AO ,, —------= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur f Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von d X — d jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträͤgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„„ ur. 2 7 1— 9 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Buücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 8 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. kusſeinezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiteryerleihen G der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ p ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— „----— Bhe ehe ta= en Mer t EüMh M E — ——— Bilder aus dem Leben. Eine Auswahl der neueſten Engliſchen Romane und Erzaͤhlungen, beſonders für Frauenzimmer. Dritter Theil. Auswahl kleiner Erzaͤhlungen nach Maria Edgeworth. Erſter Theil. Jeng⸗ hei Friedrich Frommann, 18 2 0. 4 Men A AMk—“ Bilder aus dem Leben. Sine Auswahl der neueſten Engliſchen Romane und Erzaͤhlungen, beſonders für Frauenzimmer. Erſter Theil. Kleine Romane und Erzaͤhlungen 3 nach MNMr 3. Doy i e. Erſter Theil. Jena, bei Friedrich Frommann, 1 8 1 9. * Vorwort. Den Kleinen Romanen und Erzaͤhlun⸗ gen, aus dem Engl. der Mrs. Opie, durch deren vortheilhafte Beurtheilungen in verſchiedenen oͤffentli⸗ chen Blaͤttern, vorzuͤglich in der Jenaer Litteraturzei⸗ tung, unſer Zweck, eine angenehme und nuͤtzliche Unter⸗ haltung, beſonders fuͤr das weibliche Geſchlecht zu lie⸗ fern, deutlich genug ausgeſprochen iſt, fuͤgen wir hier zwei Baͤndchen Erzaͤhlungen aus den popular Ta- les der Mrs. Edgeworth bei. Zugleich wuͤnſchen wir das Publicum auf eine Reihenfolge ausgewaͤhl⸗ ter Bearbeitungen vorzuͤglicher engliſcher Originale aufmerkſam zu machen, welche ſich jaͤhrlich dieſer Sammlung mit zwei bis drei Baͤndchen anſchließen, und welche durch die Mannigfaltigkeit der gewaͤhlten Stoffe, die ſich nicht auf einen und denſelben Kreis des Lebens, noch Fleck der Erde beſchraͤnken, an In⸗ tereſſe gewinnen wird. Die vier erſten Baͤnde dieſer Sammlung moͤchten wir beſonders jungen Frauenzimmern zur angenehmen und lehrreichen Unterhaltung empfehlen, da jede Er⸗ zaͤhlung in denſelben einen tiefen, moraliſchen Sinn enthaͤlt, und doch durch die Anmuth der Darſtellung nicht leicht den Leſer, und vorzuͤglich nicht das ju⸗ gendlich unverdorbene Gemuͤth, kalt und unbefriedigt laſſen wird. Es ſei uns hier noch erkaubt zu bemer⸗ ken, wie beide obengenannte engliſche Schriftſtelle⸗ rinnen, von denen die Originale herruͤhren, jetzt in VI einem Fache der Litteratur wetteifern, in welchem ſie durch Darſtellungen, theils aus der hoͤheren Sphaͤre des Lebens, theils aus dem einfachen, haͤuslichen Kreiſe, die Abweichungen vom rechten Wege ſchil⸗ dern, welche ſo Manchen ſchon unvermerkt ins Ver⸗ derben gefuͤhrt haben. Der Beifall des leſeluſtigen Publicums iſt in ihrem Vaterlande unter ihnen ge⸗ theilt; weit entfernt aber ſich dieſen Beifall zu benei⸗ den, ſtreben ſie vielmehr ſich gegenſeitig durch ge⸗ rechte Anerkennung ihres Verdienſtes zu heben, wo⸗ von die Leſer in den kleinen Romanen und Exzaͤhlungen der Mrs. Opie ſchon ein Bei⸗ ſpiel gefunden haben werden. So wie wir uns bemuͤheten, aus den new Ta- les der Mrs. Opie, dem deutſchen Publicum nur das mitzutheilen, was es anſprechen konnte, ſo ge⸗ ben wir hier aus den popular Tales der Mrs. Edgeworth, die in England bereits im Jahre 1817 die ſechste Aunase erlebt hatten, nur das wieder, was auch fuͤr den Deutſchen, der weniger mit der Nationalitaͤt der Englaͤnder bekannt iſt, In⸗ tereſſe haben muß, und wo, in ein gefaͤlliges Ge⸗ wand gekleidet, Fehler, Schwaͤchen und Vorurtheile geruͤgt, Tugenden anerkannt werden, die wohl mehr oder weniger jeder Nation eigen ſind. Jena, im September 1820. d D. Ueb. A ne* — Billdder aus dem Leben. Eine Auswahl der neueſten Engliſchen Romane 1 und Erzaͤhlungen, beſonders fuͤr Frauenzimmer. 4 Theile in 3. 1819. 20. Inhal. Erſter Theil. Mrs. Opie kleine Nomane und Erzaͤhlungen. Erſter Theil. x. Frau Arlington oder es iſt nicht alles Gord was glänzt.. 5 2. Heinrich Woodwille.. 3. Der Quäker und das Wellkind. . 1 . 92343 379 Zweiter Theil. Mrs. Opie kleine Romane und Erzaͤhlungen. Zweiter Theil. x. Die Heimkehr oder der Balg. 3 4 1 2. Geraldt Düvat... 66 3. Lüge und Wahrhelt... 298 VI Dritter Theil. Auswahl kleiner Erzaͤhlungen nach dem Engliſchen der Maria Edgeworth. Erſter Theil. Seite. x. Morgen... 1 2. Die Handſchuhe aus Limmerick.. 139 3. Murad der Unglückliche.. 203 Vierter Theil. Auswahl kleiner Erzaͤhlun⸗ gen nach dem Engliſchen der Maria Edgeworth. Zweiter Theil. 1. Der Contraſt... ,2 2. Der dankbare Neger... 362 3. Die Fabrikanten... 207 Morgen! Er ſtes Kapitel. Lange ſchon war es meine Abſicht die Be⸗ gebenheiten meiner vergangenen Tage niederzu⸗ ſchreiben, und ich bin entſchloſſen heute noch da⸗ mit zu beginnen, weil die Haͤlfte der guten Vor⸗ ſaͤtze, die ich im Leben faßte, durch die unglüͤck⸗ liche Gewohnheit alles bis morgen zu verſchieben, unausgefuͤhrt geblieben iſt.. So lange ich jung war, hatte man die Ar⸗ tigkeit mir zu ſagen, dies ſei mein einziger Feh⸗ ler; ich glaubte es, und durch Eitelkeit oder Traͤg⸗ heit verleitet, bildete ich mir ein, der Fehler waͤre eben ſo groß nicht, und ich koͤnne ihn mit E. I. 4 2 der Zeit leicht ablegen; doch iſt dieſe Zeit noch nicht gekommen, und mir bleibt jetzt bei reiferem Alter nur die Hoffnung, daß aufrichtige Reue das Geſchick verſoͤhnen moͤge. Mein Vater, ein angeſehener Buchhaͤndler in London, hatte an dem Tage, da ich das Licht der Welt erblicken ſollte, gerade ein neuangelang⸗ tes biographiſches Woͤrterbuch durchblaͤttert, und in dem Augenblicke, als ihm meine Geburt ver⸗ kuͤndet ward, ruhete ſein Finger eben auf dem Namen Baſilius. Er las laut:„Baſilius, kanoniſirter Biſchoff von Caeſarea, theologi⸗ ſcher und moraliſcher Schriſtſteller, Verfaſſer mehrerer Streitſchriſten ac.— „Mein Sohn ſoll nach dieſem großen Manne genannt werden, rief er aus, und ich hoffe den Tag zu erleben, an dem er zum Biſchoffe ge⸗ weiht werden wird, oder wenigſtens doch theolo⸗ giſche oder moraliſche Streitſchriften von ihm zu erblicken, wenn die Hoffnung, beides zu erleben, auch zu kuͤhn iſt.“ 1 So wurde ich Baſilius getauſt und mein Vater glaubte die kuͤhnen Hoffnungen bei meiner Geburt ſchon in meiner Kindheit durch —,. —, 3 witzige Einfaͤlle und die Gabe eines gluͤcklichen Gedaͤchtniſſes beſtaͤtigt zu finden, welches die vaͤ⸗ terliche Eitelkeit indeß wahrſcheinlich zu hoch an⸗ ſchlug. Er behauptete, es ſei eine Suͤnde mir keine gelehrte Erziehung geben zu laſſen, und ging ſogar weiter, als es ihm ſeine Mittel er⸗ laubten, um hierin in keinem Stuͤcke etwas feh⸗ len zu laſſen. Der Gedanke, ein großer Mann werden zu ſollen, reizte mich anfaͤnglich nicht we⸗ nig, und meine Lehrer hatten eine Zeitlang Ur⸗ ſache mit mir zufrieden zu ſein.— Doch was ſie ſchnelle Faſſungsgabe nannten, hielt eigentlich meine Fortſchritte zuruͤck, denn die Leichtigkeit, mit welcher ich meine Aufgaben lernte, verleitete mich alles bis zum letzten Augenblicke aufzuſch ie⸗ ben, und dieſe Gewohnheit des Aufſchiebens ei⸗ ner Sache, welche durch Duͤnkel erzeugt ward, ſollte das Ungluͤck meines Lebens begruͤnden. Als man mich auf eine oͤffentliche Schule ſandte, fanden ſich ſo viele Verſuchungen zur Faulheit, daß ich, ungeachter meiner ſchnellen Faſ⸗ ſungsgabe, oft zweimal die Woche Pruͤgel erhielt. — Spaͤter wuͤrde eigne Vernunft mich vielleicht zur Beſſerung angetrieben haben; aber die ſo oft . 1 7 durch meinen Vater geſchmeichelte Eitelkeit fand etwas Großes darin in dieſem Fehler zu be⸗ harren. Wenn ich in den Feſttagen nach Hauſe kann, und meine Faulheit ſchriftlich durch die Lehrer geruͤgt worden war, ſchmaͤhlte der Alte wohl ein wenig uͤber meine Nachlaͤſſigkeit, ſchmeichelte mir aber weit mehr durch die halblaut zu einem Freunde hingeworfenen Worte: „Mein Baſil iſt ein ſonderbarer Junge!— Er kann was er will, dies iſt der Ausſpruch al⸗ ler ſeiner Lehrer— aber er iſt ein Faulpelz, ſo wie ihr Gelehrten alle ſeid— z. B. der da, deſ⸗ ſen dritte Ausgabe von Gedichten ich eben her⸗ ausgegeben habe, was iſt das auch fuͤr eine faule Beſtie!— Und doch macht niemand in der gelehrten Welt mehr Aufſehen als er!— Schiebt indeß alle Dinge bis morgen auf, gerade als mein Baſil.— Wenn er ſich aber einmal daran macht, geht es wie ein Wetter; doch muß das Licht ihm erſt auf den Naͤgein brennen, ſonſt kann er nichts, gar nichts produciren.— Ich habe noch nie ein Genie gekannt, das nicht ge⸗ wiſſermaßen faul zu nennen geweſen waͤre.“— 4 A anmn 5 Natuͤrlich ging keine Sylbe von dieſen Re⸗ den fuͤr mich verloren; die Ideenverbindung von großer Mann und Faulheit wurde ſo eins in meinem Kopfe, daß mir beides unzertrennlich von einander ſchien. So gelangte ich ſogar dahin, die Vorwuͤrfe meiner Lehrer als ruͤhmlich fuͤr mich anzuſehen, und nie kraͤnkten mich die uͤblen Folgen meiner Thorheit, bis ich endlich in einem oͤffentlichen Examen den Preis nicht erhielt, weil ich das Abſchreiben meiner Verſe zu lange verſchoben hatte. Meine Verſe waren von Alt und Jung als ſchoͤn geprieſen, und doch mußte ein gewiſſer Johnſon, ein wahrer Erdenklos in Vergleich mit mir, den Preis erhalten, weil er zur rechten Zeit fertig geworden, waͤhrend meine erhabene Poeſie nun nutzlos da lag, oder hoͤchſtens nur den Hausfreunden mitgetheilt wurde, um zu zeigen was ich haͤtte erringen koͤnnen, wenn ich es der Muͤhe werth geachtet haͤtte. Nein Vater fuͤhlte ſich ſehr gekraͤnkt, daß mir eine Gelegenheit entgangen ſei, meine Talente oͤffentlich an den Tag zu legen, vorzuͤglich da der Koͤnig dies Examen mit ſeiner Gegenwart be⸗ 6 ehrte, und diejenigen, welche Preiſe erhalten hatren, Sr. Majeſtaͤt vorgeſtellt waren.— Welch ein wichtiger Schritt haͤtte das zu meinem kuͤnftigen Ruhme ſein können!— Dies em⸗ pfand mein Vater ſchmerzlich, warf ſich vielleicht ſeine eigene Befoͤrderung meiner geniemaͤßigen Tragheit vor, und erſann ein Mittel mich auf einmal von meinem Fehier der Saumſeligkeit zu heilen. Zu dieſem Endzwecke nahm er von ſeinem Buͤcherborte JNoung's Nachtgedanken, aus denen er ſich einer Zeile erinnerte, welche die Schreib⸗ meiſter oft als Vorſchrift zu benutzen pflegen: „Aufſchub iſt ein Dieb der Zeit.“ Und nun jagte er mit großer Sorgfalt im ganzen Buche hinter jeder Stelle her, wo er die Worte: Aufſchub, Zeit, Heute, Morgen, angefuͤhrt fand, und machte dann einen ziemlich unzuſammenhaͤngenden Auszug von ſieben langen Seizen: uͤber die Gefahren der Saumſeligkeit. „Hier, lieber Sohn,“ ſagte er,„iſt etwas das dich auf Zeitlebens von deinem Fehler hei⸗ len wird; du mußt es auswendig lernen, und ehe ——“ 3 3 — 2 du es nicht von einem Ende bis zum andern weißt, bekommſt du keinen Pfennig Taſchengeld von mir.“ Der Beweggrund war triftig, und mit vie⸗ ler Muͤhe, unzaͤhligen Wiederholungen und man⸗ chen Fluͤchen, praͤgte ſich endlich das ungleichar⸗ tige Metrum dieſer zuſammengezogenen Stellen meinem Gedaͤchtniſſe ſo treu ein, daß ich ſie zum Theil neeh auswendig weiß.— Aber ungeach⸗ tet dieſer poetiſchen Moral, die ich fuͤr Geld, und mancher andern, die ich ſpaͤter umſonſt in mein Gedaͤchtniß einnahm, wurde es doch nicht anders mit mir; was mir fehlte war nicht allein Ueber⸗ zeugung meines Fehlers, ſondern der feſte Ent⸗ ſchluß mich zu beſſern. Augenblicklich aber ſchien es, als ſolle die lange Epiſtel doch nicht fuͤr mich verloren ſein, da ich mich nahe daran fand durch ſie jaͤhrlich um 400 Pfund reicher zu werden. Das ge⸗ zwungene Auswendiglernen von Stellen, die mir dem Inhalte nach ſchon nicht gefielen, hatte mir einen entſchiedenen Widerwillen gegen Noung's Nachtgedanken eingefloͤßt; ich fing an die Stellen ſcharf zu critiſiren, die ſich meinem Ge⸗ 1 8 daͤchtniſſe mit Gewalt einpraͤgen ſollten, und be⸗ hauptete ſpaͤter, da ich die Univerſitat bezogen hatte, mit vieler Beſtimmtheit: Doung ſei durch⸗ aus kein Dichter. Man hielt mich fuͤr unſinnig, lachte, und achtete es kaum der Muͤhe werth mir zu widerſprechen. Eben deshalb aber behauptete ich meinen Satz immer, und nur mit noch groͤße⸗ rer Keckheit, ich ſetzte meine Gedanken zu Pa⸗ pier, und erhielt auf dieſe Weiſe eine Art von nuf, wie ihn wohl mancher junge, ſtreitſuͤchtige Mann, ohne Verdienſt und Wuͤrdigkeit erhaͤlt.— Man fprach von mir, man wollte mich kennen lernen, und als nun vollends ein gelehrter Praͤ⸗ lat, der bekannt dafuͤr war, ſich junger talentvol⸗ ler Leute anzunehmen, mich ſeiner Aufmerkſam⸗ keit wuͤrdigte, glaubte ich ſchon, daß die Pro⸗ phezeirug meines Vaters, in Hinſicht des aus mir zu machenden Biſchoffs, in Erfuͤllung gehen muͤſſe. Mein hoher Goͤnner, der mich immer lieber zu gewinnen ſchien, je öfterer ich das Mittagsmahl mit ihm einnahm, verſprach anſtaͤndig fuͤr mich zu ſorgen. Noch hatte ich mein Eyamen als Candidat der Gottesgelahrtheit nicht beſtanden, 9 als er eine Pfruͤnde von 400 Pfund jaͤhrlich zu vergeben bekam. Er zoͤgerte mit der Verleihung derſelben, wie ich mir einbildete, bloß meinentwe⸗ gen, und trug wir waͤhrend dieſer Zeit auf, eine Predigt uͤber die chriſtliche Liebe fuͤr ihn aufzu⸗ ſetzen, die er vor einer zahlreichen Verſammlung halten wollte. Niemand als der, welcher den Fehler der Saumſeligkeit in einem ſo hohen Grade beſitzt, wird ſich einen Begriff davon machen koͤnnen, daß ich die Ausarbeitung dieſer Predigt bis zum Sonnabend⸗Abende verſchob, wo ſie ſchon am folgenden Tage gebraucht werden ſollte. Uner⸗ warteter Weiſe traten einige meiner Freunde zu mir auf die Stube, um mit mir zu Abend zu eſſen; wir ſaßen bis nach Mitternacht bei einan⸗ der. In der Eitelkeit eines jungen Schriftſtel⸗ lers ſagte ich wiederholt zu mir ſelbſt: ein ſolches Ding laſſe ſich bei meinem Genie in einer Stunde machen.— Aber als meine Gefaͤhrten mich end⸗ lich verlteßen, befand ich mich in keiner Stim⸗ mung, um eine Predigt zu verfertigen. Ich ſiel in einen ſo feſten Schlaf, daß ich erſt am folgen⸗ den Morgen durch des Biſchoffs Bedienten er⸗ u , —„ 10 weckt wurde; ſchnell aus meinen Kiſſen heraus⸗ fahrend, bemerkte ich, daß es neun Uhr ſei— Ich fing an zu ſchreiben; aber die Hand zitterte und die Gedanken waren ſo verwirrt, daß ich großes Genie waͤhrend einer Viertelſtunde nicht die erſten Einleitungs⸗Worte finden konnte. Vierzig Minuten hielt ich den mit der Uhr in der Hand wartenden Bedienten auf, ſchrieb einige Zeilen, ſtrich ſie wieder aus, und maß mit großen Schritten mein kleines Zimmer; endlich, als der Menſch nicht laͤnger warten konnte, war ich genoͤthigt, ihn, mit der Entſchuldigung einer plötzlichen Krankheit, ſeinem Herrn zuruͤckzuſchi⸗ cken.— Wahrhaft krank fuͤhlte ich mich indeß, indem ich die Entſchuldigungs⸗Worte niederſchrieb, der Kopf brannte mir, und ich mochte den gan⸗ zen Tag das Zimmer nicht verlaſſen. Die Fol⸗ gen meiner Saumſeligkeit ſtanden klar vor mei⸗ nen Augen; am naͤchſten Morgen wurde die Pfruͤnde von meinem Goͤnner vergeben, und alle ſtolzen, ſchoͤnen Hoffnungen verſchwanden in ein Nichts.. Mein Vater uͤberhaͤufte mich mit Vorwuͤrfen, und ich könnte vielleicht jetzt durch Schaden klug ge⸗ 11 worden ſein, haͤtte ſich mir nicht bald darauf wie⸗ der eine andere Ausſicht gezeigt, die meiner Mei⸗ nung nach nicht weniger guͤnſtig fuͤr mich ſchien. Unter der Menge meiner Univerſitaͤts⸗Freunde befand ſich ein junger Mann, deſſen Vater eben zu der ſo beruͤhmten Geſandtſchaft nach China er⸗ nannt war. Jener kam zufaͤllig in unſern La⸗ den, um ein Buch zu kaufen, und auf meine lei⸗ denſchaftliche Aeußerung, wie gerne auch ich dieſe intereſſante Reiſe mitmachen moͤge, erbot er ſich ſeinen Vater zu erſuchen, mich mit in das Gefolge der Geſandtſchaft aufzunehmen. Seine angelegentliche Empfehlung und einige von mir vorgezeigte, nicht uͤbel gelungene, botaniſche Zeich⸗ nungen machten, daß ſeine Bitte genehmigt ward. Zwar aͤußerte mein Vater anfangs nicht ſeine Zufriedenheit mit meinem Vorhaben; es war ihm nicht recht, daß ich den Stand verließ, zu dem ich erzogen worden war, denn immer noch ungern gab er die lange genaͤhrte Hoffnung auf, meinen Namen einſt in der Reihe der Biſchoͤffe glänzen zu ſehen— Mein Einwurf aber, daß da ich noch nicht ordinirter Geiſtlicher waͤre, keiner 12 es mir verargen könne, wenn ich eine Laufbahn verließe, die nun einmal meinem Genius nicht angemeſſen ſei, verfehlte ſeine Wirkung nicht.— Das Wort Genius hatte einen maͤchtigen Ein⸗ fluß; ich fuhr nun fort zu demonſtriren, wie ich aus der Erfahrung gemerkt habe, daß das ſo trockne Geſchaͤft, Predigten zu entwerfen, den ho⸗ hen Flug des Genius hemme, und wie ich uͤber⸗ zeugt ſei, nur durch weite Reiſen und die Kennt⸗ niß fremder Voͤlker und Sitten, meinen Geiſt recht entwickeln, und ihm die Schwungkraft ge⸗ ben zu koͤnnen, beren er beduͤrfe. Mein Vater, durch dieſe Rede beſtochen, fuͤhlte ſich wie neu belebt; die Hoffnung naͤhrend, daß wenigſtens ein Theil ſeiner Prophezeiung in Erfuͤllung gehen, und er einen beruͤhmten Schriftſteller in mir erblicken werde, geſtand er unter der Bedingung ſeine Einwilligung zu, daß ich ihm das Verſprechen gaͤbe, eine Reifebeſchrein bung in zwei Octav⸗Baͤnden, oder einem Quart⸗ band mit den dazu gehoͤrigen Kupfern zu liefern. Ein ſolches Verſprechen war leicht geleiſtet, denn dem ſtolzen Selbſtvertrauen auf meine FJahigkei⸗ ten erſchienen Oetav⸗Baͤnde und Quartanten nur 4 1 2 13 eine Kleinigkeit, ja ſelbſt ein Foliant ſchien zu geringhaltig, um alle die mannigſaltigen und gro⸗ ßen Bemerkungen, welche ich waͤhrend einer Reiſe nach China machen wuͤrde, außufaſſen. Ganz erfuͤllt von Erwartungen und Vorſaͤ⸗ tzen, ſprach ich vom Morgen bis in die Nacht unaufhoͤrlich von meiner vorhabenden Reiſe; aber ungeachtet der ſtuͤndlichen Ermahnungen meines Vaters, ſchob ich alle noͤthigen Vorbereitungen bis zur letzten Woche auf. Nun ging alles durchein⸗ ander; Schneider, Naͤhterinnen, Felleiſen, Kof⸗ fer, Mappen, Malkaſten, Reißfedern, Bleiſtifte und Buͤcher zu Anmerkungen, die eben vom Buch⸗ binder kamen, fuͤllten mein Zimmer. Ich hatte wenigſtens ein Dutzend Buͤcher zu beſonderen, und ein großes zu allgemoinen Bemerkungen derieu gen laſſen. 1 Mitten unter allem dieſem Treiben ſette ch mich an eine, nur mit Muͤhe leer gemachte Ecke des Tiſches, bewaffnete mich mit dem Linenl und der Reißfeder, um dies große Buch gehoͤrig mit Linien zu verſehen; aber die rothe Dinte war zu duͤnne, die Blaͤtter noch zu feucht; nichts wollte gelingen. Weil mir keine Zeit blieb, 4½ mußte ich das Blatt, ehe es gehoͤrig getrocknet war, umwenden; dabei wurde meine Aufmerkſam⸗ keit immer auf andere geringfuͤgige Dinge gezogen, ob die Nahterinn auch die neuen Hemden ſchicke, ob der Schuhmacher die Stiefeln zur rechten Zeit liefere, u. ſ. w. Ungluͤckliche Beſchaͤftigungen fuͤr einen großen Geiſt!— Bei jedem Klopfen an die Thuͤr mußte ich aufſpringen, um zu ſehen, ob mir das Fehlende endlich gelieſert wuͤrde, das bei wurde die Dinte wehreremale umgeſtoßen, und es regnete entſetzliche Fluͤche uͤber die abſcheulichen Handwerker, die nie eine Sache zur rechten Stunde fertig machen—. Meine Ordre vom Geſandten lautete, mit der Poſtkurſche nach ortsmouth zu gehen, um mich dort dem uͤbrigen Geſolge anzuſchließen. Der vermaledeite Nachtwaͤchter rief eilf Uhr, ehe ich mit den Linien in meinem großen Buche nur bis zur Haͤlfte fertig geworden war— die Hemden und Stiefeln waren nicht gekommen, und die Poſtkutſche fuhr ohne mich ab. Mein armer Vater zeigte ſich ganz troſtlos, rannte un⸗ aufhoͤrlich aus und ein, erſt um mich anzutreiben, * dann um mir Vorwuͤrfe zu machen; ich aber 4 4 15 hatte es mir nun in den Kopf geſetzt, der Abge⸗ ſandte wuͤrde nicht an dem beſtimmten Tage ab⸗ reifen, da wohl ſelt Erſchaffung der Welt noch niemand an dem von ihm zuerſt anberaumten Tage eine Reiſe begonnen habe.— Dieſen, und noch hundert andere Troſtgruͤnde, ſtellte ich dem Vater entgegen; wie leicht konnte der Lord auf ſeinem Wege nach Portsmouth mit dem Wagen gebrochen ſein, wer ſtaͤnde ihm dann dafuͤr daß der Wind guͤn⸗ ſtig ſei, und meine letzte Ausflucht war: keiner im Gefolge wuͤrde puͤnktlicher ſein als ich. Auf dieſe Weiſe ſchlaͤferte ich des Vaters und meine eigne Unruhe ein, und wir hielten es endlich fuͤr das Kluͤgſte, daß, da ich heute nicht mehr reiſen koͤnne, ich morgen abgehen ſolle. Bei meiner Ankunft in Portsmouth war das Erſte was ich hoͤrte: die beiden Schiffe, Lion und Hindoſtan, waͤren einige Stunden vorher nach China abgeſegelt. Verzweiflung raubte mir alle Beſinnung; ein mitleidiger Auf⸗ waͤrter im Gaſthofe, welcher vermuthlich ſah, daß mir alle Kraft fuͤr mich ſelbſt zu denken und zu entſcheiden gebrach, brachte mir endlich die Nach⸗ richt, daß ſich noch ein Schiff, welches den uͤbri⸗ 16 gen Theil von des Abgeſandten Gefolge und Ge⸗ paͤcke mitnehmen ſelle, im Hafen befinde, und daß ein Herr, der noch am Mittage an der Wirthstafel gegeſſen habe, ſich eben an Bord begebe. 4. Wie unſinnig rannte ich hinter ihm her; das Boot war ſchon fort. Ich bezahlte ein anderes mit einem ungeheuren Preiſe, um mich und mein Gepacke an das Schiff rudern zu laſſen, welches in demſelben Augenblicke, als ich es erreichte, die Anker lichtete.— Das machte mich aufs Neue äbermuͤthig; ſo wie ich nur Athem genug ſchoͤ⸗ pfen konnte, um zu reden, rief ich aus:„Gott⸗ kobl wohlbehalten angelangt! eben ſo gut als wenn ich geſtern ſchon gekommen waͤre, und beſ⸗ ſer ſogar.— Von nun an will ich mich immer auf meinen Gluͤcksſtern verlaſſen, der mich nicht im Stiche laͤßt!“— 1942 Als ich aber zur kälteren Beſinnung kam, that es mir doch leid, nicht in dem Schiffe Lion⸗ mit meinem Freunde und Beſchuͤtzer betſammen zu ſein.— Dort befanden ſich außerdem noch alle gelehrten Manner, die zum Gefolge des Ge⸗ ſandten gehoͤrten, denen ich fruͤher vorgeſtellt, und 17 die wohlwollende Geſinnungen gegen mich geaͤu⸗ Gert hatten. Der Vortheil, den ich waͤhrend die⸗ ſer langen Reiſe aus ihrer Unterhaltung haͤtte ziehen koͤnnen, war nun fuͤr mich dahin. Unſer Schiff verlor den Lion und Hindoſtan ſchon im Canal aus dem Geſichte; wie mir meine Freunde nachher ſagten, hatten ſie mehrere Tage in der Bay von Praya auf uns gewartet, da unſer Schiff ſich aber nicht blicken ließ, ſetzten ſie ihre Reiſe fort. Endlich, zu unſerer unbe⸗ ſchreiblichen Freude, entdeckten wir an der Kuͤſte von Sumatra ein, auf eine Stange genagel⸗ tes Brett, worauf uns die Weiſung von unſern Freunden gegeben war, an welchem Tage ſie die Kuͤſte erreicht, und welchen Weg wir einzuſchla⸗ gen haͤtten, um uns wieder mit ihnen zu verei⸗ nigen. Mein Geiſt belebte ſich aufs Neue beim Anblick dieſer Nachricht; der Wind ſchien uns zu à beguͤnſtigen;— aber ach! ſchon indem wir die Straße von Sunda paſſirten, wurde unſer Schiff in einem ſolchen Grade beſchaͤdigt, daß wir ge⸗ noͤthigt waren wieder in einen Hafen einzulau⸗ fen, um es ausbeſſern zu laſſen und friſche Le⸗ E. I. 2 —— ——— 18 bensmittel einzunehmen. Als meine Gefaͤhrten hoͤrten, daß es nur an mir gelegen haͤtte, auf dem Schiffe des Geſandten die Fahrt zu machen, beklagten mich einige, die Mehrzahl aber ſpottete meiner, und ſagte, ich ſei fuͤr meine Nachlaͤſſigkeit gerechter Weiſe beſtraft. Endlich erreichten wir die beiden andern Schiffe; ich ward nun zu meiner unausſprechli⸗ chen Freude am Bord des Lions aufgenommen, und fand jetzt Gelegenheit mich mit den gelehrten Maͤnnern, deren Umgang ich ſo lange entbehrt hatte, uͤber wiſſenſchaftliche Dinge unterhalten zu koͤnnen. Der Bericht von alle dem, was ſie vor⸗ zuͤglich in Rio Janeiro, wo ſie ſich eine Zeitlang aufhielten, geſehen und unterſucht hatten, ver⸗ mehrte meinen Mißmuth wieder; ich ſah jetzt nur zu klar, wie viele Merkwuͤrdigkeiten fuͤr meinen Quartanten verloren gegangen waren, doch troͤ⸗ ſtete ich mich durch den Gedanken, in China nichts außer Acht zu laſſen, was mein Werk unterhal⸗ tend, lehrreich, und vorzuͤglich machen koͤnnte. Ei⸗ nem Manne von Genie iſt es vergoͤnnt, ſelbſt aus den gewoͤhnlichſten Dingen Stoff zur Unterhal⸗ tung zu ziehen; ein wie viel groͤßeres Feld muß ———(—— 19 ſich ihm dann nicht oͤffnen, wenn ein großes Kaiſerthum, mit der eigenthuͤmlichen Beſchaffen⸗ heit ſeiner Bewohner, Geſetze und Einrichtungen, ſich ſeinem Blicke darſtellt!— Zu wie vielen philoſophiſchen Bemerkungen muß dies nicht Ver⸗ anlaſſung geben, welch einen Schatz von Erfah⸗ rungen darf das Publikum mit Recht hoffen, aus der Feder eines großen Geiſtes unter ſo guͤnſti⸗ gen Umſtaͤnden fließen zu ſehen!. Der Gedanke, daß die Welt ſich in ihren kuͤhnſten Erwartungen nicht getäuſcht ſinden ſollte, entzuͤckte mich zum voraus, ſchon nahm ich in vollen Zuͤgen den ſuͤß duftenden Weihrauch ein, welchen mir Recenſenten und Freunde durch oͤf⸗ fentliches und Privat⸗Lob uͤber mein höchſt wich⸗ tiges, unvergleichliches Werk ſtreuen wuͤrden; ich ſah die Freude uͤber den Ruhm des Sohnes in den vaͤterlichen Augen glaͤnzen, und voll von die⸗ ſen ſchoͤnen Traͤumen landeten wir in China. Bis ſpaͤt in die Nacht beſchaͤftigte ich mich noch, um die Vorrede und Ueberſchriften der ver⸗ ſchiedenen Kapitel zu meinem Buche zu entwer⸗ fen; endlich uͤbermannte mich der Schlaf, ich traͤumte von einer Privat⸗Audienz beim chineſi⸗ 2* 20 ſchen Kaiſer, und wurde endlich am Morgen durch Kanonenſchuͤſſe erweckt, dem Signal, daß die Ge⸗ ſandtſchaft nach Pekin gehen ſolle.— Schnell warf ich mich in die Kleider, und war einer der Erſten, welcher ſich reiſefertig befand; doch nur zu bald hatte ich Usſache meine Eilfertigkeit zu be⸗ reuen. Ich wollte die erſten Eindruͤcke, welche ſich mir bei Betretung des chineſiſchen Gebiets eingepraͤgt hatten, niederſchreiben, fuͤhlte aber ver⸗ gebens in allen meinen Taſchen nach meiner Schreibtafel.— Nicht allein dieſe, ſondern mein ganzes Dutzend Bemerkungsbuͤcher hatte ich vor meinem Bette liegen laſſen, da ich alle, bei meiner ſchnellen Abreiſe von London, in mei⸗ nen Nachtſack geſteckt hatte.— Der Sack, Nacht⸗ kleider, Buͤcher, alles war vergeſſen.—. So unbedeutend an ſich dieſer Verluſt er⸗ ſcheinen mag, ſo bedeutend war er fuͤr mich. Es waͤre zwar eine Kleinigkeit geweſen, mir an⸗ dere Buͤcher zum Aufſchreiben meiner Gedanken zu verſchaffen; aber eben weil mir dies als eine Kleinigkeit erſchien, verſchob ich es von Tage zu Tage, und ſchrieb nun die wichtigſten Bemerkun⸗ gen auf kleine, winzige Zettel, die immer am fol⸗ 21 genden Tage in ein Buch eingetragen werden ſollten. Wir kamen in Pekin an, wohnten pracht⸗ voll in dem Palaſte der Stadt, wurden aber ſo ſtrenge bewacht, daß wir uns nicht außerhalb der Hoͤfe des weiten Gebaͤudes begeben durften. geine Leſer glauben vielleicht, daß ich in dieſer Art von Gefangenſchaft hinlaͤngliche Muße ge⸗ habt haͤtte, ein neues Buch zu Bemerkungen zu machen, und die bereits aufgeſchriebenen darin einzutragen.— Das war auch wirklich meine Abſicht; aber da es mir die Arbeit von ein paar Stunden ſchien, glaubte ich dies koͤnne noch je⸗ derzeit geſchehen. Dazu die unertraͤgliche Hitze, die mich verhinderte in den erſten acht Tagen et⸗ was anders zu thun, als meine Weſte auf und wieder zuzuknoͤpfen, und Sorbet zu trinken. Cere⸗ monien⸗Beſuche der Mandarine nahmen auch viele Zeit weg; ſie redeten und bewegten ſich gleich Pa⸗ goden, und nur mit Muͤhe gelang es unſern Dolmetſchern uns den Sinn ihrer Rede ver⸗ ſtaͤndlich zu machen. Wir ſahen, wie ſie ſich mit einem großen Faͤcher wedelten, Thee tranken, al⸗ lerlei Suͤßigkeiten und Reis genoſſen, und Betel 2² kaͤueten; doch war es kaum der Muͤhe werth den weiten Weg von Europa herzukommen, um dieſe Dinge zu beobachten, die auf jedem chineſiſchen Kaſten, oder dergleichen, abgebildet ſind. Ich brachte eine andere Woche zu dieſe wi⸗ drigen Geſchoͤpfe zu beſchauen, und machte neben⸗ her Bemerkungen zu einem unterhaltenden Kapi⸗ tel meines Werks. Eines Morgens aber wurden wir auf eine angenehme Weiſe durch den Beſuch eines Man⸗ darins ganz anderer Art uͤberraſcht. Wir wa⸗ ren erſtaunt, eine Figur in dieſem Anzuge, und unter dieſem Ehrentitel, uns auf franzoͤſiſch an⸗ reden zu hoͤren; bald erfuhren wir, daß er ur⸗ ſpruͤnglich ein franzoͤſiſcher Jeſuit, und mit ver⸗ ſchiedenen andern Miſſionaͤren von Paris ge⸗ kommen ſei. Die groͤßere Anzahl von iönen hatte ſpaͤter das Land wieder verlaſſen, weil man ſie ihres Glaubens halber verfolgte; wenige nur blieben, nahmen chineſiſche Gebraͤuche und Klei⸗ dungen an, und wurden, ihrer Gelehrſamkeit we⸗ gen, zu dem Range der Mandarinen erhoben. Die Unterhaltung dieſes Jeſuiten war ſehr an⸗ ziehend und belehrend; er freute ſich Neuigkeiten 23 von Europa durch uns zu erhalten, und wir waren begierig durch ihn naͤher uͤber die Be⸗ ſchaffenheit des Landes und der Sitten unterrich⸗ tet zu werden. Ich bezeigte ihm vorzuͤgliche Auf⸗ merkſamkeiten, und war ſo gluͤcklich ſein Ver⸗ trauen bald in ſo weit zu gewinnen, als man uͤberhaupt das Vertrauen eines Jeſuiten erlangen kann. Er kam oft mich zu beſuchen, und er⸗ zeigte mir die Ehre mehrere Stunden mit mir in meinem Gemache zu verweilen.. Da er es einem jeden zu verſtehen gab, daß dies litterariſche Beſuche waͤren, und die Regierung uͤberhaupt viel Vertrauen auf ihn ſetzte, erregte ſein oͤfteres Kommen keinen Verdacht; unſere Zeit verfloß unter Leſen und Geſpraͤch ſehr ange⸗ nehm. Er theilte mir mannigfaltige Aneldoten und Schilderungen mit, wodurch ich auf eine Weiſe mit dem Charakter und haͤuslichen Leben der Einwohner von Pekin bekannt wurde, die ich auf keine andere Art erlangt haben koͤnnte. Sein Talent der Darſtellung war bewunderungs. wuͤrdig, und die mir aufgeſtellten Charaktere er⸗. ſchienen mir ſo neu, daß ich mich in einem im⸗ merwaͤhrenden Entzuͤcken befand. Wiederholt 24 nannte ich ihn den chineſiſchen la Bruyere, und wenn ich es mir ausmalte, welch ein unterhal⸗ tendes Bild ſeine geſchilderten Figuren in meinem kuͤn zftigen Werke machen wuͤrden, ſchien es mir als koͤnne ich nimmer ſeiner Beredſamkeit hinlaͤng⸗ lichen Beifall zollen. Er ſeinerſeits war gluͤck⸗ lich, die feierliche Gravitaͤt eines chineſiſchen Man⸗ darins augenblicklich bei Seite legen, und der angebornen Lebhaftigkeit des Franzoſen einmal freien Lauf laſſen zu koͤnnen; ſeine Eitelkeit fuͤhlte ſich durch meine Lobſpruͤche geſchmeichelt, und ſo that er alles nur Moͤgliche ſeinen Verſtand und ſeine Talente in meinen Augen zu heben. Endlich erhielten wir die Nachricht, daß es dem Kaiſer beliebe die Geſandtſchaft in ſeiner Tartariſchen Reſidenz, Jehol, dem Sitze anmuthiger Kuͤhle, dem Garten un⸗ zaͤhlicher Baͤume, zu empfangen. Schon der Name dieſes Ortes ſchien mir den Einge⸗ bungen des Genius guͤnſtig zu ſein, und ich be⸗ ſchloß wenigſtens eines der Kapitel, oder einen der Briefe meines kuͤnftigen Werks, aus dieſem chineſiſchen Saus⸗Souci zu datiren. Voll von dieſem poetiſchen Gedanken, begab ich mich mit 25 meinen Gefaͤhrten auf den Weg nach der Tartarey.. Zu meinem unausſprechlichen Vergnuͤgen be⸗ ſchloß mein Freund, der Jeſuit, welcher gleich⸗ falls Geſchaͤfte mit Sr. kaiſerlichen Majeſtaͤt hatte, uns nach Jehol zu begleiten, und der uns fuͤhrende Mandarin, Van⸗Tadge, ordnete alles waͤhrend unſeres Weges ſo, daß ich mich der Naͤhe meines Freundes ſo viel als moͤglich er⸗ freute. Nie hat wohl die Reiſe eines Europaͤers in dieſen Gegenden ſo viele Vortheile gehabt als die meinige; ich hatte einen Gefaͤhrten, dem es weder an Willen noch Kraft fehlte mich in allem zu unterrichten, was dem Fremden ſonſt meiſten⸗ theils verborgen bleibt, und ſo durfte ich nicht fuͤrchten in die laͤcherlichen Irrthuͤmer der Reiſe⸗ beſchreiber zu fallen, die aus Unkunde der eigent⸗ lichen Beſchaffenheit des Landes, und der Sit⸗ ten und Gebraͤuche der Einwohner, nur ihre eigne, und oft eine ſehr einſeitige Anſicht liefern. Viele Leute, bemerkte mein franzoͤſiſcher Manda⸗ rin laͤchelnd, urtheilen auf gleiche Weiſe wie Voltaire ſeinen beruͤhmten Reiſenden ſprechen laͤßt, der, da er zufaͤllis im erſten Gaſthofe, 26 in welchem er im Elſaß abſtieg, einen trunkenen Wirth und eine rothhaarige Wirthin antraf, in ſein Tagebuch ſchrieb:„Alle Maͤnner im Elſaß ſind Trunkenbolde, alle Weiber rothhaarig.“— Bei unſerer Ankunft in Jehol wurde ich theils durch die Unruhe der erſten Tage, theils durch Mangel eines mir bequemen Schreibtiſches, vielleicht aber am meiſten durch meine Saumſe⸗ ligkeit, verhindert, die Bemerkungen des Jeſui⸗ ten waͤhrend der Reiſe niederzuſchreiben. Eines Morgens als ich meine Papiere, und die unzaͤh⸗ ligen Zettelchen, worauf einzelne Sachen notirt waren, aus meinen Taſchen zuſammenſuchte, ſchauderte ich ſelbſt uͤber die entſetzliche Verwir⸗ rung zuruͤck, und ſteckte alle dieſe wichtigen Be⸗ ſtandtheile meines vorhabenden großen Werks in einen Beutel von Segeltuch, mit dem Vor⸗ ſatze ſie am folgenden Tage in einer Mappe ordentlich aufzuſchichten. Am folgenden Tage aber hatte ich zu ſolchen Dingen keine Zeit, denn wir hatten die brittiſchen Geſchenke aus⸗ zupacken, welche von Pekin angekommen waren; den Tag darauf wurden wir dem Kaiſer vorge⸗ 27 ſtellt, und wieder einen Tag ſpaͤter ging ich mit einem neuen, wichtigen Vorhaben ſchwanger. Der Kaiſer hatte unter vielen Formalitaͤten unſerem Geſandten eigenhaͤndig ein Kaͤſtchen uͤber⸗ geben, welches, wie er zu ſagen beliebte, das koſtbarſte Geſchenk ſei, welches er dem Koͤnige von England machen koͤnne. Es enthielt die Miniaturgemaͤlde aller Vorfahren des Kaiſers; unter jedem Bilde befanden ſich ein Paar Vers⸗ chen, welche den Charakter jedes Monarchen, und die vorzuͤglichſten Begebenheiten waͤhrend ſeiner Regierung andeuteten. Nun kam mir der Einfall, daß gleiche Gemaͤlde und poetiſche Be⸗ ſchreibungen der Koͤnige von England, ein ſchick⸗ liches und angenehmes Geſchenk fuͤr den Kaiſer ſeyn wuͤrden; ich zog meinen Freund, den Jeſui⸗ ten, deshalb zu Rathe, und auch er war der Meinung, es wuͤrde voͤllig nach dem Geſchmacke des Kaiſers ſein, und der Verfertiger deſſelben werde ſicher auf eine glaͤnzende Weiſe dafuͤr aus⸗ gezeichnet werden. Mein Freund verſprach die Bilderchen im chineſiſchen Geſchmacke anfaͤrben zu laſſen, und wollte das Geſchenk dann ſelbſt dem Kaiſer uͤberreichen. 28 Da es wahrſcheinlich war, daß die Geſandt⸗ ſchaft den ganzen Winter in Pekin zubringen wuͤrde, glaubte ich Zeit genug zu haben, um die Bilder aller brittiſchen Koͤnige zu entwerfen; uͤber⸗ dies brauchte man es mit den Aehnlichkeiten ſo genau nicht zu nehmen, da der Kaiſer ſchwerlich je Gelegenheit haben wuͤrde, ſie mit den Origi⸗ nalen zu vergleichen. Gluͤcklicher Weiſe hatte ich Abbildungen aller Koͤnige von England, nebſt den Haupt⸗Ereigniſſen unter ihrer Regierung, auf einem großen Bogen mitgebracht„ der eigent⸗ lich einem meiner kleinen Vettern gehoͤrte, den ich aber in der Verwirrung, ſtatt eines mit Papier durchſchoſſenen Kalenders, vom Tiſche ge⸗ nommen, und mit eingepackt hatte. So ſind mir, im Laufe meines Lebens, manche Dinge, ſelbſt in Folge meiner Nachlaͤſſigkeit, zu Gute gekommen; doch eben dieſe Nachlaͤſſigkeit hat mich auch gehindert den gehoͤrigen Vortheil daraus zu ziehen. Diesmal war ich indeß feſt entſchloſſen mich nicht durch Saumſeligkeit um mein Gluͤck zu brin⸗ gen; ich begann das Werk auf der Stelle und ſetzte meinen Freund durch die Leichtigkeit, mit 29 welcher ich Verſe machte, in Erſtaunen. Um ungeſtoͤrter arbeiten zu koͤnnen, zog ich mich aus den geraͤuſchvollen Gemaͤchern des Palaſtes in eine Art von Alcoven zuruͤck, der am Ende einer langen Gallerie, auf der andern Seite des Gebaͤudes in einen Hof fuͤhrte, in dem unſer Artillerie⸗Corps aufzuziehen pflegte; ſobald dies aber Parade gehalten hatte, war es den uͤbrigen Theil des Tages und der Nacht voͤllig ruhig hier. Meiner Gewohnheit gemaͤß ſchrieb ich im⸗ mer dann, wenn andere zu ſchlafen pflegen; in einer der ſchönen, mondhellen Naͤchte aber begab ich mich von meinem Arbeitstiſche aus mei⸗ nem Alcoven hinweg in die Gallerie, um einige Verſe zu Ehren unſerer großen Koͤnigin Eliſabeth wandelnd zu componiren. Alles ging vortrefflich, nur der letzte Endreim wollte nicht nach meinem Gefallen kommen; ich ſetzte mich auf einen kuͤnſt⸗ lich errichteten Felſen, welcher ſich in der Mitte des Hofes befand, ſann und ſann, bis ich— in einen feſten Schlaf ſiel. Ein fuͤrchterliches Krachen, gleich dem eines heftig rollenden Don⸗ ners, erweckte mich, und ſtuͤrzte mich ſaſt ſinn⸗ los zu Boden. 