Abende, als ſie alle mit einander in den Feldern ſpatzieren gingen, begann ein dicker Nebel auf einmal niederzufallen; Jacob bat den Vater, nach Hauſe zu eilen, da⸗ mit er ſich nicht aufs Neue erkaͤlten, und der Rheumatismus wieder heftiger werden moͤge. Gerade befanden ſie ſich in einiger Entfernung von der Huͤtte, und Franz, glaubend, er wiſſe einen naͤhern Heimweg, fuͤhrte ſie eine Straße, die ungluͤcklicher Weiſe weit ableitete, und ſie gera⸗ de auf die alte Pachtung zu brachte, auf welcher Bettesworth das neue Haus gebauet hatte. „Lieber Vater, es thut mir wahrlich Leid, euch dieſen Weg gefuͤhrt zu haben,“ rief Franz; „„laßt uns umkehren.“ „Warum, mein Sohn?“ ſagte der Vater ſanft;„ich hoffe, wir alle koͤnnen an dieſen Fel⸗ dern voruͤbergehen, ohne unſers Nachbars Gut zu beneiden.“ Als ſie ſich dem Hauſe naheten, ſtand er 63 einen Augenblick am Thorwege ſtille, um hinein zu ſehen. „Ein huͤbſches Haus„“ ſagte er,„doch ha⸗ be ich nicht noͤthig, irgend einen Menſchen um ein gutes Haus zu beneiden, da ich weit baſſero Dinge beſitze,— gute Kinder.“ Indem er dieſe Worte ſagte, oͤffnete ſich die innere Thuͤre des Hauſes, aus welcher drei oder vier Maͤnner zankend und pruͤgelnd heraus⸗ ſtuͤrzten. Die lauten Stimmen Roberts und Wilhelms ließen ſich bald deutlich unter dem Haufen vernehmen. „Wir haben hier nichts verloren,“ ſagte der alte Mann, ſich zu ſeinen Kindern wendend; „laßt uns weiter gehen.“ Die ſtreitenden Partheien verfolgten ſich mit ſo wüthender Eile, daß ſie bald nahe am Thor⸗ wege waren.„Werft das Thor zu, ihr da draußen, wer ihr auch ſein moͤgt, oder ich ſchlage euch zu Boden, ſobald ich Zeit dazu ha⸗ be!“ ſchrie der ſich wehrende, und am meiſten angefochtene Robert. Der wilde Wilhelm aber lief ihm den Rang ab, und ſtieß das Thor auf; doch indem 64 er hinaus ſchluͤpfen wollte, glitt ſein Fuß aus, und ſein ihn ereilender Bruder griff ihn jetzt beim Kragen, in der fuͤrchterlichſten Wuth ſchreiend:„Gieb mir die Banknoten wieder, du Spitzbube, ſie gehoͤren mir, und ich will ſie wie⸗ der haben, ſo ſehr du dich auch dagegen ſtemmſt.“ „Sie ſind mein, und ich will ſie behalten, ſo laut du auch bloͤcken magſt,“ ſchrie der trunk⸗ ne Wilhelm. „Welch ein Anblick. Bruͤder ſo mit einan⸗ der ringen zu ſehen,“ rief der alte Frankland; „haltet ſie zuruͤck, um Gotteswillen! 2— Franz und Jacob gelang es endlich, ſie von einander zu bringen, obgleich ſie nun fort⸗ ich mit den groͤbſten Worten zu beleidi⸗ fuhren, ſi gen. welcher bitterlich weinend die Haͤnde rang. elch eine Schande bringt ihr uͤber mich koͤnnt ihr es W in meinen alten Tagen,“ rief er;„ mir n ich noch uͤbri Ach, Nachb an!— Mein altes Herz wird bald brechen; Waͤhrend dieſer Zeit kam der Vater dazu, nicht vergoͤnnen, die wenigen Jahre, welche g habe, in Ruhe zu verleben?- ar Frankland, ihr ſeid beſſer dar⸗ —— N —= dieſe ungerathenen Kinder bringen mich in die Grube.“— Hier wurde der Alte durch die haͤrteſten Vorwuͤrfe der Soͤhne, uͤber ſein Betragen gegen ſie, unterbrochen. Sie hatten ſich untereinander und mit dem Vater um eine Summe Geldes geſtritten; er zeihte ſie der Verſchwendung, und ſie ihn des ſchmutzigſten Geizes. Frankland, innerlich empoͤrt uͤber dieſen Auftritt, bat ſie, we⸗ nigſtens ins Haus hineinzugehen, und ſich nicht ſo auf oͤffentlicher Landſtraße herumzubalgen, vorzuͤglich da ſie jetzt vornehme Leute waͤren. Ihre Leidenſchaf⸗ ten aber waren zu aufgeregt, als daß ſie auf ſeine Vorſtellungen haͤtten hoͤren koͤnnen, und das Wort vornehm war nicht im Stande, ihnen weder gute Grundſaͤtze, noch feine Sitten, zu verleihen, welche nur durch zweckmaͤßige Erziehung erwor⸗ ben werden koͤnnen. Sehend, daß ſeine Ermah⸗ nungen keinen Eingang fanden, hielt Frank⸗ land es endlich fuͤr das Zweckmaͤßigſte ſich zu entfernen, und zu ſeiner friedlichen Huͤtte zuruͤ ck zu kehren. „Kinder!“ ſprach er zu den Seinen, als ſich alle zum einfachen Mahle verſammelt hatten,„wir E. I. 5 66 ſind zwar arm, aber gluͤcklich durch einander. Hatte ich nicht recht, als ich ſagte, ich brauche den Nachbar nicht wegen des ſchoͤnen Hauſes zu be⸗ neiden?— Welches Mißgeſchick der Herr auch uͤber mich verhaͤngt, ſo habe ich gute Kinder, und das iſt ein Segen, den ich mit keiner Herrlichkeit der Welt vertauſchen moͤchte. Gott erhalte euch mir!— Hier ſeufßte er tief, ſetzte aber bald hinzu:„es iſt zwar ſehr traurig, an einen guten Sohn zu denken, der todt iſt; aber es iſt weit ſchlimmer, an einen ſchlechten zu denken, der lebt. Dies Ungluͤck kann ich nie erfahren. Aber, ihr lieben Soͤhne und Toͤchter,“ fuhr er fort, indem er den Ton etwas umſtimmte,„ſo muͤſſig koͤnnen wir doch nicht lange bei einander leben. Ihr ſeid, Gott⸗ lob! zum Faullenzen nicht reich genug, und wohl euch deshalb. Morgen muͤßt ihr alle wieder an eure Geſchaͤfte zuruͤckkehren.“ „Wer von uns aber, Vater,“ riefen ſie alle zugleich,„ſoll bei euch bleiben?“— „Keine,“ entgegnete er.„Es geht euch allen gut in der Welt, und ich will euch nicht an eurem Fortkommen hindern.“ 8 87 Patty bewies nun, daß ſie das naͤchſte Recht habe bei dem Vater zu bleiben, indem ſie erzaͤhlte, was beim Abſchiede zwiſchen ihr und ih⸗ rer Herrſchaft vorgefallen ſei; aber nichts vermoch⸗ te den Alten, in ihr Begehren zu willigen. Endlich rief Franz:„wie iſt es denn möglich, daß ihr der kleinen Pachtung allein vorſtehen koͤnnt; entweder der Bruder oder ich muͤſſen euch helfen. Denkt, wenn ihr wieder von einem An⸗ falle der Gicht befallen wuͤrdet!“— Der Alte ſchwieg einen Augenblick, und erwie⸗ derte dann:„Die gute Hanna wird mich pfle⸗ gen, wenn ich krank werde; ſo viel, um ihren Lohn zu bezahlen, beſitze ich noch, und will meinen Kindern nicht zur Laſt fallen. Dieſe Pachtung verlaſſe ich,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu,„denn der wuͤrde ich freilich mit meinem lahmen rechten Arm ſchlecht vorſtehen. Pachter Hewit, von dem ich ſie habe, iſt ein redlicher Mann, er hat mir ſogar angeboten, mich in dieſer Huͤtte um⸗ ſonſt wohnen zu laſſen; aber darein kann ich nicht willigen.“ „Wohin wollt ihr denn?“— fragten bei⸗ de Soͤhne. 2. 68 4 „Der Geiſtliche, welcher mich geſtern beſuch⸗ te, hat mir eine Wohnung ausgemacht, die we⸗ der ihn noch mich etwas koſtet, und wo ich mei⸗ nen beiden Soͤhnen recht nahe ſein werde.“ „Aber Vater,“ unterbrach ihn Franz,„es ſcheint mir doch aus euren Reden, als wenn et⸗ was bei der neuen Wohnung waͤre, das euch nicht anſtaͤnde.“ „Du haſt nicht ganz unrecht, lieber Sohn; aber das iſt Fehler meines Stolzes und meiner alten Vorurtheile, die immer in meinen Jahren ſchwer zu uͤberwinden ſind. Es iſt wahr, der Gedanke in ein Armenhaus zu gehen, iſt mir noch nicht ganz gelaͤufig.“— „In ein Armenhaus!“— riefen alle Kin⸗ der mit dem Tone des Entſetzens.—„Nein, Vater, das duͤrft, das muͤßt ihr nicht thun!“— Die Kinder, durch dieſen Gedanken erſchreckt, erboten ſich, alles was ſie beſaͤßen zuſammen zu legen, und die Miethe der Huͤtte zu bezahlen; aber Frankland wußte, daß er durch dies Geld den Kindern alles nehmen wuͤrde, was ſie beſaͤßen; das wollte er nicht, und antwortete alſo mit Thraͤnen in den Augen: 2 69 „Ihr Lieben, ich danke euch fuͤr euer freund⸗ liches Anerbiethen; aber ich kann es nicht anneh⸗ men. Da ich nicht laͤnger im Stande bin mich ſelbſt zu erhalteu, will ich nicht aus falſchem Stolz meine Kinder zu Grunde richten. Ich will ihnen nicht zur Laſt ſein, und mag lieber auf Koſten des Staats, als auf Unkoſten irgend eines Reichen leben, der mir von ſeinem Ueber⸗ fluſſe zuwuͤrfe. Der Entſchluß hat mich anfangs viel gekoſtet; aber nichts ſoll ihn nun wanken machen. Ich bin entſchloſſen, in dem Armenhau⸗ ſe zu Monmouth zu leben. Hoͤrt mich ruhig an, Kinder!— ich will dort ein Jahr leben, ohne eins von euch zu ſehen, wofern ich nicht krank werden ſollte, und befehle euch ſogar, waͤh⸗ rend dieſer Zeit keinen Verſuch zu machen, mich zu ſehen. Wenn ihr dann bis dahin im Stan⸗ de feid mich zu erhalten, ohne euch ſelbſt zu wehe zu thun, will ich von Herzen gern den Reſt meiner noch uͤbrigen Tage mich von eaich ernaͤhren laſſen.“ Als die Kinder fahen, daß nichts ſeinen Ent⸗ ſchluß koͤnne wanken machen, verſicherten ſie, daß ſie bald im Stande ſeyn wuͤrden, fuͤr ſeine Beduͤrfniſſe 70 zu ſorgen, und baten ihn nur dies thun zu duͤrfen, ſobald es irgend in ihrer Macht ſtehe. Er aber blieb bei ſeinem erſten Ausſpruche, und forder⸗ te das feierliche Verſprechen von ihnen, ſeinen Be⸗ fehlen zu gehorchen, und keinen Verſuch zu machen, ihn binnen Jahresfriſt zu ſehen, wenn er fie nicht ſelbſt rufen ließe. Nun nahm er den zaͤrtlichſten Abſchied von ihnen.„Ich weiß,“ ſetzte er hin⸗ zu,„wie ich euch nun allen den ſtaͤrkſten Sporn zum Fleiße und zur guten Auffuͤhrung gegeben habe. Heute uͤbers Jahr ſehen wir uns wieder, und ich hoffe, das Wiederſehen ſoll ſo froͤhlich ſein, als der Abſchied traurig iſt.“— Nur mit vieler Muͤhe erhielten die Kinder die Erlaubniß⸗ ihn nach ſeinem kuͤnftigen Aufenthalte begleiten zu duͤrfen. Das Armenhaus in Mon mouth zeichnet ſich durch ſeine Einrichtung vor vielen ſeines Glei⸗ chen aus; die Wohnungen darin ſind durchaus reinlich und bequem eingerichtet, und bilden eine Reihe kleiner, nebeneinanderſtehender Huͤtten. Hinter jeder derſelben befindet ſich ein kleiner artiger Garten, mit vielen Johannisbeeren, Stachelbeeren und Land zu Gemuͤſe. Dieſen Garten bearbeiten die alten Leute ſelbſt, und jedes Mitglied iſt mit dem noͤthigen Hausgeraͤth hinlaͤnglich verſehen, ſo daß nie ein kleinlicher Streit uͤber Eigenthum ſtatt finden kann, der ſonſt wohl durch die Gemeinſchaft der Guͤter in ſolchen Anſtalten herrſcht, und oft den Arie den ſtoͤrt. „Ihr ſeht,“ ſagte der alte Frankland, indem er auf die Reihe des blanken zinnernen Geräthesſſgfigte, welches auf dem reinlichen Brett in ſeiner kleinen Kuͤche ſtand,„ihr ſeht, es fehlt mir hier an nichts. Ich bin wahrhaftig nicht ſehr zu beklagen.“— Die Kinder ſtanden ſtumm und niedergeſchla⸗ gen da, waͤhrend der Alte ſich in die im Armen⸗ hauſe uͤbliche Tracht kleidete. Ehe ſie ſchieden, gaben ſie ſich alle das Verſprechen, heute uͤbers Jahr wieder an dem naͤmlichen Orte einzutreffen, und den Erwerb des Jahres mitzubringen; ſie hofften, daß durch ihre vereinte Anſtreugung dieſe Summe hinreichend ſein wuͤrde, den Vater wieder in eine unabhaͤngige Lage zu verſetzen. Mit dieſen Hoffnungen trennten ſie ſich, und jedes kehrte nun zu ſeiner Beſtimmung zuruͤck. — 72 Viertes Kapitel,. Patty begab ſich zur Frau Crumpe, um ihre Kleidungsſtuͤcke, die ſie dort gelaſſen hatte, 1 abzuholen, und einige Monate ruͤckſtaͤndigen Loh⸗ nes einzuforden. Nachdem was aunter ihnen vorgefallen war, hegte ſie keinen Gehunken, laͤn⸗ ger in ihrem Hauſe zu bleiben, und hatte ſich bereits nach einer andern Stelle in Monmouth umgeſehen, die, wie ſie glaubte, ihren Wuͤnſchen in jeder Hinſicht entſprechen wuͤrde. Die erſte Perſon, welche ihr entgegen trat, war Martha, die eigentliche Haushaͤlterinn, die ihr mit einem heuchleriſchen Laͤcheln zurief;„Bö⸗ ſe Nachrichten, boͤſe Nachrichten, Jungfer Patty! Die Wuth, in welche die Herrſchaft durch ihr ſchnelles Fortgehen verſetzt wurde, hat uͤble Folgen gehabt; ſchon in der nächſten Nacht bekam ſie ei⸗ nen Schlagfluß, und hat faſt kein Wort ſeitdem geſprochen.“ 1 „Nehmen ſie es ſich nur nicht ſo zu Herzen,“ . 1 73 ſagte Lieschen, das Hausmaͤdchen, welche viel von Patty hielt;„ſie konnten doch wahrlich nicht umhin, zu dem kranken Bruder zu gehen. Die Herrſchaft hatte ſchon mehrere Monate vor ihrer Ankunft einen aͤhnlichen Anfall, und wuͤrde dieſen zweiten auch ohne den Airger mit ihnen bekommen haben.“ Hier wurde das Geſpraͤch durch ein heftiges Klingeln unterbrochen. Die Kranke befand ſich im anſtoßenden Zimmer, und da ſie mehrere Stimmen hoͤrte, ſtieg ihre Ungeduld, zu wiſſen, wer es ſei. Indem die Thuͤre geoͤffnet wurde, hoͤrte Patty die Haushaͤlterinn ſagen:„Es iſt Jungfer Frankland, die ihre Kleider und ihren Lohn abholen will.“ „Und es quaͤlt ſie ſehr zu hoͤren, daß ſe ſo krank ſind,“ fiel Lieschen ein, der Martha ſchnell folgend. „Laßt ſie ſogleich hereinkommen!“ rief Frau Crumpe, in einem viel deutlicheren Tone, als ſie ſeit der ganzen Krankheit hatte vernehmen laſſen. „Was quaͤlt dich denn ſo, mein Kind?“ ſagte ſie, ſobald ſie Patty erblickte, der man, 74 obgleich ſie nicht im Stande war zu antworten, deutlich ihren Kummer anſah. „Ich ſehe wohl, du quaͤlſt dich um meinet⸗ willen,“ fuhr ſie fort, ihr die Hand entgegen reichend, und ſie beim Kleide ergreifend.„Nun, du gehſt mir auch nahe, und ſollſt, wenn ich ſterbe, ein viel ſchoͤneres Trauerkleid haben, als du jetzt traͤgſt.— Doch, ich weiß, darum kuͤmmerſt du dich nicht, und eben deshalb habe ich dich lieber, als alle Uebrigen. Kemm, bleibe bei mir, und pflege mich; du pflegſt mich wie ich es haben mag, und kannſt unmoͤglich von mir gehen, wenn ich dich bitte zu bleiben.“ Ohne Grauſamkeit haͤtte Patty dies Geſuch nicht ablehnen koͤnnen; ſie blieb alſo, und ward ihrer Herrſchaft auf fs Neue ſo unentbehrlich, daß dieſe keinen Augenblick ohne ſie ſein konnte. Nur von Patty nahm ſie Nahrung oder Arze⸗ nei an; nur mit ihr ſprach ſie. Die neue An⸗ ſtrengung, welcher das arme Maͤdchen ſich aber durch die Pflege bei Tage und bei Nacht unterzog, haͤtte wohl die Geſundheit einer voͤllig kraͤftigen Perſon untergraben koͤnnen; ſie ertrug ſie indeß, 75 und fuͤhlte ſich gluͤcklich in dem Bewußtſein, ihre Pflicht zu erfüllen. Koͤrperliche Anſtrengungen waren nicht das Einzige, womit ſie zu kaͤmpfen hatte; ein anderer Feind ſtand ihr auch noch entgegen. Jungfer Martha ward eiferſuͤchtig uͤber die Gunſt der alten Dame, und warf mit vielen Stachelreden, von Erbſchleichern und dergleichen, um ſich. Anfangs ließ Patty dies alles ſcheinbar unbe⸗ achtet an ſich voruͤbergehen, bald aber ſollte ſie noch von mehreren Seiten angegriffen werden. Jungfer Martha hatte den habſfuͤchtigen Verwandten der Frau Crumpe genauen Be⸗ richt von der Gefahr abgeſtattet, in welcher der Nachlaß der Frau Muhme durch die Anweſenheit der Erbſchleicherinn ſtehe. Die beiden naͤchſten Er⸗ ben beſtanden in einem Kaufmann Crumpe in Liverpool, und dem ſchon fruͤher erwaͤhnten Faͤhndrich Bloomington. Leterer, gleichfalls zum Handelsſtand erzogen, hatte ſich nie zur an⸗ haltenden Arbeit bequemen koͤnnen, lief vom Comtoir weg, und begab ſich unter die Soldaten. Die alte Tante war oft ſehr aufgebracht uͤber den faulen, verſchwenderiſchen Jungen, bald 76 verzog ſie ihn, ſtreckte ihm große Summen vor, dann verbot ſie ihm wieder, ihr vors Angeſicht zu treten, und drohete mit Enterbung. So hat⸗ te die letzte Weiſung von ihr gelautet; aber Bloomington glaubend, er koͤnne ſich leicht wieder in ihre Gunſt ſetzen, beſchloß ſich mit Gewalt bei ihr einzudraͤngen. Frau Crumpe ſchlug es beſtimmt ab, ihn zu ſehen; am ſolgenden Tage wagte er ſich indeß mit einer Verſtaͤrkung wieder dahin, auf welche Patty durchaus nicht vorbercitet war. Fraͤulein Sally Bettes⸗ worth begleitete ihn naͤmlich, angethan mit ei⸗ nem Reitkleide von der Farbe ſeiner Regiments⸗ Uniform. Jeſſy zwar war fruͤher der Gegen⸗ ſtand ſeiner Artigkeiten geweſen, doch da ſie hoſſ⸗ te, einen reicheren Liebhaber in ihr Netz zu zie⸗ hen, ließ ſie dieſen fahren, der von der heiraths⸗ luſtigen Sally mit beiden Haͤnden wieder auf⸗ genommen wurde. Patty, gaͤnzlich unbekannt mit allen die⸗ ſen Geſchichten, ging unbefangen in das Sprach⸗ zimmer, als man einen Herrn und eine Dame meldete, die mit ihr zu reden begehrten. Kaum aber war ſie eingetreten, als Sally ſie mit ei⸗ 77 nem Strom von Schimpfreden uͤberhaͤufte, ihr Schuld gab, ihren baldigen Ehegemahl, unter welchem Titel ſie den anweſenden Faͤhndrich vor⸗ ſtellte, von ſeiner naͤchſten Verwandtinn, aus hin⸗ terliſtigen Abſichten, zuruͤckzuhalten, und ihr dro⸗ hete, die Geſetze zu Huͤlfe zu rufen, wenn ſie ihn nicht alſobald vor ſeiner Tante erſcheinen ließe. Patty verſichernd, daß ſie den Sinn ihrer Rede zwar nicht verſtehe; aber keineswegs Ur⸗ ſache der abſchlaͤgigen Antwort ſei, bezeichnete das Zimmer der Frau, wohin ſie keinen Ver⸗ wandten hindern koͤnne zu gehen, nur baͤte ſie zu bedenken, wie ein Schreck, oder Aerger, in der gegenwaͤrtigen Lage, der Frau Crumpe leicht ꝛeinen ploͤtzlichen Tod herbeifuͤhren koͤnne. Waͤhrend dieſer Zeit hatte Jungfer Mar⸗ tha, unter Seufzen und Achſelzucken, Wein und Kuchen herbeigebracht, und indem das ſaubre Paar noch im Fenſter ſtand, um uͤber den wei⸗ teren Belagerungs⸗Plan mit einander zu delibe⸗ riren, hoͤrte man einen Wagen auf den Hof fahren, der ganz von lieben Verwandten ange⸗ fuͤllt war, die auf das Laͤrm⸗Geſchrei der Jung⸗ ſfer Martha herbeieilten, um die Erbſchaft 78 aus den unrechten Haͤnden zu retten. Nur Herr Crumpe aus Liverpool befand ſich nicht bei der Geſellſchaft. Ungluͤcklicher Weiſe aber waren alle die, welche aus der Kutſche heraus ſtiegen und kro⸗ chen, geſchworne Feinde des Fäͤhndrichs, die den heftigſten Zorn empfanden, als ſie ihn am Fen⸗ ſter ſtehen ſahen. Glaubend, Patty habe ihn ſchon hineingebracht, um ihm einen Vortheil zu verſchaffen, und ſie auszuſchließen, rannten ſie wuͤthend an dem armen Maͤdchen vorbei, welches ſich im Vorſaale befand, und ſchrien uͤber Jung⸗ fer Martha, welche ſie ſchnell in ein anderes Zimmer fuͤhrte, und ihnen dahin folgte.— „Die ſpielt uns auch einen Streich,“ rief Sally, ganz aufgeblaſen von Wuth;„ſagte ich es ihnen nicht immer, ſie ſollten der Martha nicht trauen, fondern niemand als mir?— Selbſt iſt der Mann!— So habe ich ihnen den Weg gebahnt, ſie hierher gebracht, und nun wagt der Kriegs⸗ mann nicht, die Feſtung zu erſtuͤrmen. Marſch! Vorwaͤrts!— damit ſie den andern den Rang ablaufen; wer zuerſt kommt, mahlt zuerſt!“— — ⁸8$⏑— 79 Jekzt zog Frau Crumpe heftig an die Klingel, und Patty eilte zu ihr. „Schon eine Viertelſtunde liege ich hier und klingele,“ ſagte ſie zu der Eintretenden.„Was bedeutet der Laͤrmen unten im Hauſe?“— „Es ſind ihre Verwandten, welche ſie zu ſehen begehren; ich hoffe ſie ſchlagen es ihnen nicht ab, da ſie es ſo dringend zu wuͤnſchen ſcheinen.“ „Sie wuͤnſchen dringend, mich todt und be⸗ graben zu ſehen; im Uebrigen macht ſich keiner etwas aus mir. Sage ihnen, ich haͤtte mein Teſtament gemacht, und dies wuͤrden ſie zeitig genug erblicken. Ich will keinen von ihnen ſehen.“—. Unterdeß waren ſie aber alle ſchon vor der Thuͤre der Krankenſtube angelangt, und ſtritten und ſchoben ſich nur, wer zuerſt hinein ſollte. Deutlich vernahm man Sally's laute Stim⸗ me, die, als zukuͤnftige Gattinn des Faͤhndrichs, ihr Recht mit der Zunge und dem Ellenbogen geltend machte. „Sage ihnen, wer ſich unterſteht zuerſt einzutreten, ſoll nie einen Heller von meinem 80 Vermoͤgen zu ſehen bekommen,“ rief Frau Crumpe. So wie Patty die Thuͤre leiſe oͤffnete, waren die ſtreitenden Partheien einen Augenblick ruhig. „Wollen ſie die Guͤte haben, erſt zu hoͤren was meine Herrſchaft ſagt,“ ſtammelte Patty; doch ſich ſchnell umwendend, ſetzte ſie hinzu: „Haben ſie die Gnade, liebe Frau Crumpe, es ſelbſt zu wiederholen, denn der Verdacht, meiner Herrſchaft falſche Worte in den Mund zu legen, um ihre Verwandten von ihr zu entfernen, iſt mir zu hart.“ „Der Erſte, welcher ſich unterſteht hier in mein Zimmer zu dringen,“ rief Frau Crumpe mit ſo lauter Stimme, als es ihr ihre Kraͤfte nur geſtatteten,„der Erſte, ſage ich, welcher her⸗ eindringt, ſoll nie einen Heller von meinem Ver⸗ moͤgen zu ſehen bekommen, und ſo weiter der Folgende, und der Folgende; mit einem Worte, ich will Niemand ſehen!“— Keiner wagte es hineinzutreten; ihre unbe⸗ — ſchreibliche Begierde, ſich perſoͤnlich von ihrem Befinden zu uͤberzeugen, ſchwand auf einmal. — 31 Beide Partheien zogen nach zwei verſchiedenen Zimmern ab, und kamen in nichts uͤberein, als Patty zu ſtuͤrzen. Sie verlangten Papier, Fe⸗ der und Dinte, und theilten ſchriftlich mit, was ſie zu ſagen wuͤnſchten. Patty mußte ſelbſt Ueberdringerinn der Zettel ſein, denn Martha huͤtete ſich wohl, das ihr beſtimmte Legat zu verlieren, indem ſie den Zorn der Hereſchaft rege mache. Nur ſchwer verſtand ſich Frau Crumpe dazu, die Bittſchriften zu leſen. Endlich rief ſie aus:„Laß ſie alle herauf kommen, alle; jetzt be⸗ ſtehe ich darauf!“— Augenblicklich befanden ſie ſich alle im Zim⸗ mer, auſſer Sally, die auf des Faͤhndrichs dringende Vorſtellungen unten geblieben war. Patty wollte ſich zuruͤckziehen; aber ihre Herr⸗ ſchaft gab ihr einen Schluͤſſel, und befahl ihr, ein im Zimmer ſtehendes Schreibpult zu oͤffnen. Sie gehorchte. „Gieb mir das Packet, welches mit rothem Baͤndchen zugebunden, und mit drei Siegeln verſehen iſt,“ ſagte Frau Crumpe. Aller Augen wandten ſich unverzuͤglich dar⸗ auf, denn es war ein Teſtament. E. nI. 5 32 Sie erbrach die Siegel, loͤſte das Band auf, oͤffnete das Pergament, und ohne ein Wort zu ſagen, riß ſie es erſt mitten durch, und es dann noch in unzaͤhlige kleine Stuͤcke, ſo daß nichts vom Geſchriebenen mehr zu leſen war. Die Zuſchauer blickten einander mit banger Furcht an⸗ „Ja, ihr moͤgt ausſehen wie ihr wollt,“ erhob Frau Crumpe die Stimme;„noch lebe h, und bin Gottlob! bei vollem Verſtande, und das Vermoͤgen iſt mein, ich kann damit ſchal⸗ ten und walten nach Belieben. Ihr waret in dieſem Teſtamente alle recht artig bedacht; aber die Zeit wurde euch zu lang, ihr konntet nicht warten, bis ich unter der Erde war; nein, ihr fliegt jetzt ſchon um mich herum, wie die hungri⸗ gen Raben. Noch iſt es ſo weit nicht; der Athem iſt mir noch nicht ausgegangen; und wenn das nun der Fall wird, ſo ſoll ſich keiger von euch dadurch um einen Heller beſſer ſtehen. Das Vermoͤgen gehoͤrt mir; morgen mache ich ein neues Teſtament.— So, nun habe ich euch mei⸗ ne Meinung geſagt!“— Weder Demuͤthigungen, Schmeicheleien, noch 83 Vorwuͤrfe konnten Frau Crumpe bewegen, ihren Entſchluß umzuaͤndern; die in allen ſtolzen Hoff⸗ nungen getaͤuſchten, und aufs Aeußerſte entruͤſte⸗ ten Gaͤſte waren endlich gezwungen, das Haus zu verlaſſen, doch nicht ohne der armen Patty, welche ſie als heimliche Urſache alles dieſes Unheils anſahen, die ſchrecklichſte Rache zu ſchwoͤren. Sobald ſie fort waren, ſchlich ſich das arme Maͤdchen auf eine Dachkammer, wo ſie von Nie⸗ manden bemerkt zu werden glaubte, ſetzte ſich dort auf eine alte Kiſte hin, und weinte bitterlich. Ihr. Herz war ſo zuſammengepreßt uͤber dieſe laͤrmende Scene, daß ſie ihm auf irgend eine Weiſe Luft machen mußte.„Ach,“ ſagte ſie,„es iſt nicht Reichthum, welcher die Menſchen gluͤck⸗ lich macht. Meine arme Herrſchaft hauft Schaͤtze auf Schaͤtze, und niemand in der Welt liebt ſie, ſondern jeder wuͤnſcht ihr Ende.— So liegt ſie da, vielleicht auf ihrem Todbette, geplagt und betrogen duͤrch ihre naͤchſten Verwandten!— Ach, theurer Bruder, wie ganz anders war es mit dir!“— Hier wurden Patty's Selbſtbetrachtungen durch Jungfer Martha's Eintritt unterbrochen, 6* 6 zie mit einer heuchleriſchen Miene ſich zu ihr auf das andere Ende der Kiſte ſetzte, und uͤber das eben Vorgefallene zu ſprechen begann. Sie tadelte die ganze Verwandtſchaft, die doch mit Gewalt nichts verlangen koͤnne, ſetzte hinzu, wie 3 ſie hoͤre, ſei Frau Crumpe geſonnen ein ganz neues Teſtament zu machen, worin die Jungfer Patty gewiß anſehnlich werde bedacht werden, und empfahl ſich ihrer gänſtigen Fuͤrſprache mit vielen glatten Worten. Patty, welcher dieſe Heuchelei a anekelte, erwiederte, daß ſie nichts mit dem Teſtamente ih⸗ rer Herrſchaft zu thun habe, die nach eigener Willkuͤhr mit dem Gelde ſchalten koͤnne. Jedoch irrte die Haushaͤlterinn ſich nicht in ihren ſchlauen Vorausſetzungen. Als Frau Crumpe am naͤchſten Morgen Arzenei von Patty verlangte, ſagte ſie ſehr freundlich zu ihr:„Bitte den Himmel, Kind, daß ich wenig ſtens noch das Ende dieſes Tages erlebe, denn dann wirſt du eins der reichſten Maͤdchen in der ganzen Grafſchaft ſein. Gehe ſelbſt nach Momw mouth, und hole mir den geſchickten Advoca ten, bei dem dein Bruder iſt, um mir ein neu es Teſtament aufzuſetzen; ſage aber keinem mei⸗ ner Verwandten ein Wort davon, ſonſt moͤchten ſie dich in Stuͤcke reißen. Ich will ihnen zeigen, daß ich mit meinem Gelde thun kann, was mir beliebt, und das iſt die einzige Freude, die es mir noch vor meinem Tode gewaͤhren kann; der Himmel weiß, wie oft es mich mein ganzes Le⸗ ben hindurch geplagt hat!— Aber nun, ehe ich die Augen ſchließe——— „Liebe Frau Crumpe,“ unterbrach Patty ſie hier,„ſie koͤnnen vielleicht noch lange leben, denn ich habe ſie lange nicht ſo klar und deutlich reden hoͤren, als geſtern und heute. Ich wuͤnſche ihnen herzlich laͤngeres Leben, und Ausſoͤhnung mit allen ihren Verwandten, die es doch am Ende gewiß bereuen, ſie ſo beleidigt zu haben.“—. „Das Maͤdchen iſt eine Naͤrrinn!“— rief Frau Crumpe.„Kind, verſtehſt du mich denn nicht?— Mich duͤnkt, ich rede doch ſehr deutlich; mein Wille iſt, dir mein ganzes Ver⸗ moͤgen zu hinterlaſſen. Nun, warum ſiehſt du denn ſo bei der Naſe nieder?“— Warum freurſt du dich nicht? 86 „Weil ich wirklich keinen Wunſch habe, ir⸗ gend Jemand im Wege zu ſtehen, und um keinen Preis einen eigennuͤtzigen Vortheil aus dem Zwi⸗ ſte mit ihren Verwandten ziehen moͤchte. Ich kann ohne großes Vermoͤgen leben, wie ich es bisher gethan habe, aber nie, ohne mir die gute Meinung meines alten Vaters, meiner Bruͤder und Schweſter zu erhalten, die ich verlieren wuͤrde, wenn ich mich, auch nur dem Anſcheine nach, eines ſolchen Schrittes ſchuldig machte.— Nun, liebe Frau, habe ich ihnen die wahre Mei⸗ nung meines Herzens geſagt, und danke ihnen von ganzer Seele fuͤr die Guͤte, welche ſie mi zugedacht hatten.“ Bei dieſen Worten mußte Patty ſich vor 4 innerlicher Bewegung abwenden. „Du biſt ein ganz ſonderbares Maͤdchen,“ ſagte Frau Crumpe.„Ich wuͤrde ſo etwas nicht geglaubt haben, wenn Jemand es mir zu⸗ geſchworen haͤtte— den Augenblick geh zum Ad⸗ vocaten; ich will meinen Willen haben!“— Als Patty bei Herrn Barlow ankam, fragte ſie vergebens nach ihrem Bruder Franz, den ſie zu Rathe zu ziehen wuͤnſchte; er war aus⸗ — 87 gegangen. Nun mußte ſie ſich alſo an Herrn Barlow ſelbſt wenden, dem ſie ihr Anliegen mit der groͤßten Aufrichtigkeit vortrug.„Gewiß, lieber Herr, fuͤgte ſie hinzu„es waͤre mir ein wahrer Dienſt, wenn ſie ſich gleich zu meiner Herrſchaft begaͤben, denn ihren Rath wird ſie hoͤren, und gewiß ihren Verwandten dann nicht Unrecht thun. Ich mag von ihrem Gelde nichts anders, als was mir fuͤr meine Dienſte zukommt, und da ich weiß, daß dies meine wahre Herzens⸗ meinung iſt, kann ich der ganzen Sippſchaft gern allen ihren Verdacht in Hinſicht meiner verge⸗ ben, der doch nur auf Irrthum beruht.“ Waͤhrend Patty ſich auf dieſe Weiſe mit Herrn Barlow unterhielt, ſchien ein Mann in deſſen Schreibſtube eifrig mit Durchſicht mehrerer Papiere beſchaͤftigt, von denen er ſich indeſſen oft wegwandte, um die Sprecherinn zu hoͤren. Endlich ging er zu einem Schreiber, fragte wer die Perſon ſei, und wandte ſich dann wieder zu ſeinen Papieren, ohne weiter ein Wort zu ſagen. Dieſer Mann war der ſchon oben erwaͤhnte Herr Crumpe aus Liverpool, der nach Monmouth kam, um ſich nach der Lage der 88 Dinge im Hauſe ſeiner Muhme naͤher zu erkun⸗ digen. Barlow hatte kuͤrzlich eine Rechtsſache fuͤr ihn gewonnen, und dieſe Papiere beſchaͤftigten ihn eben. Patty's uneigennuͤtzige Erklaͤrungen ſielen ihm auf, doch ſchwieg er ſtill, damit ſie ſeine nahe Verbindung mit der Erbſchaft nicht ahnen ſolle, und er ihr alſo ſpaͤter um deſto mehr Gerechtigkeit wiederfahren laſſen koͤnne. Er gehoͤrte keineswegs zu den Raben, die ſchon bei lebendigem Leibe um die Frau Muhme her⸗ umflatterten, ihren Tod vorherwitternd; eigner Fleiß und Geſchicklichkeit hatten ihn vermoͤgend und unabhaͤngig gemacht. So wie Patty fort war, erklaͤrte er, daß es durchaus nicht ſeine Art ſei, vor irgend einem Manne oder Weibe auf der Welt herumzukriechen und zu ſchmeicheln, um ſein Vermoͤgen zu vergroͤßern, ſelbſt vor ſeiner eigenen Frau Muhme nicht, die ſeinethalben noch viele Jahre leben moͤge. Wolle ſie ihm nach ihrem Tode etwas hinterlaſſen, ſo ſei es gut, wolle ſie es nicht, ſo ſei es vielleicht noch beſſer. 4 So geſinnt, hielt Herr Crumpe es nicht noͤthig, unter jetzigen Umſtaͤnden zu ſeiner 89 Muhme zu gehen, um ihr auch nur ſcheinbar den Hof zu machen.„Doch habe ich hier einige eingemachte Suͤßigkeiten aus Weſtindien,“ ſagte er zu Barlow;„ſie gab mir Zuckerwerk, als ich noch ein Schulknabe war, und ich weiß, daß ihr der Zahn fuͤr Leckerbiſſen im Alter noch nicht ausgefallen iſt, denn ſie bat mich vor einem Jahre, ihr welche zu verſchaffen; indeß der Styl des Briefes geſiel mir nicht, und ich fuͤhrte ih⸗ ren Auftrag nicht aus, weshalb ich wohl zu ta⸗ deln bin, denn ſie iſt eine arme kranke Perſon, mit der man Geduld haben ſollte. Nehmen ſie ihr die Leckereien mit; aber laſſen ſie ſie um des Himmelswillen keine Ahnung bekommen, von wem ſie ſind, bis das Teſtament gemacht iſt. Ich will ſie nicht beſtechen, um ihre Geldſaͤcke zu haben, denn Gott und meinem Fleiße danke ich es, daß ich ohnedieß in der Welt genug beſitze.“ Herr Barlow begab ſich unverzuͤglich zu— Frau Crumpe. Da drei Zeugen bei dem Te⸗ ſtamente noͤthig waren, und auf ſeine Erkundi⸗ gung ſich nur zwei maͤnnliche Bedienten im Hauſe befanden, trug er ſeinem aͤlteſten Schrei⸗ ber auf, ihn zu begleiten. Dieſer, Namens Ma⸗ 3 90 ſon, ein ſehr treuer Freund von Franz, hatte den Bruder oft mit außerordentlicher Waͤrme von der Schweſter reden hoͤren, und war alſo ſchon zum Voraus guͤnſtig fuͤr ſie eingenommen. Die Art und Weiſe, wie ſie ſich in ſeiner Gegenwart erklaͤrt hatte, geſiel ihm ungemein, denn er ſelbſt beſaß einen offnen, großmuͤthigen Charakter. „Ich moͤchte lieber dies Maͤdchen ohne einen Hel⸗ ler Mitgift zu meinem Weibe haben,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ als irgend ein anderes, das ich jemals geſehen habe.