6 30 Als ich endlich aus meiner Betaͤubung wie⸗ der erwachte, ſah ich den Hof voller Leute, alle bunt durch einander laufend, Europaͤer, Chineſen, die eben aus den Beiten gekommen zu ſein ſchienen, und Laternen oder Fackeln in den Haͤnden trugen; in ihren Mienen herrſchte die groͤßte Beſtuͤrzung, und jeder ſchien den an⸗ dern zu fragen, was hier wohl vorgegangen ſey? — Auf dem Boden befanden ſich Truͤmmer zer⸗ ſchlagener Balken, zerriſſener Matten, und meh⸗ reres aus Bambus⸗Rohr verfertigten Geraͤthes. Ich blickte um mich herum, und gewahrte, daß das eine Ende der Gallerie, in welcher ich gear⸗ beitet hatte, nebſt dem Alcoven in Truͤmmern la⸗ gen; ein ſtarker Geruch von Schießpulver er⸗ fuͤllte die Atmoſphaͤre. Nun erſt fiel es mir aufs Herz, daß ich am Morgen ein Pulverhorn von einem der Soldaten geborgt, in der Abſicht mei⸗ ne Piſtolen zu laden, dies aber wieder bis auf andere Zeit verſchoben hatte. Das gefuͤllte Pul⸗ verhorn lag den ganzen Tag im Alcoven auf dem Tiſche, nebſt den Piſtolen, aus welchen ich die alte Ladung geſchuͤttet hatte. Wahrſcheinlich war, als ich in die Gallerie ging, und das Licht 31 auf dem Tiſche brennend daneben gelaſſen, ein Funke in das verſtreute Schießpulver gefallen, hatte das Pulverhorn angezuͤndet, und den Al⸗ coven in die Luft geſprengt, der nur leicht von Holz und Rohr erbauet war, und einzig mit die⸗ ſer Gallerie zuſammenhing, ſonſt haͤtte das Un⸗ heil leicht noch groͤßer ſeyn können. Jedoch hatte der Knall nicht allein das ganze im Palaſte woh⸗ nende Geſandtſchaftsperſonale geweckt, ſondern noch viele Chineſen aus der Nachbarſchaft herbey⸗ gefuͤhrt, denen man nun auf keine Weiſe den Zuſammenhang begreiflich machen konnte. Vorwuͤrfe uͤberhaͤuften mich von allen Seiten, ſo daß ich in der Beſtuͤrzung kaum Zeit gewann, den Verluſt meiner ſaͤmmtlichen Koͤnige von Eng⸗ land bedauern zu koͤnnen, von denen auch kein Fetzen uͤbrig geblieben war. Alle Muͤhe, die ich auf ihre Bilder und ihre poetiſchen Beſchreibun⸗ gen verwandt hatte, war auf immer fuͤr mich und die Chineſiſche Majeſtaͤt verloren gegangen. Das ſchlimmſte bei der Sache war noch, daß ich nicht einmal wagen durfte einen Klagelaut zu aͤußern, da Niemand Mitleid mit mir hatte. Alle meine Gefährten waren wegen meiner Nach⸗ 82 laͤſſigkeit aufgebracht gegen mich, und fuͤrchteten die uͤblen Folgen, welche dieſer Vorfall nach ſich ziehen koͤnne, da die in Schrecken geſetzten Chi⸗ neſen gewiß den Mandarinen der Stadt Bericht abſtatten, und die Sache auf dieſe Weiſe weiter, bis zu den Ohren des Kaiſers gelangen wuͤrde. Meine einzige Hoffnung war noch auf mei⸗ nen Freund, den Jeſuiten, geſetzt; aber anſtatt meine Furcht zu vermindern, vermehrte er ſie vielmehr, indem er mir ſagte, daß die Sache in Pekin viel Laͤrmen mache, und die Chineſen, von Natur furchtſam und voller Verdacht gegen Fremde, durchaus nicht glauben wollten, wie das Ganze nur durch einen Zuſall entſtanden ſei, ſondern boͤſe Abſicht darunter ahneten. Ein Kind ſei durch hinweggeſchleuderte Trummer verwun⸗ det worden, der Lauf einer meiner Piſtolen waͤre in der Straße gefunden, und durch das aufge⸗ brachte Volk dem Richter gezeigt worden, als Beweis meines boͤſen Vorhabens. Der Jeſuit bemerkte noch weiter, daß es unmoͤglich ſei gegen 3 die Vorurtheile eines Volks anzureden, und ge⸗ ſtand ſeine Beſorgniß, daß dieſe Sache die uͤbel⸗ ſten Folgen herbei fuͤhren moͤge. Er erzaͤhlte 33 mir im Vertrauen einen Umſtand, der ihn noch mehr in ſeiner Meinung beſtaͤrkte. Wenige Tage zuvor naͤmlich, als der Kaiſer die brittiſche Artillerie in Augenſchein genommen, und man die großen Moͤrſer geloͤſt, habe er geaͤußert: obgleich er die Erfindungskunſt, die ſolche zerſtoͤrende Waffen hervorgebracht, bewundere, koͤnne er doch den Geiſt der Nation nicht loben, welcher ſie anwen⸗ de, da ſich dieſe Fortſchritte in der Kriegskunſt nicht mit den milden Vorſchriften der Religion rei⸗ men ließen, deren Bekenner man zu ſein vorgebe. Inzwiſchen gab der Mandarin mir ſein Wort alles nur moͤgliche zu thun, um die Wahrheit zum Kaiſer gelangen zu laſſen, und dadurch den uͤblen Eindruͤcken vorzubengen, welche die Vor⸗ urtheile des Volks, und vielleicht die abſichtlich falſchen Berichte der Mandarinen der Stadt, er⸗ zeugen koͤnnten. Ich muß indeß glauben daß der Jeſuit ſich vergebens bemuͤhete, und daß er ent⸗ weder den beſtimmten Befehl erhielt, ſich nicht weiter in unſere Angelegenheiten zu miſchen, oder fuͤrchtete mit in unſern Unſtern verwickelt zu werden, wenn er ſeine Vertraulichkeit mit mir fortſetzte, E. I. 3 34 denn dies war der letzte Beſuch, welchen ich von ihm erhielt. Zweites Kapitel. In wenigen Tagen erhielt die Geſandtſchaft den Befehl nach Pekin zuruͤckzukehren. Der Pallaſt des Geſandten war zu einer Winterreſi⸗ denz eingerichtet, und dieſer machte bei ſeiner An⸗ kunft alle Vorbereitungen zu einem laͤngeren Auf⸗ enthalte, als wir durch einen neuen Befehl des Kaiſers gezwungen waren, uns mit aller nur möglichen Eile zu einer gaͤnzlichen Raͤumung des chineſiſchen Gebiets anzuſchicken. Am Montag erhielten wir die Weiſung, ſchoun am naͤchſten Mittwoch Pekin zu verlaſſen, und alle unſere Vorſtellungen konnten nur einen Aufſchub von zwei Tagen bewirken. Verſchiedene Urſachen wurden als Entſchuldigung dieſes gemeſſenen Be⸗ fehls angefuͤhrt, unter denen der von mir verur⸗ ſachte ungluͤckliche Vorfall nicht fehlte, und ſo 4 35 unglaublich es mir auch ſchien, daß dieſe Kleinig⸗ keit ſo bedeutende Folgen herbeifuͤhren koͤnne, bemerkte ich doch, wie glaubwuͤrdig es einem jeden Andern ſei, und wie ich daher mit ſcheelen Augen betrachtet wurde. Ich litt unbeſchreiblich; aber eben dieſe Reue beſtaͤrkte mich in meinem Fehler, anſtatt mich zu beſſern; denn waͤhrend unſerer ganzen Reiſe von K Pekin nach Canton diente mein Kummer uͤber den unſeligen Vorfall mir zur Entſchuldigung, keine einzige Bemerkung weiter zu machen. In Canton gab es noch einige Beſtellungen meiner Freunde zu Hauſe zu beſorgen, die ich in Pekin, in der gewiſſen Ueberzeugung den ganzen Winter dort zu bleiben, unausgerichtet gelaſſen hatte. Die Koffer waren ſchon an Bord geſchafft, ehe ich eine einzige beſorgt hatte, und ich war alſo genoͤ⸗ thigt alle dieſe eingekauften Kleinigkeiten in einen Korb zu packen. Was meine Papiere betraf, ſo blieben ſie ruhig in dem Beutel von Segeltuch ſte⸗ cken; war ich doch gewiß, waͤhrend unſerer langen Ruͤckreiſe Zeit genug zu haben, alles gehoͤrig zu ordnen.— Im Anfange der Reiſe litt ich indeß ſehr an 3* 36 der Seekrankheit; als es nachher beſſer mit mir ging, beluſtigte ich mich mit Fiſchen, wenn das Wet⸗ ter ſchoͤn war, und ſobald dies mich nicht beguͤn⸗ ſtigte, gab es tauſend andere Dinge, die mich ſtoͤr⸗ ten. In der Cajuͤte wurde ſo fleißig gegeſſen und getrunken, geſungen, gelacht, Karten geſpielt, daß wenn ich auch mehr denn hundert Male mit meinem Segeltuch⸗Beutel hineintrat, ich doch nie dazu kam ihn zu oͤffnen. Eines Tages indeß hatte ich wirklich eine der Cajuͤten fuͤr mich allein eingenommen, und wollte eben mein großes Werk beginnen, als der Schiffs⸗ junge mir meldete, daß mein chineſiſcher Korb eben uͤber Bord geſchwemmt ſei. Hierin befan⸗ den ſich nun alle Geſchenke und Beſtellungen meiner Freunde!— Ich rannte zum Cajuͤten⸗ Fenſter, und hatte die Kraͤnkung alle die ſchoͤnen ſcharlachrothen Kaͤſtchen, den chineſiſchen Faͤcher fuͤr die huͤbſche Baſe Luzie, und noch tauſend an⸗ dere Kleinigkeiten, die ich fuͤr die kleinen Vet⸗ tern eingekauft hatte, in ſo weiter Entfernung von mir auf dem Meere ſchwimmen zu ſehen, daß es eine Unmoͤglichkeit war, ſie wieder zu er⸗ reichen. Verſchiedentlich hatte man mir ſchon 37 die Warnung ertheilt, der Korb werde gewiß uͤber Bord gefpuͤlt werden; ich wollte ihn immer an einen ſicheren Platz bringen, verſchob es aber jedesmal bis morgen. Natuͤrlich ſtoͤrte mich der Vorfall in einem ſolchen Grade, daß ich kein Wort niederſchreiben konnte, ſonſt wuͤrde ich gewiß an dieſem Tage das lange genaͤhrte Vorhaben ausgefuͤhrt haben. Unmoͤglich iſt es mir alle die kleinlichen Urfachen anzufuͤhren, die mich ferner hinderten; genug meine Papiere befanden ſich in derſelben Unordnung in dem Beutel von Segeltuch, als ich wieder in England anlangte. Mein Vorſatz war ſie den naͤchſten Tag nach meiner Ruͤckkunft zu ordnen; aber Beſuche meiner Freunde verhinderten mich die ganze erſte Woche daran. In der folgenden gab es unzaͤhlige Eintadungen; alle Bekannte waren begierig, etwas Reues von mir uͤber China zu erfahren, und da konnte ich mich doch unmög⸗ lich gleich einem Dachſtuben⸗Gelehrten, allen freund⸗ lichen Einladungen entziehen, um nur mit der Feder in der Hand zu ſitzen, und Buͤcher zu ſchreiben. Oft trieb mich der Vater an, mit der Arbeit 38 des Auartanten zu beginnen, denn er wußte, daß andere Maͤnner, welche mit bei der Geſandtſchaft geweſen waren, eine Reiſebeſchreibung liefern *wollten, und da ahnete ihm als Buchhaͤndler ſchon nichts Gutes von unſerm Unternehmen. Vierzehn Tage nach unſerer Zuruͤckkunft laſen wir bereits in den Zeitungen folgende Ankuͤndi⸗ gung eines andern Buchhaͤndlers:„Naͤchſtens er⸗ ſcheint in meinem Verlage eine genaue Beſchrei⸗ bung der letzten Reiſe der brittiſchen Geſandtſchaft nach China, welche eine treue Schilderung des Lan⸗ des, der Staͤdte, Gebraͤuche und Sitten der Ein wohner ꝛc. ꝛc. enthalten wird.“— Nie hatte ich noch den armen Vater ſo ſehr erblaſſen geſehen, als indem er mir dieſe Ankuͤn⸗ digung uͤberreichte. „Da, Baſil, ſprach er, haben wir nun, was ich laͤngſt befuͤrchtete, und du nie glauben woll⸗ teſt. Dein ganzes Leben hindurch haſt du alles bis morgen verſchoben, und dir dadurch jeden Weg dich ruͤhmlichſt auszuzeichnen verſperrt.— Alles was ich fuͤr dich gethan habe, iſt leider umſonſt geweſen, du wirſt zu nichts in der Welt kommen. Nimm ein Beiſpiel an dem Jo hnſon, 39 den du auf der Schule immer einen Erdenklos zu nennen pflegteſt; der kommt vorwäͤrts, zeich⸗ net ſich aus, und das allein durch ſeinen Fleiß und ſeine Puͤnktlichkeit. Er wird es dir in al⸗ lem zuvorthun, ſo wie er dir damals ſchon in Hinſicht der Verſe den Rang ablief.“— „Verzeihen ſie, erwiederte ich, nur weil er ſchneller abſchrieb; meine waren nach jedermanns Uͤrtheil den ſeinigen weit vorzuziehen, nur wurde ich ungluͤcklicher Weiſe mit der Alöſchriſt nicht zur rechten Zeit fertig.“ „Das nicht fertig werden iſt gerade das Schlimme; ich glaube du willſt mich am Ende noch uͤberreden, daß deine Reiſebeſchreibung von China weit beſſer werden wird als die hier an⸗ gekuͤndigte.“— „Daran iſt auch kein Zweifel, denn mir wurden Gelegenheiten zu Beobachtungen, die die⸗ ſem Manne, er moͤge ſein wer er wolle, nicht ge⸗ worden ſein koͤnnen. Meiner perſoͤnlichen Faͤhig⸗ keiten gar nicht einmal zu gedenken, hat mir mein Freund, der Miſſionair“———— „Ach was gehen mich deine Miſſionaire, deine Faͤhigkeiten, deine Gelegenheiten an,“ rief 40 mein Vater im zornigen Tone,„dein Buch iſt nichr heraus, es wird nie fertig werden, oder we⸗ nigſtens ſo ſpaͤt erſcheinen, daß niemand es mehr leſen mag, und dann kannſt du es meinethalben ins Feuer werfen!— Hier iſt nun wieder eine Gelegenheit dich zu zeigen, dich auszuzeichnen, und laͤßſt du dieſe abermals voruͤbergehen, ſo ziehe ich meine Hand von dir ab!“— Ich ſuchte meinen Vater durch die Verſiche⸗ rung, morgen ſchon zu beginnen, zu beſanftigen, und zeigte ihm ferner, daß dieſe voreilige Ankuͤndi⸗ gung nichts als eine Geldſchneiderei ſei, die mehr dazu dienen wuͤrde, die Neugierde des Publi⸗ kums zu reizen, als ſie zu befriedigen. Mein Quartant, ſetzte ich laͤchelnd hinzu, wird ſpater dann nur um deſto begieriger empfangen, und von jedem Gelehrten geſucht werden.. Befaͤnftigt durch dieſe Ausſicht, erhielt der Alte ſeine gute Laune wieder, und bauete auf mein Verſprechen am folgenden Tage zum Werke zu ſchreiten. Ich band auch wirklich die Schnur von meinem Segeltuch⸗Beutel auf, und fing meine Unterſuchungen an; aber, o Himmel! in welchem Zuſtande war alles was ſich darin be⸗ 41 fand!— Das Seewaſſer, welches an einigen Stel⸗ en durchgedrungen war, hatte manche unſterbliche Bemerkung voͤllig unleſerlich gemacht. Die An⸗ merkungen, mit der Bleifeder geſchrieben, wa⸗ ren durchaus verwiſcht, und nur mit der groͤßten Muͤhe konnte ich einiges von dem mit Dinte ge⸗ ſchriebenen herausbringen, weil alles ſo ſchlecht geſchmiert, und ſo beſchmutzt war. Hatte ich nun endlich die einzelnen Worte heraus, ſo ſehlte mir der eigentliche Sinn, welcher zum Grunde liegen mußte, weil ich mich jederzeit ſo ſehr auf mein vortreffliches Gedaͤchtniß verließ, daß meine Anmerkungen nie vollſtaͤndig waren. Gedanken, die, wie ich mir einbildete, nie in mir verloͤſcht werden koͤnnten, waren gaͤnzlich vergeſſen, und ich befand mich nicht im Stande meine eigenen geheimnißvollen, elliptiſchen Andeutungen und Noten entziefern zu koͤnnen. So erinnere ich mich z. B. zwei volle Stun⸗ den zugebracht zu haben, um zu entraͤthſeln, was die folgenden Worte bedeuten ſollten: Hoy— alla— hoya— hoya— waudi— hoya.— Endlich beſann ich mich, daß die Chineſen ſich die⸗ ſer Ausrutungen bedienen, wenn ſie das Tau⸗ 42² werk an ihren kleinen Schiffen in die Hoͤhe zie⸗ hen, und aͤrgerte mich nun meine Zeit bei ſo nichtsbedeutenden Dingen hingebracht zu haben. Ein andermal quaͤlte ich mich bey folgenden Buch⸗ ſtaben und Zeichen ab:— C. M. 30 f. h.— 2 ½ b. 120— M.— I.— Mandarin— C. Sage — 2000— 200 v. Chr.— Erſt nach langer Zeit fiel es mir ein, daß dies heißen ſolle:„die Chi⸗ neſiſche Mauer ſey 30 Fuß hoch, 24 Fuß breit, und 120 Meilen lang, und daß ein Mandarin mir berichtet habe, nach der Chineſiſchen Sage ſey dieſe Mauer ungefaͤhr vor 2000 Jahren, alſo 200 vor Chr. Geb, erbauet— So befanden ſich auch alle Namen der Staͤdte und Doͤrfer ſo wie der Pallaͤſte, welche wir geſehen hatten, durch⸗ einander angegeben, ohne daß weiter etwas Merk⸗ wuͤrdiges dabei notirt war; da die Zeit nun die⸗ ſes aus meinem Gedaͤchtniſſe verwiſcht hatte, war es unmoͤglich das Weſentliche zu ergaͤnzen. Das Schlimmſte war, daß es mir nach lan⸗ ger vergeblicher Arbeit unmoͤglich erſchien, die wirklich wichtigen Bemerkungen, welche ich durch meinen Mandarin erhalten hatte, zu entziffern, und ſo ſchrumpfte alſo der Stoff zu meinem — † 43 Quartanten betraͤchtlich ein. Indeß hegte ich noch immer die Hoffnung, die Schoͤnheit meines Styls, und die moraliſchen und politiſchen Be⸗ trachtungen, mit welchen ich das Werk auszu⸗ ſchmuͤcken gedachte, wuͤrden den Mangel an That⸗ ſachen weniger bemerkbar machen, und um nun meine ganze Aufmerkſamkeit darauf richten zu koͤnnen, beſchloß ich London zu verlaſſen, wo 2 es der Zerſtreuungen zu viele gaͤbe, und mich auf das Land, zu meinem Oheim Lowe zu fluͤhhten. Dieſer, ein ehrlicher, einfacher Paͤchter, hatte mich vormals wiederholt eingeladen ihn zu beſuchen, ich zweifelte alſo keineswegs jetzt, ein willkommner Gaſt in ſeinem Hauſe zu ſeyn. Freilich war meine Abſicht, ihm meine Ankunft vorher zu melden; ich verſchob es aber von Tage zu Tage, bis die Zeit endlich ſo kurz war, daß ich mit dem Briefe zugleich angelangt ſein wuͤrde. Bald ſollte ich aber Urſache haben auch dieſe Nachlaͤſſigkeit wieder zu bereuen, da ich wohl be⸗ merkte daß, anſtatt bei meiner Ankunft allge⸗ meine Frende zu erregen, das ganze Haus viel⸗ mehr dadurch in Bewegung und Unruhe gerieth. Gerade mußten ſich ſchon mehrere Gaͤſte dort be. 44 finden, und alle Betten beſetzt ſein, und waͤhrend ich den Reiſemantel abwarf, ſollte mir die De⸗ muͤthigung werden, meine Tante ſagen zu hoͤren: „Das Gott erbarm! muß uns der Herr Vetter heute unangemeldet uͤber den Hals kommen! Wo ſollen wir jetzt noch zu einem Bette Rath ſchaffen? Ich wollte er ſaͤße hundert Meilen von hier!“— Mein Oheim reichte mir zwar die Hand, hieß mich auf engliſchem Boden und in ſeinem Hauſe willkommen, welches, wie er hinzufuͤgte, im⸗ mer ſeinen Verwandten offen ſtehe; doch ſchien er etwas auf dem Herzen zu haben, und da er das bei ſeiner geraden Art nicht lange im Ruͤck⸗ halt verbergen konnte, erfuhr ich ſchon, ehe er noch das erſte Glas Ale geleert hatte, wie er es uͤbel vermerkt, daß ich nie an ihn geſchrieben, was ich doch ſeit ich auf die Schule ging ver⸗ ſprochen, ja ſogar nicht einmal einen ſeiner Briefe beantwortet habe. Die Sache war nicht zu leugnen, indeß ſuchte ich mir mit den ge⸗ woͤhnlichen Entſchuldigungen zu helfen, es ſey von Tage zu Tage mein Vorſatz geweſen; end⸗ lich habe ich es nur aus Scham unterlaſſen, 3 45 gewiß aber ſei es nicht Mangel an Neigung— . ſ. w.— Waͤhrend aller dieſer recht zierlich gewaͤhlten Worte erwiederte der alte Herr nichts, ſondern blies den Tabak in dicken Wolken aus ſeiner langen Pfeife um uns her. Frau Tante ſpitzte das Muͤndchen und meinte: die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, befremde es ſie doch, wie ein ſo gelehr⸗ ter Mann, als der Herr Vetter fei, dem doch ein Brief unmoͤglich viel Muͤhe machen koͤnne, nicht einmal ein Paar Worte an einen Oheim geſchrieben, der es immer ſo gut mit ihm ge⸗ meint habe.— „Davon wollen wir weiter nicht reden,“ fuhr der Alte dazwiſchen,„ich hatte den Jungen herz⸗ lich lies, und alles was ich fuͤr ihn gethan habe, geſchah aus Liebe. Sollte der liebe Gott mich nun aber noch hundert Jahre leben laſſen, ſo werde ich ihn nie wieder um einen Brief erſuchen, denn ich ſehe deutlich, daß er ſich nichts aus mir macht, und ſo mache ich mir auch weiter nichts aus ihm.— Luzie, Kind, laß den Kopf nicht ſo haͤugen, und mache kein ſolches Arm⸗Suͤnder⸗ Geſicht!“— 46 Baͤschen Luzie war wirklich das einzige Ge⸗ ſchoͤpf in der ganzen Stube, welches noch Mit⸗ leid mit mir zu haben ſchien, und als ich ſie waͤhrend der Rede des Vaters anblickte, kam ſie mir ordentlich ſchoͤn vor. Fuͤr ein ganz artiges Madchen hatte ich ſie immer gehalten, doch noch nie war ſie mir ſo aufgefallen als in dieſem Augen⸗ blicke. Es that mir leid meinen Oheim beleidigt zu haben; ich merkte nur zu deutlich, daß ſein Stolz, von dem er nicht wenig beſaß, die vori⸗ ge Liebe zu mir uͤberwunden hatte. „Es iſt leichter einen Freund zu verlieren, als ſich einen zu erwerben, junger Menſch,“ murmelte er weiter, indem er immerfort rauchte, „und das um ſolch einer Lumperei willen, als einen Brief zu ſchreiben.— Sieben Jahre hin⸗ tereinander habe ich darum gebeten; wuͤrde nicht einmal gewußt haben, daß du in einem andern Welttheil waͤreſt, wenn meine Frau dich nicht zu⸗ faͤllig in London geſehen, und dir einige Auf⸗ traͤge fuͤr die Kinder gegeben haͤtte, die du aber gewiß auch zu beſorgen vergeſſen haſt, bis es zu ſpaͤt war.— Auch nach deiner Ruͤckkunft nicht einmal zu ſchreiben!“ 47 „Ja, und ſeinen Beſuch nicht einmal durch eine Zeile vorher zu melden,“ ſetzte die Tante hinzu.— „Ach, was das nun anbetrifft, wird er nie un⸗ fern Speiſeſchrank leer finden; haben wir auch keine chineſiſchen Gerichte aufzutiſchen, ſo iſt ein guter Ochſenbraten immer vorraͤthig, der beſſer iſt, als alle auslaͤndiſchen Leckerbiſſen. Als ein naher Verwandter wird er mir ſtets willkommen ſein; aber mit der Liebe iſt es vorbei, denn geſchehne Dinge laſſen ſich nicht ungeſchehen machen, und verlorne Zeit laͤßt ſich nicht wieder einbringen.— Eiskaltes Waſſer auf ein warmes Herz gegoſſen, loͤſcht das Feuer aus, und damit Baſta.— Luzie, bring' mir meine Nachtmuͤtze!“— Das gute Maͤdchen ſchien mir zu ſeufzen; ſo viel aber weiß ich gewiß, daß ich die Seufzer bei Dutzenden ausſtieß. Der Oheim ſetzte ſeine rothe Nachtmuͤtze auf, und bemerkte uns nicht weiter. Wenn er den Aerger verſchlafen hat, wird's beſſer ſein, dachte ich.— Den andern Morgen aber, als ich zum Fruͤhſtuͤck ins Zimmer trat, ſah ich mich von den Kindern umringt, die geſtern Abend ſchon zu Beite geweſen waren; 48 eins ſchrie noch lauter in mich hinein als das andere: „Vetter, wo iſt das chineſiſche Gaukel⸗ maͤnnchen, das du mir mitbringen wollteſt?“— „Wo iſt mein Schifſchen?“— „Lieber Baſil, haſt du mir nicht ſo ein buntes Kaͤſtchen mit ſonderbaren Figuren mitge⸗ bracht, wie du mir verſprachſt?„— „Wo iſt der Faͤcher, fragte die Tante, wel⸗ chen meine Luzie ſich beſtellt hatte?“— „Was gilt die Wette,“ ſagte der Oheim, „er, der ſich nicht einmal bequemen kann, waͤh⸗ rend ſieben voller Jahre einen Brief an ſeine Freunde zu ſchreiben, wird ſich in fremden Lan⸗ den nicht damit beſchweren Auftraͤge zu beſor⸗ gen. 47—. Obgleich ich ziemlich zu Boden geſchmettert war, faßte ich doch den Mnth zu erwiedern, daß ich nicht vergeſſen haͤtte die Auftraͤge auszurich⸗ ten, daß aber der ganze Korb, worin ſie gepackt geweſen, durch einen ungluͤcklichen Zufan uͤber Bord gefallen ſei. „So, ſo“— brummte der Alte. „Warum aber befanden ſich dieſe Dinge in 49 einem Korbe,“ fiel die Tante ein,„warum wa⸗ ren ſie nicht ordentlich in den Kuſfer gepackt, wie es ſich gehoͤrt?“— Kun mußte ich alles geſtehen, und litt ge⸗ wiß nicht wenig dabei, um ſo mehr, da Luzie mich verſchiedene Male auf die liebenswuͤrdigſte Art zu entſchuldigen, und auch die Kinder wegen ihrer getaͤuſchten Hoffnungen zu beruhigen ſuchte. Es gelang ihr wirklich, den Frieden zwiſchen mir und dem juͤngeren Theile der Familie wiederher⸗ zuſtellen; aber mich aufs Neue bei dan Vater in Gunſt zu ſetzen, war unmöglich. Die einzige Erwiederung war:„der junge Menſch iſt in mei⸗ ner guten Meinung geſunken, es wird nie etwas aus ihm!“— Die Tante war nun vollends nicht meine Freundin, weil ſie zu bemerken glaubte, daß Lu⸗ zie mich liebte, und ihr ſchien nichts an einem Schwiegerſohne gelegen, der keinen ordentlichen Stand in der Welt hatte. Meine litterariſchen Talente, auf die ich mir nicht wenig zu Gutet that, verſtanden beide Eltern nicht zu ſchaͤtzen. Als ich mir eines Tages alle erſinnliche Muͤhe gab, ih⸗ nen den Weith eines Genies begreiflich zu machen, 5⁰0 fragten ſie mich kalt: wie viel mir meine Autor⸗ ſchaft bisher ſchon eingetragen habe?— Und als ich dieſe Frage mit Nichts beantworten mußte, ſahen ſie mich mit veraͤchtlichem Laͤcheln an. Jetzt war mein Stolz gereizt; ich ſetzte ih⸗ nen nun aus einander, wie ich durch die Ausar⸗ beitung meiner chineſiſchen Reiſe, die ich binnen einigen Wochen zu beendigen gedaͤchte, wenigſtens 600 Pfund verdienen koͤnne. Die Tante blickte mich erſtaunt an, und um ihr zu beweiſen, daß ich die Graͤnzen der Wahrheit nicht uͤberſchreite, fuͤgte ich noch hinzu ,wie einer meiner Reiſege⸗ faͤhrten, nach dem was ich aus ſicherer Quelle wiſſe, 1000 Pfund fuͤr eine Reiſebeſchreibung er⸗ halten habe, die der Meinigen in jeder Hinſicht nachſtehen werde. „Wenn alles fertig iſt, und du das Geld in der Hand haſt, will ich dir glauben, ſagte die Tante, und dann, aber nicht eher, kannſt du an meine Luzie denken.“— „Die ſoll er nie haben,“ rief der Oheim, „denn nie wird etwas Rechtes aus ihm!“— Die Zeit, welche ich zu Verfertigung meines Quartanten haͤtte anwenden ſollen, ward nun in 51 fruchtlofen Verſuchen, des Oheims Gunſt wie⸗ der zu gewinnen verſchwendet.— Liebe und Geiſt des Widerſpruchs bemaͤchtigten ſich meines Herzens; und wie kann wohl ein Verliebter Quar⸗ tanten ſchreiben?— Verſchiedene Briefe meines Vaters mahnten mich, mit meinem Werke nicht laͤnger zu ſaͤumen, da es im Publikum verlaute, daß ein anderer ſehr gelehrter Mann, von großem Rufe, gleich⸗ falls uͤber dieſen Gegenſtand ſchreiben wuͤrde, dem wir mit der Herausgabe durchaus zuvorkommen muͤßten, wenn die Unternehmung irgend eintraͤg⸗ lich ſein ſolle. Von Tage zu Tage wollte ich mich daran machen; aber uͤble Gewohnheit hielt mich tyranniſch in ihren Feſſeln, bis endlich das gefuͤrchtete Werk von dem beruͤhmten Manne foͤrmlich angekuͤndigt wurde.. Nun war es vorbei mit allen meinen Hoff⸗ nungen; in Verzweiſlung verließ ich das Haus des Oheims, und fuͤrchtete mich nicht wenig dem Vater unter die Augen zu treten, der mich auch mit wohlverdienten Vorwuͤrfen uͤberhaͤufte.— Alle ſeine ſo hochgeſtellten Erwartungen von mir, waren vernichtet; er ſah daß ich nie ein brauch⸗ 4* 5² bares Mitglied der Familie werden wuͤrde. Eine entſchiedene Schwermuth bemaͤchtigte ſich ſeiner; nach und nach hoͤrte er auf mich zu irgend einer Sache auzutreiben, und ich vergeudete meine Zeit in unnuͤtzen Klagen, daß Luzie nicht mein wer⸗ den ſolle, und in tauſend Vorſaͤtzen zu einer be⸗ unmten, ordentlichen Lebensweiſe, die aber alle fruchtlos blieben, weil ich die Ausfuͤhrung immer bis morgen verſchob. Drittes Kapitel. Auf dieſe Weiſe vergingen ungefaͤhr zwei Jahre; am Ende derſelben ſtarb mein armer Vater. Man erlaſſe mir die Schilderung des Schmerzes und der bittern Vorwuͤrfe, welche ich mir an ſeinem Todbette machte; ich ſagte mir klar, wie der Gram uͤber die getaͤuſchten Hoffnun⸗ gen, die er auf mich ſetzte, ſein Ende beſchleu⸗ 9 9 nigt habe. Der Schlag traf mich hart; endlich aber mußte ich aus der Betaͤubung erwachen, 53 um die hinterlaſſenen Papiere meines Vaters zu durchſehen. In ſeinem Vermaͤchtniſſe fand ich einen Ar⸗ tikel, der mich beſonders ruͤhrte, weil er mir da⸗ durch einen neuen Beweis ſeiner Guͤte gab.— Er ſagte naͤmlich:„Meines Sohnes Baſilius Gemaͤlde in Lebensgroͤße, welches als er die Schule bezog,(und ein ſehr hoffnungsvoller Knabe war,) gemalt wurde, vermache ich meinem Bru⸗ der, Thomas Lowe.— Lieber moͤchte ich ſa⸗ „wen, meiner theuren Nichte Luzie; doch fuͤrchte ich dadurch zu beleidigen“— Ich ſandte meinem Oheim das Gemaͤlde mit einer Abſchrift der im Teſtamente angefuͤhrten Worte, und einem Briefe, den ich im erſten, herb⸗ ſten Schmerze ſchrieb, und auf welchen ich fol⸗ gende Antwort erhielt: „Lieber Neffe!“ „Da ich uͤberzeugt bin, daß dein Sichmerz „aufrichtig iſt, ſtehe ich nicht an meiner Luzie „das ihr von meinem guten Bruder, der mich „nie beleidigen konnte, zugedachte Geſchenk zu ge⸗ „ben. Was dich ſelbſt betrifft, ſo iſt es jetzt „nicht Zeit zu Vorwuͤrfen; aber ohne weiter des 54 „Vergangenen zu gedenken, muß ich doch hinzu⸗ „fuͤgen, daß ich bei dieſem Geſchenke nichts an⸗ „ders beabſichtige, als das Andenken des Bru⸗ „ders zu ehren. Da meine Anſicht noch immer „die naͤmliche iſt, halte ich es fuͤr Pflicht, in Hin⸗ „ſicht meiner Tochter, auf meinem Entſchluß zu „beharren, weil meiner Ueberzeugung nach kein „Mann,(womit ich dich nicht beſonders gemeint „haben will,) der alles bis auf den morgenden „Tag verſchiebt, fuͤr ſie paßt, da ſie viel zu ſanft „iſt, um ſchelten und keifen, und ſich des Haus ver „„Ziments bemaͤchtigen zu koͤnnen. Dies iſt, ohne „allen Arg, meine Herzens⸗Meinung; denn wie „koͤnnte ich wohl jetzt boshaft ſein wollen, wenn „ich es ſonſt auch waͤre, was ich aber, Gottlob! „nie bin. Und was das Nachtragen anbelangt, „davon weiß ich, dem Himmel ſei Dank, auch „nichts; denn ſieh, obgleich ich einmal ſagte, ich „wuͤrde es dir nie vergeben, daß du waͤhrend ſie⸗ „ben Jahre keine Zeile an mich geſchrieben haͤt⸗ „teſt, ſo vergebe ich es dir doch nun von ganzem „Herzen. So iſt dies alſo nun vergeben und vergeſ⸗ „ſen; wir werden den Reſt unſeres Lebens, will's „Gott, gute Freunde ſein, nur muß meine Luzie „aus dem Spiele bleiben, denn es ſcheint mir im⸗ „mer nicht Recht, wenn ſo nahe Blutsvorwandte „als wir, etwas gegen einander auf dem Herzen „behalten, was wir uns nicht offen geſtehen. In⸗ „dem ich dir, mein lieber Neffe, alſo jetzt alles „moͤgliche Gluͤck und gute Geſundheit wuͤnſche, „hoffe ich, daß du nun das Geſchaͤft deines Va⸗ „ters mit allem Ernſte fortſetzen wirſt. Meine „Frau will gehoͤrt haben, daß der Selige die Hand⸗ „lung in ſehr gutem Zuſtande hinterlaſſen habe; „„ſie gruͤßt dich freundlichſt, in welchen Gruß die „ganze Familie einſtimmt.— In der Hoffnung, „daß du mir von Zeit zu Zeit Nachricht von dir „ertheilen wirſt, verbleibe ich Dein— Dich liebender Oheim Thomas Lowe.“ Die Tante hatte noch eine Nachſchrift hinzu⸗ gefuͤgt, worin ſie ſich umſtaͤndlicher nach dem Zu⸗ ſtande der Handlung erkundigte.— Ich antwor⸗ tete mit umgehender Poſt: mein guter Vater habe mir mehr hinterlaſſen, als ich je haͤtte erwarten koͤnnen, oder verdiente. Das Lager ſei nicht aleein ſehr betraͤchtlich, ſondern er habe außerdem 36 auch noch eine bedeutende Summe in der Bank niedergelegt, und manche mir ſehr ſicher ſcheinende Schulden, bei guten Autoren, denen er Vorſchub geleiſtet habe. 1 In dem Maße wie mein Oheim durch Laune und Neigung regiert wurde, ward die Tante durch Geldgier beherrſcht; ſo wie ſie alſo fand, daß meine Umſtaͤnde ſogar auch ihre Erwartung uͤbertrafen, ward ſie mir guͤnſtiger geſinnt. Sie ſchrieb mir, um mich anzutreiben meinem Ge⸗ ſchaͤfte gut vorzuſtehen, und meinem Oheim zu zeigen, daß der Menſch ſich von boͤſen Gewohn⸗ heiten beſſern koͤnne. Ferner verſprach ſie mir ihre freundſchaftliche Verwendung beim Alten, um ſeine Einwilligung zu meiner Verbinbung mit Luzien zu erhalten, doch unter der Bedingung, daß ich waͤhrend ſechs Monate beharren, oder, wie ſie ſich eigentlich ausdruͤckte, zeigen ſolle, daß noch etwas aus mir werden koͤnne. Der Beweggrund war triftig und ſchien mir der Muͤhe werth, die uͤblen Gewohnheiten zu uͤberwinden. Ich warf mich mit allem Eifer ins Geſchaͤft, und es gelang mir den Credit zu erhalten, den mein Vater mir durch ſeine Puͤnkt⸗ 57 lichkeit verſchafft hatte. Wirklich darf ich mir nicht vorwerfen, waͤhrend dieſes halben Jahres irgend etwas vernachlaͤſſigt zu haben— Die Tante hielt Wort, und that alles, um ihren Mann zu uͤberzeugen daß die Liebe einen ganz andern Menſchen aus mir gemacht habe. Voll der ſchoͤnſten Hoffnungen ging ich nun nach Verlauf meiner Probezeit aufs Land, erfuhr aber die Kraͤnkung, meinen Oheim, mit einem Gemiſch von Eigenſinn und richtiger Einſicht, in meiner Gegenwart aͤußern zu hoͤren:„die Beſſe⸗ rung, von der du ſprichſt, Frau, dauert nicht lange; Liebe hat ſie, nach deiner eignen Behaup⸗ tung, hervorgebracht, und glaube mir, wenn jene vergeht, hat es mit dieſer auch ein Ende. Lu⸗ zie iſt nicht, oder ſollte wenigſtens nicht ſo ein⸗ faͤltig ſein, bei ihrem kuͤnftigen Manne nur dar⸗ auf zu ſehen, was ſie in den erſten Flitterwochen an ihm haben wird, denn ſie weiß wohl, daß das Leben mit ihm zwanzig, dreißig Jahre, und laͤnger dauern kann;— und wenn man einmal gebunden iſt, dann iſt kein Loskommen. Es thut mir Leid, Neffe; aber meines Kindes Gluͤck ſteht auf dem Spiel, und da muß ein ehrlicher Vater rein vom 58 Herzen weg reden.— Meiner Meinung nach, Lu⸗ zie, iſt er durchaus nicht anders als er vorher war, und ſo muß ich dir denn ſagen, wenn du den Mann da heingihgſe Leſchieht es ohne meine Einwilligung!— Luzie ward blaß, ich aͤrgerlich; der Oheim nahm wie gewoͤhnlich ſeine Zuflucht zur Pfeife, und auf alle unſere Einwendungen antwortete er nur zwi⸗ ſchen dampfenden Wolken:„Wenn meine Tochter 4 dich heirathet, geſchieht es ohne meine Einwilli⸗ gung!—“. Des Maͤdchens Liebe zu mir befand ſich eine Zeitlang im harten Kampfe mit der Pflicht fuͤr ihren Vater; die Mutter, welche ſich einmal fuͤr mich erklaͤrt hatte, fuͤhrte meine Sache mit der groͤßten Heftigkeit; ich ward endlich ein Stein des Anſtoßes zwiſchen beiden Eheleuten, und der Ei⸗ fer eines jeden in Behauptung ſeiner Meinung ſtieg in ſolchem Grade, daß Luzie fuͤr die Folgen zitterte. Eines Tages ſuchte ſie eine Gelegenheit mit mir allein zu ſein, und ſagte mir dann mit Thraͤ⸗ nen in den Augen:„lieber Baſil, wir muͤſſen uns trennen. Du ſiehſt daß ich nie mit meines 8 59 Vaters Einwilligung die deine werde, und ohne dieſe koͤnnte ich, ſelbſt an deiner Seite nicht gluͤck⸗ lich ſein. Ich will nicht das Ungluͤck derer machen, denen ich auf der Welt am meiſten ſchuldig bin, ich darf nicht laͤnger die Urſache des Zwiſtes zwi⸗ — ſchen den Eltern ſein, den ich ſich mit jedem Tage vermehren ſehe. Laß uns ſcheiden, und alles iſt wieder gut.— Umſonſt beſchwor ich Luzie nicht ihre eigne Gluͤckſeligkeit und die meine den eigenſinnigen Vorurtheilen des Vaters zu opfern, und doch konnte ich nicht umhin ſie wegen der Anhaͤnglich⸗ keit an das, was ſie als ihre Pflicht anſah, noch hoͤher zu achten. Die Sanftmuth, Leutſeligkeit, kindliche Demuth, welche ſie in dieſer Pruͤfung zeigte, machten ſie mir nur noch um vieles werther. Der Vater, ungeachtet er ſeinen Entſchluß ſo unerſchuͤtterlich als einen Felſen hinſtellte, begann doch Zeichen einer inneren Bewegung zu verrathen. Eines Abends, nachdem er erſt ſeine Pfeife zer⸗ brochen, dann das Schuͤveiſen und die Zange mehrere Male vor dem Camine umgeworfen hatte, welche Luzie jedesmal mit der groͤßten Geduld wieder aufſetzte, platzte er ploͤtzlich heraus:„L u⸗ 60 zie, Kind, du biſt eine Naͤrrin!— Und was noch ſchlimmer iſt, du gehſt wie ein Schatten einher.— Du brichſt mir das Herz!— Ich bin es uͤberzeugt, dieſer Menſch, dieſer Baſil, dieſer verwuͤnſchte Neffe, wird nie ein ordentlicher Mann.— Kannſt du ihn denn aber nicht ohne meine Einwilligung heirathen?— Nach dieſem Winke ſchwanden Luzies Be⸗ denklichkeiten, und wenige Tage darauf wurden wir verheirathet. Klugheit, Tugend, Stolz, Liebe, jeder auf das Herz des Menſchen maͤchtig ein⸗ wirkende Beweggrund, trieben mich an zu beweiſen, daß ich eines ſo liebenswuͤrdigen Weibes nicht unwerth ſei. Ein Jahr verging und Luzie be⸗ hauptete ihre Wahl noch keinen Angenblick bereuet zu haben; ſie that alles um den Vater von ihrer Gluͤckſeligkeit, und ſeinem zu harten Urtheile uͤber mich, zu uͤberzeugen. Sein Entzuͤcken das Kind ſei⸗ nes Herzens ſo gluͤcklich zu ſehen, uͤberwand ſogar in ihm den Widerwillen zu geſtehen, daß er ſeine Mei⸗ nung geaͤndert habe. Nie werde ich den Tag vergeſſen an dem ich ihn ſagen hoͤrte, daß er doch wohl zu beſtimmt in ſeiner Behauptung geweſen, und ſeine Tochter wahrhaft gluͤcklich verheirathet ſei. 61 Als ich dies guͤnſtige Zeugniß errungen, als ich mir den Namen eines puͤnktlichen, ordentli⸗ chen Mannes erworben hatte, da begann ich leider wieder in meinen Pflichten nachlaͤſſiger zu werden. Die alte Gewohnheit des Auſſchiebens bemaͤchtigte ſich meiner aufs Neue; meine auswaͤrtigen Kun⸗ den und Korreſpondenten klagten, daß ihre Briefe unbeantwortet, und ihre Auftraͤge unausgerichtet blieben. Ihre Vorſtellungen wurden immer drin⸗ gender, und nichts als das endlich nachgeſehene Datum, konnte mich von ihrem Recht und meinem Unrecht uͤberzeugen. Alte Freunde und Kundleute meines Vaters warnten mich auf die dringendſte Weiſe, bewieſen es mir, wie ſie ſchon im Maͤrz eine anſehnliche Verſendung von Buͤchern von mir verlangt hatten, die nach mehrern Monaten nicht angekommen waͤre, und endlich, nachdem ſie ſa⸗ hen daß alle ihre Vorſtellungen fruchtlos blieben, verließ mich einer nach dem andern. Die merkliche Verringerung meines bisher ſo anſehnlichen Sortimentsgeſchaͤftes machte wenig Ein⸗ druck auf mich, denn ich ging jetzt wieder mit einem Vorhaben ſchwanger, im Vergleiche deſſen mir der ganze Buchhandel nichtig erſchien. Ich ſann 62 neue Taxen fuͤr die Miniſter aus, fuͤr welche ich mir einbildete auf die liberalſte Art belohnt werden zu muͤſſen. Meinem großen Genius war es nun einmal zu beſchraͤnkt, auf dem ordent⸗ lichen, graden Wege zum Tempel des Gluͤcks all⸗ maͤhlig einzugehen; ein raſcher Sprung ſollte mich mit einem Male hineinbringen. Mit der Hoffnung geſchmeichelt, daß die von mir ausgedachten Taxen unfehlbar angenommen werden wuͤrden, verwendete ich meine ganze Zeit auf die Ausarbeitung derſelben, und wartete dann wieder Stundenlang im Vorgemache der Großen, um mich mit ihnen daruͤber zu beſprechen; die Handlungsgeſchaͤfte wurden dem Diener uͤber⸗ laſſen, einem jungen Manne, der waͤhrend der ganzen Woche nur darauf dachte, wohin er am Sonntage reiten wolle. Unter einem ſolchen Herrn und ſolchem Gehuͤlfen konnte der Handel unmoͤg⸗ lich prosperiren. Ungeachtet des großen Vertrauens, welches Luzie ſowohl auf meine Einſichten als Verſpre⸗ chungen ſetzte, konnte ſie jetzt doch nicht umhin mir zuweilen einige leiſe Winke zu geben, wie ſie fuͤrchte, die Miniſter wuͤrden mir am Ende die 63 Zeit, welche ich bei meinem Geſchaͤfte verloͤre, nicht hinlaͤnglich erſetzen; ich aber beharrte bei mei⸗ nem Vorhaben. Die Anzahl der unbeantworteten Briefe, der unausgefertigten Rechnungen ver⸗ mehrte ſich taͤglich, und erfuͤllte mich mit Schre⸗ cken, ſo oft ich zufaͤllig einen Blick darauf warf. — Meine Abneigung gegen ein Geſchaͤft, das unn in ſolche Unordnung gerathen war, nahm ſtuͤndlich zu, mein Gewiſſen verhaͤrtete ſich taͤg⸗ lich, und ich konnte jetzt ſchon, mit dem feſten Vorſatze, nie daran zu gehen, das feierliche Ver⸗ ſprechen leiſten, morgen dieſe oder jene Arbeit zu berichtigen. Da ich zugleich Verlags⸗ und Sortimentshaͤnd⸗ ler war, uͤberliefen mich taͤglich eine Menge Au⸗ toren. Die Reichen unter ihnen beſchwerten ſich, daß ich ihre Werke nicht foͤrdere, und alſo ihrem Ruhme ſchade. Die Aermeren beklagten ſich durch meine Schuld Mangel zu leiden, und um nur ihrer Klagen los zu werden, ſchoß ich ihnen haͤu⸗ fig anſehnliche Summen vor. Aus dieſer meiner ſogenannten liberalen Denkungsart wußten bald mehrere Vortheil zu ziehen; man hieß mich den Aufmunterer des Genies, und bald uͤberſtroͤmte 64 mich ein Heer armer Autoren. In Hinſicht der Beurtheilung ihrer Geiſt esproducte trauete ich mir hinlaͤnglich Kenntniß und Geſchm nack zu; oft aber bezahlte ich das Honorar, ohne mir die Muͤhe gegeben zu haben, das M anuſeript zu durchleſen, nur um ſie vom Halſe los zu werden. Denn wenn nun ein ſolcher armer⸗ Teufel nach einigen Wochen wiederkam, wie haͤtte ich wohl das Herz haben koͤnnen ihm zu ſagen: Herr, ich habe ihr Nanuſcript noch nicht einmal angeſehen!— Mußte ich nicht fuͤrchten, daß er laͤngſtens in acht Tagen wieder an meine Thuͤr pochte?— Die reichen Autoren verließen mich indeß bald, da ſie ihre Werke nicht erſcheinen ſahen, und waͤhrend ſie mich um dieſer Saumſel igkeit willen verſchrieen, bildete ich mir ein, daß jedes noch ſo gehaltvolle Geiſtesproduct Kleinig keit ſei, im Vergleich meines neuen Syſtems der Taxen, in deſſen Ausbruͤtung ich mich durchaus nicht ſtoͤren ließ. Endlich genoß ich die innere Befriedigung alle meine Vorſchlaͤge angenommen und durchgehen zu ſehen. Weiter aber wurde mir auch nichts dafuͤr; denn obgleich mein neules Syſtem der Taxen 8 65 dem Staate ungeheure Summen einbrachte, er⸗ hielt ich nie etwas dafuͤr. Zum Theil war dies zwar wieder meine Schuld. Ein Anderer, welcher behauptete, den Einfall wie die neuen Taxen ein⸗ zurichten waͤren, ſchon fruͤher, oder doch mit mir zugleich gehabt zu haben, war mit mir zur naͤmlichen Stunde, um zehn Uhr Morgens, im Hauſe des Miniſters beſtellt. Er war puͤnkt⸗ lich, ich hingegen kam eine halbe Stunde zu ſpaͤt, und fand die Thuͤre meines Schutzpatrons fuͤr mich verſchloſſen.— Seine Forderungen waren genehmigt, und von den meinigen war nicht wei⸗ ter die Rede, weil ich mich nicht gegenwaͤrtig befunden. So endeten die ſtolzen Hoffnungen und Erwartungen, welche ich auf dieſes von mir ausgebruͤtete Syſtem geſetzt hatte!— Voll Kummer daruͤber begab ich mich nach Hauſe, und wollte mich eben in meinem Zimmer einſchließen, als mein Handlungsdiener mit der Bitte herauf kam, mich unverzuͤglich zu einem ſehr aufgebrachten Autor hinunter zu verfuͤgen, welcher ſchwoͤre, den Laden nicht zu verlaſſen, ohne mich ſelbſt geſprochen zu haben. Ungluͤcklicher Weiſe war dieſer von allen Autoren der, welcher E. T. 5 66 ſich am wenigſten beſchwichtigen ließ. Geiſtreich, gelehrt, mit großen Anmaßungen, ließ er ſich nur unter den Reichen blicken, obgleich er ſelbſt arm war. In unſerm Hauſe war er unter dem Namen: Thaumaturgos, der Wunder⸗Kraͤ⸗ mer, bekannt, weil er mir ein Manuſcript unter dieſem Titel zugeſandt hatte; zwei bis dreimal in der Woche erhielten wir eine Anfrage von ihm, ob es noch nicht gedruckt werde.