— Wenn ich es nur dahin bringen koͤnnte,— und wenn ſie nur ein klein wenig huͤbſcher waͤre.— So wie die Sa⸗ chen aber jetzt ſtehen, brauche ich nicht bange zu ſein mich in ſie zu verlieben, alſo kann ich mich wohl getroſt mit ihr unterhalten, da es uͤberdies doch die Hoͤflichkeit erfordert, daß ich mein Pferd fuͤhre, und eine Strecke Weges mit der Schwe⸗ ſter meines Freundes zu Fuße gehe.“— Gedacht, gethan.— Anſtatt aber eine Strecke Weges zu Fuße zu gehen, geriethen ſie in ein ſo angelegentliches Geſpraͤch, welches ſie weder an Raum noch Zeit denken ließ, und bei⸗ 91 de erſtaunten, als ſie ſich vor dem Hauſe der Frau Crumpe ſahen. „Welch eine huͤbſche, geſunde Farbe dieſer Satziergang uͤber ihr Geſicht verbreitet hat,“ dachte Maſ on, waͤhrend ſie nebeneinander ſtan⸗ den und warteten, bis Jemand ihnen die Haus⸗ thuͤre oͤffne.„Obgleich ſie nicht einen einzigen regelmaͤßig ſchoͤnen Zug hat, und Niemand ſie huͤbſch nennen kann, liegt ſo viel Guͤte in ihrem Geſicht, daß ihr Ausdruck mir weit mehr gefaͤllt, als der von viel ſchoͤneren Maͤdchen, die weit und breit bewundert wurden.“ Die Thuͤr ward jetzt geoͤffnet, und Bar⸗ low, der ſchon eine gute Weile da war, rief Maſon ans Geſchaͤfte. Patty fuͤhrte Beide ins Zimmer.„Geh nicht fort, Kind,“ ſagte Frau Crumpe.„Stelle dich dort zu den Fuͤßen meines Bettes, und ſage mir nun ohne Heuche⸗ lei deine Herzensmeinung. Dieſer Herr hier, der die Rechte verſteht, kann dich verſichern, daß ungeachtet aller meiner Verwandten, ich mein Ver⸗ moͤgen Hinterlaſſen kann, wem ich will. Stoße alſo nicht dein Gluͤck, aus unnoͤthiger Furcht vor meinen Verwandten, von dir.“ ———— 92 war nicht Furcht, welche dieſen Morgen aus mir ſprach; es iſt nicht Furcht, welche mich noch die naͤmliche Geſinnung aͤußern laͤßt. Ich wuͤrde ge⸗ wiß nichts Unrechtes thun, wenn es auch kein Menſch in der Welt erfuͤhre. Da ſie mich aber auffordern, den eigentlichen Wunſch meines Herzens auszuſprechen— ich habe einen Vater, der ſehr arm iſt, und ich wuͤnſchte, daß ſie ihm funfzig Pfund hinterließen. „Mit ſolchen Geſinnungen und Gefuͤhlen,“ rief Sarlo.„biſt du, liebes Maͤdchen, weit reicher, als zehn tauſend Pfund jaͤhrlicher Ein⸗ kuͤnfte dich machen koͤnnten!“— Maſon ſprach kein Wort; aber ſeine Blicke ſagten um deſto mehr, und ſein Herr ver⸗ gab ihm willig die unzaͤhlichen Fehler, die er beim Niederſchreiben des Teſtamentes machte. „Komm, gieb mir die Feder,“ fluͤſterte er zuletzt; „du ſcheinſt deiner Sinne nicht ſo recht maͤchtig, und biſt mir deshalb nur um deſto lieber, weil dieſe großmuͤthige Uneigennuͤtzigkeit einen ſo ſtarken Eindruck auf dich macht. Ich muß das Gefuͤhl unterdruͤcken, und darf hier nichts als ſtrenger „Nein wirklich, liebe Frau Crumpe, es 93 Rechtsgelehrter ſein; du aber geh, mache deinem Herzen auf einem Spatziergange Luft, um die uriſtiſchen Gedanken wieder zu ſammeln.“— Der Inhalt des Teſtamentes wurde geheim gehalten; Patty wußte nicht, auf welche Weiſe die Frau mit ihrem Vermoͤgen geſchaltet hatte, und Maſon hatte nur die Einleitung geſchrie⸗ ben, als ſein Herr ihm mitleidiger Weiſe die Feder aus der Hand nahm. Gegen alle Erwar⸗ tung kraͤnkelte Frau Crumpe noch einige Mona⸗ te fort; Patty wartete ihrer mit der groͤßten Sergfalt und Menſchlichkeit. Obgleich lange Ge⸗ wohnheit der Selbſtſucht die Dame im Ganzen durchaus gefuͤhllos gegen das Schickſal ihrer Un⸗ tergebenen gemacht hatte, war Patty doch eine Ausnahme von dieſer Regel. Oft ſagte ſie zu ihr: „Kind, es iſt gegen mein Gewiſſen, daß ich dich, in den beſten Tagen deiner Ingend, ſo in meinem Krankenzimmer einkerkere. Geh, mache einen Spatziergang mit deinen Bruͤdern und dei⸗ ner Schweſter, ſo oft du es willſt.“— Dieſe Spatziergänge, ſo ſelten Patty ſie ſich auch erlaubte, waren eine wahre Erquickung 94 fuͤr ſie, vorzuͤglich wenn Maſon dabei war, der taͤglich in dies Maͤdchen verliebter wurde, weil er taͤglich neue, vorzuͤgliche Eigenſchaften an ihr zu entdecken glaubte. Die Liebe, welche Bruͤder und Schweſter fuͤr ſie hegten, nahm ihn immer mehr zu ihrem Vortheil ein.„Sie ha⸗ ben ſie von Kindheit an gekannt,“ dachte er, „und irren ſich gewiß nicht in ihrem Charakter. Es iſt ein gutes Zeichen, wenn die, welche ſie am genauſten kennen, ſie auch am innigſten lieben, und ihre Liebe zu der huͤbſchen Schweſter Fan⸗ ny beweiſt, daß ſie keiner Eiferſucht in ihrem Herzen faͤhig iſt.“— ie Zufolge dieſer Betrachtungen nahm Maſon es ſich vor, ſeinen Geſchaͤften recht mir Ernſt ob⸗ zuliegen, damit er bald im Stande ſei, das herr⸗ liche Maͤdchen heirathen und ernaͤhren zu koͤn⸗ nen. Sie hatte ihm unverhohlen geſagt, wie ſie nie einen Mann geſehen, den ſie lieber habe als ihn; aber daß jetzt ihre erſte Sorge ſein muͤſſe, Geld zu verdienen, um ihren Vater aus dem Armenhauſe zu erloͤſen.„Wenn wir Kinder dies bewerkſtelligt haben,“ ſetzte ſie hinzu,„iſt es Zeit genug fuͤr mich, ans Heirathen zu denken. 95 Erſt ſeine Pflicht erfuͤllen, nachher der Liebe auch ihr Recht geſtatten!“— Maſon liebte ſie nur um deſto inniger, je⸗ mehr er die Beharrlichkeit ihrer Geſinnungen in der kindlichen Pflicht ſah, und ſagte es ſich oft, daß eine ſo gute Tochter gewiß auch eine eben ſo gute Frau werden werde. Es wird nun Zeit, auch etwas von Fanny's fernerem Lebenslaufe, ſeit dem Abſchiede vom Vater, zu melden. Sie wurde bei ihrer Ruͤckkehr mit der groͤßten Freundlichkeit, ſowohl von der Frau des Hauſes, als den Kindern aufgenommen, welche letztere ſie wahrhaft liebten, obgleich ſie ihnen nie die ſchwache Seite zeigte, ſobald ſie etwas ge⸗ gen den Willen der Mutter unternehmen wollten. Frau Hungerford hatte die Geſchichte mit den Pauken nicht vergeſſen, und ſagte eines Morgens zu ihrem kleinen Guſtav:„Deine Neugierde die Pauken und das Clarinett zu hoͤ⸗ ren, ſoll nun befriedigt werden, da dein Vet⸗ ter Philipp in wenigen Tagen bei uns eintreffen wird. Er kennt den Obriſten des in Mon⸗ mouth cantonnirenden Regiments ſehr genau, und ſoll ihn bitten, uns die Mußſci einmal her⸗ 96 auszuſchicken. Wir wollen ſie dann unten in unſern Garten hinſtellen, und du nebſt deinem Geſchwiſter ſollen den Tag in der Laube mit Fanny ſpeiſen, die es ſo vorzuͤglich verdient, Theil an dieſem Vergnuͤgen zu nehmen.“ Dieſer Vetter Philipp, von dem Frau Hun⸗ gerford ſprach, war kein anderer als der vor⸗ malige Gutsherr des alten Franklands, der junge Folingsby, der außer ſeiner Leidenſchaft fuͤr Pferde und Hunde, auch noch ein großer Bewunderer des ſchoͤnen Geſchlechts war. Schon am erſten Tage, da er ins Haus trat, ſiel ihm Fanny's Schoͤnheit auf; mit jedem folgenden Tage glaubte er neue Reize an ihr zu entdecken, und um nur in ihrer Naͤhe ſein zu koͤnnen, machte er ſich ſtets mehr mit ſeinen kleinen Vet⸗ tern zu ſchaffen. So beſand er ſich bald unter dieſem oder jenem Vorwande, faſt unaufhoͤrlich in demſelben Zimmer mit ihr; ſie aber wußte ihn durch ihr Betragen immer in gehoͤriger Entſer⸗ nung zu halten. Seine Abſicht war anfaͤnglich, nur eine Woche auf dem Landſitze ſeiner Baſe zu bleiben, doch bald wurde noch eine, und noch eine daraus. Der Vorſchlag, die Regiments⸗ 97 Muſici herauskommen zu laſſen, entzuͤckte ihn, und nun wuͤnſchte er nichts mehr, als an dem Mahle in der Laube Theil nehmen zu duͤrfen; doch um allen Verdacht zu vermeiden, wagte er nicht, dieſen Plan laut werden zu laſſen. Unter anderen Gaͤſten, welche zu dieſem Mit⸗ tage eingeladen waren, befand ſich auch eine blinde Dame, Namens Cheviott, die eine junge Perſon, welche ſie gerade beſuchte, mitbrachte. Dies war Fraͤulein Jeſſy Betresworth, wie ſie ſich jetzt nennen ließ; ſeit der großen Erb⸗ ſchaft hatte ihre Frau Mama keine Muͤhe geſpart, ſie in der Welt zu pouſſiren, und zweifelte keines⸗ wegs, daß ihre Schoͤnheit noch irgend einen vor⸗ nehmen Herrn zu ihren Fuͤßen bringen werde. Um dies nun deſto eher zu erlangen, ward ſie mit allem nur moͤglichen Putz angethan, und ih⸗ re und der Mutter Eitelkeit hatte ihr vollends den Kopf verruͤckt. Gerade wie es ſo weit mit ihr gekommen war, traf ſie den Faͤhndrich Bloomington auf einem Balle in Monmouth. Sie glaubte ihn ſterblich in ſich verliebt, und liebäͤngelte threrſeits E. II. 7 98* dergeſtalt mit ihm, daß jeder vorausſetzte, es wuͤrde ein Paar aus ihnen werden. Auf den Spatziergaͤngen bemaͤchtigten ſich beide Schweſtern ſeiner Arme, und Morgens, Abends, ja ſogar waͤhrend der Nacht, trug ſie die Perlen⸗Ohrringe, mit denen er ihr ein Ge⸗ ſchenk gemacht hatte. Ungluͤcklicher Weiſe hoͤrte ſie aber einſt einen anderen Officier von des Faͤhn⸗ drichs Regiment ſchwoͤren: ſie ſei huͤbſch genug die Frau des Hauptmanns anſtatt des Faͤhndrichs zu werden, und von dieſem Augenblicke an war ihr der Faͤhndrich zu geringe, weiter an ihn zu denken. Auf das Aeußerſte aufgebracht, daß ein Land⸗ maͤdchen es wage ihn ſo laufen zu laſſen, ſchwor er ihr Rache, und wendete augenblick cklich alle ſei⸗ ne Aufmerkſamkeiten auf Sally, richrig berech⸗ nend, daß wegen des zwiſchen dem Schweſter⸗ paar herrſchenden Neides, dies die beſte Methode ſein wuͤrde, die ſtolze Schoͤne zu demuͤthiget 1 Ein hoͤchſt anmuthiger Zank erhob ſich nun auch unter beiden wegen dieſes gerechten Steins des Anſtoßes, und Frau Bettesworth, die Jeſſy von Kindheit an vorgazogen hatte, nahm weislich 99 immer ihre Parthei, und goß durch die Nedens⸗ art: das ſchoͤne Kind waͤre zu einer weit vorneh⸗ mern Heirath beſtimmt, ſtets Oel ins Feuer. Um nun die Sonne des Gluͤcks gehoͤrig auf ihre Fuͤße ſcheinen zu laſſen, beſchloß ſie, ſie als eine Art von Geſeilſchafterinn in eine vornehme Fa⸗ milie zu bringen, und durch eine Verwandte, die Haushaͤlterinn bei der Frau Cheviott war, ge⸗ lang es ihr endlich, ſie im Hauſe dieſer blin⸗ den Dame anzubringen. Nun war es fuͤr Jeſ⸗ ſy nicht allein ein Gluͤck, die Dame blind, ſon⸗ dern auch empfaͤnglich fuͤr alle Schmeicheleien zu finden, mit welchen ſie in ſo reichlichem Maße um ſich warf, daß Frau Cheviott bald die hoͤchſte Idee vom ihrem Verſtande und ihrer Lie⸗ benswuͤrdigkeit bekam. So ſtanden die Sachen, als Jeſſy ihre neue Schutzpatroninn auf den Landſitz der Frau Hun⸗ gerford begleitete. Ohne einen wahrhaft ed⸗ len Anſtand und feine Manicren zu beſitzen, fiel ihre Schoͤnheit doch den Maͤnnern auf; durch dieſe Lockſpeiſe zog ſie Folingsby's Augen an. gegen den ſie ihre beſten Batterien ſpielen ließ, und als ſie ihn, nach aufgehobener Tafel, einen 7* I 100 Maͤdchen mit den ſchoͤnen Augen und dem blen⸗ dend weißen Halſe ſei, glaubte ſie ihres Sieges ſchon gewiß zu ſein, und wurde ſo berauſcht von dem Gedanken dieſer Eroberung, daß ſie kaum faͤhig war, ſich in den Graͤnzen des Anſtandes zu erhalten.. „Du meine Guͤte! Fanny Frankland hier!“— rief ſie mit ſtolzem Blicke, als ſie ſte in der Laube erblickte; noch groͤßer aber ſollte ihr Erſtaunen werden, als ſie bemerkte, wie nun Fo⸗ lingsby's Aufmerkſamkeit nur auf dieſe gerich⸗ tet war, wie er ſich beeiferte din ihre Naͤhe zu kommen, und nur Augen fuͤr ſie zu haben ſchien. Jeſſy begriff nicht, wie es moͤglich ſei, daß ihre Nebenbuhlerinn ihm ſo gar keine Aufmunterung gebe, hielt das auch nur fuͤr Schein, und ſchwur heimlich, ihr auf die Spur zu kommen. Nachdem ſie dieſen Plan geſchmiedet hatte, that ſie alles, ihn in Ausfuͤhrung zu bringen. Die blinde Frau Cheviott konnte durch nichts ſo ſehr, als durch Muſik zerſtreut werden, und als ſie heute, außer der Inſtrumental⸗Muſik, auch ſehr durch den Geſang der kleinen Hun⸗ 2 andern jungen Mann fragen hoͤrte, wer das 101 gerford ergoͤtzt wurde, fuͤhrte Jeſſy wieder⸗ holt an: wie gluͤcklich die arme Dame ſein wuͤrde, taͤglich ſolche Muſik zu hoͤren. Der kleine Guſtav, dem die arme, blinde Frau herzlich Leid that, rief in ſeiner kindlichen Unſchuld: ſie koͤnne ja nur jeden Tag kommen, wenn Harriett mit dem Muſtklehrer ſinge und ſpiele; und da er ſich bittend mit dieſer Anrede an die Mutter wandte, mußte dieſe natuͤrlich die Einladung auf eine hoͤfliche Weiſe wiederholen. Man war entzuͤckt daruͤber, und kam taͤglich zu den beſtimmten Stunden. Jetzt hatte Jeſſy hinlaͤngliche Gelegenheit, ihrer boshaften Neugierde Genuͤge zu leiſten; ſie ſah, oder glaubte vielmehr zu ſehen, daß Folingsby durch Fanny's zu⸗ ruͤckhaltendes Weſen beleidigt war, und fing nun ihrerſeits alle ihre Kuͤnſte wieder an. Manchmal verſuchte er es, mit ihr zu taͤndeln, um Fanny's Eiferſucht rege zu machen; aber auch dies Mittel fand er bei ihr gaͤnzlich ohne Erfolg. Seine Lei⸗ denſchaft wuchs mit jedem Tage, und endlich, nicht mehr Herr uͤber ſich, geſtand er ihr, daß er nicht ohne ſie leben koͤnne. „Das thut mir leid, gnaͤdiger Herr,“ ant⸗ 102 wortete Fanny lachend, indem ſie ſich bemuͤhete, das Ganze als einen Scherz zu behandeln,„das thut mir ſehr leid, denn ſie koͤnnen leicht einſe⸗ hen, wie es mir unmoͤglich iſt, meiner Herrſchaft zu dienen, meine Pflicht zu erfuͤllen, und zugleich fuͤr ſie zu leben.“— Folingsby verſuchte Wort und Schwur, um ihr zu bezeugen, daß er es an nichts, was in ſeinem Vermoͤgen ſtaͤnde, wuͤrde fehlen laſſen, um ſie gluͤcklich zu machen. „Gluͤcklich?“— wiederholte Fanny;„wie koͤnnte ich gluͤcklich ſein, wenn ich etwas thaͤte, das unrecht waͤre, das mich auf ewig entehren, und meines armen alten Vaters Herz brechen wuͤrde!“— „Der Vater ſoll aber nie etwas davon erfah⸗ ren, ich will deinen Beſitz geheim halten vor der ganzen Welt.— Verlaß dich auf meine Ehre!“— „Ehre!— Wie wagen ſie es nur, dies Wort gegen mich zu nennen; oder glauben ſie, ich kenne wahre Ehre nicht, weil ich arm bin, oder ſetze keinen Preis auf die meinige, obgleich ſie doch einen auf die ihrige zu ſetzen ſcheinen? Wuͤrden ſie nicht jeden Mann kuͤhn herausfor⸗ „ 103 dern, der einen Zweifel“ in ihre Ehre ſetzte, und doch verlangen ſie in dem naͤmlichen Augenblicke Liebe von mir, da ſie mir den deutlichſten Be⸗ weis geben, wie gerne ſie mir meine Ehre rau⸗ ben moͤchten!“— Folingsby blieb einige Augenblicke ſtill⸗ ſchweigend ſtehen; als er aber ſah, daß Fanny das Zimmer verlaſſen wollte, hielt er ſie haſtig zuruͤck, indem er lachend ſagte: „Sie haben mir da eine hioͤchſt reizende Rede uͤber das Kapitel der Ehre gehalten, und was noch beſſer iſt, ſie ſahen ungemein reizend dazu aus; nun aber laſſen ſie ſich Zeit, uͤber das nachzudenken, was ich ihnen geſagt habe. Ich er⸗ warte ihre Antwort morgen; doch bitte ich ſie, ehe ſie entſcheiden, dies Buch zu Rathe zu ziehen.“ Bei dieſen Worten legte er das Buch auf einen Tiſch, und verließ eiligſt das Zimmer. Fan⸗ ny beſchloß es ihm uneroͤffnet, ſobald als moͤglich, wieder zu geben, doch wollte ſie ein Paar Zeilen dazu ſchreiben, und als ſie dieſe eben vollendet hatte, und im Begriffe war, ſie nebſt dem Bu⸗ che einzuwickeln, trar Jeſſy mit der blinden Dame und dem Muſiklehrer ins Zimmer. Erſtere, 104 welche auf Fanny's Geſicht eine beſonders hohe Roͤthe zu bemerken glanbte, ſchielte gleich an al⸗ len Ecken herum, und waͤhrend Fanny Stuͤhle zurecht ſetzte, und die Noten der Kinder hervor⸗ ſuchte, hatten ihre Augen das Buch aufgefunden, das ſie gleich neugierig betaſtete, oͤffnete, und auf dem erſten Blatte eine Banknote entdeckte. Naſch ſchlug ſie weiter und weiter um, und fand ein und zwanzig ſolcher Banknoten eine nach der andern, zwiſchen den Blaͤttern liegen. Fanny, die beſchaͤftigt war, hatte von dem allen nichts bemerkt, bis das kichernde Gelaͤchter des Fraͤu⸗ keins ſie aufmerkſam machte. „Ei, Ci,“ hoͤrte ſie ſie ausrufen,„Philipp Folingsby! Der hat ihr alſo wohl das Buch gegeben, Kind?— E⸗ ſcheint von einem ſehr gewichtigen Inhalte zu ſein, und ohne Zweifel muß er ſeine Urſachen dazu gehabt haben.“ Fanny erroͤthete noch mehr uͤber dieſe un⸗ erwartete Anrede, und um Folingsby nicht zu verrathen, ſagte ſie endlich zoͤgernd:„Er gab mir das Buch nicht, ſondern er lieh es mir nur, und ich war im Begriff es ihm wieder zu geben.“ 5 105 „Duͤrfte ich nicht bitten, es mir erſt zu lei⸗ hen?“ erwiederte Jeſſy mit hoͤhniſchem Tone. „Der Eigner wuͤrde es mir gewiß mit eben ſo vielem Vergnuͤgen leihen, als er es ihr geliehen hat.“— 8 „Ohne Zweifel,“ ſtammelte Fanny in der groͤßten Verwirrung;„da es mir nun aber an⸗ vertraut iſt, muß ich es erſt richtig wieder in feine Haͤnde liefern.“. „Ja, ja, richtig in die Haͤnde liefern, ge⸗ wiß, gewiß!“ wiederholte Jeſſy mehreremale, indem ſie das Buch dergeſtalt auseinander ſchuͤt⸗ telte, daß die Banknoten in der ganzen Stube herumflogen.„Jammerſchade, liebe Frau Che⸗ viott, daß ſie das herrliche Schauſpiel nicht ſehen koͤnnen; aber Frau Hungerford iſt Gottlob! nicht blind,“ fuhr ſie fort, ſich zu der eben Eintretenden wendend. Dieſe ſtand in ſtummem Erſtaunen, Jeſſy mit der Miene des boshafteſten Triumphs, und Fanny, obgleich blutroth, mit dem Ausdrucke der ruhigen Unſchuld da. Die Kinder waren emßig mit Aufieſen beſchaͤftigt, und die blinde Dame ſchrie unaufhoͤrlich:„Was geht hier vor, will Nie⸗ 106 mand mir ſagen, was hier vorgeht?— Jeſſy, woruͤber redeſt du?“— „Ueber ein ſehr inhaltreiches Buch, gnaͤdige Frau, welches mehr, als ich in der Schnelligkeit zu zaͤhlen vermag, an Banknoten enthaͤlt, das Herr Folingsby der Jungfer Frankland nur geliehen hat, wie ſie ſagt, und das ſie ihm eben zuruͤckgeben wollte, als ich es ungluͤcklicher Weiſe aufnehmen, und den ſchweren Inhalt auf die Erde ſtreuen mußte.“ „Nimm ſie alle auf, lieber Guſtav,“ ſagte Frau Hungerford kalt.„So viel ich Fanny Frankland kenne, muß ich uͤberzeugt ſein, daß alles was ſie ſagt, wahr iſt. So lange ſie un⸗ ter meinem Dache gelebt hat, habe ich nie die geringſte Abweichung von der Wahrheit an ihr bemerkt, alſo muß ich ihren Worten durchaus Glauben beimeſſen.“ „Ach gewiß, gewiß, Mutter, das kannſt du!“ riefen die Kinder. „Komm mit mir, liebe Fanny,“ fuhr ſie in einem ſehr freundlichen Tone fort;„es iſt nicht noͤthig, daß deine Erklaͤrung oͤffentlich ge⸗ 107 ſchieht, obgleich ſie mir gewiß genuͤgend ſein wird.“ 3. Fanny fuͤhlte ſich gluͤcklich, dem mißguͤnſti⸗ gen Auge Jeſſy's zu entſchluͤpfen, und war ge⸗ wiß der Frau Hungerford ſehr dankbar fuͤr dies Vertrauen; doch gerieth ſie, als ſie ſich mit ihr allein befand, in nicht geringe Verlegenheit, fuͤrchtend, einen Streit zwiſchen der Tante und dem Neffen zu veranlaſſen, und doch nicht wiſ⸗ ſend, wie ſie ſich entſchuldigen ſolle, ohne ihn anzuklagen. „Woher dies Erroͤthen und dieſe Thraͤnen?“ ſagte Frau Hungerford, nachdem Fanny das Stillſchweigen waͤhrend mehrerer Minuten nicht gebrochen hatte.„Biſt du es nicht von meiner Ge⸗ rechtigkeitsliebe verſichert, daß ſie dich vor Verlaͤum⸗ dung und Beleidigung zu ſchuͤtzen wiſſen wird?— Ich halte viel von meinem Neffen; aber dir habe ich Verbindlichkeit, weil du dich muſterhaft ge⸗ gen meine Kinder genommen haſt, ſeit ſie ſich unter deiner Aufſicht befinden. Sprich alſo frei, haſt du dich uͤber meinen Neffen zu bekla⸗ gen?“— „Tauſend, tauſend Dank, theure Frau, fuͤr 108 ihre Guͤte,“ rief Fanny.„Ich moͤchte mich uͤber Niemand beklagen, der in einiger Verbin⸗ dung mit ihnen ſteht, und um keinen Preis Uneinigkeit zwiſchen ihnen und ihrem Neffen ver⸗ urſachen. Lieber moͤchte ich mich gleich aus ihrer Familie entfernen, und das iſt auch wohl das Beſte,“ ſetzte das arme Maͤdchen ſchluchzend hin⸗ zu. 1„Nein, Kind, du verlaͤſſeſt mein Haus nicht ohne eine hinlaͤngliche Erklaͤrung uͤber das dieſen Morgen Vorgefallene; denn wenn du es thaͤteſt, ſtaͤnde dein guter Ruf in den Haͤnden der boshaf⸗ ten Jeſſy.“ Dieſe Vorſtellung verfehlte ihre Wirkung nicht; Fanny bat nun Frau Hungerford, das Buch und folgenden Brief, den ſie ſchon vor Jeſſy's Eintritt geſchrieben, und an dem keine Aenderung noͤthig ſei, in Herrn Folingsby's Haͤnde zu uͤberliefern. „Mein Herr! „Sie empfangen das Buch hier zuruͤck, wie Sie es mir gelaſſen haben, da der Inhalt auf keine Weiſe meine Meinung uͤber den mit Ihnen ½ heute Morgen beſprochenen Gegenſtand aͤndern kann. Auch hoffe ich, Sie werden es nie ver⸗ ſuchen, ſich wieder auf eine aͤhnliche Art mit mir zu unterhalten. Bedenken Sie, daß ich ein ar⸗ mes, unbeſchuͤtztes Maͤdchen bin, und daß ich mich, wenn Sie fortfahren, ſich ſo gegen mich zu be⸗ tragen, genoͤthigt ſehe, mich aus dem Hauſe der gu⸗ ten Frau Hungerford zu entfernen, die meine einzige Freundinn iſt. Wo ſoll ich wohl eine ſolche Freundinn wiederfinden?— Mein armer alter Vater befindet ſich im Armenhauſe, und muß dort bleiben, bis ſeine Kinder Geld genug erwor⸗ ben haben, um ihn zu erhalten. Glauben Sie aber ja nicht, daß ich dies ſage, um etwas von Ihnen zu betteln; weder ich noch er wuͤrden das Geringſte von Ihnen annehmen, ſo lange Sie in Ihren gegenwaͤrtigen Geſinnungen beharren. Ha⸗ ben Sie Mitleid, mein Herr, und beleidigen Sie die nicht, welche auf keine Weiſe in Ihre Denkungsart eingehen kann.— Fanny Frankland.“ Folings by war nicht wenig erſtaunt und be⸗ troffen, als ihm dieſer Brief, nebſt dem Buche 110 mit den Banknoten, von ſeiner Tante uͤberlieferr wurde. Zugleich ſagte Frau Hungerford ihm, auf welche Weiſe dies Buch in Jeſſy's Haͤnde gekommen ſei, und welche Aeußerungen gegen Fannyny ſie ſich erlaubt habe. „Das gute Maͤdchen fuͤrchtet Unfrieden un⸗ 4 ter uns zu veranlaſſen,“ fuhr die Tante fort, „und ich kann keine naͤhere Auseinanderſetzung von ihr erlangen, obgleich ich uͤberzeugt bin, daß dieſe ſehr ehrenvoll fuͤr ſie ausfallen wuͤrde.“ „Alſo haben ſie den Brief nicht geleſen, und Fanny handelte, ohne ſie zu Rathe zu ziehen?—„Es iſt ein herrliches Maͤdchen,“ rief Folingsby,„und was ſie auch von mir denken moͤgen, bin ich es ihr ſchuldig, ihnen den Brief zu zeigen. Er wird ihnen hinläͤnglich beweiſen, wie ſehr ich zu tadeln bin, und in welchem Grade ſie das Vertrauen verdient, wel⸗ ches ſie in ſie ſetzen. Als er dieſe Worte geſpeochen hatte, klin⸗ gelte er, und befahl ſeine Pferde in Bereitſchaft zu halten. „Ich will augenblicklich zur Stadt zuruͤck⸗ kehren,“ fuhr er fort,„ſo iſt Fanny nicht ge⸗ 1III zwungen, das Haus ihrer einzigen Freundinn zu verlaſſen. Was die Banknoten betrifft, liebe Tante, ſo behalten ſie ſie; ſie ſchreibt, ihr Vater ſei in duͤrftigen Umſtaͤnden. Vielleicht, wenn ſie ſieht, daß ich auf den rechten Weg komme, wird ſie meinen Beiſtand nicht verwerfen. Geben ſie ihr das Geld, wann ſie es ſelbſt thunlich halten; ich kann gewiß keinen beſſern Gebrauch von hun⸗ dert Guineen machen, und wuͤnſchte, daß mir nie der Gedanke gekommen waͤre, ſie ſchlimmer an⸗ zuwenden.“ Folingsby eitte ſogleich zur Stadt zuruͤck, und ſeine Tante glaubte, er habe durch ſeine Aufrichtigkeit und Großmuth ſeinen Fehler ge⸗ wiſſermaßen wieder gut gemacht. Fraͤulein Jeſſy wartete die ganze Zeit uͤber mit boshafter Ungeduld, um den Erfolg von Fanny's Erklaͤrung gegen Frau Hungerford zu vernehmen. Wie ſchmerzlich fuͤhlte ſie ſich uͤberraſcht und getaͤuſcht, als dieſe Dame zur Ge⸗ ſellſchaft zuruͤckkehrte, und ſie ſie in den groͤßten Lobeserhebungen von Fan ny ſprechen hoͤrte, „Ach, Mutter,“ rief Guſtav, in ſeine kleinen Haͤnde ſchlagend,„wie freut es mich, daß du ihr 112 gut biſt, weil wir ſie alle ſo lieb haben; es haͤtte mir unbheſchreiblich Leid gethan, wenn ſie unſer Haus haͤtte verlaſſen muͤſſen.“ „Du brauchſt dies nicht zu fuͤrchten, mein Lieber,“ antwortete die Mutter;„ſie ſoll nie mein Haus verlaſſen, ſo lange ſie ſelbſt darin bleiben will. Ich gebe und entziehe meinen Schutz Niemanden ohne hinlaͤngliche Urſachen.“ 3 Fraͤulein Jeſſy biß die Lippen zuſammen; ihr Geſicht, von Natur huͤbſch, ward beinahe garſtig. Neid und Bosheit verzerrten ihre Zuͤge, und als ſie mit der Frau Cheviott Abſchied nahm, bildete ihr niedergeſchlagener Blick einen auffallenden Contraſt mit der triumphirenden Miene, die ſie beim Eintritt ins Zimmer ange⸗ nommen hatte. Fuͤnftes Kapitel. Nachdem die fremden Gaͤſte das Zimmer verlaſſen harten, rief eins der kleinen Maͤdchen 113 aus:„Ich mag dies Fraͤulein Bettesworth gar nicht leiden, denn ſie fragte mich, ob ich nicht wuͤnſche daß Fanny fort waͤre, weil ſie mir eine Birne verweigerte, die nicht reif war; ich moͤchte daß Fanny immer, immer bei uns bliebe.“— Es befand ſich noch eine andere Perſon im Zimmer, welche dieſen Wunſch von ganzem Her⸗ zen zu unterſchreiben ſchien, Herr Reynolds naͤmlich, der Zeichenlehrer, der ſeit geraumer Zeit ſehr von Fanny eingenommen zu ſein ſchien. Anfangs war ihm ihre Schoͤnheit aufgefallen; ſo wie er indeß Folingsby's Neigung zu ihr entdeckte, gab er genau auf ihr Benehmen Acht, und beſchloß, ſich nichts von ſeiner Liebe merken zu laſſen, bis er ihres Eharakters gewiß ſei. Ihr beſcheidnes, kluges Betragen erhoͤhete ſeine Neigung, und jetzt wagte er es ſich zu erklaͤren. Frau Hungerford, welche Reynolds laͤngſt wegen ſeines Charakters und ſeiner ausge⸗ zeichneten Talente geſchaͤtzt hatte, und wußte daß er ſich in der Lage beſinde, eine Familie anſtaͤn⸗ dig ernaͤhren zu koͤnnen, war ſehr erfreut uͤber ſeine Abſichten, obgleich ſie ſich hoͤchſt ungerne E. II. 8 114 von Fanny trennte, die nun ſchon faſt zwei Jahre in ihrem Hauſe gelebt, und jedem Mit⸗ gliede deſſelben werth geworden war. Um dieſe Zeit ſtarb eine ihrer weitlaͤuſtigen Verwand⸗ ten, die jedem ihrer Kinder ein kleines Legat von zehn Guineen vermachte. Guſtav, wiewohl er ſich laͤngſt fehnlichſt eine Uhr gewuͤnſcht hatte, war der Erſte, welcher darauf beſtand, daß Fan⸗ ny dieſe kleine Summe bekommen muͤſſe; ſei⸗ ne Geſchwiſter, höͤchlich erfreut uͤber den Ein⸗ fall, theilten ihn; die Mutter legte funfzig Guineen zu den funſzig der Kinder, und ſo ſah Fanny ſich, mit dem Gelde von Folingsby, jetzt auf einmal im Beſitze von zweihundert Gui⸗ neen. Ihr erſter Wunſch war, ihren Vater mit dieſem Gelde zu befreien, ein Wunſch, den ihr Liebhaber ſo von ganzem Herzen theilte, daß ſie ihn freundlich anlaͤchelte, und verſicherte, nun erſt völlig von ſeiner Liebe uͤberzeugt zu ſein. Er bat, ſie ſogleich zum Vater begleiten zu duͤrfen; Fanny aber wuͤnſchte ihr Geſchwi⸗ ſter erſt zu Rathe zu ziehen. Man beſchloß ein⸗ ſtimmig, am erſten des folgenden Monats, wo des Vaters Geburtstag ſein wuͤrde, miteinander 115 nach dem Armenhauſe zu gehen, und den Alten mit der freudigen Botſchaft zu uͤberraſchen. Alle Geſchwiſter konnten ſich dieſes Tages doppelt freuen, da alle ſeinen Wuͤnſchen gemaͤß gehandelt hatten. Auch Jacob hatte ſich waͤhrend der, gan⸗ zen Zeit durchaus brav bei ſeinem Herrn betra⸗ gen, mit welchem es nicht ſo ganz leicht war zu leben, da er nicht den geringſten Widerſpruch er⸗ tragen konnte. Dies erfuhr er beſonders bei fol⸗ gender Gelegenheit, wo er ſich nahe daran be⸗ fand, ſeine Gunſt auf immer zu verſcherzen. Als es eines Abends ſchon daͤmmerte, und Jacob eben ſeinen Laden verſchließen wollte, trat ein ſonderbar ausſehender, ungewoͤhnlich di⸗ cker Mann herein, der ſich mit beiden Ellenbo⸗ gen auf den Tiſch ſtemmte, und indem er ihn ſtarr anglotzte, lachend ein Glas Schnapps ver⸗ langte. „Mein Herr iſt nicht zu Hauſe,“ erwieder⸗ te Jacob,„und wir verkanfen keinen Brann⸗ tewein. Hier gerade uns gegenuͤber iſt welcher zu erhalten.“ „Potz Velten, ich weiß wohl beſſer, wo 8* 116. Branntewein zu haben iſt, als ihr, junger Menſch, und fuͤhre beſſern, als ihr je an die Lippen gebracht habt,“ rief der Fremde in heiſerm Tone.„Ich will auch keinen von euch; es war nur, um zu ſehen, welch ein Stuͤck von Ladendie⸗ ner der Herr jetzt haͤtte. Alſo kennt ihr mich wohl gar nicht?“— „Durchaus nicht.“ „Alle Welt! habt nie vom Admiral Tipſey gehoͤrt? Aus welchem Winkel ſtammt ihr denn her?— Kennt Admiral Tipſey nicht, deſſen vortrefflicher Wanſt mehr werth iſt, als die groͤß⸗ te Heerde des reichſten Lapplaͤnders!— Laßt mich in die Hinterſtube, um dort auf euren Herrn zu warten!“— 1 Bei dieſen Worten ſtrich er ſich den Bauch, und wollte ſchon auf die Stube zu watſcheln; Jacob aber, fuͤrchtend der Mann moͤge trunken ſein, hielt ihn faſt mit Gewalt zuruͤck, weil Cleg⸗ horns Tochter ſich in dem Zimmer befand, die er nicht durch dieſe Figur in Schrecken ſetzen mochte. Indem ſie noch in dieſem Streite begriffen waren, kam Cleghorn nach Hauſe.„Was iſt 117 da zu thun?“ rief er— Beim Naͤhertreten aber aͤnderte ſich die Stimme merklich, und in einem freundſchaftlichen Tone, der Jacob in nicht ge⸗ ringes Erſtaunen ſetzte, fuhr er fort:„Seid ihr es, Admiral!— Laßt ihn hinein, Jacob, ihr kennt nur den Herrn noch nicht.“— Dieſer Admiral Tipſey war ein Schleich⸗ haͤndler, der ſich einige kleine Schiffe zu ſeinem faubern Handel erworben, und ſich felbſt zum Admiral derſelben geſchaffen hatte. Zu Jacobs abermaligem Erſtaunen knoͤpfte der Seeheld, nachdem er eine Taſſe Thee hinunter geſchluͤrft hatte, ſeine Weſte von oben bis unten auf, und fing nun an ſich ſeiner falſchen Corpulenz zu ent⸗ laden. Unzaͤhliche Stuͤcke Spitzen, feiner Cambrick und dergleichen, waren rund um ihn gewunden, und als er ſich dieſes allen entaͤußert hatte, ſah er ſo ſtockmager aus, daß es ſchwer war, dieſelbe Perſon wieder in ihm zu erkennen. Jetzt forder⸗ te er Stroh, um ſeiner Corpulenz wieder die ge⸗ wohnte Form zu geben, warf dann Jacob ein ſchoͤnes Stuͤck Cambrick mit dem Bedeuten hin, daß er ihn fuͤr ſeinen Dienſt anwerben muͤſſe, 118 und verließ das Zimmer mit dem Verſprechen, morgen wieder zu kommen. Jacob rannte ihm nach, und gab das Zeug, ungeachtet aller Vorſtellung, daß er es ja verkaufen, oder tragen koͤnne, wieder zuruͤck. „Ihnen ſcheint unſer Admiral nicht zu gefal⸗ len,“ ſagte Cleghorn, als ſein Handlungs⸗ diener zuruͤckkam. „Ich weiß nichts von ihm, als daß er ein Schleichhaͤndler iſt, und deshalb mag ich nichts mit ihm zu thun haben.“ „Das thut mir leid,“ erwiederte Cleghorn, mit einer Miſchung von Scham und Verdruß in ſeinem Geſichte.„Mein Gewiſſen iſt gewiß eben ſo zart, als anderer Leute ihres, und doch ſcheint es mir, als wuͤrde ich gerne mit dem Manne zu thun haben, wiewohl er ein Schleich⸗ haͤndler iſt, und hoffe viel Geld durch ihn zu verdienen. Bis hieher habe ich mich nie mit Schleichhaͤndlern abgegeben; aber ich ſehe taͤglich, wie viele Leute in Monmouth durch dieſe Menſchen reich werden. Da z. B. unſer Nach⸗ bar Raikes, wie viel Geld hat der auf dieſe Weiſe erworben, und warum ſollten ich, oder ſie, 119 denn gewiſſenhafter ſein, als der, welcher allge⸗ mein den Ruf eines guten Mannes hat. Viele Edelleute und Vornehme im Lande machen es um kein Haar beſſer, warum ſollte ich mich denn davor ſchaͤmen?— Antworten ſie mir, ich will ihre Meinung daruͤber wiſſen.“— Mit aller dem Lehrherrn geziemenden Ach⸗ „tung, gab Jacob nun ſeine Meinung, und be⸗ hauptete, es ſei beſſer mit den Schleichhaͤndlern nichts zu thun zu haben. Leuten der Art, die ein verbotnes Handwerk trieben, falſche Eide ſchwuͤ⸗ ren, ſei ein fuͤr alle Mal nicht zu trauen, und man muͤſſe ſich in kein Geſchaͤft mit ihnen ein⸗ laſſen. Wenn man aber auch alle Prinzipien der Moral aus dem Spiele ließe, ſei der Schleich⸗ handel an und fuͤr ſich ein ſo gewagtes Unterneh⸗ men, daß man ein Jahr reich, im folgenden aber gaͤnzlich dabei zu Grunde gerichtet werden koͤnne.“— „Wahrhaftig, junger Mann, ſie reden wie ein Buch!— Sagen ſie mir ums Himmels wil⸗ len, wo ſie alle dieſe Weisheit gelernt haben?“— „Von meinem Vater, von dem ich alles lernte, was Gutes an mir iſt. Ich hatte einen 120 Oheim, welcher durch das Geſchaͤft des Schleich⸗ handels ſo voͤllig zu Grunde gerichtet ward, daß er im Gefaͤngniſſe geſtorben ſein wuͤrde, wenn mein Vater ſich nicht ſeiner angenommen haͤtte. Damals war ich zwar noch ein kleiner Junge, aber ich erinnere mich, wie mein Vater bei der Gelegenheit zu mir ſagte: nimm ein Beiſpiel daran, Jacob, der du dich dem Handel widmen willſt; vergiß nie, daß Redlichkeit vor allem geht. Der ehrliche Handelsmann wird ſich immer auf die Laͤnge am beſten ſtehen.“— „Nun, nun, genug davon,“ fiel Cleghorn ein.„Gute Nacht!— Sie koͤnnen den noch uͤbrigen Theil ihrer Predigt meiner Tochter dort halten, der es beſſer einzugehen ſcheint, als mir.“— Als der Handelsherr am folgenden Tage wieder in den Laden kam, wandte er ſich einzig an Jacob, um uͤber Kleinigkeiten mit ihm zu ſchmaͤhlen. Dieſer ertrug die augenblickliche uͤble Laune mit Geduld, in der Hoffnung, daß es bald beſſer werden wuͤrde. „Sind die Packete alle abgeſandt, und die Rechnungen ausgefertigt?“ fragte Cleghorn.— 121 „Dabei iſt nun weiter nichts zu erinnern, ſie kennen das Geſchaͤft, und treiben alles treu und ordentlich; aber warum ſprechen ſie nicht offen mit mir, ihres Vaters Grundſaͤtzen gemaͤß, daß 1 Ehrlichkeit die erſte Tugend ſei;— warum ſa⸗ gen ſie mir nicht ihre geheimen Urſachen, in An⸗ ſehung des Rathes, welchen ſie mir uͤber den Ad⸗ miral und den Schleichhandel gaben?“— „Ich habe keine geheimen Urfachen,“ antwor⸗ tete Jacob, mit einem ſo redlichen Blicke, daß ſein Herr nicht an der Wahrhaftigkeit ſeiner Ge⸗ ſinnung zweifeln konnte;„auch weiß ich nicht, was ſie mit dieſen geheimen Urſachen ſagen wol⸗ len. Haͤtte ich meinen eignen Vortheil anſtatt des ihrigen zu Rathe gezogen, muͤßte ich allen meinen Einfluß uͤber ſie anwenden, um ſich mit dieſem Schleichhaͤndler einzulaſſen, denn hier iſt ein Brief, den er mir dieſen Morgen mit einer Banknote von zehn Pfund zuſchickte, in welchem er ſich meiner Freundſchaft empfiehlt. Ich habe ihm den Inhalt zuruͤckgeſandt.“ Cleghorn war erfreut uͤber die Art, mit welcher Jacob ihm dies alles mittheilte, ja zu⸗ letzt bat er ihn wegen ſeines Betragens um Ver⸗ 12² zeihung, indem er geſtand, er habe geglaubt, ſeine Abneigung gegen den Admiral nur der Vorliebe zuſchreiben zu muͤſſen, die er fuͤr ſeine Tochter gefaßt habe, in welcher Hinſicht ihm ein offnes Geſtaͤndniß lieber geweſen ſein wuͤrde. Jacob erwartete ſtillſchweigend eine naͤhere Erklaͤrung, da er nicht verſtand, in welchem Zu⸗ ſammenhange ſeine Neigung zu der Tochter des Hauſes, mit dem Admiral ſtehen koͤnne. „Sie wiſſen alſo nicht,“ fuhr Cleghorn fort,„daß Tipſey ſeinem Neffen ein großes Vermoͤgen geben kann, und daß es ſeine Abſicht iſt, ihn zu meinem Eidam zu machen?— Nun werden ſie mich verſtehen; der junge Mann iſt artig und gebildet, er wird dieſen Abend herkom⸗ men, und ich bitte ſie, mein Maͤdchen nicht ge⸗ gen ihn einzunehmen; deshalb kein Wort mehr in ihrer Gegenwart gegen Schleichhaͤndler, wenn wir Freunde bleiben wollen.“— „Ich werde ihnen gehorchen,“ ſagte Jacob; doch ward er bleich, indem er dieſe Worte her⸗ ausſtammelte; ein Umſtand, welcher dem Vater nicht entging. Oheim und Neffe kamen; das Miͤdchen 123 aber zeigte eine ſo entſchiedene Abneigung gegen beide, daß der Vater, nachdem ſie fort waren, ſie mit Vorwuͤrfen uͤberhaͤufte, und ſie im Zorn einer Neigung fuͤr Jacob beſchuldigte.— Um⸗ ſonſt betheuerte die arme Erſchrockene, daß nie von irgend einem Verſtaͤndniß zwiſchen ihr und dem jungen Manne die Rede geweſen, nie ein Wort der Art zwiſchen ihnen vorgefallen ſei. Der Vater ging heftig im Zimmer auf und nie⸗ der, behauptete, noch ſei er Herr im Hauſe, und wuͤrde ſich ſeine Gewalt uͤber die Tochter durch nichts rauben laſſen. Der vorige Ladendie⸗ ner habe ihn um Geld betrogen, der jetzige ſcheine ihn gar um die Tochter bringen zu wol⸗ len, murmelte er.—„Und das alles ſo geheim, ſo heuchleriſcher Weiſe zu treiben,“ ſetzte er hin⸗ zu;„wenn er noch offen zu Werke gegangen waͤre.— Aus dem Hauſe ſoll er mir, und das binnen drei Tagen, wenn die ſaubre Dame hier, ſich nicht augenblicklich zu der von mir beſtimm⸗ ten Heirath entſchließt!“— Leidenſchaft hatte ſich des Mannes in ſol⸗ chem Grade bemaͤchtigt, daß er auf Jacobs Verſicherungen, nie an die Ehre ſein Eidam zu 124 werden gedacht zu haben, durchaus nicht hoͤren wollte.„Koͤnnen ſie leugnen, daß ſie ſie lieben? koͤnnen ſie leugnen,“ ſchrie er,„daß ſie geſtern blaß wurden, als ſie verſprachen mir zu gehorchen?— Jacob konnte nun freilich beides nicht von Herzensgrunde leugnen, ſondern beſtand nur dar⸗ auf, daß er ſich nie eines hinterliſtigen Betra⸗ gens gegen ihn ſchuldig gemacht habe.—„Der beſte Beweis davon iſt,“ rief Cleghorn,„wenn ſie meine Tochter vermoͤgen, mir Gehorſam zu leiſten; uͤberreden ſie ſie, den jungen Mann zu heirathen!“—— „Das ſteht nicht in meiner Macht,“ erwie⸗ derte Jacob;„ich habe kein Recht mich darein zu miſchen, und wuͤrde mich uͤberdies verrathen, wenn ich hieruͤber ein Wort zu ihrer Tochter ſagte. Selbſt wenn ich die hoͤchſte Meinung von dem jungen Manne haͤtte, wuͤrde ich dies nicht unternehmen, und nun da ich nichts, gar nichts von ihm weiß— Es thut mir Leid, wenn ſie mir ihr Vertrauen entziehen; aber es wird eine Zeit kommen, wo ſie es einſehen werden, wie unrecht ſie mir gethan haben. Je eher ich ſie jetzt verlaſſe, um ſo beſſer wird es fuͤr uns bei⸗ 125 de ſein, und weit entſernt noch drei Tage blei⸗ ben zu wollen, wuͤnſche ich nicht drei Minuten gegen ihren Willen im Hauſe zu bleiben.“— Cleghorn geruͤhrt uͤber den edlen Stolz, mit dem Jacob ſprach, rief:„Es bleibe bei dem einmal feſtgeſetzten Termin; ſie halten die drei Tage aͤber hier noch aus. Vielleicht kommt das thoͤrichte Maͤdchen binnen der Zeit noch auf beſſere Gedanken; wenn ſie ihr ihre Liebe nie⸗ mals geſtanden haben, ſind ſie allerdings weni⸗ ger zu tadeln.“ Die drei Tage vergingen, und der Morgen, an welchem Jacob das Haus verlaſſen ſollte, kam heran. Die junge Dame beharrte bei ihrem Entſchluſſe, den Neffen des Admirals nicht zu heirathen, und zeigte vielen Kummer uͤber die Ungerechtigkeit, mit welcher Jacob ihrenthalben behandelt wurde; ſie erbot ſich ſogar zu einer Entfernung vom vaͤterlichen Hauſe, und ſchlug vor, ſich auf einige Zeit zu einer im Norden Englands wohnenden Tante zu begeben. Kei⸗ neswegs leugnete ſie, daß ſie Jacob allen jun⸗ gen Maͤnnern vorzoͤge, die ſie bisher geſe⸗ hen, jedoch ſei ihr nie der Gedanke ihn zu 126 heirathen in den Sinn gekommen, da er ihr keinen Beweis ſeiner beſonderen Neigung gege⸗ ben habe. Der Vater, obgleich innerlich bewegt, lanttr dennoch etwas von ſeinem Rechte als Hausherr und Vater zu vergeben, wenn er das einmal ausgeſprochene Wort braͤche, und ſo leid es ihm that, ſo ſehr er ſich ſogar anſtrengen mußte, eine Thraͤne beim Abſchiede von dem guten Jungen zuruͤckzudraͤngen, ſo entließ er ihn dennoch, nach⸗ dem er ihm verſchiedene Male herzlich die Hand gedruͤckt, ihm eine Banknote von funfzig Pfund fuͤr ſeine treuen Dienſte, und einen Empfehlungs⸗ brief an ein ſehr gutes Haus in Liverpool, wo eine weit beſſere Stelle als bei ihm offen war, gegeben hatte. Jacob konnte ſich jedoch ſchwer entſchlleßen, ſobald Monmouth zu verlaſſen, wo er ſich durch Bande der zaͤrtlichſten Liebe und Freund⸗ ſchaft gefeſſelt fuͤhlte. Spaͤt Abends begab er ſich nach einem Gaſthofe; der Weg fuͤhrte ihn durch eine kleine, an einem Fluſſe gelegene Gaſſe, wo⸗ hinein der Mond gar hell und freundlich ſeine Strahlen warf. Ein heſtiger Wortwechſel, den 127 er zwiſchen einigen Maͤnnern hoͤrte, weckte ihn aus ſeinen Traͤumereien; er fragte einen, welchen er als muͤſſigen Zuſchauer erkannte, was da noch ſo ſpaͤt fuͤr Streit ſei, und erhielt zur Antwort: es ſind Schleichhaͤndler, die ſich um den gemach⸗ ten Raub zanken.— Schon wollte er ſeine Straße ruhig weiter gehen, als ihn das Geſchrei: Moͤrder, Haͤlfe, Huͤlfe! ſtutzig machte; bald glaubte er ein dumpfes Geſtoͤhne zu vernehmen, und ſeine Menſchenliebe zog ihn nach dem Platze, von woher die Stimme zu erſchallen ſchien. Jetzt war alles wieder ſtill, vergebens ſah er um ſich herum, und erblickte beim Scheine des Mon⸗ des nichts, als in kleiner Entfernung ein Boot mit einigen Maͤnnern, die ſchnell vom Ufer fort zu rudern ſchienen. Er ſah ihnen eine Weile nach, hoͤrte aber nichts als die Worte des einen, welcher mit einem fuͤrchterlichen Fluche ausrief: „Da ſteht er noch lebendig, und weil wir ihm nicht das Garaus gemacht haben, kann er es uns machen!“— Mit gröͤßerer Anſtrengung ſchienen ſie ſich nun vom Ufer zu entfernen, und jetzt vernahm Jacob aufs Neue ein Seoͤhnen, doch ſchwaͤcher als vorher. Er ſuchte noch einmal an 128 allen Orten, und fand endlich einen ſchwer Ver⸗ wundeten, den man uͤber Bord geworfen, der nur mit aͤußerſter Anſtrengung ſchwimmend das Ufer erreicht, bald darauf aber hntzächui hin⸗ geſunken war. Sobald dieſer Menſch wieder ainigermaßen ſeiner Sinne maͤchtig wurde, bat er den vor ihm ſtehenden Fremden, ihm ins naͤchſte Wirthshaus zu helfen, und nach aͤrztlicher Huͤlfe zu ſenden, um ſeine Wunden unterſuchen zu laſſen. Dies geſchah, und als der Kranke im Stande war, aneinandergereiht zu ſprechen, berichtete er, wie er mit einigen Schleichhaͤndlern, die Brannte⸗ wein hereingebracht, getrunken, und mit ihnen uͤber ein Faß von dieſer Contreband⸗Waare in Zank gerathen ſei; doch verſicherte er hoch und theuer, den Kerl, der ihm die toͤdtliche Wunde verſetzt habe, gewiß wieder erkennen zu koͤnnen. Man ſetzte den Schleichhaͤndlern ungeſaͤumt nach, und als ſie in die Stube des Verwunde⸗ ten gefuͤhrt wurden, erſtaunte Jacob nicht we⸗ nig Leute unter ihnen zu finden, die er ſchwerlich hier vermuthet haͤtte, naͤmlich den faulen Ifaak, den wilden Wilhelm und den 1²9 großprahleriſchen Robert. Der Kranke erkannte ſie ſogleich als Thaͤter; Robert hatte ihm die toͤdtliche Wunde verſetzt, Wilhelm aber war zuerſt uͤber ihn hergefallen, und Iſaak hatte ihn uͤber Bord geworfen. So waren ſie alſo alle drei in dem Streite verwickelt; anſtatt aber den geringſten Abſchen uͤber ihre That zu bezeigen, ſtritten ſie ſich nur unter einander, wer von ihnen am meiſten zu tadeln ſei, und jeder wandte ſich nun an Jacob, um ihn zu ſeinem Vortheil zu gewinnen.— Dem angenehmen Wortwechſel wurde aber bald durch einige Poli⸗ zei⸗Diener ein Ende gemacht, welche die drei Bruͤder vor den Friedens⸗Nichter fuͤhrten. Sie erboten ſich ſogleich zu einem Freunde zu ſchicken, der eine ſichere Buͤrgſchaſt fuͤr ſie leiſten wuͤrde; dieſer Freund war niemand anders als Admi⸗ ral Tipſey, deſſen Buͤrgſchaft der Richter aber keineswegs für guͤltig anerkennen wollte. „Ich hoͤrte, daß dieſer Mann große Schaͤtze beſaͤße,“ ſagte Jacob, ſich zu dem Richter wen⸗ dend. „Das iſt keineswegs der Fall,“ erwiederte dieſer.„Ich weiß, daß er das iſt, was er ſeiner E. II. 9 130 Auffuͤhrung nach zu ſein verdient, ein gaͤnzlich zu Grunde gerichteter Mann. Er hat einen Nef⸗ fen, der das Spielerhandwerk treibt, und waͤhrend der Oheim, mit Gefahr des Lebens, das Schleich⸗ haͤndler⸗Geſchaͤft fuͤhrt, hat der Neffe, der in Qrford zum vornehmen Manne gebildet wer⸗ den ſollte, alle binnen zwanzig Jahren ſchlecht erworbenen Schaͤtze des Alten verſpielt.— Lan⸗ ge waͤhrt der Reichthum ſolcher Schurken nie; Tipſey hat eigentlich keinen Heller mehr.“ Jacob hielt es fuͤr Pflicht, dieſe Nachricht dem Herrn Cleghorn mitzutheilen; er ging alſo am naͤchſten Morgen dahin, und ſagte ihm alles, was er uͤber dieſen Punkt erfahren hatte. Cleghorn bat ihn, noch einige Tage in Mon⸗ mouth zu bleiben, zog ſeinerſeits Erkundigungen ein, und erfuhr die Beſtaͤtigung von allem. Die Heirathsunterhandlungen ſowohl, als jeder Verkehr mit dem Schleichhaͤndler, wurden auf der Stelle abgebrochen, und der Vater zitterte vor dem Gedanken des Abgrundes, in welchen er ſeine Tochter hatte ſtuͤrzen wollen. Seine Dankbarkeit gegen Jacob bezeigte er nun auf die, ſeinem Charakter angemeſſene, 131 lebhafte Art.„Kehren ſie zu mir zuruͤck,“ ſagte er,„und leben ſie, wie vorhin, in meinem Hauſe; ſie haben meine Tochter vom Untergange gerettet, und ſollen nicht laͤnger mein Handlungs⸗ diener, ſondern mein Compagnon ſein, und wenn ſie das erſt ſind, ſteht es ihnen natuͤrlich frei, an meine Tochter zu denken. Doch, ein gutes Ding will Weile haben!— Ich wuͤrde das Maͤdchen nie in meinem Leben wieder angeſehen haben, wenn ſie es ſich haͤtte einfallen laſſen, meinen Commis zu heirathen; mein Compagnon aber, das iſt ein anderes Ding!— Sie haben ſich ihren Weg zum Fortkommen in der Welt einzig durch eignes Verdienſt gebahnt, dazu wuͤn⸗ ſche ich ihnen von Herzen Gluͤck. Nun es vor⸗ bei iſt, darf ich es wohl ſagen: nie wuͤrde ich eine recht frohe Stunde wieder gehabt haben, wenn ich ſie aus meiner Naͤhe verloren haͤtte; aber ſie muͤſſen mir die Gerechtigkeit wiederfah⸗ ren laſſen, ich durfte meiner Vaterwuͤrde nichts vergeben.— Jetzt ſtehen die Sachen anders, ich gebe meine Einwilligung, und Niemand kann auch nur ein Wort dagegen einwenden; ſobald ich mit der Wahl meiner Tochter zufrieden bin, 9* 132 i5 es hiareichend.— Nur ein Ding beleidigt meinen Stolz—— Ihr Vater“—-— „Lieber Herr,“ unterbrach ihn Jacob,„bei allem was heilig iſt, bitte ich ſie, nichts Ehren⸗ ruͤhriges gegen meinen Vater zu ſagen, das kann ich durchaus nicht anhoͤren.— Er iſt der beſte aller Vaͤter!“— „Sicherlich hat er die beſten Kinder, und das iſt der groͤßte Segen, der uns hienieden werden kann. Ich wollte auch durchaus nichts Ehrenruͤhriges gegen ihn ſagen; ich wollte es bloß beklagen, daß er ſich in einem Armenhauſe befindet.“— „Er hat beſchloſſen dort zu bleiben,„¹I erwie⸗ derte Jacob,„bis ſeine Kinder ſo viel verdient haben, um ihn auf eine andere Weiſe erhalten zu eoͤnnen, ohne ſich ſelbſt zu wehe zu thun. Ich und meine Geſchwiſter werden uns am er⸗ ſten des kommenden Monats, der ſein Geburtstag iſt, bei ihm einfinden, und dann alles anwenden ihn zu einer andern Lebensweiſe zu geſinmneneue „Erinnern ſie ſich dann, daß ſie mein Com⸗ pagnon ſind,“ ſagte Cleghorn;„an dem Tage muͤſſen ſie mich mit ſich nehmen. Ihr Verdienſt hat Theil an meinem guten Willen, und mein guter Wille zeigt ſich nie einzig durch Worte.“— Sechſtes Kapitel. Wir wollen nun in Kurzem dem Leſer eini⸗ ge naͤhere Nachricht von der Familie Bettes⸗ worth geben; doch ſoll die Beſchreibung ihrer Traͤgheit, Verſchwendung, Streiti eiten, und ihres endlichen Untergangs, ſo ſehr als moͤglich zuſammengezogen werden. Das ihnen vom Kapitain hinterlaſſene Ver⸗ moͤgen beſtand aus faſt zwanzig tauſend Pfund. Sobald ſie zum Beſitz dieſer Summe gelangten, glaubten ſie, daß es nie ein Ende damit haben koͤnne, und jedes Mitglied der Familie ging nun mit verſchiedenen Plaͤnen ſchwanger, die alle gleich koſtſpielig waren. Der Alte hatte in ſeiner Jugend einmal das Haus eines vornehmen Man⸗ nes geſehen, welches ihm noch immer in Gedan⸗ ken lag, und er beſchloß gerade ein aͤhnliches auf⸗ bauen zu laſſen. Frau und Kinder widerſetzten ſich zwar dieſem Plane, hauptſaͤchlich weil es der Lieblingsplan des Vaters war, und folglich be⸗ ſtand er hartnaͤckiger als je darauf, ſeinen Willen auch einmal in ſeinem Leben durchzuſetzen. Da er nun nichts vom Bauen verſtand, und ſeine Traͤgheit ihn ſogar hinderte, auf die Arbeiter Acht zu geben, koſtete das Haus nicht allein weit mehr als es ſollte, ſondern war auch noch ſo mangelhaft gebauet, daß das Waſſer allenthalben durch das Dach durchdrang, und die Feuchtigkeit im Innern verſchiedentlichen Schaden anrichtete. Die Moͤblirung des Hauſes hatte Frau Bettes⸗ worth ſich ausdruͤcklich vorbehalten, Sally's Geſchaͤft aber war es, alles zu tadeln, was die Mutter anſchaffte. Daruͤber entſtanden nun oft ſehr laute, nachtheilige Zaͤnkereien; ſo wurde z. B. ein großer Spiegel einmal im edlen Wett⸗ kampfe zwiſchen Mutter und Tochter zerbrochen, weil jede hartnaͤckig darauf beſtand, ihn in einem anderen Zimmer aufgehaͤngt zu haben. Die Schuld ſiel auf Sally, welche in der erſten Wuth erklaͤrte, nicht in demſelben Hauſe mit der Mut⸗ ter bleiben zu koͤnnen; dieſe, erfreut ihrer los 135 zu werden, ließ ſie gerne laufen, und ſie begab ſich nun zu einer in der Naͤhe lebenden Offi⸗ ciersfrau, doch nicht ohne den Vater vorher durch Bitten und Drohungen dahin gebracht zu haben, ihr zweitauſend Pfund baar zur Ausſtat⸗ tung auszuzahlen. Sobald ſie fort war, gab Madam Bettes⸗ worth einen großen Schmaus, wozu alle Be⸗ kannte in das neue Haus geladen wurden; die Waͤnde der Zimmer aber waren noch nicht halb teocken, jedermann zog ſich eine Erkaͤltung zu, doch die, welche die Wirthinn von dieſem Feſte davon trug, war bei weitem die ſchlimmſte, da ſie ſich, der Mode gemaͤß, an dieſem Tage ungewoͤhnlich duͤnne gekleidet hatte. Am Sonntage darauf, als ſie noch an der ſtarken Erkaͤltung litt, wollte ſie durchaus in einem ganz leichten Kleide in die Kirche gehen, um ihrer Tochter Jeſſy im jugendlichen Anſehen nichts nachzugeben. Je⸗ der, der ſie anſah, lachte uͤber ſie, und Jeſſy am meiſten; doch war der Erfolg nicht laͤcherlich, denn die thoͤrichte Mutter wurde ſo krank, daß ſie ſich ſchon am Montag ins Bette legen mußte, und am darauf folgenden Sonntag begraben wurde. * 136 Nun begab ſich Jeſſy, in der Hoffnung gewiß noch einmal einen vornehmen Herrn zu heirathen, ganz zur Frau Cheviott, doch nicht ohne gleichfalls zweitauſend Pfund von ihrem Vater ertrotzt zu haben. Die Bruͤder merkten ſich die Schwachheit des Alten, und quaͤlten ihn ihrerfeits nicht weniger um betraͤchtliche Sum⸗ men, die ſie auf Pferde, Hunde, Spiel und Maitreſſen wandten, ſo daß dem Vater zuletzt nur noch ein Tauſend Pfund uͤbrig blieben. Mit Thraͤnen in den Augen ſagte er dies einſt den Soͤhnen, und ſetzte hinzu, wie er gewiß noch in einem Gefaͤngniſſe ſterben muͤſſe; ſie aber hoͤrten nicht darauf, denn ihre Augen waren auf die Banknoten gerichtet, welche der Vater eben vor ſich ausgebreitet hatte. Wilhelm griff, halb ſcherzend, halb ernſthaft einige davon weg, und da Robert darauf beſtand, der Raub muͤſſe getheilt werden, verfolgten ſie einander, fechtend und ringend, bis an den Thorweg, und hier war es, wo der alte Frankland die Bruͤder raf, als er vom Leichenbegaͤngniſſe ſeines Soh⸗ nes heimkehrte. Scheinbar ſchienen ſie zwar be⸗ ſchaͤmt und verſoͤhnt, vereinten ſich nun aber nur 137 um deſto mehr gegen den Vater, den ſie in der ganzen Nachbarſchaft als den ſchmutzigſten Geiz⸗ hals ſchilderten. Waͤhrend dieſer Zeit ſchloß Wilhelm mit einigen Schleichhaͤndlern Bekanntſchaft, deren un⸗ geregeltes Leben ihm ſehr gefiel. Er beredete endlich ſeine Bruͤder, das vaͤterliche Haus mit ihm zu verlaſſen, um ſich in die Dienſte des Admirals Tipſey zu begeben. Ihre Sitten nahmen nun mit jedem Tage an Rohheit zu, wovon wir die Folgen bereits geſehen haben.— Um ſich aus der Rechtsſache herauszuwickeln, wohinein ihre Mordluſt ſie verſetzt hatte, wand⸗ ten ſie ſich an Barlow, mit der Bitte, ihr Vertheidiger zu werden; er aber ſchlug ſeine ge⸗ richtliche Vermittlung nicht allein beſtimmt ab, ſondern von dem Augenblicke an, da es ihm zu Ohren gekommen war, daß Wilhelm und Ro⸗ bert das Feuer an dem Heuſchober angelegt hatten, forderte er Franz dringend auf, ſie dieſes Verbrechens wegen anzuklagen. Nie aber konnte dieſer ſich dazu entſchließen, die ohnedieß ſchon zu Grunde gerichtete Familie noch mehr zu druͤcken. 138 „Sie waͤren es der Gerechtigkeit ſchuldig,“ ſagte Barlow, die menſchliche Geſellſchaft von ſolcher Peſt zu befreien.“ „Wahrſcheinlich werden ſie wegen der Sache, weshalb ſie jetzt verhaftet ſind, ſchon hinlaͤnglich geſtraft werden,“ erwiederte Franz; ich kann in ihrer gegenwaͤrtigen Lage weder die an mir, noch an meinem Vater begangene Schuld, raͤchen wollen, denn ich bin uͤberzeugt, auch er wuͤrde meinen Schritt nicht billigen, da er mich immer lehrte, den Gefallenen nicht noch mehr niederzu⸗ treten.“ „Sie ſi ind ein edler junger Mann,“ rief Barlow, und kein Wunder, daß ſie den Vater, der ſolche Grundſaͤtze in ſie gepflanzt hat, ſo lie⸗ ben. Aber wie Schade, daß ſolch ein Vater im Armenhauſe lebt!— Sie ſagen mir, er will durchaus von keinem abhaͤngig ſein, von Nie⸗ mand als von ſeinen Kindern Unterſtuͤtzung an⸗ nehmen.— Obgleich ich dies Stolz nennen moͤch⸗ te, iſt es doch ein edler Stolz, und ich kann ihn nicht tadeln; aber, lieber Franz, er muß ihrer Freunde Credit als ihren eignen betrachten, und ſie koͤnnen die Summe von fuͤnfhundert Pfund — 139 auf mich ziehen, zu welcher Stunde es ihnen beliebt.— Kein Dank, guter Junge!— Die Haͤlfte des Geldes bin ich dir fuͤr deine treuen Dienſte ſchuldig, und die andere Haͤlfte iſt mir durch deinen unermuͤdlichen Fleiß ſicher genug; du kannſt mir mehr als dies in einem oder zwei Jahren wieder bezahlen, und wenn auf kei⸗ ne andere Weiſe deinem, oder deines Vaters Stolze hinlaͤnglich Genuͤge geſchehen kann, ſo will ich ſogar eine Verſchreibung von dir darauf nehmen.“— Die Art, wie dies Anerbiethen gethan wurde, ruͤhrte Franz in einem ſolchen Grade, daß er Barlow dennoch ſeine Dankbarkeit mit Worten daruͤber bezeigen wollte, als dieſer ihm in die Rede fiel: „Schon gut, ſchon gut, Lieber!— Wir Leute von der Feder duͤrfen unſere Zeit nicht mit Worten verſchwenden, wenn jene zu unſerem und anderer Nutzen gebraucht werden ſoll. Hier iſt Arbeit, die ſchnell gefoͤrdert werden will, ein Heiraths⸗Contrakt zu entwerfen!— Kannſt du rathen fuͤr wen?“— Franz rieth vergebens auf alle bekannte 140 Perſonen in ganz Monmonth; war aber nicht wenig erſtaunt zu hoͤren, daß der Braͤutigam derſelbe Herr Folingsby ſei, der noch vor zwei Monaten in Fanny verliebt geweſen war. Indeß machte er ſich an die Arbeit. Waͤhrend er und Barlow ſchrieben, wur⸗ den ſie durch die Ankunft des Herrn Crumpe aus Liverpool unterbrochen, der den Tod ſei⸗ ner Muhme ankuͤndigen und ſich Barlows Rechtsbeiſtand erbitten wollte. Endlich hatte die arme Frau vollendet, Patty war ihre treue Pflegerinn bis ans Ende geweſen, und die, wel⸗ che glaubten, ſie ertruͤge alle ihre Launen nur aus eigennuͤtziger Abſicht, waren uͤberzeugt, daß ihr nun der groͤßte Theil des betraͤchtlichen Ver⸗ moͤgens dafuͤr zufallen wuͤrde. Vorzuͤglich waren der Frau Crumpe Verwandte dieſer Sache ſo gewiß, daß, als ſie ſich verſammelten, um das Teſtament von Herrn Barlow verleſen zu hoͤ⸗ ren, einer dem andern zuſluͤſterte: „Wir wollen das Teſtament umſtoßen, wir wollen an eine hoͤhere Behoͤrde appelliren; die Alte war nicht bei vollem Verſtande, als ſie es machte, wir koͤnnen beweiſen, wie ſie vorher 141 ſchon zwei Anfaͤlle vom Schlagfluß gehabt hatte.“— Herr Crumpe gehoͤrte nicht zu dieſen Oh⸗ renblaͤſern; er hatte ſich ganz allein in eine Ecke des Zimmers geſetzt, und ſtuͤtzte ſich gemaͤchlich auf ſeinen dicken eichenen Stab. Barlow erbrach die Siegel, eroͤffnete das Teſtament, und verlas zu nicht geringem Erſtau⸗ nen der Menge, daß Herr Joſua Crumpe zum Univerſal⸗Erben ernannt ſei, unter folgenden, dafuͤr angefuͤhrten Gruͤnden: „Da Herr Joſua Crumpe der einzige meiner Verwandten iſt, der mir nie, ſelbſt nicht auf meinem Todbette, mit ſeinen Bitten um Geld beſchwerlich fiel, ſetze ich ihn zu meinem Univerſal⸗Erben ein, jedoch unter der Bedingung, daß er auf eine anſtaͤndige Weiſe fuͤr das vor⸗ treffliche Maͤdchen, Patty Frankland, ſorge, in welcher Hinſicht er meinen Wuͤnſchen gemaͤß handeln wird. Auf ihr eignes Erſuchen habe ich ihr ſelbſt nichts vermacht, ſondern ihr nur die Summe von funßzig Pfund fuͤr ihren Vater beſtimmt.“— Von allen Anweſenden war dieſer Herr Jo⸗ 142 ſua Crumpe der einzige, welcher ganz ruhig die Verleſung angehoͤrt hatte; die Uebrigen ſchie⸗ nen entweder durch ihre Vorwuͤrfe noch Anſpruͤ⸗ che geltend machen zu wollen, oder betrugen ſich heuchleriſch bei ihren lauten Gluͤckwuͤnſchun⸗ gen.— Der Gedanke aber, das Teſtament auf irgend eine Weiſe anzutaſten, mußte allgemein aufgegeben werden, da alles auf das Buͤndigſte abgefaßt war.. 4 Sobald ſich der Tumult in etwas gelegt hatte, erhob ſich Herr Crumpe von ſeinem Sitze, indem er mit ſeinem eichenen Stabe die Zahl der anweſenden Verwandten uͤberzaͤhlte. „Ihr ſeid zehn, wie mich duͤnkt,“ ſagte er;„je⸗ der von euch haßt mich; aber das kuͤmmert mich weiter nicht.— Um mein ſelbſt willen, nicht um eurentwillen, werde ich dem Charakter eines wahrhaft großmuͤthigen engliſchen Handelsmanns treu bleiben; ich bedarf dieſer Frauen Geld nicht, und beſitze durch meinen redlichen Fleiß und Got⸗ tes Segen Vermoͤgen genug, um nie in den Fall zu kommen ein Erbſchleicher zu werden.— Warum quaͤltet ihr die ſterbende Frau?— Ihr wuͤrdet beſſer gefahren ſein, wenn ihr euch beſſer 148 betragen haͤttet; aber das iſt nun vorbei.— Ich will jedem von euch tauſend Pfund abgeben, doch unter der Bedingung, daß jeder davon funf⸗ zig Pfund an das vortreffliche Maͤdchen, Pat⸗ ty Frankland, überliefere, denn ich hoffe, ihr ſeht nun eure Ungerechtigkeit gegen ſie alle hin⸗ laͤnglich ein.“—. Voͤllig uͤberzeugt, daß ihr Intereſſe davon abhaͤnge, ſich dem Herrn Crumpe verbindlich zu bezeigen, wetteiferten ſie nun mit einander, Patty's Tugenden Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen. Einige ſogar erklaͤrten, wie der Ge⸗ danke ihnen nie in den Sinn gekommen ſein wuͤrde, wenn die ſchlechte Jungſer Martha jene nicht ſo verlaͤumdet haͤtte. Die Summe von tau⸗ ſend Pfund nahmen ſie mit beiden Haͤnden an, und behaupteten, die funfzig Pfund, als eine bil⸗ lige Belohnung fuͤr Patty, gerne abzutragen. Nunmehrige Beſitzerinn von fuͤnfhundert Pfund, rief das liebe Maͤdchen entzuͤckt aus; „theurer Vater, jetzt ſollſt du nicht laͤnger in ei⸗ nem Armenhauſe leben!— Morgen wird der gluͤcklichſte Tag meines Lebens ſein!“— Dann ſich zum Herrn Crumpe wendend, ſagte ſie, 144— wie ſie nicht wiſſe, auf welche Weiſe ſie ihm dau⸗ ken ſolle. 1 „Sie haben mir ſchon hinlaͤnglich gedankt, und ſo wie es mir am liebſten iſt,“ erwiederte der einfache, wortkarge Mann.—„Keine Sylbe weiter davon.“— Patty ſchwieg jetzt zwar, konnte aber der Begierde, ihrem Bruder Franz und ihrem Ge⸗ liebten dies Gluͤck mitzutheilen, nicht laͤnger wi⸗ derſtehen; deshalb ging ſie mit Barlow nach Monmouth zuruͤck. „Den Bruder werden ſie ſehr beſchaͤtigt uͤber alte Pergamente ſinden,“ ſagte dieſer unter⸗ wegs zu ihr,„und ſie muͤſſen mir verſprechen, ihre guten Neuigkeiten zuruͤckzuhalten, bis er mit ſeinen Geſchaͤften fertig iſt, ſonſt macht er mir eben ſo viele Fehler, als ihr Freund Ma⸗ ſon einſt bei der Einleitung zu Frau Crum⸗ pe's Teſtamente machte⸗ Ich glaube uͦber haupt,“ fuhr Barlow laͤchelnd fort,„ich muß einer ge⸗ wiſſen Patty Frankland ein fuͤr allemal un⸗ terſagen, meinen Schreibern zu nahe zu kommen, denn ich ſehe wohl, ſie machen Fehler uͤber Jeh⸗ 143 ler, wenn ſie ſich auch noch vierzig Schritte von ihnen entfernt befindet.“— Franz aber war nicht bei dem Heiraths⸗ Contrakt beſchaͤftigt; wenig Augenblicke nach Barlow's Entfernung hatte man ihn zum Verhoͤre der Bettesworth's gerufen. Dieſe ungluͤcklichen jungen Leute, welche ſo viele Proben von ſeiner Gutmuͤthigkeit hatten, glaubten auch diesmal ſich darauf verlaſſen zu können, und baten ihn, ein gutes Wort fuͤr ſie einzulegen.—„Du biſt ſo manches Jahr hin⸗ durch unſer Nachbar geweſen,“ ſagte Wilhelm, „biſt hier allgemein von einer vortheilhaften Seite bekannt, bedenke nur, wie ſehr ein gutes Wort von dir, das doch wahrhaftig leicht ausgeſprochen iſt, uns nuͤtzen koͤnnte.— Komm, ſage, daß du es willſt.“— „Wie kann ich das,“ erwiederte Franz; „oder wie wuͤrde auch nur ein Menſch mir glan⸗ ben, da ihr in der ganzen Gegend bekannt ſeid?—— Doch verzeiht, dies iſt nicht der Augenblick, um euch Vorwuͤrfe zu machen.— Aber man nennt euch ja im ganzen Lande: E. II. 10 3 146 den wilden Wilhelm, den großprahleriſchen Robert, und den faulen Iſaak.“ „Da liegt eben der Knoten,“ ſiel der An⸗ walt der jungen Leute ein,„das wird im Ge⸗ richtshofe ebenſowohl bekannt ſein, und die Richter werden das ihrige daruͤber denken.“— „Lieber junger Mann,“ rief der alte Bettesworth,„erbarmen ſie ſich unſer!— Reden ſie ein Wort zu Gunſten der Jungen da, die mein graues Haupt ſonſt mit Schande in die Grube bringen! Gott, wenn ich auch das noch erleben ſollte?—— Franz, ſprechen ſie fuͤr ſie; ſie waren ein Inumüihiger Menſch von Jugend auf.