— Dies koſtbare Nanuſcript hatte ich nun ungluͤcklicher Weiſe, in⸗ dem ich den Kopf voll wichtigerer Dinge hatte, verlegt, und wußte ſelbſt nicht wohin. Unter dieſen Umſtaͤnden meinem Autor Rede zu ſtehen, war eine fuͤrchterliche Sache, und nun mußte ich ſogar zu ihm, ohne nur im mindeſten auf eine Entſchuldigung vorbereitet zu ſeyn. „Herr!.“ donnerte er mir ſchon von weitem entgegen,„da ſie es nicht der Muͤhe werth zu achten ſcheinen, meinen Thaumaturgos ans Licht der Welt zu befordern, ſo bitte ich mir mein Manuſcript auf der Stelle wieder aus.“— „Verzeihen ſie, unterbrach ich ihn, er wird unfehlbar im naͤchſten Fruͤhlinge erſcheinen.“— 4 „Fruͤhling! Alle Wetter, Herr! Sprechen 4 ſie nicht von Fruͤhling.— Erſt ſollte es um Weihnachten fertig ſeyn, dann ſicher vorige Oſtern. — Inſt das die Art mich zu behandeln?“— „Noch einmal verzeihen ſie; ich geſtehe mein Unrecht gegen ſie und die Welt ein; aber uͤber⸗ haͤufte dringende Geſchaͤfte muͤſſen mich diesmal entſchuldigen.“ „Hoͤren ſie, Herr Baſilius Lowe, ich bin nicht hierhergekommen, um mich mit Alltags⸗ Entſchuldigungen abſpeiſen zu laſſen. Mir iſt uͤbel mitgeſpielt, ich weiß es, und das Publicum ſoll es gleichfalls erfahren. Die Abſichten meiner Feinde ſind mir nicht unbekannt, aber keine Ka⸗ bale in der Welt ſoll den Sieg uͤber mich davon tragen. Thaumaturgos ſoll nicht unterdruͤckt werden! Er ſoll ans Licht treten, ihm ſoll Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren, ungeachtet aller geheimen Kuͤnſte der Bosheit—— Herr, ich verlange mein Manuſcript!“— „Ich werde es Ihnen morgen ſenden“— „Morgen, morgen!— das genuͤgt mir nicht. Seit Jahr und Tag hoͤre ich ſie ſchon von morgen reden! Heute, auf der Stelle, will ich 5* 68 mein Manuſcript zuruͤckhaben; ich verlaſſe den Laden nicht ohne meinen Thaumaturgos!— So aufs Aeußerſte in die Enge getrieben, mußte ich geſtehen, daß ich in dieſem Augenblicke nicht wiſſe, wohin es gelegt ſei, verſprach aber das ganze Haus darnach zu durchſuchen. Unmoͤg⸗ lich iſt es, den Zorn und Unwillen meines Autors zu beſchreiben; ich rannte fort, um die Haus⸗ ſuchung anzuſtellen, er mir nach, um zu ſehen, wie ich ganze Schraͤnke und Schubfaͤcher voll Papiere durchwuͤhlte.— Leider aber war kein Thau⸗ maturgos zu finden. Der Autor erklaͤrte endlich, daß er keine Abſchrift von dem Mannſecripte habe, und ihm von einem andern Buchhaͤndler ſchon 500 Pfund dafuͤr gebothen ſei, er es aber nicht fuͤr das Doppelte der Summe miſſen wylle. Er verließ mein Haus mit der Erklaͤrung, mir die uͤblen Folgen ſelbſt zuzuſchreiben. Vergebens ſann ich nach, wo ich wohl mit dieſem Haufen Wun⸗ der geblieben ſein koͤnne; ich erinnerte mich end⸗ lich, daß ich das Packet waͤhrend einer Woche in der Taſche meines Ueberrocks mit mir herumge⸗ tragen habe, in dem feſten Vorſatz, es gewiß morgen ſorgfaͤltig zu verwahren, und daß ich mit 69 dieſem Ueberrocke gewoͤhnlich aufs Kaffeehaus ge⸗ gangen ſei.— Doch dieſe Erinnerung war von keinem weſentlichen Nutzen. Eine Klage wegen des Werthes des Manu⸗ ſeripts wurde alſobald gegen mich eingereicht, und der Schadenerſatz war von dem Autor beſcheident⸗ lich auf g00 Guineen angegeben. Da die Sache jedem Buchhaͤndler und Autor hoͤchſt wichtig er⸗ ſchien, war der Gerichtshof ſchon von fruͤh Mor⸗ gens an mit Leuten angefuͤllt, die alle hoͤchſt be— gierig auf die Entſcheidung der Sache waren. Ich hegte ſtarke Hoffnung, mein Sachwalter wuͤrde den Sieg davon tragen, vorzuͤglich da der Advo⸗ kat meines Gegners niemand anders war, als der oft erwaͤhnte Johnſon, den ich auf der Schule ſchon fuͤr einen Erdenklos gehalten hatte. Kaum begriff ich es, wie dieſer ſchwerfaͤllige Menſch es je nur in der Welt ſo weit habe bringen koͤnnen; doch ſah ich nur zu bald ein, daß er ſeines Clienten Sache ſo geſchickt zu fuͤhren wußte, daß ich zu 300 Pfund Schaden⸗Erſatz verdammt wurde.— Eine ſolche Summe zu verlieren, weil ich einen Haufen beſchriebener Bogen Papier nicht zur rechten Zeit verwahrt hatte, das war 7⁰ hart!— Auch ſchien das Mitleiden faſt aller ſich gegenwaͤrtig Befindenden auf meiner Seite zu ſein, da man den Ausſpruch zu hart fand.— Jedoch das Mitleiden konnte mich nicht fuͤr den Ver⸗ luſt des Geldes entſchaͤdigen.— Viertes Kapitel. Das Urtheil wurde in den oͤffentlichen Blaͤt⸗ tern bekannt gemacht, und auf dieſe Weiſe ge⸗ langte es zur Kenntniß meines Schwiegervaters, bei dem ich nun allen erſt erlangten Credit auf immer verlor. Von Luziens Lippen kam auch nicht der leiſeſte Vorwurf, nur ſuchte ſie mich auf die ſanfteſte Weiſe dahin zu bringen, alle Plaͤne, ein ſchnelles Gluͤck zu machen, auf⸗ zugeben, und meine Aufmerkſamkeit einzig auf mein Geſchaͤft zu wenden. Der Verluſt, obgleich betraͤchtlich, waͤre nicht unerſetzlich geweſen, haͤtte ich nur jetzt ihren Rath befolgt. Es war auch mein Vorſatz, denn 71 die Sanftmuth meines Weibes ruͤhrte mich, nur ſollte erſt eine Flugſchrift gegen die Regierung beendigt werden, die, nach dem Ausſpruche mei⸗ ner Freunde, unfehlbar mein Gluͤck machen muͤſſe, da ſie alle Glieder der Oppoſitionsparthei in mei⸗ nen Buchladen ziehen werde. Die Schrift gelang, ſie wurde von der ei⸗ nen Seite geprieſen, von der andern verworfen; Antworten erſchienen, ich ſah mich genoͤthigt mei⸗ ne Gegner zu widerlegen.— Damit verging die Zeit, und waͤhrend ich auf dieſe Weiſe einen Ruf erlangte, ſchwanden Geld und Credit immer mehr bei mit. Ich ſah den oͤffentlichen Bruch meiner Handlung vor Augen, legte meine Flugſchriften an die Seite, und begann mit Schrecken und Entſetzen den Stand meiner Handlungsbuͤcher nach⸗ zuſehen. Jetzt wollte ich das Verſaͤumte aui ein⸗ mal wieder einholen; die innere Unruhe aber, welche ich dabei empfand, hinderte mich etwas recht zu thun; die Sache war meinen Kraͤften uͤberlegen, ich verlor den Muth und ergab mich der Verzweiflung.— Die Schuldner klagten, es wurde Beſchlag auf mein Lager gelegt, und ich ins Gefaͤngniß abgefuͤhrt. 7² Mein Schwiegervater verſagte mir allen Bei⸗ ſtand, doch erbot er ſich meine Frau und un⸗ ſern kleinen Sohn zu ſich zu nehmen, wenn ſie ſich gaͤnzlich von mir trennen, und den noch uͤbri⸗ gen Theil ihres Lebens bei ihm zubringen wolle. Dies ſchlug ſie beſtimmt ab, und nie werde ich die Art vergeſſen, wie ſie es that. Ihr ganzes Weſen ſchien durch das Ungluͤck gehoben; mit der groͤßten Weiblichkeit verband ſie einen Muth und eine Feſtigkeit, die ſich wohl ſelten in dem Grade in ihrem Geſchlechte vereinigt befiden. Waͤhrend achtzehn voller Monate, welche ſie mit mir im Gefaͤngniſſe zubrachte, erinnerte ſiee mich nie, weder durch Wort noch Blick daran, daß ich die Urſache ihres Mißgeſchicks ſei; im Ge⸗ gentheil ſuchte ſie durch die zarteſte Aufmerkſam⸗ keit jeden Gedanken der Art fern von mir zu erhalten.— Nie, ſelbſt nicht in den erſten Mo⸗ naten nach unſerer Verheirathung, ſah ich ſie ſo heiter, ſo zaͤrtlich um mich beſchaͤftigt; einzig nur ſchien ſie in mir und unſerm kleinen Jungen zu leben, der gerade um dieſe Zeit ſo weit war, daß er anfing zu laufen und die erſten Worte aneinander zu reihen. Seine kindlichen Liebko⸗ 73 ſungen, ſeine ſorglkoſe Froͤhlichkeit, und dann und wann eine Art Mitleiden mit dem armen Vater ruͤhrten mich tief, und noch kann ich nicht ohne Thraͤnen an dieſe Periode meines Le⸗ bens zuruͤckdenken. Unter meinen Schuldnern war ein gewiſſer Nun, ein Papierhaͤndler, der waͤhrend ſeiner oͤfteren Geſchaͤfte mit mir Gelegenheit gehabt hatte, mich und meine Frau kennen zu lernen. Er war wohlhabend, und ſetzte ſeinen Stolz und ſeine Freude darein, ſo viel Gutes zu thun, als nur immer in ſeinen Kraͤften ſtand. Eines Morgens kam Luzie mitr feoͤhlich glaͤn⸗ zenden Augen in unſer Zimmer, um mir den Beſuch dieſes Mannes anzukuͤndigen;„doch!“ ſetzte ſie hinzu,„will er nicht eher hereinkommen, bis ich dir ſeine gute Botſchaft verkuͤndet habe. Er hat einen Vertrag zwiſchen allen unſern Creditoren zu Stande gebracht, und dir dadurch die Frei⸗ heit verſchafft.“ Ich war außer mir vor Freude und Dank⸗ barkeit.— Unſer Freund wartete ſchon mit einem Mieth⸗ wagen vor der Thuͤre, um uns aus dem Ge⸗ 5 74 faͤngniſſe zu fuͤhren. Als ich ihm danken wollte, ſtel er mir mit der offnen Erklaͤrung in die Rede, daß ich ihm durchaus keine Verbindlichkeit habe, denn wenn ich auch ein Strohmann geweſen waͤre, wuͤrde er das naͤmliche gethan haben, und das ein⸗ zig und allein um meiner Frau willen, die er fuͤr das beſte Weib auf der Erde halte, ſeine Frau na⸗ tuͤrlich ausgenommen. Er fuhr nun fort mir zu berichten, auf welche Weiſe er meine Geſchaͤfte fuͤr den Augenblick in Ordnung gebracht, und ſo⸗ gar von meinen Creditoren die Verguͤnſtigung ei⸗ ner kleinen Summe erhalten habe, um uns fuͤrs Erſte davon ernaͤhren zu koͤnnen. Er hatte auf den dritten Theil ſeiner ſehr betraͤchtlichen For⸗ derung gaͤnzlich Verzicht geleiſtet, und da mein eignes Haus noch fuͤr mich verſchloſſen ſei, bat er mich, einſtweilen wit meiner Familie bei ihm zu wohnen.„Meine Frau, fuͤgte er hinzu, hat fuͤr ein gutes Mittagseſſen geſorgt, und darf doch ihre ſchoͤnen Enten und Eröſen nicht umſonſt bereitet haben.“— Nie ward wohl ein Mittagseſſen mit beſſerm Willen gegeben, und mit mehrerer Freude ver⸗ zehrt. Ich fuͤhlte mich ganz entzuͤckt, und ſchon 75 als ich unten durch ſein großes Lager ging, kam mir der Gedanke ein, uͤber die anſpruchsloſe Wohlthäͤtigkeit dieſes Mannes, der in der Dunkel⸗ heit lebte, etwas zu ſchreiben; nur war ich noch nicht mit mir einig, ob es in Proſa oder in Ver⸗ ſen ſein ſollte, als ich durch meine Frau aus meinen Traͤumereien geweckt wurde, welche mich auf einen großen Ballen Papier aufmerkſam machte, der an einen Herrn Heſekiel Croft, Kaufmann in Philadelphia, uͤberſchrieben war. „Weißt du auch, daß dies ein naher Verwandter von mir iſt?“ fragte ſie freundlich. „Wahrhaftig?“— unterbrach unſer Wirth ſie,„dann kann ich ſie verſichern, daß ſie einen Verwandten haben, deſſen ſie ſich nicht zu ſchaͤmen gebrauchen. Er iſt einer der angeſehnſten Kauf⸗ leute in ganz Philadelphia.“ „Er war nicht reich, als er ungefaͤhr vor ſechs Jahren von hier ging,“ ſagte Luzie. „Jetzt iſt er es aber,“ antwortete Nun. „Und hat das ganze Vermoͤgen binnen ſechs Jahren erworben!“— rief ich—„Liebes Kind, ich wußte nicht, daß du Verwandte in Amerika 76 * hatteſt; ich habe große Luſt, mein Gluͤck in dem Welttheile zu verſuchen.“— „So weit wollteſt du von allen deinen Freun⸗ den gehen?“— „Warum nicht, Kind, ich ſchaͤme mich doch nur, ſie nach dem was hier mit mir vorgefallen iſt, wieder zu ſehen. Ein Mann welcher Banquerott gemacht, hat uͤberdem nicht viel Freunde. Es iſt das Beſte, in eine neue Welt zu gehen, wo ich mir einen neuen Stand erwaͤhlen, und neues Vermoͤgen erwerben kann.“— „Doch duͤrfen wir nicht außer Acht laſſen,“ 44 fiel Nun ein,„daß in der neuen wie in der alten Welt, Stand und Vermögen faſt auf die⸗ ſelbe Weiſe erworben werden muͤſſen; und verge⸗ ben ſie mir, wenn ich hinzufuͤge, daß dieſelben uͤblen Gewohnheiten, die einem Manne in einem Lande geſchadet haben, ihm auch in dem andern hinderlich ſein werden.“— 4 Ich leugne nicht, mir fiel in dieſem Augen⸗ blicke meine ungluͤckliche Reiſe nach China ein. Jetzt aber, da der Gedanke der neuen Welt mich einmal ergriffen hatte, war ich durch nichts da⸗ von abzubringen, und mein gutes, nachgebendes 77 Weib willigte endlich ein, mir dahin zu folgen. Auf meine ausdruͤckliche Bitte brachte ſie eine Woche bei ihren Eltern auf dem Lande zu; aber keine Vorſtellungen von ihrer Seite vermochten ſie, von ihrem Entſchluſſe mich zu begleiten abzu⸗ ſtehen.— Diesmal kam ich nicht zu ſpaͤt an Bord, verlor auch nichts von meinen Habſeligkeiten waͤh⸗ rend der Reiſe; denn erſtlich hatte ich wenig zu verlieren, und zweitens nahm meine Frau die ganze Aufſicht uͤber ſich. Und nun, geneigter Leſer, ſieh mich gluͤcklich in Philadelphia gelandet, mit einem Ver⸗ mögen von hundert Pfund in der Taſche. Eine geringe Summe;— waren aber nicht viele mit noch wenigerem Gelde in dieſem Lande reich ge⸗ worden?— Meiner Frauen Verwandter, der jetzt ſo angeſehne Herr Croft, hatte nicht einmal ſo viel, als er dieſen Boden betrat; manche der mit mir ſich auf demſelben Schiffe befindlichen Paſ⸗ ſagiere beſaßen nicht halb ſo viel, ja einige von ihnen waren in der That vöͤllig arm zu nennen. Unter andern befand ſich ein Irlaͤnder mit am Bord, der immer Barns gerufen ward, vermuthlich eine Verkuͤrzung des Namens Bar⸗ 73 nabas; was ſeinen Zunamen betraf, konnte er ihn ſelbſt nicht buchſtabiren, verſicherte aber, es gaͤbe keinen beſſern. Dieſer Mann war mit mehreren ſeiner Landsleute gegen die Zeit der Erndte nach England gekommen, um dabei be⸗ huͤlflich zu ſein, weil ſie hier hoͤhern Tagelohn er⸗ halten, als in ihrem eignen Lande. So wie Barns aber hoͤrte, daß der Tagelohn in Amerika noch hoͤher ſei, begab er ſich mit ſeinen beiden Soͤhnen, die ſchon ziemlich die Knabenſchuhe ver⸗ treten hatten, auf den Weg nach Philadelphia. Einen froͤhlichern Menſchen konnt' es nicht geben, und wenn man ihn unaufhoͤrlich auf dem Ver⸗ decke ſingen und pfeifen hoͤrte, glaubte man kaum, daß ſein ganzes Leben eine Kette von Ungluͤcks⸗ faͤlen und ſchweren Arbeiten geweſen ſei. Als wir das Schiff verlaſſen wollten, hoͤrte ich ihn zu meinem großen Erſtaunen bitterlich weinen und ſchluchzen. Auf meine naͤhere Erkun⸗ digung ſagte er mir, daß, da er die Ueberfahrt nicht bezahlen koͤnne, er nun gezwungen ſei, mit ſeinen Soͤhnen ſo lange um ſpaͤrlichen Lohn fuͤr den Kapitain zu arbeiten, bis dieſer ſich davon be⸗ zahlt mache. Oöbgleich erſtaunt, wie man eine ſo 79 weite Reiſe ohne einen Dreier in der Taſche unternehmen koͤnne, riß mich doch das Mitleid mit dem armen Kerl hin; ich bezahlte das Geld fuͤr ihn. Nun warf er ſich vor mir auf die Kniee, und dankte in einem ſolchen Erguß von wortreichen Redensarten, daß ich, der ich kein Freund von prunkvollem Danke bin, mich ſchnell umkehrte, um in das Boot zu ſpringen, worin meine Frau mit unſerm Kinde ſich ſchon befand. Ein Blick auf dieſe Beiden, denen ich doch in unſerer be⸗ ſchraͤnkten Lage das Geld entzogen hatte, ließ mich das Gefuͤhl meiner Wohlthaͤtigkeit nicht vorwurfs⸗ frei genießen. 3 Der Herr Vetter Croft nahm uns freund⸗ licher auf, als meine Frau erwartet hatte, meiner Meinung nach aber lange nicht freundlich genug. Er hatte ganz das Anſehen eines Mannes, der immer darauf bedacht iſt, jeden Vortheil zu Gelde zu machen; er ſchien ſich. nur nach der Uhr zu bewegen, Vorſicht lag in ſeinem Blicke, und Klugheit in ſeinem ganzen Betragen. In der erſten Viertelſtunde verſicherte er mir wiederholt, daß er durch ſeine Puͤnktlichkeit und Genauigkeit 80 redlich verdient habe, was er jetzt beſitze, und ſich ganz allein verdanke. Aus ſeinen Reden leuchtete unfehlbar Recht⸗ lichkeit und eine gewiſſe Klarheit der Begriffe her⸗ vor, doch drehete ſein ganzes Wiſſen ſich nur um den gewohnten Kreis der Geſchaͤfte.— Sein Herz ſchien bei der allgemeinen Menſchenliebe nicht weiter im Spiel zu ſein, und uͤbte er ſie, ſo kam es wohl nur daher, weil er die Pflichten gegen ſeinen Nebenmenſchen puͤnktlich auswendig gelernt hatte. Gute Handlungen waren das Re⸗ ſultat ſeiner Vernunft, und nicht ſeines beſſeren Gefuͤhls. Ich merkte gleich, daß ich den Mann wohl achten, aber nie lieben koͤnne, war indeß uͤberzeugt, daß er mir beides, Achtung und Liebe verſagen wuͤrde, weil mir in ſeinen Augen die weſentlichſte aller Tugenden, die Puͤnktlichkeit, abging. 3 Als ich ihm Herrn Nuns Empfehlungs⸗ Brief uͤberreicht, und er ihn fluͤchtig durchleſen hatte, erwaͤhnte ich der Ehre meiner Verwandt⸗ ſchaft mit ihm, durch meine Frau, und erzaͤhlte zugleich im Kurzen meine ganze Geſchichte. Ohne auch nur eine Miene zu verziehen, hoͤrte er ſtumm 81 . zu, dann ſagte er:„Sie haben mir ihre Abſichten, in welchen ſie nach Amerika gekommen ſind, noch nicht mitgetheilt.“ Ich erwiederte, daß meine Plaͤne in der Hinſicht noch nicht voͤllig beſtimmt waͤren.— „Sie koͤnnen doch unmoͤglich ihre Heimath ohne einen Plan fuͤr die Zukunft verlaſſen haben; darf ich alſo wiſſen, welches Geſchaͤft ſie hier zu ergreifen gedenken?“— Meine Antwort war: ich ſei daruͤber noch nicht voͤllig einig, und habe es dem Zufalle uͤberlaſſen wollen. 3 „Zufalle!“— rief er—„Darf ich ſie bitten, ſich deutlicher auszudruͤcken, denn ich verſtehe nicht recht was ſie unter Zufall verſtehen.“— Erſt war ich aufgebracht, daß der Mann ſo ſchwer von Begriffen ſei, als ich aber durchaus gezwungen wurde mich naͤher zu erklaͤren, ſah ich wohl, daß ich mich ſelbſt nicht recht verſtanden hatte. So fing ich alſo allgemach an den Ton des Selbſtvertrauens etwas herunterzuſtimmen, geſtand, wie ich gaͤnzlich mit der Beſchaffenheit des Landes unbekannt ſei, daher wuͤnſche, von beſſer unterrichteten Perſonen geleitet zu werden, E. 7. 6 8² „ und ihn, der die meiſte Erfahrung habe, bäte, mir mit ſeinem Rathe brizuſtehen. Nach einer betraͤchtlichen Pauſe meinte er: es ſei zwar mit dem Rathgeben eine ſchwierige Sache, indeß da meine Frau mit ihm verwandt, und er es fuͤr Pflicht halte, ſeinen Blutsfreun⸗ den beizuſtehen, ſo waͤre er bereit, mir allen Rath zu ertheilen, der in ſeiner Macht ſtehe.— Ich verbeugte mich verbindlich, fuͤhlte aber, daß es mich eiskalt uͤberlief. „Und nicht allein mit meinem Rathe, ſondern auch mit jeder vernuͤnftigen Huͤlfe bin ich bereit ihnen beizuſtehen,“ fuhr er bedaͤchtlich fort.— Als ich ihm aber meinen Dank dafuͤr ſagen wollte, fiel er mir in die Rede: „Sie ſind mir durchaus keinen Dank ſchul⸗ dig, junger Mann, durchaus nicht; denn ich habe noch nichts fuͤr ſie gethan.“— Wieder eine Pauſe! Ich fuͤhlte daß er Recht hatte, und ſchwieg.— „Und der Erfolg deſſen was ich in Zukunft fuͤr ſie thun werde, fuhr er fort, haͤngt eben ſo ſehr von ihnen, als von mir ab. Vor allen Dingen aber muß ich, ehe ich meinen Rath gebe, ——————— 83 wiſſen, was ſie in der Welt beſitzen, worauf ſie rechnen koͤnnen?“— Mit einem gezwungenen Laͤcheln geſtand ich ihm den geringen Gehalt meiner klingenden Muͤnze. „Aber ſie haben Frau und Kind zu ernähren, ſagte er kopfſchuͤttelnd, wovon die eine zu zart, das andere zu jung iſt, um ihnen im Arbeiten beizuſtehen.— Das wird ſchwer halten; warum brachten ſie ſie mit nach Amerika?— Doch ge⸗ ſchehene Dinge ſind nicht zu aͤndern, und wir muͤſſen ſehen, wie wir es angreifen. Da ſie mit dem Lande unbekannt ſind, muß ich ihnen ſagen, auf welche Weiſe hier am beſten Geld zu gewin⸗ nen iſt. Die arbeitende Claſſe der Menſchen ver⸗ dient hier, wenn ſie betriebſam iſt, weil ſie immer Beſchaͤftigung findet, und man einen hohen Tage⸗ lohn giebt. Zimmerleute, Schmiede, Maurer u. ſ. w. werden ohne Schwierigkeit reich; doch das alles paßt nicht fuͤr ſie, da ſie wohl mit dem Kopfe, aber nicht mit den Haͤnden arbeiten koͤnnen, wie ich merke. Buͤcher ſchreiben und Buͤcher verkau⸗ fen, bringt hier zu Lande wenig ein; London iſt der Ort fuͤr einen guten Buchhaͤndler, und 6* 6 84 da ſie dort dabei zu Grunde gegangen ſind, wie ſte mir ſagen, moͤchte ich ihnen nicht rathen, ſich hier ferner damit abzugeben.— Was nun das Pflanzerwerden betrifft— Ei nun, wenn un⸗ ſere Pflanzer geſchickt und fleißig ſind, koͤnnen ſie es zu etwas bringen; aber ſie beſitzen nicht hinlaͤngliches Vermoͤgen, um ein Grundſtuͤck zu kaufen, ein Haus zu bauen, und Leute zu mie⸗ then, welche die Arbeit fuͤr ſie thun, die ihnen zu ſchwer iſt.— Dann bilde ich mir auch ein, daß es ihnen an den noͤthigen Kenntniſſen zum Ackerbau fehlt, und um andere gehoͤrig regieren zu koͤnnen, iſt wenigſtens Erfahrung unerlaͤßlich. — Im Ganzen ſehe ich alſo nichts, was fuͤr ſie uͤbrig bliebe, als eine mercantiliſche Laufbahn ein⸗ zuſchlagen; das geht nun aber ohne Geld und Credit gleichfalls auf keine andere Weiſe, als wenn ſie als Handlungsdiener in einem guten Hauſe angeſtellt werden.— Sie ſchreiben eine gute Hand, verſtehen die Arithmetik, wie ſie mir ſagen, und ſind auch mit dem Buchhalten nicht unbekannt, wie ich vorausſetze. Durch Spar⸗ ſamkeit, Fleiß und Redlichkeit moͤchte es ihnen auf dieſem Wege gelingen, und ſie haͤtten die Ausſicht, nach einigen Jahren vielleicht als Eom⸗ pagnon eines angeſehenen Hauſes angeſtellt zu werden. Dieſen Weg ſchlug ich ſelbſt ein, und arbeitete mich nach und nach bis zu dem Wohl⸗ ſtande herauf, in dem ſie mich jetzt ſehen. Frei⸗ lich hatte ich im Anfange nicht Weib und Kind zu ernaͤhren, ſondern heirathete erſt dann, als ich es zweckmaͤßig fand, und zwar die Tochter meines Herrn, welches mir ſehr zu ſtatten kam. — Indeß, ihre Frau iſt meine Verwandte, und am Ende iſt es noch beſſer fuͤr einen Mann in ihrer Lage, die Verwandte eines reichen Kauf⸗ manns zur Frau zu haben, als unverheirathet zu ſein. Ich habe es ihnen ſchon geſagt, wie ich es fuͤr meine Pflicht halte, ſowohl Huͤlfe als Nath zu ertheilen; nehmen ſie alſo auf vierzehn Tage eine Wohnung in meinem Hauſe an, waͤh⸗ rend dieſer Zeit kann ich beurtheilen, ob ſie Ge⸗ ſchicklichkeit zum Handlungsdiener haben, und wenn ſie und ich dann fuͤr einander paſſen, wol⸗ len wir ſchon weiter ſehen.— Merken ſie ſich aber, daß ich mich zu nichts verbindlich mache, nichts verſpreche, ſondern mir nur ein Vergnuͤ⸗ gen daraus mache, ſie, ihre Frau und ihren 86 kleinen Jungen waͤhrend vierzehn Tage in mei⸗ nem Hauſe zu beherbergen, und daß ſie es ſich ſelbſt zuzuſchreiben haben, wenn der Beſuch nutz⸗ los fuͤr ſie iſt.— Jetzt kann ich nicht laͤnger bei ihnen verweilen, ſetzte er hinzu, indem er die Uhr herauszog, ich habe Geſchaͤfte, und Geſchaͤfte warten auf Niemanden.— Kehren ſie nach ihrem Gaſthofe zu meiner Baſe und ihrem kleinen Jun⸗ gen zuruͤck, und bringen ſie ſie zu mir; wir eſſen praͤciſe um zwei Uhr.“— Ich verließ das Haus dieſes Mannes mit einem unbeſchreiblichen Gefuͤhl von getaͤuſchter Hoffnung; als ich aber im Gaſthofe ankam, und meiner Frau von unſerer ganzen Unterredung Be⸗ richt abſtattete, ſchien ſie durch die freundliche Art uͤberraſcht, mit welcher der Herr Vetter mich aufgenommen habe. Sie wollte dies mir ſogar begreiflich machen; aber damit gelang es nicht.— Die Hirngeſpinſte von dem ſchnellen Gluͤck, wel⸗ ches mir in Amerika bluͤhen wuͤrde, waren zer⸗ ſtoͤrt; ſo ſehr Luzie mich auch darauf aufmerk⸗ ſam machte, daß es keine Kleinigkeit ſei, in ei⸗ nem fremden Welttheile gleich die Ausſicht auf eine ſichere Verforgung zu haben, der Handlungs⸗ 87 diener bei dem mir ſo bornirt ſcheinenden Herrn Vetter ſtand ſchreckhaft vor meiner Phantaſie. — Nur aus Gefaͤlligkeit gegen ſie geſtand ich, daß ihr Verwandter ſehr guͤtig, ſehr freundlich ſei, maß aber waͤhrend der Zeit mein Zimmer mit großen Schritten. Oft erinnerte mich meine Frau, daß es bald zwei Uhr ſei, daß der Herr Vetter gewiß ſehr puͤnktlich waͤre, und bat mich, mich anzukleiden. Ich ging noch immer im Zim⸗ mer herum, bis ſie mir endlich die Uhr vor die Augen hielt, und mich uͤberzeugte, daß nur noch zehn Minuten an dem beſtimmten Glockenſchlage fehlten.— Nun ging es mit der groͤßten Haſt; ungluͤcklicher Weiſe mußte ich aber in dieſer Eile ein Loch in meinen ſchwarzſeidnen Strumpf reißen, und obgleich nun Luzie mit den geuͤbteſten Fin⸗ gern ſich ſchnell daran machte, um den Schaden auszubeſſern, war es doch ſchon nach zwei Uhr, als wir den Gaſthof verließen. Der Weg war nicht kurz, und ſo kamen wir bei Crofts an, als ſchon alle am Tiſche ſaßen. Eine Menge Gaͤſte fanden ſich ver⸗ ſammelt, und es gab eine allgemeine Stoͤrung, da Luzie, als Fremde, der Frau vom Hauſe erſt 38 vorgeſtellt werden mußte. Begruͤßungen und Ent⸗ ſchuldigungen von allen Seiten folgten; die Plaͤtze mußten veraͤndert werden, Bediente liefen durch⸗ einander und ſcharrten mit den Stuͤhlen, genug, es war ein ſo widriger Empfang, daß ich mich hundert Meilen davon wuͤnſchte. Ungluͤcklicher Weiſe mußte nun auch mein kleiner Balg noch mitten in dem allgemeinen Aufruhr an zu ſchreien fangen, weil ein Neger den er nicht wollte an ſich kommen laſſen, ihm auf einen Stuhl half, und das Kind war nicht eher zur Ruhe zu brin⸗ gen, bis Frau Croft dem ſchwarzen Menſchen befahl das Zimmer zu verlaſſen.— Das Geſchrei endete nun zwar aber das Geſpraͤch war in ſol⸗ che Stockung gerathen, daß man im ganzen Ge⸗ mache keinen andern Ton vernahm, als das noch nicht voͤllig geſtillte Schluchzen des Kindes. Die Frau des Hauſes war in Verzweiflung, weil das Eſſen kalt geworden; der Herr Vetter ſah ſehr grießgraͤmlich darein, und ſprach kein Wort, als was unumgaͤnglich nothwendig war. Ich ſaß wie auf Kohlen, ſowohl um mein ſelbſt, als um Luziens Willen, die vor Angſt ſcharlach⸗ roth geworden war, und verwuͤnſchte mich tau⸗ — 89 ſendmal ſelbſt, daß ich mich nicht fruͤher ange⸗ kleidet hatte. Endlich ward zu meiner großen Erleichterung das Tiſchtuch weggenommen; aber ſelbſt der Wein machte meinen Wirth nicht beredter, und ich be⸗ gann zu fuͤrchten, daß er eine unuͤberwindliche Abneigung gegen mich gefaßt, und ich alſo alle Vortheile ſeiner hohen Goͤnnerſchaft verlieren wuͤrde; Vortheile, die jetzt erſt, da ich auf dem Punkte ſtand ſie verſcherzt zu haben, einen Werth in meinen Augen erhielten. Gleich nach dem Eſſen kam ein junger Mann, Namens Hudſon, zur Geſellſchaft, deſſen ganzes Weſen etwas Anziehendes fuͤr mich hatte. Er war zuvorkommend hoͤflig, geſpraͤchig, und ſein Betragen ſchien wie mit einem elektriſchen Zauber⸗ ſchlage auf die uͤbrigen Gaͤſte zu wirken. Obgleich er nichts ſagte, das einen beſondern Geiſt ver⸗ rieth, wußte er durch tauſend angenehm hinge⸗ worfene Kleinigkeiten das Geſpraͤch zu beleben. Sobald er hoͤrte, ich ſei ein Fremder, rich⸗ tete er ſeine Rede beſonders an mich; ich erholte mich nun aus meinem vorigen Zuſtande, und gab mir Muͤhe ihn zu unterhalten. Er war erfreut, 90 etwas Neues aus England durch mich zu erfahren, und als er am Abend Abſchied von mir nahm, aͤußerte er den lebhaften Wunſch, eine ſo ange⸗ nehme Bekanntſchaft fortzuſetzen. Dieſe Artigkeit von ſeiner Seite ſchmeichelte mir um deſto mehr, weil ich uͤberzeugt war, der Herr Vetter habe ihn mit meiner ganzen Lage bekannt gemacht, da ich einiges ihm ins Ohr geſagte ſogar nicht uͤber⸗ hoͤren konnte, ſo viel Muͤhe ich mir auch gab. Fuͤnftes Kapitel. Im Laufe der naͤchſten Woche ſah ich den jungen Hudſon faſt taͤglich, und unſer gegen⸗ ſeitiges Geſallen aneinander nahm zu. Er fuͤhrte mich bei ſeinem Vater ein, der Pflan⸗ zer geweſen, und ſich nun, nachdem er ein gro⸗ ſes Vermoͤgen erworben, in Philadelphia praͤchtig eingerichtet hatte. Die beſte Geſellſchaft der Stadt verſammelte ſich in ſeinem Hanſe, und 91 vorzuͤglich gaſtfrei wurde jeder bei ihm aufgenom⸗ men, der durch Witz und Talente einen Mangel erſetzen konnte, dem er ſelbſt durch Geld nicht abzuhelfen wußte. Schon bei meinem erſten Beſuche gewahrte ich, daß ſein Sohn mich ihm als den beſten Ge⸗ ſellſchafter von der Welt geruͤhmt hatte, und that nun alles, um den Ruhm zu verdienen. Ich er⸗ zaͤhlte zwei oder drei unterhaltende Geſchichten, ſang einige muntere Lieder; die Gaͤſte waren ent⸗ zuͤckt, und der alte Hudſon vorzuͤglich, der mich von nun an einlud ſein taͤglicher Gaſt zu ſein. Viele der Tiſchgenoſſen folgten ſeinem Bei⸗ ſpiele, welches mir nicht wenig ſchmeichelte, da der Herr Vetter ſich bei dieſem Mahle gegenwaͤr⸗ tig befand, und nun ſelbſt Zuſchauer war, wie ich in einer Geſellſchaft geehrt wurde, in welcher er, ungeachtet ſeines Reichthums, doch gewiſſer⸗ maßen nur fuͤr eine Null galt. Auf unſerm Nachhauſe⸗Wege ſagte er zu mir: „Ich wollte ihnen, Herr Baſilius Lowe, we⸗ der rathen, von allen dieſen Einladungen Gebrauch zu machen, noch ſich mit dem jungen Hudſon naͤher einzuüaſſen Wer ſchon reich iſt, und ſein N 92 Vermoͤgen gerne wieder verſchwenden will, kann wohl ſolche Geſellſchaften frequentiren; aber wer ſein Gluͤck erſt machen will, thut beſſer davon weg zu bleiben.“— Ich war in dieſem Augenblicke nicht in der Laune, den weiſen Rath zu benutzen, vorzuͤglich da ich nicht unterlaſſen konnte mir einzubilden, daß er wenigſtens zum Theil durch Neid uͤber mei⸗ ne vorzuͤglichen Talente erzeugt ſei. Meine Frau unterſtuͤtzte ihn jedoch durch manche wohlmeinende Beweiſe, indem ſie mir vorſtellte, daß dieſe Leute, welche mich als einen guten Geſellſchafter an ſich zu ziehen ſuchten, nur die Befriedigung ihres eigenen Vergnuͤgens vor Augen haͤtten, waͤhrend der Vetter, vom erſten Augenblicke an, ſeine Be⸗ reitwilligkeit mir nuͤtzlich zu werden, gezeigt habe. Sie wußte mir dies ſo einleuchtend zu machen, daß ich ihr endlich mein Wort gab, fuͤr die naͤch⸗ ſten vierzehn Tage jede dieſer Einladungen abzu⸗ ſchlagen, und mich nur den Geſchaͤften zu widmen, welche Croft mir anweiſen wuͤrde. Wirklich kann auch niemand emßiger ſein, als ich es waͤhrend der folgenden zehn Tage war, und obgleich es nicht des Vetters Art ſchien, jemanden zu loben, —qx — — 93 merkte ich doch, daß er vollkommen zufrieden mit mir war. Ungluͤcklicher Weiſe verſchob ich es am Morgen des eilften Tages eine Factur aus⸗ zufertigen, die er mir in dieſer Hinſicht uͤberge⸗ ben hatte, und ließ mich am Abend uͤberreden mit dem jungen Hudſon auszugehen. Geſpraͤchs⸗ weiſe hatte ich einſt meine Neugierde geaͤußert, eins von den Froſch⸗Concerten zu hoͤren, von denen in unſern neueren Reiſebeſchreibungen ſo oft die Rede iſt.*) b ——:;ʒꝛ·— *)„Ich geſtehe, daß das erſte Froſch⸗Concert, wer⸗ ches ich in Amerika hörte, alle Begriffe üͤberſtieg, die ich mir von der Kraft dieſer Muſikanten gemacht hatte. Man konnte die Ausführung wohl al Fresco nennen. Sie fand Statt in der Nacht des 18. Aprils, in einem großen Sumpfe, in wel⸗ chem ſich zum wenigſten zehntauſend ſolcher Künſtler befanden, von denen aber nicht zwei in demſelben Tone blieben.— Ein Kunſtliebhaber, der mehrere Jahre in dieſem Lande verlebte, und ſich beſonders auf dieſes Studium kegte, erzählte mir ſpäter: daß bei ſolchen Gelegenheiten der Discant von drei der kleinſten und in ihrer Art ſchönſten Fröſche vorge⸗ tragen wird, die immer von der nämtichen Farbe der Ninde des Baumes ſind, den ſie bewohnen, und deren Ton dem Gezirpe der Grille zu vergleichen iſt. Die ihnen an Größe am 1„ 94 Herr Hudſon lud mich alſo ein, ihn zu einem zwei Meilen entfernten Sumpfe zu beglei⸗ ten, wo ein ſolches Concert gegeben werden ſollte. Die Auffuͤhrung dauerte etwas lange, es war ſpaͤt, ehe wir zur Stadt zuruͤckkehrten, ich legte mich erſchoͤpft zu Bette, und wachte am andern Morgen mit einer tuͤchtigen Erkaͤltung auf, die ich mir durch das Stehen an dem feuchten Orte zugezogen hatte. Um dieſe wieder aus dem Koͤr⸗ per zu bringen, lag ich eine gute Stunde uͤber die gewoͤhnliche Zeit; endlich fiel mir meine Far⸗ tur ein, ich warf mich in die Kleider, und be⸗ ſchloß die Ausfertigung derſelben mein erſtes Ge⸗ ſchaͤft nach dem Fruͤhſtuͤck ſein zu laſſen. Un⸗ gluͤcklicher Weiſe aber kam mir Homer's Krieg nächſten kommenden tragen den Alt vor, und ihre Töne grei⸗ chen dem Hin⸗ und Herziehen einer Säge. Eine noch grögere Art ſingt Tenor, und die tiefen Töne werden durch die Stier⸗Fröſche hervorgebracht, welche einen Fuß lang ſind, und den Baß ſo laut hervorblöcken, als das Thier, von dem ſie den Beinamen tragen.“— Auszug eines Briefes aus P hita⸗ delphia. S. William Prieſt's Reiſen in die vereinten Staaten von Nord⸗Amerika. 1 * 95 der Froͤſche und Maͤuſe in den Kopf; ich mußte durchaus eine Stelle darin nachſchlagen. In Croft's Bibliothek befand ſich ein ſolches Buch nicht, wie man leicht denken kann, ich lief alſo geſchwind uͤber die Straße in einen Buch⸗ laden, um es mir zu borgen. Der Buchhaͤndler hatte Pope's Ueberſetzung der Iliade und Odyſ⸗ ſee, aber keinen Froſch⸗ und Maͤuſekrieg. Meine Wißbegierde zog mich durch die halbe Stadt, bis ich es endlich aufgetrieben, und nun im Triumph zu Hauſe kehrte, jede Taſche mit ci⸗ nem Theile des Homer's beladen. An unſerer Thuͤre fand ich ein halb Dutzend Auflaͤder, mit ſchweren Ballen auf ihren Ruͤcken; eine ganz andere Ladung!— „Wohin wollt ihr gehen, Leute?— fragte ich. „Nach dem Hafen, Herr, mit der Ladung fuͤr die Betzy.“— „Lieber Himmel, rief ich, ſo wartet doch noch eine Minute, ich glaubte die Betzy wuͤr⸗ de erſt morgen abſegeln!— Nur einen Augen⸗ blick Geduld!“ „Das koͤnnen wir nicht, Herr,“ war die 96 Antwort,„der Kapitain hat uns befohlen, die Ladung ſo ſchnell als moͤglich an Bord zu ſchaffen.“ Ich rannte ins Heus, und fand den Kapi⸗ tain der Betzy, mit dem Hut hinten auf den Kopf geſetzt, auf der Diele herumſchreien; Herr Croft ſtand an der Thuͤre des Speichers, mit offnen Briefen in der Hand, und mehrere Hand⸗ lungsdiener liefen mit Federn hinter den Ohren der Kreuz und Quer. „Herr Lowel die Factur!“— ſchrien alle auf einmal, ſobald ſie mich nur erblickten. „Herr Baſilius Lowe, die Factur, und die Copie davon, wenn es ihnen gefaͤllig waͤre,“ wiederholte der Principal,„wir haben bereits drei Boten nach ihnen geſandt. Es iſt ſonderbar, zu dieſer Tageszeit auszugehen, und nicht ein⸗ mal ein Wort zu hinterlaſſen, wo man ſie finden ſoll.— Der Kapitain hat ſchon eine halbe Stunde auf die Factur gewartet.— Nun, Herr, werden ſie ſie holen?— Bringen ſie zugleich die Copie mit, um ſie dieſem Briefe beizufuͤgen, der an unſern Correſpondenten mit der Poſt ab⸗ gehen wird.“— Ich ſtand wie verſteinert und ſtammelte: —— 97 „Die Factur!— Großer Gott, ich hatisſ ſie gaͤnz⸗ lich vergeſſen!“— „So werden ſie jetzt wohl wieder daran denken; ſchieben ſie ihre Entſchuldigungen bis z gelegenerer Zeit auf, und geben ſie ſie her.“— Endlich mußte das Geſtaͤndniß folgen, daß ſie noch nicht ausgefertigt ſei.— „Nicht ausgefertigt!— Unmoͤglich!“— rief Herr Croft. „Dann habe ich hier laͤnger nichts zu thun,“ ſchrie der Kapitain mit einem furchtbaren Fluche, „und um keines Handlungsdieners in der ganzen Chriſtenheit willen, warte ich auch nur einen Au⸗ genblick laͤnger!“ „Schickt mir die Auflaͤder zuruͤck, Kapitain, ſagte Croft gelaſſen,„die ganze Ladung muß um⸗ gepackt werden. Ich nahm es fuͤr eine ausge⸗ machte Sache an, daß der Herr da die Factur geſtern Morgen ausfertigen werde, und ließ da⸗ her die Guͤter geſtern Abend packen. Es war dumm von mir zu glauben, dieſer Mann koͤnne puͤnktlich ſein. Ein Geſchaͤftsmann ſollte nie ſo etwas fuͤr ausgemacht halten, und es ſoll mir nicht zum zweitenmale begegnen!“— E. I.— 7 98 Ich wollte mich entſchuldigen, aber ohne weiter darauf zu hoͤren, wandte er ſich von mir und folgte den Auftaͤdern in den Speicher, wo die Guͤter wieder ausgepackt wurden. „Vermuthlich brachten ſie den geſtrigen Abend mit dem jungen Hudſon zu?“— ſagte er, in⸗ dem er zuruͤckkehrte. „Ja, und es thut mir wahrlich leid“—— „Reue hilft bei ſolchen Gelegenheiten we⸗ nig,“ ſiel er mir in die Rede.„Meiner Mei⸗ nung nach hatte ich ſie hinlaͤnglich vor dieſer Freundſchaft gewarnt; mitternaͤchtliche Gelage taugen nicht fuͤr den Geſchaͤftsmann.“— „Gelage!— ſtotterte ich; erlauben ſie mir ſie zu verſichern, daß dieſe nicht ſtatt fanden.— Wir waren bei einem Froſch⸗Concert.“ Herr Croft, der bis hierher ſeinen Unwil⸗ len noch ziemlich unterdruͤckt hatte, machte jetzt ein grimmiges Geſicht, weil er glaubte, ich wolle einen Scherz mit ihm treiben; als ich ihn aber von dem Ernſt meiner Rede uͤberzeugt hatte, ver⸗ wandelte ſich ſein Aerger in Erſtaunen, und na⸗ ſeruͤmpfend rief er voll Verachtung aus: „Ein Froſch⸗Coneert!— Iſt es moglich, 99 daß man ein wichtiges Geſchaͤft vernachlaͤſſigen koͤnne, um einen Haufen Froͤſche in einem Sumpf quacken zu hoͤren!— Herr, ſie taugen nichts in einem Kaufmannshauſe!“— Mit dieſen Worten drehete er ſich um, ging in ſein Waarenlager, und ließ mich beſchaͤmt und beleidigt ſtehen. Alle Hoffnung auf des Vetters fernere Freund⸗ ſchaft war nun zerſtoͤrt. Er begegnete mir waͤhrend der noch uͤbrigen Friſt der vierzehn Tage, die wir in ſeinem Hauſe zubrachten, hoͤchſtens mit kalter Hoͤflichkeit; jedoch hatte er die Guͤte, ſich nach einer wohlfeilen und ziemlich bequemen Wohnung fuͤr meine Frau und mein Kind umzu⸗ ſehen, die er, wie er ſich ausdruͤckte, fuͤr ſeine Baſe bezahlen wuͤrde, ſo lange wir in Amerika blieben, oder bis ich mich in einer mir anſtaͤn⸗ digen Lage befaͤnde. Luzie ſchien ſich ſeine Nei⸗ gung erworben zu haben; er nannte ſie oft eine wohlerzogene, gutmuͤthige, geſcheute junge Frau, die er ſich nie ſchaͤmen wuͤrde als Verwandte an⸗ zuerkennen. Bei unſerm Auszuge aus ſeinem Hauſe wiederholte er mir ſeine Bereitwilligkeit, mir jede vernuͤnftige Huͤlfe zu der Ausfuͤhrung irgend eines fuͤr mich paßlichen Plans zu leiſten; 7 N 100 nur ſei ſeine feſte Ueberzeugung, daß ich mich nicht zum Kaufmannsſtande ſchicke. Ich liebte dieſen Mann nie, weil er, meiner Anſicht nach, ein zu puͤnktlicher Automat war; doch wuͤrde ich mehr bei dem Verluſte ſeiner Freundſchaft gefuͤhlt, ihm meine Dankbarkeit wegen ſeines Betragens gegen mein Weib und Kind lebhafter ausgedruͤckt haben, waͤre mein Kopf nicht zu der Zeit voll vom jungen Hud⸗ ſon geweſen, der mir die waͤrmſte Freundſchaft bewies, mir Gluͤck wuͤnſchte zu meiner Befreiung aus den mercantiliſchen Klauen des Vetters, und nicht aufhoͤrte zu verſichern, wie es einem Manne von meinem Verſtande und meinen Talenten nie an einem ehrenvollen Fortkommen fehlen koͤnne. Ich befand mich faſt taͤglich in ſeines Vaters Hauſe, unter einer Menge reicher, luſti⸗ ger Leute, die ſich alle fuͤr meine Freunde und Goͤnner ausgaben. Ich war die Seele des gan⸗ zen geſelligen Kreiſes, ward zu jeder Geſellſchaft eingeladen, und konnte natuͤrlich aus Reſpect gegen Hudſon keine dieſer Einladungen ab⸗ lehnen. So ging das Leben von Tage zu Tage, 4 — 101 von Woche zu Woche, von Monat zu Monat fort; man nannte mich den erklaͤrten Liebling des alten Herrn Hudſon, und jeder fliſterte mir in die Ohren, wie der im Stande ſei mein Gluͤck zu machen. Ein kuͤhner Plan, um dies zu er⸗ langen, war ſchon in meinem Kopfe fertig. Die Regierung ſollte mir ein betraͤchtliches Stuͤck Land in Lounifiana abtreten, und durch eine, unter meinen Freunden in Philadelphia ge⸗ machte Subſcription dachte ich mich dort anzu⸗ bauen. Die voorrgeſchoſſenen Gelder ſollten in verſchiedenen Terminen wieder abgetragen werden; Arbeiter glaubte ich reichlich mit den naͤchſten Schiffen aus Schottland und Irland zu erhalten, die gewiß von Emigranten wimmeln wuͤrden. Zu gelegener Zeit, nach dem Mittags⸗ oder Abendeſſen, gab ich meinen Plan herum, und hatte bald eine anſehnliche Liſte Subſeriben⸗ ten, an deren Spitze der alte Hudſon ſeinen Namen neben einer betraͤchtlichen Summe zeichnete.