“— Franz fuͤhlte ſich tief geruͤhrt durch die Bit⸗ ten und Thraͤnen des alten Vaters; aber ſeine Gutmuͤthigkeit vermochte ihn dennoch nicht, etwas ſo durchaus Unwahres behaupten zu wollen. „Fordert mich nicht auf, ein Zeugniß fuͤr ſie vor Gericht abzulegen,“ ſagte er;„ich kann nichts zu ihren Gunſten vorbringen, und ſo wuͤrde ich ihnen mehr ſchaden, als nuͤtzen.“— Dennoch glaubten ſie, ſeine Gutmuͤthigkeit wuͤrde doch noch am Ende den Sieg uͤber ſeine — 147 Wahrheitsliebe davon tragen, und ſo ließen ſte ihn in dieſem nsſcheldenden Augenblicke vorſor⸗ dern. „Nun, mein Herr,“ ſagte der Advocat der jungen Leute,„ſie erſcheinen hier, um fuͤr dieſe Gefangenen zu zeugen. Wie ich hoͤre, haben ſie ſie von Kindheit an gekannt, und ihr eigner Charakter iſt ſo allgemein als der eines recht⸗ ſchaffnen Mannes anerkannt, daß jedes Wort, was ſie zu ihrem Beſten ſagen, einen ſtarken Eindruck auf die hier verſammelten, geſchwornen Richter machen wird.“— Eine tiefe Stille herrſchte im Gerichtshofe; aller Augen waren auf den Juͤngling geheftet, der, im gewaltigen Kampfe, ringend mit dem Wunſche, ſeinen alten Spielcameraden zu dienen, und ſeiner Scheu, eine Unwahrheit zu ſazen endlich in Thraͤnen ausbrach. „Dies iſt ein ſtarkes Zeugniß gegen die Geſangenen;“ fluͤſterte ein Geſchworner ſeinem Collegen zu. Endlich erſcholl der Ausſpruch; er lautete: ſchuldig! und das Urtheil war— Landesver⸗ bannung.— 10* 148 Indem der Richter dies ausſprach, fiel der alte Bettesworth beſinnungslos nieder; man mußte ihn aus der Verſammlung fortbringen. So ſchlecht ſeine Soͤhne ſich auch gegen ihn be⸗ nommen hatten, konnte er doch das Wort, wel⸗ ches ſie oͤffentlich ſchaͤndete, nicht ertragen. Als er wieder zu ſich ſelbſt kam, ſaß er auf der ſteinernen Bank vor dem Gebaͤude, von Franz unterſtuͤtzt, umringt von der gaffen⸗ den Menge. Einzig von ſeinem tiefen Schmerze erfuͤllt, ſchien er niemand um ſich herum zu be⸗ merken, ſondern rief in fuͤrchterlicher Verzweif⸗ lung:„Ich unglücklicher Vater!— in meinem Greiſen⸗Alter bleiben mir keine Kinder!— Meine Soͤhne ſind fort, und wo, wo ſind meine Toͤchter?— Warum ſind ſie in dieſem fͤrchterlichen Augenblicke nicht um ihren alten Vater!— Haben ſie denn kein Gefuͤhl der kind⸗ lichen Liebe fuͤr mich?— Nein, nein!— Und woher ſollten ſie es auch haben?— Ich trug keine Sorge fuͤr ſie, als ſie jung waren, kein Wunder alſo, daß ſie nun in meinem Alter nicht fuͤr mich ſorgen. Ach, Nachbar Frankland, wie Recht hatteſt du; du erzogſt deine Kinder auf die Weiſe, 149 wie ſie werden ſollten! Nun erlebſt du Ehre und Freude an ihnen; und ſieh, was aus den meini⸗ gen geworden iſt!— Sie bringen ihres Vaters graues Haupt mit Schande in die Grube!“— Hier fing der Alte bitterlich an zu weinen; dann ſah er, wie aus einem Traume erwachend, um ſich herum, und fragte nach ſeinen Toͤchtern. „Gewiß ſind ſie in der Stadt, und es kann ihnen doch nicht ſo viel Muͤhe machen zu mir zu kommen! Sogar die fremden Menſchen, die mich nie geſehen haben, verſagen mir ihr Mit⸗ leid nicht;— aber die Meinigen haben kein Gefuͤhl, auch nicht fuͤr einander!— Wiſſen dieſe Maͤdchen denn das uͤber ihre Bruͤder geſprochne Urtheil?— Wo ſind ſie? Jeſſy zum wenig⸗ ſten koͤnnte doch in dieſem Augenblick wohl um mich ſein!— Ach, ich war immer ein nur zu nachgebender Vater gegen Jeſſy!“— Unter der Menge befanden ſich allerdings Leute, die recht wohl wußten, was aus Jeſſy geworden ſei; aber keiner wagte, den gebeugten Vater in dieſem Augenblicke mit der Nachricht bekannt zu machen. Zwei Bediente der Frau Cheviott waren gegenwaͤrtig, und fluͤſterten Franz zu: 150 „Sie thaͤten am beſten, lieber Herr, den alten Mann da zu bewegen nach Hauſe zu gehen, und nicht weiter nach ſeiner Tochter zu fragen; er wird die uͤble Nachricht noch fruͤh genug erfah⸗ ren.“—. Es gelang Franz, den Alten nach Hauſe zu fuͤhren, der noch immer in denſelben Aus⸗ rufungen der Verzweiflung beharrte, und unauf⸗ hoͤrlich nach ſeiner Tochter fragte. Endlich fiel er in einen Zuſtand der Betaͤubung, den man kaum Schlaf nennen konnte, und dieſen Augenblick benutzte Franz, ſich zu entfernen, und ihn der Sorgfalt ſeiner Leute zu uͤberlaſſen, da die Pflicht ihn nach Hauſe rief. Gluͤcklich war es in der That fuͤr Franz zu nennen, daß er ſeines Vaters Nath gefolgt, und die Verbindung mit der thoͤrichten Jeſſy fruͤhe abgebrochen hatte. Nachdem ſie lange an⸗ dere am Narrenſeile gefuͤhrt, war ſie jetzt die Beute ihres eigenen Spiels geworden; am naͤm⸗ lichen Morgen war ſie mit einem Unterofficier, in den ſie ſich auf einmal verliebt hatte, davon gelaufen. Dieſer, ein Mann von allgemein an⸗ erkanntem ſchlechten Charakter, hatte einzig ſein 151 Augenmerk auf die zweitauſend Pfund gerichtet, da er in ſeiner verzweiflungsvollen Lage nur zwiſchen dem Gefangniſſe, oder dem Gelde dieſer Naͤrrinn waͤhlen konnte. Sally war in dieſem Augenblicke mit ih⸗ rem Liebhaber, dem Faͤhndrich, voͤllig zerfallen, der ſie beſchuldigte, einzig Urſache zu ſein, daß er nichts von ſeiner Tante geerbt haͤtte, da ſie ihn mit Gewalt in ihr Zimmer geſtoßen habe. Dar⸗ uͤber kam es zu harten Worten, und er erklaͤrte endlich, daß er lieber den leibhaftigen Luzifer, als ſie zum Weibe nehmen wolle.— Nun war al⸗ les unter ihnen vorbei, zur nicht geringen Freude der ſaͤmmtlichen Bekanntinnen der jungen Dame, welche laut in ihrer Gegenwart fluͤſterten, daß ſie gewiß, weder ihres Geldes, noch ihrer Schoͤnheit wegen, je einen andern Anbeter bekommen wuͤr⸗ de.— Und ſo laſſen wir denn dieſe Familie in ihrem ſelbſt verſchuldeten Ungluͤcke, und wenden uns wieder zu freundlicheren Gegenſtaͤnden. Sobald Barlow den Heiraths⸗Contrakt des Herrn Folingsby voͤllig beendet hatte, gab er Franz den Auftrag, ihn perſoͤnlich zu uͤber⸗ bringen. Nach den erſten freundlichen Bewillkom⸗ 132 mungen, bat der Edelmann ihn ſich niederzu⸗ ſetzen, indem er ſagte:„Obgleich ich ſie zum er⸗ ſten Male ſehe, iſt ihr Name mir dennoch nicht unbekannt. Ich kenne ihre Schweſter; ſie iſt ein ganz vorzuͤgliches Maͤdchen! Sie ⸗haben ein Recht, auf ſolche Schweſter ſtolz zu ſein, und ich bin ihr die groͤßte Verbindlichkeit ſchuldig.“— Nun erzaͤhlte er offen, was zwiſchen ihnen vorgefallen ſei, und ſchloß mit der Verſicherung, daß es ihm die groͤßte Freude gewaͤhren wuͤrde, ihm oder einem ſeiner Familie einmal nuͤtzlich ſein zu koͤnnen.„Sagen ſie mir, junger Mann, ob ich nicht im Stande bin irgend etwas fuͤr ſie zu thun?“— Franz ſchwieg einige Augenblicke ſtille; er glaubte, Folingsby muͤſſe ſich der Ungerechtig⸗ keit erinnern, die er, oder ſein Anwalt gegen den Vater veruͤbt habe, und er war zu ſtolz, irgend eine Gunſt von dem zu erbitten, der ei⸗ gentlich ein Unrecht gegen ihn gut zu machen hatte. Folingsby aber, der buchſtaͤblich ſich damals nie ſelbſt um ſeine Angelegenheiten be⸗ kuͤmmerte, kannte weder ſeine Paͤchter perſoͤnlich, noch wußte er einmal ihre Namen; ſo konnte 133 er alſo nicht die geringſte Ahnung haben, daß dieſer neben ihm ſitzende junge Mann, ein Sohn eines ſeiner aͤlteſten und treueſten Paͤch⸗ ter ſei. Eben ſo wenig wußte er eine Sylbe davon, daß der alte Frankland wegen der Ungerechtigkeit ſeines Anwalts gezwungen gewe⸗ ſen war, ſeine Zuflucht in ein Armenhaus zu nehmen. Erſtaunt uͤber Franzens kaltes Stillſchweigen, drang er naͤher in ihn, und er⸗ fuhr nun den ganzen Zuſammenhang der Sache. „Gerechter Himmel!“ rief er aus,„ſo iſt alſo meine Nachlaͤſſigkeit Schuld an dem Ungluͤcke ihres und Fanny's Vaters geweſen!— Jetzt, da ſie die Sache in mein Gedaͤchtniß zuruͤckrufen, erin⸗ nere ich mich dunkel eines alten Mannes mit ſchoͤnen grauen Locken, der mit mir uͤber Geſchaͤfte ſprechen wollte, gerade in dem Augenblicke, als ich im Begriffe war nach Ascot zum Pferde⸗ rennen zu fahren. War das denn ihr Vater?— Ich beſtune mich nun gleichfalls, daß ich ihm ſag⸗ te, ich ſei in großer Eile, und ihn bat, ſich an meinen Anwalt zu wenden, der ihm gewiß Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren laſſen wuͤrde.— Hierin habe ich mich nun groͤblich geirrt, und habe das 154 8 Vertrauen, welches ich in dieſen Menſchen ſetzte, ſchwer buͤßen muͤſſen. Will's Gott, werde ich kuͤnftig meine Geſchaͤfte ſelbſt beſorgen, denn mein Kopf iſt jetzt nicht mehr einzig von Pferden, Hunden und ſchoͤnen Wagen erfuͤllt. Es giebt eine Zeit fuͤr jedes Ding in der Welt; meine leichtſinnigen Tage ſind voruͤber, und ich wuͤnſchte nur, daß dieſer Leichtſinn niemand als mir ſelbſt geſchadet haben moͤchte!— Alles was mir jetzt uͤbrig bleibt zu thun,“ fuhr Folingsby nach einigem Stillſchweigen fort,„iſt das Geſchehene, ſo viel es in meiner Macht ſteht, wieder gut zu machen, und da fange ich dann billig mit ihrem Vater an, wozu ich gluͤcklicher Weiſe die Mittel in Haͤnden habe. Seine Pachtung iſt mir wie⸗ der zugefallen, und ſoll ihm morgen aufs Neue uͤbergeben werden; kaum vor einer halben Stunde war der alte Bettesworth bei mir. Zwar haftet noch ein großer Ruͤckſtand von Zinſen dar⸗ auf; aber ſo wie ich hoͤre, hat er ein neues Haus gebauet, welches mir, um ihres Vaters willen, lieb iſt. Sagen ſie ihm, daß es ſein ſei; ſagen ſie ihm, daß ich es kaum erwarten koͤnne, ihn aufs Neue in Beſitz zu ſetzen, um die Ungerechtigkeit ——— 155 einigermaßen wieder gut zu machen, die ich zum wenigſten erlaubt habe, in meinem Namen zu begehen.“— Franz war ſo vor Freuden außer ſich, daß er kaum ein Wort des Danks hervorſtam⸗ meln konnte. Auf ſeinem Wege nach Hauſe lief er bei der Schweſter Fanny vor, um ihr die frohe Nachricht zu verkuͤnden. Dies war der Vorabend von des Vaters Geburtstage, und ſie kamen uͤberein, ſich am folgenden Morgen alle im Armenhauſe zu treffen. Endlich erſchien der lange eeſeßne Worgen. Der alte Frankland war in ſeinem Garten beſchaͤftigt, als er die Stimmen ſeiner ankommen⸗ den Kinder hoͤrte; ein freundliches Willkommen! begruͤßte ſie ſchon von ferne, und als ſie ſich ihm naheten, ſagte der Greis geruͤhrt:„war ich es doch zum Voraus ſchon feſt uͤberzeugt, daß ihr euren alten Vater an dieſem Tage beſuchen wuͤr⸗ det! Deshalb ging ich auch fruͤhe in den Garten, Johannisbeeren fuͤr euch zu pfluͤcken, um euch, ſo gut als moͤglich, damit zu bewirthen.— Aber ſchaͤmen ſich denn ſolche feine Herrn und Damen nicht, mich in einem Armenhauſe zu beſuchen!— 156 Potztauſend! wie geputzt und geſchniegelt ihr ausſeht 1— Ich hatte zwar immer Urſache ſtolz auf euch zu ſein, doch ſo huͤbſch wie heute ſeid ihr mir noch nie vorgekommen!“— „Das kommt vielleicht daher, lieber Vater,“ rief Franz,„weil ihr uns noch nie alle mit einander ſo gluͤcklich ſahet.— Setzt ihr euch in der Laube nieder, wir wollen uns zu euren Fuͤ⸗ ßen vor euch auf dem Graſe lagern, und jeder ſoll euch etwas Froͤhliches von ſich, und in Bezie⸗ hung auf euch erzaͤhlen.“—. „Kinder, macht mit mir was ihr wollt,“ ſagte der entzuͤckte Vater;„mein altes Herz ſchwimmt in Freude und Wonne, euch alle ein⸗ mal wieder mit ſo gluͤcklichen Geſichtern um mich herum zu ſehen!“— Sie lagerten ſich jetzt verabredeter Maßen; erſt erzaͤhlte Patty, dann Fanny, dann Ja⸗ cob, und zuletzt Franz; und als ſie nun alle vier mit den Begebenheiten ihres Lebens zu Ende waren, legten ſie ihren kleinen Schatz, die Be⸗ lohnung ihres guten Betragens, in einer Boͤrſe, in den Schooß des Vaters. „Meine theuren, geliebten Kinder!“ rief 4 157 Frankland, mit einer ſaſt von Thraͤnen er⸗ ſtickten Stimme,„das iſt zu viel Freude fuͤr mich!— Dies iſt der gluͤcklichſte Augenblick mei⸗ nes Lebens!— Nur ein Vater ſolcher Kinder kann fuͤhlen, was ich fuͤhle.— Euer gutes Fort⸗ kommen in der Welt entzuͤckt mich tauſendmal mehr, da ich weiß, wie ihr alles euch ſelbſt ver⸗ dankt!“—— „Nein, nein, theurer Vater,“ riefen die Kinder einſtimmig,„nicht uns, dir verdanken wir einzig jeden guten Erfolg.— Alles was wir haben und beſitzen, iſt dein Werk, alles verdan⸗ ken wir der Sorgfalt, die du von Kindheit an fuͤr uns gehabt haſt!— Haͤtteſt du nicht mit Vater⸗Augen uͤber uns gewacht, wir waͤren jetzt nicht ſo gluͤcklich!— Denke nur an den armen Bettesworth.“——— Hier wurden ſie durch die treue Hanna un⸗ terbrochen, die ſtets bei ihrem alten Herrn geblie⸗ ben war. Sie kam den Garten ſo ſchnell herun⸗ tergelaufen, daß ſie ſaſt athemlos bei der Laube anlangte. Keuchend rief ſie endlich:„Ei du mein Himmel, ihr lieben Leutchen, es iſt i-neeAn S Nar zu ſitzen. Kommt 158 24 herein, lieber Herr, ſo ſchnell es euch moͤglich iſt; kommt, um euch fertig zu machen, alles iſt bereit!“— „Fertig! wozu?—“ „Ach, zu wunderſchoͤnen Dingen!— Aber 1 kommt nur, ich ſage es euch dann beim Hinein⸗ gehen. Lieber Gott, wie habe ich meinen Arm am Stachelbeer⸗Buſch aufgeriſſen; aber das thut alles nichts. Ihr wißt alſo wirklich kein Wort von allem was vorgeht?— Wie ſolltet ihr aber auch!— Aber vermißtet ihr Kinder mich denn nicht, als ihr ins Haus tratet?“— „Verzeihe uns das, gute Hanna; wir wa⸗ ren ſo begierig den Vater zu ſehen, daß wir an nichts anders dachten.“ „Ja, ja, natuͤrlich!— Nun, Jungfer Fanny, ſie wiſſen gar nicht, daß ich in dem großen Hauſe bei ihrer Herrſchaft geweſen bin? Eine beſſere Dame giebt es in der ganzen Chri⸗ ſtenheit nicht!— Sie ließ mich holen, um mit mir allein zu ſprechen, und ich weiß Dinge, auf welche ihr noch lange rathen muͤßt.— Nur ſo viel kann ich euch ſagen: es kommt eine wunder⸗ ſchoͤne Kutſche, um meinen alten Herrn nach ſei⸗ —— 159 nem neuen Hauſe zu fahren; und ſchoͤn gezaͤumte Pferde kommen fuͤr euch alle, um nebenher zu reiten, und Frau Hungerford kommt in ihrer eigenen Kutſche, und der junge Herr Folingsby in ſeiner praͤchtigen Equipage, und Herr Bar⸗ low in Herrn Crumpe's Wagen, und der Herr Cleghorn mit ſeiner huͤbſchen Tochter, und was weiß ich, wer alles noch kommt, in ganzen Haufen von Wagen!— Und das Volk ſteht ſchon in den Straßen und gafft;— aber jetzt muß ich eilen, das Fruͤhſtuͤck voͤllig zu berei⸗ ten!“— „ Theurer Vater,“ rief Franz,„zieht ſchnell den garſtigen Kittel aus, ehe ſie kommen, wir haben andere Kleider fuͤr euch mitgebracht.— Bei dieſen Worten legte er ſelbſt Hand an, zog dem Alten den garſtigen Kittel, wie er ihn nannte, vom Leibe, und warf ihn mit dem Aus⸗ ruf in die Ecke:„mein Vater ſoll dich nie wie⸗ der tragen!“— Waͤhrend der Zeit band Fanny ein huͤbſch genaͤhtes Halstuch um ſeinen Hals, und Patty ordnete die ſchoͤnen ſilbergrauen Locken. Schon hoͤrte man die Wagen raſſeln; alles was Han⸗ 160 na erzaͤhlte, war wahr. Frau Hungerford hatte ihre Freunde und jeden, der mit der Ge⸗ ſchichte des guten Vaters und ſeiner guten Kin⸗ der bekannt war, aufgefordert, ſie an dieſem froͤhlichen Tage zu begleiten. „Pomphaſte Aufzuͤge und feierliche Prozeſ⸗ ſionen,“ ſagte die edle Frau,„ſind gewoͤhnlich thoͤrichte Dinge, nur geeignet, der Eitelkeit zu froͤhnen; hierdurch aber froͤhnen wir nicht der Eitelkeit, ſondern ehren die Tugend. Es iſt heilſam, wenn wir dem Volke zeigen, wie wah⸗ rer Edelſinn, er moͤge ſich zeigen in welcher Claſſe er wolle, geachtet und bewundert werden muß. Hier iſt eine ganze Familie, die ſich durch ihr Betragen vorzuͤglich ausgezeichnet, die ſich beſtrebt har, den alten Vater aus einer Lage zu reißen, worein er weder durch eigne Schuld, nöch Leichtſinn der Zeit verſetzt war. Ihre Be⸗ muͤhungen ſind gelungen! Laßt uns ihnen das ge⸗ ben, was mehr Werth für ſie hat, als Geld, Mitgefuͤhl!“ Theils uͤberzeugt, theils uͤberredet von der Wahrheit dieſer Aufforderung, folgten Freunde und Bekannte der Frau Hungerford an die⸗ 161 ſem Morgen in das Armenhaus. Das Volk lief ſcharenweiſe herbei, und der alte Frankland wurde im Triumph in ſeine neue Wohnung ge⸗ fuͤhrt.. Viele Jahre lebte der gluͤckliche Vater noch dort, um ſich der ſtets wachſenden Gluͤckſeligkeit ſeiner Familie zu erfreuen. E. II. 11 16² Der dankbare Neger. Auf der Inſel Jamaika lebten zwei Pflanzer, die einer ganz verſchiedenen Methode in Hinſicht der Behandlung ihrer Sclaven folg⸗ ten. Herr Jefferies betrachtete die Neger als eine voͤllig untergeordnete, keiner Dankbarkeit faͤhige, einzig auf Betrug ausgehende Menſchen⸗ Gattung, die nur durch Gewalt aus ihrer natuͤr⸗ lichen Traͤgheit geweckt werden koͤnne; er behan⸗ delte ſie alſo, oder erlaubte vielmehr ſeinem Auf⸗ ſeher, ſie mit der groͤßten Haͤrte zu behandeln. Eigentlich war Jefferies nicht von grauſa⸗ mer Gemuͤthsart; aber in ſeiner unbeſonnenen, grenzenloſen Heftigkeit, und in ſeinen ſanguiniſchen Hoffnungen, ſetzte er immer eine reichliche Ernd⸗ 163 te in ſeinen Pflanzungen als unfehlbar voraus, ohne auch nur im mindeſten einen unvorhergeſe⸗ henen ſchaͤdlichen Einfluß der Witterung, oder anderer Zufaͤlligkeiten, die jener entgegen waren, als moͤglich anzuerkennen. Es iſt baarer Ertrag, pflegte er zu ſagen, den ich von meinem Aufſe⸗ her fordere, es ſind nicht Entſchuldigungen, mit denen ich mich will abſpeiſen laſſen. So ließ denn auch Durant, der Aufſeher, es an keinem barbariſchen Mittel ſehlen, die Sclaven uͤber ihre Kraͤfte anzuſtrengen. Erreich⸗ ten auch zuweilen Klagen uͤber ſeine unerhoͤrte Grauſamkeit das Ohr des Herren, ſo wurde die⸗ ſer wohl zum augenblicklichen Mitleiden hingeriſ⸗ ſen, verſchloß aber ſein Herz ſorgfaͤltig vor jeder Ueberzeugung des Unrechts. Den Gedanken dar⸗ an beim uͤppigen Mahle verſcheuchend, ſuchte er jede, auch die leiſeſte Stoͤrung der Freude im ſchaͤumenden Becher zu ertraͤnken. Gerade mußte er ſich in dieſem Jahre ſehr in Schulden beſinden, und da ſein Auge daher mehr noch, als gewoͤhnlich, auf eine reichliche Erndte gerichtet war, drang er in ſeinen Aufſe⸗ her, dieſe auf alle Weiſe herbeizutreiben. 11* b 164 Noch ungluͤcklicher fuͤhlten ſich die armen Sela⸗ ven auf dieſer Pflanzung, wenn ſie ihren Zuſtand mit dem ihrer Landsleute verglichen, die ſich auf den benachbarten Guͤtern des Herrn Edw ards befanden. Hier wurden die Sclaven von dem edlen Beſitzer mit aller nur moͤglichen Menſchlich⸗ keit und Guͤte behandelt. Sein innrer Wunſch war, es moͤge gar keine Sclaven mohr in der Welt geben, dennoch hielt er ſich durch das Zeug⸗ niß ſachkundiger Leute uͤberzeugt, daß eine ploͤtz⸗ liche Freilaſſung der Neger eher ihr Ungluͤck vermehren, als vermindern wuͤrde. Sein Wohl⸗ wollen alſo, nur durch Vernunſt in den richtigen Schranken zuruͤck gehalten, ſuchte nun den Zu⸗ ſtand der armen Menſchen wenigſtens ſo ertraͤg⸗ lich als moͤglich zu machen. Hatten ſie die ih⸗ nen vorgeſchriebenen taͤglichen Arbeiten vollendet, ſo durften ſie den noch uͤbrigen Theil des Tages zu ihrem eigenen Vortheil, oder ihrer Erholung anwenden; waͤhlten ſie aber freiwillig, noch laͤn⸗ ger fuͤr den Herrn zu arbeiten, ſo wurden ſie ordentlich dafuͤr bezahlt. Dies Mittel wirkte maͤchtig auf die Sclaven, da Edwards ſtrenge 163 darauf hielt, daß der ihnen verſprechene Lohn puͤnktlich ausgezahlt wurde. Er war ſo gluͤcklich, einen vortreſſlichen Aufſeher, Namens Bayley, zu beſitzen, einen Mann von ruhigem, feſten Charakter, der nicht allein ſeines Vortheils wegen an ihn gebun⸗ den war, ſondern ihn uͤberdies ſeiner edlen Ei⸗ genſchaften halber innig liebte, und folglich ganz in ſeine Plaͤne einging. Jeder Neger be⸗ ſaß, auſſer ſeiner Huͤtte, ein Stuͤck Land, wel⸗ ches ihm als Eigenthum gegeben war, und das er einen Tag in der Woche zu ſeinem Vortheil bearbeiten konnte. Es iſt in Jamaika gebraͤuchlich, daß die Ne⸗ ger ſolche kleine Stuͤcke Landes als Eigenthum beſitzen; aber nur zu oft tritt der Fall ein, daß, wenn ein guter Neger ein ſolches kleines Grund⸗ ſtuͤck verbeſſert, ſich ein Haus darauf gebauet hat, und nun anfaͤngt die Fruͤchte ſeines Fleißes zu genießen, der Gerichtsdiener ſich dieſes Eigen⸗ thums bemaͤchtigt, um die Schulden des Pflan⸗ zers dadurch zu tilgen. Dann wird der arme Schwarze mit Gewalt von Weib und Kindern getrennt, auf den oͤffentlichen Markt geſchleppt, 166 von einem andern Fremden wieder gekauft, und muß nun vielleicht, auf immer des Tageslichts beraubt, in den Goldminen von Mexico ſein elendes Leben enden.— Und dies alles ohne eigne Schuld, einzig ein Opfer des Nrſchuldete un. oder unverſchuldeten Ungluͤcks ſeines Herrn. Dieſer barbariſchen Ungerechtigkeit ſahen ſich die Neger auf Edwards Pflanzungen nie aus⸗ geſetzt; nie uͤberſchritt er in ſeinen Ausgaben ſein Einkommen, nie ließ er ſich in verfuͤhreriſche Speculationen ein, machte daher keine Schulden, und ſeine Sclaven liefen mithin nie Gefahr, fuͤr das Unrecht des Herrn buͤßen zu muͤſſen, vielmehr wurde ihnen ihr Eigenthum ſowohl durch ſeine Klugheit, als Großmuth geſichert. Als Edwards eines Morgens durch den Theil ſeiner Pflanzung wanderte, der an die ſei⸗ nes Nachbars Jefferies grenzte, glaubte er in einiger Entfernung ein klaͤgliches Geſchrei zu hoͤren. Lauter und immer lauter wurden dieſe Toͤne, indem er ſich einer Huͤtte nahete, die gerade an der Grenze ſeiner Beſitzungen lag. Dieſe Huͤtte gehoͤrte dem beſten von Jeffe⸗ ries Negern, Namens Caeſar, deſſen Fleiß, 3 167 ungeachtet der ſtrengen Behandlung des Aufſe⸗ hers, ſo groß geweſen war, daß er ſein kleines Grundſtuͤck zu einem Grade der Vollkommenheit gebracht hatte, der bei den andern Negern die⸗ ſer Pflanzung vergebens geſucht wurde. Oft ſchon hatte Edwards des Menſchen Betrieb⸗ ſamkeit bewundert, und jetzt eilte er ſich zu er⸗ kundigen, welches Ungluͤck ihm sſtoßen ſein koͤnne. Als er ſich am Eingange der Huͤtte befand, ſah er Caeſar mit verſchlungenen Armen, die Au⸗ gen feſt auf den Boden geheſtet, da ſtehen. Eine junge, ſchoͤne Negerinn weinte bitterlich, in⸗ dem ſie zu den Fuͤßen des Aufſehers kniete, der auf alle ihre Bitten nur immer die trockne Ant⸗ wort gab:„Ich ſage dir, Weib, er muß fort!— Wozu ſoll dies unnuͤtze Jammern?“— Bei Edwards Anblicke aͤnderte ſich jedoch Durant's barſcher Ausdruck in eine etwas willfaͤhrlichere Hoͤflichkeit; die arme Frau begab ſich weinend ins Innre der Huͤtte. Caeſar ſtand noch immer bewegungslos da.—„Es iſt hier von nichts anderm die Rede, gnaͤdiger Herr,“ ſagte der Aufſeher, als daß Caeſar verkauft 168 werden ſoll, und deshalb ſchreit das Weib ſo. Sie wollten ſich heirathen; aber ich habe der Clara ſchon geſagt, daß wir fuͤr einen andern Mann fuͤr ſie ſorgen wollen, und ſo wird ſich das bald geben, und ſie ſteht ſich vielleicht noch beſſer dabei.“ „Nie, nie!“— rief Clara. „An wen ſoll Caeſar verkauft werden, und welchen Preis fordert ihr fuͤr ihn?“— An den, der ihn haben will, und ſo hoch wir ihn nur los werden koͤnnen,“ antwortete Durant lachend.„Der Gerichtsdiener iſt hier, der ihn Schulden halber mitnimmt, und ihn auf dem Markte ausbieten will. „Der arme Menſch!“— ſagte Ed⸗ wards—„uUnd muß nun ſeine Huͤtte verlaſ⸗ ſen, die er ſelbſt gebaut, und ſeine Baͤume, die er gepflanzt hat!“— K Hier blickte Caeſar zum erßen Male auf, und ſeine Augen feſt auf Edwards richtend, nahete er ſich ihm, mehr mit einem unerſchrocke⸗ nen, als bittenden Geſicht, indem er ſagte: „Wollt ihr mein Herr ſein?— Wollt ihr der Herr meiner Clara ſein?— Kauft uns beide; — 9— ——— 169 ihr ſollt es nicht bereuen, aefar wird eud treu dienen.“ Bei dieſen Worten ſprang Clara hervor, ſchlug die Haͤnde in einander und wiederholte: „Caeſar wird euch treu dienen.“— Edwards, obgleich geruͤhrt durch die Bit⸗ tenden, verließ ſie dennoch, ohne ſich naͤher zu erklaͤren, und begab ſich augenblicklich zu Jeffe⸗ ries, den er auf dem Sopha ausgeſtreckt liegend, ſeinen Caffee gemaͤchlich hineinſchluͤrfend, antraf. Sobald der Eintretende die Urſache ſeines Beſuchs rwaͤhnte, und ſein Bedauern uͤber Caeſar aͤu⸗ ßerte, rief Jefferies aus:„Ja wohl, der arme Teufel! er thut mir vom Grunde meines Herzens Leid; aber was kann ich machen?— Ich uͤberlaſſe dem Durant alle dieſe Sachen; er ſagt, der Gerichtsdiener habe ſich ſeiner bemaͤch⸗ tigt, und ſo iſt ihm nicht zu helfen. Ihr wißt, Nachbar, Geld muß einmal da ſein, und Cae⸗ far iſt deshalb nicht uͤbler daran, als jeder an⸗ dere Sclave, der Schulden halber verkauft wird.— Es iſt uͤberhaupt nicht der Muͤhe werth, uͤber die Sache zu ſprechen, als wenn nie etwas 170 Aehnliches begegnet waͤre; ſolche Dinge tragen ic taͤglich in Jamaika zu.“— „Deſto ſchlimmer,“ erwiederte Edwards. „Freilich, deſto ſchlimmer fuͤr ſie;“ fiel Jef⸗ feries ein.„Aber, beim Lichte betrachtet, ſind ſie doch einmal Sclaven, und muͤſſen als ſolche behandelt werden. Ueberdies ſagt man mir, ſind ſie hier noch hundertmal gluͤcklicher, als in ihrem eigenen Vaterlande.“ „Haben ſie dieſe Nachricht aus dem eignen Nunde der Neger?“— „Nein; aber beſſer unterrichtete Leute, als ſie ſelbſt ſind, verſicherten mich von der Wahr⸗ heit dieſer Behauptung;— und endlich, es muß doch durchaus Selaven geben, wie ſollten wir ſonſt unſern Indigo, Rum und Zucker be⸗ arbeitet kriegen!“— „Zugegeben, daß es auch eine vyyſüſhe Un⸗ moͤglichkeit ſei, ohne Rum, Zucker und Indigo zu beſtehen, warum ſollte man dieſe Producte nicht eben ſo gut durch freie Menſchen, als durch⸗ Sclaven bearbeiten laſſen koͤnnen?— Wenn wir Neger zu Arbeitern mietheten, anſtatt ſie als Sclaven zu kaufen, glauben ſie nicht, daß 171 ſie eben ſo gut arbeiten wuͤrden, wie ſie es jetzt thun?— Arbeitet irgend ein Neger, aus Furcht vor dem Aufſeher, angeſtrengter, als es die Tageloͤhner in Birmingham, oder in den Kohlen⸗ Minen zu Neweaſtle thun, welche fuͤr ihre eigne, und die Erhaltung ihrer Familien arbei⸗ ten?“— 4 „Ach, das verſtehe ich nicht zu beurtheilen; alles was ich beſtimmt behaupten kann iſt, die Pflanzer in Weſtindien ruinirt ſein wuͤrden, wenn ſie keine Sclaven haͤtten, und ich bin ein Weſtindiſcher Pflanzer.“ „Das bin auch ich; doch denke ich nicht, daß man bei dieſem Ge ſchaͤft nur einzig an das In⸗ tereſſe der Pflanzer denken muͤſſe. 4 „Gluͤcklicher Weiſe iſt ihr Intereſſe durch die Landesgeſetze beſchuͤtzt; und da ſie reiche, weiße und freie Menſchen ſind, haben ſie doch wohl eben ſo viel Anſpruch an das Recht die⸗ ſer Geſetze, als der aͤrmſte ſchwarze Sclave in unſern Pflanzungen?“— „Das Geſetz ſcheint in dieſem Falle das Neche ju begruͤnden, da es doch eigentlich umge⸗ 3 172 kehrt der Fall ſein, und das Recht die Geſetze beſtimmen ſollte.“ „Wir Pſlanzer haben, dem Himmel ſei Dank, nicht noͤthig, uns in ſolche Spitzfindigkeiten einzulaſ⸗ fen. Wenn ſie auch wollten, ſtaͤnde es doch nicht in ihrer Macht den Seclavenhandel aufzuheben; man wuͤrde die Sclaven ſchon durch den Schleichhan⸗ del ins Land zu bringen wiſſen“— „Was, wenn Niemand ſie kaufen wollte! Ueberdies wiſſen ſie, daß man Sclaven nicht als Schleichhaͤndler⸗Waare nach England bringen kann; in dem Augenblicke, da der Sclave den engliſchen Boden beruͤhrt, iſt er frei. Herrliches Vorrecht!— Warum iſt es nicht gleichfalls uͤber alle engliſchen Beſitzungen verhreitet?— Wenn alle kuͤnftigen Einfuͤhrungen der Sclaven auf unſern Inſeln durchs Geſetz verboten waͤren, muͤßte der Selavenhandel ſchon aufhoͤren. Kein Menſch kann Sclaven weder kaufen, noch ver⸗ kaufen, ohne daß es bekannt wird; man kann ſie nicht gleich Spitzen oder Branntewein heimlich einſchwaͤrzen.“— „Gut, gut!“ rief Jefferies etwas unge⸗ duldig.„Bisher iſt das Geſetz noch auf unſerer a 173 Seite, und weder ſie noch ich koͤnnen etwas dazu thun.“ „Wir koͤnnen allerdings etwas dazu thun; wir koͤnnen uns wenigſtens beſtreben, unſere Ne⸗ ger ſo gluͤcklich als moͤglich zu machen.“ „Ich uͤberlaſſe dem Durant die Behand⸗ lung dieſes Volk's“ „Und das iſt es gerade, woruͤber 6 e ſich all⸗ gemein beklagen. Verzeihen ſie, daß ich mit der Offenherzigkeit eines alten Bekannten zu ihnen rede.“ 34 „Sie koͤnnen mich durch nichts mehr verbin⸗ den,“ erwiederte Jefferies.„In der That iſt mir ſelbſt ſchon manche Klage uͤber Durant's Haͤrte zu Ohren gekommen; aber ich mache es mir zum Geſetz, taub gegen dergleichen Beſchwer⸗ den zu ſein, denn ich weiß, ohne Strenge kann nichts mit dieſem Volke ausgerichtet werden. Sie, der ſie partheiiſch fuͤr die Neger ſind, muͤſ⸗ ſen ſogar geſtehen, daß es eine uns ſehr unter⸗ geordnete Menſchenrace iſt. Umſonſt verſuchen ſie es, den Schwarzen gleich einem Weißen zu behandeln; thun ſie ſo viel ſie wollen fuͤr einen Neger, er fuͤhrt ſie hinter's Licht, ſobald ſich 174 nur irgend eine guͤnſtige Gelegenheit dazu findet. Sie wiſſen, es iſt Grundſatz bei ihnen: Gott uͤberlaͤßt dem ſchwarzen Menſchen zu thun, was der Weiße vergißt.“ Auf die letzten, fluͤchtig hingersrfenen Ge⸗ meinſpruͤche fand Edwards es nicht der Muͤ⸗ he werth zu antworten. Er kam auf die Veranlaſſung ſeines Beſuchs, den Caeſar, zu⸗ ruͤck, und erboth ſich, ihn ſowohl wie Clara fuͤr den hoͤchſten Preis zu kaufen, den der Ge⸗ richtsdiener auf dem Markte fuͤr ſie erhalten koͤnne. Mit der groͤßten Hoͤflichkeit geſtand Jef⸗ feries die Bitte zu, ohne auch nur im minde⸗ ſten weiter uͤber das Gluͤck oder Ungluͤck dieſer ſo untergeordneten Menſchenrace nachzudenken. Nichts koͤnne billiger ſein, als dies Begehren,“ ſagte er,„und er ſchaͤtze ſich gluͤcklich, einem ſo geehrten Nachbar in etwas mit ſo leichter Mühe willfahren zu koͤnnen.“ Der Kauf wurde ohne Schwierigkeit ge⸗ ſchloſſen, da Edwards gerne einige Thaler uͤber den Marktpreis fuͤr die beiden Selaven bezahlte⸗ Als Caeſar und Clara hoͤrten, daß ſie nicht getrennt werden ſollten, bezeigten ſie dem groß⸗ 175 muͤthigen Wohlehäter die Freude und Dankbar⸗ keit ihrer Herzen auf eine wahrhaft ruͤhrende Weiſe. Edwards fuͤhrte ſeine neuen Selaven mit ſich nach Hauſe, befahl ſeinem Aufſeher, dem Caeſar gleich ein kleines Grundſtuͤck anzuwei⸗ ſen, und ihm eine Huͤtte einzuraͤumen, die gerade leer ſtand. „Nun, mein Freund,“ ſagte er darauf zu dem Neger, magſt du fuͤr dich ſelbſt arbeiten, ohne Furcht, daß das von dir Erworbene dir ge⸗ nommen werde, oder daß du jemals verkauft wirſt, um deines Herrn Schulden zu bezahlen.— Wenn er vielleicht nicht verſteht, was ich ſage,“ fuhr er ſich zu Bayley wendend fort,„werdet ihr es ihm erklaͤren.