— Da aber nichts vor dem naͤchſten Fruͤhlinge, wenn die Schiffe ankommen wuͤrden, unternom⸗ men werden konnte, brachte ich meine Zeit auf 102 die naͤmliche geſellige Weiſe zu. Der Fruͤhling kam,— indeß war die Antwort von der Regierung, wegen des abzutretenden Landes, noch nicht da. Der alte Hudſon, welcher den Vermittler in dieſer Sache machte, ſprach unaufhoͤrlich mit der groͤßten Sicherheit von der unfehlbarkeit die⸗ ſes Plans, und den Mitteln, die er in Haͤnden habe ihn durchzutreiben, ſo daß jedermann der ihm zuhoͤrte glauben mußte, die Goldminen von Peru könnten bei dieſer Unternehmung erbeutet werden, und Hudſons Wort gaͤlte mehr als das des Praͤſidenten der vereinigten Staaten. Ein volles Jahr verlebte ich in dieſer Taͤuſchung, bis ich endlich ſah, daß er ein Prahler und Aufſchnei⸗ der ſei; indeß gehoͤrte doch noch ein zweites Jahr dazu, bis ich zur Ueberzeugung gelangte, daß er zugleich der eigennützigſte und faulſte aller Sterblichen waͤre. Es gefiel ihm, mich immer als Luſtigmacher an ſeinem Tiſche zu haben; wei⸗ ter aber hatte er durchaus keine Achtung fuͤr mei⸗ ne Perſon, noch Sorge fuͤr mein Fortkommen. Er wollte jemand haben, dem er unaufhoͤrlich von ſeinen weitlaͤuftigen Beſitzungen, ſeinen Verbeſ⸗ ſerungen und außerordentlichen Anlagen vor⸗ 103 ſchwatzen konnte; wollte ich aber das Geſpraͤch auf meine eigenen Angelegenheiten wenden, ſo begann er zu gaͤhnen, ſtreckte ſich auf dem Sopha aus, und ſchien in einen ſuͤßen Schlummer zu ſinken. Sobald ich nur das Wort Subſcrip⸗ tion nannte, ſagte er mit einem muͤrriſchen Blick: davon wollen wir morgen ſprechen. Von allen denen, welche unterzeichnet hatten, zahlten kaum vier jemals einen Schilling in meine Haͤnde. Ihre Entſchuldigung lautete immer: „wenn die Regierung wegen des abzutretenden Landes eine Antwort erlaſſen hat, wollen wir bezah⸗ len.“— Die Regierung aber antwortete:„ſobald die Gelder richtig eingegangen ſind, werden wir das Land anweiſen.“ Ich war aufs Aeußerſte gebracht, glaubte aber doch mein Gluͤck nicht von mir ſtoßen zu duͤrfen, und that alles meine Freunde bei guter Laune zu erhalten. Zu meiner groͤßten Qual mußte ich alſo immer derſelbe froͤhliche Geſellſchafter ſcheinen, lachen, ſingen, trinken, waͤhrend mein Herz ſchwer von Kummer belaſtkt war. 3 Nachdem ich in dieſem Zuſtande zwei Jahre vergebens geharrt, bat Luzie, die alles lange vor⸗ hergeſehen hatte, ich moͤchte mich aus dieſer muͤſſigen 104 Geſellſchaft zuruͤckziehen, und die Verwaltung einer kleinen Pflanzung, in Verbindung mit einem jauͤngeren Bruder des Herrn Croft, annehmen. Meine Frau, die des alten Vetters Achtung immer mehr durch ihr muſterhaftes Betragen gewann, hatte ihn endlich zu dieſem Anerbieten vermocht; ich aber zoͤgerte ſo lange mit meinem Entſchluſſe, in Erwartung der groͤßeren Dinge die da kommen ſollten, bis es zu ſpaͤt war. 3 Meine einzige Hoffnung gruͤndete ſich nun noch auf den jungen Hudſon, der auch eine betraͤchtliche Pflanzung in Jamaika, als Erb⸗ theil feiner Großmutter, zu empfangen hatte. Im naͤchſten Jahre wurde er muͤndig, und gelangte zu dem Beſitze derſelben; aus Freundſchaft fuͤr mich wollte er ſie alsdann verkanfen, und ei⸗ nen Theil der daraus geloͤsten Summe auf meinen Plan verwenden, von dem er eben ſo uͤbertriebene Erwartungen hegte, als ich ſelbſt. Er war uͤber⸗ haupt großmuͤthiger, freigebiger ja verſchwendri⸗ ſcher Natur, ich hatte einen eutſchiedenen Ein⸗ fluß uͤber ihn, und bin uͤberzeugt, daß er in die⸗ ſem Augenblicke alles in der Welt fuͤr mich ge⸗ opfert haben wuͤrde. Der einzige Erſatz, den er 103 meinerſeits forderte, war fuͤrs erſte, ſein beſtaͤn⸗ diger Geſellſchafter zu bleiben. Ich mußte ihn auf die Jagd und den Fiſchfang begleiten, ſobald die Jahreszeit es erlaubte. Im Winter gab es andere Beluſtigungen; Hudſon war ein großer Schlittſchuhlaͤufer, und fand ungemeines Vergnuͤ⸗ gen, mich in dieſer edlen Kunſt, auf Unkoſten mei⸗ ner Hirnſchale, zu unterrichten. Auch beluſtigte es ihn, mich im Schlitten ſpatzieren zu fahren, und an manchem kalten Wintertage bequemte ich mich aus Gefaͤlligkeit dazu, wenn es mir weit gemuͤth⸗ licher geweſen ſein wuͤrde, mit meiner Frau vor dem Kaminfeuer zu ſitzen. Die arme Luzie brachte dann freilich ihre Zeit waͤhrend dieſer drei Jahre, auf eine ſehr truͤ⸗ be Weiſe, faſt immer allein in ihrem Stuͤbchen hin. Doch launte ſie nie, wenn ich nach Hauſe kam, ſondern empfing mich ſtets auf die freundlichſte Art, ſelbſt wenn ſie bis lange nach Mitternacht nach mir aufgeſeſſen hatte. Es ſchmerzte mich innig, ſie ſo verlaſſen zu ſehen; aber ich troͤſtete mich mit dem Gedanken, daß dieſe Zeit bald vor⸗ uͤber ſein, mein Freund ſein Verfprechen erfuͤllen, und wir dann vereint gluͤcklich mit einander leben 106 wuͤrden. So ſuchte ich ſie auch zu verſichern, daß die gegenwaͤrtige Weiſe meine Tage im Muͤßig⸗ gange zu verſchwenden, ganz und gar nicht nach meinem Geſchmacke ſei, daß ich mich oft unbe⸗ ſchreiblich nach ihrer Geſellſchaft ſehne, aber nur gezwungen dieſe Mittel gebrauchen muͤſſe, um meinen Zweck zu erlangen.— Sie blieb immer ſanft und ruhig, und als ſie ſah, daß ſie nicht laͤnger unabhaͤngig mit ihrem Kinde leben koͤnne, unternahm ſie es, junge Frauenzimmer in allerlei kuͤnſtlichen Handarbeiten, in denen ſie Meiſterin war, zu unterrichten. Die Miethe nahm ſie von dem Vetter an, jede andere Unterſtuͤtzung von ihm ſchlug ſie unter dem Vor⸗ wande ab, daß es ihr Beduͤrfniß ſei, ſich ſelbſt mehr zu beſchaͤftigen. So forderte ſie nie erwas zu ihrem Unterhalt von mir, und ſo tief ich dies fuͤhlte, ſo achtete ich ſie doch noch hoͤher, weil ſie mir nie den geringſten Vorwurf uͤber meine Lebens⸗ weiſe machte, waͤhrend andere Weiber, die ihrem Manne etwas erſparen oder erwerben, ihn durch dieſen Erſatz taufendmal mehr durch Keiſen und Schmollen leiden laſſen, als ſie ihm in klingender Muͤnze einbringen. Dies war durchaus nicht ihre — 107 Art, wenn ſie auch einmal ſanft ihre Meinung ſagte, und deshalb achtete und liebte ich ſie immer mehr, und ſah dem Tage mit Entzuͤcken entgegen, wo ich ſie in eine guͤnſtigere Lage verſetzen koͤnne. Der Zeitpunkt ſchien nahe. Mein Freund ſollte ſchon binnen ſechs Wochen muͤndig erklaͤrt werden, als ungluͤcklicher Weiſe eine Truppe Co⸗ moͤdianten von London in Philadelphia anlangte. Hudſon, der auf alles brannte, was nur den Namen Unterhaltung trug, beſtand dar⸗ auf, daß ich mit ihm in die erſte Vorſtellung ge⸗ hen ſollte. Unter den Schauſpielerinnen befand ſich ein Maͤdchen, Namens Marianne, die alltaͤglich genng war, nicht zu gut;, um unter einer Bande herumſtreifender Comödianten aufzu⸗ treten; doch tanzte ſie ziemlich, und tanzte gerade an dem Abende viel in jedem Zwiſchenact. Hudſon gerieth in Entzuͤcken, er klatſchte ihr un⸗ aufhoͤrlich Beifall zu, und jemehr ich ihm zu be⸗ beweiſen ſuchte, daß nichts Außerordentliches da⸗ bei ſei, jemehr vergoͤtterte er die Theaterprinzeſ⸗ ſin. Ich wuͤnſchte ſie in meinem Innern nach Nova⸗Zembla, denn ich ſah es ankommen, daß er ſich in ſie verlieben wuͤrde, und hatte eine dunkie 108 Ahnung von allen uͤblen Folgen, die daraus fuͤr mich entſtehen wuͤrden. Um kurz zu ſein, ſeine Freundſchaft gegen mich nahm in dem Maße ab, als ſeine Leidenſchaft fuͤr das Maͤdchen zunahm, da ich nicht ermangelte, ihm haͤufige Vorſtellungen uͤber dieſen Gegenſtand zu machen, und alles nur Mögliche that, ihm die Augen zu oͤffnen. Ich ſah die verfuͤhreriſchen Kuͤnſte der Schoͤnen, ſah wie ſte die Sproͤde ſpielte, um ihn immer mehr in ihr Garn zu locken, und ihn zu einer Heirath zu zwin⸗ gen. Er war halsſtarrig und heftig in allen ſei⸗ nen Leidenſchaften, ſtritt ſich mit mir, entfloh mit ſeiner Donna nach Jamaika, heirathete ſie an dem Tage, da er muͤndig ward, und ſiedelte ſich mit ihr auf ſeiner Pflanzung an.— Da lag wieder das ganze Gebaͤude meiner ſchoͤnen Hoff⸗ nungen!—— Luzie, die in jeder Noth meine Zuflucht war, troͤſtete mich, indem ſie mir ſagte, ich habe meine Pflicht gethan, da ich des Freundes Thorheit auf Un⸗ koſten meines eignen Gluͤcks bekampft haͤtte. Sie verſicherte mich deshalb noch mehr zu lieben. Als ich mich recht bedachte, haͤtte ich meine Gefuͤhle und Lage nicht mit der ſeinigen vertauſchen moͤ⸗ 1 4 109 gen. Ueberhaupt ſcheint es mir, als ſei es wirk⸗ lich Schade darum geweſen, daß ich bei manchen guten Eigenſchaften und Talenten, die in mir lagen, nie den einen boͤſen Fehler in mir uͤber⸗ winden konnte, der zur Gewohnheit geworden war. So war ich auch diesmal durch Luziens ſanfte Ermahnungen feſt entſchloſſen, an Herrn Croft zu ſchreiben, und ihn um einen zweiten Verſuch, in welcher Art er wolle, zu bitten, verſchob aber das Abſenden des Briefes bis zum naͤchſten Tage. Da war der Alte gerade an dem naͤmlichen Morgen nach einem entfernten Theil des Landes gereiſt, um eine eben verheira⸗ thete Tochter zu beſuchen. Dies ſtoͤrte alle meine guten Entſchluͤſſe, machte mich unmuthig, und um mich zu zerſtreuen, beſchloß ich auf die Jagd zu gehen. Ich ſchoß einige Faſanen, die ich, meiner Gewohnheit nach, in die Kuͤche des Alten Hudſon trug, und ſie der Koͤchin uͤbergab. Zufaͤllig blieb ich dort ei⸗ nige Augenblike ſtehen, um einen Lieblingshund zu fuͤttern, und waͤhrend die Koͤchin anfing die Voͤgel auszunehmen, bemerkte ich in dem Kropf des einen mehrere hellgruͤne Blaͤtter und Knos⸗ 110 pen, welche ich fuͤr Blaͤtter und Knospen der Kalmia latifolia, einer giftigen Staude, hielt. Ganz ſicher war ich freilich meiner Sache nicht, da ich leider mein Bißchen Botanik, wel⸗ ches ich fruͤher gewußt, faſt gänzlich wieder vergeſ⸗ ſen hatte. Ich nahm die Blaͤtter mit mir nach Hauſe, um ſie gehoͤrig zu unterſuchen und zu vergleichen, und bat die Koͤchin, die Voͤgel nicht eher zuzubereiten, bis ich etwas von mir ſehen oder hoͤren ließe, welches ich auf den naͤch⸗ ſten Tag verſprach. Am naͤchſten Tage aber, als ich in einen Buchladen lief, um in einem botani⸗ ſchen Werke nachzuſchlagen, wurde meine Auf⸗ merkſamkeit durch einige eben von London ange⸗ langte neue Flugſchriften angezogen, und ſo ver⸗ ſchob ich die Unterſuchung der Kalmia latifo- lia bis auf den folgenden Tag. Morgen iſt es noch Zeit genug, ſagte ich zu mir ſelbſt, denn ich bin gewiß, die Koͤchin wird die Faſanen heute nicht zu Tiſche bringen, da der alte Hudſon ſie doch nicht eher eſſen mag, bis ſie einen etwas wilden Geſchmack angenommen haben. Der morgende Tag kam, die Blaͤtter wur⸗ den bis gegen Abend vergeſſen, wo ich ſie auf 111 meinem Tiſche liegen ſah, ſie aber aus dem We⸗ ge raͤumte, in der Beſorgniß, mein kleiner Jun⸗ ge moͤge ſie finden und daran naſchen. Es war mir fatal, daß ich wieder heute nicht daran gedacht hatte, doch troͤſtete ich mich mit demſelben Ge⸗ danken, als geſtern. Nun aber die Blaͤtter mir aus dem Geſichte waren, kamen ſie vollends aus meinem Gedaͤcht⸗ niſſe. Ich war den folgenden Mittag zu einem großen Gaſtmahl beim Buͤrgermeiſter der Stadt eingeladen, und ward nach Tiſche, wie gewoͤhnlich, gebeten, die Geſellſchaft durch meinen Geſang zu unterhalten. Kaum hatte ich ein ſroͤhliches Trink⸗ lied begonnen, als ein Herr athemlos hereingeſtuͤrzt kam, um uns zu erzaͤhlen, daß der alte Hud⸗ ſon und drei ſeiner Gaͤſte auf einmal, nach⸗ dem ſie Faſane gegeſſen hatten, von den fuͤrchter⸗ lichſten Convulſionen ergriffen worden waͤren. Er ſetzte hinzu, man zweiſte an ihrem Aufkommen⸗ Das Blut ſtockte mir in den Adern, und ein un⸗ willkuͤhrlicher Ausruf von mir: Gott, ich bin Schuld daran!— machte, daß aller Augen ſich mit Erſtaunen und Abſcheu auf mich richteten. Ich ſiel bewuſtlos in meinen Stuhl zuruͤck, und 112 weiß nicht was weiter vorgefallen ſein mochte. Als ich zur Beſinnung kam, ſand ich zwei Mann Wache bei mir im Zimmer; Flaſchen und Glaͤſer ſtanden noch auf dem Tiſche, aber die Gaͤſte hat⸗ ten ſich entfernt, und wie mir meine Huͤter berich⸗ teten, war der Buͤrgermeiſter nach Hudſons Hauſe gegangen, um ſeinen letzten Willen zu ver⸗ nehmen. Das Geruͤcht hatte wieder in dieſem, wie in ſo manchem andern Falle, das Uebel vergroͤßert. Herr Hudſon, obgleich ſehr krank, war nicht ſterbend. Seine drei Gaͤſte genaſen nach eini⸗ gen Stunden Unwohlſeins; der alte Herr aber, der am meiſten zu ſich genommen haben mochte, meinte, er habe ſich ſelbſt waͤhrend zwei voller Tage nicht wieder erkannt. Am dritten war er indeß ſchon⸗ wieder im Stande Geſellſchaft zu geben, wie ge⸗ woͤhnlich, wodurch mein Herz von einer großen Buͤrde befreit ward. Nach genauer Unterſuchung wurde der Buͤr⸗ germeiſter voͤllig von meiner unſchuld uͤberzeugt. Die Koͤchin hatte die Wahrheit berichtet, ſich ſelbſt getadelt, daß ſie mich nicht erſt gefragt, indeß hinzugeſetzt, ſie habe geglaubt, ich muͤſſe nichts 113 Giftiges gefunden haben, da ich ihr keine weitre Nachricht ertheilt haͤtte. Ich wurde auf freien Fuß geſtellt, und ging heim zu meiner Frau, die mich mit der groͤßten Innigkeit an ihre Bruſt ſchloß, ohne ein Wort zu ſagen. An der Groͤße ihrer Freude konnte ich indeß deutlich den Grad der Angſt abnehmen, in welcher ſie waͤhrend meiner Abweſenheit geſchwebt hatte. Im Verlauf einiger Tage war dieſe Bege⸗ benheit der Gegenſtand des allgemeinen Geſpraͤchs in Philadelphia. Die Geſchichte wurde auf ztauſenderlei verſchiedene Weiſe erzaͤhlt, und mei⸗ ner nicht im guͤnſtigſten Lichte dabei gedacht. Man tadelte mich uͤber den Punkt, wie ich es mit Recht verdiente, meinte aber, daß dieſe Saumſelig⸗ keit unbegreiflich, ja unverzeihlich ſei, da wo es auf das Leben von Perſonen ankaͤme, bei denen ich Jahre lang ſo viel Gutes genoſſen haͤtte. Die Boshaften ſetzten hinzu: oögleich ich jetzt durch den Buͤrgermeiſter und die Gutmuͤthigkeit des alten Hudſon ſo davon gekommen ſei, muͤſſe doch noch wohl etwas darunter verborgen liegen, und einige ſprachen es ſogar laut aus, die ganze E. 1. 8 114 Geſchichte mit den Blättern der Kalmia la⸗ rifolla⸗ Staude ſei erdichtet, da Voͤgel wohl nicht durch ſolche Speiſe vergiftet werden koͤnn⸗ ten. Damit es nun zu einem ſolchen Verbrechen mir auch nicht an gehoͤrigem Beweggrund fehlen ſollte, fliſterte man ſich zu: der alte Hud ſon habe mir, im Falle ſeines Ablebens, ein betraͤcht⸗ liches Legat verſprochen, welches ich wohl nicht laͤnger habe erwarten koͤnnen, um meine hochfah⸗ renden Plaͤne in Ausfuͤhrung zu bringen. Die ſchnelle Veraͤnderung im Benehmen aller meiner Bekannten erſtaunte und verdroß mich; ich ſah mich bald gaͤnzlich verlaſſen. Es ſchien mir faſt unmoͤglich, daß dieſelben Menſchen, welche ſo lan⸗ ge mit mir in gaſtlicher Vertraulichkeit gelebt, mich bewundert, gelobt, mir geſchmeichelt, ſich tauſendmal meine beſten, aufrichtigſten Freunde genannt hatten, mich nun auf einmal, ohne die geringſte Wahrſchein⸗ lichkeit, des ſcheuslichſten Verbrechens faͤhig halten konnten.— Die Meiſten ſchienen ſich kaum die Muͤhe geben zu wollen, weiter uͤber den Grund oder Ungrund der Sache nachzudenken, ſondern ergrif⸗ ſen begierig den erſten, beſten Vorwand, um ei⸗ 115 nen Menſchen alzuſchuͤtteln, deſſen Geſchichtchen und Lieder anfingen ihnen langweilig zu werden, und auf deſſen Subſcriptions⸗Liſte ſie ihre Na⸗ men mit Summen unecerzeichnet hatten, die ſie nicht um ſeinetwillen hergeben mochten.—. Dies iſt der Lauf der Welt und das Schickſal aller gurmuͤthigen Narren und gar zu gefaͤlligen Schma⸗ rotzer!— Bei der kleinſten Aenderung ihres Gluͤcks koͤnnen ſie gewiß ſein, von allen den theu⸗ ren, werthen Goͤnnern und Freunden verlaſſen u werden.— Sechſtes Kaplitel. Meine Lage in Philadelphia war nun ſo unangenehm, mein innrer Unwille ſo groß, daß ich beſchloß das Land wieder zu verlaſſen. Der einzige wahre Freund, den ich beſaß, der alte Croft, war noch immer abweſend; er wuͤrde mir Gerechtigkeit haben wiederfahren laſſen, denn obgleich er mich nie beſonders liebte, war er zu 8* 116 billig und rechtlich, um ſich von dieſem niedern Vorurtheil gegen mich hinreißen zu laſſen. Noch andere Urſachen hatte ich, um ſeine Abweſenheit zu beklagen; ich konnte Amerika nicht ohne Geld verlaſſen, und er war der einzige Mann, an den ich mich um Beiſtand wenden mochte. Wir hat⸗ ten zwar nicht viele Schulden, welches ich meiner trefflichen Frau verdankte; aber wenn alles bis auf den letzten Pfennig bezahlt ſein ſollte, ſah ich mich genoͤthigt, meine Uhr und andere Kleinig⸗ keiten zu verkaufen, um Geld zur Reiſe uͤbrig zu behalten. An ſolche Dinge war ich nicht ge⸗ woͤhnt, und ſchaͤmte mich zum Pfandverleiher zu gehen, fuͤrchtend, auf dieſem Wege von einigen meiner vormaligen Freunde ertappt zu werden. Ich wickelte mich in einen alten Mantel, druͤckte den Hut tief auf die Stirn, und trat endlich den peinlichen Weg an. Als ich quer durch eine Gaſſe lief, gegeggeten mir mehrere Herrn, welche Arm in Arm mitein⸗ ander gingen; ich ſprang ihnen aus dem Wege, einer aber ſtand ſtill, um mir nachzuſehen, und obgleich ich in eine andere Straße bog, um ihm auszuwei⸗ chen, mußte er mir doch heimlich nachgeſpuͤrt —.— 117 haben, denn als ich wieder aus dem Hauſe des Pfandverleihers kam, ſah ich ihn gerade gegen⸗ uͤber ſtehen. Ich rannte an ihm vorbei, und haͤtte ihn in dem Augenblick mit Vergnügen nie⸗ derſtoßen koͤnnen, ſo verdroß mich ſeine Zudring⸗ lichkeit. Kaum hatte ich das Ende der Gaſſe er⸗ reicht, als ein Knabe hinter mir herkam, der mir meine Uhr wiedergab, und dabei ganz hoͤflich ſagte:„Mein Herr, der andere Herr ſagt, ſie haͤtten ihre Uhr und die Kleinigkeiten aus Ver⸗ ſehen liegen laſſen.“— „Welcher Herr?“— „Den Namen weiß ich nicht; aber er meinte, ich ſahe aus wie ein ehrlicher Junge, und ſo wolle er mir dies anvertrauen, um ihnen damit nachzulanfen. Er trug einen blauen Rock; das iſt alles was ich von ihm weiß.“ Indem ich das Papier oͤffnete, worein die Kleinigkeiten gewickelt waren, fand ich eine Karte mit ſolgenden Worten dabeigelegt: „Barns, mit dem beſten Dank.“— „Barnsl ehrlicher, armer Barns!“ rief ich bei mir ſelbſt; iſt es moͤglich?— Derſelbe 118 Irlaͤnder, deſſen Ueberfahrt nach Amerika ich damals bezahlte!“— Ich rannte ihm auf dem Wege nach, den das Kind mir bezeichnete, und war ſo gluͤcklich, gerade noch ein Stuͤck ſeines Rockzipfels zu er⸗ blicken, als er in ein neues, recht huͤbſch aus⸗ ſehendes Haus ging. Einige Mal wanderte ich vor dem Hauſe auf und nieder, in der Hoffnung, er wuͤrde wieder herauskommen, denn daß dies Haus Barns gehdͤren ſolle, ſchien mir doch un⸗ moͤglich. Endlich fragte ich einen gegenuͤberwoh⸗ nenden Gewuͤrzhaͤndler, der gerade aus ſeiner Thaͤre guckte, wer dort wohne?— „Ein Irlaͤnder, Namens O'Grady.“— „Und ſein Taufname?“— „Verziehen ſie nur ein wenig, er ſteht hier in meinen Buͤchern—— Herr Barnabas O'Grady.“— Nun klopfte ich alſo an Herrn O'Grady's Thuͤr, und ging gerade ins Zim⸗ mer, wo ich ihn, ſeine Frau und ſeine beiden Soͤhne ganz gemuͤthlich am Theetiſche ſitzen fand. Die jungen Maͤnner ſtanden gleich auf, um mir einen Stuhl zu bieten, Barn's hieß mich herz⸗ lich willkommen, freute ſich der Ehre, die ich ſei⸗ 1¹9 nem Hauſe erwieſe, bat mich, ja den beſten Platz am Camin zu nehmen, indem er freundlich hin⸗ zuſetzte:„Sie muͤſſen vor allen Dingen den beſten Platz haben, denn keiner von uns wuͤrde ja je in dieſem Hauſe geſeſſen haben, wenn ſte nicht geweſen waͤren.“— Waͤhrend der Rede des Vaters hatten die Soͤhne mir ſchon den alten Mantel abgenommen, ſich meines Huts bemaͤchtigt, und die Frau war geſchaͤftig, das Feuer recht hell aufzuſchuͤren. In ihrer ganzen Art gegen mich lag etwas ſo unbe⸗ ſchreiblich Ruͤhrendes, daß ich mich der Thraͤnen kaum erwehren konnte. Sie bemerkten dies, und Barns,(denn nie werde ich ihn anders nennen,) glaubte das Geſpraͤch auf etwas Anderes lenken zu muͤſſen, und fragte die Soͤhne: ob ſie die Zeitungen geſehen haͤtten, und was 6 Neues enthielten?— Sobald ich nur meiner Sinne wieder maͤch⸗ tig war, bezeigte ich der Familie meine Freude uͤber die Lage, in welcher ich ſie faͤnde, und fragte, welchem gluͤcklichen Umſtande ſie dies zu verdanken haͤtten?— „Der gluͤcklichſte Umſtand, den ich je in mei⸗ 120 nem Leben gehabt habe, lieber Herr, war der, mich auf einem und demſelben Schiffe mit ihnen zu befinden,“ antwortete Barns.„Wenn ſie ſich damals nicht meiner angenommen haͤtten, wuͤrde ich hier lange noch mit Fuͤßen getreten worden ſein;— aber nach dieſer erſten Huͤlfe wurde mir alles leicht. Meine beiden Soͤhne wurden nicht von mir genommen, und dafuͤr ſegne ſie Gott!— Ich kann es ihnen nie genug dan⸗ ken. Die Jungen konnten nun fuͤr mich und mit mir arbeiten; Hand und Herz waren bei einander, wir trennten uns nie, uͤbergaben alles Erworbene der guten Frau da, arbeiteten und lebten im Anfange ſo ſleißig und ſpaͤrlich, wie wir es immer gewohnt waren, und hielten uns von allen Ausſchweifungen fern. Da ich nun waͤhrend meines Aufenthalts in und um Dublin den Maurerleuten oft Huͤlfe geleiſtet hatte, war mir dies Handwerk keineswegs fremd; ich ver⸗ ſtand meine Kelle zu fuͤhren, fing an in dieſem Fache zu arbeiten, und es gelang mir ſo gut da⸗ mit, daß ich wahrhaftig anfangs hoͤhern Tage⸗ lohn erhielt, als ich zu verdienen glaubte. So ging es auch meinen beiden Jungen; der eine verſtand das Hufſchmidt⸗Handwerk in ſo welt, daß er wohl im Stande war ein Pferd zu be⸗ ſchlagen, der andere machte den Zimmermann, und ſo erhielten ſie Beide gleich vollauf zu thun, bei der Schmiede und auf den Schiffswerften. Fruͤh und ſpaͤt, Morgens und Abends waren wir fleißig, ruͤhrten uns auf dieſe Weiſe ein Jahr⸗ lang herum, und fanden bei beſtaͤndiger Arbeit und reichlichem Tagelohn ein ſehr gutes Aus⸗ kommen. Mein liebes Weib dort legte auch die Haͤnde nicht in den Schooß. Als Maͤdchen hatte ſie beim Backen oft zugeſehen, und den Hand⸗ griff weggekriegt; nun probirte ſie's hier, ſah bald, daß das Gebackene den Kundleuten ſchmeckte, und der Zuſpruch immer reichlicher ward; dies war gleichfalls eine große Huͤlfe.— Endlich brachte ich es ſo weit, Maurermeiſter zu werden, hatte meine Geſellen unter mir, und unternahm es, fuͤr Jemanden ein Haus zu bauen. Das gelang; bald folgte noch eins, und wieder eins, und als ich nun viele Haͤuſer fuͤr meine Nachbarn gebauet hatte, dachte ich, die Reihe koͤnne nun auch wohl an mich kommen, eins fuͤr mich ſelbſt zu bauen, weshalb ich die andern Menſchen, fuͤr 12² welche ich bauete, doch gewiß um keinen Pfennig betrog.— Die Jungen wurden nun auch Mei⸗ ſter in ihren Hanthierungen, und wenn ſie jetzt feine Roͤcke tragen, kann niemand was auf ſie zu ſagen haben, denn ſie ſind mit Ehren dazu gekommen, und ſie kleiden ihnen gut, vielleicht eben aus dieſer Urſache. So ging es denn, um nicht zu breit zu werden, vom Guten zum Beſſern, vom Beſſern zum Beſten, und wenn ich dem lieben Gott einmal Rede ſtehen ſoll, warum es mir ſo vorzuͤglich in der Welt ergangen iſt,— bei meiner armen Seele, ich weiß es ſelbſt nicht, und kann nichts anders darauf antworten, als daß wir nie einen blauen Montag machten, noch jemals etwas bis morgen aufſchoben zu thun, was heute geſchehen konnte.“— Ungeachtet der comiſchen Einkleidung dieſer Bemerkung, mochte ich doch wohl tief ſeufzen, denn mein gutherziger Barns fuhr fort, als wolle er dieſen Seufzer niederdruͤcken:„Freilich ſchickt es ſich nicht fuͤr einen vornehmen Herrn, ſo zu leben, und kaun alſo auch fuͤr Niemand, der nicht gewohnt iſt Mauerſteine zuſammen zu ſetzen, und mit den Haͤnden zu arbeiten, ein Vor⸗ 123 wurf ſein, wenn es ihm, in einem Lande wie Ame⸗ rika, nicht ſo gluͤckt, wie uns.— Waͤre es wohl zu viel Freiheit, wenn ich ſie erſuchte, eine Taſſe Thee mit uns zu trinken, und ein Butterſchnitt⸗ chen von meiner Frauen eignen Fabrik dazu zu koſten? Dreimal gluͤcklich der Tag, da wir ſie in unſerm Hauſe etwas genießen ſehen; moͤchten wir nur im Stande ſein, ihnen auf irgend eine andere Weiſe zu dienen!“— Der redliche Menſch vergaß gewiß in dieſem Augenblicke gaͤnzlich, daß er ſchon meine Uhr und die Kleinodien meiner Frau ausgeloͤſt hatte; er ließ mich uͤberhaupt zu keinem Danke kommen, ſon⸗ dern war unerſchoͤpflich in neuen Anerbiethungen. Als er hoͤrte, daß wir im Begriffe waͤren Ameri⸗ ka zu verlaſſen, bat er es ſich als eine Gnade aus, zu erfahren, mit welchem Schiffe wir gehen wuͤrden. Ich ſtand an, ihm den Namen zu nen⸗ nen, fuͤrchtend er moͤge meine Ueberfahrt bezah⸗ len; hierzu hatte er aber, wie ich ſpaͤter erſuhr, zu viel Zartgefuͤhl. Durch ſein Forſchen bei den Kapitains der nach England ſegelnden Schiffe, hatte er indeß das Rechte ausfindig zu machen gewußt; als wir an Bord kamen, trafen wir 124 ihn und ſeine beiden Soͤhne dort, um Abſchied von uns zu nehmen, welches ſie auf die ruͤhrend⸗ ſte Weiſe thaten, und nachdem ſie fort waren, fanden wir in der Cajuͤte eine große Kiſte fuͤr uns, mit allem moͤglichen Proviant verſehen, das fuͤr die lange Seereiſe nur irgend nuͤtzlich oder angenehm ſein konnte. Wie unrecht that ich dem Mann, als ch damals ſeine Aeußerungen des Danks nicht fuͤr aufrichtig hielt, weil ſie wortreicher waren, als ich ſie von meinen Landsleuten gewohnt war zu hoͤren!— Wenig dachte ich zu der Zeit, daß Barns und ſeine Familie die einzigen ſein wür⸗ den, die mir bei meinem Abſchiede aus Amerika ein freundliches Lebewohl ſagen wuͤrden.— Noch hatten wir die ſo reichlich geſp ſpendeten Vorraͤthe nicht verzehrt, als Englands Kuͤſte ſich ſchon unſerem Auge zeigte. Wir landeten bei Liverpool— Mit unbeſchreiblich traurigem Gefuͤhl ſetzte ich mich in das kleine, dunkle Hin⸗ terſtuͤbchen des Gaſthofs, um den Reſt meines Geldes zu zaͤhlen, und Ueberſchlag zu machen, ob er hinreichend ſei, damit bis London zu kom⸗ men. Iſt dies, rief ich, als die wenigen Gui⸗ —— — 125 neen und das Bißchen Münze vor mir auf dem Tiſche ausgebreitet lagen, iſt dies nun alles, was ich auf dieſer Welt fuͤr mich und Weib und Kind beſitze!— Und iſt dies der Ertrag drei⸗ jaͤhriger Abweſenheit vom Vaterlande!— So wie die Neger von einem Narren ſagen, der eine Reiſe umſonſt gemacht hat, kehre auch ich heim,„mit wenig mehr als das Haar auf mei⸗ nem Haupte.“— Iſt dies das Ende meiner Hoffnungen und Plaͤne!— Was ſoll aus Frau und Kind werden?— Muß ich nicht darauf beſtehen, daß ſie zu ihren Verwandten gehen, bis ich mich im Stande befinde, ihnen die Nothwen⸗ digkeiten und Bequemlichkeiten des Lebens ver⸗ ſchaffen zu koͤnnen!— Thraͤnen brachen bei dieſen Betrachtungen aus meinen Augen hervor, und um ſie vor mei⸗ ner eben eintretenden Frau zu verbergen, raffte ich eine alte Londner Zeitung auf, die neben mir auf dem Tiſche lag, und ſtellte mich emßig darin leſend. Wie groß aber war mein Erſtau⸗ nen, als mein Blick zufaͤllig auf folgenden Ar⸗ tikel fiel: „Herr Baſilius Loweo, oder ſeine Erben 126 werden erſucht, ſich bei dem Advocaten Gregory, in der Cecilien⸗Straße, No. 34., zu melden, allwo ſie eine ſehr guͤnſtige Nachricht zu verneh⸗ men haben.“— Mit einem Freudenſchrei ſprang ich vom Stuhle auf, wiſchte die Thraͤnen von der Zei⸗ tung hinweg, legte ſie in Luziens Hand, deutete mit dem Finger auf den Artikel, und rannte dann wie ein Unſinniger fort, um ſogleich Plaͤtze in der Poſtkutſche auf den folgenden Moͤrgen zu beſtellen. Hier wenigſtens zoͤgerte ich nicht, auch verſaͤumte ich es eben ſo wenig, gleich nach un⸗ ſerer Ankunft in London mich zu dem er⸗ waͤhnten Advocaten zu begeben. Der Mann berichtete mir, daß ein entfern⸗ ter Verwandter von mir, ein reicher Geizhals, geſtorben ſei, und mir ſeine aufgehaͤuften Schaͤtze vermacht, weil ich der Einzige ſeiner Ver⸗ wandten geweſen waͤre, der ihn nie einen ünai⸗ gen Pfennig gekoſtet habe. Manche Menſchen koͤnnen ſich vielleicht mit Recht uͤber ihren Unſtern beklagen; dies iſt eine Beruhigung im Ungluͤck, die mir nimmer zu Theil ward, da ich es mir nie verhehlen konnte, immer 127 durch eigne Thorheit der Urheber meines Mißge⸗ ſchicks geweſen zu ſein.— Das Guͤck iſt mir ſtets ungemein guͤnſtig geweſen. So auch wie⸗ der diesmal; ohne alles Verdienſt, vielmehr aus einer natuͤrlichen Folge meiner Traͤgheit, die mich abhielt einen alten Verwandten zu beſuchen, mußte ich ſchnell von der aͤußerſten Duͤrftigkeit zum groͤßten Ueberfluſſe erhoben werden. Ich nahm alſobald Beſitz von einem ſchoͤnen, in einem angenehmen Theile der Stadt gelege⸗ nen Hauſe, und genoß die unbeſchreibliche Freu⸗ de, alle Annehmlichkeiten des Lebens, welche. Rrichthum verſchafft, mit einer Frau theilen zu koͤnnen, die ſo lange durch meine Schuld im Elende geſchmachtet hatte. Hier muß ich mir aber die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, daß ich weder verſchwenderiſch, noch ausſchweifend wurde; Liebe und Dankbarkeit fuͤr Luzien er⸗ fuͤllten mein ganzes Weſen, und bewahrten mich vor den gewöhnlichen Fehlern, worin ſonſt wohl Menſchen, die ein ſchnelles Gluͤck machen, leicht verfallen. Auch vergaß ich meinen treuen Freund Nun nicht, der mich vormals aus dem Gefäng⸗ niſſe befreit hatte. Ich bezahlte die Schuld, 128 7 welche er auſgegeben hatte, und ließ keine Gelegen⸗ heit voruͤbergehen, ihm meine Freundſchaft und Dankbarkeit zu beweiſen. Jetzt beſand ich mich in einer Lage, in welcher die Lichtſeiten meines Charakters vor⸗ theithafter erſcheinen konnten, und wo der Hauptfehler deſſelben ſcheinbar von keiner Be⸗ deutung war. Nicht mehr Geſchaͤftsmann, brauch⸗ te ich nicht mehr puͤnktlich zu ſein„ und Verzoͤ⸗ gerung, da wo es nur auf Vergnuͤgungen an⸗ kam, war von keiner großen Bedeutung, und diente nur zum unterhaltenden Spott fuͤr meine Freunde. Meine Talente fuͤr die Geſelligkeit wurden bewundert, und das Aufſchieben freund⸗ ſchaftlicher Briefe quaͤlte mich nur inſofern, als ich mich doch endlich genoͤthigt ſah eine Entſchuldi⸗ gung daruͤber zu machen. Obgleich ich uͤber⸗ zeugt war, von meinem Fehler nicht gebeſſert zu ſein, gereichte es mir zur Beruhigung, daß ich nun auch nicht noͤthig habe mich zu beſſern, und gewiß nie in den Fall kommen koͤnne, die well che ich liebte, durch meine Nachlaͤſſigkeit ungluͤck⸗ lich zu machen.. So fuͤhlte ich mich waͤhrend eines Jahres 129 vollkommen gluͤcklich, und ſchmeichelte mir we⸗ nigſtens, die Zeit auch nicht unnuͤtz hinzubringen. Ich benutzte meine Muße, um aliee aͤlteren und neueren Werke uͤber Erziehung zu leſen, pruͤfte genau was mir davon anwendbar ſchien, um mir einen vollkommnen Pian zur Bildung meines Knabens daraus zu ziehen, deſſen Fortſchritte mir ſehr am Herzen lagen. Er war mein einziges Kind, hatte anderthalb Jahre mit mir im Ge⸗ faͤngniſſe zugebracht, er war der Liebling einer Mutter, die ich anbetete, und hatte, aller Mei⸗ nung nach, die auffallendſte Aehnlichkeit mit mir, ſowohl koͤrperlich als geiſtig. Wie viele Urſa⸗ chen ihn zu lieben!— Mit einem Worte, das Kind war meine groͤßte Wonne, und in der That ſo vielverſprechend, wie man es nach ſeinem Alter nur verlangen konnte. Ich bauete ſchon Plaͤne fuͤr ſein kuͤnftiges Fortkommen in der Welt, Plaͤne, wie ſie mein armer Vater fruͤher wohl fuͤr mich entworfen haben mochte! Vor allem aber nahm ich mir vor, uͤber ſei⸗ nen Charakter genau zu wachen, und ihn ſorg⸗ fältig vor dem Fehler des Aufſchubs zu huͤten, E. 1. 4. .9 130 der die geſaͤhrliche Klippe in meinem Leben ge⸗ weſen war. Eines Tages, als ich mich allein in meinem Studierzimmer befand, und mit dem Kopf auf den Ellenbogen geſtuͤtzt, uͤber mein Erziehungs⸗ Syſtem nachdachte, kam meine Frau herein und ſagte mir: ſie habe eben zu ihrem großen Schre⸗ cken gehoͤrt, wie der kleine Heinrich Nun, der zu derſelben Zeit, und von demſelben Arzt wie unſer Baſil, inoeulirt worden ſei, waͤhrend wir in Amerika geweſen waͤren, die natuͤrlichen Blattern bekommen habe, und daran geſtorben ſei. Drei oder vier andern Kindern ſei es eben ſo ergangen, daraus erhelle, daß der Mann wahrſcheinlich ſeine Kunſt nicht recht verſtanden habe. Sie war nun in tauſend Sorgen wegen unſeres Knaben, und fragte mich, ob es nicht rathſam ſei, ihn ſogleich von einem geſchickten Arzte noch einmal inoculiren zu laſſen. „Gewiß, Liebe, gewiß“ antwortete ich;„nur bin ich noch zweiſelhaft, ob wir nicht beſſer thun, ihm die Kuh⸗Blattern einimpfen zu laſſen. Zwar bin ich noch nicht voͤllig eins mit mir dar⸗ uͤber, doch will ich mich ſogleich beim Dorxtor 131 E— erkundigen, und ihn um ſeine Meinung fragen. Ich werde ihn heut Mittag ſehen, er hat verſprochen mit uns zu eſſen. Ein Zufall verhinderte ſein Kommen; ich nahm mir vor, ihm den naͤchſten Tag zu ſchrei⸗ ben, ſchob es aber auf. Luzie kam wieder in mein Studierzimmer, wo ſie gewiß war mich am Morgen zu finden, und erinnerte mich an mein Vorhaben. „Ich habe es gewiß nicht vergeſſen,“ ant⸗ wortete ich,„nur werde ich immer mehr fuͤr die Kuhblattern beſtimmt, weil verſchiedene meiner Freunde ſie eben haben ihren Kindern einimpfen laſſen, bei denen ich gerne erſt den Erfolg ſehen moͤchte.— „Lieber Mann,“ ſagte Luzie bittend, „ſchieb dieſe wichtige Sache nicht auf!— Das Leben unſeres Kindes iſt in ſtuͤndlicher Gefahr“— „In dieſer Gefahr ſind wir nun ſchon drei Jahre geweſen, und ſind ihr immer gluͤcklich ent⸗ ronnen; meiner Meinung nach hat der Knabe auch wirklich die Blattern gehabt. Die geaͤngſtete Mutter hoͤrte nicht auf, mir die Gefahr vor die Seele zu ſtellen, ſie ſagte 9* 132 mir, wie ſie, ſeitdem ſie wiſſe, wie es den ar⸗ men Nun's und Moehreren ergangen ſei, nicht mehr wage den Knaben vor die Thuͤr zu brin⸗ gen, aus Furcht, er moͤge irgendwo angeſteckt wer⸗ den.— Ich ſuchte ſie mit der Ausſicht zu be⸗ ruhigen, er ſolle morgen gewiß auf irgend eine Weiſe incoculirt werden.— 1 „Morgen!— liebſter Mann,“ ſiel ſie mir wieder ins Wort,„verſchiebe es nicht bis mor⸗ gen!— Aus Liebe zu mir, laß es heute ge⸗ ſchehen.“— 9 „So beruhige dich doch nur,“ unterbrach ich ſie;„wenn es irgend moͤglich iſt, ſoll es auch noch heute geſchehen.— Glaube doch, daß ich das Kind gewiß eben ſo ſehr liebe, als du, und eben ſo beſorgt um ihn bin.“— „Davon bin ich uͤberzeugt, Lieber,“ ant⸗ wortete Luzie,„und es lag auch gewiß kein Vorwurf in dem was ich ſagte.— Aber weil du denn entſchieden biſt, laß uns gleich zum Arzt ſähine e⸗ Bei dieſen Worten wollte ſie an der Klin⸗ gel z ſee i hielt ſie zuruͤck. „Klingle nicht, Liebe,“ ſagte ich,„beide 133 Bedienten ſind ausgeſchickt, einer nach dem Buch⸗ taden, um mir die eben herausgekommenen Brieſe uͤber die Erziehung zu holen, der andere in die Spielbuden, um mir einige Kleinigkeiten fuͤr den Knaben einzukaufen.“ .„Die Angſt treibt mich ſo, daß ich lieber ſelbſt zum Arzt gehe, und ihn mit mir zuruͤck⸗ bringe,“ verſetzte Luzie. „Nein, Beſte, ich muß durchaus erſt die Kinder unſeres Freundes ſehen, denen die Kuh⸗ blattern eingeimpft ſind, und will mich gleich dorthin begeben. Es ſind geſunde Kinder, wir koͤnnten die Blattermaterie von ihnen nehmen, und ſo koͤnnte ich den Jungen ſelbſt impfen. Luzie ergab ſich endlich. Ich wollte ihr volle Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, indem ich das ganze Geſpraͤch herſetzte, und dadurch bewies, daß ſie alles anwandte mich zu beſtimmen, und alſo gewiß keine Schuld hatte. Ich allein bin der Schuldige; kaum wird man es glauben, daß ich, ungeachtet aller Vorſtellungen meiner Frau, doch noch binnen zwei Stunden nicht ausging, weil ich erſt einen Auszug aus Rouſſeaus Emil vollenden wollte. Als ich zu dem Freun⸗ 134 de kam, waren die Kinder gerade in die friſche Luft geſchickt; ich ſah ſie alſo nicht. Wenige Stunden koͤnnen oft einen großen Unterſchied zwiſchen Geſundheit und Krankheit, Gluͤck und Ungluͤck machen. Ich ſchob die Inoculaton mei⸗ nes Sohnes bis zum folgenden Tage auf!— In dieſer Zwiſchenzeit kam ein Kutſcher zu mir, um mir ſeine Dienſte anzubiethen. Der Knabe ſpielte gerade bei mir im Zimmer herum, und lief nahe an den Mann hinan, um die ſchoͤnen, blan⸗ ken Knoͤpfe ſeines Rockes zu bewundern. Ich un⸗ terhielt mich ziemlich lange mit dem Kutſcher, that verſchiedene Fragen an ihn, und als ich mich eben entſchloß ihn zu miethen, und ihn auf der Stelle behalten wollte, antwortete er, daß er vor der naͤchſten Woche ſeinen Dienſt nicht an⸗ treten koͤnne, weil eins ſeiner Kinder ſehr krank an den Blattern darnieder liege. Das Wort fuhr mir wie ein Stahl durchs Herz; eine ſchreckliche Ahnung bemaͤchtigte ſich meiner. Schnell ſprang ich von meinem Stuhl auf, und trieb den Mann mit heftigen Drohun⸗ gen zur Thuͤre hinaus. Der arme, harmloſe Knabe ſuchte mich zu beſaͤnftigen, und zog mich 135 beim Rockſchooß wieder herein; ich ſchloß ihn in meine Arme, konnte ihn aber nicht kuͤſſen. Der Gedanke: du biſt ſein Moͤrder, bemaͤchtigte ſich meiner mit ſolcher Gewalt, daß ich ihn zitternd wieder auf die Erde ſetzte. Das erſchrockene Kind lief von mir zu ſeiner Mutter. Ich kann, ich kann nicht bei den Umſtän⸗ den weilen.— Der arme Junge ward wenige Tage darauf krank, und ſtarb in der naͤchſten Woche in den Armen ſeiner Mutter.— Ihre Geſundheit war durch den Kummer, welchen ſie ſeit unſerer Verheirathung erlitten, betraͤchtlich erſchuͤttert. Anfangs die Mißbilligung des Vaters, dann meine Gefangenſchaft, die Trennung von allen ihren Freunden, die ſich mit mir uͤberworfen hatten, ihre Pruͤfungen in Amerika— und nun dieſer letzte, bei weitem haͤrte⸗ ſte Schlag—— Es war zu viel fuͤr ihre Kraͤfte, ſo gerne ſie mir es alles verhehlen wollte, ſah ich ihr ſtuͤndliches Dahinwelken. Da ſie immer eine Neigung fuͤrs Landleben gehabt, und mein einziges Ziel nun nur dahin gerichtet war, dem leiſeſten ihrer Wuͤnſche zuvorzukommen, ſchlug ich ihr vor, unſer Haus in der Stadt zu verkaufen, 136 und uns irgendwo auf dem Lande anzuſiedeln. In der Nachbarſchaft ihrer Eltern befand ſich gerade zu der Zeit ein huͤbſches Landgut frei, deſ ſen ſie fruͤher oft mit Entzuͤcken erwaͤhnt hatte. Ich nahm mir vor es zu kaufen, und verband mit dieſem Plane die geheime Hoffnunge, daß ihre Verwandten dadurch ausgeſoͤhnt, ein neues Band mit uns anknuͤpfen wuͤrden. Ihre Mut⸗ ter ſchien uͤberdies ſeit der reichen Erbichaft ſchon andere Geſinnungen gegen mich zu hegen. Luzie bezeigte mir ihre Freude uͤber den Ge⸗ danken, auf dem Lande, und in der Naͤhe ihrer Eltern und Geſchwiſter zu leben; ich war froh, ſie einmal wieder laͤcheln zu ſehen, und traͤumte aufs Neue von kommenden gluͤcklichen Tagen. So verlor ich auch keine Zeit, um in Un⸗ terhandlung wegen des Landgutes zu treten, und fand bald einen guten Kaͤufer fuͤr mein Haus in der Stadt. Leider! behielt mein boͤſer Genius aber die Oberhand.— Ich hatte es verſaͤumt, die Verſicherung auf mein Haus erneuern zu laß⸗ ſen, die Police war erſt neun Tage abgelaufen, als um Mitternacht Feuer in dem untern Zim⸗ mer eines meiner Bedienten ausbrach; ungeachtet vermehrte, war das Bewußtſein, es durch mei⸗ 1137 aller nur moͤglichen Huͤlfsleiſtungen brannte das Haus von Grund aus ab. Ich trug meine Frau bewußt os auf den Armen zu einem Nachbar, und kehrte, nachdem ich ſie dort in Sicherheit wußte, zuruͤck, um meine Brieftaſche zu ſuchen, worin ſich die ganze Kaufſumme des Landguts in Banknoten befand. Der Himmel weiß, ob dieſe Brieftaſche verbrannt war, oder ob ſie ei⸗ ner aus der Menge, die ſich zum Retten ver⸗ ſammelt, mit fortgenommen hatte; genug, ich fand ſie nie wieder. Einen ungluͤcklicheren Menſchen, als ich war, konnte es in dieſem Au⸗ genblicke nicht geben, und was mein Ungluͤck noch nen eigenen Fehler verurſacht zu haben. Jetzt aber gelange ich zu dem außerordentlich⸗ ſten und intereſſanteſten Zeitpunkte meines Lebens; ein neuer, gang unerwarteter Vorfall ereignete ——————— Anmerkung des Herausgebers. Worin dieſer Vorfall beſtand, ſind wir nicht im Stande zu berichten, denn Baſilius ver⸗ 138 ſchob die Endigung ſeiner Geſchichte bis Mor⸗ gen.. 1 Saͤmmtliche Bruchſtuͤcke ſanden ſich in einem alten Schreibepult, in der dunklen Woh⸗ nung einer abgelegenen Gaſſe Londons. ½ Die Handſchuhe aus Limerick.*) 7 An einem herbſtlich⸗ ſchoͤnen Sonntagsmorgen ertoͤnte das feierliche Gelaͤute vom Dome der Stadt Hereſord, und Alt und Jung begab ſich in Feſtkleidern zur Kirche. „Frau, Frau!— Phoͤbe, Tochter 1— rief der ehrſame Gaͤrber⸗Meiſter Hill, indem er ſchon unten an der Thuͤre ſeines Hauſes wartend ſtand,„hoͤrt ihr denn nicht die Dom⸗ Glocke *) Lim rick, eine Stadt in Irland, worin Handſchuhe gemacht werden, die wegen ihrer vorzüglichen Schönheit in al⸗ len drei Königreichen berühmt ſind.— In dieſer ganzen Er⸗ zählung bitten wir den Lefer, auf das Nationolvorurtheil, wel⸗ ches der Engländer gegen den Irlaͤnder hegt, Rückſicht zu neh⸗ men..— Anmerk. d. Ueb. 1 140 laͤuten, und ſeid noch nicht einmal fertig in die Kirche zu gehen, ungeachtet ich doch Kirchen⸗ vorſteher bin!“— „Hier bin ich ſchon, Vaͤterchen,“ erwiederte Phoͤbe; und herbei kam ſie gehuͤpft, ſo ſauber und friſch ausſehend, daß des Vaters Stirn ſich unwillkuͤhrlich bei ihrem Anblicke entrunzelte. Als ſie aber noch einmal zoͤgernd ſtilleſtand, um ein paar neue Handſchuhe ſorgfaͤltig uͤber die runden Arme zu ziehen, entſchluͤpfte dem ſtrengen Haus⸗ herrn doch die Bemerkung:„Kind, du haͤtteſt die Handſchuhe auch wohl fruͤher anziehen koͤnnen.“— „Fruͤher!“— ſchnarrte die jetzt in vollem Putze herannahende Fran Mama dazwiſchen;„fruͤher!— Meiner Meinung nach ſollte die Jungfer ihre Pflicht beſſer kennen, und ſolche Handſchuhe gar hen, und vorzuͤglich nicht, wenn ſie „ nicht anzie zur Kirche g r ℳ eht.“— ꝙ „So weit ich ſehen kann, ſind die Hand⸗ ſchuhe gut,“ verſetzte Herr Hill;„doch laſſen wir das jetzt bewenden. Es ſchickt ſich beſſer fuͤr uns, zu rechter Zeit in unſerem Kirchſtuhle zu ſein, um der Gemeinde ein gutes Beiſpiel zu ge⸗ 141 ben, als hier zu ſtehen, und von Handſchuhen und ſolchen unnuͤtzen Dingen zu ſchwatzen.“— In dieſem Augenblicke ſetzte er beide Arme in die gehoͤrigen Winkel, um ſie der Frau und Tochter zu biethen, und ſo mit ihnen den feier⸗ lichen Sonntagsgang zur Kirche anzutreten. Phoͤ⸗ be aber hatte noch zu viel mit dem Aagishen der Handſchuhe, und die Mutter mit dem An⸗ ſehielen derſelben zu thun, um des Herrn Kirchen⸗ vorſtehers ceremonioͤſe Artigkeit annehmen zu koͤn⸗ nen.—„Was ich ſage, wird immer unnützes Geſchwaͤtz genannt,“ murmelte die Frau Mama; „aber meine Augen tragen mich oft weiter, als anderer Leute ihre, die ſich viel kluͤger duͤnken. und ich weiß wohl, was ich weiß!— War ich es nicht, die dir den erſten Wink gab, was aus dem großen Hunde gewerden ſei, der im vorigen Winter hinten aus unſerer Gaͤrberei weg kam;— ind obgleich du Kirchen⸗Aelteſter und Vorſteher biſt, muzte ich dich nicht auf das große Loch une ter dem Fundamente der Domkirche aufmerkſam machen?— Wer anders als ich ſagte dir das al⸗ les?— Gieb der Wahrheit die Ehre und prich!— 142 „Aber, mein Schatz, was in aller Welt hat dies mit Phoͤbe's Handſchuhen zu thun?— „Biſt du blind gebohren, Mann!— Siehſt du denn nicht, daß die Handſchuhe aus Limerick ſind?“ „Was ſoll denn das!“— verſetzte Herr Hill, noch immer in voller Faſſung, die er ſich uͤberhaupt, ſobald er ſah, daß ſeine Hausehre ſchmollte, ſo lange als moͤglich zu erhalten ſuchte. 2„Was das foll!— Ei du mein Himmel, muß ich dich deun erſt lehren, daß Limerick in Ir⸗ land liegt?“— „Mag von Herzen gern da liegen, mein Kind— „Ja, und von Herzen gern wuͤrdeſt du auch heute oder morgen unſere ſchoͤne Domkirche in die Luſt fliegen, und deine eigene Tochter an den verheirathet ſehen, der der Thaͤter davon iſt— Und das will ein Kirchenvorſteher heißen!“— „Dafuͤr behuͤte der Himmel!“ rief Herr Hill, indem er einen Augenblick ſtille ſtand, und ſeine Peruͤcke zurecht zog. Nachdem er aber wieder Faſſung geſammelt hatte, ſetzte er hinzu:„Ru⸗ hig, mein lieber Schatz, die Domkirche iſt noch 143 nicht in die Luft geflogen, und unſere Phoͤbe noch nicht verheirathet.“— „Nein; aber Vorſicht iſt zu allen Dingen nuͤtze, lieber Mann, ſagte ich dir, ehe der Hund weg war; da predigte ich tauben Ohren— In⸗ deß haſt du geſehen, wie es ablief, und wirſt nun auch wohl hinterher erſt kluͤger werden!— „Frau, du bringſt mich noch von Sinnen,“ rief der Kirchenvorſteher, ſeine Peruͤcke noch ein⸗ malzurecht ziehend.—„Hier, und da, und dann— ich verſtehe keine Sylbe von dem, was du ſeit einer Viertelſtunde in meine Ohren geſchrieen haſt; ſage ordentlich auf deutſch, was hat es mit Phobe's Handſchuhen zu bedeuten?“— „Nun denn, auf deutſch, Mann, weil du gar keine zarten Anſpielungen verſtehſt, ſo frage deine Tochter, wer ihr die Handſchuhe gab. P hoͤbe, wer ſchenkre ſie dir 2— „Noͤchten ſie meinethalben verbrannt ſein,“ murmelte der Gaͤrber, mit deſſen Geduld es am Ende war.—„P hoͤbe, wer gab dir die ver⸗ wuͤnſchten Handſchuhe?“— „Lieber Vater,“ lispelte Phoͤbe kaum hoͤr⸗ 1 144 bar,„ſie ſind ein Geſchenk von Herrn Briam O'Neill.“— „Was, von dem irlaͤndiſchen Handſchuhma⸗ cher?“ rief Herr Hill mit zornigem Blicke. „Ja, was ich ſagte, von dem,“ evwiederte die Frau,„und nun ſiehſt du, mein Schatz, ob ich meine Urſachen hatte“— „Gleich zieh die Handſchuhe aus, Phoͤbe,“ ſagte der Vater mit ſehr beſtimmtem Tone.„Die⸗ ſer O'Neill iſt mir vom erſten Angenblicke an zuwider geweſen. Er iſt ein Irlaͤnder, und das iſt hinlaͤnglich fuͤr mich— Herunter mit den Hand⸗ ſchuhen, Phoͤbel— Wenn ich etwas ſage, muß es gleich geſchehen.“— Phoͤbe ſchien große Schwierigkeiten mit dem Abziehen der Handſchuhe zu haben, und aͤußerte leiſe die Einwendung, ſie koͤnne doch nicht mit nackten Armen zur Kirche gehen. Dies aber wußte die Mutter alſobald zu beſeitigen, in⸗ dem ſie aus ihrer Taſche ein paar alte Klapp⸗ handſchuhe hervorzog, die vor Jahren braun und ganz geweſen ſein mochten, jetzt aber voͤllig farb⸗ los erſchienen, und nun um den niedlich runden Arm der Tochter in weiten Falten herumhingen. 145 „Aber, lieber Vater,“ ſagte das tiefgekraͤnk⸗ te Maͤdchen, waͤhrend ſie ſich vergebens bemuͤhe⸗ te, die weiten Saͤcke dem Arme anzupaſſen,„war⸗ um muͤſſen wir denn jemand haſſen, weil er ein Irlaͤnder iſt;— kann ein Irlaͤnder nicht auch ein guter Mann ſein?“— Der Kirchenvorſteher hielt es beſſer, dieſe Fra⸗ ge unbeantwortet zu laſſen, und geruhete nur ei⸗ nige Minuten darauf zu bemerken: daß man ſchon ausgelaͤutet habe. Da man ſich in dieſem Augen⸗ blicke der Kirchthuͤre nahete, meinte Frau Hill, einen bedeutenden Blick auf ihre Tochter werfend: es ſei uͤberhaupt hier nicht der Ort von boͤſen oder guten Maͤnnern, Irlaͤndern, oder wie ſie heißen moͤchten, zu ſprechen, und am wenigſten fuͤr die Tochter eines Kirchen⸗Aelteſten und Vorſtehers. Wir uͤbergehen die vielfachen Anmerkungen des weiblichen Theils der andaͤchtigen Gemeinde, warum die ſonſt ſo ſchmucke Jungfer Hill heu⸗ te wohl mit ſo garſtigen Handſchuhen in der Kirche erſcheine, und begnuͤgen uns nur zu ſagen, daß P hoͤ be ſo viel als moͤglich die Aermchen zu ver⸗ ſtecken ſuchte. Nach geendigtem Gottesdienſte be⸗ gab ſich der Kirchenvorſteher ſehr geheimnißvoll E. I.. 10 146 fort, um das bewußte Loch unter dem Fundamen⸗ te zu unterſuchen, waͤhrend Frau Hill noch mit einigen Nachbarinnen, die ſie alle ihre guten Freundinnen nannte, um die Gemeinweide wan⸗ delte, und ihnen da ihre muͤtterliche Vorſicht aus⸗ einander ſetzte, die ſie vermocht habe, ihrer Toch⸗ ter Phoͤbe das Tragen der Limerick⸗ Wande ſchuhe zu verbieten. Voll peinlicher Gedanken richtets Phoͤbe ihre Schritte heimwaͤrts; vergebens ſuch⸗ te ſie es zu entraͤthſeln, warum ihr Vater einen Mann auf den erſten Anblick verdamme, einzig weil er ein Irlaͤnder ſei, und warum die Mutter ſo viel von dem großen Hunde, der im vorigen Jahre aus der Gaͤrberei weggekommen, und von dem Loch unter der Domkirche geſprochen habe. Was hat dies alles mit den Handſchuhen zu thun?— dachte ſie. Jemehr ſie aber daruͤber nach⸗ dachte, je weniger Zuſammenhang fand ſie in dieſen Dingen, denn erſtlich hatte ihr dieſer Herr Briam O⸗Neill beim erſten Anblicke gar nicht mißfallen, weil er ein Irlaͤnder war, und alſo konnte ſie auch durchaus nicht vermuthen, daß er den großen Hund ſolle an die Seite geſchafft haben, noch —— —— 147 weniger, daß er die Domkirche in die Luft ſpren⸗ gen wolle. Noch immer mit dieſen Auseinanderſetzun⸗ gen beſchaͤftigt, kam ſie endlich unvermerkt an die Ueberbleibſel der kleinen Huͤtte elner armen Wittwe, die vor einigen Monaten abgebrannt war. Natuͤrlich fiel es ihr ein, daß ſie hier den Ir⸗ laͤuder zuerſt geſehen, und wegen ſeines Muthes und der Freundlichkeit, die er gegen die arme Frau und ihre Kinder bewieſen, zuerſt lieb ge⸗ wonnen habe. Ein unwiderſtehlicher Zug zog ſie nach der jetzigen aͤrmlichen Wohnung dieſer Wittwe Schmid, die nicht weit von der Brandſtaͤtte entlegen war; es fiel ihr mit einem Male ſo heiß aufs Herz, daß ſie ſich lange nicht um ſie bekuͤmmert hatte, und ſie beſchloß ihr den Thaler zu geben, den ſie zu einem Comoͤdien⸗Billet erhal⸗ ten, und der ſich eben noch in ihrer Taſche befand. Der erſte Menſch, welchen ſie aber zum Un⸗ gluͤcke in der Kuͤche der armen Frau erblicken mußte, war der bewußte Irlaͤnder.—„Ich ha⸗ be wirklich niemand anders hier zu treffen ge⸗ glaubt, als ſie, liebe Frau Schmid,“ ſagte Phoͤbe erroͤthend beim Eintreten. 10* * 148 „Deſto angenehmer iſt dies unerwartete Zu⸗ ſammentreffen fuͤr mich,“ verſetzte O'Neill, indem er ſich von ſeinem Sitze erhob, und den kleinen Jungen der Wittwe, welcher auf ſeinen Knieen geſpielt hatte, zur Erde ſetzte. Phöbe that aber gar nicht, als ob ſie ihn bemerke, redete noch einige Worte mit der armen Frau, ſteckte den Thaler verſtohlen in ihre Hand, und verſprach ein andermal wieder zu kommen. 9' Neill, erſtaunt uͤber ihr veraͤndertes Betragen, folgte ihr, als ſie das Haus verließ. „Liebſte Jungfer Hill,„ſagte er, ich kann ſie unmoͤglich fort laſſen, ohne mich vorher zu er⸗ kundigen, ob ich ſo ungluͤcklich geweſen bin, ihr Mißfallen zu erregen?“— Indem der ſauber gekleidete und wohlge⸗ ſchniegelte Liebhaber dieſe Worte hervorbrachte, fielen ſeine Augen auf Phoͤbens zerriſſene Handſchuhe; vergebens bemuͤhete dieſe ſich, ſie in die Hoͤhe zu ziehen, und antwortete endlich mit der ihr natuͤrlichen Einfalt und Anmuth: „Sie haben mich durchaus nicht beleidigt, Herr O'Neill; aber ſie ſind meinem Vater und meiner Mutter nicht recht, und dieſe haben —— — 149 mir verboten die Limerick⸗Handſchuhe zu tragen.“— „Gewiß aber wird die liebe Phoͤbe ihre Meinung uͤber einen Menſchen nicht aͤndern, weil die Eltern vielleicht ein Vorurtheil gegen ihn hegen?“— „Nein,“ erwiederte Phoͤbe;„ohne hinlaͤng⸗ lichen Grund wuͤrde ich das gewiß nicht; aber ich habe ſelbſt noch nicht Zeit gehabt, irgend eine entſchiedene Meinung uͤber ſie zu faſſen.“— „Um ihnen dann mein Gemuͤth offen dar⸗ zulegen,“ fuhr er fort,„geſtehe ich, daß, jemehr die Eltern mir entgegen ſind, jemehr Ehre und Freude wuͤrde ich darin finden, ſie, theuerſte Freundin, zu gewinnen und zu beſitzen; und das ohne einen Pfennig Mitgift, um ihnen, und jedem der darnach fragt, zu beweiſen, daß es mir einzig nur um ihre liebe Perſon zu thun ſei, und daß Briam O⸗Neill kein Gluͤcksſaͤger iſt, und alle die verachtet, welche den engherzi⸗ gen Glauben haben, daß keine andern Menſchen als Gluͤcksjaͤger aus Irland kommen koͤnnen.— Nun verſtehen wir uns, theure Phoͤbe, und ich hoffe, ſie werden meinen Augen nicht laͤnger durch 150 dieſe garſtigen braunen Saͤcke wehe thun, die wahrhaftig nicht am Arme irgend einer chriſtli⸗ chen Jungfrau haͤngen ſollten, um ſo viel weniger an dem niedlich geformten Arme der artigen Jungfer Hill, welcher, ohne Schmeichelei, der huͤbſche⸗ ſie iſt, den ich in meinem Leben geſehen habe, und dem, meiner Meinung nach, ein Paar Hand⸗ ſchuhe aus Limerick uͤber alle Maßen gut ſtehen muͤßten; und ſo erwarte ich, daß ſie ihre Großmuth und ihr eignes Koͤpfchen zeigen wird, indem ſie ſie gleich anzieht.“— „Sie erwarten es, Herr O' Neill,“ wiederholte das Maͤdchen mit einer ſo unwilli⸗ gen Miene, als nur ſelten auf ihrem freundlichen Angeſichte weilte.„Erwarten,“ dachte ſie, „wenn er noch hoffen geſagt haͤtte!— Das waͤ⸗ re ein ander Ding geweſen; welch ein Recht hat er jetzt ſchon, etwas von mir zu erwarten?“— Die gereizte Kleine war nicht voͤllig mit dem fremden Sprachgebrauch bekannt, und wußte nicht, daß die Irlaͤnder das Wort erwarten oft da ſetzen, wo wir hoffen ſagen, und daß ihr Al ter ſich alſo keineswegs zu herriſch dadurch gegen ſie ausdruͤckte. Jedoch war ihr Gefuͤhl durch 151 dies kleine Woͤrtlein ſo empoͤrt, daß die lange Rede des Liebhabers, welche anfaͤnglich einen guͤn⸗ ſtigen Eindruck gemacht hatte, nun ihren End⸗ zweck ganzlich verfehlte, und ſo zeigte ſie nun, ih⸗ rer Meinung nach, ihr eigenes Koͤpfchen, und antwortete: „Sie erwarten viel zu viel, Herr O'Neill, und mehr als ich ihnen jemals Urſache zu erwar⸗ ten gab. Es wuͤrde mir weder eine Ehre noch ein Vergnuͤgen ſein, von ihnen gewonnen und beſeſſen zu werden, wie ſie ſich eben auszudruͤcken belieb⸗ ten, und mich gegen der Eltern Willen, ohne ei⸗ nen Pfennig Mitgift, Jemanden an den Hals zu werfen, der gleich bei der erſten Erklaͤrung ſo viel von mir erwartet. So verſichere ich ſie al⸗ ſo, mein Herr, was ſie auch erwarten moͤgen, ich ziehe die Lim erick⸗Handſchuhe nicht an.“— Herr O'Neill war, gleich den meiſten ſeiner Landsleute, auch nicht ohne Stolz, und hatte ebenfalls ſein eignes Koͤpfchen; beleidigt durch die wegwerfende Kaͤlte ſeiner Dame, brach er in einen Strom von Vorwuͤrfen aus, und endigte endlich damit, derjenigen einen guten Morgen auf immer und ewig zu wuͤnſchen, die 135² im Stande ſei, ihre Meinung gleich einem Wet⸗ terhahne zu aͤndern.—„Ihr unterthaͤniger Diener, Jungfer Hill,“ ſtammelte er,„ich will wuͤnſchen, daß ſie den armen Briam O' Neill und ſeine Handſchuhe nie bereuen moͤgen!“— Wenn ſeine Hitze ihn nicht verhindert haͤt⸗ te irgend etwas zu bemerken, ſo haͤtte er deut⸗ lich ſehen muͤſſen, daß Phoͤbe kein Wetterhahn ſei; er verließ ſie aber ſchnell, und ſchob alle Hef⸗ tigkeit, die er ſelbſt geaͤußert hatte, dem armen Maͤdchen zu. Gleichwie dem wilden Jaͤger, der im vollen Galopp dahin jagt, Hecken, Baͤume, Haͤuſer davon zu eilen ſcheinen, waͤhrend dieſe doch ruhig ihren Platz behaupten, und ſie nicht an ihm, ſondern er an ihnen voruͤber fliegt. Schon fraͤh am Montag Morgen begab ſich Hannchen Bromn, des Riechwaſſerhaͤndlers Tochter, zu Phoͤbe, um ihr einen Beſuch ab⸗ zuſtatten. Ihr vollwangiges Angeſicht gläͤnzte von Freude, und gleich nach der erſten Begruͤßung hub ſie mit heller Stimme an: „Es geht doch jetzt herrlich in Hereford her!— Aber warum ſiehſt denn du ſo truͤbſelig — 153 aus, Liebchen, du biſt doch gewiß ebenſowohl eingeladen, als wir alle?“— „Eingeladen!— Wo?— rief Frau Hitt, die ſich beim Toͤchterlein befand, und es nicht ausſtehen konnte, wenn von irgend einer Ein⸗ ladung die Rede war, von der fuͤr ſie nichts abfiel.„Ich bitte ſie ums Himmelswillen, liebe Jungfer Hanni, wo ſind ſie denn eingeladen?“— „Ei du meine Guͤte, haben ſie denn noch nichts davon gehoͤrt?— Ich konnte mir gewiß und wahrhaftig doch nicht anders einbilden, als daß ſie und Jungfer Phoͤbe die erſten ſein wuͤrden, die eine Einladung zu dem großen Balle bei dem Herrn O' Neill erhielten.“— „Was, ein Ball!“— kreiſchte Frau Hill, und erſparte dadurch der armen Phoͤbe, die wirk⸗ lich in einiger Gemuͤthsbewegung war, die Muͤhe zu antworten.„Das iſt ja ganz etwas Ausneh⸗ mendes!— Und ich habe noch keine Sy davon gehoͤrt!“— „Das iſt doch ſonderbar,“ ſagte die beſu⸗ chende Jungfer.„Phoͤbe, haſt du denn nicht auch ein Paar Limerick⸗Handſchuhe bekom⸗ men?“— 1354 „Die habe ich wohl,“ antwortete Phoͤbe; „aber was haben die mit dem Balle zu thun?“— „ Ganz grauſam viel,“ erwiederte Hannchen, ſich in die Bruſt werfend.„Weißt du denn nicht, daß ein Paar Limerick⸗Handſchuhe, ſo zu ſagen, ein Entrée⸗Billet zu dem Balle ſind? Denn jede Dame, die invitirt iſt, hat gleich bei der Einladung ein Paar ſolcher Handſchuhe erhalten, und ich glaube, mich ſelbſt nicht zu vergeſſen, ſind gewiß noch zwanzig andere Damen dieſen Morgen eingeladen worden. Nun kramte ſie ihre Handſchuhe aus, pro⸗ bierte ſie an, trat vor den Spiegel, um zu ſehen wie ſchoͤn ſie ſich an den Arm ſchmiegten; nannte dann in einem Athem die Namen aller eingela⸗ denen Damen, wobei ſie ihr eignes werthes Ich verſchiedentlich mit aufzaͤhlte. Ferner ließ ſie ſich des Breitern uͤber die gewaltig großen Einkaͤufe und Einrich rungen aus, welche die Wittwe O' Neill, Briams Mutter, ſchon fuͤr den Abend mache, und bezeigte dann ihr großes Leidweſen, daß Frau Hill nicht auch eingeladen waͤre. Jetzt aber brannte die Stelle ihr unter den Fuͤßen; ſie mußte fort, um ihren Putz in Ordnung zu bringen, und ſagte 155 nur noch im Fluge:„Herr O'Neill hat mich auf⸗ gefordert, den Ball mit ihm zu eroͤffnen, wenn Phoͤ⸗ be nicht kommen ſollte; aber ich glaube ſie wird ſich noch beſinnen, und hingehen, da ſie doch eben ſo gut ein paar Limerick⸗ Handſchuhe aufzuwei⸗ ſen hat, als wir alle!“— Mutter und Tochter ſaßen einige Augenblicke ſtumm gegen einander uͤber; endlich brach Phoͤbe das Stillſchweigen, um der Mutter zu berichten, daß wirklich am fruͤhen Morgen ein Knabe mit einem Billet vom Herrn O' Neill dageweſen ſei, welches ſie aber uneroͤffnet zuruͤckgeſchickt, da ſie gleich die Hand des Schreibers erkannt habe. Wir muͤſſen hier bemerken, daß Phoͤbe ihrer Mutter ſchon geſtern den ganzen Vorfall im Schmidſchen Hauſe gebeichtet, und durch dieſe Offenherzigkeit das muͤtterliche Herz gewonnen hatte. Sobald man Frau Hill nur die gehoͤrige Ehre erzeigte, und ſie fuͤr die kluͤgſte Frau im ganzen Saͤdtchen hielt, gab ſie ſich viel Muͤhe recht gutmuͤthig und gefaͤllig zu ſein. Hier war ſie nun uͤberdies von Seiten der Ehre angegrifſen, denn der Gedanke, daß Hanni Brown ihre Tochter ausſtechen ſollte, war ihr ganz unertraͤglich. 4 4 156 So lange ſie, ihrer Meinung nach, O' Neills Neigung zu Phoͤbe gewiß geweſen, trug ſie die Naſe etwas hoch, vorzuͤglich da die Frau Riech⸗ waſſerhaͤndlerinn einmal aͤußerte, ein Irlaͤnder ſei doch keine gute Parthie; nun aber war ſie in Furcht, dieſe moͤge nur aus Neid ſo geſprochen haben, und wolle ihr jetzt den Beihaber ihrer Tochter wegfiſchen. Alle dieſe Gedanken reihten ſich ſchnell in ihrem weiſen Haupte aneinander, und durch die Furcht, den Anbeter ihrer Phoͤbe zu verlieren, ſtieg jener unendlich im Preiſe.— „Kind,“ ſprach ſie, nach einigem Nachden⸗ ken,„da du ein paar Limerick⸗Handſchuhe haſt, und in dem Billet ſicherlich eine Einladung enthalten war, und es ſich uͤberhaupt beſſer fuͤr dich ſchickt, den Ball zu eroͤffnen, als fuͤr die ſchwerfaͤllige Jungfer Hanni, und da es doch uͤberdies recht artig von dem jungen Manne ge⸗ dacht iſt, dich ohne einen Pfennig Mitgift nehmen zu wollen, welches zeigt, daß diejenigen uͤbel berich⸗ tet waren, die mir ihn als einen irlaͤndiſchen Abentheurer ſchilderten—— und da wir doch nicht uͤberzeugt ſind, daß er den Hund wirklich bei ——— 157 4 Seite geſchafft hat, obgleich er einmal aͤußerte, ſein Bellen waͤre ihm unausſtehlich, wenn er ihn aber wirklich nicht getoͤdtet, oder bei Seite gebracht hat, die Vermuthung, er habe das Loch unter der Domkirche gegraben, in der Abſicht ſie in die Luft zu ſprengen, ihm gleichfalls nicht zuzu⸗ trauen iſt; und da vor allen Dingen ſeine Ge⸗ ſchaͤfte ſehr gut gehen muͤſſen, weil er eine Hand⸗ voll Gold an Baͤlle und Abendeſſen wenden kann, und reiflich uͤberlegt, es doch nicht ſeine Schuld iſt, in Irland gebohren zu ſein: ſo ziehſt du, meiner Meinung nach, deine Limerick⸗Handſchu⸗ he an, und gehſt ruhig auf den Ball. Ich will deinen Vater ſchon zu unſerer Meinung um⸗ ſtimmen, und dann gehe ich ſogleich zu der Witt⸗ we O'Neill, der ich ohnedies laͤngſt einen Beſuch ſchuldig bin, und ſchlichte deine kleine Differenz mit dem Herrn Sohne; Liebesſtreite ſind uͤberdies leicht zu ſchlichten, das wiſſen wir noch aus eigner Erfahrung; und dann iſt es al⸗ les zu Ende, verſtehſt du mich, Kind, und die Jungfer Hanni hat ferner nicht mehr noͤthig, ihr heuchleriſches Blarrengeſicht aufzuſtellen, um uns ihr Beileid zu bezeigen.“— 158 Nachdem dieſe ganze Rede ihr ſehr gelaͤufig aus dem Munde gefloſſen war, watſchelte Frau Hill fort, ohne die Antwort der Tochter zu er⸗ warten, um ihren Eheliebſten aufzuſuchen. Dieſer war indeß nicht ſo leicht umzuſtimmen, als ſie es erwartet hatte. Es dauerte immer geraume Zeit mit ihm, ehe er eine Meinung ausſprach, hatte er ſich aber einmal erklaͤrt, ſo war er ſchwer von ſeinem Satze wieder abzubringen. Diesmal fuͤhlte er ſich nun in ſeinem Vorurtheil gegen den Irlaͤnder doppelt gebunden, denn er hatte in dem Clubb. wo ſich die Honoratioren von Here⸗ ford am Sonntag⸗Abend zu verſammeln pflegten, bereits die ganze wichtige Begebenheit, wegen des Loches unter dem Fundamente der Domkirche, und ſeine Vermuthungen, daß eine Abſicht ſelbige in die Luft zu ſprengen, zum Grunde liege, zur Spra⸗ che gebracht. Den Irlaͤnder hatte er freilich nicht genannt, aber doch deutlich auf ihn hingewieſen. Einige der Mitglieder lachten zwar; andere aber, welche glaubten, O'Neill ſei ein Katholik, und Katholiken waͤren gefaͤhrliche Menſchen, ſag⸗ ten, es koͤnne allerdings viel Wahres in den Vermu⸗ thungen des Herrn Kirchenvorſtehers obwalten, und ————-- 159 92 meinten unmaßgeblich, man muͤſſe ein wachſames Auge auf einen gewiſſen Handſchuhmacher haben, welcher ſich hier angeſiedelt habe, niemand wiſſe warum, und Geld ziehe, niemand wiſſe woher. Die Nachricht von dem Ball klang alſo in Meiſter Hills Ohren gleichwie Toͤne einer Ver⸗ ſchwoͤrung.„Ha, ha!“ dachte er,„der Irlaͤn⸗ der iſt pfiffig genug; aber wir ſind ſeiner doch ge⸗ wachſen.— Will er da nicht allen ehrlichen Leu⸗ ten in Hereford durch Baͤlle und Zechgelage ei⸗ nen blauen Dunſt vormachen, um ſeine boͤſen Ab⸗ ſichten ungehindert ausfuͤhren zu koͤnnen?— Aber warte nur, wenn du uns ſchlichten Englaͤnder auch noch ſo dumm haͤltſt, wir bleiben doch auf deiner Spur!“— Zufolge dieſer argen Gedanken ſchuͤttelte er beim Vortrage ſeiner beredten Ehehaͤlfte gleich bedeutend mit dem Kopfe, und ſagte dann, ſo⸗ bald ſie ihn zu Worte kommen ließ:„Auf dieſen Ball geht meine Tochter nicht, und huͤtet ſich auch die Limerick⸗Handſchuhe anzuziehen, wofern ihr an meinem vaͤterlichen Segen gelegen iſt!— Und du, Barbara, biſt ſo guͤtig, ihr dies buch⸗ ſtaͤblich zu berichten, und dich in jeder Hin ſicht 160 auf mein Urtheil und meine Weltklugheit zu ver⸗ laſſen. Es koͤnnen noch ſchreckliche Dinge in He⸗ reford vorgehen; doch ich ſchweige, und eile mich mit erfahrnen Maͤnner zu berathen, die mei⸗ ner Meinung ſind!“— 3 Fort ging er, und ließ die arme Frau Hill in einem Zuſtande zuruͤck, den diejenigen ihrer Mitſchweſtern nur voͤllig begreifen koͤnnen, welche in einem eben ſo hohen Grade wie ſie, von Neu⸗ gierde geplagt werden.— Dieſe ließ ihr auch ferner keine Ruhe; erſt eilte ſie zwar zu Phoͤ be, um ihr die abſchlaͤgige Antwort zu hinterbringen, dann aber trieb es ſie weiter, zu allen Gevatterin⸗ nen im Staͤdtchen, um ihnen alles was ſie wußte und nicht wußte zu erzaͤhlen, und dadurch ein Geheimniß zu ergruͤnden, das nirgend zu er⸗ gruͤnden war. 1 Es giebt Pruͤfungen in allen Staͤnden des Le⸗ bens; doch hoch oder niedrig gebohren ertrug noch nie irgend ein Maͤdchen eine Pruͤfung beſſer, als unſere P hoͤbe die gegenwaͤrtige. Waͤhrend Vater und Mutter in auswaͤrtigen Angelegenheiten beſchaͤftigt waren, kam eins der 161 Schmidſchen Kinder zu ihr gelaufen; mit kunſt⸗ loſem Ausdrucke des dankbaren Herzens erzaͤhlte das kleine Maͤdchen, wie Herr O' Neill, der ſeit dem Ungluͤcke immer ein Freund der Mutter geweſen ſei, ihr ſeitdem jede Woche Geld gebracht habe.„Die Mutter liebt ihn auch von ganzer Seele,“ ſetzte das Kind hinzu,„weil er ſo gut iſt, und nicht allein gegen uns, ſondern auch ge⸗ gen andere Leute.“— „Gegen wen denn ſonſt noch?“— fragte Phoͤbe. „Gehen einen armen, armen Mann, der dicht an uns wohnt,“ erwiederte das Kind.„Ich kann ſeinen Namen nicht recht ausſprechen; er iſt aber auch ein Irlaͤnder, und geht am Tage mit vielen andern aus, um auf den großen Wie ſen Heu zu machen. Er hat auch den Herrn O' Neill in ſeinem Vaterlande ſchon gekannt, und uns viel von ſeiner Guͤte erzaͤhlt“., Indem das Maͤdchen dieſe Worte ſagte, zog Phöbe eine Schublade auf, um einige Kleidungsſtuͤcke daraus zu nehmen, die ſie fuͤr die Kinder der armen Wittwe verfertigt hatte, und jetzt der kleinen Sprechepinn mit nach Hauſe E. I. 11 162 geben wollte. Zufaͤllig mußten die Limerick⸗ Handſchuhe gerade auch hier liegen, und die Ge⸗ fuͤhle fuͤr den Geber derſelben wurden nicht we⸗ nig durch das unſchuldige Geſchwaͤtz erhoͤht. Hat⸗ te die Mutter nicht gleichfalls geſagt: alles Boͤſe was man von ihm denke, gruͤnde ſich nur auf unzulaͤſſige Vermuthungen?— Sit legte die Handſchuhe, aufs Neue recht ordentlich gefaltet, wieder an den vorigen Platz, und ſtreuete, indem das Kind noch fortſchwatzte, die Blaͤtter einer Roſe, die ſie am Sonntage vor der Bruſt getragen hatte, daruͤber. Waͤhrend die Tochter ſo in ſtillen Gedanken um den noch immer Geliebten beſchaͤftigt war, dem ſie das Woͤrtlein erwarten ſchon laͤngſt vergeben hatte, ſaß der Vater in der ehrſamen Verſammlung der weiſen Maͤnner von Hereford, die ſeiner Meinung waren, um uͤber das große Ereigniß des gefaͤhrlichen Loches unter der Dom⸗ kirche weiter nachzudenken und zu berathen. Der hoͤchſt ominoͤſe Umſtand mit dem Balle ward gleichfalls in Erwaͤgung gezogen, ſo wie die vielen Unkoſten, die der Irlaͤnder ſich deshalb mache. Sein Verſchenken ſo vieler Handſchuhe zeigte 163 deutlich, daß er nicht noͤthig habe ſie zu verkau⸗ fen, und bewies klaͤrlich, daß, obgleich er ſich fuͤr einen Handſchuhhaͤndler hier ausgebe, er wohl ei⸗ gentlich auf etwas anders ausgehen moͤge. Nach⸗ dem man nun alle dieſe Dinge in gehoͤrige Er⸗ waͤgung gezogen hatte, beſchloſſen die hochweiſen Herrn einſtimmig, zum Beſten der Stadt, und zur Vermeidung der Jerſtoͤrung ihrer ſchoͤnen Domkirche, ſich dieſes hoͤchſt verdaͤchtigen Indivi⸗ duums zu bemaͤchtigen, nur war ihnen die Art, wie dieſes auf eine anſtaͤndige und rechtmaͤßige Weiſe geſchehen koͤnne, noch nicht vollkommen klar. Endlich hielt man es fuͤr das Sicherſte, einen geſchickten Advocaten deshalb zu Rathe zu ziehen, und dieſer fand ſchlau einen Vorwand aus. Unſer Irlaͤnder beſaß nicht voͤllig die Puͤnkt⸗ lichkeit in Bezahlung der Rechnungen, die man ſonſt wohl im Staͤdtchen gewohnt war, und hatte noch vom vorigen Jahre her eine lange Rechnung bei einem Gewurzkraͤmer ſtehen, an den ter, da er Neujahr vielleicht nicht ſtark bei Caſſe geweſen, einen Wechſel, ſechs Monat nach Dato zahlbar, auf ſich ſelbſt ausgeſtellt hatte. Herr 11* 164 Hill vermochte den Gewuͤrzkraͤmer nun, ihm die⸗ ſen Wechſel zu uͤberlaſſen, mit dem er dann ſchon weiter verfahren wolle.— Wie es nun dem weiſen Kirchenvorſteher gelungen war, die geehrte Verſammlung zugleich von dem ſteten Geld⸗Vor⸗ rath des Handſchuhmachers, und dem Mangel in ſeiner Caſſe zu uͤberzeugen, koͤnnen wir nicht be⸗ ſtimmt angeben; aber Vorurtheil und Erbitterung bringen oft die groͤßten Widerſpruͤche mit leichter Maͤhe in Einheit. Als Herr Hill ſeinen Schreiber hinſchickte, um den Wechſel eincaſſiren zu laſſen, befand O'Neill ſich gerade mit den Vorbereitungen fuͤr den Ball, welchen er den Abend geben wollte, beſchaͤftigt. Er war ſehr enrruͤſtet uͤber die un⸗ ſchickliche Art, ihn zu ſo ungelegener Zeit zu be⸗ ſtuͤrmen, ſagte, er habe jetzt nicht ſo viel Geld vorraͤthig gleich zu bezahlen, fluchte uͤber das unhoͤfliche Betragen des Gewuͤrzkraͤmers und Gaͤr⸗ bers, und drohete endlich in ſeiner Heftigkeit, die bei jedem Worte ſtieg, den Schreiber zum Hauſe hinauszuwerfen, wenn er nicht von ſelöſt ginge. 8 Solche Redensarten ſchienen dem betagten 163 Schreiber etwas neu, der von Jugend auf an die groͤßte Puͤnktlichkeit bei allen Zahlungen ge⸗ woͤhnt war. Er hielt den auslaͤndiſchen Herrn fuͤr toll, und ging mit dieſer Erklaͤrung zu ſeinem Gaͤrbermeiſter zuruͤck, der nun aber ſeine Vor⸗ kehrungen traf, den hoͤchſt gefaͤhrlichen Vogel ſicher zu fangen.. Als in der Nacht, nach wohl beendetem Balle, O' Neill hoͤflicher Weiſe ſeine ſchoͤne Taͤn⸗ zerinn, die Jungfer Riechwaſſerhaͤndlerinn, nach Hauſe fuͤhrte, fuͤhlte er ſich auf einmal von einer rauhen Hand unſanft beim Arme ergriffen, in⸗ dem ihm zugleich eine etwas barſche Stimme ver⸗ kuͤndete: er ſei des Koͤnigs Gefangner. O'Neill ſtieß einige barbariſche Fluͤche aus, verſicherte aber zu gleicher Zeit, er wiſſe recht gut, daß er nicht im Namen des Koͤnigs, ſondern auf Anſtiften des verwuͤnſchten, elenden Gaͤrbers, Jonathan Hill, verhaftet werde, denn kei⸗ nem redlichen Menſchen koͤnne es einfallen, einen ordentlichen Mann, um ſolcher Kleinigkeit willen, an Ehre und Freiheit zu kraͤnken. Jungfer Hanni erhob ein ſo fuͤrchterliches Zetergeſchrei, als ſie ihren Fuͤhrer ergriffen ſah, K* 166 daß der Poͤbel von allen Seiten herbeigelaufen kam. Unter dieſer zuſtroͤmenden Menge befanden ſich einige irlaͤndiſche Tageloͤhner, die erſt ſpaͤt vom Felde zuruͤckgekehrt waren, und ſich eben noch in einem benachbarten Bierhauſe nach der ſchweren Arbeit gelabt hatten. Einſtimmig ſchlu⸗ gen ſich dieſe auf die Seite ihres Landsmanns, und wuͤrden ihn leichtlich aus den Haͤnden der Polizei befreit haben, haͤtte O' Neill nicht gluͤck⸗ licher Weiſe noch ſo viel Beſonnenheit behalten, dies zu verhindern, und ſie mit allem Ernſt zur Ruhe zu ermahnen. Er ſchickte einen von ihnen zu ſeiner Mutter, um ſie von dem Vorgefallnen zu unterrichten, und ſobald als moͤglich einen Buͤrgen fuͤr ihn aufzutreiben, weil die Polizeidie⸗ ner verſicherten, er komme nicht eher frei, bis Geld, oder hinlaͤngliche Buͤrgſchaft da ſei. Die Wittwe O'Neill war gerade im Be⸗ griffe, alle Lichter im Ballſaale ſorgfaͤltig auszu⸗ loͤſchen, als man ihr die Nachricht vom Arreſt ihres Sohnes brachte. Wir uͤbergehen die Ausrufun⸗ gen des gekraͤnkten Mutterherzens, indeß troͤſtete ſie ſich leicht durch den Gedanken, daß es eine Kleinigkeit ſein wuͤrde, Buͤrgſchaft fuͤr einen 167 Mann zu erhalten, der noch eben ſo viele Leute der Stadt freundlich bei ſich bewirthet habe. Bald aber fand ſie, daß bei Jemand zu Gaſte gehen, und Buͤrgſchaft fuͤr ihn leiſten, zwei ganz ver⸗ ſchiedene Dinge ſind. Alle entſchuldigten ſich, der eine unter dieſem, der andere unter jenem Vor⸗ wande. Die gute Frau, um nur ihren Sohn ſchnell wieder zu ſehen, entſchloß ſich endlich in aller Eile, Sachen, die an Geldeswerth die Schuld weit uͤberſtiegen, zu einem Pfandverleiher zu ſchi⸗ ckon, und hatte auf dieſe Weiſe das Geld fuͤr ihres Sohnes Befreiung bald im Hauſe. Nach anderthalb Stunden befand ſich O'⸗ Neill wieder auf freiem Fuße. Sein Weg fuͤhrte ihn an der Domkirche voruͤber, als gerade die Glocke ſchlug, und er fragte einen Mann, welcher ehrbar auf dem Kirchhofe auf und nieder ging, ob es zwei, oder drei Uhr geſchlagen?— „Drei,“ antwortete der Mann,„und Gottlob, noch iſt alles ruhig!“— Den Kopf voll von andern Dingen, bekuͤm⸗ merte O' Neill ſich wenig um die Bedeutung der letzten Worte; er ahnete nicht, daß dieſer auf und nieder Gehende ein Waͤchter ſei, der vom 168 wachſamen Kirchenvorſteher dorthin geſtellt war, um die Domkirche vor boͤſen Ueberfaͤllen zu be⸗ wahren, und ging ruhig ſeines Wegs. Die paar Stunden Arreſt brachten uͤbrigens eine ſehr heilſame Wirkung in ihm hervor; er faßte den Entſchluß, ſeine Ausgaben bei Zeiten ein⸗ zuſchraͤnken, ſeinem Stande gemaͤß zu leben, und mehr nach einem feſten, guten Credit, als nach der Freundſchaft der Menge zu trachten. Erſah⸗ rung hatte ihn gelehrt, daß gute Freunde nicht immer willfaͤhrig ſind, leichtſinnig gemachte Schul⸗ den zu bezahlen. — Ungewoͤhnlich heiter erhob ſich unſer Kirchen⸗ vorſteher am naͤchſten Morgen von ſeinem Lager, indem er ſich uͤber den hoͤchſt wichtigen Dienſt Gluͤck wuͤnſchte, welchen er der Stadt Hereford erwieſen hatte. Das furchtbare Complott, den Dom in die Luft zu ſprengen, war geſcheitert, und ſeiner Wachſamkeit verdankte man es, daß der Feind gerade zu der Stunde in Verhaft genommen wurde, als die Ausfuͤhrung der ſchrecklichen That wahrſcheinlich nahe war. Jedoch noch ſchien nicht 169 alle Gefahr uͤberſtanden, und Herr Hill nebſt ſeinen weiſen Freunden beſchloſſen als unumgaͤng⸗ lich nothwendig, noch jede Nacht einen Waͤchter auf dem Kirchhofe herumgehen zu laſſen, und außerdem alle Bewegungen des Feindes genau zu beobachten, um, ſobald als moͤglich, dem Advocaten hinlaͤnglichen Grund zu einer gerichtli⸗ chen Klage in die Haͤnde zu ſpielen, und dann die ganze Sache dem Buͤrgermeiſter vorzulegen. Nachdem dies alles weitlaͤuftig der Kreuz und Quere unter den weiſen Maͤnnern beſprochen war, legte Herr Hill ſeine Wuͤrde als Kirchen⸗ vorſteher fuͤr den Augenblick ab, und ging als ehrſamer Gaͤrbermeiſter in ſeine Gaͤrberei, um das Auge auch hier uͤberall herumſtreifen zu laſſen. Wer aber malt ſeinen Schrecken und ſein Erſtaunen, als er ſeinen großen Lohberg voͤllig auseinander gewuͤhlt ſah!— Weit hinaus lagen die Truͤmmer ſeiner ſchoͤ⸗ nen Eichenrinde, bis auf die Koppel, bis auf die Felder waren ſie verſtreut, ja, ſogar die Ober⸗ flaͤche des vorbeirauſchenden Stromes war theil⸗ weiſe davon bedeckt. Keine Feder vermag die Gefuͤhle unſeres Gaͤrbermeiſters bei dieſem An⸗ 170 blicke zu beſchreiben, Gefuͤhle, die durch das Stillſchweigen, welches er ſich daruͤber auflegte, nur innerlich um deſto heftiger brannten. Nie⸗ mand wie O'Neill konnte den Frevel veruͤbt haben, das lag unumſtoͤßlich gewiß vor ſeiner Seele, und zwar war es aus Rache wegen des geſtrigen Arreſtes geſchehen. Mit dieſem Factum der Anklage ausgeruͤſtet, beſchloß er ſich ſogleich zum Advocaten zu begeben, der dann die Sache ſchon gehoͤrig zum Rechtshandel einleiten werde. Ungluͤcklicher Weiſe mußte aber der Advocat ge⸗ rade zu einem entfernt wohnenden Gutsbeſitzer geru⸗ fen ſein, dem er ein Teſtament aufſetzen ſollte, und unſer Gaͤrber ſah ſich alſo genoͤthigt, ſeine gericht⸗ lichen Maßregeln einſtweilen zu verſchieben. Un⸗ willig begab er ſich nach Hauſe zuruͤck, ging mehrere Male mit ſtarken Schritten in dem Raume auf und nieder, in welchem der naͤchtliche Frevel begangen, und taxirte im Innern den Schaden, der ihm dadurch zugefuͤgt worden war. Endlich ſchlug die Stunde, welche oft alle andern Leidenſchaften beſeitigt, um nur einer voͤllige Macht zu geſtatten, die wichtige Stunde des Mittagseſſens, woran Herr Hill uͤbrigens 171 5 niemals genoͤthigt war, durch irgend einen Son⸗ nenzeiger, Glockenſchlag oder Taſchenuhr gemahnt zu werden, da er nicht allein mit dem geſegnet⸗ ſten, ſondern auch eben ſo puͤnktlichen, als au⸗ ßerordentlichen Appetit begabt war, der ſich oft ſo gierig bewies, daß ſeine wohlerzogene und weniger fleiſchlich geſinnte Hausehre auszurufen pflegte:„Bewahre, lieber Mann, ich ſchaͤme mich oft dich eſſen zu ſehen, und wuͤnſche, vor⸗ zuͤglich wenn Geſellſchaft da iſt, du moͤchteſt lieber beiſeits weg ein Stuͤckchen zu dir nehmen, um einen Daͤmpfer auf deinen heißhungrigen Magen zu legen, damit du nicht ſo ausgehungert und unmanierlich bei Tiſche erſcheinſt!“— Dieſem Winke gemaͤß beobachtete der gehor⸗ ſame Ehemann nun immer den Gebrauch, jeden Tag, es mochten Gaͤſte da ſein, oder nicht, eine halbe Stunde vor dem Mittagseſſen in die Kuͤche zu gehen, und ſich mit einem Stuͤck Ge⸗ bratnen oder Gebacknen als Unterlage zu ver⸗ ſorgen. Heute nun, als er ſich auch zur ge⸗ woͤhnlichen Zeit dort einfand, hoͤrte er, waͤhrend er mit gemaͤchlicher Weile den Daͤmpfer auf den Magen legte, die geſchaͤftigen Maͤgde von einem 2 . 172 beruͤhmten Wahrſager reden, den die Koͤchinn gerade in einer wichtigen Angelegenheit zu Rathe gezogen hatte.