“ Caeſar verſtand alles himlänglich; aber er war in dieſem Augenblicke ſo bewegt, daß er keine Worte fand ſeine Dankbarkeit auszudruͤcken. Wie verſteinert ſtand er da. Guͤtig behandelt zu werden, war fuͤr ihn etwas ſo Neues, daß ſein maͤnnliches Herz voͤllig davon uͤberwaͤltiget ward, und ſchon bei der erſten Anrede:„mein Freund,“ traten Thraͤnen in ſeine Augen, Thraͤnen, welche der heftigſte Schmerz der Folter nicht im Stande 176 geweſen waͤre ihm auszupreſſen. Dankbarkeit ſchwellte ſeinen Buſen; er ſehnte ſich allein zu ſein, damit er ſeinen Gefuͤhlen freien Lauf laſſen koͤnne. Erfreulich war ihm der Laut der Glocke, welche die Neger an ihr Tagewerk rief, weil er nun durch koͤrperliche Arbeit die heftig gereizten Empfindungen der Seele zu unterdruͤcken hoffte. Er verrichtete das ihm aufgegebene Werk ohne ein Wort zu ſagen, und ein gewoͤhnlicher Aufſe⸗ her moͤchte dies finſtre Schweigen leicht fuͤr Hals⸗ ſtarrigkeit genommen haben. Wirklich war er geſpannt und ungeduldig den Abend herannahen zu ſehen, damit er ſeine Seele einer Laſt entla⸗ den koͤnne, die ihn ſchwer druͤckte. Die von Jefferies Aufſeher vollfuͤhrten Grauſamkeiten hatten die Neger in des Erſteren Beſitzungen aufs Aeußerſte gebracht; ſie verſchwo⸗ ren ſich einmuͤthig, jeden auf der Inſel befindli⸗ chen Weißen, es ſei Mann, Weib oder Kind, umzubringen. Die Plaͤne zur Ausfuͤhrung dieſer Verſchwoͤrung waren reif, und alle fuͤhlten ſich in ſolchem Grade erbittert, daß ſie entſchloſſen 177 waren, ſie mit alle dem Muth, welchen Ver⸗ zweiflung giebt, auszufuͤhren. Die Verſchwoͤrung erſtreckte ſich uͤber alle auf der Inſel lebenden Neger, nur die ausgenom⸗ men, welche ſich auf Edwards Pflanzung be⸗ fanden. Ihre Liebe und Anhaͤnglichkeit fuͤr ih⸗ ren Herrn kennend, war ihnen verſſichtiger Weiſe kein Wink davon gegeben. Der an der Spitze dieſes Complotts ſtehende Neger Hector, ein vertrauter Freund Caeſars, hatte dieſem den ganzen Plan mitgetheilt. Beide Neger fuͤhlten ſich durch die innigſten Bande an einan⸗ der gebunden; ihre Selaverei hatte zur naͤmlichen Stunde begonnen, ſie waren beide in demſelben Schiffe aus ihrem Vaterlande gefuͤhrt. Schon dies haͤtte ein enges Band unter ihnen befeſtigen koͤnnen; aber ihre Freundſchaft war ſchon ge⸗ ſchloſſen, ehe ſie durch Leiden bewaͤhrt ward. Sie waren von einem und demſelben Volks⸗ ſtamme Afrika's, ſahen ſich beide dort zu Herr⸗ ſchern erhoben, weil ſie ſich durch Kraft und Tapferkeit ausgezeichnet hatten; ſie ehrten einan⸗ der, weil jeder es dem Andern in allem, was ſie als eine Tugend anerkannten, zuvorzuthun ſtrebte, E. II. 12 178 und nach ihren Grundſatzen gehoͤrte Rache an den Feind zur Tugend. Rache war eine Hauptleidenſchaft Hectors; in Caeſars weicherem Gemuͤth gehoͤrte ſie mehr zu einem Grundſatz, der als ein nothwendiges Recht durch ſeine Erziehung ihm eingeimpft war. Einer betrachtete die Rache alſo als Pflicht, der Andere als Freude. Hectors Gefuͤhl bei jeder Beletdigung war auf das Aeu⸗ ßerſte gereizt, er konnte ſich keinen Begriff vom Vergeben machen, waͤhrend Caeſars ganzer Sinn ſich mehr zur freundlichen Guͤte neigte. Hector haͤtte willig ſein Leben geopfert, um einen Feind zu vertilgen, Caeſar bot mit Freuden die Bruſt zur Vertheidigung eines Freundes dar, und er zaͤhlte nun einen weißen Menſchen unter ſeine Freunde.. Wie peinlich mußte alſo die gegenwaͤrtige Lage fuͤr ihn ſein.— Seine vormalige Freund⸗ ſchaft, die ſeierlichen Schwuͤre, mit denen er ſich ſeinen Landsleuten und ihrer Rache geweiht hatte, unterſagten ihm, dem ſchoͤnen Gefuͤhl der Dank⸗ barkeit und Neigung Raum zu geſtatten, welche er zum erſten Mal fuͤr einen aus dem Geſchlecht 179 der Weſen empfand, die er bisher nur immer fuͤr verabſcheuungswuͤrdige Tyrannen und Gegen⸗ ſtaͤnde des unaustöſchlichſten und gerechteſten Haſſes gehalten hatte. Mit unbeſchreiblicher Unaedald ſah er dem⸗ nach jetzt der Stunde entgegen, wo er Hectorn ſeine neuen Gefuͤhle mittheilen, und verſuchen koͤnne, ihn von den zerſtoͤrenden Plaͤnen zuruͤckzu⸗ bringen, uͤber welche er bruͤtete. Um Mitter⸗ nacht, als alle Selaven, außer ihm, ſchliefen, verließ er ſeine Huͤtte, ſchlich nach Jeſſeries Pflanzung und zu Hectors Aufenthalte. Selbſt im Schla fe athmete dieſer Rache.„Scho⸗ net keinen, ihr Soͤhne Afrika's!“ rief er im Traume, als Caeſar ſich der Matte nahete, auf welcher er hingeſtreckt lag. Der Vollmond warf einen hellen Schein auf ſein Geſicht, und indem Caeſar dies, ſelbſt im Schlafe ſo ſtolze Antlitz des Freundes betrachtete, ſagte er halb laut:„Einen mußt du doch verſchonen, und um dieſes Einen willen muͤſſen Alle verſchon wer⸗ den!“— Hector wachte über dieſe Worte auf. „Wovon traͤumteſt du?“ fragte Caeſar. 12„⸗/ 180 „Von dem, was ſchlafend oder wachend meine ganze Seele erfuͤllt,— von Rache!— Warum weckteſt du mich aus dieſem ſuͤßen Trau⸗ me?— Er war furchterlich ſchoͤn!— die Wei⸗ ßen waͤlzten ſich in ihrem Blute.— Aber ſtllle, wir moͤchten gehoͤrt werden!“— „Nein, jeder außer uns ſchlaͤft,“ erwieder⸗ te Caeſar; ich konnte nicht ſchlafen, ohne mit dir uͤber einen Gegenſtand geſprochen zu haben, der mir ſchwer auf dem Herzen liegt.—. Haſt du Herrn Edwards geſehen?— „Ja; er iſt jetzt dein Herr.“— „Er iſt mein Wohlthaͤter, mein Freund.— „Freund!— Kannſt du einen Weißen dei⸗ nen Freund nennen?— rief Hector, indem er ſich mit einem Blicke voll Erſtaunen und Ver⸗ achtung in die Hoͤhe richtete. „Ja,“ entgegnete Caeſar mit feſtem Tone; „und du wuͤrdeſt wie ich ſprechen und fuͤhlen, wenn du dieſen weißen Mann kennteſt.— Wie ungleich iſt er allen, die wir bisher geſehen haben. Nein, wende dich nicht ſo verachtungsvoll von mir; höͤre mich ruhig an, Freund!“—. „Unmoͤglich kann ich ruhig jemand anhoͤren, 181 der vom Aufgange bis zum Niedergange der Sonne alle ſeine Entſchluͤſſe und Schwuͤre ver⸗ geſſen kann, den wenig truͤgeriſche Worte dahin bringen, der tauſendfäͤltigen Beleidigungen nicht zu gedenken, die er von dieſer verwuͤnſchten Men⸗ ſchenrace erduldet hat, ja der ſogar einen Weißen ſeinen Freund nennen kann!“—. Caeſar, unerſchuͤttert durch Hectors Zorn, fuhr fort in den Ausdruͤcken der groͤßten Dank⸗ barkeit von Edwards zu ſprechen, und endigte endlich mit der Verſicherung, daß er lieber ſter⸗ ben, als in einer Verſchwoͤrung gegen ſeinen Wohlthaͤter beharren wolle. Er drang in Hec⸗ tor, von der Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens abzu⸗ ſtehen; aber alles war vergebens. Hector ſaß mit den Ellenbogen auf ſeine Kniee geſtuͤtzt da, indem er das Haupt im finſteren Nachdenken in ſeine Haͤnde lehnte. Caeſars Kampf war ſchwer; Liebe zog ihn zum Freunde, Dankbarkeit zu ſeinem Herrn. Endlich ſiegte die letztere, und er wiederholte ſeine anfangs gemachte Erklaͤrung, daß er lieber ſterben, als ein Glied dieſer Verſchwoͤrung gegen ſeinen Herrn bleiben wolle., 18²2 Heetor ſchlug es ab, Edwards vom allgemeinen Verderben auszunehmen.—„Verra⸗ the uns, wenn du willſt,“ rief er,„verrathe uns deinem vermeinten Wohlthaͤter, dem, den wenige fluͤchtige Srunden zu deinem Freunde * gemacht haben. Ihm opfre die Freunde deiner Jugend, die Gefaͤhrten deiner gluͤcklicheren Tage, deines beſſeren Selbſt!— Ja, Cgeſar, uͤber⸗ liefere mich den Qualen der Marterbank, ich kann mehr ertragen als dies; ich werde ohne Seufzer, ohne Klagelaut ſterben.— Warum warteſt du hier, warum zoͤgerſt du?— Eile in dieſem Augenblicke zu deinem Herrn; fordere von ihm eine Belohnung, dafuͤr, mehrere Hun⸗ dert deiner Landsleute in ſeine Haͤnde geliefert zu haben.— Fort! zoͤgere nicht langer; die Freundſchaft einer Memme kann niemand Vor⸗ theil bringen. Wer kann auf ſeine Dankbarkeit bauen, ſeine Rache fuͤrchten?“— Bei dem letzten Theil dieſer Rede dahs Caeſar die Stimme ſo ſehr, daß Durant, welcher nicht weit davon ſchlief, dadurch er⸗ weckt wurde. Sie hoͤrten ihn aus ſeinem Hauſe herausrufen: was es dort gebe, und Cae ſar 133 hatte kaum Zeit davon zu eilen. Als der Aufſe⸗ her nun Hectors Huͤtte unterſuchte, und nie⸗ mand darin fand, begab er ſich wieder zur Ruhe; jedoch durch das Bewußtſein ſeiner Tyrannei arg⸗ woͤhniſch gemacht, lebte er in einer beſtaͤndigen Furcht, daß die Sclaven ſich gegen ihn empoͤren moͤchten, und ſuchte ſie daher durch alle nur moͤgliche Mittel zu verhindern mit einander zu reden. Deſſen ohngeachtet aber hatten ſie ihre Maßregeln bisher ſo geheim gehalten, daß er keinen Gedanken von der auf der Inſel obwal⸗ tenden Verſchwoͤrung hegte. Noch waren ihre Plaͤne nicht voͤllig reif, doch naheten ſie ſich ih⸗ rer Ausfuͤhrung. Als Hector kalt das zwiſchen ihm und Caeſar Vorgefallene uͤberdachte, konnte er nicht umhin, die Oſſenheit und den Muth zu bewundern, mit welchem er ihm die Veraͤnderung ſeiner Geſinnungen kund gethan hatte. Durch dies Geſtaͤndniß ſetzte Caeſar al⸗ lerdings ſein Leben in die aͤußerſte Gefahr, weil die Verſchwornen leicht verſucht werden konnten, den zu toͤdten, der durch Verrath ſo vieler. Schick⸗ ſal in ſeiner Gewalt habe. Ungeachtet der Ver⸗ achtung, mit der er in den erſten leidenſchoftlichen 184 Augenblicken den Freund behandelt hatte, wuͤnſch⸗ te er doch nichts eifriger, als daß dieſer dem Bunde nicht voͤllig untreu werden möge. Er kannte Caeſar, und wußte, daß er ſowohl Un⸗ erſchrockenheit als Ueberredungsgabe beſaß, und daß ſeine Widerſetzlichkeit vielleicht die voͤllige Ausfuͤhrung des Plans ſtoͤren konnte. Aus die⸗ ſen Urſachen hielt er es rathſam, jedes nur moͤg⸗ liche Mittet anzuwenden, ihn wieder auf ihre Seite zu bringen. Er beſchloß, ſeine Zuflucht zu einer jener Perſonen zu nehmen, welche bei den Negern fuͤr Zauberinnen angeſehen werden. Dieſen Ehrenti⸗ tel hatte ſich Eſther, eine alte Negerinn, unter ihren Landsleuten erworben, weil fie die Kunſt verſtand, mancherlei Trank und Salben aus ver⸗ ſchiedenen giftigen Kraͤutern und Gewuͤrm zu be⸗ reiten, welchen man, verbunden mit ihren Zau⸗ berformeln, eine uͤbernatuͤrliche Kraft beilegte. Dieſe Alte war eigentlich die Haupt⸗Anſtifterinn der vorhabenden Rebellion der Schwarzen, und ſie hatte durch ihre mannigfaltigen Kuͤnſte den Hertor faſt bis zum Wahnſinn gebracht. Jetzt verſprach ſie ihm, ihre Gewalt gleichfalls uͤber den 183 Freund zu gebrauchen, und nicht lange darauf fuhlte dieſer auch ſchon den Einfluß derſelben, indem er eine außerordentliche Veraͤnderung, nicht allein in den Geſichtszuͤgen, ſondern auch im ganzen Weſen ſeiner geliebten Clara gewahr wurde. Eine tiefe Schwermuth verbreitete ſich uͤber ſie, von welcher ſie die Urſache nicht ange⸗ ben wollte. Vergebens bemuͤhete Caeſar ſich, das Stuͤckchen Land um ſeine Huͤtte anzubauen und zu verſchoͤnern, hoffend die neue Wohnung dadurch angenehm fuͤr ſie zu machen; ſie ſchien es kaum zu bemerken, und nichts erregte mehr ein lebhaftes Intereſſe in ihr. Unbeweglich, in tiefen Traͤumen verloren, ſtand ſie an ſeiner Seite, und wenn er fragte, ob ihr etwas fehle, antwortete ſie verneinend, und zwang ſich augen⸗ blicklich ein Laͤcheln hervorzulocken, das ſich aber bald wieder im Ausdrucke des Grams und der Niedergeſchlagenheit verlor. Zuletzt vermied ſie jede Naͤhe des Geliebten, um ſich ſeinen weite⸗ ren Fragen zu entziehen. Unfaͤhig dieſen peinlichen Zuſtand länger zu ertragen, beſchloß er an einem Abende, ſie zu ei⸗ ner Erklaͤrung zu bringen.„Clara,“ hub er 136 an,„du liebteſt mich einſt; habe ich unwiſſender Weiſe irgend etwas begangen, was mich deines Vertrauens unwerth gemacht hat?“— „Ich liebte dich einſt!“— ſagte ſie, indem ſte ihre ſchmachtenden Augen zu ihm emporrich⸗ tete, und ihn mit einem Blick des zaͤrtlichſten Vorwurfs betrachtete.„Ich liebte dich einſt, und kannſt du an meine Treue zweiſeln?— Ach Caeſar, wie wenig ahneſt du was in meinem Herzen vorgeht!— Du, und nur du allein biſt die Urſache meiner Schwermuth.“ Sie hielt inne, als ob ſie fuͤrchte, ſchon zu viel geſagt zu haben; aber Caeſar drang mit ſo vielem zaͤrtlichen Eifer in ſie, ihm ihre Seele offen darzulegen, daß ſie endlich ſeinen Bitten nicht laͤnger widerſtehen konute. Schaudernd ent⸗ huͤllte ſie ihm das Geheimniß, woran ſie nicht ohne Abſcheu denken konnte, indem ſie ihm be⸗ richtete, daß im Falle er ſich nicht den Wuͤn⸗ ſchen der Zauberinn Eſther fuͤgen wuͤrde, ſein Tod unvermeidlich ſei. Was Eſther von ihm verlange, wußte ſie nicht, denn ihr war die ganze Verſchwoͤrung unbekannt, da man, die Weichheit ihres Charakters ſcheuend, das Geheimniß mit . 187 der aͤußerſten Sorgfalt vor ihr verborgen gehal⸗ ten hatte. ee Endlich mit der Urſache ihrer Schwermuth vertraut, widerſtand ſeine muthige Natur jener aberglaͤubiſchen Furcht, und er verſuchte es, auch Clara wieder zu erheitern.— Aber vergabens; ſie fiel zu ſeinen Fuͤßen, und beſchwor ihn wei⸗ nend, den Zorn der Zauberinn zu vermeiden, in⸗ dem er ihren Befehlen Gehorſam leiſte, ſo ſchwer es ihm auch werden moͤge.. „Clara,“ erwiederte er,„du weißt nicht, was du bitteſt!“— „Ich bitte dich, dein Leben zu retten, ich beſchwoͤre dich um meinetwegen darum, jetzt da es noch in deiner Macht ſteht.“— „Wollteſt du aber um die Rettung meines Lebens mich zum Verbrecher werden ſehen?— Moͤchteſt du mich zum Moͤrder unſeres Wohlthaͤ⸗ ters machen?“— 8 Sie wich ſchaudernd zuruͤck. „Clara, erinnerſt du dich noch des Tages, des Augenblicks, da wir auf immer getrennt werden ſollten? Erinnerſt du dich des weißen Mannes, der an unſere Huͤtte kam? Gedenkſt 188 du ſeines wohlwollenden Blickes, ſeiner Stimme voll Mitleid, ſeiner Großmuth?— Wollteſt du mich zum Moͤrder dieſes Mannes machen?“— „Bewahre der Himmel!“ rief Elara. „Dies kann unmoͤglich der Wille der k Jaabe ſein!“ 12 „Er iſt es,“ verſetzte Caeſar;„aber es foll ihr nicht gelingen, obgleich ſie mich durch Clarens Stimme beſtechen will. Dringe nicht weiter in mich; mein Entſchluß iſt gefaßt. Ich wuͤrde mich der Liebe unwerth halten, wenn ich des Verraths und der Undankbarkeit ſaͤhig waͤre.“ „Giebt es denn kein Mittel, dem Zorne Eſthers auszuweichen?“— ſagte Elarce „Dein Leben“——— „Denke erſt an meine Ehre,“ unterbrach Taeſar ſie.„Deine Furcht beraubt dich deiner Vernunft. Kehre zu der Zauberinn zuruͤck, und ſage ihr, daß ich ihren Zorn nicht ſcheue. Nie werde ich meine Haͤnde mit dem Blute meines Wohlthaͤters beflecken!— Elara, kannſt du den Blick vergeſſen, mit dem er verſprach, uns nie zu trennen?“— ecr drang in mein Herz,“ antwortete 189 Clara, in Thraͤnen ausbrechend.„Grauſame Eſther, warum gebieteſt du uns, einen ſo groß⸗ muͤthigen Herrn zu toͤdten!“— 3 Die Glocke ertoͤnte, welche die Sclaven an iyre Morgen⸗Arbeit rief. Zufaͤllig ſchickte Ed⸗ wards, der immer darauf bedacht war, das Gluͤck und die Gemuͤthlichkeit ſeiner Selaven zu befoͤrdern, an dieſem Tage ſeinen Zimmermann zur Huͤtte des Caeſars, um in deſſen Abweſen⸗ heit das Innre derſelben in Ordnung zu brin⸗ gen. Als Caeſar vom Tagewerk heimkehrte. ſah er ſeinen Herrn die Zweige eines Tamarin⸗ den⸗Baumes beſchneiden, welcher das Dach zu ſehr bedeckte.„Wie kommt es,“ fragte er ihn⸗ „daß du dieſe Aeſte nicht ſchon ſelbſt ausgepubt haſt?“— Caeſar hatte kein Meſſer.„Hier iſt das Meinige,“ fuhr Edwards fort,„es iſt zwar ſehr ſcharf; aber ich gehoͤre nicht zu den Herren, die es fuͤrchten muͤſſen, ihren Selaven ſchasße Meſſer in die Haͤnde zu geben.“— „Dieſe Worte waren ohne alle weitere Be⸗ ziehung geſprochen; Edwards ahnete nicht, was in des Regers Seele vorging. Caeſar empfing 190 das Meſſer ſchweigend; aber ſobald Edwards fort war, knieete er nieder, und ſchwur in dank⸗ barer Begeiſterung, daß er dieſes Meſſer lieber in ſein eignes Herz ſtoßen, als ſeinen großmuͤ⸗ thigen Herrn verrathen woll. Dankbarkeit uͤberwand alle anderen Gefuͤhle in ihm, ſogar das Geſuͤhl der Freiheit, welches oft in reizender Geſtalt vor ſeine Seele getreten war, bei der Ueberzengung, daß die Maßregeln der Verſchwornen mit ſolcher Sicherheit genom⸗ men waͤren, daß an dem Erfolg kaum zu zwei⸗ feln ſei.— In ſolchen Augenblicken ſchlug ſein Herz hoch bei dem Gedanken der baldigen Erlö⸗ fung aus den Sclavenbanden. Aber nichts konnte ihn jetzt in ſeiner Pflicht wankend machen, weder dieſe entzuͤckende Hoffnung, noch die ſchreck⸗ liche Gewißheit, ſeine vormaligen Freunde und Landsleute, die ihn als einen Abtruͤnnigen be⸗ trachten muͤßten, in die bitterſten Feinde verwan⸗ delt zu ſehen. Tief fuͤhlte er den Verluſt von Hectors Freundſchaft und Achtung; ſeit der Nacht, da ſie ſo heftig mit einander redeten, hat⸗ ten ſie weiter keine Sylbe zuſammen gewechſelt. Dieſer Wortwechſel aber brachte nicht allein * r9r uͤber Hector, ſondern auch noch üͤber viele an⸗ dere Sclaven in Jefferies Pflanzung, man⸗ cherlei Leiden herbei. Obgleich Durant, der durch Hectors laute Stimme erweckt worden war, niemand in der Huͤtte fand, war ſein Ver⸗ dacht doch aufs Neue rege gemacht, und ein Zu⸗ fall haͤtte faſt die ganze Verſchwoͤrung ans Ta⸗ geslicht gebracht. Durant hatte einem der Neger befohlen, bei einem ſiedenden Keſſel Zucker Wache zu halten; der Scelave aber fiel, durch die Hitze uͤberwaͤltigt, betaͤubt dabei nieder. Kaum war er wieder zur Beſinnung gekommen, als der Aufſeher ſich nahete, um nachzuſrhen; findend daß der Zucker, durch einige Minuten zu langes Sieden, in Gaͤhrung gerathen ſei, be⸗ fahl er wuͤthend, dem Neger funfzig Hiebe zu geben. Das arme Schlachtopfer ertrug dieſe Strafe, ohne auch nur einen Laut des Schmer⸗ zes hoͤren zu laſſen; als er aber genug gezuͤch⸗ tigt war, und den Auffeher ſchon entfernt glaub⸗ te, rief er aus:„bald wird die Reihe an uns kommen!“— Durant hoͤrte dieſe Worte, wandte ſich ſchnell um, und der Blick, den der Reger bei 192 dem Ausruf beſonders auf Hector lichtete, beſtaͤtigte ihn in dem Argwohn, daß dieſer eine Verſchwoͤrung einleite. Augenblicklich nahm er ſeine Zuflucht zu der Unmenſchlichkeit, mit wel⸗ cher, ſeiner Meinung nach, alle Schwarze be⸗ handelt werden muͤßten; er ließ Hector nebſt drei andern auf das Heftigſte peitſchen, ohne jedoch ein Geſtaͤndniß von ihnen zu erpreſſen. Jefferies wuͤrde vielleicht dieſe Gewalt⸗ thaͤtigkeiten unterſagt haben, haͤtte er ſich nicht in dem Augenblicke mit andern Weſtindiſchen Pflanzern auf einem luſtigen Zechgelage befunden, wo man auf nichts anderes ſann, als die Sinne auf jede nur moͤgliche Weiſe zu befriedigen. An die Leiden, welche die armen Neger zur Herbei⸗ ſchaffung dieſes Epikureiſchen Mahles hatten er⸗ dulden muͤſſen, ward von keinem der Gaͤſte ge⸗ dacht. So ſchief iſt indeß das gewoͤhnliche Ur⸗ theil der Menge, daß die meiſten dieſer hier ſchwelgenden Vornehmen, fuͤr Maͤnner von ſei⸗ nem Gefuͤhl und vieler Großmuth galten. Das menſchliche Gemuͤth gewoͤhnt ſich in gewiſſen La⸗ gen, und unter beſonderen Umſtaͤnden, ſo ſehr an Grauſamkeit und Tyrannei, daß ihm nichts, 193 was daraus hervorgeht, mehr außerordentlich oder verabſcheuungswuͤrdig erſcheint, ſondern alles vielmehr nur als Nothwendigkeit, in der unwan⸗ delbaren Ordnung der Dinge, betrachtet wird. Als Jefferies ſich aus dem Eßſaale in ein anderes Zimmer begeben wollte, trat ihm ein kleiner weinender Negerjunge von fuͤnf Jahren in den Weg, um fuͤr ſeinen Vater zu bitten, welcher in dieſem Augenblick unter der Geißel des Peinigers litt.„Armer kleiner ſchwarzer Teufel!“ rief der halb trunkene Gebieter, „ſchafft ihn fort von mir, und einer von euch gehe dem Durant zu ſagen, daß er dem Va⸗ ter vergebe, wenn es angehen kann.“ Das Kind lief ſchnell, dieſe Worte dem Peiniger zu verkuͤnden, kehrte aber bald noch heftiger wei⸗ nend zuruͤck. Durant hatte ihm kein Gehoͤr verliehen, jetzt war es nicht mehr moͤglich bei Jefferies Zutritt zu erlangen, da er ſich in das Zimmer zu den Damen begeben hatte, und es den Bedienten durchaus unterſagt war, die Feſtlichkeiten des Abends durch irgend etwas zu ſtoͤren. Die drei ſo hart gezuͤchtigten Neger konnten keine Geſtaͤndniſſe ablegen, weil man E. II. 13 194 ſie birher noch nicht in die Verſchwoͤrung gezogen hatte, ſie mithin nichts davon wußten; ſchnell aber ergriffen die Aufruͤhrer den guͤnſtigen Au⸗ genblick, da ihre Gemuͤther, durch Grauſamkeit und Ungerechtigkeit aufgeregt, ſich leicht auf ihre Seite ziehen ließen. Die Hoffnung ſich an dem Aufſeher zu raͤchen war allein ſchon ein hinrei⸗ chender Grund, um allen Gefahren des Todes die Stirne zu bieten. Ein anderer Umſtand, welcher ſich einige Tage vor der zum Aufruhr angeſetzten Zeit zu⸗ trug, beſtimmte eine große Anzahl Schwarzer, die ſich bisher neutral gehalten hatte, ſich mit zu den Aufruͤhrern zu ſchlagen. Zefferies Frau war eine jener müſſigen Schoͤnen, welche alle Stunden des Tages, die nicht den Freuden der Tafel oder der Erholung auf weichgepol⸗ ſterten Ruhebetten geweiht waren, zu ihrem Putz verwandte. Einſt, als ſie auch ſo gemaͤchlich auf ihrem Sopha geſtreckt da lag, und ſich durch zwei Selavinnen zu ihrem Haupte, und zwei zu ihren Fuͤßen Kuͤhlung zufaͤcheln ließ, brach⸗ te man ihr die erfreuliche Nachricht, daß eine 195 große Kiſte fuͤr ſie von London angekommen ſei. 1 Dieſe Kiſte enthielt verſchiedene Artikel der neueſten Moden, und um zu zeigen, wie die Damen in Jamaika ihre Pracht und Modeſucht bis auf das Aeußerſte treiben, darf nur angefuͤhrt werden, daß ſie mit dem groͤßten Vergnuͤgen 100 Guineen fuͤr ein Kleid geben, welches ſie vielleicht kaum ein oder zweimal tragen. In dieſer Prachtliebe hatte ſich Frau Jefferies nnun bisher von keiner Andern uͤbertreffen laſſen, nur eben jetzt ſchien eine, die gerade eine reiche Sendung von England erhalten, ihr den Rang ſtreitig machen zu wollen; die Kiſte belebte ſie mit neuer Hoffnung, ihre Gegnerinn aus dem Felde zu ſchlagen, und ſo befahl ſie, jene augen⸗ blicklich herein zu bringen, und vor ihren Augen auszupacken. Indem man die verſchiedenen Sachen her⸗ ausnahm, ſtreifte eins der ſeinen Gewaͤnder an einen Nagel des Deckels, und bekam einen Riß. Die Dame, durch dieſen Vorfall ſchmerzhaft an ihrer Eitelkeit gekraͤnkt, geruhete aus ihrer ge⸗ woͤhnlichen Indolenz in eine fuͤrchterliche Wuch 13* 196 uͤberzugehen, und befahl, auf der Stelle die un⸗ gluͤckliche Urheberinn des Verbrechens ſcharf zu zuͤchtigen. Dieſe Sclavinn war Hectors Frau, und dieſe neue Kraͤnkung empoͤrte ſein von Na⸗ tur heftiges Gemuͤth auf das Aeußerſte; er ſchmachtete mehr als je nach dem Augenblick der Rache.. Der von den Negern entworfene Plan ging dahin, an alle Zucker⸗Pflanzungen auf der Inſel zu gleicher Zeit Feuer anzulegen, und dann, wenn. die Weißen in der erſten Beſtuͤrzung herbeiei⸗ len wuͤrden, um die Flammen zu loͤſchen, uͤber ſie herzufallen, und das Blutbad zu beginnen. Die Zeit der Ausfuͤhrung dieſes Vorſatzes war Caeſar unbekannt, denn die Verſchwornen hat⸗ ten, ſobald Hector ihnen verkuͤndete, daß ſein Freund nicht dabei ſein wolle, den Tag geaͤndert. Sie fuͤrchteten, er moͤge ſie verrathen, und ſein und Claras Untergang war beſchloſſen, wenn ſie ſich nicht wieder mit ihnen verbaͤnden. Hector wuͤnſchte den Freund zu retten; aber jeder andere Wunſch mußte jetzt dem Verlangen nach Rache weichen. Deshalb wandte er ſich an Eſther, um durch ſie auf Clara zu wirken. 197 Als dieſe ſich eines Abends nach ihrer Huͤkte zuruͤckbegeben wollte, ſah ſie uͤber dem Dache der⸗ ſelben eins der ſeltſamen, phantaſtiſchen Zeichen ſchweben, durch welches die indiſchen Zauberinnen die von ihnen Geaͤchteten zu ſchrecken ſuchen. Clara, unfaͤhig ihre Furcht zu uͤberwinden, kehrte zu Eſther zuruͤck, welche ſie anfangs mit geheim⸗ nißvollem Schweigen empfing; nachdem die Ver⸗ brecherinn aber ihre Verzeihung wegen des Ver⸗ gangenen angefleht, und ſie in vieler Demuth um ihren ferneren Schutz erſucht hatte, wuͤrdigte ſie die Arme einiger Worte, indem ſie ihr be⸗ fahl, ihren Liebhaber zu bereden, ſie in der fol⸗ genden Nacht an dieſem naͤmlichen, hrüedi en Orte zu treffen. Wenig ahnend, was auf Jefferie's Pflan⸗ zung vorfiel, gab Edwards an dem Abende ſei⸗ nen Negern eine Ergoͤtzlichkeit. Gegen Sonnen⸗ Untergang, als ſich ein kuͤhlender Wind erhob, eilte er mit feiner Familie auf einen großen freien Platz, wo ſie ſich unter einem Palmbaum lagerten, um Augenzeugen von dem Feſte der Neger zu ſein. Dieſe, alle reinlich gekleidet, mit Turbanen von den heiterſten Farben geſchmuͤckt, verkuͤndeten 198 4 durch ihre froͤhlichen Mienen den gluͤcklichen Ein⸗ klang ihrer Gemuͤther mit dem aͤußern Schmucke. Waͤhrend einige tanzten, andere das Tambourin ſpielten, ſah man mehrere unter den entfernten Baͤumen hervorkommen, köͤſtliche Birnen, Trau⸗ ben, Ananas und anderes wohlſchmeckendes Obſt, die Erzeugniſſe ihres eigenen kleinen Grundbeſitzes, in zierlich geflochtenen Koͤrben tragend. Wieder andere beſchaͤftigten ſich, ſauber geſchnitzte Teller von Holz und ausgehoͤhite Kuͤrbiſſe, als Trink⸗ und Eß⸗Geſchirr in die Runde zu ſtellen. Bis ſpaͤt auf den Abend dauerte Tanz und Schmaus. Als man ſich endlich zur Ruhe begeben wollte, erinnerte ſich Caeſar des ſeiner Clara gegebenen Ver⸗ ſprechens, und ſchlich ſich heimlich zur Wohnung der Zauberinn, welche in der Einſamkeit eines di⸗ cken Waldes lag. Er ſand die Thuͤr der Huͤtte verſchloſſen, und mußte einige Zeit warten, bis Eſther ſie ihm oͤffnete. Der erſte Gegenſtand, welcher ſich ſeinen Bli⸗ cken darbot, war Clara, die ausgeſtreckt gleich einer Todten auf dem Boden lag. Die alte Hexe, welche das junge Weib durch einen Zaubertrank in dieſen Zuſtand verſetzt hatte, ſchlug bei der 199 Verzweiflung, die ſich in Caeſars Zuͤgen malte, ein hoͤlliſches Gelaͤchter auf.„Elender!“ rief ſie, „du haſt an meiner Macht gezweifelt; ſieh his das Opfer!“ In einem Anfall von Wuth ergriff Laeſar die Alte bei der Kehle; aber bald wurden ſeine Haͤnde gelaͤhmt. „Indem du mich vernichteſt“, ſchrie die Fu⸗ rie,„vernichteſt du deine Clara. Sie iſt nicht todt; aber ſie liegt in tiefem Todesſchlummer, in den ſie durch meine uͤbernatuͤrliche Kunſt verſetzt iſt⸗ und aus dem keine Gewalt, außer der meinigen, ſie wieder befreien kann. Ja, betrachte ſie, bleich und bewegungslos, wie ſie daliegt!— Nie erhebt ſie ſich wieder vom Boden, es ſei denn du ver⸗ ſpraͤcheſt, binnen einer Stunde meinen Befehlen zu gehorchen. Ich bin es, die Hector und ſeine Gefäͤhrten den fuͤrchterlich feierlichen Eid hat ſchwoͤren laſſen, bei welchem jeder Neger in Af ri⸗ ka erzittert.— Du weißt, worauf es ankommt!“ „Ja, hoͤlliſche Geſtalt, ich weiß es;“ erwi⸗ derte Caeſar, ſie ſtarr anblickend;„aber ſo lange noch ein Funke von Leben in mir wohnt, ſoll die That nie vollzogen werden.“ 200 „Blicke dorthin,“ fuhr ſie fort, auf den Mond zeigend,„in wenig Minuten verhirgt dieſer Mond ſein Antlitz vor unſerm Geſichtskreiſe; dann ere ſcheinen Hector und ſeine Freunde; ſie erſchei⸗ nen bewaffnet! Dieſe Waffen will ich mit Gift fuͤr ihre Feinde traͤnken; ſie ſelbſt will ich feſt ge⸗ gen Schuß und Hieb machen.— Sieh noch einmal hin!“— fuhr ſie fort,„wenn meine bloͤ⸗ den Augen mich nicht truͤgen, ſo erſcheinen ſie dort ſchon. Unbeſonnener, du ſtirbſt, ſobald ſie neine Schwelle beruͤhren.“ 4 „Ich wuͤnſche den Tod,“ ſagte Eaeſar. uſt doch Clara nicht mehr.“ „Du aber kannſt ſie durch ein ainiigesas Wort ins Leben zuruͤckrufen.“ Hier ſchien Caeſar einen Augenblick zu ſchwanken. 112 „Bedenke, wie eitel dein Heldenmuth iſt,“ fuhr Eſther fort.„Funfzig Meſſer der Ver⸗ ſchwornen zuͤcken ſich auf deine Bruſt, wenn du dich nicht mit ihnen vereinſt, und nach deinem Tode iſt der Tod deines Herrn unvermeidlich.— Hier ſieh das Gefaͤß voll Gift, in welches die Meſſer der Neger getaucht werden. Deine 201 Freunde, deine vormaligen Freunde, deine Lands⸗ leute, werden in wenigen Minuten bewaffnet ſein, und alles niederſtoßen, was ſich ihnen widerſetzt. Sieg, Reichthum, Freiheit und Rache ſind der Lohn ihrer Thaten! Immer bewegter ſchien Caeſar zu werden; feſt heftete er den Blick auf Clara. Der Kampf in ſeinem Gemuͤthe war fuͤrchterlich; aber ſein Gefuͤhl von Dankbarkeit und Pflicht konnte we⸗ der durch Hoffnung, Furcht oder Ehrgeiz erſchuͤt⸗ tert, noch durch Liebe beſiegt werden. Doch be⸗ ſchloß er anſcheinend ſich zu ergeben. Als habe ſich ſeiner bei Annaͤherung der Neger ploͤtzlich ein unuͤberwindlicher Schrecken bemaͤchtigt, wandte er ſich jetzt zur Zauberinn, und rief im Tone ge⸗ heuchelter Unterwerfung:„Tauche auch mein Mef⸗ ſer in dein magiſches Gift!“ Mit hoͤlliſcher Freude ſchlug ſie die Haͤnde zuſammen, beſahl ihm, ihr das Meſſer zu geben, damit ſie es bis an den Griff in das Gefaͤß mit Gift tauchen koͤnne, zu welchem ſie ſich mit wil⸗ der Gier wandte. Er aber hatte ſein Meſſer in der Huͤtte vergeſſen, und eilte davon, unter dem Vorwande es ſchnell holen zu wollen. Eſther 202 verſprach Hector und die Gefaͤhrten vorzuberei⸗ ten, ihn mit aller vormaligen Vertraulichkeit bei ſeiner Ruͤckkehr zu empfangen. Mit Blitzesſchnelle lief Caeſar auf einem Nebenwege aus dem Walde, begegnete keinem der Aufruͤhrer, erreichte das Haus ſeines Herrn, erkletterte die Mauer bis zu ſeiner Schlafſtube, ſtieg in das Fenſter derſelben, und erweckte ihn mit dem Ausrufe:„Auf, auf, theurer Herr! be⸗ waffnet ench, bewaffnet eure Selaven!— Sie werden fuͤr euch fechten, fuͤr euch ſterben, und ich an ihrer Spitze. Das Mordgeſchrei der Neger ſoll noch in dieſer Nacht aus Jefferie's Pflan⸗ zung erſchallen!— Bewaffnet euch, und laßt uns die Aufruͤhrer umzingeln, jetzt da es noch Zeit iſt. Ich will euch dahin fuͤhren, wo ſie alle verſam⸗ melt ſind, unter der Bedingung, daß ihr Anfuͤh⸗ rer, mein Freund, begnadigt werde.“ Edwards bewaffnete ſchnell ſich und die Seinen, Schwarze und Weiße, alles was ſich auf ſeiner Pflanzung befand, denn alle waren ihm gleich ergeben. So folgte man Caeſar in das Dickicht des Waldes. Mit aller nur moͤglichen Schnelligkeit, aber 203 in tiefem Schweigen ging der Zug vorwaͤrts, bis er Eſthers Wohnung erreichte, welche voͤllig zu umzingeln ihnen gelang, ehe ſie von den Ver⸗ ſchwornen entdeckt wurden. Edwards, der durch ein Loch in der Wand guckte, gewahrte bei der, unter einem großen Keſ⸗ ſel im blaͤulichen Dampfe auflodernden Flamme, Hector und noch fuͤnf andere ſtarke Neger um denſelben herumſtehen, indem die Alte ihre Be⸗ ſchwoͤrungsformeln herſagte. Die Neger hielten ihre Meſſer in den Haͤnden, als warteten ſie nur auf das Zeichen, ſie in das ſchaͤumende Giſt zu tauchen. Einer der außenſtehenden Weißen ſchlug vor, Feuer an die Huͤtte zu legen, und ſo die Rebellen zur Ergebung zu zwingen. Der Rath fand Beifall, nur ermahnte Edwards die Sei⸗ nen, unnoͤthiges Blutvergießen zu verhuͤten. In dem Augenblicke, da die Aufruͤhrer das Dach in Flammen ſahen, fingen ſie ihr fuͤrchterliches Mord⸗ geſchrei an, und rannten in wilder Verzweiſtung heraus. „Ergebt euch!“ rief Edwards.—„Hec⸗ tor, euch iſt alle Schuld erlaſſen!“ ſetzte er mit lauter Stimme hinzn. 204 „Dir iſt vergeben, Freund!“ wiederholte Caeſar. Unfaͤhig, in dieſem Augenblicke aaf irgend et⸗ was als die Stimme der Rache zu hoͤren, ſprang Hector hervor, um ſein Meſſer in Cae⸗ fars Bruſt zu ſtoßen. Der treue Diener wankte einige Schritte ruͤckwaͤrts, und fiel in die ihn auf⸗ fangenden Arme ſeines Herrn, indem er die Worte ſtammelte:„Ich ſterbe zufrieden; begrabt mich an Clara's Seite.“ Als man ihn nach Hauſe gebracht hatte, lag er noch leblos da; indeß ſchrieb man es nur dem heftigen Blutverluſte zu, da ſeine Wunde, bei genauer Unterſuchung, nicht toͤdtlich gefunden wurde. Nachdem er allmaͤhlich anfing ſich zu erholen, blickte er wild um ſich her, als ſei er unwiſſend, wo er ſich befaͤnde, und wolle die eben erlebten Dinge vor ſein Gedaͤchtniß zuruͤckrufen. Noch immer waͤhnte er zu traͤumen, da er die geliebte Clara an ſeiner Seite ſtehen ſah. Der Schlaftrunk, welchen die vermeinte Zauberinn ihr eingegeben, hatte aufgehoͤrt zu wirken; ſie erwachte aus ihrem langen Schlafe, gerade als die Neger das Mordgeſchrei erhoben.. 205 Caeſars Freude zu beſchreiben, wollen wir nicht unternehmen, ſondern lieber berichten, was aus den aufruͤhreriſchen Sclaven und Edwards wurde. n Die Gefangennehmung der Hauptanfuͤhrer ver⸗ hinderte die Neger auf Jefferies Pflanzung nicht, ihr Vorhaben auszufuͤhren, In dem Au⸗ genblick, da ſie das beſtimmte Kriegsgeſchrei, das allgemeine Loſungszeichen, vernahmen, ſtanden ſie in einem Haufen beiſammen, und ehe ſie durch Jefferies Dienerſchaft, oder Edwards Anhaͤn⸗ ger verhindert werden konnten, hatten ſie ſchon des Aufſehers Haus und die Zuckerfelder in Brand geſteckt. Erſterer ſchien ein Hauptgegenſtand ih⸗ rer Rache; er ſtarb unter fuͤrchterlichen Martern, zu Tode gepeinigt von denen, die am meiſten durch ſeine Grauſamkeiten gelitten hatten. Ed⸗ wards gelang es indeß, die Aufruͤhrer zur Un⸗ terwerfung zu bringen, ehe die Flamme der Ver⸗ heerung ſich uͤber die uͤbrigen Pflanzungen der Inſel verbreiten konnte. Sein entſchiedener Ein⸗ fluß, die Macht ſeiner Beredſamkeit auf die ver⸗ ſammelte Menge, thaten faſt Wunder. Einzig ſeiner Vermittelung dankte Jefferies ſeine und 206 ſeiner Familie Erhaltung, ohbgleich ihn dieſe un⸗ ſelige Nacht 50000 Pfund koſtete. Nie konnte er dieſen Verluſt verſchmerzen, noch die Furcht vor einem abermaligen Aufruhr der Neger uͤber⸗ winden. Er und ſeine Frau kehrten endlich nach England zuruͤck, wo ſie gezwungen waren, in voͤlliger Dunkelheit zu leben. Sie hatten in ihrer Armuth keinen andern Troſt, als fort⸗ waͤhrend uͤber die Treuloſigkeit der ganzen Neger⸗ race zu klagen.— Unſere Leſer werden hoffent⸗ lich in dieſer Hinſicht eine Ausnahme zu Gunſten des dankbaren Negers machen., 207 Die Fabrikanten. Durch ruhig beharrlichen Erwerbsfleiß ge⸗ lang es Herrn Johann Darford, eine an⸗ ſehnliche Baumwollen⸗Fabrik zu gruͤnden, und ſich dadurch auf ſeine alten Tage ein reichliches Auskommen zu ſichern. Seine Begriffe von dem, was er ein reichliches Auskommen nannte, moch⸗ ten nun freilich wohl etwas altmodiſch ſein, denn nach ſeiner eigenen Ausſage waren nur die noth⸗ wendigen Bequemlichkeiten des Lebens, und kei⸗ neswegs die Artikel der Eitelkeit und des Luxus darunter begriffen. Ja, er ging ſogar in ſeinen unmodiſchen Sonderbarkeiten der Behauptung ſo weit, daß er oft erklaͤrte: er halte einen fleißigen Fabrikanten reichlich ſo gluͤcklich, als einen muͤ⸗ ßigen Edelmann. Dieſer alte Darford hatte ſeinen beiden 208 Neffen, Karl und Wilhelm, einen Antheil an ſeinem Fabrikweſen gegeben. Wilhelm, der bei ihm erzogen worden, war ihm in Cha⸗ rakter, Gewohnheiten und Meinungen durchaus aͤhnlich. Stets thaͤtig und heiter, ſchien er ſeinen Stolz und ſeine Frende in den Geſchaͤften zu fin⸗ den, welche ihm vom Oheim anvertraut waren, und weit entfernt ſich dieſer Beſchaͤftigungen zu ſchaͤmen, ſuchte er vielmehr ſeinen Ruhm in der treuen Ausuͤbung derſelben; ein ſtrenges Gefuͤhl fuͤr Pflicht verband ſich in ſeinem Gemuͤthe mit dem Begriffe, den er ſich von Gluͤck entworfen hatte.— Ganz anders ſtand es hingegen mit ſeinem Vetter Karl. Bei dieſem befand ſich die Pflicht beſtaͤndig im Widerſpruche mit ſeinen hochfliegenden Ideen von Gluͤck, da er in einer uͤbermuͤthigen Familie erzogen war, welche Kraͤ⸗ mer und Fabrikanten nur als eine, die vornehme Geſellſchaft verunglimpfende Menſchen⸗Gattung betrachtete. Nichts als der gaͤnzliche Verluſt ſei⸗ nes vaͤterlichen Vermoͤgens konnte ihn zu dem Entſchluß bringen, ſich zu ſolchen Dingen herab⸗ zulaſſen; nie aber entſchloß er ſich in den eigent⸗ lichen Gang der Geſchaͤfte einzugehen, eine Sa⸗ — 209 che, die er tief unter ſeiner Wuͤrde hielt; lieber vergendete er ſeine Tage in unnuͤtzen Klagen, daß ein ſo glaͤnzendes Verdienſt wie das ſeinige, in Vergeſſenheit begraben werden ſolle. Fuͤrchtete er auch je zuweilen durch ein ſol⸗ ches Geſtaͤndniß den Verluſt der Gunſt des Oheims, ſo war doch die Macht der Gewohnheit ſo ſtark in ihm, daß er oft laute Aeußerungen uͤber des Alten niedere Begriffe nicht zuruͤckhalten konnte. In jedem Falle, wo des Oheims Meinung von der ſeinigen abwich, brachte er den ſtreitigen Punkt durch die Aeußerung ins Klare:„der alte Herr kennt die Welt nicht!— Wie haͤtte der arme, ſein ganzes Leben hindurch in einer Schreib⸗ ſtube eingeſchloſſene Mann, auch wohl Gelegen⸗ heit dazu gehabt!“— Die ſechzigjaͤhrige Erfahrung, wodurch der Andere ſeinerſeits ſein Urtheil guͤltig machen woll⸗ te, galt nichts in der Meinung des eingebilde⸗ ten Juͤnglings, der alle alte Leute fuͤr vorurtheils⸗ voll erklaͤrte, und einzig die jungen, ganz nach der herrſchenden Mode der Zeit lebenden Men⸗ ſchen, fuͤr aufgeklaͤrt gelten ließ. Endlich erſchien der Zeirpunkt, wo es Karl E. II. 14 210 vergoͤnnt ſein ſollte, voͤllig ſeiner eigenen Meinung zu folgen. Der alte Darford ſtarb, und ſein baares Vermoͤgen ſowohl, als ſein Fabrikweſen, war beiden Neffen zu gleichen Theilen hinterlaſ⸗ ſen.„Nun bin ich, Gottlob! nicht mehr an die Galeere geſchmiedet,“ rief Karl.—„Ich trenne mich von dir, Wilhelm,“ ſetzte er hinzu;„du kannſt dich nun nach deinem Gefallen, einen Tag nach dem andern, in dem gewoͤhnlichen Schlen⸗ drian des Fabrikweſens abplagen, weil das ſo nach beinem Geſchmack iſt. Mein Genius iſt nicht da⸗ zu geſchaffen; ich werde jetzt meinem freien Wil⸗ len und meinem Vergnuͤgen folgen, und irgend einen armen Teufel fuͤr die Beſorgung meiner Geſchaͤfte bezahlen.“ „Ich fuͤrchte nur, der arme Teufel wird dei⸗ nen Geſchaͤften nicht ſo gut vorſtehen, als du es ſelbſt konnteſt,“ antwortete Wilhelm.„Wo des Herrn Auge nicht wacht“——— „Gut, gut,“ entgegnete Karl, indem er ans Fenſter lief, um einem Regiment Dragoner nachzuſehen, das eben durch die Straßen der Stadt galoppirte.—„Meine Augen haben andere Dinge anzuſchauen.— Sieh einmal die herrli⸗ . 211 chen Kerle an, die da vorbeireiten; das ſitzt wie gedrechſelt!— In meinem Leben habe ich keine ſo ſchoͤne Uniform geſehen, wie ſie der Obriſt da traͤgt.— Und das wunderſchoͤne Pferd!— Koͤnnte ich nur eine Officiers⸗Stelle unter dieſem Regi⸗ mente kaufen, mit tauſend Freuden ging ich die⸗ ſen Augenblick darunter.“ „Dieſen Augenblick vielleicht, weil du dann eine eben ſo ſchoͤne Uniform tragen, und ein eben ſo huͤbſches Pferd reiten koͤnnteſt;— aber alle Augenblicke waͤren ſich wahrſcheinlich nicht gleich.“— „Meiner Treu, Wilhelm, du ſprichſt, als wenn ich den alten, ſeligen Oheim leibhaftig re⸗ den hoͤrte. Das kommt davon, wenn man ſich mit alten Leuten eindreht; man nimmt ihre Grund⸗ ſaͤtze und Gewohnheiten an, und wird vor der Zeit ſelbſt alt und kalt, und gewaltig weiſe.“— Die Gefahr, vor der Zeit weiſe zu werden, beunruhiget mich eben nicht ſehr,“ entgegnete Wilhelm.„Vielleicht fuͤrchteſt du dich mehr davor, als ich.“— „Gewiß nicht,“ rief Karl, indem er ſich noch weiter zum Fenſter hinausbog, um zu beob⸗ achten wie die Dragoner ſich auf dem Markt . 14* 212² zur Parade ſtellten.—„Mich dauert nichts, als daß ich nicht lieber unter die Soldaten, als in eine ſo verwuͤnſchte Baumwollen⸗Fabrik geſteckt bin. Im Soldaten⸗Stande liegt doch ein vornehmes Weſen, und ich traue mir Verſtand genug zu, um mein ganzes Augenmerk darauf zu richten, mich als Mann von Stande darin geltend zu machen.“ „ und ich traue mir Verſtand genng zu,“ ent⸗ gegnete Wilhelm,„mein ganzes Augenmerk dar⸗ auf zu richten, als unabhaͤngiger Mann zu le⸗ ben; und ſo ſehr du den Fabrikanten auch ver⸗ achteſt, kann er dies doch voͤllig ſein.— Daher danke ich es meinem Oheim, mich in dieſem Stande erzogen zu haben; ich brauche keines Men⸗ ſchen Commando⸗Wort zu folgen: Riemand hat ein Recht mir zu ſagen; rechts umkehrt, links unmkehrt, Marſch!— Die Ehre, einen rothen Rock zu tragen, ſchlage ich nicht ſo hoch an, und das Vergnuͤgen, in einen vornehmeren Stand zu treten, wie du es nennſt, wuͤrde mir keine Entſchaͤdigung fuͤr alles das gewaͤhren, was ein Soldat ausſtehen muß, wenn er ſeine Pflicht thut, einen Fall ausgenommen, wenn es auf die 21¹³ Vertheidigung meines Vaterlandes ankaͤme, wo ich gewiß eben ſo gut fechten wuͤrde, als irgend ein anderer.— Aber nur ſo, auf die gewoͤhnli⸗ che Weiſe von Weib und Kindern fortgeriſſen zu werden, um mich mit Menſchen herumzuſchlagen, die mir nichts zuwider gethan zaben, das iſt eine Sache, die mir ſchwerlich anſtehen wuͤrde.“— „Du freilich, der du Weib und Kinder haſt, beſindeſt dich in einer verſchiedenen Lage mit mir; du biſt einmal gefeſſelt, und kannſt dich ſchwer frei machen. Dank ſei es meinem glücklichen Geſtirn, das mich noch in keine Bande geſchmle⸗ det hat.— Mein Plan iſt gemacht, ich will meine Freiheit behaupten, nur mir ſelbſt leben, und die Freuden des Augenblicks haſchen!“— Bald nachdem dieſe Unterredung zwiſchen beiden Compagnons vorgefallen war, ereignete ſich eine, an ſich unbedeutende Sache, die aber die Verſchiedenheit ihrer Charaktere noch auffallen⸗ der zeigte. Eine Geſellſchaft reifender Herren und Da⸗ men kam durch die Stadt, in welcher die bei⸗ den Vettern wohnten, und wuͤnſchten die Fabri⸗ ken daſelbſt zu beſehen. Sie hatten einen Em⸗ 214 pfehlungs⸗Brief an Herrn Darford, und Wil⸗ helm fuͤhrte ſie mit der groͤßten Freundlichkeit in ſeinen Arbeitsſtuben herum. Mit edlem Selbſt⸗ gefuͤhl machte er ſie auf das heitre, geſunde An⸗ ſehen der Kinder, welche man hier beſchaͤftigte, aufmerkſam.. „Sie ſehen,“ ſagte er,„daß man uns nicht vor⸗ werfen kann, die Geſundheit und Gluͤckſeligkeit unſerer Nebenmenſchen unſeren eigennuͤtzigen Ab⸗ ſichten aufzuopfern. Mein guter Oheim that al⸗ les nur Moͤgliche, jeden in dieſer Fabrik arbei⸗ tenden Menſchen ſo gluͤcklich, als es in ſeiner Macht ſtand, zu machen, und ich hoffe, wir wer⸗ den ſeinem Beiſpiel folgen. Meinerſeits koͤnnten alle Schaͤtze Indiens mir keinen Erſatz gewaͤhren, wenn mein Gewiſſen mir den Vorwurf machte, dieſe Reichthuͤmer auf eine unrechtmaͤßige Weiſe erworben zu haben. Wenn ich zugaͤbe, daß dieſe 66 Kinder ſich uͤberarbeiteten, oder nicht dafuͤr ſorgte, daß ihnen friſche Luft und geſunde Nahrung wuͤrde, koͤnnte ich es nicht ertragen, in dies Zim⸗ mer zu kommen, und ſie anzublicken. Jetzt aber, da ich uͤberzeugt bin, daß ſie in jeder Hinſicht gut gehalten und menſchlich behandelt werden, † —— —— 215 gereicht es mir zur groͤßten Freude, mich ihnen zu nahen, und meine Freunde zu ihnen zu fuͤhe ren.“ Wilhelm's Augen glaͤnzten vor Freude, indem er die großmuͤthigen Gefuͤhle ſeines Her⸗ zens ſo offen darlegte; Karl aber, der ſich ver⸗ pflichtet glaubte, den Fuͤhrer und Begleiter der Damen zu machen, zeigte einige Scham, als Theilnehmer der Fabrik betrachtet zu werden, und indem der Vetter ſich beeiferte, dieſe oder jene Ma⸗ ſchinerie zu erklaͤren, fiel er ihm oft mit den Wor⸗ ten in die Rede:„lieber Vetter, du langweilſt die Damen;— ſolche Sachen ſind fuͤr das ſchoͤ⸗ ne Geſchlecht nicht unterhaltend, und du nimmſt ihnen die Zeit, die chineſiſchen Arbeiten in den an⸗ dern Saͤlen zu betrachten, welche vielleicht ihrem Geſchmack mehr entſprechen wuͤrden.“— Nun rief und zerrte er ſo lange, bis er ſeine Abſicht erreichte, und die Damen in die Saͤle fuͤhrte, wo die von ihm geprieſenen Arbei⸗ ten verfertigt wurden. Unter den Schoͤnen be⸗ fand ſich eine, welche es ſich angelegen ſein ließ, beſondere Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen; Fraͤu⸗ lein Mathilde Germaine, ein aͤltliches, jung 216 ſcheinen wollendes Frauenzimmer, die, da ſie aus einer alten, vornehmen Familie ſtammte, ein Recht auf einen gewiſſen Stolz zu haben glaubte. Doch war ſie eher eitel als ſtolz zu nennen, und ſah ihrer Eitelkeit einigermaßen durch die zuvor⸗ kommenden Artigkeiten ihres Fuͤhrers geſchmeichelt, obgleich ſie ihn, ſobald es nur hinter ſeinem Nuͤ⸗ cken geſchehen konnte, laͤcherlich zu machen ſuchte. Fliſternd und kichernd fragte ſie dann ihre Ge⸗ faͤhrten; wie ihnen ihr neuer Cicerone geſiele, und ob es nicht, ſogern er es auch verſtecken wolle, immer durchblicke, in welchem Elemente er groß geworden ſei?— Es iſt ſchon eine alte Behauptung, daß Leute ſich nie laͤcherlich machen durch das, was fie ſind, wohl aber durch das, was ſie ſcheinen wollen. So konnten dieſe Damen, auch bei den, beſtmoͤglichſten Anlagen zum Spott, keine Urſache finden, uͤber Wilhelm Darfords einfaches, durchaus nicht aumaßendes Weſen zu lachen, weil er ſo ganz und gar nichts anderes gelten wollte, als was er war; da hingegen jedes Wort, jeder Blick, jede Bewegung ſeines Vetters ihr Lächeln erregte, weil alles an ihm affectirt war. ——— 2¹⁷ Jemehr er ſich dieſer Schwaͤche voͤllig unbewußt, und ſeiner vornehmen Manieren gewiß ſchien, um deſto mehr diente er zur Zielſcheibe ihres Witzes. Fraͤulein Mathilde ließ ſich dies Spiel mit ihm beſonders angelegen ſein, jedoch nahm ſie ſich wohl in Acht, ihm davon etwas merken zu laſſen. Als ſie die ſchoͤnen chineſiſchen Arbeiten bewunderten, wandte ſie ſich immer an ihn, als einen Mann von Geſchmack, ſein Urtheil for⸗ dernd, welches er dann mit etwas linkiſcher Gal⸗ lanterie und toͤlpiſcher Beſcheidenheit von ſich ablehnte, indem er jede Antwort mit demſelben Satze, begann: wie das gnaͤdige Fraͤulein viel beſ⸗ ſer geeignet ſei, in ſolchen Sachen Richterinn zu ſein, da er nicht den geringſten Anſpruch an Geſchmack mache, ſondern, ſeiner unterthaͤtigen Meinung nach, jedes, dem ſie den Vorzug gebe, auch blindlings als das Eleganteſte und Neumodiſchſte auerkenne.—„Die Mode, meine Damen,“ ſetzte er hinzu,„entſcheidet, wie ſie wiſſen, hier, wie bei allen uͤbrigen Dingen, alles.“— DSo fuͤhrte ihn dann das Fraͤulein, zur nicht geringen Ergötzlichkeit ihrer ſelbſt und ihrer Ge⸗ fährtinnen, zu den abgeſchmackteſten Urtheilen, 218 indem ſie ihn dahin brachte, ſelbſt die haͤßlichſten Sachen ſchoͤn zu nennen, ſobald ſie nur ihren Wohlgefallen daruͤber aͤußerte, oder anfuͤhrte, wie eine ihrer vornehmen Freundinnen gerade ein aͤhn⸗ liches Stuͤck zum Schmuck ihrer Zimmer gewaͤhlt habe. Ja, ſie ging noch weiter, machte ihn bald eine und dieſelbe Sache loben, bald wieder tadeln, je nachdem ſie ihr Urtheil daruͤber aͤnder⸗ te, wobei dann immer die ganze weibliche Be⸗ gleitung das Lachen und Kichern kaum hinter den vor den Mund gehaltenen Taſchentuͤchern ver⸗ bergen konnte. Sie ließ ihn unter andern von zwei Vaſen, vor denen ſie jetzt ſtanden, erſt be⸗ haupten, daß ſie abſcheulich, dann daß ſie ſo ſchoͤn waͤren, daß die Wahl zwiſchen beiden ſchwer fiele, und dann, nachdem ſie ihn wieder umgeſtimmt hatte, aufs Neue ausſprechen: kein Menſch von 1 Geſchmack koͤnne auch nur einen Augenblick anſte⸗ hen, welcher er den Vorzug geben wuͤrde.— So blind aber macht Eigenliebe, daß der, auf deſſen Unkoſten jetzt gelacht wurde, gar kei⸗ nen Begriff davon zu haben ſchien, welches Spiel mit ihm getrieben wurde, ſondern ſich im Ge⸗ gentheil wohl unterhaltend und unterhalten glaub⸗ 219 te. Wilhelm, dem es indeß nicht entging, fing an fuͤr den armen Vetter zu leiden, und unterbrach die Unterredung, indem er die Damen bat, in ein anderes Zimmer zu treten, um die Art und Weiſe zu ſehen, auf welche das chineſi⸗ ſche Porzellain gemalt werde. Karl bemerkte zwar, mit einem veraͤchtlichen Laͤcheln auf ihn blickend:— die feinen Nerven der Damen wuͤr⸗ den gewiß durch den Geruch der Farben zu ſehr angegriffen werden, folgte indeß doch, im ſtotzen Bewußtſein ſeiner Unentbehrlichkeit, den Fremden.— Das leiſe Gefliſter des Fraͤulein Germaine, indem ſie in das andere Zim⸗ mer traten:„Kann etwas auf der Welt laͤcherli⸗ cher ſein, als dieſer Fabrikant, der den feinen Herrn ſpielen will!“— entſchluͤpfte gaͤnzlich ſei⸗ nen Ohren. Unter den Perſonen, welche hier mit Ma⸗ len beſchaͤftigt waren, befand ſich eine, die durch die Leichtigkeit und Schnelle, mit welcher ſie ar⸗ beitete, aller Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Eine eben von ihr verfertigte Iris ward allgemein be⸗ wundert; indem aber Karl in Ausrufungen aus⸗ brach, uͤber die Vollkommenheit, womit d dies Ta⸗ —————⸗⸗———õõjjy 220 lent jetzt in England ausgeuͤbt werde, bemerkte 4. Wilhelm das kraͤnkelnde Anſehen der jungen Kuͤnſtkerinn, bat ſie, ſich ja nicht zu uͤberarbeiten, nicht im Zugwinde zu ſitzen, und fuͤgte, auf die frenndlichſte Weiſe, noch manche Frage uͤber ih⸗ ren Geſundheits⸗Zuſtand hinzu. Waͤhrend dieſer Unterhaltung bemerkte er nicht, wie er zufaͤllig den Fuß auf das ſchleppende Gewand des Fraͤuleins Germaine geſetzt habe, das dadurch, indem ſie ſchnell vorwaͤrts trat, auf eine jaͤmmerliche Weiſe zerriſſen wurde. Hier glaubte Karl abermals fuͤr den linkiſchen Vetter mit einer Entſchuldigung hervortreten zu muͤſſen, und fuͤgte mit vieler Herablaſſung hinzu:„Ich bitte ſie, meine wertheſten Damen, nicht uͤbel von meinem Vetter zu denken, weil er nicht ihr ſo ganz gehorſamer Knecht iſt, als ich. Ungeach⸗ tet ſeiner kleinen Vergehen gegen die feine Le⸗ bensart und den guten Ton, Dinge, die nun einmal nicht einem jeden gegeben ſind, verſichere ich ſie, daß es keinen ehrlicheren Menſchen auf der ganzen Welt giebt, als er iſt; nur widmet er ſich einzig dem Geſchaͤft, was freilich fuͤr alles andere ertoͤdtet. 221 Wenig ahnete der beredte Fuͤrſprecher, wie er durch ſeine Schutzrede in weit geringerm Maße feine Lebensart und guten Ton bewies, als der, den er mit ſeiner Vertheidigung beehren wollte. Er ließ ſich dieſen Gedanken auch durchaus nicht an⸗ fechten, ſondern ſann nur darauf, in ununterbroche⸗ ner Unterhaltung mit dem Fraͤulein zu bleiben, ſo lange der vornehme Beſuch noch dauerte. Zu ſeinem großen Vergnuͤgen erſuhr er, daß dieſe Dame geſonnen ſei, vierzehn Tage bei einem Verwandten in der Stadt zuzubringen. Schon am naͤchſten Morgen machte er ihr ſeine Aufwar⸗ tung, um ihr einen genauen Bericht abzuſtatten, wie er einige, ihm von ihr aufgetragene Beſtel⸗ lungen von chineſiſchem Porzellain, ausgerichtet habe. Ein Beſuch fuͤhrte den andern herbei, und unſer Freund ſchwamm in Entzuͤcken, ſich in dem Zirkel vornehmer Perſonen Zutritt erdͤffnet zu haben. Anfangs begnuͤgte er ſich mit dem Triumph, mit einem Fraͤulein von ſo hohem Stande bekannt zu ſein, und ſich mit dieſem Umgang gegen alle ſeine vormaligen Bekannte zu bruͤſten. Nach und nach wurde er verwege⸗ 222 ner, glaubte in ſie verliebt zu ſein, und ſchmei⸗ chelte ſich, nicht unerhoͤrt ſeufzen zu duͤrfen. Die Neckereien einiger Freunde trugen das Ihrige zu dem kuͤhnen Entſchluſſe bei, ſeine Werbung um eine Dame wirklich zu beginnen, von der ein je⸗ der behauptete, ſie trage die Naſe viel zu hoch, um ſich bis zu einem Fabrikanten herab zu las⸗ ſen. Qrrde Bietett niher ihn diesmal nicht ganz irre, und des Fraͤuleins Gefallſucht trug das ih⸗ rige bei, ihn in ſeinen ſtolzen Hoffnungen aufzu⸗ muntern. Obgleich ſie ſich gegen ihre Freunde immer uͤber ihn, als uͤber einen Menſchen er⸗ klaͤrte, deſſen Hand anzunehmen ſie ſich nie her⸗ ablaſſen könne, ſo ſtellte ſie dennoch, ſobald er wirklich ſeinen Antrag wagte, die Betrachtung an, daß ein Fabrikant doch wohl moͤglicher Wei⸗ ſe geſunden Menſchenverſtand, ja ſogar richtiges Urtheil und guten Geſchtnack haben koͤnne. Ihr Abſcheu gegen Geſchaͤftsmenſchen war zwar noch um nichts geringer, doch geſtattete ſie ſich ſchon Ausnahmen von der allgemeinen Regel zu machen. Sobald jetzt ihre Bekanntinnen, ihrem vormaligen Beiſpiele gemaͤß, es ſich einfallen ließen, uͤber 4 223 Herrn Karl Darford zu lachen, zog ſie ſchon eine etwas ernſte Miene; ja, man hoͤrte ſie ſogar einen Fremden, der ihn zum erſtermale ſah, fragen:„ob dieſer junge Mann wohl im mindeſten das Anſehen gewoͤhnlicher Geſchaftslrutr habe?“— Noch mehrere Dinge vereinten ſich jetzt zum Vortheil des Verliebten;— Erzaͤhlungen, zufaͤl⸗ lig von der Kammerjungfer hingeworfen, welche durch Beiſpiele bewieſen, wie Damen aus den erſten Familien Englands ſich mit Kaufleuten vermaͤhlt haͤtten, ſchienen der Gebieterinn nicht zu mißfallen. Ein Geſchenk ihres Anbeters mit der koſtbaren chineſiſchen Vaſe, uͤber welche er ſo oft auf ihre Veranlaſſung ſeine Meinung hatte aͤndern muͤſſen, gab den erwuͤnſchten Ausſchlag; der eigentliche Beweggrund aber, welcher im Hinter⸗ grunde ſchlummerte, jedoch nicht ausgeſprochen werden konnte, war die Angſt als Fraͤulein zu ſterben, wenn dieſe Bemotßuns von der Band gewieſen wuͤrde. Endlich alſo, nachdem man alle kleinen Bat⸗ terien des Anſtands und der Mode hinlaͤnglich hatte ſpielen laſſen, nachdem die jungfraͤulichen 224 Zweifel, halbverliebten Blicke, das Sproͤdethun, Schmachten und ſchmachten laſſen, nach der Rei⸗ he gehoͤrig angewandt waren, entſchloß ſich die Hoch⸗ wohlgeborne, ihren Liebhaber ungluͤcklich zu ma⸗ chen, doch auf die ausdruͤcklichen Bedingungen, daß er ſeinen Namen ablegen, und dafuür den Namen Germaine annehmen, allen Antheil an der ſo verhaßten Baumwollen⸗Fabrik aufgeben, und das Familiengut, Germaine Park, in MNorthamptonſßire, kaufen ſolle, welches gluͤcklicher Weiſe von einem ihrer vornehmen Verwandten verkauft werden mußte. Inm Uebermaße der Freude auf die Ausſicht einer Verbindung mit einer ſo alten Familie, verſprach der thoͤrigte junge Mann alles, was von ihm verlangt wurde, wenig achtend auf die Vorſtellungen ſeines treuen Freundes Wilhelm, der ihm mit geradem, geſunden Sinn alle Nach⸗ theile vorruͤckte, die aus einer Verbindung mit einer Familie, die ihn verachtete, und aus einer Ehe mit einer alten Coquette erwachſen wuͤrden.— „Siehſt du denn nicht,“ ſagte dieſer,„wie ſie dich durchaus nicht wahrhaft liebt, ſondern dich nur heira⸗ thet, weil ſie daran verzweifelt, einen andern Mann 225 zu bekommen, und weil du reich biſt, und ſie arm iſt?— Ueberdies iſt ſie, ihrem eigenen Ge⸗ ſtaͤndniſſe nach, zehn Jahre aͤlter als du, und ſchon dies einzige Mißverhaͤltniß muͤßte hinlaͤnglich ſein, dich abzuhalten. Dabei iſt ſie im aͤußerſten Grade eitel und hochmuͤthig, und ihrer Meinung nach wirſt du nie genug thun koͤnnen, um das Opfer zu verdienen, das ſie dir mit ihrer Hand gebracht hat. Anſtatt alſo in ihr die treueſte und zaͤrtlichſte Freundinn zu finden, wie ich es in meiner Frau gefunden habe, wird ſie die Gei⸗ ßel deines Lebens ſein; und bedenke, daß du dir dieſe Qual vielleicht auf dreißig, vierzig Jahre bereiteſt.“— Karl ſchwieg einige Augenblicke, dann ant⸗ wortete er:„Du, lieber Vetter, haſt nach deinem eigenen Gefallen geheirathet, erlaube, daß ich nun hierin auch dem meinigen ſolge. Da es nicht meine Abſicht iſt, meine Tage auf die Weiſe zu⸗ zubringen, wie du ſie zubringſt, könnte mich auch nie dieſelbe Art von Frau begluͤcken. Mein Wunſch iſt, eine anſtaͤndige Rolle in der Welt zu ſpielen, eine beſſere Anwendung der Gluͤcksguͤter kenne ich nicht, und eine Verbindung mit dieſer E. II.. 15 2²6 alten, angeſehenen Familie bringt mich auf ein⸗ mal zum Ziel meiner Wuͤnſche. Fraͤulein Ma⸗ thilde Germaine iſt ſtolz, das geſtehe ich ſelbſt; aber ſie hat auch ein Recht auf ihr Herkom⸗ men ſtolz zu ſein, und dann ſiehſt du, ihre Liebe zu mir uͤberwindet jeden Stolz, ſo groß er auch ſein moͤge.“—. Wilhelm ſeußzte, indem er die Groͤße der Thorheit ſeines Vetters ſah;— die Handelsver⸗ bindung der Darfords wurde aufgehoben. Es koſtete dem eingebildeten jungen Thoren viel Geld, aber wenig Muͤhe, ſeinen Namen in den Namen Germaine zu verwandeln, noch we⸗ niger erſprießlich war es fuͤr ſeinen Beutel das Landgut zu kaufen, welches ihm dreimal ſo hoch, als es werth war, zugeſchlagen wurde. Doch um nur vornehm zu ſcheinen, achtete er dies alles ſehr geringe, da es ſeiner Meinung nach auch ſchon zu dem Charakter eines vornehmen Nannes gehoͤrte, Geldſachen als gaͤnzlich unter⸗ geordnete Dinge zu betrachten. Er kaufte Ger⸗ main Park, heirathete das Fraͤulein, und machte es ſich zum Grundſatz, durch den Glanz ſeiner Eauipagen, durch den vornehmen Fuß, auf 227 welchem er von nun an leben wollte, den Flecken ſeiner buͤrgerlichen Geburt auf ewig zu vertiigen. Es leidet wohl keinen Zweifel, daß ſeine ſchoͤne Haͤlfte ihn in dieſem loͤblichen Vornehmen beſtaͤrkte. Sie betrieb es mit der aͤußerſten Haſt, die Grafſchaft zu verlaſſen, in welcher ſeine vor⸗ maligen Freunde und Bekannte wohnten, Leute, mit denen ſie doch fuͤglicher Weiſe nicht umgehen konnte, und Karl, in deſſem Gemuͤth Eitelkeit jetzt jeden Funken beſſeren Gefuͤhls unterdruͤckt hatte, war erfreut, einen Vorwand zu finden, alle Ge⸗ meinſchaft mit fruͤheren Bekannten abzubrechen. Er fuhr in einem aͤußerſt eleganten Wagen zu Wilhelm, um Abſchied zu nehmen; dieſer Wa⸗ gen trug das Wappen der Familie Germaine in glaͤnzenden Farben zur Schau. Wilhelm empfing ihn mit der einfachen, wahren Wuͤrde eines unabhaͤngigen Mannes, und ſchlug durch ſein Betragen den, eine Rolle ſpielen wollenden Emporkoͤmmling faſt aus dem Felde, ſo daß er mit einiger Verlegenheit ſagte:„Ich hoffe, Vetter, du beſuchſt mich einmal in Germaine Park, wenn du Zeit haſt, doch iſt das, in einer Lage wie die deinige, ſchwerlich zu vermuthen; ſollte 15* 228 es indeß einmal der Fall ſein, ſo hoffe ich, wirſt du dich in meiner Beſitzung umſehen.“ Aus der Art, wie dieſe oberflaͤchlich hin⸗ geworfene Einladung vorgebracht wurde, leuchtete nur zu klar hervor, daß man die Erfuͤllung der Bitte gar nicht wuͤnſche, ja daß ſie ſogar die Be⸗ fehle der Ehehaͤlfte uͤberſchritte. Wilhelm half ihm auf einmal uͤber dieſe Schwierigkeit hinweg, und demuͤthigte ihn durch die ruhige Einfachheit, mit welcher er erwiederte: „Ich danke dir, Vetter, fuͤr dieſe Einladung; du weißt aber hinlaͤnglich, daß ich dir in Ger⸗ maine Park nur beſchwerlich fallen wuͤrde, und ich habe es mir zum Geſetz gemacht, nie in eine Geſellſchaft zu gehen, die ſich meiner, dder deren ich mich ſchaͤmen koͤnnte.“ „Deiner ſchaͤmen!— Welch ein Gedanke, lieber Wilhelm!— Gewiß kannſt du den nicht im Ernſt hegen.— Wie koͤnnteſt du wohl jemals mir beſchwerlich fallen?— Ich verſichere“ „Spare dir die Bemuͤhung deiner Verſi⸗ cherungen, lieber Karl,“ fiel Wilhelm gut⸗ muͤthig laͤchelnd ein.„Ich weiß, warum du in 229 dieſem Augenblicke ſo in Verlegenheit biſt, und ſehe es nicht als Mangel an Zuneigung gegen mich an. Wir beide werden von jetzt an ſehr verſchiedene Lebensweiſen fuͤhren; ich wuͤnſche dir alles moͤgliche Gluͤck zu der deinigen. Vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich mehr zu deiner Gluͤckſeligkeit beitragen kann, als im gegenwaͤrti⸗ gen Augenblicke. Karl ſtammelte noch einige nichtsſagende Redensarten, und eilte dann in ſeinen Wagen. Beim Anblicke dieſes ſchoͤn gefirnißten Meiſter⸗ ſtuͤks erhob ſich ſein Selbſtgefallen und, ſein Muth wieder; er fing an von Wagen und Pfer⸗ den zu reden, indem die Kinder des Haufes ihm nachfolgten, um Abſchied von ihm zu nehmen, und auf ihre kindliche Weiſe riefen:„Gehſt du denn wirklich ganz fort, lieber Oheim? Kommſt du nie wieder, um mit uns zu ſpielen, wie du ſonſt wohl zu thun pflegteſt?“— Der neue Gutsbeſitzer ſprang in ſeine Kut⸗ ſche, mit ſo vieler Wuͤrde, als er ſich nur zu ge⸗ ben vermochte, und rollte davon. Wilhelm, deſſen Art es von jeher war, ſeine Freunde mit moͤglichſter Schonung zu beurtheilen, entſchuldigte 230 den Mangel an Gefuͤhl, welchen Karl bei die⸗ ſem letzten Beſuche verrathen hatte.„Liebes Kind“, ſagte er zu ſeiner Frau, die einigen Ver⸗ druß uͤber die wenige Aufmerkſamkeit, die er ih⸗ ren Kleinen bewieſen hatte, nicht verbergen konnte, „wir muͤſſen es ihm verzeihen, denn du weißt, ein Mann kann nicht wohl von mehr als einem Dinge auf einmal gaͤnzlich erfuͤllt ſeyn, und das Eine, welches ihn fuͤr dieſen Augenblick ganz be⸗ ſchaͤftigt, iſt ſein neuer, ſchoͤner Wagen. Viel⸗ leicht kommt eine Zeit, wo ihm huͤbſche Kinder lieber ſeyn werden, zum wenigſten hoffe ich es um ſeines eigenen Beſten willen.