— Dieſer Wahrſager war niemand anders, als der im ganzen Lande ſo beruͤhmte Zigeuner⸗Koͤnig, der unter dem Namen Pam⸗ philius der Zweite, weit und breit bekannt war. Er hatte eben ſeine Reſidenz in einem Walde unweit Hereford aufgeſchlagen, und nicht allein Dienſtmaͤgde und Lehrburſche aller Art ſtroͤmten ſcharenweiſe zu ihm, ſondern es wollte ſogar verlauten, als wallfahrteten auch vornehme Leute, von feiner Bildung, ins Geheim nach dem heili⸗ gen Walde, um ſeine Orakelſpruͤche zu verneh⸗ men. Unzaͤhlige Beiſpiele der uͤbernatuͤrlichen, außerordentlichen Einſicht dieſes weiſen Mannes mußte unſer Gaͤrber hier in der Kuͤche erfahren, und waͤhrend er, ohne eine Miene dabei zu ver⸗ ziehen, ruhig ſein Stuͤck von einer Hammelkeule verzehrte, gingen große, weitausſehende Plaͤne in ſeinem Kopfe herum. Ais er endlich beim Mittagseſſen ſaß, wußte Frau Hill, die theilnehmende Gattinn, ſich kaum darin zu finden, wie er ſo wiederholt 173 Meſſer und Gabel niederlegte, und im tiefſten Nachdenken verſunken zu ſein ſchien.„Meine Guͤte, Kind, was kann dir heute begegnet ſein?“— rief ſie mehrere Male;„mein Schatz, ſiehſt du denn nicht, was du vor dir auf dem Teller haſt?“— „Frau,“ erwiederte der gedankenvolle Gaͤr⸗ ber,„ſchon unſere Aelter⸗Mutter Eva beſaß zu viel Neugierde, und wir haben alle geſehen, daß es zu nichts Gutem fuͤhrte. Woran ich denke, das wirſt du zeitig genug erfahren; aber jetzt noch nicht, und daher verbitte ich alles Fragen, For⸗ ſchen und Ausholen uͤber einen Gegenſtand, den ich noch nicht von mir geben kann. Was ich denke, denke ich, was ich ſage, ſage ich, und was ich weiß, weiß ich— und das muß dir jetzt genuͤgend ſein.— Nur dir, Phoͤbe, ſage ich, daß du ſehr wohl daran thateſt, die bewußten Hand⸗ ſchuhe nicht anzuziehen.— Ich weiß ſehr wohl, was ich weiß, und alles wird gerade ſo kommen, wie ich vom erſten Augenblick an prophezeiete. Damit begnuͤgt euch fuͤr die Gegenwart.“— Nachdem er das Mittagsmahl mit dieſer feierlichen Rede aufgehoben hatte, ſetzte er ſich * 174 in ſeinen großen Armſeſſel, um die gewoͤhnliche Nachmittags⸗Ruhe zu halten. Kaum waren ſei⸗ ne Augen geſchloſſen, ſo traͤumte er auch ſchon vpon in die Luft fliegenden Domkirchen und auf dem Waſſer treibender Eichenrinde. Es ſchien ihm, als ſei die Kirche von einem Manne, der ein paar Frauenzimmerhandſchuhe aus Lime⸗ rick trug, in die Luft geſprengt; aus der Eichenrinde aber wurden ploͤtzlich lauter delicate Biſſen von Hammelkeulen, hinter welchen ſein großer Hund Packan eifrig herſchwamm. So wie er nun bemuͤht war, dieſen fuͤr ſeine Gier zu zuͤchtigen, verwandelte Packan ſich ploͤtzlich in Pamphilius den Zweiten, Koͤ⸗ nig der Zigeuner, welcher eine große Pferdepeitſche, mit ſilbernem Griff, in die Haͤnde des Kirchen⸗ vorſtehers gab, und ihm dreimal mit lauter Stimme befahl, den O'Neill rund um den Markt von Hereford herumpeitſchen zu laſſen. Eben wollte der ſo ſuͤß traͤumende Gaͤrber ſich zum Fenſter begeben, dieſem merkwuͤrdigen Schauſpiel zuzuſehen, als, durch eine ſanfte Be⸗ wegung, die Peruͤcke von ſeinem Haupte ſiel, und er erwachte.—. 3 7 175 So viel er auch uͤber dieſen Traum nach⸗ dachte, wurde es dennoch ſeinem Scharfſinne ſchwer, ihm die rechte Deutung zu geben; indeß ſchien es ihm ein Fingerzeig, dem ſchon fruͤher fluͤchtig gefaßten Gedanken, ſich beim großen Zigeu⸗ ner Raths zu erholen, Folge zu leiſten. Er be⸗ ſchloß alſo, nicht laͤnger auf den Advocaten zu warten, ſondern ſeinen eignen Weg zu gehen, der ſich ihm bisher noch immer als der beſſere be⸗ waͤhrt hatte. So wie nun die Sonne ſich mehr dem weſtlichen Horizonte naͤherte, begeb ſich unſer weiſer Kir⸗ chenvorſteher zu dem erfahrnen Mann im Walde. Die Zigeuner⸗Majeſtaͤt geruhete fuͤr diesmal in einer Art von Huͤtte, aus Aeſten beſtehend, zu reſidiren. Herr Hill beugte zwar ſein wuͤrdiges Haupt, indem er zu dem Koͤnigsſitze eintreten woll te, doch immer noch nicht tief genug, denn, waͤhrend er ſeiner Meinung nach faſt auf allen Vieren hineinkroch, blieb ſeine weißgepuderte Pe⸗ ruͤcke doch an einem Zweige haͤngen. Die Koͤ⸗ niginn geruhete indeß, ihn aus dieſer hoͤchſt bedenk⸗ lichen Lage zu ziehen, er befand ſich wieder in einer aufrechten Stellung, und erblickte nun die — 176 Majeſtaͤt beim Lichte eines Feuers, welches einen ſo vortheilhaften Abglanz auf ſie warf, daß un⸗ ſer weiſer Mann einige Minuten ſprachlos im Anſchauen verloren daſtand, und Domkirche, Eichenrinde, Limerick⸗Handſchuhe, alles vor ehr⸗ furchtsvollem Erſtaunen vergaß. Schnell benutzte die Koͤniginn dieſen Moment, um ihn aller uͤber⸗ fluͤßigen Sachen, die ſich etwa in ſeiner Taſche befanden, zu entledigen; nachdem er aber ſeine Sinne wieder geſammelt hatte, richtete er folgende Fragen an den Zigeuner⸗Koͤnig, worauf er foie gende Antworten erhielt: „Iſt euch ein gefaͤhrlicher Irlaͤnder, Namens O'Neill, bekannt, der aus Urſachen, die er ſelbſt am beſten wiſſen muß, nach Hereford gekommen iſt, um ſich daſelbſt anzuſiedeln?“ „Ja, wir kennen ihn.“— „Wirklich!— Nun, und was haltet ihr von ihm?“— „Daß er ein gefaͤhrlicher Irlaͤnder ſei.— „Recht!— Und war er es nicht, der meinen Lohberg zerſtoͤrte, oder zerſtoͤren ließ?“— „Er war es.“— 177 „Und der meinen Hund Packan, welcher ſonſt die Gaͤrberei bewachte, an die Seite brachte?— „Es iſt die naͤmliche Perſon, die ihr in Verdacht habt.“— „Und hat dieſelbe verdaͤchtige Perſon auch das Loch unter dem Fundament der Domkirche gegraben?“— „Dieſelbe, und niemand anders.“ „Zu welchem Endzwecke grub man denn dies Loch?“— „Zu einem Endzwecke, der nicht genannt werden darf,“ erwiederte die Zigeuner⸗Majeſtaͤt mit bedaͤchtigem Kopfſchuͤtteln. „Mir aber darf er allerdings genannt wer⸗ den,“ rief der Gaͤrber,„denn ich bin der Sa⸗ che auf den Grund gekommen, bin Kirchenvor⸗ ſteher! Und muß nicht ein Complott, die Domkir⸗ che in die Luft zu ſprengen, mir billig bekannt, und durch mich wieder andern bekannt gemacht werden?“— „So hört denn nun mein letztes Wort, „Wohlweiſer Mann aus Hereford: „Nur Entfernung eines Böſen „Kann vom Uebel euch erlöſen! 178 Dieſer gereimte Orakel⸗Spruch, den Pam⸗ philius mit Wuͤrde und in voller Begeiſterung ausſprach, verfehlte die gewuͤnſchte Wirkung nicht. Der wohlweiſe Mann aus Hereford verließ den Palaſt des Zigeuner⸗Koͤnigs mit einer un⸗ endlich hohen Meinung, ſowohl von dieſem, als von ſich ſelbſt, und war feſt entſchloſſen, den Buͤrgermeiſter am naͤchſten Morgen mit ſeinen höchſt wichtigen Entdeckungen bekannt zu machen. Von ungefäͤhr aber mußte es ſich zutragen, daß waͤhrend Herr Hill ſeine Fragen Pamp hi⸗ lius dem Zweiten vortrug, ſich am Eingange des Audienzzimmers einer der irlaͤndiſchen Heu⸗ macher befand, der den Wahrſager eben zu Rathe ziehen wollte, wer ihm einen kleinen ledernen Beutel entwandt habe, und dieſer Mann mußte gerade der naͤmliche ſein, welcher des Handſchuh⸗ machers fruͤher ſo vortheilhaft gegen die Wittwe Schmid erwaͤhnte. Als nun dieſer Paddy M'Cormack am Eingange wartend daſtand, ſiel ihm der Name O⸗Neilt auf, und er verlor kein Wort von der Unterredung. Sein Erſtaunen vermehrte ſich, als er den Zigeuner behaupten hoͤrte, es ſei 179 O'Neill geweſen, der den Lohberg vernichtet habe. „Bei meiner armen Seele,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „da irrt der alte Wahrſager; das weiß ich beſ⸗ ſer, und ohne ſeinen Ruhm zu ſchmaͤlern, glaube ich faſt, er weiß eben ſo wenig von meinem Beutel, als vom Lohberge und dem Hunde. Es iſt alſo wohl geſcheiter mein Kopfſtuͤck in der Taſche zu behalten, als es der ſogenannten Zigeu⸗ ner⸗Majeſtaͤt zuzutragen, die doch wohl nur eine Art von Betruͤger iſt. So lange Paddy M'Cormack noch ſeine Zunge ruͤhren kann, ſoll der da meinem unſchuldigen Landemanne nichts anhaben!“— Paddy freilich wußte am beſten, wer den Unſug beim Gaͤrber angerichtet hatte, denn er ſelbſt war es geweſen, der in der erſten Wuth uͤber die Gefangennehmung des Landsmanns, alle ſei⸗ ne Kameraden zu dieſem Streiche aufgewiegelt hatte. Er ſtellte ſich an ihre Spitze, und glaubte eine ſehr verdienſtliche Handlung zu vollbringen. In dem Charakter der untern Volkselaſſe der Irlaͤnder befindet ſich eine ſonderbare Mi⸗ ſchung von Tugend und Laſter, oder eigentlicher geſagt, eine Ideen⸗Verwirrung von Recht und 12.* 180 Unrecht, welche wohl in der fruͤhern mangel⸗ haften Erziehung liegt. Sobald Paddy bemerkte, daß der witzige Streich mit dem Lohberge ſeinem Landsmanne weſentlichen Schaden zuziehen koͤnne, war er ſogleich entſchloſſen, den Fehler wieder gut zu machen. Er ging zu ſeinen Kameraden, und uͤberredete ſie, ihm in der folgenden Nacht beizuſtehen, um alles wieder in die gehoͤrige Ord⸗ nung zu bringen. Als ihrer Meinung nach Jedermann in Hereford ſich im tiefſten Schlafe befand, legten ſie Hand ans Werk; ſchon war der ganze Haufen wieder aufgebauet, und Alle wollten ſich fort⸗ begeben, ausgenommen Paddy, der noch oben auf dem Berge ſaß, um die Arbeit recht ſchoͤn zu vollenden, als eine Stimme laut rief:„Da ſind ſie, Wache, Wache!“— Wer konnte, rannte auf dieſen Ruf dadon, der aus dem Munde des Waͤchters erſcholl, wel⸗ cher zur Sicherheit der Domkirche ausgeſtellt war.— Nur der arme Paddy wurde oben auf der Spitze des Berges ergriffen, und bis zum Morgen in das Schilderhaus geſteckt, wo er ſorg⸗ faͤltig vor dem Entrinnen bewahrt wurde.„Weil 187 man mich mit ſolcher Muͤnze fuͤr eine gute Hand⸗ lung bezahlt,“ ſagte er,„ſoll mich der Teufel ho⸗ len, wenn ich mich je wieder auf einer ertappen laſſe!“— — Gluͤcklich die Stadt, welche in ihrer erſten Magiſtratsperſon einen Mann beſitzt, wie es der Buͤrgermeiſter Marſchal war! Mit der genauen Kenntniß ſeines Amtes verband er nicht allein eine gehoͤrige Portion Scharfſicht, um die Wahrheit felbſt unter dem entſtellendſten Gewande zu erſpaͤhen, ſondern auch das angenehme Talent, die Gemuͤther der Aufgebrachten bald zu beſaͤnſti⸗ gen, und ihre aufgeregten Leidenſchaften mit gu⸗ ter Manier ins Komiſche zu drehen, ſo daß es eine allgemeine Sage in Hereford war: Nie⸗ mand verlaſſe des Buͤrgermeiſters Haus ſo ver⸗ drießlich, als er es betreten habe. Kaum hatte Herr Marſchal am heutigen Morgen gefruͤhſtuͤckt, als man ihm ſchon den Kirchenvorſteher Hill anmeldete, der uͤber An⸗ gelegenhei ten von der aͤußerſten Wichtigkeit mit ihm zu ſprechen habe. Der Ehrenmann ward 18² ungeſaͤumt vorgelaſſen, und nahm mit truͤbſeliger Feterlichkeit einen Sitz gegen ihm uͤber ein. „Traurige Dinge tragen ſich in Hereford zu,“ keuchte er endlich heraus,„traurige Dinge, Herr Buͤrgermeiſter!“— „Traurige Dinge!— Mich duͤnkt, es geht gar froͤhlich her; hatten wir nicht vor wenigen Tagen noch einen Ball?“— „Deſto ſchlimmer, deſto ſchlimmer, wie die⸗ jenigen mit Recht behaupten, die ſo tief in das Innre der Karten geblickt haben, als unſer einer.“— „Deſto beſſer, Herr Kirchenvorſteher,“ ant⸗ wortete Marſchal lachend,„fuͤr die, welche nicht weiter ſehen als ich.“— „Aber mein Herr Buͤrgermeiſter,“ ſagte der Kirchenvorſteher noch feierlicher,„es iſt wahrlich keine Zeit zum Lachen, noch, mit ihrer Erlaubniß, eine Sache, um ſie laͤcherlich zu ma⸗ chen. Unſere Domkirche wuͤrde in der naͤmlichen Nacht, in welcher dieſer ſataniſche Ball gegeben wurde, in die Luft geſprengt worden ſein, wenn ich es nicht gehindert haͤtte.“— „Ei, was ſie ſagen, Herr Kirchenvorſteher!— Ich bitte, erklaͤren ſie mir, durch wen dieſe ſchreck⸗ 183 liche That zeſchehen ſollte, und was denn ei igent⸗ lich ſataniſches in dem Balle lag?“— Nun erzaͤhlte der ehrſame Gaͤrber die ganze lange Hiſtorie, fing weislich von ſeiner erſten Abneigung an, die er gleich beim Anblicke O' Neills gefuͤhlt, und von dem Verdacht, mit dem er uͤberall auf ihn geblickt habe; ſetzte dann recht breit auseinander, was der Leſer bereits weiß, und endete mit der Verſicherung, daß er nun, da er ſeiner Sache gewiß ſei, hergekommen waͤre, um eine eidliche Anklage gegen dieſen ver⸗ wuͤnſchten Irlaͤnder abzulegen, dem, wie er hoffe, die Gerechtigkeit wiederfahren wuͤrde, die er verdiene. „Gerechtigkeit ſoll ihm allerdings wiederfah⸗ ren,“ entgegnete Marſchal;„aber ehe ich die Anklage niederſchreibe, und ſie den Eid leiſten laſſe, haben ſie doch die Gefaͤlligkeit mir zu ſa⸗ gen, woher ſie ihrer Sache, wie ſie es nennen, ſo unumſtoͤßlich gewiß ſind?“ „Halten zu Gnaden, Herr Buͤrgermeiſter,“ erwiederte der weiſe Gaͤrbermeiſter,„das iſt ein Geheimniß, welches ich nur ihnen, und zwar ihnen ganz allein, anvertrauen kann.“— Nun ruͤckte er 184 ſeinen Stuhl ganz nahe an Marſchal, und fliſterte ihm den Namen: Pamphilius der Zweite, Kdoͤnig der Zigeuner, leiſe ins Ohr. Unwillkuͤhrlich brach Marſchal in ein lautes Gelaͤchter aus, doch ſuchte er ſich bald zu ſammeln, und ſagte dann:„Lieber Herr, es iſt mir wahrhaftig lieb, daß ſie mir dies Geheimniß allein anvertrauen, und daß außer mir keine Seele in Hereford weiß, wie ſie auf dem Punkt ſtanden, nach dem Zeugniſſe eines Ziegeu⸗ ners, eine eidliche Klage gegen irgend jemand einzuleiten. Lieber Herr, bedenken ſie doch, wie man uͤber ſie gelacht haben wuͤrde!— Ein ehr⸗ barer Mann, und Kirchenvorſteher dazu, an ſo hetwas glauben!— Die Buben haͤtten ja mit Fingern auf ſie gezeigt!“— Marſchal kannte den Charakter des Man⸗ nes, welchen er vor ſich hatte, und wußte, daß er nichts ſo ſehr fuͤrchtete als ausgelacht zu werden. Er wurde uͤber und uͤber roth, ſchob die Peruͤcke zuruͤck, zog ſie verſchiedentlich wieder auf die Stirn, und ſammelte endlich ſo viel Kraft, um zu ſagen: „Nun, mein Herr Buͤrgermeiſter, was das ausgelacht werden anbetrifft, ſo war ich freilich nicht darauf vorbereitet, da es noch andere Maͤn⸗ ner in Herefo rd giebt, denen ich den Um⸗ ſtand mit dem Loche unter der Domkirche mit⸗ theilte, die es wahrlich nicht laͤcherlich fanden, und ganz meiner Meinung uͤber den hoͤchſt be⸗ denklichen Umſtand waren.“— „Aber ſagten ſie dieſen Maͤnnern auch, daß ſie den Zigeuner⸗Koͤnig zu Rathe gezogen hat⸗ ten?“— „Nein, das nun gerade Gben nicht.“— „Dann rathe ich ihnen, ihrer eigenen geſun⸗ den Vernunft zu folgen, ſo wie auch ich es ma⸗ chen werde.“— Herr Hill, deſſen Einbildungskraft noch immer zwiſchen dem Loche unter der Domkirche, dem Lohberge und dem großen Hunde umher⸗ ſchwebte, ſprang bald von dieſem zu jenem uͤber; als er alles erſchoͤpft hatte, was ſich nur moͤgli⸗ cher Weiſe uͤber dieſe Gegenſtaͤnde ſagen ließ, zog der Buͤrgermeiſter ihn ſehr hoͤflich zum Fen⸗ ſter, legte ein Fernrohr in ſeine Hand, bat ihn, einen Blick nach ſeiner Garberei hinuͤber zu wer⸗ fen, und ihm dann zu berichten was er ſaͤhe. 1. 186 Oh Wunder! Meiſter Hill erblickte ſeinen Loh⸗ berg wieder aufgebauet.—„So wahr ich lebe,“ rief er aus, indem er ſich die Augen rieb,„noch geſtern vor Sonnenuntergang ſtand er nicht da;— irgend ein Zauberer muß ihn wieder hingewuͤnſcht haben!“— „Nein,“ erwiederte Marſchal,„kein Zauberer miſchte ſich in dies Spiel; wohl aber war ihr Freund, Pamphilius der Zweite, Koͤ⸗ nig der Zigeuner, Urſache, daß er wieder erbauet wurde, und hier iſt der Mann, der ihn unmittel⸗ bar abtrug, und unmittelbar wieder aufbauete.“ Bei dieſen Worten oͤffnete der Buͤrgermeiſter eine Thuͤr, welche in ein anſtoßendes Zimmer fuͤhrte, und winkte dem irlaͤndiſchen Heumacher, der ſerr einer Stunde hier in Verwahrſam gehal⸗ ten wurde, herein zu kommen. Der Vaͤchter, welcher den armen Paddy gefangen nahm, hat⸗ te zwar dem Herrn Kirchenvorſteher ſogleich Bericht vom Vorgefallenen abſtatten wollen, fand ihn aber nicht zu Hauſe. Mit nicht geringem Erſtaunen hörte Meiſter Hill die einſache Ausſage aus dem Munde des armen Mannes; nicht ſobald aber ſahe er ſich 182 uͤberzeugt, daß O'Neill in dieſer Sache voͤllig unſchuldig ſei, als. er wieder ſeine Zuflucht zu der andern Urſache ſeines Verdachtes nahm, naͤmlich zu dem verlornen Hunde.— Mit ſonderbarem Achſelzucken trat der Ir⸗ laͤnder bei dieſer Aeußerung einige Schritte vor⸗ waͤrts, zog den Mund etwas hoͤhniſch zum Laͤcheln, und ſagte in ſeinem breiten Dialect:„Erlobens Eur Gnaden, ſo koͤnnt' ich wohl auch ein Woͤrt⸗ chen wegen des Hundes berichten.“— „Sprich!“— erwiederte Marſchal. „Na, mit Euer Gnaden Vergunſt, wenn ich hoffen darf wieder auf freien Fuß zu kommen wegen des kleinen Schabernacks, den ich dem Herrn da geſpielt habe, ſo will ich ihm ſagen, was ich von ſeinem Hunde weiß.“— „Wenn ihr mir einige Nachweiſung uͤber meinen Hund zu geben im Stande ſeid,“ ſagte der Gaͤrber,„ſo will ich euch das Niederreißen meines Lohberges verzeihen, vorzuͤglich da ihr ihn wieder aufgebauet habt. Sprecht alſo die Wahr⸗ heit; brachte O'Neill den Hund nicht auf die Seite?“— „Halten zu Gnaden,“ fiel der Irländer 188 ſchnell ein,„das iſt weit vorbeigeſchoſſen. Die Wahrheit nun von der ganzen Sache iſt, daß ich von dem Hunde, das heißt von der Beſtie ſelbſt, nichts zu erzaͤhlen weiß, weder ſchwarz noch weiß; aber ich weiß etwas von ſeinem Hals⸗ bande, wenn Euer Gnaden Name, mit Reſpeet zu melden, Hill iſt, wie ich mir faſt einbilde.“ „Allerdings iſt mein Name Hill,“ ant⸗ wortete der Gaͤrber eifrig;„und was wißt ihr aͤber das Halsband meines Hundes Packan zu melden?“— 1 „Gewiß Euer Gnaden, ich weiß, daß es ſich bei dem Pfandjuden, dort unten in der Stadt befand, oder doch wenigſtens vor einigen Aben⸗ den da war. Denn ſchauen's, als Herr O'Neill, dem Gott der Allmaͤchtige ein langes Leben ver⸗ leihen moͤge, in der Nacht gearrettiret, und ich von ſeiner Mutter, die in gewaltiger Truͤbſelig⸗ keit war, zum Pfandjuden geſchickt wurde;— ach die arme Perſon weinte und lamentirte gar erbaͤrmlich!“— „Das glaube ich,“ ſagte Hill;„doch nur weiter wegen des Halsbandes!— Wie verhaͤle es ſich damit?“— 189 „Ja, ja, wie ich ſage; aber ich muß euch die Geſchichte doch ordentlich vom Maule weg er⸗ zaͤhlen. Sie ſandte mich alſo zum Pfandjuden; da es aber ſo ſpaͤt in der Nacht war, daß faſt ſchon alle Menſchen ſchliefen, außer die auf dem Balle geweſen waren, und ich, und noch einige Kameraden, ſo war der Laden ſchon verſchloſſen, und im ganzen Leben hat der arme Paddy noch nicht ſo viele Noth gehabt in ein Haus zu kom⸗ men. Nun, ich fand doch Mittel und Wege. Als ich aber endlich drinnen war, traf ich Niemanden, als einen kleinen Knirps von einem Jungen, der ſetzte das Licht nieder, was er in ſeiner Hand hielt, und lief die Treppen hinan, um ſeinen Herrn zu wecken. Wie er nun fort war, und ich mich allein befand, dachte ich, ſchau dich nun auch ein wenig um, damit du ſiehſt, wo du eigent⸗ lich biſt, und nun fielen meine Augen auf aller⸗ lei alte Kleidungsſtuͤcke und andern Kram, der um mich herum lag.— Da erblickte ich unter an⸗ dern anch eine Fries⸗Jope.“—— „Jope—— Was will das ſagen?“— frag⸗ te Herr Hill. 4 „Mit Euer Gnaden Wohlnehmen, eine wei⸗ 190 te, dicke Jacke; ja, die lag in einer Ecke, und mir waͤſſerte der Mund darnach, da ſie recht auf meinen Zuſtand paßte, und ich, meiner Meinung nach, Geld genug in meinem ledernen Beutel hatte, um ſie mir zu kaufen. Ich fuͤrchte Euer Gnaden zu langweilen, wenn ich weitlaͤuftig er⸗ zaͤhle, wie ich jenen da im Felde verlor. Nun wieder auf die Friesjacke zu kommen— ich hob ſie von der Erde auf, um zu ſehen, ob ſie mir wohl paſſen wuͤrde, und als ich ſie nun ſo um mich herum werfen wollte, ſchlug mich etwas Schweres an die Ohren, das in der Taſche ſte⸗ cken mußte. Ich unterſuchte was es ſein koͤnne, und zog einen Hammer und ein Hundehalsband heraus; es war wahrhaftig noch ein Wunder, daß beides mir nicht das Gehirn eingeſchlagen hatte; indeß an Paddy's Gehien iſt wenig ge⸗ legen. Ehe nun alſo der Junge wieder zuruͤck kam, ſtand ich ſo und buchſtabierte, um mir die Zeit zu verkuͤrzen, den Namen, der ſich auf dem Halsbande befund. Mit Euer Gnaden Vergunſt, waren aber eigentlich zwei Namen darauf; aber im erſten waren ſo viele Buchſtaben durch das Hammern ausgelbſcht, daß ich ihn nicht mehr 191 zuſammenkriegen konnte. Der zweite ſtand indeß ganz leſerlich da, und gewiß und wahrhaftig, es befanden ſich deutlich die Buchſtaben H⸗ioll darauf. Dieſe ganze Erzaͤhlung wurde in einem ſd fremden Dialekt, mit ſo lebhaften, poſſierlichen Geſticulationen vorgebracht, daß ſelbſt der ehrſame Gaͤrbermeiſter ſich des Lachens nicht enthalten konnte. Herr Marſchal ſandte indeß ſogleich zum Pfandjuden, um von ihm zu erfahren, wie er zu dem Halsbande gekommen ſei. Sobald die⸗ ſer ſah, daß er ſich nur durch ein offnes Geſtaͤnd⸗ niß vom Gefaͤngniſſe befreien koͤnne, weil er ge⸗ ſtohlnes Gut bei ſich aufgenommen habe, geſtand er, daß das Halsband an ihn durch Pamphi⸗ lius den Zweiten, Koͤnig der Zigeuner, ver⸗ kauft worden ſei.— Alſobald wurde eine Vollmacht ausgefertigt, um ſich der Zigeunermajeſtaͤt zu bemaͤchtigen, und Herr Hill befand ſich in nicht geringer Angſt, es moͤge in H ereford bekannt werden, wie er ſich im Begriff befunden habe, auf das Zeugniß eines Hundeſtehlers und Zigeuners hin, 192 eine gerichtliche Anklage gegen einen unſchuldigen Mann einzuleiten. Pamphilius gab eben keine ſehr glaͤnzen⸗ de Erſcheinung ab, als er vor den Buͤrgermeiſter gebracht wurde, noch konnte ſeine tiefe Wiſſen⸗ ſchaft ihn bei dieſer Gelegenheit aus der Klem⸗ me retten. Das Zeugniß des Pfandjuden, er habe ihm das Halsband verkauft, war zu be⸗ ſtimmt, um irgend einen andern Ausweg als im Bitten zu finden. Er warf ſich vor dem Gaͤrber auf die Knie, flehte ſein Mitleiden an, und geſtand, daß er den Hund geſtohlen habe, weil er ihn waͤhrend ſeiner naͤchtlichen Streifereien oft ſo fuͤrchterlich angebellt, und ihn ſo um ſeinen Erwerb, der eben ſowohl in kleinen Diebereien, als im Wahrſagen beſtand, gebracht habe. A „Und alſo,“ ſagte der Buͤrgermeiſter, in einem ſo ſtrengen Ton, wie man nur ſelten an ihm bemerkte,„habt ihr, um euch ſelbſt weiß zu brennen, es nicht geſcheut, einen unſchuldigen Mann anzuklagen, den ihr durch eure niedern Kuͤnſte leicht haͤttet aus Hereford treiben, und zwei Familien auf ewig entzweien können!“— 193 Der Zigeunerkoͤnig wurde ohne alle weiteren Ceremonien ins Zuchthaus gefuͤhrt; als man darauf ſeinen Palaſt durchſuchte, fand man unter andern Dingen, auch Paddy's leeren leder⸗ nen Beutel darin. Die uͤbrige Zigeuner⸗Geſell⸗ ſchaft hatte ſich auf die Nachricht von der Ge⸗ fangennehmung ihres Anfuͤhrers ſchnell aus dem Staube gemacht. Sprachlos ſtand Meiſter Hill noch immer auf ſein dickes Bambusrohr gelehnt da. Die Furcht, in den Augen des Publikums laͤcherlich zu werden, kaͤmpfte im Innern mit dem Gedan⸗ ken, unmoͤglich das einmal gefaßte Vorurtheil gegen den Irlaͤnder aufgeben zu koͤnnen. „Herr Buͤrgermeiſter,“ rief er nach einem langen Stillſchweigen,„das Loch unter dem Fundamente unſerer Domkirche iſt weiter noch gar nicht in Erwaͤgung gezogen. Das war, iſt und wird mir immer ein unerklaͤrliches Geheim⸗ niß bleiben, und ich geſtehe, daß ich nie eine guͤn⸗ ſtige Meinung uͤber dieſen Irlaͤnder faſſen, noch unſern Dom ſicher glauben kann, bis ſi dieſes nicht voͤllig aufgeklaͤrt hat.“ „Ei ſeht doch,“ entgegnete Marſchal mit E. J. 4 13 3 194 einem ſchlauen Laͤcheln,„iſt es nicht, als wenn der gereimte Orakelſpruch noch immer feſt in eu⸗ rem Haupte ſteckte?— In der That, ein vor⸗ trefflicher Reim!— Ich muß ſehen, ob ich ihn nicht noch auswendig weiß, damit wenn die Leu⸗ te mich fragen, warum denn Herr Hill eine ſolche Abneigung gegen den Handſchuhmacher ge⸗ faßt hat, ich ihnen mit jenen prophetiſchen Wor⸗ ten antworten kann: „So hört denn nun mein letztes Wort „Wohlweiſer Mann aus Hereford: „Nur Entfernung eines Böſen „Kann vom Uedel euch ertöſen⸗ „Sie erzeigen mir einen wahren Gefallen, werther Herr Buͤrgermeiſter,“ ſagte Meiſter Hill ganz aͤngſtlich,„wenn ſie die ungluͤcklichen Rei⸗ me nie wiederholen, noch weniger in irgend Je⸗ mands Beiſein der Geſchichte mit dem Zigeuner⸗ koͤnige erwaͤhnen.“ „Ich will ihnen den Gefallen thun,“ er⸗ wiederte Marſchal,„wenn ſie mir ihrerſeits wieder einen dafuͤr erzeigen wollen. Sagen ſie mir aufrichtig, wuͤrden ſie es dem O' Neill ver⸗ geben, daß er ein Irlaͤnder iſt, jetzt da ſie ſehen, K 195 daß er weder Lohberge abtraͤgt, noch Hunde an die Seite ſchafft, wenn das leßte Geheimniß we⸗ gen des Loches unter der Donkirche aufgeklaͤrt 1 waͤre?“ „Das aber iſt noch keineswegs aufgeklaͤrt, Herr,“ rief der Gaͤrber, indem er ſein Bam⸗ busrohr mehrere Male heftig gegen die Erde ſtieß.„Was uͤbrigens ſeine irlaͤndiſche Herkunft anbetrifft, ſo mag ich kein Wort weiter daruͤber verlieren.— Weiß ich doch, daß wir alle da gebohren werden muͤſſen, wo es Gott gefaͤllt uns das Licht der Welt erblicken zu laſſen, und ein Irlaͤnder kann eben ſo gut ſein, als ein an⸗ derer Chriſtenmenſch. Davon bin ich uͤberzeugt, Herr Buͤrgermeiſter, und gehoͤre uͤberhaupt nicht zu jener illiberalen, gemeindenkenden Volksclaſſe, die nichts anders leiden kann, als was in Eng⸗ land gebohren iſt. Ich weiß recht gut, daß Ir⸗ land jetzt zu den Reichen Sr. Majeſtaͤt, unſeres Koͤnigs, gehoͤrt, und zweifle alſo keineswegs, daß ein Irlaͤnder faſt eben ſo gut als ein Engländer ſein kann.“—. „Es freut mich,“ erwiederte Mar ſchal, „ſie faſt eben ſo vernuͤnftig reden zu hoͤren, als . 13* 195 1 Menſch reden ſollte, und ich bin uͤberzeugt, daß ſie zuviel wahrhaft aͤchte, engliſche Gaſtigkeit be⸗ ſitzen, um einen argloſen Fremden, der ſich im Vertrauen auf unſere Gerechtigkeit und Gutmuͤ⸗ thigkeit bei uns anſiedelt, zu verfolgen.“ „Gott bewahre mich, irgend einen Fremden zu verfolgen,“ rief Meiſter Hill,„ſobald er, wie ſie ſagen, arglos iſt.“— „ Und wenn er nun nicht blos arglos, ſore dern ſogar bereitwillig iſt, jedem zu dienen, der ſeiner Huͤlfe bedarf, wo es nur in ſeinom Ver⸗ moͤgen ſteht, ſollen wir da Gutes mit Boͤſem vergelten?“— „Das wuͤrde ja ſogar unchriſtlich, und al⸗ ſo eine Schande ſein,“ ſagte der Kirchenvorſte⸗ her. „So erzeigen ſie mir denn die Gefaͤlligkeit, mich zu der Wittwe Schmid zu begleiten, die ſo ungluͤcklich war ihre Huͤtte vor einiger Zeit abbrennen zu ſehen. Dieſer Heumacher, der ihr Nachbar war, kann uns den Weg zu ihrer jetzi⸗ gen Wohnung zeigen.“— Waͤhrend der Unterſuchung, welche der Buͤr⸗ jeder Englaͤnder, und uͤberhaupt jeder ordentliche 197 germeiſter mit Paddy gehabt, hatte dieſer ſei⸗ nen Landsmann bei jeder Gelegenheit in dem vor⸗ theilhaſteſten Lichte angefuͤhrt, und unter andern auch ſeiner Großmuth gegen die Wittwe erwaͤhnt. Marſchal war alſo entſchloſſen ſich naͤher zu uͤberzeugen, ob er die Wahrheit geredet haͤtte, und nahm den Gaͤrber mit ſich, um ihm den Irlaͤn⸗ der von der beſſeren Seite zu zeigen. Der Erfolg war guͤnſtig. Die arme Witt⸗ we und ihre Familie beſchrieben in den einfachſten und ruͤhrendſten Ausdruͤcken das Elend, aus wel⸗ chem ſie durch den guten Herrn und die gute Da⸗ me geriſſen worden waͤren. Letztere war niemand anders als Phoͤbe, und das der Tochter ertheil⸗ te Lob tonte ſo wunderlieblich in den Ohren des Vaters, daß alle feindlichen Leidenſchaften dadurch beſiegt wurden. Der biedere Marſchal nahm den guͤnſti⸗ gen Augenblick wahr, und rief, indem er den alten Papa Hill ſo recht geruͤhrt ſah:„Wahr⸗ haftig, ich muß den O' Neill naͤher kennen! Wir Leute in Hereford muͤſſen billiger Weiſe ei⸗ nem ſo wohlwollend geſinnten Fremden eine hoͤf⸗ 198 liche Aufnahme erzeigen. Lieber Hill, wollen ſie nicht morgen Mittags mit ihm bei mir eſſen?— Schon wollte der erweichte Gaͤrber die Ein⸗ ladung annehmen, als ihm auf einmal alles was er im Clubb uͤber das Loch unter der Domkirche geaͤußert hatte, wieder in den Sinn kam.— Bedaͤchtlich zog er alſo den Buͤrgermeiſter an die Seite, und fliſterte ihm ins Ohr: „Bedenken ſie, werther Herr, daß die Ge⸗ ſchichte mit dem bewußten Loche noch keineswegs im Reinen iſt!“— In dieſem Augenblicke rief die Wittwe:„Ach, hier kommt mein kleines Mariechen zu Haufe!— Das, mein Herr, iſt das Maͤdchen, gegen wel⸗ ches die Dame ſich ſo wohlwollend bezeigt hat. Komm, Kind, mach deinen Knix; wo biſt du denn ſo lange geweſen?— „Muͤtterchen, ich habe der guten Dame mei⸗ ne Ratte gezeigt.“— „Ach, du lieber Himmel, das Naͤrrchen!— Denken ſie ſich nur, meine Herrn, ſchon ſeit meh⸗ reren Tagen plagt ſie mich, ihre zahme Ratte zu ſehen; ich hatte aber nie Zeit, und wunderte mich uͤberhaupt, wie das Kind ſolche Vorliebe fuͤr ein ſo 199 garſtiges Thier gefaßt haben koͤnne. Nun, Ma⸗ rie, erzaͤhle den Herren von deiner Ratte! Alle Morgen ſehe ich, daß ſie ſich von ihrem ſpaͤrlichen Fruͤhſtuͤcke etwas abdarbt, un, es ihrer Ratte hinzutragen. Ich weiß weiter nichts von dieſem Thier, als daß ſie und ihre Bruͤder es irgend⸗ wo bei der Domkirche gefunden haben.“ „Ja,“ fiel einer der aͤlteſten Bruͤder ein, „dort kommt es unter der Mauer heraus; es hat uns Spaß gemacht, dieſe große Ratte zu be⸗ lauern, wir haben ſie gefuͤttert, und nun A ſie ganz zahm geworden.“ Der Buͤrgermeiſter und Gaͤrber ſahen ſich waͤhrend dieſer Rede mehremale an, und den ar⸗ men⸗Hill ergriff wieder die Furcht, vor dem Pablicum laͤcherlich zu erſcheinen, wenn, nach dem großen Laͤrmen, den er verbreitet hatte, der Berg endlich nur eine— Ratte gebaͤhren wuͤrde. Mar⸗ ſchal, merkend was im Gemuͤthe des Gaͤrbers vorging, uͤberhob ihn wenigſtens augenblicklich die⸗ ſer Furcht, indem er ſich bemuͤhete jedes Laͤcheln zuruͤckzuhalten. Er ſagte nur ganz ernſthaft zum Kinde:„Es thut mir wahrlich Leid, liebe Klei⸗ ne, daß wir dir deine Freude zerſtoͤren muͤſſen. 200 Der Herr Kirchenvorſteher hier wird keine Rat⸗ tenloͤcher unter der Domkirche dulden; aber um dir den Verluſt deines Lieblings zu erſetzen, will ich dir einen huͤbſchen kleinen Hund ſchenken.“— Das Kind freuete ſich des Verſprechens, und fuͤhrte beide Maͤnner auf ihr Begehren nach der Kirche, wo ſie in einiger Entfernung von dem omi⸗ noͤſen Loche Platz nahmen. Bald gelang es der .Kleinen, den gefuͤrchteten Feind ans Licht zu locken, worauf Meiſter Hill mit einem gezwungnen Laͤ⸗ cheln bemerkte:„Nun, es iſt mir in der That lieb, daß nichts Schlimmeres unter der Sache verborgen liegt; aber mehrere Mitglieder unſeres Clubbs waren meiner Meinung, und gewiß, wenn ſte O'Neill nicht auch ſo im Verdacht gehabt haͤtten, wuͤrde ich ihnen, lieber Herr Buͤrger⸗ meiſter, nie ſo viel Unruhe verurſacht haben. Aber ich hoffe, da im Clubb nichts von der Ge⸗ ſchichte mit dem Zigeuner⸗Landſtreicher bekannt iſt, werden ſie kein Woͤrtlein uͤber die Prophe⸗ zeiung und alle dieſe Dinge fallen laſſen. Ge⸗ wiß, es thut mir Leid, ihnen ſo viel edle Zeit geraubt zu haben.“— Marſchal verſicherte, ihn gereue die Zeit 201 keineswegs, welche er zur Aufklaͤrung aller dieſer Myſterien und Mißverſtaͤndniſſe verwandt habe, und nun nahm Hill freudig die Einladung auf den folgenden Mittag an. Nicht ſobald aber hatte der Buͤrgermeiſter den einen Theil der ſtreitenden Partheien zur Vernunft gebracht, und in gute Laune verſetzt, als er ſich auch angelegen ſein ließ, den andern zur Ausſoͤhnung vorzubereiten. Sowohl O' Neillals ſeine Mutter waren zwar etwas auffahrender Natur, aber leicht zum Ver⸗ geben geneigt. Die Scene der Verhaftung ſtand noch friſch in ihrem Gedaͤchtniſſe; ſobald Mar⸗ ſchal ihnen indeß die Sache von der rechten Seite vortrug, und des Kirchenvorſtehers Vor⸗ urtheile in einem etwas laͤcherlichen Lichte erſchei⸗ nen ließ, lachten ſie gutmuͤthiger Weiſe mit ihm, und O'Neill erklaͤrte, was ihn betraͤfe, ſei er ſehr bereitwillig, alles zu vergeben und zu ver⸗ geſſen, wenn er nur die Freude haͤtte, Jungfer Phoͤbe in den Limerick⸗Handſchuhen erſchei⸗ nen zu ſehen. Und Phoͤbe erſchien am naͤchſten Tage veim Mahle des Buͤrgermeiſters in den erwuͤnſch⸗ ten Handſchuhen; nie war wohl dem Verliebten 202 ein Wohlgeruch fuͤßer geweſen, als der der Ro⸗ ſenblaͤtter, in welchen ſie aufbewahrt geweſen, und der noch friſch aus ihnen hervorduftete. Der redliche Marſchal hatte die innere Genugthuung, zwei Familien mit einander ver⸗ ſoͤhnt zu haben. Der Gaͤrber und der Handſchuh⸗ macher von Hereford wurden aus den bitter⸗ ſten Feinden die beſten Freunde, welche ſich bei jeder Gelegenheit dienten, und durch Erfahrung uͤber⸗ zeugt waren, daß nichts zu ihrem gegenſeitigen Vortheil mehr frommte, als dieſe freundſchaftliche Verbindung. Die ſchoͤne Phoͤbe erlaubte ihrem Liebhaber bald zu erwarten, daß er ſie zun Traualtar fuͤhren duͤrfe. — 1 Murad der Ungluͤckliche. Gleichwie in fruͤhern Zeiten der Kalif Ha⸗ run Alraſchid oft verkleidet in den Straßen von Bag dad herumzugehen pflegte, ſo ſtreifte auch einſt der Großſultan, allen unerkannt, und nur von ſeinem treuen Vezier begleitet, in einer mondhellen Nacht, durch die Straßen von Con⸗ ſtantinopel. Schon waren ſie durch verſchiedene Haupt⸗ gaſſen gekommen, ohne daß ihnen etwas Be⸗ merkungswerthes aufgeſtoßen waͤre, als ſie end⸗ lich an der Thuͤre eines Seilers voruͤbergingen, und der Sultan ſich der arabiſchen Geſchichte Haſſan's Alhabal, des Seilers, und ſeiner beiden Freunde, Saad und Saadi erinnerte, die ſo verſchiedner Meinung waren uͤber den Ein⸗ 204 fluß, welchen das Geſchick auf die Angelegenheiten des Menſchen habe. „Was iſt deine Meinung uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand?“ fragte der Großſultan den Vezier. „Herrſcher der Glaͤubigen,“ erwiederte die⸗ ſer,„wenn ihr es mir vergoͤnnt frei zu antwor⸗ ten, ſo denke ich, daß der Erfolg unferer Plä⸗ ne hienieden mehr von unſerer eignen Klugheit, als von dem was wir Geſchick oder Gluůck nen⸗ nen, abhaͤngt.“ „Und n verſetzte der Sultan,„bin uͤber⸗ zeugt, daß das Gluück mehr fuͤr den Menſchen — thut, als die Klugheit. Hoͤrſt du nicht alle Ta⸗ ge von Leuten reden, die man gluͤcklich oder un⸗ gluͤcslich nennt? Woher ſollte dieſe allgemein an⸗ genommene Meinung unter den Menſchen obwal⸗ ten, wenn ſie nicht auf Erſaßenng gegruͤndet waͤre?“— „Es ziemt mir nicht mit euch daruͤber zu ſtreiten,“ antwortete der kluge Vezier. 12 „Sprich frei heraus, ich wuͤnſche und befeh⸗ le es.“— „So geſtehe ich dann, daß, meiner Meinung nach, Leute oft jemand gluͤcklich oder ungluͤcklich — 21— 205 preiſen, von dem ſie nichts als die Außenſeite kennen, und folglich voͤllig unbekannt mit den Vorfaͤllen und Umſtaͤnden ſeines Lebens ſind, in denen er ſich klug oder thoͤricht betragen hat.— So hoͤrte ich zum Beiſpiele neulich, daß ſich jetzt in dieſer Stadt zwei Maͤnner befinden, die wegen ihres Gluͤcks und Ungluͤcks hoͤchſt merk⸗ wuͤrdig ſind; den einen nennt man Murad den Ungluͤcklichen, den andern Saladin den Gluͤck⸗ lichen. Nun denke ich, wenn es uns gelaͤnge ihre Geſchichten zu hoͤren, wuͤrden wir erſahren, daß einer ſich klug, der andere thoͤricht betragen habe. „Wo wohnen dieſe Menſchen?“— unter⸗ brach ihn der Sultan raſch;„noch ehe ich ſchla⸗ fen gehe, will ich ihre Geſchichten aus ihrem eige⸗ nen Munde vernehmen.“— „Murad der Ungluͤckliche lebt im naͤchſten Viertel der Stadt.“— Der Sultan verlangte gleich hinzugehen. Kaum waren ſie in der naͤchſten Gaſſe angelangt, als ſie ein lautes Klagegeſchrei vern ahmen. Sie folgten dem Tone, bis ſie an ein Haus kamen, von dem die Thuͤr geoͤffnet war, und in welchem 206 ſie einen Mann erblickten, der ſeinen Turban in Stuͤcke riß, und bitterlich ſchrie und weinte. Als ſie nach der Urſache ſeines Schmerzes fragten, zeigte er auf die Truͤmmer einer Vaſe von chine⸗ ſiſchem Porcellan, welche auf dem Boden lagen. „Dies ſcheint ohne Zweifel ſehr ſchoͤnes Portellan geweſen zu ſein,“ ſagte der Sultan, eine der Scherben in die Hand nehmend; „aber kann der Verluſt eines ſolchen Gefaͤßes Ur⸗ ſache dieſes heſtigen, verzweiſtungevollen Schmer⸗ zes ſein?“— „Ach, meine Herren,“ ſagte der Eigenthuͤ⸗ mer des Gefäßes, indem er ſein Klagegeſchrei fuͤr den Augenblick einſtellte, und die Kleidung der vermeintlichen Kaufleute betrachtete,„ich ſehe daß ihr fremd, und alſo mit der Urfache meines Kummers und meiner Verzweiſlung unbekanut ſeid; ihr wißt nicht, daß ihr mit Mur ad dem Unglücklichen ſprecht! Hoͤrtet ihr alle die Ungluͤcks⸗ fälle, welche mir vom Tage meiner Geburt an bis zur jetzigen Stunde begegneten, ſo wuͤrdet ihr mich wahrſcheinlich bedauern, und eingeſtehen, daß ich Urſache zur Verzweiflung habe.“ Auf die von des Sultans Seite geaußerte 207 Neugierde, verſtand Murad ſich endlich dazu ſeine Geſchichte zu erzaͤhlen, und Ünd ſogar die Fremden ein ihr Nachtlager bei ihm zu nehmen, welches ſie indeß, unter dem Vorwande in ihrem Khan von den Gefaͤhrten erwartet zu werden, abſchlugen, jedoch dringend baten, ihnen die Mit⸗ theilung ſeiner außerordentlichen Abentheuer nicht laͤnger vorzuenthalten, ſondern gleich damit zu beginnen, im Fall es ſeinen Kummer nicht zu ſehr erneuere. Es giebt wenig Menſchen, welche nicht eine Art von Troſt darin ſinden, von ihrem eingebil⸗ deten oder wirklichen Ungluͤcke reden zu koͤnnen; ſo auch Murad, der, ſobald die vermeintlichen Kaufleute nur Platz genommen hatten, ſeine Er⸗ zaͤhlung folgendermaßen begann: „Mein Vater, ein Handelsmann in dieſer Stadt, traͤumte die Nacht, ehe ich geboren wur⸗ de, daß ich mit einem Hundekopfe und Drachen⸗ ſchwanze zur Welt kaͤme, und daß er, um meine Mißgeſtalt zu verbergen, mich in ein Stuͤck Leinewand huͤlle, welches ungluͤcklicher Weiſe zum Turban des Groß⸗Sultans gehoͤren mußte, der, 208 uͤber ſeine Unverſchaͤmtheit aufgebracht, befahl ihm den Kopf abzuhauen. „Obgleich nun mein Vater noch mit ſeinem Kopfe erwachte, war er doch durch dieſen Traum außer aller Faſſung geſetzt. Feſt an Vorbedeutung glaubend, hielt er ſich im Innern uͤberzeugt, ich wuͤrde die Urfache irgend eines großen Ungemachs fuͤr ihn ſein, und faßte daher ſchon vor meiner Geburt eine beſtimmte Abneigung gegen mich. Seinen Traum als eine Warnung von oben be⸗ trachtend, beſchloß er meinen Anblick zu vermei⸗ den, und um nur nicht zu ſehen, ob ich wirklich mit jenen abſcheulichen Zeichen zur Welt kaͤme, reiſte er fruͤh am andern Morgen nach Aleppo. „Faſt ſieben Jahre befand er ſich abweſend, und waͤhrend dieſer Zeit wurde meine Erziehung voͤllig vernachlaͤſſigt. Eines Tages fragte ich die Mutter, warum ich denn Murad der Ungluͤck⸗ liche genannt ſei, und erhielt zur Antwort: dieſer Name waͤre mir in Beziehung auf einen Traum meines Vaters beigelegt worden, doch vielleicht ſei ich durch mein kuͤnftiges Leben noch im Stande, das Andenken daran zu vertilgen. Meine alte Amme, die bei dieſer Rede gegenwaͤr⸗ 209 tig war, ſchuͤttelte ihr Haupt, mit einem Aus⸗ drucke, der mir ewig unvergeßlich bleibt, und ob⸗ gleich ſie glaubte, der Mutter heimlich etwas ins Ohr zu fliſtern, verſtand ich doch deutlich die Worte: Ungluͤcklich war er, iſt er, und wird er bleiben!