“— Betrachten wir nun den neuen Edelmann in ſeiner ganzen Pracht, im Abglanz der Sonne, die er uͤber die ſchoͤne Welt in Northampton⸗ ſhire zu verbreiten ſuchte. Kleidungen, Equi⸗ pagen, Gaſtmaͤhler, und vorzuͤglich die Geſichter, welche das neue Ehepaar dazu ſchnitt, dienten zehn Tage lang zum allgemeinen Gegenſtand der Unterhaltung in der Grafſchaft. Der Held un⸗ ſerer Geſchichte, welcher noch nicht ſo recht wußte, welchen Grad des Anfehens ſich der Herr Ger⸗ 281 maine von Germaine Park eigentlich ge⸗ ben muͤſſe, ſuchte alles zu uͤberſtrahlen. Die andern Land⸗Edelleute ſtarrten ihn anfangs an, dann lachten ſie, und am Ende kamen alle bei ihrer Flaſche uͤberein, dieſer neue Nachbar waͤre ein Gluͤckspilz, den man nieder⸗ halten muͤſſe, damit ein gemeiner Fabrikant es ſich nicht einfallen ließe zu glauben, es andern Leuten zuvorthun zu wollen, einzig weil er ein altes Fräulein aus guter Familie geheirathet habe. Man ſehe ja ausdruͤcklich„ ſetzten ſie hinzu, daß er nicht fuͤr die Lage geboren ſey, in welcher er ſich jetzt befinde. Sie machten die Prahlerei lä⸗ cherlich, mit welcher er jedes Ding in ſeinem Hauſe vorzeigte, und ſeine Gewohnheit, den Preis jeder Sache zu nennen, um die Bewunderung noch mehr zu ſteigern; ſeine anſcheinende Verach⸗ tung des Geldes, ſeine Begierde, ſich an Leute von Rang und Stand zu draͤngen, vereint mit ſeiner Unwiſſenheit des Geſchlechts⸗Regiſters der Adlichen, und die laͤcherlichen Verſtoͤße, die er gegen alte und neue Titel machte, blieben eben⸗ falls nicht unbekrittelt. Ein gewiſſer Mangel an feinen Sitten, und 23² einige einmal angenommene Plattheiten im Ge⸗ ſpraͤch, ſetzten ihn gleichfalls dem Hohne ſeiner wohlerzogenern Nachbarn aus. Germaine ſah, daß die vornehmen Herrn der Grafſchaft eine Verſchwoͤrung gegen ihn beſchloſſen; aber er hatte weder die Laune, noch gehöͤrige Weltkenntniß, um einen ſo ungleichen Streit beſtehen zu koͤn⸗ nen. Die Niedrigkeit, mit welcher er bald ſeis nen Gegnern ſchmeichelte, bald ſie uͤbertaͤuben wollte, zeigte ihnen hinlaͤnglich ihre Ueberlegen⸗ heit und ſeine Schwaͤche. So ſtanden die Sachen, als der Held der Geſchichte ungluͤcklicher Weiſe einen gewiſſen Herrn Cole, den hochmuͤthigſten Edelmann der ganzen Grafſchaft, beleidigte, indem er ihn fuͤr einen Kaufmann gleiches Namens nahm, und es aus dieſem Jerthume vernachlaͤſſigte, ſeinen Beſuch zu erwiedern. Einige Tage darauf ſtießen beide Herrn bei einem oͤffentlichen Gaſtmahle einige be⸗ leidigende Worte gegeneinander aus, welche durch die ſich gegenwaͤrtig befindenden Perſonen auf ſehr verſchiedene Weiſe wiederholt, und ſo zum Gegenſtand des Geſpraͤchs in der ganzen umlie⸗ genden Gegend, beſonders im Munde der Da⸗ men, wurden. Jede erzaͤhlte, wie es ihr die Phantaſie vorſpiegelte, und ſie es von ihrem Manne gehoͤrt zu haben glaubte. Da aber dieſe ſaͤmmtlichen Eheherrn nun ziemlich viel Wein zu ſich genommen hatten, war ihr Gedaͤchtniß ihnen vielleicht nicht voͤllig treu geblieben, und das ganze Geſpraͤch erſchien alſo mit einigen beliebi⸗ gen Zuſaͤtzen und Vergroͤßerungen im Publikum. Die ſchoͤnen Richterinnen, ſo ſehr ſich ihr zartes Gefuͤhl auch bei dem Gedanken an ein Duell em⸗ poͤrte, waren doch in ihrer Sitzung einſtimmig der Meinung, daß ein wahrhafter Edelmann den Cole, nach ſolchen beleidigenden Worten, gefor⸗ dert haben wuͤrde, obgleich keine von ihnen die Worte recht zuſammenhaͤngend hervorbringen konnte. Die ſaͤmmtlichen Freundinnen der Frau Ger⸗ maine außerten ihr Bedauern uͤber das Miß⸗ geſchick einer Frau von Stande, an einen Mann von ſo wenig adeligen Sitten verheirathet zu ſeyn, ſo laut, daß endlich eine alte Dame, die erklaͤrte Bufenfreundinn der beklagenswerthen Frau, in einem vertrauten Geſpraͤch mit dieſer, ihr ſeuf⸗ zend und theilnehmend ein Wort nach dem an⸗ 234 dern davon mittheilte, und ſo endlich die ganze ſkandaloͤſe Geſchichte, die ſie zum bemitleidens⸗ werthen Gegenſtande aller Nachbarinnen machte, vor ihre Ohren brachte. Obgleich nun der Stolz dieſer Dame aufſs Aeußerſte beleidigt war, und ſie wenig wahrhafte Neigung fuͤr ihren Gemahl fuͤhlte, wuͤrde ſie doch bei dem Gedanken, ihn durch ihre Einmi⸗ ſchung in ein Duell verwickelt zu haben, zurück⸗ geſchaudert ſeyn, und dennoch wurde ſie die Ur⸗ ſache davon. Im taͤglichen haͤuslichen Zwiſte, ſolchen Augenblicken, wo die Bosheit der Maͤnner und Weiber oft den Haß der geſchwo⸗ renſten Feinde noch zu uͤberſteigen ſcheint, kannte auch ihre Zunge keine Grenzen. In einer ſolchen Aufwallung nun, als gerade ſeine Vorwuͤrfe ſie zum hoͤchſten Grad der Heftigkeit getrieben hat⸗ ten, war es ihr unmoͤglich, laͤnger zuruͤck zu hal⸗ ten; ſie ſchalt ihn eine Memme, die es nicht wagen wuͤrde, dergleichen Dinge einem Manne ins Geſicht zu ſagen, wiederholte, wie er ſich als Memme gezeigt habe, und mit dieſem Bei⸗ namen von der ganzen Grafſchaft geſtempelt ſei, da ſogar Weiber eine Memme verachteten. Unbegreiflich, wie es auch denen erſcheinen mag, die gaͤnzlich unbekannt mit der Natur ſol⸗ ches Zankes zwiſchen Mann und Frau ſind, iſt es doch nur zu wahr, daß dergleichen Veranlaſ⸗ ſungen oft die ſchrecklichſten Folgen herbeifuͤhren. Die Gemuͤthsſtimmung, in welcher ſich Frau Germaine befand, ſobald ſie im Stande war, uͤber die ſo raſch ausgeſprochenen Worte nachzu⸗ denken, ihre vergebenen Bemuͤhungen, ſich ſelbſt zu uͤberreden, in dieſem Grade gereizt, nicht we⸗ niger haben ſagen zu koͤnnen, und die Wirkung, welche, wie ſie nur zu deutlich bemerkte, dieſe Worte in ihrem Manne hervorgebracht hatten, waren nur ein Theil der Strafe, die gewoͤhnlich ſolcher Auffuͤhrung und ſolchem Hader auf dem Fuße folgt. Einige Augenblicke ſtarrte Germaine ſie mit wildem Blicke an; ſein Geſicht zeigte die Betaͤubung der Wuth; er ſprach kein Wort, raffte ſich aber endlich auf, griff nach ſeinem Hute, und eilte hinweg. Dies erfuͤllte die Dame mit plöͤtz⸗ lichem Schrecken, ſie ſtieß einen Schrei aus, folgte dem Manne, ergriff ihn noch beim Rock⸗ zipfel, und widerſprach der Wahrheit des Geſag⸗ 236 ten mit den heftigſten Betheurungen. Der Blick, den er auf ſie warf, laͤßt ſich nicht beſchreiben; raſch riß er ſich von ihr los, und eilte aus dem Hauſe. Den ganzen Tag und die darauf folgende Nacht ſah und hoͤrte ſie nichts von ihm. Am andern Morgen ward er, ſchwer verwundet, von einem Chirurgen begleitet, in dem Wagen eines Bekannten nach Haufe gebracht, der Secundant bei dem Duelle geweſen war. Sechs Wochen lag er ſchwer danieder. Bei den in den erſten Tagen vom Wundarzt geaͤußer⸗ ten Zweifeln uͤber das Wiederaufkommen des Kranken, zeigte die Frau eine Zerknirſchung, die wenigſtens aufrichtig ſchien; nicht ſobald aber fing er an zu geneſen, als auch ſchon die vormaligen Zaͤnkereien wieder begannen, und das eheliche Le⸗ ben nach und nach wieder in ſeinen alten Schlen⸗ drian verfiel. Eben ſo wenig war der Zweikampf im Stande geweſen, ihn von dem Flecken zu be⸗ freien, der einmal auf ihn geworfen war. Man fliſterte ſich boshafter Weiſe in die Ohren, daß er weder den Muth habe, einem Manne ins Angeſicht zu ſchauen, noch Verſtand genug, eine Frau zu regieren. Dieſe Bemerkung gewaͤhrte denen, welche des Pantoffel⸗Regiments ſpotteten, neuen Stoff zum Hohn, und ſo hatte nun Frau Germaine bei dieſer, wie bei mancher andern Gelegenheit, durch ihren Stolz die Waffen gegen ſich ſelbſt gekehrt. Allmaͤhlich fing ſie jetzt an, ihren Manu zu haſſen, weil ſie ihn nicht davor ſchuͤtzen konnte, ſich laͤcherlich zu machen; jedoch troͤſtete ſie ſich noch von Zeit zu Zeit mit dem Gedanken, daß der groͤßte Stein des Anſtoßes, naͤmlich der ſei⸗ nes vormaligen Standes, gluͤcklicher Weiſe noch ein tiefes Geheimniß ſei;— doch ach! der un⸗ gluͤckliche Augenblick, der ſie auch dieſer letzten Hoffnung berauben ſollte, war nicht mehr fern!— Bald nach Germaine's Geneſung beſchloß die zaͤrtliche Gattin, einen glaͤnzenden Ball zu geben, wozu der ganze benachbarte Adel eingela⸗ den wurde. Sie ſetzte ihren Stolz darein, daß keins der vornehmſten Familienhaͤupter, mit al⸗ len edlen Zweigen, an dieſem Tage fehlen ſollte; jemehr ſie ſich aber dieſen Vorſatz merken ließ, um ſo mehr ergoͤtzten die zahlreichen Feinde ſich 238 ſchon im Voraus uͤber ihre Demuͤthigung. Alle jungen Schoͤnen, welche Fraͤulein Mathilde vormals wegen ihres Hochmuths nicht hatten lei⸗ den koͤnnen, machten jetzt ein Complott gegen ſie, indem ſie ihren ſaͤmmtlichen⸗Anbetern verboten, die Einladung anzunehmen. Die verheiratheten Damen, denen ſie es in Pracht der Kleidung und Equipagen zuvorthat, erklaͤrten, daß ſie nicht im Stande waͤren, eine Bekanntſchaft mit Per⸗ ſonen fortzuſetzen, die jeder Mode auf eine ſo hervorſtechende Weiſe froͤhnten, und es ſich folg⸗ lich zum Geſetz machen muͤßten, Einladungen ab⸗ zulehnen, die ſie nicht in gleichem Maße erwie⸗ dern koͤnnten.* Einige Leute von Gewicht in der Grafſchaft begnuͤgten ſich indeß, ihren beſtimmten Entſchlaß noch zweifelhaft zu erhalten, und ſahen ſich nun taͤglich mit Karten und Erkundigungen bombar⸗ dirt, in welchen man die Hoffnung aͤußerte, daß ihre Unpaͤßlichkeiten bis zum funfzehnten voruͤber ſein, und man das Vergnuͤgen haben wuͤrde, ſie beim Balle erſcheinen zu ſehen. Als man die vorgeblichen Huſten, Schnupfen, und ein ganzes Heer kleiner Modekrankheiten nicht fuͤglich laͤnger 239 zum Vorwand gebrauchen konnte, nahm man ſei⸗ ne Zuflucht zu den ſchlimmen Wegen, bei der Dunkelheit der Naͤchte.— Gegen dieſe neuen Einwendungen fand die erfindungsreiche Dame des Schloſſes abermals ein Auskunftsmittel; ſie verlegte ihren Ball auf den zwanzigſten, wo Vollmond ſeyn wuͤrde, der Gemahl mußte auf eigene Koſten die Landſtraßen ausbeſſern laſſen, und ſo ſah man ſich alſo genoͤthigt, die Einladnng vorlaͤufig anzunehmen, da keine Entſchuldigung mehr aufzufinden war. Im Triumph wurden die ſaͤmmtlichen Kar⸗ ten und Zettel, in denen man verſprach, am zwanzigſten zu erſcheinen, herumgezeigt;— doch ſollte dieſer Triumph von kurzer Dauer ſeyn. Schon am Morgen, Nachmittag und Abend des beſtimmten Tages, liefen von allen Seiten Ent⸗ ſchuldigungen unvorhergeſehener Hinderniſſe ein; kaum war eine ſolche Harte mit Verdruß von der ſo tief gekraͤnkten Wirthin ins Feuer gewor⸗ fen, als auch ſchon eine neue ankam, der vor⸗ hergehenden aͤhnlich. Frau Germaine war end⸗ lich ihres Zornes nicht mehr maͤchtig, und der 240 arme Ehemann mußte die ganze Buͤrde der Schuld in dieſem ungluͤcklichen Augenblicke tragen. Der Eintritt einiger zum Ball ankommen⸗ den Gaͤſte unterbrach endlich den Streit des gluͤcklichen Paares; indeß wurde die Geſellſchaft keineswegs zahlreich, und jedes Mitglied derſel⸗ ben ſah aus, als wenn es mehr zum Gaͤhnen, als zum Tanzen geneigt ſei. Die unzaͤhligen Couverts der uͤberladenen Abendtafel waren kaum zur Haͤlfte beſetzt, und ungeachtet alles Ueberfluſ⸗ ſes, der im Ganzen herrſchte, konnte ſich nie⸗ mand des Gedankens erwehren, daß dieſes lang⸗ weilige Feſt des dabey gemachten Aufwandes nicht werth ſey.— Mehrere Gaͤſte ſtanden nach halb vollendeter Mahlzeit vom Tiſche auf, indem ſic ſich einander zufliſterten:„Welch ein trauriges Vergnuͤgen!— Was muß die arme Frau Ger⸗ maine dabei fuͤhlen!“—. Am naͤchſten Tage erſchien ein Spottgedicht im Geiſt der bedraͤngten Ehefrau an einen ihrer hohen, ebenbuͤrtigen Verwandten gerichtet, in wel⸗ chem ſie den Kummer uͤber den verfehlten Ball, und ihre ganze traurige Lage darſtellte; die Klag⸗ epiſtel ging von Hand zu Hand, und bald be⸗ 241 fanden ſich unzaͤhltge Abſchriften davon in Um⸗ lauf. Sie war mit Laune, aber boshaft geſchrie⸗ ben. Die naͤmliche alte Dame, welche fruͤher aus aufrichtiger Freundſchaft Urſache des Zwei⸗ kampfs ward, hielt es auch diesmal fuͤr ihre Schuldigkeit, der Freundinn eine Abſchrift davon zu geben, doch mit der ausdruͤcklichen Bitte, ſie dem Eheherrn nicht zu zeigen, damit es nicht aufs Neue Veranlaſſung zu einem Duell gebe. Ungeachtet aller Muͤhe, die Frau Germai⸗ ne anwendete, ihren Verdruß uͤber das Spott⸗ gedicht zu verbergen, zeigte er ſich doch nur zu deutlich, ſo daß die Spoͤtter nicht unterlaſſen konnten, in der naͤchſten Woche mit einer Bol⸗ lade hervorzutreten, die den Titel fuͤhrte: der zum Edelmann gewordene Fabrikant, und die ſich, unter dem Siegel des Geheimniſ⸗ ſes, eben ſo ſchnell verbreitete. Als endlich das Ehepaar nun nicht mehr zweifeln konnte, der Gegenſtand des allgemeinen Spottes und der Verfolgung zu ſeyn, beſchloß man, Germaine Park zu verlaſſen, und ein Haus in London zu beziehen. Die Zerſtreuungen der großen Stadt, der Umgang der vornehmen Welt, in deren Zir⸗ E. II. 16 242² keln man ſich herumdrehete, gewaͤhrten dem Hel⸗ den unſerer Geſchichte die kurze Taͤuſchung, dies ſei die eigentliche Sphaͤre des Lebens, nach wel⸗ cher er ſich immer geſehnt habe; aber nur zu bald gewahrte er, daß die naͤmlichen Perſonen, welche er in der Entfernung als Gegenſtaͤnde der Bewunderung und des Neides betrachtet hatte, bei naͤherer Beleuchtung oft nur Verachtung oder Mitleid erregen konnten. Ja, ſogar in der Ge⸗ fellſchaft hochgeborner und hochwohlgeborner Maͤn⸗ ner packte ihn oft die ſchrecklichſte Langeweile, und mitten in allen den hohen Zirkeln, die ſeine Frau in ihrem vornehmen Hauſe zu verſammeln trachtete, irrte ſein Blick vergebens nach einem Freunde umher, der ihm Wilhelm Darfords „Stelle erſetzen koͤnne. Eines Abends, als er ſich an einem mit Menſchen angefuͤllten oͤffentlichen Orte befand, hoͤrte er dieſen Namen, der ſich jetzt oft vor ſeine Seele draͤngte, von einer hinter ihm gehenden Dame ausſprechen. Schnell drehete er ſich um, um die Sprecherinn zu betrachten, und obgleich es ihm ſchien, als habe er das Geſicht fruͤher ſchon irgendwo geſehen, konnte er ſich doch nicht 248 dentlich eines Naͤheren erinnern; jedoch fuͤhlte er lebhaft den Wunſch, ſich ihr zu naͤhern, um durch ſie vielleicht etwas uͤber die vormaligen Freunde zu hoͤren, die er zwar vernachlaͤſſigt, aber keineswegs vergeſſen hatte. Keine der Perſonen ihrer Geſellſchaft kennend, mußte er den Wunſch fuͤr den Augenblick aufgeben, beſchloß aber, ihr zu folgen, ſobald ſie den Saal verlaſſen wuͤrde. — Leider aber befaß ſie weder eine Equipage mit dem glaͤnzenden Familienwappen, noch Bediente, die ihm die Wohnung ihrer Herrſchaft anzeigen konnten. Frau Germaine, aus dieſen Anzeigen deutlich ſchließend, daß ſie nicht von Stande ſei, bat ihren Gemahl dringend, alle weiteren Erkun⸗ digungen einzuſtellen, da ihr das eine Menge un⸗ bekannter Menſchen auf den Hals ziehen koͤnne, von deren Umgang man keine Ehre habe.— „Sie wiſſen“, ſetzte ſie hinzu,„daß alles, was Darford heißt, and daran haͤngt, ſich nicht fuͤr uns paßt, und vorzuͤglich nicht hier in der Stadt.“ Dieſe Vorſtellung hielt den noch immer nach⸗ giebigen Ehemann fuͤr den Augenblick zuruͤck, als 10* 244 er aber derſelben Perſon einige Tage darauf wie⸗ der im Park begegnete, begleitet von einem al⸗ ten Bedienten ſeines Vetters, vergaß er der ihm aufgegebenen Lection, folgte den Eingebungen ſei⸗ nes Herzens, und erkundigte ſich auf die theil⸗ nehmendſte Weiſe nach ſeinen Verwandten. Der alte Diener, ſehr erfreut, daß Karl doch nicht voͤllig ein ſo hochmuͤthiger Edelmann geworden ſei, als das Geruͤcht ihn verſchreie, fuͤhlte das Band ſeiner Zunge auf eine wunderbare Weiſe geloͤſt, erzaͤhlte viel und umſtaͤndlich, und berich⸗ tete zugleich, daß die Dame, welche er begleite, ſich Fraͤulein Locke nenne, Erzieherinn der Kin⸗ der ſeines Herrn ſei, und ſich zum Beſuch bei einer nahen Verwandtinn in London befinde. Dieſe Verwandtinn aber war leider weder reich noch vornehm, und ungeachtet aller angewandten Be⸗ redſamkeit gelang es Germaine nicht, ſeine Frau zu irgend einer Artigkeit gegen ſie zu bewe⸗ gen.— Auf ſeine wiederholten Bitten antwor⸗ tete ſie kalt;„alles was Darford heißt und daran haͤngt, paßt nun einmal nicht fuͤr uns.“ Ddieſer Hochmuth empoͤrte ihn in ſolchem Grade, daß, obgleich nicht Herr genug in ſeinem 245 Hauſe, um Fraͤulein Locke dahin einladen zu duͤrfen, er ſie dennoch wiederholt bei ihrer Ver⸗ wandtinn beſuchte. Sie blieb indeß nur vierzehn Tage, und die Erinnerung an ſeine Freunde, die durch ihre Erzaͤhlungen lebhaft aufgeregt war, ſchwand allmaͤhlich wieder dahin.— Er ſetzte, mehr aus Gewohnheit und Schwaͤche, als aus Geſchmack, den einmal begonnetzen Lebenslauf fort. Die Winter vergingen unter den mannig⸗ faltigen Zerſtreuungen, welche eine große Stadt biethet, die Sommermonate wurden in Baͤdern oder auf den Landhaͤuſern vornehmer Verwandten hingebracht, die ſich wenig aus der Geſellſchaft dieſes Paares machten, und ſich auch eben keine Muͤhe gaben, dies Gefuͤhl zu verbergen.— Un⸗ zufrieden in ihrer eigenen haͤuslichen Umgebung, wenig geachtet in den Haͤuſern derer, die ſie auf⸗ ſuchten, nahm die Abneigung, welche beide Ehe⸗ leute fuͤr einander fuͤhlten, taͤglich zu. So leb⸗ ten ſie zwoͤlf lange Jahre mit einander, auf man⸗ nigfache Weiſe gedemuͤthigt, gekraͤnkt an ihrer ſchwaͤchſten Seite, der Eitelkeit; einer bemuͤhete ſich immer, die Schuld davon auf den andern zu ſchieben, und oft entſchluͤpfte der Wunſch ihren 246 Lippen, nie in dies Joch eingegangen zu ſeyn.— 8 Ein Band auch, welches Eltern ſonſt ver⸗ eint, wurde fuͤr ſie eine neue Quelle des Zankes und Mißvergnuͤgens. Ihre Kinder, ein Knabe und ein Maͤdchen, waren vom Augenblicke ihrer Geburt an Gegenſtaͤnde ihres Streits und ihrer Eiferſucht. Die Ammen ſchon ſollten entſcheiden, ob ſie dem Vater oder der Mutter aͤhnlich waͤ⸗ ren, und wurden verabſchiedet, wenn ihr Urtheil nicht genuͤgend ausfiel. Jeder Fremde, der ſich nur blicken ließ, war gendoͤthigt, ſich unzaͤhligen Fragen in dieſer Hinſicht zu unterwerfen, und ſprach er nicht nach dem Gefallen des Vaters oder der Mutter, wurde er mit Achſelzucken oder Kopfſchuͤtteln begruͤßt. Endlich ſtellte man den Satz feſt: Mathiidchen gleiche ſprechend der Mut⸗ ter, Karlchen hingegen ſei das Ebenbild des Va⸗ ters, und auf dieſe Weiſe wurde die Eine der Verzug der Mama, der Andere der des Papa's. Geſichtszuͤge, Mienen, Bewegungen wurden taͤg⸗ lich unterſucht, verglichen, und gaben dann neue Veranlaſſung zu Vorwuͤrfen und veraͤchtlichen An⸗ ſpielungen. So wie die Kinder nur lallen konn⸗ 247 ten, forderte man ſie ſchon auf, dem Vater oder der Mutter mit Worten den Vorzug der Liebe zu geben; in ihren kindiſchen Streitigkeiten rannte jedes heulend zu der Parthei, von weicher es unbedingt Schutz und Beiſtand erwartete, und verwickelte nun die ſich ſtets widerſprechenden Haͤupter des Hauſes in neue Zaͤnkereien, weil je⸗ des ſeinem Lieblinge Recht verſchaffen wollte. Da aber das Intereſſe der Kinder ſo tief in dieſen Zank verwickelt war, merkten ſie nur zu ſchnell, wer die Herrſchaft im Hauſe behaupte. Sobald der Junge gewahr wurde, wie ſeine Schweſter immer das beſte Theil von allen Lecke⸗ reien davontrug, weil ſie es mit der Mutter hielt, erklaͤrte er, daß er dieſe nun auch lieber habe, und des Vaters Einfluß auf ihn ſchwand immer mehr dahin, jemehr die Ammen ihm riethen, der Mama zu ſchmeicheln, um es eben ſo gut zu haben, wie das Schweſterchen. So wurden die Kinder, vom zarteſten Alter an, in allen Fehlern der Scheinheiligkeit, Selbſtſucht und der Luͤge auferzogen, und ſich und andern unertraͤglich; ihr Eigenſinn wuchs mit jedem Tage. Nachdem man ſie nun ſelbſt dergeſtalt verzogen hatte, hielt man 1 248 es endlich fuͤr Zeit, ſie der Leitung anderer zu uͤbergeben, die dieſe Fehler wieder heraustreiben ſollten; aber ſchnell, wie die Launen der Mutter es heiſchten, wurde mit den Lehrern und Lehrerin⸗ nen gewechſelt, da es keinem gelang, es allen Partheien recht zu machen, bis endlich beide Nangen ſo zum allgemeinen Sprichwort geworden waren, daß jeder ihre Naͤhe ſcheute. Als daher Frau Germaine ſich in den Som⸗ mermenaten auf's Neue anſchickte, ihrer Ver⸗ wandtinn, der Lady Mary Crawley, einen Beſuch auf ihrem Landhauſe abzuſtatten, verbat dieſe ſich beſtimmt die Gegenwart der jungen Sproͤßlinge, indem ſie frei geſtand, ſie habe im verfloſſenen Sommer ſo viel durch ihren uͤber⸗ triebenen Laͤrmen, ihre Zaͤnkereien und ihre Unart gelitten, daß ſie ſich dieſer Pruͤfung unmoͤglich wieder unterziehen koͤnne, und wenn auch vielleicht die Nerven der eignen Mutter ſtark genug waͤ⸗ ren, dieß zu ertragen, fuͤhle ſie die ihrigen zu ſchwach dazu. Ferner erlaube es weder die Ge⸗ Feechtigkeit noch die Hoͤflichkeit gegen ihre andern Gaͤſte, dieſe ſolchen Martern auszuſetzen. Die Dame gab ſich durchaus keine Muͤhe, die Aus⸗ 249 druͤcke in ihrem Schreiben auch nur im mindeſten zu mildern, weil es eigentlich Abſicht war, die Mutter gleichfalls von dem ihr gedrohten Beſuche abzuhalten.— Doch dies gelang keinesweges; der Brief verurſachte nur einen neuen Zank zwi⸗ ſchen dem Ehepaare, wer am meiſten Schuld an den Fehlern der Kinder ſei, wobei ſich Vater und Mutter wechſelſeitig die Maͤngel vorhielten, in welchen jene ihnen glichen. Dabei fehlte es im Eifer der Rede nicht an beißenden Nebenbemer⸗ kungen, durch welche die Frau dem Mann ſeinen niedern Stand, er ihr ihre reifen Jahre vor⸗ warf. Endlich vereinte man ſich wieder in der Frage, was mit den Kindern waͤhrend der Ab⸗ weſenheit auf dem Landſitze zu machen ſei, denn dahin mußto, ungeachtet des nicht ſehr hoͤflichen Briefes der Lady Crawley, geſahren werden, weil es ſich einmal fuͤr vornehme Leute nicht ſchickte, die Sommermonate in der Stadt zuzu⸗ bringen, und weil man die Einſamkeit und Lan⸗ geweile zu Hauſe ſcheuete. Wir wenden uns einige Augenblicke von dieſen widrigen Scenen der haͤuslichen Uneinig⸗ 250 keit ab, und laſſen die Ehegatten in der Verle⸗ genheit, wohin ſie ihre ungezogenen Rangen brin⸗ gen ſollen, waͤhrend ſie dem augenblicklichen Hange nach Vergnuͤgen und Zerſtreuung außer dem Hauſe folgen, um uns wieder naͤher mit der Familie des biedern Fabrikanten Darford zu befreunden. Dieſer in dem Kreiſe ſeines Berufs und den Pflichten, die ihm als gutem Menſchen und Buͤr⸗ ger zu erfuͤllen oblagen, immer raſch vorwaͤrts ſchreitend, genoß eines ruhigen, erfreulichen Wohlſtands, deſſen Fruͤchte nicht allein ihn, ſon⸗ dern alles, was ſich in ſeiner Naͤhe befand, be⸗ gluͤckten.— Weder geizig, noch verſchwenderiſch, war er nie aus der fuͤr ihn paſſenden Umgebung gewichen; ſo feſt er ſich aber die Bahn ſeiner eignen Lebensweiſe vorzeichnete, ſo weit entfernt war er dennoch von jener Strenge, die Andern nicht die Schwachheiten und Thorheiten verzeihen kann, von denen man ſich ſelbſt frei zu erhalten ſtrebt. Immer hing ſein Herz an Karl, den er innig bemitleidete, uͤber den er unaufhorlich im Stillen Erkundigungen einzog, und von dem er ſeit geraumer Zeit ſchon gehoͤrt hatte, wie er ſich durch uͤbertriebene Verſchwendung in druͤckender 251 Geldverlegenheit befinde. Oft, wenn er am Abend, nach heiter vollbrachtem Tagewerk, im Kreiſe ſeiner kleinen gluͤcklichen Familie ſaß, ſagte er ſeufzend im Innern:„moͤchte doch der arme Karl ſein Gluͤck ſo finden, wie wir es finden!“ Vorzuͤglich ſchmerzlich beruͤhrten ihn die Nach⸗ richten, welche ihm uͤber die Uneinigkeit des gan⸗ zen Hausweſens, und uͤber die Verderbtheit der Kinder ſeines Vetters zu Ohren gekommen waren. Weit entfernt, jetzt uͤber die Wahrheit ſeiner vor⸗ maligen Prophezeihungen zu triumphiren, ſann er vielmehr unaufhoͤrlich darauf, den Freund ſei⸗ ner Jugend vor ferneren Kraͤnkungen bewahren zu koͤnnen. Als er eines Tages in ſtillem, herzlichen Ver⸗ ein mit den Seinen um den Theetiſch ſaß, wo dann die Kinder alle um ihn verſammelt waren, und durch ihren unſchuldigen Scherz den guten Va⸗ ter recht heiter zu ſtimmen ſuchten, kletterte ſein juͤngſter Knabe auf ſeinen Schooß, und ſagte, ihn liebkoſend:„was macht dich denn heute ſo ernſthaft ausſehen, Vater?— Du ſiehſt gar nicht aus wie ſonſt.“— „Lieber Junge,“ antwortete Dar ford, 232 indem er den kleinen Schmeichler freundlich an ſich druͤckte,„ich dachte an einen Brief, den ich am Nachmittage aus London erhalten ha⸗ be.“——.. „Ich wollte, ſolche Briefe, die dich traurig machen, kaͤmen nie an dich!— Mutter, warum verbieteſt du den Leuten nicht, dem Vater ſolche Briefe zu bringen?— Was ſteht denn aber ſo Betruͤbtes darin?“— b „Liebes Kind,“ ſagte der Vater, uͤber des Kleinen Frage laͤchelnd,„in dieſem Briefe ſteht, daß dein kleiner Vetter Karl kein ſo guter Jun⸗ ge iſt wie du.“— „Hoͤre, Vater, ſchicke du ihm nur geſchwind un⸗ ſere gute Loſcke hin, die wird ihn ſchon beſſer machen.) „Das wuͤrde ſie freilich,“ antwortete Dar⸗ ford lachend,„aber dann haͤtten wir ſie ja nicht mehr, und damit moͤchten wir wohl Alle wenig zufrieden fein.“— 1 „Nun, ſo laß du den Karl herkommen, dann iſt uns allen geholfen, und ſie wird einen guten Jungen aus ihm ziehen.“— „Der Einfall iſt nicht uͤbel, ſobald Fraͤulein 253 Locke damit zufrieden waͤre.— Willſt du es uͤber dich nehmen ſie darum zu bitten?“— Der Vorſchlag, im Scherze hingeworfen, wurde bereitwillig von der guten Locke ergriffen, die ſich freuete, dem Manne, der ſie waͤhrend ihres Aufenthalts in Londen bei ihrer armen Ver⸗ wandrinn ſo freundlich aufgeſucht hatte, einen we⸗ ſentlichen Dienſt erzeigen zu koͤnnen. Durch Ban⸗ de der innigſten Dankbarkeit war dies gute Maͤd⸗ chen uͤberdies an die Familie Darford geknuͤpft; ſie war es, die wir fruͤher mit ſolchem Fleiße die Iris auf die chineſiſche Vaſe malen ſahen, und deren Arbeit damals von Karl und dem Fraͤulein Germai⸗ ne ſo ſehr bewundert ward. Haͤtte Wilhelm ſie ferner ſo angeſtrengt fortarbeiten laſſen, wuͤr⸗ de ſie wahrſcheinlich ein Opfer ihrer kindlichen Liebe geworden ſein. Bei ſehr zerruͤttetem Ge⸗ ſundheitszuſtande goͤnnte ſie ſich keine Raſt, um einen armen Vater und kleinere Geſchwiſter durch die Fruͤchte ihres Fleißes zu ernaͤhren.— Dar⸗ ford, der damals ihre außerordentliche Blaͤſſe bemerkte, und in dem Mitleid nicht ein voruͤber⸗ gehendes Gefuͤhl des Augenblicks war, erkundigte ſich genauer nach den Verhaͤltniſſen des Maͤdchens, X 254. und da er nur Gutes von ihr hoͤrte, theilte er ſeiner Frau, die ihm gerne in ſeinen wohlthaͤti⸗ gen Zwecken beiſtand, einen Plan mit, fuͤr dies gute Maͤdchen auf andere Weiſe zu ſorgen. Nach⸗ dem der Armuth der uͤbrigen Familie auf eine anſtaͤn⸗ dige Weiſe abgeholfen war, bot Frau Darford ihr an, zu ihr ins Haus zu ziehen, um ihre Kinder im Zeichnen zu unterrichten. Die arme Luzie, hocherfreut auͤber einen Vorſchlag, der ihr auf eine Art gethan ward, als erzeige ſie eine Wohl⸗ that, nicht als empfinge ſie eine, ſetzte von dem Augenblick an ihr ganzes Beſtreben darein, dieſer Familie, welche ſie mit wahrer Liebe auf⸗ nahm, aus allen ihren Kraͤften nuͤtzlich zu werden. Bald wurde ſie ein unentbehrliches Mitglied des kleinen Kreiſes, und die Kinder betrachteten ſie als eine zweite Mutter, weil ſie ſich ihnen ganz weihete, und den eigenen Geiſt zu bereichern ſuchte, um auf den ihrer kleinen Zoͤglinge zweck⸗ maͤßiger wirken zu koͤnnen. Jugend und Geſund⸗ heit bluͤheten unter dieſem ſchoͤnen Streben wie⸗ der auf, und heitere Zufriedenheit verbreitete ſich aus ihrem Auge uͤber die kleine, ihr ganz 255 ergebene Schaar, die ihr mit kindlicher Liebe und Anhaͤnglichkeit zugethan war. Wie haͤtte ſie es nun bei ſolchen Geſinnun⸗ gen nicht dankbar ergreifen ſollen, noch mehr Gu⸗ tes fuͤr dieſe Familie zu bewirken, und Dar⸗ fords Herz uͤber die Kinder ſeines Vetters zu erleichtern?— Der Vorſchlag wurde gemacht, und die vornehme Mutter ergriff ihn diesmal mit großer Bereitwilligkeit, ja, ſie ſchickte nicht allein den verlangten Sohn, ſondern auch die Tochter, da die Aufforderung gerade in dem Zeitpunkt an ſie gelangte, in dem wir ſie verlaſſen haben, wo ſie nicht mit ihren Kindern zu bleiben wußte, und gern ihrer los wurde, um nur ihrem eignen Ver⸗ gnuͤgen nachgehen zu koͤnnen. Obgleich Luzie nun zwar ein Maͤdchen von vielen Faͤhigkeiten und tiefer Einwirkung auf das kindliche Gemuͤth war, gelang es ihr doch nicht ſo leicht, eine gaͤnzliche Umwandlung in ſo ver⸗ derbten Charaktern hervorzuzaubern. Oft ward ihre Geduld aufs Aeußerſte angeſtrengt, doch er⸗ muͤdete ſie nicht, nur gehoͤrte Zeit zu einem ſol⸗ chen Werke; dieſe ließ man ihr dann auch willig, da weder Vater noch Mutter ſich begierig zeig⸗ 236— ten, die einmal losgewordene Buͤrde wieder zu bekommen. So verfloſſen anderthalb Jahre; ſchon be⸗ gannen die Kinder, welche ſich nun mit der groͤß⸗ ten Unpartheilichkeit behandelt ſahen, Neid und Eiferſucht aus ihren jungen Gemuͤthern zu ver⸗ bannen, friedlicher mit einander, und folglich froͤh⸗ licher mit der ſie umgebenden kleinen Welt zu le⸗ ben. Von den Eltern derſelben hoͤrte man wei⸗ ter nichts, als daß ſie ihre naͤmliche verſchwen⸗ deriſche und zerſtreute Lebensart fortſetzten, und die Lage ihrer Vermoͤgensumſtaͤnde immer ver⸗ wickelter und ſchwieriger werde. Endlich erhielt Darford einen Brief, welcher ihm meldete, daß Beſchlag auf Germaine's ſchoͤnes Haus in der Stadt gelegt ſei, und daß er und ſeine Fa⸗ milie ſich in großer Verlegenheit befaͤnden. Unverzuͤglich eilte der brave Mann nach Lon⸗ don, um zu helfen, wo es thunlich ſei. Zwar ſuchte der Thuͤrſteher ſeinen Eintritt ins Haus zu verhindern, indem er mit geheimnißvollen Mie⸗ nen eine Krankheit des Herrn vorſchuͤtzte, bei welcher er Niemand ſehen koͤnne, doch bahnte 237 Darford ſich den Weg zum Zimmer ſeines Vet⸗ ters. Bei ſeinem Eintritte wich Karl einige Schritte zuruͤck, als traue er den eigenen Au⸗ gen nicht, und rief:„Wilhelm!— biſt du es wirklich?“— 8 „Ich bin es, es iſt Wilhelm, dein alter Freund!“— entgegnete Darford, indem er ihn herzlich umarmte. Stolz und Beſchaͤmung kaͤmpften maͤchtig im Innern Karls, nachdem er ſich aber weggewandt hatte, um die in der er⸗ ſten Bewegung hervorquellenden Thraͤnen zu un⸗ terdruͤcken, begab er ſich an das aͤußerſte Ende des Zimmers, einen Armſeſſel fuͤr den Vetter herbeizuholen, noͤthigte ihn mit einigen linkiſchen Verbeugungen zum Sitzen, waͤhrend er unauf⸗ hoͤrlich verſicherte, wie hoͤchlich verbunden er und ſeine Gemahlinn ihm fuͤr dieſen Beſuch ſein muͤß⸗ ten, wie er eben im Begriff geweſen ſei an ihn zu ſchreiben, um ihm fuͤr die, ſeinen Kindern erwieſene Guͤte, zu danken,— wie aber die Verwirrung, in welcher er hier gerade alles ſinde, den Beſuch zu einer andern Zeit wuͤnſchenswer⸗ ther gemacht haͤtte, wie er wenigſtens fuͤr ſich E. n. 17 238 ſelbſt keinen ungluͤcklichern Augenblick haͤtte waͤh⸗ len koͤnnen.