— Die welche zum Ungluͤck geboren ſind, ſtreben vergebens dagegen an, und niemand als unſer großer Prophet Mahomed kann etwas zu ihrer Erleichterung thun. Es iſt Thor⸗ heit fuͤr einen Uugluͤcklichen, mit ſeinem Schick⸗ ſale kaͤmpfen zu wollen; weit beſſer er ergiebt ſich gleich darein.— „Dieſer Ausſpruch machte, ſo jung ich auch noch war, einen fuͤrchterlichen Eindruck auf mich; jeder Zufall, der mir ſpaͤterhin begegnete, beſtaͤtigte mich in der Amme Weiſſagung. Als ich acht Jahre war, kehrte mein Vater zuruͤck, und im Jahre darauf wurde mein Bruder Saladin geboren, der den Beinamen der Gluͤckliche er⸗ hielt, weil gerade am Tage ſeiner Geburt, ein mit reichen Guͤtern beladenes Schiff meines Va⸗ ters, gluͤcklich in den Hafen einlief. „Ich will euch nicht mit allen kleinen Zu⸗ faͤlligkeiten des Gluͤcks ermuͤden, durch welche E.ä. 14 210 mein Bruder ſchon in ſeiner fruͤheſten Kindheit ausgezeichnet wurde; ſo wie er heranwuchs, war der gluͤckliche Erfolg, der alle ſeine Unternehmun⸗ gen kroͤnte, eben ſo bemerkenswerth, als der Un⸗ ſtern, der mich verfolgte. Von der Zeit an, da das reich beladene Schiff heim kam, lebten wir im Ueberfluß, und die Annehmlichkeiten, welche dieſer ſich immer vermehrende Wohlſtand verbrei⸗ tete, wurden alle auf Rechnung des gluͤcklichen Geſchicks meines Bruders geſchrieben. „Als Saladin ſich in einem Alter von zwanzig Jahren befand, wurde mein Vater ge⸗ faͤhrlich krank, und da er ſein Ende herannahen fuͤhlte, ließ er meinen Bruder vor ſein Bette kommen, und benachrichtigte ihn, daß die Pracht, in welcher wir gelebt, ſein Vermoͤgen erſchoͤpft habe; zugleich fuͤgte er hinzu, daß, um neue Reichthuͤmer zu erwerben, er ſich in ungluͤckliche Speculationen eingelaſſen, und ſeine Angelegenhei⸗ ten ſich in der groͤßten Unordnung befaͤnden. Sei⸗ nen Kindern koͤnne er folglich nichts hinterlaſſen, als zwei große Vaſen von chineſiſchem Porcellan, deren Werth nicht allein in der Schoͤnheit, ſon⸗ dern noch mehr in gewiſſen, darauf mit unbe⸗ 211 kannten Charakteren befindlichen Reimen beſtaͤnde, die dem Beſitzer als Talisman, oder Tauberfpe⸗ mel, dienen koͤnnten. „Beide Vaſen vermachte mein Vater mei⸗ nem Bruder Saladin, erklaͤrend, er duͤrfe nicht wagen mir eine derſelben zu hinterlaſſen, weil ich gewiß ſo ungluͤcklich ſein wuͤrde ſie zu zerbrechen. Nach ſeinem Tode ließ mir mein großmuͤthiger Bruder jedoch die Wohl unter Beiden, und ver⸗ ſuchte mich durch die wiederholte Aeußerung zu erheben, daß er durchaus keinen blinden Glauben in ein vorherbeſtimmtes, guͤnſtiges oder unguͤn⸗ ſtiges Geſchick habe. „Obgleich ich ſeine Guͤte tief erkannte, konnte ich mich dennoch nicht zu ſeiner Meinung beque⸗ men; nichts brachte mich aus meinem Tiefſinne, weil ich es mir in den Kopf geſetzt hatte, es ſei umſonſt gegen mein Geſchick zu kaͤmpfen, Murad der Ungluͤckliche ſei nun einmal beſtimmt ungluͤck⸗ lich zu ſein. Mein Bruder, im Gegentheil, fuͤhlte ſich ſelbſt durch die Armuth, in welcher der Vater uns ließ, nicht gebeugt, ſondern war uͤberzeugt, Mit⸗ tel und Weß⸗ ausfindig zu machen, um ſich wie⸗ 14* 212 der empor zu arbeiten, welches ihm auch bald gelang. er ein Pulver von wunderſchoͤnem Scharlachroth darin; er kam auf den Gedanken eine Farbe dar⸗ aus zu bereiten, machte den Verſuch, und ſah nach weniger Zeit den eintraͤglichſten Erfolg ſeines Unternehmens. „Waͤhrend noch Aufwand in unſerm Hau⸗ ſe getrieben worden, erhielt meine Mutter ihre reichen, prachtvollen Kleidungsſtuͤcke durch einen der Handelsleute, welcher gleichfalls die Liefe⸗ rungen fuͤr's Serail beſorgte. Mein Bruder, der dieſem Manne einmal irgend einen unbedeutenden Dienſt erwieſen hatte, wandte ſich jetzt mit der Bitte an ihn, die neue Scharlachfarbe in die Mode zu bringen. Sie bedurfte kaum dieſer Empfehlung; wer ſie nur ſah, fand ſie ſo ſchoͤn, daß er ſie allen andern Farben vorzog. Bald war Saladins Laden von Kundleuten angefuͤllt, und die freundliche, einnehmende Art, mit welcher er jeden zu bedienen wußte, zog die Kaͤufer eben ſo ſehr zu ihm, als die ſeltne Farbe. Leider aber bemerkte ich nur zu ſehr, daß mein ſinſte⸗ 1 „Als er die Vaſen genauer unterſuchte, fand 213 res Anſehen in eben dem Grade jeden von mir zuruͤckſchreckte, als er ſich von meinem Bruder angezogen fuͤhlte, und dies trug immer mehr bei, mich in der Meinung meines ungluͤcklichen Ge⸗ ſchicks zu beſtaͤtigen. 3 „Zufaͤllig kam einſt eine reiche, von zwei weiblichen Sclavinnen begleitete Dame in den Laden, als der Bruder ausgegangen, und ich allein darin geblieben war. Nachdem ſie ver⸗ ſchiedene Waaren beſehen hatte, fielen ihre Blicke auch auf meine Vaſe, die ſich dort befand. Sie aͤußerte ein ſo entſchiedenes Verlangen ſie zu beſitzen, daß ſie mir jeden Preis bot, wenn ich ſie ihr uͤberlaſſen wolle. Ich aber weigerte mich hartnaͤckig ſie zu veraͤußern, fuͤrchtend ir⸗ gend ein ſchreckliches Verhaͤngniß moͤge mich er⸗ eilen, ſobald ich dieſen Talisman aus meinen Haͤnden ließe. Aufgebracht uͤber meine Weige⸗ rung, wurde die Dame immer dringender; aber weder Bitten noch Verſprechungen vermochten meinen Entſchluß zu aͤndern; endlich verließ ſie im Zorn den Laden..— „Bei meines Bruders Ruͤckkehr erzaͤhlte ich ihm das Vorgefallene, und hoffte ein Lob mei⸗ 214 ner Klugheit von ihm zu erhalten. Im Gegen⸗ theil aber tadelte er mich wegen des aberglaͤubiſchen Werths, den ich auf todte Buchſtaben ſetze, und bemerkte, wie er es fuͤr eine Thorheit halte, in Hoffnung einer zauberiſchen Einwirkung, eine Summe zuruͤckzuweiſen, die mein Gluͤck befoͤrdern koͤnne. Ich konnte aber einmal nicht zu dieſer Ueberzeugung gereichen, noch mich entſchließen dem Rathe meines Brudes zu folgen. Am naͤchſten Tage kam die Dame wieder, und mein Bruder verkaufte ihr ſeine Vaſe fuͤr 10000 Goldſtuͤcke. Dieſes Geld legte er auf die vortheilhafteſte Weiſe durch neue Ankaufe ſuͤr ſeinen Handel an. Ich bereuete, als es zu ſpaͤt war, glaube aber, dies iſt eben ein Theil des Mißgeſchicks, wel⸗ ches auf gewiſſen Leuten ruht, daß ſie ſich nicht zu rechter Zeit entſchließen koͤnnen. Sobald die Gelegenheit. voruͤber war, iſt es mir jederzeit Leid geweſen, nicht gerade das Gegentheil von dem gethan zu haben, was ich gethan hatte. Oft, indem ich noch nachdachte, und nicht mit mir eins werden konnte, wie ich handeln ſollte, war der guͤnſtige Moment voruͤber. Das heißt —. 215 wirklich ungluͤcklich ſein!— Doch zuruͤck zu meiner Geſchichte. „Die Dame, welche meines Bruders Vaſe kaufte, war die Favoritinn des Sultans, und Herrſcherinn des Serails. Ihr Widerwille gegen mich, der ich gewagt hatte ihr etwas abzuſchlagen, war ſo entſchieden, daß ſie meines Bruders Haus nicht eher wieder betreten wollte, bis ich daraus entfernt ſei. Es that ihm Leid ſich von mir zu trennen; aber ich durfte doch nicht an dem Un⸗ tergange eines ſo guten Bruders Schuld ſein. Ohne ihm alſo mein Vorhaben kund zu machen, verließ ich ſeine Wohnung, und war voͤllig unbeſorgt, was weiter aus mir werden wuͤrde. Der Hun⸗ ger noͤthigte mich indeß bald auf meinen Unter⸗ halt bedacht zu ſein; ich ſetzte mich auf den Stein vor der Thuͤr eines Beckers, der Geruch des friſch gebacknen Brodes zog mich hinein, und mit ſchwacher Stimme flehete ich um Erbarmen. „Der Beckermeiſter gab mir ſo viel Brod, als ich nur eſſen konnte, jedoch unter der Be⸗ dingung, daß ich die Kleider mit ihm wechſeln, und die eben gebacknen Broͤdte an ſeiner Stelle zum Verkauf durch die Stadt tragen ſollte; eine Auf⸗ gabe, die mir leicht zu loͤſen ſchien, die mir aber indeß bald theuer zu ſtehen gekommen waͤre. Haͤt⸗ te mein boͤſes Geſchick mich nicht wie gewoͤhnlich im entſcheidenden Augenblicke alles Nachdenkens beraubt, ſo wuͤrde ich vom Anfang an nicht in ſein triegeriſches Anſinnen gewilligt haben, denn ſchon ſeit geraumer Zeit hatte das Volk von Conſtanti⸗ nopel uͤber die zu große Leichtigkeit des Brodts Beſchwerde gefuͤhrt.— Dieſe Art von Unzufrieden⸗ heit iſt ſchon oft der Vorbote eines Aufſtandes geweſen, bei welchem die Beckermeiſter nicht ſelten das Leben einbuͤßen. Dies alles wußte ich recht gut; aber es fiel mir nicht ein, als es Zeit war. „Ich zog alſo ruhig des Beckers Rock an; kaum aber war ich mit meinem Vorrath von Broͤdten bis in die naͤchſte Gaſſe gekommen, als der Poͤbel ſich ſchon ſchaarenweiſe mit Vorwuͤr⸗ fen und Verwuͤnſchungen um mich verſammelte, und mich ſogar bis an das Thor des Palaſtes vom Großſultan begleitete. Der Großvezier, er⸗ ſchreckt uͤber den Auflauf und das Geſchrei, ſandte den Befehl heraus, daß mir der Kopf abgehauen 217 werden ſolle, ein gewoͤhnliches Auskunftsmittel in ſo kritiſchen Faͤllen. „In der hoͤchſten Angſt ſiel ich auf meine Knie, und geſtand, ich ſei nicht der Becker, fuͤr den man mich nehme, kenne ihn weiter gar nicht, und habe nie zuvor die Einwohner von Conſtan⸗ tinopel mit zu leichtem Brodte verſehen; meine einzige Suͤnde ſei, daß mein boͤſes Geſchick mich dahin gebracht habe, die Kleider mit ihm zu ver⸗ tauſchen.— Einige aus dem Haufen ſchrien: ich verdiene meinen Kopf wegen dieſer Dummheit zu verlieren; andere nahmen ſich indeß meiner an, und waͤhrend der von dem Großvezier Abgeſandte ſich bemuͤhte, die am meiſten Laͤrmenden zu be⸗ ſchwichtigen, halfen die Andern mir zu entkom⸗ men. „Nun mußte ich natuͤrlich Conſtantinopel in aller Eile verlaſſen. Einige Meilen von der Stadt begegnete ich einem Haͤuflein Soldaten, ge⸗ ſellte mich zu ihnen, und beſchloß, nachdem ich erfahren hatte, daß ſie ſich mit dem uͤbrigen Theil der Armee nach Aegypten einſchiffen wuͤrden, ſie zu begleiten. Wenn der große Prophet deinen Untergang beſchloſſen hat, dachte ich, iſt es am 218 beſten, du kommſt ſo ſchnell als moͤglich davon. Der Kleinmuth, in welchen ich verfallen war, mach⸗ te mich ſo gleichguͤltig gegen alles, daß ich kaum das Nothwendigſte thun mochte, um mein Leben noch laͤnger zu friſten. Auf unſerer Ueberfahrt nach Aegypten ſaß ich Tagelang auf dem Verdecke, rauchte meine Pfeife, und waͤre ein Sturm ge⸗ kommen, gewiß ich wuͤrde die Pfeife nicht aus dem Munde genommen, noch irgend ein Seil ergriffen haben, um mich vom Untergange zu retten. „Wir landeten indeß gluͤcklich.— Durch einen unbedeutenden Umſtand wurde ich beim Ausſchiffen laͤnger als meine Gefaͤhrten im Schiffe zuruͤckgehalten, und kam folglich erſt ſpaͤt in der Nacht im Lager von El Ariſch an. Es war heller Mondſchein; die Scene zeigte ſich deutlich meinem Blicke. Eine Menge kleiner Gezelte er⸗ hoben ſich auf einer weiten Sandebene, nur wenige Dattelbaͤume ſtanden in einiger Entfernnug umher; die ganze Natur war duͤſter und ſtill, man hoͤrte keinen andern Laut als den von den um die Zelte herum weidenden Kamelen. Keine menſch⸗ liche Seele begegnete mir. 219 „Ich rauchte meine Pfeiſe, und eilte auf ein Feuer zu, welches ich in der Naͤhe der Zelte erblickte. Im Gehen fiel mein Blick auf etwas im Sande Schimmerndes; es war ein Ring. In⸗ dem ich ihn aufnahm, ſteckte ich ihn mit dem Vorſatze an den Finger, ihn am naͤchſten Mor⸗ gen dem Ausrufer zu geben, der ihn wieder an ſeinen rechten Eigenthuͤmer bringen wuͤrde; zum Ungluͤck aber ſteckte ich ihn an meinen klei⸗ nen Finger, fuͤr den er viel zu weit war, und verlor ihn, indem ich ſchneller zum Feuer eilte, um meine erloͤſchende Pfeife wieder anzuzuͤnden. Ich ſtand ſtill, um ihn unter dem, einem Maul⸗ thiere vorgeworfenen Futter, zu ſuchen, und das abſcheuliche Thier gab mir einen ſo derben Schlag an den Kopf, daß ich einen lauten Schrei aus⸗ ſtieß.. „Mein Geſchrei weckte die im Zelte Schla⸗ fenden; wenig erfreut auf dieſe Weiſe aus ihrer Ruhe geſtoͤrt zu werden, hielten ſie es fuͤr aus⸗ gemacht, ich ſei ein Dieb, der den vorgeblich eben gefundenen Ring geſtohlen habe. Man nahm ihn mir mit Gewalt wieder weg, und am naͤchſten Morgen bekam ich die Baſtonade, weil die An⸗ 220 fuͤhrer behaupteten, Streiche wuͤrden mich am be⸗ ſten zum Geſtaͤndniß bringen, wo ich noch einige andere Sachen von Werth verborgen habe, die im Lager vermißt wurden. Das war nun die uͤble Fol⸗ ge, weil ich ſo ſchnell meine Pfeife wieder anzuͤn⸗ den wollte, und den Ring an einen zu kleinen Finger geſteckt hatte. Keinem Menſchen als Mu⸗ rad dem Ungluͤcklichen wuͤrde dies begegnet ſein!— „Nachdem meine Wunden geheilt waren, und ich mich wieder im Stande befand zu gehen, begab ich mich in ein Zelt, welches ſich durch eine rothe Fahne von den uͤbrigen auszeichnete; man hatte mir geſagt, dies waͤren Caffeehaͤuſer. Waͤhrend ich gemaͤchlich meinen Caffee hinunter ſchluͤrfte, hoͤrte ich einen Fremden, der ſich be⸗ klagte, einen Ring von Werth verloren zu haben, den er nicht wieder bekaͤme, ungeachtet er ſeinen Verluſt mehrere Male habe ausrufen laſſen, und dem ehrlichen Finder eine Belohnung von 200 Zechinen verſprochen habe. Vermuthend, dies ſei der bewußte Ring, wandte ich mich an den Frem⸗ den, und erbot mich ihm den anzuzeigen, der ihn mir mit Gewalt genommen habe. Er erhielt ſeinen Ning wieder, und machte mir aus Erkenntlich⸗ 221 keit ein Geſchenk mit den 200 Zechinen, um mich fuͤr die Strafe zu entſchaͤdigen, die ich ungerech⸗ ter Weiſe ſeinethalben hatte leiden muͤſſen. „Ihr bildet euch vielleicht ein, daß dieſe Boͤrſe voll Gold mir Vortheil brachte?— Weit entfernt davon, wurde ſie vielmehr die Urſache neuen Elends fuͤr mich. „In einer Nacht, da ich in dem Wahne ſtand, alle mit mir im naͤmlichen Zelte beſindli⸗ chen Soldaten muͤßten nothwendiger Weiſe ſchla⸗ fen, machte ich mir das Vergnuͤgen meinen Schatz zu zaͤhlen. Am naͤchſten Tage wurde ich durch⸗ meine Cameraden eingeladen Sorbet mit ihnen zu trinken; was ſie darunter gemiſcht haben moch⸗ ten, weiß ich nicht, genug, ich konnte der Muͤ⸗ digkeit, die mir dies Getraͤnk verurſachte, nicht widerſtehen, ſiel in einen feſten Schlaf, und fand mich, als ich erwachte, in einiger Entfernung vom Lager, unter einem Dattelbaume liegend. „Das erſte Ding was mir einfiel, war meine Boͤrſe; ich griff in meinen Guͤrtel, fand zwar den Beutel, aber anſtatt der Zechinen Kieſel⸗ ſteine darin. Der Gedanke, daß ich von den Sol⸗ daten, die Sorbet mit mir getrunken hatten, be⸗ 222 raubt ſei, kam mir ſogleich in den Sinn. Noth⸗ wendig mußte auch einer gewacht haben, als ich meine Schaͤtze zaͤhlte, da ich außerdem mein Geheimniß keinem ſterblichen Weſen vertraut, ſondern mich ihnen immer als ſehr arm darge⸗ ſtellt hatte. „Wergebens flehete ich die Anfuͤhrer des Heeres an, mir mein Eigenthum wieder zu ver⸗ ſchaffen; die Soldaten beharrten auf ihre Unſchuld, ich konnte keinen triftigen Grund gegen ſie anfuͤh⸗ ren, und gewann durch meine Klage nichts als mich laͤcherlich und verhaßt zu machen. Im erſten Ausbruch meiner Verzweiflung nannte ich mich mit dem Namen, den ich bisher ſorgfaͤltig in Aegypten verſchwiegen hatte; ich nannte mich Murad den Ungluͤcklichen.— Name und Geſchich⸗ te wurde im ganzen Lager zum Sprichwort, und man rief mich nun nur auf dieſe Weiſe. Einige jedoch ließen ihren Witz noch anders ſpielen, in⸗ dem ſie mich Murad mit dem Beutel voll Kieſelſteine nannten. „Doch alles was ich bisher gelitten habe, iſt nichts gegen mein kuͤnftiges Ungluͤck. „um dieſe Zeit war es der Gebrauch unter 223 den Soldaten im tuͤrkiſchen Lager, ſich mit Schießen nach einem Ziele zu beluſtigen. Es herrſchte ſo wenig Disciplin unter den Truppen, daß felbſt das ausdruͤckliche Verbot der Anfuh⸗ rer nicht im Stande war, dies gefaͤhrliche Spiel zu hemmen; beſtaͤndige Gewohnheit ſchien die Menſchen voͤllig ſorglos bei der Gefahr zu machen. Ich habe oft Kugeln in Zelte fliegen ſehen, in denen mehrere Leute, ruhig ihre Pfeife ſchmau⸗ chend, ſaßen, waͤhrend die draußen Stehenden aufs Neue nach der rothen Fahne zielten. Dieſe Gleichguͤltigkeit entſtand bei einigen aus einer unuber⸗ windlichen koͤrperlichen Traͤgheit, bei andern aus dem betaͤubten Zuſtande, in welchem ſie ſich durch das immerwaͤhrende Tabaksrauchen und den Ge⸗ nuß des Opiums befanden, in den Meiſten aber lag ſie in dem feſten Glauben an die Praͤdeſtina⸗ tion begruͤndet. Wenn eine Kugel einen ihrer Gefaͤhrten toͤdtete, nahmen ſie kaum die Pfeifen aus dem Munde, und bemerkten nur ganz kalt⸗ blaͤtig:„Unſere Stunde iſt noch nicht gekommen, ſo iſt es der Wille des Propheten.“— „Anfangs erſchien mir dieſe Sicherheit ſon⸗ derbar; bald aber hoͤrte ich auf mich daruͤber zu 224 wundern, und fand mich dadurch nur immer mehr in meiner Lieblingsmeinung beſtaͤrkt, daß einige zum Gluͤck, andere zum Ungluͤck geboren waͤren.— Ich wurde eben ſo ſorglos als meine Gefaͤhrten, und nahm den Grundſatz an:„es liegt nicht in der Macht der menſchlichen Klugheit, den Streich des Schickſals von ſich abzuwenden; vielleicht ſterbe ich morgen, alſo will ich den heu⸗ tigen Tag noch genießen. „So trachtete ich nach nichts mehr, als mir jeden Tag ſo viel Vergnuͤgen als nur im⸗ mer moͤglich war, zu verſchaffen.— Meine Armuth hinderte mich anfangs an Verſchwendung; bald aber fand ich Mittel auszugeben, was mir ei⸗ entlich nicht gehoͤrte. Mehrere Juden, welche ſich im Troß des Gefolges befanden, ſchoſſen, auf den Sieg der Truppen rechnend, Geld zu unge⸗ heuren Zinſen vor. Der Jude, an den ich mich wandte, borgte mir auch, in der Ueberzeugung, falls ich auch nicht mit dem Leben davon kaͤme, ſo wuͤrde mein reicher Bruder meine Schulden bezahlen. Fuͤr dieſes Geld tractirte ich mich nun taͤglich mit Caffee und Opium, welches Lotztere ich mit jedem Tage lieber zu mir nahm, weil ich 225 in der Umnebelung meines Gehirns gaͤnzlich al⸗ les ſchon erlebte, und noch zu erlebende Ungluͤck vergaß. „Als ich eines Tages meine Lebensgeiſter un⸗ gewoͤhnlich dadurch aufgereizt hatte, ſpringend und ſingend, gleich einem Wahnſinnigen, durch's Lager lief, und in einem fort lant ausrief, ich ſei nicht mehr Mnrad der Ungläͤckliche, bemüͤheie ſich ein nuͤchterner Zuſchauer, mich ſanft beim Arme hinwegzuziehen, indem er ſagte:„bemerkt ihr denn nicht die nach dem Ziele ſchießenden Soldaten? Gerade jetzt zielte einer auf enren Turban, und ſeht, ſchon ladet er ſeine Buͤchſe wieder“— Mein Mißgeſchick trug ſelbſt in dieſem Augenblicke, dem einzigen, wo ich ihm je Trotz. zu bieten wagte, den Sieg davon. Ich wand mich von dem Arme los, der mich aus der Ge⸗ fahr ziehen wollte.„Hoͤrt ihr denn nicht,“ rief ich,„daß ich nicht der Eſende bin, ſuͤr den ihr mich haltet; ich bin nicht Murad der dingluͤckli⸗ che!“— Er, der mich nicht fortreißen konnte, eilte ſelbſt ſchnell davon; ich blieb.— Wenige Secunden darauf traf mich eine Kugel, die mich bewußtlos auf die ſandige Ebene niederſtreckte. E. I. 1 15 „Die Kugel wurde durch einen, in ſeiner Kunſt nicht ſehr erfahrnen Arzt aus der Wunde gezogen, welches mir unſaͤgliche Schmerzen ver⸗ urſachte. Gerade hatte die Armee Befehl zum Aufbruch erhalten, alles befand ſich in Verwirrung, und ward mit der groͤßten Eile betrieben.— Haͤtte ich mich ruhig gehalten, vielleicht waͤre es nicht ſo ſchlimm mit mir geworden; aber ſo wie mein uͤbles Geſchick immer wollte, daß ich gerade das that, was ich nicht haͤtte thun ſollen, ſo geſchah es auch diesmal. Gegen meine ſonſtige Gewohn⸗ heit konnte ich nicht im Bette dauren, ſprang wohl hundertmal hinaus vor das Zelt, ſah wie viele andere Zelte noch ſtanden, wie viele ſchon abgebrochen waren, ob ſich die Soldaten ſchon zum Aufbruche ruͤſteten, und erhitzte mich hier⸗ durch auf eine in meinem Zuſtande hoͤchſt ver⸗ derbliche Weiſe. Dem Befehl zum Aufbruch wurde ſehr langſam Gehorſam geleiſtet; meh⸗ rere Stunden vergingen, ehe zum Abmarſch ge⸗ blaſen wurde. Waͤre ich anfangs gleich dem Rathe des Wundarztes gefolgt, vielleicht haͤtte ich mich im Stande befunden, dem Heere lang⸗ ſam zu ſolgen; am Abend aber, als der Arzt 227 mich beſuchte, fand er mich in einem Zuſtande, in dem an kein Fortbringen zu denken war. „Er befahl den Soldaten, welche den Nach⸗ zug decken ſollten, am folgenden Morgen nach mir zu ſehen. Sie wollten mich auf ein Maul⸗ thier feſtbinden, und ungluͤcklicher Weiſe mußte es das naͤmliche ſein, welches mir damals den harten Sreich verſetzt hatte; ich erkannte es deut⸗ lich an ſeinem weißen Streife über dem Ruͤcken. Mit dieſem abſcheulichen Thiere wieder in ſo nahe Gemeinſchaft zu kommen, dazu konnte ich mich auf keine Weiſe entſchließen. Ich beredete die Cameraden endlich, mich eine Strecke Wegs auf einer Art von Saͤnfte zu tragen; bald aber wurden ſie ihrer Buͤrde uͤberdruͤßig, und legten mich unter dem Vorwande, an einer nahen Qxelle Waſſer zu ſchoͤpfen, in den Sand nieder, indem ſie mir befahlen auf ihre Ruͤckkehr zu warten. „Ich wartete und wartete nach den Traͤ⸗ gern und nach dem Waſſer, um meine verdorr⸗ ten Lippen damit zu, letzen; aber das Waſſer alle kam nicht, die Soldaten kehrten nicht zuruͤck. Hier lag ich nun mehrere Stunden, machte keine Bewegung mir ſelbſt zu helfen, feſt uͤberzeugt, 13* 228 meine letzte Stunde ſei gekommen, nach dem Willen des großen Propheten, der mich hier ei⸗ nes meiner wuͤrdigen Todes wolle verſchmachten laſſen. 8 „Meine Ahnung taͤuſchte mich indeß diesmal. Ein kleines Corps engliſcher Soldaten kam dicht an der Stelle vorbei, wo ich lag; man hoͤrte mein Gewinſel, und war menſchlich genug mir bei⸗ zuſtehen. Sie trugen mich mit ſich fort, verban⸗ den meine Wunden, und behandelten mich mit der groͤßten Freundlichkeit. Obgleich es Chriſten waren, mußte ich ſie lieber gewinnen, als alle meine Glaubensgenoſſen, meinen guten Bruder ausgenommen. 3. „Unter ihrer Sorgfalt genaß ich; kaum aber hatte ich meine Kraͤfte wiedererlangt, als neues Mißgeſchick uͤber mich hereinbrach. Das Wetter war ſehr heiß, mein Durſt brennend; ich begab mich mit einigen von ihnen auf den Weg, um einer Quelle nachzuſpuͤren. Die Englaͤnder fingen, nach der Weiſung einiger verſtaͤndigen Maͤnner unter ihnen, auf einer bezeichneten Stelle an zu graben, um Waſſer zu finden; mir aber ſtand dieſe harte Arbeit nicht an, ſondern ich zog * 229 es vor, auf Entdeckungen fortzulaufen, weil ich in einer kleinen Enrfernung Waſſer zu erblicken glaubte. Man warnte mich, dieſem triegeriſchen Scheine nicht zu folgen, ſetzte hinzu, die Entfer⸗ nung ſei bedeutender als ich glaube, und ich koͤnne mich leicht in dieſer Wuͤſte voͤllig verirren. „Ungluͤcklicher Weiſe mußte ich aber wieder auf dieſen wohlgemeinten Rath nicht hoͤren; ich ſolgte der Verblendung, die mir gewiß irgend ein boͤſer Geiſt bereitete. Mehrere Stunden lief. ich, immer hoffend endlich meinen Zweck zu erreichen; aber immer weiter wich das Blendwerk, und end⸗ lich mußte ich einſehen, daß die Englaͤnder Recht gehabt hatten, und daß das was ich fuͤr Waſſer gehalten, nichts als Taͤuſchung ſei. 2 „Aufs Aeußerſte ermuͤdet ſah ich vergebens nach meinen Gefaͤhrten zuruͤck; weder Menſch, noch Thier, noch irgend eine Spur von Vegeta⸗ tion zeigte ſich meinem Blick in der unermeßli⸗ chen Wüſte. Es blieb mir nichts uͤbrig, als, ſo erſchoͤpft ich auch war, meinen in den Sand ge⸗ praͤgten Fußſtapfen wieder ruͤckwaͤrts zu folgen. „Dieſen einzigen Fuͤhrern im voͤllig un⸗ bekannten Lande ſchlich ich langſam und kraftlos 23⁰ nach. Ich fuͤhlte den Abendwind ſich erheben, und unbeſorgt, ob ich dadurch aufgehalten wuͤrde oder nicht, oͤffnete ich freudig mein Gewand, um mich durch ihn abkuͤhlen zu laſſen, und ruhete, nun nach Erquickung lechzend. Wie groß aber war mein Schrecken, als ich ſah, wie dieſer Wind die einzigen Spuren meines Weges kreiſelnd ver⸗ loͤſchte. Jetzt wußte ich nicht, wohin ich meine Schritte richten ſollte; Verzweiflung ergriff mich, ich zerriß meine Kleider, warf meinen Turban vom Haupte, und ſchrie laut; aber weder eine menſchliche Stimme, oder auch nur ein Echo be⸗ antwortete meine Klagen.— Die Stille war fuͤrchterlich! Seit mehreren Stunden gaͤnzlich oh⸗ ne irgend eine Nahrung, fuͤhlte ich mich voͤllig erſchoͤpft; da erinnerte ich mich, etwas Opium in die Falten meines Turbans verborgen zu haben; aber ach!— als ich dieſen wieder von der Erde aufnahm, befand ſich nichts mehr darin.— Verge⸗ bens ſuchte ich es im Sande, wohin ich den Tur⸗ ban geſchleudert hatte. „Ich legte mich nun der Laͤnge lang nieder, meiner Aufloͤfung harrend; was ich von Hunger, Durſt und Hitze litt, vermag ich nicht zu beſchrei⸗ 231 ben. Zuletzt fiel ich in eine Art von Verzuͤckung, waͤhrend welcher taufend Bilder vor mir herum⸗ gaukelten. Wie lange ich in dieſem Zuſtande blieb, kann ich nicht genau bezeichnen; endlich er⸗ wachte ich durch ein lautes Freudengeſchrei, wel⸗ ches eine von Mecca kommende Caravane aus⸗ ſtieß, weil ſie eine ihnen in dieſen Gegenden be⸗ kannte Quelle erreicht hatte. „Die Quelle war nicht hundert Ellen von der Stelle entfernt, wo ich lag; das aber war nun eben mein Unſtern, ſtets die Wirklichkeit zu entbehren, waͤhrend ich Hirngeſpinſten nachlief! So ſchwach und angegriffen ich mich auch fuͤhlte, ſtieß ich doch einen ſo lanten Seehrei aus, wie ich nur hervorbringen konnte, in Erwartung Beiſtand zu erlangen, und verſuchte dem Orte naͤher zu kriechen, woher die Stimmen mir zu kommen ſchienen. Die Caravane ruhete einige Zeit, waͤh⸗ rend die Sclaven Gefaͤße voll Waſſer fuͤllten, und die Kamele traͤnkten. Ich kroch wieder ei⸗ nige Schritte, doch ungeachtet aller meiner An⸗ ſtrengung war ich uͤberzeugt, daß, meinem Unſtern zufolge, es mir nie gelingen wuͤrde, mich vernehmbar zu machen. Ich ſah die Leute ihre Kamele wie⸗ 232 der beſteigen, nahm meinen Turban ab, rollte ihn auseinander, und wehete damit in die Luͤfte. — Mein Zeichen wurde bemerkt, die Caravane naͤherte ſich mir. 1 „Kaum hatte ich ſo viel Kraft ein Wort uͤber die Zunge zu bringen; ein Sclave reich⸗ te mir Waſſer, und erſt als ich getrunken hatte, konnte ich ſagen, wer ich ſei, und wie ich in dieſe Lage gerathen waͤre. „Waͤhrend ich ſprach, richtete einer der Reiſenden die Augen auf den an meinem Guͤrtel haͤngenden Beutel; es war der naͤmliche, welchen der Kauf⸗ mann, dem ich den Ring wieder verſchaffte, mir gegeben hatte, un den ich ſorgfaͤltig aufbewahrte, weil die Anfangsbuchſtaben des Namens meines Wohlthaͤters und ein Spruch aus dem Koran, darein gewirkt waren. Als er mir ihn gab, ſagte er, daß wir uns vielleicht einſt in einem andern Theile der Erde wieder treffen, und er mich dann daran erkennen wuͤrde. Der, welcher ihn nun betrachtete, war ein Bruder dieſes Mannes, und nachdem ich ihm erzaͤhlt hatte, wie ich zu dem Beſitze gelangt ſei, nahm er mich freundlich un⸗ ter ſeinen beſondern Schutz. Er war Handels⸗ 233 mann und wollte mit der Caravane nach Cairo gehen, bot mir an ihn zu begleiten, worein ich mit Freuden willigte, und dafuͤr verſprach, ihm gleich dem treuſten Sclaven zu dienen. So ſetzte ich meinen Weg mit der Caravane weiter fort. „Mein angeblicher Herr begegnete mir mit der groͤßten Guͤte; als er aber die lange Reihe von Ungluͤcksfaͤllen, welche mich betroffen hatten, aus meinem Munde vernahm, forderte er das Verſprechen von mir, nichts ohne ſeinen Rath zu unternehmen.„Weil du ſo ungluͤcklich biſt, Murad,“ ſagte er,„immer das Schlimmſte zu waͤhlen, wenn du fuͤr dich ſelbſt waͤhlſt, iſt es nothwendig, daß du dich gaͤnzlich auf den Rath eines kluͤgeren oder gluͤcklicheren Freundes ver⸗ laͤßt“— 1. „Ich befand mich ſehr wohl in dem Dienſte dieſes Herrn, der ein ſehr ſanfter Mann, und dabei ſo unermeßlich reich war, daß er großmuͤ⸗ thig gegen alle ſeine Umgebungen ſein konnte. Mein Geſchaͤft beſtand darin, beim Auf⸗ und Ab⸗ laden ſeiner Kamele gegenwaͤrtig zu ſein, die Ballen ſeiner Waaren zu zaͤhlen, und Acht zu ha⸗ ben, daß ſie nicht mit den Guͤtern der andern 234 Handelsleute vermengt wurden. Dies alles be⸗ trieb ich ſehr ſorgfaͤltig, bis zu dem Tage, wo wir in Alexandria ankamen. Ungluͤcklicher Weiſe verſaͤumte ich da, ſie zu zahlen, mir feſt einbildend, ſie muͤßten vollzaͤhlig ſein, da ſie es am vorigen Tage geweſen waren. Als wir ſie aber an Bord des Schiffes brachten, mit dem wir nach Cairo ſegeln wolſten, bemerkte ich, daß drei Ballen Baumwolle fehlten. 3 „Ich eilte, meinem Herrn hiervon Nachricht zu geben, der, oögleich uͤber meine Nachlaͤſſigkeit erzuͤrnt, auf mich nicht ſo ſchinaͤhlte, wie ich es wohl verdient haͤtte. Der Ausrufer mußte es augenblicklich in der ganzen Stadt bekannt machen, und dem ehrlichen Wiedererſtatter eine Belohnung verſprechen. Wir erhielten ſie durch einen der Sclaven der mit uns gereiſten Handelsleute zu⸗ ruͤck, allein das Schiff war nun ſchon unter Se⸗ gel; mein Herr und ich waren genoͤthigt, mit den Ballen in einem Boote nachzuſahren, und als wir an Bord genommen wurden, erklaͤrte der Kapitain, ſein Schiff ſei ſchon ſo ſehr beladen, daß er die Ballen nirgend mehr hin zu bringen wiſſe. Nach vielen Schwierigkeiten willigte er +H 8 darein, ſie auf dem Verdecke ſtehen zu laſſen, und ich verſprach, Tag und Nacht Huͤter derſelben zu ſein. „Wir hatten eeine gluͤckliche Reiſe, und er⸗ blickten ſchon die Kuͤſte, welche wir, nach des Kapitains Ausſpruche, ohnfehlbar am naͤchſten Morgen erreichen wuͤrden. Ich blieb auch dieſe letzte Nacht, wie immer, auf dem Verdecke, und erquickte mich durch meine Pfeife; denn ſeit ich im Lager von El Ariſch mir in dieſer Hin⸗ ſicht ſo ſehr nachgegeben hatte, konnte ich ohne Tabak und Opium nicht mehr leben. Vielleicht hatte ich vom Letzteren diesmal etwas zu viel zu mir genommen; gegen Mitternacht aber machte der Schreck mich nuͤchtern. Ich flog von dem Platz, wohin ich mich geſtreckt, in die Hoͤhe; mein Turban brannte, und der Ballen Baum⸗ wolle, an den ich mich gelehnt hatte, ſtand gleich⸗ falls in Flammen. Eiligſt weckte ich ein Paar Natroſen, die gleich mir auf dem Verdecke feſt eingeſchlafen waren; der Schrecken bemaͤchtigte ſich aller, und allgemeine Verwirrung vergroͤßerte die Gefahr. Nur der Kapitain und mein Herr waren die Beſonnenſten und Thaͤtigſten, litten 7/ 236 aber beim Loͤſchen auch am meiſten; mein armer Herr war ganz verſengt.. „Mich wollte man nirgend zulaſſen; der Kapitain befahl, mich ſogleich an den Maſt zu binden, und als die Flamme endlich geloͤſcht war, drangen alle Paſſagiere in ihn, mich dort bis zu unſerer Landung gebunden zu laſſen, damit ich nicht neues Unheil uͤber ſie bringe. Freilich war ich durch mein Ungluͤck an allem Schuld; die Pfai⸗ fe war mir beim Einſchlafen aus dem Munde ge⸗ fallen, und das darin befindliche Feuer hatte den Ballen entzuͤndet. Die Wuth Aller gegen mich ging nun aber auch ſo weit, daß ſie mich gewiß lieber an eine wuͤſte Inſel ausgeſetzt, als mich noch acht Tage laͤnger am Bord behalten haͤtten. Sogar mein ſonſt ſo menſchlicher Gebieter war, wie ich deutlich merkte, innerlich ungeduldig, Mu⸗ rad den Ungluͤcklichen und ſein Mißgeſchick los⸗ zuwerden. ich mich fuͤhlte, als wir die Kuͤſte erreichten, und ich meiner Bande frei wurde. Mein Herr legte eine Boͤrſe mit funfzig Zechinen in meine, Hand und entließ mich mit den Worten: „Ihr koͤnnt euch leicht vorſtellen, wie leicht 237 „Wende dies Geld klug an, Murad, wenn du kannſt, ſo aͤndert ſich vielleicht dein Geſchick.“ — Hierzu hatte ich nun zwar wenig Hoffnung, doch nahm ich mir vor, ſo klug als moͤglich da⸗ mit umzugehen. „Als ich durch die Straßen von Cairo wander⸗ te, und darauf bedacht war, wie ich meine funfzig Zechinen am beſten anwenden ſollte, wurde ich durch Jemand angehalten, der mich bei meinem Namen rief, und ſich wunderte, wie ich ihn nicht mehr er⸗ kenne. Ich ſah ihn einige Augenblicke ſtarr ins Geſicht, und glaubte die Zuͤge des Juden Aaron in ihm wieder zu erblicken, der mir im Lager von El Ariſch ſo anſehnliche Summen vorgeſtreckt hatte. Den Mann mußte nnn abermals mein Unſtern nach Cairo bringen!— Er wollte durch⸗ aus nicht von mir weichen, indem er behauptete, ganz gewiß zu wiſſen, wie ich erſt von den tuͤrkiſchen, dann von den engliſchen Truppen aus⸗ geriſſen ſei, alſo von niemand Sold oder Beute verlangen koͤnne, und wie mein Bruder Sala⸗ din mich ſicher nie wieder anerkennen, noch weni⸗ ger meine Schulden bezahlen wuͤrde. „ Aufgebracht uͤber die Unverſchaͤmtheit des 238 Juden, wurde ich grob, ſagte, daß ich keineswegs ein ſolcher Bettler ſei, wofuͤr er mich zu halten ſchiene, im Gegentheil wohl Mittel beſaͤße, die Lumpenſchuld zu bezahlen, nur hoffe ich, er werde nicht die Unverſchaͤmtheit haben, ſo hohe Zinſen zu verlangen, die kein anderer Menſch als ein Iſraelit im Stande ſei zu fordern. Er verſetzte laͤchelnd: wenn ein Muſelmann Opium lieber habe als Geld, ſei das nicht ſeine Schuld; er habe mein Geluͤſte befriedigt, ſo duͤrfe ich mich nicht beklagen, wenn er nun das naͤmliche von mir begehre. „Ich will euch nicht mit allen den Nedens⸗ arten langweilen, welche zwiſchen dem Juden und⸗ mir gewechſelt wurden; endlich ſchloſſen wir den Vertrag: er ſolle die ganze Schuld bezahlt haben, von der er nichts fallen laſſen wollte; mir aber wolle er dafuͤr eine Kiſte mit Kleidungsſtuͤcken, die er aus der zweiten Hand haͤtte, zu einem ſehr billigen Preife uͤberlaſſen, wobei ich mein Poofitchen ſicher machen koͤnne. Wie er ſagte, hatte er ſie nach Cairo gebracht, um ſie an Selavenhaͤndler zu uͤberlaſſen, die in dieſer Jah⸗ reszeit immer ſehr verlegen waͤren, ihre Sclaven 239 zu bekleiden; doch da er Eile habe, wieder zu ſei⸗ ner Familie nach Conſtantinopel zu kom⸗ men, uͤberlaſſe er den ſichren Vortheil gern den Haͤnden eines Freundes. Ich haͤtte freilich billig ein Mißtrauen in Aarons Freundſchaftsver⸗ ſicherungen ſetzen ſollen; aber er nahm mich mit ſich in den Khan, wo ſeine Guͤter ſtanden, und öffnete die Kiſte. Sie war voll der reichſten, ſchoͤnſten Kleidungsſtuͤcke, die nur wenig getragen ſchienen; ſo mußte ich alſo doch wohl meinen eigenen Augen trauen. Der Kauf wurde geſchloſ⸗ ſen, und der Jude ſandte die Kiſte ſogleich durch Traͤger in meinen Gaſthof. „Am naͤchſten Tage begab ich mich mit mei⸗ ner Kiſte auf den oͤffentlichen Markt. Sobald mein Geſchaͤft bekannt wurde, ſammelte ſich eine Menge Kundleute um mich herum; meine Kiſte ward leer, mein Beutel voll.— Der Vortheil, den ich beim Verkaufe dieſer Kleidungsſtuͤcke hatte, war ſo betraͤchtlich, daß ich mich wahrlich nicht genug wundern konnte, wie Aaron ſich habe entſchließen koͤnnen, ihn ſo leicht aufzugeben. „Zwei Tage nach dem Verkaufe des ganzen Inhalts, kam ein Handelsmann aus Damaskus 240 zu mir, der zwei Anzuͤge erſtanden hatte, und klagte mir mit ſehr niedergeſchlagner Miene, daß beide Selavinnen, welche dieſe Kleidungsſtuͤcke angelegt haͤtten, bedeutend krank geworden waͤren. Ich begriff nicht, wie die Kleider daran Schuld ſein konnten, bald aber, indem ich uͤber den Markt ging, fuhren mich ein Dutzend Kaufleute mit denſelben Klagen an. Sie beſtanden darauf erfahren zu muͤſſen, wie ich zu der Kiſte ge⸗ kommen, und ob ich ſelöſt ſchon einige die⸗ ſer Kleidungsſtuͤcke getragen habe. Erſt heute hatte ich es mir zuerſt vergoͤnnt, ein Paar gelbe Pantoffeln davon anzulegen, den einzigen Schmuck, welchen ich unter allen Koſtbarkeiten fuͤr mich behalten. Ueberzeugt, daß wenigſtens keine boͤſe Abſicht darunter verborgen liege, weil ich ſelbſt etwas davon truͤge, ſchienen die Kaufleute einigermaßen beruhigt; wie groß aber war mein Schrecken und Erſtaunen, als ich am naͤchſten Tage hoͤrte, Peſtbeulen zeigten ſich unter den Armen aller der Sclaven, welche die Kleider getragen hatten. Als wir darauf die Kiſte genauer unterſuchten, fanden wir das Wort Smyrna am Deckel derſelben ſorge 241 faͤltig ausgeloͤſcht, jedoch noch halb leſerlich. Es war bekannt, daß die Peſt vor nicht langer Zeit in Smyrna gewuͤthet hatte, und nach der Ver⸗ muthung der Kaufleute mußten dieſe Kleidungs⸗ ſtuͤcke Kranken gehoͤrt haben, die an dieſer Seu⸗ che geſtorben waren. Nun wurde mir alles klar; deshalb hatte Aaron mir den ganzen Vorrath ſo wohlfeil uͤberlaſſen, weil er es nicht fuͤr gera⸗ then hielt, den groͤßeren Ertrag ſeiner Specula⸗ tion in Cairo abzuwarten. Gewiß, haͤtte ich nur zur rechten Zeit Acht darauf gegeben, ſo wuͤrde mir ein kleiner Umſtand ſchon damals verdaͤchtig erſchienen ſein; denn waͤhrend ich noch im Handel mit ihm begriffen war, ſchluckte er, ehe er die Kiſte oͤffnete, eine Menge Brantewein 8 hinunter, und verſtopfte ſeine Naſenloͤcher mit— in Eſſig getunktem Schwamm, vorgebend, er thaͤ⸗ te dies einzig, um den Geruch des Moſchus nicht einzuathmen, der immer Kraͤmpfe bei ihm errege. „Der Abſcheu, welchen ich bei dem Gedanken empfand, ein ſo fuͤrchterliches Uebel als die Peſt, verbreitet zu haben, und wahrſcheinlich ſelbſt da⸗ von angeſteckt zu ſein, beraubte mich meiner Sin⸗ ne; ein kalter Schweiß verbreitete ſich uͤber mei⸗ e. r.. 16 242 nen ganzen Koͤrper, und ich taumelte bewußtlos auf den Deckel der ungluͤcklichen Kiſte nieder. Man ſagt, die bloße Furcht vor einer Krankheit ſei allein hinlaͤnglich ſie hervorzubringen; wie dem auch ſein moͤge, ich fiel ſchon am Abend in ein hitziges Fieber. Ungluͤcklicher fuͤhlte ich mich noch, als die Beſinnung zuruͤckkehrte, und ich uͤber das Elend nachdenken konnte, welches mein Unſtern hier verbreitet hatte. In dem erſten kla⸗ ren Augenblicke der mir ward, ſah ich um mich herum, und fand mich aus meinem Khan in eine elende Hutte verſetzt. Ein altes Weib, das im entlegenſten Winkel derſelben ihre Pfeiſe rauchte, benachrichtigte mich, daß ich auf Befehl des Ca⸗ di's, dem die Kaufleute ihre Klage vorgetragen hatten, außerhalb der Stadt gebracht ſei. Die Ungluͤcks⸗Kiſte war verbrannt, und das Haus, in welchem ich gewohnt, geſchleift worden.„Wenn ich nicht geweſen waͤre,“ fuhr ſie fort,„wuͤrdet ihr in dieſem Augenblicke euch nicht mehr im Reiche der Lebendigen befinden; aber ich habe unſerm großen Propheten ein Geluͤbde gethan, niemals die Gelegenheit zu verſaͤumen, wo ſich mir eine gute Handlung auszuuͤben darbiethet. 243 Als ich euch daher von aller Welt verlaſſen ſah, nahm ich mich eurer an. Hier iſt auch euer Beutel, den ich aus den Haͤnden des Poͤbels, und was noch mehr ſagen will, aus den Klauen der Gerichtsdiener rettete; ich will euch von je⸗ dem Stuͤck Gelde, das ich herausnahm, genaue Rechnung ablegen.