— „Wenn mein Kommen nur zu deiner zufeie⸗ denhei beitragen kann, lieber Karl,“ fiel ihm Wilhelm ſanft in die Rede,„ſo ſind alle meine Wuͤnſche erreicht.“— Völlig überwunden durch den freundlichen Ton dieſer Antwort, brach Germaine in Thraͤ⸗ nen aus; ohne ein Wort hervorbringen zu koͤn⸗ nen, druͤckte er des Freundes Hand an ſein Herz, dann aber, nachdem er ſich etwas wieder gefaßt hatte, ſagte er:„Du biſt doch noch immer der alte, gute Vetter, der du von Kindheit an warſt.— Anſaͤnglich glaubte ich, du kaͤmeſt zufaͤl⸗ lig, ich hatte keine Ahnung, daß es deine Abſicht ſei, mich in dieſem Augenblick der Noth, oder vielmehr der Verlegenheit, auſzuſuchen, denn ei⸗ gentlich iſt es nur augenblickliche Verſehenheih in welcher ich mich befinde.“— „Es freut mich, dies von dir zu hoͤren; aber ſprich frei heraus, Karl;— verhehle mir nicht die wahre Lage deiner Angelegenheiten, denn wenn du hierin gegen deinen beſten Freund heucheln wollteſt, welchen andern Erfolg könnte dies ha⸗ 239 ben, als dich unausbleiblich ins Verderben zu ſtuͤrzen?“— Karl ſchwieg einige Minuten, dann end⸗ lich hub er nicht ohne ſichtliche Verwirrung an: „Um die Wahrheit zu geſtehen, lieber Wilhelm, befinde ich mich gegenwaͤrtig in Umſtaͤnden, welche ich ſorgfaͤltig ſowohl vor dem Ohr meiner Frau, als vor dem ihrer verwuͤnſchten, hochmuͤthigen Verwandten geheim zu halten ſtreben moͤchte; denn wenn dieſe einmal davon benachrichtigt ſind, habe ich zeitlebens keinen Frieden wieder.— Was indeß den Frieden anbetrifft, habe ich frei⸗ lich nicht Urſache, mich deſſen uͤberhaupt zu ruͤh⸗ men;— doch koͤnnte es noch ſchlimmer werden, wenn man die eigentliche Lage der Dinge erfuͤh⸗ re.— Dir indeß darf ich ſie anvertrauen, ob⸗ gleich du vielleicht, nach deiner Art zu denken, es unerhoͤrt finden wirſt; doch biſt du ſo gut, ſo nachſichtig“——— 6 Wilhelm horchte auf, ohne zu begrei⸗ fen, wohin dieſe lange Vorrede fuͤhren ſolle.— „Erſtlich weißt du,“ fuhr Karl fort,„daß meine Frau faſt zehn Jahr aͤlter iſt als ich.“— „Fruͤher, duͤnkt mich, ſagteſt du ſechs Jahr.— 12* 260 „Nein, nein, verzeihe, zehn, bis auf we⸗ nige Monate; wenn ich von ſechs Jahren ſprach, geſchahe dies ſicher vor unſerer Hochzeit, als ich es noch nicht beſſer wußte. Jetzt geſteht ſie ſie⸗ ben ein, ihre Verwandten ſprechen von acht, ihre alte Amme behauptet neun, und ich bin uͤberzeugt es muͤſſen zehn Jahre ſein. „Nun meinethalben, wenn es dir ſo gefaͤllt.“ „Es wuͤrde mir beſſer gefallen, wenn es anders waͤre, denn ich verſichere dich, es iſt nicht ſehr anmuthig, ſich von allen jungen Maͤnnern nach der Mode damit foppen zu laſſen, eine Frau geheirathet zu haben, die man fuͤglicher Weiſe Mutter nennen koͤnne.“ ¹ „ Nun dazu iſt ſie doch nicht alt genug,“ ſagte der Vetter in einem vermittelnden Tone; „in dieſem Falle verſtehen deine modiſchen Freunde die Rechnung nicht wohl.“— 1„Ja, was das Schlinnnſte iſt, meine theure Ehehaͤlfte ſieht wenigſtens noch zehn Jahre aͤlter aus, als ſie iſt, ſo daß ein Unterſchied von zwan⸗ zig Jahren unter uns zu ſein ſcheint.“ „Davon kann ich nun nicht urtheilen, muß dir aber glauben; nur erlaube mir zu fragen, 261 wohin dieſe Abhandlung uͤber das Alter deiner ar⸗ men Frau fuͤhren ſoll?“— „Um den armen Mann zu rechtfertigen, oder mindeſtens zu entſchuldigen, wenn er ſich eine Ge⸗ liebte haͤlt, die juͤnger, huͤbſcher, und vor allen Dingen beſſerer Laune iſt.“— „Vielleicht wuͤrde die Frau eben ſo guter Laune ſein als die Geliebte, wenn ſie ſo gluͤcklich waͤre, des Ehemanns Neigung in eben dem Gra⸗ de zu beſitzen, als dieſe.“— „Neigung!— du lieber Himmel!— da⸗ von iſt gar nicht unter uns die Rede.— Frau Germaine giedt keinen Pfifferling fuͤr meine Neigung.“ 1 „Und doch ſcheinſt du zu fuͤrchten, daß ſie deinem Handel mit der Geliebten auf die Spur kommen moͤge.“ „Natuͤrlich!— Merkſt du nun, wo ich hin⸗ aus will? Du kannſt dir indeſſen kaum einen Begriff davon machen, welch boͤſes Spiel dieſe Entdeckung fuͤr mich haben wuͤrde. Zwar fuͤhlt ſie nicht mehr Liebe fuͤr mich, als dieſer Tiſch; aber ſie iſt uͤber alle Beſchreibung eiferſuͤchtig, und ſie wuͤrde ihre Waffen vortrefſlich gegen mich 262² zu gebrauchen wiſſen. Da wuͤrde die große Be⸗ gebenheit gleich bruͤhwarm der ganzen wertheſten Familie anvertraut, die Frauen wuͤrden mir die Augen auskratzen, und mich als den allerabſcheu⸗ lichſten Ehemann ausſchreien. Daraus waͤre ſich nun allenfalls nicht ſo viel zu machen, denn alle eleganten Herrn der Stadt wuͤrden meine Par⸗ thei nehmen.— Aber dann wuͤrde von meiner Frauen Seite das Geſchrei uͤber die Summen losgehen, welche dieſes Maͤdchen mich gekoſtet haͤtte; ich ſehe ſie ſchon, wie ſie mir als Erſatz derſelben mit ihren Spielſchulden uͤber den Hals ruͤckt, und wollte und koͤnnte ich dieſe nicht zahlen, ſo waͤre gar keine Ruhe mehr fuͤr mich, weil ſie mir un⸗ aufhoͤrlich meine Verſchwendungen vorwerfen wuͤr⸗ de. Sie iſt ein wahrer Teufel in dieſer Hinſicht, und kein anderer Mann auf Erden als ich kann ſich einen Begriff von ihrer Wuth machen.— Dir kann ich es wohl anvertrauen, denn mein Herz muß Luft haben: ſie iſt, ohne alle Aus⸗ nahme, das hochmuͤthigſte, graͤmlichſte, ſelbſtſuͤch⸗ tigſte, unvernuͤnftigſte, verſchwenderiſchſte, tyran⸗ niſchſte, gefuhlloſeſte Weib in der ganzen Chri⸗ ſtenheit.“— 263 „Du üuͤbertreibſt, lieber Karl.“ „Bei meiner armen Seele nicht; ſie uͤber⸗ trifft noch meine Schilderung.“ „Unmöͤglich!— Ich ſehe ſchon, wie die Sachen ſtehen, ſie iſt ungluͤcklich im Spiel gewe⸗ ſen, du biſt aufgebracht daruͤber, und deshalb re⸗ deſt du, wie aufgebrachte Leute immer zu thun pflegen, ſchlimmer als du es eigentlich meinſt.“ Germaine widerlegte des Vetters Ein⸗ wuͤrfe auf die buͤndigſte Weiſe, blieb bei ſeiner Behauptung, die ſchlechteſte Frau von der Welt zu beſitzen, klagte uͤber ſein Hauskreuz, hinzufuͤ⸗ gend, wie dies aber doch noch nicht ſein einziges Leiden ſei, ſondern ſeine Geliebte lhns faſt eben ſo arg quaͤle. Wilhelm fragte lachend, ob es die naͤm⸗ liche ſei, in die er glaube bis uͤber beide Oh⸗ ren verliebt zu ſein, und Karl, der ſich zu freuen ſchien, einmal ſein ganzes Herz gegen Je⸗ mand oͤffnen zu koͤnnen, geſtand nun, daß dieſe Kleine, wie er ſie nannte, die ihn zwar allen an⸗ dern Maͤnnern auf der Welt vorziehe, und welche ihn oft augenblicklich durch ihre kindiſchen Taͤnde⸗ leien von dem Gedanken an ſein Hauskreuz ab⸗ 264 ziehe, doch wieder in andern Augenblicken wuͤ⸗ thend, wie eine kleine Furie werden koͤnne, ſo⸗ bald er ihr nicht in allem ihren Willen gebe. So ſei ſie es geweſen, die durch die Vermittlung eines andern Mannes, dem er 200 Pfund ſchul⸗ dig ſei, Beſchlag auf ſeine Sachen habe legen laſſen, und das einzig wegen eines kleinen Grol⸗ les, den ſie auf ihn gehabt, weil er auf einige Tage aus der Stadt gegangen ſei, gerade als 3 e ſeine Anweſenheit gewuͤnſcht haͤtte. 1.. at „Ein ſonderbarer Beweis ihrer Liebe,“ mur⸗ melte Wilhelm. „Du glaubſt aber kaum, wie ſie ihre raſchen Maßregeln zwei Stunden darauf bereuete; ſie weinte, riß ſich ihr wunderſchoͤnes Haar aus, und wollte vor Schmerz vergehen, weil die Sa⸗ che nicht wieder ruͤckgaͤngig zu machen war. Ich bin uͤberzeugt, ſie gaͤbe ihre herrlichen blauen Au⸗ gen darum, mich jetzt aus der Verlegenheit reißen zu koͤnnen.“— „Ob ſie ihre Augen darum gaͤbe, oder nicht, wage ich nicht zu entſcheiden; ſo viel aber iſt ge⸗ wiß, daß ſie nicht 200 Pfund bezahlen mag, um dich aus dieſer Verlegenheit zu ziehen, und eben ſo gewiß iſt es, daß du das Geld bezahlen mußt.“— „Da liegt eben der Knoten!— Bis meine naͤchſten Zinſen einlaufen, beſitze ich keinen Pfen⸗ nig, und ſieh hier den Haufen unbezahlter Rech⸗ nungen.— Dazu meldet mir mein Sachwalter, der alles auf meinem Landgute unter Haͤnden hat, die Angelegenheiten ſtaͤnden ſo ſchlecht, daß wir nothgedrungener Weiſe verkaufen muͤßten; thun wir das aber in der gegenwaͤrtigen Verlegenheit, ſo wird ſo wenig herauskommen, daß die alten Schulden lange nicht damit gedeckt werden. Al⸗ les dies iſt Folge des verwünſchten Hochmuths meiner Frau, die durchaus nicht in Germaine Park bleiben wollte, weil einige benachbarte Edelleute ihr nicht Ehre genug angedeihen lie⸗ ßen!— Da zogen wir ab, die Geſchaͤfte blieben in den Haͤnden des Sachwalters, der nach Gefal⸗ len damit geſchaltet hat.— Ich bin uͤberzeugt, es iſt ein ſchlechter Kerl, denn unaufhoͤrlich mel⸗ det er mir, daß wir in Schulden ſtecken.— Aber, lieber Karl, du biſt wirklich zu gut, dieſer Ge⸗ ſchichte meiner Verlegenheiten auch nur ein hal⸗ bes Ohr zu leihen; ich fuͤhle tief, daß ich dies 266 durch mein Betragen gegen dich nicht derdiemt habe.—— „Sprich jetzt nicht davon,“ unterbrach ihn Darford.„Ich bin aus keiner andern Abſicht zur Stadt gekommen, als um dir zu dienen, ſo viel es in meinen Kraͤften ſteht. Den auf dein Haus gelegten Beſchlag will ich unter einer Be⸗ dingung loͤſen“——-— „Mache jede Bedingung, die dir vortheilhaft ſcheint,“ rief Karl voller Freuden.„Ich will dir eine Verſchreibung, ich will dir hinlaͤngliche Sicherheit auf mein Landgut geben, wenn du es verlangſt.“ „Keines von beiden verlange ich; einzig be⸗ ſtehe ich auf eine Bedingung, die ich unerlaͤßlich fuͤr deinen Frieden halte. Verfprich mir, allen Umgang mit deiner falſchen Geliebten abzubre⸗ chen.“— „Falſch!— Gewiß, lieber Karl, du verkennſt das Maͤdchen.“—. „Ich moͤge ſie nun verkennen oder nicht, ſo muß ich auf dieſen Punkt beſtehen, und nur un⸗ ter dieſer Bedingung zahle ich das Geld fuͤr dich.“ 267 Karl ſtand einen Augenblick bei ſich an, er ſchien ein lautes Selbſtgeſpraͤch mit ſich zu fuͤhren.„Bei meiner armen Seele,“ murmelte er,„ich glanbe es wird der armen Kleinen das Herz brechen!— Aber warum iſt ſie ſo verſchwen⸗ deriſch, ſie richtet mich zu Grunde, wenn das lange ſo fortgeht!— Haͤtte ich nur den Muth dazu gehabt, wuͤrde ich ſchon lange mit ihr ge⸗ brochen haben.— Beim Lichte betrachtet, war es von meiner Seite wohl mehr Gewohnheit, Faulheit und Hang, die Mode der Zeit mitzuma⸗ chen, als irgend etwas anderes, das mich ſo oft zu ihr zog;— wenn ich nichts mit mir anzu⸗ fangen wußte, oder wenn mein Hauskreuz mich in uͤble Laune verſetzt hatte, ſchlich ich zu dem Maͤdchen.— Nun, denken wir nicht weiter dar⸗ an; ich will ſie aufgeben.— Du kannſt dich dar⸗ auf verlaſſen,“ fuhr er, ſich raſch zu Wilhelm wendend, fort,„ich will nichts weiter mit ihr zu thun haben, ich will, da du dies zur unerlaͤßli⸗ chen Bedingung machſt, ſie nie wiederſehen.“ „Willſt du augenblicklich an ſie ſchreiben, um ihr deinen Entſchluß bekannt zu machen? „Ja, ſogleich!“— 258 Er ſetzte ſich nieder, um der Geliebten, zu— welcher ihn, ſeinem eignen Geſtaͤndniſſe nach, nur Gewohnheit, Muͤſſiggang, Modeſucht und Man⸗ gel an haͤuslicher Gluͤckſeligkeit gefuͤhrt hatte, ein immerwaͤhrendes Lebewohl zu ſagen, und Wilhelm legte einen Wechſel in ſeine Haͤnde, der hinreichend war, den Beſchlag gleich aufzu⸗ heben. Ueberdies waͤhlte er noch den guͤnſtigen Augenblick, wo des Vetters Herz durch Dank⸗ barkeit erwaͤrmt ſchien, um ihm einige Worte zum Lobe einer vernuͤnftigen Sparſamkeit zu ſa⸗ gen, die aber ſo wenig als moͤglich in die Form eines guten Rathes eingekleidet waren. 3. „Du weißt,“ ſprach er,„daß ich von jeher in meiner ganzen Lebensweiſe ſehr einfach war, und daher koͤnnen dir, der du gewohnt biſt, mit vornehmen, modiſchen Perſonen umzugehen, mei⸗ ne Bemerkungen vielleicht recht abgeſchmackt er⸗ ſcheinen; mir kommt es aber vor, als paßten dieſe weiten Gemaͤcher, dieſes koſtbare Hausge⸗ raͤth, ja das ganze Haus ſelbſt, oher fuͤr einen vornehmen Edelmann, als fuͤr deines gleichen.“ „In der Sache haſt du gewiß recht; aber meine Frau beſtand auf die Wahl des Ganzen. 269 Doch will ich es noch vor dem naͤchſten Winter aufgeben, ich will es ſogleich bekannt machen, ich will von nun an ſparſamer leben.“ In dieſem Augenblick wurden indeß ſeine ferneren okonomiſchen Plaͤne durch den ploͤtzlichen Eintritt der Frau Germaine unnterbrochen. Ihre vor Wuth funkelnden Augen kuͤndigten ſchon ihren Zorn an; mit dem ſtolzen Anſtande einer beleidigten Theater⸗Prinzeſſinn ſchritt ſie durch das Zimmer, ſetzte ſich auf's Sopha, und hub dann mit einer vor Aerger zitternden Stim⸗ me an:„ich bin ihnen uͤberaus verbunden, Herr Germaine, fuͤr die unendlich verbindlichen Sa⸗ chen, die ſie von mir in dieſer Stunde geſpro⸗ chen haben. Ich habe alles gehoͤrt, und ſie ir⸗ ren ſich ſehr, wenn ſie glauben, mich bisher ge⸗ taͤuſcht zu haben;z dies iſt nie, iſt keinen Augen⸗ blick der Fall geweſen. Schon vor einem Jahre vermuthete ich, daß ſie ſich eine Maitreſſe hiel⸗ ten, und freue mich nur, die Wahrheit von ih⸗ ren eigenen Lippen beſtaͤtigt zu hoͤren. Aber ich verdiene alles Unheil, was uͤber mich einbricht; mir wiederfaͤhrt nur Gerechtigkeit!— Armes, ſchwaches Weib, wer hieß dich eine ſolche Ver⸗ 270 bindung ſchließen!— Kein wahrer Edelmann wuͤrde gehandeit oder geſprochen haben, wie ſie, mein Herr!— War es ihnen nicht hinlaͤnglich, ſich ſelbſt und ihre Familie durch ihren ausſchwei⸗ fenden, niedern Geſchmack zu Grunde zu richten, ohne noch mich durch ihre kleinlichen Anmer⸗ kungen uͤber meine etwanigen Launen zu beleidi⸗ gen, und luͤgenhafte Beſchuldigungen uͤber mein Alter vorzubrihgen?— Kein Edelmann würde mich ſo behandelt haben, wie ſie, mein Herr!— Ach, ich bin die ungluͤckſeligſte aller Frauen!“— Hier verhinderte Leidenſchaft ſie, ihre pathe⸗ tiſche Rede weiter fortzuſetzen; nur in einem An⸗ falle von heſtigen Kraͤmpfen aͤußerte ſich noch ihre Wuth. Dem armen Darford war es gar nicht wohl zu Muthe, Zeuge diefer ehelichen Scene ſein zu muͤſſen, denn, indem er gutmuͤ⸗ thig hinzugefprungen war, um ſie, ſeiner Mei⸗ nung nach, vor dem Herunterfallen vom Sopha zu bewahren, hatte ſie ſich ſeines Armes bemaͤch⸗ tigt, den ſie jetzt ſo krampfhaft feſt hielt, daß er nicht entſchlüpfen konnte.— Karl ſtand in einiger Entfernung in ſtummer Furcht. Sein Gewiſſen unterließ nicht ihn anzuklagen, und ob: gleich er ſeine Frau nicht lieben konnte, warf er ſich doch vor, ſie, ihrer Ausſage nach, zum un⸗ gluͤcklichſten Weibe gemacht zu haben.— Wil⸗ helm, der ſeinen Zuſtand gewahr wurde, fli⸗ ſterte ihm zu:„uͤberlaſſe ſie mir, und ich will es verſuchen, die Sachen in Ordnung zu bringen.“ Stillſchweigend ſchuͤttelte Karl ſein Haupt, und verließ das Zimmer. Endlich, nach gehoͤri⸗ gen Zwiſchenraͤumen, geruhete die Dame ſich zu erholen, weil doch ein ſolcher krampfhafter An⸗ fall nicht ewig dauern kann.— Langſam ließ ſie die matten Augen durchs Zimmer rollen, und rief alsdann aus:„er hat wohl gethan, mich zu verlaſſen! Ach, daß es auf ewig waͤre, oder daß ich ihn lieber nie erblickt haͤtte!— Aber darf ich fragen, warum Herr Wilhelm Darford hier iſt?— Meine Zofe haͤtte gerufen werden ſollen, mir Beiſtand zu leiſten.— Ja, mein Herr, wir haben noch ein dienendes Perſonal im Hauſe, und ſo tief gedemuͤthigt ich auch ſein mag, ſehe ich doch nicht ein, warum man mich ſo ernie⸗ drigt, nur kalte Zuſchauer bei meinen Familien⸗ Leiden und haͤuslichen Zwiſten um mich dulden zu muͤſſen.— 27² 3 „Glauben ſie, gnaͤdige Frau, daß ich kein kalter Zuſchaner bin. Ich wuͤnſche keineswegs unangenehme Dinge in ihr Gedaͤchtniß zuruͤck zu rufen, ſondern mir nur das Recht zu erwerben, ſie als Freund von ihren Angelegenheiten unter⸗ halten zu duͤrfen. Erlauben ſie mir die Bemer⸗ kung, daß auch alsdann, da ich nicht glauben konnte, von ihnen gehoͤrt zu werden, ich deäähach ihr Intereſſe vertheidigte.“ „In der That, mein Herr, ſie ſorachen ſo leiſe, daß ich ihre Worte nicht deutlich im Zu⸗ ſammenhange vernehmen konnte; auch war mein Gefuͤhl durch alles, was Herr Germaine, der laut genug ſprach, gegen mich vorbrachte, ſo be⸗ leidigt, daß ich auf Niemand anders hoͤrte.— Nachdem ich mich nun aber beſinne, ſcheint es mir doch, als haͤtten ſie meinem unwuͤrdigen Manne angeboten, ihn unter der Bedingung, daß er allen Umgang mit dem nichtswuͤrdigen Maͤdchen aufgaͤbe, aus ſeiner gegenwäͤrtigen; Ver⸗ legenheit zu reißen.“ „Und war dieſes Anerbiethen nicht Beweis genug, daß ich ihr Gluͤck wuͤnſche?“—. „ Die Wahrheit zu geſtehen, Herr Dar⸗ 273 ford, erwarte ich, die von Kindheit an in der großen Welt gelebt hat, nicht viel von der Freundſchaft irgend eines Menſchen, und vorzuͤg⸗ lich nicht, wenn er ſich auf's Rechnen verſteht. Da, wo ich einmal in einem unbewachten Au⸗ genblicke der Freundſchaft und Liebe eines Man⸗ nes, der auf ſolchem Wege erzogen iſt, trauete, bin ich bitter getaͤuſcht, und ſie muͤſſen es mir alſo verzeihen, wenn ich mich nicht zu dem Glau⸗ ben ſtimmen konnte, daß bei ihrem Anerbiethen irgend eine Freundſchaft fuͤr mich zum Grunde läge. Ich dachte, ſie betrachteten es als einen Schimpf fuͤr ihre Familie, wenn ihr Vetter durch dies abſcheuliche Geſchoͤpf zu Schulden verleitet wuͤrde, die ihn endlich ins Gefaͤngniß fuͤhren mußten; denn dies ſchimpft doch wohl jede Fa⸗ milie, ſie mag ſeyn von welchem Stande ſie wolle. Aus ihrem Benehmen gegen unſere Kin⸗ der ſehe ich, daß ſie uns als Verwandte betrach⸗ ten, und jeder Menſch, glaube ich, hat doch ei⸗ nen gewiſſen Familten⸗Stolz auf ſeine Weiſe.“ „Ich geſtehe, viel Famillenſtolz auf meine Weiſe zu beſitzen, gnaͤdige Frau,“ entgegnete Darford mit ruhigem Laͤcheln.„Ich bin zum E. II. 18 274 Beiſpiel ſtolz darauf, ein Haͤuflein guter, liebe⸗ voller Kinder und eine Frau, deren geſunder, unverdorbener Verſtand, und deren liebenswuͤrdige Eigenſchaften das Gluͤck meines Lebens ausmachen, in einer vollkommnen Unabhaͤngigkeit erhalten zu koͤnnen.“ Hier erroͤthete Frau Germaine doch ein wenig, und wandte ihr Geſicht ab, um zu ver⸗ bergen, wie ſehr dieſe Worte ſie getroffen hatten. Wilhelm that es zwar leid, ihr wehe gethan zu haben, doch ſah er ein, daß der einzige Weg, ſich ihr verſtaͤndlich zu machen, darin beſtaͤnde, jene wahrhafte Ueberlegenheit des Charakters zu zeigen und zu behaupten, welcher faſt immer der eingebildete Duͤnkel des Ranges oder e. Mode das Feld raͤumen muß. „Es ſteht uͤbrigens bei ihnen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„meine Anerbiethungen und Handlungen ganz nach ihrem Gefallen auszulegen; doch werden ſie bei kaltem Blute nicht umhin koͤnnen, zu bemerken, daß weder ich noch meine Familie jemals etwas von ihnen zu erwarten ha⸗ ben, nicht einmal eine gnaͤdige Verbeugung an oͤffentlichen Orten, denn dieſe beſuchen wir nicht. — ——44⁴— 275 Wir leben zuruͤckgezogen, und haben keine Be⸗ kanntſchaft mit vornehmen Leuten. Wir erhalten uns unſere Unabhaͤngigkeit, indem wir uns nach unſerer Lage im Leben richten, nie den Wunſch hegen, ſie zu veraͤndern, und nie die Affen derer ſind, welche man vornehm nennt. Aus dem was ſie eben ſagten, koͤnnte ich ſchließen, als glaubten ſie, wir haͤtten ihre Kinder in unſer Haus genommen, weil vielleicht einſt dieſe vornehme Verwandtſchaft den unſrigen Vortheile gewaͤhren koͤnnte; das aber waͤre ihrerſeits ein grober Irr⸗ thum. Unſere Kinder werden leben wie wir; ſie haben keinen Begriff davon, vornehme Be⸗ kanntſchaften zu ſchließen, weil ſie von Kindheit an gelernt haben, daß dieſe nicht zur Gluͤckſelig⸗ keit nothwendig ſind. Uebrigens iſt es durchaus nicht meine Gewohnheit, ſo viel von mir und den Meinigen zu ſprechen, und es geſchieht dies wahrlich auch jetzt nur, um ihnen die Wahrheit auf einmal einleuchtend zu machen, da dieß mir der einzige Weg ſcheint, ihr Vertrauen zu gewinnen, und weder ſie noch ich Zeit zu verlieren haben.“ „Darin haben ſie vollkommen recht“, ſagte Frau Germaine. 18* 276 „So erlauben ſie mir dann, gnaͤdige Frau, ihnen jetzt auf der Stelle einen Vorſchlag zu machen, den ſie hoffentlich in dem Sinne neh⸗ men werden, wie er gemeint iſt. Ich hoͤre von meinem Vetter, daß ſie einige Spielſchulden ha⸗ ben.“ „Mein Mann weiß nicht, wie hoch ſie ſich belaufen,“ antwortete Frau Germaine in ei⸗ nem ſo leiſen Tone, als fuͤrchte ſie von Jemand gehoͤrt zu werden, „Wenn ſie mir dies Geheimniß anvertrauen wollen, werde ich keinen Misbrauch davon machen.“ Mit kaum vernehmlicher Stimme nannte ſie die Summe; dieſe war in der That ſo betraͤchtlich, daß die Zahl Darford einige Schritte zuruͤck⸗ weichen machte. Doch faßte er ſich nach wenigen Augenblicken und ſagte:„die Schuld iſt groͤßer, als ich glaubte, aber wir wollen ſehen, was dabei zu machen iſt. Von dem Zeitpunkte an, da Karl und ich unſere gemeinſchaftliche Handelsverbindung aufgaben, habe ich nie das Auge von meinen Ge⸗ ſchaͤften weggewandt, und der Umſtand, um deß⸗ willen ſie mich verachten werden, ſetzt mich nun in den Stand ihnen zu helfen, ohne meine eigne Familie zu beeintraͤchtigen. Ich bin ein 277 Mann, der frei herausredet, vielleicht manchmal etwas zu derb. Sie muͤſſen mir heilig verſpre⸗ chen, nie wieder ein Hazardſpiel zu ſpielen, und nur unter dieſer Bedingung will ich ihre gegen⸗ waͤrtige Schuld augenblicklich bezahlen.“ Mit aller Haſt einer Perſon, die mit beiden Haͤnden ein Anerbiethen ergreift, welches ihr zu groß ſcheint um wiederholt werden zu koͤnnen, verſprach Frau Germaine alles von ihr be⸗ gehrte.— Ihre Schuld wurde bezahlt. Der großmuͤthige Wohlthaͤter entfernte ſich mit der Hoffnung, daß beide Ehegatten von nun an kluͤger leben, und doch noch eine gewiſſe Art haͤuslicher Gluͤckſeligkeit genießen wuͤrden. Eitle Hoffnungen! Karl zeigte wirklich den Wunſch, ſeine Ausgaben einzuſchraͤnken; aber der Hochmuth ſeiner Frau ſetzte ſeinen oͤkonomiſchen Plaͤnen un⸗ uͤberwindliche Hinderniſſe entgegen. Ihre jedes⸗ malige Antwort war: ſie ſei immer an dieſe Dinge gewoͤhnt geweſen, koͤnne nicht ohne dieſel⸗ ben leben, und ihre Verwandten wuͤrden nicht wenig erſtaunen, ſie nicht auf die Art erſcheinen zu ſehen, wie ſie vor ihrer Heirath erſchienen waͤre. Aufgebracht uͤber dieſe nichtigen Schein⸗ gruͤnde, beſtand Germaine endlich mit der ab⸗ 278 ſprechenden Stimme eines Hausherrn, der das Recht auf ſeiner Seite hat, auf ſeine Forderung; hieraus erwuchs taͤglicher Zank, der wo moͤglich noch bitterer war, als der, welchen die Eiferſucht fruͤher veranlaßt hatte. Einige⸗Frauen ſcheinen der Meinung„eher eines Mannes Untreue, als deſſen Einmiſchung in ihre haͤuslichen Angelegen⸗ heiten vertragen zu koͤnnen; von dieſer Art ih⸗ res Geſchlechts war Frau Germaine, und ob⸗ gleich ihr Gatte ſtreng ſein gegebenes Wort hielt, nie wieder Umgang mit ſeiner vormaligen Gelieb⸗ ten zu haben, wurde er durch keine Art von Freundlichkeit innerhalb ſeines Hauſes dafuͤr be⸗ lohnt. Im Gegentheil ſchien ſeine Ehehaͤlfte eher daruͤber aufgebracht, dieſes gerechten Zankapfels beraubt zu ſein; ſie konnte nun nicht mehr mit ſo tragiſchem Effect daruͤber wehklagen, daß ihr Mann ſich ſelbſt und ſie durch ſeine Thnheiten zu Grunde richte. Der vormalige laute Worttwechſel hate ſich jetzt in ſtillen Haß verwandelt; die gnaͤdige Frau wurde immer muͤrriſcher, niedergeſchlagener; ihre Nervenuͤbel und hyſteriſchen Zufaͤlle vermehrten ſich. Im Kreiſe vornehmer, ſtets klagender, ner⸗ venſchwacher Wittwen, war ſie ein Gegenſtand des 279 Intereſſes geworden; aber dieſe Art von Wich⸗ tigkeit genuͤgte ihr bei weitem noch nicht, und nach ihrer Erklaͤrung fuͤhlte ſie ſich unfaͤhig, die un⸗ ausſtehliche Laſt der Langenweile laͤnger zu tragen. In verſchiedenen Faͤllen kann wohl das Be⸗ tragen manches Menſchen mit Gewißheit von denen vorhergeſagt werden, die mit ſeinen Lieb⸗ lings⸗Gewohnheiten bekannt ſind. Gewohnheit wirkt auf ſchwache Gemuͤther gleich einer Art mo⸗ raliſcher Praͤdeſtination, der zu entgehen ſie keine Macht haben. Ihre gewöͤhnlichen Redensarten druͤcken ſchon ihre Unfaͤhigkeit aus, gegen das widrige Geſchick kaͤmpfen zu koͤnnen, welches doch oft nur eigene Thorheit uͤber ſie herbeigefuͤhrt hat. Solche gewoͤhnliche Redensarten lauten dann: „Was mich betrifft, kann ich es nun einmal nicht unterlaſſen, dies oder jenes zu thun, obgleich ich gar wohl weiß, daß es Unrecht iſt und mich zu Grunde richten wird; aber es iſt mir unmoͤglich zu widerſtehen. Was hilft mir da alles Raiſon⸗ niren; es iſt nun einmal meine Weiſe ſo, und ich muß mein Schickſal tragen.“ So fuͤhlte auch Frau Germaine ſich eurß einen unwiderſtehlichen Trieb an den Kartentiſch gezogen, ungeachtet des heiligen Verſprechens, 1 280 welches ſie geleiſtet hatte, nie wieder ein Hazard⸗ ſpiel zu ſpielen. Alle Vorſtellungen waren verge⸗ bens, es war ihre Weiſe; ſie wußte, daß es un⸗ recht ſei, daß es ſie ins Verderben fuͤhren wuͤr⸗ de; aber ſie konnte nicht widerſtehen.— Nach Verlauf weniger Monate befand ſie ſich abermals in Schulden, und hatte die Frech⸗ heit, im ſtolzen Selbſtvertrauen, abermals an Darford's Großmuth zu appelliren, wie ſie es zu nennen beliebte. Ihr Brief war in dem niedrigſten Tone abgefaßt, und voller ſchmeichel⸗ hafter Ausdruͤcke, welche, ihrer Einbildung nach, da ſie von einer Frau ihres Ranges und Stan⸗ des kamen, einen unwiderſtehlichen Reiz fuͤr den Fabrikanten haben muͤßten. Wie erſtaunt war ſie, als ſie eine foͤrmliche abſchlaͤgige Antwort er⸗ hielt!— Er lehnte alle fernere Vermittelung ab, da er die Unmoͤglichkeit ſah, wahrhaft helfen zu koͤnnen; doch vermied er ſelbſt die leiſeſten Vor⸗ wuͤrfe.„Sie wird ohnehin durch die Folgen ih⸗ rer Auffuͤhrung hinlaͤnglich geſtraft ſein,“ dachte er,„und ſo will ich ihren Verdruß nicht noch durch Vorwuͤrfe vermehren.“ Eine Trennung von ihrem Manne war die unmittelbare Folge. Vielleicht waͤre dies allein —— 281 eben keine große Strafe fuͤr ſie geweſen, jedoch fuͤhlte ſie den damit verbundenen Verluſt alles Prunkes und Scheins, den ihre gegenwaͤrtige Lage mit ſich brachte, ſehr tief. Sie ſah ſich gezwun⸗ gen jetzt einzig von der Gnade ihrer Verwand⸗ ten zu leben, wurde von allen ihren vornehmen Bekannten nur mehr uͤber die Achſel angeſehen, hatte keinen Freund auf der ganzen Welt, der ſie bemitleidete, denn ſogar ihre Kammerjungfer, welche ſonſt immer in ihrer beſondern Gunſt ge⸗ ſtanden hatte, ſagte ihr den Dienſt auf, weil nun nicht mehr viel von dieſer immer launigten Herr⸗ ſchaft zu erwarten war. Wir unterlaſſen den Bericht ihrer ferneren Demuͤthigungen und Leiden, und ſetzen nur hin⸗ zu, daß ſie ein Raub ihrer Leidenſchaften wurde, und endlich an einem Nervenfieber ſtarb. Bald nach ihrem Tode ſchrieb Karl folgen⸗ den Brief an ſeinen Vetter: „Lieber Wilhelm! „Du wirſt den Tod meiner Frau erfahren haben, und ich wage nichts hinzuzuſetzen, als, wie groß auch ihre Fehler geweſen ſein moͤgen, ſo hat ſie dafuͤr gelitten, wie ich fuͤr die meini⸗ gen. Glaube mir, ich bin voͤllig von dem Wun⸗ 282 ſche, den Edelmann zu ſpielen, geheilt, werde den Namen Germaine ſogleich ablegen, und den ehrlichen Namen Darford wieder anneh⸗ men. Du kennſt den Zuſtand meiner Angelegen⸗ heiten; es bleibt mir noch einige Hoffnung, durch Fleiß etwas von meinem Vermoͤgen zu retten, und ich bin entſchloſſen mich mit allem Ernſt der Geſchaͤfte wieder anzunehmen, ſowohl um mein ſelbſt, als meiner Kinder willen, die ich bisher ſchaͤndlich vernachlaͤſſigt habe. Aber nach meiner Hochzeit ſtand es nicht immer in meiner Macht, zu handeln wie ich wollte; doch nichts mehr vom Ver⸗ gangenen, in der Zukunft werde ich mich hoffent⸗ lich ats ein ganz anderer Menſch zeigen. Ich wage nicht die Bitte an Dich, meinen guten Vor⸗ ſaͤtzen hinlaͤngliches Vertrauen zu ſchenken, um mich wieder an Deiner Handlung Theil nehmen zu laſſen; doch gelingt es vielleicht Deiner Gut⸗ muͤthigkeit, mir irgend eine Stelle anzuweiſen, die meinen beſcheidenen Wuͤnſchen und Faͤhigkei⸗ ten entſpricht. Ich bitte nur um eine Probe, und werde gewiß nicht, wie vormals, alle Ge⸗ ſchaͤfte Andern uͤberlaſſen. Gieb meinem kleinen Sohne und meiner Tochter einen vaͤterlichen Kuß; wie kann ich je Dir und —— 283 Deiner Frau hinlaͤnglich fuͤr die ihnen erwieſene Liebe und Guͤte danken?— Auch giebt es noch eine andere Perſon, der ich gerne danken moͤchte, die ich aber kaum zu nennen wage, da ich nur zu gut weiß, wie unwuͤrdig ich ihrer Guͤte bin. Lebe wohl!— Auf ewig nun Gortlob wieder Dein Karl Darford.“ Es iſt wohl kaum noͤthig, unſern Leſern zu berichten, daß Wilhelm den reuigen Freund mit offenen Armen empfing, ihm wieder den An⸗ theil an der Handlung uͤberließ, und ihm auf die freundlichſte Weiſe behuͤlflich war, Vermoͤgen und Credit aufs Neue zu erwerben. Alle, die ihn nur in den Jahren ſeiner vormaligen Eitelkeit ge⸗ kannt hatten, wunderten ſich jetzt ſeines beharr⸗ lichen Fleißes. Wenige nur moͤchten hinlaͤng⸗ liche Seelenkraft haben, wie er, mitten im Laufe der Thorheit inne zu halten, und Wenigen iſt vielleicht die Entſchloſſenheit gegeben, den Spott und das Hohngelaͤchter der vormaligen Gefaͤhrten der Thorheit zu ertragen, wie Karl dies jetzt ertrug. Er achtete deſſen kaum; lebte er doch nicht mehr mit ihnen und fuͤr ſie, und konnte der ſichern Ueberzeugung ſein, daß ſie im 1 284 Strudel der Welt den Gegenſtand ihres Spottes binnen wenigen Monaten wuͤrden aus den Augen verloren haben. Er ſuchte und fand jetzt ſein Gluͤck einzig im haͤuslichen Kreiſe. Aus der aufrichtigen Liebe zu ſeinen Kindern erwuchs bald, unbewußt ſeiner ſelbſt, eine Neigung zu dem Weſen, welches ſich ihrer ſo muͤtterlich angenemmen hatte, und ſo wurde ſeine zweite Wahl ſo klug, als die erſte thoͤricht geweſen war. In der naͤhern Verbin⸗ dung mit der armen Luzie vergaß er die Jahre des Elends, welche ſeine vorige Heirath uͤber ihn gebracht hatte. Glaube, der ſich auf eigene Erfahrung gruͤn⸗ det, iſt ohne Zweifel ſtaͤrker, als der, den wir nur dem Zeugniß Anderer verdanken; doch gluͤck⸗ lich diejenigen, welche durch Beiſpiel, und nicht, dem alten Sprichworte gemaͤß, durch Schaden klug werden.— 3