“— „Die gute Alte ſchwatzte noch viel; ich be⸗ fand mich aber in einem ſolchen Zuſtande, daß ich weiter nicht auf die Erzaͤhlung ihrer eigenen Geſchichte merkte, und euch alſo auch nichts da⸗ von mittheilen kann, ſondern nur eilen will, die meinige zu endigen. „Die Hitze der Witterung ſtieg in einem fuͤrch⸗ terlichen Grade, und obgleich die Aerzte behaup⸗ ten, daß dieſe die Krankheit vermehre, zeigte ſich diesmal das Gegentheil. Auch ich genaß, und fand meine Boͤrſe ſehr erleichtert; was noch dar⸗ in vorhanden war, theitte ich redlich mit mei⸗ ner menſchenfreundlichen Waͤrterinn, und ſchickte ſie in die Stadt, um zu ſehen, wie es dort ſtehe. „Sie benachrichtigte mich, die Wuth der Seuche habe nachgelaſſen, doch ſey ſie verſchie⸗ denen Leichenzuͤgen begegnet, und habe gehoͤrt, 16* 244 wie die Kaufleute einſtimmig Murad den Un⸗ gluͤcklichen verwuͤnſchten, der dieſe Plage uͤber Cairo gebracht. Es heißt: ſelbſt Narren werden durch Erfahrung kluͤger! Ich trug Sorge, mein Bett und meine Kleidungsſtuͤcke zu verbrennen, verbarg meinen wahren Namen, der nur Verfol⸗ gung nach ſich ziehen konnte, und ſuchte mir unter einem Haufen anderer Elenden Zutritt in einem Hospital zu verſchaffen, wo ich Quaran⸗ taine hielt, und taͤglich eine gewiſſe Anzah Gebets fuͤr die Kranken ablas. „Als ich es fuͤr unmoͤglich hielt, noch laͤnger Anſteckung verbreiten zu koͤnnen, begab ich mich auf die Reiſe nach Hauſe. Das Verlangen Cairo zu verlaſſen, war groß, und noch ein an⸗ derer Gedanke hatte ſich meines ganzen Weſens bemeiſtert, naͤmlich der, daß alle mein Ungluͤck, ſeit ich von Conſtantinopel entfernt war, aus der Urſache entſtanden ſei, weil ich meinen Talisman in der ſchoͤnen chineſiſchen Vaſe ver⸗ nachlaͤſſigt habe. Dreimal hintereinander traͤum⸗ te ich waͤhrend meiner Krankheit, ein Genius erſchiene mir, und ſage in einem vorwurſsvollen 245 Tone:„Murad, wo haſt du die Vaſe gelaſſen, die ich deiner Sorgfalt anvertraute?“— „Dieſer Traum wirkte maͤchtig auf meine Einbildungskraft; ſobald ich in Conſtantinopel an⸗ kam, welches zu meinem großen Erſtaunen ohne weitere Unfaͤlle geſchah, ſuchte ich ſogleich mei⸗ nen Bruder Saladin auf, um mich nach meiner Vaſe zu erkundigen. Er wohnte nicht mehr in dem Hauſe, in welchem ich ihn verlaſſen hatte, und ich faͤrchtete ſchon er moͤge geſtorben ſein, als ein Thuͤrſteher, der meine Fragen hoͤrte, antwortete:„wer kann in Conſtantinopel le⸗ ben, und mit der Wohnung Saladins des Gluͤcklichen unbekannt ſein!— Kommt, ich will euch dahin fuͤhren.“— „Das Haus, wohin er mich geleitete, ſoh ſo praͤchtig aus, daß ich mich ſcheuete hineinzu⸗ gehen, fuͤrchtend, es moͤge irgend ein Irrthum obwalten; indem ich aber noch anſtand naͤher zu treten, oͤffneten ſich die Thuͤren, und ich hoͤrte Saladins Stimme. Unſere Augen begegneten ſich in demſelben Augenblicke, er ſtuͤrzte in meine Arme, war noch der naͤmliche gute Bru⸗ der, wie immer, und ich freuete mich ſeines 245 gluͤcklichen Fortkommens von ganzem Herzen. „Bruder,“ ſagte ich, ſobald ich Worte ſinden konn⸗ te,„kannſt du noch zweifeln, daß einige Men⸗ ſchen zum Gluͤck, andere zum Ungluͤck geboren werden, uͤber welchen Punkt wir vormals ſo oft ſtritten?“— „Laß uns nicht hier, auf oͤffentlicher Straße, wieder daruͤber ſtreiten,“ ſagte er laͤchelnd,„ſon⸗ dern komm herein, ſtaͤrke und erfriſche dich, wo wir dann die Sache unter uns mit mehr Muße abhandeln wollen.“— „Nein,“ rief ich zuruͤcktretend;„du biſt zu gut, Bruder!— Murad der Ungluͤckliche wird dieſes Haus nicht betreten, aus Furcht Unheil daruͤber zu verbreiten. Ich komme nur nach meiner Vaſe zu fragen.“— „Die befindet ſich in vortrefflichem Zuſtan⸗ de,“ erwiederte er;„komm, und du ſollſt ſie ſe⸗ hen. Ich laſſe dich einmal nicht, du mußt her⸗ ein; denn wie du weißt, wandelt mich keine aber⸗ glaͤubiſche Furcht an. Verzeihe mir den Ausdruck; aber ich haͤnge nun einmal nicht an Ahnungen und Vorbedeutungen.“— „Endlich gab ich ſeinen dringenden Bitten nach, und erſtaunte wahrlich uͤber alles, was ich ſah. Saladin uͤberhob ſich keineswegs in ſeinem Gluͤcke, ſondern ſchien nur darauf bedacht, mich mein erlebtes Mißgeſchick vergeſſen zu machen. Er lieh mir bei der Erzaͤhlung meiner Ungluͤcks⸗ faͤlle ein freundliches Ohr, machte mich ſeiner⸗ ſeits mit den Ereigniſſen ſeines Lebens waͤh⸗ rend unſerer Trennung bekannt, die mir faſt noch wunderbarer ſchienen, als meine rigenen. Sei⸗ ner Meinung nach, war er durch den gewoͤhn⸗ lichen Lauf der Dinge, oder vielmehr die Art und Weiſe, wie er ſie fuͤr ſich benutzt hatte, reich geworden. Ich mochte ſeine Vorurtheile nicht laͤnger beſtreiten, und antwortete nur: „Du, Bruder, mußt deiner Meinung treu bleiben, ich der meinigen; du biſt Saladin der Gluͤckliche, ich Murad der Ungluͤckliche, und dabei wird es bis ans Ende unſerer Tage ein Bewenden haben.“— „Noch war ich nicht vier Tage in ſeinem Hauſe geweſen, als ſich ein Vorfall ereignete, welcher zeigte, wie ſehr ich Recht hatte. Die Favoritinn des Sultans, welche fruͤher ſeine chine⸗ ſiſche Vaſe gekauft hatte, zeichnete ſich noch im⸗ 248 mer, obgleich ihre Reize etwas im Abnehmen waren, durch Macht und Prachtliebe aus. Sie trug meinem Bruder auf, fuͤr ſie in Venedig den koſtbarſten Spiegel kaufen zu laſſen, der nur fuͤr Geld zu haben ſei, welcher denn auch endlich, nach vielem Hin⸗ und Herſchreiben, in ſeinem Hauſe ankam. Er packte ihn aus, und ließ die Dame von ſeiner gluͤcklichen Ankunft benachrichti⸗ gen. Da es ſchon ſpaͤt am Abend war, ſchickte ſie den Befehl zuruͤck: der Spiegel ſolle uͤber Nacht bleiben, wo er waͤre, und erſt morgen ins Serail gebracht werden. Er ſtand in einem Vorzimmer vor der Stube, in welcher ich ſchlief, worin ſich gleichfalls noch mehrere Armleuchter von Kriſtall befanden, die einen noch nicht ganz vollendeten Saal im Hauſe meines Bruders zieren ſollten.— 4 „Saladin, der gerade an dieſem Tage viele Beutel mit Geld in ſeiner Wohnung hatte, und von naͤchtlichen Einbruͤchen und Naͤnbereien in der Nachbarſchaft ſprechen hoͤrte, befahl allen ſei⸗ nen Sclaven, beſonders wachſam zu ſein. So wie ich dies hoͤrte, wollte ich meinerſeits auch nicht ermangeln, den guten Bruder vor jeder 249 Gefahr zu ſchuͤtzen; dem zu Folge legte ich dieſe Nacht meinen Saͤbel vor mein Bette, und ließ die Thuͤr halb offen ſtehen, um auf das gering⸗ ſte Geraͤuſch herbeieilen zu koͤnnen. Um Mitter⸗ nacht hoͤrte ich Laͤrmen im Vorzimmer; ich ſprang aus dem Bette, ergriff meinen Saͤbel, und ſah, indem ich zur Thuͤr hinaus trat, beim Licht der Lampe, welche im Vorzimmer brannte, einen Mann mit gezognem Saͤbel mir gegenuͤber ſtehen. Mit feſtem Schritte eilte ich gerade auf ihn zu, fragend: was er wolle?— Da ich keine Antwort erhielt, aber immer den gezognen Saͤbel gegen mir uͤber erblickte, mit dem man mir zu drohen ſchien, verſetzte ich dem Naͤuber, meiner Meinung nach, einen toͤdlichen Streich. In demſelben Au⸗ genblicke hoͤrte ich ein großes Gekrache, und die Stuͤcke des Spiegels, den ich zertruͤmmert hatte, fielen klirrend um mich herum. Zu gleicher Zeit ſtreifte etwas Schwarzes an meiner Schulter vor⸗ bei, ich verfolgte es, ſtolperte uͤber die Armleuch⸗ ter, und rollte einige Stufen hinunter. „Mein Bruder trat aus ſeiner Stube, um nach der Urſache des Laͤrmens zu fragen. Als er den ſchoͤnen Spiegel zerbrochen, und mich unter 250 den Truͤmmern der kriſtallnen Armleuchter auf der Treppe liegend erblickte, konnte er ſich des Ausrufs nicht enthalten:„Nun, Bruder, du biſt wahrlich Murad der Ungluͤckliche!“— „So wie indeß der erſte Eindruck voruͤber war, fing er uͤber meine Lage zu lachen an. Mit ei⸗ ner Gutmuͤthigkeit, die mich noch tauſendmal trau⸗ riger uͤber das Vorgefallene machte, kam er auf mich zu, und ſagte, indem er mir freundlich die Hand reichte:„ich bin uͤberzeugt, du wollteſt mir keinen Schaden zufuͤgen; aber erzaͤhle mir nur, wie du zu dem Allen gekommen biſt?“— „Waͤhrend Saladin noch ſprach, hoͤrte ich das naͤmliche Geraͤuſch, das mich fruͤher im Vorzim⸗ mer geſchreckt hatte, und erblicke nun in der That nichts weiter als eine ſchwarze Taube, die ſchnell an mir voruͤber flog, ohne das Unheil zu ahnen, welches ſie geſtiftet hatte. Dieſe Taube hatte ich erſt am vorigen Tage ſelbſt ins Haus gebracht, um ſie fuͤr meine kleinen Neffen zu zaͤhmen. Wie wenig dachte ich da, welch Ungluͤck ſie uͤber mich bringen wuͤrde. So ſehr mein Bru—⸗ der ſich auch bemuͤhete ſeine Unruhe zu verbergen, merkte ich doch, daß er den Zorn der Faroritinn 1 251 fuͤrchtete, die ſicher uͤber die Zerſtoͤrung ihres koſtbaren, langerſehnten Spiegels ſehr aufgebracht ſein wuͤrde. Ueberzeugt, daß ich bei laͤngerem Weilen in ſeinem Hauſe Urſache ſeines Unter⸗ gangs ſein wuͤrde, vermochte nichts mich laͤnger darin zu bleiben. Als mein großmuͤthiger Bruder mich voͤllig entſchloſſen ſah, ihn zu verlaſſen, machte er mir den Antrag, die Stelle eines Factors in einem andern Handelshauſe, das er noch in dieſer Stadt eingerichtet hatte, anzunehmen.„Ich bin reich genug,“ fuͤgte er hinzu,„einige kleine Verſehen, die du aus Unkunde des Geſchaͤfts machſt, nicht zu achten, und der Gehuͤlfe, welcher an deiner Seite arbeitet, iſt ein geſchickter Mann, der dir mit Rath und That beiſtehen wird.⸗ „Seine Freundlichkeit ruͤhrte mich bis ins Innerſte der Seele. Er ſandte einen ſeiner Scla⸗ ven mit mir, um mich in das Haus zu fuͤhren, worin ihr mich jetzt ſeht; dieſer Sclave trug mir die Vaſe hierher, worin ich einen Zettel folgendes In⸗ halts fand:„Die Scharlach⸗Farbe, welche in bei⸗ den Vaſen gefunden wurde, war die erſte Urſache des Reichthums, deſſen Saladin ſich jetzt erfreut; 23² er handelt alſo nur gerecht, indem er fein Ver⸗ moͤgen mit dem Bruder Murad theilt.“— „Ich befand mich nun in der moͤglichſt vor⸗ theilhaften Lage, aber mein Gemuͤth war nicht ruhig bei dem Gedanken, daß der zerbrochene Spiegel vielleicht den Untergang meines Bruders herbeifuͤhren könne. Der Zorn der Dame, bei einer andern Gelegenheit, ſtand noch zu lebhaft vor meiner Erinnerung, und wie leicht konnte dieſe neue Taͤuſchung ſie zur Rache gegen den armen Saladin entſlammen. Dieſen Meorgen jedoch ließ mein Bruder mir ſagen, daß, ob⸗ gleich ihr Unwille groß ſei, es doch in meiner Macht ſtehe, allen uͤblen Folgen zuvorzukommen.— „Es ſteht in meiner Macht!“ rief ich aus; „dann bin ich gluͤcklich!— Sage meinem Bruder, es gebe nichts auf der Weit, was ich nicht thun wuͤrde, um ihm meine Dankbarkeit zu beweiſen, und die Folgen meiner Thorheit zu hindern.“— „Der an mich gefandte Selave ſchien noch immer anzuſtehen, die Sache zu nennen, welche man von mir begehrte, weil ſein Herr an mei⸗ ner Einwilligung gezweifelt hatte. Ich befahl ihm, 233 mit der Sprache herauszuruͤcken, und hoͤrte nun: die Favoritinn habe erklaͤrt, nichts auf der Welt kön⸗ ne ſie fuͤr den Verluſt des Spiegels ſchadlos hal⸗ ten, als der Beſitz der aͤhnlichen Vaſe, wie ſie. ſchon eine von Saladin gekauft habe. Wei⸗ gerung war mir unmoͤglich; Dankbarkeit fuͤr das großmuͤthige Betragen meines Bruders unter⸗ druͤckte jeden hartnaͤckigen Eigenſenn in mir.— Ich ließ ihm ſagen, daß ich die Vaſe ſelbſt zu ihm tragen wuͤrde.. „Dieſen Abend nun nahm ich ſie von dem Geſimſe, worauf ſie bisher geſtanden hatte, und wollte ſie, da ſie mit Staub bedeckt war erſt ſaͤuberlich abwaſchen; ungluͤcklicher Weiſe aber goß ich heißes Waſſer hinein, und meine Vaſe ſprang voneinander.— Da liegen nun die Truͤm⸗ mer; ach! alles was mir noch uͤbrig bleibt!— Das Maß meiner Leiden iſt voll.— Koͤnnt ihr euch noch wundern, daß ich mein Mißgeſchick be⸗ klage?— Heiße ich nicht mit Recht Murad der Un⸗ gluͤckliche? Hier enden alle meine Hoffnungen fuͤr dieſe Welt!— Warum bin ich nicht laͤngſt ge⸗ ſtorben!— Warum bin ich jemals geboren!— 254 Nichts was ich im Leben unternahm, iſt mir gegluͤckt. Nurad der Ungluͤckliche heiße ich, und Mißgeſchick hat mich zu ſeinem Sclaven er⸗ kohren!“— 5 Murads Klagen wurden hier durch Sa⸗ ladins Eintritt unterbrochen, welcher, nachdem er in ſeinem Hauſe mehrere Stunden vergebens gewartet hatte, nun ſelbſt herkam, um zu ſehen, ob ſeinem Bruder ein Ungluͤck zugeſtoßen ſei. Er ſchien uͤber den Anblick der beiden vermeint⸗ lichen Kaufleute erſtaunt, konnte ſich gleichfalls nicht einiger Ausrufungen uͤber die zerbrochene Vaſe enthalten; jedoch begann er bald den Mu⸗ rad auf ſeine gewoͤhnliche, gutmuͤthige Weiſe zu troͤſten, las die Scherben ſorgfaͤltig auf, unter⸗ ſuchte ſie genau, fuͤgte ſie an einander, und fand, daß da der Nand durchaus nicht beſchaͤdigt ſei, das Gefaͤß ſich vollkommen gut wieder herſtellen laſſe. Bei dieſer Hoffnung athmete Murad et⸗ was freier;„Bruder,“ rief er endlich,„ich troͤſte mich, den Beinamen des Ungluͤcklichen zu tragen, . 255 da du den des Gluͤcklichen ſo mit vollem Rechte fuͤhrſt.— Seht, meine Herren,“ fuhr er fort, ſich zu den Fremden wendend,„kaum iſt dieſer Gluͤcklichſte der Menſchen fuͤnf Minuten hier ge⸗. weſen, ſo giebt er auch ſchon dem Dinge eine an⸗ dere Wendung!— Seine bloße Gegenwart iſt hinlaͤnglich Freude einzufloͤßen; ſehe ich nicht, wie eure Geſichter, die waͤhrend meiner ungluͤcklichen Geſchichte den Ausdruck der Traurigkeit trugen, ſich ſeit ſeinem Eintritte erheitert haben?— Bru⸗ der, moͤchteſt du doch dieſen Maͤnnern eine Ent⸗ ſchaͤdigung geben fuͤr die Reihe von Mißgeſchick, die ſie von mir haben anhoͤren muͤſſen, indem du ihnen deine Geſchichte erzaͤhlteſt, die ſie viel er⸗ freulicher finden werden!“—„ Saladin willigte unter der Bedingung ein, daß die Fremden ihn nach Hauſe begleiren, und dort ein gaſtiges Mal mit ihm einnehmen wollten. Sie ſchlugen die Einladung erſt unter dem Vorwande aus, in ihrem Gaſthofe erwartet zu werden; endlich aber ſiegte des Sultans Neu⸗ gierde, und er, nebſt dem Vezier und Murad begaben ſich mit Saladin nach Hauſe, welcher 256. nach dem Abendeſſen ſeine Erzaͤhlung folgender⸗ maßen begann. „Saladin der Gluͤckliche genannt zu wer⸗ den, erfuͤllte mich von fruͤh an mit einem gewiſ⸗ ſen Selbſtvertrauen, obgleich ich mich keines be⸗ ſonders gluͤcklichen Umſtandes aus meiner Kind⸗ heit erinnern kann. Freilich wiederholte meine alte Amme mir wohl zehnmal im Tage, daß kein Unternehmen mir fehlſchlagen koͤnne, weil ich ein⸗ mal der Gluͤckliche heiße. Ich wurde verwegen und vorſchnell, und meiner Amme Weiſſagungen moͤchten leicht der Erfuͤllung entgangen ſein, waͤre ich nicht in einem Alter von funfzehn Jahren, waͤhrend einer langen K Krankheit, welche Folge mei⸗ er jugendlichen Unbeſonnenheit war, zum Nach⸗ denken gekommen. „Um dieſe Zeit hielt ſich ein Franzoſe, ein ſehr erfahrner Ingenieur, hier auf, welcher zum großen Erſtaunen mehrerer meiner Landsleute vom Sultan ſehr beguͤnſtigt wurde.— Am Ge⸗ burtstage unſeres Herrſchers hatte er ein außer⸗ ordentliches Feuerwerk veranſtaltet, und ich, nebſt vielen Einwohnern Conſtantinopels, eitte hinzu, um es zu ſehen. Zufaͤllig befand ich mich nahe 25⁷ an dem Platze, wo der Franzoſe ſtand; die Menge draͤngte mich gewaltſam an ihn hinan, er bat drin⸗ gend, uns in groͤßerer Entfernung zu halten, weil wir ſonſt leicht in Gefahr gerathen koͤnnten ver⸗ brannt zu werden. Ich aber, auf mein guͤnſtiges Geſchick trotzend, ſetzte alle Vorſicht aus den Augen, ergriff ſogar eins der zum Losbrennen bereiteten Stuͤcke, es platzte auseinander, ſchlug mich mit Heftigkeit zu Boden, und ich ward uͤber den gan⸗ zen Koͤrper verbrannt. „Dieſen Umſtand betrachte ich als einen der gluͤcklichſſen meines Lebens, denn er heilte mich von der zu großen Sicherheit, die ich in mein guͤnſtiges Geſchick ſetzte. Waͤhrend ich Schmerzen leidend auf meinem Lager lag, beſuchte der Fran⸗ zoſe mich oft; er war ein Mann von Geiſt und Gemuͤth, ſeine Unterhaltung erweiterte meine Kenntniſſe, verbannte manches thoͤrige Vorurtheil aus meinem Gehirn, und vorzuͤglich das ſo lange von mir genaͤhrte, dem blinden Einſluß des Gluͤcks auf das Schickſal eines Menſchen, unbedingt zu trauen.„Obgleich man dich Saladin den Gluͤcklichen genannt hat,“ ſagte er,„ſiehſt du doch jetzt, daß dein Mangel an Klugheit dich E. 1., bald in der Bluͤthe der Jugend hinweggerafft haͤtte; folge meinem Rathe, und traue in Zukunft der Klugheit mehr als dem Gluͤcke. Laß die Menge dich immer den Gluͤcklichen nennen; aber nenne dich ſelbſt lieber den Klugen.“ „Dieſe Worte ließen einen unausloͤſchlichen Eindruck in mir zuruͤck, und gaben meinein gan⸗ zen Weſen eine andere Richtung. Murad hat euch ohne Zweifel geſagt, wie wir ſo oft uͤber die Praͤdeſtination im Streite waren; nie aber konnte einer den andern zu ſeiner Meinung hin⸗ uͤberziehen, und jeder von uns hat waͤhrend ſeines Lebens nach ſeinem beſondern Glauben gehandelt. Auf dieſen Glauben gruͤndet ſich auch wohl mein Gluͤck und ſein Ungluͤck. „Mein erſter Schritt zum Gluͤcke begann, wie ihr wahrſcheinlich von Murad gehoͤrt habt, durch die Bereitung der Scharlachfarbe, die ich mit unglaublichen Schwierigkeiten zu einiger Voll⸗ kommenheit brachte. Das Pulver war freilich wohl in den chineſiſchen Vaſen vorhanden, darin moͤchte es aber vermuthlich noch bis zu dieſem Au⸗ genblicke unbenutzt ſtecken, haͤtte ich nicht Mittel gefunden, es auf eine nuͤtzliche Weiſe anzuwenden. Ich gebe zu, daß wir zum Theil Begebenheiten 239 vorherſehen, und ihre Folgen berechnen koͤnnen; aber von der Anwendung, die wir von unſern Kraͤften machen, haͤngt, meiner Meinung nach, groͤßtentheils unſer Geſchick ab. Doch ihr, meine freundlichen Gaͤſte, wollt wohl lieber euer Ohr meinen Abentheuern, als meinen Betrachtungen leihen, und es thut mir eurentwegen wahrlich Leid, daß ich keine wundervollen Begebenheiten zu er⸗ zaͤhlen habe. Ich habe mich nie in einer Sand⸗ wuͤſte verirrt, bin nie von der Peſt heimgeſucht worden, noch habe ich Schiffbruch gelitten.— Mein ganzes Leben hindurch war ich ein ruhiger Einwohner Conſtantinopels, und meine Zeit floß auf eine ſehr einfache Weiſe dahin. „Das Geld, welches ich von des Sultans Fa⸗ voritin fuͤr meine Vaſe erhielt, ſetzte mich in den Stand, meinen Handel zu erweitern. Ich wid⸗ mete mich mit allem Ernſte meinem Geſchaͤft, und machte es mir zur Pflicht, meine Kundleute auf jede rechtliche Weiſe mit mir zufrieden zu ſtellen. Meine Muͤhe und Anſtrengung wurden uͤber Erwartung belohnt; binnen wenigen Jahren ward ich durch meinen Erwerb ein reicher Mann, will euch abet nicht mit alle den Kleinlichkeiten des 17* 260 Geſchaͤfttreibens ermuden, welche mich dahin fuͤhr⸗ ten, ſondern zu dem Gegenſtande uͤbergehen, der eine bedeutende Aenderung in meinem ganzen Le⸗ ben hervorbrachte. „Ein fuͤrchterliches Feuer brach nahe an den Mauern des Serails aus; Fremdlinge, wie ihr ſeid, habt ihr vielleicht nie von diefem Vorſalle gehoͤrt, obgleich ganz Conſtantinopel dadurch erregt ward. Der praͤchtige Pallaſt des Veziers lag in Aſche; das durch die Flamme geſchmolzene Blei troff von dem Dache unſerer heiligen So⸗ phien⸗Moſchee ſiedend herunter. Die Meinungen uͤber die Urſache der Feuersbrunſt waren verſchie⸗ den; einige ſahen es als eine Strafe des Him⸗ mels an, weil der Sultan es verſaͤumt habe, am Freitage die Moſchee zu beſuchen, andre be⸗ trachteten es als eine Warnung Mahomeds, um die Pforte von der Fortſetzung eines Krieges ab⸗ zuhalten, in welchem wir gerade verwickelt waren; der groͤßte Theil der politiſchen Kannengießer be⸗ gnuͤgte ſich indeß mit der Bemerkung, es ſei nun einmal der Wille des großen Propheten geweſen, daß der Pallaſt habe abbrennen ſollen. Befriedigt durch dieſe Vorausſetzung trafen ſie durchaus keine Vor⸗ kehrungen, um aͤhnlichen Ungluͤcksfaͤllen in ihren 261 eignen Haͤuſern vorzubeugen. Nie waren Feuers⸗ bruͤnſte ſo haͤufig in der Stadt, als in dieſem Zeitraume; faſt keine Nacht verging, daß man nicht durch einen aͤhnlichen Laͤrm erweckt wurde. „Die Noth bei dieſen oͤfteren Feuersbruͤnſten wurde noch durch ſchlechte Menſchen vermehrt, welche ſich in der allgemeinen Verwirrung her⸗ beidraͤngten, um zu rauben; man hatte ſogar die deutlichſten Merkmale, daß das Feuer an verſchie⸗ denen Orten, und gerade da, wo ſich die mei⸗ ſten Guͤter der reichſten Kaufleute befanden, an⸗ gelegt worden ſei, und doch beruhigte man ſich mit dem Ausſpruché: es iſt der Wille des Pro⸗ pheten, und vernachlaͤſſigte alle nothwendige Vor⸗ ſicht. Ich hingegen, der Lehre eingedenk, die mir der wohlwollende Fremde ertheilt hatte, raͤumte ebenſowenig ſolcher aberglaͤnbiſchen Mei⸗ nung Gewalt uͤber mich ein, als ich auf mein blindes Gluͤck trotzte, und wandte daher alle nur moͤgliche Vorſicht an. Von meinem Franzoſen gleichfalls unterrichtet, daß naſſer Kalk das ſi⸗ cherſte Mittel ſei, um den Flammen Einhalt zu thun, hielt ich immer in einem Nebengebaͤude eine Menge Moͤrtel bereit, den ich jeden Augen⸗ blick gebrauchen konnte. In meinem eigenen Hauſe 262 kam auch nie Feuer aus; aber die Haͤuſer meiner naͤchſten Nachbaren ſtanden mehrere Male in Flam⸗ men, litten jedoch durch meine thaͤtige Beihuͤlfe wenig Schaden. Alle meine Nachbarn betrachteten mich nun als ihren Erretter, uͤberhaͤuften mich mit Geſchenken, und boten mir mehr an, als ich annehmen mochte. Alle nannten mich Saladin den Gluͤcklichen, ein Ehrentitel, den ich abzu⸗ lehnen ſuchte, weil ich einen größern Ehrgeiz da⸗ rin ſetzte, mich Saladin den Klugen nennen zu hoͤren. So iſt oft das, was wir Beſcheiden⸗ heit nennen, nur ein verfeinerter Grad des Stol⸗ zes.— Doch zuruͤck zu meiner Erzaͤhlung. „Eines Abends, als ich mich ſpaͤter als ge⸗ woͤhnlich von dem Gaſtmahle eines Freundes nach Hauſe begab, ſchien alles ſchon in tiefem Schlafe, und ſelbſt die Waͤchter, welche beſonders be⸗ auftragt ſind, darauf zu achten, ob irgendwo Feuer ausbreche, ließen ſich mit ihren mit Ei⸗ ſen beſchlagenen Stoͤcken nirgend hoͤren. „Wie ich nun ſo in der tiefen Stille an einer der Roͤhren vorbeiging, durch welche das Waſſer nach der Stadt geleitet wird, hoͤrte ich ein troͤ⸗ pfelndes Geraͤuſch, und fand bei naͤherer Unter⸗ ſuchung, daß der Hahn an der Noͤhre halb um⸗ 263 gedreht war, ſo daß das Waſſer herauslief. Glaubend dieß ſei zufaͤllig geſchehen, drehete ich ihn wieder zu, und ging meiner Wege. Noch aber war ich nicht weit gekommen, als ich bei ei⸗ nem andern Hahne, und noch bei einem daſſelbe fand; es wurde mir deutlich, daß es nicht zufaͤl⸗ lig geſchehen ſein koͤnne, und ich vermuthete, uͤbel⸗ geſinnte Menſchen wollten abſichtlich dieſen Man⸗ gel an Waſſer in der Stadt verurſachen, damit bei einem ausbrechenden Feuer nichts zum Loͤſchen vorraͤthig ſei. „Ich ſtand einige Augenblicke ſtille, um nach⸗ zudenken, wie man ſich am kluͤgſten dabei beneh⸗ men koͤnne. Durch alle Straßen zu rennen, und alle Haͤhne wieder zuzudrehen, war mir unmoͤg⸗ lich; erſt wollte ich die Feuerwache wecken, doch fiel es mir ein, daß auch dieſer vielleicht nicht zu trauen, und ſie mit in der Verſchwoͤrung be⸗ griffen ſein koͤnne, weil ſie ſonſt wahrſcheinlich das Austroͤpfeln des Waſſers ſchon bemerkt und verhindert haben wuͤrde. Ich entſchloß mich alſo endlich, einen reichen Kaufmann, Namens Damat Zade, zu wecken, der dicht neben mir wohnte, und viele Sclaven hatte, die er in die verſchiedenen Gegenden der Stadt umherſchicken 264 konnte, um dem Unweſen zu ſteuren, und die Einwohner von der Gefahr zu benachrichtigen. „Mein Freund, ein redlicher, thaͤtiger Mann, ließ ſich leicht erwecken, und brachte nicht, gleich an⸗ dern Tuͤrken, eine Stunde hin, um die ſchlaftrunk⸗ nen Sinne erſt wieder zu beleben. Er war ſchnell im Entſchluſſe und in der Ausfuͤhrung, und die Sclaven glichen in dieſen Tugenden ihrem Herrn. Ein Bote ward alſobald zum Groß⸗Vezier geſandt, um die Sicherheit des Sultans vor allen Dingen zu bewerkſtelligen; andere begaben ſich zu den Magiſtrats⸗Perſonen jedes Viertels der Stadt. Bald weckte die große Trommel der Janitſcharen die Einwohner aus ihrem Schlummer, und kaum eine halbe Stunde darauf brach das Feuer in den untern Gemaͤchern von Damat Zade's Haus, und noch in verſchiedenen andern Haͤuſern der Stadt aus, wo man deutliche Spuren fand, daß es angelegt ſei. Als die elenden Mordbren⸗ ner nebſt ihren Helfershelfern kamen, ſich des Raubes und der Beute zu freuen, wurden ſie in ſtrengen Verwahrſam genommen, und begriffen nicht, wie ihr ſo fein angelegter Plan entdeckt worden ſei. Das Feuer, ſowohl in meines Freun⸗ des Hauſe, als in den ühr gen Haͤuſern„ wurde 265 bald geloͤſcht, da jetzt Waſſer genug vorraͤthig war, und alle Menſchen ſich wach und thaͤtig be⸗ fanden. Der Schade war alſo im Ganzen geringe. „Sobald ich am nächſten Tage auf dem oͤf⸗ fentlichen Markte erſchien, ſah ich mich von al⸗ len Kaufleuten umringt, die mich ihren Retter und Wohlthaͤter nannten. Damat Zade uͤber⸗ reichte mir einen ſchweren Beutel voll Gold, und ſteckte einen Ring von großem Werth an meinen Finger. Die Andern, welche nicht weniger groß⸗ muͤthig als er erſcheinen wollten, folgten ſeinem Beiſpiele, und uͤberhaͤuften mich mit Geſchenken; auch der Magiſtrat ſandte mir Zeichen ſeiner Zu⸗ friedenheit, und der Großvezier ließ mir einen koͤſtlichen Juweel einhaͤndigen, in deſſem Umſchla⸗ ge von ſeiner eigenen Hand die Worte geſchrie⸗ ben ſtanden:„dem Manne, der Conſtanrino⸗ pel rettete.— Verzeiht, ihr Herren, der Ei⸗ telkeit, welche ich in Anfuͤhrung aller dieſer klei⸗ nen Umſtaͤnde zu zeigen ſcheine; ihr verlangtet meine Geſchichte zu hoͤren, und ich kann alſo die Hauptbegebenheit meines Lebens nicht auslaſ⸗ ſen. Binnen vier und zwanzig Stunden befand ich mich, durch die Dankbarkeit der Einwohner K. J.. 18 266 dieſer Stadt, in einen Zuſtand des Ueberfluſſes verſetzt, den ich nie getraͤumt hatte je im Leben erreichen zu koͤnnen. „Ich bezog nun ein Haus, das meiner jetzigen Lage angemeſſen war, und kaufte einige Sclaven. Als ich dieſe heimfuͤhrte, begegnete mir ein Jude, der mich in ſeiner Sprache anredete:„der Herr hat gekauft Sclaven; ich will ſie kleiden ſpott⸗ wohlfeil.“— Es ſchien mir etwas Hinterliſtiges im Betragen des Juden, mir gefiel ſein Geſicht nicht; doch bedachte ich, daß nicht bloßer Eigen⸗ ſinn mich hier zuruͤckhalten duͤrfe, und wenn ich wirklich durch ihn die noͤthigen Kleidungsſtuͤcke wohlfeiler bekommen koͤnne, mich nicht der Schnitt ſeines Bartes, der Ausdruck ſeiner Augen, oder der Ton ſeiner Stimme von dieſem Vortheile abhalten muͤſſe. Ich gab ihm alſo ein Zeichen mir zu folgen, und verſprach uͤber ſeinen Vor⸗ ſchlag nachzudenken. „So wie wir uns naͤher daruͤber beſprachen, wunderte ich mich, den Mann ſo außerſt billig in ſeinen Forderungen zu finden; nur in einen Punkt ſchien er aͤußerſt ungern eingehen zu wol⸗ len. Ich verlangte nicht allein die mir angebo⸗ 3 thenen Kleidungsſtuͤcke zu ſehen, ſondern wollte 267 auch wiſſen, wie er zu dem Beſitz derſelben ge⸗ kommen ſei. Hier wich er mir aus, und ich ahnete daher, daß etwas Verdaͤchtiges darunter verborgen liegen muͤſſe; ich dachte nach, was es ſein koͤnne, und vermuthete, daß er ſie entweder geſtohlen habe, oder daß ſie Leuten gehoͤrt haͤt⸗ ten, die an einer anſteckenden Seuche geſtorben waͤren. Er zeigte mir eine Kiſte, woraus er mich bat zu waͤhlen was mir gefiele; als er ſie aber auſſchloß, bemerkte ich, daß er ſich, unter dem Vorwande keinen Moſchus riechen zu koͤn⸗ nen, die Naſe mit gewuͤrzigen Kraͤutern verſtopſte. Ich gab vor, daß der Geruch mir gleichfalls zu⸗ wider ſei, und bat ihn, mir auch wvon den Kraͤu⸗ tern mitzutheilen; er aber, durch ſein Gewiſſen gewarnt, oder meinen Verdacht ahnend, wurde leichenblaß, verſicherte, den rechten Schluͤſſel nicht bei ſich zu haben, und entfernte ſich ſchnell, mit dem Verſprechen bald wieder zuruͤckzukehren. „Nachdem er fort war, unterſuchte ich eine faſt ausgeloͤſchte Schrift auf dem Deckel der Ki⸗ ſte genau, und brachte das Wort Smyrna heraus; dies war hinlaͤnglich, meinen Verdacht zu beſtaͤtgen. Der Jude kehrte nicht wieder zuruͤck, 18* 268 ſondern ließ die Kiſte aus meinem Hauſe abholen, worauf ich lange Zeit nichts weiter von ihm hoͤr⸗ te. Als ich aber eines Tages bei Damat Za⸗ de war, ſah ich denſelben Inden eilig bei mir auf dem Hofe vorbeilaufen, als wenn er meinen Anblick vermeiden wolle.„Freund,“ ſagte ich zum Nachbar,„zeihet mich nicht der Neugierde, wenn ich euch frage, was ihr mit dieſem Men⸗ ſchen zu thun habt?“—. „Er hat es uͤber ſich genommen, mich mit Kleidungsſtuͤcken fuͤr meine Sclaven zu verſehen,“ erwiederte mein Freund,„und wohlfeiler als ich ſie irgend wo anders bekommen kann. Ich will meine Tochter Fatima an ihrem Geburtstage mit einem Feſte im Garten uͤberraſchen, und alle ihre Sclavinnen ſollen dabei in neuer Tracht er⸗ ſcheinen.“— „Ich unterbrach meinen Freund, und erzaͤhlte ihm alles, was ich von dem Juden und ſeiner Kiſte wußte. Der Kaufmann ſchauderte bei dem Gedanken, eine ſo fuͤrchterliche Seuche uͤber ſich und ſeine Vaterſtadt zu verbreiten, wollte nichts mehr von dem Handel wiſſen, ſondern ſandte ſo⸗ gleich einen genauen Bericht aller Umſtaͤnde zum Cadi, um dort die Sache naͤher unterſuchen zu 269 laſſen. Als man aber den Juden wollte verhaf⸗ ten laſſen, hatte dieſer ſich laͤngſt mit ſeiner Kiſte aus dem Staube gemacht. Wir hoͤrten er ſei nach Egypten geſegelt, und freuten uns wenigſtens ihn aus Conſtantinopel los zu ſein.— „Damat Zade draͤckte mir ſeine waͤrmſte Dankbarkeit aus.„Einſt rettetet ihr mein Ver⸗ moͤgen,“ ſagte er,„jetzt habt ihr nicht allein mein Leben, ſondern noch ein anderes gerettet, welches mir theurer iſt, als mein eigenes, das meiner Tochter Fatima.“—. „Bei dem Klange dieſes Namens ward es mir ſchwer, meine innre Bewegung zu verbergen. Ich hatte fruͤher zufaͤllig dieſe Jungfrau geſehen, und war durch ihre Schoͤnheit und den Liebreiz ihres ganzes Weſens unwiderſtehlich angezogen worden; aber ich glaubte ſie einem andern be⸗ ſtimmt, unterdruͤckte daher meine Gefuͤhle, und beſchloß das Andenken der ſchoͤnen Fatima auf immer aus meinem Gedaͤchtniß zu bannen. In dieſem Augenblicke aber mußte ihr Vater mich in eine Verſuchung ſuͤhren, der ſchwer zu widerſte⸗ hen war.„Saladin,“ fuhr er fort,„es iſt nicht mehr als billig, daß ihr, der ihr der Retter unſeres Lebens ſeid, auch Theil an dem Feſte 270 nehmt. Kommt am Geburtstage meiner Fati⸗ ma zu mir, ich will euch auf einen Balcon fuͤh⸗ ren, wo ihr den Garten und das ganze Schau⸗ ſpiel uͤberſehen koͤnnt. Wir werden ein Tulpen⸗ feſt feiern, wie es in den Gaͤrten des Sultans gebraͤuchlich iſt;*) es wird eurer Aufmerkſamkeit werth ſein, und ihr werdet uͤberdieß noch die Freude haben, meine Fatima einen Augenblick ohne Schleier zu ſehen.“ „Gerade dies,“ unterbrach ich ihn,„muß ich am ſorgfaͤltigſten zu vermeiden ſuchen; ich darf mich nicht einer augenblicklichen Freude uͤberlaſſen, *) Dies Feſt wird von den Türken Turpe ufeſt genannt, weit dabei ganze Beete von Tulpen illuminirt werden„Dieſe Blume,“ ſagt der Baron von Dott in ſeinen Memoiren, niſt die Lieblingsblume der Türken. Die weiten Gärten des Harems dienen zum Schauplatz dieſer nächtlichen Feſte, wo außer den ilkuminirten Beeten ſich noch Vaſen jeder Art, mit natürlichen oder künſtlichen Blumen geſchmückt, aufgeſtellt beſinden, die durch unzählige Lampen erleuchtet, ihren bunt⸗ farbigen Wiederſchein, durch kunſtreich geordnete Spiegel, ma⸗ giſch wiedrr zurückwerfen. Eine Menge Waaren, zierlicher und modiſcher Art, werden in dazu aufgeſchlagenen Buden, von paß⸗ lich gekleideten Frauen des Harems verkauft.— Danz und Muſik verſchönern die Unterhaltung, welche gewöhntich bis ſpät in die Nacht dauert. 271 8— die mir die Ruhe meines Lebens rauben koͤnnte. Euch, der ihr mich mit ſo viel Vertrauen behau⸗ delt, will ich ein Geheimniß nicht laͤnger verber⸗ gen, das ich lange in meiner Bruſt getragen habe. Schon erblickte ich das liebliche Antlitz eu⸗ rer Fatima; aber ich weiß nur zu gut, daß ſie nicht mir, ſondern einem Gluͤcklichern beſtimmt iſt, und ich darf es nicht wiederſehen.“ „5 amat Zade ſchien erfreut uͤber die Of⸗ fenheit, mit welcher ich mich gegen ihn erklaͤrte, wollte indeß den Gedanken nicht aufgeben, daß ich mit ihm ein Zuſchauer des Tulpenfeſtes ſein ſollte, und ich meiner Seits durfte mich einem zweiten Anblick der reizenden Fatima nicht ausſetzen. Er gebrauchte alle Kuͤnſte der Ueber⸗ redung, um mich in meinem Entſchluſſe wankend zu machen, verſuchte dann es von der laͤcherlichen Seite zu nehmen, und als alles fehlſchlug, ſagte er aͤrgerlich:„Geht Saladin, ich bin gewiß, ihr betriegt mich; ihr liebt ein anderes Weib, wollt es vor mir verbergen, und moͤchtet mich gern uͤberreden, eure abſchlaͤgige Antwort ſei Folge eurer ſo oft geruͤhmten Klugheit, da es eigentlich nichts als Gleichguͤltigkeit und Verachtung iſt.— Warum ſagt ihr mir nicht lieber die Wahrheit, 27² mit der Offenheit, die ein Freund dem andern ſchuldig iſt?“— „Erſtaunt über dieſe ganz unerwartete Beſchul⸗ digung und über den Zorn, der aus den Augen des ſonſt ſo milden, gehaltenen Mannes blitzte, lief es heiß uͤber meine Stirn, und auch ich befand mich auf dem Punkte, heftig zu werden, und ihn ſchnell zu verlaſſen. Die Betrachtung aber, ein einmal verlorner Freund ſei nicht ſo leicht wie⸗ der zu gewinnen, machte, daß ich Herr uͤber mei⸗ nen Zorn ward, und gelaſſen antwortete:„Wir wollen morgen weiter daruͤber ſprechen; ihr ſeid jetzt aufgebracht, und alſo nicht im Stande, mir Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen.— Morgen werdet ihr bei kaͤlterm Blute ſein, und euch uͤberzeugen, daß ich euch nicht betrog, und keine anderen Abſichten habe, als ſoviel moͤglich meine Ruhe zu ſichern, indem ich den Anblick der fuͤr mich gefaͤhrlichen Fatima vermeide.— Mein Herz weiß von keiner Liebe zu einem andern Weibe.“ „Wohlan denn,“ ſagte mein Freund, mich umarmend und den barſchen Ton, den er nur zu meiner Pruͤfung angenommen hatte, ablegend, 273 „wohlan denn, Saladin, ſo iſt Fatima die Eure.“ „Ich wagte es kaum, meinen Sinnen zu trauen, ebenſowenig vermochte ich meine Freude auszudruͤcken.„Ja, Freund,“ fuhr der Kauf⸗ mann fort,„ich habe deine Klugheit bis aufs Aeußerſte gepruͤft; ſie hat den Sieg davongetra⸗ gen, und ich gebe dir meine Tochter, in der voͤlligen Ueberzeugung, daß du ſie gluͤcklich machen wirſt. Wohl bot ſich mir eine hoͤhere Verbin⸗ dung fuͤr ſie dar; der Paſcha hat ſie von mir zum Weibe begehrt.— Nach genauerer Nachfra⸗ ge aber erfahre ich, daß er ſich dem unmaͤßigen Gebrauche des Opiums hingiebt, und meine Toch⸗ ter ſoll nie einem Manne angehoͤren, der in der einen Haͤlfte des Tages berauſcht, und in der andern Haͤlfte abgeſpannt an Seel und Leib iſt. Ich brauche des Paſcha's Zorn nicht zu fuͤrchten, weil ich einen maͤchtigen Freund am Groß⸗Ve⸗ zier beſitze, der ihn ſchon noͤthigen wird der Ver⸗ nunft Gehoͤr zu geben, und ſich der abſchlaͤgigen Antwort zu unterwerfen, die er nur zu ſehr ver⸗ dient. Und nun, Saladin, haſt du noch Einwuͤr⸗ fe, beim Tulpenfeſt gegenwaͤrtig zu ſein?“— „Ich konnte nur durch eine herzliche Umar⸗ 274 3 mung antworten. Der naͤmliche Tag, welcher das liebliche Feſt herbeifuͤhrte, vereinte mich mit der reizenden Fatima. Reizend nenne ich ſie noch immer, obgleich ſie nun ſchon mehrere Jahre mein Weib geweſen iſt; ſie iſt der Stolz und die Freude meines Herzens, und unſere gegenſeitige Neigung iſt eine ſo reiche Quelle des Gluͤcks fuͤr mich, daß alles Andere mir nur wie Tand dage⸗ gen erſcheint. Ihr Vater ſchenkte mir das Haus, welches ich gegenwaͤrtig bewohne, und vereinte ſeine Beſitzungen mit den meinigen, ſo daß mir mehr Reichthuͤmer geworden ſind, als ich je ge⸗ wuͤnſcht habe.— Doch gewaͤhren mir dieſe Gluͤcks⸗ guͤter taͤglich die Freude, dem Mangel anderer ab⸗ zuhelfen, und ſchon deshalb erſcheinen ſie mir kei⸗ nesweges veraͤchtlich. Sobald ich nur meinen Bruder Murad beredet habe, ſie mit mir zu theilen, und ſeine Unfaͤlle zu vergeſſen, werde ich mich vollkommen gluͤcklich fuͤhlen. Was nun der Sultaninn Spiegel und deine zerbrochene Vaſe betrifft““ fuhr er fort, indem er ſich zu Mu⸗ ken“——— „Denkt nicht weiter an den Spiegel, noch an die zerbrochene Vaſe,“ rief der Sultan, in⸗ rad wandte,“ ſo muͤſſen wir darauf den⸗ 275 dem er die Kleidung des Kaufmanns abwarf, und ſeinen kaiſerlichen Kaftan zeigte.—„Es fteut mich, Saladin, die Geſchichte eures Le⸗ bens aus eurem eigenen Munde vernommen zu haben.— Und eu ch, Vezier,“ fuhr er fort,„ge⸗ ſtehe ich gerne den Irrthum in Hinſicht mei⸗ ner fruͤheren Meinung ein. Die Erzaͤhlungen Saladins des Gluͤcklichen und Murads des Ungluͤcklichen beweiſen deutlich, daß die Klugheit einen entſchiedenern Einſtuß auf das Leben der Men⸗ ſchen hat, als der blinde Zufall. Saladin hat ſein Fortkommen in der Welt ſeiner Klug⸗ heit zu danken; durch dieſe rettete er Conſtanti⸗ nopel vom Untergange durch Feuer und Seuche. Haͤtte Murad ſich weiſe betragen, ſo wuͤrde er weder auf dem Punkte geſtanden haben, ſeinen Kopf zu verlieren, weil er Brod verkaufte, wel⸗ ches er nicht gebacken hatte, noch wuͤrden ihn alle anderen Ungluͤcksfaͤlle, bis auf den letzten hinaus, getroffen haben.— Ich finde es alſo nicht mehr als billig, daß Murad der Ungluͤckliche in Zu⸗ kunſt den Beinamen: der Thoͤrige fuͤhre, und Saladin wohlverdienter Weiſe der Kluge ge⸗ nannt werde!“— „So ſprach der Sultan, der, was nicht im⸗ 276 mer den Großen der Erde eigen iſt, es ertragen konnte, Unrecht zu haben, und ſich ſogar nicht ſcheuete, ſeinem Vezier Recht zu geben, ohne ihm dafuͤr den Kopf abſchlagen zu laſſen.— Die Ge⸗ ſchichte berichtet uns noch ferner, daß der Sul⸗ tan dem Saladin die Stelle eines Paſcha's, nebſt der Regierung einer Provinz antrug; aber Saladin der Kluge lehnte dieſe Gnade ab, ſagend: er fuͤhle nicht den Ehrgeiz zu herrſchen, und halte es, gluͤcklich wie er ſich fuͤhle, thoͤrig ſeine Lage zu aͤndern, da er beim Wechſel nicht gewinnen, leicht aber verlieren koͤnne. Murads des Thoͤrigen Schickſale ſind fer⸗ ner nicht weitlaͤufig bekannt geworden; nur ſo viel hat man erfahren, daß er ſich taͤglich dem Ge⸗ nuſſe des Opiums mehr hingab, und endlich ſeinen Tod durch dies betaͤubende Getraͤnk fand. *